43 06 706 Leihbiblivthet 6 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ nangenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprehende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſie chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1.— N 50 Pf. 2 W.— Pf. „ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ borene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer n Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird A beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — Herausgegeben von Guſtav Nieritz. Siebzehnter Jahrgang. Drittes Bändchen. Stern, Stab und Pfeife. Leipzig. Voigt& Günther. 1856. Stern, Stab und Pfeife. Von Guſtav Nieritz. Das erſte Kapitel. Der Gefangene. Der Wald dampfte im Frühnebel, den der Morgen⸗ wind umrührte wie der Rührlöffel den heißen Brei. Bald umwoben weiße, näſſende Schleierwolken die hohen, dunkeln Tannen⸗ und Fichtenwipfel, bald erhoben dieſe ſich ſiegreich über die wieder am Boden hinqualmende Nebelmaſſe. Zu⸗ weilen durchdrang die Morgenſonne die Dunſtgebilde und dann zeigten ſich die Strohdächer eines ärmlichen Gebirgs⸗ dörfleins, deſſen niedere Hütten zerſtreut umherlagen wie die Haideſchnucken in der großen Lüneburger Haide. Hier und da wurde ein kleines Fenſter aufgeſchoben und der Kopf eines Dörflers darin ſichtbar, welcher theils nach dem Wetter umherlugte, theils einem Nachbar zurief, theils irgend einen Befehl den draußen befindlichen Seinen ertheilte. Ein Holzzaun, welcher jede Hütte umgab, bildete einen kleinen Hofraum, in welchem Holzvorräthe aufgeſchichtet lagen und ein verkümmernder Fliederſtrauch ſeine Zweige über die Düngerſtätte ausbreitete. Selten nur, daß aus einer Hütte der tiefe Ruf einer Kuh ertönte, während das Meckern von 16 4 Ziegen deſto häufiger hörbar wurde. Eine Frau oder eine junge Maid, welche entweder den ſchweren Waſſereimer in den Ziehbrunnen hinabließ oder ihre Schöpfkannen in die ſeichten Wäſſer eines durch die Wieſenmatten daher murmelnden Bächleins tauchte, belebte nur wenig das ein⸗ förmige Landſchaftsgemälde, obſchon der Sommer ſeine warmen, hellen Fittiche über daſſelbe ausgebreitet hielt. Endlich zeigte ſich mehr Leben in dem Dörflein, das den Namen Lug führte und im goſſersweiler Thale der Rhein⸗ pfalz, in dem ſogenannten Weſtrich, lag. Ein ſchon be⸗ jahrter Mann, der ſich in ſeinem Anzuge durch nichts weiter als durch ein ſchwarzes Käppchen auf ſeinem weißbehaarten. Haupte von den übrigen Dörflern unterſchied, trat aus ſeiner niederen Hütte und zwar mit zwei hölzernen Häm⸗ mern in den Händen. Mit denſelben begann er auf ein Bretſtück von hartem Holze zu ſchlagen oder zu trommeln, welches neben der Zaunthüre aufgehängt war und gleich⸗ ſam die Stelle der fehlenden Thurmuhr vertrat. Nachdem die Hände des Greiſes ermüdet waren, machte derſelbe eine Pauſe, um ſpäter noch zweimal ſein Trommeln zu wieder⸗ 3 holen, das, trotz dem Nebel und der dicken Luft, vernehmlich 6f über die umhergeſtreuten Hütten erſcholl. Deren Thüren thaten ſich nun auf, um die liebe Jugend herausſtrömen zu laſſen, womit das arme Walddörfchen überreich geſegnet war. Knaben und Mädchen, größere und kleinere, aber alle friſch, geſund und rothbäckig, wanderten, die Schiefer⸗ tafel und ein abgenutztes Schulbuch unter dem Arme, ein Stück Schwarzbrot, mit weißem Quarg überſtrichen, auf jenem tragend, dem elenden Schulhauſe zu, welches jetzt zur — — — 5 Arche ward und allerlei Männlein und Fräulein in ſich aufnahm. Die Arche verwandelte ſich wiederum in einen Bienenſtock, in welchem das überlaute Geſumme ſeiner mun⸗ teren Inſaſſen auf kurze Augenblicke nur durch die ſchel⸗ tende Stimme des Schulmeiſters unterbrochen wurde. Eben ſollten ſich die plaudernden Kinderſtimmen zu dem üblichen Morgengeſange vereinen, als dieſes fromme Gebahren wegen des Eintritts eines Landmannes für einige Minuten hinausverſchoben werden mußte. „Grüß' Euch Gott, Herr Schulmeiſter!“ hob der Mann an, indem er dabei einen Knaben von etwa zehn Jahren vor ſich hinſchob—„hier bring' ich Euch meinen Jungen, den Baſtian, wieder. Seit vorigen Herbſt iſt er bei meinem Bruder auf der Pechhütte in der Theerſiederei von Rieder⸗ grund geweſen. Ich hab' ihn aber wieder zurücknehmen müſſen, weil er dort gar keine. Schule hatte und kein Wört⸗ lein von dem richtigen Glauben zu hören bekam, ohne welchen uns ja doch die Himmelspforte verſchloſſen bleibt. Ich kann ſonſt meinen Kindern nichts mitgeben als Gottes Wort, und darum ſoll er fortan hier bleiben und Eure Schule be⸗ ſuchen, bis er flügge zum Fortfliegen wird.“ „Das iſt recht von Euch gedacht und geſprochen, Nach⸗ bar Peterle!“ entgegnete der Schulmeiſter.„Bleibt bei dieſem chriſtlichen Gedanken. Du aber, Baſtianel, ſei mir ſchön willkommen. Gieb' mir eine Patſchhand. Ei, biſt ja recht ſchüchtern worden! Schau' mich nur dreiſt an. Ich thue dir nimmer was, wenn du ſchön folgſt und fleißig lernſt. Na, wirſt dich ſchon wieder eingewöhnen. Wie aber ſteht's um dein Wiſſen? Kannſt du noch leſen, 6 ſchreiben, ä biſſel rechnen, das Einmaleins und die Haupt⸗ ſtücke?“ „Ich hab' ihm ſo ein wenig auf den Zahn gefühlt“— verſetzte Peterle—„und gefunden, daß er noch nicht ganz verſchwitzt hat, was Ihr ihm eingetrichtert hattet. Die zehn Gebote ſagt er an dem Schnürchen her; nur bei dem erſten Artikel geräth er immer in die vierte Bitte, was mir aber juſt eben ſo gegangen iſt. Ihr ſchnobert, Herr Schul⸗ meiſter? Es iſt mein Junge, der nach Pech und Theer ſtinkt wie ein Wiedehopf.“ „Beides rieche ich ſehr gern“— meinte der Schul⸗ meiſter—„es ſtärkt die Lungen, ſo daß Einem das viele Sprechen, Schreien und Singen gar ſehr erleichtert wird. Ich habe deshalb immer einen Zuber voll Theer in meine Schulſtube ſetzen wollen. Na, nun kann Euer Baſtian deſſen Stelle vertreten. Wenn ihm nur das Pech, mit wel⸗ chem er ſeither umgegangen iſt, nicht den Mund und das gute Herz zugeklebt hat! Seht, Peterle, da nehmen die Jungen bereits Euern ſtummen Baſtian in die Kur und werden ihm hoffentlich gar bald das Zungenband löſen. Ja, ja, hier heißt es ebenfalls: Und wo ein Bär den an⸗ dern ſah, da hieß es: Petz iſt wieder da!“ „Nicht Petz— Baſtian heißt mein Junge“— ſprach Peterle, dem Gellert's Fabeln völlig unbekannt waren. „Ich weiß es“— antwortete der Schulmeiſter—„und Ihr könnt von Euerm Baſtian, wie der Erzvater IJſaak von ſeinem Erſtgeborenen, ſagen: Der Geruch meines Sohnes iſt wie ein Geruch des Feldes, das der Herr geſegnet hat. Nun aber, lieber Peterle, hebt Euch von hinnen, damit ich * „ —— ,——— —— 7 meine Schule beginnen und dem Heidenlärm dadurch ein Ende machen kann.“ Peterle ging nach einem kräftigen Händedruck, und in die friſche Waldluft hinaus erklang der laute, helle und viel⸗ ſtimmige Lobgeſang der Kinder, welcher die Herzen der er⸗ wachſenen Dörfler bewegte und und die geflügelten Sänger des Waldes zur Nacheiferung aufſtachelte. Später trat an die Stelle des frommen Geſanges wieder ein gedämpftes Summen, welches einige Stunden nacheinander fortwährte. Der Schluß des Unterrichts war nicht mehr fern, als plötz⸗ lich die den kleinen Fenſtern der Schulſtube zunächſt Sitzen⸗ den in den lauten, gemeinſamen Ruf ausbrachen:„Land⸗ jäger! Herr Schulmeiſter! Ein Gefangener!“ Der Schulmeiſter näherte ſich dem Fenſter, ſchob die Kinder an demſelben abſeits und ſeinen Kopf hinaus. Drei berittene Landjäger, in ihrer Mitte einen Gefangenen mit ſich führend, der mit Stricken gefeſſelt und an die beiden Pferde zu ſeinen Seiten gebunden war, näherten ſich dem Schulhauſe, wo ſie anhielten, um ihre Roſſe aus einem Röhrbrunnen zu tränken. Erſchrocken zog der Schulmeiſter ſeinen Kopf zurück. „Heiliger Gott!“— ſprach er im Umwenden—„das iſt ja der ſchlimme Näther-Hans! Gott Lob, daß dieſe Peſt⸗ beule unſchädlich für's Land gemacht wird.“ Dieſe Worte ſprach der Schulmeiſter, anſtatt, wie er beabſichtigte, zu ſeinen Schülern, zu den vier leeren Wän⸗ den, indem ſämmtliche Schulkinder indeß hinter ihres Schul⸗ meiſters Rücken das Weite geſucht hatten und jetzt draußen, auf einen dichten Trupp zuſammengedrängt, die Landjäger nebſt ihrem Gefangenen anſtarrten. Da erachtete es der Schulmeiſter für ſeine Pflicht, ſeiner jugendlichen Heerde nachzufolgen und bald überrägte der geiſtliche Hirte ſeine Lämmer, wie eine thurmgezierte Dorfkirche die niederen Bauerhütten umher. Aus den übrigen Nachbarhütten traten jetzt deren Bewohner voll Neugierde herzu. Ihre Mienen drückten abwechſelnd Furcht und Freude aus, die ſie ſich nur durch leiſe Worte einander gegenſeitig mittheilten, weil Jeder von ihnen den berüchtigten Räuber, ſelbſt in ſeinem gefeſ⸗ ſelten Zuſtande, noch immer fürchtete und deſſen Entkommen nicht für unmöglich erachtete. Der Gefangene, ein noch junger Mann von ſchmäch⸗ tigem, jedoch kräftigem Körperbau, ſah ſich den ſtarren, durchbohrenden Blicken einer anſehnlichen Zuſchauermenge bloßgeſtellt, daher er ſein Auge bald zu Boden ſenkte, bald trotzig und mit wildem Ausdruck auf ſeine Umgebung heftete. So alſo ſah ein Räuberhauptmann und Mörder aus, der ſeit geraumer Zeit ſchon das Land in Schrecken ſetzte und bisher allen Nachſtellungen glücklich entgangen war! Wie ſtraff der in's Fleiſch einſchneidende Strick um ſeine auf den Rücken gebundenen Hände geſchlungen war, ſo daß dieſe roth⸗blau und angeſchwollen ausſahen! Wie erhitzt und in Schweiß gebadet Näther⸗Hans war, weil er zwiſchen den Pferden, und mit ihnen gleichen Tritt einhaltend, hatte lau⸗ fen müſſen! An die Stelle der Freiheit, der weiten, offenen Fluren, des heimelnden, duftigen und grünen Waldes trat nun bald der dunkle, enge und dumpfigfeuchte Kerker mit ſeinen Eiſengittern, ſeinen feſt verriegelten Thüren und 1. —— ——— ſchweren, kältenden Eiſenketten. Und nach langer Gefangen⸗ ſchaft harrte des Verbrechers das ſcharfſchneidende Richt⸗ ſchwert, wohlgar das fürchtetliche Rad, welches ihm Glied für Glied zerſchmettern ſollte! Nach einer Pauſe von mehreren Minuten, in welchen der Anblick des gefangenen Räubers, ſowie ſeiner bewaff⸗ neten Häſcher, nebſt dem leiſen Murmeln der verſammelten Menge einen unheimlichen Eindruck hervorgebracht hatte, erhob der Schulmeiſter ſeine Stimme, indem er ſeine Schüler mit ernſtem, befehlendem Tone aufforderte, das Schulhaus wieder zu betreten, um den Schluß des Unterrichts in ge⸗ wohnter Weiſe herbeizuführen. Die Kinder gehorchten der erhaltenen Weiſung. Als ſie ihre Plätze in der Schulſtube wieder eingenommen hatten, ſprach der Schulmeiſter, tief ergriffen und mit be⸗ wegtem Tone: „Die Zuchtruthe des Landes, die ihr ſo eben draußen zwiſchen den Händen der Landjäger und den Beinen ihrer Pferde geſehen habt, iſt hier in unſerm Dörflein gebunden worden. Ja, der gefürchtete Näther⸗Hans, der mit ver⸗ bundenen Augen ſeinen letzten Sitz auf dem Richtſtuhle nehmen wird, hat hier in dieſer Stube und auf dieſen Bänken, wie ihr, geſeſſen und die heiligen Lehren des Chri⸗ ſtenthums aus meinem ſchwachen Munde vernommen. Aber er hat ſich von dem ſchmalen Pfade, der zum ewigen Leben führt, bald verirrt, und die breite Heerſtraße betreten, welche in den Abgrund und in das Verderben ſtürzt. Das aber kam daher, weil ihm unſer ſchwarzes, trocknes Hafer⸗ brot und das klare Quellwaſſer nicht mundeten, weil ihm 10 gebratenes Wildpret lieber war als ein Stück Quargkäſe, und eine Flaſche feuerigen Weines angenehmer, denn ein Trunk Kuh⸗ oder Ziegenmilch; weil er nicht im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brot verdienen, ſondern lieber im Schatten müßig ſich ausruhen und ſeine Beine unter fremde Tiſche ausſtrecken wollte. Mit Kleinem hat er ſeine ver⸗ brecheriſche Laufbahn begonnen und mit Großem ſie geen⸗ digt. Aus einem fauſtkleinen Schneeballe iſt er zur Alles mit ſich fortreißenden und Alles zerſtörenden Lawine gewor⸗ den, bis dieſe ſelbſt an dem Felſen zerſchellt und vergeht. Näther⸗Hanſens Beiſpiel laßt euch zum warnenden Vorbild werden, wie weit Faulheit und Genußſucht den Menſchen führen können. Jetzt aber beſchließen wir die Schule mit einem frommen Geſange.“ Und der Schulmeiſter begann und die Kinderſchaar fiel mit vollem Chor ein in den Vers: Uueb' immer Treu' und Redlichkeit bis an dein kühles Grab, und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab. Lieblicher noch und ergreifender als der ſchönſte Vogel⸗ geſang ſingt die menſchliche Stimme, beſonders die friſch⸗ klare der Kinder. Sie vermag den Fröhlichen traurig zu ſtimmen und den Traurigen fröhlich. Sie fingt uns in den Schlaf und wühlt wiederum unſer Gemüth auf, wie der Sturm das weite Weltmeer. Sie entzückt uns und ſie zer⸗ malmt, je nachdem ſie den Ton anſchlägt. Als die Klänge des frommen Geſanges aus der nie⸗ deren Hütte laut und hell herausdrangen in die friſche, jetzt ———— ———— ſonnenglänzende Luft, ſpitzten ſelbſt die Pferde der Land⸗ jäger, aufmerkſam lauſchend, ihre Ohren, und die rauhen Kriegsmänner fühlten ſich ergriffen und verweilten bis zum Ende des Geſanges. Was der Gefangene dabei empfand, der einſt, als ſchuldloſes Kind, gleichfalls in jener Hütte daſſelbe Lied mitgeſungen hatte, kann nicht genau beſchrie⸗ ben, ſondern nur errathen werden. Da Näther⸗Hans ſeine gebundenen Hände nicht bewe⸗ gen konnte, ſo gab nur der Ausdruck ſeines Antlitzes die in ihm wogenden Empfindungen kund. Daſſelbe behielt auch während des Geſanges ſeinen trotzigen Schein fort, nur daß ein paarmal ein ſchnell vorüberblitzendes Zucken der Muskeln zu bemerken war. Als die Kinder aus dem Schulhauſe herausſtrömten, brachen auch die Landjäger mit ihrem Gefangenen wieder auf, dem die Dorfjugend noch lange das Geleite gab. Ueber den Näther⸗Hans war Peterle's Baſtian in Vergeſſenheit gerathen. Allein trat derſelbe ſeinen Heimweg an, wäh⸗ rend ein Trupp Mädchen ihm ein Stück Wegs vorausging und ein Trupp von Knaben hinter ihm war. Die Unter⸗ haltung der Letzteren hatte natürlich den gefangenen Näther⸗ Hans zum alleinigen Gegenſtand. „Das war ein lumpiger Räuberhauptmann!“ ſprach Stümers Karl verächtlich.„Ging er doch eben ſo und nicht beſſer angezogen als unſere Dorfleute. Da hatte ich mir eine ganz andere Vorſtellung von einem Räuberhauptmann gemacht. Wenn ich einer wär', ſo trüge ich einen grünen Sammetrock mit Gold geſtickt und einen ſchönen Hut mit hohem Federſtutz, dazu an einem Goldbande einen prächtigen 12 Hirſchfänger oder Säbel, zwei blanke Piſtolen im Gürtel und eine Doppelbüchſe auf dem Rücken. Dann hätten ſelbſt die Landjäger alle Achtung vor mir und unterſtänden ſich nimmer, mich eben ſo mit Stricken feſt zu binden wie den jämmerlichen Näther⸗Hans.“ „Nun fehlt nur noch“— erwiederte ſpöttiſch des Holz⸗ ſchuhmachers Jackel zwölfjähriger Sohn, Jürgele,—„daß du vorn am Hute und hinten auf deiner Patrontaſche mit großen Goldbuchſtaben ſchreibſt: Räuberhauptmann Stümer⸗ Karl! Dann wüßte man ja gleich, wen man vor ſich hätte und wie man dich behandeln müßte.“ Nachdem der eitle Stümer⸗Karl tüchtig ausgelacht wor⸗ den war, hob ein anderer Knabe an: „Wenn ich ein Räuberhauptmann wäre, ſo ſuchte ich mir im Walde eine ſchöne, große, trockene und warme Felſenhöhle aus, die viele Abtheilungen haben müßte. Die eine davon machte ich zu meiner Schlafkammer, die zweite zu meiner Küche, die dritte zu meinem Wein⸗ und Bier⸗ keller, in der vierten wohnte und ſchmauſete ich alle Tage herrlich und in Freuden. Meine Räuber müßten mich immer reichlich mit allem Nöthigen verſorgen und an einem Kegelſchube dürfte es neben meiner Höhle auch nicht fehlen. Tabak rauchte ich vom frühen Morgen an und zwar beſſern noch als der Förſter Bitterlich raucht. Vor meiner Höhle ſtellte ich eine Reihe Kanonen auf, und wenn ja die Land⸗ jäger ſich an mich wagen wollten, ſo ſchöſſe ich ſie mit Kar⸗ tätſchen nieder. Das ſollte ein luſtiges Leben werden.“ Aus dieſen Reden erſieht man, daß das Räuberhand⸗ werk den Knaben gar nicht verwerflich vorkam, vorausge⸗ ————— 13 ſetzt, daß es in der eben beſchriebenen Weiſe ausgeübt werden könnte. Die wohlgemeinte Warnung des Schulmeiſters ſchien bei der leichtfinnigen Jugend rein in den Wind ge⸗ ſprochen zu ſein. Nur der offenſte und geweckteſte Kopf unter ihnen Allen, Jackels Jürgele, ſchüttelte den Kopf, ſagte aber weiter nichts dazu. „Da geht unſer kleiner Petz!“— lenkte ein Knabe das Geſpräch auf den einſam dahin wandernden Baſtian.„Un⸗ ſere Theermäſte! Baſtian! Baſtian!“ höhnte er laut— „hat Hoſen an, hinten und vorn ein Knöpfli d'ran. Wiede⸗ hopf, Wiedehopf, haſt einen leeren Kopf und Topf! Was rennſt du Pechhengſt ſo allein dahin? Komm' her, wir wollen dir den Willkommen geben.“ Als Baſtian dieſe Schimpfreden unbeachtet ließ und nur raſcher ſeinen Weg fortſetzte, ſo warf ihn ſein Verhöhner mit aufgerafften Erdklöſen, wovon einer den armen Bur⸗ ſchen an den Hinterkopf traf, was ihm einen Wehruf aus⸗ preßte. Darauf wendete ſich das größte unter den Mädchen um, blieb ſtehen und rief mit erzürnter Stimme den Knaben zu:„Schämt ihr euch nicht? Was hat euch der arme Ba⸗ ſtian in den Weg gelegt? Pfui der Heldenthat, wenn ſechs und mehr Buben über einen einzigen her ſind! Wie? auch du biſt dabei, Jürgele? Das hätt' ich dir nimmer zuge⸗ traut! Heißt das, gute Nachbarſchaft gehalten? O Jürgele! Jürgele!“ Dieſe Vorwürfe aus einem Mädchen⸗ und Schweſter⸗ munde übergoſſen den Holzſchuhmachersſohn mit einer hohen Schamröthe.„Laß Baſtian in Ruhe, Weidel⸗Franz!“ ſprach er finſter und ſtreng zu Baſtian's Kanonier. 14 „Biſt du etwa ein Räuberhauptmann, daß du mir be⸗ fehlen willſt?“ verſetzte voll Trotz der Knabe und bückte ſich dann nach einem neuen Erdgeſchoſſe. „Das will ich dir zeigen“— antwortete Jürgele und begleitete dieſe Worte mit einem Knieſtoß gegen Franzens Hinterkaſtell, daß derſelbe ein paar Schritte weit hinſchoß und mit dem Antlitz in den ſchlammgefüllten Graben am Wege hineinpatſchte. Das einſtimmige, ſchadenfrohe Ge⸗ lächter der Uebrigen begrüßte den Gefallenen, als er ſpru⸗ delnd und mit ſchlammbedecktem Geſichte aus der Tiefe emportauchte. Weidel⸗Franz hatte dermaßen Jürgele's Kraft jetzt kennen gelernt, daß er ſich nicht thätlich an demſelben zu vergreifen wagte, ſondern nur, und zwar aus gehöriger Ferne, mit ſeiner Zunge gegen ihn ſtritt. „Räuberhauptmann du!“ ſchimpfte Franz mit weiner⸗ licher Stimme.„Näther⸗Hans! Näther⸗Hans! Räuber⸗ hauptmann!“ „St!“ ziſchte Jürgele bedeutungsvoll, wobei er die Hand erhob und auf eine Hütte zeigte, die in einer kleinen Ent⸗ fernung abſeits lag. Da entſtand eine tiefe Stille unter den Knaben. Selbſt Weidel⸗Franz verſtummte, und ge⸗ räuſchloſen Tritts wanderte der Knabentrupp weiter, und alle Geſichter waren der Hütte zugewendet, auf welche Jür⸗ gele's Arm noch immer hindeutete. Dort ſtand ein ſchon bejahrtes Weib, den Vorüber⸗ gehenden den Rücken zukehrend, neben der offenen Thüre ihrer ärmlichen und baufälligen Hütte, und hielt mit beiden Armen die eine Thürpfoſte umklammert, an welche ſie ihr 15 Haupt gebettet hatte. Trotz der Entfernung erſah man, daß das Weib von krampfhaften Zuckungen befallen war, hörte man ſelbſt ihr ſchmerzliches Wimmern und Aechzen. „Näther⸗ Hanſens Mutter!“ ſprach Jürgele leiſe und tief erſchüttert.„Eben hat ſie ihren Sohn, ihr einziges Kind, vorbeibringen ſehen!“ Alle begriffen und fühlten die Grih⸗ des Schmerzes der armen Mutter, welcher bei dem Anblick ihres verbrecheriſchen Sohnes ein zweiſchneidiges Schwert durch das Herz ge⸗ drungen war. Stumm wanderten die Knaben weiter und erſt, nachdem ſie das Weib aus dem Geſicht verloren hatten, hob Jürgele zu den beiden Knaben an, welche das Räuberhandwerk ſo reizend ausgemalt hatten:„Nun Stümer⸗Karl und Künzel⸗Ernſt, habt ihr jetzt noch Luſt zum Räuberhauptmann? Habt ihr die Verwünſchungen ſchon wieder vergeſſen, welche bei dem Begräbniſſe des fremden Leinwandhändlers unten in Münſter ausgeſtoßen wurden, welchen Näther⸗Hans im Walde todtgeſchlagen und beraubt hatte? Bildet ihr euch ein, daß man euch ruhig im goldgeſtickten Sammetrocke einhergehen oder in der Höhle ſitzen laſſen würde? Sagte nicht der Herr Schulmeiſter vorhin, welchen Sitz man für Näther⸗Hans bereit machen würde? Wollt ihr, daß eure Mutter ſich eben ſo um euch härme, wie dort Frau Näther an ihrer Thürpfoſte?“ Die Knaben blieben die Antwort auf dieſe Anſprache ſchuldig. Man gelangte jetzt an eine Stelle, wo ſich der Trupp auflöſen und Jeder abgeſonderten Weg ein⸗ ſchlagen ſollte. „Wartet noch einen augtniereſayt Jürge und 16 rief den vorausgehenden Baſtian herbei. Nachdem dieſer zu dem Trupp getreten war, begann Jürgele mit feierlicher Stimme zu ſeinen Schulkameraden, indem er auf den ſtill und erwatungsvoll vor ſich hinblickenden Baſtian zeigte: „Dieſer hier iſt mein Freund. Merkt euch das! Wer ihn neckt, ſchimpft, wirft, ſchlägt oder ſonſt beleidigt, hat es mit mir zu thun. Wonach zu richten! Adjes Die Knaben zerſtreuten ſich und Jürgele geleitete ſeinen Freund Baſtian bis zu deſſen Wohnung. „ Das zweite Kapitel. Das Beiſpiel und gute Vorſätze. Das Gebirgs⸗ und Walddorf Lug beſaß keine reichen, ja nicht einmal begüterte Bauern mit Aeckern und Wieſen, mit Feldbau und Viehzucht. Darum nährten ſich ſeine armen Bewohner von Handarbeit, die ſie entweder in anderen Dörfern, oder im Walde oder daheim verrichteten. Das Letztere that Jürgele's Vater Jackel, welcher, wie bereits er⸗ wähnt worden, ein Holzſchuhmacher war, und Baſtian's Vater, der Beſenbinder. Beide Männer machten ſich um die Bewohner Lug's verdient. Wegen des unaufhörlichen und nicht ſelten bodenloſen Schmuzes durften Jackels Holz⸗ ſchuhe und Holzpantoffeln in keiner Hütte Lug's fehlen, eben ſo wenig wie Peterle's Arbeit, welcher man die Rein⸗ lichkeit der Wohnungen, wie die Herzensreinigkeit der grö⸗ 3 P7 ßeren und kleineren Jugend verdankte, indem dieſelbe durch die Birkenruthe zum Gehorſam gegen die göttlichen und älterlichen Gebote, zur Arbeit und Sittſamkeit und an die anderen nothwendigen Tugenden gewöhnt wurden. Aber auch weit über Lug's enge Gränzen hinaus waren Jackel's und Peterle's Erzeugniſſe verbreitet, welche von ihren Ver⸗ fertigern auf dem Schiebebocke und auf dem Rücken in die umliegenden Oerter gefahren und getragen wurden. Jür⸗ gele bildete ſich auf den Stand ſeines Vaters etwas ein, der nahe an demjenigen eines Meiſters in der Stadt ſtreifte, während die meiſten übrigen Bewohner Lug's nichts als ge⸗ wöhnliche Holzhauer, Mäher, Dreſcher und Fuhrknechte waren. Ueberdieß beſaß Jackel noch eine alte, wurmſtichige Kommode mit drei Fächern, in welcher er ſeine Ledervor⸗ räthe, ſeine Nägel und Zwecken, ſo wie ſein weniges Hand⸗ werkzeug, ſein Weib dagegen ihre gute Haube, ihr beſtes, aus Halbſeide gefertigtes Kopftuch und die Pathenbriefe ihrer vier Kinder aufbewahrte. Ein zweites Hausgeräth dieſer Art gab es in ganz Lug nicht, ſelbſt der Schulmeiſter konnte ſich des Beſitzes eines en koſtbaren Gegenſtandes nimmer rühmen. Da des Beſenbinders Hütte am weiteſten entfernt und zunächſt am Walde lag, ſo hatte Jürgele, vor ſeiner Woh⸗ nung angelangt, bereits das Adjes für Baſtian auf der Zunge, als ihn der Anblick eines dritten Knaben auf an⸗ dere Gedanken brachte. Der Letztere hielt ein paar alte, übel zugerichtete und unſcheinbare Stiefeln in der Hand und ſteuerte offenbar mit denſelben nach Jackel's Hütte. „Halt, Feuer⸗Hanſel!“ rief Jürgele dem S zu, Nieritz, Stern, Stab und Pfeife. 18 deſſen Alter zwiſchen demjenigen Jürgele's und Baſtian's ſtand—„Willſt du zu uns und dieſe Stiefeln verhandeln? Woher haſt du ſie? Laß einmal ſehen!“ Jürgele bemächtigte ſich des Stiefelpaares und begann deſſen Beſchaffenheit mit einer Kennermiene zu unterſuchen. „Nicht war? derbes Rindleder das?“ ſprach Feuer⸗ Hanſel, deſſen eigentlicher Vatername„Feuerig“ in jener Weiſe von den Lugern abgekürzt wurde.„Das giebt manches Paar Oberleder zu Holzſchuhen her. Zehn Kreu⸗ zer wenigſtens, ſollte ich meinen, ſind dieſe Stiefeln unter Brüdern werth.“ „Nicht fünf!“ verſetzte Jürgele verächtlich und gab die Stiefeln zurück.„Der Ochs, von deſſen Fell dieſe Schäfte gemacht worden ſind, iſt anno eins geboren und darum das Leder zu nichts mehr nütz. Sieh' nur dieſe durch und durch gehenden Löcher, Brüche und Sprünge, mein gutes Hanſel! Und fühle dieſe dünnen Stellen, die jetzt nur noch durch die dicke Schuhſchmiere überklebt werden. Dieſe Stiefeln haſt du im Straßengraben gefunden, wohin ſie ein armer Bettel⸗ mann, der ſie zu nichts mehr brauchen konnte, von ſich ge⸗ 5 worfen hat.“ Daß Jürgele die Wahrheit errathen hatte, erſah man an dem Entfärben Hanſel's, welcher auch der Behauptung Jürgele's nicht widerſtritt, ſondern verlegen antwortete: 1„Ich werde ja hören, was dein Vater für die Stiefeln 3 geben will. Er iſt doch daheim?“ „Ja!“ ſprach Jürgele—„aber mir ſollſt du einen Ge⸗ fallen thun. Laß den einen Stiefel hier und biete nur den andern meinem Vater zum Kauf an. Was er dir dafür ————— geben will, zahle ich dir auch. Ich brauche juſt einen ſol⸗ chen Stiefel.“ „Wozu denn?“ fragte Hanſel neugierig. „Eigentlich iſt das ein Geheimniß“— antwortete Jür⸗ gele—„wenn ihr beide mir aber heilig verſprecht, nicht ein einziges Wörtlein auszuplaudern, ſo will ich's euch ent⸗ decken. Aber ein Schurke, wer nicht ſchweigt.“ „Ich ſage nichts!“ betheuerte Hanſel. „Und ich mag lieber gar nichts hören“— ſprach Ba⸗ ſtian träumeriſch. „Ich habe dich für meinen Freund erklärt“— erwie⸗ derte Jürgele ernſthaft—„und als ſolcher ſollſt du mein Geheimniß erfahren und bei dir behalten. Höret alſo! Meine große Schweſter Veronel ſtrickt meinem Vater zu ſeinem Geburtstage ein Paar Sonntagsſtrümpfe. Darauf thut ſie ſich ſtolz und freut ſich ſchon im Voraus auf die großen Augen, die mein Vater darüber machen wird. Nun, ich will hinter meiner Veronel nicht zurückſtehen und darum meinem Vater ein Paar Holzſchuhe zuſammennageln, das ſich gewaſchen haben ſoll. Es ſoll mein erſter Verſuch wer⸗ den, ob ich ganz allein ein Paar Holzſchuhe zuſammen⸗ bringe. Dazu nun brauche ich das Oberleder von deinem Stiefel, von dem ich hoffe, daß es zwei derbe Kappen her⸗ geben werde.“ „Nimm ihn umſonſt“— ſagte Hanſel, der ein etwas leichtſinniger, aber ſonſt gutherziger Bube war. „Nein, das will ich nicht“— ſprach Jürgele abweh⸗ rend—„meine Veronel bezahlt das Strumpfgarn auch aus ihrem Beutelchen und ſie ſoll ſich keines Vorzugs über 20 mich rühmen dürfen. Alſo geh' und frage meinen Vater, was er dir für einen ſolchen Stiefel zahlen will. Ich denke doch, daß es nicht gar zu viel über zwei Kreuzer ſein wird.“ Hanſel ging und kehrte nach kurzer Weile ohne den Stiefel und mit 2 ½ Kreuzer in der Hand zurück. „So viel habe ich bekommen“— ſprach er, ſeinen Schatz vorzeigend. „Gut!“— verſetzte Jürgele—„zwei Pfennige muß ich ſchuldig bleiben. Hier haſt du einſtweilen zwei Kreu⸗ zer.“ Er holte aus ſeiner Weſtentaſche ein vielfach zu⸗ ſammengelegtes Papier hervor, aus welchem er endlich die zwei Geldſtücke zu Tage förderte und ſie dem Hanſel einhän⸗ digte. Baſtian und Hanſel ſahen noch mit an, wie Jür⸗ gele den erhandelten Stiefel außen vor der älterlichen Hütte unter einem Reißighaufen verſteckte und dann in jener ver⸗ ſchwand. Auch die beiden Knaben trennten ſich jetzt und jeder von ihnen folgte mit ſeinem Wege zugleich ſeinen Ge⸗ danken über die eben verhandelte Sache. Beide hatten noch nie um die Geburtstage weder des Vaters noch der Mutter ſich bekümmert, noch vielweniger dieſelben durch eine Feſt⸗ gabe, ja nicht einmal durch einen Glückwunſch gefeiert, der ihnen keinen Heller koſtete. Veronel's und Jürgele's Bei⸗ ſpiel machte ſie nachdenklich und ſpornte ſie zur Nach⸗ eiferung an. Baſtian nahm im Weitergehen einen am Wege liegen⸗ den Stecken auf, mit welchem er gedankenvoll und wieder⸗ holt auf den Erdboden ſchlug, bis er zuletzt auf ein Anmeiſenneſt traf, das, aus lockerem Sand beſtehend, durch dieſen Schlag in ſeinen Grundfeſten erſchüttert wurde. An 21 dem hervorquellenden, dunkeln Ameiſenſchwarme erſah der Knabe, was er unabſichtlich angerichtet hatte. Wie gewöhn⸗ lich waren die erſchreckten Thierchen vor allen Dingen be⸗ müht, die bloßgelegten Puppen ihrer Jungen zu erfaſſen und ſie in Sicherheit zu bringen. Hierbei fiel dem Knaben ein, daß ſeine Mutter es eben ſo mit ihm gemacht hatte, als ihre frühere Hütte von einem Blitzſtrahle in Flammen ge⸗ ſteckt worden und er in größter Gefahr geweſen war, als kleines, hülfloſes Kind elendiglich zu verbrennen. Mehr wie einmal hatte ihm ſeine Mutter erzählt, wie ſie, alles An⸗ dere vergeſſend und ſich ſelbſt der Gefahr des Verbrennens ausſetzend, in die ſchon über und über lodernde Hütte ge⸗ ſtürzt war und ihr geliebtes Kind errettet hatte. Baſtian ſah ferner, wie mehr als eine auswärts geweſene Ameiſe, mit einer für ſie übergroßen und ſchweren Bürde beladen, heimkehrte und eine der anderen beim Fortſchaffen behülf⸗ lich war. Nun, oft genug ſchon hatte Baſtian als Zugkraft vor den Schiebebockſich geſpannt, den ſein Vater, mit Beſen beladen, in die umliegenden Oerter gefahren hatte; aber viel mehr wie das zu thun, war ihm nicht in den Sinn ge— kommen. So war es ihm noch nie eingefallen, einen Ver⸗ ſuch zu machen, ob er ohne fremde Beihülfe einen tauglichen Beſen herſtellen könne. Er hatte, ein wahrer Hanstapps, in die Welt hineingelebt und ſeinen Aeltern allein die Sorge ſeiner Erhaltung überlaſſen. Ei, wenn Jürgele ſich ge⸗ traute, ein Kunſtwerk, wie die nützlichen Holzſchuhe waren, herzuſtellen: warum hätte da Baſtian nicht auch hoffen dür⸗ fen, einen kunſtgerechten Beſen zu binden? Freilich mußte er dann, was er bisher noch nie gethan hatte, genau Acht 22 geben, wie ſein Vater bei dem Beſenbinden verfuhr, mußte ihm die nöthigen Handgriffe und ſonſtigen Kunſtgeheimniſſe ablauſchen, mußte, mit einem Worte, aus einem Träumer in einen nützlichen Menſchen ſich umwandeln. Mit dieſem Vorſatze betrat er die älterliche Wohnung, wo er ſeinen Vater in voller Arbeit fand und demnach ſeinen Vorſatz ſofort zur Ausführung bringen konnte. Hanſel's Vater, Feuerig, war ein Holzhauer, der, wenn er im Walde, keine Arbeit hatte, Wacholderbeeren einſam⸗ melte und ſolche meiſtentheils zu Mus einſott, das er in ſelbſtgefertigte Fäßchen füllte und auf den Jahrmärkten ver⸗ handelte. Bäume fällen und ſtarke Holzklötzer zerſtücken, vermochte Hanſel freilich nicht. Aber Wacholderbeeren ſammeln und heimtragen, war keine ſchwere Sache. Hatte er ſich doch ſchon ungleich mehr Mühe im Aufſuchen von Erd⸗, Haidel⸗, Him- und Brombeeren gegeben, weil dieſe ihm mundeten. Selbſt das Reißig mit noch grünen Wachol⸗ derbeeren war eine gekaufte Waare, mit welcher man dumpfige Keller und Stuben ausräucherte. Mit Hülfe ſei⸗ ner Mutter konnte Hanſel ſogar die reifen Wacholderbeeren heimlich zu Mus einſieden und ſeinen Vater mit einem oder etlichen Fäßchen anbinden zum Geburtstage. So rief Jürgele's Beiſpiel mehr und feſtere gute Ent⸗ ſchlüſſe hervor, als des Schulmeiſters oft wiederholte Auf⸗ forderungen zur Dankbarkeit gegen die Aeltern bei ſeinen Schülern bewirkt hatten. An der Jugend haftet nun ein⸗ mal das lebendige Vorbild mehr als das verhallende Wort! In der Holzſchuhmachers-Hütte ſaß Jackel über ſeiner Arbeit. Aus hartem und weichem Holze, jenachdem die „. 23 Waare theurer oder wohlfeiler ausfallen ſollte, ſchnitzte er die Sohle ſeiner Schuhe und Pantoffeln, an welche er dann die Lederkappen mit kleinen Zwecken oder Nägeln befeſtigte. Die alten, unſcheinbaren Stiefelſchäfte, welche Jackel um ein Billiges im Lande aufkaufte, geſtalteten ſich unter ſeinen Händen in noch ſtattlich ausſehendes, tief geſchwärztes Ober⸗ leder um, welches der Näſſe wie dem tiefen Schmuze des Gebirgs dauernd widerſtand. Frau Jackel ſtand am Waſchfaß und wuſch die Hemden ihrer zwei kleinſten Kinder, welche drei⸗ und fünfjährig waren und draußen vor der Hütte im paradieſiſchen Ge⸗ wande ſpielten. Veronel ſtrickte hinter des Vaters Rücken an deſſen Geburtstagſtrümpfen und Jürgele, welcher ſeinem Vater hülfreiche Hand leiſten mußte, wartete mit Sehnſucht der Zeit, wo der Weggang ſeines Vaters ihm erlauben würde, an die Fertigung des beabſichtigten Meiſterwerks der Holzſchuhmacherkunſt zu denken. Als der Mittag kam, ſchüttete Frau Jackel den Inhalt eines ſchwarzberußten Topfes, welcher draußen auf dem Heerde am hellen Feuer geſtanden hatte, in eine große, irdene Schüſſel und ſetzte ſolche auf den Tiſch der Wohn⸗ ſtube. Es war die einfachſte Mahlzeit von der Welt, welche für die Familie beſtimmt war. Kein reinliches Tiſchtuch wurde aufgebreitet und zwar aus dem einfachen Grunde, weil man keins beſaß. Das Gericht beſtand aus der gröb⸗ ſten, ſchwarzbläulich ſchimmernden Haidegrütze, ohne braune Butter und ohne weitere Zuthat als ein kleines Stückchen Speck und reichliches Salz. Teller wurden nicht vertheilt, wohl aber kunſtlos geſchnitzte hölzerne Löffel, deren Größe 24 ₰ ſich nach dem Alter der Eſſer richtete. Als Frau Jackel mit lauter Stimme hinausrief:„Zum Eſſen!“ kamen die beiden kleinen Jackel's, Hinz und Kunz, jubelnd hereinge⸗ ſprungen und nahmen ihre Plätze am Tiſche ein. Bevor aber der fünfjährige Hinz ſeinen Löffel erfaßte, faltete er erſt die Hände und betete mit lallender, jedoch vernehmen⸗ der Stimme:„Komm', Herr Jeſus, ſei unſer Gaſt, und ſegne, was du beſcheret haſt. Amen!“ Niemand von der Familie dachte an eine Unſchicklich⸗ keit, daß man den Herrn Himmels und der Erden, den König aller Könige, als Gaſt in eine elende Hütte und zu einem Mahle einlud, über welches der niedrigſte königliche Diener verächtlich hinweggeſehen und unverhohlen ſeinen Widerwillen geäußert haben würde. Es geſchieht wohl heutzutage, daß zuweilen ein König oder eine Königin ein öffentliches Kranken⸗, Armen⸗, Zucht⸗ oder anderes gemein⸗ nütziges Haus beſucht und von dem daſelbſt bereiteten Eſſen koſtet. Aber theils ſind die Beamten eines ſolchen Hauſes vorher ſchon von dem ihnen zugedachten hohen Beſuche unterrichtet worden, theils iſt das Eſſen dort in der That von weit vorzüglicherer Beſchaffenheit als das der armen Leute, ſo daß ein einziger, kleiner Koſtebiſſen eben keine. große Ueberwindung koſtet. Schwerlich aber dürfte ſich ein Monarch ſo tief erniedrigt haben, daß er in die niedere, mit mancherlei übeln Dünſten geſchwängerte Hütte getreten, ſeinen Sitz auf der harten Holzbank ein⸗ und den hölzernen Speiſelöffel zur Hand genommen hätte, um gemeinſchaftlich mit der Holzſchuhmacherfamilie einen Grützebrei zu ver⸗ zehren, den er von ſolcher Beſchaftnheit noch nie zu Geſicht * ce 8 25 bekommen hat. Darum kam des Höchſten Sohn als ein armes Menſchenkind zur Welt zur Erde herab, damit er unſere Schwachheit kennen lerne und mit uns Mitleiden haben könne. Und der Heiland, welcher hier unten nicht ſo viel Raum zu eigen beſaß, wohin er ſein Haupt legen konnte, trat auf die kindliche Einladung unſichtbar in die arme Hütte und hauchte mild den Eſſenden den Gruß zu: „Friede ſei mit Euch!“ Und wiewohl er nicht leiblichen Antheil am Eſſen nahm, ſo ſetzte er, getreu ſeinem Ver⸗ ſprechen: Wo drei in meinem Namen verſammelt ſind, da bin ich mitten unter ihnen— ſich zwiſchen die beiden Klei⸗ nen und ſeine Gegenwart erfüllte die Eſſer mit einer ſeligen Heiterkeit, über deren Urſache ſie ſich ſelbſt keine Rechen⸗ ſchaft ablegen konnten. Wie ganz anders war's in der Wohnung, welche die Mutter des verbrecheriſchen Näther⸗Hans innehatte! Die unglückliche Frau, welcher man bei der Erziehung ihres einzigen Kindes weiter keinen Vorwurf als eine zu große Nachſicht machen konnte, ſaß mit dick verweinten Augen auf einem Holzklotze in ihrer Hütte. Sie hielt die Hände über ihren Knieen gefaltet, und den ſtarren Blick zur Erde ge⸗ heftet. Ihr Mann war frühzeitig geſtorben und hatte ihr einen erſt dreijährigen Sohn zurückgelaſſen, deſſen Aufer⸗ ziehung und Erhaltung ihr die ſchwerſten Opfer an Zeit, Mühe, harter Arbeit, an ſchlafloſen Nächten und fortdau⸗ ernden Entbehrungen gekoſtet hatte. Und jetzt, wo der herangewachſene, kräftig gediehene Sohn die Stütze ihres Alters und ihrer zunehmenden Hinfälligkeit ſein ſollte, waren es ſeine Verbrechen, welche der Mutter das Herz brachen, 26 2 über ihr Haupt die Schande und den Fluch der Menſchen herbeiführten und das Leben ihr zur unerträglichen Laſt machten. Was hatte die Aermſte bereits in den Jahren daher gelitten, in welchen ihr Hans von Stufe zu Stufe auf der Leiter der Verbrechen geſtiegen, wo er wiederholt im Zuchthauſe geweſen und endlich der muthmaßliche Mör⸗ der jenes fremden Leinwandhändlers geworden war! Heute aber hatte der Anblick ihres gefeſſelten Kindes, das ſeinem ſchmachvollen, ſchrecklichen und blutigen Ende entgegenging, das Maaß ihres tiefen Schmerzes überlaufen machen. Ja, ihr Mutterherz blutete unter den fortdauernden Stichen eines zweiſchneidigen Schwertes, welches ihr Sohn gegen ſeine Urheberin und Wohlthäterin führte. Wäre die Mutter abgebrannt, verarmt, erkrankt oder in anderer Weiſe ver⸗ unglückt, ſo würden die mitleidigen Nachbarn mit lindern⸗ den Troſtworten und thätiger Hülfe ihr genahet ſein. Jetzt aber mied ein Jeder im Dorfe ihre Gegenwart und Nähe, und nur ſcheue oder finſtere Blicke fielen aus der Ferne auf ihre Hütte, in welcher ein Dieb, ein Mordbrenner und Mörder geboren worden war. Niemand trat zu ihr, den ſie hätte bitten können:„Herr, lehre mich beten!“— ſo daß ihr auch dieſe letzte und beſte Stärkung mangelte. „Vater,“ ſagte Jürgele, nachdem er die erſten Löffel voll Grütze verzehrt hatte—„ſahet Ihr vorhin den Näther⸗ Hans vorbeiführen? Zwiſchen den Pferden mußte er traben und keine Hand konnte er rühren, ſo feſt war er zuſammen⸗ gebunden.“ „Ich ſah ihn“— verſetzte Jackel—„und das Blut in den Adern ſtockte mir. Gott im Himmel! wer hätte das * in dem Jungen geſucht, der oftmals hier neben mir auf dieſer Bank geſeſſen und ſeinen Löffel in unſere Schüſſel getaucht hat!“ „Die arme Näther⸗Chriſte!“ ſprach Frau Jackel be⸗ 17. dauernd—„wie mag erſt ihr zu Muthe geweſen ſein „Sie ſtand“— erzählte Veronel—„als wir aus der Schule kamen, vor ihrem Hauſe und hielt ſich mit beiden Händen an der Thürpfoſte angeklammert. Ihr Jammern drang bis zu uns auf den Weg herüber.“ „Wenn mir ein gleiches Unglück widerführe!“— fuhr Frau Jackel fort—„mein Tod wär's auf der Stelle.“ „Der meinige ebenfalls“— ſagte Jackel.„Schau unſere vier Kinder an, Mutter!“ fuhr er mit bewegter Stimme fort—„wie wohlgeſtaltet und herzig ſie unſer Herrgott aus ſeiner Allmachtshand hat hervorgehen laſſen! Sollte aber eins von ihnen in Näther⸗Hanſens Fußſtapfen treten, ſo möchte ich es lieber jetzt ſchon unter der Erde wiſſen. Ja ich glaube, daß ich im Stande wäre, mein Kind ſelbſt umzubringen, dafern ich mit Gewißheit wüßte, daß es ſpäter ein Mörder würde.“ „Da ſei unſer Herrgott davor!“ rief die Mutter er⸗ ſchrocken aus. „Daſſelbe ſage ich auch“— erwiederte Jackel eifrig. „Wenn aber Abraham das Opfermeſſer ſogar gegen ſeinen einzigen und wohlgearteten Sohn zu zücken vermochte, wa⸗ rum ſollte da ein chriſtlicher Vater nicht Aehnliches thun können, wenn es zu ſeines Kindes ewigem Heile diente?“ „Ach!“ ſeufzte die Frau—„von einer Mutter hätte unſer Herrgott kein ſo ſchweres Opfer, wie von Abraham, 28 verlangt, denn eine ſolche hätte es nimmer bringen können. Bleibt ja immer rechtſchaffen, Kinder! und wandelt nicht die Wege der Gottloſen, damit ihr uns nicht vor der Zeit in die Grube ſtürzt.“ „Bete und arbeite! lautet mein Spruch“— ſprach Jackel.„Wer darnach handelt, an dem wagt ſich der Ver⸗ ſucher nicht. Bete und arbeite! ſage ich nochmals.“ Hier machte der kleine Hinz, welcher das väterliche Ge⸗ heiß— bete!— auf ſich bezog, ein ziemlich ſaueres Ge⸗ ſicht, weil er ſich noch nicht ganz ſatt im Grütze gegeſſen hatte. Dennoch legte er ſeinen Löffel hin, faltete die Hände und betete: „Wir loben dich und ſagen Dank, D Vater dir, für Speiſ' und Trank. Du wolleſt, fromm zu leben, Uns deine Gnade geben.“ „So war es eigentlich nicht gemeint, mein Junge!“ lächelte Jackel über des Kindes Mißverſtändniß—„und wenn du noch hungerig biſt, magſt du in Gottes Namen eſſen, ſelbſt nachdem du dein Gebet geſprochen haſt. Doch nicht nur eſſen und beten ſollſt du, ſondern auch arbeiten lernen trotz deiner Jugend. Und wenn du nichts weiter machſt, wie Fichten⸗ und Tannenzapfen aufleſen oder die Steine auf den Wieſen zuſammentragen.“ Nachdem die einfache Mahlzeit beendigt war, ſetzte ſich Jackel noch einige Stunden an ſeine Arbeit nieder, bis er endlich ſich wieder erhob, um ein Bündel fertiger Holzſchuhe nach Münſter hinabzutragen. Darauf hatten Veronel und Jürgele bereits mit Sehnſucht gewartet und kaum war der Vater fort, ſo nahm Jackel deſſen Stelle an der Schnitzbank ein, um aus zwei harten Holzſtücken ein paar Sohlen mit zwei Zoll hohen Abſätzen zu ſchnitzen, von denen er das Maaß nach des Vaters zurückgelaſſenen Holzſchuhen nahm. Veronel dagegen ſtrickte mit nicht geringerem Eifer, theils um dem Vater eine freudige Ueberraſchung zu bereiten, theils deſſen Aufforderung zur Arbeit Genüge zu leiſten. Erſt gegen Abend hörten die Geſchwiſter mit Arbeiten auf, um ſich in dem nahen Walde zu vergnügen. Ihnen an ſchloſſen ſich mehrere Schulkameraden und darunter auch Baſtian und Feuer⸗Hanſel. Der Buſch hallte wieder von dem lauten Gelächter, dem Schreien, Pfeifen, Rufen und Singen der fröhlichen Jngend, die noch nicht des Lebens Ernſt und Schattenſeiten kannte und nicht einmal für den andern Tag zu ſorgen gewohnt war. Dem nebelvollen Morgen war ein ſonnenheiterer Tag gefolgt und darum der Abend ſo mild und ſchön! Golden war die Sonne unter⸗ gegangen und balſamiſche Düfte hauchte der erwärmte Wald von ſich. Gierig ſog die Lunge den kräftigenden Harzge⸗ ruch ein, und leichthüpfend, wie harmloſe Lämmer, kehrte das junge Völkchen zurück, nicht ohne ſich mit Pilzen und Schwämmen, mit Tannen— und Fichtenzapfen, mit Reißholz und Töpfen voll ſchwarzblauer Heidelbeeren beladen zu haben. Die ganze Schaar aber glich mit ihren blauge⸗ ſchwärzten Lippen, Wangen und Händen einem aus der heißen Schlacht heimkehrenden Kriegerhaufen, der die zahl⸗ reich verſchoſſenen Kugelpatronen mit ſeinen Zähnen ſchieß⸗ gerecht aufgebiſſen hat. Doch nicht freudiger Siegesjubel oder kühner Schlachtgeſang ertönte von dem Munde des 30 munteren Häufleins, ſondern Jürgele hatte mit heller Stimme das linde Lied angeſtimmt, mit deſſen erſtem Verſe der Schulmeiſter ſeinen heutigen Morgenunterricht geſchloſ⸗ ſen, und der ganze Chor war dann in die einge⸗ fallen:„Ueb' immer Treu und Redlichkeit— Und als die friſchen Stimmen aus dem grünen Walde heraustönten und das liebe Liedlein ſeine ſchönen Stro⸗ phen über das friedlich ruhende Dörflein ausſchüttete und dazu die Glöcklein der weidenden Ziegen ſilbern erklangen: da gingen den aufhorchenden Alten und Jüngeren im Orte die Herzen weit auf, und wer von ihnen das Lied nicht laut nachſang oder brummte, ſang es wenigſtens in ſeinem Her⸗ zen mit. In der Andacht, welche ſich der jugendlichen Wald⸗ ſänger bemeiſtert hatte, überſahen dieſelben, daß ſie an der Hütte der unglücklichen Näther⸗Chriſte vorüberkamen. Eben ſangen ſie des Liedes Schlußvers: „Dann ſegnen Enkel deine Gruft und weinen Thränen d'rauf, und Sommerblumen, voll von Duft, blüh'n aus den Thränen auf.“ Die Kinder hatten nicht die leiſeſte Ahnung von der Wirkung, die dieſe Worte auf die Mutter des Verbrechers hervorbrachten. Jedes derſelben wurde für dieſelbe zu einem Dolchſtiche, zu einem Marterwerkzeuge der grauſam⸗ ſten Art, das ihr Inneres zerfleiſchte. Die Aermſte mußte ſich's ſelbſt geſtehen, daß nur Flüche, ſtatt Segnungen ihr in die ſtille Gruft nachfolgen würden, daß höchſtens Thrä⸗ nen des Kummers und des Haſſes, geweint von den duri ihren Sohn in Trauer und Schaden geſetzten Menſchen auf 31 ihr Grab fallen und Giftgewächſe an der Stelle ſüßduften⸗ der Sommerblumen darauf hervorkeimen würden. Sie vermochte nicht länger das Lied mit anzuhören, das noch immer in ihren Ohren forttönte, nachdem es längſt verhallt war. Laut ſchluchzend, in wildes Geheul zuletzt ausbrechend, entrann das unglückliche Weib durch die Hinterthüre ihrer Hütte. Wie wenn ſie von Hetzhunden verfolgt und gejagt würde, eilte ſie mit beflügelten Sprüngen davon. Keuchend rannte ſie über Wieſen und Accker, durch Haidegeſtrüpp und Erlenbüſche, ein Ziel, einen Ort unabläſſig vor ihren Augen habend, wo ſie Ruhe und Erlöſung von ihrer namenloſen Qual zu finden hoffte. Die unglückliche Mutter! Das dritte Kapitel. Ein Begräbniß. In der Nacht, welche auf den vorher beſchriebenen Tag folgte, erwachte der Schulmeiſter von Lug, Jeremias Beier, aus dem Schlafe. Er hatte unruhig und zwar ſehr natür⸗ lich von dem eingefangenen Räuber, dem Näther⸗Hans, ge⸗ träumt. Der Vollmond draußen am nächtlichen Himmel warf ſein bläuliches Licht durch des Schlafkämmerleins kleines Fenſter auf das Lager des Schulmeiſters und malte ein ſchwarzes Kreuz, den Schatten des Fenſters, auf das Deckbett. Zugleich war's dem alten Mann, als ſchaue ein bleiches Frauenantlitz durch das Fenſter herein und wim⸗ mere in kläglichen Tönen. „Dummes Zeug!“ murmelte Beier—„Was ſollte die Näther⸗-Chriſte jetzt hier wollen? Ein Schatten iſt's, der mich foppt, und dazu eine Katze, welche mir ein Ständ⸗ chen bringt.“ Der Schulmeiſter wendete ſein Antlitz nach der Wand ab, allein das Bild der unglücklichen Mutter wollte nicht vor ſeinen Augen verwiſchen. Lange noch blieb der Schul⸗ meiſter wach und entſchlief erſt ſpäter wieder unter einem guten, chriſtlichen Vorſatz. Als am Morgen die Sonne den bleichen Mond ver⸗ drängt hatte und ihre golden funkelnden Strahlen dem Schulmeiſter gerade in's Angeſicht leuchteten, erwachte dieſer und kleidete ſich an. Sonderbar! ſtatt des frommen Dank⸗ gefühls, das der Schulmeiſter an jedem Morgen in ein from⸗ mes Morgengebet einkleidete, konnte er jene Strophe aus dem wohlbekannten Trinklieder„Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher“, nicht aus dem Sinne bringen, welche lautet:„Und wüßten wir, wo Einer traurig läge: wir brächten ihm den Wein.“ Wohl wußte der Schulmeiſter nicht Einen, ſondern Eine, welche traurig lag oder vielleicht gar nicht zur Ruhe und zum Liegen kommen konnte. Frei⸗ lich mangelte ihm der Wein; allein er beſaß dafür eine an⸗ dere Gabe, welche ungleich beſſer und ſtärkender war als ein Becher des älteſten und theuerſten Weins. Das arme Walddörflein Lug beſaß weder Kirche noch Pfarre. Darum erachtete ſich der Schulmeiſter Beier als * 33 den geiſtlichen Hirten nicht nur der Schuljugend, ſondern auch der geſammten Bewohner ſeines Orts. Indem er ſich fertig machte, der Mutter des Verbrechers einen frühen Morgenbeſuch abzuſtatten und ſie mit dem Troſt des gläu⸗ bigen Chriſten zu erquicken, ſagte er ſich im Stillen bittere Vorwürfe darüber, daß er ſich erſt durch einen böſen Traum und etliche ſchlafloſe Stunden an die Ausübung ſeiner Be⸗ rufspflicht hatte mahnen laſſen. Der alte Mann verſtand kein Lateiniſch, konnte daher auch das Sprüchwort nicht: „Bis dat, qui cito dat.“ Aber er wußte, was der Hei⸗ land zu ſeinem Verräther geſprochen und dieſer im böſen Sinne verſtanden und befolgt hatte:„Was du thun willſt, das thue bald.“ Dieſer Spruch machte, daß Beier ſeine Schritte nach der Hütte der Näther⸗Chriſtel mehr und mehr beſchleunigte, ſo daß er ganz erhitzt vor derſelben anlangte. Als auf ſein Anpochen weder geöffnet noch„herein“ gerufen wurde, klinkte Beier die nicht verriegelte Hausthüre auf. Nichts rührte ſich in der ganzen Hütte. Leer war die Stube und unberührt das ärmliche Lager ihrer Bewohnerin. „Ich habe mir's gedacht“— ſeufzte der Schulmeiſter— „daß die ärmſte Mutter ihr Dornenlager nicht beſteigen ge⸗ konnt hat. Wo mag ſie ſein?“ Und er rief laut und wiederholt nach der Näther⸗Chriſtel in alle vier Winde aus. Endlich trat er nach fruchtloſen Bemühungen den Heim⸗ weg an. „Was du heute thun kannſt“— ſprach er mit ſich un⸗ zufrieden—„das verſchiebe nicht auf morgen. Unſer Herr⸗ gott verhüte, daß weiteres Unheil geſchehe.“ Nieritz, Stern, Stab und Pfeife. 3 3 34 „Hat Jemand von euch“— fragte der Schulmeiſter ſpäter ſeine verſammelte Schülerſchaar—„die Näther⸗ Chriſtel dieſen Morgen geſehen? Weiß niemand, wo ſie iſt?“ Ein gemeinſames, verneinendes Kopfſchütteln war die Anwort auf dieſe Fragen. „Habt ihr ſie auch geſtern nicht zu Geſicht bekommen?“ fragte Beier mit innerer Angſt weiter. „Als wir aus der Schule heimgingen“— antwortete Jürgele—„lehnte die Näther-Chriſtel mit dem Geſicht gegen ihre Thürpfoſte und ſchluchzte grauſam. Das war noch Vormittags. Später haben wir ſie nicht wieder erblickt.“ „Ich habe ſie geſehen“— hob ein kleines Mädchen an—„am ſpäten Abend noch. Da lief ſie wie be⸗ ſeſſen den Lerchenhügel hinan und immer weiter durch das Hedrich.“ Dieſe Nachricht vermehrte des Schulmeiſters Beſorgniß im hohen Grade, und wenn er heute ſeinen Unterricht in ſichtlicher Zerſtreuung ertheilte, ſo durfte das Niemanden verwundern. Daß Beier's ſchlimme Vermuthung nicht ohne Grund geweſen war, zeigte ſich ſchon des andern Tages, als das Geſchrei durch's Dörflein erſcholl:„Die Näther⸗Chriſtel liegt ertränkt im Unkenloche!“ Dieſes ſo⸗ genannte Unkenloch war ein tiefer Waſſertümpel, von ge⸗ ringem Umfange, der am halben Abhange des Gebirgkam⸗ mes lag und ſeinen Zufluß von deſſen zahlreichen Quellen empfing. Da ein ſolcher Vorfall zu den allerſeltenſten im Dörfchen * 35 gehörte, ſo ſtrömte deſſen geſammte Bewohnerſchaft hinaus, um den Thatbeſtand mit eigenen Augen zu ſchauen. Der Leichnam der armen Frau war bereits auf Veranſtaltung der Ortsgerichte an das Ufer gebracht und von dem Ge⸗ richts arzt als völlig entſeelt befunden worden. Jetzt han⸗ delte ſich's nur noch um das Begräbniß des Leichnams, über deſſen Art und Weiſe ſich ein lebhafter Streit unter Lug's Bewohnern entſpann. „Wozu noch lange Federleſens machen?“ rief endlich der Schulze aus.„Es wird ein Loch neben dem Unken⸗ loche gegraben, die Leiche hineingeſchleift und eingeſcharrt.“ „Ja, ja, ſo iſt's recht!“ riefen die Männer aus.„Holt Schaufeln und Erdhauen herbei!“ „Nicht alſo, meine Freunde!“ ſprach der ſ. welcher ſich unter den Anweſenden befand und jenen Aus⸗ ſpruch mit Trauer vernommen hatte.„Sollten wir dieſes unglückliche Weib, das unſere Nachbarin und eine Chriſtin war, gleich einem todten Hund behandeln wollen? Das ſei fern von uns! Denn wer unter uns ſchätzte wohl nicht ein ehrliches und chriſtliches Begräbniß in geweihter Erde als das letzte aller irdiſchen Güter, das uns die Nächſtenliebe noch im Tode ſchenken kann?“ „Ein Selbſtmörder verdient kein ehrliches Begräbniß“ — rief der Schulze hitzig aus—„ſondern muß eben wie ein todter Hund verſcharrt werden, damit ſich Andere ein Exempel daran nehmen.“ „Wer hat Euch, Nachbar Fehrmann, zum Nachrichter über die Todte geſetzt?“ fragte Beier ſanft.„Wir ſind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den wir vor 3* 36 Gott haben ſollen. Hat die Todte geſündigt, ſo wird ſie unſer Herrgott richten, welcher Herz und Nieren kennt. Wer aber von uns will wiſſen, ob die Todte bei Verſtande war, als ſie in das Waſſer ſprang? Ich habe den Aus⸗ ſpruch eines großen Dichters einſt geleſen, welcher ſagt: Wer über gewiſſe Dinge nicht den Verſtand verliert, der hat keinen zu verlieren. Ich heiße den Selbſtmord der Näther⸗Chriſtel nicht gut, aber entſchuldige ihn unter den obwaltenden Umſtänden. Sie hat ſich ſelbſt nicht getödtet, ſondern der Gram und die Verzweiflung über ihren miß⸗ rathenen Sohn. Denkt Euch nur in ihre unglückliche Lage und dann werfe den erſten Stein auf ſie, der ſich ohne Sünde weiß.“ „Sparet Eure Lunge für Eure Schule auf, Schul⸗ meiſter!“ hob der grobe Holzhauer Siegel an—„Ihr be⸗ kehrt uns doch nimmer. Die Näther⸗Chriſte darf kein ehr⸗ liches Begräbniß haben und wenn Ihr Euch auf den Kopf ſtellet. So iſt's von jeher Sitte bei uns geweſen und alſo ſoll es auch bleiben.“ „Darüber hat unſere Obrigkeit zu entſcheiden, die ich in dieſer Angelegenheit anrufen werde“— erwiederte der Schulmeiſter mit Feſtigkeit.„Doch, liebe Nachbarn“— fuhr er zu der Menge bittend fort—„wenn die Liebe euch nicht bewegen kann, chriſtlich gegen die Todte zu handeln, ſo thut es vielleicht die Furcht, indem ich euch zu bedenken gebe, welcher Gefahr ihr euch ſelbſt und unſer Dörflein ausſetzt, dafern der ſchlimme Näther⸗Hans aus ſeinem Ker⸗ ker brechen und erfahren ſollte, wie ſchimpflich ihr mit ſeiner todten Mutter verfahren habt. Es können auch wohl die 37 übrigen Mitglieder ſeiner Bande zu Racheengeln an uns werden. Laßt uns wenigſtens klüglich handeln wie die Schlangen!“ „Oho!“ lachte Siegel höhniſch auf—„vor dem Näther⸗ Hans ſind wir ſicher. Der ſitzt hinter dicken Mauern und in feſte Eiſenketten gefeſſelt. Und ſeine Bande hat genug für ihre eigene Sicherheit zu ſorgen, als daß ſie ſich noch nebenbei um uns groß kümmern könnte.“ „Fünf und dreißig Jahre wohne und lehre ich bereits unter euch“— ſprach der Schulmeiſter in tiefer Bewegung— „und die Meiſten von euch haben zu meinen Füßen geſeſſen und aus meinem ſchwachen Munde die Liebesworte unſers Heilandes vernommen, der da ſpricht: Mit dem Maaße, womit ihr meſſet, wird man euch wieder meſſen. Gilt denn die Bitte eures alten Lehrers gar nichts vor euch, daß ſie nicht einmal im Stande iſt, ein feſtgewurzeltes Vorurtheil zu erſchüttern?“ „Eingeſcharrt hier wird die Selbſtmörderin!“ ſchrie Siegel, als der Schulmeiſter ſchwieg und fragend auf ſeine Zuhörer blickte. „Ich habe“— begann Beier wieder—„da ich Nie⸗ mand nach meinem Tode hinterlaſſe, vor Jahren ſchon mei⸗ nen Sarg zimmern laſſen, den ich in meiner Wohnung ſtehen habe. Denſelben helft mir herbeiholen und die Todte hineinbetten. Das Andere will ich allein beſorgen.“ Da war's nicht anders, als würde dieſe Aufforderung zu einem Wirbelwinde, welcher die Anweſenden nach allen Richtungen auseinander und davontrieb. „Jackel, Jackel!“ rief der Schulmeiſter ſchmerzvoll dem * ½ 38 gleichfalls das Haſenpanier ergreifenden Holzſchuhmacher zu—„Ihr ſeid ſonſt ein ſo aufgeklärter und vernünftiger Mann, viel in der Welt herumgekommen und darum nicht hier verſauert wie die Andern. Wollt auch Ihr Eure Hand nicht zu einem chriſtlichen Werke hergeben? He, Peterle, ſeid Ihr auch nicht vernünftiger wie Eure Beſen? Und Ihr, Wacholder-Feuerig, habt Ihr gleichfalls Euern Aberglau⸗ ben nicht mit Euerm Wacholderſaft zugleich auf den Jahr⸗ märkten verhandelt, daß Ihr mich im Stiche laßt?“ Der Schulmeiſter predigte tauben Ohren und darum legte er ſeine beiden Hände über ſeine Augen, welche ſich mitt heißen Zähren des Schmerzes und der Trauer füllten. Als er nach einer Weile wieder aufblickte, ſah er die Todte vor ſich liegen und von der ganzen Volksmenge Niemanden weiter in ſeiner Nähe, als drei ſeiner Schüler, die ihren Schulmeiſter voll tiefer Theilnahme betrachteten. Es waren Jürgele, Baſtian und Hanſel. „Was wollt ihr noch hier?“ redete Beier das Kleeblatt mit Bitterkeit an—„Eures verhöhnten Schulmeiſters ſpotten? Geht, geht und tretet in die Fußſtapfen derer dort!“ Er deutete auf die flüchtigen Ausreißer hin. „Helfen wollen wir Euch, Herr Schulmeiſter!“ er⸗ wiederte Jürgele feuerig.„Sagt uns nur, was wir thun ſollen.“ „Drei ſchwere Körner unter ſo vieler Spreu!“ mur⸗ melte der Schulmeiſter vor ſich hin.„Dank dir dafür, lieber Herrgott! So iſt meine Rede doch nicht ganz auf harten Felſengrund gefallen! Aber, ihr guten Jungen!“ fuhr er lauter fort—„werden eure Aeltern euch nicht züch⸗ * „ 39 tigen, wenn ihr mir hülfreiche Hand leiſtet, um der Erde zurückzugeben, was von ihr genommen iſt? Um keinen Preis möchte ich euch für eure Liebe eine Wehthat zuziehen.“ „Darum ſorgt Euch nicht, Herr Schulmeiſter“— ant⸗ wortete Jürgele—„ſondern ſagt uns, was Ihr von uns verlanget.“ „So wartet hier, bis ich mit dem Sarge zurückkehre“— ſprach Beier—„Werdet ihr euch aber überwinden können, die Leiche anzufaſſen und in den Sarg betten zu helfen?“ „Wenn Ihr es könnt, Herr Schulmeiſter“— erwie⸗ derte Jürgele—„ſo werden wir uns auch nicht dagegen ſperren.“ Abermals erwies das Beiſpiel ſich tin als das bloße Wort! Als der greiſe Schulmeiſter mit auf einen nSchiebe⸗ bock geladenen Sarge polternd durch das Dörflein fuhr, ſo lauſchten deſſen Bewohner hinter Thüren, Fenſtern und Lucken neugierig hervor. Manchen von ihnen überkam ein Gefühl von Scham bei dieſem Anblick, aber das mächtige Vorurtheil drängte dieſes beſſere Gefühl wieder zurück. Unter dem Beiſtand der drei Knaben, welche herzhaft zugriffen, als ſie ſolches von ihrem Schulmeiſter thun ſahen, wurde die Leiche in den Sarg gebettet, deſſen Schwere auf dem Schiebebock von dem Schulmeiſter geprüft wurde. „Habt ſchönen Dank für eure Hülfe, ihr guten Jungen, und ein Gotteslohn dazu!“ ſprach Beier, indem er ſich zum Fortfahren des Schiebebocks anſchickte. „Wohin wollt Ihr mit der Leiche?“ fragte Fsrgele⸗ der den Sprecher des Dreiblatts machte. „ 40 „Nach Münſter, mein Junge!“ erwiederte Beier— „wo die Leute hoffentlich vernünftiger ſein und der unglück⸗ lichen Näther⸗Chriſtel wenigſtens ein Ruheplätzchen an der Kirchhofmauer gönnen werden. Es iſt ja auch geweihetes Land und die Erde überall des Herrn.“ „Ihr habt ein Stündchen faſt weit zu fahren“— meinte Jürgele nachdenklich—„und der Weg dahin iſt ſehr übel. Darum wollen wir Euch helfen ziehen und ſchieben. Seht, da iſt ja ſchon ein Strick vorn angeknüpft. Das paßt prächtig.“ „Aber es können an die drei Stunden bis zu unſerer Heimkehr vergehen“— wendete der Schulmeiſter ein. „Ei, wir ſind ſchon länger müßig im Walde herumge⸗ ſtrichen“— lächelte Jürgele—„und haben juſt heute nichts zu verſäumen.“ 3 Nach dieſen Worten wickelte Jürgele den zuſammenge⸗ 3 rollten Strick am Vorderende des Schiebebocks auf und der⸗ ſelbe war lang genug, daß alle drei Knaben ſich daran ſpannen konnten. Sie nahmen ſich aus wie Schiffszieher, die ein Fahrzeug ſtromaufwärts führen, und zogen ſo kräf⸗ tig, daß der Schulmeiſter wiederholt zu minderer Eile er⸗ mahnen mußte. Dabei hüpfte ihm aber das Herz im Leibe vor großer Freude über ſeine wackern Kutſchpferde und Schüler. „Das iſt für mich Manna in der Wüſte!“ ſprach er zu ſich ſelbſt—„und mein Wirken doch nicht ganz vergebens geweſen. Gott ſegne die lieben Jungen dafür und erhalte ſie auf dem guten Wege, den ſie eingeſchlagen haben. Ich denke doch, daß keiner von ihnen ſpäter zu einem Näther⸗ * * 41 Hans ſich umwandeln und dieſer die einzige Giftwurzel unter meinen Schülern ſein und bleiben werde.“ Als ſpäter der Schulmeiſter ſeinen Helfern„Halt“ gebot und er, um ſich auszuruhen, den Schiebebock nie⸗ derſetzte, hob Jürgele an:„Nun laßt mich den Schiebebock ſchieben, Herr Schulmeiſter! Wir werden ohne Euch ſchon ein Stück vorwärts kommen. Die ſchlimmſten Stellen haben wir ja nun überſtanden.“ Des Schulmeiſters Gegenrede half nichts; er mußte ſich dem Willen der drei Knaben fügen, welche ohne Beier's Beihülfe den Schiebebock mit ſeiner Laſt noch über die Hälfte des Weges weiter förderten, auch nicht zugaben, daß der Schulmeiſter ſelbſt mit dem Leichnam in dem Kirchdorfe Münſter einfuhr, was bereits nach eingebrochener Dämme⸗ rung und ohne Aufſehen zu erregen, geſchah. Ebenſo un⸗ bemerkt und ungehindert ging das ſtille Begräbniß der un⸗ glücklichen Frau vor ſich, welchem außer dem Pfarrer, Schulmeiſter und Todtengräber von Münſter noch diejenigen beiwohnten, welche den Sarg mit dem Leichnam herzuge⸗ ſchafft hatten. Nachdem die traurige Arbeit beendigt und von den Anweſenden ein ſtilles Gebet für die Begrabene geſprochen worden war, fühlte ſich der Schulmeiſter von Lug einer ſchwerdrückenden Laſt enthoben, die ihm wegen ſeines verſpäteten Beſuchs der armen Frau Näther auf dem Herzen gelegen hatte. Auf dem Heimwege dankte Beier ſeinen drei Schülern für ihre, ihm und der Selbſtmörderin bewieſene Liebe, und belohnte die Knaben durch das Lob ihrer chriſtlichen Geſin⸗ nung. Hierauf aber fügte er hinzu: * 42 „Um euch nicht dem Spott und Hohne eurer Mitſchüler oder unverſtändiger Leute in Lug auszuſetzen, würdet ihr gut thun, euern Beiſtand, den ihr mir ſpeben geleiſtet habt, zu verſchweigen. Ihr braucht darum Niemand zu belügen, ſondern könnt, dafern man euch deshalb befragen ſollte, einfach die Antwort ertheilen, daß ihr mir allerdings bei der Beerdigung der Näther⸗Chriſtel geholfen hättet. Wo und wie das Begräbniß ſtattgefunden habe, behalten wir für uns.“ Als die Heimkehrenden vor Lug anlangten, hob der Schulmeiſter wieder zu ſeinen Begleitern an:„Wenn euch bange ſein ſollte, daß ihr wegen eurer Gutthat von euern Aeltern übel empfangen werden könntet, ſo will ich euch heimbringen und euer Fürſprecher werden.“ verſetzten die Knaben lächelnd—„be⸗ müht Euch nicht um unſertwillen, Herr Schulmeiſter! Wenn's ja einen Schmiß oder Raps ſetzen ſollte, ſo hat das nichts auf ſich und find wir ſchon gewohnt. Adjes, Herr Schulmeiſter!“ „Wackere Jungen das!“ lobte Beier, nachdem er jedem von ihnen die Hand gedrückt hatte und jetzt ſeinen Weg allein fortſetzte.„Sie verſprechen einſt das Salz von Lug zu werden. Unſer Herrgott erhalte ſie auf rechter Bahn!“ Jürgele war der Erſte, welcher grüßend vor die Seinen hintrat. Jackel ſchuſterte noch bei dem flackernden Scheine eines aufgeſteckten Holzſpanes und ſein Weib kleidete ihre beiden Kleinen aus, um ſie zu Bett zu ſchaffen. „Warum kommſt du ſo ſpät erſt heim?“ fragte Jackel 43 mit finſterer Miene ſeinen Sohn.„Was haſt du indeß getrieben?“ „Ich habe unſerm Herrn Schulmeiſter geholfen“— verſetzte Jürgele und blickte ſeinen Vater mit einem ſo freu⸗ dig und hell blitzenden Augenpaare an, daß dieſer vor ſolchem Leuchten das ſeinige niederſchlagen mußte. „Du hätteſt etwas Geſcheidteres thun können, als dem Schinder in's Handwerk zu greifen“— ſprach Jackel unmuthig. „Erinnert Euch, Vater!“ erwiederte Jürgele ruhig— „daß Ihr mir und der Veronel wiederholt geſagt habt, wie unſer Herr Schulmeiſter der geſcheidteſte Mann im ganzen Dorfe wäre und wir deshalb ſeinen Worten genau zu folgen hätten. Was der Schinder treibt, weiß ich nicht, wohl aber, was der Herr Schulmeiſter vorhin für ein chriſt⸗ liches Werk ausgegeben hat. Ihr wißt, was ich damit meine, Vater! Wollt Ihr mir aber, weil ich unſerm Herrn Schulmeiſter den Willen gethan habe, etliche Schmiſſe ver⸗ abreichen, ſo gebt ſie her in Gottes Namen. Die Apoſtel Petrus und Johannes waren fröhlich, da ſie um Chriſti willen Streiche leiden mußten, und ich denke auch nicht groß zu weinen, wenn ich um unſers Herrn Schulmeiſters willen Eure Fauſt oder das Holzſtück in Eurer Hand zu fühlen bekomme.“ „Thut dem Jürgele nichts, Vater!“ bat Veronel. „Hätte er Unrecht gethan, würde er nicht ſo freudig da⸗ ſtehen, ſondern ganz anders die Ohren einziehen. Wär' ich ein Junge, ſo hätt' ich's gemacht wie er. Gar nahe an's Herz ging's mir, als ich unſern Herrn Schulmeiſter 44 ſo beweglich und gleichwohl ſo vergeblich die Leute bitten hörte, wegen der armen Räther⸗ Chriſtel. Ihr hättet ſie damals ſehen ſollen, da ſie ſich an ihrer Thürpfoſte anklam⸗ merte und weinte, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen.“ „Schweigt endlich von der Selbſtmörderin!“ rief Jackel ärgerlich—„Sonſt quält ſie einen noch im Traume und verdirbt Einem die Ruhe.“ Damit war die Sache abgethan. In der Nacht träumte dem Holzſchuhmacher wirklich von der Näther⸗Chriſtel. Dieſe verfolgte Jackel auf allen ſeinen Tritten und Schritten und begehrte von ihm mit heiſerer Stimme, eingeſargt und ehr⸗ lich begraben zu werden. Deſto ſüßer und feſter ſchlief Jürgele, dem ſein ruhiges Gewiſſen ein ſanftes Ruhekiſſen unter das Haupt geſchoben hatte. Als er am Morgen auf dem Wege nach der Schule mit Baſtian und Feuer⸗Hanſel zuſammentraf, fragte er die beiden Knaben: „Nun, welchen Willkommen ſetzte es bei euch geſtern Abend? Bei nir blitzte es, doch ohne einzuſchlagen.“ „Von meinem Vater“— ſprach Baſtian—„bekam ich eine geſalzene Kopfnuß und von meiner Mutter eine fette Quargbemme, die mir herrlich ſchmeckte.“ „Und ich“— ſagte Feuer⸗Hanſel—„mußte eine Hand⸗ voll bittrer Wacholderbeeren kauen— brrr!— weil ich eine Leiche angegriffen hätte, ſagte meine Mutter. Was mein Vater in den Bart brummte, verſtand ich nicht.“ „Das zu hören, wird unſerm Herrn Schulmeiſter lieb 6 ſein“— verſetzte Jürgele.„Noch eins aber! Sollte unſere Todtengräberei im Dorfe ruchbar werden und uns die * 43 übrigen Schuljungen deswegen verhöhnen wollen, ſo müſſen wir drei feſt zuſammenhalten und die Läſtermäuler mit un⸗ ſern Fäuſten ſo lange zudecken, bis ſie ſchweigen werden. Darauf wollen wir uns jetzt die Hände geben.“ Ohne ſich zu beſinnen, ſchlug Feuer⸗Hanſel in Jürgele's hergehaltene Hand ein. Der friedfertige Baſtian dagegen verweigerte den Handſchlag und erklärte, daß er lieber Un⸗ recht leiden als Unrecht thun wolle. 1 Zum Glück für des Dörſchens Frieden blieb die Be⸗ theiligung der drei Knaben an der Beerdigung der Näther⸗ Chriſtel den übrigen Lugern verborgen, indem ſowohl Jackel, als auch Peterle und Feuerig nebſt den Ihrigen ſich weislich hüteten, von der ihnen ärgerlichen Geſchichte etwas verlauten zu laſſen. Das vierte Kapitel. Ein Ausſlug. Die Menſchen düngen, pflügen, ſäen und pflanzen. Gott der Herr aber muß das Gedeihen dazu geben, wenn der Säemann und Pflanzer eine reiche Aerndte halten will. Solches ſehen wir unter Anderem an der Kartoffel, die dem Steine gleicht, der erſt von den Bauleuten verworfen, ſpäter aber zum Eckſteine geworden iſt. Seit einer Reihe von Jahren ſchon verweigert dieſes Brot und Labſal des Armen 46 ſeinen Erbauern den vormaligen, reichen Segen, und es verhält ſich mit der Fäulniß, welche alljährlich die Kartoffel heimſucht und ungenießbar macht, wie mit dem kleinen Bohr⸗ wurme, der vor Zeiten in zahlloſer Menge die hölzernen Bollwerke Hollands gegen das verheerende Weltmeer— die hoch aufgeführten, gewaltigen Dämme— zernagte und das große Land dem ſündfluthlichen Untergange entgegen zu führen drohte. Die hunderttauſend Thaler, welche auf die Entdeckung eines Zerſtörungsmittels dieſes Würmleins geſetzt waren, blieben nothgedrungen unausgezahlt, trotz den unzählichen Verſuchen der geldgierigen Menge, bis end⸗ lich die ſchlimme Landplage von ſelbſt verging. Derſelbe Menſch, welcher den electriſchen Blitz zu ſeiner Schnellpoſt erniedrigt, ja alle Elemente zu ſeinen gehorſamen Dienern zu machen verſtanden hat, ſieht ſich außer Stande, der Kar⸗ toffelfäule wie dem kleinen, mit bloßen Augen nicht zu un⸗ terſcheidenden Pilze zu wehren, welcher die Weinreben und Weintrauben überzieht und die Weintrinker in Verzweiflung zu ſtürzen droht. Sollte eine ähnliche Landplage noch über die Getraidefrüchte hereinbrechen, ſo blieb uns Menſchen⸗ kindern nichts übrig als das Sterbehemd anzulegen und den Herrn um ein ſeliges und ſchnelles Ende anzuflehen. Iſt es doch jetzt ſchon ſo weit gekommen, daß, wenn die Ge⸗ traidehalme der Körner etliche weniger ſchütten, eine ſchwere Theuerung die Länder heimſucht und der Kornwucher dazu das Elend auf den höchſten Gipfel erhebt. Ein ſolches Jahr war dasjenige, in deſſen Sommermonaten die vorhin be⸗ ſchriebenen Dinge in dem Dörſchen Lug ſich ereigneten⸗ In den armen, unfruchtbaren Gebirgsörtern wird die 47 Theuerung dann zur Hungersnoth und das Brot zu einer Seltenheit, zu einem Leckerbiſſen und einer faſt unerſchwing⸗ lichen Waare. Als mit dem Ausgang des Sommers ſich der Ausfall der geringeren Aerndte kund gab, begann der Mangel ſammt der Nahrungsloſigkeit in Lug einzuziehen. Weil der Fuß leichter ſich an die Kälte gewöhnt, als der ungeſtüm mah⸗ nende Magen an den Hunger, ſo gingen die Leute jetzt bis tief in den Winter hinein barfuß oder ſchnitzelten und ſtichelten ſich ſelbſt die nöthige Fußbekleidung herbei. Weil der Magen wie rein ausgekehrt war, ſo wendeten die Leute ihre paar Dreier und Pfennige lieber an das Eſſen als an die Beſen, daher Peterle ebenſowenig jetzt vereinnahmte wie Jackel, der Holzſchuſter. Der Hochwald um Lug herum war, der zu ſchaffenden Eiſenbahnſchwellen wegen, gewaltig licht und der weitere Holzſchlag deshalb ausgeſetzt worden. Daher feierten Feuerig's Holzart und Bügelſäge, und was den Wacholderſafthandel anbelangte, ſo begehrte ſelten Je⸗ mand dieſer entbehrlichen Waare, ſelbſt die Branntwein⸗ brenner nicht, weil ihnen das Brennen unterſagt war. Aus dieſem Grunde ſah man jetzt in Lug wenig freundliche, wohl aber deſtomehr bekümmerte und mit tiefen Sorgenfalten ver⸗ ſehene Geſichter. Selbſt die leichtſinnige und ſonſt ſorgen⸗ loſe Jugend ſchlich ſtiller zwiſchen den Hütten dahin oder nach dem Schulhauſe. Erſt waren die fetten, weißen Quarg⸗ überzüge von den dicken Brotbemmen verſchwunden, dann dieſe ſelbſt immer dünner und kleiner geworden, bis zuletzt gekochte und obendrein ſchliffige Kartoffeln an die Stelle der Bemmen getreten. Der Wald, welcher mit ſeinen verſchie⸗ 48 denen Beerenarten, Schwämmen, Pilzen, Eicheln und Buch⸗ eckern während des Sommers eine faſt unerſchöpfliche Nah⸗ rungsgquelle für die Jugend geweſen war, zog mit dem Nahen der rauhen Jahreszeit ſeine helfende Hand zurück und ſpendete höchſtens noch das erforderliche Wärme⸗ und Heizungsmittel. Mit bangen Sorgen ſtanden der Fami⸗ lienvater und die Familienmutter am Morgen auf, um ſich mit noch bängeren Sorgen des Abends wieder nieder⸗ zulegen. „Jürgele!“ ſprach Jackel eines Tages zu ſeinem, neben ihm Holzſohlen ſchnitzenden Sohn—„wir müſſen mit un⸗ ſerer Waare weiter hinab in's Niederland fahren, wo die Leute noch mehr Moos beſitzen und weniger an die Kälte gewöhnt ſind als hier bei uns oben. Wenn wir ſo glück⸗ lich wären, alle unſere Schuhe und Pantoffeln abzuſetzen, ſo könnten wir mit einem großen Sacke voll Kartoffeln heimkehren und dann getroſteren Herzens dem weißen Schnee⸗ manne entgegenſehen.“ „Ja, Vater! das wollen wir machen“— erwiederte Jürgele, und ein Freudenſtrahl erhellte ſein ernſtes und etwas mager gewordenes Antlitz. „Sieh den mächtigen Beſenhaufen an, Baſtiänel!“ hob zu derſelben Stunde der Beſenbinder Peterle zu ſeinem jungen Beſenbindergehülfen an, der jetzt ſeinen richtigen Beſen ſo gut zu binden verſtand wie ein Alter—„wenn dieſe Beſen doch ſchon als blanke Kreuzerſtücke in meinem Beutel auf einen ganz kleinen Haufen zuſammengekrochen wären! Baſtiänel, wir müſſen uns dahin wenden, wo noch 3 die Reinlichkeit und täglich ausgekehrte Stuben zu finden * † 49 ſind, wo man Beſen als unnütze Stumpfe in den Ofen ſchiebt, die bei uns noch lange kehren müſſen, wo endlich die Leute noch etwas Angeres eſſen und trinken, als fau⸗ lende Kartoffeln und kaltes Quellwaſſer. Unten am Rheine giebts noch Butter zum richtigen Brote und ein Stück kräf⸗ tiges Fleiſch im Topfe wie in der Schüſſel. Das Anſehen haben wir umſonſt, und ſchon der Geruch davon ſtärkt wun⸗ derbar. Ziehſt du mit, Baſtiänel, und zwar vor meinem Schiebebock geſpannt?“ „O wie gern, Vater!“ ſprach Baſtiänel und ſchmun⸗ zelte, glücklich ſchon im Gedanken, auf ſein Beſengerippe nieder, das in den nächſten Minuten ſchon als gelungenes und vollendetes Kunſtwerk aus ſeinen Händen hervorgehen ſollte. „Hanſel!“ſchrie Feurig's, des Holzhauers rauhe Stimme, ſeinem Söhnlein zu, welches vor der Hütte mit ſeinen bei⸗ den jüngeren Schweſtern ſpielte—„komm' herein und höre, was ich dir zu ſagen habe. Nichtwahr, Junge!“ fuhr er zu dem Knaben fort, als dieſer vor ihm ſtand—„die Kar⸗ toffeln ſchmecken immer noch beſſer, obgleich ſie, leider Gottes, ſchlifſig genug ſind, als reife Wacholderbeeren? Und Kartoffelmus beſſer wie Wacholderbeermus? Undmit Wachol⸗ derreißig läßt ſich weder der Hunger forträuchern wie der böſe Geiſt Asmodi, noch der leere Magen ſättigen. Da⸗ rum wollen wir uns auf die Beine machen und unſere Waare an den Mann zu bringen ſuchen. Du beſitzeſt eine flinke Zunge und kannſt darum auf den Märkten das Lob der Wacholderbeeren und ihres herrlichen Saftes anpreiſen. Morgen früh fahren wir ab.“ Rieritz, Stern, Stab und Pfeife. 4 — 50 „Darauf freue ich mich wie ein Schneekönig“— jubelte Hanſel—„und Ihr, Vater, ſollet Eure Freude an mir haben, wie ich den Leuten zureden werde, von unſerer Waare zu kaufen. Ach, wenn's doch ſchon morgen früh wäre!“ Dieſer mäßige Wunſch war bald erfüllt. Mit dem grau⸗ enden Morgen des nächſten Tages öffneten ſich die drei Hüttenthüren des Holzſchuſters, des Beſenbinders und des Holzhauers, und aus jeder fuhr heraus ein beladener Schiebebock, der einen muntern Knaben als Vorſpanne hatte. Dem Fuhrmann ſelbſt folgte auf dem Fuße die Hausmutter nebſt ihren übrigen Kindern nach, welche den Scheidenden die beſten Wünſche auf den Weg mitgaben. Als das Dreigeſpann auf dem Wege nach dem Rheinthale zuſammenkam, verwunderte es ſich mit Recht über dieſes nicht verabredete Zuſammentreffen und freute ſich dann um ſo mehr über die gleiche Geſinnung und gemeinſchaft⸗ liche Reiſe. In dem erſten, am Abhange des Gebirgs gelegenen Gaſthofe ſetzte Peterle zwei Beſen und Jackel ein Paar Holzpantoffeln ab, während Feuerig mit ſeinen Wacholder⸗ beeren leer ausging. Unmuthig krauete er ſich deshalb hinter den Ohren und gab ſeinem Hanſel die Schuld auf den Kopf, daß er ſeines Vaters Waare nicht genug an⸗ geprieſen ae. Hanſel dagege n redete ſich damit aus, daß ein bloßes Wirthshaus noch lange keine Stadt oder ein Flecken mit einem Markte ſei, wo er ſich mit Ehren hören laſſen könne. Gegen Mittag erreichte das Dreigeſpann eine kleine * 51 Stadt, und hier war es, wo Feuer⸗Hanſel ſein Verſprechen erfüllte und mit weit hinſchallender Stimme:„Wacholder⸗ beeren! Wacholdermus! Wacholderſaft! Kauft! kauft! kauft!“ ausrief. Aber auch Baſtianel blieb nicht ſtumm, ſo wenig wie Jürgele. Jener ſchrie:„Beſen feil! Beſen feil! kaufet ſchöne Beſen!“ und dieſer ſang:„Holzſchua! Holzſchua! Pantoffele! Pantoffele! Kauft! kauft für den Schmuaz!“ Das ganze Städtlein hallte wieder von den ihre Waare ausrufenden Knabenſtimmen, deren Beſitzer durch ihren dünnen, unzulänglichen Anzug die Leute zum Kaufen williger machten als durch ihr Geſchrei. Abermals erlebte Holz-Feuerig das ſchwere Herzeleid, daß ſeine Waare bei weitem nicht ſo begehrt wurde wie die ſeiner beiden Gefährten. Die vornehmen Leute durch⸗ räuchern jetzt ihre Zimmer, anſtatt wie vordem mit Wacholderbeeren, mit eau de Cologne, mit eau de mille Heurs, mit esprit d'amour, mit bouquet à la reine und anderen ähnlichen Eſſenzen, die armen Leute dagegen gar nicht. Selbſt die gefürchtete Cholera, die man durch ihr feindliche Düfte hinwegzuräuchern bemüht iſt, hat die arme Wacholderbeere nicht wieder zu Ehren bringen können, in⸗ dem man ſich an ihrer Stelle des Chlorkalks, der Schwefel⸗ ſäure, des Eiſenvitriols, ja ſelbſt des friſch gebrannten Kaf⸗ fee's bedient. Erſt in der ganz neueren Zeit hat man in der viel'zu gering geachteten Wacholderbeere, in deren Saft und aufgeſetztem Branntwein ein wirkſames Heilmittel gegen die mörderiſche Cholera entdeckt und zur Anwendung ge⸗ bracht. Dieſe Entdeckung jedoch kam damals unſerm Holz⸗ Feuerig noch nicht zu gute. Ein Glück für den faſt ver⸗ 4* 52 zweifelnden Holzhacker und Beerenverkäufer, daß er in ſeinen Gefährten nicht nur leidige Troſteinſprecher, ſondern auch thätige Helfer beſaß, welche ihn und ſein Hanſel nicht hun⸗ gern, ſondern Theil an ihren Mahlzeiten nehmen ließen. In einer größeren Stadt, wo gerade Jahrmarkt war, bekam Hanſel Gelegenheit, zwei ſeiner Nebenbuhler in der Redekunſt zu hören, gegen welche er zum ärgſten Stümper herabſank. Beide waren mit Hanſel in faſt gleichem Alter, dennoch der Eine ein jugendlicher Demoſthenes und der Andere ein Cicero. Jener ſtand an dem Eingange einer Thierbude und dieſer neben einem Tiſchchen mit grüner Fleckſeife, wo beide die Vorübergehenden heranlockten. Der kleine Demoſthenes beſchrieb die Schönheit, die Stärke und das gefahrvolle Einfangen ſeiner hier noch nie geſehenen Thiere, deren unerhörte Zähmung und Abrichtung zu wun⸗ derbaren Kunſtſtücken, ſowie ihre Lebensweiſe und welche große Geldſummen ihre Fütterung verſchlängen. Der kleine Cicero wiederum rühmte von der Fleckſeife ſeines Vaters, daß dieſe nicht nur alle Flecken aus jedem Kleidungsſtoffe, er möge beſtehen aus was er wolle, ver⸗ tilge, ſondern auch die Sommerſproſſen, die Leberflecken, die Runzeln des Alters hinwegnehme und die braune, wie die ſchwärzliche Haut im Antlitz, am Halſe und an den Händen in das ſchönſte Alabaſterweiß verwandele.—„Die engliſche Königin Victoria“— ſchloß der junge Redner ſeine Predigt—„hat meinem Bater 10000 Pfund Sper⸗ linge für das Geheimniß der Bereitung unſerer Fleckſeife geboten, doch nicht ihren Willen erfüllt bekommen, weil mein Vater die leidende Menſchheit nicht um eine ſo große * 53 Wohlthat, wie die koſtbare Fleckſeife iſt, bringen wollte. Kaufen Sie, meine ſchönen Damen und Herren! Stück für Stück nur zwei Kreuzer! Heran! Herbei! immer dicke, dicke, dicke)“ „So mußt du es auch lernen, Hanſel!“ ſprach Holz⸗ Feuerig zu ſeinem Söhnlein, das mit offenem Munde und noch weit offeneren Ohren jene Anrede mit anhörte—„dann iſt uns geholfen und wir fahren mit leerem Schiebebocke, aber mit vollem Geldbeutel nach Lug zurück.“ Zum drittenmale erwies ſich das Beiſpiel als das beſte Mittel zur Nacheiferung. Schon beim nächſten Ausbieten der Wacholderbeeren und deren Saftes zeigten ſich Hanſels ſchnelle Fortſchritte in der Rednerkunſt, indem er von der väterlichen Waare rühmte, daß ſie gegen alle Krankheiten und leiblichen Uebel helfe, den Menſchen luſtig und zu allen Verrichtungen geſchickt mache und das einzige Mittel gegen die böſe Cholera ſei. Hanſel ſelbſt erſtaunte über ſeine Kühnheit und ſeinen Redefluß, von denen beiden er daheim keine Ahnung gehabt hatte. Und ſein Vater freute ſich ſeines wohlgerathenen Kindes, deſſen Anpreiſungen der Waare er einen vermehr⸗ ten Abſatz derſelben verdankte. m Abende dieſes erſten Reiſetages erbaten ſich die drei Väter von einem Gaſtwirthe die Vergünſtigung, ihr MRachtquartier in dem gerade ziemlich leeren Pferdeſtalle aufſchlagen zu dürfen, wo das vorhandene Wirrſtroh ihnen und ihren Söhnen ein prächtiges Lager verſchaffte. Be⸗ vor ſie jedoch ihre ermüdeten Leiber zur Ruhe niederlegten, hielten ſie erſt ihre Abendmahlzeit, die gegen die bisherigen 54 in Lug eine beſonders köſtliche war. In Betracht der heu⸗ tigen Anſtrengung, ſowie des glücklich betriebenen Handels, hatte jeder der drei Väter ein zweipfündiges Roggenbrot der wohlfeilſten und darum ſchwärzeſten Gattung gekauft und hierzu als eine außergewöhnliche Würze einen kleinen Kuhkäſe gefügt. Dieſe beiden Gerichte ſchmeckten den alten, wie den jungen Lugern beſſer noch als Marzipan und Am⸗ broſia, denn bisher hatten ſie täglich nur ſchliffige Kartof⸗ feln, zuweilen groben Haidegrütze und noch weit ſeltener ein Stück ſaft⸗ und kraftloſen Haferbrotes genoſſen. Ihr Reichen, die ihr die ganze Kunſt eurer Köche aufbieten müßt, damit dieſe durch eine lange Reihe theurer Gerichte, durch Leckereien und Gewürze, aus allen Welttheilen her⸗ beigeſchafft, die Eßluſt eurer überſättigten Gäumen und Mägen wecken— ſchauet hin in jenen ſchmuckloſen Stall, wo ſechs ſchmauſende Menſchen, auf übelduftendem Strohe ſitzend, glücklicher und zufriedener jetzt ſind als Könige. Ihre Tafelmuſik iſt das Stampfen und Schnauben des an⸗ weſenden Roſſepaares; aber aus der Schänkſtube herüber erſchallt der laute Jubel weinbenebelter Zecher, denn wir ſind jetzt im weinreichen Rheinlande, das die leidige Trau⸗ benkrankheit noch nicht berührt hat. Wohl klang Hieſer Jubel verführeriſch für die drei Männer aus Lug, welche alljährlich einmal, wann ſie zu des Herrn Tiſche gingen, einen Schluck Wein zu trinken bekamen. Ha, welch' eine köſtliche Zugabe zu dem durſterregenden Käſe jetzt ein Maaß Wein geweſen wäre, von welchem der wohlfeilſte acht Kreuzer das Maaß koſtete! Am unwiderſtehlichſten meldete ſich die begehrliche Luſt nach Wein bei dem finnlicheren Holzhauer „ ½ Feuerig, der überdieß wegen der Zukunft kein graues Haar ſich wachſen ließ. Schon hatte er vier Kreuzer von ſeinem heutigen Erlös abgezählt, um ſie ſeinem Hanſel mit dem Geheiß einzuhändigen, dafür einen Schoppen der billigſten Weinſorte herbeizuholen. Da ſprach noch im entſcheiden⸗ den Augenblick der Holzſchuhmacher unter einem tiefen Seufzer:„Ach! wenn unſere Weiber und Kinder daheim ebenſo herrlich ſchmauſen dürften wie wir alleweile! Wie mag es ihnen ergehen? Gewiß ſind ſie in ihren Gedanken bei uns.“ Dieſe Worte zauberten vor Feuerig's Augen plötzlich das Bild ſeiner armſeligen Hütte hin, in welcher er ſein Weib nebſt ſeinen übrigen Kindern traurig bei einer kleinen Schüſſel erkalteter und ſchwärzlicher Kartoffeln ſitzen ſah. Es war ihm, als vernehme er von dem blaſſen Lippen ſeines Weibes die Rede, wonit ſie ihre klagenden Kleinen zu be⸗ ſchwichtigen ſuche:„Geduldet euch nur, bis der Vater mit Hanſel wieder heimkehrt. Dann bringt er einen großen, großen Sack voll mehliger, ſchöner Kartoffeln mit und auch noch einen ſtraffen Beutel mit Geld. Dann hat unſere Noth ein Ende und wie wollen wir jubeln und fröh⸗ lich ſein!“ Voch war Feuerig in der ſtillen Betrachtung dieſes Bildes verloren, als Peterle, der Beſenbinder, anhob: „Sollte ich glücklich meine ſämmtlichen Beſen abſetzen, ſo nehme ich, außer den Kartoffeln, für meine Frau und Kin⸗ der auch noch ein richtiges Roggenbrot mit, damit ſie auch einmal etwas abſonderlich Gutes zu ſchmecken bekommen. Das wird eine Freude geben! Schon ſehe ich meine Klei⸗ 56 nen jubelnd um die Mutter herumhüpfen und mit den kleinen weißen Zähnen in das braune Brot beißen wie hungerige Kühe in den erſten grünen Klee.“ Da ließ Holz⸗Feuerig voll Scham die abgezählten vier Kreuzer ſtill in ſeine Hoſentaſche zurückgleiten und jeder von ihnen löſchte ſeinen Durſt draußen in dem friſchſpru⸗ delnden Waſſer des Röhrbrunnens. Dann legten ſich die Väter ſammt ihren Söhnen nieder in das krauſe, kein bouquet à la reine ausduftende Wirrſtroh, und waren, trotz dem Pferdeſtampfen, gar bald feſt entſchlafen. Es träumte aber dem Holz⸗Feuerig, gleichſam zur Belohnung für ſeine bewieſene Selbſtüberwindung, daß er ſich mit ſei⸗ nem Schiebebocke auf dem Heimwege befände. Statt der Fäßchen mit dem Wacholderſafte und des Wacholderbeeren⸗ ſackes lag ein großer Sack mit den ſchönſten Kartoffeln auf ſeinem Schiebebocke. Und auf dem Kartoffelſack ſaß Hanſel mit weit auseinander geſpreizten Beinen, mit beiden Armen und Händen ein großes Roggenbrot umfaſſend, das wie eine Scheibe ſo rund und umfangreich war. Und über dem Brote tauchte gerade noch Hanſels Kopf empor, der mit frendig lachendem Antlitz ſeinem Vater zunickte. Da lachte auch der glückliche Holzhauer im Schlafe laut auf und eben ſo laut ſtampften die Pferde dazu, ohne jedoch die ſechs Schläfer aufwecken zu können. Nach dem Bibelſpruche: die Erſten werden die Letzten und die Letzten werden die Erſten ſein, verhandelte Feuerig am andern Vormittage ſchon ſeine ganze Waarenladung an einen Rheinſchiffer, welcher nach Holland hinabfuhr und dort die Wacholderbeeren und deren Saft mit Gewinn ab⸗ 57 zuſetzen hoffte. Demnach war der Holzhauer der erſte Glück⸗ liche, welcher mit vollem Beutel und leerem Schiebebocke den Heimweg antrat. Feuerig ſah ſeinen Traum in raſche Erfüllung gehen, wenn ſchon nicht ganz in der geträumten Weiſe. Kleiner als der geträumte Sack war der mit den erkauften Kartoffeln und einer Scheibe an Größe glich das für theures Geld erhandelte Roggenbrot auch nicht, obſchon es von runder Form war. Als Hanſel auf ſeines Vaters Geheiß, welcher ſein Traumbild verwirklicht zu ſehen wünſchte, ſich auf den Kartoffelſack niedergeſetzt und das Brot vor ſich genommen hatte, bedeckte dieſes nicht einmal des Knaben Bruſtlatz. Dennoch ſchwelgten Vater und Sohn in der Vorſtellung, welch' einen Jubel das Brot ſammt der Kar⸗ toffelzugabe bei den Ihrigen verurſachen würde. Die Trennung des Holzhauers und ſeines Hanſels von deren bisherigen Begleitern erfolgte unter biederem Hände⸗ druck, doch ohne Thränenvergießen. Im Laufe deſſelben Tages ward eine zweite Trennung nöthig, indem auch Pe⸗ terle's Beſen ihre Käufer fanden. So war denn Jackel nebſt Jürgele allein noch dem Herumziehen ausgeſetzt. Als richtiger Kaufmann verhandelte der Holzſchuhmacher nicht nur ſeine gefertigte Waare, ſondern kaufte und tauſchte da⸗ gegen auch wiederum alte Stiefelſchäfte ein, daher ſein baarer Erlös demjenigen ſeiner beiden bisherigen Gefährten nachſtand. Jürgele dagegen bekam an dem, was er in der Fremde, in den Dörfern und Städten ſah, einen ſo reichen Schatz von Bildern aller Art, daß er große Mühe hatte, ſolche zu 58 faſſen und in ſich aufzubewahren, um ſie daheim den ſtau⸗ nenden Seinen mittheilen zu können. In den Städten war Jackel mit ſeinem Handel weniger glücklich als auf dem Lande, wo es mehr Schmuz und weniger Putz giebt als in jenen. Darum durchſtrich er nebſt ſeinem Jürgele die Dörfer und gelangte am Abend des zweiten Tages an eine ſtattliche Mühle— die Erlen⸗ mühle genannt— wo er ſein Fahrzeug niederſetzte und ſeine Waare ausrief. Bald jedoch erkannte Jackel, daß man in der Mühle ſein Rufen wegen des Klapperns nicht vernehmen könne, daher er ein Bündel Holzſchuhe und Pan⸗ toffeln erfaßte und mit demſelben in die Mühle trat. Ihm auf dem Fuße nach folgte Jürgele, der ſich furcht⸗ ſam in dem ſchallenden Getöſe umſah und kaum ſich weiter zu ſchreiten getraute in einem Hauſe, das unter ſeinen Füßen erzitterte und einzuſtürzen drohte. In der offen⸗ ſtehenden, weiten Mahlſtube erblickte Jürgele weiße, mehl⸗ beſtäubte Geſtalten, welche wie Geſpenſter herumſchlüpften, leiterähnliche Treppen auf⸗ und abglitten, hier friſches Ge⸗ treide aufſchütteten, dort das ausgebeutelte Mehl in große Säcke rafften, und dabei wie Kobolde lachten. Der Müller⸗ meiſter trat dem Jackel entgegen und wies den vergeblich ſich abſchreienden Holzſchuſter die Stiege zu ſeiner Woh⸗ nung hinauf, wo das Geräuſch des Gezeugs nachließ und die Rede verſtändlich werden machte. Bald waren die Mül⸗ lerin, deren Mägde, ja ſelbſt einige Müllerknappen im vollen Handel mit Jackel begriffen, der ſeinen Mühlenbeſuch nicht zu bereuen Urſache hatte. Während dem ſah ſich Jürgele 3 neugierig in dem geräumigen Gemache um. Da gcb es * erſtens einen großen, ſtammhaften Tiſch, deſſen Lindenholz⸗ platte kreideweiß geſcheuert war. Nicht minder weiß ſahen die feſtgemachten Sitzbänke aus, welche hinter dem Tiſche zu beiden Seiten der Wand hinliefen. Die rothbraun an⸗ geſtrichenen Holzſtühle zeigten ebenfalls ſilberweiße Sitze und dort reichte ein großer, eichener Schrank bis faſt zur Stubendecke hinan. In der einen Fenſterbrüſtung hing ein bildergeſchmückter Kalender an einem rothen Bändchen, und darüber ein kleiner Vogelbauer mit einer eingeſperrten Grasmücke. Eine Wanduhr bewegte im bemeſſenen Tick⸗ tack ihren Perpendikel und als ihr kleiner Zeiger auf ſechs und der große auf zwölf zu ſtehen kam, erhob unter dem lauten Knarren des Räderwerks und dem Herabſchnurren der Gewichte ein Guckuck ſeine Stimme und rief die zurück⸗ gelegte Stunde aus. Die eine breite und freie Stuben⸗ wand zierten mehrere ſchöne, bunte und ſchwarze Bilder unter Glas und Rahmen. Da hingen des Landes Vater und deſſen Mutter, der große Kaiſer Napoleon, der alte Fritz, die Mutter Maria mit dem Chriſtuskindlein, daneben die n von Orleans, der bethlehemitiſche Kinder⸗ mord und endlich die große Völlerſchlacht bei Leipzig. Selbſt an der inneren Seite der Stubenthüre klebte ein Holzſchnitt, welcher die ſogenannten Sternbuben— bei uns die heili⸗ gen drei Könige— vorſtellte und darunter die gebräuch⸗ lichen, von ihnen auf ihrem Umgange hergeſagten oder her⸗ geſungenen Verslein enthielt. Indem Jürgele mit beſonderer Theilnahme gerade dieſes Bild betrachtete und deſſen Verſe herausbuchſtabirte, ging plötzlich die Thür auf und ſtatt der Sternbuben im weißen „ 60 Ueberhemde trat des Müllers einziges Kind und Töchterlein herein. Sonderbar! an der Quelle des Segens und des nährenden Brotes ſahen die Leute faſt insgeſammt weniger wohlgenährt aus als in dem elenden Walddörflein Lug; beſonders wenn man des Müllers ſchwächliche, faſt bleiche und magere Tochter mit den geſunden, roth⸗ und paus⸗ bäckigen Kindern Lugs verglich. Wenn die ganz kleinen Kinder bei allem häufigen Stopfen mit Grützebrei nicht dick werden wollen, ſo iſt ſolches deren unverſtändichen Müt⸗ tern unerklärlich, welche dann behaupten, daß ihre Kleinen die Miteſſer hätten. Nun, dieſe unſichtbaren Miteſſer haben nicht bloß manche überfütterte, kleine Kinder, ſondern auch größere, ja ſelbſt erwachſene Perſonen, die bei Mahlzeiten von zwölf und mehr Gerichten, bei Chocolade, Torte und Wein, bei ſteten Schmauſereien, eher magerer als dicker werden. Daß die Müllerstochter ebenfalls die Miteſſer hatte, mochte theils ein Erbübel von ihren ebenfalls nicht ſehr kräftigen Aeltern, theils eine Folge von Verzärtelung ſein, die man häufig bei dem einzigen Kinde bemittelter Leute vorfindet. Meta, ſo hieß die Müllerstochter, war elf Jahre alt und ſollte ſich ietzt ein paar Holzpantoffeln ausſuchen, die ſie bei ſchmuzigem Wetter über ihre Leder⸗ ſchuhe anziehen könnte. Ach, die Leute in Lug waren froh, wenn ſie in der kalten Jahreszeit nichts weiter als Holzſchuhe oder Holz⸗ pantoffeln an die Füße ziehen konnten, und hier, welche Verſchwendung! Welch' ein wohlhabender Mann der Müller ſein mußte, welcher ſeinem Kinde zweifache Fußbekleidung übereinander kaufte! * 61 Der Handel über vier verſchiedene Schuh⸗ und Pan⸗ toffelpaare war abgeſchloſſen, das Geld dafür aufgezählt und Jackel eben im Begriff, unter behaglichem Schmunzeln die Sechskreuzerſtücke einzuſtreichen, um dann weiter zu wandern, als der Müller ſchließlich noch die Frage hinwarf: „Woher ſeid Ihr gebürtig? Und wie heißt Euer Wohnort?“ Das fünfte Kapitel.* Reiſefrüchte. * Die einfache Frage des Müllers ſollte von wichtigen Folgen werden. Als nämlich Jackel darauf antwortete: „Ich bin aus Lug im goſſersweiler Thale gebürtig und dort noch wohnhaft“— rief der Müller freudig und mit verklärtem Geſicht aus:„Daher bin ich ja auch!“ Will⸗ kommen Ihr lieben n welche Freude mir es macht, einmal ein paar Leute aus meinem lieben Lug bei mir zu ſehen! Als ein ganz armer Bube kam ich hierher in dieſe Mühle, fand Gnade vor des damaligen Müllers Augen, der mich zu ſeinem Lehrling, dann zum Müller⸗ knappen und zuletzt zu ſeinem Schwiegerſohne machte. Ohne Bewirthung laſſe ich Euch nicht von mir ziehen und wenn Ihr heute bei mir übernachten wollt, ſo habe ich nichts dagegen. He, Frau, ſchaffe einen Imbiß herbei für meine lieben Landsleute und dazu einen kräftigen Trunk.“ 62 Dieſe Worte klangen wie eine liebliche Muſik in Jackels und Jürgele's Ohren. Bald ſaßen ſie am weiß geſcheuerten Tiſche, aßen wie Könige und tranken wie Kaiſer von dem edlen Rebenſaft. Dabei gab ein Wort das andere. Jackel erzählte von ſeinem wackern Weibe und ſeinen gut gear⸗ teten Kindern, ſowie auch, daß ſeine Veronel, die zu Michael aus der Schule gekommen ſei, ihre ſauer verdienten Pfen⸗ nige dazu verwendet habe, um ihren Vater zum Geburts⸗ tage mit einem Paar ſelbſt geſtrickter Strümpfe anzubin⸗ den, ſowie auch, daß ſein Jürgele ohne alle Beihülfe ſchon ein paar Holzſchuhe herzuſtellen verſtehe, welche ihren Meiſter lobten. Freilich gänge es jetzt klamm her in Lug, daher er es gern ſähe, wenn er ſeine Veronel in fremdes Brot unter⸗ gebracht hätte. Allein ohne Weiteres das Mädel in die Fremde hinausſtoßen und dem erſten, beſten Dienſtherrn überlaſſen, wolle er doch nicht. Um die Zeit des Schlafengehens wurden Vater und Sohn in ein Kämmerlein geführt, wo für ſie ein Lager zu⸗ bereitet war, welches gegen das vornächtliche abſtach wie die arme Erde gegen den frexdenreichen Himmel. das Abend⸗ und Dankgebet auch recht andächtig von Jackels und Jürgele's Lippen, und als ſich beide behaglich auf dem weichen und warmen Lager ausſtreckten, ſprach Jackel: „Wenn die Mutter und die Kinder daheim wüßten oder ſehen könnten, wie gut es uns dieſen Abend und noch alle⸗ weile hier geht!“ „Ja, Vater!“ erwiederte Jürgele—„eine Mühle iſt ein ſonderbares Ding. Als ich in dieſe den Fuß ſetzte, grauſete mir's vor dem wüſten Lärme und dem argen Wackeln 63 unter, neben und über mir. Und jetzt bin ich das Ding bereits ſo gewöhnt, daß ich lieber gleich immer hier bliebe. Es riecht in der ganzen Mühle ſo gut und kräftig, als wenn neubackenes Brot und warmer Kirmeßkuchen unſichtbar in der Luft herum⸗ und Einem geradezu in den Mund flögen. Meiner Treu! ich glaube, daß ich hier ſchon vom bloßen Riechen ſatt und fett würde. Dreierlei Gutes habe ich heute zu riechen bekommen. Zuerſt richtigen, friſch ge⸗ brannten Kaffee, den der Kaufmann in Schleiſingen in einer großen, ſchwarzen Trommel herumſchwenkte. Sodann den koſtbaren Bratenduft, der aus dem vornehmen Gaſt⸗ hauſe zu Blenheim bis vor die Hausthüre drang und zu welchem ich mein letztes Brotſtückchen verzehrte. Endlich aber der liebe Mehlgeruch hier in der Mühle, dem ich den Vorzug über alle anderen gebe, weil man davon zu⸗ gleich ſatt wird. Seid Ihr nicht auch meiner Meinung, Vater?“ „Hm!“ ſagte Jackel—„die Müller pfeifen ganz an⸗ ders als wie du alleweile. Sie behaupten, daß, wenn der herumfliegende Mehlſtaub mit der Luft zugleich eingeathmet werde, er dann in der Luftröhre ind in die Lunge gerathe, anſtatt in den Magen, und daß dann die Lunge mit Mehl⸗ brei ſo zugekleiſtert werde, daß man nicht mehr richtig und frei Athem holen könne. Darum würden auch die wenigſten Müllerleute dick und weniger alt als andere Menſchen. Es hat nun einmal jeder Stand ſeinen Frieden und ſeine Laſt. Du lernſt aber daraus, wie ſchädlich es iſt, wenn eine Sache nicht an ihrem rechten Platze ſteht oder liegt. Hätten wir doch das Mehl, welches in dieſer Mühle unbenutzt, ja ſogar 64 ſchadenbringend, in der Luft herumſtiebt, daheim in unſerm Mehlkaſten!“ An dem tieferen Athemholen Jürgele's merkte jetzt Jackel, daß ſein Sohn während ſeiner Rede feſt eingeſchlafen war. Nicht lange und Jackel ſchnarchte ungleich lauter noch als Jürgele, und die Mühle klapperte munter und ohne Unter⸗ brechung dazu, was immer noch ein erträglicheres Schlummer⸗ lied war als in voriger Nacht das laute Pferdeſtampfen im Stalle. Am andern Morgen bekam Jürgele zum erſtenmale in ſeinem Leben richtigen Kaffee zu koſten, deſſen bloßer Ge⸗ ruch ihn geſtern ſchon erquickt hatte. Als nun Jackel ſpäter unter Dankesergießungen von dem wackern Müller und freigebigen Landsmann Abſchied nahm, ſprach dieſer: „Ich habe Euch einen Vorſchlag zu thun, Landsmann! Ich und mein Weib find einig geworden, daß es gut und paſ⸗ ſend ſei, wenn wir unſerm einzigen Kinde, unſerer Meta, eine Geſpielin gäben, die zugleich die Aufſicht über ſie führen und meinem Weibe mit zur Hand gehen könnte. Darum müßte dieſe ve etwas älter ſein als Meta und an die Arbeit gew Da haben wir denn unſer Augenmerk auf Eure älteſte Tochter gerichtet, von welcher Ihr uns ſo viel Gutes zu erzählen wußtet, und ſind daher Willens, das Mädel etliche Wochen auf Probe zu uns zu nehmen. Thut ſie gut und ſchickt ſie ſich in uns, ſo behal⸗ ten wir ſie ganz und Ihr ſeid um einen Eſſer, wie um eine Sorge ärmer. Was meint Ihr zu unſerm Vorſchlage? Seid Ihr damit einverſtanden?“ Jackel vermochte vor Freude kaum ſeine Einwilligung * herzuſtammeln und Jürgelen beſchlich ein Gefühl des Be⸗ dauerns, daß er kein Mädel war und darum nicht an Vero⸗ nels Stelle in der chönen Mühle bleiben durfte. Weil Jürgele beim Abſ iede nochmals das an der Stubenthüre klebende Bild der Sternbuben unverwandt betrachtete, ſo riß es die Müllerstochter ab und drang es dem darüber entzückten Knaben als Geſchenk auf. Außerdem bekam Jackel von dem Müller die Hälfte eines großen Roggen⸗ brotes mit auf den Weg. Wie Moſes vom Berge Pisga nach dem gelobten Lande, ſchaute Jürgele nach der gaſtfreien Mühle zurück, als er dieſelbe eine Strecke weit im Rücken hatte. Der Müller in ſeiner weißen Zipfelmütze und Meta mit dem brennend⸗ rothen Kopftuche blickten aus dem Fenſter den Davonziehen⸗ den nach, welche darauf ſtehen blieben und ihren Dank durch das Schwenken ihrer Mützen wiederholten. Rüſtig ging es dann weiter. Die Laſt des Schiebebocks hatte erfreulich abgenommen und verſchwand endlich ganz im Laufe des dritten Tages, daher Jackel ohne weitere Säum⸗ niß an den Heimweg dachte. Als Vater und Sohn in die Stadt gelangten, wo Näther⸗Hans bisher im Kerker geſeſſen und ſeinem Urtheile entgegen geharrt hatte, fanden ſie die geſammte Einwohner⸗ ſchaft in großer Aufregung. In der verwichenen Nacht war der zum Tode verur⸗ theilte Näther⸗Hans auf eine ebenſo verwegene als hals⸗ brecheriſche Weiſe, jedenfalls mit dem Beiſtande ſeiner noch auf freien Füßen befindlichen Bande, aus dem feſtverwahr⸗ ten Gefängniſſe herausgebrochen und glücklich Rieritz, Stern, Stab und Pfeife. 5 66 Wie ein Blitzſtrahl glitt dieſe Neuigkeit durch das ganze Land und in neugierigen Trupps ſtanden die Leute vor dem Gefängnißhauſe, um ſtaunend das durchbrochene Mauerwerk zu betrachten, aus welchem der Verbrecher ent⸗ kommen war. Heftig zuſammengeſchrocken war Jackel bei der Kunde von Näther⸗Hanſens Flucht. Augenblicklich fiel ihm bei, was der Schulmeiſter von Lug in Bezug auf den Verbrecher geſagt hatte, als es ſich um die Beerdigung der Näther⸗ Chriſtel handelte. Wenn ſich erfüllte, was der Schulmeiſter warnend prophezeit hatte! Darum trieb es den Holzſchuh⸗ macher mit um ſo größerer Eile auf den Heimweg und er ſchob ſeinen Schiebebock mit ſolcher Haſt vor ſich hin, als wenn ihm ſcharfe Sporen in die Seiten ſtachelten. Dieſe innere Angſt war die erſte Strafe für die an der ertränkten Näther⸗Chriſtel bewieſene Liebloſigkeit. Vor jener Angſt trat jetzt ſelbſt die Freude über Veronels glücklichere Zu⸗ kunft in den Hintergrund, während Jürgele ſich die Ur⸗ ſache von ſeines Vaters ruheloſem Treiben nicht enträthſeln konnte. Ohne Zögern und ohne Hinderniß erfolgte die Heim⸗ kehr Jackels und Jürgele's. Sie fanden die Ihrigen wohl⸗ auf und hoch erfreut über ihr Wiederſehen und den glück⸗ lichen Erfolg der unternommenen Handelsreiſe. Das Müllerbrot ſchmeckte Allen beſſer noch wie Kirmeßkuchen, und die mit zurückgebrachten Kartoffeln ungleich beſſer wie die fauligen in Lug. Frau Jackel hatte nichts Eiligeres zu thun, als ihre Veronel auf das Beſte auszuſtatten, damit ſie mit reiner Wäſche und ganzem Anzuge in die Erlen⸗ * 2 ſauſen läßt, rollt die Häuſelreihe dahin und gnade Gott 67 mühle gelange, von welcher Jürgele wie von dem Paradieſe ſelbſt ſprach. Wenn die Engländer, welche, das offene Reiſehandbuch in den die Schweiz und Deutſch⸗ lands maleriſche Gegenden überſchwemmen, daheim ſo viel von ihren Reiſen zu erzählen wüßten als Jürgele von der ſeinigen! Mutter und Geſchwiſter hingen an ſeinen erzäh⸗ lenden Lippen, und ſelbſt Jackel geſtand ſich's im Stillen, daß ſein Söhnlein beſſer auf Alles gemerkt habe als er ſelbſt. „Denkt Euch, Mutter!“ ſprach Jürgele—„einen ebenen, glatten Kegelſchub, nur ſechsmal breiter, welcher ohne Ende über alle Felder und Wieſen, über Waſſer und Sumpf, durch die Wälder, Dörfer, Städte, Berge und Felſen läuft und mit zwei Reihen von dicken Eiſenſtangen belegt iſt. Ueber dieſe Stangen hin raſſelt und praſſelt ein kleines, aber fürchterlich ſchweres, eiſernes Häuſel, das auf ſechs Eiſenrädern läuft und aus einer hohen Feuereſſe ohne Aufhören qualmt. Ein ſolches Häuſel, an welchem noch ein kleiner Schuppen ohne Dach, angefüllt mit ausge⸗ brannten Steinkohlen angebaut iſt, koſtet— glaubt Ihr's wohl?— eben ſo viel wie die ganze Kirche unten in Mün⸗ ſter! An dem eiſernen Häuſel hängt noch eine lange Reihe anderer Häuſel mit lauter ſchönen, großen Fenſtern, aus welchen die Leute munter heraus ſchauen. Indem Ihr ſie aber genauer beſehen wollt— wupp— rack— ſind ſie ſchon weit, weit wieder von Euch fort. Schneller als die Kegelkugel, und wenn ſie der ſtarke Bürgel-Joſt dahin⸗ 5* 68 Jedem, der ihr in den Weg käme! Hat man doch ſchon Bei⸗ ſpiele, daß das eiſerne Häuſel mit ſeinen ſcharfen Rädern einen ganzen Ochſen, ja ein große im Nu mitten von einander in zwei Hälften geſchn hat, ſchneller als man eine Kartoffel mit dem Meſſer durchſchneidet. Wenn Ihr die Geſchichte nicht ſelbſt mit Euern eigenen Augen anſeht, ſo müßt Ihr denken, daß ich windbeutele. Aber fragt nur den Vater! Der wird für meine Worte zeugen. Neben dem langen Kegelſchube läuft ein eiſerner Draht auf hohen Stangen hin. Mit demſelben ſchreiben und ſchicken die Leute einander Briefe zu und wenn ſie tauſend Meilen weit voneinander wohnten, ſo haben ſie ſchon in der nächſten Stunde die Antwort darauf. Wie das zugeht und ob es möglich iſt, weiß und begreife ich nicht; aber wahr ſoll es ſein. Ein Gaſthaus habe ich geſehen, groß und prächtig wie ein Königsſchloß. In demſelben koſtete ein einziges Mittageſſen einen ganzen Gulden und zwölf Kreuzer, und eine kleine Kanne voll Kaffee ſo viel wie drei paar Holz⸗ ſchuhe! Was ſagt Ihr dazu? In der Stadt und zwar in den Gaſtſtuben und Kaufläden habe ich Lampen mit großen, weißen Glaskugeln brennen ſehen, die da leuchteten wie der Vollmond am Himmel, ja wie die Sonne ſelbſt. Ihr wißt doch, daß Moſes einen feurigen Buſch brennen ſah, der gleichwohl nicht verbrannte. Eben ſolche Lampen brennen in den großen Städten. Ihr ſeht weder einen Docht, noch ein Thränchen Oel, bloß ein kleines Eiſenſtiftel. Kaum aber hält man einen brennenden Holzſpan oder Papier⸗ ſtreifen daran— wupp!— brennt's lichterloh, und blaſet Ihr's aus, ſo ſeht Ihr wieder nichts. Nachgemachte Irr * nit dem gelben Sterne auf der Stange, der zum Drehen 69 lichter wären das— ſagten mir die Leute. Ja, was Euch die Leute jetzt Alles nachmachen! Da ſah ich in einem ſchö⸗ nen Garten eine Birkenholz zwiſchen allerlei Strauch⸗ werk ſtehen. Siè war aber auch nur nachgemacht und— was denkt Ihr wohl, was es eigentlich war? Ein Reh⸗ thierrad, was ſo viel wie ein Abtritt'l bedeutet! Hinter einem Schaufenſter ſah ich eine richtige, ſchön gelbe und appetitliche Semmelzeile liegen und da ſie eine Frau aus⸗ einander zog, war es eine Federbüchſe! Es glaubt's Nie⸗ mand, wer's nicht ſieht. Eine vornehme Frau hörte ich auf ein großes, buntſcheckiges Tuch 260 Gulden bieten und bekam's noch nicht einmal. Wenn da der jüngſte Tag nicht bald herbeikommt, ſo kommt er nimmer. In den Städten merkte man nichts von Noth und Mangel. Da ſaßen auf den Marktplätzen ganze Reihen von Männern und Weibern, welche in Körben und Säcken, in Kiſten und Kaſten feil⸗ boten, was ſich nur das Auge und der Mund wünſchen kann. Stundenlang hätte ich ſtehen und die koſtbare Back⸗ waare anlachen mögen, die auf den Bäckerläden ausgebreitet lag. Bloß Geld brauchte man in der Taſche zu haben, um zu erhalten, wozu man Luſt hatte. Ach, und erſt die Erlen⸗ mühle, in welche Veronel ziehen ſoll! Dort ſitzt ſie im Paradieſe und Wohlleben, wie die Made im Käſe, und ſchwimmt in lauter Wonne, wie der Klos in der Butter⸗ brühe. Da, ſchaut her, was für ein ſchönes Bild mit rüh⸗ renden Verſen darunter die Müllerstochter mir geſchenkt hat! Es ſtellt die Sternbuben vor, wie ſie in ihren weißen Hemden und mit goldpapiernen Kronen auf dem Kopfe und 70 eingerichtet iſt, umherziehen, die Leute anſingen und dafür Geld, Brot und anderes Eßwerk erhalten. Lies einmal vor, Veronel, was darunter geſchrieben ſt u kannſt's noch beſſer als ich und verſtehſt ſelbſt mit la ſchen Buchſtaben umzuſpringen.“ Und Veronel las: „Es kommt ein Schiff geladen und bringt uns Gottes Sohn, den Herren voller Gnaden auf ſeinem Ehrenthron. Es iſt gar reich beladen Bis an den höchſten Bord, trägt unſern Schrein vor Schaden, des Vaters ewiges Wort. Das Schiff geht ſtill im Triebe mit ſeiner theuern Laſt, das Segel iſt die Liebe,„ der heil'ge Geiſt der Maſt. Der Anker haft't auf Erden, das Schifflein iſt am Land, Gott's Wort thut Fleiſch uns werden, der Sohn iſt uns geſandt. He ja! he ja! der Sohn iſt uns geſandt!“ Während Veronel dieſe Verſe laut vorlas, hatte Frau Jackel ihre Hände andächtig gefaltet und jedes ihrer klei⸗ neren Kinder es der Mutter hierin nachgethan. Als Ve⸗ ronel jetzt inne hielt, ſprach die Mutter voll Bewegung: „O wie ſchön klingt das! Mir iſt zu Muthe, als wenn wir ſchon an's große Neujahr wären und die Sternbuben draußen vor unſerer Hütte ſängen. Geht's noch weiter? * 71 O, welch' eine hübſche Sache iſt's doch um's Leſen! Wenn ich's ſoweit in meiner Jugend gebracht hätte! Nun iſt's freilich zu ſpät, denn was Hänschen nicht lernte, lernt Hans nimmermehr.“ „Es ſteht noch ein Liedlein darunter“— erwiederte Veronel und begann auf's Neue ihr Vorleſen: „Zu Bethlehem geboren im Stall das Kindelein, giebt ſich für uns verloren. Gelobet muß es ſein. He ja! he ja! gelobet muß es ſein! Und wer dies Kinden mit Freuden küſſen und umfangen will, muß vorher mit ihm leiden große Pein und Marter viel. . Danach auch mit ihm ſterben 6 und geiſtlich auferſtehn, ewig's Leben zu erben, wie an ihm iſt geſchehn. He ja! he ja! wie an ihm iſt geſchehn.“ „Das iſt gleichfalls ein frommes, rührendes Lied“— lobte die Mutter—„und gut wär's, wenn wir Alle es auswendig lernten.“ „In der Erlenmühle klebte das Bild an der Stuben⸗ thüre“— ſprach Jürgele—„und wenn wir's auch dahin thun, ſo lernen wir ſpielend, was von Verſen darauf ſteht.“ Es geſchah, wie Jürgele vorgeſchlagen hatte, und bald wußten Veronel und Jürgele die Verſe auswendig und ſangen ſie ſo oft her, daß ſie auch Frau Jackel in's Ge⸗ dächtniß faßte. Die beiden Kleinen hingegen merkten ſich 72 bloß die Schlußzeilen, welche ſich mit„he ja, he ja!“ an⸗ fingen, und fielen am Ende der von ihren älteren Ge⸗ ſchwiſtern vorgeſungenen Verſe mit ihrg hellen Stimmen ein, ſo daß ein Schlußchor von ſechs Stimmen— denn auch Jackel vereinte die ſeinige mit den übrigen— daraus wurde, das man weithin ſchallen hörte. Nach einigen Tagen ſchon war Veronels Ausſtattung fertig, die freilich eine ſehr geringfügige genannt werden mußte, während das Kinderzeng des künftigen Kaiſerthron⸗ erbens von Frankreich drei kleine Säle füllte. Der König von Frankreich, Ludwig XV., erblickte einſt, als er bei harter Winterkälte in Paris über die Seinebrücke fuhr, einen Gascognier, welcher in dünner Sommerkleidung bei dem königlichen Wagen vorüberging. Da gebot der König zu halten und fragte verwundert den Gascognier, wie er es denn in ſeiner luftigen Kleidung aushalten könne, da ihn, den König, trotz ſeinem koſtbarem Pelze, noch fröre? „Macht es wie ich, Sire“— verſetzte der Gascognier— „und es wird Euch nicht mehr frieren.“—„Und wie macht Ihr es?“ forſchte der König begierig.„Ich trage alle meine Kleider an mir“— lautete der kurze Beſcheid. Ebenſo konnte Veronel und die Mehrzahl der Luger von ſich ſprechen. Aber ihr einziger Anzug war wenigſtens reinlich, ohne Löcher und der rauhen Witterung angemeſſen. Hierzu kam noch ein kleines Bündel, ein zweites Hemde und eine Sonntagsſchürze enthaltend, womit Veronel ihre weite Reiſe von etwa fünf Meilen antrat. Man kann leicht errathen, daß das Mädchen nicht ohne Thränen von den Ihrigen und der älterlichen Hütte ſchied, ſowie daß die 3 * 73 beſten Wünſche ihr nachgerufen und mit auf den Weg ge⸗ geben wurden. Jackel, diesmal ohne Schiebebock, begleitete ſeine Tochter ſo weit, bis ſie ſich allein und durch Fragen forthelfen konnte. In der Nacht, an deren Abende Jackel von dieſer neuen, kleineren Reiſe heimkehrte, ereignete ſich in Lug etwas, das für deſſen ſämmtliche Bewohner von der größten Wichtig⸗ keit war und darum in einem beſonderen Kapitel näher er⸗ zählt werden ſoll. Das ſechſte Kapitel. Ein nächtlicher Beſuch. Finſtere Nacht war's. Heulend brauſete ein rauher Novemberwind über die Felder und den Forſt dahin. Herab durch die niedrigen Schornſteine ſowie durch die Lucken der ſchlechtgebauten Hütten pfiff der Wind in unheimlichen Tönen und klappernd bewegte ſich, was nicht feſt genagelt oder gebunden war. Trotz dem Allen ſchlief der alte Schulmeiſter Beier ebenſo feſt als ruhig auf ſeinem Lager. Eben träumte ihm, daß er, an dem einen ſeiner Füße einen Stiefel, an dem andern einen Holzpantoffel angezogen, in die Kirche trete und darin ein allgemeines, ihn ſehr beſchä⸗ mendes Aufſehen errege, als er ſich plötzlich unſanft aus ſeinem Schlafe aufgerüttelt fühlte. Noch ganz ſchlaftrunken hörte er ſich von einer halblauten, barſchen Stimme ange⸗ 74 redet, welche haſtig zu ihm ſagte:„Steht auf, Schulmeiſter! aufl aufl der jüngſte Tag bricht über Lug herein. Darum zieht Euch raſch an und rettet von Euern Sachen, was Ihr am Werthvollſten erachtet.“ Dieſe Schreckensworte machten den Schulmeiſter völlig munter. Er erhob ſich von ſeinem Lager und ſeine Augen trachteten die dunkle Mannsgeſtalt zu erkennen, welche im tiefen Schatten einer kleinen Blendlaterne vor ihm ſtand, während deren blendender Lichtſtrahl den Greis beſchien. „Näther⸗Hans!“ ſtammelte der Schulmeiſter, zum Tode erſchrocken und mit entſetzter Stimme. Ja, wer hätte ſonſt noch die vernommenen Worte ſprechen können als jener verruchte Verbrecher, deſſen Befreiung aus ſeinem Kerker das ganze Dörflein Lug mit wahrer Seelenangſt erfüllt hatte? Wer anders als nur er drang mitten in der Nacht in die Wohnungen friedlich ruhender Menſchen ein und er⸗ ſchreckte ſie tödtlich? „Näther⸗Haus!“ wiederholten des Schulmeiſters zit⸗ ternde und erblaßte Lippen.„Seid Ihr⸗s wirklich?“ „Ich bin's!“ verſetzte der Schreckliche dumpf—„und hier, um Gericht zu halten über die Luger, welche meiner armen Mutter den letzten Liebesdienſt verweigert und ſie gleich einem todten Hunde behandelt haben. Ihr allein habt Euch jener unmenſchlichen That widerſetzt und der Todten ein ehrliches Begräbniß gönnen wollen. Deshalb ſollt Ihr allein dem Verderben entrinnen dürfen und Zeuge meiner Rache werden. Draußen harren meine Leute nur des Zeichens mit meiner Pfeife, um an ſechs Orten zugleich den rothen Hahn auf Lug's Hütten zu jagen, und ich denke * 75 doch, daß der heutige Sturm das Uebrige thun werde. Darum ſputet Euch, denn meine Leute bezeigen wenig Ge⸗ duld, wann nichts zu erobern iſt.“ „Näther⸗Hans!“ erwiederte der Schulmeiſter, der ſich ſchnell geſammelt und von ſeinem erſten Schrecken er⸗ holt hatte—„Ihr ſeid ein entſetzlicher Menſch! Da Ihr, um in meine Kammer zu gelangen, durch meine Schulſtube gehen mußtet, haben Euch die ſtummen Wände, die ſchweig⸗ ſamen Tafeln und Bänke nicht angeſchrieen mit lauter, zum Herzen dringender Stimme und Euch daran erinnert, daß Ihr einſt zwiſchen und an ihnen geſeſſen und von meinen ſchwachen Lippen die heiligen Lehren des Chriſtenthums und der Nächſtenliebe vernommen habt? Durchſchauerte Euch nicht der Gedanke, wie Ihr als ein ſchuldloſes Kind zu meinen Füßen geſeſſen habt und ein Schul⸗ und Spiel⸗ kamerad von denen geweſen ſeid, die Eure Hand in dieſer Nacht zu verderben gedenkt?“ „Still!“ gebot Näther⸗Hans drohend—„Nicht um einen Bußprediger anzuhören, kam ich zu Euch. Macht nicht durch Euer unnützes Geſchwätz, daß ich meine Güte gegen Euch bereue. Bringt mich nicht noch mehr in Wuth, Schulmeiſter! Ich könnte mich ſonſt ſelbſt an Euerm weißen Kopf vergreifen.“ „Die wenigen Tage meines Lebens hat der Herr ge⸗ zählt wie die Haare auf meinem greiſen Haupte“— ant⸗ wortete der Schulmeiſter ruhig.—„Zu jeder Stunde bin ich auf den Ruf von Oben gefaßt: Beſtelle dein Haus, denn du mußt ſterben. Darum erſchreckt mich Eure Drohung nicht. Wohl weiß ich, daß mein Leib und Leben jetzt in 76 Eurer Gewalt ſind; aber auch, daß beides in des Höchſten Hand ſteht, deſſen Auge noch weit mehr die tiefſte Finſter⸗ niß durchdringt als das Licht Eurer Laterne. Ihr beklagt Euch über die Liebloſigkeit der Luger und wollt ſie dehalb verderben, weil ſie Eurer Mutter ein ehrliches Begräbniß verweigert haben. Ha! habt Ihr etwa liebevoller als fremde Menſchen an Eurer unglückſeligen Mutter gehan⸗ delt? War es nicht der nagende Schmerz über Eure Ver⸗ brechen, welcher das arme Weib zur Verzweiflung brachte und ſie freiwillig in das Unkenloch trieb? Und Ihr, der leibliche Sohn, welcher mit eigener Hand der Urheberin ſeiner Tage und ſeiner liebenden Ernährerin den tödtlichen Streich verſetzte, könnt verlangen, daß fremde Menſchen liebevoller als Ihr ſelbſt gegen Eure Mutter handeln ſollten?“ „Kein Wort weiter, Schulmeiſter!“ rief Näther⸗ Hans zähneknirſchend.„Ihr redet Euch um's Leben!“ „Wohl habt Ihr die Macht, meinen Mund für immer verſtummen zu machen“— entgegnete der Schulmeiſter un⸗ erſchrocken—„eben ſo gut wie Ihr Euer Ohr gegen meine ſchwachen Worte verſchließen könnt. Allein das vermögt Ihr nicht gegen die endlich doch erwachende Stimme Eures eigenen Gewiſſens und gegen die hellen Poſaunentöne des ewigen Weltgerichts. Uebrigens ſeid Ihr im Irrthum, wenn Ihr glaubt, daß Eure arme Mutter kein ehrliches Begräbniß erhalten habe. Sie ruht vielmehr auf dem Kirchhofe zu Münſter und in geweihter Erde.“ „Ihr belügt mich, Schulmeiſter!“ ſprach Näther⸗Hans finſter. „ 77 „Nein! Nein! ſo wahr mir Gott helfen wolle in meiner Todesſtunde!“ betheuerte der Greis.„Entſinnt Ihr Euch, daß ich ſchon vor Jahren meinen Sarg hatte anfertigen laſſen, welcher drüben in meinem Holzſchuppen aufbewahrt ſtand? In demſelben liegt Eure Mutter und dieſe meine alten Arme haben ſie auf dem Schiebebocke nach Münſter gefahren.“ „Das lohne Euch unſer Herrgott!“ rief Näther-Hans bewegt aus.„Darum will ich auch Eurer ſchonen, während ich über die anderen Luger ein ſchreckliches Gericht halte.“ „Er, an deſſen Händen Menſchenblut klebt“— ſprach der Schulmeiſter unter einem Schauer—„der die Brand⸗ fackel auf friedliche Dächer ſchleudert und des Herrn Gebote ſchnöde mit Füßen tritt— er ruft noch unſern Herrgott an! O Menſchenherz, du nicht zu ergründendes Räthſel! Doch halt, Unglücklicher! Wiſſe, daß ich nicht allein das Liebeswerk an dem kalten Leichnam deiner Mutter auszu⸗ üben vermochte. Noch drei Menſchen aus Lug, wiewohl nur ſchwache Kinder, haben mir redlich beigeſtanden, haben die ſtarre Leiche in den Sarg betten helfen, haben den ſchweren Schiebebock gezogen und geſchoben, in Münſter das Grab graben und wieder zuſchaufeln helfen, haben end⸗ lich für deine Mutter andächtig gebetet! Höre wohl auf, Näther⸗Hans! fremde Kinder haben für ſie gebetet, da es das eigene Kind nicht that. Und zum Danke für dieſe Liebe willſt du jenen drei Helfern die Hütten über dem Kopfe anbrennen, ſie um ihr kleines Eigenthum, wohl gar um's Leben bringen, in jedem Falle aber ſie des ſchützenden Obdachs in der kalten Jahreszeit berauben?“ 78 „Wer ſind dieſe drei?“— fragte Näther⸗Hans— „Nennt ſie mir, Schulmeiſter, damit ich ihre Hütten ver⸗ ſchonen kann.“ „Vermagſt du den lodernden Flammen und dem Sturm⸗ winde zu gebieten, wie einſt unſer Herr Chriſtus auf dem ungeſtümen Meere gethan hat?“ erwiederte Beier vorwurfs⸗ voll.„Kannſt du zu den glühenden Funken ſagen: Bis hierher und nicht weiter!? Haſt du vorhin nicht ſelbſt zu mir geſagt, wie du hoffteſt, daß der heutige Sturmwind vollenden würde, was deine Geſellen allein nicht ver⸗ möchten? O, Näther⸗Hans! unſer Herrgott verſprach einſt dem Abraham, daß er die volkreiche, große Stadt Sodom mit dem angedrohten Untergange verſchonen wolle, dafern ſich in ihr nur zehn Gerechte finden laſſen würden. So verſchone auch das kleine Lug um der vier Leute willen, welche deiner Mutter die letzte Ehre erwieſen und ſie chriſt⸗ lich beerdigt haben. Der gnadenreiche Gott wird dir die Unterlaſſung deiner beabſichtigten Einäſcherung Lug's als etwas Gutes anrechnen und dieſer Gedanke dir ein tröſten⸗ des Lichtlein werden in deiner dunkeln Sündennacht. Er⸗ höre meine Bitte, damit auch unſer Herrgott dich erhöre, wenn du in banger Todesqual einmal zu ihm ſchreien wirſt.“ Eine Weile ſchwieg Näther⸗Hans auf dieſe Fürworte ſeines alten Schulmeiſters. Dann hob er mit veränderter, etwas milderer Stimme an: „Wer waren die drei Kinder, die Euch beigeſtanden haben? Nennt mir ſie!“ „Es waren des Holzſchuhmachers Su 79 Sohn“— antwortete der Schulmeiſter—„ferner Ba⸗ ſtian, des Beſenbinders Peterle Aelteſter, und endlich Feuer⸗ Hanſel. Frage ſie einzeln, wenn du mir nicht glaubſt, und ſie werden dir übereinſtimmenden Beſcheid ertheilen.“ „Ich glaube Euern Worten, Schulmeiſter“— ſprach Näther⸗Hans.—„Und nun vernehmt meine Entſcheidung. Um Euretwillen und der drei Buben will ich Lug verſcho⸗ nen. Das mögt Ihr den Lugern verkündigen. Ein Wahr⸗ zeichen jedoch, daß man nicht ungeſtraft an mir, oder was mir angehört, ſich vergehen darf, will ich hier zurücklaſſen, zugleich auch verhüten daß das Gericht ſeine begehrliche Hand an den geringen Nachlaß und die arme Hütte meiner Mutter lege. Sie allein mit ihrem Inhalte ſoll im Feuer auflodern, das wegen der Richtung des Sturmes die übrigen Hütten Lugs verſchonen und ſeine Gluthen und Feuer⸗ funken unſchädlich dem Walde zutreiben wird. Aber hütet Euch, Schulmeiſter, eher Lärm zu machen, als bis ich meine Abſicht vollbracht und mich mit meinen Leuten wieder ent⸗ fernt habe.“ Nach dieſen Drohworten entfernte ſich Näther-Hans. Der Schulmeiſter kleidete ſich vollends raſch an und trat dann zu dem Fenſter, welches nach der Richtung von der Nätherhütte gelegen war. Dort harrte er mit ängſtlich⸗ pochendem Herzen und der ſtillen Hoffnung, daß der Räuberhauptmann es bei der bloßen Drohung bewenden laſſen werde. Allein eine bald emporſchießende Flamme, welche mit raſender Schnelligkeit an Umfang zunahm und zuletzt als eine weit umher ſprühende Feuergarbe den nächt⸗ lichen Himmel hell erleuchtete, wandelte jene Hoffnung zur bittern Täuſchung um. Jetzt hielt ſich der Schulmeiſter des ihm auferlegten Verbots für enthoben und er eilte aus ſeiner Hütte, um das ſchlafende Dörflein mit dem lauten Rufe:„Feuer! Feuer! Feuer!“ zu erwecken und zu erſchrecken. Im Nu ſpieen die ſtillgelegenen Hütten ihre nur halb angekleideten, tödtlich erſchrockenen und laut jammernden Bewohner ans, welche erſt dann ſich von ihrem Schrecken wieder erholten, als ſie erkannten, welche Hütte in Flammen ſtand und daß dieſe durch den Sturm von ihren Woh⸗ nungen abgehalten wurden. Mit Entſetzen vernahmen ſie dagegen aus des Schulmeiſters Munde die Gefahr, in welcher ſie insgeſammt, wegen des verweigerten Begräb⸗ niſſes, geſchwebt hatten, und rühmten dann laut und ein⸗ müthig ihres Schulmeiſters großes Verdienſt um das ganze Dorf, welches derſelbe durch aufopfernde That und einge⸗ legte Fürbitte um Lug ſich erworben hatte. Daß auch Jürgele, Baſtian und Hanſel ihren Antheil an dieſem Ruhme und Lobe bekamen, verſteht ſich von ſelbſt. Darum konnte das Kleeblatt nicht nur mit großer Gemüthsruhe,„ ſondern ſelbſt mit ſtiller, erlaubter Freudigkeit dem Brande zuſchauen, welcher bald von der Näther⸗Hütte nichts weiter übrig ließ als einen rauchenden Aſchehaufen. „Freuet euch und hüpfet“— redete am Morgen der Schulmeiſter ſeine drei, in die Schule kommenden Todten⸗ gräbergehilfen mit dem Bibelworte an—„ſo euch die Menſchen um der Gerechtigkeit willen ſchmähen und ver⸗ folgen. Ihr habt, als ihr mir die unglückliche Näther⸗ 81 Chriſtel beerdigen halft, ein gutes Saamenkörnlein ausge⸗ ſtreut, kleiner noch als ein Senfkorn, und ſiehe! ſchon iſt's zum weitumſchattenden Baume herangewachſen, unter deſſen ſchirmenden Laubdache ganz Lug geborgen und ſicher ruht. Im Stillen habt ihr Gutes gethan und der Herr, der in's Verborgene ſieht, hat es jetzt euch vergolten öffentlich. Nicht ſo, ihr freuet euch über die Erhaltung des Dorfs und nehmt euch vor, ferner Gutes zu thun und darin nicht müde zu werden, wenn auch der Lohn dafür nicht alsbald erfolgt?“ Da ſchmunzelten Jürgele, Baſtian und Hanſel und nickten bejahend und freudig ihrem Schulmeiſter zu. Als Jürgele aus der Schule heimkehrte, betrachtete er die älterliche Hütte, ſeinen Vater, ſeine Mutter, ſeine beiden Brüder, jedes Ding in der Wohnung mitleuchtenden Blicken, als wenn er hätte ſagen wollen:„Ihr Alle habt es mir, dem Herrn Schulmeiſter und unſerm Herrgott zu danken, daß ihr noch hier und nicht elendiglich verbrannt ſeid.“ Und Jackel verſtand die ſtumme Sprache in den freudig⸗ blitzenden Augen ſeines Sohnes und reichte demſelben die Hand und ſchüttelte die des Sohnes lange und herzlich. Und Frau Jackel zog, was ſie äußerſt ſelten that, ihren Jürgele an ſich, drückte ihm einen ſchallenden Kuß auf den Mund und ſtreichelte ihm das blonde Haar mit liebend⸗ koſender Hand. Baſtianel dagegen bekam von ſeiner Mutter eine noch einmal ſo große Quargbemme als damals nach der Beer⸗ digung der Näther⸗Chriſtel, und zwar ohne die Zugabe der väterlichen Kopfnuß. Vielmehr hatte Peterle auf die Quargbemme ein blankes Kreuzerſtück gelegt, welches Ba⸗ 6 Nieritz, Stern, Stab und Pfeife. 4 82 ſtian nicht etwa mit jener in den Mund, ſondern in ſeine Taſche ſteckte. Statt der Handvoll bitter ſchmeckender Wacholderbeeren ließ Frau Feurig ihr Hanſel deſſen Leibgericht verzehren, welches in recht ſteifem Kartoffelmus mit darüber vertheilter brauner und gezwiebelter Butter beſtand. So folgte der inneren Belohnung für die gute That auch noch die äußere! In Lug aber munkelte man ſtark davon, daß man bei beſſerer Zeit eine allgemeine Sammlung veranſtalten wollte, um dem wackern Schulmeiſter für des Dörſchens Errettung eine Holzfaſerdoſe und zwar mit echtem Saint⸗Omer ge⸗ füllt, anzukaufen und zu ſchenken. Das ſiebente Kapitel. Der Einzug in die Mühle. Mit ſchwerem Herzen hatte ſich Veronel von ihrem Vater getrennt gehabt und dann ihren Weg allein fortge⸗ ſetzt. Endlich war ſie vor der Erlenmühle angelangt, die ihr fortan zum Wohnorte dienen ſollte. Es war ein ſtei⸗ nernes, ſtattliches Gebäude, neben welchem noch Viehſtälle, Holzſchuppen und eine große Scheune angebaut waren. Rauſchend ſtürzte ſich das Mühlwaſſer auf die ſchwarz⸗ dunkeln, triefenden Schaufelräder und trieb ſolche im raſchen Kreislaufe herum. Ein Blumen⸗ und Luſtgärtchen, das 83 der Spätherbſt ſeines bunten und grünen Schmuckes ent⸗ kleidet und verödet hatte, gränzte an die Mittagsſeite des Mühlengebäudes und weiterhin ſpielte der Herbſtwind mit dem dürren, raſchelnden Laube eines Erlenwäldchens, das der Mühle den Namen gegeben hatte. Auf dem hohen und langen Schindeldache trieb ſich ein zahlreiches Taubenvolk gurrend und trommelnd umher, während im Mühlhofe ein prächtiger Hühnerhahn ſeine Hühnerſchaar anführte und mit ſeinem lauten Krähen die Luft erfüllte. Schnatternde, breitgeſchnäbelte Enten belebten die umfangreiche Dünger⸗ ſtätte und ſeitwärts in einem ſonnigen Winkel ſtand, auf einem Beine nur, eine Anzahl Gänſe, welche theils mit ihrem dicken Schnabel ihr Gefieder putzten, theils mit ver⸗ drehtem Halſe zum herbſtlichen Himmel emporſchielten. Der Hofhund lag, den Kopf platt auf die Erde gedrückt, jedoch mit geſpitzt lauſchenden Ohren, vor ſeiner Hütte und theilte ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen eine in ſeiner Nähe vorüber⸗ ſchleichende Katze und dem offenſtehenden Hofthore. Einige ungewöhnlich große und dem Mädchen noch unbekannte Hühner ſuchten ihr Futter unter einem melancholiſchen Rufe, den ein noch weit größerer Vogel, welcher auf dem Rande eines Schornſteins ſaß und einen erſtaunlich langen Schweif an ſich trug, mit einem noch weit traurigeren und mißtö⸗ nenden Geſchrei beantwortete. Plötzlich aber zeigte ſich unter dem übrigen Hühnervolk im Hofe ein ungeheurer Vogel von furchtbarem Ausſehen. Am Halſe und über dem Schnabel ſaß und hing eine ganze Reihe von blut⸗ rothen Säckchen oder Bläschen, an denen man nicht unter⸗ ſcheiden konnte, ob ſie aus ausgeblaſener Haut oder wirk⸗ 6* 84 lichem Fleiſch beſtanden. Selbſt über den Schnabel lang herab baumelte ein ſolcher rother Fleiſchauswuchs, welcher ſeinen Befitzer am Freſſen behindern mußte. Gleichwie man biſſigen Hunden einen Maulkorb anlegt, ebenſo ſchien dieſer herabhangende Fleiſchauswuchs ein von der Natur geſchaffener Riegel zu ſein, welcher ſich von ſelbſt vorſchob, um ſeinen Träger vor dem Uebereſſen zu bewahren. Dieſer furchtbar anzuſehende Vogel verdreifachte noch ſeine ſchreck⸗ hafte Geſtalt, indem er wie ein Seeſchiff, das plötzlich von allen Seiten und von den Spieren oben an, bis unten auf das Deck, in weit ſich blähende Segel hüllt, mit den ſtarren Federn ſeines großen, fächerartig ausgebreiteten Schweifs ein Rad ſchlug und überdies zu beiden Seiten ſeines Kör⸗ pers einen ähnlichen, wenn ſchon kleinern, Federfächer herab⸗ ſenkte, welcher mit großem Geräuſch den Erdboden berührte. Zu gleicher Zeit ſtieß der fürchterliche Vogel ein entſetzliches Geſchrei aus, welches wie„gauder, gauder, gauder“ klang. Dann wendete er ſich gravitätiſch um und ſtolzirte weiter wie eine vornehme ſich ſpreizende Hofdame, welche im weit⸗ bauſchenden Reifrocke und mit hochroth geſchminkten Wangen durch die königlichen Zimmer dahin rauſcht und auf die niedrigeren Hofdiener mit tiefer Verachtung herabblickt. Veronel, welche jetzt zum erſtenmal in ihrem Leben einen Truthahn zu Geſicht bekam, benutzte deſſen Umkehren, um hinter dem Rücken des gefürchteten Thieres in die Mühl⸗ thüre zu ſchlüpfen. Allein in demſelben Augenblick wendete ſich der Truthahn wieder zu ihr um und kaum, daß er das zitternde Mädchen erblickte, ſo ſchwoll das rothe Gekröſe an ſeinem Halſe hoch und blauroth auf und unter einem zor⸗ 85 nigen, wilden Geſchrei erhob er ſich in die Luft, um der zeterſchreienden Veronel auf den Hals zu fliegen. 5 In dieſem gefahrdrohenden Augenblick kam eine Magd mit geſchwungener Peitſche herbeigeſprungen und verſcheuchte mit einem derben Hiebe den erboſten Truthahn, ſo daß er eiligſt die Flucht ergriff und beſchämt ſein geſträubtes Ge⸗ fieder einzog. „Armes Mädel!“ ſprach die Magd mitleidig zu der über und über zitternden Veronel—„hat dich der häßliche Puter ſo erſchreckt? Dein rothes Halstuch hat ihn gegen dich erbittert, weil er die rothe Farbe wohl an ſich, doch nicht an Anderen leiden kann. Wer biſt du denn und zu wem willſt du?“ „Ich bin die Veronel aus Lug“— ſtammelte dieſe— „und ſoll hier zu den Müllersleuten ziehen. Mein Vater iſt der Holzſchuhmacher Jackel und vor einer Woche erſt hier geweſen ſammt meinem großen Bruder Jürgele.“ „Ach, ich begreife nun Alles“— erwiederte die Magd. „Alſo du biſt die Kleine aus dem Gebirge, die unſerer Meta die Zeit vertreiben und nebenbei im Hauſe mithelfen ſoll? Nun, ich will dir von Herzen wünſchen, daß du mit der verhätſchelten und eigenſinnigen Meta in Güte ver⸗ kommſt und lange hier aushältſt. Laß dich nur nicht zu ſehr von ihr in die Enge treiben, denn ſonſt ſpielt ſie vollends Fangeball mit dir. Verrathe aber ja nicht, was ich dir eben geſagt habe. Du dienſt und ich diene, darum muß eine Hand die andere waſchen. Na, wir werden ſchon weiter zuſammenkommen. Jetzt ſteige hier dieſe Treppe 86 hinauf und poche oben an die erſte Thüre rechts, die zur Wohnſtube führt.“ Veronel ſtammelte einen kurzen Dank für den erwie⸗ ſenen Beiſtand und den ertheilten Rath; dann ſtieg ſie mit großer Beklommenheit des Herzens die bezeichnete Treppe hinauf. Vor der Stubenthüre oben blieb ſie einige Se⸗ Fſ cunden lang ſtehen, um recht freien Athem zu ſchöpfen und den nöthigen Muth zu gewinnen, den die Rede der Magd gar ſehr in ihr verringert hatte. Sie beſann ſich jetzt, daß ſowohl ihr Vater als auch Jürgele die Leutſeligkeit und Güte der Müllersleute wie der Müllerstochter hoch gerühmt hatte, und ſeitdem konnte doch unmöglich eine ſo ſchnelle Sinnesänderung mit ihnen vorgegangen ſein. Dieſer Ge⸗ danke verlieh ihr den Muth, mit gekrümmtem Mittelfinger leiſe an die Thüre zu pochen. Veronel mußte jedoch dieſe Bewegung mit vermehrter Stärke wiederholen, bevor eine feine Mädchenſtimme:„Herein!“ rief. Als Veronel aufgeklinkt hatte und in die Stube trat, ſtand ſie vor einem blaſſen Mädchen, welches ſie ſtarr und finſteren Blickes anſah, ohne ein Wort zu ſagen. „Grüß' Euch Gott!“ hob Veronel furchtſam an— „ich bin die Veronel von Lug.“ Dabei ſtreckte ſie ihre Rechte aus, um der Müllerstochter die Hand zu reichen. Dieſe jedoch überſah dieſe Bewegung, wendete ſich raſch um und eilte zu einer anderen Thüre hinaus. Laut rief ſie draußen:„Mutter! Mutter! das fremde Mädel iſt da! Kommt geſchwind!“ Nach kleiner Weile erſchien die Müllerin, hinter ihr Meta, welche dort verharrte und nur den Kopf neugierig F 4 vorſtreckte. Kleinlaut wiederholte Veronel ihren Gruß und ihr Handausſtrecken, das beides von der Müllerin erwie⸗ dert wurde, wobei ſie ſagte:„Alſo, du biſt die Holzſchuh⸗ macherstochter aus Lug? Ei ſieh doch, wie groß und ſtark du ſchon für dein Alter biſt! Aber warum thuſt du ſo ängſtlich? Ich dächte gar, daß dir die Thränen in den Augen hingen? Bei uns thut dir Niemand etwas zu Leide.“ „Mir iſt ſo bange“— ſtammelte Veronel—„daß ich's Euch nicht recht machen könnte. Meine Mutter läßt Euch ſagen, daß Ihr Geduld mit mir haben möchtet. Der gute Wille wäre wohl da— meint ſie— nur daß ich noch eine dumme Gans wäre.“ Meta kicherte hier hinter ihrer Mutter, dieſe verſetzte dagegen lächelnd:„Wenn du guten Willen haſt, Veronel, ſo hat's keine Noth. Alle neue Mühlſteine laſſen erſt Sand fahren, bis ſie ſich glatt gerieben und eingerichtet haben. Auch weiß ich Mehl von Kleie zu unterſcheiden und ich denke doch, daß du wenigſtens Schwarzmehl und keine Kleie ſein wirſt.“ „Ja,“— mengte ſich hier die ſeitdem herzugekommer Magd hinein—„wenn das fremde Mädel d verdonnert thut, ſo iſt daran bloß unſer abſcheulicher uter⸗ hahn ſchuld, welcher ihr richtig nach dem rothen Tuche auf den Hals geflogen wäre, hätte ich ihm nicht gerade noch zu rechter Zeit einen Peitſchenhieb verſetzt.“ „Das böſe Thier!“ ſprach die Müllerin.„Hätteſt du ihm doch“— fuhr ſie zu Veronel fort—„einen derben Fauſtſchlag verabreicht, dann ürde er ſich nicht wieder an 6 5 88 dich wagen. Nun, leg' ab dein Bündel. Sind das deine ganzen Sachen? Haſt du Hunger oder Durſt? Geh', Lieſe, und hole Brot, Butter und ein Glas Milch herzu. Sieh⸗, Kind, das iſt unſere Meta, mit der du am meiſten zu ſchaffen bekommen wirſt. So komm⸗ doch vor, Meta! Es iſt ja, als fürchtet ihr euch vor einander! Na, wenn ihr werdet einen Scheffel Salz zuſammen gegeſſen haben, werdet ihr ſchon bekannter gegen einander ſein. Ich will dir einſt⸗ weilen deine tägliche Arbeit anſagen, Veronel. Früh ſorgſt du dafür, daß unſere Meta aufſteht, nachdem ich ſie etliche⸗ mal geweckt habe. Das Aufſtehen aus dem warmen Bett kommt ihr nämlich recht ſauer an. Allein, das hilft einmal nichts, denn Meta kann doch nicht immer liegen bleiben. Dann hilfſt du ihr beim Anziehen.“ „Helfen? Beim Anziehen? Was denn?“ fragte Veronel betroffen. „Ei, da giebt's Mancherlei zu helfen“— antwortete die Müllerin—„einen Rock überwerfen, den Schnürſenkel durch die Schnürlöcher ziehen, ein Band binden, ein Tuch knüpfen, und was weiß ich ſonſt noch. Die Haare mußt du auch machen, nachdem Meta angezogen iſt.“ „Die Haare machen?“ ſtotterte Veronel erſchrocken. „Das kann ich ja nicht! Die wachſen doch von ſelbſ!“ „Ei, ei,“— rief die Müllerin, während Meta laut auflachte—„wenn du noch nichts vom Haare machen weißt, ſo hat deine Mutter nicht unrecht, dich ein Gänschen zu nennen. Zeig' einmal her deinen Kopf! Hinweg mit dem verhüllenden Kopftuche! Nein, ſollte man's glauben? Ein Mädchen von vierzehn Jahren, das ſchon confirmirt 89 iſt, trägt noch kurzverſchnittenes Haar wie die Knaben! Ihr müßt in euerm Gebirgs⸗ und Walddorfe noch wie die Heiden leben und kein Sterbenswörtlein von der Mode hören.“. „Mode? Mode? was iſt das?“ forſchte Veronel ängſt⸗ lich.„Meint Ihr etwa den Moder, der ſo ſchlecht riecht?“ Lachend ſchüttelte die Müllerin den Kopf.„Es iſt arg!“— ſprach ſie vor ſich hin. Dann fuhr ſie fo.„Wonmit haſt du bisher deine Haare glatt gemacht und rein?“ „Mit meinen Händen da“— verſetzte Veronel ernſt⸗ haft, indem ſie ihre von harter Arbeit zeugenden Hände vorzeigte.„Damit ſtreiche ich jeden Morgen glatt über meinen Kopf hinweg und dann fliegen alle Federn und Strohhälmchen heraus. Auch waſche ich gewöhnlich meine Haare mit dem Geſichte und den Händen zugleich.“ „Eine Pommade haſt du wohl noch nie auf deine Haare gebracht?“ fragte die Müllerin. „Eine Boom-Made?“ wiederholte Veronel, die falſch gehört zu haben glaubte.„Brrrr davor ekelte mir. Ich kann keine Made leiden, nicht einmal auf dem Käſe, den mein Vater dann gerade am liebſten ißt.“ „Ich ſehe ſchon, daß wir mit dir ganz von vorn anfangen müſſen“— meinte die Müllerin.„Na, es wird ſich Alles finden, dafern der gute Wille bei dir vorhanden iſt. Hier kommt Brot, Butter und Milch. Iß und trink dich ſatt. Dann wollen wir weiter zuſammen ſprechen.“ „Gute, liebe Frau Müllerin!“ bat Veronel mit großer Herzlichkeit, indem ſie der Müllerin Hand erfaßte—„ſagt mir's nur immer gleich, wenn ich etwas nicht recht mache. Durch's Feuer will ich für Euch laufen; nur habt ein wenig Geduld mit mir dummen Dinge. Aufpaſſen will ich wie ein Heftelmacher und wenn Ihr mir eine Sache einmal heißt, ſo iſt's genug. Freundlich blickte die Müllerin in die ehrlichen, thränen⸗ glänzenden Augen Ve els.„Wir werden uns ſchon ver⸗ tragen und ineinander ſchicken lernen, Kind!“ entgegnete ſie.„Meta, wir wollen jetzt deine neue Jungfer allein laſſen, damit ſie ohne Scheu eſſe und trinke. Heute“— fuhr ſie zu Veronel fort—„magſt du ausruhen und mor⸗ gen erſt deinen Dienſt antreten, zu welchem ich dich anwei⸗ ſen werde.“ Nachdem die Müllerin ſammt ihrer Tochter die Stube verlaſſen hatte, wagte Veronel ſich ein kleines Stück von dem großen Brote abzuſchneiden. Bevor ſie zu eſſen be⸗ gann, brachte ſie das Brotſtück an ihre Naſe und ſog mit vieler Behaglichkeit den kräftigen, ſüßen Duft deſſelben ein. „Ach!“ ſprach ſie leiſe—„das riecht beſſer noch wie die ſchönſte Blume.“ Das gelbe Butterweckchen anzuſchneiden unterſtand ſie ſich nicht, dagegen aber ſprach ſie abwechſelnd dem Brote und der Milch zu, die ihr von ſolcher Güte noch nicht vor⸗ gekommen war. Kauend und trinkend rief ſie ſich das Bild der Müllerin und deren Tochter vor's Auge zurück. Die Erſtere hatte ihr mehr gefallen als die Letztere, welche zu Veronel kein Wort geſprochen, ihr keine Hand gegeben und weiter nichts gethan als gelacht hatte. Hierauf ſah ſich Veronel in der Stube um, welche Jürgele ihr genau beſchrieben gehabt hatte. Es traf Alles zu; ſelbſt zwei 9¹ kleine Papierſtückchen, welche noch an der Stubenthüre klebten, zeigten an, wo das Bild mit den Sternbuben vor⸗ dem gehängt hatte. Dabei aber erinnerte ſie ſich der Hei⸗ math und ihrer eigenen Wohnſtube, die zwar lange nicht ſo ſtattlich wie dieſe hier, aber doch der Aufenthalt der Ihrigen war. Da erfaßte ſie das aller Macht und bittere Schmerzensthränen beträufe en die Brotbiſſen, die kurz vorher noch ſo ſüßen! Aber es muß Alles auf dieſer Erde überſtanden werden und auch ſelbſt das Leid ein Ende nehmen ſo gut wie die Freude. So verſiegten auch endlich Veronels Thränen und der jugendliche Sinn überwand das Heimweh. Später behielt das Mädchen wenig Zeit zu ſchwermüthigen Ge⸗ danken. Sie wurde dem Müller vorgeſtellt und von dieſem freundlich als Landsmännin willkommen geheißen. Dann gelangte ſie in die Küche, wo ſie allabendlich das Geſchühte für's ganze Haus zu putzen bekam. Wie erſtaunte Veronel hier über den vorhandenen Reichthum an zinnernen, kupfer⸗ nen, blechernen, eiſernen und hölzernen Geräthen aller Art, über die zierlich geordneten Reihen von Tellern, Schüſſeln, Näpfen, Töpfen, Bratpfannen, Krügen, Kannen und Taſſen, über die Menge blanker Löffel, Gabeln und Meſ⸗ ſern, über die Koch⸗ und Bratröhren, welche, übereinander gemauert und außerdem mit kupfernen Blaſen für's heiße Waſſer verſehen, einem kleinen Gebäude glichen. Ein gro⸗ ßer, inwendig ausgepichter Waſſerſtänder, ein rundes, durch⸗ löchertes Bret mit einem Vorrathe an Quirlen und Rühr⸗ löffeln, mehrerlei Durchſchläge, Brühſiebe, Hacke⸗ und Wiegebreter mit den dazu erforderlichen Meſſern, Schöpf⸗ 92 gelten, Waſſerkannen, Blechſtürzen, Mörſer, Reibeiſen, Lampen, Leuchter, Salzmäſte und Würzbüchſe zeigten ſich in bunter Abwechſelung Veronels ſtaunenden Blicken. Völlig neu war ihr der Anblick einer eiſernen Kaffeetrommel, welche, mit Kaffeebohnen angefüllt, eine Magd über einem hellen Feuer herumdrehte, ſowie auch derjenige einer Kaffeemühle, deren raſſelnder Ton ihr Schrecken einjagte, als die Magd von den friſchgebrannten Bohnen aufſchüttete und ſolche zu mahlen begann. Denn in Lug kam ſo etwas nimmer vor, weil dort die Leute kleine Päcktchen mit gepulverter Cichorie kauften und als Kaffee verwendeten. Glanzwichſe kannte Veronel eben ſo wenig wie den Bohnenkaffee, ſondern nur eine einfache Schuhſchmiere, daher ſie erſt von der Magd im Pugen des Geſchühtes unterwieſen werden mußte. Eben ſo verhielt es ſich am andern Morgen mit dem ſogenannten Haarmachen, deſſen ſich die Müllerin ſelbſt bei ihrer Tochter unterzog und dabei Veronel als aufmerkſame Schülerin neben ſich ſtehen hatte. Die Letztere lernte Meta's Haar rein durchkämmen, einen Scheitel machen, Flechten abthei⸗ len und ſolche in einen kunſtvollen Zopf vereinigen und andere Haarkünſte mehr, wobei Kämme mancherlei Art, Haarnadeln, Haarbänder, Haaröle und Pommade ange⸗ wendet wurden. Dieſes tägliche Haarmachen koſtete erſtaun⸗ lich viel Zeit, am meiſten an den Sonn⸗ und Feſttagen, und Veronel überrechnete im Stillen dabei, wie vielmal herum ſie dafür an einem Strumpfe ſtricken oder welche Menge Geſchühte putzen könnte. Meta anziehen, lernte Veronel gleichfalls, aber freilich nicht ohne die Müllers⸗ tochter zuweilen ſo feſt eingeſchnürt zu haben, daß dieſe 93 kaum aufzuathmen vermochte oder über das unerträgliche Einſchneiden der von Veronel zu feſt gebundenen Band⸗ ſchleifen wehklagte. Daß nebenbei unter Veronels harten und markvollen Händen die Schnürſenkel platzten und über⸗ mäßig angezogene Bänder zerriſſen, war kein Wunder. So gut, wie Niemand gleich als Meiſter zur Welt gekom⸗ men iſt, eben ſo wenig auch eine Kammerjungfer, die mit allen Künſten ihres Standes betraut wäre. Das ſah die Müllerin wohl ein und hatte um ſo mehr mit Veronel Ge⸗ duld, als dieſe ſich keine Mühe verdrießen ließ und auch mit Meta's Schwächen und Fehlern Geduld bewies. Denn die Müllerstochter war ſehr verzogen und bereitete durch ihre Launen der Veronel manche böſe Stunde. Dieſe wußte ſich bald in das ihr zugetheilte Amt und in die damit ver⸗ bundenen Geſchicklichkeiten zu finden, während es weit län⸗ gerer Zeit bedurfte, um Meta's Gewogenheit zu gewinnen und deren Eigenſinn zu brechen. Gleich mit dem frühen Morgen begann Veronels Noth, indem ſie bei Meta das Amt einer Weckerin übertragen bekommen hatte. Welche Mühe koſtete es, um Meta aus den Federn zu bringen! Wie vielemale mußte Veronel ihren Weckruf wiederholen, Bitten, Drohungen, Schmeicheleien, ja ſogar zuletzt gewalt⸗ ſame Maßregeln anwenden, um die Langſchläferin, welche Veronels wohlgemeinte Bemühungen mit Schimpfreden und ſelbſt mit Schlägen vergalt, zum endlichen Aufſtehen zu vermögen! Dann hob die zweite Noth über dem Anziehen und dem Haaremachen an, wo Veronel die Schleifen bald zu feſt, bald zu locker band, Meta ungebührlich raufte, den Zopf nicht ſchön genug flocht, die Haare nicht glatt genug 94 kämmte und den Scheitel falſch abtheilte. Unter fortwäh⸗ rendem Schelten von Seiten Meta's kam ihr Anzug zu Stande, worauf ſie den Kaffee zu ſich nahm. Dann war's höchſte Zeit in die Schule zu gehen, wohin ſie Veronel be⸗ gleiten und auch wieder abholen mußte. Das Dorf mit ſeiner Schule lag mindeſtens eine gute Viertelſtunde weit von der Erlenmühle entfernt, daher Veronel täglich genug zu gehen hatte, was ihrer Geſundheit aber nur zuträglich war. Nebenbei kümmerte ſich Veronel auch noch um Dinge und Verrichtungen, die ihr nicht geradezu übertra⸗ gen wurden. Sie lernte Kaffee brennen und kochen, Fiſche ſieden, die Kühe melken, Butter und Käſe bereiten, das Vieh füttern, Wäſche zeichnen, Hemden nähen und andere Dinge mehr, welche zu verſtehen den Frauen zukommt. Sogar der Mahlkammer entzog Veronel ihre Aufmerkſam⸗ keit nicht. Zeigte die Klingel durch ihr wiederholtes Tö⸗ nen an, daß friſches Getreide auf die Mühlſteine geſchüttet werden müſſe, ſo rief ſie den ſäumigen Mühlknappen an, ſeiner Dienſtpflicht nachzukommen, und legte wohl gar ſelbſt die Hand dabei an. Ueberhaupt war ihr das ganze Mühl⸗ werk ein Gegenſtand der höchſten Bewunderung, welchen in allen ſeinen Theilen kennen zu lernen ſie ſich keine Mühe und kein gutes Wort verdrießen ließ. Wie wenige unter den vielen Millionen Menſchen, die ſich alltäglich in dem lieben Brote ſättigen, wiſſen, auf welche kunſtvolle Weiſe der unentbehrlichſte Stoff dazu— das Mehl— gewonnen wwird! Bevor die Kunſt 1 Getreidemahlens erfunden war, kochte man die ganzen Getreidekörner im Waſſer weich, wie noch jetzt den Rei ₰ 1 3 5 und genoß ſie in dieſer Weiſe. Später zermalmte man ſie in Steinmörſern und bereitete dann einen Brei daraus, in welchem außer dem weißen Mehl auch noch die äußere Schale enthalten war. Wie weit man dagegen jetzt die Kunſt des Mehlmahlens vervollkommt hat! Nicht genug, daß man Mehl von verſchiedener Feinheit und Beſchaffen⸗ heit aus demſelben Getreide gewinnt, die Schalen und Hülſen von dem Mehle abzuſondern weiß, daß man Gerſten⸗ körner in Graupen, Haidekorn in Grütze, Gries und Mehl umwandelt, die Hirſekörner ihrer harten, ungenießbaren Umhüllung entkleidet, aus verſchiedenen Sammenkörnern ein fettes Oel hervorſtampft, ſondern man zwingt auch das Waſſer, daß es in der Schneidemühle die ſtärkſten Baum⸗ klötzer in Breter, Pfoſten, Latten, ja ſelbſt zu vierkantigem Bauholz umgeſtaltet. Wo man kein Mahlwaſſer zu dieſen Dienſten aufzutreiben vermag, nöthigt man den Wind oder den Dampf dazu. Das achte Kapitel. Der Kirchgang. Was die mütterlichen Reden und Ermahnungen, was Veronels Bitten und Drohungen nicht über Meta vermoch⸗ ten, das wirkte wiederum das Beiſpiel der armen Holz⸗ ſchuhmacherstochter, welchem Meta endlich nicht zu wider⸗ ⸗ 96 ſtehen vermochte. Mit dem früheſten Morgen ſtand Veronel ungeweckt auf, kleidete ſich an, wuſch ihr Antlitz und ihre Hände mit friſchem, eiskaltem Waſſer und ſtand dann vor dem Bett der Langſchläferin Meta, bemüht, das träge Mäd⸗ chen zu ermuntern und auf die Beine zu bringen. Vero⸗ nels rothe, volle Wangen, ihr dunkelblitzendes Auge, ihr freundliches Antlitz ſtachen dann grell ab gegen Meta's bleiche, ſchlaffe Haut, gegen deren verdrießliche Mienen und langſamen Bewegungen. Obgleich Veronel nur einen ein⸗ zigen Anzug beſaß, ſo war derſelbe doch ſtets reinlich und ganz, während die vielen und theuern Kleider Meta's nie ganz ohne Schmuz⸗, Fett⸗ und Obffflecken waren. Mit Vielem hält man Haus, mit Wenigem kommt man aus— dieſes Sprüchwort erfüllte ſich buchſtäblich an Veronel, welche dem Müllerehepaar mit jedem Tage lieber wurde. Wenn auch nicht in Veronels Gegenwart, ſo doch gegen Frau und Kind lobte der Müller Veronels Fleiß, Willig⸗ keit, Reinlichkeit und ſittſames Betragen und die Müllerin ſtimmte dann ein, was erſt Meta's Neid und Gehäſſigkeit gegen die Belobte erregte, ſpäter ſie aber doch zur Nach⸗ eiferung des guten Beiſpiels bewog. Einige Wochen hatte Veronel bereits in der Mühle ge⸗ lebt und ſich ganz an ihre jetzige Lage gewöhnt. Der Trut⸗ hahn war ihr nicht mehr fürchterlich, vielmehr dieſer der Holzſchuhmacherstochter, welche das geſammte Hühner⸗, En⸗ ten⸗, Gänſe⸗ und Taubenvolk regelmäßiger mit Futter er⸗ freute als die leichtſinnigen Mägde, ſehr zugethan. Auch der Pfauhahn vergalt Veronels Pflege dadurch, daß er willig gegen ihr Gebot, ſeinen langen Schweif entfaltete 97 und in ein prächtig ſchillerndes Federrad verwandelte. Gar viele Menſchen, welche aus großem Elende plötzlich in den Ueberfluß verſetzt worden ſind, gewöhnen ſich ſchnell an die neue Lebensweiſe und wiſſen deren Gutes nicht mehr zu ſchätzen. Veronel machte hiervon eine rühmliche Aus⸗ nahme, indem ſie jeden Tag es erkannte, welches Wohlleben bei ihr an die Stelle der früheren Dürftigkeit und deren harten Entbehrungen getreten ſei. Die Dankbarkeit, welche ſie dafür dem Müller ſchuldig zu ſein glaubte, bewies Ve⸗ ronel durch eine hingebende Treue gegen ihre Dienſtherr⸗ ſchaft, indem ſie deren Eigenthum gegen Veruntreuungen und deren guten Namen gegen alle verleumderiſchen Ver⸗ dächtigungen Anderer beſchützte. Freilich zog ſie dadurch den Haß beſonders der einen Magd auf ſich, welche durch Veronels Achtſamkeit behindert wurde, ihre bisherigen Näſchereien und kleinen Entwendungen fortzuſetzen. Eines Tages kam Lieſe, dies war der Name jener Magd, in Veronels Abweſenheit, als dieſe Meta nach der Schule begleitete, zu ihrer Dienſtherrin und ſprach mit ge⸗ heimnißvoller Miene:„Frau Müllerin! kommen Sie doch einmal in Veronels Schlafkammer. Dort will ich Ihnen etwas zeigen, aus welchem Sie erſehen können, ob Veronel wirklich ſo ehrlich iſt, wie ſie ſich die Miene giebt.“ Neugierig und nicht ohne innere Unruhe folgte die Müllerin der voranſchreitenden Magd, welche, in Veronels Kämmerlein angelangt, dort den Strohſack von deren Lager aufdeckte und in den einen Winkel der Bettſtelle zeigte. Hier ſtand ein irdener, durch einen Sprung unbrauchbar gewordener Topf von geringer Größe, auf welchem ein Nieritz, Stern, Stab und Pfeife. 7 98 chwacher Holzdeckel ſtülpte. Daneben lag ein ſorgſam mit Zwirn umwickeltes kleines Bündel von bunten Trut⸗, Pfau⸗ und Hühnerhahnfedern. Nach dem Abnehmen des Holzdeckels ward in dem Topfe ein kleiner Vorrath von feſt eingedrückter Butter ſichtbar, welche durch beigemiſchte Brotkrume ein ſchmuziges Ausſehen bekommen hatte. „So beſtiehlt Sie das undankbare Mädel“— ſagte die Magd ſchadenfreudig—„von dem Sie immer ſo viel Rühmens machen. Und nun erfährt man auch, warum der Pfau⸗ und der Truthahn ſtets ſo buzig ausſehen. Das iſt der Dank für Ihre Güte, die Sie dem hergelaufenen Dinge erweiſen. Wer weiß, was und wie viel ſonſt noch Veronel Ihnen entwendet hat.“ Die Müllerin wußte recht gut, daß Lieſe keineswegs die ehrlichſte Magd war und daß Niemand einen Andern hinter dem Strauche ſuche, der nicht ſelbſt erſt dahinter ge⸗ ſteckt hat. Darum ſprach ſie jetzt gelaſſen zur Magd:„Ich werde die Sache unterſuchen, Lieſe! Du aber ſchweigſt und läſſeſt den Topf mit der Butter und das Federbündel, wo beide jetzt ſind.“ Als Veronel heimgekehrt war und ſie die Müllrin fröhlich fragte, was ſie nun zuerſt arbeiten ſollte, blickte dieſe ihr ſcharf in's Geſicht.„Nein,“— ſprach ſie zu ſich ſelbſt—„wenn dieſes ehrliche, freudig glänzende Auge dich betrügen könnte, ſo gäb' es keine Treue mehr auf der Erde. Veronel“— fuhr ſie laut zu dem Mädchen fort—„ich habe dich etwas zu fragen. Nicht wahr, du wirſt, du kannſt mich nicht beſtehlen oder mit Unwahrheit hinter⸗ gehen?“ 99 Veronel erbleichte auf dieſe Frage, um in der nächſten Secunde deſto blutrother zu werden.„Wie können Sie ſo ſonderbar fragen?“ antwortete ſie mit bebenden Lippen. „Ich wäre ja der abſcheulichſte und undankbarſte Menſch unter der Sonne, wenn ich Sie beſtehlen oder belügen wollte.“ „Das wäreſt du allerdings“— erwiederte die Mül⸗ lerin—„und glaube es daher auch nicht. Sage mir da⸗ her offen heraus, welch' eine Bewandtniß es mit dem Topfe und der darin befindlichen Butter hat, der unter deinem Strohſacke nebſt einem Federbündel verborgen ſteht?“ „Das will ich Ihnen ſagen, Frau Müllerin“— ant⸗ wortete Veronel ruhig.„Sehen Sie! wenn ich von Ihnen eine fett mit Butter geſtrichene Brotbemme bekomme und ſie eſſen will, ſo fällt mir allemal bei, wie elend es meine Ael⸗ tern und Geſchwiſter in Lug gegen mich haben, die weder Butter noch richtiges Brot zu ſehen, geſchweige zu eſſen be⸗ kommen und ſich mit ſchliffigen Kartoffeln und dem gröbſten Grütze begnügen müſſen. Dann würgt mich jeder Biſſen im Halſe und ich möchte in meinem Wohlleben bittere Thränen weinen. Da habe ich heimlich die Butter von meinen Bemmen herabgekratzt und in einen Topf gethan, den die Küchenmagd, weil er einen Riß hatte, auf den Scherbenhaufen werfen wollte. Wenn du— dachte ich— den Topf nach und nach voll Butter ſammeln kannſt, ſo findet ſich vielleicht eine Gelegenheit, ihn nach Lug zu ſchicken und deinen Aeltern eine Freude damit zu machen. Die Federn habe ich im Hofe aufgefunden und geſammelt. Meta, der ich ſie anbot, mochte ſie nicht, und da wollte ich — 100 ſie meinen Geſchwiſtern ſchicken, die ſo etwas in ihrem Leben nicht geſehen haben.“ „Es freut mich, daß du dich ſo gut gerechtfertigt haſt“ — ſprach die Müllerin—„aber in Zukunft iß du immer⸗ hin deine Bemmen unabgekratzt. Ich verſpreche dir einen Topf mit reiner Butter und vielleicht noch etwas Anderes dazu, ſobald du eine Botſchaft an die Deinen gelangen laſſen kannſt.“ „Sie ſind zu gut gegen mich“— ſchluchzte Veronel, welche, wie der Leſer erſieht, ihr früheres, bäueriſches „Ihr“ mit dem höflicheren„Sie“ bereits vertauſcht hatte. Lieſe erfuhr aus dem Munde der Müllerin, welche Be⸗ wandtniß es mit der aufgefundenen Butter habe und daß ihre Anklage für Veronel zum Nutzen ausgeſchlagen ſei. Das ärgerte die Magd gewaltig. In dem Dorfe Erlbach, zu welchem die Erlenmühle ge⸗ hört, ſtand eine recht hübſche Kirche mit einem Thurme, deſſen übergoldetes Kreuz funkelnd in die blaue Luft empor⸗ ſtieg. Um die Kirche herum, die auf einem Hügel lag und weithin das Dorf überſchaute, befand ſich der Kirchhof mit ſeinen Grabhügeln und ſchwarzen Holzkreuzen, zwiſchen denen hier und da ein weißer Leichenſtein ſich unterſchied. Da oftmals die Schule noch nicht aus war, wann Veronel die Müllerstochter abzuholen kam, ſo begab ſich Veronel gewöhnlich auf den nahe gelegenen Friedhof und buchſta⸗ birte die Schriſt auf den Kreuzen und Leichenſteinen her⸗ aus. Gar zu gern wäre ſie in die Kirche ſelbſt getreten, doch deren Thüren waren ſtets von ihr verſchloſſen befun⸗ den worden. Wenn des Sonntags das feſtliche Glocken⸗ S geläute bis zur ferngelegenen Mühle hinausertönte, ſo fühlte Veronel ihr Herz tief bewegt von dem hehren Rufe nach dem Gotteshauſe, wo man den Herrn im Geiſt und in der Wahrheit anbeten ſoll. Obwohl der Menſch nicht allein vom Brote lebt, ſondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht, ſo glaubt ſich doch die ehr⸗ ſame Müllerzunft von den übrigen chriſtlichen Menſchen⸗ kindern ausgenommen, welche ſechs Tage hintereinander für den Leib und nur einen einzigen für die Seele ſorgen ſollen. Daher vernimmt man gar oft des Sonn⸗ oder Feiertags, daß die Mühle nicht feiert und daher auch nicht die, welche darin wohnen. Solches geſchah denn auch in der Erlenmühle, in welcher des Herren Tag ſchon um des⸗ willen weniger feſtlich ſich vor den Wochentagen auszeich⸗ nete, weil ſie weit entlegen von dem Dorfe lag und ihr Beſitzer ſeine Entheiligung des Sabbaths mit der dringenden Noth⸗ wendigkeit des Mehlſchaffens entſchuldigte. Zwar hatte Veronel mit dem eigentlichen Mehlgeſchäfte nichts, deſto mehr aber des Sonntags mit dem Anputz der Müllerin und deren Töchterlein zu thun, welche durch einen fleißigen Kirchenbeſuch das Wegbleiben der männlichen Mühlenbe⸗ wohner ausgleichen und nebenbei ihren Sonntagsſtaat ſehen laſſen wollten. Wie hätte ſich ferner Veronel in der Kirche neben oder mit ihrer Dienſtherrſchaft blicken laſſen dürfen, ſo lange ſie nur einen einzigen und noch dazu ſehr ärmlichen Anzug beſaß, zu welchem erſt das Weihnachtsfeſt einen zweiten, neuen hinzufügen ſollte? In Lug war Ve⸗ ronel gleichfalls äußerſt ſelten in die Kirche nach Münſter gekommen, weil der Weg dahin noch ungleich weiter und 102 beſchwerlicher war als in Erlbach, überdies auch die Noth dort größer, welche die Luger oftmals zum unfreiwilligen Daheimbleiben zwang. Eines Sonntags wurde Veronel von der Müllerin früh zum Krämer in's Dorf geſchickt, um den nöthigen Bedarf an Materialwaaren zu holen. Der volle Orgelton und der laut herüberſchallende, vielſtimmige Choralgeſang der andächtigen Menge zogen Veronel mit unwiderſtehlicher Gewalt nach der offenen Kirchthüre. Un⸗ ter einem heiligen Schauer trat ſie furchtſam und leiſe durch die äußere Pforte in die kleine Vorhalle, welche durch eine zweite, mit Glasſcheiben verſehene Thüre von dem Innern der Kirche geſchieden wurde. Hier blieb ſie ſtehen und ſchaute mit andächtig gefalteten Händen auf die ſingende, bunte Menge der Frauen und Jungfrauen, welche, dicht an einander gereiht, die Stühle des Kirchenſchiffs einnahmen. Von denſelben erhob ſich Veronels Blick zu der Empor⸗ kirche auf, deren Brüſtung mit ſchönen, in Oel gemalten Bildern aus der bibliſchen Geſchichte geſchmückt war und darüber die anweſenden Männer und Burſchen ſehen ließ. Hierauf wanderte des Mädchens Auge ſeitwärts rechts nach dem heiligen Altar, auf welchem zwei ſchöne Porzelan⸗ gefäße mit künſtlichen Blumenſträußen prangten, in deren Mitte wiederum das Bild des gekreuzigten Erlöſers ſtand. Ueber dem Altarzeigte ſich die Kanzel mit dem blauſammet⸗ nen und ſilbergeränderten Behänge. Da ſie noch leer war, ſo wendete ſich Veronels Betrachtung links und der hoch gelegenen Orgel zu, vor welcher eine Reihe ſingender Schulknaben das langgeſchweifte Chor beſäumte. Wie gern hätte ſie mitgeſungen! Nicht lange jedoch mehr währte das Singen, denn der Prediger betrat die Kanzel. Da wendeten ſich alle Köpfe nach der Kanzel hin und horchten des Predigers Worten. Derſelbe that ſeinen Mund auf und lehrte:„Selig ſind, die da geiſtlich arm ſind, denn das Himmelreich iſt ihrer. Zuerſt laßt uns betrachten, was das heiße, geiſtlich arm ſein, und zweitens, warum ſolchen das Himmelreich iſt. NRicht verſtehen wir unter geiſtlicher Armuth etwa Blödfinn, Unwiſſenheit, Aberglaube und Geiſtesverwirrung, ſondern diejenige chriſtliche Demuth, welche das menſchliche Wiſſen als Stückwerk betrachtet und es nicht über das geoffenbarte göttliche Wort ſtellt. Der Dünkel der geiſtlich ſich reich Schätzenden bewirkt den Un⸗ glauben gegen die göttliche Offenbarung, daher es nur zu oft der Fall iſt, daß die Weiſen dieſer Welt die ungläubig⸗ ſten Chriſten ſind, während der geiſtlich Arme mit Freuden und ohne nutzloſe, ja ſchädliche Grübeleien den beſeligenden Verheißungen der Chriſtuslehre traut. Daher geſchieht es, daß in der bangen Todesſtunde das eigene, menſchliche Wiſſen, die ſogenannte Weltweisheit, vor den brechenden Augen des geiſtlich Reichen gleich zerplatzenden Seifen⸗ blaſen verſchwindet, während der gläubige, geiſtlich Arme bereits auf Erden den Himmel über ſich offen erblickt und nit ſtillfrendiger Ergebung ausruft: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geiſt! Denn nur der Glaube macht ſelig und er iſt eben des geiſtlich Armen beſtes Theil.“ Bis hierher hatte Veronel die Predigt mit angehört. Die Be⸗ ſorgniß, durch längeres Verweilen die Müllerin zu erzür⸗ nen, trieb ſie fort und auf den Heimweg. Als ſie die Stelle erreichte, wo der Dorfweg in zwei verſchiedene Richtungen „ 104 ſich theilte, wovon die linke nach der Erlenmühle und die rechte in den Wald führte, ſtieß ſie auf zwei ſonntägig ge⸗ kleidete Mädchen von 10 und 11 Jahren, die, ihrem An⸗ zuge nach, nicht dem Bauernſtande angehörten. Die ältere von ihnen ſaß auf einem Feldſteine und zeigte in ihren Mienen den Ausdruck eines heftigen Schmerzes. Die jüngere ſtand weinend vor ihr, rang die Hände und ſchaute ſich hülfeſuchend und angſtvoll nach allen Seiten um. Als ſie Veronels anſichtig wurde, eilte ſie derſelben entgegen und redete ſie mit den haſtigen Worten an:„Ach, liebes, gutes Mädchen! meine arme Schweſter, Lenchen, hier hat ſich den Fuß verſtaucht und kann nicht einmal auftreten, geſchweige einen einzigen Schritt thun. Rathe, was ich mit ihr anfangen ſoll? Nach Hauſe zurück oder in's Dorf hinein tragen, kann ich meine Schweſter nicht und allein hier zurückbleiben, während ich nach Hülfe fortſpringe, mag ſie nicht. Was ſoll ich nun thun? Ach rathe uns doch, gutes Mädchen, und erbarme dich unſrer!“ „Das will ich recht gern“— verſetzte Veronel gut⸗ müthig—„wenn ihr mir nur erſt ſagt, wie ich euch helfen ſoll oder kann? Soll ich in's Dorf zurück oder in eure Wohnung laufen, um Hülfe herbei zu holen? Ihr ſeid ge⸗ wiß aus einem andern Dorfe oder wohl gar aus der Stadt? Dann würde es wohl gerathener ſein, wenn ich nach Erl⸗ bach zurückeilte.“ „Du biſt hier fremd, weil du uns nicht kennſt“— erwiederte das jüngere Mädchen.—„Wir ſind die För⸗ ſterstöchter von Erlbach und die Förſterei liegt dort im Walde. Am liebſten wäre es uns, wenn meine Schweſter 105 nach unſerer Wohnung geſchafft würde, aber freilich iſt bis dorthin die größere Weghälfte.“ „Wenn es nicht weiter iſt als bis zur Förſterei“— meinte Veronel—„ſo getraue ich mir ſelbſt, deine Schweſter dahin zu tragen. Dann aber wirſt du mein Waarenbündel an dich nehmen und mir den Weg zeigen müſſen, weil ich noch nie bis zur Förſterei gekommen bin.“ „Du wirſt dir Schaden thun“— warnte die ältere Förſterstochter, indem ſie, ihren Schmerz verbeißend, ſich in das Geſpräch mengte—„denn ich bin gar nicht leicht und der Weg iſt nicht kurz bis zu uns hin.“ „Ich kann ja ausruhen, wenn ich zu müde werde“— entgegnete Veronel und reichte der jüngeren Förſterstochter ihr Waarenbündel hin.„Die Frau Müllerin wird mich zwar ausſchelten, wenn ich ſpät nach Hauſe komme, aber das thut nichts. Nächſtenhülfe geht vor.“ „Aus der Mühle biſt du?“ fragte die ältere Förſters⸗ tochter—„Ha, dann biſt du wohl die Veronel aus Lug, von welcher uns Meta ſo viel ſchon erzählt hat?“ „Die Veronel bin ich“— antwortete dieſe—„und was Meta von mir erzählt hat, mag wohl nicht zum Beſten gelautet haben.“ „Doch, doch!“ ſagte Lenchen eifrig—„und das will bei Meta ſchon viel ſagen, der nicht eine Jede Alles zu Danke machen kann. Die Erlenmüllerin iſt übrigens meine Pathe und unſerer Mutter beſte Freundin.“ Veronel war über ihr vernommenes Lob ganz ſcham⸗ roth geworden. Sie erwiederte kein Wort, ſondern hob das beſchädigte Mädchen auf ihren Arm und hieß ihr, ſich 106 an ihrer Trägerin Hals feſthalten, worauf ſie den Weg nach dem Forſthauſe antrat. Lenchen war in der That keine leichte Laſt, ſo daß Veronel bald in Schweiß gerieth. „Setz' mich ab! Ruhe aus!“ bat Lenchen wiederholt, jedoch lange vergeblich, bis endlich Veronel auf halb⸗ zurückgelegtem Wege gehorchte und keuchend ihre Bürde niederließ. „Arme Veronel!“ ſprach Lenchen bedauernd, indem ſie Veronels glühende Wangen ſtreichelte—„wie du roth ausſiehſt! und ſchwitzeſt und tief aufathmeſt! Dieſen Liebes⸗ dienſt vergeſſe ich dir mein Lebtage nicht.“ „Wenn's weiter nichts iſt!“ verſetzte Veronel und blickte auf die voranſchreitende Förſterstochter hin, ob dieſe noch das ihren Händen anvertraute Waarenbündel befitze. „Schwereres ſchon habe ich in meinem Leben tragen und thun müſſen. Hat doch mein Bruder Jürgele, der jünger und ſchwächer iſt als ich, ſchon die todte Mutter des ſchlim⸗ men Näther⸗Hans gehoben und auf dem Schiebebock weit nach dem Kirchhofe gefahren.“ „Näther⸗Haus? den Räuberhauptmann? fragte Lenchen betroffen.„Kennt ihr den auch? Wir fürchten uns nicht wenig vor ihm und ſeiner Bande, die in der Nähe herum⸗ ſtreichen und gräuliche Uebelthaten verüben ſoll. Mein Vater und unſer Jägerburſche haben deswegen immer ſcharfgeladene Doppelbüchſen zur Hand und alle Nächte werden unſere ſämmtlichen Jagdhunde um unſer Haus als Wächter vertheilt.“ „Näther⸗Hans ſtammt ja aus Lug“— erklärte Vero⸗ nel—„wo ſeine Mutter aus Kummer über ihren Sohn ſich ſelbſt ertränkt hat.“ „Der Böſewicht!“ eiferte Lenchen.„Ich wäre ſchon außer mir, wenn ich meiner Mutter nur eine einzige Kum⸗ merthräne auspreßte, geſchweige wenn ſie durch meine Schuld gar in's Grab geſtürzt würde.“ „So denke ich auch“— bethenerte Veronel, welche jetzt ihre Bürde wieder aufhockte und rüſtig vorwärts ſchritt. Bald zeigte ſich in der Ferne und aus dunkeln Fichten her⸗ vorſchauend ein Gebäude, deſſen Dachgiebel mit großen Hirſchgeweihen verziert und bezeichnet waren. „Dort wohnen wir“— ſagte Lenchen zu ihrer Trãä⸗ gerin—„und bald haſt du's überſtanden.“ „Werden deine Aeltern nicht ſehr erſchrecken“— fragte Veronel beſorgt—„wenn ſie dich, von mir getragen, an⸗ kommen ſehen und nicht wiſſen, was dir widerfahren iſt?“ „Das iſt wahr und ſehr klug von dir geſprochen“— verſetzte Lenchen, und rief ihrer voraneilenden Schweſter zu:„Tildchen, laufe immer voraus und erzähle unſern Aeltern, was mir begegnet iſt, und ſage ihnen, daß ſie nicht ängſtlich ſein und nicht über meinen Anblick erſchrecken ſollen.“. Mathilde verdoppelte ihre Schritte und verſchwand bald in der Förſterei, aus deren Thüre ſpäter der Förſter ge⸗ rannt kam und ſeine Tochter von Veronels Arme nahm, wobei er bedauernd ſprach: „Meine arme Tochter! wie haſt du denn das verſehen? Na, wenn dein Fuß nur nicht gebrochen iſt, ſo mag es noch hingehen.“ 108 Noch war der Förſter nicht bis an ſein Haus gekom⸗ men, als ſchon die Förſterin, Mathilde, der Jägerburſche und die Magd aus der Pforte hervorquollen, um Lenchen zu empfangen und ſie mit bedauernden Ausrufungen zu überſchütten. Während dem nahm Veronel ihr Waaren⸗ bündel ſachte aus Mathildens Händen und ſchlich ſich unbe⸗ merkt davon. Sie war bereits eine ziemliche Strecke weit gekommen, als ſie„Veronel! Veronel!“ erſt von einer, dann von vielen Stimmen zuſammen durch den Wald, deſſen Bäume ſie verdeckten, rufen hörte. Allein ſie gedachte mit Schrecken, wie lange ſie bereits über die Zeit in der Mühle ausgeblieben war, und rannte darum eiligſt weiter. Die Müllerin empfing die heimkehrende Veronel mit verdrießlicher Miene und fragte ſie um die Urſache ihres langen Außenbleibens. Ihre gerunzelte Stirne glättete ſich jedoch bald, nachdem Veronel ihr kleines erlebtes Aben⸗ teuer erzählt hatte, und ſie lobte das Mädchen wegen der von ihm bewieſenen Dienſtfertigkeit. „Morgen“— fuhr die Müllerin fort—„will ich mich erkundigen laſſen, wie es um den Fuß meiner Pathe ſteht. Du magſt mit Meta auf die Förſterei gehen, deren Bewoh⸗ ner gar liebe Leute und gute Freunde von uns ſind.“ Veronel wagte nicht zu widerſprechen, obgleich ſie lieber nicht mitgegangen wäre, um jeden Schein zu vermeiden, als wolle ſie einen Dank für ihren Liebesdienſt beanſpruchen. Fühlte ſie ſich doch ſchon in ſich ſelbſt genug belohnt für die ausgeübte Nächſtenpflicht! 109 Das neunte Rapitel. Das Weihnachtsfeſt. In den Nachmittagsſtunden des Montags traten Ve⸗ ronel und Meta ihren Gang nach der Förſterei an. Sorg⸗ fältiger als gewöhnlich hatte Veronel die Müllerstochter ankleiden und deren Haarputz ordnen müſſen; ſie ſelbſt ein großes Tuch der Müllerin zum Schutz gegen die Kälte ge⸗ liehen bekommen. Ein leichter Schnee hatte glitzernd und weiß die grünen Saatfelder, die Wieſen und die Bäume des Waldes überzuckert und der rauhe Wind, welcher die Schneeflocken von den Fichten wieder herniederregnen ließ, verkündete, daß man in den erſten Tagen des December⸗ monats lebte. Die weichlichere Meta beklagte ſich ſchau⸗ ernd über die Kälte, indeß die abgehärtete Veronel den erſten Schnee mit Jauchzen begrüßte und wie ein munterer Hirſch durch den Wald hinſprang. In der Förſterei ange⸗ langt, zog ſich Veronel beſcheiden in die Küche zurück, wäh⸗ rend Meta zu dem, im erſten Stockwerk gelegenen Wohn⸗ zimmer hinaufſtieg. Nach einer Weile vernahm Veronel, die in einem traulichen Geſpräch mit der Magd begriffen war, laut und wiederholt ihren Namen rufen und leichte Füße unten im Hauſe umhertrippeln. Endlich trat Ma⸗ thilde durch die raſch geöffnete Küchenthüre herein und, hier die Geſuchte erblickend, rief ſie aus:„Aber, Veronel, was fällt dir nur ein, in die Küche zu gehen, anſtatt mit Meta hinauf in unſere Stube zu kommen? Erſt alleweile hat Meta erwähnt, daß du fie hierher begleitet haſt, ſonſt hätte ich dich ſchon längſt zu uns hinaufgeholt. Es war auch nicht recht von dir, daß du geſtern ſo ſchnell von hier fort⸗ liefſt, ſo daß wir uns nicht einmal bei dir bedanken konnten. Haſt du denn das Rufen nach dir nicht ver⸗ nommen?“ „Es will ſich nicht für mich ſchicken“— erwiederte Veronel—„daß ich mit Meta zugleich eure Stube betrete. Ich bin ein armes Mädchen und diene, während Meta und du nebſt deiner Schweſter reicher Leute Kind ſeid.“ „Solche Reden laß bei Leibe nicht vor meinem Vater hören“— warnte Mathilde.„So gut er übrigens iſt, ſo verſteht er hierin keinen Spaß. Mein Vater ſagt, es käme nicht auf das Kleid an, ſondern auf das Herz, das man darunter trage. Nun, daß dein Herz gut iſt, haſt du geſtern an meiner Schweſter bewieſen, die dich gern ſehen und dir noch danken will. Alſo komm raſch mit mir, wenn du nicht willſt, daß dich mein Vater mit Gewalt holen ſoll.“ Mathilde zog die fruchtlos ſich dagegen ſträubende Ve⸗ ronel mit ſich fort und die Treppe hinauf. Als das Mädchen⸗ vaar in die Wohnſtube trat, in welcher ſich die Förſters⸗ leute nebſt ihrer Tochter Lenchen und Meta befanden, rief der Förſter aus:„Sieh da meinen kleinen Müllereſel, der geſtern einen ſchweren Mehlſack in unſer Haus getragen hat! Willkommen, junge Goliathin! Aber, potz Velten und Veit! warum liefſt du davon, als brennte dir der Kopf? Gieb mir eine Hand, Veronel, du Blitzmädel!“ Unter dieſen Worten kniff der biedere Jäger der ſcham⸗ rothen Veronel in die volle Wange und die Förſterin 141 drückte ihr dankbar die Hand. Helene, welche den kranken Fuß verbunden trug und zum Stillſitzen verurtheilt war, empfing Veronel mit freundlichen Worten und nannte ſie ihre liebe Nothhelferin, ſo daß Meta erkannte, wie man nicht allemal reich oder vornehm zu ſein brauche, um von braven und verſtändigen Leuten geachtet und geliebt zu werden. Dieſe Erfahrung hatte für Veronel auch noch das Gute, daß Meta ſie von dem Tage an rückſichtsvoller behandelte und die arme Holzſchuhmacherstochter ihrer Freundſchaft nicht unwerth glaubte. Helene's Fuß war nur vertreten, nicht gebrochen be⸗ funden worden; jedoch mußte ſie denſelben ſchonen und vor dem Auftreten bewahren. Ihr die Zeit zu vertreiben, wurde Veronel veranlaßt, von ihrer Heimath und von den Ihrigen zu erzählen, was allen Zuhörern vieles Vergnügen machte. Beſonders fühlten ſich dieſe von der Beſchreibung ergriffen, welche Veronel von der unglücklichen Näther⸗ Chriſtel, deren freiwilligem Tode und ſonderbarer Be⸗ erdigung anzuhören gab. Wie würden ſie erſt geſtaunt haben, wenn Veronel ſchon von dem nächtlichen Beſuche Näther⸗Hanſens bei dem Schulmeiſter und der beabſichtig⸗ ten Einäſcherung Lug's etwas gewußt hätte! Die Stunden verrannen in fröhlicher Unterhaltung und es dunkelte bereits ſtark, als Meta nebſt Veronel den Heimweg antrat. „Begleite du die Mädchen ein Stück Wegs“— befahl der Förſter ſeinem Jägerburſchen Bernd. Aber Meta ent⸗ gegnete:„O, ich finde mich im Stockfinſtern heim! Bin 112 ich doch ſo vielemal dieſen Weg ſchon gegangen, daß ich ihn Schritt für Schritt auswendig weiß.“ „Gerade dann kann man ſich am leichteſten verirren“— meinte der Förſter—„denn wenn man ſeiner Sache ſo ganz gewiß iſt, achtet man nicht auf den Weg, und wenn ihr beide im muntern Zwiegeſpräch verſunken ſeid, geht ihr wohl gar immer gerade aus, anſtatt euch links abzuſchwen⸗ ken, und dann gerathet ihr in's tückiſche Ried hinein, das ſchon für manchen fremden Wanderer zum Kirchhofe und Grabe geworden iſt. Bis dahin ſoll euch eben Bernd be⸗ gleiten, damit wir wegen euch uns nicht zu ſorgen haben. Endlich vermuthet man den ſchlimmen Näther⸗Hans mit ſeinen Raubgeſellen in unſerer Gegend und wenn er ſchon an euch nichts zu nehmen fände, ſo könntet ihr doch vor Schreck den Tod davontragen, wenn euch ein ſolcher Buſch⸗ klepper anfiele.“ „Ried? Was iſt das?“ fragte Veronel neugierig. „Das Ried“— antwortete der Förſter—„iſt ein ſchlimmer Schwär in unſerm Lande, der ihm nicht zur Ehre, wohl aber zur Schande gereicht. Es iſt ein weit hin ſich erſtreckender Sumpf, an deſſen Stelle Hunderte von fleißigen Menſchen wohnen und ihr Brot erbauen könnten, gegenwärtig aber die Heimath zahlloſer Fröſche, Kröten und Waſſerkäfer, der Rohrdommel und des Kiebitzes, das Aerndtefeld der Störche und der Geburtsort all des Schilfes, deſſen Stengel in der Nachbarſchaft zum Verſchalen der Stubendecken benutzt werden. Während des Sommers warnt ein betäubendes Froſchquaken den Wanderer vor der Tücke des Rieds, während daſſelbe jetzt in Grabesruhe 113 ſchweigt und nur der Wind in den dürren Schilfhalmen raſchelt und ächzt. In warmen Nächten ſieht man zu⸗ weilen tückiſche Irrlichter über dem Ried tanzen und leuch⸗ ten, dagegen in der kalten Zeit faſt gar nicht. Nun, ihr Mädchen, lebt wohl und kommt glücklich heim, auch recht bald wieder zu uns, damit unſerm Lenchen das lange Sitzen auf einer Stelle weniger ſauer wird.“ Die Mädchen gingen, von dem Jägerburſchen mit der geladenen Doppelbüchſe und einem tüchtigen Jagdhunde begleitet. Als ſie zur Stelle gelangten, wo ein Pfad nach dem Ried rechts ablief, war es bereits ſo finſter geworden, daß man die Gegend nicht unterſcheiden konnte. Hier kehrte der Jägerburſche zurück und die beiden Mädchen ſetzten ihren Weg allein fort, der ſie auch glücklich nach der Mühle führte. Von dieſem Tage an knüpfte ſich zwiſchen Veronel und den Förſterstöchtern ein Freundſchaftsband an, welches mit jedem gegenſeitigen Beſuche feſter und inniger ward. Immer weniger zählten jetzt die Kinder der Chriſten⸗ heit der Tage, welche noch zwiſchen dem lang erſehnten Weihnachtsfeſte lagen. Auch Meta gehörte nebſt Helene und Mathilde zu dieſen ungeduldig zählenden Kindern, während Veronel, völlig mit ihrer gegenwärtigen Lage zu⸗ frieden, keiner vergeblichen Hoffnung ſich überließ. Von den Ihrigen in Lug hatte ſie keine Weihnachtsgabe zu er⸗ warten und von der Müllerfamilie empfing ſie bereits ſo viel Gutes, daß ſie ſich keine Rechnung auf außergewöhn⸗ liche Geſchenke machen durfte. Daß aber das Weihnachts⸗ feſt mit ſeinen Feſtſtollen und ſonſtigem ie Rieritz, Stern, Stab und Pfeife. herannahte, merkte man deutlich in der Mühle und zwar an den überhäuften Beſtellungen von feinem Waizenmehl. Unaufhörlich, Tag und Nacht, klapperte es dort, und ſo viel Gänge, als die Erlenmühle beſaß, waren vollauf in Thä⸗ tigkeit. Ein Glück noch war's, daß es weder an Mahl⸗ waſſer mangelte, noch daß die Winterkälte groß genug war, um das Waſſer in ſtarres Eis zu verwandeln. Einigemal erſt waren die Müllerknappen genöthigt geweſen, den Mühl⸗ graben von ſeiner feſten Eisdecke zu befreien, indem ſie mit Spitzhacken und eiſernen Brechſtangen dieſelbe auseinander ſprengten und deren Stücke an's Land warfen. Es war dies eine mühſelige Arbeit, welche, verbunden mit den jetzt unaufhörlichen Nachtwachen, abermals bewies, daß jeder Stand zwar ſeinen Frieden— das heißt, ſeine Annehm⸗ lichkeiten— aber auch ſeine Laſt habe. Die Müller⸗ knappen aber, ſowohl wie die Mägde in der Erlenmühle, verrichteten ihre vermehrte Arbeit jetzt ohne Murren und mit Eifer, weil ihnen das Chriſtfeſt mit ſeinen Chriſtge⸗ ſchenken zugleich eine Zeit des Ausruhens und der Luſt zu bringen verſprach. Veronel beſuchte in den kalten Tagen die Radſtube der Mühle öfterer denn bisher, weil ihr der Anblick der zahl— loſen Eiszapfen, welche wie Kryſtallzacken die Schaufeln der Mühlräder beſäumten, viel Vergnügen bereitete. Gro⸗ ßen Spaß machte es ihr, wann ſie den Müllerknappen bei den Abſtoßen dieſer Eiszapfen, mittelſt langer Stangen, beiſtand und indem die armen Eisſpitzen laut hernieder⸗ praſſelten und in die unten dahin rauſchende Waſſerfluth klatſchten, jauchzte Veronel freudig auf. Dieſe lebte mit 115 den Müllerknappen in freundlichem Vernehmen, weil ſie ſich gegen Alle höflich und dienſtwillig bewies. Mit Vorwiſſen der Müllerin plättete ſie dem Einen von ihnen bald ein weißes Vorhemdchen, bald einen vorher gewaſchenen Bruſt⸗ latz, bald eine weiße Mütze aus. Einem Andern nähete ſie die abgeſprungenen Knöpfe an die Kleidungsſtücke wieder an oder einem fehlenden Henkel zum Aufhängen. Einem Dritten ſtopfte ſie eine Ferſe in den Socken ganz oder ſchrieb für ihn, da er mit der Feder nicht gut umzugehen wußte, die Briefe an ſeine Aeltern und Geſchwiſter. Nur an einem Einzigen von ihnen prallten Veronels Freundlich⸗ keit und angebotene Dienſtwilligkeit wie der gegen harten Stahl geführte Hammerſchlag erfolglos ab. Kuhnert hieß der Müllerknappe, welcher die in das Innere der Mühle zu⸗ ſprechende Veronel ſtets mit finſterer Miene und barſcher Stimme empfing und ebenſo ihre angebotenen Dienſt⸗ leiſtungen oder Fragen um Belehrung zurückwies. Gegen Jedermann bezeigte er ſich mürriſch und abſtoßend, ver⸗ ſchloſſen und wortkarg. Weil er aber ſonſt ein fleißiger Ar⸗ beiter und jetzt gar nicht wohl zu entbehren war, ſo behielt ihn der Erlenmüller in ſeinen Dienſten. Eines Tages vernahm Veronel, wie man abermals in der Radſtube mit dem Abſtoßen der Eiszapfen beſchäftigt war. Sogleich eilte ſie hinein, um ihre Beihülfe anzubie⸗ ten. Aber Kuhnert, welcher allein die Arbeit verrichtete, verſetzte gehäſſig:„Ich bedarf deiner nicht, du Naſeweis! Mach', daß du aus der Radſtube fortkommſt!“ Betrübt, doch nicht erbittert, über dieſe unhöfliche Ab⸗ weiſung wendete ſich Veronel zum Gehen. Sie hatte ſchon 8* 116 die Thüre der Radſtube wieder hinter ſich, als ihr aus der⸗ ſelben ein lautes Wehgeſchrei und ängſtlicher Hülferuf nach⸗ ſcholl. Hui! war Veronel in die Radſtube zurückgeſprun⸗ gen, wo ſie den gehäſſigen Müllerknappen in dem Getriebe des größten Mühlrades erblickte, das, nur nachläſſig ge⸗ hemmt geweſen, wieder in vollen Gang gerathen war und ſomit den Müllerknappen zu zermalmen drohte. Wie gut war es, daß Veronel mit der Einrichtung der Mühle und deren Mechanismus ſich betraut gemacht hatte! Jede andere Hülfe als die ihrige würde zu ſpät gekommen ſein. So aber hemmte ſie noch in dem entſcheidenden Augenblick das Triebwerk und Kuhnert war, obſchon nicht frei von Quetſchungen, glücklich noch gerettet. Leichenblaß vor Schreck ſah er aus und vermochte nicht ſogleich ein Wort hervorzubringen. Dagegen blickte er ſeine Retterin mit dankbarem Ausdrucke an und erfaßte die Hand, welcher er ſeine Rettung zu verdanken hatte. „Gegen Lieſe“— ſtammelte er endlich—„ſei auf deiner Hut!“ Wenn man einen Feind beſitzt, der Einem zu ſchaden ſtrebt, und man ſolches weiß, ſo hat das auch zuweilen ſein Gutes, indem man dann weit mehr ſich zuſammennimmt, um dem Feinde keine Veranlaſſung, uns zu ſchaden, zu geben. Veronel hätte blind ſein müſſen, wenn ſie nicht ge⸗ merkt hätte, wie ihre Dienſttreue der ungetreuen Kühmagd Lieſe ein Dorn in dem Auge ſei, weil ſie durch dieſelbe an ihren eigenen Veruntreuungen behindert wurde. Die War⸗ nung Kuhnerts war für Veronel ein neuer Sporn, ſich in jeder Weiſe recht zuſammen zu nehmen und ihre Obliegen⸗ 117 heiten ſorgfältig und gewiſſenhaft zu erfüllen. So können ſelbſt böſe Menſchen gegen ihren Willen uns nützlich werden! Endlich kamen die von Alt und Jung ſehnlichſt herbei⸗ gewünſchten Weihnachtsfeiertage. Vorher ſchon hatten die Müllerknechte drei junge, ſchlankgewachſene Tannenbäum⸗ chen im Walde ausgeſucht, gefällt und unter dem Jubel der Mühlenbewohner in die Erlenmühle geſchafft. Die Mül⸗ lerin war zum Chriſtmarkt in die nächſte Stadt gefahren und mit großen Bündeln heimgekehrt, deren Inhalt ſehr ge⸗ heim gehalten wurde. Wiederholt ſchloß ſie ſich in ihre Vorrathskammer ein und verſteckte den Schlüſſel zu der⸗ ſelben ſorgfältig. Meta verzehrte ſich faſt vor Neugierde, aber dießmal blieb die Müllerin ſtandhaft und taub gegen die Bitten ihrer Tochter, ihr doch zu offenbaren, was ihr und den übrigen Mühlenbewohnern der Heiligechriſt bringen werde. Bis zum Mittag des Weihnachtsheiligenabends klap⸗ perte die Mühle geſchäftig fort, dann aber blieben die Räder und Mühlgänge plötzlich ſtillſtehen und eine feſtliche Ruhe trat an die Stelle des vorigen Getöſes. Der Müller zog ſich in ſeine Stube zurück, um ſeine Berechnung zu machen, die Müllerknappen dagegen räumten jeden im Wege ſtehen⸗ den Mehlſack hinweg, kehrten die Gänge und Treppen rein und ordneten und ſäuberten in ihren Kammern und an ſich ſelbſt. Nicht minder geſchäftig bezeigten ſich die Küchen⸗ und die Kühmagd, jedem Gegenſtande im Hauſe wie im Stalle einen feſtlichen Anſtrich zu verleihen. Der Pferdeknecht putzte ſeine Roſſe, ſeinen Mehlwagen und die etwas alter⸗ 118 thümliche Kutſche ſeines Herrn. Veronel aber ward das beneidenswerthe Loos zu Theil, von der Müllerin zu deren Vertrauten erhoben zu werden. Als ſolche durfte ſie in das, allen Anderen verbotene Heiligthum eintreten, in wel⸗ chem die Chriſtbeſcherung zugerichtet wurde, durfte ſie die Lichtlein auf die Chriſtbäume ſtecken und anzünden, die⸗ ſelben mit Naſchwerk verſchiedener Art behängen, die Feſt⸗ fladen, die goldverzierten Pfefferkuchen, die Aepfel, Nüſſe und die mannigfachen anderen Geſchenke an die ihnen zu⸗ gewieſenen Stellen vertheilen. Ach, welch' ein freuden⸗ volles Geſchäft das war! Als nun endlich Alles bereitet war und die Lichter auf den Tannenbäumlein weithin durch die finſtere Luft flimmerten und blinkten, da trieb die Mül⸗ lerin auch ihre Gehilfin aus dem Gemache und hieß ihr, den Uebrigen ſich zuzugeſellen, welche ungeduldig draußen dem Freudenrufe: Herein! Herbei! entgegenharrten. Nur noch wenige Minuten und die Müllerin öffnete die Thüre des lichterſtrahlenden Gemachs und ihren Lippen entglitt der erſehnte Freudenruf:„Herein! Herein!“ Und mit freude⸗ leuchtenden Geſichtern, mit lachenden Mienen, begehrlich blitzenden Augen, unter lautem Jauchzen und frohem Lachen ſchoben und drängten ſich die Mühlenbewohner hinein in das weite Zimmer, das durch den Reichthum der hier aus⸗ gebreiteten Gaben einem kleinen Chriſtmarkte glich. Noch freudiger, aber in ähnlicher Weiſe, mögen einſt diejenigen Menſchenkinder, an welche der beſeligende Ruf ergeht: „Kommet her, ihr Geſegneten meines Vaters! Ererbet das Reich, das euch bereitet iſt vom Anbeginn der Welt! Gehet ein zu eures Herren Freude!“ zur ſtrahlenden Himmels⸗ 119 pforte ſich drängen, um die weit größere Herrlichkeit des Herrn zu ſchauen und deſſen unüberſchwengliche Gnade zu ſchmecken! Iſt doch die heilige Weihnacht, in welcher uns einſt mit dem Gottesſohne Alles geſchenkt wurde, ſo recht eigentlich die Pforte, durch welche wir in den Himmel ein⸗ gehen können! Mit ſtarren, ſtaunenden Blicken ſteht dort Veronel vor einem Häuflein köſtlicher Gaben, welches die Müllerin als das ihrige bezeichnet hat. Vor den perlenden Freuden⸗ zähren in ihren Augen vermag ſie kaum die Einzelheiten ihrer Beſcherung zu unterſcheiden. Dieſer dicke, wollene, roth⸗ und ſchwarzgeſtreifte Rock, dieſes gefütterte, grüne Tuchjäckchen, dieſes bunte Halstuch, dieſe ſchmucke Schürze, dieſes dauerhafte, lederne Schuhpaar, die Stränge von blaugrauer Schafwolle zu Winterſtrümpfen, ja ſelbſt dieſe mächtige Schüſſel voll rothwangiger Aepfel, voll klappern⸗ der Nüſſe mit dem darauf liegenden, goldgeränderten Pfefferkuchenreiter, dieſer anſehnliche, zuckerbeſtreute Feſt⸗ fladen— alle dieſe Herrlichkeiten ſollten Veronel zu eigen angehören, die in ihrem Leben noch nicht ſo viel Reichthum beiſammen geſehen, geſchweige beſeſſen hatte! Unwerth ſo vieler Güte ſich ſchätzend und tief beſchämt durch dieſelbe, beugte ſich Veronel ſchluchzend und in De⸗ muth vor der Müllerin und deren Mann, Beider Hände mit heißen Küſſen der Liebe, mit warmen Thränen der Liebe zu bedecken. Und das Müllerehepaar, das ein ſolches Entzücken, einen derartigen Erguß der Freude und Dank⸗ barkeit noch nicht geſehen oder verurſacht hatte, fühlte ſich wiederum glücklich und reich belohnt durch des armen Kin⸗ 120 des Glück und Freude, welche in dieſem hohen Grade keiner weiter unter den übrigen Beſchenkten empfand. Wenn Veronel die Menge und die Koſtbarkeit ihres Chriſtgeſchenkes und das weite, lichterglänzende Gemach mit dem verglich, was daheim ihren armen Aeltern und Geſchwiſtern an dem heutigen Feſte zu Theil ward, ſo hätte ihr das erſt ſo ſelige Herz wiederum vor Wehmuth und Schmerz brechen mögen. Solches fühlte ſie beſonders leb⸗ haft, nachdem ſie die erhaltenen Gaben in ihrem Kämmer⸗ lein geborgen und ſich am Spätabend zur Ruhe niedergelegt hatte. Im Geiſte ſah ſie die niedere, älterliche Hütte vor ſich, in deren beſchränktem Innern kein Glanz vieler Lichter flimmerte und weithin durch die Nacht hinausſtrahlte, ſon⸗ dern nur düſter von dem röthlichen Schimmer eines brennen⸗ den Holzſpans erhellt wurde. Sie ſah ferner, wie ihr ar⸗ beitſamer Vater mit ſorgenvoll bekümmerter Miene ſeinen drei Kindern ein Stücklein trocknes Haferbrot austheilte, und ihre Mutter, die ſich noch glücklich pries, daß ſie eine kleine Schüſſel voll gekochter Kartoffeln auf den ſchmuck⸗ loſen Tiſch ſetzen konnte]“ Die noch jetzt nackten Füße der Ihrigen ſteckten in ſymeten Holzſchuhen und ihre Beklei⸗ dung reichte eben nothdürftig aus, ihre Blöße zu bedecken, anſtatt Schutz gegen die winterliche Kälte zu verleihen. An⸗ ſtatt rothwangiger, ſüßduftender Aepfel und luſtigklappern⸗ der Nüſſe lag dort im Hüttenwinkel ein Häuflein Kienäpfel und Tannenzapfen, beſtimmt zur Speiſung des holzverſchlin⸗ genden Kachelofens. Bei dieſer Vorſtellung mußte Vero⸗ nel weinen, daß ihr Kopfkiſſen naß wurde. „Ach, lieber Herrgott!“ ſprach ſie vor ſich hin—„ich 121 bin's ja gar nicht werth, daß mir's hier ſo wohl ergeht. Meine Aeltern und Geſchwiſter ſind viel beſſer als ich und darben gleichwohl ſo bitter. Könnte ich doch mit ihnen jetzt theilen! Freilich die ſchönen Sachen zum Anziehen, die für mich eigens gemacht ſind, muß ich für mich behalten; wer aber will mir wehren, den Feftfladen, die Aepfel, die Nüſſe und den Pfefferkuchenreiter den Meinen zu überlaſſen? Ja, wenn ſich nur gleich eine Gelegenheit nach Lug fände, durch welche ich Alles noch zu den Feiertagen hinſchicken könnte! Oder wenn Jemand von den Meinen, vielleicht der Vater oder Jürgele, hierher käme! Altbacken ſchmeckt zwar der Feſtfladen auch noch und verderben werden die Aepfel und Nüſſe eben ſo wenig als der Pfefferkuchenreiter, ſelbſt wenn ſie etliche Wochen alt werden ſollten. Aber beſſer wäre doch immer beſſer!“ Unter ſolchen Gedanken entſchlief Veronel und im Traume war ſie zur Müllerin geworden, welche in Jackels Hütte die Weihnachtsbeſcherung veranſtaltete und zwar in eben der Weiſe, wie ſolches in der Erlenmühle geſchehen war. Ihren Vater erfreute ſie durch das Geſchenk eines weichen, wärmenden Schaafpelzes und ihre Mutter durch einen eben ſolchen Rock, als ſie ſelbſt bekommen hatte. Jür⸗ gele ergötzte ſich durch Pfeifen auf einer Mundharmonika, wie ſolche für Meta am Chriſtbaume aufgehängt geweſen war, und Hinz ſtritt ſich mit Kunz herum, ob ſein Reiter, von Pfefferkuchen reicheres Gold an ſich trage als das Wickelkind ſeines Bruders von demſelben Stoffe. Früh erwachte Veronel durch das Knallen abgeſchoſſe⸗ ner Feuergewehre, welche die Müllerknappen zu Ehren des 122 hohen Feſtes löſeten, und aus dem Walde herüber antwor⸗ tete das Echo, in gleicher Weiſe von dem Förſter und deſſen Burſchen hervorgerufen. Und dazwiſchen hallten die feier⸗ lichen Klänge der Kirchenglocken von Erlbach und oben an und über dem ſternenglänzenden Himmel ſang das Chor der himmliſchen Heerſchaaren das Lob des neugeborenen Chriſtkindes. Eine neue Ueberraſchung von Freude erwartete Veronel, da ſie in Meta's Begleitung am Nachmittage des erſten Weihnachtsfeiertags die Förſtersfamilie beſuchte. Helene, die wieder auftreten konnte, beſcherte ihrer Nothhelferin ein Paar ſelbſt geſtrickte Pulswärmer, einen zierlichen Haar⸗ kamm von braunlackirtem Holze und eine hübſche Watt⸗ haube, welche dem Mädchen wie angepaßt ſaß. Ueberdieß erquickte die Förſterin die etwas ausgefrorenen beiden Mädchen mit trefflich mundenden Kaffee und der zugleich aufgetiſchte Feſtfladen bewies, daß die Förſterin keine ſchlechtere Bäckerin war als die Erlenmüllerin. Meta, welche das Gute der Mäßigkeit weder kannte noch dieſe ſelbſt beobachtete, ward ſehr bald ihres Feſt⸗ fladens, ihrer Aepfel, Nüſſe, Pfefferkuchen, ja ſogar der übrigen Weihnachtsgaben überdrüßig, die ſie der älterlichen Liebe verdankte. Nicht ſo Veronel, welche ſich begnügte, ihre eßbaren Geſchenke täglich zu beſchauen und ſich die Freude auszumalen, welche ſie durch jene bei den Ihrigen anrichten würde. 123 Das zehnte Kapitel. Die Sternbuben. In Lug erging es dem Holzſchuhmacher Jackel, dem Beſenbinder Peterle und dem Holzhauer Feuerig wie den Söhnen Jacobs, nachdem ſie während der Theuerung in Aegypten Getreide eingekauft und heimgeführt hatten. Das Letztere war bald aufgezehrt worden und noch währte die Theuerung fort. So verhielt es ſich auch mit den Broten und den Kartoffeln, welche jene drei Familienväter für den Erlös ihrer verhandelten Waare nach Lug zurückgebracht hatten. Bald war nichts mehr davon übrig und gleichwohl der Winter erſt im Beginn, daher die Theuerung und mit ihr die Noth im Zunehmen begriffen. Aus dieſem Grunde flimmerte am heiligen Chriſtabende in keiner von Lugs Hütten ein feſtlich geſchmücktes Tannenbäumlein und nir⸗ gends freuten ſich die Kinder über irgend eine Weihnachts⸗ gabe, obgleich auch über Lug die himmliſchen Heerſchaaren ihr„Ehre ſei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“ in der Chriſtnacht anſtimmten. Mit ſtillem, aber nagendem Kummer blickten die Väter und Mütter auf ihre Kleinen nieder, denen ſie auch nicht die kleinſte Weihnachtsfreude hatten bereiten können und mit noch ſorgenvolleren Blicken ſchauten ſie in die düſtere Zukunft. Da die Noth den menſchlichen Geiſt ſchneller heran⸗ reifen läßt als der Ueberfluß, ſo theilte Jürgele die Sorge ſeiner Aeltern mit ihnen zugleich und ſann auf deren mög⸗ —————ů ——— . 1 124 liche Abhülfe. Lange wollte ihm nichts Paſſendes ein⸗ fallen, bis ihn endlich Baſtiänel auf einen glücklichen Ein— fall brachte. Derſelbe kam nach dem Schluſſe der Schule vor dem Weihnachtsfeſte zu Jürgele, um dieſem ſeine Noth zu klagen und den Freund um deſſen Beiſtand anzugehen. „Der Herr Schulmeiſter“— hob der Knabe ſeufzend an—„hat mir zu den Feiertagen aufgegeben, den erſten Artikel aus dem Katechismus auswendig zu lernen. Der Herr Schulmeiſter weiß, ſo gut wie du, welche Noth mir ſchon dieſer erſte Artikel gemacht hat und daß ich jedesmal bei deſſen Erklärung in die vierte Bitte hineingerathe. Ich mag es andrehen, wie ich will— wenn ich bis dahin ge⸗ kommen bin: Ich glaube, daß mich Gott geſchaffen hat ſammt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren, Vernunft und alle Sinne gegeben hat, und noch erhält, da⸗ zu Weib und Kind, Acker und Vieh, Geld und Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder“— „Halt!“ rief Jürgele—„da biſt du richtig wieder in die vierte Bitte übergeſprungen. Weib und Kind haſt du ja ſchon erwähnt, was braucht's da noch einmal fromm Ge⸗ mahl und fromme Kinder, die in die vierte Bitte gehören, ſo gut wie das fromme Geſinde, und die frommen und ge⸗ treuen Oberherren?“ „Nun das iſt ja eben meine Noth“— klagte Baſtian weinerlich—„und darum ſollſt du mir eben den erſten Artikel einlernen helfen, oder ſelbſt einbläuen oder einprü⸗ geln. Ja, wenn der erſte Artikel ſammt ſeiner Erklärung eben ſo leicht ſich lernte als wie dort die Verslein unter den 125 Sternbuben, die ich vom bloßen Zuhören von dir gemerkt habe! Erſt geſtern habe ich ſie mit Feuer⸗Hanſel ohne An⸗ ſtoß abgeſungen und dafür von der alten Gilbert⸗Röſe drei ſchöne Kartoffeln geſchenkt bekommen.“ „Baſtian!“ rief hier Jürgele aus, wie wenn ein Licht vom Himmel ihn plötzlich erleuchtet hätte—„wir wollen Sternbuben werden! Feuer⸗Hanſel mag den Dritten machen. Wir ziehen hinab in's Niederland, fingen vor den Thüren — die Verſe wiſſen wir ſchon auswendig— man ſchenkt uns Geld, Lebensmittel, vielleicht gar noch ein Stücklein Weihnachtsfladen, und kehren reich beladen nach Lug zu⸗ rück. Dann thun wir unſere Schätze auf, wie die drei Weiſen aus dem Morgenlande, und theilen an unſere Ael⸗ tern und Geſchwiſter aus, daß ſie Augen machen ſollen ſo groß wie— wie Butternäpfe. Ach, wird das eine Freude werden! Weil du der Kleinſte von uns dreien biſt und ſchwarzkrauſes Haar haſt, ſo machſt du den Mohrenkönig. Mit Ruß und Milch färbſt du dir das Geſicht und die Hände, für deine und Hanſels Krone von Goldpapier ſorge ich. Hanſel ſtellt den braunen König vor und ich den weißen. Einen Stern, der ſich an dem Stecken drehen läßt, habe ich bald aus Holz geſchnitzt und ſchön goldgelb angeſtrichen. Zu einem weißen Hemde, das wir über un⸗ ſere Kleider ziehen, wird bald Rath geſchafft und wer kein reines hat, läßt ſich's ſchnell waſchen und an dem warmen Ofen trocknen. Ja, ſo machen wir's, Baſtian! Und nun ſpringe hinüber zum Feuer⸗Hanſel und ſag' ihm, daß er ſich zurecht machen ſolle.“ „Ach, Jürgele“— erwiederte Hanſel—„ich getraue mir nicht, einen Sternbuben vorzuſtellen, und noch dazu gar den Mohrenkönig!“ „Gerade dieſen am Erſten!“ entgegnete Jürgele— „dann ſieht's Niemand, wenn du etwa im Singen ſtockerſt und deshalb roth wirſt. Oder habt ihr's etwa nicht nöthig, daß du etwas verdienſt und mit voller Taſche heim⸗ kehreſt?“ „So iſt's nicht gemeint“— antwortete Baſtian trübe —„und es iſt ſchon bei uns die Rede davon geweſen, daß ich wieder nach der Pechſiederei wandern ſoll, weil in unſerer Hütte Schmalhans regiert. Mein Vater ſagte erſt geſtern noch, daß, wenn es nicht bald beſſer würde, wir Beſen⸗ reißer, ſtatt Brot und Kartoffeln, kauen müßten. Aber mir fehlt die Kuhraaſche zum Sternbuben.“ „Die mußt du dir anſchaffen“— ſprach Jürgele feſt— „Wenn Einem das Meſſer an der Kehle ſteht, ſo verſteht man ſich noch zu ganz anderen Dingen als zu einem Sternbuben. Uebrigens— haſt du nicht deines Vaters Beſen tapfer ausgerufen, als wir damals zuſammen in's Niederland fuhren?“ „Ja, da hatte ich eher Herz dazu“— verſetzte Ba⸗ ſtian—„weil mein Vater dabei war.“ „Und jetzt bin ich und Feuer-Hanſel bei dir“— ſagte Jürgele, indem er ſich in die Bruſt warf.„Und drei Kö⸗ nige gewinnen das Land. Alſo ſperre dich länger nicht.“ „Aber ich muß erſt meine Aeltern fragen“— wendete Baſtian ein. „Das verſteht ſich von ſelbſt“— erwiederte Jürgele⸗ „Aber dieſe haben ſicher nichts dagegen, wenn ſie einen 127 Eſſer weniger haben und obendrein die Ausſicht, daß du königlich beladen wieder heimkommſt.“ Kopfſchüttelnd, aber nicht länger wiederſprechend, wen⸗ dete ſich Baſtian zum Fortgehen. Plötzlich kehrte er aber wieder um und ſprach:„Aber, wie ſoll es mit dem erſten Artikel werden, wenn ich den Mohrenkönig mache und nicht daheim bin?“ „Den lern' ich dir unterwegs ſpielend“— tröſtete Jürgele—„und wohl gar den zweiten und dritten dazu.“ Nachdem Baſtian fort war, ſuchte ſich Jürgele einen Stab von drei Ellen Länge und ein geeignetes Bretſtück zum Stern, den er alsbald zu ſchnitzen begann. Dabei überhörte er ſich die Verſe, welche die Sternbuben zu ſingen haben. Sie gingen ohne Anſtoß und dabei ſtimmten Hinz und Kunz herzhaft in die Schlußzeile ein:„He ja, he ja, der Sohn iſt uns geſandt! He ja, he ja! gelobet muß er ſein! He ja, he ja! wie an ihm iſt geſchehn.“ Peterle und ſein Weib hatten gegen Jürgele's Einfall eben ſo wenig einzuwenden als deſſen Aeltern und wie Feuerig nebſt ſeiner Frau. Der Ertrinkende hält ſich ſelbſt am einem Strohhalme feſt: warum da nicht drei bedrängte Familienhäupter an einem königlichen Gedanken und an einem Sterne, welcher einſt die drei Weiſen aus dem Mor⸗ genlande ihrem erſtrebten Ziele zugeführt hatte? Die Mütter der drei Sternbuben wuſchen je für ihr Söhnlein ein Hemde möglichſt weiß, hingen es zum Trock⸗ nen am heißen Ofen auf und mangelten es, ſo gut ſolches ohne richtige Mangel anging. Indeß war der Stern fertig geſchnitzt, mit gelber Leimfarbe angeſtrichen und an dem „ 8 —— 128 Stecken befeſtigt worden, ſo zwar, daß er bei leichter Be⸗ rührung ſich lange herumdrehte gleich einer Klappermühle auf einem Kirſchbaume. Selbſt der alte Schulmeiſter lei⸗ ſtete ſeinen Beitrag an die Sternbuben, indem er einen Jahrwunſch aus dem früheren, goldenen Zeitalter ſeines goldpapiernen Umſchlags entkleidete und ihn zur Anfer⸗ tigung der Königskronen hergab. Dieſe drei Kronen hatten vor wirklichen den Vorzug, daß ſie weit ſchneller als ſolche angefertigt waren, das Haupt wegen ihrer Leichtigkeit we⸗ niger drückten und dem Lande keine Unkoſten machten, gleich⸗ wohl ganz ihre Abſicht erfüllten. Am Abende des zweiten Weihnachtfeiertags war Alles zu Stande gebracht und zwar zur allgemeinen Zufrieden⸗ heit der Verfertiger und Anſteller. Gleichwie nun der Aufführung eines Schauſpiels erſt eine oder mehrere Pro⸗ ben vorausgehen: ebenſo probten die Sternbuben ihre Rollen und zwar zuerſt in Jackels Hütte. Obgleich Hinz und Kunz recht gut wußten, wer die Sternbuben vorſtellte, ſo erkannten ſie doch nicht in denſelben ihren Bruder Jürgele, den Baſtian und das Feuer⸗Hanſel wieder, als dieſe in ihren weißen Hemden, goldenen Kronen, mit ſchwarzen und brau⸗ nen Geſichtern und dem luſtig an ſeiner Stange ſich drehenden Stern hereintraten und ihren Spruch anhoben. Als das Kleeblatt ſeine Verſe abſang, falteten Jackel und ſein Weib voll Andacht ihre Hände, und Jackels kleine Brüder ſtaunten wie anbetend die ihnen fremden Geſtalten an, welche ſie mit tiefer Ehrfurcht erfüllten. Am Schluſſe der Vorſtellung drehte ſich der Stern vom Neuen, ebenſo das Weiße in Baſtians Augen, was gegen ſeine kohl⸗ 3* ſchwarze Geſichtsfarbe gar reizend und fremdartig abſtach, und Feuer⸗Hanſel klapperte mit einfach nachgeahmten Ca⸗ ſtagnetten dazu, welche damals die Mode durch Deutſchlands Jugend machten und deſſen ſtillfriedliche Bewohner, des auf allen Straßen ertönenden Geklappers wegen, zur Verzweif⸗ lung brachten. Belohnt mit dem ungekünſtelten Beifall ihrer Zuhörer, verließen die Sternbuben des Holzſchuſters Hütte, um eine zweite, dritte und vierte Probe bei Peterle, Holz⸗Feuerig und dem Schulmeiſter Beier zu wiederholen. Der Letztere gab den ſcheidenden Sternbuben, außer ſeinem Segen, noch ein derbes Lederbeutelchen zu dem einzuſammelnden Gelde und ein feſtes, grauleinenes Säcklein für die anderen Ga⸗ ben auf Borg mit. Am Morgen des, den Feiertagen folgenden Ausſchlafe⸗ tags traten die Sternbuben, unter dem Geleite ihrer ſämmt⸗ lichen Jugend⸗ und Schulgenoſſen, ihre große Reiſe an, von welcher ſie ſich einen außergewöhnlichen und glücklichen Er⸗ folg verſprachen. Wie bei dem letzten Ausfluge, begleiteten die Väter der Sternbuben ihre Söhne mit ihren Waaren⸗ ladungen auf den Schiebeböcken. Und die heiligen drei Könige, welche die Sternbuben vorſtellten, hielten es nicht für einen Raub oder unter ihrer hohen Würde, als ſie, ihre kindliche Pflicht erfüllend, abermals vor den Schiebebock ſich ſpannten und die Laſt über's Gebirge ziehen halfen. Dabei nahmen ſie ſich weislich in Acht, daß ſie ihre neu⸗ waſchenen Hemden nicht beſchmuzten oder die Königskrone vom Haupte verloren. Jürgele kam der Stab gut zu ſtatten, indem er ihn nach Weiſe der Sciſsiehen gegen die Nieritz, Stern, Stab und Pfeife. 2 6 Erde ſtemmte und ſomit das Ziehen ſich bedeutend erleich⸗ terte. Dabei drehte ſich der Stern von ſelbſt, blieb dem⸗ nach in ſeiner Gewohnheit und fror nicht ein. Denn es war kalt und wenn auch der hölzerne Stern nicht fror, ſo doch deſſen Träger und Begleiter, nachdem ſie das Ziehen der Schiebeböcke, und zwar auf Befehl ihrer Beſitzer, ein⸗ geſtellt hatten. Denn da ſie in's Niederland und in die volkreichen Oerter und Städte kamen, ſo war es doch nicht ſchicklich, daß ein Holzſchuhmacher, ein Beſenbinder und ein Wacholderſaftmann ferner die Begleiter von Königen blieben. Daher erfolgte die Trennung der vornehmen Söhne von ihren niedrigen Vätern, nachdem Jackel dem ſeinigen eingeprägt hatte, die Erlenmühle und in ihr zu⸗ gleich Schweſter Veronel aufzuſuchen. Nun begann die verkehrte Welt, indem die Könige vor den Thüren der Unterthanen ſangen und von ihnen Liebesgaben erbaten, was bekanntlich ſonſt ſtets im Gegentheil geſchieht. Wenn nun der Thüren, Fenſter und Hände gar viele für die vor⸗ nehmen Sänger verſchloſſen blieben, ſo kam das ohne Zwei⸗ fel daher, weil die Füße dieſer Könige in groben, plumpen Holzſchuhen einhertappten, ihre Leiber in grobfadigen Lein⸗ wandhemden ſteckten und ihre Häupter unter Kronen von bloßem Goldpapier. Und der einzige Stern, welchen die obendarein heiligen drei Könige beſaßen, funkelte nicht in Brillanten auf ihrer Bruſt, ſondern bewegte ſich gleich einer vogelſcheuchenden Klappermühle an einem Stecken von ge⸗ wöhnlichem Fichtenholz. Darum vorenthielt man ihnen auch den königlichen Namen und ſchimpfirte ſie ſchlechtweg „Sternbuben.“ „ 131 Dennoch gab es noch mitleidige Chriſtenſeelen genug, bei welchen das erbarmenswürdige Ausſehen der Stern⸗ buben, ſowie deren rührenden Geſänge, als eine Spring⸗ wurzel ſich bewährte, die mit dem Herzen zugleich die ge⸗ bende Hand öffnete. Baſtian, der, obwohl kein falſcher Judas Iſcharioth, den Beutel trug, durfte unter ſtillem Entzücken ein Kreuzer- oder blankes Silberſtück um das andere in die lederne Schatzkammer ſtecken, während Han⸗ ſels Brotſäcklein, welches Anfangs einem bei gänzlicher Windſtille ſchlaff an dem Maſte hernieder hangenden Segel glich, nunmehr von einer günſtigen Briſe geſchwellt und ge⸗ rundet wurde. Wie leicht und gern ſich dieſe Laſt ertrug! Wie freudig raſch der Stern am Stabe ſich herumdrehte! Wie die Stimmen der kleinen Sänger immer ſicherer und jauchzender erklangen! wie wenig ſie jetzt der Kälte achteten! Ein blinkender Stern am nächtlichen Himmel hatte einſt die drei Weiſen aus dem Morgenlande nach Bethle⸗ hem und zu einem Stalle geführt, und wiederum brachte der Stern an Jürgels Stabe jener Weiſen jugendliche Nachfolger am Abende ihres erſten Wandertags in einen Stall, auf deſſen Streue ſie umſonſt ſchlafen und ausruhen durften. Am andern Tage ſetzten ſie ihren Singumgang mit mehr oder wenigerem Erfolg fort. Sie aber begnügten ſich mit Wenigem und verachteten auch die kleinſte Gabe nicht, ſondern empfingen ſie, wie die Erklärung der vierten Bitte heißt, mit Dankſagung. Nebenbei prägte Jürgele dem Mohrenkönig Baſtian die Erklärung des erſten Glau⸗ 9* ————————— 132 bensartikels ein und hatte die Freude zu ſehen, wie endlich ſein Schüler bei der Stange, das heißt, bei eben dem erſten Artikel verblieb und nicht mehr in die vierte Bitte über⸗ ſprang. Am dritten Abende ihrer Wanderung, am Donner⸗ ſtage, gelangten die Sternbuben glücklich zur Erlenmühle, in welcher ſie, ohne ſich zu erkennen zu geben, ihren Feſtge⸗ ſang anſtimmten. Nicht lange und ſie ſahen ſich von weiß⸗ beſtäubten Geſtalten, von zwei Mägden, dem Knechte, dem Müllerehepaare und deſſen Töchterlein nmringt, welche mit freundlichem Lächeln oder in großer Andacht dem Abfingen der Verſe zuhörten und die Sänger neugierig betrachteten. Noch vermißte Jürgele unter den Anweſenden das Geſicht ſeiner Schweſter, die endlich auch herbeiſprang und keine Ahnung davon hatte, daß in den drei Sternbuben vor ihr Jürgele, Baſtian und Hanſel ſteckten. Endlich drehte ſich Jürgele nach ſeiner Schweſter um und ſang ſie alſo an: „Wir woll'n uns wieder wenden, der Rheinſtrom geht mit ſtarkem Eis. Veronel heißt ihr Name, ſie treibt ihr Amt mit allem Fleiß.“ Da erſt erkannte Veronel in dem ſchlau ſie anlachen⸗ den Antlitz des Sternbuben dasjenige ihres Jürgele und freudejauchzend warf ſie ſich ihm an die Bruſt, an die weißbehemdete. So wie ſolches der Erlenmüller mit anſah und die Herkunft der beiden andern Sternbuben erfuhr, nöthigte er dieſe in ſeine Wohnſtube und dort ſich ihrer königlichen Würde zu entäußern. Der Stab mit dem be⸗ weglichen Sterne wurde in einen Winkel gelehnt und durfte dort ausruhen. Die Sternbuben dagegen legten ihre weißen ₰ 133 Königskleider, ſowie ihre goldenen Kronen ab und ſetzten ſich an den großen Tiſch, den die Müllerin mit einer kräf⸗ tig gewürzten Bierſuppe, mit Brot, Butter, Wurſt und Käſe beſchwert hatte. Nach einer dreitägigen, beſchwerlichen Wanderung, bei Kälte und Schneegeſtöber, erfreuten ſich die Sternbuben eines Mahles, wie ſolches kein irdiſcher König halten kann und wird. Die Müllersleute hatten ihre einzige Freude am Zuſehen, wie überaus gut ſich ihre Gäſte Alles ſchmecken ließen und wie ſchnell die Suppen⸗ ſchüſſel ſammt den Tellern geleert wurden. Veronel brei⸗ tete ſpäter die erhaltenen Weihnachtsgeſchenke vor den— Sternbuben aus und wollte, ihnen zu Ehren, ihren Feſt⸗ fladen anſchneiden, auch ihr wohlabgezähltes Schock Aepfel und Nüſſe anreißen, ja ſogar den halben Pfefferkuchen opfern, allein die Müllerin gab ſolches nicht zu, ſich ſelbſt es ausbedingend, daß ſie in ähnlicher Weiſe die Stern⸗ buben erquicke. Nach aufgehobener Tafel ſchüttete Baſtian, der ſeine Mohrenfarbe ebenſo wenig ablegen durfte, wie Hanſel ſein Nußbraun, mit ſeinen ſchwarzen Händen den Inhalt ſeines Lederbeutelchens auf den Tiſch aus und nun ſetzten ſich die überglücklichen drei Könige hin, unter Veronel's und Me⸗ ta's Beiſtande, ihre eingeſammelten Schätze zu überzählen. Rit ſolchen freudeglänzenden Augen hatte der reiche Müller noch niemals ſeine vollen Geldſäcke beſchaut, wie die Stern⸗ buben jetzt die kleinen Stücken von Scheidemünze, und er warf ſich in ſeinem Innern vor, weniger dankbar ſein Glück erkannt zu haben, als die Sternbuben ihre armſeligen Kreuzer. Der Müllerin näßten ſich ſogar die Augen, als * 134 Hanſel jetzt mit ſeinem Leinſäcklein that, wie Baſtian den Anfang mit ſeinem Beutel gemacht hatte. Da kamen kleine und größere Brotſtücken, einzelne Semmelwecken, Wurſt⸗ endchen, halbe und ganze Quargkäſe, etliche Aepfel, rohe⸗ Kartoffeln, drei Zwiebeln, zwei kleine Speckſtückchen und ähnliche Gegenſtände zum Vorſchein. Anſtatt über die Schwere der täglich ſich mehrenden Laſt zu murren, freuten ſich deren Träger im Gegentheil über dieſelbe. Und die Müllersleute freuten ſich wiederum, daß ſie den armen Sternbuben eine mit großem Danke erkannte Bewirthung hatten darbieten können und bedeuteten ihr Töchterlein, in eben dem Maaße wie die Sternbuben, das ungleich größere Gute zu erkennen, welches ihr unverdienterweiſe der gütige Gott bisher beſchert hatte. Die Nachricht, welche Veronel über die Zuſtände in Lug von den Sternbuben erhielt, erfüllte ſie mit großer Wehmuth und dem lebhaften Wunſche, nach ihren Kräften zur Milderung der älterlichen und geſchwiſterlichen Noth beizutragen. Wenn ſie nur mehr noch als ihre aufgeſpar⸗. ten Eßmittel hätte dem Jürgele mitgeben können! Der Letztere dagegen gab jetzt keinem trüben Gedanken mehr Raum, ſondern freute ſich ſchon im Geiſte über die großen und freudigen Augen, welche Vater, Mutter, Hinz und— Kunz über den gücklichen Erfolg ihrer Wanderung machen würden. Mit Zuſtimmung der wackeren Müllersleute be⸗ ſchloſſen die Sternbuben, den Freitag und Sonnabend noch in der Umgegend umherſingend zuzubringen, am Abende des Sonnabends wieder in der Mühle einzutreffen, den Sonntag daſelbſt auszuruhen und nebenbei vor der einzu⸗ ladenden Förſtersfamilie ihre Sternbubenrolle zu ſpielen, bei welcher Gelegenheit Meta ihren Weihnachtsbaum, zur Erhöhung der Freude, nochmals in Kerzenglanz erſchim⸗ mern laſſen zu wollen, angelobte. Ungeachtet des ungewohnten, die ganze Nacht hindurch währenden Getöſes in der Mühle, ſchliefen die Sternbuben einen wahren Todtenſchlaf und würden ſelbſt durch Ge⸗ ſchützdonner nicht aufzuwecken geweſen ſein. Deſto mun⸗ terer waren ſie am andern Morgen, wo ein warmer Trank von echtem Kaffee und mächtige Stücke von roſinenreichen Weihnachtsfladen auf's Neue ſie erquickten und zur vorha⸗ benden Wanderung ſtärkten. Dankend und fröhlich zogen ſie fort und faſt aus jedem Fenſter der Mühle ſchaute ihnen ein freundliches Geſicht nach. Gern hätten die Sternbuben ihre Kronen zum Abſchiede geſchwenkt, wie man mit Hüten und Mützen zu thun pflegt, wenn ſie ſolches mit dem wandelbaren Kronenſtoff hätten wagen dürfen. Dagegen ließ Jürgele deſto anhaltender und raſcher ſeinen Stern ſich drehen und noch aus weiter Ferne ſendeten die Sternbuben den Freudenruf nach der gaſtfreien Erlenmühle zurück:„He ja, he ja! gelobet muß es ſein!“ 136 Das eilfte Kapitel. Ein Traum. Wie Alles hier auf Erden, ſo wird ſelbſt eine königliche Würde endlich zur Laſt. Dieſe Wahrheit empfanden die Sternbuben täglich mehr. Deren Unterthanen, die Füße, drohten ihren Beſitzern den Dienſt und Gehorſam aufzu⸗ ſagen. Immer verdroſſener und unter ſtetem Murren tru⸗ gen ſie die königlichen Leiber durch die Felder, Auen und Oerter. Zu dieſer wachſenden Abſpannung aller Leibes⸗ kräfte geſellte ſich ein plötzlicher Wechſel der Witterung, welche von einer mäßigen Kälte in Thauwetter überging, den nur leicht gefallenen Schnee von den Flächen weg⸗ ſchmolz und Weg und Steg mit tiefem Schmuz überzog. Zu Zeiten ließ der graudunkle Himmel einen feinen, durch⸗ dringenden Regen fallen, welcher ſo wenig Ehrfurcht gegen die heiligen drei Könige bezeigte, daß er deren Kronen und weißen Feſtkleider vollſtändig durchweichte. Nicht minder böswillig als der Himmel erwies ſich die Erde, welche, ihren braunen Schmuz an die Sternbuben heraufſprützend, an denſelben den letzten Schimmer von Majeſtät vertilgte, den jener noch verſchont hatte. Die Niederlande der drei Wandelkönige— deren Füße und Hemdenſäume— ge⸗ währten jetzt einen jämmerlichen Anblick, ebenſo deren gold⸗ papiernen Kronen, welche ihre Spitzen ebenſo traurig niederſenkten wie die Blumen bei anhaltender Dürre und großer Hitze. Ueber letztere hatten ſich die Sternbuben nicht zu beklagen, welche bei der bisherigen trockenen Kälte 137 weit weniger gefroren hatten als jetzt im Thauwetter, deſſen kältende Näſſe ihre Körper ſchauern machte. Am erbar⸗ mungswürdigſten ſah der Mohrenkönig Baſtian aus, wel⸗ cher einer ſchwarzen Krähe glich, welche böſe Buben übel zerrupft, dann in's Waſſer geworfen, wieder herausgezogen und hohnlachend laufen gelaſſen haben. Ohne zu murren oder zu klagen, ertrug Baſtian ſein widriges Geſchick und nicht einmal ſein Antlitz verrieth eine traurige Miene, weil eine ſolche wegen der Negerfarbe nicht zu unterſcheiden war. Hanſel ſeufzte jetzt unter der Laſt ſeines Brotſäckleins, deſſen Inhalt, vom Regen durchweicht, immer ſchwerer ward, ohne deshalb an Menge zuzunehmen. Aber als ein von Jugend auf an Entbehrungen und Leiden gewöhnter Menſch erduldete auch er, wie Baſtian, ſtill dasjenige, was Schweres ihm das Schickſal jetzt zutheilte. Wie hätte da der an Jahren und Erfahrung ältere Jürgele von ſeinen ſchwächeren Gefährten ſich beſchämen laſſen können und in unnütze, laute Klagen ausbrechen wollen?! Er, der Unter⸗ nehmer und Anführer des Sternbubenzuges, durfte nicht durch Kleinmuth ihre gemeinſame, ſchlimme Lage noch trüb⸗ ſeliger geſtalten, nicht bloß mit dem Sterne, ſondern auch mit gutem Beiſpiele vorangehen. Aber ſogar der todte, hölzerne Leitſtern hatte unter dem Einfluß der üblen Wit⸗ terung gelitten, indem ſeine goldgelbe Farbe auf ſeines Trägers weißes Hemde herniedertropfte und der ihn bewe⸗ gende Draht mit Roſt ſich überzogen hatte, welcher ihm das raſche Umdrehen verwehrte. Wie ſehnten ſich die armen, müden, durchnäßten, froſtzitternden Sternbuben nach der Erlenmühle, nach Ruhe, nach einem ſichern Obdach, 138 nach einer warmen Stube, nach einer wärmenden Suppe, nach einem weichen Lager zurück! Nicht verdammliche Hab⸗ ſucht, nur der heiße, kindliche Wunſch, den daheim darbenden Aeltern und Geſchwiſtern eine möglichſt anſehnliche Hülfe zuführen zu können, bewog und ſtärkte die Sternbuben, daß ſie ihr mühevolles Werk noch bis zum Sonnabend und bis zur hereinbrechenden Abenddämmerung fortſetzten. Der letzte Ort, den die Sternbuben mit ihrem Bitt⸗ und Singumgange heimſuchten, war das Dorf Erlbach. Als ſie, ihr ſaures Tagewerk endlich beſchließend, in gar jämmerlicher Geſtalt und Bekleidung dort vor dem letzten Hauſe ſtanden und mit gänzlich heiſer gewordener Stimme ihre Verſe herbrummten, herquikten und herlispelten, blickten die Hausbewohner mit tiefem Mitleid auf die armen Schelme hin, die mit froſtklappernden Zähnen ihren Dank ſtammel⸗ ten und die Erlenmühle als das Endziel ihrer Wanderung bezeichneten. Fort tappten ſie jetzt durch Schmuz und Schlamm. Baſtians erſtarrte Finger vermochten nicht mehr das Lederbeutelchen aufzuziehen; daher barg er die empfangenen Geldſtücke einſtweilen in ſeiner Hoſentaſche. Hanſel rückte ſeinen Brotſack auf die andere, ausgeruhete Seite ſeines Körpers, und Jürgele, der doch die meiſte Kraft und darum den meiſten Lebensmuth beſaß, zwang ſein Antlitz zu einem matten Lächeln und brummte heiſer ſeinen Gefährten die tröſtenden Worte zu: Wir woll'n uns wieder wenden! Der Rheinſtrom geht mit ſtarkem Eis. Erlmühle heißt ihr Name, ſie mahlt ihr Mehl mit allem Fleiß.“ Ach ja! die Erlenmühle! Wenn ſie nur ſchon dort ge⸗ weſen wären! Im Geiſte erblickten ſie bereits die dampfende Suppenſchüſſel auf dem Tiſche und ſich daran ſitzen. Ja, dann wollten ſie wieder gar freudig ihr: He ja, he ja! es muß gelobet ſein!“ herſingen, anſtatt daß ſolches zuletzt weinerlich und wie von ſterbenden Lippen erklungen war. RNun, das Schwerſte war ja überſtanden und nur noch das kleinſte Stück Wegs zurückzulegen! Aber ſo manches Schiff iſt nach langer, gefahrvoller Seefahrt zuletzt im Angeſicht des ſichern Hafens eine Beute der ſalzigen Wellen ge⸗ worden. In der Nacht dieſes Sonnabends hatte der Vater Han⸗ ſels in Lug einen ſchweren Traum. In weiter Ferne er⸗ blickte er ein unüberſehbares Schneefeld, über welches die drei Sternbuben dahinſchritten. Voran Jürgele mit dem ſich drehenden Sterne, in der Mitte Baſtian und am Ende ſein Hanſel mit den ſtraffen Brotſäcklein an der Seite. Immer tiefer und tiefer verſanken beim Weiterſchreiten die Sternbuben in den Schnee, ſo daß zuletzt nur noch der drehende Stern und die Köpfe der kleinen Wanderer über demſelben ſichtbar waren. Zuletzt tauchten auch die drei Knabenköpfe unter und nur noch der Stern blieb oben und drehte ſich eifriger, gleichſam als wolle er Hülfe für ſeinen Träger und deſſen Gefährten herbeiwinken. Da machte ſich Holz-Feurig auf, ſein Kind und die beiden anderen Sternbuben zu erretten. Aber er ging und ging, ohne doch vorwärts zu kommen und ohne jenes Schneefeld zu er⸗ reichen. Es war ihm, als halte ihn eine unſichtbare Ge⸗ walt feſt gebannt, ſo ſehr er auch ſeine Beine und Arme ———————————— 140 bewegte. Dieſe qualvolle Lage währte Tage, Wochen und Monate lang fort, ohne daß der ſich tödtlich abmattende Feuerig um einen Schritt vorwärts gelangte. Endlich zer⸗ rann der Schnee, jenes Schneefeld ward zum endloſen Sumpfe, aus welchem Schilfſtängel hervorwuchſen und auf deſſen trüber Fläche die Waſſerlilie ihre flachen Blätter ausbreitete. Als Feuerig, plötzlich freigegeben, dem Sumpfe eilig ſich näherte, empfing ihn das laute Geſchrei zahlloſer Fröſche, welche insgeſammt ihn entgegenriefen:„Sie ſind todt! todt! todt““—„Todt! todt! todt!“ wiederholte kla⸗ gend und dumpfer der traurige Unkenruf.—„Geſtorben! geſtorben! geſtorben!“ flüſterten die ſchlanken Schilfhalme und zeigten mit geſenkten Häuptern bedeutungsvoll auf den Sumpf hernieder. Aus deſſen trüber Waſſerfläche ragte dort ein kurzer Stab mit einem verblichenen Holzſterne her⸗ vor, den eine weiße, kleine Todtenhand umſpannt hielt. Ach, es war dieſer Stern das ſchlichteſte unter allen Denk⸗ mälern für die verunglückten Sternbuben! Dicht neben dem Stabe und Sterne ſchwamm ein grauweißes Gewand und je um zwei Schritte zurück noch ein zweites und drittes, damit die geſuchte Dreizahl herauskomme. Und da der arme Vater durch Sumpf und Schlamm, durch Waſſer und Schilf, über die ſchreienden Fröſche und klagenden Unken hinweg, bis zur erſten Leiche ſich durchgearbeitet hatte und ſolche ſammt ihrem weißen Sterbehemde emporhob; ſo hielt er ſein liebes Hanſel in ſeinen Armen, das ſein bleiches, erkaltetes Antlitz vorn auf die Bruſt geſenkt hatte und mit. feſt geſchloſſenen Augen den langen Todesſchlaf ſchlief. Noch hing das Brotſäcklein an des Sternbuben Seite, aber 4 141 auf⸗ und herausgequollener Inhalt war längſt ſchon eine Beute der gefräßigen Sumpfbewohner geworden. Da trug der tief darnieder gebeugte Vater ſein todtes Kind an's Ufer, wobei ſeine Augen ebenſo reichlich von Schmerzens⸗ zähren trieften als der Leichnam Hanſels von ſchmuzigen Waſſertropfen. Und der ſonſt ſo rauh auftretende und ſprechende Holzhauer rief jetzt mit den ſanfteſten Schmeichel⸗ tönen ſein Hanſel beim Namen und bat denſelben, doch wie⸗ der lebendig zu werden. Während aber Hanſel ſtumm und unbeweglich wie ein Holzſcheit verblieb, regte ſich drüben im Sumpfe des Sternträgers Jürgele hervorragende Hand und bewegte den Stab, ſo daß ſich der Stern langſam zu drehen begann. Und Baſtiänel erhob ſein Haupt mit dem vormaligen Mohrengeſicht, das aber durch das lange Liegen im Waſſer wieder weiß gewaſchen worden war, und rief mit heiſ'rer Stimme zu Hanſels Vater herüber:„Hole uns nach! hole uns nach!“ Aber die Fröſche erhoben hierauf ein Zetergeſchrei, in welches die Unken traurig einſtimmten. „Nein, nein, nein!“ riefen ſie abwehrend aus—„%ſie ge⸗ hören uns, uns, uns! Laß ſie hier! hier! hier!“ Und auch die Schilfſtängel rauſchten unwillig und flüſterten vernehm⸗ lich:„Sie gehören uns, uns, uns!“ und beugten ſich tiefer als bisher zu den beiden Todtenſchläfern im Sumpfe her⸗ nieder, als wenn ſie dieſelben, wie man den Leichen der Vornehmen thut, nit theuer bezahlten be⸗ decken wollten. Hier erwachte der Holzhauer vor Entſetzen und fühte ſeinen Körper mit eiskaltem Schweiß gebadet. Sobald der Morgen graute, eilte er zu dem Holzſchuhmacher und 142 dem Beſenbinder, ihnen den gehabten Angſttraum mitzu⸗ theilen und ſie aufzufordern, mit ihm an das Aufſuchen der über die Verabredung lange außenbleibenden Sternbuben zu gehen. Seine Erzählung verſetzte den Jackel in eine um ſo größere Angſt, als er bei ſeinem Beſuche der Erlen⸗ mühle das gefährliche Ried in deren Nähe hatte erwähnen hören und die Sternbuben bei ihrem beabſichtigten Gange nach der Erlenmühle möglicherweiſe in das Ried gerathen ſein konnten. Der ganz natürliche Gedanke, daß, wenn Feuerig's gehabter Traum kein bloßes Trugbild geweſen ſei, jede Bemühung, die Sternbuben aus der gedroheten Gefahr zu retten, zu ſpät komme und darum eine vergeb⸗ liche ſein müſſe, hielt die drei Väter nicht ab, ſo bald als möglich ihren Weg nach der Erlenmühle anzutreten. Während Jackel, Peterle und Feuerig ſchweren Herzens“ dahin wandern und ihre Weiber mit noch ſchwereren Herzen zurücklaſſen, wendet ſich der Leſer den nach der Erlenmühle trottelnden Sternbuben wieder zu. Das zwölfte Kapitel. Das Ried. 4 6 Wie ein geſchlagener Feind, der muthlos und ſtill ſein 6 Heil in der Flucht ſucht, verfolgten die Sternbuben den ſchmalen Pfad von Erlbach nach der Erlenmühle. Sie gingen hintereinander und hatten den Baſtian, als den Schwächſten und Muthloſeſten, in ihre Mitte genommen, damit er nicht etwa zurückbleibe und ſo verderbe. Der abendliche Himmel war mit tief hernieder hangenden, ſchwar⸗ zen Regenwolken umzogen, welche die winterliche, durch kei⸗ nen Schnee mehr erhellte Finſterniß noch dunkler machten. Als die Sternbuben unter wiederholtem Stolpern durch einen dichten Buſch wanderten, blieb Hanſel einmal zurück, um einen kleinen Gegenſtand, auf welchen er mit dem rechten Fuße getreten war, aufzuheben und ihn mechaniſch zu ſich zu ſtecken. Gleich darauf tönte ihnen eine rauhe Stimme entgegen, welche mit barſchem Ausdruck die Sternbuben anrief:„Halt! wer ſeid ihr und wohin wollt ihr?“ „Wir ſind arme Sternbuben“— verſetzte Jürgele, in⸗ dem er vor einer dunkeln, ihnen in den Weg getretenen Mannsgeſtalt ſtehen blieb—„hier fremd und wollen nach der Erlenmühle. Sind wir hier auf richtigem Wege?“ „Ja!“ erwiederte der falſche Kerl, welcher ein Mitglied von Näther⸗Hanſens Räuberbande war und hier auf der Lauer ſtand—„Wenn ihr aber noch ein paar hundert Schritte weiter gekommen ſeid, ſo vergeßt nicht, euch rechts zu halten. Nur immer rechts und bald werdet ihr das Licht in der Mühle blinken ſehen und könnt dann nicht mehr fehl gehen.“ Dankend ſchritten die Sternbuben weiter und der lüg⸗ neriſche Wegweiſer lachte ihnen höhniſch und ſchadenfreudig nach. Wortlos verfolgten jene der angegebenen Weiſung und traten ſpäter aus dem Waldesdickig in's Freie, wo ſie bald auf eine dünne Eisdecke geriethen, welche wiederholt —— unter ihren Holzſchuhen knackte, ihnen aber immer noch keine Beſorgniß einflößte. Plötzlich jedoch brach Jürgele ein und ſank bis an die Hüften in ein ſchlammiges Waſſer, ſo daß es an ihm emporſprützte. In dem Augenblick, wo der erſchrockene Knabe mit ſchneller Faſſung ſeinen beiden nachrückenden Gefährten ein warnendes„Zurück!“ zuſchrie, plumpte Baſtian in die Tiefe nach, unter welcher er ſofort völlig verſchwand, ſo daß ſein Tod gewiß erfolgt wäre, hätte ihn nicht Jürgele raſch herausgefiſcht und auf die Füße geholfen. Da Baſtian um ein Beträchtliches kleiner wie Jürgele war, ſo reichte ihm das Waſſer bis zur Bruſt. Zähneklappernd und von der Waſſerkälte ſchauernd, ſtand er wie betäubt neben Jürgele, der ihm noch immer als Stütze diente. Währenddem hatte auch Hanſel das Ge⸗ ſchick ſeiner beiden Gefährten getheilt, daher man füg⸗ lich von ihnen ſagen konnte:„Gleiche Brüder, gleiche Kappen!“ Das Nächſte, was die verunglückten Sternbuben be⸗ gannen, war, daß ſie in ein gemeinſames Klagen, Weinen und Heulen ausbrachen, wobei Baſtian den Anfang machte. Als ihre bedrängte Lage dadurch nicht um ein Haar erträg⸗ licher wurde, ſammelte ſich Jürgele ſo weit wieder, daß er mit ſeinem Stabe den Sumpfboden umher zu unterſuchen anhob. Das Ergebniß dieſes Forſchens war leider ein niederſchlagendes; denn überall gab ſich dieſelbe, ja ſtellen⸗ weiſe eine noch beträchtlichere Waſſertiefe kund. Dabei hatten die Sternbuben die Richtung verloren, in welcher —— ſie von dem feſten Lande in den Sumpf gerathen waren, um in der Finſterniß den vielleicht gefahrloſeren Rückweg k auffinden zu können. Nun richteten die Sternbuben ihre 3 Blicke in die Ferne, in der Hoffnung, von dort her eine Hülfe nahen zu ſehen oder zu hören. Um ſich derſelben kund zu geben, vereinten ſie ihre Stimmen zu einem weit⸗ hin ſchallenden Hülferuf. Die Aermſten! Sie hatten ver⸗ . geſſen, daß ihre gänzlich heiſeren Kehlen ja keines lauten Tones mehr mächtig waren. Darum erſtarb ihr verſuchtes Aufſchreien gleich dem Hülferufe eines Ertrinkenden. Nachdem weder in der Nähe, noch in der Ferne ein 6. Retter aufzufinden war, ſuchte Hanſel einen ſolchen in der Höhe über ſich, indem er mechaniſch das Vaterunſer her⸗ betete, von deſſen ſieben Bitten jetzt nur zwei, die dritte und ſiebente, hierher paßten. Gottes himmliſches Reich war den unglücklichen Knaben jetzt näher als ſie dachten, und, eingehend in daſſelbe, würden ſie von jeglichem Uebel er⸗ löſet worden ſein. So wie Hanſel das Amen zum Schluſſe geſprochen hatte, ließ ſich Baſtians heiſere Stimme ver⸗ nehmen. Der gute Junge ſchien bereits bewußtlos zu ſein und in ſeinen wirren Gedanken als Sternbube vor einem Hauſe zu ſtehen glauben. Denn er ächzte und trichite mit geſchloſſenen Augen die Verſe her: „Und wer dies Kind mit Freuden küſſen und umfangen will, muß vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel. Darnach mit ihm auch ſterben und geiſtlich auferſtehn, ewig's Leben zu erben, wie an ihm iſt geſchehn. He ja, he ja! wie an ihm iſt geſchehn.“ Nieritz, Stern, Stab und Pfeife. 10 146 Dieſer heiſere Schwanengeſang eines ſterbenden Kindes zerfleiſchte Jürgeles Herz, der, als der Urheber des Stern⸗ buben⸗Unternehmens, ſich als die Urſache des Todes ſeiner Gefährten betrachtete. Mit ſeinen naſſen Händen rieb er jetzt Hanſels kaltes, naſſes Antlitz und gab ihm die ſchönſten Worte, zu ſich zu kommen und nicht zu ſterben. Zugleich fragte er wiederholt den ſchlotternden Hanſel, ob er denn immer noch keine Hülfe nahen, hören oder ſehen könne. Nach⸗ dem Hanſel in der Finſterniß ſich umgeſchaut und Jürgele's bange Frage ſtets verneint hatte, rief er plötzlich etwas lauter aus:„Dort flimmert ein Licht!“ Aehnliche Wirkung mochte der Ruf:„Land! Land!“ von dem Maſtkorbe desjenigen Schiffes hervor gebracht haben, auf welchem Chriſtoph Columbus ſeine Entdeckungs⸗ reiſe nach Amerika machte. Neu belebt blickte Jürgele auf und ſagte eifrig:„Es wird in der Erlenmühle ſein! Ach, wären wir nur nicht heiſer! Ich für meinen Theil allein wollte dann ſchreien, daß es noch über die Mühle hinausſchallen ſollte.“ Die Sternbuben hatten noch immer keine Ahnung da⸗ von, daß jener treuloſe Wegzeiger im Walde gefliſſentlich ihnen eine ganz falſche Richtung vorgezeichnet hatte. „Ja, wären wir nur nicht heiſer,“ wiederholte Hanſel traurig, während Baſtian lautlos ſchwieg. „Es kann nicht in der Mühle ſein“— fuhr Jürgele fort—„denn es geht vorwärts.“ „Dann iſt's jedenfalls ein Irrwiſch“— weinte Hanſel „der uns in's Grab hinunter leuchtet. Lange halte ich's nicht mehr aus.“ J * 147 „Wenn es eine Laterne wäre!“ tröſtete Jürgele.„Ver⸗ ſuchen wir noch einmal laut außzuſchreien.“ Vergebliche Anſtrengung der Lunge, welcher die Stimm⸗ ritze den Gehorſam verweigerte. Schon wollte Jürgele in heller Verzweiflung ſein Haar zerraufen, als Hanſel ſchnell ausrief:„Ha! ich beſinne mich! Als wir vorhin durch den Buſch torkelten, trat ich auf etwas, das ſich wie eine kleine Pfeife anfühlte. Ich habe das Ding eingeſteckt— da iſt es!“ „Hui!“ durchſchnitt ein gellender Pfiff die dunkle Nacht⸗ luft, als Hanſel die gefundene Pfeife an die Lippen ſetzte und hineinhauchte. Selbſt Baſtian regte ſich wieder bei dem markdurchdringenden Laute. Zum eifrigſten Pfeifer ward nun Hanſel, welcher auf Unkoſten ſeiner Zuhörerohren ſeine Pfeifkunſt fortſetzte, während Jürgele mit der größten Spannung nach dem Eindruck ausforſchte, welchen das Pfeifen auf das wandelnde Licht oder ſonſt wo hervor⸗ bringen würde. Zuerſt wurzelte das Lichtlein wie beſtürzt über den ver⸗ nommenen Ton. Dann hob es ſich bald empor, bald ſenkte ſich's wieder. Hierauf ging es zurück, um in der nächſten Minute deſto raſcher wieder vorwärts zu hüpfen. Einmal glaubten die in höchſter Spannung lauſchenden Buben einen fernen Gegenſchrei zu vernehmen und faßten neuen Muth deswegen. Auf das in Zwiſchenräumen fortgeſetzte Pfeifen Hanſels wanderte das Licht in linker Richtung weiter und verſchwand endlich ganz. Mit ihm zugleich der letzte Hoff⸗ nungsſchimmer in dem Herzen der armen Sternbuben. An die Stelle des ſchrillenden Pfeifens trat nun ein Sik 148 liches Schluchzen, das ſich ſpäter in leiſe und immer ſeltener ausgeſtoßene Seufzer verwandelte und zuletzt in die tieſſte Todtenſtille überging. Rabenſchwarz ſenkte ſich die Nacht des letzten Decem⸗ bers auf die ſtillruhende Erde hernieder und hüllte mit ihrem dichten Schleier die Sternbuben im Sumpfe ein, welche mit erſtarrten Händen den Stab mit dem Stern um⸗ klammert hielten, gleichwie ein Schiff im Sturme an ſeinen letzten Nothanker ſich hängt, und in ſtiller Ergebung ihr Ende erwarteten. Am Nachmittage des Neujahrsheiligenabend waren die beiden Förſterstöchter zu Beſuch in die Erlenmühle gekom⸗ men. Daſelbſt hatten Meta und Veronel ihnen von den Sternbuben aus Lug und deren heute noch erwartete Zu⸗ rückkunft erzählt, zugleich die Mädchen auf morgen einge⸗ laden, damit ſie der Aufführung der Sternbuben und dem nochmaligen Anzünden des Chriſtbaums beiwohnen möchten. Es war dunkel geworden und immer noch kein Sternbube zu ſehen, daher ſich Helene und Mathilde endlich zum Heim⸗ wege rüſteten. Veronel begleitete die beiden Mädchen und der Müller geſellte ihnen noch ſeinen Fahrknecht mit einer bren⸗ nenden Laterne bei. Deren Licht war es, welches die im Sumpfe verſunkenen Sternbuben erblickten und das vom Hanſel für ein Irrwiſch gehalten wurde. 3 „Was iſt das?“ fragte Veronel betroffen, als das durchdringende Pfeifen zu ihren Ohren gelangte.„Dort 149 pfeift es! es wird doch Niemand in's Ried gerathen ſein? Herr Jeſus, wenn es mein Bruder, wenn es die Stern⸗ buben wären, die heute ganz beſtimmt wieder zurück ſein wollten!“ „Das wären meine Sternbuben!“ ſprach der Knecht. „Eine richtige Spitzbubenpfeife iſt's! Einer von Näther⸗ Hanſens Bande wird es ſein, der uns zu ſich heranlocken will, um uns auszuplündern.“ „Horch, da pfeift es wieder, und wie ängſtlich! Bleib' einmal ſtehen, Görge! Iſt mir's doch, als hörte ich um Hülfe rufen“— ſagte Veronel. 8 Der Knecht hielt ſeine Schritte an und Alle horchten. Wiederum ertönte die Pfeife, doch ein Rufen ließ ſich nicht vernehmen. „Hier iſt's nicht geheuer“— ſprach der Knecht voll Angſt.„Am geratheſten thun wir, wenn wir nach der Erlenmühle umkehren.“ Eine kleine Strecke weit folgten die eingeſchüchterten Mädchen dem Knechte, welcher wirklich den Rückweg ange⸗ treten hatte, bis endlich Helene ermuthigt ausrief:„Ma⸗ thilde, wir gehen nicht nach der Mühle zurück, ſondern nach Hauſe. Mag der furchtſame Haſe mit ſeiner Laterne Reiß⸗ aus nehmen. Ich will nicht, daß ſich unſere Aeltern äng⸗ ſtigen, wenn wir nicht heim kommen.“ „Ja, das iſt wahr!“ verſetzte Mathilde, und ſie nebſt ihrer Schweſter wendeten ſich wieder dem Walde zu, in welchem das Förſterhaus lag. Veronel that ein Gleiches und darum ſah ſich auch der Knecht gezwungen, auf dem erſten Wege wieder voranzuleuchten. In immer kürzeren 150 Pauſen erneuerte ſich das Pfeifen und die kurz herausge⸗ ſtoßenen Töne klangen ſo ängſtlich, ſo hülfeflehend! Sie zerriſſen Veronels Herz. „Ich bitte dich um Gotteswillen!“— bat ſie den Knecht—„laß uns ein Stück näher nach dem Ried gehen, um zu ſehen, wer dort ſo angſtvoll pfeift. Gewiß, ja gewiß ſind's die Sternbuben.“ „Oho!“ verſetzte der Knecht—„wenn's die Stern⸗ buben wären, ſo würden dieſe ſicher nicht bloß pfeifen, ſon⸗ dern gar gewaltig ihre Stimmen erſchallen laſſen. Uebri⸗ gens hat mir mein Herr geheißen, die Förſterstöchter heim zu geleiten und nicht in das vermaledeite Ried, in dem wir insgeſammt ertrinken könnten.“ Taub gegen die vereinten Bitten der drei Mädchen ſetzte der Knecht ſeinen Weg fort. Nothgedrungen mußten jene ihm folgen. Dabei aber ſchnitt jeder neue Pfiff wie ein zweiſchneidiges Schwert durch Veronels Herz. Plötzlich ſtieß der Knecht die zitternd ausgeſprochenen Worte heraus:„Gott ſteh⸗ uns bei! Da kommt ſchon ein Räuber auf uns los!“ Die Laterne drohte dem Haſenherz aus der Hand zu ſinken. Mathilde aber rief freudig aus:„Iſt's wahr, Bernd, daß du ein Räuber geworden biſt? Unſer Laternenträger behauptet das und du magſt dich nur vor ihm rein waſchen.“ „Euer Vater ſchickte mich ab“— entgegnete der Jäger⸗ burſche lachend—„um zu ſehen, wo ihr ſo lange bliebet, und euch nöthigenfalls heimzugeleiten. Nun kannſt du mit deiner Laterne wieder heimgehen, Görge!“ fuhr er zum Knechte ſpöttiſch fort—„wir brauchen deiner nicht mehr. 151 Und krieche tief unter dein Deckbette und ſtopfe diren beide Ohren mit Baumwolle zu, damit du von den Räu⸗ bern nichts mehr hörſt und ſiehſt.“ „Habt Ihr das Pfeifen aus dem Ried auch vernom⸗ men, lieber Herr Bernd?“ fragte Veronel haſtig. „Ja wohl“— erwiederte der Jägerburſche—„ich weiß nicht, was ich davon halten ſoll.“ „Ich weiß es“— wehklagte Veronel—„es ſind die Sternbuben! Sie wollten heute Abend in der Erlenmühle eintreffen und ſind in das Ried gerathen. Mein Bruder Jürgele iſt dabei— ach, beſter Herr Bernd! habt Mitleid mit ihnen und mit meiner Angſt! Erbarmt Euch ihrer, um des Heilandes willen, und unſer Herrgott wird es Euch tauſendfach vergelten.“ Als die Förſterstöchter in Veronels Bitten einſtimmten, ſprach der Jägerburſche zum Knecht:„Gieb mir die La⸗ terne, Görge! Ich werde ſie, wenn du nicht hier warten oder nicht mit uns gehen willſt, morgen bei guter Tageszeit und ohne Schaden nach der Mühle zurückbringen. Nun aber ohne Zaudern darauf los! Ich kenne hier alle Wege und Schliche und gehe darum voran.“ Der Knecht, welcher ſich in der Geſellſchaft des Jägers mit der geladenen Doppelbüchſe für ſicherer hielt, als wenn er allein nach der Mühle zurückkehrte, ſchloß ſich der kleinen Geſellſchaft an, welche den Weg nach dem Ried einſchlug. Das Pfeifen war indeß erſtorben und darum der Jäger⸗ burſche, als man vor dem Ried ſtand, in Ungewißheit, an welcher Stelle er die angeblich verunglückten Sternbuben zu ſuchen habe. Aber der wackere Bernd wußte ſich zu 152 helfen. Aus ſeiner Taſche zog er ein Stück Papier hervor, welches er an dem Lichte der Laterne anzündete, ſolches dann an die dürren Schilfſtengel in ſeiner Nähe hielt und dieſe ſchnell in helle Flammen ſteckte. Knatternd und rauſchend glitt ein Feuerſtrom über die dünne Eisdecke des Rieds da⸗ hin und verbreitete über daſſelbe ein blendendes Lichtmeer. Mit ängſtlicher Spannung folgten ſeinem Weiterdringen die bohrenden Blicke der am Ufer Stehenden. „Jeſus! Jeſus!“ zeterte Veronel aufkreiſchend—„dort! dort! O mein Herrgott! dort!“ Ja dort! Auch die Uebrigen ſahen, wohin Veronels ausgeſtreckter Arm hinwies. Sie ſahen— und ihre Herzen erſtarrten. Aus der Waſſertiefe des Rieds erhob ſich ein kurzer Stab. Seine Spitze trug einen hölzernen Stern, deſſen fahlgewordene Strahlen im grellen Feuerſcheine wie goldig ſchimmerten. Ueber der Waſſerhöhe hielten zwei Fäuſte den Stab umklammert, während zwei andere Arme einen Gegenſtand umſpannten, deſſen Beſchaffenheit nicht genau zu unterſcheiden war. Denn des Stabes und Sternes nächſte Umgebung ſtellte einen Klumpen vor, deſſen einzelne Beſtandtheile zu ſehr ineinander verſchwammen, um aus der Ferne deutlich erkannt zu werden. Nur weiße Hemden und dazwiſchen ſchwärzliche Stellen unterſchie⸗ den ſich. „Wehe! wehe!“ jammerde Veronel händeringend.„Zu ſpät! zu ſpät! Sie ſind todt! Sie regen und rühren ſich nicht mehr! O Jürgele! Jürgele!“ „Ein Kopf erhebt ſich!“ rief Helene lebhaft aus.„Er wendel ſich mit dem Geſicht nach uns! Sieh, ſieh, Tildchen!“ 3 8 6½ „Da wackelt auch noch ein Arm!“ jubelte Mathilde. „Noch find ſie nicht ganz todt!“ „Wenn noch geholfen werden kann und ſoll“— ſprach Bernd—„ſo muß es bald geſchehen. Sonſt erliſcht das brennende Schilf und wir ſtehen auf dem alten Fleck. Nun, zum Ertrinken iſt's hier gerade nicht. Darauf los denn!“ Mit dieſen Worten glitt der brave Burſche behende über das knackende Eis, bis daſſelbe unter ihm zuſammenbrach und er durch das Waſſer waden mußte, um zu den Stern⸗ buben zu gelangen. Als er gleich darauf hinter ſich das Waſſer rauſchen hörte und ſich betroffen nach der Urſache davon umſah, rief er erſchrocken aus: „Was willſt du hier, Veronel? Zurück! zurück! das iſt keine Arbeit für ein ſchwaches Mädchen.“ „Was ich hier wolle, könnt Ihr noch fragen, Bernd?“ verſetzte Veronel, immer vorwärts ſchreitend in dem eis⸗ kalten Sumpfwaſſer—„Nun, was Anders, als meinen Bruder, mein Jürgele, zu retten? Jürgele! Jürgele!“ fuhr ſie laut aufſchreiend fort—„Hörſt du mich? Lebſt du noch? Laß dich auf meinen Rücken heben und ſchlinge deine Arme um meinen Hals.“ Auf dieſe Rede krächzte eine heiſere Stimme:„Mich nicht, Veronel! Baſtiänel nimm! Ich und Hanſel konnten ihn kaum länger mit dem Kopfe über dem Waſſer erhalten. Aber er— wird wohl ſchon todt ſein— denn ſchon lange iſt's, daß er ſich nicht mehr rührte und wie ein Scheit Holz in unſern Armen lag.“ Der gute Junge verſuchte nebſt dem beinahe erſtartten Hanſel, den in ihren Armen liegenden Mohrenkönig, der ½ 154 als ſolcher die Eiskälte des Rieds am wenigſten hatte er⸗ tragen können, auf Veronels Rücken zu verſetzen; allein die froſtſteifen Glieder verſagten ihren Herren dieſen Dienſt. Dafür griff Veronel deſto kräftiger zu. Mit jener Rieſen⸗ ſtärke, wie ſie dem Menſchen in der größten Aufregung überkommt, packte ſie den lebloſen Baſtian und trat mit dieſer triefenden Laſt den Rückweg an, nachdem ſie ſich über⸗ zeugt hatte, daß Bernd mit den beiden andern Sternbuben in ſeinen Armen ihr auf dem Fuße folge. Der Jäger⸗ burſche, welcher je mit einem Arme einen Knaben um den Leib umſchlungen hielt und ſie mit ſich fortzog, hatte keine leichtere Aufgabe wie Veronel. Denn die erſtarrten Beine der Sternbuben unterſtützten deren Retter faſt gar nicht, und zwei unbehülfliche Körper zugleich durch eine ſchlam⸗ mige Waſſertiefe fortzuſchleppen, war keine geringe An⸗ ſtrengung, welcher Bernd zuletzt kaum gewachſen geblieben wäre, wenn nicht noch zu rechter Zeit der Mühlknecht ſich in's Mittel geſchlagen und dem Jägerburſchen die Halb⸗ ſchied ſeiner Laſt abgenommen hätte. Daß ſich dazu der träge Menſch noch hatte beſtimmen laſſen, war durch die wiederholte Hülfsaufforderung der Förſterstöchter, mehr aber noch durch Veronels muthiges Beiſpiel bewirkt worden. Nachdem die Retter ſammt den Geretteten das feſte Ufer erreicht hatten, fand nicht erſt eine lange Verhandlung über die nun zu ergreifenden Maßregeln ſtatt, ſondern es wurde ohne weiteres Säumen der eiligſte Rückweg nach der näher als die Förſterei gelegenen Erlenmühle angetreten. Frei⸗ lich konnte der noch immer lebloſe Baſtian den Weg dahin nicht antreten, ſondern mußte getragen werden, ſowie ſich 4 . 155 auch die beiden anderen Sternbuben mehr dahin ſchleppen ließen als daß ſie ſelbſt gegangen wären. Die Retter hatten vor ihren Geretteten das voraus, daß ſie in ihren naſſen Kleidern eher ſchwitzten als froren, indem ihnen ſowohl ihre nicht leichte Bürde, als auch die raſche Bewegung warm genug machte. Noch ſchneller eilten Helene und Mathilde voraus, um die Mühlenbewohner von der Ankunft der Sternbuben zu benachrichtigen und den⸗ ſelben eine, ihrem Zuſtande angemeſſene Aufnahme zu be⸗ reiten. Bald waren die drei Knaben nach ihrem Eintreffen in der Mühle von ihrer durchnäßten Kleidung befreit, mit trockner Leibwäſche angethan und in wohlausgewärmte Betten geſteckt worden. Zugleich flößte man dem Jürgele wie dem Hanſel heißen Fliederthee und auch eine Taſſe Glühwein ein, während man dem noch immer lebloſen Ba⸗ ſtian mit ſcharfem Bürſten übel zuſetzte, um deſſen Lebens⸗ geiſter wieder zu erwecken. Wie der Holzhauer, der Beſenbinder und der Holz⸗ ſchuſter ſo eilig über Berg und Thal dahinrannten! Wie ſie ſich weder Ruhe, noch Raſt vergönnten und ſelbſt ihre Mahlzeit im Laufen hielten! Den Weg bis zur Erlenmühle, welchen ſingend zurückzulegen, die Sternbuben drei volle Tage Zeit gebraucht hatten, machten deren Väter in einem einzigen Tagemarſche. Noch bei Tage langten ſie vor dem Ried an, welches allein ſie als die in Feuerig's Traume vorgekommene Unglücksſtätte erkannten. Der Inſtinct oder 156 Zufall führte ſie bald an die Stelle, wo die Sternbuben in den Sumpf gerathen waren, wie man an der vielfach durch⸗ brochenen Eisdecke und an den zahlreichen Fußtritten am Ufer wahrnehmen konnte. „Da— dort!“ Zu Leichen erblichen die drei ſtarken Männer und ihre Kniee ſchlotterten und drohten unter ihnen zuſammen zu brechen— ja, dort erhob ſich der wohlbe⸗ kannte Holzſtern an ſeinem Stabe aus dem Waſſer, blickte ſo trauervoll die erſtarrten Väter an und ſprach zu ihnen mit vernehmlichen Worten:„Todt ſind ſie, die ihr ſucht: eure Söhne! Und ich bin das Kreuz auf ihrem naſſen Grabe und warte ſchon lange auf euch, um euch die Trauer⸗ kunde mitzutheilen.“ Darauf ſprangen die Väter jach in's Waſſer, um die Leichen ihrer Kinder aufzuſuchen, deren im Traume bezeich⸗ nete Ruheſtätte ſie in der Wirklichkeit nicht vorfanden. Doch vergebens durchirrten ſie den Sumpf in des Sternes näch⸗ ſter Umgebung. Nichts weiter als der Stab mit ſeinem fahlverblichenen Stern war von den drei Sternbuben zurück⸗ geblieben, den der Holzſchuſter auf dem eiligen Wege nach der Mühle vorantrug, wie ein Schulknabe auf dem Lande „ das hohe Kreuz mit dem Erlöſer vor einem Leichenzuge. In der Erlenmühle fanden ſie Alles in großer Aufregung, was ihre Befürchtung zur ſchreckenvollen Gewißheit erhob. Als ſie ſich aber Bahn gebrochen hatten nach dem Gemach, wohin und woher das Rennen ging, da ſchauten drei Knabenköpfe aus einem Berge von Federbetten hervor, von denen zwei den eintretenden Männern freudig zunickten, der dritte dagegen ſich von einer Seite nach der andern umher⸗ warf. Krebsroth ſahen Jürgele's und Hanſels we 4 aus und helle Schweißtropfen perlten auf denſelben. Ba⸗ ſtiänel dagegen war, trotz der großen Fieberhitze, in welcher er lag, bleich und ſchwitzte nicht, was kein gutes Zeichen war. Dennoch warfen ſich die drei Väter vor dem Lager ihrer Söhne auf die Kniee nieder und dankten Gott für deren Rettung mit lauter Stimme. Dann ſetzte ſich jeder von ihnen neben ſeinem Sohne hin und Jürgele nebſt Hanſel erzählten ihren Vätern, wie es ihnen ergangen war und rühmten der Müllersleute Edelſinn. Baſtian aber er⸗ zählte nichts, ſondern ſang mit heiſerer Stimme die Verſe der Sternbuben her und betete dann zur Abwechſelung den erſten Artikel des chriſtlichen Glaubens aus dem Katechi⸗ mus. Das that er, weil ihm die Beſinnung fehlte, oder weil er, wie man fremdſprachlich ſagt, phantaſirte. Die Mühle hatte der Gäſte viele aufzuweiſen, denn auch die lieben Förſtersleute gingen ab und zu und hülfreich zu Händen, um die Sternbuben wieder geſund auf die Beine zu bringen. Jürgele und Hanſel durften ſchon nach zwei Tagen aus ihrem Schwitzkaſten kriechen, aber mit dem armen Baſtiänel dauerte es länger. Bis zum ſechſten Ja⸗ nuar, als dem Feſte der Erſcheinung Chriſti oder dem hohen Neujahr, währte Baſtians Beſinnungsloſigkeit, während welcher Zeit ſein Vater nicht von ſeinem Lager gewichen war, weder bei Tage, noch bei Nacht. Jackel und Peterle waren indeß wieder nach Lug zurück⸗ gegangen, um ihre Weiber über der Sternbuben Schickſal zu beruhigen, ſo weit ſolches in Betreff Baſtians geſchehen konnte. An dem Feſttage, den die Chriſtenheit zum Andenken an die Erſcheinung der drei morgenländiſchen Weiſen vor der Krippe des Chriſtkindels feiert, erhielt Baſtian endlich ſei⸗ nen Verſtand wieder. Seine Erhaltung verdankte er, nächſt Gott, ſeinen beiden Gefährten, die ihn mit ſchon ſchwindendem Bewußtſein noch über dem Waſſerſpiegel er⸗ halten hatten, dann der muthigen Veronel nebſt dem wackern Jägerburſchen, ferner den lieben Müllersleuten und endlich der aufopfernden Pflege ſeines Vaters. Noch war die Freude über Baſtians nicht mehr zweifelhafte Ge⸗ neſung in der Mühle nicht verklungen, als in derſelben die Hiobspoſt eintraf, daß Näther⸗Hans mit ſeiner Bande in der letztverwichenen Nacht die einſamſtehende Bruchſchänke überfallen, deren Wirthsleute geknebelt, eine Magd erwürgt und alles Werthvolle geraubt habe, auf dem Rückzuge jedoch mit all den Seinen den Landjägern in die Hände gefallen ſei und bereits feſter verwahrt ſitze als je. Im Laufe der peinlichen Unterſuchung bekannte Näther-Hans, daß ſeine Abſicht eigentlich auf die Erlenmühle gerichtet geweſen ſei, indem die treuloſe Lieſe dem einen Räuber verrathen hatte, daß der Erlenmüller 3000 Gulden baar daliegen habe. Fünf Nächte hintereinander war NRäther⸗Hans mit ſeiner Bande vor der Erlenmühle erſchienen, hatte aber iedesmal den beabſichtigten Ueberfall unterlaſſen müſſen, weil ſie, in Folge der den verunglückten Sternbuben bewie⸗ ſenen Pflege, ſtüts Licht in faſt allen Fenſtern und eine Menge Menſchen auf den Beinen entdeckt hatten. Darüber verdrieß⸗ lich war die Bande endlich abgegangen, um ſich für ihr wie⸗ derholtes Nachtwachen in der Bruchſchänke ſchadlos zu halten. 2 159 Wie weiſe und gnädig die göttliche Fürſehung über uns waltet und Alles zu unſerm Beſten lenkt! Derſelbe Räuber, welcher die Sternbuben gefliſſentlich in das Ried ſchickte, um von der Erlenmühle jeden ungewöhnlichen Beſuch fern zu halten, der ihrer räuberiſchen Abſicht hinderlich hätte werden können, hatte kurz vorher die Diebspfeife verloren, welche ſpäter in Hanſels Hand die Retter der Sternbuben herbeirief. Ohne die Dazwiſchenkunft des Jägerburſchen würde aber der Hülferuf der verunglückten Buben ungehört geblieben ſein, und hätten die Müllersleute weniger men⸗ ſchenfreundlich an den armen Knaben gehandelt und des kranken Baſtians nicht gepflegt, ſo wäre der räuberiſche Ueberfall ausgeführt, der Müller ſeines Geldes, ja wohl auch ſeines Lebens beraubt worden, außerdem noch anderes Unheil geſchehen ſein. Dieſe Rettung aus einer furcht⸗ baren Gefahr erzeugte wiederum neues Gutes, gleichwie ein guter Same immer wieder gute Früchte hervorbringt, indem der Erlenmüller ſich zur Dankbarkeit gegen Hie Sternbuben und deren Väter verpflichtet erachtete, da ja durch ihre Gegenwart das drohende Ungewitter von ſeinem Haupte und von ſeiner Mühle abgehalten worden war. Als daher Baſtian ſo weit wieder hergeſtellt war, daß er in Geſellſchaft ſeines Vaters und ſeiner beiden Gefährten an die Heimreiſe denken konnte, ſo ließ der Müller ſeinen Mehlwagen anſpannen, belud denſelben mit Säcken und Bündeln voll Lebensmittel jeglicher Art, ſetzte oben darauf die Sternbuben ſammt dem dankſtammelnden Holz⸗Feuerig und gab ihnen zum Abſchiede noch die Zuſage mit, daß er auch für die Zukunft ſeine helfende Hand von ihnen nicht — —— — — 160 abziehen wolle und werde. Veronel blieb in der Erlen⸗ mühle zurück, wo ſie, wie in der Förſterfamilie, als ein Kind des Hauſes behandelt wurde. Die verrätheriſche Kühmagd dagegen büßte ihr Einverſtändniß mit einem Räuber durch eine lange Gefängnißſtrafe, wodurch Veronel für immer von ihrer heimlichen Feindin befreit wurde. Ueber Näther-Hans und ſeine Genoſſen ſprach das Gericht das Todesurtheil aus, welches auch wirklich voll⸗ zogen wurde. Als die Sternbuben mit vollen, rothen Pausbacken und freudig blitzenden Augen in die Schule und vor ihren Schulmeiſter traten, um demſelben mit gebührendem Dank das geliehene Lederbeutelchen und Brotſäckchen zurückzu⸗ geben, begehrte Herr Beier von den Knaben einen Bor⸗ gerlohn. „Schenkt mir“— ſprach er lächelnd—„den ſo wun⸗ derſam erhaltenen Stab mit dem Stern und zugleich die Spitzbubenpfeife, damit ich alle drei Stücke zu einem immerwährenden Gedächtniß an unſers Herrgottes väter⸗ liche Schickung in meiner Schule aufbewahren kann.“ In der niedrigen, kleinfenſtrigen und rußprigen Schul⸗ ſtube zu Lug hängen nunmehr Stern, Stab und Pfeife, welche dieſer Erzählung den Titel gegeben haben. 161 Um nicht der Krähe in der Fabel zu gleichen, welche ſich mit fremden Federn ſchmückte, bekennet hiermit der Verfaſſer vorſtehender Erzählung, von freien Stücken und dankbar, daß derſelben eine kleine Erzählung von Auguſt Becker zum Grunde liegt, welche in Nr. 15 von Gutzkow's Unterhal⸗ tungen am häuslichen Heerd enthalten iſt und den Titel: „Die Sternbuben“ trägt. Wenn es einem Componiſten, unbeſchadet ſeines guten Namens, nicht verwehrt iſt, über ein beliebtes Opernſtück oder über ſonſt eine anſprechende Melodie eines fremden Tondichters Variationen oder eine umfangreichere Phantaſie zu componiren, ſo glaubt der Unterzeichnete für ſich gleiches Recht beanſpruchen zu dürfen. Meiſtentheils habe ich den Grundſtoff zu meinen Erzäh⸗ lungen aus dem wirklichen Leben, aus Theaterſtücken, aus der Geſchichte, aus den Zeitungen und anderen Büchern geſchöpft, ohne meine Quelle jedesmal zu nennen. In dem vorliegenden Falle aber erachte ich ſolches darum für nöthig, theils um Herrn Auguſt Becker meinen Dank für ſeine kleine, aber ſehr gelungene Erzählung hiermit darzubringen, theils um etwaigen Verdächtigungen und ſchiefen Beurtheilungen vorzubeugen. Guſtav Uieritz. E — 3 5 S 2 —— —— 5 8 S„ 8 * * E 6 — F ſſſſſſiſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 5 * .„ 6* 3 7 5 6 3 35 3 3 S