. — . ch 5 Sn⸗ Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gdnard Ottmann in Gie ſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. ORensein der Bibliothek. Die pfangnahme und Rückgabe der Bücher 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe Lines geliehenen Buches jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu den angenommen.. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerftattet wird. 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: ————— auf Monat: Pf. 1 F 50 Pf. „„ 6 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten u 6. 8 ersatz. Für beſchmutzte, tlich bei ſolchen en.— Iſt das ch ein Theil eines es Ganzen verpfli 7. Aus Dieſelbe iſt auf 1 beſonders darauf aufmerkſam gemach rnicht ſtattfin i der Büche ſelben von mir geliehen Bibliothek ſteht zur Em⸗ jeden Tag von Morgens wird von 24 Stun⸗ 6 Bücher: 2 W.— Pf und Zurückſendung ind Gefahr ſekbſt zu ſorgen. if„verlorene und upfern ꝛc.) muß der beſchmützte, ver⸗ eren Werkes, ſo iſt Diejenigen ehen haben größ chtet. 4 Tage fe t, daß das den darf, indem auch dafür zu ſt etzt und wird eiterverleihen welche die⸗ Augrnd· Jihlolhti von Guſtav Nieritz. Siebzehnter Jahrgang. Piertes Bändchen. „ Die drei Invaliden oder die Sparbüchſe. Leipzig. Voigt& Günther. Die drei Invaliden oder: Die Sparbüchſe. Von Guſtav Nieritz. Rieritz, die drei Invaliden. Das erſte Kapitel. Drei Invaliden treten auf. Thomas, der Invalide, ſaß in ſeinem Dachſtübchen und bezog das Geſtell eines Vogelbauers mit Eiſendraht. Es* . war bei dieſer Arbeit ſehr ſtill in dem Stübchen; durch die angelehnte Kammerthüre dagegen drang ein ſchmerzliches Schluchzen. Ein paarmal fuhr ſich Thomas mit der rechten Hand, welche die Kneipzange feſthielt, über die Augen, um ſich eine Thräne auszuwiſchen. „Es iſt gegen das Naturgeſetz“— murmelte er vor ſich hin—„und darum ſo ſchmerzlich. Eigentlich ſollten die Alten vorangehen und darum die Kinder ihre Aeltern be⸗ graben, anſtatt daß es ſo häufig umgekehrt iſt.“ 3 Er arbeitete eine Weile ſtumm weiter, wobei das Schluchzen in der Kammer fortwährte. Da ſtampfte es draußen derb auf die hölzernen Dielen, die Stubenthüre öffnete ſich unter einem lauten Schlag auf die eiſerne Thür⸗ klinke und herein humpelte ein mit einer alten 2 Montur bekleidet. „Grüß' dich Gott, Kanerid! ſprach der Eintretende, indem er ſoldatiſch die rechte Hand an das kleine dreieckige Hütchen auf ſeinem Haupte legte.„Uf! die böſen Treppen! Wenn meine Lunge nicht beſſer beſchaffen wäre als mein ſo müßte ich das Vergnügen miſſen, dich zu beſuchen. Du wohnſt hoch wie ein Thürmer und haſt gleichwohl auch nr ein Bein wie ich. Schlechter Geſchmack das in der Wahl deiner Wohnung. Hier bring' ich etwas Wäſche. Ein Hemde von mir und zwei von meinem Ferdinand. Was der Junge für Wäſche braucht! Alle Wochen ain weißes Hemde und dann lamentirt noch deine Jette, daß ſie kaum rein waſchen könnte. Wo iſt ſie denn? Auf dem Trocken⸗ platze oder im Waſchhauſe? In der Mangelkammer oder auf der Bleiche?“ „Auf dem Leichenbrete liegt ſie“— verſetzte Thomas dumpf und beugte ſich tief über ſeine Arbeit um wiederum eine neu hervorquellende Thräne zu verbergen. „Neun und neunzig tauſend Schock Pfefferkörner!“ rief der Stelzfuß betroffen aus und ſtarrte ſeinen Kameraden fragend an.„Das iſt ein ſchlechter Spaß! Thomas! Thomas! male den Teufel nicht an die Wand! Er kommt ſonſt, ehe man ſich's verſieht.“ „Ich male nicht“— erwiderte Thomas trübe—„am allerwenigſten den Teufel, an den jetzt nicht einmal ein Kind mehr glauben will. Komm' und überzeuge dich, ob ich ſpaße oder nicht.“ Er legte Draht und Zange hin, erhob ſich von ſeinem Sitze und ſtampfte mit ſeinem Stelzfuße der Kammerthüre fuß ihm nach. Draußen in dem Kämmerlein lag, unter zu. Neugierig und erſchrocken ſtampfte der andere Stelz⸗ 3 der ſchiefen Dachwand, auf einem ärmlichen Lager, ein todtes Weib ausgeſtreckt und neben demſelben ein kleines, etwa eilfjähriges Mädchen auf den Knieen, welches die Ur⸗ heberin des vernommenen Schluchzens und die Tochter der Todten war. „Da liegt meine Jette!“ ſprach Thomas, mit der Hand auf die Leiche deutend.— Geſtern Nachmittag noch auf dem Trockenplatz und thätig, und heute mauſetodt!“ „Da müſſen doch gleich neun und neunzig tauſend Schock Pulverwagen zuſammen in die Luft auffliegen“— erwi⸗ derte Pommrich, der Invalide.—„Wie in aller Welt iſt denn das ſo ſchnell zugegangen? Mancher, dem auf dem Schlachtfelde der Kopf voneinander geſpalten worden iſt, macht's nicht ſo ſchnell aus wie deine arme Jette.“ „Die Wäſche iſt ihr Tod geweſen“— antwortete Tho⸗ mas—„das laß ich mir nicht nehmen. Die Wäſche iſt für die Frauen, was das Lazarethfieber für die Soldaten. Als meine ſeelige Jette geſtern Abend ſpät heimkam, klagte ſie, was ſie ſonſt nie that, über große Müdigkeit in den Beinen. Sie habe, ſagte ſie, einen ſehr ſchweren Korb mit Wäſche vom Trockenplatz zur Frau von Tanneberg getragen und dort lange vor der verſchloſſenen Thüre warten müſſen, * bevor Jemand gekommen ſei und ihr geöffnet habe. Sie wäre erhitzt geweſen und bei der Frau von Tanneberg hätte es ſtark gezogen, und da möchte ſie ſich erkältet haben. Sie ſah ſo kreideweiß aus, wie eine friſch getünchte Kalkwand, 4 ſo daß ich darüber erſchrak. Sie wehrte mir, als ich Feuer 7 anmachen, ihr eine Taſſe Fliederthee kochen wollte, und meinte, es würde ſich ſchon von ſelbſt wieder g hen, 6 —— ſie eine Weile im nen Bette geweſen ſein würde. Sie legte ſich alſo nieder und ihre Guſte da neben ſie, während ich in der Stube bei meiner Arbeit verweilte. Plötzlich * ſchreit Guſte laut:„Großvater! Großvater!“ und das ſo 3 2 angſtvoll, daß ich Alles aus der Hand werfe und es ganz ergeſſe, daß ich meinen Stelzfuß bereits abgeſchnallt habe. Ich will in die Kammer humpeln, falle aber nach dem erſten Schritte hin und als ich mich aufgehaspelt habe und vor das Bett hinſinke, ſchnappt meine Jette gerade zum letzten⸗ nale auf, ſtreckt ſich lang aus und— weg war ſie! Wie mir Guſte erzählte, hatte ihre Mutter erſt ganz ſtill gelegen. Auf einmal aber röchelt ſie ſchwer auf, krappſt mit beiden Händen nach ihrer Tochter und zuckt heftig, ſo daß dieſe er⸗ † ſchrocken nach mir ruft. Nan, es war zwar ein ſchneller, ſſchmerzloſer Tod und es traf nicht ein, was meine Jette immer befürchtet hatte. Dieſe ſagte immer:„Gebt Acht, ihr Kinder! ich bekomme eheſtens das Reißen, ſo daß ich kein Glied mehr rühren kann und mich von euch heben, legen und füttern laſſen muß, wie die alte Waſchfrau, die Habelten, bis mich nach langem Leiden der Tod endlich abholt.“ Aber den Schreck, den wir beide, ich und Guſte, hatten, vergeſſe ich mein Lebtage nicht.“ die Todte—„und ihr iſt jetzt wohl.“ „Das iſt wahr!“— bejahte Thomas.„Mehr als wahr! Was meine Jette an mir und ihrer Guſte gethan hat, lohne ihr unſer Herrgott in der Ewigkeit. Für mich iſt's nun aber auch an der Zeit, daß der Zapfenſtreich ge⸗ ſchlagen wird und ich die Kneipzange mit dem Sarge ver⸗ 3—„Sie war eine kreuzbrave Frau“— lobte Pommrich —— —— 7 tauſche. Ich hoffte immer, daß mir meine Jette die Augen zudrücken ſollte und nun habe ich ihr dieſen Dienſt erweiſen müſſen. Ja, ja, der Menſch denkt und unſer Herrgott lenkt.“ „Wie ſteht's mit dem Begräbniß, Kamerad?“ fragte Pommrich—„Haſt du ſchon Schritte deshalb gethan? Du weißt, daß, wenn der Menſch in dieſes Leben eintritt, es Knöpfe koſtet, noch weit mehr aber, wenn er wieder ab⸗ gelöſt wird. In vierzehn Tagen erſt iſt unſere kleine, viertel⸗ jährige Penſion fällig und darum dein Beutel wohl eben ſo leer als der meinige.“ „Ach!“ entgegnete Thomas—„daran habe ich noch mit keinem Athemzuge gedacht.“* „Nun, wenn ja alle Stränge riſſen“— meinte Pomm⸗ rich—„ſo müßte die Armenbehörde das Begräbniß deiner Tochter beſorgen.“ „Die Armenbehörde?“ fuhr Thomas auf und ſein Ge⸗ ſicht entflammte.„Donnerwetter! Mir das, Pommrich? Und du willſt mein alter Kam'rad und Freund ſein? Ha, meine ſeelige Jette wendete ſich im Sarge und Grabe um, wenn ich ſie von der Armenbehörde einſcharren ließe und ſo ihr Andenken mit Schande bedeckte. Nein, meine Tochter“ — ſprach er zu der Todten gewendet und tief gerührt— verlaß dich darauf; mit Ehren ſollſt du unter die Erde gebracht werden, und ſollte ich mein letztes Hemde vom Leibe verkaufen oder gar meinen Stelzfuß, den ich noch nöthiger brauche wie jenes. O Pommrich! mich alſo zu kränken und dieſe dazu! Kommt dir's nicht vor, als ziehe die Todte ein recht ſchmerzliches Geſicht, ſeitdem das Wort „Armenbehörde“ über deine Lippen geſchlüpft iſt?“ „Still, Thomas!“ ſprach Pommrich.„Kennſt du mich ſo wenig, daß du nir ſo Schlimmes zutrauſt? Das Wort trat mir ohne meinen Willen auf die Zunge. Nein, nein, deine Jette ſoll ein ehrenvolles Begräbniß haben. Dafür laß mich mit ſorgen. Du aber, Guſte, haſt eine Mutter verloren, wie ſie nicht oft zu finden iſt. Darum ſind deine Thränen gerecht. Werde einmal wie ſie, und die Seelige wird dir freudig vom Himmel zulächeln. Vergiß aber nicht über deinem Schmerze, daß du noch einen Großvater be⸗ ſitzeſt, welcher deiner Dienſte bedarf und dich nicht weniger 5 wie deine geſtorbene Mutter. Aber laß ſie nun ruhen nd ſtöre ſie nicht länger durch dein Jammern. Komm herein in die Stube.“ — Als die drei die Kammer verlaſſen hatten und ſich in dem Stübchen befanden, ließ ſich draußen eine Stimme vernehmen, welche die Klänge einer Trompete nachahmte. „Da kommt auch noch der luſtige Hauthal!“ ſprach Pommrich.„Nun iſt Infanterie, Artillerie und Kavallerie wieder beiſammen. Was er ſagen wird, erfährt er Jettens plötzlichen Tod!“ „Es ritten drei Reiter zum Thore hinaus“— ſang es durch die aufgehende Stubenthüre luſtig herein—„trari trara!“ Ein großer, ſtarker Mann, mit nur einem Arme und in dem Rocke eines Kavalleriſten, trat herein und ſprach:„Ha! da finde ich auch meinen 36 pfündigen Kano⸗ nier von der neunten Batterie! Hilf Trenſen und Kan⸗ tharen! Nun kann die Bataille beginnen, nachdem alle * ————— 2 Waffenarten hier vertreten ſind. Frau Tiefenbach müßte denn dagegen Proteſt einlegen. Wo iſt deine Jette, alter . Thomas? Ich bringe ein Bündel Wäſche für ſie.“ „Es hat ſich ausgewaſchen“ erwiderte Thomas, in⸗ * dem er ſich abwandte und ſeiner auf's Neue in Thränen aus⸗ brechenden Enkelin das Haar glatt ſtrich.„Laß dir's von Pommrich erzählen.“ „Sie hat in's Gras gebiſſen“— raunte Pommrich dem . Kavalleriſten leiſe zu—„plötzlich— unvermuthet! Geſtern Abend geſund und todt! Verſtehſt du mich?“ „Hilf Schabracken und Piſtolenhalftern!“ rief Hauthal erſchrocken aus.—„Sie muß von Sinnen ſein, daß ſie ſo ſchnell zum Abmarſch geblaſen hat.“ „Allerdings iſt ſie mit dem Leben zugleich von Sinnen gekommen“— erwiderte Pommrich, der Artilleriſt.„Willſt du dich davon überzeugen, ſo folge mir und ſieh'“ Er führte den Reiter in die Kammer, wo dieſer bei dem Anblick der todten Frau keines Wortes mehr mächtig war. Lange ſah er unverwandt auf jene hin. Endlich trat er näher, legte ſeine einzige Hand auf die kalte, weiße Stirn der Geſtorbenen und ſprach ergriffen:„Du warſt deinem ſeeligen Manne eine brave Frau, deinem Kinde eine eben ſo brave Mutter und deinem Vater eine ſorgliche, liebende Tochter! Friede ſei mit dir!“ „Biſt du bei Kaſſe, Hauthal?“ fragte Pommrich ſeinen Kameraden, welcher fortfuhr, ſtumm die Leiche zu be⸗ trachten. „Warum?“ fuhr dieſer auf.„Wer wird hier an den Beutel denken.“ 10 „Doch!“ verſetzte Pommrich.„Die Todte muß begra⸗ ben werden und das koſtet, wie du begreifſt, Geld, viel Geld. Der Sarg allein wiegt wohl ſechs bis acht Vogel⸗ bauer auf, und es fragt ſich, ob unſer Thomas noch ſo viel gefertigt und bezahlt erhalten hat. Auf Koſten der Armen⸗ behörde das Begräbniß geſchehen laſſen, will Thomas durch⸗ aus nicht.“ „Ich auch nicht, Donner und Steigbügel!“ fuhr Hau⸗ thal auf—„Eine Soldatenfrau, und dazu eine ſo ehrenhafte, darf nicht wie ein Bettelweib eingeſcharrt werden.“ „Meine Gedanken!“ ſprach Pommrich.„Wir beide die Sorgen des Begräbniſſes übernehmen, weil Thomas jetzt dazu unfähig iſt, es ſich auch für ihn nicht 1 ſchicken will, daß er mit den Blutigeln handele, welche mit dem Begräbniß zu thun haben und mit doppelter Kreide die Rechnung zu ſchreiben pflegen. Du als ehemaliger Unter⸗ Dazu beſitzſt du weder einen Enkel, noch einen Vogel, weder einen Hund oder eine Katze, für welche du ſorgen müßteſt. Endlich bringt dir das Abwarten der Reitpferde 3 mehr Moneten ein, als unſerm Thomas die Vogelbauerei 5 und als mir das Schuhflicken. Deshalb hoffe ich von deiner Kaſſe das Beſte.“ Während dieſer Rede hatte ſich des Reiters Antlitz ver⸗ zuckte es wie Wetterleuchten über daſſelbe hin und Hau⸗ hals einzige Hand krauete ſich hinter dem Ohre. Endlich verſetzte er: 1 officier beziehſt unter uns dreien die anſehnlichſte Penſion. finſtert wie der Himmel bei einem drohenden Gewitter. Auch 11 „Du haſt Recht, Pommrich! Ich beſitze weder Kind noch Kegel, für welche ich zu ſorgen hätte. Aber mit Scham geſtehe ich dir, daß meine Kaſſe ſtets ſo leer iſt, wie heutzu⸗ tage der Almoſenkaſten in einer Kirche. Zwei ganz kleine, aber unerſättliche Dinge ſind's, welche meine Einkünfte wie in einen Meeresſtrudel gerathen laſſen und verſchlingen! Sie heißen— der Pfeifenkopf und die Flaſche! Rauchen und Trinken muß ich können, wenn ich nicht dieſes Leben ekelhaft finden will. Ich gebe zu, daß es nicht recht von mir iſt; aber— die Angewöhnung! Nun, potz Sattel und Reitzeug! verzweifeln wollen wir deshalb nicht und die Todte ſoll eben ſo wenig darunter leiden dürfen, vielmehr nitzMen Ehren einer Soldatenfrau begraben werden. Oho! wenn auch keine Reichthümer, ſo doch Credit und gute Freunde befitze ich noch.“ „Das iſt brav von dir geſprochen und wie ich erwartet habe“— entgegnete der Kanonier.„Wir aber wollen uns in die Geſchäfte und Gänge theilen, die das Begräbniß er⸗ fordern wird. Beruhigen wir vor allen Dingen unſern Thomas darüber.“. Das geſchah denn, und der Stelzfuß Pommrich ging mit dem Einarm Hauthal endlich davon. Auf ihre Veran⸗ laſſung fanden ſich ſpäter die Leichenfrau und der Tiſchler ein, um ihr trauriges Amt zu verrichten. Am dritten Tage lag Frau Tiefenbach aufgebahrt in dem Kämmerlein, in welchem, trotz der Anweſenheit der Leiche, der Invalide nebſt ſeiner Enkelin noch immer die Nächte zugebracht hatten. Früh um 8 Uhr ſollte das Begräbniß ſtattfinden. Vor⸗ 12 her aber, da Großvater und Enkelin noch allein waren, führte Erſterer die Letztere noch einmal zu dem Sarge, in welchem deren Mutter dem Erdenſchvoß übergeben wer⸗ den ſollte. „Guſte!“ hob Thomas mit bewegter Stimme an— „betrachte deine kreuzbrave Mutter noch einmal und präge dir ihr liebes, jetzt ſo bleiches Antlitz feſt in's Gedächtniß. Was ſie im Leben geweſen iſt, eine ſchlichte, ehrſame Sol⸗ datenwittwe, iſt ſie auch im Tode geblieben. Als ſolche trägt ſie ihre ſchwarze Wittwenhaube, liegt ſie in ihrem Rock und Jäckchen von blaugeſtreifter Leinwand und in ihren ſchwarzen, derben Lederſchuhen da. Unſere jetzigen Soldatenweiber dagegen ſtolziren neben ihren Männern in langen, bunten Kleidern voller Falbeln daher, hüllen 3 in theure Saloppentücher, deren Zipfel im Staube nachſchleifen, tragen ſeidene Hüte, ja wohl noch Schleier daran, und tanzen in Atlasſchuhen, während daheim der bittere Mangel herrſcht und der Mann nicht weiß, woher das Geld zu all' dem unnützen Plunder auftreiben. Guſte! wer vermöchte die Tauſende und aber Tauſende von Wäſcheſtücken aller Art zu zählen, welche deine ſelige Mutter gewaſchen, ge⸗ bleicht, getrocknet, gemangelt und geplättet hat! Küſſe dieſe kalten, arbeitſamen Hände, denen die beizende Lauge ſo vielemale die Haut beim Waſchen abgezogen hat. Wann du früh noch im ſüßeſten, feſteſten Schlummer ruhteſt, ſtand deine Mutter ſchon längſt am Waſchfaſſe, und vennſ faſt ſchon ausgeſchlafen hatteſt, kam jene erſt von der Mangel, kaum noch ihre Knochen fühlend, wieder heim. Thun ſo etwas unſere jetzigen Soldatenweiber? Ha! dieſe mögen ₰ — 13 nicht einmal ihre eigenen, kleinen Kinder auf dem Arme austragen, ſondern fahren ſie in einen theuer erkauften Wägelein mit ſich herum, geſchweige, daß ſie arbeiteten gleich deiner ſeligen Mutter. Wohinaus das noch ſoll, weiß unſer Herrgott. Du aber ſollſt deiner Mutter ähnlich werden und nicht den jetzigen Soldatenweibern. Dann wirſt du mit eben ſolchen Ehren in's Grab ſteigen können wie meine Jette hier. Haſt du mich verſtanden und willſt du das?“ „Ach ja, lieber Großvater!“ erwiderte Guſte ſchluch⸗ zend und küßte die kalten, mütterlichen Lippen und Hände, die über der Bruſt gefalteten, auf welche Guſte ein ſelbſt ge⸗ pflücktes und geflochtenes Blumenkränzchen gelegt hatte. Jetzt unterbrach ein lauter, vielfacher Tritt, welcher die Holzſtufen herauftrabte und der Stube ſich näherte, die ein⸗ getretene Stille in der Todtenkammer. Durch die geöffnete Stubenthüre hereinſtampfte ein Stelzfuß und eine Kom⸗ mandoſtimme ertönte: „Eins zwei! Eins zwei! Eins zwei! Halt! Zu zweien aufmarſchirt! Richt't euch! Augen grad' aus!“ Zwiſchen dem Tumult ſich aufſtellender Männer ver⸗ nahm man Säbel⸗ und Sporenklirren, und da der verwun⸗ derte Thomas mit ſeiner Enkelin die Stube betrat, fand er hier den Reiterunterofficier Hauthal vor einer Doppelreihe von Kriegern dreifacher Waffengattung, zwölf an der Zahl. Vier Mann Reiterei, eben ſo viel von der Infanterie und Artillerie, alle in ihrem beſten Schmuck und Glanze, harrten dem Befehle ihres Anführers, des einarmigen Hauthal, dem die innigſte Freude aus dem verwetterten Antlitz leuchtete. „Guten Morgen, Kam'rad!“ grüßte er den betrübten 14 Vater.„Da! beſieh' dir dieſe wackern Jungen! Sie find insgeſammt Willens, deiner Jette die letzte Ehre zu erweiſen und ſie zu Grabe zu tragen. Das nenne ich gute Kam'rad⸗ ſchaft! Na, wer weiß, wer ihnen einmal denſelben Liebes⸗ dienſt erweiſ't. Iſt dir's nicht ſo lieber, als daß dir die ſchwarzen Dohlen, die leidigen Leichenmänner, in ihren langſchwänzigen Quadrillenſchwenkern, in ihren Dreimaſtern von Hüten und ihren Trauermänteln vor's Quartier rücken, für die kleine Mühe großen Lohn begehren und obendrein noch einen theuern Trunk beanſpruchen? Ich ſage dir, daß deine Jette, ſieht ſie vom Himmel oben ihrem Leichenzuge zu, helle Freudenthränen darüber weinen wird. Doch be⸗ vor wir zum Werke ſchreiten, wollen wir uns ein wenig ſtärken. Du wirſt ohnehin heute nicht gefrühſtückt haben, Thomas, wenigſtens keinen warmen Kaffee, da deine Kaffee⸗ kocherin kein Glied mehr rühren kann. Heda, Markeden⸗ terin, vor!“ Auf dieſen Ruf ſtampfte Pommrich hinter der Krieger Doppelreihe vor. In der einen Hand hielt er ein Wein⸗ glas und in der andern eine volle Branntweinflaſche, aus welcher er jedem der Anweſenden ſeinen gleichen Theil ein⸗ füllte. Später erfaßten auf Hauthal's erneutes Kommando ſechs Krieger den Sarg mit der Todten und ſtiegen mit demſelben die Treppe hinab, begleitet von den übrigen Theilnehmenden. Während unten die andere Hälfte der Krieger neben ihren tragenden Kameraden herſchritten und dieſe auf dem Wege nach dem Friedhofe ablöſeten, humpelten Thomas nebſt ſeiner Enkelin inmitten ſeiner beiden Freunde und Gefährten dem Sarge nach. ——— 1 — 15 Es war ein kleiner, prunkloſer Leichenzug, welcher durch die Straßen der großen Hauptſtadt ſich fortbewegte. An jeder Seite des ſchlichten Leichentuches hing ein Blumen⸗ kranz, eine Gabe der beiden Invaliden und ein Seitenſtück zu dem Scherflein der armen Wittwe, das dieſe einſt vor dem Herrn in den Gotteskaſten des jüdiſchen Tempels legte. Dennoch erregte das Leichenbegängniß die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden, wie der Anwohnenden. Dieſelbe ver⸗ größerte ſich bedeutend als ſich die Sargträger durch eine Schaar ſchlichtgekleideter, kräftiger Frauen plötzlich ange⸗ halten ſahen, welche aus einem Nachbarhauſe, wo ſie den Trauerzug erwartet hatten, hervorquollen. An ihrer Spitze trug ein Weib eine Blumenkrone, deren Hauptbeſtandtheil hohe, weiße und ſüßduftende Lilien ausmachten. Auf einen Wink ihrer Hand ſenkten die Träger den Sarg und jene befeſtigte die Blumenkrone auf dem Kopfende des Leichen⸗ tuches, worauf der Zug ſich weiter bewegte, dem ſich jene Frauenſchaar ſtill und paarweiſe anſchloß. Es waren lauter Waſchweiber und Kameradinnen der Verſtorbenen, welche einen halben Tagelohn aufopferten, um jener die letzte Ehre zu erweiſen. Thomas wurde von dieſem Zuge kameradſchaftlicher Liebe und Anhänglichkeit ſo ergriffen, daß er nur durch Thränen und ſtumme Handbewegungen gegen jene Frauen ſeinen Dank äußern konnte. Sein überſtrömendes Antlitz in's vorgehaltene Taſchentuch verbergend, ließ er ſich von dem andern Stelzfuß und ſeiner Enkelin weiter führen. Durch viele ſich anſchließende Neugierige vergrößert, gelangte der Leichenzug auf den Friedhof. Der Sarg — ſchnurrte unter Guſtens lautem Schluchzen in die finſtere Grabestiefe hinab und ſchon öffnete der Todtengräber ſeinen Mund zu dem gewöhnlichen Spruche:„Nun wollen wir noch ein andächtiges Vaterunſer beten“, als ihm Hauthal Stillſchweigen zuwinkte und dieſer den Erdhügel um das Grab erſtieg, wie es jeder Standredner zu thun pflegt. „Sie wollen doch nicht etwa eine Rede halten?“ raunte der Todtengräber abwehrend dem Einarm zu.„Wiſſen Sie nicht, daß nur der Geiſtliche am Grabe ſprechen darf oder derjenige Laie, welcher ſeine Rede zuvor dem Herrn Superin⸗ tendent zur Prüfung vorgelegt hat?“ „Still, du krächzender Rabe!“ erwiderte Hauthal ent⸗ rüſtet.„Wenn ich zu meinem Herrgott reden darf, wie mir's mein Herz gerade eingiebt, wie ſollt' ich da nicht vor dieſen Menſchenkindern ſprechen dürfen, welche die Worte eines alten Invaliden nicht auf die Goldwage legen werden? Ueberdieß bin ich kein Laie, ſondern ein Soldat, und das Militair kümmert ſich nicht um das Civil und deſſen Befehle. Schweig', oder ich laſſe dich durch meine Kameraden hier der Todten nachwerfen.“ Der Todtengräber ſchwieg gezwungener Weiſe und ſchüttelte mißbilligend ſein Haupt. Hauthal dagegen räus⸗ verte ſich und hob mit gewaltiger Stimme zu ſprechen an: „Geehrte Anweſende! Ich erblicke ſo viele von Ihnen um dieſes Grab verſammelt, daß ich fragen muß, ob wir denn einen hohen Staatsmann, Miniſter, General, Ordens⸗ ritter, oder einen vornehmen und reichen Herrn, oder deſſen Frau, oder ein ſchönes Fräulein ſo eben beerdigt haben? O nein! Im Gegentheil! Es iſt nur eine arme, niedere 3 ——— —eeSe — 17 Wäſcherin, die hier ihre letzte Ruhe gefunden hat und deren Name den Wenigſten unter den Anweſenden bekannt ſein dürfte. Woher nun dieſe Theilnahme? Ich will es Ihnen ſagen. Man trug einſt einen Todten hinaus, den einzigen Sohn einer armen Wittwe, und viel Volks ging mit ihr. Daraus ſchließen wir, daß der Todte ein guter Sohn und braver Menſch geweſen ſein müſſe. Dieſe Todte dagegen hier iſt die einzige Tochter dieſes armen, einbeinigen Sol⸗ daten und die Mutter jenes weinenden Kindes. Gewiß war ſie nicht minder brav wie jener einzige Sohn der armen Wittwe. Denn treulich erfüllt hat ſie in ihrem ganzen Leben des Herrn Gebot, der nach dem Sündenfalle zur Eva ſprach: Du ſollſt mit Schmerzen Kinder gebären und dein Wille ſoll deinem Manne unterworfen ſein. Unter Mühen und harten Entbehrungen hat ſie außerdem noch ihre Kinder, von denen nur dieſes Eine übrig geblieben iſt, auferzogen, und als ihr Mann frühzeitig von ihrer Seite hinwegge⸗ nommen worden war, nicht bloß im Schweiße ihres Ant⸗ litzes ihr Brot gegeſſen, ſondern daſſelbe auch durch ſchwere Arbeit verdient. Wie oft hat ſie mit wund gewaſchenen, blutenden Händen nicht aufgehört, für ſich, für ihren Vater und ihr Kind zu ſchaffen und zu ſorgen! Für dieſe ttelle, Alles aufopfernde Liebe erwartet die Geſtorbene ein weicher Lohn oben im Himmel über uns. Wann am jüngſten Tage die himmliſchen„Trompeter zum letzten Auf⸗ und Abſitzen blaſen werden“ und der Himmel ſeine Sternenüber die⸗ erſchrockenen Menſchenkinder herniederfallen laſſen Wird/ die Himmel ſelbſt von großer Hitze zerſchmelzen und die Menſchen vor Angſt und Erwartung der k Vinge Nieritz, die drei Invaliden. 18 vergehen werden: dann wird auf des Herrn allmächtiges Gebot auch dieſes Grab ſeine Todte ausſpeien und dieſe gar vielen reichen und vornehmen Frauen vorgezogen werden, die hier die arme Wäſcherin verächtlich über die Achſel an⸗ geſehen, oder ihr den ſchweren Wäſchekorb auf den müden Rücken genöthigt oder ihre blutenden Hände zu fernerem Waſchen gezwungen haben. Dieſer Gedanke erhebe und tröſte den Vater und das Kind der Geſtorbenen! Er tröſte aber auch uns, die wir gleichfalls hier unſer Bündel Noth zu tragen haben.“ Dabei blickte der Sprecher auf die Stelle, wo ihm der linke Arm fehlte, und ſchloß nach gebe⸗ tetem Vaterunſer mit einem andächtigen„Amen.“ Der Todtengräber ſagte kein unſchönes Wort mehr. Die Wäſcherinnen dagegen drängten ſich um den Stand⸗ redner, um ihm für die der Todten geſpendete Lobrede und ihre eigene Erhebung dankbar die Hand zu drücken. Da unterbrach ein beginnender Trauergeſang in der Ferne die lautwerdenden Herzensergießungen der mundfertigen Wäſcherinnen. „Wie ſie ſo ſanft ruhn, alle die Seligen!“ erſcholl es, von einem eingeübten Sängerchor angeſtimmt. Mehr noch als die Textworte übte die Melodie des Lie⸗ des ihre ganze Zauberkraft auf die trauernden Gemüther aus. Zwar wühlte ſie den Schmerz über die Geſchiedene erſt recht auf in der Herzenstiefe, allein nur, um dann in die Wunde deſto ſicherer den lindernden Balſam zu träu⸗ feln und ſie kunſtgerecht zu verbinden. Als nun vollends der Sängerchor mit dem einzig erhabenen Troſtliede ſchloß 19 „Jeſus, meine Zuverſicht“— da war es der beſeligende, chriſtliche Glaube, welcher, noch über die menſchlichen Tröſtungen hinausgehend, das größte Erdenleid in ſtille, ja freudige Ergebung in Gottes Willen verwandelte. Hatte Hauthal durch ſeine gehaltene Grabrede die An⸗ weſenden überraſcht und erbaut, ſo war daſſelbe durch den Trauergeſang bei ihm ſelbſt geſchehen, beſonders da er kein Sterbenswörtchen davon gewußt hatte. „Du haſt mir den Rang abgelaufen!“— murmelte er ſeinem Freunde Pommrich zu.„Gegen dieſe Stimmen klang die meinige wie das Krächzen einer Nachteule.“ Beſcheiden lehnte Pommrich dieſes Verdienſt von ſich ab.„Nichts weiter habe ich gethan“— verſetzte er— als den armen Schluckern von Sängern verſprochen, daß ich jedem von ihnen ein einziges Mal die Stiefeln umſonſt ausbeſſern wolle, und das reichte hin, um ſie zum Singen zu bewegen. Du aber haſt geſprochen wie ein David und ſolche Kunſt nimmermehr bei deinen Pferden erlernt. Zum Pfarrer biſt du verdorben.“ Thomas dagegen ſprach zu ſeiner Tochter auf dem Heimwege:„Ach, Guſte, wie überaus ſchön iſt deine Mutter begraben worden! Wie wird und muß ſie ſich dar⸗ über gefreut haben im Himmel! Wie hüpfte mein Herz, da die Kameradinnen deiner Mutter mit der Lilienkrone er⸗ ſchienen und ſich uns anſchloſſen! Und nun die ſchöne Grab⸗ rede Hauthal's und vollends der Trauergeſang! Ach, Guſte es bleibt uns ja von allen Erdengütern zuletzt nichts weiter übrig als ein ehrenvolles Begräbniß und ein guter Nachruf. 2* 20 Und Beides iſt deiner ſeligen Mutter zu Theil worden. Lebe und handle wie ſie, damit dir bei deinem Scheiden von dieſer Welt ein gleiches Loos falle.“ Das zweite Rapitel. Ein Freundſchaftsdienſt. Am andern Tage nach dem Begräbniß ſeiner Tochter ſprach Thomas zu ſeiner Enkelin:„Du haſt bisher immer die Wäſchzettel für deine ſelige Mutter geſchrieben. Dieſe Arbeit hört nun auf. Aber ich will dir jetzt eine andere übertragen. Durchſuche die alte Kommode deiner Mutter und ſchreibe genau auf, was du findeſt. Sollte fremde Wäſche darunter ſein, ſo müſſen wir dieſelbe ihren Eigen⸗ thümern zurückgeben. Ueber den Nachlaß deiner Mutter aber ſteht uns das Verfügungsrecht zu.“ Guſte ging alsbald an das ihr übertragene Geſchäft. Dabei überzeugte ſie ſich auf's Neue von der Ordnungsliebe ihrer verſtorbenen Mutter. Alles lag in der ſchönſten Ord⸗ nung und Reihenfolge in ihrer Kommode; kein Stück ein⸗ geſchmuzte Wäſche unter der reinen, zierlich gemangelten oder geplätteten. Was der Geſtorbenen nicht angehörte, war beſonders gelegt, mit einem Band unſchlungen und mit dem Namen des eigentlichen Beſitzers bezeichnet. Kein Stück war zerriſſen, kein Strumpfpaar durchlöchert, ſon⸗ dern Alles nett ausgebeſſert, angeſtickt oder ſauber geſtopft. 2 „Da kannſt du abermals von deiner ſeligen Mutter lernen und deren Beiſpiel dir zum Muſter nehmen“— ſprach Thomas, den Auguſte vor das herausgezogene Kom⸗ modenfach hergerufen hatte, um ihm die darin herrſchende Ordnung zu zeigen.„Ich wette, daß manche Feldwebels⸗ frau zwar einen Kleiderſchrank mit eitelm Flitterſtaat voll⸗ hängen hat, ob ſie aber ſo viele Wäſche beſitze, wie meine ſelige Jette, bezweifle ich gar ſehr. Reine, ganze Wäſche ſagte deine Mutter oftmals, iſt das halbe Leben und eine wahre Wohlthat für den menſchlichen Körper. Weißt du nicht, Guſte, ob deine Mutter jemandem etwas ſchuldig ge⸗ blieben iſt? Etwa dem Seifenſieder, oder im Waſchhauſe, oder in der Mangelkammer, im Büdchen, beim Bäcker oder ſonſt wo? Zwar hat ſich bis jetzt noch niemand gemeldet und Bezahlung begehrt, ſolches aber vielleicht nur aus Schonung unfrer Trauer einſtweilen unterlaſſen.“ „Meine Mutter iſt niemandem etwas ſchuldig“— ant⸗ wortete Auguſte beſtimmt—„das weiß ich genau. Noch den Mittag vor ihrem Tode hörte ich ſie ſprechen: Gott Lob! daß ich keine Schulden habe!“ „So denken und ſprechen jetzt ſehr wenige Menſchen!“ ſeufzte Thomas.„Darum folgen ihnen aber auch die ärg⸗ ſten Verwünſchungen nach, wenn ſie, ohne ihre Schulden bezahlt zu haben, plötzlich dahinſterben. Doch Guſte, da ſehe ich die beiden Wäſchbündel liegen, welche meine Kame⸗ raden, Pommrich und Hauthal, hier zurückgelaſſen haben. Trage ſie ihnen nur wieder hin und bedeute beiden, daß ſie ſich um eine andere Wäſcherin zu kümmern hätten, denn mit dieſem Erwerbzweige iſt's nun bei uns vorbei. Guſte! „ Guſte! wie werden wir denn fortan bei den paar Thalern Penſion und meiner Vogelbauerei beſtehen können? Ach, wie ſelten, daß ſich jetzt jemand einen Vogel hält! Sonſt war das anders. Da beſaß der Aermſte ein Mätzchen, das ihm bei der Arbeit vorſang oder ihm die Grillen vertrieb. In unſrer Zeit dagegen klimpert man entweder auf dem Pianoforte oder vertrinkt das Vogelfutter lieber in baieriſchem Biere, verpafft man es in Cigarren, werſpielt man es im Skat. Ob ich mich auf das Verfertigen von Mäuſe- und Rattenfallen lege, bevor es mit der Vogelbauerei ganz aus wird?“ Auguſte überhörte die letzte Frage, welche Thomas mehr an ſich ſelbſt gerichtet hatte. Dem Mädchen flog ein Ge⸗ danke durch den Kopf, den ſie alsbald auszuführen beſchloß und weshalb ſie das weitere Durchſuchen und Aufſchreiben des mütterlichen Nachlaſſes ausſetzte. Auguſte hatte es nicht wie viele andere Kinder gemacht, welche dann nur auf die mütterlichen Hände ſehen, wenn dieſe mit Eßmitteln oder Naſchwaaren verkehren. Vielmehr hatte ſie genau Acht ge⸗ geben, wie ihre Mutter bei dem Waſchen, Bleichen, Trocknen, Mangeln und Plätten der Wäſche verfuhr, und darum jener oft genug beiſtehen können. Kunſtgerecht weichte ſie erſt die Wäſche ein, ſeifte, brannte und wuſch ſie dieſelbe, wobei ſich das Kind bald die Haut von den Händen rieb. Aber es war kein übles Bild die hübſche Kleine am rauchenden Waſchfaß ſtehen und deren Hände in geſchäftiger Eile mit der naſſen Wäſche umgehen zu ſehen. Die erſte Freude zog ſeit dem Tode ihrer Mutter wieder in Guſtens Herze ein, als dieſe mit ſtiller Genugthuung die gewaſchenen Stücke 23 auf der Leine zum Trocknen aufgehängt erblickte, welche das Mädchen auf dem hölzernen Gange vor ihrer Wohnung aus⸗ geſpannt hatte. Die getrocknete Wäſche ſelbſt zu mangeln, fühlte ſich Guſte allerdings nicht ſtark und geſchickt genug, wiewohl ſie oft genug das Mangelrad gedreht hatte. Aber das Kind wußte ſich zu helfen. Es ging mit dem Wäſche⸗ bündel in die nächſte Mangelkammer', wo die dort beſchäf⸗ tigte Wäſcherin gern die Bitte der Kleinen erfüllte und ihr, während dieſe die Mangel drehte, die paar Stücken Wäſche aufdeckte. m Freudig ſtolz, wie ein junger Handwerker, der ſein Probe⸗ und Meiſterſtück mit Ehren gefertigt hat, zeigte Guſte ihrem ſtaunenden Großvater ihre erſte Wäſche, ver⸗ nahm ſie ſchamhaft ihr Lob aus deſſen Munde und ging dann, ihre Arbeit den beiden Invaliden einzuhändigen. „Aber, daß du ja keine Bezahlung dafür annimmſt oder gar forderſt!“ rief ihr Thomas nach, eine Mahnung, welche Guſtens Ehrgefühl nicht wenig kränkte. „Werde ich mich für meine erſte Wäſche bezahlen laſſen!“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt—„und das noch dazu von guten Leuten, welche meine ſelige Mutter mit allen Ehren haben begraben laſſen. Das mir ſo etwas der Großvater hat zutrauen können!“ Während Auguſte auf dem Wege war, ſaß Hauthal auf dem Futterkaſten in dem Pferdeſtalle, wo er das Reitpferd eines Aſſeſſors abzuwarten hatte. In ſeiner einen Hand hielt er ein beſchriebenes Papier, in welchem er aufmerkſam las und nachrechnete. Es war dieß die Rechnung über die Begräbnißkoſten der Frau Tiefenbach, welche ihm die Lei⸗ 24— chenfrau überbracht und die er noch am heutigen Tage zu bezahlen verſprochen hatte. 6 In ſeinem Eifer überhörte der B ende, daß ein Holz⸗ fuß über die Steinplatten des Hofes ſampfte in welchem das Hinterhaus nebſt ſeinem Pfer an Hauthal blickte dann erſt auf, als die⸗Anrede erſcholl: „Guten Morgen, Eicero Hauthal! Was ſtudierſt du denn ſo eiferig in dem Papiere da? Eine neue Standrede vielleicht?“ Man ſieht, daß Pommrich, der Kanonier, noch nicht ganz das in der Schule Erlernte vergeſſen hatte, ſondern ſich noch erinnerte, daß Cicero ein großer Redner des Alter⸗ thums geweſen war. Hauthal verſetzte hierauf:„Ach Pommrich! die Gänſe⸗ haut läuft mir über den Rücken hinab, während ich die Rechnung der Leichenfrau hier durchgehe. Eine wahre Apothekerrechnung: viel, viel Geld für wenig Waare und Arbeit. Obenan ſtehen die Kirchengebühren mit 3 Thalern 25 Silbergroſchen. Das iſt neben den Koſten für den Sarg die ſtärkſte Poſt. Was aber, frage ich, hat die Küche bei dem Begräbniß zu thun; daß ſie eine ſolche Forderung aufſtellen darf? Haſt du etwa einen Geißtlichen oder irgend einen Kirchendiener bei dem Begräbniß zu Geſicht be⸗ kommen?“ „So fragen mit dir noch viele andere“— entgegnete Pommrich—„aber mit Unrecht. Der Ausdruck„Kirchen⸗ gebühren“ iſt falſch angewendet in der Rechnung und ver⸗ leitet darum Manchen zu einem ſchiefen Urtheil. Wiſſe, daß die Kirche mit ihrem Vermögen den Platz zum Friedhofe wee erkauft, ſo wie die Koſten der Umfaſſungsmauern und igen Bedürfniſſe getragen hat. Da iſt es nun nicht mehr als billig, daß man der Kirche für den zu einem Grabe nöthigen Raum eine angemeſſene Entſchädigung zahle und dieſe ſind eben die Kirchengebühren in der Rechnung.“ „Das iſt ein anderes Ding“— ſprach Hauthal— „und bitte ich nunmehr der guten Kirch⸗ und deren Dienern von Herzen ab, was Uebles ich über ſie gedacht und ge⸗ ſprochen habe. Aber die Leichenfrau hat für ihre Bemühung 1 Thaler 20 Silbergroſchen, ja für das Leihen der beiden Holzböcke, um den Sarg darauf zu ſtellen, außerdem noch 5 Silbergroſchen angeſetzt. Das iſt doch zu arg!“ „Das Amt einer Leichenfrau“— antwortete Pommrich achſelzuckend—„iſt kein angenehmes, ja zuweilen ſogar lebensgefährliches. Darum macht ſie ſich für ihre Mühe be⸗ zahlt und ich denke, du würdeſt es an ihrer Stelle eben ſo thun. Wie viel beträgt denn die ganze Rechnung?“ „Summa Summarum“— verſetzte Hauthal—„10 Tha⸗ ler 22 Silbergroſchen 6 Pfennige! Ha! wenn wir. nun noch die Leichenträger nicht umſonſt gehabt hätten!“ „Die Groſchen und Pfennige will und kann ich einſt⸗ weilen für unſern Kamerad verlegen“— ſprach Pommrich kleinlaut—„wie es aber mit den Thalern werden ſoll, weiß ich nicht.“ „Ich habe mein Wort gegeben“— erwiederte Hauthal, ſich hoch und ſtolz vom Futterkaſten erhebend—„daß die Leichenfrau heute noch bezahlt werden ſoll, und werde es halten. Wenn du aber wirklich die 22 Silbergroſchen 6 Pfen⸗ nige miſſen kannſt, ſo gieb ſie her.“ ₰ Pommrich ſchüttete den Inhalt ſeines Lederbeutelchens aus und zählte auf. Darüber erſchien Guſte, welche um dieſe Stunde den Reiterunterofficier hier anzutreffen wußte, in dem Stalle und war hocherfreut ch Pommrich's An⸗ weſenheit zwei Fliegen mit einem e zu treffen, wie man ſagt. Die Kleine händigte jedem von ihnen ſein Wäſch⸗ bündel ein und verweigerte ſtandhaft die Annahme von Be⸗ zahlung dafür. „Laſſen Sie mich fort“— bat ſie, indem ſie ihre Hände aus denen Pommrich's zu befreien ſuchte—„ich muß in meine Schule.“ „In welche Schule?“ fragte der Stelzfuß. „Bei Herrn Purfürſt“— antwortete Guſte. „Dort mußt du, ſoviel ich weiß, Schulgeld bezahlen?“ fuhr Pommrich fort. „Ja, wöchentlich 3 Silbergroſchen“— verſetzte Guſte. „Woher dieſe jetzt nehmen?“ ſprach Pommrich kopf⸗ ſchüttelnd.„Wenn dich Herr Purfürſt nicht unentgeltlich behält, ſo wirſt du dich in die Armenſchule verſetzen laſſen müſſen.“ „In die Armenſchule?“ wiederholte Auguſte beſtürzt und erbleichend. 6 „Ja!“ meinte Pommrich.—„Weshalb erſchrickſt du? In der Armenſchule ſind auch liebe, wackere Kinder, wenn gleich ſie ſchlecht gekleidet und barfuß einhergehen müſſen. Mein Ferdinand iſt auch Armenſchüler und lernt genug für ſeinen Stand.“ „In die Armenſchule!“ ſagte Auguſte abermals und machte ein Jammergeſicht.„Was wird mein Großvater— 27 ach und erſt meine ſelige Mutter dazu ſagen?! Dieſe ſagte immer, daß man in der Armenſchule unter lauter unrein⸗ liche Kinder zu ſitzen komme und ſchlechte Redensarten von ihnen höre und lerne. Am liebſten bliebe ich bei Herrn Pur⸗ fürſt, wo ich ſo viele gute Freundinnen unter den Schü⸗ lerinnen habe. Auch ſoll ich eheſtens das Namenſticken an⸗ fangen, worauf ich mich lange ſchon gefreut habe.“ „Warte, Pommrich“— miſchte ſich Hauthal ein— „mir kommt ein glücklicher Gedanke bei. Wie wär's, wenn wir uns dafür verwendeten, daß Guſte in die Garniſon⸗ ſchule aufgenommen würde? Dort lernt ſie Alles, was in den anderen Schulen für theures Geld gelehrt wird, und unter reputirliche Kinder käme ſie auch. Sie iſt ja ein Soldatenkind und ſolche wurden ehemals insgeſammt in die Garniſonſchule aufgenommen, mochten ihre Väter noch am Leben ſein oder nicht.“ „Ja, ehemals!“ verſetzte Pommrich—„aber nicht mehr. Der jetzige Kriegsminiſter weiſet alle Soldatenkin⸗ der zurück und der Armenſchule zu, deren Väter todt oder aus dem Soldatenſtande getreten ſind.“ „Keine Regel ohne Ausnahme“— ſprach Hauthal. „Es kommt auf einen Verſuch an. Anſtatt für das Auf⸗ ſetzen eines Bittſchreibens erſt unſer Geld hinzuwerfen, rücken wir beide dem Kriegsminiſter vor's Quartier. Du läſſeſt vor ihm dein ſchweres Geſchütz ſpielen und ich haue mit der blanken Säbelklinge dazwiſchen. Hui! Trenſen und Kan⸗ tharen Die Excellenz muß dann vor uns die Segel ſtreichen und ſich ergeben.“ 22 28 „Mitgehen will ich wohl“— entgegnete Pommrich— „aber der Kriegsminiſter ſoll einen Eiſenkopf beſitzen.“ „Wir wollen dagegen ſtählern ſein“— rief Hauthal. „Ich werfe meinen abgehackten linken Arm in die Wagſchale und du dein abgeſchoſſenes Bein. Brrr! wenn dieſe nicht den Ausſchlag zu unſerm Gunſten geben, ſo will ich acht Tage lang keine Pfeife rauchen und die Flaſche unberührt laſſen.“ Als die Leichenfrau kam, zählte ihr Hauthal 10 blanke Thaler nebſt Pommrich's Beiſteuer aus. Woher jener aber die Geldſumme genommen, ließ er ein Geheimniß bleiben. „Das Begräbniß iſt bezahlt“— ſprach der Reiter⸗ unterofficier zu ſeinem Freunde Thomas, indem er ihm die quittirte Rechnung einhändigte—„und du erſetzeſt mir und unſerm Pommrich die Verläge, ſobald du ſolches vermagſt. Nun habe ich aber mit Pommrich noch einen Gang vor, während dem du uns den Daumen halten magſt, damit jener nicht vergeblich ausfalle. Wenn nicht dich, ſo doch deine Guſte betrifft derſelbe.“ Des andern Vormittags ſtanden Pommrich und Hau⸗ thal in ihren alten Soldatenröcken mitten unter der Schaar, welche das Vorzimmer des Kriegsminiſters erfüllte und bei demſelben ein Dienſtanliegen oder irgend ein Geſuch vorzu⸗ bringen hatte. Es verſteht ſich, daß die beiden Invaliden, als die niedrigſten und gemeinſten Bittſteller, bis ganz zu⸗ letzt warten mußten. Stunde auf Stunde verrann und immer noch gelangten ſpätere Ankömmlinge zum Gehör vor die Execellenz, die ſich endlich ganz erſchöpft vom vielen 29 Sprechen fühlte, als Pommrich und Hauthal vor ihr er⸗ ſcheinen durften⸗ Sonderbar! heute war Hauthal das Gegentheil eines Cicerv und wie auf den Mund geſchlagen, als er vor der beſternten und goldglitzernden Excellenz ſtand. Darum mußte Pommrich das Wort faſt allein führen und er that ſolches mit ſo wenig Geſchick, daß die Exeellenz ſelbſt bei dem Vorhalt des mangelnden Armes und Beines ungerührt, vielmehr bei dem Satze ſtehen blieb, daß nur den Kindern noch im Dienſte ſtehender Krieger die Aufnahme in die Gar⸗ niſonſchule geſtattet würde. Mit dieſem Beſcheid ſahen ſich die beiden Invaliden entlaſſen. Hauthals hohe, ſonſt ker⸗ zengerade aufgerichtete Geſtalt war zur tief gebückten zu⸗ ſammen geſunken, als er in Begleitung Pommrich's des Kriegsminiſters Zimmer verließ. Die einzige Hand hielt er feſt auf ſein Herz gedrückt, als wolle er dem dort bitter auf⸗ ſteigenden Gefühle den Ausgang verwehren. „Pommrich“— hob er zu dem Kanonier leiſe an— „du hatteſt Recht! Der Kriegsminiſter beſitzt einen Eiſen⸗ kopf, gegen welchen dein ſchweres Geſchütz vergeblich ſpielte.“ „Ja“— erwiederte Pommrich—„und dazu war deine gerühmte Säbelklinge, mit der du mir beiſtehen wollteſt, ſo ſtumpf wie die Krauthacke einer alten Bauersfrau. Wo in aller Welt hatteſt du den Honigſeim deiner Rede gelaſſen, der dir an Jettens Grabe eben ſo reichlich als dick über die Lippen floß?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht“— geſtand Hauthal ein. „Als ich der Exeellenz in das bärtige, finſtere Antlitz blickte, kam mir daſſelbe bekannt und wie dasjenige eines mir in 30 der Schlacht grimmig gegenüber dräuenden Feindes vor und wiewohl ich mich vor dem Teufel ſelbſt nicht fürchte, ſo vergaß ich über dem Sehen das Sprechen und beinahe dazu den Zweck meines Kommens. Brrr! vor mir hat die Excel⸗ lenz Ruhe für immer.“ K Eben ſchritt das Invalidenpaar durch den Vorſaal, um 6 ſich zu entfernen, als es ſich von einem Stabsofficier, dem Adjutanten des Kriegsminiſters, aufgehalten ſah. Derſelbe hatte der Unterredung der Invaliden mit dem Kriegs⸗ miniſter beigewohnt und gebot ihnen jetzt, noch eine kleine Weile hier zu warten, bis er zurückkehren würde. Dieſe Worte waren dem Paare wie ein Sonnenſtrahl, der ſich durch eine finſterdrohende Wolkenſchicht eine Bahn bricht. Die Zeit des Wartens zu vertreiben, wendeten Pommrich und Hauthal ihre Blicke einem großen Oelgemälde zu, wel⸗ ches faſt die eine Wand des Gemachs bedeckte und eine wild tobende Schlacht vorſtellte.. „Kamerad!“ ſprach nach einer Weile eine Stimme und Hauthal fühlte eine Hand auf ſeiner Achſel—„w haſt du deinen linken Arm eingebüßt?“ Der Adjutant de Kri niniſters war's, der dieſe Frage that. „In der Schlacht bei Belle Alliance“— verſeßz Reiterunterofficier. „Das iſt ſie!“— entgegnete der Officier, auf das Ge⸗ mälde deutend.„Iſt ſie treu dargeſtellt? Erkennſt du in dem jungen Officier, der die Hauptperſon des Gemäldes iſt unſern Herrn Kriegsminiſter wieder? Er iſt in dem Augen⸗ blick dargeſtellt, wo ein feindlicher, franzöſiſcher Küraſſier den Todesſtreich gegen ihn führt, derſelbe aber durch einen 3 te der 31 . ſich dazwiſchen werfenden Dragonerunterofficier unſrer Armee noch glücklich abgewendet wird.“ „Ob die Exeellenz noch dem jungen Officier auf dem Bilde ähnelt, kann ich nicht behaupten“— erwiederte Hau⸗ thal—„getroffen aber iſt das Geſicht des Reiterunter⸗ officiers, der für den Leutnant den Säbelhieb auffängt, nicht; nur die Montur ſieht derjenigen meines ehemaligen Regiments gleich.“ „So hätteſt du des Kriegsminiſters Retter gekannt?“ fragte der Adjutank eifrig. „Ich werde doch“— verſetzte Hauthal, indem er ſeinen Blick raſch an der Seite ſeines Körpers hinuntergleiten ließ, wo ihm der Arm fehlte—„war er doch mein Kamerad und von meiner Eskadron!“ „Der Herr General und jetzige Kriegsminiſter“— fuhr der Adjutant fort—„hat ſich damals nicht um ſeinen Ret⸗ ter kümmern können und ſpäter nie wieder etwas von demſel⸗ ben erfahren. Außerdem würde er ſich gewiß ſehr dankbar gegen den Mann bewieſen haben, der den ihm zugedachten Todesſtreich glücklich auffing.“ „Dankbar?“ ſprach Hauthal kopfſchüttelnd.—„Das glaube ich nicht. Hat doch die Excellenz die kleine, ihr nichts als ein einziges Wort koſtende Bitte— uns abgeſchlagen, die wir beide in jener Schlacht unſere Gliedmaßen für das Vaterland verloren haben.“ „Wahrſcheinlich iſt's“— meinte der Adjutant,„daß der Retter der Excellenz unter dem empfangenen Streiche ge⸗ blieben iſt, denn er hat ſich niemals als ſolchen gemeldet und ſein Verdienſt geltend gemacht. Oder kannſt du mir 32 vielleicht ſagen, ob jener Kamerad von dir noch lebt und wo und wie? Ha, biſt du etwa ſelbſt dieſer tapfere Mann?“ Wie eine Mauer, ſo ſteif und kerzengerad ſtand Hauthal vor dem Gemälde, welches er ſo ſtarr anblickte, daß er dar⸗ über die Fragen des Stabsofſiciers ganz überhört zu haben ſchien. Dieſer ſah des Invaliden Antlitz mit dem Ausdruck eines ſo bittern und zornigen Gefühls überſchattet, daß er das Geſpräch äuf einen andern Gegenſtand lenkte. „Ich vernahm euer Geſuch“— wendete er ſich an Pommrich—„und den abſchlägigen Beſcheid der Excellenz darauf. Dieſe kann nach der beſtehenden Verordnung euret⸗ wegen keine Ausnahme machen. Aber mich dauert euer kleiner Schützling und ich erbiete mich daher, das Schulgeld für denſelben aus meinen Mitteln zu bezahlen. Einer von euch oder das Kind ſelbſt kann wöchentlich oder monatlich das Geld bei mir in Empfang nehmen. Ich bin der Major von Richthauſen und wohne in der Charlottenſtraße Nr. 56.“ Dieſes Anerbieten erfreute den Kanonier höchlich und glättete Hauthals gefaltete Stirn in etwas. Herzlich dankend verabſchiedete ſich das Frlieie von dem liebreichen Major. Unterwegs blieb pauthat in ſich gekehrt.„Pfui! pfui“ ſprach er vor ſich hin—„wenn er's auch nicht wußte oder nicht ahnte! Unrecht bleibt's immer. Ha! ich möchte wiſſen, wie viele Hunderte das Bild zu malen gekoſtet hat. Für das Vaterland einen Arm oder ein Bein hingeben, das gilt nichts, das iſt blos infame Schuldigkeit. Aber wegen eines jungen Leutnants zum Krüppel ſich hauen laſſen — ſo etwas wird ganz anders belohnt. Daß dich! Aber die Liebe thue ich dir nicht und ſollte ich keinen Zug mehr rauchen und keinen Tropfen wieder trinken können. Ja, ja, liebe Excellenz! von mir ſollſt du's nimmer herauskriegen. Darauf verlaß du dich. Hauthal beſteht eben ſo gut auf ſeinem Kopf, wie du auf dem deinigen, theure Excellenz!“ Auguſte war ſehr glücklich, daß ſie ferner ihre liebge⸗ wonnene Schule beſuchen durfte. Das dritte Kapitel. Die Verlegenheit und was daraus hervorging. Während der nächſten 14 Tage beſuchte Hauthal, gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, ſeinen Kameraden Thomas ſehr ſelten. Der ſonſt rauhe Kriegsmann that ſolches aus einem rühmlichen Zartgefühl gegen ſeinen Schuldner, den er durch öftere Beſuche nicht an die Abtragung ſeiner Ehrenſchuld mahnen wollte. Als nach Verlauf dieſer Zeit Pommrich den Reiterunterofficier in ſeiner Wohnung aufſuchte, traf er den⸗ ſelben über dem eifrigen Putzen eines alten Reiterpiſtols. „Was haſt du vor, Kam'rad?“ redete ihn Pommrich verwundert an.—„Was willſt du mit dem Piſtol?“ „Nach der Scheibe ſchießen“— antwortete der Ein⸗ arm,„ſeine Arbeit fortſetzend.“ „Biſt du von Sinnen?“ rief Pommrich. „Jetzt noch nicht, aber ich hoffe, bald davon zu kom⸗ men“— war die lakoniſche Antwort. Rieritz, die drei Invaliden. 3 34 „Nach der Scheibe!“ wiederholte Pommrich ungläu⸗ big.„He, nach welcher denn, wenn ich fragen darf?“ „Nach dieſer!“ erwiederte der Einarm indem er auf ſein Herz deutete.„Ich denke, daß ich das Schießen noch nicht ganz verlernt habe, um nicht dieſes nahe Ziel zu treffen und zwar in's Schwarze!“ „Millionen Schock Bomben und Granaten!“ rief Pomm⸗ rich erſtarrend aus.„Du wollteſt— dich erſchießen? Hab⸗ ich recht verſtanden?“ „Ja!“ ſprach Hauthal ruhig. „Und weshalb willſt du dir den Schimpf und mir den Tort anthun?“ forſchte Pommrich ärgerlich. „Das bleibt mein Geheimniß!“ verſetzte Hauthal ſtörrig. „Oho!“ rief Pommrich aus.„Damit iſt nichts! Haben wir drei: ich, du und Thomas, uns nicht verſchworen, daß wir feſt zuſammenhalten und keiner den andern im Stiche laſſen wollen? Und jetzt willſt du dein Wort brechen und das ohne Grund?“ „Nicht ohne Grund“— verſicherte Hauthal—„der triftigſte von der Welt treibt mich zu dieſem Schritte.“ „Das iſt eine Lüge!“ ſprach der Kanonier beſtimmt. „Einen triftigeren Grund kannſt du nicht haben als damals, wie wir zuſammen im Feldlazareth lagen, du mit einem noch loſe am Körper baumelnden Arm und ich mit einem zer⸗ malmten Beine. Damals war es zu entſchuldigen, wenn wir, von den gräßlichſten Schmerzen gefoltert und mit einer noch ſchmerzhafteren Amputation bedroht, lieber den Tod einer längeren Qual und im günſtigſten Falle einem ver⸗ krüppelten Daſein vorzogen. Doch jetzt? Ha! was fehlt — 35 Dir? du biſt geſund, noch rüſtig, rauchſt deine Pfeife, trinkſt deinen Schnaps, haſt Verdienſt, ſprichſt wie ein Eicero und haſt mit mir es durchgeſetzt, daß Guſte in ihrer Schule ver⸗ bleiben darf. Dennoch willſt du feige von deinem Poſten deſertiren, bevor unſer Herrgott den Senſemann, dich abzu⸗ löſen zu dir ſchickt? Pfui! Kam'rad, das wäre mehr als ſchlecht, das wäre gegen die Subordination!“ „Verdamme mich nicht“— bat Hauthal gepreßt— „ſondern bete ein andächtiges Vaterunſer für mich, wenn du mich entſeelt hier findeſt.“ „Das verſpreche ich dir unter keiner Bedingung“— drohte Pommrich.„Wenn du ſolche unchriſtliche Gedanken hegſt, ſo mag ich nicht einmal im Himmel wieder mit dir zuſammentreffen. Thomas eben ſo wenig wie ich.“ „Du treibſt mich zum Aeußerſten“— klagte Hauthal —„ſo höre denn! Schweige aber und entſchuldige mich. Ich bin ein elender, nichtsnutziger Kerl, der keinen Noth⸗ pfennig zu ſparen gelernt hat, ſondern Alles als Rauch in die Luft verpafft oder durch die Gurgel rinnen läßt. Das habe ich erſt erkannt, wie wir die Begräbnißkoſten für die Jette verlegen wollten. Jene zehn Thaler habe ich von meinem Aſſeſſor mit dem heiligen Verſprechen geborgt, ſie nach 14, höchſtens 16 Tagen zurückzuzahlen. Uebermorgen ſind 16 Tage um; Thomas hat noch keinen Groſchen an mich oder dich abgetragen, ja nicht einmal ſeiner Schuld gegen uns mit einem Wörtlein erwähnt, folglich iſt er ban⸗ kerout und ich werde zum Wortbrüchigen. Das ertrage und überlebe ich aber nicht. Darum will ich, der keinen Men⸗ ſchen durch ſeinen Tod betrübt, aus der Welt gehen, wo⸗ * 36 durch ich meines Ehrenwortes quitt und Thomas zugleich ſeines Hauptſchuldners entledigt wird. So iſt uns beiden geholfen. Von dir und deiner Freundſchaft gegen Thomas erwarte ich, daß du den Grund meiner That ſorgſam vor ihm, wie vor der Welt verheimlichſt, auf daß er ſich keine Gewiſſensbiſſe mache und ſich nicht als meinen Mörder an⸗ klage. Verſprich mir das, alter Kamerad!“ 8„Hat man je eine verrücktere Rede gehört?“ erwiderte der Kanonier, zornig mit dem Stelzfuße aufſtampfend. „Wie? keinen Menſchen würdeſt du durch deinen Tod betrüben? Ha, ſind denn Thomas und ich unvernünftige Thiere oder lebloſe Steine? Wir, die wir wie alte Weiber ſchon heulen würden, wenn du an einer natürlichen Krank⸗ heit uns wegſtürbeſt, geſchweige wenn du als ein feiger, wortbrüchiger und liebloſer Selbſtmörder Hand an dich legteſt? Wie? deines gegebenen Ehrenworts wäreſt du durch deinen gewaltſamen Tod quitt? Nein, juſt das Gegentheil davon, du einfältiger Tropf! Bis heute haſt du als ein wackrer, ehrſamer Kriegsmann gelebt und gegolten und willſt dieſen Ruhm und guten Namen muthwillig ſelbſt ver⸗ nichten? Und weshalb? Lumpiger 10 Thaler wegen! Ha! biſt du nicht mehr werth, wie ein Kalb oder ein gemäſteter Schöps? Ha für eines deiner geſunden Beine allein würde! ich mehr wie tauſend Thaler zahlen, und mehr noch wiegt deines Mundes Beredtſamkeit. Und was würde unſer Herr⸗ gott zu einem ſolchen feigen Deſerteur ſagen der vor der Ab⸗ löſungszeit von ſeinem Poſten wegläuft? Als ungetreuer Knecht würdeſt Du hinausgeſtoßen in die äußerſte Finſterniß, wo da iſt Heulen und Zähneklappen. Recht wohl weiß ich jetzt, daß der von dir in der Schlacht bei Bellealliance mit Verluſt deines Armes herausgehauene Leutnantunſer jetziger Kriegsminiſter iſt. Sein Herz müßte, wie ſein Kopf gleich⸗ falls, von Eiſen ſein, wenn er dir, nachdem du dich ihm als ſeinen Lebensretter zu erkennen gegeben hätteſt, nicht mit einer hübſchen Geldſumme unter die Arme griffe.“ „Das thue ich aber nicht, partout nicht“— ſprach Hauthal trotzig—„und ſollte ich durſtig ſterben müſſen.“ „Mache meinethalben was du willſt“— erwiderte Pommrich—„nur erſchieße dich nicht. Ha, wenn ſich alle die Leute, welche lumpige zehn Thaler und mehr ſchuldig ſind, erſchießen wollten: wie leer würde es da im Lande aus⸗ ſehen!“ „Aber ich habe mein Ehrenwort darauf gegeben“— bemerkte Hauthal. „Das haben andere Leute auch, ſogar Standesper⸗ ſonen und dergleichen“— lachte Pommrich—„dennoch bezahlen ſie nicht, ja lachen ihre Gläubiger obendrein noch aus. Na, Hauthal, ſei vernünftig. Wirf die Piſtole in's alte Eiſen zurück oder verſchachere ſie. Verſprich mir we⸗ nigſtens, daß du vor Ablauf des letzten Termins nicht Hand an dich legen willſt. Es wäre doch nicht gut, wenn wir drei invaliden Kameraden zuſammen nicht die zehn Thaler aufbringen könnten, ſollten wir auch Einiges von unſern Sachen verſetzen oder verkaufen müſſen.“ „Alles, was ich beſitze“— ſagte Hauthal achſelzuckend, „iſt nicht fünf Thaler werth.“ „Laß mich nur machen“— antwortete Pommrich. „Hei! wenn dein Aſſeſſor erführe, daß du dich wegen der 38 paar Thaler erſchoſſen hätteſt: er würde mehr wie hundert geben, um dich wieder lebendig zu machen und ſeinem Rap⸗ pen den treuen, ſorglichen Wärter zu erhalten. Würde dir's denn ſo leicht, von der Thiere für immer zu ſcheiden? Mir hat es ſchon Thränen gekoſtet, als ich meiner Kanone entſagen und ihr den Rücken zukehren mußte.“ „Es iſt wahr“— geſtand Hauthal ein—„ich habe des Aſſeſſors Rappen lieb, wie du deinen Ferdinand und wie Thomas ſeine Guſte, und ich glaube, der Rappe würde nicht ſobald wieder freſſen und ſich beruhigen, wenn ein An⸗ derer ihn füttern und ſtriegeln wollte. Auch des Rentmeiſters Fuchs ſollte mich dauern, ja ſelbſt die alte Kracke, der Apfel⸗ ſchimmel des Kaufmanns Handrich an der Poſtſäule.“ „Da haſt du's“— erwiderte Pommrich—„und da kannſt du noch ſprechen, daß du durch deinen Tod niemanden betrüben würdeſt. Trinke einen Nordhäuſer und werde wie⸗ der gutes Muthes. Der liebe, alte Herrgott lebt ja auch noch, der keinen Deutſchen und keinen zum Krüppel gewor⸗ denen Krieger verderben läßt.“ Es gelang dem Zureden Pommrich's, ſeinen Kameraden zu dem Verſprechen zu bewegen, vor Ablauf der letzten Stunde jener 16 Tage nicht Hand an ſich zu legen. Pomm⸗ rich verließ jetzt den Reiterunterofficier, um ſofort ſeinen anderen Kameraden Thomas aufzuſucheu. „Denke dir nur“— hob er zu demſelben an—„unſer Hauthal iſt übergeſchnappt.“ „In Ernſtk Wie ſo? Das iſt ja nicht möglich!“ ver⸗ ſetzte Thomas, theils ungläubig, theils erſchrocken. 39 „Als ich jetzt zu ihm kam“— erzählte Pommrich— putzte er ſeine alte Piſtole, um ſich zu erſchießen.“ „Er iſt närriſch geworden!“ rief Thomas, die Hände zu⸗ ſammenſchlagend. 4 „Das ſage ich ja eben!“ etwiderte Pommrich.„Und warum wollte er das? Weil er die zehn Thaler nicht zum beſtimmten Tage bezahlen kann, die er wegen der Begräb⸗ nißkoſten deiner ſeligen Jette von ſeinem Aſſeſſor geborgt hat.“ „Heiliger Gott!“ wehklagte Thomas, dabei mit der Fauſt vor den Kopf ſich ſchlagend.„O ich vergeßlicher, ſorgloſer, undankbarer Eſel! Habe ich nicht rein die ganze Geſchichte vergeſſen? Und Hauthal hat mich mit keinem Wörtlein er⸗ innert. O nun begreife ich, weshalb die treue, ehrliche Seele in der letzten Zeit nicht mehr zu mir kam. Ich ſollte von ſelbſt meiner Schuld gedenken! Guſte! Guſte! wo biſt du? Hurtig, hurtig räume die Kommodenfächer deiner ſeli⸗ gen Mutter rein dus. Packe zuſammen von ihrer Wäſche und Kleidung, was am werthvollſten iſt. Dann wollen wir ſtracks auf das Leihhaus rennen und verſetzen, was da ver⸗ ſetzenswerth iſt. Guſte, ſpute dich, denn ein theures Men⸗ ſchenleben hängt davon ab. O ich neun und neunzig mal vernagelter Schafskopf! Nicht einen Schuß Pulvers iſt mein alter Kopf mehr werth. Wo in aller Welt habe ich denn meine Gedanken gelaſſen? Biſt du bald fertig, Guſte?“ Auguſte kramte mit eiligen, ja zitternden Händen in der mütterlichen Kommode herum. Sie war faſt noch mehr erſchrocken als ihr Vater und ſah im Geiſte den Einarm mit vor dem Kopf geſetzter Piſtole vor ſich. Schon waren mehrere Stöße Wäſche und Kleidungsſtücke der geſtorbenen 40 Mutter übereinander Kammer einen Schrei der Ueberraſchung ausſtieß und in dem nächſten Augenblick mit einem zuſammengelegten Papier in der Hand in die Stube hereingeſprungen kam. „Vater! Vater!“ rief das Mädchen aufgeregt—„was ich da in einem Winkel der Kommode und unter den Hals⸗ tüchern der Mutter gefunden habe?“ Thomas nahm dem Kinde das hergehaltene Papier aus der Hand, welches die mit Tinte geſchriebene Aufſchrift an ſich trug:„Zu meinem Begräbniß.“ In tiefer Bewegung las Thomas die dann entfaltete er das Papier. entſtürzte ſeinen Augen als er 3 überzählte, welche die Verſtorben und Aufopferung, durch zahllos und mit beharrlicher Entſagun ſpart hatte. Der Stelzfuß erhob ſeinen Blick gen Himmel. Seele!“ ſprach er ſchluchzend—„ſelbſt nach deinem Tode biſt du uns noch ein Muſterbild. Dein Andenken bleibe im Segen unter uns. Friede ſei mit dir.“ Nach einer ſtillen Pauſe, welche der Verblichenen zu Ehren gewidmet war, begann Thomas um ſo eifriger: „Da, nimm Pommrich! Laufe, ſpringe zu Hauthal! händige ihm die 10 Thaler ein und mit dieſem elften mache dich hezahlt. O meine liebe, ſelige Jette! welch' einen ſchweren Stein haſt du durch deine Fürſorge von dem Her⸗ zen deines Vaters abgewälzt! Pommrich! überbringe zu⸗ gleich unſerm wackern Hauthal meinen ſchönſten Dank! ſe Worte laut ab; Ein heißer Thränenſtrom wölf einzelne Papierthaler e ach, mit ſo vieler Mühe vergoſſene Schweißtropfen 8 erworben und aufge⸗ „Treue gethürmt, als vlötzlich Auguſte in der 41 „Er ſoll mir vergeben, daß meine Vergeßlichkeit und Saumſeligkeit ihn beinahe in den Tod getrieben haben. Oder, nein, ich ſelbſt will ihm das Geld überbringen und ihn um Verzeihung bitten. „Nein, Thomas!“ ſprach Pommrich—„überlaß mir die Sache, damit wir unſerm Hauthal die Schamröthe über ſeinen tollen Streich mit der Piſtole erſparen. Ich ſollte ja dir und aller Welt ſein unchriſtliches Vorhaben verheim⸗ lichen. Faſt ſcheue ich mich, den hinterlaſſenen Schatz deiner ſeligen Jette in meine ſchlechte Hand zu nehmen. Es kommt mir vor, wie geheiligtes Geld aus dem Gotteskaſten und ſollte darum hoch aufbewahrt bleiben. Weil aber unſers Kameraden zeitliches Wohl und Wehe davon abhängt, ſo — na, gieb her, Thomas!“ Nachdem Pommrich davon geſtelzt war, ſprach Thomas zu ſich ſelbſt: „O du erbärmlicher Kerl! wie beſchämt ſtehſt du deiner ſeligen Jette gegenüber! Habe ich je in meinem Leben daran gedacht, einen Groſchen oder Pfennig für mein Begräbniß hinzulegen, damit ich den Meinen eine große Sorge erſpare? O Jette, immer mehr ſehe ich ein, was ich und Guſte an dir verloren haben. Wer weiß, wie lange Jahre du an den zwölf Thalern geſammelt haſt!“ „Großvater!“ ſprach hier Auguſte zum Invaliden— „möchte ich nicht ſchon anfangen, zu meinem Begräbniß zu ſparen? Können denn Kinder, wie ich, auch ſchon ſterben?“ „Welche Frage!“ fuhr Thomas auf.„Siehſt und hörſt du nicht, daß weit mehr Kinder wie Erwachſene ſterben und auf den Friedhof hinausgetragen werden? Kinder gleichen 42 friſchen, ſaftigen Getreidehalmen, die ein mäßiger Wind ſchon knickt, während der Sturm über die Stoppeln— uns Alte — unſchädlich dahinbrauſt.“ Da ſchwieg das Kind gedankenvoll. Als Thomas ſich wieder zu ſeiner Arbeit hingeſetzt hatte, begab ſich Auguſte in die Kammer zurück, um die für das Leihhaus beſtimmt geweſenen Sachen an ihren alten Ort zurückzuverſetzen. Vorher aber nahm ſie ihr klingendes Vermögen— vier Kupferpfennige— hervor und dieſelben einzeln abzählend, ſprach ſie:„Kleidung— Nahrung— Wohnung— Be⸗ gräbnißkoſten.“ Hierauf wickelte ſie drei Pfennige in ein Papier, den vierten dagegen ſteckte ſie in die Spalte einer thönernen Sparbüchſe, über welche ſie ſpäter einen ſchmalen Papierſtreifen klebte, mit der Aufſchrift:„Zu meinem Be⸗ gräbniß.“ „Uf!“ ſprach Hauthal tief aufathmend, als ihm Pomm⸗ rich die 10 Thaler überbrachte und zugleich von dem unver⸗ hofften Auffinden der Begräbnißkoſten erzählte.„Nun iſt der Alp hinweg, der meine arme Bruſt immer ärger, je länger zuſammendrückte. Ach, die kreuzbrave Jette! Gott habe ſie ſelig! Wenn ich ihre Ausdauer geerbt hätte und ihre Sparſamkeit! Ha, ich möchte mich gleich ſelbſt durch⸗ fuchteln, wenn ich mich gegen dieſes ſchwache Weib vergleiche. Aber, nur Geduld, vielleicht gewinne ich' doch über mich! Verſuchen wir's wenigſtens.“ „Wenn du nun dein ſchlimmes Vorhaben ausgeführt hätteſt“— ſtrafte Pommrich ſeinen Freund—„und wir hätten dann erſt die 12 Thaler in der Kommode gefunden: was würde dann wohl geſchehen ſein? Du hätteſt dich ſchwarz geärgert, Thomas wäre vielleicht aus Verzweiflung in's Waſſer geſprungen und ich verlaſſen und allein zurückge⸗ blieben. Daß du's unſerm Herrgott kniefällig abbitteſt oder wir find geſchiedene Freunde.“ „Laß dir ſagen, Pommrich“— verſetzte Hauthal— „daß der Gram über mein nicht zu erfüllendes Ehrenwort wie ein giftiger Wurm an mir nagte, dem ich durch das Erſchießen aus dem Wege gehen wollte.“ „Ja, ja!“ nickte Pommrich—„aber durch deinen Selbſtmord wäreſt du einem viel giftigeren Wurme, der nie erſtirbt, und einem freſſenden Feuer, das nie verliſcht, in die Hände gelaufen. Haſt du denn nicht an die Ewigkeit gedacht, da du die Piſtole zurecht machteſt?“ „Deine Beredſamkeit iſt größer, als die des Cicero, mit welchem du mich verglichen haſt“— geſtand Hauthal ein— „und ich erſcheine wie ein dummer Hans gegen dich. Aber nun höre auf mit Züchtigen. Hier meine Hand und mein Wort, daß ich mir für immer das Erſchießen aus dem Sinne ſchlagen will.“ Das vierte Kapitel. — Auguſte. Ein Stück Flußufer, das dem Staate angehörte und von demſelben nicht benutzt wurde, diente den ärmeren Be⸗ wohnern der Hauptſtadt zu einem willkommenen Bleich- und Trockenplatze ihrer Wäſche, wofür ſie keine Vergütung zah⸗ 44 len durften. Hier ſaß Auguſte Tiefenbach an einem ſonni⸗ gen Tage und hütete ihre Wäſche, die ſie in Zwiſchenräumen mit Waſſer aus der Gießkanne, einem Erbſtücke ihrer Mut⸗ ter, begoß. Sie war nicht die Einzige, welche dieſem Ge⸗ ſchäfte oblag. Noch mehrere Frauen und Mädchen, welche aber ungleich mehr Wäſcheſtücken auf dem grünen Raſen ausgebreitet liegen hatten als Auguſte, waren in der Nähe, ſchwatzten zuſammen oder nickten im trägen Schlummer. Auguſtens nächſte Nachbarin auf der Bleiche war eine be⸗ jahrte, vom Alter gekrümmte, kleine Frau, welche mit wah⸗ ren Argusaugen ihre Wäſche bewachte und nebenbei die ihrer Nachbarinnen durchmuſterte. Wenn ſie nicht die Wäſche mit Waſſer übergoß, ſäß ſie untek einem alten grauen Regenſchirme, um ſich gegen die herniederſengenden Sonnenſtrahlen zu ſchützen. Gegen die ſprachſeligen, übri⸗ gen Bleicherinnen blieb die alte Frau ſtumm wie ein Fiſch, und nur zuweilen ſchrie ſie mit einer mistönenden, laut kreiſchenden Stimme Auguſten zu:„Sieh' dich vor, dummes Ding! du kommſt meinen Schürzen zu nahe! Tritt nicht auf meine Strümpfe! Kannſt du deine paar Lappen nicht ein wenig weiter und mir vom Halſe wegrücken?“ „Das iſt eine wunderliche Frau!“ ſprach Guſte zu ſich ſelbſt, hütete ſich aber, derſelben neue Veranlaſſung zum Keifen zu geben. Snhe ſich in's Gras, nahm ein mit⸗ genommenes Buch au— ſich vergeſſend, einmal laut herzuſagen anfing, ſchrie die Alte zornig ihr zu:„Wirſt du mit deinem Geplapper gleich aufhören, ſchwatzhafte Bachſtelze?“ der Taſche und begann aus dem⸗ ſelben ihre Schulaufgabe auswendig zu lernen. Als ſie, 3 — „Die arme Frau!“ ſeufzte Auguſte—„ſelbſt die Fliege an der Wand muß ſie ärgern!“ Sie lernte ſtill weiter und konnte bald ihre Aufgabe vom Anfang bis zum Ende. Dann beſchäftigte ſie ſich mit der Erinnerung an ihre Mutter und dabei gerieth ſie auf eine andere Angelegenheit, die für ſie ſehr wichtig, ja eine Lebensfrage war.* Auguſte gedachte, das ant ihrer verſtorbenen Mutter fortzuſetzen, um ſich ſelbſt zu ernähren und zugleich ihrem Großvater einen willkommenen Zuſchuß zu verſchaffen. Bis jetzt hatte ſie aber nur drei Kunden: ihren Vater, den Kanonier Pommrich und den Reiterunterofficier Hauthal. Natürlich, daß der Erſtere gar nichts für die Wäſche zahlte, die beiden Letzteren dagegen von dem Mädchen faſt nur um's halbe Geld bedient wurden, obſchon ſie den gewöhnlichen, vollen Lohn zu entrichten ſich erboten hatten. Aus dieſem Grunde waren Auguſtens Einkünfte die mäßigſten von der Welt und darum ihre ſehnſuchtsvollen Wünſche nach ver⸗ mehrter Kundſchaft nur gerecht. „Meine Fäuſte haben zwar noch nicht die Kraft,“— ſprach das Mädchen zu ſich ſelbſt—„wie die meiner ſeligen Mutter und reiben ſich auch viel eher wund, als ijene; aber wenn ich meinem Vater, Pommrichen und Hauthal die Wäſche zu Danke waſche, die gewiß ſtets fürchterlich eingeſchmutzt iſt, ſo ſollte ich doch meinen, daß es auch mit anderen Leuten gehen müſſe. Ich will mich nicht rühmen; allein der Reid ſelbſt muß geſtehen, daß meine Bleichwäſche hier nicht die graueſte iſt und min⸗ deſtens eben ſo rein und weiß ausſieht wie die meiner 5— 46 keifenden Nachbarin. Wie fange ich's nur an, zu mehreren Kunden zu kommen?“ Hier zeigte ſich ein Trupp Knaben, welche unter Ge⸗ ſchrei und Jauchzen daher rannten und ſo wenig Acht auf ihre Füße gaben, daß ſie auf mehrere Wäſcheſtücken Auguſtens, wie der grämlichen Alten traten, wobei ſie natürlich recht ſchmutzige Fußſtapfen zurückließen. Dieſe Ungezogeheit vergalt die Alte durch ein durchdringendes, misbilligendes Geſchrei, ſo wie durch ausgeſtoßene Schimpfreden und Drohungen. Solches Verfahren jedoch goß nur Oel in's Feuer. Die Knaben machten in ihrem Laufe Halt, kehrten ſich nach der Alten um und überſchütteten dieſelbe theils mit Hohngelächter, theils mit Schimpfnamen. Ja, einige von ihnen begannen ſogar mit Erdklößen und ausgerauften Raſenſtücken nach der Alten und ihrer Wäſche zu werfen. Hierdurch erreichte der Zorn der alten Frau ſeinen höchſten Gipfel. Sie ergriff ihren Regenſchirm, ſchlug deſſen Stäbe zuſammen und machte ſich fertig, den Gaſſenbuben mit dieſer Waffe auf den Leib zu rücken. Unter vermehrtem Lachen und Höhnen erwarteten Jene den Angriff, der jedenfalls zum Nachtheile der hochbejahrten Alten ausgefallen wäre. Das befürchtete auch Guſte und darum rief ſie, in dem an der Spitze des Knabentrupps ſtehenden Buben Pommrich's Ferdinand erkennend, demſelben mit erhobener Stimme zu: „Warte nur, Ferdinand! Das ſage ich deinem Großvater, und dieſer ſoll dich für deine Ungezogenheit züchtigen. Du haſt auf ſein Hemde getreten und auch zwei Strümpfe von ihm be⸗ ſchmutzt. Ueberdies ſind etliche Erdklöße und Raſenſtücken au meine Bleichwäſche gefallen. Das ſollſt du büßen müſſen.“ „ 47 „Pfennigklatſche!“ ſchimpfte Ferdinand zurück und erhob drohend die Fauſt gegen Auguſte. Allein dennoch machte er Kehrt und rannte, bevor die Alte im Sturmſchritt den Kampf⸗ platz erreichte, nebſt ſeiner Rotte davon. In der nächſten Minute hatten ſie die dichten Weidenbüſche am Flußrande aufgenommen und den Blicken der Nachſchauenden entzogen. Ueünerer Wuth bebend, kehrte die Alte zurück, wobei ſie, anſtatt ſich bei Auguſten zu bedanken, die giftig an dieſe ge⸗ richteten Worte hervorkeuchte:„Gut, daß ich nun weiß, an wen ich mich halten muß, um jene gottloſen Buben zur ge⸗ rechten Strafe zu ziehen. Alſo deines Gelichters waren ſie? Wohl gar deine lieben Brüder, Vettern oder Schulkamera⸗ den? Daß du ſie mir alle nach der Reihe nennſt, damit ich ſie bei der Polizei verklagen kann!“ „Ich kenne nur Einen von ihnen“— erwiderte Auguſte —„und derſelbe heißt Ferdinand Pommrich, iſt eine Waiſe und wohnt bei ſeinem Großvater, dem verabſchiedeten und einbeinigen Kanonier Pommrich. Wenn es Ihnen recht iſt, ſo will ich die Flecken und Fußſtapfen auf Ihrer Wäſche verwaſchen.“ „Du würdeſt was Schönes zu Stande bringen“— erwiderte die Alte geringſchätzig. Kehre lieber erſt vor deiner eigenen Thüre!“ Das that auch Guſte, indem ſie ſorgſam die zurückge⸗ laſſenen Spuren der wilden Knaben durch Waſchen von ihrer Wäſche austilgte. Zu demſelben Geſchäft mußte ſich auch die Alte bequemen, was ihr aber ungleich ſaurer ward, als dem jungen Mädchen. Hierauf zog ſie ſich brummend unter ihren wieder ausgeſpannten Regenſchirm zurück. 48 Während deſſen waren aus den Weidenbüſchen wieder⸗ holt laut ſchallende Schüſſe hörbar geworden. „Gewiß ſchießen die Buben aus einer Schlüſſelbüchſe oder einer kleinen Kanone oder einem alten Terzerol“— ſprach Auguſte zu ſich ſelbſt—„denn wo Pommrich's Fer⸗ dinand iſt, da muß in der Regel auch mit Pulver geknallt werden. Schade um's Geld, das ſo unnütz verpufft wird. Wenn ich's doch hätte!“ Plötzlich folgte einem neuen Knalle ein durchdringendes Wehgeſchrei, welches ebenfalls von der Schießſtätte daher⸗ tönte. Gleich darauf ſtürmte aus den Weidenbüſchen die Knabenſchaar, ſcheu und ſtill, wie eine Heerde erſchreckter Wölfe, davon. Pommrich's Ferdinand war aber nicht unter ihnen. Das Wehgeſchrei währte indeß fort und zwar in immer kläglicheren Tönen. Von Mitleid getrieben, ließ Guſte ihre Wäſche, die ſie der Obhut ihrer grämlichen Nachbarin empfahl, im Stich und eilte dem Klange des Wehgeſchreies nach, welcher ſie auf einen kleinen freien Raum zwiſchen den Weidenbüſchen führte. Hier erblickte ſie Pommrich's Ferdinand mit einem kohlſchwarzen Antlitz, welcher ſeine Arme, wie die Schnecke ihre Fühlhörner, vor ſich hin ausſtreckte und wie ein Blinder bald da, bald dorthin tappte. Dabei ſetzte er ſein Zeter⸗ geſchrei ohne Unterbrechung fort. Auguſte errieth ſofort, was geſchehen war. Der ebenſo un⸗ beſonnene als unglückliche Knabe hatte ſich durch aufgeflogenes Pulver fürchterlich verbrannt. Seine Kopfhaare waren ver⸗ ſengt, ſeine Augenbraunen und Augenwimpern wie wegraſirt, ſein Geſicht glich dem eines Mohren und ſchwoll ſichtlich auf. 49 „Armer Ferdinand!“ ſprach Auguſte erſchrocken und bedauernd—„verbrannt haſt du dich?“ „Au! au! weh! weh! weh!“ ſchrie der Knabe—„ich ſterbe! O, Judeich, Hippelt, Strenger, Katzer! heft mir! Wo ſeid ihr? Führt mich heim! Nein, werft mich in's Waſſer, damit ich das Feuer an mir löſche.“ „Armer Ferdinand!“ wiederholte Guſte—„alle deine Kameraden ſind fort und haben dich ſchmählich im Stich gelaſſen. Ich aber will dich nach Hauſe führen. Gieb mir deine Hand und komm mit mir.“ „Ach Guſte, liebſte Guſte!“ wimmerte Ferdinand— „verlaß mich nicht! Ich will dich auch nie wieder Pfennig⸗ klatſche ſchimpfen und immer recht gut gegen dich ſein. Ach, das Pulver wollte gar nicht fangen und da bückte ich mein Geſicht über den Feuerſchwamm und blies ihn an und auf einmal fuhr mir das helle Feuer in's Geſicht und in die Augen und nun bin ich— blind! O Gott! blind! blind!“ „Verliere nur nicht gleich allen Muth“— tröſtete Guſte—„du wirſt ſchon wieder ſehen lernen. Aber wie ein Mohr ſiehſt du im Geſicht aus. Was wird dein Groß⸗ vater dazu ſagen! Daß du auch von ihm noch nicht gelernt haſt, wie man mit dem Schießpulver umgehen muß! Komm Ferdinand, ich führe dich und du kannſt dreiſt auftreten.“ Vorſichtig geleitete Auguſte den blind dahertappenden Knaben in's Freie. Als ſeiner die grämliche Alte gewahr wurde, brach ſie in ein ſchadenfreudiges Triunphgeſchrei aus.„Das iſt recht!“ rief ſie gehäſſig.—„So mußte es kommen! Das iſt der Sünden Strafe! Wenn es doch der übrigen Brut eben ſo ergangen wäre!“ Nieriß, die drei Invaliden. 4 50 Dieſe Rede verletzte Auguſte tiefer als vorhin die ihr ſelbſt von der Alten zu Theil gewordene. Sie warf ihr daher einen Blick zu, in welchem das Mißfallen des Mäd⸗ chens deutlich genug ſich ausſprach. Was ſollte Auguſte aber jetzt thun? Die noch naſſe Wäſche zuſammenpacken und mit ſich nehmen, um den wimmernden Knaben nach Hauſe zu geleiten, oder jene ferner unter der Obhut der Alten belaſſen, welche aber ſchon auf ihre derartige erſte Bitte keine Antwort ertheilt hatte? Sie mußte ſich ſchnell entſchließen. Ein Blick auf Ferdinand's ſchrecklich aus⸗ ſehendes Antlitz beſtimmte ſie, daß ſie, den flehendſten Ton und Ausdruck in ihre Stimme legend, zu der Alten ſprach: „Ach, wären Sie wohl ſo gütig und behüteten meine paar Wäſcheſtücken neben der Ihrigen, indeß ich den armen Jungen hier nach Hauſe führe? In einer kleinen Stunde bin ich wieder da und will Ihnen gern einen anderen Ge⸗ fallen dafür erzeigen. Sehen Sie nur, wie der arme Junge fürchterlich leidet! Ach, wie hart iſt er für ſeine vorige Un⸗ art beſtraft worden! Wollen Sie denn mir den Gefallen thun?“ „Ich habe genug an meiner Wäſche zu hüten“— er⸗ wiederte die Alte grämlich—„und kann mich darum nicht noch um fremde Lumpen bekümmern. Laß doch den Buben da allein auseſſen, was er ſich ſelbſt erſt eingebrockt hat.“ Ohne ein Wort zu erwiedern ging Guſte zu einer anderen uchte ſolche um die Behütung ihrer Wäſche, was jene n zugeſtand. Bevor Guſte ihren Weg nebſt Ferdinand antrat, befeuchtete ſie deſſen gedunſenes, wie von hölliſchem Feuer glühendes Antlitz mit kaltem Fluß⸗ 1 2 ci waſſer, was ſie während des Gehens mehrmals wiederholte und wodurch ſie dem Jammernden einige Linderung ver⸗ ſchaffte. Pommrich erſchrak nicht wenig, als er ſeinen Enkel in dem beſchriebenen Zuſtande anlangen und zu einem Neger umgewandelt ſah. Abwechſelnd überhäufte er den Knaben mit Vorwürfen über ſeine gränzenloſe Dummheit, bren⸗ nenden Schwamm über Schießpulver anzublaſen, ſchimpfte dann über Ferdinand's treulos entwichene Gefährten und beklagte des Wimmernden ſchmerzvollen Zuſtand, den er als ein mit Schießpulver Vertrauter durch paſſende Heil⸗ mittel zu lindern befliſſen war. So ihren Schützling in guten Händen wiſſend, eilte Auguſte nach dem Bleichplatze zurück, um der Hüterin ihrer Wäſche freundlichen Dank zu ſagen und ihres Amtes ferner zu warten. Die Sonne hatte im Verein mit dem aufgegoſſenen Flußwaſſer, Auguſtens Wäſche gebleicht und dann getrocknet, zugleich aber auch durch ihre heiße Glut am Nachmittage ein drohendes Wetter am Himmel zuſammengezogen. Dies bewog Auguſte, in Zeiten ihre Wäſcheſtücken von dem Raſen zu nehmen und in den mitgebrachten Korb zu packen. Ein Gleiches thaten auch faſt alle übrigen Bleicherinnen. Nur die alte Frau rührte ſich nicht, ſondern hielt unter ihrem aufgeſpannten Regenſchirme ihr Mittagsſchläfchen. Auguſte erachtete es für Pflicht, die Alte zu ntern und ſie auf das nahende Unwetter aufmerkſam uhen Zum Danke dafür erhielt ſie die ſchnippiſche Antwort, ſich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern und nicht die Leute aus einem ſanften Schlummer aufzuſchrecken. 4* Kaum daß die Alte ihre Augen von Neuem zum Schla⸗ fen geſchloſſen hatte, erhob ſich mit ungeſtüm nahenden Stößen ein heftiger Sturm, wie ein ſolcher oftmals einem Unwetter zum Vorläufer dient. Wie leichte Schneeflocken wirbelte er die hingebreiteten Wäſcheſtücken der alten Frau in die Lüfte auf und führte ſie in wildem Tanze mit ſich fort. Das Zetergeſchrei ihrer Eigenthümerin war ihr Be⸗ gleiter. So flogen die weißen Linnenſtücken, die Strümpfe, Tücher, Hauben und ſonſtigen Wäſchegegenſtände, gleich im Sturme flatternden Möven davon und dem Fluſſe zu. Da ſtand nun die Alte und ſtarrte ihnen mit gerun⸗ genen Händen nach! Wer aber hätte es Auguſten verübeln wollen, wenn in deren Innerem jetzt eine ſchadenfrohe Regung aufgeſtiegen wäre, nachdem die alte Frau in dieſer Hinſicht ihr erſt kurz zuvor ein ſo böſes Beiſpiel gegeben hatte? Doch nein, dazu war das Mädchen zu gut von Natur, zu fromm von ihrer ſeligen Mutter erzogen, zu chriſtlich in der Schule unter⸗ vichtet worden. un„Vrrgeltet nicht Böſes mit Böſem!“ tönte es in Augu⸗ ſtens Herzen. Und dahin rannte ſie, um zu erhaſchen und zu bergen/ was in ihrem Vermögen ſtand. Das Glück be⸗ günſtigte ihre Abſicht. Faſt ſämmtliche Wäſcheſtücken wur⸗ den auf ihrem Fluge zum Waſſer von den mitleidigen Weidenſträuchern aufgefangen und feſt gehalten. So flink iſt kaum e ichhörnchen beim Pflücken und Einſammeln der Haſelnüſſe und Bucheckern, als Guſte mit dem Erhaſchen und Einfangen der linnenen Flüchtlinge war. Als die alt Frau keuchend ingihrer Nähe anlangte, war Guſte bereit 53 im Beſitze faſt aller Stücke. Beim Durchzählen fehlte nur eine Kopfliſſenzüche, welche Guſte nach einigem Suchen an einer Weidenwurzel und in die Fluthen hinab hängen fand. Das Mädchen wand erſt das Stück rein aus, bevor ſie es ſeiner Eigenthümerin einhändigte, welche jetzt mit der Rechten in ihrer Rocktaſche umherſuchte und dann einen halben Silbergroſchen zum Vorſchein brachte, den ſie Augu⸗ ſten mit den noch immer mürriſch klingenden Worten hin⸗ hielt:„Da, hier! nimm das für deine Mühe!“ Es war nicht Verachtung der geringen Gabe, welche Auguſten von der Annahme dieſes dargebotenen Geſchenkes abhielt, denn ſchon bei der Einnahme von vier Pfennigen bekam ja die Begräbnißkaſſe des Kindes ihren Antheil und dieſe und deren Wachsthum war jetzt Auguſtens Stecken⸗ pferd. Aber die alte Frau ſah ſo ärmlich, ſo gebrechlich, ſo— unfreundlich aus, als wenn ihr die Gabe ſehr ſauer würde, ſo daß Auguſte dieſe mit den Worten ablehnte:„Ich danke ſchön! Aber ich nehme nichts an! Man darf ſich nicht jeden kleinen Dienſt bezahlen laſſen.“ Vielleicht würde die alte Frau hierauf etwas erwiedert haben, wäre nicht in demſelben Augenblicke ihr noch immer aufgeſpannter Regenſchirm daher gerollt gekommen. Sie erhaſchte ihn zwar glücklich, ſtellte ſich aber bei dem ver⸗ ſuchten Zuſammenlegen deſſelben ſo ungeſchickt gegen den Sturm, daß der Schirm ſich erſt nur noch weiter aufblies und dann mit ſeinen Stäben überſchlug. Abermals mußte Guſte helfend dazwiſchen treten und den Regenſchirm zur Ruhe bringen. Nachdem nichts für ſie mehr hier zu thun war, eilte ſie mit ihrem Wäſchkorbe fort und erreichte 54 noch vor völligem Ausbruch des Ungewitters trocken ihre Wohnung. 3 Gleich darauf durchzuckten falbe Blitze die verdunkelte Luft und von furchtbaren Donnerſchlägen hallte die ganze Stadt wieder. Dennoch empfand Auguſte keine Angſt, vielmehr eine recht ſtille, freudige Ruhe in ihrem Innern, von welcher ſie ſich keine deutliche Rechenſchaft geben konnte. Das machte, weil ihr heutiges Tagewerk ein unſerm Herr⸗ gott und allen guten Menſchen wohlgefälliges geweſen war. „Das blitzt und kracht wie in der Schlacht bei Belle⸗ alliance, wo mehr wie tauſend Feuerſchlünde aus ihren brüllenden Rachen die großen eiſernen Todesboten aus⸗ ſpieen,“— ſprach Pommrich, als er noch während des Unwetters zum Einarm Hauthal in's Stübchen trat. „Aber! potz Mörſer und Karthaunen! was treibſt du denn da?“ 4 Der vormalige Reiterunterofficier hatte vor ſich auf dem Tiſche ein Schnapsgläschen ſtehen, in welches er ſo eben einen Tropfen brennenden Siegellacks fallen ließ. „Was ich mache, fragſt du?“ erwiederte er auf des Stelzfußes Frage.„Ich fange an zu ſparen!“ „Das begreife ein Anderer!“ meinte Pommrich.„Sie⸗ gellack unnöthigerweiſe zu verſchwenden, ſoll Erſparniß ſein! Iſt's etwa wieder einmal nicht recht richtig in deinem Hirne?“ „Richtiger denn jemals!“ betheuerte Hauthal.„Dir will ich mein Geheimniß erklären und du wirſt meine Weis⸗ heit bewundern, die ich freilich erſt aus einem Anecdoten⸗ buche geſchöpft habe. Sieh, Pommrich! Ich habe mir 55 nun einmal das Tabakrauchen und Schnapstrinken ange⸗ wöhnt, ſo daß es mir zur andern Natur geworden iſt. Auf einmal eine ſo tief gewurzelte Gewohnheit abzulegen, fällt mir altem Kerl unmöglich. Da bin ich denn auf ein Mittel gefallen, welches mich ganz unmerklich meinem vorgenom⸗ menen Ziele zuführen ſoll und wird. Täglich habe ich bisher ſechs ſolche Gläschen voll Schnaps ausgetrunken. Eins früh nach dem Aufſtehen, eins zum Frühſtück, zwei zum Mittagseſſen, eins zum Veſperbrote und eins beim Schlafen⸗ gehen. Um ſo viel, als der in's Gläschen geträufelte Sie⸗ gellacktropfen beträgt, geht nun weniger Schnaps hinein. Jeden Tag ein neuer Siegellacktropfen hinein und meine gewohnte Portion wird kleiner und kleiner, ſo daß ich end⸗ lich nur die Hälfte, ja bloß ein Viertheil von Schnaps an⸗ zukaufen habe. Auf dieſe Weiſe überliſte ich den Brannt⸗ weinteufel in mir mit ſichtlichen Augen und derſelbe darf nicht einmal ein ſcheeles Geſicht dazu ziehen. Ebenſo ge⸗ denke ich es mit dem Rauchen zu machen. Alle Tage eine Priſe Tabak weniger in die Pfeife geſtopft. Iſt mein Ein⸗ fall nicht prächtig?“ „Wie aber dann—“ fragte Pommrich—„wann dein Schnapsgläschen gänzlich mit Siegellack angefüllt iſt und deinem Pfeifenkopf die letzte Priſe Tabak mangelt?“ „Hm! dann— ja dann—“ Hauthal ſtockte nachdenk⸗ lich und verlegen—„denke— hoffe ich, daß auch mein Lebensfaden abgeſponnen ſein werde und die Koſten meines Begräbniſſes aufgeſpart da liegen.“ „Faſt jeder Menſch reitet ſein Steckenpferd—“ meinte Pommrich ernſt—„und daſſelbe abzulegen, fällt ihm um 6 56 ſo ſchwerer, je länger er darauf geritten hat. So gut wie du reite ich auch das meinige, wenn daſſelbe gleich kein Tabak oder Branntwein iſt. Mein Steckenpferd iſt nur zweibeinig, dabei winzig klein, dennoch koſtet mich's, Jahr aus, Jahr ein, ziemliche Groſchen Geldes. Du erräthſt, daß ich meinen Kanarienmatz meine, der mir bei meiner Schuſterei durch ſein Singen die Zeit verkürzt und zugleich die Sorgenwolken verſcheucht. Das liebe Thierchen iſt ſo genügſam in ſeinem engen Kerker, unermüdlich im Singen, an meine Stimme und Perſon gewöhnt, wie ein Kindlein an ſeine Mutter, und ärgert mich nicht durch loſe Streiche, wie mein wilder Ferdinand, der ſich durch Schießpulver das Geſicht verbrannt und zu einem Mohren verwandelt hat. Mit meinem Hänschen könnte ich es nicht machen, wie du mit deinem Schnapsgläschen und deinem Pfeifenkopfe. Nur gewaltſam und plötzlich müßte ich mich von meinem Steckenpferde trennen und das— ja das iſt mir unmög⸗ lich. Gleichwohl ſehe ich den Nutzen des Sparens ebenfalls ein. Wenn ich bedenke, daß mich eine Krankheit nieder⸗ werfen und monatelang zur Arbeit unfähig machen könnte: was ſollte dann aus mir, aus meinem Ferdinand und— meinem Mätzchen werden? Da du ſo klug im Erſinnen von Sparmitteln biſt, Hauthal! ſo gieb mir doch eins an, welches ſich, ohne mein Mätzchen zu treffen, leicht aus⸗ führen läßt.“ „Ich habe dir ſchon bemerklich gemacht“— antwortete Hauthal—„daß der Einfall mit dem Siegellacktropfen eigentlich nicht aus meinem Kopfe, ſondern aus einem Buche entſprungen iſt. Aber ich will mein Hirn anſtrengen, un „ 4 57 finde ich ein für dich vaſſendes Mittel zum Sparen auf, ſo ſollſt du es ſofort erfahren.“ Während Pommrich und Hauthal noch länger bei⸗ ſammen blieben, hatte Thomas daheim zufälligerweiſe und zwar in Abweſenheit Auguſtens deren thönerne Sparbüchſe mit dem daran geklebten Papierſtreifen aufgefunden. Die Aufſchrift rührte den Invaliden mächtig und als beim Schütteln der Büchſe der Klang mehrerer Pfennige ſein Ohr berührte und ihm ſagte, wie fleißig Auguſte ſeither ſchon zu ihren Begräbnißkoſten angeſammelt habe, näßten ſich ſeine Augen. „Das gute Kind!“ ſprach Thomas bewegt— Es tritt ganz in die Fußſtapfen ſeiner ſeligen Mutter! Ja, ja, was ein Haken werden will, krümmt ſich bei Zeiten! Du aber, alter Thomas, biſt ſchon zu ſteif, um dich noch krümmen zu können. Doch Noth thäte es, daß es geſchähe. Ach, wie merkt es meine Kaſſe und mein Magen, ja ſelbſt meine Naſe, daß meine ſelige Jette nicht mehr mit ihren rüſtigen Händen der Wirthſchaft vorſteht! Guſte müht ſich zwar, ſoviel es nur ihre Kräfte und ihre beſchränkte Zeit erlauben. Aber was das Kind dadurch erwirbt, gleicht einem Tropfen Waſſers auf einen heißen Ziegelſtein. Wenn ich einen an⸗ dern lohnenderen Erwerbszweig ergreifen könnte, als das Fertigen von Vogelbauern! Hm! wenn ich mir einen Leier⸗ kaſten anſchaffte, und mit meinem Stelzfuße und nebſt Auguſten die Jahrmärkte beſuchte? Das Mädel hat eine hübſche, durchdringende Stimme und könnte mit derſelben die Klänge meiner Drehorgel begleiten. Aber— nein, es geht nicht! Gewöhnen ſich nicht alle ſolche Herumtreiber das leidige Schnapstrinken an und was anders würde aus Auguſten als ein arbeitsſcheues, ach wohl gar lüderliches Weibsbild? Was fange ich an, um mit Ehren beſtehen zu können und ein paar Groſchen für Nothfälle, für Krankheit, Tod oder Begräbniß zurückzulegen?“ Der Stelzfuß zog hier ſeine Schnupftabakstoſe aus der Taſche und nahm eine volle Priſe, von welcher die Hälfte ungenützt zu Boden fiel. Aehnelte jetzt nicht der Invalide einem Menſchen, der ſeine eben gebrauchte, aber verlegte Schreibfeder aller Orten ſucht und ſie hinter ſeinem eigenen Ohre ſtecken hat, wohin er ſie ſelbſt verſetzt hatte? Ja, ja, die Schnupftabaksdoſe, dieſe kleine, runde Pappſchachtel, war das Steckenpferd des Stelzfußes, durch deſſen Beſei⸗ tigung er jährlich manchen Thaler erſpart haben würde. Aber manchmal iſt der Menſch mit Blindheit geſchlagen und oft genug der Schmied ſeines Glücks wie ſeiner Noth. Das fünfte Kapitel. „ 4 Ferdinand und ein Traum. „Dann wird er auch ſagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet iſt dem Teufel und ſeinen Engeln. Ich bin hungrig geweſen, und ihr habt mich nicht geſpeiſet. Ich bin durſtig geweſen, und ihr habt mich nicht getränket. Ich bin ein Gaſt geweſen, und ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin 4 nackend geweſen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen geweſen, und ihr habt mich nicht beſucht—“ Alſo las Auguſte in der Schule und zwar laut aus dem Evangelium Matthäi vor. Vielleicht war ſie unter ihren Mitſchülerinnen die einzige jetzt, welche von dieſen Worten des Erlöſers ſich getroffen fühlte. „Krank— nicht beſucht—“ lauteten die Worte, welche Auguſten wie ein Stich in's Hers drangen. Es waren nämlich zwei Tage vergangen, ſeitdem Au⸗ guſte den pulververbrannten Ferdinand nach Hauſe geführt hatte, ohne ſich dann weiter um denſelben zu kümmern. Daß eine ſolche Theilnahmloſigkeit nicht recht ſei, erkannte ſie nunmehr durch das Bibelwort, das oftmals wie ein Licht in ein durch Selbſtſucht verdunkeltes Herz hinein⸗ ſcheint. Anſtatt daher nach dem Schluſſe der Schule heim⸗ zugehen, beeilte ſich Auguſte, den Enkel des Invaliden Pommrich aufzuſuchen. Auf dieſem Wege holte ſie eine kleine, zuſammengekrümmte Frau ein, welche ein Bündel unter ihrem linken Arme trug und von Auguſten ſogleich als diejenige erkannt wurde, der ſie bei dem Zuſammen⸗ ſuchen ihrer vom Sturme entführten Wäſche beigeſtanden hatte. Schien es doch, als wenn Guſte dazu auserſehen geweſen wäre, der alten, wunderlichen Frau einen Dienſt zu erweiſen. Denn in dem Augenblicke, wo Auguſte die Alte einholte, entſiel deren ſchmuziger Bündelhülle ein Stück morſches, aus einem Schutthaufen aufgeleſenes Holz. Bevor die Alte ihren Verluſt bemerkte und ſich nach dem — 60 Holzſtücke bücken konnte, überreichte es ihr ſchon Auguſte mit den Worten:„Sie haben das verloren.“ Haſtig griff die Frau nach dem Holzſtück und ſteckte ſolches, indem ſie mit forſchend unruhigem Blick ringsum nach unwillkommenen Zeugen aufſah, in das Bündel zurück, welches mehr ähnlichen Stoff enthielt. Hierauf verfolgte ſie, ohne ein Dankeswort zu ſagen, mit vermehrter Haſt ihren Weg. Eine Obſthöckerin in der Nähe, welche dieſen kleinen Vorfall mit angeſehen hatte, rief jetzt mit lauter Stimme gegen Auguſten aus:„Ei, hätteſt du doch den alten, gei⸗ zigen Drachen ſeinen aufgeleſenen Knüppel ſelbſt aufheben oder für ein Aermeres liegen laſſen! Eine Sünde und Schande iſt's, wenn ein Weib, das ſein Geld mit Metzen meſſen kann, dem Armen jedes Stückchen Holz, Papier, jeden Knochen und alten Lappen wegnimmt, um damit noch zu handeln oder die Ausgabe für Brennholz zu erſparen. Ha! was braucht die alte, geizige Hexe noch zu ſparen, die nicht den kleinſten Theil ihrer Intereſſen vetzehrt und ſonſt für keinen anderen Menſchen, für keinen Hund, keine Katze, keinen Vogel zu ſorgen hat! Der ſchmuzige Geiz frißt ſie noch auf und macht ſie dürr wie eine morſche Dachſchindel. Ei, wenn ich ihr Geld beſäße! Welch' eine Güte wollte ich mir ſelbſt und meinem armen Nebenmenſchen erzeigen!“ „Iſt ſie wirklich nicht arm?“ fragte Guſte die Höckerin erſtaunt.„Ich habe erſt vor wenig Tagen meine Wäſche neben der ihrigen gebleicht und dieſe ſah nicht beſſer aus, als wie der ganze Anzug der alten Frau.“ „Das mußt ich beſſer wiſſen“— erwiederte die Höckerin. 61 „Jene geizige Alte heißt Schietzel und iſt eine Bäckerswittwe, die ein großes Haus dort ſtehen hat und überdieß wohl noch drei eben ſo große Häuſer in baarem Gelde beſitzt. Sie iſt ja ſtadtkundig und als die ärgſte Geizlieſe verrufen.“ Auguſte war zwar noch ein unerfahrenes Kind, allein ſo viel ſah ſie ein, daß eine Sparſamkeit, wie dieſe alte Bäckerswittwe ausübte, dieſen Namen nicht verdiene, ſon⸗ dern verdammlicher Geiz ſei. Unter dieſer Betrachtung betrat Auguſte Pommrich's Wohnung, welche in einem bau⸗ fälligen, kleinen Hintergebäude eines großen Hauſes und zu ebener Erde lag. Der enge, von hohen Gebäuden um⸗ ſchloſſene Hof ließ nur ein ſchwaches Tageslicht in das niedere Gemach eindringen, in welchem Pommrich auf ſeinem Schuſterſchemel arbeitend ſaß und ſein Enkel auf ſeinem Schmerzenslager ſich umherwarf. „Wie geht's mit Ferdinand?“— fragte Guſte den Schuhflicker.—„Was macht er? Kann er wieder ſehen?“ „Dort liegt er“— verſetzte Pommrich, mit ſeiner Schuhahle nach dem Winkel deutend—„frage ihn ſelbſt.“ Auf dieſe Worte lenkte Guſtchen ihre Schritte nach des Verbrannten Lager, das eben ſo ärmlich als das ihrige war, und grüßte den Knaben mit milder Stimme. „Ach!“ verſetzte dieſer auf Guſtens Frage nach ſeinem Befinden—„eine Viertelſtunde nur ſollteſt du die Schmer⸗ zen empfinden, die mich ohne Unterlaß peinigen. Und gern wollte ich ſie noch ertragen, wenn ich Gewißheit hätte, daß⸗ ich wieder ſehen lernte Ach, Guſte! wenn ich blind bliebe! Blind! Denke dir das Schreckliche! Bisher habe ich gar nicht erkannt, welche große Wohlthat ein paar geſunde, ſehende Augen ſind. Alle Erdenſchätze wiegen ſie nicht auf. Das heilloſe, nichtsnutzige Pulver! Wenn doch der alberne Berthold Schwarz etwas Beſſeres erfunden hätte als ſeinen Teufelsquarg, womit die Menſchen erſchoſſen und gemartert werden!“ „Alberner Bube!“ brummte Pommrich—„macht's wie ein kleines Kind, das auf die Holzbank ſchimpft und losſchlägt, an welche es ſich mit dem Kopfe unvorſichtiger⸗ weiſe geſtoßen hat. Wer hieß dir“— fuhr er zornig und laut gegen ſeinen Enkel fort—„mir heimlich von dem Pulver zu mauſen, das ich zu meinen Feuerwerksſachen an⸗ gekauft habe? Wer nöthigte dich zu der entſetzlichen Dumm⸗ heit, glimmenden Schwamm beim Schießpulver anzublaſen? Du allein biſt an deinen Schmerzen ſchuld, und darum Pech und Zunder!“ deſſen ganzes Antlitz verbunden war—„die alte Frau, welche ihre Wäſche neben der meinigen bleichte und von euch Jungen mit Erdklöſen beworfen wurde, iſt eine reiche Bäckerswittwe. Schietzel heißt ſie.“ der Bube mit der übrigen Bande bekanoniert? Na, da kannſt du's noch mit der Polizei zu thun bekommen. Das Erſte, was unſere neue Wirthin that, war, daß ſie mich geſtern zu ſich beſtellte und mir eröffnete, daß ich jährlich ſchimpfire mir nicht den wackern Mönch, ohne deſſen Erfin⸗. . dung es keine Artillerie und keine Kanoniere gäbe. Schwefel, „Denke dir nur“— ſprach Auguſte zum Kranken, 3 „Schietzel?“ rief der Stelzfuß aus.„So heißt ja der alte Drache, welcher ſeit wenig Tagen dieſes Haus gekauft hat und daher unſere Wirthin geworden iſt. Und dieſe hat drei Thaler Miethzins mehr als bisher bezahlen müſſe, wenn ich ferner in dieſer Wohnung bleiben wolle. In dem⸗ ſelben Maaße hat ſie auch die übrigen Hausbewohner in der Niethe geſteigert. Ich erwiederte dem alten Beeſt, daß ich ſchon jetzt mehr als zu viel für die Miethe zahle, daß weder Sonne, noch Mond in dieſes Loch von Wohnung ſcheinen, daß der Regen ſtromweiſe durch meine Stubendecke dränge und daß ſie daher vor allen Dingen unſer Dach umdecken laſſen, und auch unſer Thürſchloß mit einem beſſern ver⸗ tauſchen müßte. Da kam ich aber ſchön bei der Alten an. „Sie habe“— erklärte ſie mir—„das Haus übertheuer bezahlt und könne darum keinen Pfennig weiter hinein⸗ wenden. Wer etwas in ſeiner Wohnung gemacht oder umgeändert zu ſehen wünſche, möge es für ſein Geld thun.“ Da waren wir denn geſchiedene Leute und ich ziehe aus. Wer aber für nöthige Dinge, oder ſelbſt dann nichts von ſeinem Gelde ausgeben will, wenn er dadurch etwas Gutes ſtiften kann, der iſt ein Geizhals, und ein ſolcher meine neue Wirthin. Lieber arm und ein Krüppel, wie ich, als ſteinreich und dabei ſo geizig, wie Frau Schietzel.“ Hierauf ſprach Pommrich kein Wort weiter, ſondern ſtach wüthig in das Sohlenleder mit ſeiner Schuhahle hinein. Auguſte hingegen war befliſſen, dem kranken Fer⸗ dinand durch Erzählen von Neuigkeiten und anmuthigen Geſchichten die Zeit zu verkürzen und die Schmerzen ver⸗ geſſen zu machen. Sie verließ erſt nach einer Stunde Pommrich's Wohnung mit dem Verſprechen eines baldigen Wiederkommens. ℳ Aus der Hausthüre tretend ſtieß Auguſte auf Frau 64 Schietzel, welche ihr Holzbündel indeß heimgetragen hatte, und jetzt erſchienen war, um ihr neu erkauftes Haus zu beſuchen. Auguſten erkennend, fragte ſie dieſelbe haſtig: „Wohnſt du hier?“ „Nein!“ antwortete Auguſte. „Nun, was hatteſt du denn hier zu ſuchen?“— ſorſcht⸗ die Alte argwöhniſch. „Ich habe Jemanden beſucht, der hier wohnt.“ „Und wer iſt das?“ 8 „Ein Kamerad von meinem Vater und ſein guter Freund.“ „Wer iſt das und wie heißt er?“ „Der Invalide Pommrich. „Ha! mir geht ein Licht auf!“ rief Frau Schietzel leb⸗ haft und ihre Augen blitzten im Feuer.„Hieß nicht der Großvater jenes gottloſen Buben ſo, welcher meine Wäſche mit Füßen trat, ſie und mich mit Erdklößen und Raſen⸗ ſtücken warf, und dann ſeinen Lohn durch aufgeflogenes Schießpulver erhielt?“ Auguſte mochte nicht lügen.„Ja“— ſprach ſie— „es iſt derſelbe. Aber, wie Sie ſelbſt ſagen, hat Ferdinand ſeine Strafe erlitten und erleidet ſie noch. Darum werden Sie gewiß nicht noch die Polizei über ihn ſchicken, wie Sie in Ihrem erſten Zorne gedroht haben. Und wenn Sie nur mir's zu Gefallen thun ſollten.“ „Wie heißt du denn eigentlich und wer ſind deine An⸗ gehörigen?“— forſchte die Alte neugierig. „Meine beiden Aeltern ſind todt“— antwortete Au⸗ guſte—„und nur mein Großvater lebt noch, bei welchem ich wohne. Ich heiße Auguſte Tiefenbach und mein Groß⸗ vater, welcher Invalide iſt und nur ein Bein beſitzt, heißt Thomas. Er nährt ſich vom Fertigen von Vogelbauern und wohnt in der Trabantengaſſe No. 27.“ „Hm! ſo!“— brummte die Frau—„Nun, auf den Mund biſt du nicht gefallen. Geh deiner Wege!“ Das that Guſte, nicht ohne Beſorgniß, daß Frau Schietzel doch noch eine Klage über Ferdinands Unart bei der Polizei einreiche. Allein war Auguſtens Fürbitte, oder die bereits über den Knaben verhangene Strafe, oder die Koſten für eine ſchriftliche Klage die Urſache, daß Frau Schietzel ihre ausgeſtoßene Drohung unerfüllt ließ? Von nun an beſuchte Auguſte täglich, bald auf längere, bald auf kürzere Zeit, den kranken Ferdinand.„Erzähle mir etwas!“ bat der Knabe, welcher von Auguſtens Alter war, dieſelbe. Das Mädchen dachte nach und verſehte nach einigen Secunden:„Mir hat vergangene Nacht ein ſonderbarer Traum geträumt, den ich dir erzählen will. Mir träumte, ich war Abends mit einem Blumenſtöckchen in der Hand auf den Friedhof gegangen, hatte das Blumenſtöckchen nebſt ſeinem Aſche auf meiner Mutter Grabhügel eingegraben und mich dann auf denſelben geſetzt. Es war den Tag über ſehr warm geweſen und ich vom Waſchen vieler Wäſche müde, daher ich bald einſchlief. Die vielen Blumen auf den Gräbern umher ſchliefen auch und ſenkten ihre geſchloſ⸗ ſenen Dolden zur Erde, und die weißen, vollen Flieder⸗ blüthen auf den nahen Fliederſträuchern wiegten ſich zwiſchen ihren grünen Blätterzweigen und ſtreuten weiße Nieritz, die drei Invaliden. 66 Sternchen und einen ſüßen, betäubenden Duft über mich aus. Dazu neigten ſich die alten, ſchwarzen Holzkreuze gegen mich wie müde Schildwachen, die gleichwohl nicht abgelöſt werden, ſondern Jahr aus, Jahr ein auf ihrem Poſten aushalten müſſen. So auch die weißſteinernen Todtengerippe mit geſchwungener Senſe und die kleinen weinenden Todesengel mit der umgeſtürzten Lebensfackel— ſie Alle flüſterten gegen mich:„Ach, dürften wir doch ſchla⸗ fen wie du!“ Endlich wußte und ſah ich nichts mehr, weder von mir, noch von dem, was um mich war. Auf einmal ſchlug es drinn in der Stadt von den Thürmen zwölf. Mit dem letzten verklingenden Glockenſchlage begann die Erde unter mir zu ſchwanken und unſichtbare Gewalt drängte mich von meinem Sitze hinweg und auf den Kirchhofweg hinüber. Rings um mich her rauſchten die Gebüſche, welche auf oder neben den Grabhügeln wurzelten. Unter einem leiſen Schnurren und Glitſchen zerrannen die Grabhügel und die darunter befindlichen Gräber öffneten ſich. Aus der dunkeln Tiefe ſchimmerte ein überirdiſcher Lichtglanz hervor und mit ihm zugleich ſchwebten die Todten als gei⸗ ſterhafte Nebelbilder in die Höhe. Ueber der Erde angelangt, nahmen ſie plötzlich ihre einſt bewohnten Körperhüllen an, ſo daß es vor mir und auf allen Seiten von Männern und Frauen jeden Alters, von zahlloſen Kindern, Jungfrauen und Jünglingen wimmelte. Durch den Tod getrennt ge⸗ weſene Ehepaare fanden ſich wieder zuſammen und wan⸗ delten Arm in Arm miteinander durch die Gänge des weiten Friedhofs. Andere, die hier in Unfrieden mit einander gelebt hatten, flohen ſich gegenſeitig und verfolgten einſam 1 67 ihren Weg. Liebende Mütter hielten ihre früh verſtorbenen Säuglinge und Kinder in ihren Armen und koſeten zärtlich mit ihnen. Sehr viele Jungfrauen aber eilten mit leicht beflügelten Schritten derjenigen Seite des Friedhofs zu, welcher gegenüber und dicht am Wege, ein gemeiner Tanz⸗ ſaal erbaut iſt. Die lauten, luſtigen Klänge einer rauſchen⸗ den Tanzmuſik waren hierbei ihr Wegweiſer. Dort er⸗ klommen ſie die hohe Kirchhofmauer, ſo daß dieſe mit einer langen, dichten Mädchenreihe beſäumt wurde, ſahen ſie mit ſehnſüchtigen Blicken nach den hell erleuchteten Fenſtern hinüber, wirbelten ſie in ihren Gedanken nach den Klängen der Muſik im Tanzſaale herum. Wiederum gab es unter den Geſtorbenen Geizige, welche an verſteckten Orten und einſam ſaßen, um kleine Kieſelſteine nach Hunderten und Tauſenden abzuzählen. Ehemalige Kornwucherer maßen mit Eifer den Sand in ihrer Nähe in Scheffelſäcke. Spieler ſpielten und ſtritten ſich um Todtenbeine; zänkiſche Frauen haderten und ſchlugen ſich wohl gar mit einander. Da⸗ zwiſchen durchtobte eine Rotte ungezogener Buben die Gänge des Friedhofs, rannte gegen Erwachſene an und ſchwächere Kinder um, neckten jeden Todten, warfen nach den zählenden Geizigen und den ſandmeſſenden Korn⸗ wucherern mit Steinen und Erdklöſen—“ „Ha! du ſtichelſt auf mich, Guſte!“ unterbrach hier Ferdinand die Erzählerin. „Ich erzähle, was mir geträumt hat“— erwiederte Auguſte—„und wem es juckt, der mag ſich kratzen. Gefällt dir meine Erzählung nicht, ſo behalte ich meinen Traum Fahre nur fort“— bat erdinand.„Ich bin einnat ein Leidensmenſch und muß Schlimmeres noch ertragen als deine Stachelbeeren.“ „Dagegen“— hob Auguſte wieder an—„gab es auch wohlgeartete Kinder, welche ſtill neben ihren Aeltern ſaßen, deren Reden lauſchten oder eifrig in ihren Schulbüchern lernten. Das Sonderbarſte war, daß jeder Todte ſein Holzkreuz oder ſeinen Leichenſtein hinten auf ſeinem Rücken trug, damit man eines Jeden Namen ableſen könnte. Die Reichen keuchten übel unter der ſchweren Laſt ihrer theuern Leichenſteine. Am beſten kamen dagegen diejenigen weg, deren Grab nicht einmal ein Holzkreuz aufzuweiſen hatte. Dieſe waren frei wie der Vogel in der Luft, und hüpften wie muntere Bachſtelzen an den armen Steinträgern vor⸗ über. Aber vergebens ſtrebte mein Blick meine ſelige Mutter und meine verſtorbenen Geſchwiſter unter den Tau⸗ ſenden von Schattenbildern zu entdecken. Ach, auch ihr Grab ziert noch kein Holzkreuz und keine Inſchrift! Aber ein ſolches wäre gar nicht nöthig geweſen, denn unter Tau⸗ ſenden wollte ich meine Muter ſogleich erkennen. Endlich da ich vor Gram zu weinen anfing, vernahm ich die Stimme meiner ſeligen Mutter. Ich erblickte ſie von Weitem neben einem Fliederſtrauche ſitzen und mit der einen Hand ihre vier Kinder liebkoſen, während ſie die andere winkend nach mir ausſtreckte. Doch ſo ſehr ich mich anſtrengte, zu ihr hinzugelangen, kam ich dennoch um keinen Schritt ihr näher. Immer ſah ich mich von neckenden Buben, von luſtwan⸗ delnden Paaren, von zankenden Weibern und wegen Spiels in Streit gerathenen Männern aufgehalten und ½ 69 zurückgedrängt. Ich war außer mir und rief ohne Auf⸗ hören:„Meine Mutter! ach, meine Mutter!“ Plötzlich ſummte der Glockenſchlag Eins durch die laue Nacht daher. Hui! waren die tanzluſtigen Mädchen von der Kirchhof⸗ mauer herab und jagten in ängſtlicher Eile nach ihren Grä⸗ bern zurück. Dieſe ſchloſſen ſich über den hinabgeſchwebten Schatten, wölbten den Raſenhügel darüber und die Blu⸗ men darauf ſenkten, wie vorher, ihre geſchloſſenen Dolden ſchläferig zu Boden. Da aber, wo die tanzluſtigen Jung⸗ frauen und die wild umhergetobten Buben, welche, trotz aller Eile, ihre entfernten Gräber nicht hatten erreichen können, in die Erde verſunken waren, wucherten, ſtatt ſchöner und ſüß duftender Blumen, dichte Büſche von Brenn⸗ neſſeln und Stinkkraut. Ich dagegen erwachte, wie ge⸗ wöhnlich, wenn ich im Schlafe laut geredet habe.“ „Mich rechneſt du auch unter die Brennneſſeln oder zum Stinkkraut“— ſprach Ferdinand ſchmollend.„Nun weiß ich doch, was ich eigentlich in deinen Augen bin. Aber meine Augen! Guſte! thu' mir doch den Gefallen und nimm die Binde nur eine Secunde lang von meinen Augen. Ich will einen Verſuch machen, ob ich wieder ſehen kann.“ Auguſte erfüllte des Knaben Bitte, wobei ſie ihr Antlitz über das des Blinden niederbeugte. Die Binde fiel und Ferdinand ſchrie freudig auf:„Ha! ich ſehe wieder! Ja, ja, Guſte! ich erkenne dich! O mein Gott! ich werde nicht blind und bleibe nicht blind! O welch' ein Glück! Ha, nun mache ich mir auch nichts aus den Schmerzen im Geſicht. O Guſte! freue dich ein wenig nur mit mir! Ich kann wirklich wieder ſehen.“ Kundenzahl zwar nur langſam, doch fortdauernd mehrte. „Gewiß freue ich mich mit dir“— erwiederte Guſte innig.—„Aber ſchone noch deine Augen und ſtrenge ſie nicht gleich zu ſehr an. Lege die Binde wieder auf und ſolche eher nicht ganz ab, als bis der Doetor es erlaubt.“ „Der Doetor?“ fragte Ferdinand lachend.„Ich habe ja keinen. Ein einziges Mal nur iſt der Armendoctor auf meines Großvaters Bitte dageweſen und ſeitdem nicht wieder. Gewiß dachte er: Unkraut verliert ſich nicht. Und Stink⸗ kraut gehört doch mit zum Unkraut, nicht wahr Guſte?“ „Spotte und ſpaße jetzt nicht!“ warnte Auguſte.„Danke vielmehr unſerm Herrgott, der dir eine ſo gute Natur ge⸗ geben und dich dadurch wieder ſehend gemacht hat.“ „Ja, das will ich!“ verſetzte Ferdinand voll Scham und ernſthaft.„Nun erſt erkenne ich den Werth, welchen ein einziger Sinn für den Menſchen hat.“ Ferdinands Augen heilten ſchneller und vermochten eher wieder zu ſehen, als daß ſein Antlitz, deſſen Haut voll ſchwarzer, herausſchwärender Pulverkörner ſteckte, von ſeinen großen Schmerzen befreit und wieder weiß wurde. Noch längere Zeit, nachdem er bereits die Schule wieder beſuchte, behielt ſein Geſicht eine Mulattenfarbe, weshalb ihn ſeine Schulkameraden mit dem Spitznamen„ſchwarzer Feuer⸗ werker“ belegten. Nach ſeiner Geneſung verwendete Auguſte ihre freie Zeit wieder faſt gänzlich zur Lohnwäſcherei, indem ſich ihre Eines Morgens, als Auguſte im Begriff ſtand, in die Schule zu gehen, klopfte es an die Stubenthüre des Inva⸗ liden Thomas und gleich darauf trat ein zuſammen⸗ ——— 71 geſchrumpftes Frauenzimmer herein, in welchem Auguſte ihre Frau Schietzel erkannte, nachdem dieſelbe ein ver⸗ hüllendes Tuch von ihrem Kopfe und Geſicht entfernt hatte. Sie blickte erſt mit ihren durchdringenden Augen in der Stube umher, und als ſie darin theils fertige, theils im Bau begriffene Vogelbauer entdeckte, ſprach ſie zufrieden: „So bin ich ja recht gekommen! Weshalb ich herkomme? Ich habe da einen Vogelbauer, der noch ganz leidlich in gutem Stande iſt und den ich nicht brauche, weil ich kein unnützes Vieh halte.“ Hier brachte die Frau unter ihrem weiten, verblichenen Kattunmantel einen alten Vogelbauer zum Vorſchein, deſſen Eiſendrähte mit Roſt dick überzogen waren und der auch ſonſt eben nicht ſehr haltbar ſchien. „Nun wollte ich fragen“— fuhr die Alte fort—„ob Sie mir den Vogelbauer abkaufen und wie viel Sie mir dafür bieten wollen? Es wird Ihnen ein Leichtes ſein, dem Dinge einen wohlfeilen Anſtrich zu geben, daß der Vogelbauer wieder wie neu wird.“ Auf dieſe Rede antwortete Thomas mit einem herzlichen Lachen. Endlich ſagte er:„Mein liebes Frauchen! Dieſer alte Bauer iſt keinen Silbergroſchen werth und zu nichts weiter nütze, als daß er auf den Kehrichthaufen geworfen wird. Ha! ha! ha! ich bringe nicht einmal meine neuen und ſchönen Bauer an den Käufer, geſchweige denn ein ſolches Gemächte, das anno 1 gefertigt zu ſein ſcheint.“ „Sie wollen alſo im Ernſt auf meinen Vorſchlag nicht eingehen?“— fragte Frau Schietzel—„den Vogelbauer nicht einmal für 5 Silbergroſchen annehmen?“ üich verklärten Mienen—„Zu deinem Begräbniß? Das 72 3 „Nicht für 5 Pfennige!“ verſetzte Thomas.„Mit dem verroſteten Draht iſt ja nichts mehr zu machen und mit den paar Stückchen Holz an dem ganzen Bauer koche ich keine Taſſe Kaffee.“ „So hätte ich den weiten Weg hierher umſonſt gemacht“ — ſprach Frau Schietzel—„und vergeblich die vielen Treppen herauf gekeucht! He, Kleine! wir kennen uns ja! Erinnere dich, daß ich deinetwegen den gottloſen Buben mit dem verbrannten Geſichte nicht bei der Polizei belangt habe. Rede doch deinem Großvater zu, daß er den vor⸗ theilhaften Handel nicht kurz von ſich weiſe. Sieh, da ſteht ja eine Sparbüchſe! Alſo fehlt es euch nicht am Gelde.“ Damit meinte die Frau Auguſtens bewußte Sparbüchſe, welche, da ihr Großvater einmal hinter das Geheimniß ſeines Enkelkindes gekommen war, von demſelben nicht mehr verſteckt wurde, ſondern ſo eben mit einem neuen Er⸗ ſparniſſe bereichert worden war und darum noch auf dem Tiſche ſtand. „Die wenigen Dreier und Pfennige“— erwiederte Thomas—„welche in der Sparbüchſe ſtecken, gehören meiner Enkelin an, und ſind zu einem ganz anderen Zwecke beſtimmt, als alte Vogelbauer anzukaufen. Da leſen Sie die Aufſchrift zum Beweis meiner Rede.“ „Zu— meinem— Begräbniß“— buchſtabirte die Alte heraus. Erſtaunt blickte ſie das Kind an, welches ver⸗ legen ſeinen Blick hinwegwendete. „Du ſpareſt ſchon?“ ſagte Frau Schietzel mit freund⸗ hätte ich dir nimmer zugetraut! Wieſeſt du doch mein Ge⸗ 73 ſchenk zurück, das ich dir für deinen Beiſtand im Gewitter⸗ ſturme anbot. Es wäre vielleicht das erſte Silberſtück in der Sparbüchſe geweſen.“ „Ich ſpare nur, was ich durch Arbeit und mit Recht erworben habe“— ſprach Auguſte.„Auch ſoll man ſich nicht für jeden kleinen Dienſt bezahlen laſſen.“ „Du haſt ſchon ſparen gelernt?“ fuhr Frau Schietzel fort.„Ei, das iſt ſchön von dir und macht einem ſo jungen Dinge alle Ehre. Und nicht wahr? Das Sparen iſt auch eine Freude und eine viel größere und länger dauernde, als das abſcheuliche Verſchwenden? Getroſten Muthes kann der Sparſame in die Zukunft blicken, während der Verſchwender mit Schrecken dem nächſten Tage entgegenſieht. Dein Groß⸗ vater ſcheint mir aber nicht dir zu gleichen, denn ſonſt würde er den Gewinn, welchen er aus dem Kauf eines Vogel⸗ bauers erzielen könnte, nicht ſchnöde zurückgewieſen haben. Alſo, Sie wollen nicht?“ fuhr Frau Schietzel zum Inva⸗ liden fort—„auch nicht, wenn ich nur 4 Silbergroſchen für den Bauer verlange?“ „Sparen Sie ihre Worte, Madamchen“— erwiederte Thomas—„ich mag Ihren Bauer nicht umſonſt!“ „Adieu denn!“ ſprach Frau Schietzel kurz, nahm ihren Vogelbauer wieder unter den Mantel und wendete ſich zum Fortgehen. An der Stubenthüre drehte ſie ſich nochmals um und rief Auguſten zu:„Spare, ſpare, Kind, und du wirſt niemals Noth zu leiden haben.“ „Das war eine ſonderbare Frau“— meinte Thomas, nachdem die Alte fort war.„Die ſchien mir nicht ſparſam, ſondern geizig zu ſein. Ha! ha! der alte Vogelbauer war nicht werth, daß man ihn in die Hand nahm, geſchweige daß man ſeinetwegen die Treppen zu uns heraufſtieg.“ Das Lob, welches Auguſten von der Alten geſpendet worden war, machte ſie, anſtatt ihr angenehm zu ſein, viel⸗ mehr ſchüchtern und ungewiß, ob ſie nicht auch, wie Frau Schietzel, ſchon auf dem Wege ſei, geizig anſtatt ſparſam zu werden. Der Geiz, den die Bibel eine Wurzel alles Uebels nennt, war ihr in der Schule und von anderen Menſchen ſo abſchreckend geſchildert worden, daß ſie vor ihm die größte Furcht empfand. Als ſie aber an das Beiſpiel ihrer Mutter dachte, welche zwar ſparſam, doch niemals geizig geweſen war, beruhigte ſie ſich wieder und fuhr wie bisher fort, ihre geringen Einkünfte einzutheilen. Sechstes Kapitel. Die Majorsfamilie. Hauthal fuhr beharrlich fort, alltäglich einen Tropfen Siegellack in ſein Schnapsgläschen fallen zu laſſen. In dem Maaße wie ſeine erkaufte Stange Siegellack abnahm, wuchs, wenn auch anfangs wenig bemerkbar, ſeine Baarſchaft an. Ueberdies rauchte er jetzt ſchon täglich eine, ja ſogar andert⸗ halb Pfeife Tabak weniger und auch dieſe Erſparniß ſam⸗ melte er gewiſſenhaft zu einem Nothpfennig und ſeinem Be⸗ gräbniß. 6 — in Empfang genommen. In der Regel händigte es ihnen 75 Seitdem Ferdinand Pommrich von ſeinen Brandleiden wieder geneſen war, zog er ſich von ſeinen wilden, Unarten verübenden Kameraden zurück und half treulich ſeinem Vater bei der Anfertigung von Feuerwerksſachen, welche beſſer bezahlt wurden, als die Schuhflickerei. Aus dieſem Grunde hatte Pommerich auch nicht nöthig, ſich ſeines Steckenpferdes — ſeines goldgelben Mätzchens— zu entäuſſern, welches deſto lauter ſang, ja ſchmetterte, je geräuſchvoller Großvater und Enkel bei dem Füllen der Schwärmer, Feuerräder und franzöſiſchen Schläge zu Werke gingen. Am übelſten befand ſich unter den drei Invaliden Auguſtens Großvater, welcher immer fühlbarer und ſchmerz⸗ licher den frühern Beiſtand ſeiner arbeitſam geweſenen Tochter vermißte. Er und Auguſte mußten ſich daher in Allem ſehr einſchränken, abſonderlich kleinere und magerere Biſſen machen als ſonſt, außerdem weit länger und ange⸗ ſtrengter arbeiten. Aber die Noth macht erfinderiſch und läßt den Menſchen auf neu und ſtärker fließende Erwerbs⸗ quellen denken. Darum„i Thomas Ratten und Mäu⸗ ſefallen zu fertigen, irdene Töpfe und Kafferollen mit Eiſen⸗ draht zu unſtricken und andere, in dieſes Fach einſchlagende Arbeiten auszuführen. Auguſte ihrerſeits blieb hinter der Thätigkeit ihres Großvaters nicht zurück, ſondern wuſch, bleichte und mangelte trotz einer erwachſenen Wäſcherin. Sonach war das befreundete Kleeblatt der drei Invaliden ein recht arbeitsſames und darum ehrenwerthes. Bisher hatte Pommrich entweder ſelbſt oder Auguſte deren Schulgeld bei dem gütigen Major von Sichthauſen ein Diener oder das Stubenmädchen ein, bei welcher Ge⸗ legenheit die Empfänger weiter nicht als bis in das Vor⸗ zimmer des Stabsofſiziers gelangten. Nachdem aber ein Vierteljahr vergangen war, ſprach das Stubenmädchen zu Auguſten:„Wenn du das nächſte Mal wieder hierher kommſt, ſo ſollſt du das Quittungsbuch über dein bezahltes Schul⸗ geld, ferner deine Arbeitshefte und was du ſonſt von deinem Schulbeſuch vorzeigen kannſt, mitbringen. Meine Herrſchaft will ſehen, ob du fleißig geweſen biſt und ihre Unterſtützung verdienſt.“ Eine ſolche Abſicht, wie die des Majors, war eine ſehr löbliche und ſollte von allen denen nachgeahmt werden, welche irgend eine ähnliche Wohlthat ihren ärmeren Neben⸗ menſchen zufließen laſſen. Auguſte war eine fleißige Schü⸗ lerin ſtets geweſen. Durch das gegen ſie ausgeſprochene Vorhaben ihres Wohlthäters wurde ſie aber zu verdoppeltem Fleiß angeſpornt. Nicht ohne ein bängliches Gefühl machte ſich Auguſte, mit ihren S beladen, auf den Weg nach des Majors Wohnung. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Mädchen heute beſonders achtſam auf ihr Aeußeres geweſen war, ihr Antlitz und ihre Hände mit großer Sorg⸗ falt rein gewaſchen, ihr Haar geordnet und glatt gekämmt, ihre Schuhe geputzt und auf ihren Anzug verdoppelten Fleiß verwendet hatte. Von einer ſchämigen Röthe über⸗ goſſen, trat ſie auf Geheiß des Stubenmädchens in ein ſchönes Zimmer, wo der Herr Major, deſſen Gemahlin und Kinder— aus zwei Töchtern und einem Söhnlein beſtehend— beiſammen waren. Freundlich ſah die Majorin auf Auguſte hin, die in ihrem zwar ärmlichen, doch äußerſt reinlichen 77 und ſaubern Anzuge, mit ihrem blühenden, wohlgebildeten und züchtig ſich röthendem Geſicht, mit ihrem offenen treu⸗ herzigen Blick einen vortheilhaften Eindruck machte. Zunächſt überzeugte ſich der Major von der richtigen Ablieferung des Schulgeldes, indem er das Quittungsbuch durchſah. Hierauf that er ein Gleiches mit Auguſtens Cen⸗ ſurbuch, welches faſt durchgängig Auguſtens ſittliches Be⸗ tragen und deren Fleiß belobte. Dann erſt unterwarf der Major die übrigen Schreibe⸗ und Arbeitshefte einer genauen Beſichtigung. Stumm, aber mit ſprechenden Blicken wies er ſeiner Gattin und ſeinen Kindern die beſchriebenen Blätter und Seiten, auf welchen kein Tinten⸗ und anderer Schmutz⸗ fleck, keine ſchiefe oder krumme Zeile, und keine eingebogene Ecke zu bemerken waren, wohl aber eine nette, gleichmäßige und dem Auge wohlgefällige Schrift das Papier bedeckte. „Welch eine Freude würdet ihr mir und eurer Mutter bereiten—“ ſagte der Major auf franzöſiſch zu ſeinen Töchtern, welche nur wenig jünger wie Auguſte waren— „wenn eure Arbeitshefte in einem gleichen oder ähnlichen Zuſtande ſich befänden.“ Die Majorin nickte bejahend und fragte, ein zuſam⸗ mengeſchlagenes Tuch unter den Schreibheften vorziehend, Auguſten.„Was enthält dieſes Tuch?“ „Meine Muſterſtickerei—“ antwortete jene und die Majorin ſchlug das Tuch auseinander. „Das hätteſt du geſtickt?“ fragte die Majorin unter einem ungläubigen Kopfſchütteln.„Das iſt ja kaum denkbar!“ 78 „Ich habe es wirklich ſelbſt geſtickt“ betheuerte Auguſte ſtammelnd. „Da möchte ich doch deine Stickkunſt einer Probe unter⸗ werfen—“ ſprach die Majorin lächelnd.„Ich habe gerade ein halbes Dutzend leinene Taſchentücher liegen, in welche ich die Anfangsbuchſtaben meines Namens, mit einer kleinen Krone darüber, ſticken laſſen möchte. Ich würde dir dieſe Arbeit übertragen, wenn ich wüßte, daß du es nicht eben ſo machteſt, wie eine andere arme Perſon, welche mich um lohnende Beſchäftigung bat, und welche die ihr bereits zu⸗ geſchnitten eingehändigten Hemden auf dem Leihhauſe ver⸗ ſetzte.“ „Das wäre ja ſchändlich!—“ rief Auguſte erglühend aus.„Nein, ſo ſchlecht und undankbar will ich nicht han⸗ deln. Vertraut man mir doch ganze Körbe voll Wäſche an, um ſie zu waſchen, zu bleichen, zu trocknen und zu mangeln, und Sie können alle meine Waſchkunden fragen, ob jemals ſchon ein einziges Stück gefehlt habe.“ „Wie? du wüſcheſt ſchon für andere Leute?“ fragte die Majorin und lachte herzlich.„Du Kind wäreſt eine Lohnwäſcherin? Das iſt zu drollig, ha! ha! ha! Und mangeln könnteſt du auch ſchon? ha! du reichſt ja kaum bis zum Aufdecketiſch hinan und vermagſt das Mangelholz nicht zu regieren.“ „O doch!“ erwiderte Auguſte mit Feuer.„Nächſtens lerne ich auch noch das Plätten. Es dreht ſich nur noch um eine Plattglocke, deren Ankauf meine kleine Kaſſe über⸗ ſteigt. Sonſt hätte ich's längſt ſchon verſucht.“ „Dann biſt du ja das achte Wunderwerk der Welt—“ N ſcherzte die Majorin.„Erzähle mir, wie du ſo frühzeitig ſchon zu allen deinen Geſchicklichkeiten gelangt biſt und woher du die Zeit dazu, neben deinen Schulſtunden und Schul⸗ arbeiten, nimmſt.“ Da gerieth denn Auguſte in's Erzählen, wobei natür⸗ lich der Tod ihrer Mutter, deren zu den Begräbnißkoſten erſparter und ſo unverhofft aufgefundener Schatz, der ſpär⸗ liche Erwerb ihres Großvaters und deſſen freundſchaftliches Verhältniß zu Pommrich und Hauthal, ſo wie Auguſtens eigene Erlebniſſe erwähnt wurden. Die Bibel ſagt, daß des Vaters Segen den Kindern Häuſer baue. Umgekehrt bringen wohlgerathene Kinder ihren Eltern und Angehörigen Segen und Glück. Solches war bei Auguſten der Fall. Nachdem die Majorin, deren Gemahl und Kinder Augu⸗ ſtens umſtändliche Erzählung mit eben ſo großer Aufmerk⸗ ſamkeit als Rührung angehört hatten, war die nächſte Folge davon, daß die Majorin die zu ſtickenden Taſchentücher Auguſten einhändigte und ſie aufforderte, einen Tag um den andern in ihrer Küche anzufragen, ob Speiſereſte vorhanden ſeien, welche ihr und ihrem Großvater überlaſſen werden ſollten. Der Maior fügte dieſer Vergünſtigung das Ge⸗ ſchenk eines halben Guldens bei und ermunterte zugleich das Mädchen, auf dem betretenen, guten Wege rüſtig weiter zu ſchreiten. Die Kinder des Majors reichten Auguſten freundlich die Hand zum Abſchiede und jene trat unter un⸗ ſäglich freudigen Gefühlen ihren Heimweg an. Mit welchem Feuereifer und Fleiße Auguſte an das Sticken der ihr anvertrauten Taſchentücher ging! Sie ſtand 80 deshalb mit xnentnnc auf und vergönnte ſich keine Er⸗ holung, bis die Arbeit beendigt war. Dieſelbe wurde von der Majorin mit deren völliger Zufriedenheit und einer klingenden Gabe belohnt, deren Annahme jedoch ſtandhaft von Auguſten verweigert wurde. „Ich bin und bleibe ja noch immer Ihre große Schuld⸗ nerin—“ ſagte Auguſte mit thränenden Augen—„und ich wünſchte, daß ich noch viel, viel mehr für Sie zu arbeiten bekäme, damit ich mich dankbar für Ihre großen Wohlthaten bezeigen könnte!“ Aber die Majorin beſtand auf ihrem Willen, dem ſich zuletzt Auguſte fügen und das Geld annehmen mußte. Mehrmals in der Woche empfing Auguſte aus der Majorin Küche Speiſeüberreſte, welche an Wohlgeſchmack und Kräf⸗ tigung die ärmliche, bisherige Koſt des Invaliden Thomas weit übertraf und denſelben einer großen Sorge überhob. Dabei ließ es die gütige Majorin nicht bewenden. Sie übertrug Auguſten, die immer mehr ihre Gunſt gewann, 3 von Zeit zu Zeit gut belohnte Arbeiten, und als das Mäd⸗ chen eines Tages nach Eſſen in die Küche kam, wurde ſie aufgefordert, in die angränzende Küchen⸗ und Geſindeſtube zu treten, wo das Stubenmädchen der Majorin mit Plätten beſchäftigt war. Hier unterwies jenes die Kleine in der Plattkunſt und ſetzte dieſen Unterricht an den nächſtfolgen⸗ den Tagen ſo lange fort, bis Auguſte kunſtgerecht mit der Plattglocke umzugehen verſtand. Ihr Probeſtück legte ſie in Anweſenheit der Frau Majorin ab, welche nach dem Ge⸗ lingen deſſelben unter einem freundlichen Lächeln zu Auguſten ſagte: ————— „Meine Plattglocke befindet ſich bei dir in ſo geſchickten Händen, daß ſie in denſelben verbleiben mag. Ich ſchenke ſie dir und wünſche, daß ſie dir manchen blanken Thaler eintragen möge.“ Vor übergroßer Freude und Ueberraſchung drehte ſich vor der Beſchenkten Augen Alles im Ringe umher, ſo daß ſie ſich an den Platttiſch feſthalten mußte. „Das— das iſt— zu viel!“ ſtammelte ſie unter einem Strome hervorquellender Freudenthränen. Sie haſchte nach der Hand der gütigen Frau und bedeckte ſie mit heißen Küſſen. Alle Anweſende, am meiſten aber die Majorin, freuten ſich über das namenloſe Entzücken Auguſtens, welche mit ſeligen Blicken die blanke Meſſingglocke beäugelte und in ihrer Hand auf und niederſchwenkte. Endlich rannte ſie noch immer weinend und ihren Schatz feſt, feſt an ſich drückend und bewahrend, nach Hauſe, um dort die Platt⸗ glocke unter Jubeln und Jauchzen dem erſtaunenden Groß⸗ vater vor die Augen zu halten und demſelben ihr großes Glück zu verkünden. Nunmehr dünkte ſich Auguſte allen Fächern der nützlichen Waſchkunſt gewachſen zu ſein und ein richtiges Mitglied dieſer zahlreichen Zunft. Eben ſo ſtolz und ſelbſtgefällig, wie der, vom Lehrling zum Geſellen erhobene junge Mann zum erſtenmale mit dem ihm nun erſt erlaubten Spazierſtocke ſich brüſtet, blickte Auguſte auf ihre ſtets blank gehaltene Plattglocke hin, welcher ſie den Ehrenplatz unter ihren Sachen angewieſen hatte. Wie wenig von den Erdengütern reicht ſchon aus, um den Genügſamen zu beglücken, und wie oft vermag des größten Reichthums Ueberfluß und 6 Rieritz, die drei Invaliden. 382 Fülle nicht einmal den vom Glück ohne Unterlaß Begünſtigten nur zufrieden zu ſtellen! Ohne daß es verlangt wurde, unterzog ſich die danker⸗ füllte Auguſte in dem Hauſe, der Wirthſchaft und Familie ihrer Wohlthäter allerlei kleinen und größeren Dienſtver⸗ richtungen, welche namentlich den Dienſtleuten zugute kamen und dem Kinde deren Gewogenheit einbrachten. Bei der nicht zu verachtenden Bedeutung und dem nicht ſelten hohen Einfluß der Dienſtleute auf ihre Herrſchaft iſt eine ſolche Gewogenheit nicht gering anzuſchlagen, was auch Auguſte an den jetzt öfter und reichlicher ihr zu Theil werdenden Speiſeüberreſten und anderen kleinen Geſchenken erkannte. Bei den Kindern des Majors machte ſie ſich be⸗ liebt durch Anfertigung von Puppenkleidern und Puppen⸗ putz, von Spielſachen aus Papier und andern Stoff, durch Erzählung anmuthiger Geſchichten und Märchen, durch Entgegenkommen ihrer Wünſche und williges Eingehen auf ihre Spiele und Beſchäftigungen, wobei ſie eine Rolle übernehmen ſollte. Die in kurzen Zwiſchenräumen einander folgenden Geburtstage des Majors und ſeiner Gattin feierte Auguſte durch Ueberreichung eines duftenden Blumen⸗ ſtraußes und eines zierlich geſchriebenen Glückwunſches. So kam es, daß Auguſte immer heimiſcher in des Majors Hauſe und Familie wurde und darin einen großen Theil ihrer ſchulfreien Zeit verbrachte. Durch den Umgang mit einer gebildeten Famile legte ſie Manches in ihren Reden, Ge⸗ wohnheiten und Handlungen ab, was roh oder gemein mit ihrem niederen Stande aufgewachſen war und bei fi gebildeten Leuten Anſtoß erregt. — Köchin 83 Als Auguſte eines Tages mit ihrem Topfe zu Majors ging, um Speiſeüberreſte zu holen, ſah ſie vor dem Hauſe eine ſchwarzlackirte Kutſche mit zwei Rappen halten. Bei dieſem Anblick überlief ſie unwillkührlich ein leiſer Schauer und ſchüchtern ſah ſie zu dem Kutſcher auf, welcher wie ſchlaftrunken auf dem Kutſchbocke ſaß und nur loſe die Zügel in ſeiner Hand hielt. Oben in des Majors Wohnung war es heute ungewöhnlich ſtill und nur die Köchin in der Küche anweſend, welche Auguſtens Gruß mit trübem Ernſt erwiederte. „Bei meiner Herrſchaft“— erzählte die Köchin S iſt Noth eingezogen: wir haben das böſe Scharlachfieber im Hauſe. Fräulein Sidonie hat es bekommen und ihre Schweſter Anna, die auch ſchon über Halsdrücken klagt, will ſich durchaus nicht von jener trennen laſſen. Junker Alwin aber iſt ſogleich zur Mutter der gnädigen Frau ge⸗ ſchafft worden, damit er nicht auch angeſteckt werde. Eben iſt der Doctor Eiſemann da, deſſen Wagen du unten halten ſiehſt. Die Gnädige iſt in Todesangſt um ihre Kinder und das mit Recht, denn das Scharlachfieber ſpaßt nicht und rafft die Menſchen hinweg, wie die Sichel die reifen Halme.“ Dieſe Nachricht erſchreckte und beunruhigte Auguſten nicht wenig. Sie empfing ihren Topf, mit Eſſen gefüllt, zurück und wollte ſchon mit geſenktem Haupte die Küche verlaſſen. Da ſprach plötzlich in ihrem Innern eine ernſt ſtrafende Stimme;„Ich bin krank und gefangen geweſen, und ihr habt mich nicht beſucht.“ Hurtig kehrte Auguſte wieder um und ſprach zur 6* 84 „Ob ich wohl die gnädigen Fräuleins beſuchen darf? Vielleicht könnte ich ihnen kleine Dienſte erweiſen oder ihnen wenigſtens die Zeit verkürzen helfen.“ „Du haſt ſchon das Scharlachfieber überſtanden“— fragte die Köchin—„daß du dich vor der Anſteckung nicht zu fürchten brauchſt?“ „Das weiß ich nicht“— verſetzte Auguſte.„Krank bin ich ſchon manchmal geweſen. Was mir aber gefehlt hat, wußte ſelbſt meine ſelige Mutter nicht. Und einen Doctor haben wir niemals gebraucht. Gewöhnlich mußte ich viel heißen Thee trinken, damit ich in Schweiß kam.“ „Wenn du deiner Sache nicht gewiß biſt“— ſagte die Köchin—„ſo darfſt du nicht zu unſeren Fräuleins. Das gäbe unſere Gnädige nicht zu, die ſich ein Gewiſſen machte, wenn du angeſteckt würdeſt.“ „Wenn's weiter nichts iſt!“ lächelte Auguſte.„Ich fürchte mich ganz und gar nicht vor dem Anſtecken, ſelbſt wenn die Fräuleins die Cholera hätten. „Ja, ſo ſeid ihr Kinder!“ erwiederte die Köchin.„Aber dein Vater würde nicht ſo leichtſinnig denken und daher nicht zugeben, daß du dich der Gefahr des Anſteckens aus⸗ ſetzteſt. Deswegen hat meine Herrſchaft einen anderen Doctor annehmen müſſen, weil es den königlichen Leib⸗ ärzten unterſagt iſt, zu Patienten mit anſteckenden Krank⸗ heiten zu gehen.“ „Mein Vater denkt wie ich“— ſprach Auguſte— „und wird ſicher nichts dagegen haben, wenn ich meinen und ſeinen Wohlthätern einen kleinen Dienſt erweiſe“ „Unſere Gnädige hat auch noch nicht das Scharlach⸗ fieber gehabt“— erzählte die Köchin—„dennoch weicht. ſie nicht von dem Bette ihres kranken Kindes. Aber freilich iſt ſie die Mutter, du aber biſt nur eine Fremde. Wenn du jedoch darauf beſtehſt, ſo will ich der Gnädigen dein Aner⸗ pieten melden. Jetzt darf ich ſie aber nicht ſtören, ſo lange der Doctor da iſt und ſeine Anordnungen trifft. Frage morgen wieder nach.“ Auguſte ging, war aber mit dem frühen Morgen wieder in der Küche, wo ihr die Köchin ſagte, daß die Frau Majorin Auguſtens guten Willen zwar mit Dank erkenne, ſie aber nicht der Gefahr des Anſteckens ausſetzen, vielmehr ihre Kinder allein abwarten wolle.“ Dieſer Beſcheid betrübte Auguſten, die aber ihre Theil⸗ nahme dadurch zu erkennen gab, daß ſie zweimal des Tages ſich einfand, um Erkundigung über das Befinden der beiden Fräuleins einzuziehen. Die Nachrichten, die ſie darüber empfing, lauteten immer trüber und troſtloſer. Fräulein Anna war wirklich auch von dem böſen Fieber befallen worden und jetzt kränker noch als ihre Schweſter. Ihre Mutter, von Angſt und ſchwerer Beſorgniß, von Nacht⸗ wachen und Dienſtleiſtungen erſchöpft, vermochte ſich nach einigen Tagen kaum noch auf den Füßen zu erhalten. Ihr Gemahl, der Maior, konnte ihr keinen Beiſtand in der Krankenpflege leiſten, weil ihn ſein Dienſt bei der Armee feſthielt, welche zehn Meilen von der Hauptſtadt ein Feld⸗ lager bezogen hatte. Einer fremden Krankenwärterin die Obhut über ihre tödtlich kranken Kinder anzuvertrauen, konnte ſich die zärtlich beſorgte Mutter durchaus nicht ent⸗ 86 „ſchließen, und darum opferte dieſelbe ihre letzten Kräfte für die geliebten Kranken auf. In dieſer großen Noth und Gefahr gab die Majorin endlich den dringend erneuerten Bitten Auguſtens nach, jedoch nur unter der Bedingung, daß ſie mit Einwilligung ihres Vaters die Krankenſtube betrete. Es bedurfte nicht großer Mühe von Seiten Auguſtens, um deren Vater zu dieſer Einwilligung zu überreden. „Du haſt Recht, Kind!“ ſprach er auf Auguſtens Vor⸗ ſtellungen—„die armen Leute können und dürfen nicht ſolche ängſtliche Rückſichten nehmen wie die Reichen und Vornehmen. Sollteſt du einmal in Dienſte gehen müſſen, ſo fragt man nicht, ob du eine anſteckende Krankheit gehabt haſt oder nicht, ſondern ſchickt dich ohne Weiteres zu allen Patienten an's Bett und überträgt dir deren Pflege. Was unſer Herrgott erhalten will, bleibt geſund mitten unter lauter Kranken von anſteckender Art, und was er ſterben laſſen will, muß fort und wenn man den Pontius Pilatus zum Doctor hätte.“ So ſpricht nun zwar der Türkenglaube, der aber gar nicht ſelten auch bei Chriſten angetroffen wird. Was Au⸗ guſten zur Krankenpflege antrieb, war ein Beweggrund edlerer Art, war die Dankbarkeit für empfangene Wohl⸗ thaten und dieſe machte, daß ſie furchtlos, ja ſelbſt mit Freudigkeit in das Krankenzimmer trat, in welchem die Majvrin von einem Bette zum andern wankte und nach den Bedürfniſſen und Wünſchen ihrer Kinder forſchte. Noth lehrt nicht nur beten, ſondern bringt uns auch folchen Menſchen näher, die wir im Glück als tief unter uns ——————— ſtehend betrachteten und darum uns fern von ihnen hielten. Die Frau Majorin hatte ſich zwar niemals ſtolz und ab⸗ ſtoßend gegen die arme Invalidenstochter bewieſen, allein mit ſolcher Herzlichkeit, wie jetzt, noch nie ſie empfangen, noch nie ihr die Hand gereicht, noch nie ſie auf die Wange geküßt. „Gute, treue Seele!“ ſprach die Majorin innig.— „Kommſt du, mir armen Mutter beizuſtehen? Habe tauſend Dank für deine edelmüthige Aufopferung.“ Anfänglich beſchränkte Auguſte ihre Dienſtleiſtung dar⸗ auf, daß ſie genau Acht gab, in welcher Weiſe die Majorin bei der Abwartung der beiden Kranken verfuhr. Dann erſt bat ſie die Maiorin, deren Stelle am Krankenbette ein⸗ nehmen zu dürfen. Dieſe jedoch bewilligte ſolches dann erſt, nachdem ſie ſich wiederholt von der Aufmerkſamkeit und Vorſicht überzeugt hatte, mit welcher Auguſte jede ihr übertragene Dienſtleiſtung an den Kranken vollzog. Dieſe, mit Auguſten bereits bekannt, ja befreundet, hatten gegen den Tauſch ihrer Wärterin um ſo weniger etwas einzu⸗ wenden, als ihre Mutter immer in ihrer Nähe blieb und jeder Handlung Auguſtens mit ihren Blicken folgte. Mehr und mehr fand ſich das Mädchen in die Krankenpflege, ſo wie die Majorin immer mehr erkannte, welche große Hülfe ſie in Auguſten erhalten hatte. Die erſchöpfte Mutter konnte jetzt ruhig auf ihrem Stuhle neben den Betten ihrer Töchter ſitzen bleiben und auf kurze Minuten die Augen zu einem leichten Schlummer ſchließen, was für die Majorin ſchon eine kleine Erholung war. Ja, einmal gewältigte der Schlaf die arme Mutter ſo ſehr, daß dieſe über eine Stunde lang, ebenſo feſt als ſüß, entſchlief. Deſto größer war aber auch ihr Schreck, als ſie erwachte und ſich ihrer begangenen Schwäche bewußt wurde. Ihr entſetzter Blick, welcher ihre Kinder ſuchte, fand aber dieſelben ſorglich zugedeckt und von Auguſten treulich behütet, welche der armen Mutter mit Freuden den kurzen Schlaf gegönnt und durch kein Geräuſch unterbrochen hatte. Wie gewöhnlich in ſolchen Krankheitsfällen waren die Nächte am ängſtlichſten und ſchwerſten zu überſtehen. Denn wenn Finſterniß die Erde deckt und Alles umher ſtill und in tiefem Schlafe liegt, dünkt ſich der liebend beſorgte Krankenwärter ſo verlaſſen und hülflos dem Schwerkranken gegenüber, deſſen Fieberhitze überdieß in der Nacht am höch⸗ ſten zu ſteigen pflegt, ſchleichen endlich die Minuten und Stunden mit einer entſetzlichen Langſamkeit dahin. Aus dieſem Grunde ſah es die Majorin ſehr gern, daß Auguſte die Nächte hindurch im Krankenzimmer zugegen war. Wun⸗ dern mußte man ſich mit Recht, wie es dem 11jährigen Kinde möglich wurde, mehrere Tage und Nächte hinter⸗ einander munter und auf den Füßen zu bleiben. Viele an⸗ dere Kinder dieſes Alters, welche nicht ſo frühzeitig wie Auguſte an ſchwere Arbeit, an Entbehrungen aller Art und an Selbſtüberwindung gewöhnt ſind, würden gar bald ihrer Schwäche und der Schlafſucht erlegen haben. Als die Bösartigkeit des Fiebers und mit ihr die Ge⸗ fahr der Erkrankten anwuchs, geſellte ſich zu Auguſtens Krankenwärterſtelle noch diejenige einer Troſtſprecherin bei der verzweifelnden Mutter. Dieſem neuen Amte unterzog ſich das Kind in eben ſo ungekünſtelter als herzlicher Weiſe, indem es bald auf ſchon aufgegeben geweſene und dennoch wieder geneſene Kranke aus ihrer Bekanntſchaft hinwies, bald günſtige, wiewohl nur ſchwache Anzeichen einer näch⸗ ſtens eintretenden Beſſerung entdeckte, bald auf den rechten Helfer aus jeglicher Noth, auf den himmliſchen Vater, vertröſtete. Auch die ſo langſam dahin kriechende Zeit der Noth verſtreicht endlich. So war auch nach vielen, bang ver⸗ lebten Tagen die Macht der Krankheit bei den Töchtern der Majorin gebrochen und dieſe ſelbſt der Luſt und Liebe zum Leben wiedergegeben worden. Die Freude über die glück⸗ liche Geneſung ihrer geliebten Kinder war für die Majorin das beſte Stärkungsmittel nud ließ ſie die beſtundenen Be⸗ ſchwerden bald vergeſſen. Auguſte hingegen erholte ſich durch einen, 24 Stunden ununterbrochen fortwährenden Schlaf, nach welchem ſie munter und kräftig erwachte. Nicht mehr allein durch Worte, ſondern durch Thaten hatte ſie der Majorsfamilie für das Gute gedankt, welches ihr und ihrem Vater durch jene zu Theil geworden war. Solches erkannten auch die Majorin und deren Töchter, welche wechſelsweiſe die jugendliche Krankenwärterin mit Lobſprüchen und Geſchenken überhäuften. Das ſiebente Kapitel. Die Schmucknadel. Das Herbſt⸗Kriegsſpiel der Armee war vorüber, das Feldlager abgebrochen und der zum Oberſtleutnant aufge⸗ ſtiegene Major von Richthauſen den Seinigen zurückgegeben, welche das Feſt ihrer ſämmtlichen Wiedervereinigung mit Dank und Freude feierten. Daß dabei Auguſte Tiefenbach nicht fehlte, verſteht ſich von ſelbſt. Doch ungetrübt bleibt ſelten eine Erdenfreude. Als Auguſte das nächſte Mal nach jenem Familienfeſte in die Richthauſenſche Wohnung kam, bemerkte ſie ein un⸗ ruhiges Hin⸗ und Herlaufen der Dienerſchaft, welche alle Gegenſtände in den Zimmern und ſonſtigen Behältniſſen der Wohnung hinwegrückte und eine genaue, mehrmals wiederholte Durch⸗ und Ausſuchung vornahm. „Gut, daß du kommſt“— redete das Stubenmädchen die vormalige Krankenwärterin an—„wir wollten ſchon nach dir ſchicken. Du ſollſt ſogleich zur gnädigen Frau kommen.“ Erwartungsvoll folgte Auguſte dem voranſchreitenden Stubenmädchen nach, welches ſie zur gnädigen Frau führte. Auf deren Geſicht lag der Ausdruck innerer Unruhe und eine tiefe Sorgenfalte durchſchnitt ihre Stirn.„Kind!“ redete ſie Auguſte haſtig an—„ich habe eine Gewiſſens⸗ frage an dich zu richten. Iſt dir während deines Wächter⸗ —,—— 9¹ dienſtes keine mit Brillanten beſetzte Buſennadel in dem Krankenzimmer meiner Töchter vorgekommen? Ich weiß es genau, daß ich ſie dort in dem erſten Schreck über Sidoniens Erkrankung abgelegt hatte, als ich von einem Beſuche bei der Kriegsminiſterin heimgekommen war. Ja, ich glaube mit Beſtimmtheit behaupten zu können, daß ich die Nadel auf das Tiſchchen gelegt habe, welches vor Sidoniens Bette ſtand. Seitdem habe ich nicht wieder an die Nadel gedacht und erſt heute, da ich ſie wieder anſtecken wollte, und ſie nicht in dem Futterale vorfand, erinnerte ich mich meiner Vergeßlichkeit, die gewiß in Betracht meiner ausgeſtandenen Todesangſt und Verzweiflung zu verzeihen iſt. Haſt du die Nadel aufgefunden und vielleicht irgendwo ſorgſam aufbe⸗ wahrt? Du weißt, daß außer mir und dir kein anderer Menſch, als bloß noch der Doctor, in das Krankenzimmer gekommen iſt.“ Dieſe letztere Bemerkung, ſo wie der eigenthümlich ſcharfe und forſchende Blick, mit welchen die gnädige Frau Auguſten in die Augen ſah, ſetzten dieſe in Verlegenheit. Sie erblich und dann ſchoß ihr das Blut gleich wieder in's Geſicht, ſo daß ſie bis zur Stirne erröthete. „Ich habe keine Buſennadel geſehen“— ſtammelte ſie in ſichtlicher Verwirrung. „Beſinne dich, Kind!“ ermahnte die Gnädige eindring⸗ lich.„Die Nadel iſt mir nicht nur wegen ihrer Koſtbarkeit, ſondern auch noch um deswillen ſehr werth und theuer, weil ſie das Brauigeſchenk meines Mannes war. Ich würde dich reich beſchenken, wenn du mir zu meinem Verluſte ver⸗ hälfeſt. n 92 „Ich weiß von keiner Nadel“— wiederholte Auguſte unter neuem Erröthen. „Das wäre ſonderbar— ſehr ſonderbar“ ſprach die Gnädige gedehnt.„Selbſt Sidonie erinnert ſich, trotz der Fieberhitze, in welcher ſie damals lag, daß ſie die Nadel nicht nur auf dem Tiſchchen neben ſich liegen geſehen, ſon⸗ dern ſogar in die Hand genommen und wieder hingelegt hat. Gleichwohl iſt ſie nicht aufzufinden, obwohl wir nichts undurchſucht gelaſſen haben, die Nadel kann doch unmöglich von der Erde verſchwunden ſein. Ich verſpreche dir eine Belohnung von 10, nein, von 20 Thalern, wenn du die Brillantnadel herzuſchaffſt.“ „Wie gern wollte ich das und ohne alle Belohnung“ — ſprach Auguſte mit naſſen Augen—„wenn ich's nur im Stande wäre.“ „Du bleibſt alſo bei deiner Ausſage?“ fragte die Gnä⸗ dige mit finſtrer Miene.„Das iſt mehr als ſonderbar. Denn der Doetor kann doch unmöglich die Nadel an ſich genommen haben? Was ſoll man dazu ſagen und denken? Du kannſt nun gehen. Vielleicht daß du dich noch beſinnſt.“ Dieſe mit kaltſinnigem Tone geſprochenen Worte durch⸗ bohrten Auguſtens Herz wie mit ſchmerzenden Meſſerſtichen. Sie warf einen Blick voll Trauer und ſtillen Vorwurfs auf die Gnädige und ſchlich, da ſich dieſe von ihr abwendete⸗ tief gebeugt von dannen. „Nimmermehr hätte ich's dem Kinde zugetraut“— ſprach die Frau von Richthauſen zu ihrem Mann—„aber wer ſonſt ſollte und könnte die Nadel eingeſteckt haben? Das Sprüchwort:„Gelegenheit macht Diebe“ iſt wirklich 5 wahr. Solch' ein armes Mädchen kommt mir vor wie ein Rabe, der auch dem Anblick eines blitzenden Gegenſtandes nicht widerſtehen kann und denſelben davon ſchleppt, ohne ihn je brauchen zu können.“ „Wir wollen noch einen Verſuch machen— erwiederte der Oberſtleutnant und ließ einen Aufruf in das Tageblatt und in die Zeitungen rücken, in welchem er demjenigen 25 Thaler Belohnung verſprach, welcher die Buſennadel einem benannten Juwelier einhändigen würde, ohne daß man weiter nach ſeinem Namen, nach der Art und Weiſe fragen dürfe, wie das Kleinod in ſeine Hände gelangt ſei. „Erweiſet mein Verdacht ſich nicht als gegründet?“ fragte die Frau von Richthauſen ihren Mann nach einigen Tagen, binnen welchen die Brillantnadel noch immer ver⸗ ſchwunden geblieben war; und wenn Auguſte kein böſes Ge⸗ wiſſen hätte, ſo würde ſie gekommen ſein, ihre Speiſeüber⸗ reſte bei uns zu holen. Neugierig bin ich, wie es mit dem Abholen ihres Schulgeldes werden wird.“ Ein böſes Gewiſſen hatte Auguſte Tiefenbach keines⸗ wegs, denn ſie fühlte ſich ſchuldlos. Aber in gewohnter Weiſe das Eſſen zu holen, fiel ihr unmöglich nach dem, wie die gnädige Fran mit ihr im Verhöre umgegangen war. Wie ſchmerzlich vermißte ſie jetzt ihre Mutter, in deren Schooß ſie niedergelegt hätte, was ihr Herz ſchwer drückte und verwundete! Ihrem Großvater dagegen getraute ſie ſich nicht zu entdecken. „He!“ hob dieſer endlich an—„wie kommt's, daß wir ſchon etliche Mittage von deinen Richthauſens nichts zu 94 ſchmecken bekommen, ſondern uns mit trocknen Kartoffeln und Brod haben begnügen müſſen?“ „Die Köchin hat mir nichts gegeben“— antwortete Auguſte, zwar ohne zu lügen, jedoch doppelfinnig, da ſie gar nicht zur Köchin gegangen war. „Man hat ſich ſchon arg verwöhnt“— meinte Thomas —„und es wollen die Kartoffeln ſammt dem trocknen Brote gar nicht mehr recht ſchmecken wie ehemals.“ „Großvater!“ ſprach Guſte, gewaltſam ein Herz ſich faſſend—„Sie könnten mir einen recht großen Gefallen thun, wenn Sie morgen ſelbſt mein Schulgeld bei Oberſt⸗ leutnants holten. Ich habe ſo viel Wäſche zu beſorgen, und die Tage nehmen ſchon ſo ab, daß ich ſonſt nicht fertig werde.“ „Nun, den Gefallen kann ich dir ſchon thun“— er⸗ wiederte der Stelzfuß und hinkte am andern Tage fort, um Guſtens Schulgeld in Empfang zu nehmen. Voll Unruhe wartete Auguſte auf ſeine Rückkehr und auf das, was der Großvater ihr zu berichten haben würde. Anſtatt des Großvaters aber ſtellten ſich ein Polizeiinſpector nebſt zwei Polizeidienern ein, bei deren Anblick und Eintritt Auguſte zur weißen Kalkwand wurde. Während der In⸗ ſpector das Mädchen in ein ſcharfes Verhör nahm, begannen deſſen Begleiter eine genaue Durchſuchung der ärmlichen Wohnung vorzunehmen. Nichts blieb davon verſchont; ſelbſt die Wände, Dielen und zunächſt gelegenen Ziegel auf dem Dache, der Ofen und deſſen Röhre nicht!— Der Fund von Auguſtens Sparbüchſe mit ſeinem klap⸗ vernden Inhalte wurde mit einem laut hervorgeſtoßenen vꝛ vꝛ „Ha!“ begrüßt, über deren Aufſchrift dagegen geſpöttelt und gelacht. Als die Sparbüchſe durch wiederholtes Um⸗ ſchütteln ihre Eingeweide nicht ausſchütten wollte und das Unterſuchen mit einem kleinen, zwiſchen die Spalte ge⸗ ſchobenen Hölzchen als unzureichend ſich auswies, um unter den Geldſtücken die eifrig geſuchte Brillantnadel zu ent⸗ decken, machte ein Polizeidiener Miene, die thönerne Spar⸗ büchſe zu zertrümmern. Auguſtens flehentliches Abwehren dieſes Vorhabens beſtärkte den Verdacht der Polizeimänner und in demſelben Augenblicke, wo Thomas in das Stübchen hereinſtampfte, flog die Sparbüchſe aus der Hand des Poli⸗ zeidieners gegen die Ziegelwand und ſtreute, in Stücken umherfliegend, Auguſtens Begräbnißkoſten, in Geſtalt vieler Kupfermünzen, aus, unter welchen auch einige Weißfiſchchen — halbe und ganze Silbergroſchen— hervorſchimmerten. Bei dieſem Anblicke und dem ihres verſteinert daſtehen⸗ den Großvaters war es dem Mädchen, als ſollte ſie in's dunkle Grab hinabſteigen müſſen. Es kam ihr vor, als wäre mit der Sparbüchſe zugleich ihr eigener Körper in Stücke zertrümmert worden, als wären die klirrend nieder⸗ geregneten Geldſtücke ihre verſchütteten Eingeweide, ſo leer, ſo hohl und weh war es in ihr. Jetzt wurde Thomas ſeiner Sprache wieder mächtig. „Ha! Donnerſtag und Freitag!“ rief er aus, indem er wüthig mit ſeinem Stelzfuß dazu aufſtampfte.—„Was heißt das? Was will— was ſucht— was unterſteht man ſich hier?“ „Wie?“ fuhr Thomas fort, nachdem ihm der Polizei⸗ inſpector erzählt hatte, um was es ſich handle—„meine 96 Guſte ſollte eine Diebin ſein? Eine Brillantnadel von etlichen hundert Thalern am Werthe eingeſteckt haben? Donner und Donau! wenn dem wirklich ſo wäre, ſo zer⸗ ſtampfte ich ſie zu Brei mit meinem Stelzfuße und würfe ſie dann von hier oben auf das Straßenpflaſter hinab, daß kein Gebein mehr von ihr ganz bliebe. Aber nein, das iſt ſie nicht, das darf ſie nicht ſein! Meine Guſte iſt ein Ehrenmädel. Das ſage ich ihr zum erſtenmale in's Antlit. Ich lobe ſie ſonſt nicht und halte ſie ſcharf. Jedoch Alles hat ſeine Gränze. Sie haben ſich gewundert, meine Herren, daß meine Guſte außer ſich geweſen und geberdet hat, als Sie ihre Sparbüchſe da haben zertöpfern wollen? Das darf Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen verſichere, daß das gute Kind ſeit ihrer Mutter und meiner Tochter Tode jeden vierten Pfennig von ihrem geringen Verdienſte geſpart und in die Büchſe geſteckt hat, damit ſie einmal ebenſo ehrlich und nicht auf Koſten der Armenbehörde begraben werde. Das will viel ſagen von einem ſolchen Kinde. Wendet ſich 2 doch mir ſelbſt das Herz im Leibe um, indem ich dieſe Scherben und die verſtreuten, ſauer erworbenen Pfennige anblicke.“ „Guſte, weine nicht und zittre nicht ſo! Wenn du dich rein weißt von der angeſchuldigten Miſſethat— und das hoffe ich— ſo kann und darf kein Menſch dir was thun und wenn es der Großmogul oder der Kaiſer von Fezzemarokko ſelbſt wäre. Armes Kind! das alſo haſt du von deinem Krankenwarten und Nachtwachen! Nun geht mir auch ein Seifenſieder auf, weshalb mir des Oberſt⸗ leutnants Diener die Thüre vor der Naſe zuwarf, nachdem 97 er mir mit kurz angebundenen Worten und im Namen ſeiner Herrſchaft geſagt hatte, daß es mit dem Schulgeldzahlen und Eſſengeben aus wäre. Deshalb alſo wollteſt du nicht ſelbſt zu Richthauſens hingehen, ſondern deinen Großvater vor's Loch ſchieben? Nun, Guſte! verzweifle deswegen nicht. Unſer Herrgott hat uns ja bisher immer beigeſtanden und in keiner Noth uns verlaſſen. Er wird uns auch in Zukunft nicht verderben laſſen, ſondern uns das tägliche Brot beſcheeren, wenn es auch nicht mit Butter geſtrichen wird.“ Der Inſtinct und Scharfblick, den die Polizeimänner durch lange Ausübung ihres Berufs gewinnen, ſagten dem Inſpertor, daß Auguſte unmöglich die Diebin der Brillant⸗ nadel ſei. Hierzu kam, daß er auf ſeine Fragen in der Nachbarſchaft umher ſowohl von dem alten Invaliden, als auch von deſſen Enkelin das einſtimmigſte und beſte Lob vernommen, auch nicht erkundet hatte, daß jene beiden in der letzten Zeit einen unverhältnißmäßig großen Aufwand gemacht hätten, in welchem Falle der Verdacht des Nadel⸗ diebſtahls gegründeter geweſen wäre. Auguſtens Schreck, Schmerz und Scham über die un⸗ vermuthete Hausſuchung gaben ſich deutlich genug durch ihre Geſichtsbläſſe, durch ihre heißen Zähren, durch ihre zuckenden Mienen und das Zittern ihres ganzen Körpers kund, ſo daß ſelbſt der Polizeiinſpector dadurch gerührt wurde, einige tröſtende Worte an ſie ſpendete und ihr einen halben Silbergroſchen ſchenkte, damit ſie für die zertöpferte Sparbüchſe eine andere anſchaffen könne. Geraume Zeit ſchon hatten ſich die Polizeimänner entfernt und noch immer 3 Rieritz, die drei Invaliden. 98 ſaß Auguſte wie eine ſteinerne, unbewegliche Bildſäule auf dem Schemel, auf welchen ſie ihr Großvater niedergedrückt hatte. Mit ſtarren Blicken ſah ſie mit an, wie der alte Mann mit vieler Anſtrengung ſich zur Erde niederbückte, um die umhergeſtreuten Schätze ſeiner Enkelin zuſammenzuſuchen und auf ein Häuflein zu legen, worauf erſt er an das Auf⸗ räumen und Ordnen der übrigen Sachen ging, welche durch das Herumſtöbern der fremden, polizeilichen Hände von ihrem angewieſenen Platze verrückt worden waren. Da⸗ zwiſchen richtete Thomas einzelne Troſtworte an ſeine ver⸗ nichtet verharrende Enkelin und als auch das nichts half, nahm er den halben Silbergroſchen des Polizeiinſvectors vom Tiſche und humpelte die fünf ſteilen Treppen hinab und wieder hinauf, nachdem er bei dem nächſten Töpfer eine an⸗ dere Sparbüchſe eingehandelt hatte. In dieſelbe füllte er das Geldhäuflein, hielt ſie dann vor Guſtels umflorte Augen und ſprach im unwilligen und wiederum zärtlichen Tone: „Potz Tintenfaß und Streuſandbüchſe! ſo rühre dich doch end⸗ lich und ſchaue auf! Der Schaden iſt ja wieder gut gemacht und hier eine noch ſchönere Sparbüchſe als die alte war. Potz Schachtelhalm und Spinnewebe! Unſer alter Fritze konnte nicht betrübter ſein nach dem Ueberfalle bei Hochkirch und der verlorenen Schlacht bei Kollin, als du wegen einer lum⸗ pigen Nadel, wenngleich theure Steinchen an derſelben ge⸗ hangen oder geklebt haben.„Eine einzige Schlappe gegen fünf, ſechs gewonnene Treffen“— dachte der große König von Preußen—„läßt ſich noch ertragen und darf den Muth nicht niederſchlagen. Sieh, Guſte! wir haben der Wochen viele hindurch wahre Faſtnachtsſchmäuſe gehalten. Deshalb dürfen wir uns nicht wundern, wenn einmal die Aſchermist⸗ woche heranrückte. Alſo: Kopf in die Höhe! Augen g'rad aus! Vorwärts, marſch!“ Richtiger als ihr Großvater ſchien Auguſte die übeln Folgen der polizeilichen Ausſuchung und des Nadeldiebſtahls vorausgeahnt zu haben. Daß die öffentliche Meinung nicht auf Seiten Auguſtens trat, bewies das allmählige Abſpringen von deren Kunden, welche unter allerlei ſtichloſen Ausreden ihre Wäſche abbeſtellten und ſolche anderen Wäſcherinnen übertrugen. Das war ein harter Schlag, dem aber ſpäter ein noch viel härterer folgen ſollte. Der hierdurch verringerte Erwerb ward Urſache, daß Auguſte drei Wochen lang ihr Schulgeld ſchuldig geblieben war, das ſie nach Richthauſens Zurückziehen bisher richtig und mit Verläugnung der aller⸗ nöthigſten Bedürfniſſe entrichtet hatte. Jeden Sonnabend hatte Auguſte unter Zittern erwartet, daß ſie der Lehrer an ihre Schuld mahnen werde, und dieſer Gedanke gewann mit jeder neuen Woche an Schrecklichkeit. Dazu befand ſich auch ihr Großvater in Geldverlegenheit, weil ſelten ein Unglück allein zu kommen pflegt. Sinnend ſtand an einem Sonnabend Morgen Auguſte vor ihrer Sparbüchſe, die ihren noch einzigen Schatz— die Sparpfennige zu ihrem Begräbniß— enthielt. Ver⸗ geblich hatte ſie ſich bemüht, durch Schütteln ſo viel Geld aus der Spalte des Thongefäßes an den Tag zu fördern, als das ſchuldige Schulgeld betrug. Die Sparbüchſe glich der Hölle mit ihren Rachen, durch welchen zwar die ver⸗ lorenen Menſchenkinder gar leicht hineingelangen, jedoch nicht wieder heraus können. Die Zeit drängte. Nur noch eine 7* 100 kurze Viertelſtunde war's bis zum Beginn der weit ent⸗ fernten Schule. Da wandelte ſich das furchtſame Mädchen plötzlich in einen welterobernden, Alles wagenden Alexander um, welcher mit ſeinem Schwerte den gordiſchen Knoten zerhaut und auf dieſe gewaltſame Weiſe die Prophezeiung erfüllt. Ein raſcher Wurf gegen die Wand und die neue Spar⸗ büchſe zerfiel in Trümmer, wobei zugleich ein ſchmerzender Stich Auguſtens Herz verwundete. Aber dann las ſie ſchnell die umhergeſtreuten Geldſtücken auf und wickelte deren ſo viele in ein Papier, als zur Entrichtung des ſchuldigen Schulgeldes erforderlich waren. Sie fühlte einen ſchweren Stein von ihrer Bruſt entfernt, indem ſie in die Schule ging, aber ſein Herabwälzen war mit großem Weh verbunden geweſen. Athemlos und ſtumm händigte ſie dem Lehrer und Director der Schule das Geld ein, wobei ſie jener mit un⸗ ruhig forſchendem Blick betrachtete. Nach dem Schluſſe der Schule hielt der Director Au⸗ guſten unter einem Vorwande ſo lange zurück, bis alle übrigen Schülerinnen das Lehrzimmer verlaſſen hatten. „Liebes Kind“— hob jetzt der Lehrer mit mildeſter Stimme zu Auguſten an—„ich habe dir etwas Unange⸗ nehmes mitzutheilen, das du als ein braves Kind und als gläubige Chriſtin mit Geduld und Ergebung ertragen wirſt. Es hat ſich das Gerücht in der Stadt verbreitet, daß man dich der Entwendung jener koſtbaren Brillantnadel beſchul⸗ dige, auf deren Wiederbringung eine namhafte Belohnung ausgeſetzt iſt. Ich bin weit entfernt, jenem, dir ſo nach⸗ theiligen und dich ſchmerzlich treffenden Gerüchte den gering⸗ ——— ,——— ſten Glauben beizumeſſen. Vielmehr halte ich dich für gänz⸗ lich ſchuldlos in dieſer Angelegenheit und werde daher dir auch fernerhin meine Achtung und Liebe ſchenken. Allein dennoch muß ich dich bitten, meine Schule mit einer anderen zu vertauſchen und zwar um deswillen, weil mir viele Eltern meiner Schülerinnen die Erklärung haben zukommen laſſen, daß ſie ihre Kinder aus meiner Schule nehmen würden und müſſen, dafern du ferner dieſelbe beſuchteſt. Ich gewinne meinen Unterhalt durch meine Schule und würde daher zu Grunde gehen, wenn meine meiſten Schülerinnen mich ver⸗ ließen. Du ſiehſt ſelbſt ein, daß mir keine andere Wahl ver⸗ bleibt, als deine Ausweiſung von hier, obſchon mich dieſelbe wahrhaft und tief ſchmerzt.“ Hier hielt der Lehrer, Herr Purfürſt, inne, um Augu⸗ ſtens Antwort zu vernehmen. Aber er hörte nichts als ein ſchmerzvolles Ausſtöhnen des armen Kindes, welchem Be⸗ ſtürzung, Scham und tiefes Weh die Bruſt eng zuſchnürten. „Faſſe dich!“ bat Herr Purfürſt,„Unſer Herrgott im Himmel kennt deine Unſchuld und wird dich glänzend einſt rechtfertigen, wenn dazu die rechte Zeit gekommen ſein wird. Gieb mir eine Hand und bleibe meine liebe, brave Auguſte, wie bisher. Gott mit dir und ſein Segen dazu.“ Des Kindes Hand, welche der Lehrer ergriffen hatte, lag kalt und zuckend in der ſeinigen. Der ſchmerzvollſte Blick, der je den erſtarrten, glanzloſen Augen eines zer⸗ tretenen Menſchenkindes entglitten war, traf den hierüber hart betroffenen Schuldirector. Einigemal bewegten ſich Auguſtens bleiche Lippen hin und her um ein abgebrochenes Wort des Abſchieds und Dankes hervorzuhauchen; allein 102 der Laut erſtarb auf halbem Wege aus dem brennenden trockenen Halſe. Wie ſo ganz verſchieden war der gegen⸗ wärtige Schmerz des Kindes von demjenigen bei dem un⸗ verhofften Tode ſeiner Mutter! Jener glich einem freſſenden Feuer, welches das Menſchenherz unter namenloſen Martern aufzehrt, dieſer dagegen zwar einem tiefergreifenden, jedoch durch eine höhere Kraft gelinderten Weh. Stumm und wie vernichtet wankte Auguſte aus dem Lehrzimmer. Indem Herr Purfürſt die Thüre hinter ihr verſchloß, drang ein Laut, ein Schmerzſchrei, ein auf⸗ kreiſchendes Schluchzen zu ſeinem Ohre, wie ein ſolches vor⸗ mals die Tortur der armen gequälten Angeſchuldigten aus⸗ gepreßt haben mochte. Schon bereute Herr Purfürſt ſeine Härte gegen das arme Kind und gedachte ihm nachzueilen. Aber der Schrei verhallte vereinzelt in dem Treppenhauſe und, wie von Häſchern verfolgt und gepeitſcht, rannte Au⸗ guſte ſchon in den nächſten Augenblicken die Straße entlang. Das achte Rapitel. Auf dem Krankenlager. Was ſtürmte jetzt Alles auf die arme Auguſte Tiefenbach ein! Für ihre rückſichtsloſe und aufopfernde Krankenpflege bei Richthauſens ſah ſie ſich mit dem ſchimpflichſten Verdachte, ſo wie mit der Entziehung bisher genoſſener Wohlthaten 103 belohnt, durch denſelben Verdacht ihrer Kundſchaft, ihrer ſo theuren Schule und ihres guten Namens beraubt! O wie gern wäre ſie jetzt geſtorben! Wie gern bei ihrer lieben Mutter im ſtillen Grabe geweſen! Wie gern hätte ſie deren ſeligen Zuſtand getheilt, der ſie nach den Verheißungen des Chriſtenglaubens allem Erdenleid entrückt haben würde! Wenn Auguſte nur ihren brennend nagenden Schmerz aus⸗ weinen, in ein anderes theilnehmendes Herz hätte ausſchütten können! Allein ihre Augen waren, wie ihr Mund und ihr Hals, trocken erhitzt, und ihrem Großvater den Schmerz über die ſo eben erlittene Wehthat mitzutheilen, wollte ſie um deſſen Schonung willen nicht. Gleichwohl lechzte ihr in den Staub getretenes Gemüth nach Linderung und frem⸗ den Troſt, wie der durſtige Hirſch nach friſchem Waſſer. Nachdem das arme Kind der Straßen mehrere in ſeiner Verzweiflung durchrannt hatte, und in mehr wie ein Haus getreten war, um dort in einem Winkel durch Händeringen und unterdrückte Aufſchreie ſein ſchwerbelaſtetes Herz zu erleichtern, nahm es ſeinen Weg nach dem Hauſe der gräm⸗ lichen Frau Schietzel, in deſſen Hintergebäude Pommrich nebſt ſeinem Enkel gewohnt hatte. Hatte! denn bereits ſeit Michael war der Invalide ausgezogen, weil er ſich nicht zu Entrichtung eines höheren Miethzinſes verſtanden gehabt hatte. Nur mit ihrem Schmerse, der wie ein verzehrendes Feuer in ihrem Innern brannte, beſchäftigt und zugleich an denjenigen denkend, welcher ihr denſelben tragen helfen ſollte,— an Ferdinand Pommrich,— ſchritt Auguſte durch die ziemlich dunkle Hausflur nach dem nur wenig helleren Hofe, in deſſen Anbau ſie jenen ihren einzigen näheren 104 Jugendfreund und Bekannten aufzuſuchen ging. War doch Ferdinand auch ſchon einmal ein ſchmerzlich Leidender, wie wohl nur am Körper, geweſen und von Auguſten beſucht und getröſtet worden! An die Wohnungsveränderung des vormaligen Kanoniers, von welcher in ihrer Gegenwart nur flüchtig die Rede geweſen war, dachte ſie in ihrem jetzigen Seelenzuſtande nicht. Die Thüre zu Pommrichs Wohnung öffnete ſich nach wiederholtem Aufklinken nicht. Auguſte jedoch, mit dem ein⸗ fachen Mechanismus des alten Thürſchloſſes vertraut, wußte bald und mittelſt eines angewendeten Holzſpans das Hinder⸗ niß, welches ihr den Eintritt verwehrte, zu beſeitigen. Ein füßlicher, eigenthümlich riechender und wie flimmernder Luftſtrom drang dem Mädchen beim Eintritt in das niedere und finſtere Gemach entgegen. „Iſt niemand da?“ fragte Auguſte, einige Schritte vor⸗ wärts thuend. Dann blieb ſie ſtehen, tief aufathmend in einer Atmoſhäre, welche wie verkörpert und berauſchend ihr vorkam. Nachdem ihre, vom Seelenſchmerz umflorten Augen ſuchend, im Stübchen umhergewandelt waren und an die hier herrſchende Dunkelheit ſich zu gewöhnen anfingen, er⸗ blickte ſie ein zuſammengekrümmtes, kleines, menſchliches Weſen, welches auf einem alten Stuhle mit einer hohen Lehne kauernd ſaß und das Haupt auf einen vor ihm ſtehen⸗ den Tiſch niedergebeugt hielt. Die Bekleidung dieſes Weſens war ſo wunderlicher Art, daß Auguſte im Zweifel blieb, ob ſie ein männliches oder weibliches vor ſich habe. Endlich vermuthete ſie, daß Ferdinand, ihre Perſon in der Ankom⸗ menden errathend, dieſe Vermummung und ſcheinbar ſchla⸗ —— 105 fende Stellung angenommen habe, um dadurch das Mädchen zu foppen. Gleiches mit Gleichem zu vergelten, verſetzte Auguſte mit ihrem Knie dem Stuhle einen kräftigen Schub und mit der Fauſt dem vermeintlichen Ferdinand einen derben Schlag auf die Schulter, wobei ſie ausrief:„Ach Ferdinand, verſtelle dich nicht! Mir vergeht jetzt aller Spuk!“ Der Schub oder Knieſtoß gegen den alten Stuhl war ſo ſtark geweſen, daß der morſche Tiſch, welcher, wie ſich nachher auswies, auf nur drei Beinen ſtand, umfiel und der darauf gelegene Kopf ſammt deſſen Inhaber jenem nach und zu Boden ſtürzte. Dort blieb der letztere, ohne ſich zu rühren, wie ein Häuflein Unglücks liegen. Aber da, wo ſeine Füße lagen, ſchüttete ein mit ihm zugleich umgeſtürster Kohlentopf einen Regen von Feuerfunken und Aſche aus und im nächſten Augenblicke loderten die längſt ſchon bis zum Anbrennen er⸗ hitzten Untertheile mehrere Frauenröcke, welche den ver⸗ meinten Ferdinand nunmehr als eine Frauensperſon erkennen ließen, in hellen Flammen auf.* Erſchrocken bis zum Tode, aber dennoch auch entſchloſſen und eine löbliche Geiſtesgegenwart bewahrend, löſchte die Urheberin des Feuers den Brand und zwar ohne alle Rück⸗ ſicht auf ihre dadurch gefährdeten und übel von den Flammen mitgeſpielten Hände. Hierauf erfaßte ſie die leblos ver⸗ harrende Beſitzerin des Hauſes, die dem Leſer bereits be⸗ kannte Frau Schietzel, und ſchleifte ſie aus dem Bereiche eines ſich mehrenden Qualms und einer erſtickenden Atmo⸗ ſphäre hinaus in den Hof. Hier rief das Mädchen einigemal mit aller Kraft ihrer Stimme:„Hülfe! Hülfe! Feuer! Feuer!“— dann ſank auch ſie überwältigt von den vielen auf ihr Gemüth 106 einſtürmenden Ereigniſſen und der eingeathmeten tödtlichen Luft, ohnmächtig neben der alten Bäckerswittwe nieder. Dieſe hatte, um die Ausgabe für Brennholz ſo lange wie möglich zu erſparen, ihre Zuflucht zu einem Kohlentopfe genommen, der ſie in der feucht kalten Wohnung erwärmen und die Stelle des Ofens einnehmen ſollte. Jetzt belehrt man in der Schule die Kinder von den nachtheiligen, ja tödtlichen Wirkungen einer durch glühende Holzkohlen ver⸗ gifteten Luft, verhindert man durch Kenntniß der Natur⸗ lehre noch anderes Unheil und bewirkt dagegen mannichfachen Nutzen im menſchlichen Leben. So gut war es aber der Frau Schietzel in ihren Jugend- und Schuljahren nicht ge⸗ worden und in ihren ſpäteren hatte ſie über der Gier des Gelderwerbens die weitere Ausbildung ihres Geiſtes verab⸗ ſäumt und kein lehrreiches Buch in die Hand genommen. Gott hatte der alten, geizigen Frau, welche die elendeſte Wohnung in ihrem neu erkauften Hauſe zu ihrer Benutzung gewählt, in Auguſten einen Rettungsengel zugeſandt. Viel⸗ leicht nur 10, ja 5 Minuten ſpäter wäre ſie nimmer wieder aus ihrer tödtlichen Betäubung aufzuwecken geweſen, was ohnehin dem herbeigerufenen Arzte erſt nach langen und eifrigen Bemühungen gelingen wollte.* Schon Jeſus Sirach ſagt von dem Geizigen:„Wer viel ſammelt und ihm ſelber nichts Gutes thut, der ſammelt es Andern und Andere werden es verpraſſen. Wer ſich ſelber nichts Gutes thut, was ſollte der Andern Gutes thun? Er wird ſeines Guts nimmer froh. Es iſt kein ſchändlicher Ding, denn das Einer ſich ſelbſt nichts Gutes gönnet; und das iſt die rechte Plage für ſeine Bosheit.“ 107 Nach dieſem eben beſchriebenen Vorfalle vergingen meh⸗ rere Wochen, welche in Auguſtens Lebensbuche als ausge⸗ ſtrichen angeſehen werden konnten, indem ſie dieſelben tödt⸗ lich erkrankt und meiſt ohne Bewußtſein verlebte. Um dieſe Zeit war es, daß Ferdinand Pommrich an die Küchenthüre des Oberſtlieutenants von Richthauſen pochte und von der öffnenden Köchin ein aufmerkſames Gehör ſich erbat. Neu⸗ gierig geſtand ihm jene die erbetene Vergünſtigung zu und Ferdinand begann folgendermaßen: „Seien Sie doch ſo gut und ſagen es Ihrer gnädigen Herrſchaft wieder, was ich Ihnen jetzt erzähle. Das Mä⸗ del, Auguſte heißt ſie und ihr Vater iſt der Invalide Tho⸗ mas, dazu einbeinig wie mein Großvater, liegt auf den Tod krank. Daran aber iſt, wie der Armendoctor behauptet, nichts anderes ſchuld, als das Guſte hier eine theure Schmucknadel gemauſet haben ſoll. Ich ſelber, der ich doch ſonſt eine gute Natur habe und ſchon einmal halb in die Luft geſprengt worden bin, hätte eine ſolche Anſchuldigung nicht vertragen, ſondern mich ebenfalls unter die Erde ge⸗ härmt. Alſo, von dem Tage an, wo Guſte hier aus dem Hauſe gejagt, hierauf von der Polizei coujonirt, dann aus ihrer lieben Schule fortgefenſtert und endlich über der Rettung unſrer alten, geizigen Hauswirthin ohnmächtig wurde, iſt ſie auf keinen grünen Zweig wieder gekommen, ſondern auf das Krankenbette geworfen worden. Dort liegt ſie noch und zwar ohne Verſtand, den doch ich behielt, als ich zu einem Mohren verbrannt und blind geworden war. Zu mir kam damals der Armendoctor nur einmal, zu Guſten dagegen alle Tage, und das will gewiß viel ſagen! 108 Daraus können Sie ermeſſen, wie es um Guſten ſteht, die nur noch in Haut und Knochen hängt und bereits zwiſchen Himmel und Erde in der Schwebe hängt. Ja, da liegt Guſte auf einer Stelle, wiewohl ſie immer aus dem Bette will und darin feſtgehalten werden muß, damit ſie nicht etwa in der Fieberhitze zum Dachfenſter hinausſpringe, oder ſich die fünf Treppen hinunterſtürze. Dabei ſchreit ſie un⸗ aufhörlich oder weint auch, daß ſie die Schmucknadel nicht genommen hätte, und ſchlägt ſich bald mit dem Herrn Oberſtlieutenant, bald mit Ihrer Gnädigen, bald mit den beiden Frölens, bald mit der garſtigen Polizei, bald mit ihren abgeſprungenen Waſchkunden, bald mit der alten Schietzel, bald mit Feuer und Kohlentöpfen herum, daß Einem graufig dabei zu Muthe wird. Zuweilen liegt ſie ruhig. Dann denkt ſie, daß ſie auf dem Friedhofe ſei und redet mit ihrer ſeligen Mutter, ſo lieb und mild, daß Einem quappelig um's Herze wird. Ein Geſichtchen hat ſie be⸗ kommen, ſo klein und ſchmal, wie mein Handteller. Und ihre Händchen, die ſonſt ſo roth und derb waren, find ſchloßweiß, ganz dünn und wie durchſichtig geworden. Blut könnte man weinen, wenn ſie ihre Hände andächtig in einander faltet und den lieben Gott ſo inbrünſtig anfleht, daß er ſie doch zu ihrer ſeligen Mutter in den Himmel führen und ſie den lieben Engelchen gleich machen wolle. Das Alles thut ſie, ohne daß ſie das Geringſte von ſich weiß. Und ihr alter Großvater ſitzt neben ihrem Bette und ſtreichelt mit ſeiner zitternden Knochenhand die glühen⸗ den, aber blutleeren Wangen ſeiner Enkelin, oder ſchiebt ihr das verworrene Haar aus dem Geſichte und weint dazu bitterlich. Eſſen und Trinken muß man ihm einzwingen und dann nimmt er nur ſo viel zu ſich, als nöthig iſt, um ſich am Mühenleben zu erhalten. Hm! er würde auch nicht einmal etwas zu brocken und zu beißen baben, wenn mein Vater und Hauthal nicht für ihren Kameraden ſorgten. Dik drei laſſen nun einmal einander nicht im Stich und wenn gleich der Tod ſelbſt den letzten Trumpf ausſpielte. Weil Einer nicht ausreicht, um Guſten in der Fieberhitze feſtzuhalten, ſo bin ich als Salfegarte, wie mein Großvater, ſpricht, immer zugegen. Auch ſchon deshalb, um das Nöthige herbeizuholen. Ich thue das gern, denn Guſte hat mich auch nicht verlaſſen, als ich blind und im ganzen Ge⸗ ſicht ſchwarz gebraten, dalag. Sogar aus der Schule bleibe ich deswegen weg. Der Herr Director hat's aber auf meines Großvaters inſtändige Bitte genehmigt. Werden Sie ſich denn aber auch Alles merken können, was Sie Ihrer gnädigen Herrſchaft ſagen ſollen? Wenn Guſte noch ſtirbt, wozu es großen Anſchein hat, ſo hat Ihre Herrſchaft das Mädel auf dem Gewiſſen. Wenn ich an ihrer Stelle wäre und Guſten in Verdacht hätte, daß ſie mir eine Schmucknadel, ſo groß wie ein Wagenrad und mit fauſt⸗ dicken Brillanten beflaſtert, geſtohlen hätte, ich würde ihr nicht ſo abſcheulich mitgeſpielt haben, wie Ihre Herrſchaft gethan hat. Ich bin ein armer und dummer Junge, aber alleweile möchte ich nicht der Herr von Richthauſen, nicht die Frau von Richthauſen, nicht einmal ein Frölen von ihnen ſein. Das können Sie Ihrer Herrſchaft auch ſagen und wenn ſie mich dafür hinterſtecken laſſen ſollte.“ Ferdinand hatte ſich ſo ereifert, daß er glühte, die 110 Köchin dagegen ſchweigend ſeine lange Erzählung mit ange⸗ hört. Sie mochte wohl das Wahre und Treffende in der⸗ ſelben fühlen, denn ſie ſtand ganz nachdenklich da. Endlich entgegnete ſie:„Ich werde mit der Gnädigen reden. Frei⸗ lich nicht ſo rund und glatt heraus, wie du mit mir gethan haſt. Das arme Mädel! Sie dauert mich wirklich. Und für die Nadeldiebin halte ich ſie auch nicht. Es iſt eine höchſt verdrießliche Geſchichte. Weißt du was? hier haſt du einen Silbergroſchen für deinen Weg. Den ſchenke ich dir aus meiner Taſche. Komme morgen wieder hierher. Vielleicht kann ich für das arme Mädchen ein gutes Wort bei meiner Herrſchaft einlegen.“ „Das ſollen Sie gar nicht“— erwiederte Ferdinand trotzig.„Die Guſte braucht auf Erden kein gutes Wort und keine gnädige Herrſchaft mehr. Mit der geht's zum Ende und das wollte ich blos geſagt haben. Weiter nichts. Leben ſie recht wohl und vergeſſen ſie nichts von dem, was ich ihnen aufgetragen habe.“ „Nun iſt's doch herunter von der Leber,“— ſprach Ferdinand, indem er fortging,—„was mich ſo lange ſchon gedrückt hat. Wenn man es mit dem vornehmen Volk nicht alſo macht, denkt es gar kein Werg am Rocken zu haben. Jetzt will ich viel ruhiger neben Guſtens Bette ſitzen und, ach, mit anſehen, wie ſie's ausmachen wird.“ Aber des Kindes gute und ſtarke Natur beſiegte die Macht der Krankheit mehr, als alle verſchluckten Arzneimittel. Noch einmal ſchüttelte des hitzigen Fiebers Ingrimm die jugendliche Patientin heftig ab und wilde Phantaſien bemächtigten auf's Neue ſich ihres Geiſtes, in welchen ſie den Verluſt ihrer Sparbüchſe und der angeſammelten Begräb⸗ nißkoſten beweinte, vor der Polizei und den glühenden Holz⸗ kohlen ſich zu retten ſuchte und ſchließlich flehentlich bat, ſie doch ja neben ihre Mutter und nicht auf Koſten der Armen⸗ behörde zu begraben. Nach dieſem letzten Fieberanfalle fiel das tödtlich abgemattete Mädchen in einen langen, tiefen und immer ſanfter werdenden Schlaf, den der Arzt ein gün⸗ ſtiges Anzeichen der endlichen Geneſung nannte. So war es wirklich. Als Auguſte mit klarem Bewußtſein die Augen wieder aufſchlug, war ſie verwundert, drei Menſchen: einen Mann, eine Frau und eine Kind— an ihrem Lager ſitzen zu ſehen⸗ Dieſelben waren Thomas, ihr Großvater, Frau Schietzel und Ferdinand Pommrich, welche insgeſammt ihre Blicke, ſcharf wie Heftelmacher, auf ſie gerichtet hielten. Thomas, welcher eben eine lang entbehrte Priſe Contenance, welche er gleichfalls der Fürſorge ſeiner beiden Kameraden ver⸗ dankte, in ſeine Naſe zu ſtecken gedachte, ließ dieſelbe vor freudigem Schreck aus dem Daumen und Zeigefinger zur Erde fallen, da er in ſeiner Enkelin offenhelle und wieder vernünftig aufſchauende Augen blickte. Ferdinand hingegen unterdrückte nur mit Mühe einen lauten Freudenſchrei, während Frau Schietzel gar grimmige Geſichter ſchnitt, um ihre tiefe Rührung zu verbergen.§ „Was iſt denn mit mir vorgegangen?“ fragte Auguſte verwundert und mit ſchwacher Stimme.„Warum liege ich im Bett, da es heller Tag iſt und fremde Leute bei uns ſind?“ „Du biſt krank, ſehr krank geweſen“— erwiederte Thomas—„nun aber außer Gefahr.“ 112 „Geraſet und getobt haſt du“— ſiel Ferdinand mit wenig Schonung und Vorſicht ein—„daß wir zwei dich kaum im Bette erhalten konnten. Und dazu phantaſirt, daß man über das pudelnärriſche Zeug hätte lachen können, wäre es nicht ſo zum Weinen und bedenklich geweſen.“ Auguſte winkte ihrem Großvater durch ihre erhobene Hand, daß er ſein Ohr zu ihrem Munde niederbeugen ſollte. In daſſelbe ſprach ſie flüſternd:„Iſt das nicht die garſtige Frau Schietzel? Von dieſer hat mir Schlimmes geträumt. Ich ſchuppte und ſchlug ſie in der Meinung, daß ich Ferdi⸗ nanden vor mir hätte. Darauf fiel ſie um, wie ein Nußſack und helle Feuerfunken und Flammen brachen unter ihren Beinen hervor, die mir die Hände verbrannten, wie einſt das Schießpulver Ferdinands Geſicht.“ „Schlage dir dieſe häßlichen Träume aus den Gedan⸗ ken!“— bat Thomas. Guſte aber fuhr fort:„Iſt's denn wirklich nur ein böſer Traum geweſen, daß ich bei Richthauſens eine theure Schmuck⸗ nadel geſtohlen haben ſoll? Daß die Polizei hier bei uns war und meine Sparbüchſe gegen die Wand warf, daß ich nicht mehr zu Herrn Purfürſt in die Schule gehen darf und daß meine Wäſchekunden abgeſprungen find?“ „Ja“— erwiederte Thomas verlegen—„du haſt recht ſchlimm geträumt. Darum denke an etwas Anderes und Luſtigeres.“ Hier fiel Ferdinand abermals rüchſichtslos ein: deinen Richthauſens habe ich's eingetränkt, daß ſie für immer genug daran haben und nicht ſobald wieder ein armes, unſchuldiges Kind fälſchlich anklagen werden. Von dem Tage an, wo ich bei —— 1¹3 ihnen war und rein weg von der Leber zu ihnen redete, haben ſie täglich hergeſchickt und nach deinem Befinden ſich erkundigen laſſen. Ganze Schüſſeln voll guten Eſſens für deinen Großvater und koſtbares Eingemachtes für dich haben ſie ebenfalls hergeſendet, dazu Himbeerſaft, Zucker, Citronen und andere Erquickungen. Selbſt eine Flaſche guten Weins zur Stärkung für deinen Großvater. Auch für mich iſt ein Gläschen davon abgefallen.“ „Haben ſie das wirklich gethan?“ fragte Auguſte ihren Großvater, wobei ein ſchwacher Freudenſchein über ihr blei⸗ ches Antlitz hinglitt. Bejahend nickte Thomas mit dem Haupte. „Aber was will nur Frau Schietzel hier?“ flüſterte Au⸗ guſte wieder.„Ich fürchte mich vor ihr und ihrem finſtern Geſichte. Thomas ſchwieg und ging mit ſich zu Rathe, welche Antwort er hierauf ertheilen ſollte. Da half ihm aber Frau Schietzel, welcher Guſtens Frage nicht entgangen war, aus der Verlegenheit, indem ſie mit ungewöhnlich milder, herzlicher Stimme anhob: „Ich will dir ſagen, mein Kind, weshalb ich hier bin und mit Sehnſucht deinem vernünftigen Erwachen entgegen ge⸗ harrt habe. Du haſt mir das Leben erhalten, indem du mich dem giftigen Kohlendunſt noch zu rechter Zeit entriſſeſt. Wenigſtens hat mir das der Arzt hoch und theuer zuge⸗ ſichert. Dann haſt du in der Fieberhitze ſo kläglich um den Verluſt deiner Sparbüchſe und deren Inhalt gejammert, auch von dem Tode und Sterben ſo freudig geſprochen, wie andere Mädchen vom Tanzengehen, daß ich von Stein hütte ſein wenn ich dabei gefühllos geblieben n Zwölf ritz, die drei Invaliden 114 Thaler hatte deine Mutter zu ihrem Begräbniß beſtimmt und hinterlaſſen? Nun, dann denke ich doch, daß zehn Thaler für dich, als junges Mädchen, hinreichen werden. Nun auf, Kind.“ Frau Schietzel brachte jetzt aus ihrer Taſche eine eiſen⸗ blecherne Sparbüchſe, die mit einem vorgelegten Schlößchen feſt verwahrt war, hervor und ſetzte ſolche vor der Patientin auf deren Deckbett hin. Hierauf zählte ſie zehn blanke, neue Silberthaler, deren Aufopferung der geizigen Frau unſäg⸗ liches Weh verurſacht haben mochte, in einer langen Reihe neben der Sparbüchſe auf, wobei ſie tiefathmend ſprach: „Dieſe Thaler ſind dein und ſollen dich der ferneren Sorge für dein Begräbniß entheben. Stecke ſie eigenhändig in die Spalte der Sparbüchſe, von deren Schlößchen ich den Schlüſſel an mich behalte. Darum jedoch höre nicht auf, in Zukunft immer wieder einen Sparpfennig zurückzulegen und du wirſt immer, ſo wie ich, gut dabei fahren. Wenn du dich ganz wieder erholt haſt und ausgehen darfſt, ſo beſuche mich auf eine Taſſe Kaffee und ein paar Zwiebäcke, damit wir das Feſt deiner Geneſung hoch feiern können.“ Daß Frau Schietzel zu dieſer für ſie wirklich unerhörten und großmüthigen Handlung bewogen worden, war ein deutlicher Beweis, welch' einen tiefen Eindruck ihre eigene Lebensrettung durch Auguſten und deren Gebahren auf dem Siechbette auf ſie hervorgebracht hatte. Da das große Opfer nun einmal von ihr dargebracht worden war, ſo freute ſich die Geberin jetzt wirklich darüber und über die ihr von Auguſten und deren Großvater reichlich geſpendeten Dankſagungen. Sie verließ endlich die vnnenubei 115 diesmal die Verſchwendung einer ſo großen Geldſumme zu bereuen. Auguſte erholte ſich von nun an ſchnell, wozu das von Richthauſens täglich geſendete Eſſen nicht wenig beitrug. Nun ja, die Herzenswunde, welche Auguſten durch die un⸗ begründete Anſchuldigung geſchlagen worden war, blutete zwar jetzt nicht mehr, auch waren lindernde Tropfen hinein⸗ geträufelt und heilende Pflaſter darauf gelegt worden; allein des Uebels Sitz und Grund war noch immer nicht gehoben, ſo lange Auguſtens Unſchuld nicht in überzeugender Klarheit an den Tag kam. Das neunte Kapitel. Freude und Klage. Thomas erachtete es als ſeine Pflicht, ein Geneſungsfeſt wegen Auguſtens völliger und gluͤcklicher Wiederherſtellung zu feiern, an welchem die Hauptnothhelfer Antheil nehmen ſollten, die ihn während Auguſtens Krankſein nicht verlaſſen, ſondern ihm mit großem Opfern beigeſtanden hatten. Da⸗ hin gehörten vor allen Anderen Pommrich, deſſen Enkel Ferdinand und Hauthal. Dieſe drei nebſt Thomas und Auguſte waren denn die Schmauſenden. Da die Witterung Jjetzt kalt war, ſo hielten ſich die Speiſen mehrere Tage hin⸗ . durch, ohne zu verderben. Hierdurch war es dem Groß⸗ 8* 116 vater Auguſtens möglich geworden, ſo viel von den eßbaren Geſchenken der Richthauſenſchen Familie zu ſammeln, daß Thomas davon ein Feſtmahl bereiten konnte, welches zwar für verwöhnte Gaumen und ſtarke Eſſer nicht ausreichend geweſen wäre, den fünf Genannten dagegen vortrefflich ſchmeckte. Außer den Ueberreſten einer ebenfalls geſchenkt erhaltenen Flaſche Weines hatte der erkenntliche Stelzfuß noch für einen andern und zwar echten Soldatentrunk ge⸗ ſorgt, der in einer anſehnlichen Gabe Branntwein beſtand und den, der Enthaltſamkeit dieſes Giftes ſich befleißigenden Hauthal in große Verſuchung führte. „Heute machſt du eine Ausnahme von deiner Regel“— ſprach Thomas zu ſeinem einarmigen Kameraden—„und trinkſt aus einem Glaſe ohne Siegellack. He! wie ſteht's denn gegenwärtig mit deinem Gläschen? Iſt es noch nicht bis an den Rand voll Siegellack getröpfelt?“ „Bis an den Rand noch nicht“— geſtand Hauthal ein—„aber dreiviertel gewiß, ſo daß es nur noch ein kleines Schlückchen in ſich faßt. Aber dennoch bereue ich meine Siegellacktröpfelei nicht. Denn erſtens ſchmeckt das kleine Schlückchen Schnaps mindeſtens ebenſo gut, wo nicht noch beſſer, als ſonſt ein volles Glas, und zweitens hätte ich dir, da du während Guſtens Krankſein nichts verdienen konnteſt, mit meinen erſparten Dreiern nicht unter die Arme greifen können.“ „Sonach ſieht es mit deinen Begräbnißkoſten wohl eben ſo windig aus“— lachte Thomas—„wie mit denen Auguſtens, nachdem die Polizei einmal ihre Hand an deren Sparbüchſe gelegt hatte. Von da an war kein Segen 5 in dem darin beſindlich geweſenen Gelde, das nun davonflog wie die Spreu beim Werfeln des Getreides. Jetzt freilich kann das Mädel groß thun mit ihrem Reichthum. Zehn blanke Silberthaler ſind ihr Eigen, jedoch von einem Drachen bewacht, welcher den Schlüſſel zum Schatz in ſeinen Krallen hat und dem Mädel das bloße Beäugeln ihres Mammons verſtattet.“ Thomas erzählte nun ſeinen Kameraden von dem Ge⸗ ſchenk der geizigen Frau Schietzel. Pommrich ſchüttelte dazu den Kopf und meinte, daß ſeine ehemalige Wirthin bald ſterben werde, da ſie gegen ihre ſonſtige, ſo tief ge⸗ wurzelte Gewohnheit freigebig geweſen ſei. Hauthal aber lenkte die Unterhaltung jetzt auf einen andern Gegenſtand. „Stellt euch vor Kameraden!“ hob er an—„welch eine große und erfreuliche Ueberraſchung mir geſtern bereitet worden iſt. Einen Beſuch habe ich da erhalten, den ich mir nie hätte träumen laſſen. Gewiß werdet ihr nie vergeſſen haben, wem wir nächſt unſerm Herrgott unſer Leben ver⸗ danken, als wir alle drei nach der Schlacht bei Bellealliance verſtümmelt, blutend und unter gräßlichen Schmerzen wim⸗ mernd, erſt auf dem Schlachtfeld und dann im Lazareth ohne Hülfe lagen. He! wer ſorgte dafür, daß wir zu⸗ ſammen vom Schlachtfelde ins Lazareth geſchafft, dort end⸗ lich amputirt, verbunden und ſorglich verpflegt wurden, während die Mehrzahl unſerer übrigen verwundeten Kame⸗ raden aus Mangel an Abwartung elendiglich ſterben mußte? Wer war's, der uns unter den Arbeiten der mörderiſchen Säge, die unſere zerſchmetterten Glieder und Knochen vom 118 Körper trennten, liebreich Troſt zuſprach, daß wir in unſerm großen Jammer nicht verzweifelten und nicht den Tod einer elenden Verſtümmelung vorzogen? Ha! ohne wen ſäßen wir jetzt nicht hier ſo vergnügt beiſammen, hätteſt du deine Auguſte, du deinen Ferdinand und ich meine Pfleglinge, die Pferde nicht, die mir Kindesſtelle erſetzen? Wer war das? frage ich zum drittenmale.“ „Das war unſer Landsmann“— antworteten Thomas und Pommrich einſtimmig und bewegt—„das war unſer einſtiger Feldſcherer Hennig. Gott habe ihn ſelig!“ „Ja! Hennig war's und kein Anderer!“ ſprach Hau⸗ thal gerührt. Er ruht ſchon ſeit fünf Jahren und wir Krüppel leben noch immer! Wenn alle Feldſcherer oder Chirurgen, wie ſie heutzutage heißen, eben ſo geſchickt, mit⸗ leidig und uneigennützig wären wie unſer ſeliger Hennig: ſo wäre es noch einmal ſo leicht, Soldat zu ſein und in die heiße Schlacht zu gehen. Nun, und Hennigs Wittwe war's, die mich geſtern beſucht hat. Sie lebt und wohnt in einem Städtchen der Provinz, wo ſie ſich und ihre ſechs Kinder von dem Ertrage einer Barbierſtube ernährt, deren jetziger Vorſtand ihr älteſter, bald zwanzigjähriger Sohn iſt. Die gute Frau hatte Angſt, daß man dieſen ihren Sohn bei der nächſten Rekrutenaushebung behalten könne, und wollte deshalb in Zeiten vorbeugen. Ich habe ſie aber deshalb be⸗ ruhigt, indem ich ihr ſagte, daß man den einzigen Sohn einer Wittwe, der zugleich der Ernährer ſeiner fünf jüngeren Schweſtern ſei, nimmermehr zum Soldaten ma⸗ chen könne und werde. Mit erleichtertem Herzen reiſete die gute Frau wieder ab, die ich gern auch zu euch ge⸗ 119 führt hätte, wäre ihre Zeit nicht gar zu knapp abgemeſſen geweſen.“ Die drei Invaliden vertieften ſich hierauf in die Erinne⸗ rung an ihr Soldatenleben und namentlich war es die gegen⸗ ſeitige Beſchreibung, wie ſie zu dem Verluſt ihrer Glieder gekommen waren, was ſie dabei gefühlt und ausgeſtanden hatten. Sie waren dabei in ein ſolches Feuer gerathen, daß bei der endlichen Trennung die beiden Einbeinigen ihre, der Bequemlichkeit halber, abgelegten Stelzbeine vertauſchten, der Eine von ihnen demnach das linke Holzbein ſeines Kame⸗ raden an den Stumpf ſeines rechten Beines, der Andere wiederum das fremde rechte an ſein linkes ſchnallte. Trotz dem unbequemeren Gehen mit dem fremden Stelzfuße be⸗ merkte Pommrich den Tauſch nicht eher, als bis er den halben Heimweg zurückgelegt hatte, woran jedenfalls der genoſſene Schnaps ſeinen Antheil hatte Am andern Morgen begeg⸗ neten Ferdinand und Auguſte, ein Jedes von ihnen mit einem Stelzbeine beladen, einander auf der Straße und be⸗ wirkten unter herzlichem Lachen den Tauſch der verwechſelten Füße. Bisher und ſeit ihrer Herſtellung hatte ſich Auguſte nicht entſchließen können, zu Richthauſens zu gehen, um dort ihren Dank für die während ihrer Krankheit ihr bezeigte Theilnahme darzubringen. Nicht mit Unrecht befürchtete ſie, daß es ihr eben ſo ergehen dürfte, wie ihrem Großvater, welcher in der Abſicht, ſeinen Dank abzuſtatten, zu Richt⸗ hauſens ſich begeben hatte, aber nicht vorgelaſſen worden war. Ueberdies gab es dem Mädchen noch jedesmal einen neuen Stich in's noch nicht geheilte Herz, wenn ſie den Namen Richthauſen nennen hörte oder deren Wohnung zu Geſicht bekam. Eben ſo wenig hatte Auguſte ihre Aufnahme in eine andere Schule bewirken mögen und ein Zeugniß des Armenarztes, daß ſich das Mädchen erſt völlig erholen müſſe, ſchützte ſie deshalb vor aller Verantwortung. Der Winter mit ſeiner Kälte und ſeinen übrigen Unan⸗ nehmlichkeiten hatte ſich eingefunden. Da in dieſer Zeit es ſelten einem Menſchen einfiel, Feuerwerksſachen abzubrennen, ſo hatte Pommrich, der vormalige Artilleriſt, um ſo weni⸗ ger Beſchäftigung und Verdienſt, als noch dazu das Schuh⸗ flicken bei ihm ſehr in's Stocken gekommen war. Ueberdieß hatte dieſe letztere Arbeit viel Unbequemes für den Inva⸗ liden, da ihm das dem Schuhmacher beſonders unentbehr⸗ liche Bein abging und ſein hölzernes keinen ausreichenden Erſatz gewährte. Aus dieſem Grunde hatte Pommrich um ein anderes Aemtchen ſich umgethan und ein ſolches auch glücklich gefunden. Ein unternehmender Kopf hatte um jene Zeit eine Maſchine für das Reinigen von gebrauchten Bettfedern erfunden und in der Hauptſtadt zur allgemeinen Benutzung aufgeſtellt. Freilich war es für den Wärter einer ſolchen Maſchine, welche die aus den Bettzüchen ent⸗ nommenen Flaum⸗ und Schleißfedern in einem ſteten Wir⸗ bel umherſchleuderte und jagte, keine angenehme Sache, den furchtbaren Staub dabei einzuſchlucken oder gar der Gefahr ſich auszuſetzen, durch Federn von Krankenbetten irgend eine anſteckende Seuche zu bekommen. Allein der Arme darf in der Art und Weiſe, ſeinen Erwerb zu verdienen, nicht wählig ſein, daher Pommrich mit Freuden zugriff, als ihm ein ſolcher Wärterdienſt angetragen wurde. 121 Tag für Tag ſaß nun Pommrich vor der Maſchine und bewegte deren großes, eigenthümlich gebautes Rad, welches die Bettfedern wie herniederwirbelnde Schneeflocken oder vom Sturmwinde umhergetriebene Spreu ausſendete. Es waren die leichteſten Geſchoſſe von der Welt und dennoch hätte es der ehemalige Kanonier faſt lieber geſehen, wenn der Federregen um ihn her mit ſeinem erſtickenden, die Lunge gebreſtenden Staube ein Kugel⸗ oder Funkenregen von Feuerwerksſachen geweſen wäre. Ferdinand brachte ſeine ſchulfreie Zeit bei ſeinem Großvater in der Bettfeder⸗ Reinigungs⸗Anſtalt zu, weil es hier huſchelig warm und nicht ſo einſam wie daheim war. Was kümmerte ſich der Bube um den Staub, um die Gefahr der Anſteckung, um die ſeiner Geſundheit ſonſt noch nachtheiligen Atmosphäre?! Eines Abends erſchien Pommrich ſpät noch in ſeines Kameraden Thomas Wohnung. Auf ſeinem Antlitz lagen tiefe Trauer und ſtille Verzweiflung ausgedrückt, welche jenen nicht wenig erſchreckte. „Was iſt dir, alter Kam'rad?“ fragte Thomas beſorgt. Pommrichs Geſicht zuckte ſchmerzlich, indem er ſtockend verſetzte:„Ich komme— um dir dieſen meinen Vogel⸗ bauer— anzubieten. Ich bedarf ſeiner nicht mehr.“ „Warum nicht?“ forſchte Thomas—„Was iſt mit deinem Mätzchen? Wo iſt es?“ „Hier!“— erwiederte Pommrich, indem er in ſeinen Buſen griff und einen todten Kanarienvogel herausbrachte. „Erfroren iſt das arme, liebe Thierchen, elendiglich, ſchmäh⸗ lich! Und ich neun und neunzigmal vernagelter alter Eſel bin daran ſchuld! Ich konnte mir's doch denken, daß das 122 dünne, gelbe Federkleidchen nicht ausreichte, um die jetzige bittere Kälte auszuhalten. Weil ich und mein Ferdinand den ganzen Tag über in meiner Federanſtalt ſtecken, ſo habe ich das Einheizen daheim und daher manchen Groſchen er⸗ ſpart. Wenn ich aber geahnt hätte, daß mein Hänschen in der kalten Stube erfrieren könnte, ſo hätte ich ſeinet⸗ wegen eingeheizt und wenn ich meinen halben Verdienſt, ja ſelbſt meine Schuſterleiſten und Stiefelhölzer hätte in den Ofen ſtecken ſollen. Als ich, heimkommend, das arme Thierchen in ſeinem Bauer auf dem Rücken liegen und die erſtarrten Beinchen, mich anklagend, gen Himmel ſtrecken ſah, da raufte ich mir alten Narren faſt die letzten Haare aus. Und mein Ferdinand liegt daheim in ſeinem Bette und heult um unſern Sänger, als wenn dieſer ſein leib⸗ licher Bruder geweſen wäre. Als die Kälte ſtieg, wollte ich mein Mätzchen mit mir in die Federanſtalt nehmen, wo tüchtig geheizt wird. Aber ich befürchtete, daß der entſetz⸗ liche Staub ihm auf die kleine Lunge fallen und ihm die ſingende Kehle zukleben könnte, und dieſer Gedanke hielt mich wieder von meinem Vorhaben ab. Du weißt, Thomas, daß ich das todte Mätzchen einer Katze aus den Zähnen ge⸗ riſſen habe, welche es irgendwo weggeſtiebitzt hatte und es zu verzehren gedachte. Nun iſt meine Dummheit ſelbſt zur näſchigen Katze geworden und meine Freude dahin!“ „Laß den Matz ausſtopfen—“ rief Thomas—„und ſetze ihn wieder in den Bauer und auf ſein Stängelchen. Dann bildeſt du dir ein, es lebe noch.“ „Nein, nein—“ antwortete Pommrich kopfſchüttelnd —„dieſer Anblick würde täglich meinen Schmerz erneuern. ————— 123 Wäre ich doch bei meinem Leiſten und demnach auch bei meinem Hänschen geblieben! Wäre doch die Federanſtalt geblieben, wo der Pfeffer wächſt!“ „Was koſtet denn ein Kanarienvogel?“ fragte Thomas. „Eine Sie, die nicht fingt—“ verſetzte Pommrich— „kann man für ein paar Groſchen haben. Aber ein Hähn⸗ chen, wie mein geſtorbenes, bekommt man ſchwerlich für einen Thaler. Ach, und dann wäre es doch immer nicht mein liebes, kirres Hänschen.“ So klagte Pommrich und ging zuletzt, den Vogelbauer zurücklaſſend, mit ſeinem todten Vögelein davon. „Jetzt möchte ich, auf eine Viertelſtunde nur, Frau Schietzel ſein—“ ſprach Thomas nach ſeines Freundes Weggange zu ſeiner Enkelin.„Dann ginge ich über meinen Mammon und kaufte dem armen Pommrich ein an⸗ deres, ſingendes Kanarienhähnchen.“ „Und ich wollte—“ erwiederte Auguſte—„daß ich den Schlüſſel zu meiner Sparbüchſe hätte. Auf einen Thaler käme mir's nicht an und für neun Thaler käme ich immer noch ehrlich unter die Erde.“ „Ja, wenn das Wörichen„Wenn“ nicht wäre!“ ſchloß Thomas ſeufzeud. „Ich will morgen gleich mein Glück bei der Frau Schietzel verſuchen—“ ſprach Auguſte zu ſich ſelbſt.„Viel⸗ leicht ſchenkt ſie mir, wenn ich ihr Pommrichs Unglück und Trauer über ſeines Mätzchens Tod beſchreibe, das Geld zu einem Kanarienhähnchen oder überläßt mir wenigſtens den Schlüſſel zu meinem Schatze“ Das Mädchen fand die alte Frau in ihrem Stübchen neben dem Ofen ſitzen, der aber nur lauwarm anzufühlen war. Dagegen hatte ſich die Geizige mit einer Hülle von vielerlei Kleidern und Tüchern umgeben, unter welcher ſie, wie der Kern einer Zwiebel unter ihren neun Häuten oder Schalen verſteckt war. Auf die bewegliche Erzählung von dem Verluſt des Stelzfußes, ihres einſtigen Hausgenoſſen, verſetzte die Frau der Erzählerin mit grämlicher Stimme: „Ein Narr iſt der alte Kerl! Wie mag ein ſolcher Habe⸗ nichts und Hungerleider noch Vögel halten und füttern?! Eine Wohlthat für ihn, daß ſein Beeſt erepirt iſt. Gegen mich lamentirte er damals, daß er unmöglich die paar Tha⸗ ler Zins mehr geben könnte, die ich ihm zumuthete, aber das Geld für Vögel, Vogelgebauer und Vogelfutter weg⸗ werfen konnte er.“ Dagegen etwas zu erwiedern, getraute ſich Auguſte nicht. Schon wollte ſie wieder gehen, als Frau Schietzel nach einer Pauſe zu ihr anhob. „Kind! du ſollſt mir einen Gefallen thun. Es wird „allgemach Zeit, daß ich mein Teſtament mache. Ich will nicht, daß meine ſauer geſparten paar Pfennige meinen weitläufigen Verwandten zufallen, die ſich nicht um mich kümmern, dagegen über meine Sparſamkeit ihr Geſpött treiben. Bisher haben mich die Koſten immer abgeſchreckt, die ein Teſtament verurſacht. Jetzt aber wohnt ein Advo⸗ cat, der zugleich Notar iſt, vorn in meinem Hauſe, zwei Treppen hoch. Zu demſelben geh' jetzt und frage ihn in meinem Namen, ob er wohl meinen letzten Willen nieder⸗ ſchreiben, aber keine Bezahlung dafür verlangen, auch alle übrigen Unkoſten dabei tragen wolle, wenn ich ihm in dem 125 Teſtamente ein Legat ausſetzte? Geh, Kind und ſage mir baldige Antwort.“ „Er will, der Herr Advocat—“ ſprach Auguſte, von dem ihr übertragenen Gange zurückkehrend.„Sie ſollen ihm nur eine Stunde beſtimmen, in welcher er zu Ihnen kommen kann.“ „So mag er gleich jetzt kommen“— verſetzte Frau Schietzel—„bevor ich mich wieder anders beſinne. Sag' ihm das und dann kannſt du wieder gehen.“ Auch dieſen Auftrag vollzog Auguſte und ging dann, nicht befriedigt durch das Mißlingen ihres Vorhabens wie⸗ der heim. Das zehnte Rapitel. Der Fund. Wiederum ſaß Pommrich vor ſeiner Federmaſchine, be⸗ wegte deren Rad und dachte träumend an ſein geſtorbenes Vögelein, das er mit thränenden Augen auf dem Friedhofe begraben hatte. Ferdinand, ſein Enkel, war gleichfalls zu⸗ gegen und füllte die gereinigten Bettfedern in ihre Inlete zu⸗ rück. Ein hart auffallender Gegenſtand, welcher mit den ſanft niederrieſelnden Federregen zugleich die Stubendielen erreichte, weckte den Stelzfuß aus ſeinen Gedanken und Träumen. „Hörteſt du, Nande?“ ſprach er zu dem Knaben— „a fiel ein Steinchen, ein Pflaumenkern oder ſonſt etwas, — 126 was nicht unter weiche Flaumenfedern gehört, zu Boden. Suche das Ding auf und wirf's abſeits.“ Ferdinand begann am Boden umherzukriechen und in den Federn und deren Staube zu ſuchen. „Da!“ rief er laut und fröhlich aus.„Kein Steinchen — kein Pflaumenkern iſt's! O ſehen Sie, Großvater, welch' ein blitzendes Ding ich gefunden habe!“ Dabei hielt der Knabe ſeinen Fund dem Stelzfuß hin, welcher ihn näher an ſeine alterblöden Augen brachte und dann ausrief: „Wohl ſind das Steinchen und zwar in Gold gefaßt. Jedes derſelben iſt theurer als ein großer Mühlſtein und gleichwohl zu nichts nütze. Diamanten und Brillanten nennt man das Zeug, wie dieſes hier iſt. Jede einfache Stecknadel verrichtet dieſelben Dienſte, wie dieſe Brillant⸗ nadel, für welche man an die tauſend Briefe voll Steckna⸗ deln kaufen könnte. Doch wie iſt die Nadel in oder unter die Federn gekommen? Wem gehören dieſe Betten an? Zeige das Inlet her, Junge! damit ich nach dem Namens⸗ zeichen ſehen kann. Hm! eine kleine Krone und darunter M. v. R. Du, Nande, mir ſchwant etwas. Hieß nicht der⸗ jenige Herr, welcher vor etlichen Monaten 25 Thaler Be⸗ lohnung auf eine verloren gegangene Schmucknadel ſetzte, von Richthauſen? Ich entſinne mich auch, daß jene Nadel genau beſchrieben war wie dieſe: eine kleine Sonne von Brillanten, an welcher die Strahlenſpitzen von Gold ſind. Nun will ich noch meinen Arbeitsherrn befragen, wem dieſe Betten, welche als Krankenbetten angemeldet ſind und des⸗ halb von den andern abgeſondert gereinigt werden, ange⸗ hören. Trift der Name von Richthauſen zu, ſo ſind uns die 25 Thaler Belohnung gewiß. Ha! nun iſt's doch ſo übel nicht, daß ich hier den Poſten gefunden, nachdem ich wegen meines erfrornen Hänschens ſo arg auf die Federmaſchine ge⸗ ſchimpft habe. So fteue dich doch mit mir, du Stockfiſch von einem Jungen!“ „Ja, Großvater, ich freue mich auch ganz unmenſchlich“ — verſetzte Ferdinand,„nur daß ich's jetzt nicht gleich ſo von mir geben kann. Denn mir iſt noch etwas ganz Ande⸗ res eingefallen. Wiſſen Sie denn nicht, daß es Richthauſens waren, die ich ſo tüchtig heruntergekanzelt habe, weil ſie Thomas' Guſte beſchuldigten, die theure Schmucknadel ge⸗ ſtohlen zu haben? Nun hat ſich die Nadel von ſelbſt gefun⸗ den und Guſtens Unſchuld ſomit ganz an das Licht gebracht, obſchon ich nicht begreife, wie die Nadel hierher unter die Bettfedern gekommen iſt.“ „Das arme Mädel!“ ſprach Pommrich.„Was hat ſie wegen der einfältigen Nadel ausſtehen müſſen! Nun, ſie ſoll auch dafür nicht leer ausgehen, wenn wir uns die 25 Thaler Finderlohn geholt haben werden.“ „Da liegt eben der Haſe im Pfeffer begraben— meinte Ferdinand, der gewiß nicht ſo dumm war, als manche Leute von ihm ſagten—„Wenn Richthauſens er⸗ fahren, daß wir mit Guſten und ihrem Großvater gute Freunde ſind, ſo denken ſie wohl gar von uns, daß wir mit 7 jenen unter Einer Decke ſtecken, und bleiben doch dabei, daß Guſte der Dieb ſei und daß wir für ſie die Nadel nun als gefunden ausgeben, um mit ihr den Finderlohn zu theilen.“ „Ei, Mörſer und Haubitzen! du haſt nicht unrecht ge⸗ ſprochen, Junge!“ rief Pommrich betroffen aus.„Dießmal 128 iſt das Ei klüger als die Henne. Was aber nun anfangen, um uns und Guſte ſammt deren Großvater mit Ehren aus dieſer Patſche zu ziehen? Meinſt du etwa, daß ich die Nadel an einen Juden oder Diebshehler heimlich verſchachern und den Kauf⸗ ſchilling dafür mit Thomas theilen ſoll, nachdem die reichen Richt⸗ hauſens denn doch einmal ihren Verluſt verſchmerzt haben?“ „Das iſt nicht Ihr Ernſt, Großvater!“ erwiderte Fer⸗ dinand kopfſchüttelnd.„Da kenne ich Sie beſſer. Auch weint Guſte noch oft im Stillen und ſpricht, daß ſie eher nicht ruhig würde, als bis die Nadelgeſchichte rein an den Tag gekommen wäre. Getraut ſie ſich doch nicht eher in eine Schule zu gehen. Ich wüßte, was ich an Ihrer Stelle machte. Ich fragte erſt meinen Arbeitsherrn, ob dieſe Bet⸗ ten wirklich Richthauſens angehörten. Wäre dem ſo, dann ginge ich mit der Nadel hin und ſpräche: Gnädiger Herr Oberſtleutnant, hier iſt Ihre verlorne Nadel, welche Sie geſtohlen glaubten. Guſte Tiefenbach aber iſt unſchuldig, wie die Sonne am Himmel, was mein Enkel gleich von allem An⸗ fange an geſagt hat. Die Nadel habe ich beim Reinigen Ihrer Bettfedern-und unter denſelben gefunden. Wie ſie dahin⸗ eingekommen iſt, weiß ich nicht, aber beſchwören kann ich's und mein Enkel iſt Zeuge davon. Ihre 25 Thaler mag ich nicht. Dafür aber müſſen Sie in's Tageblatt und in die Zeitungen ſetzen laſſen, daß Guſte unſchuldig iſt und daß Sie ihr großes Unrecht gethan haben. Dann drehte ich mich kurz um, ſpräche ſtolz„Adje!“ und ließe den Herrn Oberſt⸗ leutnant ganz verdutzt daſtehen. Ja, ſo machte ich's und wollte mich königlich freuen, wenn der Herr Oberſtleut⸗ nant ſich ſchwarz darüber ärgerte. Guſtens Ruhe und 129 guter Name iſt mehr werth als die lumpigen 25 Thaler, und unſere Ehre auch.“ Große Augen machend, hatte Pommrich die lange Rede ſeines Enkels mit angehört. Als dieſer athemlos ſchwieg, erfaßte er mit beiden Händen deſſen Kopf, zog ihn an ſich und drückte ihm einen bartſtachelnden Kuß auf den Mund „Kleiner Cicero du!“ ſprach er gerührt—„deine jetzigen Worte haben viele deiner begangenen Flegelſtreiche aus⸗ geglichen. Dein Vater, deine Mutter und Guſtens Mutter ſchauen alleweile gewiß freundlich vom Himmel auf dich her⸗ nieder. Ja, ja, wie du ſo eben, ſollte jeder rechtſchaffene Kerl und Chriſt an ſeinem Nächſten handeln. Potz Donner⸗ ſtag und Freitag! was ſoll und wird der Herr von Richt⸗ hauſen für Augen und Ohren aufſperren, wenn ich ihm ſeine Nadel hinhalte und deine Worte dazu ſprechen werde!“ Auf Befragen ſeines Dienſtherrn erfuhr Pommrich von demſelben, daß die Betten wirklich Richthauſens angehörten, daß ſie ſchon längere Zeit zum Reinigen hergeſendet worden wären, aber wegen überhäufter Aufträge nicht eher hätten vorgenommen werden können. Stolzer und zugleich vergnügter kann kein König oder Fürſt durch ſeine Prunkgemächer dahinſchreiten als Pomm⸗ rich mit ſeinem Stelzfuße durch die Straßen der Richt⸗ hauſenſchen Wohnung. „Sagen Sie Ihrem gnädigen Herrn Oberſtleutenant“ ſprach er mit Würde zu dem Diener, welcher auf des In⸗ validen lautes Schellen öffnete—„daß ich ihn auf der Stelle zu ſprechen wünſchte.“ „Das geht nicht an“— verſetzte der Diener unb— Nieritz, die drei Invaliden. 130 „mein Herr zieht ſich eben an, um zur Excellenz des Herrn Kriegsminiſters ſich zu begeben. Was will er bei meinem Herrn? Faſſe er ſich kurz! Aber ſo viel ſage ich ihm voraus, daß heute nicht, ſondern nur Sonnabends, Almoſen aus⸗ getheilt werden.“ „Meint der Musje etwa, daß ich Bettelns wegen ge⸗ kommen ſei?“ fragte Pommrich mit krauſer Stirne.„Dann hat er weit neben das Schwarze geſchoſſen. Aber ich beſitze eine Springwurzel, die mir hier alle Thüren aufſchließen und mich, trotz ſeiner Rede, vor ſeinen Herrn hinbringen wird. Kennt er das, he?“ Pommrich hielt hierbei dem Diener die glitzernde Schmuck⸗ nadel unter die Augen. „Himmel!“ rief jener freudig erſchrocken aus—„die vermißte, theure Buſennadel unſerer Gnädigen!“ Und er ſtreckte ſeine Hand begehrlich nach dem Kleinod aus. „Hand von der Butter!“ gebot Pommrich lachend und wies des Dieners Rechte zurück.„So haben wir nicht ge⸗ wettet. Wird er mich denn nun vor ſeinen Herrn laſſen, he? Oder ſoll ich mit der Nadel wieder rechts um kehrt machen?“ Wirklich erwies ſich die Nadel als eine Springwurzel oder als ein Talismann, welcher den Diener nicht nur höf⸗ lich machte, ſondern auch den Stelzfuß in der nächſten Mi⸗ nute ſchon vor den in ſeinem Anputz begriffenen Oberſt⸗ leutenant führte. Man kann ſich vorſtellen, welche freudige Beſtürzung das unverhoffte Wiederfinden der Schmucknadel, namentlich bei der Frau von Richthauſen, hervorbrachte. Mit jener zugleich vermiſchte ſich aber auch das Bedauern und die Reue, 3 Auguſten ſo großes Unrecht zugefügt zu haben. Das räthſel⸗ hafte Verſchwinden des Kleinods ſich nun in der Weiſe, daß Fräulein Sidonie in der beginnenden Fieberhitze die Nadel vom nahen Tiſchchen in die Hand genommen und ſpäter aus derſelben in ihr Bett hatte fallen laſſen, wo ſie durch die unruhigen Bewegungen der Kranken endlich eine Oeffnung in den Bettüberzug und das Inlet ſich gebohrt haben mußte und dann in den Federn verſchwunden war. Der Herr von Richthauſen war ehrenhaft und edel ge⸗ nug, um ſich ſofort zu Auguſtens öffentlicher Ehrenrettung zu verſtehen. Als er aber dem Stelzfuß 25 blanke Thaler aufzählte, verweigerte jener beharrlich deren Annahme. „Ich bin ein alter Soldat“— ſprach Pommrich ent⸗ ſchieden—„und darum gewohnt mein gegebenes Wort zu halten. Ich habe meinem Ferdinand verſprochen, nichts an⸗ zunehmen, damit Niemand von uns und meinen Kameraden Thomas und ſeiner Guſte etwas Arges denke. Für meinen Wegzu ihnen bin ich durch ihre Zuſage hinreichend entſchädigt, daß ſie das gekränkte Kind wieder zu Ehren bringen wollen.“ „Sage er demſelben“— ſprach der Oberſtlieutenant endlich davon abſtehend, ſein Geld dem Invaliden aufzwingen zu wollen—„daß es baldigſt zu mir komme. Ich für meine Perſon habe immer im Stillen an Auguſtens Schuldloſig⸗ keit geglaubt und nur, weil der Schein gar zu ſehr gegen ſie ſprach, in die polizeiliche Hausſuchung gewilligt. Sie ſoll wieder täglich Eſſen bei uns bekommen und ihr früheres Schulgeld dazu; überdies behalten wir uns vor, noch auf andere Weiſe unſer begangenes Unrecht an ihr gut zu machen. Da ihr, wackrer Kriegskamgpad, nun durchaus nichts von 9* 132 mir annehmen wollt, ſo reicht mir Eure Hand, die Hand eines Ehrenmannes, damit ich ſie herzlich drücken und ſ chütteln kann.“ Völlig ausgeſöhnt mit dem braven Officier verließ Pommrich deſſen Wohnung, vor welcher ihn ſein Enkel er⸗ wartete. „Nun?“ fragte dieſer neugierig. „Da leer—“ verſetzte Pommrich, auf ſeine Taſche ſchlagend—„doch hier“— er zeigte auf ſein Herz—„ſo voll! ſo gottvergnügt! Wir haben erreicht, was wir beide wollten: Auguſte wird glänzend gerechtfertigt und vor uns hat der vornehme und reiche Herr Oberſtleutnant von Richt⸗ hauſen allen Reſpect. Achtung! präſentirt's Gewehr!“ „Großvater!“ verſetzte Ferdinand und machte einen großen Freudenſprung in die Luft—„laſſen Sie mich jetzt gleich zu Guſten hinſpringen und ihr die Geſchichte erzählen. Mir brennen ordentlich die Füße, bei ihr zu ſein.“ „Halt! ſage ich“— erwiderte Pommrich.„Vorhin haſt du mir gerathen— jetzt rathe ich dir. Warten wir erſt ab, bis Guſtens Rechtfertigung groß gedruckt im Tageblatte ſteht. Das ſoll ſchon morgen geſchehen, hat mir der Oberſt⸗ leutnant zugeſagt. Dann iſt Guſtens Jubel deſto größer und gewiſſer, wenn ſie ſchwarz auf weiß vor ſich ſieht. So zeitig als möglich holen wir das Blatt aus der Druckerei und binden Auguſte damit an. Zu dem Silbergroſchen da⸗ für wird auch noch Rath. Ha! im Geiſte ſehe ich ſchon die großen, freudigen Augen, die das Mädel dann machen wird und dazu noch Freudenzähren darin. Potz Schwärmer und Raketen!“ „Wunderbar iſt's und bleibt's doch“— ſprach Ferdi⸗ nand—„daß gerade wir die Schmucknadel unter den Bett⸗ federn auffinden mußten. Dieſe hätten längſt gereinigt ſein können und von einem andern Manne beaufſichtigt, der die Nadel an ſich behalten und heimlich verhandelt hätte.“ „Das iſt unſers Herrgotts Hand“— erwiderte Pomm⸗ rich ernſt—„welche es ſo kommen ließ. Wenn du auf⸗ merkſam auf die Vorfälle in deinem Leben und in dem Leben anderer Leute achteſt, ſo wirſt du ſtets dieſelbe gütige Gottes⸗ hand wiederfinden, die man mit dem Namen der göttlichen Vorſehung belegt. Wenn aber dieſe Gotteshand uns zu unſerm Glücke und Beſten leiten ſoll, ſo müſſen wir uns derſelben nicht eigenwillig widerſetzen, nicht unſerm eigenen Willen folgen wollen und an den uns treffenden Wider⸗ wärtigkeiten nicht ſelbſt ſchuld ſein. Freund Hauthal wollte ſich nicht von der göttlichen Hand führen laſſen, als er im Begriff war, ſich wegen einer kleinen Ehrenſchuld zu er⸗ ſchießen. Und hätte Guſte wirklich die Schmucknadel ent⸗ wendet gehabt, ſo würde es ihr mit Recht ſchlecht ergangen und jener Diebſtahl zu ihrem größten Schaden ausgeſchlagen ſein. Doch auch das von den Menſchen ſelbſt verſchuldete Uebel weiß die göttliche Hand zu unſerm Beſten zu lenken. So biſt du durch dein unvorſichtiges Gebahren mit dem Pulver und durch das daraus entſtandene Brandunglück ge⸗ beſſert und mit Auguſten innig befreundet worden. Der Glaube aber an dieſe leitende Gotteshand iſt der beſte Stab in dieſem Erdenleben und hilft uns ſelbſt über die rauhe⸗ ſten und ſteilſten Stellen in unſerm Lebenswege hinweg.“ Der Gedanke, daß ihre Unſchuld noch nicht an den Tag gekommen und ihr guter Name noch immer vor den Leuten gebrandmarkt ſei, ſtand mit Auguſten früh auf und legte ſich am Abend mit ihr zur Ruhe nieder. Wie ein häßlicher Wurm nagte dieſe Erinnerung an dem Kinde und vergällte ihm jede Freude. Am heftigſten ſchmerzte jener Gedanke des Morgens und zwar um die Zeit, da Auguſte ſonſt in die Schule zu gehen pflegte. Nur für wenige Tage noch entſchuldigte des Armenarztes Zeugniß Auguſten wegen des bisher unterlaſſenen Schulbeſuchs und dann blieb ihr nichts Anderes übrig, als ihre Aufnahme in die von ihr, jedoch mit Unrecht gefürchtete Armenſchule zu bewirken. Voll tiefen Harms über dieſe ſchlimme Ausſicht ſaß Au⸗ guſte heut bei ihrer Taſſe voll dünnen Kaffee's, als ſie drau⸗ ßen auf der Holztreppe und bald auch vor ihrer Thüre das Stampfen eines Stelzfußes vernahm. Da ihr Großvater ſich in der Kammer befand, ſo wußte Guſte ſogleich, daß Pommrich im Anmarſche ſei. Wirklich erſchien dieſer in der geöffneten Thüre, begleitet von Ferdinand, welcher, wie ſein Großvater, im ganzen Geſicht lachte und wie verklärt aus⸗ ſah. Ein noch feuchtes Druckblatt in der Rechten hoch em⸗ porhaltend trat Pommrich ein. Bei Guſtens Anblick ſchrie der Stelzfuß mit einer Löwenſtimme:„Ganze Batterie! Achtung! Macht euch fertig! Feuer!“ „Puh!“ ſchoß Ferdinand mit aufgeblaſſenem Munde, was freilich die allerſchwächſte Nachahmung einer ke ſchoſſenen Batterie war. Auguſte glaubte, zwei übergeſchnappte Menſchen vor ſ zu haben. Daher rief ſie beſorgt ihren Großvater herbei, 135 welcher, wie ſie, voll Staunens ſeinen Kameraden und deſſen Enkel anſtarrte. „Die lange belagerte Feſtung hat ſich ergeben“— ſchrie Pommrich jetzt—„hier die Siegesfahne! Pflanze ſie auf, Guſte, auf daß ſie Jedermann ſehe. Da, lies und jubele mit uns! Hurrah! Huſſah! Puh! Bumm! Bumm!“ Während Auguſte das ihr aufgedrungene Druckblatt in ihre Hand nahm, murmelte Thomas beſtürzt vor ſich hin: „Er iſt wirklich von Sinnen gekommen! Der arme Pommrich! Das hat noch gefehlt. Hat er ſich denn ſeines Vogels Tod gar zu ſehr zu Herzen genommen 2 Während dem war Auguſtens Blick durch ein groß ge⸗ drucktes, ſogleich in die Augen fallendes Wort, als die Ueber⸗ ſchrift eines Aufſatzes im Tageblatt:„Ehrenrettung“, auf⸗ merkſam gemacht worden. Sie las— ſie überflog— ſie verſchlang zuletzt die Zeilen— ihre Augen näßten ſich— ein Strom Thränen entſtürzte denſelben und lautſchluchzend warf ſie ſich ihrem Großvater an den Hals, dann auf ihre Kniee nieder, um nit erhobenen Händen Gott laut zu dan⸗ ken. Dann fiel ſie in Pommrichs, in Ferdinands und wieder in ihres Großvaters Arme. „Gelt!“ ſchmunzelte Pommrich—„das iſt eine kräftige, nein die beſte Herzensſtärkung ſeit deiner Krankheit. Guſte, dein und mein Name ſtehen gedruckt in dem Blatte! Gedruckt! wer hätte das je von uns beiden für möglich gehalten?! Meinen Namen hätte der brave Herr Oberſtleutnant billig weglaſſen können, denn er war ja nicht geſchändet worden. Aber der deinige durfte nicht verſchwiegen werden. Ich be⸗ kam einmal ein volles Glas alten Malagaweins zu trinken. 136 Der glitt ſo ſüß und leicht über die Lippen und die Zunge, dann ſo feurig und erregend durch die Kehle hinab in den Magen, wo er noch eine Weile recht angenehm fortkrabbelte. Aber nichts war es gegen das angenehme Krabbeln, welches ich gegenwärtig in mir fühle und das lange, lange noch fort⸗ dauern wird. Hebe dieſes Druckblatt hoch und heilig auf, Guſte! Lege es zu deinen blanken Schatz in deine Spar⸗ büchſe und laß es forterben in deiner Familie von Kind auf Kindeskind. Dein Adelsbrief iſt's ja und kann zum Stamm⸗ baum werden, der lauter edle Reiſer trägt.“ Was ein Blättchen Papier bewirken kann! Hier machte ein ſolches vier arme Menſchen reich und glücklich. Ja, ja, ein guter Ruf macht keinen geringen Beſtandtheil unſerer leiblichen Wohlfahrt aus und ſein Verluſt vergällt nicht ſelten die Annehmlichkeiten des Reichthums und des Ueberfluſſes. ½ Das eilfte Kapitel. Neuigkeiten. In jedem unverdorbenen Menſchen regtſich nach empfan⸗ genen Wohlthaten das Gefühl der Dankbarkeit, ſo wie der Wunſch, dieſe Dankbarkeit durch die That zu beweiſen. Daher brannte Auguſte vor Begier, dem wackern Pommrich, welcher ihretwegen die für ihn anſehnliche Summe von 25 Thalern ausgeſchlagen hatte, irgend eine Freude zu bereiten Worin dieſelbe beſtehen ſolle, darüber war Auguſte keinen Augenblick in Ungewißheit. Das ſagte ihr ein Blick auf den Vogelbauer, welcher dem erfrornen Kanarienvogel des In⸗ validen zur Wohnung gedient hatte und nun unbenutzt neben Auguſtens Bette ſtand. Woher aber das Geld für ein anzu⸗ kaufendes Kanarienhähnchen nehmen? Zwar hatte Auguſte bei ihrem erſten Beſuche der Richthauſenſchen Familie von derſelben mancherlei werthvolle Geſchenke erhalten, jedoch kein Geld. Sie war von der gnädigen Frau umarmt und geküßt worden, deren Kinder hatten mit einander gewett⸗ eifert, durch Liebkoſungen, Schmeichelworte und allerlei Gaben Auguſten das ihr zugefügte Unrecht vergeſſen zu machen. Ein andrer Herr als der Oberſtleutnant von Richthauſen hätte vielleicht die dem Nadelfinder zugedachten 25 Thaler Auguſten als Schmerzensgeld überlaſſen. Allein der Oberſtleutnant hatte ſeine guten Gründe, ſo etwas nicht zu thun. Wohl aber führte er Auguſte Herrn Purfürſt wieder zu, welcher bereits deren Schuldloſigkeit durch das Tageblatt erfahren hatte, und verbürgte ſich bei demſelben für die regelmäßige Entrichtung des Schulgeldes. Auguſtens frühere Mitſchülerinnen empfingen das nun⸗ mehr gerechtfertigte Mädchen mit großer Freude, und die⸗ jenigen Aeltern, welche vorher auf Auguſtens Ausweiſung gedrungen hatten, ſuchten ihr begangenes Unrecht durch Ein⸗ ladungen Auguſtens zu allerlei Feſtlichkeiten und Schmau⸗ ſereien wieder gutzu machen. Ihr aber ein Kanarienvögelein oder den Kaufpreis dafür zu ſchenken, ſiel niemanden ein, weil man Auguſtens heißenſten Wunſch nicht kannte. Wenn Auguſte ſinnend und faſt ärgerlich vor ihrer ſilber⸗ 138 gefüllten, jedoch feſt verſchloſſenen Sparbüchſe ſtand, ſo glich ſie einem Durſtigen, der zwar eine ſilberhelle Quelle vor ſich ſieht, aber nicht daraus trinken darf. Als nun das Mädchen eines Nachmittags wiederum ihre Sparbüchſe mit heftig verlangenden Blicken betrachtete, ſtampfte Pommrich mit Haſt in das Dachſtübchen ſeines einbeinigen Kameraden herein. „Haſt du's ſchon gehört, Guſte!“ rief er aus—„daß meine alte, geizige Hauswirthin, deine Sparbüchſenſchen⸗ kerin, dieſen Mittag vom Schlage getroffen worden und auf der Stelle todt geweſen iſt? Hab' ich's doch gleich geſagt, daß ihr Ende nahe wäre, weil ſie dich mit zehn blanken Sil⸗ berthalern beſchenken konnte. Um dir die Neuigkeit brüh⸗ warm zu hinterbringen, bin ich von meiner Federmaſchine weggelaufen, die mein Ferdinand indeß bedient. Neugierig bin ich nur, wer ſie beerben wird. Ich nicht, ſo viel iſt ge⸗ wiß. Na, Gott befohlen! Ich muß wieder fort. Einen ſchönen Gruß an deinen Großvater. Adje!“ Staunend und betroffen blickte Auguſte dem Stelzfuße nach. Trauer oder Schmerz war es eben nicht, was die Nachricht von dem plötzlichen Ableben der Frau Schietzel in des Mädchens Herz hervorgebracht. Sie hatte nur diejenige Anhänglichkeit gegen die Verſtorbene gefühlt, die der Menſch gegen eine von ihm aus Lebensgefahr errettete Perſon zu hegen pflegt. Das Geſchenk der Sparbüchſe nebſt den 10 Thalern hatte das Mädchen aus dem Grunde zu keiner großen Dankbarkeit und Liebe gegen die Geberin entflammt, weil ja Auguſte eigentlich nicht als Herrin über dieſes ihr Eigenthum ſchalten und walten durfte. Dieſe Beſchränkung 5 war nun plötzlich mit dem Tode der alten Frau hinwegge⸗ fallen und darum es verzeihlich, wenn Auguſte bei dem brennenden Verlangen, gegen Pommrich dankbar ſich zu be⸗ weiſen, von einer faſt freudigen Regung durchdrungen wurde. Kaum konnte ſie vor Ungeduld die Heimkehr ihres Groß⸗ vaters erwarten, welcher, eine beſtellte Mäuſefalle fortzu⸗ tragen, ausgegangen war. Als er endlich angeſtelzt kam, ſprang ihm Auguſte noch auf der Treppe mit dem Rufe ent⸗ gegen: „Großvater! Frau Schietzel iſt todt! Nicht wahr, nun darf ich meine Sparbüchſe öffnen und Geld zu einem Ka⸗ narienvogel für unſern Pommrich herausnehmen 2 „Das dir zu verwehren hat allerdings niemand das Recht“— verſetzte Thomas. „Nun, ſo helfen Sie mir raſch das Schloß aufmachen“ — bat Auguſte—„und wenn wir es zerſchlagen oder auf⸗ brechen müſſen. Hier iſt die Büchſe! Ich hab' ſie ſchon des⸗ halb hervorgeholt.“ „Nur gemach, Kind!“ erwiderte Thomas mit der Be⸗ dächtigkeit des Alters.„Man darf nichts übereilt thun. Wozu dieſe Haſt, welche lieber gleich Alles zerſtören oder un⸗ brauchbar machen möchte!“ „Ach, Großvater! zu lange ſchon iſt's, daß ich Pomm⸗ richen großen Dank ſchulde. Es handelt ſich ja nur um die⸗ ſes ganz kleine Schlößchen, das ich mir faſt mit einem krum⸗ men Nagel zu öffnen getraue.“ „Das jagt, das brennt gleich lichterloh' bei der Jugend 16 meinte Thomas.„Haſt du aber auch bedacht, Guſte! daß wenn du jetzt in der noch immer bittern Winterkälte einen 140 Kanarienmatz für Pommrich kaufſt, derſelbe eben ſo leicht in der ungeheizten Stube erfrieren kann und wird als der vorige? Oder finneſt du etwa Pommrichen an, daß er, des Vogels wegen, den ganzen Tag über einheize oder gar ſeinen Poſten bei der Federmaſchine niederlege? Warte doch bis der Winter vorüber iſt. Dann ſingt auch beim Beginn des Frühjahrs ein Vögelein noch einmal ſo fleißig und luſtig als zur Winterszeit.“ Dieſer Einwand war ganz begründet, aber dennoch nicht nach Auguſtens Sinn. Zwar ſtellte ſie die Sparbüchſe wieder an ihren Ort, aber ſie that ſolches unter nicht freu⸗ digen Gefühlen. Am dritten Tage darauf ſah Auguſte die grämliche Frau Schietzel begraben. Das Leichenbegängniß war ziemlich koſtbar, allein außer den dabei nöthigen Per⸗ ſonen war Auguſte die Einzige, welche dem Sarge folgte und ihn in's Grab ſenken ſah. Wiederum vergingen drei Tage. Der alte Thomas bauete eben an einer neuen Mäuſefalle und Auguſte ſteckte den Kopf aus dem geöffneten Kammerfenſter, um zu prüfen, ob noch kein warmes Thauwetter im Anzuge ſei. Da tra⸗ ten plötzlich eine Anzahl fein gekleideter Herren in das Stübchen, die zwar nicht wie Polizeibeamte angezogen gin⸗ gen, dennoch aber von Auguſten für ſolche gehalten wurden und ihr darum einen ungeheuren Schreck einjagten. Bleich und zitternd wartete ſie der kommenden Dinge. Die Herren begrüßten den Stelzfuß höflich und erklär⸗ ter ihm, daß ſie in einem wichtigen Auftrage erſchienen wären und darum die Beantwortung einiger Fragen von ihm ſich erbitten müßten. Einer von den Herren brachte ————————— — £ — 141 hierauf Papier, Feder und Tintenfaß zum Vorſchein und ſetzte ſich, zum Schreiben fertig, an den Tiſch des Invaliden nieder. Ein anderer Herr richtete nun an zwei ſeiner Be⸗ gleiter, in welchen Thomas ſeinen Hauswirth und einen von deſſen angeſeheneren Abmiethern erkannte, die Frage: „Erkennen Sie in dieſem einbeinigen Invaliden den vormaligen Gemeinen des Infanterie⸗Regiments Hohenlohe⸗ Ichtelfingen, Namens Gottlob Thomas? und können Sie „ſolches eidlich beſtärken?“ „Ja!“ lautete die einſtimmige Antwort, welche, wie die vorangegangene Frage, von dem Herrn am Tiſche niederge⸗ ſchrieben wurde. „Erkennen Sie ferner“— fuhr der Frager fort, indem er auf die bebende Auguſte zeigte—„in dieſem Mädchen, Auguſte Tiefenbach, eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe, zu⸗ gleich die Enkelin des vorerwähnten Gottlob Thomas? und können Sie ſolches eidlich beſtärken?“ „Ja!“ ertönte es wieder. „Wo iſt die Sparbüchſe“— wendete ſich der Frager an den Stelzfuß—„welche die verſtorbene Frau Schietzel Eurer Enkelin hier zum Geſchenk gemacht hat?“ „Hole ſie herein!“ gebot Thomas dem Kinde. Auguſte gehorchte und ſetzte mit zitternder Hand die Sparbüchſe auf den Tiſch nieder. Der Frager unterſuchte genau den äußern Befund des Blechgefäßes, wie des vorge⸗ legten Schlößchens und überzeugte ſich von deſſen Unver⸗ letztheit ſo wie von deſſen Verſchluß. Dann ließ er in glei⸗ cher Abſicht die Sparbüchſe die Runde unter ſeinen Beglei⸗ tern machen. 142 „Haben Sie ſich mit mir“— hob der Frager wieder an, zu ſeinen Begleitern gewendet,—„durch genaue Un⸗ terſuchung dieſer Sparbüchſe überzeugt, daß weder ſie noch das Schloß daran irgend eine Spur von einem gewaltſam verſuchten Oeffnen an ſich trägt?“ „Wir haben uns davon überzeugt“— lautete die Ant⸗ wort. Jetzt zog der Frager den kleinen Schlüſſel zum Spar⸗ büchſenſchlößchen aus der Weſtentaſche und ſchloß auf. Er ſchüttete den ſilbernen Inhalt des Blechgefäßes auf den Tiſch und begann laut die Thaler in zwei Reihen Ki zählen. „Zehn! richtig! kein einziger fehlt!“ ſprach der Frager. „Zählen Sie nach, meine Herren, damit Sie die Richtigkeit des Befunds durch Ihr Zeugniß und Ihre Namensunterſchrift im Protokoll beglaubigen können.“ Zwei von den Herren zogen verdrießliche⸗ Geſichter; ein Dritter dagegen lächelte wie ſchadenfreudig und winkte Au⸗ guſten mit den Augen, die in ihm denſelben Notar wieder erkannte, den ſie im Auftrage der Frau Schietzel um die Niederſchreibung deren Teſtaments hatte bitten müſſen. Nachdem die Herren mit Fragen, Schreiben und Unter⸗ ſchreiben fertig waren, händigte der Frager dem Großvater Auguſtens den Sparbüchſenſchlüſſel mit den Worten ein: „Hiermit ſpreche ich Euch und Eurer Enkelin die freie Ver⸗ fügung über die Sparbüchſe und deren Inhalt zu. Das Weitere werdet Ihr ächſtens an Gerichtsſtelle erfahren.“ Die Herren gingen. „Wie ſiehſt du aus, Guſtel?“ hob jetzt der Invalide zu 143 ſeiner Enkelin an.„So erhole dich doch! Es waren ja keine Polizeier und hausgeſucht haben ſie auch nichts weiter als deine Sparbüchſe. Du dachteſt wohl ſchon, daß die Schmuck⸗ nadel bei Richthauſens abermals geſtohlen worden wäre und daß man dich wieder im Verdacht hätte? Nein, im Gegentheil! nun haſt du ja Macht über das Geld in deiner Sparbüchſe. So ſchlägt oft zu unſerm Glücke aus, was wir erſt als etwas Böſes anſahen. Was man nur mit uns vor⸗ haben mag?“ Um dieſelbe Zeit hatte Pommrich gereinigte Bettfeder⸗ ſtücken zu deren Eigenthümern tragen müſſen. Auf dem Rück⸗ wege kam er bei Hauthals Wohnung vorüber und darum konnte er ſich unmöglich enthalten, ſeinem einarmigen Kameraden einen kurzen Beſuch abzuſtatten. Vor deſſen Stubenthür vernahm er, wie drinnen irgend ein gläſerner Gegenſtand gewaltſam gegen die Stubenwand oder den Fußboden ge⸗ worfen wurde, ſo daß die Stücken davon klirrend nieder⸗ fielen. Beim Oeffnen der Thüre fand er den Reiterunter⸗ officier in größter, zorniger Aufregung. Um ihn her lagen die Stücken ſeines Schnapsgläschens mit dem daran kleben⸗ den Siegellack.“ „Aha!“ hob Pommrich lachend an—„haben die Ent⸗ haltſamkeit und das Sparen ein ſchmähliches Ende hier ge⸗ funden? Nun, immer beſſer, als wenn du dir wieder das Gehirn hätteſt aus dem Kopfe ſchießen wollen. Ein neues Schnapsgläschen iſt bald wieder angeſchafft, doch nimmer ein zertöpferter Hirnkaſten.“ „Höre, Pommer!“ knirſchte Hauthal wild—„was meineſt du? Ob ſich wohl der Kriegsminiſter mit einem ein⸗ 144 armigen Invaliden auf Piſtolen ſchießen würde, wenn ich ihm einen Tyrann, einen Schuft oder einen noch ſchlimmern Ehrentitel in's Geſicht ſagte?“ „Er würde dich entweder als entweder als einen Gro⸗ bian auf die Feſtung oder als einen Verrückten in's Irren⸗ haus ſchicken“— antwortete Pommrich gelaſſen. „Trenſen und Kantharen 1“ rief Hauthal aus—„was ſoll ich denn thun, um dieſen heilloſen Kriegsminiſter auf eine ehrliche Weiſe todt oder unſchädlich zu machen? Sieh, Pommrich! bis jetzt hatte mich's nicht gedauert, meinen lin⸗ ken Arm in der Vertheidigung unſers Vaterlandes verloren zu haben. Aber nunmehr bereue ich's, ſo viele Haare der Rappen meines Aſſeſſors im Schweife hat, daß ich gerade zur Rettung dieſes— dieſes Ungeheuers von Kriegsminiſter meinen Arm hingegeben habe. Hätte ich das unterlaſſen, ſo wäre jetzt von dem Kriegsminiſter kein Stäublein mehr übrig und er nicht im Stande, ſeine Tyrannei auszuüben.“ „Alſo hat er dir doch ſein Leben zu verdanken?“— fragte Pommrich.„Du haſt's immer gegen mich und Tho⸗ mas ableugnen wollen.“ „Weil ich das Großthun nicht leiden kann“— murrte Hauthal.„Ich habe ja noch den Geldbeutel, den er mir voll Geld auf mein Schmerzenslager im Lazareth hinlegte. Das Geld iſt fort, der Beutel verſchoſſen, aber noch ganz. Nun jedoch reiße ich ihn in Stücke und werfe ihn in den Fluß. Ich habe ihn ſchon hervorgeſucht und eben ſollte er nach dem Schnapsglaſe an die Reihe kommen⸗ „Dieſer Mühe kann ich dich entheben“— ſprach Pomm⸗ rich, indem er den ſeidenen Geldbeutel erfaßte, mitten von 145 einander riß und die Stücke davon einſteckte.„Mein Weg führt juſt über die Brücke. Nun aber ſage mir, was in aller Welt der Kriegsminiſter dir zu Leide gethan und was daſſelbe mit deinem Schnapsglaſe zu ſchaffen hat?“ „Mit meinem Schnapsglaſe nichts!“ erwiederte Hau⸗ thal.„Ich zertrümmerte es vor Wuth, daß meine Enthalt⸗ ſamkeit und mein Sparen ſo gut wie nichts in der Welt ge⸗ nützt haben. Ha, nun will ich erſt recht wieder trinken und meinen Zorn in Branntwein erſäufen.“ „Ich erfahre noch immer nicht, was der Kriegsminiſter verbrochen hat“— ſprach Pommrich. „Höre nur!“ erwiderte Hauthal.„Vor einer Stunde kommt Frau Hennig, die Wittwe unſers braven, ſeligen Feldſcherers geheult nnd geſchrieen zu mir, daß ſie ihren Sohn richtig unter die Soldaten genommen hätten. Un⸗ möglich das! ſpreche ich— ein Irrthum iſt vorgefallen. Ich laufe mit der Frau in's Kriegsminiſterium und erhalte dort den Beſcheid, daß es ſeine Richtigkeit habe und daß das Ge⸗ ſetz keine Ausnahme geſtatte. Da hole der Geier ein Geſetz — eifere ich— welches einer Wittwe den einzigen Sohn und ihren Kindern den Ernährer entreißt. Als ich unter . die Soldaten genommen wurde, da war es nicht ſo; da herrſchten noch Menſchlichkeit und Schonung. Auf dieſe Rede zuckte man die Achſeln und ſchickte mich ſammt der zeter⸗ ſchreienden Wittwe fort. Wäre ich nicht ein Krüppel und nicht zu alt, ich ſtellte mich für den jungen Hennig ein. 6 So aber bleibt mir nichts übrig, als den Kriegsminiſter, 73 ſo grauſame Geſetze erläßt, das Lebenslicht auszu⸗ 6 Nieritz, die drei Invaliden. 10 5 146 blaſen, das ihm ohne mich längſt ſchon nicht mehr geſchie⸗ nen hätte.“ „Und du willſt ihm auch jetzt noch nicht entdecken“— fragte Pommrich—„daß du in der Schlacht bei Belle⸗ alliance ſein Lebensretter geweſen biſt?“ „Nun erſt recht nicht“— entgegnete der Trotzkopf. „Wenn der Kriegsminiſter nicht durch ſein eigenes Gerech⸗ tigkeitsgefühl ſich bewegen läßt, menſchlich und billig zu han⸗ deln, ſo mag ihn der Guckuck holen. Ich aber will eine alte Geſchichte nicht wieder aufwärmen, denn hülfe auch das nichts, wie ich vermuthe, ſo ärgerte ich mich noch zehnfach mehr.“ „Ich mache dir einen Vorſchlag, Hauthal!“ ſprach Pommrich.„Du biſt nicht allein den Hinterlaſſenen unſers Hennigs zu großem Danke verpflichtet, ſondern auch ich und Thomas. Darum wollen wir drei gemeinſchaftlich in Berathung ziehen, auf welche Weiſe dem jungen Hennig von dem Soldatenſtande zu helfen ſei. Heute Abend nach dem Schluß meiner Arbeitszeit ſtelle ich mich wieder bei dir ein und bringe auch unſern Thomas mit. Bis dahin unterlaſſe ieden weitern Schritt in dieſer Angelegenheit.“ Darauf gab Hauthal, etwas beruhigter, ſein Wort und las, nachdem Pommrich fort war, unter Seufzen die Glas⸗ ſcherben ſeines zerſchmetterten Glaſes auf. 2 Das zwölfte Kapitel. Die Fürbitte und Erhörung. In der abendlichen Berathung der drei Invaliden führte Pommrich den Vorſitz und das Wort. „Ich ſchlage vor“— hob er an—„daß wir drei— Infanterie, Kavallerie und Artillerie beiſammen— dem „Kriegsminiſter auf den Leib rücken, ihn von allen Seiten faſſen, packen, werfen, bombardiren und maltraitiren, bis er einwilligt, den jungen Hennig laufen zu laſſen. Zwar hat Hauthal ſich vermeſſen, die Excellenz für immer in Ruhe zu laſſen, allein das iſt ein ſchlechter Soldat, der ſchon nach dem erſten Sturme auf eine feindliche Batterie den Rückzug antritt. Auch waren wir, als wir damals der Excellenz an⸗ „gingen, Auguſtens Aufnahme in die Garniſonſchule zu ge⸗ Vnehmigen, nur ihrer zwei: Kavallerie und Artillerie. Die Hauptmacht, die Infanterie fehlte, und darum ging die Sache futſch. Diesmal dagegen wollen wir vereint zuſammen halten und Einer für den Andern ſtehen. Bieribus unnitzis — ſprach der Oeſterreicher auf griechiſch zu dem Ruſſen, als er dieſen bat, ihm gegen die ungariſchen Rebellen beizu⸗ ſtehen. Der Oeſtereicher konnte nämlich nicht ruſſiſch, ſondern blos griechiſch, das aber der Ruſſe auch verſteht, weil er den griechiſchen Glauben hat. Jene zwei Worte aber ſagen ganz in der Kürze ſo viel als: Mit dir fordere ich mein Jahr⸗ 148 hundert in die Schranken. Und ſiehe, die ungariſchen Re⸗ bellen machten richtig Kuſchi, als der Oeſterreicher mit dem Ruſſen vereint gegen ihn anrückte. So ſoll auch die Kriegs⸗ Excellenz vor uns die Segel ſtreichen müſſen, abſonderlich wenn Cicero's Geiſt wieder über unſern Hauthal käme, was nicht unmöglich iſt. In dieſem Falle greift ihn Hauthal vorn am Centrum an; ich beſchieße mit 24⸗Pfündern und Hau⸗ bitzen ſeinen rechten Flügel und Thomas bricht in ſeinen linken mit gefälltem Bajonnett und im Sturmſchritt. Hurrr! alle Nachtmützen! ſchon ſehe ich im Geiſte die Kriegs⸗Excel⸗ lenz ſtutzen, zurückprallen, wanken, und endlich mit Kriegs⸗ ehren capituliren. Morgen früh um 10 Uhr ſammeln wir uns vor dem feindlichen Lager. Dann beginnen wir den Sturm darauf mit dem Feldgeſchrei: Bieribus unnützis!“ Hauthal, von ſeinen beiden Kameraden überſtimmt, ſchwieg endlich und ſchüttelte nur noch den Kopf. Als Thomas heimkam, händigte ihm Auguſte eine ſchrift⸗ liche, von einem Gerichtsdiener überbrachte Vorladung ein, welche ihn nebſt ſeiner Enkelin des nächſten Vormittags um 10 Uhr auf das Stadtgericht beſtellte. „Das kann nicht geſchehen“— ſprach Thomas beſtimmt —„und wenn ſie mich zum Großmogul ernennen wollten. Unſere Sache mit der Kriegs⸗Exeellenz geht vor. Ich habe meinen beiden Kameraden mein Wort darauf gegeben.“ Nach längeren Harren ſtanden am andern Vormittage die drei Invaliden vor dem Kriegsminiſter, der, nachdem er das Geſuch derſelben ruhig vernommen hatte, abſchläg⸗ lichen Beſcheid ertheilte. Hatte ja doch die Mutter des nn 4 149 gen Hennig, welche weinend dem mächtigen Kriegsmanne zu Füßen gefallen war, keine Erhörung gefunden!“ Umſonſt wurde Hauthal wieder zum Cicero; umſonſt ließ Pommrich ſein gröbſtes Geſchütz ſpielen; umſonſt atta⸗ quirte Thomas mit gefälltem Bajonnett den linken feind⸗ lichen Flügel. Umſonſt zeigten die Invaliden ihre im Kampfe für das Vaterland erlittenen Gliederverluſte vor. Umſonſt legte der anweſende Oberſtleutnant von Richthauſen eine Fürbitte ein.„Die Garde ſtirbt“— dachte die Excellenz von ſich ſelbſt und mit Cambronnes Worten—„aber ſie ergiebt ſich nicht.“ Da war's die Reiterei, welche die erſte den Rücken zur ſchimpflichen Flucht wendete. Mit ſeinen geſun⸗ den Beinen rannte Hauthal, tiefen Grimm und helle Ver⸗ zweiflung im Herzen, aus dem Audienzzimmer. Als Hau⸗ thal verſchwunden war und die Excellens den beiden Stelz⸗ füßen zuwinkte, ein Gleiches zu thun, langte Pommrich die Stücke oder Ueberreſte jener ſeidenen Geldbörſe hervor, welche er dem Einarm geſtern abgeliſtet hatte. „Kennt Eure Extellenz dieſe Börſe noch?“ fragte Pomm⸗ rich, dem Miniſter die ſeidenen Ruinen vorzeigend. Befremdet blickte Excellenz erſt den Frager an und dann auf deſſen Hände. Ein unwilliges Kopfſchütteln war die Antwort. 6 „Es iſt dieſelbe“— fuhr Pommrich ruhig fort— welche Excellenz nach der Schlacht bei Bellealliance jenem Reiter auf das Schmerzenslager legte, welcher den Todes⸗ ſtreich von Eurer Excellenz abwendete und dabei ſeinen linken Arm einbüßte. „Wäre es möglich?“ rief der Miniſter voll Beſtürzung* 150 aus.„Nie vernahm ich wieder etwas von meinem Lebens⸗ retter. Nachdem ich aus Frankreich zurückgekehrt war, blieben alle meine Nachforſchungen nach ihm fruchtlos. Lebt er noch? He, wie kam dieſe Börſe, deren ich mich nun genau entſinne, in Eure Hände?“ „Der Lebensretter Eurer Execellenz hat ſie mir über⸗ laſſen“— antwortete Pommrich.„Er lebt noch als Ein⸗ arm, ſtand vor Eurer Excellenz als demüthig Bittender und verließ ſo eben als ein ſchwer Gebeugter das Zimmer.“ „Himmel! warum ſchwieg er? Warum gab er ſich mir nicht zu erkennen?“ rief der Miniſter ſchmerzlich aus.„Weil er eben einen ſolchen Eiſenkopf zwiſchen ſeinen Schultern ſitzen hat, wie Eure Exeellenz“— platzte Pommrich heraus. „Schnell! ihm nach!“ befahl der Miniſter—„holt ihn zurück!“ Da Hauthal bereits einen Vorſprung gewonnen hatte, ſo würden die beiden Stelzfüße vergeblich eine Jagd nach nach dem Flüchtling unternommen haben, wenn nicht der Herr von Richthauſen ſich ins Mittel geſchlagen hätte. Auf ſeinen Zuruf ſprangen die im Vorzimmer dienſtthuenden Ordonnanzen mit gar flinken Füßen dem erboſten Einarm nach und führten ihn, trotz e een zu der Ercellenz zurück. Mit ganz verändertem herzlichen Tone redete dieſe den Einarm folgendermaßen an: „Kamerad, ich möchte gern mich wieder in den Beſitz dieſer Börſenüberreſte ſetzen. Welchen Kaufpreis Ihr auch dafür verlangt, ich geſtehe ihn Euch zu, dafern er über meine Macht und meine Kräfte geht.“ Einen Augenblick ſah der höchlich überraſchte Hauthal ſeine beiden Kameraden fragend an, welche ihm lächelnd und bedeutungsvoll zunickten, dann ſagte er raſch und entſchloſſen: „Excellenz kennt unſern heißeſten Wunſch. Geben Sie den Sohn unſers gemeinſamen Wohlthäters und Lebens⸗ retters frei und wir werden vor Freuden närriſch.“ „Topp!“ ſprach der Miniſter lächelnd.„Es ſei! Ich werde des Königs Majeſtät bitten, um meinetwillen einmal eine Ausnahme vom Geſetz zu geſtatten, und hoffe, daß meine Bitte eine gnädige Erhörung finden werde. Doch närriſch darf dann keiner von Euch braven Männern werden. Ich aber behalte mir vor, meine Dankbarkeit gegen den Retter meines Lebens auf andere Weiſe noch zu bethätigen. Einſtweilen hier meine Hand, wackrer Kamerad, und die Verſicherung, daß ich weder Eurer aufopfernden That in jener heißen Schlacht, noch der gegenwärtigen Stunde ver⸗ geſſen werde.“ Hauthal zog ein fürchterliches Geſicht, um ſeine tiefe Rührung, ſo wie eine hervorquellende Thräne zu verbergen. Dankſtammelnd und in Verwirrung zog er ſich nebſt ſeinen beiden Kameraden zurück. Draußen aber begann er gegen Pommrich zu murren, daß derſelbe nicht, wie er verſprochen, die Geldbeutelſtücke in den Fluß geworfen, ſondern zum Ver⸗ rathen ſeines lange und tief bewahrten Herzensgeheimniſſes verwendet hatte. „Es iſt und bleibt nicht recht“— brummte Hauthal, —„weder von dir, noch von der Execellenz, daß du erſt den alten Kohl wieder aufwärmen mußteſt, um der Mutter den Sohn und deren Töchtern den Ernährer zurückzugeben und 152 die Excellenz menſchlich zu ſtimmen. Satanas ſprach vom frommen Hiob zum Herrn: Haut für Haut; und Alles, was ein Mann hat, läßt er für ſein Leben. Alſo kann man auch von der Exeellenz ſagen, die nicht eher nachgab, als bis du ihre Haut angetaſtet hatteſt.“ „Murre nicht“— ſprach Pommrich—„ſondern freue dich mit uns, daß wir den Burſchen losgebeten haben. Der Zweck heiligt das Mittel und mein Mittel war das unſchul⸗ digſte von der Welt. Den beſten Trumpf muß man zuletzt ausſpielen und das habe ich gethan. Ha! was gäbe mancher Vater und manche Mutter darum, wenn ſie durch die Fetzen eines alten Geldbeutels ihre Söhne von den Soldaten los⸗ kaufen könnten!“ Schon am nächſtfolgenden Tage bekam der junge Hennig ſeinen Freiſchein eingehändigt. Er und ſeine Mutter dankten dafür unter Freudenthränen dem invaliden Kleeblatt, wel⸗ ches das ihnen einſt erwieſene Gute ſo thätig vergolten hatte. Thomas aber erhielt eine zweite Vorladung, die ihm bei angedrohter Strafe zu einer beſtimmten Stunde vor dem Stadtgerichte zu erſcheinen gebot. Was ihm und Auguſten hier eröffnet wurde, war ſtaunenswerth, ja wunderbar. Außer andern Vermächtniſſen an milde Stiftungen und öffentliche Anſtalten hatte die verſtorbene Frau Schietzel dem Großvater Auguſtens 200 Thaler vermacht, die Letztere dagegen zur Erbin ihres letzterkauften Hauſes eingeſetzt, jedoch unter der Bedingung, wenn nach erfolgter Teſtaments⸗ eröffnung die dem Kinde von ihr geſchenkte Sparbüchſe nebſt deren Inhalte unverſehrt und ungemindert befunden wer⸗ — 3 . 153 den würde. Durch dieſe ſonderbare Klauſel bezeugte die Verſtorbene abermals, welch einen hohen Werth ſie auf die beharrliche Erhaltung eines feſt beſtimmten Sparpfennigs gelegt hatte. Welch' ein Glück für Auguſte, daß ſie dem weiſen Rathe ihres Großvaters Folge geleiſtet und den Ankauf eines Ka⸗ narienvogels noch hinausgeſchoben hatte! Das Teſtament beſagte ferner, daß, wenn die Sparbüchſe nicht in richtigem Zuſtande befunden würde, jenes Haus der ſtädtiſchen Sparkaſſenanſtalt zufallen ſollte, und deren Vor⸗ ſteher waren es geweſen, welche die mürriſchen Geſichter ge⸗ zogen hatten, als ſie bei der angeſtellten Unterſuchung die Sparbüchſe als unverſehrt hatten anerkennen müſſen. Von dem Miethzinsertrage des Hauſes ſollte Auguſtens Erzie⸗ hung beſtritten, der Ueberſchuß davon aber für jene zinsbar angelegt werden. Der Notar, welcher das Teſtament auf⸗ geſetzt hatte, und zugleich zu deſſen Vollſtrecker ernannt wor⸗ den war, beſtimmte die Höhe von Auguſtens Erziehungs⸗ koſten in der Weiſe, daß das Mädchen nicht nur leiblich gut verpflegt, ſondern auch geiſtig gebildet werden und deren Großvater zugleich ein ſorgenfreies, angenehmes Leben auf ſeine alten Tage führen konnte. Der Notar, welcher für ſeine Bemühung 800 Thaler erbte, gönnte die reiche Erbſchaft lieber einem armen tugendhaften Kinde als jener ſtädtiſchen Sparanſtalt, die ohnehin ſchon reich genug war. Daher ſein Lächeln bei den grämlichen Mienen der Sparkaſſenvor⸗ ſteher und ſein freundliches Augenzwinken gegen Auguſten, als deren Sparbüchſe unverſehrt befunden worden war. Die drei Invaliden zogen zuſammen in Auguſtens er⸗ 154 erbtes Haus und zwar nicht in die feuchte, kalte und finſtere Wohnung, welche einſt Pommrich inne gehabt hatte, ſondern in eine freundliche, ſonnenhelle, jedoch beſcheidene im dritten Stockwerk. Thomas baute zu ſeiner Erholung und Zer⸗ ſtreuung ferner ſeine Vogelbauer und Fallen, dabei ſeine Priſe Contenance ſchnupfend. Pommrich hatte ſeinen Poſten in der Bettfederreinigungsanſtalt, des vielen, ihm auf die Lunge fallenden Staubes wegen, aufgegeben, flickte wieder Schuhe und Stiefeln, fertigte Feuerwerksſachen, unter Fer⸗ dinands Beihilfe, ließ ſich dabei von einem goldgelben Ka⸗ narienmatz etwas vorſingen und hatte ſich weder über Nahr⸗ rungsſorgen, noch anderer Noth zu beklagen. Hauthal wartete noch ferner und zwar nur aus aller Anhänglichkeit, nicht aus Noth, des Aſſeſſors Rappen ab; er rauchte ſeine Pfeife und trank jetzt wieder Nordhäuſer ohne Siegellack, jedoch aus einem kleineren Glaſe, wie vormals, ohne die Zahl ſeiner täglichen Schnäpſe deshalb zu vermehren. Seine Naſe be⸗ gann ſich nämlich zu röthen und er konnte ein ſolches aus⸗ gehängtes Branntweinzeichen zwar an einem Hauſe, doch nicht in ſeinem Antlitze leiden. Daß gegenwärtig den drei Invaliden das Gehen wie das Handiren weit leichter als ſonſt wurde, davon waren die überaus künſtlich gefertigten, hölzernen Glieder— aus zwei Beinen und einem Arme beſtehend— die Urſache, welche an der Stelle der unbehülflichen Stelzfüße Thomaſens und Pommrichs und das durch einen leeren Aermel ſchlecht verdeckt geweſenen Armſtumpfes Hauthals getreten waren. Dank der Schietzelſchen Erbſchaft, der Großmuth des braven Oberſtleutnants von Richthauſen und der erfüllten 155 Zuſage des Kriegsminiſters, welche insgeſammt die nicht unbeträchtlichen Koſten für jene künſtlichen Erſatzmittel menſchlicher Körpertheile getragen hatten und außerdem noch großmüthig das Loos der drei alten Kriegskameraden ver⸗ ſüßten. Auf dem Grabhügel der Mutter Auguſtens prangt jetzt ein ſchönes Holzkreuz mit goldiger Schrift und um daſſelbe her eine Fülle immer blühender Blumen, für welche des dankbaren Kindes liebende Hand ohne Aufhören ſorgt. Des ehrſamen Berufs einer Wäſcherin ſich nicht ſchämend, beſorgt die reiche Erbin noch immer die Wäſche für ſich, für die drei Invaliden und für Ferdinand, welcher Auguſten beim Wäſchemangeln die Mangel rüſtig dreht und ſonſt ihr beiräthig zu Händen geht. Gutesthun trägt Zinſen! lehrt auch dieſe vorliegende Erzählung, ruft der Erzähler ſeinen jungen Zuhörern zu. Guſtav Nieritz. 6 Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ſiſſſſſſſ 6 8 9 10 11 12 14 15 16 17