Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 ztt Monat: 1 Mk.— Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſi endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein Glückwunſch. „Gnädiger Herr! der Jude Aaron iſt draußen und will ſein Geld haben“ Diejenige, welche dieſe Worte zu einem Manne in einem alten, großgeblümten und löcherreichen Schlafrocke ſagte, war ein kleines, verwachſenes Mädchen von ſchmuzigem Aeußern. Der gnädige Herr machte ein ſehr ungnädiges Geſcht indem er barſch antwortete: „Sage dem Schurken und Wucherer, daß ich iub xreype hinunterwerfen und ihm den Hals brechen würde.“ Das Mädchen entfernte ſich, kehrte aber bald wieder zurück. „Iſt er fort?“ fragte der gnädige Herr. „Ja!“ erwiederte das Dienſtmädchen,„aber er ſchimpfte arg und drohte, Euer Gnaden verklagen zu wollen.“ „Das mag er!“ lachte der gnädige Herr bitter. Heſſen Wohnung, ſo wie deren Ausſtattung, war keines Edelmannes würdig. Sie befand ſich in engen Gaſſe Berlins und in einem Häuschen von ſchmaler Breite und mit niedrigen Fenſtern, deren erblindete Glas⸗ ein Ding, das ein Kanapee vorſtellen ſollte, endlich noch eine Bettſtelle, auf deren elender Lagerſtätte eine bleiche, kraftloſe Frauengeſtalt ruhte. Neben der Bettſtelle ſtand ein weiden⸗ geflochtener Korb, welcher auf zwei roh gezimmerten Schwin⸗ gen ruhte und einem neugeborenen Kinde als Wiege diente. So oft das kleine, darin liegende Weſen ſich rührte oder zu kreiſchen begann, ſchaukelte ein neben ihm kauerndes, etwa ſechsjähriges Mädchen die kunſtloſe Wiege. Der gnädige Herr maß das enge Stübchen mit großen Schritten und untergeſchlagenen Armen, dabei von Zeit zu Zeit ſeinen Blick auf die Frau im Bette werfend, die, mit geſchloſſenen Augen und nur matt aufathmend, einer Leiche ähnelte. Plötzlich wurde die Stubenthüre geräuſchvoll und haſtig geöffnet. Ein Knabe von zehn Jahren in vernachläſſigter Kleidung, aber von wohlgebildetem Körper, hüpfte herein und ſprach lachend zu dem Stuben⸗Spatziergänger:„Vater! eben habe ich den Juden, der Sie immer um Geld plagt, tüchtig gehänſelt. Ha! ha! ſein ganzer Rücken klebt voll Schmuzklöſer, mit welchen ich ihn bombardirt habe. Er tobte zwar gewaltig und wollte mir zu Leibe gehen. Aber die anderen Gaſſenjungen ſchlugen ſich auf meine Seite und den alten, häßlichen Juden in die eiligſte Flucht. Wie der Kerl mit ſeinen krummen Säbelbeinen ausriß, ha! ha! ha! Bald die Schuhe verlor er dabei von ſeinen plumpen Pferde⸗ füßen. Und wie geſchimpft und mich verflucht hat er! Ha! ha! ha!“ Der Vater, anſtatt ſeinen ungezogenen Sohn abzuſtrafen oder wenigſtens zu tadeln, heftete jetzt ächelnd ſeinen Blick * auf jenen, in welchem er ſein leibhaftiges Ebenbild wieder⸗ zuſehen meinte. „Aber, Vater!“ fuhr der Knabe fort,„mich ier ge⸗ waltig. Zu Mittage habe ich mich kaum halbſatt eſſen gedurft, und wenn man bis zum Abend im Freien ſich herumtummelt, ſo geht's an den Magen. Haben Sie nichts für mich, Vater?“ Der Vater griff und unterſuchte ſeine Taſchen und fand endlich darin ein Kupferſtück, das er ſeinem Sohne einhän⸗ digte.„Da,“ ſprach er dabei,„kaufe Dir dafür Brot oder was Du willſt.“ Der Sohn entfernte ſich jetzt eben ſo raſch, als er ge⸗ kommen war. Sein Vater trat an das eine Stubenfenſter und blickte ſeinem davon ſpringenden Sohne nach. Darüber verhörte er, daß das Mädchen neben der Wiege wiederholt und bittend, aber leiſe rief:„Vater! Vater!“ Endlich ſtand ſie von ihrem Sitze, einem niedrigen Holz⸗ blocke, auf und näherte ſich ihrem Vater. Denſelben furcht⸗ ſam beim Schlafrocke zupfend, widderholte ſie gedämpft: „Vater! Vater!“ Endlich vernahm derſelbe den Ruf, drehte ſich um und fragte mit gerunzelter Stirne:„Was willſt Du, Helene?“ X„Mich hungert auch, Vater!“ verſetzte das Kind,„eben ſo wie den Hans.“* „Muß denn nur immer gegeſſen ſein?“ antwortete der Edelmann ärgerlich.„Bei euch möchte der Mund niemals ſtille ſtehen. Siehſt Du mich denn außer der Eſſenszeit kauenk he? Ich habe kein Geld mehr. Und geſetzt auch: ich hätte deſſen noch, ſo könnteſt Du doch nicht jetzt zum 6 Bäcker laufen, da Du bei Deinem kleinen Schweſterchen blei⸗ ben mußt, während Deine Mutter ruht und ſchläft.“ „Ich ſchlafe nicht,“ hauchte die Frau leiſe hervor.„Haſt Du wirklich nichts zu eſſen für Helene, lieber Theodor?“ „Nichts!“ erwiederte jener kurz ab.„Uebrigens ver⸗ dient ſie nichts zu erhalten, da ſie Dich durch ihr Quälen um Eſſen aufgeweckt hat.“ „O nein,“ verſetzte die Frau.„Ich ward ſchon munter, als Hans ſo laut hereintrat und ungeberdig lachte. Ich ſchwieg nur darum, weil ich mich über ſeine Gaſſenbuben⸗ ſtreiche ärgerte und mich nicht aufrégen mochte.“ „Ja, ja,“ ſagte der Mann bitter,„Du hackteſt von jeher auf den armen Jungen ein, der ſich nicht rühren und wie ein Einſiedler leben möchte. Ein Junge aber muß austoben, wie guter Wein, wenn etwas aus ihm werden ſoll. Eben ſo habe auch ich es gemacht.“ „Und was iſt aus Dir geworden?“ wollte die Frau ſchmerzvoll fragen. Wer ſie verſchluckte di ihr ſchon quf der Lippe ſchwebenden Worte und ſchloß wieder die Augen. Der gnädige Herr hatte ſich wieder ans Fenſter geſtellt, wo er die Lippen zu einem leiſen Pfeifen ſpitzte. Plötzlich erbebte die Luft unter einem dröhnenden Kanonenſchuſſe. Es war der 3. Julius 1709. Erſchrocken fuhr die Frau empor und fragte:„Was iſt das? Bedeutet's ein Unglück?“ „Im Gegentheil,“ erwiederte der Edelmann kühl.„Haſt Du vergeſſen, Beate, daß man ſtündlich der Niederkunft der, Kronprinzeſſin entgegen ſah? Das Schießen bedeutet, daß ſie nun entbunden worden iſt. Ob von einem Prinzen oder ——— von einer wird uns die Zahl der Kanonenſchüſſe ſagen.“ Mit lauter Stimme zählte der Mann die Schüſſe. Nach⸗ dem mit einundzwanzig Wiederholungen derſelben es wieder ſtill geworden war, ſprach jener:„Alſo eine Prinzeſſin! Hm! lieber würden es der König, wie der Kronprinz, geſehen haben, wenn es ein Prinz und Stammhalter des jungen preußiſchen Königthums geweſen wäre. Demohnerachtet wird große Freude an dem Königshofe ſein. Mir iſt,“ fuhr er bitter fort,„ebenfalls eine Prinzeſſin geboren worden, doch Nie⸗ mandem iſt es beigefallen, zu ihren Ehren einen Schuß ab⸗ zufeuern. Nicht einmal aus einer Schlüſſelbüchſe! Denn Du biſt,“ ſprach er zu dem ſchlummernden Wiegenkinde ge⸗ wendet,„nicht einen Schuß Pulvers werth.“ B. Dieſe harte, das Mutterherz tief verletzende Rede lockte bittere Schmerzensthränen aus den geſchloſſenen Augen der Frau hervor. Dieſelbe nahm ſich vor, durch verdoppelte Mutterliebe ihrer Neugeborenen die fehlende ihres Vaters zu erſetzen. Der gnädige Herr war ein heſſiſcher Edelmann, Namens von Meſſenbach, dazu ein Abenteurer, ein Spieler und da⸗ her eine Raubbiene, die ſich von dem Fleiße und Schweiße ihrer arbeitſamen Kameradinnen ernährt. Mittellos war er nach Berlin gekommen und da ſich hier nicht ſobald ein lohnender Erwerbszweig für ihn gefunden hatte, ſo befand er ſich mit ſeiner Familie, aus Frau und drei Kindern be⸗ ſtehend, in den dürftigſten Verhältniſſen. Das am Anfange der Erzählung erwähnte Mädchen vertrat die Stelle einer Aufwärterin und ſtammte aus der niedrigſten Volksklaſſe her. 8 Nach zwei Tagen kam Herr von Meſſenbach, welcher abermals ſein Netz vergeblich ausgeworfen hatte, ſehr ver⸗ drießlich heim und erzählte mürriſch ſeiner Gattin, daß die zum Beſuch am königlichen Hofe zu Berlin anweſenden Könige von Dänemark und Polen, nebſt dem Großvater der neugebornen Prinzeſſin, dem preußiſchen König, bei derſel⸗ ben Pathenſtelle vertreten würden. „Das Merkwürdige dabei iſt,“ ſchloß der Edelmann ſeine Rede,„daß alle drei Pathen und Könige Friedrich heißen und ſich zu drei verſchiedenen Religionen bekennen. Der preußiſche König iſt nämlich reformirt, der däniſche lutheriſch und der polniſche katholiſch. Drei Könige zu Pathen! Ha! und wir hatten Noth, um zu unſrer neuge⸗ bornen Prinzeſſin drei arme, bürgerliche Schufte aufzufin⸗ den, die ſich erbitten ließen, das Kind aus der Taufe zu heben. Während der Kronprinz von Preußen tauſend kleine Prinzeſfinnen erhalten könnte, vermögen wir kaum ſo viel dünne Kuhmilch und Semmel herbeizuſchaffen, als zu Er⸗ nährung unſres kleinen Schreihalſes erforderlich iſt. Welch“ eine Wiege, in welcher unſere kleine Eleonore liegt! Nicht viel plumper konnte diejenige ſein, deren ſich unſre Aelter⸗ mutter Eva für ihre Kinder bediente. Und welch' ein präch⸗ tiges Wochenzimmer für Dich, die Frau eines Edelmannes von mehr als ſechzehn Ahnen!“ „Unſer Heiland ruhte gar in einer Krippe,“ antwortete Frau von Meſſenbach ſanft,„dennoch iſt er unſer aller Ret⸗ ter geworden. Und das Wochenzimmer der Mutter Maria gar ein Stall, in welchem allerlei Thiere den dunkeln Raum theilten. Dennoch verſchmähten die drei Weiſen aus dem ——— ——— ——— ——— Morgenlande, welche man als Könige darſtellt und verehrt, nicht, in den Stall einzutreten und dem Jeſukinde ihre mit⸗ gebrachten, reichen Geſchenke darzubringen.“ Meſſenbach blickte ſeine Frau ſtarr und nachſinnend an. Nach einigen Secunden Schweigens rief er aus:„Beate! Du bringſt mich auf einen Gedanken! Geſchwind! Papier, Feder und Tinte her! Und Du, Hans, holſt mir auf der Stelle für dieſen Groſchen Doppelkümmel aus dem nächſten Branntweinladen herbei, durch deſſen Wirkung mein Geiſt einen höhern Aufſchwung nehmen wird. Freilich,“ fuhr er ſeufzend fort,„ehemals vertraten Ströme von Cham⸗ pagner den elenden Fuſel; doch der Weltweiſe findet ſich in alle Lagen des menſchlichen Lebens!“ Meſſenbach ſetzte ſich hierauf hin, ſann, das Haupt in“ dio Hand geſtützt, nach, ſchrieb eifrig, ſann wieder nach, ſchrieb nochmals, ſprach dabei der Kümmelflaſche zu und maß zuweilen das Stübchen mit ſeinen Schritten. Hans, welcher bald das Verbot, keinen Lärm zu machen, übertrat, empfing von ſeinem, ſonſt ſo nachſichtigen Vater eine derbe Tracht Prügel, die ihn heulend aus dem Stübchen davontrieb. Während der tiefen Stille, welche jetzt herrſchte, ſetzte die Wöchnerin unwillkürlich den angefangenen Vergleich ihrer Lage mit derjenigen der preußiſchen Kronprinzeſſin in ihren Gedanken fort. In zwei Sälen des königlichen Schloſſes hatten die Wäſche, die Kleidungsſtücke, Bettchen und was ſonſt noch dazu gehört, für das erwartete königliche Kind ausgeſtellt gelegen und zahlreiche Frauen und Jungfrauen herbeigezo⸗ gen, welche neugierig und mit Kennerblicken die vielen Gegen⸗ 10 ſtände, deren koſtbaren Stoffe und mühevoll ausgeführte Arbeit gemuſtert, belobt und beneidet hatten. Die Wiege war ein Meiſterſtück, das aus den ſeltenſten Holzarten, aus Gold, Silber und Perlenmutter zuſammengeſetzt geweſen. b Das Mutterherz blutete der armen Frau von Meſſen⸗ bach, wann ſie den Blick auf ihr Neugeborenes warf, das in einem erborgten Korbe, in und auf elenden Lumpen lag und nicht mehr wie zwei Windeln, aus einem alten Hemde He⸗ lenens geſchnitten, beſaß, von welche eine im Gebrauch, die andere zum Trocknen aufgehängt war. Zu kraftlos, um das Kind ſelbſt zu ſtillen, und zu arm, um ihm eine Amme zu halten, mußte Frau von Meſſenbach ihre kleine Eleonore mit oft bläulicher Kuhmilch und mit Semmel nähren, wobei jene unmöglich gedeihen konnte, vielmehr ein zeitiges Ableben S zu erwarten hatte. Nachdem von Meſſenbach geraume Zeit gedacht, geſchrie⸗ ben, ausgeſtrichen und dafür Anderes auf das Papier ge⸗ worfen hatte, ſprang er endlich freudig auf und näherte ſich mit dem nochmals neu und zierlich abgeſchriebenen Werke ſeiner Hände der noch immer bettlägerigen Wöchnerin, ſei⸗ ner Frau. 6 „Höre einmal, Beate! was ich eben ausgeſonnen und niedergeſchrieben habe,“ ſprach er ruhmredig.„Den ſehen 3 will ich, der es beſſer machen würde. Den Schnupfen müßten ſie Alle bei Hofe haben, wenn meine Dichtung nicht die ge⸗ hoffte Wirkung hervorbringen ſollte. Zwar iſt der Kron⸗ prinz zähe und eben nicht ſehr bei Gelde. Dafür baue ich auf den Großvater der neugebornen Prinzeſſin, auf den König ſelbſt. Nun gieb Achtung!“ 11 Der Edelmann begann mit pathetiſcher Stimme vorzu⸗ leſen: An die allerdurchlauchtigſte, großmächtigſte Fürſtin und Herrin, die nengeburne Bronprinzessin von Prrnssen, Friederike Sophie Wilhelmine, königliche Hoheit. Es zogen auf noch ungebahnten Wegen, drei Weiſen einſt aus fernem Morgenland dem neugebornen Königskind entgegen, deß' Stern hell leuchtend an dem Himmel ſtand. Drei Weiſe und drei Könige es waren. die, mit Geſchenken reich beladen, nicht achteten des weiten Weg's Gefahren, und ſollten ſie ſelbſt bis an das Knie durch Sand und Waſſer waden. Von Herod', dem Judenkönig, arg betrogen, lenkt ſich gen Bethlehem ihr müder Fuß. Ei, ihnen war das Glück hier wohl gewogen und darum groß der Freude heller Fluß. Da blinkt der Stern! da ſteht das Haus. mit ſeinem dunkeln Stalle nebſt dem Kinde, in welchem Engel fliegen ein und aus, bald leiſ', bald langſam, bald geſchwinde. Die Weiſen treten ein und fallen nieder und beten unſern Heiland brünſtig an. Sie ſegnen deſſen jugendliche Glieder und bringen die Geſchenke bei ihm dankvoll an. 12 Wie bei dem Jeſuskinde, ſo Königskind bei Dir, verſammeln ſich drei Könige an deiner Wiege, um Deine Lebenszeit zu ſegnen dort und hier und Dir verhelfen zu dem ew'gen Siege. Drei Kronen, bei der Taufe, umſteh'n Dein theures Haupt! Welch' hohe Vorbedeutung! Vor Freude möcht' ich weinen— So werden ſich, vom grünen Myrthenkranz umlaubt, Drei Kronen einſt auf Dir, als Braut, vereinen! Nimm gnädig an, Prinzeſſin, meine kleine Gabe, entſproſſen meiner Feder, arm und ſchwach! Ich bracht' ja Alles Dir, was ich im Blut und Leben habe, von Deinem unterthänigen von Meſſenbach. „Was ſagſt Du zu meiner poetiſchen Ader?“ fragte der Dichter ſeine Gattin, nachdem er ſeine Vorleſung geendigt hatte.„Merkt man es den Reimen an, daß ſie dem Fuſel⸗ geiſte entſproſſen ſind, he? Ja, ja, Noth lehrt nicht allein beten, ſondern auch Reime machen, und daß die meinigen zu den gelungenſten gehören, muß ſelbſt mein ärgſter Feind zu⸗ geben. Nun handelt ſich's nur noch darum, mein Gedicht perſönlich in die allerhöchſten Hände zu legen. Denn in der Regel bleibt von einer königlichen Gabe ein Theil in der⸗ jenigen Hand kleben, durch welche ſie gehen muß, um an den Empfänger zu gelangen. Beate, ſei einmal ganz offen und wahr: beſitzeſt Du wirklich kein Kleinod mehr aus alter, guter Zeit, für deſſen Erlös ich mir eine ſtandesmäßige Kleidung anſchaffen könnte, um darin bei Hofe zu erſcheinen? Ich verſpreche Dir auch den vierten Theil, ach ſogar die Hälfte von dem zu verhoffenden Gnadengeſchenke.“ . 13 „Quäle mich nicht, Theodor,“ entgegnete Frau von WMeſſenbach,„Du weißt ja zu gut, daß ich nichts, durchaus gar nichts mehr von werthvollen Dingen an mir habe. Sonſt würde ich gewiß,“ Schluchzen erſtickte hier die Stimme der armen Mutter,„beſſer für meine kleine Eleonore ſorgen, als es geſchieht.“ „So muß ich in einen ſauern Apfel beißen.“ erwiederte Meſſenbach,„und meinen Juden Aaron breit zu ſchlagen ſuchen, daß er mir einen paſſenden Anzug auf eine oder etliche Stunden verſchaffe. Er iſt immer noch der gutmüthigſte unter den Blutausſaugern und kommt, wirft man ihn zu einer Thüre hinaus, zur andern wieder herein.“ „Hätteſt Du ihn vorhin nicht ſo gröblich abweiſen laſ⸗ z. ſen!“ ſprach Frau von Meſſenbach.„Man weiß niemals, wo und wie Einem auch der ärmſte und verachtetſte Menſch nützlich werden kann.“ „Pah!“ verſetzte Meſſenbach.„3c war es nicht, ſondern Chriſtel, welche den Juden fortfenſterte. Ich ſtelle gegen ihn in Abrede, daß ich unſrer Dienerin die harten Worte in den Mund gelegt habe.“ „Wie? Du wollteſt Dich wirklich zu einer Lüge erniedri⸗ gen?“ fragte Frau von Meſſenbach vorwurfsvoll. „Hm! hier iſt's eine Nothlüge,“ erwiederte Meſſenbach, „die obendrein den Belogenen noch erfreut.“ „Du vergiſſeſt,“ fuhr Fr rau von Meſſenbach fort,„daß unſer unartiger Hans den armen Juden bitter gekränkt und ihm übel mitgeſpielt hat.— kennt unſern Sohn und wird daher mit Recht keine Luſt bezeigen, Deinen nſ zu en p 14 „Dafür laß mich ſorgen,“ ſprach Meſſenbach.„Wenn ich dem Juden verſichere, unſern Wildfang für ſein Klöſer⸗ bombardiren tüchtig durchgebläut zu haben, ſo wird er ge⸗ wiß anbeißen, zumal wenn ich ihm einen namhaften Gewinn in ſichere Ausſicht ſtelle.“ „Nichts als Lug und Trug!“ ſeufzte die Frau.„Und da⸗ bei ſoll aus unſeren Kindern etwas Rechtſchaffenes werden!“ Auf dieſe Worte blieb der Mann die Antwort und ging von dannen. Nach Verlauf von drei Stunden fuhr eine ſchöne auſge vor Meſſenbachs Wohnung vor, aus welcher Meſſenbach, in dem feinſten Anzuge, ausſtieg. Sein ohnehin rothes Antlitz glühte von Freude und genoſſenem Weine. Mit wankenden Schritten näherte er ſich dem Kranken⸗ bette ſeiner Frau und ſagte lallend:„Beate! freue Dich mit mir! Jauchze laut! ſpringe deckenhoch, denn— uns iſt ge⸗ holfen! Wohl noch niemals auf dieſer Erdenrunde iſt ein Dichter ſo königlich belohnt worden als ich. Da ſieh und ſtaune?“ Er legte auf das Deckbett ein Doppelröllchen nieder, das, auf der einen Seite geöffnet, blankes, verführeriſches Gold hervorſchimmern ließ.. Frau von Meſſenbach traute ihre Augen nicht. Noch ſtierte ſie ungläubig die ſchwerwiegendé Doppelrolle an, als ihr Mann noch vier ganz gleich ähnliche Rollen hinzufügte. „Jede Doppelrolle enthält, genau gezählt, Zweihundert Ducaten,“ erklärte Meſſenbach,„thut alſo im Ganzen Ein⸗ tauſend Stück! Tauſend Stück Ducaten! lauter vii unbeſchnittene! Juchhei dideldumdei!“ 15 Meſſenbach preßte die Hände ſeiner Gattin ſo heftig zu⸗ ſammen, daß ſie vor Schmerz hätte aufſchreien mögen. Dann drückte er den erſten Kuß auf die Stirne ſeiner neugebornen p Tochter, hob erſt ſeinen Sohn Hans und hierauf ſeine Toch⸗ ter Helene zu ſich empor, um beide mit Küſſen der Freude zu bedecken. Zuletzt ſchwenkte er die älteren Kinder in dem Stübchen umher, daß das leicht gebaute Fachwerk des Hauſes erbebte und der Wirth voll Angſt herbeieilte, um ſich nach der Urſache der vernommenen Erſchütterung zu erkundigen. „Meiſter Schuſter!“ ſprach Meſſenbach geringſchätzig zu dem ehrlichen Bürgersmann,„ich wollte Ihm nur zu wiſſen thun, daß ich noch heute aus ſeiner elenden, wackeligen Bude vom Hauſe ausziehe, die für eine adelige Familie ganz und gar nicht paßt.“ „Ei, Herr von Meſſenbach, wie pfeifen Sie jetzt ſo ganz anders,“ erwiederte der Hauswirth,„als da ich Sie und ihre Familie, nur aus Mitleid und um Gotteswillen, in mein Haus aufnahm, weil Sie außerdem auf der Gaſſe hätten wohnen müſſen?“ „Die Zeiten haben ſich geändert,“ verſetzte der Edel⸗ mann, ſich in die Brüſt werfend,„wie Er ſchon an meinem Anzuge erſieht.“ ½ „Gut!“ antwozete der Wirth.„Dann aber bitte ich mir auch den ſchul digen Miethzins aus, weil ich außerdem ihre Sachen inne behalten müßte.“ „Er kannden ganzen Bettel hinnehmen,“ ſprach Mſſen⸗ bach,„der phnehin nicht des Forttragens werth Jetzt aber gehe Er Seiner Wege!“ N chdem der Mann fort war, fuhr Weſſenbach; z ſur 16 — fort:„Laß Dir erzählen, wie es mit den Ducaten zugegangen iſt. Kleider machen Leute, ſagt das Sprüch⸗ wort richtig. Wenn man aber in einem ſchönen Wagen vor⸗ fährt, wirkt's noch mehr. Darum beredete ich, nachdem mir der liebe Aaron dieſen Anzug verſchafft hatte, einen Lohn⸗ kutſcher, daß er mich in ſeinem ſchönſten Wagen nach dem königlichen Schloſſe fuhr. Dort ließ ich mich als einen heſſiſchen Ebelmann anmelden, welcher ſeine Glückwünſche für die neugeborne Prinzeſſin darzubringen hergekommen ſei. Die erbetene Audienz ward mir bewilligt und ich vor die geſammte königliche Familie geführt, der ich mein Gedicht überreichte. Daſſelbe fand die ſchmeichelhafteſte, meine kühn⸗ ſten Erwartungen noch übertreffende Aufnahme. Der kö⸗ nigliche Großvater beſonders war entzückt über den Vergleich ſeiner Enkelin mit dem Jeſuskinde, und die Kronprinzeſſin, welche bekanntlich eine engliſche Prinzeſſin iſt, erblickte in ihrer kleinen Tochter bereits die künftige Königin von Groß⸗ britannien mit der dreifachen Krone von England, Schott⸗ land und Irland auf dem Haupte. Das Ende der Vor⸗ ſtellung war, daß mir der großväterlich König die Tauſend Ducaten einhändigte und ich meinen allerunterthänigſten Dank dafür herſtammelte. Und nun, Frau, erhebe Dein Haupt und ſei gutes Muthes. Nach ſolangen, harten Ent⸗ behrungen wollen wir uns eine Güte un. Vor allen Dingen beziehen wir den vornehmſten Gaſthof Berlins, wo wir uns auftafeln laſſen können, wozu Fr Luſt haben. Du, vor allen Dingen, mußt Dich ſtärken durch kräftige S und alte, gute Weine. Für unſere kleine Eleonore nehmen wir eine Amme und für unſere Bedienung einen „ Livreediener und eine Kammerjungfer an. Hier dieſe an⸗ geriſſene Doppelrolle, von welcher ich nur den Lohnkutſcher und den Juden großmüthig bezahlt habe, iſt Dein. Du wirſt Dir dafür und unſeren Kindern Kleider, Schmuck und ſonſt ₰ anſchaffen, was ſich für unſern Stand geziemt.“ „O, Theodor!“ erwiederte Frau von Meſſenbach,„wäre es nicht beſſer, Du kaufteſt für die zauſend Ducaten ein kleines Landgut, das uns und unſere Kinder ernährte und unſere alten Tage vor Dürftigkeit behütete?“ „Was denkſt Du, Beate!“ verſetzte Meſſenbach.„Du kannſt mir zumuthen, als ein elender Krautjunker zu ver⸗ ſauern? Ich, der durch einen einzigen glücklichen Gedanken, und in wenig Stunden 1000 Ducaten zu erwerben ver⸗ 8 mochte! Ha! ich hoffe durch meinen Scharfſinn und meine E Geſchicklichkeit die tauſend Dueaten zu verhundertfachen. Doch, ich gehe jetzt, für uns eine anſtändigere Wohnung aufzuſuchen. Hoffentlich wird Dich die Freude ſtärken, daß Du von Deinem Siechbette aufſtehen und Dich in den Wagen hinabtragen laſſen kannſt, mit welchem ich zurück⸗ kehren werde.“ Frau von Meſſenbach, die Unbeugſamkeit und den Leicht⸗ ſinn ihres Mannes kennend, gegen welche alle ihre Bitten noch nichts gefruchtet hatten, ſchwieg hier und beſchloß, die ihr zu Theil gewordenen Duecaten theils mit möglichſter Sparſamkeit zu verwenden, theils als Nothpfennig aufzube⸗ wahren. Zugleich dankte ſie aber auch in ihrem Herzen dem allbarmherzigen Gott, der durch ſeine reiche Glücksgabe vihrem neugeborenen Kinde eine und bierdurch 6 längere Lebensdauer in Ausſicht ſtellte. ₰ Prinzeſſn und Dienerin. 2 18 Zweites Kapitel. Wuſterhauſen. Der König von Preußen, Friedrich, welcher der Erſte genannt wird, weil er der Kurwürde von Brandenburg die preußiſche Krone hinzufügte, war im Jahre 1713 geſtorben und ſein Sohn, bekannt durch ſeine Vorliebe für lange Männer und das Tabakrauchen, an die Regierung gekommen. Mit deſſen Thronbeſteigung wurde Alles ſoldatiſch am Kö⸗ nigshofe eingerichtet. Des neuen Königs Vertraute und Günſtlinge waren der Fürſt von Anhalt, der General von Grumkow und der Finanzminiſter Craup. Des Königs Lieblingsaufenthalt im Sommer war das Schloß Wuſter⸗ hauſen, wo er mit ſeiner Familie das einfachſte Leben führte, daher man ihn übertriebener Sparſaukeit, ja ſelbſt des Geizes beſchuldigte. An einem warmen Junitage des Jahres 1715 ſchritt eine noch ziemlich junge, nach damaliger Mode gekleidete Frauensperſon in Begleitung einesſ ſechsjährigen Mädchens und eines dreijährigen Knaben durch die Gänge des könig⸗ lichen Gartens zu Wuſterhauſen. Die beiden Kinder waren die des Königs, und zwar die im erſten Kapitel bereits er⸗ wähnte Prinzeſſin Wilhelmine und deren Bruder, der nach⸗ herige Friedrich der Große. Letzterer ſah ſchwächlich aus und fehlten ihm die jugendliche Munterkeit und Heiterkeit. Die Begleiterin der beiden Kinder war ein Fräulein Léti, die Erzieherin der Prinzeſſin Wilhelmine, die ſie eben nicht als eine ſolche behandelte. 19 „Wie tragen Sie ſich wieder einmal?!“ fuhr die Leti die Prinzeſſin rauh an.„Wie oft habe ich Ihnen ſchon geſagt, daß Sie gerade ſtehen und nicht die linke Schulter einziehen ſollen! Wollen Sie etwa ſchief oder gar buckelig werden?“ Die Prinzeſſin erwiederte kein Wort, ſurxitn beſtrebte ſich vielmehr, die gerügte Körperhaltung zu verbeſſern. Im Weitergehen hob die Léti an:„Schauen Sie empor, Prin⸗ zeſſin! wie nennt man dieſe Baumart?“ „Iſt es nicht eine Linde?“ antwortete die Prinzeſſin ängſtlich. „Welche Albernheit!“ eiferte die Léti.„Warum nicht lieber gar eine Nachtmütze, wie Sie ſelbſt ſind! Habe ich Ihnen nicht erſt vorgeſtern die Kennzeichen dieſer Baumart, einer Weißbuche, eingebläut und heute wiſſen Sie ſchon nichts mehr davon?“ Hier ließ der kleine Prinz, welcher einige Schritte zurückgeblieben war, um einen bunten Schmetterling zu haſchen, einen Schreckensſchrei von ſich hören und eilte auf ſeine Schweſter zu, bei der er Schutz gegen ein fürchterliches Thier ſuchte, das aus einem Gebüſche hervortrat und ſich ihm näherte. Daſſelbe war ein großer, brauner Bär, der aufrecht auf ſeinen plumpen Hinterfüßen daher ſchritt. „Welch kindiſches Betragen!“ zankte die Leti wieder. „Schämen Sie ſich, Prinz! Die Beſtie thut Ihnen nichts. Endlich, ſollte ich meinen, müßten Sie ſich an den Anblick dieſer brummenden Gartenwächter gewöhnt haben.“ Die Leti ſuchte und fand einen Stein, den ſie gegen den Bär ſchleuderte, worauf dieſer ſich wendete und die Flucht 232 20 ergriff. Bei dieſer Gelegenheit entdeckte man, daß dem Petz die beiden Vorderfüße nach hinten und über den Rücken feſt gebunden waren, wodurch er, wie durch den Eiſenring, welcher ſeinen Ober- und Unterkiefer umgab und ihn am Beißen behinderte, allerdings unſchädlich gemacht worden war. 2 Die Leti ſetzte mit den Kindern ihren Spaziergang noch eine Strecke fort, bis ſie eine dicht umrankte Laube nebſt einer Ruhebank erreichten. „Setzen wir uns,“ befahl die Leti herriſch und indem ſie ein Buch aus ihrer Taſche zog.„Leſen Sie,“ fuhr ſie zur Prinzeſſin fort,„dieſe in's Deutſche überſetzte Fabel des — Aeſop vor. Aber mit richtigem Ausdruck!“ Die Prinzeſſin begann ihre Vorleſung und zwar, trotz ihrer Jugend, mit Geſchick und Gewandheit. Allein da ſie einmal, während des Leſens, einen Blick auf ihren Bruder warf und denſelben vor ſtiller Angſt bald erröthen, bald erbleichen ſah, ſo ſchaute ſie ſich nach der Urſache derſelben unruhig umher, wodurch das Leſen ins Stocken gerieth und unrichtig ward. Voll Zorn ſchlug die Léti der Prinzeſſin das Buch aus der Hand, daß es auf den Erdboden fiel, wobei ſie ausrieft „Sie ſcheinen es darauf angelegt zu haben, mich heute zu Tode ärgern zu wollen.“ „Ach, liebſte Leti!“ erwiederte die Prinzeſſin,„Sehen Sie nur, wie mein armer Bruder zittert! Umringen uns doch alle ſechs Bären, die mein Papa im Garten hier hält.“ „„Darauf können Sie ſich etwas einbilden,“ ſpottete die Erzieherin.„Gleich wie Orpheus durch die bezaubernden 21 Klänge ſeiner Leier, haben Sie die wilden Thiere durch Ihr vortreffliches Leſen herbeigelockt und bezaubert. Heben Sie das Buch auf, Prinz, und händigen Sie es Ihrer Zauberin Schweſter ein.“ „Das werde ich bleiben laſſen!“ verſetzte Friedrich, von welchem plötzlich alle Furcht vor den Bären gewichen war. „Aber meiner Mama werde ich es ſagen, wie Sie meiner Wilhelmine mitgeſpielt und ihr das Buch aus der Hand ge⸗ ſchlagen haben.“ „Wie?“ rief die Léti voll Staunen aus,„willſt Du ſchon Gift von Dir ſpritzen! Ha! immer klatſche es Deiner lieben Mama wieder, daß ich einem Buche einen Schlag mit der Hand gegeben habe, den eigentlich deſſen Trägerin verdient hätte. Aber ich verſichere Dir, daß es dann Deiner Wilhelmine deſto trübſeliger ergehen ſoll. Haſt Du mich verſtanden, mein ungnädiger Prinz?“ „O, mein guter Fritz!“ bat Wilhelmine flehend,„ſage kein Wort weiter und auch unſerer Mama nichts. Unſere liebe Leti hat es ja gar nicht bös gemeint und meine Faſelei beim Sſe den Auftritt verſchuldet. Erzeige mir den Ge⸗ fallen, liebſter Fritz, und hebe mein Buch vom Boden auf. Du biſt klein, und kannſt Dich daher leichter bücken als ich.“ Der kleine Prinz zögerte einige Augenblicke, bevor er die ſchweſterliche Bitte erfüllte. Aus ſeinen blauen, ſpäter ſo berühmt gewordenen Augen ſchoß er einen Zornesblick auf die Leti, dann aber hob er das Buch auf. In dieſem Augenblicke ging ein Mann in geringer Ent⸗ fernung vorüber. Als ihn die Leti erblickte, rief ſie ihm* befehleriſch zu:„Eversmann, vtrtage Sie W die un⸗ 22 verſchämten Bären! Sie ſtören die Prinzeſſin beim und erſchrecken den Prinzen.“ „Ihre Fingernägel ſind ſchärfer als die meinigen,“ ant⸗ wortete Eversmann, des Königs Kammerdiener und Günſt⸗ ling,„und darum geſchickter, um den Bären die Augen aus⸗ zukratzen und ſie in die Flucht zu treiben.“ „Erzgrobian Du!“ rief die Léti halblaut dem Davon⸗ gehenden nach.„Hoffentlich wird ſich eine Gelegenheit ſinden laſſen, wo ich Dich für Deine Flegelei gehörig aus⸗ zahlen kann.“ So heißt immer ein Eſel den andern einen Sackträger! Hierauf trat die Leti nebſt den ihrer Obhut anvertrau⸗ ten Kindern den Rückweg nach dem Schloſſe an. In deſſen Hofe ſtand eine mächtige Linde, in deren Schatten ein großes Zelt aufgeſchlagen war, unter welchem der König bei jeder Witterung die Tafel zu halten pflegte. Noch hatten die drei Dahinſchreitenden die hohen, ſteif⸗ geſchnittenen Taxus⸗Heckenwände nicht im Rücken, als ſie den König vor ſich erblickten, der ebenfalls den Weg nach dem Schloſſe nahm. Sofort verſteckten ſich die beiden er⸗ ſchrockenen königlichen Kinder vor ihrem ſehr gefürchteten Vater, indem ſie hinter dichtes Buſchwerk frochen. Auch die Léti ſchloß ſich hierbei nicht aus. Plötzlich rief der König mit lauter, zorniger Stimme: „Halt halt! Steh' oder—!“§ Gleich darauf wurden die Verſteckten zu Ohrenzeugen folgenden Zwiegeſprächs zwiſchen dem Könige und einem armen Weibe, welches dem Könige entgegengekommen, aber ebenfalls raſch vor ihm ausgeriſſen war. 23 „Warum rennt Sie vor mir davon, als brenne Ihr der Kopf oder als wäre ich der Teufel ſelbſt? Hat Sie geſtohlen oder ſonſt etwas Uebles gethan? Heraus mit der Sprache, oder ich werde Ihr mit meinem ſpaniſchen Rohr die Zunge löſen.“ „Ach nein, Ew. Majeſtät,“ antwortete das zitternde Weib.„Ich habe nichts Unrechtes begangen, nur reife Brombeeren in die Hofküche getragen und verkauft.“ „Wenn das wahr iſt, weshalb flieht Sie vor mir wie vor einer giftigen Schlange, he? Bin ich ein Tyrann? ein Menſchenſchinder, he?“ „Ach nein, Ew. Majeſtät! Sie ſind der liebſte, gnädigſte Herr von der Welt. Nur aus Ehrfurcht vor Ihrer gehei⸗ ligten Perſon ging ich Ew. Majeſtät aus dem Wege.“ „Nicht ging— lief ich— will Sie ſagen. Und aus Ehrfurcht läuft man nicht, ſondern bleibt eher ſtehen. Doch was ſehe ich? Ha! laſſe Sie doch Ihr Halstuch anfühlen. Ei, nun wird mir Ihre Flucht vor mir klar. Ein baum⸗ wollenes Tuch trägt Sie ja an ſich! Baumwollenes Zeug, das ich in meinen Landen auf das Strengſte verboten habe! Ha, und wie frech! An meinen Hof, in meine unmittelbare Nähe mit baumwollener Waare zu kommen! Nach Spandau— auf die Feſtung mit Ihr, und als Lauf⸗ paß will ich Ihr eine Tracht Prügel mitgeben.“ Wirklich erhob der König ſein Rohr zum Schlagen. Als die furchtſam hinter ihrem Verſteck hervorlugende Prinzeſſin die Drohworte ihres Vaters vernahm und den zum Zuſchlagen ausholenden Stock wahrnahm, ſo überwand ſie ſchnell ihre eigene Furcht vor dem väterlichen BZorne und — ſeinen Sohn, welcher ſtumm und regungslos neben der Léti entfernt ſtand. 24 ſprang unter dem lauten, flehenden Rufe:„Papa! ach lieb⸗ ſter Papa! Gnade! Gnade!“ auf den König zu. Dieſer ließ den Stock ſinken und kehrte ſich nach ſeiner Tochter um, welche mit fliegenden Schritten herbeieilte und ihres Vaters Hand erfaßte. „Was willſt Du, Wilhelmine?“ redete der König die Athemloſe an und ſtrich ihr das über die Stirne und das Antlitz herabgefallene Haar aus den Augen. Woher kommſt Du ſo allein? Wo iſt die Léti und Dein Bruder?“ „Dort! dort!“ erwiederte die Prinzeſſin, nach der Hecke hinzeigend, hinter welcher nothgedrungen die Leéti nebſt dem kleinen Prinzen hervortrat.„Ach, herzensbeſter Papa!“ fuhr die Prinzeſſin flehend fort.„Schlagen Sie die arme Frau nicht! Und ſchicken Sie ſie nicht nach Spandau. Es iſt ja die gute Frau Beulich, die für mich und Fritz die ſchmackhafteſten Beeren im Walde aufſucht und gewiß un⸗ ſchuldig an dem baumwollenen Tuche iſt.“ „Ich habe es gar nicht gewußt, daß es von Baumwolle iſt!“ ſchluchzte das Weib. „Lüge Sie nicht!“ fuhr ſie der König an.„Wird Sie nicht Baumwolle von Schaafwolle oder Leinen zu unte ſcheiden wiſſen! Eine Ungehorſame gegen Ihres Monarchen Willen und Gebot iſt Sie und eine freche Perſon dazu.“ „Gnade! Gnade!“ rief die Prinzeſſin abermals und weinend.„Schlagen Sie mich, liebſter Papa, für die arme Frau!“ Der König blickte erſt auf ſeine Tochter und dann auf „Du biſt ein gutes, nitleidiges Kind,“ königlichen Tafel, von welcher 24 Perſonen ſich ſät ſprach er zur Prinzeſſin,„Dein Bruder dagegen ein höl⸗ zerner Toffel. Um Deinetwillen will ich dem Weibe da die Prügel erlaſſen.“ „Und auch die Feſtung!“ ſetzte die Prinzeſſin bittend hinzu. „Auch die Feſtung!“ bejahte der König, indem er die zum feurigſten Danke ſich öffnenden Lippen ſeines Kindes küßte und dann raſch weiter ging. Das Weib wollte jetzt die Hände der Prinzeſſin mit Küſſen und heißen Dankeszähren bedecken. Dieſe jedoch erwehrte ſich dieſer Liebkoſungen, wobei ſie zu der Frau ſprach:„Meine Mama werde ich bitten, daß ſie Euch für Euer baumwollenes Tuch eins von Leinen oder Wolle dar⸗ reiche, und Ihr dann ohne Gefahr wieder in die Hofküche kommen könnt.“ Die Leti begab ſich, ohne ein belobendes Wort zu der jugendlichen Fürbitterin zu ſagen, mit den königlichen Kin⸗ dern in das Schloß. Bald nachher erſchienen mehrere Hofdiener, welche unter ſteter Aufſicht Evermanns die königliche Tafel unter der Linde deckten. An ihr nahmen dann der König, die Königin nebſt ihren Kindern und außerdem die vornehmſten Perſonen des königlichen Hofſtaates Platz, ſo daß die Zahl der Spei⸗ ſenden ſich bis auf 24 belief. In der Lebensbeſchreibung, welche die Prinzeſſin Wil⸗ helmine von ſich verfaßt und aus welcher der Erzähler alle Thatſachen geſchöpft hat, beklagt ſich die Prinzeſſin über die geringe Zahl(nur 6) übel hergerichteter Schüſſeln an der 26 ſollten. Das gewöhnliche Tiſchgeſpräch, zu welchem die Königin und deren Kinder kein Wort beitragen durften, handelte von den Soldaten und von zu machenden Erſpar⸗ niſſen. „Wenn man,“ hob der heute mitſpeiſende Finanzminiſter Craup an,„an jeder Gamaſche die Zahl der Knöpfe um einen verringerte und die Länge des Zopfbandes um einen oder zwei Zoll kürzte, ſo würde ſchon ein Erkleckliches er⸗ ſpart.“ „Und dieſe erſparte Summe,“ höhnte der General Grumkow,„fügte man Euerm Einkommen hinzu. Nicht wahr, Craup, ſo iſt Euer Wille und Wunſch? Ich aber weiß einen weit beſſern Vorſchlag: gewöhnen wir den Sol— daten wie ſämmtlichen übrigen Staatsdienern das Eſſen ab! Und Ihr, Craup, geht uns Soldaten mit Euern Feder⸗ fuchſern zum guten Beiſpiele voran.“ „Recht ſo, Grumkow!“ lachte der Fürſt von Anhalt, „gut abgeführt unſern Finanzier, der, gänge es nach ſeinem Kopfe, das Heer in eine ſchöne Verfaſſung bringen würde.“ „Grumkow!“ mengte ſich der König jetzt in das Ge⸗ ſpräch,„Ihr werdet dafür ſorgen, daß bei der nächſten Heer⸗ ſchau die Profoße ſämmtlicher Regimenter mit recht anſehn⸗ ſehnlichen, in die Augen fallenden— Haarbeuteln verſehen ſind.“„ „Mit Haarbeuteln?“ fragten die drei höchſten Würden⸗ träger verwundert und einſtimmig. „Mit Haarbeuteln!“ bejahte der König. „Mit Haarbeuteln? mit dieſer neueſten pariſer Mode, 127 die nur von den angeſehenſten Perſonen dort getragen wird?“ wiederholte der General ungläubig. „So lautet mein unabänderlicher Wille!“ ſprach der König und verſiegelte hierdurch jeden Mund zu weiterem Fragen oder Widerſprechen. Nach aufgehobener Tafel entfernten ſich tt Gäſte; der König dagegen ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl, der, wie die Prinzeſſin Wilhelmine in ihrer Lebensbeſchreibung, naiv genug, ſagt, hart wie ein Eſel war, um einen zweiſtündigen Mittagsſchlaf zu halten. Während deſſen Dauer blieben die Königin und deren Tochter, mit weiblichen Arbeiten oder mit Leſen ſich beſchäftigend, ſitzen. Gewöhnlich begab ſich der König nach gehaltenem Mittagsſchlafe in ſein Tabakscolle⸗ gium, das in Wuſterhauſen bei dem Brunnen des Schloß⸗ hofs aufgeſchlagen war. Heute jedoch zeigten ſich mehrere Abhaltungen, die ihn daran behinderten. Die erſte beſtand in einem Dußzend baumlanger Recru⸗ ten, die für des Königs Leibregiment beſtimmt waren. Die Hälfte von ihnen hatte Peter der Große, Kaiſer von Ruß⸗ land, geliefert, welcher dafür vom König Fabrikarbeiter, Ingenieurs und geübte Unteroffiziere ausgetauſcht bekam, an welchen Leuten Rußland damals noch Mangel litt. Es verſteht ſich, daß dieſelben, ebenſo wie die langen Recruten, nicht freiwillig, ſondern gezwungen dieſen Tauſch eingehen mußten. Man hat berechnet, daß dem König die langen Leib⸗ gardiſten ſeines Regiments, während ſeiner Regierung, auf 12 Millionen Thaler, blos anzuwerben, gekoſtet haben. 28 Eine, in jenen Zeiten gewiß ſehr anſehnliche Summe! Die hierzu beſtimmte Recrutenkaſſe ſtets gefüllt zu erhalten, be⸗ nutzte der König die Eitelkeit reicher Männer, welche von der lächerlichen Titelſucht angeſteckt waren und daher für irgend einen hohen Titel gern anſehnliche Summen zahlten. Wie der Erzähler bereits in ſeiner Jugendſchrift:„Des Königs Leibwache“ dargethan hat, war es damals ein großes Unglück für Männer aller Länder, eine ungewöhnliche, auf⸗ fällige Körperlänge zu beſitzen, indem keiner von ihnen ſicher war, von den überall vertheilten, auflauernden preußiſchen Werbern mit Liſt oder Gewalt weggefangen und ſelbſt aus den glücklichſten Verhältniſſen, von Frau und Kindern, ge⸗ riſſen zu werden, um als Leibgardiſt fortan ein geknechtetes und beweintes Leben zu führen. Der längſte und anſehnlichſte Rieſe unter den heutigen Reeruten zog als ſolcher beſonders des Königs Aufmerkſam⸗ keit und Beifall auf ſich.„Wie theuer, von Wartenberg?“ fragte er den die Recruten begleitenden Werbeofficier, indem er auf jenen Mann deutete. „Ew. Majeſtät,“ antwortete der Officier mit einem Achſelzucken,„der ungenügſame Kerl biß dann erſt an die Angel, als ich ihm die Summe von 6000 Thalern verſprach, die ich ihm auch auszahlen mußte.“ „Unverſchämte Forderung!“ ſprach der König.„Doch bereue ich die Summe nicht. Was gedenkſt Du,“ wendete er ſich fragend an den rieſigen Recruten ſelbſt,„mit dem vielen Gelde anzufangen?“ „Ich habe es meiner weit älteren Schweſter, die bei einer zahlreichen Kinderſchaar und eigener Armuth mich als * 20 eine liebende Mutter erzogen und erhalten hat, geſchenkt und dadurch ihr zeitliches Glück gegründet,“ verſetzte der Rieſe. „Das iſt brav von Dir, mein Sohn!“ lobte der Monarch gerührt, dem man ſonſt den Vorwurf übertriebener Spar⸗ ſamkeit und des Geizes machte.„Wie heißeſt Du?“ „Carl Auguſt Tippmann,“ lautete die Antwort. „Ich werde mir Deinen Namen merken und, führſt Du Dich in und außer dem Dienſt untadelig auf, meine volle Gnade Dir zuwenden.“ Der Monarch, ungewöhnlich heiter, ließ die Recruten abtreten. Seine gute Laune wuchs noch, als ein reicher Bierbrauer aus Königsberg erſchien, um ſein eingereichtes, ſchriftliches Grſuch um einen Titel noch durch mündliches Bitten zu unterſtützen.* „Soll ich Ihn Brau-, Bier-, Hopfen- und Malzrath tituliren?“ fragte der König den Titelſüchtigen,„oder weiß und wünſcht Er vielleicht einen andern, der Ihm als an⸗ genehmer erſcheint? Das Diplom eines jeden der eben ge⸗ nannten Titel koſtet 1500 Thaler.“ „Ew. Majeſtät,“ erwiederte der Malz⸗ und Hopfenmann, „ich habe in meinem unterthänigſten Bittgeſuch um den Commerzienrath nachgeſucht.“ „Derſelbe koſtet doppelt ſo viel: 3000 Thaler,“ verſetzte der König.„Iſt er damit einverſtanden, ſo ſoll Er ſchon in den nächſten Tagen das Diplom zugefertigt erhalten.“ „Gern! o tauſend Dank, mein allergnädigſter Herr und König!“ rief der Brauherr entzückt und entfernte ſich, berauſcht von der nahen Ausſicht auf den heiß gewünſchten Ehrentitel. 30 Jetzt trat Eversmann, des Königs erſter und beliebteſter Kammerdiener, zu demſelben heran und ſprach: „Ew. Majeſtät, es iſt ein Bärenführer mit einem aus⸗ gewachſenen Bären und zwei jungen angelangt, welcher um die hohe Gnade bittet, die außergewöhnlichen Kunſtfertig⸗ keiten ſeiner abgerichteten Thiere vor Ew. Majeſtät und inſonderheit vor allerhöchſtdero königlichen Kindern zeigen zu dürfen. Die beiden jungen Bären,“ fuhr Eversmann raſcher fort, als er den König eine abwehrende Hand⸗ bewegung machen ſah,„ſollen, nach ihres Beſitzers Ver⸗ ſicherung, ſtaunenswerthe Künſte auf dem geſpannten Seile ausführen.“ Eversmann kannte alle ſchwachen Seiten ſeines könig⸗ lichen Herrn, zu welchen auch das Schauſpiel der Seiltänzer⸗ künſte gehörte, genau, und da ihm jedenfalls von dem Bärenführer ein Theil des zu verhoffenden königlichen Gnaden⸗ geſchenks zugeſichert worden war, ſo that er das Seinige, um das Geſuch des Bärenführers zu unterſtützen. Nachdem der König ſeine Zuſtimmung gegeben, erſchien der Bärenführer in Begleitung ſeines Weibes, um zunächſt das Seil über zwei niedrige, mitgebrachte Kreuzböcke ſtraff aufzuſpannen und an beiden Enden zu befeſtigen. Nachdem ſolches bald geſchehen war, holte er ſeine drei Bären herbei, die erſt, unter den Klängen der von dem Weibe gerührten Trommel und Pfeife, nach dem Befehle ihres Herrn die gewöhnlichen Künſte ausführten. Den Schlußpunct machten die auf dem Seile dargeſtellten Leiſtungen der zwei jungen Bären, von denen namentlich die des etwas größeren, als von unvernünftigen Thieren, gerechtes Staunen verdienten. * 31 Wer von den zahlreicheren Zuſchauern, anſtatt auf die vierbeinigen Seiltänzer, auf das Weib des Bärenführers hingeblickt hätte, würde bemerkt haben, daß deren Aufmerk⸗ ſamkeit mit ängſtlicher Spannung an den Bewegungen der jungen Bären hingen und daß, ſo oft dieſe einen Stockſtreich für eine mißlungene Kunſtausführung von ihren Herrn zu⸗ getheilt bekamen, ein ſchmerzlicher Zug über ihr bleiches, abgemagertes, noch Spuren einſtiger Schönheit an ſich tra⸗ gendes Geſicht hinſtrich. Der König winkte jetzt ſeinen Kammerdiener zu ſich heran und richtete einige Worte an ihn, worauf Eversmann ſich an den Bärenführer mit den Worten wendete:„Der König, mein allergnädigſter Herr, läßt Euch fragen, ob Euch die beiden Bärenbeſtien feil ſind und wie viel Ihr dafür fordert?“ Der Bärenführer warf erſt einen forſchenden Blick auf ſein entfernt von ihm ſtehendes Weib, das noch immer ihren Blick auf die beiden jungen, von ihrer Kunſt ausruhenden Bären gerichtet hielt, ehe er dem Frager antwortete:„Da meine Frau hauptſächlich die jungen Bären zum Seil⸗ tanzen abgerichtet hat, ſo darf ich ohne ihre Einwilligung jene nicht verkaufen. Ich gehe, ſie zu befragen, hoffe aber auf ihre Zuſtimmung.“ Hierauf näherte der Bärenführer ſich ſeiner Frau und ſagte mit gedämpfter Stimme zu ihr:„Unglückliche, was haſt Du gethan? Willſt Du Dich dem Zorne des Königs ausſetzen, uns um die verhoffte Belohnung bringen und auf die Feſtung wandern? So eben machte mich des Königs vertrauter Kammerdiener darauf im Stillen aufmerkſam, „ 32 daß Dein Kleid von Baumwolle iſt, deren Gewebe zu tragen der König bei nahmhafter Strafe unterſagt hat. Vor wenig Stunden erſt wollte er mit höchſteigener Hand ein armes Weib durchprügeln und nach Spandau ſchicken, das nur ein altes, baumwollenes Tuch an ſich trug. Geſchwinde, ent⸗ ferne Dich, bevor der König oder ein liebedieniſcher Angeber den eigentlichen Stoff Deines Kleides bemerkt.“ Voll Beſtürzung that die Frau, was ihr geheißen wurde. Nachdem ſie verſchwunden war, kehrte der Bärenführer zu Eversmann zurück. „Meine Frau,“ ſprach er zu dem Letzteren,„hat mir ſehr richtig vorgeſtellt, daß die außerordentlichen Künſte unfrer jungen Bären uns einen reichlichen Unterhalt gewähren und darum faſt unbezahlbar find.“ „Oho!“ ſagte hier Eversmann.„Junge Bären kann man dutzendweis und für ein Billiges bekommen und ſie ohne ſonderliche Mühe abrichten. Schwerlich dürftet Ihr in Euerm Leben einen ſo guten Käufer zu Euern kleinen Beſtien wiederfinden, wie unſere Majeſtät iſt.“ „Nur dem Könige zu Liebe und ſeinen Unwillen nicht auf uns zu laden,“ verſetzte der Bärenführer,„kann ich mich nebſt meinem Weibe zu dem Verkauf entſchließen. Ohne den alten Bären aber verkaufen wir die jungen nicht, und 500 Thaler für alle drei iſt gewiß kein zu großer Kauf⸗ ſchilling.“ „So hoch kommen dem König nicht drei Recruten von gewöhnlichem Schlage zu ſtehen,“ erwiederte Eversmann, und dieſe ſind vernünftige Menſchen!“ „Aber keine Seiltänzer,“ entgegnete der Bärenführer, welche durch ihre außerordentlichen Künſte Alt und Jung ergötzen und in Staunen verſetzen.“ Nach einigem Hin- und Herhandeln begnügte ſich der Bärenführer mit der runden Summe von 300 Thalern, nach deren ſofortiger Auszahlung er ſich eilig davon machte. Während dem hatte ſich der König nebſt ſeinen männlichen Gäſten in ſein Tabakscollegium begeben, die Königin mit ihren Kindern den Weg ins Schloß angetreten und nur die niedere Dienerſchaft ihre fernere Gegenwart den drei Bären geſchenkt. Dieſe ſollten jetzt in den Zwinger der übrigen Bären zu Wuſterhauſen abgeführt werden, zu welchem Zwecke der königliche Bärenwärter die Kette des alten Bären in die Hand nahm, während zwei Stalldiener ein Gleiches bei den jungen Bären thaten. Die jungen Petze aber ſchienen nur ungern und mit ſichtlichem Widerſtreben in den Beſitz eines andern, ihnen fremden Eigenthümers überzugehen. Wieder⸗ holt wendeten ſie ſich nach ihrem davoneilenden, bisherigen Herrn um und mußten mit einiger Gewalt fortgezerrt werden. Dabei waren ihre Bewegungen im Gehen ſo unbeholfen, daß ſolche einem mit der Bärennatur beſſer Vertrauten, als die Stalldiener waren, hätten auffallen müſſen. Ja, einmal ließ der kleinere Bär einen Laut hören, den deſſen Führer für ein dumpfes Winſeln hielt, der aber in der That ein ſchmerzliches Weinen war. Noch waren die drei Bären nicht weit gekommen, als die Frau des Bärenführers, in einen übergeworfenen Tuchmantel gehüllt, ſchreiend in den Schloßhof geſtürzt kam. Unter den Zeichen der tödtlichſten Angſt in dem Geſichte rief ſie mit gellender Stimme aus:„Iſt es wahr? Prinzeſſin und Dienerin. 3 6 34 O, der unnatürliche Vater! O, meine Kinder! meine Kinder!“ Auf dieſen weit hin vernehmlichen Ruf befreiten ſich die beiden jungen Bären, als hätten ſie ſich zuſammen verab⸗ redet, durch einen heftigen Ruck und Sprung von ihren Führern und rannten auf den Hinterfüßen auf die Frau ihres bisherigen Herrn los, um ſie mit ihren Vordertatzen zärtlich zu umarmen und ſich dicht an ſie anzuſchmiegen. Die erſchrocken nach ihren Flüchtlingen ſich umſchauen⸗ den Stalldiener gewahrten jetzt voll Staunen, daß der zottige Pelz des kleineren Bären eine Oeffnung, wie durch eine ge⸗ platzte Naht, auf dem Rücken bekommen hatte, aus welcher das lichtbunte Kleid eines Mädchens hervorquoll. Nun erſt ging den Anweſenden ein helles Licht über die wahre Natur der vierbeinigen Seiltänzer auf. Mit Hülfe der vorhandenen Meſſer und Scheeren wurden dieſelben ſehr bald in zwei Mädchen von etwa 12 und 6 Jahren um⸗ gewandelt, die, ſchweißtriefend und mit glühend rothen Geſich⸗ tern, vor Erſchöpfung kaum auf ihren Füßen zu ſtehen ver⸗ mochten. Deſto bleicher ſah deren Mutter aus, welche, wie vom Fieberfroſt geſchüttelt, an allen Gliedern zitterte. Das Abenteuer war ſo außerordentlicher Art, daß ſelbſt der König nebſt den übrigen Rauchern, die Königin mit ihren Kindern und Alles, was ſonſt noch geſunde Beine be⸗ ſaß, ſich um die verkappt geweſene Bärenbrut und deren Mutter verſammelten. „Ich habe nichts von dem Handel gewußt,“ entſchuldigte ſich unter heftigem Weinen die vom erzürnten Monarchen zur Rede geſetzte Frau.„Damit ich mich demſelben nicht widerſetzen ſollte, ſchickte mich mein Mann, der Rabenvater, unter einem Vorwande fort von hier.— Gnade! Gnade! für meine armen ſchuldloſen Kinder! Sie und ich wurden von ihrem Vater und meinem Mann zu dei Betruge ge⸗ zwungen.— Erbarmen! Gnade! Gnade!“ „Sprich,“ fuhr Eversmann die Frau heftig an,„wo iſt Dein Mann mit der erhaltenen Kaufſumme?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte jene,„ich ſah ihn nir⸗ gends— er verſprach, zu mir in die Dorfſchänke zurück⸗ zukehren, und weil er nicht kam, ſchöpfte ich Verdacht, der von mir begegnenden Leuten, die von dem Handel Augen⸗ zengen geweſen waren, beſtätigt wurde.“ „Fort!“ rief Eversmann den zahlreichen Dienern zu, „eilt dem Betrüger, dem Diebe nach, nehmt ihm das Geld ab und ſchleppt ihn hierher.“ Während die Diener raſch ſich entfernten, ſprach Evers⸗ mann zu der, ihre Kinder noch immer feſt umſchlungen hal⸗ tenden Bärenmutter:„Sollten wir Deines Mannes ſammt dem Gelde nicht habhaft werden, ſo mußt Du für ihn büßen— Du und Deine Kinder!“ „O, mein gütigſter Herr Kammerdiener,“ verſetzte die geängſtete Frau,„ich beſitze aus früherer beſſerer Zeit noch 22 Stück Ducaten, die ich vor meinem verſchwenderiſchen Manne ſorgfältig verborgen gehalten habe und nur in dem äußerſten Nothfalle und lediglich zum Beſten meiner un⸗ glücklichen Kinder zu verwenden gedachte. Ich habe das Gold in meinem Kleide vernäht—“ In ihrer Angſt nicht an das Verbot denkend, welches der Preußenkönig wirklich gegen das Tragen von baumwollenen Stoffen hatte laſſen, zog die Frau den Saum ihres Kattunkleides unter dem alten Tuchmantel hervor und be⸗ gann mit zitternden Händen und gewaltſam das Unterfutter des Kleides aufzutrennen, ſo daß die verſteckten Goldſtücke zu Tage kamen. „Wie biſt Du zu den neuen Ducaten gekommen?“ forſchte Eversmann.„Gewiß ſind ſie ebenfalls geſtohlenes Gut!“ „O nein, mein gütiger Herr!“ antwortete die Frau. „Sie ſind ein Geſchenk des vorigen Königs.“ „Des vorigen Königs?“ fragte Eversmann ungläubig. „Das iſt eine Lüge!“ „O nein!“ entgegnete die Frau.„Mein Mann verfaßte vor ſechs Jahren auf die Geburt der Prinzeſſin Wilhelmine ein glückwünſchendes Gedicht und erhielt dafür von deren Groß⸗ vater ein Gnadengeſchenk von 1000 Ducaten. In dem erſten Freudenrauſche darüber ſchenkte mir mein Mann 180 Stick davon, die ich ihm aber, bis auf die verheimlichten 22, wieder zurückgeben mußte, nachdem er auf eine finnloſe Weiſe die ſeinigen verſchwendet hatte.“ „Wie heißt Dein Mann?“ fragte Eversmann geſpannt⸗ „Seitdem er bis zum Bärenführer herabgeſunken war, nannte er ſich Pliskowiz; ſein wahrer Name iſt von Meſſen⸗ vach,“ erzählte die unglückliche Frau unter heißen Thränen. n dieſem Augenblicke rief der König, welcher ſich bis⸗ her mit der Königin und ſeiner Umgebung über den ihnen Allen geſpielten Betrug unterhalten hatte, ſeinen Kammer⸗ diener zu:„Eversmann, ſorge dafür, daß die Bärenmutter ſammt ihrer Brut ſofort nach dem Zuchthauſe abgeführt werde“ Eversmann aber ging, dem König die eben vernommene Ausſage der vormaligen Edelfrau zu hinterbringen und richtete dadurch bei der hohen Verſammlung kein geringes Staunen an. Prinzeſſin Wilhelmine, ihren Bruder Fritz an der Hand, näherte ſich jetzt der Bärenmutter ſammt deren Töchtern, und während ſie die innig ſich umſchlungen haltende Gruppe mit großer Theilnahme betrachtete, vernahm ſie, wie die ihr an Jahren gleiche, jüngere Tochter Meſſenbachs tröſtend zu ihrer Mutter anhob: „Weine doch nicht, liebe Mutter! Der Vater iſt ja fort und kann mich und Helene nicht mehr zwingen, in die häß⸗ lichen Bärenfelle zu kriechen und uns von Dir einnähen zu laſſen. Weil Du dabei allemal ſo ſehr weinteſt, ſo habe ich und Helene unſern Abſcheu dagegen gar nicht ſehr merken laſſen und um Deinetwillen die Hitze in den dicken Pelzen tapfer ertragen. Ach, ich dachte jedesmal in der Bärenhaut erſticken zu müſſen, weil mir der Vater ſo viel Werg vor den Mund ſtopfte, damit der ſonſt leere Bärenrachen ausgefüllt würde.“ „Ja, weine nicht mehr, Mutter!“ tröſtete Helene. „Selbſt im Zuchthauſe kann es uns nicht ſchlimmer ergehen als bisher. So viel Prügel, als uns der Vater verab⸗ reichte, bekommen wir kaum im Zuchthauſe, und weit lieber will ich jede Arbeit verrichten, als länger auf v Seit tanzen.“ Hier eilte die Prinzeſſin voll des tiefſten Mitleids und mit Thränen in den Augen zu ihrer königlichen Mutter zurück, welcher ſie das eben Vernommene treu wieder erzühlte 6 5 3 38 und bei ihr eine dringende Fürbitte für die unglückliche Fa⸗ milie einlegte. Auch die Königin blieb nicht ungerührt bei dem tiefen Elende einer Adelsfamilie, deren Haupt ihrer Tochter Wilhelmine einſt eine ſo glänzende Zukunft geweiſ⸗ ſagt und gewünſcht hatte. Von ihrer Mutter angefeuert und ermuthigt, wendete ſich nun die Prinzeſſin mit ihrem Gnadengeſuche an ihren königlichen Vater. Aber dieſer entgegnete ſtreng:„Wilhelmine, zweimal des Tages darfſt Du mir nicht mit dergleichen Bitten kommen. Einmal habe ich Dir heute ſchon den Willen gethan und damit genug!“ Aber die Prinzeſſin bat, ſchmeichelte und gelobte ſo viel von Folgſamkeit, Fleiß und Dankbarkeit, wobei ſie von den Bitten ihrer Mutter kräftigſt unterſtützt wurde, daß der König zuletzt ſich erweichen ließ und das fernere Schickſal der Frau von Meſſenbach und deren Kinder in die Hände der Königin legte.„Aber,“ ſetzte der Monarch drohend hinzu,„bekomme ich den ſaubern Meſſenbach in meine Hände, ſo muß derſelbe hängen ohne Gnade und Barmherzigkeit.“— 3 Bekanntlich ſagt man den Nürnbergern nach, daß ſie Niemanden eher hängten als bis ſie ihn hätten. Nicht beſſer ergings dem Könige von Preußen, der darum ſeine Drohung an den durchgebrannten Meſſenbach nicht wahr machen konnte, weil dieſer glücklich den nahen, dichten Wald erreicht hatte und darum ſeinen Verfolgern entwiſcht war. Dos halbe Dutzend Bären, welche gleichſam als Wäch⸗ ter den königlichen Garten zu Wuſterhauſen bevölkerten, machte man, wie ſchon erwähnt, dadurch unſchädlich, daß man ihnen das Beißen durch einen Eiſenring, das Kratzen durch das Rüswärtshigden ihrer Vordertatzen verwehrte. 39 Dieſes für die Herren Petze ziemlich qualvolle Berfah⸗ ren wurde jeden Morgen vorgenommen und nur bei der Fütterung und nach überſtandenem Tagewerk wieder aufge⸗ hoben. Frau von Meſſenbach bekam dieſes Kerkermeiſteramt bei ihrem alten Bär ſo lange übertragen, als bis derſelbe ſich an ſeinen neuen Wärter gewöhnt hatte und geduldig in deſ⸗ ſen Willen ſich fügte. Da Frau von Meſſenbach, trotz ihrer tiefen Geſunkenheit, doch noch ihre frühere Bildung, auch ihre beiden Töchter vor geiſtiger Verwahrloſung bewahrt hatte, ſo theilte ſie die Königin ihrer weiblichen Dienerſchaft zu, erlaubte ihr auch zugleich, ihre beiden Töchter bei ſich im königlichen Schloſſe zu behalten. Frau von Meſſenbach bewies ihre Dankbarkeit für ſo viel Gnade durch die muſterhafteſte Dienſttreue gegen ihre hohe Herrin und würde für bieſel lbe ſogar ihr Leben willig gelaſſen haben. Hans von Meſſenbach, der ſchon in ſeiner früheren Ju⸗ gend zu einem Häkchen ſich gekrümmt hatte, war in reiferen Jahren zu einem Haken geworden, der in die Fußtapfen ſei⸗ nes Vaters trat, dieſem und ſeiner Mutter den Gehorſam aufſagte und der älterlichen Aufſicht durch die Flucht ſich entzogen hatte. Drittes Kapitel. In Potsdam. Der König war nebſt ſeiner Familie von Wuſterhauſen nach Potsdam übergeſiedelt. Mit ihnen zugleich auch Frau von Meſſenbach nebſt ihren Töchtern, von denen die jüngere, Eleonore, nicht ſelten die Geſpielin der jungen königlichen Prinzeſſin abgab. Jedoch durfte der König von dieſer Ver⸗ günſtigung nichts erfahren. Helene und Eleonore von Meſſenbach hatten ſich nicht ohne ſchmerzliche Bewegung von ihrem alten Leidensgefährten, dem Bär in Wuſterhauſen, getrennt und ihn der Pflege ſeines Wärters auf das Wärmſte empfohlen. Wenn in der Gegenwart die Bewohner königlicher Schlöſſer erſt um fünf Uhr ihre Mittagsmahlzeit zu halten und dann die Nacht zu den Tagesbeſchäftigungen zu ver⸗ wenden pflegen, um dafür den ganzen Vormittag im Faul⸗ bette zu verbringen, ſo war das zu jener Zeit am preußi⸗ ſchen Königshofe nicht ſo. Obgleich mit dem Herannahen des Herbſtes die Tage kürzer geworden waren, ſo ſchreckte doch ſchon früh um ſieben Uhr ein anhaltender, entſetzlich dröhnender Trommelwirbel, der durch alle Gänge des Schloſ⸗ ſes wanderte und vor jeder verſchloſſenen Thüre erneuert wurde, auch die vornehmſten Schläfer auf. Zu gleicher Zeit begann das Leibregiment des Königs, aus lauter Rieſen be⸗ ſtehend, ſeine Uebungen dicht vor den Fenſtern derjenigen 41 Zimmer, welche die kleine Prinzeſſin Wilhelmine bewohnte und die im Erdgeſchoß des Schloſſes lagen. Selten be⸗ wendete es bei den Märſchen, Schwenkungen und dem über⸗ lauten Kommandorufen allein, ſondern zu dieſem an ſich ſchon ſtörenden Lärm geſellte ſich meiſtens noch das vielfache Abſchießen der Flinten in ſo großer Nähe. Daher durfte wegen des erſtickenden Pulverdampfes kein Fenſter des Mor⸗ gens geöffnet werden. Bald nachdem die junge Prinzeſſin aufgeſtanden und angekleidet worden war, löſ'ten ſich deren Lehrmeiſter in 3 den verſchiedenen zu erlernenden Wiſſenſchaften ab. Um 3 zehn Uhr begab ſich die Prinzeſſin zu ihrer königlichen Mut⸗ ter und dieſe mit ihr in diejenigen Zimmer, welche neben denen des Königs lagen. Hier verſeufzte und langweilte ſich die Prinzeſſin, mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt, die Stunden hindurch bis zur Eſſenszeit. Ueber der Mahlzeit, welche auch in Potsdam, wie überall am Königshofe, durch ihre kärgliche Ausſtattung ſich auszeichnete, durften, wie ſchon erwähnt worden, die Königin und deren Tochter Wil⸗ helmine kein Wort von ſich hören laſſen, ſondern ſtumm den über das Soldatenweſen und die einzuführenden Erſparniſſe geführten Geſprächen beiwohnen. Eben ſo ſtill mußten Beide während des zweiſtündigen Mittagsſchlafes des Königs verharren. Gleich nach dem Erwachen entfernte ſich der König und die Königin kehrte in ihre Zimmer zurück, wo ihr die Prinzeſſin bis zur Wiederkunft des Königs vorleſen mußte. Dieſer verweilte bei ſeiner Rückkehr nur wenige Minuten bei den Seinen und begab ſich dann in das Tabaks⸗ collegium, aus welchem er um acht Uhr, wo zu Abend ge⸗ * ſpeiſt wurde, zurückkehrte. Während des Königs Abweſen⸗ heit durfte die arme, kleine Prinzeſſin an ihre Erholung denken und gehen. Die letztere beſtand darin, daß ſie ihre Geſpielinnen, unter welchen ſich auch Eleonore von Meſſen⸗ bach befand, um ſich verſammelte und mit ihnen allerlei un⸗ ſchuldige Spiele ausführte. Außerdem ſang und muſicirte die Prinzeſſin, wozu ſie nicht nur große Luſt, ſondern auch beſondere Anlagen beſaß. Dieſe frohe und freie Zeit währte bis acht Uhr, wo, wie ſchon geſagt, der König aus dem Tabakscollegium heimkam, um zu Abend zu eſſen. König Friedrich Wilhelm war ein eben ſo leidenſchaftlicher Tabak⸗ raucher als ſein Sohn, Friedrich II., ein Tabakſchnupfer. Jener hatte daher überall, wo er länger verweilte, jedoch außerhalb des königlichen Schloſſes, ein Tabakscollegium, einen Ort eingerichtet, wo er alltäglich mit ſeinen Vertran⸗ ten und anderen hochgeſtellten Perſonen zuſammenkam, um bei einer Pfeife Tabak und einem Glaſe Bier einer zwang⸗ loſen Unterhaltung zu pflegen. Die Theilnehmer ſaßen an einer langen, hölzernen Tafel und auf ungepolſterten Stüh⸗ len. Vor einem Jeden ſtand ein thönerner Bierkrug nebſt einem Glaſe und inmitten der Tafel mehrere Gefäße mit klein geſchnittenem Rauchtabak, mit welchem— eben nicht die feinſte Sorte— die langen, weißen geſtopft wurden. Mancher von den Theilnehmern an dieſer Verſammlung, welcher das Tabakrauchen nicht liebte, wohl gar einen Ekel und Abſcheu dagegen empfand, beſiegte beides, um nur den König zu gefallen und ſeines näheren Umgangs ſich gewür⸗ digt zu ſehen. Wenn die Menſchen manchmal nur halb ſo 43 viel Selbſtüberwindung anwendeten, um unſerm Herrgott zu gefallen! Wer, wie z. B. der Herzog Leopold von Deſſau und der Herr von Seckendorf, das Rauchen durchaus nicht vertragen konnte und doch gleichwohl ſich von dem Tabakscollegium nicht ausſchließen wollte, mußte wenigſtens die Pfeifenſpitze in den Mund nehmen und ſich als rauchend ſtellen. Nach geendigter Abendmahlzeit, die nicht lange währte, ging der König nochmals in das Tabakscollegium, wo er die Nacht hindurch, oft bis früh vier Uhr, verweilte. Empfand einer oder der andere Raucher Hunger, ſo durfte er aus dem Rauchzimmer in ein Nebengemach gehen, wo er kalten Bra⸗ ten, Butterbrot und ein Glas Wein zu ſich nehmen konnte. Der König haßte die Franzoſen ſo ſehr, daß ſich dieſer Haß ſelbſt bis auf die franzöſiſchen Weine erſtreckte, die deshalb vom preußiſchen Hofe ausgeſchloſſen blieben, dagegen Rhein⸗ vud Ungarweine deſto beliebter waren. Die arme kleine Prinzeſſin durfte ſich nicht eher zu Bette begeben, als bis der König aus dem Tabakscollegium, oftmals ſpät genug, nach Hauſe zurückkehrte. Dieſe lang⸗ weiligen Stunden verbrachte die Königin mit ihrer und ihrer Tochter Oberhofmeiſterin, welche die beiden einzigen ſie um⸗ gebenden Damen waren und mit ihr Karte ſpielten. Prinzeß Wilhelmine, welcher erſt im März 1716 eine kleine Schwe⸗ ſter geboren wurde, unterhielt ſich dagegen mit ihren Büchern, von denen ſie eine ziemlich große Sammlung beſaß. Aber dieſelben durfte ſie ihrem königlichen Vater nicht ſehen laſſen, weil derſelbe bei den Frauen die Gelehrſamkeit haßte und 44 von ihnen nichts weiter als die Kenntniß der weiblichen Ar⸗ beiten und der Hausführung verlangte. In der That begehen diejenigen Frauen und Jungfrauen einen großen, überaus tadelnswürdigen Fehler, wenn ſie über dem Bücherleſen, namentlich der oft ſchädlichen Romane, und über dem Studium der ſchönen Künſte ihre weiblichen Obliegenheiten mehr oder weniger vernachläſſigen. Auf der andern Seite darf man über der Sorge für das eigene und der Unſrigen körperliche Wohl nicht ganz die geiſtige Bildung hintenanſetzen. Beſonders verlangt man eine ſolche vor⸗ zugsweiſe von einer Fürſtentochter und nicht zugleich, daß dieſelbe ſich auf das Kochen, Backen, Waſchen, Mangeln, Plätten, Hühnermäſten und Gurkeneinlegen verſtehe. Die hier nicht richtige Anſicht des Königs bewirkte, daß deſſen Töchterchen, allerdings mit Vorwiſſen ihrer Mutter, ihre Leſebücher unter allen Tiſchen und Betten ihrer nächſten Um⸗ gebung vor den väterlichen Augen verſteckt hielt.. Die jungen Leſer und Leſerinnen erſehen aus dem eben Erzählten, daß die preußiſche Erbprinzeſſin eben kein be⸗ neidenswerthes Leben führte, und daß die Kinder der ärm⸗ ſten Bürgerfamilie mehr Freiheit und Frendengenüſſe haben als jene. Dem drei Jahre jüngern Erbprinzen, dem nach⸗ her ſo berühmt gewordenen Friedrich II., erging es ungleich übler noch als deſſen Schweſter Wilhelmine, indem ihn von ſeiner erſten Lebenszeit der König nicht gewogen war und dieſer deshalb den kleinen Prinzen überaus hart und un⸗ väterlich behandelte. Hierdurch gewöhnte ſich Friedrich II. ein verſchloſſenes, mürriſches, ja faſt feindſeliges Weſen und Benehmen gegen ſeinen Vater und gegen deſſen Günſtlinge 45 an, das die feindſelige Kluft immer mehr zwiſchen ihnen er— weiterte. Der Tag, an welchem der König die alljährlich wieder⸗ kehrende große Heerſchau über eine anſehnliche Truppenmacht abhalten wollte, brach an. Die zahlreichen Regimenter Fuß⸗ volks und der Reiterei hatten ſich in einer weiten Ebene auf⸗ geſtellt und harrten im beſten, blitzenden Kriegerſchmucke ihres königlichen Kriegsherrn, deſſen Scharfblick in der Regel jede Nachläſſigkeit in der Kleidung und Bewaffnung, jeden Verſtoß gegen die Disciplin und jeden Fehler im Exercitium entdeckte. Darum waren heute alle Monturſtücke ſorgfältig ausgeklopft, gebürſtet, gewaſchen, gereinigt, das weiße Be⸗ hänge kreideweiß gethont, die Me eſſingknöpfe blank geputzt und die Waffen wie neu hergeſtellt worden. Wohl war es ein herrliches, das Herz des Vaterlandsfreundes höher und ſtolzer erhebendes, aber auch theuer bezahltes Schauſpiel, die langen, ſchnurgrade gerichteten Linien der im vollſten Schmucke prangenden Krieger aller Waffengattungen auf⸗ geſtellt, einen Wald von wallenden Federbüſchen in der fri⸗ ſchen Herbſtluft bewegt und die vielen Tauſende abgerichteter Roſſe zu ſehen, welche, ungeduldig mit den Hufen den Erd⸗ Poden ſcharrend und ſtampfend, kaum das Trompetenſignal erwarten konnten, um wie eine hohe bewegliche Mauer, erſt im Schritt, dann im Trabe und endlich im daher ſauſenden Galopp die Erde erzittern und eine Staubwolke aufwirbeln zu machen. Der König Friedrich Wilhelm, in voller Generals⸗ Uniform, die Bruſt mit bligenden Ordensſternen bedeckt, mit klingenden Sporen, den Degen an der Seite und den e 46 Federhut mit der brillantnen Agraffe auf dem Haupte, kam, bevor er ſein herrliches Roß beſtieg, erſt in das Zimmer ſei⸗ ner Tochter Wilhelmine, die er unter allen ſeinen Kindern am meiſten liebte, obgleich er auch gegen ſie zuweilen recht hart und unerbittlich ſein konnte. „Leb' wohl, mein Kind!“ ſprach er freundlich und drückte einen derben Kuß auf Wilhelminens Wange.„Wenn Du größer ſein wirſt, ſollſt Du meine Soldaten bei der Heer⸗ ſchau ſehen dürfen. Sei hübſch artig, fleißig und folge der Königin, Deiner Mutter.“ Hierauf drehte ſich der Monarch um, ohne ſeinen kleinen Sohn zu beachten, welcher ſtumm, doch mit finſterer Miene, ſeinem Vater nachblickte. Von einem zahlreichen, glänzenden Gefolge umringt, hielt der König auf einem kleinen Hügel, von welchem aus man einen vollſtändigen Ueberblick der verſammelten und jetzt bei dem König vorüberſchreitenden Regimenter genoß. Auch die Geſandten der auswärtigen Mächte am preußiſchen Hofe waren der an ſie ergangenen Einladung des Königs geſolgt und anweſend. Als nun die Profoße, dieſe ebenſo verhaßten als gefürch⸗ teten Henker oder Nachrichter bei dem Soldatenſtande, mit ihrer Perſon das letzte und vereinzelte Glied eines jeden Regimentes bildend, theils zu Fuß, theils zu Pferde, vorbei⸗ kamen, entſtand unter des Konigs zahlreicher Begleitung eine Bewegung und ein nicht gänzlich unterdrücktes Lachen. Urſache davon war der anſehnliche Haarbeutel, welcher den Pro⸗ foßen, anſtatt der bisher auch bei ihnen üblichen langen Zöpfe, Nur wenige der Anweſenden beſaßen im Nacken herabhing. „ 47 ſo viel Selbſtbeherrſchung, daß ſie nicht, wie die Uebrigen, ihre Blicke von den Haarbeuteln der Profoße auf die Haar⸗ beutel des anweſenden franzöſiſchen Geſandten und ſeiner vornehmen Begleiter richteten, welche ſich hierdurch gleichſam an den Pranger geſtellt ſahen und vor innerer Wuth hätten platzen mögen. Der König von Preußen, welcher durch ſeine haarbe⸗ beutelten Profoße ſeinen Unwillen über dieſe neue pariſer Mode an den Tag legen wollte, bedachte nicht, wie eine der⸗ artige Verſpottung den blutigſten und verderblichſten Krieg hätte hervorrufen können. Wem fallen hier nicht die Geſandten ins Gedächtniß, welche der König David an den Ammoniterkönig Hanon abſchickte, um ihm zu ſeiner Thronbeſteigung beglückwünſchen zu laſſen, die jener Heidenkönig, auf den Rath ſeiner Mini⸗ ſter, mit verſchnittenen Bärten und Kleidungsſtücken heim⸗ wärts ſchickte, wodurch Hanon den erſt ihm freundlich ge⸗ ſinnten David in einen Todfeind umwandelte, welcher den ſeinen Abgeſandten angethanen Schimpf durch einen ver⸗ heerenden Krieg rächte? ſicht immer entdeckt das nachſpürende Auge die feinen, faſt unſichtbaren Fäden, welche, von der Rachſucht, der Hab⸗ ſucht oder dem Ehrgeize eines einzelnen, aber einflußreichen Menſchen in Bewegung geſetzt, ganze Völker zu den blutig⸗ ſten Kampf gegen einander getrieben haben, wie ſolches offen⸗ kundig bei dem Fürſten Haman geſchah, der wegen einer unterlaſſenen Höflichkeitsbezeigung von Seiten Mardachai's das geſammte Judenvolk abſchlachten zu laſſen beſchloß. Oder wie bei dem franzöſiſchen Miniſter Louvois, der wegen 48 eines ſchief gebauten Fenſters und der damit verbundenen Umſtände einen ſchrecklichen Krieg über Deutſchland verhing. Oder endlich wie bei der engliſchen Königin Eliſabeth, die, wegen eines Paares ihr von der Herzogin Malborough vor⸗ enthaltener Handſchuh, deren Gemahl von der Oberbefehls⸗ haberſtelle über das engliſche Heer enthob und dadurch in die äußerſte Gefahr gerieth, ihr ganzes Reich an die Franzoſen zu verlieren. Die Geſchichte ſchweigt darüber, ob und in welcher Weiſe der franzöſiſche Geſandte wegen der Haarbeutelgeſchichte und ſeiner Verhöhnung Rache an ſeinem hohen Beleidiger ge⸗ nommen habe, und wenn er ſolches unterlaſſen, ſo hat es ihm gewiß nicht an Willen, ſondern an einer Gelegenheit hierzu gemangelt. Der Anblick ſeines Leibregiments, welches den Beſchluß der Heerſchau, ähnlich dem eines Feuerwerks, wo man auch das ſchönſte Kunſtſtück zuletzt abbrennt, machte, ließ den König die Haarbeutel ſeiner Profoße wie der Franzoſen ver⸗ geſſen und erfüllte ihn mit großer Freude, welche noch durch den lauten Beifall ſeiner Begleitung geſteigert wurde. Ei ja, wirklich war es ein großartiges Schauſpiel, dieſe Menge von Rieſen beiſammen und in der muſterhafteſten Ordnung zu ſehen, die bei allen ihren Bewegungen Ein Mann zu ſein ſchienen, ſo gleichmäßig, in einem und demſelben Augenblicke vollzog das ganze Regiment die an daſſelbe ergangenen Befehle. Der König war jetzt vom Pferde geſtiegen und durch ſchritt zu Fuß die hohen, lebenden Menſchenmauern die, wie aus Stein gehauen, ſich nicht rührten und ſelbſt ihre Auger 49 ſtarr auf den ihnen anbefohlenen Punet hefteten. Nur dann, wann der König eine Frage oder andere Worte an einen ſei⸗ ner Leibgrenadiere richtete, zeigte ſich Leben in den Rieſen. An einen der jüngſten und längſten Männer that jetzt der König die Frage: „Wie lange dienſt Du?“ „Vierundzwanzig Jahr!“ Durch dieſe, mit der Jugend des Kriegers in keinem Verhältniſſe ſtehende Antwort betroffen, that der König die zweite, haſtiger geſprochene Frage:„Wie alt biſt Du?“ „Drei Jahr!“ verſetzte der Rieſe. „Kerl! biſt Du närriſch?“ rief der König. „Ja!“ lautete die trockene Antwort. Der dieſer lächerlichen Seene beiwohnende und darüber in große Verlegenheit gerathene Oberſt des Leibregiments ſah ſich genöthigt, ſeinem Könige eine genügende Aufklärung über des Grenadiers närriſche Antworten zu ertheilen und der Erzähler thut daſſelbe ſeinen Leſern gegenüber. Der vom König angeredete Grenadier war ein Franzoſe, welcher als unlängſt erſt angeworbener Neuling noch nicht die deutſche Sprache erlernt hatte. Da der König die Fran⸗ zoſen nicht leiden konnte, ſo hatte man den Grenadier, um deſſen Herkunft vor dem Könige zu verheimlichen, die Ant⸗ wort auf deſſen Fragen eingeübt. Dieſe Fragen beſchränk⸗ ten ſich bisher ſtets auf drei und in unveränderter Reihen⸗ folge alſo lautend:„Wie alt biſt Du? Wie lange dienſt Du? Erhältſt Du Deine Koſt und Löhnung unverkürzt?“ Wider Erwarten hatte der König heute die Reihenfolge ſeiner Fragen mit der ſonſt üblichen zweiten begonnen, hierauf Prinzeſſin und Dienerin. 4 50 mit der erſten fortgefahren und mit der dritten geſchloſſen. Daher das Mißverſtändniß, deſſen Löſung des Königs Hei⸗ terkeit noch ſteigerte und ihn herzlich über den franzöſiſchen Leibgardiſten lachen ließ. Doch nicht der König allein war jetzt vergnügt und lachte, ſondern auch deſſen Kinder, die ſich einmal ohne Furcht und Zwang ganz ihrer kindlichen Fröhlichkeit überlaſſen durften, während ſie ihren Vater abweſend und beſchäftigt wußten, auch die mürriſche Léti die Aufſicht über die königlichen Kin⸗ der einer liebevolleren Hofdienerin übertragen und einen Ausgang gemacht hatte. Selbſt der ſonſt ſtill in ſich gekehrte und wortkarge Fritz war wie umgewandelt. Er lachte, ſprang, tanzte und ſpielte mit den übrigen Kindern, welche ſeine Schweſter Wilhelmine um ſich geſammelt hatte und unter welcher Eleonore von Meſſenbach nicht fehlte. Zuletzt begann er die junge Mädchen⸗ ſchaar wie eine Abtheilung Soldaten zu kommandiren und von ihr allerlei kriegeriſche Bewegungen ausführen zu laſſen, was aber freilich unter lautem Kichern, Schwatzen und öfte⸗ rem Widerſprechen von Seiten der kleinen Armee geſchah und darum ganz gegen die Subordination war. viertes Kapitel. Das Schloßgeſpenſt. Der König von Preußen belagerte, im Verein mit dem Könige von Dänemark und einem ſächſiſchen Heerhaufen 51 die damals ſchwediſche Stadt Stralſund, in welcher der nie ruhende Schwedenkönig, Karl XII., eingeſchloſſen war. Die preußiſche Königin hatte ihren Gemahl in den Feldzug be⸗ gleitet und ihre Kinder unter der Obhut einer Frau von Racoule und des, den Leſern bereits bekannten Fräuleins Léti in Berlin zurückgelaſſen. Das große königliche Schloß in Berlin mit ſeiner Fülle an Sälen, Zimmern, Kammern, Gängen und Treppen war zur Nachtzeit, um Lichter und Oel zu erſparen, nur in ein⸗ zelnen Theilen und dazu noch matt erleuchtet. Jetzt, wo das Königspaar abweſend, war dieſe Beleuchtung auf Null herabgeſunken, daher dem ſprüchwörtlichen Munkeln im Dunkeln aller Vorſchub gegeben. In einer Nacht erwachte die Prinzeſſin Wilhelmine durch ein ungewöhnliches Geräuſch und Gepolter, welches ſich in dichter Nähe vor dem Schlafzimmer der königlichen Kinder erhob, eine Weile ausſetzte, um mit verdoppelter Heftigkeit wiederzukehren und die Prinzeſſin heftig zu erſchrecken. „Léti! Léti!“ rief dieſe ihre Aufſeherin, welche in dem⸗ ſelben Zimmer ſchlief und gewöhnlich wie ein Grenadier laut ſchnarchte. Mürriſch erwiederte das Fräulein, nachdem ſie ſich end⸗ lich ermuntert hatte:„Was giebts zu ſchreien? Warum ſtören Sie mich im Schlafe? Iſt's nicht genug, daß Sie mir den Tag über meine Ruhe rauben?“ „O Leti! Léti!“ klagte die Prinzeſſin,„hören Sie nicht den gräulichen Lärm vor unſrer Zimmerthüre? Mein Gott! es wird doch nicht im Schloſſe brennen?“ „Brennen?“ rief die Léti unter heftigem Erſchrecken 52 und ſprang aus ihrem Bette, un ſich ſchnell in die Kleider zu werfen. Dann öffnete ſie die Zimmerthüre und horchte ängſtlich hinaus. Die langen Gänge hallten von eiligen Tritten wieder; man hörte Thüren öffnen und ſchallend zu⸗ ſchlagen und verworrene Rufe. „Um Gotteswillen!“ kreiſchte die Léti,„was iſt denn vorgefallen? Chriſtine! Charlotte! Marianne! Domann! Krikow! Pulian! Hört mich kein Menſch? Kommt Niemand, die königlichen Kinder zu retten, wenn ihnen eine Gefahr droht? Frau von Rocoule! Frau von Rocoule! Stehen Sie auf und befehlen Sie, was ich mit den Kindern beginnen ſoll. Es muß etwas Entſetzliches im Schloſſe vorgehen oder be⸗ reits geſchehen ſein.“ Wie ſchnell dieſe Worte die Oberhofmeiſterin, die im Ne⸗ benzimmer ſchlief, auf die Füße und in die Kleider brachten! „Wecken Sie,“ gebot Frau von Rocoule der Léti, un⸗ verzüglich den Prinzen, jedoch ohne ihn zu erſchrecken. Ich ziehe indeß die Prinzeſſin warm an und Sie thun daſſelbe mit dem Prinzen. Aber wäre es denn unmöglich, Jeman⸗ den von der Dienerſchaft herbeizurufen und von ihm den Grund dieſer nächtlichen Störung zu erfahren?“ Frau von Rocoule zog mit aller Kraft den Klingelſtrang, jedoch ohne Erfolg. Noch waren die vier zitternden Hände der beiden Frauen nicht völlig mit dem Ankleiden der Kinder zu Stande, als der Klang ſchwerer, eilfertiger Schritte ſich draußen näherte. Es war der wachhabende Gardeoffizier, welcher in der haſtig geöffneten Thüre erſchien und ſofort von den Frauen mit ängſtlichen Fragen beſtürmt wurde. Feuersgefahr iſt im Schloſſe nicht zu verſpüren,“be⸗ 53 ruhigte der Officier,„jedoch eine allgemeine Verwirrung in demſelben, deſſen wahren Grund ich noch nicht habe erfor⸗ ſchen können. So viel ich von mejnen Leuten erfahren habe, iſt die Rede von einem Anſchlage der Schweden auf das Leben oder die Freiheit der königlichen Kinder und es da⸗ her meine Pflicht, dieſelben vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen.“ Der Officier nahm den Erbprinzen auf den Arm und die Prinzeſſin bei der Hand und trat mit denſelben den Weg nach dem Wachſaale an, wobei er von den zwei bebenden Frauen begleitet wurde. Es war ein tief ergreifender, aber auch wiederum lächerlicher Anblick, welcher die Letzteren im Wachſaale erwartete. Hier verbreiteten zwei elende Inſelt⸗ lichter auf Drahtleuchtern ein düſteres Licht und beſchienen die tödtlich erſchrockenen, kreideweißen Geſichter von lauter Rieſen, welche ſich in Weiber jetzt umgewandelt zu haben ſchienen. Die Leibgardiſten ſtanden in Gruppen beiſam⸗ men und erzählten einander haarſträubende Dinge. „Zwei rothglühende Augen hatte es,“ erzählte einer von den Kriegern,„welche Feuerfunken ausſprühten.“ „Mich hauchte es mit einem Athem an,“ ſprach ein Zwei⸗ ter,„der wie aus einem friſch geheizten Backofen zu kommen ſchien.“ Bald erſtickt bin ich von dem S Schwefelgeſtank, den es um i verbreitete, klagte ein Dritter. „Tauſend Ketten bringen kein ſolches Geraſſel hervor, als das Geſpenſt erregte,“ fuhr ein Vierter fort. „Der leibhaftige Satan und Luzifer war's,“ rief ein Fünfter,„den die Schweden, dieſe bekannten Hexenmeiſter, . 5 5 ———— 54 abgeſendet haben, um ſich für die Belagerung Stralſunds an der königlichen Familie zu rächen. Trotz der Dunkelheit erkannte ich die langen, gekrümmten Hörner und die Pferde⸗ füße des Höllengeiſtes.“ „Schämt euch!“ fuhr der Officier ſeine Mannſchaft an. „Soldaten wollt ihr ſein? Feige Memmen, alte Weiber ſeid ihr! Marſch, alle auf eure Wachpoſten zurück, wenn ihr euch nicht der härteſten Strafe ausſetzen wollt.“ „Halten zu Gnaden, mein Herr Hauptmann!“ nahm einer der Rieſen das Wort,„ſchicken Sie uns in den heiße⸗ ſten Kampf, gegen eine feuer⸗ und kugelſpeiende Batterie, doch nicht gegen eine hölliſche Macht, der gegenüber unſere Waffen zu Strohhalmen werden.“ „Die uns mit ihrem Gluthhauche, wie das Kind mit einem Athemzuge ſeine S über den Haufen wirft,“ fuhr ein Anderer fort. Nur mit vieler Mühe gelang es dem Officier, die Wachen zu bewegen, auf ihre Poſten zurückzukehren, doch nicht, das geſehene Teufelsgeſpenſt aufzuſuchen und feſtzunehmen. Wie die Bewohner des Schloſſes in der Nacht, eben ſo wurden die der ganzen Stadt mit dem angebrochenen Tage, durch die blitzſchnell verbreitete Kunde von dem Spuk in die größte Aufregung verſetzt. Die Vernünftigeren von ihnen hielten die Sache für einen Anſchlag der Schweden, we unter dem Schutze eines angeblichen Geſpenſtes Feuer im Schloſſe anlegen und in der dadurch entſtandenen Verwirrung die königlichen Kinder als Geiſeln entführen wollten. In der nächſten Nacht wurden die Wachpoſten des Schloſſes verdoppelt und alle Anſtalten zur Sicherung de 55 königlichen Kinder getroffen. Demohnerachtet wiederholte ſich der Spuk von Neuem und ſteigerte den Schrecken der Schloßbewohner auf den höchſten Gipfel. Die wegen ihrer in der vorigen Nacht bewieſenen Feigheit ſtreng beſtraften Gardiſten und deren Kameraden waren auch diesmal nicht im Stande, den angeblichen Luzifer zu haſchen und zu ent⸗ larven, jedenfalls wieder zu muthlos oder abergläubiſch dazu. So ſehr wirkte die Geſpenſterfurcht ſelbſt auf Männer ein, welche dem Tode unerſchrocken ins hohle Auge zu ſehen vermochten! Frau von Meſſenbach, welche bis zur Kammerfrau der Prinzeſſin Wilhelmine emporgeſtiegen war, beſaß einen genug gebildeten und aufgeklärten Geiſt, um jene Art von Aberglauben von ſich und ihren Kindern fern zu halten. Als frühere Bärenführerin hatte ſie ſich einen Muth an⸗ geeignet, welcher ſonſt nicht oft bei Frauen gefunden wird. „Sollte es denn nicht möglich ſein, das ſpukende Ge⸗ ſpenſt zu erwiſchen?“ fragte ſie ſich ſelbſt. Sie bat nach einigem Nachdenken Frau von Rocoule um die Erlaubniß, in der nächſten Nacht munter und in dem Gange vor den Zimmern der königlichen Kinder ab⸗ und zugehen zu dürfen, was ihr auch zugeſtanden wurde, weil ſie die Kunſt des Geiſterbeſchwörens erlernt zu haben vorgab. Ihre Tochter Helene, welche ihre Mutter an Herzhaftigkeit faſt noch über⸗ traf ließ ſich nicht von der Theilnahme bei dem Geſpenſter⸗ ſun zurückweiſen. Die dritte Nacht kam und mit ihr richtig der Spuk wieder. Mit Zagen und Zittern vernahmen die Frauen ————ÜGÜñÜY§GÜG%ꝓYF 56 und Kinder im Schloſſe, die männliche Dienerſchaft, ja ſelbſt die Leibgardiſten das grauenvolle Heulen, Poltern und Raſſeln des Geſpenſtes, das ungreifbar durch die Gänge des Schloſſes hinhuſchte, bis es in die Nähe der Zimmer der Prinzeſſin und des Prinzen gelangte. Hier ſtieß das Geſpenſt ein furchtbares Geheul hervor, dem ein lautes Kettenraſſeln folgte. Gleich darauf aber vernahm man einen ſchweren Fall auf die Dielen des Sang und das leiſere Tönen eines Handgemenges. „Herbei! herbei!“ rief die gellende Stimme der Frau von Meſſenbach.„Wir haben das Geſpenſt!“. „Herbei! herbei!“ wiederholte Helene nicht minder krei⸗ ſchend wie ihre Mutter. Frau von Meſſenbach hatte die Liſt angewendet, in dem Gange vor der Prinzeſſin Zimmer eine ſchwache, jedoch feſte Leine quer über und zwar in der Höhe etwa einer Elle von dem Fußboden zu ziehen und ſolche Züge in kurzen Zwiſchen⸗ räumen weiter fortzuſetzen, ſo daß das Geſpenſt nach etwaiger glücklicher Ueberſteigung des erſten Hinderniſſes in immer neue gerathen mußte. Gleichwie eine Spinne in dem Mittel⸗ puncte oder in einem Winkel ihres Netzes auf ihre Beute lauert, ſo hatte Frau von Meſſenbach in Geſellſchaft ihrer älteren Tochter, ſobald ſie das Herannahen des Lärms ver⸗ nommen, in einem Winkel des Ganges gedrückt, das Ge⸗ ſpenſt erwartet. Als jenes gleich über den erſten Lunenzug zum Fallen gekommen war und bei dem jähen Aufſpringen in die übrigen gerieth und ſich verwickelte, hatten Mutter und Tochter, ſchnell herbeiſpringend, das Geſpenſt mit einer bereit gehaltenen Leine vielfach umſchnürt, ſo daß es nicht mehr von der Stelle konnte. Jetzt machte es das Geſpenſt, wie in der Regel alle ſeines Gelichters, wenn ſie feſtgenommen worden ſind: es legte ſich auf das Bitten. „O, Mutter!“ lispelte eine nur zu bekannte Stimme der erſtarrenden Frau leiſe zu,„laſſen Sie mich los! Ich bin's ja, Hans, Ihr Sohn!“ „Herbei! hierher!“ wiederholte Helene, in ihrer Freude über einen eben ſo glücklichen als ehrenvollen Fang mit laut jubilirender Stimme:„Ein Menſch iſt's— kein Geſpenſt, kein Luzifer!“ „Wirſt Du gleich ſchweigen, Lene?“ fuhr das Geſpenſt zähneknirſchend fort.„O, könnte ich Dir jetzt die Zunge aus dem Halſe reißen! Laß mich los oder es giebt ein Un⸗ glück!“ Dieſes in Drohungen übergegangene Flehen kam zu ſpät. Die furchtſamen Horcher an der Wand, die vorher zitternden Frauen, die feige Dienerſchaft und vor Allen die von einer Frau beſchämt ſich ſehenden Wachen eilten von allen Seiten, aus allen Gängen und Thüren herbei, theils mit, theils ohne Leuchtmittel in den Händen. Die, welche von der entgegengeſetzten Seite naheten, machten es dem Geſpenſt nach, indem ſie, in Haſt die vorgezogenen Leinen vor ihren Füßen nicht bemerkend, einen Purzelbaum ſchoſſen und dieſes Kunſtſtück nicht bei einem Male bewenden ließen. Der Schein mit jeder Secunde ſich mehrender Lichter be⸗ leuchtete jetzt hell das Geſpenſt mit ſeinen Bockshörnern, ſeiner ſchwarzen Teufelslarve, ſeiner Vermummung und den nach ſich ſchleppenden Eiſenketten. Deſſen Häſcherin aber ſtand ſtumm und regungslos, wie bewußtlos das eine Ende 58 der Fangleine in ihren Händen, und ſtarrte ihre Beute an, welche jetzt von gar vielen Händen feſtgepackt und herum⸗ gezerrt wurde. Man ſpielte dem Geſpenſt mit, wie der Krähe in der Fabel, die ſich mit fremden Federn geſchmückt hatte. Ein Stück der Teufelsvermummung nach dem an⸗ dern wurde abgeriſſen, bis zuletzt aus derſelben ein kaum ſechszehnjähriger Burſche in der weißen Kleidung eines königlichen— Küchenjungen hervorging. Bei dieſem Anblick ertönte von mehr wie einem Munde der ſtaunende Ruf:„Hans Weber, der Küchenjunge!“ Der entlarvte Luzifer biß trotzig ſeine Lippen zuſammen, verſchränkte die Arme und blickte frech und ohne ſonderliche Furcht die ihn verwünſchende Menge an. Als die Anweſenden, im gerechten Zorn, von einem Ge⸗ ſpenſt gefoppt worden zu ſein, das kaum dem Knabenalter entwachſen war, ihre Fäuſte erhoben, um ſie fühlbar auf des Küchenjungen Körper niederfallen zu laſſen, ſprach dieſer befehlend:„Ich verbitte mir jede Mißhandlung und begebe mich unter den Schutz des Geſetzes, das Niemanden ohne Urtheil beſtrafen läßt.“ Die Rede hatte zwar laute Verhöhnungen zur Folge, 3 jedoch unterließ man weitere Thätlichkeiten gegen das ent⸗ larvte Geſpenſt, das ſich nunmehr in den Gewahrſam ab⸗ führen ließ, ohne ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter eines Blickes weiter gewürdigt zu haben. Die arme Frau von Meſſenbach, welche bisher keine Ahnung von der Anweſen⸗ heit ihres entlaufenen Sohnes im Schloſſe gehabt hatte, war ſeit deſſen Feſtnehmung ſtumm und regungslos geblie⸗ 4 ben. Ein großer Schmerz über die tiefe, ſittliche Entartung 59 ihres Erſtgebornen ſtritt ſich in dem Mutterherzen mit der Mutterliebe und dem Mitleide, das gar nicht in Zweifel über die dem mißrathenen Sohne drohende, ſchwere Be⸗ ſtrafung war. Ob Hans von Meſſenbach, der in ſeiner Stellung als Küchenjunge den Namen Weber angenommen, ſeine Mutter und Schweſter erſt an der Stimme erkannt oder ſchon vor⸗ her um deren jetziges Schickſal gewußt hatte, blieb unent⸗ ſchieden, wenigſtens entſannen ſich Frau von Meſſenbach und Helene nicht, daß Hans ſich ihnen zu nähern irgend einen Verſuch gemacht hatte. Das über denſelben gefällte Urtheil lautete auf ein drei⸗ tägiges, öffentliches Sitzen auf dem hölzernen Eſel, eine Strafe, deren Milde in gar keinem Verhältniſſe mit der⸗ ienigen der furchtſam ſich bewieſenen Schloßwache und der Uebelthat des Küchenjungen ſtand, welcher durch dieſelbe die Bewohner von ganz Berlin in Schrecken geſetzt hatte. Prinzeſſin Wilhelmine mißt in ihrer Lebensbeſchreibung dieſe ungewöhnliche Milde dem Einfluſſe des Generals Grumkow bei, den ſie als den eigentlichen Urheber des be⸗ ſchriebenen Geſpenſterſpuks bezeichnet, obgleich der General ſich damals gar nicht in Berlin, ſondern bei der Armee in Pommern befand. Grumkow, behauptet die demſelben nicht günſtige Prinzeſſin, habe den Spuk veranlaßt und ſich hierzu des ihm ergebenen Küchenjungens bedient, um einer heim⸗ lichen Verbindung zweier ſeiner Feinde unter den höheren Hofbeamten auf die nähere Spur zu kommen. Gewiß iſt's, daß Hans von Meſſenbach nicht ſo wohlfeilen Kaufs davon 60 gekommen ſein würde, wenn der König in Berlin zugegen geweſen wäre. Zur großen Beluſtigung der berliner Straßenjugend ritt Hans Weber in ſeiner hölliſchen Vermummung auf dem ſchmalen und darum ſchmerzlich einſchneidenden Rücken des hölzernen Eſels. Jene ward nicht müde, das erſt ſo ge⸗ fürchtete Geſpenſt mit Spott, Schimpf und Hohngelächter zu überſchütten, was der nicht vom Fleck kommende Eſels⸗ reiter mit verbiſſenem Ingrimme hinnehmen mußte. Wie Alles unter der Sonne, ſo vergingen auch die drei Reittage, nach welchen der aus ſeinem Küchenamte fortgejagte Reiter verſchwand und die Seinen in Ungewißheit über ſein wei⸗ teres Schickſal zurückließ. Fünftes Kapitel. Krankheiten. Der Feldzug gegen die Schweden war glücklich und ruhmvoll beendigt, Stralſund genommen worden, Karl XII. aber vorher aus der belagerten Stadt entronnen. Die Königin kehrte mit ihrem Gemahl nach Berlin zurück und fand ihre Tochter ſeit ihrer Abweſenheit ſo vortheilhaft am Körper und Geiſt entwickelt, daß ſie, darüber ganz entzückt, die Prinzeſſin mit den zärtlichſten Liebkoſungen überhäufte. In jenen Zeiten war bei fürſtlichen Perſonen das Verhält⸗ niß zwiſchen Gatten und Kindern kein ſo inniges, engver⸗ bundenes und liebevolles wie bei Familien bürgerlichen 61 Standes. Gewöhnlich war es nicht gegenſeitige Zuneigung, ſondern die Staatskunſt oder Politik, welche die fürſtlichen Ehen ſchloß. Der Fürſt beſaß und bewohnte ein Zimmer für ſich und die Fürſtin ebenfalls. Das vertrauliche Du war bei ihnen nicht Sitte, ſondern das froſtigkalte Sie, womit man ſich gegenſeitig anredete. War der fürſtliche Gemahl ein ſtrenger, an der ſteifen Hofordnung feſt haltender Herr, ſo durfte ſeine Gemahlin nicht wagen, ihn ohne erſt eingeholte Erlaubniß in ſeinen Zimmern aufzuſuchen oder ſich über der Tafel in das Geſpräch zu miſchen u. ſ. w. Eine Fürſtin war die erſte Untergebene ihres Gatten und mußte, wie die Schrift von einem Weibe verlangt, ihren Willen dem ihres Mannes unterwerfen. War des Fürſten Wille ein unangenehmer für deſſen Gemahlin, ſo durfte ſie den⸗ ſelben nicht durch freundliches Bitten, geſchweige denn durch Widerſprechen umzuändern ſuchen, ſondern hierzu ſich hinter Liſt, Ränke und andere Perſonen ſtecken, welche auf den Monarchen größern Einfluſt ausübten als deſſen Gemahlin⸗ In ähnlicher Weiſe verhielt es ſich mit den fürſtlichen Kin⸗ dern, welche von ihren Aeltern abgeſondert wohnten, von gemietheten Perſonen und zwar von dem erſten Lebenstage an, getränkt, genährt, angekleidet, erzogen, unterrichtet, ſpazieren geführt oder ausgefahren, in der Krankheit gepflegt und unter ſtete Obhut genommen wurden. Längere Zeit verſtrich zuweilen, in welcher die fürſtlichen Kinder weder ihren Vater, noch ihre Mutter zu ſehen bekamen, und geſchah ſolches, ſo empfingen jene nicht ſelten, anſtatt Liebkoſungen und Beweiſe von Zärtlichkeit, bittern Tadel und ſchmerzende Vorwürfe. 3 „ 62 War es unter ſolchen Umſtänden zu verwundern, wenn die Gatten⸗, Aeltern⸗ und Kindesliebe nur lauwarm war und gegenſeitige Furcht deren Stelle einnahm? Obgleich der König ſeine Tochter Wilhelmine mehr als ſeine übrigen Kinder liebte, ſo hatte dieſe dennoch vor ihrem Vater, der auch gegen ſie oft ſehr ſtreng, ja hart ſogar war, eine knechtiſche Furcht, die ſie, wenn ſchon in geringerem Maß, gegen ihre königliche Mutter übertrug. Die Königin war bisher ſehr ſpärlich in den Liebkoſungen gegen ihre Kinder geweſen, weil ſie der Meinung lebte, daß zu große, an den Tag gelegte Zärtlichkeit der kindlichen Ehrfurcht Ein⸗ trag thun könne. Als nun die Königin nach langer Tren⸗ nung von ihren Kindern den Ausbrüchen ihrer Mutterliebe keinen Zwang auferlegte und ihre Tochter mit Küſſen, Lieb⸗ koſungen und belobenden Worten überhäufte, ſo wurde die Prinzeſſin hierdurch in eine ſo große Gemüthsbewegung vet ſetzt, daß ſie bald nach dem erſten Wiederſehen einen heftigen Blutſturz bekam, der nur nmit vieler Mühe geſtillt werden konnte und am nächſten Tage mit verdoppelter Kraft wieder⸗ kehrte. Die kleine Prinzeſſin verfiel hierdurch in eine große Kraftloſigkeit, die ſie mehrere Wochen lang das Bett zu hüten zwang. Von dem letztern wich nur ſelten die mit der Prinzeſſin in gleichem Alter ſtehende Eleonore von Meſſen⸗ bach, die im Verein mit ihrer Mutter und älteren Schweſter, der Kranken Alles an den Augen abſahe und daher in deren Freundſchaft immer feſteren Fuß faßte. Bezeichnend für den damaligen Zeitgeiſt iſt es, daß einer on den, bei der Eroberung Stralſunds gefangen genom⸗ menen ſchwediſchen Officiere, Names Croom, in ganz Berlin nehr in mancherlei Widerſprüche ſich verwickelt. Der Rechts⸗ 63 für einen großen Sterndeuter galt. Selbſt die Königin wurde neugierig und ließ Croom vor ſich kommen, damit er ſeine Kunſt an ihr und ihren Kindern erprobe. Nicht aus den Sternen, ſondern aus den Linien der Hand wahrſagte der Schwede der Königin, deren Tochter und Sohne, von welchem Einiges eintraf, Anderes nicht. Dem dreijährigen Friedrich II. prophezeite er in ſeiner Jugend viele Wider⸗ wärtigkeiten, in reiferen Jahren aber würde er Kaiſer und einer der größten Fürſten Europas werden. Es verhält ſich mit dem Wahrſagen wie mit dem Lotterie⸗ ſpiel. Iſt durch daſſelbe Jemandem ein größerer Gewinn zugefallen, ſo wird die Kunde davon in alle Welt hinaus⸗ poſaunt, während von den vielen tauſend Nieten kein Wort verlautet. In der Regel wahrſagen Zeichendeuter und Kartenſchlägerinnen ihren Kunden nur Gutes und Angeneh⸗ mes, miſchen aber, um eher Glauben zu finden, einiges Widerwärtige darunter, von welchem ja kein Menſch ganz verſchont bleibt. Ein Jahr nachher entdeckte man eine Verſchwörung, welche ein fremder Abenteurer, Clement, im Verein mit noch einigen Perſonen, angeblich gegen das Leben des Königs Friedrich Wilhelm, geſchmiedet hatte. Man beſchuldigte Clement, außer des Majeſtätsverbrechens, daß er Handſchrift und Siegel großer Monarchen nachgemacht und verſchiedene Mächte mit einander entzweit habe. Außerdem hatte er dem König die Augen über des Generals Grumkow geheime ſprochenen Beweiſe dafür nicht beizubringen vermocht, viel⸗ Umtriebe und Verrätherei zu öffnen geſucht, jedoch die ver⸗ — ———————— gang in dieſer Sache ward ganz im Geheim verhandelt und währte über ein halbes Jahr. Der König, welcher bisher ſein Leben ſo wie ſeine ge⸗ heiligte Perſon für unantaſtbar gehalten hatte, wurde von der ihm gedrohten Gefahr ſo erſchüttert, daß er in eine ſchmerzhafte Nervenkolik, mit heſtigem Fieber begleitet, verfiel, als er ſich gerade in Brandenburg befand. Sogleich ließ er einen Eilboten an die Königin abſchicken, welcher die⸗ ſelbe an das Krankenbette ihres Gemahls berief. Die Kö⸗ nigin reiſete auf der Stelle ab und langte noch denſelben Abend in Brandenburg an, wo ſie den König anſcheinend in den letzten Zügen und von den Aerzten bereits aufgegeben fand. Früher noch als die Königin, hatte der Monarch ſeine beiden vertrauteſten Miniſter und Günſtlinge, den Fürſten von Anhalt und den General Grumkow, zu ſich ent⸗ bieten laſſen. Allein die Boten an dieſelben waren, jeden⸗ falls abſichtlich, von des Königs Umgebung längere Zeit zurückgehalten worden, ſo daß die Ankunft der beiden Miniſter bedeutend hinausgeſchoben wurde. Die ſich ſteigernde Gefahr bewog den König, auch ohne. den Beirath ſeiner Vertrauten, ſeinen letzten Willen auf⸗ ſeten zu laſſen. In demſelben beſtellte er die Königin zur Regentin und den Kaiſer nebſt dem König von England zu Vormündern des Erbprinzen. Bevor aber der König ſein Teſtament rechtskräftig vollzog und beſiegelte, ließ er, auf die Ankunft ſeiner Miniſter harrend, noch einige Zeit ver⸗ ſtreichen, bis ihn endlich die Noth zu jener letzten Handlung zwang. Da aber der Monarch, für den Fall einer möglichen 65 Wiedergeneſung, die Vorwürfe und Widerſprüche ſeiner bei⸗ den Günſtlinge, deren Namen er nicht einmal in ſeinem Teſtamente erwähnt hatte, fürchtete, ſo forderte er, indem er der Königin eine Abſchrift des Teſtaments zuſtellen ließ, von derſelben das Verſprechen des unverbrüchlichſten Schweigens über den Inhalt ſeines letzten Willens. Ein Gleiches mußten die Ausfertiger und Zeugen des Teſtaments durch einen Eid beſchwören. Kaum, daß die ganze Angelegenheit abgemacht war, ſo langten die beiden erwarteten Miniſter an und erfuhren ſofort von ihren Kundſchaftern am könig⸗ lichen Hofe von der Ausfertigung des Teſtaments, doch nichts von deſſen Inhalt. Die ſtete Anweſenheit der Königin bei dem hohen Kranken behinderte die beiden Miniſter, von dem König einen Widerruf des Teſtaments zu bewirken, deſſen für ſie nachtheiligen Inhalt ſie aus der tiefen Geheimhaltung argwöhnten. Ihre Verzweiflung hierüber verminderte ſich dann erſt etwas, als des Königs Zuſtand unerwartet ſich beſſerte, das Fieber und die Schmerzen nachließen und die Hoffnung, den hohen Kranken am Leben erhalten zu ſehen, mehr und mehr anwuchs. Die Urſache dieſer glücklichen Wendung war ein Arzneimittel, Jpecacuanha, welches einer von den königlichen Aerzten, der Oberchirurg ſeines Leib⸗ regiments, Holzendorf, in Anwendung gebracht hatte. Der mächtigſte und gefürchtetſte Monarch, der ſtolzeſte Selbſtherrſcher, Eroberer und Held wird in der Krankheit Schmerz und Schwäche zum folgſamen Kinde gegen ſeinen Arzt, der dann faſt ſtolz auf ſeine Kunſt und Wiſſenſchaft werden möchte, welche ihn in ſolchen Augenblicken über die höchſten Würdenträger eines Landes erheben. Prinzeſſin und Dienerin. 5 66 Der Konig machte es nicht wie manche Kranke, bei welchen mit der glücklich entfernten Lebensgefahr die Dank⸗ barkeit gegen den rettenden Arzt ſich zu vermindern pflegt. Von jener Zeit an blieb Holzendorf des Königs Günſtling, dem er großen Einfluß auf ſich einräumte. Clement beſchuldigte, um ſeinen Prozeß in die Länge zu ziehen und während dem vielleicht eine Gelegenheit zur Flucht zu ermöglichen, eine Menge Perſonen, die dem Könige nahe ſtanden und ihm theuer waren. Hierdurch ward der Monarch gegen alle Welt mißtrauiſch gemacht, indem er in jedem Menſchen einen Verräther oder Meuchelmörder argwöhnte. Um allen feindlichen Anſchlägen gegen ſein Leben auf die Spur zu kommen, erbrach und las der König alle auf der Poſt ankommenden und abgehenden Briefe. Seine Furcht ward ſo groß, daß er ſich nie mehr zu Bett begab, ohne den blanken Degen und ein Paar ſcharfgeladene Piſtolen neben ſich zu legen. Wer möchte einen ſolchen Monarchen bei aller ſeiner Macht und Reichthumfülle beneiden? Ruhiger als zwiſchen bereit gehaltenen Mordwaffen ſchläft ein Fürſt, welcher der Liebe und Treue ſeiner Unterthanen gewiß und denſelben ein gütiger, ſo wie gerechter Gebieter iſt. Wie aber durfte Friedrich Wilhelm ſeinen rieſigen Leibwachen trauen, die er oftmals mit Gewalt oder Liſt den Ihrigen hatte entreißen laſſen und die deshalb in ihrem Herrn nur ihren Tyrann er⸗ blickten? Wie ungleich beneidenswerther war jener Herzog on Würtemberg, der ſich rühmte, ſein Haupt unbeſorgt in den Schooß eines jeden von ſeinen Unterthanen betten zu dürfen! Endlich ward das Urtheil über Clement und deſſen Mitſchuldige gefällt, welches der damaligen Zeit angemeſſen war, wo man noch durch die Tortur die Menſchen zum Ge⸗ ſtändniß von Verbrechen zwang, die ſie oftmals gar nicht begangen hatten. In der Gegenwart würden Clement und ſeine Genoſſen mit Gefängniß-, höchſtens mit Zuchthaus⸗ ſtrafe weggekommen ſein. Ungleich härter war damals ihre Strafe. Clement wurde, nach dreimaligem Reißen mit glühenden Zangen, gehängt, ſein Mitſchuldiger, Lehmann, geviertheilt und ein Herr von Heidekamm, welcher verleumderiſche Reden über des Königs Abkunft verlautet hatte, öffentlich mit Ruthen gepeitſcht, ſein Degen und Wappen vom Henker zer⸗ brochen und er für ehrlos erklärt. Dieſes ſchreckliche Urtheil ward im Jahre 1717 voll⸗ zogen. Danken wir Gott, daß jene barbariſchen Zeiten, die man die guten alten zu nennen beliebt, weit hinter uns liegen! Wie die Prinzeſſin Wilhelmine ſchreibt, ſo lag dem Fürſten von Anhalt und dem General Grumkow Alles daran, den Inhalt des königlichen Teſtaments zu erfahren und wo⸗ möglich deſſen Abſchrift der Königin aus den Händen zu winden. Zu Erreichung ihrer Abſicht ſcheuten ſie kein Mittel, wie die Liſt, die Ränke, die Beſtechung und Ueber⸗ redung. Eine Frau von Blasſpiel war die vertrauteſte Freundin der Königin, welche zu jeder Stunde unbeſchränk⸗ ten Zutritt bei derſelben hatte und um alle ihre Geheimniſſe wußte. Dieſes Vertrauen vergalt Frau von Blasſpiel durch 5* 68 eine uneigennützige Liebe und Hingebung gegen ihre könig⸗ liche Freundin. Dennoch gelang es einem heimlichen Werk⸗ zeuge Grumkow's, den ſächſiſchen Geſandten am preußiſchen Pofe, welchen Frau von Blasſpiel für ihren beſten Freund hielt, durch die feinſte Ueberredungskunſt den Inhalt des königlichen Teſtaments von jener Dame zu erforſchen, ja ſogar die Abſchrift ſelbſt in die Hände derſelben zu bringen. Dieſes wichtige Pfand zu erhaſchen, hatte Frau von Blasſpiel bei der Königin vorgeſpiegelt, daß das koſtbare Papier unter dem Verſchluſſe der Königin weit weniger geſichert ſei als bei ihr, die außerhalb des königlichen Schloſſes wohnte. So weit hatte ſich Frau v. Blasſpiel durch ihren ver⸗ meinten Freund verleiten laſſen. Als dieſer aber wieder⸗ holt die Teſtamentsabſchrift ihr abzuſchwatzen verſuchte, gingen der betrogenen Dame plötzlich die Augen auf und ſie erkannte den Verſucher, der ihr unter der Larve eines Freun⸗ des genaht war. Ihre Schwatzhaftigkeit bitter bereuend, wies ſie alle weiteren Verlockungen mit Unwillen und der größten Entſchiedenheit zurück, ſo daß die Verbündeten zu⸗ letzt an dem Gelingen ihres Vorhabens verzweifeln mußten. Durch dieſe unerwartete Standhaftigkeit der Frau von Blas⸗ ſpiel auf das Aeußerſte erbittert, beſchloſſen die beiden Günſt⸗ linge des Königs, die ihnen im Wege ſtehende und hinder⸗ liche Dame aus ihrer einflußreichen Stellung bei der Königin zu verdrängen und zu ſtürzen. Sechstes Kapitel. Eine Verſchwörung. In dem Rathhauſe zu Berlin ließ eine Seiltänzergeſell⸗ ſchaft ihre Künſte ſehen, welchen der König, ein Liebhaber ſolcher Schauſpiele, oftmals als Zuſchauer beiwohnte. Ueber der Tafel brachten Grumkow's Anhänger und Vertraute, auch dieſer Miniſter ſelbſt, wiederholt das Geſpräch auf jene Kunſtvorſtellungen und lagen den König an, ſeinem Söhn⸗ chen doch die Freude zu vergönnen, die Seiltänzer ebenfalls zu ſehen und ihn deshalb mit auf das Rathhaus zu nehmen. Obgleich der König, wie ſchon erwähnt, eben nicht ſehr freundlich gegen ſeinen Thronfolger geſinnt war, ſo gab er endlich doch dem wiederholten Andrängen nach und verſprach, bei der nächſten Vorſtellung ſich von dem Prinzen begleiten zu laſſen. Da aber einer der geſchickteſten von den Seil⸗ tänzern als plötzlich erkrankt gemeldet wurde, ſo verſchob der König ſeinen Beſuch bis auf den nächſten Freitag. Drei Tage vorher kam Frau von Blasſpiel in großer Auf⸗ regung zur Königin und beſchwor dieſelbe auf das Lebhaf⸗ teſte, zu verhindern, daß der König, wie verſprochen, mit dem Prinzen ſich zu den Seiltänzern begebe. Die Urſache dieſes Anliegens zu ſagen, verweigerte die Dame und geſtand nur ſo viel ein, daß es dem Leben des Königs wie des Prin⸗ zen gelte. Sie bat die erſchrockene Königin, dem König ja nichts hiervon merken zu laſſen, denſelben am Freitag Abend . Sz——— 70 zu zerſtreuen und ihm die Zeit zu vertreiben ſuchen, ſo daß er darüber die für das Seiltanzen feſtgeſetzte Stunde ver⸗ gäße und daheim zu bleiben genöthigt würde. Gelänge ſolches aber nicht, ſo ſollte ſich die Königin dem Fortgehen ihres Gemahls mit aller Kraft widerſetzen. Die Königin maß dieſer geheimnißvollen Mittheilung ihrer bewährteſten Freundin Glauben genug bei, um nach deren Anweiſung alle Vorbereitungen zu treffen, den König an dem feſtgeſetz⸗ ten Abend von dem Beſuch der Seiltänzer zurückzuhalten. Zu dieſem Behuf machte man zunächſt dem kleinen Prinzen, damit er nicht durch ſein Bitten den König in ſeinem Vor⸗ haben noch beſtärke, allerlei fürchterliche Vorſtellungen von den Seiltänzern, welche hierdurch in des Prinzen Augen zu wahrhaften Popanzen umgewandelt wurden. Sodann unter⸗ wies man die verſtändigere und über ihre Jahre hinaus kluge Prinzeſſin, in welcher Weiſe ſie ihren Vater beſchäſ⸗ tigen und unterhalten ſolle. Der Abend des verhängnißvollen Freitags kam und die neunjährige Prinzeſſin bot alle ihre Künſte, ſowie Kräfte auf, um ihrem Vater die Zeit zu verkürzen. Sie plauderte, erzählte luſtige und rührende Geſchichten, las deren vor, muſicirte, ſang und ſpielte mit ſolcher Anſtrengung und Aus⸗ dauer, daß ihr Antlitz glühte, ihre ſonſt ſanften Augen ſprüheten und die hellen Schweißtropfen über ihre Stirn herabperlten. Noch nie hatte der König ſeine Tochter in ſolcher Liebenswürdigkeit geſehen, daher er freundlich, wie ſonſt nimmer, gegen ſie war und ſie liebkoſete. Da hörte der König halb ſieben ſchlagen, weshalb er ſich raſch erhob, um ſich hinweg und nach dem Rathhauſe zu begeben. 71 „Es iſt bereits zu ſpät, Ew. Majeſtät,“ ſprach die Kö⸗ nigin,„Sie werden die Vorſtellung der Seiltänzer bereits zum Ende gehend finden.“ „Nein! nein!“ erwiederte der König, indem er ſeinen Sohn bei der Hand faßte, um ihn hinwegzuführen.„Man wird ſchon ein wenig auf uns gewartet haben. Komm', Fritz! Ei, was für große Augen Du machen wirſt, wenn Du die hübſchen Kunſtſtücke auf dem ausgeſpannten Seile und die luſtigen Späße des Hanswurſts mit anſehen wirſt!“ „O nein, allerbeſter Papa!“ rief der Prinz mit kläg⸗ licher Stimme aus,„nicht zu den Seiltänzern! nicht zu den Seiltänzern! Das ſind böſe Leute, welche ſo kleine Knaben, wie ich bin, und junge Mädchen ſtehlen und ſie bei Waſſer und Brot ſo lange in ein finſteres Loch ſtecken, bis ſie ihre Aeltern nicht mehr kennen und ſonſt noch Alles vergeſſen haben. Hierauf brechen ſie ihnen jedes Glied und jeden Knochen entzwei, damit ſie geſchickt zum Seiltanzen werden. UuUnd wenn ſie die Kunſtſtücke nicht lernen wollen, ſo bekommen ſie nichts zu eſſen, aber deſto mehr Hiebe mit einer dicken Hundepeitſche.“ „Wer hat Dir ſolche Märchen weis gemacht?“ fragte der König ſtaunend.„Doch wir haben jetzt keine Zeit zu langem Ausforſchen. Komm', komm', Fritz!“ Allein der Prinz ſchrie, weinte und widerſtrebte aus Leibeskräften, indem er ſich von der väterlichen Hand zu be⸗ freien ſuchte. Dennoch wollte der König zur Thür hinaus und den Prinzen mit ſich führen. Jetzt aber warfen ſich die Königin und deren Tochter ihm zu Füßen und verhin⸗ derten, den Weg verſperrend, ſein Weggehen. e 3 72 „Was heißt das?“ nut der König mit aufloderndem Zorne die vor ihm Knieenden.„Weshalb dieſes ungewöhn⸗ liche Benehmen? Will man mich hier gefangen halten, he?“ „Wenn Sie mich achten und Ihre Kinder lieben,“ ver⸗ ſetzte die Königin weinend,„ſo bleiben Sie bei uns!“ „Bleiben Sie bei uns!“ ſchluchzte die Prinzeſſin, indem ſie des Vaters Kniee flehend umfaßte. „Bei uns bleiben!“ wiederholte des kleinen Prinzen Echv. Dieſe Bitten, Thränen, das gemeinſame Schreien und die Mühe, welche ſich die Königin und deren Kinder gaben, um den König zurückzuhalten, bewirkten, daß die Zeit ver⸗ ſtrich und der König nunmehr allerdings zu ſpät auf das Rathhaus gekommen wäre. Er blieb daher und ſuchte von der Königin die Urſache des ihm unerklärlichen Auftritts zu erfahren, was ihm aber nicht gelang. Da in jenen Tagen eben ein gewiſſer Trosqui feſt⸗ genommen worden war, bei welchem man verdächtige Pa⸗ viere und Briefe vorfand, welche nicht nur ihn ſelbſt, ſon⸗ dern auch eine Menge Bewohner Berlins bloßſtellten und gehäſſige Gefinnungen gegen den König ausſprachen, ſo vermuthete endlich der König, daß ihm von dieſer Seite ir gend eine Gefahr drohe, von welcher die Königin eine dunkle Kenntniß erhalten habe. Es waren in Trosqui's Angelegen⸗ heit ſo viele Perſonen verwickelt und nahm faſt ganz Berlin ſo lebhaften Antheil an Trosqui's Geſchick, daß irgend ein beabſichtigter Gewaltſtreich gegen ihn nicht außer dem Be⸗ reich der Möglichkeit lag. Zwei Tage nach dem eben beſchriebenen Auftritt erſchien 73 Frau von Blasſpiel, welche in die ihr geſtellte Falle gegangen war, und bat bei dem Könige um geheimes Gehör. „Ew. Majeſtät,“ begann die Dame ihre Worte,„ſind von Verräthern umringt und ſind es gerade die, welchen Sie Ihr ganzes Vertrauen ſchenken und die Sie mit den höchſten Gnadenbezeigungen überhäuft haben, ihre ärgſten Feinde. Der Fürſt von Anhalt und der General von Grumkow haben unabläſſig den Saamen der Zwietracht zwiſchen Ew. Majeſtät und allerhöchſtdero Gemahlin aus⸗ geſtreut und den Lieblingswunſch der Königin, ihre Tochter, die Prinzeſſin Wilhelmine, einſtmals mit dem Herzog v. Glo⸗ ceſter verheirathet zu ſehen, durch verleumderiſche Beſchul⸗ digungen des engliſchen Königshauſes bei Ew. Majeſtät zu hintertreiben geſucht, auch Ew. Majeſtät Abſichten in Bezug auf die eben genannte Prinzeſſin ſchnurſtracks entgegen⸗ gewirkt. Das einzige Dichten und Trachten des Fürſten von Anhalt und des Generals von Grumkow iſt darauf ge⸗ richtet, den Markgrafen von Schwedt auf den preußiſchen Königsthron zu erheben, weshalb ſie ein Ehebündniß deſſel⸗ ben mit der Prinzeſſin Wilhelmine zu Stande bringen wollen. Dieſes verruchte Vorhaben ins Werk zu ſetzen, beredete man Ew. Majeſtät, den Erbprinzen mit ſich auf das Rathhaus zu nehmen, um Sie beide in einem künſtlich erreg⸗ ten Volksaufſtande und in deſſen Getümmel durch gedungene Meuchelmörder tödten zu laſſen. Zu gleicher Zeit ſollte in dem königlichen Schloſſe Feuer angelegt und allerhöchſtdero jüngſter Prinz Wilhelm gewaltſam erſtickt werden. Die Königin gedachte man gefangen zu nehmen und in eine ent⸗ legene Stadt zu verbannen, worauf man den Markgrafen 74 von Schwedt herbeirufen wollte, um deſſen Heirath mit der Prinzeſſin Wilhelmine abzuſchließen. Die beiden hochſtehen⸗ den Verräther haben ihren teufliſchen Anſchlag ſo fein und verſteckt angelegt, daß ihre Hand dabei völlig aus dem Spiele bleibt und keine Schuld auf ſie zu bringen iſt. Mich aber hat die gütige Vorſehung gewürdigt, die feinen Fäden dieſes abſcheulichen Planes zu entdecken und Ew. Majeſtät davon in Kenntniß zu ſetzen und zu warnen.“ Mit welchen Empfindungen der König dieſe Offenbarung eines ſolchen Verraths von Seiten ſeiner innigſt Vertrauten mit anhörte! Das Benehmen der Frau von Blasſpiel, welche dem König als eine ganz rechtſchaffene Dame bekannt war, zeugte bei der gemachten Anklage von ſolcher innerer Bewegung und ihr Abſcheu gegen ein ſo ſchwarzes Vorhaben erſchien ſo natürlich, daß dem König der Gedanke an eine böswillige Verleumdung fern bleiben mußte. Hierzu kam noch die Erinnerung an die bereits wiederholt gegen ihn verſuchten Verſchwörungen und vermehrte ſein Mißtrauen, das ohnehin leicht zu erregen und zu ſteigern war. Auf der andern Seite war die Beſchuldigung gegen ſeine vertrau⸗ teſten und geachtetſten Miniſter von ſo furchtbar ſchwerem Gewichte, daß die Gerechtigkeitsliebe des Monarchen nicht ohne Weiteres es zugab, die Angeklagten ungehört und un⸗ überführt ihrer Schuld zu verdammen und zu beſtrafen. Nachdem der König in einer zweiten Unterredung mit der Frau von Blasſpiel Näheres noch über den von ihr ent⸗ deckten Mordanſchlag zu erforſchen geſucht hatte, führte er jene Dame der Königin mit den Worten zu:„Ich bringe 75 Ihnen hiermit eine brave Frau und die beſte Freundin, die ich auf der Welt beſitze.“ Bald jedoch wendete ſich die Sache zu Ungunſten der Anklägerin. Der König hatte ſeine beiden Miniſter von der ihnen angeſchuldigten Verſchwörung in Kenntniß geſetzt und ihnen aufgegeben, ihre Unſchuld durch genügende Beweiſe darzuthun. Jene aber erklärten die gegen ſie gerichtete Anklage für die abſcheulichſte Verleumdung und drangen in ihrer gerechten Entrüſtung darauf, daß Frau von Blasſpiel ihre furchtbare Beſchuldigung überzeugend beweiſen möge. Nun begann die heimlich geführte Unterſuchung, welche dem Generalfiskal Katek übertragen wurde. Dieſer Mann hatte anfänglich eine Zeitlang die Rechtskunde ſtudirt, dann aber die Univerſität mit dem Kriegerſtande vertauſcht und war vom gemeinen Grenadier plötzlich zum Generalfiskal ernannt und erhoben worden. Dieſes außerordentliche und bisher unerhörte Emporſteigen verdankte Katek der Laune und dem jähen Aufbrauſen des Monarchen über das Wirken des vormaligen Generalfiscals. Wie ſchon gedacht worden, hatte der König den Gebrauch baumwollener Waaren in ſeinem Lande verboten und ſeinen Generalfiskal mit der ſtrengſten Ueberwachung dieſes höchſt ſonderbaren und ſchäd⸗ lichen Verbots beauftragt. Dieſem ſowohl, wie deſſen Unter⸗ gebenen leuchtete die Unausführbarkeit dieſes königlichen Befehls ſo überzeugend ein, daß ſie in ihren Nachforſchungen nach baumwollenen Erzeugniſſen keinen ſonderlichen Eifer bewieſen. Dieſes Zuwiderhandeln ſeines königlichen Willens erfuhr der Monarch und er verabſchiedete auf der Stelle ſeinen läſſigen Generalfiskal, mit deſſen Amte er den bis⸗ —— 76 herigen Grenadier Katek betraute, welcher dem König eine vortheilhafte Meinung von ſeiner erlernten Rechtskunde bei⸗ zubringen verſtanden hatte. Für die ihm gewordene hohe Gnade ſuchte Katek dadurch ſich dankbar zu beweiſen, daß er mit eben ſo großer Strenge als Unverſchämtheit ſein Suchen nach baumwollenen Stoffen bei Vornehm und Gering bis in die geheimſten Schlupfwinkel ausdehnte und für alle Fa⸗ milien zu einer wahren Geißel ward. Einem ſolchen Manne fiel es nicht ſchwer, die Frau von Blasſpiel in mannigfache Widerſprüche zu verwickeln und in Verwirrung zu ſetzen. Ueberdieß vermochte die gute Dame keine ſchlagenden Beweiſe irgend einer Art für ihre ſchwere Anklage herbeizuſchaffen, ſo daß dieſelbe zuletzt auf ein bloßes Hörenſagen hinauslief, welches irgend ein bös⸗ williger Menſch über des Königs vertrauteſte Miniſter in Umlauf geſetzt hatte. Katek ging ſo weit, daß er beantragte, Frau von Blasſpiel unter die Folter zu legen, um ſie zum feierlichen Widerruf ihrer Beſchuldigung und zum Geſtänd⸗ niß ihrer Verleumdung zu bewegen. Allein der König ver⸗ ſagte hierzu ſeine Genehmigung; weil aber die ſchwer gekränk⸗ ten Miniſter auf vollkommene Genugthuung und Beſtrafung ihrer Verklägerin drangen, ſo ließ der König dieſelbe als Gefangene nach Spandau abführen. Er ſelbſt begab ſich im vollen Zorne zur Königin, um ihr ohne alle Schonung die Verurtheilung und das Loos ihrer vertrauteſten Srun zu verkündigen. Die Königin gerieth außer ſich vor Schreck und Mit⸗ leiden. Dieſe Gefühle jedoch wandelten ſich plötzlich in Ent⸗ ſetzen um, als der Königin beifiel, daß Frau von Blasſpiel 77 die koſtbare Abſchrift des Teſtaments in ihrer Verwahrung gehabt hatte, und daß deren ſämmtliches Eigenthum, unter welchem ſich jene Schrift unſtreitig befand, in Beſchlag ge⸗ nommen werden und hierdurch die Teſtamentsabſchrift in die Hände ihrer Feinde gelangen dürfte. Der König hatte den Feldmarſchall von Natzmer mit dem Verſiegeln das der Frau von Blasſpiel zugehörigen Eigenthums beauftragt. Als die Königin davon Kunde erhielt, ſchritt ſie bald rathlos, bald nachdenkend im Zimmer auf und ab. Es war Abend und dunkel geworden. Bei einem ſinnenden Aufblick gewahrte die Königin die Kammer⸗ frau ihrer Tochter Wilhelmine, Frau von Meſſenbach, welche mit angſtvoller Theilnahme ihr Auge unverwandt auf die Königin gerichtet hielt. Da faßte die Königin einen raſchen Entſchluß.„Beate,“ hob ſie an,„kann ich mich auf Eure Verſchwiegenheit und Treue feſt verlaſſen?“ „O En. Majeſtät,“ erwiederte jene mit Innigkeit,„nicht meine Worte, ſondern die Thaten, welche Sie von mir ver⸗ langen werden, ſollen Ihre Frage bejahen.“ „Gut, ich traue Euch, obſchon mein Vertrauen ſchon oftmals bitter getäuſcht worden iſt,“ verſetzte die Königin. „Ich werde einige Zeilen zu Papier bringen und dieſelben tragt Ihr ſo ſchnell wie möglich zu meinem Beichtvater, zu dem hochwürdigen Kaplan Boshardt. Aber Ihr überliefert mein Schreiben keinen anderen Händen als denen des Kap⸗ lans, und werdet Ihr mir von demſelben eine mündliche oder ſchriftliche Antwort hinterbringen, die Ihr andern Seele mittheilt als mir allein.“ 78 Frau von Meſſenbach begab ſich eiligen Schrittes mit dem Schreiben der Königin aus dem Schloſſe. Ihr Weg führte ſie bei dem Rathhauſe vorüber, aus welchem eben die Zuſchauer der Seiltänzerkünſte herauswallten. „Es iſt und bleibt eine gefährliche und, wenn man will, brotloſe Kunſt,“ hörte Frau von Meſſenbach einen Mann zu ſeinem Begleiter ſagen.„Hundert, ja tauſendmal gelingen ſolche halsbrechende Sprünge, aber einmal thut Einer doch einen Fehltritt und dann heißt's gewöhnlich gute Nacht Hals, Kopf oder Knochen.“ „Der junge Burſche von Hanswurſt,“ erwiederte der Andere,„wird ſchwerlich wieder von ſeinem Falle aufſtehen. Er blieb ja wie todt liegen, und als er ſich nach langer Weile ein wenig regte, wimmerte er jämmerlich. Etliche Rippen hat er wenigſtens gebrochen und im glücklichſten Falle bleibt er zeitlebens ein elender Krüppel.“ Da die beiden Männer mit der Frau von Meſſenbach denſelben Weg verfolgten, ſo vernahm dieſe die eben gefalle⸗ nen Reden. Als ſie nach einer Weile bei einem Hauſe, deſ⸗ ſen Hausflur hell erleuchtet war, anlangten, hob der eine Sprecher wieder an:„Hier im rothen Hirſch wohnt die Seil⸗ tänzerbande. Ob ſie den Verunglückten ſchon hierher ge⸗ bracht haben mögen?“ „Vorgeſehen!“ rief eine grobe Stimme im Rücken der königlichen Sendbotin und dieſelbe erhielt einen derben Stoß, der ſie taumeln machte. Er kam von einem Manne her, wel⸗ cher im Verein mit einem andern auf einer Tragbahre einen ſchmerzvoll ächzenden Menſchen trug und mit demſelben jetzt in das Thor des Gaſthauſes einbog. Hier fiel das helle mit dem blaſſen Tode ringendes Kind noch zu erquicken und“ 79 Licht einer großen Laterne auf das Antlitz des Verunglückten und wenig fehlte, daß Frau von Meſſenbach in dieſem Augen⸗ blick vor Schreck zu Boden ſank. „Jeſus! Jeſus!“ ächzte ſie leiſe, indem ſie nach einem Anhalt ſuchte, um ſich auf ihren zuſammenbrechenden Beinen aufrecht zu erhalten,„mein unglückliches Kind! mein Hans!“ Seit jener Nacht, in welcher Frau von Meſſenbach in dem Schloßgeſpenſt ihren Sohn unwiſſentlich gefangen ge⸗ nommen, hatte ſie ihn nicht wieder zu Geſicht bekommen, ſondern nur gehört, daß er nach beſtandenem Eſelsritt fort⸗ gejagt worden und alsbald verſchwunden ſei. Die bisherige Aufführung ihres Sohnes hatte der armen Frau von Meſ⸗ ſenbach tiefen Kummer bereitet und ihr Mutterherz bluten gemacht. Aber ein ſolches vermag die Liebe zu ihrem Kinde, ſelbſt wenn es derſelben ſich unwürdig bezeigt, doch nicht gänzlich aus ſich fort zu drängen. Dieſe Mutterliebe keimt vielmehr wieder kräftig hervor, wenn das mißrathene Kind in eine elende, hilfsbedürftige Lage gekommen iſt, was bei Hans von Meſſenbach der Fall jetzt war. Sollte die Mutter ihren Sohn, der vielleicht im Verſcheiden lag, ohne den letz⸗ ten Troſt ihrer Vergebung aus dem Leben gehen laſſen? Ach, ſchon die Stimme einer Mutter, deren lind anheimelnde Hand, ihre trauliche Nähe vermögen ein ſelbſt im Sterben liegendes, ſeinen letzten bittern Kampf zu erleichtern. Und dieſen letz⸗ ten Liebesdienſt ſollte Frau von Meſſenbach ihrem, wenn ſchon verlorenen Sohne vorenthalten? Iſt nicht die Mutter⸗ pflicht die erſie, heiligſte und darum eine unabweisbare auf der Erde? Für ihre Gebieterin einen Auftrag ausrichten, 80 konnte Frau von Meſſenbach noch oſtmals ermöglichen; wer aber bürgte ihr dafür, daß ihr unglücklicher Sohn noch die nächſte Stunde erlebte? Mußte ſie dann nicht ihr ganzes Leben hindurch die bitterſten Vorwürfe ſich machen, wenn ſie einem Sterbenden, ihrem eigenen Kinde, den letzten Troſt vorenthalten hatte? Auf der anderen Seite ſchwebte ihr das Bild der hart geängſteten Königin, ihrer und ihrer Töchter Wohlthäterin, vor den Augen. Hatte ſie derſelben nicht erſt in dieſer Stunde eine unverbrüchliche Treue und Dienſter⸗ gebenheit angelobt? ihr Sohn Hans dagegen ſich ſeit ge⸗ raumer Zeit ſchon nicht mehr um ſeine Mutter und Schwe⸗ ſtern gekümmert? Was fiel ſchwerer in die Wagſchaale der Gerechtigkent, der pünktliche Gehorſam gegen eine hohe Wohl⸗ thäterin, der ſie nebſt ihren Töchtern die Errettung von der Zuchthausſtrafe und aus dem bitterſten Elende verdankte, oder die Liebe für ein Kind, das ihr bisher nur Schmerz und Kummer bereitet und der mütterlichen Zärtlichkeit un⸗ würdig ſich bewieſen hatte? Der Mutter ſtiller Kampf mit ſich ſelbſt war kurz aber hart. Ihren Sohn dem göttlichen Erbarmen anbefehlend, eilte ſie mit blutendem Herzen davon und in die Wohnung des Kaplans Boshardt, den ſie glücklich daheim antraf. „Melden Sie der Königin,“ ſprach der geiſtliche Herr nach dem Leſen der empfangenen Zeilen,„daß ich auf der Stelle deren Auftrag zu erfüllen eile.“ Mit dieſem Beſcheid begab ſich die Botin hinweg und in das Schloß zurück, wo ſie von der Königin mit fieberhafter Ungeduld erwartet wurde. Beide Frauen, die Königin und deren Dienerin, verbrachten die nächſten zwei Stunden in — 81 der größten Unruhe. Jene in Ungewißheit über die Teſta⸗ mentsabſchrift, dieſe über das Schickſal ihres Sohnes, zu deſſen Schmerzenslager ſie noch nicht zurückkehren durfte. Endlich ward der Königin die Ankunft ihres Beichtvaters gemeldet und derſelbe ſofort vorgelaſſen. Faſt bis zur Thürſchwelle eilte ihm die Fürſtin entgegen und begrüßte den Eintretenden mit der haſtigen Frage: „Haben Sie? Iſt es Ihnen gelungen?“ „Ja, Ew. Majeſtät,“ antwortete der Kaplan.„Ich zeigte dem Herrn Feldmarſchall von Natzmer die Zeilen von der Hand Ew. Majeſtät vor, und dieſer eifrige Diener des Königshauſes fürchtete keine Untreue gegen ſeinen königlichen Herrn zu begehen, wenn er Ew. Majeſtät zuſtellen läßt, was allerhöchſt derſelben Eigenthum iſt. Er ſuchte und fand unter den Sachen der Frau von Blasſpiel das von Ew. Majeſtät gewünſchte Papier und,“ der Kaplan zog die Schrift unter ſeiner Bruſtbedeckung hervor,„händigte mir es ein, wie ich daſſelbe gegen Ew. Majeſtät thue.“ Die Hand der Königin zitterte vor Freude, indem ſie das Teſtament in Empfang nahm und es innig an ihre Bruſt drückte. Nicht minder groß war ihre Dankbarkeit gegen den wackern Kaplan, welcher ſeinen Auftrag eben ſo raſch als glücklich ausgeführt hatte. Warum fragt man mit Recht— die Königin nicht gleich offen mit ihrem Anliegen an ihren königlichen Gemahl ſich wendete und ohne Winkelzüge ihr Eigenthum aus der Verlaſſenſchaft der Frau von Blasſpiel zurückverlangte? Ja, wenn die Königin eine Bürgersfrau geweſen wäre und als ſolche mit ihrem Ehemanne auf vertrautem Fuße gelebt 6 Prinzeſſin und Dienerin. 2 4 2 hätte, dann würde ſie wohl den kürzeſten und geradeſten Weg eingeſchlagen haben. Aber das war nicht der Fall, vielmehr fürchtete die Königin ihren Eheherrn und zitterte oftmals vor deſſen Jähzorn und Strenge, was der Liebe und dem Vertrauen bei der Königin und deren Kindern großen Ein⸗ trag that. Siebentes Kapitel. Hofränke. Es war bereits ſpät und gegen zehn Uhr, als Frau von Meſſenbach endlich ihres Kammerdienſtes ſich enthoben ſah und in ihr Zimmer hinaufſteigen durfte. Sie fand ihre beiden Töchter ſchlafend und mochte ſie durch die Nachricht von dem Wiederfinden und dem Unglücksfalle ihres Bruders nicht erſchrecken und ſtören. Leiſe ſchlich ſie ſich davon und aus dem königlichen Schloſſe, um ihren eiligen Weg nach dem Gaſthofe zum rothen Hirſch anzutreten. Hier angelangt, erfuhr ſie durch ein kleines Geldgeſchenk vom Hausknecht, daß der junge Hanswurſt bei ſeinem unglücklichen Sturze vom Seile zwei Rippen gebrochen und außerdem noch eine Verletzung am Hinterkopf erhalten habe, daß er zwar ver⸗ bunden worden ſei, aber in voller Wundfieberhitze liege und irre rede. „Der Verunglückte,“ ſprach Frau von Meſſenbach,„iſt „ K 83 meiner Schweſter Kind und es mir darum wohl verſtattet, den Kranken zu ſehen?“ „Ei, warum das nicht?!“ verſetzte der Hausknecht, „kümmert ſich doch ohnehin kein Menſch um den armen Hanswurſt!“ Der Hausmann nahm ſeine brennende Stalllaterne und leuchtete der bangenden Mutter voran, die er in den Hof⸗ raum und hier in ein kleines, finſteres Behältniß führte, das ſonſt nichts als das Schmerzenslager des Jünglings und einen Stuhl enthielt. Hier fieberte Hans von Meſſen⸗ bach, ohne daß irgend wer die Bewegungen des Bewußtloſen überwachte oder ihm einen kühlen Trunk verabreichte. Es traf das Sprüchwort:„Wie man ſich bettet, ſo ſchläft man“ buchſtäblich ein. Wie ganz anders und beſſer ürde des Jünglings Lage geweſen ſein, wenn er nicht freventlich die mütterliche Pflege und Hand verlaſſen und von ſich geſtoßen hätte! Wie konnte er geneſen, da niemand zugegen war, der ſein unruhevolles Umherwälzen verhinderte, durch welches der Verband gelockert und das Zuſammenheilen der gebroche⸗ nen Knochen zur Unmöglichkeit wurde? Der Hausknecht hatte ſich wieder entfernt und auf Bitten der Frau von Meſſenbach ſeine Laterne zurückgelaſſen. Nur unſer Herrgott und ſeine Engel im Himmel ſahen und zähl⸗ ten die Thränen, welche jetzt die Mutter über ihren bewußt⸗ loſen Sohn vergoß. Dieſe verbrachte die Nacht wachend an dem Schmerzenslager ihres Kindes, verhinderte deſſen ruheloſes Umherwerfen, benetzte ſeine trockenen, fieberglühen⸗ den Lippen mit friſchem Waſſer und flößte ihm zu wieder⸗ holten Malen einen kühlenden Trank ein, den ſie durch des 6* —— 84 Hausmanns Vermittelung aus der nächſten Apotheke herbei⸗ holen hatte laſſen. Als gegen den Morgen der Kranke end⸗ lich ruhiger wurde und feſter zu ſchlafen ſchien, übertrug Frau von Meſſenbach die Pflege ihres angeblichen Neffen einem Dienſtmädchen und dem Hausknecht gegen eine ver⸗ heißene Belohnung und trat ihren Rückweg nach dem könig⸗ lichen Schloſſe an. Sie gewahrte den erſten Kammerdiener des Königs, Eversmann, nicht, welcher eben ſo früh ſchon das Schloß verließ, wohl aber derſelbe die Kammerfrau der Prinzeſſin Wilhelmine. „Hm!“ ſprach Eversmann zu ſich ſelbſt,„woher mag die Meſſenbach wohl ſchon kommen? Wie perſtört und über⸗ nächtig ſie ausſieht! Ob ſie auf der Königin Geheiß oder auf ihre eigene Fauſt die Nacht auswärts zugebracht hat? Nehmen wir die Frau aufs Korn, die ſich bei der Königin und der Prinzeſſin Wilhelmine ſo unentbehrlich zu machen gewußt hat.“ Frau von Meſſenbach fand ihre Töchter noch ſchlafend und glaubte, daß ihre nächtliche Abweſenheit im Schloſſe nicht bemerkt worden ſei, weil, mit Ausnahme der Wachen, die Hofleute in der Regel große Langſchläfer zu ſein pflegen. Nachdem Helene und Eleonore von Meſſenbach erwacht waren, erzählte ihnen ihre Mutter, unter Anbefehlung des tiefſten Geheimhaltens, das unglück ihres Bruders und fand beide gleich bereit, abwechſelnd ſich der Aufſicht und Pflege deſſelben zu unterziehen. Das war auch höchſt nöthig, in⸗ dem der Director der Seiltänzer, wie deſſen Leute, ſich ganz und gar nicht um den verunglückten Hanswurſt kümmerten, 85 vielmehr arg über deſſen Ungeſchicklichkeit ſchimpften. Die nächſte Sorge der Mutter ging dahin, für ihren Sohn ein freundlicheres und geſünderes Krankenzimmer zu vermitteln, was ihr gegen Bezahlung in dem Gaſthauſe gelang. Eine andere beſtand darin, einen geſchickteren Wundarzt herbeizu⸗ ziehen als derjenige war, welcher den erſten Verband bei dem Jüngling angelegt hatte. Auch das gelang durch die große Macht des Geldes, die in unſeren Tagen wirkſamer iſt als die Pflicht der Nächſtenliebe. Freilich ſchmolz hierdurch die kleine Erſparniß der Mutter bedeutend zuſammen; allein welche Mutter gäbe nicht ihre ganze Habe für die Lebens⸗ rettung ihres Kindes, ſelbſt eines verlorenen, mißrathenen, hin?! Schmeichelte ſich doch auch Frau von Meſſenbach, nach dem Vorbilde des himmliſchen Vaters, ihren Sohn durch Güte zur Buße und Sinnesänderung zu leiten! Um ſo ſchmerzlicher getäuſcht in dieſer frohen Hoffnung ſah ſich die Mutter, als ihr Hans nach wiedererlangtem Be⸗ wußtſein, anſtatt die zärtlich für ihn ſorgende Mutterhand mit Küſſen und Thränen der Reue und der Dankbarkeit zu bedecken, bei dem Anblick der an ſeinem Schmerzenslager ſitzenden Mutter ein trotziges Geſicht zog, die Augen feſt ſchloß und auf die ſanfte Rede der Mutter keine Antwort gab. Nicht freundlicher bewies ſich Hans gegen ſeine Schwe⸗ ſtern, denen er die Urſache ſeines undankbaren und trotzigen Benehmens unumwunden zu erkennen gab. Sonderbar ge⸗ nug ſchieben oftmals die Menſchen die böſen Folgen ihrer ungeſetzlichen Handlungen von ſich auf andere, ganz Un⸗ ſchuldige. So machte es Hans von Meſſenbach, welcher noch immer ſeiner Mutter und älteren Schweſter zürnte, weil dieſe ihn als das ertappte Schloßgeſpenſt feſtgehalten hatten. 3 Welch' ein übler Lohn das für die liebende Mutter war, welche eben ſo freudig als ſicher gehofft hatte, daß ihr Sohn durch den erlittenen Unglücksfall ſowohl, als auch durch ihre aufopfernde Güte zur Beſſerung geleitet werden würde! In ihrer großen Sorge um das gefährdete Seelenheil ihres Sohnes wendete ſie ſich an den Beichtvater der Königin, den Kaplan Boshardt, und bat ihn um ſeinen Beiſtand, den ihr auch der geiſtliche Herr bereitwillig zuſagte. Gleichwie die Kunſt eines Arztes darin beſteht, die Ur⸗ ſache und den Sitz der Krankheit zu erforſchen, und dann die paſſendſten Arzeneien auszuwählen und anzuwenden, ſo hat auch i gleicher Weiſe der Seelenarzt zu verfahren, der aber oft genug mit noch weit größeren Hinderniſſen zu käm⸗ pfen bekommt als der Leibesarzt. Glücklicherweiſe hatte Frau von Meſſenbach den rechten Arzt für ihr ſeelenkrankes Kind gefunden, der nicht durch bittere Vorwürfe und ſchreckliches Strafandrohen ſeinen Seelenkranken nur verſtockter machte und das Kind mit dem Bade bei ihm ausſchüttete, ſondern die Heilung deſſelben am richtigen Orte bei ihm begann. Der Kaplan, der Quelle jener kindlichen Undankbarkeit bei Hans von Meſſenbach nachforſchend, erkannte bald als ſolche die gänzliche Unbe⸗ kanntſchaft des Kranken mit den klarſten, göttlichen Lehren des Chriſtenthumes, in welcher er nach ſeiner Trennung von der mütterlichen Aufſicht aufgewachſen war. Das hierin Verſäumte nachzuholen und Licht in der umnachteten Seele des Jünglings anzuzünden, war des Kaplans zweite Be⸗ 87 mühung, der er ſich in einer väterlich anſprechenden Weiſe unterzog. Dann erſt ging er zu den Pflichten über, welche jeder Menſch gegen ſich ſelbſt, gegen ſeinen Nebenmenſchen und gegen ſeinen Schöpfer, Erhalter und Regierer zu er⸗ füllen hat. Boshardts Religionsunterricht beſtand aber nicht in dem trocknen Vorſagen der Religionswahrheiten allein, ſondern er veranſchaulichte dieſelben durch die Muſterbeiſpiele aus der heiligen Schrift und durch Thatſachen aus dem wirk⸗ lichen Leben. Durch dieſe Lehrweiſe bewahrte er ſeinen Zu⸗ hörer vor Ueberdruß und Langeweile und galt demſelben mehr für einen anmuthigen Erzähler als ſtrengen Sitten⸗ prediger. Langſam, doch um ſo eindringlicher träufelte das Lebenswaſſer der heilbringenden Chriſtuslehre in das an⸗ fänglich ſo ſteinharte Herz des Jünglings, deſſen ſehr lang⸗ ſin vorwärts ſchreitende Heilung gerade für ihn ein Glück zu nennen war, weil dadurch Zeit genug für die Geneſung ſeiner Seele gewonnen wurde. Die allmählig immer ſichtbarer auftretenden Zeichen die⸗ ſer doppelten Beſſerung ihres Sohnes erfüllten das Herz der Mutter mit der reinſten, tiefſten Freude, und auch der würdige Boshardt fühlte das ſelige Entzücken über das Ge⸗ lingen ſeiner Bemühungen, welches der fromme Gellert mit den Worten befingt: O Gott, wie muß das Glück erfreun, der Retter einer Seele ſein! Mit freudig willigem Herzen opferte Frau von Meſſen⸗ bach alle ihre kleinen Erſparniſſe für die Wiederherſtellung ihres Sohnes auf. Hatte ſie ja doch als königliche Kammer⸗ 88 frau keine Sorge für ihre und ihrer Kinder Nothdurft zu hegen! Um dieſe Zeit gerieth die Erzieherin der Pringeſſh Wil⸗ helmine, Fräulein Léti, mit des Königs erſtem Kammerdiener und Liebling, Eversmann, in ein heftig geführtes Wortge⸗ zänk. Vor den Zimmerfenſtern der Prinzeſſin befand ſich eine hölzerne Galerie oder ein Gang, welcher die Schloß⸗ flügel mit einander verband. Dieſer Gang war ſtets voll Unflath und Unreinigkeiten, ſo daß die Vorübergehenden nicht nur einen ekelhaften Geruch zu ertragen hatten, ſondern ſich überdies die Kleider beſchmutzten. Die Schuld dieſer nirgends, am alletletzten an einem Königshofe zu duldenden Ungehörigkeit lag an Eversmann, welcher mit dem Amte eines Kammerdieners zugleich dasjenige eines Schloßwärters bekleidete und die für die Reinhaltung der Schloßräume geſetzten Summen zum größten Theil in ſeine bodenloſe Taſche gleiten ließ. Zu wiederholten Malen hatte die Léti ihn bitten laſſen, beſſer für die Reinigung jener Galerie zu ſorgen, allein immer vergeblich. Endlich ließ ihn die Er⸗ zieherin zu ſich herbei rufen und warf ihm ſeine Nachläſſig⸗ keit und Habſucht in ſo beißenden Ausdrücken vor, daß der von allen übrigen Hofbeamten und Dienern mit der ſchmei⸗ chelhafteſten Auszeichnung behandelte und daher verwöhnte Kammerdiener in den furchtbarſten Zorn verſetzt wurde und die Grobheiten der Léti mit Zinſen zurückgab. „Kehren Sie, Jungfer Grobſack, doch erſt vor Ihrer eigenen Thüre,“ verſetzte Eversmann heftig,„bevor Sie die Naſe in fremde Schmutzhaufen ſtecken. Sie Splitterrichterin, die Sie den Balken in Ihrem Auge nicht merken! Kümmern * 89 Sie ſich doch um das, was zwiſchen Ihren vier Pfählen vor⸗ geht und dann um das, was außerhalb derſelben liegt. Sie wollen eine ſorgſame Erzieherin der Prinzeſſin ſein und ſind blind gegen deren Untergebene, die oft die Nächte außer⸗ halb des Schloſſes zubringen, das Eſſen fortſchleppen und verrätheriſche Heimlichkeiten mit liederlichem Geſindel be⸗ treiben.“ „Wenn Sie dieſe Beſchuldigungen nicht vollſtändig be⸗ weiſen können,“ rief die Léti, bleich vor Aerger,„ſo erkläre ich Sie für den niederträchtigſten Verleumder.“ „Beweiſen?“ lachte Eversmann höhniſch,„alle Leute der Prinzeſſin wiſſen um den Unfug der Meſſenbach, nur Sie allein verſchließen Ihre ſonſt ſo ſtechenden Katzenaugen davor.“ Wenn man bedenkt, daß der Ausdruck„höflich“ von Hof herſtammt und damit bezeichnet werden ſoll, daß an einem fürſtlichen Hofe gemeine und anſtößige Redeweiſen nicht vorkommen, ſo wird man ſich wundern, wie Eversmann, der nächſte und erſte Diener des Königs, ſolcher niedriger Ausdrücke ſich bedienen konnte. Hierin übertraf ihn aber noch die Léti, und hat der Leſer bereits eine Probe geleſen, in welcher gröblichen und gemeinen Weiſe jene mit der ihrer Erziehung anvertrauten Prinzeſſin umging. Solche Per⸗ ſonen, welche ſich gegen höhere Perſonen in ihren Reden zu verſtellen wiſſen, gleichen den Gräbern, die äußerlich ſchön übertüncht, innerlich aber voller Unflaths und Todtenbeine find. Eversmann und die Erzieherin der Prinzeſſin erhitzten ſich in ihrem Wortwechſel dergeſtalt, daß ſie ſich gegenſeitig bei den Köpfen genommen haben würden, wenn man ſie nicht von einander getrennt hätte. Eversmann ſchwor der Léti Rache und er war der Mann, der in dieſer Beziehung ſein Wort hielt. Da er bei dem König in großer Gunſt ſtand, ſo durfte er ſich gegen denſel⸗ ben mehr herausnehmen als jeder Andere bei Hofe. Bald nach jenem Streite mit der Léti hob er zu dem Monarchen mit gleisneriſchem Scheine an: „Haben Ew. Majeſtät ſchon einmal ſich überzeugt, ob und wie die Léti die Prinzeſſin Wilhelmine in unſerm heili⸗ gen Glauben unterrichtet und erzieht, der ja doch allen an⸗ deren Wiſſenſchaften voran ſtehen muß? Wiſſen Ew. Majeſtät, daß der Vater der Léti ein entlaufener Mönch geweſen iſt, welcher ſeiner Tochter ganz andere Begriffe von der Religion gelehrt haben dürfte als die reformirte Kirche von ihren Bekennern verlangt?“ Dieſe klug berechneten Worte fielen auf einen empfäng⸗ lichen Boden und wucherten ſo kräftig, daß der König noch denſelben Abend ſeine Tochter über den Inhalt des Katechis⸗ mus zu examiniren begann. Die Antworten der jungen, zehnjährigen Prinzeſſin fielen ganz befrie igend aus, bis endlich der König das Her⸗ ſagen der zehn Gebote und des Glaubens von der Prinzeſſin zu hören begehrte. Hierbei verwirrte ſich dieſelbe, und an⸗ ſtatt ihr durch einige Worte aus dem Katechismus fortzu⸗ helfen, fuhr der König mit großer Strenge ſeine ſtotternde und verlegene Tochter an, welche hierdurch gänzlich außer Faſſung kam und zu weinen begann. Der König gerieth in einen ungeheuern Zorn, den er ſowohl an ſeiner Tochter als auch an deren Erzieherin, an der Léti, ausließ. Er befahl der Königin, mehr Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Erziehung ihrer Tochter zu verwenden und bei allen Lehrſtunden derſelben gegenwärtig zu ſein. Die über dieſe Strafpredigt ſehr ungehaltene Königin wuſch nun ihrerſeits der Léti tüchtig den Kopf und verbot ihr unter Anderem, im Namen des Königs, künftighin Be⸗ ſuche irgend einer Art anzunehmen, was für die Erzieherin ein Donnerſchlag war. BGleichwie in der Natur ein Donnerſchlag nicht ſofort kurz abbricht, ſondern in des Himmels weiten Räumen ſich fortpflanzt, bis er endlich verhallend ſtirbt: eben ſo verhielt es ſich mit dem vom König ausgegangenen Ungewitter, das erſt die Prinzeſſin Wilhelmine, dann die Königin, hierauf die Léti traf und zuletzt bei der Frau von Meſſenbach endigte. Deren leiblich und geiſtig wiedergeborener Sohn ſollte ſeine doppelte Geneſung durch ſeinen erſten Ausgang feiern, auf welchem ihn ſeine überglückliche Mutter und ſeine Schwe⸗ ſtern begleiten wollten. In dieſer Abſicht hatte Frau von Meſſenbach ihren Dienſt bei der Prinzeſſin einer ihrer Be⸗ rufsgenoſſinnen übertragen und ſtand eben im Begriff, nebſt ihren Töchtern ihre Wohnung im Schloſſe zu verlaſſen, als ein Hofdiener ihr ein Papier überbrachte, deſſen Inhalt, als der letzte Donner des ausgetobten königlichen Ungewitters, betäubend auf die Leſerin einwirkte. Wie die Hefe eines Gifttrankes war dieſer letzte Donner⸗ ſchlag am allervernichtendſten. Von ihm niedergeſchmettert, fiel Frau von Meſſenbach erbleichend in die Arme ihrer Töch⸗ ter, denen ſie mit ſterbender Stimme die Schreckensworte 92 zuhauchte:„Verabſchiedet— ohne den Grund davon anzu⸗ geben— noch heute den Dienſt und das Schloß für immer zu verlaſſen!“ Der Uebergang von einer herzinnigen Freude zur ver⸗ zweiflungsvollen Trauer geſchah zu ſchnell, war zu ſchroff und zu gewaltſam, als daß ſich die arme Frau ſogleich hätte faſſen und beruhigen können. Lange weinten, klagten und erſchöpften ſich die Mutter und die Töchter in Vermuthun⸗ gen über die Veranlaſſung dieſer plötzlichen Verabſchiedung, die ſie in das bitterſte Elend wieder hinauszuſtoßen drohte. Ach, die Hofluft iſt nicht ſelten eine ſehr gefährliche, in wel⸗ cher ein einziges Wort, eine Miene, ein Wink, eine Laune den heitern Himmel mit düſterem Gewölk überziehen kann. Nachdem das Kleeblatt ſich ausgeweint hatte, ſtrebte es, die Spuren davon zu vertilgen, um den ſeiner harrenden Geneſenen, deſſen Pflege und Abwartung der wahre Grund zur Verabſchiedung geweſen, nicht zu erſchrecken und von Neuem krank zu machen. Während Hans von Meſſenbach nach langem Siechthum zum erſtenmale wieder die laue, erquickende Juniluft einſog und über die ihm wiedergeſchenkte Geſundheit ſein lautes Entzücken äußerte, wandelten ſeine Mutter und ſeine Schwe⸗ ſtern an ſeiner Seite mit deſto tieferem Weh im Herzen dahin. Des Jünglings Krankheit hatte die Erſparniſſe ſeiner Mutter rein aufgezehrt. Welch' eine troſtloſe Ausſicht für die arme Frau, die ſich mit ihren Kindern plötzlich wie eine Obdachloſe auf die Straße ausgeſetzt ſah! Als die Aermſten von dem Ausgange zurückgekehrt, un⸗ ter tauſend Schmerzensthränen ihre wenigen Habſeligkeiten in ihrer bisherigen Wohnung zuſammenpackten, erſchien noch⸗ mals der Ueberbringer des verhängnißvollen Abſchiedſchrei⸗ bens, um der bisherigen Kammerfrau den letzten Monats⸗ gehalt einzuhändigen. Stumm zuckte er mit den Achſeln, als ihn Frau von Meſſenbach beſchwor, ihr den Grund ihrer plötzlichen Entlaſſung mitzutheilen, und entfernte ſich dann. Frau von Meſſenbach, mehr aus Sorge für ihre Kinder als für ihre eigene, ſuchte erſt bei der Léti, dann bei der Frau von Rocoule und endlich bei der Königin ſelbſt Gehör zu verlangen, allein überall wurde ſie von der Dienerſchaft mit ſchnöden Worten zurückgewieſen. Nun begab ſich die arme Frau in die Wohnung des Kaplans Boshardt, um durch deſſen Vermittelung eine günſtigere Wendung ihres traurigen Geſchicks zu ermöglichen. Aber der würdige Geiſtliche war verreiſet und wurde erſt in einigen Wochen zurück erwartet. So vereinigte ſich Alles, um die Lage der Frau von Meſſenbach zu einer höchſt traurigen zu geſtalten. Nachdem ſie aber bei Menſchen vergebens um Hülfe nachgeſucht hatte, wendete ſie ſich endlich zu demjenigen, welcher der rechte Helfer in aller Noth iſt und mehr zu thun vermag, als wir von ihm erbitten. Es iſt gut, auf den Herrn vertrauen und ſich nicht ver⸗ laſſen auf Menſchen. Es iſt gut, auf den Herrn vertrauen und ſich nicht verlaſſen auf Fürſten! Achtes Kapitel. Vertrauliche Mittheilungen und deren Folgen. Zu derſelben Zeit, wo Frau von Meſſenbach verabſchiedet wurde, ſiedelte das königliche Ehepaar von Berlin nach Charlottenburg über, wohin ihm auch die Prinzeſſin Wil⸗ helmine und der Erbprinz Friedrich II. folgen mußten. Fräulein Léti blieb in Berlin zurück und Frau von Komcken übernahm deren Stelle bei der Prinzeſſin. Mit großer Betrübniß vermißte dieſe ihre liebevolle Kammerfrau von Meſſenbach und deren Töchter, von denen die jüngere ihre gerngeſehene Spielgefährtin und Geſell⸗ ſchafterin geweſen war. Ihre Fragen über die Urſache ihres Wegbleibens wurden eben ſo wenig genügend beantwortet, als ihre Bitten um ihre Wiederkehr erhört. Dagegen hatte es die Prinzeſſin bei ihrer jetzigen Erzieherin ungleich beſſer als bei der grämlichen Léti. Zudem bewies ſich das könig⸗ liche Ehepaar freundlicher und liebevoller denn jemals gegen ſeine älteſte Tochter. Deren Geburtstag wurde in Char⸗ lottenburg gefeiert; der König gab einen Ball und die Prin⸗ zeſſin erhielt von ihren Aeltern ſchöne Geſchenke. Von Charlottenburg begab ſich der König nebſt ſeiner Familie nach Wuſterhauſen. Die armen Bären mit ihren auf dem Rücken gebundenen Tatzen wunderten ſich, als der von ihnen bewachte Park ſich wieder mit einer bunten Dienerſchaar und mit vornehmen Spaziergängern belebte. Aber das währte nicht lange. Der 95 König fiel wieder in eine heftige Krankheit, in welcher ihm, obgleich die brennendſte Julihitze herrſchte, ohne Aufhören fror, daher in ſeinem Krankenzimmer ſtets ein großes Feuer unterhalten werden mußte. Dabei war das Zimmer von allen Seiten verwahrt und gegen jeden Sonnenſtrahl abge⸗ ſperrt worden. Und an dieſem grauenvollen Orte mußte die kleine Prinzeſſin unausgeſetzt, von früh ſieben bis Abends um zehn Uhr, aushalten, ohne es anders als zur Eſſenszeit verlaſſen zu dürfen! Nicht beſſer war das Schickſal der Kö⸗ nigin, zu deren körperlicher Qual noch die grauſame Un⸗ ruhe über das Schickſal ihrer beiden, in Berlin zurückgelaſ⸗ ſenen Kinder ſich geſellte, welche an der Ruhr gefährlich erkrankt waren. Es war kein Wunder, daß unter den be⸗ ſchriebenen Umſtänden, welche einer wahren Tortur glichen, auch die kleine Prinzeſfin bald erkrankte und von derſelben Seuche befallen wurde, welche damals das ganze Königreich verheerend durchzog und Tauſende von Opfern wegraffte. Die Königin, welche alle Krankheiten etwas gering⸗ ſchätzig behandelte, wollte nicht eher glauben, daß ihre Toch⸗ ter gleichfalls von der Ruhr befallen ſei, als bis bei derſel⸗ ben die Gefahr den höchſten Gipfel erreicht hatte. Faſt ſchon ſterbend wurde die Prinzeſſin nach Berlin zurückgebracht, wo dieſe den Tod ihres zweiten Bruders Wilhelm erfuhr, der an demſelben Morgen geſtorben war. Am neunten Tage nach der Prinzeſſin Erkrankung fürchtete man auch deren Ende, doch ihre gute Natur, im Verein mit der Sorgfalt und Kunſt ihrer Aerzte, rettete ihr Leben, doch mußte ſie noch über ſechs Wochen lang das Bett hüten und konnte erſt, vierzehn Tage nach der Königin Rückkehr aus Wuſterhauſen, gegen das Ende des Octobermonats ihren erſten Ausgang halten. Die arme Prinzeſſin! Sie hatte ihre Léti wieder zur Aufſeherin bekommen und dieſe ſchnarchte neben ihr wie ein Soldat, ſo daß die Prinzeſſin nicht zu ſchlafen und daher auch nicht ſich zu erholen vermochte. Ueberdies ließ es die Leti an Schimpfreden und Schlägen gegen ihre Pflegebe⸗ fohlene nicht fehlen, daher dieſe ganz ſchwermüthig ward. Eine ſolche Behandlung, verbunden mit der zurückgebliebe⸗ nen Schwäche, zog der Prinzeſſin die Gelbſucht zu, die nach wenig Tagen in ein gefährliches Fleckfieber ausartete. Wohl jede andere Mutter würde jetzt das Bett ihres gefährdeten Kindes nicht verlaſſen und aus deſſen unaufhörlichen Irre⸗ reden erkannt haben, welcher liebloſen, harten und einer Königstochter ganz unwürdigen Erzieherin ihre Tochter bis⸗ her anvertraut geweſen war. Aber für eine Königin ſchickte ſich, wenigſtens damals, eine ſolche bürgerliche Tugend der Mutterliebe nicht, wiewohl der König und die Königin, als die Todesgefahr am höchſten geſtiegen war, des Abends um ſechs Uhr an das Bett ihrer Tochter traten und unter tau⸗ ſend Schmerzensthränen der Bewußtloſen das letzte Lebe⸗ wohl ſagten. Die Kranke blieb für die älterliche Verzweif⸗ lung, für alle Thränen und Klagen taub und nur eine matte Bewegung des kleinen Herzens verrieth, daß noch ein Lebens⸗ fünkchen in demſelben glomm. Doch ein höheres Auge wachte über der Kranken. Die Kriſis, in welcher dieſelbe lag, ver⸗ lief günſtig, und gegen Morgen kam der Kranken ein ſchwa⸗ ches Bewußtſein ihrer ſelbſt zurück, das zugleich von einer Verminderung des Fiebers begleitet war. 97 Als die Prinzeſſin wieder ſprechen konnte, kam der König zu ihr und befahl ihr, aus großer Freude über ihr Beſſer⸗ befinden, ſich bei ihm eine Gnade auszubitten. Es mag der jungen Prinzeſſin nicht als Eitelkeit aus⸗ gelegt werden, daß ſie ſich die Gnade erbot, nicht mehr als kleines Kind behandelt und gekleidet zu werden, ſondern als eine erwachſene Perſon, welche ſie in mancher Hinſicht und namentlich an Geiſteskräften übertraf. Der König geſtand dieſe Bitte zu, welche jedoch bei der königlichen Mutter einen großen Unwillen hervorrief. Jedenfalls hatte die Prinzeſſin, welche die ihr von der Léti zugefügten Mißhandlungen ihrem königlichen Aeltern nicht entdecken mochte, durch ihre Bitte nur jener üblen Behandlung entgehen wollen, was ſich jedoch als eine ganz irrige Vorausſetzung und als bitter getäuſchte Hoffnung erwies. Volle ſechs Monate hindurch hatten die Krankheiten der Prinzeſſin gedauert, ſo daß dieſe erſt zu Anfang des Jahres 1720 ihre Zimmer verlaſſen konnte. Zugleich begannen, um das Verſäumte nachzuholen, die Lehrmeiſter der noch ganz kraftloſen Prinzeſſin ſchon früh um acht Uhr ihren Un⸗ terricht und ſetzten denſelben, mit Ausnahme der Eſſenszeit, bis Abends zehn Uhr fort. Welch' ein verkehrtes Gebahren und welche Marter für ein ſchwaches, noch nicht elfjähriges Kind! Nach drei Monaten verreiſ'te der König, mit welchem die Königin wegen der Beſtrafung ihrer Freundin von Blas⸗ ſpiel ſich noch nicht wieder ausgeſöhnt hatte, und jetzt er⸗ achtete es die Königin für Zeit, ihrer älteſten Tochter Wil⸗ helmine alle die Perſonen vorzuzählen und zu nennen, welche Prinzeſſin und Dienerin. 7 ſie für ihre Feinde hielt. Die Zahl derſelben war ſehr groß, und die Königin verbot ihrer Tochter, mit dieſen ihren Fein⸗ den Umgang zu nehmen, ja, wenn ſie an den Hof kämen, mit ihnen ein Wort zu ſprechen. Es wäre hinreichend, ſagte die Königin, dieſen ihr feindſeligen Perſonen eine ſtumme, kalte Verbeugung zu machen, jedoch ſollte die Prin⸗ zeſſin ſich hüten, dieſes Verbot, als von ihrer Mutter aus⸗ gehend, zu erwähnen. Prinzeſſin Wilhelmine, in großer Furcht und pünctlichem Gehorſam gegen ihre Aeltern erzogen, gehorchte dieſer An⸗ weiſung buchſtäblich und zog ſich hierdurch in der ganzen Stadt den Ruf einer ſtolzen, hochmüthigen und keine Lebens⸗ art beſitzenden kleinen Perſon zu. Als die Prinzeſſin eines Tages bei ihrer Mutter war und dieſe liebkoſete, ſagte die Königin:„Höre, liebe Wil⸗ helmine, ich habe beſchloſſen, Dich bald zu mir und unter meine alleinige Obhut zu nehmen; allein ich fordere dagegen auch mancherlei Dinge, in denen Du mir den Willen thun mußt. Geſtehe mir zunächſt ein, vb Du nicht der Léti jeden Abend wieder erzählen mußt, was Du in meinen und des Königs Zimmern gehört oder geſehen haſt?“ Dieſe Frage mußte die Prinzeſſin bejahen. „Kann ich mich darauf verlaſſen,“ fuhr die Königin fort, „daß Du Niemandem wieder ſagen wirſt, was ich Dir jetzt anvertrauen werde?“ Nachdem die Prinzeſſin die Verſicherung der unverbrüch⸗ lichſten Verſchwiegenheit gegeben hatte, erzählte ihr die Kö⸗ nigin die dem Leſer bereits bekannte Geſchichte von der Blas⸗ ſpiel und malte zugleich den Fürſten von Anhalt und den 99 General von Grumkow als ihre ärgſten Widerſacher ab. Zum Schluſſe ihrer Mittheilung ſagte ſie noch, daß die Prin⸗ zeſſin der Léti nicht trauen ſollte.„Ich weiß nur zu gut,“ ſprach ſie, daß die Léti von dem Prinzen von Anhalt ge⸗ wonnen und beſtochen iſt, daß ſie Dich unanſtändig behandelt und oftmals ſchlägt. Geſtehe mir die Wahrheit, ob es nicht ſo iſt?“ Die Furcht vor der Léti und die große Güte der Prin⸗ zeſſin bewirkten, daß dieſe, mit Verleugnung der Wahrheit, die Frage ihrer Mutter verneinte. „Du biſt noch zu jung,“ fuhr die Königin fort,„um die Ränke der Léti zu bemerken, aber ihre Mißhandlungen kannſt Du nicht ableugnen. Hat ſie Dich vor einiger Zeit nicht mit der Fauſt ins Antlitz geſchlagen, daß Du überall bluteteſt, das Fieber bekamſt und deswegen einige Wochen lang das Zimmer hüten mußteſt?“ Das Alles war wirklich geſchehen. Dennoch ſtellte es die Prinzeſſin in Abrede, ſo groß war ihre Furcht vor der Léti und klein ihr Vertrauen auf den Schutz ihrer Mutter. Die Königin ſchloß endlich ihre Rede mit den Worten: „Wenn Dich die Léti wieder fragt, was in meinen und des Königs Zimmern vorgegangen iſt, ſo antworteſt Du ihr geradezu, daß Du das Klatſchhandwerk nicht mehr betreiben wollteſt, und daß es Dir nicht zukäme, das, was zwiſchen Deinem Vater und Deiner Mutter vorfiel, auszuplaudern.“ Kaum daß die Prinzefſin des Abends in ihr Zimmer zurückgekehrt war, ſo ließ ſie die Léti neben ſich auf eine Bank niederſetzen, die mit zwei Stufen zwiſchen einer Fen⸗ ſtervertiefung angebracht war. Hier fragte ſie ihre Pfleg⸗ 7* 100 befohlene nach den Neuigkeiten des Tages. Die Fragerin nicht zu erzürnen, verſetzte die Prinzeſſin, ſie habe den gan⸗ zen Tag über gearbeitet und daher nicht Acht darauf gegeben, was um ſie vorgefallen wäre. Was hierauf die Léti einer königlichen Prinzeſſin ant⸗ wortete, wird der Leſer kaum glauben wollen; aber dieſe Antwort iſt buchſtäblich aus der eigenhändigen Lebensbe⸗ ſchreibung der Prinzeſſin Wilhelmine entnommen und zeigt, daß nicht alles Gold ſei, was glänzt, ſo wie auch, daß das Loos der Fürſtenkinder nicht immer ein beneidenswerthes genannt werden könne. „Sie ſind,“ antwortete die Léti,„ein großer Eſel und ein eben ſolches(béte) Vieh wie Ihre Mutter; Sie ſchlagen nicht aus der Art. Ich weiß recht gut, was vorgefallen iſt, und daß Sie gar nicht ſo viel zu thun gehabt haben, als Sie vorgeben. Beichten Sie alſo nur oder ich werde Sie zum Reden zu bringen wiſſen.“ Die Prinzeſſin in ihrer Bedrängniß zitterte wie ein Espenlaub. Was ſollte ſie thun? Der Léti gehorchen oder ihrer Mutter, welcher ſie erſt kurz vorher den unbedingteſten Gehorſam angelobt hatte? Der letztere behielt nach kurzem Kampfe die Oberhand und die Prinzeſſin ertheilte ihrer Er⸗ zieherin die ihr von der Königin in den Mund gelegte Antwort. Ein Platzregen von Ohrfeigen und Fauſtſchlägen war die raſche Folge davon. Die Leti, außer ſich vor Wuth und Rachſucht, wußte nicht mehr, was ſie that, indem ſie die Prinzeſſin mit Gewalt von der Bank herab warf und hierauf davon ging. 101 Die arme Prinzeſſin, dieſer kindliche Märtyrer, fiel hart genug, ſo daß ſie etliche Beulen davon trug. Noch übler waren Arme und Antlitz daran, blau und blutig von den erhaltenen Schlägen. Angſt und Schrecken verhinderten ſie am raſchen Aufſtehen. Durch ihr lautes Wehgeſchrei wur⸗ den ihre Kammerfrauen herbeigerufen, von denen die Eine die Amme der Prinzeſſin geweſen war und darum noch eine große Anhänglichkeit für dieſelbe beſaß. Nachdem ſie ihrem ehemaligen Säuglinge die erforderliche Hülfe geleiſtet hatte, ſuchte ſie die Léti auf, um ihr über die Mißhandlung der Prinzeſſin bittere Vorwürfe zu machen und ſie zugleich zu bedrohen, daß, wenn ſie ſo fortführe, ſie die Königin davon benachrichtigen würde. Als die Léti das über und über blutrünſtige Geſicht der Prinzeſſin erblickte, ward ihr ſelbſt angſt. Sie badete des⸗ halb die ganze Nacht hindurch die blutigen Striemen mit Wundwaſſer und log am andern Tage der Königin vor, daß ihre Tochter einen ſchweren Fall gethan habe, welches zu be⸗ kräftigen die arme Prinzeſſin ſchwach genug war. Warum— fragt man wieder— die Königin eine Perſon nicht aus ihren Dienſten entfernte, von welcher ſie wußte und bemerken konnte, wie ſehr ſie die Prinzeſſin mißhandelte? Ach, wer da glaubt, daß gekrönte Häupter Alles machen dürften, was ihnen beliebt, und daß ſie auf nichts Rückſicht zu nehmen hätten, der irrt ſich ſehr. Die Léti war von einem Fräulein von Kielmannsegge, welche ſich ſpäter mit dem Lord Arlington verheirathete, der Königin als Erzieherin ihrer Tochter Wilhelmine empfohlen worden. Nun war es der Königin heißeſter Wunſch, daß 102 die Letztere einſt die Gemahlin des engliſchen Königsſohnes, des Herzogs von Gloeeſter, werden möchte. Sie fürchtete aber, daß, wenn ſie die Léti verabſchiedete, ſie dadurch deren Beſchützerin, die Lady Arlington, beleidigen und dieſelbe, welche großen Einfluß bei dem engliſchen König beſaß, jene beabſichtigte Heirath hintertreiben würde. Aus dieſem Grunde durfte die Leti ungeſtraft die Prinzeſſin ferner miß⸗ handeln und würde ſolches noch lange fortgeſetzt haben, wenn ſie ſich nicht ſelbſt die Grube gegraben hätte. Seitdem die Léti, in Folge der erzählten Katechismus⸗ geſchichte, keine Beſuche mehr annehmen durfte und ihr Un⸗ terricht von der Königin überwacht wurde, gefiel es ihr gar nicht mehr in ihrer Stellung. Sie ſchrieb daher an die Lady Arlington nach England und bat ſie, ihr entweder de⸗ Titel und die Vorrechte einer Hofmeiſterin am preußiſchen Hofe, oder, dafern dies nicht anginge, eine ſolche Stelle bei den engliſchen Prinzeſſinnen zu verſchaffen. Lady Ar⸗ lington antwortete hierauf in einem Briefe, welcher aus⸗ drücklich ſo beſchaffen war, um der preußiſchen Königin vor⸗ gezeigt zu werden. Derſelbe enthielt große Verſprechungen über eine Anſtellung der Léti in England und drückte zugleich das größte Erſtaunen aus, daß eine Perſon von ſo ausge⸗ zeichneten Verdienſten und Fähigkeiten, wie ſie, auf ſo nie⸗ drigem Fuße behandelt würde. Sie ſollte der Königin ihre Bedingungen vorlegen und, wenn dieſe nicht angenommen würden, nach England kommen, wo ſie bald ihre in Berlin aufgegebenen Vortheile verdoppelt wiederfinden würde. Dieſes Schreiben ſchickte die Léti der Königin zu und begleitete daſſelbe mit einem Briefe des unverſchämteſten 103 Inhaltes, in welchem ſie unter Anderem einen Platz an der königlichen Tafel beanſpruchte und im Falle der Nichtan⸗ nahme ihrer Forderungen auf ihren Abſchied drang. Ueber dieſen Brief der Léti gerieth die Königin in einen ebenſo großen als gerechten Zorn. Sie würde jener den begehrten Abſchied ſofort ertheilt haben, wenn ſie nicht, wie ſchon geſagt, den Einfluß der Lady Arlington gefürchtet hätte. Daher ließ ſie der Léti durch mehrere Perſonen von ihren Forderungen abrathen, da dieſe aber eigenſinnig darauf beſtand, ſo beſchloß die Königin, den Brief dem Könige vor⸗ zulegen. Bevor ſie ſolches that, ſprach ſie mit ihrer Tochter, der Prinzeſſin Wilhelmine, über dieſe Sache und fragte ſie, ob ſie nicht recht froh ſein würde, die Léti los zu werden? Die arme Prinzeſſin, welche bei einer anderen Erzieherin aus dem Regen unter die Traufe zu kommen fürchtete, ge⸗ rieth in Verzweiflung und beſchwor knieend ihre Mutter um die Belaſſung der Léti in deren Stellung. Sie hörte nicht eher mit Weinen und Flehen auf, als bis die Königin ihr den Willen unter der Bedingung zu thun verſprach, daß ſie binnen vierundzwanzig Stunden die Léti von deren Anfor⸗ derungen abwendig mache. Nun wiederholte die Prinzeſſin ihre Bitten und Liebkoſungen bei der Léti, die jetzt vielleicht ſelbſt froh war, auf gute Manier von ihren Forderungen abſtehen zu können, und darum ſcheinbar durch das Flehen der Prinzeſſin ſich erbitten ließ. Aber die gute Zeit der Prinzeſſin, welche dieſem Auftritt folgte, dauerte von Seiten der Léti nur vierzehn Tage lang, dann erneuerte dieſe wieder ihre Fauſtſchläge und Mißhand⸗ lungen mit verdoppelter Wuth und nach wenig Monaten auch 104 ihre alten Anforderungen. Frau von Rocoule, die Ober⸗ hofmeiſterin der Prinzeſſin, war gerade zugegen, als die Königin das Schreiben der Léti mit deren Anſprüchen erhielt. „Wie können Sie,“ ſagte dieſe Dame, nachdem ſie den Inhalt des Briefes geleſen hatte,„noch länger anſtehen, der Léti den Abſchied zu geben? Iſt es denn Ew. Majeſtät un⸗ bekannt, wie ſie die Prinzeſſin behandelt? Es ſoll mich nicht wundern wenn man dieſelbe Ihnen nächſtens mit zerbroche⸗ nen Rippen oder zerſchlagenen Armen und Beinen herbei⸗ bringt. Das arme Kind leidet ein wahres Märtyrerthum, und zum Beweiſe meiner Rede fragen Ew. Majeſtät die Kam⸗ merfrauen der Prinzeſſin, welche meine Worte beſtätigen werden.“ Die herbeigerufenen Kammerfrauen geſtanden auf Be⸗ fragen die Wahrheit ein und entſchuldigten ihr bisheriges Schweigen mit der Furcht, welche ihnen die Drohungen der Léti eingejagt hätten. Als der König durch ſeine Gemahlin die Kenntniß von der ganzen Aufführung der Léti und deren ſchamloſen For⸗ derungen erhielt, wollte er ſie in ſeiner erſten Aufwallung auf die Feſtung ſchicken. Das geſchah nun zwar nicht, jedoch bekam ſie ſofort mit ihrem Abſchied zugleich das Verbot, je⸗ mals vor dem König ſich wieder blicken zu laſſen. Die Prinzeſſin empfing dieſe Nachricht unter heißen Thränen. Sie vergalt die vielen Mißhandlungen und Quälereien ihrer bisherigen Erzieherin damit, daß ſie der⸗ ſelben ſchenkte, was ſie im Blut und Leben beſaß und das ſich bis auf die Summe von Fünftauſend Thalern belief. 205 Später erſt erkannte ſie, welch' eine große Wohlthat ihr durch die Verabſchiedung der Léti zu Theil geworden war, inde 3 ihre neue Erzieherin, ein Fräulein von Sonnsfeld, gerad— als das Gegentheil der vorigen ſich auswies. Reuntes Kapitel. Zurückgezogenheit. In einem kleinen, niedrigen Stübchen, welches demjeni⸗ gen beim Anfange dieſer Erzählung beſchriebenen ähnelte, nur daß es reinlicher gehalten und etwas beſſer ausgeſtattet war, ſaß Frau von Meſſenbach mit ihren beiden Töchtern Helene und Eleonore. Alle drei näheten ſo fleißig, daß ſie nur ſelten ein Wort von ſich hören ließen. Ein ſolcher Fleiß war auch nöthig, weil Frauenarbeit ſchlecht bezahlt wird und ſchon damals der Unterhalt in Berlin theurer war als anderwärts. Frau von Meſſenbach hatte ſehr abgemagert und in Folge des anhaltenden Sitzens eine ſehr bleiche Ge⸗ ſichtsfarbe angenommen. Auch ihre beiden Töchter drückte keine Fleiſchesfülle und deren Wangen mangelte gleichfalls die Roſenblüthe der Jugend und Geſundheit. Dennoch war in den Mienen aller drei keine Spur von Kummer oder Unzufriedenheit zu entdecken und der Mutter Blick zeugte von einer tiefinnigen Gemüthsruhe, während die Augen der Töchter beim Erheben von der Arbeit einen faſt Glanz ausſtrahlten. 106 . Vor dem einzigen Fenſter des Hinterſtübchens ſtanden eeinige Blumenäſche, in deren Erde Eleonore etliche Erbſen — ec t hatte, deren zarten, grünen Keime die braune Erd⸗ 3 zu durchbrechen begannen. Es war zu Anfang des Aprilmonates 1721. Auf den hohen Brandmauern, welche die Wohnung der Familie auf allen Seiten umgaben und nur während weni⸗ ger Stunden des Tages dem Sonnenlicht einen Zugang verſtatteten, ſömmerte ſich eine Spatzenſchaar, deren fröh⸗ liches, den Frühling begrüßendes Zwitſchern, bei aller ſeiner Eintönigkeit, das Menſchenherz ergötzt und weit macht für die kommenden Reize des Lenzes. „Gott Lob,“ hob Frau von Meſſenbach an,„daß end⸗ lich der böſe Winter Abſchied genommen hat. Den größten Theil des Arbeitverdienſtes mußte man in den Ofen ſtecken und an das Brennöl verwenden. Dennoch nahm Einen der Froſt ein und die Dunkelheit wollte nur in einem kleinen Unkreiſe weichen. Ein Glück, daß wir Alle geſund geblie⸗ ben ſind, wiewohl mir für unſern Hans nicht wenig bangte. Der arme Junge! Er hatte es noch ungleich ſchlimmer als wir, die wir ruhig am warmen Ofen ſitzen konnten, während er in theils kalten, theils überhitzten Zimmern bald frieren, bald ſchwitzen und den giftigen Farbendunſt einathmen theilen und ſogar die Nächte hindurch arbeiten.“ „Ich habe mich ſchon längſt im Stillen gewundert,“ verſetzte Helene,„daß Hans ſo lange bei ſeinem Malerherrn aushält. Ehemals liebte er die Veränderung mehr als ihm gut war.“ mußte. Jetzt zur Ausziehezeit möchte er ſich lieber gar zer⸗ 107 „Das hat ſich geändert,“ entgegnete die Mutter,„ſeit⸗ dem ihn der liebe Herr Kaplan Voshardt auf beſſere Wege gebracht. Dafür danke ich ihm noch im Grabe.“ „O Mutter!“ rief Eleonore aus,„erinnern Sie ſich noch der Zeit, wo ich und Helene als verkleidete Bären auf dem Seile tanzen und Sie dazu trommeln und pfeifen mußten?“ Der Mutter Auge verdüſterte ſich. „O oft denke ich daran,“ erwiederte ſie,„und wenn ich zuweilen in der Gegenwart unzufrieden oder muthlos werden will, vergleiche ich unſer jetziges kleines Glück mit dem gro⸗ ßen Elend jener Zeit und preiſe dann ſtets Gottes Güte, die uns jener fürchterlichen Lage entriſſen hat.“ „Das verdankten wir hauptſächlich der kleinen Prin⸗ zeſſin Wilhelmine,“ ſprach Helene erkenntlich.„Wie es ihr ergehen mag?“ „Uebel gewiß,“ antwortete Eleonore,„ſo lange ſie in den Händen der abſcheulichen Léti iſt. Ich möchte nicht mit ihr tauſchen, obſchon ſie alle Tage aus vier Schüſſeln zulangen und ſich in Sammt und Seide kleiden darf.“ „Reichthum und vornehmer Rang machen nicht immer glücklich,“ bemerkte Helene,„und daß das Hofleben nicht das beneidenswertheſte ſei, haben wir ſelbſt erfahren. Eins hackt dort auf das Andere und ſtellt ſeinem Vordermann ein Bein, daß er darüber zum Fallen kommt.“ „Ja,“ ſagte Eleonore traurig,„wir ſind auch dort zu Falle und nicht wieder auf die Beine zu ſtehen gekommen.“ „Ei, möchteſt Du lieber noch bei den Fleiſchtöpfen Aegyp⸗ tens und in der Knechtſchaft ſitzen,“ rief Helene aus,„als 108 bei unſerm Waſſergrütze, den wir im Frieden und in der vollen Freiheit verzehren dürfen?“ „Das nicht,“ erwiederte Eleonore,„aber gern wäre ich noch um die liebe Prinzeſſin, die ſo gut war und der wir ſo viel verdanken. Und ach, was wird unſer Petz in Wu⸗ ſterhauſen machen? Ob er noch am Leben ſein und uns ken⸗ nen wird?“ „Ich bitte Dich, Eleonore,“ ſprach Frau von Meſſen⸗ bach,„daß Du in meiner Gegenwart nicht davon ſprichſt, was mich an die traurigſte Zeit meines Lebens erinnert und mich mit großem Weh erfüllt.“ „Vergeben Sie mir,“ bat Eleonore,„ich habe es wirk⸗ lich nicht böſe gemeint.“ Es folgte nun eine lange Pauſe des Schweigens, in welcher die Nähnadeln deſto flinker ihre Arbeit verrichteten. Plötzlich vernahm man gewichtige Tritte draußen auf der hölzernen Stiege. „Sollte das ſchon unſer Hans ſein?“ fragte die Mutter und ihr ſanftes Auge erglänzte bei dem Gedanken an ihren wiedergefundenen Sohn. „Ich glaube nicht,“ erwiederte Helene,„denn unſer Hans hat einen leichteren und raſcheren Tritt, zumal wenn er Feierabend hat. Ach, es iſt unſer lieber Molke!“ Der Eintretende war ein Mann in den fünfziger Jahren und von wohlbeleibter Geſtalt. Er trug die Kleidung der königlichen niederen Diener und ein Bündel unter ſeinem Arme, welches neue Arbeit für die nähende Familie enthielt. Sein Antlitz hatte einen biedern, gutmüthigen Ausdruck und ſeine Stimme einen ſchnarrenden Klang. 109 „Gehorſamer Diener, beſte Frau von Meſſenbach,“ be⸗ gann Molke, indem er das R in ſeinen Worten ſcharf be⸗ tonte.„Wie iſt das Befinden? Noch immer ſo fleißig, ſo erpicht aufs Arbeiten?“ „Man muß wohl,“ verſetzte Frau von Meſſenbach,„wenn man von dem kargen Ertrag ſeiner Hände Arbeit mit Ehren beſtehen will. Schönen Dank auch für die gütige Nachfrage. Wie geht es denn Ihnen?“ „Abwechſelnd— gut und ſchlecht,“ erwiederte Molke, „je nachdem der Wind bei uns weht. Ich verſtehe mich ſchlecht darauf, den Mantel nach dem Winde zu hängen, und darum geht mirs manchmal contrair.“ „Ja, denn Sie ſind der Einzige, der ſich nicht verſtellen kann am Königshofe,“ ſagte Frau Meſſenbach,„und der uns, als Alle uns daſelbſt den Rücken zukehrten, nicht ver⸗ leugnet hat. O das thut wohl, wenigſtens einen theilneh⸗ menden Menſchen unter ſo vielen Herzloſen und Falſchen zu finden.“ „St! St! machen Sie mich nicht ſchamroth, Frau von Meſſenbach!“ bat Molke.„Da habe ich auch wieder etwas für Sie zu thun mitgebracht— Leinwand zu einem halben Dutzend Hemden, die Sie ganz nach Ihrem Belieben und bei Gelegenheit nähen können, ſintemal es keine Eile damit hat!“ „Sie ſehen ja heute recht aus, Herr Molke!“ ſprach Helene. „Was macht die liebe Prinzeſſin Wilhelmine?“ fragte Eleonore. „O dieſe befindet ſich wohler denn jemals!“ beantwor⸗ 110 tete Molke die letztere Frage zuerſt.„Und in der That, Fräulein Helene, bin ich heute kreuzvergnügt. Denn— merken Sie wohl auf— der Wind weht heute, wie wir Alle ihn nur wünſchen können— mit Ausnahme einer Ein⸗ zigen. Und dieſe Einzige iſt von dem guten Winde, der bei ihr gar zum Sturm wurde, f— ff— weit fortgeblaſen wor⸗ den und heißt mit dem erſten Anfangsbuchſtaben— Léti!“ Hier rieb Molke vergnügt ſeine Hände gegen einander, indem er ſich an dem Erſtaunen der Mutter und deren Töch⸗ ter weidete. „Wie? die Léti?“ fragte Frau von Meſſenbach un⸗ gläubig.„Sie wäre fort? Unmöglich!“ „Die Léti, Ihre Feindin, die Sie mit Eversmanns Hülfe aus dem Kammerdienſte gemaßregelt hat,“ betheuerte Molke.„Wie ich Ihnen ſage, iſt ſie dieſen Vormittag mit gutem Winde abgeſegelt, hat aber zugleich für Fünftauſend Thaler Ballaſt von der kleinen Prinzeſſin eingeladen und mit ſich genommen. Ja, ſehen Sie, der Krug geht manch⸗ mal ſehr lange zu Waſſer, zerbricht aber endlich doch einmal. Das war die Haupturſache, warum ich jetzt zu Ihnen komme. Nicht wahr, Sie freuen ſich auch über den Sturz Ihrer Feindin?“ „Darüber nicht,“ erwiederte voll Sanftmuth Frau von Meſſenbach,„wohl aber deshalb, daß nun die Prinzeſſin Wilhelmine von ihrer Peinigerin befreit worden iſt.“ „Ja, dieſe kann jetzt ihr oft zerſchlagenes Köpſchen frohen Muthes emportragen,“ ſagte Molke,„ſowie wir Alle um die Prinzeſſin freier Athem holen können. Denn die Léti war ein richtiger Satan, dem Niemand etwas zu Danke machen konnte.“ „Wer wird denn die Stelle der Leti erhalten?“ fragte Helene neugierig. „Scht! das bleibt vor der Hand noch unter uns,“ lis⸗ pelte Molke.„Es iſt ein Fräulein von Sonnsfeld, bei deren Mutter meine Mutter viele Jahre lang als Köchin diente und welcher ich daher nicht ganz fremd bin. Wenn ſichs paßt, werde ich der neuen Erzieherin von dem himmel⸗ ſchreienden Unrecht erzählen, das man Ihnen angethan hat. Vielleicht— man kann nicht wiſſen— hä! hä!— ſteter Tropf höhlet ja ſelbſt den Stein aus— bekommen Sie Ihren Kammerfrauendienſt wieder oder erlangt wenigſtens Fräulein Helene eine Anſtellung bei der Prinzeſſin.“ „Haben Sie herzlichen Dank für Ihre freundliche Ge⸗ finnung,“ ſprach Frau von Meſſenbach.„Mehr noch als eine Wiederanſtellung wünſche ich das Anerkennen meiner Unſchuld und daß ich nur einem ungegründeten Verdacht zum Opfer gefallen bin.“ „Prinzeſſin Wilhelmine wird mich wohl ganz und gar vergeſſen haben?“ hob Elevnore an. „Das glaube ja nicht, mein ſüßes Püppchen,“ verſetzte Molke.„Erſt noch vorgeſtern ſprach ſie von Dir, aber freilich hinter der Léti Rücken. Du hätteſt ſo hübſch zu ſpielen und zu erzählen verſtanden, ſagte die Prinzeſſin.“ Dieſe Worte machten Elevnore vor Freuden erröthen. „Nun aber muß ich fort,“ ſprach Molke,„denn wir müſſen noch der Léti Zimmer in Ordnung bringen. Das 112 nächſte Mal komme ich vielleicht mit einer noch freudigeren Neuigkeit zu Ihnen.“ Nach Molke's Abgange folgte wieder eine längere Pauſe, während welcher Jedes ſeinen ſtillen Gedanken nachhing. „Das iſt unſer Hans!“ rief endlich Helene aus,„das iſt ſein Tritt und Schritt!“ Er war es wirklich, jetzt ein hochaufgeſchoſſener Jüng⸗ ling von einundzwanzig Jahren, an deſſen von vielen Farben vefleckter Kleidung man ſogleich den Stubenmaler erkannte. Er ſah etwas verlegen aus, indem er ſich dem Nähtiſch und den Seinen näherte, welche alle drei ihn mit heiteren Blicken empfingen. „Mutter!“ hob er nach dem Gruße an,„ich— ich habe das Stubenmalen aufgegeben. Der giftige Farbendunſt, die ſtete Feuchtigkeit, in welcher ich arbeiten mußte, und die ſehr angreifende Stellung beim Deckemalen ſind meiner Ge⸗ ſundheit nachtheilig. Bisher habe ich es Ihnen verheimlicht, um Sie nicht in Kümmerniß zu verſetzen. Aber ich wäre gewiß bruſtkrank oder gichtbrüchig geworden, wenn ich län⸗ ger fortgemalt hätte.“ „Dann haſt Du recht gethan, dieſe Kunſt aufzugeben,“ verſetzte die Mutter beſorgt.„Du haſt doch damit nicht zu lange gewartet? Fühlſt Du ſchon Bruſtſchmerzen? Häſt Du Gichtbeulen?“ „O nein, Mutter!“ entgegnete Hans,„ſo weit habe ich es gar nicht kommen laſſen.“ „Zu was wirſt Du Dich nun beſtimmen?“ fragte die Mutter.„Zu welchem Geſchäft fühlſt Du Neigung in Dir?“ 113 „Das Stubenhocken iſt mir zuwider,“ antwortete Hans. „Weit lieber bewege ich mich im Freien und in einem Be⸗ rufe, welcher eines deutſchen Mannes würdig iſt.“ „Erkläre Dich deutlicher!“ bat die Mutter, nicht frei von einem Anflug von Angſt. „Der Oſterzins iſt gefällig,“ ſprach Hans ablenkend, „und Helene und Eleonore bedürfen eines neuen Anzugs für den Sommer. Hier, Mütterchen, ſind dreißig Thaler, die ich entbehren kann. Machen Sie damit, was Sie für gut und nöthig erachten.“ „Dreißig Thaler!“ rief die Mutter, mehr erſchrocken als freudig. Wie kommſt Du zu dieſer großen Summe? Du haſt— Du biſt— „Nun ja,“ ſprach Hans mit einem erzwungenen Lächeln, „ich bin Soldat geworden und die dreißig Thaler ſind mein Handgeld. Freilich, wenn ich eine ſolche Länge beſäße, daß ich zu einem Leibgardiſten gepaßt hätte, ſo würde ich eben ſo viele Hundert Thaler als jetzt einzelne Ihnen haben ein⸗ händigen können.“ „O mein Gott!“ klagte die Mutter außer ſich,„Du haſt Dich verkauft, um uns den Preis für Deine Freiheit geben zu können! Zu dem Miethzins würde auch noch Rath geworden ſein und ebenſo zu einem Sommerkleide für Deine Schweſtern. Ach, was haſt Du gethan, Du Unglückskind!“ „Ich ziehe kein Kleid auf meinen Leib,“ ſprach Helene, „das von dem Blutgeld meines Bruders erkauft iſt.“ „Ich auch nicht,“ betheuerte Eleonore. „Ich habe ja nicht um des Handgeldes willen, ſondern aus Neigung zu dem Soldatenſtande mich anwerben laſſen,“ Prinzeſſin und Dienerin. 8. 114 verſicherte Hans.„Ein Handwerk zu erlernen, bin ich zu alt ſchon. Zu was ſonſt ſollte ich greifen? Ueberdies habe ich noch eine andere Abſicht, die ich als Soldat am erſten ausführen kann“ „Und welche wäre ſie?“ fragte die Mutter. „Wenn ich einmal Schildwache ſtehe,“ verſetzte Hans mit Feuer,„und der König tritt zu mir heran, um mich über dies und jenes zu befragen, ſo werde ich zu ihm ſagen: Majeſtät, ich habe eine Mutter, welche die vortrefflichſte Frau auf der Welt iſt. Sie diente als Kammerfrau bei Ihrer Prinzeſſin Tochter Wilhelmine und dieſe liebte ſie ſehr und mit Recht. Aber die Léti hat ſie verleumdet und aus dem Dienſte gebracht. Majeſtät, Gerechtigkeit! Meine Mutter iſt unſchuldig!“ „Deine Meinung iſt gut, mein Sohn!“ erwiederte die Mutter gerührt,„doch nicht auszuführen. Ueberlaſſe es unſerm Herrgott, Gerechtigkeit auszuüben und das Unebene auszugleichen. Bereits iſt ſein Gericht über meine Feindin, die Leti, gekommen, und weſſen wir werth ſind, wird uns nach Gottes Gnade werden. Ach, mein Sohn, iſt es denn nicht möglich, Deine Uebereilung ungeſchehen zu machen und Dich von den Soldaten wieder loszubringen, wenn Du das 3 Handgeld zurückgiebſt?“ „Nein, Mutter!“ antwortete der Sohn.„Laſſen Sie mir meinen Willen. Einem Edelmann, wie ich bin, ſteht das Kriegshandwerk beſſer an, als das Farbenkleckſen, als das Schuſtern und Schneidern. Warum ſollte ich es nicht bis zum Officier bringen können, wenn ich mich gut auf⸗ führe?“ —— Frau von Meſſenbach mußte ſich in das Unabänderliche fügen und ſpäter im Stillen ſich eingeſtehen, daß ihr Hans in der neuen, ſchmucken Soldatenkleidung weit vortheilhafter ſich ausnahm als bisher in ſeiner farbenfleckigen Jacke. Zehntes Kapitel. Häusliche Zuſtände. Wer da glaubt, daß Kaiſer, Könige und andere Monar⸗ chen aller Sorge und Noth enthoben ſeien, irrt ſich gewaltig. Denn wem viel gegeben iſt, von dem wird auch viel gefor⸗ dert. Ach, die Herrſcherthrone ſind oftmals in keinem Pa⸗ radieſe aufgeſchlagen, und wer da könnte den mächtigen Re⸗ genten in das Herz oder nur in ihr häusliches Leben blicken, würde ſein beſcheidenes Loos dem ihrigen weit vorziehen. Der Vater des großen Friedrich lebte mit ſeiner Ge⸗ mahlin nicht ſtets in dem beſten Einverſtändniß, und darum fehlte ſeinem häuslichen Glück ein gar großes, hoch anzu⸗ ſchlagendes Gut. Seinen Erbprinzen, welcher ſpäter als Friedrich II. Preußens Ruhm und Macht auf eine ſo hohe Stufe erhob, konnte er nicht leiden und ſonach war es kein Wunder, wenn derſelbe auch keine Liebe gegen ſeinen Vater bezeigte und finſter und verſchloſſen ihm gegenüber blieb. Nicht ſelten gerieth der König mit anderen Mächten, beſon⸗ ders mit ſeinem leiblichen Schwager, dem Könige von Eng⸗ land, in ärgerliche Mißhelligkeiten und ſah ſeine Lieblings⸗ 8* 116 entwürfe von Anderen vereitelt, ohne daß er ſeine Herrſcher⸗ macht gegen dieſelbe hätte anwenden dürfen. Endlich geſell⸗ ten ſich zu dieſem Allen noch körperliche Leiden, unter welchen das Podagra eins der ſchmerzvollſten und dauerndſten war. Bei einem ſolchen heftigen Anfalle von Podagra ließen des Königs Unruhe und Ungeduld ihn nicht lange das Bett hüten. Man mußte ihn, mit zwei Krücken verſehen, in einen Rollſtuhl ſetzen und darin, nach ſeinem Befehl, durch die Zimmerreihen ſeines Schloſſes fortbewegen. Durch die Schmerzen in den Beinen ärgerlich und mür⸗ riſch gemacht, erzürnte ſich der König eines Tages über die rückſichtsloſe Offenherzigkeit, mit welcher ſeine jüngere Toch⸗ ter, die Prinzeſſin Amalie, ihrem Vater die Wahrheit ſagte. Anſtatt dieſelbe dafür zu beſtrafen, ſchüttete der König ſeinen Zorn über ſeine Gemahlin aus, welcher er eine üble Kinder⸗ zucht vorwarf. Sodann wendete ſich ſein Unwille gegen die Prinzeſſin Wilhelmine und den Erbprinzen Friedrich, die er bitter ausſchalt und wobei er namentlich den Letzteren mit Schimpfworten überhäufte. Als nun die armen Kinder furchtſam und niedergedrückt das Zimmer ihres Vaters ver⸗ laſſen wollten und bei ihm vorüber huſchten, holte derſelbe mit ſeiner Krücke zum Schlagen aus und würde beide ſchmerz⸗ lich getroffen haben, wenn dieſe nicht es dem harfeſpielenden David vor dem Könige Saul nachgethan hätten und dem ihnen zugedachten Schlage raſch ausgewichen wären. Dieſer Auftritt erſchütterte die nervenſchwache Prinzeſſin Wilhelmine dermaßen, daß ſie ein heftiges Zittern überfiel und ſie vor Kraftloſigkeit ſich niederſetzen mußte. Mit Mühe konnte man eine Ohnmacht von ihr abwehren. Dennoch wurden die beiden Geſchwiſter durch das tröſtende Zureden ihrer Mutter genöthigt, zu ihrem Vater ins Zimmer zurück⸗ zukehren. Bei demſelben war der Zorn eben ſo ſchnell ver⸗ raucht, als er gekommen. Als ſei nichts vorgefallen, fanden ihn die Kinder im kaltblütigen Geſpräch mit ſeinen Officie⸗ ren begriffen. Nicht ſo leicht konnte die Prinzeſſin Wilhelmine das Ge⸗ ſchehene vergeſſen. Sie mußte ſich in die Zimmer ihrer Mut⸗ ter begeben, wo ſie von einer Ohnmacht befallen wurde. „Mein Gott!“ rief die Kammerfrau der Königin aus, „was fehlt Ihrer königlichen Hoheit? Sie ſehen ja fürchter⸗ lich aus!“ 4 ls die Prinzeſſin, nachdem ſie ſich von ihrer Ohnmacht erholt hatte, in den Spiegel blickte, ſah ſie ihren Hals und ihr Geſicht mit rothen Flecken bedeckt. Sie beſaß Zart⸗ gefühl genug, um die üble Behandlung von Seiten ihres Vaters, der außer dem Krückenſchlage, noch vorher mit einem Tellerwurfe nach ſeiner beiden Kinder Köpfe gezielt hatte, zu verſchweigen, und erwiederte blos auf die Frage der Kam⸗ merfrau, daß ſie über etwas heftig erſchrocken ſei. Die rothen Flecken verſchwanden in der Kälte und ka⸗ men in der Hitze wieder zum Vorſchein. Dennoch durfte ſich die arme Prinzeſſin nicht niederlegen, ſondern mußte den ganzen Tag auf den Füßen bleiben. In der Nacht ſtellte ſich ein heftiges Fieber bei ihr ein, ſo daß ſie am folgenden Morgen ihre Mutter um Erlaubniß bitten ließ, das Bett hüten zu dürfen. Welche Mutter würde eine ſolche Bitte unerhört gelaſſen haben? Die Königin! welche die Antwort ertheilte: todt oder lebendig müßte ihre Tochter vor ihr erſcheinen! Hierauf trug man die kranke Prinzeſſin vor die Königin, wo ſie aus einer Ohnmacht in die andere fiel. Dennoch ſchleppte man ſie auch vor den König. Bei demſelben befand ſich deſſen Tochter Amalie, welche, indem ſie ihre Schweſter faſt ſterbend erblickte, erſchrocken zu ihrem Vater ſprach: „Ich beſchwöre Sie, lieber Papa, laſſen Sie meine Schwe⸗ ſter in ihr Zimmer zurückkehren. Sie hat das Fieber und kann ſich nicht aufrecht erhalten.“ „Iſt das wahr?“ fragte der König ſeine kranke Tochter. „Schlimm genug ſiehſt Du aus, aber ich will Dir helfen.“ und er nöthigte die Todtkranke, einen großen i voll alten, ſtarken Rheinweins auszutrinken. Hierdurch wurde die Krankheit auf den höchſten( geſteigert. Die ausbrechen wollenden Pocken traten ji und bald nach dem Genuſſe des Weins redete die Prinzeſſin irre. Demohnerachtet durfte die Kranke nur dann in ihr Zimmer ſich entfernen, nachdem ſie ihrer Mutter hatte ver⸗ ſprechen müſſen, am Abende deſſelben Tages wieder ausgehen zu wollen. Sollte man ſo etwas glauben? In ihrem vollen Kopfputz, der damals thurmähnlich war, legte ſich die Prinzeſſin zu Bett. Schnell genug nahm das Fieber ſo überhand, daß die Kranke ihr Bewußtſein verlor. Der Arzt, anſtatt auf eine zurückgetretene Haut⸗ krankheit zu euriren, erklärte dieſelbe für ein hitziges Fieber und brachte durch verkehrte Arzeneimittel die Prinzeſſin an den Rand des Grabes. Zuweilen bekam dieſe wieder lichte Augenblicke, in wel⸗ chen ſie dann Gott bat, ſie zu ſich zu nehmen. Ihrer in Thränen zerfließenden Hofmeiſterin ſagte ſie:„Warum wei⸗ nen Sie? Die Vorſehung hat mich durch alle die Leiden, welche über mich ergangen ſind, gegen die Welt und deren Freuden gleichgültig gemacht und nun will ſie mir das höchſte Glück, die Seligkeit, gewähren. Ich bin an allem Kummer meiner Mutter und meines lieben Bruders ſchuld. Mein Tod wird ihn beendigen. In dieſem Falle ſagen Sie dem Könige, meinem Vater, daß ich ihn um zwei Dinge bitten laſſe. Einmal, daß er mir ſeine väterliche Liebe wieder⸗ ſchenke, und zweitens, daß er gütiger gegen meine Mutter und meinen Bruder ſei, und ſeinen Unwillen gegen ſie mit mir ins Grab lege. Wer verſagte einem ſolchen Kinde ſeine Hochachtung? Sechsunddreißig Stunden ſchwebte die Prinzeſſin zwi⸗ ſchen Leben und Tod. Dann brachen die Pocken in voller Kraft bei ihr hervor. Sobald man über die Natur der Krankheit im Klaren war, wurde die Prinzeſſin gleich einer Peſtkranken behandelt und gemieden. Die Zugänge zu ihren Zimmern wurden, bis auf einen, verſiegelt und deren Betreten allen Perſonen, die mit dem König und der Königin Umgang hatten, verboten. Man ließ der Kranken nur deren Hofmeiſterin und eine Kammerfrau zur Bedienung, und dieſe beiden wurden gleichfalls als von derſelben Krankheit an⸗ geſteckt betrachtet und geflohen. In einem ungeheizten Zim⸗ mer, wo es, wie die Prinzeſſin ſelbſt erzählt, kalt war, um Steine zu ſprengen, lag dieſelbe, von ihren Aeltern ſowohl wie von aller Welt verlaſſen. Doch nein! ein liebendes Weſen ſaß in der Kälte bei dem Bette der Prinzeſſin, ath⸗ 120 mete den heißen Peſthauch der Pocken ein und verkürzte durch ſeine Gegenwart und Unterhaltung der Kranken die tödtliche Langeweile. Und dieſes liebende Weſen war der kleine, nachmals große Friedrich II., welchen man, weil er früher ſchon die Pocken überſtanden hatte, den Zutritt zur kranken Schweſter verſtattete. Wie dieſe Liebestreue das Geſchwiſterpaar ſo innig mit einander verkettete! Die Königin, welche ſich ihrem kranken Kinde nicht nähern durfte, ließ ſich alle Tage nach deſſen Befinden erkundigen, während der König nur einmal ſeinen Leibarzt Holzen dorf abgeſchickt hatte, um ſich Gewißheit über die Natur der Krank⸗ heit ſeiner Tochter zu verſchaffen. Neun Tage und Nächte hindurch währte die Todesgefahr der Prinzeſſin; dann brach ſich die Macht der Seuche und es beſſerte ſich mit der Kranken, deren Antlitz man für ihre ganze Lebenszeit entſtellt glaubte, was aber keineswegs der Fall war. Ihr aber, liebende Mütter aus dem Volke und Bürger⸗ ſtande, freuet euch, daß keine feſſelnden Rückſichten, wie am Hofe, euch verwehren, eure Kinder zur Zeit der Krankheit und Gefahr ſelbſt zu pflegen und, ſie labend, tröſtend, unter⸗ haltend, an ihrem Lager die Stunden des Tages wie der Nacht zu verbringen. Heil aber auch euch Kindern des Volkes und Bürgerſtandes, daß ihr, in ſtetem vertraulichen, innigen Umgange mit euren Aeltern lebend, in Liebe gleich⸗ ſam mit denſelben verwachſet und durch keinen Wechſel des Geſchicks von einander, wenn auch räumlich, doch nicht vom Herzen, geriſſen werdet! 121 Eilftes Kapitel. Kleine Ueberraſchungen. Der Kronprinz Friedrich II. hatte ſein zwölftes Jahr zurückgelegt. Seine beiden Hofmeiſter waren der Graf von Finkenſtein und der Major von Kalkſtein. Drolliger Zufall, daß zwei Steine mit der Erziehung des künftigen Preußen⸗ königs betraut waren, daher man ſich nicht wundern darf, wenn derſelbe einen feſten Charakter erhielt. Die ſtrenge, ja abſtoßende Behandlung, die er von ſeinem Vater erdulden mußte, hatte ihn verſchloſſen, unfreundlich, ja ſogar zuwei⸗ len widerſetzlich gegen denſelben gemacht, was des Königs Zorn nur noch ſteigerte. Der König hielt ſich nebſt ſeiner Gemahlin und ſeinen Kindern damals in Potsdam auf, während der bei ſeinem Vater in Ungnade gefallene Kronprinz in Berlin zurückge⸗ blieben war. Eines Tages war der König ſehr übel auf ſeinen erſtgeborenen Sohn zu ſprechen. Er drohte, ihn enterben, in den Kerker ſperren, ſeinen Hofmeiſter, den Gra⸗ fen von Finkenſtein, fortjagen und den Erſteren ſo behandeln zu wollen, wie es ein ungehorſamer Sohn verdiene. Der König eiferte in dieſer Weiſe fort, bis er gegen Abend in ſein Tabakscollegium ging, wobei er ſagte, daß er nicht zu Abend eſſen würde. Die Königin, welche ſich nicht frei von Schuld wußte, daß ihr Sohn zuweilen gegen den väterlichen Willen fehlte, gerieth über des Königs Drohungen in große 122 Angſt und befahl ihrer Tochter Wilhelmine, nachdem ſie mit derſelben in ihre Zimmer zurückgekehrt war, dem Kronprin⸗ zen das Vorgefallene zu ſchreiben und ihn dahin zu vermö⸗ gen, daß er in einem Briefe, deſſen Entwurf die Prinzeſſin beifügte, ſeinen Vater um Verzeihung und Wiederverleihung ſeiner Gnade bitte. Da der König nicht wiederzukommen angezeigt hatte, ſo ſaß die Prinzeſſin ruhig am Schreibtiſche und war bei⸗ nahe mit ihrer Aufgabe fertig, als— o Schreck— ſie den König kommen hörte, deſſen ſchweren, dröhnenden Schritt ſie nur allzugut kannte. Zum Glück verlor die Prinzeſſin nicht den Kopf, ſondern verbarg ihren Brief hinter ein chi⸗ neſiſches Käſtchen, das ihr zunächſt auf dem Tiſche ſtand. Die Hofmeiſterin der Prinzeſſin, Fräulein von Sonnsfeld, brachte ſchnell die Federn und das Streuſandfaß in Sicher⸗ heit. Der König war bereits ins Zimmer getreten, ſo daß die Prinzeſſin kaum noch Zeit behielt, um das Tintefaß in ihre Taſche zu ſtecken, in welcher ſie es mit der Hand feſt hielt und ſo vor dem Unſchütten behütete. g Der König näherte ſich ſeiner Gemahlin und richtete, ſeinen vorigen Groll gänzlich in Vergeſſenheit begrabend, einige freundliche Worte an dieſelbe. Dann wendete er ſeine Aufmerkſamkeit dem chineſiſchen Käſtchen zu. „Das Ding iſt ſehr ſchön,“ ſagte er zur Königin,„ich ſchenke es Ihnen.“ Dabei zog er an dem Schlüſſel, ſo daß die Prinzeſſin mit entſetzlicher Angſt den Augenblick nahen ſah, wo der dahinter verſteckte Brief hervorfallen und ent⸗ deckt werden würde⸗ „Doch Frauenliſt geht über Alles, wie ihr wißt—“ In dieſem entſcheidenden Augenblicke zog die vor Schreck halbtodte Königin ihren Gemahl bei Seite und wies auf ihren kleinen Hund, dabei ſprechend:„Sehen Sie doch! meine Tochter hier behauptet, ihr Hund ſei hübſcher als der meinige. Machen Sie doch den Schiedsrichter!“ Der König lachte herzlich und fragte ſeine Tochter, ob ſie ihren Hund ſehr lieb hätte? „O gewiß!“ antwortete die Prinzeſſin,„denn er hat viel Geiſt und Verdienſte.“ Dieſe mehr klug berechnete als geiſtreiche Antwort machte dem König vielen Spaß, ſo daß er die Prinzeſfin wiederholt in ſeine Arme ſchloß, wobei es nicht anders kommen konnte, als daß jene die Hand von dem Tintefaſſe in ihrer Taſche loslaſſen mußte. Damals kannte man noch nicht unſere kleinen, niedlichen Tintefäſſer der Gegenwart, ſondern be⸗ diente ſich mehr wie fauſtgroßer Büchſen, welche eher den Namen eines Faſſes verdienten als jetzt. Als daher die Pandorabüchſe in der prinzeßlichen Taſche ihren ſchwarzen Inhalt ausſchüttete, fühlte die Prinzeſſin ſich von der be⸗ trächtlichen Fluth bis auf die Haut übergoſſen, hörte ſie, wie dieſelbe den Fußboden unter ihr überrieſelte. Die Prinzeſſin ſtand wie eine Mauer und rührte ſich nicht, ſo die ſchwarze Höllenbrühe mit ihrem Kleide über⸗ deckend. Zum Glück entfernte ſich der König in der nächſten Minute und befreite die Seinen aus einer entſetzlichen Angſt — abermals ein Beweis, daß der König von jenen zwar — ————— gefürchtet, doch weniger geliebt wurde, als dies in Familien niederen Standes der Fall zwiſchen dem Vater, der Mutter und den Kindern iſt. Die ſtellenweiſe in eine Mohrin umgewandelte Prinzeſſin mußte mit Lauge von den häßlichen Tintenaufguſſe befreit und ihre Kleidung für immer bei Seite geworfen werden. Nach glücklich überſtandener Gefahr lachten die bei dem Vor⸗ fall betheiligt und in großer Angſt geweſenen Perſonen deſto herzlicher darüber. Der Kronprinz kam dem guten Rathe ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter Wilhelmine, welche den größten Einfluß über ihn beſaß, nach, indem er, wie ihm vorgeſchrieben wor⸗ den, in einem Briefe ſeinen königlichen Vater um Verzeihung bat und ſich deſſen Willen unbedingt zu unterwerfen ange⸗ lobte. Die hierdurch bewirkte Ausſöhnung war jedoch nicht von langer Dauer, indem der König ſein hartes und ſtren⸗ ges Verfahren gegen den Kronprinzen bald wieder vom Neuem begann und denſelben hierdurch erbitterte. Da die Prin⸗ zeſſin Wilhelmine ſtets ſich auf die Seite ihres Bruders Friedrich hielt, ſo hatte auch ſie unter dem Unwillen ihres Vaters zu leiden, welcher dieſe ſeine beiden Kinder, mit Ausnahme der Eſſenszeit, aus ſeiner und der Königin Ge⸗ ſellſchaft verbannte. Außerdem wurden die Geſchwiſter ſo kärglich mit Nahrung bedacht, daß ſie ſich mit Milch und Kaffee, außer den zwei Mahlzeiten Mittags und Abends, erhalten mußten. Das geſchah zu Wuſterhauſen. Nur hinter dem Rücken des Königs und in deſſen Ab⸗ weſenheit wagte es die Königin, ihre beiden verbannten Kin⸗ der bei ſich zu ſehen, und dann mußten ausgeſtellte Spione 125 auf des Königs Rückkehr Acht haben, um die Königin von derſelben ſogleich zu benachrichtigen. Allein dieſe Aufpaſſer wurden allgemach nachläſſig in dem ihnen übertragenen Amte, und ſo geſchah es denn, daß der König einſt unver⸗ muthet zurückkam, als gerade das Geſchwiſterpaar in dem Zimmer ſeiner Mutter ſich befand. Welch ein tödtlicher Schreck für die gegen des Königs Verbot Ungehorſamen, welche von deſſen Jähzorn das Schlimmſte zu befürchten hatten! Da zum Unglück das Zimmer nur einen einzigen Ausweg hatte, welchem ſich des Königs bekannte, dröhnende Schritte näherten, ſo mußte ein raſcher Entſchluß zur Rettung gefaßt werden. Friedrich der Große ſchlüpfte in einen Wandſchrank und Prinzeſſin Wilhelmine verkroch ſich unter das Bett ihrer Mutter. Kaum daß ſolches geſchehen war, ſo trat auch ſchon der König ins Zimmer. Dieſer klagte über Müdig⸗ keit, warf ſich in einen Lehnſtuhl und— ſchlief ein! Zwei volle Stunden lang dauerte des Königs Schlaf, ohne daß deſſen Kinder es hätten wagen dürfen, während dem ihren mißlichen Verſteck zu verlaſſen. Die Lage des Einen wie der Anderen war höchſt unbequem, am allerübelſten aber die der Prinzeſſin. Friedrich der Große ſteckte zwiſchen einem anſehnlichen Wuſt von Kleidern, deren Lavendel und Spicke⸗ duft ihm ſehr widerlich war. Weit lieber hätte er im Freien und bei winterlicher Kälte zwei Stunden Schildwache ge⸗ ſtanden, als in einem beengten Wandſchranke voll Stickluft, wo er wie eingeſargt war. Die Prinzeſſin dagegen lag, der Länge lang, auf dem harten Zimmerboden ausgeſtreckt, wo ihr alle Glieder ſchmerzten. Der hölzerne Bettboden ————— 126 über ihr glich genau einem Sargdeckel, der nur wenige Zoll von ihrem Antlitze oder von ihrem Hinterkopfe entfernt war, je nachdem ſie ſich wendete und ihre unbequeme Lage verän⸗ derte. Die Luft unter dem niedrigen Bette war weder reiner noch friſcher als in dem Wandſchranke, in welchem der Prinz vor Langerweile verging, und hierzu geſellte ſich noch eine Maſſe von Staub, welcher der Prinzeſſin in die Naſe flog und ihre Geruchsnerven reizte. O Himmel, wenn die Prinzeſſin in ihrem Verſteck hätte nieſen müſſen! Und ihr Nieſen ward ſtets von einem ungewöhnlichen Geräuſch be⸗ gleitet! Um daſſelbe zu verhüten, klemmte die Prinzeſſin wiederholt ihre kleine Naſe zuſammen, daher ſie, um nicht zu erſticken, den Mund weit offen halten mußte. Da aber bei dieſem Mannöver der Staub in den Mund flog, ſo ſtellte ſich an die Stelle des Nieſens ein Huſtenreiz ein, der wohl eben ſo verrätheriſch war als jenes. Man ſtelle ſich folgendes Bild vor. Hier ruht des ſchla⸗ fenden Königs anſehnliche Geſtalt mit dem friſirten und ge⸗ puderten Haar in dem breiten Lehnſtuhl. Seine herabge⸗ ſunkene Rechte hält den Stock feſt, während die Linke unter dem wohlbeleibten Bauche in dem Schooße ruht. Die Beine in den ſteifen, hoch heraufgehenden Reiterſtiefeln find breit ausgeſtreckt, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß der König mit voller Uniform bekleidet iſt. Neben ihm ſitzt die Königin, zwar in einem Seſſel, jedoch auch, wie man ſagt, auf Kohlen, und ſo, daß ſie mit ihrem Körper ihrem Gemahl die Ausſicht auf den Wandſchrank verdeckt, welcher, wie die Eierſchaale das Küchelchen, Preußens Ruhm und Stolz in ſich birgt. Von Zeit zu Zeit bewegt ſich leiſe die Tapetenthür des 127 Wandſchrankes und durch die bewirkte Spalte ſchiebt ſich zur Hälfte des Prinzen Kopf mit den forſchend umherblicken⸗ den Augen hervor. Daſſelbe thut ein jugendlicher Frauen⸗ kopf, welcher ſich unter dem entfernter ſtehenden Bette her⸗ vorarbeitet und nach gethaner Umſchau ſich, wie die Schnecke in ihr Haus, wieder unter das Bett zurückzieht. Dabei läßt die, anſcheinend mit einer weiblichen Arbeit beſchäftigte Königin ihren Blick voll Unruhe und Ungeduld von dem ſchnarchenden Gemahl auf den lauernden Prinzen und von dieſem wieder auf den emportauchenden Kopf ihrer Tochter wandern. Wahrlich ein Gemälde, das von einem Meiſter der Malerkunſt dargeſtellt zu werden verdiente! Endlich erwachte der König und befreite durch ſein Fort⸗ gehen die Verſteckten aus ihrer peinlichen Lage, die ſchlimmer war als die Carcerſtrafe für ungehorſame Schüler. Zwölftes Kapitel. Unverhofftes Wiederſinden. Wer des Königs Befehle übertrat oder nicht befolgte, wer ſich deſſen Mißfallen zuzog oder ſonſt eines Vergehens ſich ſchuldig machte, wurde in der Regel von ihm auf die vier Meilen von Berlin entfernte Feſtung Spandau geſchickt, daher dieſe mit Gefangenen jeden Geſchlechtes und Standes damals reich bevölkert war. Die weiblichen Gefangenen arbeiteten innerhalb der vier Mauern ihres Gefängniſſes, während die männlichen außerhalb derſelben, jedoch im Be⸗ reiche der Feſtung, ihr Tagewerk vollbringen mußten. Eines Tages bemerkte der die Gefangenenwache befeh⸗ ligende Leutnant, daß ein ſchon bejahrter Gefangener ſeine Schaufel aus den Händen gelegt hatte und, auf einem Erd⸗ haufen ſitzend, der Ruhe pflog. „Von Meſſenbach!“ rief der Leutnant einem jungen Unterofficier laut zu,„jagen Sie den wildbärtigen Kerl dort von ſeinem Erdhaufen auf, und wenn er die faulen Knochen zu rühren ſich weigern ſollte, ſo zählen Sie ihm eine Tracht Stockprügel auf.“ Hans von Meſſenbach, der es in einer verhältnißmäßig kurzen Dienſtzeit, und zwar lediglich durch ſeinen Eifer und Fleiß bis zum Unterofficier gebracht hatte, gehorchte der empfangenen Weiſung. Er näherte ſich dem müßigen Alten und redete ihn mit ernſter, jedoch milder Stimme an:„Steht auf, Alter, und nehmt Eure Arbeit wieder auf. Der Feier⸗ abend iſt noch fern.“ „Von Meſſenbach heißt Du?“ fragte der Züchtling, ohne ſeinen Sitz und ſeine Unthätigkeit aufzugeben.„Hans von Meſſenbach?“ wiederholte er ſeine Frage. „Darnach habt Ihr gar nicht zu fragen,“ erwiederte Hans,„und wie dürft Ihr Euch überdies unterſtehen, mich mit Du anzureden?“ „Weil mir es ſo beliebt,“ verſetzte der Züchtling kalt. „Auf! an Eure Arbeit! oder Ihr zwingt mich, Euch meinen Stock fühlen zu laſſen,“ rief der junge Mann voll Unwillen aus. „Mich willſt Du ſchlagen, Knabe? mich?“ antwortete der Alte, und unter ſeinen buſchigen Augenbrauen blitzten zwei Augen durchbohrend auf den Unterofficier ein. Dieſer ſtarrte einige Secunden ſchweigend und beſtürzt in das ſchmutzig bleiche, wildbärtige Antlitz des Gefangenen. „Wer ſeid— wie heißt Ihr?“ fragte er dann mit zittern⸗ den Lippen. „Kennſt Du mich nicht?“ lachte der Alte bitter.„Nun, mir gings eben ſo, bis ich Deinen Namen nennen hörte. Ich bin auch ein Meſſenbach und mein Vorname lautet Theodor! He! wirſt Du mich nun noch mit Deinem Stocke bedienen wollen?“ „Um Gotteswillen, Vater! Sie ſinds?!“ rief der junge Mann voll tödtlichen Schreckens aus.„Warum muß ich Sie hier finden? Was haben Sie verbrochen?“ „Soll der Vater ſeinem Söhnchen die Beichte ſeines Sündenregiſters ablegen?“ höhnte der Alte.„Frage darum den Feſtungskommandanten oder die Gefangenenliſten, aber nicht mich. Ei, wie ſich nun ſchnell das Blättchen gewendet hat! Jetzt läßt Du Dir mein Du gefallen, während Dein grobes Ihr in das höfliche Sie ſich verwandelt hat.“ Hier näherte ſich der wachhabende Leutnant mit raſchen Schritten dem ſich wiedergefundenen Paare und ſagte mit verweiſendem Tone:„von Meſſenbach, warum ſchwatzen Sie mit dem faulen Kerle da, anſtatt meinem Befehle nach⸗ zukommen?“ „Verzeihen Sie, Herr Leutnant,“ antwortete der junge Mann voll tiefer, innerer Bewegung,„dieſer Unglückliche hier iſt— mein— Vater!“ Prinzeſſin und Dienerin. 9 „So?“ lachte der Officier höhniſch,„gratulire zu dieſer Vaterſchaft! Doch dieſe entbindet Sie nicht von Ihrer Pflichterfüllung. Wenn der Alte nicht an ſeine Arbeit gehen will, ſo gebrauchen Sie Ihren Stock zum Wegweiſer bei ihm.“ „Sie können es meinem Vater anſehen,“ ſprach Hans ſanft,„daß nur eine ihm überkommene Schwäche ſchuld an ſeiner Unthätigkeit iſt, und werden mir überdies gewiß nicht zumuthen, daß ich mich an meinem leiblichen Vater ver⸗ greife.“ „Der Dienſt leidet keine Ausnahme,“ verſetzte der Leut⸗ nant kaltſinnig,„Sie thun, wenn der Alte auf ſeinem Eigen⸗ ſinne beharrt, wie ich Ihnen befohlen habe.“ „Zu einer ſolchen Unmenſchlichkeit werden Sie mich niemals vermögen,“ rief Hans, in Hitze gerathend, laut aus. „Gut!“ ſagte der Officier ſchneidend,„ich werde Ihre Widerſetzlichkeit im Dienſte dem Herrn Kommandanten mel⸗ den. Was dann geſchehen wird, können Sie ſich ſelbſt ſagen. Unterofficier Werndtel! hierher! und wecken Sie dieſen Alten mit Ihrem Stocke aus ſeinem Stumpfſinne auf.“ Hier ſtellte ſich Hans mit gefälltem Bajonett zum Schutz vor ſeinen noch immer ſitzenden Vater auf.„Ein Kind des Todes,“ ſchrie er hitzig,„wer meinen Vater anzurühren wagt!“ „Erſtreckt ſich dieſe Drohung auch auf mich?“ fragte der Leutnant, indem er ſeinen Degen aus der Scheide zog. „Wenn Sie,“ erwiederte Hans, vor Wuth außer ſich, „auf Ihrem grauſamen Befehle beharren, ſo renne ich Ihnen zuerſt mein Bajonett durch den Leib.“ ——— „Nun iſts genug!“ ſprach der alte Meſſenbach, indem er aufſtand und ſeinen Sohn auf die Achſel klopfte.„Bringe Dein Gewehr in Ruh'. Ich wollte nur ſehen, wie groß oder klein Deine Kindesliebe ſei. Du haſt die Probe mit Ehren beſtanden und bin ich mit Dir zufrieden.“ Der Alte nahm ſeine Schaufel zur Hand und ſprach weiter,„Dein Glück wars, daß Du nicht die Hand gegen mich erhobſt, wie Dir anbefohlen worden war. Jeden, der mir einen Streich mit dem Stocke verſetzt hätte, würde ich mit meiner Schaufel den Kopf geſpalten haben. Darauf fing ichs an, denn ich war meines Lebens ſatt. Nun aber hat es durch Deine Kindesliebe wieder einigen Reiz für mich gewonnen.“ „Alles recht ſchön geſagt,“ höhnte der Leutnant,„nur ſchade, daß für Dein belobtes Söhnchen das Leben nicht nur allen Reiz, ſondern auch alle Dauer verlieren wird. Entwaffnet den Rebellen,“ gebot er ſeinen Leuten,„und führt ihn hinweg.“ „Mein Sohn,“ ſagte der alte Meſſenbach mit weicher Stimme,„Du wirſt als ein Meſſenbach auch zu ſterben wiſ⸗ ſen. Mein Segen und ich ſelbſt folgen Dir nach.“ Dieſe Rede ſchien ſich ſchnell zu erfüllen, denn der alte Meſſenbach ſtürzte, von einem Schlagfluſſe getroffen, zu Boden, wurde aber wieder ins Leben zurückgerufen, jedoch ohne Hoffnung auf eine Wiedergeneſung. Frau von Meſſenbach in Berlin erhielt nicht lange darauf von ihrem Sohne einen Brief folgenden Inhaltes: Meine liebe Mutter! Ihr Wahlſpruch lautete immer: Wie Gott mich führt, 9* 132 ſo will ich gehen. Ich aber ſage jetzt: Wie Gott mich führt, ſo muß ich gehen. Gott hat mich hier in Spandau meinem Vater in die Arme geführt, doch war es kein fröhliches Wiederſehen. Ich fand meinen, ſo lange verſchollen gewe⸗ ſenen Vater als— Züchtling wieder und ſollte ihn, auf Befehl meines Leutnants, von Sternſee, mit dem Stocke miß⸗ handeln. Das aber konnte ich doch als Sohn nicht thun, und da mich der Leutnant dazu zwingen wollte, ſo widerſetzte ich mich ihm. Gewiß würden Sie, liebe Mutter, an meiner Stelle auch nicht anders gehandelt haben. Darauf bin ich in Ketten und Banden gelegt und geſtern vom Kriegsgericht zum Erſchießen verurtheilt worden. Da es nun keinem Zweifel unterliegt, daß der König mein Todesurtheil be⸗ ſtätigt, ſo wollte ich Ihnen hiermit das letzte Lebewohl und meinen kindlichen Dank für alles mir erwieſene Gute ſagen, auch Sie nochmals um Vergebung für meine großen Fehler und Sitten bitten. Weinen Sie nicht um mich, denn dieſes Erdenleben enthält ja nichts als Noth und Plage und gehe ich nebſt meinem leiblichen Vater, der ſterbenskrank darnieder liegt, zu meinem himmliſchen, der mir gewiß ein gnädigerer Richter ſein wird als ich hier unten gefunden habe. Grü⸗ ßen Sie meine lieben Schweſtern tauſendmal von mir und ſagen Sie ihnen, daß ich ihrer noch in meinen letzten Augen⸗ blicken gedenken würde. Unſer Herrgott ſei und bleibe bei Ihnen mit ſeiner vollen Gnade. Ich aber bin Ihr ewig dankbarer und liebender Sohn Hans von Meſſenbach. 133 Dieſer entſetzliche Schlag ſiel wie ein Blitz vom blauen Himmel hernieder und ſchmetterte die vielgeprüfte Mutter zu Boden. Kaum daß die arme Frau wieder zu ſich gekom⸗ men war, übergaben ihre beiden Töchter ſie der Obhut einer treuen Nachbarin und pilgerten dann mit beſhelten Schrit⸗ ten aus Berlins Mauern. Der König hielt ſich zu jener Zeit nebſt ſeiner Familie in Wuſterhauſen auf. Es hatte eben zwiſchen ihm und der Königin ein heftiger Auſtritt ſtattgefunden, und zwar war die Prinzeſſin Wilhelmine die unſchuldige Urſache davon geweſen. Der König wollte dieſe ſeine Tochter entweder mit dem Markgrafen von Schwedt oder dem Herzoge von Weißenfels verheirathet wiſſen, die Königin dagegen mit dem Sohne des engliſchen Königs. Dieſe verſchiedene Willens⸗ meinung war der Zankapfel des Königspaares. Die Prin⸗ zeſſin ſelbſt hatte dabei gar keine Stimme. Dieſe hatte von den genannten drei Freiern um ihre Hand ſo viel Nachthei⸗ liges vernommen, daß ſie nur mit dem höchſten Widerwillen an eine Verbindung mit einem von ihnen dachte. Die arme Prinzeſſin war recht übel daran. Auf der einen Seite wurde ſie von ihrer Mutter mit Thränen beſchworen, den beiden, ihr vom Könige vorgeſchlagenen Prinzen doch ja ihre Hand zu verſagen; auf der anderen dagegen bedrohte ſie der König mit der vollen Wucht ſeines Zornes, dafern ſie ſich ſeinem Willen nicht fügen würde. Wem ſollte nun die Prinzeſſin gehorchen? Hieraus erſieht der Lſer abermals, wie wenig die höch⸗ ſten Perſonen zu beneiden ſind, da ihre Neigungen gewöhn⸗ lich der nſ und dem Staatsvortheile zum Opfer 134 fallen müſſen. Prinzeſſin Wilhelmine war voll Trauer dem älterlichen Zwiſte, wegen ihrer Zukunft, aus dem Wege und in den Schloßgarten hinabgegangen, wo ſie ſich in dieſelbe Laube ſetzte, in welcher ſie als ſechsjähriges Kind der Leſer früher geſehen hat. Hier verſank ſie in tiefe Gedanken, aus welchen ſie nicht eher erwachte, als bis ſie ſich von hinten am Haare gerauft und von einem heißen, übelriechenden Athem angehaucht fühlte. Beim haſtigen Umdrehen erkannte die Prinzeſſin— o tödtlicher Schreck!— in dem Haarraufer einen der Bären, welche noch immer die Gartenwächter abgaben, wegen ihrer auf den Rücken gebundenen Vordertatzen aber unſchädlich waren. Dieſer Petz jedoch, welcher ſich als tölpiſcher Haar⸗ künſtler bewies, war ungefeſſelt oder hatte ſich vielmehr ſeiner Bande zu entledigen gewußt, wie die Enden des von ſeinen Vordertatzen herabhängenden Strickes anzeigten. Unter einem lauten Aufſchrei war die Prinzeſſin von der Steinbank aufgeſprungen und entrann der ihr drohenden gefährlichen Umarmung des Bären, der aber ſeinerſeits die Flüchtige einzuholen ſtrebte und deshalb auf allen Vieren hitzig und unter gewaltigem Brummen nachjagte. Obſchon Petz, des freien Gebrauches ſeiner Vordertatzen ſeit langer Zeit beraubt, nicht ſo ſchnell wie ſonſt auf allen Vieren lau⸗ fen konnte, ſo würde er dennoch die Prinzeſſin, welcher der Schreck ſchwere Bleigewichte an die fliehenden Füße heftete, ſehr bald eingeholt und ihr übel mitgeſpielt haben. In dem Augenblicke, da die Prinzeſſin erſchöpft zu Boden fiel und ihr vierbeiniger Verfolger nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, warfen ſich ihm zwei Mädchen entgegen, 135 welche auf Sturmesflügeln herbeigeeilt waren, nachdem ſie die der Prinzeſſin drohende Gefahr geſehen hatten. Der Leſer erkennt in den beiden Rettungsengeln die Schweſtern von Meſſenbach, welche gekommen waren, um von dem Könige die Begnadigung ihres verurtheilten Bruders zu erflehen. In dieſer Abſicht hatten ſie die Prinzeſſin Wilhelmine auf⸗ geſucht, um ſie zur Fürſprecherin bei dem Könige zu machen, und dieſe gerade in dem entſcheidenden Augenblicke erreicht. „Ei, Petz! Petz! kennſt du mich noch?“ Mit dieſem Ausrufe begrüßte Eleonore den Bären, welcher ſich jetzt wie⸗ der raſch auf ſeine Hinterfüße aufgerichtet hatte und in wel⸗ chem Eleonore ihren einſtigen Gefährten zu erkennen glaubte. Wenn es aber auch wirklich der alte Kumpan der Meſſen⸗ bachſchen Familie geweſen wäre, ſo hätte doch die lange, dazwiſchen liegende Reihe von Jahren alle Erinnerung an dieſelbe aus dem Bärengedächtniſſe vertilgt gehabt. Genug, Herr Petz, der zum Glück durch ſeinen Eiſenring am Zu⸗ beißen verhindert wurde, beantwortete die vertrauliche An⸗ rede Elevnorens durch ein zorniges Brummen und mit dem Zuſchlagen ſeiner Vordertatzen, welche er in die Schultern des Mädchens verſenkte. Die ſcharfen Krallen des Unge⸗ thüms drangen durch das Kleid in das Fleiſch, ſo daß dieſes aus eben ſo vielen Oeffnungen, als die Bärentatzen Krallen zählten, ſein rothes Blut ausſtrömen ließ. Helene aber, ihren früheren Muth, einem Bären gegen⸗ über, noch immer beſitzend, bemerkte nicht ſobald die herabl⸗ hängenden Strick⸗Enden, als ſie ſich derſelben bemächtigte und mit Aufbietung aller ihrer Kräfte die Vordertatzen des Bären zurück und auf deſſen Rücken zog, wo ſie mit raſchen 4 — Händen einen feſten Knoten band und hierdurch das Thier unſchädlich machte. Endlich verſetzte ſie noch dem Ober⸗ theile des Bärenleibes einen heftigen Stoß von hinten, wo⸗ durch das Thier mit ſeinem Bruſtblatte zu Boden fiel und in dieſer Lage völlig hülflos ward. Unter einem ſich mehrenden Menſchentroß legten die Prinzeſſin und deren Retterinnen den Weg nach dem Schloſſe zurück, auf welchem die Letzteren die Königstochter von der Abſicht ihres Kommens unterrichteten und ſie um ihre Für⸗ ſprache beim Könige anflehten. In der Angſt um den ge⸗ fährdeten Bruder achtete Eleonore nicht des Schmerzes und der Wunden, welche ihr die Bärentatzen geſchlagen hatten. Deſto gewichtigere Fürſprecher wurden das zerriſſene Kleid und das ſtrömende Blut bei dem Königspaare, welches hierdurch die Größe der Gefahr erkannte, der ihr Kind aus⸗ geſetzt geweſen war. Zunächſt entbrannte des Königs Zorn gegen den Bären⸗ wärter, deſſen vermeinte Nachläſſigkeit die Gefahr veranlaßt hatte und dem der König ſeine ſchwere Hand dafür fühlen laſſen wollte. Allein der alte Mann hatte ſich aus deren Bereich entrückt, indem er an einer Lungenlähmung ver⸗ ſchieden war, die ihn jedenfalls bei der Feſſelung des letzten Bären befallen und an derſelben behindert hatte. Denn man fand den Wärter entſeelt in dem leeren Bärenzwinger liegen. Ein zweiter Fürſprecher war der Feſtungskommandant von Spandau, welcher in einem, das Urtheil des Kriegs⸗ gerichts begleitenden Schreiben an den König die bisher „ — —— 137 tadelloſe Aufführung des Unterofficiers von Meſſenbach rühmte und auf den grauſamen Zwieſpalt hinwies, in welchen des Leutnants Befehl den jungen Mann mit ſeiner Dienſt⸗ und Sohnespflicht verſetzt gehabt hatte. Ein dritter Fürſprecher war endlich die Prinzeſſin Wil⸗ helmine, welche mit allem Feuer und unwiderſtehlichem Flehen um des Verurtheilten Begnadigung bat, welcher der Bruder ihrer Lebensretterin war. Alle drei Jungfrauen: die Prinzeſſin, Helene und Elev⸗ nore, lagen vor dem König auf den Knieen, und auch die Königin vereinte ihre Bitten mit denen des knieenden Klee⸗ blattes. Wie oft ſchon,“ ſprach der König zu ſeiner Tochter, „habe ich Deine Bitten für Andere erhört, Du aber haſt meinem väterlichen Willen, der es gut mit Dir meint, ent⸗ gegengeſtrebt. Verſprichſt Du mir, Deine Hand demjeni⸗ gen Fürſten unverweigerlich zu reichen, den ich Dir zum ehelichen Gemahl beſtimme, ſo will ich den von ſt begnadigen.“ „Ich unterwerfe mich gehorſam dem Willen und Lrt Eurer Majeſtät,“ erwiederte die Prinzeſſin weinend. „Wie mögen doch Ew. Majeſtät eine ſo harte Bedingung an ein Gnadenwort knüpfen, das auszuſprechen Ihnen ſo leicht wird?!“ ſprach die Königin mißbilligend.. „Ich habe Deine Zuſage,“ verſetzte der König, zu ſeiner Tochter gewendet und die Einrede ſeiner Gemahlin über⸗ hörend,„und gehe, die meinige zu erfüllen.“ Der Monarch fertigte folgenden Befehl aus: „Da das Leutnantspatent des von Meſſenbach bereits vor jenem Tage, an welchem er ſich des Subordinationsver⸗ gehens ſchuldig machte, ausgefertigt auf meinem Schreibtiſche lag und überdies der Peiſernſe in Anſchlag zu bringen* iſt, den der von Meſſenbach als Sohn mit dem vierten Ge⸗ bote und als Soldat mit den Kriegsartikeln zu beſtehen hatte: ſo hebe ich hiermit das über denſelben ausgeſprochene. Todesurtheil auf und begnadige ihn dagegen mit einem halb⸗ jährigen Feſtungsarreſt. Friedrich Wilhelm.“ In dem namenloſen Entzücken, in welches die beiden Schweſtern durch den Inhalt des ihnen eingehändigten kö⸗ niglichen Schreibens verſetzt wurden, fand die Prinzeſſin Wilhelmine einigen Erſatz für das von ihr dargebrachte 3 große Opfer und für die Vorwürfe ihrer Mutter, womit dieſe 3 ihre Tochter nach des Königs und des Geſchwiſterpaares eiliger Entfernung überhäufte, weil ſie ſo ſchnell ſich dem vä⸗ 3 terlichen Willen unterworfen hatte. Helene und Eleonore langten noch zeitig genug in Span⸗ dau an, um ihrem ſterbenden Vater die tröſtliche Nachricht von der Begnadigung ſeines Sohnes und von deſſen unver⸗ hoffter Standeserhöhung zu hinterbringen. Umringt von ſeinen drei Kindern und dieſelben ſegnend, verſchied der alte von Meſſenbach, der durch eine langjährige und harte Ge⸗ fangenſchaft auf der Feſtung für ſein früheres Laſterleben 4 gebüßt hatte. Seiner eilig ihren Töchtern nachgereiſeten Gattin war es nur vergönnt, den Vater ihrer Kinder zum ſtillen Grabe begleiten zu können. Dennoch pries ſie mit dankvollem Gemüthe die reiche Gnade Gottes und den Edel⸗ muth der Königstochter, welche beide ihr Mutterherz vor dem Brechen und einem dauernden, tiefen Weh bewahrt hatten. Die göttliche Gnade belohnte aber auch die von ihrer zarten Jugend an viel und hart geprüfte Prinzeſſin Wilhel⸗ mine. Wie es zuweilen geht, daß, wenn zwei ſich um irgend ein Gut ſtreiten, ein Dritter kommt und es erhaſcht, ſo auch hier. Keiner von den ſchon genannten, der Prinzeſſin aber verhaßten Fürſten erhielt deren Hand, ſondern ein Anderer, an welchen bisher Niemand gedacht gehabt hatte. Es war der Erbprinz von Baireuth, ein eben ſo tugend⸗ hafter als liebenswürdiger Herr, welcher unſere Prinzeſſin ehelichte und ſie zur glücklichſten Gattin machte. Helene von Meſſenbach verheirathete ſich vortheilhaft; ihre Schweſter Eleonore dagegen trat in die Dienſte der jungen Erbprinzeſſin von Baireuth, an welcher ſie die liebe⸗ vollſte Gebieterin beſaß, die nur einen Blick auf die von den Bärentatzen zerfleiſcht geweſenen Achſeln ihrer Kammerfrau zu werfen brauchte, um jede Aufwallung von Unmuth gegen dieſelbe niederzudrücken. Hans von Meſſenbach, welcher ſeine Mutter bei ſich wohnen hatte, ging als Leutnant in dasjenige Regiment über, mit welchem der König von Preu⸗ ßen ſeinen Schwiegerſohn, den Erbprinzen von Baireuth, beliehen hatte und in welchem der Erſtere von Stufe zu Stufe ſtieg. Anſtatt der drei Königskronen, welche, laut der Prophe⸗ zeiung des Herrn von Meſſenbach, das Haupt der Prinzeſſin Wilhelmine einſt zieren ſollten, deckte daſſelbe jetzt nur eine Markgrafenkrone. Dagegen aber entſchädigten die werth⸗ „ 140 volleren und das Haupt weniger drückenden Kronen des ehe⸗ lichen Glückes, des häuslichen Friedens und der großen Freude über den geliebten Bruder, Friedrich II., die edle Fürſtin, welche in dem glanzvollen, unſterblichen Ruhm Friedrichs des Großen als wie in ihrem eigenen ſich ſonnte. — —— — 2—ꝛ—