6 — — — 6 — * 2 8 — 2 6 * — 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Cduard Oktmann in Gieſßen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih, und geſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TW— 1 3 „ . „* S vB 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu rgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines gröberen Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ansſeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — 5 Der Prinzenraub. Eine Jugend⸗Erzählung von Guſtav Nierittz. Beſonders abgedruckt aus der Jugend⸗-Bibliothek von Guſtav Uieritz. Leipzig, M. Simion's verlag. Der Prinzenraub. Von Guſtav Nieritz. Erſtes Kapitel. Der Fiſcher und ſein Kind. Von einem Jonas will ich heute erzählen. Nicht von dem Propheten Jonas, welcher drei Tage und eben ſo viele Nächte lang in dem Bauche eines großen Fiſches ſteckte, ſondern von einem Jonas, der es vorzog, die Fiſche in ſeinen Bauch zu verſetzen, anſtatt ſich von ihnen ver⸗ ſchlingen zu laſſen. Gedachter Jonas, ein achtjähriges, blondhaariges Fiſcherbüblein, ſtand barfüßig, leicht behoſet und grob behemdet am Seeufer, an deſſen Rande er durch aufge⸗ worfene Sanddünen einen kleinen Teich mit ſchmalem Eingange geſchaffen hatte. Mit ſtarrem, ſcharfem Blicke belauerte er die kleinen Fiſchchen, welche neugierig den Teich umkreiſeten und es endlich wagten, durch den ſchmalen Zugang einzudringen. Es waren die kleinſten ihres Ge⸗ ſchlechts, unerfahrene Fiſchkinder, nicht lange erſt aus dem Ei gekrochen und der ſchreiende Gegenſatz zu dem 1* ungeheuern Prophetenfreſſer. Kaum, daß die Neugierigen in die Falle gehuſcht waren und in jugendlichem Ueber⸗ muthe das Waſſer emporſchnalzen machten, ſo ſahen ſie ſich auch ſchon zu ihrem Schrecken gefangen. Bekanntlich bezwang vor Zeiten der Cardinal Richelieu die Seeſtadt Rochelle nach langer, verzweifelter Gegenwehr nur dadurch, daß er ſie mit einem Rieſendamme umgürtete und ſie ſomit vom Meere, wie von der engliſchen Beihilfe abſchnitt. Wahrſcheinlicher iſt's, daß jener berühmte Staatsmann dieſes kühne Mittel den fiſchfangenden Kindern abgelauſcht hat, als dieſe dem Cardinal, weil ſie in ſo früher Jugend noch nicht die Weltgeſchichte zu leſen pflegen, wohl aber der Cardinal ſelbſt einmal ein Kind geweſen war. Jonas kam mit ſeinem Damme, durch welchen er den Teichzugang verſchloß und den Gefangenen den Rückzug abſchnitt, ungleich ſchneller zu Stande, als der Cardinal Richelieu, obgleich derſelbe mehr als hunderttauſend Hände zu ſeiner Verfügung hatte. Jonas freute ſich kindlich, als er wohl ein Dutzend der kleinen Floß⸗ und Schuppenträger angſtvoll in dem engen Waſſerraume umher ſchlüpfen ſah. Ein Weilchen ergötzte er ſich an dieſem Anblicke, dann hob er gutmüthig an:„Ihr denkt am Ende gar, daß ich euch todt machen oder hier laſſen will, wo ihr gar bald abſterben würdet? Nein, nein, ihr müßt erſt groß, recht groß wachſen und zu Karpfen oder Hechten werden, ehe ihr an's Meſſer oder Feuer kommt. Da“— der Kleine öffnete den Damm —„fahrt wieder hin, woher ihr gekommen ſeid.“ — . 5 Ha! wie die Fiſchlein luſtig Reißaus nahmen! Je⸗ denfalls erzählten ſie ihren übrigen Geſpielen, welcher drohenden Gefahr ſie eben entronnen ſeien und welche Heimtücke jener kleine, harmlos erſcheinende Teich verberge, denn in kurzem waren ſämmtliche Fiſchkinderchen ver⸗ ſchwunden und der Tiefe zugeeilt. Dieſer Umſtand veranlaßte den kleinen Jonas, einem andern Zeitvertreibe ſich zuzuwenden. Er ſuchte flache, glatte Steine, welche er alſo auf die Oberfläche des Sees hinwarf, daß ſie wie ein Springer von Welle zu Welle hüpften und dabei wie eine Schlange ziſchten. „Ach!“ ſprach er dabei ſeufzend und ſehnſüchtig— „wenn ich doch auch einmal ein goldnes Fiſchchen mit meiner Angel finge wie der kleine Däumling Dudel⸗ dee, der von dem Goldſfiſchchen alle ſeine Wünſche erfüllt bekam bis auf das Werden der Götter ihr Gott! Was ich dann von ihm wünſchte? Hm! meinem Vater eine neue Schnupftabaksdoſe und zwar voll Schnüpftabak. Mir wünſchte ich einen neuen Strohhut mit einem brei⸗ ten, rothen Bande darum. Dürfte ich mir noch mehr wünſchen, ſo möchte ich ſchwimmen und untertauchen können wie ein Fiſch oder eine Ente, und endlich fliegen wie dort der Fiſchreiher, der ſich immer ſo viele Fiſche mauſet und davon trägt. Dann haſchte ich den Fiſch⸗ reiher, bände oder verſchnitte ihm die Flügel und er müßte—“ „Jonas!“ unterbrach eine rufende Stimme des Kna⸗ ben Selbſtgeſpräch. 2 3 6 „Naß! naß! naß!“ ſpottete das Echo rings umher dreifach nach. Wie hurtig Jonas über Sand, Muſchel⸗ ſchaalen und Kieſelſteine dahin ſprang! Er hatte ja die Stimme ſeines Vaters vernommen, der ihm das Theuerſte auf Erden war, nachdem er ſchon vor drei Jahren die Mutter durch den Tod verloren hatte. „Hilf mir“— gebot der Fiſcher Andreas Naumann ſeinem Sohne—„die Netze von der Trockenſtange ab⸗ nehmen und in den Kahn ſchaffen. Wir wollen heut Abend auf den Fiſchfang ausfahren.“ Gehorſam ging Jonas an die Arbeit. Es war ein ſchwüler Sommerabend und windſtill. Der Gebirgsſee erglänzte in Gold und Flammen, welche die untergehende Sonne über die weite Spiegelfläche aus⸗ goß. Ein weißer Reiher ſchwebte über der Waſſertiefe und tauchte zuweilen, nach einem Fiſche ſchnappend, ſeine befiederte Bruſt in die lauen Wogen. Naumanns niedere Fiſcherhütte lehnte an ein Felsſtück, das, wie von einer hohen Wand losgetrennt und bis hierher geſchleudert, das einzige auf dieſer Seite des Seeufers war. Gegenüber ſtreckte ein hohes Gebirge ſeine waldbedeckten und im Waſſer ſich abſpiegelnden Häupter in die Abendluft empor. Ein kleines, felſiges und buſchreiches Eiland, welches, wie eine Oaſe in der Wüſte, faſt mitten im See ſich erhob und mit hohen Ufermauern und burgähnlichen Gebänden beſetzt war, glich einem vorgeſchobenen Poſten, den ein gelagertes Heer zu ſeiner Sicherheit aufge⸗ ſrlt hat. 7 „Plumps!“ ſprach jetzt das Waſſer und ſprützte hoch auf. „O, Vater!“ rief Jonas aus—„alleweile ſprang ein Fiſch in die Höh— ſo groß! ach, ſo groß! Schaut die weiten Ringel, die der See nachzieht! Es muß doch eine große Luſt ſein, welche die Fiſche haben, weil ſie vor Freude ſo hoch ſpringen!“ „Es iſt wahr,“— verſetzte Naumann ſinnend— „ſehr viele Geſchöpfe ſpringen, wenn ſie recht froh und glücklich ſich fühlen. Am meiſten die glückliche Jugend, während bei älteren Leuten nur das Herz vor Freuden hüpft. Aber dieſes Hüpfen und Springen ſcheint mir bei den Menſchen eine tiefere Bedeutung zu haben.“ Hier ſchwieg Naumann und verſank in tiefe Ge⸗ danken.„Ja, ja“— murmelte er ſpäter vor ſich hin — unbewußt oftmals fühlt die Creatur eine Sehnſucht nach oben, nach der höhern Heimath. Wir beneiden den Vogel um ſeine Schwingen und bemitleiden den Berg⸗ mann in der tiefen Erdſchacht.“ „Ach, Vater!“ fiel Jonas ein—„fliegen möchte ich können! Lieber noch als ſchwimmen.“ „Und wenn ich an mein gutes Weib denke“— fuhr Naumann, zu ſich ſelbſt redend, fort—„ſo lenke ich meinen Blick nicht dem kalten, finſtern Grabe zu, in welchem ihre Gebeine ſchlummern, ſondern dem Himmel und ſeinen glänzenden Sternen. Wir gleichen dem Luft⸗ ſchiffer, der nicht eher auffahren kann, als bis ſein Luftball mit dem gehörigen Maaße von verdünnter Luft erfüllt 8 worden iſt. Wenn dann der Tod mit ſeiner ſcharfen Senſe die bindenden Stricke durchſchneidet, ſo erzittern die Meiſten, anſtatt ſich des nahen, bevorſtehenden Endes zu freuen. Wie gern führe ich auf! Aber mein Kind iſt das bindende Seil und ich flehe zu dir, v Gott! daß du dieſen noch ſchwachen Faden nicht zerſchneiden wolleſt, ſondern meinen Lebensfaden ſo lange mit ihm vereinigt läſſeſt, als ich meinem Kinde nützlich ſein kann.“ „Da ſprang ſchon wieder ein Fiſch in die Höh!“ rief Jonas. „Er wird einer Waſſerjungfer oder irgend einem andern Inſect nachgetracheet haben“— antwortete Nau⸗ mann.„Unſerm Streben aber“— fuhr er fort— „Sirret ein höherer Lohn.“ „Schieß doch den Fiſchreiher todt“— bat Jonas— „ſchon wieder hat er einen Fiſ 6 erfaßt und trägt ihn im Schnabel davon.“ „Laß uns ein wenig nieheſeten und ausruhen“— verſetzte der Fiſcher ſanft.„Ich will dir etwas erzählen.“ Darauf rückte Jonas dicht an ſeinen Vater heran und heftete ſeinen klaren Blick verlangend auf den väter⸗ 6 lichen Mund. „Es war einmal ein Herr Fiſchreiher und eine Frau Fiſchreiherin“— hob der Fiſcher an—„Der Mann ging aus, um eine paſſende Wohnung aufzuſuchen. Er beſah deren viele, doch keine geſiel ihm mehr als eine dicht am Seeufer und zwiſchen einigen Steinen gelegen. Aber die Frau Reiherin ſchüttelte den Kopf, als ſie die —— 9 vorgeſchlagene Wohnung in Augenſchein nahm.„Wir haben zwar“— ſprach ſie—„den See nahe und unſre Nahrung dazu; allein leicht kann der See anſchwellen und unſre Jungen im Neſte ertränken. Ueberdies werden unſere Jungen Gefahr zu fürchten haben vom Iltis, Marder und Wieſel, von der Waſſerratte und der Fiſchotter, abſon⸗ derlich aber von dem Menſchen, dieſem ärgſten aller Feinde.“ Darauf ſah ſich der Mann anderweit um und es gefielen ihm Flieder⸗ und andere mäßige Büſche, nicht weit vom Strande, in deren Zweigen er das Neſt anzulegen vorſchlug. Doch abermals tadelte die Frau vi Wahl.„Katzen und Kinder“— ſprach ſie—„wer⸗ den unſere Eier und Jungen finden und rauben. Sich dort jene himmelhohen Ulmen. In ihren Wipfel wollen wir unſer Neſt bauen. Dort ſind unſre Jungen vor allen Räubern und Feinden ſicher.“ Der Fiſchreiher fand nun zwar dieſe hohe Wohnung zu entlegen und beſchwerlich; allein als guter Ehemann gab er nach und der Neſtbau begann. Nachdem das Neſt fertig und mit weichen Federn, die ſich das Fiſchreiherpaar ſelbſt ausriß, ausgepolſtert worden war, legte die Reiherin ihre Eier hinein. Von nun an wurde die Reiherin eine freiwillige Gefangene, die unbeweglich und threre Wochen lang auf einem Flecke— auf den Eiern— ſtill ſaß, damit die darin befindlichen Jungen durch die Wärme ihrer Mutter wachſen und auskriechen konnten. Während dem verſorgte der Reiher ſeine Frau mit Fiſchen, die er ihr im Schnabel zutrug. Wollte ſich ja die Reiherin eine 10 Bewegung machen und ausfliegen, ſo nahm indeß ihr Mann willig ihre Stelle ein. Endlich krochen die jungen Reiher aus und wurden von ihren Aeltern zärtlich ver⸗ pflegt und gefüttert. Es traf ſich aber, daß der Reiher, indem er eifrig einem Fiſch nachtrachtete, mit zu großer Heftigkeit hinab in den See tauchte, ſo daß die Flügel naß wurden und er nicht wieder aufzufliegen vermochte. Da er nicht wie eine Ente, eine Gans oder ein Schwan ſchwimmen konnte, ſo mußte er ertrinken. Die Reiherin fand ihren Mann todt auf dem Waſſer treiben und erhob darüber ein großes Klagegeſchrei. Nun mußte ſie allein für den Unterhalt ihrer Jungen ſorgen, die immer grö⸗ ßer wurden und daher auch mehr Fiſche zu ihrer Sätti⸗ gung bedurften Als ſie eines Tages auf den Fiſchfang ausflog, erhielt ſie einen Schuß, der ihr den einen Flügel zerſchmetterte. Unter großem Weh ſchleppte ſie ſich bis zu der Ulme hin, in deren Gipfel ihre Jungen im Neſte auf die Rückkehr ihrer Mutter und auf Nahrung warteten. Aber ſo ſehr auch die arme Reiherin ihren unverletzten Flügel ſchwang und der grimmigen Schmerzen in dem zerſchoſſenen nicht achtete, ſo vermochte ſie doch nur wenige Ellen hoch ſich vom Erdboden zu erheben, auf den ſie nach zahlloſen Verſuchen immer wieder zurückfiel. Da ſtieß ſie einen lauten Wehruf aus, den oben die jungen Reiher vernahmen und mit einem gemeinſamen Schreie beantworteten. Die Armen! immer hungriger wurden ſie! Immer trockener ihre kleine, enge Kehle! Begehrlich ſperrten ſie ihre dünnen, aber langen Schnäblein 11 weit und immer weiter auf. Heiſrer ward ihr Klageruf und matter ihr Auge. Vom nagenden Hunger und Durſt gepeinigt, knapperten ſie mit ihren Schnäbeln an den dünnen Rüthchen und Faſern ihres Neſtes, ja ſelbſt an den Leibern ihrer eigenen Brüder und Schweſtern herum, bis ſich endlich ein Auge nach dem andern ſchloß, um nimmer wieder ſich zu öffnen. Eng an einander ge⸗ drückt, füllten die verſchmachteten und zu Gerippen ab⸗ gemagerten Reiherleiber das Neſt. Als es aber in dem⸗ ſelben todtenſtill geworden war und die Reihermutter nicht mehr das bange Aechzen vernahm: da legte ſie ſich am Fuße der Ulme auf ihre geſunde Seite nieder, und indem ſie ihre langen Beine ſtarr ausſtreckte, bettete ſie ihr müdes Haupt unter den zerſchoſſenen Flügel. Roch ein paarmal zuckte die Reiherin zuſammen, dann lag auch ſie ſtill und todt da. Jetzt iſt es um die Zeit, wo die jungen Reiher noch nicht aus ihrem hohen Neſte ausfliegen können. Hole mir alſo die Flinte aus der Hütte, Jonas, damit ich die Reiherin dort niederſchießen kann. Da ich nur ſie und keinen Reiher weiter über dem See erblicke, ſo iſt jedenfalls ihr Mann ſchon getödtet worden. Schnell, Jonas, ſpute dich!“ „Ach, nein, nein, liebſter Vater!“ verſetzte Jonas tief bewegt.„Schieß die Reihermutter ja nicht todt. Ich wußte ja nicht, daß dann ihre Jungen verhungern müſſen.“ „Nun, wenn du für die Reiherin bitteſt“— ſprach der Fiſcher—„ſo will ich ſie nicht todt ſchießen. Ich 12 denke auch, daß ſie uns noch ſo viel Fiſche im See laſſen wird, daß wir uns ſatt eſſen können.“ „Wenn nun aber“— ſprach Jonas—„die Reiherin gerade eine Fiſchmutter erwiſcht hat, ſo müſſen ja deren Jungen auch verhungern.“ „Mit nichten!“ verſetzte Naumann lächelnd—„daß dies nicht geſchieht, hat unſer Herrgott weislich einge⸗ richtet. Eine Fiſchmutter legt alljährlich tauſend und mehr Eierchen. Wenn ſie für ſo viele Junge ſorgen müßte, ſo möchte ſie ſchwerlich genug Futter für ſie auf⸗ finden. Dieſes aber fließt den kleinen Fiſchkindern von ſelbſt in den Mund und darum kümmert ſich auch die Fiſchmutter nicht mehr um ihre Jungen, ſo wie ſie ihre Eierchen abgelegt hat. Doch ſieh, Jonas! da zieht ein ſchweres Gewitter herauf. Schon zucken Blitze in der Ferne. Laß uns ſchnell die Netze in's Trockne bringen und dann die Hütte aufſuchen.“ Bald erhob ſich ein pfeifender Wind, welcher mit der abendlichen Dunkelheit zugleich die ſchwarzen Wetter⸗ wolken daher trieb. Nicht lange und der vorhin ſo hei⸗ tere Himmel war zu einem Leichentuche umgewandelt, das von zahlloſen Blitzen durchſchnitten wurde. Mit einem bald ſchweſelgelben, bald roſenrothen, bald gräulichen Lichte hauchten ſie den See, das Eiland darin, das hohe Gebirge dahinter und die Ufer an, um Alles in demſelben Augenblicke wieder in deſto tiefere Nacht zu begraben. Der See begann erſt dumpf zu murmeln, dann zu brau⸗ ſen, überzuſchäumen und endlich ſeine wild empörten — 13 Wogen gegen das Ufergeſtade zu peitſchen. Aber dieſes Toſen ward bald von dem Rollen des Donners ver⸗ ſchlungen, welcher furchtbar und majeſtätiſch die Lüfte erdröhnen und die Berge von einem hundertfachen Echo wiederhallen machte. Feuerſtröme ſchüttelte der Himmel hernieder und der dichte Wolkenſchleier zerriß unter dem Krachen der Donnerſchläge, gegen welches der Knall von von tauſend Feuerſchlünden nur ein Kinderſpiel war. Der Fiſcher ſaß in ſeiner Hütte. Sein Sohn ihm auf dem Schooß. So blickten beide durch das niedere Fenſter hinaus in die wild bewegte Natur und auf den brauſenden See. Keine bange Furcht, wohl aber eine tiefe, freudige Gemüthsruhe ſpiegelte ſich auf dem heiteren, ja wie ſelig lächelnden Antlitze des Vaters. „Siehe, mein Sohn!“ ſprach er bewegt—„wie groß, wie erhaben iſt unſer Herrgott! Er naht ſich uns in ſchweren Wettern, wie im ſanften Säuſeln. Dieſes vernichtende Feuer— wer vermag ſein Kommen und Gehen zu bemeſſen? Dieſer Donner, vor dem die Berge erzittern— wer kann ſein Entſtehen in der dünnen, leichten Luft erklären?“ „Ach, Vater!“ erwiederte Jonas beſorgt—„wenn der Blitz in unſere Hütte ſchlüge! Wenn er uns träfe!“ „Wie Gott will!“ antwortete der Fiſcher, indem er ſeinen Sohn feſter an ſich preßte.„So und mit dir zugleich ſtürbe ich gern. Doch um dich zu tödten, bedarf Gott nicht erſt ſeiner verzehrenden Blitze. Ein einziges, kleines Brotkrümlein oder eine Fiſchgräte, beim Eſſen in 14 die Luftröhre gerathen, vermag dir das Leben zu rauben. Wir beſitzen doch eine Hütte. Womit aber ſchützen ſich die zarten Vöglein in dem ſchwankenden Neſte? Die Mücken, welche vorhin im Sonnenſchein luſtig tanzten? Die bunten Schmetterlinge und die kleinen Käferchen, die ein einziger Regentropfen zu ertränken vermag? Gottes Allmachtshand iſt's, die ihnen Allen, Groß und Klein, ein ſchirmendes Obdach gegen die ſengenden Blitze, den dröhnenden Donner, den raſenden Sturm und gegen die niederrauſchenden Waſſerbäche bereitet. Morgen werden die Vögel wieder ſingen, die Mücken fröhlich tanzen, die Schmetterlinge umherflattern und die Käferchen ſich ihres Lebens freuen. Vielleicht fehlt nicht eins von ihnen Allen. Du aber und ich ſind in Gottes Vateraugen mehr als alle jene Thiere.“ „Schaut doch, Vater!“ rief jetzt Jonas lebhaft aus —„in der Schornburg brennt's!“ „Wäre es möglich?“ ſprach Naumann betroffen— „Sollten wirklich Gottes Blitze die Rächer der Ungerech⸗ tigkeit werden?“ Der Fiſcher ließ ſanft das Kind von dem Schooß gleiten, und näherte ſich dem Fenſter, durch welches er forſchend hinausblickte in das tobende Wetter. Auf die Burg hinſtierend, vergaß er der herniederzuckenden Wetter⸗ ſtrahlen, des dröhnenden Donners, des pfeifenden Windes und des niederrauſchenden Regens. Das Feuer in der Burg, jedenfalls durch den Blitz hervorgerufen, nahm an Umfang zu. Eine Feuerſäule 15 ſtieg mitten aus dem Eilande empor und ſchleuderte zahl⸗ loſe Feuerfunken aus, welche, von dem Winde getrieben, einen langen Schweif bildeten und über den See daher wallten. Und die Feuerſäule malte eine zweite in den dunklen Fluthen und zwar in zehnfach größerem Maaß⸗ ſtabe, ſo daß der See durch eine Feuerlinie in zwei Hälften getheilt erſchien. Es war ein furchtbar ſchönes Bild, das ſich dem Auge des Beſchauers darbot. Das Eiland mit der Burg nahm ſich aus wie ein Vulkan, bei deſſen Feuerausbrüchen gleichfalls häufige Blitze aus den Wolken herniederzucken. Nach einiger Zeit verlor ſich des Unge⸗ witters Heftigkeit und eine tiefe Ruhe folgte dem wilden Toben der Natur. Deſto höher ſtieg der Feuersbrunſt Macht und Gluth, welcher kein menſchlicher Widerſtand geſetzt zu werden ſchien. „Wer ſollte auch löſchen?“ ſprach Naumann vor ſich hin.„Der alte, ſchwache Mutz? Oder der taube Krampus? Wenn ich richtig vermuthe, ſo wüthet das Feuer gerade dort, wo ich—“ Des Fiſchers ohnehin nur halblaut geſprochenen Worte verloren ſich in ein unverſtändliches Lispeln. Während dem war Jonas feſt entſchlafen. Sein Vater erhob ihn vom harten Lehmboden der Hütte und verſetzte ihn auf das weiche Lager von trockenen Binſen⸗ blüthen, worüber ein reinlicher Linnenüberzug gebreitet war. Nachdem Mitternacht vorüber und die Feuersbrunſt in der Schornburg faſt ganz erloſchen war, begab ſich auch der Fiſcher zur Ruhe. 16 Zweites Kapitel. Die teberfahrt. Es war tiefe, ſtille Nacht. Es ſchlief das kleine Käfer⸗ lein und die luſtige Mücke unter einem kleinen Blatte, das ihnen ein rieſiges und undurchdringliches Dach zu ſein 3 ſchien. Das Schnäblein in die aufgebluſerte Bruſt geſenkt, ſchlief das Vöglein auf dem Aſte, welchen vorhin der Sturm wie eine Wiege geſchaukelt hatte, ohne das ſchwache Geſchöpf herabſchütteln zu können. Unter der Baumrinde ſchliefen zahlloſe, kleine Weſen und am Fuße des Stammes das ſcheue Reh, nachdem es von dem Rollen des Donners und dem Leuchten des Blitzes tödtlich erſchreckt und von dem Regen durchnäßt worden war. Neben ihm, in einer Handvoll Sand, ſchliefen Hunderte von Ameiſen, und tief unter ihnen Maus, Hamſter und Maulwurf. Selbſt die Bewohner des Sees, die Fiſche und Waſſerinſecten, ruhten unbeweglich auf dem Grunde. Der Wind hatte ſich müde geblaſen und ruhte nun ebenfalls. Die Blitze waren ſchlafen gegangen und die Wolken des Regnens über⸗ drüßig geworden. Auch ſie hatten ihre Ruheſtätte und das Weite geſucht. Dagegen wetteiferten die goldenen on ihnen am ſchönſten funkeln und glänzen könne. Und über und unter ihnen breitete der Herr Himmels und der Erden ſeine Vaterhand ſchützend über ſeine ſchlummernden Geſchöpfe aus und wachte liebend an ihrem Lager. 6 Noch dunkelte es, als laut an die Thür der Fiſcher⸗ Sterne am freigewordenen Firmamente mit einander, wer —— 17 hutte gepocht wurde und eine barſche Stimme ausrief: „He! holla! Fiſcher!“ Naumann fuhr aus dem Schlafe auf und verſetzte in gemeiner, mürriſcher Weiſe, die gegen ſeine vorige auf⸗ fällig verſchieden war:„Was giebt's? Kann man nicht einmal ſeine Nachtruhe haben?“ „Auf! auf! träger Burſche!“ tönte es zurück.„Ueber⸗ ſetzen nach der Burg ſollſt du uns.“ „Damit hat es gute Wege“— entgegnete Naumann verdroſſen—„die Nacht iſt keines Menſchen Freund und am allerwenigſten zur Ueberfahrt auf dem tiefen und ge⸗ fährlichen See geeignet. Wartet bis es Tag wird und dann kommt wieder!“ „Die Fiſcher“— ſprach eine Stimme zu einer zweiten Perſon—„gleichen ſich doch überall. Sie ſind ohne Ausnahme faul, grob und eigennützig. Man muß den Burſchen willig machen. He! Fiſcher! zehnfacher Fahr⸗ lohn ſoll dir werden, wenn du dich nicht länger ſperreſt.“ „Und wenn Ihr mir hundertfachen Lohn bötet“— antwortete Naumann—„ich fahre nicht. Mein Leben iſt mir nicht für etliche Silberſtuͤcke feil. Ueberdies, was wollt Ihr in Schornburg? Dort läßt man niemand am hellen Tage landen, geſchweige denn in finſtrer Nacht. Zudem würdet Ihr dort eine gräuliche Unordnung finden, ſintemal der Blitz geſtern Abend eingeſchlagen und es urg in der Burg gebrannt hat.“ „Ha! was ſagſt du?“ rief eine andere Stimme, bei deren Klange der Fiſcher erſchrocken zuſammenfuhr und Nieritz. Der Prinzenraub. 6. 18 raſch von ſeinem Lager aufſprang. Zugleich traten zwei dunkle Männergeſtalten in das Gemach, deſſen nur leicht verwahrte Thür ſie mit einem derben Fußtritte aufge⸗ ſprengt hatten. „Eingeſchlagen? Gebrannt hat es in der Burg?“ fragte die dem Schiffer ſo fürchterliche Stimme.„Ha! um ſo weniger dürfen wir zaudern. Laß dir ſagen, widerſpenſtiger Burſche, daß du am längſten hier ge⸗ hauſet haſt, wenn du nicht augenblicklich gehorcheſt. Zu deinem Schaden ſollſt du erfahren wen du vor dir haſt.“ „Verzeiht“— ſprach Naumann dumpf, aber unter⸗ würfig—„ich war noch ſchlaftrunken— beſteigt immer den Kahn— nur meine Frießjacke und den Hut laßt mich herbeiſuchen— ſogleich bin ich bei Euch.“ Während die beiden Fremden das Gemach verließen, fuhr Naumann in ſeine weite Schifferjacke und, den breit⸗ gekrämpten Hut in die Hand nehmend, beugte er ſich zu ſeinem ſchlafenden Sohne hernieder. „Gvott ſchütze dich!“ ſprach er tief bewegt und hauchte einen leiſen Kuß auf des Kindes warme Wange. „Indeß du ſüß ſchlummerſt, muß dein Vater, ach, ſo Schweres thun!“ Sorgſam verſchloß Naumann die Hüttenthür hinter ſich. In ſeinem Nachen ſah er drei Männer ſitzen, von denen einer mit einem dunkeln und unerkenntlichen Gegen⸗ ſtande beladen war, den er mit beiden Armen vor ſich auf dem Schooße hielt. Bald glitt der Kahn über die dunkeln Fluthen dahin. 19 Rührig handhabte der Fiſcher das Ruder. Während aber ſeine Arme thätig ſich bewieſen, war es ſeine Einbildungs⸗ kraft nicht minder. Naumann mochte gar nicht auf ſeine Menſchenladung hinſchauen, daher er ſeinen Blick ſtarr auf den See gerichtet hielt. Da dünkte es ihn, als belebe ſich die ſchwarze Waſſertiefe mit geſpenſtiſchen Gebilden. Ihr Oberleib glich einem Menſchen mit leichenblaſſem Antlitze, rabenſchwarzen Haaren und glasgrün glänzenden Augen. Der Untertheil dagegen war gewunden, mit Schuppen bedeckt, und endigte in einem Fiſchſchwanze. „Gieb— gieb ihn uns!“ ſprachen ſie mit engbrüſtiger, heiſrer Stimme, indem ſie ihre langen, weißen Arme nach dem Nachen ausſtreckten.„Gieb ihn uns, damit wir dich rächen und dein Sohn zum Erbe gelange. Leicht kannſt du den Nachen umſtürzen machen und dann iſt er unſer, während wir dich wohlbehalten an's Ufer zurück geleiten. Gieb ihn uns— hörſt du? gieb, gieb ihn uns!“ Dem Fiſcher wurde von dem Hören und Sehen ſeiner Einbildungskraft der Kopf ganz wirblich. Mit vermehrter Kraft, ja mit wachſendem Zorne ſchlug er das Ruder in die Wogen, um die verlockenden Niren zu verjagen und zum Schweigen zu bringen. Er ſtrengte ſich ſo ſehr an, daß er ſchwitzte und der Nachen ungeſtüm zu ſchwan⸗ ken begann. Der letztere Umſtand ſteigerte ſeine Angſt und Werwirrung. Im Geiſte ſah er ſchon den Nachen umſtürzen, vernahm er das Frohlocken der Nire darüber. Hinweg vom Waſſer wandte er den Blick auf die Manns⸗ geſtalt, welche zwiſchen ihren beiden Begleitern ſaß und 25 20 ihm die fürchterlichſte unter ihnen war. Ein Schauer überrieſelte kalt des Fiſchers Leib. Er ſah— wie ihm vorkam— ein Antlitz voll tödtlichen Haſſes, deſſen ſcha⸗ denfroher Blick ihm das Herz in der Bruſt erſtarren machte. Zum Himmel empor erhob Naumann das un⸗ ſtäte Auge. Wehe! das unermeßliche Gewölbe riß ſich aus ſeinen Angeln, ſenkte ſich langſam mit ſeinen funkeln⸗ den Sternen hernieder und drohte den leichten Nachen in die Tiefe des Sees zu drücken. Immer bleierner ward ſchon der Druck der zuſammengepreßten Luft. In dem Augenblicke, wo das Ruder den Händen Naumanns zu entgleiten drohte und der Nachen heftiger ſchwankte, ertönte eine klare, wohllautende Kinderſtimme durch die ſtille Nacht: „Komm, Nina!“ Der Mann, welcher die ſprechende Bürde auf ſeinem Schooß hielt, machte eine raſche Bewegung. Zugleich fragte der dem Schiffer ſo fürchterliche Fremde laut:„Iſt der See hier tief?“ Naumann errieth ſchnell, daß dieſe Frage nur des⸗ 8 halb an ihn gerichtet würde, um ſeine Aufmerkſamkeit von der vernommenen Kinderſtimme abzulenken. Daher verſetzte er, ſein Rudern unterbrechend:„Sagtet Ihr was? Ich höre ſchwer, weil ein Fluß ſich mir vor das Ohr geworfen hat.“ Als der Fremde ſeine Frage lauter wiederholt hatte, antwortete Naumann:„So tief, mein Herr, daß man 21 lange, ſehr lange fallen muß, um unten auf den Grund und zur ewigen Ruhe zu kommen.“ Nach dieſen Worten ſchwieg das Geſpräch wieder, aber zugleich war auch der Spuk verſchwunden, welcher des Fiſchers Kopf verwirrt hatte. Statt der geſpenſtiſchen Niren ſah er im Geiſte ſein Kind vor ſich auf dem Bin⸗ ſenlager ruhen, vernahm er deſſen ſchmeichelnde Stimme, die ihm munter einen guten Morgen wünſchte. Und wirklich kam der Morgen über die Berge herauf⸗ gezogen und trieb vor ſich her die dunkeln Schatten der Nacht nebſt all' ihren unheimlichen Erſcheinungen. Wer aber war das Kind dort, welches wie ein Waarenballen, in einen weiten Mantel gewickelt, auf dem Schooß des Mannes lag? Der Anblick der Schornburg unterbrach des Fiſchers Nachgrübeln. Wie ſeine Gefährten richtete Naumann ſein Auge auf das näher und näher kommende Eiland, auf welchem eine emporſteigende Rauchſäule das Vor⸗ handenſein einer Brandſtätte andeutete. Die eine Seite der Schornburg war auf einen hohen, ſenkrecht aus der See wachſenden Felſen erbaut, und gerade dieſer am höchſten hervorragende Burgtheil von dem zündenden Blitze getroffen worden. Die Flammen hatten daran und darinnen vernichtet, was nicht von Stein geweſen war. Daher fehlte das Dach mit ſeinem Sparrwerke, der ganze innere Ausbau, die Decken, Dielen, die Fenſterkreuze, und alles außerdem noch Zerſtörbare. Nur eine vom Rauch geſchwärzte Ruine mit ausgebrannten Fenſteröffnungen 22 und einem Altane zeigte ſich dem Blick des Beſchauenden. An dieſem Altane, welcher nur die Breite der hinter ihm befindlichen Thüröffnung hatte und eine weit um⸗ faſſende Ausſicht gewähren mußte, haftete des Fiſchers Blick, und als er denſelben raſch, aber verſtohlen auf den ſchrecklichen Fremden richtete, bemerkte er, daß auch deſſen finſter umwölkte Augen unter dem weit in's Antlitz heraufgezogenen Mantel ſtarr auf demſelben Gegenſtande ruhten. Das Eiland ſtellte eine kleine, aber uneinnehmbare Feſtung vor. Sein einziger Landungsplatz, welcher eine ſchmale Bucht zwiſchen ſtarren Felſenwänden und hohen Ufermauern bildete, war überdies noch mit einem hohen Eiſengitter verſperrt, deſſen Stangen noch mehrere Fuß tief in das Waſſer hinabreichten. Aus einer Anzahl von Schießſcharten drohten die Mündungen kleiner, metallener Kanonen, welche durch ein Kreuzfeuer jeden feindlichen Angriff wirkſam zurückſchlagen und eine Landung ver⸗ hindern konnten. So wie der Nachen an dem Eiſengitter angelangt war, erhob ſich raſch der Fremde und bewegte mit unge⸗ ſtümer Haſt eine Glocke, welche an dem Eiſengitter be⸗ feſtigt hing. Laut gellten die Glockentöne und wurden vielfach von dem Echo zurückgegeben. „Was giebt's?“ fragte eine mürriſche Stimme aus einem Fenſter der Burg herab. „Oeffne, Mutz! ſchnell!“ befahl der Fremde herriſch. „Herr Jeſus! der gnädige Herr!“ Unter dieſem Ausrufe eines heftigen Erſchreckens zog ſich der Kopf eines Mannes ſchnell von dem Fenſter zurück und nicht eine Minute entfloh, ſo ſchob ſich das Eiſengitter aus einander und erlaubte dem Nachen, das noch übrige Stück des Waſſers zu durchſchneiden und an einer Treppe mit breiten Steinſtufen zu landen, welche zu einer eiſernen, noch verſchloſſenen Pforte hinaufführte. Dieſe ſprang jetzt auf und ein Mann ſtürzte heraus, welcher die Ankömmlinge mit wiederholten Ausrufen des Bedauerns und der Kümmerniß empfing. „Der Blitz!“— jammerte er, auf die Brandſtätte zeigend—„zu löſchen war unmöglich— ach! warum konnten Euer Gnaden nicht etwas früher kommen!“ „Schweig!“ entgegnete der Burgherr finſter und ſprang die Stufen hinan. Ihm folgte der Kindsträger mit ſeiner Bürde, und der Dritte, welcher dem Fiſcher zwei Thaler in die Hand hatte fallen laſſen, machte den Be⸗ ſchluß. Nachdem er noch dem Schiffer„Zurück“ zuge⸗ rufen hatte, verſchwand er unter der überwölbten Eiſen⸗ pforte, welche ſofort ſich wieder verſchloß. Naumann ſputete ſich. Denn ſchon begannen die beiden Gitterhälften, von einer unſichtbaren Hand in Be⸗ wegung geſetzt, langſam zuſammenzurücken. Dicht hinter der Spitze des hinausgleitenden Nachens klappte das Eiſenthor feſt zuſammen. Tief holte Naumann Athem, als er ſich und ſeinen Kahn von den Männern befreit und in dem offenen See — 24 erblickte. Bitter lächelnd ſchaute er auf das Fahrgeld in ſeiner Hand nieder. „Ein Almoſen hat er mir hinwerfen laſſen, der reiche Erbherr!“— ſprach er.„Ha! wenn er wüßte! ahnete! Wenn er mich trotz meinem veränderten Ausſehen, trotz dem breiten, ins Geſicht gedrückten Hute und den langen, herabhangenden Haaren erkannt hätte! Doch, welche Bewandtniß hat es mit dem Kinde, deſſen Gegen⸗ wart man ſo ſorgſam zu verbergen ſtrebte? Will er ein neues Verbrechen vollführen? Gewiß! Denn wann der verruchte Roloff in ſeiner Geſellſchaft iſt, ſo geht's ohne Gräuelthat nicht ab. Sonderbar! daß gerade der Theil G der Burg ausbrennen und jener Altan als Zeuge über⸗ bleiben mußte!“ Als nach etwa anderthalbſtündiger Abweſenheit der Fiſcher in ſeine Hütte zurückkehrte, fand er ſeinen Jonas noch feſt ſchlafend und ſein Eigenthum ungefährdet. Drittes Kapitel. Der junge unbekannte. In Begleitung ſeiner Gefuͤhrten hatte der Burgherr, Graf von Schornburg, mehrere Treppen und Gänge zurückgelegt. Er trat jetzt in ein weites, hohes Zimmer, in deſſen einer Ecke ein altes Himmelbett aufgeſchlagen 25 ſtand. Eine dicke Staubwolke flog auf, als der Graf das ſchwere Deckbett erfaßte und auf die Dielen hinabwarf. „Zieht ihn aus“— gebot er—„und laßt ihn auf jenem Bette vollends ausſchlafen.“ Der Graf verließ das Zimmer, um ſich nach der Brandſtätte zu begeben. Bald ſtand er vor einem Haufen noch immer rauchender, ja ſelbſt brennender Trümmern aller Art, welche den unterſten Raum des ausgebrannten Gebäudes erfüllten. Die vier rauchgeſchwärzten Mauern, welche vier Stockwerke in ſich getragen hatten, glichen jetzt einem Schlot der Hölle, über welchem, als ſchroffer Gegenſatz, der lichte, reine Morgenhimmel ſich ausſpannte. Gleichwie der reiche Mann im Evangelio, da er in der Hölle und Qual war, ſein Auge verlangend emporrichtete und den armen Lazarus in Abrahams Schvoße erblickte: ebenſo ſchauete der Burggraf aus dem brennenden Schlot der Brandſtätte zum hehren Luftgewölbe auf. Nur mit dem Unterſchiede, daß er noch nicht glaubte und bereuete wie jener Reiche in der Hölle. Davon zeugte ſein wild fun⸗ kelndes Auge und die trotzig auf einander gebiſſenen Zähne. Das Letztere that er erſt, indem ſein Blick die Thüröffnung vor dem erwahnten Altane ſuchte und er dort zu beiden Seiten noch ein paar Bilder gewahrte, welche die Feuers⸗ brunſt in ihrer Laune verſchont hatte. Die beiden Ge⸗ mälde ſtellten einen der älteren Vorfahren des Burggrafen nebſt ſeiner Gemahlin vor und hielten ihren Blick finſter und drohend auf den Beſchauer geheftet. Jenem Blick ſetzte der Graf ein höhniſches und verächtliches Lächeln 26 entgegen, worauf er ſich bückte und aus dem rauchenden Trümmerhaufen eine kleine Eiſenſtange hervorzog, an deren Ende ein gekrümmtes Eiſenband in Form einer halb von einander getrennten Achte oder eines lateiniſchen S feſtgenietet war. Der Graf betrachtete ein paar Secunden lang nach⸗ denklich ſeinen Fund und deſſen noch rothglühendes Ende, dann entfernte er ſich raſchen Schrittes. Er langte in dem Augenblicke bei ſeinen beiden Begleitern an, als dieſe einen entkleideten, noch immer feſt ſchlafenden Knaben in das Himmelbett verſetzen wollten. Auf einen Wink des Grafen ließen die beiden Män⸗ ner den Knaben wieder auf das Deckbett am Fußboden niedergleiten und warteten nun der weiteren Befehle ihres Herrn. Dieſer ſchob das Hemd von des Kindes linker Achſel zurück und, indem er mit grimmigem Hohne die Worte hervorſtieß:„Ich muß meine Beute doch zeichnen, auf daß ſie mir nicht ausgetauſcht werden kann“— drückte er das noch glühende S auf die zarte, weiße Haut des Kindes, welches laut und ſchmerzlich aufſchrie. „Weh! weh! o weh!“ jammerte es, indem es die ſchlaftrunkenen Augen aufſchlug, die ein hervorſtürzen⸗ der Thränenguß am Sehen behinderte.„Meine Achſel! weh! o weh! Ach, Nina! der böſe Allo hat mich ge⸗ biſſen!“ Verwundert und ſtarr ſtaunte das Kind mit ſeinen naſſen Augen jetzt die Männer um ſich an. Dann wollte 27 es mit der rechten Hand nach der linken, ſchmerzenden Achſel fahren, woran es aber der Graf behinderte. Nicht in Folge einer Rührung über des gebrannten Kindes ſchmerzliches Wimmern, ſondern nur um daſſelbe zum Schweigen zu bringen, ließ der Graf einen kühlen, lindernden Umſchlag auf die wunde Achſel legen. Jeden⸗ falls hatte man dem Kinde einen ſehr bedeutenden Schlaf⸗ trunk beigebracht, welcher die Urſache ward, daß jenes nach und nach ruhiger ſich verhielt und endlich wieder feſt entſchlief. „Sollte wider Erwarten— ſprach der Graf— „der Schlaf noch über ſechs Stunden anhalten, ſo flöße man dem Schläfer wiederholt löffelweiſe ſtarken, ſchwarzen Kaffee ein. Meine übrigen Vorſchriften habt Ihr empfan⸗ gen, Roloff! Was in Betreff des niedergebrannten Schloß⸗ theiles geſchehen ſoll, werde ich Euch ſpäter bekannt machen. Jetzt muß ich ſchleunigſt wieder fort, damit jeder Argwohn erſtickt werde. Roloff! ich habe Euer Wort und Euern Schwur. Lebend gebt Ihr nicht das Kind aus Euern Händen. Vergeßt nicht, daß mein und Euer Leben, wie Euer und mein Lebensglück, an dem Beſitze dieſes Kindes hangen.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, gnädiger Herr Graf!“ entgegnete Roloff mit lachender Geberde und Miene.„Ich bin ja ſchon zu lange mit Ihnen gegangen, als daß ich erſt einen andern Weg aufſuchen und betreten ſollte. Ehe ich das Kind aus den Händen gebe oder nehmen laſſe, ſprenge ich mich lieber mit ihm und der ganzen 28 Schornburg in die Luft und dann in die Tieſe des Sees, wo ich ja— ha! ha! einen alten Bekannten wieder⸗ finde.“ Bei den letzten Worten flog ein ſchneller Schatten über des Grafen Antlitz. Seinen zweiten Begleiter nach ſich winkend, entfernte er ſich aus dem Zimmer. Gleich darauf theilte ſich das Eiſengitter in der Bucht von neuem, um einen zweiten Nachen von zierlicherer und bequemerer Bauart, als der des Fiſchers war, durchzu⸗ laſſen. Von dem Schloßknechte und der rüſtigen Magd gerudert, tanzte er ſchnell quer über den See und ſetzte gar bald den Grafen nebſt deſſen Begleiter an einer Stelle an's Ufer, welche weit von des Fiſchers Hütte gelegen war. Dort wartete bereits ein Fuhrwerk mit raſchen Pferden beſpannt, in welchem der Graf davon jagte. So wie der Burgherr abgereiſt war, begab ſich Roloff zu dem bisherigen Burgverwalter Mutz und befahl demſelben, für ein gutes Frühſtück Sorge zu tragen. Dies geſchah in einem ſo vornehmen Tone, daß des ohnehin mürriſchen Verwalters Antlitz noch weit finſtrer ward. „Kaffee und altbackene Semmel können Sie bekom⸗ men, Herr Rendant“— verſetzte Mutz—„ſonſt nichts.“ „Kaffee?“ ſagte Roloff verächtlich—„Derſelbe paßt für Frauen und Kinder. Madeirawein und ein hübſches Stück Braten oder Schinken dazu verlange ich. Beides 29 wird hoffentlich im Schloſſe vorhanden ſein. Wo nicht, muß es herbeigeſchafft werden.“ „Madeira liegt zwar im Keller“— erwiederte Mutz —„doch ſteht derſelbe nur dem gnädigen Herrn Grafen zu Befehl. Da wir auf deſſen Beſuch nicht vorbereitet waren, ſo haben wir auch nicht für Braten ſorgen können. Ihnen zu gefallen will ich meine Frau fragen, ob ſie vielleicht noch einen Schinken in der Rauchkammer hängen hat.“ Roloff langte in ſeine Taſche, zog ein Papier her⸗ vor und überreichte es mit den nachläſſig geſprochenen Worten dem Schloßverwalter:„Leſen Sie! Dann gehor⸗ chen Sie!“ Mutz machte große Augen, indem er einen Befehl des Grafen las, welcher den Rendant Roloff zum unbe⸗ ſchränkten Gebieter über die Schornburg, über deren In⸗ halt und deren Dienſtleute ernannte und den Letzteren unbedingten Gehorſam zur Pflicht machte. Mutz gab das Papier wieder zurück, wobei er zum Zeichen ſeiner Unterwürfigkeit eine demüthige Verbeugung machte. Sein Inneres dagegen ſchwoll von Neid und Haß gegen den neuen Gebieter an. Dieſer ſprach jetzt höhniſch:„Rufen Sie ſämmtliche Schloßbewohner hierher, damit ſie erfahren, was ſie fortan zu thun haben.“ Bald erſchienen die Schloßverwalterin, der Knecht und die Magd, welche beide ſoeben erſt vom Ueberſetzen ihres Herrn zurückgekehrt waren. 30 „Ihr ſeht in mir euern jetzigen Herrn“— redete ſie Roloff übermüthig an—„der euch insgeſammt fort⸗ jagen kann, wenn es ihm beliebt. Daher beſtrebt euch, meinen Befehlen pünktlich und unverbrüchlich nachzukom⸗ men. Ohne meine Erlaubniß darf niemand die Burg betreten oder verlaſſen. Sobald ſich ein Boot auf dem See zeigt, wird mir davon Kunde gegeben. Alles Aus⸗ plaudern, was hier in der Schornburg vorgeht oder gethan wird, zieht ſofortige Entlaſſung aus dem Dienſte nach ſich. Damit ihr deſto williger in Erfüllung eurer Obliegenheiten ſeid, verdoppelt der Graf von heute an euern Lohn.“ Der Schluß dieſer Anrede erheiterte plötzlich die finſtern und verdroſſenen Mienen der Angeredeten und ein frohes Lächeln trat an deren Stelle. „Ha!“— fuhr Roloff fort—„was iſt das? Wie kommt jenes Kind hierher? Wem gehört die Kleine an?“ Der Rendant meinte damit ein Mädchen von kaum ſieben Jahren, welches ſein ziemlich beſchmuztes Geſicht durch die Thürſpalte hereinſteckte und horchte. „Ach, Herr Rendant!“— verſetzte Frau Mutz unter einem demüthigen Knire—„die Kleine iſt das Kind meiner unlängſt verſtorbenen Tochter. Wir haben ſie zu uns nehmen müſſen, weil ihr Vater ſich wieder ver⸗ heirathen will und unſere Enkelin ſehr übel behandelte.“ „Ohne Vorwiſſen und Genehmigung des Grafen ſoll niemand die Schornburg bewohnen dürfen“— ſprach Roloff ſtreng—„und es iſt weder ihm, noch mir von — 34 der Anweſenheit einer neuen, fremden Perſon etwas be⸗ kannt worden.“ „Es iſt ja nur ein Kind!“ erwiederte Frau Mutz bittend—„Es iſt keinem Menſchen im Wege und trübt kein Wäſſerchen. Komm her, Babchen und küſſe dem Herrn Vetter die Hand.“ „Aaaa!“ machte Babetchen, indem ſie die Zunge lang herausſtreckte. 2 J, du abſcheuliches Ding!“ ſchalt Frau Mutz— „Wart', ich will dich ſchon durchhauen.“ Indem Frau Mutz nach der Thür lief, entrann laut lachend die kleine Unartige. Roloff aber verabſchiedete mit einem vornehmen Winke ſeine Beamten. Hierauf ſuchte auch er die Brand⸗ ſtätte auf. Als er die beiden unverſehrten Gemälde neben der Altanthür erblickte, verzog er ſein Geſicht zu einem höhniſchen Lächeln. „Ihr wartet gewiß“— ſprach er ſpottend—„auf die Rückkehr eures Nachkommen, der durch jene Thür hinaus gegangen iſt? Nun, dann könnt ihr getroſt bis zum jüngſten Tage warten, wo die Gräber und die Waſſer⸗ tiefen ihre Todten wieder hergeben.“ Später frühſtückte der Rendant, wobei er dem Ma⸗ deiraweine des Grafen und dem Schinken der Hausver⸗ walterin alle Ehre anthat. Dann ſtreckte Roloff ſich lang auf ein Sopha aus und holte den in der vorher⸗ gegangenen Nacht entbehrten Schlaf nach. Während dem hatte der fremde Knabe in dem Him⸗ — 32 melbett feſt fortgeſchlafen. Erſt gegen die Mittagszeit regte er ſich, und zwar griff er nach der gebrannten Achſel, wobei er ein Schmerzgeſchrei ausſtieß. Dann öffnete er die Augen und blickte noch ganz träumeriſch um ſich. Das Bett, das Zimmer, Alles kam ihm fremd vor, weshalb er mit weinerlicher Stimme ausrief: „Nina! Nina! wo bin ich denn? und wo bleibſt du? Nina! hörſt du nicht?“ Als keine Antwort erfolgte, brach der Knabe in ein lautes Weinen aus, unter welchem er wiederholt rief: Friedrich! laß mich aufſtehen und zieh mich an! Ange⸗ zogen will ich ſein! Hörſt du nicht, Friedrich? Ich werde es dem Papa klagen, daß du nicht gehorchſt. Friedrich! Friedrich! Nina! Nina! O weh meine Achſel!“ Noch eine Weile dauerte das Rufen und Weinen. Als beides ohne Erfolg blieb, richtete ſich das Kind in die Höh' und blickte auf den vor dem Bette ſtehenden Stuhl. „Das ſind nicht meine Kleider!“— ſprach der Knabe kopfſchüttelnd—„O liebe Mama! komm und hilf deinem Emil! Ich will auch recht ſchön folgen und nicht wieder einen Spiegel einwerfen. Mama! auch du hörſt nicht? Wo ſteckt ihr nur Alle und wo bin ich?“ Hier ſprang der Kleine, der ſich ſelbſt Emil genannt hatte, aus dem Bette und nach der Thür, welche jedoch verſchloſſen war. Von da eilte er zum Fenſter, an deſſen hohe Brüſtung er einen Stuhl rückte, um freier hinaus⸗ „ 33 ſehen zu können. Ganz beſtürzt ward er, da er vor ſich den weiten See, hohe Berge und unter ſich den Fuß der Burg erblickte. Die Hände erſchrocken in einander ſchlagend, verließ er ſeinen Standpunkt, um an den Zim⸗ merwänden einen Klingelzug aufzuſuchen. Eitle Mühe! Nun verſuchte Emil mit ungeſchickten Händen die Kleider anzuziehen, welche, die einzigen im Zimmer, auf dem Stuhle lagen. Mit den Beinen fuhr er in die verkehrt gehaltenen Hoſen, ſo daß die Knopfreihe hinten kam, und mit dem Anziehen der etwas engen Strümpfe kam er nur halb zu Stande, ſo daß er die ganze Socke nach⸗ ſchleppte. So mißlich bekleidet, rannte Emil wieder zur Thür, welche er mit einem alten, aufgefundenen Stuhlbeine bearbeitete, ſo daß die Schläge gegen das harte Eichen⸗ holz laut wiederhallten. Darauf drehte ſich ein Schlüſſel draußen im Schloſſe herum, die Thür ging auf und, das Stuhlbein von ſich werfend, ſtürzte Emil auf die Oeff⸗ nung zu. Unſanft jedoch prallte er von dem Körper des eintretenden Roloff zurück, der mit ſtrenger Stimme ausrief: „Was lärmt der unverſchämte Burſche? Thut er doch, als wenn er hier zu Hauſe wäre.“ „Friedrich ſoll mich ſogleich anziehen“— verſetzte Emil trotzig—„und Nina mir meine Milch mit dem Zwieback bringen. Aber meine Kleider will ich haben, nicht dieſe groben und ſchlechten. Und zur Mama will ich, und meinen Schako und meine Spielſachen haben. Der Mama und dem Papa werde ich's klagen, daß Nina Nieritz. Der Prinzenraub. 3 . 34 und Friedrich mich ſo lange haben warten und ſchreien laſſen, und mich in dieſes alte, finſtere Zimmerbett ein⸗ geſchloſſen und in das häfliche, ſchmuzige Bett gelegt haben.“ Nicht übel!“ verſetzte Roloff höhniſch.„Der junge Vogel ſingt, als wäre er hier in ſeinem Neſte. Allein man wird ihm die Flügel zu verſchneiden wiſſen. He, mein Bürſchchen, weißt du, wie man den Vogel anders pfeifen lehrt?“ ch bin kein Vogel“— entgegnete Emil heftig— „Ein Prinz bin ich!“ „Ein Prinz?“— ſprach Roloff—„Ha! ha! ha! Ein Prinz! Von Lappland, nicht wahr? Wie nennen Sie ſich, mein Prinz?“ „Mama und Papa rufen mich Emil“— antwortete der Kleine, vor Zorn weinend—„Friedrich und Nina aber und alle Anderen heißen mich Hoheit.“ „Und Ihr Reich, mein Prinz, liegt doch im Monde?“ — ſpottete Roloff—„oder auf dem Sirius?“ „Papa iſt König und Mama die Königin“— ſchluchzte Emil. „Es giebt der Könige mancherlei“— höhnte Roloff —„Karten⸗, Schach⸗, Scheiben⸗ und Schützen⸗, ja auch Bohnen⸗ und Schattenkönige.“ Vor Wuth ſtampfte Emil mit ſeinem im halben Strumpfe ſteckenden Fuße auf die Dielen. „So machen es in der That die Prinzen“— ſagte — 35 Roloff—„beſonders, wenn ſie allein gelaſſen ſein wollen. Nun, ich füge mich gehorſam dem Willen Eurer Hoheit.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich Roloff und ſchloß die Thür hinter ſich zu. Bitterlich weinte Emil. Betrübt ſetzte er ſich auf den Bettrand.„Ach!“ klagte er nach einer Weile— „mein Kopf thut ſo weh— und die Achſel auch! Mich friert und hungert— ſo ſehr, ach ſo ſehr! Habe ich denn nicht gefolgt, daß mich Papa oder Mama ſo hart beſtraft? O liebe Mama! habe doch Mitleid mit deinem Emil! Ich will auch nie wieder häßlich gegen Nina und Friedrich ſein, will Herrn Heidrich auf's Wort gehorchen. Wo ich nur bin? Nicht in der Stadt, nicht auf dem Luftſchloſſe! Welch' finſteres abſcheuliches Zimmer! Welch' ein ſchmuziges Bett! Ach, Alles, Alles iſt hier abſcheu⸗ lich. Und der böſe Mann, der mich wieder einſperrte. Hu! mich friert!“ Der Froſt zwang den nur leicht und halb bekleideten Knaben, ſich wieder in's Bett zu legen und zuzudecken. MWit ſeinen Thränen näßte er das Kopfkiſſen, währenv er voll namenloſer Sehnſucht an ſeine Mama und an ſeine Wärterin Nina, ja ſelbſt an Friedrich, den Diener, dachte. Nachdem der Froſt gewichen war, rieb der Hunger den Knaben aus dem Bette und nach der Thür hin. „Mich hungert und dürſtet!“ rief er durch das Schlüſſel⸗ loch hinaus.„Zu eſſen und zu trinken will ich haben!“ 36 ſchrie er und wiederholte ſein Fußſtampfen. Keine Ant⸗ wort. Keine Speiſe, kein Trank! Da griff Emil wieder nach dem weggeſchleuderten Stuhlbeine und begann mit demſelben die Stelle einer Klingel zu erſetzen. Wüthender und lauter als vorhin ſchlug er gegen die Thür. Siehe! das Mittel bewährte ſich. Die Thür ging auf und dem ſich zeigenden Roloff herrſchte Emil entgegen: „Mich hungert! mich dürſtet!“ „Das zu hören freut mich, mein Prinz!“ ſpottete der Rendant—„da braucht man Eurer Hoheit nicht erſt guten Appetit zu wünſchen.“ „Ich will zu eſſen und zu trinken haben— meine Milch und mein Bisquit! Aber viel!“ „So heißt's nicht!“ verſetzte Roloff gelaſſen.„In dieſer Burg, die eine bezauberte iſt, muß man artig bitten, wenn man etwas erlangen will.“ „Ich ſage es gewiß meinem Papa“— rief Emil zornig—„und er ſoll dich fortjagen oder gar todt machen laſſen.“ „Sehr gütig!“ ſprach Roloff.„Da weiß ich doch, was ich von Eurer Hoheit zu erwarten habe. Nun, ich wünſche geſegnete Mahlzeit.“ 7 Die Thür ſiog zu und der hungrige und dürſtende Emil ſtand wieder allein im Zimmer. Nun ſind aber Hunger und Durſt zwei Brüder, welche ſchon manches ſtolze und herriſche Gemüth gebrochen und gefügig ge⸗ macht haben, ſelbſt wenn daſſelbe einem ſtarken Manne 37 angehörte. Wie viel weniger vermochte ein zartes und verwöhntes Kind jenen beiden Geſellen auf die Dauer zu widerſtehen! Daher ertönte nach einer kleinen Weile eine bittende Kinderſtimme, welche ſchluchzend durch das Schlüſſelloch ſprach:„Sei doch ſo gut, lieber Mann, und gieb mir zu eſſen und zu trinken.“ Das gute Wort fand eine gute Statt, indem Roloff aufſchloß und einen Teller hereinlangte, der mit einem halben Glaſe Wein, einem Stück Brot und Schinken beſchwert war. „Ich danke!“ ſprach Emil kleinlaut, da er weder Milch, noch ſüßes Bisquit, ſich vielmehr in ſeiner Er⸗ wartung getäuſcht ſah. Dann fuhr er fort:„Lieber Mann, ſei doch ſo gütig und ſage es meinem Friedrich, daß er mich waſche und anziehe. Oder lieber noch der Nina, die mir das Geſicht nicht ſo derb abreibt wie Friedrich.“ „Hier iſt weder ein Friedrich, noch eine Nina“— verſetzte Roloff.„In dieſem Schloſſe muß jeder ſich ſelbſt anziehen und ſich ſelbſt waſchen. Schämſt du dich alter Knabe nicht, daß du nicht einmal thun kannſt, was viel kleinere Kinder können? Wie verkehrt ſitzen deine Hoſen? Wie deine Strümpfe? Warum ziehſt du nicht deinen Bruſtlatz und die Jacke an? Warum nicht die Stiefeln?“ „Ach, ich kann ja nicht!“ klagte Emil—„In mei⸗ nem Leben habe ich mich noch nicht ſelbſt angezogen.“ 38 —— „So verſuche es nunmehr!“ erwiederte Roloff.„Du biſt aber entſetzlich dumm, ja dümmer noch wie ein kleiner Bauernknabe. Und du willſt ein Prinz ſein? Ha! ha! ha! du wärſt mein Prinz!“ Eben wollte Emil ſeinen Prinzenſtand auf's Neue betheuern, als ihn Roloffs Entfernen daran behinderte. Wit Wehmuth betrachtete er nun ſein Frühſtüch das ſo ſehr von ſeinem gewohnten abſtach. Schwarzbrot — ei! das war noch nie über ſeine Zunge gekommen, und fetter Schinken ebenfalls nicht. Und dieſer war ſogar ungekocht. Als er von dem Weine nippte, brannte ihm der Hals davon wie Feuer, was ſeinen Durſt nur vermehrte. Ueberdies gab es nicht einmal ein Meſſer, auch keine Gabel, um das Brot und das Fleiſch zu ſchneiden und zu halten. Und rohes, fettes Fleiſch mit den Fingern anzugreifen, war ihm als ein Greuel ver⸗ boten worden, ebenſo auch das Abbeißen des Brotes mit den Zähnen. Wiederum war es der Hunger, welcher die Hofſitte überwand und den Knaben dahin brachte, ſich ſeiner Finger als Gabel und ſeiner Zähne als Meſſer zu bedienen. Dies geſchah aber unter vielen Thränen und nach erneuertem Widerſtreben. Bevor er ganz mit ſeinem ungewohnten Frühſtück zu Ende war, richtete er eine nochmalige Bitte gegen die verſchloſſene Zimmerthür um friſches Waſſer. ⁰ „Erſt zieh dich an“— lautete die Antwort zurück. Hierauf begann für Emil eine lange, ſchrecklich ſaure und ungewohnte Arbeit, welche aus lauter, größtentheils 39 mißlungenen Ankleidungsverſuchen beſtand, über denen faſt eine volle Stunde verſtrich. „Ich bin fertig!“ rief jetzt Emil. S Roloff wollte ſich krank lachen, als er ſeinen Ge⸗ fangenen erblickte. Lachend führte er ihn vor einen großen Spiegel hin und gebot dem Knaben, in demſelben ſich zu beſchauen. Emil weinte vor Zorn und Scham, als er das Ergebniß ſeiner mühevollen Arbeit erkannte. Zum drittenmale nahm er zu ſeinem prinzlichen Mittel die Zuflucht, ſeinen Zorn kund zu geben, indem er wild mit dem Fuße ſtampfte. Ein Blick jedoch auf das ſich verfinſternde Antlitz ſeines Hüters ließ ihn ſchnell den zum Schimpfen und Drohen geöffneten Mund wieder ſchließen. „Wie alt biſt du, Junge?“ fragte jetzt Roloff ſtreng. „Es fehlen zwei Monate an ſieben Jahren“— ant⸗ wortete Emil. „Was kannſt du?“ eraminirte Roloff.„Franzöſiſch reden?“ „Ja!“— ſprach Emil—„das konnte ich eher wie deutſch. Nina und auch Mama ſprachen faſt nur fran⸗ zöſiſch mit mir.“ „Was kannſt du noch?“ „Auch das Engliſche fing Herr Heidrich mit mir an. God save the king kann ich ſchon ſprechen. Leſen, ſchrei⸗ ben und auch etwas rechnen kann ich. Reiten habe ich gelernt; aber meinen kleinen Pony muß ich haben, denn von den großen Pferden falle ich herunter.“ 40 „Und ſich anziehen hat er nicht gelernt!“ ſprach Roloff ſpottend.„Eine ſchöne Erziehung! Haſt du ſchon eine Katze geſehen?“ „O ja! ich ſelbſt hatte ein allerliebſtes Kätzchen. MWignon hieß es. Und auch einen Papagei und viele ſchöne Spielſachen.“ „Jedes Kätzchen wäſcht ſich ſelbſt“— ſagte Roloff —„obgleich es nur ein unvernünftiges Thier iſt. Und du willſt von Andern gewaſchen ſein? Schäme dich! Du ſollſt jetzt Waſſer zum Waſchen und Trinken bekommen. Aber ein andermal ziehſt du dich ordentlicher an oder ich laſſe dich hungern.“ Roloff ging. viertes Kapitel. Große Sehnſucht. So gut hatte noch kein Waſſertrunk geſchmeckt als wie derjenige, welchen Emil jetzt in ſeiner neuen Wohnung hinabſtürzte. Er achtete nicht darauf, daß der Waſſer⸗ becher nicht von Crhſtall, ſondern nur von gebranntem Thon war. Nachdem aber ſein Durſt gelöſcht war, über⸗ ließ er ſich ſeinen Betrachtungen, die nicht erfreulicher Art waren. „Hurrr!“ ſprach er, ſich ſchüttelnd—„mit ſolchem kalten und harten Waſſer ſoll ich mich waſchen? Aus einem irdenen und clenden Becken? Ohne kölniſches 41 Waſſer? Pfui! wie übel dieſe Seife riecht! Dieſer Frießlappen ſoll wohl den weißen Badeſchwamm ver⸗ treten? Ha! und dieſes grobe Handtuch! Wie eine Raſpel fühlt ſich's an!“ Trotz dieſen Klagen begann Emil ſeine Wäſcherei. Wenn Emils erſter Ankleidungsverſuch ungefähr ſo aus⸗ gefallen war, wie das erſte Knopfloch eines angehenden Schneiderlehrlings ſo verhielt ſich jetzt Emils erſte Wäſche wie das erſte Gericht einer angehenden Köchin. Er ächzte und puſtete unter dem kalten Brunnenwaſſer; nieſete und weinte unter der Seife, welche ihn in die Augen und Naſe biß, und wehklagte endlich unter der Raſpel des grobfadigen Linnentuchs. Zugleich erwachte durch die angeſtrengte Bewegung der brennende Schmerz in der linken Achſel mit erneuter Heftigkeit. Der arme Prinz! Bisher war er vor jedem rauhen Lüftchen, vor der geringſten Beſchwerde und Kümmerniß, vor dem kleinſten Weh und vor allen gemeinen rohen Menſchen und Dingen gehütet worden und jetzt—! „Was iſt nur mit meiner Achſel?“ ſprach er mit ſchmerzlich verzerrten Mienen. Er ſchob das ziemlich grobe Hemd zurück und trat beſchauend vor den Spiegel. Hier ſah er einen Verband auf der ſchmerzenden Stelle liegen, den der Rendant noch während des Knaben be⸗ wußtloſem Schlafe aufgelegt hatte. „Wie das brennt, pocht und ſchneidet!“ klagte er. „Und da ſoll ich noch Hoſenheben anlegen und mich bücken, —. ——————— um die Strümpfe und Stiefeln anzuziehen! Ach, Wama! Ach, liebſte, beſte Mama!“ Außer ſich vor Schmerz und Gram warf ſich Emil vor dem Bette auf die Kniee nieder und verbarg ſein Angeſicht in die Pfühle. Nach einer Weile geſellte ſich zu ſeinem Herzweh noch ein körperliches mehr. Die ungewohnte, unverdau⸗ liche Koſt, die er genoſſen hatte, begann ihre üble Wir⸗ kung zu äußern. Hierzu kamen noch die nachtheiligen Folgen des ſtarken Schlaftrunks, den man dem Kinde beigebracht gehabt hatte. Dies Alles zuſammen vereinigt, verſchlimmerte Emils Zuſtand dergeſtalt, daß ihn ein heftiger Fieberfroſt erfaßte, der alle ſeine Glieder ab⸗ ſchüttelte und ihn das Bett zu beſteigen zwang. Den Froſt löſete ſpäter eine eben ſo ſtarke Fieberhitze ab, in welcher der Kranke wild phantaſirte und mit Gewalt im Bette erhalten werden mußte. Bei der leichteſten Unpäßlichkeit, die dem Kranken früher zugeſtoßen war, hatten die berühmteſten Hofleib⸗ ärzte den Kranken behandelt. Jetzt, in der Lebensgefahr, gab es nicht einmal einen in die Heilkunde pfuſchenden Barbier in der Burg, welcher dem Prinzen beigeſtanden hätte. Gott und die Natur in dem Kinde allein waren deſſen Aerzte, Frau Mutz, die Schloßmagd und die kleine Enkelin der Schloßverwalterin abwechſelnd ſeine Wärte⸗ rinnen. Roloff, den das einförmige Leben in der Burg gar bald tödtlich langweilte, unterhielt ſich immer häufiger und länger mit den Weinflaſchen des gräflichen Kellers und 43 beſchränkte die ihm übertragene Sorge für den Knaben darauf, daß er denſelben täglich einigemal auf wenig Augenblicke beſuchte. Als Roloff eines Nachmittags mit etwas ſchwan⸗ kenden Tritten und gläſernen Augen Emils Krankenzimmer betrat, ſaß eben die Schloßverwalterin an dem Kranken⸗ bette. Der Kranke ſchlief, war aber noch immer in der Fieberhitze befangen. „Wie geht's?“ hob Roloff mit ſchwerer Zunge an —„Was macht der Junge?“ „Er tobt nicht mehr ſo ſehr wie vorher“— ant⸗ wortete Frau Mutz—„auch holt er nicht mehr ſo ſchnelk Athem. Aber feſt hat er ſich's in den Kopf geſetzt, ein Prinz ſein zu wollen.“ „So iſt's in der Ordnung“— lallte Roloff— „die Niedrigen bilden ſich im Traume und in ver Fieber⸗ hitze ein, etwas Großes zu ſein, während bei den Großen es umgekehrt iſt. Dann iſt der Arme reich und glück⸗ lich, der Reiche dagegen ſieht ſich arm und in's Elend geſtoßen.“ „Welch' eine Bewandtniß hat es denn mit dem Kinde?“ fragte Frau Mutz, welche den Rendant in ſeiner Trunkenheit redſeliger als ſonſt fand. „Der Junge“— ſagte Roloff—„iſt ein Ver⸗ wandter und Mündel des Herrn Grafen von Schornburg. Sein Vater iſt todt und hat vor ſeinem Ende dieſen ſeinen einzigen Sohn unſerm Grafen an's Herz gelegt, weil ſeine Mutter eine ränkevolle Frau iſt, die gern das 44 Vermögen ihres Kindes an ſich reißen möchte. Um das Kind ganz an ſich zu feſſeln, hat ſie ihm allen Willen gethan und gelaſſen, daher der Junge auch ſo verwöhnt und verzärtelt iſt. Damit dieſer an Geſundheit kräftiger werde und vor den liſtigen Nachſtellungen ſeiner Mutter bewahrt bleibe, hat ihn der Herr Graf hierher gebracht, wo er ſich in der reinen Gebirgsluft und bei nahrhafter Koſt erholen kann.“ 5 „Wovon hat das Kind nur die Wunde auf der lin⸗ ken Achſel?“ forſchte Frau Mutz weiter.„Sie hat lange geeitert und wird eine gar ſonderbar geſtaltete Narbe zu⸗ xücklaſſen.“ „Als wir mit dem Herrn Grafen hierher fuhren und in der dunkeln Gewitternacht durch einen hohlen Wald⸗ weg kamen,“ erzählte Roloff,„ſo erhielt unſer Wagen plötzlich einen ſo heftigen Stoß, daß wir Alle im Wa⸗ gen über einanderfielen. Dabei kam der Junge, welcher geſchlafen hatte, am übelſten weg, indem er mit der Ach⸗ ſel gegen das Eiſen ſtieß, welches das Wagenverdeck zum Auf⸗ oder Niederſchlagen bewegt. Der Schmerz und die Wunde waren ſo ſchlimm, daß der Knabe lange Zeit in gänzlicher Betäubung lag und nur mit vieler Mühe zur Beſinnung gebracht werden konnte.“ „Er heißt wohl Emil?“ fragte die Schloßverwalte⸗ rin wieder.„Wenigſtens geht das aus ſeinem Jrrereden hervor.“ „Nein,“ verſetzte Roloff,„ſein Vorname iſt, ſo viel ich weiß, Primſel, und da dies bald wie Prinzel klingt, 45 ſo mag er ſich auch in ſeiner Phantaſie für einen Prinz halten.“ „Alſo Primſel! Ein ſchnakiſcher Name!“ meinte Frau Mutz.„Noch nie habe ich ihn gehört.“ „Ja,“ ſprach Roloff,„die Vornehmen wiſſen bald nicht mehr, wie ſie ihre Kinder rufen ſollen, und die ſon⸗ derbarſten Namen ſind ihnen grade die liebſten.“ Der arme Emil! Vormals ſchlief er neben ſeiner lie⸗ ben Mutter, die ſeiner mit aufopfernder Liebe hütete, in einem weichen, reinen Bettlein, in einem prachtvollen Zim⸗ mer, über welches eine Alabaſterlampe ihr ſanftes Licht ausgoß. Jetzt, welch' ein Unterſchied! Als er nach vielen Fiebertagen zum erſten Male mit wiederkehrender Beſin⸗ nung erwachte, war es tiefdunkle Nacht um ihn her. An⸗ fänglich glaubte er, daß die Nachtlampe verlöſcht ſei. Da ſuchte er geraume Weile nach dem bekannten Klingelzuge neben ſich. Vergebens. Seine Hand berührte bald be⸗ ſtäubte Vorhänge, bald eine modrige, feuchte Steinwand. Ein lautes Schnarchen, ein ihm gänzlich ungewohntes Geräuſch, traf ſein lauſchendes Ohr. Fürchterlich, abſcheu⸗ lich klang es. Das konnte doch unmöglich Mama ſein! Er fühlte nach deren naheſtehendem Bette, ohne daſſelbe zu erreichen. Da rief er erſt leiſe, dann lauter und lau⸗ ter:„Mama! liebe Herzensmama!“ Mama erwachte nicht, Mama antwortete nicht, nur ſchnarchte ſie noch gräßlicher. Eine Seelenangſt überfiel das Kind. Es tauchten jetzt Erinnerungen an einen ſchrecklichen Wechſel ſeiner glücklichen Lage in ihm auf, 46 den er für bloßen Traum gehalten hatre. Wenn es Wirklichkeit geweſen wäre! Ja, ja, er beſann ſich auf den finſtern, ſeiner ſpottenden Mann, welcher ihn ſo ſchnöde und gröblich behandelt und mit Hunger und Durſt beſtraft hatte. Er erinnerte ſich der verkehrt angezogenen Hoſen und anderer Umſtände von unerfreulicher Art. Immer höher ſtieg Emils Entſetzen. Er weinte, rief abwechſelnd Mama, Nina und Friedrich, und begann zuletzt laut zu ſchreien. Die Kehle war ihm ganz ausgetrocknet. Gab es denn kein Nachttiſchchen mit einem Glaſe Waſſers? Er richtete ſich auf und tappte mit den Händen umher. Plötzlich fiel ein ſchwerer Stuhl, der durch Emils Griffe aus dem Gleichgewichte gebracht worden war, auf die Die⸗ len nieder, was einen ſchallenden Wiederhall hervorrief. Jetzt hörte das Schnarchen auf. Dem Bette Emils gegenüber regte ſich in einiger Entfernung Jemand und ſtieß einige ſchlaftrunken hergemurmelte Worte aus. Sie wurden die Urſache, daß Emil ſein Rufen und Schreien erneuerte. Dieſer vernahm darauf ein unwilli⸗ ges Brummen, das von dem lauten Knacken eines alten Sopha's begleitet wurde. Bald ſah er Feuerfunken um⸗ herfliegen und einen brennenden Schwefelfaden leuchten, welcher eine Lampe anzündete. Dieſe in der Hand tra⸗ gend, nahte ſich eine unbekannte Geſtalt Emils Lagerſtätte, und bald erblickte derſelbe vor ſich das häßliche Antlitz eines ziemlich bejahrten Weibes mit wirr herabhängendem Haar und großen grauen Augen. Ihre Kleidung zeugte vom niedrigen Stande und hing in Unordnung um den . Körper herum. Emil glaubte, eine häßliche Hexe vor ſich zu ſehen und ſchloß unwillkürlich die Augen vor dem Schreckensbilde. Dieſes öffnete jetzt einen zahnlückenreichen Mund und ſagte mit einer kreiſchenden Stimme:„Na, was giebt's denn zu lärmen und zu ſchreien? Nicht einmal des Nachts kann man ſeine Ruhe haben, nachdem man ſich den gan⸗ zen Tag über geplagt und geſchunden hat. Was will der Junge, he?“ Emil blinzelte furchtſam mit den Augen und ſchüt⸗ telte ſich vor Schauer, da er der Hexe in das nahe, fal⸗ ten⸗ und warzenreiche Antlitz blickte. In ein lautes Wei⸗ nen ausbrechend, verſetzte er kläglich:„Wo iſt denn meine liebe Mama? Warum darf ich nicht zu ihr? Ach, gute Frau! ſagt mir nur, was ich thun ſoll, um wieder zu meiner Mama zu kommen?“ „Was da, liebe Mama!“ verſetzte die Schloßmagd ſchnippiſch,„ſie hat dich ganz verhätſchelt und darum hat man dich ihr weggenommen.“ Dieſe Worte verſetzten das Kind in die größte Be⸗ ſtürzung. Stumm faltete es ſeine Hände vor der Bruſt, während ein Thränenſtrom ſeinen blauen Augen entſtürzte. „Oh! Oh!“ ſchluchzte Emil leiſe,„meine gute, gute Mama! oh! oh!“ Und er legte ſich nieder und benetzte mit ſeinen Thränen ſein Kopfkiſſen. Dieſer Anblick rührte doch das Herz der Magd. Ihr Antlitz ward milder, und ſanfter der Ton ihrer Stimme, mit welcher ſie tröſtend anhob: 48 „Nun, mein Primſel, gräme dich nur nicht zu ſehr. Du könnteſt ſonſt leicht wieder kränker werden. Was geht dir denn hier ab? Haſt dein gutes Eſſen und Trin⸗ ken, deine eigene Stube und dein ſchönes Bett, darfſt nicht arbeiten, dich nicht plagen wie unſereins. Und wenn du vernünftig biſt und dich in die Leute hier zu ſchicken weißt, ſo wird der Herr Rendant auch nicht garſtig gegen dich ſein, Herr Mutz und ſeine Frau auch nicht. Ich verſichere dir, wer ſich nicht ſo wie ich den Tag über pla⸗ gen muß, der findet die Schornburg gar nicht übel. Na, mein Primſelchen! Lege dich hübſch wieder nieder und ſei gutes Muths. Ich bin ja bei dir und habe dich armen, kleinen Jungen lieb. Da haſt du auch einen Kuß und nun ſchlafe flugs ein.“ Emil ſchüttelte ſich innerlich, da die Lippen der Magd gleich einem Scheuerwiſche ihm über die Wange fuhren. Dann ſprach er ein wenig beruhigter:„Ich möchte gern einmal trinken.“ „Das ſollſt du, Herzemännel!“ erwiederte die Magd. „Willſt du Thee? Er wird zwar nicht mehr warm ſein.“ „Waſſer, wenn ich bitten darf,“ ſprach Emil höflich. „Trink nicht zu viel, Primſel!“ warnte die Magd, da Emils Lippen gar nicht wieder vom Waſſerkruge weg⸗ wollten.„Du wirſt dir den Magen erkälten und von neuem krank werden.“ 4 Hierauf ſetzte Emil ab.„Ich danke!“ ſagte er er⸗ kenntlich und ſank in die Betten zurück. Die Schloßmagd ging, blies die Lampe aus und legte 49 ſich nieder. Bald hörte Emil ſie wieder ſchnarchen. Der Knabe dagegen weinte ſtill, aber ſchmerzlich. „O meine Mutter!“ ſeufzte er leiſe.„Ach, wie lieb habe ich dich jetzt, nun du mir genommen biſt! Nina und Friedrich! wie viel beſſer waret ihr gegen mich als jenes alte Weib! Und ich bin oftmals recht häßlich und un⸗ dankbar geweſen. Was nur mit mir vorgegangen iſt? Das Weib nannte mich Primſel, anſtatt Emil. Ach, Mutter! Mutter! meine herzensliebſte Mutter!“ Unter Weinen ſchlief endlich Emil wieder ein und bis zum hellen Morgen. Er würde vielleicht noch länger geſchlafen haben, wenn es ruhiger in ſeinem Zimmer zu⸗ gegangen wäre. Peitſchenknallen und Fußtrampeln dran⸗ gen ihm zu Ohren, und da er die Augen aufſchlug, ſah er ein Mädchen von ſeinem Alter, die Enkelin der Schloß⸗ verwalterin, welches munter den Kreiſel— und dabei keinen kleinen Lärm erhob. Verwundert blickte Emil auf dieſes ihm fremde Schau⸗ ſpiel hin. Als dies die Kreiſeltreiberin bemerkte, ſprach ſie grob:„Nun, was guckſt du mich denn an, wie die Kuh das neue Thor? Deinetwegen, du fauler Schlingel, muß ich hier in der alten Stube ſtecken, anſtatt draußen im Freien.“ Nach dieſer Anrede ſetzte Babet ihr Spiel mit dem Kreiſel fort. Bald nachher ging die Thür auf und Rolof trat in's Zimmer. Dabei trat er zufällig auf den vor ihm wirbelnden Kreiſel und empfing dafür von Babet einen Nieritz. Der Prinzenraub. 4 50 Peitſchenhieb unter die Beine, wobei ſie mürriſch aus⸗ rief:„Na!“ „Da!“ verſetzte der Rendant giftig und reichte der kleinen Ungezogenen eine tüchtige Maulſchelle. Dann ſteckte er die laut aufſchreiende und wild ſich geberdende Babet aus dem Zimmer. „Deine Wächterin Anke hat mir erzählt,“ hob Ro⸗ loff, dem Bette ſich nähernd, zu Emil an,„daß du wie⸗ der vernünftig ſprichſt. Nun, da wird wohl endlich deine Krankheit gebrochen ſein. Es wird jetzt von dir abhän⸗ gen, ob du es bei mir gut oder ſchlecht haben willſt. Wenn du nicht mehr mit den Füßen ſtampfen, nicht mehr befehlen, nicht mehr ein Prinz ſein, nicht widerſprechen und ungereimtes Zeug reden willſt: ſo werde ich dich gut behandeln. Thuſt du aber das Gegentheil: ſo laſſe ich dich hungern, einſperren, ja ſogar ſchlagen. Ich bin Herr hier und laſſe nicht mit mir ſpaßen. Das merke dir. Alſo: willſt du folgen oder nicht?“ „Ich will!“ erwiederte Emil kleinlaut. „So gieb mir die Hand darauf!“ ſprach Roloff und ſtreckte die ſeinige aus, in welche ſich die des Knaben legte. „Zum Beweiſe, daß ich mein Wort halten werde,“ fuhr der Rendant fort,„habe ich dir ein Frühſtück brin⸗ gen laſſen, wie du dir es wünſchteſt. Frau Mutz! he! bringen Sie Primſels Frühſtück herein.“ Frau Mutz erſchien auf dieſen Ruf und trug ein Töpfchen lauwarmer Wilch, eine Taſſe und einige Zwie⸗ 51 bäcke herbei, welche ſie den Geneſenden genießen ließ. Ach! wie gut dieſes Mahl dem Knaben ſchmeckte! Er las die Krümel von dem Teller auf und ſog wiederholt an der bereits längſt geleerten Taſſe. Aber das Bette ver⸗ laſſen, konnte und durfte Emil nicht, weil er dazu noch zu ſchwach war. Da ward ihm freilich die Zeit ſehr lang. Babet wurde deshalb angehalten, dem Geneſenden die Langeweile durch ihre Geſellſchaft zu vertreiben. Aber die Kleine be⸗ ging ſolche Ungezogenheiten, Rohheiten und Neckereien, daß Emil lieber allein blieb. Nach einigen Tagen verließ derſelbe zum erſten Male ſein Bett, anfangs nur auf kurze Zeit. Da er ſich gar zu ungeſchickt bei dem Ankleiden ſtellte, ſo half ihm dies⸗ mal der Rendant, jedoch mit der Bedeutung, daß in Zu⸗ kunft jede Beihülfe unterbliebe. Emil war ſo hinfällig geworden, daß er taumelte, als er auf ſeinen Füßen ſtand, und einen Stock zur Stütze nehmen mußte. An demſel⸗ ben ſchlich er einigemal ſein Zimmer auf und nieder, worauf er aber wieder eine geraume Zeit ausruhen mußte. Dieſe Hinfälligkeit verlor ſich jedoch wunderbar ſchnell, und mit den wiederkehrenden Kräften fand ſich zugleich ein Ueberbleibſel des frühern, prinzlichen Eigenſinns wieder. „Das alte Zimmer!“ ſprach er eines Tages zur Schloßverwalterin.„Ich mag nicht mehr die ganze Zeit darin ſtecken. In's Freie, in den Garten will ich und Ball ſpielen.“ * 4 jenem herum. Ueber dieſen Witz wollte ſich Babets Frau Mutz.„Er hält alleweile Wittagsruhe.“ „Nun, da will ich wenigſtens eine Trommel haben,“ rief Emil aus,„oder eine Geige.“ „Mit keinem von beiden kann ich Euer Gnaden die⸗ nen,“ ſagte Frau Mutz ſpöttiſch. „Ich will aber eine Trommel haben,“ ſchrie Emil und ſtampfte dazu mit dem Fuße.„Eine Trommel, eine Trommel will ich haben. Oder—“ fuhr er weinerlich fort,„eine Geige, eine Geige, eine Geige will ich haben.“ Hier klemmte die anweſende Babet mit zwei Fingern ihr Näschen zuſammen und nuſchelte mit näſelndem Tone nach:„Eine Trommel will ich haben. Eine Trommel! Eine Trommel! Eine Geige will ich haben! Eine Geige! Eine Geige!“ Erzürnt ging Emil mit erhobener Fauſt auf Babet los, welche aber die Flucht ergriff. Bald jedoch kehrte ſie zurück.„Hier, mein Primſelchen“ ſprach ſie ſpöttiſch, „haſt du eine Trommel.“ Sie ſetzte ein hölzernes Faß verkehrt auf die Dielen nieder und begann mit zwei Holzſtücken auf den hohlen Fußboden zu trommeln. Hierauf erhob ſie ſich, näherte ſich dem ſchmollenden Emil und ſagte: „Und hier haſt du auch eine Geige, eine Geige, eine Geige!“ Babet ſtemmte mit der linken Hand das eine Holz⸗ ſcheit gegen ihre Achſel und fiedelte mit dem andern auf „Sobald es der Herr Rendant erlaubt!“ erwiederte 53 Großmutter ausſchütten vor Lachen. Dies reizte die Kleine zu weiteren Späßen. „Ob wohl dieſe Trommel eben ſo laut klingen wird?“ ſprach ſie und näherte ſich dem Knaben, welcher ſchmol⸗ lend ſeinen Rücken der Spötterin zugekehrt hatte. Auf denſelben mit beiden Holzſtücken lostrommelnd, ahmte Babet den Ton des Trommels nach:„burrumbumbum burrumbumbum!“ Einen lauten Schrei ſtieß Emil aus. In Haſt ſich umwendend, zeigte er ein leichenblaſſes, tief entſetztes Antlitz. „Ge— ge— geſchlagen!“ ſtammelte er mit blei⸗ chen, zitternden Lippen—„geſchlagen hat ſie mich!“ rief er gellend und mit weit offenen Augen. „Du wollteſt eine Trommel haben,“ verſetzte Babet höhnend,„ich habe dir etwas vorgetrommelt. Iſt's nicht recht ſo?“ „Sie— hat mich— geſchlagen!“ wiederholte Emil außer ſich und ſchlug beide Hände vor ſein Geſicht, das ſich vor Schaam und Zorn zu röthen begann.„Herr Heidrich nicht— nicht Nina und Friedrich— ſelbſt Mama nicht haben mich geſchlagen,“ fuhr er leiſe fort.„Mama mochte mich nicht ſchlagen und die Andern durften nicht. Nur ein einziges Mal hat Papa mich auf die Finger geſchlagen, als ich Nina eine Ohrfeige gegeben hatte.“ Von dieſer Stunde an mochte Emil oder Primſel die unartige Babet, die er ſchon immer nicht leiden ge⸗ konnt hatte, gar nicht mehr erſehen. Dieſe Abneigung 54 vergalt Babet dadurch, daß ſie den Knaben unaufhörlich neckte und ihm alle erdenkbaren Poſſen ſpielte. N Fünftes Kapitel. Das Leben in der Burg. Nur wenige Wochen erſt hatte Roloff auf der Schorn⸗ burg zugebracht, als er ſchon dieſes einförmigen Lebens herzlich überdrüſſig war. Immer konnte er ſich doch nicht im Weine berauſchen, nicht immer theure Leckerbiſſen eſſen, die er ſich herbeikommen ließ. Die Geſellſchaft des gräm⸗ lichen Mutz, deſſen geſchwätziger Frau, des tauben Knechts, der ungebildeten Magd, ſo wie endlich der ungezogenen Babet widerten ihn bald an, der gar zu gern mit luſti⸗ gen Zechbrüdern verkehrte und Theil an hohen Glücks⸗ ſpielen nahm. „Soll ich,“ murrte er,„ein ſo gefährliches Wage⸗ ſtüͤck deshalb nur unternommen haben, um den Hüter eines Knaben vorzuſtellen und mich mit ihm zugleich ein⸗ zuſperren? Nein, mein lieber Graf, dazu paſſe ich nicht. — gen Sie es ſelbſt bewachen. Ich habe meinen Lohn von Ihnen weg und möchte denſelben nun gern genießen und mich meines Lebens freuen. Eine kurze Zeit will ich noch hier ausharren und abwarten, was wegen des Kindes Verſchwinden geſchehen wird. Jedoch, wie kann ich das Liegt Ihnen ſo viel an dem Beſitz dieſes Kindes, ſo mö⸗ 55 erfahren, da keine Nachricht und keine Neuigkeit bis in unſer Gefängniß dringt und man ſich darin Niemandem anvertrauen darf? Hm! ich werde dann und wann kleine Ausflüge unternehmen und in den nächſten Oertern hor⸗ chen, was das Gerücht und die Zeitungen verkünden. Von ſelbſt kann der Junge nicht entwiſchen und Einzelne, welche ihn wegzufangen den Verſuch unternehmen woll⸗ ten, würden auch ohne mein Zuthun mit einer langen Naſe von dem unzugänglichen Eilande wieder abziehen müſſen. Geſetzt aber, es fände ein Angriff in Maſſe Statt: nun ſo langte meine Gegenwart auch nicht aus, um ihn abzuſchlagen. Mich mit der Burg zugleich in die Luft zu ſprengen, habe ich keine Luſt, obſchon ich ſol⸗ ches gedroht und dem Grafen verſprochen habe. Der Graf hat wohl mehr noch in ſeinem Leben verſprochen, ja ſogar zugeſchworen und doch nicht gehalten.“ Nach dieſem Selbſtgeſpräche begann Roloff, erſt nur dann und wann, hierauf immer öfter die Schornburg zu verlaſſen. Anfänglich ließ er ſich von dem Schloß⸗ knechte oder der Magd überſetzen und wieder zu einer beſtimmten Stunde abholen. Da dies ihm aber bald lä⸗ ſtig ſiel und er ſich nicht an die Stunde binden laſſen wollte, ſo ruderte er ſich ſelbſt in dem leichteſten Nachen, von denen die Burg eine Anzahl beſaß, an das Ufer, ver⸗ barg daſelbſt den Nachen unter Weidengebüſch und kehrte wieder heim, wann es ihm beliebte. Während ſeiner Ab⸗ weſenheit hatte er dem Schloßverwalter die Obhut über Emil zur heiligſten Pflicht gemacht. Aber Mutz ahmte 56 nur zu bald dem Rendanten hierin nach, indem er ſeinen Geſchäften und Vergnügungen nachging und ſeine Frau für Emils Bewachung verantwortlich machte. Frau Mutz, welche noch weit weniger Beruf und Neigung zu einem ſolchen Wächteramte in ſich verſpürte, trug ſolches der Magd und ihrer Enkelin auf, daher zu⸗ letzt nur ungenaue Aufſicht über den Knaben geführt wurde, und dies beſonders wegen der Vorausſetzung, daß jener doch unmöglich aus ſeinem Gewahrſam entrinnen könne. Als Primſel, wie fortan Emil genannt werden muß, zum erſten Male das Zimmer und die Mauern der Burg verließ, um einen Spaziergang in's Freie zu unternehmen, da war dem Knaben ganz ſonderbar um's Herz und um den Kopf. Jenes klopfte lauter und ſchneller, dieſer ſchwin⸗ delte ihm. Die Augen vermochten geraume Zeit nicht den Glanz der Sonne und des blitzenden See's zu ertra⸗ gen. Verwirrt lenkte er die Schritte einem kleinen Luſt⸗ und Gemüſegarten zu, welcher an der Mittagsſeite der Burg und zwiſchen hohen Mauern und Felswänden lag. Hier ließ ſich Primſel auf einer ſchlichten Solzbank nie⸗ der und ſog vor allen Dingen die reine, warme Luft in langen Zügen ein. Nach einer Weile blickte er um ſich. An der Burg⸗ wand rankte ſich die Weinrebe empor und zeigte unter ihrem ſaftigen Grün ſchwellende Trauben, von denen ein Theil bereits ſich röthete. Auf der entgegengeſetzten Seite erklommen Epheuranken den ſchroffen Felſen, welcher mit 57 ſeinem Bollwerke das Eiland gegen den See beſchützte. Hier beugten ſich die Zweige eines Aprikoſenbäumchens unter ihrer hochrothen Fruchtlaſt. Dort zogen ſich Rei⸗ hen ſchmaler Beete entlang, auf welchen Küchengewächſe aller Art wucherten. Aber auch Reſeda, Leokoy, Gold⸗ lack, Rosmarin, Monatsroſen und andere Blumen erfreu⸗ ten das Auge und die Geruchsnerven des Beſchauers. Ueber eine zackige Felſenwand rieſelte eine klare Quelle hernieder und ſammelte ſich in einem Becken, das mit bun⸗ ten Steinen und Muſcheln ausgelegt war. Die fallenden zahlloſen Tropfen ſchmeichelten mit ihrem Getön dem Ge⸗ hör und brachten Leben in das ſtille Plätzchen. Einige bunte Schmetterlinge durchgaukelten die Luft oder wiegten ſich in den Blumenkelchen. Aber auch noch Tauſende von fleißigen Bienen ſummten ab und zu und trugen ſüßen Honig und gelben Blumenſtaub in ihre Wohnungen ein, welche unter einem Schirmdache auf der Mittagsſeite auf⸗ gepflanzt ſtanden. Unter dem Dachſimſe der Burggebäude klebten Schwalbenneſter, um welche die Alten unermüd⸗ lich herumkreiſeten und ihren Jungen weggeſchnappte In⸗ ſekten zutrugen. Oben auf dem höchſten Firſt des Burgdaches ſtolzirte ein langbeiniger Storch wie eine auf⸗ geſtellte Schildwache umher. Bald klapperte er mit ſei⸗ nem Schnabeldegen, bald putzte er ſein Gefieder, bald fragte er in dem Neſte, aus welchem ein langer Schna⸗ belhals und drei kleinere herausguckten, nach, was die Frau Langbein und ihre Kinderchen machten. Primſel hatte in ſeinem kurzen Leben noch viel herr⸗ lichere Dinge geſehen, als er jetzt ſah; allein dieſe wa⸗ ren ihm alle wie neu und von unendlicher Schönheit. So geht's dem Menſchen allemal mit Dingen, die er eine Zeitlang hat entbehren müſſen. Von der Schildwache Storch wanderten Primſels Augen noch weiter hinauf bis zu dem blauen Himmel und deſſen weißen Wölkchen, welche langſam durch das lichtblaue Luftmeer dahin ſchifften. Bei dieſem Anblicke brach Primſel in heiße Thrä⸗ nen aus. „Meine liebe Mama!“ ſchluchzte er und bedeckte mit ſeinen beiden Händen die weinenden Augen. Sonderba⸗ rer Vergleich! Der blaue Himmel erinnerte den Knaben an ſein ehemaliges Schlafzimmer mit blauen Tapeten und die weißen Wölkchen an die weißen Gardinenwolken in demſel⸗ ben, zugleich aber auch an die liebevolle Mutter, welche jenes Zimmer bewohnte. Der kleine Knabe Emil kannte die Klage der gefan⸗ genen Königin Maria Stuart nicht, welche Schiller in dem Gedichte ausſpricht: „Eilende Wolken, Segler der Lüfte! Wer mit euch wanderte, wer mit euch ſchiffte!“ Aber er wünſchte ſich jetzt ebenfalls eine ſolche da⸗ hin ſchiffende Wolke zu ſein. Er beneidete den Storch um ſeine Flügel, die Schwalbe, den Schmetterling, ja ſelbſt die kleine Biene. Die Blumen blühten und dufteten jetzt nicht mehr ſo ſchön, die herniederplätſchernde Ouelle ——————————— 59 erfreute, der Garten mit all ſeinem Inhalte zerſtreute ihn nicht mehr. Zum Ueberfluß ertönte jetzt Babets quäkende Stimme:„Wo iſt denn Primſel?— Primſel! Primſel! wo ſteckſt du?“ Vor ſeinem Ouälgeiſte Ruhe zu haben, ſuchte Prim⸗ ſel nach einem Verſteck umher. Nach kurzem Ueberlegen ſchlüpfte er in einen dicken Strauch, wo er regungslos verharrte. Er freute ſich kindlich, als Babet mehrmals, nach ihm ſuchend, bei ſeinem Verſteck vorüberlief und da⸗ bei ihre gellende Stimme nach ihm erſchallen ließ. Des Suchens überdrüſſig, entfernte ſich Babet bald wieder und Primſel blickte freier um ſich. Da gewahrte er hinter ſeinem Zufluchtsorte in dem Felſen kleine, ſchmale, aus⸗ gehauene Stufen, welche in die Höhe führten. Wer möchte es einem eingeſperrten Kinde verübeln wollen, daß er wie ein Eichhörnchen die Stufen hinaufkletterte und die Fels⸗ höhe erklomm? Dieſe war oben geebnet und breit genug, um einen ſichern Standpunkt abzugeben. Von demſelben aus hatte Primſel eine ungleich umfaſſendere Ausſicht, als ihm die Burgfenſter und der Burggarten gewährten. Jetzt erſt erkannte er, daß er ſich inmitten eines großen See's und auf einem Eilande befand, von welchem ein Entkommen ſchwerlich zu bewerkſtelligen war. Den grö⸗ ßern Theil des See's beſäumte ein hohes Gebirge, aus deſſen bewaldetem Bergrücken hier und dort weiße Rauch⸗ ſäulen von brennenden Meilern emporſtiegen. Primſel erblickte ferner die hohen Mauern der Brandſtätte mit ih⸗ ren geſchwärzten Fenſteröffnungen. Er ſchaute endlich in 60 einen kleinen Hof vor dem Hauptgebäude der Burg, von welchem eine Thür in einer überwölbten Ufermauer nach dem einzigen Zugange am Seeufer führte. Die kleine Bucht mit ihrem Gitterwerke blieb ihm verborgen, nicht aber die beiden Bollwerke mit ihren Geſchützen, welche zu beiden Seiten die Bucht einrahmten. Primſel hätte gern länger auf ſeinem Standpunkte verharrt, wenn er nicht ein vermehrtes Rufen ſeines neuen Namens vernommen und ein ängſtliches Hin⸗ und Her⸗ laufen der Burgbewohner in jenem Vorhofe wahrgenom⸗ men hätte. Damit man ſeine ohnehin geringe Freiheit nicht noch mehr einſchränke, beſchloß er, wieder hinabzu⸗ ſteigen und ſich den Burgbewohnern zu zeigen, ohne je⸗ doch zu verrathen, daß er das Mittel entdeckt habe, auf die Höhe der Felswand zu gelangen. Babet war diejenige, welche zuerſt den in den Burg⸗ garten herniedergeſtiegenen Primſel entdeckte. „Hier— hier iſt er!“ ſchrie ſie aus allen Kräften, wobei ſie den Knaben mit Gewalt fortzuzerren bemüht war.„Nun muß ich auch die Zuckertüte bekommen, die mir der Großvater verſprochen hat, wenn ich den Schlin⸗ gel fände.“ „Läßt du mich los, Babet?“ ſprach Primſel zornig und ſuchte das Mädchen von ſich abzuſchütteln. Aber die⸗ ſes klammerte ſich nur deſto feſter an ihn, und ihre Fin⸗ gernägel drückten ſich ſchmerzend in Primſels Arme. Ein heftiger Ruck und Stoß von Seiten Primſels machten, daß Babet wie ein Nußſack in den Gartengang 61 hinplumpſte und zwar mit ſolcher Gewalt, daß ihr zum Schreien geöffneter Mund eine Sandladung und einen Sandbart bekam. Trotzdem erhob Babet ein mörderiſches Zetergeſchrei, das aber durch das Wegſprudeln des Sandes unterbrochen wurde. Mutz und Mutzin, die Magd, ja ſogar der faſt taube Krampus rannten herbei. Alle ſchrieen und fragten durch einander und ſtürmten auf Primſel ein, den man mit wahrer Todesangſt geſucht gehabt hatte. „Wo ſteckſt du?— Iſt das mein Dank? Warum antworteteſt du nicht?— Was iſt mit Babchen vorge⸗ fallen?“— ſo tönte es von allen Seiten. Babet deutete auf ihren Abklatſch im lockern Sande hin und dann auf ihren Mund, der noch immer ſeinen aufgenommenen Ballaſt ausſprudelte. Dann kreiſchte ſie: „So hat er mich hingeſchleudert!“ Da erhoben ſich der drohenden Fäuſte mehrere gegen den kleinen Schleuderer, welcher ſchon darauf bedacht war, Reißaus zu nehmen, jene Felſentreppe wieder zu erklim⸗ men und ſich lieber in den See zu ſtürzen, als ſich ſchla⸗ gen zu laſſen. Der Glocke heller Klang am Eiſenhammer verhinderte das Zuſchlagen der drohenden Fäuſte und daher auch die Ausführung des beabſichtigten Selbſtmords. „Der Rendant!“ riefen Mutz, ſeine Frau und Kram⸗ pus. Jeder ſuchte es dem Andern an Eile vorzuthun, um das Gitter zu öffnen. Der voranſtürmende Burg⸗ 62 verwalter aber rief ſeiner Frau haſtig zu:„Schaffe den Jungen in die Burg!“ Das geſchah, bevor noch Roloff über die Burg⸗ ſchwelle trat. Dabei erhob Babet drohend ihre Fauſt gegen Primſel und ſagte:„Das will ich dir ſchon ge⸗ denken!“ Der Rendant, welcher einen unbekannten Begleiter bei ſich hatte, fragte, indem er voraus eilte, den Burg⸗ verwalter leiſe:„Iſt Primſel in ſeinem Zimmer?“ „Ja, Herr Rendant!“ verſetzte Mutz. „Schließen Sie ihn dort ein“— fuhr Roloff fort —„und bringen Sie mir den Schlüſſel. Ich gehe mit dem Fremden nach der Brandſtätte. Der Graf gedenkt, das ausgebrannte Gebäude wieder herſtellen zu laſſen.“ Der Fremde, welcher ein Baumeiſter aus der nächſten Stadt war, beſichtigte in Gegenwart Roloffs die Brand⸗ ſtätte und gab hierauf an, was er an Baumaterialien und Arbeitern zur Herſtellung der Burg bedürfe. Bald darauf belebte ſich der ſtille See mit Kähnen, welche Bauſand, Kalkfäſſer, Backſteine und Bauholz zum Eilande fuhren. Auch ſtellten ſich Maurer, Zimmerleute und Handlanger ein, welche rüſtig an's Werk gingen, und die ſonſt öde Burg von lautem Getöſe erſchallen machten. Roloff aber hatte Fürſorge getroffen, daß die Arbeiter durchaus von den Burgbewohnern getrennt blieben und in keinen Verkehr mit ihnen treten konnten. Es war deshalb ein beſondrer Landungsplatz mittelſt eines ſtarken Floſſes hergeſtellt worden, von welchem eine breite 63 Auffahrt gerade zum Bauplatze führte. Im Vereine mit mit dem Baumeiſter, welcher gewöhnlich einen Tag um den andern die Burg betrat, beaufſichtigte der Rendant den Bau und die Bauleute, welche des Morgens in einem größeren Kahne angefahren kamen und am Abende wieder heimkehrten. Da der Graf reichlichen Lohn zahlte, ſo rückte der Bau raſch vorwärts. Roloff hatte nun zwar durch den Bau einen Zeit⸗ vertreib erhalten und die Verpflichtung übernommen, ohne Unterbrechung die Bauleute zu überwachen und daher in der Burg zu verbleiben. Aber er erwartete mit immer größerer Sehnſucht den Schlag der Feierſtunde, um ſich mit den heimkehrenden Arbeitern zugleich an das andere Ufer zu begeben und dort ſeinen Vergnügungen bis tief in die Nacht nachzugehen. Eines Tages gewahrte Roloff in dem Kahne, welcher den Bauleuten zum Ueberſetzen diente und an dem Floſſe vor Anker lag, einen kleinen Knaben, der ſich mit Angeln beſchäftigte. „Wem gehört jenes Kind an?“ fragte er den nächſten Arbeiter. „Einem Handlanger unter uns, Herr Rendant!“ lautete die Antwort.„Der Mann iſt Wittwer und müßte den Jungen ohne Aufſicht daheim zurücklaſſen. Deshalb bringt er ihn mit. Das Kind aber iſt niemandem im Wege, denn es bleibt den ganzen Tag über ſtill im Kahne ſitzen und ſucht nur um die Mittagszeit ſeinen Vater auf, um mit ihm das Mittagsbrot zu theilen.“ 64 „Welcher unter den Handlangern iſt des Kindes Vater?“ forſchte Roloff weiter. „Der dort in der blauen Jacke und mit dem alten, breiten Hute“— ſprach der Mann, indem er ſeinen Arm zeigend ausſtreckte.„Er langt eben den Maurern Ziegelſteine auf das Baugerüſte hinauf. Roloff verließ den Arbeiter und ſprach im Gehen zu ſich ſelbſt:„Ich dachte wirklich ſchon, daß Primſel der kleine Angler wäre, ſo ähnelt ihm jener Handlangers⸗ ſohn. Dieſelbe Größe und Geſtalt, daſſelbe blonde Haar und jedenfalls auch daſſelbe blaue Auge.“ Roloff näherte ſich nach einer Weile dem bezeichneten Handlanger und redete ihn mit den Worten an: „Du biſt der Vater von dem Kleinen dort im Kahne?“ „Sie müſſen etwas lauter reden, Herr Rendant!“ verſetzte einer von den Maurern—„Der Mann hört ziemlich ſchwer.“ Als Roloff ſeine Frage mit verſtärktem Tone wie⸗ derholt hatte, antwortete der Arbeiter:„Ja, Herr Rendant.“ „Wie heißt du?“ fuhr Roloff fort—„und wo biſt du zu Hauſe?“ „Naumann heiße ich“— erwiederte der Mann— „und meine Hütte liegt dort über dem See. Eigentlich bin ich ein Fiſcher. Weil aber die Fiſcherei jetzt nicht viel einbringt und dagegen hier ein guter Tagelohn gezahlt wird, ſo handlange ich ſo lange, als ich darf.“ 65 „Demnach biſt du der Burſche“— ſprach Roloff— „der ſich in jener Gewitternacht weigerte, den Herrn Grafen mit ſeinen beiden Begleitern überzuſetzen?“ „Ja, das war ich!“ verſetzte Naumann unter einem plumpen Lachen.„Ich hatte mich ſpät erſt niedergelegt, war daher ganz ſchlaftrunken und wollte nicht gern meinen Jungen allein in der Hütte zurücklaſſen. Ueber⸗ dies war jene Nacht grauſig und der See wild genug, um von einer Luſtfahrt abzuſchrecken.“ Roloff wollte noch weiter ſprechen, als ihn plötzlich ein Seitenblick davon abbrachte. Er ſah nämlich von dem Baugerüſte aus, auf welchem er ſtand, in den Burg⸗ garten hinab und in demſelben ſeinen jungen Gefangenen, Primſel, welcher aufmerkſam dem Treiben der Bauleute zuſchauete. Die Entfernung war ſo groß, daß auch die lauteſte Stimme nicht deutlich verſtanden werden konnte; allein dennoch verfinſterte ſich Roloffs Antlitz und er ging, um Primſel in ſein Zimmer zu ſperren und ihm das fernere Betreten des Burggartens während der Arbeits⸗ zeit der Bauleute zu unterſagen. Aber Naumann hatte bereits den Gefangenen längſt beobachtet und allerlei Vermuthungen über denſelben an⸗ geſtellt. War doch Primſel eine Haupturſache geweſen, weshalb Naumann das Fiſchen mit dem Handlangen vertauſcht gehabt hatte! Nieritz. Der Prinzenraub. 5 66 Sechstes Kapitel. Der Schattenriß. Jeder Menſch reitet in der Regel ein Steckenpferd. Das heißt: jeder Menſch beſitzt eine beſondere Vorliebe zu einem Gegenſtande, einer Sache, Perſon oder Be⸗ ſchäftigung, die ihm vorzügliches Vergnügen macht. Zu⸗ weilen iſt dieſes Steckenpferd von der Art, daß es ſeinen Reiter abwirft und ihn wohl gar den Hals brechen macht, wie zum Beiſpiel die Steckenpferde Trunk⸗ und Spielſucht u. ſ. w. Zuweilen aber ſind jene Steckenpferde recht unſchuldiger Natur und gleichen dann den Schau⸗ kelpferden der Kinder, welche zwar ihren Reiter nicht vorwärts bringen, ihm aber doch eine angenehme Bewe⸗ gung gewähren. Auch der Schloßverwalter Mutz ritt ſein Stecken⸗ pferd und zwar ein viel unſchuldigeres als Roloff, der Rendant. Dieſes Steckenpferd nannte ſich die Malerkunſt, zu welchem Mutz von Kindesbeinen an eine entſchiedene Neigung bezeigt hatte. Schon als kleiner Knabe hatte er mit Kreide, Röthel, Holzkohle und anderen noch grö⸗ beren Stoffen allerlei Gebilde an die Mauern, Thore, Thüren und Wände gezeichnet und dafür manche Tracht Schläge von den Eigenthümern jener Gegenſtände hin⸗ nehmen müſſen. Anſtatt dieſe Neigung ihres Kindes als Richtſchnur bei deſſen Berufswahl zu beachten, hatten des Burgver⸗ walters Aeltern vielmehr ihren Sohn gezwungen, das 67 Bäckerhandwerk zu erlernen. Das Ergebniß dieſes Miß⸗ griffs war, daß Mutz der Malerei oblag, wann er ſchlafen, und dagegen vor Schlafſucht umfiel, wann er backen ſollte. Da er ohne alle Anweiſung malte, ſo ward er ein eben ſo ſchlechter Maler als er Bäcker war, der trotz ſeinem brodſchaffenden Handwerke und ſeiner bildenden Kunſt hätte Hungers ſterben müſſen, wenn er nicht in des Grafen Dienſte gekommen und darin bis zum Burg⸗ verwalter empor geſtiegen wäre. Dieſe verfehlte Richtung ſeines Lebens war es auch, welche ihn zu einem mürriſchen Menſchen gemacht hatte. Denn obgleich er gegenwärtig Zeit genug hatte, ſich ſeiner Malerkunſt zu widmen, ſo fühlte er nur zu wohl, daß es damit zu ſpät ſei und daß er es nicht bis über den ſogenannten Gurkenmaler hinaus⸗ bringen würde. Demohnerachtet malte Mutz, ſo viel und ſo gut als er vermochte. Bereits hatte er alle Wände ſeiner Wohnung mit den Werken ſeiner Kunſt geſchmuckt, welche meiſtens in greulichen Nachahmungen derjenigen Gemälde beſtanden, womit des Grafen Vorfahren die Zimmer ihrer Burg ausgeſtattet hatten. Dieſe Gemälde ſtellten Portraits, Hirſche, Hunde, Katzen, Kaninchen, Haſen, wilde Schweine, Geflügel, Gefechte, aber auch Fruchtſtücke vor und waren meiſtens in Oel gemalt. Mutz aber malte in Waſſerfarben und dieſe waren von ziemlich grober Beſchaffenheit, was natürlich ſeinen Bil⸗ dern in der Nähe großen Eintrag that. Nachdem Mutz in der Burg nichts mehr nachzu⸗ 5* 68 malen fand, verfiel er auf einen neuen Zweig der Kunſt, welcher in dem Verfertigen von Schattenbildern beſtand. An einem Abend, welchen Primſel nach der Abfahrt der Arbeiter und Roloffs im Burggarten zugebracht hatte, hörte er ſich von dem Burgverwalter gerufen. „Du ſollſt“— ſprach dieſer zu dem Knaben— „heute mit uns eſſen und dann abgeſchattet werden.“ Primſel verſtand nur die erſte Hälfte dieſer Rede, während er die andere nicht beachtete. Ueber Tiſche ärgerte er ſich wieder über Babets Gefräßigkeit und üble Ange⸗ wohnheiten, ſo daß dem fein erzogenen Knaben faſt kein Biſſen ſchmeckte. Es war ihm ein Greuel, Babet laut mit dem Munde ſchnalzen oder patſchen zu hören, ſich ihrer Finger, ſtatt der Gabel bedienen und ſie das Fleiſch mit den Zähnen zerreißen, anſtatt wit dem Meſſer zer⸗ ſchneiden zu ſehen. Die Brühe trank ſie von ihrem Teller auf und ihre fettig gewordenen Finger leckte ſie mit der Zunge ab, gleichwie eine Katze ihre Pfötchen. Viel lieber hätte Primſel allein gegeſſen als in ſo ge⸗ meiner Geſellſchaft. Nach aufgehobener Tafel rückte Mutz einen Stuhl ziemlich nahe an die Zimmerwand. „Setz dich!“ gebot er ſeiner Enkelin—„und ver⸗ halte dich ruhig oder es ſetzt etwas.“ Er richtete hierauf Babets Kopf in der Weiſe, daß die eine Hälfte ihres Geſichts genau abgeſchnitten der Wand ſich zukehrte. Hierauf mußte Primſel ein Licht nehmen und es hinter die andere Hälfte von Babets 69 Geſicht halten, wodurch deſſen Schatten auf einen weißen Bogen Papier ſiel, welchen Mutz an der Wand befeſtigt hatte. Nun zeichnete der Burgverwalter den Schatten mit einem Bleiſtifte nach, wodurch er einen naturgetreuen Umriß von dem Geſicht ſeiner Enkelin erhalten mußte. Aber Babet konnte es nicht unterlaſſen, dem kleinen Lichthalter abſcheuliche Fratzen zu ziehen. Ja, ſie trieb ihre Unart ſo weit, daß ſie abermals die Zunge lang herausſtreckte. Dem Schattenzeichner konnte dieſer Unfug nicht entgehen, und ehe ſich's Babet verſah, machte ſie eine derbe Maulſchelle, von ihres Großvaters Hand verabreicht, vom Stuhle herunterfallen. Bei dieſem An⸗ blick und dem Zetergeſchrei des Mädchens regte ſich in Emil oder Primſel ein Gefühl von Schadenfreude, und nur ſein Stolz war die Urſache, daß er weder lachte, noch ein Wort dazu ſagte. Demohnerachtet ſagte Babet, nachdem ſie von den Dielen ſich erhoben hatte, zu Primſel:„Du brauchſt gar nicht über mich zu lachen, dummer Junge!“ Der Schimpfname ſchmerzte Primſel gewaltig und er fühlte ſich in der erſten Aufwallung ſeines Zornes verſucht, dem ungezogenen Kinde den Leuchter an den Kopf zu werfen. Allein er hatte doch ſchon ſo viel Selbſtüberwindung in der Burg gelernt, daß er ſich ganz ſtill verhielt. Dieſe Ruhe jedoch erbitterte Babet vollends. „He, was ſtößt du mich denn, du Gaſſenbrut?“ ſprach ſie ärgerlich, wobei ſie zugleich heftig gegen Primſel ſtieß. Jetzt wollte bei Primſel die Geduld reißen und er voll 70 Wuth über ſeine Beleidigerin herfallen. Aber Mutz kam ihm zuvor, indem er Babet mit Ingrimm packte und aus dem Zimmer warf. „Ha! muß man ſich über das gottloſe Mädchen ärgern!“ ſprach er, athemlos zurückkehrend.„Das kommt aber daher, daß meine Frau ihr allen Willen läßt. Deine Mutter, Primſel, hat es eben ſo mit dir gemacht und darum iſt's zu deinem Glücke, daß du unter fremde Leute gekommen biſt. Du kannſt hübſch an Babet ſehen, wie häßlich es den Kindern ſteht, wenn ſie unartig und eigen⸗ willig ſind. Wird das Mädel nicht bald anders, ſo wird's ihr noch einmal trübſelig in der Welt ergehen.“ Primſel hatte ſich geduldig ſchimpfen, ſtoßen und beleidigen laſſen. Aber ſeiner Mutter zu nahe treten, konnte er nicht ſtillſchweigend geſchehen laſſen. Daher ſprach er jetzt: „Meine Mama war gewiß gut und hat mir nicht allen Willen gelaſſen.“ „Oho!“ verſetzte Mutz—„Wir haben die voll⸗ gültigſten Beweiſe davon.„Haſt du ſchon vergeſſen, Primſel, wie ungeberdig du hier in der Burg auftrateſt? Wie du mit den Füßen ſtampfteſt und die Zimmerthür mit dem Stuhlbeine verderbt haſt? Wie du nichts gut genug bekommen konnteſt und wie ein Prinz behandelt ſein wollteſt?“ „Wie ein Prinz?“ erwiederte Primſel träumeriſch— „Ich bin ja wirklich ein Prinz und mein Papa war der König.“ 71 „Da haben wir's!“ ſprach Mutz lachend—„Er kann immer noch nicht die Grille von dem Prinzen aus dem Kopfe bringen. O mein guter Primſel! wenn dein Vater ein König wäre, ſo würde er ſeinen Prinzen an allen Orten und Enden der Welt ſuchen und ſuchen laſſen. Ein Königsſohn verſchwindet nicht ſo leicht, und bald genug würde dein königlicher Vater erfahren, wohin man dich gebracht hat. Dann würde er nöthigenfalls mit einer ganzen Armee angerückt kommen und die Schorn⸗ burg belagern, wenn man dich nicht gutwillig heraus⸗ geben wollte. Primſel, ſchlag' dir die Prinzengedanken aus dem Sinne, ich bitte dich. Ein Zaunkönig müßte dein Vater ſein und dann wäre er der kleinſte unter den deutſchen Vögeln. Aber nun ſetze dich hierher und halte den Kopf genau eben ſo, wie vorhin Babet, das unge⸗ zogene Ding. Das Licht ſtelle ich auf dieſe Kommode und du hältſt hubſch ſtill.“ Primſel that, wie ihm geheißen worden. Darauf entſtand in dem Zimmer eine tiefe Ruhe. Mutz ſagte nichts, weil er eifrig den Schattenriß nachzeichnete, und Primſel hing ſeinen Gedanken nach, die aber keine erfreu⸗ lichen waren. So jung Primſel war, ſo war er auch verſtandig genug, zu begreifen, daß der Burgverwalter richtig geſprochen hatte.„Warum“— fragte ſich das Kind—„iſt mein Papa nicht gekommen, mich hier zu ſuchen und abzuholen? Hat er meiner vergeſſen und mich nicht mehr lieb oder ſeine Macht eingebüßt? Jeder⸗ mann hatte ſich ſo tief vor Primſels Papa gebückt und 72 ihn den allergroßmächtigſten Herrn genannt, der über mehr als hunderttauſend Soldaten gebot. Warum errettete er jetzt ſeinen geliebten Sohn nicht? Oder wäre es wirklich nur ein Traum geweſen, was ſo unauslöſchlich vor Prim⸗ ſels Augen geſchrieben ſtand? „Du mußt den Kopf nicht ſo auf die Bruſt nieder⸗ hängen laſſen!“— rief jetzt Mutz dem träumenden Kna⸗ ben zu, welcher dadurch zu ſich kam und das Haupt wie⸗ der erhob.„Gedulde dich nur noch ein paar Minuten“ — fuhr Mutz fort—„dann bin ich fertig. Es wird einen hübſchen Kopf geben und Babet ſoll ſich nicht wenig ärgern, wenn ich deinen Schattenriß unter meine übrigen Bilder aufhänge und ihren nicht. Da hat der Fiſcher Naumann einen Jungen von deinem Alter und deiner Geſtalt. Ein allerliebſtes Jungelchen! Er müßte ein hübſches Seitenſtück zu deinem Schattenriſſe abgeben. Wie ſtill und folgſam er den ganzen Tag in dem Kahne ſitzt, während ſein Vater bei dem Schloßbaue arbeitet! Ja, ja! die Kinder armer und niedriger Leute lernen ſchon frühzeitig Geduld und ſich in ihr Schickſal finden. Sahſt du den kleinen Fiſcherbuben noch nicht mit ſeiner Angel in der Hand ſitzen? Ach nein! du konnteſt und durfteſt ihn ja nicht ſehen! Ich glaube, er wäre ein paſſenderer Spielgefährte für dich wie die unartige Babet. Zwar biſt du ein Prinz, ſogar ein Königsſohn— wie du ſprichſt— und er nur ein armer Fiſcherbub! Nun, einmal und auf eine halbe Stunde ihn in die Burg einzulaſſen, kann kei⸗ nen Schaden anrichten.“ 73 Primſel hatte allerdings ſchon mehrmals den kleinen Jonas im Kahne ſitzen und auch einmal mit ſeinem Vater auf dem Baugerüſte eſſen ſehen. Dazu war ihm die Treppe in dem Felſen und die Ausſicht von demſelben behülflich geweſen, ohne daß es jemand von den Schloß⸗ bewohnern bemerkt hatte. Ach, Primſel beneidete gar ſehr den armen, kleinen Fiſcherbuben, welcher einen liehe⸗ vollen Vater und noch dazu die Freiheit beſaß. Primſel war wiederholt Zeuge geweſen, wie Naumann, der arme Fiſcher, in den Feierſtunden ſeinem kleinen Sohne das Schwimmen lehrte und wie Jonas gar bald ſo weit kam, daß er auf dem tiefen See rings um den Kahn ſchwamm, in welchem ſein Vater jeder Bewegung des jungen Schwim⸗ mers folgte und für deſſen Sicherheit beſorgt war. Wie gern hätte Primſel auch einmal ſeine Glieder in das laue, klare Waſſer des Sees getaucht und erfriſcht! Wie gern mit dem einfachen Mittagsmahle ſich begnügt, wenn er ſolches in Geſellſchaft ſeiner Mama und ſeines Papa hätte verzehren dürfen! Bald nachdem der Burgverwalter Primſels Schatten⸗ riß gefertigt hatte, trat kühles, regneriſches Wetter an die Stelle der ſchönen, warmen Sommertage. Ein rauher Nordwind, des Herbſtes Vorbote, ſtrich pfeifend über den See daher und umheulte die Burg mit unheimlichen Tönen. Wenn aber das menſchliche Herz von Kummer und Gram niedergedrückt iſt, ſo wird auch der Leib weit empfänglicher für Krankheit und Uebelbefinden. So er⸗ ging es Primſel, der ſeit der letzten Rede des Burgver⸗ 74 walters allen Muth und jede Hoffnung auf eine beſſere Zukunft verloren hatte. Da er ſehr weichlich erzogen worden war, ſo erlag ſein Körper dem Einfluſſe der rauhen Witterung und der plötzlich eingetretenen Kälte. Ein Schnupfen mit leichten Fieberanfällen und Huſten verbunden, zwang den Knaben, das Zimmer, ja ſogar oftmals das Bette zu hüten. Frau Mutz verab⸗ reichte dem Kranken reichlich Fliederthee und andere ſchweiß⸗ treibende Mittel, durch welche zwar das Schnupfenfieber gehoben wurde, Primſel aber dennoch zu einem wahren Schatten⸗ und Jammerbilde mit bleichen, hohlen Wangen und erloſchenen Augen ward, das alle Lebensluſt ver⸗ loren zu haben ſchien und nur matt und langſam um⸗ herſchlich. Dieſer Zuſtand Primſels erfüllte den Rendant mit großer Beſorgniß. Einen Arzt zu Rathe zu ziehen, war gegen des Grafen ausdrückliches Verbot und gleichwohl dem Rendant an des Knaben Erhaltung ſehr viel gelegen. Häufiger und länger als bisher war jetzt Roloff von der Burg abweſend, nachdem der Bau des eingeäſcherten Burg⸗ theiles beendet war. Eines Tages ertönte die Glocke an dem Eiſengitter des Landungsplatzes, da Roloff gerade wieder die Burg verlaſſen hatte. Naumann, der Fiſcher, war es, welcher in Begleitung ſeines Söhnleins in ſeinem Nachen am Thore hielt und dem Burgverwalter zurief, ob er ſchöne Karpfen und Hechte kaufen wolle, die er ſo eben erſt ge⸗ faugen habe? 75 Mutz fuhr in einem Kahne bis zum Gitter, durch deſſen Eiſenſtangen er den Handel abſchloß, worauf er aber noch hinzuſetzte: „Nun müßt Ihr mir aber auch einen Gefallen er⸗ weiſen, Naumann! Hört einmal! Der Herr Burggraf und ſein Rendant haben auf das Strengſte verboten, irgend Jemand ohne ihre Genehmigung in die Burg ein⸗ zulaſſen. Nun halte ich aber dafür, daß Euer Söhnlein nicht Jemand, ſondern Niemand iſt, und da ich Niemand hereinlaſſen darf: ſo handle ich nicht gegen das Verbot, wenn ich Euern Jungen auf ein halbes Stündchen mir ausbitte. Es ſoll ihm kein Leid, ſondern eine Ehre widerfahren, indem ich ſeinen Schattenriß abzeichnen und denſelben in gar vornehme Geſellſchaft hängen will.“ Naumann willigte in des Burgverwalters Anſinnen und dieſer ließ das Eiſengitter gerade ſo weit nur aus⸗ einander gehen, daß die ſchmächtige Geſtalt des Fiſcher⸗ knaben durchſchlüpfen konnte. Jonas ward etwas ängſtlich, als er ſich in des Burgverwalters Wohnſtube geführt ſah, deren Fenſter Mutz mit vorgeſetzten Brettern und dicken Wolldecken verfinſterte, um des Knaben Schatten an der Wand er⸗ ſcheinen zu machen. Still duldend ließ Jonas den Burg⸗ verwalter ſein Weſen treiben und holte tief Athem, als die Zeichnnng zu Stande gebracht und das Zimmer wie⸗ der hell geworden war. „Große Aehnlichkeit!“ rief Mutz aus, indem er die Schattenriſſe Primſels und des Fiſcherknaben mit einander 76 verglich.„Nur iſt Primſels Kinn ein wenig vorſtehender und ſeine Stirn etwas höher. Ei, ich bin doch neu⸗ gierig zu ſehen, wie ſich die beiden Jungen gegen einander ausnehmen werden. Komm, mein Junge! Dein Vater kann ſchon noch ein paar Minuten warten.“ Jonas durchwanderte in Begleitung des Burgverwal⸗ ters eine Reihe verſchiedener Gemächer und gelangte endlich in ein düſteres Zimmer, wo er einen Knaben ſeines Alters trübſinnig in einem hohen Lehnſtuhle ſitzen und durch das Fenſter hinausſtarren ſah. Tiefer Gram lag auf ſeinem bleichen, abgemagerten Geſicht ausgeprägt und eine feine, weiße, wie durchſichtige Hand hielt die Stuhllehne um⸗ klammert. „Luſtig! luſtig! Primſel!“ hob Mutz zu dem Kna⸗ ben an.„Wer wird ſtets Grillen fangen! Raſch, ſteh' auf und ſtelle dich einmal neben dieſen kleinen Fiſcher⸗ buben hin! Ei, ei, Primſel! du nimmſt dich ja aus wie das letzte Viertel neben dem Vollmonde, wie eine magere Waſſerſuppe neben einem fetten Schweinebraten. Gleich⸗ wohl iſt des Fiſcherbuben Koſt eine weit magerere als die deine, und ſein Lager lange nicht ſo weich wie dein Bett. Munter! munter iſt die Hauptſache, Primſel!“ Primſel vernahm dieſe Worte mit großer Gleich⸗ gültigkeit. Er blickte den Jonas mit matten Augen an uud ſagte einſilbig: „Du haſt einen Papa?“ „Papa?“ verſetzte Jonas—„was iſt Papa?“ „Das heißt auf deutſch Vater“— erklärte Mutz— 1 ꝛ „Bei vornehmen Leuten ſagt man nicht Vater und Mut⸗ ter, ſondern Papa und Mama.“ „Ja!“ erwiederte Jonas mit funkelnden Augen,„ich habe einen Vater.“ „Und du darfſt bei ihm ſein?“ fuhr Primſel traurig fort,„ach, wie glücklich du biſt! Haſt du auch eine Mama, eine Mutter?“ „Nein,“ verſetzte Jonas,„meine Mutter iſt geſtor⸗ ben, da ich noch ſehr klein war.“ „Todt iſt deine Mama?“ fragte Primſel lebhaft. „Ach, meine Mama lebt wohl noch, aber ich darf nicht zu ihr.“ „Still!“ ſprach Mutz.„Sobald du wirſt folgen ge⸗ lernt haben, wirſt du deine Mama wieder zu ſehen be⸗ kommen. Aber ich bin überzeugt, daß, wenn ich jetzt dei⸗ nen Schattenriß abnehmen wollte, ihr beide einander nicht ähnlich ſehen würvet. Komm, Junge, damit dein Vater nicht ngedu dig wird.“ „Ich wollte, du bliebeſt hier,“ ſagte Primſel zum Jonas,„denn du würdeſt gewiß nicht ſo häßlich gegen mich ſein, wie Babet. Komm bald wieder und bleibe länger bei mir. Mir wird die Zeit ſo lang, ach! ſehr lang!“ Primſel brach in Thränen aus und verbarg ſeine weinenden Augen unter ſeine fleiſchloſen Hände. Mit inniger Theilnahme blickte Jonas auf den ſchluch⸗ zenden Knaben hin. Er hätte ihn gern getröſtet, ſo gut er vermochte, aber Mutz zog ihn aus dem Zimmer und 78 führte ihn ſeinem Vater zu, welchem Jonas auf der Heim⸗ fahrt die Zuſammenkunft mit dem fremden, traurigen Kna⸗ ben haarklein erzählte. Siebentes Kapitel. Der Schuß. Die Schornburg mit ihrer Umgebung lag in einem Gebirgslande, in welches nur ſpärlich die Neuigkeiten des Tages und der Ferne Eingang fanden. Noch einſamer und unbeſuchter wohnte Naumann, der Fiſcher, der auch in ſeiner übrigen Lebensweiſe einem Einſiedler glich. Erſt ſeit jener Nacht, in welcher er den Grafen von Schorn⸗ burg nebſt deſſen Begleitern hatte über den See ſetzen müſſen, war er, ohne Aufſehen zu errkgen, bemüht gewe⸗ ſen, etwas über das Kind zu erfahren, welches ſeitdem wie ein Gefangener in der Burg lebte. Längere Zeit hin⸗ durch waren Naumanns Nachforſchungen erfolglos geblie⸗ ben; ſpäter aber vernahm er eine Nachricht, welche ganz geeignet war, ihn auf das Höchſte zu erregen. In dem benachbarten Königreiche, hatte Naumann vernommen, ſei der kleine Kronprinz auf eine unerklärliche Weiſe ver⸗ ſchwunden. Derſelbe war in Begleitung ſeines Hofmei⸗ ſters aus dem ländlich gelegenen Luſtſchloſſe in einen na⸗ hen Wald ſpatzieren gegangen und weder er, noch ſein Hofmeiſter, wieder zurückgekehrt. Das leichte Mützchen 78 des Prinzen hatte man an dem ufer eines kleinen, jedoch ziemlich tiefen Fluſſes gefunden, welcher jenen Wald in Krümmungen durcheilte. Später war auch der Leichnam des Hofmeiſters angeſchwommen, jedoch derjenige des Prin⸗ zen nicht, von dem es freilich nur zu gewiß war, daß er das Lvos des Ertrinkens mit ſeinem Hofmeiſter getheilt hatte. „Wie?“ ſprach der Fiſcher zu ſich ſelbſt,„wenn je⸗ nes Kind, welches ſich in des Grafen Geſellſchaft befand, der verſchwundene Prinz und von dem Grafen oder deſſen Gehilfen geraubt worden wäre? Aber zu welchem Zwecke ſollte der Graf einen Raub begangen haben, welcher ihm und ſeinen Gehilfen den Hals koſten könnte? Nur einen ähnlichen Fall erzählt die Geſchichte in dem ſächſiſchen Prinzenraube, der in jener barbariſchen Vorzeit eher denk⸗ bar als in der gegenwärtigen war. Welche Beweiſe ver⸗ möchte ich beizubringen, wenn ich in dem Kinde auf der Schornburg den todtgeglaubten Prinzen vermuthete und die Anzeige davon ſeinen königlichen Aeltern machte? Würde ich, erwieſe ſich meine Beſchuldigung als grundlos, nicht die volle Rache des Grafen auf mich laden? Nicht mein Kind zugleich in die größte Gefahr ſtürzen? Nicht mein Geheimniß vorzeitig an das Licht treten laſſen und zugleich neuen Verfolgungen mich und mein Kind aus⸗ ſetzen? Würde der Graf nicht weit geheimnißvoller und genauer einen Gefangenen bewachen laſſen, welcher als der Erbe eines Könißsreichs einen unſchätzbaren Werth hat? Und wenn der Graf, wie einſt Kunz von Kauffun⸗ 80 gen, um ſeines Vortheils willen den Prinzenraub began⸗ gen hätte: warum hat er da bis jetzt unterlaſſen, Ge⸗ brauch von ſeinem Vortheile zu machen?“ Dieſe Fragen und Bedenklichkeiten beunruhigten den Fiſcher, welchen die Begierde, dem Geheimniſſe auf die rechte Spur zu kommen, öfter denn je auf den Seruß in die Nähe der Schornburg trieb. 3 Eines Abends, als ſich ſchon das Laub der Bäume in bunte, herbſtliche Farben zu kleiden begänn, ſteuerte Naumann mit ſeinem Nachen der Schornburg zu. Er war allein, und weil er die Aufmerkſamkeit der Burgbe⸗ wohner nicht auf ſich zichen wollte, ſo näherte er ſich in einem Bogen, und dem rechten Ufer folgend, dem Eilande. Plötzlich durchzuckte ein Pulverblitz am Geſtade die abend⸗ liche Dunkelheit und zwar in einer Entfernung von etwa 200 Schritten. Dem Blitze folgte ſchnell der Knall und ein lauter Schrei, worauf Alles ſtill ward. Schneller als bisher trieb Naumann ſeinen Nachen jener Uferſtelle zu, und als er vor derſelben anlangte, gewahrte er eine Mannsgeſtalt, welche unter ſchwerem Aechzen ſich an⸗ ſtrengte, auf die Füße zu gelangen. „Steht mir bei!“ bat eine gepreßte Stimme, in cher der Fiſcher ſogleich die des Rendanten Roloff er⸗ kannte;„ich bin— ſchwer— verwundet.“ Ein unausſprechliches Gefühl durchzuckte hier des Fiſchers Bruſt. Stumm und regungslos ſtand er auf⸗ recht in ſeinem Nachen, welcher langſam vom Ufer weg⸗ 81 zutreiben begann. Als dies der Rendant bemerkte, rief er haſtig: „Helfen ſollt Ihr mir und dafür reichen Lohn er⸗ halten. Man hat mich meuchelmörderiſch angefallen.“ Ein Schauer überlief kalt den Fiſcher.„Die rächende Vergeltung kommt endlich!“ ſprach er zu ſich ſelbſt. Er ließ den Nachen an das Ufer feſttreiben und ſprang an's Land, wo ſich Roloff unter Schmerzen und Aechzen krümmte.„Ich hörte einen Schuß,“ hob Naumann an, „war derſelbe Euch zugedacht und wo hat er Euch ver⸗ wundet?“ In den Schenkel!“ verſetzte Roloff ſtöhnend.„In⸗ dem ich den Kahn beſteigen und mich nach der Burg hin⸗ über begeben wollte, empfing ich den Schuß. ch ſchrie und ſtürzte. Darauf hörte ich, wie der Meu elmörder aus ſeinem Verſtecke herbeieilte, um mir, dafern ich nicht ganz todt wäre, den Garaus zu machen. Der Rachedurſt gab mir ein, mich todt zu ſtellen, während ich meinen Dolch zog und in Bereitſchaft ſetzte. Als mich nun der Meuchler erfaßte, um mich in die Tiefe des See's zu ver⸗ ſenken, durchſtieß ich ihm unvermuthet das Herz, ſo daß er lautlos niederfiel. Dort liegt er!“ „Der Menſch vermuthete jedenfalls, daß Ihr viel Geld bei Euch trüget,“ ſprach der Fiſcher,„er wollte Euch daher berauben.“ „O nein!“ verſetzte Roloff zähneknirſchend.„Nicht auf mein Geld, ſondern nur auf mein Leben war's ab⸗ geſehen. Der Meuchler mochte recht gut wiſſen, daß ich Nieritz. Der Prinzenraub. 6 82 heute viel Unglück im Spiele gehabt und darum leere Taſchen nur aufzuweiſen habe. Außerdem hätte er ſie durchſucht.“ „Welch' eine Urſache hätte aber den Meuchler zu ſeiner That veranlaßt?“ fragte Naumann. „Oh! ich errathe ſie genau,“ entgegnete Roloff. „Doch bevor ich meine Vermuthung ausſpreche, wollen wir erſt den Meuchler beſichtigen. Könnt Ihr Feuer machen?“ Das konnte der Fiſcher. Als der Schein eines an⸗ gebrannten Holzſpans auf das bleiche, ſchmerzlich verzerrte Antlitz des Todten fiel, den der Fiſcher in Roloffs Nähe geſchleppt hatte, lachte dieſer höhniſch auf. ſt ſo, wie ich vermuthet hatte,“ ſprach er.„Die Kugel war zum Lohn für geleiſtete treue und gefahrvolle Dienſte beſtimmt, und wenn der Mord gelungen wäre, ſo hätte dieſelbe Hand, welche den Mörder gegen mich aus⸗ geſchickt hat, dieſen mit gleicher blutiger Münze ausge⸗ zahlt und für immer zum Schweigen gebracht. Doch der liebe, dankbare Herr ſoll ſich arg verrechnet haben. Weh! der Schmerz nimmt zu. Fiſcher! bringt mich raſch nach Eurer Wohnung und dann holt einen Arzt herbei.“ „Nach meiner Hütte wollt Ihr?“ fragte Naumann verwundert.„Nicht auf die Burg? Bei mir wäret Ihr übel aufgehoben. Ich könnte Euch weder einen Arzt her⸗ beiſchaffen, da ich mein Kind nicht die Nacht allein in der Hütte zurücklaſſen mag, noch etwas für Eure Pflege thun. Nein! nein!“ fuhr Naumann leiſe und zu ſich ſelbſt ——— —— 83 ſprechend, fort,—„in meine Hütte darfſt du nimmer, Mör⸗ der! Mit dir würde der Fluch unter mein friedliches Dach einziehen und Augenblicke könnten kommen, in welchen ich Rache an dir zu nehmen verſucht würde.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte Roloff nach kurzem Beſin⸗ nen.„Bringt mich nach der Burg, wo ich beſſer denn anderwärts die Mittel beſitze, um dem mir zugedachten Schlage auszuweichen, ja ſelbſt ihn auf ſeinen Austheiler zurückfallen zu machen.“ Naumann trug unter ſtreitenden Gefühlen den Ver⸗ wundeten in den Kahn und ruderte dann der Burg zu, wo der Rendant ſo gut als möglich verbunden, ins Bett geſchafft und der Knecht eiligſt nach dem nächſten Arzt ausgeſchickt wurde. Leichten, ja tieffreudigen Herzens begab ſich der Fiſcher auf die Heimfahrt. Er hatte ſeinem Todfeinde in der Noth beigeſtanden, nicht Böſes mit Böſem vergolten und ſomit das Gebot Deſſen erfüllt, we cher uns ſelbſt den Feind zu lieben gebietet. Während der Rendant unter grimmigen Schmerzen, Gewiſſensbiſſen und Rachegedan⸗ ken ruhelos und fiebernd auf ſeinem Lager ſtöhnte, richtete Naumann ſeinen Blick freudig bald den funkelnden Ster⸗ nen zu, über welchen Gottes Gerechtigkeit thront, bald den aufſprützenden Wellen des See's, auf welchen zwar der Wiederſchein der goldenen Himmelslichter, doch nicht die ſpukenden und verlockenden Truggeſtalten zu ſehen wa⸗ ren, welche in jener Gewitternacht dem Fiſcher den Kopf wirbeln gemacht hatten. Naumanns innere Herzensfreu⸗ 6* digkeit trübte auch dann ſich nicht, als er an der Uferſtelle vorüberſchiffte, wo der getödtete Meuchler Roloffs lag. Auch der Fiſcher hatte denſelben erkannt. Es war der⸗ ſelbe Diener des Grafen Schornburg, welcher den im Schloſſe gefangen gehaltenen Knaben getragen hatte. „Herr Gott!“ ſprach Naumann ergriffen,„deutlich ſehe ich das Walten deiner Gerechtigkeit. Zwar biſt du langmüthig, geduldig und von großer Gnad' und Treue; aber dennoch vergiltſt du einem Jeden nach ſeinen Wer⸗ ken. Darum will ich dir Alles anheim ſtellen und deiner Gerechtigkeit auch ferner vertrauen.“ Daheim fand Naumann ſein Kind— ein Bild der blühendſten Geſundheit und Unſchuld— feſt ſchlafend. Lange betrachtete der Vater den jugendlichen Schlä⸗ fer mit freudevollen Blicken. „Bin ich,“ ſprach er dankbar,„nicht weit glücklicher als der Graf Schornburg, der keinen ſo köſtlichen Schatz wie dieſen da beſitzt? Der, kinderlos, nur aus Habſucht und Ehrgeiz, Verbrechen auf Verbrechen häuft und mit Verbrechern ſich umgiebt, vor denen er ſelbſt unaufhörlich zittern muß? Bin ich nicht glücklicher als der Nachbar⸗ konig, der den Verluſt ſeines Sohnes beweint? Nicht glücklicher als Roloff und jener Todte, der ſündigend und mordend in die Ewigkeit abgerufen worden iſt? Ach, die thörichten Menſchen, welche das Unrecht begehen, weil ſie meinen, dadurch vergnügter und genußreicher ihr Leben zu geſtalten! Wenn ſie doch bedächten, daß nur S Dual und Tod der Sünden Sold ſind!“ 85⁵ Gleichwie der Menſch nur zu leicht zum Neide ver⸗ leitet wird, ſieht er Glücklichere neben ſich: eben ſo wird er wiederum zufriedener mit ſeinem Schickſale und dank⸗ erfüllter gegen Gott, wenn ſein Blick auf Unglücklichere fällt. Aus dieſem Grunde ſchätzte auch Naumann ſein Gluck heute höher als ſonſt, und mit Dankſagung gegen Gott entſchlief er ſanft und fröhlich auf ſeinem ärmlichen Binſenlager. Wie ganz verſchieden ſah es mit dem Rendanten aus! Dieſen folterte leibliches und geiſtiges Weh; Haß, Rachedurſt, Gewiſſensbiſſe und Verzweiflung ſtritten ſich in ſeinem Herzen. Nachdem der Arzt die Kugel aus der Schußwunde gezogen und dieſe ſelbſt verbunden hatte, was freilich für Roloff äußerſt ſchmerzhaft war, ſo lag der Rendant, vom Wundfieber ergriffen, ruhelos auf ſeinem weichen Flaum⸗ lager. So voft er an den Urheber ſeiner Wunde dachte, biß er knirſchend die Zähne auf einander und ſchwor ihm die ausgeſuchteſte Rache. Dann wiederum trat Klein⸗ muth an die Stelle des Ingrimms und des Haſſes, ein Kleinmuth, den er in geſunden Tagen nicht gekannt oder ſofort von ſich geſtoßen hatte. Was er bisher als un⸗ möglich verlacht hatte: den Glauben an ein Gottesgericht, an eine gerechte Vergeltung unſerer Thaten, an eine Ewig⸗ keit, das erfaßte ihn immer unabweisbarer, je mehr er an die Möglichkeit ſeines baldigen Todes dachte. Der einförmige, gleichbemeſſene Schlag der Pendeluhr in ſei⸗ nem Zimmer war ihm fürchterlich, daher er dieſen mah⸗ „ 86 nenden Wecker in den Ruheſtand zu verſetzen gebot. Als einmal in der Nacht die Flamme der brennenden Kerze höher aufloderte und das Zimmer heller erleuchtete, fuhr Roloff erſchreckt zuſammen. Zwei dunkle Augenpaare, einem Manne und einer Frau angehörend, ſtierten ihn aus einem kreideweißen Antlitze mit grellrothen Flecken auf den Wangen an. Bald ward der ſtarre Blick dro⸗ hend, und herab von der Zimmerwand neigten ſich die bei⸗ den Geſichter gegen den kranken Rendanten, als gedächten ſie mit ihren kalten Leichenwangen auf ſeine fieberglühen⸗ den ſich zu legen. Entſetzt ſchloß Roloff ſeine Augen, wobei er zugleich mit der Hand eine abwehrende Bewegung machte.„Fort, hinweg mit dieſen Geſichtern— wie kommen ſie hierher?“ ſprach er. „Ich habe die Bilder hingehängt,“ verſetzte Mutz, welcher bei dem Rendanten wachte.„Sie ſind freilich nicht ſo gut gemalt und getroffen, wie die Originale, die oben im Altanzimmer der abgebrannten Burg von dem Feuer verſchont geblieben waren. Aber es war mein erſter Ver⸗ ſuch, Portraits nachzumalen, und überdies hatte ich bloß Waſſerfarben.“ „Fort mit den Fratzengeſichtern!“ rief Roloff, dem der Muth etwas wuchs, als er vernahm, daß jene Schreck⸗ geſichter nur Bildern und nicht Geſpenſtern angehörten, „hinaus auf der Stelle!“ Mutz leiſtete dem Gebote zwar ſogleich willige Folge, allein nicht ohne zugleich voll Aerger zu brummen: 87 deln kann jeder Narr! Beſſer machen iſt Kunſt. Ich möchte einmal ſehen, was der Herr Rendant für Fratzen malen würde, wenn er den Pinſel führen wollte. Nun erſt wird ein Leben voll Scheererei und Knöchelei hier im Schloſſe anheben. War der Rendant nicht vorher ſchon ein ſchlimmer Gaſt, ſo wird er es nun noch zehnmal är⸗ ger treiben. Ach, daß ich kein gelernter Maler geworden bin!“ Als gegen 3 Uhr Morgens das Wundfieber ein we⸗ nig nachließ, ſchlief Roloff ganz erſchöpft ein. Aber wenn auch ſein Körper jetzt ruhig war, ſo doch nicht ſein Geiſt, welchen beängſtigende Träume heimſuchten. Es träumte dem Rendanten, daß es tiefe Nacht und er völlig ange⸗ kleidet in der Burg auf den Beinen ſei. Der Vollmond erleuchtete mit hellem, aber unheimlichem Lichte die Burg⸗ gemächer und warf lange Schlagſchatten in dieſelben. In der Ecke eines Zimmers ſtand ein Himmelbette mit zuge⸗ zogenen Vorhängen. Dieſe bewegten, theilten ſich aus einander und ein junger Mann ſtieg aus dem Bette, wel⸗ cher ſich ankleidete und dann mit feſtgeſchloſſenen Augen, aber ſicheren Schrittes, das Zimmer verließ. So durch⸗ wandelte er eine Reihe Gemächer, deren Thüren ſämmt⸗ lich geöffnet waren, bis er zuletzt in den Saal gelangte, welcher ſich in dem niedergebrannt geweſenen Burgtheile befand und mit einem Austritte oder Altan verſehen war. Auch deſſen Thür ſtand offen. Indem der junge Mann mit noch immer geſchloſſenen Augen durch dieſe Thür hinaus auf den Altan trat, ſchien es, als ob die beiden 88 rechts und links hängenden Bildniſſe durch leiſes Kopf⸗ ſchütteln und flehende Blicke den Nachtwandler, der jeden⸗ falls ein Mondſüchtiger war, von ſeinem gefährlichen Gange abhalten wollten. Denn von dem Altane war Tags vorher das ſchützende Eiſengeländer unter dem er⸗ dichteten Vorwande weggenommen worden, daß es der Ausbeſſerung und theilweiſen Erneuerung bedürfe. Da, wie geſagt, des Nachtwandlers Augen verſchloſſen waren, ſo entging ihm die Warnung der gemalten Freunde und er betrat den Altan und zwar bis zu deſſen äußerſtem Rande. Als ſeine taſtenden Hände kein Geländer fanden, um ſich darauf zu ſtützen, ſo ließ ſich der junge Mann auf die Steinplatten nieder und zwar in der Weiſe, daß ſeine Beine in den Abgrund hinabhingen, wobei er über⸗ dies das Haupt und den Oberleib vorwärts beugte. Der träumende Roloff ſah jetzt, wie er ſelbſt heimlich dem Nachtwandler nachgeſchlichen war und hinter demſelben in der offenen Altanthüre ſtand. Auch ihn ſuchten die bei⸗ den Bilder durch drohende Mienen und heftiges Augen⸗ ſpiel von ſeinem Vorhaben abzubringen. Allein, obgleich ſeine Augen nicht verſchloſſen waren, ſo achtete er doch nicht auf jenes Drohen. Vielmehr rief er mit lauter, ſchreckeneinflößender Stimme aus: „Graf Robert! Graf Robert!“ Der Mondſüchtige erwachte auf dieſen Ruf. Er zuckte zuſammen, ſtieß einen gellenden Schrei aus und glitt von ſeinem gefährlichen Sitze hinab in die Tiefe. Nachdem der Aermſte pfeilſchnell die Luft durchſchnitten hatte, nahm 89 ihn der unergründliche See in ſeine naſſen, kalten Arme auf. Ein lauter Plumps und das hochaufſprützende Waſſer ſchloß ſich über ſeinem Opfer. Roloff, der ab⸗ ſichtliche Mörder des Mondſüchtigen, warf nun die beiden Flügel der Altanthüre zu und entrann, als Lohn einen ſchweren Beutel mit Gold davontragend. Aber des Gol⸗ des Laſt drückte immer gewichtiger ſeine Bruſt nieder, ſo daß er kaum noch zu athmen vermochte. Da nahm er endlich den gegen das Herz gepreßten Sack und ſchüttete ihn auf einen großen runden, mit grünem Tuche überzo⸗ genen Tiſche aus. Allein im Nu umringten den Tiſch eine Schaar Glücksſpieler, welche mit gieriger Hand und mit hölzernen Krücken das Gold an ſich riſſen und dann den Beraubten lachend verhöhnten. Als derſelbe, ſeines Sündenlohnes baar, entrann und das Freie aufſuchte, da erblickte er ſeines Gebieters Leibjäger, welcher unabläſſig die Muündung ſeiner kugelgeladenen Flinte auf ihn richtete und ihm wie ſein Schatten nachfolgte, mochte der Be⸗ drohete auch noch ſo ſehr ſeine flüchtigen Schritte beſchleu⸗ nigen.„Ich treffe dich doch! doch!“ rief der Jäger mit widrigem Grinſen. Und wirklich pfiff die Bleikugel durch die Lüfte und Roloff ſank getroffen zu Boden. Meine lieben, jungen Leſer! Viele unſrer chriſtlichen MWitbrüder haben Moſen, die Propheten und Chriſtum. und glauben dennoch nicht, was jene uns lehren. Sie glauben auch nicht, wenn ſelbſt ſie die ſchweren Folgen k begangener Sünden an Andern ſehen. Vielmehr ſprechen ſie leichtſinnig: Lüderlich hat das beſte Glück! Aber daran 90 lügen ſie. Zwar ſcheinen ſie oftmals Recht zu haben, weil gar viele große Sünder in irdiſchem Wohlſein, in Reichthum, Ehre, Geſundheit, Frohſinn und in einem, nicht durch ſchmerzliche Verluſte getrübten Familienglücke ihr Leben verbringen. Aber nur zu oft verbirgt ſich ein böſes Gewiſſen unter einer erkünſtelten, heiteren Miene, die Furcht vor Entdeckung und Schande unter einem Lächeln, der geheime Kummer unter einer ſchillernden Außenſeite, das gebrochene Herz unter Seide, Goldſtickerei und Ordensſternen, das Weh unter rauſchenden Luſtbar⸗ keiten. Und iſt der Tag mit ſeinem ſcheinbaren Glücke und ſeinen Täuſchungen vorüber, ſo kommt mit der dun⸗ keln Nacht das Heer der Rachegöttinnen herbei, welche die alten Heiden mit Schlangenhaar und mit brennenden Fackeln darſtellten. Dieſe umtanzen das Lager des Sün⸗ ders und rauben ihm die Ruhe und den Schlaf. Sie halten ihm den Spiegel ſeiner böſen Thaten vor das Auge und verlaſſen ihn nicht eher, als bis der junge Tag mit ſeinem Lichte ſie von dannen ſcheucht. Was thun die armen Thoren, um ihre nächtlichen Peinigerinnen von ih⸗ rem Lager fern zu halten? Sie betäuben ihre Sinne durch berauſchende Getränke, durchſchwelgen auch wohl die Nächte und ſchlafen dafür am Tage. Aber auch ſelbſt im Schlafe noch verfolgt die Strafe den Sünder durch böſe, unru⸗ hige Träume, die aber freilich Niemand ſieht. Sollten denn nun dieſe Träume, dieſe Selbſtvorwürfe eines böſen Gewiſſens, dieſe geheime Angſt, die durch betäubende Mit⸗ tel nur für kurze Zeit aufhört, um dann deſto nagender ————— — 91 wieder zu erſcheinen, weiter nichts als ein bloßer Zufall und nicht das Walten eines gerechten Gottes ſein? Wol⸗ len wir erſt durch unſer eigenes böſes Gewiſſen zu dem Glauben uns zwingen laſſen, daß Gott ein Vergelter ſein will und iſt? Das ſei ferne von uns! Achtes Kapitel. „ Der Auftrag. Nach einigen Tagen kam Krampus, der Burgknecht, zum Fiſcher Naumann und ſprach:* „Herr Roloff, der Rendant, läßt Euch bitten, auf die Schornburg zu kommen. Er wäre noch in Eurer Schuld für die geleiſtete Hülfe und will ſich bei Euch da⸗ für abfinden. Auch ſollt Ihr Euern Buben mitbringen.“ „Meinen Jonas?“ erwiederte der Fiſcher voll Be⸗ fremden.„Was ſoll er bei dem Rendanten?“ „Weiß ich's?“ verſetzte der Knecht ni.„Viel⸗ leicht denkt der Rendant, daß Ihr Euern Buben nicht gern allein daheim laſſet oder ſoll er ihm etwa die böſe Langeweile vertreiben?“ „Hm!“ ſagte Naumann nachdenklich.„Bei mir ſich zu bedanken oder abzufinden hat der Rendant gar nicht nöthig. Was ich ihm gethan habe, iſt nicht der Rede werth.“ „Haltet das, wie Ihr wollt,“ meinte der Knecht⸗ „Ich hab' meine Sache ausgerichtet und damit holla!“ 29 Der Knecht ging und Naumann ſprach zu ſich ſelbſt: „Bei mir will ſich Roloff abfinden! Guter Gott! ich hätte wohl alle Urſache, bei ihm mich abzufinden. Aber nein! Gott hat mir gezeigt, daß er vergelten und Rich⸗ ter ſein will. Ob ich des Rendanten Wunſch erfülle? Hu! mich ſchaudert's, die Schornburg zu betreten. Wie aber, wenn Roloff durch die empfangene Wunde zur Buße gebracht worden wäre und ſich meiner bedienen wollte, um ſein begangenes Unrecht ſo weit als möglich wieder gut zu machen? Wenn er mir eine Entdeckung wegen des gefangen gehaltenen Kindes zu machen hätte!?“ Es ließ dem Fiſcher keine Ruhe, als bis er nebſt ſeinem Sohne die Fahrt nach der Burg angetreten hatte. Dort wurde er ſogleich eingelaſſen und zu dem kranken Rendanten geleitet, der ihn mit fiebernder Ungeduld er⸗ wartet hatte. Während Naumann eine lange und geheime Unterredung mit Roloff pflog, war Jonas durch den Burgverwalter zu dem ſiechenden Primſel gebracht wor⸗ den, der den Knaben mit einer wehmüthigen Freude empfing. ð „Ich halte Euch“— hob Roloff zu dem Fiſcher an—„für einen rechtſchaffenen Mann. Darum, und weil ich ſonſt Niemanden in der Nähe weiß, dem ich mich anvertrauen könnte, will ich Euch ein wichtiges Geheim⸗ niß entdecken, durch welches Ihr ein ſehr großes Glück erlangen könnt. Zuvor aber ſchwöret mir mit einem Eide, daß Ihr mein Vertrauen nicht mißbrauchen wollt.“ „Ich ſchwöre nie!“ verſetzte Naumann finſter.„Haltet —— — 93 Ihr mich wirklich für einen rechtſchaffenen Mann, ſo be⸗ varf es nicht erſt des Eides. Wo nicht: ſo wird auch der ſchwerſte Eid gebrochen.“ „Ihr habt Recht!“ erwiederte Roloff, von einer ſtarken Bewegung erſchüttert.„Weiß ich doch ſelbſt von ſolchen gebrochenen Eiden zu ſprechen. So höret denn. Ich weiß nicht, ob es Euch bekannt iſt, daß der Graf von Schornburg im Nachbarſtaate der Günſtling des vorigen Königs war, der als ſolcher die Gnade ſeines Herrn mißbrauchte und ſich, oft mit Unrecht, große Güter anmaßte. Die Gerechtigkeit des jetzigen Königs nahm dem Grafen das unrechtmäßig an ſich geriſſene Gut wieder ab und zwar ohne Entſchädigung für die vom Grafen hineingewendete Bauſumme. Dafür aber hatte der Graf langjährigen Nutzen von jenen Gütern bezogen. Hierüber gerieth der Graf in die größte Wuth, denn, der ſelbſt ungerecht handelt, mag nicht wieder unge⸗ recht behandelt ſein. Von Hab⸗ und Rachſucht erfüllt, trachtete der Graf darnach, ſich des kleinen Kronprinzen als eines Unterpfandes zu bemächtigen, was ihm um ſo leichter wurde, als er noch immer bei Hofe eine vor⸗ nehme Stelle bekleidete und ſeinen Ingrimm weislich zu verbergen gewußt hatte. Als daher der Kronprinz eines Tages in Begleitung ſeines Hofmeiſters in dem nahen Wald ſpatziren ging, ſchickte der Graf zwei ſeiner ver⸗ trauteſten Leute aus, um eine Gelegenheit zu erſpähen, den Prinzen, ohne Aufſehen zu erregen, gefangen zu nehmen. Solcher Verſuche hatte der Graf bereits viele 94 anſtellen laſſen, jedoch bisher ohne Erfolg. Jetzt endlich glückte das Unternehmen. Der Hofmeiſter, welcher in das Aufſuchen von Pflanzen ſich vertieft und von dem Prin⸗ zen eine Strecke entfernt hatte, gewahrte nicht, daß zwei Männer aus einem Gebüſch hervorſprangen, ſich des Prinzen bemächtigten, dieſem ein Pechpflaſter über das Geſicht warfen und eiligſt mit ihm waldein flüchteten, nachdem ſie ihn wie einen Waarenballen eingehüllt hatten. Der Hofmeiſter, welcher des Prinzen nicht wieder anſichtig wurde und deſſen Mütze am Flußrande auffand, ertränkte ſich ſelbſt aus Furcht vor der ſeiner wartenden Strafe. Den Prinzen dagegen brachte man glücklich und unbe⸗ merkt in ein nahe gelegenes Landhaus des Grafen, wo man das vor Schrecken halbtodte Kind durch ein Glas Wein erquickte, in welchen man jedoch einen ſtarken Schlaftrunk gemiſcht hatte. In dieſem Zuſtande, der volle 24 Stunden währte, wurde der Prinz aus ſeinem Lande und hierher geſchafft, wo mich der Graf als des Prinzen Wächter zurückließ. Um ganz ſicher zu gehen, will der Graf vorher ſeine noch übrigen Güter in dem Nachbar⸗ ſtaate verkaufen und dann erſt mit ſeinem koſtbaren Unterpfande in der Hand vor den königlichen Vater hin⸗ treten uud die Rückgabe jener Güter nebſt voller Ent⸗ ſchädigung verlangen. Die königlichen Aeltern des Prinzen theilen den allgemeinen Glauben, daß ihr Kind ſeinen Tod im Waſſer gefunden habe und haben daher eine anſehnliche Belohnung auf das Auffinden ſeines Leichnams geſetzt. Gewiß würden ſie dieſe verhundertfachen, wüßten 95 ſie ihr Kind noch am Leben und könnten ſie dadurch daſſelbe wieder erlangen. Nun ſoll ſich wirklich das Ge⸗ rücht von dem Vorhandenſein und dem bloßen Raube des Prinzen an dem Nachbarhofe verbreitet und der Graf von Schornburg will in mir den Verbreiter jenes Gerüchts entdeckt haben, weil er mir das Streben nach jener großen Belohnung beimißt. Um daſſelbe nun für immer mir zu vereiteln, hat er ſeinen Leibjäger, einen von den beiden Mitſchuldigen des Prinzenraubes, abge⸗ ſchickt, mich zu ermorden. Wäre dieſer Mord an mir gelungen, ſo würde der Graf auch ſeinen Leibjäger aus dem Wege geräumt haben, um das wichtige Geheimniß für ſich allein zn behalten. Ihr wißt, daß des Grafen ſchlimme Abſicht nicht ganz erreicht worden iſt. Noch lebe ich und bin im Beſitze desjenigen Unterpfandes, das der Gegenſtand ſo vieler Wünſche und Beſtrebungen iſt. Aber ich fürchte, daß der Graf anderweit trachten wird, — mir jenes theure Unterpfand oder das Leben zu entreißen. Darum gedenke ich ihm zuvorzukommen und das geraubte Kind ſeinen königlichen Aeltern wieder zuzuführen. Wird mein Vorhaben klüglich ausgeführt, ſo hoffe ich, nicht nur völlige Begnadigung wegen meiner Mitwiſſenſchaft am Prinzenraube, ſondern auch noch eine überaus große Belohnung, deren Höhe von meiner eigenen Forderung abhangen wird, zu erhalten. Da mich Krankheit am Handeln verhindert, ſo ſollt Ihr für mich wirken und mein Bote an die königlichen Aeltern werden. Dafür verſpreche ich Euch im Falle des glücklichen Gelingens 96 die Hälfte jener reichen Belohnung. Ich vermuthe, daß der Graf durch ſeine Spione die Schornburg und deren Bewohner beobachten und bewachen läßt. Um ſo mehr baue ich auf ein Gelingen meines Planes durch Euch, der Ihr in des Grafen und ſeiner Kundſchafter Augen eine unverdächtige Perſon ſeid, deren Anweſenheit hier keinen Verdacht erregen wird.“ Hier hielt der Rendant erſchöpft mit Sprechen inne. Der Fiſcher holte tief Athem indem er erwiederte: „Wie nun, Herr! wenn ich mich weigere, Euern gefahrvollen Auftrag zu erfüllen Derſelbe kann mir den Hals brechen oder auch lebenslänglichen Kerker bringen, je nachdem ich in des Grafen oder in des benachbarten Königs Hände falle.“ „Die Brücke iſt hinter Euch abgebrochen“— erwie⸗ derte Roloff höhniſch.„Zurück könnt Ihr nicht wieder, nachdem ich Euch mein wichtiges Geheimniß anvertraut habe. Ihr ſeid mein Gefangener und Euer Kind dazu. Beharrt Ihr auf Eurer Weigerung, meinen Auftrag aus⸗ zurichten, ſo werde ich Euch hier in der Burg ein Käm⸗ merlein anweiſen laſſen, in welchem Ihr, fern von Euerm Kinde, Zeit genug haben werdet, Euern Eigen⸗ ſinn zu bereuen.“ „Ich Thor!“ ſprach Naumann voll Unwillen zu ſich ſelbſt—„daß ich nicht gleich eine Falle ahnte! Wie nun“ fuhr er laut zu Roloff fort—„wenn ich mich zu Eurer Botſchaft verſtehe?“ „Dann“— ſprach Roloff—„ſeid ihr frei, doch 97 nicht Euer Kind, das als Unterpfand Eurer Treue gegen mich hier zurückbleibt. Glaubt nicht, Naumann, daß Ihr es mit einem ſchwachen, gewöhnlichen Menſchen zu thun habt. Ihr kennt mich noch nicht. Außerdem würdet Ihr wiſſen, daß ich zu Allem fähig bin, wenn man mich durch Verrath oder Untreue reizt. Es iſt längſt ſchon die Vorkehrung getroffen worden, daß durch einen leichten Federdruck das Pulvergewölbe in Brand geſteckt und die Schornburg mit all' ihrem Inhalte in die Luft geſprengt wird. Sollte man auf anderem als auf gütlichem Wege mir mein theures Unterpfand, den fremden Prinzen neh⸗ men wollen: ſo würden meine Feinde nichts weiter als einen öden Trümmerhaufen, ja ihren eigenen Untergang zugleich finden. Welchen Entſchluß habt Ihr nun ge⸗ faßt?“ „Ich werde Euern Auftrag übernehmen“— ſprach der Fiſcher—„und das um ſo lieber, weil dadurch ein Kind ſeinen trauernden Aeltern zurückgegeben wird. Wer ſelbſt ein Kind beſitzt, der kennt und ermißt den Schmerz eines ſolchen Verluſtes.“ „Schön!“ ſagte der Rendant zufrieden.„Wir blei⸗ ben gute Freunde. Indeß ich einige Zeilen an den, ſeines Kindes beraubten Vater niederſchreibe, könnt Ihr Euern Buben von Eurer Abreiſe und ſeinem Hierbleiben unter⸗ richten. Dem Burgverwalter aber ſagt, daß er mir die nöthigen Schreibmaterialien nebſt einer feſten Unterlage an mein Bette bringe. Ich werde Euch rufen laſſen, ſobald ich mit dem Schreiben zu Stande bin.“ Nieritz. Der Prinzenraub. 98 Naumann verließ des Verwundeten Gemach und ging, nachdem er bei dem Vurgverwalter Roloffs Auftrag ausgerichtet hatte, ſeinen Jonas aufzuſuchen. Er fand denſelben in Primſels Geſellſchaft, der ſeinem kleinen, neugierigen Freunde die zunächſt gelegenen Zimmer und deren Bilder zeigte. Der Fiſcher konnte ſich eines wehmüthigen Gefühls nicht erwehren, als er an der Seite ſeines voll- und roth⸗ wangigen Sohnes den bleichen, welken Königsſohn dahin⸗ ſchleichen ſah, der einer Pflanze glich, welche aus dem fet⸗ teſten Gartenboden in eine trockene Sandwüſte verſetzt worden iſt. „Armes Kind!“ ſprach Naumann mitleidig vor ſich hin—„was in meinen Kräften ſteht, will ich thun, um dich deinen trauernden Aeltern zurückzugeben. Gott, der mich bisher ſo wunderbar geführt und erhalten hat, wird auch mein Kind, während ich abweſend bin, in ſeinen mächtigen Schutz nehmen.“ Die beiden Kinder waren indeß bei dem eingeäſchert geweſenen Burgtheil angelangt und Jonas rief, indem er in den geöffneten Saal deſſelben hinein blickte, freudig aus:„Hier hat mein Vater mitbauen helfen! Hier muß ich mich umſehen. Ach, da kommt auch mein Vater! Sieh, Primſel, das iſt er!“ Primſel erhob ſein mattes, blaues Auge auf den Fiſcher und ſagte kopfſchüttelnd:„Mein Papa war viel ſchöner und viel prächtiger angezogen. Mein Papa war ſehr reich, o ſo reich wie niemand ſonſt.“ — 99 „Gutes Kind“— erwiederte Naumann bewegt— „wenn dein Papa weniger reich und vornehm geweſen wäre, ſo würdeſt du ihm nicht geraubt worden ſein.“ „Schau, Vater!“ rief Jonas munter—„dort die peiden Bilder neben der Thür! Sie ſehen mich an, wo⸗ hin ich mich auch wende.“ Und er nahete neugierig ſich den Bildern. Auch der Fiſcher trat vor ſie hin und be⸗ trachtete ſie ſtumm und mit verſchränkten Armen. Seine Hand zitterte merklich, indem er den Drücker der Altan⸗ thür bewegte und dieſe öffnete. „Halt! um Gotteswillen!“ rief der Fiſcher, als ſein Sohn raſch bei ihm vorübereilte und den Prinzen mit der⸗ Hand nach ſich auf den Altan hinauszog.„Halt, ihr könntet hinabſtürzen!“ Leichenblaß war Naumann geworden und heftig bebte ſein ganzer Körper. „Ei, Vater!“ verſetzte Jonas muntet—„da iſt ja ein Eiſengeländer vor und kaum können wir drüber hinweg ſchauen.“ „Eiſen kann verroſten und brechen“— antwortete Naumann tief athmend—„und die ſteinernen Widerlager des Altans können durch das Feuer gelitten haben. Her zu mir, Kinder!“ Die Knaben gehorchten, indem Jonas die Hand ſeines Vaters erfaßte und den Prinzen an der ſeinen hielt. Stumm und regungslos verharrte der Fiſcher auf der Schwelle des Altans feſtgewurzelt. Nachdem ſein Blick in der Runde umhergeſchweift war, wendete er ihn mit 71 100 innerem Grauen der Tiefe zu. Der See flimmerte im Sonnenſchein und ſeine glitzernden, kleinen Wellen tanz⸗ ten, ohne jedoch ſcheinbar von der Stelle zu kommen. Nach einer Weile fuhr Naumann erſchrocken zuſammen. Eine Hand hatte ſich auf ſeine rechte Achſel gelegt, ohne daß er deren Beſitzer hatte nahen gehört. „Seid Ihr ſo ſchreckhaft, Naumann?“ fragte Mutz, indem er ſeine Hand von des Fiſchers Achſel zurückzog. „Zwar iſt der Platz, wo Ihr eben ſteht, nicht recht ge⸗ heuer, doch am hellen, lichten Tage wenigſtens nicht fürchterlich. Wißt Ihr die Geſchichte von dieſem Al⸗ tane, he?“ „Ich weiß nichts!“ entgegnete Naumann in inige Verwirrung.„Was iſt mit dem Altane?“ Während der Rendant ſeinen Brief niederkritzeln wird, will ich Euch die Geſchichte in der Kürze erzählen“ — ſprach Mutz.„Der letzte Sprößling der Grafen von Schornburg hieß Robert und hatte das Unglück, mond⸗ ſüchtig zu ſein, was ſeinem ſonſt ſtarken Geiſte ſehr nach⸗ theilig wurde. Auf Anrathen eines berühmten Arztes zog er, nach vielen mißlungenen Kuren, hierher auf die Schornburg, wo der Graf durch die reine, kräftige Ge⸗ birgsluft und durch fleißiges Baden im See zu geſunden hoffte. Wirklich ſchien die neue Kur bereits nach einigen Monaten beſſer anzuſchlagen als alle früheren, und ſchon gab man ſich der frohen Hoffnung hin, den braven, ge⸗ liebten Grafen gänzlich von ſeinem Leiden befreit zu ſchen, als ein unvorhergeſehenes unglück einen grauſamen Strich 101 durch die ganze Rechnung zog. Außer der Dienerſchaft hatten noch ein Arzt und Roloff den Grafen auf die Schornburg begleitet, wo der jetzige Rendant meine Stelle bekleidete. In einer hellen Mondnacht ſteht der Graf, in deſſen Schlafzimmer noch der Arzt ſchlief, von dieſem ungehört auf und wandelt in ſeiner Mondſucht durch die Reihe Zimmer, welche bis in dieſen Saal führt. Nun hatte Roloff den Tag zuvor das Eiſengeländer von dieſem Altane entfernen laſſen, weil es ihm ſchadhaft zu ſein dünkte. Zum Unglück hatte man nicht an die Mondſucht des Grafen gedacht und darum unterlaſſen, die Thür zu dem Altane zu verſchließen. Genug, am Worgen war des Grafen Bette leer, er ſelbſt aus der Burg verſchwun⸗ den. Seinen Leichnam fand man nicht, wohl aber ſeine Nachtmütze unter dem Altane, auf dem See ſchwimmen, deſſen Tiefe jedenfalls den armen Grafen noch heute in ſich birgt. Durch dieſes traurige Ende des unglücklichen Grafen gelangte unſer jetziger Herr, der einer armen Seiten⸗ linie der Familie angehörte, zu dem reichen Erbe. Ueber dieſes ſetzte er Roloff zum Rendanten ein, obſchon der⸗ ſelbe einen großen Antheil an dem Untergange des Grafen Robert hatte. Die Schornburg aber blieb ſeit jenem grauſamen Falle von dem neuen Herrn unbewohnt, wenn⸗ gleich er ſie in der letzteren Zeit mit allem Nöthigen und mit vielen Mundvorräthen verſehen, auch in einen furcht⸗ baren Vertheidigungsſtand ſetzen ließ. Unter uns geſagt: ich mochte nicht an des Rendanten Stelle ſein, wiewohl er die volle Gunſt unſers Herrn beſitzt. Sein Gewiſſen 102 mag ihn doch plagen, abſonderlich jetzt, wo er auf dem Krankenlager liegt. Warum hätte er ſonſt auf die beiden Bilder ſo geſchimpft und ſie aus ſeinem Zimmer fort⸗ ſchaffen laſſen, die ich mit vieler Mühe und Liebe jenen Portraits nachgemalt habe, die ſo wunderbar dem Feuer entgangen waren? Doch, ich muß zum Rendanten zurück und nachſehen, ob er mit ſeiner Schreiberei zu Stande iſt. Was mag er vorhaben und wozu Euch gebrauchen wollen?“ „Ich weiß es ſelbſt noch nicht“— verſetzte Nau⸗ mann—„aber ich denke, daß Herr Roloff mich mit einem Briefe an den Herrn Grafen ſenden und ihm darin ſein gehabtes Unglück erzählen wird.“ Nachdem Mutz gegangen war, hob der Fiſcher mit tiefer Bewegung zu ſeinem Sohne an: „Mein Jonas, gefällt es dir hier in der Burg und bei dieſem lieben Knaben?“ Jonas blickte Primſel mitleidig an und verſetzte: „Den armen, blaſſen Jungen kann ich wohl leiden, aber die Burg gefällt mir lange nicht ſo wie unſere Hütte.“ Naumann lächelte wehmüthig und fuhr fort:„Das iſt mir lieb zu hören. Aber Jonas, mir zu Liebe bliebſt du wohl etliche Tage hier in der Burg und bei dieſem guten Kinde? Wie wird ſich der arme Kleine freuen, wenn er einen Spielkameraden bekommt, der nicht ſo garſtig mit ihm iſt wie Babet!“ „Warum ſoll ich denn hier bleiben und nicht mit 103 dir gehen, Vater?“ fragte Jonas gaßz beſtürzt.„Biſt du böſe auf mich?“ „Nein, o nein!“ erwiederte Naumann herzlich. „Aber ich muß auf etliche Tage verreiſen und da kann ich dich doch nicht ſo ganz allein in der Hütte zurück⸗ laſſen. Wie leicht könnte dir dort ein Unglück begegnen während du hier wohl aufgehoben biſt.“ Jonas erwiederte hierauf nichts, blickte aber mit thränenden Augen ſeinem Vater nach, welcher zu dem kranken Rendanten gerufen wurde. Nach einer Weile kehrte der Fiſcher zurück, küßte ſeinen Sohn voll Zärt⸗ lichkeit und ſprach: „Lebe wohl, mein Kind! Bald bin ich wieder da. Indeß ſpiele hübſch mit Primſel und ſei recht gut gegen den armen Knaben, der weit übler daran iſt als du.“ „Laß mich dich abfahren ſehen, mein Vater!“ bat Jonas beweglich, indem er mit ſeinen Händen die väter⸗ liche Rechte feſt umklammerte. „Wenn es Herr Mutz erlaubt“— antwortete Nau⸗ mann—„ich habe nichts dawider.“ „Eigentlich ſollte ich nicht“— ſprach der Burg⸗ verwalter—„denn der Rendant hat mir ſtreng geboten, Euern Sohn nicht eher von meiner Hand zu laſſen, als bis Ihr aus der Burg ſeid. Indeſſen kann ich dem Klei⸗ nen ſchon den Gefallen thun, der ein Muſter von Geduld iſt und bei dem Schattenrißzeichnen ſtill wie ein Dachs geſeſſen hat. Eine Liebe iſt der andern werth, und da 104 der Rendant nicht das Bette verlaſſen kann, ſo habe ich keinen Aufpaſſer zu fürchten.“ Vor dem Einſteigen in ſeinen Nachen umarmte Naumann nochmals ſeinen Jonas, der bitterlich weinte und von dem Burgverwalter an der Hand gehalten wurde. Der Fiſcher ſtieß ſchweren Herzens ab, das Eiſengitter theilte und ſchloß ſich wieder hinter Naumann, der ſeinem Kinde das letzte Lebewohl hinüberrief. In dieſem Augenblicke riß ſich Jonas gewaltſam von der ihn jetzt weniger feſthaltenden Hand los und warf ſich, bevor es der erſchrockene Mutz verhindern konnte, in die Waſſerfluth, die der kleine, aber kräftige Schwimmer raſch zu zertheilen begann. Bald war er an dem Eiſen⸗ gitter angelangt, hinter welchem Naumann mit ſeinem Nachen hielt und nicht wußte, ob er die kühne That und die anhängliche Liebe ſeines Kindes loben oder miß⸗ billigen ſollte. Wild auf den muthigen Knaben ſchimpfend, trachtete Mutz, einen Schloßkahn von der bindenden Kette zu befreien und dem Flüchtlinge nachzufahren. Dieſer aber verſchwand bereits unter dem Waſſer, indem er an einer der Gitterſtangen, die er durch ſeine Hände laufen ließ, untertauchte und unter dem Gitter hinweg zu ſchlüpfen gedachte. Währenddem ſchrieen beide Männer zu gleicher Zeit, obſchon aus ganz verſchiedenen Beweggründen. Der Fiſcher aus Angſt, daß ſein Kind ertrinken, der Burgverwalter, daß ſein Gefangener entrinnen könnte. Aus dieſer Angſt ſahen ſich beide Schreier geriſſen, als „ 105 Jonas jetzt wieder über dem Waſſer zum Vorſchein kam. Der arme Junge! Als er ſprudelnd und athemlos empor⸗ tauchte und wieder um ſich zu ſchauen vermochte, ſah er ſich, o Schreck und Schmerz! noch immer dieſſeits des böſen Gitters, das ihn von ſeinem lieben Vater ſchied. Wahrſcheinlich würde der Knabe ſein kühnes Taucherwerk noch einmal unternommen haben, hätte ihn nicht des Burgverwalters Fauſt daran verhindert, welche jetzt den Kleinen im Nacken packte und in den Kahn hinein zog. Der Fiſcher, welcher unter mannigfachen Gefühlen dieſem Thun zuſah, rief jetzt tödtlich erſchrocken aus: „Jeſus! Jeſus! mein Kind iſt verwundet!“ Mit der ganzen Kraft eines verzweifelnden Vaters rüttelte er an dem Eiſengitter, hinter welchem er ſein ge⸗ liebtes Kind, vom Blute überſtrömt, erblickte. „Die kleine Blitzkröte!“ ſprach Mutz mit wieder leichtem Herzen—„Ja, ja! wenn die ſcharfen Eiſenſpitzen unter dem Waſſer nicht geweſen wären! Untertauchen und ſchwimmen kann die junge Brut ſchon, trotz einer Ente!“ „Mein Kind verblutet ſich!“ rief der Fiſcher außer ſich.„Laßt mich hinein, Mutz! oder ich tauche unter und dann wehe Euch!“ „Verſucht es nur, Naumann!“ höhnte Mutz— „und ich will Euch mit dem Ruder eins auf den Kopf verſezen, daß Ihr nimmer wieder auftauchen ſollt. Zeig' her, Junge, deine Achſel. Es wird wohl nicht ſo ge⸗ fährlich ſein, denn ſonſt würdeſt du anders pfeifen.“ E 106 Indem Mutz die Jacke und das Hemd des Knaben von deſſen Achſel wegzerrte, welche von rothem Blute über⸗ ſtrömte, ſuchte Naumann ſein Antlitz durch die Eiſen⸗ ſtangen zu zwängen und mit ſengenden Blicken die Tiefe und Gefährlichkeit der Wunde zu erforſchen. „Wie ich gedacht habe,“ ſprach Mutz,„ein paar Ha⸗ ken in's Fleiſch hat ſich der Wildfang geriſſen, weiter nichts. Seid ohne Sorgen, Naumann, und macht, daß Ihr fortfahrt, ehe der Rendant etwas von gem Lärme vernimmt. Der kleine Aderlaß mag für Euren Jonas eine Lehre ſein, daß er ein andermal hübſch folge. Für ein Pflaſter will ich ſchon ſorgen. Auf Wiederſehen, Naumann!“ Und er ruderte, den Knaben mit der einen freien Hand feſthaltend, an das Ufer und verſchwand mit Jonas unter der überwölbten Pforte. Naumanns Vaterherz blutete wohl eben ſo ſehr, in⸗ dem er raſch davonfuhr, wie ſeines Kindes verletzte Achſel⸗ —— Reuntes Eapitel. Der zurückgewieſene Befuch. „Thut dir deine Achſel noch ſehr weh?“ fragte Prim⸗ ſel nach einigen Tagen ſeinen kleinen Spiel⸗ und Stuben⸗ kameraden. „Ach!“ verſetzte dieſer,„lachen wollte ich dazu, wenn ich nur erſt meinen Vater wieder hätte.“ 107 „Gerade ſo geht mir's auch,“ ſprach Primſel trau⸗ rig.„Aber lieber noch als meinen Papa möchte ich meine Mama bei mir haben. Aber das iſt drollig: wie ich hier⸗ her in dieſe alte, garſtige Burg kam, that mir meine linke Achſel ſehr weh, und an eben der Stelle, wie du, trug ich ein Pflaſter, das ſo häßlich roch. Sieh her, Jonas, noch jetzt trage ich eine dunkle Narbe davon.“ „Hm!“ ſagte Jonas betrachtend,„als wenn man dich mit dem Eiſen einer Futterſtampfe gebrannt hätte. Warte, Primſel! Ich will jetzt mein Pflaſter einmal wegnehmen. So! nun, wie ſicht meine Narbe aus?“ „Ei, wie wunderbar!“ rief Primſel aus,„gerade ſo wie die meinige.„Komm' wir wollen uns neben einan⸗ der dort vor den Spiegel ſtellen. Da kannſt du's ſelbſt ſehen.“ Wirklich glichen ſich die beiden Knaben ſehr an Größe, Geſtalt, an Haaren, Augen und Geſichtszügen, ja ſelbſt bis auf die Narbe an der linken Achſel; nur daß, wie ſchon geſagt, Jonas voller und geſünder ausſah als Prim⸗ ſel. Aber auch dieſer Unterſchieg verſchwand, je länger die beiden Knaben beiſammen blieben, indem ſich Jonas über das lange Außenbleiben ſeines Vaters abhärmte und Primſel dagegen durch des Fiſcherknaben ſtete Geſellſchaft ſeinem nagenden Harme entriſſen ward. Aber auch der Rendant war nicht wenig unruhig ubelhdes Fiſchers außerordentlich lange dauernde Abwe⸗ ſenheit, die er ſich nicht erklären konnte. Hatte ihn der Mann verrathen oder war er von des Grafen Kundſchaf⸗ . 108 tern aufgefangen worden? Sich gegen jeden denkbaren Fall zu ſichern, verlegte er ſeinen bleibenden Aufenthalt in dasjenige Gemach, in welchem allein ſich die künſtliche Vorrichtung befand, durch die ſich das Gitter des einzi⸗ gen Landungsplatzes öffnen ließ. Aber es ſchien die Befürchtung des Rendanten eine grundloſe und des Fiſchers längere Abweſenheit nur eine zufällige zu ſein. Denn es verſtrichen Wochen, ja ſogar Monate, der Winter, ohne daß ſich irgend etwas Ver⸗ dächtiges gezeigt hätte. Währenddem ſchloß ſich der Freundſchaftsbund der beiden Knaben immer feſter. Da die Jugend auch ſelbſt die härteſten Schickſalsſchläge raſch zu überſtehen und zu vergeſſen pflegt, ſo gaben ſich Primſel und Jonas bald ihrem kindlichen Frohſinn hin, der ihnen den Aufenthalt in dem düſtern Burggebäude, die ſtrenge Aufſicht des Ren⸗ danten und des Burgverwalters, ſo wie die Unarten Ba⸗ bets leichter ertragen ließ. Babet wagte es jetzt nicht mehr ſo oft, Primſel zu quälen, der an Jonas einen handfeſten Beſchützer gewonnen und welcher bereits etliche Male das ungezogene Wädchen derb durchgebläuet hatte. Roloffs Schenkelwunde war immer noch nicht völlig geheilt, vielmehr hatte es den Anſchein, als ob der Knv⸗ chenfraß ſein unaufhaltſam zerſtörendes Werk bei dem ver⸗ härteten Sünder beginne. Zwar vermochte ſich der Ren⸗ dant mit Hülfe zweier Krücken wieder fortzubewegen, al⸗ lein nichts deſtoweniger mochte die Schußwunde ſich nicht gänzlich ſchließen. Das eigene Weh machte den Rendant 109 etwas milder geſinnt gegen ſeine beiden kleinen Gefange⸗ nen, deren oft überlautem Treiben er theils mit unge⸗ wöhnlicher Nachſicht zuſchaute, theils aus dem Wege ging. Als nach den rauhen Winterſtürmen und den lan⸗ gen, traurigen Nächten die Natur ihr weißes Trauerkleid wieder ablegte, der See ſeine Eisdecke zerſprengte und die Sonne wärmer ſchien; als der Lenz die Fluren und den Hain in Grün kleidete, die Fruchtbäume mit weißen Blü⸗ then zierte, die Wieſen mit einem bunten Teppich überzog und die Lüfte mit ihren jubilirenden Sängern belebte: da fand Primſel eines Tages nach langem, vergeblichem Su⸗ chen ſeinen kleinen Freund in einem entlegenen Winkel des Burggartens und in Thränen ſchwimmend. „Hat dir Babet ein Leid angethan?“ fragte Primſel beſorgt. „Die ſollte nur!“ entgegnete Jonas, indem er ſeine Fauſt drohend ballte. „Warum aber weineſt du?“ fuhr Primſel fort. „Kannſt du noch fragen?“ antwortete Jonas, wobei er ſeine Arme, wie um fliegen zu wollen, durch die Luft ſchwang.„Siehſt du, wie dort oben die Schwalben mun⸗ ter umherfliegen und ihre alten Neſter wieder in Beſitz genommen haben? Schau den Storch auf dem Dache, wie er ſtolz einherſchreitet!“ „Nun ja! Aber was ſoll das bedeuten?“ fragte Primſel. „Aber mein Vater iſt nicht wieder gekommen!“ 110 platzte Jonas ſchluchzend heraus.„Ach, wenn ich doch ein Vogelmatz wäre!“ „Das iſt wahr!“ ſprach Primſel ernſthaft.„Bald hätte ich nicht daran gedacht. Ach! und meine Mama! mein Papa! Kaum kann ich mich noch beſinnen, wie ſie ausſehen.“ Hier begann auch Primſel bitterlich zu weinen. Son⸗ derbar! durch Primſels Schluchzen ſchien Jonas auf ein⸗ mal ſeinen Muth wieder zu bekommen. Seine Thränen verſiegten und mit zuverſichtlicher Stimme ſprach er: „Lange bleibe ich nicht mehr hier in der alten Burg und wenn ich in den See ſpringen ſollte.“ „Was ſoll dann aus mir werden?“ verſetzte Prim⸗ ſel, noch heftiger weinend.„Wenn du von mir fortgehſt, ſo ſterbe ich vor Gram.“ „Kannſt du nicht ſchwimmen?“ fragte Jonas.„Das iſt ja ſehr leicht! NRicht vierzehn Tage brauchte ich, um es zu lernen, und nun ſchwimme ich noch beſſer wie mein Vater. Ich getraue mir von der Burg bis an das nächſte Ufer zu ſchwimmen.“ „Ich aber kann nicht ſchwimmen,“ ſchluchste Prim⸗ ſel.„Ach, ich kann gar nichts, nicht einmal angeln wie du und keinen Knoten knüpfen.“ „Da biſt du freilich ſchr einfältig,“ ſprach Jynas ernſthaft.„Gar vieles wollte ich dir begreiflich machen, wenn ich daheim bei meinem Vater wäre. Ach, wie mag's um unſere Hütte, um mein Gärtlein, um unſere Netze, ja um unſern Weinſtock an der Hüttenwand ausſehen, 111 wenn mein Vater nicht dort iſt?! Schon deshalb muß ich hin. Horch, Primſel! was iſt das? Hörſt du, wie es guillt und buttelt! Halt! jetzt ergießt ſich's in den See. Was mag's ſein?“ „Vielleicht können wir es von der Höhe entdecken,“ entgegnete Primſel und wiſchte ſich die Thränen aus den Augen.„Laß uns ſchnell die kleine Treppe hinter dem Buſche hinaufklettern.“ Das geſchah. Oben auf dem Felſen angelangt, er⸗ blickten die Knaben ſeitwärts eine kleine Oeffnung in der hohen Ufermauer, aus welcher ſich eine Fluth ſchmutzigen Waſſers, wie aus einer Schleuſe, in den See ergoß. Die Oeffnung dieſer Abzugsſchleuſe war gegen vier Ellen über dem Waſſerſpiegel erhaben. „Jetzt möchte ich gleich jenes ſchmutzige Waſſer ſein,“ ſprach Jonas zu Primſel.„Und wenn ich einmal im See wäre, ſo wollte ich Herrn Mutz und Roloff, den tauben Knecht und die unartige Babet ſchön auslachen.“ Primſel ſagte nichts zu dieſer Rede, ſondern ſchaute gedankenvoll auf das ablaufende Waſſer, deſſen immer weniger wurde, bis es ganz verſiegte. „Du,“ fuhr Jonas plötzlich auf,„was meinſt du, Primſel! ob wohl das Loch dort groß genug wäre, daß wir Jungen durchkriechen könnten?“ Primſel ſchüttelte den Kopf.„Das Loch dort iſt viel zu klein,“ ſprach er. „Es geht doch vielleicht,“ tröſtete ſich Jonas.„Man eß das Ding verſuchen. Wenn wir nur erſt wüßten, 112 wie und wo man in das Loch dort kommt. Wir wollen recht aufpaſſen, Primſel, uns aber ja nichts merken laſſen.“ Von dieſem Tage an hielt ſich Jonas, welcher un⸗ gleich freier als Primſel in der Burg umherſtreifen durfte, in der Nähe der beiden Frauen, der Burgverwalterin und der Magd auf, weil ihm ſein Scharfſinnn ſagte, daß jene am häufigſten mit dem Waſſer zu thun hätten. Jonas bemerkte bald, wie Anke das Aufwaſchwaſſer in eine Goſſe ausleerte. Als er aber weiter nachſpürte, ſah er außen, längs der Burgmauer herab, eine Blechröhre, welche bis in den Boden herniederreichte und das empfangene Waſſer unterirdiſch weiter beförderte. Nach einigen Tagen war Jonas glücklicher in ſeinen Nachforſchungen. Er vernahm, wie Anke laut zu dem halb⸗ tauben Krampus ſchrie:„he, Krampus! die Küchengoſſe läuft nicht mehr rein ab. Sie muß ſich verſtopft haben. Sieh nach, Krampus, wo es fehlt.“ „Mit der verwünſchten Goſſe hat man ſeine liebe Noth,“ brummte Krampus verdrießlich.„Im Winter friert ſie zehnmal ein und muß mit vieler Mühe auſge⸗ thaut werden. Und im Sommer verſtopft ſie ſich, weil das Weibsvolk allen Unrath: Scheuerſand, Kartoffel⸗ und Obſtſchalen, Kehricht und hundert andere Dinge, darin ausleert.“ Nach dieſen Worten verſah ſich Krampus mit einer Schaufel, mit einem Haken und einer eiſernen Krücke, welche an einer Holzſtange befeſtigt war. So bewaffnet, ging er in das Waſchhaus, welches an denjenigen Burg⸗ 113 theil gränzte, wo die in Gebrauch genommene Küche der Burgverwalterin im erſten Stockwerke befindlich war. Hier hob Krampus einige kurze Holzbohlen von dem ſtein⸗ getäfelten Boden auf und es ward eine Oeffnung ſichtbar, in welcher ſich eine ziemliche Menge von allerlei Unrath angehäuft vorfand. Während Krampus denſelben heraus⸗ zuſchaufeln begann, maß der zuſchauende Jonas mit ſei⸗ nen Augen ab, ob die Schleuſe weit genug ſei oder nicht, um ſeinen kleinen geſchmeidigen Körper durchkriechen zu laſſen. „Ich verſuche es einmal,“ ſprach er zu Primſel, „wenn ich unbemerkt in das Waſchhaus ſchlüpfen kann.“ „Thu' es nicht!“ bat Primſel flehend.„Wenn du ſtecken bliebſt und nicht wieder herauskönnteſt!“ Auch Jonas durchſchauerte dieſer ſchreckvolle Gedanke und es verſtrich der ganze Aprilmonat, ohne daß er von jenem gefährlichen Verſuche geſprochen hätte. Zuweilen ereignen ſich aber außergewöhnliche Bege⸗ benheiten, durch welche die Menſchen, ja ſelbſt Kinder, zu Handlungen veranlaßt werden, die ſie außerdem ſchwerlich unternommen haben würden. Eine ſolche Begebenheit trug ſich in den erſten Tagen des Maimonats zu, welche ſämmtliche Bewohner der Schornburg in die größte Auf⸗ regung verſetzte. Krampus und Anke waren im Kahne ausgefahren, um die während des Winters verbrauchten Lebensbedürf⸗ niſſe durch geuen Ankauf wieder zu ergänzen. Als ſie am Abende heimkehrten und am Gitterthore Einlaß begehrten, wieritz. Der Prinzenraub. 8 114 gewahrte Roloff, daß ſich außer Krampus und Anke noch drei fremde Männer in dem Kahne befanden. „Was heißt das?“ rief er aus ſeinem Zimmerfenſter ihnen zu.„Hier darf Niemand Fremdes herein.“ „Der gnädige Herr Graf ſchickt die Männer,“ er⸗ wiederte Krampus.„Der eine iſt der Tapezier, der zweite ein Maler und der dritte ein Kunſttiſchler. Sie ſollen die Burgzimmer herausputzen, weil der gnädige Herr Graf nächſtens herzukommen gedenkt.“ „Dürfen nicht in die Burg!“ verſetzte Roloff ſtarr⸗ ſinnig.„Bringt die Herren nur wieder an's Land zurück.“ „Wir haben einen eigenhändigen Befehl des Herrn Grafen bei uns,“ ſprach einer von den Fremdlingen, in⸗ dem er einen verſiegelten Brief zum Beweiſe ſeiner Aus⸗ ſage emporhielt. „Geht mich nichts an,“ ſchrie Roloff zurück. Kutz und gut! es darf Niemand paſſiren.“ „Bedenkt Ihr, Herr!“ rief ein anderer Fremdling dem Rendanten zu,„daß Eure Weigerung Euch um den Dienſt bringen dürfte?“ „Den Hals brechen wird der Herr Graf einem ſo ungehorſamen Diener!“ rief der Dritte hitzig aus. „Den Schenkel hat er mir bereits gebrochen,“ brummte Roloff giftig vor ſich hin,„und eben des ub laſſe ich mir nichts mehr von ihm befehlen. Zurück! Augenblick⸗ lich!“ ſchrie er laut,„oder ich gebe Feuer auf euch dort. Wenn auch mein Bein ſchwach geworden iſt, ſo doch nicht 115 meine Hand, die noch immer mit der Büchſenkugel das Weiße im Auge treffen kann.“ Roloff gab ſeinen Worten dadurch Nachdruck, daß er die Mündung einer Büchſe auf den Kahn mit deſſen Inhalte richtete. „Gut!“ ſagte der angebliche Kunſttiſchler,„wir keh⸗ ren um. Was aber ſollen wir dem gnädigen Herrn Gra⸗ fen von Euch berichten?“ „Daß ich erſt noch mit ihm abrechnen müſſe und wolle, bevor er oder ſonſt Jemand die Schornburg betre⸗ ten dürfe,“ entgegnete Roloff. Der Kahn fuhr ab und davon. Der Rendant gedachte erſt, die darauf folgende Nacht wachend und auf ſeiner Hut zuzubringen. Da er aber den Grafen zu genau kannte, um von ihm ſogleich eine Handlung der Gewaltthätigkeit zu er⸗ warten: ſo begnügte er ſich mit der alleinigen Vorſichts⸗ maaßregel, Primſel neben ſich betten zu laſſen. Wirklich verſtrich die Nacht, ohne daß irgend etwas gegen die Schornburg unternommen worden wäre. Kram⸗ pus und Anke waren nicht wieder nach der Burg zurück⸗ gekehrt. 3 eehnte Rapitel. Der Fluchtverſuch. Am andern Morgen ſaß Roloff, mit dem Fernrohre in der Hand, auf dem höchſten Punkte der Schornburg 8* 116 von welchem aus er rundum das Seeufer überſchauen konnte. Da mehrere Stunden verſtrichen, ohne daß ſich etwas Verdächtiges zeigte, ſo verließ er ſeinen Standpunkt, um ſich dem Weintrinken hinzugeben. Hierdurch fühlte er ſich in eine Gemüthsſtimmung verſetzt, in welcher er mit Verachtung und Sorgloſigkeit den zu erwartenden Schritten des Grafen entgegenſah. Daher geſtattete er den beiden Kindern, ſich frei in den Räumen der Burg und des Burggartens zu bewegen. Dem Burgverwalter, dagegen, welcher ſich über Roloffs Widerſetzlichkeit gegen des Grafen Anordnungen beſorgt ausſprach, entgegnete er, daß er hier allein zu befehlen habe und wegen ſeines bewieſenen Verhaltens nur Lob, ſtatt Tadel, vom Gra⸗ fen erwarte, der wahrſcheinlich nur ſ eines Rendanten Treue und Gehorſam gegen die demſelben früher ertheilten Be⸗ fehle habe auf die Probe ſtellen wollen. Uebrigens er⸗ warte er von dem Burgverwalter unbedingte Unterwer⸗ fung gegen ſeine Anordnungen, die er nöthigenfalls zu erzwingen wiſſen werde. Hierbei zeigte Roloff auf die beiden, in ſeinem Gürtel ſteckenden Doppelpiſtolen und zwar mit einer Miene, welche den Burgverwalter erſchrecken machte. Plötzlich ertönte in lauten, ſtürmiſchen Schwingun⸗ gen die Glocke am Eiſengitter, und der an ſein Fenſter geeilte Rendant erblickte hinter demſelben den Kahn, in welchem ſich außer Krampus, der Magd und den drei geſtern zurückgewieſenen Männern auch der Graf von Schornburg befand. War es Zufall oder Vorſicht, daß 117 der Graf in der Mitte dieſer Männer ſtand und von de⸗ ren Leibern gedeckt, ſeine Worte an den wahrgenommenen Roloff richtete, der ſein geſtriges„Zurück!“ auch heute wieder den Ankömmlingen entgegenſchrie. „Ich erkenne rühmend Eure Vorſicht an, lieber Ro⸗ loff!“ entgegnete der Graf mit freundlicher Stimme. „Allein, da ich jetzt ſelbſt Euch die Verſicherung ertheile, daß dieſe Männer in meinem Auftrage erſcheinen, um die Burg in einen wohnlicheren Stand zu verſetzen, ſo wer⸗ det Ihr hoffentlich uns den Eintritt länger nicht ver⸗ weigern.“ „Ich verweigere ihn dennoch,“ verſetzte Roloff höh⸗ niſch,„und zwar, weil ich mich nicht wie eine dumme Maus in der Falle fangen laſſen will, nachdem die Jagd auf mich im Freien nicht ganz gelungen iſt.“* „Ich verſtehe gar nicht den Sinn Eurer Rede, lieber Roloff,“ antwortete der Graf.„Ihr habt mich benach⸗ richtigt, daß man einen lebensgefährlichen Anfall auf Euch unternommen hat, der nicht geglückt und für den Unternehmer verderblich ausgefallen iſt. Ich habe Euch aufrichtig und tief bedauert und keine Koſten zu ſcheuen gebo⸗ ten, um Euch von Eurer Verwundung wieder herzuſtellen. Aber mich bedünkt es, als wenn jener Unfall Euch über die Gebühr und ſelbſt gegen diejenigen mißtrauiſch gemacht hätte, welche Euch ſtets die vollgültigſten Beweiſe ihres völligen Wohlwollens gegeben haben.“ „Herr Graf!“ ſprach Roloff giftig,„wozu eine Larve vor das Geſicht nehmen, durch welche ſich keiner von uns 118 beiden täuſchen laſſen wird? Seien wir vielmehr ganz offen gegen einander. Sie wollten Ihr Geheimniß und Ihre Beute für ſich allein behalten und darum erſt mich und dann den Dritten aus dem Wege zu räumen. Ihre Ab⸗ ſicht gelang nur zur Hälfte und Sie erſcheinen jetzt, um die noch fehlende Hälfte zu ergänzen.“ „Welche Sprache!“ rief der Graf aus.„Nur im Hinblick auf Eure Körperleiden verzeihe ich Euch Eure Reden. Laßt mich mit Euch unter vier Augen ſprechen und ſofort werden alle Eure Bedenklichkeiten wie Reif an der Sonne ſchmelzen.“ „Halten Sie mich wirklich für ſo albern, daß ich auf Ihren Vorſchlag eingehen würde?“ erwiederte Roloff. „Ich bin offenherziger und darum redlicher gegen Sie, Herr Graf, als Sie gegen mich. Sie haben mich zur Nothwehr gezwungen, die mich veranlaßte, einen zuver⸗ läſſigen Boten, jenen Fiſcher, abzuſenden, welcher ein verwaiſetes Aelternpaar erfreuen und mir eine Entſchä⸗ digung für mein zerſchmettertes Bein vermitteln ſollte. Sie haben dieſen Boten aufgefangen—“ „Still!“ gebot der Graf.„Ich geſtehe gern, daß Eure Vermuthung hinſichtlich des Fiſchers gegründet iſt. Bedenkt aber auch, daß Ihr bereits für Euer Wagſtück die verheißene Belohnung von mir erhalten hattet, ich da⸗ gegen noch gänzlich leer dabei ausgegangen war. Ich mußte die Entdeckung unſers Geheimniſſes ſo lange ver⸗ hindern, bis die für meine Abſichten günſtige Zeit einge⸗ treten war. Dies iſt nun geſchehen. Durch mich hat 119 jenes Aelternpaar ſein Glück, ſo wie den dafür zu zah⸗ lenden Preis erfahren, mit Freuden denſelben zugeſtanden und mich ſomit in den Stand geſetzt, Eure mir geleiſte⸗ ten Dienſte nochmals zu belohnen. Das Euch anvertraute Kleinod, gegen welches nur der Schatz zu heben iſt, in Empfang zu nehmen und an ſeine wahren Eigenthümer auszuliefern, bin ich hier.“ „Ich aber—“ höhnte Roloff,„bin der Höllenhund, der den Schatz bewacht und ihn nicht eher heben laſſen wird, als bis mir derſelbe gegen ein hohes Löſegeld ab⸗ gekauft iſt.“ „Das ſoll ja geſchehen, wie ich Euch ſchon verſpro⸗ chen habe“— rief der Graf, wild werdend. „Sie haben ſchon Mancherlei verſprochen,“ ſpottete Roloff,„ja ſogar beſchworen. Mein zerſchmettertes Bein iſt jedoch ein ſprechender, nein, ſchreiender Beweis, wie Sie Ihre Verſprechungen und Schwüre zu halten pflegen.“ „Nun reißt mir der Geduldsfaden,“ ſprach der Graf unter Zähneknirſchen.„Roloff! wenn Ihr nicht ſogleich gutwillig öffnet, ſo wird man Gewalt anwenden. Be⸗ denkt, daß Ihr es nicht mit mir und meiner Macht allein zu thun habt. Ein weit Mächtigerer als ich wird hier⸗ herkommen und ſein theuerſtes Gut von Euch fordern. Dieſer See wird ſich mit einer zahlreichen Flotte bedecken, ein Heer mit allen ſeinen Angriffswaffen gegen die Schorn⸗ burg anſtürmen und Euch vernichten.“ „Dieſer Drohungen lache ich nur,“ erwiederte Ro⸗ 15 boff verächtlich.„Im Beſitze eines wunderbaren Talis⸗ 120 mans trotze ich ſelbſt den Angriffen eines ganzen Heeres, des Verraths und des Aushungerns. Ha! ha! wird der zärtliche Vater die Feuergeſchoſſe gegen die Bruſt ſeines geliebten Kindes zu richten wagen? Daſſelbe dem Hun⸗ gertode preisgeben wollen? Ich bin im Vortheile, und ſollte man mich wider Erwarten bis auf das Aeußerſte treiben, ſo ſchwöre ich feierlich, die Schornburg mit all ihren Bewohnern zugleich in die Luft zu ſprengen. Dann iſt mein Untergang ein glorreicher und wird manchem meiner Feinde einen gleichen Untergang bereiten.“ Bis hierher hatten Primſel und Jonas, welche im nahen Burggarten ſich befanden, kein Wort von dieſer laut geführten Unterredung verloren. Jetzt brach Jonas das Stillſchweigen, indem er erſchrocken zu Primſel anhob: „Hörſt du, Primſel? Herr Roloff will uns verhun⸗ gern laſſen oder gar in die Luft ſprengen. Das warte ich nicht ab. Komm' und laß uns in die Schleuſe krie⸗ chen, in den See ſpringen und an's Ufer ſchwimmen.“ „Ich kann ja nicht ſchwimmen,“ klagte Primſel, „und vor der ſchmutzigen Schleuſe graut mir.“ „Das Schwimmen lernſt du ſchnell,“ tröſtete Jonas, „beſonders, wenn ich dir helfe. Lieber will ich Waſſer ſchlucken, als verhungern oder ohne Flügel in die Luft fliegen.“ „Ich kann aber nicht!“ weinte Primſel. „Wir wird in dem tiefen Garten ganz angſt und bange,“ ſprach Jonas.„Es iſt mir, als wenn die hohen Burgmauern über uns zuſammenſtürzen wollten. Kommt 121 dir's nicht vor, als wackelten ſie ſchon? Schießpulver ſoll eine grauſame Gewalt haben und ſelbſt Eiſen auseinander ſprengen können. Uff! ich klettere den Felſen hinan, da⸗ mit ich beſſer in's Freie komme.“ Jonas that, wie er geſprochen hatte, und Primſel folgte ihm wie ſein Schatten. Als aber oben Jonas ſich längelang niederlegte und den Kopf über die Tiefe hin⸗ aushing, mochte es ihm Primſel hierin nicht nachthun. „Wie der See tanzt und flimmert!“ ſprach Jonas ſehnſüchtig.„Iſt es doch, als wenn er mir winkte, hinab zu ſpringen. Hopp! da hüpft ein Fiſch in die Höhe. Da wieder einer! Ach, wenn ich doch jetzt auch ein Fiſch oder ein Fiſchreiher wäre! O je! was iſt das?“ Jonas beugte ſich ſo weit über den Abgrund, daß ihn Primſel erſchrocken bei den Beinen packte und feſthielt Ja, wirklich!“ fuhr Jonas außer ſich fott hier unten, ganz in der Felſenbiegung liegt unſer Ka nund ſchaukelt wie eine Wiege. Ach, gewiß hat mich mein Va⸗ ter von der Burg abholen wollen und iſt darüber in's Waſſer gefallen und ertrunken. Nun bleibe ich keine Viertelſtunde länger hier. Ich muß nach unſerer Hütte hinfahren und ſechen, was aus meinem Vater geworden iſt. Nun brauchſt du wegen des Schwimmens keine Sorge mehr zu haben, Primſel. Wir kriechen beide durch die Schleuſe. Ich ſpringe hinab in's Waſſer, ſchwimme das Stückchen bis zu unſerm Kahne hin und dann hole ich dich nach. Laß uns ſchnell nach dem Waſchhauſe laufen, bevor man dich wieder einſperrt.“ 122 „Brrrr!“ ſprach Primſel ſich ſchüttelnd,„mich ekelt's, wenn ich an die naſſe, ſchmierige Schleuſe und an das enge, finſtre Loch denke, durch welches wir auf dem Bauche lang hinkriechen ſollen. Wirklich, Jvnas! faſt will ich lieber ſchmale Biſſen eſſen und in die Luft ſpringen.“ „Das wollteſt du und mich im Stiche laſſen?“ fragte Jonas betroffen.„Nun, ich aber laſſe dich nicht im Stiche. Wenn mein Vater todt und ertrunken iſt, ſo iſt mir's einerlei, ob ich einen Hoppas in die Luft mache und mir die Naſe verbrenne. Aber, halt! da fällt mir etwas bei. In unſerm Kahne habe ich eine Leine liegen ſehen. Dieſe werfe ich herauf und du bindeſt das eine Ende an dieſen Haſelnußſturzel. Dann rutſcheſt du an dem andern Ende hinunter und ich fange dich in dem Kahne auf. Heiſa! ſo geht's doch noch! Knüpfe nur eine richtige Schifferſchlinge, damit das Seil nicht von dem Sturzel losgeht.“ „Eine Schifferſchlinge weiß ich nicht zu knüpfen,“ bekannte Primſel,„nicht einmal einen Knoten.“ „Wie?“ erwiederte Jonas voll Staunen,„du kannſt zehnmal beſſer leſen und ſchreiben wie ich— kannſt rei⸗ ten und fechten, franzöſiſch und engliſch reden und hun⸗ dert andere Sachen mehr— und weißt nicht einmal eine Schifferſchlinge zu knüpfen? Das iſt arg. Wie ich erſt vier Jahre alt war, lehrte mich mein Vater eine Schiffer⸗ ſchlinge knüpfen, denn—“ ſagte er,„durch eine Schiffer⸗ ſchlinge in einem Seile oder Taue iſt ſchon mancher Kahn 8 6 mit ſeiner Ladung und Mannſchaft vom Untergange ge⸗ 5 — rettet worden. Gieb Acht, Primſel, ich will dir jetzt zei⸗ gen, wie man eine Schifferſchlinge knüpft.“ Jonas zog ſein Taſchentuch hervor und geſtaltete es zu einer Art von Tau um, aus welchem er dann die Schlinge herſtellte. Aber er mußte ſeine Unterweiſung viermal wiederholen, ehe ſie Primſel begriff. „Nun aber muß ich ſchnell machen,“ ſprach Jonas. „Ein Glück, daß Herr Mutz und ſeine Frau und Babet ihr Augenmerk allein auf die Einfahrt gerichtet haben. Sie könnten uns ſehen, wenn ſie aus ihrem Fenſter mehr links ſchaueten. Jonas ſchlüpfte wie ein geſchmeidiger Aal durch den Garten, durch die Burg und in deren Hof, wo er in dem Waſchhauſe, das nie verſchloſſen wurde, verſchwand. Mit zitternden, jedoch eiligen Händen hob er die Holzbohlen von der Schleuſenöffnung auf und begann ſeinen Körper durch den allerdings ſehr beengten Kanal vorwärts zu ſchieben. Das Unternehmen war mißlich und abſchreckend genug; denn Schmutz, übler Geruch, Finſterniß und Man⸗ gel an Raum empfingen und begleiteten den Knaben, wel⸗ cher mit pochendem Herzen, aber muthvoll, vorwärts kroch. „Wenn jetzt Frau Mutz oder Anke eine tüchtige Menge Waſſer in die Goſſe ausleerten!“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Dann müßte ich jämmerlich ertrinken!“ Dieſer nicht eben tröſtliche Gedanke beſchleunigte des Knaben Bewegungen, dem jetzt in einiger Entfernung das freund⸗ liche Licht des rettenden Ausgangs entgegenſchimmerte⸗ 124 Als er hier angelangt war, ſtürzte er ſich ohne langes Beſinnen kopfüber hinab in das Waſſer, das den aufhor⸗ chenden Primſel durch einen lauten Plumps erſchrecken machte und ſich über den Knaben hoch aufſprützend ſchloß. Bald jedoch tauchte derſelbe wieder empor und begann munter dem Nachen zuzuſchwimmen, welcher in der klei⸗ nen Felſenbucht einen kunſtloſen Ankerplatz gefunden hatte. Jedenfalls war der Nachen, deſſen bindendes Seil der Einfluß der Witterung morſch gemacht hatte, durch die Frühjahrſtürme von ſeinem Ankerpfahle fort⸗ und dem Eilande zugetrieben worden, wo er endlich ſeinen Ruhe⸗ ort, den Burgbewohnern unbewußt, unter dem Felſenab⸗ hange gefunden hatte. Behende ſchwang ſich Jonas aus dem Waſſer über Vord und ruderte dann den Kahn ein Stück vom Felſen ab, um dem Prinzen das zuſammengerollte Ende des ret⸗ tenden Seils zuzuwerfen, was ſogleich bei dem erſten Ver⸗ ſuche gelang. Aber es verſtrichen etliche peinigende Minuten, ohne daß der ungeduldig wartende Jonas ſeinen kleinen Freund am Seile herabgleiten ſah. „Wenn er nochmals keinen Schifferknoten tnüpfen könnte!“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Ich fürchte immer, daß die böſe Babet unſer Ausreißen gewahr wird und Lärm macht. Spring' herab, Primſel!“ ſchrie er jetzt hinauf,„wenn du die Schlinge wieder vergeſſ haſt. Ich fange dich mit meinen Armen auf.“ Dieſes Auffangen würde jedenfalls für eid⸗ Knaben 125 ſehr nachtheilig ausgefallen ſein, denn Jonas überſchätzte ſeine Körperkräfte hierbei ſehr weit. Er hatte aber jetzt die Freude, den kleinen, vornehm gewöhnten Königsſohn in einen Seilrutſcher verwandelt zu ſehen, dem das Seil die zarte Haut von der inneren Handfläche abrieb, ſo daß er endlich vor Schmerz das Seil losließ und aus einer Höhe von etwa drei Ellen in den Kahn niederplumpſte, der dadurch in das heftigſte Schaukeln gerieth und dem Umſturze nahe gebracht wurde. Den vor Schreck laut aufſchreienden Primſel ſuchte Jonas durch Zureden zu be⸗ ruhigen, wobei er zugleich bemüht war, den Kahn wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nachdem ihm dies gelun⸗ gen war, ergriff er das Ruder und begann mit raſchen Schlägen den Kahn von dem Eilande wegzubewegen. Plötzlich bemerkte die boshafte Babet die beiden klei⸗ nen Schiffer und erhob ein lautes Geſchrei, das ſelbſt von den flüchtenden Knaben vernommen wurde. „Abſcheulicher Schreihals!“ ſchimpfte Jonas, indem er ſeine Thätigkeit verdoppelte.„Schade, daß du nicht rudern helfen kannſt, Primſel. Sonſt ſollte uns Nie⸗ mand einholen können. Höre nur, Primſel, wie ſie blökt! Ich möchte ihr gleich eins auf den Mund geben. Viel⸗ leicht achtet noch Niemand auf Babets Geſchrei und wir gewinnen einen hübſchen Vorſprung. Aber wir werden den nächſten Weg nach dem Ufer nehmen müſſen. Zu unſrer Hütte darf ich nicht ſteuern. Dort bekämen ſie uns ſogleich wieder in ihre Gewalt.“ Jonas ruderte, daß ihm der Schweiß in's Geſicht 126 trat; Primſel hielt dagegen ſeinen Blick angſtvoll auf das Eiland geheftet, das immer weiter zurücktrat. „Dort!“ rief endlich Primſel erſchrocken aus und bedeckte mit beiden Händen ſein Antlitz. Jonas blickte nach dem Eilande, hinter welchem jetzt ein Kahn raſch zum Vorſchein kam und die Richtung nach den Flüchtlingen einſchlug. Bald zeigte ſich noch ein zweiter, kleinerer Nachen, welcher den erſten an Schnelligkeit übertraf und ihm den Vorrang abzugewinnen ſchien. In dem größeren Fahrzeuge befanden ſich der Graf nebſt ſeinen drei Begleitern, ſo wie Krampus und die Magd, welche aus Leibeskräften ruderten und hierin von zweien der Männer unterſtützt wurden. In dem kleineren Kahne ſaß Mutz, der Burgverwalter, welcher mit ungeheurer Schnelligkeit zwei Ruder zugleich ins Waſſer ſenkte und wieder empor hob. „Tauſend Thaler dem, der die beiden Buben ein⸗ holt!“ rief der Graf voll Wuth aus und mit dem Fuße ſtampfend.„Fünf— nein zehn Tauſend!“ ſchrie er ſpäter, als ſeine wild rollenden Augen den Kahn der Flüchtlinge immer näher dem Ufer kommen ſahen. Immer höher ſtieg ſeine Aufregung, die ihn bald in ſchreckliche Flüche, bald in neue und größere Verſprechungen aus⸗ brechen ließ. Eine Wettfahrt fand jetzt Statt, in welcher die Todesangſt mit der Gewinnſucht, die zarte Jugend mit dem gereiften, kräftigen Alter, das Kind mit dem ſtarken Manne um den Wettpreis rang oder vielmehr ruderte. 127 Jonas machte ſeinem Vater, der ſeinen Sohn im Rudern unterrichtet hatte, alle Ehre. Sein leichter Nachen ſchoß wie eine behende Schlange über die Spiegelfläche des Sees dahin und lief dem des Burgverwalters den Rang ab, während der größere und mehr belaſtete Kahn des Grafen ein ziemliches Stück zurück blieb. Der Graf heulte lautauf vor unbändiger Wuth, als er die Kinder das Land gewinnen, raſch aus dem Kahne ſpringen und in dem nahen Walde verſchwinden ſah. „Zwanzig Tauſend Thaler!“ ſchrie er mit Aufbie⸗ tung all ſeiner Kraft dem Burgverwalter zu, der ebenfalls nicht mehr weit vom Ufer war.„Zwanzig Tauſend Thaler!“— fuhr der Graf zu ſeiner Begleitung fort —„Wer mir denjenigen von den beiden Buben zurück⸗ bringt, dem ein S auf die linke Achſel eingebrannt iſt. Vorwärts! vorwärts!“ Nach einer kleinen Weile waren ſämmtliche Verfol⸗ ger der Flüchtlinge am Lande, wo ſie, ohne erſt ihre Kähne feſt zu binden, mit ſchnellen Füßen in den Wald ſich ſtürzten. Manche Menſchen verlieren in einer großen, augen⸗ ſcheinlichen Gefahr den Kopf, wie man ſagt, und gehen vadurch unter. Bei Anderen dagegen erhöht die Gefahr den Scharfſinn, ſowie den Muth, bis zu einem außeror⸗ dentlichen Grade. Naumann, der, wie der Leſer ſpäter erfahren wird, kein gewöhnlicher Fiſcher, ſondern ein hoch⸗ gebildeter Mann war, hatte ſeinem Jonas die ſorgfältigſte Erzichung gegeben und deſſen Geiſteskräfte auf alle Weiſe * 128 zu wecken geſucht. Unter anderm hatte er in der letzten Zeit ihres Zuſammenlebens dem Knaben von der Klug⸗ heit der Wilden erzählt, durch welche ſie theils den Nach⸗ ſtellungen ihrer Feinde zu entgehen, theils deren Spuren aufzufinden wiſſen. Jetzt, da Jonas ein Flüchtling war, fiel ihm die Erinnerung an jene liſtigen Mittel bei, welche die Indianer anwenden, um ihre ſie verfolgenden Feinde zu täuſchen. .„Primſel“— ſprach er nach der Landung zu ſeinem Gefährten—„laß uns hinter den erſten, dichten Strauch verſtecken, damit die Feinde uns voraus kommen und wir ihnen dann ohne Gefahr nachgehen können. So machen es die amerikaniſchen Wilden und entwiſchen dadurch glücklich. Denn— ſprechen ſie— kein Verfolger geht denſelben Weg zurück, und darum ſind wir hinter unſern Verfolgern am ſicherſten vor dem Ergreifen. Nur müſſen wir uns hüten, Spuren von unſern Fußtapfen zurück⸗ zulaſſen. Dann ſollſt du einmal ſehen, wie ſie toll und blind bei uns vorüber jagen werden.“ Jonas that, wie er vorgeſchlagen hatte, und beide Knaben kauerten hinter einem einzeln ſtehenden, aber dichten Wachholderſtrauch nieder, wo ſie mit klopfendem Herzen ihren Verfolgern entgegen ſahen. Sie durften nicht lange warten. Zuerſt erſchien Mutz, den die ver⸗ heißenen 20,000 Thaler zu einem Windhunde umgewan⸗ delt hatten. Ohne ſich umzuſehen, rannte er in den Wald hinein. Darauf zeigte ſich der Graf, welcher in der hochſten Aufregung ſeine Begleiter zur eifrigſten Kna⸗ K 129 benjagd ermunterte und ſie anwies, ſich in dem Walde nach mehreren Rechtungen hin zu vertheilen und dabei einander wiederholt anzurufen, damit ſie nicht zu weit auseinander kämen und das Verfolgungsnetz um ſ dichter hinter den Flüchtlingen ſei. Ionas hatte ſich nicht verrechnet. Es fiel niemandem ein, daß die Kinder ſchon hinter dem erſten, und noch dazu vereinzelt ſtehenden Strauche ſtecken könnten. Sie Alle waren überzeugt, daß Primſel und Jonas dem dich⸗ teſten Theile des Waldes zugeeilt ſeien, und lenkten dahin auch ihre Schritte. Nicht weit von ſich hörten die Kin⸗ der raſch vorübereilende Tritte und des Knechts Stimme ſprechen:„Höre, Anke! wenn eins von uns beiden den Fang thut und die zwanzig Tauſend erhält, ſo theilen wir zuſammen oder heirathen einander. Dann bleibt das viele Geld beiſammen und wir ſind gemachte Leute. Juch heiſa! das ſoll ein Leben werden!“ „Einen ſolchen tauben Eſel wie dich möchte ich gar nicht zum Manne“— verſetzte Anke. „O ich höre wohl eben ſo gut und noch beſſer wie ihr Alle“— erwiederte Krampus.„Ich ſtellte mich nur taub, um ſo Manches zu hören, was ich ſonſt nicht er⸗ fahren haben würde. Wenn der pfiffig ſein wollende Rendant wüßte, was ich weiß! Na, Anke! bei dieſer Birke da brichſt du in den Wald und ich ein Stück weiter hin.“ Nach dieſen immer mehr verhallenden Worten ward Nieritz. Der Prinzenraub. 9 130 es ſtill und einſam um die Verſteckten her, welche nun wieder freier Athem holten. Jonas aber ſah ſich nachdenklich um und überlegte ſtill. Die Sache mußte, wenn ſie nicht mißlingen ſollte, auch wirklich wohl überlegt werden. Der Wald vor den Kindern ſtieg rechts einen ſehr hohen, unzugänglichen und ſchwer zu überſchreitenden Gebirgskamm hinan. Links dagegen verlor er ſich in einer etwas hügeligen Ebene, die von nahen Dörfern begränzt wurde. Gerade aus endigte, wie Jonas von ſeinem Vater wußte, der Wald in einen großen Sumpf, der jedes weitere Vorwärtsdrin⸗ gen unmöglich machte. Dieſe Betrachtungen waren nicht geeignet, die Hoff⸗ nung auf ein glückliches Gelingen der Flucht zu erwecken. Elftes Kapitel. Das geſtörte Bad. Jonas ſtand noch immer, ohne ſich zu regen oder zu ſprechen. Sein Standpunkt verſtattete ihm die freie Ausſicht auf den See und deſſen Ufer. Dorthin blickend, bemerkte er, daß ſein leichter Nachen beim Anlanden mit ſolcher Heftigkeit auf eine ſandige Stelle getrieben war, vaß er, ohne feſt gebunden zu ſein, ruhig in ſeiner Lage verharrte. Dagegen ſchaukelten ſich der größere und der kleinere Schloßkahn, welche deren Inſaſſen aus haſtiger 131 Ungeduld noch vor dem Landen verlaſſen hatten, auf den plätſchernden Wellen und trieben bereits tiefer in den See zurück. Weit umher war ſonſt kein Fahrzeug zu erblicken und dieſe Betrachtung reifte jetzt plötzlich des Fiſcherknaben kühnen Entſchluß. Wenn die Flüchtlinge den hohen, bis an den See ſteil hineinfallenden Gebirgs⸗ kamm umſchiffen konnten, ſo war ihre Rettung kaum noch zweifelhaft. Denn, um zu Fuße die rauhe, felſen⸗ zerklüftete Höhe zu überſteigen, bedurften die Verfolger wohl einen halben Tag, binnen welchem die Knaben einen anſehnlichen Vorſprung gewinnen konnten. Zwar waren dieſe genöthigt, nochmals bei der Schornburg vorüber zu fahren, allein Jonas glaubte von deren Bewohnern nichts befürchten zu dürfen. Oſchon noch mehrere Fahr⸗ zeuge in der Schloßbucht vor Anker lagen, ſo gab es doch jetzt dort niemand mehr, welcher ſie zu regieren verſtanden hätte. Weder Frau Mutz noch Babet wußten das Ruder zu handhaben und Roloff wurde daran durch ſeine Gebrechlichkeit verhindert. Daher hob Jonas entſchloſſen zu Primſel an:„Komm, Primſel, und laß uns wieder in den Kahn ſteigen. Du ſollſt ſehen, daß dies das Beſte für uns iſt.“ Primſel ſetzte ein ſo großes Vertrauen in ſeines Gefährten Klugheit, daß er dieſem folgſam nachſchritt, obgleich er ſich eines Grauens nicht ganz erwehren konnte. Nachdem ſich die beiden Knaben eingeſchifft hatten, trug Jonas dafür Sorge, daß er die beiden Burgkähne auffiſchte und ſie hinter ſich ins Schlepptau nahm. 9* 132 Dadurch wurde zwar die ſchnellere Fahrt etwas behindert, zugleich aber auch dem Feinde die Möglichkeit benommen, ſich der Fahrzeuge wieder zu bemächtigen. Erſt da die Knaben ein weites Stück in dem See zurückgelegt hatten, band Jonas die beiden Kähne los, und ihnen noch einen Fußtritt verabreichend, ſprach er:„Der Wind und die Strömung werden ſie nun auch ohne mein Zuthun weiter treiben.“ Vorher hatte Jonas noch die Vorſicht angewendet, alle Ruder und ſonſtigen Fahrwerkzeuge aus den beiden Schloßkähnen in ſeinen Nachen zu verſetzen. Raſcher glitt jetzt derſelbe vorwärts, ſo daß er bald der Schorn⸗ burg gegenüber ſich befand. Da entdeckte Primſels ängſt⸗ lich forſchender Blick auf der Schornburg höchſter Spitze den Rendanten, welcher mit einem weißen Tuche, das er an einem langen Stabe befeſtigt hatte, den jugendlichen Schiffern zuwinkte. „Wir ſollen nach der Burg zurückkehren“— ſprach Primſel beſorgt zu Jonas.„Herr Roloff winkt uns eifrig zu.“ „Da kann er lange winken!“— lachte Jonas.„Er muß uns für ſehr einfältig halten.“. Sierauf ſetzte Roloff ein langes Sprachrohr an ſeinen Mund und ſchrie den Kindern zu:„Kommt zu mir! Zu euerm Glucke! Ich will euch euern Aeltern zuführen.“ „Wer es glaubte!“ verſetzte Jonas.„Mein Vater — 133 ſagte immer: Wenn der Fuchs predigt, ſo nimm die Gänſe in Acht.“ Und der leichte Nachen ſchwamm weiter und weiter vor der Burg vorüber. Da blitzte es und ein entfernter Knall hallte herüber. Auch ſprützte das Waſſer ein wenig in die Höhe, wo die abgeſchoſſene Büchſenkugel hineinſank. Gleich darauf fiel ein zweiter Schuß, ohne die Kinder zu treffen oder ſie auf ihrer Flucht zu be⸗ hindern. „Schade um das Pulver!“ lachte Jonas und ruderte tapfer fort.„Sieh, Primſel! eben verſchwand Herr Roloff.“ Nach einer Weile donnerte ein Kanonenſchuß von der Burg. Da aber der Landungsplatz, wo die Geſchütze aufgeſtellt waren, ſich auf der andern, den Kindern ab⸗ gewendeten Seite des Eilands befand, ſo konnte den Flüchtigen auch ſelbſt eine Kanonenkugel keinen Schaden thun. Idenfalls feuerte Roloff die Kanonen nur in der Abſicht ab, um den Grafen und deſſen Gefährten auf die kühnen Seefahrer aufmerkſam zu machen. Unangefochten erreichten dieſe nach einer anſtrengen⸗ den Fahrt das rettende Ufer. Hier zogen die Knaben den leichten Nachen an das Land, warfen das überflüſſige Fahrgeräthe in den See und verſteckten zwei Ruder in einem nahen Buſche. Dann eilten ſie raſch in den Wald hinein. Es war gut, daß Jonas einen ungleich abgehärteteren Körper als Primſel beſaß. Außerdem würde, da er durch 134 das genommene Seebad bis auf die Haut durchnäßt war, gewiß ein kaltes Fieber die Folge davon geweſen ſein. Wirklich fühlte er ſich, nachdem die Lage der Flüchtlinge minder gefährlich geworden war, in den naſſen und übel⸗ riechenden Kleidern ſehr unbehaglich und von einem Froſt⸗ ſchauer ergriffen, den er durch raſches Vorwärtsſchreiten nicht ganz gewältigen konnte. „Laß uns“— ſprach Jonas zu ſeinem Gefährten —„einen Kohlenbrenner im Walde aufſuchen, damit ich an ſeinem brennenden Meiler meine Kleider trocknen und mich wieder erwärmen kann. Auch fängt mich allgemach zu hungern an, und dir wird's wohl eben ſo gehen. Ich bin mit meinem Vater ſchon einigemal bei Kohlen⸗ brennern und Theerſiedern geweſen und daher mit ihnen bekannt genug, daß ſie uns ein Stück Brot nicht ab⸗ ſchlagen werden. Wirklich fanden die Kinder eine freundliche Aufnahme bei dem nächſten Köhler, welcher ſogar dem Fiſcherknaben auf ſeine Bitte ein trockenes Hemde und einen warmen Schaafpelz ſo lange lieh, bis deſſen Kleidungsſtücke in der Nähe des Feuers getrocknet waren. Zugleich erhielten die Kinder Brot genug, um ſich zu ſättigen, und oben⸗ drein einen Schluck Branntwein, welcher für den froſt⸗ klappernden Jonas zur Arznei, dem Fürſtenſohne dagegen zum Greuel wurde und ihn faſt erſticken machte. Ein natürlicher Inſtinkt bewog die kleinen Flücht⸗ linge, dem Kohlenbrenner die eigentliche Urſache Beſuches zu verheimlichen. Nur zu gut hatten ſit 5r 135 ren, wie ſehr das hohe Verſprechen des Grafen die Habſucht und den Eifer ihrer Verfolger geſteigert hatte. Daher begnügte ſich Jonas, dem Köhler bloß zu ſagen, daß er ſeinen Vater aufſuchen wolle und unverſehens in den See gefallen ſei. Nach einigen Stunden des Ruhens wanderten die Kinder weiter. Sie trachteten, die Gränze des Nachbar⸗ landes zu erreichen, wohin beſonders Primſel ſtrebte, der ſeinem Gefährten dann das Ende all' ihrer Noth ver⸗ hieß. Die Knaben ſchritten tapfer darauf los, bis endlich ihre müden Füße nicht weiter wollten. In einer ſchlichtn Köhlerhütte, welche unbewohnt ſtand, weil der dabei befindliche Meiler ausgehrannt war, ſuchten ſie ihr Nacht⸗ lager auf, welches ſie auch auf dürrem Laube und wei⸗ chem Mooſe fanden. Unterwegs hatten ſie ihren wieder erwachten Hunger durch allerlei Waldbeeren geſtillt. Neu geſtärkt erwachten Jonas und Primſel am andern Morgen, obſchon der Königsſohn in ſeinem Leben noch nie auf einem ſolchen einfachen Lager geſchlafen hatte. Eben ſo außerordentlich war das Frühſtuck, das anſtatt in Kaffee, Milch, oder Chocolade und Bisquit, wieder nur aus Waldbeeren und einem Trunk friſchen Ouellwaſſers beſtand. „Weißt du, Jonas“— hob Primſel, deſſen Geruchs⸗ nerven als die eines Prinzen ſehr verwöhnt waren, an— „daß du noch immer abſcheulich nach der Goſſe riechſt, durch die du geſtern gekrochen biſt? Selbſt dein kurzes 136 Planſchern im See hat nicht ganz den Schmuz von dir und deinen Kleidern abwaſchen können.“ „Ich hab's auch ſchon gerochen“— geſtand Jonas ein—„und mich darüber geärgert. Na, ſowie wir wieder an ein Waſſer kommen, will ich eine Hauptwäſche anſtellen.“ Gegen die Mittagszeit gelangten die Kinder zu einem mäßigen Gebirgsteich, der heimlich und ruhig, von den 1 wärmenden Strahlen der Sonne beſchienen und auf der 6 Nordſeite von einer hohen Felſenwand geſchützt, ſeine Silberfläche ausbreitete. Hier machten die Kinder Halt. Primſel vertiefte ſich in das Aufſuchen von Waldbeeren, indeß Jonas die noch ſchmuzigen Stellen ſeiner Kleidung verwuſch, wozu er ſich gar nicht ungeſchickt anſtellte. Während er ſie dann an der Sonne zum Trocknen aus⸗ breitete, überkam ihn eine unbezwingliche Luſt, ein er⸗ friſchendes Bad zu nehmen und ſomit auch von ſeinem Körper jeden Ueberreſt von Goſſenſchmuz zu vertilgen. Als er ſein Vorhaben dem Prinzen mittheilte und ihn zur Nachahmung ſeines Beiſpiels aufforderte, verſetzte Primſel ſchauernd:„Hurrr! ich ſtürbe, wenn ich in das kalte Waſſer käme. Lieber will ich für dich mit Beeren einſammeln.“ Bald ſchwamm Jonas plätſchernd in dem Teiche herum und rühmte laut das Erfriſchende ſeines Bades. Da theilte ſich plötzlich das Gebüſch und heraus— ein Mann mit ſchnellen Schritten. „Er iſt's!“ rief derſelbe und ſchlug erfreut die Hände 137 zuſammen.„O ich Glücklicher! Er iſt's wirklich, denn ich ſehe deutlich das Brandmahl auf ſeiner linken Schul⸗ ter! Komm' her zu mir, mein liebes engliſches Kind! Zu deinem Vater, zu deiner geliebten Mutter will ich dich führen. Habe keine Furcht! Hörſt du, meine Perle?“ Aber die Perle hörte nicht, ſondern tauchte haſtig unter das Waſſer, um wie eine echte Perle auf dem Teich⸗ grunde den habſüchtigen Griffen der Menſchen zu entgehen. Freilich ſah ſich der kleine Taucher bald genöthigt, wie⸗ der aufzutauchen und friſche Luft zu ſchöpfen. Dabei erblickte er Primſel, welcher erſchrocken von ſeinem Beeren⸗ ſuchen aufgefahren war und jetzt mit gleichen Füßen davon ſprang. Ein Haſchen begann nun, das halb zu Lande, halb im Waſſer aufgeführt wurde. Jonas ſchwamm von einem Ende des kleinen Teichs zum andern, flüchtete bald auf dieſe, bald auf jene Seite, tauchte unter und ſchwamm eine Strecke unter dem Waſſer fort, indeß ſein Häſcher wie eine Henne, welche junge Enten ausgebrütet hat und ſolche im Waſſer erblickt, unermüdlich am Ufer auf und niederjagte. Dabei rief er bittend:„Liebes Kind! Mein Prinz! Holder Engel! laß dir ſagen, daß ich es gut mit dir meine, daß ich dich nicht an den Grafen, ſondern an deinen königlichen Vater ausliefern will. Zwar hat der Graf zwanzig Tauſend Thaler auf dein Zurückbringen geſetzt, aber gewiß höher noch wird dein königlicher Vater den Retter ſeines Thronerben belohnen. Zögere nicht — — 138 länger, liebes Kind! damit nicht durch die Ankunft eines Zweiten meine wohlmeinende Abſicht vereitelt wird.“ Was dieſe Schmeichelreden nicht vermochten, be⸗ wirkte endlich die gänzliche Erſchöpfung des Kindes, welches ſich ſeinem Verfolger ergeben und von demſelben ſich ankleiden laſſen mußte. Dann ging es raſch weiter und zwar in einer, der Schornburg ganz entgegengeſetzten Richtung. Denn wirklich beabſichtigte der Häſcher des Fiſcher⸗ buben, den er für den Prinzen Emil hielt, denſelben ſeinem königlichen Vater zuzuführen, weil er von dem⸗ ſelben einen höhern Lohn als von dem Grafen erwartete. Allein ſchon nach kurzer Wanderung brach der Mann in die verdrießlich geſprochenen Worte aus:„Ei, verwünſcht!“ Die Urſache dieſes Ausrufs war das unerwartete Erſcheinen des Grafen von Schornburg und eines Beglei⸗ ters, welche ſogleich auf die beiden Wandrer loseilten und ihnen haſtig entgegen riefen. Zum böſen Spiele jetzt gute Miene machend, ver⸗ ſetzte der Häſcher unſers Jonas mit erheuchelter Freude: „Gnädiger Herr Graf! Hier iſt der Prinz! Mit unendlicher Mühe iſt es mir gelungen, ſeiner habhaft zu werden.“ 56 „Iſt er es aber auch wirklich?“ fragte der Graf, indem er den Fiſcherknaben mit ſeinen Blicken durchbohrte. „Wo iſt ſein Begleiter, der andere Bube?“ „Das weiß ich nicht“— verſetzte der Mann— ——= 139 „aber daß dieſer der Prinz iſt, beweiſt gas eingebrannte S auf der linken Achſel. Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt, gnädiger Herr!“ Mit zitternden Händen entfernte der Graf von des Jonas linker Achſel die Jacke und das Hemd. „Er iſts!“ ſprach er freudig und mit erleichtertem Herzen.„Hamger, Ihr ſollt erhalten, was ich verſprochen habe!“ Darauf ging die Reiſe unaufhaltſam nach der Schorn⸗ burg zurück. Zwölftes Kapitel. Des Verbrechers Ende. Durch Primſels Entweichung war Roloff ſchnell mit dem Grafen wieder ausgeſöhnt worden, denn nur im Beſitze Primſels konnte Roloff ſeinem Herrn trotzen. So wie der Graf mit ſeinen Begleitern in der Schorn⸗ burg anlangte, ſchrie er in höchſter Haſt und Aufregung dem Burgverwalter entgegen: „Mutz Mutz! iſt dieſer hier Primſel?“ Er deutete auf Jonas, welcher ſehr niedergeſchlagen ausſah und jetzt bedäͤchtig an das Ufer getragen wurde. „Dieſer?“ entgegnete Mutz betroffen und beäugelte den Jonas mit vieler Aufmerkſamkeit. Dann ſagte er kopfſchüttelnd:„Nein, das iſt Jonas, der Fiſcherbube! 140 Hat Ihnen das nicht ſchon Krampus und Anke da geſagt?“ „Wir haben es geſagt“— ſprach das Paar klein⸗ laut—„aber der gnädige Herr glaubt uns nicht.“ „Ihr lügt!“ ſchrie der Graf wild.„Trägt dieſer Vube nicht das eingebrannte S auf der linken Achſel? Ruft mir den Rendant herzu! Er war dabei, als ich meine Beute mit dem glühenden Eiſen zeichnete.“ „Mit Vergunſt, gnädiger Herr Graf!“ ſprach Mutz furchtſam—„auch der Fiſcherbube erhielt ein Wahr⸗ zeichen in Form eines S auf der linken Achſel, als er unter dem Eiſengitter hinweg aus der Burg zu entwiſchen verſuchte. Primſels S iſt nur etwas ſchwärzlicher als das des Fiſcherbuben.“ „Du lügſt, Schurke!“ brüllte der Graf und ſtampfte wüthend die Erde.„Wo bleibt Roloff? Laßt uns den hinkenden Spitzbuben aufſuchen, wenn er nicht herkom⸗ men kann.“ „Iſt dieſer Primſel oder nicht?“ fragte der Graf ſpäter den Rendanten, indem er des Jonas linke Achſel entblößte. „Das iſt Jonas, des Fiſchers Sohn!“— verſetzte Roloff mit finſtrer Miene. Der Graf ſchäumte vor Wuth. „Es iſt der Prinz!“ ſchrie er außer ſich.„Er ſoll und muß es ſein! Ich ſelbſt habe ihn gezeichnet und laſſe ihn mir nicht abſtreiten. Betrügen wollt ihr mich ins⸗ geſammt, ihr Schurken! Aber es ſoll euch nicht gelingen.“ 5 6 4* 141 „Wie heißt du?“ wendete ſich Roloff an Jonas⸗ „Wer iſt dein Vater?“ „Jonas heiße ich“— erwiederte der Knabe betrübt —„und mein Vater iſt der Fiſchet am See. Ach, wo iſt mein Vater! Mein Herzensvater?“ „Herr Graf! Sie haben meinen aufgefangenen Send⸗ boten, den Fiſcher Naumann, vor kurzem hierher ſchafft 5— ſprach Roloff zum Grafen—„Soll ich ihn au ſeinem Gewahrſam herbeiholen laſſen, damit er in dieſem Knaben ſein Kind erkenne oder nicht?“ Der Graf, welcher an ſeinen Fingernägeln kauete, nickte ſchweigend. Der Fiſcher, welcher ſeit ſeiner Abreiſe aus der Schornburg gefangen gehalten worden war, ſah abgezehrt, abgehärmt und bleich aus, ſo daß ihn Jonas beinahe nicht erkannt hätte, als der Fiſcher in das Zimmer trat. „Mein Vater! mein Vater!“ rief Jonas jauchzend und ſchmerzlich zugleich, indem er ſeinem Vater entgegen eilte und in deſſen Arme flog. „Mein Kind! mein lieber Sohn!“ ſprach Naumann bewegt und zärtlich. Feſt, feſt preßte er den Knaben an ſein Vaterherz, an welchem Jonas in ein lautes Schluchzen ausbrach. Finſteren Blickes ſah der Graf dieſem rührenden Wiederfinden zu. „Sind Sie nun überzeugt“— fragte Roloff den Grafen—„daß wir Sie nicht mit Unwahrheit hinter⸗ gangen haben und daß dieſer Knabe nicht der Prinz ſei?“ 142 Der Graf antwortete nicht, aber er zitterte vor Wuth und ballte die Fäuſte in ſeinen Taſchen. „Ich erinnere mich“— rief jetzt der Burgverwalter ganz vergnügt aus—„daß ich ein ganz untrügliches Mittel beſitze, um auch den letzten Zweifel über Primſel und Jonas zu beſeitigen. Ich habe die Schattenriſſe der beiden Kinder, die ich treu nach der Natur abgezeichnet und mit dem Namen eines Jeden verſehen habe. Ich ſpringe, ſie herbei zu holen.“ Bald erſchien Mutz mit den beiden Zeichnungen in der Hand.„Sehen Sie, gnädiger Herr Graf!“ hob er an— hier unten ſteht Primſel und da Jonas geſchrie⸗ ben. Nun wollen wir den Knaben mit ſeinem Schatten⸗ riſſe vergleichen und Sie werden ſehen, daß Zug für Zug eintrifft. Allerdings ſehen ſich die Knaben zum Ver⸗ wechſeln ähnlich und der Zufall mit dem S auf der linken Achſel beider Kinder macht das Unterſcheiden noch ſchwieriger. Aber der Schattenriß muß jeden Zweifel beſeitigen. Tritt einmal hierher an die Wand, Jonas, und halte deinen Kopf ſtill und ſo, wie ich ihn jetzt richten werde. Sehen Sie, gnädiger Herr Graf! Obſchon es nicht genug finſter iſt, um den Schatten recht ſcharf erſcheinen zu laſſen: ſo trifft er doch genau mit dieſem Schattenriſſe zuſammen. Sehen Sie! Sehen Sie!“ „Der Schurke freut ſich wahrhaftig noch über mein Uunglück!“ erwiederte jetzt der Graf mit Zähneknirſchen. Zugleich riß er ungeſtum dem Burgverwalter die beiden Schattenriſſe aus den Händen, ballte ſie zuſammen und 143 warf ſie voller Wuth zu Boden. Dann rannte er aus dem Zimmer. „Das iſt entſetzlich!“ ſprach Mutz tief verletzt. „Die hübſchen Schattenriſſe! Da habe ich mir doch um⸗ ſonſt Mühe gegeben. Wenn er nur wenigſtens Primſels Schattenriß verſchont hätte! Da dieſer entwiſcht iſt, ſo kann ich ihn nicht noch einmal abkonterfeien.“ Unter dieſen Klagen hob Mutz die Papierkugel von den Dielen auf und begann dieſelbe zu entwirren. „Nun darf ich wohl mit meinem Kinde nach meiner Hütte zurückkehren?“ fragte der Fiſcher den Rendanten. Dieſer ſtarrte ganz verſtört den Frager an, welcher bisher in gebückter Stellung ſein Antlitz an demjenigen ſeines Kindes verſteckt gehalten hatte. Bei dieſer Gelegen⸗ heit aber war des Rendanten Blick zufällig auf des Fiſchers entblößten Nacken geſallen, wo ein kleines Mut⸗ termahl von Geſtalt und Farbe einer Erdbeere, den Ren⸗ danten hatte erbleichen machen. „Ich weiß nicht“— ſtammelte Roloff, deſſen Augen fortwährend anf dem Fiſcher mit ſichtlicher Angſt hafteten. Da riß plötzlich der Graf die Zimmerthür wie⸗ der auf. „Hunderttauſend Thaler!“ ſchrie er herein—„wer Primſel in die Burg zurückbringt. Fort! fort! und ver⸗ liert keinen Augenblick!“ „Da kann wohl auch Naumann mit ſeinem Buben gehen und den entwiſchten Prinzen aufſuchen?“ fragte Roloff den Grafen mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit. 144 Fiſcherknabe bleibt hier und ſein Vater auch. Wollt Ihr mir jedes Unterpfand entreißen? Roloff! Euer Kopf für den Fiſcher und ſeinen Buben! Verwahrt beide unter die feſteſten Schlöſſer und Riegel der Burg.“ „Laßt mir mein Kind“— ſprach der Fiſcher erge⸗ ben—„und ich folge Euch, wohin Ihr wollt.“ dit Ausnahme des Burgverwalters, deſſen Frau, der Magd und Roloffs, ſo wie der beiden Gefangenen, ver⸗ ließen Alle die Burg, um ihre Nachforſchungen wegen Primſels Ergreifung von Neuem zu beginnen. Es vergingen mehrere Tage, in welchen der Graf mit einer ſtets wachſenden Fieberhitze der Rückkehr ſeiner ausgeſandten Leute entgegen harrte. Allein keiner von ihnen Allen ließ ſich blicken. Niemand nahete ſich dem Cilande und wie ausgeſtorben lag die Burg ſtill und einſam da. Endlich bewog die peinigendſte Ungeduld den Grafen, die Magd Anke auf Kundſchaft nach den nächſt gelegenen Ortſchaften auszuſenden. So ſehnſuchtsvoll mochte einſt Vater Noah auf die Rückkehr der Taube gewartet haben, welche er aus der Arche auf die ſünd⸗ gebens war des Grafen Harren. Auch Anke kehrte nicht, Tages zurück. Dagegen hing am andern Morgen an dem Eiſengitter des Landungsplatzes ein Papier befeſtigt, beſchrieben fand: „Nein! durchaus nein!“ rief der Graf—„Der fluthgetränkte Erde hatte ausfliegen laſſen! Aber ver⸗ wie ſie doch hatte verſprechen müſſen, am Abende deſſelben welches Mutz herüberholte und mit folgender Hiobspoſt „Im Nachbarſtaate iſt großer Jubel und Freude. Der geraubt geweſene Prinz iſt wieder erlangt worden. Man rüſtet ſich bereits, um den Räuber in der Schornburg zu ergreifen und zur ſchweren Strafe zu ziehen. Fliehet, ehe es zu ſpät wird!“ Das war kein Oelblatt des Friedens. Der Burgverwalter war erſt mit ſich im Streite, ob er die Schreckensbotſchaft ſeinem Herrn überbringen oder lieber mit Frau und Enkelin heimlich die Burg verlaſſen ſollte. Bald jedoch ſiegte die ſklaviſche Furcht vor dem Grafen und vor deſſen Rache, dafern derſelbe den Flucht⸗ verſuch entdecken würde. Als Mutz mit bebender Hand ſeinem Burgherrn das verhängnißvolle Papier überreicht und dieſer es überleſen hatte, ſchlug der Graf eine laute, fürchterliche Lache auf. „Nun wird's luſtig hier werden,“ ſprach er ſpöttiſch, „und unſere Langweile mit einem Male vergehen. Du zitterſt, Mutz? Ich lache. Aber ich erlaube dir, dich mit den Deinen von hier fortzupacken; denn ich haſſe nichts mehr als furchtſame Haſenherzen in meiner Nähe. Ich laſſe dir eine halbe Stunde Bedenkzeit. Marſch! und be⸗ ſprich dich mit deiner Ehehälfte über das, was du thun ſollſt und willſt.“ Mutz, welcher nichts als eine bloße Vermuthung von dem begangenen Prinzenraube und der Strafbarkeit ſeines Herrn hatte, war anfangs entſchloſſen, auf ſeinem Poſten auszuharren. Das Wegbleiben der alten, ſonſt ſo treuen Anke und eine unerklärliche Angſt jedoch, ſo wie das Drän⸗ 10 146 gen ſeiner Frau, bewogen zuletzt doch den Burgverwalter zur Flucht. Als er mit Frau und Enkelin nebſt ſeiner kleinen Habe davonſchiffte, ſprach der Graf mit dem Spotte der Verzweiflung zu ſeinem Rendanten:„Sieh da, Roloff! unſer Schiff wird nächſtens unterſinken, die Ratten verlaſſen daſſelbe bereits. Willſt du nicht auch die Flucht ergreifen?“ Der Rendant antwortete hierauf nur durch einen ſprechenden Blick auf ſeinen lahmen, noch immer nicht geheilten Schenkel und durch ein Schwenken ſeiner beiden Kruͤcken. „Wohl!“ verſetzte der Graf.„Das iſt rechtſchaffen von dir gedacht. Wir haben zuſammen die Suppe ein⸗ gebrockt, darum iſt's auch billig, daß wir ſie zuſammen auseſſen.“ „Wie iſt's aber um den Fiſcher und deſſen Kind?“ fragte Roloff düſter.„Sollen ſie, nachdem Alle gegan⸗ gen ſind, nicht gleichfalls die Burg verlaſſen?“ „Nein!“ entgegnete der Graf hart.„Wäre der Fiſcher und ſein Bube nicht geweſen, ſo wäre Alles an⸗ ders und beſſer für uns gekommen. Hätteſt du den Fiſcher nicht als deinen Sendboten ausgeſchickt und ſeinen Bu⸗ ben als Unterpfand hier zurückbehalten; ſo würde es dem Prinzen nimmer beigekommen ſein, aus der Schornburg zu entrinnen. Ja, Roloff, dein Mißtrauen in mich, deine Falſchheit, welche dich zu jenem Schritte der Undankbar⸗ keit verleitete, haben uns die Grube gegraben, in welche wir beide eheſtens fallen werden.“ —— . ——— 147 „Und die Kugel, welche Ihr Leibjäger meinem Her⸗ zen zugedacht hatte,“ erwiederte Roloff hämiſch,„wer hatte ſie denn abgeſendet?“ „Still!“ ſprach der Graf,„laß uns die letzten Stun⸗ den unſers Beiſammenlebens nicht noch durch unnütze Vorwürfe verbittern. Laß uns vielmehr ſo luſtig wie möglich ſein; ja, läß uns lachen, eſſen, trinken und uns berauſchen.“ Roloff ſchüttelte das Haupt.„Berauſchen?“ ſprach er trübe—„das iſt ein übles Mittel zur Luſtigkeit, denn nach dem Rauſche ſtellt ſich das Kopf⸗ und Herzweh deſto ſtärker wieder ein.“ Es war drei Tage darauf, als eines Morgens meh⸗ rere ſtark bemannte Fahrzeuge auf dem See daher geſchwom⸗ men kamen und ſich der Schornburg in einem weiten Kreiſe näherten. Als ſie der Graf erblickte, ſprach er ſpottend zu Roloff:„Der letzte Akt des Luſtſpiels beginnt und wird mit einem brillanten Raquetenbouquet ſchließen. Freue dich, Kamerad! nicht allein werden wir den salto mortale machen, ſondern ſehr viele Mitſpringer haben. Ach ſieh! unſere Feinde halten an und ein Schifflein mit aufgeſteck⸗ ter Friedensfahne ſondert ſich ab. Hören wir, was man von uns will.“ „Die Burg ſolle ſich auf Gnade oder Ungnade er⸗ geben,“ lautete die BVotſchaft,„und ihre Beſatzung den Prinzenräuber ausliefern. Außerdem würde man das 10* 148 Feuern und Sturmlaufen gegen die Burg ſofort be⸗ ginnen. „Wer den Prinzenräuber haben will,“ rief der Graf durch das Sprachrohr zurück,„der komme und hole ihn. Von Gnade und Ungnade mag die Burgbeſatzung nichts wiſſen, ſondern wird ſich bis auf den letzten Mann ihrer Haut wehren.“ Während der Kahn mit dem Unterhändler ſeinen Rückweg antrat, begab ſich der Graf mit Roloff auf je⸗ nen Altan, welcher dem Leſer bereits bekannt iſt und eine unbeſchränkte Umſicht auf den See darbot.„Wir wer⸗ den ruhmvoll enden,“ hob der Graf an, indem er die Menge der feindlichen Fahrzeuge und ihrer Bemannung überblickte.„Ein kleines Heer rückt gegen uns zwei heran, von denen der Eine noch obendrein ein Krüppel iſt. Laſſen wir ſie ruhig herankommen und landen. Dann aber wol⸗ len wir ſie ſpringen laſſen. Du haſt doch Alles gehörig vorbereitet?“ „Ja, Herr Graf!“ verſetzte der Rendant eintönig. „Haſt du den Fiſcher von dem, was ihm nebſt uns bevorſteht, in Kenntniß geſetzt?“ „Ja, Herr Graf!“ „Und was erwiederte er auf die Schreckensbotſchaft?“ fragte der Graf mit Haſt. „Er preßte ſeinen Sohn an ſich,“ antwortete Ro⸗ loff,„und ſagte zärtlich zu demſelben: Liebes Kind! freue dich! Bald werden wir im Himmel und bei deiner guten Mutter ſein.“ 149 „Suchteſt du ihm nicht ſeinen Aberglauben auszure⸗ den?“ fuhr der Graf ſpöttiſch ſort. „Ich verſuchte es,“ ſprach Roloff ernſt,„aber der Fiſcher erwiederte mir: Ich begreife nicht, wie die uner⸗ meßliche Sonne in freier Luft ſchweben und viele Welten mit ihrem Lichte erleuchten kann. Aber ich ſehe ſie und freue mich ihrer wärmenden Strahlen. Darum glaube ich an ihr Daſein. Ich vermag die Fortdauer meines Geiſtes und ein ſeliges Leben ohne Ende nicht zu erfaſſen; aber ich fühle das Beſeligende dieſer Lehre und darum glaube ich an ſie.“ „Welch' eine Weisheit in einer armen Fiſcherſeele!“ ſpottete der Graf mit einem erzwungenen Lächeln. „Geſtatten Sie mir, Herr Graf,“ fuhr Roloff tief⸗ ſinnig fort,„daß ich Ihnen auch meine Anſichten jetzt mittheile. Seitdem ich auf das Krankenlager hingeſtreckt worden bin und mein Arzt mir offen herausgeſagt hat, daß mein Uebel, der Knochenfraß, unheilbar ſei, habe ich andere Anſichten des Lebens bekommen. Ich habe in Ih⸗ rem Dienſte Verbrechen begangen, weil ich glaubte, durch den mir verheißenen und auch richtig erhaltenen Lohn ein glückliches, genußreiches Leben führen zu können. Aber den Schwelgereien der Sinne folgten Ekel, Ueberdruß, Schmerzen und Unwohlſein. Auf den Rauſch ein wüſter Kopf; auf die Freuden des Spiels der beißende Aerger; auf die verbotene Luſt bittere Selbſtvorwürfe. Mein Laſter⸗ gefährte zerſchmetterte mir den Schenkel und ich gab ihm vafür einen ſchmerzlichen Tod. Jetzt ſieche ich langſam dem Tode entgegen und wenn ich ſchlaflos auf meinem Lager mich umherwerfe, ſo peinigen mich die Qualen eines böſen Gewiſſens.“ „Biſt du nun zu Ende mit deinem Klageliede, altes Weib?“ fragte der Graf hämiſch. „Noch nicht,“ verſetzte Roloff.„Ich gehe jetzt zu Ihrem eigenen Zuſtande über, Herr Graf! Um Graf und um reich, angeſehen und glücklich zu werden, ließen Sie Ihren Verwandten in dieſe Tiefe hier verſenken. Sie wur⸗ den Graf, mächtig und reich. Ob auch glücklich? das mögen Sie ſich ſelbſt ſagen. Sie genoſſen die Ehre, der Günſtling eines Königs zu ſein. Ach, um nachher deſto mehr die Bitterkeit der Zurückſetzung zu fühlen. Ihren Rachedurſt zu ſtillen und den König zur Herausgabe der Ihnen entzogenen Güter zu zwingen, raubten Sie ihm den Sohn. Was iſt der Erfolg aller Ihrer Verbrechen? Entehrung, ein gewaltſamer Tod und, ach! dort wohl noch die Verdammniß!“ „Wozu, Herr Bußprediger, jetzt noch dieſe ganz nutz⸗ loſe Litanei?“ fragte der Graf ergrimmt. „Warum?“ entgegnete Roloff erregt.„Ach, daß Sie umkehrten von Ihrem böſen Wege, da es noch Zeit iſt. Alles kann noch wieder gut werden. Der Prinz Emil iſt ſeinen Aeltern wiedergegeben; noch lebt der Fiſcher und ſein Kind; noch alle jene Streiter; noch wir; noch iſt die Burg nicht in die Luft geſprengt.“ „Und der da unten?“ fragte der Graf düſter, indem er auf die Tiefe des See's zeigte. 15¹ „Wenn er gerettet worden wäre!“ rief der Rendant feurig.„Wenn er noch lebte und Ihnen verzieh: wür⸗ den Sie dann auf mein Flehen eingehen und Ihren Ent⸗ ſchluß ändern?“ „Wahnwitziger Thor!“ ſprach der Graf verächtlich, „wie kann Robert noch am Leben ſein, der ſeit zehn Jahren ſchon eine Beute der Fiſche geworden iſt?“ „Er lebt! Er lebt wirklich, Herr Graf!“ rief Roloff lebhaft aus.„Vernehmen Sie die wunderbare Geſchichte und erkennen Sie in derſelben die waltende Hand der gött⸗ lichen Vorſehung. Als der Graf Robert in jener Nacht durch meine Schuld in die Tiefe des See's hinabſtürzte, ſo ſtieß ihn der Gegendruck des Waſſers wieder bis zur Oberfläche herauf. Da der Graf ſchwimmen konnte, ſo erhielt er ſich einige Zeit über der Tiefe, bis ein alter Schiffer, der nebſt ſeiner Tochter von einer Hochzeitsfeier gerade um dieſelbe Zeit heimwärts über den See fuhr, den erſt für einen großen Fiſch gehaltenen Menſchen in ſeinen Kahn aufnahm. Ein hitziges Fieber aber war die Folge jenes Schrecks und der Erkältung, welches den Grafen mehrere Wochen bewußtlos auf das Krankenlager nieder⸗ ſtreckte. Vorher jedoch hatte er ſeinem Retter die Ver⸗ muthung mitgetheilt, wie er feſt glaube, daß ſein Sturz abſichtlich herbeigeführt worden ſei. Dieſe Mittheilung bewog den alten Fiſcher, ein tiefes Stillſchweigen über die bewirkte Rettung des Grafen zu beobachten, was um ſo leichter möglich war, da die Fiſcherhütte unbeſucht und einſam am Seeufer lag. Als Graf Robert genaß, ver⸗ 15⁵2 nahm er vom ſeinem Retter, daß Sie bereits die Erb⸗ ſchaft des vermeinten Ertrunkenen in Beſitz genommen hatten, und da er neue Gefahren beſorgte, auch ſeines bisherigen Lebens überdrüſſig war: ſo unterließ er es, ſeine Anſprüche und ſeine Perſon vor Gericht geltend zu machen. Er fand vielmehr ſo großes Behagen an der einfachen, naturgemäßen Lebensweiſe des Fiſchers, daß er bei demſelben für immer zu bleiben beſchloß und ſich da⸗ her für deſſen Neffen ausgeben ließ. Zu dieſem Entſchluſſe vermochte ihn hauptſächlich die täglich wachſende Zunei⸗ gung zu des Fiſchers einziger Tochter, die eben ſo ſchön als gut geweſen ſein ſoll. Sie wurde des Grafen glück⸗ liche Gattin, ſtarb aber nebſt ihrem Vater an einer bös⸗ artigen Ruhr, nachdem ſie einen Knaben geboren hatte. Dieſes Kind iſt des Grafen Roberts höchſtes Erdengut, das er für kein Königreich hingeben mag und ihn für die verlorene Grafſchaft reichlich entſchädigt.“ „Wo befindet ſich jetzt Graf Robert?“ fragte der Graf mit finſterem Blicke.—„Wie heißt er gegenwärtig? Auf welche Weiſe biſt du hinter ſein Geheimniß ge⸗ kommen?“ „Gewiß werden Sie längſt aus meiner Erzählung er⸗ rathen haben,“ antwortete Roloff,„daß der Fiſcher Nau⸗ mann und Graf Robert eine und dieſelbe Perſon ſind. Sie erkannten ihn nicht wieder, weil Sie entfernt von Ihrem Erblaſſet gewohnt und ihn nur einigemal flüchtig geſehen hatten. Mich, der ich einige Monate ſein Haus⸗ genoſſe war, führten das ſeit 10 Jahren veränderte Aus⸗ Se— —— —— ——— 153 ſehen, die gemeine Sprache des Fiſchers und die feſte Ueberzeugung irre, daß eine Rettung aus der unergründ⸗ lichen Seetiefe und bei dem weit entfernten Ufer zu den reinen Unmöglichkeiten gehöre. Erſt das Muttermahl an dem Hinterhalſe des Grafen, das ich vor einigen Ta⸗ gen entdeckte und mir von früher her bekannt war, ließ mich genauer den Fiſcher beobachten. Er ſelbſt hat mir ſein Schickſal erzählt, nachdem ich ihm die Kunde von ſeinem nahe bevorſtehenden Untergang mitgetheilt und ihn zugleich aufgefordert hatte, mir die Wahrheit zu geſtehen. Er verzeiht Ihnen und mir, was wir beide ihm zugefügt haben, und hat keinen anderen Wunſch auf der Erde, als mit ſeinem Kinde ſein Leben in Armuth und Niedrigkeit zu beſchließen.“ „Ich vernehme die Stimme des in der Schlinge gefangenen Fuchſes,“ entgegnete der Graf.„Doch ſieh, Roloff! da landen eben unſere Feinde. Wie behende ſie die Sturmleitern in ihren Kähnen aufzurichten bemüht ſind! Es wird Zeit, lieber Mitſpringer, daß wir die letzte Hand an's Werk zu legen gehen. Höchſtens noch fünf Minuten warten wir, um ihnen Allen den Garaus ſpie⸗ len zu können. Komm, mein Roloff, baldiger Er⸗Ren⸗ dant und Himmelserſtürmer.“ „Erbarmen!“ flehte Roloff, indem er ſich dem Gra⸗ fen zu Füßen warf und bittend ſeine gefalteten Hände emporhob.„Alle Schuld will ich auf mich nehmen. Lie⸗ fern Sie mich als den Prinzenräuber aus. Ob meinem elenden Daſein der Knochenfraß ein langſames, oder das 154 Schwert des Nachrichters ein ſchnelles Ende bereitet, iſt mir gleich. Haben Sie Mitleid! Erhören Sie mein Fle⸗ hen um Gottes willen!“ „Ich pflege nicht, auf halbem Wege ſtehen zu blei⸗ ben,“ antwortete der verſtockte Graf, wobei er ſich von dem knieenden Rendanten zu befreien ſuchte. „Auch wenn dieſer Weg in den Abgrund der Hölle führen ſollte?“ fragte Roloff mit ſchmerzlich zuckenden Lippen. Der Graf blieb die Antwort ſchuldig und wendete dem Flehenden den Rücken zu. Roloff erhob ſich ſchnell vom Boden. Seine Gebrechlichkeit verſchwand unter einer furchtbaren Aufregung. „Gott! Gott!“ murmelte er ſchnell,„verzeihe mir! Ich kann ja nicht anders.“ Nach dem letzten Worte ſchwang er die eine Krücke hoch empor und ließ ſie zerpraſſelnd auf des voranſchrei⸗ tenden Grafen Schädel niederfallen. Der Graf taumelte und brach zuſammen, raffte ſich aber bald wieder auf, um nochmals hinzuſinken. Mit einer faſt übermenſchli⸗ chen Kraft packte ihn der Rendant unter die Arme und ſchleifte ihn hinaus auf den Altan. „Mein ganzes Leben,“ ſchrie er überlaut,„war dem Laſter geweiht. Im Tode wenigſtens will ich noch etwas Gutes vollbringen.“ Er hob und ſchob den halb bewußtlos i Sh rin⸗ genden Grafen über das Eiſengeländer empor. Als ihm dies gelungen war, umklammerte er ſeine Beute mit bei⸗ 155 den Armen und ſtürzte ſich mit derſelben unter dem Rufe in die Tiefe hinab:„Gnade, Herr! Herr! Gnade!“ Voll Entſetzen hatten unten die Sturmläufer den Zweikampf in der Höhe mit angeſehen. Erſchrocken wichen ſie zurück, als vor ihnen ein verſchlungenes Menſchenpaar in die Waſſertiefe ſtürzte, um nimmer wieder emporzu⸗ kommen. Genau an derſelben Stelle, wo die böſe That an dem nachtwandelnden Grafen verübt worden war, war ſie auch an ihren Thätern geſühnt und beſtraft worden! Wer wollte wohl an einer gerechten Vergeltung unſerer Tha⸗ ten, an dem Walten des ſtarken und eifrigen Gottes zweifeln? Als die Männer der Obrigkeit ohne irgend eine Be⸗ hinderung die Schornburg erſtiegen hatten, fanden ſie die⸗ ſelbe verödet und menſchenleer, dagegen eine geſtreuete Pulverlinie, welche bis hinauf in den Saal mit dem ver⸗ hängnißvollen Altan führte und bis in die Kellerräume reichte, wo eine Anzahl mit Schießpulver gefüllter Tonnen die Burg in die Luft zu ſprengen beſtimmt und dazu vor⸗ gerichtet lag. In der Nähe jenes Kellers befand ſich das Behältniß, in welchem der Fiſcher nebſt ſeinem Kinde ge⸗ fangen ſaß. Als er ſich und ſein Kind befreiet ſah und das grauſende Ende des verbrecheriſchen Paares erfuhr, ſank er auf ſeine Knie nieder und pries Gott mit lauter Stimme, der einem Feden nach ſeinen Werken zu geben verheißen hat. 156 In dem Nachbarſtaate feierte man wegen des Kron⸗ prinzen glücklicher Wiedererlangung allgemeine Lob⸗, Dank⸗ und Freudenfeſte. Unter dem Feſtgeläute ſämmtlicher Glocken wallten die frohen Schaaren in die Kirchen, um Gott zu preiſen, der durch die Hand eines ſchwachen Kin⸗ des den Thronerben aus der Gewalt ſeiner Feinde geret⸗ tet und dadurch die tiefgebeugten Aeltern mit unermeßli⸗ cher Freude erquickt hatte. Nachdem Jonas als vermeinter Prinz in die Hände ſeiner Verfolger gefallen war, hatte der wirkliche Prinz unangefochten die Gränze ſeines Reichs erreichen können, wo er ſich dem erſten, ihm zu Geſichte kommenden Grenz⸗ beamten entdeckt hatte und von demſelben ſofort zu ſei⸗ nen königlichen Aeltern befördert worden war. Inmitten der zahllos herzu ſich drängenden Abge⸗ ſandten aus allen Theilen des Landes, welche den Kron⸗ prinzen und deſſen hocherfreute Aeltern zu beglückwünſchen, in dem königlichen Schloſſe erſchienen waren, inmitten der glanzvollen, mit Orden beſäeten Geſtalten, der rei⸗ chen Pracht eines königlichen Hofes und einer vornehmen Hoflingsſchaar, ſtand Primſel, jetzt wieder Prinz Emil, und zwar Arm in Arm mit ſeinem Befreier, dem vor⸗ maligen Fiſcherbuben Jonas, jetzt aber Graf von Schorn⸗ burg. Mit ſtiller Luſt und Befriedigung blickten der Kö⸗ nig und die Königin, und Robert, Graf von Schornburg, auf das verbrüderte Paar hin, das ihrer Herzen Freude und Hoffnung war. „Ich habe—“ ſprach der ehemalige Fiſcher Nau⸗ ———————— 1 157 mann zu den königlichen Aeltern,„mein Kind Jonas ge⸗ nannt, weil mich der Herr, mein Gott, eben ſo wunder⸗ bar aus des See's Tiefe errettet hat, wie einſt den Pro⸗ pheten Jonas. Möge mein Jonas ſtets dem Herrn und ſeinen Geboten gehorſam ſein, ohne erſt, wie der Pro⸗ phet Jonas, durch des Höchſten Macht dazu ſich zwingen zu laſſen. Wir aber—“ fuhr der Graf zu ſeinem Sohne fort,„wollen recht oft die einſame Fiſcherhütte am Schorn⸗ ſee beſuchen um uns dort unſerer vormaligen Armuth und Niedrigkeit zu erinnern, in welcher wir dennoch recht glückliche Tage verlebten.“ „Was iſt denn aus Mutz und den übrigen Bewoh⸗ nern der Schornburg geworden?“ fragte der Prinz neu⸗ gierig. „Mutz und ſeine Frau haben ſich wieder in der Schornburg eingefunden—“ antwortete Graf Robert, „und dort mag der Burgverwalter noch fernerhin Bilder contrefeien und Schattenriſſe fertigen. Auch Anke iſt zu⸗ rückgekehrt und verbleibt in meinen Dienſten. Der Knecht Krampus dagegen, ſeiner bewieſenen Falſchheit eingedenk, hat ſich nicht wieder gemeldet und mag daher bleiben, wo er Luſt hat. Babet habe ich, mit Einwilligung ihrer Großältern, in eine Erziehungsanſtalt verſetzt, wo ſie zu Ablegung ihrer Unarten und Untugenden angehalten wird.“ „Gott der Herr hatte uns eine ſchwere Prüfung auf⸗ erlegt,“ ſprach der Monarch zu dem Grafen,„hoffen wir von ſeiner Vatergüte, daß eine ähnliche nie wiederkehren 158 und daß die beſtandene zu unſer Aller Glück ausſchlagen werde.“ „Mein ſüßes, mein einzig geliebtes Kind!“ ſprach die Königin voll tiefer Bewegung und zog den wiederge⸗ fundenen und darum doppelt theuern Sohn an ihr müt⸗ terliches Herz. Der vormalige Fiſcher aber erhob ſeinen Blick zum Himmel, von welchem ſeines Sohnes verklärte Mutter liebend herniederſchaute auf Gatten und Kind. Druck von ₰. nietack in Berlin. 9 1 i ſi 0 1 . 1 12 13 14 li 18 6 20 ———