tiocotet deutſcher, engliſcher Siteit öſiſcher Lr Cduard Oftmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Zeſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 lhr offen. 2. Lesepreis. Bei Puaſhr eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ie Abonnement. Daſſ elbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: S für renttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: . 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 2 Mk.— If. 5. Auswärtige Lonhenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung ücher auf ihre eige nen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Noch nicht ganz 80 Jahre vor dieſer Zeit gab es im nördlichen Europa, da wo die Newa in den finniſchen Meerbuſen aus⸗ mündet, eine öde, trauerige Landſtrecke, in deſſen Sumpf⸗ und Moorboden Unken ihr ſchwermüthiges Lied ſangen, Fröſche ihr eintöniges Cvax anſtimmten, die Lüfte weder Roſenduft, noch kölniſches Waſſer aushauchten, Sumpfkäfer und Gewürm ſich die Herrſchaft über den Schlamm abſtritten, hohes Schilfrohr im Abendwinde ächzte und Rohrdommel, Kiebitz und Storch reiche Beute auffanden. Da geſchah, daß ein Geſchöpf, welches Gott der Herr durch die Gabe des Verſtandes zum Herrn über die ganzePrde mit all ihren Schätzen und Inwohnern geſetzt hat, jene unfruchtbare Sunpfgegend betrat. Nun hat unſer Herrgott einige we⸗ nige Menſchen inſofern auch zu einem, wiewohl ſchwachen— Abbilde von ſich gemacht, daß ſie von ihm eine außerge⸗ wöhnliche Macht zugetheilt erhalten haben, damit ſie die , wie er zum Wohl ihrer Nebenmenſchen ver 8 vUe 2 glanz der göttlichen Allmacht, den ſie geſchenkt bekommen haben, denn ſo ſchnell geht es bei ihnen nicht wie bei dem 6 Allmächtigen, von dem es heißt:„Wenn er gebeut, ſo ſteht 1 es da,“ und„Alles iſt durch das Wort des Herrn gemacht.“ Jener Mann hieß Peter und war von Gott zum Herrn über das große Ruſſenreich geſetzt worden. Derſelbe erachtete dafür, daß es gut ſei, wenn der Sumpf mit ſeinem Gewürm einer ſtolzen Kaiſerſtadt wiche. Darum that er ſeinen Mund auf und gab dieſen ſeinen Willen kund Sogleich wimmelte die ganze Gegend umher von vielen Tauſend Arbeitern, welche die Umzauberung bewirken ſollten. Andere Tauſende, aus leibeigenen Bauern beſtehend, ſchleppten in ihren langen und weiten Kitteln Erde herbei, mit welcher ſie den Sumpf ausfüllten. Erſchrocken flüchteten Unken, Fröſche, Kiebitz, Rohrdommel und Storch, während die übrigen Sumpfbe⸗ wohner unter der aufgeſchütteten Erde begraben wurden. Bald erhoben ſich aus dem vormaligen Moorboden die feſten* Mauern ſtolzer Paläſte, Kirchen und Häuſer, die in langen und breiten Linien ſich gleich Rieſenarmen ausſtreckten Da⸗ mit die Newa ihr Bett nicht mehr überſchreite, ward ſie mit granitſteinernen Ufermauern umgürtet, und um die neu geſchaffene Kniſerſtadt vor feindlichen Ueberfällen zu ſchützen, errichtete Peter I. das feſte Kronſlot. Bei deſſen Erbauung gingen zwar 8000 Menſchen und mindeſtens eben ſo viele Pferde zu Grunde, allein ſchon nach Jahresfriſt donnerten Kanonen von den fertigen Wällen herab. Nochmehr Men⸗ chenleben aber koſtete die Stadt Petersburg ſelbſt, indem zahlloſe Arbeiter und Bauern ihr Ende durch Näſſe, Kälte, ungeheure Anſtrengung und Fauffieber fa en. a, w dieſe Aermſten damals ihr Leben unter bangen Seufzen und Röcheln ausathmeten, trillern jetzt italieniſche Opernſänger, hüpft der leichte Fuß der Ballettänzerinnen, ertönen luſtige Muſikweiſen. Seitdem iſt St. Petersburg mehr und mehr erweitert und verſchönert worden und gegenwärtig wetteifert es mit den ſchönſten Hauptſtädten der Erde. An einem heitern, warmen Sommertage des Jahres 1780 rollte aus Petersburgs Häuſermaſſe ein leichtes, nettes Fuhrwerk, mit drei flinken Roſſen beſpannt, die ein lang⸗ bärtiger Ruſſe regierte. Die Inſaſſen deſſelben waren ein deutſcher, aber jetzt in Petersburg heimiſcher Juwelier und Goldſchmied, Namens Bergmann, ferner ſeine Frau Ehriſtine und ſeine drei Kinder, Johanna, Friederike und Fedor. Aus ihren vergnügten Mienen und Blicken erſah man, daß weder Sorge noch Kummer ſie drückte. Nachdem der Wagen eine Strecke weit ſeinen Weg ver⸗ folgt hatte, zeigte ſich in einiger Entfernung ein eigenthüm⸗ licher, höchlich überraſchender Anblick, der eine große Men⸗ ſchenmenge aus allen Ständen und Volksſchichten, zu Wagen, zu Pferde und zu Fuß, herbeigelockt hatte. „Dort, Kinder! ſeht! ſeht!“ ſprach Bergmann, indem er ſeine Rechte zeigend ausſtreckte. Die ae ſprangen von ihrem Rückſitze auf und wendeten ihr Antlitz um. Was ſie erblickten, entlockte ihnen einen lauten Ausruf des Stau⸗ nens und erregte die Bewunderung nicht blos der unerfahrnen Jugend. Aus einem dichten, bunten Gewümmel von müſ⸗ uſchauern, von mächtig ſich anſtrengenden Arbeitern, 6 delnder Berg oder Felſen, deſſen Oberfläche ebenfalls mit betriebſamen Menſchen bedeckt war. Der granitene Coloß umfaßte eine Länge von 50, eine Breite von 21 und eine Höhe von beinahe 18 Fuß. Dieſe ungeheure Laſt, mehr wie eine Million Pfund wiegend, fußte auf eiſernen Rieſen⸗ walzen, welche unter ſtarkem Gepraſſel über den mit dicken Baumſtämmen gedielten Erdboden ſich fort dreheten. Es keuchten, ſchwitzten und arbeiteten die Menſchen, die den Steinrieſen fort zu ſchaffen beauftragt waren; es knallte die Peitſche hernieder auf die feiſten Schenkel einer langen Reihe achtfach vorgeſpannter Stiere; es klirrten die ſchweren Ei⸗ ſenketten, knarrten die armſtarken Taue, krächzten die in Thätigkeit geſetzten Maſchinen, ſchnurrten die vielen Kloben und Flaſchenzüge, miſchten ſich in dieſes Gewirr die laut⸗ hallenden Klänge des Signalhorns, durch welche der Oberlei⸗ ter des Ganzen ſeine Befehle ertheilte. Während dem rückte der Felſen unerſchüttert und unbeirrt, langſamen, doch ſichern Schrittes weiter daher und die auf und an ihm meiſelnden Steinmetzger arbeiteten eben ſo ruhig fort, als befänden ſie ſich in ihrer traulichen Werkſtatt. „Betrachtet, liebe Kinder!“ hob Bergmann zu den Sei⸗ nen an—„eure Hand mit den kleinen, ſchwachen Fingern daran. Vergleicht ſie dann mit jenem Steinberge dort und bedenkt dabei, daß derſelbe durch die kleine, ſchwache Men⸗ ſchenhand aus einem Sumpfe gehoben und achtzehn Weg⸗ ſtunden weit hergeſchafft worden iſt. Wie die Schnecke, die, ſam kriechend, dennoch 8 oft wites Ziel erreicht kann ſtolz auf die Ehre ſein, auf ſeinem ſteil aufſpringenden Gipfel das erzene Reiterbild des großen Czaren Peter I. zu tragen, und unſrer Kaiſerin Catharina II. dafür großen Dank wiſſen, die auf dieſe Weiſe ihrem hohen Ahnherrn ein ewiges Denkmal ſetzen will.“ Hier ſchwieg Bergmann. Denn ſein Wagen war nun in die Nähe des wandernden Felſens angelangt und er wie die Seinen hefteten jetzt ſtumm ihre ſtaunenden Blicke auf das wunderſame Bild vor ſich. Endlich hob Frau Berg⸗ mann an:„Sieht es nicht aus wie ein geſtörter Ameiſen⸗ haufen, deſſen kleine Bewohner ſich abmühen, einen großen, eingedrungenen Rieſen aus dem Wege zu räumen 2 „Wie lange iſt er ſchon unterwegs?“ fragte Johanna. „Was wird er koſten, bis er an Ort und Stelle kommt?“ forſchte der berechnende Fedor. „Wenn nur kein Menſch dabei verunglückt!“ ſeufzte die mitleidige Friederike. „Ganz ohne Unglücksfall wird es wohl nicht abgehen—“ verſetzte Bergmann,„und leicht kann die Reiſe dieſes Stein⸗ rieſen bereits mehr wie ein Menſchenleben gekoſtet haben.“ „Das Horn ertönt—“ fuhr Frau Bergmann fort— 0 ſeht, es verkündigt den geplagten Menſchen und Thieren eine Ausruhezeit. Ei, wie raſch ſie insgeſammt dem Rufe gehorſamen! Dieſe eilen nach den Waſſerfäſſern hin, einen friſchen Labetrunck zu thunz jene ziehen ein Stück Schwarzbrot aus der Taſche und verzehren es mi und wieder Andere überlaſſen ſich ſitzend ode willkommenen Ruhe.“ Doch dieſe währte nur wenige Secunden. H geſtoßene Hornklänge jagten alle Ruhenden raſch empor und an ihre Plätze. Urſache hiervon war eine ſchnell ſich nährende Staubwolke, in welcher das ſcharfblickende Auge des Ober⸗ aufſehers den Wagen eines gefürchteten Staatsbeamten erkannte. Der erſchrockene Ruf:„Der Fürſt! der Fürſt!“ pflanzte ſich, wie die Wellen eines in Bewegung geſetzten Teichs, von Mund zu Munde fort, durcheilte die Reihen der Arbeiter wie der Zuſchauer und bewirkte eine allgemeine Aufregung, welche bei den Arbeitern zur angeſtrengteſten Thätigkeit, bei den Zuſchauern dagegen zu einem haſtigen Rückzuge ward, der ſogar einer ſchimpflichen Flucht ähnelte. Alles Schreien, Rufen, Sprechen, Lachen, Scherzen, Zanken verſtummte plötzlich und es würde die lautloſeſte Stille eingetreten ſein, wenn das Klappern und Lärmen der Werkzeuge, der Maſchinen, das Peitſchenknallen und die Horntöne nicht geweſen wären. Nur leiſe glitt der Ruf: „Potemkin!“ von Mund zu Munde. Jetzt langte des ge⸗ fürchteten Fürſten vierſpänniges Fuhrwerk im raſenden Galopp an. Die Roſſe ſtanden ſchnaubend plötzlich ſtill und von dem offenen Wagen herab ſprang Potemkin, eine majeſtätiſche Mannsgeſtalt mit wohlgebildetem ausdrucks⸗ vollem, nur etwas ſchwärzlich gelbem Antlitz. Er ſtieß den Diener, welcher ihm vom Wagen herab hatte helfen wollen, nft bei Seite und ſchritt mit großen Schritten auf den ebeugten Rücken dem mächtigen Gebieter entgegen ( als ſei die ganze, anweſende Menſchenmenge Zauberſchlag verſteinert worden, denn jede e und die tiefſte Stille herrſchte überall. rdes Werks zu, welcher mit entblößtem Haupte ———— ————— ₰ Selbſt die Stiere ſtanden mit geſenktem Haupte unbeweg⸗ lich und freuten ſich im geheim der willkommenen Ruhe. Wohin man blickte, gab es ehrfurchtsvoll ſich verneigende Menſchen mit entblößten Häuptern und Aller Augen hafteten auf dem Einzelnen, der nächſt der Kaiſerin der mächtigſte Mann im großen Czarenreiche war. Nachdem Potemkin die Anſtalten und Mittel zur Fortbewegung des Felſenrieſen gemuſtert hatte, erſtieg er deſſen Gipfel auf einer angelegten Leiter. Zornig ſchleuderte er mit dem Fuße eine auf ſeinem Wege liegende, ſchwere Brechſtange hinweg, ſo daß ſie in die Tiefe hinab ſauſte und mit all ihrer Wucht das Schien⸗ bein eines der Arbeiter traf. Unter einem erſtickten Schmer⸗ zensrufe brach der Unglückliche zuſammen und hielt dann die zuſammengefalteten Hände vor die zerſchmetterte Knochen⸗ röhre. Nur wenige der Anweſenden bemerkten dieſen Vorfall, denn faſt ſämmtliche Augen folgten den Bewegungen des Fürſten, welcher jetzt allein anf der Spitze des Felſens ſtand und denſelben durch einen Wink ſeiner Hand in Bewegung ſetzen ließ. Ha! welch eine Rührigkeit jetzt unter die verſtei⸗ nerten Menſchen wieder fuhr! Alle arbeiteten und müheten ſich, als gelte es, Tauſende aus einer Todesgefahr zu erretten. Nur der Felsberg war nicht aus ſeinem langſam vordrin⸗ genden Schritt zu bringen und blickte wie ſpottend auf die um ihn her wimmelnden und keuchenden Menſchenki ab. Noch ſtolzer als er war Potemkin. A einander geſchlagen, den rechten Fuß trotzi des Felſens höchſten Gipfel, hielt er ſich fü reich heimkehrenden Welteroberer, den F Triumphwagen und die Menſchenmenge wundene und vorgeſpannte Selaven. Darum war ſein Blick auf ſie hernieder ein verächtlicher, der aber einen ganz andern Ausdruck annahm, als er ihn der Kaiſerſtadt vor ſich zu⸗ wendete. Stolz und inniges Wohlbehagen ſchwellten Po⸗ temkins Buſen bei der Betrachtung Petersburgs, das dort mit ſeinen Prachtbauten den Erdboden bedeckte. Gold⸗ glänzend und ſchimmernd ſtiegen die Kuppeln der Tempel und Paläſte i in die blaue Luft empor und der breite Strom wand ſich wie ein leuchtendes Silberband durch ſie hin. Dort in ihrem Marmorpalaſte wohnte die Beherrſcherin des größten europäiſchen Reichs und er, Potemkin, beherrſchte wiederum die Kaiſerin und mit ihr zugleich das weite, unermeßliche Rußland! Die kühnſten Entwürfe und Hoffnungen durch⸗ kreuzten in dieſem Augenblicke ſein Gehirn. War er nicht aus einem armen, niederen Fähndrich bereits zum unum⸗ ſchränkt gebietenden Staatsminiſter, Feldmarſchall und Für⸗ ſten geworden? Ha! vielleicht gelang es ihm wohl gar noch, 4 die gütige Kaiſerin dahin zu bewegen, daß ſie ihn zu ihrem Gemahl und Kaiſer ernannte, damit er dann offen befehlen durfte, was er jetzt nur mit dem Schein der Unterwürfigkeit der Kaiſerin vorſchlagen konnte? Es dünkte ihm, daß nicht Peters des Großen ehernes Reiterbild, ſondern ſein eignes i it krönen ſolle, die er jetzt lebend einnahm. Im i in Abbild ſchon inmitten Petersburgs auf⸗ der Nachwelt angeſtaunt. otemkin eine Weile lang mit ſolchen hoch⸗ ſeinen Stolz gekitzelt hatte, brachte ein en Coloß zum Stillſtehen. Bevor er arf er zwei Hände voll Ducaten unter 11 die Arbeitermenge hinab, welche hierauf wie raſend nach den Goldſtücken haſchte. Mit einem verächtlichen Lächeln ſah Potemkin auf die ſich an der Erde balgende, herumwälzende, zankende und um die Goldſtücken kämpfende Maſſe hernieder. Dann beſtieg er ſeinen Wagen und fort jagten die feuerigen Roſſe. Ein donnerndes Hurrah der Menge begleitete den Fürſten. Zwei von den Arbeitern hatten ſich ihres verletzten Kameraden angenommen und ihn aus dem Gewühle abſeits getragen. Als aber der Goldregen herniederfiel, hatte die Habgierde das Mitleid überflügelt und das Helferpaar ſchnell davongetrieben. Der plötzlich ſeiner Stützen be⸗ raubte Mann fiel unſanft zur Erde und blickts mit ſtillem Schmerze auf ſeine forteilenden Gefährten und die gierig raffende Menge hin. Zu ihm trat jetzt Bergmann, welcher nebſt den Seinen ein Zeuge des Vorfalls geweſen war. „Hat dich der Wurf mit der Brechſtange ſchwer verletzt?“ fragte er den Unglücklichen. Dieſer ſah haſtig empor und in das gefühlvolle Antlitz des Juweliers.„ „Der Schienbeinknochen iſt morſch entzwei—“ antwor⸗ tete er traurig—„und äus mir ein Krüppel geworden.“ „Glaubſt du nicht, daß der, welcher dich vuttte Sr. deine Heilung veranlaſſen werdet“ 3 Ein bitteres Lächeln überzog auf dieſ beiters Antlitz.„Kümmert ſich“— ſprach er um einen Pn, den ſein Fuß zertritt?“ 12 ſind Alle auf unſere eigne Gefahr angenommen. Schon manches Menſchenleben und manchen Menſchenknochen hat das Fortſchaffen jenes Felſens gekoſtet und darum müßte unſer Bauherr einen großen Beutel haben, wenn er für Alles ſtehen und haften ſollte.“ „Wo haſt du deine Wohnung und Heimath?“— fragte Vergmann⸗ „Ich bin Leibeigener des Fürſten Potemkin—“ ant⸗ wortete der Mann—„und heimiſch in dem Dorfe Baradow. Dafür, daß ich als Steinmetzgeſelle in Petersburg arbeiten und wohnen darf, bezahle ich an meinem Gutsherrn jährlich 15 Rubel. Ach, wenn ich ein Krüppel bleibe, ſo muß ich mit meinem Weibe und meinen Kindern nach Baradow zurück und dort erwartet uns insgeſammt ein kummervolles Leben.“ Suchend blickte jetzt der Juwelier unter den Zuſchauern umher.„Nicht unmöglich—“ ſprach er vor ſich hin—„daß ein Wundarzt anweſend wäre. Allein einen ſolchen laut anzurufen, iſt hier nicht erlaubt, weil die Arbeiter dadurch irre gemacht werden könnten. Was hilft hier Beſinnen— raſch gehandelt muß werden.“ n ging zu ſeinem Wagen zurück, wo er ſich mit an ſeine Frau wendete: riſtine, du haſt wohl nichts e wenn ich n mit dem zerſchmetterten Knochen in unſern nd heinbringe⸗ 1 er Ferdinand— verſetzte die Juwe⸗ Mit Bergmanns und deſſen Kutſchers Arbeiter in den Wagen verſetzt und der * 13 ſchleunige Rückweg nach der Stadt ausgeführt. Kein dank⸗ bares Hurrah wurde den barmherzigen Samariter nachge⸗ rufen, wohl aber freuten ſich die Engel im Himmel über deſſen That. Daß nicht Alles Gold ſei, was glänzt, erſah man damals recht deutlich an der neuen Kaiſerſtadt Petersburg, wo zwar die prachtvollſten Palläſte und Staatsbauten, aber noch un⸗ gleich mehr ärmliche, hölzerne Häuſer, ja Hütten ſich befan⸗ den. Dieſe nahmen ſich neben den Prachtgebäuden aus wie Schmutzflecke auf einem ſchönen Geſichte oder auf einem ſeidenen Gewande. Eine der armſeligſten Hütten in einem abgelegenen Stadttheile enthielt die kleine Wohnung des verunglückten Steinmetzgeſellen, welcher Nicolaus Iffinitz hieß. Als des Juweliers Fuhrwerk vor jener hielt und der Verletzte eben ins Haus geſchafft werden ſollte, ſtürzte ein Weib nebſt drei kleinen Kindern heraus, welche insgeſammt ein Zetergeſchrei bei dem Anblick des Verletzten erhoben. Bergmann erwies ſich als ein ächter barmherziger Samariter, der nicht nur die von Räuberhänden geſchlagenen Wunden des ausgezogenen Iſraeliten mit Oel ſalbte und verband, ſondern ihn auch auf ſein Thier hob, in die Herberge brachte, daſelbſt ſeiner pflegte und zuletzt noch Geld den Wire Ee ihn zurückließ. Bergmann ſorgte für einen geſchickten Wu für den Unterhalt der armen Familie, Wochen der Knochenbruch zwar geheilt Schwäche in dem verletzt geweſenen Bei welche den an det 14 nebſt den Seinigen in ſein Haus und beſchäftigte ihn mit leichterer Arbeit, zahlte auch für die Familie die Leibeigen⸗ ſteuer. Zweites Kapitel. Der Fahrſtuhl. Wohl ſelten hat ſich ein Menſch dankbarer für eine ihm erwieſene Wohlthat bezeigt als Nicolaus Iffinitz. Es iſt ein eigenthümlicher und rühmlicher Characterzug der Ruſſen, daß ſie dem, der ihnen irgend etwas Gutes hat zu Theil werden laſſen, mit einer unverbrüchlichen Treue und Ergebung anhangen. Dieſes Dankgefühl unſers Nicolaus beſeelte auch deſſen Weib Satinje und ging ſelbſt auf ſeine Kinder über. Jedes von ihnen war ein eifriger Diener der ganzen Familie Bergmann und ſuchte deren leiſeſten Wünſche aus den Augen abzuſehen, um ſie dann ſelbſt mit Aufopferung ſeiner ſelbſt zu erfüllen. Auch in anderer Hinſicht durfte Bergmann ſeine Gutthat gegen Iffinitz nicht bereuen. Der gemeine Ruſſe beſitzt von Natur einen großen Nachahmungstrieb und verſteht mit den unvollkommenſten Hilfsmitteln die künſtlichſten Handarbeiten zu verrichten. Das Blankputzen der neuge⸗ fertigten Silberſachen iſt eine mühvolle Arbeit, der ſich ge⸗ wöhnlich die Goldſchmiede nicht ſelbſt unterziehen, ſondern ſolche einem beſondern Silberputzer übertragen. Bergmann beſaß einen derartigen Arbeiter, den er aus Deutſchland mitgebracht hatte. Derſelbe aber war bereits hoch betagt 15 und nicht mehr kräftig genug, um den ſchweren Anforderungen ſeiner Kunſt vollſtändige Genüge zu leiſten. Nicht gar lange währte es, ſo hatte Nicolaus das Silberputzen ſo gründlich erlernt, daß die Arbeit ſeines Lehrmeiſters hinter der ſeinen zurückblieb und er ſomit dem Juwelier unentbehrlich wurde. Dieſer hatte ſeinen Schwiegervater bei ſich wohnen und pflegte ſeiner mit kindlicher Liebe. Aber dem guten Alten ging es wie jenem Manne zu Lyſtra in der Bibel: er mußte ſitzen, denn er hatte böſe Füße. Daß dieſes ein gar großes Uebel ſei, ſieht nicht Jeder ein den ſeine geſunden Beine über Stock und Stein hintragen und der an ihnen die wohlfeilſte Kutſche, die am ſicherſten laufenden Roſſe und den nüchternſten Kutſcher beſitzt. Damit der gute alte Herr nicht gänzlich von der Außenwelt abgeſchloſſen ſ ſei, hatte man ihm ſeinen Platz und Sitz an einem auf die lebhaſte Straße gehenden Fenſter eingeräumt. Von dort aus blickte er ſeufzend und mit ſtillem Verlangen auf die vorüberwandelnden Fußgänger hinab, von denen ſo manchet den müßig daſitzenden Herrn um ſeine gute, faule Zeit beneidete und nicht ahnete, wie gerne jener mit ihm getauſcht und obendrein noch viel Geld dazu gegeben hätte. Seitdem Nicolaus das gebrochene Schien⸗ bein gehabt hatte, wußte er den ganzen Werth geſunder Gliedmaßen zu ſchätzen. Jeder Blick auf die gelähmten Füße des alten Papa behütete unſern Nicolaus vor dem V jener Wohlthat. Dabei jedoch ließ er es nich w Von ſeinem Einzuge in das Haus des Juwel ſeine kunſtfertigen Hände die niedlichſten Spielſ Kinder ſeine Wohlthäters geſertigt⸗ 16 denen Reifen der Fäſſer und Waſſerkannen feſtgeklopft und hundert andere kleine Dienſte im ganzen Hauſe geleiſtet. Jetzt aber zeigte ſich eine Gelegenheit, wo er ſeine Dankbar⸗ keit noch beſſer an den Tag legen konnte. Von den Kindern Bergmanns hatte Nicolaus den Tag erfahren, an welchem der alte Papa Schönhof— dies war der Name von Chri⸗ ſtinens Vater— ſein Geburtsfeſt feiere. Am Abend zuvor, nachdem alle Glieder der Bergmann'ſchen Familie zur Ruhe ſich begeben hatten und nur noch die Köchin auf den Beinen ihm den Lehnſtuhl des alten Papa auf kurze Zeit zu laſſen. „Wenn du wiſſen willſt, liebe Maſchinka“— ſprach er geheimnißvoll zur Köchin—„was ich beginnen will, ſo be⸗ Papa eine kleine Freude an Geburtstage zu bereiten. Komm, Maſchinka.“ Neugierig folgte dieſe dem Iffinitz, welcher den ziemlich gewichtigen Lehnſtuhl auf ſeine breiten Schultern nahm und davon trug. Obwohl es ſchon ſpät war, ſo fand Maſchinka doch noch die Frau und die Kinder des Nicolaus munter und auf den Füßen. Sie ſah ſich mit fröhlich lachenden Blicken angen und in der Stube ein niedriges Geſtell mit meh⸗ eren und kleineren Rädern, in welches der Lehn⸗ inpaßte und darin befeſtigt wurde. Nachdem prach Nicolaus, vergnügt die Hände reibend: ſetz' dich in den Stuhl und thue die erſte gehorchte, ſchob Nicolaus den Stuhl mit war, fand ſich Nicolaus bei der Letzteren mit der Bitte ein, gleite mich hinab in meine Wohnung. Es gilt, dem guten — 4 17 Leichtigkeit die kleine Stube etliche Male auf und ab. Dann kam ſeine Frau und zuletzt jedes Kind an die Reihe. So vergnügt iſt ſicher der öſtreichiſche Kaiſer nicht bei ſeiner erſten Praterfahrt als es hier bei dem Fahrer wie bei den Gefahrenen der Fall war, obgleich die ganze Spatzierfahrt ſich auf den Umfang weniger Schritte und in einer ärmlichen niedern und ziemlich finſtern Stube beſchränkte. Nicolaus vermochte vor Aufregung und freudiger Er⸗ wartung kaum zu ſchlafen. Der frühe Morgen fand ihn daher ſchon auf den Füßen. Beim Frühſtück brachten Alle dem geliebten Papa iyre Geſchenke und Glückwünſche dar. 3 Mit letzteren nun erſchienen die Dienſtleute Bergmanns, unter denen ſich auch Nicolaus mit ſtrahlenden Blicken befand. Die an dem bewußten Lehnſtuhle angebrachten Räder hatte die Köchin geſchickt durch übergehängte Tücher verſteckt. Dieſe wurden von den Kindern des Juweliers dann erſt ent⸗ fernt, als der Großvater ſich in ſeinen Stuhl am Fenſter ſetzen und dort eine Morgenpfeife rauchen wollte. Da gab es denn keine geringe Ueberraſchung, deren Urheber gar bald errathen und mit Lobeserhebungen überhäuft wurde. Die Probefahrten aus einem Zimmer in's andere begannen von Neuen und Nicolaus ward nicht müde, nicht nur das greiſe Geburtstagskind, ſondern ein Familienglied nach dem andern zu kutſchiren. „Nun ſoll der gute Großpapa nicht länger auf ein Stelle ſitzen bleiben müſſen“— ſprach Nicolau all hin— auf die Straße, auf die Brücke, in d und wohin er Luſt hat, will ich ihn fahren.“ Du biſt ein braver Mann“— pob kin 18 ſeinen Silberputzer auf die Achſeln klopfend—„und ich ärgere mich nur, daß ich ſelbſt und nicht ſchon längſt auf den guten Einfall gekommen bin. Du wirſt Nachahmer genug mit deinem Fahrſtuhl finden, Nicolaus, denn noch manchen Leidensbruder beſitzt mein lieber Schwiegerpapa in unſerm Petersburg.“ Bergmann hatte wahr geſprochen. Nicht lange darauf, als Nicolaus ſeines Herrn Schwiegervater im Freien herum⸗ kutſchirt hatte, erblickte man mehrere ſolcher Fahrſtühle, welche für ihre Beſitzer und Benutzer weit paſſender und an⸗ genehmer waren als von Pferden fortbewegte Fuhrwerke. Papa Schönhof lebte wieder auf, als er auf ſeinen faſt täglichen Spatzierfahrten ſo viel Neues und Zerſtreuendes ſah. Obgleich das verletzt geweſene Bein des Nicolaus noch lange eine Schwäche behielt und ihm einen etwas hinkenden Gang aufnöthigte, ſo war er dennoch unermüdlich in dem Fortbewegen des Fahrſtuhls und deſſen Inſaſſen. Mittler⸗ weile hatte jener Felsberg ſein Ziel erreicht und an demſelben Tage des Jahres 1780, wo Peter I. vor 100 Jahren den ruſſiſchen Kaiſerthron beſtiegen, deſſen rieſiges, erzenes Rei⸗ terbild zur Zierde erhalten. Daſſelbe war dargeſtellt, wie das Roß mit ſeinem Reiter zur Felſenſpitze aufwärtsſprengt, und iſt noch heute ein ſchöner Schmuck Petersburgs, während das Urbild und die, welche es errichten ließ, längſt ſchon ern eſung Raub geworden ſind. ergmanns Haus nicht weit von dem Standbilde gen war, ſo fuhr Nicolaus einige Tage nach ung den alten Papa Schönhof im Lehnſtuhl anna, Friederike und begleiteten, † 19 oft geſchah, ihren Großvater bei dieſer Spatzierfahrt. Bei der Heimkehr, welche Nicolaus auf einem Umwege ausführte, ſprach Päpa Schönhof zu ſeinem Kutſcher mit beſorgtem Ton:„Nicolaus, du übernimmſt dich gewiß noch mit deinem großen Eifer. Ruhe ein wenig aus und fahre dann nicht ſo raſch.“ „Wir wollen Dich fahren, Großvater!“ ſprach Fedor eifrig—„und Nicolaus ablöſen. Sieh nur, wie ihm die hellen Schweißtropfen über die Stirne herabperlen.“ „Ja, Nicolaus, laß los“— ſagte Friederike, während Johanna bereits den Nicolaus hinwegzudrängen ſtrebte. Allein dieſer hielt die Rücklehne des Fahrſtuhls feſt und be⸗ gann mit verdoppelter Kraft und Schnelligkeit den Letzteren vorwärts zu ſchieben. Unter Lachen und Schreien folgten ihm die Kinder auf dem Fuße nach und bemühten ſich, den eifrigen Kutſcher zurückzuzerren. Da geſchah es, daß bei dem haſtigen Umbiegen einer Straßenecke das Pferd eines raſch daher ſprengenden Reiters vor dem daher raſſelnden Stuhle und den lärmenden Kindern ſcheu ward, zurückprallte, kerzengrade in die Höhe ſtieg und ſeinen Reiter beinahe ab⸗ geworfen hätte. Zum Unglück war der Reiter, den mehrere Officiers begleiteten, Fürſt Potemkin und derſelbe gewohnt, ſeinem leicht aufwallenden Zorn durch die eigenmächtigſten Handlungen und Gewalthätigkeiten Genüge zu thun. Man erzählt von dieſem Fürſten, daß er ſelbſt die vornehmſten Perſonen in ſeiner Wuth nicht ſchonte, ſie mit aller Grob⸗ heit anfuhr, ja ſogar mit Stockſchlägen mißhandelte. Da⸗ her zog er jetzt, ſobald er ſein Roß gezügelt hatte, ſe Säbel aus der Scheide und ſprengte mit grimmiger G 20 und drohend erhobenem Arm auf den ſchwachen Greis ein, der zitternd und erbleichend die Augen vor der Grfahr ſchloß. In demſelben Augenblicke umklammerten die Kinder ihres Großvaters Kniee und Fedor erkletterte deſſen Schvoß, um den Greis beſſer noch zu ſchützen. Eben ſo ſchnell war aber auch Nicolaus vorgeſprungen, und ohne ſich zu beſinnen oder eine Bitte um Gnade oder Schonung auszurufen, warfer ſich mit ſeinem ganzen Körper und ausgeſtreckten Armen lang über den Greis und die Kinder hin. In dieſer Lage erlitt er, ohne einen Wehlaut hören zu laſſen, alle ſchmerzenden Hiebe mit der flachen Säbelklinge, die ſein Haupt, ſeine Achſeln und ſeinen Rücken ohne Unterſchied trafen, bis ſich Potemkin's Wuth abgekühlt hatte und er im Galopp davon⸗ ſprengte. Wenn aber Nicolaus bei dieſer Seene ſich ſtill verhalten hatte, ſo doch nicht die drei Kinder, welche unter ihrem Beſchützer ein lautes Zetergeſchrei erhoben hatten und damit noch fortfuhren, nachdem die Gefahr ſchon vorüber gegangen war. Dieſes Geſchrei, ſo wie der ganze Auftritt, zogen eine Menge Zuſchauer herbei. Allein keiner von ihnen rührte ſich, dem Gemißhandelten beizuſpringen, ja ſeinen Unwillen durch ein ausgeſprochenes Wort kund zu geben. Eben ſo unthätig verharrten Potemkin's Begleiter. So groß war die Furcht vor der Macht und ſchrecklichen Rachluſt des Fürſten. Nur erſt nach deſſen Entfernung ließ ſich ein unwilliges Gemurmel unter der Menge vernehmen, dem ſich laute Mißbilligungen und Schimpfworte anſchloſſen. tühe richtete ſich Nicolaus mit ſeinem durchbläueten por. Er taumelte, da er zu ſtehen verſuchte, und 21 zunächſt nur Sinn und Sorge für ihren Großvater. Laut⸗ weinend küßten ſie ihm Hände und Geſicht, dabei zärtlich fragend:„Ach, liebſter, liebſter Großpapa! haſt du etwas abbekommen? Fühlſt du Schmerzen? Biſt du ſehrerſchrocken? Ach, wie du zitterſt und blaß ausſiehſt!“ „Beruhigt euch, Kinder!“ verſetzte der Greis mit matter Stimme—„Mir iſt nichts geſchehen. Dank dem wackern Nicolaus, der alle mir zugedachten Hiebe mit ſeinem eigenen Körper aufgefangen hat. Seht, wie der Aermſte taumelt! Wie ſein Mund von Blut überfließt! O armer Nicolaus! dein Tod kann es werden.“ „Nicht doch, lieber Herr!“ antwortete Nicolaus, ſein bleiches Antlitz zu einem matten Lächeln zwingend.„Es war ja nur die flache, nicht die ſcharfe Klinge und meine Widerſetzlichkeit gegen der Kinder Willen allein ſchuld an dem Vorfalle.“ „Nein, nein“— riefen die Kinder einſtimmig—„wir tragen die Schuld und du und der Großpapa die Schmerzen und den Schreck davon. Aber jetzt wirſt du dich doch länger nicht weigern, Nicolaus, daß wir den Räderſtuhl fortbe⸗ wegen? Du vermagſt dich ja kaum auf den Füßen zu erhalten.“ „Darum ſoll mir die Lehne des Stuhls eine willkommene Stütze bieten“— verſetzte Nicolaus.„Ich bin noch ganz gnädig weggekommen. Hätte der Fürſt geahnt, daß ich ſein Leibeigener ſei, ſo würde er mich mit der ſcharfen Wing⸗ zerhackt haben.“ „Das dürfte er wirklich?“ fragte Friederike voll Gnt ſetzen. „Stu Kinder!“ gebot der Greis. Dann! 22 . ſich an die neugierig Umherſtehenden.„Gewiß iſt einer unter euch ſo gut, mich alten Mann nach dem Hauſe des Juweliers Bergmann zu fahren, und ein anderer ſo barmherzig, meinen gemißhandelten Beſchützer auf ein Fuhrwerk zu verſetzen und . ebenfalls in das bezeichnete Haus zu bringen?“ In der nächſten Secunde ſtritt ſich die Menge um die Ausführung des erbetenen Liebesdienſtes. So viele Hände 8 nur an der Rücklehne des Fahrſtuhls faſſen konnten, ſchoben denſelben von dannen. Mit dem Greis und den beiher dem Hauſe des Juweliers an, deſſen Bewohner keinen ge⸗ ringen Schreck hatten, als die lärmende Menge erſchien und die zwei Männer auf ihren Armen in's Haus trug. „Es war wieder ein Stückchen von meinem Guts⸗ herrn“— ſprach Nicolaus lächelnd zu dem Juwelier, nach⸗ dem derſelbe den Hergang des Vorfalls erzählt bekommen hatte—„und wird auch ſchwerlich das letzte geweſen ſein.“ Bergmann mußte ſein ganzes Anſehen beim Nicolaus geltend machen, um denſelben zu bewegen, daß er das Bette hütete und den Vorſchrif ften des herzugezogenen Arztes ge⸗ naue Folge leiſtete. „Satinje“— ſprach Nicolaus zu ſeinem Weibe—„du wirſt nun an meiner Statt den Herrn und dabei deine beſten Kleider anlegen.“ „Nein“— erwiederte Johanna, welche nebſt ihrer as giebt unſer Großvater nicht zu. Er hat einen vor dem Ausfahren bekommen und läßt ſich daher nur in den Zimmern herumfahren. Er fürchtet, laufenden Kindern zugleich langte Nicolaus zu Wagen vor Schweſter und ihrem Bruder den Bettlägerigen eben beſuch⸗ 23 daß Potemkin die Fahrſtühle von der Straße verbannen laſſen werde, und wirklich erblickt man jetzt faſt keinen ein⸗ zigen mehr.“ „Daran bin ich wieder ſchuld“— ſeufzte Nicolaus und machte ein betrübtes Geſicht. Als die Kinder am nächſten Tage abermals bei dem Schmerzenslager des Nicolaus ſich einfanden, trafen ſie den Verletzten, wie er mit einem ziemlich plumpen Meſſer und aus gewöhnlichem Brennholz einen kunſtvollen Vogel ſchnitzte, deſſen Federn faſt ſo dünn wie Papier waren.„Den be⸗ kommſt du, Fedor“— ſprach Nicolaus, auf den Vogel zeigend. „Ein Tauſendkünſtler biſt du!“ rief Fedor bewundernd aus.—„Ein großer Künſtler hätteſt du werden können. Warum biſt du blos ein Steinmetzgergeſelle geworden?“ „Ein Leibeigener darf nicht werden, was er will“— verſetzte Nicolaus—„ich mußte froh ſein, daß mir mein Herr geſtattete, gegen 15 Rubel jährlichen Zinſes mein Dorf zu verlaſſen und hier in der Stadt ſo lange mein Brot zu verdienen, als es meinem Herrn gefällt.“ „Das iſt eine ſonderbare Sache um die Leibeigenſchaft“ — ſprach Friederike kopfſchüttelnd.„Wie verhält ſich's denn mit ihr?“ „Der Leibeigene“— antwortete Nicolaus—„darf nicht werden, wozu er Luſt oder Geſchick hat. Er darf ohne Erlaubniß ſeines Herrn keinen andern Stand wählen, als in dem er geboren worden iſt. Ohne die Genehmigung ſeines Herrn darf er ſeinen Geburtsort nicht verlaſſen, darf er nicht heirathen, nicht das Weib nehmen, das er liebt. Wenn der 24 Leibeigene heirathet, muß er ſeinem Herrn eine Abgabe zah⸗ len, und wenn er ſtirbt, darf der Herr des Leibeigenen Habe in Beſitz nehmen. Befiehlt der Herr, ſo muß der Leibeigene ſeine Arbeit, und wäre es die dringenſte, im Stich laſſen und die Dienſte ausführen, welche ihm ſein Herr aufträgt. Dieſer darf ſeine Leibeigenen, ihre Weiber, Söhne und Töchter zu ſeinen Knechten und Mägden machen, ohne daß er ihnen einen andern Lohn giebt als Koſt, ſchlechte Kleidung und Wohnung. Der Herr darf ſeine Leibeigenen nach ſeiner Willkür züchtigen, verkaufen, vertauſchen, verſchenken. Mein Herr bezahlte einſt einen ſchönen Jagdhund eines ſeiner Gutsnachbarn mit 50 Leibeigenen, die mit ihren Familien ihre Hütten und Aecker verlaſſen und zu ihrem neuen Herrn ziehen mußten.“ „Hurrr!“ ſprach Friederike entſetzt—„mir läuft die Gänſehaut über, wenn ich mir denke, daß ich eine Leibeigene ſein oder werden könnte.“ „Was haſt du verbrochen, armer Nicolaus“— fragte Fedor mitleidig—„daß du ein Leibeigener geworden biſt.“ „Weiter nichts“— erwiederte Nicolaus lächelnd—„als daß mein Vater und meine Mutter Leibeigene waren.“ „Aber das iſt ja ungerecht!“ rief Fedor voll Entrüſtung aus. „So habe ich früher oftmals gedacht und geſprochen“ — entgegnete Nicolaus—„beſonders wenn ich mich mit de en verglich, die es beſſer hatten und in einem höhern ande geboren waren. Aber ein Bienenſtock, den mein ter beſaß, hat mich von meiner Unzufriedenheit heilt“ 25 „Ein Bienenſtock?“ fragte Johanna—„ei wie iſt denn das möglich? Er kann ja nicht reden.“ „Dennoch hat er dies gethan und zwar ſehr nachdrücklich“ — erwiederte Nicolaus.„Ich war noch ein Burſche, als ich in einem Frühjahr die Bienen unſers Bienenſtocks durch den Rauch von angezündetem Wermuth betäubte, ſo daß ſie halb erſtickt und wie todt dalagen. Hierauf ſchnitt ich die gefüllten Honigwaben und Wachsſcheiben heraus, ſo daß den Bienen nur wenig von ihrer Arbeit eines ganzen Jahres übrig blieb. Da fiel mir plötzlich ein, daß ich mit den flei⸗ ßigen, kleinen Thierchen noch viel härter umgihg als ein Gutsherr mit ſeinen Leibeigenen. Was hatten n daß ich ſie dem Erſticken ausſetzte, ihnen ihre mühvoll geſam⸗ melte Aerndte und Nahrung entzog und die für ihre Nach⸗ kommenſchaft erbauten Wohnungen raubte? Von den Bienen kam ich auf unſere Kuh, die ich den Tag über vor den Pflug ſpannte und des Nachts in den ern Stall ſperrte, der wir täglich die Milch und ihr kaum gebornes Junge raubten und die wir zuletzt tödteten und verzehrten. Von der Kuh auf unſern Hund, welcher Tag und Nacht unſer Eigenthum be⸗ wachte und zum Dank dafür an die Kette gelegt wurde und warten mußte, bis wir ihm einen Trunk Waſſer und etliche Biſſen Nahrung zukommen ließen. Ach, und wenn ich end⸗ lich die Spinne betrachtete, die meine Finger zerdrückten oder das Käferlein, das mein Fuß zertrat, dann fühlte ich mich weniger elend und jetzt möchte ich nicht einmal mit mei⸗ nem Herrn, dem reichen und mächtigen Fürſten, tauſchen, der immer in Sorge iſt, daß ihn ein anderer aus der Gunſt unſerer Czarin verdrängt. Lieber als ſeine Schätze 26 mir Weib und Kinder und die Gnade unſers Herrgottes, der mich jetzt einen ſo gütigen Dienſtherrn hat finden laſſen.“ Als die Kinder dieſe Worte des Nicolaus ihrem Vater wieder erzählten, ſprach dieſer:„Iffinitz iſt ein Diamant in einer Bleifaſſung und nicht allein in allen Arbeiten geſchickt, ſondern auch am Geiſte gebildet. Er iſt daher in meinen Augen mehr werth als ſein Herr, der mächtige Potemkin.“ Drittes Kapitel. Der Schmuck. Mit Hülfe ſeiner ſtarken Natur genas Nicolaus Iffinitz bald von der erlittenen Mißhandlung. Länger dagegen währte es, bevor Papa F es wagte, ſich im Lehn⸗ ſtuhle wieder auf die Straße fahren zu laſſen. Er that dies nur dann, wann Potemkin in Petersburg abweſend war, was nicht ſtn und auf längere Zeit geſchah. Eines Tags trat ein Landmann in den Kaufladen des Juweliers Bergmann. Als er hier die mancherlei Kunſt⸗ und Schmuckſachen von Silber, Gold und Edelſteinen er⸗ blickte, blieb er ſtumm und ſtarr ſtehen vor Bewunderung. Endlich brach er in den Ausruf aus:„Beim heiligen Georg! ſchöner kann es bei unſerer Czarin, die unſer Herrgott er⸗ 3 halten wolle, nicht ausſehen.“ „Was ſteht zu deinen Dienſten?“ ſag n freundlich. 27 „Mein Weib Annexia hat ſich einen Kropf getragen“— antwortete der Bauer—„den ſie bei ihrem Sonntagsputze gern verbergen möchte. Deshalb ſoll ich ihr etliche Henkel⸗ ducaten kaufen, die ſie an einem Bändchen um den Hals tragen will. Ihr den Willen zu thun, habe ich ein großes Fuder mit Getreide herein zu Markte gebracht und in's Geld umgeſetzt. Ihr wißt ja, wenn man den Kindern den Willen thut, weinen ſie nicht.“ Der Landmann bezahlte für die Henkelducaten ſein gan⸗ zes Geld, welches er für das Getreide gelöſt hatte. Dabei ſagte er lachend:„Seht Meiſter, für dieſe wenigen Gold⸗ pfennige habe ich viele, viele Aehren ſchneiden, ausdreſchen und von der Spreu reinigen müſſen. Doch was ſeh ich? Iſt das nicht mein ehemaliger Nachbar, Nicolaus Iffinitz, der in Euern Laden eben eintritt? Ha, willſt du etwa auch deinem Weibe Henkelducaten anſchaffen? Dazu möchte dein Herr Potemkin dich ſchwerlich uj laſſen.“ „Ihr kennt einander?“ fragte Bergmann den Bauer. „Ei ja wohl!“— verſetzte dieſer.—„Wir bewohnten zu⸗ ſammen daſſelbe Gut. Mich und noch neunundvierzig meiner Nachbarn verkaufte Potemkin gegen einen Jagdhund und das war unſer Glück, indem unſer neuer Herr weit gütiger iſt als—“ Hier unterbrach die Stimme einer Magd, welche aus der raſch geöffneten Hinterthüre des Kaufladens angſt⸗ voll herein rief:„Der Fürſt hält vor dem Hauſe! Er wird in das Gewölbe kommen!“— den Landmann. Dieſer raffte erſchrocken ſeine Dacaten zuſammen und entfloh durch die Hinterthüre. Der Juwelier, bleich wie der Tod und mit zitternden Händen, ſchob dem Nicolaus einen zierlichen 28 Schmuckkaſten zu und keuchte mit halb heiſ'rer Stimme die Worte hervor:„Schnell! hinauf— verſteckt!“ Während Nicolaus mit dem Schmuckkäſtchen den Laden eilig verließ, nahm Bergmann ein anderes, auf dem Laden⸗ tiſch zur Schau ausgeſtelltes Käſtchen mit koſtbaren Ringen hinweg und verbarg es unter einem Waarenſchranke. Dann rannte er zur Thüre, um ſolche vor dem nahenden Fürſten weit und unter dem tiefſten Bücklinge aufzureißen. Potemkin trat mit laut dröhnenden Schritten herein, warf einen forſchenden Blick umher und hob dann mit ſtren⸗ gem Tone an:„Graf Bibikoff hat mir geſagt, daß du einen koſtbaren Brillantſchmuck angefertigt haſt. Ich will ihn ſehen. Wo iſt er?“ Vor dem gefürchteten Fürſten erſtarb dem Juwelier die Lüge auf der Zunge, mit welcher er das Vorhandenſein des fraglichen Schmuckes in Abrede ſtellen wollte. „Der Schmuck——“ ſtammelte Berg⸗ mann zitternd—„iſt ein Frauenſchmuck und— die Fürſtin Dolgorucki halb und halb die Käuferin dazu.“ „Weißt du, Menſch, wen du vor dir haſt?“ verſetzte Potemkin mit finſterzuſammengezogenen Augenbrauen.„Den Schmuck will ich ſehen. Haſt du mich verſtanden? Den Schmuck!“ Erſchrocken eilte Bergmann zur Ladenklingel, auf deren Klang Nicolaus in der Hinterthüre erſchien und nach ſeines Dienſtherrn Befehle fragte. „Den Schmuck im ſchwarzen Sammetkäſtchen“— ſprach der Juwelier und ſein Blick glich dem eines Sterbenden.„Es war—“ wendete er ſich zu dem Fürſten—„die Faſſung 29 daran etwas erblindet und mußte daher wieder geputzt werden auch eine kleine Beſchädigung auszubeſſern. Schnell— ſchnell, Nicolaus! Haſt du mich verſtanden?“ Nicolaus verſchwand. Nach Verlauf einer Minute ver⸗ nahm man draußen einen polternden Fall, dem ein Klirren und Wehklagen folgten. Als der erſchrockene Bergmann die hintere Ladenthüre öffnete, erſchien in derſelben Nicolaus, der in ſeinen mit Tinte befleckten Händen das Schmuckkäſtchen trug und wehklagend ſeinem Herrn zu Füßen fiel. „Züchtige mich, Herr!“ rief er aus.„Schütte deinen ganzen Zorn über mich Unglücklichen aus.“ „Um Gotteswillen, was iſt geſchehen? was haſt du ge⸗ macht?“ fragte der erſchrockene Juwelier. „Das Tintenfaß“— erzählte Nicolaus weinerlich— „mit deſſen Inhalt du deine Rechnungen ſchreibſt, war aus⸗ getrocknet, daher ich es vorhin mit hinauf nahm und friſch füllte. Um einen Weg zu erſparen und weil ich glaubte, daß du das Tintenfaß jetzt brauchen würdeſt, belud ich den Deckel des Schmuckkäſtchens damit. Da ſtrauchelte ich auf der vor⸗ letzten Treppenſtufe über ein rundes Stück Holz, kam zum Fallen und— ach Herr! das Weitere ſieh ſelbſt!“ Als der Juwelier das Käſtchen aufklappte, fand er den koſtbaren Brillantſchmuck und den ihn umgebenden weißen Atlas des Futterals mit ſchwarzer Tinte übergoſſen, ein Armband verbogen und der Ring einer Ohrglocke zerbrochen. Potemkin war herzugetreten und Augenzeuge des ange⸗ richteten Schadens geworden. Er betrachtete ſtumm den geſammten Inhalt des Käſtchens. Dann ſtellte er die Frage 30 an den Juwelier:„Wie hoch beläuft ſich der Werth und Preis dieſes Schmucks?“ 2 Mit etwas unſichrer und zögernder Stimme erwiederte Bergmann:„Unter 84,000 Rubel kann ich nicht fordern.“ „In wie viel Zeit vermagſt du den Schaden zu beſei⸗ tigen?“ forſchte der Fürſt weiter. „In einer halben, höchſtens ganzen Woche“— antwor⸗ tete Bergmann kleinlaut. „Ich gebe dir hierzu vierundzwanzig Stunden,“— ſprach Potemkin—„binnen welchen du zugleich ein neues, ſchöneres Käſtchen beſorgſt. Nach Ablauf dieſer Friſt über⸗ bringſt du mir dieſen Schmuck und zugleich dieſen Tölpel, welchem ich ein Viertelhundert Knutenhiebe aufzählen laſſen werde.“ Bergmann war keines Wortes mächtig, als er unter tie⸗ fen Bücklingen den ſich entfernenden Fürſten bis zu deſſen Wagen begleitete. Bei ſeiner Rückkehr in den Laden hob er zu dem beſtürzt daſtehenden Nicolaus mit trauernder Stimme an:„Nicolaus, du hatteſt meinen heimlichen Wink ganz wohl verſtanden und ihn auf das Trefflichſte ausgeführt. Aber, wie du ſiehſt, hat weder deine Liſt, noch der verdoppelte Preis des Schmucks etwas genützt. Ich bin ein ruinirter Mann. Du magſt ſogleich zum Futteralmacher eilen und ein neues, theureres Schmuckkäſtchen beſtellen. Ich aber will ohne Säumen die zerbrochene Ohrglocke wieder zuſammen⸗ löthen und das verbogene Armband in Stand ſetzen, du da⸗ gegen bei deiner Rückkehr das Putzen des Schmucks beſorgen.“ Hier kamen Chriſtine, Bergmanns Gattin, und die Kin⸗ der in den Laden geſprungen. 31 „Wie iſt's abgelaufen, lieber Ferdinand?“ fragte jene ängſtlich.„Haſt du das Unglück abwenden können?“ „Nein!—“ verſetzte Vergmann achſelzuckend.„Der theure Schmuck iſt verloren und mit ihm dahin die ganze Frucht langjährigen Mühens.“ „Aber der Schmuck iſt ja dein—“ ſprach Johanna unwillig.—„Wer will und kann dich zwingen, ihn hinzu⸗ geben?“ „Willſt du etwa, Kind“— erwiederte Bergmann— „daß dein Vater nach Sibirien verbannt werde?“ „Wenn du nichts Böſes verbrochen haſt?“ rief Friede⸗ rike aus. „Potemkins Willen ſich widerſetzen, iſt ein großes Ver⸗ brechen“— ſprach Bergmann.„Das haben wir an An⸗ deren geſehen, die ihr Eigenthum nicht ohne Bezahlung an den Fürſten verkaufen wollten und dafür ſchwer büßen muß⸗ ten. Graf Bibikoff, welcher um den Schmuck handelte, mir aber etliche tanſend Rubel abdrücken wollte, hat jedenfalls aus Rache den Fürſten auf meinen Schmuck aufmerkſam gemacht.“ „Aber das iſt ja ſo gut wie geſtohlen“— rief Fedor voll Entrüſtung aus—„wenn man etwas kauft und nicht bezahlt.“ „Es iſt ſchlimmer noch als Stehlen“— erwiederte Berg⸗ mann.„Denn vor einem Diebe kann ich mich hüten durch feſte Schlöſſer und Thüren, durch Hunde und Wächter. Und kommt ein Dieb, ſo jage ich ihn von dannen, bläue ihm den Rücken durch, ja haue, ſteche oder ſchieße ich nach ihm. Ge⸗ gen Leute aber, wie Potemkin, muß ich noch einen Katzen⸗ 32 buckel machen, muß vor ihnen meine Thüren und Schränke weit öffnen, ja muß ihnen mein Eigenthum ſogar noch ins Haus tragen, obſchon ich beſtimmt weiß, daß ich keinen Hel⸗ ler dafür erhalte. Solche Leute, die ſchlimmer als ein Dieb ſind, der oft nur aus großer Noth ſtiehlt, wollen obendrein noch hoch geehrt, ja vergöttert ſein. Sie blicken voll Stolz und Verachtung auf die ehrlichen Leute herab. Vorhin war ein gemeiner Bauer und ehemaliger Leibeigener Potemkins bei mir und handelte etliche Henkelducaten für ſein Weib ein. Er hat mich redlich und mit dem ſaueren Schweiß ſeiner Arbeit bezahlt. Darum iſt mir aber auch ſein kleiner Finger lieber, als der ganze mächtige Fürſt Potemkin.“ „Kannſt du den Fürſten nicht bei der Obrigkeit verklagen, wenn er dich nicht bezahlt?“ fragte Johanna.„Es muß doch noch Gerechtigkeit im Lande geben?“ „Alle Stellen und Aemter von Einfluß hat Potemkin mit ſeinen Creaturen beſetzt“— antwortete der Vater.„Und wenn es ja noch etliche Redliche unter ihnen giebt, ſo wagen ſie nichts gegen den gefürchteten Fürſten zu unternehmen.“ „An deiner Stelle klagte ich bei unſrer Kaiſerin!“ rief Johanna voll Feuer. „Wie willſt du bis zu ihr dringen“— fragte der Vater— „da ſie von Potemkins Creaturen dicht umzingelt iſt und von ihm ſelbſt am ärgſten betrogen wird? Glaubt mir, Kinder, daß alle die, welchen Potemkin die Bezahlung ſchuldig geblie⸗ ben iſt, vielfach ſich bemüht haben, ihr Geld zu erlangen; aber ſtets vergeblich. Und darunter waren Männer von hoher Geburt und großem Einfluß. Potemkin hat zum Bei⸗ ſpiel die großen Güter der verſtorbenen Fürſten Lubomirsky 33 und Sapieha in Lithauen und Podolien angekauft und eben⸗ falls keine Bezahlung dafür geleiſtet. Ich ſchmeichelte mir immer mit der Hoffnung, daß Potemkin in der großen Stadt meinen beſcheidenen Kaufladen nicht beachten werde, und das würde auch gewiß der Fall geweſen ſein, wenn Bibikoff nicht den Verräther gemacht hätte. Aber Kinder, jetzt verſprecht mir feierlich, daß ihr dem guten Großpapa kein Wörtlein von dem uns drohenden Verluſte hinterbringen wollt. Der Schreck darüber könnte ſein Tod werden. Wir werden uns von nun an zwar ſehr einſchränken und kümmerlich behelfen müſſen, doch deshalb nicht verderben.“ Es war ein allgemeiner Trauertag in Bergmanns Hauſe und recht ſchwer wurde es deſſen Bewohnern, ihren Kummer vor dem gelähmten Schönhof zu verbergen. Man begab ſich zur gewöhnlichen Abendſtunde zu Bett, allein ſobald konnte keins von ihnen einſchlafen und dann ängſtigten ſie bange Träume. Es war gegen Mitternacht, als Bergmann ſtill ſein Lager verließ und auf den Strümpfen in ſeine Werkſtatt ſchlich. Hier ſaß Nicolaus beim Lampenſcheine und putzte eifrig an dem Schiuck, der des nächſten Tags nicht mehr Bergmanns Eigen⸗ thum ſein ſollte. Der Juwelier warf einen trüben Blick auf die in allen Farben funkelnden und blitzenden Brillanten, die ihm jetzt eher wie vergoſſene Schmerzensthränen als wie edle Steine vorkamen. Unter einem Seufzer hob er ſanft zu Iffinitz an:„Strenge dich nicht zu ſehr an, guter Nico⸗ laus— und lege dich bald nieder. Glaubſt du, daß Po⸗ temkin hinſichtlich ſeiner Drohung gegen dich Wort halten werde?“ Potemkin. 3 34 „Er wird!“ entgegnete Nicolaus ruhig. „Dann rathe ich dir zur Flucht“— ſprach Bergmann gepreßt. „Wegen eines Viertelhunderts Knutenhiebe nicht“— erwiederte Nicolaus lächelnd.„Vor dieſen hat ein Leibeigener nicht ſo große Furcht, daß er Frau und Kinder, ſo wie einen gütigen Dienſtherrn im Stiche ließe.“ „Vielleicht läßt ſich der Fürſt durch den Anblick des koſt⸗ baren Schmucks und durch meine Fürbitte bewegen, die an⸗ gedrohte Strafe dir zu erlaſſen“— fuhr Bergmann fort. „O, wenn Potemkin Hiebe, anſtatt Geld, auszuzahlen verſprochen hat, hält er ſtets ſein Wort“— entgegnete Nicolaus. „Es giebt nur Einen noch“— ſprach Bergmann— „welcher, das uns beiden drohende Unglück abzuwenden, die Macht und den Willen beſitzt. Flehen wir vereint zu unſerm Herrgott und er wird uns helfen. Gute Nacht, lieber Nicolaus!“ Der Juwelier ging und legte ſich wieder nieder. Nach⸗ dem er lange und mit Inbrunſt gebetet hatte, fiel er in einen tiefen Schlaf, der bis an den Morgen dauerte. Er würde noch länger fortgeſchlafen hätte ihn ſeine Frau nicht aufgeweckt. „Lieber Ferdinand,“— redete ſie ihn erſchrocken an— „unſere Maſchinka hat an die Kammerthüre gepocht und mir zugerufen, daß unten im Hauſe eine Menge Polizeidiener er⸗ ſchienen ſind, und daß etwas Ungewöhnliches ſich zugetragen haben müſſe. Horch! da nahen ſtarke Männerſchritte“ 35 „Aufgemacht, im Namen der Kaiſerin!“ erſchallte vor der Kammerthüre eine grobe Mannsſtimme. Bergmann hatte kaum ſo viel Zeit, um ſich raſch in die Kleider zu werfen und den Riegel vom Thürſchloſſe zurück⸗ zuſchieben. Draußen zeigte ſich ein Polizeicommiſſar, wel— cher den Juwelier aufforderte, mit ihm hinab ins Kaufgewölbe zu gehen, weil man deſſen einen Fenſterladen offen und zwei große Fenſterſcheiben zerbrochen gefunden hatte, woraus man mit Recht auf einen Diebſtahl ſchloß. Das Schlüſſelbund hing an ſeinem gewöhnlichen und verwahrten Orte. Als aber Bergmann die hintere Laden⸗ thüre aufſchließen wollte, fand er, daß ſie bereits mit Hülfe eines Nachſchlüſſels oder Dietrichs geöffnet worden war, von dem noch ein abgebrochenes Stück im Schloſſe ſich vorfand. Im Kaufladen ſelbſt war Alles in ſeiner Ordnung, keiner der Waarenſchränke mit den goldenen und ſilbernen Gegen⸗ ſtänden erbrochen; nur das Käſtchen mit den theuern Ringen und anderen kleinen Koſtbarkeiten fehlte. Aus den Bluts⸗ tropfen, welche man beim Fenſter entdeckte, vermuthete man, daß der Dieb beim Zerbrechen der Glasſcheiben ſich die Hand verwundet haben mochte. Alle Bewohner des Hauſes waren auf den Beinen und warteten mit großer Spannung und Theilnahme auf das Ergebniß der Unterſuchung. Aber keins von ihnen durfte das Haus verlaſſen, deſſen Aus- und Eingänge von der Polizei ſcharf bewacht wurden. Was aber den Juwelier in große Verwunderung ſetzte, war, daß ſich Nicolaus Iffinitz unter den verſammelten Haus⸗ 36 bewohnern nicht blicken ließ. Schlief er vielleicht, von der anſtrengenden, nächtlichen Arbeit ermüdet, noch eben ſo feſt als vorhin ſein Herr? viertes Kapitel. Kapellmeiſter und Koch. „Wo iſt dein Mann, Satinje?“ fragte Bergmann des Nicolaus Frau, die ſammt ihren Kindern herbeigeeilt war und die Angſt in allen ihren Geſichtszügen zeigte. „Er iſt die ganze Nacht nicht in unſere Wohnung ge⸗ kommen“— antwortete Satinje.„Als er mir und den Kindern geſtern Abend eine gute Nacht wünſchte, ſagte er mir, daß er bis zum frühen Morgen in der Werkſtatt arbeiten müſſe. Das iſt ſchon manchmal der Fall geweſen und habe ich mir daher nichts Abſonderliches dabei gedacht.“ „Die Werkſtatt“— ſagte die Köchin—„iſt, wie ge⸗ wöhnlich, verſchloſſen.“ In Begleitung des Polizeibeamten öffnete Bergmann ſeine Werkſtatt. Kein Menſch fand ſich darin vor, aber auch— o Schreck! der theure Brillantenſchmuck war nir⸗ gends zu entdecken. Daß Nicolaus die Flucht, zu welcher ihn der Juwelier ſelbſt gerathen, ergriffen hatte, war für den Letzteren nicht überraſchend, wohl aber, daß er an ihm zum Diebe geworden. Bisher hatte Bergmann Häuſer auf ſei⸗ nes Silberputzers Ehrlichkeit und Treue gebaut. Um ſo größer war jetzt ſeine Enttäuſchung und ſein Schmerz. Selten nur ſind die koſtbaren Waaren, welche ein Juwe⸗ lier und Goldſchmied vorräthig hat, auch ſein Eigenthum. Vielmehr hat er vieles nur auf Credit anvertraut bekommen. Das war auch bei Bergmann der Fall und darum ſein jetzi⸗ ger Verluſt ein ſehr harter Schlag für ihn. Als Satinje das Verſchwinden ihres Mannes und der vermißten Koſtbarkeiten vernahm, brach ſie in lautes Weinen aus. Aber ſtandhaft behauptete ſie zugleich, daß ihr Mann kein Dieb ſei und weit lieber ſein Leben laſſen würde, als ſeinem Dienſtherrn und Wohlthäter die geringſte Kleinigkeit veruntreuen. Während dem durchſuchte die Polizei das ganze Haus, wobei kein Winkel und beſonders die Wohnung des entflo⸗ henen Nicolaus unerforſcht blieb. Nachdem man hier nichts entdeckt hatte, ſetzte man die Nachforſchungen außerhalb des Hauſes fort, wobei man bald unter einem nahen Rinnſteine das von ſeinen Ringen geleerte Käſtchen und eine Strecke weiter zwiſchen aufgeſtapeltem Brennholze auch das tinte⸗ befleckte Schmuckfutteral, gleichfalls ohne Inhalt, auffand. Dabei aber blieb es. Zunächſt führte man Frau Fffinitz ſammt ihren Kindern in ſichern Gewahrſam und nachdem Potemkin von dem Verſchwinden des Schmucks in Kenntniß geſetzt worden war, auch den Juwelier Bergmann. Nicht ganz ohne Grund hegte der Fürſt den Verdacht in ſich, daß der angebliche Diebſtahl wohl nur vorgewendet worden ſei, um den koſtbaren Schmuck vor ſeiner Habgier in Sicherheit zu bringen. Bergmann hatte viele peinliche Verhöre und längere Haft auszuſtehen, bis man ihn endlich, da durchaus eine Schuld auf ihn nicht zu wälzen war, losgeben mußte. 3 38 Ungleich ſchlimmer noch erging es des Nicolaus Weibe, das aber mit ungewöhnlicher Standhaftigkeit Alles über ſich ergehen ließ und fortwährend ihres Mannes Schuldloſigkeit an dem Diebſtahl behauptete. Auf des Iffinitz Feſtnehmung war ein anſehnlicher Preis ausgeſetzt worden, der lange un⸗ verdient blieb. Endlich ergriff man den Verfolgten in weiter Entfernung von Petersburg, fand aber weder Geld noch Geldeswerth bei ihm. In allen Verhören behauptete er, weiter nichts begangen, als, um der angedrohten Knutenhiebe willen, die Flucht ergriffen, jedoch nicht zugleich geſtohlen zu haben. Da er durch die feſtverſchloſſene Hausthüre in der Nacht nicht habe entfliehen können, ſo habe er mit einem krummgebogenen Haken das Schloß der hinteren Laden⸗ thüre geöffnet, das Futteral mit dem wieder rein geputzten Brillantenſchmuck zu dem Ringkäſtchen geſtellt und dann durch den von innen geöffneten Fenſterladen, den er aber wieder feſt angderückt, ſein Entrinnen bewirkt. Bei dieſer Ausſage beharrte Nicolaus ſelbſt unter den ſchmerzvollſten Knuten⸗ hieben. Dennoch verurtheilte man ihn zur Verbannung nach Sibirien. Während des Juweliers Haft hatten deſſen Gläubiger die geeigneten Schritte zu Sicherung ihrer Anforderungen gethan. In Folge deſſen wurden die Waarenvorräthe, ſo wie das Haus verkauft und von dem Erlös die Schulden gedeckt. Mit der überbleibenden kleinen Geldſumme und den Seinen verließ Bergmann nach ſeiner Freilaſſung die Kaiſerſtadt. Ein wahres Wunder und Glück war es noch, daß Papa Schönhof den harten Schlag nicht nur glücklich überſtand, ſondern daß der Schreck und die große Auftegung 39 einiges Leben wieder in ſeine gleichſam abgeſtorbenen Füße brachten, ſo zwar, daß er, ſowohl mit Hülfe zweier Krücken als auch auf einen feſten, fremden Arm geſtützt, langſam zu gehen vermochte. So hat das Uebel immer auch wieder etwas Gutes in ſeinem Gefolge. Bald ſahen und hörten Bergmanns Freunde in Peters⸗ burg nichts mehr von ihm und ſeiner Familie. Es war vor⸗ auszuſehen, daß bei der langwierigen Unterſuchung die Hei⸗ mathsverhältniſſe des entflohenen Iffinitz zu Potemkins Ohren gelangten. Da mit des angeblichen Diebes Flucht und dem Wegzuge des Juweliers die Entrichtung der Leibeigenſchaft⸗ ſteuer an das fürſtliche Rentamt hinwegfiel, ſo wurde Frau Iffinitz nebſt ihren Kindern zur Rückkehr nach ihrem alten Wohnorte gezwungen, wo ihrer ein trauriges Loos entgegen⸗ harrte. An dem zu ihrer Abreiſe feſtgeſetzten Tage ſollte Frau Iffinit ihren Laufpaß eingehändigt bekommen. Sie mußte ſich zu dieſem Zweck in den Palaſt des Fürſten Potemkin und in die darin befindliche Kanzlei begeben. Während ſie daſelbſt lange auf ihre Abfertigung warten mußte, ſtanden ihre drei Kinder unten im Hofe des Palaſts. Die beiden Söhne des Iffinitz waren nur ein Jahr auseinander, glichen ſich, ſelbſt an Größe, genau wie Zwillingsbrüder und be⸗ ſaßen ein offenes, aufgewecktes und gutmüthiges Geſicht. Von dem Antlitz des Mädchens konnte man wenig entdecken, weil es faſt gänzlich mit einem Tuche umhüllt und von Zahnweh jetzt entſtellt war. Eine ziemliche Weile ſchon hatten die Kinder auf die Rückkehr ihrer Mutter gewartet, als plötzlich in der Nähe 40 „ die Klänge einer vollſtändigen und luſtigen Muſik erſchallten. Sie kamen aus einem großen Raume des Erdgeſchoſſes, deſ⸗ ſen Thüre und Fenſter geöffnet waren. Bekanntlich liebt der Ruſſe die Muſik außerordentlich, eben ſo wie auch die Jugend ein großer Freund von ihr zu ſein pflegt. Daher war es nicht zu verwundern, daß die drei Kinder zuerſt den offenen Fenſtern ſich näherten und ſpäter, dreiſter geworden, in die offene Thüre traten, wo ſie das Ganze überſchauen konnten. Was ſie hier erblickten, erregte ihre höchſte Ver⸗ wunderung, ſo daß ſelbſt Wanka ihre Zahnſchmerzen vergaß. Inmitten eines großen Saals ſtand ein hohes Notenpult und vor demſelben auf einer Art Schemel ein Mann in bunter, goldbetreßter Kleidung, welcher in ſeiner Rechten eine lange, zuſammengedrehte Papierrolle hielt, mit welcher er die kreuz und queer in der Luft herumfocht und wiederholt auf das Notenpult niederſchlug, daß es ſchallte. Ihn umgaben auf allen Seiten an achtzig Männer, ebenfalls in buntem, gleich⸗ mäßigem Anzuge, die insgeſammt mehr oder weniger auf— geſpannte Pausbacken machten und ſonderbare Dinger vor ihren Mund hielten. Die Mehrzahl derſelben glich großen, goldigen Zuckertüten, in deren zugeſpitzte Enden die Männer hinein blieſen. Andere ähnelten goldigen, gewundenen Schlan⸗ gen; wieder andere beſtanden in Trompeten, Waldhörnern, Clarinetten, Obven, Fagotten, Poſaunen, Flöten, Pfeifen und in fürchterlich brummenden, meſſingenen Ungeheuern. Einer von den Mufikern trug vor ſich eine Trommel, die wohl fünfmal ſo dick und eben ſo breit, wie er ſelbſt lang war. Auf deren Fell ſchlug er abwechſelnd mit einem großen Klöppel und einer Birkenruthe. Ein Zweiter wirbelte auf 41¹ einer gewöhnlichen Trommel; ein Dritter paukte auf zwei überſpannte Kupferkeſſel; ein Vierter klappte mit zwei meſ⸗ ſingenen Stürzen oder Barbierbecken gegen einander, und ein Fünfter bewegte einen kleinen eiſernen Stab zwiſchen einem dreieckigen Stahlbügel hin und her, wie der Perpendikel an einer Uhr geht. Zuweilen hielt der Mann mit der Papier⸗ rolle mit ſeinen Luftſtreichen und dem Niederklappen inne und ſchrie die Muſiker an, daß er braunroth im Geſicht ward. Dann verſtummten plötzlich alle Inſtrumente, wie wenn ihnen der Athem ausgegangen wäre. Nicht alle Muſiker hatten Notenpulte vor ſich ſtehen, auf welche ſie unverrückt hinſtarrten. Einige, namentlich die, welche ihre Meſſingtuten bald lang, bald kurz ſchieben konnten, hatten kleine Papierblättchen vorn in ihre Inſtrumente geklemmt, die aber zuweilen das Gleich⸗ gewicht verloren und zu Boden fielen. Da dieſe Poſaunen⸗ bläſer nicht weit von der Saalthüre ſtanden, ſo hob Alexei, der ältere Iffinitz, das Notenblatt dienſtfertig auf und hän⸗ digte es dem Verlierer ein, der es wieder in ſein Inſtrument klemmte. Als nun das Notenblatt abermals treulos die Flucht ergriffen und Alexei es erhaſcht hatte, ſprach der Poſauniſt befehlend:„Halte mir das Notenblatt,“ Gehorſam ſtellte ſich Alerei dicht vor den Poſauniſt und neben deſſen Inſtrument hin und hielt, wie ein verſteinerter Ritter, unbeweglich das Notenblatt in den Händen. Jetzt hörte er aus der erſten Hand, wie die Poſaune bald wie ein Stier dumpf und tief brummte, bald wie eine Kuh brüllte, bald fein wie ein Kalb oder Hammel blökte, bald wie ein Schwein grunzte oder gar wie ein Eſel ſchrie. Das goldige Ding ſtreckte bald ſeinen Rüſſel lang wie ein Elephant aus, 42 bald zog es ihn wieder blitzſchnell zurück. Bald purzelten die Klänge raſch auf einander heraus, bald hielten fie lange in einem Tone aus. Alexei vergaß darüber alles Andere und hätte den ganzen Tag zuhören mögen. Die Muſikprobe zog aber auch noch andere Zuhörer aus dem fürſtlichen Palaſt herzu. Es fanden ſich ein der Koch in ſeiner weißen Kleidung und Zipfelmütze, etliche Küchen⸗ mägde, der Haushofmeiſter, mehrere Stallbuben und andere Diener. Dieſe horchten nicht blos auf die Muſik, ſondern lenkten ihre Aufmerkſamkeit auch den drei Geſchwiſtern zu, die nur Sinn für das Concert zu haben ſchienen. In den Pauſen, welche die Muſiker machten, bildeten ſich Gruppen, die nicht blos ihre Kunſt, ſondern auch die drei Kinder zum Gegenſtand ihrer halblaut geführten Geſpräche machten. „Sie gehören der Satinje Iffinitz an“— ſprach der Eine“—„Das arme Weib dauert mich. Ich kenne ſie von Kindesbeinen an, denn ſie iſt aus meinem Dorfe gebürtig. Es wird ihr ſchwer genug fallen, die drei Kinder zu ernähren und nebenbei die Frohndienſte zu leiſten.“ Aehnliche Reden, die insgeſammt zu Gunſten der Familie Iffinitz geſprochen wurden, ließen ſich vernehmen. Zuletzt winkte der Muſikdirector der fürſtlichen Kapelle den Alexei zu ſich heran und fragte ihn: „Möchteſt du Muſikant werden, Junge?“ „Ei ja!“— antwortete Alexei mit leuchtenden Augen. „Aber das Ding iſt nicht ſo leicht gelernt“— ſprach der Kapellmeiſter—„als du dir vielleicht einbildeſt.“ „Nun ſo gar erſchrecklich ſchwer kann es doch kaum ſein“— antwortete Alexei—„in ein ſolches gelbes Ding —— zu blaſen und es bald kurz, bald lang zu machen. Trom⸗ meln, pauken und mit dem Eiſenſtäblein gegen das dreieckige Fenſterlein zu wetzen, getraue ich mir jetzt ſchon.“ „Ja, ja“— lachte der Kapellmeiſter—„es heißt Alles getrommelt, gepaukt und geblaſen, aber wie! Nun es wird ſich finden.“ Der Koch dagegen redete Alexei's Bruder, Jwan, fol⸗ gendermaßen an, indem er auf ſeinen eigenen Küchenanzug deutete:„He! Bube, wie gefall' ich dir?“ „Sehr ſchön“— ſprach Jwan, eben ſo höflich als klug. „Ihr ſeht ſo weiß aus wie ein Engel im Himmel.“ „Gut geſprochen, kleine liſtige Kröte!“ verſetzte der Koch geſchmeichelt—„Da, koſte dieſen leckern Pfannkuchen!“ Der Koch holte aus ſeiner weiten Taſche das Gebäck hervor, welches Jwan brüderlich mit ſeiner Schweſter theilen wollte, daran aber von dem Geber verhindert wurde. „Nichts da!“ rief er unwillig—„Willſt du dem Mädel die Zahnſchmerzen verſchlimmern? Für dieſe paßt eine derbe Maulſchelle beſſer als ein ſüßer Pfannkuchen. Iß, Bube!“ Nun, dieſer ſüße Befehl fand ſchnellen Gehorſam. „Wie ſchmeckts?“ fragte der Koch wieder. „Ach, grauſam gut“— antwortete Jwan kauend— „Das ſchmeckt wie— wie Himmelsbrot.“ „Hab' ſolches noch nie gekoſtet“— meinte der Koch lachend.„Aber möchteſt du ſolches bereiten lernen und noch viel köſtlichere Sachen obendrein?“ „Gewiß!“ betheuerte Jwan, ſich den fettigen Mund wiſchend. 44 „Kannſt du aber auch arbeiten und gehorchen, wenn man dir etwas anbefiehlt?“— fragte der Koch weiter. „Fragt meine Mutter, Herr, ob ich es kann“— er⸗ wiederte Jwan.„Da kommt ſie eben herbei!“ Wirklich zeigte ſich hier Frau Satinje, welche ihre Kin⸗ der im ganzen Hofe mit Angſt geſucht gehabt hatte. „Kommt, kommt“— redete ſie jene haſtig an—„wir haben weit zu gehen und lange bin ich zurückgehalten worden.“ Die Kinder ſchaarten ſich um ihre Mutter und wollten gehen. Da traten ihnen aber des Fürſten Haushofmeiſter, der Koch und der Kapellmeiſter in den Weg. „Halt!“ ſprach der Erſtere.„Satinje, du biſt, wie du weißt, leibeigen und darum deine Kinder auch. Unſer fürſtlicher Gebieter will, daß deine beiden Buben hier im Palaſt zurückbleiben.“ „O mein Gott, auch das noch?!“ rief Satinje, in ſchmerzliches Schluchzen ausbrechend, und ſchlug beide Hände vor ihr Antlitz. „Satinje!“ hob jetzt der Koch an—„kennſt du mich noch? Unſere Aeltern waren Nachbarn und oft genug haben wir beide zuſammen geſpielt als kleine Kinder. Damals ſchon buk ich von Sand kleine Torten und Napfkuchen und beſtreute ſie mit weißem Sand oder rothem Ziegelmehl. Ich bin leibeigen wie du; aber ſieh mich an und ſage dann, ob ich Noth leide? So gut, wie ich es jetzt habe, ſoll es einmal dein Jwan bekommen, denn er ſoll mein Lehrling und Küchen⸗ bube werden.“ Satinje ließ die Hände von ihrem Antlitz niederſinken und betrachtete abwechſelnd das weingeröthete Geſicht und —— * 45 den runden Hängebauch des ſchmunzelnden Kochs. Da trat der Kapellmeiſter an ſie heran und fragte gleichfalls:„Erin⸗ nerſt du dich meiner noch, Satinje? Wir wohnten in einem Dorfe beiſammen und wer allen Buben ſchönklingende Rohr⸗ pfeifen ſchnitt und auf dem Kuhhorne meiſterhaft blies, war ich. Auch ich bin unſres Fürſten Leibeigener und alle dieſe Mufiker dazu. Aber die himmliſche Kunſt der Muſik hat uns insgeſammt hoch erhoben und zu lauter Davids gemacht, die, wenn unſer Herr üble Laune hat, ihre Harfe ſpielen und dadurch den böſen Geiſt davon ſcheuchen, ohne daß bis jetzt einer von uns, wie der wahre David, Gefahr gelaufen wäre, von unſerm Fürſten an die Wand geſpießt zu werden. Zu einem ſolchen David will ich deinen Alexei heranbilden, der ſich jetzt ſchon rühmt, die Keſſelpauken, die große und kleine Trommel ſchlagen und den Triangel handhaben zu kön⸗ nen. Was klagſt und weinſt du, Satinje? Iſt's nicht weit beſſer, deine Buben ſind hier wohl verſorgt und aufgehoben, als daß ſie ſpäter dem Kalbfelle folgen, gegen die Türken ziehen, in's Gras beißen oder als elende Krüppel wieder heimkehren müſſen?“ „Wenn unſers Fürſten Zorn gegen dich und deinen Mann verraucht ſein wird“— nahm der Koch wieder das Wort— „ſo kannſt du vielleicht noch einmal Küchenmagd hier werden und bei deinen Kindern leben. Sei vernünftig und ergieb dich in dein Schickſal, das du doch nicht änderſt und dir durch Klagen und Weinen nur noch erſchwerſt.“ Zu der eröffneten Ausſicht, ſpäter Küchenmagd im fürſt⸗ lichen Palaſt zu werden, ſchüttelte Satinje heimlich das Haupt, denn ſie trug ganz Anderes im Sinn. Aber ſchon 46 gewohnt, Hartes zu erdulden, ergab ſie ſich in das Unab⸗ änderliche.„Sie umarmte und küßte ihre Söhne, ihnen Gehorſam und Dankbarkeit gegen ihre Lehrherren und Wohl⸗ thäter anempfehlend.„Seid immer fromm und gottesfürch⸗ tig“— fuhr ſie fort—„und macht eurer Mutter keine Schande. Laßt euern Vater“— lispelte ſie leiſe—„nicht ſchmähen, denn er iſt kein ehrloſer Dieb, ſondern ein braver Mann.“ Auch Wanka nahm zärtlich Abſchied von ihren Brüdern, welche der ſcheidenden Mutter und Schweſter mit Herzen nachſchauten. Fünftes Kapitel. Gut gemeint. Am andern Tage nahm Apraxin, der Kapellmeiſter Potemkins, welcher ein großer Freund der Muſik war und deshalb eine Kapelle von achtzig Muſikern unterhielt, den Alexei vor, um ihm die erſten Begriffe ſeiner Kunſt beizu⸗ bringen. „Zu einem guten Muſiker“— hob er an—„ſind drei Hauptſachen erforderlich. Erſtens: muſikaliſches Gehör,— „O hören kann ich gut“— unterbrach Alexei ſeinen Meiſter—„Meine Mutter ſagte oft, daß ich ſogar das Gras wachſen hörte.“ „Schweig', kleines Plappermaul!“ gebot Apraxin. „Hörteſt du wirklich ſchon, ob ein Muſikſtück aus e oder 47 gdur, oder aus eis oder gisdur, ob es aus e oder amoll oder ſonſt einer andern Tonart gehe? Ob es Mißklänge ent⸗ halte und dieſe ſich kunſtgerecht in Wohlklänge auflöſen? Ob die Töne rein oder unrein, zu hoch oder zu niedrig erklingen? Ob die Uebergänge natürlich oder ſchroff und unvorbereitet geſetzt ſind? Das zweite Haupterforderniß iſt das richtige Takthalten, das man ſich nur durch Zählen aneignen kann.“ „Zählen kann ich bis über hundert“— bemerkte Alexei. „Es heißt Alles gezählt, aber wie?!“ verſetzte Apraxin. „Das dritte iſt muſikaliſches Gefühl, das zu einem guten Vortrage unerläßlich iſt. Ein Muſiker ohne Gefühl gleicht einem Leierkaſten oder einem Ochſenhorne, die beide nicht einmal vom forte oder piano etwas wiſſen.“ „Fühlen muß doch jeder Menſch können“— ſagte Alexei ſtaunend. „Fühlen und fühlen iſt ein gewaltiger Unterſchied“— erwiederte Apraxin.„Man fühlt etwas, wenn des Nachts die Katzen ihr klägliches Concert anſtimmen, und wieder etwas, wenn ein kunſtgerechter Marſch oder luſtiger Tanz aufgeſpielt wird. Höre weiter, Bube! Die Muſik hat ihre beſondere Sprachen, ihre beſondern Schriftzüge, Noten und Pauſen, Schlüſſel, Linien und andere Zeichen. Die Noten haben nicht einerlei Geltung oder Werth, gleichwie das Geld ver⸗ ſchieden iſt, vom ganzen Silberrubel an bis auf die Viertel⸗ copeke herab. Eine gange Taktnote mit einem Punkte gilt am meiſten, gleichwie in unſerm Lande die Kaiſerin. Eine halbe Taktnote mit einem Punkte, der mit einem Ordens⸗ kreutze zu vergleichen iſt, ſtellt unſern Herrn Fürſten vor. Die kaiſerliche ganze Taktnote iſt ohne Stiel, zum Zeichen, 48 daß man eine Kaiſerin nicht feſtnehmen kann oder darf. Die halbe Taktnote hat zwar einen ſchwachen Stiel, doch wollte ich Niemandem rathen, unſern Herrn daran zu packen. Deſſen Frau Gräfin Nichte iſt hier im Hauſe die halbe Taktnote ohne Punkt; die Vierteltaktnote mit dem Punkt und ausge⸗ fülltem Kopfe ſtellt des Fürſten erſten Kammerdiener vor. Ich, der Haushofmeiſter, der Küchen⸗ und Kellermeiſter ſind Vierteltaktnoten. Je mehr Querſtriche eine Note am Stiele hat, deſto weniger gilt ſie. Die Stallbuben, Mägde und Hundejungen ſind 128ſtel; die Schmeichler, Schmarotzer und Faulenzer unſers Herrn gleichen den Pauſen, welche zu weiter nichts da ſind als das leere Papier zwiſchen den Noten auszufüllen. Du biſt gegenwärtig auch eine Pauſe und zwar eine 128ſtel Pauſe. Strebe eifrig darnach, daß du es mit der Zeit, wie ich, zur Vierteltaktnote bringſt.“ Der Koch ſeinerſeits ſprach folgendermaßen zu ſeinem neuen Küchenjungen Jwan:„Da rühmt der Muſikmeiſter Aprarin ſeine Kunſt, als wäre ſie über alle anderen, ſelbſt über die meinige erhaben. Der Thor! Mit ſeiner Muſik kitzelt er nur vorübergehend ein wenig die Ohren; ich dagegen mit meiner Kochkunſt die Naſe, die Lippen, die Zunge, den Gau⸗ men und den Magen. Von der Muſik wird kein Menſch geſättigt, geſchweige dick, wie von der Kochkunſt es geſchieht. Mit allen ſeinen Spielleuten lockt Apraxin keinen Hund aus dem Ofen. Ich aber darf dem Letzteren nur einen lieblich duftenden Knochen vorhalten, ſo locke ich ihn ſelbſt aus der Hölle hervor. Wenn du den Bratſpieß dreheſt, an welchem ein mit Butter begoſſener Kapaun oder Faſan ſeinen Wohl⸗ geruch aushaucht, ſo wird dir dabei ein trockenes Stück 49 Schwarzbrot wie Braten ſchmecken. Verſuche daſſelbe bei Muſik und das Brot bleibt Brot. Apraxin hat höchſtens 50 Muſikſtücklein mit ſeinen 80 Muſikanten eingeübt. Ich bereite allein einen und denſelben Fiſch auf 20 verſchiedene Weiſe zu. Wenn unſer Herr genöthigt würde, entweder ſeine Muſikanten oder ſeine Küchenleute abzudanken: er würde keinen Augenblick ſchwanken, ſondern die Erſteren fortſchicken, uns aber behalten. Schon die Mutter Eva mußte die Koch⸗ kunſt betreiben, nachdem das erſte Aelternpaar aus dem Paradieſe vertrieben worden war; denn unmöglich konnte Adam das Kraut auf dem Felde ungekocht verzehren wie das liebe Vieh. Die Pfeiferei und Blaſerei dagegen ſind viel ſpäter erſt erfunden worden. Darum erlerne die Kochkunſt mit allem Eifer und aller Hingebung und es wird dein Scha⸗ den nicht ſein, ſondern du wirſt aus einer dürren Kuh zu einer der fieben fetten werden, welche der König Pharao im Traume ſah.“ Alexei und Jwan ſchlugen die Lehren und Ermahnungen ihrer Meiſter nicht in den Wind, bewieſen ſich vielmehr folg⸗ ſam, fleißig und anſtellig. Iwan mied das Benaſchen der Speiſen und Alexei ging mit den Inſtrumenten, die er alle⸗ mal nach aufgeführten Concerten in ihren Gewahrſam zu⸗ rück zu verſetzen hatte, fein ſäuberlich um, übte ſich im Noten⸗ ſchreiben und Notenleſen, im Taktzählen und Paukenſchlagen, was er bald aus dem Grunde erlernte. Wenn nun Potemkin große Tafel oder eine Jagd abhielt oder in andrer Weiſe glänzen wollte, ſo wurde Alerei mit Milch und Ruß in einen kleinen Mohren umgefärbt und in eine bunte Türkenkleidung geſteckt, die mit dem weißen Tur⸗ Potemkin.„ 50 ban auf dem ſchwarzgelockten Haupte ihm allerliebſt ſtand. In dieſem Anzuge ſchlug er bei der Tafelmuſik oder beim Balle die Pauken und gefiel dann ſo allgemein, daß ſelbſt der gefürchtete Potemkin ihm etlichemale derb in die kohl⸗ ſchwarze Wange kniff, was als eine überaus hohe Gunſt an⸗ geſehen und beneidet wurde. „Aergere dich nicht“— tröſtete Mailoff, der Koch, Alexei's Bruder, welchem dieſer von ſeinem gehabten Glück erzählte—„wenn du auch nicht in den Prunkſälen des Fürſten und vor der glänzenden Geſellſchaft dich zeigen darfſt, auch nicht zum Mohren oder Türken umgewandelt wirſt. Stundenlang muß dein Bruder an ſich herum waſchen, um den Ruß vom Antlitz und von den Händen wieder zu ent⸗ fernen. Und wenn er einmal etwas vor dem Fürſten verſehen ſollte, ſo würde er von ihm, ſtatt eines Backenkniffs, min⸗ deſtens einen derben Fußtritt bekommen. Dieſer Gefahr biſt du nicht ausgeſetzt. Und he! wer iſt's, der zu uns in die Küche geſchlichen kommt und demüthig um eine kleine Neige Eſſen oder um einen Bratenknochen bittet? Iſt's nicht dein Bruder Alexei? Was würde er dir dagegen anzubieten haben? Höchſtens ein Stückchen Geigenharz, eine geſprungene Darm⸗ 3 ſaite, etwas giftigen Grünſpan, den er von den Meſfing⸗ inſtrumenten abkratzt! Dein rothwangiges, volles Geſicht unter der weißen Sackmütze gefällt mir zehnmal beſſer als das ſchwarzrußige deines Türken⸗ und Mohrenbruders. Das iſt Geſchmacksſache und auf den Geſchmack verſtehen wir Köche uns am beſten unter allen Menſchen.“ Der Leſer verläßt hier die beiden Brüder, denen es gut genug erging, und folgt im Geiſte der armen Mutter, die, 51 ihrer Söhne und des Gatten beraubt, mit ihrer Tochter traurig den Weg nach ihrem Heimathdorfe einſchlug. Am Abende deſſelben Tages gelangte ſie in dasjenige Dorf, wo jetzt der Bauer, welcher bei dem Juwelier Bergmann die Henkelducaten erkauft hatte, wohnte. Als derſelbe das ſchwer gebeugte Weib nebſt ihrer Tochter an ſeiner Hütte vorüber wandeln ſah, rief er ſie an und lud ſie ein, in ſeiner Hütte zu übernachten. Wie wohl der Aermſten dieſes gaſtfreundliche Anerbieten that! Wie gern ſie daſſelbe annahm! „Satinje!“ ſprach Donawiew, der Landmann und Leib⸗ eigene—„du wirſt doch bei deinem ehemaligen Nachbar und Leidensbruder nicht vorübergehen wollen?! Hatteſt du vergeſſen, daß ich mit den Meinen hier hauſe? Ein großes Glück, daß ich dich erblickte und ſogleich wieder erkannte. Komm herein mit deinem Kinde und thue, als ſeieſt du da⸗ heim zwiſchen deinen eigenen vier Pfählen.“ Mit den Beſten, was ſie auftreiben konnte, bewirthete Donawiews Weib die Gaſtfreunde. Bald nach der Abend⸗ mahlzeit ſuchte Wanka ihr Lager auf und ſchlief, angegriffen von der Wanderung und dem erlittenen Zahnweh, ſchon in der nächſten Minute hart und feſt. Auch ihre eigenen Kin⸗ der brachte die Bäuerin zur Ruh und wahrend dieß geſchah, ſprach Donawiew leiſe und lange mit Satinje. Unter An⸗ derem forſchte er nach, wohin ſich der Juwelier Bergmann nebſt den Seinen gewendet habe und gegenwärtig aufhalte. Er erfuhr von Satinje, daß die ganze Familie von Peters⸗ burg weg und nach Zarskoe⸗Selo gezogen ſei, wo ſie ein kleines Häuschen in ſtiller Zurückgezogenheit bewohne. Am Schluſſe der Unterredung, an welcher ſich auch ſpäter Dona⸗ 4* 52 wiews Frau betheiligte, hatte Satinje's Antlitz einen ganz anderen Ausdruck angenommen. Die vorige Trauer und Niedergeſchlagenheit hatten einer tiefinnigen Freude Platz gemacht und Satinje's Augen erglänzten in einem Feuer, welches der Abglanz ihres innerlichen Entzückens war. „So habe ich mich doch in meinem Nicolaus nicht ge⸗ täuſcht“— ſprach ſie triumphirend—„und nun iſt mein Glaube an ſeine Redlichkeit belohnt worden. Gern nehme ich euer Anerbieten an und laſſe mein Kind in euern Händen zurück, wo es gewiß gut aufgehoben iſt, und das mir nur bei meinem Vorhaben behinderlich ſein würde. Unſer Herr⸗ gott wolle aber mein Unternehmen mit ſeinem Segen krönen! In ſeinem Namen beginne ich's.“ Donawiews Frau henkelte einen Ducaten von ihrer Hals⸗ ſchnur ab und wollte ihn ihrer Gaſtfreundin als Reiſegeld einhändigen; doch Satinje ſchlug die werthvolle Gabe aus. „Eine Leibeigene“— ſprach ſie dabei—„kommt über⸗ all fort und findet bei ihresgleichen mitleidige Herzen und Hände. Das Goldſtück würde mich beim Unwechſeln ver⸗ rathen und meinen Plan vereiteln.“ Zum erſtenmale ſeit der Flucht ihres Mannes ſchlief Satinje wieder feſt und ſüß. Der Sorge für ihre Kinder war ſie enthoben und konnte darum ihr ganzes Sinnen ihrem armen, geliebten Manne wieder zuwenden, der, ach, vielleicht ſchon auf dem langen Wege nach der Verbannung war. Am andern Morgen machte ſich Satinje vor dem Er⸗ wachen ihrer Tochter reiſefertig. Sie hauchte einen leiſen Kuß auf die Stirn ihres ſchlafenden Kindes, ſegnete daſſelbe mit dem Zeichen des Kreutzes und lispelte:„Es iſt ſo beſſer! Wir erſparen uns gegenſeitig den Schmerz des Scheidens und wenn du erwachſt, ſiehſt du eine zweite Mutter vor dir.“ Dem gaſtgreundlichen Ehepaare herzlich dankend und von demſelben geſegnet, zog Satinje voll freudigen Muthes und unerſchütterlichen Entſchluſſes von dannen, indem ſie einen andern Weg als nach ihrer Heimath einſchlug. Auch Donawiew machte ſich reiſefertig, indem er einen Wagen mit Säcken voll Hülſenfrüchten belud, mit zwei Pfer⸗ den beſpannte und in der Richtung nach Zarskve⸗Selo abfuhr. Da er ſich des Juweliers Wohnung daſelbſt von Satinje genau hatte beſchreiben laſſen, ſo fand er dieſe bald auf, ent⸗ nahm von ſeinem Fuhrwerk einen Sack mit Hafer und trug ihn in's Haus, wo er nach dem Juwelier fragte und von demſelben freundlich empfangen wurde. „Ich kaufe keine Futterkörner“— ſprach Bergmann— „denn ich halte keine Pferde mehr.“ „Ihr ſollt nur ſo gut ſein“— antwortete Donawiew— „und mir den Sack aufheben, bis ich meine Waare verkauft habe und wieder bei Euch vorfahre. Kennt Ihr mich noch? Ich war's, der Euch in St. Petersburg die Henkelducaten abkaufte, als der geſtrenge Herr Potemkin zu Euch kam und mich auch von dannen trieb.“ „Ja, ja, ich entſinne mich“— erwiederte Bergmann— „und ich wollte, daß ich lauter ſolche redlich zahlende Kunden wie Euch gehabt und daß ich den Fürſten nie in meinem Kaufladen geſehen hätte.“ „So denken und ſprechen noch gar Viele mit Euch“— lachte Donawiew. Nachdem er einen forſchenden Blick um ſich geworfen hatte, fuhr er fort:„Ich hätte noch ein Wört⸗ 54 lein über die Henkelducaten mit Euch zu ſprechen— habt Ihr kein Gemach, wo wir unter vier Augen ſein könnten?“ Dieſer Wunſch befremdete den Juwelier, dennoch erfüllte er des Landmanns Wunſch. Als ſie beide allein waren, hob Donawiew mit gedämpfter Stimme an:„Ihr wißt doch, daß Euer Arbeiter Iffinitz ein ehemaliger Ortsnachbar und mein Freund war? Nun, er läßt Euch durch mich ſagen, daß er an Euch nicht zum Diebe geworden ſei. Den Beweis da⸗ von werdet Ihr in dem Sacke hier und unter dem Hafer finden.“ Donawiew ſetzte den Sack von ſeiner Achſel nieder und wendete ſich nach der Thüre. „O bleibt, guter Mann!“ bat der Juwelier, von Stau⸗ nen und Freude bewegt. „Ich komme wieder, ſobald ich meine Ladung verkauft habe“— verſetzte der Leibeigene—„um meinen Sack mit dem Hafer abzuholen. Bis dahin Gott befohlen!“ Bergmann war zu erwartungsvoll, um den Landmann länger zurückzuhalten, der die Stube und das Haus verließ. Jener rief ſeine Gattin herbei und begann mit deren Beiſtand den Haferſack auf die Dielen auszuleeren und deſſen Inhalt mit bebenden Händen zu durchſuchen. Bald entdeckten dieſe ein kleines, mit Bindfaden umſchnürtes Wergbündel, aus welchem nicht nur der koſtbare Brillantenſchmuck, ſondern auch ſämmtliche entwendete Ringe und andere Kleinodien un— verſehrt zum Vorſchein kamen. Eine Weile blickte das Ehepaar ſtumm und in tiefer Rührung ſich gegenſeitig an. Dann brach Bergmann in den Ruf aus:„O Edelſinn, wohin verkriechſt du dich! Ein Fürſt, „ 55 deſſen Bruſt nicht Raum genug für alle die Ordenskreuze darbietet, womit er von allen Monarchen Europa's überſchüt⸗ tet wird, gedachte mir meine Habe zu nehmen, und ſein Leib⸗ eigener, deſſen Herz nur ein grobleinener Kittel bedeckt, rettete es mir mit Aufopferung ſeiner ſelbſt! Es liegt klar zu Tage, daß Nicolaus, nicht um den angedrohten Knutenhieben zu entrinnen, die Flucht ergriffen hat, ſondern um mein gefähr⸗ detes Eigenthum zu ſichern. O daß wir ihm und den Seinen dieſe Edelthat vergelten könnten! Aber nicht minder brav iſt Donawiew, ebenfalls nur ein Leibeigener, der das ihm anvertraute Gut eben ſo redlich als vorſichtig zurückgab. Ach, in die Freude über unſer wiedergeſchenktes Vermögen miſcht ſich die gerechte Trauer über das unglückliche, unverdiente Schickſal unſers Retters.“ Nach Verlauf zweier Stunden fand ſich Donawiew wie⸗ der ein.„Habt Ihr Alles in Richtigkeit befunden?“ fragte er lächelnd. „Alles!“ lautete die voll tiefer Rührung ausgeſprochene Antwort des Juweliers.„Nie kann ich Euch für Eure wak⸗ kere That nach Würden belohnen, doch bitte ich Euch, dieſe kleine Geldſumme und dieſe Ohrringe für Euer Weib anzu⸗ nehmen.“ „Behaltet beides!“— verſetzte Donawiew entſchieden. „Deshalb kam ich nicht wieder zu Euch zurück, ſondern um zu fragen, ob kein Stück fehle, und zugleich Euch zu erzählen, auf welche Weiſe Euer Gut in meine Hände gekommen iſt. Iffinitz erſchien in der Nacht nach ſeiner Flucht vor meiner Hütte und begehrte Einlaß. Der arme Kerl ſah aus wie ein ab⸗ gehetzter Hirſch und vermochte kaum zu athmen. Er berich⸗ 56 tete mir, was er gethan habe, und wie es ihm darauf ergangen ſei, beſchwor mich, Euch Euer Eigenthum, ſobald es ohne Aufſehen und Gefahr geſchehen könne, einzuhändigen und ihm zu ſeinem weitern Entkommen behülflich zu ſein. Ich behielt und verſteckte meinen Freund den Tag über bei mir und ent⸗ ließ ihn, geſtärkt und mit einem Anzuge von mir verkleidet, in der darauf folgenden Nacht. Geſtern Abend erſt erfuhr ich von ſeinem Weibe Euren jetzigen Wohnort und darum ſeht Ihr mich heute bei Euch.“ „Wie ergeht's der armen Frau und ihren Kindern?“ fragte Bergmann theilnehmend. „Ihre beiden Söhne hat ſie in Petersburg in Potemkins Dienſten zurücklaſſen müſſen“— antwortete Donawiew— „und ihre Tochter iſt mein Pflegekind geworden. Satinje aber will ihren Mann aufſuchen und ſein Schickſal theilen, mag deſſelbe ausfallen wie es komme— Flucht, Verbannung, oder Tod!“ „So nehmet dieſe Geldſumme für Wanka's Bedürfniſſe und dieſe Ohrringe für Euer Weib, damit ſie ein Andenken an uns beſitze“— bat Bergmann auf's Neue. „Ich thue es aber nicht!“ ſprach Donawiew ſtarrſinnig. „Was Wanka bedarf, beſchaffe ich ohne Euer Geld, und dieſe blitzenden Ohrringe würden mein Weib noch eitler machen, als ſie ohnehin ſchon durch die Henkelducaten geworden iſt. Ueberdieß haben meines Weibes Ohren keinen häßlichen Aus⸗ wuchs, wie ihr Hals, und darum bedarf ſie auch keines Schmucks, um jenen zu verbergen. Heiliger Georg! alle Weiber in unſerm Dorfe würden ja vor Neid zerplatzen und unſere bitterſten Feinde werden, hinge meine Annexia die —.———— 57 funkelnden Dinger in ihre Ohrläppchen. Glaubt mir, Herr! ſo lange ich Eure Schmuckſachen bei mir barg, habe ich keine ruhige Nacht mehr gehabt, und danke jetzt unſerm Herrgott dafür, daß ich ſie glücklich und an ihren rechtmäßigen Herrn losgeworden bin.“ Der Juwelier und der Leibeigene ſchieden als die beſten Freunde und unter gegenſeitigen Segenswünſchen von ein⸗ ander. „Gott ſei Lob und Dank dargebracht“— hob Berg⸗ mann zu dem Kreiſe der Seinen an—„der uns ſobald die Zeit der Trübſal hat überſtehen laſſen. Aber wir haben die Wiederkehr unſers Glücks theuer erkauft: durch das tiefe Elend einer braven Familie! Ich werde dann nur wieder ganz froh werden, wenn Iffinitz nebſt den Seinen errettet worden iſt. Was ich meinerſeits dazu beitragen kann, ſoll geſchehen und koſtete mich's ſelbſt die Hälfte unſers Vermögens. Nach Petersburg zurückkehren, mag ich auf keinen Fall. Zie⸗ hen wir lieber nach Moskau, wo wir keinen Käufer wie Po⸗ temkin zu fürchten haben und in jener unermeßlichen Stadt ein gutes und ſicheres Unterkommen finden werden.“ Bergmann that, wie er geſprochen hatte. Sechstes Kapitel. Potemkin. Das dauernde Glück, womit Potemkin ſeine große Macht wie ſeine Reichthümer nicht nur erlangte, ſondern auch behaup⸗ 58 tete, hatte ihm viele Neider, ſein nicht blos ſtolzes, ſondern ſelbſt barbariſches Betragen gegen alle neben und unter ihm Stehenden die bitterſten Feinde erweckt. Dieſe verſuchten Alles, den allgewaltigen Günſtling bei ſeiner kaiſerlichen Gebieterin zu ſtürzen. Potemkins maaßloſer Ehrgeiz, ſein unbegränzter Hochmuth, ſein niedriger Geiz und ſeine nicht zu ſättigende Habſucht, die ihn die größten Unterſchleife und Betrügereien mit den Landeseinkünften begehen ließen, waren ſo offenkundig, daß es eigentlich gar nicht ſchwer zu ſein ſchien, des Fürſten Schuld und ſträfliches Gebahren vor der Kaiſerin zu offenbaren und hierdurch ſeinen Sturz zu er⸗ mitteln. Allein Potemkins Feinde beſaßen an ihm einen furchtbaren Gegner, welcher einen unbeugſamen Willen und eine eiſerne Stirne mit großer Liſt und Verſchlagenheit paarte, überdieß ſeiner Kaiſerin volle Gunſt und unerſchütterliches Vertrauen und an denen, welche ihm ihre einträglichen Stel⸗ len am Hofe und im Lande verdankten, ein Hülfsherr beſaß. Zwei frühere Günſtlinge der Monarchin, die Grafen Or⸗ loff, hatte Potemkin durch Lügen und erdichtete Anſchuldi⸗ gungen aus der Gunſt der Kaiſerin zu verdrängen gewufßt. Da dieſe beiden Brüder ihrem Feinde auf keine andere Weiſe etwas anhaben konnten, ſo hatten ſie ihn zum Zweikampf herausgefordert, wobei Potemkin um ein Auge gekommen war. Dieſen empfindlichen Verluſt wußte er bei der Kai⸗ ſerin ſo darzuſtellen, als habe er ihn allein um ihrerwillen erlitten, und ſtieg nun deſto mehr in der kaiſerlichen Huld und Gnade. Die Halbinſel Krim, damals Taurien genannt, unter das ruſſiſche Scepter zu beugen, war Potemkins und der 5— 59 Kaiſerin ſehnlicher Wunſch. Wirklich gelang es Potemkins Kunſtgriffen und ſeiner trügeriſchen Liſt, den unter türkiſcher Hoheit ſtehenden Khan Tauriens, Sahim Gherai, zur frei⸗ willigen Niederlegung ſeiner Würde zu bewegen und das von ihm regierte Reich an Rußland zu überlaſſen, wozu er eigent⸗ lich gar kein Recht hatte. Aber er ſetzte ſich, wie das gemeine Sprüchwort ſagt, durch dieſe Handlung von dem Pferde auf den Eſel, indem er ſeine bisherigen, auf 3 bis 4 Mil⸗ lionen Rubel ſich belaufenden Jahreseinkünfte gegen eine jähr⸗ liche Penſion von nur 100,000 Rubel eintauſchte, welche ihm aber nicht ausgezahlt, ſondern von Potemkin in die Taſche geſteckt wurden. Die nuſelmänniſche Bewohnerſchaft der Krim, empört über den von ihrem Khan begangenen Verrath, weigerte ſich, Rußlands Herrſchaft anzuerkennen, und griff ſogar zu den Waffen, um den unerbetenen neuen Herrn zu⸗ rückzutreiben. Darauf ließ Potemkin 30,000 Tataren, Män⸗ ner, Weiber und Kinder, gefangen nehmen, und befahl dem ruſſiſchen General Poſorowsky, die wehrlos gemachten Gefan⸗ genen insgeſammt und ohne alle Schonung niederzumetzeln. Doch Poſorowsky war ein Ehrenmann. Er weigerte ſich, das anbefohlene Blutbad auszuführen, indem er entgegnete, daß er kein Schinder oder Henker ſei. Einen ſolchen fand Potemkin an einem ſeiner eigenen Verwandten, welcher buch⸗ ſtäblich dem Befehle des Fürſten nachkam. Hierdurch ward die Krim, ohnehin nur ſchwach bevölkert, zur Wüſte, aber auch jeder weitere Wiederſtand gebrochen. Fürſt Potemkin aber erhielt dafür zur Ehre den Zunamen:„der Taurier“ und wurde zum Großadmiral ernannt, obſchon er nicht ein⸗ mal einen Nachen zu lenken verſtand. Jeder fühlende Menſch 60 lieſt mit Entſetzen und Trauer in der Bibel von dem un⸗ menſchlichen Blutbade, welches der grauſame König Herodes zu Bethlehem unter den unſchuldigen, kleinen Kindern aus⸗ führen ließ. Ach, ungleich mehr eben ſo unſchuldige Kinder und deren Mütter ließ Fürſt Potemkin ermorden und ſolches geſchah im April 1783 und auf Befehl eines Chriſten! Zum Wiederanbau des verödeten Tauriens wies die Kaiſerin Catharine II. 3 Millionen Rubel an. Dieſe aber verſchwanden abermals in Potemkins bodenloſer Taſche, eben ſo die größere Hälfte von den 18 Millionen, welche zur Er⸗ bauung der Handelsſtadt Cherſon beſtimmt worden waren. Das Sündenmaaß Potemkins war endlich ſo vollgelaufen, daß es im Jahre 1785 ein anderer Günſtling der Kaiſerin wagte, derſelben über Potemkins Gebahren die Augen zu öffnen. Zu dieſem Zweck hatte Yermoloff, jener Günſtling, alle Anklagepunkte und deren Beweiſe geſammelt und zu Papiere gebracht. Die Kaiſerin gerieth bei dem Durchleſen der Anklageſchrift in den heftigſten Zorn und ließ auf der Stelle den Fürſten herbeirufen. Die hierauf ſtattgefundene Unterredung hatte keine fremden Zeugen, jedoch hofften und erwarteten alle redlichen Leute, daß es mit Potemkins Re⸗ gierung fortan aus ſein werde. Entſetzliche, klägliche Täu⸗ ſchung! Strahlenden, triumphirenden Blicks trat Potemkin aus dem Zimmer der Kaiſerin, das er nicht nur vollſtändig gerecht⸗ fertigt, ſondern auch um 3 Millionen Rubel reicher verließ. Er hatte offen eingeſtanden, jene 3 Millionen, anſtatt für Tauriens Anbau, für ſeinen eignen Nutzen verwendet zu haben und dieſe Unterſchlagung damit entſchuldigt, daß er — handelt wie Potemkin!“ Denn kein Menſch kann für ſich 61 gerade einen vortheilhaften Ankauf von Diamanten und Land⸗ gütern habe machen können. Er hatte die Kühnheit gehabt, die Kaiſerin um die Darlehnung von anderen 3 Millionen zu bitten, die er nun gewiſſenhaft zu dem erſten Zwecke ver⸗ wenden zu wollen angelobte. Unglaublich iſt's und doch wahr, daß die Kaiſerin ihm auch dieſe 3 Millionen lieh, die wieder zu erſtatten, dem Potemkin nie eingefallen iſt. Die Nieder⸗ metzelung der 30,000 Tartaren entſchuldigte Potemkin mit der eiſernen Nothwendigkeit und hinſichtlich der angeblich von ihm unterſchlagenen Baugelder Cherſons forderte er die Kaiſerin auf, durch eine Reiſe nach der Krim durch den Augenſchein ſich von der Grundloſigkeit dieſer Anklage zu überzeugen. Eben ſo geſchickt wußte Potemkin die übrigen, ihm zur Laſt gelegten Vergehungen von ſich abzuwälzen. Wie erſchrak der wackere Yermoloff, als ihm noch deſ⸗ ſelbigen Tags der kaiſerliche Befehl ertheilt wurde, ſofort ſeine bisher innegehabte Wohnung im Kaiſerpalaſt zu räumen, Petersburg und ſogar das Reich zu verlaſſen und auf Reiſen zu gehen! Von nun an unterſtand ſich niemand wieder, Potemkins Ankläger zu werden oder ſeinen Sturz ermöglichen zu wollen. Bedauert mit mir, liebe jungen Leſer, die gekrönten Häupter, daß ſie nicht ſelten, bei dem beſten Willen für das Wohl ihrer Unterthanen, von Günſtlingen und Höflingen umgeben ſind, welche, das allgemeine Beſte verhindernd, nur ihren eigenen Nutzen ſuchen und ihren Gebietern deshalb die Wahr⸗ heit verſchleiern. Keiner von uns ſchlage aber auch ruhm⸗ redig an ſeine Bruſt, ſprechend:„Ich hätte nicht ſo ge⸗ 62 ſelbſt gut ſagen oder einſtehen, weil Geburt, Rang, Stand, Reichthum und Gelegenheit zum Sündigen oftmals eine Klippe werden für eine Seele, die außerdem tugendhaft ge⸗ blieben ſein würde. Seinen neuen Triumph über alle ſeine Feinde recht ſicht⸗ bar an den Tag zu legen, veranſtaltete Potemkin gleich nach Yermoloffs Sturz und Entfernung ein Feſt, an welchem der ſonſt ſo geizige Fürſt eine verſchwenderiſche Pracht und Ueppigkeit bewies, die in's Unglaubliche ging. Die ent⸗ fernteſten Gegenden der Erde mußten ihre koſtbaren Erzeug⸗ niſſe zum feſtlichen Gaſtmahle, zur Ausſchmückung des fürſt⸗ lichen Palaſtes und Gartens, zur ſonſtigen Ergötzung und Unterhaltung der Gäſte beitragen, damit dieſe ſagen konnten, daß Aehnliches ſie ſelbſt bei dem mächtigſten Herrſcher noch nie erblickt hätten. Das Rheinland, Frankreich, Spanien, die Inſel Madeira und ſelbſt das Cap von Afrika lieferten die Weine, Oſt⸗ und Weſtindien die Gewürze, Süßigkeiten und Colonialwaaren; Italien ſeine Südfrüchte; die Wälder, Auen und Lüfte das Wildpret und Geflügel; die Flüſſe, Seen und Meere ihre Fiſche, Auſtern, Krabben, Hummern, Ko⸗ rallen und Muſcheln, die Hauſen und Störe ihren zu Caviar umgewandelten Rogen; die indiſchen Schwalben ihre Neſter; die Erde ihre Erzeugniſſe der Oberfläche und des Innern; die Blumen ihre ſüßeſten Wohlgerüche. Kein Reich der Natur, kein Element ſchloß ſich mit ſeinen Beiträgen zur Verherr⸗ lichung des Feſtes aus. Staunen erregend waren die Eß⸗ vorräthe in der fürſtlichen Küche aufgehäuft, zu deren Berei⸗ tung ein verzehnfachtes Dienſtperſonal angenommen worden war. Hier zappelten große und kleine Fiſche, dort Geflügel 63 aller Art unter der ſchlachtenden Menſchenhand, während das Feuer unter hundert Keſſeln, Kaſſerollen, Töpfen, Tie⸗ geln und Pfannen loderte, das nicht ſelten durch hineinge⸗ worfene Butterſtücken zum raſcheren Auflodern angetrieben wurde. In neuer, koſtbarer Livree prangte die zahlreiche Dienerſchaft, ſo wie die muſikaliche Kapelle des Fürſten. Bei der Letzteren waren die kupfernen Pauken und die meſſin⸗ genen Inſtrumente in ſilberne und übergoldete umgewandelt worden. Die langen Reihefolgen der Gemächer und Säle im fürſtlichen Palaſt waren mit verſchwenderiſcher Pracht ausgeſchmückt, die Wände mit koſtbaren Tapeten, Gemälden und vergoldeten Zierrathen bedeckt, unter denen ſchwellende Ottomanen, Seſſel und Tabourets ihre Sprungfedernſitze mit atlasnen Ueberzügen lockend darboten. Deckenhohe Spie⸗ gel vervielfachten durch ihren Wiederſchein die ſie umgebende Herrlichkeit; von den meiſterhaft gemalten Saal- und Zim⸗ merdecken hernieder ſendete ein Kerzenheer auf eryſtallnen Kronleuchtern ſeinen blendenden Lichterglanz, der ſich auf dem glanzgebohnten Fußboden tauſendfach abſpiegelte und keinen dunkeln Winkel duldete. Der mit den ſeltenſten ausländi⸗ ſchen Gewächſen ausgeſtattete fürſtliche Park war durch viele Tauſende bunter Lampen, die bis zu den Spitzen der höch⸗ ſten Bäume ſich erſtreckten, in einen Zaubergarten umgeſchaf⸗ fen worden, deſſen zahlreiche Waſſerkünſte heute Wein und wohlriechende Eſſenzen empor in die laue Sommerluft ſteigen ließen. Alle dieſe Räume erfüllte das dichte Gewühl der geladenen Gäſte aus den höchſten Ständen, welche dem Ur⸗ heber dieſer zur Schau dargeſtellten Herrlichkeiten den Zoll ihrer Bewunderung und ihres Lobes laut darbrachten. Und 64 der Fürſt, ſeine Gäſte an Kleiderpracht weit hinter ſich laſſend, nahm dieſen Tribrut des Beifalls mit einem gnädigen, wohl⸗ wollenden Blick und Lächeln an. Mit Gold, mit Brillanten und blitzenden Ordensſternen bedeckt, ſtand er an der Seite ſeiner Monarchin, welche ebenfalls gekommen war, dem hohen Steuermanne ihres Staatsſchiffs durch ihre Anweſenheit eine Ehre zu erweiſen, und überblickte mit ſtiller Genugthuung das bunte Gewimmel umher. Als nun ſpäter ein abgebranntes Kunſtfeuerwerk ſeine Miriaden Feuerfunken, Leuchtkugeln und Raketenſtrahlen gegen das ſtille, hehre Firmament emporſchießen ließ— als achtzig Muſiker ihren Inſtrumenten die brauſenden Klänge eines Triumphmarſches entlockten und mit dem Knattern des Feuerwerks vermälten— als ein nicht endenwollender Jubel⸗ ruf der zahlloſen Zuſchauer innerhalb und außerhalb des fürſtlichen Parks die Lüfte erbeben machte: da dünkte ſich Potemkin ein Halbgott und ſeine Macht eine unbeſiegbare, ewig dauernde zu ſein. Der vermeſſene Gedanke, daß er wohl gar noch der angetraute Gemahl ſeiner kaiſerlichen Ge⸗ bieterin, alſo Kaiſer werden könne, beſchlich ſein Herz aber⸗ mals und machte darin Wohnung. Dort aber an der äußerſten nördlichen Grenzſcheide Eu⸗ ropa's und Aſiens wankt durch das abendliche Dunkel dahin eine lange, lange Reihe ermatteter und lebensmüder Männer. Von allen Seiten umgeben ſie berittene Krieger, welche mit den ſcharfen Spitzen ihrer langen Piken ihre Gefangenen zu raſcherem Vorwärtsſchreiten antreiben. Das kalte, öde, un⸗ fruchtbare und darum freudenloſe Sibirien ſoll fortan ihre Heimath und Pluto's finſteres, unterirdiſches Reich ihr täg⸗ — 65 licher, mit harter Arbeit beſchwerter Aufenthalt werden. Jetzt ſtehen ſie und wenden das vom nagenden Kummer entſtellte und erblaßte Antlitz, die erloſchenen, tief eingeſunkenen Au⸗ gen noch einmal dem in der Dunkelheit verſchwimmenden Vaterlande zurück. Von ihren farbloſen Lippen löſet ſich ein aus der Tiefe des Herzens kommender Fluch und derſelbe lautet:„Potemkin!“ Nur ein einziger Mann unter den Verbannten ſetzt ſeinen Weg unbeirrt weiter fort und ſtimmt nicht ein in den gemein⸗ ſamen Fluch. Aber er iſt auch der Einzige, an deſſen Seite ein liebendes, treues Weib dahin ſchreitet und zärtlich ihren Arm in den ſeinigen geſchlungen hält. Und er, Nicolaus IFffinitz, iſt der am wenigſten Unglückliche unter ihnen Allen, denn er hat ſeine Satinje wieder, die bis zum Tode nicht laſſen mag von ihrem Manne und Vater ihrer Kinder! Siebentes Kapitel. Anfang der Krimreiſe. Kalt war's, grimmig kalt. Die Erde hatte ſich mit ihrem wärmſten, weißen Winterpelz zugedeckt, die Bäume ihre dürren Aeſte in einen dichten Flaum von Schneeflocken eingehüllt und das Waſſer durch ein feſtes Eisgewölbe vor der kalten Luft ſich abgeſperrt und geſchützt. Es war zu Anfang Januars 1787 und man zählte damals 17 Grad Kälte. An einem ſolchen bitterkalten Morgen waren die Potemkin.*. 5 66 männlichen Bewohner des Dorfes Walitzſchka, wo der ehrliche Donawiew ſeine Heimath hatte, insgeſammt auf den Beinen. Sie belaſteten ihre kunſtloſen Schlitten mit einem Theile ihres, bereits im Spätherbſte aufgeſtapelten Brennholzes, welches ſie vor ihren Wohnungen aufbewahrten. Die Weiber und älteren Kinder halfen ihnen bei dieſer Arbeit, wobei es an verklommenen Händen und weißgefrornen Naſen nicht fehlte. Der warme Hauch, welcher den Lippen entquoll, verwandelte ſich ſchnell in weißen Reif, welcher die langbärtigen Männer⸗ geſichter anflog und denſelben ein ganz eigenthümliches An⸗ ſehen gab. Die Kinder ſtampften wiederholt ihre frierenden Füße gegen den ſteinharten Erdboden, theils um ſie zu er⸗ wärmen, theils den näſſenden und beißenden Schnee abzu⸗ ſchütteln. Endlich war die Arbeit gethan, jeder Schlitten beſpannt und ſein Führer zum Abfahren bereit. Donawiew nahm auf dem Vordertheile ſeines Schlittens Platz, die Zügel in die Hand und nickte den Seinen grüßend zu. „Vater!“ rief ihm ein derber Junge zu—„ich möchte gleich mit dir fahren, um unſre Czarin zu ſehen. Wenn die ſich vor der Kälte nicht fürchtet, ſo brauche ich's auch nicht zu thun.“ „Dann nimm mich auch mit, Vater!“ bat Wanka— „vielleicht kommt mein Bruder Alexei oder Jwan mit ſeinem Herrn vorbei. Iſt's doch ſchon über ein Jahr her, daß ich ſie nicht in der Stadt beſucht und geſehen habe.“ Die Tochter des Iffinitz war in den 3 ½ Jahren, wo ſie ſich bei ihren jetzigen Pflegeältern befand, kräftig gediehen und ſtand jetzt im elften Lebensjahre. „Wenn du dich, Wanka, mit unſrer Czarin vergleichen ——— 67 willſt“— verſetzte Donawiew lachend—„ſo kommſt du ſchlecht dabei weg. Bei ihr iſt ſchon dafür geſorgt, daß ſie nichts von der Kälte verſpürt, die uns die Seele im Leibe erſtarren möchte, wenn wir bis morgen früh im Freien aus⸗ harren müſſen. Fort mit euch in die warme Stube und damit Gott befohlen.“ Klingelnd fuhr das Geſpann mit dem Schlitten davon, welchem die anderen bereits voraus geeilt waren. Donawiews Weib warf, bevor ſie in ihre Hütte zurückkehrte, einen trüben Blick auf ihren geſchmolzenen Vorrath von Winterholz und ſagte ſich's, dabei ſeufzend, daß er nicht ausreichen und ihr armer Mann vielen Beſchwerlichkeiten unterworfen ſein werde, wann er das noch erforderliche Brennholz aus dem dicht ver⸗ ſchneiten Forſte herbeiſchaffen müſſe. Aus allen umhergelegenen Ortſchaften langten holzbe⸗ ladene Schlitten nebſt ihren Führern bei der Landſtraße an, welche von St. Petersburg nach Zarskoe Selo und weiter über Smolensk und Kiew nach der Krim führt. Hier wurden die Schlitten abgeladen und von je 50 zu 50 Ruthen Ent⸗ fernung ungeheure Scheiterhaufen errichtet, welche beſtimmt waren, den nächtlich dunkeln Pfad der Kaiſerin in Tages⸗ helle umzuwandeln. Da die beabſichtigte Reiſe der Kaiſerin, obſchon mehrfach unterbrochen, Tag und Nacht fortwährte und in den kurzen Wintertagen begonnen wurde, ſo kann man ſich eine Vorſtellung von der erſtaunlichen Holzverſchwen⸗ dung machen, welche von St. Petersburg bis nach der Stadt Cherſon in der Krim erforderlich war. Diejenigen Landleute, welche mit ihren leeren Schlitten nicht heimkehren durften, ſondern bei den Holzſtößen als 5* Wachen zurückbleiben mußten, unter welchen auch Donawiew war, lagerten ſich um ein Feuer und vertrieben ſich die Zeit und Langeweile mit Eſſen, Trinken und Schwatzen. Dabei hatten freilich die armen Menſchen den Uebelſtand auszuhalten, daß, wenn die Vorderſeite ihres Körpers von den hoch lodern⸗ den Flammen faſt verſengt wurde, die Hinterſeite vor Froſt zu erſtarren drohté. Die Nacht verdrängte zwar ſchnell genug den kurzen Tag, allein ſie ſelbſt ging nur langſam den Harrenden dahin. Als die Mitternachtſtunde vorüber war, leuchtete Fackelſchein auf der Landſtraße daher. Erſchrocken ſprangen die Landleute auf, ſchon im Geiſte die Knute auf ihrem Rücken fühlend. Denn wer anders als die Czarin konnte es ſein? und noch kein einziger Holzſtoß war in Flam⸗ men geſetzt! Bald naheten Reiter mit brennenden Fackeln, denen eine Anzahl Schlitten nachfolgte. Der erſte und an⸗ ſehnlichſte derſelben ähnelte einem wohlverwahrten Zimmer mit Spiegelfenſtern und hatte einen luſtig dampfenden Rauch⸗ fang. Eine ganz in koſtbare Pelze eingehüllte Mannsgeſtalt ſaß darin, welche den Schlitten für wenige Secunden an⸗ halten ließ, um das Haupt aus der Thüre zu ſtecken und die Frage an den herbeigeeilten Aufſeher zu richten:„Alles in Ordnung?“ „Alles, gnädigſter Herr Fürſt!“ lautete die demüthige Antwort. „Sorge dafür, Stubai“— fuhr Potemkin fort—„daß das Volk herbeigetrieben werde, die Mützen ſchwenke und freudig hurrah ſchreie, wenn die Czarin vorüber fährt.“ „Wie Ew. Durchlaucht befiehlt, ſo ſoll's geſchehen“— verſetzte Stubai. S 69 Die Schlittenthüre klappte wieder zu; Potemkin lehnte ſich in die weich gepolſterte Ecke zurück und die Pferde jagten weiter. Unter den Schlitten, welche dem fürſtlichen nach⸗ folgten, waren einige von ganz ſonderbarer Bauart, ſoge⸗ nannte Wurſtſchlitten, weil ſie aus einer ſehr langen Bank beſtanden, auf welcher die Fahrenden wie auf einem Pferde reitend ſaßen und zwar dicht an einander gereiht, was das Warmhalten ſehr beförderte. Dieſe Wurſtreiter waren des Fürſten Muſiker, unter welchen ſich auch Alexei Iffinitz be⸗ fand. Am Morgen, der bei uns in Deutſchland ſchon hell ge⸗ weſen wäre, flammten endlich in weiter Ferne die Scheiter⸗ haufen empor, was das Anbrennen der näher ſtehenden her⸗ beiführte. Wenn bei uns der nächtliche Wächter beim Ab⸗ gehen ſingt: Der Tag vertreibt die finſtre Nacht, ihr lieben Chriſten, ſeid munter und wacht! ſo wurde jetzt das nächtliche Dunkel nicht durch die Sonne, ſondern durch die himmelanlodernden Flammen der Holz⸗ ſtöße vertrieben. Weithin erglänzten die Schneegefilde in dem blendenden Lichte und verwundert ſchaute das ſchlaf⸗ trunkene Wild aus ſeinem Waldlager um ſich. Und über den kniſternden Schnee, den glitzernden, ſah man Schaaren von Männern, Weibern und Kindern daher ſprengen, die theils von Potemkins Schergen, theils von ihrer eigenen Neugierde gejagt wurden. Bald ſprengten einzelne Reiter mit brennenden Fackeln dem kaiſerlichen Zuge voraus. Ihnen folgte die lange, faſt nicht enden wollende Reihe der Schlitten und Wagen. Von 70 den erſteren zählte man 180 mit Menſchen und Gepäck bela⸗ dene, 40 leere für unvorhergeſehene Fälle und 14 Wagen. Alle vornehmeren, zum kaiſerlichen Hofſtaate gehörenden Perſonen waren in verſchloſſenen und heizbaren Schlitten gegen die winterliche Kälte geſchützt. In dem Schlitten der Kaiſerin ſaßen noch das Fräulein Proſatoff, die Grafen Momonoff und Cobentzl, der Oberſtallmeiſter Nariſchkin und der Oberkammerherr Schuwaloff. Im zweiten Sir Fitz⸗ Herbert, Herr von Segür und die Grafen Tſchernitſcheff und Anhalt. Auch ohne dazu commandirt zu ſein, würden, wie es jetzt geſchah, die am Wege verſammelten Landbewohner ihre Mützen geſchwenkt und aus voller Kehle ihr donnerndes Hurrah ihrer Czarin zugerufen haben, denn der Ruſſe liebt und ehrt ſeinen Landesherrn gleich einer ſichtbaren Gottheit. Auch Donawiews Kinder und Pflegetochter Wanka hatten dem allgemeinen Aufrufe, am Wege der Czarin ſich aufzu⸗ ſtellen, freiwillige Folge geleiſtet, waren aber eine große Strecke weiter vorwärts geeilt, um die Czarin ſammt ihrem Hofſtaat länger und bequemer da zu erſchauen, wo ein kurzer Halt wegen des Pferdewechſelns gemacht wurde. Hier harr⸗ ten, wie auf jeder Station, 560 Pferde auf den kaiſerlichen Reiſezug, daher man ſich einen Begriff von den erſtaunlichen Koſten dieſer Krim⸗Spatzierreiſe machen kann. Für den Fall, daß die Kaiſerin während des Pferdewechſelns ausſteigen und ein Frühſtück zu ſich nehmen könne, war an der Straße ein hölzernes Gebäude eigens zu dieſem ungewiſſen Zweck errichtet worden, deſſen Inneres mit allen Bequemlichkeiten und mit orientaliſcher Pracht ausgeſtattet war. So wie der kaiſerliche Schlitten hier anhielt, ſtimmte die aufgeſtellte Kapelle des Fürſten einen hehren Siegesmarſch an, unter deſſen weithin durch die klare Winterluft ſchallenden Klängen die Kaiſerin ausſtieg, um eine Viertelſtunde lang in dem wohldurchwärmten, ſüß von Ambra duftenden Prachtſaale des hölzernen Palaſtes zu weilen, eine Taſſe Chocolade ein⸗ zunehmen und das Wechſeln der Geſpanne abzuwarten. Welch ein buntes Durcheinandertreiben und Lärmen die ſonſt ſo öde Stätte jetzt belebten! Als Wanka den Wirbel der Pauken vernahm, durchzuckte ſie ein Freudengefühl. „Mein Bruder Alexei iſt da!“ jubelte ſie ihren Pflege⸗ geſchwiſtern zu und drängte ſich durch die wogende Menſchen⸗ menge, um ſich bis zu den Muſikern vorzuarbeiten. Rich⸗ tig! da ſtand Alexei, jetzt ein herangewachſener Burſche von 14 Jahren, und trommelte tapfer auf ſeine Pauken los, welche ein Ruſſe auf ſeinem breiten Rücken feſtgeſchnallt hängen hatte. Obwohl er nicht auf Kohlen, ſondern auf dem kalten Schnee ſtand, ſo hob er doch wiederholt ein Bein um das andere empor, als brenne unter ihm der Boden, und wenn gleich ſeine Hände mit Pelzhandſchuhen bekleidet waren, ſo vermochten ſeine Finger nur mit Mühe die Klöppel zu handhaben. Uebler noch als ihm ergings den andern Muſi⸗ kern, denen die Blechinſtrumente an den Lippen feſt zu frie⸗ ren drohten, und die mit den bloßen Fingern die Schall⸗ löcher und Klappen derſelben ſchließen oder öffnen mußten, wobei es nicht fehlen konnte, daß mancher unreine Ton mit⸗ unter ſich miſchte. Auf den halblauten Ruf ſeiner Schweſter:„Alexei! Alexei!“ wendete dieſer ſein Haupt nach Wanka um und nickte ihr freundlich zu. Zum Glück konnte er den auf⸗ 72 geſpielten Marſch ſchon auswendig und brauchte daher nicht die Pauſen ängſtlich zu zählen. Während einer längeren derſelben reichte er ſeiner Schweſter die Rechte und wünſchte ihr ein Lebewohl. Mehr Zeit blieb ihm nicht übrig. Denn ſo wie die Kaiſerin ihren Schlitten wieder beſtiegen hatte und derſelbe davon glitt, verſtummte auch plötzlich die Muſik. Die Muſiker ſprangen nach ihren drei Wurſtſchlitten, rei⸗ heten ſich hier aneinander und fort jagten ſie der Kaiſerin nach, um ſolche bei dem nächſten Anhaltepunkt wieder mit neuen Klängen zu begrüßen und zu ergötzen. Alekei, der mit ſeinen Pauken den hinteren Zipfel der lebendigen Wurſt bildete, begrüßte nochmals ſeine Schweſter und deren Pflege⸗ geſchwiſter mit Kopf und Hand und bald war die ganze Menſchenjagd aus den Augen der Zurückbleibenden ver⸗ ſchwunden. Die Landleute, welche die Nacht über die Holzſtöße be⸗ wacht und dann angebrannt hatten, verloren ſich allmählig wieder, Donawiews Kinder dagegen verweilten noch, um einem neuen ſonderbaren Schauſpiele beizuwohnen. So wie nämlich der kaiſerliche Troß fort war, wurde der hölzerne Palaſt ſeiner inneren Ausſchmückung beraubt, was mit rei⸗ ßender Eile bewerkſtelligt wurde. All dieſer innere Schmuck nebſt den aufgeſtellt geweſenen Geräthen war von den Kauf⸗ und Handelsleuten nur entliehen geweſen und wurde jetzt von denſelben wieder in Beſitz genommen, weil ſie bei län⸗ gerer Verzögerung befürchten mußten, ganz darum zu kom⸗ men. Daſſelbe Verhältniß und Verfahren fand auf der ganzen Krimreiſe der Kaiſerin Statt und während Potem⸗ kin für die koſtbare Ausſtattung der kaiſerlichen Wohnungen — * 73 anſehnliche Summen in Anrechnung brachte, erhielten die Verleiher die ihnen verſprochene Vergütung niemals aus⸗ gezahlt, mußten vielmehr froh ſein, wenn ſie ihr gebrauchtes, beſchmuztes und beſchädigtes Eigenthum eigenhändig zurück⸗ holen und in Empfang nehmen konnten. Ganz anders und großmüthiger verfuhr der kaiſerliche Hoſſtaat ſelbſt. So oft die Kaiſerin in dem hierzu auserwählten und neu aus⸗ möblirten Hauſe eines ihrer Unterthanen ſpeißte, wurde bei jeder Mahlzeit neues Tafelzeug aufgelegt und nach dem einmaligen Gebrauch dem Hauseigenthümer überlaſſen oder ſonſt verſchenkt. Noch unter dem Ausräumen des Palaſtes waren hundert andere Hände beſchäftigt, das Gebäude ſelbſt abzubrechen, was weit ſchneller als der Aufbau bewirkt wurde. Bald war jede Spur des kurzen, kaiſerlichen Aufent⸗ halts vertilgt und neu fallender Schnee deckte den Ort, wo wenig Stunden vorher die mächtigſte Beherrſcherin nebſt ihrem vornehmen Hofſtaate geweilt hatte. In derſelben Weiſe ging es auf der weiteren Reiſe. Da, wo die Kaiſerin ein Nachtquartier halten ſollte, was nicht immer in einer größeren Stadt geſchehen konnte, war ein beſonderer Holz⸗ palaſt für ſie und ihr zahlreiches Gefolge errichtet und aus⸗ geſtattet worden, der ſpäter ſchneller als er erbaut worden, wieder verſchwand. Welche Summen dieſe Art zu reiſen erforderte! 74 Achtes Kapitel. Alexei. Die drei Wurſtſchlitten mit Potemkins Kapelle waren, da deren Mitglieder bis zur Abfahrt der Kaiſerin muſiciren mußten, die letzten in der langen Reihe geworden. Die Fahrt währte in der bereits beſchriebenen Weiſe fort. Hatte die Kaiſerin einmal Nachtquartier gehalten, ſo brach man erſt früh um 9 Uhr auf, legte 40, 50, höchſtens 60 Werſte zurück und ſpeißte dann zu Wit worauf die Reiſe um 3 Uhr wieder begann, bis man um 7 Uhr Abends anhielt, um entweder nur das Abendeſſen einzunehmen oder Nacht⸗ quartier zu beziehen. Ueberall beſäumten herbeigetriebene Landleute die Fahrſtraße, ſchwenkten oder warfen ihre Mützen in die Luft und erfüllten dieſelbe mit ihrem Hurrahgeſchrei. Bei einbrechender Dunkelheit flammten die Scheiterhaufen auf und verbreiteten ihr weithinglänzendes Licht, in welchem die Landſchaft zauberiſcher als bei Tage erſchien. Des Pferdewechſels wegen machte man kurze Haltepunkte, des Speißens halber längere, und bezog zuletzt das weit hin⸗ ſchimmernde, tauſendfach erleuchtete und prunkvolle Nacht⸗ quartier. Eines Tages hatte man dem jungen Paukenſchläger Alexei ungewöhnlich viel Branntwein eingenöthigt, was bei großer Kälte bekanntlich um ſo ſchläferiger macht. Nicht lange, ſo ſchnarchte Alexei auf der Weiterfahrt und auf dem breiten Rücken ſeines Vordermanns, an welchem er ſich überdieß mit beiden Händen feſthielt. Endlich ward jenem die nicht leichte Bürde läſtig und er machte daher eine abſchüttelnde Bewegung, die einen allerdings unerwarteten Erfolg hatte. Alexei, noch völlig ſchlaftrunken, ſuchte, da er ſeinen vor⸗ deren Stützpunkt verlor, einen ſolchen für ſeinen Rücken, lehnte ſich weiter und weiter zurück und— plumps! über⸗ ſchlug er ſich und ſtürzte über eine, kaum eine Viertelelle hohe Sattellehne, die ihn vor dem Hinabrutſchen bewahren ſollte, vom Schlitten hinab und auf die Landſtraße in den Schnee. Dieſen Salto mortale machte Alexei in ſo ſtiller Beſcheidenheit, daß ſein Vordermann denſelben nicht eher gewahrte, als bis ihm der Rücken zu kälten begann, der ſeither durch Alexeis Pelz und Körper geſchützt geweſen war. Der fürſtliche Muſikus warf einen langen Blick hinter ſich zurück und da er nirgens den verſchwundenen Pauken⸗ ſchläger erblickte, ſo nahm er ſeine vorige Lage wieder ein und ſchwieg als echter Weltweiſer, der das Geſchehene nicht wieder ungeſchehen zu machen vermag, gegen ſeine Kame⸗ raden über Alexeis Verluſt, der demnach erſt bei einem Halte⸗ punkte zur allgemeineren Kenntniß kam. Der Hoppas rücklings vom Schlitten hatte den Alexei weniger ermuntert als der kalte Schnee, welcher ſich in rei⸗ cher Fülle über ſein unbedecktes Antlitz erſchüttete. Müh⸗ ſam in dem dicken Schaafpelze, der ſeinen Leib umgab, ſich emporhaspelnd, erblickte er ſeinen Schlitten bereits in ziem⸗ licher Entfernung dahin eilen. Der Branntwein hatte ſeine Kehle trocken und heiſer gemacht, daher er ſich wiederholt räuſpern mußte, bevor er, dem Schlitten nachlaufend, ſeinen Ruf recht vernehmbar geſtalten konnte. Bald jedoch ſtellte er Laufen und Schreien ein, weil er das Vergebliche davon einſah. Wie durfte er hoffen, ſeinen Kameraden, die ins⸗ geſammt mehr oder minder ſchläferig waren und denen die Klingeln der Pferde vor den Ohren lärmten, ſich vernehm⸗ bar zu machen?! Immer weiter und weiter ward der Zwiſchen⸗ raum, der ihn von der Schlittenreihe trennte, welche ſich wie eine ungeheure Schlange durch die große Schneewüſte dahin wand. Endlich verſchwand ſie ganz bei einer Bie⸗ gung der Landſtraße. Alexei brach jetzt in lautes Weinen aus. Sein erſter, ihm ſchwer auf das Herz fallender Gedanke war:„Wer wird nunmehr die Pauken an deiner Stelle ſchlagen, was gewiß ſchon in der nächſten Stunde oder doch wenigſtens im Laufe des heutigen Tages noch geſchehen mußte? Pauken⸗ ſchläger gab es zwar noch genug unter ſeinen Kameraden, aber— er trug ja die Schlägel in einem dazu beſtimmten Futterale vorn auf ſeiner Bruſt! Mit Holzſcheiten konnte doch niemand auf den Pauken herumtrommeln und die Pau⸗ kenklänge waren ja bei der Muſik, wie ſie die damaligen Ruſſen liebten, ſo nöthig als das Salz in der Suppe. Ha, wenn die Czarin die Paukenſchläge vermißte und ihr Zorn darüber den wackern, ſchuldloſen Kapellmeiſter Apraxin traf! Aprarin, der liebevolle Lehrmeiſter und Wohlthäter Alexei's, der die Tugend der Dankbarkeit von ſeinem ver⸗ bannten Vater geerbt hatte! Dieſes Gedankens voll ſtreifte Alexei ſeinen ſchweren, ihn beim ſchnellen Gehen hinderlichen Pelz ab und hing ihn, deſſen er jetzt weniger als beim Stillſitzen bedurfte, über ſeinen Arm, worauf er raſch dahin trabte. Allein ſo kräftig auch Alexei's hartgewöhnte Natur war, ſo ermüdete dieſe dennoch in dem ziemlich tiefen Schnee, daher er aus 77 dem Trabe in einen ſchnellen Schritt fiel, welcher ſpäter immer langſamer und ſchleppender ward. So war Alexei einige Stunden fortmarſchirt, ohne daß er ein Haus, ein Dorf, einen Ort, ein Fuhrwerk oder einen Menſchen zu Geſicht bekommen hatte. Seinen brennenden Durſt ſtillte der verſchluckte Schnee und auch der ſich einſtellende Hunger war leichter zu ertragen, als die zunehmende Müdigkeit, die bald in Schlafſucht überging. Ein aus dem Schnee hervorragender Stein, neben welchem ein dürrer Vogel⸗ beerbaum eine willkommene Rücklehne darbot, lockte den matten Knaben an ſich, der die Straße verließ und dem Ruheſitze zuſchritt, auf welchem er, nachdem er ſeinen Pelz wieder angezogen und das Antlitz unter demſelben verborgen hatte, ſeinen Sitz nahm und bald feſt entſchlief. Anfäng⸗ lich beängſteten ihn allerlei ſchwere Träume, wobei Apraxin zuerſt die Hauptrolle ſpielte und ſeinetwegen fürchterlich ge⸗ knutet ward. Dann paukte er dicht vor der Czarin, allein die Pauken klangen entſetzlich ſchlecht, und als er ſie näher betrachtete, waren ſie bloß hohle, umgeſtürzte Fäſſer, auf deren Boden er die Klöppel niederfallen ließ. Später kam ſein Bruder Jwan mit einer großen Kalbskeule in der Hand auf ihn zu und bot ihm davon zu eſſen an. Als er aber zugreifen wollte, lief Jwan mit dem Knochen lachend davon. Plötzlich ſah ſich Alexei in Dunkel gehüllt, durch welches eine tief mit Schnee bedeckte Gegend nur in ungewiſſen Um⸗ riſſen hervordämmerte. In weiter Entfernung ſah er ſeinen Vater und ſeine Mutter bis an dem halben Leib hoch im Schnee ſtehen, welche beide abwechſelnd„Alexei! Alexei! komm! komm!“ riefen. Aber vergebens ſtrengte er ſeine Kräfte an, vorwärts zu dringen und ſeine Aeltern zu er⸗ reichen. Immer höher thürmte ſich der Schnee vor ſeinen Tritten auf und nur noch wie aus dem Grabe hervor ertönte der ſchwache, dumpfe Ruf:„Alexei! Alexei! komm!“ Ermat⸗ tet, bis auf den Tod erſchöpft, blieb er endlich liegen, eine beißende Kälte, die, von den Füßen aufſteigend, endlich bis zu ſeinem Herzen drang, raubte ihm die Beſinnung zum Träumen. Er fühlte, wie der kalte Tod ihn faßte und an ſich riß. So ſaß Alexis an den Baum gelehnt und allgemach entwich der letzte Blutstropfen aus ſeinem erblaßten Antlitz. Er war bereits ſteif gefroren wie ein Scheit Holz und ſah und merkte es nicht, daß zwei Wölfe ſchüchtern ſich ihm naheten, ſtutzend mit eingezogenen Schweifen vor ihm ſtehen blieben und, als die Pelzgeſtalt ſich nicht rührte, ſo dreiſt wurden, an dem untern Saume des Pelzes erſt nur zu zupfen, dann aber immer ſtärker und ſtärker zu ziehen. Wenige Augenblicke noch und die ſpitzen Wolfszähne würden dem Froſte die Beute ſtreitig gemacht und den verglimmenden Lebensfunken Alexei's vollens ausgelöſcht haben. Da erſchollen in dem Rücken der erſchreckenden Raub⸗ thiere lautes Peitſchenknallen, Schellengetön und fröhlich lachende Menſchenſtimmen, ſo daß die Wölfe verdrießlich die Flucht ergriffen. Dem Sitze Alexei's gegenüber hielt der letzte einer kleinen, raſch vorüberfahrenden Schlitten⸗ reihe plötzlich an, nicht etwa, weil der Kutſcher den Schlä⸗ fer am Baume erblickt hatte, ſondern weil eine Pelzmütze abſichtlich aus dem offenen Schlitten in den Schnee geworfen worden war. „Ich hole ſie nicht wieder!“ rief, während viele lachende Stimmen erſchallten, eine Frauenſtimme trotzig aus— „ſondern bitte mir dafür deine Pelzhaube aus.“ Und die Entmützte führte, bevor es ihre Nachbarin verhindern konnte, ihre Drohung wirklich aus.„Wenn du mir meine Mütze nicht wieder herzuſchaffſt, ſo ſchicke ich ihr deine Pelzhaube nach.“ Und die Drohende erhob ſich von ihrem Sitze und ſtreckte die Hand, welche die Haube feſthielt, wie zum Wurfe aus. „Halt! brrr! Simonow!“ miſchte ſich eine Manns⸗ ſtimme in den Streit—„Diesmal will ich noch die Mütze herbeiholen, aber dann verbitte ich mir ernſtlich allen fer⸗ neren ſchlechten Spaß. Vermag denn nicht einmal die bit⸗ tere Winterkälte eure Plappermäuler zum Stillſtehen zu brin⸗ gen und eure Hände vor Schabernack zu bewahren?“ Unter dieſen verdrießlich geſprochenen Worten hatte ſich ein Mann aus einer zottigen Bärenkyree gewickelt und ſprang vom Schlitten herab, um die herausgeworfene Frauenmütze herbeizuholen. Deren Eigenthümerin gewahrte, indem ſie dem gefälligen Manne nachblickte, plötzlich Alexei's Geſtalt auf dem Steine. „Heiliger Gott!“ rief ſie erſchrocken aus—„dort, dort ſitzt ein Menſch!“ Alle im Schlitten, Männer und Frauen, richteten ihre Blicke nach dem Baume hin, an welchem Alexei wie eine verſteinte Salzſäule lehnte. Der Mützenholer aber ſprach ruhig:„Der iſt erfroren und werden die Wölfe gar bald nichts mehr von ihm übrig laſſen.“ „Ach, mein Gott!“ fuhr die erſte Sprecherin mitleidig 80 fort—„vielleicht iſt er nur erſtarrt und noch zu retten. Geſchwind, Lubetzkoi, ſieh nach und bringe den armen Menſchen hierher zum Schlitten.“ „Biſt du von Sinnen, Thereſe?“ fragte Lubetzkoi un⸗ willig.„Sollten wir unſer Fahrzeug noch mit todtem Ballaſt beſchweren wollen? Hier haſt du deine Mütze und nun, Simonow, treibe deine Pferde an, daß wir die An⸗ deren wieder einholen.“ „Halt! nicht von der Stelle!“ gebot Thereſe dem Fuhr⸗ mann—„oder ich ſpringe aus dem Schlitten und bleibe hier zurück. Pfui, Lubetzkoi! wegen einer ſchlechten Mütze konnteſt du dich bemühen, aber eines unglücklichen Menſchen willſt du dich nicht annehmen? Pfui! Lubetzkoi! pfui!“ „Schimpfe nicht, Thereſe!“ perſetzte Lubetzkvi—„Wir haben jenen Menſchen aus unſerm Schlitten weder verloren, noch hinausgeworfen wie Anna deine Mütze. Es war ſein eigener Wille, ſich dorthin zu ſetzen und zu erfrieren, darum laſſe man ihm ſeinen Willen. Biſt du von Sinnen? Willſt du den Tod haben vor Schreck und Erkältung, daß du zu dem Menſchen hinläufſt?“ Thereſe antwortete nicht, ſondern eilte auf Alexei los, dem ſie den Pelz vom Antlitz enfernte, während Luhet murrend ihr nachſchritt. „Ach, wie todtenbleich er ausſieht!“ klagte Thereſe— „und noch dazu ein ſo junges Blut! Huh! wie kalt ſich ſeine Marmorwange anfühlt!“ . Lubetzkvi öffnete den Pelz weiter vorn auf der Bruſt des Knaben.„Alle Wetter!“ rief er betroffen aus—„das iſt ja unſeres Gebieters Livree! Das ändert die Sache! * 81 Ha! da findet ſich ein Futteral mit Paukenſchlägeln! Richtig! es iſt einer von Potemkins Mufikern. Aber wie iſt er hier⸗ hergekommen?“ „Frage weniger“— eiferte Thereſe—„und handle mehr. Verſuche, ob du den armen Jungen in's Leben zu⸗ rückrufen kannſt.“ Lubetzkoi erfaßte eine Handvoll Schnee und begann Alexei's Antlitz und Schläfe eifrig zu reiben. „Komm herbei, Simonow!“ rief er dem Kutſcher zu— „und hilf mir den gefrornen Paukenſchläger in den Schlitten tragen. Eben ſchlug er die Augen einmal auf und die Haut röthet ſich wieder.“ Alexei wurde in den Schlitten geſchafft und dort ſeine Auferweckung fortgeſetzt. Als er endlich völlig wieder her⸗ geſtellt war, ſprach Lubetzkoi zu Thereſen:„Nun, biſt du jetzt mit mir zufrieden oder heißts immer noch pfui, pfui?“ „Ja, ſo ſpreche ich noch“— erwiederte Thereſe ſchmol⸗ lend—„denn nicht um Gottes, ſondern um Potemkin's und ſeiner Livree willen haſt du Barmherzigkeit geübt.“ „Es war doch freundlich von mir“— hob eine andere Frauengeſtallt an—„daß ich Thereſens Pelzmütze aus dem Schlitten warf, denn außerdem wäre der Burſche ſammt ſeinen Paukenklöppeln erfroren, oder von den vr ſpeißt worden.“ 3 „Sprich lieber“— verſetzte Thereſe ernſt—„daß Herrgott ſelbſt der Menſchen ſchlechten Spaß zu etwas Gut zu wenden weiß.“ „Thereſe iſt plötzlich zu einem Sitten⸗ und Strafpredi⸗ ger geworden“— ſpottete Lubetzkoi. Potemkin. 6 Alexei aber wurde von ſeiner Retterin veranlaßt, zu er⸗ zählen, auf welche Weiſe er in die Gefahr, zu erfrieren, gekommen ſei. Ueberdies mußte er noch über ſeine Herkunft und ſeine anderen Schickſale Auskunft geben, wodurch er nochmehr das Mitleid der anweſenden Frauenzimmer erregte. „Kannſt du nur die Pauken ſchlagen“— fragte Lu⸗ betzkoi—„und haſt du weiter kein Inſtrument ſpielen ge⸗ lernt?“ „Ei wohl“— antwortete Alexei—„ich blaſe noch die Querpfeife, die Trompete und das Horn.“ „Das paßt vortrefflich“— rief Lubetzkoi—„und nun freue ich mich erſt aufrichtig unſeres an dir gethanen Fundes.“ Die Fahrt ging nun raſch weiter, um die übrigen Schlit⸗ ten einzuholen, welche theils mit Menſchen, theils mit Gepäck von beſonderer Art beladen waren. Am Abend gelangte der Zug in ein Städtchen, in deſſen geräumigem Gaſthof Nachtquartier aufgeſchlagen wurde Nach dem Abendeſſen ließ Lubetzkoi die große Gaſtſtube von den aufgeſtellten Geräthen räumen und zahlreiche Kienfackeln aufſtellen. Alexei erhielt eine Flöte und ein Notenblatt eingehändigt und ein ſchon bejahrter, mürriſch blickender Mann nahm mit einer Geige an ſeiner Seite Platz. Zwölf Tanzpaare ordneten ſich nach Lubetzkoi's Anleitung und es begann ein Tanz, der einem wohl einſtudirten Ballet glich. Lubetzkoi, den Tanz⸗ oder Balletmeiſter vorſtellend, fand Manches zu tadeln, weshalb ehrere Bewegungen wiederholt werden mußten. „Da bin ich unter ein wunderliches Volk gerathen“— ſprach Alexei zu ſich ſelbſt.„Fährt von Petersburg weit her in dieſes elende Neſt, um wie die Böcke herumzuſpringen! 83 Oder thun ſie es, um die Kälte aus ihren Gliedern zu ver⸗ treiben? Hm! ich glaube, es wäre mir ebenfalls dienlich, wenn ich nach meinem heutigen Schlafe im Freien durch Tan⸗ zen zum Schwitzen gebracht würde. Zuweilen überläuft mich noch immer die kalte Gänſehaut.“ Thereſe, eine Jungfrau von etwa 26 Jahren, welche über ihre Gefährtinnen ein gewiſſes Anſehen behauptete, ſchien Alexei's heimliche Rede verſtanden zu haben. Sie kam bei einer Pauſe auf die beiden Spielleute los und ſagte zu dem mürriſchen Geiger:„Waſſilew, kratze einen luſtigen Koſaken auf. Ich will ihn mit dem Jungen hier tanzen, damit ihm der letzte Ueberreſt von Froſt aus den Gliedern vertrieben werde.“ Alerei, welcher noch nie getanzt hatte, machte tolle Sprün⸗ ge ſeiner Tänzerin gegenüber. Mehr wie einmal trat er ihr mit ſeinen derben, dicken Stiefeln auf die Füße, daß ſie vor Schmerz hätte aufſchreien mögen. Allein ſie verbiß denſelben vor Freude, das vorher todtenbleiche Antlitz des von ihr Geretteten wieder in der Röthe und dem feuchten Glanze des zurückgekehrten Wohlſeins vor ſich zu ſehen. Seit lan⸗ ger Zeit fühlte ſich Thereſe wieder einmal recht glücklich und ſchlief mit einem ſeligen Lächeln ein, denn ſie hatte eine gute That vollbracht. 6* 84 Reuntes Aapitel. Fortſetzung der Krimreiſe. Die Fahrt mit den Schlitten, bei welcher Alexei ſich befand, währte ohne längere Unterbrechungen eine volle Woche fort. Endlich gelangte man zu einer anſehnlichen Stadt mit hohen Feſtungsmauern, überwölbten Thoren und zahl⸗ reichen Thürmen. Es war Smolensk, wo die Kaiſerin bereits vor einigen Tagen angekommen war. Deren Aufenthalt dauerte hier länger als der Reiſeplan erſt beſtimmt gehabt hatte. Die Urſache hiervon war eine Halsentzündung, welche einen Günſtling der Kaiſerin befallen hatte, deren Beſeiti⸗ gung die Letztere erſt abwarten wollte. Da die erforder⸗ lichen Pferde auf jeder Station vorausbeſtellt worden waren und nun mehrere Tage unbenutzt warten mußten, ſo machte das einen Wehrfat der Reiſekoſten von täglich 5000 Ducaten! Obgleich Thereſe ihren Schützling und Lubetzkvi ſeinen kleinen Flötiſten gern länger noch bei ſich geſehen hätten, ſo beeilte ſich Alexei dennoch in Smolensk, die fürſtlichen Mu⸗ ſiker, ſeine Kunſtgenoſſen aufzuſuchen. Allein er vernahm, daß ſie bereits ſchon wieder aufgebrochewänd der Kaiſerin vorausgeeilt wären. Während Alexei hierüber betrübt war, bezeigten Thereſe und Lubetzkoi ihre Freude über ſeine Rück⸗ kehr und auch die übrigen Reiſegefährten ſahen den dienſtfer⸗ tigen Knaben gern wiederkommen. Von Smolensk ging es nach Kiew, wo die Kaiſerin wärmere Witterung abwartete, um ihre Weiterreiſe zu 85 Schiffe auf dem Dnieprſtrome fortſetzen zu können. Auch in Kiew ſuchte Alexei vergeblich ſeine Kapelle, die wie von der Erde verſchwunden zu ſein ſchien. Während der An⸗ weſenheit der Kaiſerin folgte Feſt auf Feſt. Potemkin war überall, um ſeine Gebieterin mit tauſend Fäden zu um⸗ ſpinnen und ſie glauben zu machen, daß in ihrem uner⸗ meßlichen Reiche der Wohlſtand unter allen Volksſchichten blühe und ſie die Beherrſcherin eines glücktichen Volkes ſei. Während er die Kaiſerin mit rauſchenden und glanzvollen Vergnügungen umgab, ließ er zu gleicher Zeit rieſige Bauten und andere Anſtalten für die Weiterreiſe der Kai⸗ ſerin ausführen. Unter Anderem wurden, was bisher die lauteſten Klagen aller Schiffer und die Bitten aller Kauf⸗ leute und Gewerbtreibenden nicht erlangt hatten, die der Schifffahrt hinderlichen Felſen im Dniepr mit Pulver hin⸗ weggeſprengt und die ſchönſten Landſtraßen nach und in der Krim, wo vorher die Fuhrwerke oft im Moraſt ſtecken ge⸗ blieben waren, wie durch einen Zauberſchlag erbaut. Nach⸗ dem aber die Kaiſerin dieſe Straßen einmal zurückgelegt hatte, wurden ſie wieder gänzlich vernachläſſigt, daher unbrauchbar und die darauf verwendeten, großen Summen auf dieſe Art vergeudet. Während die Kaiſerin in Kiew weilte, führte ihr Po⸗ temkin eines Tages ſein ſchönes Cüraſſierregiment im vollen Schmuck und in ſchönſter Parade vor. Wohl war es ein herrlicher Anblick, dieſegrieſigen Krieger im Panzer und die prächtigſten, ſtärkſten Roſſe reitend, in langen Linien, wie mit dem Richtſcheite gezogen, vorüberziehen zu ſehen, ihre im gleichen Zeitmaße ausgeführten Bewegungen zu beob⸗ 86 achten und die kriegeriſchen, hehren Klänge eines zahlreichen Trompeterhaufens zu vernehmen. Als Potemkin nach vollzogener Heerſchau, die ihm das volle Lob ſeiner Gebieterin eintrug, zu derſelben in's Zim⸗ mer trat, fand er die Kaiſerin in der Betrachtung eines vor ihr ausgebreiteten, blitzenden Brillantenſchmucks begriffen, den ein Armenier ihr zum Kauf angeboten hatte. „Schau' her, Großadmiral,“— redete ihn die Herrin gnädig an—„du verſtehſt dich ja auf den Diamanten⸗ handel. Sind dieſe Steine 92,000 Rubel werth, für welche man mir das Ganze angetragen hat?“ Wie erſtaunte Potemkin, als er, bei genauerer Beſich⸗ tigung des Schmucks, denſelben als denjenigen wiederer⸗ kannte, den er vor Jahren in St. Petersburg von dem Juwelier Bergmann erhandelt, aber nicht erhalten hatte. Er konnte ſich nicht irren, indem nicht nur die Zahl der Schmuckſachen, ſo wie deren Faſſung, ſondern vornehmlich zwei ſeltene Onipſteine von wundervoller Schönheit in den beiden Armbändern zutrafen. „Ha! er iſt es wirklich!“ rief der Fürſt voll Erregung aus. „Was willſt du mit deinem Ausrufe ſagen?“ fragte die Herrin neugierig. „Denſelben Schmuck, genau wie er hier vorliegt“— erwiederte Potemkim—„erhandelte ich vor mehreren Jahren in St. Petersburg von einem dortigen Juwelier. Ein Tölpel von Arbeiter jedoch warf ein volles Tintenfaß über das vffene Futteral hin, beſudelte den Schmuck und zerbrach überdieß einen Ohrreif, ſo daß ich den Schmuck in „— 87 des Juweliers Händen zurücklaſſen mußte, damit der Schade beſeitigt würde, wozu ich 24 Stunden Friſt anbe⸗ raumte. In der nächſten Nacht verſchwand jener Arbeiter ſammt dem Schmuck und alle meine Nachforſchungen nach dem letztern blieben vergeblich. Ich, als der Betrogene, hatte das leere Nachſehen. Erlaube mir Ew. kaiſerliche Majeſtät; daß ich dieſen Mann befrage, auf welche Weiſe und woher der Schmuck in ſeine Hände gekommen ſei.“ Die Kaiſerin ertheilte ihre Zuſtimmung und der höch⸗ lich beſtürzte Armenier berichtete auf Potemkins Fragen, daß er den Schmuck in der rechtlichſten Weiſe von einem Juwelier in Moskau und zwar vor einem Jahre ſchon er⸗ kauft habe und ſolches durch die dafür erhaltene und quittirte Rechnung beweiſen könne. „Welcher iſt der Name des Verkäufers?“ forſchte Po⸗ temkin. „Michel Abramſon,“— antwortete der Armenier. „Haſt du,“— fuhr Potemkin ſtrenge fort—„icht zu jener Zeit, als mir der Schmuck entwendet wurde, den Diebſtahl in den Zeitungen angezeigt, den Schmuck genau beſchrieben und die auf deren Zurückerſtattung ausgeſetzte Belohnung aufgefunden?“ „Nichts habe ich geleſen,“— erwiederte der Armenier zitternd und erblaßt—„auch bin ich zu jener Zeit im Orient heimiſch geweſen und habe mich erſt ſeit Jahresfriſt unter den milden Scepter der glorreichſten Beherrſcherin aller Reuſſen begeben. Forſche nach, o Fürſt, und du wirſt von allen Seiten die Wahrheit meiner Ausſage beſtätigt erhalten. Meine ganze Habe nicht nur iſt in dem Schmuck 88 enthalten, ſondern auch die meiner Gläubiger. Ich bin Familienvater und beſitze acht lebendige Kinder. Darum, o Fürſt und Herr, verhänge über mein Haupt kein Unge⸗ witter deines Zorns.“ Der Armenier warf ſich hier der Kaiſerin zu Füßen und flehte ſie um ihre Fürſprache und Gnade an. „Nimm deinen Schmuck, Großadmiral“— ſprach die gütige Monarchin—„und behalte ihn zum Andenken an den heutigen Tag, wo du mir ſo große Freude und dir ſo viele Ehre mit deinem Regiment gemacht haſt. Der Ar⸗ menier ſoll ſeine Bezahlung aus meiner Schatulle erhalten.“ Potemkin dankte ſeiner Monarchin für das koſtbare Geſchenk mit kurzen Worten, während der neugeborene Ar⸗ menier in die ausſchweifendſten Lobeserhebungen ausbrach und unter wiederholten Segenswünſchen das kaiſerliche Zimmer verließ. So war Potemkin doch noch auf eine ganz unerwartete Weiſe und ohne Bezahlung zu dem Schmuck gekommen! Demohnerachtet nahm er ſich vor, der Sache weiter nachzu⸗ ſpüren und namentlich den angeblichen Verkäufer in Moskau einem ſtrengen Verhör zu unterwerfen. Es war ihm hierbei nicht etwa darum zu thun, des armen nach Sibirien ver⸗ bannten Iffinitz Schuldloſigkeit an's Tageslicht zu fördern, ſondern blos, um an dem eigentlichen Dieb des Schmucks die empfindlichſte Rache nachträglich noch zu nehmen. Da der Fürſt ſelbſt mit Geſchäften jetzt überhäuft war, ſo übertrug er das Nachſpüren ſeinem erſten Kammerdiener Hadanow, einem liſtigen und ganz zu dieſem Zweck geeigneten Mann. Derſelbe verſchaffte ſich von dem Armenier die Quit⸗ 89 tung über den in Moskau erkauften Schmuck und ſendete ſolche zu Erforſchung des Ausſtellers an einen ſeiner Bekann⸗ ten nach Moskau. Zu den Zerſtreuungen und Feſtlichkeiten, welche der Kai⸗ ſerin zu Ehren angeſtellt wurden, gehörte eine Geſandtſchaft der Kirgiſen, eines wilden Nomadenvolks, welche kam, um der Kaiſerin die Unterwerfung und tiefe Ergebenheit jenes Volkes darzubringen. Faſt die geſammte Einwohnerzahl Kiews war auf den Füßen, um den Außzug dieſer wilden, ſonderbar gekleideten und bewaffneten Männerzu ſehen. Auch Alerei durfte mit Lubetzkois Erlaubniß unter die Zuſchauer ſich miſchen. Nun, eben ſchön nahmen ſich die Kirgiſen in ihren hohen, zugeſpitzten Filzmützen mit den langen, hinten hinabhängenden Enden und breiten Krempen, in ihrer ſack⸗ ähnlichen Tracht, mit ihren Piken, Bogen und Pfeilen nicht aus, obſchon ſie ihren beſten Staat angelegt hatten und mit allerlei Stickereien und ſilbernen Zierrathen beladen waren. In dem Augenblick, wo die Spitze des Kirgiſenzuges durch die geöffnete Menſchengaſſe bei Alexei anlangte, erkannte dieſer in einem der Vornſtehenden der gegenüberbefindlichen Menſchenmenge ſeinen Bruder Jwan, welcher die auszeich⸗ nende Kleidung der fürſtlichen Küchenleute trug. Der Gefahr, überritten zu werden, nicht achtend, ſprang Alerei vor und zwiſchen den Pferden der Kirgiſen hindurch und fiel unter dem lauten Freudenrufe:„Jwan! Bruder Jwan!“ demſelben in die Arme. Jwan, gleichfalls hoch erfreut über das unverhoffte Zuſammentreffen mit ſeinem Bruder, er⸗ wiederte innig deſſen Umarmung, allein in der nächſten Secunde löſete er ſeine umſchlingenden Arme von ab, 90 ſtreckte ſie empor und richtete unter dem freudig erſchrockenen Rufe:„Vater! Vater!“ ſeine Augen vom Bruder hinweg, der nun ſeinerſeits ſich umdrehte und ganz dieſelbe Bewe⸗ gung, ſo wie den Ausruf Jwans nachahmte. Beides galt einem von den Kirgiſen, welcher ſein Pferd vor dem Brüderpaare angehalten hatte und es mit einem betroffenen Blick anſtarrte. So wie aber der Doppelruf: „Vater! Vater!“ erſcholl, zuckte es in ſeinem Geſicht, er ſpornte ſein Roß und eilte im ſchnellen Trabe ſeinen vor⸗ ausgerittenen Begleitern nach. Ju unausſprechlicher Beſtürzung blickten Alexei und Iwan ſich gegenſeitig an. Nach einer ſtummen Pauſe hob Jwan voll Zerknirſchung an:„Gewiß, es war unſer Vater! Zu gut erinnerlich iſt mir der Blick, den er auf uns Kinder heftete, wenn er uns recht lieb hatte. Und wenn er es nicht geweſen wäre: warum hätte er ſein Pferd vor uns ange⸗ halten und uns unverwandt angeſchaut?“ „Du haſt Recht, Jwan,“— verſetzte Alexei traurig— „aber wie käme unſer Vater unter die wilden Kirgiſen? Wie aus Sibirien und aus der Gefangenſchaft hierher? Und warum wäre er ohne ein freundliches Wörtlein oder einen Gruß wieder davon geritten?“ „Kann er der Verbannung nicht entronnen ſein?“ ant⸗ wortete Jwan.—„Wenn dem ſo wäre, ſo muß er ſich freilich ſo ſtellen, als kenne er uns nicht, weil er ſonſt gewiß wieder feſtgenommen würde.“ „Wir wollen warten,“— ſprach Alexei—„bis die Geſandtſchaft von der Czarin zurückkommt, dann wollen 2 wir beide recht aufpaſſen, ob es wirklich unſer Vater iſt oder nicht.“ Damit ihnen der ſehnlich erwartete Anblick der Kirgiſen nicht vereitelt werden könne, näherten ſich die Brüder dem kaiſerlichen Palaſtthore ſo viel, als ſie dieß durften. Mit welcher Spannung ſie hier verweilten! Mit verſengenden Blicken durchmuſterten ſie die von der Kaiſerin reich be⸗ ſchenkten und huldvoll entlaſſenen Kirgiſen. Aber das erſehnte väterliche Geſicht entdeckten ſie nicht wieder unter den fröhlich ſchwatzenden, langbärtigen Fremdlingen, welche erſt im raſchen Trabe und ſpäter im ſauſenden Galopp die Stadt verließen und ihren Heimweg antraten. Schmerzlich getäuſcht in ſeiner freudigen Hoffnung ſtand das Brüderpaar da und blickte bald der ſchnell ſich ent⸗ fernenden Staubwolke nach, bald rathlos ſich gegenſeitig an. Nachdem Alexei und Jwan ihre nutzloſen Klagen beendigt hatten, erzählte Alexei ſeine bisher erlittenen Schickſale und die beſtandene Gefahr. Noch ſprachen die Brüder mit⸗ einander, Kiews Straßen in brüderlicher Vereinigung dahin ſchlendernd, als Hadanow, des Fürſten Kammerdiener, ihnen in den Weg trat und ihm zu folgen ſie aufforderte. Nachdem ſie in Hadanows Wohnung angelangt waren, nahm dieſer ſie in's Verhör. „Ihr ſeid beide“— hob er an—„wie eure Kleidung ausweiſet, in uuſers Fürſten Dienſten, du in der fürſtlichen Küche und du in der Kapelle angeſtellt. Wie aber kommt es, daß ich dich hier ſehe, da doch die geſammte Kapelle längſt ſchon von hier wieder fort iſt?“ erzählte hierauf, in welcher Weiſe er van en „ 92 Genoſſen getrennt worden war.„Ich entſinne mich“— verſetzte Hadanow—„daß Aprarin von dem Verlorengehen ſeines kleinen Paukenſchlägers dem Fürſten eine Meldung gemacht hat.“ Der Kammerdiener fragte nun nach der Herkunft der beiden Brüder, nach dem Schickſale ihrer Aeltern und nach der Art und Weiſe, wie ſie in Potemkins Dienſte gelangt waren. Alerei und Jwan berichteten mit aller Treue und ohne Rückenhalt, was Hadanow zu wiſſen begehrte. Endlich ſprach Hadanow unerwartet die Frage aus: „Ihr erkanntet vorhin in einem der Kirgiſen euren ver⸗ bannten Vater wieder?“ Dieſe Worte verſetzten die Brüder in keine geringe Be⸗ ſtürzung, denn der natürliche Inſtinkt ſagte ihnen, daß ihrem Vater, dafern er es wirklich geweſen war, eine Gefahr aus ihrer Antwort erwachſen könnte. Nicht frei von Ver⸗ legenheit ſprach daher Jwan jetzt:„Ja, wir glaubten unſern lieben Vater in dem Kirgiſen wiederzuerkennen, und gewiß ſahe er ihm auch recht ähnlich. Aber er kann's nicht geweſen ſein“— Jwan zog ein weinerliches Geſicht und ſeine Stimme zitterte—„denn ſonſt wäre er nicht, ohne Gruß und ohne ein Wort zu ſagen, davon geſprengt.“ „Du haſt ebenfalls die große Aehnlichkeit des Kirgiſen mit deinem Vater wahrgenommen?“ fragte Hadanow mit einem lauernden Blick Alexei. „Weil mein Bruder„Vater! Vater!“ ſchrie“— er⸗ wiederte Alexei—„ſo dachte ich auch, daß er es ſein müßte, und ſchrie mit. Außerdem hätte ich ihn vielleicht nicht ſo ähnlich befunden.“ 4 93 Hadanow that noch manche Fragen in die Kreuz und Quere. Dann entließ er die Brüder, die er von nun an genau beobachten ließ. Lubetzkoi, der als Balletmeiſter gleichfalls in Potemkins Dienſten ſtand, erhielt auf ſein Anſuchen die Erlaubniß, noch länger den Alexei als unent⸗ behrlichen Flötiſten bei ſich behalten zu dürfen. Nach kurzem Zuſammenleben mußten ſich die Brüder abermals trennen, indem Alexei mit ſeiner Geſellſchaft den Landweg, Jwan dagegen im Gefolge Potemkins den Waſſerweg einſchlagen ſollte. Denn von Kiew an gedachte Potemkin erſt recht ſeine Gaukeleien in Ausführung zu bringen, um die Kaiſerin glau⸗ ben zu machen, daß er die empfangenen Millionen für das Wohl des Landes, insbeſondere aber für den Anbau Tauriens wirklich verwendet habe. Zehntes Kapitel. Täuſchereien. Eine Flotte von 50 Flußſchiffen, darunter 7 prachtvolle, mit allen erſinnlichen Bequemlichkriten ausgeſtatteten Galee⸗ ren, welche ſchwimmenden Paläſten ähnelten, lag in Kiew vor Anker, um die Kaiſerin nebſt ihrem zahlreichen Gefolge aufzunehmen und auf den Wogen des Dniepr weiter nach Taurien zu befördern. Der Frühling mit ſeinen lauen Lüften, mit dem Erwachen der ganzen Natur, mit ſeinen Blumen, Blüthen, ſüßen 94 Düften und ſeinem Vogelgeſange war endlich herbeige⸗ kommen. Welche Vor⸗ und Zubereitungen, welche Maſſe von ein⸗ geſchifften Vorräthen aller Art, welches Dienerheer, welches Menſchengewühl, als die Kaiſerin die für ſie beſtimmte Ga⸗ leere beſtieg! Man hätte meinen ſollen, daß es einer Welt⸗ umſegelung gälte, ſo große und anhaltende Vorkehrungen waren getroffen worden. Das Zeichen zur Abfahrt erfolgt. Donnernd ſchickten die Geſchütze am Ufer ihre Abſchieds⸗ grüße herüber. Das Hurrahgeſchrei der Bevölkerung miſchte ſich darein und die leichten Schiffskanonen gaben den Gruß zurück. Unter den fröhlich wiederhallenden Mufikklängen der fürſtlichen Kapelle, welche nach Kiew zurückberufen worden war und auf einem Schiffe der kaiſerlichen Galeere nach⸗ ſchwamm, erhoben deren hundert neu und buntgekleideten Ruderknechte ihre langen Ruder und ſenkten ſie nach dem Takte in die Fluthen des Dniepr, daß deſſen aufgerüttelte Wogen ſchäumend gegen die Ufer anpeitſchten. Es wehten die bunten Wimpel an den mit Blumengewinden verzierten Maſtbäumen und Kiel auf Kiel ſchnitt rauſchend durch die Wellen dahin. Nimmer wieder ſah der Dniepr eine ſolche zahlreiche, prachtvolle und ſtolze Flotte auf ſeinem naſſen Rücken. Bei dem weiteren Vordringen der Schiffe erblickten deren Inſaſſen zu beiten Seiten der lachend grünen Ufer die net⸗ teſten, neugebauten Dörfer mit ſchlanken Kirchthürmen. Bei der Annäherung der kaiſerlichen Flotte eilten die feſtlich ge⸗ kleideten Dorfbewohner unter lautem, frohem Jubel an das Ufer herbei, begrüßten mit Freudenrufen ihre Herrſcherin, 95 führten unter den Klängen der Schalmeien, Flöten und Hörner ihre Nationaltänze in kunſtgerechter Weiſe aus, wäh⸗ rend Andere liebliche Sangweiſen ertönen ließen, bis zuletzt ſich Alle vereinigten, um der Kaiſerin ihre Huldigung inſo⸗ fern darzubringen, daß die Tänzer und Tänzerinnen ihre Blumengewinde, und die Sänger und Sängerinnen ihre Blumenſträuße ins Waſſer warfen und mit einem vielſtim⸗ migen Hurrahrufe von der Czarin Abſchied nahmen. Ein derartiges Schauſpiel wiederholte ſich auf der langen Fluß⸗ reiſe noch unzähligemal. Doch nicht allein Dörfer, ſondern auch nette Landhäuſer, kunſtvoll gebaute Schlöſſer und male⸗ riſch gelegene Städte zeigten ſich den Vorüberfahrenden in bald größerer, bald geringerer Entfernung. Außerdem weideten zahlreiche Viehheerden auf den ſammetnen Wieſen des Uferrandes, deren Hirten ihre Schalmeien gleichfalls zu Ehren der Kaiſerin erklingen ließen und ſie mit Segnun⸗ gen überſchütteten. Die gute Kaiſerin! Wie fühlte ſie ihr Herz vor Freude ſchwellen, die Herrſcherin über ein ſo zahlreich bevölkertes, fruchtbares, reich bebautes Land, über wohlhabende, glück⸗ liche und ihre Regierung ſegnende Unterhanen zu ſein! Wie hoch Potemkin, der in ihrem Auftrage Alles dieß ſo gelun⸗ gen ausgeführt hatte, zu ihrer Gunſt ſtieg! Bis hierher hat der Leſer unter den Zuſchauern im Thea⸗ ter und demnach vor den Couliſſen geſeſſen. Jetzt wolle er einmal hinter die Couliſſen ſchauen, um die Wahrheit, welche leider ſo oft den Fürſten und Monarchen verborgen bleibt, zu erkennen. Da das Schauſpiel auf dem Lande ausgeführt ward, ſo muß ſich der Leſer dorthin verſetzen laſſen. Die kaiſerliche Flotte war bei einem Dorfe nebſt deſſen ſo glücklichen Bewohnern, bei den weidenden Heerden und ſchalmeienden Hirten vorübergefahren. Sofort kehrten die tanzenden und ſingenden Landleute in ihr Dorf zurück, das plötzlich durch ein Erdbeben verſchlungen oder vernichtet zu werden ſchien. Erſt ſchwankte der ſchlanke ſchmucke Kirch⸗ thurm ein paarmal hin und her, dann ſtürzte er ſammt der ganzen Kirche zu Boden, ihr nach die übrigen Gebäude. Eben ſo erging es den Landhäuſern, Schlöſſern und Städten. In aller Eile wurden ihre Beſtandtheile, welche aus über⸗ malter Leinwand, Pappe und Holzlatten beſtanden, auf bereit⸗ ſtehende Wagen geladen und landeinwärts gefahren, um die ganze Gaukelei noch vielemal und mit einigen Abänderungen anderwärts zu wiederholen. Andere Wagen wurden mit den Ballettänzern, Ballettänzerinnen, Sängern und Sängerin⸗ nen, mit den ländlichen Muſikern, unter denen ſich auch Alexei befand, befrachtet und weitergeſchickt. Ueber dieſe Alle führte Lubetzkoi die Oberaufſicht. Andere Beamte waren mit dem Zuſammen⸗ und Forttreiben der wirklichen Land⸗ leute, denen Potemkin zu dieſem Zweck neue Kleider hatte anfertigen laſſen, beauftragt. Dieſe Aermſten waren zum Theil aus einer Entfernung von 40 Meilen hergetrieben worden. Sobald die Kaiſerin vorüber gefahren war, mußten ſie in der größten Eile die gemalten Dörfer verlaſſen und weiter jagen, um wieder neue zu erreichen. Dieſe Hetzjagd währte ſelbſt in den Nächten fort, damit bei Tagesanbruch die erſt in weiter Entfernung errichteten Couliſſen wieder bevölkert werden konnten. Dafür erhielten die ſo geplagten Menſchen nicht die geringſte Entſchädigung; viele von ihnen 97 überließen ſich der Verzweiflung und kamen elendiglich um. In gleicher Weiſe erging es den Viehheerden, die das an⸗ haltende, raſche Treiben noch weniger als die Menſchen aus⸗ hielten und daher in großer Menge hinſtarben. Ach wie viel und großes Elend die kaiſerliche Vergnügungsreiſe in ſich barg! Wenn das Catharina II. gewußt hätte! Ganz Europa erfuhr dieſe Spiegelfechtereien Potemkin's, nur diejenige, um welcher willen ſie ausgeführt wurden, blieb darüber in Unwiſſenheit. Die geſchickteſte unter den Ballettänzerinnen, Thereſe, nahm ſich Alexei's wahrhaft mütterlich ſorgend an, ſo daß ſie lieber ſelbſt Noth litt als ihren Pflegling entbehren ließ. Drei Tage und eben ſo viele Nächte hindurch war die Truppe von Kiew ſchon unterwegs, um ihre Spiegelfechtereien aus⸗ zuführen. In der dritten Nacht verbrachte Lubetzkoi's Schau⸗ ſpielertruppe in dem Gaſthauſe eines Städtchens einige Stun⸗ den in Saus und Braus, wobei der ſüße und berauſchende Meth im Uebermaaße und als Schadloshaltung für des Tages Laſten und Mühen genoſſen wurde. Alexei hingegen ſchlief während dem auf dem einen Wagen, wo ihm Thereſe ein weiches und warmes Lager bereitet hatte. Anfänglich hatte ihn der laute, wüſte, aus dem Hauſe ſchallende Lärm ſeiner zechenden Genoſſen am Einſchlafen behindert, jedoch bald ſiegten hierüber des Knaben Müdigkeit und das Bedürfniß der Natur. Eiſenfeſt war ſein Schlaf geworden und liebliche Träume umgaukelten ihn, wobei ſein geliebter Vater, als Kirgiſe verkleidet, die Hauptrolle ſpielte. Alerei durfte ſei⸗ nes Vaters ſpitzige Filzmütze auf ſein eignes Haupt ſtülpen, mit Pfeil und Bogen ſchießen und mit der Lanze 8 einem Potemkin. 98 Ziele werfen. Dabei ſtrich ihm ſein Vater mit der Hand ſtreichelnd über das Haupthaar und die Stirn, bis auf das Kinn herab, und ſprach ſeine Freude über ſeines Sohnes gutes Anſehen und ſein ſchnelles Wachſen aus. Endlich war es, als berührten zwei warme Lippen leiſe ſeinen Mund und die Stirne, ja ſelbſt ein heißer Tropfen, wie eine ge⸗ weinte Thräne, brannte auf ſeiner nachtkühlen Wange und rann langſam dieſelbe hinab. Und eine, ach ſo wohlbekannte, liebe Stimme flüſterte leiſe und mit tiefer Innigkeit:„Mein Kind! mein Alexei!“ Da rief der Knabe laut, indem er haſtig emporfuhr: „Meine Mutter! Mutter! hier bin ich!“ Die Augen hell aufſchlagend, ſah Alexei in der nächt⸗ lichen Dunkelheit die Umriſſe von drei Geſtalten, einer männ⸗ lichen und zweier weiblichen, die ſich über ihn weggebeugt hatten und von denen zwei ſich raſch zurückzogen. „Ich bins, Thereſe!“ ſagte dieſe lächelnd—„und kam, dich zu wecken, weil ſogleich die Anderen kommen und ihren Platz auf dem Wagen einnehmen werden. Haſt du von deiner Mutter geträumt, weil du ſie ſo zärtlich rufteſt?“ „Geträumt?“ verſetzte Alexei kopfſchüttelnd—„O nein! denn ich fühlte ja, wie meine Mutter mich zweimal küßte, mich ihren Alexei nannte und eine Thräne auf mein Geſicht niederfallen ließ. Ha! meine linke Wange iſt noch naß davon. Auch meinen Vater habe ich wiedergeſehen. Wo'“— der Knabe blickte forſchend umher—„wo ſind die beiden hin, die noch mit dir zugleich bei mir waren? Ach, es waren mein Vater und meine Mutter und nun ſind ſie wieder verſchwun⸗ den! Was habe ich ihnen denn zu Leide gethan, daß ſie von 99 mir fliehen?“ Die letzteren Worte ſprach Alexei bitterlich 3 weinend und es war ihm, als antwortete ihm aus einiger Entfernung ein unterdrücktes Schluchzen. „Jene beiden“— antwortete Thereſe mit etwas unſich⸗ rer Stimme—„waren nicht deine Aeltern, ſondern zwei Landleute, die mir halfen, dich aus deinem Todtenſchlafe zu erwecken. Woher und wie könnten deine guten Aeltern hier ſich zeigen, da ſie, wie du weißt, in dem weit entfernten Sibi⸗ rien weilen? Doch, da wir jetzt noch allein und unbelauſcht ſind, ſo will ich dir entdecken, daß ich nicht blos deine Freun⸗ din, ſondern auch deine nahe Verwandte bin. Deine Mutter iſt meiner Mutter jüngere Schweſter und ich bin ſo gut wie du Potemkins Leibeigene. Bei einem ländlichen Feſte ſah mich Lubetzkoi tanzen und da er glaubte, daß ich hierbei beſondere Geſchicklichkeit und Anmuth zeigte, ſo bewog er den Fürſten, mich unter die Zahl ſeiner Ballettänzer aufzu⸗ nehmen. Unter Weinen und Wiederſtreben wurde ich meinen geliebten Aeltern, meiner Heimath, meinen Freundinnen und — meinem ganzen Lebensglück entriſſen und zur Ballettänze⸗ rin herangebildet, die jetzt, wie meine Gefährtinnen, ein un⸗ glückliches Geſchöpf iſt, das einer noch freudenloſeren Zukunft entgegengeht, dafern nicht der Tod vorher ſchon meinen tiefen Harm endet. Daß ich zu deiner Retterin wurde, iſt der einzige Lichtblick in meiner langen Leidenszeit und dieſes hat mich mit meinem Schickſal einigermaßen ausgeſöhnt. Jetzt habe ich nur den einen brennenden Wunſch, Potemkins ſcham⸗ loſe Betrügereien und Gaukelſpiele unfrer Czarin aufzudecken. Doch, wie ſoll mir das gelingen, nachdem der mächtige Günſtling der Czarin ſchon an der gleichen Abſicht geſcheitert 7* 100 5 Aber, Alexei, wenn du nicht mein und dein Unglück willſt, ſo ſchweige unverbrüchlich über Alles, was ich dir ſo eben anvertraut habe, ſelbſt deinen gehabten Traum, in welchem du deine Aeltern wieder geſehen haben willſt, denn wiſſe, daß Potemkin dich genau überwachen läßt, ſeitdem du und dein Bruder in jenem Kirgiſen deinen verbannten Vater hatten wieder erkennen wollen.“ Der arme, in ſeiner liebſten Hoffnung getäuſcht ſich ſehende Knabe gelobte mit Hand und Mund die tiefſte Ver⸗ ſchwiegenheit und verließ ſeine Lagerſtätte, die bald von den luſtig lärmenden und berauſchten Genoſſen in Beſitz ge⸗ nommen wurde. In den größeren Städten, welche die Kaiſerin auf ihrer Luſtfahrt berührte, wandelten ſich unſere bäueriſchen Tänzer und Sänger in eine Ballet⸗ und Sänger⸗ truppe um, welche bei den vor der Kaiſerin aufgeführten Schauſpielen und Opern mitwirkte. In der Stadt Kaniew erwartete der polniſche König, Stanislaus Auguſt Poniatowsky, die Kaiſerin, um der⸗ ſelben ſeine Unterwürfigkeit und ſeine Ehrfurcht zu be⸗ zeigen. Denn dieſer Monarch war eher ein Vaſall des ruſſiſchen Reichs als ein ſelbſtſtändiger Herrſcher. Als ſei der König ihr Untergebener, hatte Catharina II., oder vielmehr Potemkin, jenem einen Jahrgehalt, e eine königliche Beſoldung ausgeſetzt, um deren Vermehrung zu bitten der König erſchienen war. Hierzu die Kaiſerin und deren mächtigen Günſtling Potemkin willfähriger zu ſtimmen, ließ Stanislaus Auguſt ein prächtiges, große Summen ver⸗ ſchlingendes Feuerwerk abbrennen, auch ein glänzendes Feſt veranſtalten, zu welchem alle ruſſiſchen Vornehmen und Hof⸗ — 101 beamten eingeladen worden waren, wobei zu erſcheinen die Kaiſerin aber verſchmähte. In den Magazinen derjenigen Städte, durch welche die Kaiſerin ihren Weg nahm, hatte Potemkin derſelben hundert⸗ tauſende von aufgeſtapelten Säcken gezeigt, die, nach ſeiner Angabe, Getreide für die Armee, und im Nothfalle auch für die Bewohner des Landes enthielten, in der That aber nur mit Sand angefüllt waren. Billig erſtaunt der Leſer über die Kühnheit eines ſolchen abermaligen Betrugs, der ja durch einen kleinen Zufall an das Tageslicht oder vielmehr zur Kenntniß der Kaiſerin gelangen konnte. Auch in Kaniew wiederholte Potemkin die eben 16 ſchriebene Spiegelfechterei. Wer aber ermißt ſeine Wuth, als er, der Kaiſerin den vorgeblichen Reichthum an Brot⸗ frucht zeigend, mehr wie einen Sack bemerkte, in welchem ein Stück Naht aufgetrennt und ein Häuflein Sandes her⸗ ausgerieſelt war. Daß ſolches abſichtlich, nicht zufällig ge⸗ ſchehen ſei, erſah Potemkin an dem Unſtande, daß jene verrätheriſchen Säcke ſo gelegt waren, daß ſie der Kaiſerin ſofort in die Augen fallen mußten. Doch Potemkin beſaß eine eiſerne Stirne und ließ ſich nicht ſobald aus der Faſſung bringen. Sogleich lenkte er mit großer Geiſtes⸗ gegenwart die Augen der Kaiſerin aus deren nächſter Um⸗ gebung hinweg und in die Höhe auf die bis zur Decke reichenden Säckehaufen. Zugleich rief er die in ſcheuer, ehrerbietiger Ferne ſtehenden Magazinbeamten herbei, ließ ſie einen Kreis um die Kaiſerin bilden und ſeellte ſie mit freundlich empfehlenden Worten der Herrſcherin vor,— eine Liſt, durch welche die gefahrdrohenden Säcke und Sand⸗ 102 häufchen verdeckt wurden. Wo ſich noch eine verrätheriſche Lücke zeigte, trat Potemkin ſelbſt davor, legte hier ſeine Hand auf eine Oeffnung im Sacke, trat er dort mit dem Fuße darauf. In derſelben liſtigen Weiſe bewirkte er die baldige Entfernung der Kaiſerin und dieſe ſchien wirklich mit Blindheit geſchlagen zu ſein, oder wollte ſie abſichtlich nicht ſehen und hierdurch ihrem Günſtling eine Schonung ohne Gleichen erweiſen? Als ein leuteſeliger Herr ſchied Potemkin vor dem tief ſich bückenden Magazinbeamten. Als ein ſchäumender Wütherich kehrte er in der nächſten Minute ohne die Kaiſerin zurück. Da er den Urheber der gegen ihn gerichteten Fre⸗ velthat nicht entdecken konnte, ſo ließ er ohne Unterſchied das geſammte Beamtenperſonal grauſam knuten und vom Dienſte jagen. Ein zweiter Vorfall drohte bald darauf Potemkins Täuſchereien an den Tag zu bringen. Auf der Weiterfahrt von Kaniew ſtromabwärts zeigte ſich wieder eins von den gemalten Dörfern, deſſen angebliche Bewohner bei der An⸗ näherung des kaiſerlichen Ruderſchiffs ihre Wohnungen ver⸗ ließen, um ihre gewöhnlichen Spiegelfechtereien auszuüben. Schon waren ſie auf dem Wege zum Flußufer und nur Thereſe nebſt Alexei noch zurückgeblieben. „Eile, Alexei!“ gebot die Ballettänzerin dem Knaben, welcher ſeine Verwandte nicht verlaſſen wollte—„ſonſt ſchilt Lubetzkoi dich aus.“ Der Weiſung gehorchend, ſprang Alexei den uber nach. Nicht weit war er gelaufen, ſo klatſchte die Spitze des ſchlanken, pappenen Kirchthurms dicht neben ihm zu 103 Boden. Erſchrocken zurückſchauend, ſah er mit dem Thurme zugleich die ganze gemalte Kirche niederfallen und Thereſe mit langen Sätzen heranſpringen. Obwohl etwas bleich geworden, ſah jene mehr aufgeregt, als erſchrocken aus und ihre ſchwarzen Augen ſprühten wie in einem innerlichen Feuer. Dieſe richtete ſie in die Ferne vor ſich, erſt nach dem kaiſerlichen Schiffe hin, dann auf Lubetzkoi und deſſen zahlreiche Begleiter. Dieſe ſchienen den Sturz der Kirche, da derſelbe in ihrem Rücken und ohne großes Geräuſch vor⸗ gegangen war, noch nicht bemerkt zu haben, denn ſie ſetzten ohne Unterbrechung ihren Weg nach dem Strome fort. Selbſt dort gewahrten ſie im Eifer, ihre Obliegenheiten zu erfüllen, das Verſchwinden ihrer Kirche nicht ſogleich. Ob aber daſſelbe von den Zuſchauern auf dem kaiſerlichen Fahr⸗ zeuge geſagt werden konnte, blieb zur Zeit unentſchieden. Kurz, man tanzte, ſang, ſchwenkte die Hüte und Mützen, rief Hurrah und opferte die mitgebrachten Blumengewinde und Kränze dem Flußgott. Dagegen hatten faſt Alle, welche der Kaiſerin eben Geſellſchaft leiſteten, den eigenthümlichen Vorfall beobachtet. Nur abermals die Kaiſerin nicht, welche eben einige Worte an die ihr zunächſt ſtehende Hof⸗ dame gerichtet hatte. Ein Einziger unter ihnen, derſelbe Günſtling der Kaiſerin, Subow, wegen deſſen Halsentzün⸗ dung zu Smolensk die Weiterreiſe eine mehrtägige Ver⸗ zögerung erlitten, hatte den Muth, mit höhniſch lächelnder Miene laut zu Potemkin zu ſprechen: „Mein Herr Fürſt und Großadmiral! Sie ſahen doch gewiß, wie wir Alle, daß die langgethürmte Kirche jenes maleriſchen Dorfes urplötzlich verſchwand und ſcheinbar 104 von der Erde verſchlungen wurde? Mein Fernglas ſagt mir, daß die Erde an jener Stelle mit einer grauweißen Decke, aus Leinwand oder Pappe beſtehend, überzogen iſt. Wie erklären Sie dieſe räthſelhafte Erſcheinung?“ Wer jetzt hätte in Potemkin's Herz ſehen können, würde es von Gift und Galle kochen geſehen haben. Mit heiterer Stirne und lächelnder Miene verſetzte er:„Wenn uns keine Luftſpiegelung getäuſcht hat, ſo vermuthe ich, daß jene Dorf⸗ kirche nur deshalb bis zur Erde ſich geneigt habe, um unſerer erhabenen Gebieterin ihre tiefſte Ehrfurcht zu be⸗ zeigen. So werfen ſich ſelbſt vernunftloſe, ja ſonſt lebloſe Geſchöpfe zu Füßen unſerer geheiligten Majeſtät.“ „Der Fall jener Kirche war ein ganz eigenthümlicher“ — ſpöttelte Subow weiter.„Bei einem Erdbeben oder Orkan wankt erſt ein feſtes Gebäude, berſtet und ſtürzt dann in einzelnen Theilen oder Trümmern darnieder. Nicht ſo jene Dorfkirche, welche wie eine ſpaniſche Wand nieder⸗ klappte und dabei weder eine Staubwolke ſehen, noch ein Gekrach vernehmen ließ. Denn wir bemerken deutlich, wie die harmloſen Dörfler dort am Ufer den Sturz ihres Got⸗ teshauſes weder gehört noch geſehen haben können, weil ſie mit Tanzen und Singen, mit Hutſchwenken und Hurrahge⸗ ſchrei ganz gemüthlich fortfahren. Viel gäbe ich darum, wenn ich dieſe ſo wunderbare Erſcheinung in der Nähe be⸗ trachten könnte, und dürfte ich eine Bitte gegen unſere allergnädigſte Majeſtät ausſprechen, ſo wäre es die, das Fahrzeug landen zu laſſen und ſomit uns insgeſammt in den Stand zu ſetzen, mit unſern eigenen Augen in der Nähe zu ſehen, was uns jetzt als räthſelhaft erſcheint.“ 8 105 Subow hatte abſichtlich laut genug geſprochen, um von der Kaiſerin gehört zu werden. Huldvoll ſprach dieſe:„Wir wollen Subows Wunſch erfüllen. Geh' Potemkin, und ertheile den Befehl zum Anlanden.“ Potemkin ging, nachdem er ſeinem Feinde einen Blick voll Haß und namenloſer Wuth zugeworfen hatte. Indem er den kaiſerlichen Saal im Schiffe verließ, ſann er nach, auf welche Weiſe er der ihm gelegten Falle entgehen und den eben erlittenen Hohn auf das Haupt Subows zurückfallen machen könne. Und ſollte er das Aeußerſte wagen, ſelbſt das Fahrzeug und mit ihm das Leben der Kaiſerin zugleich in Gefahr bringen müſſen? Dießmal kam die Natur— wunderbar genug— den geheimen Entwürfen Potemkins zu Hülfe, oder gedachte die waltende Vorſehung nur ein in ſeinen Folgen unberechen⸗ bares Verbrechen im erſten Aufkeimen zu verhindern? Schon ſteuerte auf Potemkin's Befehl das kaiſerliche Fahrzeug, wiewohl ſehr langſam, dem Ufer zu. Da ver⸗ barg ſich plötzlich die Sonne hinter einer dunkeln Wand von raſch emporſchießenden Gewitterwolken. Falbe Blitze zuck⸗ ten; dumpf grollte der Donner darein und ein raſender Wirbelwind ſauſte daher und trieb die kaiſerliche Flotte, wie leichte Spreu, aus einander. Die Gefahr war um ſo größer, als auch abermals hier bei aller äußeren Pracht Potemkins unerſättliche Habſucht und ſchmuziger Geiz bei Beſchaffung des kaiſerlichen Fahrzeugs thätig geweſen waren. Die koſt⸗ baren Prunkgemächer der Kaiſerin hatten ein altes, ſchad⸗ haftes Schiff zur Unterlage, das nur durch einen verdecken⸗ X den Farbenanſtrich den Schein der Reuheit erhalten hatte. Jetzt zeigten ſich die Folgen einer ſolchen unverantwortlichen Knickrigkeit. Außer anderen Beſchädigungen erhielt das Fahrzeug unter dem Zimmer der Grafen von Anhalt und von Bodborodko einen ſo großen Leck, daß dieſe beiden Herren nur mit Mühe dem Tode des Ertrinkens entrannen. Jetzt dachte niemand mehr an die ſo geheimnißvoll umgeſtürzte Dorfkirche, ſondern nur an die Sicherung des kaiſerlichen Fahrzeugs, an deſſen Bord ein Treiben und eine Rührigkeit ohne Gleichen ſtattfanden. Noch war daſelbſt die Gefahr nicht beſeitigt, als neuer Schreck zu dem bexeits vorhandenen ſich geſellte. Durch die vom heftigen Sturme erzeugten Schwankungen hatte ſich das Feuer auf Potemkin's Küchenſchiffe von ſeiner * gewöhnlichen Stätte weiter verbreitet und einen zu ſpät be⸗ merkten Brand veranlaßt. Die Flammen, von dem reich⸗ lich am Bord vorräthigen Maſſen an Fett, Oel, Butter, Brennholz und anderen leicht entzündlichen Stoffen genährt, verbreiteten ſich mit ſolcher Macht und Schnelligkeit, daß an ein Löſchen gar nicht zu denken war. Man mußte das Schiff ſeinem Schickſal überlaſſen und nur dafür ſorgen, daß es nicht noch andere Fahrzeuge unſteckte. Die Be⸗ mannung des Schiffs flüchtete und wurde von den nächſten Schiffen aufgenommen. Plötzlich zeigte ſich auf dem Obertheile des ganz in Flammen ſtehenden Fahrzeugs eine weiße, kleine Geſtalt, welche in Jammertönen um Hülfe ſchrie. Es war Jwan, welcher über der Rettung ſeiner wenigen Sachen ſich ver⸗ ſpätigt hatte und am Bord zurückgelaſſen worden war. 107 Herzzerreißend erklang ſein Wehgeſchrei, das am jenſeitigen ufer ein getreues Echo in Alexei's Munde fand. Dieſer hatte ſogleich in dem kleinen Küchenjungen ſeinen Bruder wiedererkannt und vereinte jetzt ſein Geſchrei mit demjeni⸗ gen Jwans. Derſelbe ſprang, wie ein weißes Wieſel, rathlos in dem kleinen, noch von den Flammen verſchonten Winkel des Schiffes umher und ſetzte mehrmals an, um dem drohenden Tode des Verbrennens durch den des Ertrinkens zu entrinnen. Und Alexei rannte am jenſeitigen Ufer auf und nieder, wie eine Henne, welche Enteneier ausgebrütet hat und nun ihre geliebten Jungen munter im Waſſer ſchwimmen ſieht. Er forſchte nach einem Nachen, mit wel⸗ chem er dem bedrängten Bruder zu Hülfe eilen wollte; allein nirgends war ein derartiges Rettungsmittel zu entdecken. Schon wollte Alexei ſich in die Fluthen ſtürzen, um durch Schwimmen das brennende Schiff zu erreichen und das Loos ſeines Bruders zu theilen, als ihn Thereſe, welche den Knaben von ſeinem Vorhaben zurückzuhalten ſich bemühte, auf die nahende Hülfe aufmerkſam machte. Die Kaiſerin, Augenzeuge von der Gefahr, in welcher Jwan ſich befand, und ergriffen von deſſen lautem Jammern, hatte Befehl zu ſeiner Rettung ertheilt. Nicht ohne eigene Gefahr näherte ſich daher jetzt ein anderes Schiff dem brennenden ſo weit, daß man dem Küchenjungen ein Seil zu werfen konnte, an welches er ſich feſtbinden und dann ge⸗ troſt in die Fluthen hinabſpringen mußte, worauf man ihn glücklich wieder herauszog. Mit Todesangſt hatte Alexei dieſer Handti von ſenn zugeſchaut. Als er aber ſeinen Bruder den Wellen ent⸗ 108 riſſen und wieder auf ſeinen Füßen ſtehen ſah, warf er ſich auf die Kniee nieder, um Gott und der mitleidigen Herrin mit lauter Stimme zu danken. Nachdem noch ein drittes Schiff der kaiſerlichen Flotte von einem vierten beinahe in den Grund geſegelt worden war, ſetzte das kaiſerliche Schiff ſeine Fahrt ohne neue Un⸗ fälle fort. Der Einſturz der Dorfkirche, welchen Potemkin jetzt bei der Kaiſerin als ein Werk des auch ſie ſelbſt gefährdeten Unwetters und Sturmes ausgab, war bald über die wich⸗ tigeren Dinge vergeſſen und Potemkin übermüthiger ge⸗ worden als je. Eilftes Kapitel. Einſturz einer Dorfkirche. Lubotzkoi und die übrigen Aufſeher Potemkins bei den erzwungenen ländlichen Feſten und Veranſtaltungen erſchraken nicht wenig, als ſie endlich das Verſchwinden der gemalten Dorfkirche bemerkten. Sie hielten den Umſturz derſelben für eine Wirkung des Unwetters und hatten deshalb keinen Verdacht, daß jener mit Abſicht von einem böswilligen oder unvorſichtigen Menſchen verurſacht worden ſei. Nichts deſto weniger waren ſie von großer Unruhe und Angſt erfüllt, daß man den Fall der Kirche auf dem kaiſerlichen Fahrzeuge bemerkt habe und daß Potemkin deshalb furchtbare Rache an ihnen nehmen möchte. Hierin hatten ſie ſich auch nicht ge⸗ irrt, denn ſchon des nächſten Tages erſchien Hadanow mit 109 der Nachricht, daß der Sturz der Kipche bereits vor Aus⸗ bruch des Unwetters erfolgt und von Potemkins Feinden ſo⸗ gleich geſehen worden ſei, daher der Fürſt die ſtrengſte Züch⸗ tigung des Urhebers anbefohlen habe. Sofort begann die ſorgfältigſte Unterſuchung. Nachdem ein Jeder, wie gewöhnlich bei ähnlichen Vorfällen, ſeine gänzliche Schuldloſigkeit behauptet, blieb zuletzt der ganze Verdacht auf Alexei und Thereſe haften, welche, wie man ſich erinnerte, die Letzten aus dem Dorfe und auf dem Tanz⸗ platze geweſen waren. Alexei ſagte im Verhöre, der Wahrheit gemäß, aus, daß die gemalte Kirche mit ihrem Thurmende dicht neben ihm niedergeklatſcht ſei; allein er hütete ſich, zu erzählen, daß Thereſe noch hinter ihm zurück geweſen ſei. Noch fragte man den Knaben in die Kreuz und Quer aus, weil man ſei⸗ ner jugendlichen Unbedachtſamkeit und Voreiligkeit den Un⸗ fall zuſchrieb und ihn doch endlich zum Geſtändniß ſeiner Schuld zu bringen hoffte, als wider alles Erwarten Thereſe muthvoll und mit feſter Stimme ſich als die allein Schuldige bekannte. „Ich hatte“— ſprach ſie—„an meiner Kleidung noch Einiges zu ordnen und mich dadurch verſpätigt. Im Eifer, meine Verſäumniß durch Schnelligkeit gut zu machen, rannte ich mit ſolcher Haſt und Kraft gegen das leichte Lattengerüſte, welches die Kirche feſtſtehen machte, daß es wich und ſo den Einſturz des Bildes bewirkte. Meinetwegen 2 kein Un⸗ ſchuldiger verdammt werden.“ „Ich bewundere deine Aufrichtigkeit und ſthen Muth, arme Thereſe!“ erwiederte Lubetzkoi traurig. J„Aber dein 110 Edelſinn wird dich nicht von einer ſehr harten Strafe befreien können. Ob mit Bedacht oder nicht, wird bei unſerm Herrn keinen Unterſchied ausmachen. Mache dich daher auf Schlim⸗ mes bereit!“„Falle der Würfel meines Schickſals, wie da wolle“— entgegnete Thereſe mit blitzenden Augen—„ich werde Alles zu ertragen wiſſen.„Habe ich“— fuhr ſie mit trübem Lächeln fort—„bisher nur getanzt, geſungen und gelacht, kann ich einmal auch das Weinen und den Schmerz verſuchen.“ „Arme, arme Thereſe!“ wiederholte Lubetzkoi mit⸗ leidig—„wirſt du dann noch ſo ſprechen, wann die Knute deinen zarten Rücken zerfleiſcht und ein grimmiger Schmerz deine Nerven durchwühlt, welchem ſelbſt die abgehärteſten Männer erlegen ſind?“ In ſteigender Angſt hatte Alerei dieſes Geſpräch mit angehört. Wie? ſeine Lebensretterin und zweite Mutter ſollte ſo entſetzlicher Züchtigung unterworfen werden? Und er keinen Verſuch unternehmen, um die drohende Gefahr von ihrem Haupte abzuwenden? Er glaubte in ſeiner Un⸗ wiſſenheit, keine Sünde zu begehen, wenn er eine Nothlüge mache, ja er überredete ſich ſogar, daß es keine, ſondern die Wahrheit ſelbſt ſei. „Ich geſtehe nunmehr ein“— hob Alerei unerſchrocken an—„daß ich die größte Schuld an dem Unfallen der gemalten Kirche trage. Auch ich hatte mich verſpätigt und meine Flöte mitzunehmen vergeſſen. Daher rannte ich blind und toll davon und ſtieß dabei mit ſolcher Gewalt gegen das Lattengerüſt, daß ich es laut praſſeln und brechen hörte, uch beinht von dem fallenden Thurme getroffen worden 111 wäre. Thereſe hier hat vielleicht kaum leicht an das ſchon im Fallen begriffene Kirchenbild geſtreift und daher geglaubt, daß ſie es zum Weichen gebracht habe.“ „Nein, nein!“ rief Thereſe lebhaft und mit thränendem Blick aus—„nimmer ſollſt du mein Sündenbock werden dürfen, mein lieber Junge! Ich, ich allein bin die Schuldige, und ihr Alle, die ihr mich ſchon ſeit Jahren kennt, werdet bezeugen, daß ich weder im Scherz noch im Ernſt jemals gelogen habe.“ „Ja, ja, das müſſen wir bezeugen!“ ſprachen die Ge⸗ noſſen Thereſens in tiefer Rührung. „Ich habe es aber ganz gewiß und wirklich praſſeln hören“— betheuerte Alexei e—„auch bin ich mit aller Macht gegen die gemalte Kirche⸗angerannt. Ich werde doch wiſſen, was ich gethan habe.“ .„Es wäre wahrlich zum Lachen“— ſprach Lubetzkoi— „wenn man nicht vielmehr weinen möchte, daß zwei Menſchen ſich alle Mühe geben, ſchuldig zu erſcheinen und geknutet zu werden. Was meinſt du, Hadanow? Was fangen wir mit beiden an?“ „Daß wir ſie feſtnehmen“— antwortete Potemkins Kammerdiener, Lubetzkoi abſeits ziehend—„und die Ent⸗ ſcheidung unſerm Herrn anheimſtellen. Du hafteſt für ſie mit deinem Kopfe, Lubetzkoi, und ſorgſt daher, daß ſie nicht etwa entwiſchen können.“ „Aber“— wendete Lubetzkoi ein—„Thereſe iſt meine beſte Tänzerin und der Junge als Flötiſt unentbehrlich. Was nun?“ „Eure Spiegelfechtereien am Flußufer nehmen nächſtens 112 ein Ende“— erwiederte der Kammerdiener. Der Dniepr iſt bereits ſo breit geworden, daß man euern Hokuspokus kaum noch wahrnimmt, und überdies iſt die Czarin damit hinreichend geſättigt worden, ſo daß wir an andere Be⸗ luſtigungen der Majeſtät denken müſſen. Daher befiehlt euch unſer Herr durch mich, mit dem morgenden Abende eure Gaukeleien am Stromufer zu ſchließen, und euch insge⸗ ſammt bei dem Fürſten zu weiterer Verfügung einzuſtellen.“ „Feſtnehmen— mit dem Kopfe für ſie haften!“— murrte Lubetzkoi.„Das iſt leichter geſagt, als ausgeführt. So lange wir es mit nur gemalten Dörfern, Städten, Landhäuſern und Schlöſſern zu thun haben, kann ich die beiden Kirchenſtürmer nicht einſperren oder ſonſt ſicher ver⸗ wahren.“ „Laß ſie binden“— rieth Hadanow—„ſo daß ſie beide kein Glied zur Flucht rühren können.“ „Das wäre das letzte Mittel“— ſprach Lubetzkoi kopfſchüttelnd—„und es dann mit unſerm Tanzen und Pfeifen ſo gut wie aus. Ueberdies ſteht zu beſorgen, daß mein ganzes Balletcorps mir den Gehorſam aufſage und uns beide todtſchlage, weil Thereſe ihr hochgeachtetes Ober⸗ haupt und bei Allen beliebt iſt. Auch die Bauern bezeigen nicht übel Luſt, uns den Gehorſam aufzukündigen, uns die Knochen zu zerſchlagen und in ihre Heimath zurückzukehren, der wir ſie ſchon lange genug entriſſen haben. Wenn man einen Topf zu lange kochen läßt, läuft er endlich über“ „Ha! dieſes feige, kriechende und unſere Füße küſſende Geſindel zittert ſchon, wenn wir ihm die Knute nur von fern zeigen“— verſetzte Hadanow verächtlich. 113 „Ich kenne dieſes Geſindel beſſer“— meinte Lubetzkoi —„und weiß, daß es unter ſeiner ſcheinbaren Unterwür⸗ figkeit ein Herz voll des bitterſten, grimmigſten Haſſes ver⸗ birgt, der nur einen geeigneten Zeitpunkt erwartet, um uns insgeſammt zu verderben. Mein Rath geht dahin, daß wir die Beiden, die ſich um die Ehre des Kirchenumwerfens ſtreiten, ſo lange in Freiheit laſſen und ſie nur ſcharf beobachten, als bis wir unſere jetzige Rolle ausgeſpielt und einen feſten, ſichern Ort erreicht haben werden.“ „Thue, wie dures für gut befindeſt“— ſprach Hada⸗ now—„doch mache ich dich für die Schuldigen verant⸗ wortlich.“ „Thereſe! Thereſe!“ hob Lubetzkoi zu der Ballettänzerin an, als er ſich mit ihr ohne Zeugen unterreden konnte— „du haſt mir einen ſchlimmen Streich geſpielt. Wenn ich bedenke, wie unſer Herr mit den Magazinbeamten, die den Säckeaufſchneider nicht zu entdecken vermochten, umgegangen iſt, ſo habe ich ein gleiches Schickſal zu befürchten. Wenn ich nicht Frau und Kinder daheim und mein gutes Aus⸗ kommen als des Fürſten Balletmeiſter beſäße, ſo verſuchte ich die Flucht und verſteckte mich an der Welt Ende vor unſers Herrn Zorne. Du hätteſt gegen den Himmel an⸗ ſtürmen können, man würde dir's vergeben haben, aber nicht gegen Potemkins gemalte Kirche.“ Lubetzkoi entfernte ſich und Thereſe winkte verſtohlen den kleinen Flötiſten zu ſich heran. „Du haſt es zwar gut gemeint mit mir“— ſprach ſie zu Alexei—„als du die Schuld des Kirchenſturzes auf deine Schultern laden wollteſt, jedoch das Uebel dadurch Potemkin. 8 ärger gemacht. Wir beide ſollen nun in Potemkins grau⸗ ſame Hand gerathen. Wie der uns drohenden Gefahr ent⸗ rinnen? Dein Geſchick ſchmerzt mich mehr als das meinige, die ich zu ſterben weiß und des Lebens überdrüſſig bin. Kannſt Du ſchnell und lange laufen?“ „Wie ein Hirſch!“ verſetzte Alexei ruhmredig. „Und ich allenfalls wie ein geſcheuchtes Reh“— er⸗ wiederte Thereſe, trotz ihrer Sorge lächelnd.„Gut denn! Man wird heute mich noch tanzen und dich pfeifen laſſen, jedoch uns ſcharf in Obhut nehmen., Ich werde einen geeigneten Augenblick wahrnehmen und wenn ich dann „Jwan“ rufe, ſo ergreifſt du, wie ich, die Flucht mitten durch die Menge hindurch, die uns nicht hinderlich ſein wird. Aber du läufſt nicht etwa in gleicher Richtung mit mir, ſondern in entgegengeſetzter, bis wir unſern Verfolgern aus den Augen gekommen ſind und uns dann wieder zuſammen⸗ finden. Im allerſchlimmſten Falle rettet mich der Dniepr vor Potemkins Zorn.“ Bei der nächſten Gelegenheit, als das kaiſerliche Schiff auf dem Strome in nahe Sicht kam, tanzte Thereſe reizend und kunſtvoll, wie noch nie. Alle ihre Kunſt bot ſie auf, ſo daß ſelbſt Hadanow davon bezaubert wurde und faſt kein Auge von ihr verwendete. Plötzlich ſtreckte Thereſe ihren Arm gegen den Strom und das kaiſerliche Ruderſchiff aus. „Jwan!“ ſchrie ſie, wie heftig erſchreckend, ſo daß Alle be⸗ troffen nach der angedeuteten Richtung hinblickten. Hui! ſchlüpfte Alexei wie ein geſchmeidiger Aal durch die Umſtehenden und Thereſe entfloh auf der anderen Seite. 115 „Auf! auf!“ riefen Lubetzkoi und Hadanow zugleich— „ergreift— haltet ſie! Nach! nach! „Aber“— wendete Thereſens Tänzer ein—„was wird die Czarin dazu denken und ſprechen, wenn wir auf einmal wie toll auseinander ſtieben?“ „Er hat Recht“— rief Hadanow—„der Tanz darf nicht unterbrochen werden! Nur einige unter euch, welche die flinkſten Beine beſitzen, mögen die Flüchtlinge verfolgen und zurückholen oder wenigſtens ſo lange feſthalten, bis das kaiſerliche Schiff vorüber iſt, und wir ihnen zu Hülfe eilen können.“ Jetzt erhob ſich ein kutzer Wortſtreit, wer unter dem Balletcorps die ſchnellſten Füße beſäße oder nicht. Ein Jeder ſchob die Rolle eines Schnellläufers dem Andern zu und behauptete, nur ein guter Tänzer zu ſein, bis Lubetzkoi's zornige Stimme die beim Tanze am Entbehrlichſten zum Nachſetzen der beiden Flüchtlinge bewog. Dieſe aber hatten bereits einen ziemlichen Vorſprung gewonnen. Alexei ſprang wirklich wie ein gehetzter Hirſch und Thereſe hüpfte gleich einem geſcheuchten Reh, während ihre Verfolger abſichtlich nicht alle ihre Kräfte anſtrengten. Nicht allein das Ballet⸗ corps, ſondern auch das anweſende Landvolk, welches Ha⸗ danow durch Winke und Zurufe zur Verfolgung der Flüch⸗ tigen aufforderte, bewies ſich ſäumig in Befolgung dieſer Willensäußerungen des fürſtlichen Kammerdieners. Faſt Alle gönnten nicht nur Thereſen und Alexei ihre eigenmäch⸗ tige Befreiung, ſondern freuten ſich ſogar darüber. Nur dann erſt, als Hadanow einen Preis von 25 Rubeln auf die eines jeden von den Flüchtigen ausſetzte, wurde 8* 18 deren Verfolgung ernſtlicher und eifriger, doch nur von den Landleuten, betrieben. Aber endlich kehrte ein Theil der Verfolger verdrießlich und ohne die Flüchtlinge zurück, während ein andrer Theil die Gelegenheit benutzt und eben⸗ falls die Flucht nach der Heimath zurück ergriffen hatte. Hadanow knirſchte deshalb vor Wuth, der brave Lubetzkvi hingegen empfand eine heimliche Freude über das Gelingen der Flucht Thereſens und Alexei's. „Ich weiß“— ſprach er zu ſich ſelbſt—„daß ich doch Potemkins Zorn zu fühlen bekommen haben würde, auch wenn ich die beiden Schuldigen ſeinen Händen überliefert hätte. Jetzt fällt die Hälfte meiner Bürde mit auf Hadanow's Schultern und dieſer wird es ſchon ermöglichen, daß wir beide mit einem blauen Auge wegkommen. Ach, wenn mein Herr das bloße Umwerfen einer gemalten Dorfkirche ſo ſtrenge ahndet: was müſſe da erſt mit ihm ſelbſt geſchehen, der viele wirkliche Kirchen, Dörfer und Städte in Taurien eingeäſchert und 30,000 eingefangene Tataren nebſt ihren Frauen und Kindern niedergemetzelt hat, ſeiner zahlloſen übrigen Ver⸗ gehungen nicht zu gedenken!“ Während dem hatte die Kaiſerin ihre Reiſe zu Schiffe bis zur Stadt Krementſchuk fortgeſetzt. Hier hatte Potemkin in den vier vorhergehenden Wochen einen herrlichen Park bei dem kaiſerlichen Palaſt herſtellen laſſen, der abermals einen Beweis abgab, was Menſchenhände, zu einem Zweck vereint, hervorzubringen vermögen. Man mußte glauben, daß die wundervollen Baumgruppen, die dicht belaubten Bosquets, die blühenden Sträucher, die ſammtnen Raſen⸗ teppiche und der reiche Blumenflor ein Werk langjähriger 117 Mühen ſei und der ganze Park mindeſtens ein Menſchenalter beſitze. Um ſo mehr war es zu beklagen, daß dieſes ſchnell geſchaffene Paradies, nachdem die Kaiſerin einige Tage darin geweilt hatte, gleich nach ihrer Abreiſe dem Verfall anheim gegeben wurde und in ſein früheres Nichts zurückverfiel. Vier Tagereiſen hinter Krementſchuk kam der Czarin ein vornehmer, ihr ebenbürtiger Gaſt, der öſtreichiſche Kaiſer, Joſeph II., entgegengereiſet, der zu dem Triumphzuge der ruſſiſchen Monarchie nach Taurien eingeladen worden war. Gemeinſchaftlich ſetzten von nun an die beiden hohen, gekrönten Häupter ihre Reiſe fort, überall von Feſtlichkeiten aller Art empfangen, unterhalten und begleitet. Die durch Potemkins Grauſamkeit verwüſtete und entvölkerte Halb⸗ inſel Krim wieder zu beleben, legten die beiden Majeſtäten unter großem Pomp den Grund zu verſchiedenen ueuen Städten, von denen Joſeph II. witzig ſagte;„Catharina IHI. legte den erſten, ich den letzten Stein.“ Denn mehr wie dieſe zwei Grundſteine bekam man von dieſem beabſichtigten Städtebau nicht zu ſehen. Endlich gelangten die hohen Reiſenden in Cherſons Nähe, wo die Kaiſerin über die ſchönen Anlagen vor dieſer Stadt, über die Landhäuſer und Prachtgärten erſtaunte, von welchen man auf die Wohlhabenheit ihrer Beſitzer ſchließen konnte. Aber nur die nächſten Häuſer waren wirkliche, die übrigen blos gemalte. Aus Mangel an Holz waren die Palliſadenreihen um die Stadt von Schilf geſchnitten und ſchön angemalt, aber die Krongebäude daſelbſt mit unglaub⸗ licher Pracht ausgeführt. Reiche Waarenlager, welche aller⸗ wärts in Cherſon ausgebreitet lagen, verliehen dieſer Stadt 118 das Anſehen eines großen Handelsplatzes, aber jene waren, zur Täuſchung der Kaiſerin, bloß erborgte, aus Moskau und Warſchau herbeigeführte, um deren Rückgabe an ihre rich⸗ tigen Beſitzer nach der Kaiſerin Abreiſe kein Menſch ſich kümmerte. Sechs Tage nur dauerte der Aufenthalt der beiden Monarchen in Cherſon und kaum zweimal hatte Catharina auf dem eigens für ſie hier bereiteten Throne ge⸗ ſeſſen, deſſen Herſtellung die Summe von 14,000 Rubeln verſchlungen hatte, während man die Koſten der ganzen Krimreiſe zu 7 Millionen anſchlägt. Ein theurer Sitz! nicht ſo meine jungen Leſer? Mancher Ritterguts- und mancher Wittwenſitz koſtet nicht ſo viel. Von Cherſon ging es nach dem in unſrer Neuzeit ſo traurig berühmt gewordenen Sebaſtopol. Hier hatte Po⸗ temkin den Schlußpunkt ſeiner theatraliſchen Vorſtellungen und Gaukeleien zubereitet und für die Kaiſerin einen hölzer⸗ nen, aber weitläufigen Palaſt am Meerufer errichten laſſen, von welchem aus man der herrlichſten Ausſicht auf den Hafen genoß. Gleich nach der Ankunft der beiden Monarchen wurde ein großartiges Feuerwerk abgebrannt, nach deſſen Beendigung eine ganze, zahlreiche Kriegsflotte in der bezau⸗ berndſten Erleuchtung erſchien. Man denke ſich das weite Hafenbecken, zu beiden Seiten und im Centrum von bald ſanft, bald ſteil ſich erhebenden und mit feſten Kaſtellen gekrönten Anhöhen umgeben. Durch die nach dem Meere zu geöffnete Seite naht ſich, vom bunt bemalten Schiffsrumpf bis zu den ſchlanken Spieren und den äußerſten Maſtſpitzen hinauf, mit farbigen Lampen und Laternen überſchüttet, in gerader Linie, eine in Schlachtord⸗ nung geſtellte Reihe bewaffneter Kriegsſchiffe. Rauſchend, die vor dem Kiel weiß aufſchäumenden Wogen in magiſchem Lichte flimmernd, naht ſich unter dem betäubenden Hurrah⸗ geſchrei der Matroſen und Seeſoldaten unter den ſchallenden Muſikklängen, unter tauſendfachem, die Lüfte und die Erde erbeben machenden Geſchützdonner, eine Reihe Schiffe nach der andern, ſo daß endlich der weite Hafen ſie kaum zu faſſen vermag. Welch' ein bewundernswerthes, entzückendes, die Kraft und Erfindungsgabe des menſchlichen Verſtandes bezeugendes Schauſpiel! Das vom Schauen trunkene und müde Auge thränt zuletzt unter dem Flimmern der hunderttauſend Lichtpunkte; das Ohr wird betäubt und hört faſt nicht mehr durch den unaufhörlich rollenden Geſchützdonner und der Laie bekommt eine Vorſtellung von den Schreckniſſen einer wirklichen See⸗ ſchlacht. Wie? wäre auch hier abermals eine Täuſchung mög⸗ lich geweſen? Das Ganze nur der Schlußſtein von Potem⸗ kins Spiegelfechtereien? Ei ja wohl! Potemkin war zwar Großadmiral, allein ohne Flotte, deren erhaltene An⸗ ſchaffungskoſten er abermals in ſeine bodenloſe Taſche geſteckt hatte. Sämmtliche Kriegsſchiffe, welche er den beiden Majeſtäten vorführen ließ, beſtanden aus erborgten Kauf⸗ fahrteiſchiffen und alten Barken, die man aus allen Häfen und Gegenden zuſammengetrieben und durch Farbe, Putz und Geſchütze in ſcheinbare Krigsfahrzeuge umgewandelt hatte.„ Arme, getäuſchte Landesmutter, die den trüglichen Schein für Wahrheit hielt und deshalb den großen Betrüger 420 mit Lobeserhebungen und neuen Gunſtbezeugungen über⸗ ſchüttete! Arme Unterthanen, mit deren ſaurem Schweiß ein habſüchtiger Günſtling ein ſo ſchnödes Spiel trieb! Zwölftes Rapitel. Die Flucht. Der Verabredung gemäß verfolgten Thereſe und Alexei nur im Anfange ihrer Flucht entgegengeſetzte Richtungen. Nachdem ſie ihre Verfolger ein großes Stück hinter ſich ſahen, näherten ſie ſich laufend einander und vereinigten ſich bald wieder. Gemeinſchaftlich ſetzten ſie nun ihren Lauf fort, bis ſie endlich der Mangel an Athem nöthigte, einen raſchen Schritt anzunehmen. Eine Weile gingen ſie ſtumm neben einander her, von Zeit zu Zeit einen beſorgten und forſchenden Blick zurückwerfend. Endlich hob Alexei an: „Das war eine Jagd, Thereſe! Saheſt du, wie ſelbſt der wohlbeleibte Lubetzkoi uns verfolgte, aber gar bald davon wieder abſtehen mußte?“ „Er dauert mich eigentlich“— verſetzte Thereſe „denn er war unter Potemkins Beamten und Dienern immer noch einer der gütigſten. Es ſollte mich dauern, wenn er wegen uns in große Ungelegenheit kommen ſollte. Aber, wie ich jetzt ſehe, trägſt du deine Flöte noch in der Hand. An deiner Stelle hätte ich ſie, um beſſer laufen zu können, weggeworfen.“ „O nein!“ verſetzte Alexei.—„Es war im Gegentheil, „ 121 als gäbe mir das Stückchen Rundholz in der Hand erſt recht die Kraft zum Rennen und überdies iſt ja die Flöte für mich, was die Waffe für den Soldaten und für den Schnei⸗ der die Nähnadel iſt. Doch, Thereſe, wohin nehmen wir unſern Weg? Am allerliebſten wäre mir's, wenn es zu meinen lieben Aeltern gänge.“ „Ich habe mich unter der Hand und in aller Stille bei den Landleuten, die mit uns die Kaiſerin hinters Licht führen helfen mußn nach der Umgegend und den nächſten Oertern erkundigt“— antwortete Thereſe—„und erfahren, daß wir lange wandern müſſen, bevor wir auf ein Dorf oder eine Stadt ſtoßen werden. Ohnehin müſſen wir die Menſchen zu vermeiden ſuchen, die hier in der Nähe uns leicht einfangen und an Potemkin's Häſcher ausliefern könnten. Daher werden wir vielleicht ein paar Tage nicht viel zu brocken und zu beißen finden, was wir aber geduldig ertragen müſſen.“ „Das will ich gern“— entgegnete Alexei—„wenn du mir verſprechen könnteſt, daß ich zu meinen Aeltern käme. Ach, Thereſe, ſage mir die reine Wahrheit: war jener Kir⸗ giſe mein Vater oder nicht? Und hat mich meine Mutter nur im Traume geſtreichelt und geküßt oder in der Wirk⸗ lichkeit.“ „Jetzt darf ich Dir Alles ſagen,“— verſetzte Thereſe —„ja, jener Kirgiſe war dein Vater! Auf dem weiten Wege nach Sibirien holte deine brave Mutter ihren Mann ein. Ihre Füße bluteten von der langen Fußreiſe und ver⸗ fallen war ihre Geſtalt vom Gram, von den erlittenen Ent⸗ behrungen und den beſtandenen Anſtrengungen. Aber Alles 6 war vergeſſen, als ſie ſich endlich mit ihrem Manne, deinem Vater, wieder vereinigt ſah. Auch dein Vater fühlte ſich nicht mehr ſo unglücklich als vorher, und Arm in Arm wan⸗ derten ſie mit ihren zahlreichen Leidensgefährten weiter, welche die Aufopferung und unerſchütterliche Treue deiner Mutter mit Recht bewunderten und lobten. Selbſt die Koſaken, die den Zu der Gefangenen geleiteten und be⸗ wachten, fueip dem Edelſinn und der Thatkraft einer armen Leieigenen bewegt und geſtatteten dem wieder⸗ vereinigten Chepaare manche Freiheit und bewachten es weniger ſcharf als deſſen Gefährten. Als der Zug an der Gränze Europa's anlangte, die Gegend öder und weit hin unangebaut wurde und eine Flucht der Gefangenen nicht mehr denkbar war, minderte ſich die Wachſamkeit der Ko⸗ ſaken, ja es ſchien, als gäben ſie gefliſſentlich deinen Eltern die Gelegenheit zum Entfliehen, welche jene auch endlich be— nutzten und glücklich ihren Wächtern entrannen. Aber ſie befanden ſich in einem Lande, wo menſchliche Wohnungen und menſchlicher Beiſtand ihnen fern war. Lange mußten ſie die härteſten Entbehrungen und Anſtrengungen ertragen, bis ſie endlich, ihren Leiden faſt erliegend, auf eine wan⸗ dernde Kirgiſenhorde ſtießen, die deine verſchmachteten Ael⸗ tern gaſtfreundlich aufnahmen und ihre Filzzelte, ſo wie ihre einfachen Nahrungsmittel mit ihnen theilten. Sie blieben bei den ungebildeten, aber wackern Naturmenſchen, wander⸗ ten mit ihnen von Huth zu Huth, unterrichteten ſie und ihre Kinder in allerlei Künſten und Geſchicklichkeiten und eigneten ſich dagegen wiederum die Fertigkeiten und Vortheile zu, welche den Nomadenvölkern eigen ſind. Als ſpäter die Kir⸗ giſen beſchloſſen, eine Geſandtſchaft an die nahanrien* reiſende Czarin zu ſenden, erwählten ſie deinen Vater zur Begleitung und zum Dolmetſcher, der Czarin gegenüber. Dieſe Gelegenheit, Nachrichten über ſeine Kinder vorigen Herrn, den Juwelier, einziehen zu können, kam deinem Vater ſehr erwünſcht, und er nahm daher mit Freu⸗ den das ihm angebotene Dolmetſcheramt bei der Ge⸗ ſandtſchaft an. Er glaubte dabei um ſo weniger gefährdet zu ſein, als die Mitglieder einer Geſandtſchaft ſchon an ſich unantaſtbar ſind und kein Menſch in einem ſchon durch ſeine Kleidung unkenntlichen Kirgiſen einen nach Sibirien ver⸗ bannten Ruſſen vermuthen würde. Die Geſandtſchaft ge⸗ ſtattete es ſehr gern, daß deine Mutter ſie begleitete, welche die Liebe zu ihren Kindern und der Wunſch, etwas von Jwan's Schickſale zu erfahren, ebenſo mächtig erfüllte als deinen Vater. Deſſen freudige Beſtürzung wirſt du be⸗ greifen, als er unvermuthet Augenzeuge von eurer brüder⸗ lichen Wiedervereinigung in Kiew ward. Die Macht der Vaterliebe ließ ihn ſeine jetzige Rolle wie jede Gefährdung ſeiner ſelbſt vergeſſen, ſo daß er ſein Pferd anhielt, hinter ſeinen Begleitern zurückblieb und nur Augen für euch hatte. Da gab ihm euer Ruf: Vater! Vater! die Beſinnung zurück. Ein Blick um ſich ſagte ihm, daß die Augen mehrer Zu⸗ ſchauer forſchend und argwöhniſch auf ihm hafteten, daher er eilig der Geſandtſchaft nachſprengte und auf der Rückkehr ſein Antlitz unter der tief heruntergezogenen Filzmütze ver⸗ barg. Die Vorſicht rieth ihm, und zwar zu ſeinem großen Glücke, die erſt von ihm beabſichtigte Unterredung, ſo wie iedes weitett Zuſunineineſen mit euch, zu unterlaſſen, auch 124 nicht zu geſtatten, daß ſie die Stadt betrete und e haufſuche. Freilich koſtete ihm und deiner Mutter Enthaltſamkeit große Ueberwindung. Ein glü klicher Zufall war's, daß dein Vater meine Anweſenheit * bei der Balletgeſellſchaft erfuhr. Wie du weißt, bin ich 8 deiner Mutter blutsverwandt und von Kindheit an deren treueſte Freundin geweſen. Daher bat ich Lubetzkoi, daß er dich ferner als Flötenbläſer bei uns belaſſen und deine Rück⸗ kehr zur fürſtlichen Kapelle verhindern möchte, was auch ge⸗ ſchah. Hierdurch ward es deinen Eltern, die nach deines Vaters Rückkehr aus Kiew in unſerer Nähe verweilten, möglich, in jener dir erinnerlichen Nacht dich wenigſtens ſchlafend zu ſehen; dir einige Küſſe aufzuhauchen und dich zu ſegnen. Dn wurdeſt darüber munter und— horch! hörſt du nicht viele eilige Tritte?“ Erſchrocken blickte Alexei umher. Ha! dort kam ein ſtarker Trupp Landleute mit ſchnellen Schritten herbei, die ſich lebhaft unterhielten und auf die Umgebung nicht zu achten ſchienen. Thereſe und Alexei warfen ſich hinter einen Hage⸗ buttenſtrauche platt auf den Erdboden nieder und warteten mit verhaltenem Athem des Weiteren. Unter lautem Geplauder gingen ſie in der Verſteckten Nähe vorüber. „So geſcheidt“— ſagte ein junger Bauer—„konnten wir längſt ſchon ſein. Mußten wir erſt darauf warten, daß es uns der zweibeinige Springhaſe und ihr Muſikant vor⸗ mache?“ „Nun, wir konnten keine beſſere Gelegenheit bekommen“— 125 erwiederte ein älterer Landmann—„um ungezüchtigt aus⸗ zureißen.“ „Die fünfundzwanzig Rubel hätte ich gern erſt verdient, damit ich doch nicht mit ganz leeren Händen für die lange Plackerei heimgekehrt wäre“— ſprach ein Dritter. „So glaubſt du“— rief der Erſte—„daß die Mosko⸗ witer ihr Wort gehalten haben würden? Fauſtſchläge, Fuß⸗ tritte und Knutenhiebe anſtatt Rubel hätteſt du für das Ein⸗ haſchen der Flüchtlinge erhalten.“ „Darin ſpricht Mohilew die Wahrheit“— ſagte ein Vierter.„Traue nur Einer anf der Moskowiter Ver⸗ ſprechen!“ Unter ähnlichen Reden wanderte der Trupp vorüber und leichter athmeten die Flüchtlinge auf. Nachdem ihnen die heimkehrenden Landleute aus dem Geſichte entſchwunden waren, richteten ſich Thereſe und Alexei wieder auf und ſetzten langſamer ihren Weg fort. „Wo ſind denn nunmehr meine Aeltern?“ fragte Alexei, auf das vorige, unterbrochene Erzählen Thereſens zurück⸗ kommend. „Nachdem ſie“— verſetzte Thereſe—„ohne ſich dir erkennen geben zu dürfen, von dir geſchieden waren und mir die fernere Sorge für dein Wohl und Leben auf die Seele gebunden hatten, kehrten ſie zu den Kirgiſen zurück, bei denen ſie zwar das einfachſte Leben von der Welt führen, jedoch vor allen Nachſtellungen geſichert ſind. Ach, wohl uns, wenn uns ein gleiches Glück zu Theil würde! Mich ekelt's an, länger unter betrügeriſchen, einander anfeindenden und nur nach Geld und Gunſt der Mächtigen jagenden Menſchen zu weilen. Wie gern vertauſchte ich den ſchönſten Palaſt Potemkins gegen das Filzzelt einer Kirgiſenfamilie!“ „Nun, ſo laß uns doch zu den Kirgiſen gehen“— ſprach Alexei eifrig. „Ich bin gleich dabei“— entgegnete Thereſe, trotz ihrer Gefahr lächelnd.„Aber— weißt du den Weg zu ihren Wohnſitzen? Oder meinſt du, daß es nur ein Katzenſprung bis zu ihnen ſei? Dein Vater ſagte mir, daß die Kirgiſen auf dem linken Ufer des Ural wohnen und daß bis dahin viele, viele Tagereiſen erforderlich ſeien. Nur wenn wir die Ge⸗ ſandtſchaft, bei welcher deine Aeltern ſind, einholen können, iſt uns geholfen. Aber hierzu iſt keine Hoffnung vorhanden, da die heimkehrenden Kirgiſen um mehrere Tagereiſen uns voraus und überdieß beritten find.“ Dieſe Erklärung Thereſens übte auf Alexei eine ſehr niederſchlagende Wirkung aus. Er hätte lieber zu weinen angefangen. Thereſe tröſtete den Knaben, indem ſie anhob: „Verlieren wir weder den Muth, noch die Hoffnung. Eins iſt uns ja ſchon geglückt: unſere Befreiung aus drückenden Selavenketten und von einer harten, uns drohenden Strafe. Unſer Herrgott wird wohl weiter helfen, und Schlimmeres als der Tod kann uns nicht werden und auf denſelben habe ich mich längſt ſchon gefaßt gemacht, ja ſogar gefreut.“ Sie wanderten in der Richtung nach Morgen fort, die ſie aus dem Stande der Sonne auffanden. Thereſe entdeckte in ihrer Taſche ein Stück trocknes Brod, das ſie ſchweſter⸗ lich mit Alexei theilte. Da ſie überdieß reife Erdbeeren, ihnen bekannte Wurzeln und Trinkwaſſer auffanden, ſo waren ſie vor der Hand gegen das Verhungern und Verdurſten bewahrt. 127 Verfolger kamen ihnen nicht zu nahe, aber eben ſo wenig menſchliche Wohnungen. Es ward Abend und daher kühl. Thereſe in ihrer leichten Tänzerkleidung blieb jetzt nur noch durch raſches Vorwärtsſchreiten erwärmt, das aber bald ein⸗ geſtellt werden mußte, weil beide Wanderer ihre Füße vor Ermüdung kaum noch fühlten. Nachdem die Jungfrau ver⸗ geblich nach einem paſſenden Unterkommen für die Nacht ſich umgeſchaut hatte, ſetzte ſie ſich auf den beraſeten Erdboden nieder und veranlaßte ihren Begleiter, daſſelbe zu thun. Auch jetzt verlor ſie, obgleich vom Froſt geſchüttelt, ihren Muth eben ſo wenig wie ihre Laune zum Scherzen. „Es iſt lange nicht ſo kalt“— hob Thereſe an—„wie im Januar, als du, an den Baum gelehnt, ſchon wie ein Eiszapfen ſteif gefroren warſt. Duweißt alſo ſchon, wie es thut, wenn man erfriert. Hatteſt du großes Weh oder viele Angſt auszuſtehen, ehe du bewußtlos wurdeſt?“ „Gar nicht“— antwortete Alexei—„ich war ſehr müde und darum ſchläferig geworden. Ich ſchlief recht ſüß und nur zuletzt fühlte ich am Herzen eine große Kälte.“ „Vor dem Erfrieren würde ich mich nicht groß fürchten“— fuhr Thereſe fort—„aber lieb wäre mir's nicht, wenn wir morgen früh erwachten und befänden uns verſpeiſet in dem Magen von Wölfen, ha! ha! ha!“ „Wie kannſt du noch lachen?“ fragte Alexei, vor Grau⸗ ſen ſich ſchüttelnd.„An die Wölfe habe ich jetzt noch gar nicht gedacht Vor dem Feuer ſollen ſie ſich fürchten. Ach, wenn ich doch ein Feuerzeug zu mir geſteckt hätte!“ „Das habe ich aus Vorſicht gethan“— erwiederte Thereſe, aus ihrer Taſche Stahl, Feuerſtein und Zündſchwamm her⸗ 4 128 vorziehend—„doch woher Holz bekommen ohne Beil und Säge? Auch könnten Rauch und Feuerſchein uns Verfolger herzuziehen.“ Die letztere Beſorgniß überhörte Alexei in ſeinem Eifer, Brennſtoff aufzuſuchen und herbeizutragen. Der Knabe eilte davon und kehrte nach einer Weile beladen mit dürren Schilfſtengeln, mit ſchwachen Reißern, mit abgeſtorbenem Gras und ähnlichen Brennſtoffen zurück.„Das langt“— ſprach er—„freilich nicht für die ganze Nacht aus; aber ich getraue mir, noch mehr aufzufinden.“ Und er rannte eilig von dannen. „Der gute Junge!“ ſprach Thereſe, ihm nachblickend,— „und ich laſſe ihn gewähren. Kaum vergißt er darüber ſeinen leeren, mahnenden Magen. Ha! wenn wir nur ein einziges Scheit jetzt von den vielen Holzſtößen hätten, welche damals den Weg der Czarin zur Nachtzeit erleuchteten! Oder nur ein paar Broſamlein, die von der Czarin Tiſche fallen und den Hunden vorgeworfen werden! Ich für meinen Theil ergebe mich“— „Thereſe! Thereſe! ertönte hier Alexei's Stimme in der Ferne—„hierher! O ich habe ein herrliches Plätzchen für uns aufgefunden: einen kleinen Keſſel von Felſen, wo wir gegen den zugigen Morgenwind geſchützt ſind. Komm und ſieh!“ Dem Knaben die kleine Freude nicht zu verderben, ging Thereſe und lobte den Fund, der allerdings einen beſſeren Zufluchtsort darbot, als die Ebene. Alexei verſetzte nun den eingeſammelten Brennſtoff in den Felskeſſel, wobei Thereſe thätigen Beiſtand leiſtete, und bald loderte ein helles 8 429 Feuer auf, deſſen wohlthuende Kraft einen belebenden Ein⸗ fluß auf die frierende Thereſe ausübte. „Nun ſchlafe, Thereſe!“ ſprach Alexei, nachdem ſeine Gefährtin völlig erwärmt ſich fühlte.—„Und damit dich nicht friert, werde ich dich bis an den Hals mit dürrem Gras und Laub zudecken Ich aber halte indeß Wache, damit uns kein Wolf überfalle, und verſorge das Feuer, ſo lange unſer Vorrath ausreicht.“ Thereſe mußte ſich dem Willen Alexei's fügen, der ſeiner Lebensretterin gern einen ähnlichen Liebesdienſt erwei⸗ ſen wollte. „Aber“— ſagte Thereſe—„daß du mich nicht zu lange ſchlafen läſſeſt, damit ich dich ablöſen und die andere Hälfte der Nacht wachen kann.“ Das verſprach Alexei, jedoch mit dem geheimen Vorſatz, es nicht zu thun. Er überdeckte Thereſen mit ausgerauftem, trocknem Gras und ſetzte ſich dann hin, zu wachen und den Flammen ſpärliche Nahrung zu reichen. Lange ſaß der Knabe, mit dem Rücken gegen die harte Felswand gelehnt, die Ohren für jedes verdächtige Geräuſch ſpitzend, von Zeit zu Zeit das Feuer ſchürend, an ſeine Ael⸗ tern denkend, träumend und den tauſendfach geſternten Him⸗ mel betrachtend. Aber endlich wurden ihm die Augenlider immer bleiſchwerer, fielen zu, öffneten ſich erſt in kürzeren Zwiſchenräumen, dann in längeren, die Gegenſtände umher verſchwammen, die Sterne flimmerten nebelhafter und end⸗ lich ſchlief er wohl feſter noch als Thereſe. Von nun an übernahm ein Anderer, als ein ſchwacher Knabe, die Wache über die zwei Schläfer: die gnädige Hand Sou Pie Potemkin. 130 hielt jegliche Gefahr, reißende Thiere, böſe Menſchen und die Gewalt entfeſſelter Elemente von ihnen ab. Endlich flimmerte es grell vor Alexei's träumenden Augen. Als er ſie erſchrocken aufſchlug, ſah er den Felſen dicht vor ſich von den Strahlen der aufſteigenden Sonne erleuchtet, das Feuer längſt erloſchen und— o Glück! Thereſens Kopf noch rich⸗ tig aus dem dürren Graſe hervorſchauen. Wenig Secunden ſpäter ſchlug auch die Ballettänzerin die Augen auf und ſprang, ihre leichte Grasdecke von ſich ſchüttelnd, raſch auf die Füße. „Böſer Alexei!“ rief Thereſe beſchämt aus—„du haſt nicht Wort gehalten, ſondern mich ungeſtört ſchlafen laſſen bis zum hellen Morgen. Armer Junge! wie ſchläferig wirſt du ſein! Wie haſt du es vermocht, munter zu bleiben? Ge⸗ wiß iſt dir nun recht übel! Hurtig, lege dich nieder und verſuche zu ſchlafen. Ich will indeß nachſpüren, ob ich etwas Eßbares für uns auftreibe.“ Alerei war zu ehrlich, um Thereſen die Wahrheit zu verſchweigen. Er geſtand offen, wie auch er dem Schlafe ſich überlaſſen habe und ſich daher wie neugeboren fühle. Daſſelbe ſagte auch Thereſe und beide ſahen, wie es faſt jedem Menſchen an einem heitern Morgen und nach gemeſſener Ruhe geht, ihre Lage nicht mehr für ſo verzweifelt an, als dieß am Abende vorher geſchehen war. Ermuthigter traten ſie ihr Weiterwandern an, dabei von dem ſich nährend, was ihnen die Natur darreichte und das allerdings keine Leckerbiſſen waren. Freilich ſchmolz der frohe Lebensmuth wie Butter an der Sonne, als die Letztere, höher und höher ſteigend, die Fuß⸗ 131 wandrer mit glühender Hitze überſchüttete. Nur ſelten, daß ſie auf einen Menſchen, auf eine weidende Heerde, auf ein ärmliches Dorf ſtießen, von deſſen Bewohnern ſie eine kleine Gabe an Eßmitteln erbaten oder gegen ein überflüſſiges Stück ihrer Kleidung eintauſchten. Sechs Tage lang währte bereits Thereſens und Alexei's Reiſe und mehr und mehr nahm die Hoffnung ab, das ſo ungeheuer weit noch entfernte Wohngebiet der Kirgiſen zu erreichen und Alexei's Aeltern aufzufinden. Am Abende des ſechſten Wandertags, an welchem die beiden Reiſenden großen Mangel an Nahrung hatten leiden müſſen, ſank Thereſe, bis auf den Tod ermattet, neben einem Wacholderſtrauch darnieder. „Ich kann nicht mehr!“ ſeufzte ſie und ſchloß ihre tief eingeſunkenen Augen. Rathlos ſtand Alexei neben ihr, mit gefalteten Händen und bekümmerter Miene ſie anblickend. „Was ſoll denn mit uns werden?“ fragte er troſtlos. „Ich ſterbe“— verſetzte Thereſe—„und wenn ich todt bin, ſo gräbſt du mir ein Grab und läſſeſt mich nicht von den Wölfen auffreſſen oder wie ein Aas verweſen. Verſprich mir das, mein armer Junge, und ich werde unſern Herrgott für deine Errettung anflehen.“ „Wenn du ſtirbſt, Thereſe“— entgegnete Alexei—„ſo ſterbe ich mit. Wie könnt' ich ohne dich mich weiter finden? Ach, wenn ich nur wüßte, ob ich eben ſo leicht ſterben würde, wie damals, als ich ſchon wie ein Eiszapfen gefroren war, und ob man nachher todt bleibt oder nicht.“ „Wir werden wieder lebendig“— erwiederte Thereſe— „und gerichtet nach dem, was wir im Leben hier gethan haben, ob Gutes oder Böſes. Ach, ſeit langer Zeit habe ich nichts gethan, als getanzt, geſungen und geſprungen. Wenn ich deshalb nur nicht in die Hölle geworfen werde! Aber ich konnte ja nicht anders und würde geknutet worden ſein, wenn ich mich ernſtlich gegen das Tanzen widerſetzt hätte. Ach, wie gern hätte ich dagegen die Kühe gehütet und gemolken, gebuttert, Käſe bereitet, geſponnen und den Dreſchflegel geſchwungen!“ .„Und ich“— bekannte Alexei reuevoll—„habe auch nichts weiter bisher gethan, als ein wenig gepaukt und gepfif⸗ fen, was alles in die Luft verflogen iſt wie Dampf. Aber wenn wir beide in die Hölle kämen, wie ſollte es denn da mit Potemkin werden, der viele tauſendmal Schlimmeres gethan hat als wir?“ „Ja, das iſt wahr!“ ſprach Thereſe lebhaft.„Und wenn Potemkin, einen Rücken hätte ſo lang und breit als unſer heutiger Weg war, ſo hätten alle die Knutenhiebe nicht darauf Platz, die er hat Anderen ertheilen laſſen, und wenn er jeden Tag ein großesFaß voll weinen müßte, ſo hat er Anderen doch mehr Thränen noch ausgepreßt „Ob ihm denn da nicht gewaltig angſt vor dem Sterben ſein mag?“ fragte Alexei. „Ich glaube nicht“— erwiederte Thereſe—„die vor⸗ nehmen Leute leben in Saus und Braus, bis ſie der Tod ſchnell überraſcht, wo ſie dann erſt in der Hölle wieder er⸗ wachen und es zu ſpät zum Beſſerwerden iſt. Doch Alexei, mir wird das Sprechen ſauer. Siehſt du nicht ein wenig ℳ 2 —— Waſſer in der Nähe? Mir wird recht ſchwindelig“— un 133 ſie hielt ſich die Hände über die Augen. „Hier erblicke ich reife Wacholderbeeren“— antwortete Alexei angſtvoll und begann eifrig zu pflücken.„Da, kaue dieſe, indeß ich nach Waſſer ſuche. Wacholderbeeren ſollen ſelbſt vor dem Sterben helfen.“. Thereſe nahm die dargereichten Beeren und Alexei rannte davon. Bald kehrte er wieder, ſeine Mütze voll Waſſer tra⸗ gend. Er fand ſeine Begleiterin ſcheinbar ſchlummernd. „Wie heiß ſich ihre Hand anfühlt!“ ſprach er beſorgt— „Wie ſchnell ihr Athem fliegt! Stirb ja nicht Thereſe!“ rief er lauter. Matt öffnete dieſe ihre erloſchenen Augen.„Benetze meine Lippen mit Waſſer“— bat ſie leiſe—„und auch das Geſicht und die Schläfe!“ NMit welchem Eifer Alexei dieſem Wunſche nachkam! Lang⸗ ſam erholte ſich Thereſe. „Mir wird etwas beſſer, Alexei!“ ſprach ſie—„Dank dir für deine Sorgfalt. Aber doch fühle ich's, wie der Tod mir näher tritt. Da erzeige mir noch den letzten Gefallen: blaſe mir mein Lieblingsſtück auf deiner Flöte vor. Es iſt die Melodie, die ich immer ſang, als ich noch ein Kind und glücklich in meinem Dorfe war.“ „Ach!“ erwiederte Alexei trübe—„mir iſt jetzt gar nicht blaſerlich um's Herz. Ich habe ſchon meine Flöte von mir werfen oder verbrennen wollen, weil ſie zu nichts nütze iſt. Ich glaube, daß ich keinen reinen Ton hervorbringe und daß ich die Flötenlöcher voll weine. Nun, ich will es dir zu Gefallen thun und es verſuchen.“ „Blaſe! blaſe!“ wiederholte Thereſe dringender. Und der arme Alexei blies. Es war eine von den ein⸗ fachen, weichen, ſchwermüthigen ruſſiſchen Volksmelodieen, welche faſt insgeſammt aus einer Molltonart gehen und nur ſelten beruhigende Klänge aus der Durtonart untermiſchen. Die milden Flötentöne zogen lind durch die lauen Abend⸗ lüfte weit dahin und erweckten bei einem ſchon ſchlaftrunken auf einem Baume ſitzenden Vogel ein fernes Echo. Sie wirk⸗ ten gleich einem ſanften Regen auf eine von der Sonnen⸗ glut verſengte Flur: Thereſens leidenden und ſchmerzlich ver⸗ zogenen Mienen ebneten ſich und machten einer ſtillen Ruhe Platz, die ein ſeliges Lächeln des Mundes verſchönte. Als Alerei dieſen Erfolg ſeines Blaſens, über welches er vorhin ſo verächtlich geurtheilt hatte, bemerkte, blies er immer reiner und rührender. Da— o Himmel! die Flöte entfiel ſeinen zitternden Hän⸗ den— Ha, war das nicht der Tod ſelbſt, welcher plötzlich erſchien, die arme Thereſe aus dieſem Leben abzufordern und vielleicht auch den Knaben dazu? Zwar war das unter einer ſpitzen, tief herabgehenden Filzmütze halb ſichtbare Antlitz keinem Todtenkopfe zugehörig und die fleiſchfarbige Hand umſpannte auch nicht die mörderiſche Senſe, ſondern den langen Schaft einer Pike— aber demohnerachtet war die Erſcheinung eine furchterweckende, entſetzliche. Bevor Alexei's erſt vor Angſt zugeſchnürte Kehle wieder Luft zu einem lauten Schreckensſchrei bekam, ſchob die Er⸗ ſcheinung die Filzmütze aus dem Geſicht, warf die Pike von ſich und ſprang mit ausgebreiteten Armen und dem Freuden⸗ rufe:„Alexei! mein Sohn! Alexei!“ auf den betroffenen — Knaben ein, der jetzt ſeinen Vater erkannte und deſſen Freude theilte.* Noch hielten Vater und Sohn ſich feſt umarmt, als das Flattern eines herbeifliegenden, weiblichen Gewandes die Luft durchtönte und Alexei von noch zwei Armen feſt ſich um⸗ ſchlungen fühlte. „Hab' ich dich wirklich wieder?!“ rief Frau Iffinitz voll Entzücken—„Biſt du's wahrhaftig, mein Alexei? Dieſer empfing und gab die Liebkoſungen ſeinen Aeltern zurück. Dann ſagte er:„Wie uns die Leute hier im Lande belogen haben! Da ſollten wir nach ihrer Behauptung noch viele, viele Tagereiſen bis zu den Kirgiſen am Ural zu machen haben, und ſiehe wir haben ſie heute ſchon erreicht.“ „Da irreſt du dich gewaltig, mein Sohn!“ verſetzte Iffinitz lächelnd.„Du haſt weder die Kirgiſen noch den Ural erreicht, ſondern die Kirgiſen ſind zu dir gekommen. Weil ich mich in Kiew verrathen glaubte, ſo kehrte ich mit meiner Geſandſchaft und deiner Mutter nach unſerer neuen Heimath zurück. Allein wir waren noch nicht weit gekom⸗ men, ſo bewogen uns die Liebe und unbezwingliche Sehn⸗ ſucht nach unſern Kindern zur Umkehr. Redlich theilten die Geſandten mit mir die reichen, von der Czarin erhaltenen Geſchenke und ließen uns unter Segenswünſchen von ſich ziehen. Wir verfolgten den kaiſerlichen Reiſezug in weiter Ferne und gedachten nicht eher den Verſuch zu eurer Entfüh⸗ rung zu unternehmen, als wir durch den Ankauf einer an⸗ deren Verkleidung uns unkenntlich gemacht haben würden. Daß wir dich eben ſo unverhofft als glücklich wieder geſchenkt erhalten haben, iſt uns eine Bürgſchaft, daß unſer Herrgott 136 uns auch zur Erlangung unſrer beiden übrigen Kinder ver⸗ helfen werde.“ „Blaſe— blaſe doch wieder, Alexei!“ flüſterte Thereſe mit geſchloſſenen Augen.„Was ſchwatzeſt du doch?!“ „Was iſt das?“ fragte Iffinitz, nach der Sprecherin ſich umſchauend.. „Es iſt unſere Muhme Thereſe“— antwortete Alexei, traurig werdend.„Sie will mit aller Gewalt ſterben. Den Tag über war ſie ſchon taumelig auf ihren ſonſt ſo flinken Füßen und vorhin mußte ich ihr gar ein Sterbelied vorblaſen.“ „Für uns war's ein Auferſtehungsruf“— verſetzte die Mutter eifrig—„Wir vernahmen in unſerm Gezelt die lieb⸗ lichen Flötentöne und gingen ihrem Schalle nach. Dein Vater ſchritt voraus, um mich zu warnen, dafern ein Feind zu befürchten wäre, und da entdeckte er dich!“ „Ach, Vater! wird Thereſe wirklich ſterben?“ fragte Alexei beſorgt. „Gott wird unſere große Freude über dein Wiederfinden nicht durch den Verluſt deiner Lebensretterin und unſerer Wohlthäterin verbittern“— tröſtete Iffinitz, indem er ſich zu Thereſen niederbeugte und ihren Puls und Athem belauſchte. „Sie hat“— fuhr er fort—„ein ſtarkes Fieber, doch wird ſie es bei guter Pflege glücklich überſtehen.“ Mit Hülfe ſeiner Frau und ſeines Sohnes verſetzte er die Fieberkranke in ſein nahes, geräumiges, einem Zucker⸗ hute ähnliches Zelt von dickem Fils, wo ihr ein weiches und warmes Lager bereitet und noch andere Pflege zu Theil wurde. Die kaiſerliche Großmuth gegen die Kirgiſengeſandtſchaft hatte unſern Iffinitz in den Stand geſetzt, ſich zur Reiſe mit 137 allerlei Bedürfniſſen und Vorräthen reichlich zu verſehen. Zwei flinke, wohlgenährte Steppenpferde ſtanden bei dem Zelte angepflöckt und verzehrten ihr Abendfutter. Des Vaters Hoffnung erfüllte ſich. Schon nach fünf durchfieberten Tagen und Nächten beſſerte es ſich mit der Kranken ſo weit, daß ſie am ſechſten Tagt vor dem Zelte in der wärmenden Morgenſonne ſich ſömmern konnte. Zwei Tage ſpäter gedachte Iffinitz mit den Seinen weiter zu reiſen. Thereſe hatte nicht lange dageſeſſen, als ſie einen Reiſewagen am Horizonte auftauchen und in grader Richtung auf das Zelt zuſteuern ſah. In einiger Entfernung folgte ein zwei⸗ tes Fuhrwerk mit Gepäck. Als Thereſe ihren Vetter Iffinitz von dieſer Erſcheinung benachrichtigte, legte derſelbe raſch ſeine Kirgiſenvermummung an, zäumte ſein Pferd und ſprengte mit der Pike in der Hand dem Wagen entgegen. Auf dem Bock neben dem Kutſcher ſaß ein Diener, welcher bei dem Nahen des vermummten Kirgiſen ein Doppelpiſtol hervorzog und ſchußfertig machte. Dieſe Bewegung bewog den Iffinitz, die Spitze ſeiner Pike der Erde zuzukehren, um ſeine fried⸗ liche Geſinnung hierdurch auszudrücken. In dem geräumigen Wagen ſelbſt befanden ſich zwei Herren, eine Dame und vier halbwüchſige Kinder, zwei Pärchen. „O weh!“ hörte Iffinitz den jüngern Herrn zu den Uebri⸗ gen ſprechen—„s iſt ein Kirgiſe, der unſer Ruſſiſch ſchwer⸗ lich verſtehen und uns über den richtigen Weg Auskunft geben wird.“ „Kein Kirgiſe, mein gütiger Herr!“ jubelte Iffinitz, vom Pferde ſpringend.„Euer alter Silberputzer, Nicolaus 138 Iffinitz, iſt's, der unſern Herrgott preiſet, daß er Euch und die Eurigen wieder zu ſehen bekommt.“ In die mannigfachen Ausrufe des Erſtaunens und der Freude miſchte ſich auch derjenige:„Vater! Vater! Wo iſt die Mutter?“ „Vater? Mutter?“ erwiederte Iffinitz, die Ruferin betroffen anblickend. „Ich bin ja Wanka!“ jauchzte dieſe und umhalſete ihren Vater ſtürmiſch. „Du hier und in ſo ſchöner Kleidung?“ fragte Iffinitz verſteinert. „Sie iſt ſchon ſeit zwei Jahren bei uns in Moskau“— er⸗ klärte Frau Bergmann—„und haben ſie uns von Walitzſchka kommen laſſen, damit wir wenigſtens an einem Gliede deiner Familie unſere große Schuld gegen dich in etwas abtragen könnten.“ „Das iſt zu viel Glück auf einmal!“ ſprach Iffinitz tief gerührt.„Was wird meine Frau und Alexei dazu ſagen! Nun fehlt nur noch unſer Jwan, um die Freude ganz voll⸗ kommen zu machen. Wie aber Herr, kommt Ihr hierher und mit all den Eurigen?“ „Der Armenier“— erzählte Bergmann—„welchem ich unter einem andern Namen den von dir geretteten Schmuck verhandelt hatte, warnte mich ſchriftlich vor Potemkin's Nach⸗ ſtellungen und da derſelbe nächſtens mit der Czarin auf der Rückreiſe durch Moskau kommen wird, ſo hielt ich's für das Gerathenſte, mein Bündel zu ſchnüren und mich nebſt all den Meinen in die Gegend zu begeben, wo mein Verfolger jetzt geweſen iſt, weil ſeine Häſcher mich gerade dort am — wenigſten vermuthen werden. Auch habe ich dann die tür⸗ kiſche und öſterreichiſche Grenze in der Nähe.“ Der Leſer male ſich nun ſelbſt die Freude des gegenſei⸗ tigen Wiederfindens aus. Vereint ſetzten Alle die weitere Reiſe nach dem Süden des ruſſiſchen Reiches fort. Das unwiderſtehliche Geld bewirkte auch die Befreiung Jwans aus Potemkin's Dienſten. Derſelbe vertauſchte deſſen Fleiſch⸗ töpfe gern gegen das Leben in einer, wenn auch nicht wüſten, jedoch einſamen Gegend, wo aber die Freiheit und das ſtille häusliche Glück ihr Zelt aufbauten. Dreizehntes Kapitel. Jeder Menſch erreicht einen Höhepunkt ſeines Glücks und ſeines Ruhms, von welchem er plötzlich, bald allmälig, wieder herabſteigt oder herabgeſtürzt wird, wenn nicht ein früher oder gewaltſamer Tod ſeinem Leben ein Ende bereitet. Auch Potemkin machte von dieſer Regel keine Ausnahme. Seit einer Reihe von Jahren hatte er, der Zweite im wei⸗ ten Ruſſenreiche, auf dem Gipfel ſeiner Macht ſich zu erhal⸗ ten gewußt. Aus einem Fähnrich von niederem Adel war er, wie ſchon geſagt, deutſcher Reichsfürſt, Großadmiral, Generalfeldmarſchall und Inhaber aller hohen Orden Euro⸗ pa's geworden. Sein Wille galt nicht ſelten mehr als der⸗ jenige ſeiner Kaiſerin. Ueber alle ſeine Feinde triumphirte er, wiewohl dieſe deshalb ihre Anſtrengungen zu ſeinem Sturze niemals einſtellten. Seine zuſammengeſcharrten N Reichthümer beliefen ſich auf 50 Millionen Rubel. Dabei beſaß er ungeheure weitläufige Güter, ganze Kiſten voll Edelſteine und Juwelen, den ſchönſten, an Pracht den kai⸗ ſerlichen übertreffenden Palaſt in Petersburg, aber: weder eine treue, tugendhafte Gattin, noch wohlgerathene, liebende Kinder! Daher ſammelte und geizte er ohne Zweck, höch⸗ ſtens nur für lachende Erben aus ſeiner Verwandtſchaft. Als Großadmiral und Generalfeldmarſchall fand Po⸗ temkin ſeinen Vortheil mehr in Kriegszeiten, wo ein ge⸗ naues Nachrechnen über die angeblich verwendeten Geld⸗ ſummen unmöglich iſt. Aus dieſem verdammlichen Grunde hatte er wiederholt die Türkei zum Kriege gereizt, welcher vielen Tauſenden von Kriegern das Leben und noch ungleich mehreren Menſchen den Wohlſtand und das häusliche Glück koſtete. Ein ſolcher Krieg gegen die Türken währte noch im Jahre 1791 fort, obgleich die Czarin den Frieden ſehn⸗ lichſt wünſchte und deshalb dem Oberbefehlshaber über ihre Krieger, unſern Potemkin, wiederholt befohlen hatte, mit den Feinden Frieden zu ſchließen, welchem Befehle Potemkin aber nicht nachkam. Um ihren Willen mündlich und ein⸗ dringlicher gegen den widerſpenſtigen Feldmarſchall zu wiederholen, berief Catharina II. denſelben aus dem Kriegs⸗ lager nach Petersburg, wo er am 11. März 1791 anlangte. Die gütige und ſehr nachſichtige Kaiſerin hatte, um ihren vormaligen Günſtling zu ehren und beim Guten zu erhalten, zu ſeinem Empfange den Grafen Besborodko bis Moskau entgegengeſchickt, auch von dort aus die Wege bis Peters⸗ burg, eigens für Potemkin's Reiſe, ausbeſſern laſſen. Von ſeiner Kaiſerin wurde Potemkin mit der größten x — 141 Auszeichnung empfangen, jedoch wollte man bei ihr die frühere Herzlichkeit gegen ihren Günſtling vermiſſen. Auch Potemkin gewahrte die eingetretene, ihm ungünſtige Um⸗ änderung bei der Kaiſerin und er ſann daher auf ein Mittel, ſich wieder bei derſelben einzuſchmeicheln und zugleich ſeine Macht und ſeine Reichthümer ſehen zu laſſen, um die Menge dadurch zu blenden und einzuſchüchtern. Am 9. Mai 1791 gab Potemkin abermals ein Feſt, wobei er orientaliſche Pracht und Verſchwendung zeigte. Daſſelbe wurde in ſeinem Palaſt und deſſen Garten gefeiert, den er vor Zeiten von der Kaiſerin geſchenkt erhalten, dann an dieſelbe für 460,000 Rubel verkauft und nunmehr, zur Belohnung für die Einnahme der türkiſchen Feſtung Ismail, zum zweitenmal geſchenkt bekommen hatte. Dreitauſend Gäſte der vornehmen Welt Petersburgs waren eingeladen worden, unter denen ſich auch die Kaiſerin mit ihrem Sohne, mit ihren Enkeln und ihrer Schwiegertochter befand. Als dieſe am Feſtabende in den ungeheuern Saal des Palaſtes eintrat, empfing ſie die Muſik von 300 ruſſiſchen Hörnern. Dieſelbe wechſelte mit dem Geſange lieblicher Menſchen⸗ ſtimmen ab, welche das Lob Catharina's, als der mächtig⸗ ſten Herrſcherin, verkündeten. Außer zwei prachtvollen Kronleuchtern von Kryſtal, welche 42,000 Rubel gekoſtet hatten, brannten deren noch 56 in dem Saal, auf deſſen Größe man hierdurch ſchließen kann, und überdies noch 5000 Lampen. Die Letzteren waren theils weiß, theils bunt in Geſtalt von Lilien, Roſen, Tulpen und anderen Blumengattungen, welche als Guirlanden die Säulen des Saals verbanden. Aus dem Saale trat man in vier lange ——— 142 Reihen von Zimmern, die mit koſtbaren Tapeten, mit theuern Gemälden und Geräthen ausgeſtattet waren. Die Letzteren von zwei, ausſchließlich für die kaiſerliche Familie beſtimm⸗ ten Gemächern koſteten allein 46,000 Rubel. Mit noch größerer Pracht war der Wintergarten des Fürſten ge⸗ ſchmückt, in welchen man aus der großen Gallerie des Pa⸗ laſtes trat. Er war wenigſtens ſechsmal ſo groß als der berühmte kaiſerliche Wintergarten in der Eremitage und wie dieſer als ein engliſcher Park angelegt. Hier führte ein ſanfter Raſenabhang durch Gänge von blühenden Drangenbäumen. Dort ſah man Lauben, an deren Gitter⸗ werk Roſen und Jasmin ſich emporrankten, die den ange⸗ nehmſten Duft verbreiteten. In den Gebüſchen hingen Käfige mit Nachtigallen und anderen Singvögeln. In der Erde und in koſtbaren Gefäßen auf Fußgeſtellen von Marmor und Granit ſtanden die ſeltenſten Stauden und Gewächſe durch den ganzen Garten vertheilt. Alleen von ausländiſchen Bäumen waren ſo dicht verwachſen, daß man bei hellem Tage unter ihnen im Halbdunkel hinwandelte. Die Oefen, welche in dem dortigen Himmelsſtrich für einen Wintergarten in großer Anzahl erforderlich ſind, waren hinter Spiegeln von außerordentlichem Werth verborgen. In den Gängen des Gartens und auf kleinen, beraſten An⸗ höhen ſtanden auf bunt marmornen Fuſtgeſtellen ſchön ge⸗ arbeitete Vaſen und Bildſäulen aus weißem Marmor, die theils der kaiſerlichen Wohlthätigkeit Opfer darbrachten, theils Catharina's Bild bekränzten. Im Graſe erblickte man große gläſerne Kugeln mit Waſſer gefüllt, in welchen Gold⸗ und Silberfiſche ſich bewegten. Mitten im Garten erhob ſich ein Tempel, deſſen Kuppel ſich bis an den täu⸗ ſchend gemalten Himmel des Gartens erſtreckte und auf acht weißmarmornen Säulen ruhete. In ihm ſtieg man auf graumarmornen Stufen bis zu einem Altar empor, welcher der Bildſäule der Kaiſerin zum Fußgeſtelle diente. Dieſe war mit dem kaiſerlichen Mantel bekleidet und ſchüttete aus einem Füllhorne nicht etwa Blumen oder Früchte, ſondern — ſehr trefflich bezeichnend— Goldſtücke und Ordenskrenze aus. Am Altar ſtand mit goldenen Buchſtaben geſchrie⸗ ben:„Der Landesmutter und meiner Wohlthäterin.“ Auch hier brannten bunte Lampen in Blumenformen, welche um die Säulen geſchlungene Guirlanden bildeten. Das große Gewölbe des Gartens wurde außer der ftützen⸗ den Kuppel des Tempels noch von ſechs Säulen getragen, denen man die Geſtalt ungeheurer Palmenbäume gegeben hatte. Aus Lampen künſtlich dargeſtellte Früchte, wie Melo⸗ nen, Ananas, Weintrauben, Aepfel, Birnen u. ſ. w. leuch⸗ teten aus dem grünen Raſenteppiche und aus dem dichten Laubwerk zauberhaft hervor. Einen Arm der Newa hatte Potemkin in ſanften Windungen durch ſeinen Wintergarten leiten und ihm einen Waſſerfall abzwingen laſſen, der ſich in ein Marmorbecken hinabſtürzte. Auf einem freien Platze vor dem fürſtlichen Palaſte hatte Potemkin für das Volk allerlei Beluſtigungen veran⸗ ſtaltet, bei welchen Kleider, Strümpfe, Hüte und andere Geſchenke, ja ſelbſt gekochte und ungekochte Speiſen, ſowie Getränke, dem Pöbel preisgegeben wurden.* Sogar ein Theater hatte Potemkin in ſeinem Palaſte errichtet, in welchem dieſen Abend zwei franzöſiſche Luſt⸗ ſpiele und zwei Ballets aufgeführt wurden. Nach Be⸗ endigung derſelben war die Beleuchtung im Garten voll⸗ ſtändig zu Stande gebracht worden, wozu man 140,000 Lampen und 20,000 Wachslichter verbrauchte. Die Kaiſerin, begleitet von dem Großfürſten und deſſen Gemahlin, von den jungen Prinzen und Prinzeſſinnen, begab ſich aus dem Theater in den Wintergarten. Hier geleitete Potemkin, der heute ein rothes Kleid und darüber einen Mantel von ſchwarzen, mehrere tauſend Rubel koſten⸗ den Spitzen trug, die Kaiſerin zu dem Tempel, auf deſſen Stufen er zu Catharina's Füßen niederſank und ihr für die ihm erwieſenen Gnadenbezeigungen dankte. Die Mo⸗ narchin hob ihn gerührt empor und küßte den großen Schau⸗ ſpieler, welcher die ganze frühere Gunſt der Kaiſerin wieder gewonnen zu haben ſich ſchmeichelte. Während des Balles und Tanzes nahmen die Kaiſerin und die Grofßfürſtin Platz an den Spieltiſchen. Hierauf wurde geſpeiſt und zwar an der kaiſerlichen Tafel auf Gold, während die übrigen Gäſte mit Silber und theurem Por⸗ zelan ſich begnügen mußten. Welche Pracht, welcher Ueber⸗ fluß, welche Verſchwendung abermals vereint worden waren, um den Gaumen zu kitzeln und den Magen zu überfüllen! Wie der goldene und purpurne Rebenſaft in den kryſtallnen Gläſern funkelte! Wie der Schaumwein ziſchend und ſpru⸗ delnd in die unerſättlichen Kehlen hinabfloß! Wie die ein⸗ ſchmeichelnden Muſiktöne in die Heiterkeit, in den lauten Jubel, in die Toaſte der zahlreichen Gäſte ſich miſchten! Wie es aller Orten und Enden von blitzendem, theurem 145 Schmuck, von Gold und Silber, von Kryſtall und den fein⸗ ſten Spitzen flimmerte! Wie Potemkin's Lob von tauſend trunken lallenden Zungen geprieſen wurde und er, mit Brillanten überdeckt, ſelbſtgefällig und ſtolz über die Schaar ſeiner Gäſte hinſchaute! Es war ein Gaſtmahl ähnlich dem, welches der König Belſazer ſeinen Höflingen und Schmeichlern gab. Und auch hier kam mitten in dem rauſchenden Jubel eine Hand aus der tapetengeſchmückten Wand hervor und ſchrieb mit Flammenzügen die Schreckensworte hin:„Mane, mane, tekel, upharſin.“ Keiner von den Anweſenden erblickte jene Hand und deren Schreiberei; überdieß war kein weiſer Seher unter ihnen, welcher, wie der Prophet Daniel, jene Worte auszulegen verſtanden hätte. Nachdem ſoeben beſchriebenen Feſte, das ſeinem Veran⸗ ſtalter 200,000 Rubel gekoſtet hatte, nöthigte Catharina II. ihren Generalfeldmarſchall, daß er gegen ſeinen Willen wieder zur Armee in's Feld zurückkehren mußte, um den Frieden mit den Türken zu vermitteln. Da aber derſelbe gegen Potemkin's Vortheil war, ſo verzögerte er die Er⸗ füllung des kaiſerlichen Auftrages, ſo lange er nur konnte. Doch nun war die göttliche Langmuth zu Ende, die dem argen Sünder ſo lange Zeit zur Buße vergönnt hatte. Die Flammenſchrift an der Wand erfüllte ſich: Potemkin's Tage waren gezählt und vollendet— er auf der Waage gewogen und zu leicht befunden worden. Es war am 15. October 1791, als Potemkin in aller Frühe die Stadt Jaſſy verließ, um ſich nach Oczakow zu begeben, wo er ſich wohler befinden zu können glaubte. Potemkin. 10 146 Denn durch ſeine Adern ſchlich das Faulfieber, welches ſeine Krieger zu Tauſenden ſchon hinweggerafft hatte und das oft noch mörderiſcher iſt als Pulver und Blei, als Bajonnet und Schwerdt. Potemkin war die Urſache des blutigen Krieges und von deſſen Verlängerung. Daher wurde er jetzt mit dem geſtraft, womit er geſündigt hatte: mit der durch den Krieg erzeugten Seuche! Als Potemkin 6 Meilen weit von Jaſſy gelangt war, verſchlimmerte ſich ſein leidender Zuſtand mit jeder Minute. Sein ohnehin wenig gefärbtes Antlitz ward erdfahl, unge⸗ wöhnlich lang geſtreckt und bedeckte ſich mit dicken Schweiß⸗ tropfen. Röchelnd und mühſam hob und ſenkte ſich die ſchwer beängſtete Bruſt des Fürſten. Seit jenem Zwei⸗ kampfe mit dem Grafen Orlow war Potemkin's rechtes Auge unbeweglich, der Sehkraft beraubt und unheimlich ſtarr geworden. Jetzt nahm auch das linke, tief eingefallene Auge einen furchtbaren Ausdruck an, ſo daß Potemkin's mit ihm reiſende Nichte, die Gräfin Branicka, ihren Onkel nicht länger anzublicken vermochte. „Luft! Luft!“ keuchte Potemkin mit bläulichen Lippen hervor—„Ich— erſticke!“ Er riß ſich die Kleider vorn auf der Bruſt auf, daß die Ordenskreuze in dem Wagen umhergeſtreut wurden. „Halt!“— knirſchte er wiederum—„Ich will in's Freie! an die Luft! Luft!“ Der Wagen hielt im ſchnellen Laufe. Man trug den Fürſten unter den nächſten Baum und legte ihn auf einen daſelbſt ausgebreiteten Teppich nieder. Hülfeſuchend und hülfeflehend blickte Potemkin's brechen⸗ des Auge um ſich. Ach, alle ſeine Schätze und Würden hätte er jetzt freudig hingegeben, wenn ihm die zermalmende Laſt von ſeiner Bruſt hinweggenommen und ſein langſam und matt ſchlagendes Herz mit der alten Kraft geſtärkt worden wäre! Jeden einzelnen Tropfen eines belebenden Trankes hätte er mit einer Handvoll Brillanten oder köſt⸗ licher Perlen, ach mit einem Rittergute bezahlt! All dieſer Erdentand hatte jetzt ſeinen Werth und ſeinen Reiz ver⸗ loren. Was blieb ihm, der ſein Herz nur an das Irdiſche gehängt hatte, in dieſem Augenblicke noch übrig? Die Gräfin hatte des Fürſten Dienerſchaft nach Aerz⸗ ten und nach einem Popen in die nächſtgelegenen Oerter fortgetrieben. Sie ſelbſt blieb bei dem Sterbenden zurück und winkte einen in der Nähe auf dem Felde arbeitenden Landmann zu ihrem Beiſtande herbei. Dieſer kam und fuhr bei Potemkins Anblick betroffen zuſammen. Jedoch faßte er ſich ſchnell und löſete willig die Gräfin ab, die das im⸗ mer ſchwerer werdende Haupt ihres Onkels nicht länger mit ihrem Arme zu halten vermochte. Bevor der Tod noch den Fürſten als ſeine gewiſſe Beute erfaßte, hatte er bereits den Unterſchied zwiſchen Fürſt und Bauer aufgehoben, in⸗ dem Potemkin nichts dagegen einwendete, daß er in den Armen eines, mit grobem Leinkittel bedeckten Leibeigenen lag. Während die Gräfin nach dem Wagen hineilte, um dort unter ihren Sachen ein Riechfläſchchen oder ein an⸗ deres Belebungsmittel hervorzuſuchen, ſeufzten Potemkin's bleiche Lippen:„Ich— ſterbe!“ „Haſt Du, o Herr!“ ſprach der Landmann ergriffen —„Deine Rechnung mit unſerm Herrgott abgeſchloſſen?“ 10* 148 Fragend blickte Potemkin den Landmann an. „Ich meine,“ fuhr dieſer mit ernſter Stimme fort— „ob Du unſerm Herrgott keine Sünde abzubitten haſt? nicht ſeine grundloſe Barmherzigkeit anflehen willſt?“ Ein unwilliges Kopfſchütteln war Potemkins Antwort. „Wie?“ fragte der Landmann erſtaunt—„ſo ſieheſt Du nicht ein weites, weites Feld mit Haufen von aufge⸗ thürmten Leichen, mit Strömen rauchenden Blutes vor Dir? Höreſt nicht das Wehgeſchrei unſchuldiger Frauen und Kin⸗ der, die auf Deinen Befehl ihren ermordeten Männern und Vätern nachgeſchickt werden? Und zu dieſen 30,000 Niedergemetzelten geſellen ſich Hunderttauſende Deiner und fremder Krieger, die Dich als ihren Mörder vor des Ewi⸗ gen Throne anklagen! Gedenkſt Du nicht der Seufzer, Thränen und Schweißtropfen Anderer, die an Deinem un⸗ gerecht erworbenen Mammon kleben? Vernimmſt Du nicht die Poſaunenklänge der Engel, welche Dich noch in dieſer Stunde vor Gottes Richterſtuhl hinrufen werden?“ Starr und mit ſchrecklichem Ausdruck haftete Potem⸗ kins ſehendes Auge auf des Landmanns ſittenpredigendem Munde. Ein unbändiger, aber ohnmächtiger Zorn machte ſeinen Körper krampfhaft zucken. Er verſuchte zu ſprechen und ſeinen Helfer zurückzuſtoßen, aber die Glieder des Leibes verſagten ihm ihre Dienſte. Ein einziger, mißtönender Wuthſchrei, dem Gebrüll eines reißenden Thieres ähnlich, entrang ſich ſeiner Bruſt— ein kurzer, ſchwerer Todeskampf — und lang ſtreckte ſich Potemkin's Körper in den Armen des Landmannes aus. Dieſer ſchlug das Zeichen des Kreuzes über des Todten Antlitz und Bruſt. —— 149 . „Gott erbarme ſich Deiner armen Seele!“ flüſterte er mitleidig—„Ich habe Dir vergeben!“ „Er iſt todt und bedarf jetzt nur noch des göttlichen Erbarmens“— ſprach der Landmann zur wiederkehrenden Gräfin. „Verlaßt mich nicht, guter Mann!“ bat jene beweglich. „Wartet, bis meine Leute zurückkommen und reichlich ſollt Ihr dafür belohnt werden.“ Der Bauer entfernte ſich erſt, als um den Leichnam eine Schaar von Dienern und anderen Perſonen verſam⸗ melt ſtand. Nach kurzer Weile kehrte er aber in Beglei⸗ tung von einer zahlreichen Familie zurück. Dieſelbe beſtand aus dem Juwelier Bergmann, aus deſſen Frau und 3 Kin⸗ dern, aus ſeinem Schwiegervater und der Frau Iffinitz und deren Kindern, aus ihrer Muhme Thereſe und deren Manne, und endlich aus Nicolaus Iffinitz ſelbſt, der kein Anderer als jener Landmann war, der dem ſterbenden Potemkin Beiſtand geleiſtet hatte. Sie Alle bewirthſchafteten vereint ein ſchönes Landgut in der Nähe, welches Bergmann ange⸗ kauft und wo er bisher friedlich und glücklich nebſt den Seinen gelebt hatte. Stumm und aus der Ferne ſahen ſie jetzt mit an, wie der entſeelte Fürſt in den Teppich gehüllt und auf einen Wagen geladen wurde. Nachdem der ganze Troß ver⸗ ſchwunden war, ſprach Bergmann in tiefer Bewegung: „Wir wollen uns nicht über den Tod unſeres Feindes und Verfolgers, wohl aber darüber freuen, daß wir und ganz Rußland mit uns zugleich von einem Manne befreit worden ſind, der ſeine Macht nur zum Schaden ſeiner Mitmenſchen 150 verwendet und namenloſes Weh über ſie gebracht hat. Wir aber wollen dahin ſtreben, daß wir einen chriſtlicheren Tod ſterben, als Potemkin, und mit freudigerer Hoffnung vor dem Ewigen hintreten können.“ Nach einer gegenſeitigen, innigen Umarmung und mit leichtem, freudigem Herzen kehrten die befreundeten Familien nach ihren Wohnungen zurück. Potemkin's reiche Schätze ſind in alle vier Winde zer⸗ ſtoben. Sein übler Nachruf dagegen wird von allen Ge⸗ ſchichtsſchreibern verkündigt und währet fort bis in die fernſten Zeiten. Ha! und wie ſteht es erſt um ihn in der Ewigkeit, welche Alles überdauert?! Das ſollten alle die Mächtigen und Großen wohl bedenken, welche, den Worten feiler Schmeichler nur ihr Ohr darleihend, ſcheinbar unge⸗ ſtraft ihren niederen und gemeinſchädlichen Lüſten fröhnen, wodurch ſie Tauſende ihrer Mitmenſchen in's Elend ſtürzen. Schon mit Catharina's II. Tode verſchwand der letzte Schimmer von Potemkin's einſtiger Größe. Ihr Sohn und Thronfolger, Kaiſer Paul, welchem Potemkin die Liebe und das Vertrauen ſeiner Mutter gefliſſentlich entzogen hatte, ließ Potemkin's Leichnam, der zu Nicolajew begra⸗ ben war, aus ſeinem Sarge reißen und in den Feſtungs⸗ graben werfen, auch den an ſeinem Sterbeplatze errichteten Obelisk entfernen. Später erſt ſtellte die Stadt Cherſon Potemkin's eherne Bildſäule zu Ehren ihres Erbauers auf, woſelbſt ſie noch zu ſehen iſt. Leipzin, Druck von Gieſecke& Devrient. mmnf Lu 7 8 9 10 11 12 13 15