enſe, aliger fnſer 5 Cduard Oftmunn in Schloßgaſſe Lit. 2 Nr. 256. Seih und Zeſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pietici und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. besepreis. Bei Ruchlbr eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſut welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet K. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und en nhchenklich 2 Biücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Monat: 1 Mr.— f 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. S3 ausvürtige Vonnenten haben für Hin— und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kuvfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ der defeete Buch ein Theil eints größeren Werkes, ſo iſt Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausieihezeit. Dieſelbe iſt 14 Tage feſgeſeht und wird onders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Vücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Die Uachbarn. 1 Cine Jugend⸗ und Volks⸗Erzählung von Guſtav Nieritz. 1 Beſonders aogedruckt aus der Jugend-Bibliothek von Guſtav nieritz. ——— Verlegt 8 von M. Simion in Berlin. Die Uachbarn. Von Guſtav Nieritz. Erſtes Kapitel. Wirkung eines Hammers. Nicht mit Unrecht rechnet Martin Luther in der vierten Bitte zu der leiblichen Wohlfahrt unter Anderem auch fromme und getreue Nachbarn und desgleichen. Denn ein treuer Nachbar bewahrt ſeinen Nachbar vor Schaden und hilft ihm in der Poth, während ein böſer Nachbar das Gegentheil thut und ſeinen guten Nachbar zuweilen aus der Haut fahren macht. Zwei ſolche verſchiedene Nachbarn lebten einſtmals in der Hauptſtadt des ſächſiſchen Voigtlandes, in Plauen. Der eine von ihnen war ein Kupferſchmidt und hieß Tobias Hüfner, der Andere ein Seifenſieder, Namens Lebrecht Freund. Die Häuſer der beiden Nachbarn lagen einander gegenüber und zwar, weil die Gaſſe ſehr ſchmal war, kaum zehn Ellen aus einander. Nun iſt die Nach⸗ barſchaft eines Kupferſchmidts wohl nicht minder lär⸗ mend als die eines Böttichers, welcher ſeine Fäſſer auf 4 freier Straße zu binden pflegt, während der Kupfer⸗ ſchmidt dagegen zwar das ſpröde Kupfer in ſeiner Werk⸗ ſtatt bearbeitet, jedoch auch mit einem deſto ſchallenderen Getöſe. Dieſen Uebelſtand mochte der Seifenſieder jedenfalls überſehen haben, da er das dem Kupferſchmidt gegenüber gelegene Haus erkaufte. Meiſter Lebrecht Freund war ein großer Freund vom Leſen, und zwar las er beſonders gern Räuber⸗, Ritter⸗ und Seefahrergeſchichten. War er mit Lichterziehen und Seifeſieden fertig, ſo ſetzte er ſich mit dem Buche ans Fenſter und ſtand meiſt nicht eher wieder auf, als bis er an das Ende des Buches gelangt war. Es ſtörte ihn aber oftmals das dröhnende Hämmern des Nachbars, das Stunden lang ohne Unter⸗ brechung fort währte und dem ſtillen Leſer die Ohren zerriß. Da übermannte den Seifenſieder endlich der Zorn und er ſchickte ſein zwölfjähriges Söhnlein zum hämmernden Nachbar hinüber mit der ſpitzen Weiſung: der Herr Nachbar Kupferſchmidt ſolle doch bedenken, daß über der Gaſſe auch Leute wohnten, denen ihr Trommelfell lieb wäre. Er ſolle daher ſeine toſende Arbeit hübſch im Hofe zwiſchen vier hohen Mauern vornehmen, nicht aber vorn heraus in der Unterſtube, in welcher noch obendarein alle Fenſterflügel offen ſtänden. Wenn es galt, aufgetragene Grobheiten auszurich⸗ ten, ſo bewies ſich der junge Auguſt Freund als ein ſehr gehorſames Söhnlein., Er begab ſich daher ohne 5 Verzug zum Nachbar hinüber, den er noch in voller Arbeit antraf. Daher vernahm er ſein eigenes Wort nicht, obſchon er mit lauter Stimme die Worte ſeines Vaters herſagte. Der Kupferſchmidt ſah und hörte den jugendlichen Boten nicht, ſondern ſchaute unverrückt auf den Rand eines großen Waſchkeſſels nieder, welcher der Gegenſtand ſeines Hämmerns war. Eben ſo wenig be⸗ merkte ihn Heinrich Hüfner, welcher mit dem Nachbars⸗ ſohn im gleichen Alter ſtand und jetzt den Keſſel auf dem Ambos feſtzuhalten bemüht war. Erſt dann, als Meiſter Hüfner eine Pauſe machte, konnte ſich Auguſt ſeines Auftrages entledigen, welcher dem Kupferſchmidt ganz unerwartet kam. „Wie?“ ſprach derſelbe erſtaunt—„Dein Vater will mein Hämmern nicht leiden? Will meine Wertſtatt in meinen Hofraum verſetzt wiſſen? Potz Gurkenſallat und Pfefferkraut! Da mag mir dein Vater erſt eine Werkſtatt hinten bauen und mir bei der Arbeit das Licht halten, wenn ich nichts ſehen kann. Warum hat er denn in meiner Nähe ſich angekauft, he? War ich nicht eher hier als er und ſoll ihm nun aus dem Wege gehen? Glaubt er etwa, daß ein Kupferſchmidt auf Inſelt loshämmere, anſtatt auf hartes Kupfer? Sage deinem Vater, mein Söhnchen, daß, wenn er das Fett und Inſelt zu ſeiner Seife und zu ſeinen Lichtern, das mit ſeinem übeln Geruch die Luft weit umher verpeſtet, draußen vor der Stadt ausſchmelzen wollte, ich auch dann meine Werkſtatt in den Hof verlegen würde. Da 6 haſt du deinen Beſcheid und nun, Heinrich, wollen wir wieder d'ran gehen.“ Daß dieſer Beſcheid dem Nachbar Seifenſieder nicht genügte, kann man ſich leicht denken. Sein Groll wuchs vielmehr gegen den Kupferſchmidt und er war darauf bedacht, immer neue Urſachen zur Beſchwerde gegen den⸗ ſelben aufzufinden. Nach einer ſehr ſtürmiſchen Nacht erſchien am frü⸗ hen Morgen ſchon des Seifenſieders Söhnlein abermals in der Kupferſchmidtwerkſtätte. „Hier ſchickt Euch mein Vater“— hob der Knabe an indem er dem Meiſter eine Focke Inſelt überreichte —„etwas zum Einſchmieren Eures Keſſels, den Ihr als Handwerkszeichen an einer Eiſenſtunge vor Eurem Hauſe hängen habt. Mein Vater hat die ganze Nacht kein Auge ſchließen können vor dem Gequitſche, das Euer baumelnder Keſſel in den verroſteten Angeln ge⸗ macht hat.“ „Nicht mein Keſſel“— fuhr Meiſter Hüfner zornig auf—„ſondern eure hölzernen Seifenriegel und Lichter⸗ bündel, welche vor Eurem Hauſe als Zeichen baumeln, mögen ſo, arg gequliſcht haben. Und nun triff das Loch, Junge, mit ſammt deiner Inſeltfocke, oder“— Die haſtige Bewegung, welche die letzten Worte des Kupferſchmidts begleitete, verſcheuchte ſchnell den Boten, deſſen Bericht drüben bei dem Vater wieder neues Del ins Feuer goß. Der Keſſel blieb hängen, wie er war; jedoch nicht 7 lange; denn eines Morgens war er von ſeiner Eiſen⸗ ſtange ſpurlos verſchwunden. So wie Meiſter Hüfner ſeinen Verluſt wahrnahm, begab er ſich in der erſten Aufwallung zum Seifen⸗ ſieder. „Nachbar“— hob er an—„ich komme, um mich bei Euch zu erkundigen, ob etwa der Wind in der ver⸗ wichenen Nacht meinen Keſſel von der Stange zu Euch gewehet habe?“ „Bin ich ein Dieb?“ entgegnete der Seifenſieder wild—„Belangen werde ich Euch wegen Eurer ſchuf⸗ tigen Anklage!“ „Wer klagt denn Euch an?“ verſetzte Hüfner. „Vom Winde, nicht von Euch, ſpreche ich ja. Auch frage ich bloß, anſtatt Euch zu beſchuldigen, ob der Wind Euch meinen Keſſel, der von der Stange ver⸗ ſchwunden iſt, zugewehet habe? Ihr wißt, daß unſere Gaſſe ſich gegen Euer Haus tief neigt und daß darum der Keſſel, nachdem er vom Winde herab geworfen wor⸗ den iſt, nach dem Geſetze der Schwere, gegen oder wohl gar in Euer Haus gekollert ſein kann. Das kann ohne Euer Vorwiſſen geſchehen ſein. Deshalb ſetze ich Euch davon in Kenntniß und bin ſogar erbötig, Euch ſuchen zu helfen.“ Jetzt war es der Meiſter Seifenſieder, welcher zum Kupferſchmidt ausrief:„Trefft das Loch oder“— „Was denn, oder?“ verſetzte Hüfner mit unheimlich funkelnden Augen und indem er ſeine beiden Fäuſte drohend erhob.„Wollt Ihr vielleicht erproben, wie ich andere Dinge als ſprödes Kupfer weich ſchlagen kann?“ 3 Der Seifenſieder erbleichte vor Zorn. Allein, da er ſich bewußt war, dem Kupferſchmidt an Körperkraft weit nachzuſtehen, ſo kämpfte er ſeine Raufluſt nieder und ſchwieg. Hüfner blickte ſeinen Nachbar noch einige 1 Setunden ſtarr an, dann entfernte er ſich brummend. Von nun an wuchs die Feindſchaft zwiſchen den beiden Nachbarn mit jedem Tage. Sie erſtreckte ſich ℳ ſnn auf deren Frauen und Kinder, wobei ſie Alle nicht wenig bitter und ihres Lebens nicht froh wurden. Wie klein zuweilen erſt der Stein des Anſtoßes 3 iſt, an welchem ſpäter der Menſch ſich das ganze Haupt zerſchmettert! Durch den nachbarlichen Lärm in ſeinem Leſen geſtört und geärgert, begann der Söieiſ eder ſeine freien Stunden außerhalb ſeiner Wohnung zuzubringen. Anfänglich ſchlenderte er in der Stadt und deren Um⸗ gegend einher. Da er deſſen aber bald überdrüſſig ward, ſo ſprach er bei ſeinen Bekannten ein. Dieſen war jedoch an den immer häufigeren und länger ausgedehnten 3 Beſuchen wenig gelegen, indem ſie dadurch an ihrer Arbeit gehindert wurden, weshalb ſie den Seifenſieder immer kühler empfingen und endlich gar ſich deſſen Wie⸗ derkommen verbaten. Sonach blieb jenem nichts weiter übrig, als in die Schänkwirthſchaften zu gehen und daſelbſt ſein Geld zu verzehren. Das war nun freilich das Allerſchlimmſte, 4 5 7 „ 3— 9 was Meiſter Freund hätte thun können. Denn nicht genug, daß er weit mehr Geld ausgab als ſonſt, ſo ge⸗ wöhnte er ſich auch das Bier⸗ und Branntweintrinken, das Kartenſpielen und Nachtſitzen an, verlor die Luſt zum Arbeiten und begann daheim den Thrannen gegen die Seinen zu ſpielen, ſobald dieſe ihm ernſtliche Vor⸗ ſtellungen wegen ſeines jetzigen Lebenswandels machten. Bald genug verſpürte aber auch Meiſter Freund das Schädliche ſeiner Handelsweiſe. Seine Kaſſe ward immer leerer, ſo auch ſeine Vorrathskammern an Inſelt, Seife und Lichtern. Nach einiger Zeit blieb er das Geld für die Unſchlittlieferungen, für Potaſche und andere Stoffe ſchuldig, die zur Betreibung der Seifenſiederei erforderlich ſind. Ein Uebel gebar immer wieder ein neues. Daher mußte Meiſter Freund Conſensſchulden auf ſein Haus aufnehmen, welche endlich deſſen Miethe völlig gleich kamen und eine hohe Verzinſung nöthig machten. Zuletzt ſah ſich Meiſter Freund außer Stande, ſelbſt einen Sud Seife zu unternehmen oder Lichter zu ziehen. Die Meiſterin mußte vielmehr kleine Seifen⸗ und Lichtervorräthe bei anderen Innungsgenoſſen erbor⸗ gen, welche ſie mit einem ganz kleinen Gewinn wieder im Einzelnen verkaufte. Meiſter Hüfner hatte keine Ahnung davon, daß er die erſte und hauptſächlichſte Urſache zum Untergange ſeines Nachbars geweſen war. Vielmehr erkannte er iene in der Leſe⸗ und Vergnügungsſucht des Seifen⸗ ſieders und e daher unverdroſſen fort. 10 Zweites Kapitel. Der Kupferſchmidt und die Nachbarin. Meiſter Hüfner hatte die Wittwe ſeines Vetters gleichen Namens geheirathet und er ſelbſt keine Kinder, daher er nur der Stiefvater ſeiner zwei Söhne, Heinrich und Herrmann, war. Nichts deſto weniger liebte er die⸗ ſelben wie ſeine eigenen, obſchon er gegen die etwas wilden Knaben eine große Strenge zeigte und ihre Un⸗ arten oftmals mit dem Hammerſtiele auszutreiben be⸗ müht war. Daher hatten die Knaben eine gewaltige Furcht vor ihrem Stiefvater, ohne jedoch deshalb ihre wilden und luſtigen Streiche ganz einzuſtellen. Beſonders zeichnete ſich Heinrich, der ältere Knabe, als ein Wage⸗ hals aus, der im Baumklettern, im Springen und Lau⸗ fen, im Schwimmen und Recken ſeines Gleichen ſuchte. Die hierbei davon getragenen Löcher und Riſſe im Kopfe und in den Kleidern ſuchte er den wachſamen Augen des Stiefvaters ſtets zu verbergen, was ihm, doch nicht im⸗ mer, mit Hülfe ſeiner lieben Mutter gelang. Eines Tages mußte Heinrich, als der ältere und ſtärkere Sohn, ſeinem Vater bei der Arbeit helfen, wes⸗ halb ihn dieſer in die Werkſtatt hereinrief. Heinrich war eben erſt aus der Nachmittagsſchule heimgekommen und krauete ſich, als er vor ſeinem Vater erſchien, mit der Hand am rechten Auge. 3 11 „Hier—“ ſagte der Meiſter—„dieſen Hammer hältſt du gegen dieſe Niete vor, damit ich ihre Kuppe 5 breitſchlagen kann.“ Heinrich that, wie ihm geheißen worden. „Warum—“ ſprach nach einer Weile der Vater —„warum wendeſt du dein Geſicht ſo weit ab? Fürch⸗ teſt du etwa, daß dir ein Splitter ins Auge fahren könne, oder hat der Mosje wieder einen dummen Streich gemacht? Herum mit dem Geſichte! Ha! richtig erra⸗ then! Das ganze Auge blitzblau und aufgeſchwollen! Junge, Range, Taugenichts! was hat Er wieder einmal geſtiftet?“ „Ich habe mich geſtoßen—“ verſetzte Heinrich kleinmüthig. „Sprich lieber: gerauft, gehauen, mit Steinen ge⸗ worfen, vom Baume oder von der Treppe herabgeſtürzt —“ eiferte der Vater.„Ich werde mich erkundigen. Wehe dir aber, wenn du mich belogen haſt! Dann ſoll dein Rücken nicht minder blau werden wie es dein Auge ſchon iſt.“ Nach dieſen Worten erfaßte der Meiſter ſeinen Hammer wieder und die Arbeit begann auf's Neue. Bald aber hielt der Vater inne.„Es thut wohl weh?“ fragte er mit milderem Tone.„Das Auge ſchwillt zu⸗ . ſehends auf.“ .„Es geht noch an—“ entgegnete Heinrich, über des Stiefvaters Theilnahme. „So! nun wenn du es beſſer weiße—“ ſprach der —— 3 2 — 3 12 Vater und hämmerte weiter. Aber gar nicht lange, ſo rief er befehlend aus:„Rufe mir den Herrmann herzu. Er mag an deiner Stelle vorhalten. Du aber gehſt und legſt dir kalte Waſſerumſchläge auf das Auge. Dieſe kühlen, ſtillen den Schmerz und beſeitigen die Geſchwulſt.“ „Herrman kann den ſchweren Hammer nicht erhalten —“ wendete Heinrich ein—„vermag ich's doch nur mit Mühe. So lange als das Vernieten noch währt, halte ich's mit dem Auge ſchon aus.“ „Wirſt du gleich folgen?“ rief der Vater zornent⸗ hrennend aus. Als Heinrich ſeinen Vater eine verdäch⸗ tige Bewegung mit dem Hammerſtiele machen ſahe, hielt er es für rathſam, dem väterlichen Gebote ohne Verzug nachzukommen. „Blitzjunge du!“ ſprach der Meiſter, vor ſich hin lachend.—„Selbſt zu ſeinem eigenen Beſten läßt er ſich erſt treiben. Na, kömmſt du, Hermännel? Nun, raſch, raſch, du Schlafmütze und nicht ſo langſam herzu geſchlichen, wie eine überſättigte Katze.— Ach, Ihr ſeid's, Frau Nachbarin? Hm! hm! das iſt traun ein gar ſeltener und unverhoffter Beſuch. Aber wollt Ihr nicht mit mir in die Wohnſtube gehen? Ich kann Euch ja hier nicht einmal einen Stuhl zum Niederſetzen anbieten.“ Dieſe Worte galten der Meiſterin Freund, welche mit gramerfüllten Zügen und niedergebeugtem Haupte in die Werkſtatt hereintrat. Kummer und Sorgen ſprachen deutlich aus ihrem Geſichte, wie aus ihrer dürftigen, doch reinlichen Kleidung. 13 „Ich wünſche mit Euch allein zu ſprechen—“ ſagte Frau Freund mit ſchmerzlicher Betonung—„und des⸗ halb ſuchte ich Euch hier auf.“ „So? hm! hm!“ verſetzte Hüfner. Dann ſchrie er laut gegen die Thüre:„Bleib draußen, Herrmann, und habe Acht, daß Heinrich die Waſſerumſchläge richtig auflegt.— Was ſteht zu Euern Dienſten, Frau Nach⸗ barin?“, fuhr er dann ſanfter fort. Da entſtürzte den Augen der armen Frau ein heißer Thränenſtrom, der ſie erſt am Sprechen behinderte. Dann ſprach ſie:„Ich komme, um Euch unſere Noth zu klagen und Euch um deren Abhülfe anzuflehen.“ Die Frau er⸗ zählte nun den Hergang ihres Elends und wodurch daſ⸗ ſelbe ſeinen Anfang genommen habe.„Jetzt—“ ſchloß ſie ihre Rede—„können wir längere Zeit ſchon die Zinſen der auf unſer Haus erborgten Geldſummen nicht entrichten, daher daſſelbe nächſtens unter den Hammer des Ausbieters kommt. Mein Mann hat nicht einmal ſo viel Mittel oder Credit mehr, um einen Sud Seife oder einen halben Centner Lichter herzuſtellen. Unſere werthvollſten und unentbehrlichſten Sachen ſind theils verkauft, theils verſetzt. Die übrigen Innungsgenoſſen geben uns keine Waare mehr auf Borg und darum blei⸗ ben auch die Käufer weg. Mein Mann kommt ſelten vor dem Morgen und dann meiſtens betrunken heim. Er mißhandelt mich und meine armen Kinder, die wir kaum noch wiſſen, wovon uns zu ſättigen und unſere Blöße zu bedecken. Und an dieſem Allen iſt Euer Häm⸗ 14 mern ſchuld, das aus einer wohlhabenden und glücklichen Familie die elendeſte unter der Sonne gemacht hat. Darum helft, ja helft auch uns nun wieder, Herr Nach⸗ bar! Sucht meinen Mann wieder auf den richtigen Weg zurückubringen oder wir ſind insgeſammt ver⸗ loren.“ „Das iſt eine ſchwere Beſchuldigung!“ ſprach Mei⸗ ſter Hüfner, tief ergriffen und erſchüttert.„Aber mich will bedünken, als ob Euer Mann gehandelt hätte wie ein Kind, das ſeinen Kopf gegen eine Bank geſtoßen hat und dieſe dafür als die Schuldige mit Fäuſten ſchlägt. Warum aber, frage ich, habt Ihr mir nicht eher Euers Noth entdeckt? Warum hat Euer Mann, anſtatt ſich in Güte mit mir zu verſtändigen, durch Euern Sohn mir nur Grobheiten ſagen laſſen? Ein gutes Wort findet ja ſtets eine gute Statt, aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, und wie es in den Buſch hin⸗ einſchallt, ſo ſchallt es wieder heraus. Wie dauert Ihr mich, Frau Nachbarin! und Eure Kinder dazu! Was an mir iſt, will ich thun, um das Uebel wieder gut zu machen, von welchem ich die Urſache ſein ſoll. Vor allen Dingen werde ich Euch beſuchen, Friede mit Euerm Manne ſchließen und dann den Kopf zurecht zu rücken ſuchen.“ „Wenn Euch das Letztere nur gelingen wird!“ ſeufzte die Seifenſiederin.„Bis jetzt haben alle unſere Bitten und Thränen nichts über meinen Mann vermocht.“ „Vielleicht gelingt's einem Fremden eher—“ trö⸗ 15 ſtete Hüfner.„Wenigſtens will ich es verſuchen. Geht mit Gott und verliert die Hoffnung nicht.“ So wie die Nachbarin fort war, rief der Kupfer⸗ ſchmidt ſeine beiden Söhne herein. „Helft mir—“ ſprach er—„den großen Ambos in den Hof ſchaffen. Künftighin werden die lärmendſten Arbeiten dort gefertigt. Dann erinnert mich daran, daß ich vor dem Hämmern in der Werkſtatt ſtets die Fenſter erſt zumache. Wehe dem Menſchen, durch welchen Aergerniß kommt! Ich hab's nicht gewußt, daß ich eine Menſchenſeele durch mein Hämmern zu Falle gebracht habe und dennoch ſchmerzt mich's gewaltig. Seid fortan hübſch und freundlich gegen Freund's drüben. Sie iſt eine kreuzbrave Frau und kann ſo wenig wie ihre Kinder etwas für die Fehler ihres Mannes. Alſo: Frieden ge⸗ halten mit Seifenſieders oder ich mache Krieg gegen euern Rücken. Verſtanden, Jungens?“ Drittes Kapitel. Der verunglückte Verſuch. Schon am nächſten Tage begab ſich Meiſter Hüfner zum Seifenſieder hinüber. Es war um die zehnte Mor⸗ genſtunde und jener erſt unlängſt von einem nächtlichen Trinkgelage aufgeſtunden. Mit wüſtem Kopfe und leeren Beutel ſaß Meiſter Freund in ſeiner Wohnſtube und ſchalt ſeine Frau aus, daß dieſe ihm nicht ſogleich den verlangten Kaffee vorſetzte. Daß daher Freunds Laune nicht die beſte war, kann man ſich vorſtellen. „Guten Morgen, lieber Nachbar!“ ſprach Meiſter Hüfner mit Herzlichkeit, indem er auf ſeinen bisherigen Feind losging und ihm die Hand darbot.„Wie ich er⸗ fahren, ſo habe ich Euch durch mein lautes Hämmern geärgert und Euch oftmals aus dem Hauſe vertrieben. Das thut mir leid und ich bitte Euch deshalb um Ver⸗ zeihung. Auch gelobe ich, Euch in Zukunft mit meinem Gehämmer zu verſchonen. Ich habe bereits meinen gro⸗ ßen Ambos in den Hof geſchafft und Sorge getragen, daß, wenn ich ja etwas noch in meiner Werkſtatt lärmen muß, die Fenſter fein zugeſchloſſen werden. Durch mein Lärmen ſeid ihr ferner vom Bücherleſen abgehalten wor⸗ den, was ich ebenfalls beklage. Denn das Leſen iſt im⸗ mer beſſer als das müßige Umherſchlendern in Schänk⸗ wirthſchaften, wobei der Geldbeutel und die ganze Wirth⸗ ſchaft nicht wenig leiden. Seht dieſes Buch. Es ent⸗ hält eine Seefahrergeſchichte, ſo wunderſam und unter⸗ haltend, wie keine andere. Mit ihr mögt Ihr den An⸗ fang Eures Leſens machen und nichts ſoll Euch dabei ſtören. Aber, nicht wahr? wann Ihr mit Leſen fertig ſeid, macht Ihr auch einen Sud Seife und verſteht Euch zum Lichterziehen und Lichtergießen? So nur könnt Ihr beſtehen und Euch freuen. Sollte es Euch an Unſchlitt und Inſelt fehlen, ſo werde ich für die An⸗ ſchaffung Sorge tragen.“ 7 ——.———— ——————— 17 Als Meiſter Hüfner ſchwieg, ſagte Meiſter Freund mit höhniſchem Lächeln:„O ſeht doch den mitleidigen Nachbar, der, nachdem er mich um Alles gebracht hat, mich deshalb höflich um Verzeihung zu bitten kommt. Seefahrergeſchichten ſoll ich leſen? Ha! ha! ſeitdem mich ſelbſt mein Herr Rachbar hat aus der Haut fahren machen, leſe ich nichts mehr. Seife ſoll ich wieder ſieden und Lichter gießen? Hm! wenn ich nur erſt einen Keſſel zum Sieden und Lichterformen zum Gießen beſäße! Daß ich beides nicht mehr habe, daß ich verarmt und elend geworden bin: das Alles verdanke ich Euch und Euerm heilloſen Gelärme, das mich faſt zum Wahnſinne gebracht hat. Wäret Ihr mit Euerm Anerbieten vor einem Jahre zu mir gekommen, ſo hätte ich Euch dafür großen Dank gewußt. Heute aber nicht mehr.“ „Wäret ihr damals—“ verſetzte Meiſter Hüfner —„ſelbſt zu mir gekommen, ſtatt Euern Sohn mit einer bittern Botſchaft zu mir zu ſenden, ſo hätten wir uns gewißlich verſtändigt, wären gute Freunde und getreue Nachbarn geblieben und die Dinge anders gekommen, als ſie jetzt ſind. Ich bitte Euch, Nachbar, weiſet mei⸗ nen guten Willen nicht ſchnöde von Euch. Ich meine es wahrhaft redlich mit Euch. Wohin ſoll es mit Euch noch kommen, wenn Ihr wie bisher fortfahret? Schon darben die Eurigen in bittrer Roth und bald, ja ſehr bald werdet auch Ihr kein Geld mehr haben, um Euer bisheriges Leben fortſetzen zu können. Schon ſicht man an Eurer rothen Naſe, daß Ihr dieſelbe nur zu vft Nieritz. Die Nachbarn. 2 13 16 18 ins Branntweinglas ſteckt, und das Zittern Eurer Hände—“ „Was geht Euch meine Naſe— was meine Fnd⸗ an?“ unterbrach den Strafprediger der erzürnte Seifen⸗ ſieder.„Steckt doch um Himmelswillen Eure Naſe nicht in Dinge, die Euch nichts angehen. Wenn Ihr nicht auf der Stelle Eurer Wege geht, ſo werde ich Euch we⸗ gen Bruch des Hausfriedens verklagen. Iſt's Euch ein Ernſt, mir zu helfen: nun ſo leihet mir etliche Hundert Thaler oder nur einen einzigen, damit ich mir wenigſtens einen vergnügten Tag dafür machen kann.“ „Das hieße einen Tropfen Waſſers auf einen glü⸗ henden Stein gießen—“ erwiederte Meiſter Hüfner, dem allgemach warm an der Stirne wurde.„Mein Thaler würde ſich in Euern Händen zu Lagerbier, zu Branntwein oder Wein verwandeln, der in Euern Ma⸗ gen hinabflöſſe und Euch den Kopf noch wüſter machen würde.“ „Nun, ſo ſchert Euch zum Guckuck!“ ſchrie der Sei⸗ fenſieder, indem er zornig mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlng. Die Erſchütterung davon war ſo ſtark, daß die irdene Kaffeekanne, welche Frau Freund indeß auf den Tiſch geſtellt hatte, umfiel, den Deckel ſo wie ein Stück aus dem Halſe verlor und überdieß ihren braunen In⸗ halt verſchüttete. Dieſer Umſtand ſteigerte Freunds Zorn bis zur höchſten Wuth, in welcher er die Kaffee⸗ kanne erfaßte und nach dem Nachbar warf. Da gerieth auch der Kupferſchmidt in Wallung 19 und ſchon packten ſeine Hände einen daſtehenden Stuhl, um ihn als Gegengruß für die Kaffeekanne dem Nachbar nach dem Kopfe zu ſchleudern. Es iſt eine Eigenthümlichkeit des Zorns, daß er faſt nie mit gleicher Münze bezahlt, ſondern einem ſo⸗ genannten Progreſſionsexempel gleicht, deſſen letztes Er⸗ gebniß mit der erſten Angabe in gar keinem Verhältniſſe ſteht. Ein ſolches Progreſſionsexempel führt uns das Beiſpiel des zornigen und rachſüchtigen Simſon vor die Augen. Ein gleiches Beiſpiel auch der König Hanon, welcher den Geſandten Davids die Bärte und Kleider beſchnitt und dafür mit einem verheerenden Kriege aus⸗ gezahlt bekam. Eine zerbrechliche Kaffeekanne und ein harthölzerner, gewichtiger Stuhl— welch' ein Unterſchied! welch' ein ungleiches Verhältniß! Dennoch würde jener als Wurf⸗ maſchine von dem erzürnten Kupferſchmidt gehandhabt worden ſein, hätte dieſen nicht in dem entſcheidenden Augenblicke der Weheruf und die flehende Geberde der Seifenſiederin noch davon abgebracht. Den Stuhl mit Ungeſtüm wieder niederſtampfend, verließ Meiſter Hüfner des Seifenſieders Wohnſtube. „Das hat man für ſeinen guten Willen!“— brummté er draußen, indem er die braune Kaffeebrühe von ſeinem weißen Hemdärmel abwiſchte.—„Konnte ich ſanftmü⸗ thiger auftreten? Wollte ich nicht thun, was nur in meinen Kräften ſtand? Aber nun ſchüttele ich auch den Staub ab von meinen Füßen zu einem Zeugniß, daß ich 20 fürder nichts mehr mit dem Trunkenbolde von Nachbar zu thun haben will. Mag er in ſein Verderben vollends hineinrennen. Was kümmert's mich?!“ Dieſer Rede ungeachtet, bekümmerte den Meiſter Hüfner auch ferner das traurige Schickſal der Nachbars⸗ familie ſehr. Nur wußte er kein Mittel, wie derſelben zu helfen ſei. piertes Kapitel. Ein Dieb. Um die achte Stunde eines Herbſtabends ſaß Frau Hüfner mit ihren beiden Söhnen in der Wohnſtube am großen, weißbuchenen Tiſche. Die Meiſterin hatte über ihre linke Hand einen blauwollenen Strumpf gezogen, jedoch nicht aus Froſtigkeit, ſondern um die darin be⸗ findlichen Löcher oder Lecks zuzuſtopfen, welche ihre wil⸗ den Söhne hineingeriſſen hatten. Nur ſorgende Mütter und geduldige Frauen ſind für ſolche mühſame Arbeit geſchaffen. Herrmann Hüfner fertigte ſeine Schularbeit und ließ darum den Gänſekiel auf dem Papiere ſchnarren. Heinrich dagegen, bereits mit ſeiner Aufgabe zu Stande, las und blätterte in dem Haus⸗, Hof⸗ und Wirthſchafts⸗ kalender auf das Jahr 1830. In Plauen, wie in noch vielen anderen kleineren Städten Sachſens, beſitzt ui 21 bewohnt eine Familie gewöhnlich ein ganzes Haus für ſich. So auch Meiſter Hüfner nebſt den Seinen. Im Erdgeſchoſſe rechts lag die Wohnſtube, welche durch die geräumige Hausflur von der Werkſtatt getrennt war. Im Hintergrunde des tiefen Hauſes und deſſen Flur, deren Decke mit fertigen Kupferkeſſeln behangen war, führte eine ſteile, jedoch ſchnurgerade Treppe in das erſte Stockwerk, welches unbewohnt war und in ſeinen vorn heraus beſindlichen Räumen das beſſere und werthvollere Eigenthum der Familie enthielt, während die hinteren, ſo wie das durch einen langen, außen angebrachten Gang mit dem Vorderhauſe verbundene Hinterhaus allerlei Wirthſchaftsgegenſtände und ſogenannten Rummel auf⸗ bewahrten. Es war eine große Stille in der tiefen Wohnſtube, deren kleinſter und von den Fenſtern am weiteſten ent⸗ fernter Theil durch das ſpärliche Licht einer ganz ein⸗ fachen Oellampe erleuchtet wurde. Nur ſchwach ertönte zuweilen durch die dicken Mauern der Hammerſchlag des noch fleißig in der Werkſtatt arbeitenden Meiſters, wel⸗ cher keine Geſellen hielt und darum allein die Arbeit gewältigen mußte. Der hohe, braune Schrank an der einen Wand warf einen langen, dunkeln Schlagſchatten dahin und das ſchwarz gefärbte Deckengebälke vermehrte die Düſterheit des Wohnzimmers, in welchem jetzt die Wanduhr unter lautem Schnarren des hölzernen Räder⸗ werks die achte Stunde verkündete. Da hob die Mutter an:„Heinrich, geh' hinauf 22 und hole mir aus dem Kartoffelſacke eine Schüſſel voll Kartoffeln herab, die ich zu morgen einſtweilen von der Schale befreien will.“ Nun iſt es eine eigene, aber meiſt gewöhnliche Er⸗ ſcheinung, daß die wildeſten Knaben vor dem Geiſtet⸗ reiche und darum auch vor der nächtlichen Dunkelheit eine große Scheu zu haben pflegen. Von einer ſolchen fühlte ſich auch Heinrich Hüfner nicht frei, ſondern viel⸗ mehr ſtark beſeſſen. Daher kam ihm der mütterliche Befehl um ſo unlieber, als der Stiefvater es ſeinen Söhnen zum unverbrüchlichen Geſetze gemacht hatte, nie⸗ mals mit irgend einem Lichte des Abends in die fin⸗ ſteren Räume des Hauſes zu gehen. Dabei hatte Meiſter Hüfner mehrere und zwar gute Abſichten. „Erſtens“— ſprach er in Bezug auf ſein erlaſſe⸗ nes Verbot—„gewöhnt ihr euch hübſch an die Ord⸗ nung, ſo daß ihr in aller Finſterniß die Sachen aufzu⸗ finden vermögt. Zweitens dämpfe ich dadurch in euch die einfältige Furcht vor Geſpenſtern und mache euch be⸗ herzt. Drittens vermeidet ihr, durch unvorſichtiges Gau⸗ keln mit dem Geleuchte irgend einen Schaden anzuſtiften. Denn zahlloſe Feuersbrünſte ſind durch Kinder und leicht⸗ ſinnige Dienſtleute verurſacht worden, welche nicht Acht auf Feuer und Licht hatten.“ Heinrich erinnerte ſich jetzt gar wohl des väterlichen Verbots. Dennoch langte er nach einem zweiten Lämp⸗ chen auf dem Tiſche und brachte deſſen Docht an die Flamme der erſten Lampe. Als nun Frau Hüfner ihren 23 Sohn warnend anblickte, verſetzte derſelbe, ſich entſchul⸗ digend:„Ach, liebſte Mutter! nur ein paar Augenblicke! Der Vater ſieht's ja nicht. Er iſt ganz in ſeine Arbeit vertieft. Und ich bin auch eher wieder mit den Kar⸗ toffeln da, wenn ich mir leuchten darf.“ Die Mutter, welche in ihrem Innern oftmals die große Strenge ihres Mannes gegen deſſen Stiefſöhne mißbilligte, ſchwieg und ließ es ſonach geſchehen, daß Heinrich mit der Lampe und der Schüſſel ſich entfernte. Das Auge auf das flackernde Flämmchen geheftet, ſchritt Heinrich die lange, rabenſchwarze Hausflur entlang und der Treppe zu, welche er mit behenden Füßen erklomm. Als er oben war, näherte er ſich einem Winkel, der von der Treppenflur und dem anſtoßenden Gange des Seiten⸗ gebäudes gebildet wurde. Hier ſtand der Kartoffelſack, gegenüber, und zwar auf dem Gange, eine Ziehmangel, und ſeitwärts unter der Treppe, welche in die Dach⸗ räume führte, ein großes Schlagfaß, in welchem allerlei trockener Abraum, zur Schweinemaſt geeignet, aufbewahrt und geſammelt wurde. Heinrich ſetzte ſein Lämpchen auf den Fußboden und in die Nähe der Wäſchmangel nieder. Auf deren hin⸗ terer, dem Knaben zunächſt befindlicher Seite hatte Frau Hüfner die langhaarigen Decken zum Trocknen aufge⸗ hängt, welche ſie nach jedesmaligem Scheuern am Sonn⸗ abende über die naſſen Dielen der Wohnſtube auszu⸗ breiten pflegte, um dadurch das vorzeitige Beſchmutzen derſelben zu verhüten. 24 Heinrich kauerte ſich hierauf vor dem Kartoffelſacke nieder und verſetzte mit raſchen Griffen die braunen Erdäpfel in die neben ihm befindliche Schüſſel. Noch war dieſe kaum halb gefüllt, als plötzlich der Knabe durch einen ungewöhnlich hellen Lichtſchein in ſeinem Rücken erſchreckt ward. Als Heinrich betroffen ſein Haupt rückwärts wendete, erſah er mit Entſetzen eine lichte Lohe an den Haardecken, welche bis auf den Boden herab⸗ hingen, emporflammen. Der auf dem offenen Gange herrſchende Luftzug hatte jedenfalls entweder die Flamme der Lampe gegen die nahe befindlichen Decken, oder dieſe gegen jene bewegt und ſo den Brand veranlaßt. Wer beſchreibt das tödtliche Erſchrecken des armen Knaben, welchem jetzt mit zermalmender Macht das Verbot und die große Strenge des Vaters auf das Herz ſfiel?! Im Geiſte ſah er bereits das ganze älterliche und holzreiche Haus in Flammen ſtehen und ſich als Mordbrenner an⸗ geklagt. Dieſes entſetzlichen Gedankens ungeachtet, ſprang der entſchloſſene Knabe auf die Füße und dann zur Zieh⸗ mangel hin, wo er mit beiden Händen die Seitenenden erfaßte, dieſe raſch zuſammendrückte und ſie dann in das nahe befindliche Schlagfaß ſteckte. Dies war das Werk weniger Augenblicke. Allein gleichwie ein Unglück ſelten allein zu kommen pflegt, ſo hatte auch jetzt Heinrichs Schreck noch einen zweiten und zwar nicht kleineren zur Folge. Kaum daß der Knabe ſeine Hände von den in das Faß gedrücten Decken zurückzog und er noch nicht einmal wußte, ob 25 ihm ſein Löſchungswerk gelingen werde oder könne— in dem Augenblicke, wo er noch ganz verblüfft an dem Schlagfaſſe ſtand, da regte ſich's plötzlich auf dem Grunde des großen Faſſes. Ein Kopf ſchießt über deſſen Rand empor, eine dunkle Geſtalt hinterdrein. Im Nu über⸗ klettert ſie des Faſſes Wand, rennt den verdutzten Kna⸗ ben nieder und ſpringt mit langen Sätzen die ſteile, ſteinerne Treppe hinab. Das mußte der Teufel ſelbſt oder wenigſtens ein naher Vetter von ihm ſein. Bevor aber der Verfaſſer weiter erzählt, muß er erſt eine Bemerkung einſchalten. Es iſt dieſe, daß in der Regel ein Erdenſohn ſeine Habe lieber von den Flammen verzehren oder von den Fluthen davon tragen ſieht, als ſolche einem Diebe gönnt, vorausgeſetzt, daß ſich keine Ausſicht zu deſſen Entdeckung und zur Wieder⸗ erlangung des Geſtohlenen zeigt. Weit eher beruhigt ſich der Menſch, wenn ihm unſer Herrgott oder deſſen Elemente, als wenn ihm der menſchliche böſe Wille das ſauer erworbene Eigenthum entreißt. Aus dieſem Grunde vergaß auch Heinrich, ſobald er ſich nur in etwas von ſeinem Schrecken erholte, der drohenden Feuersgefahr und anſtatt daher ſeine Aufmerkſamkeit den rauchenden Haardecken im Faſſe zuzuwenden, verfolgte er vielmehr den Faßkobold mit dem ſchmetternden Zetergeſchrei: „Ein Dieb! Ein Dieb! halt't auf! halt't auf!“ Zugleich ſprang er dem Ausreißer nach, der eben 26 deswegen, weil er vor einem Knaben flüchtete, weder der Teufel ſelbſt, noch ein Geſpenſt ſein konnte. Heinrich hatte ſeine Hoffnung, den Dieb zu erwi⸗ ſchen, auf die verſchloſſene Hausthür geſetzt, welche jenem den Ausweg verrannte. Dieſe Hausthür aber war noch eine von den alterthümlichen, oben abgerundeten, und beſtand aus zwei Hälften, von denen nur die untere mit einem Schlüſſelſchloſſe verſehen, die obere dagegen bloß von innen verriegelt war. Daß der Dieb mit dieſer Vorrichtung wohl betraut ſein mußte, zeigte ſich dadurch, daß er ohne Aufenthalt den Riegel der obern Thür⸗ hälfte fand, zurückſchob, die Thürhälfte ſelbſt abſeits drehte und dann über die untere, noch verſchloſſene Hälfte zu klettern begann. Da aber ereilte ihn die Nemeſis— die Vergeltung! Dieſe ſah ganz genau wie Meiſter Hüfner, der Kupferſchmidt, aus, welcher, mit ſeinem Hammer in der Fauſt, aus der nahen Werkſtatt, und zwar in dem letz⸗ ten entſcheidenden Augenblicke, herausſtürmte. Seine Linke packte den auf dem Sprunge ſtehenden Dieb im Genicke und nun bearbeitete deſſen Rücken und Schultern der Stiel des umgewendeten Hammers. Dieſes Häm⸗ mern geſchah unter beiderſeitigem Schweigen, welches jedoch die im Hintergrunde ſtehende, erſchrockene Kupfer⸗ ſchmidtsfamilie mit Schreien des Schreckens unterbrach. In dem Augenblicke, wo Frau Hüfner bittend aus⸗ rief:„So ſchlage ihn doch nicht todt!“ warf der Meiſter den Geſchlagenen über die untere Thürhälfte hinaus auf 27 das Straßenpflaſter, ſo daß der Dieb gerade mit dem Antlitze auf die Steine niederſchlug. Unbekümmert um deſſen weiteres Schickſal, verriegelte Meiſter Hüfner die obere Thürhälfte wieder und wendete ſich dann mit den Worten an ſeine Frau:„Dem habe ich das ſiebente Gebot richtig eingebläuet.“ Hierauf nahm der Meiſter ſeiner Frau die Lampe aus der Hand und leuchtete mit derſelben empor zu den auf⸗ gehängten Kupferkeſſeln, deren Häupter er ſtill überzählte. „Dieſen da galt der fremde Beſuch“— ſprach er, nachdem er die Zahl als unverkürzt befunden hatte.— „Doch, wie ging die Sache zu? Wodurch wurde der Dieb noch rechtzeitig entdeckt?“ Jetzt fiel dem Knaben ſeine Sünde wieder bei. Ohne die väterliche Frage zu beantworten, ſprang er raſch die Treppe hinauf und zu dem Schlagfaſſe hin. O Glück! dunkel war es umher und dunkel in deſſen Innern! Kein Fünkchen glimmte, kein Rauch verrieth eine Gluth mehr. Das Lämpchen dagegen lag mit verſchüttetem Oele und von den Füßen des Diebes zerbogen, umgeſtoßen neben dem Faſſe. Der einzige, kleine Schade des ſo drohend geweſenen Vorfalles! Heinrich aber mußte nun beichten. Dießmal kam er ohne Hammerſtiel davon, doch nicht ohne ernſte Anſprache ſeines Stiefvaters. „Bilde dir nicht etwa ein“— ſagte dieſer—„daß du durch die Uebertretung meines Verbotes etwas Gutes bewirkt habeſt. Das Letztere hat nur unſer Herrgott 28 gethan, welcher ſtets das Böſe der Menſchen zum Beſten zu lenken verſteht. Du kannſt vielmehr erſehen, daß ich ganz gerechte Urſache zu meinem Verbote hatte; denn wie viel fehlte denn, daß du uns nicht das Haus über dem Kopfe anbrannteſt? Darum vergiß ja nicht, dem lieben Gott deinen beſten Dank abzuſtatten.“ „Ei!“— ſagte jetzt Herrmann lachend—„wie mag der Spitzbube im Faſſe erſchrocken ſein, als ihm Heinrich die brennenden Decken auf den Kopf drückte. Das Ding mochte ihm außer allem Spaße ſein.“ „Ja“— verſetzte der Meiſter—„wenn die böſen Menſchen hübſch überlegten, daß ſie von ihren böſen Thaten, anſtatt den verhofften Nutzen, meiſt nur Schrek⸗ ken) Schaden, Schmerzen und Schande davon tragen würden: ſo gäben ſie gewiß ihr ſchlechtes Vorhaben auf.“ „Wer mochte wohl der Dieb ſein?“— fragte die Meiſterin neugierig.—„Haſt du ihn nicht erkannt, lieber Mann? Oder du, Heinrich?“ Der Meiſter ſah ſeine Gattin bedenklich an und ſchüttelte ſtumm das Haupt. Heinrich dagegen ſagte: „Hm! ich bilde mir ein, daß derjenige, welcher den Keſſel draußen von der Stange wegholte, auch nach den übri⸗ gen Luſt bekommen hatte.“ „Scht!“— gebot der Vater— „Ich denke wohl“— fuhr er nach einer Pauſe fort— „daß ich dem Keſſelliebhaber die Luſt des Wiederkommens ausgetrieben haben werde.“ 29 Lünftes Kapitel. Rergerniß. „Der Nachbar Seifenſieder läßt ſich ſchon ſeit meh⸗ reren Tagen nicht mehr blicken“— ſprach Frau Hüfner zu ihrem Manne über dem Mittagstiſche. „Auguſt, ſein Sohn,“— erwiederte Herrmann— „erzählte in der Schule, daß ſein Vater ſchwer gefallen ſei und ſich das ganze Geſicht aufgeſchlagen habe.“ „Was haſt denn du dazu geſagt?“— fragte Meiſter Hüfner ſeinen Sohn. „Gar nichts!“— verſetzte dieſer. „Das iſt dein Glück geweſen“— ſprach der Vater ernſt.—„Iſt Freund wirklich der Keſſeldieb geweſen, ſo hat er ſeine Strafe dafür ſattſam erlitten. Da er auf mein gütliches Zureden ſich nicht ändern wollte, ſo habe ich, unwiſſentlich zwar, den Weg der Strenge ge⸗ gen ihn einſchlagen müſſen. Wir werden ſehen, ob der arme Nachbar durch nichts gebeſſert werden könne. Ihr Alle aber ſchweiget unverbrüchlich über unſern Verdacht. Denn es iſt gar bald der ehrliche Name einem Men⸗ ſchen genommen, aber nicht leicht wieder zu erſetzen. Die Liebe decket auch der Sünden Menge, ſagt die Bi⸗ bel, und wir zumal müſſen Meiſter Freunds unglückliche Familie vor Augen behalten.“ „Aber“— hob Heinrich an—„Auguſt benimmt 30 ſich jetzt recht feindlich gegen mich und Herrmann. Bald befleckt er unſere Schulbücher mit Tinte, bald reißt er ganze Seiten heraus, bald klagt er uns falſch an, bald hetzt er die andern Kinder gegen uns auf. Oder er hält uns ein Bein vor, daß wir fallen ſollen; ja geſtern hat er ſogar mit Steinen nach mir geworfen und mich einen Schuft geſchimpft. Das kann ich mir doch nicht von dem dummen Jungen gefallen laſſen?“ „Was willſt du thun?“— fragte der Vater.— „Den Auguſt wieder ſchlagen? Getrauet ihr beide euch denn, ihn, zu überwinden?“ „Wir beide?“— lachte Heinrich—„Ha! ich allein bezwinge ihn, und mit leichter Mühe.“ „Dann wäre es kein Ruhm für dich“— ſprach der Vater—„wenn du dich an einem ſchwachen Geg⸗ ner vergreifen wollteſt. Ueberhaupt iſt es unchriſtlich, ſich zu rächen. Die Rache iſt mein. Ich will vergelten, ſpricht der Herr. Meidet Auguſt's Nähe und Geſell⸗ ſchaft; drohet ihm, daß ihr ſeine Beleidigungen dem Lehrer anzeigen würdet.“ „Daß er uns eine pfennigklatſche ſchimpfte!“— meinte Heinrich. „Das Schimpfen böſer Menſchen iſt den Guten eine Ehre“— verſetzte der Vater. Aber Heinrich und Herrmann dachten in ihrem Her⸗ zen anders. Sie nahmen ſich vor, nicht länger Auguſt's Beleidigungen dulden, ſondern ſich ſelbſt Recht erſchnf zu wollen. 31 Zu eben der Zeit, als die Kupferſchmidtfamilie bei der vollen Schüſſel ſaß, wanderte Frau Freund mit ihren drei jüngeren Kindern, lauter Mädchen, aus ihrem Hauſe, von welchem freilich kein Ziegel auf dem Dache mehr ihnen, ſondern den Gläubigern gehörte. Der Mut⸗ ter Antlitz war bleich, abgezehrt und von tiefen Gram⸗ falten entſtellt. Den Kindern dagegen ſah man den Hunger und die Dürftigkeit an den eingefallenen, ſchlaf⸗ fen Wangen und der dünnen Bekleidung an. Frau Freund mied gefliſſentlich die gangbarſten Straßen der Stadt und blickte vor jedem ihr Begegnenden ſcheu zu Boden. Auf menſchenleeren Umwegen gelangte ſie zu ihrem Bru⸗ der, einem Platzbäcker, welcher ziemlich am öſtlichen Ende der Stadt ein kleines, baufälliges Häuschen beſaß. Ein Platzbäcker aber heißt in Sachſen ein ſolcher Bäcker, welcher nichts weiter als Schwarzbrot backen darf, dem daher das einträglichere Recht, weiße oder weizene Waare herzuſtellen, unterſagt iſt. Darum wird ein Platzbäcker eben ſo wenig wohlhabend oder reich werden als der Bergmann, welcher für Andere die Schätze aus der Erde herausgraben muß. Als Frau Freund in die Bäckerſtube ihres Bruders, welcher Krumbt hieß, trat, nickte ſie demſelben ſtumm zu und ſetzte ſich ſogleich auf die Ofenbank nieder, wo ſie ihren Thränen freien Lauf ließ. Die drei Mädchen ſtellten ſich neben ihre Mutter auf und brachen gleich⸗ falls in Weinen aus. Endlich ſchritt Agnes, ein Kind von fünf Jahren, auf den Platzbäcker zu und bat mit 32 flehentlicher Stimme:„Ohm, gieb mir zu eſſen— mich hungert gar zu ſehr.“ Krumbt ſtand von ſeinem Stuhle auf, ergriff ein auf dem Tiſche liegendes Brot und ein Meſſer, womit er ein Stück Brot abſchnitt, das er der Kleinen gab. Darauf naheten ſich auch die beiden andern Mädchen und hielten ihre Hand dem austheilenden Onkel hin. Nachdem ſie ihren Antheil erhalten, biſſen ſie begierig in das trockene Brot hinein. Krumbt aber blickte ſeine weinende Schweſter bedeutungsvoll an und ſagte dann ſeufzend: „Chriſtel, ſage mir um Gottes willen, wohin das noch führen ſoll?“ „Ich weiß es nicht!“— verſetzte die Seifenſiederin händeringend. „Sogar der Rabe, dieſer Spitzbube unter den Vö⸗ geln“— fuhr der Bäcker fort—„ſorgt für die Nah⸗ rung ſeiner Jungen. Aber dein Mann nicht. Soll ich armer Platzbäcker, der kaum Brotes genug für ſich und die Seinen hat, noch obendrein euch Alle füttern? Das bin ich ja gar nicht im Stande, ſo gern ich's auch thun möchte. Nimmt denn dein Saufaus von Mann gar keine Vernunft an?“ „Benjamin!“— fiel Frau Freund ihrem Bruder in die Rede—„du ſprichſt von dem Vater dieſer Kin⸗ der da. Das vergiß doch nicht.“ „Das weiß ich gar wohl“— verſetzte der Bäcker hitzig.—„Aber warum ſoll ich einen Menſchen noch 33 ſchonen, der ſeiner eigenen Kinder nicht ſchonet? Kein Vater— ein Tyrann, ein Mörder iſt dein Mann— ein Trunkenbold und Taugenichts“— „Du willſt mich gewiß gern von hier forttreiben“ — weinte die Seifenſiederin.„So mäßige dich doch nur in Gegenwart der Kinder, die ohnehin ſchon zu Hauſe zu viel Böſes ſehen und hören. Mein Mann war erſt gut, arbeitſam und nüchtern. Nur durch das ſtörende Hämmern unſers Nachbars iſt er ſo ſchlimm geworden. Hätte er ſich nicht ſo darüber ärgern müſſen, ſo würde er ſich nicht den Trunk angewöhnt haben.“ „Das iſt mir eine kahle Ausrede“— erwiederte Krumbt.„Wir Alle müſſen uns in unſerm Berufe är⸗ gern und Uebles gefallen laſſen und zwar vft Schlim⸗ meres als das Hämmern deines Nachbars iſt. Bin ich aber darum ein Bummler, ein Saufaus und ein Spieler geworden, he?“ „Wer ärgert dich denn?“— fragte Frau Freund —„und was Uebles hätteſt du zu tragen? Freilich biſt du nicht reich wie die Weißbäcker und mußt dich daher kümmerlich behelfen, aber“— Hier pochte ein Finger außen an das Fenſter des Bäckerladens und eine jugendliche Stimme rief:„Holla!“ Der Platzbäcker näherte ſich dem Fenſter, öffnete daſſelbe und fragte den draußen ſtehenden Knaben freund⸗ lich:„Was ſoll denn ſein?“ 5 „Ein weißes Dreierbrot!“— rief der Knabe höh⸗ nend und entſprang mit einem ſchadenfrohen Lachen. Nieritz. Die Nachbarn. 3 — 34 Der Bäcker warf das Fenſter zu und rief mit kläg⸗ licher Stimme aus: „Gottlieb! Gottlieb! er wollte ein weißes Dreier⸗ brot haben— lauf ihm nach und gieb ihm eine Back⸗ pfeife für ſeine Bosheit.“ Da kam aus der offenen Thüre der angränzenden Backſtube ein krummbeiniger Burſche von 15 Jahren herein und bewegte ſich, ſo ſchnell es ſeine ſehr ge⸗ ſchweiften Beine erlaubten, hinaus auf die Straße. Krumbt aber ſprach zu ſeiner Schweſter:„Siehſt du nun ein, daß auch ich mein Aergerniß habe, ſo gut oder vielmehr noch ſchlimmer als dein Mann? Weit lieber wollte ich den ganzen Tag mir gegenüber häm⸗ mern, als das Foppen der ungezogenen Gaſſenbrut an⸗ hören, die, mir nur zum Poſſen, weiße Backwaare von mir verlangt, obſchon ſie recht gut weiß, daß ich nur Schwarzbrot verkaufen darf.“ Irtzt kehrte Gottlieb, Krumbts Lehrling, athemlos zurück. „Nun?“— fragte ihn ſein Meiſter—„haſt du den Buben erwiſcht?“ „Ach nein!“— klagte Gottlieb—„er war ſchon an jener Ecke, als ich aus dem Hauſe kam. Dort ſchabte er mir noch ein Rübchen und dann ſprang er lachend weiter.“ Gottlieb watſchelte mit ſeinen krummen Beinen in die Backſtube zurück. „Da ſiehſt du, Chriſtel,“— ſprach Krumbt— 35 „daß ich in allen Stücken meinen Mitmeiſtern, den Weiß⸗ bäckern, nachſtehen muß. Nicht genug, daß mich die Kinder unaufhörlich verhöhnen und ärgern, mußte ich mich auch noch mit dem krummbeinigen und ſehr einfül⸗ tigen Lehrburſchen begnügen, der, weil ihn ſonſt kein andrer Meiſter haben mochte, zuletzt erſt mir ſich anbot.“ „Poch! poch!“— klopfte es wieder an's Fenſter. Dießmal war es ein nettes Mädchen von etwa 12 Jah⸗ ren, welches vor dem Bäckerladen ſtand. Meiſter Krumbt ging hin und fragte, das Fenſter öffnend, abermals mit freundlichem Tone:„Was ſoll denn ſein?“ „Zwei Sechſerſemmeln!“ verſetzte das Mädchen ſchnippiſch und gab dann Ferſengeld, ein ſicheres Zeichen, daß ſie nur den armen Platzbäcker hatte foppen wollen. „Ach, du kleines Ungeheuer!“ rief der Platzbäcker aus.„Gottlieb! Gottlieb! laufe ihr nach! Sie wollte zwei Sechſerſemmeln haben. Bläue ihr die Achſeln und den Rücken mit Fäuſten.“ Gottlieb weifte abermals davon, jedoch mit eben ſo ſchlechtem Erfolge wie vorhin. „Ja!“ ſagte der Meiſter zu ſeiner Schweſter— „weil die gottloſen Kinder wiſſen, daß mein Lehrburſche nicht ſchnell auf den Beinen iſt, ſo treiben ſie um ſo kecker ihren Unfug. Ich aber mit meinen Gichtfüßen kann gleich gar nichts gegen ſie ausrichten. Und allemal, wenn ich geärgert werde, erneuern ſich meine Schmerzen in den Füßen. Es füngt ſchon an zu ziehen und zu wühlen.⸗ 3* 36 „Ohm!“ ſagte Hannchen—„wenn ich an Eurer Stelle wäre, ſo ſchaffte ich mir eine Handſprütze an und ſprützte Jeden, der mich foppte, windelweich voll Waſſer. Hei! da würden ſie ſchön wegbleiben.“ „Und die richtigen Kunden dazu!“— verſetzte Krumbt.„Wenn ich deinem Rathe folgen wollte, ſo hieße dieß Oel in's Feuer gießen. Dann würde das Necken erſt recht anheben und die ganze Gaſſe vor mei⸗ nem Laden voll lärmender Jugend und lachender Leute ſtehen. Auch müßte ich fürchten, daß ich mir die Polizei auf den Hals zöge. Ach, ein Gewerbtreibender darf nichts übel nehmen, nicht grob werden, muß vielmehr höflich bleiben, ſelbſt wenn er noch ſo ſehr gekränkt werden ſollte. Geduld! Geduld! heißt unſer Tagsbefehl.“ „Hel holla!“ rief es abermals am Bäckerladen. „Geh nicht hin, Bruder!“ rieth Frau Freund.„Ein zerlumpter Junge iſt's, der gewiß dich nur wieder fop⸗ pen will.“ „Das darf ich nicht“— erwiederte Krumbt ergeben. —„Er könnte auch ein Brot kaufen wollen; eher er, als ein Reicher, der lieber Weißbrot und Semmel ißt.“ Während dieſer Worte hatte Krumbt das Fenſter geöffnet und ſeine ſtehend gewordene Rede wiederholt:„Was ſoll denn ſein?“ — „Um einen Thaler Mundſemmeln!“ ſchrie der Junge ſchmetternd herein. Dann lief auch er davon. Ganz weiß vor Aerger ward Meiſter Krumbt. „Gottlieb! Gottlieb!“ rief er kläglicher als je—„hur⸗ 37 tig! Um einen Thaler Mundſemmeln wollte der Böſe⸗ wicht haben. Er, der nicht einmal einen ganzen Boden in ſeinen Hoſen hatte. Lauf ihm nach— ſchlag' ihm die Knochen entzwei!“ Ohne zu murren oder irgend einen Einwand zu machen, gehorchte Gottlieb zum drittenmale, obſchon er das Vergebliche ſeiner Bemühung voraus erkannte. In⸗ deß der Lehrburſche, zur Beluſtigung der Gaſſenkinder, ſeine geſchweiften Beine zur Einholung des flüchtigen Mundſemmelkäufers anſtrengte, klagte Meiſter Krumbt: „O weh! das ſticht in dem linken Fuße wie glühende Nadelſpitzen! Das macht der Aerger! Wär' es ein Wunder, wenn man endlich die Gelbſucht bekäme oder gar todt ſich ärgerte? Dennoch harre ich aus und werde kein Bummler, Säufer und Spieler, wie dein Mann, Schweſter! Ich ſage dir, daß jedermann ſein Bündel Ungemach zu ertragen hat und daß man deshalb noch nicht gleich aus der Haut fahren darf.“ „Du biſt geduldig, mein Bruder“— ſprach die Seifenſiederin—„weil wir beide von früh an ſchon gedrückt und an das Ungemach gewöhnt worden ſind. Aber mein Mann“— „Stelle ihm deine bleichen, abgezehrten Kinder vor das Angeſicht“— unterbrach ſie Krumbt—„heftet all' eure weinenden, gramvollen Augen durchbohrend auf ihn, — ſchreiet gellend ihm in die Ohren, daß er ein Ra⸗ benvater ſei, daß er in die Hölle kommen werde und daß kein Tiger ſo grauſam ſei wie er.“ p 38 „Haben wir das nicht ſchon gethan?“— weinte Frau Freund—„Haben wir ihn nicht ſchon flehentlich gebeten, vor ihm geweint, geſchrieen, geknieet, die Hände uns wund gerungen? Alles vergeblich! Und wenn er mir einmal gelobte, umzukehren von ſeinem böſen Wege: ſo zerrann der gute Vorſatz wie Reif an der Sonne, ſo wie er wieder unter ſeine Zechbrüder und in die Schänkwirthſchaften kam.“ „Kein Wirth ſollte dem Rabenvater einen Trunk Bier, Wein oder Schnaps mehr verabreichen. Dann müßte er ſein ſchlimmes Weſen aufgeben“— ſprach Krumbt. „Ja, wenn das nur ein Wirth thät'!“ ſeufzte Frau Freund.„Aber ſtatt deſſen ermuntern ſie vielmehr ihre Gäſte zum Zechen und kümmern ſich nicht um das Un⸗ glück derer Familien, wenn ſie nur einige Groſchen da⸗ durch mehr gewinnen können.“ „Auch ſie werden einſt zur ſtrengen Rechenſchaft gezogen werden von dem Herrn“— ſprach Krumbt. „Ich aber will es noch einmal verſuchen, deinen Mann auf beſſere Gedanken zu bringen. Hilft auch dieſes nichts, ſo erachte ihn als verloren. Dein Hannchen läßt du mir da. Meine beiden Jungen erhalten bei ihren Lehrmeiſtern ihre Koſt, und wo wir drei ſatt wer⸗ den, wird dieß wohl auch noch ein Viertes. Während meine Frau bei den Leuten auf die Stuben nähen geht, kann Hannchen unſere kleine Wirthſchaft ein wenig in Ordnung halten. Hier, dieſes Brot nimmſt du mit dir, 39 giebſt aber deinem Manne nichts davon. Denn wer nicht arbeiten mag, ſoll auch nicht eſſen. Mehr aber kann ich vor der Hand nicht für dich und deine Kinder thun. Der Verdienſt iſt gar zu gering bei einem armen Platzbäcker.“ Dankend nahm Frau Freund die Gabe in Empfang und ging etwas getröſteter heim, indeß Hannchen bei ihrem Ohm zurückblieb. Sie brauchte nicht erſt umzu⸗ kehren, um ihre Sachen zu holen, weil ſie deren keine weiter beſaß als die ſie an ſich trug. Sechstes Kapitel. Rache und Muttertrene. Eines Abends, da es noch nicht ganz dunkel war, ging Auguſt Freund tiefſinnig längs der Hinterwand eines Gartens hin. Da trat ihm plötzlich Heinrich Hüfner in den Weg, welcher ihn mit ſchadenfroher Stimme alſo anredete: „Endlich haben wir dich Gaſſenbrut, wo wir dich gern haben wollten. Nun ſollſt du ausgezahlt bekommen, was du an uns erholet haſt.“ Auf dieſe drohende Anrede wendete ſich Auguſt zur eiligen Flucht. Allein er lief einem zweiten Feinde, wel⸗ cher hinter einem Strauche verſteckt geweſen war, gerade 40 in die Hände. Herrmann Hüfner war es, welcher in Gemeinſchaft mit ſeinem Bruder ihrem Feinde aufge⸗ lauert hatte. Ehe ſich Auguſt verantworten konnte, er⸗ hielt er ſchon einen derben Backenſtreich von Heinrich, dem ein Fauſtſchlag von Herrmanns Seite folgte. Und ſo ging es zu wiederholten Malen fort, wobei man ne⸗ ben Auguſts Weh⸗ und Hülfsgeſchrei die Reden der beiden Brüder vernahm, welche jeden ihrer Schläge begleiteten. „Das iſt für die Tintenkleckſe— das für die aus⸗ geriſſenen Bücherblätter— das für das falſche Anklagen — das für das Steinwerfen u. ſ. w.“ Auguſt ſchrie entſetzlich, jedoch ohne eine Gegenwehr „ zu verſuchen, welche ihm auch bei der Uebermacht ſeiner Feinde mehr geſchadet als genützt haben würde. Zum Unglück für ihn war die Gegend völlig menſchenleer und daher für ihn keine Ausſicht auf Hülfe. Dieſe zeigte ſich jedoch unverhofft in einem Manne, welcher mit ſchnellen Schritten querfeldein daher gelaufen kam und ſchon aus der Ferne die beiden Brüder drohend anrief. Dieſe erwarteten des Mannes Ankunft nicht, ſon⸗ dern entſprangen, nachdem ſie dem Knaben noch einen derben Schlag zum Abſchiede gegeben und ihn mit einer Wiederholung bedroht hatten, wenn er ſie nicht in Zu⸗ kunft mit Beleidigungen verſchonen würde. Welch' einen Erfolg dieſe Drohung hatte, ging daraus hervor, daß Auguſt blitzſchnell einen Stein von der Erde erhob und ihn den flüchtenden Brüdern nachwarf, wobei er zugleich arge Schimpfwörter ausſtieß. 41 So gleicht die Rachſucht einem von der Höhe hin⸗ abgewälzten Felsſtücke, das bei jedem Anpralle immer neu verdoppelte Kraft empfängt und eher nicht mit Springen aufhört, als bis es in den Abgrund angelangt iſt und nicht weiter rollen kann. „Was hatten die Buben mit dir?“ fragte Auguſts Retter—„Wer waren ſie?“ „Kupferſchmidt Hüfners gottloſe Jungen waren es“ — verſetzte Auguſt, der vor Wuth und Schmerz heulte. „Sie überfielen mich hier wie Straßenräuber, da ich ganz friedlich meinen Weg dahin ging. Das iſt böſe Brut und ganz nach ihrem Vater gerathen, der meinen Voter in's Unglück geſtürzt hat.“ „Wer iſt dein Vater und was hat ihm der Kup⸗ ferſchmidt gethan?“ forſchte der Mann. „Mein Vater iſt Freund, der Seifenſieder“— ant⸗ wortete Auguſt—„und Hüfner hat es ſo weit gebracht, daß wir Alle zuſammen unglücklich und elend gewor⸗ den ſind.“ „Hm! elend?“— erwiederte der Mann kopfſchüt⸗ telnd—„Mich dünkt, daß deinem Vater das Eſſen und noch mehr das Trinken nur zu gut ſchmeckt und daß er beim Kartenſpiele nicht der Letzte iſt. Er ſchuldet mir noch 11 Groſchen, die er am Sonnabende im Skat⸗ ſpiele an mich verloren hat. Sage ihm, daß er doch heute Abend in Mäberts Schänkwirthſchaft komme und mich bezahle. Ich bin der Ziegelſtreicher Münnich und deinem Vater gar wohl bekannt. Und was die Kupfer⸗ 1 42 ſchmidtsſöhne anbelangt, ſo ſage deinem Vater, daß er ſie bei der Obrigkeit verklage. Ich wollte auch den Zeugen abgeben, vorausgeſetzt, daß er mir erſt meine 11 Groſchen bezahlt.“ Hierauf kehrte Münnich zurück, woher er getnn war und Auguſt ſetzte ſeinen Weg fort. „Der kann lange warten, ehe er ſeine 11 Groſchen von meinem Vater bekommt“— ſprach Auguſt zu ſich ſelbſt—„und ich werde mich hüten, ihm etwas von den Kupferſchmidtsjungen zu klagen. Daß er mich dafür in der Trunkenheit oder in ſeiner übeln Laune bei den Haaren raufte, wie neulich, als ich von ihm Geld zu Brot haben wollte! Aber gedenken will ich es dem Heinrich und Herrmann. Wenn ich nur wüßte, ob ich einen von ihnen mit dem Steine getroffen hätte. Dann wollte ich gern meine Schläge verſchmerzen. Es war mir zwar, als wenn einer von ihnen zuſammengeknickt wäre und einen Schrei ausgeſtoßen hätte. Nun, ſie ſollen ſchon noch ihr Theil von mir bekommen. Iſt doch die Kupferſchmidtsgeſellſchaft allein ſchuld an unſerm Elende.“ Wirklich hatte Auguſts Steinwurf getroffen und zwar den Herrmann in die Kniekehle, ſo daß dieſer nur mit großer Anſtrengung und unter dem heftigſten Schmerze ſeine Flucht fortſetzen konnte. Aber beide Knaben hüteten ſich ſehr, daheim etwas zu erwähnen; vielmehr ertrug Herrmann ſeine Schmerzen ganz ſtill, weil er ſich vor des ſtrengen Stiefvaters Strafe fürchtete. 43 Siehe da wieder einen Erdenſohn, der ſich einen Chriſten nannte und an nur einen Gott glaubte, jedoch vor Menſchen mehr ſich fürchtete als vor dem ſtarken und eifrigen Herrgott. Indeſſen wohnte Hannchen Freund bei ihrem Oheim, dem Flatzbäcker. Derſelbe war weit ärmer als ſonſt der Seifenſieder, ſein Schwager. Aber während dieſer oft nicht das trockene Brot für die Seinen hatte, kam der Platzbäcker nothdürftig aus und vermochte auch noch eine ſeiner Nichten zu erhalten. Hannchen erkannte es dankbar, was ihr Oheim, trotz ſeiner eigenen Armuth, an ihr that, und ihr Wunſch ging nur dahin, dem guten Vetter wieder eine Liebe zu erweiſen. Da mußte nun Hannchen mit anſehen, wie ihr Onkel faſt an jedem Tage über die ſchadenfrohe und neckende Jugend ſich gewaltig ärgerte, wenn ſie an ſeinen Bäckerladen trat, um ihn mit dem Verlangen nach weizener Waare zu foppen. Es iſt aber Pflicht eines jeden dankbaren Kin⸗ des, ſeinen Aeltern und Verſorgern nicht nur Freude zu machen, ſondern ihnen auch jeden Verdruß zu erſparen zu ſuchen. Da nun Hannchen das Erſtere nicht zu thun vermochte, ſo bemühte ſie ſich wenigſtens, das Letztere zu ermöglichen. In dieſer Abſicht übernahm ſie nach den Schulſtunden die Rolle einer Verkäuferin am Bäcker⸗ laden. Hannchen glaubte bemerkt zu haben, daß die Kinder beſonders aus dem Grunde den Platzbäcker fopp⸗ ten, weil derſelbe jedesmal in einen, den Foppenden poſſierlich vorkommenden Zorn gerieth, wozu noch die 44 Erſcheinung des krummbeinigen Lehrlings kam, deſſen Nachjagen jenen beſonderen Spaß gewährte. Als daher der erſte Knabe kam, um von Hannchen ein Dreierbrot zu verlangen, ſo ſagte dieſe mit der herzlichſten Freunvlichkeit:„Wir dürfen bloß Schwarz⸗ brot verkaufen.“ Der Knabe, welcher ſich auf Schimpfreden gefaßt gemacht hatte, ging ganz betroffen und beſchämt davon und Hannchen freute ſich über das Gelingen ihres Vor⸗ habens. Beharrlich fuhr das Mädchen fort, Knaben und Mädchen eben ſo höflich als freundlich abzuweiſen. Zuweilen aber und zwar in den Fällen, wo dieſelben Spötter wiederholt an den Bäckerladen kamen, nahm Hannchen eine ernſte Miene an und mit verweiſendem, jedoch ruhigem Tone ſagte ſie:„Schäme dich, alſo dei⸗ nen Spott zu treiben. Ich werde es deinem Lehrer ſagen.“ Gar nicht lange währte es, ſo kam, wenn Hannchen am Bäckerladen ſaß, kein Kind mehr, um weizene Back⸗ waare zu verlangen, und der Platzbäcker ward Ohren⸗ zeuge, wie einſt ein Knabe zu ſeinem Kameraden ſagte: „Jetzt nicht, denn das Mädel ſitzt im Laden.“ „Wie haſt du es nur angefangen“— fragte Mei⸗ ſter Krumbt ſeine kleine Nichte—„daß du die Spott⸗ vögel von dir fortgeſcheucht haſt? Mich laſſen ſie immer noch nicht in Ruhe; ja ſie lauern es gefliſſent⸗ lich ab, wenn du nicht da biſt und ich am Laden ſitzen müß 45 *. „Machen Sie es wie ich, liebſter Oheim!“ verſetzte Hannchen—„und die Kinder werden Sie und den armen Gottlieb nicht mehr foppen.“ Der Platzbäcker gab ſich hierauf Mühe, ſeinen Zorn zu bemeiſtern, wann ihn ein Kind zu necken kam. Allein jedesmal wollte ihm das nicht gelingen und darum hatte er noch manchen Aerger zu überſtehen. Man erſieht hieraus, daß ſogar das Alter zuweilen von der Kindheit etwas Gutes lernen kann. Eines Tages beſuchte Hannchen nach der Schule das älterliche Haus und fand ihre Mutter außer ſich und in Thränen gebadet. So ergriffen und vernichtet hatte Hannchen ihre Mutter noch nie erblickt, obſchon dieſe des Elends ſchon genug empfunden hatte. „Was iſt Ihnen, liebſte Mutter?“ fragte das Mädchen erſchrocken, indem ſie ihre Mutter mit beiden Armen umfing. Frau Freund vermochte vor Schluchzen nicht zu antworten. Endlich ſprach ſie weinend:„Voller kann kaum noch das Maaß meines Jammers werden. O daß ich geſtorben wäre! Ja Kinder! hätte ich euch nicht: ſo wüßte ich, was ich machte. Nur euretwegen bleibe ich noch in dieſem Hauſe der Verzweiflung. Außerdem liefe ich davon, ſo weit mich meine Füße trügen, und ſollte mich mein Weg ſelbſt bis in den Elbfluß führen.“ Darauf erhoben alle Kinder ein ne Schreien und Weinen. „O Mutter! Mutter!“ flehten ſie— lebe bei 46 uns! Laufe nicht ins Waſſer! Was ſollte dann aus uns armen Kindern werden? Dann müßten wir ver⸗ hungern oder der Vater ſchlüge uns gar todt.“ „Ich will euch nicht verlaſſen“— gelobte die Mut⸗ ter—„mag auch mit mir geſchehen was da wolle. Unſer Herrgott wird mich doch nicht über mein Ver⸗ mögen verſuchen laſſen?“ „Was iſt denn vorgefallen?“ forſchte Hannchen bei ihrem Bruder Auguſt.„Gewiß wieder der Vater?!“ Auguſt nickte bejahend. „Denke dir nur“— ſprach er heimlich zu ſeiner Schweſter—„unſer Vater hat die Mutter— geſchla⸗ gen! Grauſam! erſchrecklich! Erſt mit der Fauſt und dann gar mit einem Holzſcheite. Ich wollte es nicht zugeben und ſtellte mich vor die Mutter hin. Da hieb er auf mich ein, daß ich eine dicke Beule an der Stirn und eine andere auf der Achſel bekam. Das dauerte unſre Mutter, und weil ſie mich wieder beſchützte, ſo erhielt ſie auf's Neue die Schläge. Wir Kinder ſind die Schläge vom Vater ſchon gewohnt; aber die Mutter! Die kann den Tod davon tragen. Sie ſitzt und näht für die Leute ohnehin Tag und Nacht, und darbt ſich Alles am Munde ab, um uns nur ſatt zu machen. Da⸗ her hängt ſie nur noch in Haut und Knochen. Dann der Gram dazu und endlich noch die Schläge!“ „Es iſt entſetzlich!“ klagte Hannchen.„Weshalb aber hat denn der Vater unſere Mutter ſo gemiß⸗ handelt?“ 47 „Sie ſollte ihm Geld zum Spielen und Vertrinken geben“— antwortete Auguſt—„und weil ſie das nicht that, denn ſie hatte auch wirklich keinen Groſchen, ſo ging der Zank los und dann kam's zum Schlagen. Sieh, Hannchen, ſeitdem unſer Vater ſich das Trin⸗ ken und Spielen angewöhnt hat, kann ich weder Lager⸗ bier, noch Wein, noch Branntwein, noch Karten leiden.“ „Mir geht es eben ſo“— geſtand Hannchen. „Wenn ich bei einer Schänkwirthſchaft mit einem Schilde vorbeigehe, auf welchem eine volle Schnapsflaſche und ein überſchäumender Bierkrug abgemalt ſind, ſo läuft mir jedesmal die Gänſehaut über. Aber daß du dich vor unſere arme, gute Mutter zum Schutz aufgeſtellt haſt, iſt ſehr brav von dir. Das war ein geſcheidter Einfall und ſöhnt mich mit dir aus. Denn geſtehe es nur ſelbſt, daß du manchmal rechte Gaſſenjungenſtreiche machſt“— „O, ich bitte recht ſehr!“ ſiel Auguſt ins Wort. „Das kannſt du nicht im Ernſte geſagt haben.“ „Doch! doch!“ erwiederte Hannchen.„Die Mutter hat mir's manchmal geklagt, daß du ihr mit deinen Unarten große Noth machſt. Das thue ja nicht wie⸗ der, denn ſonſt kann unſre Mutter unter ihrer doppelten Noth unterliegen müſſen. Bedenke nur: wenn ſie kalt und ſtarr vor dir auf dem Leichenbette läge und ſie nicht wieder lebendig würde, obſchon du dir die Augen aus dem Kopfe weinteſt! Oft wünſche ich die Mutter an meine Stelle. Das Eſſen iſt zwar nicht koſtbar bei 48 vögelchen, die ſeine größte Freude ſind. laſſen muß.“ ſamkeit ermahnt hatte. Siebentes Kapitel. Die Kanarienvögel. dem Oheim, aber die Ruhe iſt mehr werth als die theuerſten Gerichte. Wenn nicht die gottloſen Kinder noch immer den Oheim und ſeinen Lehrburſchen zum Beſten hätten, ſo würde man kein einziges Scheltwort dort hören. Die Muhme geht früh auf die Nähte und kommt erſt abends wieder heim. Da ſind wir drei: ich, der Vetter und Gottlieb ganz allein zu Hauſe. Sonntage aber kommen Rudolph und Ferdinand zum Beſuche zu ihren Aeltern und dann ſind wir Alle ſo vergnügt und friedlich beiſammen, wie— wie die Ohr⸗ würmchen. Endlich hat der Oheim zwei Kanarien⸗ Die mußt du einmal ſehen und du wirſt über ihren Verſtaud erſtau⸗ nen. Aber nun will ich wieder gehen, damit der Oheim nicht länger im Laden ſitzen und ſich das Necken zſuh Zärtlich nahm Hannchen von ihrer Mutter anſcied und ging dann, nachdem ſie ihre Geſchwiſter zur Folg⸗ Als Hannchen nicht weit mehr von ihres Oheims Hauſe war, ſahe ſie in deſſen Nähe die beiden Söhne 49 des Kupferſchmidts Hüfner ſtehen. Die Knaben ſchienen einen Schelmenſtreich im Sinne zu haben, denn ſie kicher⸗ ten ſchadenfroh und lugten nach des Platzbäckers Haus⸗ thür hin. Richtig! da kam der krummbeinige Lehrburſche herausgeſtrampelt und auf die beiden Brüder los. Einer von dieſen ſtellte ſich, als vb er die Flucht ergreifen, der andere dagegen, als ob er ſeinen Bruder feſthalten wollte.. Dieſer Letzte rief auch dem herbeiwatſchelnden Gott⸗ lieb zu:„Komm, Gottliebchen, und haue meinen Bru⸗ der tüchtig durch. Du ſiehſt, wie ich ihn nicht fort laſſe.“ Da jedoch Gottlieb bis an die Knaben herange⸗ kommen war, ſtoben dieſe lachend auseinander. Anſtatt aber zu fliehen, rückten ſie dem armen Gottlieb auf den Leib, deſſen Körperkraft den beiden ſtarken Knaben durch⸗ aus nicht gewachſen war. „Gottliebchen!“ ſprach Heinrich Hüfner, indem er jenem einen Naſenſtüber verahreichte—„Hier haſt du etwas für deinen Weg.“— „Und hier“— fuhr Herrmann höhniſch fort— „nimm dieſes Oſterbrötchen in Empfang. Da habt ihr doch wenigſtens etwas von weißer Backwaare.“ Bei dieſen Worten verſetzte er dem Lehrburſchen vor hinten einen Kinnſtoß. Die Buben würden ihre Un⸗ gezogenheit noch länger fortgeſetzt haben, wenn nicht auf Gottliebs Hülfegeſchrei der Bäcker mit einem Backſpreißel herbeigelaufen wäre. Da flohen jene lachend davon. Nieritz. Die Nachbarn. 4 50 Gottlieb kehrte in die Backſtube zurück. Hannchen ſetzte ſich an den Bäckerladen und ihr Oheim in den Lehnſtuhl beim Ofen. Dort hob er zu klagen an: „Unſer Herrgott hat ſeine Welt ſo ſchön erſchaffen und uns tauſend Freuden bereitet. Woher nun das viele Elend? Ach, die Menſchen, die der Herr nach ſei⸗ nem Ebenbilde gemacht hat, verwandeln, von Adam her, das Paradies in eine Hölle. Was in aller Welt habe ich den Kindern zu Leide gethan, daß ſie nicht nachlaſſen, mich zu kränken? Wie können ſie nur in dem Aergerniß eines Andern eine Freude finden? Fürchten ſie ſich denn gar nicht der Sünde und daß es einen gerechten Gott im Himmel giebt, der ſie für ihre Bosheit ſtrafen wird?“ Hier hielt der klagende Bäcker inne. Nach einer längeren Pauſe hob er mit ganz veränderter, freudiger Stimme wieder an: „Ach, mein Hänſel, kommſt du, um mich zu tröſten? Das iſt brav von dir! Zwar biſt du nur ein unver⸗ nünftiges Thier, wie die Gelehrten ſprechen, mir aber tauſendmal lieber als die vernünftigen, jedoch ungezogenen Gaſſenkinder. Ach, jetzt ſtellt ſich auch Gretel ein. He, ihr kleinen Schelme, kommt ihr, um zu betteln? Da ihr das ſo beſcheiden thut, ſo will ich euch nur zu Wil⸗ len ſein.“ Dieſe Rede galt zweien Kanarienvögeln, welche bis⸗ her beiſammen auf dem Rande eines pappenen Wand⸗ . körbchens geſeſſen hatten und jetzt dem Bäcker auf die Kniee geflogen waren. „Hannchen“— fuhr Meiſter Krumbt fort—„nimm die Papierdüte mit dem Kanarienfutter aus dem Tiſch⸗ kaſten und lege ſie auf den Tiſch. Jedoch uneröffnet. Und nun gieb Acht. Erſt wirſt du beide Vögel ihre Schnäbel wetzen ſehen. Das bedeutet bei ihnen eben ſo viel, als wenn wir Meſſer, Gabel und Löffel auflegen. Siehſt du, daß ich wahr geredet habe? Nun geht's über die Düte her. Wie ſie das zuſammen gefaltete Papier geſchickt aus einander zu löſen wiſſen! Jetzt haben ſie es dahin gebracht, wohin ſie es wollten. Nun, geſegnete Mahlzeit, ihr Pfiffikuſſe! Wie das knappert! Wie das ſchmeckt! Ach, dieſe lieben Thierchen ſind faſt meine einzige Freude noch. Meine Frau iſt den ganzen Tag auswärts; meine Söhne ſind in der Lehre; dazu die Neckereien der Gaſſenkinder: was wäre ich alſo ohne die beiden Vögel? Erſt hatten wir nur den einen und zwar den blaßgelben. Als derſelbe eines Tages auf dem Fenſterbrete ſaß und mit ſeinen klugen Aeuglein durch die Fenſterſcheiben ſchaute: da ſaß ein zweiter— der goldgelbe da— und nickte dem meinigen gar freundlich zu. Das Thierchen mochte irgendwo fortgeflogen und hungerig geworden ſein. Da dachte es jedenfalls in ſeinem klugen Sinn, wie es mein Gretel ſo wohlgemuth durch das Fenſter ſitzen ſah: Das iſt ein Kamerad von dir. Da wird es wohl auch etwas für dich zu eſſen finden.„Pick! pick!“ pickte mein Hänſel an die Fenſter⸗ 4* „ 52 ſcheibe.„Pick! pick! macht auf, ihr guten Leute und laßt mich mit eſſen.“—„Herein! ſchön willkommen— ſprach ich und machte das Fenſter auf. Hopp! hopp! kam Hänſel herein gehüpft, verneigte ſich höflich gegen unſer Gretel und gegen mich und iſt ſeitdem der unſrige. Als meine beiden Jungen noch nicht auf der Lehre waren, ſo verging faſt kein Tag, wo ſie ſich nicht gezankt hätten. WMein Hänſel und Gretel dagegen noch nicht ein einziges Mal. Jeder von ihnen hat einen beſonderen Vogelbauer, in welchen ſie ſich jeden Abend verfügen. Iſt das Thür⸗ chen zufüllig verſchloſſen, ſo hören ſie nicht auf mit Bitten und Knappern, als bis aufgemacht wird. Aber nie wird der Eine in den Bauer des Andern gehen, obſchon beide Bauer neben einander hängen und einander ganz ähnlich ſind. Siehſt du irgend einen Schmuzfleck von ihnen in der ganzen Stube? Gewiß nicht! Dort das Wandkörbchen iſt ihre Retirade— das hat ihnen kein Menſch erſt geheißen. Nun aber haben ſie genug gegeſſen. Nimm daher die Düte wieder weg, Hannchen! In zehn Minuten wird unſere Uhr 11 ſchlagen. Dann ſiehſt du wieder etwas Merkwürdiges. Mit dem Schlage 11 und nicht einen Schlag eher oder ſpäter, fliegen beide Vögel auf die Thürklinke dort. Damit wollen ſie ſagen Macht uns auf! Iſt das geſchehen, ſo baden ſich beide 7 in dem Näpfchen, das ich ihnen täglich mit friſchem Waſſer auf das Fenſterbret in der Küche hingeſtellt habe. Wer— frage ich— hat ſie Glockenſchläge zählen ge⸗ ehrt? Ich ſage dir, daß dieſe Thierchen mehr Verſtand 53 zeigen, als mancher alberne Menſch, der nicht bis 3 zählen kann. Und endlich, wie lieblich ſie ſingen! Ja, Hannchen, hätte ich die beiden Vögel nicht, ſo wäre ich ſchon längſt todt vor Aerger über die gottloſe Gaſ⸗ ſenbrut.“ Es geſchah wirklich, wie Meiſter Krumbt erzählt hatte. Die Vögel machten es genau ſo, wie beſchrieben worden war. Hannchen aber wollte nicht hinter den ver⸗ nunftloſen Vögeln zurückbleiben und zwar um ſo weniger, da ihr Oheim viel mehr bedurfte, um ſie, als die kleinen Vögel, zu ernähren. Als am nächſten Tage die Schule aus war, ſchlug Hannchen, anſtatt nach ihres Oheims Hauſe, den Weg nach der älterlichen Wohnung ein. Dieſe außergewöhn⸗ liche Richtung betrachteten die nebſt Hannchen die Schule verlaſſenden Söhne des Kupferſchmidts mit argwöhniſchem Auge, denn das Gewiſſen pochte ihnen wegen der dem Platzbäcker geſtern zugefügten Kränkung. Sie hatten ſich auch nicht getäuſcht, indem Hannchen ſogleich auf des Kupferſchmidts Haus losſteuerte. Da ſtellten ſich ihr Heinrich und Herrmann vor der Hausthüre hindernd entgegen und ſprachen:„Was willſt du hier? Dort drü⸗ ben iſt deiner Aeltern Haus.“ „Das weiß ich wohl“— entgegnete Hannchen feſt —„aber ich habe etwas mit deinem Vater zu reden.“ „Du willſt doch nicht etwa die Pfennigklatſche machen?“ fragte Heinrich.„Ha! das ſollte vir übel bekommen.“„ 54 „Geh' deiner Wege, Hanne“— ſprach Herrmann— „oder wir werfen dich aus dem Hauſe.“ Darauf wendete ſich Hannchen entſchloſſen ab und näherte ſich dem einen Fenſter der Werkſtatt, an welches ſie mit dem Finger pochte. Jetzt ward den beiden Kna⸗ ben Angſt und ſie bemühten ſich, theils durch Bitten, theils durch Drohungen, Hannchen von ihrem Vorhaben abzubringen. Allein Hannchen klopfte immer ſtärker, bis endlich Meiſter Hüfner das Fenſter öffnete und fragte: „Was willſt du?“ „Meiſter Hüfner“— antwortete Hannchen—„was würden Sie wohl ſagen, wenn ich für 6 Pfennige Seife jetzt von Ihnen verlangte?“ „Wie? Was?“ rief Meiſter Hüfner aus und die Zornröthe flog ihm übers Antlitz—„Wegen einer ſol⸗ chen albernen Frage jagſt du mich von meiner Arbeit weg? Was ſoll das heißen? Willſt du gern ein paar Maulſchellen von mir haben, ſo komm' herein in meine Werkſtatt.“. „Ich käm' ja gern“— verſetzte Hannchen furcht⸗ los—„aber Ihre beiden Söhne wollen mich nicht einlaſſen.“ Darauf erzählte Hannchen, wie Heinrich und her⸗ 5 mann ihren Ohm gefoppt und obendrein den armen. Gottlieb gemißhandelt hätten. „Iſt das wahr? Iſt das möglich?“ rief Meiſter Hüfner und ward jetzt bleich vor Aerger. „ „ . 5 5 55* „Fragen Sie meinen Ohm!“ entgegnete Hannchen —„und er wird's, ſo wie unſer Lehrburſche, bezeugen.“ Jetzt waren beide Knaben in der Hausthür wie fortgeblaſen. Aber des Vaters laute, zornige Stimme rief ſie bald aus ihrem Verſtecke herbei. Als ſie vor ihrem Vater erſchienen, ſtarrte ſie derſelbe ſtumm, aber mit einem furchtbaren Blicke an. Er las auf ihren bleichen Geſichtern, in ihren niedergeſchlagenen Augen, in ihren vorgeſenkten Häuptern und in ihrem Stillſchweigen den Beweis ihrer Schuld. Darauf band der Meiſter ſein Schurzfell ab, zog ſeinen Rock an und ſetzte den Hut auf. „Folgt mir!“ ſprach er zu ſeinen Söhnen—„und auch du, Hannchen, begleiteſt uns.“ Der Kupferſchmidt ging voran; ihm folgten ſeine Söhne wie zwei Armeſünder; den Beſchluß machte Hannchen, welcher jetzt nicht wohl zu Muthe war. Kein Wort ward weiter unterwegs geſprochen, bis der kleine Zug in der Ladenſtube des Platzbäckers augelangt war. „Meiſter Krumbt“— hob der Kupferſchmidt nach dem Gruße düſter an—„dieſe beiden Jungen, meine Stiefſöhne, haben Euch geſtern gekränkt und Euren Lehr⸗ burſchen gemißhandelt?“ „Ja!“ verſetzte Krumbt—„Gott allein weiß es, warum mich die Kinder zur Zielſcheibe ihres Spottes auserſehen haben. Ich thue keinem Menſchen ein Leid an, geſchweige einem Kinde. Ich bin ſo ohnehin ſchon übel genug daran, daß ich keine weiße Waare backen 56 darf und muß mich deshalb noch obendrein verhöhnen laſſen. Es iſt ja eben ſo, als wollte man einen Ver⸗ wachſenen wegen ſeines Höckers oder einen Armen wegen ſeines zerriſſenen Rockes verſpotten.“ „Ihr habt Recht!“ erwiederte Meiſter Hüfner voll tiefer, innerer Bewegung.„Es iſt eine Schändlichkeit ohne Gleichen, wenn man einen Menſchen wegen ſeines Unglücks verſpottet. Weit eher will ich mit andern leichtſinnigen Streichen Nachſicht haben. Aber glaubt meiner Verſicherung: von mir oder meiner Frau lernen dieſe Buben ſolche Schlechtigkeiten nicht. Bei uns hören und ſehen ſie nichts Böſes und unſer beiderſeitiges Stre⸗ ben geht dahin, aus unſern Kindern brave Menſchen zu erziehen. Wie ſie nun doch zu ſolcher Verworfenheit gelangt ſind, weiß ich nicht. Der Teufel muß auch hier ſein Unkraut unter den guten Weizen geſäet baben. Aber“— Hüfners Augen funkelten und nahmen einen fürchterlichen Ausdruck an—„züchtigen will ich die Buben dafür, ſo lange ich noch einen Arm bewegen kann.“ Während dieſes Zwiegeſprächs verharreten Heinrich und Herrmann wie zwei Schafe, die man zur Schlacht⸗ bank geführt hat. Als ſie jetzt ihren Vater nach einem Winkel der Stube hinſpringen und von dort mit einem ergriffenen Backſpreißel zurückkehren ſahen, bemächtigte ſich ein leiſes Zittern ihres Körpers. Dennoch kam kein Wort über ihre bleich gewordenen Lippen. ein Backſpreißel iſt bekanntlich ein, aus der ganzen 57 Länge eines 8 bis 9 viertelelligen Holzſcheites geſpal⸗ tener, zolldicker Span, womit man das Backofenfeuer hervorbringt und unterhält. Bevor noch der erſchrockene Bäcker din erzürnten Kupferſchmidt in den erhobenen Arm fallen konnte, ließ der Letztere einen fürchterlichen Schlag auf Heinrichs Schulter niederſchmettern. Einen zweiten und dann noch mehrere Schläge nachfolgen zu laſſen, ſah ſich jedoch der Vater plötzlich behindert und zwar durch einen Vorfall, welcher ihm eben ſo unerwartet als ſchrecklich kam. Auf den erſten Schlag erfolgte nämlich ein gellendes Zetergeſchrei von ſechs Lippen zugleich. Bei dieſem un⸗ harmoniſchen Dreiklange jedoch war weder der geſchla⸗ gene Heinrich, noch deſſen Bruder betheiligt. Die drei Schreier waren vielmehr der Platzbäcker, deſſen Nichte und Gottlieb, der Krummbeinige! Meiſter Krumbt ſtand erſtarrt. Das Haar emporgeſträubt, die Augen aus ih⸗ ren Höhlen hervorquellend, das Antlitz kreideweiß, den Mund geöffnet, beide Arme vorgeſtreckt und verzweif⸗ lungsvoll die Hände zuſammengeſchlagen, glich der Bäcker einem Geſpenſte oder einem Menſchen, welcher Geſpenſter ſieht. Ein paar Secunden ſtand er ſo, dann taumelte er einige Schritte vorwärts und auf die Dielen nieder. Meiſter Hüfner fürchtete, daß ein Schlagfluß den Bäcker getroffen habe. Aber ſein Entſetzen darüber ſtieg noch höher, als er auch Hannchen und den Lehrling zu Boden und, zwar alle drei auf dieſelbe Stelle, nieder⸗ fallen ſah. 58 „Er iſt— todt!“ Dieſe mit einer gebrochenen, ſchmerzvergehenden Stimme ausgeſprochenen Worte un⸗ terbrachen die eingetretene, ſchauerige Stille in dem Stübchen.„Er iſt erſchlagen!“ wiederholte Krumbt mit zitternden Töpen, und zwei volle Thränen perlten ihm über die männliche Wange. Hannchen und Gottlieb ſchluchzten dazu laut. „Wer iſt denn kodt?“ fragte Hüfner betroffen. Krumbt richtete ſich von den Dielen auf und ſagte mit dem Tone ſtiller Verzweiflung:„Mein Hänſel!“ Dann blickte er mit umflortem Auge auf den lebloſen Kanarienvogel in ſeiner Hand nieder, in welcher das Thierchen mit geſchloſſenen Augen und zuſammengezogenen Füßen lag. „Wie iſt's denn zugegangen?“ forſchte der Kupfer⸗ ſchmidt? Krumbt vermochte in ſeinem Schmerze nicht zu antworten, daher Gottlieb das Wort ergriff. „Hänſel“— ſagte er—„hatte ſich auf des Jungen Achſel geſetzt und Ihr, Meiſter, mußtet gerade auf dieſe mit dem Backſpreißel niederhauen.“ „Hm! das habe ich nicht gern gethan“— entgeg⸗ nete Hüfner.„Indeß ſollte ich meinen, daß es noch viel Kanarienvögel in der Welt gäbe und daß daher der Schade zu erſetzen wäre. Was er koſtet, bezahle ich.“ „Mein Hänſel“— ſagte Krumbt traurig—„iſt nicht zu erſetzen. Nicht mit allem Golde der Erde. Er war meine Freude und mein einziger Troſt, wenn mich 59 die gottloſen Buben verhöhnten. Geld allein aber macht nicht glücklich und froh.“ Der Anblick des ſtill weinenden und tief betrübten Bäckers war ſo über alle Beſchreibung rührend und kläglich, daß ihn der Kupferſchmidt nicht länger ertragen konnte. Selbſt deſſen beide Söhne waren tief davon ergriffen. Jetzt aber loderte Hüfners Zorn wieder hell empor. „Auch an dieſem neuen Unglücke ſeid ihr Böſewichter allein ſchuld!“ rief er.„Fort! fort von hier! Aber geſtraft ſollt ihr werden, wie es eure Bosheit verdient. O, daß ich der Vater ſolcher mißrathenen Söhne ſein muß!“ Still verließen Heinrich und Herrmann die Bäcker⸗ ſtube. Ihr Vater folgte ihnen, nachdem er betrübt von dem niedergebeugten Platzbäcker Abſchied genommen hatte. Achtes Kapitel. Schmerz und Frende. Meiſter Krumbt hatte ſich in ſeinen Lehnſtuhl nie⸗ dergeſetzt. Starr blickte ſein Auge zur Erde nieder, indeß, ihm unbewußt, eine Zähre nach der andern über 60* Gretel, der andere Kanarienvogel, ſiog ruhelos von ei⸗ nem Orte zum andern. „Er ſucht ſeinen Kameraden“— ſprach Krumbt nach einer Weile, da er des Vogels Unruhe gewahrte. „Kannſt aber lange ſuchen, mein Thierchen!“— fuhr er ſchmerzlich fort—„Deln Hänſel iſt todt! Du wirſt dich auch todt grämen und mich armen Mann gleich⸗ falls verlaſſen. Dann ärgern mich die böſen Buben todt; aber langſam, langſam; um deſto qualvoller je⸗ doch! Es ſtirbt auf der Erde in jeder Secunde ein Menſch. Warum da nicht ſchon längſt auch meine Se⸗ eunde geſchlagen hat? Ich bin ſo müde, noch länger zu leben und mich ärgern zu laſſen. Es iſt auch kein abſonderliches Vergnügen, vor dem heißen Backofen zu ſtehen, Teig zu kneten und ſich obendrein dafür ver⸗ höhnen zu laſſen, daß man den Leuten Brot ſchafft. Laß mich auch ſterben, lieber Herrgott, damit ich aller Erdennoth entgehe.“ „Ohm! Ohm!“ weinte Hannchen—„verſündigt Euch doch nicht! Bedenkt, daß Ihr noch Frau und Kinder habt. Was ſollten ſie anfangen, wenn Ihr ſtürbet?“ „Was?“ fragte Krumbt.„Das, was ſie jetzt an⸗ fangen. Vermag ich doch allein die Meinen nicht zu ernähren! Muß doch meine Rahel ſich ſelbſt ihren Un⸗ terhalt mühſam ernähen. Müſſen doch meine Jungen von ihren Meiſtern erhalten werden. Darum würden ſie mich nicht vermiſſen.“ „Aber ich Euch deſto mehr, Ohm!“ ſprach Hann⸗ chen.„Vergeßt Ihr, daß Ihr für mich ſorgt?“ „Hm!“— erwiederte Krumbt—„das Bischen Brot, welches du bei mir bekommſt, würden Andere dir auch zukommen laſſen. Und dann, Hannchen, geſtehe ehrlich ein, ob du mir ſchon ſo viel Freude gemacht haſt wie meine Vögel?“ „Das wohl nicht“— antwortete Hannchen traurig. „Du kannſt's auch nicht, wennn du ſchon wollteſt“ — ſprach Krumbt eifrig.„Erſtens biſt du nicht ſo niedlich, wie mein Hänſel und Gretel. Zweitens nicht ſo drollig. Drittens nicht ſo goldgelb. Viertens kannſt du nicht fliegen und fünftens— nicht ſingen!“ „Singen kann ich ſchon“— wendete Hannchen ein. „Ja, aber wie?“— entgegnete der Bäcker.„Es heißt Alles geſungen. Selbſt der Sperling bildet ſich ein, ſingen zu können.“ „Ohm!“ ſagte Hannchen—„geht doch ein Wenig ſpatzieren, damit ihr auf andere Gedanken kommt.“ „Du haſt Recht, Kind!“— antwortete Krumbt, indem er ſich haſtig von dem Stuhle erhob.„Mir iſt hier, als liege die ganze Welt mir auf der Bruſt. Kaum zu athmen vermag ich.“ Gottlieb reichte hierauf ſeinem Meiſter den Hut und Stock und jener ging fort. Aber wo Meiſter Krumbt ging und ſtand, ſo hatte er nichts als den Vogel vor Augen, wie derſelbe von Heinrichs Schulter zur Erde niederflatterte und verſchied. Willenlos ließ er ſich von * 4 62 ſeinen Beinen forttragen, wohin dieſe wollten. So ge⸗ langte er auf die ſteinerne Elſterbrücke, wo er ſtehen blieb und in den dahinrauſchenden Fluß hinabſah. Je länger er dies that, deſto unwiderſtehlicher ward in ihm die Luſt, hinabzuſpringen in die kühlen Fluthen, deren Rau⸗ ſchen und Murmeln an den Brückenpfeilern ihn gefliſ⸗ ſentlich zu locken ſchienen. Immer drohender und ſchwerer ward ihm der Kopf bei dem längern Hinabſchauen. Er beugte ihn immer weiter und weiter über das Brücken⸗ gelünder und der Oberleib folgte dem Haupte nach. In dem Augenblicke, wo auch in die Beine die Luſt, ſich zu heben, fuhr, fühlte ſich Krumbt heftig am Rocke gezerrt. Aus ſeinem Taumel zur Beſinnung kommend, wendete er ſich betroffen und haſtig um. Hannchen war es, welche keuchend neben ihm ſtand und nach Athem, wie nach Kraft zum Sprechen rang. „Ohm!“ hauchte das Mädchen in Abſätzen— „kommt ſchnell— heim! Hänſel— Hänſel—— lebt!“ „Lebt?“— fragte Krumbt und ſchüttelte ungläubig* ſein Haupt.„Willſt auch du mich noch zum Narren halten“— fuhr er heftig fort—„wie die gottloſen Kinder, die nach weißer Waare bei mir fragen?“ „Wo denkt Ihr hin, Ohm?“ verſetzte Hannchen gekränkt.„Wann hätte ich Euch je ſchon belogen? Kurz und gut: Hänſel lebt.“ „Es iſt nicht möglich!“ ſprach Krumbt, und ſeine Stimme zitterte vor Furcht und aufkeimender Hoff⸗ nung. 1 63 „Bedenke doch, Hannchen! den Schlag! Ein Ochſe faſt wäre von ihm zu Boden geſchmettert worden; ge⸗ ſchweige denn ein ſo zarter Vogel.“ „Das war's eben, was mich auf andere Gedanken brachte“— verſetzte Hannchen.„Wenn der Backſpreißel“ — ſagte ich zu mir—„wirklich das Hänſel getroffen hätte, ſo würde es nicht noch erſt haben zur Erde flat⸗ tern können. Sodann hätte es doch auch müſſen breit geſchlagen oder wenigſtens ſein Kopf zerquetſcht worden ſein. Das war aber gar nicht der Fall. Und da ich das todte Hänſel näher beſchaute, da ſah ich noch— aber freilich ganz ſchwach nur— ſein kleines Herzchen ſich bewegen. Na, Ohm! was ich da empfand, kann ich Euch nicht beſchreiben. Wenn große Menſchen“— dachte ich— vor jählingem Schreck ohnmächtig werden können, warum da nicht auch ein ſo kleines, furchtſames Vöglein? Gut! ich hauche das Hänſel ganz leiſe an und wärme ſeine krumm gezogenen Beinchen in meiner Hand. Darauf fängt das Herzchen ſichtlicher an zu pochen und endlich thut ſich— aber nur halb und ganz kurz— das eine Aeuglein auf. Schnell laſſe ich mir vom Gottlieb eine Linſe ausgewaſchener Butter und ein Gläschen mit Kornbranntwein reichen. Die Butter ſtecke ich dem Hänſel in ſein Schnäblein und ſeine Beine in den Branntwein. Die Linſe Butter kriecht ganz ſachte hinter; Hänſel ſperrt beide Augen und den Schnabel ietzt weit, weit auf— die Butter mochte ihm geſchmeckt haben— die Füße ſtrecken ſich lang aus— und alle⸗ 64 weile ſitzt Hänſel wohlgemuth neben Gretel auf dem Wandkober und putzt ſich emſig die Flügel aus.“ Nicht mehr in den Elſterfluß, ſondern heim zu ſpringen, fühlten des Bäckers Beine eine unwiderſtehliche Luſt. Dahin rannte der Mann, trotz einem Schulbuben, der vom Bauer über dem Rübenſtehlen ertappt worden iſt. Zum Schnellläufer war der ſonſt ſo bedächtige und langſame Meiſter jetzt geworden, der jeden ihm Begeg⸗ nenden niederzurennen drohte. „Iſt denn Meiſter Krumbt närriſch geworden?“ „Hat ihn die Tarantel geſtochen?“ fragten die Leute und ſahen dem Dahinſpringenden kopfſchüttelnd nach. „Es iſt nicht ganz richtig unter ſeiner Perrücke“ — ſprach eine Höckerin in der Nähe.„Denn eine lange Weile ſah ich ihn wie ein ſteinernes Götzenbild auf dem Brückenpfeiler dort ſtehen.“ Aber was kümmerte den glücklichen Meiſter das Gerede der Leute? Als er, gefolgt von dem nachſprin⸗ genden Hannchen in ſeine Wohnſtube trat, flog ſogleich ſein Blick dem Wandkober zu. Was das Auge ſieht, das glaubt das Herz! Jetzt erſt war der letzte Zweifel an Hannchens Rede von dem Platzbäcker gewichen. Jubelnd, Freudenthränen weinend, liebkoſete er den zum Leben zurückgekehrten Vogel. „Nun kommt heran, ihr foppenden Kinder!“ rief er luſtig aus—„Verſuchts, ob ihr mich noch mit euern Fragen nach weißer Waare ärgern könnt. Hei! hei! ich habe mein Hänſel wieder! Hänſel lebt, Hänſel fliegt, 65 Hänſel ſingt wieder. Nun Hannchen, ſinge doch mit Hänſel um die Wette, wenn du dir das getrauſt. Hänſel und Gretel, und Gretel und Hänſel! Juchhei di del⸗ dumdei!“ Der Meiſter war zum fröhlichen Kinde geworden. Als er aber ſpäter zur Ruhe ging und ſeinen Abend⸗ ſegen betete: da hielt er ſich doch eine derbe Strafpredigt. „Benjamin Krumbt“— ſprach er zu ſich ſelbſt— „du haſt heute recht unchriſtlich gedacht, geſprochen und beinahe auch gehandelt. Wegen eines Vögleins, das morgen und jeden Tag ſterben kann, war ich meines Lebens überdrüßig, wollte ich lieber todt ſein und Frau und Kinder auf der Erde zurücklaſſen. Benjamin! das war eine Traurigkeit, die den Tod gebiert. Künftig hüte dich vor einer ſolchen oder du darfſt dich nicht wundern, wenn dich unſer Herrgott mit einem größern Unglücke heimſucht.“ Reuntes Kapitel. Der gute Nachbar. Als Hannchen am andern Morgen zur Schule ge⸗ hen wollte, ſprach der Bäcker zu ihr:„Billig iſt's, daß wir auch Andere an unſrer Freude Theil nehmen laſſen. Deshalb ſage den Kupferſchmidtsſöhnen, daß unſer Nieritz. Die Rachbarn. 5 3 . 66 ——— Hänſel wieder lebendig geworden iſt. Denn ich fürchte, daß Meiſter Hüfner gar zu arg auf ſeine beiden Jungen loshämmern dürfte. Ich hatte ſchon an dem einen Schlage genug, den er mit dem Backſpreißel austheilte.“ Da Hannchen den Auftrag ihres Oheims ausrich⸗ tete, ſo verklärten ſich mit einem Male die Geſichter der beiden Brüder Hüfner, welche mit ſehr niedergeſchlagenen Mienen in der Schule erſchienen waren. „Das iſt recht ſchön!“ ſprach Heinrich mit tiefer Innigkeit und ſein Auge erglänzte freudig.„Gern hätte ich noch mehr Hiebe mit dem Backſpreißel ausgeſtanden, wenn ich dadurch hätte den Kanarienvogel erhalten kön⸗ nen. Es iſt wahr, daß ſchon der eine Hieb mörderlich wehthat und noch jetzt hat meine Achſel eine blaue Beule davon aufzuweiſen. Aber wenn auch!“ Dieſe Rede ſöhnte Hannchen mit dem Knaben aus. Aber auch Herrmann drückte dankbar des Mädchens Hand, indem er ſagte: „Schönen Dank für deine Freudenbotſchaft, Hann⸗ chen! Nun läßt ſich's ſchon leichter ertragen, was uns der Vater zur Strafe auferlegt hat.“ Noch denſelben Tag fand ſich der Kupferſchmidt bei dem Bäcker ein. „Haben meine Jungen nicht gelogen?“ hob er haſtig an.„Sie kamen voller Freude aus der Schule heim und erzählten mir, daß Euer Vogel wieder lebendig ge⸗ worden ſei. Ich will nicht fürchten, daß ſie mir nur eine Flauſe vorgemacht haben, denn ſonſt ſollte es ihnen 67 noch weit trübſeliger ergehen als jetzt. Ich habe die Buben in den Bann gethan. Sie dürfen nicht mehr mit uns eſſen, nicht mehr in unſrer Geſellſchaft ſein und erhalten nur ſchmale Koſt, bis ſie ſich ernſtlich gebeſſert haben. Das wurmt ſie mehr als alle Schläge, die ſie genug ſchon von mir bekommen haben.“ „Mich dauern nunmehr die Burſche“— verſetzte Krumbt—„da mein Hänſel wieder aufgekommen iſt. Seht ihn nur an, den gelben Federmann dort auf ſei⸗ nem Wandkober. Iſt's nicht ein prächtiges Thierchen? Er iſt mir jetzt noch einmal ſo lieb und theuer als vor⸗ her. Hannchen, das Blitzmädel, hat ihn wieder zu ſich gebracht.“ „Ihr habt die Kleine ganz zu Euch genommen?“ — fragte Meiſter Hüfner. „Mußte ich nicht?“— entgegnete Krumbt.— „Ach, es thät' Noth, ich nähme alle Kinder meiner Schweſter und dieſe dazu bei mir auf. Sie wiſſen ja manchen Tag nicht, woher einen Biſſen trocknes Brot nehmen! Wäre ich ein vermögender Weißbäcker, ſo ver⸗ ſorgte ich ſie Alle. Aber, du mein Himmel, was ver⸗ dient denn ein armer Platzbäcker? Und dafür muß ich mich noch obendrein verhöhnen laſſen!“ Dieſe Worte bewegten des Kupferſchmidts Herz⸗ Er zog den Bäcker abſeits und ſprach heimlich zu ihm: „Meiſter Krumbt, Euer Schwager mißt mir die Schuld ſeiner Verarmung bei, weil ich ihm, wie er ſast, mit meinem Gehämmere die Ohren voll gelrämt 5* 68 —— und ihm ſeine Wohnung verleidet hätte. Ihr als ver⸗ ſtändiger Mann werdet das Ungereimte dieſes Vorwurfs einſehen. Geſetzt zum Beiſpiel, ich wohnte in Eurer Nähe und wollte Euch zumuthen, Euer Brotbacken ein⸗ zuſtellen, weil mir der Rauch aus Eurem Backofen be⸗ ſchwerlich fiele. Würdet Ihr deswegen Euer Gewerbe einſtellen? Gewiß nicht. Dennoch aber fühle ich mich nicht ganz frei von Schuld, und aus dieſem Grunde will ich Eure unſchuldige Schweſter ſammt ihrer Familie unterſtützen, ſo viel ich vermag. Ich bin nicht reich, aber, Gott ſei Dank, geſund und kräftig. Ich ver⸗ ſpreche Euch hiermit, daß ich täglich eine Stunde früher meine Arbeit anfangen und eine Stunde ſpäter einſtellen will. Was ich in dieſen beiden Stunden verdiene, ſoll Eure Schweſter erhalten. Aber ſie ſebſt darf davon nichts erfahren, ſondern ich werde Euch allwöchenklich das Ergebniß meiner Arbeit einhändigen.“ „Das lohne euch unſer Herrgott!“— ſprach Krumbt ergriffen.—„Glaubt, mir, daß die Noth entſetzlich groß bei meiner armen Schweſter jetzt iſt. Nicht genug, daß ihr Mann auch nicht für das Geringſte ſorgt und ſeiner Frau jeden ſauer von ihr verdienten Groſchen wegnimmt: ſo fängt er bereits an, das arine Weib zu mißhandeln und zu ſchlagen. In einigen Monaten wird meines Schwagers Haus an den Meiſtbietenden verkauft. Dann wird er und ſeine Famlie obdachlos. Kurz, wenn nicht unſer Herrgott hilft und zwar bald hilft: ſo weiß ich 69 nicht, wie es noch mit meiner Schweſter und deren Kin⸗ dern werden ſoll.“ Meiſter Hüfner begann wirklich vom nächſten Tage an zwei Stunden länger zu arbeiten. Den Grund da⸗ von verſchwieg er ſeiner Frau, und zwar weil er, nach dem Gebote des Heilands, ſeine Linke nicht wiſſen laſſen wollte, was die Rechte that. Er arbeitete unverdroſſen und mit wachſender Freudigkeit; denn das Bewußtſein, eine gute Handlung zu thun, ward ihm zur größten Freude. Wenn er, am Fenſter lauſchend, früh die Nach⸗ barkinder drüben nach der Schule gehen, an ihnen jetzt vollere, nicht mehr gramerfüllte Geſichter, ſondern ein Stück Schwarzbrot oder gar ein weißes Dreierbrot in den Händen der Kinder erblickte: ſo ſagte er ſtill ſelig zu ſich ſelbſt:„Siehe, das iſt dein Werk! das iſt die füße Frucht deiner längern Arbeit!“ Daß auch Frau Freund weniger oft mit dick verweinten Augen an ihrem Fenſter ſich ſehen ließ, daß ſie minder dürftig gekleidet ging, ſchrieb Hüfner ſich und ſeinem Fleiße, und nicht mit Unrecht, zu. Aber auch Heinrich und Herrmann ſtrebten, ihr begangenes Unrecht wieder gut und ſich der väterlichen Liebe werth zum machen. Nicht genug, daß ſie mit Auguſt Freund Friede machten und ſich hüteten, den Platzbäcker oder deſſen Lehrling zu verhöhnen, ſo benutzten ſie das Anſehen, in welchem ſie wegen ihrer Entſchloſſenheit und Körperkraft bei ihren Mitſchülern ſtanden, dazu, daß ſie dieſe theils durch Bitten, cheils 70 durch Drohungen, von ferneren Verhöhnungen des Platz⸗ bäckers abhielten. In den nächſten Tagen geſchah auch, was Meiſter Krumbt ſo ſehnlich in Bezug auf ſeine Schweſter und deren unglückliche Lage gewünſcht hatte. Unſer Herrgott im Himmel half, obſchon es eher ſchien, als habe Sa⸗ tanas, und nicht der himmliſche Vater, ſeine Hand da⸗ bei im Spiele gehabt. Wie viele Familien werden unglücklich, weil man deren Häuptern verſtattete, durch Trunk⸗, Spiel⸗, Chr⸗ Gewinn⸗ und Genußſucht ſich und die Ihrigen zu Grunde zu richten! Ohne ein Prophet zu ſein, kann man lange voraus das traurige Ende einer ſolchen Han⸗ delsweiſe verkünden, und dennoch greift die Obrigkeit meiſt nicht eher ein, als bis es zu ſpät iſt. Ja, wahr iſt's, was das Sprüchwort beſagt: Nicht eher verwahrt man den Stall, als bis die Kuh geſtohlen iſt. Wenn ein Vater all ſein Gut ſinnlos durchgebracht hat, ſo ſetzt ihm die Obrigkeit redlich einen Vormund, aber hat ein Trunkenbold nicht erſt die Seinen halb oder ganz todt geſchlagen, ſo nimmt man ihn nicht feſt. Ein ſtrengeres Verfahren— behaupten die Rechtsgelehrten— würde ja gegen das Recht der menſchlichen Freiheit ſein. So ließ man auch den Seifenſieder gebahren und handeln, wie ihm beliebte, obgleich er ſeine Frau faſt ſchon zur Verzweiflung gebracht und ſeine Kinder elend gemacht hatte. Da aber ließ es unſer Herrgott zu, daß Meiſter Freund, weil er keinen Heller mehr in der Taſche 71 beſaß, draußen auf der Landſtraße einen fremden Lein⸗ wandhändler anfiel und ihm das Geld unter lebensge⸗ fährlichen Drohungen abverlangte. Um ſich Muth zu dieſer böſen That zu verſchaffen, hatte er ſeine letzten Dreier in Branntwein vertrunken⸗ Der Leinwandsmann aber hatte das Herz auf dem rech⸗ ten Flecke. Er ſah ſogleich, mit wem er es zu thun hatte und daß er es mit dem entnervten und ſchwäch⸗ lichen Räuber aufnehmen könne. Ein paar kräftige Hiebe mit dem Stocke über Freunds Kopf machten dieſen zu Boden ſtürzen, worauf der Sieger dem Ueberwunde⸗ nen Hände und Füße zuſammenband und ihn, nach her⸗ beigerufenem Beiſtande, der Obrigkeit zur Beſtrafung überlieferte. Darauf ſprachen alle Leute:„Alſo mußte es mit dem Seifenſieder kommen. Das konnte jedes Kind ein⸗ ſehen!“ Dennoch hatte man dieſes Vorausgeſehene nicht zu verhindern geſucht! Dieſes Ereigniß wäre für Freunds Familie eher ein Glück als ein Unglück geweſen, wenn nicht die Schande dieſer räuberiſchen That ungerechterweiſe mit auf die unſchuldige Frau und deren Kinder übertragen worden wäre. Verſtändige Menſchen zwar enthielten ſich ſolches Unrechts; da aber deren Anzahl die geringere iſt, ſo hatte die Freundſche Familie durch den Verluſt ihres guten Namens das Maaß ihres Kummers und Elends bis an den Rand füllen ſehen. Da Freunds Vertheidiger für ſeines Schützlings 72 That verſchiedene Milderungsgründe aufzuſtellen wußte, ſo lautete das Urtheil für den Seifenſieder auf vier Jahre Arbeitshaus, zu deſſen Verbüßung er nach Zwickau abgeführt wurde. Freunds Denkkraft war durch das unmäßige Trinken dermaßen abgeſtumpft, daß er den Schmerz der Trennung von ſeiner Familie wenig em⸗ pfand und daher auch bei dem Abſchiede von derſelben faſt gleichgültig blieb. Deſto mehr weinte und grämte ſich Frau Freund. Zehntes Kapitel. Das Bad. Die warmen Sommertage waren gekommen. In drei Wochen ſollte Meiſter Freunds Haus unter den Hammer des Auktionators gelangen. Meiſter Hüfner war noch nicht müde geworden, für die arme Nachbars⸗ familie zu arbeiten und er hatte ſeinen Hammer jetzt lie⸗ ber denn jemals, weil er für vier Hungernde und Dürf⸗ tige Brot und Kleidung zu erhämmern vermochte. Frau Freund fühlte ſich durch die Zeit und durch das liebevolle Zureden wackrer Freunde beruhigter und bemühte ſich, durch ihrer Hände Arbeit und Geſchicklich⸗ keit diejenige Beihülfe entbehrlich zu machen, welche ſie allwöchentlich von ihrem ſelbſt armen Bruder empfing und ſolche als deſſen Geſchenk betrachtete. 73 Es war nach dem Schluſſe der Rachmittagsſchule, als eines Tages fünf größere Knaben die Stadt Plauen durchwanderten und draußen dem Laufe des Elſterfluſſes folgten, der ſich wie ein breites Silberband durch grüne Fluren und Felder dahin wand. „Wie ſtehts?“— fragte unterwegs Auguſt Freund die beiden Kupferſchmidtsſöhne—„iſt euer Vater immer noch böſe auf euch?“ Dieſe Frage kam jenen ziemlich ungelegen und es ward ihnen ſchwer, ſie der Wahrheit gemäß zu beant⸗ worten. „Hm!“— verſetzte Herrmann—„wir dürfen jetzt wieder mit unſern Aeltern zuſammeneſſen; nur recht freundlich iſt der Vater noch nicht gegen uns.“ Da der Elſterfluß in der Nähe von Plauen durch Wehre, der vielen eingebauten Mühlen wegen mehrfach abgedämmt iſt, ſo bilden ſich vor ſolchen Wehren ruhige, aber auch gefährliche Untiefen. Eine ſolche Untiefe, eine Strecke von der Stadt gelegen, war auf der einen Flußſeite von einer kleinen Anhöhe eingefaßt und von den badeluſtigen Knaben um deßwillen zum Badeorte auserſehen worden, weil ſie durch einen Kranz grünender Erlen vor den blendenden Son⸗ nenſtrahlen geſchützt wurde. Da ſämmtliche Knaben des Schwimmens kundig waren, ſo ſcheueten ſie die Tiefe des ruhigen Waſſerſpiegels keineswegs. Sie warteten kaum ſo lange mit dem Auskleiden, als es die Vorſicht nach dem raſchen Gehen erforderte. Die ſtille, tiefe 74 Fluth, in welcher ſich die grünen Erlen abſpiegelten, lud ſo unwiderſtehlich zur Erfriſchung und Abkühlung ein, daß die Knaben kaum länger zu widerſtehen vermochten. Auguſt Freund war der Erſte, welcher den Stumpf einer gefüllten Erle beſtieg und von demſelben wie ein Froſch hinab in den Elſterfluß hüpfte.„Plumps!“— ſagte die Waſſertiefe. Auguſt verſchwand und an ſeiner Stelle brodelten Waſſerblaſen empor, die ſich aber ſchnell auf der glatten Waſſerfläche verloren. Die andern Knaben, noch im Auskleiden begriffen, ſaßen am Ufer und ſahen dem Wiederauftauchen Auguſts entgegen. Allein Secunde auf Serunde verrann und die Tiefe theilte ſich nicht, um das Haupt des jugendlichen Tauchers wieder hervor⸗ kommen zu laſſen. Beſtürzt blickten die Knaben einander an. Sie ürchteten allgemach das Schlimmſte für Auguſt. „Was ihm nur begegnet ſein mag?“— fragte Einer den Andern.—„Hat ihn der Schlag gerührt? Iſt er noch zu erhitzt geweſen? Kann er nicht wieder in die Höhe auftauchen? Wer wird es wagen, ihm zu Hülfe zu kommen?“ Hier ſtreifte Heinrich Hüfner ſeine letzte Hülle von ſich und— plumps! verſank auch er in die Tiefe, welche bereits Auguſts Grab geworden war. Mit ihren kühlen, naſſen Armen nahm jene den lebenswarmen Leib des muthigen Knaben auf und zog ihn hinab auf den Grund. Dort aber, o Schreck, pack⸗ ten zwei andere Arme, oder vielmehr deren Hände, Hein⸗ richs Beine und hielten dieſe feſt, feſt wie die Krebs⸗ 75 ſcheere ihre Beute, wie der Ambos das Eiſen. Verge⸗ bens ſträubte ſich Heinrich mit aller Kraft gegen ſeinen unterwaſſeriſchen Feind, der niemand anders als der verſchwundene Auguſt ſein konnte. Ein Kampf der Ver⸗ zweiflung, eine Waſſerſchlacht auf Tod und Leben be⸗ gann, in welchen beiden Parteien nicht das Pulver, wohl aber der Athem ausging. Zur Erklärung dieſes Vorfalls muß bemerkt werden, daß der Fluß das Erd⸗ reich des Ufers unterwühlt und die Wurzeln der dort ſtehenden Erlen bloß gelegt hatte. In dieſes dichte Wurzelgewebe, welches einem aufgeſtellten Netze glich, war Auguſt gerathen und hatte ſich, trotz allem Ringen, nicht wieder aus demſelben zu befreien vermocht. Daher ſein befremdliches Außenbleiben. In dem Augenblicke der höchſten Noth war dem vergeblich Ringenden Hein⸗ richs Füßepaar zu Hülfe gekommen, welches für Auguſt zum Hebel wurde, vermittelſt deſſen er ſich aus der Elſtercharybdis befreien ſollte. An ſeiner Stelle ward dagegen der rettende Freund zu deren Gefangenen, nur mit dem Unterſchiede, daß kein dritter Freund wiederum Heinrichs Hebel zu werden herabkam. Heinrich befand ſich mit einem Gehenkten in ziemlich gleicher Lage, nur daß hier das Element des Waſſers, ſtatt des würgenden Strickes, ihm das Luftathmen benahm. Darum ſtram⸗ pelten auch Heinrichs Beine eben ſo ſchnell und verzweif⸗ lungsvoll wie die eines Gehenkten. Allein vergebens, Charybdis, oder vielmehr deren Wurzelnetz, ließ ſei Beute nicht wieder frei. 76 Während dieſes unterwaſſerlichen Ringens ſchrieen ſich die übrigen Knaben faſt heiſer nach Hülfe für den verunglückten Kameraden. Dieſem drohten endlich die Sinne zu vergehen. Sehen konnte er ohnehin ſchon nichts in der Tiefe. Die zuſammengeſchnürte Bruſt drohte ihm zu zerſpringen und vor ſeinen Ohren glaubte er die fürchterlichen Klänge der Todtenglocke zu hören. Er hielt ſich für verloren. Da machte er den letzten, verzweiflungsvollen Verſuch, aus ſeinen Wurzelbanden ſich zu befreien. Heinrichs krampfhaft ausgeſtreckte Arme erfaßten eine über ſeinem Haupte befindliche, ſtarke Erlenwurzel, welche für ihn jetzt zum Hebel ward. Ein Ruck, ein Schwung in der Todesangſt— und die tücki⸗ ſche Flußnixe mußte ihre Beute wieder hergeben. Aus der ſich kräuſelnden Waſſeerfläche tauchte jetzt ein Kna⸗ benhaupt hervor, welches puſtend und ſprudelnd nach Luft, nach lang entbehrtem Athem ſchnappte. Aber in dem Augenblicke, wo der gerettete Heinrich Hüfner mit beiden Händen ſich die waſſererblindeten Augen rieb, um dankbaren Sinnes das freundliche Tageslicht zu begrü⸗ ßen, entrang ſich ſeinen eben erſt erſchloſſenen Lippen ein lautes Wehgeſchrei, welches drüben am Ufer ein mehrſtimmiges Echo fand. Wäre der voigtländiſche Elſterfluß, anſtatt mit Per⸗ lenmuſcheln, mit gefräßigen Haiſiſchen oder großen Waſ⸗ ſerſchlangen bevölkert: ſo würde Heinrich geglaubt ha⸗ ben, daß ihn ein ſolches Ungeheuer gebiſſen hätte. Denn er fühlte in ſeiner rechten Schulter einen plötzlichen, ſte⸗ 77 chenden Schmerz, hervorgebracht durch einen ſpitzen Zahn, der tief in das jugendliche Fleiſch eindrang. Inſtinctartig ſchoß er einige Ellen weit auf der Waſſer⸗ fläche dahin, um einem zweiten Biſſe zu entgehen. Dann blickte er mit waſſertriefenden Augen betroffen um ſich. Der Haifiſch und die Waſſerſchlange erwies ſich jetzt als ein eiſerner, gekrümmter und ſpitzer Haken, welcher an einer langen Stange befeſtigt war und von einem Manne am jenſeitigen Ufer gehandhabt wurde. Derſelbe wollte eben ſeinen Haken nochmals wie ein Fangnetz nach dem Knaben im Waſſer auswerfen, den daraus zu erretten, das Geſchrei der übrigen Knaben herbeigerufen hatte. Ein neues unwilliges Schreien ſowohl des im Waſſer befindlichen als auch der am andern Ufer ſtehenden Kna⸗ ben war jedoch der Lohn für dieſen Liebesdienſt, an welchem freilich die Gewinnſucht mehr Antheil hatte als die Nächſtenliebe. Denn damals noch hatte die ſächſiſche Regierung für jedes gerettete Menſchenleben eine Beloh⸗ nung von zehn Thalern ausgeſetzt und dieſe waren für gar Viele ein großes Reizmittel. Der Retter mit dem langen Fiſcherhaken war nie⸗ mand anders als Münnich, der Ziegler aus der nah gelegenen Ziegelbrennerei, und ſein Rettungsmittel hatte die größte Aehnlichkeit mit einem Angelhaken, womit man zwar Fiſche fangen, aber nicht retten kann. „Er einfältiger Hans!“— tönte es von dem jenſei⸗ tigen Ufer zu dem Knabenangler herüber—„wenn Er wreiter nichts zu thun weiß, als unſern Kameraden mit * 78 Seinem ſpitzen Haken zu zerfleiſchen: ſo können wir Ihn nicht brauchen.“ „Bleib Er mir ut Sunen abſcheulicen Haken —„Sieht Er nicht ienſeitige Ufer, weil er zur Erreichur vom Leibe!“— ſchrie Heinrich aus de dem Waſſer hervor. Er Achſel keme Heinrich dagegen ſchwam n ſich noch zu ſchwach und angegriffen etzt erſt ſahe er ſich nach Freund Auguſt um, von welc er noch nicht wußte, ob derſelbe gerettet oder ertrunken ſei. Ei, wie freut⸗ der Knabe ſi ſich, als er ſeinen Vor⸗ taucher lebend am jenſeitigen Ufer in Griſe liegen ſahe, wo er mit keuchendem Athem den um ihn ſtehenden Ka⸗ meraden von ſeinen eben erlebten Fihrlichleiten erzählte. Sobald Heinrichs Kräfte ſi ſich ſo weit wieder ge⸗ funden ten, vertraute er ſich abermals dem tückiſchen Fluſſe an und ſchwamm an das jenſeitige Ufer zurück, wo er ſeine Kleider und ſeine Kameraden fand. Dort ward die Achſelwunde unterſucht, die tief genug war, um einen tüchtigen Aderlaß und nebenbei ni t geringe Schmerzen zu verurſachen. Beides aber ward urch das frohe Bewußtſein aufgewogen, ein Menſchenleben und zwar obendrein das eines Feindes gerettet zu hnben 8 2 —— — — Heinrich Hüfner betrachtete jetzt den Nachbarsſohn mit ganz anderen, liebevolleren Augen wie bisher. Es war ihm, als habe er den Knaben für hohen Preis ſich zum Eigenthume erkauft und darum erhielt der Erkaufte in des Retters Augen einen weit höheren Werth. N „Mein Vater darf aber nichts von dieſer Geſchichte erfahren!“— ſprach Heinrich zu ſeinen Gefährten.— „Sonſt wird er von Neuem auf uns böſe. müßt ihr uns geloben, kein Wort von unſerm Bade heute zu erzählen. Das müßt ihr mit einem Handſchlage verſprechen.“ 3*— Das Verſprechen mit dem chigge ward gege⸗ ben. Der Leſer aber r erſieht hi aus, welche verworrene Begriffe von Gut*. Böſe oftmals die Kinder haben, welche hier wegen der freilich etchas filigen Rettung eines Menſchenlebens geſtraft befürchteten. w mit allerlei Pflaſtern belegt, welche die jugendlichen Aerzte nach ihrer eigenen Einſicht für paſſend hielten. Der verwundete Knabe hatte nicht geringe fortdauernde Schmerzen zu erlei⸗ den; beſonders dann, wenn er ſeine Jace an⸗ oder aus⸗ zog. Aber es gel ng ihm doch, 5 gegen die Mutter, noch gegen den ſtrengen Vater eine Mieng des Schmer⸗ zes zu zeigen. Lei aber hätte eine ſöt e ungehörige 5 Verheimlichung für den Knaben von den! ðheilichſen, ja ſelbſt lebensgeführlichen Folgen ſein können. 80 Eilftes Rapitel. Große Angſt. Mutter Natur und der Jugend Kraft waren es unſtreitig, welche Heinrichs Wunde, auch ohne ärztliche Behandlung, langſam zwar nur, ihrer Heilung entgegen führten. Noch war die Wunde nicht völlig zugeheilt, als nach etwa vierzehn Tagen der Rathsbote in des Kupferſchmidts Haus kam und deſſen beiden Söhne zum andern Tage und zu einer beſtimmten Stunde auf dem Rathhauſe ſich einzufinden beſtellte. In der Regel wird der Grund einer ſolchen Beſtellung den Vorgeladenen nicht zugleich mit bekannt gemacht, ein Verfahren, wel⸗ ches nicht ſowohl in der Bequemlichkeit des Beſtellers, als vielmehr in der richterlichen Klugheit zu liegen ſcheint. Da man in der Regel nicht vor den Stadtrath, vor das Amt oder die Polizeibehörde vorgeladen wird, um dort etwas Angenehmes geſagt oder gar eine Be⸗ lohnung zu bekommen, vielmehr meiſtens nur Verweiſe, Androhungen oder gar Strafen zugeſprochen erhält: ſo quält ſich der Vorgeladene ſchon im Voraus mit dieſem letzteren Gedanken, und dieſe innere, quälende Unruhe iſt den Abſichten des Richters gerade erwünſcht und för⸗ derlich. Da ſich nun kein Menſch ganz frei von Fehlern und Uebereilungen weiß, ſo wird auch Jeder, ſelbſt 8¹ der Rechtlichſte, auf eine ſolche obrigkeitliche Vorla⸗ dung in eine ängſtliche Spannung verſetzt.* Wie Lielmehr aber erſt die beiden wilden Kupfer⸗ ſchmidtsſühne, welche faſt täglich ausrufen konnten: Herr, wer kann merken, wie oft er fehle! Verzeihe mir auch die verborgenen Fehler!“ Des Vaters ohnehin nicht eben freundliche Mieie ward auf die obrigkeitliche Vorladung ſeiner Stiefſöhne finſter wie eine drohende Wetternacht. „Welch einen dummen oder gar gottloſen Streich mögt ihr wieder begangen haben?“— ſprach er zornig. —„Nun bekommt ihr ſogar mit der Obrigkeit noch Händel. Ich aber werde mich nicht in dieſelben miſchen. Meh man eine Strafe über euch verhängen, welche man wolle: ich bitte und thue nichts für euch! Gar nichts, ſo wahr ich Hüfner heiße. Sagt das, lieber Rathsbote Andrich, den geſtrengen Herren auf dem Rathhauſe. Keinen Groſchen zahle ich für die Rangen, von denen ich gar nichts mehr wiſſen mag.“ Welche bangen und qualvollen Stunden hatten die beiden Knaben bis zur Zeit der Vorladung zu verleben! Gemeinſchaftlich gingen ſie ihr ganzes, neueres Sünden⸗ regiſter durch, um ſich zu fragen, um welches Streiches willen ſie wohl belangt werden dürften? Sie ähnelten jetzt den Opfern der heiligen Ingquiſition, welche bekannt⸗ lich ihre eigenen Ankläger werden mußten, auch wenn ſie ſich für ſchuldlos erachteten. Faſt ſchlaflos verging den Geladenen die Sommer⸗ Nieritz. Die Nachbarn. 6 82 nacht, und je näher die Stunde des Gerichts kam, deſto höher ſtieg ihre Angſt. Dieſe theilte mit ihnen die zärt⸗ liche Mutter. Der Vater dagegen hämmerte in der Werkſtatt und kümmerte ſich nicht um die Knaben, welche endlich nach ihren Mützen griffen und unter der Mutter Segenswünſchen und Thränen das Haus verließen. Da lag es— ſtill, finſter, drohend, das Rathhaus, wie ein Geſpenſt! Ein Rathhaus! Droh⸗, Streit⸗, Straf⸗ und Zahlhaus ſollte es heißen. Schon ſein An⸗ blick jagte den beiden Kupferſchmidtsſöhnen ein leiſes Beben ein. Mit trüben Blicken betrachteten ſie das ent⸗ ſetzliche Gebäude aus der Ferne und ſahen ſich bereits im Geiſte mit Ruthen geſtäupt, an's Halseiſen geſchloſ⸗ ſen oder gar in einen unterirdiſchen Kerker geworfen, wo Schlangen, Molche, Kröten, Eidechſen und Ratten ihr Weſen trieben. Während Heinrich und Herrmann in ihren Gedan⸗ ken unterſuchten, welche von dieſen Strafen die erträg⸗ lichſte ſei, kam ein dritter Knabe von jämmerlicher Ge⸗ ſtalt und Haltung herbeigeſchlichen. „Freund Auguſt! Du jetzt hier? Wohin willſt du?“— Dieſe Fragen der Brüder folgten raſch 4 einander. „Der Rathsbote Anprich hat mich auf das Rath⸗ haus beſtellt!“— lautete die betrübte Antwort. Ein ſchwacher Freudenſtrahl blitzte über die Geſich⸗ ter der beiden Brüder, die jetzt, o Wonne! einen Lei⸗ * 83³ densbruder gefunden hatten. Die Laſt ward ihnen ſchon leichter, da ein Dritter ſie mittragen half. Noch ſtand das vorgeladene Kleeblatt berathend beiſammen, als aus dem Gäßchen rechts und links aber⸗ mals ein Knabe mit geſenktem Haupte, gebeugtem Rücken und trüben Mienen daher geſchlichen kam. „Ruhlands Ernſt und Sommerfelds Moritz!“ er⸗ tönte ein dreiſtimmiger Ruf den Ankömmlingen entgegen, welche insgeſammt, wie ſichs auswies, einen und denſel⸗ ben Gang thun ſollten. Die fünf Knaben waren jetzt vereinigt, welche neu⸗ lich die bekannte Badegeſellſchaft gebildet hatten. Warum ſie aber vorgeladen worden wGen konnten ſie immer noch nicht ergründen. Bald aber ſollte ihnen ein Licht in der Perſon des Zieglers Münnich aufgehen, welcher mit ſeinen langen Storchbeinen jetzt um die Ecke bog und nach der Raths⸗ thür nſchritt. Bei dieſem Anblicke verſchwand mit einem Male die Angſt der fünf Knaben und kein kleiner Unwille trat an deren Stelle. „Am Ende iſt Er es wohl gar“— redete Heinrich Hüfner den Ziegler keck an—„welcher uns die Suppe auf dem Rathhauſe eingeſchnitten hat? Er will mir gewiß Schmerzensgeld und Kurkoſten für meine Achſel bezahlen, die er mir mit ſeinem alten Haken aufgeriſſe 7 hat und die immer noch nicht geheilt iſt?“ Der Ziegler fletſchte ſeine Zähne zu einem vner⸗ 6* 8⁴ lichen Grinſen und ſagte ſchmunzelnd:„Es wird ſich Alles finden.“ Als hierauf die Knaben nebſt dem Ziegler in dem Vorſaale des Rathhauſes harrend ſtanden, erhob ſich unter ihnen ein heftiger Wortwechſel, der zuletzt ſo laut wurde, daß der Rathsdiener nachdrücklich Ruhe gebie⸗ ten mußte. Endlich that ſich die Thür zu dem Heiligthum der Gerechtigkeit auf und eine Baßſtimme rief den Ziegler ſammt den Knaben herein. Da ſaßen ſie, die Prieſter der Themis vder der Dame Juſtitia, und vor ihnen ſpannte ſich eine Bruſt⸗ wehr von hölzernem Schnitzwerke aus, hinter welche die ſechs Vorgeladenen ſich ſtellen mußten. Wie bil⸗ lig, erhielt zuerſt das Alter: der Ziegler Münnich, das Wort. 6 Derſelbe wiederholte umſtändlich ſeine längſt ſchon gemachte Anzeige, daß er auf das Hülfegeſchrei mehrerer Knaben aus ſeiner Ziegelei an den Elſterfluß gerannt ſei und einen darin untergeſunkenen Knaben aus einer achtelligen Tiefe herausgeholt und ihm ſonach das Leben gerettet habe. Nebenbei bat er höflich um die übliche Belohnung von zehn Thalern. Die Wahrheit dieſer Ausſage ward jedoch von ſämmtlichen fünf Knaben auf das Lebhafteſte beſtritten und bewieſen. Sie bekannten einmüthig, daß der Ziegler nichts weiter gethan habe, als mit ſeinem Fiſcherhaken die Achſel Heinrich Hüfners bedeutend verletzt zu haben. 85⁵ Ueberdies ſagte Auguſt Freund aus, wie er nicht durch des Zieglers Beiſtand, ſondern lediglich durch Heinrichs Dazwiſchenkunft aus dem Wurzelnetze befreit und dem Leben wieder zugeführt worden ſei. Zum Beweiſe der Wahrheit zeigte Heinrich ſeine entblößte Achſel vor, an welcher die Wunde noch völlig ſichtbar war. Daher kam es denn, daß der Ziegler zu ſeinem größten Aerger mit ſeinem Anſinnen einmal für immer abgewieſen ward, ja daß er ſogar noch einen derben Verweis wegen ſeiner wahrheitswidrigen Ausſage erhielt. Die Augen der fünf Knaben dagegen ſtrahlten vor Freude, und eine ſüße Genugthuung hatte die Stelle der frühern Angſt eingenommen. Schon wollten ſie ſich von den Prieſtern der Gerechtigkeit verabſchieden, als Andrich, der Rathsbote, leiſe zu Heinrich ſprach: „Halte du doch um die 10 Thaler an! Du haſt ja dem Auguſt Freund das Leben gerettet und thöricht wäre es von dir, wenn du dem Staate die 10 Thaler ſchenken wollteſt.“ Die Worte fielen auf ein fruchtbares Land. Zehn Thaler! welch' eine große Summe für einen Knaben, welcher in ſeinem Leben noch nicht ſo viele Groſchen beiſammen gehabt hatte! Was für große Augen mußte der Vater, mußte die Mutter machen, wenn Heinrich das viele Geld heimbrachte und aufzählte! Gewiß, dann würde der Vater wieder gut und freundlich gegen ſeine Stiefſöhne. Alle dieſe Vorſtellungen bewirkten, daß Heinrich 86 Hüfner, etwas ſchüchtern, mit ſeiner Bitte herausplatzte. Der Stadtrichter und ſeine Beiſitzer blickten den jugend⸗ lichen Bittſteller erſt verwundert an. Aber zu dem Wohlwollen, welches ihnen deſſen Jugend, ſein blühendes, offenes Geſicht, ſeine bewieſene Herzhaftigkeit und Auf⸗ opferung eingeflößt hatten, geſellte ſich auch das Mitleid über die nicht unbedeutende Wunde, deren Schmerzen der Knabe bislang ſtill und geduldig ertragen hatte. Dazu wurde ja anch die Belohnung nicht aus dem Stadtſäckel, ſondern von der Regierungskaſſe bezahlt, welcher Umſtand ebenfalls für Heinrichs Geſuch ſprach. Daher ſah ſich Heinrich mit ſeiner Bitte nicht abgewie⸗ ſen, wohl aber bedeutet, daß deren Erfüllung noch von einer näheren Unterſuchung der ausgeführten Lebens⸗ rettung abhinge. Mit dieſem Beſcheide wurden die Kna⸗ ben entlaſſen. Da Heinrich und Herrmann heimkamen, gedachten ſie ſich zuvörderſt vor ihrem Vater glänzend zu recht⸗ fertigen. Allein dieſer mochte nichts hören. „Ich will nichts wiſſen“— ſprach er heſtig— „nichts! gar nichts! Hört ihr? Weder Gutes, noch Böſes. Seid ihr ſtraflos davongekommen: deſto beſſer für euch. Mich aber laßt in Ruhe; denn ohne Aerger ginge es ſicherlich von meiner Seite nicht ab.“ Ein ſonderbarer Mann, der Kupferſchmidt, welcher ſelbſt als Mann nicht frei von dem Fehler des Schwol⸗ lens war. Dagegen fanden die Knaben deſto aufmerk⸗ ſamere und willigere Ohren bei ihrer Mutter, welcher 87 ſie die ganze Geſchichte haarklein erzählten. Dabei verfehlte Heinrich nicht, allerliebſte Luftſchlöſſer zu er⸗ bauen. „Mutter!“— ſagte er—„wenn der Vater durchaus nichts von der Sache wiſſen und hören will: ſo darf ich wohl die zehn Thaler für mich behalten?“ „Wenn du ſie nur ſchon hätteſt!“ verſetzte Frau Hüfner ungläubig. „Nun ig meinte Heinrich.„Wenn ich ſie nun aber wirklich bekäme, ſo gäbe ich fünf Thaler davon Ihnen, Mutter, vier Thaler der Frau Freund, weil ohne deren Auguſt ich niemanden hätte aus der Elſter helfen können, und einen Thaler behielte ich für mich.“ „Vier Thaler würden der armen Frau auch nicht viel nützen“— ſprach die Mutter—„die in vierzehn Tagen ihr Haus mit dem Rücken anſehen muß.“ „Unſer Vater könnte es erſtehen“— erwiederte Heinrich. „Wenn kleine Steinchen Geld wären“— ſagte die Mutter lächelnd. „Im Ernſt jetzt, Mutter 1 nahm Heinrich wieder das Wort.„Dürfte ich mit den 10 Thalern ſo machen, wie ich geſagt habe?“ „Ich habe nichts dagegen“— antwortete die Mut⸗ ter.„Die fünf Thaler würde ich für dich aufheben, bis du deren einmal recht benöthigt wäreſt.“ 3 „Gut, meine liebe Mutter ſprach Heinrich erfreut. Nach einigen Tagen bekam Meiſter Hüfner wieder 88 Urſache ein finſteres Geſicht zu ziehen. Denn der Raths⸗ bote Andrich erſchien abermals, um das Brüderpaar zu einem Stelldichein zu beſtellen. Diesmal aber ſagte Meiſter Hüfner kein Wörtlein, ſondern hämmerte ſchmol⸗ lend fort. Der Ort der Zuſammenkunft jedoch war nicht wieder das Rathhaus, ſondern dieſelbe Flußſtelle, wo die Lebensrettung bewirkt worden war. Hier fanden ſich, mit Ausnahme des Zieglers, ſämmtliche Betheiligte ein: die fünf Knaben und außerdem eine Unterſuchungs⸗ cvmmiſſion, beſtehend aus dem Stadtrichter, dem Actuar, zweien Gerichtsdienern und einem Fiſcher, welcher Letztere mit dem erforderlichen Stangenzeuge verſehen war, um die Tiefe und ſonſtige Beſchaffenheit der gefahrvollen Flußſtelle zu unterſuchen. Mit deutſcher Bedächtigkeit und Gründlichkeit ward dieſe Unterſuchung ausgeführt, die Stelle mehr als ſechs Ellen tief, daher gefährlich, und das Wurzelgewebe als wirklich vorhanden befunden. Bei den wiederholt mit einem langen Fiſcherhaken ausgeführten Meſſungen der Waſſertiefe ereignete ſich ein Umſtand, welcher auf die anweſenden Männer faſt keinen, auf Heinrich Hüfner vagegen einen wichtigen Eindruck hervorbrachte. Bei dem einen Heraufziehen der hakenverſehenen Stange aus der Waſſertiefe rief der damit beſchäftigte Fiſcher lebhaft aus:„Ich fühle am Gewichte, daß etwas Schweres am Haken hängt.“ Dieſe Worte erregten die Neugierde der Anweſen⸗ den in nicht geringem Grade. Rührte das Anhängſel 89 vielleicht von einem anderweit hier verunglückten Men⸗ ſchen her? Oder lag ein verſunkener Schatz hier in der Waſſertiefe? „Vorſicht, Meiſter Weber!“ gebot der Stadtrichter dem Fiſcher—„Vorſicht! Gelaſſenheit!“ Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hafteten aller Augen auf der naſſen Stange, welche kerzengerade und langſam aus der Waſſertiefe emporſtieg. Jetzt kam das Endel Jetzt der Eiſenbeſchlag— der Haken ſelbſt— endlich der Fund! Ein grün verſchimmeltes, mit Schlamm angefülltes Gefäß, von welchem man nicht ſogleich wußte, ob es ein Keſſel oder ein irdener Aſch ſei, ward über dem Waſſer ſichtbar. Als aber ſeine untere Fläche nicht mehr von der des Waſſers getragen wurde, ſondern das Gefäß ſeine volle Schwere zurückerhielt: da fand es für gut, den Haken wieder zu verlaſſen und unter einem lauten Plumps in das naſſe Element zurückzukehren. Ein ſchallendes Gelächter getäuſchter Erwartung und heitrer Laune begleitete dieſes Verſinken eines ver⸗ meinten Scherben, welcher auf wiederholtes Angeln nicht wieder an den Haken anbeißen mochte, ſondern ſeinen bisherigen Ruheort der Oeffentlichkeit und neuer Dienſt⸗ barkeit vorzog. Die obrigkeitliche Sendſchaft hatte den Thatbeſtand, wie er von den Knaben angegeben worden war, für richtig befunden und kehrte nach der Stadt zurück, um ihren Bericht an die Regierung abzufaſſen. 90 Zwölftes Rapitel. Mancherlei Wagniſſe. Nachdem das Brüderpaar in ſeiner Wohnung an⸗ gelangt war, entfernte ſich Heinrich, um im Hinterhauſe eine eifrige Nachforſchung anzuſtellen. Bald kehrte er mit einer Waſchleine ſeiner Mutter zurück, welche er verſtohlen ſeinem Bruder Herrmann zeigte. „Gehſt du mit?“ fragte er ihn dabei.„Du ſollſt mir helfen einen Schatz heben.“ „Doch nicht den alten Aſch etwa in der Elſter?“ verſetzte Herrmann.„Willſt du vielleicht noch einmal in Lebensgefahr dich ſtürzen?“ „Antworte mir ja oder nein!“ entgegnete Heinrich. „Im letzten Falle gehe ich ohne dich.“ „Da muß ich freilich mitgehen“— ſprach Herrmann und ſtahl ſich mit Heinrich heimlich wieder fort. Der Letztere nahm wirklich ſeinen Weg nach der⸗ ſelben Flußſtelle hin, woher ſie erſt gekommen waren. Dort band er das eine Ende der Leine feſt um einen Erlenſtamm, und während er hierauf ſeine Kleider ab⸗ legte, ſprach er zu ſeinem Bruder:„Du wirſt dich wundern über das, was du erblicken wirſt. Dann aber will ich auch ſehen, ob der Vater immer noch nicht wieder gut und freundlich uns werden wird. Hun⸗ dertmal lieber möchte ich von ihm alle Tage geprügelt ₰ 9¹ ſein, als daß ich ſeine finſteren Mienen und ſein Schwei⸗ gen länger ertrage. Nun aber paß auf, was ich dir ſage. Ich tauche jetzt mit dieſem andern Seilende in der Hand unter“— „Thue das um des Himmelswillen nicht!“ bat Herr⸗ mann voll Angſt.„Denke an das Wurzelnetz und wie ſchlimm es dir ueulich hier ergangen iſt.“ „Sorge nicht!“ verſetzte Heinrich.„Nun ich die Gefahr kenne, werde ich nicht wie eine einfältige Maus in die Falle gehen. Alſo: du zählſt bis auf hundert. So lange kann ich den Athem an mich halten⸗ Bin ich dann nicht wieder aus dem Waſſer: ſo ziehſt du aus Leibeskräften an der Leine.“ „Wenn nun aber dieſe ſich um die Wurzeln ver⸗ ſchlungen hat?“— wendete Herrmann ein. „Das werde ich ſchon zu verhüten wiſſen“— ant⸗ wortete Heinrich.„Geſetzt aber auch, es geſchähe ſos dann brauche ich nur die Beine loszulaſſen und ohne ſie aufzutauchen.“ Ohne eine weitere Einrede des Bruders abzu⸗ warten, ſtürzte ſich Heinrich hinab in die ruhige Waſſer⸗ tiefe. Mit ängſtlich pochendem Herzen ſaß Herrmann, das Seil in der Hand, am Ufer und zählte eifrig, daß ihm bald der Athem verging. „Er kanns nicht bis hundert aushalten“— ſprach er zu ſich ſelbſt, da er bis achtzig gezählt hatte. Dar⸗ auf zog er mit zitternder Hand an dem Seile. Bei dem erſten Rucke jedoch tauchte Heinrichs Haupt ſchon. 92 empor. Bevor er dem Ufer zuſteuerte, ſprudelte er in gewohnter Taucherweiſe und rieb ſich mit den Händen das Waſſer aus dem Geſichte. Dann erſt ſtieg er aus dem Fluſſe. „Ich fand das verſchimmelte Ding gar bald“— ſprach er fröhlich—„und gedachte erſt, es von dem Schlamme inwendig zu befreien. Weil es aber dann leicht hätte fortgeſchwemmt werden, ſo zog ich das Ge⸗ wiſſe vor und band die Leine an die Handhabe feſt. Nun laß uns den Fund zu Tage fördern. Dann wirſt du gewiß große Augen machen.“ Die Brüder zogen hierauf eben ſo behutſam an der Leine, wie ein Angler an ſeiner Angelruthe, wenn ſich ein ungewöhnlich großer und ſchwerer Fiſch an der dünnen Angelſchnur gefangen hat. So glückte es ihnen, beſſer als vorhin dem Fiſcher Weber, ihre Beute an das Ufer zu ſchaffen. Hier wurde vor allen Dingen der erangelte Aſch oder Hafen ſeines Ballaſtes entledigt. Nachdem dieß geſchehen war, fragte Heinrich mit triumphirender Miene ſeinen Bruder: „Nun? erkennſt du das verlorene Schaaf wieder?“ „Wie meinſt du denn das?“ antwortete Herrmann kopfſchüttelnd, indem er den Fund mit ſeinen Blicken verſchlang. „Biſt du mit Blindheit geſchlagen?“— rief Hein⸗ rich aus.„Es iſt ja unſer Kupferſchmidtszeichen, das vor Jahr und Tag von der Eiſenſtange über unſrer Hausthüre verſchwunden war,— derſelbe Fiſchkeſſel, 93 den unſer Vater am andern Morgen bei Meiſter Freund ſuchte. Ich erkannte ihn auf den erſten Blick, als ihn vorhin Meiſter Weber aus dem Waſſer hervorgabelte.“ „Das hätt' ich mir nicht vermuthet!“ geſtand Herrmann.„Aber wie in aller Welt iſt der Keſſel hier⸗ her in die Elſter gekommen? Wir glaubten immer, Meiſter Freund habe ihn geſtohlen und verkauft.“ „Ich denke mir die Sache ſo:“— verſetzte Hein⸗ rich.„Meiſter Freund hat uns allerdings den Keſſel von der Stange genommen; aber nicht, um ihn ins Geld zu ſetzen, ſondern um das Gequitſche los zu ſein und unſerm Vater nebenbei einen Poſſen zu ſpielen. Damit aber der Keſſel bei ihm nicht gefunden werde und ihn verrathe, ſo hat er ihn in die Elſter geworfen. Darauf hat ihn das Waſſer nach und nach bis hierher getrieben, wo er in den Wurzeln hängen blieb und mit Schlamm angefüllt wurde.“ „Ja, ſo kanns gekommen ſein“— ſprach Herr⸗ mann.„Aber, was fangen wir nun mit dem Keſſel an?“ „Das hab' ich mir ſchon ausgedacht“— erwiederte Heinrich.„Wir kratzen zunächſt den Grünſpan in⸗ und auswendig ab, putzen den Keſſel ſchön blank und befe⸗ ſtigen ihn dann in aller Stille an ſeinen alten Fleck, an die Stange. Wenn nun der Vater fragen wird, warum wir nicht den gewöhnlichen Keſſel hinausgehängt haben, der alle Abende wieder abgenommen wird: ſo zeigen wir ihm das wiedergefundene Schaaf, erzählen ihm, wie wir dazu gekommen ſind, und wenn er dann 94 nicht auf uns gut wird: ſo, ja ſo wird ers in ſeinem Leben nicht und ich“— Heinrich brach in ein ſchmerz⸗ liches Weinen aus—„ich— laufe davon.“ Während dieß an dem Elſterufer geſchah, kam Mei⸗ ſter Hüfner von einem Gange außergewöhnlicher Art und daher in einer anfgeregten, feierlichen Stimmung nach Hauſe. „Liebes Weib!“— ſprach er ungewöhnlich weich zu ſeiner Gattin—„Kannſt du es glauben, daß ich einen dummen Streich begangen habe?“ „Du?“— erwiederte die Meiſterin ganz erſtaunt. „Das wäre wohl der erſte und letzte in deinem Leben! Und worin beſteht dieſer dumme Streich? Rede frei heraus.“ „Zanke mich nicht aus!“ bat der Schmidt—„aber ich konnte wirklich nicht anders. Es war mir, als ſpräche eine innere Stimme ganz unwiderſtehlich zu mir: T ue es! thue es!“ „Martere mich nur nicht länger mit Ungewißheit“ — entgegnete die Meiſterin.„Ich verzeihe dir ja ſchon im Voraus.“ „Ich— ich— habe Nachbar Freunds Haus— ſo eben— in der Subhaſtation erſtanden“— ſtammelte Hüfner.„Höre nur! Bloß aus Neugierde, wie hoch das Haus weggehen und wer es erſtehen würde, ging ich vorhin auf die Rathsſtube, wo die Veräußerung Statt fand. Es hatten ſich nur drei Käufer oder viel⸗ mehr nur drei Liebhaber dazu eingefunden. Du weißt, 95 daß das Haus ſeine vollen 19 hundert Thaler werth iſt und daß Meiſter Freund ſelbſt 17 hundert dafür bezahlt hat. Wie mußte ich daher ſtaunen, als das höchſte Angebot nur 1325 Thaler betrug und hierauf niemand mehr bieten wollte. Mich jammerte es, als ich bedachte, wie bei dieſer Kaufſumme kaum die Gläubiger Freunds zu ihrem Gelde kommen würden, und wie dann für die arme Frau und deren Kinder gar nichts übrig bleiben und ſie nackt und bloß aus ihrem bisherigen Beſitzthume getrieben werden würden. Da, in dem Augenblicke, wo die zwölfte Stunde zum Schlagen aushob und mit dem letzten Glockenſchalle der Hammer dem Meiſtbietenden das Haus zuſchlagen ſollte: da nahm ich mit bebender Hand die Feder und ſchrieb 1330 Thaler! Das Haus iſt nun mein. Aber wovon daſſelbe bezahlen, weiß ich noch nicht. Die 133 Thaler, welche ich als den zehnten Theil der Kaufſumme ſogleich entrichten mußte, hatte ich zwar vorräthig. In vier Wochen aber muß das erſte Drittheil vollſtändig abgetragen werden, während zu Abzahlung der andern zwei Drittheile mir, gegen vier⸗ procentige Verzinſung, eine Friſt von zehn Jahren zu⸗ geſtanden worden iſt. Unſer Haus gehört nicht mir, ſondern dir und deinen Söhnen. Daher kann ich dar⸗ auf keine Hypothekenſchuld aufnehmen, und auf mein bloßes Wort und ehrliches Geſicht wird mir ſchwerlich jemand vierhundert Thaler leihen. Richt wahr, Frau, ich habe einen dummen Streich gemacht, der mir manche ſchafloſe Nacht koſten wird?“ 96 Die Meiſterin ſuchte zwar ihren Mann zu beru⸗ higen, allein ſie ſelbſt ſah keinen Ausweg, wie die S glücklich zu beendigen ſei. Mittlerweile erhielt Heinrich ſeine 10 Thaler Be⸗ lohnung ausgezahlt. Der Rathsbote Andrich, welcher bei der Auszahlung zugegen geweſen war, ſagte hierauf zu jenem:„Nun, Junge! was wirſt du mit dem vielen Gelde anfangen? Vernaſchen, verjubeln, he?“ „Mit nichten!“— verſetzte Heinrich.„Ich weiß längſt ſchon, was ich mit dem Gelde anfange.“ „Höre!“— ſprach Andrich—„nimm von mir einen guten Rath an. Du erinnerſt dich, daß ohne mei⸗ nen guten Rath du keinen Pfennig für Freunds Rettung erhalten hätteſt. Alſo folge mir auch dießmal. Sieh, hier habe ich von meinem Schwager Funke, dem Sub⸗ collecteur, ein Kauflvos der fürſtlich Reuß⸗Gera'ſchen Klaſſenlotterie.“ „Reiß⸗ Greiz⸗ Schleiz⸗ Lobenſtein“— unterbrach ihn lachend Heinrich—„gehet in ein Mäuſeloch hinein, könnte darum etwas größer ſein.“ „Ei, wenn du dummer Junge doch dieſes Reiß⸗ Greiz beſäßeſt“— rief Andrich geärgert aus.„Oder wenigſtens das große Loos der Reußiſchen Lotterie ge⸗ wönneſt. Zehntauſend Thaler! Gelt, das ſollte dir ſchmecken? Hier iſt das Loos, welches dir zu dieſem unmenſchlichen Glücke verhelfen kann. Nimm und be⸗ zahle es mit lumpigen 4 Thalern und 13 Groſchen. Du wirſts nimmer bereuen, mir abermals gefolgt zu ———— 97 haben. Ich habe eine glückliche Hand und dieſes iſt das letzte, liegen gebliebene Kauflvosviertel No. 3137. Die drei und die ſieben ſind ſtets glückliche Nummern. Be⸗ ſinne dich nicht lange, ſondern zahle. In die Elſter ſpringſt du vor Aerger, wenn du das Loos nicht be⸗ hältſt und es mit dem großen Gewinnſte heraus⸗ kommt.“ Wie die Schlange der Eva im Paradieſe, wie der Fuchs den Gänſen, redete Andrich dem Knaben zu, deſ⸗ ſen Ohren auch wirklich nicht unempfindlich gegen die ſüßen Worte blieben. Er war dem Rathsboten zu Danke verpflichtet und dieſer begehrte nichts weiter von ihm, als die Abnahme eines Papieres, welches in der Folge des Knaben kühnſte Wünſche erfüllen konnte. Anſtatt mit nur 4 Thalern konnte er dann der Seifenſiederin mit einer ungleich größern Summe unter die Arme greifen. Den Ausſchlag jedoch gab ein ungleich reizen⸗ deres Bild, welches ſich Heinrichs Einbildungskraft aus⸗ malte. Er ſah ſich nämlich in dem Beſitze von 2500 Thalern, als dem Viertheile des großen Gewinnſtes, und füllte mit lauter blanken Thalern den ſchön blank geputzten Keſſel aus dem Elſtertümpel an, den er hierauf dem höchlich überraſchten Vater überreichte. Er ſah im Geiſte ſeinen Stiefvater ein verklärtes Geſicht, wie noch nie, ziehen, ſah ſich von demſelben umhalſet, belobt, ge⸗ küßt, von der Mutter mit Freudenthränen und als den Retter aus der Geldnoth begrüßt, in welche ſich der Vater durch das Erſtehen des Nachbarhauſes geſtürzt RNieritz. Die Nachbarn. 7 98 hatte. Die zehn Thaler in ſeiner Hand waren ſein wohl erworbenes Eigenthum, von deſſen Verwendung der Vater nichts wiſſen wollte und welche von der Mutter in ſein Ermeſſen geſtellt worden war.— Durchwogt von dieſen Gedanken nahm er das Loos aus Andrichs Hand und zählte dafür die geforderte Summe hinein. „Abgemacht!“— ſprach der Rathsbote und ſchüt⸗ telte Heinrichs Hand.„Und nun: Glück auf! In acht Tagen iſt die letzte Ziehung. Das Loos hübſch ver⸗ wahrt und gehütet. Adjes!“ Seine Mutter deſto mehr zu überraſchen, verſchwieg Heinrich ihr den geſchloſſenen Handel. Dagegen hän⸗ digte er ihr die fünf noch überbliebenen Thaler ein, für ſich nur die herauserhaltenen Groſchen des zehnten Thalers behaltend. Dem Bruder dagegen vertraute er das Geheimniß an, ſo wie den Ort, an welchem er das Loos verbarg. Denn ſonſt Wt es ihm ja das Herz abgedrückt! Es war am neunten Tage darauf, als ſich Hein⸗ rich am Nachmittage beim Heimgehen aus der Schule von Andrichs Schwager, dem Subcollecteur Funke, an⸗ geſprochen ſah. „Mein Sohn,“— hob der Mann recht freundlich an—„du biſt ein wahres Glückskind. Das Lvos, wovon du ein Viertel meinem Schwager abgekauft haſt, hat 100 Thaler gewonnen. Du erhältſt ſonach faſt fünf⸗ mal ſo viel zurück, als du eingeſteuert haſt. Trägſt du vielleicht das Lvos bei dir? In dieſem Falle würdeſt 99 du gleich mit mir zu gehen und das Geld in Empfang zu nehmen haben.“ 6 „Nein“— erwiederte Heinrich ganz betroffen— „ich habe das Loos zu Hauſe.“ „So hole es ſchnell“— gebot der Mann—„ich werde dich in der Rähe deiner Wohnung erwarten.“ Ei, wie ſchnell rannte der Knabe dahin! Wer be⸗ ſchreibt aber ſeinen Schreck, als er das Loos nicht mehr in ſeinem Verſtecke vorfand! Er durchſuchte jeden Winkel. Vergebens! Zum Unglücke war Herrmann mit dem Vater nach einem ziemlich entfernten Rittergute gewandert, deſ⸗ ſen Beſitzer eine Branntweinbrennerei anlegte, zu welcher Meiſter Hüfner die Kupferblaſen zu liefern hatte. Die Mutter wollte Heinrich nicht fragen, um ihr jede Unruhe und Sorge zu erſparen, und ſo blieb ihm nach halb⸗ ſtündigem Suchen nichts übrig, als dem ungeduldig har⸗ renden Collecteur von dem betrübenden Vorfalle in Kenntniß zu ſetzen. Da begann der Mann den Knaben derb auszuſchelten wegen ſeines Leichtſinns und ſeiner Unachtſamkeit. „Wenn du“— ſprach er hierauf—„das Lvos nicht wieder findeſt, ſo erhältſt du nicht einen Pfennig ausgezahlt, und wenn du das große Loos gewonnen hätteſt. Suche daher nochmals recht genau und bringe mir ſogleich das Loos, ſo wie du es gefunden haſt.“ Aergerlich brummennd ging der Collecteur davon und Heinrich in ſein Haus zurück, wo er von Neuem 7* ⸗ 100 alle Winkel m Doch das Lvos blieb ver⸗ ſchwunden. „Wenn nur ſchon da wäre“— ſeufzte Heinrich und ſah mit Ungeduld der Heimkehr des Bru⸗ ders entgegen. Spät abends erſt kehrten Vater und Sohn nach Hauſe zurück, und da es keine Gelegenheit gab, Herr⸗ mann unter vier Augen zu ſprechen, ſo mußte Heinrich ſeine brennende Ungeduld bis zum Schlafengehen zügeln. „Weißt du,“— hob Heinrich mit Haſt zu ſeinem Bruder beim Auskleiden an—„wo mein Lotterielvos hingekommen iſt? Ich habe mich ſchon bald zu Tode geſucht und das Papierchen nirgends gefunden. Das Loos hat gewonnen. Freilich nicht den großen Gewinn — nur 100 Thaler; aber der Collecteur ſpricht, daß ich nicht einmal einen Pfennig bekäme, wenn ſich das Lvos nicht wiederfände. Ich hatte es doch ſo gut auf⸗ gehoben und außer dir wußte kein Menſch wo?“ „Das Lvos?“— verſetzte Herrmann betroffen.— „Ach, Herzensbruder! vergieb mir nur dießmal! Das Loos habe ich“— „Zerriſſen? verbrannt? verloren?“— fiel Heinrich erſchrocken ein. „Das nicht“— geſtand Herrmann—„aber mich befiel geſtern eine ſo große Angſt, daß das Loos falſch ſein könnte und da nahm ichs und“— Herrmann ſtockte. „Was denn weiter? So rede doch!“— drängte Heinrich. 101 „Und trug es zum Platzbäcker Krumbt hin“— ver⸗ ſetzte Herrmann—„weil ich ſonſt niemanden wußte, den ich hätte fragen können.“ „Was ſagte dieſer?“— fragte Heinrich ge⸗ ſpannt. „Er kenne die Sache ſelbſt nicht“— antwortete Herrmann—„weil er noch nie in die Lotterie geſetzt habe. Er wolle ſich aber erkundigen. Darum behielt er das Lvos an ſich.“ „Wenn Krumbt nur ehrlich iſt““— ſprach Hein⸗ rich beſorgt—„Und nicht das Lvos nimmt, zum Col⸗ lerteur geht und das Geld für ſich einkaſſirt. Arm iſt er und kann daher das Geld brauchen.“ „Er wird doch nicht?“— erwiederte Herrmann voll Angſt. „Hm! man kann nicht wiſſen!“— meinte Heinrich. —„Nachbar Freund war auch erſt ehrlich und wurde gleichwohl ſpäter ein Dieb und zuletzt gar ein Straßen⸗ räuber.“ 3 Die beiden Knaben, abſonderlich aber Herrmann, konnten faſt kein Auge zuthun, obgleich der Letztere ſehr müde von dem weiten Wege war. Das machten die Sorgen des Reichthums, die mit demſelben erwachen und aufwachſen. 102 Dreizehntes Kapitel. Ein Ehrlicher und ein Unehrlicher. „Ich weiß, was ich thue“— ſagte Heinrich ent⸗ ſchloſſen am andern Morgen zu ſeinem Bruder.—„Ich ſage unſrer Mutter, wie die Sache ſteht und bitte ſie, daß ſie mit uns zu Meiſter Krumbt geht. Der Mutter gegenüber wird Krumbt das Loos uns nicht ableugnen.“ „Ja, thue das!“— rieth Herrmann. Aber es ſchien ein beſondrer Unſtern über den Plänen der Brüder zu walten, denn der Vater wich heute nicht von der Mutter Seite, ſo daß endlich die Knaben mit ihrem Geheimniſſe und ſchwerem Herzen in die Schule wandern mußten. Als ſie um die nächſte Ecke bogen, ſtand hier, ihrer harrend, Funke, der Sub⸗ collecteur. „Haſt du gefunden?“— rief er haſtig dem Hein⸗ rich zu.—„Schnell, gieb mir das Loos und hier“— er ſchlug auf die geldklirrende Rocktaſche—„iſt dafür auch Moos.“ „Wir haben das Loos nicht mehr in unſern Hän⸗ den— geſtand Heinrich—„ſondern es Jemandem zum Aufheben gegeben.“ „Welche koloſſale Dummheit!“— rief Funke aus und erblaßte.—„Ein Papier aus den Händen zu geben, auf deſſen Beſitz ſo viel, ja Alles ankommt. Wenn der 103 Jemand mit dem Lvoſe zum Haupteollecteur geht, ſo erhält er darauf den Gewinn ausgezahlt und du haſt nichts als das leere Nachſehen. O Schaafskopf ohne Beiſpiel! Wer— wer iſt denn der Jemand? Sprich! damit man ihm in Zeiten vor das Quartier rücken und ihn hindern kann, einen Mißbrauch mit dem Lvoſe zu treiben.“ „Es iſt“— ſtotterte Herrmann—„s iſt— der Platzbäcker Krumbt!“ Da ſchlug der Collecteur entſetzt die Hände zuſam⸗ men und lief davon. Die Brüder dagegen wanderten mit widerſtrebenden Füßen in die Schule. „Du hätteſt“— hob Heinrich unterwegs an— „dem Funke nicht ſagen ſollen, wer mein Lvos hat. Ich halte Meiſter Krumbt für ehrlicher als den Collecteur. Dieſer iſt im Stande und ſchwatzt dem Meiſter das Lvos aus den Händen und ich bekomme nichts. Die Collecteurs ſollen zuweilen rechte Betrügereien machen, um die Leute um diejenigen Looſe zu bringen, welche viel gewonnen haben.“ Dieſe Worte ſteigerten Herrmanns Angſt um Vieles. Daß die Brüder heute nur dem Leibe, nicht dem Geiſte nach, in der Schule waren, daß ſie weder einige Auf⸗ merkſamkeit bei dem Unterrichte, noch Lerneifer zeigten, verſteht ſich von ſelbſt. Vielmehr wurde ihnen die Sitz⸗ bank zu einem Gefäße mit glühenden Kohlen, und gar nicht erwarten konnten ſie dießmal den Schluß der Schule. Zum Glück fanden ſie ihren Vater nicht daheim. Er 104 war ausgegangen, um zu verſuchen, ob ihm Jemand das nöthige Geld zum Hauskaufe leihen würde. Die Mutter tadelte, als ſie die Loosangelegenheit vernahm, die Verſchloſſenheit ihrer Söhne und machte ſich ſogleich fertig, um mit denſelben zum Bäcker zu ge⸗ hen, den ſie gleichfalls für ehrlicher als den Coller⸗ teur hielt. Da Frau Hüfner nebſt Heinrich und Herrmann in die Ladenſtube des Bäckers trat, fand ſie daſelbſt den Collecteur Funke im eifrigen Verkehr mit dem Meiſter. Dieſer ſagte zur Eintretenden: „Sie kommen wie gerufen, Frau Hüfner! Herr Funke iſt bereits dieſen Morgen hier geweſen, um mich zu ſprechen. Ich war aber ausgegangen und deshalb ſehen Sie jetzt Herrn Funke nochmals bei mir. Der⸗ ſelbe will von mir das Loos, welches mir Ihr Söhnchen anvertraut hat, und zugleich den darauf gefallenen Ge⸗ winn auszahlen. Allein es thut mir ſehr leid“— der Meiſter rieb ſich wie verlegen die Hände—„ich kann niemandem das Loos einhändigen, denn“— Er hielt inne. „Was denn?“— fragten der Collecteur, Frau Hüfner und deren Söhne mit Einem Munde. „Ich habe ſelbſt— das Lvos— nicht mehr!“— ſprach Krumbt und lächelte wie höhniſch. „Wo iſts denn? Wer hat das Lvos?“— war die gemeinſame Frage. „Thieme, der Haupteollecteur!“— antwortete Krumbt 105 und lachte faſt laut.—„Ja, derſelbe hat es und kein Andrer. Ich ging nämlich dieſen Morgen zu ihm, als vor die rechte Schmiede, wo ich erfahren könnte, vb das Loos echt und richtig ſei. Es war echt— richtig— hatte gewonnen und da mich Herr Thieme genau kennt und er gerade bei Gelde war, ſo zahlte er mir gegen Aushändigung des Lvoſes den Gewinn, nach Abzug ſämmtlicher Koſten, aus. Hier iſt das Geld.“ Krumbt ging in den einen Stubenwinkel, hob einen leeren Mehlſack empor, unter welchem mehrere volle Geldſücke verborgen waren, und ſagte mit leuchtenden Angen zur Kupferſchmidtmeiſterin:„Da, Frau Hüfner! tragen Sie heim, was Ihr Söhnlein gewonnen hat. Aus den 25 Thalern, wie hier Herr Funke vorgab, ſind, nach Abzug der Gebühren und Unkoſten 2100 und etliche Thaler geworden. Denn: nicht blos 100, ſondern 10,000 Thaler hat das ganze Lvos No. 3137 ge⸗ wonnen!“ Hierauf wendete ſich Meiſter Krumbt zum Sub⸗ collecteur und ſagte mit tiefer Entrüſtung:„Schäme ſich der Herr! Pfui und abermals pfui über eine ſolche Schlechtigkeit!“ „Was denn? was denn?“— ſtotterte der Col⸗ lecteur erblaſſend.—„Sollte ich mich etwa— in der Nummer geirrt haben? Wie war dieſelbe? Hm! hm! 31372 Muß doch gleich in meiner Liſte nachſehen. Ja, wirklich, ich habe mich verſehen. No. 1337 hat 100 Tha⸗ ler, No. 3137 dagegen das große Lvos: 10,000 Thaler, 106 gewonnen. Nun, ich gratulire von Herzen. Ei, ei, ein ſolches Verſehen werden Sie ſich gewiß gern gefallen laſſen, Frau Hüfner. Gratulire nochmals.“ „Die Sache iſt abgemacht, wie Sie ſehen, Herr Funke!“— ſprach Frau Hüfner.—„Sie haben ſich ſo⸗ nach lediglich an den Herrn Hauptecollecteur zu halten.— Aber, ehrlicher, wackrer Meiſter Krumbt, was für großen Dank ſind wir Ihnen ſchuldig!“ „Iſt herzlich gern geſchehen! Bei meiner armen Seele!“— erwiederte Krumbt, vergnügt die Hände rei⸗ bend.—„Ich und mein Gottlieb haben uns bald lahm getragen an dem Gelde; aber unter lauter Jubel und Lachen. Ich habe mich kaum mehr gefreut, als mein Hänſel damals wieder lebendig wurde, da— nun, Ihr Burſche! Ihr braucht nicht deshalb roth zu werden. Es iſt Alles vergeben und vergeſſen. Sollen wir das Geld in Ihre Wohnung tragen helfen, Frau Hüfner? Ein großes Glück wars, daß Ihr Söhnlein das Loos zu mir brachte. Sonſt hätte der Schurke von Collecteur — ach, er iſt fort!— den Knaben das Loos richtig abgeſchwatzt und vnhe⸗ und Bein geſchworen, daß es No. 1337 und nicht 3137 5 wäre.“ Frau Hüfner nahm des Platzbäckers Anerbieten dank⸗ bar an und bald befanden ſich die Geldſäcke in der Wohnſtube des Kupferſchmidts, wo ſie ſämmtlich in den blank geputzten bewußten Keſſel ausgeſchüttet wurden. Rachdem Krumbt und deſſen Lehrburſche wieder fort wa⸗ ren, reiheten ſich Frau Hüfner und deren Söhne um 107 den Tiſch, auf welchen ſie den Keſſel mit dem Gelde geſtellt hatten, und erwarteten mit Ungeduld die Heim⸗ kehr des Vaters. Als deſſen Tritte in der Hausflur ſchallten, breitete Frau Hüfner raſch ein Tuch über den Keſſel aus und ging dann ihrem Manne mit der Frage entgegen: „Nun, lieber Mann, biſt du glücklich geweſen? Wirſt du das Geld geliehen bekommen?“ Betrübt ſchüttelte Hüfner das Haupt.„Nein!“— ſprach er verſtimmt—„kein Menſch mag mir auf ein Haus Geld leihen, auf welches ich nur 133 Thaler an⸗ gezahlt habe. Ich ſehe ſchon im Geiſte, daß, wenn ich den erſten Zahlungstermin nicht halten kann, das Haus nochmals verſteigert wird und daß ich dann ſämmtliche Koſten tragen muß. Ich habe einen dummen Streich gemacht, obſchon meine Abſicht gut war.“ „Mein liebes Männchen,“— verſetzte die Mutter freundlich—„wer machte nicht zuweilen einen dummen Streich!? Auch deine beiden Söhne haben einen ſol⸗ chen gemacht und zwar ohne eine gute Abſicht, als ſie den ehrlichen Platzbäcker foppten. Aber ſie haben ihr Vergehen bitter bereut und bitten dich darum recht herz⸗ lich, daß du ihnen wieder freundlich ſein möchteſt. Nach⸗ dem ſie dich manchmal durch ihre Wildheit und ihren Leichtſinn gekränkt haben, wollen ſie dir auch einmal eine kleine Freude machen. Da ſieh, was deine Kinder dir zugedacht haben.“ Frau Hüfner nahm das Tuch vom Keſſel hinweg ——————— 108 und weidete ſich nebſt ihren Söhnen an vech Erſtaunen ihres Mannes, als derſelbe des Keſſels ſilbernen Inhalt erblickte.“ Nachdem Meiſter Hüfner Alles erfahren hatte, was hier ausführlich beſchrieben worden iſt, küßte er, was faſt noch nie geſchehen war, ſeine Stiefſöhne mit Herz⸗ lichkeit. „Nicht um dieſes Geldes willen“— ſprach er da⸗ dabei—„bin ich wieder gut auf euch, ſondern wegen eurer ernſtlichen Reue und Beſſerung, welche weit mehr werth iſt als Geld und Gut. Das Steuern in die Lotterie iſt vielmehr der dümmſten Streiche einer und darum rathe ich euch beiden, denſelben nie zu wieder⸗ holen. Gewöhnlich klebt Fluch an dem Lotteriegelde. Wollt ihr aber ſtatt deſſen, Segen davon haben: ſo machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon. Werdet nicht müde, Gutes zu thun; dann werdet ihr auch ärndten ohne Aufhören. Ihr könnt nicht glauben, Kinder, welch' ſeliges Vergnügen ich davon genoſſen habe, daß ich täglich zwei Stunden für unſere Nach⸗ barsfamilie gearbeitet habe. Dieſes Vergnügen möchte ich daher auch gern euch verſchaffen und dazu will ich euch die nöthige Anleitung geben. Das gewonnene Geld iſt dein, Heinrich, oder, wenn du willſt, deinem Bruder zugleich mit. Ich leihe nur ſo viel von dir, als ich zum Bezahlen des erſtandenen Hauſes Ftanf. Das Uebrige legen wir auf die beſten Zinſen an, indem 100 wir Gutes damit ſchaffen. Seid ihr damit zufrieden, Kinder?“ Heinrich und Herrmann ſielen dem ſo gütig mit ihnen ſprechenden Vater um den Hals. „Machen Sie“— ſprachen beide— mit dem Gelde, was Sie wollen. Ach, wir ſind ſo froh, daß Sie nicht mehr böſe auf uns ſind.“ „Ganz ohne feurige Kohlen auf euerm Haupte kommt ihr nicht davon“— ſprach Hüfner lächelnd.— „He, ihr Burſchen! wem ſeid ihr bei der ganzen wun⸗ derſamen Geſchichte den meiſten Dank ſchuldig? Wem ſonſt, als dem Bauſteine, den ihr Bauleute erſt ver⸗ worfen habt; dem wackern Platzbäcker Krumbt?“ So freundlich war der Vater wohl noch nie gegen ſeine Stiefſöhne geweſen. Es mochte ihm auch gewiß ein ſchwerer Stein vom Herzen gefallen ſein, da er nicht weiter um das herbeizuſchaffende Geld ſorgen mußte. Der wiedergefundene Keſſel ward an ſeinen alten Platz zurückverſetzt und, weil es keinen langfingerigen Nachbar mehr gab, ſo blieb das Kupferſchmidtszeichen Tag wie Nacht an ſeiner Eiſenſtange hängen. Meiſter Hüfner kündigte nun der Seifenſiedermeiſterin an, wie er geſon⸗ nen ſei, ſie und ihre Familie in dem Hauſe ferner woh⸗ nen zu laſſen. Ueberdieß erbot er ſich, die Siedekeſſel und Lichterformen, ferner Talg, Potaſche, Dochte und was ſonſt noch zur Betreibung des Seifenſiederhand⸗ werks gehört, anzuſchaffen. Endlich ſorgte er auch noch für einen rechtlichen und rührigen Geſellen, welcher mit ————— — 110 Auguſts Beiſtande munter an das Seifenſieden und Lichterziehen ging. Auf Hüfners Fürbitte und Empfeh⸗ lung fanden ſich in Kurzem Käufer ein und dieſe lockten, da ſie billig und gut bedient wurden, immer wieder neue Kunden herbei, ſo daß bald der Meiſterin Freunds Nah⸗ rung wieder in Schwung kam. Hierbei wurde der Platzbäcker keineswegs vergeſſen. Vielmehr ſtellte ſich ſchon in den erſten Tagen Meiſter Hüfner mit den Seinen bei jenem ein, um ihm nochmals zu danken und ihn zu fragen, womit ihm ein Gefallen erzeugt werden könne. „Herzensmännel!“— verſetzte Krumbt gerührt— „Ihr thut ja meiner armen Schweſter ſo lange ſchon und ſo viel Gutes, daß ich ein undankbarer Klotz ſein müßte, wenn ich noch mehr von euch verlangen wollte. Ihr ſchlagt den Spaß mit dem Lotterielvoſe viel zu hoch an, der mich nichts weiter als einen Gang zum Haupteollecteur gekoſtet hat, während Ihr für meine Schweſter alltäglich zwei Stunden gehämmert und ge⸗ ſchwitzt hat. Hm! freilich giebt es wohl keinen Men⸗ ſchen, der nicht irgend einen Wunſch auf dem Herzen hätte. Ich wüßte auch einen, aber“— „Heraus damit!“— drängte Hüfner—„oder wir ſind gute Freunde geweſen.“ „Nun, wenn Ihr's durchaus ſo wollt“— ver⸗ ſetzte Krumbt—„ſo wiſſet, daß ich gern den Lippertſchen Obſtgarten heuer pachten möchte. Der Blüthe nach müſſen wir ein grauſam gutes Obſtjahr bekommen und ich bin 11¹ ein wahrer Narr aufs Obſt. Was für Obſt könnte ich nicht in meinem Backofen dörren und dann ſpäter mit Gewinn verkaufen! Zeit und Leute zum Schälen hätte ich. Ich, Hannchen, Gottlieb und meine Frau, der ich auch einmal eine Veränderung gönnte, ſchälten in die Millionen. Das gäb' einen Spaß! Aber ſo ein 50 Thälerchen Pacht könnte es wohl koſten. Ich wollte ſie redlich wieder bezahlen, aber wer wird ſie mir armen Schlucker borgen?“* „Ihr ſollt ſie geborgt bekommen, Meiſter Krumbt!“ — ſprach Hüfner.—„Hier meine Hand darauf. Schließt immer den Pacht ab und holt Euch dann bei mir das Geld, wann Ihr wollt.“ Da rieb ſich Krumbt freudig wieder die Hände und bedankte ſich ſchön. Heinrich dagegen ſagte beim Heimgehen zu ſeinem Vater:„Wollen wir nicht lieber gleich dem guten Krumbt die 50 Thaler ſchenken?“ „Nein, mein Sohn!“— verſetzte Hüfner.—„Mit dem Schenken muß man ſehr vorſichtig ſein, weil man damit nur zu leicht Böſes ſtatt Gutes ſtiften kann. Durch das Schenken macht man die Leute träge und arbeits⸗ ſcheu. So lange Meiſter Krumbt und die Seinen ge⸗ ſund und von anderen Unglücksfüllen verſchont bleiben, wollen wir ihnen kein Geſchenk aufdringen.“ 112 vierzehntes Rapitel. Der Schreck. Der Platzbäcker war unbeſchreiblich glücklich, als der große, ſchöne Garten mit ſeinem verheißenden Obſt⸗ ſegen pachtweiſe ihm zugeſprochen worden war. Jede freie Stunde brachte er in demſelben, welcher ein ziemliches Stück von ſeiner Wohnung entfernt lag, zu und dann erbaute er Luftſchlöſſer gleich dem Milchmädchen in der Fabel. Aber da mit dem Beſitze jeglichen Erdengutes irgend ein kleineres oder größeres Weh verknüpft iſt, ſo war auch Krumbts Freude nicht vollkommen. „Hannchen“— ſprach er eines Tages, als er mit ſeiner Nichte im Garten ſich befand—„ich ſage dir: es war eine Pracht, den Garten in ſeiner Blüthe zu ſehen. Die Birnenbäume weiß wie gefallener Schnee und die Aepfelbäume mit lauter Roſen bedeckt! Brechen hätten ſie müſſen, wenn aus jeder Blüthe eine Frucht geworden wäre. Aber da ſchneite es Blüthen auf Blü⸗ then und nicht ein Dritttheil iſt oben geblieben. Warum nur der liebe Gott erſt ſo viele Blüthen hat werden laſſen, da ſie doch taub abfallen?“ „Warum?“— verſetzte Hannchen.—„Nun, da⸗ mit der Menſch ſeine Freude an dem ſchönen Anblicke der vielen Blüthen haben ſoll.“ „Das kann ſchon ſein“— ſprach Krumbt—„doch iſt es nur eine kurze Freude.—„Sieh, Hannchen, dieſe abgefallenen Blüthen kommen mir vor wie kleine Kinder, von denen vftmals auch die Hälfte ſtirbt, ehe ſie das erſte Jahr erreichen. Da iſt auch die Freude der Aeltern kurz, und trauernd fragen ſie: Warum, lieber Gott, haſt du uns ſo ſchnell die Kinder wieder genommen? Und nun ſieh, Hannchen, welch' eine Menge halbwüchſener Aepfel und Birnen hier im Graſe liegen! Der Wurm hat ſie angebohrt. Der böſe Wurm. Er wird machen, daß ich nicht den ſechſten Theil des verhofften Obſtſegens erlange. Ach, ſelbſt das todte Obſt hat ſeine Todfeinde, gleichwie der Menſch das zahlloſe Heer der Krankheiten.“ Demohnerachtet hingen immer noch die Aeſte voll Früchte gleich den Zwiebelreihen. Der nahende Herbſt malte die Birnen gelb und den Aepfeln ſchöne, rothe Wangen. Krumbt mußte hin und wieder Stützen an⸗ bringen, um das Brechen der ſchwerbeladenen Aeſte zu verhüten. Im Geiſte aß er bereits von dem ſaftigen, herrlichen Obſte, ſah er die hohen Haufen Birnen und Aepfel vor ſich liegen, Frau und Kinder mit Schälen beſchäftigt, den Backofen vullgeſtopft, roch er den ſüßen Duft des dörrenden Obſtes und ſah dieſes ſpäter in blankes Silber verwandelt. Aber auch hier wiederum kam der Teufel und ſäete Unkraut nnter den Weizen. Dieſer Teufel waren— — Obſtdiebe, welche es abſonderlich auf Krumbts Bäume abgeſehen hatten. Ob dieſes geſchah, weil ſie den Pachter entfernt wohnen wußten, oder ob ſie ſonſt einen andern Nieritz. Die Nachbarn. 8 Grund dazu hatten? Genug, während die nicht minder reichlich tragenden Nachbargärten, wie einſt Goſen vor den Plagen Aegyptens, von den Dieben verſchont blieben, ſah der arme Platzbäcker faſt mit jedem Tage ſeine vollen Aeſte leerer werden. Welch' ein Kummer für Krumbt, welchem für ſein Pachtgeld zu bangen begann! Der eine Nachbargarten gehörte dem Subcollecteur Funke, und da ſich Krumbt bewußt war, denſelben ſich zum Feinde gemacht zu haben, ſo traute er ihm die Entwen⸗ dung ſeines Obſtes zu. Aber bald reuete den gutmü⸗ thigen Platzbäcker dieſer ſchlimme Verdacht. Denn Funke bezeigte ihm nicht nur ſein Beileid über den Obſtverluſt, ſondern gab ihm auch Einſchläge, wie jenem für die Zukunft vorzubeugen ſei. „Ihr müßt wachen, Nachbar!“ ſprach Funke zu Krumbt.„Nicht etwa die ganze Nacht hindurch; nein, nur in den Stunden des frühen Morgens, welche die Mauſezeit der Obſtdiebe zu ſein pflegen. Ich will Euch meine Vogelflinte leihen. Dieſe ladet Ihr mit Schroot und wenn ihr einen Obſtdieb erwiſcht, der auf Euer dreimaliges Anrufen nicht ſteht: ſo ſchießt Ihr ihm die Schrootladung in die Beine. Das hilft für immer. Denn die Diebe ſagens einander ſchon, wo Schrotkörner, ſtatt Aepfel und Birnen, zu erholen ſind. Wollt Ihr mir einen Gefallen thun, ſo habt ein wenig Obacht mit auf mein Obſt.“ Ein jeder Stand hat ſeinen Frieden, hat ſeine Laſt. Selbſt derjenige eines Obſtpachters, wie Krumbt zu —15 ſeinem Leidweſen erfuhr. Wollte er ſein Obſt nicht gänzlich den heilloſen Dieben preisgeben, ſo mußte er, nachdem er die Nacht hindurch vor dem heißen Backofen geſtanden hatte, vor dem grauenden Tage, anſtatt ins weiche, warme Bett, nach dem herbſtnebeligen, feucht⸗ kalten Garten gehen und dort ſtundenlang, mit der Flinte im Arme, auf der Lauer liegen oder umherwandeln. Darum werden aber auch die Diebe, weil ſie ſo lieblos gegen ihren Nächſten handeln, das Reich Gottes nicht ererben! Zum Glück für Krumbt befand ſich in dem von ihm erpachteten Garten ein, obſchon baufälliges Luſthäuschen, das ihm leidlichen Schutz vor dem ſchneidend kalten Morgenwinde, vor Regen und naſſen Füßen verlieh. Dorthin zog er ſich zurück, ſo oft er die Runde durch den Garten gemacht hatte. Eines Morgens, da noch die Nacht mit dem jungen Tag rang und alle Gegenſtände durch einen dichten Herbſtnebel verſchleiert wurden, glaubte der aus dem Luſthausfenſter herauslauſchende Krumbt ein verdächtiges Geräuſch, wie das Schütteln eines Baumes, zu verneh⸗ men. Richtig! denn dem Rauſchen folgte das Herab⸗ ſtürzen vieler Körper. Von einem jäh aufſteigenden Zorne ergriffen, ſchlich Krumbt mit der geladenen Flinte in der Hand aus dem Luſthäuschen und leiſe der Gegend zu, woher noch fort und fort das Schütteln ertönte. Nachdem ſich Krumbts Augen an das Zwielicht umher gewöhnt hatten, unterſchieden ſie deutlich eine Männer⸗ 8* 116 geſtalt, welche in dem Gipfel eines großen, hohen Apfel⸗ baumes ſtand und mit beiden Armen einen vollen Aſt in Bewegung ſetzte, ſo daß die Aepfel gleich ſchweren Hagelkörnern herunter bombardirten. „Wer da?“ rief Krumbt, ſo hitzig wie noch nie in ſeinem Leben.„Herunter vom Baume! Den Augenblick herunter!“ Welche Frechheit! der Dieb ſchüttelt unbeküm⸗ mert fort. „Hört Er Hallunke nicht?“ ſchrie Krumbt lauter. „Soll ich mit Pulver und Blei zu Ihm ſprechen? Her⸗ unter, ſage ich nochmals.“ Dem Ylatzbäcker zum Hohne ſetzte der Obſtdieb ſein frevelhaftes Treiben fort, ohne eine Antwort von ſich zu geben. „Das iſt zu arg!“ ſprach Krumbt außer ſich. „Zum dritten und letzten Male denn rufe ich: wenn Er Dieb nicht augenblicklich herabkommt und ſich mir gut⸗ willig ſtellt: ſo ſchieße ich Ihn bei meiner armen Seele ohne Gnade und Barmherzigkeit vom Baume.“ Den Hahn ſpannend, brachte Krumbt zielend den Flintenkolben an die rechte Wange und rief: „Wird's bald? Eins!— Zwei!— Dr— ei!“ Anſtatt dem Gebote des Platzbäckers Folge zu lei⸗ ſten, ſchüttelte der Dieb nur heftiger denn zuvor, ſo da die Aepfel durch die Blätter herniederrauſchten und tun⸗ in das Gras hinfielen. Krumbt war viel zu gutmüthig und zu furchtan, 117 als daß er ſeine Drohung wahr gemacht hätte. Nur ſchrecken, nicht treffen wollte er den Apfeldieb. Darum zielte er mit der Flinte tief unter deſſen Beine. Aber, wenn der Schuß aus dem Rohre iſt, ſo wird er des Teufels. Das Pulver blitzte auf, der Schuß hallte nach und demſelben folgte das augenblickliche Praſſeln und Knacken der Aeſte, welches den Sturz des Apfeldiebes begleitete. Schwer dröhnend klatſchte derſelbe in das Gras nieder, wo er regungslos und längelang liegen blieb. So mochte dem Kain, dem erſten Todtſchläger, nach dem vollbrachten Brudermorde zu Muthe geweſen ſein, wie jetzt dem armen Krumbt. Ein eiſiger Schauer überrieſelte dieſen. Aus der zitternden Hand zur Erde ſank das Mordgewehr und, von allen Furien verfolgt, entfloh der Platzbäcker der fluchbeladenen Stätte. Aber nicht weit. Dann ſtand er mit emporgeſträubtem Haar und froſtklappenden Zähnen, um mit weit aufgeriſſenen Augen hinzuglotzen nach dem Erſchoſſenen. Mit verhal⸗ tenem Athem horchte Krumbt. Kein Laut! kein Weh⸗ ruf! kein Aechzen! der Obſtdieb war eine Leiche! Die Kniee brachen unter dem unglücklichen Platz⸗ väcker zuſammen. Trübſeliger konnte das ſündige erſte Aelternpaar nach dem Apfelbiſſe nicht aus dem Para⸗ dieſe geſchlichen ſein, als jetzt Krumbt aus dem Garten in das Luſthaus zurück. Auf ſeine Kniee ſank er hier. „Gott! du weißt es“— ächzte er matt und mit gefaltenen Händen—„daß ich ihn nicht treffen wollte. 118 Aber“— er ſprang haſtig empor—„wird mir dieß die Obrigkeit glauben? Wird man mich nicht als einen Mörder auf das Blutgerüſt führen, oder, was noch ſchrecklicher wäre, zeitlebens ins Zuchthaus ſtecken? Ins Zuchthaus unter lauter Verbrecher und Böſewichter. Wegen eines Schockes Aepfel, die kaum einige Groſchen werth ſind, habe ich einen meiner Mitmenſchen umge⸗ bracht! O wie gern gäb' ich jetzt alle Pflaumen, Aepfel und Birnen im ganzen Garten— in der ganzen Welt hin, wenn ich den unglücklichen Schuß ungeſchehen machen könnte. Wie kurze Zeit nur noch wird es wäh⸗ ren, ſo kommen die Häſcher mich zu holen und führen mich vor dem gaffenden Volke ins Gefängniß! Das ertrage, das überlebe ich nicht. Ehre und gutes Ge⸗ wiſſen verloren: Alles verloren!“ Verſtört und wirren Blickes ſah Krumbt um ſich. Da mußte, wie vom Teufel angeſtellt, ein Stück Strick im Luſthauſe liegen. Daſſelbe ſchien dem Verzweifelnden ein Fingerzeig zu ſein, wie er all ſeiner Noth und Qual ein ſchnelles Ende machen könne. Mechaniſch griff er nach dem Stricke, hing ihn an einen Haken in der Wand und knüpfte eine Schlinge hinein. Dabei ſprach er traurig:„Mich dauerts zwar, daß ich meine liebe Frau, meine Söhne und meine beiden Mätzchen verlaſſen ſoll. Doch müßte ich das nicht gleichfalls, wenn ich aufs Schaffot oder in das Zuchthaus käme? Was ſoll, was hatte ich denn in dieſer Welt? Ach, nichts als Nah⸗ rungsſorgen und von der gottloſen Jugend Spott und — 119 Verhöhnung. Selbſt der Garten, von dem ich nur Freude verhoffte, mußte für mich die größte Ouelle des Elends werden. Ade darum, o eitele Welt, ade!“ Und der unglückliche Bäcker ſteckte den Kopf durch die Schlinge. Aber er zog ihn noch einmal wieder her⸗ aus, um auf ſeine Kniee ſich zu werfen und zu beten: „Herr, vergieb mir meine Sünde! Gehe nicht mit mir ins Gericht, ſondern laß mich Gnade erlangen. Amen!“ In dem Augenblicke, wo Meiſter Krumbt ſich mit dem Kopfe der hanfenen Schlinge wieder näherte, riefen zwei jugendliche Stimmen munter durch das offene Fenſter herein:„ „Herr Krumbt! Herr Krumbt! Wo ſtecken Sie denn? Guten Morgen, Herr Krumbt!“ „Was ſoll denn ſein?“ fragte der Platzbäcker träu⸗ meriſch und in ſeiner gewohnten Weiſe. „Wir bringen Ihnen eine Kanne voll warmen Kaffee und eine neubackene Semmel dazu“— lautete die fröh⸗ liche Antwort.„Wir hatten das ſchon längſt uns vor⸗ genommen, es aber immer verſchlafen. Heute morgen jedoch hat uns die Mutter zeitig geweckt und ſo ſind wir denn da.“ Es waren Heinrich und Herrmann Hüfner, welche an den wachehaltenden Platzbäcker gedacht und ihm ein wärmendes Frühſtück zugetragen hatten. Meiſter Krumbt, welcher noch immer Sterbegedanken hatte, verſetzte zerſtreut: „ 120 „Es iſt gut, ihr Kinder! Setzt nur den Kaffee hin.“ „Sie möchten ihn ſogleich trinken“— ſprach Hein⸗ rich—„bevor er kalt wird.“ „Ja, das ſoll geſchehen, Kinder“— erwiederte Krumbt, welcher die Knaben gern los ſein wollte.„Geht nur, geht! Es iſt hier kalt und der Nebel könnte Euch auf die Bruſt fallen.“ „O der ſchadet uns gar nichts“— antwortete Herrmann lachend.„Aber, Meiſter Krumbt! haben Sie nicht vorhin geſchoſſen? Wir hörten tüchtig knallen. War etwa ein Obſtdieb da und haben Sie ihn ge⸗ troffen?“ „Ich weiß nicht“— ſtammelte Krumbt—„ge⸗ ſchoſſen habe ich— ob ich aber Jemanden getroffen habe, kann ich nicht angeben. Es war noch ſo finſter — ſeht ſelbſt nach, Kinder!“ Auf dieſe Weiſe hoffte Krumbt die Knaben von ſich fortzuſchaffen und dann wollte er raſch an ſein Auf⸗ hängen gehen. Wirklich ging auch Herrmann; dagegen blieb Hein⸗ rich, welcher ins Luſthäuschen eingetreten war und die Kanne nebſt der Semmel hingeſetzt hatte, zurück. Ob der Knabe den Strick nebſt der Schlinge bemerkt und Krumbts ſchlimme Abſicht errathen haben mochte? „Nun?“— drängte der Platzbäcker, dem der Angſt⸗ ſchweiß von der weißen Stirne perlte, während ſeine Zähne vor Froſt zuſammenklappten— willſt du nicht mit deinem Bruder gehen und nachforſchen?“ 121 „Ach nein!“ erwiederte Heinrich—„Ich weiß be⸗ ſtimmt, daß Herrmann keinen Erſchoſſenen findet. Dazu ſind Sie viel zu gut. Ueberdies ſoll ich das Kaffee⸗ geſchirr wieder mit heim bringen und darum will ich warten, bis Sie getrunken haben werden.“ „Geh! geh, mein Sohn!“ bat Krumbt weich— „man kann nichts verſtreiten, gar nichts! Denn der Teufel treibt zuweilen ſein Spiel und kehrt zum Böſen, was nur ein Spaß ſein ſollte. Hörſt du? Ach, Jeſus! Dein Bruder— er ſchreit überlaut— o ich Unglück⸗ lichſter!“ „Er ſchreit nicht“— verſetzte Heinrich lauſchend— „er— lacht! Da hören Sie ſelbſt.“ In der That ſchallte ein anhaltendes Gelächter aus dem Garten daher. „Das iſt das Gelächter der Hölle!“ ſprach Krumbt unter einem Schaudern. „Nein! nein!“ antwortete Heinrich—„das iſt mein Bruder. Zu gut kenne ich ſeine Lache. Da kommt er ſelbſt und— lacht noch immer.“ „Meiſter Krumbt“— hob Herrmann lachend an —„Euer Erſchoſſener liegt längelang im Graſe.“ „Daß ſich Gott erbarme!“ rief Krumbt und ſah ſich nach dem Stricke um, dem er ſich unbemerkt zu nähern ſuchte. „Aber Ihr habt einen Unſchuldigen getroffen“— fuhr Herrmann mit Quälen fort— denn der Burſche 122 hat Euch nicht einen einzigen Apfel geſtohlen und ſteh⸗ len können.“ „O mein Heiland!“ klagte Krumbt außer ſich— „Aber was wahr iſt, bleibt wahr. Auf dem Baume hat er geſtanden und geſchüttelt wie Satanas ſelbſt. Wie geſäet müſſen die Aepfel unten liegen.“ „Nun, das müßte mit Kräutern zugegangen ſein“ — ſprach Herrmann—„weil Euer Erſchoſſener ja nur ein Popanz und kein richtiger Dieb iſt.“ „Ein Po— panz?“ fragte Krumbt erſtaunt und ungläubig.„Ein Popanz? Wie meinſt du das? Junge!“ Der Meiſter packte den Knaben in höchſter Auf⸗ regung bei der Bruſt—„verſpotte— belüge mich jetzt nicht! Du weißt nicht, wozu ich jetzt fähig bin.“ „Und wenn Ihr mich todt machtet“— erwiederte Herrmann—„ich kann nicht anders. Euer Erſchoſſener, der im Graſe unter dem Apfelbaum liegt, iſt und bleibt ein Popanz, eine Krautſcheuche, von Stroh gefertigt und mit alten Kleidern angezogen.“ „Dann iſts der Teufel ſelbſt geweſen“— lallte Krumbt—„welcher ſein ruchloſes Spiel mit mir getrie⸗ ben und mich genarrt hat. Denn er ſtand anf dem Baum und ſchüttelte, wie nur ein Menſch ſchütteln kann. Darum hörte— darum antwortete er nicht auf mein Anrufen und Drohen!“ „Kommt und überzeugt Euch nun ſelbſt“— drängte Herrmann, und begleitet von den beiden Knaben wankte 123 wie betäubt der arme Meiſter in den Garten und nach dem Orte, wo der Strohmann im Graſe lag. „Seht!“ rief hier Heinrich ans—„da iſt auch der Strick, an welchen der Strohmann gebunden und mit welchem das Schütteln des Aſtes bewirkt worden iſt. Man hat Euch gefoppt, Meiſter! Der Strick reicht bis zum Nachbargarten hin, von wo aus die Spottvögel den Popanz regiert und, nachdem ſie Euch gefoppt, das Strickende über die Planke geworfen haben, damit ſe ſich nicht verrathen möchten.“ „Das iſt— ächzte Krumbt—„der Nachtet— Collellteur geweſen! O die ausgeſuchte Bosheit, durch die ich bei einem Haare zum Selbſtmorde gebracht worden wäre! Ach, lieber Herrgott, verzeihe mir meine ſchwere Sünde. Aber nun fühle ichs, wie der Schreck mir in alle Glieder gefahren iſt. Wie Blei liegt mirs in den Beinen— kaum die Füße heben kann ich noch.“ Die Knaben führten den ſchwachen Mann in das Luſthaus zurück, wo ſie ihn durch dargereichten Kaffee zu ſtärken ſuchten. Doch Krumbt vermochte mit Mühe nur eine Taſſe voll hinter zu bringen. „Bringt mich heim, Kinder!“ bat er matt.„Ich fühle es, daß ich den heutigen Schreck beliegen muß. O ihr unbarmherzigen Menſchen! Was habe ich euch gethan, daß ihr mich Aermſten ſo grauſam verhöhnet? Würden ſie wohl ſo früh das Bette verlaſſen haben, wenn ich ihrer Hülfe bedurft hätte, als ſie es, mich zu necken, thun konnten?“ ——— „ 124 „Meiſter Krumbt“— unterbrach hier Herrmann den Klagenden—„hier iſt auch die Flinte die ich im Graſe gefunden habe.“ „Aus meinen Augen mit ihr!“ rief Krumbt— „Stelle ſie in den fernſten Winkel des Luſthauſes! Huh! welch ein zermalmendes Gefühl, einen Menſchen, ſelbſt wenn er ein Verbrecher iſt, getödtet zu haben! Unſer Herrgott bewahre euch vor einem ſolchen unſäglichen Weh! Aber, nun fort von der Stätte des Fluches! Feierlich gelobe ich hiermit, nie wieder ein Mordgewehr in meine Hände nehmen, nie wieder aber auch dieſen Garten betreten zu wollen. Mag aus dem Obſte wer⸗ den, was da wolle.“ Die beiden Knaben hatten Mühe, den immer ſchwä⸗ cher werdenden Bäcker bis in ſeine Wohnung zu bringen. Dort legte er ſich ſogleich in ſein Bette, und indem er ſeinen, vom Fieberfroſt geſchüttelten Körper zudeckte, ſprach er ſeufzend: „Wehe, wehe dem Menſchen, S welchen Aer⸗ gerniß kommt!“ So ſpricht gewiß auch jeder gefühlvolle Leſer! Meiſter Krumbt verfiel wirklich in ein hitziges Ner⸗ venſieber, welches ihn an den Rand des Grabes brachte und ihn viele Wochen an das Bett feſſelte. „Jetzt“— ſagte Meiſter Hüfner zu den Seinen— „iſt die Zeit gekommen, wo wir unſern Freund Krumbt mit mehr mit bloßem Geldleihen beiſtehen müſſen.“ Er beſorgte einen geſchickten Arzt und zugleich einen 125 tüchtigen Bäckergeſellen, welcher das Backen übernahm. Ferner ſetzte er Frau Krumbt durch die nöthigen Geld⸗ mittel in den Stand, daß ſie, anſtatt ferner nähen zu gehen, die Abwartung ihres Mannes übernehmen, die Arzneien bezahlen und die übrigen Bedürfniſſe des Lebens beſtreiten konnte. Daß Hüfner dies alles zu thun vermochte, gewährte ihm das reinſte und höchſte Vergnügen, und die Seinen theilten daſſelbe mit ihm. Krumbt war erſt ſeit einigen Tagen bettlägerig, als Heinrich eines Morgens ganz früh— es konnte um drei Uhr ſein— von ſeinem Lager aufſtand und ſich anzog. Dabei weckte er ſeinen Bruder auf, den er mit den Worten anredete:„Herrmännel! gehſt du mit?“ „Wohin denn?“ fragte jener gähnend. „In Krumbts Pachtgarten!“— verſetzte Heinrich —„Ich habe mir geſtern von Frau Krumbt den Schlüſſel geben laſſen und unſere Aeltern um Erlaubniß gefragt.“ „Hei! Was willſt du dort?“ fragte Herrmann ver⸗ wundert. „Kannſt du noch fragen?“ entgegnete Heinrich. „Wache halten will ich, damit nicht das ganze Obſt geſtohlen wird. Man kann und ſoll nicht bloß mit dem Geldbeutel dem Nächſten Wohlthaten erweiſen— ſpricht unſer Lehrer— ſondern auch mit ſeinen Kräften, mit ſeiner Zeit und ſeiner Geſchicklichkeit. Meiſter Krumbt wird ſich gewiß freuen, wenn er nach ſeiner Geneſung 126 erführt, daß ihm kein Apfel weiter geſtohlen worden iſt und daß wir die Urſache davon ſind. Wir haben ihm einmal wehe gethan: ſo wollen wir ihm dafür auch eine Freude machen. Wir erhalten ihm doch min⸗ deſtens die fünfzig Thaler, die er uns abgeborgt hat und um deren Wiederbezahlung er gewiß ſehr ſorgen wird.“ Es ward dem Herrmann nicht wenig ſauer, das ſchöne, warme Bette im Stiche zu laſſen und hinanszu⸗ gehen in die kühlk, dunkle Morgenluft. Allein er wollte ſeinem Bruder nicht nachſtehen und darum überwand er ſeine Luſt und begleitete jenen. Unterwegs ſprach Hein⸗ rich:„Es iſt ſchade, daß wir keine Flinte haben. Ich machte mir eben kein Gewiſſen daraus, einem Obſtdiebe die Beine voll Schrot zu knallen. Wer heißts ihm zu ſtehlen?“ „Womit wollen wir uns aber wehren?“ verſetzte Herrmann—„wenn uns ein Kerl oder über den Hals kommen?“ „Womit?“ erwiederte Heinrich:„Erſtens: mit Schreien. Zweitens: mit Steinwerfen. Hei, ich will die Spitzbuben bombardiren, daß ihnen das Mauſen vergehen ſoll. Ueberdies haben die Diebe in der Regel kein Herz und reißen aus, ſobald ſie ſehen, daß ihnen jemand aufpaßt. Du weißt, Herrmann, daß wir im Schreien unſern Mann ſtellen. Wir ſchreien die garze Nachbarſchaft auf und die Diebe davon.“ Dazu kam es jedoch nicht. Es zeigte ſich kein 127 Obſtdieb wieder. Zehn Tage wachten die Brüder un⸗ verdroſſen, dann gings an die Obſtärndte. Dieſe war nun eine große Luſt, an welcher Antheil nahm, wer nur konnte, wovon jedoch Meiſter Krumbt wegen ſeiner Krankheit ausgeſchloſſen blieb. Dafür halfen die Fa⸗ milien Hüfner und Freund, ferner Hannchen und Gottlieb. Das Abpflücken und Abſchütteln der verſchiedenen Obſt⸗ arten, das Sammeln auf große Haufen, das Verkaufen an fremde Obſtliebhaber gleich im Garten und ſpäter zu Hauſe, das Abſchälen und Abbacken machte den Kindern wie den Erwachſenen viel Vergnügen, welches durch den ſüßen Gedanken noch vermehrt wurde, wie freudig Meiſter Krumbt überraſcht werden würde, wenn er bei ſeiner Geneſung den unerwartet reichen Obſtſegen erführe. Endlich war bei dem kranken Platzbäcker die Macht des Fiebers gebrochen und er auf dem vollen Wege der Beſſerung. Krumbt ſaß wieder aufrecht in ſeinem Bette, das man in die warme Backſtube verſetzt hatte, und freute ſich ſeines Hänſels und Gretels, welche auf ſein Deckbette geflogen kamen und ihn liebkoſten. „Die Eßluſt kehrt zurück, liebe Rahel“— ſprach Krumbt unter einem matten Lächeln zu ſeiner Frau— „aber ich möchte etwas recht Gutes eſſen— nicht mehr bloße Semmelwaſſerſuppe.“ Darauf ging Frau Krumbt hinaus und kehrte mit einem Teller voll gedünſteter, ſüßer und mit kleinen Roſinen überſtreuter Aepfel zurück, von welchen zu ge⸗ 128 nießen, der Arzt dem Kranken erlaubt hatte. Dieſer verzehrte mit ſichtlichem Wohlbehagen vier von den Aepfeln und ſagte dann:„Ach, ich wüßte nicht, wann mirs ſo köſtlich geſchmeckt hätte. Herrliche Aepfel das! Mild und ſüß wie Feigen! Du haſt ſie wohl theuer be⸗ zahlen müſſen, liebe Rahel?“ „Gar nichts koſten ſie“— verſetzte Frau Krumbt —„denn ſie ſind aus unſerm Garten.“ „Aus unſerm Garten? hm! ich möchte lieber nichts mehr von demſelben hören und ſehen“— ſprach Krumbt. „Ich bildete mir ein, daß wir nicht einen Kriebs von dem vielen Obſte daraus zu ſchmecken bekommen würden. Haben denn die Diebe nicht reine Wirthſchaft gemacht?“ „Bewahre!“— erwiederte Frau Krumbt.„Riechſt du denn nichts, ſo oft die Thüre zu unſrer Backſtube aufgeht?“ „Ja wohl!“ ſagte Krumbt—„Ich dachte längſt im Stillen bei mir: es müſſen die Leute jetzt nichts als Apfel⸗ und Pflaumenkuchen bei euch backen laſſen, weil der gute Duft gar nicht aufhören will.“ „Derſelbe rührt von unſern Aepfeln, Pflaumen und Birnen her“— berichtete Frau Krumbt—„welche in unſerm Backofen Tag für Tag gedörrt werden. Oben in allen Stuben und Kammern, im Keller unten, liegen mächtige Obſthaufen, daß man kaum darüber hinweg⸗ ſehen kann.“ „Iſts möglich?“ ſprach Krumbt unter freudigem Erſtaunen.„Wie iſt das zugegangen?“ — 129 „Zunächſt haben wir dies den beiden Kupferſchmidts⸗ ſöhnen zu verdanken“— antwortete Frau Krumbt— „welche ſeit deinem Krankſein alle Morgen, von 4 Uhr an, in unſerm Garten gewacht und die Obſtdiebe ver⸗ ſcheucht haben. Dann haben ſie alle— der Kupfer⸗ ſchmidt, ſeine Frau, die beiden Söhne, deine Schweſter und deren Kinder, unſer Gottlieb und Hannchen, bei der Obſtleſe geholfen, haben davon gleich an Ort und Stelle viel verkauft, das Uebrige hierhergeſchafft und helfen uns noch alltäglich beim Schälen und Abbacken des Obſtes. Die fünfzig Thaler Pachtgeld ſind bereits wieder abgezahlt und ſomit reiche Vorräthe unſer Ge⸗ winn und Eigenthum.“ „Die lieben Jungen!“ ſprach Krumbt voll tiefer Rührung.„Gott lohne ihnen und ihren Aeltern tauſend⸗ fültig, was ſie an uns gethan haben. Wenn ſie da ſein werden, ſo rufe ſie herein zu mir, liebe Rahel, daß ich mich bei ihnen bedanken kann. Du haſt ihnen doch von dem Obſte einen Vorrath zukommen laſſen?“ „Das verſteht ſich von ſelbſt“— entgegnete Frau Krumbt—„Hüfners, wie auch deine Schweſter, haben einen gehäuften Tragkorb voll Aepfel, Birnen und Pflaumen erhalten, obſchon jene durchaus nichts anneh⸗ men wollten.“ „So iſts ſchön!“ lobte Krumbt. Als derſelbe nach einem ſüßen Schlafe am Nach⸗ mittage erwachte, erhob ſich Frau Krumbt von ihrem Sitze am Krankenbette, öffnete die Backſtubenthür und Nieritz. Die Nachbarn. 9 130 rief hinaus:„herein, ihr Kinder! mein guter Mann wünſcht euch zu ſehen.“ Da guvollen ſie herein, die Pflaumenauskerner, die Obſtſchäler und Obſtbäcker, in aufgeſtreiften Hemd⸗ ärmeln und vorgebundenen Schürzen. Es waren die Freund'ſchen und Hüfner'ſchen Kinder, ſechs an der Zahl, und der krummbeinige Gottlieb watſchelte hinterdrein. Nachdem ſie Alle um das Krankenbette ſich gereihet hatten, hob Krumbt mit bewegter, feierlicher Stimme zu ihnen an: „Ich danke euch Allen für die mir und meiner lieben Frau bewieſene Liebe und Theilnahme. Inſon⸗ derheit aber euch, ihr treuen Bewacher meines Obſtes. Nimmer will ich eurer großen Aufopferung vergeſſen. Die Freude, die ihr mir bereitet habt, ſtärkt mich mehr als die theuerſte Arznei. Der reiche Gott aber wolle euch beide dafür ſegnen in Zeit und Cwigkeit. Ja, er — ſeg— ne— euch!“ Die letzten Worte ſtammelte Krumbt ſchluchzend. Stumm drückte er den beiden Knaben die Hände, wobei ihm die vollen Thränen über die bleichen Wangen perlten. Heinrich und Herrmann vermochten nicht zu ſprechen. Auch ſie weinten; aber es waren Thränen des reinſten Entzückens. Und ihre Aeltern, welche gekommen waren, um den Geneſenden zu beglückwünſchen und unbemerkt die Stube betreten hatten, wurden die freudigen Zeugen dieſes rührenden Auftritts und empfingen ſpäter gleich⸗ falls den innigſten Dank des Bäckers und ſeiner Gattin. —— —. 131 Am Abend deſſelben Tages hob Meiſter Hüfner mild zu ſeinen Stiefſöhnen an: „Zwiefache Erfahrungen ſchon habt ihr in eurem kurzen Leben gemacht. Ich frage euch daher jetzt auf euer Gewiſſen: wann fühltet ihr euch am wohlſten und glücklichſten? Da ihr noch euren ſinnlichen Neigungen euch hingabt, und loſe, ja ſelbſt böſe Streiche verübtet, oder da ihr Werke der Liebe und des chriſtlichen Ge⸗ horſams vollbrachtet?“ Auf dieſe Frage brauchten die beiden Knaben eine Antwort nicht durch Töne zu geben. Dieſe las der Vater in den ſelig verklärten Mienen ſeiner Söhne, ſo wie in deren dankbarer Umarmung. „Ihr batet mich oft“— fuhr Hüfner bewegt fort —„freundlich gegen euch zu ſein. Fahret ſo fort, wie jetzt, und nicht nur ich, eure Mutter, ſo wie alle guten Menſchen, ſondern auch der Vater im Himmel wird dann euch freundlich ſein und hold.“ Lünſzehntes Kapitel. Die Buße. Zwei Jahre waren ſeit Krumbts Krankheit, drei Jahre ſeit Freunds Verſetzung in das Arbeitshaus ver⸗ 9* 132 gangen. Heinrich und Herrmann Hüfner hatten beide die Schule verlaſſen und ein Handwerk ergriffen. Hein⸗ rich war Seifenſiederlehrling bei Frau Freund geworden, deren Seifenſiederei unter einem tüchtigen Werkführer ſchwunghaft betrieben wurde. Herrmann dagegen klopfte mit ſeinem Vater um die Wette auf das wiverſpenſtige Kupfer. Sonach waren die Brüder nur um wenige Schritte aus einander und darum noch immer ein Herz und eine Seele. Der dritte Theil des Kleeblattes be⸗ ſtand in Freunds Auguſt, welcher gleichfalls Seifenſieder wurde, jedoch bei einem andern Meiſter Plauens, weil es ſelten gut thut, wenn ein Sohn ſtets unter der mütterlichen Zucht verbleibt. Meiſter Krumbts Umſtände hatten ſich ſeit Hüfners thätiger Hülfsleiſtung weſentlich verbeſſert und er dachte daran, bald die Weißbäckermeiſter⸗ würde zu erkaufen. Aber ſeinem Gelübde, nie wieder eine Schießwaffe zu handhaben und jenen Pachtgarten zu betreten, blieb er treu, obſchon der letztere ihm durch ſeinen Obſtſegen viel genützt hatte. An einem rauhen Herbſtabende, wo der Wind das Kupferſchmidtszeichen, jenen bekannten Fiſchkeſſel, an ſei⸗ ner Eiſenſtange, gleich einer Glocke, obſchon geräuſchlos, hin und her ſchaukelte, ſaß Meiſter Hüfner allein beim Scheine der Lampe in ſeiner Werkſtatt und polirte einen zierlichen Kaffeekeſſel blank, daher es ziemlich ſtill zuging. In ſeine Arbeit vertieft, überhörte er ganz, daß die Thüre der Werkſtatt leiſe aufgeklinkt wurde und daß eine Geſtalt hereinſchlich. Deſto mehr erſchrak Hüfner, als 133 er bei einem zufälligen Aufblicke nicht weit von ſich einen bleichen Mann gewahrte, welcher auf ſeinen Knieen lag und jetzt ſtumm und flehend die gefalteten Hände gegen ihn ausſtreckte. Der Knieende mit ſeinen großen, ſtill daher bohrenden Augen, mit ſeinen ſchmalen, farbloſen Lippen, ſeinen hervorſtehenden Backenknochen und ſeinem halbnackten Haupte glich in ſeiner Schweigſamkeit und Stellung einem Geſpenſte, das aus dem Erdboden empor⸗ geſtiegen war. Meiſter Hüfner war dermaßen erſchrocken, daß der Kaffeekeſſel aus ſeinen Händen und laut ſchallend zu Boden fiel. All ſeinen Muth zuſammennehmend, ſprang er von ſeinem Schemel auf und einen Schritt vorwärts gehend, fragte er mit ſtockender Stimme: „Wer ſeid— was wollt Ihr?“ Einige Secunden ſah ihn das Geſpenſt mit einem unbeſchreiblichen Blicke voll Jammers und Zerknirſchung an, bevor es die bleichen Lippen öffnete und die heiſer geſprochenen Worte hervorhauchte: „Ich bin Freund,— Euer böſer Nachbar!“ „Jeſus! Jeſus!“— rief Hüfner voll Entſetzen und ſchlug die Hände zuſammen. „Ich komme“— fuhr der Knieende tonlos fort— „Eure Vergebung zu erflehen. Ich ſtahl Euer Zeichen von der Eiſenſtange und warf es in die Elſter. Ich verſteckte mich in Euer Haus, um Euch zu berauben. Ich war Euer bitterſter Feind!“ „Ihr waret es“— verſetzte Hüfner erſchüttert— 134 „ſeid es aber hoffentlich nicht mehr? Und dann ver⸗ gebe ich Euch von ganzem Herzen.“ „Dank! Dank!“— ſprach Freund eintönig und noch immer knieend. „So ſteht doch auf, Nachbar!“— rief Hüfner und wollte den Knieenden aufrichten. Doch dieſer ſträubte ſich dagegen. „Ich muß“— ſagte er—„knieend mein Todes⸗ urtheil oder meine Begnadigung empfangen. Sagt mir alſo: lebt mein gutes Weib— leben meine unglücklichen Kinder noch? Nur an Euch, ſonſt an Niemanden, wagte ich dieſe Frage zu richten.“ „Sie leben— ſie leben Alle und ſind geſund!“— rief Hüfner tröſtend. „Im tiefſten Elende? nicht ſo?“— fragte Freund bebend. „Nein! nein!“— verſetzte Hüfner eifrig—„ſie haben zu leben— wohnen noch immer mir gegenüber— wollt Ihr die Eurigen nicht ſehen? nicht aufſuchen? Ich werde Euch zu ihnen begleiten.“ „Nein!“— ſprach Freund feſt—„ich bin ja nicht werth, daß ich unter ein Dach trete, wo ich“— Freunds Stimme brach im Schmerze—„ein tugendſames Weib mißhandelte und meinen Kindern zum fluchwürdigen Bei⸗ ſpiele ward. Dank, nochmals Dank für Eure Verge⸗ bung und Mittheilung.“ Langſam ſtand der Knieende auf und wendete ſich zum Fortgehen. ———— „Wohin wollt Ihr?“— fragte Hüfner verwun⸗ dert—„wenn Ihr nicht zu den Euern geht?“ „Wohin?“— antwortete Freund und ſeine Lippen zuckten krampfhaft— in das Reich des Armen, des Verlaſſenen— des Ausgeſtoßenen! In die freie, weite Welt! Beſitze ich doch nicht mehr ſo viel, wohin ich mein Haupt betten könnte.“ „Halt!“— rief Hüfner entſchloſſen.—„Ich laſſe Euch nicht fort. Jeſus nimmt die Sünder an, und ich, ſelbſt ein Sünder, ſollte Euch von mir laſſen ungetröſtet, unerquickt und obdachlos? Ihr ſeid heute mein Gaſt und ich werde die Geſinnung Eurer Frau gegen Euch zu erforſchen ſuchen. Ihr habt alſo Eure Strafzeit überſtanden und ſeid frei?“ „Frei am äußerlichen Menſchen“— verſetzte Freund — ob aber auch am innerlichen? Das wage ich nicht zu behaupten. Die Gnade meines Landesherrn hat mir ein Jahr an meiner Strafzeit erlaſſen. Doch was nun anfangen ohne einen ehrlichen Namen? Ach, warum bin ich nicht geſtorben?“ „Warum?“— ſagte Hüfner eifrig—„Damit Ihr durch ein bußfertiges Leben Euer früheres, tadelnswer⸗ thes wieder gut macht. Dann erſt könnt Ihr den Tod getroſt erwarten. Doch kommt mit mir in meine Wohn⸗ ſtube. Es iſt hier zu friſch für Euch und dann werdet Ihr auch einer Erquickung benöthigt ſein.“ Rit niedergeſchlagenen Augen trat Freund an Hüf⸗ 136 ners Seite in die Wohnſtube, wo die Meiſterin ſtrickend am Tiſche ſaß. „Hier bringe ich dir einen Gaſt, liebe Frau!“— redete Hüfner ſeine Gattin an.—„Erkenneſt du ihn?“ Frau Hüfner ſchüttelte betroffen den Kopf, warf einen forſchenden Blick auf den gebeugt daſtehenden Gaſt, welcher mit ſcheuen Augen ſie anſah, und er⸗ bleichte dann. „Das iſt ja“— ſie ſtockte. „Ja, es iſt unſer alter Nachbar Freund!“— fuhr Hüfner freundlich fort.—„Er wird heute bei uns blei⸗ ben, bis ich die Seinen auf ſeine Ankunft vorbereitet haben werde. Sie möchten ſonſt zu ſehr erſchrecken. Du wirſt daher oben unſer graues Eckſtübchen heizen, ein Bett hinein beſorgen und überdieß ein wärmendes Abend⸗ eſſen bereiten.“ Frau Hüfner wagte nicht, ihren Mann um das Nähere zu befragen, ſondern beeilte ſich, deſſen Willen und Gebot zu erfüllen. In der Zeit bis zum Abendeſſen ſaß Freund ſtill und ſtumm in der Nähe des warmen Ofens, mit niedergeſchlagenen Augen und gefalteten Hän⸗ den. Das fortwährende Zittern ſeines Körpers hörte durch die wohlthuende Wärme des Ofens auf. Daß ihm ſpäter eine gut gewürzte Bierſuppe, eine ſaure Gurke nebſt Brot und Butter als ein lang entbehrtes Gericht vortrefflich ſchmeckte, erriethen die Miteſſenden an Freunds dankbaren Blicken und erheiterten Geſichtszügen. Letztere jedoch verloren ſich wieder und wandelten ſich in tiefe — ——— ——— 137 Betrübniß, welche ſich durch ſchwere Seufzer kund gab, um, als Meiſter Hüfner ſeinen Gaſt die wohlbekannte Treppe hinauf nach dem grauen Stübchen geleitete. Freund erbleichte, als ſein ſcheuer Blick in dem Treppen⸗ winkel oben noch immer das bewußte Schlagfaß erſah, und das Zittern ſeines Körpers kehrte zurück. „Nun macht es Euch hier ſo bequem, wie Ihr immer wollt“— ſprach Hüfner, nachdem er ſeinen Gaſt in die graue Stube gebracht hatte.„Wollt Ihr Euch jetzt ſchon zu Bette begeben, ſo thuts in Gottesnamen. Außerdem aber habt Ihr hier einige Bücher, durch de⸗ ren Leſen Ihr Euch die Grillen und die Zeit vertreiben könnt. Ich aber will noch heute hinüber zu Eurer Frau gehen und ſie in Hinſicht Eurer aushorchen.“ Freund dankte dem Nachbar nur durch einen zit⸗ ternden Händedruck und durch einen unbeſchreiblichen Blick, der dem Kupferſchmidt bis ins innerſte Mark drang. Hüfner begab ſich hierauf zu ſeiner Nachbarin hin⸗ über, um ihr mit aller Vorſicht die Kunde von der un⸗ verhofften Ankunft ihres Mannes beizubringen. Als nun Frau Freund ſammt ihren Kindern in ſtürmiſcher Eile und großer Freude hinüber in des Kupferſchmidts Haus dringen wollte, um den Gatten und Vater willkommen zu heißen und ihn in ſein Haus zu führen: da ſprach Meiſter Hüfner mit Entſchiedenheit: „Mit nichten! Frau Nachbarin! Der Gebrannte darf und ſoll ſich des Feuers fürchten. Wer bürgt Ihnen 138 dafür, daß Ihr Mann wirklich als ein durchaus Ge⸗ beſſerter zurückkehrt? Lehrt uns nicht vielmehr die Er⸗ fahrung, daß die meiſten Züchtlinge noch weit verdorbe⸗ ner aus ihrer Strafanſtalt hervorgehen? Wenn Ihr Mann jetzt ſo zerknirſcht und reumüthig ſich zeigt, ſo kommt das wohl nur daher, weil er in der Strafanſtalt ſeinem Laſter des Trunkes und Spielens nicht fröhnen durfte. Machen Sie ihm aber den Rücktritt in ſeine frühere, genußreiche Lage gar zu leicht: ſo ſteht zu be⸗ fürchten, daß er auch wieder in ſeine alten Untugenden zurückfällt. Folgen Sie alſo meinem Rathe! Heute ſehen Sie Ihren Mann nicht, ſondern erſt morgen früh. Dann machen Sie ſich feſt, ja ſelbſt hart gegen ihn und ſagen ihm, daß Sie von ihm eine Probezeit verlangen, in welcher es ſich ausweiſen ſoll, vb er Ihrer noch würdig ſei oder nicht. Ich habe ihm bereits mitgetheilt, daß es nur auf Sie ankomme, daß Sie von Ihrem Manne gänzlich geſchieden ſein würden und daß er von Ihnen durchaus nichts verlangen könne. Geht er dieſe Probezeit ein, ſo überlaſſen Sie mir dann deren Aus⸗ füllung. Das geloben Sie mir mit Hand und Mund und bedenken Sie wohl, daß Ihr und Ihrer Kinder Glück auf dem Spiele ſteht.“ Frau Freund ſah das Gutgemeinte dieſes Rathes ein und gab ihr Wort. Als die Seifenſiederin nach einer durchwachten Nacht am Morgen ihren Gatten in des Nachbars Hauſe be⸗ ſuchte, blieh dieſes Wiederſehen billig ohne fremde Zeu⸗ —— 139 gen. Wohl aber vernahm die Kupferſchmidtsfamilie deutlich das laute Weinen und Schluchzen des Ehepaa⸗ res und ſchon fürchtete Hüfner, daß Frau Freund ihres gegebenen Wortes uneingedenk geweſen ſein möchte. Dem war aber nicht ſv. „Meine Frau iſt ein Engel“— ſprach ſpäter Freund mit verweinten Augen zum Kupferſchmidt—„und will mich wieder zu Gnaden annehmen, wenn ich mich einer Probezeit unterwerfe. Sie hat mich an Euch gewieſen, wie ich dieſe Probezeit ausfüllen ſoll.“ „Das ſoll geſchehen“— entgegnete Hüfner herzlich —„und zwar indem ich Euch zu meinem Kupferſchmidts⸗ lehrling annehme. Seid Ihr das zufrieden, ſo ſchlagt mit Eurer Hand ein. Thut Ihr gut, ſo verſpreche ich, Euch ſchon nach Jahresfriſt loszugeben. Topp alſo es gilt!“ Meiſter Hüſner war ein Mann, der ſeine Leute richtig zu ziehen wußte. Er behandelte ſeinen neuen Lehrling mit einer milden Strenge, welche bei Freund ganz am rechten Orte war. Dieſer erhielt mit den übri⸗ gen gleiche Koſt, allein nur des Sonntags ein Glas Bier; Branntwein aber gar nicht, der überhaupt nicht in Hüfners Hauſe zu ſehen war. Zweimal nur in der Woche, Mittwochs und Sonntags, durfte Frau Freund nebſt ihren Kindern ihren Mann zu beſuchen kommen, welcher in ſeinen arbeitsfreien Stunden meiſtens mit dem Leſen nützlicher und anziehender Bücher ſich be⸗ ſchäftigte. Aus einer natürlichen Scham vermied es 140 Freund, ſich oft auf der Straße zu zeigen, und wenn er ja in Aufträgen des Meiſters ausgehen mußte, ſo wählte er gewöhnlich das abendliche Dunkel dazu. Eines Tages ſagte Meiſter Hüfner zu ſeiner Gattin mit zufriedenem Lächeln:„Hörſt du das ſchallende Häm⸗ mern in meiner Werkſtatt? Es rührt von demſelben Manne her, welcher vor Zeiten wegen meines Hämmerns nicht in ſeiner Wohnung zu bleiben vermochte und des⸗ halb zum lüderlichen Menſchen wurde. So viel thut die Gewohnheit! Nun, bis jetzt habe ich alle Urſache, mit meinem hochbejahrten Lehrlinge zufrieden zu ſein. Wenn er ſo fortfährt, kann er binnen Jahresfriſt nach vollbrachter Arbeit wieder an dem Fenſter ſeines vor⸗ maligen Hauſes ſitzen und Reiſebeſchreibungen unge⸗ ſtört leſen.“ Nach Verlauf eines Vierteljahres, während deſſen Freund in ſeiner Beſſerung beharrlich fortgeſchritten war, erlaubte ihm ſein Meiſter, die Abende drüben in dem Kreiſe ſeiner Familie zuzubringen. Wiederum nach einem Vierteljahre ging Frau Freund in Geſellſchaft ihrer Kinder und ihres Mannes öffentlich aus, und ſo trat nach und nach der vormalige Züchtling immer mehr in ſeine früheren Rechte der bürgerlichen Geſellſchaft ein, ohne daß er jedoch zugleich ſeine frü⸗ heren ſchlimmen Gewohnheiten mit angenommen hätte. Während dem hatte ſich Freunds Ausſehen und körperliches Beſinden außerordentlich gehoben. Eine ſtille Verklärung lag über ſein wieder wohlgenährtes und ge⸗ . 141 ſund ausſehendes Antlitz ausgebreitet und das ſcheue, niedergedrückte und ängſtliche Weſen war verſchwunden. Jedermann ſchätzte nun wieder den beſcheidenen, höflichen und fleißigen Mann und zwar um ſo höher, als man einſah, welche große Selbſtüberwindung und Beharr⸗ lichkeit eine ſolche Wiedergeburt erfordere. An dem Jahrestage der Rückkehr Freunds aus der Strafanſtalt war große Bewegung in deſſen Hauſe. Es wurde gekehrt, geſcheuert, gebraten, gekocht und gebacken. Frau Freund ſchmückte ihre Wohnſtube aufs Beſte, ließ ihren Kindern die Sonntagskleidung anlegen, Wein⸗ flaſchen herbeiholen und bereitete eine große Abendtafel vor, deren weißes Gedeck nebſt dem blanken Zinngeräthe gar herrlich in dem Glanze der vielen aufgeſteckten Lichter ſchimmerte. Später ſendete Frau Freund ihre Tochter Hannchen hinüber zum Kupferſchmidt mit der Botſchaft: „Kommt, denn Alles iſt bereitet!“ Darauf nahm das feſtlich angezogene Chepaar Hüf⸗ ner den nicht minder geputzten Freund unter die Arme und führten ihn, wie einſt die beiden Engel den frommen Lot aus Sodom, hinüber in ſein oder vielmehr in Hein⸗ richs Haus. Heinrich und Herrmann dagegen thaten mit Hannchen, wie ihre Aeltern mit deren Vater. Meiſter Freund, welcher gar wohl wußte, welch' ein bedeutungs⸗ voller Tag der heutige ſei, und ſich nur zu ſehr daran erinnerte, in welchem Zuſtande er zu derſelben Zeit im vorigen Jahre zum Meiſter Hüfner gekommen, war tief bewegt und darum ſtumm. Er weigerte ſich, den ihm 142 zugedachten Ehrenplatz oben an der Abendtafel einzu⸗ nehmen; jedoch mußte er endlich nachgeben. Zu ſeiner Rechten kam Meiſter Hüfner, zur Linken der wackere Seifenſiedergeſelle zu ſitzen, welcher bisher der Seifen⸗ ſiederei vorgeſtanden hatte. Neben dieſen beiden Män⸗ nern nahmen Frau Hüfner und Frau Freund Platz, ferner der Bäckermeiſter Krumbt mit den Seinen, und dann die munter ausſehenden und wohlgenährten Kinder der beiden Nachbarsfamilien. Freunds Stimme zitterte vor tiefer Rührung, als er nach manchem Jahre zum erſtenmale wieder das übliche Dankgebet ſprach, und Schluchzen erſtickte ſeine letzten Worte. Ein Bild ſchwebte ihm vor den Augen, auf welchem er ſich knieend und mit gefalteten Händen vor Meiſter Hüfner erblickte. Ja, es war ein bedeutungs⸗ voller Abend, der heutige! Dieß fühlten auch alle übri⸗ gen Anweſenden und darum ward die kräftige Suppe unter einer tiefen Stille genoſſen. Dann aber erfaßte Meiſter Hüfner ſein volles Weinglas, erhob ſich vom Sitze und redete den Meiſter Freund mit herzlicher Stimme alſo an: „Mein lieber Nachbar und Freund! Mit rühmlicher Treue und Arbeitſamkeit habt Ihr Euer Lehrjahr be⸗ ſtanden. Darum ſpreche ich Euch jetzt nicht nur von Eurer Lehrzeit los, ſondern ernenne Euch zugleich, an⸗ ſtatt zum Geſellen, zum Meiſter. Doch nicht zum Kup⸗ ferſchmidt⸗, ſondern zum Seifenſiedermeiſter, welcher Euch jedenfalls lieber ſein wird wie jener. Kehrt wieder —— 143 zu den Eurigen und in Euer Haus zurück. In Euer Haus, ſage ich. Durch die Treue und den Fleiß dieſes, Euers wackern Werkführers, ſo wie durch die Spar⸗ ſamkeit Eurer lieben Frau ſind bereits 500 Thaler auf das Haus abgetragen und ein Leichtes wirds Euch ſein, die noch übrigen 800 Thaler, welche mein Sohn Hein⸗ rich an Euch zu fordern hat, nach und nach zu erübrigen. Dieſem braven Geſellen hier verdankt Ihrs, daß Ihr eine völlig eingerichtete und wohl angebrachte Seifen⸗ ſiederei wiederfindet, deren reiche Kundſchaft Ihr Euch zu erhalten wiſſen werdet. Dieſer gute Geſell, welcher jetzt ſelbſt Meiſter wird und ſeine eigene Handthierung anfängt, war ein frommer und getreuer Knecht. Darum wirds ihm unſer Herrgott gewiß immer wohlgehen laſſen. Endlich aber wird Euch Eure unvergleichliche Frau ſa⸗ gen, daß ſie Euch wieder als ihren herzgeliebten Gatten und Hausvater annehmen und mit Euch in aller Gottes⸗ furcht und Ehrbarkeit die Kinder groß ziehen will, welche Euch der Herr geſchenkt hat. Haltet Eure Frau als die köſtlichſte Perle in Euerm Hauſe und vergeſſt nimmer, was ſie für Euch gethan und geduldet hat. Und nun das Glas zur Hand! Auf Euer und Eurer Familie Wohlſein und Glück!“ Aber Meiſter Freund vermochte weder das Glas zu erfaſſen, noch einen Schluck zu trinken. Er ſchluchzte vielmehr wie ein Kind, und ſchluchzend umarmte er den getreuen Nachbar, die getreue Gattin, den getreuen Ge⸗ ſellen und all' ſeine übrigen Lieben und Gäſte. Als Freund endlich zu ſprechen vermochte, ſagte er zum Kupferſchmidt:„Was und wo wär' ich jetzt ohne Euch?! Gott lohne Euch tauſendfach, was Ihr an mir und den Meinen gethan habt. Er ſegne Euch und die Euren bis ins tauſendſte Glied! Ach, hätten doch Alle einen ſolchen getreuen Nachbar!“— „Macht mich nicht ſchamroth, Nachbar!“— ver⸗ ſetzte Hüfner.—„Ich hatte ja helfen den Karren hin⸗ einſchieben; da wars ja wohl auch meine Pflicht, ihn wieder herausziehen zu helfen. Uebrigens haben Alle, die Ihr hier um Euch ſeht, freudig mitziehen helfen. Vor Allem aber laßt uns Den erheben, ohne deſſen Se⸗ gen all' unſre Anſtrengungen fruchtlos geblieben ſein würden. Darum laßt uns fröhlich ſingen: „Allein Gott in der Höh ſei Ehr“ „Und Dank ſei ſeiner Gnade!“— ſiel der ganze Chor einſtimmig und andächtig ein. Sie ſangen den Vers zu Ende und gaben ſomit dem Gaſtmahle die rechte Weihe. Dann erſt wurden ſie recht fröhlich und, wie man ſagt, in ihrem Gott 1 vergnügt. Frau Freund verglich ſich in ihrer Freude 1 und in ihren Gedanken mit dem Vater in der Bibel, zu welchem der verlorene Sohn reumüthig und als ein gebeſſerter Menſch zurückkehrt. Ueber den Fröhlichen aber that ſich der Himmel auf und die himmliſchen Heerſchaaren muſicirten gar lieblich und ſangen mit unnachahmlichen Stimmen, und vor allen Engeln war große Freude über einen Sünder, —— — 145 der da Buße gethan hatte, und dieſer Sünder war Freund, der wieder glücklich gewordene Gatte und Vater. Freund blieb auch gebeſſert bis an ſein Ende; denn ihm ſtanden zwei gute Engel, Freunds Gattin und Nachbar Hüfner, zur Seite und hüteten ſeiner, daß er weder zur Rechten, noch zur Linken abwich. Funke, der betrügeriſche Collecteur, kam dagegen, wegen wiederhol⸗ ter Schelmereien, ins Zuchthaus. Freund ſtarb vor ſei⸗ ner Gattin und dieſe blieb bei ihrer älteſten Tochter Hannchen wohnen, welche Heinrichs Gattin geworden war. Heinrich Hüfner wurde nach ſeines Schwieger⸗ vaters Tode Beſitzer von deſſen Hauſe und der Seifen⸗ ſiederei, während Auguſt Freund in einer andern Stadt des Voigklands eine Heimath, eine brave Gattin und ſein gutes Auskommen fand. Herrmann Hüfner dagegen wurde ein tüchtiger Kupferſchmidtmeiſter, welcher ſeine Aeltern im Alter beſtens abwartete und eine jüngere Tochter Freunds heirathete, ſo daß die beiden Brüder durch doppelte Bande an einander gekettet wurden. Daß ſie einander die getreueſten Nachbarn waren und blieben, verſteht ſich von ſelbſt. Fortan behauptete jener denkwürdige Keſſel als Kupferſchmidtszeichen ſeinen Platz an der Eiſenſtunge vor Herrmanns Hauſe, ſo wie die hölzernen Lichterbündel und Seifenriegel den ihrigen gegenüber. Und wenn der Wind wehte, ſo winkten dieſe todten Nachbarn ſchankelnd einander einen nachbarlichen Nieritz. Die Nachbarn. 10 146 Gruß zu. Grüßend nimmt hier auch der Erzähler von ſeinen lieben Leſern Abſchied, indem er noch hinzufügt, daß es dem gutmüthigen Platzbäcker Krumbt ſammt den Seinen ebenfalls ſtets recht wohl ging, denn: Stug ſud vi Friedfertigen! . ——————— Druck von ₰. nietack in Berlin. i 15 1 17 18 19 6