3 Leihbibliothek ₰ 4. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von 6dnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Rr. 256. 36 deih eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ b pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprehende Summe e welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 2 41 nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Me.— Pf. „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung) „ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. † 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, b„ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt. der Leſer ſt Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. — Jugend⸗Ribſiotheß. Herausgegeben von Guſtav Nieritz. Achtzehnter Jahrgang. Drittes heſt. Der Kerkermeiſter von Norwich. Leipzig, Voigt& Günther. 1857. Der Kerkermeiſter von Norwich, oder: Das ßiebente Gebot. Von Euſtav Nieritz. Erſtes Rapitel. Die Erwählung. Vor Lord Sidney, dem engliſchen Miniſter, ſtanden drei Männer, die jener, mit einem Papier in der Hand, aufmerkſam muſterte.„Dein Name?“ fragte er den Erſten von ihnen, der unter Allen die demüthigſte, unter⸗ würfigſte Haltung beobachtete. „William Braun, Ew. Excellenz!“ antwortete der Mann, zitternd vor Angſt—„und ich flehe Ew. Herr⸗ lichkeit an, auf mich, der ich Frau und ſieben Kinder zu ernähren habe, gnädige Rückſicht zu nehmen.“ „Und Du?“ fuhr der Lord zum Zweiten fort, der ein Rieſe von Geſtalt war und ſteif wie eine Marmor⸗ bildſäule aufgerichtet ſtand. „Policarp Schwarz!“ ſprach der Rieſe mit einem 2 Bierbaß, der die Luft erzittern machte.„Ich erſuche Ew. 5 Herrlichkeit“— fuhr er im tiefſten Brummtone fort— „zu bedenken, daß ich 14 Jahre im Heere gedient und es bis zum Corporal gebracht habe.“ „Wie nennſt Du Dich?“ wendete ſich der Miniſter jetzt zum Dritten, einem Manne von kaum mittler Größe, dabei hager, jedoch von feſtem Knochenbau. Der Kerkermeiſter von Norwich. 1 „Richard Simpſon!“— erwiederte er, ohne einen Zuſatz wie ſeine Nebenmänner zu machen. „Richtig!“ ſprach der Lord, in das Papier blickend. „Bei Wiederbeſetzung der Kerkermeiſterſtelle in Norwich“ — fuhr der Miniſter fort—„kommt es nicht darauf an, ob Einer viel oder wenig Kinder, kurz oder lange im Heere gedient, es bis zum Corporal oder höher noch gebracht habe, ſondern auf die Befähigung. Ich ſetze den Fall, daß ein Kerkermeiſter bei dem Eintritt in eine Zelle, in welcher mehrere Gefangene ſich befinden, von dieſen unvermuthet angefallen und von der Uebermacht gewältigt werde; was würdet Ihr dann thun? William Braun, mache den Anfang mit Beantwortung meiner Frage.“ „Ich würde“— verſetzte Braun nach einigem Nach⸗ ſinnen—„den Gefangenen das Gefährliche ihres Unter⸗ nehmens, deſſen unausbleibliche Beſtrafung, meine eigene Schuldloſigkeit an ihrer Haft und endlich die Rückſicht auf meine zahlreiche Familie zu Gemüthe führen.“ „Und Du, Policarp Schwarz?“ wendete ſich der Lord an denſelhen. „Ich würde“— erwiederte der Rieſe, indem er ſeine großen Fäuſte ballend vorzeigte—„die Schurken insge⸗ ſammt erwürgen oder zermalmen.“ „Deine Meinung?“ fuhr der Lord zum dritten Be⸗ werber fort. „Der von Eurer Herrlichkeit angegebene Fall“— antwortete Richard Simpſon ruhig—„iſt nicht denk⸗ bar. Leichte Verbrecher unternehmen und verſchwören — „ 3 ſich zu keinem ſolchen Gewaltſchritt gegen ihren Kerker⸗ meiſter, und ſchwere, zum Tode oder langen Gefängniß verurtheilte ſperrt man nicht in Menge, ſondern einzeln ein. Und ſelbſt dann betritt man nicht deren Zelle ohne einen Begleiter oder unbewaffnet.“ „Es iſt gut!“ ſagte der Miniſter.„Geht und er⸗ wartet Euren Beſcheid.“ Die drei Männer entfernten ſich, und zwar der Rieſe Schwarz mit den größten Hoffnungen. Simpſon ſprach daheim zu ſeiner Frau Margarethe:„Ich bekomme die Kerkermeiſterſtelle in keinem Falle. Braun ſtützt ſich auf ſeine ſieben Kinder und Schwarz auf ſeine Fäuſte und ſeine Dienſte als Soldat. Wir werden zwar auch künf⸗ tig nicht verhungern, aber meine Wuth gegen alle Diebe, Betrüger und andere Böſewichter nicht kühlen zu können, bedauere ich am Meiſten. In wie viel beſſeren Verhält⸗ niſſen würden wir uns befinden, wären wir nicht durch jene falſche Banknote um 200 Pfund Sterling betrogen worden! Wie ungleich glücklicher würde unſere Tochter mit ihrer Familie leben, hätten nicht verruchte Diebe, während ſie mit ihrem Manne und ihren Kindern im Schweiße ihres Angeſichts auf dem Felde arbeitete, ihre ganze Habe davon getragen! Gevatter Himbert wäre ein gemachter Mann und brauchte nicht mit alten Sachen trödeln zu gehen, hätten ihm nicht abſcheuliche Straßen⸗ räuber, als er mit reichgefülltem Beutel von der Meſſe in Mancheſter zurückkehrte, Alles genommen. Und ge⸗ dachte nicht die reiche Gribbſon ihr ganzes, großes Vermögen unſerer Stadt zum Bau eines Waiſenhauſes 1* zu hinterlaſſen? Da legte die Hand ihres eigenen, lüder⸗ lichen Neffen, weil er ſich enterbt ſah, die Brandfackel an das Haus ſeiner Tante und verwandelte dadurch das ganze Vermögen in Aſche und die Hoffnung Norwichs in Nichts! O daß ich das geſammte Verbrecherpack unter meinem Schloß und Riegel hätte, um es knöcheln zu können, wie es daſſelbe verdiente! Allwiſſend möchte ich ſein, um mich an die verbrecheriſchen Tritte der Diebe, Räuber und Betrüger heften und über ſie herfallen zu können, wenn ſie im Begriffe wären, neue Uebelthaten zu vollbringen. Warum nur unſer Herrgott im Himmel ſo langmüthig die Böſewichter ſchalten und walten läßt, anſtatt ſie mit ſtarker Hand zu zerſchmettern und aus⸗ zurotten?“ „Ich danke Gott“— verſetzte Frau Simpſon— „aß er Dich nicht zum Kerkermeiſter werden läßt. Gar bald würdeſt Du an der Gelb⸗ und Gallſucht dahinſter⸗ ben oder einer Deiner Gefangenen dürfte Dir das Lebens⸗ licht ausblaſen, wenn Du ſie über die Gebühr quälteſt.“ „Das wäre mein geringſter Kummer“— ſprach Simpſon—„und wenn“— Hier unterbrach der Eintritt eines Regierungsboten Simpſon's Rede und dieſer traute ſeinen Augen nicht, als er in dem Schreiben, das jener ihm einhändigte, ſeine Ernennung zum Kerkermeiſter von Norwich las. Sonach hatte ihn der Miniſter unter den übrigen Mit⸗ bewerbern für den am meiſten Befähigten erachtet, und Simpſon nahm ſich in ſeinen Dankgefühlen feſt vor, dieſer Erwartung des Miniſters durch die gewiſſenhafteſte — — 5 Amtsführung zu entſprechen. Als er in ſeine neue Wohnung einzog, freuete er ſich der dicken Steinmauern, der feſten, eiſenbeſchlagenen Thüren, der gewaltigen Schlöſſer und Riegel, der ſtarken Eiſengitter vor den kleinen Fenſtern und am Meiſten über den Stock, den er im Nothfalle über den Rücken widerſpenſtiger Gefan⸗ gener ſchwingen durfte. Zunächſt unterrichtete ſich Simpſon von dem Beſtand der ſeiner Obhut anvertrauten Gefangenen, daher er das ihm eingehändigte Verzeichniß derſelben durchlas, in welchem über Jeden von ihnen die Art ſeines Verbre⸗ chens, die Dauer ſeiner Strafzeit und andere Umſtände angegeben waren. Hierauf begab er ſich mit dieſem Verzeichniß in die verſchiedenen Zellen, um die Perſön⸗ lichkeit ſeiner Gefangenen mit der im Schriftſtück ange⸗ gebenen zu vergleichen und mögliche Unrichtigkeiten darin zu entdecken und zu verbeſſern. Sein Führer war hierbei ein ihm untergeordneter Wärter, Namens Morrig, ein Mann mit Simpſon von gleichem Alter, von verdrieß⸗ lichem Anſehen und mürriſchem Weſen, welches dadurch noch erhöht wurde, daß er nicht ſelbſt die einträglichere Stelle eines Kerkermeiſters zugetheilt bekommen hatte. Simſon begann ſeine Unterſuchung mit den leichteren Gefangenen, welche deswegen keine Einzelhaft erlitten, ſondern mit Mehreren in einer Zelle eingeſperrt waren. Die erſte Zelle, welche Simpſon betrat, enthielt noch ganz jugendliche Verbrecher, vier Knaben von 8 bis 13 Jahren, welche damals— es war in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts— noch nicht in beſondern 6 Rettungshäuſern untergebracht, ja nicht ſelten mit erwach⸗ ſenen Böſewichtern zuſammengeſperrt wurden. Nachdem ſich Simſon's Augen einigermaßen an die Düſterheit der Zelle gewöhnt hatten, erblickte er die ſittlich verwahrloſeten Knaben, von denen zwei auf ihren elenden Strohlagern ausgeſtreckt lagen und zwei andere zuſammen auf dem Fußboden ſpielend ſaßen. Das Sündenregiſter dieſer Ge⸗ fangenen beſagte, daß ſie wegen Taſchendiebereien, li⸗ ſtigen Betrugs und Marktdiebſtählen, die ſie mit großer Verſchlagenheit ausgeführt hatten, ihrer Freiheit verluſtig geworden waren. Das Haar verworren, Antlitz und Hände mit Schmutz überzogen, den Körper in elende Lumpen gehüllt, auf dem bleichen, aufgedunſenen Geſichte und in den blauumränderten Augen das Siegel der Ver⸗ dorbenheit ausgeprägt, boten die Knaben ein abſchreckendes Bild dar. Ach, hatte nicht der Weltheiland einſtmals kleine Kinder ſeinen Jüngern zum Muſter vorgeſtellt und von ihnen geſagt, daß deren Engel allezeit das Angeſicht ſeines himmliſchen Vaters ſähen? daß die Jünger nicht in das Himmelreich eingehen würden, wenn ſie nicht um⸗ kehrten und würden wie die ſchuldloſen Kinder? Wo war hier an dieſen noch ſo jugendlichen Verbrechern eine Spur des göttlichen Ebenbildes zu entdecken, nach wel⸗ chem Gott der Herr den erſten Menſchen erſchaffen hatte? Simpſon ergrimmte bei dem Anblicke der ſündhaften Knaben, ſo daß er die Zähne zuſammenbiß und in ſich hineinſprach:„Ha, dürfte ich euch doch insgeſammt er⸗ ſäufen im Meere, wo es am Tiefſten iſt! Oder wenig⸗ ſtens ſo lange bei mir behalten, bis ich den Satan aus E euch ausgetrieben hätte! Was anders, als ausgefeimte Verbrecher, die einſt am Galgen endigen, wird aus euch werden, ſobald ihr wieder freigelaſſen werdet?!— Warum“— fuhr Simpſon laut und zornig zu ſeinem Gehülfen fort—„iſt dieſe Brut weder gewaſchen noch gekämmt? Warum hat man ſie nicht angehalten, ihre Lumpen auszubeſſern und etwas Nützliches zu arbeiten?“ Morrig lachte höniſch auf und verſetzte dann:„Wenn das geſchehen ſollte, ſo müßte man mir noch etliche Ge⸗ hülfen beiſetzen. Was würde es helfen? Unnütze Mühe, denn in der nächſten Viertelſtunde ſchon würden die Buben eben ſo ſchmutzig und unordentlich ausſehen wie vorher.“ „Ha!“ ſprach Simpſon unwillig—„das ſollte ſich die Brut nicht unterſtehen. He! Ihr faulen Buben! jetzt iſt's bald Mittagszeit und Ihr liegt noch da, als wäre es um Mitternacht? Empor! auf! Ihr trägen Schurken!“ Einer von den Knaben erhob ſich langſam vom Sger und ging abſeits; der Andere hingegen rührte ſich Nicht von der Stelle, ſondern ſtellte ſich ſchlafend. Da erfaßte ihn Simpſon zornig bei dem verworrenen Haar, riß ihn empor und ſchüttelte ihn derb ab, wobei der Knabe in ein lautes, mißtönendes Geheul ausbrach. Simpſon un⸗ terſuchte nun die Beſchaffenheit des Lagers, welches er feucht, faulend und nach Moder riechend fand. Noch beſchäftigte er ſich damit, als der eine Knabe hinter ſeinem Rücken ausrief:„Herr Kerkermeiſter! Wilkins hier blökt die Zunge gegen Sie heraus.“ „Warte Klätſcher!“ verſetzte Wilkins, indem er die Fauſt drohend gegen ſeinen Angeber erhob—„das ſoll Dir vergolten werden.“ „Wage es, ihm ein Haar zu kruͤmmen“— drohte Simpſon—„oder ihn nur ſcheel anzuſehen! Dann be⸗ kommſt Du es mit mir zu thun.“ Wilkins antwortete hierauf nichts, allein er durch⸗ bohrte ſeinen Angeber mit Blicken, in welchem der Aus⸗ druck von Haß und Rachſucht zu leſen war. Kaum daß Simpſon die Zelle verlaſſen und ſein Begleiter dieſelbe verſchloſſen hatte, ertönte aus ihr ein klägliches Geſchrei und Rufen nach Hülfe. „Wilkins hat ſein Wort gehalten“— ſprach Morrig lachend—„und Ihr ſeht daraus, Simpſon, wie wenig ſich die Brut aus Eurer Drohung macht.“ „Schnell, Morrig!“ befahl Simpſon—„ſchließ' wieder auf. Ich will dem Wilkins zeigen, ob ich mich und meine Drohungen verhöhnen laſſe.“ „Er hat mich arg gerauft und geſchlagen“— weinte der von Wilkins gemißhandelte Bube, indem er auf den⸗ ſelben zeigte, welcher wieder regungslos und mit geſchloſ⸗ ſenen Augen auf dem Lager lag. Nun, Simpſon gab mit huntertfachen Zinſen zurück, was Wilkins ſeinem Ankläger ausgetheilt hatte. Der Knabe, kaum 11 Jahre alt, ertrug alle Schläge Simpfon's auf ſeine Wangen und Achſeln, alles ſchmerzvolle Raufen bei den Haaren, alle Stöße und Püffe mit ſtoiſcher Ruhe, und als Simpſon endlich ermüdet von ihm abließ, ſprach er 9 trotzig:„Das Alles bekommt Dibby doppelt von mir wieder.“ Eine derartige Verruchtheit von einem Kinde war dem neuen Kerkermeiſter noch nicht vorgekommen. Stau⸗ nend und unter einem Schaudern blickte er den Buben an, der ihm ein kleiner Teufel zu ſein ſchien. Was war von einem ſolchen verſtockten Gemüth für die Zu⸗ kunft zu erwarten? „In's Meer, in's Meer, wo es am Tiefſten iſt!“ murmelte Simpſon vor ſich hin. Dann blickte er Morrig fragend an. „Soll ich Wilkins in den Bock ſpannen?“ fragte der Gehülfe ſchadenfreudig.„Dann wird ſich Dibby für die empfangenen Schläge an ihm rächen.“ Simpſon ſchüttelte abwehrend das Haupt.„Bringe“ — befahl er—„Wilkins in eine andere, leere Zelle.“ Als die beiden Männer nebſt Wilkins die Zelle ver⸗ ließen, galt dem Letztern das höhniſche Ziſchen und La⸗ chen der drei zurückbleibenden Buben, welche dieſelbe ſittliche Verderbniß zu theilen ſchienen. Gedankenvoll ſetzte Simpſon die weitere Unterſuchung der Gefängnißzellen fort. Noch immer war ſein Herz von Ingrimm und Rachedurſt gegen die Uebertreter des Geſetzes erfüllt, allein es miſchte ſich unter jene Gefühle jetzt ein tiefer Schmerz über die Entartung des menſch⸗ lichen Geſchlechts. Ach, er erblickte das einſtige göttliche Ebenbild hier in ſeiner tiefſten Erniedrigung. Auf allen Geſichtern ſeiner Gefangenen fand er den Ausdruck niedriger Leidenſchaften und Laſter, keine Spur von Reue 10 und Zerknirſchung! Selbſt die weiblichen Gefangenen unterſchieden ſich hierin nicht von den männlichen, ja ſchienen dieſelben ſogar noch in mancher Hinſicht an Sit⸗ tenverderbniß zu übertreffen. Am meiſten verwunderte ſich Simpſon über die gänz⸗ liche Unthätigkeit der Gefangenen.„Was machen ſie den ganzen Tag?“ fragte er Morrig. „Hm!“ verſetzte dieſer—„ie vertreiben ſich die Langeweile durch gegenſeitiges Erzählen ihrer Schurken⸗ ſtreiche. Was Einer nicht weiß, weiß der Andere, und ſo gehen ſie ausgelernter in allen Diebesgriffen und ver⸗ vollkommnet in der Gaunerei wieder aus dem Gefängniſſe heraus.“ „Arbeiten lernen müſſen die Spitzbuben und Schur⸗ ken“— ſprach Simpſon zornig.„Nachdem Adam und Eva geſündigt hatten, weil ſie im Paradies faullenzen konnten, gab ihnen unſer Herrgott, als das geeignetſte Wittel gegen die Sünde, zu arbeiten auf. Fortan wuchs ihnen nicht mehr die Nahrung in den Mund, ſondern im Schweiße ihres Antlitzes mußten ſie ihr Brot erbauen. Warum iſt's anders bei unſern Gefangenen? Müßiggang iſt aller Laſter Anfang. Man gebe den Gefangenen Ar⸗ beit und laſſe ſie ihr Gefängnißbrot verdienen, damit ſie Luſt zur Thätigkeit bekommen und von ſchlechten Gedan⸗ ken abgehalten werden.“ „Wenn unſere Gefangenen Luſt zur Arbeit gehabt hätten“— entgegnete Morrig—„ſo wären ſie insge⸗ ſummt nicht hier. Wenn Ihr wollt, daß ſie arbeiten ſollen, ſo müßt Ihr hinter jeden Gefangenen einen Auf⸗ 10 ſeher mit einem Prügel ſtellen, der ſogleich zuſchlägt, ſobald die Hand des Gefangenen ruhen will. Außerdem ſolltet Ihr ganz Sonderbares ſehen, wozu die Gefangenen ihre Arbeitsſtoffe verwendeten.“ Unter dieſem Geſpräch kamen Simpſon und Morrig zu den ſchwerern Verbrechern, welche Einzelhaft verbüß⸗ ten und meiſtens mit eiſernen Ketten angeſchloſſen waren. „Dieſer hier“— hob Morrig an, indem ſie in eine kalte, dunkle und enge Zelle traten, in welcher nur mit Mühe eine menſchliche Geſtalt zu unterſcheiden war— „iſt Fahrewell, der Verfertiger falſcher Banknoten. Wir haben ihn nur kurze Zeit noch bei uns, denn in ſpät⸗ ſtens 8 Tagen wird er gehenkt.“ Verfertiger falſcher Banknoten! Ha! vielleicht hatte der Gefangene auch diejenige Banknote von 200 Pfund Sterling verfertigt, durch welche Simpſon's Verarmung herbeigeführt worden war. Alle die deshalb ausgeſtan⸗ denen Leiden und Entbehrungen, die zahllos geweinten Kummerthränen und ſchweren Sorgen traten wieder leb⸗ haft vor Simpſon's Augen, und mit unchriſtlicher Scha⸗ denfreude ſah er auf ſeinen Nebenmenſchen hin, dem der Galgen nebſt der erdroſſelnden Hanfſchlinge in ſolcher Nähe winkte. Sein Opfer näher zu betrachten, trat er dicht an den Elenden hinan, welcher keinen Laut von ſich hören ließ. Simpſon blickte in ein todtenbleiches, fleiſchloſes Antlitz mit tiefliegenden, erloſchenen Augen, das einem eben ſo abgezehrten Körper angehörte. Bei einer Bewegung des gefeſſelten Gefangenen klirrten deſſen Ketten ſchaurig, und als dieſer in ein heftiges Schluchzen jetzt ausbrach, beſchlich das Mitleid das noch nicht ver⸗ härtete Herz des neuen Kerkermeiſters. „Morrig“— hob er, nachdem ſie die Zelle verlaſ⸗ ſen und feſt verſchloſſen hatten, zu dem Wärter an— „es war nicht recht von Dir, daß Du in Gegenwart des Gefangenen von deſſen baldigem Aufhängen ſprachſt.“ „Bah!“ verſetzte Morrig verächtlich—„wer wird mit ſolchen Kerlen noch große Umſtände machen! Fahre⸗ well weiß übrigens nur zu gut, welches Schickſal ſeiner harrt. Er hat's ja nicht beſſer haben wollen. Uebrigens iſt's nur zu billigen, wenn er durch meine Worte in ſich geht und ſeine Rechnung mit der Erde abſchließt.“ Morrig ſchloß eine andere Zelle auf, in deren ent⸗ gegengeſetzten Ecken zwei Miſſethäter angekettet ſchmachteten. „Dieſer iſt Gribbſon, der Mordbrenner“— erklärte Morrig—„und jener dort Hawking, der berüchtigte Straßenräuber, der lange Zeit die Gegend von Norwich unſicher gemacht hat. Beide werden nächſtens ebenfalls — doch, Ihr wolltet ja, daß ich nicht gerade heraus⸗ reden ſoll. Ihr verſteht mich ſchon“— Morrig fuhr mit der Hand bedeutungsvoll um ſeinen Hals herum, hierdurch das Aufhängen zu unſchreiben. „Tretet nicht zu nahe an Hawking hin“— warnte der Wärter—„trotz ſeinem Eiſengeſchmeide und ſeiner Weife an den Händen iſt dem verzweifelten Burſchen nicht zu trauen, der Euch mit der Weife einen Treff verſetzen könnte, von dem Ihr ſchwerlich wieder aufſtehen dürftet. Bei Gribbſon dagegen habt Ihr nichts zu fürchten. Wenn derſelbe ſich nicht mit Feuer und Brand ein Ver⸗ 13 gnügen bereiten kann, iſt er für alles Andere abgeſtorben. Er würde ſicher nichts dagegen einzuwenden haben, wenn man ihn verbrennte, anſtatt erhenkte, und die Zuſchauer hätten eben darum noch größere Unterhaltung dabei.“ „Still, Morrig!“ erwiederte Simpſon, empört über ſolche Gefühlloſigkeit.„Aber, welch' ein übler Geruch hier herrſcht! Morrig! unmöglich kannſt Du auf die tägliche Reinigung in dieſer Zelle bedacht ſein.“ „Wozu auch?“ ſprach Morrig gelaſſen.„Warum dieſen Burſchen den kurzen Aufenthalt auf dieſer Erde noch angenehm machen, damit ſie deſto unlieber von ihr ſcheiden? Nein, ſo grauſam bin ich nicht. Uebrigens wird ſich Eure Naſe mit der Zeit ſchon an die Gefäng⸗ nißluft gewöhnen, die unſern Gefangenen gar nicht mehr auffällt.“ Nachdem die Rundſchau im ganzen Gefängniſſe be⸗ endigt war, ſprach Simpſon zu ſich ſelbſt: „Es iſt wahr, daß ich allen Uebelthätern und Ver⸗ brechern ſpinnefeind bin und ſie lieber insgeſammt von der Erde vertilgt ſehen möchte; aber unſer Herrgott be⸗ hüte mich davor, daß ich gegen alles menſchliche Gefühl ebenſo abſterbe, wie mein Gehülfe Morrig. Streng, un⸗ erbittlich, pflichtgetreu will ich ſein und bleiben, doch dabei auch noch chriſtlich.“ 14 Zweites Zapitel. Erfahrungen. „Es iſt mehr um meiner ſelbſt, als um der Gefan⸗ genen willen“— ſprach Simpſon, gleichſam zu ſeiner Entſchuldigung, zu ſich ſelbſt, als er auf die größere Reinhaltung und tägliche Lüftung der Gefängnißzellen bedacht war. Die gänzlich erblindeten und mit Schmuz dick überzogenen Glasfenſter hinter den Eiſengittern wur⸗ den in gewiſſen Zeiträumen gewaſchen und geoffnet, die Fußböden ausgekehrt, das naſſe Stroh der Lagerſtätten den Tag über an der Luft und Sonne getrocknet und für die Fernhaltung übler Gerüche Sorge getragen. Bei dieſen Geſchäften verwendete Simpſon diejenigen von den leichteren Verbrechern, welche den meiſten guten Willen zur Arbeitſamkeit zeigten. Während der Reinigung und Luftung der Zellen durften deren Bewohner in dem Ge⸗ fängnißhofe ſich ergehen, verſteht ſich unter ſtrenger Be⸗ aufſichtigung eines Wärters. Wenn Simpſon auch nicht im Stande war, die damals ſehr elende Koſt der Ge⸗ fangenen zu verbeſſern, ſo ſorgte er doch dafür, daß das ihnen verabreichte Brot völlig ausgebacken und ihr Trink⸗ waſſer ſtets friſch, die übrige Nahrung aber unverdor⸗ ben war. „Das Alles thue ich nicht etwa aus Mitleid gegen meine Gefangenen“— ſprach Simpſon zu ſeiner Frau, welche ihre Verwunderung über die Umwandelung ihres erſt ſo erbitterten Mannes zu erkennen gab—„ſondern 15 lediglich aus Liſt und wegen eines tiefen Plans. Sieh, Margarethe! durch meine ſcheinbare Fürſorge gedenke ich meine Gefangenen recht treuherzig gegen mich zu machen. Sind ſie das geworden, ſo locke ich von ihnen die Namen aller derer übrigen, ihnen bekannten Uebelthäter heraus, welche zur Zeit noch auf freien Füßen umherlaufen und der menſchlichen Geſellſchaft Schaden zufügen. Das iſt meine wohlgemeinte Abſicht.“ Morrig's Rede traf ein, indem nach 9 Tagen Fahre⸗ well, Gribbſon und Hawking aus dem Gefängniſſe ge⸗ holt und zum Tode des Hängens geführt wurden. Simpſon's Wuth gegen derartige grobe Verbrecher war damals noch nicht abgekühlt genug, um ſich das Schau⸗ ſpiel von deren Hinrichtung verſagen zu können. Als Kerkermeiſter durfte er einer der nächſten Augenzeugen dabei ſein. Als er von der traurigen Handlung heim⸗ kam, ſtach ſeine ernſte, ja trübſinnige Miene, ſein be⸗ kümmertes Auge und ſeine etwas gebeugte Körperhaltung ganz gegen das Ausſehen ab, mit welchem er zur Hin⸗ richtung gegangen war. In ſeiner Hand hielt Simpſon eine Flugſchrift, in welcher die Lebensbeſchreibung der drei Erhenkten enthalten war. „Da lies, liebe Grethe!“ ſprach er ſanft zu ſeiner Frau—„Du kannſt aus der Schrift erſehen, wie der Menſch, nachdem er die erſte Stufe der Verbrechensleiter erſtiegen hat, mit immer ſchnelleren Tritten deren höchſten Gipfel erklimmt. Laſterhafte Aeltern, fehlerhafte Er⸗ ziehung, große Noth, Nahrungsſorgen, Uebermaß der Leidenſchaften und Mangel an Selbſtbeherrſchung haben % 16 Fahrewell, Gribbſon und Hawking heute in ſo ſchreck⸗ licher Weiſe enden laſſen. Ach! ſteht nicht ein eben ſo trauriges Schickſal dem unglücklichen Wilkins bevor? Welche Rachſucht und Tücke, welcher Trotz und Haß ſchon in dem elfjährigen Knaben ſtecken! Ich hoffte, daß die jetzige Einſamkeit ſeiner Haft ihn nachgiebiger ſtim⸗ men würde, aber er beharrt auf ſeinem Trotzkopf.“ „Verſuche es einmal in Güte mit ihm,“ rieth Frau Simpſon.„Dieſe wirkt oft mehr als Härte und Ge⸗ walt.“ Simpſon ſchüttelte das Haupt und brummte, indem er ſeine Wohnſtube verließ, die Worte vor ſich hin: „Drollige Zumuthung von meiner Frau! Ich, der lieber alle großen und kleinen, alten und jungen Böſe⸗ wichter zuſammen in dem Mörſer zerſtampfen möchte, ſoll einem nichtsnutzigen Buben gute Worte geben! Meine Fauſt, die harte, ſchwielenreiche, ſoll ich zu einer Sam⸗ metpatſche umwandeln und damit einen jungen Bären ſtreicheln, der mir die Zähne fletſchend zeigt! Peſt und Galgen! ſüße Reden werden eben ſo wenig über meine rauhe Zunge wollen, als ein Neger je weißgewaſchen werden kann. Zum Spaße nur möchte ich's einmal ver⸗ ſuchen.“ Nach dieſen Worten begab ſich Simpſon in Wilkins Zelle, wo er den Knaben ſtille in einem Winkel ſitzen fand. Er rührte ſich ſelbſt dann nicht, als Simpſon ſich ihm näherte und ſeine Hand ſanft ihm auf das Haupt legte. „Wilkins,“ hob Simpſon mit möglichſt gelaſſener 17 2 Stimme an—„werde einmal vernünftig und laß Deinen Trotz, durch den Du Deine Lage noch weit mehr ver⸗ ſchlimmerſt. Biſt Du denn der Einſamkeit und tödt⸗ lichen Langeweile noch nicht überdrüſſig geworden? Ver⸗ ſprich mir, weder Dibby, noch die andern beiden Knaben ſchlagen oder kränken zu wollen, und ich bringe n wieder zu ihnen. Haſt Du mich verſtanden?“ Der Knabe blieb ſtumm, wie die Mauer ſeines 6 fängniſſes und ſah ſtarr vor ſich nieder. „Erzähle mir, Kind!“ fuhr Simpſon, über ſeine Geduld 6 ſelbſt verwundernd, freundlich fort—„auf welche Weiſe Du ſo frühzeitig ſchon zum Verbrecher wurdeſt. Tragen Deine en oder Erzieher vielleicht die Hauptſchuld daran? Wer ſind oder waren Deine Aeltern? Leben ſie noch und wo halten ſie ſich auf? Wie kommt's, daß keins von ihnen hier nach Dir fragt? Haſt Du noch Geſchwiſter?“ Alle dieſe blieben unbeantwortet, ja nur trotziger wurde usdruck auf dem Antlitze Kna⸗ ben. Simpſon nahm jetzt an deſſen Seite Platz, umfing mit ſeinem Arme des Kindes Leib und ſprach mit wei⸗ chem Tone:„Armes, unglückliches Kind! ich meine es, Gott iſt mein Zeuge, gut mit Dir! Faſſe Vertrauen zu mir! Ich möchte Dich gern erretten von einem Wege, der in das zeitliche und ewige Verderben führt. Gewiß biſt Du nicht immer böſe geweſen, jedenfalls von An⸗ deren verführt worden. Ermanne Dich und ſage Dich los von der Sünde. Gern will ich Dir hierin Beiſtand Der Kerkermeiſter von Norwich. 2 18 leiſten, ja als ein Vater an dir handeln. Willſt Du oder willſt Du nicht?“ Ein heftiger Ruck, durch den der Knabe ſich von Simpſon's Arme zu befreien ſuchte, und ein mißtönendes Knurren waren die alleinige Antwort, welche den lang⸗ müthigen Kerkermeiſter in den Harniſch jagte. Zornig ſprang er auf, ſtampfte mit ſeinem Fuße dröhnend der Zelle Boden und rief voll Wuth:„Du willſt alſo nur Dein Verderben? Gut! ſo geſchehe nach Deinem Willen. Ich habe mehr an Dir Buben gethan, als ich mir hätte träumen laſſen. Dein Blut über Dich, jugendlicher Satan!“ Schmetternd warf der wüthige Kerkermeiſter die Thüre hinter ſich in's Schloß.„An Wilkins iſt Hopfen und Malz verloren“— ſprach er zu ſeiner Frau.„Himm⸗ liſch gute Worte, die ich mir früher gar nicht zugetraut hätte, habe ich an dem Buben umſonſt verſchwendet. Zu ſehr hat ſich bei ihm der Haken ſchon gekrümmt, als daß ich ihn hätte wieder gerade n können. Vor mir hat er nun Ruhe auf immer.“ „Kein Baum fällt auf den erſten Hieb“— ant⸗ wortete Frau Margarethe—„ſo wenig, wie Rom in Einem Tage gebaut worden iſt.“ Frau Simpſon hatte die löbliche Gewohnheit, all⸗ abendlich vor dem Schlafengehen einen Abſchnitt aus der Bibel laut vorzuleſen, und Simpſon ſeine Frau hierin nicht verhindert, vielmehr den ſtillen Zuhörer ab⸗ gegeben. „Wenn ich“— ſprach Frau Simpſun—„Gottes 19 Wort geleſen habe, ſo iſt's mir, als fühlte ich Gottes ſchützende Hand ganz deutlich über mir, und das beruhigt mich in mitten ſo vieler Diebe, Mörder und anderer Verbrecher mehr, als alle eiſenbeſchlagenen Thüren, dicke Mauern, ſtarke Schlöſſer und Riegel.“ Dieſen Abend wählte Frau Simpſon denjenigen Bi⸗ belabſchnitt, welcher von der wunderbaren Bekehrung des Apoſtels Paulus handelt: Apoſtelgeſchichte 9, 1— 20. Nachdem ſie ihre Vorleſung geendet hatte, ſprach ſie zu ihrem Manne:„Haſt Du gehört, wie Saul, der nach⸗ malige Paulus, erſt lange mit Drohen und Morden gegen die Jünger unſers Herrn und Heilands wüthete, und dann mit einem Male in den eifrigſten Verkündiger des Chriſten⸗ thums umgewandelt wurde?“ „NMun ja!“ erwiederte Simpſon.„Weshalb aber fragſt Du mich?“ „Wilkins hat nicht gemordet, nur aus Noth ge⸗ ſtohlen“— verſetzte Frau Margarethe.—„Sollteſt Du an ſeiner Umwandelung gleich verzweifeln?“ „Paulus wurde durch ein Wunder bekehrt“— ſprach Simpſon—„und ein ſolches geſchieht nicht mehr, am allerwenigſten bei einem Wilkins.“ „Drei ganzer Jahre lang lehrte unſer Heiland“ entgegnete Frau Margarethe—„und that zahlreiche Wunder. Dennoch vermochte er nicht ſo viele Juden gläubig zu machen, als Petrus durch eine einzige Pre⸗ digt am Pfingſttage, wo ihrer 3000 ſich taufen ließen, weil die Kraft des heiligen Geiſtes über ſie gekommen war.“ 2 20 „Ja der heilige Geiſt iſt's eben“— antwortete Simpſon—„welcher bei Wilkins fehlt. Und keiner von den chriſtlichen Apoſteln lebt mehr, der durch Hände⸗ auflegen und durch frommes Gebet den heiligen Geiſt Anderen mitzutheilen vermöchte. Wohl habe ich meine Hand väterlich und mit dem Wunſche auf Wilkins Haupt gelegt, daß er in ſich gehen möge, allein vergebens. Kann man— ſpreche ich mit dem Heiland— auch Trauben leſen von den Dornen und Feigen von den Diſteln? Und der ſchlimmſten Dornen und Diſteln eine iſt Wilkins. Baſta damit!“ „Ich will doch morgen ſehen“— ſprach Frau Mar⸗ garethe zu ſich ſelbſt, als ſie ſich zur Ruhe begab— „ob dem Wilkins wirklich nirgends beizukommen iſt. Vielleicht vermag das ſchwache Weib mehr auf ihn ein⸗ zuwirken, als der ungeſtüm auffahrende und leicht die Geduld verlierende Mann.“ Am Morgen fuhr Frau Simpſon in ihrem Selbſt⸗ geſpräche alſo fort:„Auf ein Kind, wie Wilkins iſt, kann man nur durch leibliche Dinge einwirken, nicht aber blos durch ſanfte Worte und gute Lehren.“ Daher verfügte ſie ſich mit einem etwas beſſeren Imbiß, als gewöhnlich zum Frühſtück verwendet wurde, in des Knaben Zelle. „Da, mein armer Junge!“ hob ſie an—„hier bringe ich Dir eine warme Suppe. Laß ſie Dir ſchmecken.“ Wilkins ſtreckte, ohne ſich von ſeinem Lager zu er⸗ heben, die Hand nach der Schüſſel und den Löffel aus, ſetzte ſich in die Höhe und verzehrte haſtig und ohne ein 21 Wort zu ſprechen, die Gabe. Als er damit fertig war, ſtellte er die Schüſſel neben ſich und legte ſich wieder nieder.“ Frau Simpſon ſah den Knaben erſtaunt und mit einem vorwurfsvollen Blick an.„Nun“— ſprach ſie endlich—„ein Dankeswörtlein für meine Güte hätte ich doch wenigſtens von Dir erwartet. Iſt es Dir denn ſo gar trübſelig in Deinem kurzen Leben ergangen, daß Du ſo verſtockt geworden biſt? Wüßte ich nicht ganz be⸗ ſtimmt das Gegentheil, ſo hielt ich Dich für ſtumm. Sage mir, wird Dir denn die Zeit nicht entſetzlich lang in Deiner einſamen Zelle? Möchteſt Du nicht lieber wieder bei Deinen drei Kameraden ſein oder irgend eine Be⸗ ſchäftigung haben? Wilkins, unglückliches Kind, ich be⸗ ſchwöre Dich: laß Deinen Trotz fahren, der zu nichts Gutem führt. Warum biſt Du auch gegen mich ſo trotzig, die ich Dir nichts zu Leide gethan habe und Dich gern fröhlich ſehen möchte?“ Frau Simpſon fuhr mit ihrer Hand unter des Knaben Kinn und hob deſſen Antlitz in die Höhe, damit er ſie anſehe. Allein Wilkins ließ ſein Auge unſtätt umher⸗ wandern und ſeine Miene ihren bisherigen Trotz behaupten. Eine ſolche Verſtocktheit betrübte die gute Frau. Sie zog ihre Hand zurück und ſagte traurig:„Unglückliches Kind! wolle Gottes heiliger Geiſt Dich auf den Weg der Tugend zurückführen, da ſolches Menſchen nicht vermögen!“ Wilkins blieb ſtumm und Frau Simpſon entfernte ſich. Schon wollte ſie muthlos werden und des Knaben Umwandelung aufgeben, als ihr beifiel, was ſie zu ihrem 22 Manne über Wilkins geſagt hatte.„Kein Baum fällt auf den erſten Hieb“— tröſtete ſie ſich—„und Rom iſt nicht in Einem Tage erbaut worden. Eine einzige Portion Suppe vermag nicht gleich ein arg verhärtetes Gemüth zu erweichen.“ Aber das bewirkten ſelbſt mehrere Portionen nicht, eben ſo wenig wie die zugleich mitgeſpendeten guten Worte Margarethens. Wilkins war und blieb ein harter Holz⸗ block, dem die wiederholten Schläge einer Art nichts an⸗ haben können. Simpſon lachte ſchadenfroh ſeine Frau aus, daß ſie ſo viele Mühe und Wohlthaten an einen Buben verſchwendete, an welchem Hopfen und Malz ver⸗ loren ſeien. „Sieh Margarethe!“ ſprach er mit Bitterkeit— „Als ich zum erſten Male die Zellen meiner Gefangenen beſuchte und das Elend erblickte, welches darin in allen Geſtalten herrſcht, ſo übermannte mich das Mitleid. Ich ſuchte die Noth meiner Gefangenen in aller erlaubten Weiſe zu mildern, ſorgte für geſündere Luft, trocknere und wärmere Lagerſtätten, für nahrhaftere Koſt und tägliche Bewegung. Nicht nur den Dank meiner Gefangenen glaubte ich mir dadurch zu erwerben, ſondern auch ihr Vertrauen, das ich zu Entdeckung ihrer noch nicht in den Händen der Gerechtigkeit befindlichen Mitſchuldigen zu benutzen gedachte. Nichts von dem Allen iſt bis jetzt geſchehen und meine Mühe vergeblich geweſen. Ha! wenn nicht einmal ein kleiner Bube zum Umlenken zu bringen iſt, wie viel weniger Menſchen, welche unter Verbrechern und Verbrechen aufgewachſen und ergraut ſind!“ 23 Seufzend mußte Margarethe ihrem Manne beiſtimmen. „Einmal noch will ich Wilkins eine warme Suppe be⸗ reiten“— ſprach ſie zu ſich ſelbſt—„damit die Woche vollzählig wird. Dann aber mag er für ſeinen Trotz büßen.“ Als Frau Simpſon am Morgen in die Zelle des Knaben trat und ihm die Suppe überbrachte, richtete jener ſich nicht von ſeinem Lager empor, um die Gabe zu ver⸗ zehren. Frau Simpſon hielt das für verſtärkten Trotz und wollte ſchon wieder unwillig gehen. Das ungewöhn⸗ lich laute und ſchnelle Athmen des Kindes bewog ſie jedoch zum Bleiben und zu größrer Annäherung. Da bemerkte ſie, daß Wilkins mit geſchloſſenen Augen, offenem Mund und einem hochrothen, abgegränzten Fleck auf der linken Wange dalag. Als ſie ihre Hand prüfend auf die heiße, trockene Stirn des Knaben legte, ſchlug dieſer die Augen auf und blickte die Frau wirr an. „Fehlt Dir etwas, Kind?“ fragte Frau Simpſon, deren Groll, wie Märzſchnee in der Mittagsſonne, wegſchmolz. „Mein Kopf thut weh“— verſetzte Wilkins ächzend und kurzathmig.„Und hier“— er deutete auf dir linke Seite ſeines Körpers—„ſticht's!“ Was Milde und Mitleid bisher nicht vermocht hatten, bewirkte jetzt das eigene Weh: Wilkins antwortete. „Die Handhabe wäre gefunden“— murmelte Frau Simpſon vor ſich hin—„an welcher wir Dich faſſen können; allein ſchlimm iſt's, daß dieſe Handhabe keine beſſere iſt.“ Sie überlegte dann, was mit dem erkrankten Knaben zu machen ſei, und beeilte ſich vor allen Dingen, 24 einen ſchweißtreibenden Thee zu bereiten und dem Kranken etliche Taſſen davon einzuflößen. „Wilkins iſt ſehr krank“— ſprach Frau Simpſon zu ihrem Manne—„und Du wirſt den Arzt der Gefangenen herbeiholen laſſen müſſen.“ „Am beſten wäre es für Wilkins“— verſetzte Simpſon hart—„r ſtürbe, bevor er noch ſeinen Lauf zum Galgen vollenden kann.“— „Wie unſer Herrgott will!“ meinte Frau Simpſon. „Aber wenn wir uns nicht bittere Vorwürfe machen wollen, ſo müſſen wir thun, was unſere Pflicht und Deines Amtes iſt. Alſo laſſe den Arzt der Gefangenen herbei⸗ rufen.“ „Doctor Bilkoff iſt ein Arzt, daß ſich Gott erbarme“ erwiederte Simpſon.„Nicht einmal meinen Hund möchte ich ihm zum Curiren anvertrauen. Wenn er Wilkins unter ſeine Hände bekommt, iſt's ſicher um ihn geſchehen.“ Thue es zu meiner Beruhigung“— bat Frau Simpſon. „Doctor Bilkoff kann uns doch wenigſtens die Art der Krankheit nennen, daß wir darnach unſere Maßregeln nehmen. Wenn uns der Knabe unter der bund ſtürbe, ich könnte nie wieder ruhig werden.“ „O das wird ſich legen“— meinte Simpſon— „nachdem wir längere Zeit hier gelebt und manchen unſrer Gefangenen hier ſterben geſehen haben werden. Und, wie ich ſage, ein ſolches Ende iſt immer dem Tode am Galgen weit vorzuziehen.“ Trotz dieſer Rede aber ließ den Arzt für die Gefangenen herbeirufen. 25 „Der Bube hat eine tüchtige Bruſtentzündung“— ſprach Doctor Bilkoff, nachdem er Wilkins Zuſtand unter⸗ ſucht hatte.„Ich werde ihm eine Anzahl Unzen Bluts abzapfen und hoffe dadurch die Entzündung zu beſeitigen, ſollte der Patient, welcher mir eben nicht viel Lebens⸗ kräfte zu beſitzen ſcheint, auch vor Schwäche daraufgehen. Nicht ſelten aber kommt eine ſolche böſe Wurzel eher wieder auf, als das einzige edle Reißlein eines reichen Lords, das die ſorgfältigſte Pflege und Abwartung erhält. Zwar wäre das ein halbes Wunder, ſintemal in dieſer Zelle eine Kälte und feuchte Grabesluft herrſchen, welche zur Bruſtentzündung paſſen, wie Backofenhitze für einen Eiskeller. Allein dieſe Art von Menſchen hat ſo zähes Leben wie die Katzen und kann oft nur durch die hanfene Schlinge todt gemacht werden.“ Als Wilkins vom Blutabzapfen hörte und den Doctor die Anſtalten hierzu treffen ſah, widerſetzte er ſich trotz ſeiner Hinfälligkeit jenem Vorhaben, ſo daß Simpſon und deſſen Frau alle ihre Kraft aufbieten mußten, den ſich mächtig ſträubenden Knaben zu gewältigen und ihn zur Operation geſchickt zu machen. „Warte nur, Bürſchchen“— ſagte Bilkoff, indem er ſeinen Schnepper hervorzog und die Ader im Armgelenke aufſuchte—„Du ſollſt bald anders pfeifen n nicht mehr wild um Dich ſchlagen können.“ Die Ader wurde geſchlagen und das rothe Blut ſprang in einem Bogen empor und dann in den untergehaltenen Zinnteller. Bei dieſem Anblick ſtieß Wilkins ein durch⸗ dringendes Geſchrei aus. Seine bleiche Geſichtsfarbe wurde — tienten.“ gelb und ſpäter aſchegleich; endlich fiel er unter einem tiefen Seufzer in Ohnmacht. „Siehſt Du, mein Bübchen!“— ſprach Bilkoff zu⸗ frieden.—„Hab' ich's nicht alſo vorhergeſagt? Ha! wir wollen Dir das wilde Blut in Deinen kleinen Aederchen ſo dünne machen, daß Du für einige Zeit an keine Spitz⸗ bübereien mehr denken ſollſt.“ „Er wird uns doch nicht unter den Händen ſterben?“ fragte Frau Simpſon ängſtlich.„Sehen Sie doch, Herr Doctor, ob der Junge nicht ganz und gar ſchon einer Leiche gleicht.“ „Das muß ich beſſer verſtehen, gute Frau!“ verſetzte Bilkoff.—„Wenn man der menſchlichen Natur etwas ihr Unangenehmes zufügt, gebraucht ſie die Liſt, ſich kränker zu ſtellen als ſie wirklich iſt. Darum ſchreit ein mit Ruthen geſtäuptes Kind gleich einem Zahnbrecher, nicht ſowohl vor Schmerz, ſondern mehr deshalb, um weitere Hiebe von ſich abzuhalten. So! nun iſt des Bluts genug gefloſſen— vor der Hand nämlich— und wir wollen die Binde anlegen. Morgen komme ich wieder und hat dann die Entzündung noch nicht nachgelaſſen, wird immer wieder Blut abgezapft, bis das Fieber todt gemacht iſt.“ „Und der Junge dazu!“ ſprach Simpſon. „Recte dixisti!“— nickte Bilkoff.„Ihr huldigt, wie ich höre, meinem Grundſatze, der auch derjenige aller gelehrten Aerzte iſt. Sieg der Wiſſenſchaft über die Krank⸗ heit, ſei es auch auf Unkoſten des Lebens unſerer Pa⸗ Während der Arzt ſich zum Fortgehen anſchickte, ſprach 27 er nachläſſig:„Wäre dieſer Patient kein Verbrecher, ſon⸗ vern das geliebte Kind zärtlicher und vermögender Aeltern, ſo würde ich verordnen, daß er in eine geſündere Kranken⸗ ſtube und in ein ordentliches Bett verſetzt, auch ein Wächter angenommen würde, welcher ihn in ſtrenge Obhut nähme, ihn am Aufdecken ſeines Körpers und am Abreißen der Aderlaßbinde verhinderte und andere, nöthig werdende Krankendienſte verrichtete. So aber denke ich, überlaſſen wir's unſerm Herrgott, ob er dieſe kleine, böſe Wurzel hinwegſterben oder zu einem großen Baume heranwachſen laſſen will, welcher wohl nur giftige Früchte bringen dürfte.“ Doctor Bilkoff ging. Simpſon begleitete ihn bis zur Hausthüre und Frau Simpſon blieb bei dem Kranken zurück, welcher regungslos dalag und nur durch ſchwaches Athmen noch Kennzeichen des Lebens von ſich gab. Drittes Rapitel. Die Enkelin. „Was haſt Du vor?“ fragte Simpſon ſeine Frau, als er beim Zurückkehren in ſeine Wohnung jene eifrig in der Stube aufräumen ſah. „Kannſt Du noch fragen?“ entgegnete Frau Mar⸗ garethe. Ich will Wilkins hierher betten und darun mache ich Aus für ſein Lager.“ 4 28 „Biſt Du von Sinnen, Weib?“ rief Simpſon aus. „Einen Gefangenen und Verbrecher, einen Trotzkopf und Undankbaren willſt Du in unſere Wohnung aufnehmen? Ha! da hab' ich ein Wörtchen mit hineinzuſprechen und das lautet: Nein, nein und nochmals nein!“ „O, ich kenne Dich beſſer,“— verſetzte Frau Simpſon —„Du gleichſt genau dem Sohne in der Bibel, zu welchem ſein Vater ſagte: Mein Sohn, gehe heute hin und arbeite in meinem Weinberge— und welcher hierauf erwiederte: Ich mag's nicht thun. Hinterher reute ihm ſolches und er ging hin und that, wie ihm ſein Vater geheißen. Der gefangene Wilkins kann jetzt nicht ent⸗ ſpringen, weil er dazu die Kraft nicht beſitzt. Und einen Verbrecher erblicke ich gegenwärtig nicht in ihm, ſondern unſern— Heiland, welcher ſpricht: Was ihr gethan habt dem geringſten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir gethan. Trotzig und undankbar hat ſich zwar der Bube bisher gegen uns bewieſen; aber wenn wir nur denen Gutes erzeigen, die gegen uns erſt freundlich und liebevoll geweſen ſind, ſo haben wir unſern Lohn dahin. Man muß nichts halb thun. Haben wir bei Wilkins, d wir den Doctor herbeiriefen, Ageſagt, ſo müſſen wir auch B ſagen.“ „Schade, daß Du kein Geiſtlicher geworden biſt,“ ſpottete Simpſon.„Du ſprichſt, wie ein Buch, und die Bibel haſt Du im Kopf trotz einem Theologen.“ Daß Frau Margarethe hinſichtlich ihres Mannes Recht hatte, bewies dieſer dadurch, daß er ſeiner Frau jetzt in der Bereitung einer Lagerſtätte für Wilki 29 Hand leiſtete und ſpäter den Patienten aus deſſen Zelle in die Wohnſtube tragen half. Kaum war ſolches ge⸗ ſchehen, ſo wurde die Klingel an der Thüre des Gefäng⸗ nißhauſes ſtark bewegt und bald nachdem Simpſon zu öffnen gegangen war, kehrte er in Begleitung einer jungen Frau und eines etwa fünf bis ſechsjährigen Mädchens zurück. „Charlotte, Du?“ rief Frau Margarethe unter freu⸗ digem Erſtaunen aus.„Welche unverhoffte Freude! Und auch meine kleine, lirbe Fanny beſucht einmal ihre Groß⸗ ältern? Gieb mir einen Kuß, mein herziges Püppchen!“ Nach der gegenſeitigen Begrüßung ſprach die junge Frau, die verheirathete Tochter des Simpſonſchen Ehe⸗ paares:„Meine Schwägerin Mincolm in Littleton hat mich gebeten, ſie in ihren Wochen abzuwarten, und darum bin ich jetzt auf dem Wege dahin. Den kleinen Umweg über Norwich habe ich deshalb gemacht, um euch zu bitten, einſtweilen meine Fanny zu behalten, die ich weder allein zu Hauſe laſſen, noch bei meiner Schwägerin gebrauchen koͤnnte. Ihr wißt, daß mein Mann den Tag über mit unſern beiden ältern Söhnen in den Eiſenhütten von Evanshire beſchäftigt iſt und daß ein Kind von Fanny's Jugend nicht in eine Wochenſtube paßt. Aber da ſehe ich ja ein Bett ſtehen und ſchon ein Kind darin liegen! Wer iſt es denn und welche Bewandniß hat es mit dem⸗ ſelben?“ 3 „Es iſt ein unglucklicher Knabe“— antwortete Frau Simpſon—„und todtkrank. Deshalb haben wir ihn für kurze Zeit bei uns aufgenommen. Das hindert uns 30 aber nicht, unſere liebe Fannh zu beherbergen, die uns im Gegentheil ganz willkommen iſt, ja wohl ſogar von Nutzen jetzt ſein dürfte. Eine Anſteckung iſt nicht zu befürchten und darum i Fannh getroſt in des Kranken Nähe bleiben.“ Die junge Frau hielt ſich nur wenige Stunden bei ihren Aeltern auf und reiſete dann weiter. Die Trennung von ihrer Mutter ging zwar der Kleinen ſehr nahe und ſie weinte bei dem Abſchiede ſchmerzliche Thränen, doch war ſie folgſam genug, um ſich dem mütterlichen Wil n. ohne Widerſpruch zu fügen, ohne, wie andere Kind den ſüßen Inhalt einer Zuckertüte als Schmerzensgeld beanſpruchen. Am Abend dieſes Tages las Frau Simpſon das Gleichniß von dem Hirten vor, welcher hundert Schafe beſitzt und hingeht, um ein verloren gegangenes zu ſuchen, das er dann auf ſeine Achſel legt und mit Freuden heim⸗ trägt.„So wird— ſchloß die Vorleſerin— Freude ſein im Himmel vor den Engeln über einen Sünder, welcher Buße thut, mehr wie über neun und neunzig Gerechte.“ Simpſon merkte gar wohl, wohin ſeine Frau mit ihrer heutigen Vorleſung zielte. Fannh dagegen, welche an⸗ dächtig zugehört hatte, ſprach, als Frau Simpſon die Bibel zumachte:„Großmutter, ach wie gern hätte ich ein Schäf⸗ chen! Aber kein todtes, das man auf vier Rädern herum⸗ fährt, ſondern ein lebendiges, das ſelbſt auf ſeinen Beinen laufen kann und blöken und eſſen und trinken. Kaufe mir doch ein ſolches Schäfchen, und wenn es auch ganz, ganz 31 klein iſt wie ein junges Kätzchen. Ein großes könnte ich auch nicht einmal auf meine Achſel legen und tragen, wie der gute Schäfer gethan hat. Willſt Du, liebe Groß⸗ mutter?“ „Wir haben ſchon ein Schäfchen, mein Kind!“ erwie⸗ derte Frau Simpſon—„das ſich verirrt hatte, ganz müde und krank geworden war und deshalb von Deinen Groß⸗ vater heimgetragen werden mußte. Dort liegt das arme, kranke Schäfchen in ſeinem Bette.“ „Du ſpaßeſt wohl, Großmutter?“— ſprach Fannh lächelnd.„Das Schäfchen dort im Bette ſieht ja wie ein Junge aus, hat ordentliche Hände und keine Wolle an ſich. Auch blökt es nicht, ſondern ächzt nur und ſtöhnt ohne Unterlaß.“ „Dennoch iſt's ein Schäfchen“— entgegnete Frau Simpſon—„und mehr werth wie neun und neunzig wirkliche, welche Wolle an ſich tragen, auf vier Beinen laufen und blöken können. Wenn Du größer und ver⸗ ſtändiger biſt, wirſt Du einſehen, daß ich wahr geſprochen habe. Nun aber geh, mein Kind, und leg Dich zu Bett. Du wirſt müde ſein von der heutigen Reiſe.“ „Soll ich denn nicht erſt meinen Abendſegen beten?“ fragte Fanny verwundert. „Allerdings mein Kind!“— antwortete Frau Simpſon —„Es war recht von Dir, daß Du Dich ſelbſt daran erinnerteſt. Bete, ja bete!“ Fanny kniete nieder, faltete die Hände vor der 32 hob ihre Augen voll Andacht gen Himmel und ſprach mit Innigkeit: „Meine Augen ſchließ ich zu, Vater, gieb mir ſanfte Ruh. Laß mich, wie die guten Engelein Immer fromm und folgſam ſein. Schütze meinen Lebenslauf, Nimm mich in den Himmel auf! Amen!“ Hierauf küßte Fanny ihre Großältern und begab ſich in ihr Bette. „Wie ſehr danke ich Gott,“— hob Simpſon ge⸗ rührt und mit leiſer Stimme an,—„daß unſere Enkelin nicht iſt, wie jener kranke Bube dort. Haſt Du von dieſem ſchon einmal den Namen Gottes im Munde führen hören, geſchweige ein Gebet von ihm vernommen? Es freut mich von unſerer Charlotte, daß ſie ihre Kinder zur Frömmigkeit und zum Beten anhält. Das hat ſie Dir zu danken, liebe Grete!“ „Da haſt Du ſchon einen Lohn für das dem fremden Knaben erwieſene Gute“— erwiederte Frau Simpſon— „denn ohne den ſchroffſten Gegenſatz, den er zu unſerer Enkelin bildet, würdeſt Du gewiß mit weniger Dank er⸗ kannt hahen, welch einen großen Schatz wir an unſeren wohl gerathenen Kindern und Enkeln beſitzen.“ Frau Simpſon begab ſich heute nicht zur Ruhe, ſon⸗ dern blieb die Nacht hindurch auf, um den kranken Knaben zu pflegen und zu bewachen. Als ſie ihre Enkelin mit ſanft gerötheten, vollen Wangen, mit geſchloſſenen Augen, leicht geöffnetem Munde und einem roſigen Engelsantlitz daliegen X ſah und dieſes mit dem bleichen, abgezehrten und von Leidenſchaften entſtellten Geſicht des Kranken verglich, er⸗ hob ſie dankend ihre Hände zum Schöpfer empor und ein unbeſchreiblich ſeliges Gefühl erfüllte das großmütter⸗ liche Herz. „Laß ſie Dein ſein und bleiben, Du treuer Gott und Herr!“ flehte Margarethe halblaut und hauchte einen Kuß auf des Mädchens feucht glänzende, reine Stirne.„Und jenes verlorene Schaf“— fuhr ſie lauter fort—„führe Du auf die rechte Weide zurück! Wehe, wehe der un⸗ glücklichen Mutter, wenn ſie durch eine ſchlechte Erzie⸗ hung die Schuld an dem Verderben ihres Kindes trägt!“ Als hier Frau Simpſon genauer nach dem Kranken ſah, ſtarrte dieſer ſie mit offenen Augen groß an. „Willſt Du etwas, Kind?“ fragte Margarethe ſanft. „Trinken!“ ſprach Wilkins matt. Er trank begierig und legte ſich dann mit geſchloſſenen Augen zurück. Am andern Morgen war Fanny, noch ehe ſie die Großmutter zu wecken kam, ſchon munter und in ihren Kleidern. Frau Simpſon hörte, wie das Kind abermals ſein Morgengebet vernehmlich herſprach, das alſo lautete: „Der liebe Morgen zeigt ſich wieder; Drum ſing' ich frohe Dankeslieder Dir Herrn der ganzen Welit. Behüte mich am heut'gen Tag, Daß mich die Sünde fliehen mag, Gern thu', was Dir gefällt.“ Nach dem„Amen“ kam Fannh fröhlich geſprungen, um erſt die Großmutter und dann den Großvater zu küſſen. Der Kerkermeiſter von Norwich. 3 34 Dann aber fragte ſie:„Großmutter, wo haſt Du denn mein Waſchwaſſer? Wenn ich mich nicht erſt gewaſchen habe, darf ich nicht frühſtücken, und mich hungert doch ſchon recht darnach. Aber kalt, recht kalt muß das Waſſer und friſch vom Brunnen weg ſein. Sonſt ſtärkt's nicht, ſpricht meine Mutter.“ Eine ſolche Sprache hörte die Großmutter gern und ſie beeilte ſich, ihrer Enkelin den Willen zu thun. Nach⸗ dem dieſe ihr Antlitz, den Hals, die Bruſt, die Hände und Arme gewaſchen und abgeſpült hatte, fragte ſie: „Wäſcht ſich denn der kranke Junge nicht auch?“ „Er würde es thun, wenn er nicht dazu zu ſchwach wäre“— erwiederte Frau Simpſon, welcher dieſe Frage Waſſer auf ihrer Mühle war. „Aber er ſieht recht ſchmuzig im Geſicht und auch an den Händen aus“— fuhr Fanny fort und ſchüttelte ſich wie vor Ekel. „Du haſt recht, Kind!“ ſprach Frau Simpſon.—„Und ich werde, weil Wilkins ſelbſt es nicht vermag, die Wäſche an ihm vornehmen. Doch nicht mit ganz kaltem Waſſer, weil er im Fieber liegt.“ Das Waſchen begann, unter welchem Wilkins fürch⸗ terliche Geſichter ſchnitt. Gern hätte er ſich widerſetzt, wenn es ihm hierzu nicht an Kraft gefehlt und er ſich nicht vor Fanny geſchämt hätte, welche aufmerkſam zuſah und der Großmutter manche Handreichung leiſtete. Ja, er fuhlte ſich nach beendigter Wäſche, welche ſeine Haut von einer Schmuzrinde befreite, viel leichter und wohler. Dieſes ſtille Wohlbehagen verwandelte ſich jedoch bei de Eintritt des Arztes ſchnell in große Angſt. So wie ſich Bilkoff dem Krankenbette näherte, rief der Kranke flehend aus:„Kein Blut— kein Blut wieder abzapfen!“ „Aha!“ lachte Bilkoff—„da hätten wir ja nun das Mittel gefunden, die Taubſtummen redend zu machen. Merkt Euch das, Maſter Simpſon. Droht nur der Brut hier mit Blutabzapfen, wenn Ihr ſie zum Sprechen bringen wollt. Wenn Du dich aber, Junge, alſo vor dem Blut⸗ laſſen fürchteſt, warum verfolgſt Du denn da einen Weg, der Dich unfehlbar zum Blutgerüſt führen muß, wo man Dir nicht blos eine Ader am Arme, ſondern beide Puls⸗ adern am Halſe öffnen wird, ſo daß Dein Blut wie ein rother Springbrunnen emporſchießen und Dich zur Leiche machen wird? Oder meinſt Du, daß das Hängen weniger ſchmerzhaft ſei, weil dabei kein Blut fließt? Gut! ich werde der Regierung den Vorſchlag machen, das Hängen, aus welchem ſich die Schurken wenig mehr machen, in die Enthauptung durchs Richtſchwert oder Beil zu ver⸗ wandeln, damit die Zuſchauer Blut ſehen und ſich ein warnendes Beiſpiel daran nehmen. Reich' Deine Hand hervor, Schlingel, damit ich Deinen Puls zählen kann. Ha! gehoben iſt die Entzündung noch nicht, kann's auch nicht ſchon ſein. Nun, heute magſt Du Dein bischen Blut noch in den Adern behalten, doch werde ich Dir eine Flaſche Arznei verſchreiben, welche das Fieber vollends vertreiben helfen ſoll. Aber, Junge, das ſage ich Dir: nimm ordentlich und ohne Weigerung ein, oder— es koſtet Dich wieder Blut!“ Einmal noch kam Doctor Bilkoff, um nach Wilkins 36 zu ſehen, dann aber widmete er ſeine Zeit und ſeine Kenntniſſe anderen Kranken Norwichs, welche beſſer zahlten als die Bewohner des Gefängniſſes. Wilkins ſchwebte lange in Todesgefahr, in welche ihn hauptſächlich die überſtarke Blutabzapfung, ſowie ſein kraftloſer Körper verſetzt hatten. Ohne die ſorgliche, aufopfernde Abwartung der Frau Simpſon wäre der Knabe verloren geweſen. Trotzdem blieb derſelbe verſchloſſen, wortkarg und zeigte keine Regung von Dankgefühl gegen ſeine Wohlthäter. Ganz das Gegentheil von ihm war Fannh, welche jede Gabe aus der Hand ihrer Großältern mit Dankſagung empfing und dieſelbe durch allerlei kleine Dienſte, wie ſolche ihre ſchwachen Kräfte geſtatteten, zu vergelten ſuchte. Wilkins war der tägliche Augen- und Ohrenzeuge von der Folgſamleit, Dankbarkeit und Frömmigkeit des Kindes, das überdieß durch ſeine Geiſtesfähigkeiten weit ältere Kinder in den Schatten ſtellte. Vier Wochen ſchon hatte Wilkins im Bette zugebracht, als Simpſon zu demſelben trat und ſprach: „Heute werden Deine Mitgefangenen, Dibbh, Stoopps und Arkley, ihrer Haft entlaſſen. Haſt Du Luſt, ſie noch einmal zu ſehen und zu ſprechen? Oder ihnen einen Auf⸗ trag an Deine Aeltern, wenn Du deren noch haſt, zu er⸗ theilen?“ Stumm ſchüttelte der Knabe das Haupt und ver⸗ gebens wartete der gute Kerkermeiſter auf eine genauere Antwort. „Der Bube iſt unverbeſſerlich!“ brummte Simpſon, indem er das Zimmer verließ.„Ich fürchte, daß er 37 eher noch durch ſein Beiſpiel meine Enkelin verderbt, als daß er ſich durch ſie zum Guten leiten läßt. Könnte ich ihn doch ſeinen Mitſchuldigen nachſchicken!“ Frau Margarethe dagegen machte es wie der Gärtner, welchem ſein Herr gebot, einen unfruchtbaren Baum um⸗ zuhauen, weil derſelbe das Land hinderte.„Herr, habe Geduld“— bat jener,—„bis daß ich um ihn grabe und ihn dünge. Trägt er dann noch keine Frucht, ſo ge⸗ ſchehe nach Deinem Willen.“ Mit dem Umgraben und Düngen aber meinte Frau Simpſon das gute Beiſpiel ihrer kleinen Enkelin, ihre eigenen Wohlthaten, die ſie fort und fort dem Geneſenden erwies, und endlich das göttliche Wort der Bibel, aus welcher ſie für Wilkins paſſende Abſchnitte zum abend⸗ lichen Vorleſen wählte. Dieſe beſtanden hauptſächlich in dem Leben, den Thaten und Lehren unſeres Heilands, unter welchen die Geſchichte von dem verlorenen Sohne mit obenanſtand. Was dabei für Kinderohren noch dunkel blieb, wurde durch Fanny's naive und verſtändige Fragen, welche deren Großmutter manchmal kaum richtig zu beant⸗ worten vermochte, vollends aufgeklärt, ſo daß jene abend⸗ lichen Vorleſungen zu einem eindringlichen Religionsun⸗ terricht wurden, bei welchem jedoch der Kranke ein ſtummer, ſcheinbar theilnahmloſer Zuhörer blieb. Sechs Wochen waren ſeit Fanny's Ankunft ziemlich zu Ende gegangen und Wilkins Kräfte wieder gewachſen, ſo daß er ſeit ſechs Tagen ſein Krankenlager verlaſſen hatte. Da ſeine Strafzeit mit der ſeiner drei bereits ent⸗ laſſenen Mitgenoſſen vorüber war, ſo hatte er auf Mar⸗ 38 garethens und Fanny's Fürbitten bei Simpſon noch ferner in deſſen Wohnung verbleiben dürfen. Eines Tages vernahm Frau Margarethe folgendes Geſpräch zwiſchen Fannh und Wilkins: „Höre Wilkins“— hob die Kleine an—„haſt Du keinen anderen Namen? Wilkins klingt nicht hübſch. Wenn's Wilhelm hieße, möcht's eher ſein.“ „Ich heiße noch Eduard“— antwortete der Knabe. „Das iſt etwas Anderes. Das laſſe ich mir eher ge⸗ fallen“— verſetze Fanny.„Warum haſt Du das nicht eher geſagt?“ Wilkins antwortete e hierauf nicht und Fannh ſprach weiter: „Uebermorgen kommt meine Mutter und holt mich ab. Dann reiſen wir wieder nach Evanshire. Ei, wie freue ich mich darauf!“ „Von hier fort gehſt Du?“ fragte Eduard erſchrocken. „Gefallt Dir's nicht bei Deinen guten Grofältern?“ „Das iſt das erſte vernünftige und erfreuliche Wort, das ich von dem Jungen höre“— ſprach Frau Simpſon zu ſich ſelbſt—„alſo gut ſind wir! Nun das freut mich aus einem ſolchen Munde zu vernehmen.“ „O ja wohl gefällt mir's hier“— antwortete Fannh —„aber in Evanshire iſt's doch viel, viel hübſcher als hier, wo man nichts Grünes, nicht einmal in's Freie ſieht. In Evanshire giebt's ein Gärtchen, eine grüne Wieſe, einen herrlichen Wald und ach, ſo viele Blumen und Beeren darin! Und wenn es gut geht, ſo bringt meine Mutter ein kleines, niedliches Schweinchen aus 39 Littleton mit, das ich hüte und welches wir groß ziehen und dann verkaufen oder ſchlachten. Nicht wahr, da Du die Schweine hüten mußteſt, haben ſie Dir nichts zu Leide gethan?“ „Ich hätte die Schweine gehütet?“ rief Eduard er⸗ ſtaunt.„Das iſt mir nicht im Traume eingefallen.“ „Ei freilich!“ betheuerte Fanny.„Biſt Du nicht der verlorene Sohn? Und Deinem guten Vater davon ge⸗ laufen? Haſt Du nicht Alles in der Fremde verthan und aus Noth die Säue gehütet und vor Hunger Trebern gegeſſen? Hurrr! Trebern! die ſchmeckten wohl recht ab⸗ ſcheulich? Aber meine Großmutter ſagte, daß Du zwar der verlorene Sohn, aber noch nicht in Dich gegangen und umgekehrt wäreſt, auch Deinen Vater nicht um Ver⸗ zeihung gebeten hätteſt. Das iſt ſchlecht von Dir, Eduard! Wenn ich einmal unartig geweſen bin, bitte ich ſogleich meine Mutter und meinen Vater um Verzeihung und laſſe nicht eher mit Bitten nach, als bis ſie wieder gut auf mich ſind.“ „Oho!“ ſprach Eduard.„Ich ſoll Alles verthan haben! Mein Vater hatte ja ſelbſt nichts und hat meine Mutter und mich deshalb im Stiche gelaſſen und iſt über's Meer gefahren. Und meine Mutter hat mich nicht zum Schweine⸗ hüten, ſondern zum Stehlen angehalten, damit wir beide nicht elende Trebern, ſondern etwas Gutes eſſen und trinken konnten.“ „Jetzt erfahre ich endlich etwas Näheres über unſer Pflegekind“— fuhr Frau Simpſon in ihrem Selbſt⸗ geſpräch fort—„was ich und mein Mann nicht mit 40 aller Mühe vermochten, bringt die Kleine ſpielend zuwege. Wie wir's gedacht haben, iſt des Jungen ſchlechte Er⸗ ziehung an ſeinem laſterhaften Lebenswandel ſchuld.“ „Das iſt nicht recht von Deiner Mutter geweſen“— erwiederte Fannh ernſt.„Wer ſtiehlt, kommt endlich an den Galgen und nicht in den Himmel zu den lieben Engeln. Ich habe Dich auch niemals Deinen Morgen⸗ und Abend⸗ ſegen beten hören. Hat Deine Mutter Dich nicht dazu angehalten?“ „Ich kann gar nicht beten“— entgegnete Eduard. „Wozu auch? Man erbittet ſich doch nichts.“ „Du lügſt!“ rief Fanny unwillig.„Alles, um was ich den lieben Gott gebeten habe, hat er mir gegeben. Aber freilich, wenn Du ſtiehlſt, bekommſt Du nichts von ihm. Das iſt richtig.“ Hier unterbrach der Eintritt Simpſons in das Gemach das Zwiegeſpräch und augenblicklich verſtummte Wilkins. Am zweiten Tage nach dieſem Geſpräch fand ſich wirklich Fanny's Mutter ein und, wie ſie verſprochen, brachte ſie auch wirklich ein kleines Schweinchen mit, welches ſie von ihrer Schwägerin für ihre treue Abwar⸗ tung zum Geſchenk erhalten hatte. Fannh war vor Freu⸗ den außer ſich und wendete, nachdem ſie ihre Mutter ge⸗ herzt hatte, ihre alleinige Aufmerkſamkeit dem Thierchen zu, deſſen Pflege ſie von nun an übernehmen wollte. Ueber den Anſtalten zur Abreiſe vergaßen Alle, auf Wilkins ge⸗ nauer Obacht zu nehmen, und überſahen daher, daß dieſer mit flnſterm Antlitz aus einem Winkel in den andern ſchlich. Als Fanny einmal in den Hofraum des Gefängniſſes ging, 41 um für ihr Schweinchen friſches Trinkwaſſer zu holen, folgte ihr Eduard nach, handhabte den Brunnenſchwengel und hob dann, nachdem das Gefäß mit Waſſer angefüllt war, mit bewegter Stimme an:„Hier haſt Du meine Hand, Fanny, und noch ein Pfand dazu, daß ich nie wieder ſtehlen will, und ſollte ich die Schweine hüten und Trebern eſſen, ja ſogar verhungern müſſen.“ Thränen, die erſten ſeit Jahren, erſtickten des Knaben Stimme, der jetzt eilig davonlief und das Kind ganz be⸗ troffen zurückließ. Mechaniſch barg Fanny Eduard's in ihrer Hand zurückgelaſſenes Pfand, das in einem kleinen Papierwickel beſtand, in ihre Taſche und trug das Waſſer⸗ gefäß hinein. Bald hierauf nahm Charlotte von ihren Aeltern Abſchied und Fannh that daſſelbe. „Wo ſteckt denn Wilkins?“ fragte Frau Simpſon. „Fannh war noch mehr wie ich ſeine treue Krankenwär⸗ terin und darum iſt's billig, daß er ihr ein Lebewohl ſage.“ Aber Eduard erſchien auf wiederholtes Rufen nicht und bald ſtellte ſich die Gewißheit heraus, daß er die feſt verwahrte Hausthüre mit Hülfe der heimlich entwendeten Schlüſſel Simpſons geöffnet und das Weite geſucht hatte. Der Unwille über die Flucht des undankbaren Knaben war groß und machte ſich durch mancherlei Ausrufungen Luft, welche den Entwichenen nicht zum Ruhme gereichten. „Seine Strafzeit war ſchon vor zwei Wochen um“— ſprach Simpſon—„aber deswegen brauchte er nicht heimlich wie die Katze vom Taubenſchlage fortzuſchleichen. Ein Dankeswort und einen herzlichen Händedruck glaubten wir wenigſtens an den Buben verdient zu haben.“ 42 Jetzt erinnerte ſich Fannh der Rede und Gabe des Flüchtlings. Sie erzählte das Zuſammentreffen am Brunnen und holte das empfangene Pfand aus ihrer Taſche her⸗ vor, deſſen Papier ihre Mutter von einander wickelte. „Himmel!“ rief Charlotte betroffen aus.„Was ſeh' ich?! Mein Trauring iſt's, den mir die Diebe damals bei dem heimlichen Ausräumen unſerer Wohnung mit entwendet haben. Wie kommt der fremde Knabe zu dem mir ſo theuern Kleinod?“ „Das ſcheint mir ganz natürlich zugegangen zu ſein“ — ſprach Simpſon.„Unſer ſauberer Flüchtling ſteht jeden⸗ falls mit jener Diebsbande in genauer Verbindung, welche Euch beſtohlen hat. Vielleicht iſt der Ring ein kleiner An⸗ 6. ſeine Beute geweſen und unwiſſentlich haben wir — jener verruchten Bande gepflegt und ge⸗ hätſchelt. Unbegreiflich iſt mir's nur, wie und wo er den Ring an ſich verſteckt gehabt hat, da er bei ſeiner Feſt⸗ nehmung doch auf das Genaueſte durchſucht worden iſt. He, Margarethe, glaubſt Du nun immer noch an eine mögliche Beſſerung jugendlicher und ergrauter Verbrecher?“ „Aber“— ſagte Frau Simpſon—„Wilkins hat unſerer Fanny angelobt, nicht wieder ſtehlen zu wollen.“ „Ha! Ha! dieſes Verſprechen iſt jedenfalls mit dem erſten Athemzuge, den der Bube in der Freiheit that, wieder verflogen“— ſprach Simpſon—„Einen Mohren wäſcht man nimmer weiß.“ n0ſ 43 Piertes Kapitel. Ein verlorner Sohn. Fannh war nebſt ihrer Mutter wieder daheim. Das kleine, geſchenkt erhaltene Schweinchen war ein Gegenſtand der allgemeinen Pflege und Freude. Beſonders zeichnete ſich hierin Fanny aus, welche erſt an die Fütterung des Thieres und dann an ihre eigene Sättigung dachte. Dabei machte ſie es wie das Milchmädchen in der Fabel und ſah im Geiſte das kleine Schweinchen bereits zu einem großen, Würſte, Braten und Schinken gebenden heran⸗ gewachſen. Vierzehn Tage waren ſeit der Mutter und Tochter Ruckkehr nach Evanshire verfloſſen, Fanny eines Morgens ihr kleines Schwein auf die trieb. Ihr Vater und ihre beiden Brüder, Wilhelm und Johann, hatten ſich noch zeitiger an ihre tägliche Arbeit in die nahen Eiſenhütten begeben. Fannh ſaß auf einem Steine am Dorfwege und hütete mit ihren Augen das kleine Thier, welches ſeiner grünen Nahrung nachging. Plötzlich hörte ſich das Kind von einer bekannten und doch fremden Stimme angeredet: „Fanny, kennſt Du mich noch?“ Das Kind blickte verwundert auf und ſah Eduard Wilkins vor ſich ſtehen, welcher noch immer die Nachwehen ſeiner Krankheit in ſeinem bleichen, abgemagerten Antlitz trug. Ueberdieß war ſein Haar in großer Verwirrung, voll kleiner Federn und Spreu, ſeine Kleidung beſchmuzt und an mehreren Stellen vrcjliß S des Knaben ganzer Körper von Unordnung und Vrrnachlaſſigung zeugte. „Pfui, wie ſiehſt Du aus!“ rief Fannh dem Knaben zu.„Ei, wie würde meine Großmutter ſchelten, ſähe ſie Dich alleweile! Und tüchtig auszanken würde Dich mein Großvater, weil Du ohne Gruß und Dank von ihm fort⸗ gelaufen biſt. Das iſt gar nicht hübſch von Dir geweſen. Schäme Dich!“ Wirklich ſtieg hier in Eduards bleichem Antlitz eine ſchwache Röthe der Scham auf, die jedoch ebenſo ſchnell wieder verſchwand. „Iſt Deine Mutter daheim?“ fragte der Knabe.„Führe mich zu ihr, ich muß mit ihr reden.“ „So ſchmuzig, wie Du ausſiehſt“— verſetzte das Kind—„darfſt Du nicht vor ſie hintreten. Wie kannſt Du n etwas an Dir leiden?“ Anſtatt zu antworten, blickte ſich Eduard forſchend um und als er in der Nähe eine kleine Waſſerlache ſah, ſo ging er, ſein Antlitz und ſeine Hände darin rein zu waſchen. Bei ſeinem Zurückkommen ſprach Fanny:„So! nun ſiehſt Du doch eher einem Menſchen ähnlich. Aber Dein Haar— nein, da iſt doch ein Spatzenneſt nichts dagegen!“ Fanny nahm ihren kleinen Kamm aus ihrem Haar und begann Eduard zu kämmen und dabei ſo arg zu raufen, daß der Bube ſchmerzvolle Geſichter ſchnitt, jedoch geduldig den kleinen Friſeur ſchalten ließ. Nachdem die Friſur zu Stande gebracht war, muſterte Fanny den Knaben vom Kopf bis zu den Füßen. 45 „Da gucken ja die Ellenbogen aus Deiner Jacke“— prach ſie mißbilligend—„und die nackten Kniee durch Deine Hoſen. Warte hier und gieb auf mein Schwein⸗ chen Acht, indeß ich eine Nähnadel und Zwirn herbei⸗ hole, womit ich geſtern meinem Püppchen eine Schürze genäht habe.“ Fanny eilte fort und Wilkins that, wie jene ihm ge⸗ boten hatte. Bald kehrte Fanny mit Nadel und Zwirn zurück, um an die Stelle eines Friſeurs den Schneider treten zu laſſen. Das Kind bewies ſich hierbei gar ungeſchickt, nur daß es ein paarmal in das Fleiſch, a ſtatt in das Tuch ſtach, ſodaß Eduard laut nn mußte, was er unter dem Haarraufen nicht gethan hatte. Endlich war Fannh fertig. Mit ſtiller Genugthuung be⸗ trachtete ſie den rein gewaſchenen, gekämmten und aus⸗ geflickten Knaben, der allerdings jetzt beſſer ſich ausnahm, wie vorher. Bevor Fanny nach ihrer Hütte ging, er⸗ faßte ſie das Schweinchen, barg es in ihrer Schürze und ſchritt voraus. Unterwegs ſprach Eduard vor ſich hin:„Mir iſt nie beim Stehlen ſo angſt geweſen als alleweile.“ Faſt zit⸗ ternd trat er hinter Fannh in die Hütte, wo Frau Char⸗ lotte Brooklin am Waſchfaſſe ſtand. „Hier bringe ich den Jungen,“— hob Fannh an —„Eduard heißt er— der bei den Großältern krank lag und mir Deinen Trauring gegeben hat. Er will mit Dir reden, ſpricht er.“ „Was willſt Du bei mir?“ fragte Charlotte, eben nicht freundlich, weil ſie ſich des heimlichen Wegganges 46 des Knaben von ſeinen Wohlthätern, ihren Aeltern, erinnerte. „Ich bin“— antwortete der Knabe gedämpft— „der verlorene Sohn und in mich gegangen. Ich will bei Euch bleiben, Eure Säue hüten, allenfalls auch Tre⸗ bern eſſen und beten lernen, wie Fannh hier.“ „Wir beſitzen weder Säue zum Hüten, noch Brot zum Eſſen für Dich“— entgegnete Charlotte finſter. „Wenn nicht verruchte Diebe vor drei Jahren unſere ganze werthvolle Habe geſtohlen hätten, ſo könnte und würde ich eher Deine Bitte erfüllen. An dieſe Elenden die uns unglücklich gemacht haben und welche unſer Herr⸗ gott dafür in Zeit und Ewigkeit ſtrafen wolle, wende Dich. Ha, vielleicht gehörſt Du bereits zu dieſer Diebs⸗ bande, weil Du im Beſitze meines Traurings warſt.“ Verneinend ſchüttelte Wilkins ſein Haupt. „Wir haben für uns ſelbſt kaum Nahrung und Raum in unſerer Hütte“— fuhr Charlotte fort— „warum haſt Du gerade uns auserſehen, Dich zu behal⸗ ten und zu ernähren, anſtatt reicher Leute Haus?“ „Weil ich werden will wie Fanny hier und beten lernen wie ſie, gut und fröhlich ſein wie ſie,“— ver⸗ ſetzte Eduard.„Ich ſage Euch, daß ich mit Trebern mich begnügen will, nicht in Eurer Hütte und auf kei⸗ nem weichen Lager zu ſchlafen brauche. Ich bin gewohnt, überall zu ſchlafen, auf Stein, auf Holz, im Heu oder im Stroh, auf Reißig, auf Waldſtreu, im Walde, im Freien, im Stall, in der Scheune.“ „Wenn Du der verlorene Sohn biſt“— ſprach Char⸗ 47 lotte—„warum kehrſt Du nicht zu Deinem Vater zu⸗ rück und wenn Du auch deſſen geringſter Knecht werden müßteſt?“ „Mein Vater“— erwiederte Eduard trübe—„iſt weit übers Meer gereiſet und wohl gar ſchon todt.“ „Aber Deine Mutter lebt noch?“ entgegnete Char⸗ lotte.„Dieſe ſteht Dir doch weit näher als ich?“ „Meine Mutter,“— ſagte Eduard ſtockend und in⸗ dem ſein Geſicht ſchmerzlich zuckte—„hat mich von ſich geſtoßen und mag nichts mehr von mir wiſſen.“ „Entſetzlich!“ rief Charlotte aus.„Ha! welch ein arger Verbrecher magſt Du bereits ſein, daß ſogar eine Mutter ſich von ihrem Kinde loszuſagen vermag! Darum entweiche ſchnell aus dieſer friedlichen Hütte.“ Abermals ſchüttelte der Knabe ſein Haupt.„Des⸗ wegen nicht“— ſprach er leiſe—„meine Mutter hat mir unterſagt, ihr je wieder unter die Augen zu treten weil— weil“ hier begann der Knabe zu weinen— „weil ich ferner zu ſtehlen mich weigerte, wie ich gegen Fanny verſprochen hatte. O wäre ich doch“— Eduard brach in ein heftiges Schluchzen aus,—„lieber im Ge⸗ fängniſſe geſtorben, oder“— er ſtreichelte das Schwein⸗ chen, das ſeinen Kopf aus Fannys Schürze herausſteckte —„an Deiner Stelle! Du biſt mit Freuden hier auf⸗ genommen worden, wirſt gepflegt und ſorglich gehätſchelt! O, und ich! Mich weiſet man ohne Erbarmen hinweg!“ „Ja!“ ſagte Fanny eifrig“—„dafür wirſt Du auch nicht geſchlachtet wie einſt unſer Schweinchen, und giebſt uns weder Fleiſch, noch Wurſt, noch Speck, noch Schin⸗ 3 ken. Aber, liebe Mutter! Jage Eduard nicht fort. Er will ja beſſer folgen lernen und auch beten!“ „Du weißt nicht, was Du bitteſt, Kind!“ verſetzte die Mutter.„Man muß ja befürchten, daß, wenn wir ein Diebskind beherbergen, ſeine Angehörigen abermals kommen und uns berauben.“ „Nein! nie!“ rief Wilkins eifrig aus—„So lange ich bei Euch bleibe, wird kein Dieb es wagen, Eure Hütte zu betreten oder etwas von Euerm Eigenthume zu entwenden. Ich würde ſie außerdem insgeſammt an den Galgen bringen.“ „Wenn Du das vermagſt“— erwiederte Charlotte —„ſo befreie doch auf der Stelle die Erde von ſolchen Auswürfen der Menſchheit.“ Zum dritten Mal ſchüttelte Eduard den Kopf. „Wenn ich das thue,“— ſprach er—„ſo koſtet michs mein Leben, und das möchte noch ſein, obwohl ich erſt gut wie Fannh, werden möchte, aber auch meine Mutter würde mit gehenkt und das— das will ich nicht.“ Dieſe Worte rührten Charlotte.„Ohne Vorwiſſen meines Mannes“— ſprach ſie,—„kann ich nichts über Dich beſtimmen. Bleibe demnach bei uns, bis er heim⸗ kommt. Hier haſt Du einſtweilen ein Stück Brot und ein wenig Milch, anſtatt der Trebern, die Du eſſen willſt.“ Daß Eduard gewaltig verhungert ſein mochte, erſah man daran, daß er ſich bei Charlotte für die empfangene Gabe bedankte und dieſe eifrig verzehrte. Als er damit fertig war, ſagte Frau Brooklin zu ihm:„Damit Dir die Zeit nicht lang werde, magſi Du dieſe Reißigbunde 49 klein hacken und die Holzſtücken davon auf einen Haufen legen.“ An Eduards Ungeſchicklichkeit, mit welcher er die ihm aufgetragene Arbeit verrichtete, ſowie an ſeinem öf⸗ teren Ausruhen erſah Charlotte, daß der Knabe an eine nützliche Thätigkeit nicht gewöhnt worden war. Es freute ſie aber zugleich, daß Eduard trotz ſeiner Körperſchwäche und ſeiner Unluſt zur Arbeit dennoch beharrlich ſein be⸗ gonnenes Werk fortſetzte. Heinrich Brooklin, Charlottes Mann, war nicht we⸗ nig verwundert, als er bei ſeiner Heimkehr am Abende den neuen Zuwachs ſeiner Familie vorfand. Brooklin war ein menſchenfreunblicher, chriſtlich geſinnter Mann und darum billigte er das Verfahren ſeiner Frau gegen den armen Knaben. Denſelben aber für immer aufzu⸗ nehmen, trug er mit Recht Bedenken.„Das Böſe“— ſprach er—„findet weit eher Nachahmung als das Gute. Darum könnten unſere Kinder leichter durch Eduards Beiſpiel verderbt oder angeſteckt werden, als dieſer gebeſſert durch jene. Darum müſſen wir vor allen Dingen, ſo lange der Knabe bei uns weilt, ganz genau auf ihn und unſere Kinder Acht haben, damit dieſe we⸗ der durch Worte noch durch Thaten verführt werden können. Daß es dem Knaben Ernſt mit ſeiner Sinnesänderung ſei, werde ich hauptſächlich daran erſehen, ob er in der Ar⸗ beit ausdauernd ſein wird oder nicht. Wenn er das Brot, welches er bei uns ißt, nicht durch Arbeiten verdienen will, ſo muß er wieder fort, weil wir außerdem gleich⸗ ſam unſere eigenen Kinder beſtehlen würden.“ Der Kerkermeiſter von Norwich. 4 50 Charlotte bereitete dem neuen Ankömmling ein abge⸗ ſondertes Lager in einem Winkel der Hütte, das zwar nicht prächtig, doch immer beſſer als das bisherige Eduards war. Beim Auskleiden des Knaben entſetzte ſich die ordnungliebende Hausfrau über die Beſchaffenheit des Hemdes von Eduard, welches, überaus ſchmuzig und durch⸗ löchert, einem elenden Lumpen glich, den ſie dem Knaben ſogleich abzulegen gebot. Da aber erſchraken Alle, wie nun Eduards abgemergelter, faſt fleiſchloſer Körper zum Vorſchein kam, deſſen Achſeln, Rücken und Oberarme mit blitzblauen und blutrünſtigen Schwielen überſäet waren. „Meine Mutter“— geſtand er zögernd ein, da er um die Urſache dieſer Mißhandlungen befragt wurde— „hat mich ſo geſchlagen, weil ich ferner zu ſtehlen mich weigerte.“ „Welch' eine Rabenmutter!“ ſprach Charlotte empört —„welch' ein über alle Vorſtellung unglückliches Kind! Konnte es bei ſolcher Erziehung anders und ſittlicher gedeihen?!“ Sie wuſch, ein ächter Samariter, hierauf Eduards Striemen mit Eſſig und lauwarmem Waſſer und reichte ihm ein reines, ganzes Hemd von ihren eigenen Söhnen. Dieſe, ſowie Fannh, betrachteten voll Entſetzen das ge⸗ mißhandelte Kind und ſchmiegten ſich dabei mit verdop⸗ pelter Liebe und Dankbarkeit an ihre Mutter an, welche ſo ganz das Gegentheil von derjenigen Eduards war. Beim Schlafengehen ſprach Brooklin zu ſeiner Frau: „Es wäre doch ſonderbar und eine ganz eigene Fügung, 51 wenn wir dazu beſtimmt wären, ein Kind von derſelben Verbrecherbande, welche uns beraubt und arm gemacht hat, dem zeitlichen und ewigen Verderben zu entreißen. Schon über das wenige Gute, welches wir dem armen Knaben erwieſen haben, empfinde ich eine recht ſelige Freude in mir. Welche Wonne mag erſt die gänzliche Rettung Eduards, dafern ſie uns gelingen ſollte, hervor⸗ bringen! Möchteſt Du, liebe Charlotte, mit jener Raben⸗ mutter tauſchen, welche ihr Kind, das unbezahlbare Unter⸗ pfand göttlicher Liebe, ſo arg gemißhandelt hat, weil es dem Böſen widerſtrebte? Welch eine ſchwere Verantwor⸗ tung vor dem ewigen Richter ſie einſt zu befürchten hat!“ „Mir iſt es völlig unbegreiflich“— verſetzte Char⸗ lotte—„wie ein Weib, eine Mutter je ſo tief fallen konnte.“ „Schlechte Erziehung, üble Angewöhnung, Unluſt zur Arbeit, Nahrungsſorgen und andere Noth, beſonders aber die um ſich greifende Genußſucht, ſelbſt unter den nie⸗ drigern Ständen, und Mangel an Selbſtüberwindung ſind die Haupturſachen dieſer ſchrecklichen Erſcheinungen“— ſagte Brooklin. „Du haſt“— verſetzte Charlotte—„den Mangel an Gottesfurcht und Gottvertrauen vergeſſen. Wir ha⸗ ben auch Noth und große Nahrungsſorgen gehabt, ab⸗ ſonderlich nachdem wir um faſt Alles beſtohlen worden waren. Hätten wir damals nicht auf Gottes Hilfe ver⸗ traut und den Herrn nicht gefürchtet, ſo hätten wir leicht ebenfalls auf böſe Wege gerathen können. Daß Eduards 4* 52 Mutter nichts auf unſern Herrgott giebt, ſieht man dar⸗ aus, daß ſie ihren Sohn nicht einmal beten gelehrt hat.“ Nach dieſem Zwiegeſpräch ſenkte ſich ein ſanfter, ſüßer Schlaf auf das chriſtliche Ehepaar hernieder, wäh⸗ rend die Diebe, Räuber und andere böſe Menſchen, gleich den Raubthieren, die Nacht zur Ausübung ihrer ſchwar⸗ zen Thaten benutzten und daher keinen erquickenden, nächt⸗ lichen Schlummer kannten, der ſie ſelbſt am Tage floh, weil ſie immer ertappt und beſtraft zu werden befürch⸗ ten mußten. Am andern Morgen wollte Gduard, der dießmal ſchon ungeheißen zu dem Brunnen, ſich zu waſchen, gegangen war, mit ſeinem Pfleger und deſſen Söhne nach den Eiſen⸗ hütten ſich begeben und dort arbeiten. Allein Brooklin gab das nicht zu. „Es freut mich“— ſprach er zu Eduard—„Dein guter Wille, der auch ſpäter erfüllt werden ſoll. Gegen⸗ wärtig aber biſt Du noch zu ſchwach und zu kraftlos, um den ganzen Tag über in der Pochhütte den ſchweren Eiſenhammer zu handhaben. Ein williges Pferd— ſagt das Sprüchwort— ſoll man nicht übertreiben. Daher magſt Du erſt etliche Tage oder Wochen daheim leichtere Arbeit verrichten, bis Du wieder ganz Dich erholt haben wirſt. Außerdem könnte es leicht geſchehen, daß die wiederkehrte und Dich diesmal hin⸗ wegraffte.“ Das war eine ebenſo väterliche als weiſe Meinung, welcher ſich Eduard gern unterwarf. In dem Nadelwalde, wo er den Tag über dürres Reißholz, Kienäpfel, Beeren, trocknes Moos und eßbare Pilze aufſuchte, kräftigte ſich ſeine Lunge ungewöhnlich ſchnell. Die geregelte Lebensweiſe, die ungeſtörte, gleich⸗ mäßig wiederkehrende Nachtruhe, der faſt ſtete Aufenthalt in der freien, warmen Luft und eine geſunde, einfache Koſt nebſt dem reinſten Trunke Krhſtallwaſſers wirkten ſo günſtig auf den jugendlichen Körper ein, daß Eduards Ausſehen ſchon nach wenig Wochen ein ganz verändertes und geſunderes war. Nunmehr erachtete es Brooklin an der Zeit, ſeines Pfleglings Wunſch und Bitte zu ge⸗ währen, indem er ihn an der Arbeit ſeiner Söhne im Eiſenpochwerke Antheil nehmen ließ. Mit der nächſten Woche ſollte dazu der Anfang gemacht werden. Am Sonnabend vorher ging Eduard abermals in den Wald, um ſeine gewohnte Beſchäftigung dort vorzunehmen. Be⸗ reits hatte er den mit ſich führenden Korb mit Kienäpfeln und Tannenzapfen faſt völlig gefüllt und eben bückte er ſich, um für Fanny einen Strauß Heidelbeeren zu pflücken, als er ſich von einer ſtarken Hand am Jacken⸗ kragen gepackt fühlte. Es iſt gewiß kein gutes Zeichen, wenn ein Kind bei dem unverhofften Zuſammentreffen mit ſeiner Mutter von einem heftigen Schreck erfaßt wird, wie hier der Fall bei Eduard war, welcher beim Auf⸗ blicken ſich in der Gewalt ſeiner leiblichen Mutter ſah. Dieſe war eine Dreißigerin,« ſt recht hübſch geweſen, jetzt aber von Trunkſucht und anderen niedrigen Leiden⸗ ſchaften entſtellt und darum abſch ckend anzuſehen. „Erwiſche ich Dich endlich, Schlingel?“ ſprach ſie mit halb heiſrer Stimme und einem abſtoßenden Lachen, W 54 un?„haſt Du wirklich meine Drohung für wahr genom⸗ men oder eine nochmalige Tracht Prügel gefürchtet, weil Du mir davon gelaufen biſt? Na, wir wollen gegenſeitig Frieden ſchließen und über die Vergangenheit eine Decke werfen. Hier trinke!“— Sie reichte, ohne den Knaben loszulaſſen, mit der andern Hand demſelben eine gefüllte Branntweinflaſche—„trinke und werde wieder vernünf⸗ tig. Sieh, Du haſt mir aller Orten und Enden gefehlt, und darum habe ich nicht eher geruht als bis ich Dei⸗ nen Aufenthalt ausgekundſchaft habe. Nun aber komm' mit mir und ich will Dir eine Gelegenheit zeigen, wo⸗ durch wir mit leichter Mühe auf lange Zeit vor Hunger und Durſt geſichert werden. Ich verlange nicht von Dir, daß Du ſelbſt lange Finger macheſt, und beſäß ich Dei⸗ nen ſchlanken, magern Leib, um mich wie eine Schlange durch ein etwas enges Fenſter zu winden und dann eine Hausthüre zu öffnen, ſo wollte ich Dich gänzlich bei dem Unternehmen aus dem Spiele laſſen. Greif zu, Eduard, und trinke Dir Muth und Lebensluſt.“ „Erſt laßt mich los, Mutter!“ verſetzte der Knabe düſter, indem er einen Blick der Ueberlegung und des Be⸗ dauerns auf ſeinen Korb warf. „Nicht wahr, daß Du mir entwiſcheſt und mich dann auslachſt?“ höhnte das Weib „Laßt mich los, r wiederholte Eduard noch beſtimmter.—„ rede ich weiter kein Wort mit Euch.“ 3 „Oho!“ verſetzte das Weib—„das wollen wir doch abwarten. Biſt Du doch in meiner Gewalt.“ 55 „Das bin ich allerdings“— antwortete Eduard— „aber Ihr werdet auch aus Erfahrung wiſſen, daß mit Gewalt von mir nichts zu erlangen iſt.„Ihr könnt mich todtſchlagen, doch nimmer meinen Willen brechen.“ Das Weib, die Feſtigkeit ihres Sohnes kennend, ließ denſelben los. Eduard trat drei Schritte zurück und ſprach mit ernſter Stimme:„Mutter, Ihr glaubt zwar an keinen allmächtigen und allwiſſenden Gott, aber ich glaube jetzt an ihn. So gewiß derſelbe alleweile über uns und hier zugegen iſt, ſo gewiß ſchwöre ich Euch nochmals zu, daß ich nie wieder Anderer Hab' und Gut nehmen, oder meine Hand zum Stehlen darbieten will. Darum laßt ab von mir mit Euerm gottloſen Begehren. Ihr habt nicht als eine gute Mutter an mir gehandelt, denn durch Eure Schuld wandelte ich auf dem Wege zur Holle und ewigen Verdammniß. Das verzeihe Euch unſer Herrgott und führe Euch noch in Zeiten zur Buße. Mutter, dahin habt Ihr mich gebracht, daß lich Euch jetzt drohen muß. Ja, ich drohe, Euch und Eure Diebs⸗ genoſſen, deren Schlupfwinkel und begangenen Verbrechen ich genau kenne, bei der Obrigkeit anzuzeigen und ſie ſo⸗ mit dem Galgen zuzuführen, dafern Ihr oder Eure Ge⸗ noſſen mich oder meine neuen Pflegeältern beunruhigen oder beſchädigen ſolltet. Selbſt an dieſem Korbe dürft Ihr Euch nicht vergreifen, wenn ich ſchweigen ſoll. Hier⸗ mit habt Ihr meine Meinung vernommen.“ Während Eduards Rede war das branntweinrothe Antlitz des Weibes vor Zorn bläulich geworden. Als Eduard das letzte Wort geſprochen hatte, drang ſeine 56 Mutter unter einem lauten Fluche und mit ſchlagfertig er⸗ hobener Fauſt auf ihn ein. Allein der Knabe entrann ihr mit leichten Füßen. In einiger Entfernung ſtreckte er ſeine Rechte betheuernd gen Himmel und ſchrie gegen ſeine Verfolgerin mit durchdringender Stimme:„Hütet Euch! Ich halte meine Zuſage!“ Dann verſchwand er zwiſchen dem Gebüſch. Athemlos und mit bleichem Geſicht ſtürzte er in die Hütte zurück, wo Charlotte ſich über ihres Pfleglings Zuſtand entſetzte. Bevor ſie noch nach der Urſache dieſes Auftritts forſchen konnte, ſtammelte Eduard:„Meine Mutter— ſie traf mich— im Walde— und wollte mich— wieder verführen.“ Charlotte zog den in heftiges Weinen ausbrechenden Knaben an ihre Bruſt, küßte ihn liebevoll und ſprach gewinnend:„Und Du haſt widerſtanden? Biſt nicht vom rechten Wege gewichen? Darüber freuen ſich mit mir die guten Engel im Himmel. Ich, ja ich will fortan Deine Mutter ſein. Veruhige und tröſte Dich, mein Junge!“ Eine Weile weinte Eduard ſtill fort. Dann hob er fragend an:„Mutter, habt Ihr nicht aus der Bibel vor⸗ geleſen, daß der Leib mehr werth ſei als die Kleidung und das Leben mehr wie die Speiſe?“ „So iſt's, mein Kind!“ erwiederte Charlotte. Warum aber thuſt Du jetzt dieſe Frage?“ „Weil ich, um nicht in die Hände meiner Mutter zurückzufallen, Euern Korb im Walde zurücklaſſen mußte“ — antwortete Eduard traurig. „Nun, dieſer Verluſt wäre noch eher zu verſchmerzen“ 57 — ſprach Charlotte—„als wenn Deine Seele verloren gegangen wäre.“ Als Frau Brooklin ſpäter in Begleitung von zwei S2 Nachbarinnen nach dem, von Eduard im Walde zurück⸗ gelaſſenen Korbe ſuchen ging, fand ſie denſelben zwar umgeſchüttet, jedoch ſonſt unverſehrt, woraus ſie den Schluß machte, daß Eduards Mutter doch deſſen Drohung ſich gefürchtet habe. Fünftes Rapitel. Der Nachbar. Eduard Wilkins pochte nunmehr mit den beiden Söhnen ſeines Pflegevaters um die Wette auf die Eiſen⸗ ſteine und Brooklin wunderte ſich, daß der Knabe ſo ausdauernd in der Arbeit war. Dieſer beſaß zwar an⸗ ſcheinend einen ſchwächlichen Körper, dabei aber auch eine große Zähigkeit und Feſtigkeit ſeines Knochengerüſtes, die man ihm nicht zugetraut hätte. Von Eduards Mut⸗ ter hörte und ſah man nichts wieder und der Knabe wandelte bei den ihm umgebenden Beiſpielen immer ſich⸗ rer auf der Bahn des Guten dahin, welche allein zu einem dauernden und wahrhaften Glück führt. Als Char⸗ lotte ihre Mutter brieflich von Eduards Aufnahme in ihre Familie und von deſſen vortheilhafter Sinnesänderung benachrichtigte, ſprach die Letztere freudig zu ihrem Manne: 58 „Was weder ich noch Du mit allen unſern Er⸗ mahnungen, Bitten, Drohungen und Strafen bewirken konnten, hat ein kleines Kind unter Gottes Beiſtand zu⸗ wegegebracht. Denn ich laſſe mirs nicht ausreden, daß Fanny bei Wilkins den erſten Grund zu deſſen Umän⸗ derung gelegt und ihn vermocht hat, ſeine Zuflucht zu unſrer Tochter zu nehmen. Freut Dichs denn nicht, daß wir einen kleinen Antheil an der Rettung einer verloren geweſenen Seele haben?“ „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“— verſetzte Simpſon—„und noch iſts nicht aller Tage Abend. Wir wollen nicht zu früh frohlocken, denn gar leicht kann Wilkins wieder umlenken und ſich dem Böſen zuneigen, beſonders wenn ihm die Arbeit nicht 1 ſollte.“ 5 Trotz dieſer Rede aber theilte Simpſon in ſ inem Innern das Frohgefühl, welches ſeine Frau ber&wuurds ſittliche Rettung empfand. Simpſons Befürchtung traf nicht ein, indem Eduard Wilkins ſtandhaft in ſeinem guten Vorſatz blieb und daher zunahm, nicht nur an Alter, ſondern auch an Weisheit nund Gnade vor Gott und den Menſchen. Die nächſte Hütte neben derjenigen Brooklins in Evanshire wurde von einem jungen, nicht längſt erſt ver⸗ heiratheten Ehepaare bewohnt, von welchem der Mann gleichfalls ein Eiſenarbeiter und ein guter Freund von Vrooklin und deſſen Familie war. Seine Hütte übertraf an Baufälligkeit und ärmlichem Inhalt noch diejenige Brooklins, allein dennoch gab es kein zufriedeneres und 59 daher glücklicheres Ehepaar wie Maidſtone und ſeine Frau Johanne. Zur Zeit war das Paar noch kinderlos, doch ſah Frau Johanne ihrer baldigen Niederkunft ent⸗ gegen, daher ſie für mancherlei neu anzuſchaffende Dinge zu ſorgen hatte. Eines Morgens kam Brooklin mit ſeinen drei Poch⸗ jungen in Maidſtone's Hütte, um denſelben zur Arbeit und nach dem Wege zum Eiſenhammer abzuholen. Er fand das Ehepaar ſo vertieft über dem Aufzählen kleiner und größerer Geldſtücke, daß es das Anklopfen des Nach⸗ bars überhört hatte und erſt durch veſſen Eintritt ins Stübchen aufmerkſam gemacht wurde. „Ha! wie reich Du biſt, Maidſtone!“ hob Vrooklin nach der Begrüßung lächelnd an.„Wer hätte ſo viel Geld in Deiner alten Hütte vermuthet?!“ Maidſtone warf einen freudig leuchtenden Blick auf ſeine ſilbernen und kupfernen Schätze und verſetzte mit Innigkeit:„Ja, lieber Brooklin, wir ſind reich, ſehr reich! Weißt Du aber auch, daß wir von dem erſten Tage unſerer Verheirathung an bis heute unausgeſetzt und unter harten Entbehrungen geſpart haben, um ſo viel Geld zuſammen zu häufen? Zwei Pfund dreizehn und ein halber Schilling ſinds zuſammen und auf ein Haar! Und Alles will ich heute auf einmal ausgeben! Was ſagſt Du zu dieſer Verſchwendung? Darum habe ich mich heute von der Arbeit frei gemacht und werde Dich nicht nach dem Eiſenhammer begleiten, ſondern nach Mireter zu Jahrmarkt gehen und daſelbſt alle dieſe vielen Geldſtücke verausgaben. Du ſtauneſt? Schüttelſt zweifelnd 60 oder mißbilligend den Kopf? Ha, Freund Brooklin, rupft nicht das unvernünftige Vögelein die eigenen Federn ſich aus der Bruſt, um für ſeine Jungen ein weiches Bett⸗ lein in dem ſichern Neſte zubereiten? Sollten wir unſer zu erwartendes Kind weniger lieben als der Vogel ſeine Jungen? Gegen dieſe Sparpfennige tauſche ich in Mireter Stoff zu einem weichen, warmen Bettchen, zu Hemdchen, Jüpchen, Lätzchen, Häubchen, Windeln ein, kaufe ich eine Wiege, meiner lieben Johanne ein unentbehrliches Flanell⸗ jäckchen, mir einen Bruſtlatz und ein Stiefelpaar und was ſonſt noch erforderlich iſt, um in Ehren die Taufe des kunftigen, kleinen Erdenbürgers vorzunehmen. Ach, wie reich beladen gedenke ich heimzukehren! Phe 26 als der Anblick dieſer Geldmünzen werden uns di erkauften Schätze entzücken. Wie gut, daß wit ſperen gelernt haben! Nicht wahr, Nachbar, Du thei ſt Freude über unſern Reichthum? Ha, wenn unſer ein Knabe wird, ſo ſollſt Du bei ihm Pathe ſtehen, und wenn es ein Mädchen iſt, Deine brave Frau. Ja, ja! ſo wird's, und hier iſt meine Hand darauf.“ Maidſtone ſtrich hierauf die Geldſtücken in ein klei⸗ nes Lederbeutelchen, ſetzte ſeinen Hut auf, ſchwenkte ſein Weib jauchzend einige Male im Stübchen umher und verließ daſſelbe unter einem freudigen Gruße, indem er mit Brooklin und deſſen drei Knaben ein Stück weit denſelben Weg verfolgte. Nachdem er ſich von jenen verabſchiedet hatte, ſetzte er jauchzend, ſingend und ſpringend ſeine Reiſe nach Mixeter fort. Gerührt blickte ihm Brooklin nach.„Seht da“— 61 hob er zu den Knaben an—„einen Glücklichen, welcher alleweile nicht mit dem reichſten Lord, ja ſelbſt nicht mit dem Könige von Altengl and tauſchen würde. Der Segen, welcher ſtets den Fleiß und die Sparſamkeit be⸗ gleitet, erfüllt ſein ganzes Gemüth. Nur der Genügſame iſt zufrieden und glückſelig. Wie wird Maidſtone erſt jauchzen und ſingen, daß der Forſt weit wiederhallt, kehrt er heut Abend, mit ſeinen Schätzen beladen, wieder zurück. Faſt hätte ich Luſt, ihm ein Stück Wegs entgegen zu gehen, ihm ſeine Laſt tragen zu helfen und Zeuge der beiderſeitigen Freude des glücklichen Ehepaars zu werden.“ „Ja, ja, Vater! thut das“— baten die Knaben einſtimmig—„und laßt uns auch dabei ſein!“ Wilhelm, Johann und Eduard pochten dieſen Tag weit eifriger noch als je. Das kam daher, weil ſie ſich in Gedanken bereits die Freude ausmalten, welche ihrer bei dem Zuſammentreffen mit Maidſtone und deſſen Frau heute Abend erwartete. Nach vollbrachtem Tagewerk hüpf⸗ ten ſie, heute keine Ermüdung fühlend, neben ihrem Va⸗ ter auf dem Wege dahin, welcher ſie dem heimkehrenden Maidſtone entgegen führen ſollte. Nach einer Weile nahm ſie ein dichter Wald auf, wo der ſcheidende Tag ſich in ein Zwielicht verwandelte, bei deſſen falbem Schim⸗ mer ſie eine Mannsgeſtalt wahrnahmen, welche zuſammen⸗ gekrüͤmmt und regungslos auf einem Steine am Wege ſaß. Ein Hut und ein Stock lagen neben dem Manne an der Erde und der Abendwind ſpielte loſe mit deſſen blondem Haupthaar. Er ſaß mit dem Rücken gegen die Wandrer gekehrt und rührte ſich ſelbſt dann nicht, als deren Tritte hörbar hinter ihm kniſterten. „Maidſtone!“ rief Brooklin erſchrocken, da er ſeinen Nachbar mehr an der Kleidung als an dem auf die Bruſt niedergeſenktem Antlitz erkannte. Darauf erhob ſich daſſelbe und ſtarrte mit einem entſetzlichen Ausdruck der größten Verzweiflung den nahenden Nachbar an. „Um Gottes Willen, Nachbar! was iſt Dir wider⸗ fahren?“ fragte Brooklin voll inniger Theilnahme, wäh⸗ rend die drei Knaben mit angſtvollen Mienen den Sitzen⸗ den umringten und betrachteten. Maidſtones Bruſt hob ſich hoch, hoch empor, brachte aber nichts als einen ſchweren Seufzer hervor. „So rede doch, lieber, trauter Freund und Nachbar!“ bat Brooklin.„Wo fehlt Dir's? Fühlſt Du Dich un⸗ wohl oder krank? Kinder, ſeht Euch um, ob ihr friſches Waſſer in der Nähe entdecken könnt. Erhole, ermanne Dich, Maidſtone! Kannſt Du nicht ſprechen? Sollte Dich, o Himmel, der Schlag auf die Sprache getroffen haben?“ „Es iſt Alles verloren!“ murmelte Maidſtone dumpf. „O daß ich einen Strick hätte, um meinem elenden Da⸗ ſein ein raſches Ende zu bereiten.“ „Pfui, ſprich nicht ſo gottlos!“ erwiederte Brooklin verweiſend.„Denkſt Du nicht an Dein Weib und Kind?“ Hier zerſprang die harte Rinde, welche das Unglück ſchnell um Maidſtones ſonſt weiches Herz hatte wachſen machen. In ein lautes Schluchzen ausbrechend, bedeckte er ſeine, von heißen Thränenſtrömen überfließenden Au⸗ 63 gen mit beiden Händen.„Mein Kind! mein armes, un⸗ glückliches Kind!“ jammerte er ſchmerzlich—„was haſt Du noch vor Deiner Geburt verbrochen, daß Du bereits beraubt worden biſt, daß Du nackt und frierend und von Allem entblößt dieſe Erde betreten ſollſt?“— Hier ſprang Maidſtone jach von ſeinem Sitze auf, ſtreckte den rechten Arm drohend in die Luft empor und ſchrie:„Fluch— tauſendfältiger Fluch über den Elenden, der mein noch ungebornes, ſchuldloſes Kind berauben konnte! Möge ihn Gottes rächender Arm hier und in der Ewigkeit er⸗ faſſen und züchtigen!“ „Werde nur wieder vernünftig“— bat Brooklin— „und erzähle, was Dir begegnet iſt. Du lebſt ja noch, biſt unverletzt, beſitzeſt ein gutes Weib, eine eigene Hütte und Kraft zur Arbeit. Wer wird denn bei einem Un⸗ glücksfalle ſogleich verzweifeln wollen und vom Erhängen ſprechen! Ungleich mehr als Du verloren haben kannſt, iſt mir vor drei Jahren entwendet worden und, Gott ſei Dank! wir ſind deswegen noch immer glücklicher als die, welche uns beſtahlen.“ „Fluch, Fluch über alle Diebe!“ wiederholte Maid⸗ ſtone. Dann fiel er um ſeines Nachbars Hals und weinte dort eine Weile laut, was ihm Brooklin nicht wehrte. Endlich erzählte Maidſtone. „Ich durchwanderte in Mixeter“— begann er—„die Reihen der Verkäufer und forſchte nach der beſten Waare und den billigſten Preiſen. Endlich glaubte ich gefunden zu haben, was ich ſuchte, und ſchloß den Handel ab. Ich greife in die Taſche nach meinem Geldbeutel— ſie 64 iſt leer! Betroffen ſuche ich in der andern— nichts iſt darin! Halbtodt vor Schreck und Entſetzen wende ich meine Kleidung um und um— der Beutel bleibt ver⸗ ſchwunden! Mir ward ſchwarz vor den Augen und wenig fehlte, daß ich ohnmächtig zu Boden ſtürzte. Man um⸗ ringte, fragte, bedauerte mich, der ich nur mit halben Ohren hörte. Mein Verkäufer wollte ein Weib mit einer rothen Naſe, mit einer großen Warze am linken Backen in einem gelben Kattunkleide bemerkt haben, das ſich dächtig an meine Seite gedrängt hatte und dann ſch im Gedränge verſchwunden war. Ihr maß man die Ent⸗ wendung meines Beutels zu und forſchte nach ihr, allein ohne ihrer habhaft zu werden. Der Schreck war mir der⸗ maßen in die Glieder geſchlagen, daß ich nur mühſam und unter öfterem Ruhen den Heimweg antreten konnte. Was hat nun mir und meinem Weibe das ſaure Mühen Darben und Sparen genützt? In einem Augenblick hat eine verruchte Hand vernichtet, was die ſorglich gepflegte Frucht eines halben Jahres war. Möge dieſe Hand ver⸗ dorren, jenes diebiſchen Weibes Kinder und Nachkommen, ſowie ſie ſelbſt, auf keinen grünen Zweig kommen, ſon⸗ dern am Hunger- und Kummertuche nagen Zeit ihres ganzen Lebens! Ich aber will ferner nicht mehr arbei⸗ ten und ſparen, ſondern auch Andere beſtehlen, wie man mich beſtohlen hat.“ Niemand von den Anweſenden bemerkte, daß Eduard abſeits ſchlich und ſein ſchamroth erglühendes Antlitz mit beiden Händen bedeckte. Und durch deren Finger perlten heiße Schmerzensthränen, die wohl eben ſo bitter 4 65 waren als die, welche der beſtohlene Maidſtone vergoß. Denn ach! die Frau, welche deſſen Geldbeutel entwendet hatte und von ihm ſo arg verwünſcht worden, war ja, der Beſchreibung nach, Eduards Mutter, die Urheberin ſeiner Tage! Kann es für ein frommes Kind wohl ein größeres Herzeleid geben, als in ſeinen Aeltern allgemein gehaßte Verbrecher zu wiſſen? Auf Maidſtones letzte Worte entgegnete Brooklin: „Nachbar, Du weißt jetzt nicht, was Du redeſt. Wenn Dein zuletzt geäußerter Vorſatz ein allgemein geltender würde, ſo wäre es um die menſchliche Geſellſchaft ge⸗ ſchehen. Kein Menſch würde mehr arbeiten wollen und niemand ſeines Eigenthums ſicher ſein. Mord und Todt⸗ ſchlag würden die Menſchen aufreiben und jedes Glück auf Erden verſchwinden. So lange unſer Herrgott über uns waltet, darfſt Du nicht verzweifeln. Als wir vor drei Jahren durch Diebeshände um Alles gekommen wa⸗ ren, hätten wir nicht gehofft, je wieder ſo glücklich zu werden, als wir jetzt ſind. Dein erwartetes Kind ſoll weder nackend bleiben, noch frieren, noch darben müſſen. Daß dieß nicht geſchehe, wollen wir ſchon ſorgen helfen. Du beſitzeſt in Deinen geſünden Aermen einen größeren Schatz, als in dem Dir entwendeten Beutel enthalten war, und kannſt in Verein mit Deiner fleißigen Frau eben ſo viel und mehr noch verdienen, als Du verloren haſt. Ermanne Dich daher und gehe mit uns heim. Dort wollen wir vorſichtig Deine Frau von Deinem ge⸗ habten Unfall benachrichtigen, damit ihr der jähe Schmerz Der Kerkermeiſter von Norwich. 5 66 nicht ſchade und nicht größeres Unglück herbeiführe, als der Verluſt des geſtohlenen Geldes.“ Nur mit vieler Mühe gelang es dem wackern Brooklin, ſeinem wehklagenden und ohne Aufhören alle Diebe ver⸗ wünſchenden Nachbar zum Fortgehen zu bewegen. Treue Freundeshände unterſtützten ihn dabei kräftiglich und Freundesworte ſprachen ihm unermüdlich Troſt zu. Es war ein ſehr harter Schlag, welcher Johanna Maidſtone traf, nachdem ſie in ſchonender Weiſe von dem ihren Mann betroffenen Unfall benachrichtigt worden war. Doch bezeigte ſie ſich lange nicht ſo verzweifelnd als ihr Mann, der ſein Herz über die Gebühr an den irdiſchen Mammon gehängt zu haben ſchien. Ja, ſie ſprach ſogar ſelbſt ihrem Manne Troſt zu und berief ſich dabei auf das Beiſpiel der Nachbarfamilie, welche ein gleiches, ja noch weit härteres Unglück betroffen gehabt hatte. Nachdem am Spätabende Brooklin und die Seinen in ihre Hütte zurückgekehrt waren, zog Eduard ſeine Pflege⸗ mutter bei Seite und lispelte ihr leiſe die Bitte zu:„Er⸗ laubt mir, liebe Mutter, daß ich dieſe Nacht und vielleicht auch den morgenden Tag abweſend ſein darf. Fragt den Vater, ob er dazu ſeine Einwilligung geben will.“ Verwundert und fragend blickte Charlotte den Knaben an, welcher mit niedergeſchlagenen Augen und ſchmerzlich zuckenden Lippen fortfuhr:„Ich will mich bemühen, dem armen Maidſtone ſein entwendetes Geld wieder zu ver⸗ ſchaffen.“ Wackerer Junge!“ rief Charlotte erfreut und gerührt aus,—„das wollteſt Du wirklich thun? Wie aber“— 67 fuhr ſie einlenkend fort—„wenn Du Dich dabei in ir⸗ gend eine Gefahr begäbeſt? Wenn man Dich nöthigte, wieder ein Diebsgenoſſe zu werden oder im Weigerungs⸗ falle mit dem Tode bedrohte?“ „Eduard Wilkins ſtiehlt nie— niemals wieder!“ verſetzte der Knabe betheuernd und feierlich.„Eher ſoll man mich zerreißen als das von mir erlangen. Furcht habe ich gar nicht, wenn aber Fannh für mich und das glückliche Gelingen meines Vorhabens ein kleines Stoß⸗ gebet thun wollte, ſo würde mich das recht erfreuen und ſtärken.“ „Wir Alle wollen für Dich und das Gelingen Dei⸗ nes Unternehmens beten“— gelobte Charlotte mit Feuer und ging dann, ihren Mann herbeizuholen, dem ſie Eduards Abſicht heimlich mittheilte. Brooklin war gleich⸗ falls tief gerührt. „Ich verſtehe“— ſprach er zu Eduard—„enes Weib, welches unſern armen Nachbar beſtahl, iſt— war“— Er hielt inne und blickte ſtumm auf den Kna⸗ ben, welcher die Augen zur Erde geſenkt hielt und unter einer aufſteigenden Schamröthe mit ſeinem Haupte be⸗ jahend nickte. „Nun, unſer Herrgott begleite Dich und ſegne und ſchütze Deine Schritte“— fuhr Brooklin bewegt fort, indem er ſeine Rechte auf Eduards Haupt legte.„Zu⸗ gleich ſei vorſichtig und muthe Dir nicht über Deine Kräfte, oder das Unmögliche zu. Denn Dein Leben iſt ungleich mehr werth als jene wenigen Pfunde, S Maidſtone eingebüßt hat.“ 5 68 „Geh' mit Gott“— ſprach Charlotte herzlich, in dem ſie einen Kuß auf Eduards Stirne hauchte— 4 ſtarker Arm ſei Dein Schirm und Schild⸗ 1 Kein weiteres Aufſehen zu erregen, ſtahl ſich Eduard ohne Abſchied heimlich von dannen und erſt nach ſeinem Weggange erfuhren die Kinder deſſen Urſache. Nicht nur Fannh, ſondern auch die beiden Knaben, ſowie deren Aeltern, ſchloſſen den jugendlichen Nachtwanderer in ihr Abendgebet ein und entſchliefen mit dem Gedanken an denſelben. Am andern Morgen verfügte ſich Brooklin bei Zei⸗ ten zu ſeinem Nachbar Maidſtone, welcher nebſt ſeiner Frau eine ſchlaflaſe Nacht verbracht hatte und jetzt wie⸗ der in ſich gekehrt und ſtumm daſaß. „Munter! munter!“ redete ihn Brooklin an—„laß Deine Grillen fahren und komm mit mir an die Arbeit. Dieſe iſt das beſte und wohlfeilſte Mittel gegen den Spleen. Bilde Dir ein, daß, indem Du auf das Eiſen loshämmerſt, Du Deine Gelddiebin abſtrafſt, und ſomit kühlſt Du Dein Müthchen an ihr.“ „Heute arbeite ich nicht“— erwiederte Maidſtone finſter—„und morgen auch nicht, vielleicht gar nicht wieder.“ „Nachbar! Nachbar!“ warnte Brooklin—„Du ſprichſt und handelſt nicht wie ein Mann und läſſeſt Dich durch Deine Frau beſchämen, welche bereits ihr gewöhn⸗ liches Tagewerk begonnen hat. Deine Traurigkeit iſt eine Traurigkeit der Welt und wirket darum den Tod. Be⸗ denke doch, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge müſſen 69 zum Beſten dienen. Dein Herz hängt gar zu ſehr an dem Mammon und darum iſt er Dir vielleicht entriſſen worden, damit Du auf hohere Dinge achten ſollſt.“ Bitter lachte Maidſtone auf.„Geh, Du leidiger Tröſter!“ ſprach er—„leicht kann man den Hungern⸗ den tröſten, wenn ſelbſt man an der vollen Schüſſel ſitzt. Spare Deine Worte, Nachbar! Heute rühre ich keinen Hammer und kein Eiſen an. Vielleicht morgen oder übermorgen. Kommt Zeit, kommt Rath.“ Traurig entfernte ſich Brooklin.„Da ſeht ihr mit euern eigenen Augen“— ſprach er zu ſeinen Söhnen — welch großes, unüberſehbares Unheil der Uebertreter des ſiebenten Gebotes anrichtet. Nicht genug, daß er ſeinen Nächſten beſchädigt und ins Elend ſtürzt, benimmt er ihm auch oft noch die Luſt zur ferneren Thätigkeit, verſchlechtert deſſen Gemüth und erzieht aus ihm wohl gar ſelbſt einen Diebsgenoſſen. Gebe Gott, daß meine Befürchtungen über Maidſtone nicht in Erfüllung gehen!“ Am Abende trat Brooklin in tiefen Gedanken an ſei⸗ nen Pflegeſohn Eduard, der noch nicht zurückgekehrt war, und an ſeinen Nachbar Maidſtone den Heimweg an⸗ Seine Sohne dagegen hüpften und trallerten fröhlich vor ihm her. Als ſie die erſten Häuſer oder Hütten von Evanshire erreichten, das in einiger Entfernung von den Eiſenwerken lag, fanden ſie einen dichten Volkshaufen um einen Karren verſammelt, der von drei Bewaffneten umringt und bewacht wurde. Brooklin vernahm auf ſeine Frage von einem fremden Landmann, daß ein von dem Jahrmarkt zu Mireter heimkehrender Leinwandhändler im 70 nächſten Walde von einem Straßenräuber angefallen und ſeiner Baarſchaft an 27 Pfund Sterling beraubt worden ſei, daß man aber den Räuber, bevor er noch ſich und ſeine Beute in Sicherheit hätte bringen können, eingeholt und glücklich ſeiner ſich bemächtigt habe. „Das iſt ein guter Fang,“— ſprach Brooklin zu⸗ frieden—„der das Land von einem Böſewicht befreit. Möchte es allen Straßenräubern und Dieben ebenſo er⸗ gehen“ Kaum aber hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, ſo wurde er ganz anderen Sinnes, nachdem er einen neu⸗ gierig forſchenden Blick nach dem Räuber auf dem Wa⸗ gen geworfen hatte.„Chriſtus Jeſus!“ ſchrie er entſetzt und überlaut—„Maidſtone!“ Und„Maidſtone!“ zeter⸗ ten ſeine beiden Söhne ihm nach. Da hob der arme Sänder ſein tief auf die Bruſt niedergeſenktes Haupt empor und der kläglichſten Blicke einer traf aus ſeinen trüben Augen die drei Rufer. Wie geſtern im Walde gedachte er ſeine Hände vor das An⸗ geſicht zu legen, allein da fühlte er, daß ſie ihm ja kreuz⸗ weis auf den Rücken gebunden waren! Wie himmelweit war Maidſtones heutige Lage von ſeiner geſtrigen ver⸗ ſchieden, wo er nur einen Leidenden, jetzt aber einen Thäter und zwar einen Uebelthäter vorſtellte! Wie vor alten Zeiten der reiche König Cröſus, auf dem Scheiter⸗ haufen ſtehend, ſchmerzlich:„O Solon! Solon!“ gerufen hatte, ſo jetzt Maidſtone, nur mit dem Unterſchied, daß dieſer:„O Nachbar! Nachbar! hätte ich doch auf Euch gehört!“ herjammerte. Eine weitere Auseinanderſetzung konnte Maidſtone um 1 deswillen nicht geben, weil der Wagen mit ihm ſich fort bewegte und ſeine Wächter jedes Sprechen mit ihrem Ge⸗ fangenen ſtreng unterſagten. Unter einem mehr und mehr anwachſenden Troſſe Neugieriger fuhr der Wagen durch Cvanshire nach dem nächſten Criminalgefängniſſe und verſchwand daher bald aus dem Geſichtskreiſe des ſchwer betroffenen Brooklin und ſeiner Söhne. Ein großes Glück für Maidſtone's Frau, daß dieſe noch nicht aus dem Forſte heimgekehrt war, wo ſie dürres Leſeholz einſam⸗ melte, als man ihren Mann gefeſſelt bei ihrer verſchloſſe⸗ nen Hütte vorbeifuhr. Es war eine ſaure Nachbarspflicht, die endlich Heimkehrende unterwegs abzulauern und ihr mit möglichſter Schonung die Kunde des vernichtenden Vorfalls mitzutheilen. Dennoch unterzog ſich derſelben Brooklin nebſt ſeinem Weibe. Der Leſer jedoch bleibt mit der Beſchreibung des endloſen Jammers verſchont, welcher die arme Johanna Maidſtone mehrere Tage hin⸗ durch auf das Krankenlager warf und ſie der Verzweiflung nahe brachte. Wie ſich ſpäter auswies, hatte Maidſtone nach Brook⸗ lins Entfernung und nachdem ſeine Frau in den Forſt gegangen war, einem Stücke Holz durch Schnitzen die Form einer Piſtole gegeben und durch Farbe den ſtahlblauen Lauf einer ſolchen nachgeahmt. Mit dieſer unſchädlichen Waffe hatte er dem erſten Reiſenden im Walde ſeine Baarſchaft abgedroht. In der Angſt und dem erſten Schreck hatte dieſer das Stuͤck Holz für eine wirkliche Piſtole gehalten, ſo wie Maidſtone voraus vermuthet ge⸗ habt, und ſeinen Jahrmarkterlös dem Straßenräuber aus⸗ 72 geantwortet. Doch der That war die Strafe auf dem Fuße gefolgt, indem gleich nach der Beraubung der Lein⸗ wandhändler auf etliche Landreiter geſtoßen war, welche auf ſeine Klage dem Räuber nachgeſetzt und denſelben glücklich erwiſcht hatten, bevor er noch ſeiner Beute hatte froh werden können. „Maidſtone hat wie ein Rachſüchtiger gehandelt“— ſprach Brooklin zu den Seinen—„welcher eine erlittene Beleidigung mit zehnfacher Strenge vergilt. Sein Ver⸗ luſt betrug etwas über zwei Pfund und er hat dafür deren ſiebenundzwanzig geraubt. Unſer unglücklicher Nach⸗ bar ſollte durch das Feuer der Trübſal bewährt werden, doch er erlag gleich bei der erſten Probe. Was wäre Tugend ohne Mühe und ohne Streit?“ „Wenn wir es ebenſo wie Maidſtone gemacht hät- ten“— verſetzte Charlotte—„nachdem wir durch Die⸗ beshände um Alles gebracht worden waren! Ach, wie unglucklich wären wir dann jetzt, wo wir uns wieder ſo wohl befinden, ja ſelbſt dem Kinde unſerer Beſchädiger noch Gutes erzeigen können!“ „Darum laßt uns nie von dem rechten Pfade abwei⸗ chen“— ſagte Brooklin—„wenn uns auch auf dem⸗ ſelben irgend eine Widerwärtigkeit begegnen ſollte.“ Sechstes Kapitel. Johanna. „Die bedauernswerthe Johanna!“ hob Charlotte wie⸗ der an.—„Welch eine ſchreckliche Nacht ſie verſeufzen wird! Ob ſie das grauſame Geſchick, das ſie betroffen, überleben wird? Sie wird ſich doch kein Leid anthun in ihrer Verzweiflung? Was meineſt Du, lieber Heinrich, ob ich dieſe Nacht bei ihr zubringe oder ſie veranlaſſe, bei uns zu bleiben?“ „Du haſt Recht, liebe Charlotte“— erwiederte Broollin.„Durch Deine Theilnahme und Gegenwart wirſt Du unfrer Nachbarin den großen Schmerz gar ſehr welcher ihre Sinne umnebelt. Geh daher und übe eine Chriſtenpflicht aus, indem Du mit der Trauern⸗ den trauerſt und mit der Weinenden weineſt.“ Schon ſchickte ſich Charlotte an, ihre Wohnung zu verlaſſen, als ſie wieder umkehrte und haſtig anhob: „Ueber Johanna hätte ich beinahe unſern wackern Eduard vergeſſen. Wo er nur ſo lange bleibt? Ach, wenn dem armen Jungen gleichfalls ein Unglück wider⸗ fahren wäre! Benachrichtige mich ja ſogleich, lieber Hein⸗ rich, wenn Eduard heute noch heimkehren ſollte. Ach, daß ſein edler Vorſatz und all ſeine Bemühung w vergeblich geweſen ſind!“ „Der Erfolg menſchlicher Unternehmungen beruht in der Hand unſers Gottes“— antwortete Brooklin.„In 74 Demuth müſſen wir uns daher ſeinen weiſen Fügungen unterwerfen.“ „Welche Strafe“— fragte Wilhelm, der ältere Sohn Brooklins—„wird Maidſtone zuerkannt be⸗ kommen?“ „Ach“— verſetzte Brooklin trübe—„nach unſern ſtrengen Geſetzen trifft den Straßenräuber die Strafe des Hängens. Dennoch laſſen ſich die Menſchen hierdurch nicht zurückſchrecken.“ „Gehängt würde Maidſtone?“ rief Wilhelm er⸗ ſchrocken aus.„Ach, der Aermſte! Warum hat er denn das nicht vorher bedacht?“ „Vorgethan und nachbedacht“— ſprach Brooklin, —„hat Manchen in groß Leid gebracht. Das iſt eben das Unglück, daß die Menſchen ſo wenig den Werth und die Folgen ihrer Handlungen vorher bedenken. Böſe Thaten und Laſter haben in der Regel nur Unglück und Elend in ihrem Gefolge, während die Menſchen ſich mit dem Gegentheil ſchmeicheln. Maidſtone gedachte durch die Beraubung ſeines Nächſten ſeine allerdings traurige Lage zu verbeſſern und ſiehe, er hat ſie dadurch zur ver⸗ zweifeltſten von der Welt gemacht. Bitten wir inbrünſtig zu Gott, daß er uns vor ähnlichen, großen Verſuchungen in Gnaden bewahre.“ Charlotte ging jetzt, um der unglücklichen Johanna Geſellſchaft zu leiſten, und Brooklin nebſt Johann und Wilhelm begaben ſſch zur Ruhe. Fanny ſchlief ſchon längſt und unbeirrt von dem Weh, welches durch Maid⸗ ſtones Fehltritt hereingebrochen war. 75 Es war um die elfte Stunde der Nacht, als leiſe an das Fenſter gepocht wurde, neben welchem Brooklins Lager befindlich war. Dieſer erwachte und fragte:„Wer iſt da? Was giebt's?“ „Ich bin es, lieber Vater,“— verſetzte Eduards Stimme, daher jener ſchnell aufſprang und den Riegel von der Thüre zurückſchob. Taumelnd wankte Eduard herein und ſank, während Brooklin Licht anzündete, er⸗ ſchöpft zu Boden. „Es iſt weiter nichts“— ſprach der Knabe lächelnd als Brooklin erſchrocken ihm zu Hülfe eilte und ihn auf ſein Lager verſetzte.—„Ich bin ein wenig müde und wund an den Füßen. Ich fand nicht ſogleich, was ich ſuchte, und mußte deshalb weiter laufen, als ich erſt ge⸗ dacht hatte.“ Aus dieſer Rede erſieht man, wie ſehr ſich der Knabe hütete, ſeine Mutter zu nennen, die unter dem Geſuchten allein zu verſtehen war. Bei dem Lichte der angezündeten Lampe betrachtete jetzt Brooklin forſchend den heimgekehrten Knaben und entſetzte ſich über deſſen Ausſehen. Sein Antlitz war un⸗ gewöhnlich bleich und zeugte von gänzlicher Erſchöpfung. Ueber ſeiner Stirn hing ein blutiger Leinwandſtreifen und vom Blute troffen die Füße in den zerriſſenen Schuhen. „Mein Gott!“ hob Brooklin erſchrocken an.— Was iſt mit Dir vorgegangen, armer Eduard? Rührt das wieder“— er deutete auf die verbundene Stirne hin— „von einer Liebkoſung der mütterlichen Hand her?“ „O fragt mich jetzt nicht lange!“— bat Eduard, 76 indem er, ſeine Mattigkeit und ſeine Schmerzen bezwin⸗ gend, raſch auf ſeine blutenden Füße ſprang.„Laßt uns vielmehr auf der Stelle zu dem unglücklichen Maidſtone eilen. Ich bringe Geld“— fuhr er mit freudig blitzen⸗ den Augen fort—„wenn auch nicht das ganze, ſo doch ziemlich zwei Pfund. O zaudert nicht, den armen Maid⸗ ſtone aus ſeiner Sorge und Betrübniß zu reißen. Doch, wo iſt die Mutter? Ihr Lager iſt ja leer!“ „Mein lieber, armer Sohn!“ ſprach Brooklin, indem er den Knaben mit trauervoller Zärtlichkeit an ſeine Bruſt zog und küßte,—„Dein ſchweres Opfer hätte einen beſſeren Erfolg verdient. Du kamſt zu ſpät mit dem Gelde. Das Unglück iſt bereits geſchehen und durch nichts wieder gut zu machen, und wenn Du tauſend Pfund, anſtatt zwei mitbrächteſt. Maidſtone iſt zum Straßenräuber geworden, befindet ſich im Gefängniß und geht dem Tode des Hängens entgegen. Ob ſein Weib das gewaltſame und ſchimpfliche Ende ihres Mannes über⸗ leben wird, ſteht zu bezweifeln. Meine Frau iſt bei der Unglücklichen, um ihr mit Troſt beizuſpringen und ſie vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren.“ Unter dieſer Rede erloſch der Freudenglanz in Edu⸗ ards Augen und dieſe gingen in einen ſtarren, gläſernen Ausdruck über.„Meine— Mutter!“ ſtammelten des Knaben Lippen anklagend hervor und dieſer ſank bewußt⸗ los zu Boden. Seine bisher feſt geſchloſſen geweſene Rechte offnete ſich und ließ eine Menge kleiner Geldmünzen auf die Erde niederregnen, welche die Frucht ſeiner großen Anſtrengungen waren. 77 „Das iſt Blutgeld!“ ſprach Brooklin unter einem Schauern, während er den ohnmächtigen Knaben auf ſein eigenes Lager verſetzte.„Gerade ſo wie bei Judas Iſcha⸗ rioth, welcher durch die Rückgabe des empfangenen Ver⸗ rätherlohns die Losgebung ſeines Herrn und Meiſters nicht bewirken konnte. Wie freudig beglückt könnte und würde ſich Maidſtone durch dieſes wiedererlangte Geld fühlen, hätte er ſich nicht vom Satanas verblenden laſſen, ſondern auf Gott vertraut.“ Brooklin weckte nun ſeinen Sohn Wilhelm auf, da⸗ mit derſelbe ſeine Mutter von Eduards Ankunft unter⸗ richte und ſie auffordere, dem auf das Höchſte angegrif⸗ fenen und leidenden Knaben mit ihrer Erfahrung beizu⸗ ſpringen. Bei der Unterſuchung fand ſichs, daß Eduard eine ziemlich tiefe Stirnwunde än ſich trug, daß ſeine Füße wund gelaufen und mit ſchmerzenden Blaſen bedeckt waren und daß er gänzlich entkräftet war von dem lan⸗ gen, anhaltenden Marſche. Es bedurfte daher mehrere Tage Ruhe und ſorgſamer Abwartung, bevor der Knabe gänzlich wieder hergeſtellt wurde. Doch ſein Körperleiden ließ ſich weit ſchneller und gründlicher heilen als der Seelenſchmerz der unglücklichen Johanna Maidſtone. Ohne Charlottens Beiſtund würde ſie ihrem endloſen Jammer gar bald erlegen ſei. Ach, an allen dieſem Jammer und Elend war Eduards Mutter allein ſchuld! Von dieſem zermalmenden Gefühl niedergedrückt, verlebte Eduard gar kummervolle Tage und der jedesmalige Anblick der ver⸗ zweifelnden Frau gab ihm einen ſchmerzenden Dolchſtich ins Herz. 78 Es war der armen Johanna Maidſtone nicht verbor⸗ gen geblieben, daß ihres geliebten Mannes endliches Lvos der ſchimpfliche und ſchmerzliche Tod am Galgen ſein würde. Dieſer ſchreckliche Gedanke verließ ſie weder im Wachen noch im Schlafen. Unaufhörlich ſah ſie ihren Gatten unter des Henkers rohen Händen, die hanfene Schlinge um ſeinen entblöſten Hals legen, ihn empor⸗ ziehen am Galgen und dort ſeinen letzten, ſchweren Kampf beſtehen, ſich und ihr erwartetes Kind dagegen als die Angehörigen eines Straßenräubers mit Schande gebrand⸗ markt und von Jedermann geflohen und verachtet. In dieſer Zeit ließ eine Nachricht, welche das Dorf Evanshire, gleichwie das ganze England, wie ein Lauf⸗ feuer durcheilte, den erſten kleinen Hoffnungs⸗ und Freu⸗ denſchimmer in das tiefbekümmerte Herz Johanna's fallen. Die engliſche Regierung hatte, erſchrocken über die raſch ſich mehrenden Verbrecher im Lande, endlich eingeſehen, daß weder durch die große Schärfe der beſtehenden Ge⸗ ſetze, noch durch die Menge der vollzogenen Hinrichtun⸗ gen eine Abminderung der Verbrechen erzielt worden war. Die Gefaͤngniſſe waren überfüllt und die Galgen in faſt unaufhörlicher Thätigkeit wie in keinem andern Lande Europas. Da war ein Regierungsmitglied auf den Ein⸗ fall gerathen, die Verbrecher, anſtatt ſie zu tödten, viel⸗ mehr dadurch für das Land unſchädlich zu machen, ſie zu einer nützlichen Thätigkeit zu nöthigen und dadurch zur Beſſerung zu leiten, indem man ſie an einen weit entfernten Ort der Erde brächte, wo ſie weder entfliehen, noch neue Verbrechen ausüben könnten. Als einen hierzu 79 ganz geeigneten Ort hatte man, nachdem Nordamerika, wohin man anfangs die Verbrecher ſchickte, für England verloren gegangen war, Botanybai in Auſtralien auser⸗ ſehen, welche ſich wegen der Milde und Geſundheit ſei⸗ nes Himmelſtrichs, der Fruchtbarkeit ſeines Bodens und ſeiner geringen Bevölkerung an Ureinwohnern ganz be⸗ ſonders hierzu eignete. Von nun an kannte Johanna Maidſtone keinen anderen und größeren Wunſch, als mit ihrem Mann vereint nach Botanhbai transportirt zu wer⸗ den, und ſie beſchloß im Stillen, ſich auf den Weg nach Norwich, wohin Maidſtone inzwiſchen gebracht worden war, zu machen und dort ihre Bitte um Wiedervereini⸗ gung mit ihrem Gatten anzubringen. Sie glaubte gar nicht, daß man ihr ſolches abſchlagen werde und könne, und trat deshalb mit freudig hoffendem Herzen ihre Reiſe an, ohne irgend Jemand in Evanshire davon in Kennt⸗ niß geſetzt zu haben. Dieſes Heimlichthun war in Bezug auf Brooklins Familie nicht zu loben und konnte nur durch den Gemüthszuſtand Johanna's, welche an ihrem Vorhaben gehindert zu werden befürchtete, einigermaßen entſchuldigt werden. Nachdem Johanna glücklich in Norwich angelangt war, beſchloß ſie zunächſt, ihren Mann zu ſprechen, um demſelben ihren Entſchluß mitzutheilen und deſſen Ein⸗ willigung zu erhalten. In dieſer Abſicht ſuchte ſie das Gefängnißhaus auf und verlangte dort eingelaſſen und zu ihrem Manne geführt zu werden. Sie war eben ſo erſtaunt, als beſtürzt, da man ihre Bitte rund herum ab⸗ ſchlug. Sie erneuerte dieſelbe flehentlich und unter Thrä⸗ 80 nen und Händeringen— umſonſt! Endlich bedeutete ſte der hinzugekommene Simpſon, wie er ohne obrigkeit⸗ liche Genehmigung keinen Beſuch zu irgend einem ſeiner Gefangenen vorlaſſen dürfe. Wie gut wäre es geweſen, wenn Johanna ſich ihrer Freundin Charlotte entdeckt ge⸗ habt hätte, welche ohne Zweifel das arme Weib ihrem Vater warm empfohlen haben würde! Vom Gefängnißhauſe fortgewieſen, lief Johanna in der Stadt umher, bald bei dieſem, bald bei jenem Mit⸗ gliede der Obrigkeit ihr Flehen wiederholend. Ueberall erhielt ſie den Beſcheid, daß ſie ihr Geſuch ſchriftlich ein⸗ zureichen habe und daß eine ſtete Wiedervereinigung mit ihrem Manne von einer höheren Entſcheidung abhange, welche bei dem Miniſter Sidney in London zu erholen ſei. Mit dick verweinten Augen und unter oft erneutem Schluchzen kehrte Johanna nach dem Gefängnißhauſe zu⸗ rück, vor deſſen feſt verſchloſſener Pforte ſie die Luft mit lauten Klagen erfüllte und die Vorübergehenden mit Bit⸗ ten um Erbarmen beſtürmte. Da war es ein roher, nichtswürdiger Kerl, nelg den verabſcheuungswürdigſten Scherz ſich erlaubte, indem er mit verſtelltem Ernſte zu der jammernden Frau ſprach: „Ins Gefängniß hier willſt Du und man will Dich nicht einlaſſen? Ha, da giebt's das leichteſte und ſchnellſte Mittel von der Welt, um das von Dir gewünſchte Ziel zu erreichen. Siehſt Du dort jenen Goldſchmiedsladen? Dahinein gehe und nimm das erſte beſte, Dir in die Haͤnde fallende Kleinod, und jach wird ſich dieſe jetzt verſchloſſene Pforte vor Dir aufthun und Dich einlaſſen.“ 81 Damit entfernte ſich der abſcheuliche Spotter und lachte über ſeinen vermeinten Witz ſich ins Fäuſtchen. In tiefe Gedanken verſunken, ließ jener das arme Weib zurück. Johanna ſann über die vernommene Rede nach. Wohin ſollte ſie ſich wenden in der fremden, gro⸗ ßen Stadt? Wo die Nacht über bleiben, wenn das Ge⸗ fängniß ſie nicht beherbergte? Schon der Gedanke, mit ihrem Manne unter einem und demſelben Dache zu woh⸗ nen, in ſeiner Nähe zu weilen, mit ihm möglicherweiſe zuſammenzukommen, war für ſie ein freudiger. Aus Liebe zu ihrem Gatten wollte ſie eine Diebin werden, mit ihm die Schande, die Einſperrung, ja, o Wonne! die Ver⸗ bannung ſelbſt theilen. Weiter mochte ſie nichts, gar nichts in der Welt. Das Mittel hierzu war ſo leicht, half ihr weit ſchneller zum Ziele, als ihre flehentlichen Bitten, ihre Wege und Gänge in der Stadt— ha! wa⸗ rum alſo noch zögern wollen? Mit der Entſchloſſenheit eines verzweifelnden Gemüths näherte ſich Johanna nit eilenden Schritten dem Ju⸗ weliergewölbe. Sie erblickte Niemand in demſelben, wohl aber auf dem Verkaufstiſche ein Glaskäſtchen mit blitzen⸗ den Ringen und anderen kleinen Schmuckſachen. Die Thüre raſch öffnen, eintreten, das Käſtchen an ſich reißen und damit davon eilen, war das Werk weniger Augen⸗ blicke. Die Goldſchmiedsfrau, welche ſtrickend hinter einem Holzgitter im Laden geſeſſen und nicht ſchnell genug hatte aufſpringen können, um den Diebſtahl zu verhindern, verfolgte ſofort die Diebin mit dem lauten Geſchrei: „Haltet auf! haltet auf! ein Dieb! ein Dieb!“ Der Kerkermeiſter von Norwich. 6 82 Nicht funfzig Schritte weit war Johanna, welche nicht einmal das Juwelenkäſtchen zu verbergen ſtrebte, gelaufen, als ſie ſich auch ſchon gepackt und aufgehalten ſah. Bald war Johanna von einem zahlreichen Volks⸗ haufen umringt, welcher die freche Diebin, die ſo unge⸗ ſcheut am hellen Tage zu ſtehlen verſucht hatte, mit Schmähungen überſchüttete.„Die Rabenmutter!“ ſchrieen etliche Weiber—„ſie verwahrloſet ihr eigenes, noch un⸗ geborenes Kind, das daher auch nichts, als ein Dieb werden und am Galgen endigen wird.“ Johanna erduldete ſtill alle Vorwürfe und ſchnöden Reden.„Ich wollte nur“— ſprach ſie endlich ſanft zu den herbeigeeilten Polizeidienern—„was man mir ver⸗ ſagte, erlangen: mit meinem Manne wieder vereinigt ſein. Führt mich zu ihm ins Gefängniß und ich will Euch dafür danken mein Leben lang.“ Jener rohe Menſch, welcher Johanna den ſchnöden Rath ertheilt, hatte inſofern das Wahre getroffen, daß die arme Frau ſchon in den nächſten Minuten die früher feſt verwahrte Gefängnißpforte vor ſich öffnen ſah nnd daſſelbe Haus ſie aufnahm, welches ihren lieben Mann beherbergte. Aber freilich führte man ſie nicht zu ihm, ſondern in eine abgeſonderte Zelle, deren ſchwere Thüre ſich alsbald wieder hinter ihr ſchloß. Johanna fand ſich allein in dem düſtern, feuchtkalten, eiſenvergitterten Ge⸗ mach, durch deſſen kleines, hoch in der dicken Steinwand angebrachtes Fenſter nur ein matter Schein des Tages⸗ lichts fiel. Noch nie hatte Johanna ein Gefängniß be⸗ treten gehabt. Deſſen Stille bildete einen ſchneidenden 83 Gegenſatz zu dem wüſten Lärm, welcher ihre Gefangen⸗ nehmung begleitet hatte, und war ihr darum höchſt will⸗ kommen. Das Erſte, was ſie nach einiger Sammlung ihrer umherirrenden Gedanken unternahm, beſtand darin, daß ſie ſich auf ihre Kniee niederwarf und mit großer Inbrunſt betete. „Herr Gott“— ſprach ſie—„Du biſt mein Zeuge, das ich nicht ſtehlen und noch viel weniger das Kind unter meinem Herzen verwahrloſen, ſondern nur mit mei⸗ nem lieben Robert wieder vereinigt ſein wollte, der ohne mich, wie ich ohne ihn, nicht leben kann. Darum erhöre mein heißes Flehen und bringe uns wieder zuſammen, um nie wieder getrennt zu werden, als durch den Tod.“ Hierauf ſetzte ſich Johanna auf ihr Strohlager nie⸗ der und gab ihren Gedanken freien Raum. „Ob wohl Robert meine Nähe ahnen mag?“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt.„Ob wohl die Kunde von meiner That und Gefangennehmung bis zu ſeinen Ohren gedrungen iſt? Ob ſeine Zelle weit von der meinigen entlegen ſein mag? Ob er meine Stimme vernehmen und wiedererken⸗ nen würde, wenn ich das Abendlied anſtimmte, das er ſo gern von mir ſingen hörte? Würde ein ſolches Singen verwehrt werden? Ob ich es wage?“ Und Johanna begann erſt furchtſam und gedämpft, dann lauter und lauter ihren Geſang anzuſtimmen, ſo daß deſſen reine, liebliche Töne durch die feſte Thüre und die dicken Mauern ihrer Zelle drangen und weit hin die Gaͤnge und Räume des Hauſes erfüllten. Sie zogen den mürriſchen Gefangenwärter und den Kerkermeiſter Simp⸗ 6* 84 ſon herbei, allein keiner gewann es über ſich, den rüh⸗ renden Geſang zu ſtören oder zu verbieten, den ſie jetzt zum erſten Male in dieſem Hauſe der Trauer und der Verbrechen vernahmen. Als Johanna geendigt hatte und lauſchend ſchwieg, kehrte Simpſon in ſeine Wohnung zurück. Kopfſchüttelnd ſprach er hier zu ſeinem Weibe:„Was man noch Alles erlebt! Hat man ſchon je gehört, daß Jemand nur des⸗ halb ſtiehlt, um ins Gefängniß geworfen zu werden, wie das vorhin eingebrachte Weib gethan hat? Ich war erſt tüchtig falſch auf ſie, weil ich glaubte, daß ſie nur ihren Dickkopf hätte durchſetzen wollen, weil wir anfänglich ihre Bitten um Einlaß nicht erfüllten. Aber ſo eben hat das Weib einen Geſang in ihrer Zelle verführt, wie vor Zeiten Paulus und Silas in ihrem Kerker, und wie man ſeitdem nicht wieder erlebt hat. Nein, ſchöner noch als jene frommen Männer hat ſie geſungen, wie, ja wie ein Engel vom Himmel. Was ſoll man da denken? Euch Weiber lernt man nimmer aus und wenn man viele Scheffel Salz mit Euch gegeſſen hätte.“ Siebentes Kapitel. Im Kerker. Am andern Morgen gab es ein ungewöhnliches Lau⸗ fen und Umherrennen im Gefängnißhauſe, wobei ſich 85 beſonders Frau Simpſon und eine fremde, aus der Stadt herbeigerufene, Frau durch große Beweglichkeit und Eil⸗ fertigkeit auszeichneten. Erſt um die Mittagszeit trat die frühere Ruhe und Stille wieder ein, welche nur in Jo⸗ hanna's Zelle durch das zeitweilige Weinen und Kreiſchen eines neugeborenen Kindes unterbrochen wurde. Die Ge⸗ fangene war Mutter geworden und zwar im eigentlichen Sinne des Worts:„eine Schmerzensmutter!“ Maidſtone war zum Straßenräuber geworden, um die Mittel zu Anſchaffung derjenigen Bedürfniſſe zu er⸗ langen, welche die erwartete Geburt ſeines erſten Kindes nöthig machten und welche ihm von Eduards Mutter entwendet worden waren. Jetzt, im Gefängniſſe, war ſeine Frau Johanna von Allem entblößt und dennoch der kleine Ankömmling noch ungleich beſſer verſorgt, als einſt der Weltheiland bei ſeinem Eintritt in die Welt. Das Mit⸗ leid und das chriſtliche Erbarmen finden ſogar einen Zu⸗ gang in ſolche Oerter, wo man jene Tugenden am letz⸗ ten ſuchen würde: in die feſt verwahrten Kerkerhäuſer und die Jammerhöhlen des tiefſten Menſchenelends. Da⸗ rum lag das neugeborne Töchterlein Maidſtones nicht unter den vernunftloſen Bewohnern eines Stalles und nicht in einer Krippe wie einſt Chriſtus, ſondern gebadet und in Windeln gewickelt, in einem weichen, warmen Bettchen und in einer Wiege, welche Frau Simpſon in der Nachbarſchaft aufgetrieben hatte. Die gänzliche Hülf⸗ loſigkeit eines neugebornen Kindes klopft in der Regel nicht vergebens an die ſonſt verſchloſſenen Herzen der Menſchen und namentlich der Frauen und ſein wortloſes * 6. 1 86 Kreiſchen wird beſſer verſtanden als die rührendſten Worte erwachſener Bedrängter. „Armes, armes Geſchöpf!“ ſeufzte Johanna, indem ſie ihre Erſtgeborne unter heißen Thränen küßte—„im Gefängniſſe biſt Du geboren und die Tochter eines Ver⸗ brecherpaares! O wie gluͤcklich würden Dein Vater und ich durch Deinen Eintritt in dieſe Welt geweſen ſein, wenn Dein Vater ſich nicht zu jener Handlung hätte hin⸗ reißen laſſen, welche eine fröhliche Zukunft auf immer zer⸗ trümmert hat! Auch ohne das wiedererlangte Geld würdeſt Du nicht haben darben dürfen, arme Kleine! und min⸗ deſtens ebenſo theilnehmend wie die wackere Kerkermeiſterin hätte Charlotte Brooklin Dir und mir beigeſtanden.“ Während Johanna alſo klagte, ſprach Frau Simpſon zu ihrem Manne:„Unſere Wöchnerin kennt jetzt keinen ſehnlicheren Wunſch, als den, daß der Vater ihres neugebo⸗ renen Kindes daſſelbe ſehe und ſegne. Geht es nicht an, daß Du ihr den Willen thun darfſt? Die arme Frau iſt ſehr ſchwach und entkräftet, was kein Wunder iſt, und fürchtet zu ſterben. Nun, und einer Sterbenden ſchlägt man ſo leicht keine Bitte ab, zumal wenn dieſe ſich ohne Koſten und ohne Gefahr erfüllen läßt.“ „Das geht nicht an“— antwortete Simpſon barſch— „das Weib des Straßenräubers iſt noch nicht verhört wor⸗ den und könnte leicht mit ihrem Manne ſich verſtändigen, um durch übereinſtimmende Ausſagen ihr beiderſeitiges Ver⸗ brechen zu beſchönigen oder minder ſtrafwürdig erſcheinen zu laſſen. Ueberdieß habe ich unſern Morrig zu fürchten, wel⸗ 87 cher jeden Anlaß benutzen würde, um mich vom Dienſt zu bringen und ſich dafür in mein Amt zu ſetzen.“ „Wenn wir“— ſprach Frau Simpſon—„bei der Zuſammenkunft der beiden Ehegatten zugegen ſind, ſo kann eine gegenſeitige Verabredung gar nicht ſtattfinden. Was ſollten ſie auch unter ſich ausmachen wollen? Sie haben ja offen ihre Vergehen und deren Beweggrund ein⸗ geſtanden! Um aber Morrigs mögliche Verrätherei zu um⸗ gehen, brauchen wir die Zuſammenkunft des Ehepaares nur auf die Nachtzeit zu verſchieben, wo Morrig in ſei⸗ nem Bett liegt und ſchnarcht.“ „Weib!“ verſetzte Simpſon ranh—„ich kenne meine Pflicht und werde mich von derſelben durch Deine Re⸗ den nicht abwendig machen laſſen und wenn ſie ſüß wie Honigſeim wären.“ Da ſchwieg Frau Simpſon und legte ſich, nachdem ſie erſt noch einmal nach der Woͤchnerin und deren Töch⸗ terchen geſehen hatte, zur Ruhe nieder. Simpſon that ein Gleiches, aber beide ſchliefen nicht, ohne ſolches ſich jedoch gegenſeitig merken zu laſſen. Um Mitternacht er⸗ hob ſich Simpſon leiſe von ſeinem Lager, kleidete ſich an und langte nach dem Schlüſſelbunde. „Was beginnſt Du?“ fragte Frau Simpſon, in de⸗ ren Herzen ein freudiger Hoffnungsſchimmer aufſtieg. „Hm!“ brummte Simpſon—„die Runde will ich machen, ob Alles im Hauſe ſeine Richtigkeit habe. Da Du einmal munter biſt“— fuhr er ſtockend fort,— „ſo könnteſt Du vielleicht bei der Wöchnerin nachfragen, ob ſie Deiner Hülfe etwa benöthigt ſei. Wenn ich wüßte 88 — daß Morrig einen geſunden Schlaf hätte, und daß Maidſtone— aber nein, es geht wirklich nicht. Der Kerl könnte mich überwältigen, die Schwäche ſeines Wei⸗ bes nur eine verſtellte ſein und das Ehepaar vereint ſeine Flucht bewerkſtelligen.“ „Wie Du Dich verſtellen kannſt, lieber Alter!“ lä⸗ chelte Frau Simpſon, indem ſie gleichfalls ſich erhob. „Du wirſt eben einen Gefangenen fürchten, der gegen Dich ein Schwächling und obendrein mit einer Kette gefeſſelt iſt! Für was beſäßeſt Du Deine geladene Piſtole und Dein Seitengewehr? Für was unſer Haus ſeine eiſenver⸗ gitterten Fenſter und feſt verwahrten Ausgänge? Und nun gar die arme Wöchnerin! Ha! vor dieſer könnteſt Du getroſt alle Thüren weit öffnen und ihr die Erlaub⸗ niß zur Flucht ertheilen: ſie würde vorziehen, auf ihrem Lager zu ruhen und bei ihrem Kinde zu bleiben.“ „Nun, wenn Du denkſt“— erwiederte Simpſon— „ſo gehe und bereite das Weib auf den Anblick ihres Mannes vor. Auf Dein Haupt fällt aber die Schuld, wenn etwas Dummes geſchehen ſollte.“ „In Gottes Namen!“ ſagte Frau Simpſon.—„Ich hafte für Alles.“ In der heftigſten Aufregung und Spannung ſah Jo⸗ hanna dem Beſuch ihres Gatten entgegen, von welchem ſte durch Frau Simpſon in Kenntniß geſetzt worden war. Ihr freudiges Gefühl verwandelte ſich in ſtilles Ent⸗ ſetzen, als ſie draußen im Gange leiſe nahende Fußtritte und das gedämpft an der Mauer herſtreifende Klirren einer Kette vernahm. Die Thüre der Zelle that ſich auf 89 und hereinwankte eine dunkle Mannsgeſtalt, welcher die Wöchnerin beide Aerme entgegenſtreckte. Anſtatt jedoch in dieſe Arme zu eilen, warf ſich Maidſtone nahe der Thüre auf die Kniee nieder, ſo zwar, daß ſeine Stirn den Erdboden berührte. So weilte er einige Secunden ſprachlos und nur ein ihm convulſiviſch ſich entwinden⸗ des Schluchzen unterbrach die lautloſe Stille der Zelle, welche düſter durch einen ſchwachen Lampenſchimmer er⸗ hellt war und tief dunkle Schatten warf. Endlich hob Maidſtone mit erſtickter Stimme an: „Johanna! aus Liebe zu mir Elenden biſt Du in dieſem Schauerorte! Aus Liebe zu einem Straßenräuber zur Verbrecherin geworden! O ich erliege unter meiner großen Sündenlaſt! Ach, nicht mehr werth bin ich ja, Dein Mann noch zu ſein und zu heißen.“ „Es iſt wahr“— verſetzte die Wöchnerin mit mat⸗ ter Stimme—„Du haſt eine große Sünde begangen. Ohne Deinen Fehltritt würden wir noch daheim in un⸗ ſerer friedlichen Hütte ſein und uns ganz der Geburt unſers Kindes erfreuen dürfen, auch wenn Wilkins nicht das Dir von ſeiner Mutter entwendete Geld zurückge⸗ bracht hätte.“ „Wilkins?“ fragte Simpſon erſtaunt ſeine Frau. „Unſere gute Charlotte Brooklin würde“— fuhr Johanna fort—„nicht minder liebevoll für die Bedürf⸗ niſſe unſeres Töchterchens geſorgt haben als dieſe chriſt⸗ liche Frau hier.“ „Charlotte Brooklin?“ fragte jetzt Frau Simpſon 90 ihren Mann.„Wie kommt unſere Tochter zu dieſem Ehepaare?“ „Aber“— ſprach Johanna weiter—„ſprechen wir jetzt nicht laͤnger von dem, was nicht zu ändern iſt. Siehe und ſegne vielmehr jetzt Dein Kind, das ſchuld⸗ loſe Weſen, welches Gottes Gnade uns geſchenkt hat, damit es die traurige Nacht unſeres Kerkers erhelle und erheitere.“ Maidſtone wankte näher und kniete abermals vor dem Lager ſeines Weibes nieder, um deſſen Hände mit einem heißen Thränenſtrome zu baden. „Ich mein Kind ſegnen?“ ſchluchzte er.„Ach, müßte nicht die Hand ſeines verbrecheriſchen Vaters gleich einem glühenden Eiſen auf dem zarten Kindeshaupte brennen? Klagt das erſte Kreiſchen ſeines kleinen Mundes nicht bei dem Ewigen mich an? O, mein Gott! mein Gott!“ „Du thuſt recht, daß Du unſern Herrgott anrufeſt — ſprach Johanna feierlich.„Nur bei ihm, wo viel Vergebung zu finden iſt, wirſt Du die Gnade erlangen, welche die Menſchen Dir verſagen. Küſſe und ſegne Dein Find im Namen dieſes gnadenreichen Gottes und Dein Segen wird ſich erfüllen.“ Da küßte und ſegnete Maidſtone ſein Kind mit dem heiligen Zeichen des Kreuzes und ſeine hernieder träu⸗ felnden, heißen Zähren wurden zu einem Weihwaſſer, welches das Antlitz des ſanft ſchlafenden Kindes netzte. Simpſon aber, welcher einige heimliche Worte mit ſeiner Frau gewechſelt hatte, hob jetzt zu Maidſtone an: „Wenn Du Dein Weib nicht um's Leben und mich nicht 91 um meinen Dienſt bringen willſt, ſo kehre mit mir ohne Säumniß in Deine Zelle zurück. Verſchweige auch gegen Jedermann dieſen nächtlichen Beſuch, welcher gegen meine Befugniß läuft und den Ihr nur der Fürbitte meiner Frau verdankt.“ Maidſtone gehorchte und nahm Abſchied von Frau und Kind, wobei das Ehepaar nicht vergaß, dem Kerker⸗ meiſter und deſſen Frau den feurigſten Dank zu ſpenden. Nachdem die beiden Letzteren wieder ihr Lager beſtiegen, hatten, ſprach Frau Simpſon zu ihrem Manne:„Ich hoffe, daß wir nunmehr beſſer ſchlafen werden wie vor⸗ hin. Denn jetzt haben wir zum Ruhekiſſen ein gutes Gewiſſen. Fühleſt Du Dich nicht beglückter, als da Du Dich auf Deine Dienſtpflicht beriefeſt, welche aber in dem vorliegenden Falle gegen das göttliche Gebot läuft?“— Simpſon antwortete nur durch ein tiefes Brummen, allein in ſeinem zufri denen Herzen gab er ſeiner Frau vollkom⸗ men Recht. Am andern Tage erfuhren Simpſon und deſſen Frau durch ihre Fragen von Maidſtone und der Wöchnerin, in welchem nahen und freundſchaftlichen Verhältniſſe die Letzteren mit Charlotte und deren Familie gelebt hatten. Auch langte ein Brief von Charlotte bei deren Aeltern an, in welchem ſie dieſelben bat, ſich des unglücklichen Ehe⸗ paares nach Kräften anzunehmen. Demohnerachtet ver⸗ weigerte Simpſon beharrlich jedes nochmalige Zuſammen⸗ treffen Maidſtones mit ſeiner Frau, um welches das Ehepaar täglich mit verſtärkter Inbrunſt ihn anflehete. 92 „Nichts da!“— ſprach Simpſon zu ſeiner Frau, welche die Fürbitterin machte.—„Der Kerker iſt kein Beſuchzimmer, und was dem Einen recht, iſt dem Andern billig. Was ſollte endlich daraus werden, wenn meine Gefangenen nach ihrem Belieben Beſuche empfingen und Beſuche abſtatteten? Man darf Euch Weibsvolk nur den kleinen Finger überlaſſen, ſo wollt Ihr auch gleich die ganze Band und den Arm dazu haben“ Nach acht Tagen kleideten Simpſon 1 d deſſen Frau ſich ungewöhnlich feſtlich an, obgleich weder Sonntag noch Feiertag war. Vorher ſchon hatte Frau Simpſon eine größere, leer ſtehende Zelle ſorgfältig reingekehrt, alle Spinngewebe daraus entfernt und ein weiß überhangenes Tiſchchen darin aufgeſtellt, welches genau die Mitte des Gemachs einnahm. Auf dem Tiſchchen befand ſich ein blank geputztes, zinnernes Becken und eine eben ſolche Kanne, mit lauem Waſſer angefüllt. An der Spitze der leichteren Gefangenen trat Morrig, der Gefangenwärter in das Gemach, und ein zweiter beſchloß den Zug, wel⸗ cher einen weiten Kreis um das Tiſchchen bildete. Simp⸗ ſon brachte mit ſich den diesmal feſſelfreien Maidſtone und Frau Simpſon deſſen Weib geführt, welcher die Wehmutter mit der Neugebornen auf dem Fuße nachfolgte. Weil die Wöchnerin noch ſchwach und angegriffen war, ſo ließ man ſie auf einen für ſie bereit gehaltenen Stuhl niederſetzen, worauf man ihr das Kind einhändigte. Es war eine feierliche Stille in dem Gemache, die nur durch einzeln geflüſterte Worte zuweilen unterbrochen wurde. Simpſon, welcher die Zelle wieder verlaſſen hatte, kehrte * 93 jetzt in Begleitung eines geiſtlichen Herrn zurück, welcher in voller Amtstracht erſchien und bei deſſen Eintritt die Anweſenden ſich tief und ehrfurchtsvoll verneigten. Der Pfarrherr trat an die eine Breitſeite des Tiſchchens und Simpſon, ihm gegenüber, an die andere, Frau Simpſon und die Wehmutter ſtellten ſich an die Schmalſeiten auf. Mit gefalteten Händen erwarteten ſämmtliche Anweſenden die Rede des Pfarrherrn, welcher jetzt mit ernſter, doch wohl⸗ und volltönender Stimme zu ſprechen anhob: „Theure Miterlöſete in dem Herrn! Selbſt durch die kalten, dicken Mauern dieſes Schauerorts, welchen der Menſchen Sündhaftigkeit an die Stelle des einſtigen Pa⸗ radieſes erbauet hat, dringt der warme, liebevolle Ruf unſers Herrn und Heilandes Jeſu Chriſti, welcher einſt zu ſeinen Jüngern ſprach:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ſolcher iſt das Reich Gottes. Wem ſonſt als ihm möchten wir dieſes arme Kindlein weihen, der für uns in den bitterſten Tod ge⸗ gangen iſt und uns zuruft: Ich bin der Weg, die Wahr⸗ heit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn nur durch nich?! Welch größeres Gluck könnten wir dieſer Neugeborenen ſchenken, als daß wir ſie durch die heilige Taufe zu einem ſteten Eigenthume unſers Heilands machen, welcher will, daß da, wo er iſt, auch die bei ihm ſeien, welche ihm ſein himmliſcher Vater gegeben hat? Dieſer unſer liebevolle Heiland macht keinen Unterſchied unter den Menſchenkindern. Der Sprößling eines Königs iſt ihm nicht angenehmer als das Kind eines todeswürdigen Verbrechers, der um ſeiner großen Sünden willen in Ket⸗ 94 ten und Banden geſchlagen iſt. Vielmehr ſagt er aus⸗ druͤcklich:„Kommet her zu mir, Alle, die ihr mühſelig und beladen ſeid. Ich will euch erquicken. Bei mir könnt ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Nun, ſo wollen wir denn ohne Säumen dieſes Kind, welches durch ſei⸗ ner Aeltern Schuld bis jetzt nur die ungeſunde Gefäng⸗ nißluft einathmet und noch nicht der Sonne freundliches Antlitz geſehen hat, in die Arme unſers Heilandes legen, wo es beſſer aufgehoben iſt, als unter einem Königs⸗ mantel und Königsthrone. Welcher irdiſche König würde wohl noch Langmuth und Gnade gegen ſeine Untertha⸗ nen ausüben, nachdem ſie ſich gegen ſeinen Willen und ſeine Gebote ſo oft und vielmal widerſetzt hätten als die Menſchen gegen unſern Herrgott und deſſen Sohn? Da⸗ rum bekehren wir uns zum Herrn, bei welchem viel Ver⸗ gebung zu finden und deſſen Liebe unendlich iſt.“ In dieſer Weiſe ſprach der würdige Mann Gottes, noch weiter fort. Dann taufte er die kleine Maidſtone welche die Namen Johanna Gotthelfe erhielt. Dabei legte er es abſonderlich deren beiden Pathen, dem Kerkermeiſter und deſſen Frau, an's Herz, daß ſie nach ihrer Pathen⸗ pflicht nicht nur für das leibliche, ſondern mehr noch für das Seelenwohl des Kindes zu ſorgen hätten, wel⸗ ches Gott nicht ohne väterliche Abſicht ihnen zugewieſen habe. Schließlich wendete ſich der Prediger noch an die anweſenden Gefangenen.„Auch ihr“— ſprach er— „ſeid wie dieſes Kind zum Eigenthum des Herrn ge⸗ weihet worden. Aber ach, wie habt Ihr Euere in der heiligen Taufe gegebene Zuſage gehalten? Habt Ihr nicht 95 unſerm erſten Elternpaar es nachgethan, welches den fal⸗ ſchen Worten der liſtigen Schlange mehr glaubte, als dem Gebote ſeines allgütigen Schöpfers? Habt Ihr nicht deshalb, wie Adam und Eva, dafür Schande, Strafe, und Schmerzen eingetauſcht, welche ſtets die unausbleib⸗ lichen Begleiter der Sünde ſind? Trotzdem ergeht noch immer auch an Euch der Troſtesruf: Jeſus nimmt die Sünder an! Auf und ergreifet darum die zu Eurer Ret⸗ tung dargebotene Hand des Herrn, bevor es zu ſpät iſt und der Tag des Verderbens ſchnell über Euch hereinbricht.“ Nach einem inbrünſtigen Gebet beſchloß der geiſtliche Herr die heilige Taufhandlung, welcher Maidſtone in ſtummer Zerknirſchung, ſein Weib unter zahlloſen Thrã⸗ nen beigewohnt hatte. Simpſon und ſeine Frau dagegen glaubten als Pa⸗ then der kleinen Gotthelfe ein Anrecht auf dieſelbe er⸗ langt zu haben und darum erwieſen ſie dem Kinde ſo viel Gutes, als ſie zu thun im Stande waren. Dabei brummte Simpſon unaufhörlich, daß ſeine Frau den Nar⸗ ren an dem Verbrecherkinde gefreſſen habe, daß ſie es wie kaum ihr eigenes verhätſchele und ihre Zeit mit ſei⸗ ner Wartung verſchwende, allein er ſelbſt trug oft genug die Kleine auf ſeinem Arme umher, freute ſich über den muntern Blick aus ihren ſchönen, blauen Augen und uber jedes Lächeln und freudige Aufjauchzen des gedei⸗ henden Säuglings. 96 Achtes Kapitel. Das Urtheil. Frau Juſtitia, unter welcher die obrigkeitliche Gerech⸗ tigkeit und deren Pflege zu verſtehen iſt, verfolgte bis in die neueſten Zeiten einen ſehr langſamen und bedäch⸗ tigen Gang. Ueber ihren dicken und beſtäubten Akten⸗ ſtößen vergaßen nicht ſelten die Richter, daß die Thäter der in jenen weitläͤufig beſchriebenen Verbrechen ſeit Mo⸗ naten, ja ſelbſt ſeit Jahresfriſt, ihrem Strafurtheile im Gefängniß entgegenharrten. Bekanntlich ſtellten die alten Heidenvolker die Sünde als ein junges, raſch dahineilen⸗ des Frauenzimmer, die Strafe dagegen als ein altes, an zwei Krücken langſam nachhumpelndes Weib dar, welches ihre raſche Vorläuferin endlich doch einholte. Dieſes Bild paßt ganz auf unſere Frau Juſtitia. Maid⸗ ſtone hatte zu ſeinem Raubanfalle kaum fünf Minuten Zeit gebraucht und ſeine Frau ihren Diebſtahl in weni⸗ ger denn einer Minute vollbracht. Nach fünfmonatlicher Einſperrung kam endlich Johanna's Urtheil an, welches auf achtjährige Deportation nach Botanybai lautete. Als ihr ſolches mitgetheilt wurde, war ihre erſte, haſtige Frage die, ob ihr Mann mit ihr zugleich und vereint dieſes Loos zugeſprochen worden ſei? Davon ſtand nun freilich nichts in dem Urtheile geſchrieben, daher Jo⸗ hanna's Schmerz ein entſetzlicher war. Zwar hatte ſie während ihrer Haft im Ganzen nur dreimal ihren Mann 97 zu ſehen bekommen; allein ſie war doch mit ihm unter einem Dache geweſen, hatte täglich durch Simpſon Nach⸗ richt von ihm erhalten, wußte daher ſein Befinden und ſendete ihm ſein Töchterchen oftmals zum Troſte zu. Simpſon erſchöpfte ſich in Troſtgründen bei der ver⸗ zweifelnden Frau.„Dein Mann“— ſprach er—„ent⸗ läuft Dir nicht. Jedenfalls iſt ſein Urtheilſpruch auch gefällt und bereits unterwegs. Man ſchickt jährlich nicht viele Schiffe mit Verbrechern nach Botanybai und daher leidet's keinen Zweifel, daß auch Dein Mann mit demſelben Schiffe zugleich abſegeln wird. Die Weiber haben nun einmal den Vorrang in allen Stücken und werden darum eher nach dem Schiffe geſchafft als die Männer. Du dürfteſt ohnehin mit Deinem Manne nicht zuſammen rei⸗ ſen und von ihm ſelbſt auf der Ueberfahrt getrennt ſein, bis Euch endlich Votanhbai auf immer wieder vereinigt. Botanybai! ei, wer doch auch dorthin kommen könnte! Dort iſts viel ſchöner als in unſerm nebelreichen, meiſtens trüben England! Dort ſteht die goldene Sonne den ganzen Tag über am blauen Himmelszelte und reift die ſüßen Apfelſinen, Feigen, Ananas und Weintrauben, welche in Botanybai wild und den Menſchen in den Mund wachſen. Wie wird unſere kleine Gotthelfe luſtig jauchzen, erblickt ſie die goldnen Orangen unter den ſaf⸗ tigen grünen Blättern, ſaugt ihr liebes Mäulchen an einer ſüßen Feige, ſpielt ſie mit bunten Muſcheln im Sonnen⸗ ſchein am Meeresufer! Ach, unſere Gotthelfe! Wie ſchwer und ſchmerzlich wird uns allen Narren die Trennung von der Kleinen werden! Meine Frau weint ſich darüber die Der Kerkermeiſter von Norwich. 7 98 Augen aus dem Kopfe und ich— ja, ich zöge ſelbſt mit nach Botanybai, müßten wir nicht in England un⸗ ſere Tochter, deren Mann und Kinder zurücklaſſen.“ Der zur Abreiſe nach dem Hafen von Plymouth an⸗ geſetzte Tag erſchien. Schon am Abend vorher waren Eharlotte Brooklin nebſt ihrem Manne, ihren drei Kin⸗ dern und Eduard Wilkins in Norwich angekommen, um von ihrer ehemaligen Nachbarin und deren Mann Ab⸗ ſchied zu nehmen. Simpſon wollte nicht zugeben, daß Johanna ihren Mann noch vor ihrer Abreiſe ſähe und ſpräche. Allein endlich mußte er doch den vereinten Bitten und Flehen Johanna's und der Seinigen nachgeben. Es gab eine überaus rührende und angreifende Scene, als die bei⸗ den Ehegatten von einander Abſchied nahmen. Weinend ſegnete Maidſtone ſein Kind und ſeine halbtodte Frau, welcher er bald nachzukommen verſprach. „Ich hatte das wohl vorausgeſehen“— brummte Simpſon, als Johanna bei der endlichen Trennung von ihrem Manne bewußtlos zuſammenbrach—„und darum das leidige, zu nichts frommende Abſchiednehmen ver⸗ hindern wollen. Aber das Weibsvolk will Alles beſſer wiſſen. Nun haben wir die Beſcheerung. Draußen hält der Wagen reiſefertig und wir können uns nun noch erſt lange mit der ohnmächtigen Frau und dem ſchreien⸗ den Kinde plagen.“ Nachdem Johanna Maidſtone ihre xeſtnnung zurück⸗ erhalten hatte, nahm ſie, in Gedanken bei ihrem Gatten verweilend, die Abſchiedsgrüße, Händedrücke und Küſſe 89 ihrer Freunde faſt gleichgiltig ein. Man mußte ſie und ihr Kind auf den Wagen heben, welchen bereits zwei andere Weiber, die gleichfalls zur Deportation verurtheilt waren, beſtiegen hatten. Als Eduard Wilkins, welcher nebſt den Anderen den Wagen umringte, einen Blick auf jene zwei Weiber geworfen hatte, zuckte er erbleichend zu⸗ ſammen, ſprang bei Seite und bedeckte ſein Antlitz mit beiden Händen. „Was iſt Dir?“ fragte Wilhelm, Charlotten's älteſter Sohn, den erſchrockenen Knaben. Eduard blickte den Frager mit thränenden Augen an und flüſterte leiſe: „Jene Frau— mit dem rothen, aufgedunſenen Geſicht — neben Frau Maidſtone— iſt— iſt— meine Mutter!“ „Deine Mutter?“ verſetzte Wilhelm betroffen.„Kennt ſie mein Großvater als ſolche? Was gedenkſt Du zu thun, Eduard?“ Der Knabe kämpfte heftig mit ſich ſelbſt, doch nur eine kurze Minute. Dann ſprang er zum Wagen zurück, erkletterte ein Rad deſſelben, ſtreckte die Hand nach ſeiner Mutter aus und ſagte mit zitternden Lippen: „Lebt wohl, Mutter! Gott ſei mit Euch und ſchütze Euch! Wenn ich Euch nicht ſo geliebt habe und nicht ſo gehorſam gegen Euch geweſen bin, wie ich geſollt hätte, ſo vergebt mir. Ich will für Euch beten und“— „Herunter vom Rade, Junge!“ rief hier Simpſon, welcher gleichfalls Platz auf dem Wagen genommen hatte, mit zorniger Stimme.—„Fahr zu, Kutſcher!“ Eduard mußte herabſpringen. Seine Mutter öffnete 7 100 ihren Mund weit zu abſcheulichen Verwünſchungen ihres Sohnes, welche jedoch von dem Geräuſch des davon rol⸗ lenden Wagens verſchlungen wurden. Da erhob Jene noch drohend die Fauſt gegen den Knaben und ihre zornig rollenden Augen ſagten demſelben, was ihr Mund Böſes über ihn ausrief. Der unglückliche Knabe! Bitterlich weinend ſtand er in einen Winkel des Kerkerhauſes gedrückt. „Bemitleidenswerthes Kind!“ ſprach Charlotte ge⸗ rührt—„Du biſt noch unglücklicher als Johanna. Dieſe geht mit der treuen, vollen Liebe ihres Mannes davon, Dir dagegen hinterläßt Deine Mutter nichts als ihren ungerechten Fluch!“ Indeß fuhr der Wagen mit den drei gefangenen Frauen, mit der kleinen Gotthelfe, mit Simpſon und noch einem bewaffneten Aufſeher die Landſtraße dahin. Wie ſchon erwähnt worden, geſchah dieſe hier beſchriebene Be⸗ gebenheit im Jahre 1787, daher weder Eilpoſten noch viel weniger Dampfwagen die Reiſenden ſchnell an ihr Ziel führten. Auch ruhte das Fuhrwerk, welches die Gefangenen trug, nicht auf Stahlfedern und die Sitze darin waren nicht gepolſtert. Kaum daß eine feſte Decke und Seitenwände die Inſaſſen vor den Sonnenſtrahlen, vor Sturm und Regen ſchützten, welche man anzubringen ſicher unterlaſſen haben würde, hätte man außerdem nicht die Flucht der Gefangenen befürchten müſſen. Mit Aus⸗ nahme Johanna's, welche ihr Kind zu warten hatte und von welcher kein Fluchtverſuch zu beſorgen war, hatte man den rechten Arm der beiden anderen Weiber an die 101 Seitenplanken des Wagens feſtgebunden und dieſe Be⸗ vorzugung Johannas gab die erſte Veranlaſſung, duß jene von ihnen mit ihren giftigen Zungen angegriffen wurde. Sie verhöhnten in roher, unwürdiger Weiſe den Schmerz, welcher auf Johanna's leidensvollem Antlitz ausgeprägt lag, und die Thränen, die ihre Augen näß⸗ ten; ſie überhäuften das unglückliche Weib mit Schimpf⸗ und Schmähreden, die ſich ſelbſt bis auf das unſchuldige Kind erſtreckten, und drohten ihr endlich mit Thätlichkei⸗ ten, ſobald ſie in den freien Beſitz und Gebrauch ihrer Glieder zurückverſetzt ſein würden. Kurz, die beiden weib⸗ lichen Miſſethäter wetteiferten miteinander, zu zeigen, wie tief der Menſch in ſittlicher Beziehung fallen und ſich er⸗ niedrigen könne. Vergebens gebot Simpſon Ruhe; ver⸗ gebens bedrohte er ſie mit Züchtigungen; ja ſelbſt etliche von ſeinem Gehülfen ihnen beigebrachten derben Stöße und Knuffe blieben wirkungslos. Da riß endlich dem Kerkermeiſter die Geduld.„Gut denn,“— ſprach er, indem er zwei Knebel aus ſeinen Taſchen hervorlangte und zurecht machte,—„Ihr wollt es ſo haben: geſchehe dem alſo! Ihr ſollt ein Schloß vor Euern giftigen Mund gelegt bekommen und daſſelbe die ganze Reiſe hindurch nicht wieder ablegen dürfen, wenn Ihr Euern böſen Sinn nicht ändert. Ueberdieß will ich Euch, dafern Ihr Euch nichthruhig verhaltet, auch den andern, noch freien Arm, ſowie die Füße feſt zuſammen⸗ binden, ſo daß Ihr fortan ſtumm und unbeweglich wer⸗ den ſollt.“ 2 Simpſon erfüllte die erſtere Hälfte ſeiner Drohung 102 indem er mit dem Beiſtand ſeines Gehülfen dem Munde der Weiber einen Knebel anlegte, welcher ſie am Sprechen behinderte und nur abgenommen wurde für die Dauer des Eſſens und Trinkens. Zwang und Furcht bewirkten bei den verbrecheriſchen zwei Weibern mehr als Ermahnungen und Verbote. Nachdem ſie einige Stunden lang den fa⸗ talen Knebel getragen hatten, benutzten ſie deſſen erſte, wegen des Eſſens und Trinkens erfolgte, zeitweilige Ent⸗ fernung, um Simpſon flehentlich zu bitten, die nochma⸗ lige Anlegung zu unterlaſſen, indem ſie die größte Ruhe und Folgſamkeit angelobten. Johanna Maidſtone, welche noch voll des Trennungſchmerzes den ſie davon führen⸗ den Wagen eingenommen hatte, war zuerſt wieder durch Eduards Worte an ſeine Mutter gewaltſam aufgerüttelt worden. Trotz ihrer übergroßen Trauer hatte ſie ſo viel vernommen, daß das ihr zunächſt ſitzende Weib Eduards Mutter und mithin die Urheberin all ihres Elends war. Man kann ſich daher die Empfindungen und Gefühle der unglücklichen Frau denken, für welche die nahe Ge⸗ genwart und andauernde Geſellſchaft ihrer ärgſien Fein⸗ din und Zerſtörerin ihres ganzen Lebensglücks eine neue, entſetzliche Beigabe ihres traurigen Schickſals ſein mußte. Mit einem Entſetzen, wie man in der Nähe irgend eines giftigen Thiers empfindet, betrachtete Johanna diejenigen Hände, welche die ſo ſauer erworbenen Sparpfennige aus der Taſche ihres Mannes entwendet hatten und die Ver⸗ anlaſſung geworden waren, daß aus einem arbeitſamen und zufriedenen Manne ein Straßenräuber ſich gebildet hatte. Mit nicht geringerem Grauen blickte Johanna von 103 den Händen ihrer Nachbarin auf deren Antlitz, in wel⸗ chem ſich die gemeinſten Laſter abſpiegelten und das einen vämoniſchen Eindruck auf ſeinen Beſchauer machte. Ach, wie durfte man menſchliche Geſinnungen von einem Weibe erwarten, dem die heiligen Muttertriebe ſo ganz fremd geworden waren, das ſein zum Guten ſich gewendetes Kind deshalb verwünſchen und deſſen Abſchiedshand un⸗ ter rohen Flüchen von ſich ſtoßen konnte? In dieſe Be⸗ trachtungen verloren, achtete und hörte Johanna nicht auf die über ſie ausgeſchütteten Schmähreden ihrer beiden Nachbarinnen, welche durch dieſe ſtille Duldung noch gif⸗ tiger geſtimmt wurden und darum ihre Angriffe ſteigerten. Nachdem durch Simpſons Einſchreiten die Ruhe im Wa⸗ gen hergeſtellt worden war, ſprachen die beiden geknebel⸗ ten Weiber nur noch durch wüthende Blicke zu Johanna, welche ihr kleines Töchterchen als ein dagegen ſchirmen⸗ des Schild betrachtete und daher nur auf daſſelbe ihr Augenmerk gerichtet hielt. Nach einer beſchwerlichen Reiſe, deren Unannehmlichkeiten noch durch die Gegen⸗ wart der beiden rohen Verbrecherinnen erhöht wurden, langte Simpſon wohlbehalten in Plymouth an, in deſſen Hafen das Schiff zur Aufnahme und Ueberführung der nach Botanybai beſtimmten Verbrecher vor Anker lag. Bald hatte er ſeine amtlichen Förmlichkeiten bei den Behörden abgemacht und er beſtieg mit den drei Frauen und Jo⸗ hanna's Kinde ein Boot, das ihn hinaus in den Hafen und an das Seeſchiff bringen ſollte, das in ziemlicher Entfernung vom Ufer ankerte. Als Johanna das heimathliche Ufer zurücktreten und 104 die unruhig wogende See um ſich tanzen ſah, ging eine tiefe Bewegung durch ihr Herz, deſſen ſchmerzensvolles Schlagen ſie an der Bruſt ihres Kindes verbarg. Bald genug geſellte ſich zu dieſer Empfindung noch eine an⸗ dere von leiblicher Art, indem ſie von dem Schaukeln, dem Auf⸗ und Niedertauchen des Bootes ſchwindelig wurde. Nicht beſſer erging es den andern beiden Frauen, ſo wie auch dem Kerkermeiſter, der, obſchon auf einer großen Inſel lebend, doch noch nie auf der See geweſen war, ja ſie nicht einmal bis jetzt geſehen hatte. „Hm! brr!“ brummte Simpſon in ſich hinein.— „Botanybai mag ein noch ſo vorzügliches Land ſein und die Apfelſine dort ſo gemein wie bei uns eine Rübe oder eine Kartoffel; wenn ich aber Monate lang dieſes Schau⸗ keln, wobei Einem ganz quabbelig ums Herz wird, aus⸗ halten müßte, ſo bedanke ich mich ſchön für ein ſolches theuer erkauftes Paradies.“ Die Gefangenen ſammt ihrem Hüter waren ſchon nahe daran, die Seekrankheit noch im Hafen zu bekom⸗ men, da langten ſie glücklich am Bord des Seeſchiffes an. Deſſen Capitain erſchien auf dem Verdeck und an dem Rande der Schiffswand und ordnete die Aufnahme der zur Deportation beſtimmten Frauen an. Nicht etwa aus menſchenfreundlicher Rückſicht, ſondern aus Beſorg⸗ niß, daß die eine oder die andere der Frauen abſichtlich von der Strickleiter ins Meer ſpringen könnte, ließ man eine Art von Stuhl herab, in welchem je eine Frau em⸗ porgezogen wurde. Als zuletzt die Reihe an Johanna kam und Simpſon derſelben ihr Kind darreichte, rief der 1 105 Capitain unwillig herab:„Was ſoll der Wechſelbalg? Hinweg mit ihm!“ „Mit Gunſt, Herr Capitain!“ verſetzte Simpſon ge⸗ reizt—„kein Wechſelbalg, ſondern das ehelich geborene und chriſtlich getaufte Kind dieſer Frau iſts, welches das Loos ſeiner unglücklichen Mutter theilen muß.“ „Wo ſteht das geſchrieben?“ rief der Capitain zu⸗ rück.—„In meiner Anweiſung ſteht nichts davon und darum bleibt der Balg zurück.“ „Wenn nichts von dem armen Kinde in dem Pa⸗ piere ſteht“— antwortete Simpſon—„ſo verſteht ſichs von ſelbſt, daß es bei ſeiner Mutter bleiben ſoll. Wo⸗ hin ſollte es auch ſonſt? Es wird ja noch geſtillt und müßte ohne die Mutter demnach verſchmachten.“ „Meinethalben!“ rief der Capitain.„Uebrigens rathe ich Euch, Mosje Büttel, höflicher gegen einen Schiffs⸗ capitain zu ſein, welcher auf ſeinem Fahrzeuge unum⸗ ſchränkter Herrſcher iſt und Euch ſolches auf eine für Euch unangenehme Weiſe zeigen könnte. Der kleine Balg bleibt zurück, ſage ich zum letzten Mal. Matroſen! ahheio!“ Raſch zogen die Matroſen den Stuhl herauf und Johanna, welche in demſelben feſt gebunden war, ſtrebte vergebens und unter herzzerreißendem Geſchrei in das Boot und zu ihrem Kinde zurückzuſpringen, welches weinend mit ausgeſtreckten Aermchen nach der ſcheidenden Mutter langte. „Aber, gnädiger Herr Capitain!“ rief Simpſon, der ſich nun aufs Bitten legte—„wenn das Kind von ſei⸗ 106 ner Mutter getrennt werden und hier zurückbleiben ſollte, ſo müßte doch in meiner Inſtruction etwas davon er⸗ wähnt ſein und ich angewieſen werden, was ich mit dem Kinde anfangen ſoll. Man hat vielmehr gar nicht für nöthig befunden, ein Wort über das Kind zu erwähnen, weil daſſelbe, ſo zu ſagen, Eins mit ſeiner Mutter iſt. Sie werden doch nicht ſo hart ſein und das unſchuldige Würmlein dem Untergange preisgeben wollen? Auch in. meiner Inſtruction iſt des Kindes nicht gedacht; wenn ich nun eben ſo ſprechen wollte wie Sie, ſo nähme ſich ja niemand der Kleinen an.“ „Werft ſie ins Meer!“ ſprach der Capitain kalt. In dieſem Angenblicke wurde Johanna Maidſtone ihrer Banden entledigt und aus ihrem Zwangſtuhl befreit. Unter einem wilden Schmerzgeheule ſtürzte fie vor dem Capitain auf ihre Knie nieder. „Herr! Herr!“ äſcherte ſie mit bebenden Lippen und mit der namenloſeſten Todesangſt in ihren ſchmerzlich verzerrten Geſichtszügen—„um Jeſu willen! Gnade! Gnade! Laßt mir mein Kind! O mein liebes Kind! Habt Erbarmen, auf daß Gott ſich Eurer wieder er⸗ barme! Mein Kind! Meine Gotthelfe, die ohne die Mut⸗ terbruſt verſchmachten muß!“ „Unter Deck mit dem Weibe!“ gebot der Capitnin und etliche Matroſen näherten ſich Johanna, den Befehl ihres Herrn zu vollziehen. Doch Johanna klammerte ſich mit der Kraft der Verzweiflung an jeden Gegenſtand feſt, der ihr unter die Hände kam. „Mein Kind! O laßt mir mein Kind!“ ſchrie ſie in 107 Jammertönen, die einen Stein hätten rühren mögen.— Um Eurer Mutter willen, Herr, um Eures gekreuzigten Heilands willen, habt Erbarmen, Herr!“ O Gnade! Gnade! Mein Kind! und ich will nichts weiter auf der ganzen, weiten Welt!“ „Unter Deck mit ihr!“ wiederholte der unmenſchliche Capitain und Johana ſah ſich von rohen Fäuſten hin⸗ weggeriſſen und fortgeſchleppt. Die unglückliche Mutter erfüllte die Lüfte mit ihrem Wehgeſchrei:„Mein Kind! O laßt mir mein Kind! mein einziges Glück auf der Welt! O daß ich mit ihm jetzt ſterben, mit ihm mich in das Meer begraben dürfte! Gott, mein Gott, erhöre das Angſtgeſchrei einer armen Mutter, da Menſchen unerbittlich bleiben!“ Als Johanna der Decklucke nahe geſchleppt worden war, ſtieß ſie nur noch ein convulſiviſches Gekreiſch aus und dann beraubte ſie eine Ohnmacht ihrer Beſinnung. Dieſe Scene hatte Simpſon nur als Ohrenzeuge bei⸗ gewohnt, weil er mit dem weinenden Kinde Johanna's auf dem Arme im Boote zurückgeblieben war. Dennoch blutete ihm das Herz vor Mitgefühl und gerechtem Zorn. „Gott, mein Gott!“ murmelte er—„haſt Du keine Blitze, um dieſes Ungeheuer von Capitain zu zer⸗ ſchmettern? Dieſer Grauſame hätte eher zu einem Henker oder wenigſtens zu einem Negerſclavenhändler gepaßt als zu dem Capitain über ein chriſtliches Schiff. Er räth mir, Dich ins Meer zu werfen, arme Gotthelfe, wie man junge, blinde Kätzchen ertränkt! Nein, nein, dahin ſoll es nimmer kommen, mein Püppchen. Weine nicht mehr — 108 Du haſt mich noch und meine Alte und vor Allem: un⸗ ſern Herrgott, der einen Thrann, wie jener Schiffscapi⸗ tain iſt, noch zu züchtigen vermag. Doch, Du armes Kind, haſt nun keine Dich nährende Mutterbruſt und Muttermilch mehr. Das iſt das Schlimmſte! Was zu⸗ erſt nun beginnen?“ Alle dieſe Fragen legte ſich Simpſon auf der Rück⸗ fahrt nach dem Lande vor. Nachdem er mit Gott⸗ helfe das Ufer betreten hatte, erkundigte er ſich zunächſt, in welcher Zeit das Schiff mit den fortzuſchaffenden Ver⸗ brechern abſegeln würde. Dann miethete er einen Platz in dem erſten, nach London abfahrenden Poſtwagen, den er nebſt dem Kinde einnahm und davonfuhr. Reuntes Kapitel. Die Reiſe. Es war Nacht und dieſe ziemlich kühl. In der Gaſt⸗ ſtube eines an der Poſtraße gelegenen Dorfs brannte nur noch düſter ein dem Verlöſchen nahes Lämpchen und nicht weit von dem Tiſche, auf welchem es ſtand, ſchlief die wohlbeleibte Wirthin in einem weichen, hohen Lehn⸗ ſtuhle. Auf der Bank, welche auf zwei Seiten den gro⸗ ßen Kachelofen umgab, nickte das Schänkmädchen und zu ihren Füßen ſchnarchte ein großer, zottiger Hund⸗ Da ertönte ein eigenthümlich klingendes Peitſchenknallen 109 und ein mit vier Pferden beſpannter Poſtwagen kam da⸗ her gerollt und hielt vor dem Gaſthauſe. Der Hund fuhr zuerſt auf und begann zu bellen. Das Schänk⸗ mädchen rieb ſich gähnend die Augen und rückte ſich wieder zum Schlafen zurecht, als der Hausknecht herein trat und die träge Dirne mit den Worten anfuhr:„He Mary, faule Schnecke! hörſt Du nicht, daß der Poſtwa⸗ gen bei uns hält? Hurtig, tummle Dich und frage, was den Reiſenden gefällig iſt.“ Die Wirthin bewegte ſich bei dieſen Lauten und brummte gleichfalls unverſtändliche Worte gegen die Magd, welche jetzt der Thüre zuſchritt. In derſelben zeigte ſich Simpſon, in ſeinen Armen das wohl verwahrte Kind Johannas tragend, welches bitterlich weinte. „Liebe Maid,“ hob er zu dem Schänkmädchen bit⸗ tend an—„ſei ſo freundlich und halte dieſes Zieh⸗ fläſchchen mit Milch in etwas heißes Waſſer, damit meine arme kleine Gotthelfe ihren Durſt löſchen kann, den ſie lange genug im Poſtwagen hat erdulden müſſen. Denn ich konnte doch dem Kinde nicht die kalte Milch geben, die ihr Leibweh und wer weiß, was ſonſt noch, verurſacht haben würde. Bei dieſen Worten zog er ein Fläſchchen mit Nilch hervor, welches an ſeiner Oeffnung mit der gewöhnlichen Vorrichtung zum Trinken für kleine Kinder verſehen war. Hierauf legte Simpſon das Kind neben der Lampe auf den Tiſch und begann daſſelbe aufzuwickeln, wobei Gott⸗ helfe ſich lang und behaglich ausſtreckte und ihren wei⸗ 110 nenden Mund mit ihrer kleinen Fauſt verſtopfte, um be⸗ gierig an derſelben zu ſaugen. Jetzt ſchlich die Wirthin neugierig herzu.„Das arme, kleine Weſen“— ſprach ſie bedauernd,—„wie verdurſtet es iſt! Wird es denn nicht mehr geſtillt und wie kommts, daß Ihr, und nicht ſeine Mutter, Euch mit ihm abgebt?“ „Das iſt eine lange und traurige Geſchichte,“ verſetzte Simpſon—„und daher jetzt nicht die Zeit zum Erzählen derſelben. Nur ſo viel ſage ich Euch, daß dieſe arme Kleine ihrer Mutter und deren Bruſt auf eine Weiſe entriſſen worden iſt, wobei die als Augenzeu⸗ gen zugegen geweſenen Fiſche, trotz ihrem kalten Blute, gewiß heiße Thränen mitgeweint haben. Ein Ungeheuer von Schiffscapitain, den unſer Herrgott noch mit ſeiner ſchmerzendſten Zornruthe dafür züchtigen wird und den Altengland wohl nur einmal aufzuweiſen hat, dürfte an dem Kinde wie an deſſen Mutter zum Mörder werden⸗ Das unglückliche Weib, die Mutter dieſes Kindes, iſt vor dem Tyhrannen, wie ein geſchlagener Hund auf ihren Knieen herumgerutſcht und hat ihn um Belaſſung des armen Würmleins angefleht, daß das Theer in den Schiffsfugen weich wurde, nur nicht des Schiffscapitains Herz.“ Hier brachte das Schänkmädchen die Milchflaſche und Simpſon war im Begriff, ſolche dem darnach gierig lan⸗ genden Kinde in den weit geöffneten Mund zu ſtecken, als die Wirthin ihm zuvorkam und die Milch koſtete. Schnell aber ſpuckte ſie den genommenen Schluck wieder weg und ſprach mit dem Zeichen des Ekels: 111 „Die Milch iſt ja ſauer! Dieſe darf das Kind nicht trinken, wenn es nicht krank werden ſoll.“ „Sauer?“ fragte Simpſon beſtürzt.„Ha! welche neue Schändlichkeit! In Plymouth, wo ich die Rilch ſammt der Flaſche theuer genug erkaufte, bat ich aus⸗ drücklich die Milchverkäuferin um gute, geſunde Milch für meine Gotthelfe, die ich unerfahrner Mann ſo unerwartet der Muttermilch entwöhnen mußte, was daheim ſchon eine ſchlimme Sache iſt, geſchweige auf einer ſo weiten Reiſe, die ich mit dem Kinde nach London und, im gün⸗ ſtigen Falle, wieder nach Plymouth zurück machen muß. Das habe ich dem ſchändlichen Weibe ausdrücklich geſagt, ihre Milch theuer bezahlt und bin dennoch von ihr betro⸗ gen worden! O Plhmouth! biſt Du denn ein Sodom und Gomorrha, das der Herr wegen ſeiner böſen Bewoh⸗ ner mit Feuer und Schwefel vom Erdboden vertilgen möchte?“ „Nun, ereifert Euch nicht zu ſehr,“ erwiederte die Wirthin, welche ihrem Dienſtmädchen aufgetragen hatte, andere gewärmte Milch herbeizuholen—„und verdammt nicht gleich jene Frau; die Milch kann ja erſt unterwegs und zwar durch das Rütteln im Poſtwagen ſauer gewor⸗ den ſein. Aber dulden es denn die übrigen Paſſagiere, daß das kleine Weſen ihnen unaufhörlich die Ohren voll weint oder ſchreit? Ich kenne das aus Erfahrung und habe ſtets bei dem Entwöhnen meiner Kinder mehr wie einen unruhigen Tag und noch ſchlimmere Nächte aus⸗ ſtehen müſſen.“ „Meine Gotthelfe füͤhrt ſich vernünftiger auf“— 112 antwortete Simpſon—„als tauſend andere Kinder. Das kommt daher, weil ſie von ihrer Geburt an mit Noth zu kämpfen gehabt hat und darum dieſelbe eher gewohnt worden iſt als andere Kinder. Allerdings hat ſie zu Zeiten in dem Poſtwagen gejammert, geweint und auch wohl zuweilen geſchrieen. Wenn nun die andern Mitreiſenden deshalb zürnten, ſo erzählte ich ihnen, welche Bewandtniß es mit dem Kinde habe, und dann trat jedes⸗ mal das Mitleid an die Stelle des Zorns. Denkt ihr denn,“— ſprach ich,—„daß ich die Kleine nur zu mei⸗ nem Spaße mit mir herumſchleppe? Ich alter Mann, der ich mich nie um die Wartung und Verpflegung meiner eige⸗ nen Kinder, als ſie noch klein waren, gekümmert, ſondern ſolches meiner Frau überlaſſen habe, muß jetzt noch die Kinderfrau machen. Doch ich höre draußen den Poſtillon ungeduldig mit der Peitſche knallen. Nur dem Kinde zu Liebe und auf mein Bitten hat er hier angehalten. „Sagt, was bin ich ſchuldig für die Milch?“ „Ach, was wird dafür ſein?“ entgegnete die Wirthin —„Nichts, gar nichts! Da habt Ihr noch etliche Zwie⸗ bäcke für die Kleine und ein warmes Tuch, in welches Ihr ſie beſſer gegen die Nachtkälte ſchützen könnt. Wie munter und treuherzig die kleine Schmerle Einen nun anſehen kann, nachdem ſie ſich ſatt getrunken hat! Gieb mir ein Mäul⸗ chen, Püppchen, und reiſe glücklich.“ Dankſagend nahm Simpſon das Kind und eilte mit ihm in den Poſtwagen zurück. Die Reiſe dauerte etliche Tage, während welchen Simpſon mit der Treue und Aufopferung einer Mutter für Gotthelfe ſorgte. Dieſe gewöhnte ſich 113 ſchnell an ihre neue Wärterin und vergalt die ihr be⸗ wieſene Pflege durch Ruhe und Folgſamkeit. Endlich langte Simpſon in London an. Der Kopf ſchwindelte ihm, als er die große Stadt mit ihren zahlloſen Stra⸗ ßen, Gaſſen, Plätzen und ihrem Häuſermeer betrat. Wie unter den Hunderttauſenden von Bewohnern den Einzel⸗ nen auffinden, von welchem allein er Hülfe für die arme Johanna Maidſtone verhoffen durfte? Ach, dieſer Eine war nächſt dem Könige der mächtigſte Mann im ganzen Lande, war der Miniſter Sidney, derſelbe, welcher vor Jahren jenes kurze Examen mit den drei Bewerbern um die Kerkermeiſterſtelle gehalten hatte. Damals war der Miniſter in Norwich geweſen und da jene drei Män⸗ ner zu ihm beſtellt geweſen waren, ſo hatten ſie ihn auch leicht auffinden können in dem ungleich kleineren Norwich. Aber jetzt! Zunächſt mußte er ſich der klei⸗ nen Gotthelfe zu entledigen ſuchen, mit welcher er un⸗ möglich des Miniſters Haus betreten durfte. An wen ſich aber deshalb wenden in der ungeheuern Stadt, wo er keinen einzigen Freund oder Bekannten beſaß? Zum Glück entſann er ſich eines Soldaten von der Garniſon Norwichs, mit welchem er wiederholt zuſammengekommen war und deſſen Bekanntſchaft er gemacht hatte. Dieſer Soldut war der Sohn einer Höckerin, welche ihren Kram auf dem Heumarkt feil bot und deren Namen er wufßte. Nach vielem Fragen gelangte er auf jenen Platz und zu der Höckerin, welcher er ſich als den Kerkermeiſter von Norwich und als den Bekannten ihres Sohnes zu erken⸗ nen gab. Zugleich erzählte er i die rührende Geſchichte Der Kerkermeiſter von Norwich. 8 114 von dem bei ſich führenden Kinde und bat die Höckerin, daſſelbe einſtweilen in ihre Obhut zu nehmen, bis er ſein Anliegen dem Miniſter vorgetragen haben würde. Arme und niedrige Leute ſind in der Regel theilneh⸗ mender und mitleidiger als reiche und vornehme, welche oft nicht wiſſen, was Noth iſt und wie dieſelbe drückt. Daher ſetzte Frau Fielding kein Mißtrauen in die Worte Simpſons, die überdieß zu offenbar das Gepräge der Wahrheit trugen, und bezeigte ſich bereitwillig, gern das Anliegen des Kerkermeiſters zu erfüllen. „Aber“— ſprach ſie—„hier bei meinem Krame kann das Kind nicht bleiben, wo ich weder zu eſſen noch zu trinken, kein Lager, keine Wiege, nichts für daſſelbe habe. Ich werde es daher meiner Tochter übergeben, welche an einen Dockarbeiter verheirathet iſt, ſelbſt kleine Kinder beſitzt und nicht gar weit von hier wohnt. Wer aber behütet indeß meinen Kram, damit in meiner Ab⸗ weſenheit nichts davon entwendet wird? Denn das Steh⸗ len wird, leider Gottes, immer ſchamloſer in London betrieben.“ „Ich, ich will der Hüter ſein“— rief Simpſon feu⸗ rig aus.—„Wie ein Höllenhund einen großen Schatz, will ich Euren Kram bewachen und im Nothfalle aufs Aeußerſte vertheidigen.“ „Gut!“ verſetzte die Höckerin lächelnd—„Gebt mir Eure hübſche Blaugucke und wenn Ihr müde ſeid, ſo ſetzt Euch hier in mein Faß. Ich werde mich ſputen, daß ich nicht lange ausbleibe. He, mein Täubchen, wirſt Du auch willig mit mir gehen wollen?“ 115 „Ich hoffe es“— ſprach Simpſon, der Frau das Kind einhändigend.„Die Kleine iſt bereits durch ſo viele Hände gewandert, daß ſie das Wandern gewohnt worden iſt. Da haſt Du auch einen Zwieback mit auf den Weg, Gotthelfchen, den ich von der guten Wirthin in Levingſton noch übrig behalten habe. Sei hübſch ar⸗ tig, Kind, und mache mir keine Schande durch Weinen oder Schreien.“ Gotthelfe machte zwar ein betrübtes Geſicht und ver⸗ zog weinerlich ihren Mund, als ſie Simpſon der Höcke⸗ rin übergab, allein der geſpendete Zwieback bewies ſich als ein guter Tröſter und ſtellte das freundliche Wetter in Gotthelfes Antlitz ſchnell wieder her. Simpſon war von dem anhaltenden Umherwandern auf dem Straßenpflaſter, ſowie von dem Tragen des Kindes und der anhaltenden Reiſe nicht wenig ermüdet und angegriffen. Daher nahm er Platz in dem Sitze⸗ faſſe der Höckerin, wo er ſichs ſo bequem wie möglich machte. Dabei überdachte er, was ihm Alles begeg⸗ net war. „Drollig! Fabelhaft!“— lachte er in ſich hinein. „Der Kerkermeiſter von Norwich erſt eine Kindermuhme auf ſeine alten Tage und nun gar noch eine Obſthöcke⸗ rin! Bisher Verbrecher gehütet und jetzt unſchuldige Früchte, Kuchenſtücken, Semmelwecken, Backobſt und an⸗ dere Sächelchen, deren Kaufpreis ich nicht einmal weiß. Wie nun, wenn Käufer kommen ſollten? Ha! daran habe ich noch gar nicht gedacht, ſonſt hätte ich mir die Preiſe von Frau Fielding angeben laſſen. Aber wie hätte 8* 116 ich dieſe alle im Kopfe behalten können, der mir ohne⸗ hin wie eine Laterne iſt. Ehe ich die wackere Frau in Schaden bringe, will ich lieber etwaige Käufer durch hohe Preiſe zuruckſchrecken. Hei! wenn mich jetzt meine Frau hier ſitzen ſäh'! Oder meine Tochter Charlotte oder deren Mann! Oder ein Norwicher, oder gar der Mi⸗ niſter!“ Bei dieſem Gedanken ſprang Simpſon erſchrocken aus dem Sitzefaſſe heraus und auf ſeine taumelnden Füße.„Er jagte mich vom Dienſte!“ murmelte er. „Ob er mich wohl noch kennte? Unmöglich! Pfui, Simp⸗ ſon! ſchäme dich deiner Furcht! Du biſt ja nicht auf ſchlechten Wegen und wenn ſeine Herrlichkeit, der Herr Miniſter, jetzt wirklich herzuträte und dich als Kerker⸗ meiſter von Norwich erkennte, ſo hätteſt du ja die beſte Gelegenheit, ihm dein Anliegen vorzutragen. Ach, wenn er doch wirklich käme, der liebe Lord Sidney!“ Simp⸗ ſon ſtieg wieder in das Sitzefaß hinein und ſah ſich ver⸗ angend auf allen Seiten nach dem Miniſter um. Statt ſdeſſen näherten ſich zwei Knaben, deuteten auf ein Körb⸗ chen mit Kirſchen und fragten:„Was koſtet das Schock?“ „Einen Schilling!“ ſprach Simpſon barſch. Erſtaunt blickten die Knaben einander an.„Einen Schilling?“ wiederholte dann der Aeltere—„Ihr meint wohl das ganze Körbchen? Wir aber fragten bloß nach dem Preiſe eines Schockes.“ „Das Schock koſtet einen Schilling!“ ſprach Simp⸗ ſon beſtimmt. „Ha! geſtern kauften wir das Schock mit einem Pence bei Frau Fielding“— rief der Jüngere. 117 „Das kann ſein,“— erwiederte Simpſon—„aber heute koſtet das Schock einen Schilling, weil die Kirſchen über Nacht erfroren und darum ſehr theuer gewor⸗ den ſind.“ „Du, erfroren!“ ſagte der eine Knabe zum andern, —„in einer Julinacht! Mit dem rappelt's!“ Lachend gingen ſie. Eine Frau kam jetzt und fragte: „Wie theuer das Viertelmäßchen gedörrte Pflaumen?“ „Einen Schilling!“ antwortete Simpſon ernſthaft. „Er iſt von Sinnen!“ murmelte jene und entfernte ſich kopfſchüttelnd. Ein kleines Mädchen kam nun und ſprach:„Für einen Pence zwei ſolche Pfefferkuchen, wie ich geſtern bekommen habe.“ „Sind alle geworden!“ antwortete Simpſon kurz. „J, da liegt ja eine ganze Menge im Korbe!“ lachte die Kleine, mit dem Finger auf die von ihr begehrte Waare zeigend. „Davon koſtet das Stück einen Sixpence“— ver⸗ ſetzte Simpſon. Dem Mädchen blieb der Mund offen ſtehen vor Ver⸗ wunderung. Sie wagte kein Wort zu erwiedern, ſondern trat, den ſonderbaren Verkäufer ſtarr anſehend, ihren Rüͤckweg an. „Die hätte ich glucklich mir vom Halſe geſchafft!“ brummte Simpſon—„ob mir's aber immer ſo gelingen wird, iſt die Frage.“ Ein wohlgekleideter Herr, von dem Anſehen eines Gentlemen, trat jetzt zu dem Krämer, ließ ſeine Blicke prüfend umherwandern, ſuchte ſich dann drei der ſchönſten 118 Apfelſinen heraus, begann ſolche in ſeine Taſche zu ber⸗ gen und fragte dabei kurz:„Wie viel?“ Hier war's mit Simpſons Weisheit zu Ende und da⸗ her groß deſſen Verlegenheit. „Ach, gnädiger Herr“— ſprach er bittend—„ich bin hier blos Hüter des Krams und kenne daher die Preiſe durchaus nicht. Geben Sie ſo viel als ſie glau⸗ ben, daß Frau Fielding, welche ſo eben mir und einem armen Kinde einen großen Liebesdienſt erweiſet, keinen Schaden dabei erleidet.“ „Gut!“ erwiederte der Herr—„für drei ſolche Apfelſinen bezahle ich in der Regel mehr nicht wie einen Schilling. Weil Ihr aber an meinen guten Willen ap⸗ pellirt, ſo gebe ich Euch zwei Schillinge. Da, nehmt!“ „Tauſend Dank! gnädiger Herr!“ rief Simpſon er⸗ freut.„Da Sie ein ſo überaus lieber Herr ſind, ſo hätte ich noch eine Bitte an Sie zu thun. Können Sie mir vielleicht ſagen, wo Seine Herrlichkeit, der Herr Mi⸗ niſter Lord Sidney, wohnt?“ „Robſanſtreet, Nr. 63“— erwiederte der Herr kurz. „Und wann kommt man ihm gelegen?“ fuhr Simp⸗ ſon fort.—„Zu welcher Zeit könnte ich ihn ſprechen?“ „Ihr?“ fragte der Herr erſtaunt und lächelnd.„Ihr wollt mit dem erſten Miniſter des Königs von England ſprechen?“ „Ich muß“— verſetzte Simpſon—„es hängt das Glück, ja wohl gar das Leben zweier Menſchen da⸗ von ab.“ Weiter nichts?“ entgegnete der Herr geringſchätzig“— 119 „Ha! dann dürfte es Euch ſchwerlich gelingen, bis vor den Herrn Miniſter zu dringen, welcher der geplagteſte Mann im ganzen Lande iſt. Ja, guter Freund, viel vor⸗ nehmere Herren als Ihr, welche ungleich Wichtigeres mit dem Miniſter zu ſprechen haben, müſſen davon zu⸗ rückſtehen und unverrichteter Sache heimkehren, nachdem ſie der Tage viele in den Vorzimmern des Miniſters wartend geſtanden haben.“ „Zu meinem Gott kann ich kommen und mit ihm ſprechen, wann und ſo oft ich will“— ſprach Simpſon. „Ja, zwiſchen Gott und dem erſten Miniſter Eng⸗ lands iſt auch ein großer Unterſchied“— lachte der Herr—„und ich rathe Euch, daß Ihr Euch mit Euerm Anliegen eher an jenen als an dieſen wendet, indem bei dem Miniſter alle Eure Mühe vergeblich ſein dürfte.“ Hier ging der Herr und ließ den Kerkermeiſter in großer Beſtürzung zurück. „Das ſind troſtloſe Ausſichten“— ſeufzte Simp⸗ ſon.„Sollten alle meine Bemühungen vergeblich geweſen ſein? Das unglückliche Weib ohne ihr Kind an's Ende der Welt reiſen müſſen? Doch, halt! wie war's damals mit meiner Anſtellung als Kerkermeiſter? Hatte ich da nicht auch kein Fünkchen Hoffnung, mein Amt zu er⸗ langen? Und dennoch erhielt ich's. Und jetzt, da du nicht einmal für dich ſelbſt bitteſt, willſt du alle Hoffnung aufgeben? Hat nicht der liebe Gott ſo recht ſichtlich dein Unternehmen bisher begünſtigt, indem du überall auf mit⸗ leidige Menſchen ſtießeſt, welche dir liebreich Beiſtand leiſteten? Hier in dem unermeßlichen London finde ich „ 120 eine mir fremde Frau, welche mir ihren ganzen Kram ohne Argwohn anvertraut, ja ſelbſt ihre Kaufſchillinge zurückgelaſſen hat, und ich ſollte nicht ferner auf Gott vertrauen, der überſchwenglich mehr thun kann, als wir bitten und verſtehen? Darum Muth, Simpſon! Muth, alter Knabe!“ Zehntes Eapitel. Der Miniſter. Frau Fielding kehrte bald zurück und war mit ihrem Stellvertreter ſehr zufrieden, weil derſelbe in ſo kurzer Zeit für zwei Schillinge Waare verhandelt hatte, welche in der That nur Einen werth war. Sie ermunterte Simp⸗ ſon, ja nicht den Muth zu verlieren und ſich nicht ſo⸗ gleich von des Miniſters Leuten abſchrecken und zurück⸗ weiſen zu laſſen. „Freilich“— ſprach ſie—„muß man, um bei den Dienern vornehmer Herren geſchmeidige Rücken und flinke Füße zum Anmelden zu finden, ihnen die Hände mit Silber⸗ oder Goldglanz einſchmieren; doch wer das nicht kann, muß ſich durch Keckheit zu helfen wiſſen. Nur nicht gar zu demüthig gegen das übermüthige Diener⸗ geſchmeiß gethan, weil man dadurch nie zum Ziele kommt.“ Simpſon ging und ſuchte die Robſanſtraße auf. Als 121 er ſich daſelbſt dem Palaſt des Miniſters näherte, begann ihm das Herz unruhiger zu pochen. Die Worte des geſtrigen Apfelſinenkäufers fielen ihm ein und machten ſeinen Muth ſinken. „In Gottes Namen denn,“ ſprach endlich Simpſon und plötzlich kehrte ihm bei Nennung des göttlichen Na⸗ mens der Muth zurück.„Ich gehe ja mit meinem Gott“ — ſprach er—„und auf ſeinen Wegen. Des Miniſters Palaſt iſt ja keine Löwengrube und ſeine Dienerſchaft ſind keine Menſchenfreſſer.“ Getroſt durchſchritt er die Hausflur, ſtieg er die breite Treppe hinan und trat in das erſte Vorzimmer, wo mehrere Diener mit einander ſchwatzten. „Melden Sie mich, den Kerkermeiſter von Norwich, bei ſeiner Herrlichkeit, dem Herrn Miniſter“— hob er zu dem einen Diener an.„Ich habe in einer wichtigen und dringenden Angelegenheit mit ihm zu ſprechen.“ Der Diener iaß den ſchlicht gekleideten Simpſon vom Kopf bis zu den Füßen und ſchlug dann eine ih niſche Lache auf. „Meiner Treu!“ ſprach er zu ſeinen Kameraden— „was man noch Alles erlebt! Seine Herrlichkeit, der Lord Kerkermeiſter von Norwich, begehrt mit unſrer Herrlich⸗ keit vertraulich unter vier Augen zu ſprechen. Gewißlich des Herrn Miniſters wertheſter Herr Gevatter oder gar deſſen Milchbruder, he?“ Ueber dieſen elenden Witz brachen ſämmtliche Diener in ein lautes Gelächter aus und überſchütteten den ge⸗ foppten Kerkermeiſter mit Blicken des Spottes und Hohns 122 Schon wollte Simpſon ſich aufs Bitten legen und den herzloſen Burſchen die ganze rührende Geſchichte Johan⸗ na's und ihres Töchterchens erzählen, als ihm die Worte der Höckerin einfielen. Da warf er den hohnlachenden Bengeln einen ernſt ſtrafenden Blick zu, richtete ſich hoch und ſtolz auf und ſchritt, ohne ein Wort zu ſagen, der nächſten Thüre zu. Als er dieſe öffnete, eilten ihm zwei von den Dienern nach, um ihn zurückzuhalten. Allein er ſtieß ſie mit ſtarker Fauſt zur Seite, daß ſie taumel⸗ ten, und ſetzte ſeinen Weg durch das nächſte leere Zim⸗ mer fort. „Laß ihn, Jakob!“— ſprach der eine von den bei⸗ den Dienern, welche Simpſon zurückgeſtoßen hatte— „Laß den Grobian laufen! Du ſiehſt ja, daß er fehl geht und in die Expedition rennt, wo ihn die Secretairs ſchon fortfenſtern werden.“ In der That gelangte Simpſon in ein Zimmer, wo er mehrere Herren am Schreibtiſche ſitzen fand. „Was wollt Ihr?“ fragte einer von ihnen den Ker⸗ kermeiſter, welcher weiter ging. „Unſer allerhöchſter Herr ſendet mich mit einem drin⸗ genden Auftrage an ſeine Herrlichkeit“— antwortete Simpſon beſtimmt. „Wie? Der König?“ rief der Seeretair betroffen aus. „Der König!“ bejahte Simpſon doppelſinnig, indem er leiſe hinzuſetzte—„der König aller Könige.“ Ungehindert ging er weiter. Da kam er in ein drit⸗ tes Zimmer, in welchem ein einzelner Herr an einem Stehpulte ſchrieb. Schon glaubte Simpſon vor dem Mi. 123 niſter zu ſtehen und begann daher mit etwas zitternder Stimme:„Ach, gnädigſter Herr! verzeihen Sie meiner Kühnheit, daß ich es wage, unangemeldet bis zu Ihnen vorzudringen. Aber die Diener wollten mich nicht mel⸗ den, vielmehr zurückweiſen, und gleichwohl iſt meine An⸗ gelegenheit die dringendſte von der Welt.“ Verwundert drehte ſich der angebliche Miniſter nach dem Sprecher um und dieſer erkannte in ihm den Apfel⸗ ſinenkäufer wieder. Auch hatte er richtig noch zwei der ſüßen Früchte vor ſich auf dem Pultſimſe und die Scha⸗ len der dritten, bereits genoſſenen liegen. „Himmel!“ rief Simpſon betroffen aus—„Ihre Herrlichkeit iſt's ſelbſt, die vorhin mir die Apfelſinen abkaufte!“ „Nicht doch!“ entgegnete jener lächelnd—„Nur der erſte Secretair des Miniſters bin ich. Ihr aber, was führt Euch ſo unerwartet in meine Expedition?“ Leichtern Herzens erzählte Simpſon die ausführliche Geſchichte Johanna's und ihres Kindes und flehete ſchließ⸗ lich den Secretair des Miniſters um ſeine Verwendung bei demſelben an. Der Secretair hatte nicht ohne Rüh⸗ rung Simpſons ungeſchminkte Rede mit angehört.„Ich will ſogleich“— ſprach er—„die Erlaubniß für das Kind zur Wiedervereinigung mit ſeiner Mutter ausferti⸗ gen und ſolche dem Miniſter zur Genehmigung und Un⸗ terſchriſt vorlegen. Fragt in drei bis vier Tagen hier wieder nach, denn bei des Miniſters überhäuften Ge⸗ ſchäften iſt an eine frühzeitigere Abwickelung Euerer An⸗ gelegenheit nicht zu denken.“ 124 „In drei bis vier Tagen?“ rief Simpſon erſchrocken aus.„Guter Gott! indeß ſegelt das Schiff mit Gott⸗ helfes Mutter davon und alle meine Mühen ſind vergeb⸗ lich geweſen. Heute— in dieſer Stunde noch muß die Hülfe kommen, wenn nicht Alles verloren ſein ſoll.“ Der Secretair zuckte die Achſeln.„Unmöglich!“ ſprach er—„Bei dem beſten Willen unmöglich. Denn der Miniſter will ſo eben ausfahren und kehrt vielleicht erſt übermorgen oder ſpäter noch von ſeiner amtlichen Reiſe zurück.“ „Gott ſtehe mir und der unglücklichen Mutter ſammt ihrem armen Kinde bei!“— rief Simpſon voll Ver⸗ zweiflung—„Ich gehe, mich dem Miniſter bei dem Einſteigen in den Wagen zu Füßen, ſo ſelbſt vor die Pferde zu werfen, bis ich ſein Mitleiden und ſeine Hülfe errungen habe.“ Und Simpſon eilte ſchneller zurück, als er gekommen war. An der Treppe angelangt, erblickte er den Miniſter auf den letzten Stufen derſelben und im reiſefertigen An⸗ zuge. In großen Sprüngen die Treppe hinabeilend, ſchrie Simpſon, indem er ſeine Arme hüulfeflehend aus⸗ ſtreckte, mit beweglicher Stimme:„Gnade, Gnade, Eure Herrlichkeit, Gnade! Nicht für mich, ſondern für einen armen, hülfloſen Säugling, dem man mit der Mutter zu⸗ gleich die Ernährerin rauben will.“ Der Lord wendete ſich betroffen nach dem Schreier um und da er in demſelben einen gemeinen Mann er⸗ blickte, ſo wendete er ſich verdrießlich wieder zum Wei⸗ tergehen. * ——— —————— 125 „O Mylord!“ flehte Simpſon dringender—„geben Sie nicht zu, daß man den Namen und Ruhm Eng⸗ lands ſchände! Verhindern Sie, daß ein menſchliches Ungeheuer eine That vollbringe, vor welcher die Menſch⸗ heit ſchamroth ihr Antlitz verbergen muß und durch de⸗ ren unausbleibliches Kundwerden Ihr erhabener Ruf geſchmälert würde. Machen Sie durch ein einziges Wort der Gnade, daß die Welt von Ihrer Herzensgüte und Großmuth wiederertöne aller Orten und Enden.“ Was die chriſtliche Nächſtenliebe nicht vermocht hatte, bewirkte die Ruhmſucht. Der Lord blieb ſtehen; ſein zorniges, finſteres Antlitz hellte ſich auf und mit gelaſſe⸗ ner Stimme ſprach er zu dem indeß herbeigeſprungenen Simpſon: „Wer biſt Du? Welches iſt Dein Geſuch?“ „Ich bin der Kerkermeiſter Simpſon von Norwich“ — erwiederte dieſer unterwürfig—„und war von der Regierung beauftragt worden, drei von meinen weiblichen Gefangenen, die zur Deportation nach Botanybai verur⸗ theilt worden ſind, nach Plymouth auf das Schiff zu ſchaffen.“ Eine von ihnen, die deshalb nur geſtohlen hat, um mit ihrem gleichfalls zur Deportation verurtheil⸗ ten Mann wieder vereinigt zu werden, beſitzt ein ſtillen⸗ des Kind von fünf Monaten. Dieſes mit der Mutter zugleich in's Schiff aufzunehmen, hat ſich deſſen grauſa⸗ mer Befehlshaber geweigert, obgleich ich meine Bitten mit dem Flehen der armen Mutter vereinigt habe. My⸗ lord, ſtellen Sie ſich die Lage der unglücklichen Mutter vor, die, von ihrem Liebſten auf Erden getrennt, alleweile im 126 dunkeln Schiffsraume verzweiflungsvoll die Haare ſich aus⸗ rauft, ihre Bruſt mit Fäuſten ſchlägt, heiße Ströme von den bitterſten Zähren vergießt und die dumpfe Luft um ſie her mit ihrem Jammergeheul erfüllt. Werfen Sie, Mylord, einen andern Blick auf die unſchuldige Kleine dieſer Mut⸗ ter, die ſo plötzlich der nährenden Quelle an der Mutter⸗ bruſt beraubt worden iſt; hören Sie ihr leiſes, klägliches Wimmern und Weinen, ſehen Sie ihre blauen Aeuglein mit bittern Thränen gefüllt und alle ihre Glieder ſchmerz⸗ lich zucken; fühlen Sie den angſtvollen Schlag des kleinen, ſchuldloſen Herzchens. Mylord, ich bin ein harter Mann, unter meinen Gefangenen ergraut und für weiche Gefühle abgeſtorben. Aber dennoch hat mein Herz geblutet, als ich die verzweifelnde Mutter nach ihrem Kinde ringen ſah und ihr Wehgeſchrei zu meinen Ohren ſchlug. Achtzig Meilen habe ich mit dem Kinde auf meinem Schooß, ohne Unterbrechung, bis hierher zurückgelegt. Wohin ich kam, mit wem ich zuſammentraf, hatte Mitleid mit der kleinen Waiſe. Alle ſtanden mir in der Pflege des armen Kindes bei und ſelbſt in dieſer großen, mir gänzlich fremden Stadt hat ſich eine arme Höckersfrau der Kleinen angenommen und ſie bei ihrer Tochter einſtweilen untergebracht, während ich hierher zu Eurer Herrlichkeit geeilt bin. Mylord, nein, Sie werden nicht weniger menſchenfreundlich geſinnt ſein als andere fremde Leute. Unſer Herrgott hat Ihnen eine große Gewalt über viele Millionen Menſchen anvertraut. Mylord, ein Wort der Gnade aus Ihrem Munde für die unglückliche Mutter ausgeſprochen und gewiß! unſer Herr⸗ 127 gott wird Sie einſt als einen treuen Knecht über noch mehr ſetzen als hier ſchon auf Erden geſchehen iſt.“ „Simpſon heißeſt Du?“ entgegnete der Miniſter lä⸗ chelnd—„Nun, in der That, Du führeſt Deine Zunge nicht minder rührig als Dein Namensvetter einſt den Eſelskinn⸗ backen, womit er tauſend Philiſter erſchlug. Laß uns wie⸗ der umkehren, damit ich Dein Geſuch erfülle.“ Tief gerührt und mit gefalteten Händen folgte Simpſon dem voranſchreitenden Miniſter nach. Ei, wie raſch des Secretairs Feder die Worte des Miniſters auf das Papier hinſchrieb! Während dem durchflog ein Gedanke den freude⸗ berauſchten Kopf des Kerkermeiſters von Norwich.„Mh⸗ lord!“ hob er mit zitternder Stimme an—„krönen Sie Ihre edle Handlung noch durch eine zweite, eben ſo edle. Vereinigen Sie durch etliche Federſtriche mehr das arme Weib mit ſeinem Gatten, das Kind mit ſeinen beiden Ael⸗ tern und es wird Freude ſein vor den Engeln im Himmel über ein ſündiges Paar, das durch die Gnade Eurer Herr⸗ lichkeit für immer gebeſſert wird.“ „Du ſchmiedeſt das Eiſen, da es noch warm iſt“— erwiederte der Miniſter—„doch da ich einmal A geſagt habe, ſo muß ich wohl auch B ſagen. Fügen Sie“— fuhr er zu ſeinem Secretair fort—„noch der Wiedervereinigung des Kindes mit ſeiner Mutter die des Vaters hinzu und veranlaſſen deſſen ſofortigen Abgang aus Norwich nach Plymouth.“ Der Miniſter unterſchrieb die Ausfertigung ſeines Be⸗ fehls und wendete ſich dann zum Fortgehen. Mit thränen⸗ vollen Augen und dankend erhobenen Händen rief ihm 128 Simpſon nach:„Möge das Andenken an dieſe Stunde Eu⸗ rer Herrlichkeit einſt die bittere Todesſtunde leichter machen und verſüßen! Gottes reichſter Segen über Eure Herrlich⸗ keit! hier und in der Ewigkeit, Amen!“ Kein König kann ſeine Krone oder ſein Seepter ſo feſt halten als Simpſon in ſeiner Hand das Schreiben, welches Gotthelfes Wiedervereinigung mit ihrer Mutter ausſprach. Wie eilig er des Miniſters Palaſt verließ und durch die Straßen Londons hinrannte, um Frau Fielding auf dem Heumarktplatze aufzuſuchen! Er ſtieß mehrere Leute auf ſei⸗ nem Laufe um, Andere bei Seite, rannte gegen dieſen und jenen, wurde ſelbſt niedergerannt, empfing Stöße, Püffe Regen von Scheltworten— nichts ſtörte den Kerkermeiſter in ſeinem Entzücken. Schon von weitem ſchrie er gegen Frau Fielding:„Gewonnen! Victoria! Hoch lebe Lord Sidney! Hurrah, juchheiſa dideldumdei!“ Er drehte in ſei⸗ nem Entzücken die ihm entgegentretende Höckerin etliche Mal im Ringe umher, wobei er aufs Neue den Miniſter hoch leben ließ. Schnell ſammelte ſich ein Haufe neugierigen Volks um das Paar, und Simpſon, dem das Herz zum Zerſpringen voll war, ließ daſſelbe übergehen, indem er ſei⸗ nen Zuhörern erzählte, weshalb er ſo freudeberauſcht ſei. Immer größer ward der Auflauf und Simpſon nicht müde, ſeine Erzählung von Neuem zu beginnen. Da theilte ſich die Menge, um einem Reiſewagen Platz zu machen, in wel⸗ chem Lord Sidney ſaß. Derſelbe ſah ſich zu ſeiner großen Verwunderung von demſelben Volke, das ſeine Fahrt nach dem Parlamente wiederholt mit den ärgſten Schimpf⸗ und Schmähreden, ja ſelbſt mit Würfen faulen Obſtes und 129 fauler Eier begleitet hatte, mit lautem Vivatgeſchrei jetzt be⸗ grüßt und in dem Manne, welcher am eifrigſten und lau⸗ teſten ſchrie und ſeinen Hut ſchwenkte, erkannte er den Ker⸗ kermeiſter von Norwich und zugleich den Urheber dieſes ſchmeichelhaften Empfanges. Lord Sidney buhlte nicht um des Volks wetterwendiſche Gunſt, dennoch that ihm deſſen jetzige günſtige Geſinnung wohl, daher er freundlich nickte und in ſeinem Innern ſich reich belohnt fühlte für die kleine Mühe, durch ſeines Namens Unterſchrift drei Menſchen und mehr noch beglückt zu haben. Frau Fielding holte nun die kleine Gotthelfe herbei, während Simpſon abermals den Kram bewachte. Wer weiß, ob der Kerkermeiſter ſo glücklich zu ſeinem Ziele ge⸗ langt wäre, hätte er nicht als Apfelſinenverkäufer die Bekanntſchaft mit dem erſten Secretair des Miniſters ge⸗ macht gehabt. Darum freute er ſich jetzt, die Stelle der Höckerin verſehen zu haben und aufs Neue verſehen zu können, wiewohl der Kram der Wächter genug alleweile beſaß. Als die Höckerin mit dem Kinde auf dem Arme zurückkehrte, ging Gotthelfe aus einer Hand in die an⸗ dere. Abwechſelnd lobte man deren blaue, ſchöne Au⸗ gen, ihre Ruhe und Freundlichkeit, mit welcher ſie die Liebkoſungen ſo vieler fremder Perſonen hinnahm, ſo wie des Kerkermeiſters Verdienſte um Vater, Mutter und Kind. Da der Poſtwagen erſt in einigen Stunden nach Plymouth abfuhr, ſo veranlaßte man Simpſon, in die nächſte Taverne zu treten, wo man, ſowie noch auf dem Platze ſelbſt, eine Geldſammlung veranſtaltete, die einen reichlichen Ertrag gewährte und Simpſon eingehändigt Der Kerkermeiſter von Norwich. 9 130 wurde, damit er theils die Reiſekoſten beſtreiten, theils ſeine bereits gehabten Auslagen decken könne. Durch Speiſe und Trank geſättigt und geſtärkt und von einer zahlreichen Geſellſchaft begleitet, begab ſich Simpſon nebſt Gotthelfe zum Poſthauſe, wo er unter den Snnn der Menge davonfuhr. Eine Beſorgniß nur, die ſich bis zur größten Angſt ſteigerte, erfüllte jetzt noch Simpſons Herz, daß ſowohl er mit dem Kinde als auch deſſen Vater zu ſpät nach Plymouth gelangen und daß das Schiff mit den Depor⸗ tirten bereits abgeſegelt ſein könnte. Mit forſchenden Blicken betrachtete Simpſon während des Fahrens die Wipfel der Bäume, die Wetterfahnen auf den Thürmen und Häuſern, ſowie jeden andern leicht beweglichen Ge⸗ genſtand, um die Richtung des Windes zu erkunden, weil bei eintretendem Seewinde das Transportſchiff un⸗ verzüglich abſegeln mußte. Wie ſehr wünſchte Simpſon jetzt, ein Vogel zu ſein, welcher mit ſchnellen Schwingen den Zwiſchenraum bis nach dem Hafen zurücklegen konnte! Er ſparte die Trinkgelder an die Poſtillons nicht, um ſie zu raſcherem Fahren anzutreiben, denn ſchon von dem Unterſchiede leiner Viertelſtunde hing vielleicht die Wiedervereinigung der Maidſtoneſchen Familie und deren Gluͤck ab. 131 Elftes Kapitel. Das Zuſammentreffen. Es war wieder Nacht. Der Poſtwagen rollte auf der einſamen, menſchenleeren Landſtraße dahin. In dem⸗ ſelben ſaß, außer Simpſon mit dem ſanft ſchlafenden Kinde, nur noch ein Reiſender, ein alter, grämlicher Mann, welcher ſelten nur ein Wort von ſich hören ließ, und um nicht mehr ſprechen oder antworten zu müſſen, faſt immer mit geſchloſſenen Augen ſich ſchlafend ſtellte; Simpſon dagegen floh der Schlaf. In ſeinen Gedanken war er meiſtens am Seegeſtade, wo er hinaus nach dem Hafen und dem dort ankernden Schiffe der Deportirten ſchaute. Seltener nur dachte er an Norwich, an ſeine Frau und ſeine Gefangenen, unter welchen ihn jetzt Maid⸗ ſtone am meiſten noch intereſſirte. Erſt wenn Alle glück⸗ lich mit einander wieder vereinigt worden waren, wollte er ſich ungetrübt deren Glücks und ſeiner eigenen Ver⸗ mittelung dabei erfreuen. Eben ſteckte er, wie er oft that, ſeine Hand aus dem Wagenfenſter, um die Rich⸗ tung des Windes zu erforſchen, als der Wagen plotzlich anhielt. „Was giebt's, Poſtillon?“ fragte Simpſon, dem je⸗ der Aufenthalt große Pein verurſachte, indem er den Oberleib aus dem Wagenfenſter lehnte. Der Poſtillon antwortete nicht, wohl aber eine dunkle Mannsgeſtalt, welche, dem Kerkermeiſter ein Piſtol auf die Bruſt ſetzend, 132 mit rauher Stimme ſprach:„Dein Geld her, Schurke, oder das Leben!“ In dieſem Augenblicke zeigte ſich auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite des Poſtwagens eine zweite Geſtalt, welche dieſelbe Bewegung gegen den andern Reiſenden machte und dieſelben Worte wiederholte. Eine Räuberbande hatte den Poſtwagen angefallen und zum Anhalten ge⸗ bracht. Das hatte noch gefehlt! Es erging dem wackern Kerkermeiſter von Norwich jetzt genau ebenſo, wie unſer Schiller in ſeiner Bürgſchaft von dem Möros ſingt, wel⸗ cher auf ſeinem eiligen Rückwege, um ſeinen treuen Bür⸗ gen vom angedrohten Tode zu erretten, von Räubern aufgehalten wird, nur mit dem Unterſchiede, daß Möros die Räuber theils ertödtet, theils in die Flucht jagt, was unſerm Simpſon leider nicht möglich war. Am gu⸗ ten Willen hierzu fehlte es ihm nicht, der lieber alle Räuber, Diebe, Falſchmünzer und Betrüger mit einem Schlage vom Erdboden vertilgt hätte, wohl aber an Kraft und Mitteln. „Steigt aus, ihr Hunde!“ ſchrie ein dritter, herzu⸗ tretender Räuber, indem er den Wagenſchlag aufriß— „damit wir Eure Taſchen und den Wagen durchſuchen koͤnnen. Schnell oder wir werden Euch auf die Füße verhelfen.“ „Habt Erbarmen!“ flehte Simpſon.—„Haltet mich nicht auf! Das Kind in meinem Arme gehört einer Unglücklichen an, welche nach Botanhbai deportirt wer⸗ den ſoll. Der grauſame Capitain des Transportſchiffs verweigerte die Aufnahme der hülfloſen Kleinen und blieb 133 taub bei dem herzzerreißenden Schmerz der verzweifeln⸗ den Mutter. Da habe ich mich mit dem Kinde aufge⸗ macht und bin von Plymouth nach London gereiſet. Dort habe ich den Miniſter Sidney ſo lange angefleht, bis er die Erlaubniß zur Wiedervereinigung der Mutter mit ihrem Kinde und Manne ertheilte. Hier iſt das Schreiben und da auch die Geldſumme, welche das all⸗ gemeine Mitleid zum Beſten dieſes Kindes in London eingeſammelt und mir anvertraut hat. Nehmt und laſſet uns in Frieden weiter fahren, denn das Schiff liegt ſegelfertig im Hafen und geht mit dem erſten günſtigen Windhauche in See. Eine einzige Viertelſtunde vermag das Lebensglück von drei Menſchen zu vernichten. Habt Erbarmen, auf daß ſich unſer Herrgott auch eurer einſt erbarme.“ „Wer biſt Du denn“— fragte ein Räuber—„der Du die Worte wie Honigſeim über Deine Lippen fließen läſſeſt?“ „Ich bin Simpſon, der Kerkermeiſter von Norwich“ — erwiederte dieſer—„und Ihr werdet meine Ausſage in dem Schreiben des Miniſters beſtätigt finden.“ Die Räuber zogen ſich etwas zurück und beſprachen ſich leiſe unter einander. Man nahm eine der Wagen⸗ laternen herab und durchging bei deren Lichte den Inhalt des Schreibens. Dann hielt einer von den Räubern die Laterne vor Simpſons Geſicht und ein Anderer betrach⸗ tete daſſelbe forſchend. „Er iſt's!“ ſprach jener zu ſeinen Kameraden. Nun erfolgte wieder ein halblaut geführtes Geſpräch, nach 134 deſſen Beendigung der Anführer der Bande dem Kerker⸗ meiſter das Schreiben, ſo wie den eingehändigten Geld⸗ beutel zurückgab und dabei ſprach: „Weil Du der Kerkermeiſter von Norwich biſt, der ſeine Gefangenen menſchlich behandelt, und weil Du Dich des Kindes eines unſerer Zunftgenoſſen ſo liebreich an⸗ genommen haſt, ſo mag um Deinetwillen der Poſtwagen ungehindert weiter fahren. Fort, Kutſcher!“ Das ließ ſich dieſer nicht zweimal heißen, ſondern trieb ſeine Roſſe zur ſchnellſten Fahrt an. Nachdem man die Gefahr glücklich hinter ſich hatte, ward der alte Paſſagier ſehr geſprächig. Er fragte den Kerkermeiſter genau und wiederholt aus und Simpſon erzählte, da es ihm hierzu nicht an Zeit gebrach, ſeine und der Seinen ganze Lebensgeſchichte. Natürlich vergaß er dabei nicht des ihm geſpielten Betrugs mit jener falſchen Banknote von 200 Pfund Sterling, ſo wenig wie des Diebſtahls, durch welchen ſeine Tochter Charlotte und deren Familie faſt ihr ganzes Eigenthum verloren hatten. „Das iſt wohl das erſte Mal geweſen,“— ſchloß Simpſon ſeine Erzählung—„daß eine Räuberbande Mitleid und Schonung bewieſen hat, wo ſie eine Beute erhaſchen konnte. Es iſt, als wenn Gotthelfe der gute Engel wäre, deſſen Gegenwart Glück und Segen bringt. Nun, ich denke und hoffe, daß das von den Räubern mir zurückgegebene Geld in den Händen Maidſtones beſſer angewendet werden wird als von jenen, die es nur zu gewiß im Praſſen, Saufen und Spielen ſchnell vergeu⸗ det haben würden.“ 135 Da Alles in der Welt vergeht, ſo ging auch die Fahrt nach Plymouth zu Ende und vernahm zu ſeiner großen Freude, daß das Schiff mit den zu Deporti⸗ renden noch im Hafen weile. Aber noch immer fühlte ſich Simpſon nicht aller Sorgen enthoben. Wie, wenn Frau Johanna aus Verzweifelung ſich das Leben genom⸗ men hatte? Oder wenn ihr die Muttermilch in den Kopf getreten und ſie dadurch wahnſinnig geworden war? Oder wenn ſie in anderer Weiſe auf den Tod krank lag? Wie, wenn Maidſtone in ſeinem Schmerz über die Trennung von Mutter und Kind ſich ein Leids angethan oder die Flucht aus dem Gefängniſſe ermöglicht h in welchem Falle des Miniſters Milde ihm nicht zu The werden konnte? Das waren Sorgen, die man auf den Herrn werfen muß, weil man ſelbſt ſie nicht hinwegzu⸗ räumen vermag. Solches that denn endlich auch Simp⸗ ſon und ſehr wohl daran. Denn kaum daß er etwa eine Stunde in Plymouth angelangt war, ſo traf auch ſchon Maidſtone daſelbſt ein, welcher die Größe des ihm bevor⸗ ſtehenden Glücks noch gar nicht kannte, ſondern nur des Glaubens war, daß er deportirt werden ſolle und daß ſein Weib nebſt ſeinem Kinde längſt ſchon abgeſegelt ſei. Welche Freude, als er unvermuthet zu Simpſon ge⸗ führt wurde, bei demſelben ſein Töchterchen fand und von ihm ſeine bevorſtehende Wiedervereinigung mit ſeiner Frau erfuhr! Ohne Säumen beſtiegen die Glücklichen ein Boot, das ſie zum Transportſchiffe brachte. Da giebt es gar viele Leute, welche nicht glauben wollen, daß die Welt und Alles, was darin iſt, durch 136 Gottes bloßes Wort gemacht worden ſei. Die Thoren! ſehen ſie doch mit eigenen Augen oder hören mit ihren Ohren, was für große Dinge eines ſterblichen Menſchen Wort und Wille vermögen. Derſelbe Schiffscapitain, welcher vorher taub war gegen die Stimme der Menſchlichkeit und des Chriſten⸗ thums, er beugte ſich unterwürſig vor dem todten Buch⸗ ſtaben und der Unterſchrift des Miniſters und zog jetzt gelindere Saiten auf. Simpſon, welcher ſo wie Maid⸗ ſtone an der Schiffsleiter das Verdeck des Fahrzeugs er⸗ ſtiegen hatte, wollte für ſeine vielfältigen Bemühungen wei r keinen Lohn, als die Freude der Wiedervereini⸗ des Ehepaares und des Kindes mit ſeiner Mutter zu genießen. Vom Gram verzehrt, das bitterſte Weh im einſamen Herzen tragend, ſaß Johanna in einem dunkeln Winkel des Zwiſchendecks gekauert und hörte nicht auf die loſen und giftigen Reden ihrer MWitgenoſſen umher. Ihre Gedanken weilten bei ihrem geraubten Kinde, ſel⸗ ten daß ſie auch ihres Mannes gedachte, denn das hülf⸗ loſe Kind ſteht dem Mutterherzen näher als der ſich ſelbſt helfen könnende Mann. Die naährende Quelle in ihrer Mutterbruſt war Frſiegt und von dem freſſenden Schmerz ihres Herzens ohne weitere Beſchwerde für ſie verzehrt worden. Aber ach! wie ſtand es um das arme Kind? Wo und wie hatte daſſelbe eine andere Nahrungsquelle aufgefunden? Ach, unaufhörlich hatte ſie das klägliche Wimmern des durſtenden Säuglings zu hören geglaubt und dann vergebens ihre Hände faſt wund ſich gerungen 3 in ſtummer Verzweiflung. Jetzt ſtarrte ihr Blick zu Bo⸗ 137 den und malte ſich das Bild, das unvergeßliche, der klei⸗ nen Gotthelfe aus, die ſie ſich nicht anders als bleich, abgezehrt und mit glanzloſen Augen denken konnte. Da rief plötzlich des Capitains rauhe Stimme von der uhen„Johanna Maidſtone! herauf aufs Deck.“„ Aber Johanna hörte nicht, obſchon ihre Mitgefange⸗ nen ſie ermahnten, dem Rufe des ſtrengen Capitains Folge zu leiſten. Darauf rief eine andere, weniger laute und vor in⸗ nerer Erregung zitternde Stimme herab:„Johanna! komm herauf!“ Wie dieſer Ton durch Johanna's jetzt plötlich7 ſich öffnendes Ohr bis in die innerſte Tiefe ihres Her⸗ zens eindrang! Sie glaubte, falſch gehört zu haben. Dennoch ſprang ſie raſch auf und der Treppe zu, von deren oberen Ende es abermals in Schmeicheltönen rief: „Johanna! Johanna! komm', o komm'!“ Und oben ſtand, vom hellen Sonnenlicht umfloſſen, Maidſtone und hielt auf ſeinem Arme die kleine Gott⸗ helfe, welche ihre Händchen nach der herzueilenden Mut⸗ ter ausſtreckte. Und über des Kindes Achſel ſah lau⸗ ſchend und die innigſte Freude in allen Zügen des wackern Simpſons wohlbekanntes Antlitz hervor, und nun — doch die Stligkeit diſes Wiederſehens mag der Leſer ſelbſt ſich weiter ausmalen, denn dazu hat die Feder keine bunten, glänzenden Farben, nur ſchwarze, eintönige Tinte, die zu ſolchem Freudenerguſſe nicht paßt. Selbſt die durchwetterten und abgehärteten Matroſen 138 des Fahrzeugs blieben bei dieſer Scene nicht ungerührt und nur ihr Capitain ging derſelben aus dem Wege, weil er ſich ſagen mußte, daß er keinen Theil an der allgemeinen Freude verdient habe. In dieſem Augenblick erbebten die Lüfte, wie wenn die Wiedervereinigung der Maidſtoneſchen Familie in höchſt feierlicher Weiſe be⸗ gangen werden ſollte, von dem Donner der Kanonen, welcher einem eben in den Hafen einlaufenden Oſtindien⸗ fahrer galt und von der Hafenbatterie herüberhallte. Und Feuerblitze und Dampfwolken ausſpeiend, durch⸗ chnitt der mächtige Oſtindienfahrer die See, daß deren ellen weiß vor dem Bug des Schiffeoloſſes empor⸗ häumten. Und unter dem laut hallenden Jubelgeſchrei, unter Hüteſchwenken und freudigem Jauchzen der geſamm⸗ ten Bemannung rauſchte der braune Rieſe näher und näher, bis er an der Seite des Transportſchiffs ſeine ſchweren Eiſenanker in die Meerestiefe fallen ließ und ſchaukelnd ſtehen blieb. Während die Matroſen des Transportſchiffs die Grüße der Angekommenen durch Hurrahgeſchrei und Hüte⸗ ſchwenken erwiederten, kümmerten ſich Maidſtone und deſſen Frau um nichts weiter in der Welt als um ſich ſelbſt und ihr Kind. Sie horten weder den Kanonen⸗ donner, noch das vielfache Geſchrei; ſie ſahen nicht den ſtolzen Oſtindienfahrer und deſſen nahes Anlegen. Kaum bemerkten ſie in ihrer Freude, daß Simpſon einen ge⸗ füllten Geldbeutel in Gotthelfes Hand legte, welche die⸗ ſelbe begehrlich nach dem vorgehaltenen Gegenſtande aus⸗ geſtreckt hatte. 139 „Zur häuslichen Einrichtung in Botanybai“— ſprach er, als das Ehepaar die reiche Gabe ablehnen wollte— „das Geld kommt nicht von mir“— fuhr er belehrend fort—„ſondern iſt in London und zum Beſten Eures Kindes eingeſammelt worden. Wendet es weiſe an und — Simpſons Stimme wurde weich und ſtockte—„er⸗ zieht Gotthelfe in der Zucht und Vermahnung zum Herrn.“ Er küßte die Kleine herzlich, drückte deren Eltern die Hand und ſchied, von ihren Segenswünſchen und Dankſagungen überſchüttet. Die Freude der Wiederver⸗ einigung des Ehepaars wurde durch Simpſons Weggang eine Zeitlang getrübt. In tiefer dankbarer Rührung blick⸗ ten Maidſtone und deſſen Frau dem braven Kerkermeiſter nach, welcher dem Ufer wieder zufuhr und die ihm nach⸗ geſendeten Grüße durch gleiche erwiederte. Endlich ver⸗ ſchwand er unter der Menſchenmenge, welche am Strande ihren Geſchäften nachging. Simpſon fühlte ſich in dem Gewühl allein, das ihn umgab. Nur ſchwer hatte er ſich von Gotthelfe geſchie⸗ den, die ihm ſo lieb wie ſein eigenes Kind geworden war. Würde ſie wohl die weite Stereiſe überſtehen oder ihr kleiner Körper in die Tiefe des Meeres verſenkt wer⸗ den müſſen? Gewaltſam verſcheuchte er dieſe trüben Ge⸗ danken von ſich und dachte dafür an ſein Weib, an ſeine Tochtet und deren Familie zurück, die ſeiner Ankunft ge⸗ wiß mit vieler Sehnſucht entgegen ſahen. Sich durch den Genuß einer Flaſche Weins vollends zu erheitern und zur Rückreiſe zu ſtärken, begab er ſich in eine am 140 Strande gelegene Taverne. Hier hatte er beinahe ſeine Flaſche ausgetrunken, als etliche Männer und Matroſen von dem vorhin angekommenen Oſtindienfahrer in die Schenkſtube traten und in Simpſons Nähe Platz nah⸗ men. Einer von dieſen Ankömmlingen kam dem Kerker⸗ meiſter von Norwich bekannt vor, ohne daß er ſich be⸗ ſinnen konnte, wo und unter welchen Umſtänden er den Fremden ſchon geſehen hätte. Lange ſann er vergeblich hierüber nach, als die Rede eines Anderen zu jenem Fremdling ihn wie ein Blitz erleuchtete. „Nun habt Ihr nicht mehr weit zur Heimath, Wil⸗ kins“— hob jener an—„und das Schwerſte überſtan⸗ den. Wie werden ſich die Eurigen über Eure unver⸗ hoffte Rückkehr und Eure günſtigen Verhältniſſe freuen! Niemand kann es Euch verdenken, wenn Ihr ſo ſchnell wie möglich Plymouth verlaſſet und den Weg zur Hei⸗ math antretet. Nun, auf frohes und glückliches Wieder⸗ ſehen der Eurigen angeſtoßen! Möget Ihr ſie noch am Leben, geſund und in leidlichen Verhältniſſen antreffen!“ Während die Männer mit ihren Gläſern zuſammen⸗ ſtießen, ſprach Simpſon vor ſich hin:„Ja wohl in leid⸗ lichen Verhältniſſen, inſofern leidlich von Leiden abſtammt. Darum alſo kam mir der Fremde ſo bekannt vor! Aber die Aehnlichkeit zwiſchen Vater und Sohn iſt auch wirk⸗ lich groß. Ach, wenn Wilkins wüßte, wie nahe er ſei⸗ nem laſterhaften Weibe im Hafen geweſen iſt! Was hülfe es ihm, wenn ich deſſen trauriges Schickſal ihm erzähle? Er könnte ſein Weib doch nicht von der Deportation los⸗ kaufen und würde den erſten Tritt ans Land mit einer 141 niederbeugenden Neuigkeit bezahlen müſſen. Beſſer da⸗ her, ich ſchweige, bis er das Loos ſeiner Frau erfährt, nachdem dieſe längſt nach ihrem Verbannungsorte abge⸗ reiſet iſt.“ Simpſons eben ausgeſprochener Entſchluß wurde jedoch wieder wankend, als er im Verlaufe des weiteren Ge⸗ ſprächs Wilkins zu ſeinem Trinknachbar die Worte äußern hörte, wie er Schlimmes zu hören befürchte, weil ſein Weib träge zur Arbeit, genußſüchtig und dem Trunke geneigt geweſen und er hierdurch am meiſten veranlaßt worden ſei, ſein Glück in einem fernen Welttheile zu ſu⸗ chen.„Am meiſten“— fuhr Wilkins fort—„kümmere ich mich um meinen Sohn Eduard, der zwar von Natur und Gemüth gut war, durch das böſe Beiſpiel ſeiner Mutter aber leicht auch zum Böſen dürfte verleitet wor⸗ den ſein. Gar zu gern hätte ich ihn deshalb mit mir genommen, allein mir fehlte das Geld, um für ihn die Koſten der Ueberfahrt zu bezahlen, die ich meinerſeits durch Matroſenarbeiten abtragen mußte. Sollte ich mei⸗ nen Eduard auf böſen Wegen wandelnd und verderbt wiederfinden, ſo würde mein ſauer erworbenes Geld gleich glühenden Kohlen mir auf das Vaterherz brennen und ich in der Tiefe des Meeres Linderung dagegen ſuchen müſſen.“ „Von dieſer Sorge kann ich Euch befreien, Wil⸗ kins!“ ſprach Simpſon, indem er ſich dem Vater Edu⸗ ards näherte.„Zwar war Euer Eduard bereits auf dem breiten Wege zur Hölle, aber Gott hat ihn noch zur rechten Zeit davon hinweggezogen und ihn liebenden Hän⸗ 142 den, nicht denen Eures Weibes, zugeführt, welche das bereits in ihm wuchernde Unkraut mit der Wurzel aus⸗ rauften und ihn jetzt noch zum Guten erziehen.“ Staunend hatte Wilkins dieſe Worte vernommen. „Um Gotteswillen“— rief er aufſpringend—„Ihr kennt die Meinigen? Sprecht Ihr wahr? Wer ſeid Ihr? Darf ich Euch wirklich als einen Freudenboten be⸗ grüßen?“ „Nur halb“— verſetzte Simpſon—„weil jede Erdenfreude mit bitterm Weh vermiſcht wird.“ „O ſprecht!“ bat Wilkins beweglich—„Was be⸗ trifft dieſes bittere Weh bei den Meinen? Wo leben ſie und in welchen Umſtänden? Wer ſeid Ihr und wie mit den Meinen bekannt geworden?“ „Euer Sohn lebt bei meiner Tochter“— erwiederte Simpſon—„und wird von ihr, von ihrem Manne und ihren Kindern wie ihr eigener Sohn gehalten. Ich heiße Simpſon und bin Kerkermeiſter in Norwich. Die Be⸗ kanntſchaft Fures Sohnes habe ich im— Gefängniſſe gemacht und zwar in dem meiner Obhut anvertrauten, für ihn ein Glück.“ „Und mein Weib?“ forſchte Wilkins angſtvoll.— „Was wißt Ihr von demſelben?“ „Nichts Gutes“— antwortete Simpſon zögernd— „Sie iſt ſchuld an dem Unglück einer ſonſt braven Fa⸗ milie, welche deportirt werden ſoll. Auch ſte lernte ich im Gefängniſſe kennen, obwohl ſie nicht lange in dem⸗ ſelben verweilte.“ „Was— was iſt aus ihr geworden?“— rief Wil⸗ 143 kins, bleich vor Schreck—„O mein Gott, was werde ich hören müſſen! Hat ſie durch Henkershand geendet? Redet, und wenn Ihr mir auch den Dolch ins Herz ſtoßen müßtet.“ „So weit iſt's nicht gekommen“— beruhigte Simp⸗ ſon—„wiewohl Euer Weib auf dem geraden Wege zum Galgen war. Gegenwärtig iſt ſie auf dem gera⸗ den Wege nach— Botanybai und zwar auf dem Schiffe, neben welchem das Eurige vor Anker gegangen iſt. Dort ſah ich Euch ankommen.“ „Ich muß mein Weib ſprechen“— rief Wilkins eilig aus—„ihr ins Gewiſſen reden— ſie mit dem Nöthigen verſehen, wenn ich ſie nicht von der Depor⸗ tation loskaufen kann. Vielleicht läßt ſich der Capitain zum Warten bewegen, bis ich die Entſcheidung über ihr Schickſal bei der Regierung eingeholt habe. Auf! auf! bevor es zu ſpät wird.“ Wilkins ſtürmte aus der Taverne. Langſamer folgte ihm Simpſon nach.„Ja, ja“— ſprach er unterwegs vor ſich hin—„verſuche es nur bei dem Capitain, mein lieber Wilkins! dich bewarten! Ha! der Wind hat ſich gedreht! Er bläſt vom Lande in die See! Zu ſpät! zu ſpät! Ah, ſieh! ſieh!“ Damit meinte Simpſon das Schiff, welches mit voll⸗ gebläheten Segeln den Hafen verließ und die Deportir⸗ ten davon führte. Seine im Winde flatternden Wimpel winkten den letzten Abſchiedsgruß zurück. Noch ehe Wil⸗ kins ein Boot beſteigen konnte, war es ſchon in uner⸗ reichbare Ferne fortgerauſcht. 144 „Mäßigt Euern Schmerz“— tröſtete Simpſon den tief betrübten Wilkins—„Unſer Herrgott weiß am beſten, was Euerm Weibe zum Frieden dient. Hat ſie Moſen und die Propheten, ja ſelbſt Chriſtum nicht ge⸗ hört, würde ſie auch Eure Ermahnungen nicht beachtet haben. Botanybai dürfte mehr wirken als Eure Worte. Empfanget vielmehr mit Dank, was unſer Herrgott Euch an der Stelle eines laſterhaſten Weibes beſcheeret hat: einen geretteten, wohl gerathenen Sohn, der Euch noch lange und große Freude bereiten kann. Ja, danket Gott, der Alles wohl macht.“ Sswölftes Rapitel. Wiederſehen. Simpſon und Wilkins verließen whnnu und reiſeten mit einander nach Norwich.* Unterwegs ſagte der Erſtere:„As ich Norwich mit meinen drei gefangenen Frauen und dem Kinde verließ, hätte ich mir nicht träumen laſſen, eine Spazierfahrt von Plymouth nach London und zurück zu machen, und das noch dazu mit einem kleinen Weſen, welches an der Mutterbruſt trank und nun plötzlich im Poſtwagen ent⸗ wöhnt werden mußte. Früher hätte ich ſo etwas gar nicht für möglich gehalten, doch die Noth bricht ja ſo⸗ gar Eiſen. Und Gotthelfe erleichterte mir getreulich das 145 ſauere Werk, indem ſie weit weniger ſchrie, als ich ge⸗ fürchtet hatte. Was meine Frau ſagen wird, wenn ich ihr erzähle, daß ich 160 Meilen weit im Lande umher⸗ kutſchirt bin!“ „Da bin ich ungleich weiter auf der Erdkugel um⸗ hergereiſet“— verſetzte Wilkins—„und zwar nicht Hunderte, ſondern Tauſende von Meilen, habe unter einem glühenden Himmmelsſtriche, unter wilden Völkern, unter Löwen, Tigern, Panthern, Elephanten und andern reißenden Thieren gelebt, dabei viel auszuſtehen gehabt, jedoch auch etwas vor mich gebracht, ſo daß ich meine Tage ohne Nahrungsſorgen im lieben Vaterlande be⸗ ſchließen kann. Wenn ich mir nur keine Gewiſſensbiſſe machen dürfte, daß ich durch meinen Weggang ſchuld an dem Verderben meines Weibes geworden bin! Aber ich ſah damals keinen andern Ausweg, wenn ich ſelbſt ein ehrlicher Mann bleiben wollte. Welche bittere Vor⸗ würfe müßte ich mir aber erſt machen, wenn mein Edu⸗ ard in die Fußſtapfen ſeiner Mutter getreten und an der Seele verwahrloſet worden wäre! Wie großen Dank bin ich Euch daher ſchuldig, weil Ihr mein Kind dem zeit⸗ lichen und ewigen Verderben entriſſen habt.“ „Euer Dank gebührt zunächſt unſerm Herrgott“— entgegnete Simpſon—„welcher Euern Sohn auf wun⸗ derbare Weiſe auf den Weg der Tugend zurückgeführt und dobei ein Kind, meine kleine Enkelin, zum Werk⸗ zeug ſeiner Gnade gemacht hat. Denn meine und mei⸗ ner wackern Frau Bemühungen ſcheiterten an dem ver⸗ ſtockten Sinne Eures Sohns und ſchon hatten wir alle Der Kerkermeiſter von Norwich. 10 146 Hoffnung aufgegeben, als noch unvermuthet die Sinnes⸗ änderung Eduards erfolgte. So bereitet ſich unſer Herrgott noch immer aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge ein Lob.“ An Stoff zur gegenſeitigen Unterhaltung fehlte es unſern Reiſenden nicht und ſie langten in Norwich an, ehe ſie ſichs verſahen. „Ihr ſeid mein Gaſt“— ſprach Simpſon zu Wil⸗ kins—„dafern Ihr Euch entſchließen könnt, in einem Kerkerhauſe zu weilen. Aber ich denke, daß Ihr neu⸗ gierig ſein werdet, zu ſehen, wo Euer Sohn und Euer Weib eine geraume Zeit zugebracht haben.“ Wilkins willigte mit Freuden ein und begleitete den wackern Kerkermeiſter in deſſen Wohnung. Die Freude der Frau Simpſon war groß, als ſie ihren Mann glück⸗ lich und geſund wiederkommen ſah. „Während Deiner Abweſenheit“— ſprach ſie,„ſind eine Menge Briefe, Papiere und Zeitungsblätter an Dich angekommen, über deren Empfang ich in dem Poſtbuche habe quittiren müſſen. Ich glaube, daß in manchem von den Briefen Geld enthalten iſt. Da ſind ſie! Geöffnet habe ich keinen, aber ein wenig neugierig bin ich doch darauf. Willſt Du ſie nicht aufbrechen?“ „Jetzt nicht“— erwiederte Simpſon—„erſt muß ich nach meinen Gefangenen ſehen. Kannſt Du es glau⸗ ben, liebe Margarethe, daß ich mich ein wenig nach mei⸗ nen Pflegbefohlenen ſehne, die ich vormals lieber mit Stumpf und Stiel von der Erde vertilgt geſehen hätte? Aber ich habe unterwegs eine ganz eurioſe Geſchichte 147 erlebt. Denke Dir nur: ich bin im Poſtwagen von Straßenräubern angefallen worden! Man hat mir eine Piſtole auf die Bruſt geſetzt und mir mein Geld oder das Leben abgefordert.“ „Herr Jeſus!“ rief Frau Simpſon erſchrocken aus. „Wie wurde es denn da? Nicht wahr, Du gabſt willig hin, was Du beſaßeſt, und das war zum Glück ſehr wenig?“ „Nein, ich hatte im Gegentheil einen ſtrammen, vol⸗ len Geldbeutel und denſelben gaben mir die Räuber zu⸗ rück und ließen um meinerwillen den Poſtwagen unge⸗ plündert und ungehindert weiterfahren. Und warum dieſe unerhörte That? Weil ich— ſagte der Räuber⸗ hauptmann— meine Gefangenen menſchlich behandelt und mich für Gotthelfes Aeltern bei dem Miniſter ver⸗ wendet hätte! Das krabbelt— das thut gut! Aber Du haſt auch Deinen großen Antheil dabei, liebe Frau! Doch nun muß ich zu meinen Gefangenen. Indeß be⸗ ſieh Dir, Frau, dieſen meinen Reiſebegleiter und ſage mir dann, wem er ähnlich ſieht.“ Als Simpſon nach einer Weile zurückkehrte, ſah ſein Antlitz verklart und gerührt aus. „Es ſind arge Sünder“— ſprach er—„aber dennoch haben ſie mich mit einem Freudengeſchrei em⸗ pfangen und ſelbſt der ſchlimme Boppard, der nächſtens gehenkt werden ſoll, hat mir eine Hand gegeben. Zum Dank dafür bereite allen unſern Gefangenen heute ein Sonntagsgericht, liebe Frau! Verſteht ſich, auf meine 10* 148 Koſten! Und nun laß ſehen, was die Papiere und Briefe enthalten.“ Zunächſt kam ein Zeitungsblatt unter Kreuzverband an die Reihe des Durchſehens. Ein roth angeſtrichener Auffatz in demſelben zog Simpſons Blicke auf ſich. „Edelmüthige Handlung des Kerkermeiſters von Nor⸗ wich“— las Simpſon die Ueberſchrift laut vor. Dann aber überflog er ſtill die weiteren Zeilen.„Sollte man es glauben“— ſprach er am Schluſſe und unter einer Schamröthe—„daß meine Geſchichte bei dem Miniſter hier haarklein beſchrieben ſteht? Sogar daß ich die Höcke⸗ rin abgegeben und fabelhafte Preiſe für jede Kleinigkeit geſtellt habe?“ Simpſon legte das Zeitungsblatt hin und ein zwei⸗ tes fiel ihm in die Hände. „Aufopfernde That des Kerkermeiſters von Norwich“ lautete wieder die Ueberſchrift eines abermals roth an⸗ geſtrichenen Artikels. „Nein, das iſt zu toll!“ rief Simpſon und warf das Blatt auf den Tiſch.„Wiſſen die Zeitungsſchreiber nichts Wichtigeres zu ſchreiben, als meine Spazierfahrt nach London und zurück? Und wie haben ſie ihren Be⸗ richt ausgeſchmückt und dazu gelogen, was ich Alles ge⸗ than haben ſoll!“ Ein Brief wurde jetzt entſiegelt, aus welchem eine Banknote von 50 Pfund herausfiel.* „Lieber Herr Kerkermeiſter von Norwich“ Simpſon—„ganz London iſt voll des Lobes über Ihre verdienſtliche Handlung gegen eine unglückliche Verbrecher⸗ b familie. Von dem Wunſche durchdrungen, ein Scherf⸗ lein zu dem weiteren Glück jener Aermſten beizutragen, habe ich in dem Kreiſe meiner Freunde und Bekannten eine Sammlung veranſtaltet, deren Ergebniß ich Ihnen mit der inliegenden Banknote von 50 Pfund überſende. Vielleicht könnte man für die kleine Summe Sämereien, Acker⸗ und Gartenwerkzeuge, Hausthiere, Wirthſchaftsge⸗ genſtände oder andere dringende Bedürfniſſe ankaufen laſſen und ſolche Ihren Deportirten zum Geſchenk ma⸗ chen. Doch man überläßt die Verwendung des Geldes ganz Ihrer Einſicht und ich bemerke nur, daß Sie ähnliche Zuſendungen in Menge zu erwarten haben, indem noch viele Frauen Londons einen kleinen Antheil an Ihrem verdienſtlichen Werke zu nehmen wünſchen. Sollte ich mich hierin irren und die Banknote unzureichend ſein, ſo ſetzen Sie mich davon unverweilt in Kenntniß, damit ich mehr Geld nachſende. Zugleich bitte ich Sie um gefäl⸗ lige Nachricht über das fernere Schickſal der in Ihrem Schutze ſtehenden, deportirten Familie. Mit aller Hoch⸗ achtung zeichnet ſich Ihnen Ihre Eliſabeth O'Konner, London, Stirlingſtreet 27. „Mir bleibt der Verſtand ſtehen!“ rief Simpſon be⸗ troffen aus.„So etwas zu erleben! Nun kann ich mit Maidſtone in Botanybai einen Briefwechſel anfangen! Ha! was wird nun dieſer Brief wieder enthalten?“ Das Siegel ſiel und eine Banknote von 200 Pfund aus dem Briefe. Neues, größeres Staunen der Anweſen⸗ den! Simpſon vermochte vor innerer Erregung kaum zu leſen: „Herr Simpſon! ich war der Reiſende, welcher im Poſtwagen ſo wortkarg an Ihrer Seite ſaß. Das kam daher, weil ich mein ganzes Vermögen von 35,000 Pfund in Banknoten bei mir trug und darum in großen Sor⸗ gen war. Ich wäre zum Bettler geworden, wenn die Räuber ihr Vorhaben ausgeführt und uns durchſucht hätten. Ihnen verdanke ich die Erhaltung meines Ver⸗ mögens und darum ſende ich Ihnen beifolgend jene 200 Pfund zum Geſchenk, welche Sie, laut Ihrer Mit⸗ theilung, durch eine falſche Banknote einſt verloren haben. Proſit, Freund Kerkermeiſter! Ihr dankbarer Unbekannter. „Zu viel! zu viel!“— ſchluchzte Simpſon.„Be⸗ wahre mich, Herr Gott, vor Uebermuth und Dünkel!“ „Man klingelt an der Pforte!“— ſprach Frau Simpſon und beeilte ſich zu öffnen. In der nächſten Minute quollen durch die Stuben⸗ thür herein, jubelnd, ſchreiend durcheinander rufend, Frau Charlotte, deren Mann, ihre drei Kinder nebſt Eduard Wilkins. „Vater! was habt Ihr denn gemacht“— rief Char⸗ lotte—„daß das ganze Land von Euch ſpricht? Es litt uns nicht zu Hauſe, damit wir von Euch die eigent⸗ liche Wahrheit der ganzen Geſchichte vernähmen. Iſt's 6 6 151 wahr, daß Ihr mit unſerm Könige zuſammengerathen, bei ihm geſpeiſet und von ihm zum Ritter geſchlagen worden ſeid?“ „Ach, papperlapap! lieber gar zum Großmogul!“ entgegnete Simpſon, nur flüchtig die Umarmungen, Küſſe und Händedrücke der Seinen erwiedernd. Denn er be⸗ eilte ſich, den einſt verlornen Sohn, Eduard Wilkins ſei⸗ nem Vater zuzuführen. „Kennſt Du den da?“ fragte Simpſon mit bewegter Stimme den verdutzten Knaben. Eine Sekunde lang ſtarrte derſelbe ſeinen Vater an, dann ſank er in deſſen gebffnete Arme.„Mein Vater“—„Mein Sohn! mein Eduard!“ ertönte es wechſelſeitig. Nach einer langen, innigen Umarmung, welcher die Uebrigen in tie⸗ fer Rührung beiwohnten, hob Eduards Vater an:„Wie dank ich Euch, Ihr Guten, für die Rettung und Erhal⸗ tung meines Kindes? Gleichwie Ihr bei aller Eurer Dürf⸗ tigkeit Euer Brot und Lager mit meinem Eduard getheilt habt, ſo laßt mich nun meine Habe mit Euch theilen. O mein Sohn! vergiß nie, was Du dieſen edlen Men⸗ ſchen zu verdanken haſt.“ „Gebt unſerm Herrgott die Ehre“— ſprach Simp⸗ ſon—„der Alles wohl gemacht und unſere Trauertage in eitel Freudentage verwandelt hat.“ „Und wo iſt der gute Kindesengel“— fragte Wil⸗ kins—„der meinen Sohn auf den rechten Weg zurück⸗ geleitet hat?“ Der gute Engel, Fannh geheißen, ſaß wohlgemuth am Tiſche, in der einen Hand die Zweihundertpfundnote 3 152 in der andern eine Scheere und war eben im Begriff, das Bild der ruhmgekrönten Frau Britania herauszu⸗ ſchneiden. Nach ſechs Jahren, in deren Verlauf Maidſtone durch angeſtrengten Fleiß zu einiger Wolhabenheit gelangt war, kehrte er nebſt den Seinen aus Botanybai nach dem Va⸗ terlande zurück. Zu der kleinen Gotthelfe hatten ſich drei noch kleinere Geſchwiſter geſellt, welche insgeſammt die weite Seereiſe glücklich überſtanden. Um dieſelbe Zeit legte Simpſon ſein lange treu verwaltetes Kerker⸗ meiſteramt nieder und zog mit ſeiner Frau nach Evans⸗ hire zu ſeinen Kindern und Kindeskindern, wo er der wohlverdienten Ruhe ſeines Lebensabends genoß. Brook⸗ lin, ſein Schwiegerſohn, hatte im Verein mit Wilkins ein Eiſenhüttenwerk erkauft, deſſen Ertrag ſie Alle reich⸗ lich ernährte. In daſſelbe trat jetzt Maidſtone als Werk⸗ führer ein. Als ihn Wilkins nach dem Schickſal und Befinden ſeines Weibes fragte, verſetzte er:„Als die un⸗ glückliche Frau keinen Branntwein mehr trinken konnte, magerte ſie auffällig ab und wurde ganz kraftlos. Zu⸗ gleich aber ſtellten ſich bei ihr das Nachdenken und die Reue über ihr bisheriges Laſterleben ein. Wir nahmen das faſt verzweifelnde Weſen in unſerer Mitte auf, trö⸗ ſteten und verwieſen es auf die nie verſiegende Gnade unſers Erlöſers, worauf die Unglückliche nach und nach ruhiger wurde und vor einem halben Jahre, in ihren Gott ergeben, ſtarb. Vorher trug ſie uns auf, ihren Mann und ihren Sohn zu grüßen und beide um Vergebung „* 153 in ihrem Namen zu bitten. Auch an ihr hat unſer Herr⸗ gott wohlgethan, denn nach England zurückzukehren, würde bei der genauen Bekanntſchaft, in welcher die Ver⸗ ſtorbene mit ihren vielen Diebsgenoſſen ſtand, nicht gut gethan geweſen ſein und ihr viele ſchmerzliche Erfah⸗ rungen zugezogen haben.“ Vater und Sohn weinten der Todten eine ſtille Thräne nach. Simpſon aber, den ſein Alter an ſchwerer Arbeit be⸗ hinderte, ſuchte noch inſofern ſich nützlich zu machen, daß er die Kinder belehrte, ermahnte und zu allem Guten anhielt. „Wie glücklich könnten die Menſchen ſchon hier auf Erden leben“— ſprach er oftmals—„wenn Alle das ſiebente Gebot erfüllten! Aber ach! gerade gegen daſſelbe ſündigen die meiſten Leute und die Gefängniſſe ſind faſt lediglich mit den Uebertretern des ſiebenten Gebotes an⸗ gefüllt. Daß Eduards Mutter dem armen Maidſtone wenige Pfunde entwendete, hat unſägliches Elend über ihn und ſeine ganze Familie gebracht. Darum droht auch unſer Herrgott, daß die Diebe ſein Reich nicht er⸗ erben ſollen, und er iſt ein ſtarker, eifriger Gott, der ſein Wort und Gebot nicht verſpotten läßt. Sela!“ Leipzig, Druck von A. Ebelmann. Inhalts Perzeichniß. Erſtes Kapitel. Die Erwählung. Zweites Kapitel. Erfahrungen Drittes Kapitel. Die Enkelin. Viertes Kapitel. Ein verlorner Sohn. Fünftes Kapitel. Der Nachbar Sechstes Kapitel. Johanna Siebentes Kapitel. Im Kerker Achtes Kapitel. Das Urtheil Neuntes Kapitel. Die Reiſe 6 Kapitel. Der Miniſter Elftes Kapitel. Das Zuſammentreffen. 3wölftes Kapitel. Wiederſehen Seite 14 27 57 73 84 06 131 144 ſſſſſ ſhi 15 1 . 7 8 9 10 11 12 14 6 17 18