1 Leihbiblioth dentſcher, engliſcher un fr 8 Cdnard Ottma Schloßgaſſe Lit. A. 2 ceih und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3 3.(ution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunime binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wr.— 1 Wr 5 F 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Dieje, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * ——— 4 Des Königs Bind. Eine geſchichtliche Erzählung für die Jugend von Guſtav Nierittz. Beſonders abgedruckt aus der dugend⸗ Pihliothe von Zuſtav Rieritz. Leipzig. Voigt& Günther. Des Ränigs Rind. inr grarhirhtlirhr Erzühlung kür dir Sugrnd guſtav Rieritz. 5 Das erſte Kapitel. Eine zufriedene Familie. An einem heitern, friſchen Sommermorgen trat aus einer niedern, weinumrankten Hütte ein junges Mädchen, welches, noch auf der Thürſchwelle ſtehend, gerade in die aufgehende Sonne blickte und darum mit der Hand ein Dach über ihre geblendeten Augen bildete. „Die Sonne—“ ſprach das Mädchen, ſeiner einfachen Kleidung nach eine Landbewohnerin,— iſt doch noch eher aufgeſtanden als ich, obſchon ſie geſtern über den ganzen, weiten Himmel hinweggelaufen iſt und ich kaum aus der Stube gekommen bin.“ Nach dieſen Worten ſchlug das Mädchen ihre Augen nieder, faltete die Hände und brachte mit niedergeſenktem Haupte dem Vater im Himmel ihr Morgenopfer. Da es ſich am Schluſſe ihres ſtillen Gebets ein Kreuz überdas Antlitz ſchlug und dreimal an ihr Herz klopfte, ſo erkannte man hieran die Katholikin. Hierauf ſchritt die⸗ ſelbe einer Brunnenröhre zu, welche ihr ſilberhelles Waſſer in einen ausgehöhlten Baumſtamm ausſprudelte. Das Kind badete das Antlitz, den Hals, die Bruſt und die Hände in der kühlen Fluth, worauf es ſich mit der vorgebundenen 1* Schürze abtrocknete. Wenn man die Südländerin nicht ſchon an der dunkleren Hautfarbe, an dem ſchwarzen Haupt⸗ haare und den blitzenden Feueraugen erkannt hätte, ſo würde man ſolches aus dem Schwatzen des immer redeſeli⸗ gen Mundes der jungen Franzöſin errathen haben. „Hm!“ hob dieſelbe nach dem Waſchen an, indem ſie ihren Blick auf die Brunnenröhre heftete—„das Waſſer ſchläft und ruht gar nicht. Es ſprudelt und läuft bergab, bei Tage wie bei Nacht, ohne zu ermüden oder ſich für ſeine Mühe bezahlen zu laſſen. Der Vetter Alibaud ſagt, daß, wenn man einen ſolchen Brunnen in der Wüſte Sahara haben könnte, derſelbe mit hunderttauſend Franken nicht zu theuer bezahlt wäre. Hunderttauſend Franken! Und meine Mutter hat für unſere Hütte, für unſer Gärtchen, für den Brunnen und für Alles nicht mehr als 550 Franken bezahlt! Ach ja, es iſt ein großes Glück und Gut, reines, weiches Waſſer zum Trinken, Kochen, Backen, Waſchen und Begießen in der Nähe zu beſitzen. Nun Gott ſei Dank! an Getränk haben wir Ueberfluß, und zum Eſſen iſt auch immer Rath geworden, obſchon die Mutter deßhalb große Angſt nach des Vaters Tode hatte. Einen hübſchen Haufen trocknen Reiß⸗ holzes für den Winter haben wir auch ſchon zuſammenge⸗ tragen und außerdem giebt uns der Wald noch ſchmackhafte Beeren, Pilze, Eicheln zum Kaffee und die Hauptſache— Trüffeln! Ach, da ich nur das Wort Trüffeln ausſpreche, iſt auch ſchon unſer Trüffeljäger neben mir. Guten Morgen, Fleury, haſt du auch ſchon ausgeſchlafen und kommſt, deinen Morgentrank einzunehmen? Welch' eine Wohlthat für uns, daß wir dich beſitzen! Wie belohneſt du die Mühe, welche — unſer ſeliger Vater mit deiner Abrichtung ſich gegeben hat! Eine Milchkuh würde uns kaum ſo viel Nutzen bringen als du, guter Fleury!“ Fleury, ein Hund von mäßiger Größe, wedelte freudig mit dem Schweife, nieſete, und leckte die ſtreichelnde Hand ſeiner jungen Herrin, welche endlich in die Hütte zurückkehrte. In dem niedern Stübchen derſelben begann Alma— ſo hieß das Mädchen— mit rühriger Hand den Fußboden auszukehren, den Staub abzuwiſchen und jeden Gegenſtand an ſeinen beſtimmten Ort zu verſetzen. Am längſten ver⸗ weilte Alma in der einen Ecke des Stübchens, wo ein höl⸗ zernes Geſtell mit mehreren offenen Unterſchieden oder Fachwerken ſtand. Ein ſolches Geſtell, das zur Zucht der Seidenraupe beſtimmt iſt, findet man in den meiſten Bauer⸗ hütten Italiens und Frankreichs. Die Bewohner des Südens von Europa beſitzen nicht die Ausdauer und den unermüd⸗ lichen Fleiß des deutſchen Landmanns, welcher bei Froſt und Hitze, bei Schnee und Regen, den beſchwerlichen Feld⸗ arbeiten obliegt. Darum hat jenen der liebe Vater im Himmel eine leichtere und doch lohnende Arbeit zugewieſen, die, wenn ſchon kein Brot, ſo doch auch etwas Nützliches— iſchafft. Dabei hat die Seidenzucht noch den Vortheil, 3 ſie von körperſchwachen und alten Leuten, von Gebrechlichen und Kindern beſorgt werden kann. Mit flinker, aber behutſamer Hand reinigte Alma die Wohnung der weißen, kalkartigen Raupen, welche nicht, wie andere Raupen in dem ganzen Zimmer umherkriechen, ſon⸗ dern auf ihrem Geſtelle verharren Dann pflückte ſie draußen in der Nähe der Hütte den nöthigen Bedarf an Maulbeer⸗ blättern, welche ſie erſt in Stücken ſchnitt, bevor ſie die⸗ ſelben den Raupen zum Futter hinſtreute. Nachdem dies Alles vollbracht war, ſtellte ſich Alma in des Stübchens Mitte und blickte mit freudig blitzenden Augen umher. Ordnung und Reinlichkeit ſind die beſte Zierde in der Hütte wie im Palaſt. Beide herrſchten auch hier und darum freute ſich Alma über den Zuſtand des Stübchens, an welchem ſie einen großen Antheil hatte. Der Schatten des Weinlaubs am Fenſter malte ſich auf den reinlichen, weißen Stuben⸗ dielen ab und zitterte leicht an der Fenſterwand. Einzelne goldene Sonnenſtrahlen ſtahlen ſich zwiſchen die grünen Blätter hindurch und erleuchteten magiſch das Stübchen. Draußen ſchlug der Finke, trillerte die emporſteigende Lerche, ſchwirrte die flinke Schwalbe, ſang die Grasmücke ihr lieb⸗ liches Morgenlied und der Röhrbrunnen begleitete mit ſeinem Plätſchern die muntern Vögelſtimmen. Schon öffnete Alma ihre friſchrothen Lippen, um gleich⸗ falls in den Geſang mit einzuſtimmen. Ein raſcher Blick jedoch nach der Kammerthüre machte, daß Alma den Zeige⸗ finger auf ihren Mund drückte und ſtumm blieb. In dieſem Augenblick öffnete ſich jene und eine Frau— Alma's Mut⸗ ter— trat herein. „Ei ſieh doch, Alma!“ hob die Frau an—„Du ſchon auf? Guten Morgen auch! Warum haſt Du mich nicht geweckt, ſondern zur Langſchläferin werden laſſen?“ „Du ſchliefſt ſo ſüß, liebes Mütterchen,— verſetzte Alma— „daß ich Dich unmöglich wecken konnte. Auch hatteſt Du Dich geſtern bis ſpät Abend mit dem Eintragen von Reißholz geplagt, während ich daheim geblieben war und unſere Hütte bewachte.“ — „Du biſt ſchon fleißig geweſen“— ſprach die Mutter, indem ſie in dem Stübchen umherblickte—„haſt ausge⸗ kehrt, abgewiſcht und die Seidenraupen verſorgt. Das iſt brav von Dir und macht mir Freude.“ „Ach, meine liebe Mutter—“ entgegnete Alma, an die Mutter ſich anſchmiegend—„wie vergnügt ich bin! Wie wohl mir iſt! Ich bin geſund, ich habe Dich und Robert und Liſette, denen auch kein Zahn weh thut. Wir beſitzen eine Hütte, ein Gärtchen, einen Fleury, der uns die theuren Trüffeln aufſucht, einen Röhrbrunnen mit köſtlichem Waſſer, zwei Weinſtöcke vor den Fenſtern und einen lieben Gott, der uns immer das tägliche Brot beſchert hat und noch manches Andere dazu.“ „Du haſt Recht, Kind!— ſagte die Mutter—„und unſer Glück würde vollkommen ſein, wenn Dein Vater noch lebte.“ „Ich möchte nicht mit Fräulein Heloiſe tauſchen—“ erwiederte Alma—„obſchon ſie noch Vater, Mutter, einen Bruder und ein ſchönes Schloß beſitzt, überdies noch ſehr reich, geſund und ſchön iſt. Sie weint ſehr oft und beklagt ſich gegen mich, daß ſie in's Kloſter ſoll, ſobald ſie älter ſein wird. Es iſt wohl nicht hübſch im Kloſter, weil ſich Helviſe ſo ſehr davor fürchtet?“ „Mit Gewißheit kann ich Deine Frage nicht beantwor⸗ ten—“ ſprach Frau Malmier—„weil ich das Kloſterleben nicht aus Erfahrung, ſondern bloß vom Hörenſagen kenne. Es mag freilich ſehr ſtill und einſam darin zugehen und das eingezogene Leben einem jungen, eitlen Mädchen wenig ge⸗ fallen. Aber auch Heloiſens Vater, unſer Gutsherr, hat ſein Bündel Noth zu tragen. Sein einziger Sohn Maurice thut oft das Gegentheil von dem, was ſein Vater wünſcht . und befiehlt, und das kränkt den alten Herrn von Lünette nicht wenig.“ Hier pochte es an die Stubenthür und auf das„Herein!“ der Frau Malmier trat ein langer, hagerer Mann herein, welcher in der einen Hand einen alten Spieß und in der andern eine kurze Tabakspfeife von weißem Thon trug. Sein vormals ſchwarzes Haar war bereits mit vielem Weiß vermiſcht und die Falten ſeines gebräunten Geſichts deuteten auf ein vorgerücktes Alter hin. „Guten Morgen, Frau Malmier!“— ſprach er grüßend— „Habt Ihr noch kein Feuer, an welchem ich meine Tabaks⸗ pfeife anzünden könnte? Mein Feuerſchwamm will nicht fangen, obſchon ich mir bald den Feuerſtein und die Finger mit dem Stahle zerſchlagen habe. Ob ihn der Morgen⸗ nebel feucht gemacht hat oder ob ihm der Salpeter fehlt, weiß ich nicht. Kann ich Euch mit einer Priſe aufwarten, Frau Nachbarin?“ Der Mann zog eine mächtige, runde Schnupftabaksdoſe hervor, welche er öffnete und der Frau Malmier hinhielt?“ „Es iſt zwar kein theurer Saint Omer—“ ſprach er dabei— ſondern nur eine fimple Carotte, wie ſie ein armer Flurſchütze von Miraille ſich erzeugen kann. Aber ein Schelm giebt mehr und beſſer, als er hat.“ Frau Malmier langte mit dem Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand in die Doſe und ſchnupfte dann zimper⸗ lich. Hierauf nickte ſie dankend und ſprach:„Feuer habe ich noch nicht; allein ich gehe, Euch ſolches anzuſchlagen. Nehmt indeſſen Platz, Nachbar Griſſard! Gleich bin ich wieder da.“ Frau Malmier verließ die Stube und gleich darauf hörte man ſie draußen in der kleinen Küche Feuer anſchlagen⸗ Griſſard ſetzte ſich auf einen Schemel nieder, den ihm Alma dienſtfertig herbeigetragen hatte. Den Spieß in ſeinen linken Arm lehnend, bot er dem Mädchen gleichfalls ſeine Doſe dar, dabei ſagend: „Nun, Kind! wie wär's, wenn du zum Frühſtück auch einmal ſchnupfteſt?“ „Ich danke, Griſſard!“ verſetzte Alma.„Ich kann den Schnupftabak nicht vertragen und müßte mich todt nieſen, wenn ich ein Körnchen nur in meine Raſe brächte!“ „O! einmal recht herzhaft nieſen—“ erwiederte Griſ⸗ ſard—„iſt überaus geſund. Der ganze Körper wird dadurch erſchüttert, der Kopf frei gemacht, das Auge klar, die Eßluſt geweckt, das Gedächtniß geſtärkt und noch vieles andere Gute erzielt. Eine Priſe nüchtern genommen, iſt beſſer wie eine Taſſe Kaffee oder Thee. Tauſend Schock Makreelen! wenn der Soldat ſeine Tabakspfeife und ſeine Schnupftabaksdoſe meiden müßte: wie möchte dann eine Armee beſtehen und die Diseiplin erhalten werden? Ich ſage dir, Kind! hätte Adam im Paradieſe geraucht und die naſchige Eva geſchnupft, ſo wäre der unglückliche Apfelbiß unterblieben und das Menſchengeſchlecht noch heute im Para⸗ dieſe. Greif zu, Kind! oder ich ſpieße Dich auf meine Lanze wie der Bube einen Molkendieb an die Stecknadel.“ Alma nahm, ſchnupfte und— nieſete! Griſſard lachte herzlich.„Hatzieh! hatzieh!“ machte er 10 es dem nieſenden Mädchen nach.„Neckiſches Ding, das Nieſen!“ ſprach er.„WVelch eine Verſchiedenheit im Tone! Der Eine nieſet:„Hau zu!“ Der Andere:„Hapzich!“ Ein Dritter brüllt wie ein Stier. Ein Vierter ahmt das Geräuſch eines Waſſeerfalles oder eines zuſammenbrechenden, dürren Baumes nach. Die Frauen und Kinder nieſen im Gegenſatz zu dem groben Mannsvolk gar zimperlich„Hatzieh“ oder gar nur„Htz htz,“ während nur ſelten eine aufgröhlt wie eine Geſpießte. Dabei hat jeder Schnupfer eine an⸗ dere Art zu ſchnupfen, und wäre ich ein Maler, ſo malte ich eine ganze Reihenfolge von Priſennehmern, von denen ein Jeder eine andere Stellung und Geberde annimmt.“ Frau Malmier, welche mit einem brennenden Holzſpan hereintrat, machte dem Selbſtgeſpräch des Flurſchützen ein kurzes Ende. Denn während Griſſard ſeine Pfeife in Brand ſetzte, hob er abſetzend wieder an:„Dank Euch, Frau Nach⸗ barin!— Nun iſt meiner Pfeife— und mir geholfen!— Ha! welch' ein Göttergenuß! Das ſchmeckt! Das riecht! Tauſend Schock Neunaugen! Der König von Frankreich hat mehr wie tauſend Millionen jährliche Einkünfte. Den⸗ noch tauſchte ich nicht mit ihm, denn er raucht nicht— darf nicht rauchen, wenn er auch wollte— die Königin leidet's nicht und die übrigen Damen bei Hofe auch nicht. Armer Ludwig! Sollteſt gemeiner Soldat geweſen ſein wie Griſſard, ſollteſt das ſchwarze, grobe Commisbrot eſſen, in der Wachſtube unter hundert üblen Gerüchen ſtecken, im beißigen Morgennebel auf Poſten ſtehen müſſen— würdeſt Deine Pfeife pläffen wie Griſſard und Dich tröſten. Als der jetzige König von Frankreich einſt in eine Wachſtube trat, 11 wo tüchtig gequalmt wurde, fuhr er wie vor dem Fegefeuer zurück und ſagte ſich ſchüttelnd: Ich möchte nur wiſſen, was dieſe Menſchen für ein Vergnügen an dieſem Teufels⸗ geſtank hätten!“ Ebenſo ſpreche ich von den Trüffeln, welche derſelbe König, wie alle ſeine Großen des Reichs, ſo theuer bezahlt und allen anderen Gerichten vorzieht. Meinet Ihr nicht auch, Frau Nachbarin, daß ein Teller voll ge⸗ bratener Steinpilze beſſer mundet, als die gerühmten Trüf⸗ feln, welche bald wie gekochte Schuhſohlen oder Korkpfropfe ſchmecken?“ „Ich würde ſehr undankbar ſein“— verſetzte Frau Malmier— wenn ich auf die Trüffeln ſchimpfen wollte, denen ich und meine Kinder alljährlich unſere Kleidung ver⸗ danken. Uebrigens bekommt unſer Hund mehr von den Trüffeln zu ſchmecken als wir, damit er auf der Trüffelfährte bleibt. Der Geſchmack iſt nun einmal verſchieden. „Nachbar Griſſard! Nachbar Griſſard!“ rief hier Alma aus, welche durch das Fenſter ins Freie geblickt hatte— ſeht dort des Maire Gänſe in dem Erbſenfelde der Herrſchaft!“ „Ha! ich gehe, ihnen die Wege zu weiſen—“ erwiederte Griſſard, indem er aufſtand und ſeinen Spieß in die rechte Hand nahm.„Habt Ihr ſchon Euern Kaffee oder Thee getrunken, Frau Nachbarin?“ „Der Brunnen draußen iſt unſer Kaffee und Thee, zu einem Stück Brot, mit Salz gewürzt—“ antwortete Frau Malmier lächelnd.„Nur Sonn⸗ und Feiertags gönnen wir uns einen Kaffee, der dann um ſo beſſer mundet.“ „Die Gänſe! vergeſſt die Gänſe nicht!“ erinnerte Alma den ſäumigen Flurſchützen. „Sogleich!“ erwiederte dieſer.„Die paar Schoten, welche des Maire's Gänſe verzehren, werden unſern gnädi⸗ gen Herrn nicht arm machen. Deſſen Wild thut ſich ja auch in den Feldern der Bauern manche Güte und darf deshalb kein Hahn darüber krähen.“ Alſo verdrießlich brummend und aus ſeiner Pfeife dam⸗ pfend, verließ Griſſard die Stube und Hütte. „Wecke deine Geſchwiſter, Kind!“ gebot nun Frau Mal⸗ mier ihrer Tochter.„Indeß ſie ſich waſchen und anziehen, will ich das Loch in Roberts Hoſen flicken, das der Wild⸗ 1 fang geſtern Abend geriſſen hat.“ „Das habe ich bereits gethan—“ ſprach Alma—„nur weiß ich nicht, ob ich es recht gemacht habe. Sieh her, Mütterchen!“ „Das iſt brav von Dir“— lobte die Mutter—„und die Arbeit recht ordentlich gefertigt. Trage Deinen Bruder die Hoſen hinaus und ermuntere ihn, ſo wie Liſetten.“ Nicht lange währte es, ſo traten mit Alma ein Knabe von 8 und ein Mädchen von 6 Jahren aus der Kammer in die Stube, wo ſie auf ihre Mutter hineilten, dieſer mit Herzlichkeit einen guten Morgen boten und von derſelben einen Kuß erhielten. Hierauf gingen ſie an den Brunnen, bei welchem Alma Sorge trug, daß ſich ihre kleineren Ge⸗ ſchwiſter gehörig wuſchen. Mit friſch rothen Wangen und munter glänzenden Augen kehrten jene in die Stube zurück, aus der Mutterhand ihr Frühſtück zu empfangen, welches, wie ſchon gedacht, aus einem Stück Schwarzbrot mit Salz beſtand, worauf ein Trunk kryſtallhellen, kalten Waſſers wie Nektar ſchmeckte. —— Noch waren die Kinder mit dem Verzehren ihres ein⸗ fachen Frühſtücks beſchäftigt, als ſie ein vielſtimmiges Ziegen⸗ meckern erſt an das Fenſter und gleich darauf aus der Stube zu gehen bewog. Eine Schaar alter und junger Ziegen und Ziegenböcke wanderte in der Nähe der Hütte vorüber, welche eine junge aber gebrechliche Hüterin hatte. Die Ziegenhirtin war ausgewachſen, wie man ſagt, hatte eine hohe Schulter und Hüfte, überdieß noch einen Höcker auf dem Rücken. Obgleich 19 Jahre alt, war ſie kaum ſo groß als wie die 11 jährige Alma. Dieſe, ſo wie deren Geſchwiſter riefen der Ziegenhirtin einen mit Herzlichkeit ausgeſprochenen guten Morgen zu, welcher nicht minder freundlich beantwortet wurde. „Dein Oheim iſt nicht lange erſt von uns weg— ſetzte Alma hinzu.„Er wird ſo eben des Maire Gänſe aus dem Erbfenfelde der Herrſchaft verjagen. Du aber, arme Sü⸗ perbe, wirſt heute einen heißen Tag haben und viel von der Sonnenhitze leiden müſſen. Wo haſt Du denn Deinen Stroh⸗ hut gelaſſen? Soll ich Dir den meinigen leihen? „Mein Oheim hat ihn einer Vogelſcheuche aufgeſetzt—“ erwiederte Süperbe, deren Name ein wahrer Spott auf ihren Körper, doch nicht auf ihr Gemüth war—„die unſere Kirſchen vor den gefräßigen Spatzen behüten ſoll. Aber ich weiß mir auf andere Weiſe zu helfen und darum behalte deinen Strohhut, den Du ſelbſt recht gut brauchen wirſt, liebe Alma.“. „Arme Süperbe!“ bedauerte Alma—„deinen Stroh⸗ hut einer häßlichen Vogelſcheuche aufzuſetzen und Dich deß⸗ halb von den Sonnenſtrahlen ſchwarz brennen laſſen!“ * „An meiner Hautfarbe iſt nichts mehr zu verbrennen—“ verſetzte Süperbe—„und ich ſelbſt ähnle ja einer Vogel⸗ ſcheuche ſo ſehr, daß mein Oheim mich auf unſern Kirſchbaum hätte pflanzen können, wenn ich nicht die Ziegen zu hüten hätte.“ „Du mußt dich nicht für häßlicher ausgeben als Du wirk⸗ lich biſt—“ ſprach Alma. Was uns anbelangt, ſo lieben wir Dich mehr als alle anderen Mädchen von Miraille, mehr noch als die reiche und ſchöne Heloiſe vom Schloſſe; denn Du biſt verſtändiger und beſſer als ſie Alle.“ „Du machſt mich ſchamroth—“ entgegnete Süperbe ernſt —„und darum darf ich Dich nicht länger anhören. Guten Tag!“ „Wohin treibſt Du heut deine Ziegen?“ fragte Robert die Ziegenhüterin.„Wir werden Dich aufſuchen, um wieder hübſche Geſchichten von Dir zu hören.“ „Heute hüte ich den Felſenabhang an der großen Kork⸗ eiche ab—“ antwortete Süperbe freundlich. Sie nickte den Kindern zu und ſchwang ihre Peitſche, indem ſie munteren Schrittes ihren flinken Ziegen nachfolgte. Das zwrite Kapitel. Süperbe. Süperbe war jetzt allein mit ihren Ziegen. Als ſie an eine Waſſerlache kam, betrachtete ſie ihr Bild, das ſich in 15 dem Waſſer abſpiegelte. Bei dieſen Anblick ſtieß ihr Mund einen tiefen Seufzer aus und eine Thräne trat ihr in's Auge. Doch eben ſo ſchnell ſchien ſie ſich ihrer Schwäche zu ſchämen. Sie warf einen um Vergebung flehenden Blick gen Himmel und trieb ihre Ziegen raſch vorwärts. Bald hatte ſie ihr Ziel, den Felsabhang bei der Korkeiche, erreicht. Während hier die Ziegen ihrer Nahrung nachgingen, ſetzte ſich Süperbe eine Art von Schirm oder Hut gegen die immer heißer niederbrennenden Sonnenſtrahlen zuſammen, indem ſie ein kunſtreiches Geflecht von dünnen, biegſamen Weiden⸗ ruthen machte und ſolches mit reichem Eichenlaub überdeckte. Süperbe hatte überhaupt eine anſtellige Hand und war in allerlei netten, künſtlichen Arbeiten ſehr erfinderiſch. „Der Strohhut wäre erſetzt—“ ſprach Süperbe zu⸗ frieden, indem ſie ihr Machwerk betrachtete und dann auf ihr Haupt verſetzte—„und darum bin ich doch etwas mehr werth als die Vogelſcheuche auf unſerm Kirſchbaum, die nicht ein Glied rühren kann.“ Süperbe ließ ſich ins weiche Gras nieder und ſtarrte gedankenvoll vor ſich hin. Sie hatte ihre Peiſche neben ſich gelegt und als ſie dieſelbe nach einiger Zeit in die Hand nehmen wollte, traf ſie auf einen kalten, weichlichen Gegen⸗ ſtand, der ſich im Graſe langſam regte. „Huh!“ rief Süperbe und fuhr entſetzt empor.„Eine Kröte!“ Sie ſchüttelte ſich vor Schreck und Ekel. „Welch' ein abſcheuliches Geſchöpf!“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt.„Wie die dicken Augen vor dem Kopfe heraus ſtehen! Wie die faltenreiche, weißliche Kehle unaufhörlich wackelt! Dieſer breite Mund und der ſchmutzig braune Rücken mit 16 ſeinen häßlichen Warzen! Faules Thier! wirſt du dich gleich hinwegbegeben?“ Süperbe langte nach einem anſehnlichen Steine, um ihn nach der Kröte zu ſchlendern. Indem ſie den Stein aufhob, erblickte ſie unter denſelben zwei dicke Regenwürmer, welche dort Schutz und Kühlung auf der feuchten Erde geſucht und gefunden hatten. „Brrrr!“ ſprach das Mädchen, nochmals ſich ſchüttelnd. „Ekelige Regenwürmer! Bin ich heute zu ſolchen abſcheu⸗ lichen Geſchöpfen verſehen? Nun fehlen nur noch, um das Kraut fett zu machen, die fürchterlichen Ohrwürmer mit ihren Gabelzangen. Aber beſſer thue ich, wenn ich dieſer ekelhaften Nachbarſchaft aus dem Wege gehe.“ Süperbe veränderte hierauf ihren Sitz, allein nur um neuen Plagen ausgeſetzt zu werden. Nicht lange und ſie fühlte an ihren nackten Füßen ein brennendes Stechen, wel⸗ ches von etlichen Ameiſen herrührte, deren Neſt gar nicht weit von Süperbes Niederlaſſung ſich befand. „Unnützes Geſchmeiß!“ zürnte die Ziegenhirtin, indem ſie theils die Ameiſen von ſich abſtreifte, theils mit den Fin⸗ gern zerdrückte.„Ich thue euch ja nichts zu Leide: warum laßt ihr mich nicht in Ruhe?“ Süperbe in ihrem Unmuthe ſtörte mit ihrem Peitſchen⸗ ſtiele den Ameiſenhaufen auseinander, wodurch ſie in dem⸗ ſelben die größte Verwirrung anrichtete. Der ganze Sand⸗ haufen bedeckte ſich mit den ſchwärzlichen Thierchen, welche vor allen Dingen ihre Puppen, oder ſogenannten Eier, in Sicherheit zu bringen ſtrebten. So ſind zärtliche Aeltern dar⸗ auf bedacht, bei Brandunglück zuerſt ihre Kinder aus den Flammen zu retten! Dieſes geſchäftige Gewühl bot ein ſo anziehendes Bild dar, daß Süperbe, ihres Zorns vergeſſend, zur aufmerkſamen Zuſchauerin wurde. Gar nicht lange währte es, ſo waren ſämmtliche Pup⸗ ven verſchwunden und geſichert. Mit den zwei Vorderbeinen hatten die Ameiſen dieſelben umklammert, wie wir Menſchen mit unſern Armen ein großes Bündel umfaſſen und davon getragen. Wurde einer Ameiſe die Laſt zu ſchwer, ſo packte eine zweite die Bürde mit an, und dann ging's über Stock und Stein, das heißt: über kleine Hügel und eben ſolche Thäler hinweg. Nachdem die junge Brut geborgen war, machten ſich zahlreiche Schaaren auf, um die Störerin ihrer Ruhe mit Krieg zu überziehen und zu beſtrafen. Es half nichts: wollte Süperbe nicht neuen Stichen und Schmerzen ausgeſetzt ſein, ſo mußte ſie vor den winzigen Feinden, welche furchtloſer, als jetzt die Türken gegen die Ruſſen, auf ihre rieſige Gegnerin eindrangen, die Flucht ergreifen. „Schäme Dich!“ ſprach Süperbe zu ſich ſelbſt.„Vor wem biſt Du geflohen? Vor einer kleinen Kröte, vor zwei noch kleineren Regenwürmern und vor noch viel winzigeren Ameiſen!“ Nicht weit von dem Ameiſenhaufen blieb Süperbe ſtehen und hatte Acht, ob ſie noch ferner von den Ameiſen verfolgt würde. Da bemerkte ſie zwei dieſer Thierchen, welche eine Faſer, die aber, im Verhältniß zu ihrer Kleinheit und Schwäche, einen zwanzig Ellen langen und eine Elle dicken Holzbalken glich, über das kurze Gras nach ihrem Neſte zu ſchleppen bemüht waren. Der Weg war äußerſt anſtrengend, denn er führte unaufhörlich über ſteile Berge und tiefe Thä⸗ Nieritz. Des Königs Kind. 2 0 hinter dem Diener auf dem Pferde angeſchnallt geweſen 18 ler— über Grashalmen— auf und ab. Befand ſich die eine Balkenträgerin auf dem Gipfel eines Berges und bemühte ſich, ihre Laſt nach ſich zu ziehen, ſo ſchob die an⸗ dere von unten nach, ſo daß es zuweilen ausſah, wie wenn ein Seiltänzer einen Balken auf den Zähnen balancirt, auf deſſen Spitze oben ein Menſch ſitzt. Unermüdlich ſetzten die kleinen Thierchen ihr äußerſt ſchweres und ſaures Ge— ſchäft fort und nur dann, wann das Hinderniß im Wege zu groß für ihre Kräfte war, trat eine dritte Gefährtin helfend ein, indem ſſie mit ihren Beißzangen die Laſt in der Mitte packte und fortſchaffte. Noch betrachtete Süperbe die fleißigen Ameiſen, als plötzlich ihre Ziegenheerde erſchrocken auseinander ſtob und gleich darauf eilige Pferdehufe hörbar wurden. Haſtig blickte Süperbe auf und ſah zwei Reiter, den jungen Herrn Maurice von Lünette und deſſen Diener Mercier, daher ga⸗ loppirt kommen. Eine junge Ziege, welche nicht ſchnell genug bei Seite flüchten konnte, empfing einen Pferdetritt und wand ſich, kläglich meckernd, am Boden. Auf Süper⸗ be's Geſchrei wegen dieſes Unfalls erhob der junge Herr ſeine Reitgerte drohend und rief dabei:„Schweig, Du kleine Hexe!“ Da aber Süperbe mit Schreien und Jammern nicht nachließ, ſo wendete ſich Mercier, der Diener, nach ihr um und zeigte ihr die geballte Fauſt, indem er zugleich arge Schimpfworte gegen das Mädchen ausſtieß. Hierauf ſpreng⸗ ten beide unbekümmert und in raſender Eile davon. Jetzt bemerkte Süperbe, daß ein Mantelſack, welcher 19 war, herabfiel und, von dem Reiter unbemerkt, auf der Erde liegen blieb. Ein Gefühl von Schadenfreude durchzuckte für wenige Augenblicke Süperbe's Herz. Dann aber machte daſſelbe einer beſſeren Regung Platz, welche ſie bewog, den Rei⸗ tern ſchreiend nachzulaufen. Jedenfalls vernahmen dieſe Süperbe's durchdringende Stimme; allein keiner hielt an oder wendete ſich, um nach der Urſache dieſes Schreiens zu fragen. Da ging Süperbe hin und hob den Fund auf, welcher ſich ziemlich ſchwer erwies. Mit ihrer Bürde be⸗ laden, kehrte ſie zu ihrer Ziegenheerde zurück, wo ſie vor allen Dingen ihre Aufmerkſamkeit und Sorge dem getrete⸗ tenen Thiere zuwendete. Zwar drängte ſie die Neugierde, vor allen Dingen den Inhalt des Mantelſacks zu unter⸗ ſuchen; allein ſie beſiegte ihre Luſt und wuſch die von dem Hufeiſenzacken geriſſene und blutende Wunde mit friſchem Waſſer aus, worauf ſie ihr Taſchentuch in's Waſſer tauchte und ſolches auf die Wunde als kühlenden Umſchlag legte. Das junge Thier, welches Süperbe auf weiches Gras gebettet hatte und nicht auf die Beine treten konnte, ließ geduldig mit ſich machen, was man wollte. Zuweilen nur ließ es ein ſchwaches Meckern von ſich hören und leckte die ihm helfende Hand Süperbe's, was dieſe tief rührte. „Ich werde mich hüten“— ſprach ſie ſpäter, indem ſie ihren Fund anblickte—„den Mantelſack zu öffnen und darin umherzuſtöbern. Ich würde die Sachen darin doch nicht wieder ſo einpacken können, als ſie vorher gelegen haben, und dann hätte ich keine Ehre davon.“ Süperbe bemeiſterte ſo ſehr ihre Neugierde, daß ſie den 20 Inhalt des Mantelſacks nicht einmal durch äußeres Anfüh⸗ len unterſuchte. „Geſtern“— ſprach ſie zu ſich ſelbſt—„bot Annette Loraine unſerm jungen Herrn einen guten Tag und er nannte ſie, als er ihr dankte, liebes Kind. Warum ſchimpfte er mich dagegen vorhin eine kleine Hexe? Ach, das kommt daher, weil ich ſo mißgeſtaltet bin und Annette dagegen ein bild⸗ hübſches Mädchen iſt. Kann ich aber etwas dafür, daß ich ausgewachſen bin und einen Höcker habe? Iſt das nicht ſchon Unglück genug an ſich, daß man mich noch obendrein deswegen verhöhnt? Bin ich doch nicht Schuld an meiner Mißgeſtalt, ſondern ein recht trauriger Unfall, der zugleich meiner Mutter das Leben koſtete. Doch halt! Da fällt mir ja ein, daß ich vorhin die Kröte wegen ihrer Häßlichkeit tödten wollte, die auch nichts dafür kann, daß ſie eine Kröte geworden iſt. Ha! ich will nicht einmal leiden, daß man mich wegen meiner Häßlichkeit beſchimpft oder ver⸗ ſpottet, und wollte doch gleichwohl ein armes Geſchöpf wegen ſeines häßlichen Ausſehens tödten! Ach, lieber Gott! wie hätte ich denn thun müſſen, wenn Du mich zu einer Kröte oder gar zu einem Regenwurme geſchaſſen hät⸗ teſt, der nicht einmal gehen und ſehen kann? Der ſich mit Füßen treten, oder gar an einen Angelhaken ſtecken laſſen muß, um die Fiſche zu ködern? Habe ich es doch vielmal beſſer noch, als meine Ziegen, die nur meckern können, mögen ſie ſich nun freuen oder von Schmerzen geplagt wer⸗ den, und welche, wenn ſie noch gar nicht lange gelebt haben, geſchlachtet und gegeſſen werden. Was habe ich gethan, daß ich nicht zu einem Baume geworden bin, welcher ſich 21 nicht von der Stelle rühren kann, und geduldig warten muß, bis ihm der liebe Gott einmal von ſeinem Himmel zu trinken herabſchickt? Oder gar zu einem Stein, der gänzlich todt und fühllos iſt? Lieber Gott, ich will nicht wieder murren oder klagen, ſondern dir vielmehr danken, daß du mich zu einem Menſchen geſchaffen haſt, will auch kein Thier nur wegen ſeiner häßlichen Geſtalt tödten. Nach dieſem langen Selbſtgeſpräch verloren ſich Süper⸗ be's Unwille und Traurigkeit. Sie hatte erkannt, daß ſie, trotz ihrer Mißgeſtalt, immer noch viel mehr werth war, als alle anderen Geſchöpfe umher. Auch fiel es ihr nun nicht mehr ein, die Kröte zu tödten; vielmehr ſetzte ſie ſich hin, um aufmerkſam die beiden Regenwürmer zu betrachten, welche aus der Sonne ſich fortzumachen und einen ſchattigen Ort zu erreichen trachteten. Da bemerkte Süperbe, daß die Haut der Regenwürmer über eine Reihe von Ringen ge⸗ zogen war, die, wie eine rund gewundene Stahlfeder, ſich aus einander dehnen und wieder zuſammenziehen konnten, wodurch die Würmer ihr Fortbewegen ermöglichten. Augen entdeckte Süperbe nicht, ſelbſt nicht einen Kopf, der ſich von dem Leibe nnterſchieden hätte; aber an dem Fortbewegen erſah Süperbe, daß das dickere Ende des Wurmes deſſen Kopf vorſtelle. „Armer Wurm du!“ ſprach Süperbe mitleidig.„Wie wenig Freuden kannſt du haben! Du ſiehſt die Sonne weder auf⸗ noch untergehen, ſiehſt die Blumen nicht blühen, nicht den grünen Wald und die Pracht der reifen Frucht⸗ felder. Du hörſt die Vögel nicht fingen und den Guckuck nicht ſchreien. Du lebſt in ſteter Finſterniß und kriechſt nur deinem Fraße nach, der eben nicht der angenehmſte iſt. Wie viele Monate im Jahre ſchläfſt du wie todt in der kalten Erde und kein hübſches Kleidchen kommt auf deinen nackten Leib!“ „Was betrachteſt Du da ſo aufmerkſam, mein Kind?“ fragte jetzt eine männliche Stimme, deren Ton eben ſo wohl⸗ lautend als väterlich klang. Süperbe richtete ſich raſch auf, näherte ſich dem Frager und küßte demſelben unter einem tiefen Knixe die Hand. „Herr Amboiſe“— ſprach ſie ehrfurchtsvoll zum Pfarrer von Miraille—„ich betrachtete zwei arme Regenwürmer und freute mich dabei, daß mich der liebe Gott zu einem Menſchen geſchaffen hat.“ „So iſt's recht!“ lobte Herr Amboiſe—„Wenn jeder Menſch immer ſeinen vollen Werth erkennte, würde er weit zufriedener mit ſeiner Lage ſein und nicht in die Verſuchung kommen, den Schooßhund einer vornehmen Dame zu benei⸗ den, weil derſelbe auf ſeidenen Decken und in einem ſchönen Zimmer liegen darf, auch reichliche Nahrung zugetheilt be⸗ kommt. Wenn aber der Menſch, auch der ärmſte, weit mehr werth iſt, als jedes andere Geſchöpf, ſo iſt wieder unter den Menſchen der Chriſt derjenige, welcher unſerm Herrgott den meiſten Dank ſchuldet. Wenn es unſerm Gutsherrn ein⸗ fiele, Dich und Deinen Oheim auf's Schloß zu Gaſte einzu⸗ laden: würdet ihr das nicht für eine große Ehre halten und Euch auf das gute Eſſen freuen? Die Chriſten aber hat unſer Herrgott zu einem Himmelsſchmauſe eingeladen, der nicht bloß einen Tag lang währt, ſondern in alle Ewigkeit fortdauert. Wenn wir uns nun hier auf Erden baß ge⸗ 23 plagt haben und das Ende unſerer Tage naht heran ſo ergeht an uns der Freudenruf:„Kommtherbei, herauf! Das Mahl iſt bereitet!“ Dann entkleiden wir uns der irdiſchen Hülle, die uns oftmals drückte und beengte, und legen an die himmliſchen Feierkleider, und bekommen angewieſen unſern Platz an den unabſehbaren Speiſetafeln, wo die lieben Enge⸗ lein, Seraphims und Cherubims, uns bedienen mit Himmels⸗ Speiſe und Trank. Wie übel iſt dagegen der Heide daran, welcher nicht ſelten ſein eignes Kind dem falſchen Götzen zu einem grauſamen Opfer darbringt und nichts von Dem weiß, der da iſt der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben! Doch, was ſeh ich da liegen?! Einen gefüllten Mantelſack! Wie kommſt Du zu demſelben?“ Süperbe erzählte den Hergang der Sache, worauf Herr Ambvoiſe fragte:„Was gedenkſt Du zu thun, Kind?“ „Sobald ich meine Ziegen am Abend heimgetrieben haben werde“— verſetzte Süperbe—„will ich den Fund auf das Schloß tragen.“ Das Rechte zu thun, ſoll man nicht ſäumen“— ſprach der Pfarrer.„Es könnte wohl ein Strauchdieb vorüber kommen, den Mantelſack erblicken und Dir denſelben mit Gewalt abnehmen. Geh', Kind, auf der Stelle und gieb zurück, was nicht Dein iſt.“ „Aber meine Ziegen?!“ erwiederte Süperbe kopfſchüt⸗ telnd.„Wenn eins nur von den Thieren wegkäme, ſo ver⸗ löre ich meinen Dienſt und müßte obendrein den Schaden erſetzen. Dazu bedarf das getretene Böcklein meiner, zum Auflegen friſcher Umſchläge.“ 9 6 24 „Geh'! geh'!“ gebot der Pfarrer.„Ich werde indeß Deine Hüterſtelle verſehen.“ „Ihr, Herr Amboiſe?“ fragte Süperbe voll Staunen. „Ihr wolltet Euch zum Ziegenhirten erniedrigen 2 „Der Sohn Gottes hat ſich ungleich mehr erniedrigt“— entgegnete der Pfarrer—„und zwar für ſein ganzes Erdenleben. Leichter iſt⸗s, Ziegen als ſündigen Menſchen ein Hirte zu ſein. Uebriges verſpreche ich Dir, daß mir die Zeit hier nicht lang werden ſoll. Ich kam, um Pflanzeu zu ſuchen, und werde das in deiner Abweſenheit thun. Groß ſind die Werke des Herrn. Wer ihrer achtet, hat eitel Luſt daran. Das kleinſte, unbedeutendſte Blümchen und Kräutlein iſt ein Wunderwerk unſeres Gottes. Geh', Kind, und übereile Dich nicht.“ Süperbe lud den Mantelſack auf ihre Achſel und ſchritt davon. Der Pfarrer dagegen nahm die Peitſche in die linke Hand und wendete ſeine Aufmerkſamkeit den Pflanzen um⸗ her zu. Selbſt die unſcheinbarſten Flechten und Mooſe wurden Gegenſtände ſeiner Betrachtungen. Dieſelben wur⸗ den nach einiger Zeit durch den Hufſchlag eines raſch daher ſprengenden Pferdes unterbrochen. Es war der Diener des jungen Herrn von Lünette, welcher auf einem ſchweiß⸗ triefenden Pferde zurückkehrte. Er ſtutzte nicht wenig, als er den neumodiſchen Ziegenhirten erblickte, hielt ſein Pferd an, zog höflich ſeinen Hut und fragte haſtig: „Herr Pfarrer, habt Ihr die buckelige Süperbe nicht geſehen? Wo iſt ſie?“ „Aha!“ verſetzte Herr Amboiſe—„ich errathe, was Euch zurückführt. Ihr habt Euern Verluſt endlich bemerkt 25 und kommt, Euch nach dem ehrlichen Finder umzuſehen. Beruhigt Euch! Euer Manteſſack iſt in ehrliche Hände ge⸗ fallen, die ihn ſo eben nach dem Schloſſe tragen. Dieſelbe Buckelige, welche der junge Herr Maurice eine Hexe ſchimpfte, iſt die Finderin des Mantelſacks geweſen und uhat Euch ver⸗ gebens nachgeſchrieen.“ Anſtatt durch dieſe Nachricht erfreut zu werden, verzog Mercier ſein Antlitz auf eine grimmige Weiſe und ſeine Lippen ſtießen das Wort:„Verdammt!“ hervor. Dann raſete er mit verdoppelter Eile dem Schloſſe zu. Kopfſchüttelnd blickte ihm der Pfarrer nach.„Wie der Herr“— ſprach er vor ſich hin—„ſo der Diener. Armer Herr von Lünette! Lieber keinen, als einen ſolchen Sohn. Was hilft dir dein großer Reichthum und hoher Stand? In eitel Aerger und Herzeleid um den ungerathenen Sohn verlebſt Du Deine alten Tage.“ Hierauf kehrte der Pfarrer zu ſeinen Pflanzen zurück. Es währte noch eine geraume Weile, ehe Süperbe wiederkam. Ihr Schritt war jetzt viel langſamer als vorhin, da ſie mit dem ſchweren Mantelſack beladen davongegangen war. „Nun?“ fragte Herr Amboiſe, ohne von der Moosart in ſeiner Hand aufzublicken—„haſt du rechte Freude mit Deinem Funde angerichtet?“ „Freude?“ verſetzte Süperbe mit bitterm Ausdruck— „nein! nein!“ „Nicht?“ ſprach der Pfarrer verwundert.„So hat man Dir auch wohl keine Belohnung verabreicht?“ „Belohnung? o ja!“ antwortete Süperbe.„Mercier hat“— das Mädchen brach in ein heftiges Schluchzen aus 26 —„mit ſeiner Reitgerte— die Belohnung auf meinen Rücken— und auf meine Achſeln— geſchrieben.“ „Wie? hör' ich recht?“ fragte Herr Amboiſe, Süperbe betroffen anblickend.„Geſchlagen hätte man dich für deine Ehrlichkeit, anſtatt dir wenigſtens zu danken, wenn auch nicht durch ein Geſchenk dich zu belohnen? Wie iſt das zugegangen? Erzähle, Kind!“ „Als ich“— erzählte Süperbe—„an das Schloß kam, begegnete mir vor demſelben der gnädige Herr von Lünette, der mich ſogleich ausfragte, was ich trüge und zu wem ich wollte? Nachdem ich ihm den Hergang der Sache mitgetheilt hatte, nahm er mir den Mantelſack ab, trug ihn auf eine nahe Bank, begann mit großer Haſt die Riemen aufzuſchnallen und Alles auszupacken. Ein beſonders ſchwe⸗ res Bündel zog ſeine Aufmerkſamkeit am meiſten auf ſich. Als er daſſelbe öffnete, war es eitel Silberzeug. Da ge⸗ rieth der gnädige Herr in eine fürchterliche Wuth, fluchte, ſchimpfte und packte Alles eilig wieder zuſammen, worauf er, ohne ein Wort an mich zu richten, mit dem Mantelſack in's Schloß lief. Ich ging hierauf fort und war nicht weit gekommen, als ich auf Mercier ſtieß, welcher ſogleich ſein ſchäumendes Pferd anhielt und mich um den Mantelſack be⸗ fragte. Kaum daß ich ihm das Geſchehene mitgetheilt hatte, ſo ließ er unter entſetzlichen Verwünſchungen ſeine Reitgerte auf mich niederfallen und als ich die Flucht ergriff, ritt er mir noch nach, immer wüthender und ſchmerzlicher ſeine Hiebe zu wiederholen. Wäre das Pferd nicht ſcheu gewor⸗ den und mit ihm durchgegangen: er hätte mich bis hierher geprügelt. Das war meine Belohnung!“ 27 „Das Räthſel wird und muß ſich löſen“— ſprach der Pfarrer.„Jedenfalls ſteckt dahinter ein Bubenſtück. Du aber, liebes Kind, freue Dich, daß Du um der Gerechtigkeit willen haſt leiden müſſen. Dein Lohn wird um ſo größer ſein und Dein Vater im Himmel, der in's Verborgene ſieht, wird Dir's vergelten öffentlich. Wenn Du heut'Abend Deine Ziegen eingetrieben haben wirſt, ſo beſuche mich. Ich bin immer mit Dir zufrieden geweſen. Nun aber biſt Du mir doppelt lieb geworden und ich werde mich Deiner väterlich annehmen. Bleibe ferner fromm und ehrlich, wenn Du auch nicht ſogleich dafür belohnt werden ſollteſt. Der himmliſche Lohn iſt allemal werthvoller als irdiſcher Gewinn.“ Nun trat der Pfarrer ſeinen Heimweg an, nachdem er die blutrünſtig geſchlagenen Achſeln Süperbe's unterſucht und ihr eine ſchmerzſtillende Salbe zu ſchicken verſprochen hatte. Süperbe kauerte zu dem getretenen Böcklein hin.„Wir beide“— ſprach ſie—„haben gleiches Leid heute zu tragen. Du durch den Herrn und ich durch den Diener. Wenn ich vorhin die Kröte getödtet hätte, ſo glaubte ich, daß die em⸗ pfangenen Schläge meine Strafe dafür wären. Wie froh bin ich daher, daß ich nichts Unrechtes begangen habe! Zwar brennt mir der Rücken wie hölliſches Feuer und weh thut's auch tüchtig: allein wenn ich meine Schmerzen mit denen vergleiche, welche der Heiland meinetwegen erduldet hat, ſo ſind ſie nur ein Kinderſpiel dagegen.“ Herr Ambviſe hielt Wort. Nicht lange währte es, ſo erſchien des Pfarrers Haushälterin mit der verſprochenen Salbe und einem Topfe ſchmackhaften Mittageſſens. Die 28 Salbe linderte das brennende Weh des Rückens und der Achſeln, das gute Gericht Eſſen dagegen ſtillte Süperbe's Hunger, zu deſſen Abwehr dieſe nur ein Stück trocknen Haferbrotes bei ſich trug. Die Haushälterin blieb ſo lange da, bis Süperbe ihr Mahl verzehrt hatte. Während des Eſſens fragte jene das Mädchen über verſchiedene Dinge aus und bezeigte ſich ganz zufrieden über die darauf erhaltenen Antworten. Drittes Kapitel. Der üble Lohn. Frau Malmier hatte gleichfalls ein Mittagseſſen bereitet, auf welches ſich ihre Kinder ſehr freueten. Es beſtand das⸗ ſelbe aus gebratenen Pilzen, welche Alma, Robert und Liſette im Walde geſucht und geſammelt hatten. Wenn die Reichen und Vornehmen ein Gaſtmahl ver⸗ anſtalten, bei welchem die theuerſten Speiſen und Getränke im Ueberfluſſe aufgetragen werden, ſo wird man wohl ſelten bemerken, daß der Gaſtgeber oder die Gäſte vor oder nach der Mahlzeit ein Dankgebet ſprächen. Dieſe alte, fromme Sitte findet man meiſtens noch bei dem Mittelſtande, bei Handwerkern, braven Bürger- und Bauerfamilien, welche dankbar anerkennen, daß alle gute und vollkommene Gabe von oben, von dem Vater des Lichts, herabkomme. Daher 29 wurde im Schloſſe des Herrn von Lünette nicht gebetet, wohl aber in der Hütte der Frau Malmier. Mit ſinſterem, zornigem Geſichte nahm Herr von Lünette an ſeiner reich beſetzten Tafel Platz, wobei ihm Helviſe, ſeine Tochter, eben ſo ſtumm und niedergeſchlagen, gegenüber ſaß. Welche Fröhlichkeit dagegen in der niederen Hütte! Mit freudig glänzenden Augen und unter herzlichen Dankesworten em⸗ pfingen die Kinder der Frau Malmier aus den Händen ihrer Mutter ihren Antheil von dem Pilzgerichte und ein Stück Brod als Zukoſt. Während nun jene unter erneuerten Lobpreiſungen ihr Leibgericht ich trefflich ſchmecken ließen, hob Alma plötzlich an: „Die arme Süperbe! Wie viel beſſer ſind wir daran als ſie, die keine gute Mutter mehr hat und ganz ver⸗ waiſet wäre, nähme ſich ihrer nicht der ſchwatzhafte Oheim Griſſard an. Sie hat nicht einmal einen Schutz gegen die Sonnenſtrahlen und nur ein Stück trocknen Haferbrots zum Mittagseſſen mit auf die Weide bekommen. Ihres gebrech⸗ lichen Körpers wegen kann ſie in keinen lohnenden Dienſt treten und höchſtens die Ziegenhüterin abgeben.“ „Ja wohl habt Ihr alle Urſache, Gott zu preiſen, meine Kinder!“ ſprach Frau Malmier.„Ein geſunder Leib iſt mehr werth als vieles Geld und Gut. Darum habe ich von Euern erſten Lebenstagen an ſorgfältig darauf geſehen, daß Euer Rückgrat immer eine gerade Richtung behielt und keins Euerer übrigen Glieder einen Schaden nahm. Des⸗ halb ließ ich nicht zu, daß Alma euch als kleine Kinder den halben Tag über auf ihrem Arme tragen durfte, wodurch 30 gar leicht das Rückgrat verkrümmen oder die eine Hüfte weit heraustreten kann.“ „Wenn Du es erlaubſt, liebe Mutter“— ſagte Alma „ſo trage ich einen Theil meiner Pilze der armen Sü⸗ verbe hinaus auf die Weide.“ Und das Mädchen theilte ihr Gericht in zwei Hälften, wovon ſie eine zu verzehren und die andere der Ziegenhirtin zu überbringen gedachte. „Hier haſt Du auch einen Löffel voll von meinen Pilzen“ — rief Liſette und verſetzte ihre Gabe auf Alma's Teller. „Ich werde doch nicht hinter meinen Kindern zurück⸗ bleiben wollen?“ ſprach Frau Malmier und that wie Liſette. Robert wurde feuerroth im Geſicht. Er hätte lieber noch einen Löffel voll Pilze mehr als weniger gehabt, denn ſie waren ſein erſtes Leibgericht in der Welt. Aber nur kurze Zeit kämpfte in ihm das Fleiſch gegen den Geiſt. Von dem guten Beiſpiele der Uebrigen angeſteckt, gab auch er ſeineu Antheil her und empfing dafür das Lob ſeiner Mutter, welche dann hinzuſetzte: „Wohlzuthun und mitzutheilen vergeſſet nicht, denn ſolche Opfer gefallen Gott wohl.“ Nun konnten die Kinder es kaum erwarten, ihre Gabe der Ziegenhüterin zu überbringen. Gleich nach dem Ver⸗ zehren des letzten Biſſens machten ſie ſich auf den Weg. Unterwegs ſchon freuten ſie ſich auf Süperbe's Ueberraſchung und dieſe Freude währte länger und war füßer, als der Genuß des ſich entzogenen Löffels voll Pilze. Wie immer, ſo bewährte ſich auch hier des Erlöſers Wort, daß Geben ſeliger ſei denn Nehmen. „Ihr guten Kinder!“ ſprach Süperbe tief gerührt, als die drei Geſchwiſter, ganz außer Athem, ihr die zuge⸗ dachte Speiſe einhändigten.„Ich habe ſchon gegeſſen und zwar außerordentlich gut. Sogar ein Stück Hammelfleiſch war bei dem Eſſen, welches mir der liebe Herr Pfarrer ge⸗ ſchickt hat.“ „Unſere Pilze ſchmecken zehntauſendmal beſſer noch wie Hammelfleiſch!“ ſprach Robert hitzig.„Verſuche ſie nur, Süperbe, und Du wirſt Dich wundern.“ „Und dennoch haſt Du ſie Dir abgedarbt?“ fragte Süperbe—„Ach, Du guter Junge! Aber ich würde mich krank machen, wollte ich jetzt Eure Gabe verzehren. Laßt ſie euch vielmehr ſchmecken.“ .„Nein!“ erwiederte Robert feſt—„was geſchenkt iſt, bleibt geſchenkt. Es iſt mir nicht leicht geworden, von meinen Pilzen herzugeben. Nun es aber geſchehen iſt, freut's mich um ſo mehr. Koſte wenigſtens, Süperbe, und dann hebe Dir die Pilze bis zum Abend auf. Ich will auch hier ein Feuer dann anmachen, daß Du ſie wärmen kannſt.“ Da koſtete Süperbe von den Pilzen und lobte deren Geſchmack höchlich, was Robert mit großer Zufriedenheit anhörte. Alma aber ſprach zu Süperbe:„Alſo, mit der Reitgerte geſchlagen hat Dich der böſe Mercier zum Dank für Deine Ehrlichkeit? Huh! wie übel Deine Achſeln ausſehen!“ „Dem armen Lazarus gings noch weit übler“— erwiederte Süperbe lächelnd.„Derſelbe lag mit ſeinen Schwären auf harten Steinen, wurde nur von mitleidigen Hunden geleckt und nährte ſich von den Krümeln, die aus 32 dem Tiſchtuche des Reichen geſchüttelt wurden. Ich dage⸗ gen habe einen weichen Sitz hier im Graſe, werde mit Ham⸗ melfleiſch und guten Pilzen geſpeiſet, mit kühlender Salbe geſalbt und von guten Menſchen bedauert.“ „Du kommſt einmal eben ſo gut in den Himmel und in Abrahams Schooß, wie der arme Lazarus“— ſprach Alma eifrig. „Ihr auch und eure Mutter“— erwiederte Süperbe. „Herr Maurice aber kommt nicht in den Himmel“— meinte Robert beſtimmt—„der iſt ein reiches Kameel und geht deshalb nicht durch ein enges Nadelöhr.“ „Erzähle uns eine von Deinen hübſchen Geſchichten“— bat Liſette ſchmeichelnd.„Die ſind mir noch lieber wie ſelbſt gebratene Pilze.“ „Ja, erzähle, Süperbe!“ riefen Alma und Liſette zu⸗ gleich. Die Ziegenhüterin dachte einige Seecunden nach, dann hob ſie an: „Es war einmal ein junger Prinz, der ſich mit einer fremden, ſehr ſchönen Prinzeſſin vermählte. In der gro⸗ ßen Stadt, welche der Prinz bewohnte, wurden zu dieſer Vermählung große Feierlichkeiten veranſtaltet, welche die Neugierde aller Einwohner auf das Höchſte erregten. Sie verſammelten ſich daher in allen den Straßen, durch welche der feſtliche Zug ſich bewegen ſollte, in ſo großer Anzahl, daß die in zwei Reihen aufgeſtellten Soldaten ſelbſt nur mit Mühe einige Ordnung erhalten konnten. War das Ge⸗ dränge ſchon vor Ankunft des Feſtzuges überaus groß, ſo ſtieg daſſelbe bei dem Erſcheinen des jungen Brautpaares 33 bis auf den höchſten Gipfel. Die Zuſchauer waren derma⸗ ßen voll Begierde, den Feſtzug in möglichſter Nähe zu ſehen, daß ſie weder auf den Zuruf der Ordnung, noch auf die Drohungen und Kolbenſtöße der Soldaten achteten, ſon⸗ dern, alle Rückſicht auf ihren Nebenmenſchen bei Seite ſetzend, unaufhaltſam vorwärts drängten. Hierdurch geriethen die⸗ jenigen, welche in dem Mittelpunkte des Gewirres ſtaken, in die äußerſte Noth und Lebensgefahr. Von allen Seiten gedrängt, ſahen ſie ſich der Gefahr des Erdrückens ausge⸗ ſetzt und erhoben deshalb ein klägliches Geſchrei um Scho⸗ nung und Erbarmen. Allein man hielt in der Ferne die⸗ ſen Nothſchrei für Jubelruf und drängte deshalb um ſo ärger. Darauf begann ein Kampf der Verzweiflung, gleichwie einſt bei der Sündfluth geſchehen ſein mochte, in der eingezwäng⸗ ten Menſchenmaſſe. Jeder ſuchte ſein Leben auf Unkoſten des Andern zu retten. Der Schwächere erlag, wurde zu Boden geriſſen, zertreten, erſtickt. Beſonders traf hilfloſe Frauen und Kinder dieſes Loos. Die heiligſten Familien⸗ banden wurden hierbei zerriſſen; denn der Sohn kämpfte gegen den Vater und dieſer gegen den Sohn, die Tochter gegen die Mutter und wieder umgekehrt. Das Maaß des Jammers und der Gefahr voll zu machen, ſtürzte durch das furchtbare Gedränge ein hohes, hölzernes Baugerüſte an einem Hauſe ein, wodurch die Straße noch mehr eingeengt worden war. Lange, ſchwere Balken zerſchmetterten die Häupter und Achſeln der umher befindlichen Menſchen, deren Angſtgeſchrei endlich den lauten Jubelruf übertönte und ſelbſt bis zu den Ohren des fürſtlichen Paares drang. Nun erſt wurde, wiewohl mit großer Mühe, Raum gemacht und Nieritz. Des Königs Kind. 3 34 den Verunglückten beigeſprungen. Da zeigte ſich ein ent⸗ ſetzliches Bild. Hunderte von Männern, Frauen und Kin⸗ dern fand man erdrückt, zertreten, von den Waffen der ihrer eigenen Leiber ſich wehrenden Soldaten getödtet, von dem herabgeſtürzten Baugerüſte zerſchmettert oder ſchwer verwun⸗ det. Als man eine Frau geringen Standes von den, auf ihrem getödteten Körper liegenden Balken befreite, fand man unter ihr ein kleines, kaum einjähriges Kind, welches noch lebte und von ſeiner Mutter mit einem rettenden Dache ihres eigenen Leibes überwölbt worden war. Ja, dieſes Kind lebte noch, allein es trug von den erhaltenen Quetſchun⸗ gen und Verletzungen einen ganz gebrechlichen Körper da⸗ von. Eine kurze Stunde neugierigen Schauens hatte dem Kinde eine zärtliche Mutter, ihm ſelbſt aber die Geſundheit und Schönheit ſeines Leibes und hierdurch gar viele Lebens⸗ freuden geraubt.“ „Biſt Du etwa jenes arme Kind geweſen?“ fragte Alma, als Süperbe traurig ſchwieg. Stumm nickte dieſe mit dem Kopfe. „Arme Süperbe!“ ſprachen alle drei Geſchwiſter voll tiefen Mitleids. „War das Brautpaar unſer König und die Königin?“ forſchte Alma. „Ja!“ antwortete Süperbe. „Die arme Königin!“ ſagte Alma.„Ich könnte nie wieder froh werden, wenn ich einen ſo ſchrecklichen Fall er⸗ lebt hätte. Lachen kann ſie gewiß nicht mehr.“ „Ich weiß es nicht“— verſetzte Süperbe—„obſchon mein Oheim Griſſard immer behauptet, daß es beim Königs⸗ hofe recht luſtig zugehe.“ „Wo iſt das? Wie heißt die Stadt, wo das Unglück geſchah?“ fragte Liſette. „Sie heißt Paris“— antworte Süperbe. Eine Frau, welche beſſer gekleidet war als die Land⸗ leute von Miraille, nahte ſich hier mit raſchen Schritten. Als ſie die von den drei Geſchwiſtern umgebene Ziegenhirtin erreicht hatte, umarmte ſie dieſelbe mit großer Herzlichkeit und Freude, worüber Süperbe nicht wenig betroffen war. „O meine liebe Süperbe!“— ſprach ſie dabei—„Wie großen Dank bin ich dir ſchuldig! Du haſt mir mehr ge⸗ rettet wie mein Leben. Meinen ehrlichen Namen, meine Zukunft— Alles verdanke ich Dir. Laß mich die blutigen Striemen ſehen, welche Dir der Schurke Mercier geſchla⸗ gen hat, und ſie küſſen. Süperbe, ewig bleibe ich Deine Schuldnerin.“ Der Frau liefen bei dieſen Worten die vollen Thränen über die Wangen und Süperbe konnte es nicht verhindern, daß jene die blutigen Striemen auf ihren Achſeln mit Küſſen bedeckte. „Frau Tonnère“— ſagte Süperbe erſtaunt—„ich weiß gar nicht, was Ihr wollt und wodurch ich Euern Dank verdient hätte. Es iſt wahr, daß mich Mercier geſchlagen hat; aber ich begreife nicht, wie das Euch vom Nutzen ge⸗ weſen ſein kann.“ „So höre denn, mein Kind!“ ſprach Frau Tonndre, welche die Schließerin im Schloſſe des Herrn von Lünette war.„Seit einiger Zeit verſchwanden wiederholt mehrere 6 36 Stücke von dem Silberzeuge, das ich unter meinem Ver⸗ ſchluß habe. Man konnte den Dieb nicht entdecken, und der junge Herr, im Verein mit ſeinem Diener Mercier, war bemüht, den Verdacht auf mich zu lenken. Das gelang ihnen inſoweit, daß der alte Herr von Lünette mit Mißtrauen ge⸗ gen mich erfüllt wurde und mir androhete, daß, ſobald wie⸗ der etwas wegkäme, ich den Verluſt erſetzen und überdieß vom Dienſt gejagt werden ſollte. Nun denke Dir meinen Schreck, liebes Kind! als ich heute früh das Silberzeug in dem feſt verſchloſſenen Silberſchranke überzähle und ein Dutzend ſchwerer Eßlöffel, zwei Teller und drei Salznäpfchen vermiſſe! Ich hatte meine Beſinnung ſo ganz verloren, daß ich meinem Leben und Jammer ein raſches Ende zu machen beſchloß. In dieſer Abſicht öffnete ich das Fenſter, um mich aus dem dritten Stockwerk hinab auf die Steinplatten des Schloßhofs zu ſtürzen. Da erblickt mein unflorter Blick den alten Herrn von Lünette, der, vor einer Steinbank ſtehend, einen Mantelſack durchwühlt und aus demſelben ein Päcktchen hervorzieht. Guter Gott! klarer wird mein Blick und wie⸗ der ermuthigt mein gebrochenes Herz, als ich unter des alten Herrn Händen die geſtohlenen Silberſtücken blitzen und zum Vorſchein kommen ſehe. Nun kam meine Unſchuld und der wahre Dieb an den Tag. Derſelbe war des alten Herrn leiblicher Sohn und Mercier ſein Mitgenoſſe geweſen. Sie waren beide früh ausgeritten, um den Raub in der Stadt zu Gelde zu machen. Gott aber ließ den Mantelſack in Deine Hände, meine ehrliche Süperbe, und in die des alten Herrn gerathen, wodurch allein das Bubenſtück entdeckt wurde. Nun tobt mein Herr und droht, ſeinen Sohn Maurice zu 5 enterben. Den Schurken Mercier hat er bereits aus ſei⸗ nen Dienſten gejagt, mir aber ein anſehnliches Geldgeſchenk gemacht, von welchem ich Dir die Hälfte überbringe. Nimm, gute Süperbe, und weigere Dich nicht. Eigentlich gebührte Dir das Ganze. Aber ich weiß, daß Du genügſam biſt und beſcheiden dazu. Auch wird Dir die Freude, meine Rette⸗ rin geworden zu ſein, noch über meine geringe Gabe gehen.“ Es bedurfte wiederholten Zuredens von Seiten der Frau Tonnère und der Geſchwiſter, um Süperbe zur An⸗ nahme des dargebotenen Geſchenks zu bewegen. Sie ſteckte das erhaltene Geldpäcktchen in ihre Taſche, ohne erſt deſſen Inhalt zu unterſuchen. Aber Sürperbe fühlte ſich innerlich wie verzückt und dieſe innere, ſelige Freude, die nicht das Geldgeſchenk zur Urſache hatte, ſpiegelte ſich äußerlich in ihrem verklärten, wunderſam glänzenden Auge ab. Obgleich das Mädchen beim abendlichen Heimtreiben ihrer Ziegen⸗ heerde das verletzte Vöcklein auf ihrem Arme trug, ſo war dennoch ihr Gang ein fröhlich hüpfender und zum erſten⸗ male in ihrem Leben fühlte ſie die Gebrechlichkeit ihres Kör⸗ pers nicht. Es ging ihr wie den Apoſteln Petrus und Jo⸗ hannes, nachdem dieſe um ihres gekreuzigten Meiſters willen geſtäupt worden waren. Sie freute ſich jetzt der empfange⸗ nen Gertenhiebe und würde gern noch einmal ſo viel hinge⸗ nommen haben, wäre dadurch eine zweite ſegensreiche Folge daraus hervorgegangen. Eine neue Freude erwartete Süperbe, als ſie am Spät⸗ abende, wie ihr geboten worden, den Herrn Pfarrer Am⸗ boiſe aufſuchte. Dieſer eröffnete ihr mit väterlichen Worten, daß er ſie als eine Gehilfin für ſeine alternde Haus hälterin in Dienſte nehmen und ſie von derſelben in der Kochkunſt unterrichten laſſen wolle, in welcher jene ſehr erfahren war. Süperbe hatte nun die frohe Ausſicht, anſtatt des beſchwer⸗ lichen Ziegenhütens, nur leichte Handreichungen zu leiſten und dabei eine Beköſtigung zu erhalten, wie ſie ſich nie hätte träumen laſſen. Das Geldpäcktchen der Frau Tonndre enthielt zehn baare Franken.„Für einen Franken“— ſprach die dankbare Süperbe—„kaufe ich meinem Oheim Rauch⸗ und Schnupf⸗ tabak, und für fünf Franken den alten, aber noch brauch⸗ baren Reitermantel, welchen Nachbar Nicoll ausgeboten hat und den mein Oheim zum Winter recht gut benutzen kann.“ „Was ſchmeckt beſſer als die köſtlichſten Pilze?“ fragte Frau Malmier, als ſie an dieſem Abende friſch geröſtete Maronen oder gute Kaſtanien ihren Kindern zum Nachteſſen austheilte.—„Was erfreut mehr als der theuerſte Wein? Was iſt mehr werth als alles Gold und Silber in der Welt? Wenn Kinder“— fuhr ſie, ihre eigenen Fragen beantwor⸗ tend, fort—„wohlgerathen ſind und ihren Aeltern nicht ſolches Herzeleid bereiten, wie unſer junge Herr ſeinem Vater. Der arme Herr von Lünette! Wie unglücklich wird er ſich jetzt bei ſeinem großen Reichthume fühlen! Bleibt immer fromm und folgſam, meine Kinder! und ich werde bei aller unſerer Armuth die glücklichſte Mutter ſein.“ 39 viertes Kapitel. Fleury und die Trüffeln. „Schmeckt Dir's, Fleury?“ fragte Alma ihren Hund, dem ſie eine Suppe verabreicht hatte, in welcher klein ge⸗ hackte Trüffeln unter die Brotſchnitten gemiſcht waren. Man thut ſolches bei den Hunden, welche zum Aufſuchen der un⸗ ter dem Erdboden wachſenden Trüffeln gebraucht werden, damit ſie ſich den feinen, moſchusähnlichen Geruch jener Pilze merken und deſto eifriger in deren Aufſuchen ſind. Fleury, ein ſchwarzer Pudel, beantwortete durch ſein haſtiges Verzehren der Suppe die an ihn gerichtete Frage ſeiner jungen Herrin, die ſpäter mit ihm und in Begleitung ihrer beiden Geſchwiſter den Weg nach dem Walde antrat. Derſelbe beſtand größtentheils aus hohen und niedrigen Eichbäumen, zwiſchen denen kleine, begraſete Plätze ſich be⸗ fanden. Fleury trug in ſeinem Maule das Körbchen, wel⸗ ches zum Einſammeln der theuern Trüffeln beſtimmt war und ihm beim Eintritt in das Gebüſch wieder abgenommen wurde. Sogleich ſenkte der Hund den Kopf zur Erde und ſuchte mittelſt ſeines Geruchwerkzeugs nach den unter der Erde gedeihenden Trüffeln. Die Kinder folgten dem Hunde auf den Fuße nach und hatten genau Acht, ob Fleury irgendwo mit ſeinen Füßen zu ſcharren begann. Es währte auch nicht lange, ſo war Fleury in voller Arbeit. Unter ſeinen wüh⸗ lenden Füßen flog die lockere, ſchwarze Erde weit hinter ihm weg und bald zeigten ſich einige der ſchwarzen, friſch duf⸗ 40 tenden Pilze, welche von den Kindern unter lautem Froh⸗ locken in das Körbchen verſetzt wurden. „Sieh nur, Alma!“ rief Robert fröhlich aus—„wie groß dieſe Trüffel iſt! Faſt wie meine Fauſt ſo dick, ach, und ſo friſch! Da kommt wieder eine! Juchhei, wie wird die Mutter ſich freuen! Beinahe das halbe Körbchen ſchon voll. Welch' ein glücklicher Tag! O du guter Fleury! Ich beneide dich um deine feine Naſe. Was gäbe ich darum, könnte ich die Trüffeln riechen wie du! Sollten wir noch nicht ein Pfund Trüffeln beiſammen haben, Alma?“ In ähnlicher Weiſe ſchwatzten die Kinder weiter und geriethen dabei immer tiefer in den Wald hinein. Darin war's ſo prächtig! Unter einem ſanften Luftzuge rauſchten die Wipfel der Eichen und Buchen gegen einander und ein Regen von reifen Eicheln und Bucheckern überſtreute die darüber aufjauchzenden Kinder, welche zugleich eine reiche Aernte dieſer Waldfrüchte hielten. Der Wald erklang von ihren frohen Geſängen und das Echo ſpottete dieſelben nach. Außer den Trüffeln ſpürte Liſettens ſcharfes, geübtes Auge noch andere eßbare Pilze auf, welche ein leckeres Gericht verſprachen und darum nicht minder ſorgſam eingeſammelt wurden wie die für den Verkauf beſtimmten Trüffeln. Im⸗ mer vergnügter und ausgelaſſener wanderten die Geſchwiſter weiter, im Geiſte ſchon überrechnend, wie viele Sous oder gar Franken ihnen die heutige Trüffelärnte eintragen könne. Da theilte ſich plötzlich das Gebüſch und ein junger Mann in Jagdkleidung, mit Büchſe und Hirſchfänger verſehen, ſtand vor den Kindern, denen der Geſang auf den Lippen erſtarb und das Scherzen verging. 41 Fleury verkroch ſich furchtſam hinter die Kinder, denn er erblickte neben dem Jägersmanne einen großen Jagdhund, welcher bereits das Gebiß grimmig fletſchte und ſicher über den Pudel hergefallen ſein würde, hätte ihn ſein Herr nicht an einer Schnur mit Gewalt zurückgehalten. „Wer ſeid ihr? Was macht ihr hier?“ fragte der junge Herr Maurice von Lünette die ſtumm und beſtürzt vor ihm ſtehenden Kinder. Der Ton dieſer Frage war barſch und das Antlitz des Fragers finſter verzogen. „Unſere Mutter heißt Malmier“— erwiederte Alma— „und iſt eine arme Wittwe. Wie Ihr ſeht, ſo ſuchen wir Trüffeln, die wir an einen Kaufmann in Hautmont ver⸗ handeln und welche uns einen ehrlichen Gewinn gewähren.“ „Ehrlichen?“ rief Maurice ſpöttiſch und bitter aus. „Wer hat euch erlaubt, in meinem Walde nach Trüffeln zu ſuchen?“ „Niemand, gnädiger Herr,“— verſetzte Alma—„denn bisher war das Trüffelſuchen Niemandem verwehrt worden.“ „Weil mein Vater zu gut für euch Spitzbuben war“— ſprach Maurice.—„Ich aber will mein Eigenthumsrecht beſſer wahren. Ich verbiete euch demnach, je wieder meinen Wald zu betreten, um darin Trüffeln, andere Pilze, Eicheln, Bucheckern oder Waldbeeren einzuſammeln. Erwiſche ich euch nochmals, ſo ſoll es trübſelig euch ergehen. Darauf verlaßt euch. Iſt das euer Hund, der die Trüffeln ausge⸗ ſpürt hat?“ „Ja, gnädiger Herr!“ antwortete Alma furchtſam. „Kann er nichts weiter? Keine Kunſtſtücke, wie die meiſten Pudel?“ fragte Maurice. 42 „Er kann noch aufwarten und bitten“— entgegnete Alma—„auch trägt er weggeworfene Sachen herbei.“ „Heiße ihn bitten“— befahl Maurice, indem er ſeine Büchſe von der Achſel und in die Hand nahm. „Bitte ſchön, Fleury!“ ſagte Alma zum Hunde, welcher einen furchtſamen Blick auf den knurrenden Jagdhund warf, aber dennoch that, wie ihm geboten war. Während er ſich auf die Hinterbeine ſetzte, den Leib gerade in die Höhe rich⸗ tete und die Vorderbeine bittend hob und ſenkte, hatte Mau⸗ rice den Hahn der Büchſe geſpannt und deren Lauf gegen Fleury gerichtet. Bei dem verdächtigen Geräuſch, welches das Knacken des Hahns verurſachte, wendete Alma ſich raſch vom Hunde weg und nach dem jungen Edelmanne um. „Jeſus!“— ſchrie das Mädchen—„gnädiger Herr!“ „Hinweg! zurück!“ rief dieſer wild. Der Pulverblitz flammte von der Pfanne und aus der Büchſenmündung auf. Die volle grobe Schrotladung durch⸗ ſchnitt die Luft, dicht neben Alma vorbei, welche ſich raſch in die Schußlinie werfen wollte, um Fleury zu ſchützen, und traf in todbringender Nähe das bittende Thier. Mit einem lauten Aufſchrei ſtürzte Fleury zu Boden— noch einmal öffnete ſich ſein großes, feuchtes Auge und ſchloß ſich wieder — noch dreimal zuckte der Hund krampfhaft zuſammen— dann ſtreckte er ſich lang aus und ſein Leben war entflohen! Wer beſchreibt den Schrecken, das tödtliche Entſetzen, den namenloſen Jammer der Kinder?! Laut ſchreiend, jammernd und ſchluchzend warfen ſich alle drei neben den getödteten Fleury nieder. Sie hörten nicht, wie der junge Edelmann im Fortgehen ſprach: „Bedankt Euch bei mir, daß ich Euern Köter nicht von meinem Tiras in Stücken zerreißen ließ, ſondern die Schrot⸗ ladung an ihn verſchwendete.“ „Fleury! Fleury!“ rief Robert mit weinender Stimme —„biſt Du wirklich todt? O Fleury! thu' mir's zu Liebe und ſchüttele mit dem Kopfe.“ „Fleury! armer Fleury!“ ſchluchzte Liſette—„über dem Bitten biſt Du todt geſchoſſen worden! Hätteſt Du doch, anſtatt zu bitten, Deinem Mörder die Hand zerbiſſen, welche das Gewehr gegen Dich richtete.“ „Ach, Du guter, lieber Fleury!“ jammerte Alma hände⸗ ringend—„daß ich Dir noch geboten habe, zu bitten, damit Dich der böſe Herr Maurice recht bequem treffen konnte! Hätte ich Dich doch ſtatt deſſen weit, weit fortgejagt. Ach, du armer Fleury! unſertwegen biſt Du todtgeſchoſſen wor⸗ den Von freien Stücken wäreſt Du nicht in den Wald gelaufen, um Trüffeln auszuſtöbern. Ach, was wird unſere Mutter dazu ſagen?! Ein ſo unſchuldiges Thier zu tödten, das keinem Menſchen, nicht einmal einem Thiere, je etwas zu Leid gethan hat! Ach, daß ich nicht eher Herrn Maurice's ſchlimme Abſicht errieth! Und hätte ich mich vor Dich hin⸗ ſtellen und mit meinem Leibe Dich ſchützen ſollen! O, o!“ „Wie er ſo furchtbar aufſchrie, da ihn der Schuß traf!“ klagte Robert.„Wie er uns noch einmal ſo barmherzig an⸗ ſah, als wenn er hätte fragen wollen: Iſt das für meine Treue? für meine Anhänglichkeit und Liebe? O, o!“ „Und wie er noch dreimal zuckte, ehe das treue Herz zum Stilleſtehen kam!“ fuhr Liſette mit Wehklagen fort. „Sieh! ſieh! Alma!“ rief Robert entſetzt—„da quillt 44 das rothe Blut aus Fleury's Maule heraus. Ach, ich kann's nicht länger mit anſehen.“ Und der Knabe ſchlug beide Hände vor's Antlitz und heulte laut. „Hier kann unſer Fleury aber nicht liegen bleiben“— ſprach Alma, ihre Thränen abtrocknend—„Hier könnte ihn Herr Maurice's böſer Hund zerfleiſchen oder ſonſt ein wil⸗ des Thier auffreſſen. Wir müſſen ihn doch ehrlich begraben und ihn darum heimtragen. Faſſe Fleury an, Liſette, aber ſanft, und hilf ihn in meine Schürze heben. Vorher aber will ich eine Unterlage von Eichenlaub machen, damit meine Schürze nicht blutig wird. So! und nun greif' zu, Liſette. Robert, ſtehe Deiner Schweſter bei und ſchäme dich, der Du älter biſt als Liſette und ein Junge dazu. Durch Dein Heulen und Verſtecken wird Fleury nicht wieder lebendig oder nach Hauſe geſchafft.“ „Sieh, Alma!“ jammerte Liſette beim Anpacken der Hundeleiche—„wie das eine Bein Fleury's hin und her baumelt! Das iſt zerſchoſſen worden. Brrrr! da erblicke ich deutlich das Loch, wo der Schrot hineingefahren iſt.“ „Es iſt immer noch ein Glück für den armen Fleury,“ — meinte Alma—„daß er ſich nicht noch lange quälen durfte, ſondern ſogleich todt war. Das wäre ein noch größerer Jammer geweſen.“ Nachdem Fleury mit ſanften, ſchonenden Händen auf das Blätterlager in Alma's Schürze gebettet worden war, bewegte ſich der Trauerzug unter erneutem Weinen und Jammern durch den Wald zurück nach Hauſe. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß das Körbchen mit den theuern Trüffeln und mit ſeinem übrigen Inhalte an Pilzen, Eicheln 45 und Bucheckern, die übrigens weit umhergeſtreut worden waren, unbeachtet zurückblieb. Bevor die Geſchwiſter ihre Hütte erreichten, ſtießen ſie auf den Flurſchützen Griſſard, welcher die Kinder anhielt und ſie betroffen fragte: „Warum ſchreit und heult ihr ſo arg? Was iſt Euch Uebles widerfahren? Wen tragt Ihr da in der Schürze?“ „Fleury iſt's,— ſchluchzte Alma—„den der Herr Maurice erſchoſſen hat.“ „Mit Fleiß!“ ſetzte Robert hinzu und heulte wieder laut auf. „Weil er für uns Trüffeln aufſuchte“— vollendete Liſette die Erklärung. „Er war unſer Ernährer!“— ſprach Alma, auf die Hundeleiche deutend. „Ueber dieſen Fall wundere ich mich gar nicht“— ſagte Griſſard bitter.„Wer ſeinen eigenen Ernährer, ſeinen leiblichen Vater, todt ärgern und ſeine Schweſter in's Kloſter ſtecken konnte, damit ſie nicht miterbe: der wird noch viel weniger eines unvernünftigen Viehes ſchonen, wenn gleich daſſelbe den Ernährer einer armen Familie abgiebt. Es wird noch viel, viel ſchlimmer kommen, prophezeie ich. Fleury's Erſchießen war nur ein kleines Probeſtückchen unſers neuen Gutsherrn und wenn uns der alte Herr von Lünette mit Peitſchen gezüchtigt hat, ſo wird der junge Herr ſolches mit Scorpionen thun. Aber, aber! allzu⸗ ſcharf macht ſchartig. Neun und neunzig Schock Stockfiſche! Es iſt noch nicht aller Tage Abend und ſelbſt der Wurm, wenn er getreten wird, krümmt ſich.“ 46 Die Kinder ließen den Flurſchützen ſchwatzen und ver⸗ doppelten ihre Schritte, die ſie bald zur mütterlichen Hütte brachten. Es war ein harter und zugleich ſchmerzlicher Schlag, welcher die Wittwe Malmier ganz unvorbereitet traf, da die Kinder unter lautem Weinen und Jammern die Hundeleiche vor ihr niederlegten. Jedoch faßte ſich die Mutter ſchnell ſo weit wieder, daß ſie ihre troſtloſen Kinder zu beruhigen ſtrebte, indem ſie ihnen vorſtellte, daß Fleury bereits ein ziemlich hohes Alter gehabt habe, daher nicht mehr lange gelebt haben würde und ein ſchneller Tod einem langſamen Dahinſiechen vorzuziehen ſei. Auch würde der liebe Gott, ſelbſt ohne Fleurys Hülfe, ſie nicht darben laſſen, ſondern auf andere Weiſe ihnen den gehabten Verluſt erſetzen und vergeſſen machen. Am andern Tage früh wurde Fleury's Leiche dem Erden⸗ ſchooße übergeben. Natürlich geſchah dieſes unter erneutem Jammern und Weinen, das jedoch dann nachließ, als ein kleiner Hügel ſich über Fleury's Grabe wölbte, welches ſich nicht weit von der Hütte befand. Herr Maurice von Lünette, deſſen übles Betragen die Haupturſache von ſeines Vaters plötzlichem Tode geweſen war, machte ſich gar bald, nachdem er die reiche Erbſchaft angetreten hatte, bei ſeinen Unterthanen verhaßt. Er ver⸗ fuhr gegen dieſelben mit unerbittlicher Härte und Strenge, entzog ihnen jeden kleinen Genuß, den ihnen ſein Vater gern gegönnt hatte, und verſammelte um ſich einen Kreis ihm gleichgeſinnter Edelleute. Den wackern Pfarrer Am⸗ boiſe, welcher in ſeinen Predigten gegen das Laſter ſprach und durch welche Maurice ſich am meiſten getroffen fühlte, kränkte und verfolgte er auf alle Weiſe. Bei ſeinen ſchänd⸗ lichen Handlungen hatte er an Mercier, den er wieder in ſeinen Dienſt genommen, einen ganz ergebenen Gehilfen, welcher ſogar ſeinen Herrn an Schlechtigkeit noch zu über⸗ bieten ſtrebte. Die Bewohner von Miraille ſchüttelten zu dieſem Ge⸗ bahren ihres Gutsherren die Köpfe, murreten erſt im Stillen, dann immer lauter darüber und ließen endlich ihren Un⸗ willen in ausgeſtoßene Drohungen übergehen, die dem jungen Herrn zwar nicht verborgen, jedoch von ihm unbe⸗ achtet blieben. Griſſard, der Flurſchütze, bewies ſich gleich⸗ falls nicht faul, ſein tüchtiges Mundwerk gegen den jungen Herrn zu gebrauchen, und bewirkte dadurch, daß er ſeines Amtes entſetzt und ſomit außer Brot gebracht wurde. Ein großes Glück war's daher für ihn, daß er an dem guten Pfarrer Amboiſe einen rührigen Wohlthäter fand, welcher den alten Soldaten mit Arbeit und Unterhalt verſorgte. Frau Malmier mit ihren Kindern lebte zurückgezogen in ihrer Hütte und mied ſorgſam jedes Zuſammentreffen mit dem neuen Gutsherrn. Sie geſtattete ihren Kindern nicht mehr den Beſuch des Waldes und dieſe gehorchten hierin um ſo williger, als fie ſich vor Herrn Maurice fürch⸗ teten und ihm wegen des Erſchießens Fleury's gram waren. Das Einſammeln und der Verkauf von Trüffeln unterblie⸗ ben daher, was allerdings keinen geringen Ausfall in dem Einkommen der Wittwe bewirkte. Da auch allen übrigen Bewohnern von Miraille das Aufſuchen von Trüffeln, von anderen eßbaren Pilzen, von Eicheln, Bucheckern, Wald⸗ 48 beeren und Reißholz ſtreng unterſagt war, ſo verfaulten alle dieſe Dinge, mit Ausnahme des Bedarfs an Trüffeln für die gutsherrliche Tafel, unbenutzt im Walde. „Wenn ſie mich nur fürchten“— war Maurice's Wahl⸗ ſpruch bei ſeinen Unterthanen—„wenn ſie mich auch nicht lieben.“ „Ein einziger Bube vermag viel Schaden anzurichten“ ſagt die Bibel.. Und ein ſolcher Bube war Maurice von Lünette. Eines Morgens hatte Frau Malmier einen gewaltigen Schreck. Als ſie noch vor ihrer Tochter an den Röhrbrun⸗ nen ging, um ſich zu waſchen und Waſſer zu holen, gab die Röhre kein Waſſer von ſich und der hölzerne Röhrtrog ſtand halb geleert. Frau Malmier war an das muntere Plätſchern des Waſſers ſo gewöhnt, daß ihr jetzt die plötzliche Stille wie Grabesruhe vorkam. Sie erſchöpfte ſich in Muthmaßun⸗ gen über das räthſelvolle Wegbleiben des Waſſers und ver⸗ mochte dennoch keinen haltbaren Grund aufzufinden. Nicht lange und es umſtanden auf der Mutter lauten Ruf alle ihre Kinder den Röhrbrunnen, der ihnen wie ein Sarg vorkam. „Nachbar Griſſard! Nachbar Griſſard!“ rief Frau Mal⸗ mier den ehemaligen Flurſchützen an.—„Auf ein Wort!“ Griſſard nahete mit langen, bedächtigen Schritten. „Was ſteht zu Euerm Befehl, Frau Nachbarin?“ fragte er im Gehen. „Unſer Röhrbrunnen giebt kein Waſſer mehr!“— er⸗ wiederte Frau Malmier klagend—„und wir zerſinnen uns den Kopf, weshalb?“ „Das kann ich Euch ſagen“— ſprach Griſſard achſel⸗ zuckend.„Es iſt ein Freundesſtückchen von unſerm Herrn Maurice von Lünette. Nachdem er Euern Fleury erſchoſſen, hat er ein Gleiches— ſo zu ſagen— mit Euerm Waſſer gethan. Dem iſt das Springen hier für immer vergangen. Man merkt's, daß Ihr nicht weit von Eurer Hütte weg⸗ kommt; ſonſt würdet Ihr wiſſen, daß Herr Maurice alle Quellen umher nach ſeinem Garten abgeleitet hat, um davon einen kleinen Waſſerfall und andere Waſſerkunſtſpiele zu er⸗ richten. Tröſtet Euch mit dem Gedanken, daß Ihr nicht die Einzige in Miraille ſeid, welcher das Röhrwaſſer wegge⸗ blieben iſt.“ „Aber, da bin ich ja eine geſchlagene Frau?!“ jam⸗ merte Frau Malmier.„Wie kann ich noch mein Gärtchen begießen, indem ich bis zum Bache eine gute Viertelſtunde Wegs hin habe? Wer ſoll von dort das viele Waſſer herzu⸗ tragen? Und dann iſt das Bachwaſſer ſo unrein, daß man es nicht einmal zum Waſchen und Kochen, geſchweige zum Trinken brauchen kann?“ „Darum kümmert ſich Herr Maurice nicht“— ant⸗ wortete Griſſard—„ihm iſt ein Waſſerfall und ein Waſſer⸗ ſpiel lieber als die Geſundheit und das Wohlergehen ſeiner Unterthanen. Wer das Heft vom Schwerte in der Hand hat, behält auch das Recht. Wißt Ihr das noch nicht?“ „Ich werde den Herrn Maurice verklagen“— ſprach Frau Malmier entſchloſſen. „Wo und bei wem denn?“ fragte Griſſard.„Da wür⸗ det Ihr aus dem Regen unter die Dachrinne kommen, Frau Nachbarin. Unſere nächſten Richter ſind ja die beſten Nieritz. Des Königs Kind. 55 Tiſchfreunde unſeres jungen Herrn und eben ſo gute Edel⸗ leute wie er. Nun werdet ihr aber wiſſen, daß eine Krähe der anderen nicht die Augen aushackt. Aber, neun und neunzig Schock Hechtszungen! da bekomme ich einen guten Einfall! An den oberſten Richter in Frankreich: an den König ſelbſt müſſen wir unſere Klagen richten. Das geht! Das wird fruchten! Der König Ludwig XVI. iſt ein lieber Mann, der ſeine Güte nur nicht ſo von ſich geben kann, wie er möchte. Freilich, was mich und meine Nichte Süperbe anbelangt, ſo kann ich mich nur darüber beſchweren, daß Herr Maurice mich um meinen Flurſchützendienſt gebracht hat und die Schuld von dem zerbläueten Rücken Süperbe's trägt. Aber erzählen werde ich's der Majeſtät, wie ſchänd⸗ lich Herr Maurice mit unſerm braven Herrn Pfarrer um⸗ ſpringt. Die größte und gerechteſte Urſache zur Klage habt Ihr aber, Frau Nachbarin! Nicht genug, daß Herr Mau⸗ rice Euern Trüffelſucher erſchoſſen und Euch das Waſſer entzogen hat, ſo ſoll er— wie man munkelt— auch noch Willens ſein, Euch um Eure Hütte und Euer Gärtchen zu bringen, welches Beides er zu ſeinem Gemüſegarten zu ſchlagen gedenkt. Da kann es Euch nun leicht eben ſo ergehen, wie dem armen Naboth in der Bibel, der, weil er ſein Erbe nicht an den König Ahab verkaufen wollte, ſprin⸗ gen mußte, das heißt: geſteinigt wurde. An einer Iſabel, welche falſche Zeugen gegen Euch aufſtellt, würde es nicht fehlen und ſomit Euer Unglück fertig ſein.“ „Wie? wär's möglich? Hör' ich recht?“ rief Frau Malmier und erblaßte.„Meine Hütte und mein Gärtchen hergeben?“ 51 „Ich habe mehr wie einen Vogel davon pfeifen hören“ — entgegnete Griſſard.„Man behauptet, daß man Euch deshalb das Röhrwaſſer genommen habe, um Euer Grund⸗ ſtück werthloſer und Euch geneigter zu einem billigen Ver⸗ kauf deſſelben zu machen.“ Nimmermehr!“ rief Frau Malmier aufwallend— Um keinen Preis der Welt!“ „Denkt an Naboth und die Jſabel!“ warnte Griſſard — Wer ſeinen leiblichen Vater unter die Erde ärgern konnte, ſchont noch viel weniger einen fremden Menſchen.“ „Mein Gott und Vater!“ wehklagte Frau Malmier— was ſoll ich beginnen?“ „An den König gehen“— ſprach Griſaid.„Das iſt das letzte Mittel. Ich will gern Eure Klage der Majeſtät vorbringen; allein ungleich wirkſamer wär's, wenn Ihr ſelbſt, oder noch beſſer, Eure Alma vor den König hinträte und ihn anflehete. Einem unſchuldigen, hübſchen Kinde ſchlägt man viel weniger eine Bitte ab als einem alten aus⸗ gedienten Soldaten, der ſich's gefallen laſſen müßte, wenn der König zu ihm ſpräche: Heda! mein Freund! was geht Dich die Klage der Frau Malmier an?“ „Mutter! ſagte hier Alma mit blitzendem Auge und entſchloſſenem Tone—„laß mich mit Griſſard zum König gehen.“ Mich auch!“ ſprach Robert raſch. „Der König“— erklärte Griſſard—„wohnt i in Paris oder Verſailles und Beides iſt von hier ſo weit, daß Robert ſchwerlich den Weg dahin zu Fuße zurücklegen würde.“ 52 „O!“ ſagte Robert—„ich bin mit Fleury um die Wette gelaufen.“ „Ja, einige Minuten lang“— lachte Grifſard—„aber mehrere Tage, von früh bis Abends, zu marſchiren, iſt keine Sache für einen ſo kleinen Jungen. Ueberlegt Euch die Sache, Frau Nachbarin, und ſ mir morgen Euern Ent⸗ ſchluß. Adieu!“ Lünftes Bapitel. Die Neiſe nach Paris. Der Entſchluß, den Frau Malmier nach vielem Ueber⸗ legen und eingezogenen Erkundigungen über Maurice's Ab⸗ ſichten in Bezug auf ihr Eigenthum gefaßt hatte, lautete dahin, daß Alma wirklich mit Griſſard nach Paris reiſen und dort dem König ihre Klage gegen den Gutsherrn vor⸗ bringen ſolle. Was bei dieſem Entſchluſſe noch den Aus⸗ ſchlag gab, war die beſtimmte Erklärung Süperbe's, daß auch ſie mitwandern wolle, um von dem Könige Schutz gegen die Kränkungen und Ungerechtigkeiten zu erbitten, welche ihr Herr, der Pfarrer Ambviſe, faſt täglich von ſeinem Gutsherrn zu erdulden hatte. Hierdurch glaubte ſie ihre Dankbarkeit für das viele Gute zu beweiſen, welches Herr Ambviſe ihr und ihrem Oheim zufließen ließ. Frau Malmier beſaß noch eine Schweſter, welche in Paris 53 verheirathet war und an welcher ſie eine Beſchützerin für ihre Alma zu beſitzen hoffte. Es verſteht ſich, daß ſowohl Frau Malmier als Griſſard die wahre Abſicht den Bewohnern von Miraille verſchwiegen, welcher der Neiſe nach Paris zu Grunde lag; denn außer⸗ dem würde der junge Herr in Zeiten ſeine Vorkehrungen getroffen haben, um die Reiſe ſelbſt oder deren Erfolg zu verhindern. Dieſe Verſchwiegenheit koſtete zwar dem ge⸗ ſchwätzigen Griſſard große Ueberwindung, allein dießmal ſiegte bei ihm doch der Verſtand über die Luſt. Unter den Segenswünſchen der Frau Malmier trat die kleine Geſellſchaft die weite Reiſe an. Trotz ihrem gebrech⸗ lichen Körper hielt Süperbe mit ihren Gefährten gleichen Schritt und glücklich wurde der weite Weg zurückgelegt. Der Beſitzer eines ländlichen Fuhrwerks, welcher unſere drei Reiſenden einige Stunden vor Paris willig aufſteigen ließ, hätte ihnen aber beinahe den Muth benommen, ihre Reiſe zu vollenden und ihr Vorhaben auszuführen. Nach⸗ dem er nämlich die Abſicht erfragt hatte, welche Griſſard und die beiden nach Paris führte, er ſpöt⸗ tiſch aus: „O Ihr Leichtgläubigen! Ha! bildet Ihr Euch wirklich ein, daß man Euch vor den König laſſen werde? Wiſſet, daß derſelbe unaufhörlich von einem dichten Schwarme zahl⸗ loſer Hofſchranzen, Diener, Schmeichler, vornehmer Beam⸗ ter und Leibwachen umgeben iſt, die Euch insgeſammt den Zutritt zur Majeſtät verwehren.“ „Unſer Herrgott“— ſprach Süperbe—„iſt mächtiger 54 als alle Könige und dennoch erlaubt er Menſchen, ſich ihm zu nahen und ihn zu bitten.“ „Ja, unſer Herrgott iſt kein König von Frankreich!“— lachte der Fuhrmann.„Hoffet Ihr, daß der König von Frankreich um eines erſchoſſenen Pudels, um eines abge⸗ ſchlagenen Röhrbrunnens, um einer Strohhütte und eines Gärtchens, endlich um eines ſich gekränkt glaubenden Pfäff⸗ leins willen in's Mittel ſchlagen werde? Der König hat Anderes und weit Wichtigeres zu thun, als ſich um ſolche Kleinigkeiten zu kümmern.“ „Ich habe“— entgegnete Süperbe—„unſern Herr⸗ gott gebeten, das junge Böcklein, welches von dem Pferde unſers Herrn getreten worden war, wieder geſund werden zu laſſen, und er hat mein Gebet erhört. Was für den König von Frankreich als eine Kleinigkeit erſcheint, iſt für uns von großer Wichtigkeit.“ „Der König von Frankreich“— verſetzte der Fuhr⸗ mann—„iſt nicht unſer Herrgott, der ſich eher um ein Fliegenbein als unſer König um das Wohl oder Wehe eines ganzen Dorfs bekümmern kann. Es iſt wohl zuweilen der Fall, daß der König eine Stunde anberaumt, in welcher er ſeinen Unterthanen den Zutritt erlaubt und ihren Bitten Gehör giebt. Allein es iſt die große Frage, ob Ihr zu einer ſolchen glücklichen Stunde gerade zugegen ſeid.“ „Unſer Herrgott“— meinte Süperbe—„hält ſtets, bei Tage wie bei Nacht, ſein Ohr offen für die Bitten ſeiner Menſchenkinder.“ „In dieſem Anputze und barfuß, wie Ihr geht“— fuhr der Mann fort—„dürft Ihr auch nicht vor den König 55 hintreten. Da müßt Ihr fein geſchniegelt und gebügelt er⸗ ſcheinen, in weißen Strümpfen und reinlichen Schuhen.“ „Unſer Herrgott iſt nicht ungehalten“— antwortete Stüperbe—„wenn man ſelbſt barfuß, ungewaſchen und nur halb oder gar nicht angekleidet zu ihm in der Noth um Beiſtand ruft.“ „Bekommt Ihr ja den König zu ſprechen“— ſagte der Fuhrmann weiter—„ſo müßt Ihr die Worte zierlich ſetzen, müßt Sire und Euer Majeſtät ſprechen und nicht wie mit Eures Gleichen.“ „Zu unſerm Herrgott ſpreche ich: Unſer Vater und Du!“ ſeufzte Süperbe.. „Und merkt Euch endlich noch, daß Ihr Nichts vergeſſet in Eurer Bitte, wenn Ihr vor dem Könige ſtehet. Noch einmal wieder umkehren oder zweimal um Gehör bitten, dürft Ihr durchaus nicht.“ „Zu unſerm Herrgott“— wendete Süperbe ein— darf ich des Tages und bei Nacht ſo vielmal kommen, als mir beliebt, und er verliert nimmer die Geduld.“ „Was lauft Ihr aber zum König,“— fuhr der Mann unwillig auf—„wenn Ihr an unſerm Herrgott einen viel gnädigern und mächtigern Helfer habt als den König? Warum habt Ihr nicht bei ihm Euern Gutsherrn verklagt?“ Darauf ſchwieg Süperbe ganz beſtürzt ſtill. Griſſard aber glaubte, die Vertheidigung ſeiner Richte übernehmen zu müſſen. „Warum wir Das nicht gethan haben?“— ſprach er. „Wir haben es gethan! Aber unſer Herrgott ſagte zu uns: Wendet Euch zuerſt an Euern irdiſchen Richter und Landes⸗ 56 vater. Hilft dieſer Euch nicht: ſo bin ich da und werde thun, was recht iſt. Neun und neunzig tauſend Schock Neunaugen! für was nimmt der König von Frankreich all⸗ jährlich mehr wie tauſend Millionen Franken ein, worunter auch unſer Scherflein ſich befindet, wenn er ſeinen Unter⸗ thanen nicht zu ihrem Rechte verhelfen wollte?“ „Ihr werdet ſchon ſehen“— lachte der Fuhrmann— „daß ich recht gehabt habe. Schaut Euch das Ding nur erſt in der Nähe an.“ So war es wirklich. Bevor jedoch die Rede des Fuhr⸗ manns ſich als wahr auswies, ſtaunte Süperbe, welche als kleines Kind Paris verlaſſen hatte, noch mehr aber Alma, die ungeheure Stadt an, deren Häuſer und Thürme bis in die Wolken zu reichen ſchienen. Die Mädchen waren be⸗ täubt von dem Menſchengewühl, von dem unaufhörlichen Wagenraſſeln, von dem Lärme der Ausrufer und der Ver⸗ käufer, von all' den Dingen, die ſie hier zum erſtenmale zu Geſicht bekamen.- Das war im Jahre 1789. Was würden die Mädchen erſt geſagt haben, wenn ſie jetzt nach Paris kämen! Alma in ihrer Einfalt richtete an eine, ihr begegnende Frau die höfliche Frage:„Meine Liebe, ſagt mir doch, wo meine Tante Grangier wohnt?“ Die Frau betrachtete Alma ganz erſtaunt vom Kopf bis zu den Füßen. Dann lachte ſie laut auf, ſchüttelte den Kopf und ging weiter, ohne ein Wort zu ſagen. Griſſard, die Beſtürzung Alma's über dieſe Unhöflich⸗ keit wahrnehmend, ſagte hierauf begütigend: „So darfſt Du in Paris nicht fragen, Kind! Das iſt 57 gerade ſo, als wenn Du ein Körnlein in einem vollen Scheffelſacke Getraide um die Herkunft der übrigen Körn⸗ lein befragen wollteſt. Doch da erblicke ich eine Schild⸗ 3 wache. Gieb Acht, wie ſchnell ich von derſelben erfahren⸗ werde, um was ich ſie frage. He da! Kamerad! ſagt mir doch, wie ich am ſchnellſten zur Filtregaſſe gelange und ob dort an der linken Ecke noch der ehrliche Drocier ſeine Schänkwirthſchaft hält, wo wir Soldaten vom Regiment der Königin unſere Löhnung verjubelten?“ „Geht nur immer der Naſe nach“— verſetzte die Schildwache verdrießlich—„und Ihr werdet dorthin kom⸗ men, wohin Ihr wollt.“ Der Soldat wendete ſich hierauf und ſchritt mit dem Gewehr im Arm davon. Nun war die Reihe des Staunens an Griſſard gekommen. „Iſt das Kameradſchaft?“ fragte er bitter.„Iſt Paris umgekehrt und zu einem Babel geworden, wo Keins den Andern verſteht? Tauſend Millionen Fiſchgräten! Trüge ich jetzt noch mein gutes Seitengewehr und ſtünde jener Grobian nicht gerade auf Wache: ich forderte ihn zum Zweikampf heraus.“ Langſam und unentſchlüſſig wanderte das Kleeblatt weiter, immer rathloſer die zahlloſen Schilde und Tafeln überleſend, welche die Häuſer bedeckten und lauter Namen enthielten. „Vormals kannte ich halb Paris“— brummte Griſſard —„und halb Paris mich. Und heute ſtößt mir nicht ein bekanntes Geſicht auf. Dazu macht mich das Straßen⸗ pflaſter müder als der weite Weg von Miraille bis hieher. Ich dächte, Süperbe und Alma, daß auch Ihr beide auf Euern Knochen mühſam nur noch forthumpelt. Treten wir in die nächſte Kneipe und trinken wir uns wieder Kraft und Muth. Vorher aber wollen wir von jenem Bäckerladen uns etliche Soubrötchen kauſen, denn Ihr werdet nicht minder hungrig ſein als ich, und auch wiſſen wollen, wie gut das pariſer Gebäck ſchmeckt.“ „Gebt mir, mein Freund“— ſprach Griſſard zum Bäcker, welcher mit untergeſchlagenen Armen vor ſeiner ausgeſtellten Backwaare ſtand—„ſechs von dieſen nied⸗ lichen Soubrötchen.“ „Man merkt's, guter Mann,— urſet der Bäcket rd—„daß Ihr hier fremd ſeid. Aus welchem glück⸗ lichen Orte kommt Ihr, daß Ihr dieſes Gebäck für Sou⸗ brötchen haltet? Drei Sous iſt der Preis, denn das Ge⸗ treide koſtet heuer dreimal ſo viel als andere Jahre.“ „Iſt's möglich?“ rief Griſſard erſchrocken aus.„Guter Gott! werden wir da mit unſern wenigen Franken aus⸗ reichen? Ach, meine Kinder! es ſcheint nicht allein in Miraille ſchlimme Zeit zu ſein, ſondern auch anderwärts. Gebt uns“— fuhr Griſſard zum Väcker fort—„nur drei ſolcher kleinen, theuren Brötchen. Wir müſſen uns nach unſerer Decke, d. h. nach unſerm magern Geldbeutel ſtrecken, und den Schmachtriemen ſtraffer um den Leib ziehen.“ In der Kneipe angelangt, beſtellte Griſſard eine halbe Flaſche Wein von dem billigſten Preiſe. „Brrrr!“ ſchüttelte er ſich, nachdem er von dem Ge⸗ tränk gekoſtet hatte—„richtiger Eſſig das! Neun und neunzig Schock Heringsköpfe! Wenn ich ohne Loch im 6 59 Magen von dieſem Weine wegkomme, will ich froh ſein. Paris! Paris! wie ſchrecklich haſt du dich verändert!“ Bei dem längeren Verweilen bemerkte Griſſard noch eine Veränderung anderer Art. Anſtatt daß vormals die Trinker luſtig, ja ausgelaſſen ſich bewieſen hatten, vernahm Griſſard von den anweſenden Gäſten ein dumpfes Murren, das ſpäter in laute Unzufriedenheit mit der Regierung und in offene nen und Schimpfreden gegen die⸗ ſelbe überging. Als endlich ſogar König ſelbſt, noch mehr aber die Königin verunglimpft wurde, ſo vermochte Griſſard länger nicht ein theilnahmloſer Zuhörer vi bleiben. Er ſprang von ſeinem Sitze auf, ſchlug mit der Fauſt donnernd auf den Tiſch, daß die Flaſche nebſt den Gläſern umfiel, und wollte mit dem Fluche:„Neun und neunzig tauſend Schock Stockfiſchſchuppen!“ ſeinen König und deſſen Ge⸗ mahlin vertheidigen. Eine ihm in's Antlitz geſchleuderte Wütze, noch mehr aber die Anſprache eines Trinkgaſtes verhinderte jedoch eine Fortſetzung von Griſſards begonnener Rede. „Nur an Deinem Fiſchfluche“— rief jener Gaſt, ein Maurer mit Kalk⸗ und Rußflecken im beſchmutzten Geſicht— „erkannte ich Dich wieder, Du alte, dürre Vogelſcheuche! Griſſard! Du verſchollenes Neunaugengeſicht, wie kommſt Du einmal hierher? Sind dieſe etwa Deine Ableger, die Du hier in Penſion zu bringen gedenkſt?“ Der Maurer deutete lachend auf Süperbe und Alma, welche Griſſards Abſicht errathen hatten und desbalb angſt⸗ volle Mienen machten. 60 Griſſards Zorn war plötzlich verraucht. Freudig um⸗ armte er den Maurer, in dem er einen ehemaligen Kamera⸗ den wieder fand, Merceraut mit Namen. Nachdem beide Freunde ſich gegenſeitig begrüßt und über ihre jetzigen Ver⸗ hältniſſe ausgefragt hatten, ſprach Griſſard: „Du unterbrachſt mich vorhin, Merceraut, als ich eben im Begriff ſtand, die Majeſtäten gegen dieſe Elenden da zu vertheidigen, welche Schmähungen gegen ſie auszuſtoßen wagten. Iſt eine ſolche Niederträchtigkeit jetzt in Paris erlaubt? Sonſt gethan, würden die Schmäher morgen bereits in die Baſtille ſpatzieren.“ „Still, Du dürre Vogelſcheuche!“ verſetzte Merceraut gedämpft.„Die Zeiten haben ſich geändert und die Men⸗ ſchen ebenfalls. Die gefürchtete Baſtille ſteht ſeit dem 14. Juli dieſes Jahres nicht mehr und Dein Freund Merceraut war einer von den Erſten, welche dieſes alte Rattenneſt erſtürmten und dann niederriſſen. Du mußt in Deinem Miraille auf den Ohren geſeſſen haben, weil Du von dieſer unſerer Heldenthat noch nichts weißt. Uebri⸗ gens vertheidige weder die Regierung, noch den König und die Königin mit einem Worte, wenn Du nicht alsbald windelweich oder gar todtgeſchlagen ſein willſt. Du biſt kein Schweizer, der für des Königs Vertheidigung ſich gut bezahlen läßt.“ „Schimpfeſt Du auch mit?“ fragte Griſſard. „Wenn man unter den Hunden ſich befindet“— erwie⸗ derte Merceraut achſelzuckend—„ſo muß man mit heulen, wenigſtens nicht widerbelfern, wenn man ganze Knochen be⸗ halten will. Seid klug wie die Schlangen, ſteht in der Schrift.“ — 18 61 „Doch ohne Falſch wie die Tauben!“ ſprach Süperbe. „Wer iſt dieſes krumme Fragezeichen?“ fragte Merce⸗ raut, auf Süperbe zeigend.„Sind dieſe geköpfte Weide und jene ſchlanke, junge Tanne Deine Kinder, alter Eichbaum?“ „Dieſe iſt meine Nichte“— entgegnete Griſſard— „und jene das Kind meiner Nachbarin. Süperbe iſt das arme Kind, das man für todt unter dem Körper ſeiner erſchlagenen Mutter hervorzog, als damals das Baugerüſte bei dem Einzuge der jetzigen Königin zuſammenſtürzte.“ „Ha!“ rief Merceraut—„da hat Deine Nichte auch nicht Urſache, der Königin grün zu ſein.“ „Ich liebe ſie dennoch,“— ſprach Süperbe—„denn ſie war ja unſchuldig an meinem Unglück.“ „Sprechen wir von etwas Anderem“— meinte Mer⸗ ceraut—„Gedenkſt Du Dich in Paris wieder niederzu⸗ laſſen oder nur einen Beſuch abzuſtatten? Das Pflaſter iſt jetzt theuer in Paris und wer keinen ſtraffen Geldbeutel mitbringt, wird eben nicht Seide hier ſpinnen.“ „Wir wollen unſern Gutsherrn beim König verklagen“ — erwiederte Griſſard—„und deshalb eine bei ihm zu erlangen ſuchen.“ „Ha! ha! ha!“— lachte Merceraut.—„Audienz! Welchen mächtigen Fürſprecher haſt Du denn, der Dich und Dein Geſuch durch die dichte Schaar feiler Höflinge bis zur Majeſtät gelangen läßt?“ „Ich habe Niemand als mein gutes Recht“— ant⸗ wortete Griſſard—„und dieſe beiden armen Kinder.“ „Nun, ich wünſche Dir Glück zu Deinem Wege“— 62 ſprach Merceraut höhniſch.„Du einen vergeblichen Spatziergang nach Verſailles und zurück machen. Aber heut' iſt's damit zu Wo gedenkſt Du zu über⸗ nachten?“ Griſſard krauete ſich hinter dem Ohre.„Vormals beſaß ich Freunde genug in Paris“— ſprach er—„und dieſes Kind meiner Nachbarin hat hier eine Tante wohnen, allein der Guckuck weiß ſie gleich aufzufinden in dieſem Irr⸗ ſale von Straßen und Häuſern. Du beſitzeſt wohl nicht ſo viel Raum in Deiner Wohnung, um uns einzuſchachteln für eine Nacht?“ „Ich bedauere, Dir nicht dienen zu können“— ver⸗ ſetzte der Maurer.„Ich bin unverheirathet und ſelbſt zur Aftermiethe, wo ſich nicht einmal mehr Platz für einen Hund zum Nachtlager vorfindet, geſchweige für drei Per⸗ ſonen. Aber ich will mit dem Wirth hier ſprechen und ihn bitten, daß er Euch gegen eine billige Vergütung beherberge. Heda, Bürger Clairvaut! mein alter Freund, der Bürger Griſſard, hier nebſt ſeinen Kindern, wünſcht für dieſe Nacht bei Dir zu herbergen. Du wirſt ihm und mir gewiß den Gefallen erzeigen, wenn ich Dich darum bitte. Er iſt ein ſo guter Demverat wie ich ſelbſt.“ „Was ſchwatzeſt Du?“ ſpach Griſſard gedämpft.„Ich und ein Bürger von Paris! Wohin denkſt Du! Und nicht Democrat, ſondern Soldat war ich, wie Du. Welch' ein neumodiſches Wort iſt das wieder?“ „Schweig'!“ gebot Merceraut.—„Jetzt iſt jeder Fran⸗ zoſe ein freier Bürger und wer nicht ein Edelmann oder — 2 63 Hofdiener iſt, nennt ſich Democrat. Nun, wie ſteht's, Bürger Clairvaut?“ „Ich habe oben unter dem Dache“— antwortete jener „eine kleine Kammer, in welcher allenfalls Raum zum Nacht⸗ lager für drei Perſonen iſt. Beſeht ſie Euch und wenn ſie Euch genügt, ſo ſoll bald das Lager bereitet ſein.“ O!“ ſagte Griſſard—„wir begnügen uns mit einem Mäuſeloche und einem Heulager. Wie viel aber, Bürger Clairvaut, fordert Ihr für Eure Herberge auf eine Nacht?“ „Zwei Franken nur,“— entgegnete der Wirth— weil Ihr des Bürgers Merceraut Freund ſeid.“ „Tauſend Millionen Schock Haifiſchzähne!“ fluchte Griſſard erſchrocken—„drei Franken zahlte ich in Miraille für ein Vierteljahr Miethe, und meine Wohnung war kein Mäuſeloch, verſichere ich Euch.“ „Da müßt Ihr im Schlaraffenlande gewohnt haben“— ſprach Clairvaut—„Hier in Paris, wo man von lauter Abgaben erdrückt wird, iſt meine Forderung ein Spottgeld nur. Auch zwinge ich Euch meine Kammer keineswegs auf, ſondern trete ſie Euch nur auf Mercerauts Bitten ab.“ „Greif' zu, Griſſard!“ meinte Merceraut—„wenn Du nicht mit Deinen Weibsbildern die Racht auf der Straße zubringen willſt. Clairvauts Forderung iſt die billigſte von der Welt oder vielmehr in Paris, wo man noch die Luft beſteuern wird.“ Seufzend fügte ſich Griß ard. Als er mit Süperbe und Alma die ſchmalen, finſtern und ſteilen Treppen zu der ge⸗ mietheten Kammer hinaufſtieg, meinte Alma, daß der Kirch⸗ thurm in Miraille nicht ſo viele Stufen zähle als dieſes Haus. 64 In der Kammer ſelbſt angelangt, fanden ſie in derſelben einen wahren Winkel von kaum vier Ellen Breite und fünf Ellen Tiefe, mit einer geraden und einer ſchiefen Wand und einem ſchiefen Dache, von einer kleinen Lucke nothdürftig erhellt und mit einem Lager von Wirrſtroh verſehen. „Neun und neunzig Schock Steinbutten!“ ſprach Griſ⸗ ſard ſpöttiſch.„Wir wohnen ja hier wie die Prinzen vom königlichen Geblüt! Tapeten von geriſſenem Sammet, decken⸗ hohe Spiegel, gebohnter Fußboden und Betten von Eider⸗ dunen! Den Himmel können wir mit den Händen ergreifen. und eine Ausſicht haben wir wie nirgends, ſo ſchön.“ Ja, einzig in ihrer Art war die Ausſicht wirklich. Von allen Seiten umſtarrten hohe, ſchwarzgraue Brandmauern und eine Armee rauchſpeiender Schornſteine das enge Dach⸗ kämmerlein. Das große, ſchöne Paris kam den beiden Mädchen wie ein übertünchtes Grab vor: auswendig prunkvoll anzu⸗ ſchauen, inwendig aber voller Unrath und Todtenbeine! „Ach, unſere Hütte!“ ſeufzte Alma.„Unſer nettes Stübchen mit dem weinumrankten Fenſter und dem freund⸗ lichen Gärtchen davor!“ „Geduld!“ tröſtete jetzt Griſſard.„Morgen gehen wir nach Verſailles. Das iſt ein Paradies gegen dieſes Paris. Und haben wir unſere Klage angebracht und unſer Recht erlangt, ſo ergreifen wir wieder unſern Wanderſtab und erzählen daheim, was wir hier geſehen und erlebt haben. Eine Nacht nur, und mehr nicht, bewohnen wir dieſen Palaſt.“. —— 67 Himmel! welch' ein Schloß das war! Nicht doch, eine kleine Stadt vielmehr, von einem ungeheuren Garten und Luſtwalde umgeben! Ein hundert fünf und ſiebenzig Fenſter zählte die Stirnſeite dieſes Rieſenſchloſſes in ihrer Breite nach dem Garten zu, und welche eine Flucht von Nebenge⸗ bäuden außerdem noch zu dem königlichen Wohnſitz gehörte! Wohin das Auge blickte, ſtieß es auf marmorne und erzene Bildſäulen und Gruppen, auf künſtliche Waſſerfälle, Felſen⸗ grotten und haushoch ſpringende Waſſerſtrahlen, in deren fallende Tropfen die Morgenſonne einen hüpfenden Regen⸗ bogen malte. Und ſchneeweiße Schwäne durchſchifften die marmornen Waſſerbecken und kühlten ihre ſtolze Bruſt in dem friſchen Waſſer und ſchwangen rauſchend ihre langen Fittige, ſo daß das Waſſer weit umherſpritzte. Ein künſt⸗ licher Wald von Orangenbäumen, welche in zierlich bemalten Holzfäſſern wurzelten, verbreitete den ſüßeſten Wohlgeruch, wozu Tauſende und aber Tauſende der verſchiedenſten Blu⸗ men ihren Beitrag ſpendeten. Unabſehbare Treib⸗ und Gewächshäuſer mit ihren gläſernen Vorderſeiten ſchloſſen ſich dem Prachtbaue der Hauptgebäude an und nicht minder ſchöne und umfangreiche Häuſer, als die Ziergewächſe zu ihrer Winterwohnung beſaßen, hatten die an tauſend und darüber reichenden königlichen Pferde inne. Das Staunen, welches Süperbe und Alma bei dieſer Augenweide befiel, verſchloß ihnen anfänglich den Mund. Endlich hob Alma ſeufzend an: „Darin alſo wohnt der König ganz allein? Guter Gott, da kann er ſich ja müde gehen, wenn er alle ſeine Zimmer durchſchreiten will.“ 68 „Das kann er auch“— bejahete Griſſard.„Hunderte von Zimmern und Sälen giebt's in dem Schloſſe da.“ „Aber der König kann doch nur in Einem wohnen und ſchlafen“— bemerkte Alma.„Hat er viele Kinder vielleicht?“ Nur zwei“— antwortete Griſſard—„eine Prinzeſſin und einen Prinz, nachdem der älteſte Prinz ihm vor kaum vier Monaten geſtorben iſt.“ „Und ein ſo großes Schloß!“ ſprach Alma, in neues Staunen ausbrechend.„Da iſt ja unſer ganzes Dorf Miraille mit ſeinem Schloſſe nichts dagegen!“ „So iſt's!“— nickte Griſſard.„Neun und neunzig Schock Karauſchen! Der erſte Mann in ganz Frankreich muß doch auch das erſte, ſchönſte und größte Haus beſitzen?! Soll der größte Monarch auf der Erde vielleicht unter einem Strohdache wohnen? Woher ſollte denn der Reſpect vor ihm kommen? Uebrigens hat nicht der jetzige König Ver⸗ ſailles erbaut, ſondern ſein Vorvorgänger, Lndwig XV. Dieſes Schloß, mit dem, was darin iſt, und darum und daran hängt, hat Hunderte von Millionen gekoſtet. Die Waſſerkünſte hier und dort drüben in Trianon haben allein 15000 Menſchenleben in's Gras beißen machen.“ „Wie?“ fragte Süperbe erſchrocken—„15000 Men⸗ ſchenleben hätten dieſe Waſſerſpiele gekoſtet? Wie wäre das möglich geweſen?“ „Die Sache ging ſehr natürlich zu“— verſetzte Griſ⸗ ſard—„weil viele Tauſende von Menſchen jahrelang hier in einem ungeheuern Sumpfe arbeiten mußten, um die Waſſerkünſte in's Daſein zu rufen, ſo raffte das Sumpf⸗ N 69 fieber die Arbeiter wie die Fliegen hinweg, bis jene Zahl erreicht und die Arbeit zu Stande gekommen war. Jene 15000 Menſchen find längſt verfault und vergeſſen, die Waſſerkünſte aber gehen heute noch und erfreuen das Auge. Eine einzige Schlacht rafft zuweilen mehr wie 15000 Men⸗ ſchenleben hinweg und wir haben ſogar ein Beiſpiel, daß ein ſchief gebautes Fenſter weit mehr als 15000 Menſchen den Tod und Hunderttauſende in das bitterſte Elend ge⸗ bracht hat.“ „Ein ſchief gebautes Fenſter?“ fragte Alma ungläubig. „Dieſes Wunder möchte ich erklärt wiſſen.“ „Das kann geſchehen,“— erwiederte Griſſard—„da, wie es den Anſchein hat, es noch zu früh iſt, um vor den König gelaſſen zu werden. So höret denn! Ludwig XIV. hatte einen Miniſter, mit Namen Louvois, welcher nicht nur ganz Frankreich, ſondern ſogar den König ſelbſt beherrſchte. Dieſer ward allgemach ſeines Miniſters überdrüßig, fürch⸗ tete ſich aber, ihm geradezu ſolches zu ſagen oder ihn zu verabſchieden. Louvois führte die Oberaufſicht über die königlichen Bauten und ließ nach des Königs Willen ein ſchönes Schloß dort drüben in Trianon bauen. Als das⸗ ſelbe ziemlich fertig war, bat Louvois den König, das neue Schloß in Augenſchein zu nehmen. Der König that dieß, allein, anſtatt das wirklich ſchöne Bauwerk zu loben, tadelte er an einem der vielen Fenſter, daß es oben am Sturz ſchief ſei. Als nun Louvois dagen ſtritt, ließ der König die bei⸗ den aufrecht ſtehenden Fenſtergewände meſſen und da fand ſich's, daß der König recht geſehen hatte, indem die eine Seite um ein paar Zoll niedriger war als die andere. Da ſagte 70 der König, froh, daß er einmal ſeinem gefürchteten Miniſter einen Klapps geben konnte:„Ei, ei, lieber Louvois! Sie können nicht einmal ein ſchiefes Fenſter unterſcheiden und wollen doch gleichwohl ganz Frankreich regieren?“ Dieſe Worte, vor allen neidiſchen und ſchadenfrohen Höflingen geſprochen, verſetzten Louvois in die furchtbarſte Wuth, die er zwar vor dem Könige verbarg, allein dafür anderwärts deſto ſchrecklicher ausbrechen ließ.„Ich will“— ſagte er zu ſeinen Vertrauten—„dieſen König dergeſtalt beſchäftigen, daß er nicht mehr Zeit haben ſoll, ſich um ein ſchiefes Fen⸗ ſter zu bekümmern.“ Und Louvois zündete einen Krieg an, — es war im Jahr 1688— welcher nicht nur Hundert⸗ tauſenden das Leben und unermeßliche Summen koſtete, ſondern auch die blühende Pfalz zu einer Wüſte machte.“ „Dieſer Louvvis“— ſprach Süperbe unter einem Schau⸗ dern—„iſt ein zweiter Haman geweſen, welcher wegen eines unterlaſſenen Grußes von Seiten Mardachais alle Juden im Reiche des Ahasverus umbringen laſſen wollte.“ „Nur mit dem Unterſchiede“— meinte Alma—„daß Haman ein blinder Heide, Louvois hingegen ein Miniſter des allerchriſtlichſten Königs war.“ „Ich fürchtete mich“— ſagte Süperbe—„wenn ich, wie der König, ſo ganz allein und des Abends durch meine vielen, einſamen und finſteren Zimmer wandelte. Ich bil⸗ dete mir ein, jene 15000 Menſchen, die am Sumpffieber geſtorben ſind, mit leichenblaſſen Geſichtern durch die Glas⸗ ſcheiben der Fenſter hereinblicken zu ſehen.“ „Pah!“ rief Griſſard aus.„Finſtere Zimmer? Einſam durchwandern? Ha! ha! Gleichwie der Mond des Nachts U von einem zahlloſen Heere blinkender Sterne umringt iſt, eben ſo der König von Frankreich von ſeinem Hofſtaate, der mehr wie tauſend Perſonen, ohne die Schweizergarden, in ſich faßt. Und die Kronen⸗ und Wandleuchter mit ihrem Heere von Wachskerzen ſpotten des Tageslichts und laſſen nicht einen Winkel im Schloſſe unerleuchtet.“ „Aber, wozu braucht der König ſo viele Leute um ſich?“ fragte Alma.„Er kann ſich doch unmöglich von zwei tauſend Händen zugleich bedienen laſſen?“ „Das iſt wahr,“— erwiederte Griſſard.„Höre aber, was der König einmal von ſeinen vielen Dienern ſagte. „Ich brauche ſie nicht,“— ſprach er—„aber ſie brauchen mich.“ Und da hat er ganz recht geſprochen. Viele arme Schlucker wüßten nicht, woher das tägliche Brod nehmen, wenn ſie nicht in des Königs Dienſten wären. Doch, dort ſehe ich Leute ſich an einem Gitter verſammeln. Was mag das zu bedeuten haben? Laßt uns näher hingehen.“ Bald ſtanden Griſſard und ſeine Begleiterinnen gleich⸗ falls an dem, halbe Mannshöhe erreichenden Eiſengitter, welches ein kleines Blumengärtchen von den übrigen Garten⸗ anlagen trennte. Ein kleiner Knabe von zartem, ebenmäßi⸗ gem Bau, mit langen, herabwallenden Ringellocken und einem ausdrucksvollen Geſichte, beſchäftigte ſich mit leichten Gartenarbeiten. Er zupfte hier Unkraut aus, band dort einen Blumenſtengel an, überfuhr die ſchmalen Gänge mit einem niedlichen Rechen und pflückte endlich einen bunten Blumenſtrauß. Ein Hofdiener beobachtete in ehrfurchts⸗ voller Entfernung die Bewegungen des etwa fünfjährigen 72 Knaben, welcher zuweilen ſein großes, blaues Auge auf die Zuſchauer hinter dem Gitter richtete. „Es iſt“— erklärte einer der Zuſchauer mit halblauter Stimme auf Griſſards Frage—„der Dauphin und künf⸗ tige König von Frankreich. Ein liebes und über ſeine Jahre kluges Kind, von welchem ſich Frankreich einſt viel ver⸗ ſprechen darf.“ Jetzt betrachteten Griſſard und ſeine Gefährtinnen das königliche Kind, die Hoffnung Frankreichs, mit ganz anderen Augen und Empfindungen wie vorher. Ja, als Ludwig XVI. in Griſſards Nähe kam und einen Blick voll Freundlichkeit und Wohlwollen auf ihn warf, brach jener in die, aus einem vollem Herzen kommenden Worte aus: „Gott ſegne und erhalte Ew. königliche Hoheit noch lange zum Heile Frankreichs!“ Der Dauphin heftete hierauf ſeinen Blick freundlich auf den Sprecher und entgegnete:„Ich danke Euch, mein Freund und ſchenke Euch dieſe Blume für Euern Wunſch.“ Und der kleine Prinz reichte dem vormaligen Flurſchützen eine volle Aſter, die dieſer mit tiefer Empfindung erfaßte und in ſeinen Buſen barg. Dabei konnte es nicht fehlen, daß der Dauphin auch Süperbe und Alma erblickte, welche dicht neben Griſſard ſtanden und deſſen Gefühle theilten. „Armes Mädchen!“ ſprach der kleine Prinz, indem er die gebrechliche Süperbe anſah. Er griff in ſeine Taſche und reichte Süperbe ein großes Silberſtück dar. Dieſe Leutſeligkeit flößte dem Griſſard ſolchen Muth ein, daß er raſch die Bittſchrift hervorzog, welche ſeine, Süperbe's und der Frau Malmier Klagen gegen Maurice von Lünette ent⸗ 73 hielt und ſie dem Prinzen mit, der Bitte einhändigte, das Papier in die Hände ſeines königlichen Vaters zu legen. Der kleine Dauphin nahm das Bittſchreiben in die eine und den Blumenſtrauß in die andere Hand und ging mit eiligen Schritten in die nahe Thüre eines Pavillons, wohin ihm der Diener nachfolgte. Nicht lange währte es, ſo erſchien der Dauphin wieder an der Hand einer überaus ſchönen und majeſtätiſchen Frau, der Königin Antvinette, welche der Prinz nach der Stelle hingeleitete, wo Griſſard mit den beiden Mädchen hinter dem Gitter ſtand. „Arme Kleine!“ redete die Königin Süperbe mit mit⸗ leidiger Stimme an—„Du haſt alſo Deine Gebrechlichkeit jenem Unglückstage zu danken, deſſen Andenken noch jetzt mein Herz mit Schmerz und Trauer erfüllt! Ach, daß ich Dir weder die Mutter, noch Deinem Körper die Geſundheit zurückzu⸗ geben vermag! Arme Waiſe! Enpfange einſtweilen aus der Hand meines Kindes nur ein Mittel, Dir eine kleine Ergötzlichkeit zu bereiten.“ Und der Dauphin legte in Süperbe's Hand ein kleines, aber gewichtiges Papierpäcktchen. „O“— verſetzte Süperbe mit bewegter Stimme und thränenden Augen—„jetzt beklage ich meine Gebrechlich⸗ keit nicht mehr. Ohne ſie würden Sie, gnädigſte Königin, mich weder bemitleidet, noch ſo reich beſchenkt haben.“ „Und Du, Kind!“ wendete ſich die Königin zu der hoch erröthenden Alma—„haſt den weiten Weg hierher unternommen aus Liebe zu Deiner Mutter und um derſelben das Recht zu verſchaffen, welches ihr die Willkür Eures 74 Gutsherrn entzogen hat? Das iſt löblich von Dir. Ich aber verſpreche Euch dreien, daß Eure Sache genau unter⸗ ſucht und, wird Eure Klage begründet gefunden, zu Euern Gunſten entſchieden werden ſoll. Da jedoch vielleicht noch genauere Erörterungen angeſtellt werden müſſen, die Eure Vernehmung nöthig machen dürften, ſo bleibet noch einige Zeit hier in Verſailles oder in Paris. Bezeichnet Eure Wohnung unſerm Haushofmeiſter und wartet des Zeit⸗ punkts, wo man Euch heimzukehren heißen wird.“ Während das Kleeblatt ſeinen Dank in abgebrochenen Worten herſtammelte und die verſammelte Menge in den begeiſterten Ruf ausbrach:„Es lebe die Königin! Es lebe der Dauphin!“ entfernten ſich die Letzteren, wobei der Dauphin noch einigemal ſich umwendete und freundlich mit dem Kopfe nickte „Das war ein glücklicher Tag!“ ſprach Griſſard.— „Ja, ich darf wohl ſagen, der glücklichſte meines Lebens. Neun und neunzig Schock Aalraupen! Für eine ſolche Königin und für einen ſolchen Prinzen laſſe ich mich an einem langſamen Feuer braten. Welche Ehre uns ge⸗ worden iſt! Wie ſehr wir jetzt ein Gegenſtand der Be⸗ wunderung und der Neugierde geworden ſind! Nickte uns doch ſogar der reichbetreßte Hofbediente gnädig zu, als er mit dem Dauphin abging. Nun wächſt mir der Kamm⸗ Beſehen wir uns das königliche Schloß genauer und näher. Will uns jemand daran verhindern, ſo werde ich mich auf die Königin und auf den Dauphin berufen. Das wird ſo gut wie eine Zutrittskarte wirken.“ Stolz und mit vornehmem Anſtande ſchritt Griſſard 75 jetzt, an jeder Hand eins von den Mädchen führend, dem Schloſſe zu. Unterwegs ſprach er zu Süperbe:„Nun laß ſehen, Kind, was uns die königliche Hand beſchert hat. Entfalte das Papier. Tauſendmillionen Schock Ellritzen! Zweihundert Franken in funkelnagelneuem Geld! Huſſaſ⸗ ſaſſera! Nun haben wir zu leben und können es mit ganz Paris aufnehmen. Werft Euch in die Bruſt, Kinder! Ihr ſeid jetzt die Schützlinge der Königin von Frankreich und des Dauphins.“ Bald gelangten die Drei an die königliche Hofküche. Ha! dieſelbe war ja weit geräumiger als die Kirche in Miraille. Und welch' eine Menge von weißgekleideten Köchen mit weiß⸗ gepudertem Haar, mit weißen Zipfelmützen und ſchwarzen Haarbeuteln handtierten an den Küchentiſchen, den Heerden und Bratöfen umher! Welch' eine Maſſe von blinkenden Koch⸗ und Küchengeſchirr! Welch' ein Vorrath von Nah⸗ rungsmitteln aller Art! Die Zahl des gerupft umherlie⸗ genden Geflügels ging in die Hunderte, ſo auch die Menge der mannichfachen Fiſche. Ganze Rinder-, Schweine⸗, Kalbs⸗, Schaafviertel und Hälften bedeckten die Hackſtöcke und Küchentiſche. Der Inhalt eines Gemüſegartens lag ausgebreitet. Große Kübel voll goldgelber Butter ſtanden umher vertheilt, aus welchen die Köche große, runde Löffel voll entnahmen und nicht nur in die Bratpfannen vertheil⸗ ten, ſondern ſogar in das Feuer warfen, um daſſelbe höher auflodern zu machen. Die feinſten Hüte Zucker, die aus allen Welttheilen herbeigeſchafften Gewürze, Weine, Oele, Früchte, ſelbſt bis zur köſtlich duftenden Ananas, waren zur beliebigen Verfügung der Köche und deren Gehilfen vor⸗ 76 handen. Welch' eine Schaar von Küchenjungen, welche die vielen Bratſpieße drehten und die angeſpießten Braten mit zerlaſſener Butter übergoſſen! „Eine ſolchen Geruch“— hob Griſſard an—„bekommt ihr ſobald nicht wieder zu riechen, Kinder! Nehmt Euch eine Naſe voll davon zum Andenken mit. Ei, wer jetzt gleich ein Stück Brot zu verzehren hätte, dem müßte daſſelbe wie Wildpretsbraten ſchmecken.“ „Kommt das Alles auf des Königs Tafel?“ fragte Alma erſtaunt.— „Gewiß!“ antwortete Griſſard.—„Erſt ſucht ſich der König die beſten Biſſen und Leckereien heraus. Dann kommt die Königin, der Dauphin und die Prinzeſſin, ſeine Schweſter, an die Reihe. Was übrig bleibt, vertheilt ſich unter den Hoſſtaat und die Bedienung.“ „Welch' eine Menge von Eſſen!“— ſprach Alma. „Damit langten wir noch über unſer ganzes Leben hinaus, anſtatt auf eine einzige Mittagsmahlzeit.“ „Haſt Du nicht in der Bibel geleſen,“— verſetzte Griſſard—„daß der König Salomo täglich 30 Eor Semmelmehl und 60 Cor anderes Mehl brauchte? Ferner zehn gemäſtete Rinder und zwanzig Weiderinder, hundert Schaafe, und noch davon ausgenommen Hirſche, Rehe, Gemſen und anderes gemäſtetes Vieh? Ich ſage Dir aber, daß der König Salomo nur ein Schatten gegen den König von Frankreich geweſen iſt. Ich bedauere, daß ich unter dieſen Küchenmännern keinen meiner alten Bekannten entdecke. Sonſt fiele auch für uns ein Broſam⸗ lein von der königlichen Tafel: eine Hammelskeule, eine w „) gebratene Gans oder ein Rehrücken. Du ſiehſt, daß dieſe Burſche ihrer königlichen Gebieterin nicht gleichen. Sonſt würden ſie uns längſt ſchon eines Blicks und vielleicht auch einer Gabe gewürdigt haben. Hier trifft das Sprüchwort nicht ein: Wie der Herr, ſo der Knecht. Laßt uns weiter gehen.“ Als die bürgerliche Mittagszeit herankam, kaufte Griſ⸗ ſard für ſich und ſeine Begleiterinnen etliche einfache Nah⸗ rungsmittel, welche ſie in dem königlichen Schloßpark unter einer ſchattigen Ulme ſich trefflich ſchmecken ließen. Der König von Frankreich konnte nicht mit mehr Ap⸗ petit ſpeiſen als wie dieſe drei ſeiner geringſten Unterthanen. Später glückte es Griſſard mit Süperbe und Alma einen Platz auf einer Tribüne im königlichen Speiſeſaal zu er⸗ langen, von wo aus man herab auf die königliche Tafel ſehen konnte. Himmel, welch' eine Tafel das war! Welcher Reichthum an goldnem und ſilbernem Geſchirr! Welche Unzahl von dampfenden Schüſſeln von der zahlreichen Die⸗ nerſchaft herbeigetragen wurde! Welch' ein buntes Ge⸗ wimmel von Gäſten in reichgeſtickten Galakleidern! Welche Menge von leuchtenden Ordensbändern, von funkelnden Ordensſternen und blitzendem Diamantenſchmuck! Welche Pracht an geſtickten, mit koſtbaren Spitzen verbrämten, ſchwer ſeidenen Damenkleidern! Der fünfjährige Thronerbe von Frankreich, jetzt mit einem breiten Ordensbande und zwei Sternen geziert, war ein Gegenſtand größerer Aufmerkſamkeit von Seiten der Verſammlung, als der König ſelbſt. Man lauſchte jedem ſeiner Worte und begleitete jeden ſeiner geiſtreichen 78 Erwiederungen mit dem lebhafteſten Beifall und lauten Schmeicheleien. Weniger wurde des Dauphin Schweſter, die Prinzeſſin Marie Thereſe Charlotte, beachtet und von Schmeichlern umringt. Die beiden Mädchen hätten gar zu gern das Ende der königlichen Mahlzeit abgewartet, allein Griſſard erinnerte ſie an den weiten Rückweg nach Paris und an die ſchon vorgerückte Tageszeit. Müde, aber mit dem heiterſten Sinn langten ſie in Paris an, wo ſie nochmals ihr Dachkämmerchen bezogen und im Schlafe von nichts als der gütigen Königin, dem Dauphin und Rn Verſailles träumten. Siebentes Kapitel. Sinnesänderung. Es verſtrichen 14 Tage, ohne daß Griſſard einen Be⸗ fehl vom Könige oder deſſen Regierung erhielt, vor Gericht zu erſcheinen und ſeine Klage gegen Maurice von Lünette ausführlicher zu beweiſen. Dieſe Verzögerung machte den ehemaligen Flurſchützen unwillig. Der Aufenthalt in den theuern Paris zehrte bedeutend an den von der Königin geſchenkt erhaltenen 200 Franken und die überall im Volke ertönenden Klagen über den König und die Königin, denen 79 man ungerechter Weiſe die Theuerung der Lebensmittel zu⸗ ſchrieb, halfen Griſſards Zorn noch mehr ſteigern. „Verlaſſet euch nur auf Menſchen oder Fürſten!“— murrete er.—„Unſere Sache, die erſt einen ſo günſtigen Anlauf nahm, wird faul. Jedenfalls ſind wir mit unſerer Beſchwerde von der Königin oder dem König vergeſſen wor⸗ den, oder die Freunde unſeres Gutsherrn haben den Maje⸗ ſtäten ein für ein U gemacht. Wenn ich auch noch einmal mit den beiden Mädchen den Gang nach Verſailles machen wollte, ſo fragt ſich's ſehr, ob wir wieder ſo glücklich ſein und den Dauphin nebſt ſeiner königlichen Mutter ſprechen würden.“ „Unſer Herrgott vergißt nichts“— ſprach Süperbe. „Darum iſts gut, auf den Herrn vertrauen.“ Eben wollte Griſſard darauf antworten, als unten in den Straßen der Vorſtadt, wo Griſſard eine kleine Woh⸗ nung gemiethet hatte, ein furchtbarer Lärm ſich erhob. Es war der fünfte October 1789, ein Tag, der nicht minder bedeutungsvoll und noch folgeſchwerer war als derjenige, an welchem das Volk die Baſtille erſtürmt gehabt hatte. „Was bedeutet dieſer Lärm?“ fragte Griſſard und ſteckte den Kopf durch das kleine Dachfenſter ſeiner Woh⸗ nung. Allein er konnte vor dem Vorſprunge des Daches nichts ſehen, ſondern hörte nur verworrene Rufe, in welchen er das Wort„Verſailles“ wiederholt vernahm. „Ich muß doch ſehen, was es giebt“— ſagte Griſſard. „Bleibt indeß hier, Kinder, und wartet meine Rückkehr ab.“ Griſſard ging. Allein es verſtrich Stunde auf Stunde, ohne daß er wiederkam. Da endlich ſtiegen Süperbe und Alma beſorgt hinab und erfuhren auf ihr Fragen, daß an 30,000 Bewohner der ärmeren Vorſtädte von Paris nach Verſailles aufgebrochen ſeien, um ihre Beſchwerden und Bitten wegen der großen Theuerungsnoth dem Könige ſelbſt darzubringen. Da war es nur zu wahrſcheinlich, daß Griſſard ſich dieſem Volkszuge angeſchloſſen hatte. Am nächſten Tage, den 6. October, hatte Paris ein noch nie erlebtes Schauſpiel, von welchem auch Süperbe und Alma Augenzeugen wurden. In der Mitte eines raſenden Haufens von 200,000 Menſchen der niedrigſten Volksklaſſe bewegte ſich ein langer Wagenzug, welcher die ganze königliche Familie, deren Dienerſchaft, reiche Getreidevorräthe und andere, dem Schloſſe von Verſailles entnommene Gegenſtände mit ſich führte. Viele Tauſende von Weibern in zerlumpten Klei⸗ dern, abſchreckende, häßliche, vom Elend und Hunger ab⸗ gezehrte Geſtalten, umringten den Wagen der königlichen Familie unter ſtets erneutem, heiſerem Geſchrei, das bald Drohungen, bald Lebehochs enthielt. Leibwachen des Kö⸗ nigs und Nationalgarden, Kinder, Leute jeglichen Standes waren in dem gar nicht endenden Zuge gemiſcht, von deſſen Geſchrei und Lärmen ganz Paris wiedertönte und welcher jedes geſprochene Wort ungehört verſchlang. Ueber die dicht an einander gedrängten Köpfe der Hunderttauſende erhoben ſich aber zwei Häupter, blutig, mit ſchmerzvoll verzerrten Geſichtszügen und— ohne Körper! Dieſelben hatten zwei Männern von des Königs Leibwache angehört, welche, eben ſo treu wie furchtlos und tapfer, die Thüre zu der Königin Zimmer vor dem andringenden wüthenden 81 Volkshaufen vertheidigt und dabei ihr Leben gelaſſen hatten. Und ſo oft der König, die Königin, ſeine Schweſter, ſeine beiden Kinder ihr bekümmertes Auge erhoben, ſo ruhte es ſchaudernd und erſchrocken auf den bleichen, entſtellten, blut⸗ triefenden Zeugen entfeſſelter Volkswuth, indem man ab⸗ ſichtlich jene Köpfe zu beiden Seiten des königlichen Wagens auf Lanzenſpitzen einhertrug. Bei dieſem Anblicke barg Alma entſetzt ihr Antlitz an Süperbe's Bruſt und auch dieſe ſchloß ihre Augen vor dem fürchterlichen Bilde. So ſchnell als möglich eilten ſie dann in ihre Wohnung zurück, wo Griſſard, ſpät genug am Wher gleichfalls ſich einfand. Offenbar war der Letztere berauſcht, denn er ſwahte noch einmal ſo viel als ſonſt und prahlte gewaltig. „Auch ich war in Verſailles!“ ſtammelte er.„Den Zug dahin hättet Ihr mit anſehen ſollen! Dreißig tauſend Mann — nicht doch!— faſt zwei Drittheil Weiber waren dabei — marſchirten wir aus, um dem König und der Königin vor's Quartier zu rücken und ſie um Brot, wie um ſofortige Abſtellung der Hungersnoth zu bitten. Naht ſich ein Bettler mit demüthig gekrümmtem Nacken, ſo weiſet man ihn von ſich. Tritt er aber mit blankem Degen Jemandem an, ſo giebt man ihm, was er verlangt. Darum nahmen wir Ka⸗ nonen von Paris mit, und mir wollte das Glück ſo wohl, daß ich noch einen Platz auf einem Kanonenrohre erhielt und ſo den weiten Weg hinausreiten konnte. Ha! ha! mein Pferd war zwar kalt und hart, allein dafür begehrte es auch keinen Hafer. Wie wir nach Verſailles kamen, fanden wir dort im Schloßhofe etliche Tauſend Fiſch⸗ B Höcker⸗ Nieritz. Des Königs Kind. 8 weiber lagern. Dieſe hatten uns bereits gut vorgearbeitet mit ihren zarten Stimmen, hatten abwechſelnd geſchrieen und geheult, daß ſämmtlichen Schloßbewohnern angſt und bange geworden war. Um die Schreihälſe zum Schweigen zu bringen, hatte man ihnen Speiſe und Wein dargereicht, dadurch abet nur noch Oel in's Feuer gegoſſen. Nun rück⸗ ten wir mit unſern Kanonen an und baten um Gehör, um Brot und Anderes. Der König willigte in Alles. Hierauf ſchrieen wir nach der Königin, die man allgemein für die Urheberin alles unſers Elends anſieht. Sie zeigte ſich dem Volke, an jeder Hand eins ihrer Kinder haltend und den König zur Seite. Da hieß es:„Nicht die Kinder! die Kö⸗ nigin allein! Da verließen der König und deſſen Kinder den Altan und die Königin trat allein bis an's Geländer vor— unerſchrocken und heherzt. Da bemerkte ich, daß Merceraut neben mir eine Flinte auf die Königin anlegte und ſie auf's Korn nahm. Ein Mann jedoch ſchlug ihm das Gewehr aus der Hand, bevor er losdrücken konnte und ſchrie dann:„Es lebe die Königin!“ Nun, wir ſchrieen mit, worauf ſie freundlich dankte und abtrat. Der General La⸗ fayette, welcher das Volk angeführt hatte bei ſeinem Zuge nach Verſailles, bewog uns nun, ruhig von dannen zu ge⸗ hen, was auch geſchah. Wir zogen uns vom Schloſſe in die Stadt zurück, beſannen uns aber wieder anders und gingen heute morgen früh noch im Dunkeln wieder nach dem Schloſſe, wo Alles feſt ſchlief. Vor uns Männern her ſtürmte ein Haufe wüthender Weiber in das Schloß und geradezu nach den Zimmern der Königin, um ſie zu tödten oder wenigſtens gefangen zu nehmen. Zwei Leibwachen, welche die Thüre —,——— S beſetzt hielten und nicht weggehen wollten, wurden nach langem Widerſtande in Stücke zerriſſen und ihre Köpfe auf Spieße geſteckt. Als man aber in der Königin Zimmer ge⸗ langte, war der Vogel bereits ausgeflogen und hinter feſten Riegeln. Lafayette kam jetzt außer ſich herbeigeeilt und be⸗ ſchwor die Menge ſo feurig und unwiderſtehlich, daß bald das Schloß keinen einzigen, fremden Beſucher mehr hatte. Dafür aber mußte der König einwilligen, von heute an nicht mehr in Verſailles zu wohnen, ſondern in Paris. Nun ihn die Pariſer hier haben, wird auch die Hungersnoth aufhö⸗ ren.“ Hier ſchloß Griſſard ſeine Erzählung. Er war ſehr. verwundert, als Süperbe mit finſter gerunzelter Stirne verſetzte: „Pfui, Oheim! Ich hätte Euch für beſſer gehalten, als Ihr wirklich ſeid. Schämt Ihr Euch nicht, ſo abſcheulich von unſerm König und von der Königin zu reden, ja ſogar zu deren Feinden ſich zu geſellen?“ „Was ſchwatzeſt Du, alberne Siheiee rief Griſſard aus.„Du redeſt, wie Du es verſtehſt. Die Königin hat. uns lumpige 10 Louisdor geſchenkt, das iſt wahr. Aber ſie hat ihr Wort nicht gehalten, oder hat uns vergeſſen, oder den König nicht dahin bewegen können, uns gegen den Herrn Mauriee beizuſtehen.“ „Ihr ſelbſt ſeid ja noch viel vergeßlicher als unſere Kö⸗ nigin!“ eiferte Süperbe.„Ihr habt nach wenig Wochen bereits vergeſſen, wie gnädig und liebreich die Königin und der Dauphin gegen uns geweſen ſind. Ein König und eine Königin können weit eher drei ihrer 30 Millionen Unter⸗ thanen r als wie ein Unterthan die einzige Landes⸗ 6* 84 Paris die Theuerung und Hungersnoth aufhören würden? Verzehrt etwa der König mit ſeinem Hoſſtaate das fehlende mutter. Ihr glaubt, daß mit des Königs Verbleiben in Getreide! Ha! der König kann nicht mehr, als ſich ſatt eſſen, und wenn er auch beſſer ißt als ſeine Unterthanen, ſo bewirkt das noch keine Theuerung oder Hungersnoth. Wenn der König ſein ganzes Gold, ſeine Diamanten, ſein Silbergeſchirr, und was er ſonſt beſitzt, zu Brot für das Volk hergäbe, ſo würde der dafür gekaufte Vorrath nicht für ein Vierteljahr ausreichen. Das hat mir unſer Herr Pfarrer einmal vorgerechnet und ich mußte ihm Recht geben. Hadert, wenn Ihr könnt und dürft, mit unſerm Herrgott, daß er nicht mehr Getreide in dieſem Jahre hat wachſen laſſen, aber nicht mit dem König. Und nun vollends mit der lieben Königin! Pfui, Oheim! ich kann euch nicht mehr lieb haben.“ „Mache mich nicht wild mit deinen Vorwürfen!“ drohte Griſſard.„Laß überhaupt nicht hören, daß du die Königin in Schutz nimmſt. Wo Einer für die Königin iſt, find 99 gegen dieſelbe.“ „Und ich werde für ſie ſein“— ſprach Süperbe muthig und ihre Augen blitzten feurig—„und wenn ganz Frank⸗ reich gegen ſie wäre.“ „Ich auch!“ ſagte Alma und reichte Süperbe bethenernd die Rechte. Griſſard brummte hierauf mürriſch und legte ſich zu Bette. Die Unruhe und die Empörung gegen die königliche Re gierung nahmen mit jedem Tage zu. Jeder Schneider, S chuhmacher, Handarbeiter, jedes Fiſch- und Höckerweib 85 rühmte ſich, mehr vom Regieren zu verſtehen als der König und deſſen Miniſter. Sie, die ſich ſelbſt nicht einmal zu regieren und ihre Leidenſchaften zu zügeln verſtanden! Ueberall ver⸗ nahm man Tadel, Schimpfreden und Drohungen. Wie Sü⸗ perbe vorausgeſagt hatte, ſo traf es ein: durch die Anwe⸗ ſenheit des Hofes und der königlichen Familie in Paris wurde der Theuerung nicht abgeholfen. Vielmehr wuchs die Unſicherheit daſelbſt für jeden rechtlichen und ruhigen Ein⸗ wohner, ſo daß Süperbe und Alma gern wieder in die traute Heimath zurückgekehrt wären. Allein der Pfarrer Ambviſe hatte in einem Briefe die beiden Mädchen benach⸗ richtigt, daß die Hungersnoth bis nach Miraille gedrungen ſei und daſelbſt großes Elend erzeuge. „Ich habe“ ſchrieb er—„Frau Malmier 1 ihre Kin⸗ der bewogen, ihre Hütte an unſern Gutsherrn zu verkaufen, der außerdem doch noch die Wittwe um ihr Eigenthum zu bringen gewußt hätte, und ſie alle in mein Haus aufge⸗ nommen, wo Frau Malmier Süperbe's Stelle jetzt verſieht. Da meine, in den gegenwärtigen Zeiten und Verhältniſſen nur ſpärlich fließenden Einkünfte kaum für uns fünf aus⸗ reichen, ſo wäre es gut, wenn Griſſard mit den beiden Mädchen noch länger in Paris verbliebe, wo doch jedenfalls mehr Gelegenheit ſich findet, das tägliche Brot zu verdienen als hier. Zugleich bitte und beſchwöre ich euch drei, daß ihr euch ja wollet fernhalten von dem unglückſeligen Schwindel und den Verbrechen, welche in Paris mehr und mehr ſich verbreiten und bereits das ganze Land anzuſtecken drohen. Vergeſſet nicht das göttliche Wort, welches uns gebietet: Fürchtet Gott, ehret den König!“ 86 Dieſen Ermahnungen fügte Frau Malmier noch die ihrigen an Alma hinzu, indem ſie dieſelbe bat und beſchwor, ja den Weg der Tugend und Sittſamkeit nicht zu verlaſſen, Gott vielmehr vor Augen und im Herzen zu behalten und nicht zu thun wider deſſen Gebot. Nur die äußerſte Noth. zwinge ſie, ihre Tochter ferner in Paris zu belaſſen, wo ſie an der wackeren Süperbe ein nachahmungswerthes Vorbild beſitze. Dieſe wenig troſtvollen Nachrichten bewogen die Mädchen zum geduldigen Ausharren in ihrer gegenwärtigen Lage, die eben keine erfreuliche war. Denn auch Griſſard ließ ſich immer mehr durch das böſe Beiſpiel der Mehrzahl und Mercerauts verleiten, auf die Seite der Königsfeinde ſich zu ſchlagen, welche durch ihren zunehmenden Einfluß dem ehemaligen Flurſchützen die Stelle eines Lampenputzers verſchafft hatten. Als Griſſard den beiden Mädchen ſeine 3 Dienſtbeförderung angekündigt, hatte er prahlend hinzu⸗ geſetzt: „Das iſt nur die erſte und unterſte Staffel, welche meine Freunde mich haben erklimmen laſſen, damit ich ſpäter bis zum mächtigen Volksvertreter erhoben werde. Ich wäre ja ein Thor und werth, bis an mein Ende im Staube zu krie⸗ chen, wenn ich die günſtige Gelegenheit nicht beim Schopf erfaſſen wollte. Meine Fiſchflüche haben mich mit den Da⸗ men der Fiſchhalle befreundet, und wem dieſe wohlwollen, 4 der iſt gegenwärtig ein gemachter Mann. Neun und neun⸗ zig Schock Lachsforellen! was behindert mich, noch einmal der Befehlshaber der pariſer Nationalgarde zu werden? Das faſſet wohl in's Auge, ihr beiden Unken, die ihr nicht müde werdet, eure Klagelieder mir vorzufingen.“ —— 87 „Oheim!“— entgegnete Süperbe— ieber der Un⸗ terſte im Himmelreich als der Oberſte im Erdreich!“ hi Griſſard—„oder ich zeige dich als Königsfreundin an.“ Da die 200 Franken, das Geſchenk der Kigü bereits faſt ganz verthan waren, ſo hatten ſich Süperbe und Alma bemüht, ihren nothdürftigen Lebensunterhalt zu erwerben, um nicht von der Gnade und Laune Griſſards abzuhängen. Süperbe war ſo glücklich geweſen, in der Küche eines Kaffeehauſes das Amt einer Aufwärterin zu erhalten, wozu ſie glücklicherweiſe durch den empfangenen Unterricht in dem Pfarrhauſe zu Miraille ganz befähigt war. Alma dagegen durchwanderte mit einem umgehängten Korbe, in welchem ſich geröſtete Kaſtanien, Obſt und andere kleine Nahrungs⸗ mittel befanden, die Straßen von Paris, indem ſie mit ihrer wohlklingenden Stimme ihre Waare ausrief und von deren Verkauf einen kleinen Gewinn bezog. Die Geſchichte der franzöſiſchen Staatsumwälzung iſt bereits ſo vielfach beſchrieben worden, daß es der ſchreiben⸗ den Hand wehe thut, die furchtbaren Gräuel und die boden⸗ loſe Verſunkenheit des Menſchengeſchlechts jener Zeit zu wiederholen. Daher beſchränkt ſich der Erzähler darauf, hier zu erwähnen, daß Süperbe und Alma unendlich viel als Augen⸗ und Ohrenzeugen jener Schreckensſcenen litten und um jeden Preis denſelben aus dem Wege gegangen wären, wenn ſolches für ſie ohne Lebensgefahr hätte ge⸗ ſchehen können. Denn niemals war die Freiheit des Thuns und Laſſens, des Gehens und Kommens, des Sprechens und Denkens in ſchlimmere Feſſeln geſchlagen als in der Zeit der angeblichen Freiheit und Gleichheit. Der Vater mißtraute ſeinen eigenen Kindern und dieſe dem Vater, die Mutter der Tochter und die Tochter der Mutter, der Bruder dem Bruder, die Schweſter der Schweſter, der Freund dem Freunde! Ueberall ſah und vermuthete man Verräther, und um dem Verrath zuvorzukommen, wurde man ſelbſt zum Angeber. Nachdem die Bevölkerung von Paris ihren Lönig und deſſen Familie von Stufe zu Stufe, vom Throne bis in den Staub, hinabgedrängt und geſtoßen hatte, entfloh Ludwig mit ſeiner Familie einem Lande, das ihm zum Höllenpfuhle geworden war. Zu ſpät! Die Flucht, am Abend des 20. Juni 1791 unternommen, mißglückte. Die königliche Familie wurde durch die Verrätherei des Poſt⸗ meiſters Drouet in Varennes angehalten und im Triumph nach Paris zurückgeführt, wo nun die letzten Akte des großen Trauerſpiels ausgeſpielt wurden. Es war am Jahrestage des königlichen Fluchtverſuchs, am 20. Juni 1792, als Süperbe und Alma in ihrer kleinen Wohnung auf den Knieen lagen und weinend Gott um ſeine Hülfe anfleheten. Ein unermeßlicher Volkshaufe hatte ſich vereinigt, um in den königlichen Palaſt zu dringen und den Landesvater zu Entſagung ſeiner letzten Anrechte zu zwin⸗ gen. Wiederum erbebte die Luft in der Nähe der Tuilerien, welche der König bewohnte, von dem entſetzlichen Gebrüll der tobenden Menge, und eben dieſes Schreien war es, wel⸗ ches die Herzen der beiden Mädchen mit den ſchrecklichſten Beſorgniſſen erfüllte und ſie auf die Knieen fallen machte, um den Beiſtand und Schutz des Höchſten für das gefährdete Königshaus anzurufen. Süperbe unterließ heute, ihr Amt 89 im Kaffeehauſe zu verwalten, und Alma, ihre Waare aus⸗ zutragen. Griſſard dagegen war bei dem erſten Lärm davon⸗ geeilt und blieb die ganze Nacht aus. Dieſer ſonſt'nicht böſe, aber ſchwache Mann hatte ſich in den Jacobinerclubb aufnehmen laſſen, ſchrie daſelbſt der Menge nach, prahlte mit ſeiner neuen Würde und rother Mütze und ſprach neben⸗ bei der Weinflaſche häufig zu, um ſein nagendes Gewiſſen nieder zu trinken. Als er am 21. Juni ſich einfand, taumelte er und begann ſofort den beiden Mädchen von den Erleb⸗ niſſen des geſtrigen Tages zu erzählen. „Wir legten“— ſprach er—„eine große, ſrlisgiſche Pappel auf einen Wagen und fuhren damit nach den Tui⸗ lerien, um auf deren Terraſſe unſern Freiheitsbaum aufzu⸗ pflanzen und dann dem König vor's Quartier zu rücken, der ſich weigert, uns den Willen in allen Stücken zu thun. Die Tuilerien fanden wir geſperrt, mit Nationalgarde und Kanonen geſpickt, die uns den Zutritt verwehrten. Nun, wir hätten denſelben jedenfalls erzwungen, denn unſere Zahl war mindeſtens zehnmal ſtärker, als die unſerer Gegner, und Kanonen führten wir ebenfalls mit uns. Wir begnüg⸗ ten uns aber, die Pappel in einem nahen Kloſtergarten auf⸗ zurichten und dann eins der Schloßthore einzuſchlagen, durch welches wir unangefochten in des Königs Zimmer ein⸗ drangen. Wir fanden den König in einer Fenſterniſche hin⸗ ter einem vorgeſchobenen Tiſche ſtehen und vor dieſem etliche Edelleute zu ſeinem Schutze aufgeſtellt. Er fragte uns, was wir von ihm wollten und wir ſagten ihm ſolches, worauf er, muthig genug, erwiederte, daß hier nicht der Ort ſei, von ihm etwas zu verlangen. Aber eine rothe Mütze, die ihm 90 einer aus dem Volke hinreichte, ſetzte er auf, dabei ſprechend, daß der Heiland ſogar eine Dornenkrone getragen habe. Wir marſchirten Alle bei dem Könige vorüber und er mag eben nicht groß erfreut über die zerlumpten Geſtalten gewe⸗ ſen ſein, welche ſeine ſchönen Zimmer betraten. Auch die Königin mit ihren beiden Kindern mußten herbei. Wie der König, ſo ſchützte ſie ſich ebenfalls vor unſrer dichteſten Nähe durch einen vorgeſchobenen, ſchweren Tiſch, auf wel⸗ chem der kleine Dauphin furchtſam und niedergeſchlagen ſaß. Auch ihm hatte man eine rothe Jacobinermütze aufgeſtülpt, unter welcher der kleine Schelm fürchterlich ſchwitzte.“ „Und das habt Ihr mit anſehen können?“ fragte Sü⸗ perbe, ihres Oheims Erzählung unterbrechend und mit zor⸗ nig blitzenden Augen.„Ihr habt nicht ſofort dem lieben Dauphin die abſcheuliche Mütze wieder abgenommen und zu Boden geworfen, wohin ſie gehörte?“ „Ich werde doch kein Narr ſein“— erwiederte Griſſard —„und mich von dem wüthenden Volke in Stücke zerreißen laſſen? Wer unter den Hunden iſt, muß miteilen ſagt das Sprüchwort ſehr richtig.“ „Ihr ſeid ein Undankbarer, ein Elender, ein Feigling!“ ſprach Süperbe, tief entrüſtet, wofür ſie fich einen derben Schlag von ihrem Oheim gefallen laſſen mußte. Als nun Alma ihr Bedaueru darüber äußerte, ent⸗ gegnete Süperbe mit Feuer:„Sieh, Alma, könnte ich mit meinem Leben die königliche Familie von ihren Feinden be— freien: ich gäb es mit Freuden hin. Welch' ein Tod könnte ſchöner ſein?“ Süperbe würde das Zuſammenleben mit ihrem verführ⸗ 91 ten Oheim längſt aufgegeben haben, hätte ſie nicht noch immer die ſtille Hoffnung gehegt, ihn durch ihre Reden, Bitten und Vorſtellungen von ſo mancher ſchlechten That abzuhalten. „Wenn wir beide ihn verlaſſen“— ſprach ſie zu Alma —„ſo überläßt er ſich ganz ſeinen Verführern und reift zum Böſewicht heran. Bis jetzt iſt er nur ein ſchwacher, un⸗ beſtändiger, mit der Menge gehender und ſchreiender Menſch geweſen. Ach, jetzt möchte ich ein Mann und zwar ein über⸗ aus ſtarker ſein, der hundert und mehr ſolcher Böſewichter auf einmal niederwerfen könnte. Du glaubſt nicht, Alma, wie ſehr mich der arme kleine Dauphin dauert, der ſo lieb⸗ reich gegen uns war und noch ſo klein und ſchwach iſt. Pfui über die Männer, welche einem Kinde wehe thun können!“ Die Tage, welche dieſem zweiten 20. Juni-Unglücks⸗ tage folgten, geſtalteten ſich immer trüber und ſchreckenvoller für die königliche Familie, wie für jeden Franzoſen, welcher Gott fürchtete und den König ehrte. Bereits war die Schreckensherrſchaft in vollem Gange und das Blutvergießen gegen die angeblichen Vaterlandsfeinde an der Tagesord⸗ nung. Der pariſer Pöbel glich einer Rinderheerde, welche, im erlangten Bewußtſein ihrer körperlichen Stärke, ihren Hüter verjagt hatte und nun in blinder Wuth Alles nieder⸗ warf und zerfleiſchte, was ihr in den Lauf kam. Die beſſer geſinnten und friedliebenden Einwohner wagten, von Furcht für ihr Leben und Eigenthum erfüllt, nicht mit vereinter Gewalt gegen die Blutmenſchen aufzutreten, welche in der Kegel nichts mehr zu verlieren hatten, wohl aber durch den Unſturz aller bisherigen Ordnung zu gewinnen hofften. Beide Parteien täuſchten ſich aber gänzlich. Denn ſpäter erſahen die Friedlichen mit Schrecken, daß ihnen ihre bewie⸗ ſene Theilnahmloſigkeit nichts half und ſie nicht gegen die Verfolgungen der Empörer ſchützte, welche endlich in jedem Beſitzenden einen Königsfreund und Vaterlandsfeind er⸗ kannten. Die erſten Machthaber auf Seiten des empörten Volks dagegen wurden bald von noch wilderen und blutgie⸗ rigeren Männern übertroffen, welche jene dem Henkersbeile oder der Volkswuth überlieferten, um ihre Stellen und ihre Macht in Beſitz zu nehmen. So traf die Wahrheit ein, daß jede Staatsumwälzung und jede Empörung ihre eigenen Kinder verzehre. Der 10. Auguſt 1792 war i Schreckenstag, an welchem die königliche Familie, deren Wohnung in den Tui⸗ lerien von einem raſenden Pöbelhaufen erſtürmt werden ſollte, das Schloß verließ und in der Nationalverſammlung Schutz und Sicherheit ſuchte. Bald nach ihrer Flucht dahin wurden die Tuilerien erſtürmt und alle braven Vertheidiger deſſelben, beſtehend aus denunerſchütterlich treu gebliebenen Schweizergarden und 900 Edelleuten niedergemetzelt. Das Schloß ſelbſt wurde ausgeplündert und ſeine Zimmer, bereits von dem Blute der Ermordeten beſudelt, ihres ganzen Schmucks beraubt. Der gefühlvolle M enſch und Chriſt aber wendet ſein Auge von dieſen Schreckensbildern, welche ein entmenſchtes Geſchlecht aufgeſtellt hat, hinweg und empfin⸗ det eine wehmüthige Freude, wenn ſelbſt unter jenen Greueln noch einzelne Züge von edelmüthiger Selbſtverleugnung und Aufopferung für die gute Sache auftauchen, die uns die Geſchichte aufbewahrt hat. 93 Der König war, aus Furcht vor einem tollen Wolfe, in die Höhle des Löwen geflüchtet, von deſſen angeblicher Großmuth er Schutz und Beiſtand verhoffte. Allein er war, wie man ſagt, aus dem Regen unter die Traufe gekommen, wie der Leſer ſehen wird. achtes Kapitel. Der kleine Liebesdienſt. Das Kaffeehaus, in deſſen Küche Süperbe bediente, lag in der Nähe des Sitzungsſaales von der Nationalverſamm⸗ lung. Hier ſtand das Mädchen am hellen Feuer mit ſtark gerötheten Augen, die ſie gegen die übrigen Aufwärterinnen der Feuerhitze zuſchrieb, in der That aber eine Urſache des vielen Weinens waren. Der heutige Tag von der frühen Morgenſtunde an, war ja eben ſo ſchmachvoll als verderblich für die königliche Sache geweſen, daß alle redlichen Leute mit Betrübniß erfüllt werden mußten. Der Abend war hereingebrochen und noch immer die Nationalverſammlung nicht beendigt. Plötzlich erſchien ein Menſch in der Küche des Kaffeehauſes und begehrte Er⸗ friſchungen für die königliche Familie, welche ſeit 7 Uhr morgens in der Nationalverſammlung verweilte, ohne weder gefrühſtückt, noch zu Mittag geſpeiſt zu haben. Wohl mochte der königlichen Familie über den heutigen Schreck⸗ 94 niſſen und Erfahrungen Eſſen und Trinken vergangen ſein, allein zuletzt machte doch die Natur, beſonders die der beiden königlichen Kinder, ihre Rechte geltend. Was aber vermochte man der Herrſcherfamilie jetzt an⸗ zubieten? Ach, diejenigen, zu deren Tafel ſeither Hunderte von Gerichten an Fiſchen, Geflügel, Braten, Confeet, Früch⸗ ten und anderen Leckereien erforderlich geweſen waren, muß⸗ ten ſich, nachdem durch die Erſtürmung des königlichen Schloſ⸗ ſes auch jedes königliche Eigenthum verloren gegangen war, mit einigen ſchlechten Aprikoſen, Birnen und zeitigen Pflau⸗ men, ſo wie mit Johannisbeerwaſſer hegnügen, das ihnen weder in ſilbernen, noch kryſtallenen Gefäßen, ſondern in irdenen Krügen dargereicht wurde. Wenn vormals zur Zeit des königlichen Glanzes ein Jedes ſich glücklich ſchätzte, den König oder ein Glied der königlichen Familie bedienen zu dürfen, ſo weigerten ſich heute die niedrigen Mägde des Kaffeehauſes, die verlangten Erfriſchungen in den Sitzungs⸗ ſaal tragen zu helfen und ſie der ehemaligen Herſcherfamilie zu überbringen. Dieſe, theils aus Furcht, theils aus Haß entſprungene Weigerung entzückte deshalb jetzt Süperbe, weil ſolche ihr geſtattete, das Botenamt ſelbſt zu übernehmen. Von jenem Menſchen begleitet, ſuchte Süperbe die königliche Familie in dem Sitzungsſaale auf. Guter Gott, welch' ein Anblick bot ſich hier dem erſtaunten und entſetzten Blicke des Mädchens dar! Sie ſah ſich in einem Saale, nur wenig erhellt von herabgebrannten Inſeltlichtern und qualmenden Oellampen. In demſelben mehrere Hundert Männer, welche abſichtlich mit Schmuz und Lumpen bedeckt waren und aus der unterſten Volkeshefe, nein, aus dem Abſchaum der Menſchheit zuſam⸗ mengeſetzt. Ein anderer Haufe, die Zuhörerſchaft bildend, gab brüllend ſein Mißfallen oder ſeinen Beifall bei den von der Verſammlung gefaßten Beſchlüſſen zu erkennen. Was aber hatte man in der Gegenwart des Königs und ſeiner Familie beſchloſſen, welcher ſein Schloß, ſeine treue Leib⸗ wache und ſeine heldenmüthigen Freunde verlaſſen und ver⸗ trauensvoll ſich dem Schutz der Nationalverſammlung anheim⸗ gegeben hatte? Man hatte die Entſetzung des Königs, ſeine und der Seinen Gefangenſchaft und die Ernennung eines Gouverneurs für den Dauphin ausgeſprochen und genehmigt! Zitternd und von unbeſchreiblichen Gefühlen durchwogt, gelangte Süperbe in die Loge des Sitzungsſaales, in welche ſich und die Seinen endlich zurückzuziehen man dem König verſtattet hatte, nachdem er ſelbſt neben dem Präſidenten und ſeine Familie auf der Miniſterbank geſeſſen hatte. Jene Loge, welche ſelbſt nur vier Ellen in's Geviert und fünf in die Höhe hatte, war eigentlich für den Berichterſtatter eines Zeitungsblattes, der Logographe genannt, beſtimmt. In dieſem engen, mit unerträglicher Hitze angefüllten Raume befanden ſich der König, die Königin, die beiden königlichen Kinder, die Schweſter des Königs, die Prinzeſſin Lamballe, und die Marquiſe von Tourzel und zwar von früh 7 Uhr bis den andern Morgen um 1 Uhr! War es ein Wunder, wenn die Aermſten vor Hitze, vor den übeln Ausdünſtungen der Menſchenmenge, der Lichter und Lampen, vor Schreck, Angſt und Entſetzen, vor Hunger und Durſt, bei Entbehrung jeder Bequemlichkeit, der Erſchöpfnng nahe waren. Der kleine, jetzt im achten Jahre ſtehende Dauphin 96 knieete neben der Königin und hielt ſein Antlitz in den mütterlichen Schvoß gebettet. Während die königliche Mut⸗ ter mit zitternden Händen das Lockenhaar ihres Sohnes ſanft ſtrich, näßte ſie daſſelbe zugleich mit bittern Schmer⸗ zensthränen. Neben ihr ſtand ihre Tochter, die beinahe 14 jährige Prinzeſſin Marie Thereſe Charlotte, welche ſtumm an die Mutter ſich lehnte und deren Achſel mit einem Arme umfangen hatte. Des Königs Schweſter, Eliſabeth, ſaß, wie ihr königlicher Bruder, in ſich verſunken da. Nur zuweilen, wenn lautere Drohungen und Verwünſchungen gegen den König und die Königin ausgeſtoßen wurden, überlief ein neuer Schauder die unglückliche Prinzeſſin. Vor Jammer bei dieſem Bilde verging Süperben die Stimme. Stumm, leiſe ſchluchzend und unter einem tiefen Knixe nahete ſie ſich mit dem Waſſer und einer Schüſſel voll Früchten, ſolche zuerſt der Königin darzubieten. Mechaniſch griff die Königin vor Allem nach dem Waſſer⸗ gefäße, erhob mit der andern Hand das Haupt ihres Söhnleins und bot demſelben zu trinken an. Als nun der Knabe halb träumeriſch ſeine durſtigen Lippen an den Rand des Waſſer⸗ krugs legte und begierig ſchluckte, fiel Süperben unwillkür⸗ lich der Erlöſer am Kreuz ein, da man demſelben einen Schwamm, mit Eſſig und Galle vermiſcht, zum Trinken darreichte. Daſſelbe dachte auch die Königin, denn ſie ſprach wie tröſtend und mit leiſer Stimme die Worte: „Chriſtus, der Sohn Gottes, ſog um unſerer Sünden willen aus einem Schwamme Eſſig und bittere Galle ein— darum können wir uns mit einem Kruge voll Jahannisbeer⸗ waſſers begnügen.“ 97 Nachdem der kleine Ludwig ſeinen Durſt mit dem Waſſer gelöſcht hatte, ſchüttelte er zu den dargebotenen Früchten ſtumm das Haupt und barg ſolches wieder in den Schooß ſeiner Mutter, die, nachdem auch ſie getrunken hatte, den Krug die Runde machen ließ. Dabei ſchwebte vor Süperbe's umflorten Augen ein Bild, welches mit dem gegenwärtigen den ſchreiendſten Gegenſatz bildete. Sie ſah wieder im Geiſte ſich nach Verſailles und in den königlichen Speiſeſaal verſetzt, darin die reizend ſchöne, in Diamanten ſtrahlende Königin, umringt von dem Glanz des höchſten Adels und bedient von hundert Händen. Welch' ein Abſtand gegen jetzt, wo niemand ſich um die königliche Familie kümmerte, und wenn ſolches ja geſchah, ſo war es nur, um ſie mit Schmähungen zu überhäufen. Die kleine, buckelige Süperbe, welche in dieſem Augen⸗ blick den geſammten Hofſtaat des vormals mächtigſten Kö⸗ nigs ausmachte, zog ſich, nachdem ſie, nicht der hohen Würde und Abkunft der Gefangenen, ſondern deren Unglück die demüthigſten Verbeugungen und Geberden erwieſen hatte, aus der Stickluft der königlichen Loge zurück, darum ſich glücklich preiſend, daß ſie für ihre Hingebung mit einem wehmüthigem Danke aus dem Munde der Königin belohnt worden war. Wie bereits erwähnt worden iſt, wurde der königlichen Familie erſt früh um 1 Uhr geſtattet, die Nationalverſamm⸗ lung, nach 16ſtündigem Verweilen darin, zu verlaſſen und die für ſie einſtweilen hergeſtellte Wohnung in einem ehe⸗ maligen Kloſter zu beziehen. Anſtatt eines Schloſſes mit Hunderten von prächtig ausgeſtatteten Si Sälen Nieritz. Des Königs Kind. 98 und Gängen, wie Verſailles dargeboten hatte, beſtand die jetzige königliche Wohnung aus vier kleinen Gemächern, von denen das erſte das Vorzimmer bildete, das zweite von dem König, das dritte von der Königin und deren Tochter, das vierte von dem Dauphin und deſſen Erzieherin, der Mar⸗ quiſe Tourzel, in Beſitz genommen wurden. Des Königs Schweſter, Eliſabeth, und die Prinzeſſin Lamballe bekamen ein kleines Zimmer auf demſelben Gange eingeräumt, der, wie alle übrigen Zugänge, von zahlreichen Wachen bewacht wurde. Da die Tuilerieen der Plünderung preisgegeben worden waren, ſo befand ſich die königliche Familie dergeſtalt von dem Nöthigſten entblößt, daß die Herzogin von Souther⸗ land, die Gattin des engliſchen Geſandten, welche einen Sohn von gleichem Alter wie der Dauphin beſaß, dem⸗ ſelben die erſten, unentbehrlichſten Kleidungsſtücke und Wäſche zuſchickte. Schon nach drei Tagen, am 13. Auguſt 1792, wurden die hohen Gefangenen aus ihrer einſtweiligen Wohnung in den ſogenannten Tempelhof abgeführt. Derſelbe trug die⸗ ſen Namen von dem Orden der Tempelritter, welche das mit mehreren ſtarken Thürmen, hohen, feſten Mauern und Thoren umgebene, weitläufige Gebäude 160 Jahre lang inne gehabt hatten. Der Tempelhof glich einer kleinen Feſtung und war in früheren Zeiten auch als ſolche be⸗ nutzt worden. Obſchon Süperbe und Alma ſtets die Gelegenheiten ge⸗ flohen hatten, wo das entzügelte Volk ſeine Greuelſecenen verübte, ſo konnten die beiden Mädchen ſich doch nicht ent⸗ 99 halten, die unglückliche Königsfamilie, an deren traurigem Geſchick ſie ſo großen Antheil nahmen, dem Tempelhof führen zu ſehen. Dieß geſchah um 5 Uhr achnittngs. Es war ein Glück für Süperbe's und Alma's Leben, daß die allgemeine Neugierde ſich nur auf die hohen Gefangenen, nicht auf die beiden Mädchen richtete, deren Augen von heißen Thränen überſtrömten, als ſie den tiefgebengten König, die einſt ſo reizende Königin mit ihren beiden Kindern, die Prinzeſſin⸗ nen Eliſabeth und Lamballe, endlich die Marquiſe Tourzel nebſt deren Tochter in den Wagen ſteigen ſahen, welcher ſie in ihr neues Gefängniß bringen ſollte. Eine zahlloſe Menſchenmaſſe, aus Kannibalen und Furien beſtehend, mit allen Gattungen von Waffen verſehen, bildete die Beglei⸗ tung des Trauerzugs, welcher, um die Seelen der Gefan⸗ genen mit deſto längeren Schreckniſſen zu erfüllen, erſt in der Nacht den Ort ſeiner Beſtimmung erreichte. Und gleich⸗ wie einſt das Volk der Juden den feierlichen Einzug des Heilands in Jeruſalem mit Freudenruf und Palmenzweigen begleitete, um nach wenig Tagen ſchon das„Kreuzige ihn“ über ihn auszuſprechen: eben ſo waren an die Stelle des ehemaligen Grußes:„Es lebe der König!“ die furchtbarſten Verwünſchungen und Drohungen getreten, womit man den weiten Weg entlang das königliche Fuhrwerk begleitete. Endlich ſchloß ſich hinter demſelben das feſte Thor des Tempelhofs, in welchem der große Thurm der königlichen Familie zur Wohnung beſtimmt worden war. „Ich bleibe nicht länger hier“— ſprach Alma, indem 7* 0 ſie mit ihrer Freundin den Heimweg antrat—„und gehe nach Miraille zurück, mag es auch kommen, wie da wolle.“ „Ich werde Dich begleiten,“— verſetzte Süperbe— „denn was ſoll ich länger in dieſem Sodom? Mein Oheim wird mit jedem Tage unverbeſſerlicher und der königlichen Familie kann ich nun doch keinen kleinen Dienſt mehr er⸗ weiſen.“ Die beiden Mädchen bereiteten Alles zu ihrem heimlichen Weggange vor, deſſen Ausführung jedoch durch einen be⸗ ſondern Zwiſchenfall unterblieb. Am Tage der beabſichtig⸗ ten Flucht kam nämlich Griſſard mit einem fteudeſtrahlet ett Geſicht nach Hauſe. „Hunderttauſend Millionen Hechtsköpfe! hob er an— „endlich findet das Verdienſt ſeine Anerkennung.„Mein Freund und Beſchützer, der Bürger Merceraut, iſt mit der Aufſicht des Tempelhofs und deſſen vornehmen Gefangenen betraut worden. In dieſer Eigenſchaft hat er, um mich Theil an ſeinem Ruhme und Glück nehmen zu laſſen, mich zum Lampenputzer— nicht doch!— zum Beleuchtungs⸗ inſpector des Tempelhofs ernannt. Es wird nun von mir abhängen, ob der vormalige König von Frankreich Abends im Finſtern ſitzen oder etwas ſehen ſoll. Tauſend mal tau⸗ ſend Karpfenzungen! Wer mir ſo etwas hätte damals pro⸗ phezeien ſollen, als wir aus weiter Ferne nur auf die könig⸗ liche Tafel niederſchauen durften! Und wenn Ihr Beiden“ — fuhr Griſſard zu ſeiner Nichte und Alma fort—„hübſch artig und folgſam gegen mich ſein zu wollen verſprecht: ſo ſollt Ihr gleichfalls Euern Theil bekommen und mir bei 101 dem Putzen der Lampen und ſonſt hülfreiche Hand leiſten dürfen.“ Dieſe Worte bewirkten wie durch einen Zauberſchlag, daß Süperbe ſofort ihr Vorhaben der Flucht aufgab. Alma machte ihr dagegen Vorſtellungen, indem ſie unter anderen Gründen noch die Einwendung vorbrachte: „Warum willſt Du, Süperbe, Dein Leben dem Dienſte derer weihen, welche Deiner Mutter einen gewaltſamen Tod und Dir einen gebrechlichen Körper verurſachten? Weißt Du nicht, daß Die, welche nur ein Wort des Bedauerns für die königliche Familie hören laſſen, ſchon für Vater⸗ landsverräther erklärt und hingerichtet werden? Was wirſt Du, ſchwaches Mädchen, der Königsfamilie nützen können? Fliehe mit mir dieſes Paris, wo ſchon ſo viel unſchuldiges Blut vergoſſen worden iſt, und kehre mit mir in die liebe Heimath zurück, in welcher uns der liebe Gott nicht ver⸗ hungern laſſen wird.“ Süperbe, in deren gebrechlichen Körper ein deſto ſtär⸗ kerer Geiſt wohnte— eine Wahrnehmung, die man auch bei der Mehrzahl anderer ihres Gleichen macht, ließ ſich in ihrem Entſchluſſe durch Alma's Worte nicht erſchüttern. „Könnte ich“— entgegnete Süperbe—„einen ſchönern Tod erleiden, als wenn ich dieſes Leben und meinen elenden Körper für die gütige Königin und ihr Söhnlein hingäbe? Sprich ſelbſt, Alma, ob die Tage, welche ich früher erlebte, und die gegenwärtigen von ſo glücklicher Beſchaffenheit ſind, daß ich ihren Verluſt groß zu bedauern hätte? Darin, daß mein Oheim freien Zutritt in das königliche Gefängniß er⸗ langt hat und uns denſelben gleichfalls zuſichert, erblicke ich einen Fingerzeig der Vorſehung, die auch das ſchwächſte Werkzeug zur Durchführung ihrer gütigen Abſichten anzu⸗ wenden weiß. Ich vergeſſe nimmer der Seligkeit, die ich ſchon empfand, als ich die königlichen Gefangenen nur mit einem Kruge Waſſers erquicken konnte, und ſollte mir dieſes hohe Vergnügen nicht wieder gönnen?“ „Wenn Du mich nicht nach Miraille zurückbegleiten willſt“— erwiederte Alma traurig—„ſo muß ich noch ſo lange hier bleiben, bis ich einen ſichern Reiſegefährten gefunden habe, der mich auf der Reiſe in ſeinen Schutz nimmt. Ach, ich wäre ſo gar gern zu meiner Mutter und zu meinen Geſchwiſtern zurückgekehrt, wo es gewiß tauſend⸗ mal beſſer iſt als hier in dem greulichen Paris.“ Aber Süperbe ließ ſich nicht erweichen, obſchon ihr die Klagen Alma's zu Herzen gingen. Reuntes Aapitel. Im Tempelhof. Schon am nächſten Morgen begab ſich Griſſard mit Süperbe und Alma nach dem Tempelhof, deſſen Pforte vor den dreien ſich willig öffnete. Merceraut, in bloßen Hemd⸗ ärmeln, das Schurzfell des Maurers vorgebunden, einen alten, runden Hut auf den Kopf geſtülpt und mit der kurzen Thonpfeife im Munde, empfing ſeinen Freund und wies 103 denſelben in ſein neues Amt ein, indem er ihn an alle die Oerter führte, wo es Lampen zu reinigen und anzuzünden gab. Die beiden Mädchen, welche Griſſard dem Maurer 3 als ſeine Gehülfinnen vorſtellte, folgten den beiden Män⸗ nern nach und ſahen mit bang klopfendem Herzen dem Augenblick entgegen, der ſie in die unmittelbare Nähe der Königsfamilie bringen ſollte. Faſt zitternd vor Aufregung, welche zum Glück Merceraut und Griſſard nicht bemerkten, betraten die Mädchen den Thurm und die Treppenſtufen, 1 welche nach den königlichen Zimmern hinaufſührten. Merceraut wollte, wie Leute von gemeiner Geſinnung zu thun pflegen, ſeinem Freunde Griſſard zeigen, welche WMachtvollkommenheit ihm über die hohen Gefangenen ver⸗ liehen worden war. Daher ſuchte er, im erſten Stockwerk. des Thurms angelangt, unter abſichtlich großem Geklirr einen Schlüſſel aus einem mächtigen Schlüſſelbunde hervor und ſchob ihn dann in das Schloß einer eiſenbeſchlagenen, überdieß mit dicken Riegeln verſehenen Thüre, welche in die Zimmer oder vielmehr Stübchen der Königin, des Dauphin, der Prinzeſſinnen Eliſabeth und Lamballe führte. „Paß auf, Griſſard!“ ſprach er, indem er die Thüre in ihren Angeln aufdrehte—„wie wenig Umſtände ich mit meinen Gefangenen mache.“ Nachdem er ein kleines Vorzimmer, in welchem Griſſard und die Mädchen zurückblieben, durchſchritten hatte, klinkte er ohne Weiteres eine Glasthüre auf und trat ohne Gruß in das Zimmer der Königin, bei welcher ſich deren Kinder, des Königs Schweſter, die Prinzeſſin Lamballe, die Hof⸗ meiſterin des Dauphin, die Margquiſe Tourzel, und die Kam⸗ merfrau Bazire verſammelt fanden. Alle dieſe Perſonen bezeigten über Mercerauts grobes Eindringen keine Ver⸗ wunderung, ſondern ſetzten, dieſelbe unbeachtet laſſend, ihre Unterhaltung und Beſchäftigung fort, was den elenden Merceraut gewaltig verdroß. Mit rauher Stimme redete er die Königin— eine Toch⸗ ter der öſterreichiſchen Kaiſerin Maria Thereſe— folgender⸗ maßen an:„Frau Capet, ich ſtelle Dir dort meinen Freund, den Bürger Griſſard, als Denjenigen vor, welcher hier und im Tempelhof für die Erleuchtung zu ſorgen hat. Du wirſt ihn wie mich achten und Deinen Leuten ein Gleiches an⸗ befehlen.“ Die Königin erwiederte auf dieſe Rede kein Wort, worauf Merceraut mit verbiſſenem Grimm ſich an den kleinen Dauphin wendete. „He, kleiner Capet!“ ſprach er—„weißt Du, daß die Freiheit uns frei macht und daß wir jetzt Alle einander gleich ſind?“ „So gleich, wie Du willſt“— verſetzte der kleine Ludwig—„wir aber find hier nicht überzeugt, daß die Freiheit uns frei gemacht hat.“ Statt der Antwort blies Merceraut dicke Rauchwolken aus ſeiner Tabakspfeife, die mit dem ärgſten Stinkkraute angefüllt war, und zwar gefliſſentlich ſo, daß der üble Qualm die Geruchsnerven der Königin treffen mußte. Süperbe hätte den elenden Kerl in Stücke zerreißen mögen, der all' ſeine Rohheiten an der erhabenen und jetzt ſo unglücklichen Familie ausließ. Eben ſo mußte ſich Alma 105 bezwingen, daß ſie ihrem Unwillen über ſolche Schändlich⸗ keiten nicht laute Worte gab. „Sieh dort, Antoinette Capet“— fuhr Merceraut zur Königin fort, auf Süperbe zeigend,—„jene kleine Buckelige hat ihren Höcker und den Tod ihrer Mutter Dir zu danken. Ha, wenn wir gewußt hätten, welche böſe Wurzel wir an Dir bekämen, ſo würden wir uns nicht haben zu Tode drücken laſſen, um Dich einziehen zu ſehen! Jene Hunderte von Menſchenleben, welche damals verloren gingen, kommen auch auf Dein Kerbholz und Sündenregiſter.“ Auch hierauf blieb die Königin die Antwort ſchuldig; allein ſie warf einen Blick auf Süperbe, welcher derſelben durch das Herz, gleich einem Dolchſtich, drang. Der Blick ſagte ſtillſchweigend, daß die Königin in Süperbe Diejenige wieder erkannte, welcher ſie vor drei Jahren ſo gnädig be⸗ gegnet war und der ſie das großmüthige Geldgeſchenk hatte durch ihr Söhnlein darreichen laſſen. Darum ähnelte der Königin Blick demjenigen des Heilands, als er den ihn ver⸗ leugnenden Petrus im Vorhofe des Hohenprieſters bedeu⸗ dungsvoll anblickte. Wie gern hätte Süperbe der Königin ihre unwandel⸗ bare Dankbarkeit und völlige Hingebung zu erkennen ge⸗ geben! Sie hatte deshalb einen harten Kampf mit der Klugheit und ihrem Herzen zu beſtehen. Sie ſagte ſich, daß, wenn ſie ihren Gefühlen und Geſinnungen Worte gäbe, ihre ſofortige Trennung von der Königsfamilie nur zu gewiß ſei, und daß ſie in dieſem Falle derſelben weiter keinen Dienſt erweiſen könne, ein Wunſch, der doch gleich⸗ wohl ihre ganze Seele füllte. Hätte Süperbe einen weniger 106 ſtarken Geiſt beſeſſen, ſo würde ihr Herz den Sieg über die Klugheit davon getragen haben, denn undankbar gegen einen theuren Wohlthäter zu erſcheinen, iſt ein unerträgliches Ge⸗ fühl für einen jeden unverdorbenen Menſchen. Darum koſtete es auch Süperben eine ungeheure Ueberwindung ihrer ſelbſt, als ſie auf den Blick der Königin keinen Laut von ſich gab, ſondern ihre Mienen zwang, finſter zu er⸗ ſcheinen. Die Königin wendete ſich, wie einen leiſen Seufzer ausſtoßend, wieder ihren Mitgefangenen zu und Merceraut verließ, einen beißenden Tabaksgeſtank zurücklaſſend, das Zimmer. Gern hätte Süperbe beim Fortgehen wenigſtens durch eine ſtumme Geberde den hohen Gefangenen zu erken⸗ nen gegeben, von welchen Geſinnungen ſie gegen dieſelben beſeelt ſei; allein theils bemerkte ſie, daß die Gefangenen ihrem Beſuche keinen Blick mehr ſchenkten, theils ſah ſie ſich von ihrem Oheim ſcharf beobachtet. Nachdem Merce⸗ raut die Außenthüre feſt verſchloſſen und verriegelt hatte, ſtieg er eine Treppe höher hinauf, wo des armen Königs Ludwigs Gefängniß ſich befand. „Hier haſt Du wieder eine Lampe anzuzünden“— ſprach der Maurer zu ſeinem Freunde—„aber Capets Thüre werde ich jetzt nicht aufſchließen. Ich weiß ſchon, daß er alleweile nichts weiter vornimmt, als auf den Knieen zu liegen und lange Gebete herzumurmeln. Vergebliche Mühe das! Los kommt er doch nicht und König wird er noch viel weniger wieder. Leicht aber kann ihm der Kopf wackelig gemacht werden. Ja, ja! ſo hat ſich das Blatt gewendet!“ 107 Süperbe hörte nur mit halben Ohren auf Mercerauts Worte. Ihr ſchwebte das ſo eben geſehene Bild noch vor den Augen. Himmel! wie ſchlecht hatte die Wohnung der Königin und ihrer Kinder ausgeſehen! Wo waren hier die foſtbaren Tapeten, die blitzenden Kronenleuchter, die hohen Spiegel, die blanken Fenſter, die gebohnten Dielen, die theuern Geräthe, die ſchönen Gemälde, das Gold, wel⸗ ches in Verſailles und in den Tuilerien überall geglänzt hatte? Anſtatt der Wohlgerüche erfüllte Mercerauts Stink⸗ tabak der Königin einziges Zimmer und an die Stelle von einer zahlloſen Dienerſchaar war ein grober, nichtswürdiger Maurer getreten, welcher einen Jeden, ſelbſt ſeinen König — den vormaligen Herrſcher über 30 Millionen Franzoſen — duzte und ſich mit ſeiner Rohheit noch brüſtete. Kann es einen furchtbareren Wechſel irdiſchen Glückes geben? Können wir ſchlagender von deſſen Nichtigkeit überzeugt werden? Süperbe und Alma konnten des andern Tags kaum die Zeit erwarten, wo ſie ihr neues Amt in den Tempelhof führte. Sie putzten und reinigten die Lampen im Tempel⸗ hofe mit ſolcher Emſigkeit und Geſchicklichkeit, daß ſie ſich dadurch des Beifalls Griſſards erfreuten, der wiederum ſeine jungen Gehilfinnen gegen Merceraut herausſtrich, was ihren geheimen Abſichten ſehr förderlich war. Auch zwangen ſich die beiden Mädchen, ſo ſchwer ihnen ſolches auch fiel, mit Geringſchätzung und verſtelltem Haß von den hohen Gefan⸗ genen gegen Griſſard und Merceraut zu ſprechen, um ſo⸗ wohl deren Aufpaſſen von ſich abzuwenden, als auch deren Argwohn im erſten Entſtehen zu erſticken. + 108 Bei dem erſten Male, daß Merceraut nicht ſeinen Freund Griſſard und deſſen Gehilfinnen in die Wohnung der Kö⸗ nigin begleitete, ſondern außen vor der Thüre ſtehen blieb, um mit der daſelbſt aufgeſtellten Wache zu plaudern, ſchob Süperbe ein dazu ſchon bereitgehaltenes Papierſtück unbe⸗ merkt unter den Rockkragen ihres Oheims, auf welchem mit großen Buchſtaben die Worte geſchrieben ſtanden:„Die Buckelige iſt nicht undankbar. Sie iſt bereit, ihr Leben für Sie zu laſſen. Aber ſie muß ſich verſtellen und zur Liſt ihre Zuflucht nehmen.“ Aber Süperbe hatte den Verdruß, ihren Oheim mit dem neumodiſchen Haarbeutel wieder aus dem Zimmer der Königin kommen zu ſehen, daher ſie ſich ſchnell in den Beſitz des Papiers ſetzen mußte, bevor Merceraut daſſelbe bemerkte. Mißtraute vielleicht die Königin Süperbe's Worten oder war ſie dieſelben nicht gewahr worden? Ach, die Urſache dieſes Ueberſehens war keine andere als der Schmerz über die ge⸗ waltſame Entfernung der Prinzeſſin Lamballe, der Mar⸗ quiſe Tourzel und deren Tochter, welche in der vorigen Nacht vorgenommen worden war und jetzt noch die Gemüther der Gefangenen ausſchließlich beſchäftigte. Damit der unglück⸗ lichen Königsfamilie auch die Segnungen der Freundſchaft und Anhänglichkeit geraubt würden, hatte man jene grau⸗ ſame Maaßregel ausgeführt. Der erſte fruchtloſe Verſuch ſchreckte Süperbe nicht ab, denſelben ſo lange zu wieder⸗ holen, bis endlich der papierne Haarbeutel unter Griſſards Rockkragen verſchwunden war. Hierauf ſetzte Süperbe dieſe Schriftſprache weiter fort, indem und Alma's Dienſte antrug. Darauf ſie die Genug⸗ 109 thuung, in gleicher Weiſe eine Antwort zu erhalten, in wel⸗ cher um Mittheilung alles deſſen gebeten wurde, was ſich in Bezug auf die königlichen Angelegenheiten außerhalb des Tempelhofs zutrüge. Da ſich in den Zimmern der Königin kein großer Spie⸗ gel befand, in welchem Griſſard ſeinen papiernen Haarbeutel zufällig hätte wahrnehmen können und beide Mädchen in dem Anheften deſſelben eine große Gewandtheit erlangten, ſo blieb dieſer ſchriftliche Verkehr unentdeckt. In den nun kommenden Tagen, Wochen und Monaten hatten Süperbe und Alma Zeit ſowohl als Gelegenheit, die einfache Lebens⸗ weiſe der hohen Gefangenen zu bemerken. Früh um 6 Uhr ſtand der König auf, welcher, unausgeſetzt von ſeinen Wachen durch die Glasthüre ſeines Zimmers beobach⸗ tet, ſeine Morgenandacht knieend verrichtete. Nachdem er an⸗ gekleidet war, begab ſich der einzige? Diener, den man ihm gelaſſen hatte, hinab, um den Dauphin anzuziehen und deſſen Haar zu ordnen. Um 9 Uhr ſtiegen die Königin mit ihren beiden Kindern und des Königs Schweſter hinauf, um mit dem König zu frühſtücken. Um 10 Uhr ging der König zur Königin hinab, wo er den Tag über verweilte und ſeinen Sohn in der lateiniſchen Sprache, in der Ge⸗ ſchichte und Geographie unterrichtete. Die Königin dagegen that ein Gleiches mit ihrer Tochter, welcher ſie überhaupt die ſorgfältigſte Erziehung gab. War das Wetter ſchön, ſo wurde die königliche Familie in den Garten des Tempel⸗ hofs geführt, der zwar keine Aehnlichkeit mit demjenigen von Verſailles und von den Tuilerien beſaß, allein trotz ſeiner Reizloſigkeit den Gefangenen zum großen Troſt ge⸗ reichte. Hier vergaß der kleine Ludwig den ſchweren Druck ſeiner Haft und überließ ſich ganz ſeiner kindlichen Luſt, die er durch Ballſchlagen, Umherſpringen und andere Spiele an den Tag legte. Um 2 Uhr kehrten die Gefangenen in den Thurm zum Mittagstiſche zurück, nach deſſen Beendi⸗ gung die beiden königlichen Kinder ſich gegenſeitig aufheiter⸗ ten und das königliche Ehepaar Trietrac oder Piquet ſpielte. Um 4 Uhr hielt der König eine kurze Mittagsruhe, während die Prinzeſfinnen um ihn her ein Buch zur Hand nahmen und die lautloſeſte Stille in dem Zimmer unterhalten wurde. Nur ganz leiſe Seufzer entſchlüpften den Lippen der hohen Dulderinnen, fiel ihr Blick auf das ehrwürdige, durch ſchwere Leiden vor der Zeit gealterte und tiefgefurchte Antlitz des ſchlafenden Königs. Nach deſſen Erwachen unterrichtete des Dauphins Hofmeiſter Clery denſelben im Schreiben und Rechnen. Hierauf wurde das Kind zu ſeiner Tante in's Zimmer geführt, um daſelbſt Ball zu ſpielen oder eine andere Leibesbewegung auszuführen. Abends ſetzte ſich die königliche Familie um den Tiſch und die Königin las mit lauter Stimme aus einem Buche vor. Früher als die Anderen aß der Dauphin zu Abend, wobei der König ſeinen Kindern leichte Räthſel zu errathen aufgab. Wenn der Dauphin ausgekleidet, war, ließ ihn ſeine Mutter ein Abendgebet herſagen, welches alſo lautete: „Allmächtiger Gott! der du mich erſchaffen und erlöſet haſt, ich bete dich an. Erhalte den König, meinen Vater und meine Familie! Beſchütze uns gegen unſere Feinde. Verleihe der Frau Tourzel die Kraft, deren ſie nöthig hat, um die Uebel zu ertragen, die ſie um unfertwillen ausſtehen muß.“ Waren die Gemeinde-Commiſſairs in der Nähe, ſo gebrauchte der kleine Prinz von ſelbſt die Vorſicht, dieſes Gebet leiſe herzuſagen. Nun legte man den Dauphin nieder. Die Königin und deren Schwägerin verweilten abwechſelnd neben ihm bis zu der Zeit, wo der König zu Abend ſpeiſte. Nach dem Aufſtehen vom Tiſche begab ſich der König zu ſeinem Sohne an's Bett, reichte ſeiner Gemahlin und Schweſter die Hand, küßte ſeine Kinder und ſtieg dann in ſein Zimmer hinauf. Die königliche Familie würde ſich glücklich geſchätzt haben, wenn ihr geſtattet worden wäre, das oben beſchrie⸗ bene einfache Leben fortzuführen. Ach, die Barbaren hatten beſchloſſen, ihren Gefangenen tropfenweiſe das tödtliche Gift einzuflößen, ſie von Stufe zu Stufe dem Verderben langſam zuzuführen. Ein ſolcher Gifttropfen wurde ihnen dargereicht, als am 3. September Merceraut und Griſſard in das Zimmer traten, wo die ganze königliche Familie beiſammen war. „He! Louis Capet!“ hob Merceraut mit ſchadenfroher Miene an—„und Du, Antoinette! wollt Ihr etwas Neues ſehen? Kommt mit mir zum Fenſter dort und Ihr werdet eine alte gute Bekannte erkennen.“ Bevor die Königin einen Blick auf Süperbe und Alma werfen konnte, welche in einiger Entfernung ſtehen bleiben mußten, hatte ſie Merceraut zum Fenſter zu gehen genöthigt. Was war's, was ihr hier in das beſtürzte Auge fiel? Ein abgehauener, blutiger Menſchenkopf mit langem, herabwallendem Haar, den eine Furie von Weib auf einer 112 Lanzenſpitze trug und, dicht unter dem Fenſter ſtehend, der Königin triumphirend entgegenhielt! „Erkennſt Du ſie?“ fragte Merceraut mit teufeliſcher Freude.„Es war ja Deine gute Freundin! Ihr Name fängt ſich mit dem Buchſtaben„Lamballe“ an.“ Ja, dieſer blutige Kopf mit dem ſchmerzlich verzogenen Antlitze und den gebrochenen Augen gehörte der Prinzeſſin Lamballe an, der aufopferndſten Freundin der unglücklichen Königin, welche auf die Nachricht von der Gefahr, welche ihrer königlichen Freundin durch das empörte Volk drohete, aus dem ſichern London nach Paris geeilt war, um das Schickſal Marie Antvinette's zu theilen. Nachdem man ſie, bald nach der Einkerkerung der Königsfamilie, derſelben entriſſen, hatte man ſie den Schlöſſern und Siegeln eines gemeinen Gefängniſſes anvertraut und ſie an dem oben ge⸗ dachten Tage vor das Revolutionstribunal, jenes ſcheußliche Blutgericht, geführt, wo man ſie keines anderen Verbrechens beſchuldigen konnte, als die treue Freundin der unglücklichen Königin geweſen zu ſein. Nachdem man ſie deshalb zum Tode verurtheilt und aus dem Gerichtsſaale fortgebracht hatte, war das raſende Volk über das ſchuldloſe Opfer her⸗ gefallen und an ihm zum tauſendhändigen Henker geworden. O Menſchenkind, von dem Herrn vor allen andern Ge⸗ ſchöpfen ſo herrlich ausgezeichnet, wo iſt an dir das göttliche Ebenbild geblieben, nach welchem du geſchaffen worden biſt? Weine, o Genius des Menſchengeſchlechts, weine blutige Thränen über deſſen unglaubliche Pa und Schand⸗ thaten! 1¹3 Süperbe und Alma, als Sic fühlende Menſchen, wein⸗ ten bei dem Anblick, den ihnen die tödtlich erſchrockene Kö⸗ nigsfamilie darbot. Ein Glück für ſie beide, daß weder Merceraud noch Griſſard, an dem ungeheuren Schmerz ihrer Gefangenen ſich weidend, die Thränen der Mädchen ge⸗ wahrten. Denn zur Zeit jener angeblichen, geprieſenen Frei⸗ heit war ja die Thräne und das Wort des Mitleids ein tod⸗ würdiges Verbrechen, welches der Vater an ſeinem eigenen Kinde und der Ehegatte an ſeinem Weibe beſtraften. Der furchtbare Anblick hatte der königlichen Familie das Blut in den Adern erſtarren laſſen. Jenes blutige Haupt war ihnen ein unaufhörlicher Mahnruf, was auch ſie von dem entmenſchten Pöbel zu erwarten hatten. Wie gern hätten die beiden Mädchen den Siie das grauſenvolle Bild verborgen, wenn dieß in ihrer Macht geſtanden hätte! Aber ſo konnten ſie ihre Warnung nicht anbringen und mußten darum den ſchrecklichen Schlag auf die geſalbten Häupter niederſchmettern ſehen. Sechsundzwanzig Tage ſpäter, am 29. September 1792, erfolgte ein neuer Schlag, indem man den König von den Seinen trennte und abgeſondert von dieſen in den großen Thurm verſetzte. Dieſe neue Grauſamkeit preßte der könig⸗ lichen Familie nicht nur die bitterſten Thränen und bange Seufzer, ſondern laute Schreie der Verzweiflung aus. Die⸗ ſelben rührten in ſo weit die mit der ſtrengſten Bewachung des Königs beauftragten Schergen der Tyrannei, daß ſie der königlichen Familie noch einmal verſtatteten, mit ihrem 8 F Oberhaupte zuſammen zu ſpeiſen. Welch' eine traurige Rieritz. Des Königs Kind. 114 Mahlzeit! Später richtete man zwar auch für die Königin eine Wohnung in dem großen Thurme ein, allein man ent⸗ riß ihr bei ihrem Umzuge dorthin ihren heißgeliebten Sohn und brachte denſelben zu ſeinem Vater. Erſt dann, als man den Monarchen in den Anklageſtand verſetzte, erhielt die Mutter ihr Kind zurück, während dem König aller wei⸗ tere Umgang mit den Seinen entzogen wurde. Dieß geſchah zu Anfang des Jahres 1793. Als Süperbe und Alma mit Griſſard am Abend des 20. Januars das Vorzimmer des Königs betraten, fanden ſie daſſelbe mit Wachen angefüllt, welche neugierig durch die Glasthüre in den Speiſeſaal blickten. Von den ſchrecklichſten Ahnungen ergriffen, iheren die Mädchen zitternd ihr Antlitz den Glasſcheiben und ſchauten durch dieſelben ein Bild, welches wohl ſchwerlich der ge⸗ ſchickteſte Maler treu wiederzugeben vermöchte. Der König faß in einem Stuhle, umringt von ſeiner verzweifelnden, in Thränen zerfließenden Familie. Vor ihm und zwiſchen ſeinen Knieen lag der kleine Dauphin, welcher bald mit ſeinen zitternden Armen den Vater zärtlich preßte, bald deſſen Hände und Kleider mit Thränen und Küſſen bedeckte, bald die durchdringendſten Schreie ausſtieß, bald ſein Antlitz auf die väterlichen Kniee niedervrückte. Und der Monarch, dieſer unglücklichſte der Väter und Könige, hielt ſeine Hände ſegnend ausgeſtreckt über dem Haupte des theuren Kindes und heiße Segenswünſche entglitten den zitternden, könig⸗ lichen Lippen. Ach, mehr als dieſe, konnte der einſt ſo mächtige Beherrſcher Frankreichs ſeinem Sohne als einziges Erbtheil nicht hinterlaſſen! 115 Und die königliche Tochter harrte mit Sehnſucht des Augenblicks, wo auch für ſie der väterliche Mund ſegnende Worte gewinnen könnte. Und abwechſelnd umarmte die königliche Frau und des Königs Schweſter den theuren Gefangenen, der auf immer von ihnen ſcheiden ſollte und gekommen war, um den Seinen die letzte Umarmung, die letzten Küſſe, Händedrücke und zärtlichſten Worte zu widmen. Denn: ein eben ſo grauſames als ungerechtes Blutgericht hatte Ludwig XVI. heute zum Tode durch das Henkerbeil verurtheilt und ihm nur die kurze S bis morgen früh bewilligt. Ja gewiß, die zahlloſen Thränen, Seufzer und Weh⸗ klagen, welche in dieſer ſiebenviertelſtündigen Abſchiedsſcene den hohen Gefangenen ausgepreßt wurden— ſie ſind von den Engeln im Himmel gezählt, geſ ſammelt und in das Sünden⸗ maaß jener Blutmenſchen geſchüttet worden, welche damals die Macht über Leben und Tod an ſich geriſſen hatten. Selbſt die königlichen Wächter fühlten ſich von der rüh⸗ renden Scene ergriffen. Aber die Furcht vor den blutdür⸗ ſtigen Machthabern war ſtärker in ihnen als die Furcht vor dem heiligen und gerechten Gott. Darum ließen ſie es bei dem ſtummen Mitleid bewenden und geleiteten den könig⸗ lichen Gefangenen nach 10 Uhr in ſein Gefängniß zurück. Welch' eine Nacht für Alle! Nachdem am 20. September der öffentliche Ausrufer nit lauter Stimme unter den Fenſtern der Königin allem Volke verkündigt hatte, daß am nächſten Tage Ludwig Capets Haupt unter dem Beile der Guillotine fallen ſolle, zeigte am Morgen des 21. September dumpfes Trommel⸗ 5 — wirbeln den Zeitpunkt an, wo man den König aus ſeinem Gefängniſſe holte, um ihn dem Blutgerüſt zuzuführen. Bei dieſem furchtbaren Klange flehte die in Thränen zerfließende Königin die Volksvertreter an, ihren Gatten zum letzten Male umarmen zu dürfen. Man wies ſie jedoch mit der harten Antwort zurück, daß man hierzu keinen Er⸗ laubnißbefehl habe. Der kleine Dauphin dagegen entriß ſich plötzlich den Armen ſeiner Mutter, warf ſich den Wachen zu Füßen und rief mit gefalteten Händen:„Meine Herren, laſſen Sie mich gehen! Ich will zum Volke ſprechen, es beſchwören, meinen Vater nicht tödten zu laſſen. Um Gottes willen, laſſen Sie mich gehen!“ Als man das Kind rauh uiwies, kehrte es um, nicht aufhörend zu rufen:„Mein Vater! ach, mein Vater!“ Nach einer Stunde brachten Kanonendonner und das Freudengeſchrei der pariſer Bevölkerung die Trauerbotſchaft zum Tempelhofe, daß jener arme Vater nicht mehr unter den Lebenden war! Zehntes Rapitel. Der unverhoffte Beſuch. Nie war die menſchliche Freiheit ärger geknechtet als in der Zeit, wo in Paris und ganz Frankreich das Feldgeſchrei war:„Es lebe die Freiheit und Gleichheit!“ Fünfzig⸗ tauſend Blutmenſchen herrſchten damals über 30 Millionen Franzoſen und hielten dieſelben in den ſchmählichſten und feſteſten Ketten geſchlagen. Statt der Gerechtigkeit handelte nur die ſ Willkür. Niemand durfte mehr frei ſeine Meinung äußern, niemand ſeine wahren Empfindungen an den Tag legen. Jede Blutſcene, welche alltäglich in Paris und in andern Städten der Bevölkerung vorgeführt wurde, mußte mit dem, oftgewaltſamerkünſtelten Freudenrufe:„Es lebe die Republik! Es lebe die Freiheit!“ begrüßt und beſchloſſen werden, ſelbſt wenn das Herz in ſeiner Höhle dabei vor Abſcheu und Entſetzen erzitterte. Mit Recht hat man jene Zeit die Schreckensregierung genannt. Ach, es iſt eine gewöhnliche Erſcheinung, aber ein Unglück zugleich, daß die guten Men⸗ ſchen in der Regel weniger Muth beſitzen als die böſen, daß ſich hundert, nein tauſend und mehr gute Menſchen vor einem einzigen, entſchloſſenen Böſewicht fürchten. So war es auch damals. Bald reichte die Guillotine in Paris nicht mehr zum Menſchenmorden aus, obſchon ſie ohne Unterlaß ihr ſcharfes Beil auf unſchuldige Nacken herabfallen ließ. Man ſchoß die Menſchen zu Hunderten mit Kartätſchen todt oder erſäufte ſie in Maſſe, wozu man ſich eigens dazu bereiteter Schiffe bediente. Das Mißtrauen erfüllte alle Gemüther und entfremdete die nächſten Blutsverwandten mit einander, denn Treuloſig⸗ keit und Verrath waren an der Tagesordnung. Wollte jemand einen Feind von ſich unter die Guillotine bringen, ſo bedurfte es nur einer unerwieſenen Anklage, daß jener 118 ein Königsfreund oder Feind der neuen Ordnung ſei. Die Gefängniſſe reichten nicht mehr aus, um alle Angeklagten in ſich aufzunehmen. Ein Menſchenleben galt für nichts, und allgemach gewöhnte ſich der Pariſer ſo an das Vergießen von unſchuldigem Blut, daß er gänzlich und gleich⸗ gültig dabei blieb. In dieſer ſchlimmen Zeit ſchien Zi eine Ver⸗ änderung ſeines Gemüths vorzugehen. Er vermied jetzt öfterer, den Hinrichtungen beizuwohnen, den Jacobinerklubb zu beſuchen und mit ſeinem Freunde Merceraut zu verkehren. Manchmal ſaß er daheim mit ſorgenvoll untergeſtützten Armen und in tiefe Gedanken verſunken. Zuweilen glitt gar ein leiſer Seufzer über ſeine Lippen und weicher klang ſeine Stimme, wann er zu ſeiner Nichte oder deren Freundin Alma ſprach. Dieſe Sinnesänderung erſtreckte ſich ſelbſt bis auf die königliche Wittwe und deren Familie, welche Griſſard rückſichtsvoller und ehrerbietiger behandelte, ſo oft ihn ſein Amt in deren Nähe führte. Eines Tages kam Griſſard in großer Wuth aus ſun Jacobinerklubb nach Hauſe. Zornig warf er ſeine rothe Jacobinermütze zu Boden und trat ſie mit Füßen. „Du biſt entehrt“— ſchrie er dabei—„und kannſt nicht mehr auf dem Kopfe eines ehrlichen Republikaners vrangen. Ich ſage mich los von euch Jacobinern, wenn ihr ſolche Schufte und Heuchler unter euch aufnehmt. Wiſſt Ihr was Neues?“ fuhr er zu den erſtaunten Mäd⸗ chen fort—„Wen erblicke ich, als ich vorhin in den Jaco⸗ binerklubb trete? Wer ſteht auf der Rednerbühne und donnert wüthend gegen die Ariſtokraten, gegen die königlich 1¹9 . Geſinnten, gegen den Adel und die Reichen? Niemand anders als der nichtswürdige Maurice von Lünette, welcher ſich gegenwärtig Bürger Menſchenrecht nennt. Daß du die Peſt bekämeſt, abſcheulicher Heuchler du! Sieh' doch, Spitzbube, wie fein du jetzt den Spieß umdreheſt, weil der Wind aus einem andern Loche pfeift! In meiner Wuth über den Schurken habe ich nichts Eiligeres zu thun, als meinen Nachbarn haarklein zu erzählen, welch' einen Vogel ſie auf der Rednerbühne ſingen hören. Millionen Schock Bar⸗ benſchuppen! Kein Menſch wollte meinen Worten glauben, ſondern man gebot mir unter Drohen zu ſchweigen, ſintemal der Bürger Menſchenrecht der eifrigſten Jacobiner Einer ſei. Da hört doch Alles auf, ſelbſt die glühendſte Vater⸗ landsliebe. Ueberhaupt behagt mir ſo Manches nicht, was jetzt geſchieht. Das ewige Kopfabhacken und Menſchen⸗ morden, das Brüllen und Toben, das Rauben und gegen⸗ ſeitige Verfolgen ſind mir widerlich. Ich wollte, ich wäre noch in Miraille und wöhlbeſtallter Flurſchütze.“ „Gott Lob!“ verſetzte Süperbe—„daß Ihr einmal wieder zu Verſtande kommt, Oheim! Es war die höchſte Zeit dazu und beinahe ſchon zu ſpät. Denn gewiß iſt's feſt, daß Ihr gleichfalls Euern Theil an dem Königsmorde habt und wenn Ihr nur den anderen Blutmenſchen nachge⸗ ſchrieen habt.“. „An der Hinrichtung nicht!“ betheuerte Griſſard— „So weit ſollte es nicht kommen, war mein Wille. Viel⸗ mehr lautete mein Wahlſpruch alſo: Es lebe die königlich franzöſiſche Republik! Kinder! ſeid Ihr dabei, wenn ich der rothen Mütze da für immer Adien ſage, dem bluterfüllten 120 Paris den Rücken zukehre und in die Heimath zurückmar⸗ ſchire, wo es nach dem Abzuge des jetzigen Bürgers Men⸗ ſchenrecht gewiß wieder recht hübſch iſt?“ „Ob ich dabei ſei?“ rief Alma entzückt aus—„O liebſter Griſſard! ein Engel ſeid Ihr wieder! O laßt 6 gleich in dieſer Minute von hinnen fliehen.“ Süperbe aber ſchüttelte hierzu den Kopf und ſprach: „Nein, ſo darf es nicht kommen. Ihr habt, Oheim, den Karren in den Schmuz ſchieben helfen und wollt Euch nun davon machen, ohne ihn wieder herausziehen zu helfen? Oheim, Ihr habt Eure Hände mit dem Blute des beſten Königs beſudelt und darum müßt Ihr dieſelben erſt wieder rein waſchen, bevor Ihr etwas Anderes ergreifen könnt.“ „Ha!“ verſetzte Griſſard—„ſoll ich etwa Todte wie⸗ der auferwecken? Abgeſchlagene Köpfe wieder auf den F feſſetzen?“ „Das könnt Ihr allerdings nicht“— erwiederte Si⸗ perbe traurig—„und das ſollte der Menſch wohl bedenken, bevor er Böſes thut, welches er nie wieder ungeſchehen zu machen vermag. Aber ſühnen könnt Ihr doch einigermaßen Euer Verbrechen an dem König, wenn Ihr deſſen Hinter⸗ laſſenen zu helfen bereit ſeid.“ „Wie kann ich das?“ fragte Griſſard.„Ja, wenn ich Merceraut und nicht ein armer Lampenputzer wäre, welcher höchſtens die Lampen in der königlichen ein wenig heller brennen machen kann!“ „O, es wird ſich ſchon eine Gelegenheit finden,“ ſprach Süperbe—„wo Ihr den königlichen Geſrun einen erweiſen könnt. Ihr könnt Eure Sinnes⸗. 121 inderung ſchon durch ein jetes Seragen gegen ſie be⸗ thätigen.“ „Ja!“ meinte Griſſard und machte dazu ein bedenk⸗ liches Geſicht—„wenn nur Merceraut nicht aufpaßte wie ein Heftelmacher. Sieht er, daß ich freundlicher gegen die Königin und ihre Kinder bin, ſo dürfte mein Kopf bald nicht mehr feſt ſtehen.“ Süperbe wollte eben etwas darauf antworten, als die Thüre ſich aufthat und Merteraüt mit einem alten Bauer Bhereintrat. „Hier bringe ich Dir, Bürger Griſſard“— hob der Maurer an—„einen Landsmann aus Miraille, der Dich bereits in allen Winkeln von Paris geſucht hat und endlich noch glücklich in meine Hände gelaufen iſt. Er nennt ſich Peter Arnaud und will Dein beſter Freund geweſen ſein. Ich hoffe, daß er ein eben ſo aufrichtiger Republikaner iſt wie Du, wenn gleich er die rothe Mütze nicht trägt. Ei, da liegt ja Deine ganz beſtäubt am Boden. Du mußt darauf getreten haben.“ „Aus Verſehen“— ſtotterte Griſſard, die Mütze auf⸗ hebend—„ſie fiel mir ſo eben vom Kopfe und da trat ich zufällig darauf. Peter Arnaud heißt Ihr, Mitbürger? hm, wie iſt mir denn? Bekannt kommt mir Euer Geſicht ſchon vor, allein“ „O, über E Cuch Oheim!“ rief Süperbe haſtig aus— „Ich glaube, Ihr erkenntet Euern leiblichen Vater ſelbſt nicht mehr, wenn Ihr ihn ein halbes Jahr lang nicht ge⸗ ſehen hättet. Willkommen, tauſendmal willkommen, guter Peter Arnaud! Was macht Ihr? Wie gehts Eurer lieben 122 Frau? Sind Eure Eute alle geſund? Erinnert ſich der kleine Schelm, der ſchwarzäugige Franz, noch meiner? Bietet meinem vergeßlichen Oheim da eine Pfeife Tabak aus Euerm Tabaksbeutel oder eine Priſe aus Eurer braunen Holzdoſe an, ſo wird er beide ſchneller wieder erkennen als Euer freundliches Geſicht. Hier iſt auch noch Eine, Alma Mal⸗ mier, die Euch gern die Hand drücken und von Euch er⸗ fahren möchte, wie es ihrer Mutter und ihren Geſchwiſtern ergeht. Aber, ich ſehe es Euch an, daß Ihr ſehr müde von dem langen Umherlaufen ſeid. Setzt und erholt Euch Süperbe nahm eine ſolche Stellung hinter Merceraut ein, daß er ihr bedeutungsvolles Zuwinken gegen Griſſard nicht bemerken konnte. Dieſer begriff jetzt, daß es ſich um ein Geheimniß handle und daß er deshalb auf Süperbe's Verfahren eingehen müſſe. „War ich denn vund?“ rief er aus—„O, ich alter neun und neunzig mal vernagelter Hechtskopf! Meinen lieben Nachbar Peter Arnaud nicht ſogleich an der rothen Naſenſpitze zu erkennen! Seid tauſendmal tauſend will⸗ kommen! Bürget Merceraut, keinen größern Gefallen hätteſt Du mir erweiſen können, als daß Du mir meinen alten Freund zugeführt haſt. Habe ſchönen Dank dafür. Aber, nun erzählt, Peter Arnaud, wie die Dinge in Mi⸗ raille ſtehen und laufen.“ „Habt ein wenig Geduld“— bat der angebliche Peter —„Laßt mich erſt einige Minuten ausruhen. Die Menge Treppenſtufen herauf zu Euch— mein kurzer Athem— uf ich— kann nicht— mehr.“ 123. „Erholt Euch!“— bat Süperbe, indem ſie einen Stuhl hoeitg„Wir bleiben ja, hoffe ich, länger beiſammen.“ „Ich aber muß fort“— ſprach Merceraut und ging. Kaum, daß derſelbe hinaus war, hob Griſſ ſſard an: „Nun aber erklärt mir das Räthſel. Ich will auf der Stelle zu einem Seerochen werden, wenn ich jemals von einem Nachbar. Arnaud etwas geſehen oder gehört habe.“ „Stille! ſtille!“ ſprach Stherbe und horchte an der Thüre, um Mercerauts Tritte auf der hölzernen Treppe zu behorchen. Als dieſe verklungen waren, fuhr ſie zu ihrem Oheim fort:„Denkt Euch an die Stelle dieſer hellbraunen Perrücke ſchwarzes, mit grau vermiſchtes Haar; ſtatt dieſer Bauerntracht ein Meßgewand, und Ihr werdet den ehrwür⸗ digen Herrn Pfarrer Ambvoiſe aus Miraille vor Euch ſitzen ſehen. Haſt Du ihn nicht eben ſo ſchnell erkannt wie ich, Alma?“ „Mitlionen Fiſchſchuppen fallen mir von den Augen!“ rief Griſurd überlaut, ſo daß ihm Süperbe ſchnell den Zeigefinger anf den Mund drückte.„Ihr ſeid“— fuhr er gedämpft fort—„ja, es iſt tichtig— unſer lieber Herr Pfarrer Ambviſe!“ „Derſelbe war ich,“— antwortete Ambviſe ſchmerzvoll —„jetzt aber ein Geächteter. Und nun geht hin, Griſſard, der Ihr ein blutbefleckter Jacobiner geworden ſeid, und ver⸗ rathet mein Hierſein dem Revolutionstribunal, damit es meinen alten Kopf unter das Fallbeil legen laſſe.“ „Pfui doch!“ verſetzt Griſſard gekränkt.—„Wie mögt Ihr ſo Arges von mir denken, Herr Pfarrer?! Es 124 iſt wahr, daß ich mich habe verleiten laſſen, die rothe Mütze aufzuſetzen, die Clubbs zu beſuchen und auch wohl mitzu⸗ ſchreien, was die Anderen ſchrieen. Aber ich war wahn— ſinnig, betrunken— nennt es, wie Ihr wollt— in einem böſen Traume! Nun ich munter, nüchtern, wieder vernünf⸗ tig werde, ſehe ich mein Unrecht ein und ſchäme mich wie ein Schulknabe. Schon lange hat mich das viele vergoſſene Blut angegrault und ſeitdem das königliche Haupt gefallen iſt, kommt mir daſſelbe faſt jede Nacht vor's Auge. Kurz vor Eurer Ankunft machte ich den beiden Mädchen den Vorſchlag, das blutgedüngte Paris zu verlaſſen und nach Miraille zurückzukehren. Superbe aber will nicht, ſondern verlangt von mir, daß ich mein begangenes Unrecht nach Möglichke it hier wieder gut machen ſoll.“ „Darin gebe ich Süperben vollkommenrecht“— ſprach der Pfarrer.„Uebrigens würdet Ihr es in Miraille nicht beſſer wie hier finden. Der Geiſt des Aufruhrs hat ſich durch ganz Frankreich verbreitet und überall hin ſeine Blutrichter aus⸗ geſendet, welche die Unſchuld verfolgen und morden. Wie überall, ſo wollten auch Miraille's Bewohner Rache an ihrem Gutsherrn nehmen, ſein Schloß erſtürmen, ausplün⸗ dern und in Aſche legen, ihn ſelbſt aber in's Feuer werfen. Es gelang mir jedoch, die Wüthenden zu beruhigen und den Herrn von Lünette dahin zu bewegen, daß er freiwillig den meiſten gutsherrlichen Rechten zu Gunſten der Landleute entſagte. Allein nicht lange währte es, ſo erſchien unter des Dieners Mercier Anführung, der ſich mit ſeinem Herrn entzweit gehabt hatte, ein anderer Volkshaufe in Miraille und verübte all' die Greuel, von welchen ich meine Pfarr⸗ 125 kinder abgehalten hatte. Herr von Lünette verſchwand und ſein ehemaliger Diener Mercier läßt gegenwärtig als Blut⸗ richter in der weiten Umgegend von Miraille ſeine Blutur⸗ theile ausführen. Da ſich der Glaube an einen heiligen und gerechten Gott nicht mit dem Menſchenſchlachten verei⸗ nigen läßt, ſo hat man, ſo zu ſagen, unſern Herrgott in Frankreich ab- und dafür die Vernunft als Gottheit einge⸗ ſetzt. Die Diener des wahren Gottes aber, welche die neue Unordnung nicht beſchwören wollen, mordet man kalten Blutes. Hätte ich durch meinen Kopf die heilige Sache un⸗ ſers Glaubens retten oder nur vertheidigen können, ſo würde ich ihn mit Freuden hingegeben haben. Da das aber nicht der Fall iſt, ſo bin ich geflüchtet und jetzt hier, wo ich we⸗ niger erkannt zu werden fürchte als in Miraille.“ „Wißt Ihr, HerrPfarrer“— fragte Griſſard—„daß der ſaubere Herr von Lünette ebenfalls in Paris ſich befin⸗ det, Jacobiner der wüthendſten Art geworden iſt und ſich gegenwärtig Menſchenrecht nennt?“ „Demnach hätte der Fuchs den Balg geändert“— ent⸗ gegnete der Pfarrer.„Vielleicht hofft er dadurch, das doppelt wieder zu erlangen, was er in Miraille eingebüßt hat. Aber ich ſage nur, daß, weil Herr Maurice hier und Euer Ka⸗ merad iſt, ich meinen Kopf bereits wackeln und— fallen ſehe.“ „Nicht doch! erwiederte Griſſard mit gerunzelter Stirne. „Erſtens vermuthet Euch niemand bei mir verſteckt; zweitens bin ich noch immer Jacobiner ſo gut wie Menſchenrecht; drittens habe ich Merceraut zum Freunde, der ſehr viel gilt, und viertens ſoll man eher über meine Leiche hinwegſchreiten müſſen, bevor man Euch an den Hals greifen darf.“ 126 „Ach!“ ſagte hier Alma,—„erzählt mir doch, liebſter Herr Pfarrer, wie es meiner Mutter und meinen Geſchwi⸗ ſtern ergeht? Wo ſind ſie, nachdem Ihr Miraille verlaſſen habt? Schwebt Fr Leben eben ſo ſehr in wie das Eure?“ „Jetzt ſitzt in Frankreich keines Menſchen ht mehr feſt, verſetzte Herr Amboiſe— und wer am Morgen mun⸗ ter und geſund aufſteht, weiß nicht, ob er nicht vor Abend noch unter das Fallbeil gelegt wird. Aber der Blitz pflegt meiſt nur in höhere Väume einzuſchlagen, während er das niedere Geſträuch verſchont. Und Deine Mutter und Deine Geſchwiſter gehören, Gott Lob, zu dem letzteren. Als ich flüchtete, blieben ſie mit meiner alten Haushälterin im Pfarr⸗ hauſe zurück. Seitdem habe ich nichts wieder von ihnen gehört.“ „Kinder!“ ſprach jetzt Griſſard— es fängt an zu dun⸗ keln. Wir müſſen nach dem Vtpelhofe und unſere La⸗ ternen und Lampen anzünden.“ „In dem Tempelhofe? fragte der Pfarrer verwundert —„wo die unglückliche Königsfamilie weilt?“ „So iſts!“ nickte Griſſard.„O, wir ſind ganz per⸗ traut mit den hohen Häuptern. Wenn Merceraut Abhal⸗ tungen hat, ſo vertrete ich ſeine Aufſeherſtelle bei der Kö⸗ nigsfamilie. Ha! Ha! ſo hat ſich das Blatt gewendet.“ „Iſt es möglich?!“ rief der Pfarrer aus. Dann ver⸗ ſank er in ein tiefes Sinnen. Eilftes Kapitel. Simon der Schuſter. In der Noth erkennt man ſeine Freunde— ſagt das Sprüchwort. Auch die unglückliche Königsfamilie beſaß deren noch, welche einzig darauf bedacht waren, die hohen Gefangenen aus ihren Gefängniſſen zu befreien. Dieſen Gedanken faßte zuerſt ein gewiſſer Toulan, einer von den mit der Beaufſichtigung der hohen Gefangenen beauſtragten Commiſſairs, der ihn zunächſt der Königin mittheilte. Die⸗ ſelbe jedoch wollte nicht eher auf den ihr vorgelegten Be⸗ freiungsplan eingehen, als bis derſelbe von einem der eif⸗ rigſten Freunde der königlichen Familie, dem ehemaligen Feldmarſchall Jarjaye geprüft und genehmigt worden wäre. Jarjaye billigte den Plan, hielt aber für unumgänglich nö⸗ thig, noch einen zweiten Commiſſair in das Geheimniß zu ziehen, wozu man den Herrn Lepitre auswählte, weil der⸗ ſelbe ein tiefes Mitleiden gegen die königliche Familie an den Tag gelegt hatte. Auf den Umſtand, daß die beiden Mäd⸗ chen, welche den Lampenputzer jedesmal begleiteten, den hohen Gefangenen innig ergeben waren, baute man den gan⸗ zen Entwurf der Flucht. Mit Süperbes und Alma's Klei⸗ dern angethan, ſollten die beiden königlichen Kinder in Griſ⸗ ſard's Geſellſchaft, welcher durch den in das Geheimniß ein⸗ geweiheten Pfarrer Amboiſe gewonnen worden war, den Tempelhof unter dem Schutze der abendlichen Dunkelheit verlaſſen, die Königin und deren Schwägerin aber in Man⸗ 0 neskleidung und mit dreifarbigen Schärpen umgürtet, als Municipalbeamte jenen nachfolgen. Alle nöthigen Vorkehrungen waren getroffen, die erfor⸗ derlichen Päſſe für die hohen Flüchtlinge beſorgt und drei leichte Fuhrwerke für dieſelben in Bereitſchaft gehalten. Das erſte ſollte die Königin mit dem Dauphin beſteigen, das zweite die Prinzeſſin Marie, des Dauphins Schweſter, und das dritte des gemordeten Königs Schweſter, die Prinzeſſin Eliſabeth. Es war in den erſten Tagen des Märzmonats 1793. Ein nicht vorauszuberechnender Umſtand vereitelte den ganzen, ſo gut angelegten Plan der Flucht. Am Tage vor deſſen Ausführung brach eine neue Volkserhebung aus, welche diesmal nicht der Freiheit, ſondern dem Kaffee und Zucker galt. Beides mit Gewalt ſeinen rechtmäßigen Beſitzern, den Kaufleuten von Paris, zu rauben, erlaubte ſich das Volk. In Folge dieſer Plünderung wurden die Barrieren geſperrt und die Päſſe außer Geltung geſetzt. An welchen feinen Fäden unſer Schickſal, wie unſer Leben zuweilen hängt! Nachdem durch jene Maßregel die beabſichtigte Flucht der hohen Gefangenen verhindert worden war, beſchloß Toulan, deſſen Eifer für die gute Sache ein unermüdlicher und hingebender war, wenigſtens die Königin zu retten, deren Perſon die gefährdetſte unter Allen zu ſein ſchien. Wenn auch nicht aus dem geſperrten Paris, ſo gedachte Toulan doch die Königin in einen ſichern Verſteck zu bringen, bis die Wege wieder frei ſein würden. Aber auch dieſer Plan ſcheiterte, und zwar an der mütterlichen Zärtlichkeit der Kö⸗ nigin, welche ſich um keinen Preis von ihren Kinbemn tren⸗ nen wollte. Alle dieſe Verhandlungen, ſo geheim ſie auch geführt wurden, waren den Späherblicken eines dritten Commiſſairs des Tempelhofs, Namens Tiſon, nicht ganz entgangen. Ohne tiefer in das Geheimniß eingedrungen zu ſein, zeigte er ſeine beiden Genoſſen, Toulan und Lepitre, als verdächtig an, die Befreiung der hohen Gefangenen zu beabſichtigen. Die Folge dieſer Anklage war, daß Lepitre und Toulan ihr Heil in der Flucht ſuchen mußten und daß von nun an die wü⸗ thend ſten Republikaner mit der Beaufſichtigung der Gefan⸗ genen betraut wurden. Um jedes geheime Verſtändniß mit denſelben zu verhindern, wurde in dem Tempelhofgarten eine hohe Mauer gezogen und jedes Fenſter mit einem Git⸗ terladen verwahrt. Glücklicherweiſe war Griſſard's Be⸗ theiligung an dem beabſichtigten Fluchtplane unentdeckt ge⸗ blieben. Seine rothe Jacobinermütze und Merceraut's Freundſchaft dienten ihm noch immer als ſchützendes Schild, unter welchem auch Süperbe und Alma Platz fanden. Am dritten Juli, Abends um 10 Uhr, kamen ſechs Municipalbeamte in den Tempelhof, um der Königin die Trennung von ihrem Sohne anzukündigen. Welch' ein Schreck für die zärtliche Mutter! Die Barbaren dringen bis zum Bett des königlichen Kindes vor, das, aus dem erſten, ſüßen Schlaf geſchreckt, ſich in die Arme ſeiner ver⸗ zweifelnden Mutter wirft. Die Königin, deren Schwägerin und die beiden königlichen Kinder, außer ſich über dieſe Tren⸗ nung, in welcher ſie nur die Vorboten von noch ſchreckliche⸗ ren Dingen erblicken, brechen in Thränenſtröme aus. Sie erniedrigen ſich zu den rührendſten und demüthigſten Bitten; aber nichts vermag die Beamten zu erweichen, denen jeden⸗ Nieritz. Des Königs Kind. 9 130 falls die heiligſen Naturgefühle fremd geblieben ſind. Sie bedrohen die arme Mutter, die Wachen heraufzurufen und durch dieſelben den Dauphin mit Gewalt den Mutterhänden entreißen zu laſſen. Eine ganze Stunde lang vertheidigt Marie Antoinette ihr Kind gegen ſechs Männer. Die Kö⸗ nigin iſt vergeſſen— nur die Mutter ſteht vor dem Bette ihres Kindes und ſchützt daſſelbe mit all' ihren Kräften und den Vertheidigungsmitteln des Weibes. In dem ganz ungleichen Kampfe entfällt die Nachthaube dem königlichen Haupte und herabwallt das jetzt unfrifirte und unzepuderte Haar. Ach, dieſes vor wenig Jahren noch ſo ſchöne, kaſtanienbraune Haar— es iſt grau geworden vor Herzensgram und Kummer, wie das Haar einer Greiſin! Und das einſt lachende, jugend⸗ liche, engelgleiche Antlitz— es iſt vor der Zeit gealtert, abgemagert und von ſchweren Sorgen gefurcht. Endlich iſt der mütterliche Widerſtand beſiegt, die ſchwache Kraft des Weibes gebrochen von ſechs ſtarken Män⸗ nern. Dieſelben Hände, welche ſo tapfer ihr Kleinod ver⸗ theidigten, zittern jetzt heftig und zitternd legen ſie dem ge⸗ liebten Kinde die Kleider an, damit es mit den unerbittlichen Schergen gehen kann. Und Mutter und Schweſter, und Tante und Dienerin umarmen weinend das gleichfalls be⸗ bende Kind. Und die Mutter, ihm den letzten Kuß hienieden gebend, ſchluchzt die Worte hervor: „Erinnere Dich, mein Sohn, einer Mutter, die Dich liebt. Sei weiſe, ſei geduldig, ſei rechtſchaffen.“ Das waren die letzten Worte der Mutter; das war das Teſtament der unglücklichſten Königin für ihr nichtminder unglückliches Kind. „Meine Mutter! meine Mutter! ſchreit der kleine Lud⸗ wig, indem er von ſtarken Männerarmen fortgeführt wird. „Meine Mutter! Ach! meine Mutter! wiederholt er, als man ihn in eine andere Wohnung und in anderes Bett bringt. Unter dem Auskleiden wiederholt er nur dieſe zwei Worte. Erſtreichelt unter friſchen Thränen mit ſeinen weißen, zarten Händchen die Wangen ſeiner Wächter. „Laßt mich zu meiner Mutter!“ fleht er mit den rüh⸗ rendſten Tönen.„Zu meiner Mutter! Er ſpringt wieder aus dem Bett, läuft den Männern nach, die ihn hergebracht haben, und ſetzt unermüdlich ſeinen Ruf:„Ach, meine Mut⸗ ter! Laßt mich zu meiner Mutter!“ an der verſchloſſenen Thüre fort. Das zarte, königliche Kind zittert vor Schmerz und. Kälte in dem kühlen Thurmzimmer. Dennoch läßt es fort und fort ſein Wehgeſchrei nach der Mutter an der dicken Kerkerthür erſchallen. Als es endlich froſtklappernd ſein Lager aufſucht, benetzt es deſſen Kiſſen mit zahlloſen Thrä⸗ nen.„Meine Mutter! meine Mutter!“ jammert Ludwig immer wieder. Er wirft ſich in ſeinem Bette auf die Kniee, erhebt die gefalteten Hände gen Himmel und fleht in ge⸗ brochenen Tönen:„Meine Mutter! lieber Gott, meine Mutter!“ Kein Schlaf kommt in des Kindes dick verweinte Augen; trocken wird ihm der Gaumen und heiſer die Stimme. „Meine Mutter! Meine Mutter!“ ächzt es fort und fort. Der Tag bricht an. Man reicht dem armen Dauphin ein Frühſtück. Das Kind verſchmäht Speiſe und Trank. Zwei ganze Tage und Nächte hindurch thut es nichts weiter, als nach ſeiner Mutter rufen.„Meine Mutter! Ach, meine 9* WMutter! ächzt es zum tauſendſten Male, als der dritte Morgen kommt. Da ſchreit eine rauhe Stimme zurück: „Wirſt Du gleich Dein Maul halten, heilloſer Bube?!“ Er ſchrocken ſi ſieht ſich Ludwig nach dem Winkel um, aus welchem die Drohworte herkommen. In einem Bette erblickt er einen Mann mit verworrenem Haar und Bart, mit be⸗ ſchmutztem Antlitz und Anzuge, welcher ihm grimmige Blicke zuwirft und mit geballter Fauſt ihn bedroht. O wandelbares Erdenglück! An die Stelle des vorneh⸗ men Edelmanns, welcher vormals des Dauphins Erziehung leitete, war ein roher Schuſter, Simon mit Namen, von den Führern der neuen Regierung beſchickt worden. Ein Schuſter war zum Erzieher des Dauphins, ein Maurer zum Oberhofmeiſter des königlichen Hauſes und ein Lampenputzer das dritte Kleeblatt in der Verwaltung des Tempelhofs ge⸗ worden! Unter dem rohen pariſer Pöbel hatte man den roheſten und verworfenſten Menſchen auserleſen, damit derſelbe den geiſtigen Todſchlag an den Nachkommen Ludwig's XVI. ausführe. War deſſen Hinrichtung ein großes Verbrechen ge⸗ weſen, ſo iſt die an ſeinem Sohne begangene geiſtige Tödtung die allerhimmelſchreiendſte Sünde von der Welt. Kann es eine ſcheußlichere Ausgeburt der Hölle geben als ein ſchuldloſes, mit der liebevollſten Sorgfalt gebildetes und gut erzogenes Kind gefliſſentlich in den Schlamm der gemeinſten Verworfenheit herabzuziehen? Alle Abſcheulich⸗ keiten jener franzöſiſchen Staatsumwälzung, bei deren Er⸗ kenntniß das fühlende Herz im Buſen erſtarren möchte, wer⸗ den noch überboten durch den geiſtigen Mord jenes könig⸗ 133 lichen Kindes und wird dieſe, einzig in der Weltgeſchichte daſtehende Schandthat durch alle glorreichen Siege der großen Nation nie verlöſcht werden können. Trotz dem abſchreckenden Aeußern desjenigen, welcher bei dem Dauphin an die Stelle einer zärtlichen Mutter ge⸗ treten war, verließ dieſer dennoch ſein Lager, das gegen ſein bisheriges ein elendes zu nennen war, und näherte ſich demjenigen, aus welchem ihm ein wildes Antlitz entgegen⸗ drohte. „Guter Mann!“ ſprach Ludwig mit ſeinen ſchönſten Schmeicheltönen und die Wange des Schuſters ſtreichelnd— „ich bitte Dich inſtändig: laß mich zu meiner Mutter! Zu meiner lieben Mutter!“ fuhr er ſchluchzend fort. In der nächſten Secunde erſtarrte das königliche Kind vor namenloſem Entſetzen. Der Elende hatte es angeſpieen und die Worte dazu gebrüllt:„Fort, kleine Natter!“ Ja, Ludwig ſtand wie vernichtet da— beſinnungslos — ſtumm— unbeweglich! Langſam nur kehrte die Beſin⸗ nung in ihm zurück. Der Mann da hatte jedenfalls nicht in des Kindes Antlitz, ſondern in die Stube ſpucken wollen, obſchon auch das eine am königlichen Hofe unerhörte Sitte war. Ja, ja! ſo mochte es wohl geweſen ſein und darum ſtand Ludwig noch immer vor dem Schuſter und ſchluchzte leiſe mit flehend gefalteten Händen:„Zu meiner Mutter Da traf den unglücklichen Knaben ein Fauſtſchlag vor die Bruſt, welcher ihn rücklings taumeln und auf die Dielen 1. hinfallen machte. Himmel, das war der erſte Schlag, den das achtjährige Kind in ſeinem Leben empfangen hatte! Das Kind eines 134 Königs, der rechtmäßige, einzige Erbe eines großen Reichs! Von einem Schuſter angeſpieen und geſchlagen! „Marſch! in's Bett zurück“— fuhr Simon för „und nicht gemuckſt! Ein anderes Mal folgſt du auf's erſte Wort oder es geht Dir trübſelig, kleiner Capet!“ Da haspelte ſich das arme Kind vom Boden auf und wankte in's Bett zurück, wo es ſein überſtrömendes Antlitz unter die grobe Wolldecke barg und ſchmerzvergehend ſchluchste:„O meine liebe Mutter!“ Dieſe ſo vielfach angerufene Mutter weinte in Sih Zimmer, rang die Hände und jammerte wohl ſchmerzlicher noch um ihr geraubtes Kind, als wie daſſelbe um die Mutter. Man hätte jetzt der Tochter einer Kaiſerin Frankreichs unge⸗ ſchmälerten Thron mit aller einſtigen Macht, Pracht und Herrlichkeit anbieten können, ſie würde Alles ausgeſchlagen und ſich überglücklich geſchätzt haben, als eine Gefangene, jedoch mit ihrem Sohne vereint, ein Leben voller E Littt⸗ rungen und Demüthigungen fortzuführen. „Steh' auf, Capet!“ befahl Simon ſpäter—„und kleide Dich an.“ Das Ankleiden war bisher nicht Ludwigs Sache gewe⸗ ſen, ſondern entweder von ſeiner Dienerſchaft, ſeiner Mut⸗ oder Tante beſorgt worden. Simon ſchlug eine rohe Lache auf, als er gewahrte, wie ungeſchickt Ludwig bei dem Ankleiden ſich benahm; anſtatt ihm dabei behülflich zu ſein, bezeigte er ſeine Freude dar⸗ über, daß der Dauphin wie eine Kohlſcheuche angezogen ging. „Du biſt noch gewaltig dumm“— höhnte er—„und mußt noch tüchtig geriffelt werden. Nun aber wollen wir frühſtücken.“ Der Schuſter holte grobes Schwarzbrot, Butter und gewaltig ſtinkenden Käſe herbei, wozu er noch eine Flaſche mit rothem Wein fügte. Welch ein Frühſtück, zu dem jetzt Simon ſeinen Pfleg⸗ ling einlud! Der Dauphin, um ſeinen Gebieter nicht zu erzürnen und eher ihn zu erweichen, that ſich Gewalt an, indem er einige Biſſen von der ungewohnten, ihn anwidernden Speiſe zu ſich nahm und ein halbes Glas Wein ſich aufzwingen ließ. „Stoß an, kleiner Capet!“ rief Simon, ſein Antlitz verzerrend—„Es lebe die Republik! Tod allen Tyrannen! „Biſt Du kein Tyrann?“ fragte das Kind naiv. „Dein Vater war ein Tyrann“— verſetzte Simon wild—„und Du biſt Tyrannenſaamen, den man vertilgen muß wie Queckenwurzel. Ich bin der Bürger Simon und verlange die Ehre, welche mir als Deinem Gebieter gebührt. Kannſt Du die Carmagnole ſingen: Un ira! c4 ira?“ „Ich kann nur beten,“ erwiederte Ludwig vie meine Mutter mich gelehrt hat.“ „Hier wird nicht gebetet,“ rief Simon—„in der Re⸗ publik braucht niemand zu bitten. Da hilft ſich Jeder ſelbſt. Deine Mutter aber iſt ein ſchlechtes Weib, die das Beil viel eher verdient hat wie Dein Vater.“ „O nein“— ſprach Ludwig mit Feuer und voll Ent⸗ B rüſtung—„Du lügſt, Mann! Meine Mutter iſt gut, iſt die beſte Frau unter der Sonne.“ Wirſt Du nicht widerſprechen?!“ brüllte Simon und raufte den Dauphin in die Haare. Dieſe neue, ungewohnte Züchtigung ſchmerzte das Kind nicht wenig. Die Thränen traten ihm in die Augen, allein dennoch ſprach es feſt:„O meine Mutter! der Gott weiß es beſſer, wie gut Du biſt.“ In dieſem Augenblicke ging die Zinmerthür auf und ein Weib in gemeiner, ſchmutziger Kleidung, ein Bündel unter dem Arme, trat herein. Es war des Schuſters Frau. „Sieh da!“ hob ſie an—„hier haſt Du ſchon die Ahabswurzel. Was machſt Du in ſeinen langen Zottel⸗ haaren?“ „Ich ſetzte dem Jungen den Kopf ein wenig zurecht“— ſcherzte Simon roh.„Er kann die vornehme Herkunft immer noch nicht vergeſſen.“ „Aber, wie geht denn der kleine Capet angezogen?“ fragte die Frau.„Er hat ja das Wamms verkehrt an und die Beinkleider ſind nur halb zugeknöpft.“ Das iſt ſein Werk“— meinte Simon—„der Junge iſt entſetzlich dumm, ſchon acht Jahre alt und in Allem höchſt ungeſchickt. Nicht einmal das ca ira kann er, was jeder Gamin von Paris weiß.“ „Warte, kleiner Capet“— höhnte die Frau—„ich will Dein Kammerdiener ſein und Deine Toilette machen. „Setz Dich auf dieſen Schemel da. Wir wollen dem Bür⸗ ger Simon hier das Haarraufen ſchon verwehren.“ Bald fielen unter den Schnitten der Scheere die langen, blonden Locken Ludwig's, der dieſes Verfahren lautlos ſich gefallen 137 ließ. Simon aber wollte ſich todt lachen, als er den glatt geſchorenen Kindskopf erblickte. „Du haſt ein Meiſterſtück gemacht, Bürgerin!“ rief er aus—„der vormalige Dauphin gleicht genau einem barbier⸗ ten Kalbskopf. Nun vollende Dein Werk, Bürgerin!“ Dieſe Vollendung beſtand in nichts Anderem, als daß die Frau den Dauphin in rothe, grobwollene Hoſen, in eine eben ſolche, kurzgeſchnittene Aermeljacke, die man Car⸗ magnole nannte, ſteckte und ihm eine rothe Jacobinermütze auf das Haupt ſetzte. Hierauf begann das Ehepaar Wein zu zechen und ſich zu berauſchen, wobei Ludwig Dinge zu hören bekam, die er zum Glück nur wenig oder gar nicht verſtand. Inſtinkt⸗ mäßig bewaffnete ſich das Kind gegen das Anhören der Läſterworte auf ſeine Aeltern, der groben, gottesläſterl ichen Flüche und Schmuzreden des ſauberen Ehepaares dadurch, daß es ſich in den Gedanken an ſeine geliebte Mutter und ſeine Blutsverwandten vertiefte. Nach dem Mittagseſſen, welches dem beſchriebenen Früh⸗ ſtücke angemeſſen war, entfernte ſich Simon's Weib und an deren Stelle traten ſpäter Merceraut, Griſſard und— der Pfarrer Amboiſe ein, welche kamen, um dem Schuſter die Langeweile zu vertreiben, indem ſie mit ihm ſchwatzten, tranken und Karte ſpielten. Dabei damp ften vier kurze Thonpfeifen einen erſtickenden Tabaksrauch aus, welcher dem kleinen Ludwig unausſtehlich war und ihm Huſten und Kopfweh zuzog. Welche Ueberwindung es dem wackern Pfarrer koſtete, Theil an dieſer Unterhaltung zu nehmen, die läſterlichen 3 Reden und Flüche mit anzuhören, in das rohe Gelächter, ja wohl gar ſcheinbar in die gemeinen Scherze einzuſtimmen, welche ſo ganz und gar mit des Pfarrers Denkweiſe im Widerſpruch ſtanden! Aber er brachte das ſchwere Opfer in der guten Abſicht, dem Dauphin oder deſſen Mutter in irgend einer Weiſe einen Dienſt zu leiſten, beſtehe derſelbe auch nur in einem freundlichen oder tröſtenden Worte, in einer Handreichung oder in einer kleinen, heimlich zuge⸗ ſteckten Erquickung. Zwölftes Kapitel. Im Gefängniß. Süperbe fand bei dem Reinigen der Hauslampen im Tempel, welches jeden Vormittag geſchah, zuweilen Gele⸗ genheit, der Königin oder deren Verwandten einige Worte zuzuflüſtern oder ihnen eine Schrift voll Neuigkeiten zuzu⸗ ſtecken. Die Königin aber hatte jetzt für nichts weiter Sinn als für ihren geraubten Sohn, den zu ſehen ihr einziger Wunſch war. Man ſehnt ſich ja in der Regel doppelt nach dem Verlorenen und läßt 99 Schaafe im Stiche, um das hundertſte, verirrte zu ſuchen. Süperbe hatte in Erfahrung gebracht, daß dem Dauphin geſtattet wurde, täglich eine kurze Zeit hinauf auf die Platt⸗ form des Thurms zu ſteigen, um dort friſche Luft zu ſchöpfen, 139 da ihm der Zutritt in den Garten verwehrt worden war. Auch entdeckte Süperbe in der Wohnung der Königin ein Fenſter, von welchem aus man den Dauphin erblicken konnte, wann er, zum Thurme aufſteigend, bei einem andern Fenſter vorüber gehen mußte. Nun ſtelle Dir, lieber Leſer, ein Thurmfenſter vor, hinter deſſen hölzernem Gitter eine Königin, deren Tochter und Schwägerin ſtehen und ſtundenlang mit Ungeduld des er⸗ ſehnten Augenblicks harren, wo gegenüber an einem andern Fenſter die Geſtalt eines kleinen Knaben vorüberhuſchte, der keine Ahnung davon hat, daß nicht weit von ihm ſechs Augen in heißer Liebe und Sehnſucht auf ihn geheftet find. Ach, die Träger jener ſechs Augen möchten ſo gern jenen flüch⸗ tigen Augenblick des Wiederſehens in's hunderttauſendfache verlängern und ziehen gleichwohl genügſam und zufrieden in ihr Gefängniß ſich zurück, nachdem ſie den Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit im Fluge erblickt haben. So trieben ſie es jeden Tag; aber ach! auch dieſes kleine Glück wird mit bittern Wermuthstropfen vermiſcht. Die königliche Mutter erſieht mit Schmerz den Trauerflor um iden gemordeten Vater von dem Arme des Kindes ver⸗ ſchwunden, eine brennend rothe, der Trauer ſpottende Klei⸗ dung an deſſen Stelle und die verhaßte, rothe Mütze auf dem Kindeshaupte, das ſeines Haarſchmucks beraubt worden iſt. Und wie bleich, aufgedunſen und verändert der geliebte Sohn ausſieht! Und damit der Leidenskelch der unglück⸗ lichen Mutter überfließe, erzählt ihr der verrätheriſche Tiſon, wie der Schuſter Simon das königliche Kind im Wein⸗ trinken, Fluchen und Abſingen von Liedern unterrichte, 140 welche die ärgſten Schmähungen auf ſeine erhabene Mutter athmeten; wie der unglückliche Knabe der ſittlichen Ver⸗ wilderung, dem Schmuz und Ungeziefer, der entſetzlichſten Peinigung und der tödtlichen Langeweile preisgegeben ſei; wie derſelbe nicht mehr von den Seinen ſprechen, ja ſem nicht mehr beten dürfe! Mußte da nicht das Mutterherz brechen unter unaus⸗ ſprechlichem Weh? Mußte es nicht den Tod als einen will⸗ kommenen Friedensboten herbeiwünſchen? Und er kam, dieſer Friedensbote, um der erhabenen Dulderin die Palme der Erlöſung zu überbringen. Am 2. Auguſt 1793 früh um 2 Uhr entriß man die Königin ihrer Tochter, um ſie in das Gefängniß der Con⸗ ciergerie zu verſetzen. Wenn einſt die Königin Iſebel falſche Zeugen dung, um den ſchuldloſen Naboth dem Tode zu überantworten, ſo zwangen die Blutmenſchen der Revolu⸗ tion ein Kind, falſches Zeugniß gegen ſeine eigene Mutter, die Königin Marie Antoinette, abzulegen. Dieſes von der Hölle ſelbſt geborne Bubenſtück beſtand darin, daß man dem Dauphin die Hand gewaltſam führte, damit er ſeinen Namen unter ein ſchriftlich wiedergegebenes Verhör ſetzte, welches in der That nicht mit dem königlichen Kinde abge⸗ halten worden war und die verruchteſten Anſchuldigungen gegen die Königin durch ihr eigenes Kind enthielt. Hebert war der Name des Ungeheuers, welches jenes falſche Zeugniß entworfen und den Dauphin zur Unterzeich⸗ nung gezwungen hatte. Ohne ihren Sohn noch einmal geſehen oder umarmt zu haben, endete Marie Antoinette muthvoll und mit chriſtlicher Ergebung ihr dornenreiches Leben am 16. October 1793 früh halb fünf Uhr unter dem Beile der Guillotine. Der Dauphin dagegen mußte länger leiden. Eines Mittags, als Süperbe mit einem Auftrage Griſſards in das Gefängniß Ludwigs trat, fand ſie den Schuſter Simon bei Tiſche, welcher den königlichen Knaben genöthigt hatte, ihn zu bedienen. Das Kind ſtand zitternd neben dem Unge⸗ heuer, das betrunken war und ihm die wiederfinnigſten Befehle ertheilte. Bei dieſem Anblick blutete Süperben das Herz und in lebendigeren Farben denn jemals ſchwebte ihr das Bild vor Augen, da der Dauphin noch im Schloſſe zu Verſailles bei der Mittagstafel ein Gegenſtand der allge⸗ meinen Schmeichelei geweſen war. Während Süperbe ihren Auftrag ausrichtete, wobei ſie gewaltſam ihre Thränen zurückdrängen und den Ausdruck des innigſten Mitleids von ihrem Antlitze verbannen mußte, warf Simon einen Seitenblick auf den Dauphin, welcher nach Möglichkeit ſein ungewohntes Dieneramt verſah. Da fuhr der Barbar wüthend auf, ergriff eine zuſammengerollte Serviette und ſchlug mit derſelben dem armen Kleinen in's Auge, ſo daß dieſes beinahe verloren ging. Auch Marie Antoinette hatte durch das Weinen zahlloſer Schmerzensthränen und durch den Aufenthalt in dem feuch⸗ ten, ungeſunden Gefängniſſe ein Auge eingebüßt. Noch ſtand der geſchlagene Königsſohn betäubt da und wiſchte ſich das Waſſer aus dem ſchmerzenden Auge, als Simon ſchon wieder eine Qual anderer, noch weit ſchreck⸗ licherer Art in Bereitſchaft hielt⸗ „Du ſiehſt, Süperbe,“— ſprach der Schuſter zu dem 142 Mädchen—„welch' ein Tölpel der kleine Capet iſt. Damit er nicht ganz umſonſt das Brot ißt, ſo mag er uns etwas vorſingen. He, Capet, ſinge!“ Und der Schuſter trallerte ihm einige Reime vor, welche die niederträchtigſten Schmähungen gegen des Kindes leib⸗ liche Mutter enthielten. Aber der kleine, ſonſt ſo furchtſame und gehorſame Ludwig verſtand ſich um keinen Preis, ſeine geliebte Mutter zu ſchmähen. Schäumend vor Wuth ergriff Simon eine Pfrieme und würde mit derſelben das Kind ermordet haben, hätte ſich Süperbe nicht dem Betrunkenen entgegengeworfen und mit ihrem Körper den Dauphin geſchützt. Dieſen Liebesdienſt vergalt der Dauphin mit einem ſtummen Blick der Dankbarkeit, welcher Süperben unver⸗ geßlich blieb und ſie für die Vorwürfe und Drohungen ent⸗ ſchädigte, womit ſie der Schuſter überhäufte. Der Dauphin bewahrte die letzten Worte ſeiner Mutter: „Sei weiſe, ſei mild und rechtſchaffen“— in ſteter Erin⸗ nerung und wahrlich! er bedurfte auch dieſer mütterlichen Ermahnung. Nachdem Simon eines Tags das königliche Kind grau⸗ ſam geſchlagen hatte, fragte er daſſelbe höhniſch: 3 „He, Capet, geſetzt, die Vendeer befreiten Dich: was würdeſt Du mit mir machen?“ „Dir verzeihen!“ erwiederte Ludwig mit himmliſcher Sanftmuth. Es war am 8. Oetober 1793, als der kleine Ludwig einſam und allein in ſeinem Gefängniß an einem kleinen Tiſche ſaß. Man vergönnte dem Kinde weder ein Buch, noch ein Spielzeug, noch ſonſt eine Zerſtreuung. Darum vrachte es ſeine meiſte Zeit, wenn es allein war, auf ſeinem Lager zu, wo es ſich in Gedanken mit ſeiner Mutter, ſeiner Schweſter und Tante unterhielt. Heute aber ſaß, wie ſchon ge⸗ ſagt, Ludwig vor ſeinem Tiſchchen und ſtützte ſchwermüthig die Hand unter ſein Haupt. Plötzlich wurde der ſchwere Riegel außen von der Thüre weggeſchoben, dieſe geöffnet und herein eilte ſchnellen Schrittes ein junges Mädchen, welches bei Luwigs Anblick in ein ſchmerzliches Schluchzen ausbrach und das Kind in ſeine Arme emporriß. „Mein armer, armer Bruder!“ weinte das Mädchen— ſeh' 6 Dich einmal wieder?“ Der Dauphin erwiederte kein Wort, ſondern drückte ſein Antlitz an die ſchweſterliche Bruſt und weinte ſtill. „Sieh' mich an, mein Ludwig“— bat die Dauphine. Gehorſam erhob das Kind ſein Antlitz und blickte mit einem ſchmerzlichen Lächeln in die ſchweſterlichen Augen, die aber⸗ mals von bittern Zähren überſtrömten. „Du biſt nicht gewaſchen und nicht gekämmt“— klagte die Prinzeſſin—„und Deine häßliche, ſchmuzige Kleidung entſtellt Dich vollends. Faſt hätte ich Dich nicht wieder erkannt. Es geht Dir wohl recht traurig?“ Die Schweſter nicht zu betrüben, ſchüttelte Ludwig ſtumm das Haupt; allein ſein ganzes Ausſehen ſtrafte dieſe Antwort Lügen. „Haſt Du nichts zu thun“ fragte die Dauphine, indem ſie ſich in dem Zimmer umſah—„Ertheilt Dir niemand Unterricht?“ 144 „Der Bürger Simon“— antwortete Ludwig leiſe— „aber er lehrt mir nichts Gutes.“ „O mein Gott!“ ſeufzte die Dauphine—„Erinnerſt Du Dich“— fuhr ſie fort—„noch zuweilen Deiner Ael⸗ tern, Deiner guten Tante und meiner?“ „O ja! immer!“ erwiederte Ludwig und ſeine erloſche⸗ nen Augen funkelten lebhafter. „Du wirſt wohl Alles wieder verlernt haben“— klagte die Dauphine—„aber doch nicht das Beten zum lieben Gott?“ „Laut beten darf ich nicht mehr“— geſtand Luwig ein, „deſto mehr thu' ich's im Stillen.“ „Das iſt recht!“ lobte die Dauphine.„Kenneſt Du das kleine verwachſene Mädchen, welches die Lampen hier im Tempel zu reinigen kommt? Ihr verdanken wir's, daß wir uns einmal ſehen und ſprechen. Sie hat mich benach⸗ richtigt, daß Du eben jetzt unbewacht biſt und hält draußen Wache, daß uns niemand überraſcht.“ „Ich kenne ſie und auch das andere Mädchen des Lam⸗ penputzers“— verſetzte Ludwig.„Beide ſind gut gegen mich, wenn Simon nicht Achtung auf mich giebt.“ „Wie übel riecht es hier!“ ſprach die Prinzeſſin mit den Zeichen des Ekels. „Das iſt der Tabak, den der Bürger Simon und ſeine Freunde rauchen. Außerdem“— Hier wurde die nur angelehnte Thür haſtig geöffnet und Süperbe rief mit halblauter Stimme herein: „Man kommt die Treppe herauf! Fliehen Sie ſchnell, 1 Prinzeſſin Krampfhaft preßte die Dauphine ihren Bruder noch einmal an ihr Herz und dann verließ ſie raſch das Zimmer. Traurig blickte ihr Ludwig nach. Er ſollte die Schweſter nie wieder ſehen. Simons Frau erkrankte und es wurde der Doctor Nau⸗ din zu ihrer Herſtellung herbeigerufen. Als dieſer menſchenfreundliche Arzt erſchien, fand er den Schuſter Simon mit den übrigen Muniecipalbeamten, denen die Aufſicht über den Tempel und deſſen Gefangene anvertraut war, an dem Mittagstiſche ſitzen. Eben hatte Simon dem kleinen Ludwig wieder die Zumuthung geſtellt, jene abſcheulichen Verſe gegen ſeine hingerichtete Mutter abzuſingen und jener unter Thränen ſich gegen dieſes kind⸗ liche Verbrechen geweigert. Da fuhr der Schuſter wüthend auf, erfaßte den kleinen König bei den Haaren und ſchrie mit einer hölliſchen Stimme: „Heilloſe Natter! ich habe Luſt, Dich gegen die Wand zu ſchmettern.“ Während die elenden Municipalbeamten dieſer Schand⸗ that unthätig zuſahen, fiel der Doctor dem Wütherich in die Arme und entriß ihm das unglückliche Henkersopfer, rufend:„Böſewicht, was willſt Du machen?“ Dieſe furchtloſe Einmiſchung ſchüchterte ſowohl den Schuſter als auch deſſen Geſellſchafter ein, von denen Einer nichts weiter ſagte, als:„Bürger Naudin, Du biſt ein Spaßvogel.“ Als Naudin des andern Tags wieder kam, um nach ſeiner Patientin zu ſehen, näherte ſich ihm der kleine Ludwig und überreichte dem wackern Arzt zwei Birnen, welche man Nieritz. Des Königs Kind. 10 Tags zuvor ſeiner Mahlzeit zugefügt gehabt hatte. Mit einer unbeſchreiblichen Würde und Freundlichkeit fügte Lud⸗ wig ſeinem Geſchenk die Worte hinzu:. „Geſtern habt Ihr bewieſen, daß Ihr Theil an mir nehmet. Ich danke Euch dafür. Ich habe nichts als dieß, um Euch meine Erkenntlichkeit dafür zu beweiſen, und Ihr würdet mir ein großes Vergnügen durch deſſen Annahme bereiten.“ Naudin, tief gerührt, nahm die kleine Gabe in Em⸗ pfang, ergriff des Dauphins Hand und benetzte ſie mit ſeinen Thränen. Solche kleine Züge von Menſchlichkeit gleichen einzelnen grünen Oaſen in einer weiten Wüſte. Die Tage wurden immer kürzer. Wenn die abendliche Dunkelheit hereingebrochen war, verließ Simon ſeinen Ge⸗ fangenen, um in Geſellſchaft zechen zu können. Kein Licht⸗ ſchimmer erhellte die Einſamkeit des armen, ſich ſelbſt über⸗ laſſenen Kindes, das, vom Froſt des ungeheizten Zimmers geſchüttelt, in der Regel mit der Dunkelheit ſein Lager aufſuchte. Abſichtlich ſchien man den Nachkommen Ludwigs XVI. einem frühen Grabe entgegenführen zu wollen. In dieſer Abſicht reichte man Ludwig übermäßig vieles Eſſen, zwang man ihm den Genuß hitzigen Weins auf, verwehrte man ihm jede Bewegung in freier Luft, ließ man ihn von Schmuz und Ungeziefer verzehren. Hierdurch wurde des Kindes Wachsthum verhindert, daſſelbe feiſt und aufgedunſen, was eine Art der ſogenanten engliſchen Krankheit verurſachte. Schlaf und Ruhe waren jetzt noch des königlichen Kindes 147 liebſte Geſellſchafter. Wachend und ſchlafend träumte es in der Dunkelheit von den Seinen, lebte es wieder mit ihnen zuſammen, war es in der Einbildung glücklich War es doch, als wollte ihn der Vater im Himmel durch ſüße Träume für die grauenvolle Wirklichkeit ſchadlos halten. Aber ach, auch dieſe einzige Freude ſollte dem jugendlichen Dulder durch die Grauſamkeit ſeines Kerkermeiſters vergällt werden. Befand der Dauphin im Traume ſich wieder in ſeinem Gärtchen zu Verſailles, an der Seite ſeiner Mutter und Schweſter, ſah er ſich von dem ehemaligen Glanze des Hofes umgeben, vernahm er entzückt den lieblichen Geſang der Vögel im Park oder die berauſchende Muſik der könig⸗ lichen Kapelle: ſo ertönten plötzlich die Donnerworte:„Capet, wo biſt Du?“ Da entſchwand plötzlich das ſchöne Traumbild und dunkel kam die ſchauervolle Wirklichkeit herangezogen. Und ſchlaf⸗ trunken antwortete das königliche Kind:„Hier bin ich, Bürger Simon!“ Ein menſchlicher Teufel hat die entſetzliche Qual erfun⸗ den, einen Gefangenen des Nachts alle Viertelſtunden an⸗ zurufen, um ihn zu veranlaſſen, durch ſeine Antwort ſeine Anweſenheit zu beweiſen. Aehnliche Grauſamkeit übte man gegen ein Kind aus, das weiter keine Schuld an ſich trug, als der Sohn eines unglücklichen Königs zu ſein. Simon begnügte ſich jedoch nicht mit S erhaltenen mündlichen Verſicherung, daß Gefangener 6 zu⸗ gegen ſei. 10* „Komm' her, Capet, daß ich dich ſehe“— befahl die rauhe Stimme des Schuſters, welcher in der Nacht erſt ſein Lager aufgeſucht hatte und bis zum Einſchlafen ſein Opfer quälte. Darauf mußte Ludwig, oft im Schweiß gebadet, ſein elendes, jedoch warmes Lager verlaſſen und ſich dem des Schuſters nähern. „Hier bin ich, Bürger Simon!“ ſtammelte froſtbebend das unglückliche Weſen und hörbar klappten ſeine Zähne gegeneinander. Der Bürger Simon brachte eins ſeiner Beine unter der Decke hervor, verabreichte dem kleinen König einen derben Fußtritt, welcher ihn auf die Dielen niederwarf, und ſprach:„Marſch, Du Schuft!“ Kaum, daß Ludwig ſich wieder erwärmt hatte und dem Einſchlafen nahe war, wiederholte ſich die eben beſchriebene Trauerſcene, bis endlich das Ungeheuer ſelbſt eingeſchlafen war. Dann aber ſchnarchte Simon ſo fürchterlich, daß Ludwig eine neue Qual erlitt. Doch genug der Abſcheulichkeiten, die das Herz des fühlenden Leſers mit eben ſo großem Entſetzen als Schmerz erfüllen müſſen! 149 Dreizehntes Rapitel. Die Verurtheilung. Noch immer beherrſchte die Schreckensregierung das unglückliche Frankreich. Ein menſchliches Ungeheuer über⸗ bot unaufhörlich an Grauſamkeit das andere. Ströme von Blut wurden alltäglich vergoſſen und das mörderiſche Fallbeil mußte an einen andern Ort verſetzt werden, weil die Henkersknechte auf dem glitſcherigen Bluthügel nicht mehr feſten Fuß faſſen konnten. Auch des Königs Schwe⸗ ſter, die Prinzeſſin Eliſabetb, dieſe ſanfte Dulderin, hatte, 30 Jahre alt, ihr edles Leben unter dem Fallbeile geendigt und nur noch die beiden letzten Sprößlinge des Königs⸗ hauſes, die Dauphine und der Dauphin, waren übrig. Sie lebten noch. Aber welch' ein Leben! Beide von ein⸗ ander getrennt und eingekerkert, beide dem Schmuz, dem Ungeziefer, der geiſtigen, wie leiblichen Verwahrloſung, der tödlichen Langeweile preisgegeben! Vergebens hatte der wackere Pfarrer Amboiſe keine Gefahr geſcheut, um den beiden unglücklichen Opfern des Volkshaſſes zur Flucht zu verhelfen oder wenigſtens ihren Zuſtand in etwas zu erleichtern. Nur in ſehr geringem Maaße war ihm das Letztere durch Süperbe und Alma gelungen, die ſchon aus eigenem Antriebe dazu bereit waren und nur in der beſſeren Ausführung ihrer guten Abſicht von dem Pfarrer angewieſen wurden. Auch Griſ⸗ ſard war, theils durch ſein eignes, für das Gute nicht ganz 150 erſtorbenes Gefühl, theils durch des Pfarrers und der bei⸗ den Mädchen Beiſpiel aus einem blutdürſtigen Jacobiner ein Freund der beiden königlichen Kinder geworden. So überaus vorſichtig nun aber auch die vier Verbündeten bei ihren kleinen Hülfsleiſtungen und Befreiungsplänen ſich er⸗ wieſen, ſo blieben ſolche auf die Dauer den argwöhniſchen Augen der Tempelwächter nicht unverborgen. Unglücklicher⸗ weiſe erkannte der vormalige Herr von Lünelle in dem ver⸗ meinten rothen Jacobiner Griſſard den ehemaligen Flur⸗ ſchützen von Miraille und in deſſen Freunde, dem angeb⸗ lichen Landmann Peter Arnaud, ſeinen Pfarrer Amboiſe. Dieſe Entdeckung, welche Maurice ſofort dem Jacobiner⸗ klupp mittheilte, reichte hin, um Griſſard, den Pfarrer, Su⸗ perbe und Alma als Königsfreunde bei dem Revolutions⸗ tribunal anzuklagen und ihre Verhaftung zu veranlaſſen. Sie wurden zuſammen in die dumpfigen, unterirdiſchen Ge⸗ fängnißräume der Conciergerie geſchleppt, welche bereits von Gefangenen jeden Alters, Geſchlechts und Standes wim⸗ melten und täglich neuen Zuwachs erhielten. Um den Schein des Rechtes zu beobachten, führte man unſere Gefangenen vor das Revolutionsgericht in's Verhör, wo der Auswurf des Menſchengeſchlechts in aufgeſtreiften Hemdärmeln, vorgebundenen Schurzfellen und abſichtlich lüderlicher Kleidung zu Gericht ſaß. Das kurze Verhör, in welchem keiner von unſern vier Bekannten ihre wahren Geſinnungen verleugneten, der Pfarrer, ſowie Süperbe vielmehr todesmuthig dem König ein Lebehoch ausriefen, endete mit der Verurtheilung Aller zum Tode. Da ein ſolches Urtheil aber keinen Angeklagten, der das vierzehnte 151 Lebensjahr noch nicht zurückgelegt hatte, treffen durfte, ſo hätte ſich Alma, welche ohnehin nicht groß von Wuchs war, ihr Leben retten können, wenn ſie weniger aufrichtig in der Angabe ihres Alters, welches 14 Jahre und 1 Monat be⸗ trug, geweſen wäre. Allein jene Zeit des Schreckens, in welcher Unmenſchlichkeit jeglicher Art, ſchwarze Undankbar⸗ keit, Verrath und Verleugnung jedes beſſern Gefühls an der Tagesordnung waren, gebar wiederum auf der andern Seite Beweiſe der höchſten Selbſtverleugnung und faſt bei⸗ ſpielloſer Todesverachtung, welche uns mit tiefer Bewun⸗ derung erfüllen. Der Aufenthalt in dem Gefängniſſe war von der Be⸗ ſchaffenheit, und der Anblick ſo vieler unſchuldig Leidender ſo fürchterlich, daß die Gefangenen meiſt mit Freuden den Todesboten begrüßten, welcher jeden Morgen erſchien, um eine lange Liſte der heute hinzurichtenden Gefangenen ab⸗ zuleſen. Es war am Morgen des 27. Juli 1794, als der Ver⸗ leſer mit ſeiner Liſte der Hinzurichtenden in die Conciergerie trat und ſein alltägliches Geſchäft begann. Unter den etlichen ſiebenzig Perſonen, welche ihr Haupt unter das Fallbeil legen ſollten, wurden auch die Namen Jacques Griſſard und Süperbe Jaquet aufgerufen. Als die in der Nähe ſtehende Süperbe herantrat und ſich als die Aufgerufene bekannte, brach der Ausrufer bei dem Anblicke des buckeligen Mädchens in eine rohe Lache aus. „Süperbe“— ſpottete er—„Du führſt Deinen Namen in der That. Meiſter Samſon wird gewaltig erſtaunen, be⸗ kommt er eine ſolche ſüperbe Schönheit unter ſeine Hände.“ 152 „Elender!“ ſagte hier der würdige Pfarrer Amboiſe, voll tiefer Entrüſtung—„binnen einer Stunde wird die⸗ ſes von Dir verſpottete Mädchen zum Seraph umgewan⸗ delt ſein, Du aber eine Beute der Hölle werden.“ „Zum Teufel, wer biſt Du?“ ſchrie der Verleſer wü⸗ thend.„Sollte Dir am heutiger Morgen nicht Dein gif⸗ tiges Läſtermaul geſtopft werden? Habe ich Deinen Namen nicht verleſen? Wie nennſt Du Dich?“ „Du haſt Recht“— verſetzte der Pfarrer gelaſſen— „ich bin Griſſard, den Du vor dieſes Mädchens Namen auf⸗ gerufen haſt.“ „Wie?“ rief Süperbe betroffen aus—„Ihr, Herr Pfarrer? Beſinnt Euch doch! Wollt Ihr mit einer Un⸗ wahrheit aus dieſem Leben ſcheiden?“ „Still!“ gebot der Pfarrer mit unwiderſtehlichem Tone. „Ich wiederhole Dir“— fuhr er zum Verleſer fort— „daß ich Griſſard bin, und ich freue mich der Ehre, mit dieſem, von Dir verſpotteten Mädchen das Blutgerüſt be⸗ ſteigen zu können.“ „Halt! halt! rief jetzt der wahre Griſſard, mit Gewalt durch die Menge ſich Bahn brechend—„hier iſt der rich⸗ tige Griſſard, ehemaliger Flurſchütze zu Miraille, dann ein verfluchter Jacobiner und zuletzt Lampenputzer im Tempel. Dieſes buckelige Mädchen iſt meine Nichte und mein Platz an ihrer Seite. Himmeltauſend Schock Fiſchotternfelle! Ich bin Griſſard und niemand ſonſt.“ „Griſſard bin ich“— betheuerte der Pfarrer voll Würde—„ich bitte Dich, Freund,“— ſprach er zu dem Lampenputzer—„mir nicht hindernd in meinem letzten 153 Gang treten zu„. Längſt ſchon bin ich dieſer Sün⸗ denwelt überdrüßig und brenne vor Begier, bei meinem Heilande und bei meinem unſchuldig gemordeten König zu ſein; zurück, mein Freund, und erhalte Dich, wenn auch nur auf eine Spanne Zeit, für dieſe arme Kleine!“ Damit deutete der Pfarrer auf Alma, welche indeß ſich auch herbeigedrängt hatte und Süperbe weinend umklammert hielt. Aber Griſſard bezeigte ſich nicht willfährig, den Na⸗ mensaustauſch einzugehen. Der edelmüthige Streit würde noch länger fortgewährt haben, hätte nicht der Ausrufer demſelben ein gewaltſames Ende gemacht. Den wahren Griſſard ungeſtüm zurückſtoßend, rief er mürriſch aus: „Hinweg, Schurke! Findet ſich nicht auch ein dritter, vier⸗ ter und fünfter Griſſard herbei, der es nicht erwarten kann, ſeinen Kopf abgehobelt zu bekommen? Nur ein klein wenig Geduld, ihr Froſchmäuler, und ihr ſollt noch insgeſammt an die Reihe kommen.“ Damit trieb, auf des Ausrufers Gebot, die Wache alle Aufgerufenen von dannen, während Griſſard nicht müde wurde, ſich als den echten Griſſard zu bekennen, und Alma über den Verluſt ihrer Freundin in Thränen zerfloß. „Freue Dich, meine würdige Tochter!“ tröſtete der Pfarrer im Gehen die. Seite bleibende Süverbe —„ich hoffe zu Gott, wir beide noch heute im Para⸗ dieſe ſein werden.“ Faſt der größte Theil der zurückgebliebenen Gefangenen blickte neidiſch den Schlachtopfern nach, welche durch einen ſchnellen Todesſtreich das Weh dieſer armen Erde mit des Himmels überſchwenglichen Freuden vertauſchen ſollten. Der Morgen des 28. Juli brach nach einer qualvoll durchlebten Nacht den Gefangenen an. Wie immer erſchien der Ausrufer und verlas 80 Namen, unter ihnen auch den des Pfarrers und Alma's, deren Träger heute unter dem 154 Fallbeile ihr Daſein enden ſollten. N. noch hatte der Mann die Liſte nicht zu Ende gebracht, als draußen ein immer mehr anwachſender Lärm entſtand, welcher ſich bald den Gefängnißräumen näherte. Der tobenden Volksmenge, welche ſich hereinwälzte, ging das gemeinſame Geſchrei voran:„Tod allen Tyrannen! Nieder mit Robespierre nnd ſeinen Genoſſen! Die Gefan⸗ genen heraus! Gebt ſie frei oder wir ſchlagen euch die Hirn⸗ ſchädel ein!“ Wie Alles auf Erden wieder fällt, nachdem es den höchſten Gipfel erreicht hat, ſo auch die Schreckensherrſchaft jener Zeit unter ihrem Führer, dem Scheuſal Robespierre. Als deſſen Mißtrauen gegen Jedermann um ihn her ſo weit anwuchs, daß es ſelbſt ſeine eifrigſten Anhänger und Freunde dem Blutgerüſte zu überantworten drohte, ſo hatten jene, ihre eigene Haut zu ſichern, den Sturz des blutigen Ungeheuers beſchloſſen und auch nach hartem Kampfe ausgeführt. Das, durch die zahlloſen Hinrichtungen einge⸗ ſchüchterte Volkathmete wieder freier auf, und die Verwandten und Freunde der Gefangenen vereinigten ſich, unterſtützt von allen Beſſergeſinnten, um jene aus den Händen ihrer Henker zu erlöſen. Unter einem unermeßlichen Jubel leer⸗ ten ſich die Gefängnißräume und freudeweinend ſanken die Geretteten ihren Rettern in e Griſſard's und Alma's Freude über ihre Befreiung war eine wehmüthige.„Ach!“ ſeufzte Griſſard—„warum kam die Erlöſung nicht um 24 Stunden früher?! Dann lebten Süperbe und der gute Pfarrer noch. Ich werde in meinem Leben nicht wieder ruhig, daß ein Anderer und noch dazu ein ſo würdiger Mann für mich den Tod erlitten hat. Was beginnen wir nun? Sind wir ſicher genug, daß wir in un⸗ ſere alte Wohnung zurückkehren können? Beſſer, wir fliehen aus dieſer pariſer Mörderhöhle, ſo weit uns unſere Füße tragen.“ 155 S „Ihr ſprecht aus meiner Seele“— ſagte Alma— und wenn Ihr hier bleiben wolltet, ſo ginge ich allein nach Miraille zurück. Ach, meine Mutter und meine Geſchwiſter! Werde ich Euch wiederſehen?“ „Alma! Alma!“ rief hier eine jauchzende Kinderſtimme und ehe ſich's jene verſah, fühlte ſie ſich von zwei Armen umſchlungen, zu welchen ſich gleich darauf noch zwei andere Paare geſellten. „Guter Gott! iſt's möglich?“ weinte Alma, außer ſich vor Entzücken—„Mutter! Robert! Liſette! Ihr hier? O Gott ſei tauſend Dank!“ „Wir ſind ſeit vier Tagen in Paris“— erzählte die Mutter— und haben Euch überall geſucht. Aber wir hät⸗ ten nimmer erfahren, wo Ihr wäret, hätte es uns geſtern nicht Süperbe geſagt.“ „Süperbe?“ rief Alma, wie electriſirt aus—„Ihr habt Süperbe geſehen und geſprochen? Da iſt ſie alſo nicht unter die Guillotine gekommen? O welch' eine frohe Nach⸗ richt! Und wie ſteht's mit dem Herrn Pfarrer Ambviſe? Iſt auch er gerettet worden?“ „Ach!“ ſagte Robert—„das iſt eine traurige Ge⸗ ſchichte und ich gäbe viel darum, wenn wir ſie nicht mit an⸗ geſehen hätten. Geſtern früh begannen wir wieder unſer Nachforſchen und da führke uns das Unglück gerade dahin, wo die Karren mit den zum Tode Verurtheilten vorüber⸗ fuhren. Ich, die Mutter und Liſette glaubten vor Schreck in die Erde finken zu müſſen, als wir unter den vielen blei⸗ chen Geſichtern auch das unſers Herrn Pfarrers und Sü⸗ perbens erblickten! Wir ſchrieen beide laut auf und dadurch kam es, daß der Herr Pfarrer und Süperbe, die auf dem⸗ ſelben Karren ſaßen, ihre Augen auf uns richteten. Da nickten beide uns zu und Süperbe rief dabei aus, daß Du und Griſſard noch im Gefängniſſe der Conciergerie ſteckten, worüber wir laut zu jammern begannen. Plötzlich erhob 156 N. ſich ein wildes Geſchrei: Nieder mit den Tyrannenknechten! Entreißt ihnen die Verurtheilten!“ Ein Steinhagel ſauſte auf die Reiter los, welche die Karren begleiteten und dieſe geriethen in das fürchterlichſte Gedränge. Wir dazu. Immer ärger wurde der Kampf und das Getümmel, bis endlich die Reiter, mit ſcharfen Säbeln einhauend, die Oberhand behielten und der Karrenzug ſich weiter fortbewegte. Wir bekamen den Herrn Pfarrer und Süperbe nicht wieder zu Geſicht und mußten froh ſein, daß wir unverletzt aus dem Gedränge entrannen. Später erfuhren wir, daß alle Ver⸗ urtheilten richtig geköpft worden wären. Unter lauter Todes⸗ angſt haben wir uns dieſen Morgen zur Conciergerie be⸗ geben und zwiſchen Furcht und Hoffnung das Volk um Eure Befreiung kämpfen ſehen. Gern hätte ich mitgeholfen, aber man ſtieß mich ſtets zurück.“ „Fort, fort“— ſprach Griſſard jetzt eifrig—„mich leidet's keinen Augenblick länger in dieſer Mörderhöhle, wo ich Raſender ſelbſt zu einem Blutmenſchen geworden war. Laßt uns fliehen, auf der Stelle!“ Derſelben Meinung waren auch Frau Malmier und deren Kinder. Allein ein unvorhergeſehener Umſtand än⸗ derte plötzlich Griſſard's Entſchluß. Einer der öffentlichen Ausxufer zeigte ſich nämlich und verkündete mit lauter eue dieſen Nachmittag, um halb vier Uhr, der Tyrann Robespierre ſammt ſeinen Helfershelfern guillotinirt werden ſollte. Das war ein ſchneller Richtſpruch. Geſtern angeklagt und heute ſchon zum Tode verurtheilt! Ebenſo hatte es Robespierre gemacht. „Ha!“ ſprach Griſſard ſchadenſtoh—„dieſe Freude kann ich mir nicht verſagen. Endlich trifft das Fallbeil den rechten Mann und kommt dadurch zu Ehren. Einmal aber nur zu ſterben, iſt für Robespierre noch viel zu wenig. O, daß er tauſend Köpfe hätte, die er hergeben müßte!“ 157 „Griſſard“— ſagte Frau Malmier unter einem Schau⸗ dern—„Ihr ſeid entſetzlich. Ich mag die Blutthat nicht mit anſehen.“ „Das werdet Ihr ſo wenig wie ich“— erwiederte Griſſard—„denn man wird ſich heute um die Plätze vor der Guillotine ſchlagen. Aber den Zug vorübergehen zu ſehen, iſt eine kleine Entſchädigung für die vielen Leiden, die ich und hunderttauſende Franzoſen erduldet haben. Wenn Ihr nicht warten wollt, ſo geht immer voraus, ich komme nach und hole Euch ein.“ Aber Frau Malmier wollte ohne Griſſard nicht Paris verlaſſen und ſie war faſt gezwungen, Augenseuge zu wer⸗ den von dem letzten Gange derjenigen Handvoll Tyrannen, welche ein großes Volk bis zum blutigen Tode geknechtet hatten. O, daß doch alle diejenigen es hätten mit anſehen können, welche irdiſches Anſehen und menſchliche Gunſt zu ihrem höchſten Streben machen! Derſelbe Pöbel, welcher als ge⸗ horſamer Selave vor Robespierre's Füßen gekrochen war, jedem ſeiner Worte donnernden Beifall geſpendet, deſſen Bluturtheile miteinem Lebehoch auf die Republik begrüßthatte, konnte jetzt nicht Schmähworte, Verwünſchungen und Dro⸗ hungen genug für ihn auffinden. Raſende Weiber umtanzten in wilder Freude den Karren, auf welchem der geſtürzte Volksgünſtling ſaß, und prieſen dieſen Tag als den glück⸗ lichſten ihres Lebens. Wohin der Elende ſein Auge wen⸗ dete, begegnete es nur ſchadenfreudigen Geſichtern und drohend gegen ihn erhobenen Fäuſten. Welch' eine überaus klägliche Figur ſpielte jetzt der bis⸗ herige Gebieter über Tod und Leben! Bei ſeiner Gefangen⸗ nehmung hatte er verſucht, ſich durch einen Piſtolenſchuß zu entleiben, aber dabei nur ſeine Kinnlade zerſchmettert. Mit einem blutbenetzten Verband um das ſchmerzvoll verzerrte, leichenblaſſe Antlitz, ſaß die magere, unanſehnliche Geſtalt des vormaligen Advokaten auf dem Karren. 158 —— ℳ Neben ihm ſein Bruder, der ihm an Grauſamkeit nichts nachgegeben und bei einem Fluchtverſuche aus dem Rathhausfenſter ein Bein gebrochen hatte. Außerdem gab es noch eine lange Reihe von Karren, beladen mit den eifrigſten Anhängern des Tyrannen, die zu gleichem Tode beſtimmt waren. Unter den vielen Geſichtern befand ſich auch das abſchreckende des Schuſters Simon, welcher bereits ſeit einiger Zeit ſein Wächteramt bei dem Dauphin abge⸗ geben und mit einem angenehmeren vertauſcht gehabt hatte. Ach, ſühnte der Tod durch's Fallbeil wirklich alle die Grau⸗ ſamkeiten aus, die der Schuſter allein an dem unglücklichen Königsſohne verübt hatte? Unter den Todesecandidaten be⸗ fand ſich ferner der vormalige Herr von Lünette, jetzt Volks⸗ recht genannt. Als Griſſard endlich auch Merceraut's wohlbekanntes Geſicht auf dem einen Karren erblickte, wendete er raſch ſein ſchamvoll erröthendes Antlitz abſeits. Sein Gewiſſen war's, welches ihn jetzt ſchlug um der Freundſchaft und der An⸗ hänglichkeit willen, welche ihn einſt an den Maurer gekettet und zu verdammlichen Reden, wenn auch nicht zu dergleichen Thaten, verleitet hatte. Unter dem weithin hallenden Hohn⸗ und Freudengeſchrei der Menge bewegte ſich der Karrenzug weiter nach dem Greve⸗ platze, wo die Guillotine ſtand. Griſſard aber war ſtumm und ſtill geworden. Er geſtand ſich ein, daß er nur durch Gottes Gnade, die ihm in Süperbe, Alma und dem Pfarrer. Amboiſe wahrhaft gute Engel beigegeben hatte, vor glei⸗ chen Verbrechen wie die Verurtheilten, und darum vor glei⸗ chem Untergange bewahrt worden war. Jetzt hätte er um keinen Preis die Hinrichtung mit anſehen mögen. Dieſe ging ohne Hinderniß vor ſich, begleitet von dem Jubelruf der anweſenden Volksmenge. Schon hatten Griſſard und Frau Malmier mit ihren beiden Kindern mehrere Straßen durchſchritten, welche nach der Barriere führten, als ihren eiligen Schritten ein neues Hinderniß entgegentrat. „Himmel!“ rief Alma erſchrocken aus—„Was ſeh' ich? Des Herrn Pfarrers Geiſt! Da kommt er auf uns zu! O Gott!“ „Kein Geiſt“ erwiederte Herr Ambviſe, indem ſich ſein trübes Antlitz erheiterte—„ſondern ich bin es ſelbſt. Gott erkannte mich noch nicht für reif genug für ſeinen Himmel, und darum wurde ich geſtern in dem Volksgetümmel von dem Karren geriſſen, von der Menge geſchützt und fortge⸗ führt.“ „Und Süperbe?“ fragten Griſſard und Alma zugleich. „Was aus ihr geworden iſt, weiß ich nicht, antwortete Herr Amboiſe.„Hundert Menſchen und Arme benahmen mir alle Ausſicht. Ich habe aber ſpäter vernommen, daß die übrigen Verurtheilten insgeſammt unter die Guillotine gebracht worden find. Darum iſt Süperbe jedenfalls ſchon eine Bewohnerin des Himmels und jeglicher Erdennoth ent⸗ hoben.“ „Darüber muß ich Gewißheit haben“— ſprach Griſ⸗ ſard eifrig.„Ach, wenn meine Süperbe noch lebte! Dann erſt wollte ich mich meiner Rettung freuen. Iſt ſie noch nicht guillotinirt, ſo weiß ich, wo ich ſie zu ſuchen habe. Ich bleibe noch in Paris.“ „Das dürfte auch das Rathſamſte für uns Alle ſein“— meinte der Pfarrer.„Hier, wo die Schreckensherrſchaft gebrochen iſt, halte ich es für ſicherer als auf dem platten Lande, wo noch Robespierre's Anhänger ihr grauſames Regiment fortführen. Warten wir daher ab, bis überall das Morden eingeſtellt worden iſt.“ So blieb denn die kleine Geſellſchaft noch in Paris, das nach Robespierre's Sturz neues Leben bekam. 160 vierzehntes Kapitel. Das Ende. Es iſt wahr, daß nach Robespierre's Sturz Paris freier wieder aufathmete und neues Leben bekam. Allein noch immer fürchteten die jetzigen Machthaber die Rückkehr der königlichen Gewalt und darum lag es auch in ihrem Plane, den letzten Sprößling des Königthums in dem klei⸗ nen Ludwig verkümmern zu laſſen. Aus dieſem Grunde ge⸗ wann durch Robespierre's Hinrichtung das leidenvolle Da⸗ ſein des Dauphin keine Erleichterung. Man bewachte ihn noch immer mit gleicher Strenge, nur mit dem Unterſchiede jetzt, daß er von dem Teufel Simon befreit war und ganz allein in ſeinem Gefängniſſe blieb. Man verſah ihn zwar noth⸗ dürftig mit Speiſe und Trank, doch nicht mit friſcher Leib⸗ wäſche, mit reinen Bettüberzügen, mit Waſchwaſſer, mit Büchern, mit Unterricht und Unterhaltung. Niemand er⸗ ſchien, um ſein Gefängniß zu kehren oder zu ſcheuern, um nach ſeinem Befinden oder ſeinen Bedürfniſſen zu ſehen oder zu fragen. Durch eine Oeffnung in der Wand wurde ihm ſeine Nahrung dargereicht. Der arme Ludwig ähnelte einem gefangenen Vögelein, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſes munter von einem Stängelchen zum andern hüpft und ſingt. Ach, Ludwig ſang ſchon lange nicht mehr. Er hatte in ſeiner Einſamkeit das Sprechen verlernt und die Luſt dazu gänzlich verloren. Man vergönnte ihm nicht ein⸗ mal das kleine Vergnügen, aus ſeinen Fenſtern blicken zu dürfen, denn man hatte dieſe mit Läden dergeſtalt verwahrt, daß nur durch den oberen Fenſtertheil das Tageslicht herein⸗ ſcheinen konnte. Griſſard hatte richtig errathen, daß, wenn Süperbe dem Fallbeile entgangen ſei, er ſie in der Nähe des Tem⸗ pels zu ſuchen habe. Er fand das Mädchen zu ſeinem 1* 161 größten Entzücken vor derjenigen Thür des Tempels, durch welche er mit den beiden Mädchen täglich eingelaſſen worden war. „Willſt Du Dein Leben nochmals in Gefahr ſetzen“— fragte Griſſard nach dem erſten Willkommen und nachdem ihm Süperbe die Art ihrer Rettung erzählt hatte—„weil Du Dich hier zeigſt? Wir haben Alma's Mutter und Geſchwiſter aufgefunden und wollen auf der Stelle Paris verlaſſen.“ „Ich bleibe hier“— erwiederte Süperbe feſt—„wo mich mein Gewiſſen zurückhält. Oheim, Ihr habt auch Euren Antheil an Dem, was der unglücklichen Königs⸗ familie widerfahren iſt. Darum muß ich wieder gut zu machen ſuchen, ſo viel in meinen ſchwachen Kräften ſteht. „Ach!“ verſetzte Griſſard—„was wirſt du ſchwaches Geſchöpf ausrichten? Um den königlichen Kindern zu helfen, gehört große Macht dazu.“ „Wenn ich ſie auch nicht zu befreien vermag“— erwiederte Süperbe— ſo kann ich ſie doch vielleicht tröſten oder erquicken, und wenn es nur mit einem Glaſe friſchen Waſſers wäre.“ Griſſard mochte einwenden, was er wollte, Süperbe blieb bei ihrem Entſchluſſe, den der Pfarrer lobte und be⸗ feſtigte. Griſſard, von dem Gefühl ſeiner Sündenſchuld gepeinigt, mochte nun auch ſeine Nichte nicht verlaſſen und blieb daher gleichfalls in Paris zurück, während Frau Malmier nebſt ihren Kindern und dem Pfarrer nach Miraille abreiſeten. Jedoch verſprach der Letztere wieder nach Paris zurückzukommen, ſobald ſeine Anweſenheit in Miraille we⸗ niger nöthig als in Paris ſein würde. Am Abende verſah ſich Griſſard in gewohnter Weiſe mit ſeinem blechernen Oelgefäß und ſeinem übrigen Lampen⸗ putzergeräth und forderte, in Süperbe's Begleitung, Ein⸗ laß in den Tempel, als wenn nichts vorgefallen wäre. Er verſicherte mit dreiſter Stimme den Tempelaufſehern, daß ſeine und ſeiner Nichten Unſchuld vor Gericht erkannt Nieritz. Des Königs Kind. 1¹ und er wieder mit ſeinem bisherigen Dienſte betraut wor⸗ den ſei, daß er ſich ferner des Schutzes der gegenwärtigen Machthaber zu erfreuen habe und er einen Jeden bei ihnen verklagen werde, der ihm feindſelig in den Weg treten wolle. Die Municipalbeamten im Tempel waren ihrer Sache nicht mehr gewiß und bei dem Regierungswechſel für ihre eigenen Köpfe und Stellen beſorgt; ſie wagten es nicht, Griſſard fortzuweiſen, deſſen Dienſt übrigens weder ſo an⸗ genehm, noch lohnend war, um Neid zu erregen. Wenn aber ſteter Tropfen ſogar den Stein höhlet, ſo bewirkten auch Süperbe's unabläſſige Bemühungen und kleine Dienſterweiſungen gegen die mit der Aufſicht des Tempels betrauten Perſonen, daß man ihr endlich die Be⸗ ſorgung geringfügiger Geſchäfte in der Nähe der beiden königlichen Gefangenen überließ. Da in der Folge die ſtrengen Aufſeher des Tempels mit milderen vertauſcht wur⸗ den, ſo erflehte Süperbe endlich von ihnen die Erlaubniß, die Reinigung, Lüftung und Heizung der Zimmerderköniglichen Gefangenen beſorgen zu dürfen. Anfänglich geſchah dies unter ſtrenger Aufſicht und Bewachung, die aber nach und nach an Eifer nachließ und Süperben eine vertraulichere Annäherung zu dem Dauphin und der Dauphine geſtattete. Hörbar faſt pochte Süperbens Herz, als ſie zum erſten⸗ male— es war zu Ende des Oktobermonats 1794— des Dauphins Gefängniß betreten ſollte. Das Geräuſch der zurückgeſchobenen, ſchweren Eiſenriegel und das Aufſchließen der Schlöſſer machte einen Schauer über ihren Körper rie⸗ ſeln. Dieſe Sicherheitsmaßregeln waren wegen eines noch nicht zehnjährigen Kindes getroffen worden! Zitternd be⸗ trat fie das kleine Vorzimmer, in welchem ein Ofen von weißer Faience ſo geſtellt war, daß er durch eine Oeffnung in der Wand das angrenzende Zimmer des königlichen Kin⸗ des mitheizte. Auch deſſen Thüre war eben ſo feſt ver⸗ wahrt wie die erſte und mußte der Lärm der Riegel und — 163 Schlöſſer dem Ohre des armen Gefangenen jedesmal eine ſchlimme Muſik ſein. Beim Eintritt in des Prinzen oder jungen Königs Wohnung, in welcher wegen der, die größere Hälfte der Fenſter verdeckenden Laden, ein Halbdunkel herrſchte, erblickte Süperbe in des Zimmers Mitte einen kleinen, niedrigen Tiſch nebſt einem dergleichen Stuhl. Auf der Tiſchplatte lagen Spielkarten umher, von denen einige zu Häuſern, Käſtchen und ähnlichen Gegenſtänden aufge⸗ baut waren. Ein irdener Krug mit Waſſer zum Waſchen gefüllt, ſtand unbenutzt und mit Staub bedeckt an der Vorderwand. Und Staub und Spinneweben deckten den Fußboden, ſo wie die nackten ſchmuzgrauen Wände. Hinter der Thüre, auf der linken Seite des Zimmers ſtand ein kleines Bett, das des Prinzen, weiterhin ein zweites, leeres, welches vordem der Schuſter Simon inne gehabt hatte. Uebrigens war das Zimmer von allem gewöhnlichen Geräth entblößt und dem Anſchein nach unbewohnt. Erſt nachdem Süperbe's Augen ſich mehr an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte ſie das arme Opfer des Volkshaſſes auf ſeinem einſamen Lager. Nur das breit gedunſene, bleiche und durch den angeflogenen Schmuz ergraute Antlitz des Dauphin ſchaute unter der Bettdecke hervor und folgte mit geiſterhaftem Blick den Bewegungen Süperbens. Dieſer drohte das Herz zu brechen bei dem Anblicke des faſt unkenntlich gewordenen Kindes! Sie knickſte demuths⸗ voll vor dem jugendlichen Dulder zuſammen und begann dann mit möglichſter Schonung das Zimmer von ſeinem Staube und Schmuze zu reinigen. Ihre ehrfurchtsvolle Bitte an den Dauphin, für die Dauer des Reinigens und Lüftens in das Vorzimmer ſich zu begeben, blieb ohne Ant⸗ wort und ohne Gewährung derſelben. Nicht ohne Gefahr erklomm Süperbe die Fenſterbrüſtung, um die oberen Fenſter⸗ flügel zu öffnen und die ſo nöthige friſche Luft einſtrömen zu laſſen. Nachdem Süperbe ausgekehrt und den Staub 164 abgewiſcht hatte, näherte ſie ſich dem Lager des Dauphins, um daſſelbe mit reinem Ueberzug zu verſehen und aufzuſchütteln. Diesmal gehorchte Ludwig der erneuten Bitte Süper⸗ bens und verließ, angezogen wie er war, ſein Lager, um ſich, wie ein ſcheues Rebhuhn, in einen Winkel des Zim⸗ mers zurückzuziehen. Süperbe brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus, indem ſie die mißliche Beſchaffenheit des prinzlichen Lagers erkannte, das ſeit Monaten weder ge⸗ lüftet, noch aufgeſchüttelt, noch mit reinen Ueberzügen ver⸗ ſehen worden und darum hart wie ein Bret war. Dennoch hatte Ludwig den größten Theil des Tages und die Nächte hindurch auf demſelben zugebracht, um wachend wie träu⸗ mend an ſeine Aeltern, Schweſter, Tante und an die glück⸗ lichere Vorzeit zu denken. Immer ſchmerzlicher weinte Süperbe, während ihre Hände ſo ſchnell als möglich das Bett in Ordnung brachten. Nachdem dieſe Arbeit vollbracht war, näherte ſich Si⸗ perbe dem unglücklichen Kinde und ſagte mit gerührter Stimme:„Kennen Sie mich nicht mehr, gnädigſter Herr? Ich bin ja die kleine Buckelige, die gern ihr Leben für Sie hingeben möchte! Wie befinden Sie ſich? Ach, ich habe Sie recht lange nicht geſehen.“ Der Dauphin ſchwieg beharrlich. Sein Gemüth war verſtockt wie die Luft, die er einathmete. „Haben Sie mir keinen Auftrag an Ihre Schweſter, die Dauphine, zu ertheilen?“ fuhr Süperbe fort. Das Wort„Schweſter“ fiel wie ein zündender Funke in des Dauphins erſtarrtes Herz. Sein Blick erglänzte nund mit etwas unſichrer, haſtiger Stimme erwiederte er: „Meine Schweſter? Lebt ſie noch?“ „Sie lebt“— antwortete Süperbe—„und befindet ſich hier in demſelben Thurme über Ihrer Wohnung.“ „Sie lebt noch wiederholte Ludwig vor ſich hin und verſank in tiefe Gedanken. — 165 „Soll ich ihr keinen Gruß von Ihnen überbringen?“ fragte Süperbe—„Haben Sie ihr nichts außerdem zu ſagen?“ „Ja, ja, grüße ſie von mir“— verſetzte Ludwig— „und fage ihr, daß ſie meinetwegen nicht in Sorge ſein ſolle. Du ſiehſt ja ſelbſt,“— fuhr er mit wehmüthigem Lächeln fort—„daß es mir jetzt nicht ſchlecht hier geht. Der Bürger Simon iſt nicht mehr mein Wächter.“ „Wiſſen Sie,“— ſprach Süperbe—„daß er ſeinen Sündenlohn unter der Guillotine empfangen hat wie Alle, die Sie und Ihre Familie ſo grauſam verfolgten?“ Der Dauphin ſchauderte zuſammen.„Ich vergebe ihm“ — murmelte er halblaut.—„Möge auch Gott ihm vergeben!“ „Erlauben Sie mir,“— fuhr Süperbe fort—„daß ich Ihr Angeſicht und Ihre Hände mit einem feuchten Schwamm überfahre. Der Staub, welcher darauf liegt, muß Ihnen nachtheilig werden.“ „Ach, laß mich zu Bett!“ entgegnete der Dauphin— „ich bin müd', ach, ſo müd'! Hier friert mich.“ Und Ludwig erhob ſich von ſeinem Sitze und wankte ſeinem Lager zu. Welch' ein jammervolles Bild der einſt ſo blühende, muntere und geiſtgeweckte Dauphin gegenwärtig vorſtellte! Wie der Mangel an freier Luft, an Bewegung, geregelter Koſt und geſelliger Unterhaltung in wenig Jahren nach⸗ theilig auf ein Kind einwirken und daſſelbe zu ſeinem Nach⸗ theile umgeſtalten kann! Nur das Haupt des Dauphins mit ſeinen edlen Geſichtszügen und ſchönem Haar war noch das alte, jedoch das Antlitz ohne einen Blutstropfen. Die Achſeln waren hoch herauf gezogen und zuſammengepreßt, die Arme, wie die Beine, lang und dünn, die Bruſt ſchmal und in der Mitte erhöht wie eine Hühnerbruſt, der ganse Körper kurz und deſſen unterer Theil ungewöhnlich aufge⸗ trieben, die Gelenke der Arme und Beine geſchwollen wie bei der engliſchen Krankheit. 8 166 Süperbe glaubte ihren Doppelgänger vor ſich zu ſehen. Sie faßte ſich ein Herz und reinigte mit lauwarmem Waſſer das Antlitz und die Hände Ludwigs, welcher wieder, ohne ſeine Kleidung abzulegen, ſein Lager beſtiegen hatte. Außer⸗ dem kämmte und reinigte ſie des Prinzen Haar, der ſolches gern geſchehen ließ. Süperbe würde mit Freuden noch länger in Ludwigs Nähe geblieben ſein, wenn ſolches der ungeduldig außen harrende Wächter geſtattet hätte. Als der kalte Winter kam, heizte Süperbe den Ofen in des Dauphins Wohnung und ſie hatte dadurch die Genug⸗ thuung, zu ſehen, daß Ludwig nicht mehr ſo oft ſein Lager behauptete, ſondern ſein Tiſchchen in die Nähe des Ofens verſetzte, um dort ſeiner einzigen Unterhaltung, dem Bauen von Kartenhäuſern, obzuliegen. So oft und ſo lange Süperbe durfte, leiſtete ſie dem kleinen Gefangenen Geſell⸗ ſchaft, ſpielte mit ihm und vertrieb ihm die Langeweile durch Erzählen anmuthiger Geſchichten und Mittheilungen über die Dauphine. Aber alle Bemühungen Süperbe's, ein Lächeln auf Lud⸗ wigs Antlitz, einen freudigen Ausrufüber ſeinebleichen Lippen, ein einziges Scherzwort, ein wirkliches Wohlbehagen hervor⸗ zulocken, blieben vergeblich. Süperbe mußte ſich ſchon glück⸗ lich ſchätzen, daß ſie die Einzige war, in deren Gegenwart der unglückliche Prinz ſein hartnäckiges Stillſchweigen brach. Süperbe that aber auch noch andere Schritte, um das Schickſal der beiden königlichen Kinder und namentlich des Dauphins zu verbeſſern, indem ſie einflußreichen Perſonen den Zuſtand des armen Prinzen in beweglicher Weiſe mit⸗ theilte. Hierdurch brachte ſie es ſo weit, daß die Regierung endlich drei Beamte abſendete, um die Lage des Dauphin einer genauen Beſichtigung zu würdigen. Jene Männer hießen Harmand, Mathien und Reverchon und waren Mit⸗ glieder des Sicherheitsausſchuſſes. Nachdem die Schlöſſer und Riegel der beiden Thüren des Gefängniſſes unter großem Geräuſch geöffnet worden waren, fanden die Beamten den kleinen Prinzen an ſeinem Tiſchchen ſitzen und mit ſeinen Karten beſchäftigt. Dieß war im Februar 1795. Der Prinz trug ein neues Matroſenkleid von braunem Tuch, das Haupt unbedeckt und beachtete nicht den fremden Beſuch. Harmand näherte ſich ihm und benachrichtigte ihn, daß ſie von der Regierung beauftragt wären, ſeinen Zu⸗ ſtand, von welchem man Nachtheiliges vernommen hätte, zu unterſuchen. Er fragte den Dauphin, ob er ein Pferd, einen Hund, Vögel oder Spielzeug ſich wünſche? Ob er einen oder mehrere Spielkameraden haben, ob er in den Garten hinab oder auf die Thurmplatte hinauf ſteigen, ob er Kuchen oder Zuckergebäck genießen möchte? Der arme Ludwig! Er mochte dieſe Anerbietungen für Hohn halten oder bereits einſehen, daß ihm nichts mehr Freude machen könne, nachdem man ihm das Liebſte und Theuerſte geraubt, ihm Leib und Seele unrettbar vergiftet und verwahrloſet hatte. Er blickte den Verſucher ſtarr an und erwiederte kein Wort. Umſonſt verſchwendete Harmand eine Fülle von Fragen und Ermahnungen. Der Dauphin blieb ſtumm, wie er bereits ſeit einem Jahre gegen ſeine Peiniger und Kerkermeiſter gethan hatte. „Mein Herr“— fuhr Harmand fort—„reichen Sie mir gefälligſt Ihre Hand.“ Der Prinz gehorchte und Harmand fühlte, im Weiter⸗ greifen, eine Geſchwulſt an dem Handgelenk und eine am Flnbogen, ohne daß der Prinz bei dieſem Anfühlen einen Schmerzensausdruck gezeigt hätte. „Auch die andere Hand!“ bat Harmand. Er erhielt ſie und entdeckte hier nichts. „Erlauben Sie mir, Ihre Beine und Kniee zu berühren“ — fuhr jener fort und der Dauphin ſtand auf wie eine in Bewegung geſetzte Maſchine. Harmand fand ähnliche Beu⸗ len an beiden Knieen. „Jetzt, mein Herr,“— ſprach Harmand—„gehen Sie einmal.“ Der Dauphin that dies ſogleich, indem er ſich nach der Thüre hinbewegte, welche beide Bettſtellen von einander ſchied. Dann aber ſetzte er ſich augenblicklich wieder, ob⸗ gleich ihn Harmand nochmals zum Herumgehen aufforderte. Wie der Prinz, die Ellnbogen auf das Tiſchchen ge⸗ ſtützt, ſeinen Beſuch mit unverwandten Augen betrachtend, mit marmornen Geſichtszügen und lautlos da ſaß: ſo hätte man ihn für ein Steinbild oder für eine Wachsfigur halten mögen. Noch ſtanden die drei Beamten betroffen über des Prin⸗ zen Benehmen und unentſchlüſſig da, als ein neues klägliches Schauſpiel ihren Blicken ſich zeigte. Man trug das Mittagseſſen des rechtmäßigen Königs von Frankreich auf, des Erben von 60 Königen! Dieſes Königsmahl beſtand aus einer ſchwarzen Suppe, obenauf mit einigen Linſen überſtreut und in einem rothen, thöner⸗ nen Schüſſelchen, zweitens in einem kleinen Stück gekochten Fleiſches, ebenfalls ſchwarz und, wie der Geruch bezeugte, von ziemlichem Alter, auf einem Teller von derſelben Be⸗ ſchaffenheit wie die Schüſſel; in einem anderen Teller be⸗ fanden ſich ebenfalls Linſen und in einem dritten ſechs, eher verbrannt als geröſtet zu nennende Kaſtanien. Löffel und Gabel waren von Zinn; ein Meſſer fehlte, damit ſich das Kind nicht etwa mit demſelben ein Leid anthue! Wein fehlte. Beſtürzt über das, was ſie geſehen, zogen ſich die Be⸗ amten in das Vorzimmer zurück, wo ſie erfuhren, daß früher das Eſſen noch weit ſchlechter geweſen ſei, welches man dem Dauphin gereicht hatte. Sie ordneten an, daß man ſofort dem prinzlichen Mahle einige Ergötzlichkeiten, und beſonders Früchte, hinzufügen ſolle. Nachdem die Beamten dieſe Anordnungen getroffen hatten, kehrten ſie zu dem Prinzen zurück, welcher indeß Alles aufgezehrt hatte. Daſſelbe that er mit einer damals ſeltenen Weintraube, welche man auf den Befehl der Be⸗ amten herbeigebracht hatte. Auf die Frage, ob er noch mehr davon wünſche, blieb er die Antwort ſchuldig. Wie fürchterlich mochten die Leiden des unglücklichen Dauphin geweſen ſein, da ſie das größte der kindlichen Bedürfniſſe— das Sprechen— ihm vergällt hatten! Trotz dem Berichte der drei Beamten, in welchem Zu⸗ ſtand ſie den Dauphin gefunden hatten, ließ die Regierung noch drei volle Monate verſtreichen, bevor ſie einen Arzt, den Doctor Deſault, abſendete, um für den leidenden Kna⸗ ben Sorge zu tragen. Dieſer wackere Mann erledigte ſich ſeines Auftrags mit ſolcher Hingebung und Pünktlichkeit, daß der Prinz, davon gerührt, ſein bisher hartnäckig gegen die übrigen Beſuche beobachtetes Schweigen brach und ſein Verlangen, den menſchenfreundlichen Doctor länger bei ſich zu ſehen, dadurch an den Tag legte, daß er ihn bei dem Ende ſeines Kleides zurückhielt. Leider ſtarb Deſault ſchon am 1. Juni 1795 und man wollte ſeinen plötzlichen Tod einer Vergiftung zuſchreiben, die er ſich durch ſeine liebevolle Fürſorge gegen den Dauphin zugezogen hätte. An ſeiner Stelle beauftragte man die Doctoren Pelletan und Dumangin mit des Prinzen Pflege und Heilung. Aber es iſt nur zu gewiß, daß man in der Furcht, in dem kleinen Ludwig einen Rächer heranwachſen zu ſehen, demſelben nicht eher einige Menſchlichkeit widmete, als bis es damit zu ſpät und ſein Untergang nur zu gewiß war. Dieß beſtätigte auch der Ausſpruch jener beiden Aerzte, welche für den armen Leidenden nichts weiter thun konnten, als ihm ſein Ende ſo leicht als möglich zu machen. 170 Sie tadelten in lauten Worten die gewiſſenloſe Behandlung des jugendlichen Gefangenen und daß man denſelben noch immer durch das entſetzliche Geräuſch ſeiner Riegel und Schlöſſer erſchrecke. Hierauf winkte der Dauphin den am lauteſten ſprechenden Doctor Pelletan zu ſich heran und bat ihn, etwas leichter zu ſprechen. „Meine Schweſter“— ſprach der zärtliche Bruder— „könnte Eure Worte vernehmen und daraus ſchließen, daß ich krank ſei. Das würde ihr viel Kummer bereiten.“ Die beiden Aerzte ließen das hinfällige Kind in den Saal des Gefängniſſes bringen, deſſen Fenſter auf den Garten gingen. Der Anblick des freundlichen Sonnen⸗ lichts und des Grünen ſchien dem Aermſten wohlzuthun, und er vergalt die Sorge der Aerzte mit einem matten Lächeln. Die Schwäche des königlichen Kindes nahm nun ſo raſch zu, daß man ſchon am 7. Juni 1795 ſeine Auflöſung befürchtete. Es war am 8. Juni Vormittags, als Süperbe, Griſ⸗ ſard, der Pfarrer Amboiſe und noch einige Bewohner des Tempels um des Dauphins Lager verſammelt waren. Der Pfarrer war, auf Süperbens ihm gemeldete Befürchtung von dem bevorſtehenden Ende des Prinzen, von Miraille nach Paris und in den Tempel geeilt. Der jugendliche Dulder, der ſtatt der irdiſchen Krone nur die himmliſche tragen ſollte, lag, zu einem Gerippe abgezehrt und bleich wie ein weißes Marmorbild, auf ſeinem, von der Morgenſonne beſchienenen Lager. Mit Ausnahme der leiſe aufſtöhnenden Bruſt und des geiſterhaft blickenden Auges glich Ludwig XVII. bereits einer Leiche. Selbſt im Todeskampfe noch von ſeiner geliebten Schweſter geſchieden, trocknete an deren Stelle Süperbe mit einem weichen Ge⸗ webe die Schweißperlen von der hohen Stirne des armen Dulders. Zu des Bettes Haupte betete der würdige Pfar⸗ rer mit halblauter Stimme und gab dem Sterbenden mit dem heiligen Salböl die Weihe zur langen Todesreiſe. Griſſard weinte ſtill, während ſein Gewiſſen ihm tauſend ſchmerzliche Dolchſtiche gab, weil auch er ſich zu den einſtigen Quälern der königlichen Familie rechnen mußte. Süperbe dagegen kämpfte ihren Schmerz gewaltſam nieder, um den Scheiden⸗ den den ohnehin harten Kampf nicht noch zu erſchweren. Sie wärmte mit ihren Händen die erkaltende Rechte des königlichen Kindes, welche, wie aus weißem, durchſichtigem Wachs geformt, oben auf der Bettdecke lag. Ein matter Gegendruck bezeugte, daß der Sterbende ſelbſt jetzt noch nicht unempfindlich oder undankbar gegen die liebende Sorg⸗ falt ſei, welche ihm die gebrechliche Süperbe mit der auf⸗ opferndſten Hingebung bisher gewidmet hatte. Die Mittagszeit kam und verſtrich, ohne daß jemand von den Anweſenden an das Eſſen gedacht hätte. Eine lautloſe Stille herrſchte jetzt in dem Sterbezimmer. Jeder fühlte die Nähe, nein, die Anweſenheit des erbarmen⸗ loſen Knochenmannes; jeder ſah dem letzten, entſcheidenden Augenblick mit banger Erwartung entgegen. Und er kam, dieſer letzte Augenblick, den jeder Sterbliche einmal er⸗ leben muß. Der Feuerblick des Prinzen erloſch und das Auge be⸗ gann zu brechen. Noch einmal flammte es auf; noch ein⸗ mal belebten ſich die ſtarren Züge des Leichengeſichts und lächelten ſelig; noch einmal erſchloſſen ſich die feſt auf ein⸗ ander gepreßten Lippen und„Meine— Mutter!“ hauchte mit ſüßem Tone der ſterbende Mund! Unter dem letzten Seufzer hob ſich die Bruſt des Ster⸗ benden. Um zwei Uhr Nachnittags hatte er ausgelitten. Der letzte Mord an der unglücklichen Königsfamilie, unblutig zwar, doch der verruchteſte unter allen, war vollbracht! „Sohn des gemordeten Ludwig“— rief der Pfarrer 172 Amboiſe mit ergreifender Stimme—„ſchwing' Dich auf zu des Himmels ſeligen Höhen! Nimm es auf, Vater im Himmel, Dein Kind! und gieb es ſeinen vorangegangenen Aeltern wieder!“ Während der Pfarrer den Todten ſegnete, lagen die Anweſenden im leiſen Gebete auf ihren Knieen. Zuerſt erhob ſich Süperbe, um mit zitternder Hand dem todten Kindeshaupte eine Locke zu entnehmen. „Wie verklärt und freundlich ſein Antlitz lächelt!“ ſprach ſie dabei weinend. „Es iſt dieß der freudige Abſchiedsgruß des Geiſtes“ — erwiederte der Pfarrer bewegt—„welcher bereits des Himmels Seligkeit empfindet und um keinen Preis in ſeine irdiſche Hülle zurückkehren möchte. Dieſe leibliche Verklä⸗ rung des Todten iſt uns zugleich der ſicherſten Bürgen einer, daß alle Leiden dieſer Zeit nicht werth ſind der Herrlichkeit, die dort an uns ſoll offenbaret werden.“ „Die arme Dauphine!“ klagte Süperbe—„ſie wohnt nur einige Ellen hoch über uns und darf nicht einmal ihren geliebten Bruder im Todte ſehen!“ „Deſto unzertrennlicher werden die erhabenen Dulder jenſeits vereinigt bleiben“— tröſtete der Pfarrer. Dieſer und Süperbe blieben bei dem todten Dauphin bis zu deſſen Beerdigung. Die Beamten der Regierung erſchienen, um ſich von dem Tode ihres langſam gemordeten Gefangenen zu überzeugen. Man verſetzte deſſen Leichnam in einen gewöhnlichen Sarg und ſchaffte ihn ohne alles Gepränge und in der Stille nach dem Kirchhofe der Parochie Sainte Marguerite, wo er in der großen, allgemeinen Grube beerdigt wurde. Gefliſſent⸗ lich wollte man durch dieſe Maaßregel verhindern, daß die kleine Königsleiche ſpäter wieder erkannt und unter der Menge der übrigen Begrabenen hervorgezogen werden könne. 173 Allein zwei von den Todtengräbern bezeichneten den Sarg Ludwigs XVII. mit weißen Kreideſtrichen, um ihn in der Zukunft wieder zu erkennen, eine Handlung frommer Hochachtung, welche ſie auch bei den Leichen des gemordeten Königpaares ausgeführt hatten und durch welche in ſpäteren Zeiten die traurigen Ueberreſte ausgemittelt und nach dem königlichen Begräbnißorte zu Saint Denis übergeführt wer⸗ den konnten. Süperbe verweilte als treue Dienerin bis zum 25. De⸗ cember 1795 bei der unglücklichen Dauphine, welche an jenem Weihnachtstage gegen mehrere gefangene Regierungs⸗ beamte der franzöſiſchen Republik ausgewechſelt wurde. Sie wurde ſpäter mit ihrem Vetter, dem Herzog von Angouleme verheirathet, blieb aber kinderlos, legte nie die Trauerkleider um die gemordeten Ihrigen ab und hat in ihrem Leben nicht wieder gelacht. Wer hätte das auch nach ſo ſchrecklichen Erfahrungen vermocht? Von der großen, glänzenden Schaar feiler Höflinge und Schmeichler war den beiden königlichen Kindern nie⸗ mand zuletzt verblieben als ein armes, buckeliges Mädchen, das, von den Menſchen als ein Gefäß in Unehren angeſehen, die einzige Pflegerin und Tröſterin des Dauphins und der Dauphine, mithin ein Gefäß hoher Ehren, geworden war. Aeußerlich unbelohnt, innerlich aber von dem ſüßen Bewußtſein treu erfüllter Liebespflicht hoch beſeligt, kehrte Süperbe mit ihrem Oheim und dem guten Pfarrer nach Miraille zurück. Da während der Revolution ſämmtliche Klöſter in Frank⸗ reich aufgehoben worden waren, ſo hatte auch Helviſe, die Schweſter des hingerichteten Maurice von Lünette, ihre Frei⸗ heit wieder erlangt. Sie übernahm nach wiederhergeſtellter Ruhe und Ordnung das Erbe ihres Bruders und machte deſſen begangenes Unrecht nach Möglichkeit wieder gut. 174 Demnach erhielt auch Frau Malmier ihre Hütte, ihr Gärt⸗ chen und ihren Röhrbrunnen, Griſſard ſein Flurſchützen⸗ amt und der Herr Pfarrer alle ſeine Rechte zurück. Sü⸗ perbe diente dem Letzteren, nach dem inzwiſchen erfolgten Tode ſeiner alten Köchin, in gleicher Eigenſchaft und blieb die treue Freundin Alma's. Wann, was oft geſchah, Frau Malmier mit ihren Kin⸗ dern, Griſſard, Süperbe und der Pfarrer Ambviſe zu⸗ ſammenkamen, beſprachen ie die Wandelbarkeit menſchlichen Glücks, welche das Hohe in den Staub herabzieht und das Verachtete zu Ehren bringt. Die Jüngeren von ihnen erlebten Napoleons I. Erhe⸗ bung und Sturz, Ludwigs XVIII. Regierung und deſſen Bruders Entthronung. Sie bewunderten Ludwig Philipps Geſchicklichkeit, 18 Jahre lang ſich auf einem Throne zu er⸗ e welcher einer von Fuerfunken umſprüheten Pulver⸗ tonne oder einer, Abends im Freien brennenden Lichtflamme gleicht, in welche ſich immer neue Flügelthiere ſtürzen, obſchon ſie genug kläglich verbrannte Kameraden am Boden umher zappeln ſehen.. „Wenn auch kurz, doch ſchön!“ ſcheint ebenfalls des jetzt über die Franzoſen herrſchenden Napoleons Wahlſpruch zu ſein. Ob er hierin Recht hat? „Nein!“ wird der Leſer antworten, nachdem er ge⸗ leſen hat, welch' eine lange Kette von Noth und Jammer dem kurzen Erdenglücke Ludwigs XVI. und ſeiner Familie gefolgt iſt. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ſſſſſſ 12 14 6 8 9 10 11 13 15 16 17 ———