—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſt eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen Zurück § W — —e en, bei Entgegennahme n entſprchende Summe gabe von mir zurückerſtattet ——— wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 W.— 1F. „ 5 S6„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für „„„ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werven.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichter⸗ Ausſeihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7, , Jugend⸗Ribliotheß. Herausgegeben von G uſtav Nieritz. . Achtzehnter Zahrgang. Sechſtes heſt. 1 u Lingg von Linggenfeld. Leipzig, Voigt& Günther. 1857. A S — Lingg von Linggenfeld. Gin deutscher Biedermann. Von Guſtav Nieritz. — Erſtes Aapitel. Die Begegnung. Es war im Auguſtmonat des Jahres 1805. Der Wind ging ſchon kühl über die Stoppeln, doch ſchwitzend die Familie des Handarbeiters Woller, aus der kurheſſi⸗ ſchen Stadt Hersfeld, über jene daher. Die Mutter, eine rüſtige Frau in den dreißiger Jahren, bildete die Spitze des kleinen Zuges, zwei Knaben und eben ſo viele Mäd⸗ chen, von denen letzteren das jüngſte noch nicht vier Jahre zählte, folgten der mütterlichen Anführerin nach. Sie kehrten von einer rbeit heim, welche, nach der Ver⸗ treibung unſers ſündigen Aeltern paares aus dem Paradieſe, eine der erſten und älteſten iſt und durch die treue Kin⸗ vesliebe einer Ruth keinen ſchlechten Klang erhalten hat. Das Ergebniß eines durchſchwitzten Tages und eines anhaltenden Bückens füllte den Tragkorb der Frau, ſo wie die Ruͤcken und Hände der Kinder, welche die auf⸗ geleſenen Aehren in Bündel gebunden hatten und ſich über deren ſegensreiches Gewicht nur freuten. Frau Woller überrechnete im Geiſte die Zeit, für welche der in dieſen, Tagen eingeſammelte Aerndteſegen, in Brot verwandelt ausreichen werde; ihre vier Küchlein dagegen kümmerten Lingg von Linggenfeld. ——— 2 ſich nicht um die Zukunft, ſondern dachten an die er⸗ ſehnte Abendmahlzeit, die, von dem Vater zubereitet, ihrer daheim wartete. Die Kinder betrachteten das ihrer har⸗ rende Mahl als eine Schadloshaltung für das heutige Mittageſſen, das nur aus trocknem Brote und matt ge⸗ wordenem Waſſer beſtanden hatte, jedoch vom Durſt und Hunger gewürzt worden war. Ueberdieß waren die Brot⸗ ſtückchen ziemlich klein und ſehr ſchwarz geweſen, denn bekanntlich zählten die Jahre 1804 und 1805 zu den großen Hungerjahren, wo der Preis des Getreides auf das Vier⸗, ja Fünffache geſtiegen war. Um ſo größer war aber auch die Freude der Familie über den einge⸗ ſammelten Brotſegen, denn in der Noth des Darbens er⸗ kennt man erſt recht den Werth der göttlichen Gnaden⸗ gaben. „Ob ich wohl dreiviertel ſo viel geleſen habe als unſere Mutter?“ fragte Valentin, der älteſte Knabe, ſeine nach ihm geborene Schweſter Thereſe. Dieſe verglich mit den Augen den Inhalt des mütter⸗ lichen Korbes mit der Bündellaſt ihres Bruders und ver⸗ ſetzte dann kopfſchüttelnd:„Wo denkſt du hin. Vale! Nicht halb ſo viel!“ „Ha! Du gönnſt mir's mur nicht“— rief Valentin ärgerlich aus—„habe ich mich doch gewiß hunderttau⸗ ſendmal mehr gebückt, wie unſere Mutter, und ſollte nicht halb ſo viel aufgeleſen haben?“ „Das Bücken allein macht es nicht aus“— lachte Thereſe—„ſonſt müßte unſere Linel das Meiſte einge⸗ ſammelt haben. Sieh' ihr kleines Bündel an, das ſie ſo 3 zärtlich und ſorgſam in ihren Armen trägt wie ihr ge⸗ liebtes Püppchen. Enthält es noch obendarein meiſtens nur Strohhalme ohne Aehren!“ „Sie iſt ſo ſtolz darauf“— hob Herrmann an— als ob ſie ein ganzes Kornmagazin umfaßte.“ „Nicht ein Groſchenbrot kann man aus dem ganzen Bündel backen,“ ſpottete Valentin. „Verderbt dem Kinde die Freude nicht“— ermahnte Frau Woller.„Unſere Linel hat nach ihren ſchwachen Kräften geſchafft, ſich tapfer gebückt und geſchwitzt, dazu kein verdrießliches Wort fallen laſſen oder eine mürriſche Miene gezogen.“* „Seht! Seht!“ rief jetzt Valentin, Alles vergeſſend aus:„Da kommt Harters Benno mit ſeinem Reitknecht geritten!“ Die Füße ſämmtlicher Kinder wurzelten feſt, und ſo⸗ gar Frau Woller blieb ſtehen, um den ſilberglänzenden Huſarenleutnant zu betrachten, dem ein Reitknecht in ſchmucker Dienſtkleidung nachritt. Der Rath Harter war der Beſitzer des Hauſes, in deſſen Dachſtübchen die Familie Woller wohnte, und der Leutnant Benno ſein jüngſter Sohn, den Valentin und Thereſe ſchon als 15 jährigen Jüngling gekannt hatten. „O wie ſchön!“ ſprach Valentin unter einem tiefen Seufzer, und Thereſe, ſo wie Herrmann, ſtimmten bei. Wirklich war der junge, ſchlankgewachſene und wohlge⸗ bildete Huſarenleutnant in ſeiner reichen und glanzvollen Tracht eine beſtechende Erſcheinung. Er ſaß auf einem ſtolzen Rappen, der ſo ſchwarz wie Ebenholz war und * 4 wie ein blankgewichſter Stiefel glänzte. Unwillig kauete das edle Thier an ſeinem Gebiß, ſo daß der milchweiße Schaum ſeine ſchwarze Bruſt in vielen Flocken bedeckte. Als kenne es die Schönheit ſeines Reiters, erhob es ſtolz ſeinen Kopf und ſeinen Schweif, während es durch die weitgeöffneten Nüſtern brauſend ſeinen Athem hervorſtieß und die Füße, leicht wie im Tanze, bewegte. „Wenn ich groß bin“— ſprach Valentin mit Feuer —„ſo werde ich, was Harters Benno iſt.“ „Du?“ verſetzte die Mutter ſpöttiſch.„Nicht einmal bis zum Reitknecht bringſt du es. Wo denkſt du hin, einfältiger Junge? Der Rappe allein koſtet 100 baare Ducaten und der Fuchs des Reitknechts mindeſtens halb ſo viel. Rechneſt du hierzu das Uebrige, was ein Hu⸗ ſarenleutnant zu ſeiner Ausrüſtung bedarf, ſo langen 1000 Thaler kaum. Woher willſt du dieſe nehmen? Wenn ich mir ja Etwas wünſchte, ſo wäre es der Ha⸗ fer, den der Rappe allein, Jahr aus, Jahr ein, verzehrt. Hätten wir den, ſo brauchten wir insgeſammt weder Brot zu kaufen, noch Aehren zu leſen. „Wie?“ fragte Thereſe erſtaunt—„ein einziges Pferd fräße ſo viel als wir ſechs zuſammen brauchten?“ „So iſt's!“ ſprach die Mutter—„darum koſtet auch die Erhaltung eines Pferdes ſo viel. Und nun bedenkt einmal, was erſt es koſten mag, um die ſämmtlichen Rei⸗ terregimenter, die unſer Kurfürſt beſitzt, zu erhalten! Die vielen Pferde noch gar nicht gerechnet, welche vor die Kanonen und Kriegswagen geſpannt und von den In⸗ fanterieofficieren und deren Dienern geritten werden.“ 5 „Warum aber hält denn unſer Kurfürſt ſo viele Reiterregimenter und Soldaten, wenn ſie ſo viel koſten?“ * fragte Herrmann. „Damit kein Feind ihm das Land nehmen kann,“ antwortete Frau Woller. „Wer und wo iſt der Feind?“ forſchte Herrmann weiter. „Das weiß man nicht voraus“— erwiederte die Mutter. „Gewöhnlich iſt's ein mächtiger Herr, der an dem, was rer beſitzt, nicht genug hat und darum nach fremdem Gute und Lande trachtet.“ „O!“ rief Herrmann voll Verwunderung,„ich dachte immer, daß nur arme Leute und aus Noth lange Finger machten. Ei, da ſollte man doch einen ſolchen mäch⸗ igen Herrn auf die langen Finger ſchlagen, daß ihm das Wiederkommen vergänge.“ Dezu ſind eben die Soldaten da“— verſetzte Frau Woller.„Aber gewöhnlich ſehen ſich die mächtigen Her⸗ ren, wenn ſie nach anderen Ländern ſtreben, wohlweislich vor, daß man ſie nicht auf ihre langen Finger ſchlagen kann. Sie laſſen nämlich durch ihre Leute die gebratenen Kaſtanien aus dem Feuer holen und verzehren ſie dann in aller Ruhe. Zwar weiß ich einen mächtigen Herrn, der ſich ſchon mehrmals die gebratenen Kaſtanien ſelbſt und aus dem dickſten Feuer geholt hat. Das iſt der franzöſiſche Kaiſer Napoleon.“ Während dieſes Geſprächs waren der Huſarenleutnant und deſſen Reitknecht der Familie aus dem Geſicht ge⸗ kommen. Dafür zeigte ſich derſelben beim Weitergehen R . 6 ein Trupp Knaben, welche Soldaten und Krieg ſpielten, was alte Leute als eine ſchlimme Vorbedeutung anzu⸗ ſehen pflegen. Man hätte ein ſolches Spiel damals eben ſo gut eine Nachbedeutung nennen können, denn leider war in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts und in den erſten des gegenwärtigen der Krieg an der öfteren Tagesordnung. Wie bei den wirklichen Soldaten, hatte ſich auch bei den kleinen hier einer der Knaben zum Anführer und General aufgeworfen. Derſelbe war gleichfalls ein Be⸗ wohner des Harter'ſchen Hauſes und der Sohn eines Poſtpackers, Namens Andreas Simon. Andreas ſtand in dem Alter von 12 Jahren, war für dieſes Alter mehr klein als groß, beſaß aber einen entſchloſſenen und that⸗ kräftigen Geiſt, den er mit ſeiner Mutter theilte. Indem die Familie Woller in die Nähe des jugendlichen Kriegs⸗ heeres trat, hörte ſie ihren Bausgenoſſen Andreas mit befehlender Stimme ſprechen: „Körners Auguſt und die drei Steinbacher ſind die Franzoſen, Blümmers Gottlob mit ſeinen Brüdern die Oeſtreicher und ich mit Pötzſchens Wilhelm die Preußen. Hanſchen's Margarethe dort ſtellt die Engländer vor und ſieht blos zu, wenn wir Bataille machen. Die Franzoſen beſetzen das Erlenbüſchchen und wir greifen ſie an und treiben ſie in die Flucht.“ „Nicht wahr?“— murrete Körners Auguſt—„zu Franzoſen und zum Durchprügeln ſind wir gut genug? Ich mag kein Franzoſe ſein! Die ſchlechten Franzoſen haben ihren König, ihre Königin und noch viele andere ———— —,— „——— ———— ——— 7 ehrliche Leute gekopft, laufen ohne Hoſen einher und ſollen auch ſonſt greulichen Unfug machen. So hat's uns unſer Lehrer, Herr Tiefenbach, mehr als einmal erzählt. Eine franzöſiſche Frau ſoll ſogar die Finger ihrer kleinen Toch⸗ ter mit Baumwolle umwickelt und dieſe angezündet haben, weil ſie die arme Königin bemitleidet hatte. Stelle du doch die Franzoſen vor, Andreas, und laß uns dafür die Preußen machen.“ „Meinetwegen!“ verſetzte der junge General—„aber dann ſtehe ich euch nicht dafür, daß ihr verliert und von uns geſchlagen werdet. Doch was wäre das für ein Soldatenweſen, wenn jeder Untergebene ſich gegen ſeinen Feldherrn auflehnen dürfte? Ha! wenn ich jetzt kom⸗ mandirte: Rechts um kehrt! vorwärts, marſch in die Fulda hinein, hinübergeſchwommen und das jenſeitige Ufer erſtürmt, ſo müſſet ihr mir Gehorſam leiſten!“ Ein gemeinſames Auflachen, Schreien, Pfeifen und Heulen waren die nächſte Folge dieſer verwegenen Worte. Gleich darauf ſtob der ganze jugendliche Kriegerhaufe aus einander, denn der erzürnte General begann mit ſei⸗ ner hölzernen Waffe derbe Hiebe nach allen Seiten aus⸗ zutheilen. Gerade in dieſem Augenblicke kehrte der Huſaren⸗ leutnant von ſeinem kurzen Ausritt zurück und gerieth unter die toll lärmenden Knaben, die nun ihr Geſchrei verdoppelten. Der Rappe ſcheuete, ſtieg auf die Hinter⸗ füße empor und trieb ſich, während ſein Reiter ihn zu zügeln ſtrebte, in tollen Kreuz⸗ und Querſprüngen umher. Die flinken Füße der Knaben rugen dieſe ſchnell in Sicher⸗ heit vor dem wilden Rappen. Nicht ſo glückte es der 8 beladenen und tödtlich erſchrockenen Frau Woller, die nicht ſowohl für ihr eigenes Leben als für dasjenige ihrer Kinder zitterte. Gleichwie eine zärtlich beſorgte Gluck⸗ henne ihre Küchlein vor einer drohenden Gefahr ängſtlich unter ihre ſchirmenden Flügel zu ſammeln ſucht: ſo Frau Woller, die in Ermangelung von Flügeln ihre Arme feſt um ihre Lieblinge ſchlang und ſie gegen ihren Körper preßte. Aber ach, gerade das jüngſte und darum hilf⸗ bedürftigſte Küchlein überhörte in ſeiner Todesangſt den Zuruf der Mutter und rannte in dem Beſtreben, der Gefahr zu entgehen, derſelben gerade in die Hände. Wäh⸗ rend Valentin, Thereſe und Herrmann ihr erſchrockenes Antlitz an ihrer Mutter bargen, folgte dieſe mit weit offenen, angſtvollen Augen den Bewegungen ihrer kleinen Caroline, die ſie gern an ſich geriſſen hätte, wäre ſie min⸗ der feſt von den übrigen Kindern umſchlungen geweſen. In dem Augenblicke, wo die Mutter ihr Kind zwiſchen den ſtampfenden Pferdefüßen des aufbäumenden Thieres erblickte, ſtießen ihre Lippen einen gellenden Schreckens⸗ ſchrei aus und mit einer Rieſenkraft ſchüttelte ſie ihre drei Kinder von ſich ab. Nicht minder ſchnell flog der hoch⸗ gefüllte Korb von ihrem Rücken zu Boden, ſie ſelbſt da⸗ gegen, jede Gefahr aus den Augen verlierend, zu dem Kinde hin, das ſchreiend zu Boden geſchlagen war und tödt⸗ lich verletzt zu ſein ſchien. Sogleich nachdem das Unglück geſchehen war, hatte der Reiter ſein Roß zum Gehorſam und zur Ruhe zurückgebracht. Während die Mutter, außer ſich vor Schmerz, über ihr jüngſtes Kind ſich hinwarf und es in ihre zitternden Arme ſchloß, ſprang der Huſaren⸗ 8 officier vom Pferde, das er dem Reitknecht übergab, und näherte ſich mit beſorgter Miene der Schmerzensgruppe, die durch die übrigen Geſchwiſter Carolinens vermehrt worden war. Auch die zerſprengte Kinderarmee näherte ſich wieder und umringte voll Neugierde und Theilnahme die Wollerſche Familie. Dabei warfen ſich die Knaben heimlich ſelbſt vor, daß ſie einen großen Antheil der Schuld bei dem geſchehenen Unglck trügen. „Iſt die Kleine ſehr beſchädigt?“ fragte der junge Huſar mit großer Theilnahme die Mutter. „Mein armes Kind!“ weinte dieſe.—„Es ſtirbt!“ Dieſe Worte riefen bei Linchens Geſchwiſtern einen Aufſchrei des tiefſten Schmerzes hervor. „Sehen wir, wo und wie das Kind verletzt worden iſt,— fuhr der Huſar fort, indem er die Kleine zu unterſuchen begann. „Da kommt Blut gelaufen!“ ſchrie Thereſe voll Ent⸗ ſetzen. „Das rechte Bein ſcheint einen Tritt erhalten zu haben“— ſprach der Leutnant—„oder nur von dem Pferdehufe geſtreift zu ſein. Der Kopf iſt unverletzt, ſo auch der Leib, der durch das dicke Aehrenbündel geſchützt worden iſt.“ Wie bei jedem Unglück ein Glück vorzukommen pflegt, ſo auch hier. Linchen hatte ihr Aehrenbündel, von wel⸗ chem Thereſe vorhin geſagt hatte, daß es die Kleine wie eine Puppe feſthalte, auch dann nicht losgelaſſen, als ſie mit dem ſcheuen Rappen zuſammengetroffen war, und dieſer Umſtand vornehmlich zu ihrer Erhaltung beigetragen. 10 Ein Freudenruf glitt über die mütterlichen Lippen und ſchnell verklärte ſich das bisher tief bekümmerte Ant⸗ litz der Frau, als Linchen jetzt ihre braunen Augen auf⸗* ſchlug und munter um ſich blickte. „Meine Kornähren!“— war ihr erſtes Wort—„Iſt das böſe Pferd nicht mehr da? Wir wollen heimgehen, Mutter! Der Vater wird mit dem Eſſen auf uns war⸗ ten.“ Carlinchen gedachte ſich jetzt auf die Beine zu machen, doch da rief ſie weinerlich aus:„Mein Bein! Mein Bein! O Mutter, Blut! Blut! Daß der Anblick des Blutes die Kinder in der Re⸗ gel mehr in Schrecken verſetzt, als eine andere bedeuten⸗ dere Verletzung ihres Körpers! Der Leutnant zog ſein feines Taſchentuch hervor und ſchlang es um das blutende Bein des Kindes.„Schaffe Sie die Kleine ſchnell nach Hauſe,“— gebot er der Mutter. „Indeß will ich für einen Wundarzt ſorgen. Beruhige Sie ſich, Frau Woller! Ihre Linel wird bald wieder auf die Beine gebracht ſein.“ Nach dieſen Worten beſtieg der Leutnant ſeinen Rap⸗ pen und ſprengte davon. Frau Woller nahm ihr Kind auf den Arm und trat, von ihren übrigen Kindern, welche der Verletzten Troſt einſprachen, begleitet, den Heimweg an. Linchen hielt noch immer ihr Aehrenbündel feſt gegen* ihre Bruſt gedrückt, während ihre Mutter und Geſchwiſter mit keinem Athemzuge an die Frucht ihrer heutigen ſauern Arbeit dachten. Der Korb mit ſeinem werthoollen In⸗ halt, ſo wie die reichen Aehrenbündel der drei älteren Kinder würden daher verloren geweſen oder die Beute —— 11 fremder Leute geworden ſein, wenn ſich ihrer nicht Andreas angenommen hätte. Dieſer junge General hielt es nicht unter ſeiner Würde, die umhergeſtreuten Aehrenbündel ſorglich zuſammenzuſuchen, den gefüllten Tragkorb der Frau Woller auf ſeinen Rücken zu verſetzen und die Bürden, die er nicht allein fortzutragen vermochte, einigen ſeiner Kameraden aufzuladen, die ſich auch willig zu dieſem Lie⸗ besdienſte hergaben. 5 Der Handarbeiter Woller hatte indeß die Rückkehr der Seinen mit großer Sehnſucht erwartet und er ſich dabei eine große Freude eingebildet. Er gedachte nämlich, Frau und Kinder mit einem köſtlichen Gerichte zu über⸗ raſchen: mit einer halben Metze neuer Kartoffeln, den erſten, die heuer auf den Tiſch der Arbeiterfamilie kommen ſollten. Sogar für einen Trunk Bieres hatte er geſorgt, weil er fürchtete, daß der Genuß von Waſſer auf neue Kartoffeln den Kindern leicht ſchaden dürfte. Seine Freude wandelte ſich plötzlich in tödtliches Erſchrecken um, als ſeine jammernde, leichenblaſſe Frau mit dem blutbefleckten Kinde auf dem Arme, als ſeine übrigen Kinder weinend und durcheinander rufend, als der Huſarenleutnant mit jenen faſt zugleich und in Be⸗ gleitung eines Wundarztes, als ein Haufe theilnehmender und neugieriger Nachbarn in das kleine Dachſtübchen ein⸗ traten und es gänzlich anfüllten. Der bittere Groll aber, der ſich gegen den Urheber des unglicklichen Vorfalls in harten Worten ausſprechen wollte, erſtarb jedoch, als Woller das tief bekummerte Antlitz des Huſarenleutnants ſah und er von ſeinen Kindern die näheren Umſtände 12 erfuhr. Der Wundarzt unterſuchte nun Linchens Körper und die erlittene Verletzung auf das Sorgfältigſte und erklärte endlich die letztere für nicht gefährlich. Der Schreck war auch hier das Aergſte geweſen. Wenn auch, erklärte der Wundarzt, ein leichtes Wundfieber ſich einſtellte, ſo würde ſolches nicht lange anhalten und das Bein ſchon binnen einer Woche wieder geheilt ſein, dafern kein Ver⸗ ſehen in der Abwartung der Kranken geſchähe. Dieſer Ausſpruch des Arztes verwandelte die bis⸗ herige Angſt und Sorge der Aeltern und Geſchwiſter Ca⸗ rolinens in eben ſo großes Entzücken. Es war, als ſei ihnen Allen das liebe Kind neu geſchenkt worden. Aber als endlich das Stübchen von den vielen fremden Be⸗ ſuchern leer geworden war und Woller nun erſt an das von ihm bereitete Abendmahl dachte: da waren die theu⸗ ern, neuen Kartoffeln theils zu Mus gekocht, theils durch das Erkalten hart und ſchliffig geworden, der Krug mit dem Bier aber lag umgeſtoßen auf den Dielen und ſein Inhalt verſchüttet. „Immerhin!“ ſagte Woller ergeben.„Beſſer die Kartoffeln ſind verdorben und das Bier iſt dahin, als unſer Linchen. Kartoffeln und Bier kann man bald wie⸗ der anſchaffen, doch nicht ein verlornes Leben oder zer⸗ brochene Glieder.“ „Aber unſere Aehrenleſe!“ rief Frau Woller betroffen aus, als ſie durch das Aehrenbüuͤndel Linchens jetzt erſt an ihr heutiges Tagewerk erinnert worden war.„Hurtig, hurtig Kinder! hinaus auf die Unglücksſtelle, ehe man uns den Korb ſammt unſrer ganzen Aerndte entführt.“ — —— —— — ,— 13 Die drei geſunden Kinder folgten ihrer aus der Stube eilenden Mutter auf dem Fuße nach. Die Letztere aber wäre beinahe über ihren mit Aehrenbündeln hoch ange⸗ füllten Tragkorb hinweggefallen, der außen in der Nähe der Treppe ſtand, wo auch die Aehrenbündel der Kinder über einander geſchichtet lagen. „O welcher gute Geiſt hat uns dieſen Gefallen er⸗ zeigt?“ fragte Frau Woller freudig.„Schaut her, Kinder, wie liebevoll man ſich unſter in der Noth angenommen hat!“ Die Kinder traten herzu und ergoſſen ſich nobſt ihrer Mutter in Lob⸗ und Dankesworte gegen den oder die unbekannten Dienſterweiſer. Deren Rädelsführer, General⸗ Feldmarſchall Andreas Simon, welcher etwas tiefer auf der Treppe ſtand und Ohrenzeuge ſeines Lobes ward ſchlich ſich jetzt leiſe auf den Zehen davon. Doch fühlte er in ſich eine weit größere Freude, als wenn er die Fran zoſen aus dem bewußten Erlenbüſchel verjagt und weid⸗ lich ausgeklopft hätte. Eine zweite Ueberraſchung wurde der Arbeiterfamilie zu Theil, nachdem ſie mit dem erbeuteten Aerndteſegen in ihrer Stube zurückgekehrt war. In dieſelbe trat des Raths Harter Köchin, einen vollen Handkorb mit aller⸗ lei kräftigen Eßwaaren, unter denen ſich auch ein Fläſch⸗ chen Wein befand, an ihrem Arme tragend, deſſen Inhalt ſich die Wollerſche Familie auf den gehabten Schreck gut ſchmecken laſſen ſollte. „Harters ſind gut“— ſprach Frau Woller, nachdem ſie dankbar die Liebesgabe in Empfang genommen und 14 deren Trägerin ſich entfernt hatte.„Sie ſind Alle gut, bis auf den Huſarenleutnant herab. Ich glaube, daß Harters Benno ſich lieber ſelbſt von ſeinem Rappen hätte treten laſſen, wenn er dadurch hätte unſerm Linchen die Schmerzen erſparen können.“ „Harters Benno iſt gut!“ wiederholte ſpäter die ge⸗ ſLnte Familie Woller, als der Huſarenleutnant noch vor dem Schlafengehen ſich nach Linchens Befinden er⸗ kundigte, an des Kindes Lager ſich hinſetzte und der Fie⸗ bernden tröſtend zuſprach. „Wie ſteht's, Vale!“ ſprach Thereſe zu ihrem Bruder, als der Huſar wieder fort war,„möchteſt du noch immer werden, was Harters Benno iſt? Einen wilden Rappen reiten, der kleinen Kindern die Beine und wohl gar die Rippen zertritt? Ja, durch den ſein eigner Herr noch einmal den Hals brechen kann?“ Valentin blieb auf dieſe Frage ſeiner Schweſter die Antwort ſchuldig. Doch meinte er bei ſich ſelbſt, daß ihm ſeine eigenen Beine tauſendmal lieber ſeien als Pferde⸗ füße, und daß jedes Ding auch ſeine Kehrſeite habe. Zweites Rapitel. Die Rachbarſchaſt. Wollers Kinder, von den Mühen des verwichenen Tages erſchöpft, ſchliefen ſehr bald und feſt ein. So auch Caroline, obſchon ihr das verletzte Bein ſchmerzte 15 und ihr ein Wundfieber zugezogen hatte. Daſſelbe be⸗ wirkte, daß die Kleine laut im Schlafe ſprach, ſchrie, weinte, auch wohl lachte, und ſich unruhig umherwarf. Das Letztere und eine Verſchlimmerung des verwundeten Gliedes zu verhüten, brachte Frau Woller die Nacht wachend an dem Lager ihres Kindes zu. Die Kraft hierzu verlieh ihr allein die zärtlich beſorgte Mutterliebe, ſo d ſie trotz ihrer großen Müdigkeit und Schlafſucht das Mu terauge offen zu erhalten vermochte. Zwar hatte ſich Woller zum Krankenwächter erboten, doch ſeine Frau die⸗ ſes Anerbieten zurückgewieſen, weil, wie geſagt, die Mut⸗ terliebe ſtärker, ſorglicher und ſanfter waltend iſt als jede andere Kraft. Frau Woller hatte eine gute Erziehung gehabt und war gebildeter als man ihrem niederen Stande zugetraut hätte. Sie ließ die Bilder des heutigen Tages, ſo wie ihr ganzes bisheriges Leben, vor ihren geißigen Augen vorübergehen und fand genügende Urſache, mit vollem Herzen der göttlichen Fürſehung zu danken. So ruhig und ſtill es um ſie her war, ward es auch in ihrem Innern. Dieſe Sabbathruhe wurde jedoch unterbrochen, indem ſtark tönende Tritte die Holztreppe heraufſtampften, mit harter Fauſt an die Thüre der Nachbarwohnung ge⸗ pocht wurde, und als dieſe nicht ſogleich ſich öffnete, eine grobe Mannsſtimme wild zu fluchen und ſchimpfen begann. Dieſes Fluchen und Schimpfen währte auch dann noch fort, nachdem der Mann in die Stube getreten war und deren Thüre ſchallend hinter ſich zugeſchlagen hatte. Eine bittende Frauenſtimme ſuchte vergeblich den 16 Zürnenden zu beruhigen. Durch die dünne Zwiſchen⸗ wand vernahm Frau Woller die Worte:„Lieber Bold, ſchone doch dein krankes, elendes Kind und beunruhige unſere Nachbarn nicht, deren jüngſtes Kind von einem Pferde getreten worden iſt und der Ruhe pflegen ſoll.“ „Ei, was ſchere ich mich um alle elenden und ge⸗ tenen Würmer in der Welt!“ verſetzte der Mann. „Bis tief in die Nacht hinein habe ich mich geſchunden. um bei der Theuerung das tägliche Brot zu erſchwingen. Und nun ich müde und hungrig nach Hauſe komme, finde ich meine Wohnung feſt verſchloſſen und Frau und Kind auf der faulen Bärenhaut liegen. Dazu ſoll ich ſtill ſchweigen? Iſt das der Lohn und Dank für mein ſau⸗ res Schaffen, he?“ „Dein Eſſen ſteht hier auf dem Tiſch und die halbe Kanne Bier dabei,“ verſetzte die Frau.„Um das theure Oel nicht zu verbrennen, ſaß ich im Finſtern und war nur eben eingenickt, als du kamſt. Du ſelbſt haſt mir geboten, die Thüre nicht unverriegelt zu laſſen und kannſt wohl kaum eine halbe Minute draußen gewartet haben. Warum plageſt du dich aber auch bis ſpät in die Nacht hinein? Du wirſt deine Geſundheit dadurch aufreiben. Du verdienſt wenigſtens noch einmal ſo viel als Wollers und gleichwohl verthun wir nicht ſo viel als dieſe, da wir nur ihrer drei und ſie ihrer ſechs ſind, überdieß Gun⸗ del ſo gut wie nichts zu ſich nimmt.“ „Rede mir nichts von Wollers, dieſem lüderlichen, Alles verpampenden Volke vor, das nur an heute, nicht an morgen denkt— erwiederte Bold.„Dank wiſſen „ — 17 ſollteſt du mir, daß ich auf einen Spar⸗ und Nothpfen⸗ nig halte.“ „O Bold“— bat die Frau ängſtlich— bedenke doch, daß man jedes deiner Worte drüben hören kann. Wenn dich nun Wollers wegen deiner Schimpfreden ver⸗ klagten?“ „Ei was!“ ſchrie Bold—„In meinen vier Pfählen kann ich reden und thun, was mir beliebt, und wem das nicht gefällt, mag ſich fortſcheeren. Winſele mir nicht die Ohren voll, Frau! oder es ſetzt etwas Warmes. Ich bin gerade, wie ich ſein ſoll.“ Hier miſchte ſich eine erſt klagende, dann weinende Kinderſtimme in den ehelichen Zwiſt und Frau Bold hob flehend wieder an:„Ich bitte dich um Gotteswillen, Bold, ſchone wenigſtens unſer armes, elendes Kind.“ „Ich habe es nicht elend gemacht“— rief Bold trotzig aus.—„Daran iſt deine Kinderzucht allein ſchuld. Aus der Haut möchte ich fahren.“ „O mein Gott!“ ſchluchzte Frau Bold—„auch dieſer Vorwurf noch zu meinem ohnehin großen Jammer!“ Da klopfte Frau Woller mit den Fingerknöchel an die dünne Ziegelwand und ſprach bittend:„Lieber Herr Nachbar, unſere kleine Linel liegt in einem heftigen Wund⸗ fieber und möchte gern ein wenig ſchlafen. Bitte, ſchenken Sie dem Kinde einige Ruhe.“ Darauf wurde es drüben ſtill und nur gedämpft brummte Bolds Stimme noch eine Weile fort. Frau Woller aber ſprach, indem ſie ſich wieder an Linchens La⸗ ger hinſetzte, zu ſich ſelbſt: Lingg von Linggenfeld. 2* 18 „Wie beneidenswerth iſt mein Loos, wenn ich mich mit meiner armen Frau Nachbarin vergleiche! Ich habe einen braven Mann, der mich auf ſeinen Händen trägt, 6 habe geſunde und gute Kinder und bei aller Theuerung bis jetzt noch niemals hungrig zu Bett mich legen dürfen. Frau Bold dagegen beſitzt ſelbſt einen ſiechen Körper. einen Wütherich zum Manne und endlich ein unglückliches Kind, das, obſchon 9 Jahre alt, faſt immer bettlägerig iſt und ſelten nur eine geſunde Stunde erlebt. Wenn auch Bold ſich bis tief in die Nacht hineinplagt und manchen harten Thaler hinlegen mag: Geſundheit und Zufriedenheit ſind mehr werth als ein ganzer Sack voll Gold.“ Bold war ein geſchickter und fleißiger Scharwerks⸗ maurer, welcher durch ſeine Arbeit reichlichen Lohn ver⸗ diente und gewiß glucklich hätte leben können, wenn er nicht ſo geldgierig und geizig geweſen wäre. Aus dieſem Grunde zwang er ſein ſchwächliches Weib, durch Waſchen, Mangeln, Scheuern und andere anſtrengende Arbeiten gleichfalls Geld zu verdienen, daher dieſe ihren Kindern nicht die nöthige Mutterpflege und Abwartung angedeihen laſſen konnte. Die Kinder Bolds, welche den ganzen Tag über ſich ſelbſt überlaſſen und in der Stube eingeſchloſſen wurden, ſtarben frühzeitig und nur das Eine von ihnen, ein Mädchen, überlebte ihre Geſchwiſter. Dieſes arme Weſen, nur ſelten an die freie Luft gebracht, bekam die ſogenannte engliſche Krankheit und ſpäter eine Nervenſchwäche, welche vereint das Kind zu einem elenden Geſchöpfe umwandel⸗ — ——— 8. 19 ten. Wann Wollers Kinder fröhlich im Freien ſich um⸗ her tummelten, lag Bolds Gundel entweder leidend in ihrem Bett oder ihr bleiches fleiſchloſes Geſicht an die Glasſcheibe des Dachfenſters gedrückt, um von dort aus wenigſtens ein Stückchen blauen Himmels und der tief unten gelegenen Straße zu erſchauen. Gegen Morgen minderte ſich Linchens Wundfieber, daher die Kleine ruhiger wurde und deren Mutter ein Weilchen nicken konnte. Als es vom Thurme 4 Uhr ſchlug, regte ſich's in Bold's Wohnung. Frau Bold ſtand auf, um ſich in's Waſchhaus zu begeben. Vor ihrem Weggehen richtete ſie einige tröſtende Worte an ihre Toch⸗ ter, welche hierauf mit Innigkeit antwortete. Es rührte Frau Woller tief, als ſie ſpäter das kranke Kind mit ge⸗ dämpfter Stimme beten hörte. „So nimm mich in dein Himmelreich“— ſchloß Gundel ihr Gebet—„und mache mich den lieben En⸗ geln gleich.“ „Ja, du armes Kind!“ ſprach Frau Woller vor ſich hin,—„wenn dir nicht das Himmelreich bliebe, welchen Troſt böte dir dann die arme Erde?!“ Eine Stunde ſpäter wurde auch Bold laut. Brum⸗ mend und murrend begrüßte er den Morgen und unter Lärmen ging er fort an die Arbeit, ohne ein Wörtchen der Liebe gegen ſein Kind gerichtet zu haben, welches zwar munter war, ſich aber aus Furcht vor dem harten Vater ſchlafend ſtellte. Als Frau Woller die Kaffeemühle handhabte, wurde aus der nachbarlichen Stubenwand ein Stück Ziegelſtein 2* * 20 entfernt und eine kleine Oeffnung ſichtbar, durch welche eine weiche Kinderſtimme fragend ertönte: „Wie gehts mit Linchen?“ „Beſſer, mein liebes Gundel“— verſetzte Frau Wol⸗ ler.„Wie haſt du die Nacht verbracht? „Wie immer!“ lautete die Antwort.„Viel geſchla⸗ fen habe ich nicht, doch waren die Schmerzen nicht ſo arg. Aber meine arme Mutter dauert mich. Sie klagte über Bruſtſchmerz und wenn ſie klagt, ſo muß es ſchon recht ſchlimm ſein. Dennoch iſt ſie um 4 Uhr in's Waſch⸗ haus gegangen, ohne eine Taſſe warmen Kaffee getrunken zu haben.“ „Den findet ſie im Waſchhauſe“— tröſtete Frau Wol⸗ ler—„du ſollſt den deinigen auch bald bekommen.“ Nun ſtand auch Woller, ſo wie die drei älteren Kin⸗ der auf. Sie traten insgeſammt zuerſt an Linchens La⸗ ger und fragten dabei die Mutter, wie es mit der Kranken gegangen ſei. Dann näherte ſich eins nach dem andern dem Loche in der Wand, ſteckte die Rechte hindurch und ſprach munter:„Guten Morgen, Gundel!“ „Guten Morgen!“ tönte es zurück und eine weiße abgezehrte Kinderhand ward in der Oeffnung ſichtbar und vrückte die dargebotenen Hände. „Schade, daß das Loch in der Wand nicht größer iſt“— ſprach Thereſe—„damit du durchkriechen und mit uns Kaffee trinken könnteſt.“ „Dann ſähe es ja mein Vater und es würde ſehr poös“— erwiederte Gundel.„Stände mein Bett nicht hier an der Wand und könnte ich den lockern Ziegelſtein 21 nicht ſtets verdecken, ſo wäre es mit unſrer guten Nachbar ſchaft für immer aus.“ „Warum dich dein Vater nur immer einſchließt?“ fragte Thereſe. „Weil er fürchtet, daß Diebe kommen und uns be⸗ ſtehlen könnten“— antwortete Gundel. „Die Angſt haben wir nicht“— lachte Thereſe. „Dein Vater muß doch viel Geld—“ „Es kommt jemand die Treppe herauf“— unterbrach ſie Gundel haſtig. Frau Woller ſchob eilig ein kleines Töpfchen mit Kaffee durch das Loch in der Wand und Gundel gleich darauf den Ziegelſtein in daſſelbe. Kaum daß ſolches geſchehen war, trat der Reitknecht des Huſa⸗ renleutenants in die Stube Wollers und ſagte: „Mein Herr, der Leutnant, und auch die Frau Amts⸗ räthin laſſen ſich erkundigen, wie es mit Linchen in der Nacht gegangen und ob der Doctor ſchon dageweſen iſt?“ Der Leutenant Benno Harter bewohnte mit ſeiner Schweſter, die an den Amtsrath Schlicht verheirathet war, das zweite Stockwerck des Hauſes, das unter der Dach⸗ wohnung Wollers und Bolds gelegen war. Der Rath Harter hatte das erſte Stockwerk inne und der Poſtpacker Simon, des Andreas Vater, die Hälfte des Erdgeſchoſſes in Miethe. „Der Herr Doctor iſt noch nicht dageweſen“— ant⸗ wortete Frau Woller—„mit Linchen iſt es recht leid⸗ lich gegangen. Das Wundfieber hat gegen Morgen nach⸗ gelaſſen und jetzt ſchläft ſie ſeit zwei Stunden recht ſanft. Wir laſſen uns freundlichſt für die Nachfrage bedanken.“ 22 Kaum daß der Reitknecht fort war, ſo erſchien die Köchin des Hausbeſitzers, anhebend:„Der Herr Rath läßt anfragen, wie ſich Linchen befindet und ob ſie noch große Schmerzen hat? Mein Herr würde ſelbſt heraus gekommen ſein, wenn er nicht vor Schreck über Linchens Unglück mit dem Rappen das Zipperlein in die Beine bekommen hätte. Ein ſchönes Angebinde zu ſeinem heu⸗ tigen Geburtstage! Unten ſitzt der arme Herr im Lehn⸗ ſtuhle, die Beine dick mit Werg umwickelt, und ächzt wohl eben ſo ſchlimm wie Linchen, als ſie den Pferdetritt er⸗ hielt.“ „Der liebe, arme Herr Rath!“ entgegnete Frau Wold ler.—„Wir laſſen uns recht ſchön bei ihm für ſeine Theilnahme bedanken und ihm von Herzen baldige Beſſe⸗ rung wünſchen. Um Linchen ſoll er ſich nicht ſorgen; es geht ziemlich gut mit ihr.“ Die Köchin ging und durch die wieder bewirkte Wand⸗ öffnung ſchob ſich das geleerte Kaffeetöpfchen, das eine innige Dankſagung begleitete. Schnell aber war der Ziegel⸗ ſtein wieder an ſeinem Orte, daher Woller zu den Seinen ſprach:„Was für ein leiſes Gehör das arme Kind be⸗ ſitzt! Gewiß iſt wieder jemand im Anmarſch, weil Gun⸗ del das Loch in der Wand verſchließt. Richtig! da er⸗ klingt Simons gewaltige Stimme! Gut daß Linchen eben munter wird; ſonſt würde ſie der Gevatter aufſchreien.“ Unter einem heftigen Schlage auf die Klinke öffnete ſich die Stubenthür, durch welche die Worte herein tön⸗ ten:„Tulpen und Hyacinthen! Guten Morgen ihr Kin⸗ der! Mohrrüben und Paſtinaken! Hat mein Pathchen k. 23 noch ſeine Strampelchen am Leibe oder hat ſie des Leut⸗ nants wilder Rappe zu Hirſebrei getreten? Balſaminen und Luppinen! da guckt mich ja der kleine Schelm ganz munter an. Gieb mir ein Patſchhändchen, mein Auri⸗ kelchen.“ „Ei, Gevatter!“ verſetzte Woller lachend“—„Ihr kommt mir mit einem Male wie umgewandelt vor. Wo habt Ihr denn Euer böſes Fluchen gelaſſen, das wir im⸗ mer an Euch zu tadeln hatten?“ „Ich habe mir's, Gott ſei Dank! endlich abgewöhnt“ — antwortete Simon.„Aber Mühe hat's gekoſtet. Als Soldat denkt man immer, daß es ohne Fluchen nicht gehe und keine Tapferkeit möglich ſei. Und dann hat man ſich ſo in das Fluchen hineingelebt, daß man es ſelbſt im Civilleben nicht mehr läßt. Mein Poſtkommiſ⸗ ſär hat hundertmal zu mir geſprochen: Simon, ich wäre viel zufriedener mit Ihm, wenn Er ſein abſcheuliches Fluchen ſein ließe. Aber er konnte reden und zanken, ſo viel er wollte: ich fluchte fort. Und wenn ſelbſt unſer gnädigſter Kurfürſt mir's unterſagt hätte: ich glaube, ich hätt's nicht gelaſſen. Da kurirte mich endlich mein alter Pathe, der Handelsgärtner Schumann, von meinem Ue⸗ bel. Mußt du denn— ſprach er tadelnd zu mir— in deinem Zorn ſtets unſern Herrgott oder den Teufel, das hei⸗ lige Kreuz, den Himmel, das Sacrament und ähnliche heilige Dinge anrufen? Kannſt du nicht andere, unbedeu⸗ tendere Namen an ihrer Stelle ausſprechen? Bediene dich doch, zum Beiſpiel, der Namen von Blumen oder anderen Pflanzen, die oft gar martialiſtl klingen und deren 24 Nennnug gleichwohl keine Sünde iſt und kein Aergerniß giebt, wie das heilloſe Fluchen. Bei näherer Ueberlegung mußte ich meinem alten Pathen Recht geben. He! klingt Rhododendron und Rrrranunkeln nicht eben ſo ſtark wie Himmelkreuztauſendſakerment? Rrrotherüben und Rrrre⸗ ſeda wie Gottesdonnerwetter? Rrrrhabarrrberrr und Rrrrapuntika nicht noch kräftiger als Gott ſtrafe mich?“ „Ich pflichte Euch völlig bei“— erwiederte Woller— „aber könnt Ihr mir vielleicht ſagen, Gevatter, wem wir den Liebesdienſt verdanken, daß meine Frau und Kinder ihren weggeworfenen Tragkorb ſammt den Aehrenbündeln wohl aufgehoben vor unſrer Thüre fanden? Wir haben ſchon auf Euern Andreas gemuthet.“ „Ha!“ ſagte Simon—„ich würde meinem Jungen den Hals auf den Rücken gedreht haben, hätte er Euer Eigenthum nicht behütet und in Sicherheit gebracht. Soll er Euch die Aehren ausdreſchen helfen? Quecken und Quitten! wo werdet Ihr denn Eure Tenne aufſchlagen? Der Frau Amtsräthin dürft Ihr doch nicht auf dem Kopfe herumtrommeln. Doch, daß ichs nicht vergeſſe: meine Frau wird nachher meinem Pathchen ein kräftiges Bierſüppchen heraufbringen.“ Wollers öffneten den Mund zum Danken, als der Wundarzt eintrat und dem Geſpräch ein Ende machte. Der Letztere fand Linchens Befinden den Umſtänden ge⸗ mäß und befriedigend, ordnete das Weitere an und ging. Auch Simon entfernte ſich und Gundel wollte eben durch das Loch in der Wand mit Wollers Kindern verkehren, 25 als ſie ihres Vaters nahende Tritte erkannte und daher erſchrocken ihr Vorhaben aufgab. Nicht ohne Verwunderung ſah die Familie Woller den Nachbar Maurer in ihre Stube eintreten. Bold war ein ſtarker, kräftiger Mann mit einem in's Röthliche ſpie⸗ lenden Krauskopfe.„Guten Morgen, Nachbar!“ hob er leutſelig an—„Wie ich hore, hat des Lieutnants wil⸗ der Rappe Eure Kleine beinahe ertreten. Ein hölzernes Steckenpferd einem ſolchen ungeſchickten Reiter zwiſchen die Beine gegeben, als einen feuerigen Rappen. Ich an Eurer Stelle fände mich bei dem jungen Mosje Leut⸗ nant dadurch ab, daß ich ihm den Huſaren auf immer verſalzte. Ihr braucht ihm nur in dem Beiſein anderer Leute ein paar Backpfeifen zu ſtecken und aus iſt die ganze Freude mit dem Officierweſen. Mosje Benno muß als geſchlagener Mann ſeinen Abſchied nehmen, während man Euch nichts thun wird und kann, und Ihr habt Euer Linchen glänzend gerächt.“ „Davor ſſoll mich unſer Herrgott bewahren“— ent⸗ gegnete Woller—„der da ſpricht: Die Rache iſt mein. Ich will vergelten. Der Leutnant trägt keine Schuld, daß ſein Rappe mein Kind verletzte. Dazu hat er uns den Doctor geſchickt, unſer Linchen beſucht und ſich heute ſchon nach ihrem Befinden erkundigen laſſen.“ „Nichts als ſeine infame Schuldigkeit!“ rief Bold.— Ha! während Euer Kind das Schmerzenslager hütet, feiern ſie unten des Alten Geburtstag in Herrlichkeit und Freuden. Eben begegneten mir auf der Treppe die Kinder der Amts⸗ 26 räthin, welche dem lieben Großpapa zuckerſüße Torten und Kuchen hinabtrugen.“ „Geſunde Beine würden ihm weit lieber ſein— ſprach Frau Woller.„Der arme Herr Rath! Vor Schreck über Linchens Verletzung hat er das Zipperlein bekommen und leidet große Schmerzen.“ „Vor Schreck?“ rief Bold unter höhniſchen Lachen aus.„ precht lieber: Der Wein, den der Rath noch häufiger in ſich ſchluckt als wir das Waſſer, hat das Zipperlein hervorgebracht. Doch ich kam nur, um meinen Kalkkaſten vom Boden zu holen. Adjes!“ Nach des Maurers Weggange hob Frau Woller ge⸗ dämpft an:„Wenn unſer rachſüchtiger Nachbar ſich ſelbſt mit demſelben Maaße meſſen wollte als er Andere ge⸗ meſſen wiſſen will: ſo müßte er den ganzen Tag nicht aufhören, ſich ſelbſt Backpfeifen zu ſtecken. Denn ſind nicht ſein Geiz und ſeine üble Behandlungsweiſe die allei⸗ nige Schuld an dem Elende ſeiner Frau und Tochter? Gewiß würde er ſich wenig oder gar nicht grämen, wenn ſie beide ſtürben.“„Der helle Neid ſprach aus ihm—“ meinte Woller.„Die Sanftmüthigen aber, ſpricht unſer Heiland, werden das Erdreich beſitzen. Wenn ich dem Leutnant hundert Ohrfeigen gäbe, ſo würde dadurch unſer Linchen nicht um eine Stunde eher geſund. Der Doctor käme nicht oder wir müßten ihn bezahlen. Alle Leute würden den armen Benno bedauern, mich dagegen ver⸗ achten und mir die Arbeit entziehen. Ja, ich liefe wohl gar Gefahr, daß der Lieutnant ſeinen Schimpf durch Blut an mir rächte und ich ein Krüppel, wohl ger ein 4 W Kind des Todes würde. Ausziehen müßten wir endlich auch noch auf der Stelle und wo gleich eine andere, billige Wohnung auffinden? Doch da kommt ſchon wie⸗ der Beſuch.“ Es war des Raths Harter Köchin mit einem großen Stück Torte und Kuchen.—„Das ſchickt Euch mein Herr“— ſprach ſie—„und ſollt Ihr es auf ſeine Ge⸗ ſundheit verzehren. Er ſelbſt müſſe faſten und ſeinen Geburtstag unter großen Schmerzen verleben.“ „Selig ſind die Sanftmüthigen—“ wiederholte Frau Woller, indem ſie Torte und Kuchen theilte—„denn ſie werden das Erdreich beſitzen.“ Das erſte, freilich auch kleinſte Stück Torte trug Frau Woller ihrem Linchen hin, das zweite, etwas größere, zu dem Loch in der Wand, hinter welcher auch eine Sanft⸗ müthige lag. Gundel benetzte die Gabe mit Freuden⸗ und Dankeszähren und die Wollerſchen Kinder freuten ſich mit ihr. Nach zehn Tagen war Linchen völlig geneſen. Der Leutnant bezahlte den Arzt und beſchenkte das Kind mit einem neuen Kleidchen, welches es ſehr nöthig brauchte. „Selig ſind die Sanftmüthigen!—“ ſprach die Ar⸗ beiterfamilie hoch erfreut. „Rache iſt ſüß!“ brummte dagegen Bold, der Maurer. 28 Prittes Eapitel. Auſterlitz und das Geldfaß. Die kalte, unfreundliche Jahreszeit war gekommen und es gegen die Mitte des Decembermonats 1805, als der Handarbeiter Woller ſeinem Gevatter und Hausgenoſſen Simon auf der Straße begegnete. Der Poſtmann hatte ſich vor einen Schiebebock geſpannt, auf dem ein Fäßchen lag. „Halb Part!“ ſprach Woller, indem er ſeinem laſt⸗ ziehenden Freunde einen lautſchallenden Schlag auf die Schultern verſetzte.„Iſt das Geld, was Ihr in dem Fäß⸗ lein fahrt, oder theurer Wein?“ „Silbergeld!“ antwortete Simon.„Zwei tauſend drei hundert Thaler ſind's, wie Ihr auf dem einem Faßboden geſchrieben ſeht. Ich ſoll das Geld nach dem Stiftge⸗ bäude ſchaffen.“ „Iſt denn das Fäßlein ſo ſchwer—“ fragte Woller— „weil Ihr einen ſo krummen Rücken macht?“ „Das eben nicht—“ erwiederte Simon—„aber es iſt mir in's Kreuz gefahren— habe mich wahrſchein⸗ lich tüchtig erkältet. Es ſticht mich wie mit Nadeln in den Knochen und ich bin ſo ſteif wie ein verſchlagenes Roß.“ „Aber warum zieht Ihr auch den Schiebebock nach Euch—“ verſetzte Woller—„anſtatt ihn mit dem Fäß⸗ chen vor Euch hin zu ſchieben? Darum heißt das Ding ja ein Schiebe⸗ und nicht ein Ziehbock. Wie Ihr es macht, wird die Laſt noch einmal ſo ſchwer.“ „Da ich Kanonier war—“ ſprach Simon—„ſo ſpannten wir die Pferde nicht hinter das Kanon und 29 ſchoben ſolches vor uns hin, ſondern wir ließen die Pferde vorausgehen und dann das Kanon nachfahren. Und wie man ſich einmal gewöhnt hat, ſo treibt man's fort.“ „Gebt her den Schiebebock—“ drängte Woller— „und laßt mich das Fäßchen vollends bis zum Stifte fahren. Für mich iſt das Ding ein Kinderſpiel, mag ich es nun ſchieben oder ziehen. Höchſtens kann es ſo ein hundert Pfund ſchwer ſein und ich fahre meine drei Centner, wenn's ſein muß.“ „Das geht nicht—“ antwortete Simon—„habt Dank für Eure Liebe. Aber wenn mein Poſtverwalter es ſähe, daß ich von Einem Andern das mir anvertraute Geldfaß fahren ließe, ſo wäre er im Stande und brächte mich aus dem Dienſte und Brote. Ich bin ja verant⸗ wortlich dafür, daß ich das Geld richtig abliefere.“ „Das ſollt Ihr auch—“ rief Woller.„Und wenn ich mich vor den Schiebebock ſpanne und Ihr nebenher geht, ſo könnt Ihr ja weit beſſer auf das Geld Acht geben, als wenn Ihr ſelbſt zieht und dabei dem Fäßchen den Rücken zukehrt. Ich will ja nur Euer Zugpferd ſein und nichts weiter. Wer könnte es Euch wehren, wenn Ihr auf Eure Koſten zwei und mehr Pferde vor⸗ ſpanntet? Wenn nur das Fäßchen richtig an Ort und Stelle kommt.“ „Ihr habt Recht, Nachbar!“ ſprach Simon— L überdieß iſt das Fäßchen nicht am hellen, lichten Tage wie eine Schnupftabaksdoſe einzuſtecken. Da habt Ihr den Schiebebock und die Halskoppel dazu. He! kommt Euch die Laſt ſchwer vor?“ 30 „Federleicht!“ meinte Woller—„ich fühle kaum, daß der Schiebebock beladen iſt.“ „Nur ſachte! ſachte!“ gebot Simon, da Woller raſch 6 von fahren wollte.„Wir haben nichts zu verſäumen und überdieß müßt Ihr mein lahmes Kreuz bedenken, das mich am ſchnellen Ausſchreiten behindert.“ Eine kleine Strecke war Woller mit dem Schiebebocke dahingefahren und Simon demſelben nachgefolgt, da nä⸗ herte ſich dieſer dem Erſteren und ſagte:„Gevatter! habt Ihr ſchon die große, brühwarme Neuigkeit gehört? Mir iſt der ganze Kopf davon angefüllt und wirbelig gemacht worden. Vor einer Stunde hat ſie eine Staffette über⸗ bracht.“ „Welche Neuigkeit? Ich weiß nichts davon!“ verſetzte Woller. „Daß die Franzoſen nerni eine große, blutige Schlacht gegen die Oeſtreicher und Ruſſen gewonnen haben?“— entgegnete Simon.„Rrrothe Rrrüben und Rrrhabarrrber! Es muß ein entſetzliches Fleiſchhacken ge⸗ weſen ſein. Auſterlitz heißt das Neſt, wo die Bataille geweſen iſt, und in deſſen Nähe große Sümpfe lie⸗ gen. Als nun aber die Ruſſen über dieſe Sümpfe retirirten, ließ Napoleon die noch nicht ſtarke Eisdecke mit Kartätſchen zerſchießen, ſo daß viele Tauſend ruſſiſcher Garden darin ertrinken mußten. Nur die Spitzen ihrer mefſingenen Grenadiermützen ragten noch aus der trüben Waſſerfläche hervor, gleichwie die Köpfe der Fröſche bei heiterem Wetter. Hurrr! Jonkillen und Tazetten! mi 3 überrieſelts eiskalt, wenn ich mich an die Stelle der armen ruſſiſchen Grenadiere denke. Der Verluſt dieſer Schlacht hat die Oeſtreicher ſo mürbe gemacht, daß ſie nur wenige Tage darauf einen Frieden mit den Franzoſen abgeſchloſſen haben, der dieſen das halbe Oeſtreich in die Hände ſpielt. Gebt Acht, Gevatter! wenn das mit den Franzoſen ſo fortgeht, ſo wackeln ſie auch noch die Preußen zuſammen und wir Alle werden franzöſiſch. O die Fran⸗ zoſen! Ich kenne ſie von der Rheincampagne her. Kleine, verwitterte, ſchwarzbraune Kerls waren ſie, zerlappt und zerriſſen, der Eine im dreieckigen Hut, der Andere in einer rothen Mütze, der Dritte gar im bloßen Kopfe; der Eine die Patrontaſche vorn, der Andere hinten, dieſer ein Seitengewehr, jener keins, Alle aber gingen tollkühn und luſtig in's heißeſte Feuer, wie unſere Bauermädels auf den Kirmestanz. Gott behüte unſer Heſſenland vor ihnen!“ Die beiden Männer veztieften ſich ſo ſehr in die Politik, daß ſie in die Nähe des. gelangten, ehe ſie ſich's verſahen. „Halt!“ ſchrie pözlich Steckrübchen! Da iſt das? Schiebebock! Hah!“ Dieſes„Hah“ wurde i einem ſolchen Schreckens⸗ klange und Schreckensgeſichte begleitet, daß Woller, den Schiebebock niederſetzend unwillkürlich das Antlitz rückwärts wendete, wie Simon ſelbſt. Da entfuhr auch ſeinen Lippen ein gleicher Schreckensruf. Zwei verſteinerte Männer⸗ geſtalten ſahen einander mit irren Augen und kreideweißen Geſichtern an. „Das Geldfaß!“ zwang Simon mit keuchendem Athem imon.„Staudenſallat und tiftshaus! Her mit meinem 4 32 ſeinen bläulichen, zitternden Lippen ab.„Das Geldfaß! Wo iſts?“ Woller blickte auf den leeren Schiebebock hin und dann nach allen Seiten ſuchend auf dem Straßenpflaſter umher. Stumm zuckte er mit den Achſeln, P er das Geſuchte nicht entdeckte. „Mein Geldfaß ſchaffſt du herzu—“ ſchrie jetzt Simon, in die unbändigſte Wuth übergehend—„oder ich er⸗ morde Dich!“ Er packte mit ſtarker Fauſt ſeinen Gevatter bei der Bruſt.„Verloren haſt Du es.“„So ſeid doch nur vernünftig—“ bat Woller ſanft—„Das Faß kann doch nicht aus der Welt ſein oder wie ein Kirſchkern in die Erde gefallen⸗ Wenn ich es vom Schiebebock ver⸗ loren hätte, ſo müßten wir beide doch den Fall auf das Pflaſter gehört haben. Ich ſtellte ja nur Euer Zugpferd vor, dagegen Ihr hättet beſſer Obacht auf das Euch an⸗ vertraute Faß haben ſollen. Mithin tragt Ihr wenigſtens eben ſo große Schuld als ich an dem Verſchwinden des Faſſes. Aber, wie geſagt, es muß ſich wiederfinden, denn in die Taſche ſtecken hat es niemand können.“ „Aber Du mußt es doch gefühlt haben—“ wendete Simon ein—„daß der Schiebebock plötzlich leicht ge⸗ worden iſt.“ „Nichts, gar nichts habe ich gemerkt“— betheuerte Woller.„Das Fäſſel war nicht ſchwer und überdieß hatten wir uns ſo in das Geſpräch vertieft, daß ich alles Andere darüber vergeſſen hatte.“ „Ja, ja,—“ murmelte Simon voll Perzntſung— „Auſterliß— die heiloſen Franzoſen ſind Schuld an 33 meinem Unglücke. Doch nein—“ fuhr er heftig fort und würgte zugleich ſeinen Gevatter am Halſe—„Du haſt das Faß mit dem Gelde geſtohlen. Geſteh' es nur ein! Darum erboteſt Du Dich, für mich den Schiebebock zu fahren, damit dein Spießgeſelle das Faß herunternehmen und davontragen konnte, während Du mich im Geſpräche feſthielteſt. Geſteh' es ein und ich will Dir Alles vergeben. Oder haſt Du nur einen ſchlechten Spaß mit mir treiben wollen? Reiße mich aus meiner Todesangſt oder ich thue mir und Dir ein Leid an.“ „Ich vergebe Euch jetzt Alles—“ erwiederte Woller gelaſſen—„ſelbſt den unwürdigen Verdacht, den Ihr ſo eben gegen mich geäußert habt und den Ihr mir ſpäter gewiß abbitten werdet. Habe ich Euch nicht ermahnt, den Schiebebock mit dem Geldfaße nicht nach, ſondern vor Euch hinzufahren? Dann hättet Ihr das Faß ſtets im Auge behalten und ein Verlieren wäre nicht möglich geweſen.“ „Mehr wie hunderttauſend Thaler habe ich in gleicher Weiſe ſchon richtig an Ort und Stelle gefahren—“ ſprach Simon dumpf. „Mag Alles ſein—“ erwiederte Woller—„aber recht und klug war's deswegen immer nicht. Doch anſtatt uns hier lange herumzuſtreiten, wollen wir lieber ein Stück Wegs zurückgehen und nach dem Geldfaße forſchen, das wir jedenfalls wiederfinden werden und müſſen.“ Der Ertrinkende greift ſelbſt nach einem Strohhalme, um ſich daran über dem Waſſer zu erhalten. So jetzt Simon, welcher ſeinen Zorn raſch unter⸗ Lingg von Linggenfelb. 3 34 drückte und wieder einige Hoffnung ſchöpfte. Die beiden Männer gingen zurück, forſchten mit Argusaugen umher, befragten jeden ihnen Begegnenden nach dem verſchwun⸗ denen Geldfaße, doch dieſes war nirgends aufzufinden, war ſpurlos wie von der Erde verſchwunden. Während Simon in eine mehr und mehr zunehmende Verzweiflung ausbrach, die ſich theils durch laute Klagen, theils durch erneute Wuthausbrüche gegen Woller kundgab, ſammelte ſich eine neugierige Volksmenge um die beiden Männer. Mit gerechtem Erſtaunen vernahm man den unerhörten Vorfall. Wie war es nur möglich, daß am hellen Tage, in einer belebten Stadt, vor ſo vielen Augen in und außer den Häuſern, ein ſchweres Geldfaß mit mehr wie 2000 Thalern unbemerkt entwendet oder verloren werden konnte? Man betrachtete Simon und Woller mit miß⸗ trauiſchen Augen und maß ihnen die Entwendung der Geldſumme im Stillen bei. Andere, welche der beiden Männer Verzweiflung und tödtliche Angſt zwar nicht für erkünſtelt erachteten, ſprachen ihre Verwunderung über die maaßloſe Nachläſſigkeit aus, welche ein Poſtbeamter bei dem Transport einer ſo anſehnlichen Geldſumme bewieſen hatte. Aehnlichen Leichtſinn findet man nicht eben ſelten bei Leuten, welche Jahr aus, Jahr ein, mit großen Geldſummen oder anderen koſtbaren Gütern um⸗ gehen. Die lange Gewohnheit verleiht ſolchen Beamten eine große Sicherheit, die ihnen endlich doch einmal zur Unglücksfalle wird. Es war natürlich, daß die Poſtbehörde, ſobald ſie von dem Verluſte des Geldfaſſes Kunde erhielt, die zwei 35 Mitſchuldigen feſtnehmen und mit ihnen die ſchärfſte Unter⸗ ſuchung anſtellen ließ. Zugleich nahm man bei Beiden die genaueſte Hausſuchung vor, ohne jedoch die kleinſte Spur des entwendeten Geldes aufzufinden. Den meiſten Verdacht hegte man gegen Woller, deſſen bewieſene Dienſt⸗ fertigkeit gegen ſeinen Gevatter man für einen wohlan⸗ gelegten Plan erachtete. Aber die lange fortgeſetzte pein⸗ liche Unterſuchung, ſo wie alle zu Tage gekommenen Um⸗ ſtände entkräfteten dieſen Verdacht und da überdieß Wol⸗ ler in dem Rufe eines grundehrlichen Mannes ſtand, ſo mußte man ihn nach mehrwöchentlicher Haft wieder in Freiheit ſetzen. Ungleich ſchlimmer erging es dem armen Simon, der allerdings gegen ſeine Dienſtpflicht gröblich ſich verſündigt hatte. Da derſelbe außer Stande war, den Verluſt des Geldes zu erſetzen, ſo wurde er zu einer mehrjährigen Arbeitshausſtrafe verurtheilt. Erwägt man, welchen Kummer, welche Noth und welches zuweilen namenloſe Elend die Verſündigung ge⸗ gen das ſiebente Gebot über ganze Familien herbeiführt, ſo erſcheint die Drohung des Bibelworts, daß die Diebe das Reich Gottes nicht ererben werden, nicht zu hart. Simon war durch den Verluſt ſeines Amtes, ſeines guten Namens, ſeiner Freiheit und ſeiner Familie tiefſin⸗ nig, ja faſt wahnwitzig geworden. Im Gefängniſſe ſaß er meiſt unbeweglich da und heftete den Blick ſtarr auf einen Punkt, wobei er häufig die Worte vor ſich hin murmelte: „Auſterlitz! Die Franzoſen! Die Franzoſen! O Auſterlitz!“ 3* 36 Woller, vbſchon in Freiheit, war faſt eben ſo zer⸗ knirſcht wie ſein bemitleidenswerther Gevatter. „Ich werde,“— ſprach er traurig zu den Seinen, —„im Leben nicht wieder ruhig und froh. Ach, von welchen Kleinigkeiten unſer Erdengluck abhängt! Kinder, laßt's euch zur Warnung geſagt ſein: wenn eins von euch je etwas auf einem Schiebebock zu fahren bekommt, ſo zieht ihn ja nicht hinter euch nach, ſondern ſchiebt ihn vor euch hin, ſo daß ihr eure Ladung ſtets im Auge behaltet. Wohl habe ich unſern Gevatter gewarnt, doch er hörte nicht darauf, und ſo iſt denn das Unglück ent⸗ ſtanden.“ Ahmten nicht die beiden Männer unſer erſtes Ael⸗ ternpaar, Adam und Eva, nach, die ihren Sündenfall erſt auf die Schlange und dann eins auf's andere zu wälzen ſuchten? Bevor Simon in das Arbeitshaus abgeführt wurde, durfte er von ſeiner Familie noch Abſchied nehmen. Der⸗ ſelbe war herzzerreißend. Ha, wenn ſein älteſter Sohn Andreas jetzt wirklich ein General geweſen wäre! Dann hätte er mit ſeinem Regimente den armen Vater gewalt⸗ ſam befteit und ihn gegen alle ſeine Widerſacher verthei⸗ digt. So aber beſaß er anſtatt Kugeln, Schwerter und Bajonnette nur heiße Thränen, die er an dem Halſe des Vaters in reichlicher Menge vergoß. Auch Woller be⸗ ſuchte ſeinen Gevatter noch einmal im Gefängniſſe, um denſelben dahin zu vermögen, daß er ohne Groll von ihm ſcheide. Die beiden Männer weinten wie die Kin⸗ der, als ſie ſich gegenſeitig umarmten. Simon ſchluchzte: 37 „Die Franzoſen! Auſterlitz!“ und Woller dagegen:„der Schiebebock! der Schiebebock! Ach, hätte ich ihn geſchoben anſtatt gezogen, wie ich immer thun wollte!“ Nachdem Simon fortgebracht worden war, ſprach Valentin eines Tags zu ſeiner Mutter:„Denkt Euch nur, Mutter! wie ich jetzt Frau Simon, die mir unten in den Weg kam, freundlich grüßte, dankte ſie mir nicht, ſondern zog ein ſchrecklich finſteres Geſicht und ſagte:„Geh mir aus den Augen, Bube!“ „Und wie ich heute früh“— fuhr Thereſe fort— „Simons Guſte zur Schule abholen wollte und in ihre Stube trat, fuhr mich ihre Mutter ganz zornig an: „Was willſt du hier? Mach, daß du fortkommſt und laß dich nicht wieder in unſern vier Pfählen erblicken. Du weißt wohl nicht, daß dein gottloſer Vater meinen armen Mann unglucklich gemacht und ins Arbeitshaus gebracht hat?“ Hier trat die kleine Caroline in die Stube. Das Kind erzählte weinend:„Jule hat die Zunge gegen mich rausgeſteckt, ſo— ſo lang! Und hat meinen Wagen mit dem Fuße zertreten. Sieh nur her, Mutter!“ „Nur Simons Andreas“— ſprach Herrmann— „iſt noch der alte und freundlich gegen uns. Aber er darf das ſeiner Mutter nicht ſehen und wiſſen laſſen, ſonſt bekommt er Geſcholtenes.“ „Wir wollen und müſſen uns den, wiewohl ungerech⸗ ten Zorn der Frau Simon und ihrer Kinder gedul⸗ dig gefallen laſſen“— erwiederte Fraſt Woller.„Wir, an ihrer Stelle, würden vielleicht eben ſo handeln. Ach, 38 wenn der Dieb des Geldfaſſes all das Elend mit an⸗ ſähe, das er angerichtet hat, ſo könnte er ſich ſchwerlich ſeines ungerechten Gutes erfreuen.“ Der Eintritt des Maurers Bold unterbrach dieſes Geſpräch.„Habt Ihr ſchon vernommen, Frau Nachba⸗ rin“— hob er mit funkelnden Augen an—„daß das Oberpoſtamt die 50 Thaler Belohnung auf die Ent⸗ deckung des Gelddiebes ſo eben bis auf 200 Thaler er⸗ höhet hat? An allen Gaſſenecken ſteht's mit großen Zif⸗ fern und Buchſtaben angeklebt. Zweihundert Thaler! Ein hübſches Sümmchen! Ei, wer ſie verdienen könnte!“ „Mein Mann ſagt“— verſetzte Frau Woller— „daß er nicht einen Pfennig Belohnung haben möchte, wenn er den Geldfaßdieb entdeckte. Ihm wäre es nur um die Befreiung des armen Simon zu thun. Man müßte— meinte mein Mann— ſorgſam Acht haben, ob irgend Jemand ungewöhnlich viel für ſeine Umſtände aufgehen ließe oder fremde Geldſorten ausgäbe, aus wel⸗ chen die geſtohlene Summe zum Theil beſtanden hat.“ „Ja, das iſt das einzige und ſicherſte Mittel“ ſprach Bold.„Aber ich denke, daß der Dieb ſchlau genug ſein wird, um ſich auf dieſe Weiſe nicht zu verrathen. Uebri⸗ gens bleibt mir's unbegreiflich, wie Simon ſo unver⸗ antwortlich fahrläſſig mit dem Geldfaſſe hat umgehen können. Ha! ich darf nur wenige Thaler in meiner Taſche tragen, ſo ziehe ich meine Hand nicht davon weg. Und nun vollends bei 2300 Thalern! Doch, was ſehe ich dort an unſrer Communwand? Eine ſchadhafte Stelle! ein lockrer Ziegelſtein! Wohl gar ein Loch! Iſt das ſchon —— 39 lange ſo? Und davon hat mir mein Mädel, deſſen Bett juſt an dem Flecke ſteht, kein Wort geſagt! Wart' das ſollſt Du mir büßen!“ „Ei,“— verſetzte Woller—„kann Euer Kind da⸗ für, wenn die alte dünne Ziegelwand eine ſchadhafte Stelle bekommen hat? Gundel trägt darum keine Schuld, wohl aber meine Kinder, die wahrſcheinlich einmal einen Stuhl ʒu derb an die Wand gedrückt oder irgend einen Unfug getrieben haben. Wer wird gleich ſo viel Aufhebens von einer ſolchen Kleinigkeit machen?!“ Aber Bold hörte nicht auf dieſe Worte, ſondern verließ eilig das Stübchen. Gleich darauf hörte man ihn drüben heftig ſchelten und Gundel ſchmerzlich weinen, daher Frau Woller ſprach: „Bold iſt und bleibt ein wahrer Wütherich gegen die Seinen und beſonders gegen das arme, kranke Kind! Wer hat nur den Stuhl von dem Loche in der Wand weggerückt, ſo daß es Bold bemerken mußte? So lange haben wir es ihm verheimlicht und nun muß es auf ein⸗ mal unverhofft an den Tag kommen.“ Linchen war es geweſen, welche den Stuhl verſchoben gehabt hatte und niemand mochte deshalb dem Kinde zürnen. Bold aber holte ſchnell Kalk und Maurerkelle herbei und vermauerte das Loch in der Wand, von welcher über⸗ dieß Gundels Bett entfernt wurde. Des andern Tags gewahrte die Familie Woller mit Verwunderung, daß Bold ſeine Wohnung ausräumte und ſeine geringe Habe auf dem Schiebebocke fortfuhr. 40 Als er die letzte Fuhre auflud und ihn Wollers Kinder dabei neugierig zuſahen, fuhr er ſie barſch an: „Was ſteht ihr hier und ſperrt das Maul müßig auf? Geht mir aus dem Wege und in eure Stube hinein.“ Aber jene wichen nicht, denn ſie erblickten jetzt Frau Vold, welche mit verweinten Augen aus der Thüre ihrer Wohnung trat und ihr elendes Kind auf dem Arme trug. Gundel hielt ihr bleiches Antlitz mit beiden Händen ver⸗ deckt, unter welchen die hellen Thränen hervortropften. Sie nahm die Hände erſt dann weg, als Frau Bold zu Wollers Kindern leiſe anhob:„Grüßt eure Eltern von mir und lebt wohl.“ „Lebt wohl!“ ſchluchzte Gundel, indem ſie mit ihren fleiſchloſen Händen den Hals ihrer Mutter umſchlang und zugleich ihr Antlitz gegen denſelben preßte. Wollers Kinder ſtanden erſtaunt und erſtarrt. Endlich rief Valentin der bereits die Treppe hinabſchreitenden Frau nach:„Sie ziehen fort von uns, Frau Bold?“ Die Maurersfrau antwortete nur durch ein ſtummes Kopfnicken und verſchwand. „Sonderbar!“ ſagte Woller, da ihm die Kinder die Hiobspoſt hinterbrachten—„So plötzlich und außer der Zeit auszuziehen! Sollte das Loch in der Wand die Urſache davon ſein, die den argdenklichen Bold dazu vermocht hat?“ „Es iſt gar nicht mehr hübſch in dieſem Hauſe!“ klagte Frau Woller.„Wenn ich mich auch um den gar⸗ ſtigen Bold nicht gräme, ſo doch um ſeine Frau und Tochter. Dazu haben wir unſern Gevatter Simon einge⸗ büßt und an ſeiner Frau eine Feindin erhalten.“ 41 „Wie wird's nun der armen Gundel ergehen?—“ ſprach Thereſe wehmüthig.„Sie hat nun niemand mehr um ſich, der ihr auf ihrem Schmerzenslager die Lange⸗ weile vertreibt und ihr eine Taſſe Kaffee zukommen läßt.“ „Sie hat den lieben Gott, erwiederte Woller feierlich— „und dieſer kann überſchwenglich mehr an dem Kinde thun als wir armen ohnmächtigen Leute.“ viertes Kapitel. Der Maler. In dem Jahre, welches auf die eben beſchriebenen, unbedeutenden Begebenheiten folgte, ereignete ſich Schweres, Folgereiches in Deutſchland, welches mit unvertilgbaren Zügen in dem Buche der Weltgeſchichte verzeichnet ſteht. Preußen hatte, mit Sachſen verbündet, Frankreich den Krieg erklärt. Die Preußen glaubten, die Franzoſen eben ſo leicht wieder ſchlagen zu können wie einſt in der Schlacht bei Roßbach. Aber jene ſiegreichen und tapfern Preußen lebten längſt nicht mehr, eben ſo wenig diejenigen Franzoſen, welche bei Roßbach feig geflohen waren. Das Ding hatte ſich umgedreht und darum waren die Preußen diejenigen, welche, den Franzoſen gegenüber, wie Spreu auseinander ſtoben und ihr ganzes Land dem Feinde preisgaben. Noch ſchlimmer wie Preußens Regent, welcher die Hälfte ſeines Reichs einbüßte und eine übergroße Geld⸗ ſumme zahlen mußte, kam der Kurfürſt von Heſſenkaſſel, 42 gleichfalls ein Gegner der Franzoſen, weg, denn Napoleon ſtrich ihn aus der Reihe der deutſchen Fürſten hinweg und nahm das ganze Heſſenland ein, um es, mit preußi⸗ ſchen Landestheilen vereinigt, als Königreich Weſtphalen ſeinem Bruder Jerome anzuvertrauen. Sieben Jahre der Demüthigung und Schmach folgten in Deutſchland dem verhängnißvollen Kriegsjahre 1806 und wer jetzt noch der franzöſiſchen Herrſchaft ein Lobredner oder ſonſt zu⸗ gethan ſein kann, hat jene trauer⸗ und ſchmachvollen Jahre der Knechtſchaft, welche der jüdiſchen in Aegypten wenig nachgab, nicht erlebt oder gekannt. Zwar war mit dem Anzuge des franzöſiſchen Kriegs⸗ heeres die entſetzliche Theuerung wie mit einem Zauber⸗ ſchlage verſchwunden, ohne daß inzwiſchen eine reiche Aerndte die Scheuern und Vorrathskammern gefüllt ge⸗ habt hätte. Es ergab ſich vielmehr, daß jene Theuerung nur eine erkünſtelte geweſen und nicht wirklicher Brot⸗ mangel vorhanden war. Die Landleute, welche ihre rei⸗ chen Getreidevorräthe in der Hoffnung einer noch mehr wach⸗ ſenden Theuerung zurückgehalten; hatten, brachten ſolche jetzt zu Markte aus Furcht, daß die ſiegreichen Franzoſen ſie ihnen ohne alle Bezahlung und mit Gewalt entreißen würden, während ſie das baare Geld eher vor räuberiſchen Augen und Händen verbergen zu können hofften. Während an anderen Orten Wichtiges vorgefallen war, hatte ſich in Hersfeld nur wenig zugetragen. Die Familie Woller wohnte noch immer in dem Harterſchen Hauſe und in gewohnter thätiger Weiſe. So auch Frau Simon mit den Ihrigen. Sie ſchmollte 43 zwar noch immer gegen den angeblichen Urheber ihres Unglücks und gegen deſſen Familienglieder, jedoch hatte ſie ihr Schimpfen und Schelten gegen dieſelben eingeſtellt. Der vormalige General Andreas war zum Kegeljungen zurückgegangen, um einen Beitrag zur täglichen Noth⸗ durft liefern zu können. Er war ein Freund der Woller⸗ ſchen Kinder geblieben, nur durfte er ſolches ſeiner Mutter nicht merken laſſen. Der Maurer hatte einen Hausmannsdienſt erlangt und als ſolcher eine finſtere und feuchte Parterrewohnung im Hindergebäude des Hauſes inne. Daß unter ſolchen Umſtänden die arme Gundel weder geſünder noch kräf⸗ tiger werden konnte, war natürlich, vielmehr zu bewun⸗ dern, daß das Kind noch immer am Leben blieb. Frau Bold dagegen wurde immer elender und ſiecher. Die ſchwere Arbeit des ſteten Scheuerns und Waſchens, in Verbin⸗ dung mit den Seelenleiden, welche ihr die häßliche Be⸗ handlung ihres Mannes und das Siechthum ihres ein⸗ zigen Kindes verurſachten, zehrten ihre Lebenskraft mehr und mehr auf und Jedermann erkannte, daß dem matt⸗ glimmenden Lebenslämpchen der armen Dulderin gar bald das letzte Tröpflein Oel mangeln würde. An Bolds Stelle war ein Maler, Namens Corduan, Wollers Nachbar geworden. Wie ſehr viele Künſtler war auch Herr Corduan arm und mußte daher ſeine Kunſt nach Brote gehen, das heißt: er ſah ſich genöthigt, jede ihm angebotene Arbeit anzunehmen, um als ehrlicher Mann beſtehen zu können. Aus dieſem Grunde malte er, ein gelernter Hiſtorienmaler, nicht nur Portraits, ſon⸗ 44 dern auch Landſchaften, ja ſogar Stuben, Decorationen für Theater, ſelbſt architectoniſche Gegenſtände. „Hat doch“— ſprach er zu ſeiner Entſchuldigung— „der große Maler Hans Holbein aus Noth die Außen⸗ ſeiten der Häuſer durch die Gebilde ſeiner Kunſt verzieren und der noch berühmtere Correggio aus demſelben Grunde das Schild eines Wirthshauſes malen müſſen. Und ich bin nicht werth, einem dieſer beiden Malerhelden die Schuh⸗ riemen aufzulöſen.“ Als Corduan in ſeine neue, beſcheidene Dachwohnung einzog, betrachteten Wollers Kinder neugierig die ihnen bisher unbetannt geweſenen Werkzeuge der Malerei, als da ſind die Staffelei, der Malſtock mit ſeinem Polſterknopf am Ende, die vielen Pinſel mit den langen Stielen, die kleinen Blaſen mit den bunten Oelfarben, den großen Reibſtein nebſt Laufer, die mit Malertuch überſpannten Holzrahmen, die Flaſchen und Fläſchchen mit den ver⸗ ſchiedenen Oelen und Firniſſen, und was ſonſt noch ein Maler bedarf. Bei dem Heraufſchaffen dieſer Gegenſtände bezeigten ſich Wollers Kinder ſehr dienſtwillig und wetteiferten mit einander in raſcher Geſchäftigkeit. Bald war daher der kleine Handwagen, welcher des Malers Eigenthum bis vor die Hausthüre gefahren hatte, bis auf den letz⸗ ten Gegenſtand geleert. Dieſer Gegenſtand aber ver⸗ ſetzte die Kinder in ein großes und gerechtes Staunen. „Sieh doch! Thereſe“— ſprach Herrmann zu ſeiner älteren Schweſter—„da liegt gar ein hölzerner Pup⸗ penbalg! Ei, ſpielt denn Herr Corduan noch mit einer Puppe? Und wie groß ſie iſt! Gewiß ſo groß wie Herr Corduan ſelbſt. Die mag viel gekoſtet haben!“ „Ja wohl“— erwiederte Corduan, der Herrmanns Worte vernommen hatte, lächelnd—„neu hat meine Puppe 60 bis 80 Thaler gekoſtet. Ich habe ſie aber in der Auction für 25 Thaler erſtunden und mir deshalb Glück gewünſcht.“ „Fünf und zwanzig Thaler für eine Puppe!“ ſagte Thereſe voll Staunen—„und das noch dazu für einen bloßen Puppenbalg. Wo haben Sie denn die Kleider dazu, Herr Corduan? Dieſe müſſen auch theuer genug ſein.“ „Manchmal ziehe ich ihr meine eigenen Sachen an“ — antwortete der Maler—„zuweilen auch Frauenklei⸗ der, ja in geeigneten Fällen hänge ich ihr nur ein großes Tuch, oder ein Stück Leinwand, Sammet oder end⸗ lich gar einen Vorhang über. Aber das kommt jetzt gar nicht mehr vor und darum wünſche ich oft, daß ich noch meine 25 Thaler beſäße oder meine Puppe in 6 Klaftern Holz verwandeln könnte um mir im Winter eine warme Stube bereiten zu können.“ „Ich möchte Sie einmal mit Ihrer Puppe ſpielen ſehen“— ſprach Herrmann—„das muß ſich drollig ausnehmen. Aber wie regieren Sie denn Ihre Puppe, weil ſie ſo groß und ſchwer iſt?“ „Das ſollſt du zu ſehen bekommen“— verſetzte der Maler—„weil aber meine Puppe wirklich recht ſchwer iſt, ſo mogen Valentin und Thereſe ſie mir hinauftragen helfen. Nehmt euch aber in Acht, daß ihr keinen Finger oder gar die Naſe abſtoßet.“ 46 Mit der Kinder Beiſtand gelangte des Malers Glie⸗ dermann unbeſchädigt unter's Dach. „Womit belohne ich eure Dienſtwilligkeit?“— fragte dankerfüllt der Maler nun.„Hätte ich's übrig, ſo be⸗ ſchenkte ich jedes von euch mit einem blanken Thaler. Liebt ihr Bilder? Gut! ihr nickt! Was wollt ihr haben? Ein Pferd? einen Reiter? eine Kuh oder Ziege? Ein Schaaf oder einen Eſel? Den Kaiſer Napoleon oder den alten Fritz? eine Schaukel oder einen Luftballon? einen Huſaren oder einen Uhlanen? eine Kanone oder eine Kaffeemühle? Wählt! wählt Kinder.“ Während der Maler aus einem Skizzenbuch vier Quartblätter lostrennte, hob Linchen keck an:„Ich will eine Wiege mit einem Biſchepüppchen drinn!“ „Gut, ſehr wohl!“ antwortete der Maler und begann mit Bleiſtift das verlangte Bild hinzuwerfen. „Und ich möchte eine Kanone und einen Huſaren“— ſprach Herrmann. „Der paßt nicht zur Kanone“— rief Valentin ver⸗ weiſend aus. „Warum nicht?“ fragte Corduan—„das Papier iſt ge⸗ duldig und widerſtreitet daher nicht. Hier, Linchen, haſt du dein Biſchekind mit ſeiner Wiege. Nun kommt der Huſar nebſt der Kanone an die Reihe. Was weiter, ihr Kinder?“ „Ich wünſche eine ſchöne Dame mit einem aufge⸗ ſpannten Sonnenſchirme und einem kleinen Hundchen, welches bellt“— lispelte Thereſe verſchämt. „Und ich“— ſprach Valentin—„hätte gern den Kaiſer RNapoleon.“ 47 Gar nicht lange währte es, ſo waren alle vier Bil⸗ der fertig, welche, mit alleiniger Ausnahme des letztgenann⸗ ten, die damit Beſchenkten hoch erfreuten. „Das ſoll der Kaiſer Napoleon ſein?“— fragte Valentin kopfſchüttelnd—„Ei, der ſieht ja beinahe aus wie der alte Pöcklingsmann am Markte, der eben einen ſolchen dreieckigen Hut trägt. Ich denke, ein Kaiſer geht in Gold und Silber, in purer Seide und in Sammet einher, trägt eine goldene Krone mit funkelnden Edel⸗ ſteinen auf dem Kopfe und einen Scepter in der Hand? Dieſer Kaiſer da ſieht aber aus, als könnte er nicht ein⸗ mal Meff ſagen. Und dieſer hat unſern Kurfürſten aus dem Lande gejagt?“ „Derſelbe!“ nickte Corduan.—„Ja, mein Junge, unter dieſem unſcheinbaren Hütchen ſteckt ein Kopf, an deſſen Härte und Hirn ſchon ſo manches große und mächtige Reich zerſchellt iſt. Nicht immer machen Klei⸗ der den Mann. Die Nachtigall im grauen Röcklein ſingt lieblicher als alle anderen bunten Vogelmätze, und große Männer bedürfen des äußeren Schmuckes nicht, um an⸗ geſtaunt und bewundert zu werden.“ Nachdem die Kinder mit ihren Bildern gegangen waren, ſprach Corduan, ihnen nachblickend—„Glückliche, genügſame Jugend, welche ſich an einer hingeſchmierten Fratze ſchon ergötzt. Ach, wer doch wieder zu einem Kinde werden könnte!“ Nach wenig Stunden ſchon hatte Linchens gezeichne⸗ tes Biſchepuppchen ſammt ſeiner Wiege ſein junges Da⸗ 48 ſein geendet. Beſchmuzt und in Stücke zerriſſen bedeckte es die Stubendielen. Nur um wenige Minuten älter wurde der Huſar neben der Kanone, indem ſein Beſitzer das ſtarke Papier zu Ladungen für ſeine Knallbüchſe von Fliederholz umwandelte. Dagegen prangte der Kaiſer Napoleon an der Stubenthüre, wo ihn Valentin mit vier kleinen Zwecken angenagelt hatte. Von nun an hatte der Maler, ſo oft er daheim ſei⸗ ner Kunſt oblag, die Kinder ſeines Nachbars zu Zuſchau⸗ ern, die ihm jeden Pinſelſtrich abſahen. Corduans erſtes Werk in ſeiner neuen Wohnung war das Aushängezeichen einer Schänk⸗ und Speiſewirthſchaft. Daſſelbe ſtellte auf himmelblauem Grunde ein großes Glas mit überſchäu⸗ mendem Braunbiere, eine gefüllte Schnapsflaſche, ein Schnapsgläschen und das Kopffſtück eines geſottenen Kar⸗ pfens auf einem Teller dar und wurden dieſe Gegenſtände ſo naturgetreu nachgebildet, daß den jugendlichen Zu⸗ ſchauern und Bewunderern das Waſſer im lüſternen Munde zuſammenlief. Das Werk lobte ſeinen Meiſter dergeſtalt, daß der⸗ ſelbe von dem Beſitzer des Gaſthofes zur grünen Tanne, den ehrenvollen Auftrag erhielt, das unſcheinbar gewor⸗ dene Wirthshausſchild zu erneuern. Corduan bewies, daß er nicht nur ein Stillleben, ſondern auch ein Landſchafts⸗ gemälde kunſtreich darzuſtellen verſtand. Inmitten der großen Holztafel und umgeben von niedrigeren Forſt⸗ bäumen ſtieg der ſchnurgerade Tannenſtamm gegen den blauen Himmel empor, ſeine mächtigen, grünen Zweige wie ſchirmend nach allen Richtungen ausſtreckend und ein 49 ſchattiges Dach über eine Wandrerfamilie wölbend, welche unter der Tanne ruhte und zu welcher die Familie Wol⸗ ler die Modelle abgegeben hatte. Auch lebensgroße Por⸗ traits ſtellte Corduan vor: den Acciseinnehmer Feller nebſt deſſen Gattin. Jener hielt in der rechten Hand eine bunte Tulpe und dieſe eine feuerrothe Nelke, welcher nichts als der ſüße Duft fehlte, um ganz natürlich zu erſcheinen. Aber leider wurden alle dieſe Kunſtgebilde nicht nach Verdienſt belohnt, daher der Küͤnſtler auch zu unwürdigeren Pinſelarbeiten ſich erniedrigen mußte, um nicht Hunger zu darben oder den Miethzins ſchuldig zu bleiben. Bei weiterer Bekanntſchaft mit ſeinen Nachbarsleuten erfuhr Corduan von denſelben die Geſchichte von dem vorigen Inhaber ſeiner Wohnung, wobei das kleine Loch in der Stubenwand, welches unſtreitig die Urſache zu Bold's raſchem Ausziehen geweſen war, nicht vergeſſen wurde. Es bedurfte von Corduans Seite keiner großen Mühe, um jenen Ziegelſtein wieder in der Wand zu lockern, und mit ſeiner Nachbarn Bewilligung, die einſtige nähere Mittheilung und Verbindung herzuſtellen. Bald genügte dem Maler die kleine Oeffnung, welche ihm theils nur als Sprachrohr, theils zu einer kleinen Handreichung diente, nicht mehr, daher er ſo viel Maurerziegel beſeitigte, als nöthig war, um einen etwas zuſammengeſchmiegten Menſchen von Corduans Magerkeit durchſchlüpfen zu laſſen. Aber auf beiden Seiten der Wand hatte man durch auf⸗ gehängte Kleider die Oeffnung vor fremden Beſuchern verdeckt. Lingg von Linggenfeld. 4 50 So war die Weihnachtszeit des Jahres 1806 her⸗ angekommen. Corduan arbeitete fleißig, aber heimlich an einem Guckkaſten, mit welchem er Wollers Kinder zu erfreuen und zu beſchenken gedachte. Woller dagegen wurde bei dem Herannahen des chriſtlichen Freudenfeſtes immer ver⸗ ſtimmter und trauriger. „Das iſt nun ſchon das zweite Weihnachtsfeſt“— ſprach er bekümmert—„welches unſer armer Gevatter Simon, fern von den Seinen, im Arbeitshauſe zubringt. Wie vergnügt verlebten wir ehemals die Weihnachtzſeiet⸗ tage zuſammen! Ach, Frau Gevatter Simon wird gewiß nur unter Thränen und Seufzen das Chriſtfeſt zubringen und es ihr nicht einfallen, ein Chriſtbäumlein anzuzünden und ihre Kinder jubeln zu laſſen. Darum vermag auch ich, der ich mich nicht frei von Schuld an Simons Un⸗ gluck weiß, mich nicht zu freuen und unſern Kindern in einſt gewohnter Weiſe eine frohe Chriſtbeſcherung zu be⸗ reiten. Meine Hoffnung, daß der Geldfaßdieb entdeckt werden und Gevatter Simon dadurch ſeine Freiheit wie⸗ der erlangen würde, iſt unerfüllt geblieben und nach ſo langer Zeit alle Möglichkeit dazu verſchwunden.“ Dieſe Rede, welche Wollers Kinder mit anhörten, verſetzte dieſe in große Betrübniß. Bereits hatten ſie im vorigen Jahre die heiß erſehnte Weihnachtsfreude und Beſcherung entbehrt und auch jetzt ſollten ſie wieder leer ausgehen! „Warum weinteſt du vorhin ſo kläglich, Linchen?“ — 51 fragte am Tage vor dem Weihnachtsheiligabende der Maler das Kind. Da drangen die Thränen auf's Neue aus Linchens blauen Augen und ſchluchzend entgegnete ſie: „Vater will nicht, daß Mutter ein Lichterbäumchen kauft und daß wir beſchert bekommen.“ Corduan tröſtete das Kind und nahm ſich vor, deſſen Wünſche, die ja ſo klein und beſcheiden waren, nach ſei⸗ nen Kräften zu erfüllen. Er kaufte daher ein Tannen⸗ bäumchen, verſah es mit Lichtern und fügte zu dem fertigen Guckkaſten noch kleine Gaben an Aepfeln, Nüſſen und goldbeklebten Pfefferkuchen. Der wackere Künſtler freute ſich wie ein Kind auf den morgenden Tag, wo er mit des Nachbars Kindern wieder zu einem Kinde zu werden gedachte. Dabei jedoch klapperte der arme Maler vor Kälte, denn es war ein ſtrenger Froſt eingetreten, welcher die Fentterſcheiben mit einer undurchdringlichen Eiskruſte uberzogen hatte. Und das Holz war ſo theuer, dazu der Ofen in ſchlechtem Stande und des Malers Geldbeutel, in Folge der gemachten Einkäufe, ſo leer! Corduan würde ſich in des Nachbars Stube begeben haben, wenn es dort wärmer geweſen wäre. Aber ſo befanden ſich Woller, deſſen Frau und zwei älteſten Kinder nicht da⸗ heim, ſondern auf Arbeit, daher nur Herrmann und Ca⸗ rolinchen zu Hauſe waren. Herrmann vertrieb ſich die Langeweile und den Froſt dadurch, daß er einen Kupfer⸗ dreier gegen die Eisrinde der Fenſterſcheiben drückte und durch die Wärme ſeines darauf gepreßten Daumens einen deutlichen Abdruck des Geldſtücks hervorbrachte, eine Kunſt, die er in vielen Beiſpielen wiederholte, ſo daß die Schei⸗ 4* ben mit Eisdreiern ſich bedeckten— eine Falſchmünzerei, welche ſtraflos war. „Sieh', Linchen,“— hörte Corduan den Knaben ſprechen—„wenn das wirkliches Geld und jeder Dreier ein Thaler wäre, ſo machte ich eine ſolche Menge, daß der Pathe Simon erſtens aus dem Zuchthauſe losgekauft werden könnte, und dann noch ſo viel, daß wir Butter⸗ zöpfe backen und uns viel, viel Sachen und Spielzeug zum heiligen Chriſt kaufen könnten. Dem Vater einen neuen Rock und Hut, der Mutter einen Hauspelz und ein Paar Filzſchuhe, dem Valentin einen Farbekaſten, weil er gern ein Maler werden will, der Thereſe ein Kleid, mir einen ſchönen Geldbeutel von bunter Seide, um meine Thaler hineinſtecken zu können, und dir— o weh!“ Wenn ſelbſt die Stahlplatte, welche Papiergeld an⸗ fertigt, unter dem Druck der angewendeten Preſſe entzwei⸗ ſpringt: wie viel leichter noch eine dünne, hartgefrorene Glasſcheibe, wenn ſolche zum Falſchmünzen, wie hier, gemißbraucht wird! Dieſer Fall war eingetreten und hatte den Schreckensruf Herrmanns und das plötzliche Einſtellen des fernerweiten Geldmünzens zur Folge. Ja, ja, ein Unglück kommt ſelten allein und ein Uebelſtand war es noch, daß der zu Hülfe herbeigerufene Maler, wegen der nicht völlig geſchmolzenen Eiskruſte keinen ſchützenden Papierverband über die geſprungene Glasſcheibe legen konnte. Fünftes Kapitel. Die Chriſtbeſcherung. Außer der Woller'ſchen Familie gab es noch manche andere in Hersfeld, welche am Weihnachtsheiligabende keine Vorbereitungen zu einer fröhlichen Chriſtbeſcherung traf. Solches war zum Beiſpiel bei dem Maurer Bold der Fall, dem das heilige Chriſtfeſt kein freudiges war, und das daher auch nicht von ihm gefeiert oder ſonſt beachtet wurde. Wie immer war er ſchon am frühen Morgen auf Arbeit gegangen und auch ſeine Frau, des Scheuerns bei anderen Familien wegen, in Anſpruch ge⸗ nommen, daher die ſieche Gundel alich heute allein im düſtern Hinterſtübchen und auf ihrem Schmerzenslager hingeſtreckt lag. Gegen alles Erwarten aber kam Frau Bold ſchon um 9 Uhr Morgens nach Hauſe. Sie ſah noch bleicher als gewöhnlich aus, wankte mit unſicheren Schritten in das Stübchen hinein und fiel ganz erſchöpft in den nächſten Stuhl. „Ich kann— nicht mehr!“ hauchte ſie nach einigen Minuten ſeufzend hervor. Sie heftete ihr erloſchenes Auge auf ihr elendes Kind. Herber Kummer und innige Leibe ſpiegelten ſich in ihrem Blick. „Ach, Gundel!“ hob Frau Bold zu ſprechen an, „wenn doch der liebe Gott meine inbrünſtige Bitte er⸗ hören und uns beide zuſammen von dieſer Erde hinweg⸗ nehmen wollte! Das wäre für uns beide die ſchönſte 54 Chriſtbeſcherung. Ich kann dir ja ohnehin keine Freude machen, armes Kind! heute, wo faſt allen Chriſtenkindern ein froher Abend bereitet wird. Nicht wahr, Gundel, du wäreſt es zufrieden, wenn wir zuſammen ſtürben, zu⸗ ſammen in den Himmel kämen und ſomit nichts mehr auf Erden auszuſtehen hätten?“ „Gleich wäre ich dabei,“— erwiederte Gundel voll Erregung.„Wenn das Sterben auch ein wenig weh thut. Das bin ich ja ſchon gewöhnt! Ach! und wenn ich ein Engel würde, und Flügel bekäme und hoch am blauen Himmel und dicht vor der warmen, glänzenden Sonne umherfliegen könnte, und ſo recht aus der Tiefe Athem holen und ſingen dürfte, wie die himmliſchen Heerſchaaren vor Bethlehem! Ach! Mutter, das wäre zu ſchön!“ „Wenn wir nur ſtürben, ehe der Vater heimkommt,“ fuhr Frau Bold fort.„Er würde zanken, weil ich von der Arbeit fortgeſchlichen bin. Und ich ſchlöſſe doch ſo gern in Ruhe und Frieden meine müden Augenlider! Ach, da kommt er ſchon! Lieber Gott, hilf! erlöſe uns beide von allem Uebel und nimm uns ſchnell auf in dein Reich der Herrlichkeit!“ Frau Bold hatte die Wahrheit errathen. Ihr Mann trat dröhnenden Schrittes in das Stübchen und ſeine Miene verkündete, wie immer, nichts Gutes. Er bezeigte keine Verwunderung darüber, ſeine Frau unerwartet da⸗ heim zu finden, vielmehr ſchien ihm deren Gegenwart willkommen zu ſein. „Gut, daß ich dich zu Hauſe treffe,— hob er zu 55 ſeiner Frau mit Haſt an:„Haſt's wohl auch ſchon ge⸗ hört, welches Unglück uns und der ganzen Stadt, ja dem geſammten Lande droht? Franzöſiſch ſind wir geworden! Der Napoleon hat unſerm Kurfürſten das ganze Reich genommen und dieſer hat ſich über die See nach Eng⸗ land flüchten müſſen, um nicht von den Franzoſen ge⸗ fangen genommen zu werden. Aber das Schlimmſte iſt, daß wir franzoſiſche Einquartierung bekommen, und dann ſtehe uns der Himmel bei, denn die Franzoſen ſollen plündern, ſengen, brennen und maſſacriren, der nur eine böſe Miene zu ihrem Unweſen zieht. Der Rath Harter, bei welchem ich vorhin die Ofenröhre kehrte, meinte, daß wir die fremden Gäſte noch heute, ja ſchon in der näch⸗ ſten Stunde bekommen könnten. Das nenne ich eine ſchone Chriſtbeſcherung! Nun, und du verziehſt keine Wiene bei der Hiobspoſt? Thuſt, als wenn uns die Geſchichte nichts angänge? Sehe mir eins den Stock⸗ fiſch von Weibe an!“ „Ach!“ ſeufzte Frau Bold—„mir und Gundel wer⸗ den die Franzoſen ſchwerlich etwas anthun können. Ich denke, daß wir beide das Weihnachtsfeſt oben im Him⸗ mel feiern werden. Denn ich fühle den Tod in allen meinen Gliedern und Gundel hat auch nichts dagegen⸗ wenn ſie mit mir zugleich von dieſer Erde hinwegge⸗ nommen wird. Ich dächte, du müßteſt es mir anſehen, daß es mit mir auf die Neige geht.“ „So haſt du ſchon vielmal geſagt“— verſetzte Bold hart, obgleich er die außergewöhnliche Bläſſe und Schwäche ſeiner Frau bemerkte—„und gleichwohl lebſt du noch 56 immer, ſo wie Gundel, die auch ſeit Jahren ſchon ſter⸗ ben wollte und dennoch ißt und trinkt wie ein Scheun⸗ dreſcher.“ „Ueberdies“— fuhr Frau Bold ſchmerzlich fort— „können uns die Franzoſen, außer unſerm elenden Leben, nichts nehmen. Nur reiche Leute haben die Plünderung zu fürchten.“ „So?“ erwiederte Bold erzürnt—„alſo wäre dirs gleichgültig, wenn die fremden Kerle uns Alles davon trügen oder verwüſteten? Ha! ich ſage dir: dem Erſten, der Hand an mein Eigenthum legen will, ſchlage ich mit meiner Spitzhacke den Hirnkaſten ein. Ja, das thue ich und wenn's der Napoleon ſelbſt wäre.“ Die rollenden Augen, welche der Maurer unter ſeiner Rede zeigte, verkündeten, daß es ihm mit ſeiner Drohung kein Spaß ſei. Er würde länger noch gehadert haben, wenn nicht plötzlich in der Ferne Trommelſchlag erklungen wäre. Fluchend ſtürzte er aus dem Stübchen. Frau Bold erhob ſich jetzt vom Stuhle und näherte ſich dem Lager ihres Kindes. „Rücke ein wenig zu, Gundel“— ſprach ſie mit mat⸗ ter Stimme—„daß ich mich zu dir legen und dich in meine Arme ſchließen kann. Mögen dann die Franzoſen uns todt ſtechen oder der blaſſe Tod mit ſeiner Senſe abmähen: mir iſt Alles recht.“ Mutter und Kind ſchmiegten ſich innig und feſt in einander und ſchloſſen ihre Augen vor der Außenwelt. Die tiefſte Stille herrſchte in dem kleinen düſtern Hinter⸗ ſtubchen. Nicht ſo draußen in der Straße, wo Trommel⸗ 57 ſchlag, Kommandowörter, Geſchrei, Flüche und zornige Ausrufe mit einander abwechſelten. Plötzlich riß Bold die Stubenthüre auf und eilte mit einem zornerhitzten Geſichte herein. „Wir ſollen die Einquartierung nehmen, will unſer Wirth“— rief er grimmig aus.„Wo nicht, ſo will er mir den Hausmannsdienſt nehmen und mich in der ganzen Stadt anſchwärzen. Halt! Da kommt mir ein glücklicher Einfall! Ich werde ſcheinbar unſerm Wirth den Willen thun und die Franzoſen in unſere Wohnung führen, ihnen aber begreiflich machen, daß ſie hier eine Krankenſtube finden. Greulich genug ſehet ihr Beide aus und das Wort Peſt, das ich unſrer Einquartierung zu⸗ rufen werde, verſteht jedermann, ſelbſt der Franzoſe und Italiener. Hei, ich ſehe ſchon die Kerle erſchrocken zurück⸗ prallen, wenn ſie euch in das blaſſe Geſicht ſchauen und das Donnerwort:„Peſt“ von meinen Lippen hören wer⸗ den. Heda, Frau, Gundel, dreht eure Geſichter der Thüre zu und zieht den eintretenden Franzoſen eine recht gefähr⸗ liche Fratze. Habt ihr verſtanden?“ Nach dieſen Worten eilte Bold wieder hinaus. Bald jedoch kehrte er in Begleitung von zwei fremden Kriegern zurück. Dieſe waren Italiener, von der dritten Com⸗ pagnie des erſten leichten Infanterieregiments und 62 Mann ſtark, von Würzburg in Hersfeld eingerückt. Achſelzuckend veutete Bold auf ſeine Frau und Toch⸗ ter, die unbeweglich und mit feſtgeſchloſſenen Augen da⸗ lagen.„Malade“— ſprach er dabei und dann, ſeine Worte ſteigernd—„Fieber Peſt!“— 58 Aber dieſe vermeinten Schreckensworte rührten die beiden Krieger nicht, welche, entweder ſchon abgehärtet gegen das menſchliche Elend, oder das Ganze für eine bloße Verſtellung haltend, das kranke Paar nicht beach⸗ teten, ſondern ihre Blicke forſchend in dem Stübchen um⸗ hergehen ließen. Deſſen Beſchaffenheit mochte dem einen Italiener nicht behagen, daher er fluchend von dannen ging. Der andere dagegen ſtellte ſeine Flinte in einen Winkel, ſchnallte ſein Torniſter nebſt dem zuſammenge⸗ rollten Mantel ab und entledigte ſich des Seitengewehrs. Dann öffnete er eine Seitenthüre, welche in ein kleines Behältniß führte, wo der Maurer ſeine Werkzeuge, etliche Kalkkaſten und Kalkfäſſer aufbewahrte. Hierauf näherte ſich der Soldat der Frau ſammt deren Kinde, ſprach barſch zu ihnen:„Allons, marche!“ und begann, gleich⸗ ſam als Erklärung dieſer Worte, die Bettſtücken unter dem verſchlungenen Krankenpaare hinwegzuziehen und ſolche durch die offengelaſſene Thüre in das Seitenkäm⸗ merchen zu werfen⸗ Frau Bold und ihr Kind waren unter einem Schreckens⸗ und Schmerzensſchrei von dem Lager auf die Stubendielen hinabgefallen, was der Maurer ohne ſichtliche Erregung mit angeſehen hatte. Als aber der Soldat fortfuhr, die übrigen Lagerſtücke den erſteren nachzuſenden, malte ſich auf Bold's Antlitze eine mehr und mehr wachſende Un⸗ ruhe, die endlich in eine furchtbare Wuth überging. Nachdem das letzte Lagerſtück, ein Strohſack, beſeit igt worden war, zeigte ſich, anſtatt einer hölzernen Bettſtelle, ein kaſtenähnliches, niedriges Gemäuer, eine Art Aus⸗ wuchs der anſtoßenden Wand, auf welchem Gundels Lager bisher gebettet geweſen war. Welche Gedanken oder Vermuthungen der Anblick dieſes Steinkaſtens in dem Krieger erregte, iſt unerörtert geblieben. Derſelbe aber holte ſeine Flinte herbei und führte mit deren Kolben einen heftigen Stoß gegen die Oberfläche des Gemäuers, wahrſcheinlich um durch den Klang dieſes Stoßes die innere Beſchaffenheit des Stein⸗ bettes zu ergründen. Im Begriff, diſen Stoß zu wieder⸗ holen, fühlte ſich jedoch der Soldat hinten beim Genick erfaßt und mehrere Schritte weit hinweggeſchleudert. Zu⸗ gleich ſchrie der erboſte Maurer in der größten Wuth: „Wart', du welſcher Spitzbube! Ich will dich lehren, deine Diebshand an mein Cigenthum zu legen. Todt ſchlage ich dich, wenn du noch einmal dich daran ver⸗ greifſt.“ Während der arg betroffene Soldat ſich von den Stubendielen aufhaspelte und nach ſeiner entfallenen Flinte haſchte, bemächtigte ſich Bold einer Spitzhacke, um nöthi⸗ genfalls ſeine Drohung wahr zu machen. In dem Augen⸗ blicke, da der wüthende Italiener racheſchnaubend mit ſeinem Bajonnet den Maurer angreifen wollte, gedachte ſich Frau Bold zwiſchen die erbitterten Streiter zu werfen. Allein die arme Frau ſank unter einem Aufſchrei ohn⸗ mächtig zu Boden und Gundel lautweinend über ihre Mutter hin. Hierdurch bekamen die beiden Männer freien Raum zu ihrem Zweikampfe. Bald genug fühlte Bold wie das Bajonnet ſeines Gegners ihm die linke Wange aufſchlitzte und ein warmer Blutſtrom aus derſelben her⸗ 60 vorſtürzte. In toller Wuth ſchleuderte er die Spitzhacke nach dem Antlitz des Italieners, der aber den gefahrdrohen⸗ den Wurf glücklich von ſich abwehrte und nun mit er⸗ neutem Rachedurſt auf den Maurer eindrang. Dieſer, wehrlos einem wohlbewaffneten Feinde gegenüber, mußte ſein Heil in der ſchleunigſten Flucht ſuchen, welche beide Gegner aus dem Stübchen und dem Hauſe hinaus auf die Straße gerathen ließ. Hier erfüllte Bold die Luft mit dem lauten Zeterge⸗ ſchrei:„Hülfe! Hülfe! Mörder! Herbei! Hülfe!“ Wie viele blutige, folgenſchwere Aufläufe und Volkserhebungen durch eine anſcheinend kleine, gar nicht vorbedachte oder abſichtliche Handlung ſchon in's Daſein gerufen worden ſind! Ach ja, ein kleines, unbeachtetes, daneben gefallenes Feuerſtückchen hat manchen großen, Alles verheerenden Brand verurſacht. Kaum daß Hersfelds Bewohner, durch Bolds Hülfe⸗ geſchrei herbeigezogen, einen mit Blut bedeckten Mann von einem fremden Krieger verfolgt und angegriffen ſahen, ſo eilten von allen Seiten Helfer und Rächer herbei, welche mit Eifer die Gelegenheit erfaßten, ihrem längſt gehegten Groll gegen Deutſchlands Unterdrücker und Länder⸗ räuber durch Rachethaten Luft zu machen. Jetzt kam die Reihe an den Italiener„durch ein lautes Mordio ſeine Kameraden zu ſeinem Beiſtande anzurufen, denn der Fäuſte viele ſtreckten ſich drohend gegen ihn aus und ein ſchnell bereiteter Steinhagel bläuete ſeine Glieder. Wenn die aus 62 Mann beſtehende Compagnie der fremden Krieger beiſammen geweſen wäre und ein ge⸗ 61 ſchloſſenes Ganze gebildet hätte, ſo würde die geſammte, aus mehrern Tauſenden beſtehende Einwohnerſchaft Hers⸗ felds nichts gegen die ſoldatiſche Disciplin und Tapfer⸗ keit ausgerichtet haben. So aber wurden die bereits in die Häuſer vertheilten und einzeln zur Vertheidigung ihres Kameraden herzuſpringenden Krieger ſchon auf dem halben Wege von der feindlichen Uebermacht aufgehalten, gewäl⸗ tigt, ihrer Waffen beraubt und in die Flucht gejagt. In der Hitze des Kampfes bedachte niemand die ſchweren Folgen deſſelben. Es war, als wenn die Klänge der geläuteten Sturmglocken alle Bewohner in einen völligen Rauſch verſetzten, demjenigen ähnlich, den bei den Türken der übergroße Genuß von Opium hervorbringt. Die be⸗ ſiegten Fremdlinge, die an dreißig Verwundete zählten, flüchteten ſich endlich durch das Frauenthor aus der Stadt. Dabei tödtete einen von ihnen ein Schuß, welcher ans einem Hauſe am unteren Marktplatze fiel. Schon auf der Flucht bekam der gleichfalls verwundete Haupt⸗ mann der italieniſchen Kriegerſchaar von einem Hersfelder Weibe einen heftigen Schlag mit einem Holzſcheite in's Angeſicht, welcher ihm ſeine Vorderzähne koſtete. Dieſen feindlichen Angriff verübte jenes Weib unter dem Zeter⸗ geſchrei:„Auſterlitz Auſterlitz!“ Ha! wie ſo ganz verſchieden geſtaltete ſich der Aus⸗ zug der bisher überall ſiegreich geweſenen franzöſiſchen Krieger gegen deren kurz vorher erfolgten Einmarſch in Hersfeld! Die kecken, ſchmucken, im blitzenden Waffen⸗ glanze angelangten Soldaten glichen jetzt einer ſcheu und zerſtreut davonflüchtenden Schaafheerde, deren Hüter jetzt 62 ſelbſt fremden Schutzes bedarf. Ihre Kleider waren be⸗ ſtäubt, von Schmuz beſudelt, mit Blut befleckt, ihre Leiber und Glieder mit Wunden und Beulen bedeckt, ihre Waffen geraubt, die meiſten ihrer Köpfe ohne Tzakko's. Und zu ihrem Entſetzen läuteten noch immer die Sturm⸗ glocken in Hersfeld fort, ſammelten ſich hinter und vor ihnen Menſchenmaſſen in feindſeliger Abſicht, verbanden ſich mit den empörten Stadtbewohnern die Landleute der ganzen Umgegend. Nicht lange währte es, ſo ſah ſich das geſchlagene Häuflein der fremden Krieger immer dichter umzingelt und da ein Widerſtand unter den bewandten Umſtänden ſinnlos geweſen wäre, ſo ergaben ſich die Italiener, auf die an ſie ergangenen Aufforderungen, zu Gefangenen. Zum zweiten male wanderten ſie der Stadt zu, inmitten einer zahlloſen Volksmaſſe, welche ſie mit Triumphgeſchrei, mit wilden Drohungen, mit Hohn und Spottreden überſchüttete und mehrmals die wehrloſen Gefangenen zu ermorden die laute Abſicht kund gab. Sechſtes Kapitel Ein Beſuch. Soweit war in Hersfeld alles gut gegangen. Der Volskhaufe in ſeiner Siegestrunkenheit hätte es in dieſen Augenblicken mit des mächtigen Kaiſers Napoleyn ſämmt⸗ lichen Kriegsheeren aufgenommen. Aber, wie jeder Trunken⸗ heit der Katzenjammer auf dem Fuße zu folgen pyflegt, ſo auch hier. Nachdem die gefangenen Krieger in feſten Gewahrſam gebracht worden waren, beruhigte ſich all⸗ mählig das aufgeregte Blut und das kühle Nachdenken trat an die Stelle der wilden Leidenſchaft. Zunächſt war es der Anblick des erſchoſſenen Soldaten, deſſen Blut das Straßenpflaſter röthete und der mit ſeinen wild ver⸗ zerrten Geſichtszügen vorwurfsvoll die Vorübergehenden anzuklagen ſchien. Eines Einzigen wegen, welcher mit dem Bajonet einen Hersfelder verletzt gehabt hatte, war der blutige Aufſtand hervorgerufen worden⸗ Aber war der Erſchoſſene auch wirklich der Urheber des unſeligen Kam⸗ pfes geweſen, oder vielleicht ein ganz Unſchuldiger, den das tödtliche Blei unter der Menge ſeiner fliehenden Kameraden blindlings getroffen hatte? Wer war es geweſen, der aus jenem Hauſe den mörderiſchen Schuß gethan hatte? Nie⸗ mand wußte es und der Thäter war jetzt beſonnen genug, ſeiner Heldenthat ſich nicht zu rühmen. Das ver⸗ goſſene Menſchenblnt, obgleich dasjenige eines gehaßten Fremdlings, ſchrie ſo laut von den Steinen und dem todten Krieger, daß keiner von den zahlreichen Vorüber⸗ gehenden den Leichnam anzurühren oder zu entfernen wagte. Inſtinktmäßig ſagte ſich's Jeder im Geheim, daß der Getödtete an den Hersfeldern insgeſammt ſchwer gerächt werde dürfte. Der Gott der Liebe hat ſich einſt gegen den fürbittenden Abraham bereitwillig gezeigt, um zehn Gerechter willen die Tauſende ſchuldiger Bewohner Sodoms und Gomorha's begnadigen zu wollen, und hier hatte man eines Schuldigen wegen mehr wie 60 Men⸗ ſchen ſchwer büßen laſſen! Die ganze Schwere dieſes Vor⸗ 64 wurfs fühlte zunächſt der Magiſtrat von Hersfeld, der ſich deshalb ſofort zu einer Berathung verſammelte, wie den muthmaßlich ſchlimmen Folgen des ſtattgefundenen Kampfes am geeignetſten vorzubeugen wäre. Der Leſer läßt die hochweiſen Rathsmitglieder bei ihrer lange andauernden Berathung und wendet ſich zu⸗ nächſt nach den Bewohnern des Harterſchen Hauſes, ehe er nachforſcht, was aus dem Maurer Bold und deſſen Familiengliedern geworden iſt. Als des Maurers Hülfegeſchrei ertönte und die Volks⸗ menge unter noch lauterem Gebrüll die Straßen füllte, befand ſich der Handarbeiter Woller daheim und in der Mitte ſeiner Familie, welcher er eben die ſchlimme Nach⸗ richt von dem Nahen der feindlichen Truppen mittheilte. Sobald er aber die Urſache des ausbrechenden Tumultes erfahren hatte, beeilte er ſich, ſeine Arme und Kräfte mit denen ſeiner Mitbewohner zu vereinen und ſolche den Feinden fühlen zu laſſen. Ihm nach ſprangen Frau und Kinder, um, wenn auch nicht unmittelbar, ſo doch durch Schreien und Aufmuntern der Streitenden, an dem aus⸗ brechenden Kampfe ſich zu betheiligen. Selbſt der ſonſt beſonnene und friedliche Einwohner fühlte ſich von dem allgemeinem Schwindel ergriffen und ſchlug, warf und ſchrie auf die Feinde ein. Im dickſten Kampfgetümmel und mitten unter den männlichen Streitern focht Frau Simon gegen die Soldaten, auf welche ſie mit einem hierzu auserleſenen Holzſcheite wüthend und unter dem ſteten Rufe:„Auſterlitz! Auſterlitz! Rache für Auſterlitz und für meinen Mann!“ losſchlug. In der Hitze des 65 heißen Kampfes ward ihr die Haube vom Kopfe geriſſen und in langen Flechten wallte ihr das Haupthaar über die Schultern, den Rücken und das Geſicht herab, ſo daß ſie einer wüthenden Furie glich. Sie achtete es nicht, daß ihr die Kleider in Stücke geriſſen wurden, daß ihr Körper ſchmerzende Hiebe und gewichtige Fauſtſchläge em⸗ pfing, und ſtellte ſo im Kleinen ein Bild von der Kampfes⸗ wuth vor, die keine Gefahr, keine Wunden, keine Schmerzen beachtet und ſelbſt den Todesſtreich ohne Schrecken hin⸗ nimmt. Andreas, ihr Sohn, ſtritt an der Seite ſeiner Mutter, und, obgleich nur ein Knabe, brachte er den Feinden durch Steinwürfe manche bedeutende Verletzung bei. Während auf dieſe Weiſe das Harterſche Haus aus ſeinen unterſten und oberſten Räumen ſeine Hülfstruppen zu dem ausge⸗ brochenen Kampfe geſtellt hatte, war deſſen bejahrter Beſitzer im erſten Stockwerk nach dem Rathhauſe geeilt, ſein Schwiegerſohn, der Amtsrath im zweiten Stockwerk, mit Frau und Kindern durch die Hinterpforte in das Gartenhaus geflüchtet, das mit der Ruhe zugleich die gewünſchte Sicherheit gegen das Kampfgetümmel darbot, der Leutnant aber, welcher ſonſt gleichfalls das zweite Stockwerk bewohnte, mit ſeinem Huſarenregimente gegen die Franzoſen in's Feld gezogen und noch nicht wieder zurückgekehrt. So war denn Courduan, der Maler, allein noch übrig geblieben in dem ganzen, großen Hauſe. Wenn nun vor alten Zeiten der weltberühmte Archimedes in ſeine mathematiſchen Berechnungen vertieft, den furcht⸗ baren Lärm verhörte, den die Eroberung ſeiner Vater⸗ und Wohnſtadt Syrakus durch den Feind verurſachte, Lingg von Linggenfeld. 5 66 ſo iſt es erklärlich, wenn unſer Kuͤnſtler Corduan in ſeinem Maleifer nichts von dem Volksaufſtande wahr⸗ nahm, welcher Hersfelds Bewohner auf die Beine und die einmarſchirten Italiener ins Unglück brachte. Corduan malte um ſo eifriger, als er das letzte Bild für den Guckekaſten unter den Händen hatte, mit welchem er ſeine Nachbarskinder am heiligen Chriſtabende zu erfreuen ge⸗ dachte. Damit jene nicht vor der Zeit ſein Mach⸗ und Kunſtwerk zu Geſicht bekämen und ſich ſo ſelbſt um die Weihnachtsfreude brächten, hatte Corduan den Woller⸗ ſchen Kindern verboten, während der Woche vor dem Chriſtfeſte ohne ſeine ausdruckliche Erlaubniß ſeine Stube zu betreten, welches Verbot von ihnen auch auf das Gewiſſenhafteſte gehalten worden war. Um ſo unwilliger ward der Maler, als plötzlich ſeine Stubenthüre hinter ſeinem Rücken geoffnet wurde und haſtige Füße herein⸗ traten. In der Meinung, daß der Eintretende eines von den älteren Kindern ſeines Stubennachbars ſei, rief er demſelben, ohne ſich umzuwenden, mit unwilligem Tone zu: „Ich habe euch doch verboten—“ Die weitere Rede blieb dem Maler in der Kehle ſtecken, denn es näherte ſich ihm ein fremder Soldat, welcher mit bittender Geberde und keuchendem Athem die Worte hervorſtammelte: Gracia, gracia, anch' io sono pittore(anch' sono pittore.) Noch immer betrachtet man Italien als die Heimath der bildenden Künſte und darum iſt's des Künſtlers höchſter Wunſch, jenes Land, in welchem die Citrone und die Bettelei blühen, zu ſehen und ſich an den dortigen Mei⸗ 67 ſterwerken der Kunſt zu vervollkommnen. Allein nur die kleinere Zahl der vielen Künſtler erreicht dieſes heißer⸗ ſehnte Ziel und unter ihnen befand ſich nicht auch der Maler Corduan. Darum verſtand derſelbe die italieniſche Sprache nicht und würde ſonach nicht begriffen haben, was der fremde Krieger von ihm zu erflehen gekommen war. Aber er wußte, daß gratia im Lateiniſchen und grace im Franzöſiſchen ſo viel wie Gunſt— Gnade— bedeute und da Gracia ähnlich klang, ſo errieth Cor⸗ duan, daß der Fremdling eine Gunſt oder Gnade von ihm erzeigt haben wollte. Was die übrigen Worte— anch' io sono pittore— anbelangte, ſo verſtand Cor⸗ duan auch deren Sinn:„Auch ich bin ein Maler“, wel⸗ chen Zuſatz der Bittſteller gleichſam dem Maler als Be⸗ weggrund vorgehalten hatte, ihm ſeine Bitte zu erfüllen. Daß Corduan jene vier fremden Worte ebenfalls verſtand, verdankte er einer Anecdote, welche man von dem be⸗ rühmten Maler Allegri, Correggio genannt, erzählt. Derſelbe ſoll nämlich bei dem Anblick eines Gemäldes von Raphael voll freudigen Selbſtgefühls ausgerufen haben: Anch' io sono pittore— auch ich bin Maler. Und dieſer Ausruf iſt unter den Malern wohl eben ſo zum Stichwort geworden, als Cambronne's angebliches „die Garde ſtirbt, doch ſie ergiebt ſich nicht.“ Der fremde Krieger hatte ſehr klüglich gethan, in⸗ dem er ſeinem Flehen um Gnade die Worte beifügte: Auch ich bin Maler. Denn ſofort erblickte Corduan in jenem nicht mehr den feindlichen und gehaßten Krieger, ſondern einen ihm befreundeten Kunſtgenoſſen, dem man 5 68 in der Noth beiſpringen müſſe. Ja, aber worin beſtand denn die gewünſchte Gnade? Auf ſeine desfallſigen Fragen antwortete der Soldat mit einem Schwall un⸗ verſtändlicher Worte und mit unbegreiflichen Geberden Immer angſtvoller geſtalteten ſich des Kriegers Mienen, während Corduan verneinend ſein Haupt ſchüttelte und die Gefahr näher und näher heranrückte. Denn bereits polterten viele eilige Füße die Holztreppe heran und ſchon in der nächſten Secunde konnten des Kriegers Tod⸗ feinde deſſen Schlupfwinkel betreten. Da rief der Italiener ſeinem Kunſtgenoſſen bedeu⸗ tungsvoll das Wort zu:„Berghem! Berghem!“ Plötzlich ward es unſerm Corduan klar, um was es ſich jetzt handle. Berghem war der Name eines geſchickten nie⸗ derländiſchen Malers aus dem 17. Jahrhundert. Wie aber viele Genie's, ſo war auch Berghem in ſeiner Jugend ein lockerer Zeiſig, welcher leichtſinnige Streiche und Schul⸗ den machte. Als er nun einſt deshalb von ſeinem ſtren⸗ gen Vater beſtraft werden ſollte, flüchtete ſich der Sohn vor dem väterlichen Zorne in ſeines Meiſters Goyen Werkſtatt, welcher, von Berghem um Beiſtand angefleht, ſeinen übrigen Schülern zugerufen haben ſoll:„Berghem! Berghem!“ was im Deutſchen ſo viel bedeutet als Ver⸗ bergt ihn! Verbergt ihn! Von da an hatte er dieſen Zunamen behalten. Das Leſen ſelbſt von Anekdoten, wie die beiden eben vorſtehend erzählten, iſt oftmals von Nutzen. Ohne eine ſolche Beleſenheit würde zum Beiſpiel Corduan niemals begriffen haben, was der Italiener mit dem Namen eines 69 langſt verſtorbenen Kunſtgenoſſen bezwecken wollte. So aber ſprang Corduan nach der durchbrochenen Seiten⸗ wand hin, ſchob die über der Maueröffnung aufgehng⸗ ten Kleider abſeits und bedeutete durch einen ſtummen Wink den Fremdling, den gewünſchten Verſteck hier ein⸗ zunehmen, was auch jener eiligſt that. Kaum daß der Italiener hinter den Kleidern verſchwunden war, ſo that ſich raſch die Stubenthüre auf und über deren Schwelle herein ſtürmte Frau Simon nebſt etlichen Männern, Frauen und älteren Knaben. Wie ſchon geſagt, glich Frau Simon einer Furie, welche mit geſchwungenem Holz⸗ ſcheite und dem Feldgeſchrei:„Auſterlitz Auſterlitz Rache für Auſterlitz und für meinen Mann,“ Corduans Werkſtatt betrat. Forſchend irrte des wüthenden Weibes wild rol⸗ lendes Auge in dem Stübchen umher und als ſie ihr ge⸗ ſuchtes Schlachtopfer nicht entdeckte, ſo kreiſchte ſie gegen den Maler:„Wo— wo iſt der Franzoſe, daß ich ihm den Kopf breit ſchlage? Ich ſah ihn deutlich hier in's Haus ſchlupfen und hier oben nur kann er ſich verkrochen haben.“ „Wo, wo iſt der Franzoſe?“ ſchrieen Alt und Jung aus voller Kehle der Frau Simon nach, indem ſie Corduans kleines Stübchen anfüllten. Anfangs hatte Corduan nicht übel Luſt, das wüthende, in ſeinem Zorne ſo häßliche Weib aus der Thüre zu werfen und ſchon ſtreckten ſich ſeine voll Ingrimm geballten Fäuſte nach ihr aus. Da aber gewann die ruhige Ueberlegung glücklicherweiſe die Oberhand bei dem Maler, welcher jetzt die Zahl ſeiner Gegner berechnete, die er in jenem Falle auf ſich gezogen haben und deren vereinten Angriffen er nicht gewachſen geweſen ſein würde. 70 Wit ruhiger Stimme hob er zu Frau Simon an:„Frau Nachbarin, was für einen Franzoſen ſuchen Sie denn bei mir? Ich habe keinen zu Geſicht bekommen, ſondern, wie Sie ſich hier durch den Augenſchein überzeugen können, fleißig gemalt. Was iſt denn vorgefallen, das Sie und dieſe Leute da in ſo große Aufregung verſetzt hat? Ich weiß von gar nichts und bin daher über n unverhofften Be⸗ ſuch ganz verſteint.“ „Wie?“ rief Frau Simon gellend aus—„Sie hätten das Schießen, Schreien, Sturmläuten und den ganzen Kra⸗ wall überhört? Das iſt ja unmöglich. Ha, gewiß ſind Sie auch ein Franzoſenfreund, weil Sie keinen Antheil an dem Kumpfe gegen die fremden Unterdrücker genommen haben. Doch, was ereifere ich mich jetzt über dieſen einfältigen Pinſel? Indeß entwiſcht vielleicht der Franzoſe. Durch⸗ ſtöbern wir ſchnell die noch übrigen Winkel hier oben.“ Mit dem Davoneilen der läſtigen Beſucher war des Malers Beſorgniß um ſeinen Schützling noch keineswegs gehoben. Wenn Frau Simon und deren Begleiter auch in die Nachbarwohnung drangen, wenn deren Thüre offen ge⸗ laſſen worden, ſo war es jedenfalls um den unglücklichen Flüchtling geſchehen, ſelbſt wenn der Maler vereint mit ihm gegen deſſen Feinde gekämpft hätte. Nachdem Corduan hinter dem davonſtürmenden Haufen ſeine Stubenthüre feſt verriegelt hatte, ſo eilte er nach dem Loche in der Mauer hin, ſchob die darüber hängenden Kleider weg und winkte dem Italiener zu, wieder in die dieſſeitige Stube zurückzu⸗ kehren. Wenn aber die Thür zur Wollerſchen Wohnung unverſchloſſen geblieben war, ſo mußte, bevor der Verfolgte 71 durch die Maueröffnung ſchlüpfen konnte, deſſen Entdeckung bereits geſchehen ſein. Darum erwartete auch Corduan das nun Kommende mit heftig pochendem Herzen. Horch! die nachbarliche Thürklinke knirſcht laut unter einer heftig aufſchlagenden Hand. Ein ungeſtümes Rütteln folgt— Ha! die Thüre iſt verſchloſſen! Welches Glied der Woller⸗ ſchen Familie mochte in dem Augenblicke der größten Auf⸗ regung noch Ueberlegung genug beſeſſen haben, um die Thüre hinter ſich ſorgſam zu verſchließen? Geſegnet ſei die Hand, welche die Thüre in's Schloß warf und den Schlüſſel abzog. Ein zweiter Wink des Malers gebot dem Ita⸗ liener, welcher bereits mit dem halben Leibe in Corduans Stübchen geſtiegen war, in das jenſeitige zurückzukehren. Hierauf entriegelte Corduan ſeine Stubenthüre und ſprach, hinaustretend, zu den Anweſenden:„Bei meinem Nach⸗ bar iſt niemand daheim. Nun begreife ich erſt, warum Wollers ingeſammt und in großer Eile vorhin fortliefen. Aber ihr werdet doch nicht mit Gewalt meines Nach⸗ bars Thüre aufſprengen wollen? Dann ahmtet ihr ja den verhaßten Franzoſen nach, denen kein fremdes Eigen⸗ thum heilig iſt! „Ich für meine Perſon—“ erwiederte Frau Simon verächtlich—„würde keinen Fuß in des Mannes Stube ſetzen, der meinen armen Mann in's Unglück und Arbeits⸗ haus gebracht hat. Mir nach, ihr Leute! in dieſem Hauſe bin ich bekannt und weiß ſonach alle Schlupfwinkel.“ Mit welchen Frohgefühlen Corduan die Verfolger ſei⸗ nes Schützlings ſich entfernen ſah!„Mit meinem Nach⸗ bar Woller—“ ſprach er zu ſich ſelbſt—„getraue ich 72 mir ſchon fertig zu werden, daß er und die Seinen an dem Italiener nicht zum Verräther werden. Ha! Ha! ich habe ja auch keine Lüge geſagt, als ich der wüthenden Frau Simon entgegnete, daß ich keinen Franzoſen zu ſehen bekommen hätte. Er iſt ja ein Italiener, kein Franzoſe!“ Zufrieden mit ſich ſelbſt verriegelte Corduan aber⸗ mals ſeine Thüre und veranlaßte dann den Krieger, in ſeine Stube zurückzukehren, wo er demſelben einen Anzug von ſich überreichte und ihn durch Geberden bedeut⸗te, jenen mit ſeiner Soldatenkleidung zu vertauſchen. Die letztere verbarg Corduan unter ſeinen Bettſtücken und ließ den vom Marſche und beſtandenen Schrecken ermatteten Soldaten auf jenen der Ruhe pflegen. Den Schlüſſel zur Schlafkammer ſteckte der Maler zu ſich und wartete nun mit Ungeduld auf die Heimkehr ſeines Nachbars, von welchem er viel zu erfahren und darnach ſeine wei⸗ teren Maaßregeln ergreifen zu können hoffte. Mittlerweile war der Volksaufſtund beendigt, die fremde Kriegerſchaar als Gefangene in feſten Gewahrſam gebracht und der Magiſtrat zu wichtiger Berathung zu⸗ ſammengetreten. Dem wilden Tumult war eine eben ſo tiefe Ruhe nachgefolgt. Diejenigen Hersfelder, welche in kleinen, vereinzelten Trupps beiſammen ſtanden, unter⸗ hielten ſich mit gedämpfter Stimme von dem Vorgefal⸗ lenen, und ſchon gab es Manchen unter ihnen, der ſcheu, wie die Katze vom Taubenſchlage, heimſchlich und ſeine thätige Theilnahme an dem Kampfe zu verbergen ſtrebte. Auch Woller nebſt den Seinen begab ſich heim. Er war nicht der Letzte im Streite geweſen und konnte ſich rüh⸗ 73 men, mehr wie einen Franzoſen beſiegt, entwaffnet und gefangen genommen zu haben. Dennoch vermißte man auf ſeinem Angeſichte die Siegesfreudigkeit, vielmehr hatte daſſelbe einen beſorgten Ausdruck angenommen. Nicht ſo ſeine Kinder, namentlich die beiden Knaben, die ihren erſten Strauß beſtanden hatten und deshalb noch im frohen Taumel waren. „Ei, Vater!“— hob Valentin luſtig an—„das war eine ſpaßige Jagd. Hei! wie die Franzoſen vor uns ausriſſen! Derb und tüchtig habe ich mit meinem Knüttel auf ſie losgedroſchen.“ „Und ich—“ ſprach Herrmann—„habe wenigſtens 50 Steine ihnen auf den Pelz geworfen. Einen traf ich auf das Czacko, daß es wie auf einen alten Topf ſo hohl klang, und daß ihm das Czacko platſch vom Kopfe fiel.“ „Still, ihr Jungen,“ gebot Woller ernſthaft.„Laßt eure Heldenthaten nicht vor Jedermann hören. Es könnte euch ſchaden.“ „Nicht wahr?“ rief Frau Woller beſtürzt.„Ich habe auch ſchon daran gedacht, ob nicht der heutige Tag für ganz Hersfeld noch einen recht böſen Ausgang nehmen könnte.“ „Wenigſtens iſt ein recht garſtiger Nebel in die heu⸗ tige Chriſtbeſcherung gefallen—“ verſetzte Woller— „und ich will den Familienvater ſehen, der heute noch überhaupt an's Beſcheren denkt. Ach! die Franzoſen! Seit vorigem Jahre haben ſie eine traurige Rolle in unſerm Leben geſpielt. Der arme Simon!“ „ 74 Unter dieſem Geſpräche waren Wollers zu ihrem Stübchen hinaufgeſtigen. Dort fanden ſie ihren Nach⸗ bar, den Maler, ſtehen, welcher ſie alſo anredete: „Nun, ſagen Sie mir, was in aller Welt geſchehen iſt? Während Ihrer Abweſenheit habe ich Ihre Woh⸗ nung gegen erbitterte Eindringlinge ſchützen müſſen, die in Ihrer Stube einen Franzoſen verſteckt wähnten, den ſie todtſchlagen wollten.“ „Ach Sie Glucklicher!“ verſetzte Frau Woller ſeuf⸗ zend—„daß Sie von dem ganzen Krawall nichts er⸗ fahren haben. Sie ſind wohl der Einzige, der nicht mit ganz Hersfeld gegen die eingezogenen Franzoſen gekämpft hat. Wir haben ſie zwar in die Flucht geſchlagen, ſie entwaffnet und gefangen genommen, aber was nun noch hieraus folgen kann, weiß nur unſer Herrgott.“ „Wie aber und weshalb iſt denn der Zuſammenſtoß erfolgt?“ fragte Corduan weiter. „Ein Hersfelder—“ antwortete Frau Woller— „wurde von einem einquartierten Franzoſen mit dem Ba⸗ jonnet gedrängt und verwundet.“ „Man ſagt—“ fiel Woller ein—„daß der Ver⸗ wundete unſer ehemaliger Nachbar Bold geweſen ſei.“ „Der bedrängte Mann—„erzählte Frau Woller weiter—„lief auf die Straße hinaus und rief um Huͤlfe, und als das Volk ihm das helle rothe Blut über das Antlitz ſtrömen und den ihn verfolgenden Franzoſen ſah, ſo fiel es wüthend über den Letztern her. Auf deſ⸗ ſen Hülferuf ſtürzten die andern Franzoſen herbei, wur⸗ 75 den aber, wie ich geſagt habe, gewältigt und zuletzt ge⸗ fangen genommen.“ „Ein Franzoſe iſt todt geſchoſſen worden—“ fuhr Valentin eiftig fort—„und über die Hälfte der Uebrigen verwundet. Ach, das war eine prächtige Prügelei!“ „Ei, ei!“ ſagte Corduan kopfſchüttelnd—„höre ich ſo etwas von demſelben Valentin, der mir erſt an dem heutigen Morgen ſeine erlernte Schulaufgabe herſagte, von welcher ein Liedervers alſo lautete: „Verbittre dir dein Leben nicht, o Chriſt, durch eigne Rache, Vergeben iſt des Menſchen Pflicht, vergelten Gottes Sache. Die Sanftmuth, die ſein Wort gebeut, liebt Feinde, ſegnet und— verzeiht.“ Valentin erröthete über und über. Sein Vater aber ſagte entſchuldigend:„Wir Hersfelder haben ja nicht Rache nehmen, ſondern nur einen der Unſrigen vor feind⸗ licher Tyrannei ſchützen wollen.“ „Die Hand auf's Herz, lieber Woller—“ ent⸗ gegnete Corduan„und Sie geſtehen ein, daß mehr der allgemeine Franzoſenhaß, als der Sinn für Recht und Gerechtigkeit, als der Drang, einen eben nicht ſonderlich geachteten Mann vor feindlichen Uebergriffen zu ſchützen, die Haupttriebfeder zu der gewiß beklagenswerthen Ge⸗ waltthat geweſen iſt. Die eingerückten Franzoſen ſind, wie ich vernommen habe, Italiener, die ungern und nur gezwungen gegen Drutſchland fechten und weit lieber da⸗ heim geblieben wären. Um zehn Gerechter willen wollte 76 unſer Herrgott die Städte Sodom und Gomorrha mit einem Strafgericht verſchonen, die Hersfelder dagegen haben um eines einzigen fremden Uebelthäters mehr wie ſechszig ſeiner ſchuldloſen Kameraden bekriegt. Iſt das chriſtlich, he? Und das iſt am Vorabende des heiligen Weihnachtsfeſtes geſchehen, an welchem der Chriſt ſich dankbar erinnern ſoll, daß der Gottesſohn ein armes Menſchenkind geworden iſt, um die Sünder ſelig zu machen und zu ſuchen, was verloren iſt!“ „Sie können predigen trotz einem Geiſtlichen— er⸗ wiederte Woller—„wenn Sie aber, wie wir, den blu⸗ tenden Mann geſehen hätten, ſo wären Sie gewiß eben⸗ falls in Wuth gerathen und hätten auf die Franzoſen los⸗ geſchlagen. Hinterdrein iſt gut reden. Die Sache iſt nun einmal geſchehen und läßt ſich nicht ändern.“ „Aendern allerdings nicht—“ ſprach Corduan— „aber doch wieder gut machen.“ „He! wie wäre das möglich!“ rief Woller ungläu⸗ big aus. „Sie haben Wunden ausgetheilt—“ antwortete Cor⸗ duan—„heilen Sie ſelbige wieder. Wie, wenn Einer der Fremdlinge, welche einen freundlichen Empfang in Hersfeld zu finden glaubten, dafür aber blutige Wunden und ſchändende Mißhandlungen zu erleiden hatten, jetzt vor Sie hinträte und zu Ihnen ſpräche:„Mann, Mit⸗ bruder, Chriſt, ich hatte dich im Leben noch nicht geſehen, dich nie beleidigt oder verletzt— was that ich dir, daß du ärger handelteſt, als der verachtete Muſelmann, dem das Gaſtrecht heilig iſt? Würden Sie, frage ich, dieſen Mann, 77 der ſich vertrauensvoll und wehrlos in Ihre Gewalt be⸗ gäbe, tödten, oder wenigſtens verwunden, ſchlagen und ge⸗ fangen nehmen, oder ihn dem erbitterten Pöbel ausliefern wollen, damit derſelbe an ihm ſein Müthchen kühle?“ „Pfui, Herr Nachbar!“ verſetzte Woller gekränkt— „halten Sie mich für einen Karaiben, daß Sie alſo fragen?“ „Was würden Sie in einem ſolchen Falle thun?“ wie⸗ derholte der Maler. „Nun—“ entgegnete Woller etwas verlegen—„ich — wir— ja wir würden als barmherziger Samariter an ihm handeln.“ „Das habe ich von Ihnen erwartet—“ ſagte Corduan freundlich.„Reichen Sie mir eine Hand darauf, und auch Sie, Frau Nachbarin.“ Das Ehepaar ſchlug ein und begab ſich dann mit den Kindern in ſeine Stube. Nach einer Weile ſprach Cor⸗ duan durch die Maueröffnung bittend:„Kommen Sie doch auf ein paar Augenblicke in meine Stube, Herr Nach⸗ bar, und bringen Sie auch Ihre Frau mit.“ Dieß geſchah und der Maler führte das Ehepaar in ſeine Kammer und vor ſein Bett hin, auf welchem der fremde, feindliche Krieger lag. „Ich habe Ihr Wort—“ fuhr der Maler zu dem ſtaunenden Paare fort—„daß Sie dieſen armen ge⸗ ſchlagenen Fremdling weder mißhandeln, noch an ſeine Feinde verrathen, vielmehr als barmherziger Samariter an ihm handeln wollen. Betrachten Sie ſeine Beulen, die ihm die tolle Volkswuth geſchlagen hat, und haben 78 Sie chriſtliches Witleiden mit ihm. Selig ſind die Sanft⸗ müthigen— lautet immer Ihr Spruch— denn ſie werden das Erdreich beſitzen. Ich aber füge hinzu: Se⸗ lig ſind die Friedfertigen, denn ſie werden Gottes Kin⸗ der heißen.“ So vieler Worte hätte es gar nicht bedurft, um das Wollerſche Ehepaar für den Fremdling zu gewinnen, und namentlich Frau Woller in die barmherzigſte Samariterin umzuwandeln, welche nicht nur für des Italieners Be⸗ köſtigung ſorgte, ſondern auch deſſen Wunden ſalbte, ver⸗ band und ſeine Beulen mit ſchmerzlindernden Umſchlä⸗ gen verſah. Den Kindern dagegen blieb des Italieners Anweſenheit klüglich verborgen. Dieſe hatten auch heute wenig Acht auf das Treiben ihrer Mutter und auf ihre anderweite Umgebung, indem ſie der vom Maler ihnen beſcherte Guckekaſten vollauf beſchäftigte und ergötzte. Die harmloſe und darum glückliche Jugend feierte in gewohnter, fröhlicher Weiſe den Weihnachtsheiligabend während die Erwachſenen mit großer Unruhe und Sorge den nächſten Tagen entgegen ſahen. Nur diejenigen Hers⸗ felder, welche, wie Corduan, gleichfalls einige der verfolgten Italiener bei ſich verſteckt und geſchützt hatten, machten hiervon eine Ausnahme, indem das freudige Be⸗ wußtſein, Menſchenleben gerettet zu haben, ihnen die fehlende Weihnachtsfreude reichlich erſetzte. 79 Siebentes Kapitel. Ein Weihnachtsfeſt. In ſehr wenigen Häuſern von Hersfeld brannte an dem Weihnachtsheiligabende 1806 ein mit Geſchenken be⸗ hangener Chriſtbaum, jubelten glückliche Kinder um den⸗ ſelbenn herum, theilten glückliche Aeltern die Freude ihrer Sprößlinge. Auf den kurzen Siegesrauſch war die tiefſte Entmuthigung, ſo wie die bängſte Sorge für die nächſte Zukunft gefolgt und hatte überall die heilige Feſtfreude vertrieben. In dem düſtern Hinterſtübchen des Maurers Bold erblickte man nicht die leiſeſte Spur von den nahenden Feſttagen. Selbſt die Reinlichkeit und Ordnung, die ſonſt auch der Aermſte bei ſolchen Gelegenheiten in ſeiner Wohnung herzuſtellen nicht unterläßt, fehlten dießmal in des Maurers Gemach, deſſen Dielen mit ſchmuzigen Fuß⸗ tritten, mit Blut und umhergeſtreuten Gegenſtänden be⸗ deckt waren. Nur Gundels Bettſtücken befanden ſich wieder an ihrer alten Stelle, anſtatt des Kindes aber lag der Mau⸗ rer Bold darauf, die aufgeſchlitzte Wange in einem dicken Verbande tragend und ſtark fiebernd. Die kleine düſter brennende Flamme einer Blechlampe erhellte nur halb das Innere des Stübchens, in deſſen einem Winkel ein zweites Lager auf den Dielen bereitet war. Auf dem ſelben ruhete— nein, röchelte ruhelos die arme, todt⸗ kranke Frau, unfähig zu jeder Selbſthülfe. Die äußerſte Noth hatte die elende, kaum ſich bewegen könnende Gun⸗ del zur Krankenwärterin umgeſtaltet. Einem bleichen Schatten gleich ſchlich das Kind zwiſchen dem Vater, der unaufhörlich nach friſchen, kühlenden Waſſerumſchlägen auf ſeine Wange verlangte, und zwiſchen der halb be⸗ wußtloſen Mutter umher, deren bleichen, zuckenden Lippen ſie mühſam einige Löffel Thee's einzuflößen bemüht war Von der ungewohnten Anſtrengung auf's Aeußerſte er⸗ ſchöpft, bettete das Kind ſein müdes Haupt von Zeit zu Zeit neben die geliebte Mutter nieder, aber immer wie⸗ der ſchreckte ſie des Vaters rauhe befehlende Stimme empor. So kam und verging in gualvoller Langſamkeit die heilige Weihnacht. Im Himmel und auf Erden er⸗ klang der Jubelgeſang:„Ehre ſei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.“ Aber er drang nicht bis in das düſtere Stübchen des Maurers Bold, noch weniger in die Herzen der darin leidenden und ſeufzenden Menſchen⸗ kinder. Der Frieden, nach welchem Mutter und Tochter ſo inbrünſtig verlangten, wollte nicht herbeikommen und ihnen die ſchweren Augenlider für immer ſchließen. Viel⸗ mehr unterbrachen wilde Flüche und laut herausgeſtoßene Irrereden des Maurers die ſtille Nacht. Aber auch die übrigen Hersfelder lagen eben nicht auf einem Ruhebette, noch dachten ſie daran, das Chriſt⸗ feſt in üblicher Weiſe zu feiern. Mit Sorgen hatten ſie ſich niedergelegt, mit Sorgen ſtanden ſie wieder auf. Mit Recht ſah man in Hersfeld einem nahenden Ungewitter entgegen. Denneiner von dergefangenen Compagnie Franzo⸗ ſen, der Leutenant Jouy, war glücklich entronnen und ſofort 81 nach Kaſſel geeilt, um dort Anzeige von dem Geſchehenen zu machen und blutige Rache dafür zu fordern. Des Leutenants Anklage zu entkräften, wurde der Bürger⸗ meiſter von Hersfeld, Namens Morchutt, ſofort nach Kaſſel abgeſendet, wo der franzöſiſche Gouverneur La⸗ grange ſeinen Wohnſitz genommen hatte. Morchutt nahm den ſchriftlichen Bericht des gefangenen und verwundeten Hauptmanns mit, in welchem derſelbe, als ein Ehren⸗ mann, eingeſtand, daß dem gegen ihn und ſeine Com⸗ pagnie verübten Unfall kein vorher verabredeter Plan, ſondern nur ein unglücklicher Zufall zum Grunde gelegen habe. Während Morchutt nach Kaſſel eilte, erhielt der getödtete Italiener ein ſtilles, jedoch ehrenvolles Begräb⸗ niß, ſeine überlebenden Kameraden dagegen wurden ärzt⸗ lich behandelt und gut verpflegt. Mit welcher Span⸗ nung und Angſt man der Rückkehr und dem Beſcheid des Bürgermeiſters entgegenharrte! Ach, die bereits früher gebackenen Chriſtſtollen ſchmeckten den Hersfeldern bei weitem nicht ſo gut wie ſonſt, und gern hätten ſie die⸗ ſelben gegen grobes Commisbrot vertauſcht, wenn der Kampf am 24. December dadurch ungeſchehen gemacht worden wäre. Das Lämpchen in Bold's Wohnung war aus Mangel an Nahrung in der frühen Morgenſtunde des erſten Weih⸗ nachtsfeiertags erloſchen. Tiefe Finſterniß lag demnach auf dem Stübchen, in welchem das laute Schnarchen des endlich feſt eingeſchlafenen Maurers ertönte. Deſto ſtiller war es auf dem zweiten Krankenlager geworden. Hier hatte das Aechzen und Röcheln der leidenden Mau⸗ Lingg von Linggenfeld. 6 82 rersfrau aufgehört. Friedvoll und gegenſeitig ſich um⸗ ſchlingend ruheten Mutter und Tochter neben einander und die Engel Gottes waren hernieder geſtiegen, um Wache zu halten bei dem Lager des armen Dulderpaares. Da pochte es leiſe an die unverſchloſſene Stubenthüre. Niemand hörte es, niemand rief„herein!“ Es pochte ſtärker und dann bewegte ſich die Thürklinke langſam. Darauf verließen die wachthabenden Engel das Lager der beiden Sterblichen und ſchwebten wieder gen Himmel empor, jedoch nicht ohne zuvor eine lebensſatte Menſchen⸗ ſeele mit ſanfter, leiſer Hand von ihren irdiſchen Banden gelöſet zu haben, um ſie mit ſich empor zu tragen nach dem Lande der Verklärung. Und der Engel einer be⸗ rührte, bevor er aufſchwebte, mit einem ſüß duftenden, weißen Lilienſtengel Gundels bleiche Stirne und mit einem Segensgruße ſchied die verklärte Mutterſeele von ihrem geliebten Kinde. Da verklärte ſich auch Gundels Antlitz, und unter einem ſeligen Lächeln hauchte ſie mit Innigkeit die Worte hervor:„Meine liebe, liebe Mutter!“ und feſter umfing ſie dieſelbe mit ihren Armen— „Jeſus!“ ſchrie Gundel, erſchrocken zurück ſich beu⸗ gend. Die Sinne drohten dem Kinde zu entſchwinden. „Was haſt du denn, Gundel?“ fragte eine bekannte, jugendliche Stimme durch die Finſterniß.„Du erſchrickſt wohl gar vor mir? Ich bin's ja, Wollers Thereſe. Zweimal hatte ich angeklopft, doch niemand mir geant⸗ wortet. Ich verſuchte an der Klinke, ob die Thüre ver⸗ ſchloſſen ſei. Da hörte dich ich„Jeſus“ ſchreien und trat deshalb raſch herein. Aber es iſt ja noch ſtockfinſter 83 bei euch und hat doch ſchon ſieben geſchlagen. Ich kam, um zu ſehen, wie es Dir gehe, und bringe dir etwas von dem mit, was uns Herr Corduan beſcheert hat.“ „Jeſus! Jeſus!“ zeterte Gundel,„meine Mutter iſt eiskalt— ſie rührt ſich nicht— ſie holt keinen Athem — meine Mutter iſt todt! todt! O mein Jeſus!“ „Sie wird doch nicht?“ ſagte Thereſe naiv.„Sonſt würde ſie dir gewiß vorher etwas davon geſagt haben. Wenn ſie kalt iſt, ſo nimmt mich das nicht Wunder, denn wir haben draußen an die 16 Grad Kälte und ein⸗ geheizt ſcheint ihr auch nicht zu haben. Und manchmal holt man ſo leiſe Athem, daß man keinen Zug hört. Es kann auch ſein, daß deine Mutter in einer Ohnmacht liegt, was eben nicht nach der geſtrigen Geſchichte zu verwundern wäre.“ „Komm her, Thereſe, und überzeuge dich—“ weinte Gundel.„Fühle ſelbſt, daß meine arme Mutter kalt und ſteif und ſtarr iſt wie ein Holzſcheit. Mutter! Mutter! Mutter! biſt Du wirklich von mir gegangen und haſt mich nicht mitgenommen? Ach, Mutter, konnteſt Du das thun und über Dein Herz bringen?“ „Kalt iſt ſie und wirklich ſteif—“ ſprach Thereſe unter dem Befühlen der Todten.„Wenn wir nur Licht hätten, um uns genau überzeugen zu können. Wenn aber deine Mutter richtig todt iſt, ſo gönne ihr die Ruhe. Sie hat ſich ſchon lange darnach geſehnt.“ „Ich aber auch—“ ſchluchzte Gundel—„und gleichwohl hat mich meine Mutter nicht mitgenommen! Mir war in der Nacht ſo ſchlecht, daß ich immer dachte, - 6* 84 eher zu ſterben als meine Mutter. Und nun iſt wieder nichts daraus geworden und meine Mutter dagegen todt.“ Hier hörte Bolds Schnarchen plotzlich auf und mit unwilliger Stimme rief er aus:„Was für ein heilloſes Gewinſel ſtört mich denn im beſten Schlafe? Und eine Hundekälte iſt in der Stube. Frau, wirſt du gleich ein⸗ heizen? Und ſtockfinſter iſt's auch! Donnerwetter! was heißt das? Einen friſchen Umſchlag will ich haben. Weib, rühre deine faulen Knochen oder es ergeht dir ſchlecht.“ „Die Mutter iſt todt!“ ſchluchzte Gundel. „Dummes Zeug!“ rief Bold ärgerlich.„Nicht wahr vas! Pure Verſtellung von dem Weibe. Wie vielemal ſchon hat ſie geſagt, daß ſie abfahren wolle, und niemals Wort gehalten. Mache Licht an, Gundel, damit ich die faule Trine auf die Beine bringe.“ „Ihre Frau iſt gewiß und wahrhaftig todt— be⸗ theuerte Thereſe—„denn ſte iſt eiskalt, ſtarr und ſteif, und holt keinen Athem mehr.“ „Ha! dann haben ſie die Franzoſen auf dem Gewiſ⸗ ſen—“ verſetzte Bold, die Schuld von ſich auf Andere ſchiebend.„O die niederträchtigen Schufte! Könnte ich ſie doch insgeſammt mit einem einzigen Schlage von dem Erdboden vertilgen! Na, heule nur nicht ſo ſehr, Gundel! Deine Mutter hat ausgeſpannt, und ſterben müſſen wir zuletzt Alle. Sie hat nun die Ruhe gefunden, die ſie ſich immer gewünſcht hat. Aber nun ſchaffe Licht herzu und eine warme Stube. Es iſt ja wie in einer Eis⸗ grube hier.“ Bold begann arg zu fluchen, als ſeine ſchluchzende, tief⸗ bekummerte und ſelbſt elende Tochter vergebens nach dem Feuerzeuge ſuchte. Da ſagte Thereſe:„Gedulden Sie ſich nur eine Minute, Herr Bold! Ich habe ein Stück⸗ chen Wachsſtock bei mir und gehe, denſelben in der Nach⸗ barſchaft anzuzünden. Gleich bin ich wieder da.“ Als das Mädchen mit dem brennenden Wachsſtock zurückkehrte, nahm ſich Bold nicht die Mühe, aufzuſtehen und nach ſeiner todten Frau zu ſehen. Vielmehr hüllte er ſich möglichſt tief in ſeine Betten und ſchimpfte auf die kalte Stube. Auch die elende Gundel zitterte vor Froſt und Schreck über ihrer Mutter unerwartetes Ende. Daher gebot ihr Thereſe, gleichfalls ſich wieder in's Bett zu legen, bis die Stube warm überlaufen ſein würde⸗ Daß dieſes geſchehe, machte Thereſe Feuer in dem Ofen an und da derſelbe von Eiſenblech, ein ſogenannter Windofen war, ſo wurde es ſehr bald warm in dem Stübchen. „Ja—“ hob jetzt der Maurer zufrieden an—„ein ſolches Kind laß ich mir gefallen. Das weiß ſich doch zu helfen und rührt die Knochen fleißiger als meine ſtets pinſelnde Gundel, die ich gleich auf der Stelle gegen dich vertauſchte. Freilich aber würden deine Eltern einen ſolchen Tauſch nicht eingehen.“ Bold vergaß ganz und gar, daß er die Haupturſache der Hiufälligkeit und Kränklichkeit ſeines Kindes war und daß er daſſelbe durch ſein eben geſpendetes Lob unendlich kränkte. Gundel ſagte hierzu kein Wort, ſondern barg, ſtill und ſchmerzvoll ſchluchzend, ihr Antlitz unter ihr Deckbett, das ſie mit der todten, neben ihr liegenden Mutter theilte. Thereſe ging jetzt mit dem Verſprechen, recht bald wieder zu kommen und anderweiten Beiſtand zu leiſten. Gun⸗ dels ſtilles Dankgefühl begleitete das wackere Mädchen, welches nach einer Viertelſtunde in Begleitung ihres Va⸗ ters zurückkehrte. Dieſer bot dem verwundeten Maurer ſeine Dienſte an, welcher derſelbe ſchon wegen der Anſtal⸗ ten zum Begräbniß der Geſtorbenen benöthigt war. Auch machte Woller dem Maurer den Vorſchlag, deſſen ſieches Töchterchen einſtweilen bei ſich aufzunehmen, bis das Begräb⸗ niß vorüber und Bold wieder von ſeiner Verwundung herge⸗ ſtellt ſein würde. Das letztere Anerbieten nahn Bold nicht ohne reifliche Ueberlegung an, obgleich nicht etwa ſeine Vater⸗ liebe gegen ſein Kind die Urſache ſeines Zögerns war. Unter heißen Thränen und vielen Kuſſen trennte ſich Gundel von dem ſtarren Leichnam ihrer Mutter, deren bis⸗ her ſo leidensvolle Geſichtszuge einer himmliſchen Verkläͤ⸗ rung Raum gemacht hatten. Woller hüllte das Kind ganz und gar in ſeinen weiten Schafpelz und ging, nebſt ſeiner Bürde und ſeiner Tochter, von dannen. Als ſie fort waren ſprach Bold zu ſich ſelbſt:„Beſſer als die Gegen⸗ wart meines ſiechen Mädels, wird ein tüchtiges Vorlege⸗ ſchloß und der Anblick der Leiche, meine Wohnung vor unwillkommenen Beſuchern ſchützen. Und wenn ich die Leiche auf Gundels bisherige Lagerſtelle bette, ſo wird es wohl keinem Franzoſen wieder einfallen, die Bettſtücken von jener zu entfernen. Aber nöthig wird es ſein, daß ich mir eine ſcharfgeladene Flinte anſchaffe, und dann genade Gott demjenigen, der ernſtlich Hand an meinen ſchwer er⸗ worbenen Sparpfennig legen wird.“ 87 Bold verſetzte nun, nachdem er die beſten und feder⸗ reichſten Bettſtücken von ſeinem innegehabten Lager ent⸗ fernt hatte, auf daſſelbe ſein todtes Weib und ging dann in die nächſte Branntweinſchenke, um ein die Kehle und den Magen anfeuerndes Frühſtück einzunehmen. Wäͤhrend dem hatte Woller ſeine Wohnung erreicht. Thereſe ſchritt ihm voran und ſah beim Eintritt in die Stube ihre Mutter mit leuchtenden Blicken an, ohne jedoch das ihr vom Vater auferlegte Schweigen zu brechen. „Ei Mann! rief Frau Woller demſelben zu—„was trägſt du denn ſo vermummt mit dir?“ „Ich beſcheere euch heute erſt—“ erwiederte Woller lächelnd—„und zwar ein Chriſtkindlein ſelbſt. Nicht von Pfefferkuchen oder von Butterſtollenteig, ſondern ein lebendes.“ Die Pelzhülle fiel und unter ihr kam das bleiche, verweinte Kind des Maurers zum Vorſchein, das erſt mit Staunen, dann aber mit Freuden von der Arbeiters⸗ frau und deren übrigen Kindern begrüßt wurde. Ja, Gundel war wirklich ein Chriſtkindlein, indem ja der Heiland ſpricht:„Wer ein ſolches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“ Die Kinder beſtrebten ſich nun um die Wette, Gun⸗ dels Traurigkeit zu zerſtreuen, indem ſie ihr den Gucke⸗ kaſten und die ſonſtigen Kleinigkeiten zeigten, womit der Maler ſie am geſtrigen Chriſtabende erfreut hatte. Frau Woller dagegen erquickte das arme, mutterloſe Kind mit warmem Kaffee und einer friſchbackenen Semmel, und zu dieſem Allen geſellte ſich noch eine wohl geheizte Stube, 88 ſo daß Gundel ſich jetzt wie in den Himmel verſetzt fühlte und wirklich, nach Kinderart, ihres erlittenen ſchweren Verluſtes weniger gedachte. Ach, Alles was ſie hier umgab, war ſo traulich, ſo bekannt, ſo freund⸗ lich, daß ſie immer hier hätte weilen mögen. „Und ſieh nur her, Gundel!“ ſprach endlich Herrmann, indem er raſch die an der Seitenwand hängenden Kleider abſeits ſchob—„wie weit und groß wir das Loch in der Mauer gemacht haben, durch das du ſonſt kaum die Hand ſtecken konnteſt und das dein Vater ſo feſt ver⸗ mauerte! Durchkriechen kann man jetzt ganz bequem und ſelbſt ein großer Mann wie Herr Corduan oder wie unſer Vater. Schau, Gundel, wie es jetzt ſo ganz anders in eurer ehemaligen Stube aus—, ſieht— blieb dem Knaben im Halſe ſtecken und zwar vor Schreck, durch die Maueröffnung drüben einen ganz fremden Mann ſtehen zu ſehen, welcher mit des Malers altem Flauſchrocke bekleidet war und eine weiße Binde um das Haupt trug. Frau Woller erblickte ebenfalls die fremde Erſcheinung, welche niemand als der verſteckte Italiener war, erſchrak und rief erzürnt ihrem vorwitzigen Söhnlein zu:„Wer erlaubt dir denn, ſo mir nichts dir nichts in fremde Stuben zu ſchauen? Gleich zieh deine voreilige Hand zu⸗ rück! Herr Corduan hat geſtern Abend ſpät noch Beſuch bekommen, einen Vetter, der ſich beim Heranſteigen der finſtern Treppe eine derbe Brauſche am Kopfe geſtoßen hat. Daß aber keins von euch ein Wörtlein über den fremden Vetter fallen läßt.“ 89 Dieſe Warnung erwies ſich inſofern unnöthig, als der Herr Bürgermeiſter Morchutt gar bald von Kaſſel zurückkehrte und zwar mit dem alleinigen, ſchriftlich erhaltenen Beſcheide, vorläufig die gefangene Compagnie frei zu geben und ſolche ſicher und mit Ehren gen Kaſſel zu geleiten. Gleichwie einſt die zu Philippen gefangen gehaltenen Paulus und Silas mit Ehren aus dem Kerker entlaſſen und von dem Magiſtrate und den Gemeindeälteſten aus der Stadt geführt wurden, ſo that man jetzt gezwungen mit den vorher ſo arg ſchimpfirten und gemißhandelten Italienern. Die verſteckt gehaltenen Krieger verließen ungefährdet ihre ſchützenden Schlupfwinkel und vereinig⸗ ten ſich mit ihren Kameraden, die nun von denſelben Hersfeldern ſicher geleitet wurden, welche erſt ihre erbit⸗ terſten Feinde geweſen waren. Dieſes ſchützende Geleite ließ ſich nicht ſo leicht aus⸗ führen, als man vielleicht meinte. Denn noch immer gab es in Hersfeld ſelbſt viel Pöbel, der wenig zu ver⸗ lieren hatte und von grimmigem Haß gegen die franzö⸗ ſiſchen Bedrücker erfüllt war. Eben ſolche Geſinnungen hegten das Landvolk und die vielen, aus dem Dienſte entlaſſenen heſſiſchen Soldaten, welche Hersfelds und Kaſſels Umgegend aufzuweiſen hatte. Zu Bezähmung und Niederwerfung dieſer aufſtändi⸗ ſchen Heſſen errichteten die Franzoſen eine bewegliche Heerſäule von 25,000 Mann nebſt den enſprechenden Feuergeſchoſſen, welche das Heſſenland durchzog und un⸗ ter den Befehlen des Generals Barbot am 9. Januar 1807 in Hersfeld einrückte. 90 Durch den Beiſtand der alten, kurfürſtlichen, noch im Amte ſtehenden Miniſter von Weitz, von Baumbach, von Schmerfeld und des Geheimraths von Heiſter, erwirkte der Bürgermeiſter Morchutt nach längerer Verzögerung endlich Verzeihung von dem franzöſiſchen Befehlshaber Lagrange in Kaſſel für den ſtattgefundenen Aufſtand in Hersfeld. Allein der weitere Verlauf dieſer Erzählung wird darthun, in welcher Weiſe dieſes Verſprechen ge⸗ halten und erfüllt wurde. Frau Bold war längſt dem kühlen oder vielmehr kalten Schvoß der Erde übergeben worden, ihr Töchter⸗ chen dagegen noch immer in der Wollerſchen Familie und der Maurer Bold von ſeiner empfangenen Wunde, bis auf eine breite, rothe Schmarre an der Wange, wieder hergeſtellt. Während er auf Arbeit war, lag ein machtiges Vor⸗ legeſchloß vor ſeiner Thüre, das gewünſchte Feuergewehr jedoch beſaß er noch nicht, weil ihm die Geldausgabe für ein ſolches zu ſauer ward. Als aber am 9. Januar die Franzoſen gaſſenbreit in die Stadt einrückten, deren Plätze und Straßen die Menge Krieger kaum faſſen konnten, und jedes Haus voll Einquartirung wimmelte, welche ſich als übermüthige Sieger betrug, da fühlte Bold mehr als je das Bedürfniß einer Feuerwaffe. Zwar verließ der größte Theil der feindlichen Heermaſſe ſchon am nächſten Tage Hersfeld wieder, allein die Zuruckblei⸗ benden waren noch immer zahlreich genug, um ſämmtli⸗ chen Bewohnern Hersfelds die Spitze bieten zu können. Ungeachtet der Stadt die Verzeihung wegen ihres 92 Aufſtandes am 24. Deeember 1806 zugeſichert worden war, legte ihr der franzöſiſche General Barbot eine harte Buße auf, indem er 1000 Goldſtücke, 4000 Paar Schuhe und 1000 Kapotröcke verlangte und, zur Herbeiſchaffung dieſer Gegenſtände, einen ganz kurzen Zeitraum bewilligte. Außerdem erpreßten ſeine Soldaten, mit Ausnahme der ihnen zugetheilten badiſchen Jäger, von den Hersfeldern ſehr anſehnliche Brandſchatzungen und jene Compagnie Itali⸗ ener, welche in Hersfeld einen ſo üblen Empfang gefunden hatte, mußte dafür auf das reichlichſte entſchädigt wer⸗ den. In dieſer böſen Zeit hatten es diejenigen Hersfel⸗ der am beſten, die zu arm waren, als daß man von ihnen etwas hätte nehmen oder erpreſſen können. Unter dieſen befanden ſich der Handarbeiter Woller und der Maler Corduan, daher dieſe auch noch immer guter Dinge waren. Nicht ſo der Maurer Bold, der für ſeinen zu⸗ ſammengeſcharrten Mammon zitterte und daher denſelben gern in die Mitte der Erdkugel verſteckt hätte, wenn ſol⸗ ches möglich geweſen wäre. „Wenn ich nur wohlfeilen Kaufs zu einer Flinte oder Büchſe gelangen könnte—“ ſprach Bold eines Tag's zu Woller, gegen welchen er jetzt vertraulicher und freund⸗ licher als ſonſt ſich bezeigte—„um mich und mein Eigenthum wirkſamer vertheidigen zu können, als ich ſol⸗ ches am Weihnachtsheiligabende vermochte. Gutwillig gebe ich nichts her; eben ſo wenig ich eine Mißhandlung geduldig hinnehme.“„Selig ſind die Sanftmüthigen“— erwiederte Woller,„und was wollt ihr einzelner Mann gegen die große Uebermacht ausrichten? Ich beſitze von 92 meinem verſtorbenen Bruder, der ein Revierjäger war, noch eine alte Büchſe. Aber ich habe ſolche in den heimlichſten Winkel des Hauſes verſteckt, ſeitdem wir die Franzoſen auf dem Halſe ſitzen haben. Ihr wißt, daß ſie mit dem größten Eifer dem Schützen nachſpüren, der den unglück⸗ lichen Schuß aus dem Hauſe am untern Marktplatze ab⸗ gefeuert hat. Darum iſt's niemandem zu rathen, ein Feuergewehr in ſeinen vier Pfählen zu beſitzen oder gar ſehen zu laſſen.“ „O—“ entgegnete Bold übermüthig—, ich fürchte mich vor dem Teufel und ſeiner Großmutter nicht, ge⸗ ſchweige vor den lumpigen Franzoſen. Nachbar, leiht oder verkauft mir Euere Büchſe.“ „Ein ſolches Leih⸗ oder Kaufgeſchäft könnte leicht für uns beide gefährlich werden—“ erwiederte Woller bedenklich.„Ich darf weder Euch noch mich in eine mögliche Gefahr bringen.“. „Ei nun, wenn Ihr mir Eure Büchſe nicht überlaſ⸗ ſen wollt—“ ſprach Bold trotzig—„ſo laſſe ich Euch auch länger meine Gundel nicht. Ich brauche ohnehin das Mädel zu Hauſe, damit es den Franzoſen etwas vor⸗ winſele und ſie durch ihr elendes Ausſehen zurückſchrecke, dafern jene mich etwa mit einem ungebetenen Beſuche beehren wollten.“ Das hieß dem ehrlichen Handarbeiter das Meſſer an die Kehle ſetzen. Gundel befand ſich in ſeiner Familie überaus glücklich, lebte ſichtlich auf, wie eine Pflanze die man aus einer dumpfen Kellerluft in die belebende Sonne verſetzt hat, und ſprach nur mit Schrecken von 93 dem Augenblicke, der ſie wieder zu ihrem Vater und in die düſtere, einſame Hinterſtube führen würde. Ueberdies ſagte ſich Woller, daß ſeine Kinder ein großes Klagelied über Gundels Entfernung anheben würden. Dieſe Be⸗ trachtung bewog ihn, dem Maurer zu entgegnen:„Nun wohl, Ihr ſollt meine Büchſe unter der Bedingung ge⸗ liehen oder verkauft bekommen, wenn Euer Kind noch länger bei uns bleiben darf.“ „Es gilt“ erwiederte Vold.„Aber lange kann ich nicht warten, ſondern muß das Gewehr längſtens bis morgen Mittag haben.“ Auch das verſprach Woller und die beiden Männer trennten ſich. Als Woller ſpäter den oberſten und verſteck⸗ teſten Winkel des Daches aufſuchte, um ſeine Büchſe hervor⸗ zuholen, erbebte die Luft von mehreren raſch auf einander folgenden Knallen, welche wie entfernter Kanonendonner klangen. „Was bedeutet das Schießen?“ fragte er, nachdem er mit dem Gewehr in ſeine Wohnung zurückgekehrt war, die Seinen.— „O Vater!“ antwortete Valentin—„denkt Euch nur: die Franzoſen ſprengen eben mit Pulver das Haus am untern Marktplatze in die Luft, aus welchem der Schuß gefallen iſt, der den Italiener todt gemacht hat. Sie wollen das ganze Haus der Erde gleich machen und darum knallt es ſo.“ 1 „Das iſt eine eigenthümliche Rache—“ bemerkte Woller kopfſchüttelnd—„die man an einem lebloſen Dinge verübt. Das kommt mir vor, wie wenn ein Kind 94 das ſich mit dem Kopfe an eine Bank geſtoßen hat, dieſe ſchlägt, welche doch unſchuldig an dem Schmerze des Kindes iſt. Es kann ja ein ganz Fremder den Schuß gethan haben und was können nun der Wirth und die Miethsbewohner des Hauſes dafür, daß daſſelbe eingeriſſen und vertilgt wird?“ „Ja, darnach fragen die Soldaten nicht—“ ſagte Corduan—„die überhaupt einen ganz andern Cate⸗ chismus haben als wir friedlichen Leute. Ihre zehn Ge⸗ bote lauten geradezu das Gegentheil von den heiligen zehn Geboten, die unſer Herrgott dem Volke Iſrael auf dem Berge Sinai gab. Ihr Götze iſt entweder der Ruhm oder ihr Feldherr, dem ſie mehr als unſerm Herrgott gehorchen. Das Fluchen iſt ihnen eine alltägliche Ge⸗ wohnheit. Ob eine blutige Schlacht an einem Sonn⸗ oder Feiertage geſchlagen wird, iſt ihnen einerlei. Be⸗ fiehlt ihnen ihr Vorgeſetzter, das aus, den Hof, das Gut ihrer eigenen Eltern in nhotn ſchießen oder an⸗ zuſtecken, ſo thun ſie es. Jaſ'aathat Beiſpiele, daß ein Sohn auf ſeinen leiblichen Vezlosgehauen hat, der in dem feindlichen Heere diente. Das Menſchentödten und Menſchenblutvergießen iſt ihr hauptſächlichſtes Streben. Das Stehlen betreiben ſie eifrig unter den minder ab⸗ ſchreckenden Namen Plündern, Brandſchatzen, Fouragiren und ähnlichen Ausdrücken. Wie ſie das achte Gebot erfüllen, ſehen wir an Barbots Beiſpiel, der unſrer Stadt Verzeihung zugeſichert hat und gleichwohl deren Einwohner auszieht und den Urhebern des Auſſtandes nachſpürt, um blutige Rache an ihnen zu nehmen. Was uns das ſechſte, neunte und zehnte Gebot verbieten, dem handeln ſie erſt recht zuwider. Darum halte ich den Krieg für eine Erfindung des Satans.“ „Ei, ei, Herr Corduan—“ ſprach Frau Woller lachend—„ſeit wann haben Sie denn eine ſolche Wuth gegen die armen Soldaten gefaßt? Wie ſehr haben Sie uns den Tert geleſen, weil wir mit gegen die Italiener gefochten hatten! Wenn die Soldaten wirklich ſo gott⸗ los ſind, wie Sie behaupten, warum haben Sie denn da des Italieners ſo warm ſich angenommen, der bei Ihnen am Weihnachtsheiligabende ſeine Zuflucht geſucht und auch gefunden hatte? Sie machen es gerade umgekehrt wie viele Sittenprediger, die da ſprechen: Richtet euch nach unſern Worten, nicht nach unſern Thaten.“ „Mein Grundſatz heißt:—“ erwiederte Corduan— „der Sache Feind, der Perſon Freund. Auch gebe ich zu, daß ſich unter den Soldaten recht wackere, chriſtliche Männer befinden, Gottes Gebote höher achten, als die ihrer Obe ewährend des Kriegs ſind ſolche Soldaten eben en wie weiße Sperlinge.“ Jetzt entfe ute ſich Woller, der ſeine Büchſe unter ſeinem alten Schaafpelze verſteckt hielt und den Seinen verheimlichte, um welchen Preis er die fernere Anweſen⸗ heit Gundels erkauft hatte. —— 96 Achtes Kapitel. Die Gefahr. „Wo nur mein Mann bleibt?“ ſprach Frau Woller zu dem Nachbar Corduan.„Er iſt zu Gundels Vater gegangen und wollte recht bald wieder da ſein. So lange die übermüthigen Franzoſen in unſrer Stadt hauſen, werde ich niemals ganz ruhig. Es wird ihm doch nichts Uebles widerfahren ſein?“ „Der Wetterſtrahl ſchlägt nur in hohe Bäume ein—“ tröſtete Corduan—„und verſchont das niedere Strauchwerk.“ In dieſem Augenblick ging die Stubenthüre auf und Frau Woller erblickte mit Staunen ihre Frau Gevatter Simon, welche ſeit ihres Mannes Verurtheilung keinen Fuß über Wollers Thürſchwelle geſetzt hatte. Sie näherte ſich ohne Gruß der Handarbeitersfrau und ſprach lebhaft: „He, Frau Woller, Ihr ſcheint noch nicht zu wiſſen, was Eurem Manne begegnet iſt?“ „O, Gott, meine Ahnung!“ rief Frau Woller tödt⸗ lich erſchrocken aus. „Ja, ja—“ fuhr Frau Simon fort—„Ihr habt alle Urſache, zu erſchrecken. Leicht kann es Euerm Mann weit ſchlimmer noch ergehen als dem meinigen, denn mit den Franzoſen iſt nicht zu ſpaßen.“ „O mein Jeſus!“ wehklagte Frau Woller—„was iſt denn geſchehen? Martert mich nicht länger, Frau Gevatter, ſondern ſagt mir ſchnell, was die Franzoſen mit meinem Chriſtoph zu ſchaffen haben.“ 97 „Er hat“— erzählte Frau Simon—„unter ſeinem Pelze eine ſcharf geladene Doppelflinte verſteckt getragen. Dieſe iſt unglücklicherweiſe in demſelben Augenblicke unter dem Pelze hervorgerutſcht, als Euer Mann bei einer franzöſiſchen Patrouille vorbeigegangen iſt. Darauf haben ihn die Franzoſen feſtgenommen und geradezu beſchuldigt, daß er es geweſen ſei, der den Schuß aus dem nieder⸗ geriſſenen Hauſe gethan hat.“ „Das iſt nicht wahr!“ rief Frau Woller voll Ent⸗ rüſtung aus. Mein Mann iſt an jenem Unglückstage nicht von meiner Seite und mit keinem Beine in jenes Haus gekommen.“ „Mein Mann—“ verſetzte Frau Simon—„war auch ſo unſchuldig wie die Sonne am Himmel. Aber glaubte man ihm denn? Wie viel weniger die Franzoſen, die nicht einmal unſere Sprache verſtehen und uns Hers⸗ felder insgeſammt für Franzoſenmörder halten. Nun, wenn es nach mir gänge, ſo bliebe auch keiner von der ganzen Brut am Leben.“ „Mein Gott! mein Gott!“ jammerte Frau Woller— „was thue ich, um meinen lieben Mann zu befreien? Rathen, helfen Sie, liebſter Herr Corduan!“ „Wiſſen Sie vielleicht—“ fragte Corduan Frau Simon—„wohin man meinen ſchuldloſen Nachbar geſchafft hat? „Jedenfalls vor den häßlichen Barbot—“ antwortete jene giftig—„vor dieſen Oberſten der Beelzebube. Darum ſputen Sie ſich, wenn Sie etwas für den Ge⸗ vatter thun wollen, denn bei denn Franzoſen heißt's: raſch Lingg von Linggenfeld. 7 98 gerichtet, ſchneller Spruch und puff! Die Kugel vor den Kopf.“ Hier brachen Wollers Kinder, und Gundel mit ihnen, in ein gellendes Schreien aus, das ſich ſpäter in fortge⸗ ſetztes Weinen und Wehklagen verwandelte. Herr Corduan nahm ſeinen Hut und eilte davon. Die beiden Frauen folgten ihm auf dem Fuße nach und ließen die Kinder rath⸗ und troſtlos zurück. Wie Frau Simon berichtet hatte, ſo war es wirklich geſchehen. In dem mit Woller ſofort angeſtellten Ver⸗ hör leugnete derſelbe nicht, daß er allerdings thätigen Antheil an dem Aufſtande am Weihnachtsheiligabende genommen, wohl aber, daß er den tödtlichen Schuß gegen den damals gebliebenen Italiener gethan habe. Er berief ſich auf den verroſteten Zuſtand ſeiner un⸗ geladenen Büchſe, welcher darthue, daß ſeit Jahren nicht aus ihr geſchoſſen worden ſei, ſowie auf das Zeugniß des Maurers Bold, welcher die Büchſe habe von ihm leihen oder kaufen wollen. Zum Unglück für Woller er⸗ wies ſich der herbeigerufene Zeuge Bold als ein elender Großprahler, welcher erſt allen Franzoſen den Untergang zugeſchworen hatte und jetzt aus Furcht hartnäckig leugnete, was er wegen Ueberlaſſung des Schießgewehres mit Woller verhandelt gehabt hatte. Der General Barbot, welcher ein Sühnopfer für den erſchoſſenen Italiener verlangte, war erfreut, ein ſolches ſo wohlfeilen Kaufs in einem niederen Handarbeiter auf⸗ zufinden. Das Kriegsgericht, welches ſofort unter des Generals Vorſitz zuſammentrat, verurtheilte den ſchuld⸗ 99 loſen Woller zum Tode des Erſchießens und vergönnte demſelben die kurze Friſt von nur drei Stunden, um ſich auf ſein Ende vorzubereiten und für immer Abſchied von ſeiner Familie zu nehmen. Das herzzerreißende Flehen der Frau und der Kinder des Verurtheilten, die Be⸗ mühungen des Malers, die Verwendung des greiſen, wackern Raths Harter, ſo wie die Fürbitte des Magiſtrats vermoch⸗ ten nicht das gefällte Urtheil abzuändern oder zu mildern. Gefaßter, als man hätte erwarten ſollen, vernahm Woller ſein Todesurtheil. Bittrer als der Tod ſelbſt war ihm der Abſchied von den Seinen, nach deſſen Ueber⸗ ſtehen er ſeine letzten Augenblicke mit ſeinem Seelſorger zuzubringen gedachte. Seinen eigenen Schmerz gewaltſam zurückhaltend, ſegnete Woller ſein Weib und ſeine Kinder, dankte er jener für die bewieſene Liebe und Treue und ermahnte dieſe, ihrer Mutter gehorſam, der Tugend treu zu bleiben und das Andenken ihres Vaters durch einen chriſtlichen Lebenswandel zu ehren. „Ich bin ſchuldlos zwar an dem mir zur Laſt gelegten Vergehen—“ ſprach Woller, indem zwei volle Thränen über ſeine Wangen ſtill herabrollten,—„doch habe ich nicht recht gethan, als auch ich meine Hand gegen die fremden Krieger erhob. Der barmherzige Gott verzeihe mir dieſe Sünde und laſſe mich das einzige Blutopfer ſein, welches die Fremdherrſchaft von unſerm Vaterlande fordert. Vergeßt mich nicht, ihr meine Lieben, doch er⸗ ſchwert mir meinen Tod nicht durch euer Jammern. Gott mit euch! Gott mit euch und auch mit mir!“ Mit Gewalt mußte man die halb bewußtloſe Frau, 7* 100 ſowie deren Kinder, aus den Armen des Armenſünders entfernen. Draußen vor der Thüre des Gefängniſſes verwandelte ſich der Mutter Schmerz in eine unbändige Wuth. „Schießt mich auch todt!“ rief ſie zu der franzöſiſchen Wache—„Ich will mit meinem Manne zugleich ſterben. Eifriger noch als er habe ich am Weihnachtsheiligabende gegen Euch geſtritten. Hört ihr's? Macht mich todt, ihr Mörder!“ „Mich auch!“ rief Valentin trotzig—„Denn ich habe noch weit ärger als mein Vater und meine Mutter auf euch losgeſchlagen.“ MWich auch!“ ſchrie Herrmann gellend—„mehr wie funfzig Pflaſterſteine habe ich den Italienern auf den Pelz geworfen.“ „Und ich habe immer friſche Steine herbeigetragen—“ geſtand Thereſe ein—„und will darum auch erſchoſſen werden.“ „Mich todt ſchieße!“ ſtammelte die kleine Caroline nach. Die Soldaten trieben mit ihren Bajonnetten die Mutter und Kinder zurück, doch brachte es erſt der herbeitretende Geiſtliche dahin, daß auf ſein Zureden die Familie zurück, doch nicht von der Stelle wich, um ihren Ernährer auf ſeinem letzten Gange zu begleiten. Während dem rannte Corduan mit haſtigen Schritten ſein enges Stübchen auf und ab. „Krieg! blutiges Scheuſal—“ ſchimpfte er—„Aus⸗ geburt der Hölle! Soldaten, Krieger, nein, Diener Beelzebubs! Ha, wie haſſe ich euch insgeſammt!“ 101 Sein weiteres Selbſtgeſpräch unterbrach der Eintritt zweier Krieger in franzöſiſcher Uniform. Schon wollte der Maler zornig ſie fragen, was ſie hier zu ſuchen kämen, als der Eine von ihnen ihm zuvorkam und in gebrochenem Deutſch anhob: „Mein Errr! ier mein Kamerad, auch pittore wie Ihr, will danken für Helfe in Noth. Er nicht ſpricht deutſch, darum ich ſein— ſein Dolpatſch—“ Jetzt erkannte der Maler in dem Krieger, welcher während der Anſprache ſeines Kameraden ihm die Hand gedruckt und freundlich ihn angelacht hatte, den Italiener wieder, der bei ihm am Weihnachtsheiligabende Schutz geſucht und auch gefunden hatte. „Mein Kamerad—“ fuhr der Dollmetſcher fort— „auch danken will den guten Leuten da—“. Er zeigte auf die Wand, welche des Malers Stube von der des Handarbeiters trennte. „Damit iſt nichts—“ verſetzte Corduan gereizt— „der gute Mann ſoll zum Lohn, daß er und ſein Weib Euerm Kameraden beigeſtanden haben, von den Fran⸗ zoſen— puh!— todtgeſchoſſen werden. Man beſchuldigt ihn, daß er am Weihnachtsheiligabend einen Kameraden von Euch erſchoſſen habe. Und das iſt erlogen!“ fuhr Corduan heftig fort. Jetzt begann der Italiener mit ſeinem Kameraden ita⸗ lieniſch zu ſprechen, wovon Corduan freilich nichts verſtand. „Mein Kamerad—“ hob nun der deutſch ſprechende Soldat an—„will gut ſagen bei General für guten Mann da.“ 102 „Hm! das ließe ſich hören—“entgegnete der Maler erfreut—„wiewohl auch dieſes bei Barbot wenig hel⸗ fen dürfte. Jedoch darf man nichts unverſucht laſſen. Gehen wir alſo zum General Barbot.“ Auf dem Wege dahin ſtieß der Maler auf den Oberſi⸗ leutenant der badiſchen Jäger, den Bundesgenoſſen der Franzoſen. Lingg hieß der Ehrenmann und war bürger⸗ lichen Standes. Die badiſchen Krieger hatten eine rühm⸗ liche Ausnahme von den Franzoſen gemacht und ſich jeder Bedrückung der Hersfelder bisher enthalten. Bei dem Anblick des deutſchen Ofſiciers erleuchtete ein Blitz des Malers Gemüth und er redete den Oberſtleutenant flehend um ſeinen Beiſtand an, einen Unſchuldigen vom nahen Tode zu erretten. In der Kürze theilte er ihm alle Umſtände mit, wies auf den dankbaren Italiener hin, welcher zu gleichem Liebesdienſte ſich erboten hatte, und ſchloß ſeine Rede mit den Worten: „An meines Nachbars Verurtheilung trägt der Maurer Vold die Hauptſchuld. Hätte derſelbe nicht den beab⸗ ſichtigten Kauf der alten Büchſe mit frecher Stirne ab⸗ geleugnet, ſo hätte man nichts Todeswürdiges auf den armen Woller wälzen können. Ja, ganz Hersfeld weiß es, daß Bold auch der eigentliche Urheber jenes unglück⸗ ſeligen Kampfes gegen die Italiener geweſen iſt, was er zwar gleichfalls, dem General Barbot gegenüber, abge⸗ leugnet hat, von dem aber die Narbe auf ſeiner, durch des Italieners Bajonnet aufgeſchlitzt geweſenen Wange das vollgültigſte Zeugniß ablegt.“ „Nun—“ erwiederte der biedere Oberſtleutenant 103 Lingg—„was für den Unglücklichen zu thun in meinen Kräften ſteht, ſoll geſchehen und werde ich mich hierin nicht von dieſem Italiener übertreffen laſſen. Vereinigen wir alſo unſere Bemühungen.“ General Barbot wollte zwar anfangs nichts von einer Begnadigung Wollers, ja nicht einmal von einem Auf⸗ ſchube der Hinrichtung wiſſen, indem er ſich auf das un⸗ umſtößliche Urtheil des Kriegsgerichts berief. Doch Lingg war nicht der Mann, welcher, jetzt einen feſteren Grund unter ſeinen Füßen fühlend, ſich ſogleich abſchrecken oder zurückweiſen ließ. Des Italieners feueriges Lob über ſeine Beſchützer an jenem Unglückstage that auch das Seinige, und ſo wurde ein nochmaliges Verhör angeſtellt, zu wel⸗ chem auch unſer Bold abermals herbeigezogen wurde. Als derſelbe von Neuem alles ableugnete, ſo erkannte der gleichfalls beim Verhöre anweſende, ſeinem Kameraden als Dolmetſcher dienende Italiener den Maurer für den⸗ jenigen Mann an, welcher in der That den erſten Anſtoß zu dem Volksaufſtande dadurch gegeben, daß er, von eben demſelben Italiener mit dem Bajonnette gedrängt und ver wundet, die Hersfelder um Hülfe angerufen hatte. Ge⸗ wöhnlich nennt man einen ſolchen kleinen Umſtand, wie das jetzige Zuſammentreffen jener beiden Kämpfer war, einen Zufall, durch welchen oftmals die wichtigſten Fol⸗ gen ſich ereignen. Allein der gläubige Chriſt entdeckt in einem ſogenannten Zufalle deutlich die Hand der gött⸗ lichen Vorſehung, die das Boͤſe der Menſchen zum Gu⸗ ten leitet. Da ſich noch mehrere Perſonen herbeifanden, welche gegen den Maurer und zu Gunſten Wollers zeug⸗ 104 ten, ſo wurde Bold für überführt erachtet und er an des Handarbeiters Stelle feſtgenommen und verurtheilt. „Mir iſt es gleich—“ ſprach Barbot mit echt fran⸗ zöſiſchem Leichtſinn zu Lingg—„ob der für jenen Ita⸗ liener zu erſchießende Hersfelder Jean oder Louis heiße. Genug, daß ich endlich einen Mann aufgefunden habe, der die an uns begangene Blutſchuld mit ſeinem Leben ſühnt.“ Obgleich der freigelaſſene Woller ſeinen Rettern und insbeſondere dem göttlichen Schickſalslenker für ſeine Er⸗ löſung aus dem Rachen eines nahen, gewaltſamen Todes inniglich dankte, ſo theilte er doch nicht ganz die namen⸗ loſe Freude der Seinen, mit welcher dieſe ihren neu ge⸗ ſchenkten Gatten und Vater empfingen. Wiewohl Bold ganz niederträchtig an ſeinem Freunde Woller gehandelt hatte, ſo ſchmerzte es denſelben dennoch, daß jener an ſeiner Statt den Tod erleiden ſollte. Hatte doch Bold, ſein Leugnen abgerechnet, kein todeswürdiges Verbrechen begangen und nicht im Voraus ahnen können, daß durch ſein Hülfegeſchrei ein blutiger und in ſeinen Folgen ſo nachtheiliger Volksaufſtand hervorgerufen werden würde⸗ Noch weit größere Vorwürfe machte ſich der Maler Cor⸗ duan, der es jetzt faſt bereuete, durch ſeine Anklage, daß Bold der Veranlaſſer des Aufſtandes geweſen ſei, mittel⸗ bar deſſen Verurtheilung bewirkt zu haben. Es ließ ſich auch gar nichts zu Gunſten Bold's thun, denn Barbot hatte hoch und theuer angelobt, auf ferneres Fürbitten durchaus nicht eingehen zu wollen, und wenn auch ſämmt⸗ liche Bürgermeiſter des Heſſenlandes ihn deßhalb fuß⸗ fällig anflehen würden. 105 Reuntes Rapitel. Die Hinrichtung⸗ Als Woller ſeine Wohnung wieder betrat, umarmte er ſtumm die Seinen der Reihe nach. Dann heftete er voll Trauer ſeinen Blick auf Gundel, welche in wenig Stunden völlig verwaiſet daſtehen ſollte. Einen warmen Kuß auf des Kindes bleiche, ſchmale Stirn hauchend, ſprach er mit unterdrücktem Schluchzen:„Von nun an biſt Du ganz unſer Kind und weicheſt nicht wieder aus unſrer Mitte.“ Auf dieſe Worte blickte Gundel mit freudig hellen Augen dem Sprecher in's Antlitz und ſeit langer Zeit wieder ſtieg ein matter Roſenſchimmer in demſelben auf, gleichwie die Abendröthe eines verheißenden ſchönen Ta⸗ ges nach langen Regengüſſen. Corduan aber ſagte eifrig: „Halbpart zu der Vaterſchaft an dieſem Kinde! Will es Gott, ſo ſoll ſie eine zweite Angelika Kaufmann wer⸗ den, denn Schwerers als den Pinſel wird dieſe zarte Hand ſchwerlich einſt zu führen vermögen.“ Indeß glaubte Bold nicht, daß es dem General ein rechter Ernſt ſei, ihn erſchießen zu laſſen.„Ich habe ja—“ wiederholte er ſtets—„durchaus nichts verübt, das des Todes werth wäre. Mein Schreien um Hülfe, als mir der Italiener mit ſeinem Bajonnet an den Hals ging, kann unmöglich ein Verbrechen genannt werden. Ha, ich wollte den ſehen, welcher bei einer ſolchen Miß⸗ handlung ſtill ſchwiege. Und daß der Krawall entſtand, iſt nicht meine Schuld.“ 106 Erſt als der Geiſtliche in ſeiner ſchwarzen Amtstracht erſchien, um den Armenſünder zum Tode vorzubereiten, verfiel Bold in eine große Angſt, die er vergebens hinweg zu ſcherzen ſich bemühte. Auf die Anſprache des Geiſtli⸗ chen, die noch wenigen Augenblicke ſeines Lebens für ſein ewiges Heil und zur Buße zu benutzen, verſetzte er mit einem gewungenen Lachen, das jedoch das Zittern ſeines ganzen Körpers Lügen ſtrafte:„Ach, Ehrwürden, wie könnte der fremde General eine ſolche Todſünde verüben und mich Unſchuldigen wirklich erſchießen laſſen wollen? Habe ich doch ſchon genug ausgeſtanden, als der Italiener meinen Backen aufgeſchlitzt hatte. Gewiß will der fremde Ge⸗ neral mir nur einen Schreck einjagen und ruft Pardon, ehe noch die Flinten auf mich losknallen. Oder er läßt dieſe nur blind laden. Ha, ha, ha, die Franzoſen haben ſchon zuweilen ſolche Späßchen gemacht.“ „Das bildet Euch nicht ein, armer Mann!—“ ent⸗ gegnete der Geiſtliche ernſthaft.„Nehmt lieber das Ge⸗ wiſſe für's Ungewiſſe und denkt daher an Euer bald be⸗ vorſtehendes Ende. Habt Ihr keine Sünde zu bereuen? Man ſagt, daß Ihr Eure ſelige Frau übel behandelt hättet und daß Ihr einen großen Theil der Schuld an dem Siechthum Eures Kindes trüget. Auch giebt man an, daß Ihr der Habſucht und dem Geiz fröhndet. Daher geht in Euch und rufet die Gnade des Allerbarmers an, die ja unendlich iſt.“ „Alſo wäre es wirklich bittrer Ernſt?“ fragte Bold und die Todesangſt verzerrte ſeine Geſichtszüge.„O Ehr⸗ würden, was kann den Franzoſen an dem Tode eines ſo 107 armen, niedrigen Mannes liegen, wie ich bin? Geld iſt ihnen gewiß weit lieber. Nun denn, ſagen Sie dem General, daß ich meine Strafe mit ſchwerem Gelde los⸗ kaufen wolle. Wenn man mich freigiebt, ſo verſpreche ich 1000 Thaler dafür herbeizuſchaffen. Tauſend baare Thaler! O mein Herrgott, welche ſchöne Summe!“ „Spart Eure unnützen Worte und Verſprechungen—“ antwortete der Geiſtliche ſanft.„Der franzöſiſche Ge⸗ neral hat auf das Strengſte unterſagt, ihm auch nur ein Wort zu Euerm Gunſten zu hinterbringen. Armer Mann, nur bei Gott iſt die wahre Gnade zu finden. Wollt Ihr vor Euerm Ende nicht noch Euer Kind ſehen, es küſſen und ſegnen?“ „Nein— nichts da!“ erwiederte Bold—„was könnte mir das winſelnde Mädel jetzt helfen? Ehrwürden! Zweitauſend Thaler will ich zahlen für meine Losſpre⸗ chung. Der General müßte kein Soldat ſein, wenn er ein ſolches Löſegeld zurückwieſe. Gehen Sie und ſagen Sie ihm mein Angebot.“ „Ich habe Euch ſchon bemerkt—“ ſagte der Geiſt⸗ liche ſtreng—„daß Alles vergebens iſt. Uebrigens habt Ihr Euch ſelbſt wiederholt einen armen Mann genannt. Woher alſo wolltet Ihr zweitauſend Thaler nehmen? Darum hütet Euch vor Winkelzügen, die vielleicht eine kurze Verzögerung Eurer Hinrichtung zu bewirken ver⸗ möchten, doch auf der andern Seite nur Eure Todes⸗ angſt verlängern würden.“ „Keine Winkelzüge, Ehrwürden!“ entgegnete Bold eifrig—„Ich habe das Geld ſauer und ſchwer genug 108 erſpart, erſchunden, mit den härteſten Entbehrungen und Sorgen aufgeſammelt. Und weil jener Italiener, der in meine Stube drang, meinen Sparpfennig anzugreifen drohte, ſo widerſetzte ich mich ihm und dadurch entſtand der Krawall am Weihnachtsheiligabende.“ „Abermals der Geiz die Wurzel alles Uebels!“ ſeufzte der Geiſtliche.„Hättet Ihr doch bei ſo vielem Vermögen beſſer und liebevoller für Euer Weib und Kind geſorgt! Selbſt mit zweitauſend Thalern erkauft Eure Tochter keinen geſunden Leib. Darum thut jetzt Buße, bevor Ihr vor Gottes Richterſtuhl hintreten müßt, wo vielleicht Euer ſeliges Weib bereits als Eure An⸗ klägerin ſteht.“ „Ich mag aber noch nicht ſterben!“ ſchrie Bold ver⸗ zweiflungsvoll.„Ich bin unſchuldig. Keinen Gott im Himmel gäbe es, wenn er meine Hinrichtung zuließe. Und meine Mitbürger werden auch nicht ruhig zuſehen, wenn die Feinde mich hinausführen zum Tode. Dann werde ich noch weit lauter um Hülfe ſchreien als am Weihnachtsheiligabende und dann Gnade Gott den Fran⸗ zoſen!“ „Dieſe Eure letztere Hoffnung iſt eine völlig trüge⸗ riſche—“ ſprach der Geiſtliche—„nicht eine Hand wird ſich für Eure Befreiung erheben. Bei der großen Ueber⸗ macht der Feinde wäre ein ſolches Unternehmen ein wahnwitziges. Denkt daher lieber an die nahe Ewigkeit.“ Aber Bold wollte nichts davon wiſſen und brachte die letzten Minuten im Gefängniſſe bald mit Klagen, bald unter Wuthausbrüchen hin. Als die Wache erſchien, 109 welche den Armenſünder vor die Stadt hinaus führen ſollte, wo ſeiner das verhängnißvolle Sandhäufchen war⸗ tete, wurde Bold plötzlich zaghaft und ſtill. Taumelnd ging er in der Mitte ſeiner Häſcher dahin. So wie er vor der Stadt das ſeiner wartende Kommando Italiener und das fatale Sandhäufchen neben ihnen erblickte, wen⸗ dete er ſich haſtig an den zu ſeiner Seite dahinſchreiten⸗ den Geiſtlichen. „Ehrwürden—“ hob er mit bebender Stimme an —„ſagen Sie dort dem Offizier, daß ich ein wichtiges Geſtändniß abzulegen habe, daß er darum die Hinrich⸗ tung aufſchieben ſolle.“ Wehmuthsvoll über das vergebliche Ringen einer Menſchenſeele, dem drohenden Tode zu entkommen, ſchüt⸗ telte der Geiſtliche verneinend das Haupt. „Ich bin's geweſen—“ fuhr Bold äſchernd fort— „der vor einem Jahre das Geldfaß von Simons Schiebe⸗ bocke weggefixelt hat.“ „Gerechter Gott!“ rief der Geiſtliche voll Entſetzen aus.„Und Ihr gabt Euch für unſchuldig aus!?“ „Eigentlich wollte ich nur einen Spaß machen—“ erzählte Bold—„und meine beiden Hausgenoſſen ein wenig erſchrecken, als ich ſie, in's Sprechen ganz ver⸗ tieft, dicht vor mir dahin gehen ſah— Als ich aber das Geldfaß ſachte vom Schiebebocke herabhob und ſie ſolches nicht bemerkten, auch kein Menſch ſonſt in der Nähe war, 8 und auf mein Thun Acht hatte: da verführte mich der Teufel und ich trug eilig das Fäßchen in einen nahen Straßenwinkel, wo ich eben eine Senkgrube auszumauern 110 hatte. Darin verſteckte ich das Faß und fuhr es ſpäter, in meinem Kalkkaſten unter Dachziegel verborgen, in meine Wohnung des Harterſchen Hauſes. Hier hatte ich im Hofe ein kleines, düſteres Behältniß inne, wo ich mein Handwerkszeug und meinen Vorrath an Kalk, Lehm und Ziegelſteinen aufbewahrte. Daſelbſt vergrub ich das Geldfaß. Aber ich erachtete mich und mein Geld nicht ſicher in der Nähe der Simonſchen Familie. Auch ent⸗ deckte ich ein Loch in der Stubenwand, durch welches mein Stubennachbar Woller mein Thun beobachten und meine Worte belauſchen konnte. Deshalb zog ich aus und nahm das Geldfaß mit mir.“ Hier gelangte der kleine Zug an Ort und Stelle. Der Geiſtliche wendete ſich an den Officier, welcher die zum Erſchießen Bolds beſtimmte Mannſchaft befehligte, und bat ihn, die Execution aufzuſchieben, weil der De⸗ linquent ſo eben ein wichtiges Geſtändniß abgelegt hätte. Allein der Officier that, als höre und verſtehe er kein Wort deutſch. Er gebot ſeinen Leuten, den Maurer auf das Sandhäufchen niederknieen zu laſſen und ihm die Augen mit einem Tuche zu verbinden. Bevor dieſer Be⸗ fehl ausgeführt wurde, richtete der Geiſtliche die Frage an Bold:„Um des Heils Eurer armen Seele willen, ſagt mir, wo Ihr das Geldfaß jetzt verborgen haltet?“ „Wenn ich wirklich ſterben muß—“ verſetzte Bold unter Zähneknirſchen und in einen maaßloſen Trotz über⸗ gehend—„ſo ſoll auch niemand meines Schatzes froh werden.“ Entſetzt über eine ſo große Ruchloſigkeit ſchlug der 111 würdige Geiſtliche die Hände zuſammen und über ſeine Lippen glitt eine leiſe Bitte gen Himmel um Erbarmen mit einem ſolchen Sünder. Der Officier ertheilte das Zeichen zum Feuern— acht Schüſſe knallten zugleich und von eben ſo vielen Kugeln durchbohrt, ſtürzte Bold ent⸗ ſeelt in die hinter dem Sandhäufchen gegrabene Vertiefung, die auch ſein Grab wurde. Es verſteht ſich, daß der Geiſtliche ſogleich bei der Obrigkeit die Anzeige von Bolds letztem Geſtändniß er⸗ ſtattete und daß die Nachricht hiervon wie ein Lauffeuer die Stadt durcheilte. Dieſe große Neuigkeit erfüllte zu⸗ nächſt die hierbei betheiligten Bewohner des Harterſchen Hauſes mit eben ſo gerechtem Staunen als Entzücken. Abſonderlich ausgelaſſen in ihrem Jubel war Frau Simon ſowie deren drei Kinder. „Seht ihr—“ rief jene aus—„daß mein armer Mann unſchuldig war, wie ich immer behauptet habe? Nun müſſen ſie ihn aus dem Arbeitshauſe entlaſſen, ihm das angethane Unrecht abbitten, ihn ſchadlos halten und wieder in ſein Amt einſetzen. Was den hochweiſen Herren vom Rathe und Amte nicht gelang, haben die Franzoſen an's Tagelicht gezogen. O, nun bin ich ihnen nicht mehr gram. Barbot lebe, weil er den Geldfaßdieb durch ſeine Bleikugeln zum Geſtehen gebracht hat.“ Auch die Familie Woller fühlte ſich wie neugeboren durch die Entdeckung des Gelddiebes und der Maler ſprach zu ſeinem Nachbar Handarbeiter:„Mir iſt nunmehr ein ſchwerer Stein vom Herzen gefallen und nun erſt hoffe ich wieder ruhig ſchlafen zu können, was ich ſeit meiner 112 Ausſage gegen den böſen Bold nicht vermocht habe. Wie ein Wurm nagte mein Gewiſſen an mir, daß ich, wiewohl zu Eurer Rettung, den Maurer hatte helfen zum Tode bringen. Aber nun ſage ich, daß ihm gar nicht zu viel geſchehen iſt. Pfui über einen ſo ſchlechten Men⸗ ſchen, der nicht nur Frau und Kind, ſondern auch noch ſo viele andere unſchuldige Menſchen in's Elend geſtürzt hat, und das Alles um des Geldes willen.“ „Laſſen wir ſolche Reden nicht vor Bolds unglück⸗ lichem Kinde hören, das ohnehin ſchwer geſchlagen iſt—“ entgegnete Woller. „Das verſteht ſich von ſelbſt—“ meinte Corduan— „und nun betrachte ich erſt das arme Mädchen als wirk⸗ lich zur Hälfte mein und gelobe, es vor Mangel und Kummer nach meinen Kräften zu bewahren und ſein Le⸗ ben möglichſt angenehm zu geſtalten. Wenn man nur erſt wüßte, wo Bold das Geldfaß verwahrt hat.“ Bevor aber die Obrigkeit dieſem mit Bold begrabenen Geheimniß gehörig nachforſchen konnte, ereignete ſich ſo Folgenſchweres in Hersfeld, daß darüber Bold, das Geld⸗ faß und der arme Simon im Arbeitshauſe einſtweilen in Vergeſſenheit geriethen, verſteht ſich mit Ausnahme der Frau und der Kinder des Poſtpackers, ſowie der Wollerſchen Familie und des Malers Corduan. 113 Sehntes Kapitel. Der kaiſerliche Befehl. General Barbot mit ſeiner Heerſäule hatte, nach vielen und ſchweren Erpreſſungen, Hersfeld wieder verlaſſen und nur den Oberſtleutnant Lingg mit ſeinem Bataillon badiſcher Jäger daſelbſt zurückgelaſſen. Wie wenn ein Alp von dem Körper eines Schläfers genommen wird, ſo erleichtert fühlte ſich jetzt Hersfelds Bewohnerſchaft. Trotz den großen, dargebrachten Opfern athmete Jeder⸗ mann wieder frei und freudig auf und glaubte eine ver⸗ hängnißvolle Vergangenheit glücklich hinter ſich zu haben. Da erſchien am 18. Februar 1807 der franzöſiſche Oberſt von Müller nebſt einer Abtheilung von Soldaten in Hersfeld. Derſelbe kam von Kaſſel und war der Ueber⸗ bringer eines kaiſerlichen Befehls an den Oberſtleutnant Lingg. Nachdem er das kaiſerliche Schreiben abgegeben hatte, ging er mit ſeinen Leuten eine Viertelſtunde weit von Hersfeld zurück, wo er ein Bivouac bezog. Ueber dem Durchleſen der erhaltenen Depeſche ent⸗ färbte ſich der Oberſtleutnant und ſeinen Lippen, die vor innerem Zorn bebten, entſchlüpften die halblauten Worte: „Ha! dazu alſo ſind wir Deutſchen gut! Pfui! welch' ein entehrender Auftrag uns zugemuthet wird! Ha, warum hat Barbot ſeinen Heldenthaten hier nicht auch dieſe noch beigefügt? O mein armes geknechtetes Deutſchland, wie tief wirſt du erniedriget! Ach, wie unendlich ſchwer wird uns die Kriegerpflicht gemacht!“ Lingg von Linggenfeld. 8 114 Der Oberſtleutnant verbrachte die nächſte Nacht ſchlaf⸗ los und unter manichfachen Ueberlegungen. Am Morgen des 19. Februar hallte der Hörner Klang durch Hersfelds Straßen und Räume. Er rief das badiſche Jägerbataillon zuſammen, welches Lingg auf dem Markt⸗ platze aufſtellte. Das war nichts Ungewöhnliches. Als jedoch einzelne Jägerabtheilungen die Stadtthore beſetzten und verſchloſſen, die Zugänge zu den Glockenthürmen ver⸗ wahrten und eine drohende Haltung beobachteten, da fühlten ſich die Hersfelder von einer ſteigenden Unruhe erfaßt. Was hatten dieſe Maaßregeln der Krieger zu be⸗ deuten? Alſo fragte man ſich gegenſeitig. Bald genug ſah man die Glieder des Magiſtrats ſowie der übrigen Stadtbehörden vereinzelt nach dem Gebäude der Comthurei, dem jetzigen Landrath⸗Amthauſe, eilen. „Wir wiſſen von nichts—“ entgegneten ſie auf die an ſie gerichteten Fragen der beſorgten Menge. Als die verſchiedenen obrigkeitlichen Perſonen beiſammen waren, trat der Oberſtleutnant mit gar ernſtem Geſicht in ihre Mitte und haͤndigte dem Bürgermeiſter Morchutt den kaiſerlichen Befehl ein, der in franzöſiſcher Sprache ver⸗ faßt war und daher von Morchutt den übrigen Herren verdeutſcht werden mußte. „Der Kaiſer Napolevn—“ las Morchutt ſtockend und mit wachſender Angſt—„mißbilligt die von dem Gouverneur Lagrange der Stadt Hersfeld erwieſene Groß⸗ muth und zugeſicherte Verzeihung. Er befiehlt, daß Hers⸗ feld, zur Strafe für ſeine Empörung gegen kaiſerliche Truppen, für die Ermordung eines ſeiner Krieger und 115 die Verwundung vieler Anderer— erſt geplündert— dann in der Mitte und an allen vier Ecken angebrannt und ſo— gänzlich den Flammen— über— lie— fert werde! Hieraus möge Jedermann erkennen, wie der Kai⸗ ſer Napoleon jede, ſeinen Kriegern angethane Unbill ſchwer und hundertfältig, nein tauſendfach zu rächen ge⸗ ſonnen iſt.“ Mit verlöſchenden Blicken ſah der Bürgermeiſter nach dem Schluſſe des kaiſerlichen Befehls ſeine Zuhörer in der Runde an und dieſe wiederum ſtarrten verſteint ihr Oberhaupt an. Keiner von ihnen war eines Lautes mächtig. Faſt ohnmächtig und unter einem leiſen Aech⸗ zen war der greiſe Stiftsrath Harter in einen Stuhl ge⸗ ſunken. Jetzt hob ein Rathsmitglied mit bitterem Tone an:„Ja, wohl tauſendfach! Ha, wenn der franzöſiſche Kaiſer das vergoſſene Blut eines Einzelnen ſo vielfältig und an einer ganzen Stadt rächt: wie groß wird dann einſt ſeine Strafe ſein für die Hunderttauſende, die er hingeſchlachtet, für die Millionen, die er verwundet, ge⸗ mißhandelt und beraubt hat? Ha, müſſen wir uns viel⸗ leicht noch für die kaiſerliche Gnade bedanken, weil ſie uns noch das nackte Leben läßt und uns bloß obdach⸗ los in die Winterkälte hinausſtößt?“ Erbleichend blickten Alle den kühnen Sprecher an, der ſich nur zu leicht um ſeinen Hals oder Kopf reden konnte. Lingg aber that, als hätte er nichts von den bit⸗ teren Worten vernommen. „Meine Herren—“ ſprach der badiſche Oberſtleut⸗ nant ſanft—„ich hoffe von Ihnen, daß Sie mir den kai⸗ S 116 ſerlichen Auftrag nicht durch irgend einen Verſuch der Widerſetzlichkeit erſchweren werden wollen. In dieſem Falle würden Sie die alleinige Schuld des entſetzlichen Blutbades tragen, das ich mit meinen Leuten unter Hers⸗ felds Bewohnern anrichten müßte. Um jeder Wieder⸗ holung des 24. Decembers vom jüngſt vergangenen Jahre vorzubeugen, habe ich die Thore der Stadt und deren Glockenthürme von meinen Leuten beſetzen laſſen. Jeder Verſuch, die Sturmglocken zu läuten und die Land⸗ leute zum Beiſtand herbeizurufen, wird mit der Kugel zurückgewieſen und beſtraft. Helfen Sie mir dagegen, den kaiſerlichen, mir ſelbſt ſauer ankommenden Befehl nach Möglichkeit ſchonend auszuführen. In dieſem Augen⸗ blicke weiß ich nichts Beſſeres den Hersfeldern anzura⸗ then, als daß jeder von ihnen mit ſeiner koſtbarſten Habe die eiligſte Flucht ergreife. Gehen und verkündigen Sie den Bewohnern Ihrer Stadt das kaiſerliche, nicht abzu⸗ ändernde Gebot. Sie ſind entlaſſen, meine Herren.“ Die Verſammlung löſete ſich auf. Ein Theil ihrer Glieder eilte in Sturmſchritten von dannen, um die ſchreck⸗ liche Kunde baldigſt zu verbreiten, ein anderer ſchlich mit tief geſenktem Haupte und kraftlos zitternden Gliedern dahin. Nicht lange und es wiederholte ſich in Hersfeld ein Zuſtand, wie derjenige geweſen war, als der Würg⸗ engel in der Nacht die Erſtgeburt des Aegyptenlandes getödtet hatte. Kein Haus gab es, aus welchem nicht lautes Weinen, Schreien, Heulen und Jammern ertönten. Nach der erſten Beſtürzung und nachdem die Hersfelder das Unnütze dieſes Jammerns eingeſehen hatten, begann . 117 in mehr wie ſechshundert Häuſern ein eifriges Zuſammen⸗ ſuchen, Einpacken und Aufladen der mannigfachſten Ge⸗ genſtände, unter welchen das edle Metall die Hauptſache vorſtellte. Andere bargen ihre koſtbarſte Habe in ver⸗ ſteckten feuerfeſten Gewölben, vergruben ſie in den Kellern oder in der Erde. Es verſtrich darüber der kurze Tag des 19. Februars und dennoch konnte ſich noch immer kein Hersfelder zur angerathenen Flucht entſchließen. Mit ſolchen feſten Banden fühlt ſich der Menſch an ſeine lang⸗ jährige Heimath, an das Vater⸗ und Wohnhaus, an ſeine Erdſcholle gefeſſelt! Auch ſchmeichelte man ſich noch fortdauernd mit der Hoffnung, daß jener grauſame, kai⸗ ſerliche Befehl unausgeführt bleiben würde. Obgleich der Handarbeiter Woller mit ſeiner Familie in Dürftigkeit lebte, ſo traf ihn die Nachricht von der bevorſtehenden Einäſcherung Hersfelds wohl eben ſo hart wie den wohlhabendſten Einwohner. Wohin flüchten mit den Seinen in der Winterkälte? Wo ſogleich anderweiten Verdienſt auffinden? Woher die unentbehrlichſten Be⸗ dürfniſſe und Gegenſtände nehmen, die er jetzt beſaß, aber nicht mit ſich fortnehmen konnte? „Was heißt denn das: plündern?“ fragte Herrmann Woller ſeinen Vater.„Und wie machen das die Sol⸗ daten?“ Für den Gefragten antwortete der Maler, während er ſeine Malbedürfniſſe zuſammenſuchte:„Plündern kommt her von„Plunder“ und heißt eigentlich, den Leuten ihren Plunder abnehmen. Aber in der That bedeutet Plündern ſo viel wie Stehlen und Rauben. Das Fünkchen von 118. Ehrgefühl, welches ſelten ganz in dem Herzen auch des gemeinſten und ſchlechteſten Menſchen verlöſcht, läßt aber den Soldaten für das ſchändende Wort„Stehlen und Rauben“ den milderen Ausdruck„Plündern“ gebrauchen. Wie das Plündern ausgeführt wird, fragſt Du? Sieh, mein Junge! wenn die Soldaten ein Haus ausplündern wollen und deſſen Thüren verſchloſſen finden, ſo ſchlagen ſie ſolche mit den Flintenkolben ein. Eben ſo machen ſie es mit den Kommoden, Schränken, Koffern, Truhen, deren Fächer und Käſten ſie dann herausziehen, um in den darin befindlichen Sachen zu wühlen. Finden ſie kein Geld oder keine Koſtbarkeiten, ſo bedrohen ſie deren recht⸗ mäßigen Beſitzer, ſetzen ihnen die Säbel⸗ oder Bajonnet⸗ ſpitze auf die Bruſt, ſchlagen, raufen, ſtechen, hauen, wer⸗ fen ſie zu Boden, treten ſie mit Füßen oder martern ſie auf noch ſchlimmere Weiſe, um von ihnen den Ort zu erfahren, wo ſie ihre Schätze verſteckt haben. Dann be⸗ laden ſie ſich und wohl auch die Hausbewohner mit der gemachten Beute, ſo daß dieſe ihre eigene Habe den Plünderern in Sicherheit bringen helfen müſſen. Was die Soldaten nicht brauchen oder nicht mitnehmen kön⸗ nen, das vernichten ſie. Die Federbetten, die Mehl⸗ und Getreideſäcke ſchlitzen ſie auf und ſtreuen ihren Inhalt am Boden umher. Die theuern Geräthe zerhauen, das Porzelain, die Spiegel und das Thongeſchirr zerſchlagen ſie— kurz, die ächten Plünderer verfahren grauſamer noch als die verhärtetſten Räuber.“ „Machen Sie den Kindern nicht ohne Noth angſt—“ ſprach Woller verweiſend.„Es iſt ſo ſchon genug des 119 Lamento's in der ganzen Stadt. Was Sie da ſagen, traue ich den braven Badenern nicht zu, welche ſich bisher im Vergleich mit den Franzoſen wie die Lämmer gegen uns benommen haben.“ „Es iſt gut, ſich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen—“ erwiederte Corduan—„und habe ich nur im Allgemeinen Ihrem Herrmann das Plündern vorge⸗ malt. Deſto beſſer für Hersfeld, wenn ich zu ſchwarz gemalt habe.“ „Werden denn die Soldaten auch unſern ſchönen Guckekaſten plündern?“ fragte Herrmann angſtvoll. „Mit ſich fortnehmen, ſchwerlich—“ entgegnete Cor⸗ duan—„aber vielleicht mit den Füßen zertreten und die Bilder in Stücke zerreißen.“ „Ach, das wäre ſchrecklich!“ klagte Herrmann.„Vater, verſtecke doch den Guckekaſten, wo du deine Flinte hatteſt.“ „Dann verbrennte er ja, wenn das Haus in Flammen geſteckt wird—“ rief Valentin. „Nun, da nehme ich ihn mit—“ ſagte Herrmann— „wenn wir an's Ausreißen gehen, und bitte die Soldaten ganz ſchön, daß ſie mir den Guckekaſten laſſen.“ Ein jedes packte nun ein, was ihm das Liebſte, Theuerſte und Unentbehrlichſte war. Es wurden kleine und große Bündel gemacht und Jedem ſeine Laſt beſtimmt die er mit ſich forttragen ſollte. Am drolligſten nahm ſich der Maler aus, als er verſuchsweiſe mit ſeiner Staffelei, ſei⸗ nen Mappen, Bildern, Pinſeln, mit ſeinem Farbekaſten und ſeinen Kleidungsſtücken ſich behing, unter den einen Arm die Kaffeemühle, unter den andern einen alten Regenſchirm, 120 in die eine Hand den Malſtock und in die andere ſeine wenigen, zuſammengepackten Bettſtücken nahm. „Sie ſind ja bepackt wie ein Kameel—“ rief Frau Woller, über den komiſchen Anblick die gemeinſame Noth vergeſſend—„und kommen ſo nicht einmal durch die Thüre, geſchweige die ſchmale Treppe hinab.“ „Ich werde mich immer hinab zur Frau Simon be⸗ geben—“ antwortete Corduan—„damit ich in der Nähe der Hausthüre bin, wenn es an's Flüchten, Plündern und Brennen geht. Alle 600 Häuſer von Hersfeld können die Krieger nicht zugleich ausplündern und bevor ſie an das unſrige gelangen, bin ich bereits über alle Berge.“ „Frau Simon ſammt deren Kinder finden Sie nicht daheim—“ rief Woller.„Sie ſind wohl die Einzigen in Hersfeld, welche ſich nicht um deſſen Plünderung und Einäſcherung kümmern. Frau Simon rennt alleweile von Pontius zu Pilatus und verlangt mit Ungeſtüm die Freilaſſung ihres Mannes. Es verſteht ſich, daß niemand jetzt auf ihr Begehren hört und ſie überall abgewieſen wird.“ Hier trat Thereſe, welche bei einem Bäcker einige Brote als Vorrath für die Flucht hatte einkaufen ſollen, in die Stube. „Kein Biſſen Brots iſt in der ganzen Stadt aufzu⸗ treiben—“ klagte das Mädchen—„Kein einziger Bäcker hat heute gebacken. Aber Meiſter Schöppel hat mir eine Metze Roggenmehl geſchenkt, weil es ſonſt nur mit ver⸗ brennen müßte. Und wie ich in unſere Hausthüre treten will— wer kommt da an einem Stocke angehinkt und 121 ſieht ganz elend und blaß aus?— Harters Benno, der Huſarenleutnant! Aber er ging nicht mehr wie ein Huſar, ſondern wie ein gewöhnlicher Bürger, auch nicht mehr ſtolz und gerade wie eine ſchlanke Tanne, ſondern krumm und gebückt. Er ſagte zu ſeinem Vater, der ihm mit Freuden um den Hals fiel, daß ihn die Soldaten am Thore gar nicht hätten in die Stadt hereinlaſſen wollen, bis ein Officier dazu gekommen ſei und ſich ſeiner angenom⸗ men habe. Er iſt in der Schlacht gegen die Franzoſen verwundet worden, hat ſein Pferd und ſeine Huſarenuni⸗ form eingebüßt, den Abſchied bekommen und iſt nun, wie er ſagte, ohne Amt und Brot. Aber demohnerachtet hat⸗ ten Harters eine unmenſchliche Freude über ihren Benno und der alte Papa rief einmal um's Andere:„Nun iſt Alles gut! Habe ich doch meinen Benno wieder! Mö⸗ gen ſie Alles dafür hinnehmen.“ „Entſinneſt du dich noch, Valentin,— fragte Woller—„wie du vor etwa 18 Monaten den ſchmucken Huſarenleutnant beneideteſt? Sieh, ſo vergeht die Welt mit ihrer Luſt und Herrlichkeit.“ „He, Gundel!“ rief jetzt Frau Woller dem Kinde zu—„was ſchauſt du ſo eigens durch das Fenſter in den dunkeln Abend hinaus? Haſt du nichts einzupacken, das du mitnehmen möchteſt, wenn's an ein Flüchten geht?“ „Ich ſehe“— antwortete Gundel ängſtlich—„ob mein Vater nicht kommt, um mich fortzutragen, wenn das Haus angezündet wird.“ „Dein Vater?“ entgegnete Frau Woller erſchüttert. „Dein Vater? Ach, der wird jetzt vollauf mit ſich ſelbſt 122 zu thun haben. Er hat dich ja unſern Händen anvertraut, und fürchteſt du denn, daß wir dich hülflos hier zurücklaſſen würden, ſobald die Gefahr anhebt? Lieber verſtoßen wir unſere beſte Habe als dich.“ „Sorge dich nicht, Gundel“— ſprach Thereſe— „ich trage dich.“ „Ich auch! Ich auch!“ riefen die beiden Knaben aus und ſelbſt die kleine Caroline ſagte:„Ich trage Gundel Huckepack. „Sparet eure Worte“— mengte ſich der Maler ein. „Eure Mutter hat mich vorhin mit einem Kameel ver⸗ glichen. Nun, ſo will ich ein ſolches für Gundel ſein.“ Ueber dieſem Wettſtreite und der Sorge für die nächſte Zukunft bemerkte oder achtete niemand darauf, daß ein heftiger, kalter Winterſturm einen dichten Schauer von weißen Schneeflocken gegen die kleinen Dachfenſter peitſchte. In dieſem unfreundlichen Wetter ritten zwei in weite Mäntel gehüllte Reiter durch die menſchenleeren Gaſſen und Straßen der Stadt. Dieſelben waren der Oberſt⸗ leutnant Lingg und ſein Adjutant. Auf dem Marktplatze hielten ſie ſtill und betrachteten ein dunkles, auf allen vier Seiten freiſtehendes Gebäude von ziemlicher Größe. „Es ſcheint unbewohnt zu ſein“— bemerkte Lingg gegen ſeinen Begleiter.„Kennen Sie den Beſitzer und die Beſtimmung dieſes Hauſes?“ „Es gehört der Commun“— antwortete der Adju⸗ tant—„und wurde früher zum Exerciren der heſſiſchen Garniſon benutzt. Bewohnt wird es nicht.“ 123 „Dann eignet es ſich ganz für unſern Zweck“— ſagte Lingg und ritt weiter. An jeder der vier Stadt⸗ ecken ſuchten und fanden die beiden Officiere ein möglichſt frei ſtehendes, altes, werthloſes Haus, von denen zwei ebenfalls der Commun angehörten und die andern beiden von armen Leuten bewohnt wurden. Den Letzteren ge⸗ bot Lingg noch die en Abend ihre kleine Habe in Sicher⸗ heit zu bringen und ihre Wohnungen zu verlaſſen. Hie⸗ rauf wurden jene fünf bezeichneten Häuſer mit leicht zu entzündenden Brennſtoffen allerlei Art, bis unter's Dach hoch, angefüllt. Dieſe Vorkehrungen zeigten den Hersfeldern, daß es mit der Einäſcherung der Stadt ein bitterer Ernſt ſei, und erfüllten jene mit großen Schrecken. Unter den qualvollſten Sorgen und Befürchtungen verſtrich den Hersfeldern die Nacht vom 19. bis 20. Februar 1807. Elftes Rapitel. Der Brand. Mit Ausnahme der Kinder hatten wenige Hersfelder die Nacht ſchlafend verbracht. Als ſie am Morgen des 20. Februars mit umwölkten Augen aus ihren Fenſtern blickten, hatte der Sturm ſich gelegt und eine friſch ge⸗ fallene leichte Schneedecke die Dächer, Straßen und Plätze weiß überzogen. War es doch, als wenn Hersfeld ein Sterbehemd zu ſeinem Untergange angelegt hätte. Wie⸗ 124 derum hallte Hörnerklang durch die Winterluft. Aber es tönte nicht wie ein muntrer Morgengruß, ſondern trau⸗ rig wie bei dem Begräbniß eines Kriegers. Die badiſchen Jäger machten ſich marſchfertig, beluden ſich mit ihren Waffen, ihrem Torniſter und Mantel, reichten ihren Wirths⸗ leuten ernſt die Hand und ſchritten gedankenvoll dem Marktplatze, dem beſtimmten Sammelorte, zu. Der Augenblick der Entſcheidung nahete. Die Hers⸗ felder verſammelten nach dem Abmarſch der einquartirt geweſenen Krieger die Ihrigen um ſich, überzählten deren Häupter, nahmen mit kummervollen Blicken Abſchied von ihren Wohnungen und harrten dann mit angſtvoller Er⸗ wartung der Dinge, die da kommen ſollten. Keiner Hausfrau war es eingefallen, heute das Frühſtück in ge⸗ wohnter Weiſe zu bereiten und mit den Ihrigen zu verzehren. Als das Bataillon vollzählig beiſammen war, trat der Oberſtleutnant Lingg vor deſſen breiter Fronte hin. Sein Antlitz war ungewöhnlich ernſt und ſeine Stimme zeugte von tiefer, innerer Bewegung, wiewohl ſie kräftig und laut über das Bataillon hin ertönte. „Kameraden!“ hob er an—„hat irgend einer von euch über ſeine hieſigen Wirthsleute, über Vernachläſſigung, üble Behandlung, ſchlechte oder unzulängliche Beköſtigung oder über irgend eine andere Unbill von Seiten der Hersfelder ſich zu beſchweren? Ich verlange freie und wahrheittreue Anzeige von euch!“ „Nein!“ erſcholl es wie mit einer Stimme durch alle Reihen und aus mehr wie einem halben Tauſend Kehlen. 125 „Das zu hören iſt mir lieb“— fuhr Lingg fort und ein Freudenblick erhellte für einen Augenblick den Ernſt ſeiner Züge.„Auch ich bekenne gern, daß ich in dieſer Stadt eine freundliche Aufnahme gefunden habe, daß man mir von allen Seiten mit Liebe und Vertrauen ent⸗ gegen gekommen iſt. Hat jemand unter euch vielleicht entgegengeſetzte Erfahrungen gemacht?“ „Nein!“ antwortete das Bataillon wie ein Mann. „Nun denn, Kameraden“— ſprach Lingg weiter— „für dieſe euch erwieſene Liebe, Freundſchaft und gute Verpflegung erlaubt man euch, nicht nur eure Wirths⸗ leute, ſondern alle Häuſer ohne Unterſchied— auszu⸗ plündern. Dieſe Erlaubniß ertheilt euch dieſes kaiſer⸗ liche Schreiben“— das hoch erhobene, entfaltete Papier knitterte in Linggs leiſe zitternder Hand.„Die Stunde iſt da— niemand wird und darf euch am Plündern hindern. Wer unter euch von der kaiſerlichen Erlaubniß Gebrauch machen will— der trete aus dem Gliede. Doch“— Linggs Stimme bebte hier vernehmlich— „ich fürchte nicht, daß ich in Zukunft eine Schaar von Räubern, anſtatt von biedern Deutſchen befehligen ſoll.“ Hier ſchwieg der Oberſtleutnant. Eine lautloſe Stille herrſchte über dem wie aus Stein gehauenen Kriegerhau⸗ fen. Keiner von ihnen rührte ſich. Kein Fuß erhob ſich zum Heraustreten. Der Secunden mehrere ließ Lingg ſeine Blicke forſchend und ſtumm über die Reihen ſeiner Leute hin⸗ und herwandern. Die Regungsloſigkeit derſelben währte fort. Da rief der Oberſtleutnant mit, vor— freudiger Rührung gebrochener Stimme aus:„Dank— Dank euch, meine Kinder!“ Keines Wortes weiter mächtig, näherte er ſich dicht der vorderſten Kriegerreihe, um an die erſten beſten Leute kräftige Händedrücke auszutheilen. Bei dieſem Anblick erſt kam wieder Leben in die verſteinte Maſſe. Donnernd erſcholl der Jubelruf aus jeder Kehle durch die friſche Morgenluft:„Hoch lebe unſer Herr Oberſtleutnant! Hoch, hoch, hoch lebe unſer Vater Lingg! Hoch, hoch, hoch!“ Nein, der Menſch iſt doch nicht ſo verderbt, als manche unter uns behaupten. Man muß ihn nur an der rechten Seite zu faſſen wiſſen und das verſtand Lingg ſehr gut, wie dieſe wahre Erzählung zeigt. Das lange Jubelgeſchrei, welches die Lüfte erbeben machte, ließ aber auch die Herzen der Hersfelder erzittern. Dieſe hielten nämlich jenes dem edeln Lingg ausgebrachte Lebe⸗ hoch für das Zeichen der beginnenden Plünderung. In dieſem Glauben beſtärkten ſie die angezündeten Brandfackeln, welche jetzt die Brandſtoffe in jenen füͤnf Häuſern in Flammen ſetzten. Aber es verſtrich Minute auf Minute, ohne daß ein Plünderer ſich genahet hätte. Dagegen lo⸗ derten die Feuerflammen hoch gen Himmel empor und machten, was Lingg beabſichtigte, den in Hersfelds Nähe aufpaſſenden Oberſten von Müller glauben, daß die ganze Stadt brenne und ihrem Untergange preisgegeben ſei. Froh, daß er nicht länger im Winter unter freiem Himmel bivouakiren durfte, brach er mit ſeinen Leuten auf und marſchirte nach Kaſſel zurück, wo er die Nachricht — 127 überbrachte, daß der kaiſerliche Befehl vollzogen, Hers⸗ feld eingeäſchert und aus der Reihe der Städte geſtrichen worden ſei. Wiederum erklangen die Jägerhörner der wackern Ba⸗ dener. Dießmal aber blieſen ſie luſtige Weiſen, denn die Bruſt eines jeden von ihnen war von dem ſüßeſten Bewußtſein geſchwellt und freudigen Sinnes gehorchten ſie dem BVefehle ihres Vaters Lingg, welcher das Zeichen zum Abmarſche aus der Stadt ertheilte. Und die Hers⸗ felder, endlich den Edelſinn Linggs und ſeiner Badener in ſeinem ganzen Umfange erkennend, warfen ihre ſich aufgeladene Habe wieder ab, ſtürzten aus den Häuſern, rannten den fortziehenden Kriegern nach und überſchüt⸗ teten dieſelben mit tauſend Segenswünſchen und begleite⸗ ten ſie, jauchzend und Freudenthränen vergießend, bis vor die Stadt hinaus. Und die hoch aufwirbelnden Flam⸗ men der fünf brennenden Häuſer beleuchteten dieſen rüh⸗ renden Abſchied und ſpiegelten ſich in den Dankeszähren der Hersfelder wie in den blanken Waffen der Krieger. Unbeſchwert von Gepäck, aber auch unbeſchwert an ihrem Gewiſſen ſchlugen die Badener den Weg nach Vacha ein. Lingg hatte den kaiſerlichen Befehl, dem Buchſtaben nach, erfüllt, Hersfeld in der Mitte und an allen vier Ecken in Flammen geſteckt und ſeinen Kriegern die Er⸗ laubniß zum Plündern gegeben. Was konnte er dafür, wenn dieſe keinen Gebrauch von dieſer Erlaubniß machten und wenn die Flammen nicht die ganze Stadt in Aſche legten? Glücklicher Lingg, der ſeiner ſchweren Soldaten⸗ 128 pflicht nachgekommen war und doch auch das Gebot der Nächſtenliebe erfüllt hatte! Sache der Hersfelder war es nun, die Flammen zu ver⸗ hindern, daß ſie nicht weiter um ſich griffen, ſondern auf jene fünf Gebäude beſchränkt blieben. Der, groß“ genannte, noch oft gerühmte Kaiſer Napoleon hatte ſeinem Befehle, Hersfeld in Aſche zu legen, noch das Gebot hinzugefügt, die Feuerſpritzen der Stadt zu ver⸗ derben, um die Einwohner am Löſchen zu verhindern. Welche unchriſtliche, nur eines Kannibalen würdige Rachſucht! Doch die Flammenund der jetzt ſchweigende Sturm bezeigten ſich mit⸗ leidiger als jener angeblich chriſtliche, große Kaiſer. Auch fand man, Dank dem edeln Lingg, die Feuerſpritzen nicht nur im beſten Zuſtande, ſondern ſogar ſchon mit Waſſer gefüllt und zum Fortbewegen bereit geſtellt. Somit war es keine ſchwere Sache, den Flammen zwar nicht Einhalt zu thun, jedoch das Weitergreifen zu verwehren. Nach⸗ dem die fünf Häuſer bis auf den Grund niedergebrannt waren, wurden deren Feuerſtätten ſorgſam überwacht und dadurch jedem weiterern Brandſchaden vorgebeugt. Nun lebten die Hersfelder neu wieder auf. Da in der Franzoſen Augen Hersfeld vom Erdboden vertilgt war, ſo hatten deſſen Einwohner auch nichts mehr von jenen zu befürchten. Die ganze Stadt aber war ein⸗ ſtimmig voll des Lobes über den edeln Lingg und deſſen wackere Jäger. „Gott ehre mir die braven Badener—“ ſprach Cor⸗ duan voll Zerknirſchung.„Schweres Unrecht habe ich ihnen abzubitten. Weiße Sperlinge ſind ſie unter den 129 Soldaten und ihr Oberſtleutnant iſt der allerweißeſte unter ihnen Allen. Im Geiſte ſah ich mich ſchon, ein zweiter Aeneas, der auf dem Rücken ſeinen alten, blinden Vater aus Troja's Flammen trug, mit unſter Gundel auf der Achſel aus dem brennenden Hersfeld flüchten. Ha, wo würden wir vor der Winterkälte ein gaſtfreies Obdach gefunden haben? Aber wenn mir der brave Lingg nur eine halbe Stunde lang geſeſſen hätte, damit ich ſein lie⸗ bes Bild durch meinen Pinſel hätte verewigen können. Und den Kaiſer Napoleon möchte ich auch hier haben, um ihm ein Schnippchen unter ſeine hochgetragene Naſe ſchlagen zu können. Ha, ich ſtelle mir vor, wie er einen fluchtigen Blick in Lagrange's Bericht über unſern Krawall am Weihnachtsheiligabend wirft, dann mit ſeinem Dau⸗ men und Zeigefinger in ſeine goldene Doſe greift, eine Priſe Schnupftabak nimmt, ein paar Körnchen dann in ſeine Naſe ſchiebt, die übrigen mit den Fingern in die Luft ſchnalzt und dazu ſpricht: Hersfeld?— futſch! ab von der Erde! Damit hatte er den Stab über unſere Siadt gebrochen. Ich aber hoffe noch zu erleben, daß es auch mit Napoleon noch einmal heißen wird: futſch! um die Ecke!“ Woller und ſeine Frau ließen den Maler ſchwatzen. Sie und ihre Kinder packten wieder aus und verſetzten jeden zur Flucht bereit gehaltenen Gegenſtand an ſeine alte Stelle, unter welchen ſich auch natürlich der Guckekaſten befand. Nachdem Alles geordnet war, hob Woller an:„Dieſe Mühe hat ſich unten Frau Simon erſpart, die gar nichts zuſammengepackt hatte. Hoffentlich wird ſie, da die Drang⸗ Lingg von Linggenfeld. 9 130 ſal vorüber iſt, eher Gehör bei der Obrigkeit finden, um ihren Mann aus dem Arbeitshauſe zu befreien. Wenn man aber nur erforſchen könnte, wo Bold das Faß mit dem Gelde verſteckt hat!“ Deſſen Aufſuchen war auch die nächſte Sorge der Be⸗ hörden, nachdem Hersfeld in ſeine gewohnte Ruhe zurück⸗ gekehrt war. Zunächſt begab ſich eine Anzahl amtlicher Perſonen nebſt dem Hauswirthe Bolds in deſſen bis jetzt verſiegelt geweſene Wohnung, wo man den vorhandenen Befund an Sachen und Nachlaßgegenſtänden unterſuchte und aufſchrieb. Als man die Bettſtücken einzeln von Gun⸗ dels früherer Lagerſtelle hinwegnahm, entdeckte man darun⸗ ter den bereits erwähnten Mauerauswuchs, deſſen Vor⸗ handenſein der Hauswirth nicht kannte und welcher nur erſt ſeit Bolds Einzug entſtanden ſein konnte. Da merkten die Herren etwas oder bekamen, wie man ſagt, Schwans⸗ federn. Und als man die obere Decke der aufgemauerten Erhöhung, welche aus Backſteinen beſtand, beſeitigen ließ, da hatte man richtig gerathen, denn das entwendete Geld⸗ faß ſtand oder lag unangetaſtet, wohl verſpundet, beſiegelt und überſchrieben, in dem ſteinernen Schatzkaſten. Da⸗ neben fand ſich noch ein Sack, welcher 400 Thaler, je⸗ denfalls die Frucht von Bolds raſtloſer Thätigkeit, ent⸗ hielt. Jedem Geizhals iſt es blos um den Beſitz, nicht um den nützlichen Gebrauch des Geldes zu thun, daher auch Vold nicht den geringſten Vortheil oder Genuß von ſeinem entwendeten Schatze gezogen hatte. Schon die Furcht, durch größeren Aufwand den Verdacht auf ſich ——FYÜ— 131 au lenken, hatte ihn abgehalten, den Inhalt des Faſſes zuzugreifen. „Dieſes Geld—“ ſprach einer der Herren—„kann die Stadt Hersfeld mit gutem Rechte als ihr Eigenthum anſehen. Die kurfürſtliche Regierung, unter welcher es entwendet wurde, beſteht nicht mehr, und da Hersfeld in den Augen unſrer jetzigen Gewalthaber vom Erdboden vertilgt iſt, ſo brauchen wir uns nicht mit dieſem Funde zu melden. Entſchädigen wir daher mit demſelben die beiden unſrer Mitbürger, deren Häuſer von den Flammen verzehrt worden ſind und die gleichſam die Sündenböcke für die geſammte Einwohnerſchaft vorgeſtellt haben.“ „Und ich ſchlage vor—“ erwiederte ein Zweiter,— „daß man mit dieſem Geldfaſſe unſern Retter, den edeln Lingg, belohne und erfreue, der durch ſeine großmüthige That unſter Stadt mehrere Hunderttauſende erhalten hat.“ „Beiden Vorſchlägen muß ich widerſprechen—“ nahm der greiſe Rath Harter das Wort.„Auf dieſem Gelde ruht kein Segen. Nicht allein daß durch deſſen Entwen⸗ dung ein unbeſcholtener Mann in's Arbeitshaus gekom⸗ men und ſeine Familie in Trauer und Elend verſetzt worden iſt, ſondern ich erblicke auch noch in dieſem Geld⸗ faſſe eine Pandorabüchſe, aus welcher alles neuere Un⸗ gluck uber Hersfeld hervorgequollen iſt. Nun erſt wird es klar, warum der erſchoſſene Vold, welcher ſeinen hier verborgenen Schatz durch jenen italieniſchen Soldaten ge⸗ fahrdet glaubte, dieſen mit ſolchem Ungeſtüm hinwegſchleu⸗ verte und dadurch den unglücklichen Aufſtund am Weih⸗ nachtsheiligabende hervorrief. Ueberdieß enthält dieſes Faß 9* 132 Stiftsgelder, ohne deren Aushändigung der arme Simon nimmermehr aus dem Arbeitshauſe entlaſſen würde. Verfahren wir daher in vorſchriftmäßiger Weiſe und bilden wir uns nicht ein, daß die Erhaltung Hersfelds unſern jetzigen Machthabern lange verborgen bleiben wer⸗ den könne.“ Dieſen Worten Harters, eines weiſen Gamaliels wür⸗ dig, fielen alle Herren der Comiſſion zu, ohne jedoch den Gedanken aufzugeben, dem Retter der Stadt ein anſehn⸗ liches Geld⸗und Ehrengeſchenk zu weihen. Zwölftes Bapitel. Ein Biedermann. Kaum daß ſich die Hersfelder einige Tage der Samm⸗ lung und Erholung von dem überſtandenen Schrecken ver⸗ gönnt hatten, ſo wanderten auch ſchon einige der ange⸗ ſehenſten Bewohner der Stadt von Haus zu Haus, um für den edeln, unbemittelten Lingg Gaben der Dankbar⸗ keit und Liebe einzuſammeln. Ein jeder gab mit Freuden und getreuem Herzen. Der Reiche viel, der Arme nach ſeinen geringen Kräften. Da füllte ſich manches Leinwandſäckchen mit Silber und Gold und immer ſchwerer bekamen die Einſammler zu tragen, was ſie jedoch gern und mit wachſender Freude thaten. Darauf las man die Geldſtücke je nach ihrer Größe und „— 133 ihrem Werthe aus, verpackte ſie in Rollen, beſiegelte und überſchrieb ſie und ſiehe! die ganze Summe überſtieg noch die in dem entwendet geweſenen Geldfaſſe. An einem der letzten Morgen des Februarmonats 1807. wanderte eine Anzahl Männer aus einem Thore Hersfelds. Die Luft war friſch, war kalt, und die winterliche Sonne ſtrahlte in Millionen funkelnder Diamanten von der weit ausgebreiteten Schneedecke wieder. Sichtbar kräuſelte ſich der warme Athem aus dem Munde und der Naſe der frü⸗ hen Wanderer, deren Tritte unter dem Schnee laut kniſterten und quitſchten. Und es waren der Wanderer ſehr viele aus Crethi uud Plethi zuſammengeſetzt. Und aus Aller Mienen lachten die Freude und die Zufriedenheit. Ein Stück vor dem Stadthore machte der Volkshaufe einen kurzen Halt. Herzliche Händedrücke wurden gewechſelt und der Grüße viele aufgetragen⸗ Eine kleine Anzahl Männer ſonderte ſich ab und ſchritt weiter, während die Andern nach der Stadt umwendeten. „Nochmals tauſend Grüße und tauſendmal Dank dem edeln Lingg!“ riefen die Letzteren den Fortſchreitenden nach. Dieſe ſtellten eine Deputation vor, welche, beladen mit den eingeſäckelten Geldrollen und im Namen Hersfelds an deſſen Retter Lingg abgeſchickt, mit der Silber⸗ flotte verglichen werden konnten, welche alljährlich Ameri⸗ ka's Reichthum nach Spanien ſchiffte. Dießmal jedoch ſteuerte ſie von Hersfeld nach dem tädchen Vacha, wo Lingg mit ſeinen Jägern weilte. Unter der Deputation, aus den angeſehnſten Einwohnern Hersfelds zuſammen⸗ geſetzt, befand ſich auch der arme Maler Corduan, der K ſich deshalb nicht wenig in die Bruſt warf und höchlich ſeine Kunſt pries, welcher allein er die Ehre der Mitge⸗ noſſenſchaft verdankte. Als aber die Deputation nach Vacha kam und mit ihrem Gold und Silber zugleich des Lobes Weihrauch zu des edeln Lingg's Füßen niederlegte, da wies der ſelbſt nicht reiche, beſcheidene Biedermann die Ehrengabe mit Entſchiedenheit zurück. „Für die Erfüllung unſrer Chriſtenpflicht—“ ſprach er—„nehme ich keinen Lohn an.“ Glücklicher als ſeine Begleiter war Corduan der Ma⸗ ler. Auf ſeine, im Namen ſämmtlicher Hersfelder gethane Bitte ſetzte ſich der wackere Krieger hin, um ſich von Cor⸗ duan abkonterfeien zu laſſen. Und der Maler, dem dießmal nicht der Broterwerb, ſondern Liebe, Dankbarkeit und Bewunderung die Hand und den Zeichnenſtift führten, übertraf ſich in ſeiner Kunſt und zauberte in ungewöhnlicher Kürze das ſprechende Bild des biedern Linggs auf das Papier hin. Darauf bewirthete der Letztere die Deputationsmit⸗ glieder und ſendete ſie mit den herzlichſten Grüßen nach Hersfeld zurück. Auch ein zweiter, ſpäter gemachte Ver⸗ ſuch der Hersfelder, ihrem Retter durch ein werthvolles Geſchenk ihre Dankbarkeit thätig zu beweiſen, ſcheiterte an der unerſchütterlichen Uneigennützigkett Linggs. Deſ⸗ ſen Bild, durch den Kupferſtich vervielfältigt, prangte bald in jedem Hauſe, ſo wie in jeder Wohnſtube von Hers⸗ feld. Auch das Konterfei des Kaiſers Napoleon, des Welteroberers, ſo wie dasjenige anderer Fürſten und be⸗ * 135 rühmter oder auch berüchtigter Menſchen, trifft man häu⸗ ſig als Zimmer⸗und Wandzierde an. Aber wohl ſelten oder nie werden eben ſolche ſtill verklärte, dankbare Blicke denſelben zu Theil, als der Familienvater und die Fami⸗ lienmutter der damaligen Hersfelder dem Bilde Linggs zuſendeten, wenn ſie vergnügt in dem Kreiſe der Ihrigen oder beim heiteren Mahle ſaßen. Selbſt der damalige Regent von Baden, Linggs Lan⸗ desherr, ehrte denſelben wegen Hersfelds Erhaltung ſehr hoch und nannte ihn nie anders als den Mann von Hers⸗ feld. Auf die Veranlaſſung des Landgrafen von Heſſen Phillippsthal, welcher Lingg perſönlich kannte und hoch⸗ ſchätzte, überſendete der Letztere ſpäter zwei lithographirte Bildniſſe von ſich, eins der Stadt Hersfeld, das andere dem Rath Harter. In dem Rathhausſaale zu Hersfeld haͤngt Linggs in Oel gemaltes, lebensgroßes Abbild in einem prachtvoll verzierten Goldrahmen und ſo lange Hersfeld ſteht, wird ſich die Kunde von Linggs edelmüthi⸗ ger That von Kind auf Kindeskind fortpflanzen. So bleibt das Andenken des Gerechten in Segen, während dasjenige der Eroberer und bloßen Kriegshelden mit ihrem Untergange oder Tode zu erlöſchen pflegt. Napoleon glaubte ſeinen Rachebefehl an Hersfeld für vollzogen und es fiel Niemandem ein, ihn aus dieſem Irrthum zu ziehen oder Hersfeld zum zweiten Male den Flammen zu überliefern. Linggs Verweilen in Vacha währte nur einige Tage, dann zog er, von den Segenswünſchen der von ihm ge⸗ retteten Tauſenden begleitet, zu neuen blutigen Kämpfen 136 weiter. Und jene Segenswünſche erfüllten ſich und unſer Herrgott hielt ſeine ſchirmende Hand über Linggs Haupt ausgeſtreckt, ſo daß er unverletzt blieb und nach Napole⸗ ons endlichem Sturze glückliche Jahre des Friedens erlebte. Von dem Retter Hersfelds wendet der Erzähler ſich jetzt nach dieſer Stadt zurück. Hier folgte auf die all⸗ gemeine Freude über die unverhoffte Erhaltung eine be⸗ ſondere, welche das Harterſche Haus von deſſen Erdge⸗ ſchoß an bis hinauf in die Dachwohnungen erfüllte. Im Erdge⸗ ſchoß jubelten Frau Simon und deren Kinder über die bald nach dem Abmarſch der Krieger erfolgte Entlaſſung ihres Mannes aus dem Arbeitshauſe. Zwar wurde derſelbe nicht in ſeinen früher bekleideten Poſten wieder eingeſetzt, erhielt aber dafür bei dem Magiſtrate eine Anſtellung, deren beſſere Beſoldung ihn jene verſchmerzen ließ. Was er bei ſeiner Rückkehr von dem Thun der gegen Hers⸗ feld verübten Tyrannei der Franzoſen vernahm, war nicht geeignet, ſeinen Haß gegen dieſelben zu mindern, doch ge⸗ bot ihm die Klugheit, ihn nicht laut zu äußern, daher er nur daheim oder im Stillen ſeinen Ruf:„Rache, Rache für Auſterlitz“ wiederholte. Die früher zwiſchen den Fa⸗ milien Simon und Wollex beſtandene Freundſchaft erneuerte ſich in der ehemaligen Innnigkeit und Herzlichkeit und da an die Stelle des grämlichen Bold der friedliche und gemüthliche Maler Corduan als Hausgenoſſe und Nachbargetreten war, ſo bildete dieſer ein Hauptglied mehr in der Freundſchaft Kette. Valentin und Andreas wurden Corduans Zeich⸗ nenſchüler, die mit einander in der Malerkunſt wetteifer⸗ ten und ihrem Meiſter große Freude bereiteten. Die bis⸗ . — 137 her ſieche und leidende Gundel erholte ſich ſichtlich bei der ihr zu Theil gewordenen Pflege und Abwartung, in einer geſündern und freundlichen Wohnung, bei allmählig vermehrtem Sitzen und Ausgehen im wärmenden Sonnen⸗ ſcheine, bei nahrhafter Beköſtigung und— was eine Hauptſache war— bei liebevoller Behandlung und in faſt ſtets heiterer Geſellſchaft. Jene 400 Thaler, welche ſich bei dem Geldfaſſe verſteckt gefunden hatten, wurden Gundel als väterliches Erbe zugeſprochen und deren Zin⸗ ſen ihren Verpflegern überwieſen, wodurch ſich dieſe in den Stand geſetzt ſahen, dem armen Kinde manche An⸗ nehmlichkeit und Freude zu bereiten. Noch mehr aber konnte nun Corduan an Gundel thun, deſſen Ruf als geſchickter Portraitmaler jetzt feſt begründet war, daher er reichlich lohnende Arbeiten übertragen bekam und als einzeln ſtehender Mann weniger Aufwand zu machen brauchte als ein Familienvater wie Woller. Aber mit der Heranbildung Gundels zu einer Malerin, wie Ange⸗ lika Kaufmann, war es nichts, denn als das Kind ſeine Glieder gebrauchen konnte, unterzog es ſich lieber den ge⸗ wöhnlichen weiblichen und häuslichen Arbeiten, als daß es den Zeichnenſtift und den Pinſel führte. Und das war ſehr gut, denn in der Regel verfehlen die Jung⸗ frauen, welche ſich ausſchließlich der Dicht⸗ und Malerkunſt oder überhaupt der Gelehrſamkeit widmen, ihre eigentliche Beſtimmung als einſtige Hausfrauen und Mütter. Später erfuhr Gundel den blutigen Tod ihres Vaters, doch be⸗ trauerte ſie denſelben lange nicht ſo als den ihrer lebens⸗ länglich unvergeßlichen Mutter. 138 An das Jahr 1807. ſchloſſen ſich noch ſechs andere der ſchmähligſten Knechtſchaft Deutſchlands durch die Fran⸗ zoſen. Im Jahre 1813. erſt wetzte die Völkerſchlacht bei Leipzig die Scharte von Auſterlitz und der anderen gegen Napoleon verlornen Schlachten aus. Das von der Fremd⸗ herrſchaft ſo lange in Sklavenketten gefeſſelt geweſene Deutſchland athmete wieder frei auf und ſeine Väter und Söhne ergriffen wie ein Mann die Waffen, um die Frei⸗ heit ihres Vaterlandes durch ihr Blut zu befeſtigen und eine Wiederkehr der bisherigen Unterdrückung zu verhüten. Auch Hersfeld ſtellte ſeinen Beitrag an muthigen und ſtegsfreudigen Vaterlandsvertheidigern. Unter denſelben befanden ſich der junge Harter, der ehemalige Huſaren⸗ leutnant, Andreas Simon und Valentin Woller, ja ſo⸗ gar des Erſteren Vater nahm die längſt abgelegte Sol⸗ datenwürde wieder an und zog als erfahrener Artilleriſt mit zu Feld. In der Schlacht kämpften ſie tapfer, da⸗ dagegen bewieſen ſie ſich, dem Beiſpiele des edeln Lingg nacheifernd, deſto menſchenfreundlicher gegen den überwun⸗ denen Feind und gegen die friedlichen Bewohner des feind⸗ lichen Landes. Unverſehrt und ſiegreich kehrten die vier eben genannten Hersfelder nach beendigtem Freiheitskampfe in die liebe Heimath zurück, wo ſie die Waffen mit den nutzbringenden Werkzeugen des Friedens vertauſchten und ein genügſames und darum freudenvolles Leben führten. Im Jahre 1819. überſendete der Kurfürſt von Heſſen, Wilhelm I., dem Retter Hersfelds das Adelsdiplom nebſt einem eigenhändigen, belobenden Schreiben, das ihm den Namen Lingg von Linggenfeld ertheilte. Ueberdieß ſchmückte —— 139 derſelbe Fürſt Linggs Bruſt mit dem großen Stern des kurheſſiſchen goldenen Löwenordens. Wenn andere Krie⸗ ger deshalb mit Ordenskreuzen ausgezeichnet werden, weil ſie im Kampfe möglichſt viele Menſchenleben hingeſchlach⸗ tet haben, ſo trug Lingg von Linggenfeld ſeinen Ordens⸗ ſtern aus dem ungleich chriſtlicheren Grunde, ein Men⸗ ſchenretter geweſen zu ſein. Hochbejahrt ſtarb Lingg von Linggenfeld am 21. Ja⸗ nuar 1842 zu Mannheim. Friede ſeiner Aſche! Unvergängliche Ehre ſeinem An⸗ denken! Ahme die Jugend nicht bloß Deutſchlands, ſon⸗ dern der ganzen Chriſtenheit dieſem deutſchen Biedermanne nach! Druck von A. Edelmann in Leipzig. f 8 9 i 10 1 46