Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. Qensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. M 5 2 Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. 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Die Markedenterin. „Hier wollen wir ſtehen bleiben,“— ſprach eine ältliche Frau zu zwei Kindern von ſechs und fünf Jahren,—„dann müſſen ſie bei uns vorbei kommen.“ Es war zu Anfang Septembers 1806 und in der Stadt Magdeburg, wo die Alte zu dem Geſchwiſterpaar alſo ſprach. Das ältere Kind, ein Knabe, trug auf ſeinem blonden Locken⸗ kopfe einen preußiſchen Soldatenhut, von Papier gefertigt, und deſſen zwei ſpitzige Enden nach vorn und hinten gerichtet. Ein kleiner Stutz von bunten Hühnerfedern zierte das kindiſche Spielwerk und ein weichhölzerner Stock vollendete die Aus⸗ rüſtung des jungen Kriegers, welcher mit ſeiner unſchuldigen Flinte bereits regelrecht zu ſchultern verſtand. Im Wider⸗ ſpruch mit Soldatenhut und Flinte ſtanden aber die hellen Thränen in den blauen Augen des Knaben wie des Mädchens, die nach einer und derſelben Gegend der Straße gerichtet waren. „Daß ihr ja nicht wieder zu weinen anfangt!“ warnte die Großmutter der Kinder,„ſonſt gehe ich gleich mit euch nach Hauſe, und ihr bekommt eure Aeltern nicht wieder zu ſehen. Wenn man ein, Vieh beim Schlachten bedauert, ſo martert es ſich deſto länger. Gerade ſo iſt's bei den Menſchen.“ 8 1* Auf dieſe Rede wiſchte ſich der Knabe mit ſeinem Jacken⸗ ärmel und das Mädchen mit ſeinem Schürzenzipfel das Waſſer aus den Augen. Unverwandt blickten ſie dorthin, woher Trommelwirbel mit kriegeriſcher Mufik abwechſelte. Mit klingendem Spiele und wehender Fahne zogen, in breiten, ſchnurgeraden Rotten, die preußiſchen Krieger daher und empfingen von den Umſtehenden der Abſchiedsgrüße viele.„Da kommt euer Vater!“ rief die Großmutter haſtig.—„Seht ihr ihn? dort! dort!“— Die Alte deutete mit dem Finger auf die Rotte, an deren zunächſtem Ende ein langer, ſchöner Unterofficier den Flügelmann vorſtellte. „Aber,“— fuhr die Alte befehlend fort,—„rührt euch nicht von meiner Seite! Der Vater iſt jetzt im Dienſt und dieſer leidet kein Flennen.“ Der Knabe richtete ſich jetzt kerzengerade auf, ſchulterte im linken Arme ſeine Flinte und griff mit der rechten Hand grüßend an ſeine papierne Hutſpitze. Seine Schweſter da⸗ gegen wickelte, wie um ihre Hände mit Gewalt im Zaume zu erhalten, dieſelben feſt in ihre Schürze und warf einen furchtſamen Blick auf ihren Bruder, deſſen Augen freudig glänzten, während ſein Mund zum Weinen ſich verzog. In dem Augenblick, wo der lange Flügelmann vorüberſchritt und faſt unmerklich den Seinen zunickte, rief die Alte: „Kommen Sie glücklich und geſund wieder, Herr Sohn!“ „Komm glücklich und geſund wieder!“ wiederholte das Kinderecho und blickte dem Scheidenden noch lange nach. Nachdem das Regiment vorüber war, folgte demſelben ein langer Troß von Fuhrwerk verſchiedener Art nach. Unter demſelben befand ſich ein Wägelein mit einer Leinwandplane 5 überwölbt, das in ſeinem Innern ein größeres Faß und mehrere kleinere, nebſt etlichen Kiſten, Ballen und Bündeln barg. Ein kleiner, wiewohl gut genährter Schimmel bildete die Vorſpann und eine junge, rüſtige und hübſche Frau die Lenkerin des Fuhrwerks. Dieſe trug den runden, ſchwarzen, mit einem kurzen, ſchwarzen Federſtutz gezierten Hut ein wenig ſchief auf das Haupt gedrückt, über ihrer Frauen⸗ kleidung eine blaue, roth aufgeſchlagene Tuchjacke mit blanken Silberknöpfchen und über der Achſel ein Tragband, an welchem ein kleines, weißhölzernes Tönnchen hing. Zu ihr, der Marketenderin, trat die alte Frau.„Brrr!“ ſprach jene zu ihrem Rößlein, das ſogleich ſtill ſtand. Die Alte hob erſt das Mädchen, dann den Knaben zur Mutter empor, die jedem Kinde einen ſchallenden Kuß auf den Mund drückte und dabei ſagte:„Grämt euch nicht, Kinder! Sobald wir die Franzoſen verjagt haben, bin ich wieder bei euch und bringe einen großen Sack voll goldener Napoleons mit. Euer Vater wird Officier— wir backen Kuchen— trinken Wein— juchhe! das ſoll eine Luſt werden! Indeß folgt eurer Großmutter hübſch, daß ſie keine Klage über euch zu führen braucht, wenn ich und der Vater wiederkommen. Ade! ade! Schimmel hott! hott!“ Der Schimmel zog an und die beiden Kinder, welche gern den Wagen ihrer Mutter begleitet hätten, aber davon durch ihre Großmutter zurückgehalten wurden, konnten jener nur noch wiederholt nachrufen. „Goldne Naplons?“ fragte Wilhelm, nachdem er, wie ſeine Schweſter, reichliche Thränen vergoſſen hatte— ith 16 das kleine Soldaten zum Spielen?“ „Bewahre!“ erwiederke die Großmutter,—„goldiges Geld iſt's, für welches man grauſam viel kaufen kann.“ Von da an ſpielten die Geſchwiſter viel mit goldnen Naplons, die freilich jetzt noch durch kleine Kieſelſteine ver⸗ treten wurden. Indeß ſammelten ſich aller Orten und Enden die preußi⸗ ſchen Adler, ur franzöſiſchen die langgewachſenen Federn auszurupfen und a getrumpft ſie nach Hauſe zurückzuſchicken. Wie die zahlloſen, blauen Schaaren ſo ſiegsgewiß und unter frohen Hörnerklängen über Berg und Thal dahin zogen! Wie ſie die Franzoſen in ihren Gedanken ſchon vor ſich hin trieben, gleichwie ihre Vorfahren bei Roßbach gethan hatten! Aber ſchon das älteſte Buch, die Bibel, ſagt warnend: „Wer den Harniſch anlegt, rühme ſich nicht, als der den Harniſch ablegt.“ Gleich wie drei Octobertage des Jahres 1813, an welchen die Völkerſchlacht bei Leipzig geſchlagen wurde, Napoleons lange geſchienenen Glücksſtern erbleichen machten: ſo der 14. Oetober 1806 mit ſeiner Schlacht bei Jena, welcher die bisher ſo gefürchtete preußiſche Monarchie in den Staub herniederzog. Die Preußen, und mit ihnen die Sachſen, fochten wohl eben ſo tapfer, wie einſt im ſiebenjährigen Kriege; aber es fehlten ihnen der alte Fritz und deſſen Generäle. Abermals ein Beweis, daß die rohe Kraft ohne geiſtige Leitung wenig ausrichtet. Ach, welch' ein himmelweiter Unterſchied war zwiſchen dem in die Schlacht ziehenden und dem aus der verlornen Schlacht flüchtenden Preußenheere! Infanterie, Artillerie, Reiterei, Troßleute— Alles — bunt durcheinander auf der eiligſten Flucht! In upe ſah man unter Anderem zwei Soldaten, welche eine Flinte in einen mißlichen Sitz umgewandelt hatten, auf welchem ſie einen ſchwer verwundeten Kameraden trugen. Das Haupt dieſes Aermſten war tief auf die Bruſt herniedergeſenckt, ſein Antlitz todtenbleich und lang, die Wange eingefallen, ſo auch das Auge. Mit jedem Arme hielt er den Hals eines ſeiner Träger umſchlungen, vilin der Laſt des eiſenſchweren Körpers nicht wenig keuchten. Mit ſtöhnender, ſterbender Stimme hob jetzt der Ver⸗ wundete zu ſprechen an:„Laßt mich, Kameraden! Habt Dank für Eure Liebe! Ich ſterbe! Setzt mich ab und rettet Euch! Grüßt meine Frqut und Kinder.“ Die erſtarrenden Arme des Sterbenden löſten ſich von ihrem Halt an den Hälſen der beiden Krieger und jener ſank in ſich zuſammen und von ſeinem elenden Sitz herab, daher ſeine Träger ihn ſanft auf den blutgtdüngten Erdboden niederlaſſen mußten. Indem ſich der eine barmherzige Samariter nach Hülfe und nach einem Fuhrwerk für den ſterbenden Kameraden umſah, rief er laut aus:„Frau Mettler! Frau Mettler! hierher! hierher!“ Bei dieſem Namen öffnete der Verwundete ſein ſchon geſchloſſenes, brechendes Auge und ſeine bleichen Lippen flüſterten:„Meine Frau? Wo— wo iſt ſie?“ Frau Mettler, unſere ſchmucke, rüſtige Marketenderin jammerte in einiger Entfernung um den Verluſt ihres lieben Schimmels und ihres Fuhrwerks. Jenem hatte eine feind⸗ liche Kanonenkugel einen Schenkel hinweggeriſſen und dieſem Hinterachſe zerſchmettert. Ueber dem vernommenen Rufe und dem ſich gleich darauf ihr darbietenden Anblick vergaß ſie Roß und Wagen. „Jeſus! Jeſus! mein Mann!“ rief ſie zeternd aus und nahte ſich in haſtigen Sprüngen dem Sterbenden, den ſeine Kameraden jetzt in die Hände ſeines Weibes legten und dann durch ſchnelle Flucht ihre eigenen Leiber in Sicherheit zu bringen ſuchten. Die Marketenderin war nun taub und blind geworden für ihre Umgebung, für jegliche Gefahr, für alles Andere in der Welt. Sie ſetzte ſich auf den blutigen Erd⸗ boden nieder, um das theure, geliebte Haupt ihres ſterbenden Gatten ſanft in ihren Schooß zu betten. Sie ſtreichelte deſſen erkaltete Wangen, umſchloß mit ihren warmen Händen die erſtarrten ihres Mannes, hauchte Küſſe auf deſſen mit kaltem Todtenſchweiße bedeckte Stirne und rief ihn mit den zärtlichſten Tönen. Da kehrte die bereits im Emporſchwingen begriffene Seele noch einmal in ihre irdiſche Hülle zurück. Des Sterben⸗ den Auge erſchloß ſich mühſam und heftete ſich für einen kurzen Augenblick voll unendlicher Liebe auf die lautjammernde Gattin. Aber ſeine zuckenden Lippen vermochten nicht mehr deren Namen oder ein Wort des Abſchieds hervorzuſtammeln. Imdem die Frau mit ihren warmen Lippen den erkalteten ihres Mannes den letzten, innigen Kuß aufdrücken wollte, vereinte eine herniederſauſende Kanonenkugel das nur für einen Athemzug getrennt geweſene Ehepaar wieder. Die Schlacht nahm ihren weiteren Verlauf in gewöhn⸗ licher Weiſe. Die Franzoſen verfolgten ihren errungenen Sieg und die fliehenden Preußen. Ihre Reiterei ſprengte über das weite Schlachtfeld einher und zermalmte die Körper der Todten, der Sterbenden und der Schwerverwundeten. Noch ſchlimmer verfuhr die Artillerie, deren ſchwere Ge⸗ ſchütze mit ihren eiſenbeſchlagenen Rädern noch weit ver⸗ nichtender auftreten, als der flüchtige Pferdehuf. Nachdem die ſtreitenden Theile das Schlachtfeld geräumt hatten, fanden ſich die beuteluſtigen Nachzügler ein, welche, wie die Saat⸗ krähen dem pflügenden Landmann, der Schlacht auf dem Fuße nachfolgen und für die noch nicht völlig todten Schlacht⸗ opfer die fürchterlichſte Plage ſind. Dieſer Abſchaum von Menſchen macht es genau wie die Strandbewohner an der Meeresküſte, die dem armen Schiffbrüchigen den letzten Noth⸗ pfennig, das letzte Hemd vom froſtzitternden Leibe, ja wohl gar ſelbſt das letzte Lebensfünklein entreißen, damit kein Mund von ihrer ſchändlichen Raubſucht zeugen oder klagen ß könne. Nachdem dieſe diebiſchen Raben nichts als die nackten Körper der gebliebenen Krieger auf dem Schlachtfelde zurück⸗ gelaſſen hatten, erſchienen diejenigen, welche zu dem letzten Werke— zu dem Einſcharren der Todten— gedingt oder gezwungen worden waren. Mit harten, ſchonungsloſen Händen und Herzen verrichteten ſie ihre Arbeit. Ob ein Krieger noch 8 athmete oder zuckte, kümmerte nicht. Er wurde mit ſeinen Kameraden in die tiefe, weite Grube geworfen, deren Erddecke ihm die Möglichkeit ferneren Athmens und Zuckens benahm. Sollte man es glauben, daß es Chriſten gebe, welche den Krieg für nöthig erachten, ja denſelben herbeiwünſchen, auf deſſen nahen Ausbruch ſich ſogar freuen, weil er ihnen die Ausſicht auf ein ſchnelleres Emporſteigen eröffnet? Zweites Kapitel. Vergebliches Erwarten. „Die Mutter und der Vater bleiben recht lange weg!“ klagte der kleine Wilhelm Mettler gegen ſeine Großmutter. „Denkſt du, kleiner Unverſtand daß ein Krieg ſchon nach wenig Wochen zu Ende ſei?“ verſetzte die Großmutter. „Hat es doch einen Krieg gegeben, der dreißig lange Jahre hindurch gedauert hat! Dreißig Jahre, ſo daß ein beim Aus⸗ bruche des Kriegs geborenes Kind zum gereiften Manne geworden war, als der Friedensabſchluß erfolgte. Und in dem Kriege, den der alte Fritz gegen ſeine vielen Feinde glorreich führte, mußten unſere Soldaten ſieben Jahre warten, ehe ſie wieder zu Frau und Kindern heimkehren durften.“ „Sieben Jahre!“ ſprach Wilhelm nachrechnend—„Ei., dann wäre ich ſo groß wie Becker's Fritz und der Vater und die Mutter kennten mich nicht einmal mehr.“ „Sieben Jahre!“ rief die kleine Dorte lebhaft aus,— „Ach, da könnte ich bis auf die Waſchleine hinauf langen und Wäſche aufhängen helfen. O wenn ich doch ſchon ſo groß wäre!“ „Inzwiſchen kann ſich noch Vieles zutragen,“— meinte die alte Frau bedenklich,—„das mir nicht 3. lich gefallen dürfte.“ Sie hatte wohl Urſache, die zie Frau, alſo zu ſotehiu⸗ Denn die Nachrichten, welche von der preußiſchen Armee in Magdeburg eintrafen, lauteten ſehr ſchlimm. Nicht lange nach der bei Jena verlornen Schlacht verließ die preußiſche Beſatzung Magdeburgs die Stadt, um draußen vor den Thoren ihre Waffen zu ſtrecken, ſich zu Kriegsgefangenen zu ergeben und Magdeburg ſelbſt, dieſe ſtarke Feſtung, ohne Schwerdtſtreich den überall ſiegenden Franzoſen zu überlaſſen. Als die Franzoſen unter Trommelſchlag und Janitſcharen⸗ muſik in die Stadt einrückten, kam Wilhelm athemlos zu ſeiner Großmutter in's Stübchen geſprungen. Sein Geſichte lachte in allen Zügen, indem er jauchzend ausrief:„Groß⸗ mutter! Großmutter! kommt ſchnell und ſeht! Alleweile kommt der Vater mit ſeinem Regiment wieder und die Mutter ſicher auch. Hört Ihr die Muſik? Gerade ſo wie damals, als der Vater mit unſrer Mutter in den Krieg zog. Hei! hei! nun iſt der Vater Officier geworden und die Mutter bringt uns den Sack mit goldnen Naplons mit, wie ſie verſprothen hat. So kommt doch nur ſchnell und ſeht! Dorte lauert undeſpannt draußen, ob ſie die Mutter kommen ſieht.“ Die Großmutter ſchüttelte das Haupt und rührte ſich nicht von ihrem Sitze.„Das ſind nicht unſere Leute,“— antwortete ſie trübe—„ſondern Feinde— Franzoſen!“ „O nicht doch, Großmutter!“ verſetzte Wilhelm.„Sie gehen blau und roth aufgeſchlagen wie mein Vater.“ „Es iſt nicht das rechte Blau und Roth,“— meinte die Großmutter.„Ach, Kind, es iſt eine recht böſe Zeit über uns und ganz Preußen gekommen. Bete zum lieben Gott, daß er deinen Vater in ſeinen heiligen und mächtigen Schutz nehme. Mein einziger Troſt iſt der, daß deine Mutter noch nicht wieder zurück iſt. Denn, wäre deinem Vater ein 12 Unglück begegnet und er ja in der Schlacht gefallen, ſo bliebe meine Tochter nicht ſo lange aus.“ Hier kam Dortchen in die Stube geſprungen.„O Groß⸗ mutter!“ hob das Kind an—„das ſind neckiſche Soldaten, die alleweile anmarſchirt kommen. Ich fragte einen von ihnen, ob meine Mutter dabei wäre? Da quatſchte er etwas her, davon ich kein Wörtlein verſtand.“ „Siehſt du, Wilhelm, daß ich Recht hatte?“ ſprach die alte Frau,—„Franzoſen ſind's, daß ſich Gott erbarme! Sie werden ſich bei uns einniſten, wie die Finnen im Schweinefleiſche, und das Oberſte zu Unterſt kehren. Bald wird man nichts als Franzöſiſch ſchnattern hören und die leichtfertige Sitte bei uns ſich einbürgern. Den älteſten, größten und vornehmſten Mann rufen die Franzoſen ſchlecht⸗ weg„Mosje“ und nur wenn ſie recht abſonderlich höflich ſein wollen, ſprechen ſie„wui Bucker!“ Gebt euch ja nicht mit dem abſcheulichen Franzoſenvolke ab, ſondern geht ihm mög⸗ lichſt weit aus dem Wege. Denn die Franzoſen ſind Urſache, daß euer Vater und eure Mutter nicht mehr bei uns find, und wenn, was unſer Herrgott gnädiglich verhüten wolle, euerm Vater ein Leids geſchehen iſt, ſo haben's ihm die Franzoſen zugefügt.“ Die Großmutter hatte in mancher Beziehung wahr ge⸗ ſprochen. Wie der Igel in der Fabel, der den Hamſter um ein kleines Plätzchen in deſſen Höhle anfleht und darauf ſeinen gefälligen Wirth verdrängt, ſo machten es die Franzoſen in Deutſchland, wo ſie einen wahren Pfahl in unſerm Fleiſche vorſtellten. Gleichwie man ſich aber endlich ſelbſt an die ſchlechteſte, erſt verhaßt geweſene Geſellſchaft gewöhnt, ſo ——— 13 auch die Magdeburger, namentlich das jüngere Geſchlecht, an die feindlichen Franzoſen, an dieſe ſtets aufgeräumten, luſtigen, pfeifenden, trallernden, ſingenden und ſpaßigen Geſellen. Nicht ſelten ſah man, wenn eine Abtheilung Franzoſen von dem Exereiren in ihre Wohnungen zurück⸗ kehrte, in deren Gefolge eine Schaar kleiner Knaben und Mädchen, die ſich freiwillig mit Tzacko's, Patrontaſchen, ſchweren Torniſtern und Flinten der Feinde beladen hatten, und darauf ſtolz waren. Selbſt Wilhelm und ſeine Schweſter vermochten nicht auf die Dauer dem freundlichen Weſen eines jungen Franzoſen⸗ leutnants zu widerſtehen, der in demſelben Hauſe einquartirt war und eine große Zuneigung gegen das muntere und hübſche Geſchwiſterpaar gewonnen hatte. Monſieur Bedeau, der Leutnant, und Sinclair, ſein Diener, beſchäftigten ſich täglich und viel mit den beiden Kindern. Sie lernten von denſelben das deutſche und die Kinder wiederum das Franzöſiſche, wobei mancher Spaß vorkam. „Was euer Vater ſagen würde,“— ſprach die Groß⸗ mutter kopfſchüttelnd,—„ſähe er ſeine Kinder ſo vertraut mit den Feinden verkehren! Euer Glück, daß er nicht da iſt. Er würde euch das Franzöſiſchſchnattern ſchon einſtreichen. Ach, während ihr hier mit den Franzoſen freundliche Worte wechſelt, wechſelt euer armer Vater vielleicht weit oben im fernen Preußenlande tödtliche Kugeln mit ihnen. Und meine Tochter muß, gleich ihm, Wind und Wetter, Gefahren und Beſchwerden aller Art ausſtehen. Wenn ich nicht ſo genau wüßte, daß die Franzoſen gegen das Weibsvolk galant find und ihm nichts Uebles zufügen, ſo würde ich in meiner Angſt um Kind und Schwiegerſohn vergehen. So aber bleibe ich dabei: wenn euerm Vater etwas zugeſtoßen wäre, ſo bliebe meine Guſte nicht ſo lange weg, und ſollte ſie ſich mit ihrer flinken Zunge durch eine ganze Armee ſchlagen müſſen. Nun, ſie kann in Gottes Namen jeden Tag kommen. Ich bin mit Allem zu Stande. Ihre und ihres Mannes Wäſche liegt rein und gemangelt in der Kommode, dazu ihr Sonntags⸗ kleid geplattet und ihre gute Haube aufgeſteckt und die Gar⸗ nirung in Fältchen gepreßt. Euch Kinder habe ich auch durchgeflickt und unſer Stübchen in aller Ordnung erhalten. Ach, wenn ich jetzt meine Guſte durch die Thüre hereintreten ſähe! Wenn ſie mit ihren friſchrothen Lippen freundlich ſpräche:„Da bin ich wieder!“ Noch immer ſteht ſie vor mir in ihrem ſchief geſetzten, runden Filzhute mit dem Federſtutze und dem breiten Schnallenbande, in ihrer blauen Jacke mit dem rothen Kragen und den blitzenden Stahlknöpfen, mit ihrem umgehängten Schnappstönnchen.“ „Barrleh wuh franeſä?“ unterbrach Wilhelm die groß⸗ mütterliche Herzensergießung, indem er ſich dabei nicht wenig über ſein erlerntes Franzöſiſch brüſtete. „Bleibe mir mit deinem Gequatſch vom Halſe!“ verſetzte die Großmutter ärgerlich. Zur Schweſter wendete ſich nun Wilhelm mit der Frage: „Komm brenne wuh moa?“ „Wui, Bucker!“ erwiederte Dortchen geſpreizt,— „Sche wuh rehmerrſieh!“ Später ſchwatzten die Geſchwiſter mehr und mehr fran⸗ —, zöſiſch miteinander und zwar zum großen Aerger der Groß⸗ mutter, die kein Wort davon verſtand. „Die Rangen“— ſprach ſie zu ſich ſelbſt,—„können ſich ja über mich luſtig machen, ohne daß ich's weiß oder ahne.“ Aber das Luſtigmachen verging allgemach den Kindern, wie ihrer Großmutter. Monat auf Monat verſtrich, ohne daß die Aeltern der Kinder wiederkehrten. Es kam der Winter und ging wieder unter immer härteren Entbehrungen. Was die Großmutter an Sparpfennigen beſaß und von dem in den Krieg gezogenen Ehepaar zurückgelaſſen worden war, ward trotz aller Einſchränkung aufgezehrt und der Mangel immer einheimiſcher in der kleinen Familie. Frau Ihlig, die Großmutter, arbeitete nach Möglichkeit. Sie wuſch, ſcheuerte, mangelte, plättete und unterzog ſich jeder anderen, lohnenden Arbeit. Allein dennoch reichte ihr Erwerb nicht aus, um drei Perſonen davon zu erhalten. Zwar waren zwei davon nur kleine Perſonen, beſaßen aber deſto größere Eßluſt und ſchoſſen, wie junge Salatpflanzen in der Nacht, faſt ſichtlich auf, ſo daß die Aermel von Wilhelms Jacke nur wenig über die Ellebogen und ſeine Hoſen nicht viel über die Kniee herabreichten, Dortchens Röcke dagegen immermehr die Kürze von denen der jetzigen Theater⸗ und Ballet⸗ tänzerinnen bekamen. Die Schwalben kamen aus der Fremde zurück und ſuchten ihre alten Neſter wieder auf. Nicht ſo die Aeltern Wilhelms und Dorotheens. Sie waren und blieben verſchollen, ſo viel ſich Frau Ihlig auch mühete, um einige Nachricht über jene zu erlangen. Freilich waren weit über 100,000 preußiſche 16 Krieger als Gefangene in die Hände der Franzoſen gerathen und konnten ſonach der Unterofficier Mettler und deſſen Frau unter jenen mit inbegriffen ſein. Eine andere Möglichkeit war ferner die, daß das Ehepaar ſich zur Zeit bei denjenigen Preußen befand, welche in Danzig, in Colberg oder an der preußiſch-ruſſiſchen Gränze noch länger gegen den Feind ankämpften. Das Dritte und Wahrſcheinlichſte, daß Mann und Frau in der Schlacht geblieben ſein könnten, fürchtete Frau Ihlig nicht, denn ein Traum, an deſſen Erfüllung ſie feſt glaubte, hatte ſie auf ein glückliches Wiederſehen ver⸗ tröſtet. Träume ſind Schäume— ſagt ein wahres Sprüch⸗ wort— doch in einem Falle, wie der vorliegende, haben ſie wenigſtens das Gute, leicht⸗und traumgläubigen Menſchen ebenſo die Hoffnung aufrecht zu erhalten als andermals die⸗ ſelbe zu vernichten. Es hatte der Großmutter geträumt, wie Wilhelm ſie abermals franzöſiſch angeredet und ſie ihm ſolches ärgerlich verwieſen hatte. Darauf war ihre Tochter und Wilhelms Mutter erſchienen und hatte freundlich zu ihr geſprochen: „Schelte Wilhelm nicht aus, Mutter! Er muß mich und meinen Heinrich aus der Gefangenſchaft und aus Frankreich befreien und deshalb franzöſiſch ſprechen lernen.“ Dieſe Worte galten bei der Großmutter wie ein Evange⸗ lium und ihnen verdankten es die beiden Kinder, daß ſie unbehindert mit ihren franzöſiſchen Hausgenoſſen umgehen und deren Sprache ſich aneignen durften. Eines Tags ging Frau Ihlig über das kleine Papp⸗ käſtchen, in welchem ſie ihr Geld aufbewahrte. Bei dem Anblick von deſſen Leere erfaßte ſie eine ſo tiefe Wehmuth, 17 daß ſie unwillkürlich in ein lautes Weinen ausbrachs Das war eine Erſcheinung, welche die beiden Enkel noch nie bei einer erwachſenen Perſon, noch viel weniger bei ihrer alten, ernſten Großmutter erlebt hatten. Bisher hatten ſie nur ſich ſelbſt und andere Kinder weinen gehört. Heftig erſchrocken eilten Wilhelm und Dorothee auf die alte, ſchluchzende Frau los und fragten mit angſtvoller Haſt:„Was fehlt Euch denn, Großmütterchen?“ Dieſe warf einen Blick unter Thränen auf ihre Enkel in der entwachſenen, abgetragenen Kleidung und das Herz blutete ihr noch ſtärker in der ſchmerzenden Bruſt. „Könnt ihr“— fragte die alte Frau ſchluchzend,— „noch euer Vaterunſer beten?“ „O ja!“ ſprachen beide beſtimmt.„Sollen wir's Euch vorſagen, Großmutter? Wir beten es ja jeden Morgen und Abend her, wenn wir zu Bette gehen und wenn wir auf⸗ ſtehen.“ „Ganz recht!“ nickte die Großmutter—„aber thut von nun an, wie ich euch jetzt ſage. Wenn ihr das Vater⸗ unſer betet, ſo vergeßt nicht, dreimal hintereinander zu bitten: Unſer tägliches Brot gieb uns heute.“ „Warum denn?“ fragte Wilhelm neugierig.„Wir haben ja unſer Brot alle Tage!“ „Betet, betet, wie ich euch geheißen habe“— ſprach die Großmutter ſeufzend und blickte wieder in ihr Geldkäſtel, das nur noch wenige Münzen enthaltende. Eben ſo troſtlos mochte einſt die arme Wittwe zu Zarpath in ihren ausge⸗ räumten Mehlkaſten und in ihren leeren Oelkrug geſchaut haben! Dortchen aber begriff, warum die Großmutter Der Galeerenſclave. 2 ——— 18 weinte und auf das wiederholte Bitten um's tägliche Brot drang. Sie holte einen kleinen lutheriſchen Katechismus her⸗ bei und ſuchte in demſelben die vierte Bitte oder vielmehr das derſelben beigefügte Bild auf, zeigte ſolches der alten Frau vor nnd ſprach:„Großmutter, ſeht her! von fünf ſo kleinen Broten ſind 5000 Mann ſatt geworden und noch 12 Körbe voll Brocken übrig geblieben. Das hat mir die Mutter erzählt, ehe ſie mit dem Vater in den Krieg zog. Könnten wir nicht auch ſolch ein Brot kaufen? Dann hätten wir gleich Vrot auf ein ganzes Jahr und länger noch.“ „Das würde ſchön altbacken und ſchimmelig werden“— ſagte Wilhelm altklug—„und ſo hart endlich, daß ſich die Großmutter ihre paar Zähne vollends ausbiſſe.“ „Daran habe ich nicht gedacht“— verſetzte Dorothee betroffen und ſah verlegen auf die Brote im Holzſchnitte nieder. Frau Ihlig dachte auch nach— an die arme Wittwe unter den Prophetenkindern, welche auf des Propheten Eliſa Geheiß ſich viele Gefäße von ihren Nachbarinnen aufborgen und bei verſchloſſener Thüre mit Oel aus ihrem erſt leeren und plötzlich unverſiegbaren Kruge füllen mußte; an die arme Wittwe zu Zarpath, bei welcher ein paar Hände Mehls im Kad und eine kleine Oelneige im Kruge ſo lange aus⸗ reichten, bis die Theuerung glücklich überſtanden war; an den Heiland endlich, welcher mit wenig Broten und Fiſchen viele Tauſende ſättigte, ja den zu Grabe getragenen Sohn einer dritten armen Wittwe vom Tode auferweckte und ihn ſeiner weinenden Mutter wiederſchenkte. Nun, was das Letztere anbetraf, todt war ihre Guſte wohl nicht, aber des⸗ 19 halb hätte ſie dieſelbe mit nicht geringerer Freude aus des Heilands Händen wieder empfangen. Doch weder der Hei⸗ land, noch ein wunderthätiger Prophet wandelte jetzt auf Erden, ſondern deſto mehr Franzoſenvolk, welches an dem Mark der geknechteten Deutſchen zehrte. Hülfeheiſchend blickte die alte Frau auf gen Himmel. Da ſah ſie unter dem Dachrande des gegenüber ſtehenden Hinterhauſes vier junge Schwalben die kleinen Köpfe ans dem Reſte hervor⸗ ſtecken und die Schnäbel weit aufſperren. Und die Schwal⸗ benmutter vertheilte die herzugetragenen Broſamlein der Reihe nach in die begehrlichen Hälſe ihrer Jungen, wobei ſie unermüdlich ab⸗ und zuflog. Und nachdem ſie den Hunger der Ihrigen geſtillt hatte, ſetzte ſie ſich auf den unterſten Ziegel des Dachrandes und ſang leiſe und lieblich den Jungen ein Liedlein vor. Darauf beſtand die Großmutter einen harten Kampf mit ſich ſelbſt, aus welchem ſie zuletzt als Siegerin hervor⸗ ging, wiewohl derſelbe keine Freude bereitete. Sie wuſch und kleidete ihre beiden Enkel, ſo wie ſich ſelbſt, auf das Reinlichſte und Beſte, dann ſprach ſie zu den beiden Kindern mit gepreßter Stimme:„Seid hübſch artig und antwortet höflich, wenn man euch fragt. Außerdem ſeid ihr ſtill. Wir wollen zu dem Herrn Oberbürgermeiſter gehen.“ Die Kinder wußten nicht, was und wer ein Oberbürger⸗ meiſter ſei, daß es ſich aber um etwas ganz Außerordent⸗ liches handle, erkannten ſie aus den Zubereitungen für dieſen Gang. Frau Ihlig ging tiefer noch gebeußt u an der Seite ihrer Enkel durch die Gaſſen, als wenn ſie einz 5 Trag⸗ korb voll naſſer Wäſche auf den Trockenplatz trüge. Auch wagte ſie nicht aufzuſchauen oder einen Menſchen anzuſehen, weil ihr war, als müſſe Jedermann es ihr abmerken, daß ſie zum erſtenmale in ihrem Leben einen Bittgang vorhabe. Es giebt der gemeinen und auch der vornehmen Bettler viele, welche keine Scham bei dergleichen Gängen empfinden, aber gewiß werden die meiſten meiner Leſer das große Opfer ermeſſen, welches die ehrenwerthe alte Frau ihren Enkeln darbrachte. Frau Ihlig war inſofern zur glücklichen Stunde gegan⸗ gen, als ſie den Herrn Oberbürgermeiſter daheim und auf⸗ gelegt fand, eine arme alte Frau nebſt zwei kleinen Kindern vorzulaſſen. Nach einem tiefen Knixe der Großmutter, den beide Kinder genau nachmachten, was ſich beſonders komiſch bei Wilhelm ausnahm, begann jene mit zitternder Stimme, indem ſie anf die Kinder wies: „Dieſe find meine Enkel, meiner Tochter Kinder. Sie iſt, wie ich, ein Magdeburger Kind, und als Marketenderin mit ihrem Manne, welcher als Unterofficier bei dem ſechſten Füſelierregimente ſteht, in's Feld gezogen. Seit der Schlacht bei Jena haben wir nichts mehr von beiden vernommen und ſie ſind, was Gott nicht wolle, entweder geblieben oder in die Gefangenſchaft gerathen. Ich habe gethan, was ich in Blut und Leben konnte, um die armen vater⸗ und mutter⸗ loſen Kinder zu ernähren. Sehen Sie meine Hände an,“— die Frau wies ihre vom Waſchen und Scheuern wundge⸗ riebenen, mit Blaſen und Schwielen bedeckten Hände vor,— „ob ich ſie müſig in den Schoß gelegt habe oder nicht. Wir haben gedarbt, Leſchont, gekargt— doch nun geht's länger 21 nicht. Betrachten Sie die Kinder, ob ſie in ihren ab⸗ geſchabten und entwachſenen Kleiderchen nicht wie die Sprin⸗ ger einhergehen. Heute habe ich“— die Frau ſchluchzte— „in meinem Geldkäſtchen— nur noch— fünf Dreier vor⸗ gefunden. Helfen, helfen Sie, gnädiger Herr Oberbürger⸗ meiſter, und unſer Herrgott wird es Ihnen tauſendfach vergelten.“ Als Wilhelm und Dorte ihre Großmutter zum zweiten⸗ male weinen ſahen, ſchluchzten ſie gleichfalls, ſo ſehr ſie dieß auch zu verhindern ſich bemühten. Obgleich der Oberbürger⸗ meiſter wohl täglich jetzt mit ähnlichen Bitten überlaufen werden mochte, ſo blieb er doch nicht ungerührt bei dieſem ungeheuchelten Schmerzausbruche. Und wenn andere Bitt⸗ ſteller abſichtlich ihr Aeußeres in Schmuz und Lumpen hüllen, um dadurch das Mitleid Andrer eher zu erregen, ſo ſprach gerade die Sauberkeit der alten Frau und ihrer Enkel zu deren Gunſten. Aber der Hülfsbedürftigen und Bittenden gab es ſo viele jetzt in Magdeburg, daß der gute Oberbürgermeiſter nicht ſogleich wußte, welchen Beſcheid er der alten Frau ertheilen ſollte. In ſeiner Verlegenheit verſetzte er, ſich räuſpernd: „Hml hml esiſt ſchon ganz gut, liebe Frau, daß Eure beiden Enkelchen da arme Soldatenwaiſen ſind; aber zwei Stellen auf einmal im Waiſenhauſe zu vergeben, geht bei der ohne⸗ hin ſtattfindenden Ueberfüllung deſſelben ſchwerlich an.“ Dieſe Rede machte wie durch einen Zauberſchlag dem Schluchzen und Weinen der Kinder ein plötzliches Ende. Nur zwei helle Tropfen hingen an. ihren Augenwimpern, als ſie, mit wahrer Todesangſt in allen ihren Zügen, ihre Groß⸗ 22 mutter flehend anblickten. Und dieſe antworteke, ohne ſich zu beſinnen, in eifriger Haſt:„O nein, gnädiger Herr Ober⸗ bürgermeiſter, nicht um die Aufnahme meiner Enkel in's Waiſenhaus wollte ich Sie anflehen, denn ich hoffe noch im⸗ mer, daß ihre Aeltern über kurz oder lang wieder zum Vor⸗ ſchein kommen werden, womit alle unſere Noth verſchwinden würde, ſondern nur um eine gnädige Bei⸗ und Aushülfe wollte ich bitten.“ Ein Freudenblick aus beider Kinder Augen dankte der Großmutter für deren Antwort.„Hm! hm!“ erwiederte der Stadtvater—„woher jetzt Geld oder Geldeswerth nehmen in unſerm armen Magdeburg? Die öffentlichen Kaſſen hat der Feind in Beſchlag genommen, überdieß den Einwohnern eine faſt unerſchwingliche Kriegsſteuer auferlegt, der Krieg hat Alle Mittel erſchöpft und was ja noch übrig iſt, ver⸗ ſchlingt die fremde Einquartirung. Alles, was ich thun kann, iſt, daß ich Ihren beiden Enkeln wöchentlich dreimal zwei Portionen Rumford'ſche Suppe und eben ſo viele Spende⸗ brote bewillige. Beides wird Mittags um 12 Uhr in der Garküche ausgetheilt.“ Die Wohlthat, welche das bürgermeiſterliche Wort den beiden Kindern jetzt ertheilte, war nur für die allerärmſte und herabgekommenſte Bewohnerſchaft der Stadt beſtimmt und darum, obſchon mit Unrecht, von der Volksmeinung mit Schande belegt. Freilich, wer bei der Austheilung jener Brote und Suppenportionen Augenzeuge war und dabei faſt lauter zerlumpte, ſchmutzige und rohe Geſtalten erblickte, die ſich gegenſeitig um den Vorrang zankten, drängten und beſchimpften, der bekam keine vortheilhafte Meinung von den 23 Almoſenempflngern. Dieſes Bild ſchwebte der alten Frau ſofort vor den Augen, jedoch wagte ſie kein Wort des Ein⸗ ſpruchs gegen den Oberbürgermeiſter. Dieſer nahm den abermaligen tiefen Knir der Großmutter für eine ſtumme Dankesbezeigung und entließ die Bittende mit einer gnädigen Handbewegung. Nicht minder niedergedrückt, als ſie gekom⸗ men war, ging Frau Ihlig von dannen. Deſto größer war der Jubel der beiden Kinder. Als dieſe des Oberbürger⸗ meiſters Haus hinter ſich ſahen, umſchlangen beide mit ihren Armen die gramerfüllte Großmutter. „Hei! hei! wir kommen nicht in's garſtige Waiſenhaus!“ jubelten ſie.—„Wir bleiben bei Euch, Großmutter! Und warme Suppe und ſchöne Spendebrotchen bekommen wir! Juchheiſa! Juchhe! Ihr dürft und müßt auch miteſſen, Groß⸗ mutter! und gebt jedem von uns einen Topf zur Suppe! Das wird eine Luſt! Juchhei!“ Die Großmutter dagegen ſeufzte tief auf und ſprach bei ſich ſelbſt:„Wenn das meine Guſte und ihr Mann wüßten! Ach die guten Kinder fühlen ihr Elend gar nicht und ihre Schande!“ Des nächſten Mittags wanderten Wilhelm und Dorothee fröhlich nach der Garküche. Jedes von ihnen trug einen Kannentopf in der einen Hand, während ſie mit der andern ſich wechſelſeitig führten. Die Großmutter blickte ihnen nach und ihre Augen floſſen in heißen Kummerzähren über.„Die armen Kinder!“ ſeufzte ſie wieder.„Ach, wenn meine Guſte ſie gehen ſähe!“ Wilhelm und Dorte blieben lange aus. Als ſie endlich zurückkehrten, war die Suppe in den beiden Töpfen kalt, kein Würfel Brot, noch weniger ein Schnittchen Fleiſch darin, wie es doch in der Rumford'ſche Suppe enthalten ſein ſoll. Nur eine richtige Schlempe war's. „Wir mußten bis ganz zuletzt warten“— entſchuldigten ſich die Kinder—„und bekamen darum die Neige. Die Anderen drängten und ſchippten uns immer wieder hinweg, wenn wir bald vor der Ausgeberin ſtanden.“ Wie mit der Suppe, ſo verhielt ſich's auch mit den Spende⸗ broten, von denen die Kinder die mißrathendſten Huzeln be⸗ kamen. Wilhelm merkte es bald an den Mienen, an einzelnen Worten des Bedauerns und der Entrüſtung von Seiten der Großmutter gar wohl, wie ſtiefmütterlich man ſie in der Garküche betheiligte, und als ein muthiges Soldatenkind wollte er endlich ſein Recht erſtreiten. Da kam er aber übel an. Von kleinen und großen Almoſenempfängern ſah er ſich zurückgeſtoßen, gerauft, geſchlagen und mit Schimpfreden überſchüttet. Und Dortchen ſuchte unter lautem Weinen ihren Bruder vor den Mißhandlungen zu ſchützen und denſelben mit ihrem Leibe zu decken, wobei ſie ihn anflehete, doch ja kein Zorneswörtlein mehr fallen, noch weniger ſich etwas gegen die Großmutter von der ihm widerfahrenen Behandlung merken zu laſſen. 25 Drittes Kapitel. Eine ſchlimme Nachricht. Es erging damals nicht allein den beiden Soldatenwaiſen übel. Im ganzen Preußenlande gab es des Elends ſehr viel. Das allerſchlimmſte Loos traf die preußiſchen Krieger, von denen eine Heeresabtheilung nach der andern durch die fran⸗ zöſiſche Uebermacht geſchlagen, zerſprengt oder gefangen ge⸗ nommen wurde. Zuletzt behauptete der Preußenkönig mit den ihm noch übrig verbliebenen Truppen nur einen kleinen Streifen ſeines vorher ſo großen Reichs und auch dieſen drohten ihm die Franzoſen zu entreißen. Darüber war der Winter gekommen, bei deſſen Eintritt vormals der Krieg ruhte und die Streiter die friedlichen Winterquartiere be⸗ zogen. Aber Napoleon ruhte ſelbſt in der kalten Jahreszeit nicht, und nicht eher, als bis er ſeinen Gegner völlig geſchla⸗ gen oder vernichtet hatte. Zwar kamen die Ruſſen den hart bedrängten Preußen zu Hülfe, allein zu ſpät. Erſt das Jahr 1813 vereinigte ſämmtliche Gegner Napoleon's zu einem gemeinſamen Handeln und nur dadurch ward es ihnen mög⸗ lich, den bisher unbeſiegten Helden zu bewältigen. Obgleich die Ruſſen nebſt den noch übrigen Preußen bei Eylau und Friedland ſich tapfer gegen die Franzoſen ſchlugen, ſo erfolgte doch im Juni 1807 der für Preußen eben ſo ſchimpfliche, als nachtheilige Friede von Tilſit. Derſelbe raubte der preu⸗ 26 ßiſchen Monarchie die Hälfte ihrer Beſitzungen und zwang deren Bewohner zu einer Kriegsſteuer von mehr wie 100 Millionen Thalern. Die Stadt Magdeburg wurde zu dem neugeſchaffenen Königreiche Weſtphalen geſchlagen, das Na⸗ poleon ſeinem Bruder Hieronymus ertheilte, und behielt eine franzöſiſche Beſatzung. Die preußiſchen Kriegsgefangenen — 58 Generale, 5179 Oberofficiere, 123,000 Unteroffi⸗ ciere und Gemeine— durften nach geſchloſſenem Frieden in ihr Vaterland zurückkehren. Der Unterofſicier Mettler mit ſeiner Frau, der Marke⸗ tenderin, waren nicht unter den Heimkehrenden. Dieß machte die Zuverficht der Frau Ihlig auf ihren gehabten Traum wanken und mit immer trüberen Augen blickte ſie auf ihre beiden Enkel hin, die doch wohl zu Waiſen geworden waren. Eines Tages begegnete ſie einem einarmigen Manne, der ſich durch ſeine Kleidung als vormaligen preußiſchen Sol⸗ daten kennzeichnete. Dieſer Anblick erſchütterte die alte Frau auf das Tieſſte, denn ſie dachte ſogleich an die Möglichkeit, daß auch ihr Schwiegerſohn zum elenden Krüppel geworden ſein könnte. Noch höher ſtieg ihre Aufregung, als ſie in dem Einarm einen Soldaten von dem Regimente und der Compagnie erkannte, bei welcher ihr Schwiegerſohn geſtan⸗ den hatte. „Haaſe! Haaſe!“ rief Frau Ihlig aus, indem ſie mit bedauerndem Tone ihre Hände erſchrocken zuſammenſchlagend fortfuhr,„ſo ſehe ich Euch wieder?— O ihr Aermſter!“ „Ja“— erwiderte der Einarm—„als geſunder Kerl marſchirte ich aus und als elender Krüppel komme ich wieder. Und ich habe immer noch von Glück zu reden, wenn ich mich 27 mit andern Kameraden vergleiche, die beide Beine oder Arme, oder gar den Kopf verloren haben. Freilich, als man mir den zerſchmetterten Arm vollends abnahm und ich unter dem Meſſer und der Säge ächzte und ſtöhnte, da hätte ich lieber den Tod vorgezogen, wenn das die Chirurgen zugegeben hätten. Jetzt aber denke ich, daß es doch beſſer ſei, mit nur einem Arme auf der Erde umherzuwandeln, als unter der⸗ ſelben begraben zu liegen. Wie aber ſteht's mit Euch und Eurer Guſte? Habt Ihr den Verluſt Eures Schwiegerſohn's überwunden und Euch in's Unvermeidliche gefügt?“ „Wie meint Ihr das?“ fragte Frau Ihlig betroffen. „Ich erwarte meine Tochter ſammt ihrem Manne jeden Tag aus der Gefangenſchaft zurückkehren.“ „O weh!“ rief der Einarm aus—„aus der Gefangen⸗ ſchaft, in welche mein wackerer Unterofficier Mettler gerieth, kehrt kein Menſch wieder. Darauf macht Euch ja keine Rechnung. In der Schlacht bei Jena bekam Euer Schwie⸗ gerſohn eine Flintenkugel mitten in die Bruſt und obſchon keine Hoffnung auf ſeine Erhaltung vorhanden war, ſo ſchleppten doch ich und der Füſelier Hopfe den tödlich Ge⸗ troffenen aus dem Kampfgetümmel fort. Bald aber bat und befahl Mettler uns, ihn abzuſetzen und uns ſelbſt durch die Flucht in Sicherheit zu bringen, weil er den Tod nahen fühlte. Wir fügten uns endlich ſeinem Willen und in dem Augenblicke, da wir ihn niederlegten, kam Eure Tochter herzu, in deren Händen wir den Sterbenden ließen. Was weiter aus Beiden geworden iſt, weiß ich nicht zu ſagen. So viel ſteht aber feſt, daß Euer Schwiegerſohn ein Kind des Todes geworden iſt.“ 28 Wie ſich der Menſch auch an die kleinſte Hoffnung feſt klammert! Frau Ihlig, anſtatt durch die vernommene Mit⸗ theilung entmuthigt oder niedergebeugt zu werden, tröſtete ſich ſelbſt, indem ſie dem Einarm antwortete:„Bei Gott iſt kein Ding unmöglich und ſo Mancher iſt wieder geneſen, den die berühmteſten Doectors ſchon aufgegeben hatten. Wäre mein Schwiegerſohn an ſeiner Wunde erlegen, ſo würde meine Guſte längſt ſchon wieder heimgekehrt ſein. Freilich erfor⸗ dert eine gefährliche Wunde in der Bruſt eine langwierige Heilung und deshalb kann mein Schwiegerſohn nicht ſo ſchnell wrieder da ſein als die übrigen Gefangenen, beſonders wenn er weit in das Franzoſenland hineintransportirt worden ſein ſollte. Es verſteht ſich, daß meine Guſte nur mit ihrem Manne zurückkehrt.“ „Denkt Ihr denn gar nicht an die Möglichkeit, daß auch Eurer Tochter eine Kugel das Lebenslicht ausgeblaſen haben kann?“ fragte der Einarm. „Dem Weibsvolk thun die Franzoſen, ſo ſchlecht ſie übri⸗ gens ſein mögen, nichts zu Leide“— erwiderte Frau Ihlig. „Das ſteht feſt wie unſer Dom. Zumal da meine Guſte nicht in der Schlacht mitgekämpft hat, vielmehr bei der Ba⸗ gage zurückgeblieben iſt.“ „Wohl Euch, wenn Ihr dieſen Glauben habt“— meinte der Einarm und verabſchiedete ſich. Gedankenvoll kehrte Frau Ihlig nach Hauſe zurück. Vor der Thüre ihrer Dachwohnung zeigte ſich ihr ein ſonderbarer Anblick. Es ſtanden hier nämlich zwei Zwergſoldats ſteif aufgepflanzt, welche bei dem Herrannahen der alten Frau die Hände grüßend an ihre Mützenblenden legken und ſtumm, — 29 aber lächelnd verharrten. Der eine von den beiden Liliput⸗ kriegern ſtak in einer blauen, weiß aufgeſchlagenen und roth⸗ beränderten Uniform, deren Schößel bis auf den Fußboden hinabreichten. Die kurzen Beine umgaben weite, weißliche Tuchhoſen, die, wie ein Schmiedeblaſebalg, in unzählige Fal⸗ ten ſich gelegt hatten. Man konnte weder Füße noch Hände an der kleinen Geſtalt wahrnehmen, weil die erſteren durch die unten aufſtreifenden Hoſen und dieſe durch die langen Aermel verdeckt wurden. Die Mützen bei beiden Zwergen waren ſo weit, daß ſie das Haupt bis über die Naſenſpitze herab verhüllten und nur die untere Hälfte des Geſichts mit ſeinem lächelnden Munde und feinen Wangengrübchen ſehen ließen. Der zweite, kleine Soldat war mit einem lan⸗ gen, weiten gelbgrauen Capot oder Wachtmantel, wie mit einem Sack umgeben, der ihm das Ausſehen eines Ofens verlieh. Mit verſtellter, tiefer Stimme begrüßten beide kleine Soldaten die alte Frau mit den Worten: „Bongſchur, Madam! nuh wullong lohſchee ſcheewuh.“ Frau Ihlig war aber jetzt nicht zum Spaßen aufgelegt. Ihr brach vielmehr das Herz, indem ſie ſich die fröhlichen Kinder als wirklich vater⸗ und mutterloſe Waiſen dachte. Mit wehmüthigem Tone ſprach ſie daher:„Ach, Kinder! laßt die Spielerei jetzt ſein! Wenn das wahr wäre, was ich ſo eben gehört habe!“ Wilhelm ſchob ſeine franzöſiſche Soldatenmütze empor, ſo daß ſein volles, rothglühendes Antlitz gänzlich zum Vor⸗ ſchein kam, und fragte mit treuherziger Miene:„Sollen wir etwa wieder dreimal beten: Unſer tägliches Brot gieb uns 30 heute? Seitdem wir Suppe und Spendebrot bekommen, habe ich's nur einmal gebetet.“ „Ich auch!“ geſtand Dortchen ein, indem ſie ebenfalls ihr Geſicht frei machte. „Beten, ja beten ſollt ihr!“ rief die Großmutter erſchüt⸗ tert aus—„doch nicht mehr um's liebe tägliche Brot, ſon⸗ dern, daß euer Vater und eure Mutter bald und geſund zu⸗ rückkommen.“ „Darum habe ich den lieben Gott noch vielmehr als um's tägliche Brot gebeten, Großmutter!“ verſetzte Wilhelm. „Ich auch!“ betheuerte Dortchen. „Aber es iſt nicht hübſch von Euch Großmutter“— fuhr Wilhelm ſchmollend fort—„daß Ihr uns den ganzen Spaß verdorben habt. Wir hatten uns eine rechte Freude einge⸗ bildet, die Ihr über unſere ſchönen Sachen haben ſolltet. Mosje Bedo und Sinklär ſelbſt haben uns damit angeputzt und beſchenkt. Nun brauchen wir nicht mehr zu frieren und in unſern entwachſenen Klüftchen einher zu gehen. Freut Euch das nicht, Großmutter?“ Welch' ein ſchlechter Tauſch“— murnelte die alte Frau vor ſich hin—„wenn die Franzoſen wirklich die Aeltern dieſer Kinder geraubt hätten und ihnen nun dafür ein paar abgetragene Kleidungsſtücke zur Entſchädigung überlaſſen wollten!“ Wilhelm und Dortchen, welche von dem tiefen Weh ihrer Großmutter keine Ahnung hatten, tummelten ſich noch ge⸗ raume Zeit in ihrer Permumnung herum und lachten und ſchäkerten fröhlich, während das großmütterliche Herz bei dieſer Augenluſt nur noch ſchmerzlicher blutete. 31 Die Zeit, die ſelbſt das herbſte Leid, wo nicht heilende, doch mildernde und abſtumpfende Arznei, übte ihre Kraft endlich auch bei der Großmutter aus. Die Wunde in ihrem Mutterherzen hörte auf zu bluten und vernarbte. Sie ver⸗ mochte wieder mit ihren Enkeln und über dieſelben ſich zu freuen, ja ſogar über deren Scherze zu lachen. Die erſte Freude der Großmutter war die, als Wilhelm eines Tages zu ihr trat und mit ſtolzem Selbſtgefühl anhob: „Großmutter, nun brauchen wir nicht mehr Suppe und Spendebrote zu holen, uns ſchippen, ſtoßen und ſchmähen zu laſſen. Ich bin Bedienter bei Mosje Bedo's Bedienten ge⸗ worden und bekomme meine Koſt, meine Kleidung und mei⸗ nen Lohn, der hinreicht, daß Dortchen ſatt wird und wohl auch Ihr dazu, Großmutter! Die Arbeit iſt gar nicht zu ſchwer für mich— Stiefeln putzen, Kleider ausklopfen und ausbürſten, Gänge laufen, höchſtens die Stube und Kam⸗ mer aufräumen— das iſt Alles. Franzöſiſch lerneich neben⸗ bei noch vollends und wenn ich einige Jahre hinhabe— hei! dann reiſe ich nach Frankreich und ſuche dort den Vater und die Mutter auf. Was für große Augen werdet Ihr machen, wenn ich die Beiden mitbringen und ſelbſt ſo groß ſein werde wie mein Vater!“ Nach dem Spruche:„der Sache Feind, der Perſon Freund,“ konnte Frau Ihlig auf die Dauer ſich nicht ent⸗ halten, bei allem Franzoſenhaſſe doch den beiden höflichen, gefälligen, immer luſtigen Einquartirten, Bedeau und Sin⸗ clair, nicht nur nicht gram zu ſein, ſondern ihnen ſogar, wie ihre Enkel, gut zu werden. Waren die beiden Fremdlinge doch die Urſache, daß Wilhelm und Dorothee nicht länger 32 nach Almoſen gehen und ſich nicht unter das gemeinſte Bettel⸗ volk miſchen durften! So verſtrichen drei Jahre, in welchen Wilhelm und Do⸗ rothee die Schule beſuchen mußten, nebenbei franzöſiſch ſpre⸗ chen lernten und vereint den Meſſieurs Franzoſen im Hauſe zu Dienſten waren. Jetzt ankerte der Großmutter Hoffnung auf eine Rückkehr ihrer Tochter und ihres Schwiegerſohnes⸗ lediglich noch an dem gehabten Traume und an deſſen Erfül⸗ lung, ſobald Wilhelm hoch genug herangewachſen ſein würde, um die Reiſe nach dem fernen Frankreich antreten zu können. Diejenigen Preußen, welche noch glücklich genug waren, fer⸗ ner die Unterthanen ihres geliebten Monarchen zu bleiben, ertrugen ihre Demüthigung zähneknirſchend und in der ſtillen Hoffnung auf ein endliches Erbleichen des Napoleon'ſchen Glücksſterns. Damit tröſteten ſich gleichfalls die vormals preußiſchen, kurheſſiſchen, braunſchweigiſchen und hannöver⸗ ſchen Unterthanen, die, ihrer angeſtammten Fürſten beraubt, dem Bruder Napoleons, Hieronymus, zugetheilt worden waren. Viertes Kapitel. Feinde und Freunde. Es war damals eine Zeit der tiefſten Knechtſchaft über ganz Deutſchland gekommen, in welcher Niemand ein tadeln⸗ des oder nur freimüthiges Wörtlein über Napoleon und deſſen hartes Regiment ausſprechen, geſchweige ſchreiben oderdrucken laſſen durfte. Niemand traute ſeinem nächſten Verwandten und beſten Freunde mehr, weil er überall Napoleon's geheime Spione befürchten mußte, die ſich in die engſten Familien⸗ kreiſe einzuſchleichen wußten und jedes, ihrem Dienſtherrn nachtheilige Geſpräch, jede Handlung, ja ſogar die verdäch⸗ tige Miene verriethen. Wer dennoch dem gefürchteten Ge⸗ walthaber mißfällig, durch Wort oder Schrift, zu werden wagte, wurde entweder, wie der Buchhändler Palm, erſchoſſen, oder, wie der Hofrath Becker, ungehört und unvertheidigt eingekerkert. Im Jahr 1809 machte das Kaiſerthum Oeſt⸗ reich einen abermaligen Verſuch, das franzöſiſche Joch von ſich abzuſchütteln und ſeine an Frankreich verlorenen Landes⸗ theile wieder zu erobern. Mit Oeſtreich vereinigten ſich die ihres Throns und Reichs beraubten Fürſten von Heſſenkaſſel und Braunſchweig, welche Freicorps errichteten und gegen die Franzoſen ankämpften. Aber die übrigen deutſchen Für⸗ ſten halfen theils als Glieder des Rheinbundes den Franzoſen, theils rührten ſie ſich nicht, aus Furcht oder, wie Preußen, Der Galeerenſelave. 3 34 aus völliger Erſchöpfung. Nur ein preußiſcher Huſaren⸗ major von Schill, welcher bereits die Feſtung Colberg im Jahre 1806 gegen die Franzoſen tapfer vertheidigt und dieſe wiederholt geſchlagen gehabt hatte, faßte den kühnen, aber übel berechneten Entſchluß, die Franzoſen anzugreifen, wäh⸗ rend dieſe gegen die Oeſtreicher kämpfen mußten. Ohne Vor⸗ wiſſen und ohne Einwilligung ſeines Königs und ſeiner anderen Oberen verließ er im April 1809 mit ſeiner Mann⸗ ſchaft ſeinen Standort Berlin, machte unterwegs ſeine Leute mit ſeinem Vorhaben bekannt und als dieſe ihm einſtimmig beifielen, nahm er ſeine Richtung nach der Elbe zu. Er hoffte und ſchmeichelte ſich, daß alle wehrhaften Männer Deutſch⸗ lands, erfüllt von gleichem Franzoſenhaſſe wie er, unter ſeine Fahne eilen und zu einem Heere anwachſen würden, das ſtark genug wäre, ſämmtliche Franzoſen zu beſiegen und aus dem deutſchen Reiche zu verjagen. Zwar ſtrömten von allen Seiten wehrhafte Männer, namentlich viel ehemals preußi⸗ ſche, nach dem letzten Kriege aber entlaſſene Officiere, herbei, allein bei weitem nicht in ſolcher Menge als er bedurfte. Ueberdieß ging dem Unternehmen Schills derjenige Talis⸗ man ab, welcher den Vaterlandsvertheidiger und Krieger hoch begeiſtert, ihn willig die größten Beſchwerden, ja ſelbſt Wunden und Tod ertragen läßt. Es iſt dieſer Talisman nichts Anderes als der ausgeſprochene Wille, das Wort, die Aufforderung des uns auf Erden beſtimmten Oberherrn, des Fürſten, der hierdurch alle Verantwortlichkeit und alle Folgen auf ſeine eigenen Schultern ladet und ſomit unſer Herz leicht, frei und freudig macht. Die gewaltige, wiewohl unſichtbare Macht eines ſolchen ausgeſprochenen, fürſtlichen Willens 35 haben wir im Jahre 1813 kennen gelernt, wo der Kampfes⸗ ruf des preußiſchen Königs die Söhne aus den Armen ihrer Aeltern und Geſchwiſter, Bräutigam's von den Bräuten, Gatten von Weib und Kindern, ja ſelbſt die Jugend aus den Lehrzimmern hinwegriß, um, ohne Unterſchied des Standes, Alters, der Körperkraft und des Vermögens, die Waffen gegen die fremden Unterdrücker zu ergreifen und freudig in den Tod zu ziehen. Da Oeſtreich in dem Feldzuge 1809 ſchon binnen wenig Wochen beſiegt wurde, ſo war Schill's Unternehmen ſofort als ein verlorenes anzuſehen. Am frühen Morgen des 5. Mai 1809 erwachte Wilhelm Mettler durch lautes, anhaltendes Trommeln in den Straßen von Magdeburg. „Horch, Dortchen!“ ſprach er zu ſeiner Schweſter— „terrrau, tau, tau, terrrau tau tau, das iſt Generalmarſch und hat etwas zu bedeuten. O, wenn die Franzoſen fort⸗ zögen und Monſieur Bedeau und Sinelair mit! Das wäre für uns nicht gut und müſſen wir dann wieder Bettelſuppe und Spendebrot eſſen. Ich ziehe mich fix an und ſehe, was es gibt.“ Richtig! die Franzoſen eilten von allen Seiten, bewaff⸗ net und mit Sack und Pack, herbei und ſtellten ſich auf dem Sammelplatze auf. Kanonen kamen auch angefahren und es trugen die Kanoniere brennende Lunten in der Hand. „Gehen Sie denn fort, Monſieur Bedeau?“ fragte Wil⸗ helm erſchrocken und trübſelig den Leutnant, welcher ebenfalls kampfgerüſtet aus dem Hauſe eilte und dem ſein Diener Sinclair auf dem Fuße folgte. „Ja!“ verſetzte Bedeau freundlich—„doch hoffentlich nur auf baldiges Wiederſehen. Wir ziehen in den Kampf.“ Dem Knaben zunickend verſchwand er nebſt ſeinem Diener. „Der böſe, böſe Krieg!“ ſprach Wilhelm vor ſich hin.— „Erſt hat er uns um Vater und Mutter gebracht und nun nimmt er uns am Ende wohl noch Monſieur Bedeau und Sinclair. Was ſollte dann aus mir und Dortchen werden?“ Wilhelms Klage war gegründet, denn die beiden Ge⸗ ſchwiſter nährten ſich faſt lediglich von den Broſamen, die von der Franzoſen Tiſche fielen, und dieſelben waren beſſer und reichlicher als die, von denen der arme Lazarus vor des Reichen Thüre ſich ſättigte. Bald ertönten die Lüfte von fernen Kanonen- und Flin⸗ tenſchüſſen. Magdeburg's Bewohner traten in Haufen zu⸗ ſammen, ſchüttelten die Köpfe und ſagten zu einander mit bedenklichen Mienen:„Schill richtet mit ſeinen paar hundert Leuten nichts aus gegen die vielen Franzoſen. Gebt Acht, er verliert und ſeine Sache nimmt ein böſes Ende. Schade um das auf's Neue vergoſſene Blut!“ Wie die Leute geſagt hatten, ſo traf es ein. Schill wurde bei dem Dorfe Dodendorf von der franzöſiſchen Beſatzung Magdeburg's angegriffen, geſchlagen und zur Flucht genöthigt, nachdem er einen großen Theil ſeiner Leute auf dem Kampf⸗ platze verloren hatte. Als Sieger kehrten die ausgezogenen Franzoſen nach Magdeburg zurück. Eine lange Reihe von Bauernwägen mit Verwundeten, aus Freund und Feind beſtehend, folgte ihnen nach. Wären Wilhelm und Dortchen nicht ſchon Feinde des abſcheulichen Kriegs geweſen, ſie würden es bei dieſem An⸗ 37 ſein. Den Kindern lief die kalte Gänſehaut über, als ſie die mit Blut übergoſſenen, in blutige Binden gehüllten und oft laut wimmernden Verwundeten auf den Wägen daher gefahren kommen ſahen. Die Stöße, die ſie durch die Bewegung ihres Fuhrwerks auf dem harten, unebe⸗ nen Straßenpflaſter erlitten, preßten vielen von ihnen wieder⸗ holte Schmerzensſchreie aus, die den beiden Kindern durch die Seele gingen. Dorothee fing an zu weinen und hob ſchluchzend zu ihrem Bruder an:„Wenn unſer Vater eben ſo große Schmerzen hätte ausſtehen müſſen! Es iſt mir, als ſäße er dort mit ver⸗ bundenem Kopfe auf dem einen Wagen.“ „Und wie mag erſt unſere arme Mutter geweint haben“— ſprach Wilhelm—„als ſie den Vater in einem ſolchen Zu⸗ ſtande gefunden hat!“ „Warum nur Krieg iſt?“ fragte Dortchen.„Es kommt ja nichts als Elend dabei heraus.“ „Ja, das möcht' ich auch wiſſen“— antwortete Wil⸗ helm.„Ich habe ſchon die Großmutter darum befragt und dieſe meinte, daß die vornehmen Herrn nicht genug kriegen könnten und deshalb mit Andern Krackeel anfingen.“ „Ich kann nicht einmal eine Taube, ein Huhn oder ein Schäſchen ſchlachten ſehen“— fuhr Dortchen fort—„ge⸗ ſchweige einen Menſchen. Um keinen Preis möchte ich daher ein Fleiſcher ſein.“ „Ich auch nicht“— erwiederte Wilhelm—„noch we⸗ niger ein Soldat, wenn nämlich Krieg iſt. Drei und zwan⸗ zig Wagen mit Verwundeten habe ich gezählt und wenn auf jedem vier liegen, ſo find das— rechne mal nach— ja, ſo 38 find's zwei und neunzig! Nun aber ſoll es in er großen Schlacht zehn, ja zwanzigtanſend Verwundete gegeben haben. Das machte eine Reihe von 5000 Wagen hintereinander! Iſt das nicht erſchrecklich? Ich möchte wiſſen, wie viele Arme und Beine nur in einem einzigen Kriege weggeſchoſſen, weg⸗ gehauen und weggeſägt worden wären.“ „Weggeſägt!“ ſprach Dortchen, ſich ſchauernd—„hu! mich friert's, wenn ich an ſo etwas denke. Wie nur ein Menſch es über's Herz bringen kann, dem Andern einen Arm oder ein Bein abzuſägen?!“ „Das muß ſein“— verſetzte Wilhelm—„wenn man nicht abſägt, geht der ganze Mann darauf. Darum darf ein Feldſcheer erſt recht kein Mitleid fühlen.“ „Da kommt Monſieur Bedeau!“ rief Dortchen aus— „Er trägt den Arm in einer blutigen Binde! O Himmel! er iſt auch gehauen oder geſchoſſen worden.“ Die Kinder eilten dem Leutnant mit großem Geſchrei entgegen. Dieſer lächelte über die Theilnahme der Geſchwi⸗ ſter und ſagte beruhigend:„Es iſt nur eine derbe Fleiſch⸗ wunde, die mir ein blutjunger Offizier gehauen hat. Ich aber ſtieß ihm dafür meinen Degen durch den Leib, ſo daß die Spitze wieder hinten herausdrang. Ich hatte mir ſein Geſicht ſo gut gemerkt, daß ich ihn ſpäter unter den ver⸗ wundeten Gefangenen wieder erkannte. Er liegt auf dem vorletzten Wagen und ich gehe mit, um zu ſehen, wohin man ihn ſchafft.“ „Sie wollen ihn doch nicht vollends todt ſtechen?“ fragte Dortchen ängſtlich. „Nein, im Gegentheil, Kind!“ erwiederte der Leutnant 39 lachend. nben ſorgen, daß mein Gegner ſorgfäl⸗ tig verbunden und behandelt wird, damit er wieder geneſe.“ „Das iſt ſonderbar“— meinte Dortchen.„Er hat Sie erſt gehauen und Sie haben ihn dafür durchſtochen und nun wollen Sie gerade für ihn am meiſten ſorgen— wie reimt ſich das zuſammen?“ „Sehr natürlich mein Kind!“ ſprach der Leutnant ernſt⸗ haft.„Im Kampfe ſchießt, haut und ſticht man blindlings auf den Feind los und wenn derſelbe unſer leiblicher Vater oder Bruder wäre. Iſt aber der Kampf vorüber, ſo wird man nicht ſelten der beſte Freund von dem, mit welchem man Auge in Auge gegenüber geſtanden hat. Der Sache Feind, der Perſon Freund, heißt es. Der Krieg iſt die Sache, der Krieger die Perſon.“ Die Kinder verſtanden den Sinn dieſer Rede nicht voll⸗ kommen, doch fühlten ſie den Edelmuth des Fremdlings, der für ſeinen Feind mit großem Eifer ſorgte und darüber ſeine eigene Wunde vergaß. Hätte Bedeau ſeines Feindes weniger ſich angenommen, ſo würde dieſer unfehlbar ſeiner ſchweren Verwundung unterlegen ſein, denn den Militair⸗Lazarethen im Kriege pflegen Mitleid und Pflichteifer fern zu liegen. Aus dieſem Grunde zog es Bedeau vor, die Heilung ſeiner Wunde nicht im Lazareth, ſondern in ſeiner Wohnung ab⸗ zuwarten. Aber täglich begab ſich Bedeau in das Lazareth oder ſchickte ſeinen Diener Sinclair dahin, um ſich nach dem Befinden ſeines Feindes, jenes Officiers vom Heerhaufen Schill's, zu erkundigen und für deſſen Abwartung Sorge zu tragen. Wiederholt begleitete Wilhelm den Franzoſen bei dieſen 40 Gängen der Menſchenliebe, beſonders wenn deau ſeinem Feinde eine Erquickung zutragen ließ. Da b der Knabe eine neue Gelegenheit, eine dunkle Schattenſeite des äußer⸗ lich glänzenden Kriegerſtandes mehr kennen zu lernen. Hin er der Couliſſe ſieht der Schauſpieler ganz anders und ſelten kläglich genug aus, welcher vor der Couliſſe mit roth geſchminkten Wangen, falſchen Haaren, falſchen Waden und in prunkender Kleidung als ein Halbgott erſcheint. Und gleichwie die bezaubernd ſchöne Kunſtreiterin außerhalb der Rennbahn oftmals zur ſchmutzig oder nachläſſig gekleideten Dirne ſich umwandelt, ſo kann man das Lazareth„hinter der Couliſſe und außerhalb der Rennbahn“ nennen, wo jeder Prunk und Schimmer verſchwindet und das menſchliche Elend in ſeiner furchtbarſten Geſtalt erſcheint. Als Wilhelm das erſte Mal die Räume des Lazareths betrat, prallte er erſchrocken und unter den Kennzeichen des Ekels zurück. Zu dem entſetzlichen Anblick der vielen Ver⸗ wundeten und Verſtümmelten, deren Körpertheile mit blut⸗ getränkten weißen Binden umgeben waren, geſellte ſich noch eine übelriechende, ſchwüle und beängſtigende Luft, die man vergeblich durch fleißiges Beſprengen der Dielen mit Eſſig zu vertreiben ſuchte. Wie bleich, verſchwollen, entſtellt, hin⸗ ſterbend die Krieger auf ihren dicht an einander gereihten Lagerſtätten ächzten und ſtöhnten oder laut phantaſirten! Das Letztere that auch Bedeau's Feind, der junge, preußiſche Officier, der lange bewußtlos und in der größten Lebensge⸗ fahr war. Endlich beſſerte ſich deſſen Zuſtand in ſo weit, daß er ſeine Beſinnung wieder erhielt. Als er nun mit kla⸗ rem Auge um ſich blickte und einen franzöſiſchen Officier an 41 ſeinem Lager ſitzen ſah, verfinſterte ſich ſein Antlitz. Gern hätte er daſſelbe der Wand zugewendet, wenn er dazu die Kraft beſeſſen hätte. Daher ſchloß er ſein Auge wieder, um nicht den Anblick eines verhaßten Feindes leiden zu müſſen. Bedau ließ ſich hierdurch nicht abhalten, mit theilneh⸗ mendem Ton zu fragen:„Wie beſindet Ihr Euch, armer Kamerad?“ Der Preuße antwortete mit keiner Sylbe, wohl aber zuckte ſein Antlitz vor bitterem Haſſe. So trieb es jener längere Zeit; ja als er ſich ſtärker fühlte, wendete er ſich bei Bedeau's Beſuchen ſtets nach der Wandſeite und ſtellte ſich ſchlafend. Ein ſolches wunderliches Betragen beirrte aber den wackern Bedeau nicht. Der Haß, den der Preuße gegen ihn zeigte, galt ja nicht ihm, ſondern der franzöſiſchen Nation überhaupt und dieſelbe, oder vielmehr deren Kaiſer, war allerdings mit Preußen ſo hart umgegangen, daß ihn deſſen Unterthanen unmöglich lieben konnten. Freilich hätte der verwundete Preuße gleichfalls denken ſollen:„der Sache Feind, der Perſon Freund,“ allein eine ſolche Geſinnung iſt nicht jedem Menſchen gegeben und der preußiſche Leutnant war überdies noch blutjung. Bedeau kannte den Bibelſpruch nicht:„Durch Wohlthun muß man die Unwiſſenheit der thö⸗ richten Menſchen verſtopfen,“ aber dennoch handelte er darnach. Den Haß des Preußen, welcher hartnäckig die Nennung ſeines Namens verweigerte, nicht zu nähren, fand ſich Bedeau ſeltener an deſſen Lager ein, ſchickte aber deſto fleißiger ſeinen kleinen Diener Wilhelm dahin, welcher als Landsmann von dem Verwundeten deſto freundlicher gelitten war und mit ihm plaudern durfte. 42 Eines Tages hob der Preuße zu Wilhelm ärgerlich an: „Warum quält mich nur jener franzöſiſche Officier, der den Arm in der Binde trägt, mit ſeinen, mir ſo verhaßten Be⸗ ſuchen und Fragen nach meinem Befinden? Deutlich genug habe ich ihm zu verſtehen gegeben, daß mir an ſeiner Theil⸗ nahme nichts gelegen iſt.“ „Monſieur Bedeau hat mir zwar verboten—“ verſetzte Wilhelm—„Ihnen auf dieſe Frage zu antworten, aber, nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Officier, ich kann's nicht geduldig mit anſehen, wie großes Unrecht Sie meinem guten Herrn anthun. Sehen Sie: ich und meine Schweſter und meine Großmutter ſind den Franzoſen auch ſpinnefeind, denn ſie haben meinen Vater und gewiß auch meine Mutter in der Schlacht bei Jena todt gemacht. Aber dafür kann Monſieur Bedeau nichts. Er iſt zum Soldaten gezwungen worden und muß daher fechten wie jeder Andere. Sie ſind's geweſen, der meinen Herrn in den Arm gehauen hat, ſo daß derſelbe wohl ſteif bleiben wird. Um ſich gegen Sie zu vertheidigen, hat er Ihnen ſeinen Degen durch den Leib ſtoßen müſſen. Das hat ihn hinterher erſchrecklich gedauert und er deswegen ſo brüderlich für Sie Sorge getragen. Ohne Monſieur Be⸗ deau wären Sie für todt auf dem Schlachtfelde liegen ge⸗ blieben und ohne Gnade lebendig eingeſcharrt worden. Ohne Monſieur Bedeau hätte ſich Niemand hier im Lazareth groß um Sie gekümmert, Sie wären nicht zuerſt verbunden wor⸗ den und gewiß am kalten Brande geſtorben. Und die guten Kraftſüppchen und alle anderen guten Bißchen, die Sie ver⸗ zehren, ſchafft Monſieur Bedeau von ſeinem eigenen Gelde an. Und wenn Monſieur Bedeau nicht wäre, ſo müßten ich 43 und meine Schweſter noch Bettelſuppe und Spendebrot eſſen und uns von dem gemeinen, groben Volke ſchimpfen, ſtoßen und ſchlagen laſſen.“ Auf dieſe Rede wurde der Preuße ganz nachdenklich und ſagte kein Wort dazu. Aber er ſchlug in ſich und betrachtete ſeinen Wohlthäter mit günſtigeren Augen. Ja, es dauerte nicht lange, ſo reichte der Preuße dem Franzoſen die Hand und drückte ſie ihm unter kurzen, aber innigen Dankesworten. Herr Bedeau war hierüber außerordentlich erfreut und ſchrieb, da er von Wilhelms Schutzrede nichts wußte, die Umwande⸗ lung des Preußen der Alles beſiegenden Zeit zu. Beide Feinde wurden noch die beſten Freunde, welche ſtundenlang mit einander verkehrten und ſich immer lieber gewannen. Fünftes Kapitel. Die Trennung. Wilhelm kam aus dem Lazareth, wohin er für den Preu⸗ ßen ein Körbchen friſcher, ſüßer Kirſchen getragen hatte, nach Hauſe. Er war verwundert, ſeine Schweſter am Waſchfaſſe ſtehen und eifrig mit ihren kleinen Händen waſchen zu ſehen. Dortchen ſtand jetzt in ihrem neunten Jahre. „Guten Tag, Frau Waſchplauze!“ ſprach er ſcherzend. „Noch ſo fleißig?“ „Man muß wohl“— erwiederte Dortchen mit wichtiger Miene—„wennman einen großen Korb Wäſche zuwaſchen hat.“ 44 „Du? Einen ganzen Korb Wäſche zu waſchen?“ entgeg⸗ nete Wilhelm.—„Mache mich nicht lachen!“ „Da giebt es nichts zu lachen“— erwiederte Dortchen ernſthaft.„Monſieur Sinclair ſagte geſtern, daß ſie in Frank⸗ reich ein Sprüchwort hätten, das hieße: Ein Vater könne wohl acht Kinder ernähren, aber acht Kinder nicht einen Va⸗ ter. Was meinſt Du, Wilhelm? Sollten wir zwei Kinder nicht unſere Großmutter ernähren können, wenn Noth am Mann wäre? Ich verſuche es alleweile. Die Großmutter hat ſich in der ſcharfen Lauge die Hände aufgerieben und klagt überdies noch, daß ſie das Reißen in der Achſel habe. Sie hat mich ſchon gelobt, daß ich meine Sache ganz gut mache, und mit der Zeit eine tüchtige Waſchfrau werden könne. Das ſtachelt, nicht wahr Milhelm?“ „Du wirſt gar nicht lange mehr waſchen“— ſprach Wilhelm.—„Sieh nur deine Hände an, wie roth und dünnhäutig ſie ſchon geworden ſind. Bald wird die Haut in Stücken daranhängen. Beißt dich denn die ſcharfe Lauge nicht?“ „Sie beißt ſchon ein wenig“— geſtand Dortchen ein —„aber man muß ſich daran gewöhnen und nicht viel da⸗ raus machen. Aller Anfang iſt ſchwer und einmal muß die weiche Haut doch herunter. Haſt du Monſieur Bedeau lamentiren gehört, als er den tiefen Hieb in den Arm bekom⸗ men hatte?“ „Dafür iſt Monſieur Bedeau Soldat und Officier, du aber nur ein kleines Mädchen“— erwiederte Wilhelm. „Und ich bin eine Soldatentochter und eine Preußin“— antwortete Dortchen ſtolz—„wenn wir gleich jetzt weſt⸗ phäliſch heißen.“ S r— Dortchen rieb ſich wirklich ihre zarten Hände auf. Den⸗ noch hörte ſie mit Waſchen nicht eher auf, als vis es ihr die Großmutter ernſtlich geboten hatte. Sie litt in der daranf folgenden Nacht nicht geringe Schmerzen und furchtbares Brennen an ihren Händen, allein ſie ertrug ſolche ohne Klagen und mit dem freudigen Bewußtſein erfüllter Kindes⸗ pflicht. k Wenn irgend etwas in der Welt der alten Großmutter einen Erſatz für die verlorene Tochter und den gebliebenen Schwiegerſohn geben konnte, ſo waren es die beiden Enkel, welche ihr Möglichſtes thaten, um ihrer Großmutter die Ar⸗ beit und das Alter zu erleichtern und ihr eine Freude zu bereiten. Aber der Glückshimmel trübte ſich wieder. Bedeau's Arm war zwar nicht ſteif geworden, allein eine ſolche Schwäche in demſelben verblieben, daß er ihn zum regelmäßigen Sol⸗ datendienſt nicht gebrauchen konnte. Daher wurde er von ſeinem Oberſten der Mannſchaft zugetheilt, welche die gefan⸗ genen und von ihren Wunden hergeſtellten Glieder des Schill'ſchen Freicorps nach Frankreich geleiten ſollten. Unter den Letzteren befand ſich auch Bedeau's Schützling, der Leut⸗ nant Heinrich. So hatte er ſich, mit Verſchweigung ſeines Familiennamens, ſelbſt genannt. „Großmutter“— hob Wilhelm Mettler, kurz vor dem Abmarſche der Gefangenen, mit niedergeſchlagenen Augen an— „Monſieur Bedeau darf ſeinen Sineclair nicht mit nach Frank⸗ reich nehmen. Er will dafür mich zu ſeinem Diener machen und wie ein Vater für mich ſorgen, auch Euch und Dorte * nicht ganz verlaſſen. Ich ſoll Euch fragen, ob Ihr Eure Einwilligung dazu geben wollt. Dann will er ſelbſt mit Euch ſprechen und Alles näher auseinanderſetzen. „Fort von uns willſt Du?“ fragte Dortchen, in lautes Weinen ausbrechend.„Und nach Frankreich? So weit? Das überlebe ich nicht.“ Auch die alte Frau war tief erſchüttert worden, durch dieſe Nachricht. Sie blickte ihren Enkel, der nebſt ſeiner Schweſter ihre einzige Freude, ihr Stolz und ihre Hoffnung war, ſtarr in's Geſicht und ſagte dann gepreßt:„Könnteſt du uns verlaſſen? Gern von hier fortziehen und in des Feindes Land?“ „Nein, o nein!“ rief Wilhelm mit thränenden Augen aus.—„Ich bin zwar Monſieur Bedeau ſehr gut und auch dem Herrn Leutnant Heinrich, aber Euch, Großmutter, und Dortchen liebe ich doch über alle Leute in der ganzen Welt. Ich mußte Euch ausrichten, was mir Monſieur Bedeau aufgetragen hat, damit Ihr mir nicht ſpäter einmal Vor⸗ würfe deshalb machen dürft. Denn, wie Monſieur Bedeau ſagt, einmal müßte ich doch von Euch fort und wenn es als Handwerksburſche wäre, der ſich in der Welt um⸗ ſehen muß.“ „Das iſt wahr“— ſprach Frau Ihlig—„doch ein Handwerksburſche iſt ſchon ein Mann, du aber biſt erſt in deinem zehnten Jahre und unerfahren. Wie leicht könnte dir ſchwachen Knaben ein Unglück begegnen!“ „Das wäre meine kleinſte Sorge“— erwiederte Wilhelm. —„Ich bin nicht auf den Mund gefallen und kann ja auch franzöſiſch ſprechen. Ueberdies will Monſieur Bedeau mein zweiter? iter ſein und er hält immer ſein Wort.“ 47 „Ich will's beſchlafen“— entſchied ſich Frau Ihlig— „und morgen früh meine Meinung ſagen.“ Dabei blieb es. Die Großmutter und ihre beiden Enkel verlebten eine ſorgenvolle Nacht. Als Frau Ihlig am Morgen aufſtand, war ſie wie ver⸗ wandelt. Ihr Auge glänzte und die gewöhnlichen Falten auf ihrer Stirne waren geglättet. Mit friſcher, ſichrer Stimme hob ſie an: „Wilhelm, reiſe du in Gottes Namen mit deinem Herrn. Ich habe nichts mehr dagegen und Dorte darf dich auch nicht zurückhalten. Genau denſelben Traum wie vor drei Jahren habe ich in dieſer Nacht wieder gehabt. Meine Guſte erſchien mir abermals und ſagte: Ich bin mit meinem Manne in Frankreich gefangen gehalten und Wilhelm ſoll kommen und uns frei machen. Dann wollen wir wieder Alle b en leben und recht glücklich ſein. Seht ihr, Kinder! das iſt ein Fingerzeig von unſerm Herrgott, bei dem kein Ding unmöglich iſt. Ungeſucht bietet ſich für Wilhelm die Gelegenheit dar, nach Frankreich zu gelangen und dort ge⸗ naue Erkundigungen über die zurückgehaltenen preußiſchen Kriegsgefangenen einzuziehen. Und durch Mosje Bedeau's Beiſtand gelingt es ihm, ſeine Aeltern zu befreien. Trifft nicht Alles wunderbar? Darum geh' und reiſe mit Gott, mein Sohn!“ Aus dieſer Rede erſah man, welche Vorſtellung ſich Frau Ihlig von dem Kaiſerthum Frankreich machte, in deſſem wei⸗ tem Bereiche ein noch nicht zehnjähriger Knabe den Aufent⸗ halt ſeiner Aeltern auskundſchaften ſollte. Aber Frau Ihlig 48 S ² baute ſo feſt auf die Erfüllung ihres Traums und größten Wunſches, daß ſie darüber gänzlich vergaß, aufwelche Weiſe ihr Enkel, nachdem er ſeinen Dienſtherrn in Frankreich ge⸗ laſſen hätte, in die Heimath zurückgelangen könne. Dortchen war untröſtlich, daß ihr Bruder ſie verlaſſen ſollte. Sie weinte faſt unaufhörlich und flehete bald ihren Bruder, bald ihre Großmutter an, das beabſichtigte Fort⸗ reiſen aufzugeben. Aber ihre Bitten blieben unbeachtet. Frau Ihlig hatte alle Hünde vollauf zu thun, um ihren Enkel für die weite und lange andauernde Reiſe gehörig auszuſtat⸗ ten. Sie wuſch, mangelte und flickte Wilhelm's Wäſche, ſtopfte deſſen Strümpfe und ſchloß eine hier und da aufklaf⸗ fende Naht in ſeinen Kleidungsſtücken. Bei dieſer Arbeit verfehlte ſie nicht, zugleich ihrem Enkel alle möglichen Ver⸗ haltungsregeln und guten Ermahnungen zu ertheilen. „Werde mir nur ja nicht lüderlich— nnel alte Frau mehrmals— und kein luftiger, leichtſinniger Fran⸗ zos. Bleibe, was du biſt: ein ehrlicher Preuße, und habe, nächſt unſerm Herrgott, deinen Vater und deine Mutter vor Augen, welche aufzuſuchen dein Hauptziel iſt.“ Als die Stunde der Trennung kam, wiederholte ſich der⸗ ſelbe Auftritt wie damals, als die Aeltern der beiden Kinder in den Krieg zogen. Ja Dorothee trieb es wohl noch ſchmerz⸗ licher um den Bruder als zu jener Zeit um Vater und Mut⸗ ter, denn ſie war ja ſeitdem älter und verſtändiger geworden. Wilhelm erhielt ſeinen Platz auf einem der Wagen zuge⸗ theilt, welche die gefangenen Preußen fortzubringen beſtimmt waren, und zwar auf demjenigen, wo ſich Bedeau's Schütz⸗ ling, der Leutnant Heinrich, befand. 49 Heute begleiteten Frau Ihlig und Dortchen den Wagen⸗ zug bis vor das Thor der Feſtung hinaus, wo ſie den Schei⸗ denden die letzten Grüße zuriefen und ihnen lange noch nach⸗ winkten. Wilhelm ſaß neben dem Führer des Fuhrwerks, das außer dieſen beiden Perſonen noch vier Gefangene enthielt. Denſelben die Möglichkeit eines Fluchtverſuchs zu benehmen, hatte man ſie gefeſſelt, auch dafür Sorge getragen, daß jeder Wagen von Kriegern mit ſcharfgeladenen Flinten begleitet wurde, welche jeden Ausreißer niederzuſchießen ſtrengen Be⸗ fehl erhalten hatten. Auch Bedeau's Schützling hatte ſich gleichem Schickſal unterwerfen müſſen und Bedeau ſolches nicht von ihm abwenden können. Der junge preußiſche Leut⸗ nant ſah noch ſehr bleich, abgemagert und kraftlos aus, was bei ſeiner erlittenen ſchweren Verwundung gar kein Wunder war. Seine Geſichtszüge verriethen eine große Niederge⸗ ſchlagenheit und ſo oft ſein trübes, hohles Auge auf ſeine und ſeiner Gefährten Feſſeln fiel, überlief ihn ein kalter Schauer. Allerdings fuhr er keiner freudenvollen Zukunft entgegen. Wo nicht der Tod, ſo doch wenigſtens lebenslängliche, ſtrenge Haft erwartete ſeiner. Welch' ein Unterſchied zwiſchen ihm und Wilhelm, deſſen Herz die Hoffnung ſchwellte, ſeine ge⸗ liebten Aeltern aufzufinden und aus der Gefangenſchaft zu erlöſen! Jetzt erkannte der Knabe den Werth der Freiheit, die er früher gar nicht zu ſchätzen gewußt hatte. Ein Officier war bisher in Wilhelms Augen ein gar vornehmer und viel⸗ gebietender Herr geweſen, vor welchem ſein Vater immer einen großen Reſpect gehabt hatte. Hier nun hatte er einen Officier hinter ſich, der einem hülfloſen Kinde güch und be⸗ Der Galeerenſclave. 50 dauernswerther als ein Bettler war. Herr Heinrich hatte gewiß noch Aeltern und Geſchwiſter, wohl gar eine Braut, die insgeſammt um ihn in großer Sorge waren und ihm nicht beiſtehen konnten. Darum nahm ſich der Knabe des Gefangenen an, indem er ihm mit Handreichungen beiſtand und jedes ſeiner Bedürfniſſe herbeiſchaffte. Darüber vergaß Wilhelm den Schmerz über die Trennung von ſeiner Groß⸗ mutter und Schweſter und das ſüße Gefühl erfüllter Men⸗ ſchenliebe beſeligte ſeine Bruſt. Sechſtes Kapitel. Das Kriegsgericht und der Zweikampf. Der Zug mit den gefangenen Preußen vom Schill'ſchen Freicorps näherte ſich dem Rhein, ohne daß irgend ein Er⸗ eigniß oder eine Aenderung in dem Schickſal der Gefangenen eingetreten wäre. Keiner von den vielen tauſend Deutſchen, welche die Gefangenen vorüberfahren ſahen, regte eine Hand zu ihrer Befreiung, indem die Furcht vor der franzöſiſchen Herrſchaft den höchſten Gipfel erreicht hatte. Es war an einem heißen Sommertage, als der kleine Wagenzug um die Mittagszeit ein kleines Städchen erreichte, wo die Vorſpanne gewechſelt werden ſollte. Dieſes Geſchäſt ſollte durch die Vermittelung des Bürgermeiſters oder Maire geſchehen, da⸗ her der Zug vor deſſen Hauſe am Marktplatze anhielt. Zu⸗ gleich ſollten die Gefangenen ſo wie deren Wächter ihr Mit⸗ 51 tagsbrot einnehmen. Während der Zubereitungen hierzu bat der preußiſche Leutnant den Knaben um einen Trunk friſchen Waſſers, welches in reicher Fülle und einladend aus einem nahen Röhrbrunnen hervorſprudelte. Indem Wilhelm eine blecherne Feldflaſche voll laufen ließ, bog um die nächſte Marktplatzecke ein zweiter Wagenzug und zwar von der ent⸗ gegengeſetzten Richtung her. Nach der franzöſiſchen Bewa⸗ chung und dem Ausſehen derer zu ſchließen, welche auf den drei herannahenden Wagen ſaßen, waren dieſe gleichfalls Gefangene und zwölf an der Zahl. In der Secunde, da Heinrich, der preußiſche Leutnant, mit vollen Zügen aus der ihm von Wilhelm dargereichten Feldflaſche trank, ertönte plötzlich der mehrſtimmige Ruf: „Wedell! Wedell!“ Betroffen blickte Heinrich auf. Die Feldflaſche entfiel ſeinen Händen und in der höchſten Auf⸗ regung entglitt ein Ha! ſeinen Lippen. Nach ſchnellem Um⸗ herblicken miſchte ſich ſein Ruf:„Kameraden! Kameraden!“ in den der fremden Gefangenen, welche wiederholt„Wedell! Heinrich! Wedell!“ ausriefen. Die Gefangenen insgeſammt ſtrebten, ſich von ihren Sitzen zu erheben, was ihnen aber, der gefeſſelten Arme und Beine wegen, nicht gelang. Die franzöſiſchen Wächter dagegen, welche einen Fluchtverſuch oder eine Empörung ihrer Gefangenen befürchteten, bedrohe⸗ ten dieſelben mit ihren Flintenkolben und mit dem augen⸗ blicklichen Erſchießen, wobei ſie abwechſelnd fluchten und Ruhe geboten. Ueber dieſen Lärm betroffen, eilten die Be⸗ fehlshaber der beiden Wagenzüge herbei, welche in das Haus des Bürgermeiſters getreten waren. Sie geriethen bald mit einander in einen immer heftiger werdenden Wortwechſel, 4* welcher die Aufmerkſamkeit der Mannſchaften von den Ge⸗ fangenen ab und auf ſie zog. Dieſer Umſtand machte es möglich, daß Leutnant Wedell mehrere Fragen an ſeine ge⸗ fangenen Kameraden richten und von ihnen eine Antwort erhalten konnte. „Auch ihr gefangen?“ rief Heinrich von Wedell ſchmerz⸗ voll aus—„und insgeſammt! Was iſt aus unſerm Schill und unſrer Sache geworden?“ „Alles verloren!“ erwiederte der eine Gefangene dumpf. —„Wir hatten uns bis nach Strahlſund durchgeſchlagen und gedachten, uns nach England überzuſchiffen. Da wur⸗ den wir von einer ſtarken Uebermacht angegriffen und nach hartem Kampfe bewältigt. Schill blieb auf der Wahlſtatt und wir wurden, unglücklicher als er, gefangen genommen. O, und Deutſche waren es, die gegen uns ſtritten und uns den Franzoſen überlieferten. Dieſe haben uns nach Frank⸗ reich abgeführt, jetzt aber wieder nach Deutſchland zurückge⸗ ſchleppt, wo ein Kriegsgericht über uns gehalten werden ſoll. Wie daſſelbe ausfallen wird, kannſt Du Dir denken. Wir aber haben dieſes Leben voll ſchmählicher Knechtſchaft ſatt und ſehnen uns dahin, wo wir unſern Schill und die Frei⸗ heit wiederfinden. „Ich theile Euer Loos!“ rief Wedell feurig aus.„O glücklicher Zufall, der mich heute mit Euch wieder vereinigt!“ Des jungen Leutnants Freude ſollte aber nicht lange dauern. Bedeau und der Befehlshaber des andern Wagen⸗ zugs, ein franzöſiſcher Hauptmann, waren abſeits getreten, um ihre Untergebenen nicht zu Zeugen ihres Streits werden zu laſſen. Nach einer Weile kehrten ſie zurück, Bedeau bleich 53 und der Hauptmann kirſchroth vor Zorn. Dieſer befahl mit kurzen, barſch hervorgeſtoßenen Worten den ſofortigen Auf⸗ bruch des Wagenzugs, jener dagegen, daß die ihm vertrau⸗ ten Gefangenen in dem Städchen bleiben und in ſichern Gewahrſam gebracht werden ſollten. Dieſe Anordnungen verſetzten den Leutnant von Wedell in die größte Beſtürzung. „Ach liebſter Bedeau“— hob er zu ſeinem Beſchützer an—„warum ſoll ich das Schickſal meiner Kriegskamera⸗ den nicht theilen dürfen? Ich habe ja Gleiches gethan, wie ſie, und darum daſſelbe Urtheil zu gewärtigen. Erzeigen Sie mir die einzige Liebe und bitten Sie den fremden Haupt⸗ mann, daß er mir geſtatte, mich mit meinen Schickſalsge⸗ ſihrten zu vereinigen.“ 3 „Das iſt auch ſein Wille“— antwortete Bedeau finſter nh ich gebe hierzu meine Einwilligung nicht.“ „O Bedeau!“ rief Wedell ſchmerzvoll aus—„Sie, dem ich mein Leben danke, könnten ſo grauſam ſ ſeinz Bei Ihrer Freundſchaft für ſ6— bei Allem, was Ihnen theuer iſt, beſchwöre ich Sie, Ihre Weigerung aufzugeben. Ver⸗ ſagen Sie einem, dem Tode entgegen Gehenden die letzte, heißeſte Bitte nicht.“ „Eben darum thue ich es nicht“— verſetzte Bedeau feſt. „Ich weiche nicht ein Haar breit von dem mir ertheilten Befehle ab, welcher dahin lautet, daß ich meine Gefangenen nach Frankreich abführen ſoll. Sie haben ſonach eine andere Beſtimmung als jene zwölf Unglücklichen, die mein Kamerad nach Weſel zu ſchaffen hat. So lange ich nicht ſchriftlichen Gegenbefehl erhalte, bewendet es bei der erſten Ordre, und 1 6 54 ſollte ich mich deshalb mit allen Generalen der kaiſerlichen Armee überwerfen müſſen.“ Als Wedell fortfuhr, mit Bitten in Bedeau einzuſtür⸗ men, verſetzte dieſer kurz und ſich abwendend:„Parbleu! nichts ſoll mich von meiner Pflicht entfernen. Ich weiß, was ich zu thun und zu laſſen habe. Kein Wort weiter!“ Da knirſchte Wedell mit den Zähnen und in ſeiner Bruſt ſtieg der alte Franzoſenhaß mit aller Bitterkeit auch gegen ſeinen bisherigen Beſchützer Bedeau auf, der ihm einen ſo leicht zu erfüllenden Liebesdienſt verſagte. Sein finſteres Geſicht, ſowie die gehäſſigen Mienen deſſelben, verriethen dem Franzoſen, welche Geſinnungen ſein Schützling jetzt gegen ihn hege. Aber er ließ ſich hierdurch nicht beirren oder in ſeinen Vorſätzen wankend machen. Die zwölf deutſchen Officiere nahmen auf nimmer Wieder⸗ ſehen von ihrem Kameraden Abſchied. Da ſie ſolches weder durch Umarmungen, noch durch Händedrücke thun konnten, ſo geſchah es durch kurze gegenſeitige Ausrufe, durch Kopf⸗ nicken und liebevolle Blicke. Nachdem Wedells Gefährten fort waren, verſank dieſer in ein finſteres, ſchwermuthsvolles Schweigen, das ihn die dargereichte Nahrung verſchmähen ließ und auch in dem ihm angewieſenen Gewahrſam fortwährte. Mit ihm zugleich ſchmollte Wilhelm Mettler gegen den ſo ſtarrſinnig ſich bewieſenen Bedeau. „Hat mein Herr nicht mehr wie Hundertmal geſagt, daß er Herrn Heinrichs Freund ſei?“ murmelte der Knabe vor ſich hin.—„Und jetzt thut er ihm nicht einmal den kleinen Gefallen? Ja, ja, meine Großmutter hat Recht, wenn ſie 55 ſpricht, daß die Franzoſen ohne Unterſchied ihre Mucken hätten und ſolche ſo wenig laſſen könnten als die Katze das Naſchen und Kratzen.“ Am nächſten Tage, wo der Wagenzug Bedeau's noch immer in dem Städchen raſtete, ſchrieb dieſer mehrere lange Briefe und bewies ſich ſehr einſilbig gegen ſeine Umgebung. Und den Tag darauf übergab er ſeinem älteſten Unterofficier den Befehl über ſeine Mannſchaft und über die Gefangenen. Hierauf machte er ſich reiſefertig und ſprach zu ſeinem kleinen Diener Wilhelm:„Komm und folge mir.“ Beide begaben ſich auf den Weg nach der, nur zwei Stunden entfernten Stadt Weſel, am Rhein gelegen. Es war ein heller, ſchöner Sommermorgen. Die junge Sonne blitzte und funkelte und ſtrahlte in Milliarden Thautropfen wieder, welche an Glanz und Feuer die theuerſten Edelſteine hinter ſich ließen. Die in die blauen Lüfte emporſteigenden Lerchen verkündeten jubilirend ihres Schöpfers Lob und laut brüllend ſtimmte das luſtig auf der grünen Weide umherſpringende Rind mit ein. Unter der blinkenden Senſe und Sichel ſanken die gol⸗ denen Halme darnieder und die flinken Hände munterer Land⸗ mädchen betteten ſie in lange Reihen auf die Breite. Bedeau aber beachtete nichts von dem Allen. Er ſchritt ſtumm und gedankenvoll dahin. Jetzt flimmerte— ein flüſ⸗ ſiger Silberſtrom— der alte Vater Rhein, der damals weder freie noch deutſche, zwiſchen zwei anmuthigen Berg⸗ ketten hervor. Immer weiter wurde das herrliche Rheinthal mit ſeinen Rebenbergen, ſeinen Städten, Dörfern und Land⸗ häuſern. Abwärts glitten große und kleine Schiffe, deren Bemannung müßig am Bord ſaß. Aufwärts rauſchten andere 56 Fahrzeuge mit vollgebläheten Segeln und trieben das grün⸗ liche Waſſer gekräuſelt vor ihrem ſcharf einſchneidenden Kiel dahin. Und gelangten die Fahrzeuge zur Stadt Weſel, ſo ſchrie das übermüthige Schiffsvolk aus vollem Halſe gegen die Häuſerreihen:„Wie heißt der Bürgermeiſter von Weſel?“ Und„Eſel!“„Eſel!“ antwortete das ſpottende Echo von den Bergen und das wiehernde Gelächter der Rufer folgte darein. Dumpfer, bemeſſener Trommelſchlag, der aus der Stadt ertönte und näher kam, zog die Aufmerkſamkeit nicht blos unſrer beiden, ſondern ſämmtlicher Wandrer auf ſich. Bald ward ein Trupp franzöſiſcher Krieger ſichtbar, der ſich außer⸗ halb der Stadt ſeitwärts ſchwenkte und auf einem freien Platze ſich aufſtellte. Eine Menge Volks, das den Kriegern gefolgt war, blieb in einiger Entfernung halten und blickte mit ſcheuen, ängſtlichen und bekümmerten Mienen auf das Gebahren der Franzoſen hin. In deren Mitte erkannte Wilhelm mit Staunen, das bald in Erſchrecken überging, jene zwölf Offiziere wieder, mit welchen ſich zu vereinigen Herr Heinrich ſo ſehnſuchtsvoll gewünſcht hatte. Eine tiefe und weite Grube in der Nähe mit hoch aufgeworfener Erde deutete an, was man mit den Gefangenen beabſichtigte. Dieſe hatte nicht die Todesfurcht, ſondern die längere Haft, ſchmale Koſt und vor Allem der bittere, freſſende Gram über die vereitelte Befreiung Deutſchlands bleich und abgezehrt gemacht. Aber ungebrochener Muth, kalte Todesverachtung und unbeſiegbarer Haß gegen Deutſchlands Unterdrücker glühten düſter in den Augen der dem Tode geweihten Männer. Wohl ſoll der Chriſt nicht mit haßerfüllter Bruſt aus dieſem 57 Leben ſcheiden, ſondern auch ſeinem bitterſten Feinde ver⸗ zeihen. Allein bei den Kriegern oder vielmehr im Kriege ſelbſt gilt leider nicht immer die Chriſtenpflicht und das Ge⸗ bot der Liebe. Die zwölf Schlachtopfer, lauter junge Leute und Söhne der edelſten Familien, wollten kühn und offen dem Tod in's hohle Auge blicken, daher ſtießen ſie die Hände unwillig zu⸗ rück, welche ihnen verhüllende Binden über die Augen legen wollten. In zwei Reihen, je zu ſechs, doch ſo, daß zwiſchen jeder Lücke der Vornſtehenden das Haupt und die Bruſt der zweiten Reihe ſich zeigte, ſtellten ſich die Verurtheilten auf und ihre Henker— ein Trupp franzöſiſcher Soldaten— in kurzer Entfernung von ihnen Eine lautloſe Stille trat ein. Selbſt die jubilirende Lerche in der Nähe verſtummte wie vor Schreck. Da ertönte, die Luft ſcharf durchſchneidend, das Kommandowort des Officiers. Die Franzoſen erhoben ihre Flinten, brachten ſolche mit den Kolben an ihre Wange, legten an, zielten und warteten auf das letzte Wort: Feuer! Wie laut und ungeſtüm pochte das Herz in jedes Zu⸗ ſchauers tief beklommener Bruſt! Wie ſtarr und bohrend blickte jedes Auge nach der Richtſtätte hin! Bedeau mußte Wilhelms Arm, den heftig zitternden, feſt halten, damit der Knabe nicht zuſammenbrach. In dem Augenblicke, da das Wort„Feuer!“ ertönte, riefen die zwölf Todesopfer mit einem Munde laut aus:„Frei, frei, werde unſer Vaterland!“ Ein hell aufblitzender Feuerſtrahl ſchoß aus vierundzwan⸗ zig Flintenröhren und mit dem aufſteigenden Pulverdampf vermählte ſich der ſchmetternde Knall. Das ſtehende Häuf⸗ lein von Männern verſchwand und mit dem Verziehen des * ½ 58 Pulverdampfes ſah man ſie, leblos neben⸗ und übereinander gebettet, auf der blutgetränkten Erde liegen. Doch— es regt ſich unter den Todten! Von rothem Blute übergoſſen und ſchrecklich anzuſehen, erhebt ſich ein junger Mann mit Mühe über die gefallenen Gefährten. Nur ſein rechter Arm hängt zerſchmettert am ſonſt unverletzten Körper. „Feile Tyrannenknechte!“ ruft er zürnend ſeinen Hen⸗ kern zu—„Zielt beſſer, wenn ihr ein deutſches Herz treffen wollt!“ Und kühn und ſtolz, bietet er Bruſt und Haupt den feindlichen Kugeln dar. Wiederum erſchallt das Kommando⸗ wort. Blitz, Kugelpfeifen, Donner und Dampf erneuern ſich und todt in den Staub geſtreckt liegt auch die letzte deutſche Kriegergeſtalt! Wilhelm ſchluchzte krampfhaft an Bedeau's Seite, wäh⸗ rend dieſer ſtumm und finſter darein ſchaute. Die zwölf blutigen Leichen wurden in das ihnen bereitete Grab gebettet und daſſelbe zugeſcharrt. Dann kehrte der franzöſiſche Kriegerhaufe unter munter klingendem Trommel⸗ ſchlag in die Stadt zurück. Der Volkshaufe verlief ſich, eine Kundgebung ſeiner Gefühle aus Furcht unterlaſſend. Leut⸗ nant Bedeau dagegen ſuchte den Hauptmann auf, mit wel⸗ chem er ſich vor zwei Tagen wegen Heinrichs von Wedell geſtritten hatte. Beide verließen nach kurzer Unterredung in Begleitung noch zweier franzöſiſcher Officiere und eines Chirurgen die Stadt und ſuchten in deren Nähe ein kleines Gehölz auf. Hier bemerkte Wilhelm, welchem ſein Herr vor⸗ her mehrere Briefe eingehändigt und dem Knaben geſagt hatte:„Wenn ich falle, das heißt, wenn ich ſterben ſollte, ſo trägſt du dieſe Briefe auf die Poſt“— daß die beiden frem⸗ 59 den Officiere auf einem freien Platze des Gehölzes hin und her ſchritten und Meſſungen an dem Fußboden vornahmen, worauf ſie eine Linie auf die Erde zogen. Indem Wilhelm dieſem Treiben aus der Ferne zuſah, hatte er kein Arges da⸗ bei. Nur erſt, als die Officiere zwei Paar Piſtolen zum Vor⸗ ſchein brachten, ſolche mit Pulver und Kugeln luden und ſo⸗ wohl den Hauptmann als auch den Leutnant Bedeau eine davon auswählen ließen, begann ein dunkles Gefühl von einem bevorſtehenden Unglück in ſeiner Bruftſich zu regen. Jetzt ſtellten ſich beide Piſtolenträger an einem bezeichneten Punkte vor der Linie auf, ſo daß ſie in ziemlicher Weite ſich einander gegenüber befanden. Jeder von ihnen hatte einen der frem⸗ den Officiere neben ſich, jedoch außerhalb der Schußlinie. Auch dieſe hielten ſcharf geladene Piſtolen in der Hand und beobachteten mit ſcharfen Blicken den Gegner des Andern. Bedeau und der Hauptmann erhoben ihre geſpannten Piſto⸗ len und gegenſeitig auf einander zielend, näherten ſie ſich mit mäßigen Schritten der am Erdboden gezogenen Linie bis auf etwa ſechs bis acht Schritte. Bei dieſem Anblickſtieg dem Knaben das Haar zu Berge. Daß dieſes Verfahren kein bloßes Spiel ſei, ſagte er ſich aus dem ihm gewordenen Auftrage ſeines Herrn. Aber wa⸗ rum geſchah das, da doch beide Gegner Franzoſen und dem⸗ nach Freunde waren? Jetzt blitzte es aus Bedeau's Piſtole und gleich darauf auch aus der des Hauptmann's. Dieſem fiel der Hut, von Bedeau's Kugel durchbohrt, vom Kopfe, während Bedeau unverletzt in dem verſtiebenden Pulverdampfe daſtand. Hier⸗ auf traten die vier Herren zuſammen und die w frenden ₰ 60 Officiere fragten die Kämpfer, ob ſie ſich mit der einander gegebenen Genugthuung begnügen wollten? Auf die beider⸗ ſeitige Verneinung dieſer Frage wurden die Piſtolen auf's Neue geladen und die Wiederholung des Duells begann. Der Hauptmann bekam eine Kugel in ſeine linke Achſel und Bedeau einen Streifſchuß an der rechten Bruſtſeite. Nun waren die Kämpfer zufrieden geſtellt und reichten einander verſöhnt die Hände, was von Seiten Bedeau's mit offener Aufrichtigkeit und Herzlichkeit, von dem Hauptmann aber mit verbiſſener Wuth geſchah. Der Chirurg unterſuchte und verband die Wunden und ein bereitgehaltener Wagen führte ſämmtliche Theilnehmer des Zweikampfs nach Weſel zurück. Wilhelm marſchirte zu Fuße hinterdrein und mußte, da ſein Herr nicht gefallen war, die ihm anvertrauten Briefe wieder abliefern. Da der Chirurg dem Leutnant Bedeau, wegen des zu befürchtenden Wundfiebers, auf das Strengſte die ſofortige Rückkehr nach ſeinem Standquartier unterſagte, ſo mußte Wilhelm allein dahin wandern. Er empfing, außer münd⸗ lichen Aufträgen an den befehlenden Unterofficier, ein kurzes Schreiben Bedeaus's an den Leutnant Heinrich von Wedell, in welchem jener dieſem mit wenig Worten das traurige Ende ſeiner Kriegsgefährten meldete. Ueber ſeinen Zwei⸗ kampf mit dem Hauptmann und deſſen Veranlaſſung ſchrieb er kein Wort. Eben ſo wenig hielt er es für nöthig, ſeinem kleinen Diener eine Erklärung darüber zukommen zu laſſen. Kopf und Herz noch ganz voll von den furchtbaren Er⸗ lebniſſen des heutigen Tages, trat Wilhelm ſeinen Rückweg an. Es war ihm zu Muthe, als ſollte er gleichfalls todt ge⸗ 6 61 ſchoſſen werden, und dieſer Gedanke peitſchte ſeine Füße zum unermüdlichen Rennen an, ſo daß er keuchend und ſchweiß⸗ gebadet in dem Städtchen anlangte. Nachdem er ſeine Auf⸗ träge dem Unterofficier mitgetheilt hatte, händigte er mit deſſen Bewilligung und in deſſen Gegenwart dem Leutnant Heinrich das Schreiben Bedeau's ein. Obſchon dieſer das Schlimmſte für ſeine gefangenen Kameraden gefürchtet hatte, ſo fühlte er ſich doch durch die ſchnelle Vollziehung des ge⸗ fällten Todesurtheils auf das Tiefſte ergriffen. Wilhelm mußte ihm bis auf die kleinſte Einzelnheit und zu wieder⸗ holten Malen die ſtattgefundene Hinrichtung beſchreiben, wo⸗ bei Schmerz, Trauer, Bewunderung und Zorn in Heinrich's Innern abwechſelten. „O daß ich mit Euch hätte den Heldentod ſterben kön⸗ nen!“ rief Heinrich ſchmerzlich aus.„Warum muß ich allein übrig bleiben und den Leidenskelch noch länger trinken? Ha, Bedeau! Bedeau! iſt das Deine mir zugeſicherte Freund⸗ ſchaft?“ Der Unterofficier, welcher kein Deutſch verſtand, winkte hier dem Knaben, mit ihm das Behältniß der Gefangenen zu verlaſſen, unter welchen Heinrich von Wedell der einzige Officier war. Am andern Tage kam Bedeau nachgefahren und erwähnte gegen Niemand ein Wort von ſeinem Zweikampfe mit dem Hauptmann. Den ſtillverbiſſenen Unmuth und die auffällige Unfreundlichkeit Wedells gegen ihn ertrug er mit ruhigem Gleichmuthe und ſorgte wie bisher für die pünktliche Ver⸗ pflegung der ihm überwieſenen Kriegsgefangenen. So ver⸗ ſtrichen etliche Tage, ohne daß Anſtalten zur Weiterreiſe 34 62 getroffen wurden. Endlich langte ein Schreiben von Bedeau's Oberbefehlshaber an, welches derſelbe mit unruhiger Haſt erbrach und überlas. Bald erheiterten ſich ſeine Züge und ſeit längerer Zeit verſchönte dieſelbe das erſte freundliche Lächeln. „So habe ich doch Recht behalten“— murmelte Bedeau vor ſich hin—„und er wird nicht erſchoſſen wie ſeine Ka⸗ meraden.“ Sofort gab er Befehl zur Weiterreiſe, obgleich ſeine, im Duell erhaltene Wunde noch nicht völlig geheilt war. Wilhelm Mettler konnte das abſtoßende, finſtere Betragen Heinrich's von Wedell gegen Bedeau auf die Dauer nicht ſtillſchweigend mit anſehen. Er hatte von dem Unterofficier Hautmont eine nähere Auseinanderſetzung über den ſtattge⸗ fundenen Zweikampf und deſſen Veranlaſſung bekommen. „Sie wiſſen wohl nicht“— hob er zu dem Preußen an —„daß Monſieur Bedeau Ihretwegen mit einem Haupt⸗ mann ſich herumgeſchoſſen und ſein Leben für Sie gewagt hat? Der Hauptmann wollte Sie durchaus mit Ihren zwölf Kameraden gerichtet wiſſen, das aber gab Monfieur Bedeau nicht zu und berief ſich auf ſeinen erhaltenen Befehl. Dar⸗ überſ geriethen die beiden Herren hart zuſammen und weil der Hauptmann gröblich gegen Bedeau ausfiel, ſo forderte ihn dieſer auf Piſtolen. Für den Fall, daß Monſieur Bedeau erſchoſſen würde, hatte er lange Abſchiedsbriefe an ſeine Aeltern und Geſchwiſter geſchrieben, auch dem Unterofficier Hautmont aufgetragen, für mich und für Sie dann beſtens zu ſorgen. Ich habe mit angeſehen, wie die beiden Herren auf einander losknallten und bin dabei vor Angſt faſt ver⸗ gangen.“ 63 „Fiel eine Verwundung vor?“ fragte Wedell den Knaben. „Zwei für eine!“ antwortete dieſer.„Der Hauptmann bekam eine Kugel in die Achſel und Monſieur Bedeau einen Streifſchuß in die Seite. Aber er läßt ſich nichts von ſeinen Schmerzen gegen Sie merken und iſt ſeelenvergnügt darüber, daß er Sie vor dem Erſchießen errettet hat. Darum ſeien Sie doch nicht mehr böſe auf ihn, denn er meint's gewiß recht gut mit Ihnen.“ Als hierauf Bedeau mit Wedell zuſammentraf, ſprach dieſer mit bewegter Stimme zu ihm, indem er ihm die Hand reichte und drückte:„Bedeau, ich weiß Ihren Edelmuth gegen mich zu ſchätzen und danke Ihnen dafür; aber weit lieber hätte ich es geſehen, wenn Sie mir erlaubt hätten, den Tod mit meinen Kameraden theilen zu dürfen. Was ſoll mir ein Leben voll Schmach und Sclaverei?“ „Lieber Freund, verzweifeln Sie nicht“— erwiderte Bedeau herzlich—„offentlich kommt noch eine Zeit, wo Sie anders denken und ſprechen werden. Haben Sie Geduld, Geduld!“ ungläubig ſchüttelte Wedell das Haupt. 64 Siebentes Kapitel. Die Wanderung. Mehrere Monate waren vergangen. Während dieſer Zeit hatte man den Leutnant Heinrich von Wedell von einer fran⸗ zöſiſchen Feſtung nach der andern gebracht und zuletzt ihm ein Gefängniß zu Sedan zum Aufenthaltsort angewieſen, wo er bis zu Anfang des Jahres 1810 verweilte. Seit ſeiner Einkerkerung hatte er weder ſeinen Beſchützer Bedeau, noch deſſen kleinen Diener, Wilhelm Mettler, zu Geſicht be⸗ kommen. An einem kalten Januartage that ſich das Thor der Citadelle von Sedan auf, um eine Anzahl Gefangener herauszulaſſen, welche insgeſammt mit ſchweren Eiſenketten an einander gefeſſelt waren und von einer Anzahl Bewaffne⸗ ter begleitet wurden. Unter ihnen befand ſich auch der Leut⸗ nant von Wedell, der jetzt nichts weniger als einem ſchmucken, feuerigen und lebensfrohen Officier glich. Selbſt ſeine Klei⸗ dung deutete nicht mehr auf ſeinen frühern Stand hin und war für die Winterzeit eine ſehr dünne und mißliche. Seine ohnehin blaſſe Geſichtsfarbe wurde in der Kälte vollends todtenbleich und die unbedeckten Hände zitterten vor Froſt. Nicht beſſer ergings ſeinen Gefährten, welche einen erbärm⸗ lichen Anblick gewährten und einen ſchroffen Gegenſatz zu den warm bekleideten, wohlgenährten und mit Gepäck beladenen Kriegern bildeten. Der traurige Zug ſetzte ſich in Bewegung 65 und die armen Gefangenen würden, um der bittern Kälte willen, gern möglichſt raſch gelaufen ſein, hätten ſie nicht daran die noch ungewöhnten Feſſeln gehindert. Demohn⸗ erachtet trieben die Soldaten zur Eile und gaben ihren Wor⸗ tten durch verabreichte Kolbenſtöße den gehörigen Nachdruck. Welch' eine Behandlung, für einen Officier und Edelmann, der früher den leichteſten Schlag mit Blut gerächt haben würde! Die Reiſe währte, mit kurzen Unterbrechungen, den ganzen Tag fort und war für die Gefangenen, welche bisher in ihrem Gefängniſſe wenig Bewegung gehabt hatten, ſehr anſtrengend, wiewohl die freie, friſche Luft geſünder war als der Kerkerdunſt. Als es Abend wurde, ſperrte man die Ge⸗ fangenen in eine Scheuer ein, wo ſie nur etwas Wirrſtroh zu ihrem Lager zugetheilt bekamen und darum viel von der Nachtkälte auszuſtehen hatten. Es verſteht ſich, daß man, obgleich die Ketten der Gefangenen ſtark und feſt waren, dennoch zwei Schildwachen vor dem Scheunenthore aufſtellte, die bei dem leiſeſten, verdächtigen Geräuſch der Eingeſperr⸗ ten durch das Abſchießen ihrer ſcharf geladenen Flinten die im Bauernhauſe einquartierten Soldaten herbeizuziehen, den Befehl erhalten hatten. Die Koſt, welche man den Gefan⸗ genen unterwegs darreichte, war die einfachſte von der Welt und beſtand meiſtens nur aus trocknem Schwarzbrot und oftmals trübem Waſſer. Nachdem die Gefangenen zwei Tage lang ihre traurige Wanderung fortgeſetzt hatten, gelangten ſie in eine kleine Stadt, wo das Volk neugierig herbeiſtrömte, um mit großen Augen die gefeſſelten Uebelthäter anzuglotzen. Mit dieſen vereinigte ſich hier ein zweiter und zwar Zug Der Galeerenſclave. 66 Gefangener, welcher von einer andern Gegend herkam und gleicher Beſtimmung zugewieſen war. Weil die Zuſchauer der Meinung waren, nichts als todeswürdige Verbrecher vor ſich zu ſehen, ſo betrachteten ſie dieſelben, anſtatt mit mitlei⸗ digem Erbarmen, mit ſchadenfrohen Blicken und weideten ſich an den Qualen, die jenen die ſchweren Feſſeln, und die bittere Winterkälte bereiteten. Unter den Gefangenen litt Heinrich von Wedell am meiſten, theils, weil er dem vorneh⸗ men, an harte Entbehrungen nicht gewohnten Stande ange⸗ hörte, theils aber auch, weil er von ſeiner ſchweren Verwun⸗ dung her noch immer eine große Schwäche behalten hatte. Sein abgemagertes Antlitz ſah kreideweiß aus und nur die Naſe war hochgeröthet, was ganz ſonderbar ſich ausnahm- Die eine der blaugefrornen Hände hatte Heinrich von Wedell unter die zugeknöpften Klappen ſeines löcherreichen, kurzen Röckleins, die andere in eine Hoſentaſche geſchoben, wo⸗ bei ſein ganzer Körper wie vom kalten Fieber geſchüttelt wurde. Der arme Leutnant war ſo ſehr von dem Froſte ein⸗ genommen, daß er ſich, wie eine Schnecke in ihr Gehäuſe, ganz in ſich zuſammenzog und für ſeine Umgebung keine Augen hatte. Plötzlich erwachte er aus ſeiner Erſtarrung und zwar durch den Klang einer von Mitleid tiefbewegten Kinderſtimme, welche die Worte an ihn richtete:„Da nimm, Du armer Mann!“ Zugleich fühlte Wedell den ſanften Druck eines wärmenden Gegenſtandes auf ſeinem Arme. Derſelbe beſtand in einem Stück groben, wollenen Teppichs, das in ein Bün⸗ del zuſammengerollt war, die freundliche Geberin dagegen in einem ärmlich gekleideten Mädchen von etwa 9 Jahren, das 67 den von ihr Beſchenkten mit thränendem, bedauerndem Auge anblickte. Dieſer Zug chriſtlicher Nächſtenliebe zerſchmolz die Eis⸗ kruſte, welche auch um Wedells Herz gefroren war. Daſſelbe begann wieder raſcher und freudiger zu ſchlagen und mit tiefer Innigkeit ſprachen die froſtbebenden Lippen die Dan⸗ kesworte:„Gott lohne dir's tauſendfältig, mein liebes Kind!“ Wit ſelig verklärter Miene ſchlüpfte die Kleine davon und Wedell ſah ihr mit gerührten Blicken nach. Dieſe fielen jetzt auf einen franzöſiſchen Officier in der Ferne, welcher eben ſeinen weiten Mantel haſtig von ſich ſtreifte und ihn einem danebenſtehenden Knaben einhändigte. Doch in dem Augen⸗ blick, wo der Knabe, in welchem Wedell den kleinen Diener Bedeau's erkannte, auf die Gefangenen zueilen wollte, ſah er ſich von ſeinem Herrn wieder zurückgezogen und feſtge⸗ halten. Dabei hatte Bedeau's Antlitz einen erſchrockenen Ausdruck angenommen und er bemühte ſich, ſeine Geſtalt hinter den Zuſchauern zu verbergen. Wedell wußte ſich dieſen Auftritt nicht ſogleich zu erklä⸗ ren, allein ſchon die nächſte Secunde gab ihm hierüber Auf⸗ ſchluß. Der neu herzugekommene Oberbefehlshaber der Wachtmannſchaft, ein franzöſiſcher Hauptmann, näherte ſich mit ſchnellen Schritten und rief mit barſcher Stimme einem der Wächter an:„Sergeant Magon, unterſuchen Sie genau das Bündel, das der rothnäſige Sträfling auf ſeinem Arme trägt.“ Augenblicklich erkannte Wedell in dem Sprecher jenen Hauptmann wieder, welcher den Leutnant Bedeau hatte zwingen wollen, ſeinen Gefangenen Wedell mit den übrigen 5* 68 Schillſchen Officieren zugleich erſchießen zu laſſen. Derſelbe Umſtand hatte auch den Leutnant Bedeau bewogen, ſeinen guten Vorſatz unausgeführt und ſeinen Mantel dem froſt⸗ bebenden Wedell nicht zukommen zu laſſen. „O weh!“ ſprach Bedeau zu ſeinem jungen Diener— „der harte Riquet iſt Hauptmann von der Kette geworden! Erkennt er in dem unglücklichen Wedell meinen Schützling wieder, um deſſen Willen er von mir die Kugel in die Achſel bekam, ſo dürfte er ſeine ganze Wuthauf den Aermſten über⸗ tragen. Seien wir daher vorſichtig!“ Mittlerweile unterzog ſich der Sergeant Macon dem Befehle ſeines Hauptmanns. Als er das Teppichſtück aus⸗ einander wickelte, fand ſich in demſelben noch ein Paar ge⸗ brauchter, wollener Strümpfe vor, die wie der Teppich genau durchforſcht wurden, ob eine Feile oder ein anderes Befrei⸗ ungswerkzeug darin verborgen ſei. Nach beendigter Durch⸗ ſuchung warf der Sergeant das Bündel dem Gefangenen wieder zu, der ſich nun in den Teppich hüllte und in ſeinem Innern jenes Mädchen mit ſtillen Segenswünſchen über⸗ ſchüttete. Die Gefangenen, welche ſämmtlich an eine lange, ſtarke Kette gefeſſelt waren, ſo daß ſie ein geſchloſſenes Gan⸗ zes bildeten, in dem der Einzelwille nichts galt, verließen nun die Stadt. Da näherte ſich ihnen abermals jenes kleine Mädchen mit einem freudeſtrahlenden Geſicht und händigte dem Leutnant von Wedell ein noch anſehnlicheres, aus einem großen, dichtgewebten Wollteppich beſtehendes Bündel nebſt einem Goldſtück ein, das der Betroffene alsbald für einen doppelten Napoleonsd'or erkannte. Beides kam von Bedeau, welcher jenes Mädchen, um nicht erkannt zu werden, zu ſeiner Botin gemacht, nachdem er deren chriſtliche Denkweiſe durch ihre erſte Gabe kennen gelernt hatte. Obgleich die Kleine den ihr ertheilten Auftrag ſo ver⸗ ſtohlen wie möglich ausgeführt hatte, ſo entging die neue Gabe dennoch nicht den Luchsaugen des Kettenhauptmann's Riquet. „Welche Bewandniß hat es mit jenem Schurken“— murmelte er—„daß nur erallein ſo reiche Gaben empfängt? Fühlen wir dem Kerl auf den Zahn.“ Er näherte ſich dem Leutnannt von Wedell, welcher eben die zweite empfangene Hülle um ſich legte und das Goldſtück verſteckte, und fuhr ihn mit den barſchen Worten an: „War die Kleine Deine Verwandte? Woher biſt Du? Wie uſt Du Dich? Welches Verbrechen haſt Du begangen?“ „Nir verſteh“— verſetzte Wedell, die Redeweiſe eines gemeinen Deutſchen nachahmend— ſein.“ Darauf muſterte Riquet den Leutnant mit forſchenden Blicken von oben bis unten. Dabei riß er ihm die beiden Teppiche von den Schultern, um die darunter befindliche Kleidung zu betrachten. Wedell trug zwar noch die blaue, preußiſche Uniform an ſich, allein in einem ſolchen üblen tande, daß Niemand in ihm einen Officier vermuthen konnte. Ein Glück überdies, daß Riquet bei ſeinem erſten Zuſammentreffen mit Wedell denſelben nur flüchtig geſehen, und ſeine Aufmerkſamkeit mehr auf deſſen Beſchützer Bedeau gerichtet gehabt hatte. Ueberdieß hatten die beſtandene Haft und der Gram den einſt blühenden jungen Mann in ein ſolches Bild des Elends umgewandelt, daß ihn ſelbſt ſeine beſten Freund kaum wieder erkannt haben würden. 70 „Ihr preußiſchen Hunde“— ſprach Riquet giftig— „hättet ohne Ausnahme die Kugel vor den Kopf verdient.“ Er wendete ſich ab und Wedell durfte auf ſolche verletzende Rede keine gebührende Antwort zurückgeben! Welche harte Ueberwindung! Auf dem weiteren Wege bemerkte Wedell, daß manche von den Gefangenen ihren Wächtern kleine Silberſtücke einhändigten, um ſich von ihnen dafür beſſere Nahrungs⸗ mittel oder kleine Ergötzlichkeiten einkaufen zu laſſen. Was nützte dem Leutnant ein Goldſtück, wenn er keinen Gebrauch davon machen wollte? Und er bedurfte der Stärkung ſo ſehr! Daher übergab Wedell den Napoleonsd'or dem Sergeant Macon, wobei er ſeine angenommene Rolle fortſpielte und ſein Anliegen in gebrochenem, mit franzöſiſchen Wörtern vermengtem Deutſch vorbrachte. Nun, Magon verſtand ſeinen Vortheil, indem er zwei Drittheile von dem empfangenen Gelde für ſich behielt und das eine Drittel für die Wünſche ſeines Gefangenen verwendete, der ſich dabei beſſer als ſeine Gefährten befand. Nach mehrtägiger, beſchwerlicher Wande⸗ rung ſahen die Gefangenen am fernen Horizont eine dunkle, ſchwarzblaue Wand in einer ſchnurgeraden Linie auftauchen, die einem winterſtarren Kiefernwalde glich. Etliche aber den Gefangenen belehrten ihre unwiſſenden Gefährten, der vermeinte Forſt das Meer und zwar der Kanal von Frankreich ſei, welcher daſſelbe von England trennt. Noch wußte Wedell nicht mit Gewißheit, welches neue Schickſal ihm zugedacht ſei. Bald jedoch ſollte er es zu ſeinem Ent⸗ ſetzen erfahren. S Wiederum gelangte man in eine Stadt, die unſoh 2 71 als die bisher durchwanderten war. Das Volk, welches bei dem Einmarſch der Gefangenen weniger zahlreich als ander⸗ wärts herzukam, wiederholte mehrfach das Wort:„Bagno! Bagno!“ So heißen diejenigen Strafanſtalten, welche die ehemals zu den Galeeren verurtheilten Verbrecher gegenwärtig auf⸗ nehmen und gewiß nicht minder ſchrecklich ſind. Als die Schifffahrtkunſt noch in der Wiege lag, als man ein Schiff noch nicht durch die Stellung der Segel und des Steuer⸗ ruders nach jeder Richtung hin zu bewegen verſtand, als man von der Dampfkraft keine Ahnung hatte, bediente man ſich, wie noch jetzt bei kleinen Flußſchiffen und Böten, der Ruder, um große Seefahrzeuge fort zu bewegen. Dergleichen Fahrzeuge hießen Galeeren, zählten an 100 und mehr große, rieſenhafte Ruder, von je drei Menſchen gehandhabt, und wurden namentlich in den früheren Kriegen gegen die Türken verwendet. Dieſe Ruderknechte oder Galeerenſclaven waren entweder Kriegsgefangene oder ſchwere Verbrecher, deren Leben noch ungleich reicher an den härteſten Arbeiten, Entbeh⸗ rungen und Gefahren war, als das der jetzigen Galeerenſclav en. Die Ruderbank war ihre unzertrennliche Lebensgefährtin, von welcher ſie nur der Tod erlöſte. Feſt angeſchmiedet an dieſelbe, mußten die Unglücklichen Tag und Nacht neben ihr zubringen, auf den harten Holzdielen ſchlafen eſſen, trinken, ihredringendſen Bedürfiſſeverrichten, Regiu⸗Hatl. Sturn, Froſt, Hitze ausſtehen, in der rings ſie umtobenden See⸗ ſchlacht geduldig ausharren, die gefährlichſte Krankheit ohne Beiſtand durchmachen und bei dem Untergange der Galeere angekettet den langſam nahenden Tod des Ertrinkens erleiden. 72 Die Erfindungen der neueren Zeit haben die Galeeren außer Gebrauch geſetzt und die Bagno's an deren Stelle treten laſſen. Mit welchen Empfindungen Heinrich von Wedell die hohen Schranken des Bagno von Cherbourg betrat! Unter der erdrückenden Laſt ſeiner Gefühle vermochte er kaum noch zu athmen, zu denken, die Füße fortzubewegen. Unter ſchauer⸗ lichem Kettengeklirr hielt die lange Bande der Sträflinge ihren Einzug in den weiten, von hohen und niedern Gebäu⸗ den angefüllten Hofraum. Während Riquet dem Hafencom⸗ mandanten ſeinen Bericht abſtattete und die ihm anvertraut geweſenen Gefangenen übergab, ſtanden dieſe in einer Reihe neben einander vor dem Commandantenhauſe aufgeſtellt. Schweigſam und unbeweglich verharrten ſie hier, ſcharf be⸗ wacht von ihren bisherigen Begleitern, die ſie zum letzten⸗ male ſahen. Dagegen erblickte das verſtörte, finſter umher⸗ irrende Auge viele zuſammengekettete Männerpaare mit wet⸗ tergebräunten Geſichtern, in weißen oder grauen Beinkleidern, rothen Jacken und grünen oder rothen Mützen auf dem Haupte, welche ſchwer beladen dahin ſchritten. Nachdem die Gefangenen geraume Zeit gehabt hatten, ihren neuen Wohnort in Augenſchein zu nehmen, ſo erſchien in Begleitung Riquet's ein Hafenbeamter, welcher im Auf⸗ trage des Commandanten die angekommenen Sträflinge überzählte und übernahm. Riquet nebſt ſeinen Leuten ent⸗ fernte ſich und andere Wächter traten an deren Stelle. Ueber den Leutnannt von Wedell war weder jemals ein Gericht abgehalten, noch ihm ein Strafurtheil eröffnet wor⸗ den. Alles was ihm widerfuhr, geſchah lediglich auf Napo⸗ leon's eigenmächtigen Willen. 73 Achtes Kapitel. Im Bagno. Zunächſt traten zu den neu angekommenen Sträflingen etliche Schmiedegeſellen, wahre Cyklopen, herbei, um jene von der langen Kette und ihren Mitgefangenen zu befteien. Hierauf wurden ſie in ein anderes Gebäude geführt und in kleinen Trupps in ein Seitengemach gelaſſen, aus welchem bald allerlei Geräuſch: unwillige Schreie, rohes Gelächter, Plätſchern, Sprudeln und Waſſerrauſchen, ertönte. Endlich kam auch die Reihe des Einlaſſes an Heinrich von Wedell. In dem weiten Raum, den er betrat, erblickte er mehrere Bade⸗ wannen neben einander aufgeſtellt und eine Anzahl roth⸗ jackiger Sträflinge beſchäftigt, ihren neuen Kameraden die Haare glatt vom Haupte zu ſcheeren, ſie zu entkleiden und am ganzen Leibe tüchtig abzuwaſchen, was ſie eben mit nicht ſanften Händen ausführten. Mit Heinrich geſchah ein Gleiches. Von rohen Fäuſten gepackt und feſtgehalten, mußte er mit ſich vornehmen laſſen, was man wollte. Sein ſchönes, reiches Haar fiel unter den Schnitten der Scheere und ſein ganzer Körper brannte unter dem Abreiben mit einem groben Filz⸗ lappen. Zuletzt ſtürzte man ihm einen Eimer kalten Waſſers über das Haupt und den Leib, worauf das wie eine Feile kratzende Trocknentuch dem Waſchverfahren ein Ende machte. Halb betäubt, von Froſt geſchüttelt, der bald einem heftigen 74 Brennen der ganzen Haut wich, wurde Heinrich durch lautes, heftiges Wehgeſchrei in ſeiner Nähe auf eine neue Qual auf⸗ merkſam gemacht, bei deren Anblick ihm das Blut in den Adern zu erſtarren drohte und ein heftigeres Zittern als kurz vorher ſeinen Körper zu rütteln begann. Er ſah ein eiſernes Becken mit glühenden Holzkohlen am Boden und um daſſelbe eine Anzahl ſeiner Mitgefangenen ſtehen, denen man das Hemde von der einen Achſel entfernt hatte. Eine Rothjacke nahm ein rothglühendes Eiſen mit einem langen Stiele aus dem Kohlenfeuer und drückte es den neu eingekleideten Sträf⸗ lingen auf die nackte Haut, ſo daß das Eiſen laut aufziſchte und der widrige Geruch verſengten Fleiſches die Luft erfüllte. „Es kitzelt, nicht wahr?“ höhnte der Galeerenſträfling ſeinen gebrandmarkten Kameraden, als derſelbe unter dem glühenden Eiſen einen Schmerzensſchrei ausſtieß.„Nur ein wenig Geduld, mein Freund, und Du wirſt eine kühlende Salbe aufgelegt erhalten.“ Dieſelbe beſtand in fein geklärtem Schießpulver, welches ein anderer Sträfling in die gebrannte Wunde einrieb, wo⸗ rauf ein unvertilgbares, aus den zwei Buchſtaben T. F. (travaux foreés) beſtehendes Brandmal zum Vorſchein kam. Vor Heinrich's Augen ward es dunkel und finſtere Nacht umzog ſein Gemüth.„Gott, mein Gott,“ murmelte er in ſich hinein—„laß mich ſterben! Erſpare mir dieſen Leidens⸗ kelch, der tauſendmal bittrer iſt als der Tod. O, warum hauchte ich mein elendes Leben nicht auf dem Schlachtfelde, dem Bette der Ehre, aus?“ Er, ein tapfrer Krieger, ein Officier und ein Edelmann, ſollte ſich gleich dem verworfenſten Mörder oder Räuber 75 prandmarken laſſen? Unmöglich! Er beſchloß, gegen dieſe empörende Schande mit allen ſeinen Kräften ſich zu wehren und hoffte in dem Kampfe ſeinen Tod und mit ihm das Ende aller ſeiner Leiden zu finden. Allein dieſer verzweifelte Vorſatz kam nicht zur Ausführung, indem Heinrich mit dem Brand⸗ marken verſchont wurde und ohne Weiteres ſeine neue Straf⸗ kleidung zugetheilt bekam, während man ſeine bishergetragene dem Feuer überlieferte. Sein Hemde war von der gröbſten Leinwand gefertigt, die ihm die Haut faſt wund rieb; ſeine weiten Beinkleider beſtanden aus grauem, derbem Drill und ſeine Jacke aus rothem, grobfadigen Tuch, ſo auch die grüne, einem Kaffee⸗Filtrirſacke ähnliche Mütze. Damit aber war die Einkleidung oder, wie die alten Galeerenſträflinge ſcherz⸗ haft ſich ausdrückten, die Toilette noch nicht beendigt. Zum zweitenmale nahmen die ſchwarzruſigen Cyklopen die An⸗ kömmlinge in Empfang und unter ihre derben Fäuſte, um jedem von ihnen einen dicken Eiſenring um den Fuß zu legen und ihn mittelſt einer ſtarken, etwa dreielligen Kette an einen bereits älteren Galeerenſträfling feſtzuſchmieden. Nachdem die Paare auf dieſe Weiſe mit einander„getraut“ worden waren, befeſtigte man an der Mütze eines jeden neuen Sträf⸗ lechſchild mit einer Nummer. Deſſen Name ver⸗ hiermit für das ganze Leben oder für die Dauer rafzeit und er war fortan nichts weiter als eine Nummer, mit der man ihn bezeichnete und rufte. Nun übergab man die Neueingekleideten ihren Aufſehern, welche ſie zur Arbeit führten. Dieſe war von der härteſten und anſtrengendſten Art und veſtand in dem Tragen oder Fortſchleifen ſchwerer Laſten, im Zerſügen von Baumſtämmen lings ein 76 und Steinblöcken, im Bemaſten der Seeſchiffe, im Tauedre⸗ hen, Steineſprengen und ähnlichen Verrichtungen. Heinrich machte wie ein Träumender oder Betrunkener mechaniſch mit, was er von ſeinen Gefährten thun ſah. Er fühlte und achtete es nicht, daß ſeine Hände unter der ungewohnten Arbeit blu⸗ teten, eben ſo wenig vernahm er, was der Aufſeher oder ſein Kamerad zu ihm ſprach, daher der Letztere ihm wiederholte Stöße und Püffe verabreichte. „Laß' ihm Zeit, 1002,“— ſprach der Aufſeher zu jenem „aufzuthauen. Faſt Jeder von Euch hat erſt die Seekrank⸗ heit zu überſtehen, bevor er ſich eingewöhnt.“ Heinrich fühlte ſich bis zum Sterben angegriffen, als endlich ein durchdringender Pfiff das Ende der Arbeit ver⸗ kündete und die Galeerenſträflinge abrief. Von ihren Auf⸗ ſehern begleitet, von welchen einer auf zehn Sträflinge kam, wanderten dieſe ihren Wohnhäuſern zu, welche damals theils aus langen Gebäuden auf dem feſten Lande, theils aus ehe⸗ maligen, zu Gefängniſſen eingerichteten, im Hafen ankernden Kriegsſchiffen beſtanden. Heinrich und ſeine zweite Hälfte waren unter den Letzten, welche ein großes, aber niedriges und von dicken Mauern zuſammengeſetztes Gebäude betraten. Ein betäubendes Kettengeraſſel empfing die Eintretenden, in welches ſich das Summen und der wilde Lärm u iger Menſchenſtimmen miſchten. Heinrich gelangte in ein geſtreckten, breiten und ziemlich hohen Saal, in deſſen ein breiter, erhöhter und von Steinen gemauerter Gang hin⸗ lief. Zu beiden Seiten bildeten die Steinquadern ſchräg ab⸗ gleitende Flächen, an deren oberem Rande eine dicke Eiſen⸗ ſtange durch den ganzen Saal befeſtigt war. Auf den ſchrägen Flächen befanden ſich in ſchmalen Abtheilungen die Lager⸗ ſtätten der Sträflinge, aus hölzernen Pritſchen beſtehend, welche zur Decke nur eine einfache, grobe Wolldecke beſaßen. Theils auf den Pritſchen, theils auf dem Steingange vor den beiden Pritſchenreihen ließen ſich die Sträflinge nieder, um entweder der Ruhe zu pflegen oder den Ueberreſt des Tages mit dem Verfertigen von allerlei Kunſtgegenſtänden zu vollbringen. Das Letztere that auch Heinrichs Kamerad, Nr. 1002, ein Mann von einigen und vierzig Jahren, mit einem ſonnen⸗ verbrannten Geſicht und einer breiten, rothen Schmarre über demſelben. Er holte unter ſeiner Matratze eine hölzerne Schachtel mit kleinen Seemuſcheln verſchiedener Art hervor und begann mit denſelben kleine Schmuckkäſtchen, Nadel⸗ und Nähkiſſen und audere nette Papparbeiten zu verzieren, wozu er ſich der einfachſten Werkzeuge und Hilfsmittel bediente. Ein anderer Sträfling flocht aus buntgefärbten Strohhalmen die niedlichſten Sächelchen; ein Dritter ſchnitzelte aus Elfen⸗ bein und Knochen wahre Kunſtwerke; ein Vierter grub in dunkelbraune Cocosnußſchaalen die Geſtalten von Menſchen und Thieren, ſo wie die ſchönſten Muſter und Arabesken ein. unſtfertigkeiten hatten die Sträflinge ohne irgend eiſung und bloß durch die Noth erlernt, die ja die er faſt aller Erſindungen iſt. nrich ſah und beachtete dieſen Fleiß ſeiner Nachbarn nicht. Er ſaß, das Haupt auf die Bruſt gebeugt und die Hände über die Kniee gefaltet, in ſich verſunken da. Da weckte ihn endlich ein Ton aus ſeinem Hinbrüten. Was war's, das ſein Ohr ſo fremdartig und überraſchend berührte? Ha, 78 erneuert ſich nicht jener Ton und in verſtärktem Maaße? Klingt's nicht wie Lachen? Ja, ja, Lachen, mehrſtimmiges Lachen! Wer onders als höchſtens die gleichfalls roh gewor⸗ denen, für Menſchenelend, für Mitleid abgeſtorbenen Aufſeher könnten hier in dieſer Jammerhöhle, in dieſer Erdenhölle, lachen?! Heinrich blickt ergrimmt auf und nach der Ge⸗ gend hin, woher noch immer nicht etwa ein höhniſch bitteres, ſondern herzinniges, freudiges Lachen erſchallt. Wie? ſieht er recht? Galeerenſträflinge, wie er, ſind's, die dort ſich ausſchütten wollen vor Lachen! Ja, Menſchen, ihrer theuer⸗ ſten Güter und Rechte beraubt, gleich Hunden an der Kette liegend, gebrandmarkt, zu ewiger Gefangenſchaft verdammt, erdrückt von der Laſt ſchwerer Arbeit, auf harte Holzdielen gebettet, der Kälte preisgegeben, in Gemeinſchaft mit dem Abſchaum der verworfenſten Menſchheit lebend, vermögen noch zu lachen! Unglaublich, unmöglich, und doch wirklich wahr! Ein neues, noch größeres Erſtaunen bemächtigte ſich Hein⸗ richs, als in ſeiner Nähe ein noch junger Sträfling mit der ſchönſten Tenorſtimme eine reizende Opernarie zu ſingen begann und ſich hierin durch den ihn umgebenden Lärm nicht im Geringſten beirren ließ. Als er geendigt hatte, ſprach er ſcherzend:„Als ich noch zu Paris als erſter Tenor bei der Oper mit einem Jahrgehalt von 25,000 Fran s ange⸗ ſtellt war, wurde ich, ſo oft ich dieſe Arie voritug, Publikum mit dem donnerndſten Applaus belohnt. Hel warum thut ihr nicht desgleichen, da ihr keinen Centime Entrée zu bezahlen braucht? Wenn ihr Schurken mich nur“ wenigſtens mit einer Cigarre oder einem Mund voll Tabak erfreutet! Geiziges, ſelbſtſüchtiges Geſindel!“ Was Heinrich wunderte, war die Beobachtung, daß den Sträflingen das Tabakrauchen und Tabakkauen geſtattet wurde. Dieſer Genuß war aber auch die größte Triebfeder bei den Nebenarbeiten der Sträflinge, welche das daraus erlangte Geld größtentheils zum Ankauf von Tabak und Obſt verwendeten. Die von den Galeerenſträflingen gefer⸗ tigten Kunſtſachen wurden in der Stadt in einem beſonders dazu ermietheten Kaufladen und zwar von einigen bevorzug⸗ teren Sträflingen ſelbſt, verſteht ſich im Beiſein eines Beamten der Anſtalt, verhandelt. Die Hälfte des Kaufgelds nahm die Regierung an ſich, ein Viertheil wurde für die Sträflinge aufgehoben und ein Viertheil ihnen zur beliebigen Benutzung eingehändigt. Jedoch durfte dieſer Betrag die Summe von höchſtens 10 Franes auf den Monat nicht überſteigen. Nachdem Heinrich einmal aus ſeinem Hinbrüten geriſſen worden war, vernahm er immer mehr Staunenwerthes. Als ich noch“— hörte er einen Sträfling in ſeiner Nachbarſchaft erzählen—„ein angeſehener Bankier war und mit Vieren fuhr, hatte ich einen Kutſcher, der mir, lange genug, den Hafer ſtahl, bis ich endlich ſeiner Spitbuberei auf die Spur kam und den Kerl in's Zuchthaus brachte. ch rke war gerade wieder freigegeben worden, als ich nWeg nach dem Bagno antrat, und er hatte die Un⸗ theit, mir ſchadenfroh in's Geſicht zu lachen. Ich gedachte vor Wuth zu platzen und hätte gern dem Spitzbuben das Genick gebrochen.“ „Mir erging's nicht beſſer“— verſetzte ein Dritter. „Jch war Gerichtspräſident und hatte einen argen Schwind⸗ 80 ler, weil er mein Verwandter und Beiſtand in allerlei Neben⸗ geſchäften war, von einer verdienten, großen Strafe freige⸗ ſprochen, indem ich dem Geſetz eine wächſerne Raſe drehte. Zum Dank für meine Güte verieth der Elende, daß ich ein falſches Teſtament untergeſchoben hatte, durch welches ich zu einem ſchönen Landgute gelangt wäre.“ Weiter wurde Heinrich von Wedell noch Ohrenzeuge von ſo vielen und großen Abſcheulichkeiten, von gemeinen Redens⸗ arten, von Flüchen und Gottesläſterungen, daß ihm ein un⸗ beſchreibliches Grauſen vor ſolcher Geſellſchaft überfiel. Wie gern hätte er ſein Ohr gegen das Vernommene verſtopft! Wie gern wäre er taub geweſen! Wie gern das Franzöſiſche nicht verſtanden! Er ſah eins der größten Geſchenke Gottes, die Sprache, auf das Entſetzlichſte gemißbraucht und ent⸗ würdigt und nahm ſich vor, taub, ſtumm und des Franzöſi⸗ ſchen nicht mächtig zu ſcheinen, um nicht in Gemeinſchaft mit den Verworfenen um ſich her zu gerathen. Mechaniſch kauete und verzehrte Heinrich das ihm zuge⸗ theilte Abendbrot, das, wie die übrige Koſt, beſſer war, als er erwartet hatte. Sogar Fleiſch und etwas Wein wurde an beſtimmten Tagen den Sträflingen verabreicht. Als die Zeit der Nachtruhe kam, legten die Sträflinge ihre Arbeit nieder und ließen ſich von ihren Aufſehern an die lange Eiſenſtange feſtſchließen, ſo zwar, daß ene jeder Gefangene an ſeine Nachbarn gefeſſelt war mit ihnen eine einzige, durch den Saal laufende Kette bildete. Die über die Pritſche gedeckte, leichte Matratze diente als Deckbett des Sträflings, welcher nichts als das Holz zu ſei⸗ ner harten Unterlage hatte und in ſeiner ſchmalen Pritſche 81 wie in einem Sarge ruhte, der ihm kaum Raum zum Um⸗ wenden geſtattete. Des Ringes und der Kette, welche Hein⸗ rich's Glieder ſchmerzvoll drückten, noch ungewohnt, floh dieſem der erſehnte Schlaf, daher ihm Muße genug blieb, ſeine ſchreckensvolle Lage zu bedenken. Gleichwie der abgerichtete Hund auf das Peitſchenknallen ſeines Herrn furcht⸗ und gehorſam zu Kreuze und zur Ruhe kriecht, ebenſo verſtummte plötzlich der laute, wüſte Lärm im weiten Saale auf das Peitſchenknallen der Aufſeher. Die tiefſte Stille, nur hier und da durch das Klirren einer Kette unterbrochen, lagerte ſich über die Stätte der unglücklichen Sträflinge, von denen die Mehrzahl in kurzer Zeit ein fürch⸗ terliches Schnarchen zu hören gab. Das Licht der Laternen, welche oben an jedem der ſieben Fuß hoch von dem Gefängnißboden angebrachten, ſtark ver⸗ gitterten Fenſter hingen, erhellte den Saal, in welchem die wachthabenden Aufſeher, mit der Peitſche und ſcharf gela⸗ denen Piſtolen bewaffnet, geräuſchlos auf⸗ und abſchritten, um jede Bewegung und jedes, noch ſo leiſe geſprochene Wort zu beobachten und nach Befinden zu züchtigen. Heinrich von Wedell bildete ſich ein, jetzt ein zweiter hei⸗ liger Laurentius zu ſein, der bekanntlich auf einem glühenden Eiſenroſte gebraten worden iſt. Das ruhelos offene Auge ſtarr gegen die Saaldecke gerichtet, erzitterte Heinrich unter der Qual eiſiger Kälte, die trotz der Menſchenmenge und des üblen Geruchs in dem hohen, weiten Saale herrſchte. „Gott, mein Gott, haſt Du mich denn ganz verlaſſen?“ ſeufzte der Jüngling jammernd, dem allerdings jetzt keine andere Zuflucht übrig blieb als der von dem Kriegerſtande 6 Der Galeerenſclave. 1 82 oft vergeſſene Vater im Himmel. Indem die Schlafloſigkeit mit der Ermüdung in Heinrich rang, malte ihm ſeine Phan⸗ taſie allerlei Bilder vor das Auge. Das große, an der Saaldecke angemalte Kreuz ſchien ſich plötzlich zu bewegen und ſich herabzuſenken. Hoch aufgerichtet ſtand es jetzt vor Heinrich da und an ihm feſtgenagelt hing der Heiland mit zerfleiſchtem Rücken und durchbohrten Händen und Füßen, mit aufgeſchlitzter Seite. Und neben dem Kreuze jammerte die Gottesmutter Maria um den gemarterten Sohn, ihren Herzensliebling, und ſtumm, ſchmerzvergehend ſtand ihr ge⸗ genüber des Heiland's Lieblingsjünger, Johannes. Der eigenen Schmerzen vergeſſend, ſprachen des Gekreuzigten bleiche Lippen mit liebendem Ausdruckzur Maria:„Mutter, ſiehe da dein Sohn!“ und zum Jünger:„Siehe, deine Mut⸗ ter!“ Ach, Heinrich hatte ja auch noch daheim eine Mutter, die den Sohn mehr liebte als ihr eigenes Leben! O, wenn dieſe liebende Mutter jetzt mit angeſehen hätte, wo und in welcher Geſellſchaft ihr Sohn ſich befand! Wie der Heiland war er zwiſchen Mördern, Räubern und den abſcheulichſten Uebelthätern und dieſe waren zwar gefeſſelt, doch nicht des ganzen freien Gebrauchs ihrer Glieder beraubt, mit denen ſie ſelbſt im Bagno noch neue Schandthaten vollbringen konnten! Bei dem Gedanken an die weit von ihm entfernte, vielleicht in demſelben Augenblick um ihn weinende Mutter näßte ſich, ſeit langer Zeit, Heinrich's Auge unter heißen Thränen. Begierig trank ſein trockner Mund die lauen Trop⸗ fen auf und er hatte Mühe, ein lautes Schluchzen zu unter⸗ drücken. Es war ſpät, oder vielmehr ſchon früh, als ſich ſeine müden Augenlider zum Schlafe ſchloſſen. Neuntes Kapitel. Der zweite Tag im Bagno. Noch dunkelte am andern Morgen die Nacht durch die hohen Fenſter des Bagno herein, als ſchon die Peitſche knallte und die Sträflinge erweckte. Statt frommer Gebete und Geſänge begrüßten läſterliche Flüche, Gezänk, Schimpfen und rohe Scherze den Anbruch des jungen Tags. Die Sträflinge wurden von der Eiſenſtange und ihrer gemeinſamen Kette entfeſſelt, das Frühſtück ihnen dargereicht und ſie dann zu ihrer Arbeit getrieben. Da die Züchtlinge in ihrer völligen Bekleidung geſchlafen hatten, ſo hatten ſie nicht nöthig, ſich anzuziehen, ſo wenig wie ein Waſchen ihres Geſichts und ihrer Hände, und ein Kämmen ihres Haupthaares ſtattfand. Nur Einzelne unter ihnen machten hiervon eine Ausnahme und benutzten die erſte, ſich ihnen darbietende Gelegenheit, um mit Brunnen⸗ oder Meerwaſſer ihre ſchmuzige Haut zu reinigen. Heinrich von Wedell fühlte ſich von dem harten Lager, der ausgeſtandenen Kälte und der ſchmerzenden Kette an allen Gliedern wie zerſchlagen und vermochte kaum ſich auf die Füße zu erheben. Welch' ein grauſamer Unterſchied zwiſchen dem jetzigen Aufſtehen und dem vormaligen des jungen Officiers und Edelmannes! Man vergleiche Heinrichs Lage mit der eines 6* 84 jungen adeligen Leutnants der Gegenwart. Hat ein ſolcher die vergangene Nacht hindurch einem Hofballe beigewohnt und nach den Klängen einer bezaubernden Muſik und in einem königlich geſchmückten, von tauſend Wachskerzen wie⸗ derſtrahlenden Saale mit reizend geputzten Damen getanzt, ſo gähnt und reckt er ſich verdrießlich in ſeinem Bette von den weichſten Flaumfedern, wenn ihn ſein Diener weckt, um ihn zur Parade anzukleiden. Ueber das Hemde von feinem Battiſt zieht er, denn es iſt Winter, noch ein Kamiſol vom weichſten Flanell und aus ähnlichem Stoffe beſtehen die Unterbeinkleider, ſo wie die Strümpfe. Im Ofen des Wohn⸗ zimmers, das er jetzt im langen, warmen Schlafrocke betritt, lodert längſt ſchon ein wohlthnendes Feuer und über der Spirituslampe ſteht der gewürzige Kaffee, der im Verein mit feuerigem Rum, mit fetter Sahne, ſüßem Zucker und weichen Butterſemmeln den jugendlichen Krieger erwartet. Auf dem zierlichen Waſchtiſche ſteht ein weißporcelaines Waſchbecken, daneben ein Krug von gleicher Maſſe mit friſchem, klarem Waſſer; wohlriechende Seifen und Haaröle fehlen ſo wenig als das kölniſche Waſſer, dazu Haarbürſten, Haarkämme und andere nöthige Kleinigkeiten der Toilette. Iſt dieſe be⸗ endigt, wobei der Diener ſtets zur Hand ſein muß, das Frühſtück genoſſen, das blank gewichſte Stiefelpaar und die rein gebürſtete Uniform angelegt, ſo tritt der junge Officier vor den deckenhohen Spiegel, muſtert wohlgefällig ſeinen Anzug, ſowie ſeine blühende Geſtalt, dreht den Schnurbart aufwärts und bedeckt ſein zierlich friſirtes Haupt mit dem Federhut oder dem Czakko, worauf er mit klirrenden Sporen davon ſtürmt, um auf der Parade ſeinen Kameraden einen 6 guten Morgen zu wünſchen, mit ihnen von dem geſtrigen Hofballe zu ſprechen und die langen Reihen glänzender Krie⸗ ger an ſich vorüber marſchiren zu ſehen. Von dieſem Bilde, lieber Leſer, blicke nun hin auf den armen Galeerenſclaven und denke dich ganz hinein in ſeine entſetzliche Lage, um vom tiefſten Mitleid gegen ihn erfüllt zu werden. Vermuthlich bemerkten die Aufſeher der Sträflinge Hein⸗ richs große Schwäche, von der wohl jeder neue Ankömmling im Bagno befallen wird, bevor ſein Körper ſich an die harte Lebensweiſe gewöhnt. Aus dieſem Grunde übertrug man dem Leutnant von Wedell heute eine minder ſchwere Arbeit als das Schleppen und Tragen gewichtiger Balken und Steine. Bekanntlich ließ der Kaiſer Napoleon zu jener Zeit ein großes Becken von 1000 Fuß Länge, 770 Fuß Breite und 50 Fuß Tiefe in den Felſen zu Cherbourg ſprengen, damit in demſelben ein halbes Hundert Linienſchiffe geſichert vor Anker liegen könnte. Dieſe mühſame, Jahre hindurch währende Arbeit war zunächſt den Galeerenſclaven überwie⸗ ſen und zu ihr führte man auch unſern deutſchen Landsmann. Derſelbe bekam ein langes, unten ſpitzes Werkzeug von ge⸗ härtetem Stahl und einen ſchweren Hammer zugetheilt, um Sprenglöcher in das feſte Geſtein zu treiben. Das Geſtade war in einem weiten Umkreiſe mit vielen Hunderten von Rothjacken bedeckt, welche mit unſerm Heinrich dieſelbe ein⸗ förmige und langweilige Beſchäftigung theilten. Die Beine lang ausgeſtreckt, ſaß Heinrich auf dem kalten, harten Felſen und ſchwang mit mehr und mehr ermüdendem Arm den ſchwe⸗ ren Eiſenhammer, um ihn gewichtig auf den Kopf ſeines 86 Steinmeiſels niederſchmettern zu laſſen. Neben ihm that ſeine andere Hälfte ein Gleiches, aber mit raſcheren, kräftigeren Bewegungen. Die Luft wiederhallte von dem unaufhörlichen Gehämmere, das in ſeiner tauſendfachen Wiederholung dem eintönigen Geklapper einer oder vieler Mühlen ähnelte und dem ungewohnten Ohre eine Qual bereitete. Oft mußte Heinrich den Arm mit dem Hammer vor Schwäche nieder⸗ ſinken und kurze Zeit ruhen laſſen. Dann richtete er das trübe Auge dem Meere zu, welches vor ſeinen Blicken weit ſich ausbreitete und in langen Wellenlinien dem Ufer zueilte, wo es ſich rauſchend und donnernd in wilder Brandung brach und vor ohnmächtiger Wuth ſchäumend ſeinen Rückweg an⸗ trat. In dem Hafen ſchaukelten ſich die Rieſenkörper vieler Seeſchiffe, deren Bemannung unter lauten, fröhlichen Ge⸗ ſängen ihren Arbeiten oblag, gleich Katzen die Takelage auf⸗ und abkletterte, behende auf den Segelſtangen hin⸗ und her⸗ kroch, die Segel bald einreffte, bald losband, Waaren aus⸗ oder einſchiffte und die Anker aus der Meerestiefe emporwand. Kleinere Küſtenfahrzeuge mit geblähten Segeln belebten in weiterer Ferne die blauen Fluthen und dazwiſchen ſchwebte ſchreiend die Möve mit ihrem weiß und ſchwarzen Gefieder über der im Sonnenglanze blitzenden Waſſerwüſte. Der Januarmorgen war friſchkalt, doch ſchön. In dem blauen Aether ſchwammen kleine, weiße Wölkchen, die eine friſche Briſe ſchnell vor ſich hintrieb. „Eilende Wolken, Segler der Lüfte! Wer mit euch wan⸗ derte, mit euch ſchiffte!“ ſeufzte Heinrich mit den Worten, welche Schiller der gefangenen Königin Maria Stuart in den Mund legt. 87 Der Druck einer ſchweren Laſt machte ſeine Bruft ſchwer und mühſam aufathmen. Hinweg von dem Bilde der Frei⸗ heit wendete Heinrich den Blick und auf ſeine nächſte Umge⸗ bung. Ein winzig kleines Käferlein klomm an einem dürren Grashalm empor, der dem Geſtein entſproßte, und erreichte glücklich deſſen in einem leichten Blüthenbüſchel ſich endi⸗ gende Spitze, wo es einen Augenblick ſtill ruhete, wie freudig triumphirend um ſich ſchaute, die kleinen Flügeldecken hob und dann mit ausgeſpannten Flügeln davon flog. O wie beneidete jetzt der vom Schöpfer ſo bevorzugte und reich be⸗ gabte Menſch das arme, früher nicht beachtete Käferlein! Wie ſehnſüchtig ſein Blick deſſen Flug verfolgte, bis es aus ſeinen Augen ſchwand! Dumpfe Donnerſchläge erſchütterten die Lüfte und weck⸗ ten Heinrich aus ſeinen Träumen und Wünſchen. Sie rühr⸗ ten von den Pulverſprengungen her, welche das harte Geſtein vertreiben ſollten. Immer häufiger erfolgten die Knalle. Einem derſelben folgte ein mehrſtimmiges Geſchrei nach. Die umherſpringenden und ſchwer niederſchlagenden Felſenſtücken hatten einen Galeerenſelaven getödtet und ſeinen Kameraden verwundet! Dieſer Vorfall erregte kein großes Aufſehen und mochte ſchon öfters geſchehen ſein. Den Getödteten erlöſete man von ſeiner Kette und ſeinem Eiſenringe, legte ihn in ein Boot, das man ein Stück vom Lande abruderte, beſchwerte den Leichnam mit einem Paar gewichtiger Steine und verſenkte ihn in's Meer. Den Verwundeten dagegen ſchaffte man in's Hospital, ohne ihn jedoch von ſeinen Feſſeln zu befreien. Nach eingenommenem Mittagsmahle ſetzten die Sträflinge ihre langweile Beſchäftigung fort. Die winterliche Sonne 88 neigte ſich bereits ihrem Untergange und dem Meeresſaum zu, als Heinrich's Kamerad beim Aufſchauen von ſeiner Ar⸗ beit in ein rohes Lachen ausbrach und, mit der Hand in die Ferne deutend, rief:„Da, da, welche Nummer mag's wohl ſein, die da wiſſen möchte, wie ſanft ſich's auf dem harten Felſen oder im kalten Waſſer ruht?“ Mechaniſch richtete Heinrich ſein Auge nach der teten Stelle hin, wo er mehrere Sträflingspaare, gleich Schwalbenneſtern an Mauerritzen und Mauerſimſen, an ſtei⸗ ler Felſenwand hangen und dort arbeiten ſah. Einer von dieſen Unglücklichen ſtrebte mit aller Anſtrengung, eine vor⸗ ſpringende Klippe zu erreichen, von welcher es ſteil in die grauſige Tiefe und nach der anbrandenden See hinabfiel Sein Kamerad dagegen, dem das Leben noch nicht verächt⸗ lich genug zum Wegwerfen erſchien, ſuchte daſſelbe nicht min⸗ der eifrig zu erhalten, indem er ſich feſt an den Felſen und an ſeinen, in das Geſtein getriebenen Meiſel anklammerte. Zugleich ſchrie er aus vollem Halſe um Hülfe. Keiner von den in der Nähe arbeitenden Sträflingen rührte ſich, um dieſelbe ihm zu bringen. Wohl aber eilten die Aufſeher von allen Seiten herbei. „Es iſt eine Grünmütze“— ſprach Heinrich's Kamerad weiter vor ſich hin—„die nicht lebenslänglich im Bagno bleiben mag. Ich bin neugierig, wer von den beiden den Sieg davon tragen wird. Stemm' Dich, Iſrael! Halte feſt, wie der Baum ſeine Aeſt', wie der Ring ſeinen Demant— o weh! ha! ha! ha! jetzt kommt's zur Entſcheidung! ho! ho! nicht ſo eilig!“ Die Verzweiflung rang mit der Verzweiflung, der Tod mit dem Leben und, wie immer und überall, behielt der Tod zuletzt den Sieg. Der Selbſtmörder hatte durch Aufbieten aller ſeiner Kraft ſeinen Kameraden zum Weichen gebracht. Auf Händen und Füßen vorwärts kriechend, zog er jenen, der eben ſo mächtig ſich dagegen wehrte und an jeder Stein⸗ zucke ſich feſtklammerte, nach ſich, bis er die erſehnte Klippe erreicht hatte. Hier ſprang er mit einem raſchen Satze in die Höhe um ſich kopfüber in die Tiefe zu werfen und das mit einer ſolchen Gewalt, daß er ſeinen, an ſich geketteten Kameraden nachzog. Beide ſtürzten und rollten von Stein⸗ klippe zu Steinklippe, bis ſie zuletzt in der Tiefe anlangten und dort leblos, an allen Gliedern zerſchmetteet, liegen blieben. Da das todte Paar bis dicht an den Meeresrand und die wild antoſende Brandung gerollt war, ſo ſpülte es die bald nachher eintretende Fluth hinweg und vertilgte ſelbſt die blutige Spur deſſelben. Vielleicht tadelt mich mancher meiner Leſer wegen Be⸗ ſchreibung ſo grauſender, den Menſchen überhaupt, insbeſon⸗ dere aber den Chriſten entwürdigender Stenen, obſchon dieſe wirklich ſich ereignen. Allein ich thue es in guter Abſicht. Wie Mancher will verzweifeln und zum feigen Selbſtmörder werden, denkt und nennt ſich als den allerunglücklichen Men⸗ ſchen unter der Sonne, der es noch tauſendmal beſſer hat, als jene Galeerenſclaven! Solche mit ihrem Schickſale Un⸗ zufriedene durch den Hinweis auf noch weit beklagenswerthere Mitgeſchöpfe zu tröſten, iſt eine von meinen gutgemeinten Abſichten. Eine zweite iſt die, daß ich meinen Leſern den tiefen, troſtloſen Abgrund zeigen will, in welchen die Ueber⸗ macht unſrer Leidenſchaften und der Sünde uns zu ſtürzen 90 vermag. Denn, mit Ausnahme Heinrich's von Wedell, hatten lediglich Leidenſchaft, Genußſucht und Sünde jene Ausge⸗ burten entarteter Menſchheit, wie ſie in den Bagno's gefun⸗ den werden, hervorgebrach Darum, o mein liebes Kind, „erzittere vor dem erſten Schritte“, denn:„mit ihm ſind ſchon die andern Tritte zu einem nahen Fall gethan“. End⸗ lich ſoll die Geſchichte Heinrich's von Wedell noch beweiſen, daß der von groben, vorſätzlichen Sünden ſich freiwiſſende Chriſt auch in der furchtbarſten Lage nicht verzweifeln, viel⸗ mehr auf die Gnade des himmliſchen Vaters hoffen und bauen darf. Dieſer letztere Troſt lag freilich jetzt unſerm Heinrich fern. In ſeinem Gemüth ſah es vielmehr ſchwärzer denn je⸗ mals aus. Aus dem Selbſtgeſpräch ſeines Kameraden hatte er errathen, welch' ein Unterſchied zwiſchen der grünen und der rothen Mütze ſtattfinde. Die Träger der letzteren befan⸗ den ſich nur zeitweilig, die der grünen für das ganze Leben im Bagno. Und Heinrich von Wedell war erſt zweiundzwan⸗ zig Jahre alt! Konnte es einen niederſchmetternderen Ge⸗ danken geben? Als Knabe hatte Heinrich den Menſchen tief bemitleidet, welcher lange achtunddreißig Jahre hindurch trank am Teiche Bethesda gelegen hatte. Lebte er ebenſo lange als Galeerenſelave, ſo wurde er erſt ſechzig Jahre alt, und es gab im Bagno Sträflinge, welche das achtzigſte Jahr erreicht hatten! Gleichwie einſt der reiche König Cröſus auf dem Scheiter⸗ haufen:„O Solon! Solon!“ jammernd ausrief, ſo jetzt Heinrich von Wedell:„O Bedeau! Bedeau! warum durch⸗ bohrteſt Du nicht tödtlicher mir die Bruſt? Warum ſorgteſt Du für meine Heilung? Warum ließeſt Du mich nicht mit meinen Kameraden in Weſel ſterben?“ Es ſtieg in dem alſo Klagenden jetzt der Gedanke auf, den Tod als das Ende aller ſeiner Leiden in ähnlicher Weiſe zu ſuchen, wie der von den losgeſprengten Felſenſtücken Er⸗ ſchlagene und das in den Abgrund geſtürzte Verbrecherpaar Allein zu Heinrich's Glück beſaß dieſer an ſeinem Gefährten ein Hinderniß, das er mit ſeinen ungleich ſchwächeren Kräf⸗ ten nicht zu gewältigen vermochte, und da Nummer 1002 noch volle Luſt am Leben in ſich fühlte, obwohl auch ſie die grüne Mütze trug, ſo ſah Heinrich ſein Vorhaben oder viel⸗ mehr deſſen Ausführung in weite Ferne hinausgeſchoben. Nach bendigtem Tagewerke bat Nummer 1002 ſeinen Auf⸗ ſeher um Erlaubniß, an den uferſtrand gehen und daſelbſt die von der Fluth zurückgelaſſenen kleinen Seemuſcheln ein⸗ zuſummeln, derer ſie zu ihren künſtlichen Arbeiten bedurfte. Es gab noch mehrere unter den Sträflingen, welche dieſelbe Bitte ausſprachen und zugeſtanden bekamen. Wie ein Hund, den ſein Herr an der Leine nach ſich zieht, mußte Heinrich von Wedell ſeinem voranſchreitenden Kameraden nachfolgen. Trotz der herrſchenden Winterluft verbreitete das in Tümpeln und Vertiefungen zurückgebliebene Meerwaſſer einen fauligen, widerwärtigen Geruch, welcher Heinrich's noch nicht ver⸗ wöhnten Geruchsnerven ſehr unangenehm fiel. Unbekümmert um ſeinen Kameraden patſchte Nummer 1002 in dem naſſen Sande und dem ſeichten Meerwaſſer umher, weder die Kälte, noch die Näſſe an ſeinen abgehärteten Füßen fühlend, wäh⸗ rend ſeinem Kameraden die Zähne vor Froſt klapperten. Dieſer bückte ſich jetzt ebenfalls, um durch Einſammeln von Seemuſcheln die Langeweile und den Froſt von ſich zu ſcheuchen. Als Nummer 1002 ſolches bemerkte, ſprach ſie hämiſch zu Heinrich:„Du willſt doch nicht etwa in meine Kunſt pfuſchen und mir meinen ohnehin kleinen Verdienſt noch ſchmälern? Dann hätteſt Du Deine gute Zeit hinter Dir gehabt.“ Da, wie ſchon geſagt, Wedell ſich ſtellte, als verſtehe er das Franzöſiſch nicht, ſo blieb er ſeinem Kameraden die Ant⸗ wort ſchuldig. Zu ſich ſelbſt aber ſprach er:„Gute Zeit! hinter mir gehabt! Ach, Gott, wenn meine jetzige Zeit eine gute noch heißt, wie mag erſt da die böſe beſchaffen ſein, welche mein Gefährte meint?!“ Es war unſerm Heinrich nicht in den Sinn gekommen, die eingeſammelten Seemuſcheln, wie Nummer 1002, zu künſtlichen Sächelchen zu verwenden. Vielmehr hatte er die⸗ ſelben aus bloßer Langeweile zuſammengeſucht und ſie ſei⸗ nem Gefährten zum Geſchenk machen wollen. Deſſen Un⸗ freundlichkeit aber bewog ihn jetzt, die Muſcheln wieder von ſich zu werfen, was Nummer 1002 mit einem wüthenden Blicke vergalt. Die hereinbrechende Dunkelheit trieb die Muſchelſamm⸗ ler in ihren Wohnſaal zurück, wo ſie das betäubende Ketten⸗ geraſſel ihrer ſchon verſammelten Mitgefangenen und derſelbe wilde Lärm, wie geſtern, empfingen. Die Sträflinge arbei⸗ teten für ſich, ruheten, ſchwatzten, fluchten, läſterten, lachten, ſangen, verzehrten ihr Abendbrot, wurden an die Eiſenſtange und zuſammengefeſſelt, durch den Knall der Peitſche zum Schweigen gebracht, legten ſich in ihre harten Särge nieder und deckten ihre frierenden Leiber mit der dünnen, ſchmalen Matratze zu— Alles in täglich ſich wiederholender Weiſe — und Heinrich von Wedell hatte den zweiten Tag als Ga⸗ leerenſelave im Bagno verlebt! Zehntes Kapitel. Eine Woche im Bagnv. Als die Peitſche am dritten Morgen die Sträflinge von ihrem harten, kalten Lager aufjagte und Heinrich von We⸗ dell noch halb betäubt von einem unerguicklichen, ſpät erſt auf ihn herabgekommenen Schlafe war, rief ſein Gefährte, Nummer 1002, mit haſtiger, wuthathmender Stimme aus: „Man hat mich beſtohlen! Der halbe Frank, den ich bei mir trug, iſt weg, iſt geraubt worden! Mit zitternden Hän⸗ den durchſuchte er ſeine Kleidung auf's Neue.„Er iſt fort!“ ſchrie er abermals—„und Du,“ zu ſeinem andern, nächſten Nachbar ſich wendend—„haſt mir ihn geſtohlen! Du und kein Andrer!“ „Oho!“ verſetzte jener grob—„hüte Dich, Kamerad!“ ſonſt dürfte ich Dir Deine falſche Beſchuldigung mit fühl⸗ barer Münze zurückzahlen.“ Dabei erhob er drohend ſeine geballte Eiſenfauſt.„Suche beſſer in Deiner Nähe Deinen Gelddieb. Haſt Du nicht einen neuen Gefährten bekom⸗ men, der noch keine Bekanntſchaft mit der Garcette ge⸗ macht hat?“ 94 „Ha! Du willſt mit dem Rilchgeſichte verkaufen?“ erwiederte Nummer 1002.—„Auf daſſelbe die Schuld ſchieben, um Dich weiß zu brennen? Mich betrügſt Du nicht, Du Straßenräuber und Gurgelabſchneider! Mein neuer Kamerad weiß nicht einmal, daß ich eine Centime beſitze, noch viel weniger den Verſteck an mir, wo ich meinen Schatz zu verbergen pflege. Auch iſt er zum Stehlen viel zu dumm und faul. Gieb meinen halben Frank heraus oder ich er⸗ würge Dich.“ „Verſuche das, Du Kirchenräuber und Mordbrenner!“ ſchimpfte Nummer 896, indem ſie ſich zum Kampfe bereit machte. Die herbeieilenden Aufſeher aber verhinderten den⸗ ſelben und forſchten nach deſſen Veranlaſſung, während Hein⸗ rich ſtill ſeufzend ſprach:„Mein Gott! Mein Gott! in wel⸗ cher Geſellſchaft befinde ich mich 12 Nummer 1002 wiederholte gegen die Aufſeher ihre Be⸗ ſchuldigung und Nummer 896 ihr Leugnen. „Durchſucht mich!“ ſprach ſie keck. Bevor die Aufſeher eine Durchſuchung vornehmen konnten, rief Nummer 1002 lebhaft aus:„Der Spitzbube hat meinen halben Frank unter ſeiner Zunge verſteckt Hört nur, wie er plötzlich mit ihr anſtößt.“ „Das iſt wahr!“ ſprachen die Aufſeher.„Sogleich giebſt Du das Geldſtück von Dir, Schurke!“ Aber Nummer 896 machte einen ſchnellen Schluck und öffnete dann weit ihren Mund, um zu zeigen, daß weder in demſelben, noch unter der Zunge etwas enthalten ſei. „Der Spitzbube hat das Geldſtück hinuntergeſchluckt“ — rief Nummer 1002 voll Wuth.„Gebt Acht, daß er nunmehr ganz deutlich wieder ſprechen wird.“ 95 Einer von den Aufſehern entfernte ſich und kehrte bald mit einem Blechlöffel zurück, in welchem ein mit Waſſer ein⸗ gerührtes Brechpulver enthalten war. Da man im Voraus auf den Widerſtand des Diebes rechnen konnte, ſo mußten ſich einige von den Sträflingen über ihren Kameraden her⸗ werfen und demſelben die Arme und Beine feſthalten, ſo daß er ſich nicht rühren konnte. Aber Nummer 896 biß die Lip⸗ pen, wie die Zähne, feſt zuſammen und weigerte ſich hart⸗ näckig, den Mund zu öffnen und das vorgehaltene Brechmittel zu verſchlingen. Jedoch auch dafür wußte man Rath. Ein Sträfling preßte dem Widerſtrebenden die Naſenflügel ſo feſt mit ſeinen Fingern zuſammen, daß er keine Luft einzu⸗ athmen vermochte. Lange genug hielt Nummer 896 dieſe Marter aus. Ihr Antlitz ward immer röther und zuletzt bläulich; die Augen quollen hervor und alle Muskeln zuckten krampfhaft. Endlich vermochte der ſtarke Wille nicht länger gegen das Bedürfniß der Natur zu ſtreiten. Der Mund des Gemarterten öffnete ſich zu einem tiefen Athemzuge und in demſelben Augenblick goß auch der Löffel ſeinen Inhalt aus und in die Kehle hinab, bevor der Mund Zeit bekam, die Arznei wieder von ſich zu geben. Laut keuchend und ſeinen Peinigern wüthende Blicke zuwerfend, verharrte der Sträf⸗ ling, dem man jetzt noch Arme und Füße feſt zuſammenband und ihn in dieſer Lage der Wirkung des Brechmittels ent⸗ gegenharren ließ. Dieſe erfolgte nach Verlauf einer halben Stunde und das dabei hinweggebrochene Geldſtück überführte den diebiſchen Lügner von ſeiner Schuld. Dieſer ging ſo⸗ gleich ſeiner Beſtrafung entgegen. In Gegenwart der ſämmt⸗ lichen Sträflinge wurde er auf ein Bret gelegt und ſein 96 5 Rücken entblößt. Bevor ein Galeerenſelave zur Execution ſchritt, wurde das Vergehen des Sünders, ſowie deſſen Straf⸗ urtheil, in 20 Hieben beſtehend, laut verleſen. Hierauf ſchwang der Hiebaustheiler die Garrette, wie man einen dicken, getheerten Strick benannte, und ließ ſie, fühlbar ge⸗ nug, auf den Rücken des Verurtheilten niederklatſchen. Billig bleibt der Leſer mit der Beſchreibung von der furchtbaren Wirkung verſchont, welche die Garcette auf den nackten Körper des Sträflings hervorbrachte. Dieſer nahm die ſchmerzvollen Hiebe hin, ohne mit ſeinen blutig gebiſſenen Lippen einen Schmerzenslaut hervorzuſtoßen. Deſto gräß⸗ licher klang das nagende und kratzende Geräuſch, welches die in das Bret ſich eingrabenden Fingernägel des Gefolterten hören ließen. Als derſelbe, nach Erduldung ſeiner Strafe, ſich von dem Brete erhob, ſah ſein Antlitz todtenbleich aus. Um ſo unheimlicher erſchienen die tief in ihre Höhlen ſich zurückgezogenen Augen, welche Blicke voll des giftigſten, brennendſten Haſſes auf den Hiebaustheiler und Nummer 1002 abſchoſſen. Jener vergalt ſolche durch ein ſchadenfroh triumphirendes Lächeln, mit welchem er auch durch die, ihm mit ſichtlichem Abſcheu ausweichenden Reihen ſeiner Kame⸗ raden davonſchritt. Der die Garcette ſchwingende Galeeren⸗ ſträfling erhält von ſeinen Kameraden den Schimpfnamen „Henker“ und rächt ſich für die ihm allgemein bewieſene Verachtung durch deſto grimmigeres Zuſchlagen. Was Heinrich von Wedell heute wieder geſehen, gehört und erfahren hatte, machte ihm den Aufenthalt im Bagno, ſo wie ſein Leben immer unerträglicher. Brünſtiger als je flehte er zu Gott um Erlöſung aus ſeiner großen Noth durch einen ſchnellen Tod. Aber dieſer mied den Lebensſatten, während die alte Plage fortwährte. Tag für Tag ſaß Hein⸗ rich am Seegeſtade, bohrte Sprenglöcher in das harte Ge⸗ ſtein und ſchwang den ſchweren Hammer. Immer unerträg⸗ licher ward ihm dabei die verhaßte Geſellſchaft ſeines Gefähr⸗ ten, welcher des jungen Edelmanns Ohr durch die gemein⸗ ſten, pöbelhafteſten Reden, Flüche, Läſterungen und durch das laute Prahlen mit ſeinen begangenen Schandthaten be⸗ leidigte. Jetzt erſt erkannte Heinrich vollſtändig den großen Werth einer gebildeten, anſtändigen und tugendhaften Um⸗ gebung an, welche Martin Luther in ſeiner Erklärung der vierten Bitte mit dem Ausdruck:„fromme und getreue Nach⸗ barn bezeichnet.“ Tag auf Tag verging unter gleicher, eintöniger Arbeit, gleicher Plage und Verzweifelung. Wenn Heinrich von We⸗ dell nur eine wärmere Lagerſtätte und Decke beſeſſen hätte damit er wenigſtens die Nacht über träumend oder ſchlafend ſein hartes Lvos hätte vergeſſen können! Aber die noch immer anhaltende Kälte raubte ihm auch dieſen einzigen Troſt, wozu ſich noch die Schmerzen geſellten, die ihm der Eiſenring und die Kette verurſachten, welche beide die Sträflinge erſt nach längerem Verweilen im Bagno gewohnt werden und nicht mehr fühlen. Der Sonntag kam, der auch für die Galeerenſclaven inſofern ein Ruhetag war, als ſie von ihrer gewöhnlichen, ſchweren Arbeit entbunden wurden. An dem Sabbathsmor⸗ gen durften die Sträflinge nicht nur ihr Angeſicht, ſo wie ihre Hände und Füße waſchen, ſondern die Trägen und Unrein⸗ lichen wurden ſogar durch die Peitſche dazu gezwungen. Auch Der Galeerenſclave. S 98 empſing ein Jeder ein neuwaſchenes Hemd, um es gegen das alte, arg beſchmuzte zu vertauſchen, eine Wohlthat, die aber nur aller vierzehn Tage ausgetheilt wurde. Die Galeeren⸗ ſelaven mußten ihre ſchmuzige Wäſche ſelbſt waſchen, ſo auch ihre zerriſſene Kleidung ausbeſſern, wozu ihnen der Sonn⸗ tag die Zeit verlieh. Außerdem lag ihnen die Reinhaltung und Reinigung ihres Saales und die Beſorgung der Küche ob, zu welcher letzteren Arbeit jedoch nur die bevorzugteren Sträflinge verwendet wurden. Es gewährte einen eigenthümlichen Anblick, die vielen wild ausſehenden Männer zu eifrigen Wäſcherinnen und Nä⸗ herinnen umgewandelt wieder zu finden und ihre einfache Sonntagstvilette machen zu ſehen. Da Heinrich den erſten Sonntag im Bagno erlebte und ſeine Kleidung noch frei von Löchern und anderen Beſchädigungen war, ſo blieb er mit dem Waſchen und Flicken verſchont. Vielleicht wäre eine der⸗ artige Beſchäftigung gerade beſſer für ihn geweſen, weil ſie ihn aus ſeinem trübſinnigen Hinbrüten geriſſen hätte. Es war gegen 10 Uhr Vormitags, als ſämmtliche Sträf⸗ linge auf den weit hin erſchallenden Ton einer Glocke aus ihren Wohnſälen getrieben wurden. Draußen vor dem Hauſe ſtellten ſie ſich paarweiſe hintereinander, in einer langen, faſt unabſehbaren Reihe auf, und ſchritten, ihre Aufſeher zur Seite, dem Seegeſtade zu. Hier war eine ſchmale, aber mit hohen Geländer umgebene Holzbrücke erbaut, welche nach einem alten, abgetakelten Kriegsſchiffe hinüberführte. Aehnlich mochte das Bild geweſen ſein, als die verſchiedenen Thierge⸗ ſchlechter in die Arche Noah's eingingen. Gleich einer tau⸗ ſendfach gegliederten Schlange ſchlängelte ſich die Menſchen⸗ 99 reihe vom Ufer über die Holzbrücke nach dem Verdeck des Schiffs, wo ſie nach und nach in der hinabführenden Lucke verſchwand. Das unaufhörlich einſchlingernde Seewaſſer er⸗ füllte das Innere des großen Schiffs mit einem faulen, durch⸗ dringenden Geruche. Dennoch diente es einer Anzahl von Galeerenſelaven zum Wohnhauſe, und Heinrich von Wedell hatte demnach von Glück noch zu ſagen, daß er ſich nicht unter jener Zahl befand. Das erſte Unterdeck war zu einem einzigen, weiten, aber niedrigen Saale umgewandelt und für die Sträflinge zur Kirche beſtimmt worden. Daher befand ſich in der Saalmitte ein einfach errichteter Altar mit den üblichen Beigaben, unter welchen das Bild des gekreuzigten Erlöſers— ein Eruciſix— den Hauptbeſtandtheil ausmachte. Auf der oberſten Altarſtufe erwartete ein alter, ehrwürdiger Prieſter in ſeiner geiſtlichen Amtstracht die herannahenden Sträflinge, welche ſich in einiger Entfernung vom Altar aufſtellten und ein reich belebtes Menſchenviereck bildeten. Obgleich Heinrich von Wedell Proteſtant war, ſo wirkte dennoch der Anblick des Prieſtergreiſes im Silberhaar und Silberbarte beſänftigend auf ſein von ſtiller Verzweiflung zerriſſenes Gemüth, gleichwie ausgegoſſenes Oel auf ein ſturmbewegtes Meer. Er erkannte in dem Prieſter einen Steuermann, der Heinrichs zwiſchen gefahrdrohenden Klippen, Untiefen und wild ſchäumender Brandung umherſchwanken⸗ des Lebensſchifflein dem ſichern Hafen— dem Himmel— zuführen könne und wolle. Darum richtete er ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf den Diener Gottes und lauſchte deſſen Worten mit eben ſolcher Begier, als ein Verdurſtender nach einem erquickenden Trunke verlangt. So wie aber der ehr⸗ 7* 100 würdige Prieſter die heilige Meſſe begann, ſo erhob ſich unter der dicht zuſammengedrängten Zuhörerſchaft ein Geräuſch, das mit Ziſchen, Nieſen und erkünſteltem Huſten begann und — wie ein ſäuſelnder Wind zum wüthenden, Alles vernich⸗ tenden Orkane überſpringt— zum entſetzlichſten, das Ohr betäubenden Toben ward. Das Schiff war wirklich jetzt zur Arche Noah geworden, in welchem die eingewanderten reißen⸗ den Thiere ihre Stimmen im Heulen, Brüllen und Ziſchen überboten. Dazwiſchen ertönte ein Gelächter, das der Hölle entſproſſen zu ſein ſchien und wirklich auch war. In dieſen Lärm miſchten ſich die Schreie der Aufſeher und das Knallen ihrer Peitſchen, mit denen ſie die Heuler zum Schweigen zu bringen ſich bemühten. Aber wenn ſie auf einem kleinen Raume die Ruhe erzwungen hatten, ſo begann auf zehn an⸗ deren Stellen das wilde Lärmen um ſo ärger. Vergebens erhob der Prieſtergreis ſeine Hände und Augen gen Himmel, um denſelben um ſeinen Beiſtand gegen die ruchloſen Läſterer anzuflehen; vergebens richtete er ermahnende, bittende und drohende Worte an die ihm zunächſt Stehenden. Nichts half. Bis zum Tod betrübt über die menſchliche Verderbniß, ver⸗ hüllte der Greis ſein Haupt und beugte ſolches nieder auf den heiligen Altar. In dieſer Stellung verharrte er, bis ſich unter fortgeſetztem Lärm der weite Raum ſie wieder ge⸗ leert hatte. Als der wilde Lärm ſich erhoben hatte, war Heinrich von Wedell erſt erſtarrt über die alle Grenzen überſchreitende Ruchloſigkeit ſeiner Kameraden. Er glaubte, plötzlich in die Hölle verſetzt worden zu ſein und das Geheul der Verdamm⸗ ten um ſich her zu vernehmen. Dann hatte ſich ſeiner eine 101 * fürchterliche Wuth bemächtigt, in welcher er den Schreiern, Ziſchern, Lachern, Heulern und Brüllern zornige, aber nicht gehörte und nicht beachtete Worte zurief. Als er ſeinen Worten mit geballten Fäuſten Nachdruck gab, erhielt er einen ſo derben Fauſtſchlag hinter's Ohr, daß er faſt beſinnungs⸗ los wurde und in dieſem Zuſtande von ſeinen Kameraden mit fort und aus dem entheiligten Betſaale geriſſen wurde. Da, mit Ausnahme Heinrichs, wohl alle Galeerenſelaven mehr oder weniger an dem Lärme ſich betheiligt hatten, ſo war eine Beſtrafung der Rädelsführer nicht auszuführen. Die nächſte Folge des ſtattgefundenen Tumults war, daß ſämmltiche Sträflinge, anſtatt ihrer gewöhnlichen Sonntags⸗ koſt, mit der Zugabe von Fleiſch und Wein, nur mit Brot und Waſſer geſpeiſt wurden. Eine anderweite und ungleich härtere Strafe behielt ſich der Hafencommandant vor. Die⸗ ſelbe war um ſo gerechtfertigter, als die Galeerenſträflinge heute nicht zum erſtenmale die Feier der heiligen Meſſe geſtört und unmöglich gemacht hatten. Als Heinrich von dem empfangenen Schlage ſich wieder erholt hatte, ſprach er, in gerechtem Zorn über die erlebte Ruchloſigkeit, vor ſich hin:„O daß man der geſammten Brut einen ſchweren Mühlſtein an den Hals hängen und ſie erſäufen könnte im Meere, da es am tieſſten iſt.“ Am Abende dieſes Sonntags, da die Sträflinge ihre Schlafſtellen eingenommen und die Peitſchen der Aufſeher eine tiefe Stille hervorgebracht hatten, verhinderten die heu⸗ tigen Erlebniſſe Heinrichs Einſchlafen. Zwar lag er re⸗ gungslos und nit geſchloſſenen Augen da, jedoch war ſein Geiſt in ſeiner Körperhülle munter und thätig. 102 „Wenn ich“— ſprach er in ſeinen Gedanken—„lange unter dieſen gottesläſterlichen Verbrechern ausdauern muß, ſo kann es zuletzt nicht anders kommen, als daß ich eben ſo verderbt werde wie ſie. Wäre es da nicht weit beſſer, daß ich das Heil meiner unſterblichen Seele ſelbſt auf Koſten meines irdiſchen Leibes und Lebens rettete, und mir daher es als Sünde anzurechnen, wenn ich— ein Schaudern überlief Heinrichs Körper—„zum abſichtlichen Selbſtmörder würde, oder kein Mittel unverſucht ließe, durch die Flucht mich die⸗ ſem Sündenſtrudel zu entziehen? Aber wie wäre bei der ſtrengen Aufſicht und ohne daß mein Mitgefangener darum wüßte, die Flucht zu ermöglichen?“ Heinrich ging nun in ſeinen Gedanken alle Mittel durch, welche ihn aus dem Bagno befreien könnten. Darüber ver⸗ gingen die Stunden und Mitternacht war herbeigekommen, als Heinrich durch ein dumpfes Gurgeln und Röcheln, ſo wie durch ein ungewöhnlich haſtiges Bewegen ſeines Kameraden, der Nr. 1002, in ſeinem Nachdenken geſtört wurde. Die Augen öffnend und ſolche ſeinem Nachbar zuwendend, erblickte Heinrich mit Entſetzen, daß die mit der Garcette gezüchtigte Nr. 896, welche ſeitdem ihren Ankläger durch ſcheinbare Ruhe ſicher zu machen geſucht hatte, deſſen Hals mit beiden Händen, wie mit einem Eiſenringe, umſpannt hielt, um Nr. 1002 zu erdroſſeln. Das würde ihr gewiß auch gelungen ſein, weil Nr. 1002, im tiefſten Schlafe überfallen und ſchon dem Erſticken nahe, nur noch die letzten, ſchwächer werden⸗ denden Anſtrengungen machte, von ſeinem Feinde ſich zu befreien. Der beſſere Menſch vermag nicht unthäthig der Ausübung „ * eines Verbrechens zuzuſehen, ſelbſt wenn daſſelbe an einem großen Sünder begangen wird. Daher ſtieß Heinrich in dem nächſten Augenblicke die über ſeinen Gefährten hinweg⸗ gebeugte Nr. 896 mit einem ſo heftigen als unerwarteten Ruck zurück, da die zu einer erwürgenden Schlinge verbunde⸗ nen Hände ſich löſeten. Zugleich rief Heinrich mit lauter Stimme nach den Aufſehern um Hülfe. Und dieſe wurde ihm ſelbſt um ſo nöthiger, als Nr. 896, ſchäumend vor Wuth über ſeine verhinderte Unthat, wie ein wilder Tiger über ſeinen neuen Feind herfiel. Noch rechtzeitig wurde der ſchwächere Heinrich durch die herbeigeeilten Aufſeher von ſeinem weit überlegenen Gegner befreit. Der eben beſchriebene Vorfall ſchien kein ſeltener zu ſein, daher die Aufſeher, nach kurzem Ausfragen Heinrichs, raſch die weiteren Maaßregeln ausführten. Zunächſt wurde Nr. 896 von ſeinem angeketteten Kameraden losgeſchmiedet und in Einzelhaft abgeführt. Hierauf unterſuchte der her⸗ beigeholte Wundarzt den Zuſtand der Nr. 1002, an deren Halſe die blauen Eindrücke der würgenden Finger und Nägel ſichtbar waren, und da jener ſchlimm genug befunden wurde, ſo erfolgte gleichfalls die Trennung der Nr. 1002 von un⸗ ſerm Heinrich und deren Beförderung in's Hospital. Das erſte Freudengefühl, ſeitdem Heinrich im Bagno ſich befand, belebte ſein Herz, als er ſich von zwei ſchlimmen Nachbarn erlöſet ſah und er mit dem Bewußtſein, recht ge⸗ than zu haben, ſich wieder zur Ruhe niederlegte. Als er vollends auf ſeine Bitte von ſeinem Aufſeher die Erlaubniß zugeſtanden bekam, für dieſe Nacht mit der zurückgelaſſenen Matratze der Nr. 1002 ſich beſſer gegen die Kälte verwahren 104 zu dürfen, und er ſeit längerer Zeit wieder, ohne bitter zu frieren, ſchlafen konnte, pries er ſich überglücklich. So wenig reicht manchmal hin, um einen Menſchen mit einem harten Schickſal auszuſöhnen! Ihr Reichen und Mächtigen, die ihr ſelbſt im Genuß der koſtbarſten Erdengüter noch unzufrieden ſeid, blicket hin auf den jungen adligen Officier im Galerenſclavenkittel, den der kurze Beſitz einer groben, ſchmuzigen Wolldecke ſo hoch er⸗ freut! Eilftes Kapitel. Die Empörung. Ob man nicht ſogleich einen anderen paſſenden Gefährten für Heinrich in Bereitſchaft hatte oder ihn für die Rettung von Nr. 1002 aus Mörderhänden belohnen wollte, indem man ihm in den nächſten Tagen allein mit ſeiner Kette ließ, iſt unentſchieden geblieben. Dieſe zeitweilige Trennung von einem rohen und bösartigen Kameraden betrachtete Heinrich als ein neues, wenn ſchon kurzes Glück und zwar mit Recht. Dieſes Alleinſein befeſtigte ſeinen Entſchluß, die Flucht aus dem Bagno zu unternehmen, und er ſah darin ein Erleich⸗ terungsmittel derſelben. Als Heinrich am nächſten Morgen nebſt den übrigen Sträflingen an die Arbeit ging, kam der Troß bei einem Behältniß vorüber, deſſen Thüre man abſichtlich und zur * 105 Warnung für die Gefangenen hatte offen ſtehen laſſen. Hier erduldete nämlich Nr. 896 die über ſie verhangene Einzelhaft, die an Schrecklichkeit die Lage der übrigen Galeerenſträflinge noch weit übertraf. Schon die gänzliche Trennung von aller menſchlichen Geſellſchaft bringt ſehr oft Wahnſinn hervor. Hierzu geſellte ſich aber noch im Bagno die Beſchaffenheit des Einzelgefängniſſes, welches eher einem in Stein gehaue⸗ nen Grabe glich, das nichts als eine hölzerne Pritſche ohne Matratze und ein unverglaſtes Fenſter enthielt, durch welches Regen, Sturm, Schneegeſtöber und Kälte freien Zugang zum Gefangenen hatten. Wie eifenfeſt muß ein Menſchen⸗ körper ſein, der einen ſolchen Zuſtand 60 Tage bis zu einem vollen Jahre auszuhalten vermag! Indem Heinrich das Loos der Nr. 896 mit dem ſeinen verglich, fühlte er daſſelbe weniger beklagenswerth. So weiß der Weiſe ſelbſt aus Gift etwas Gutes für ſich zu ge⸗ winnen! Etwas getröſteter verrichtete Heinrich heute ſeine einför⸗ mige Arbeit des Steinbohrens und ermuthigter blickte er anf das Meer hinaus, als erwarte er von demſelben eine Freiſtatt oder Zuflucht. An einem einzigen Tage in jedem Monate durften die Angehörigen der Galeerenſelaven dieſelben im Bagno beſu⸗ chen. Dieſer Tag kam jetzt und verſetzte diejenigen unter den Sträflingen, welche einen ſolchen Beſuch zu hoffen hatten, in eine freudige Aufregung, die beſonders dadurch geſteigert wurde, daß die Beſuchenden ſelten ohne kleine oder größere Geſchenke an Obſt, Tabak und neuen Stoffen zu den Neben⸗ beſchäftigungen der Gefangenen ſich einfanden.. 106 Dießmal jedoch erſchienen die Beſucher, meiſtens aus Frauen und Kindern beſtehend, ohne die ſehnlichſt erwarte⸗ ten Gaben und als die Gefangenen voll finſtern Unmuths nach der Urſache dieſer befremdenden Unterlaſſung fragten, erhielten ſie die trübſelige Antwort, daß man die ihnen be⸗ ſtimmten und mitgebrachten Geſchenke beim Eintritt in den Bagno weggenommen habe und ſie ſolche erſt bei ihrem Aus⸗ tritte wieder eingehändigt bekommen ſollten. Dieſe Nachricht rief bei allen denen, welche Beſuch er⸗ hielten, ein Murren der Mißbilligung hervor, während die übrigen Sträflinge ihre Schadenfreude hierüber durch lautes Hohnlachen und Spotten an den Tag legten. Allein auch ſie verſtummteu plötzlich, als ein Hafenbeamter im Saal er⸗ ſchien und ſämmtlichen Galeerenſclaven, wegen deren Ver⸗ ſpottung und Verhinderung der heiligen Meſſe und des Prie⸗ ſters, als Strafe für dieſes wiederholte Vergehen das Tabak⸗ rauchen und das Tabakkauen auf immer verbot. Eine här⸗ tere Züchtigung hätte man für die Uebelthäter nicht erſinnen können, eine Züchtigung, welche die Hiebe mit der Garcette, die Entziehung der Fleiſch⸗ und Weinportionen, die Aufer⸗ legung härterer und länger andauernder Arbeit noch weit übertraf. Erſt war es, als erſtarrten Alle unter dem Ein⸗ druck des vernommenen Strafurtheils. Dann rüttelten ſie, wie gefeſſelte Löwen und Tiger, voll Inngrimm an ihren Ketten, ſo daß davon die Luft erzitterte. Dieſem Lärme folgte ein allgemeines, zorniges Murren, welches bald in ein tauſendfaches Gebrüll überging. Und nun begann die wü⸗ thende Menge unter furchtbarem Geſchrei und den ſchrecklich⸗ ſten Verwünſchungen auf den Beamten und die Aufſeher 107 einzudringen, welche eiligſt die Flucht ergriffen. Ihnen nach ſtürmten die Sträflinge. Im Hofe des Bagno angelangt, bemächtigte ſich ein Haufe von ihnen der Schmiedewerkſtatt, um mit den daſelbſt vorhandenen Werkzengen ſeine Ketten zu zerſprengen. Die Anderen bewaffneten ſich mit den erſten beſten, ihnen in die Hände fallenden Gegenſtänden und war⸗ fen ſich auf Alle, welche ſie für ihre Feinde anſahen. Unter fortwährendem Gebrüll rückten die Maſſen der Rothjacken vor das Commandantenhaus, um deſſen Bewohner und be⸗ ſonders dem Commandanten ſelbſt, als dem Urheber des Tabakverbots, den Garaus zu machen. Die Töne der geläuteten Sturmglocke, ſowie das Angſt⸗ geſchrei, welches die Frauen und Kinder in dem Rücken ihrer Männer und Väter ausſtießen, verhallten in dem furchtba⸗ ren Tumult, den das donnernde Schlagen der Meuterer ge⸗ gen die ſtark verſchloſſene Pforte des Commandantenhauſes noch verſtärkte. Schon naheten Galeerenſträflinge mit er⸗ beuteten Leitern, um ſie, da die Fenſter des Erdgeſchoſſes durch eiſerne Gitter geſchützt waren, an das Gebäude anzu⸗ legen, da erſchien an einem Fenſter des erſten Stockwerks der Commandant, um Ruhe zu gebieten und zugleich auf die ſchußfertig aus allen übrigen Fenſtern angelegten Musketen hinzuweiſen. Einige gewichtige, nach ſeinem Haupte geziel⸗ ten Steinwürfe jedoch zwangen den Commandanten zu einem ſchnellen Rückzuge. In dem nächſten Augenblicke blitzte es aus allen Fenſtern auf und unter dem nachfolgenden Donner trafen die pfeifenden Todesboten ihr ſicheres Ziel. Mancher unter den raſenden Meuterern ſank leblos oder röchelnd zu Boden; Andere fühlten ſich verwundet und wehrlos gemacht. 108 Das jedoch ſchien die Sträflinge nur noch grimmiger, anſtatt furchtſam, zu ſtimmen. Wie von einem tollen, jeder Gefahr ſpottendem Taumel ergriffen, ſetzten ſie ihre Bemühungen, das Haus zu erſtürmen, fort, obgleich auch die Schützen ihre Salven in demſelben fort und fort erneuerten. Bald aber kam den Hartbedrängten Hülfe. Von allen Seiten rückten Kriegerhaufen heran und ſelbſt von den Seeſchiffen im Hafen eilten dichte Schaaren bewaffneter Matroſen und Seeſoldaten herbei. Doch erſt, als das ſchwere Geſchütz mit dem Mus⸗ ketenfeuer ſich vereinigte, die Erde unter furchtbarem Donner erbebte und eine Kartätſchenladung, gleich einem hernieder⸗ ſchmetternden Hagelſchauer, unter die Rothjacken fuhr und deren viele wie Spreu niedermähete, wendeten ſich die Meu⸗ terer zur wilden Flucht oder baten kniefällig um Gnade. Wie vieles Unheil ſchon das Tabakskraut angerichtet hat! Wie viele Feuersbrünſte durch das unvorſichtige Rau⸗ chen verurſacht, vie viele Millionen Thaler unnütz in die Luft verdampft, wie viele Tauſende fruchtbare Länderſtriche dem ſegensreichen Anbau des Getreides durch die Tabakpflanze entzogen, wie zahlloſer Menſchen Geſundheit und Wohlſtand durch das Rauchen und Schnupfen hingeopfert, wie viele Vergehen durch beides hervorgerufen worden ſind! Jetzt hatte das verächtliche, ja giftige Kraut einigen und fünfzig Menſchen das Leben gekoſtet, eine ungleich größere Anzahl mit ſchmerzenden Wunden bedeckt, ohne daß die Meu⸗ terer einen anderen Erfolg als eine ſtrengere Behandelung erzielt hätten. Heinrich von Wedell hatte, durch das Beiſpiel früherer Kameraden verleitet, zwar auch Tabak geraucht, doch war er 109 keineswegs, wie viele Raucher, des Tabaks ſchimpflicher Selave geworden, ſondern deſſen und ſein eigener Herr ge⸗ blieben. Wohl dem Menſchen, der ſich ſelbſt zu beherrſchen und zu überwinden vermag! Ach, wie viele, ſonſt tapfere Freiheitshelden hat es gegeben, welche von ihren Leidenſchaf⸗ ten und Schwächen weibiſch ſich beherrſchen ließen! Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Heinrich bei dem Auf⸗ ſtande ſich nicht betheiligt hatte, vielmehr demſelben fern und darum auch unverletzt geblieben war. Daß dieſe Theil⸗ nahmloſigkeit nicht in Heinrichs Feigheit oder Muthloſigkeit ihre Urſache fand, wird der Leſer ohne große Betheuerung glauben. Heinrich würde vielmehr ſich glücklich geprieſen haben, wenn eine Kugel ſeinen Leiden ein ſchnelles und leichtes Ende bereitet hätte. Aber der Abſcheu vor jeglicher Gemeinſchaft mit ſeinen verworfenen Gefährten war es, der ihn unthätig zu verharren bewog. Sein Glück war's hier⸗ bei, daß Nr. 1002 nicht mehr an ihn gefeſſelt geweſen war, weil dieſelbe ihn nur zu wahrſcheinlich zum Aufſtande mit fortgeriſſen haben würde. Nachdem die Meuterei gänzlich unterdrückt und die Meu⸗ terer ſelbſt an die gemeinſame Eiſenſtange gefeſſelt worden waren, fügten jene mit Zähneknirſchen ſich in ihr unabän⸗ derliches Schickſal, obſchon ihnen daſſelbe durch den entzoge⸗ nen Genuß des Tabaks faſt unerträglich wurde. Gleich andern Sündern, die nicht ſowol ihre begangene Sünde, wohl aber deren für ſie nachtheiligen Folgen be⸗ trauern, bereuten die meiſten Galeerenſclaven ihre üble Auf⸗ führung im Betſaale, die ihnen eine ſo empfindliche und nach⸗ haltige Strafe zugezogen hatte. Wie gern hätten ſie ſich 110 jetzt als ruhige Zuhörer bei der heiligen Meſſe bewieſen, wenn ſie dadurch das Verbot des Tabaksgenuſſes hätten zurückkau⸗ fen können! Aber wie der ſündige Menſch nicht immer ſeine Verſündigung wieder gut oder gar ungeſchehen zu machen vermag, ſo auch hier. Die gottes dienſtlichen Ver⸗ ſammlungen unterblieben von nun an und zwar aus dem Grunde, weil jene doch nur aus lauter Heuchlern beſtanden haben würden, die dem wahrhaftigen Gott ein Gräuel ſind. Die Galeerenſclaven wurden zunächſt überzählt und die Todten ſowie die Verwundeten in Abrechnung gebracht. Da fand ſich's, daß noch vier Sträflinge fehlten, welche weder todt, noch verwundet, noch geſund vorhanden waren, folglich ihre Flucht in dem allgemeinen Tumult bewerkſtelligt haben mochten. Sobald man dieſe Gewißheit erlangt hatte, donnerten die Kanonen von Neuem von den Kaſtellen des Hafens herab und verkündeten der Stadt und deren Umgebung das Ent⸗ kommen ſolcher gefährlicher Verbrecher, als die Galeerenſcla⸗ ven für den ehrlichen und betriebſamen Bewohner ſind. So⸗ fort machte ſich Jedermann auf, nicht ſowol um die auf Ergreifung eines Galeerenſclaven ausgeſetzte Belohnung zu verdienen, als vielmehr das Land von einem Ungeheuer zu befreien, das der ruchloſeſten Schandthaten fähig iſt. Heinrichs Gemüthsſtimmung war jetzt wohl eben ſo trüb als die ſeiner Mitgefangenen, welche den Muth ſammt ihren Köpfen hängen ließen und über den entzogenen Tabak trauer⸗ ten. Heinrich bereute nämlich tief, das er nicht auch die günſtige Gelegenheit zur Flucht benutzt hatte, wie die ent⸗ kommenen vier Sträflinge, nach denen man vergeblich ſuchte. ——— ——— —— 111 Den Galeerenſträflingen wurde die Verſenkung ihrer getödteten Kameraden in's Meer, ſo wie die Fortſchaffung der Verwundeten in's Hospital übertragen. Zu dem letz⸗ teren Geſchäft verwendete man auch Heinrich von Wedell, der bei dieſer Gelegenheit ſeinen vormaligen Kameraden Nr. 1002 wiederſah. Derſelbe befand ſich auf dem Wege der Geneſung, ſaß aufrecht auf ſeiner Lagerſtätte und beſchäftigte ſich mit ſeinen Muſchelarbeiten. Aber noch immer trug er Eiſenring und Kette, mit welcher er an ſeiner Bettſtelle be⸗ feſtigt war. Seinen Kameraden erkennend, nickte er dem⸗ ſelben ernſthaft zu, ohne jedoch ein Dankeswort oder einen andern Laut hören zu laſſen. Die im Hospital befindlichen Galeerenſelaven wurden von ältlichen, ſchlicht und ſchwarz⸗ kleideten Frauen, barmherzige Schweſtern genannt, bedient und gepflegt. Nach Verlauf von ſechs Tagen war man der vier ent⸗ ſprungenen Sträflinge wieder habhaft geworden. Als ſie Heinrich von Wedell in den Saal zurückführen ſah, fühlte er ſich getröſtet, daß er ſich zu flüchten verabſäumt hatte, indem die wieder erlangten Sträflinge ein abſchreckendes Bild des tiefſten Elends und Jammers darboten. Zwei von ihnen waren entſetzlich aufgeſchwollen und faſt nicht mehr zu erken⸗ nen, während die beiden anderen zu Gerippen abgezehrt wa⸗ ren und dem Sterben nahe zu ſein ſchienen. Die beiden erſten hatte man in einer unterirdiſchen Schleuſe voll übel⸗ riechenden Unflaths aufgefunden, wo ſie ohne andere Nah⸗ rung, als welche ihnen der Abzugskanal darbot, vier Tage und ebenſo viele Rächte in kauernder Stellung zugebracht hatten. Die zwei letzteren hatten ihre Zuflucht in dem un⸗ 12 terſten, mit ſtinkendem Seewaſſer theilweiſe angefüllten Raum eines im Hafen ankernden Seeſchiffs geſucht. Dreimal vier⸗ undzwanzig Stunden hindurch hatten ſie demquälenden Hunger und Durſt widerſtanden und erſt in der vierten Nacht es ge⸗ wagt, aus ihrem Verſteck hinter leeren Tonnen hervor zu krie⸗ chen und nach irgend einem Nahrungsmittel in den finſtern Verdecken umherzutappen. Nachdem ſie ſo glücklich geweſen waren, etliche Stücke groben und harten Schiffzwiebacks aufzufinden und ihren brennenden Durſt aus einem mit Waſſer und eingeweichter, ſchmuziger Wäſche angefüllten Zuber zu löſchen, waren ſie in ihren Verſteck zurückgekehrt um daſelbſt noch länger das Einſtellen der Nachforſchungen und ihres Aufſuchens abzuwarten. So hatten ſie nochmals drei volle Tage unter Höllenmartern zugebracht und würden dieſelben— ſo mächtig war der Trieb nach Freiheit— noch länger ausgehalten haben, hätte man nicht endlich auch ſie in ihrem Schlupfwinkel entdeckt und hervorgezogen. „So bleibt mir denn kein anderer Erlöſer übrig“— ſeufzte Heinrich—„als nur der Tod! Ach, käme er doch bald, mich meines Jammers für immer zu entheben.“ Noch tiefer ſank dem jungen Manne der Muth, als er wieder mit einem neuen Sträfling zuſammengeſchmiedet wurde und mit demſelben das nur kurz Pnnſ Glück des Alleinſeins zu Ende ging. Doch der ſterbliche, kurzſichtige Menſch halte nicht vor⸗ eilig das für ein Unglück, welches ihm der liebende Vater im Himmel als einen Troſt zuſendet. — Zwölftes Kapitel. Landsleute. Heinrich von Wedell hatte der Ein- und Anſchmiedung ſeines neuen Kameraden mit ſtummen, finſtern Mienen bei⸗ gewohnt. Es war derſelbe ein junger, kräftiger Mann mit lichtblauen Augen und blondem Haupthaar. Während die Schmiedegeſellen ihr Werk vollbrachten, gab er keinen Laut von ſich, ſo groß ſchien ſeine Beſtürzung über das, was man mit ihm vornahm, zu ſein. In ſich gekehrt, warf er nur zu⸗ weilen einen ſcheuen, erſchrockenen Blick auf ſeine Umgebung, und als ihm bei ſeinem Eintritt in den Saal das betäubende Kettengeraſſel, ſo wie der laute, wüſte Lärm zahlloſer Stim⸗ men empfing, ſchauerte er zuſammen und erbleichte. Immer noch ſtumm verzehrte er wenige Biſſen ſeines Abendbrotes, dagegen trank er deſto begieriger ſeine ganze Waſſerportion hinab. Nach dem Schlafengehen vernahm Heinrich ein lei⸗ ſes, unverſtändliches Murmeln, das die Lippen ſeines Ge⸗ fährten von ſich gaben und ein Gebet zu ſein ſchienen. Nach deſſen Beendigung begann der Galeerenſträfling immer häu⸗ figer zu ſeufzen und zuletzt gar leiſe zu ſchluchzen, was dem lauſchenden Heinrich das Herz bewegte. Wie aber ward demſelben erſt, als jener mit ſchwacher, zitternder Stimme Der Galeerenſclave. 8 *. „ den ſchmerzlichen Ausruf that: Mutter wüßte!“ Dieſe deutſch geſprochenen Worte, die erſten im Bagno vernommenen, glichen einem erquickenden Thau, welcher auf eine dürre, verſchmachtete Flur herniederträufelt. Sie wa⸗ ren den Ohren des lauſchenden Heinrichs die lieblichſte Mu⸗ ſik, die ſie jemals vernommen. Seine Hand ſuchte die ſeines Gefährten und mit leiſer, doch freudig bewegter Stimme fragte er:„Du biſt ein Deutſcher, mein armer Kamerad?“ „Ja!“ lautete die haſtige Antwort. „Was für ein Landsmann?“ ci Preuße!“ „Hat ein Unglück oder ein ſ Verbrechen Dich zierhetgeführt⸗ „Ich habe weiter nichts begangen, als daß ich in dem Schill'ſchen Corps diente.“ „O mein Gott!“ unterbrach ihn Heinrich in ſeiner Freude—„Kamerad! doppelter Leidensgefährte! Sei mir willkommen, den unſer Herrgott mir zum Troſte ſendet. Auch ich diente unter Schill und wurde, tödtlich verwundet, bei Dodendorf gefangen genommen.“ „Und ich in Stralſund, wo Schill an meiner Seite fech⸗ tend fiel. Da ich ihn nicht aus den Feinden herauszuhauen „Ach Gott, wenn das meine vermochte, ſo rächte ich wenigſtens ſeinen Tod durch Nieder⸗ metzeln etlicher unſerer Feinde. Darin beſtand mein Ver⸗ brechen, weshalb ich nach längerem Umherſchleppen hierher gebracht wurde.“ „Mein lieber Schickſalsbruder—“ ſprach Heinrich mit gerlictet—„laß uns jetzt ſchweigen, damit wir wegen 115 unſers Sprechen nicht die Peitſche zu koſten bekommen. Ach, wir werden noch viel, ſehr viel Zeit bekommen, uns gegenſei⸗ tig die Noth zu klagen! Nur noch eine Frage: was murmel⸗ teſt Du vorhin ſo anhaltend?“ „Ich betete das Vaterunſer!“ erwiederte der Gefangene. „Gute Nacht!“ ſprach Wedell erſchüttert und wendete ſich auf die andere Seite. Noth lehrt beten, ſagt das Sprüchwort. Allein trotz aller ſeiner großen Noth hatte Heinrich von Wedell bisher noch nicht im Bagno gebetet. Jetzt trieb ihn hierzu die Freude und das Beiſpiel ſeines Kameraden. Er dankte da⸗ her Gott mit vieler Inbrunſt für die troſtvolle Zuſendung eines Landsmanns und gleichen Leidensgefährtens, den er anfänglich mit Widerwillen und Murren angeſehen hatte. Es war ihm, als ſei ihm plötzlich die Hälfte einer ſchweren. Laſt von den Schultern entnommen worden, daher er mit erleichtertem und frohem Herzen entſchlief. Wie freudig und brüderlich das zuſammengekettete Paar am andern Morgen ſich begrüßte! Wie es ſich gegenſeitig ſeine Erlebniſſe, Erfahrungen, Klagen und Wünſche mit⸗ theilte! Heinrichs neuer Kamerad war nur der Sohn eines ſchlichten Landmanns und gemeiner Huſar geweſen. Dem⸗ ohnerachtet behandelte ihn der Officier und Edelmann von Wedell gleich einem leiblichen Bruder und das mit Recht. Denn wie im Tod, ſo hört auch im Bagno aller Unterſchied, welchen Geburt, Amt und Reichthum im öffentlichen Leben hervorbringen, auf. In brüderlicher Liebe vereint, arbei⸗ tete, duldete, litt, hoffte das deutſche Paar und ſeine muſter⸗ hafte Aufführung erwarb ihm die Zufriedenheit und Gunſt 8* ſeiner Aufſeher, was ihnen manche Erleichterung und man⸗ chen Vortheil verſchaffte. Der Tod erſchien jetzt beiden weni⸗ ger wünſchenswerth und das Leben weniger anekelnd. Und mit der wiedererwachenden Lebensluſt paarte ſich der Trieb zu einer nützlichen Thätigkeit, daher Wedell, von ſeinem Kameraden Richter unterſtützt, in ſofern in die Fußſtapfen von Nr. 1002 trat, daß er in der freien Zeit mit feinen Muſchelarbeiten ſich beſchäftigte. Heinrichs Fertigkeit im Zeichnen, ſo wie ſein gebildeter Geſchmack leiſteten ihm hier⸗ bei die beſten Dienſte und bald übertrafen ſeine Arbeiten an Zierlichkeit und Schönheit die der andern Galeerenſclaven, daher ſolche auch beſſer bezahlt wurden, was gleichfalls zur⸗ Verbeſſerung ihrer beiderſeitigen Lage beitrug. Die Luſt, einen Verſuch zur Flucht zu wagen, war unſerm Heinrich vergangen und er durch Andrer Schaden klug ge⸗ worden. Seine hierüber gemachten Erfahrungen, welche er ſeinem Leidensgenoſſen Richter mittheilte, vermochten auch denſelben, von einem Befreiungsverſuche abzuſehen, durch deſſen Mißlingen die Lage beider gar ſehr verſchlimmert wor⸗ den wäre. Die ſo Großes bewirkende Gewohnheit brachte es allmählig dahin, daß beide Deutſche beim Liegen den vor⸗ mals ſchmerzenden Druck ihrer Kette und des Eiſenringes nicht mehr fühlten, daß ihr Körper mehr und mehr gegen den Einfluß der Witterung geſtählt und die ſchwere Arbeit ihnen leichter wurde. Hierzu kam, daß der Winter mit ſei⸗ nen Fröſten und Unannehmlichkeiten Abſchied nahm und mehr und mehr die reizendere Jahreszeit jenen verdrängte. Zwar erblickten die Galeerenſträflinge nicht die Pracht der Blüthenbäume, nicht den bräutlichen Blumenſchmuck, — 117 mit welchem die froſtbefreite Erde den Frühling feierte, nicht die grünen Saatfelder, nicht die knospenden Haine, nicht die munter nach der Weide ſpringenden Viehheerden. Aber ſchon die lind und warm wehende Frühlingsluft, welche, beſſer als die wollene Matratze, den Froſt von den ſchlafenden Sträf⸗ lingen abhielt, ſchon die paar Blumen, welche einer der Auf⸗ ſeher in thönernen Scherben vor ſeinem eiſenvergitterten Fenſter aufzog, ſchon die jubilirenden Lerchen, welche über dem in das Geſtein geſprengten Hafenbecken in den blauen Aether ſich emporſchwangen, ſchon das neu ſich regende Leben in der Natur, die fröhlich umherſummenden Käfer, das dem Geſtein entſprießende Grün, die wild hier wachſende Rosma⸗ rie, der keimende Yſop, ein einſam bis zum Hafenbecken ſich verirrter, bunter Schmetterling— Alles ergötzte unſer durch die Sclavenkette vereinigtes Paar. Freilich wuchs nun mit der neu erwachten Natur zugleich der mächtige Durſt nach Freiheit in den beiden Sträflingen, wie in dem Herzen der meiſten ihrer Gefährten. Es mehrten ſich die faſt ſtets ver⸗ unglückenden Fluchtverſuche, ſo wie die Widerſetzlichkeiten und Verſchwörungen der Sträflinge gegen deren Aufſeher. Die Garcette durfte faſt keinen Tag ausruhen; Auferlegung härterer und längerer Arbeit, Entziehung der Fleiſch⸗ und Weinportionen, Verurtheilung zur Einzelhaft, ja ſelbſt mör⸗ deriſches Einſchreiten des Militairs wechſelten mit einander ab. Uebrigens hatte Alles ſeinen alltäglichen Gang. So verſtrich der Sommer des Jahres 1810 und der Herbſt färbte bereits die Wolken am abendlichen Himmel mit lebhafteren und brennenderen Tönen. Bereits drei Vierteljahre lang hatte Heinrich die Galeerenſclavenkleider getragen und im Bagno zugebracht, was er anfänglich nicht eine Woche hindurch auszuhalten geglaubt. An einem hei⸗ tern Herbſttage verfolgte Heinrich mit ungewöhnlich ſinnen⸗ den Blicken den Lauf der Sonne, welche über dem weiten Meere, über dem freien England, dem Untergange ſich zuneigte. Mächtiger denn je ſchwellte der Durſt nach Freiheit des Gefangenen Bruſt, beneidete er den Inſaſſen eines leichten Nachens, welcher mit einem kleinen Stück geblähten Segel⸗ tuchs durch die blauen Wogen ſchnitt und in die Ferne eilte. Seine Empfindungen vor dem treuen Gefährten verbergend, kehrte Heinrich nebſt demſelben in das Bagno zurück. Kaum daß ſämmtliche Sträflinge im Saale eingetroffen waren und ihre Nebenarbeiten zur Hand genommen hatten, ſo erſchien unvermuthet der Hafencommandant in Begleitung eines etwa elfiährigen Knaben in ſchlichter Kleidung. Auf den Peit⸗ ſchenknall der Aufſeher verſtummte der taufendfache Lärm, die lautloſeſte Stille trat an ſeine Stelle und von ihren Pritſchen aufſpringend, ordneten ſich die Sträflinge in eine rings um laufende Reihe. Dieſelbe begann der Commandant langſam hinabzuſchrei⸗ ten, wobei der ihm zur Seite bleibende Knabe mit angſtvoll ſuchenden Blicken die wilden Geſichter der Galeerenſelaven muſterte. Mit furchtſamer, faſt weinerlicher Stimme ſtieß nach kurzem Dahinſchreiten der Knabe die gegen die Sträfllinge gerichteten Worte hervor:„Vater! Vater! ich bin Dein Sohn Wilhelm Mettler! Wilhelm Mettler! Vater! biſt Du nicht hier? Hörſt Du mich nicht? Ach Gott, Vater, wo iſt 17. denn meine Mutter? Vater! Vater! Die Anweſenheit des mächtigen und gefürchteten Com⸗ mandanten bewirkte, daß die Sträflinge dieſe an ſie gerich⸗ teten Rufe zwar nicht mit ſpöttiſchen oder höhnenden Reden be⸗ antworteten, dagegen aber, mit Ausnahme Weniger, ihre wilden, verwetterten Geſichter zu fürchterlichen Grimaſſen verzerrten. Immer angſtvoller und ſchmerzlicher erklang des Knaben Ruf, bis heiße Thränen ihn in ein lautes Schluchzen aus⸗ brechen ließen. Alſo ſchluchzend und ſeinen Ruf hundertfach wiederholend, gelangte der Knabe nebſt dem Commandanten bis zu Heinrich von Wedell. Dieſer, den Knaben ſofort wiedererkennend, brach in den verwunderten Ausruf aus: „Wie, Wilhelm, Du hier? Ha, iſt vielleicht der wackere Bedeau gleichfalls in der Nähe?“ „Nein! verſetzte Wilhelm, erfreut, jemand Bekanntes un⸗ ter den tauſend fremden Geſichtern gefunden zu haben. „Monſieur Bedeau iſt weit fort, hat müſſen nach Spanien marſchiren. Ich aber bin zurückgeblieben, weil ich meiner Großmutter verſprochen hatte, meinen Vater und meine Mut⸗ ter in Frankreich aufzuſuchen. Aber überall ſagte man mir, daß keine preußiſchen Kriegsgefangenen mehr vorhanden wären, ausgenommen ſolche, die ſich eines beſonderen Ver⸗ gehens ſchuldig gemacht hätten. Und dieſe müßte ich unter den Galeerenſelaven ſuchen. Deshalb hat mir Monſieur Bedeau, bevor er nach Spanien fortging, ein Schreiben auf⸗ geſetzt, in welchem er die Herren Befehlshaber über die Ga⸗ leerenſelaven bittet, ſich meiner anzunehmen und meine armen Aeltern mitſuchen zu helfen in den Bann— Bann— Ban⸗ nio's, wie das Ding hier heißt. Ich bin ſchon in den Bannios zu Toulon und Breſt geweſen, aber ohne meinen Vater ge⸗ . funden zu haben. Und wo mein Vater iſt, da ſteckt auch meine Mutter, denn die läßt von meinem Vater nirgends nicht. Ach, gnädiger Herr Leutnant, haben Sie denn nie⸗ mand von meinen Aeltern hier geſehen? Wie ſehr wir Sie bedauert haben, als wir Sie in Dings dort, in dem kleinen Städtchen, in Ketten und Banden wieder ſahen! Monſieur Bedeau hätte gern mehr an Ihnen gethan, als bloß eine warme Decke und einen doppelten Napoleon durch das kleine Mädchen an Sie zu ſchicken. Aber er mußte ſich in Acht nehmen wegen des ſchlimmen Riquet, der, wenn er meinen Herrn erblickt und Sie erkannt hätte, Ihnen nichts als Tort und Dampf zugefügt haben würde. Monſieur Bedeau hat mit den Zähnen geknirſcht und ſogar, was er ſonſt nicht that, geflucht wegen des himmelſchreienden Unrechts, das man Ihnen zugefügt hat. Ach, gnädiger Herr Leutnant, können Sie mir gar keine Nachricht von meinen lieben Aeltern geben? Ach, wie ſchrecklich, wenn ich auch hier, wo ich ſie ganz ge⸗ wiß zu finden hoffte, umſonſt ſuchte!“ Faſt hätte Heinrich über Wilhelms Anſprache:„Gnädi⸗ ger Herr Leutnant,“ gelächelt. Er und ein gnädiger Herr! Er, ein unter der Peitſche ſtehender Galeerenſelave ein Leut⸗ nant! Doch das Mitleid mit dem armen, ſeine Aeltern in wahrer Todesangſt ſuchenden Knaben verdrängte ſchnell jede andere Empfindung. Zugleich erinnerte er ſich aber auch der untergeordneten Stellung, in welcher er ſich gegenüber dem mächtigen Hafencommandanten befand. Zu ihm, der bisher ſchweigend das ihm unverſtändliche Zwiegeſpräch mit angehört hatte, wendete ſich jetzt Heinrich von Wedell mit höflicher Beſcheidenheit. „Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr!“ ſprach er in ge⸗ läuſigem Franzöſiſch und unter einer Verbeugung,—„daß ich, überraſcht von der unvermutheten Erſcheinung dieſes Knaben, ohne Ihre eingeholte Erlaubniß mit demſelben und zwar deutſch geſprochen habe.“ Der Commandant mochte es unter ſeiner Würde halten, mit einem verächtlichen Galeerenſträfling zu ſprechen. Er wendete ſich daher an Wilhelm mit der Frage:„Haſt Du vielleicht in Nummer 727 Deinen Vater wieder aufgefunden? Sie ſcheint mir zwar dazu noch ſehr jung zu ſein.“ „Onein!“— verſetzte Wilhelm auf franzöſiſch—„Ach, wenn mein Vater ein ſo vornehmer Herr und Officier wäre, wie der gnädige Herr Leutnant hier iſt!“ „Gnädiger Herr? Leutnant? fragte der Commandant verwundert.„Was mag er Schweres verbrochen haben, daß ihn mein Kaiſer zur Galeere verurtheilt hat?“ Als Wilhelm den Mund öffnete, um auf dieſe Frage eine Antwort zu ertheilen, ſah er ſich von dem Eommandanten aus dem Saale in die nahe befindliche Wohnung eines Auf⸗ ſehers gezogen, die, wie die übrigen Beamtenwohnungen, in dem zu beiden Seiten des Saales hinlaufenden Anbau ſich befand und die ſtete Beobachtung der Sträflinge ermög⸗ lichte. „Hier ſage,“— fuhr der Commandant fort—„was Du von Nummer 727 weißt.“ „Mein alter Herr, Monſieur Bedeau,“— erzählte Wil⸗ helm Mettler—„der mir den Empfehlungsbrief an Sie geſchrieben, hat mir heilig verſichert, daß der Herr Leutnant von Wedell, den Sie hier Nummer 727 rufen, weiter nichts 122 gethan hat, als gegen die Franzoſen in der Schlacht gekämpft zu haben. Als dreiviertel Todten hat Monſieur Bedeau den Herrn Leutnant Nummer 727 aus der Schlacht nach Mag⸗ deburg gebracht und ihn dort wieder curiren laſſen. Anfangs wollte der gnädige Herr Leutnant Nummer 727 durchaus nichts von den Franzoſen und von Monſieur Bedeau wiſſen. Später aber ſind ſie ſo gute Freunde geworden, daß ſie zu⸗ ſammen Brüderſchaft gemacht haben. Wie wir unterwegs den Herrn Leutnant unter den Galeerenſelaven und an die lange Kette geſchloſſen ſahen, hat mein Herr, Monſieur Bedeau, vor Zorn mit den Füßen geſtampft und geſagt, daß ein ſolches grauſames Verfahren gegen einen kriegsgefange⸗ nen Officier eine Schande für den franzöſiſchen Namen ſei.“ Nach dieſer Auseinanderſetzung ſprach der Commandant zu dem Knaben:„Ich erlaube Dir, noch länger Dich mit Nummer 727 in deutſcher Sprache zu beſprechen, bis ich Dich abrufen werde.“ Hierauf kehrte Wilhelm zu Nummer 727 zurück, während der Commandant Heinrich's Aufſeher über das bisherige Betragen ſeines Untergebenen ausforſchte. Der Bericht mochte zur Zufriedenheit des Commandanten ausgefallen ſein, denn ſein Antlitz klärte ſich auf und er ging mit einem freundlichen Kopfnicken gegen Heinrich davon, wobei ihn Wilhelm beglei⸗ ten mußte. Dieſem hatte Heinrich von Wedell alle Hoffnung, je ſeine Aeltern wieder zu finden, benehmen zu müſſen geglaubt. „Sei verſichert, mein armes Kind“— hatte er zu dem Knaben geſprochen—„daß Deine Aeltern vereint auf dem Schlachtfelde von Jena gefallen ſind. Der Bericht des ein⸗ 123 armigen Augenzeugen verdient ungleich mehr Glaubwürdig⸗ keit, als der trügliche Traum Deiner Großmutter. Jener hat Deinen Vater als einen Sterbenden aus dem Kampfge⸗ tümmel tragen helfen und den Händen Deiner Mutter über⸗ geben. Wäre dieſe noch am Leben, ſo hätte ſie längſt ſchon etwas von ſich hören laſſen und ihre Heimath nebſt den Ihri⸗ gen aufgeſucht. Kehre alſo wieder in Dein Vaterland zurück, benachrichtige Deine Großmutter von Deinen vergeblichen Nachforſchungen und werde Du ihre Stütze im Alter.“ Mit thränenden Augen hatte Wilhelm dieſe Rede ange⸗ hört, deren Wahrheit ihm eindringlich genug war. Traurig hatte er nebſt dem Hafencommandanten den Saal und die Gefangenen verlaſſen. Heinrich von Wedell hingegen war durch den unerwar⸗ teten Beſuch in eine ſo große Aufregung verſetzt worden, daß er lange Zeit munter blieb. Am ondern Morgen erſtaunte er nicht wenig, als man ihn von ſeiner Feſſel und ſeinem Gefährten löſte und ihn nach der Commandantenwohnung führte. Hier ließ ihn der Commandant vor ſich kommen und redete ihn mit den Wor⸗ ten an:„Der kaiſerliche Befehl, der mir auftrug, Euch unter die auf Lebensdauer zur Galeere verurtheilten Sträflinge zu ſtecken, ließ mich über Euer Vergehen, ſo wie über Euern Stand und Namen, ſo wie über Eure Herkunft völlig im Dunkeln. Erzählt mir offen Euern Lebenslauf, damit ich ſehe, ob Eure Ausſage mit derjenigen des Knaben überein⸗ ſtimme. In dieſem Falle und wenn Ihr durch Bildung, durch Kenntniſſe und ein ehrenhaftes Betragen Euerm Offi⸗ eiersſtand und Adel entſprechet, ſo will ich Euer trau⸗ 124 riges Schickſal erleichtern, ſo weit ſolches in meiner Macht ſteht.“ „Ich glaube Euch“— fuhr der Commandant fort, nach⸗ dem Heinrich von Wedell ſeinen wahrheitgetreuen Bericht beendet hatte—„und zum Beweiſe dafür laſſe ich Euch eigenmächtig die Kette ſammt dem Eiſenringe abnehmen, er⸗ nenne Euch zu meinem Dolmetſcher für die deutſchen Sträf⸗ linge und weiſe Euch außerdem eine paſſende Beſchäftigung in meinem Büreau an. Ihr gebt mir Euer Ehrenwort, kei⸗ nen Fluchtverſuch zu unternehmen, kein geheimes Einverſtänd⸗ niß mit den Sträflingen zu unterhalten, vielmehr das kleinſte Anzeichen einer von jenen angezettelten Verſchwörung zu meiner Kenntniß zu bringen. Dafür ſollt Ihr beſſere Koſt und Wohnung als bisher erhalten und von der ſteten Ge⸗ meinſchaft mit verworfenen Menſchen befreit ſein.“ Ach, wie gern Heinrich das Gelübde des Gehorſams ab⸗ legte! Wie feurig er dem wackern Commandanten dankte! Aber er würde ſeines unverhofften Glücks unwerth geweſen ſein, wenn er darüber ſeinen bisherigen Leidensgefährten Richter vergeſſen hätte. „Gnädiger Herr“— ſprach Heinrich von Wedell bit⸗ tend—„mein Kamerad Richter hat nicht größere Schuld als ich, ja er iſt ſogar weniger ſtrafbar, da er nur Gemeiner im Schill'ſchen Corps war und von der Menge mit fortge⸗ riſſen wurde.“ „Eure Fürbitte ehrt Euch“— verſetzte der Hafencom⸗ mandant—„allein indem ich Euch die Kette abnehmen ließ, habe ich ſchon meine Befugniß überſchritten. Euerm Kame⸗ rad ſoll alle mögliche Erleichterung ſeiner Lage zu S 125 werden, und wenn er fortfährt, ſich gut zu betragen, ſo ſoll auch er mit der Zeit frei werden.“ Richter weinte wie ein Kind, als ihm mit Heinrich von Wedell ein großer Troſt in ſeinem Elende genommen wurde. Dreizehntes Kapitel. Der General. Eines Tages erhielt Frau Ihlig in Magdeburg einen Brief aus Frankreich, der von der Hand ihres Enkels Wil⸗ helm Mettler geſchrieben war und alſo lautete: Hochedelgeborne Großmutter! Liebe Schweſter Dortchen! Wenn Sie ſich und Du Dich wohl befinden, ſo ſoll mich's herzlich freuen. Ich befinde mich, Gott ſei Dank, ganz wohl und geſund und zwar hier in dem Bannio zu Cherbourg, was ſoviel wie Galeere bedeutet und gegen welches ein Hundeſtall ein Paradies iſt. Aber ich bin nicht etwa als Galeerenſclave, ſondern nur als Freiwilliger hier, der es tauſendmal beſſer hat als die Galeerenſclaven. Wie ich hierhergekommen bin? Nachdem ich aller Orten und Enden in ganz Frankreich mei⸗ nen Vater und meine Mutter geſucht hatte, kam ich endlich hier nach Cherbourg. Anſtatt aber meinen Vater, fand ich unter den mehr wie tauſend Galeerenſclaven, die in ihren feuerrothen Jacken und Mützen wie geſottene Krebſe ſich aus⸗ nahmen, denſelben Herrn Officier wieder, den Monſieur Be⸗ deau aus der Bataille als dreiviertel Todten nach Magde⸗ 126 burg brachte und im Spittel curiren ließ. Damals kannten wir ihn nur als Herrn Heinrich und erſt vor Weſel erfuhren wir, daß er mit ſeinem richtigen Vaternamen von Wedell heißt. Auch er ſteckte in einer groben, rothen Jacke und in einer grünen Mütze, was Schlimmeres als eine rothe bedeu⸗ tet, und lag wie ein Hund an einer ſchweren Eiſenkette. Ich hätte ihn nicht wieder erkannt, wenn er nicht ſelbſt mich an⸗ geredet hätte. Als ich ihn nach meinem Vater befragte, ver⸗ ſicherte er mir ganz beſtimmt, daß Vater und Mutter in der Schlacht bei Jena geblieben ſeien, wie ſchon der einarmige Haaſe behauptet hatte. Ich muß es daher endlich doch glau⸗ ben, ich mag wollen oder nicht. Da alſo meine armen Aeltern ganz gewiß todt ſind, ſo habe ich mir zur Trauer ein ſchwar⸗ zes Florband um den linken Arm gebunden. Nach Hauſe komme ich aber noch nicht gleich, indem mich der gütige Herr Hafencommandant zu ſeinem Laufburſchen und Viecedolmet⸗ ſcher angenommen hat. Richtiger Dolmetſcher iſt nämlich der gnädige Herr Leutnant von Wedell geworden, der mir in ſeiner freien Zeit Schule hält und mich außerdem die ſchönſten Sachen von kleinen Seemuſcheln fertigen lehrt. Wenn ich es in meiner Kunſt weiter gebracht haben werde, ſollen Sie, beſte Großmutter, und Du, Dortchen, jede ein wunderhübſches Muſchelkäſtchen von mir geſchickt bekommen. Nun werden Sie und Du noch wiſſen wollen, was aus mei⸗ nem alten Herrn, Monſieur Bedeau, geworden iſt. Derſelbe iſt nach Spanien commandirt worden, wo die Franzoſen gleichfalls Krieg führen. Ich aber mochte nicht mit ihm ge⸗ hen, weil ich ja heilig verſprochen hatte, meinen Vater und meine Mutter in Frankreich aufzuſuchen. Der gute Monſieur — 127 Bedeau! Er gab mir beim Abſchiede 80 Franken in Golde und außerdem noch Empfehlungsbriefe an alle Bannio's⸗ Commandanten. Die 80 Franken habe ich noch und hebe ſie zum Reiſegeld auf, denn überall, wohin ich kam, fand ich freie Zehrung und barmherzige Menſchen. Endlich fanden wir, ich und Monſieur Bedeau, vor Weſel einen böſen fran⸗ zöſiſchen Hauptmann, der unſern gnädigen Herrn Leutnant von Wedell durchaus erſchoſſen wiſſen wollte, und mit wel⸗ chem ſich Monſieur Bedeau deshalb herumſchoß. Seitdem hatte jener böſe Hauptmann, Riquet mit Namen, das ſchlimme Amt übernommen, die zur Galeere verdammten Männer in das Bannio zu ſchaffen. Dabei ſoll er ſich immer abſcheu⸗ lich grauſam gegen die armen Gefangenen benommen haben. Endlich aber hat er, wie geſtern die Nachricht hier angelangt iſt, ſeinen Lohn erhalten, indem die Gefangenen unterwegs und ehe er ſich's verſehen hat, über ihn hergefallen ſind und ihm das Lebenslicht ausgeblaſen haben. Wie die Thaten, ſo der Lohn! Ich ſchließe hiermit meinen Brief, den ich mit dem Briefe auf die Poſt trage, welchen der Herr Leutnant Heinrich an ſeine Mutter abſchickt. Adieu, liebe Großmutter! Adieu, Schweſter Dortchen! Ich bin mit Reſpect Im Bagno(ſo wird Bannio geſchrieben) zu Cherbourg, am 1. November 1810. Ew. Hochedelgeboren gehorſamſter Diener, Enkel und Bruder, Wilhelm Mettler. Seit Ankunft dieſes Schreibens in Magdeburg ſind 47 Jahre verfloſſen, in welchen der merkwürdigſten und uner⸗ hörteſten Begebenheiten viele ſich zugetragen haben. Nur ge⸗ ring iſt noch die Anzahl derer, welche Augenzeugen von der franzöſiſchen Uebermacht unter Napoleon I. und der deutſchen Knechtſchaft waren. Zu jenen Wenigen gehört auch der all⸗ gemein und hochgeehrte Gouverneur der deutſchen Bundes⸗ feſtung zu Luxemburg, der General der Reiterei und Gene⸗ raladjutant des preußiſchen Königs, Heinrich vou Wedell. Es war an einem der erſten Novembertage des Jahres 1857, als der jetzt ſiebenzigjährige, doch noch rüſtige Gouverneur und General einen großen und glänzenden Kreis geladener Gäſte bei ſich ſah. Die Bruſt mit verdienten Ordensſternen bedeckt, trat der würdige Greis in die Ritte ſeiner Gäſte und hob mit freundlichem Lächeln an: „Man hat in dieſen Tagen meine Perſon zum Gegen⸗ ſtand öffentlicher Beſprechung in den Zeitungsblättern ge⸗ macht und zwar in Bezug auf meine Gefangenſchaft in dem Bagno zu Cherbourg. Allein man hat dabei ſo viel Unrich⸗ keiten und Wahrheitwidriges berichtet, daß ich es für meine Pflicht erachte, Sie, meine lieben Freunde und werthen Gäſte, mit den wirklichen Thatſachen meines allerdings ungewöhn⸗ lichen Lebenslaufes bekannt zu machen.“ Nachdem der General in der Kürze ſein Schickſal erzählt hatte und bis zu ſeiner Erlöſung von der Kette gelangt war, fuhr er alſo fort:„Meine, durch die hochzupreiſende Güte des Hafencommandanten verbeſſerte Lage währte bis zum Frühjahr 1812 ohne weitere Störung fort. Da überraſchte mich der liebe Hafencommandant mit der Freudenbotſchaft meiner Entlaſſung aus dem Bagno und der gänzlich wieder⸗ geſchenkten Freiheit. Wie tief wurde ich gerührt, als ich erfuhr, daß ich meine Erlöſung allein meinem heißgeliebten 129 König, Friedrich Wilhelm III. verdankte, der über den ſchwe⸗ ren Regierungsſorgen und über den Millionen ſeiner Unter⸗ thanen des jungen, unbekannten und fern von ihm in ſchmach⸗ voller Gefangenſchaft ſchmachtenden Wedell nicht vergeſſen, vielmehr die erſte, ſich ihm darbietende, günſtige Gelegenheit benutzt hatte, um bei dem Kaiſer Napoleon ſelbſt für meine Freilaſſung ſich zu verwenden. Wie hätte ich wohl anders gekonnt, als meinem erhabenen Befreier von nun an mit Blut und Leben anzugehören? Ein Umſtand nur trübte meine Freude über meine Erlöſung: daß dieſelbe mein armer Ge⸗ fährte Richter zugleich mit mir nicht theilen durfte! Ich ver⸗ ließ den Tiefbetrübten mit dem heiligen Verſprechen, Alles aufbieten zu wollen, um auch ihn der Freiheit und dem deut⸗ ſchen Vaterlande wieder zuzuführen, und hatte die Freude noch, zu ſehen, daß Richter meine bisher bekleidete Stelle eines Dolmetſchers erhielt. Den Knaben, welcher ſo großen Antheil an der Verbeſſerung meines traurigen Geſchicks ge⸗ habt hatte, nahm ich mit mir und führte ihn in die Arme ſeiner Großmutter und Schweſter nach Magdeburg zurück. Mit welcher Freude meine gute Mutter ihren verloren ge⸗ glaubten Sohn empfing! Im folgenden Jahre war ich einer der Erſten, welcher unter die Fahnen meines Königs eilte, um das unerträgliche Joch der franzöſiſchen Herrſchaft von Deutſchland ablöſen zu helfen. In der glorreichen Schlacht bei Großbeeren hatte ich das Glück, meinem Retter und Freunde, Bedeau denſelben Liebesdienſt zu erweiſen, den ich ihm zu danken hatte, indem ich ihn ſchwer verwundet auf dem Schlachtfelde fand und für ſeine Heilung Sorge trug. Er iſt fortan mein Freund geblieben und noch 6 Der Galeerenſclave. als General der Artillerie in franzöſiſchen Dienſten. Die Entthronung Napoleons brachte meinem Leidensgefährten Richter die Freiheit, die ich, von Paris nach Cherbourg eilend, perſönlich ihm verkündigte. Er machte mit mir den zweiten, kurzen Siegesmarſch gegen den von der Inſel Elba zurück⸗ gekehrten Napoleon mit und wurde nach hergeſtelltem Frieden der wackere Verwalter meines Rittergutes Sennenwalde. Dorthin und unter Richters Aufſicht verſetzte ich ſpäter die Geſchwiſter Mettler, deren Großmutter ich bis zu ihrem Tode unterſtützt hatte. Beide erlernten die Landwirthſchaft, und indem Wilhelm eine Tochter und Dorothea einen Sohn mei⸗ nes Verwalters Richter heirathete, erhielt dieſer ſich in dem Geſchwiſterpaare kraftvolle Stützen bei ſeinem umfänglichen Geſchäftskreiſe. Richter, um 6 Jahre älter als ich, ſtarb vor 3 Jahren in der Mitte ſeiner Kinder und Enkel. Sein Sohn, der Gatte Dortchens, und Wilhelm Mettler, deſſen Schwa⸗ ger, fahren fort, mein Gut zu meinem Nutzen und zu meiner völligen Zufriedenheit zu verwalten. Ich bedaure, daß ich Ihnen, lieben Freunde und Gäſte, Wilhelm Mettler nicht perſönlich vorſtellen kann, den mir damals der barmherzige Gott als Befreier von der Selavenkette zugeſchickt hatte.“ Hier unterbrach der General ſeine Erzählung, um einem ſeiner Diener bedeutſam zuzuwinken. Dieſer eilte fort und kehrte ſchnell mit einem Bündel zurück, das er vor ſeinem Herrn auf die Tafel niederlegte. „Mit dem Schandmahle des Brandmarkens“— hob der General wieder an—„iſt meine Achſel zwar verſchont ge⸗ blieben, aber“— er löſete die ſeidene Hülle, welche ſeine einſtige Selavenkleidung in ſich barg—„dieſen Anzug habe — ich 2 ½ Jahr hindurch auf meinem Leibe getragen, ½ Jahre lang an der Kette gelegen und in dieſer Zeit mit dem Abſchaum der Menſchheit zuſammengelebt. Dieſes Muſchelkäſtchen iſt ein Stück von meiner damaligen Nebenarbeit, durch welche ich mir einige Sous erwarb und meine ſchreckliche Lage ver⸗ ſüßte. Mehrmals im Jahre hole ich dieſe Andenken aus einer furchtbaren Vergangenheit hervor und niemals lege ich ſie wieder weg, ohne nicht durch ihren Anblick demuthsvoller, menſchenfreundlicher und dankbarer gegen Gott und meinen König geſtimmt zu werden, deren Gnade mich damals vor Verzweiflung, Selbſtmord und Wahnſinn bewahrt hat.“ Hier endigte der würdige General, unter dem allgemei⸗ nen Beifallsrufe ſeiner tief gerührten Geſellſchaft, ſeine Er⸗ zählung. Daſſelbe thut auch der Erzähler dieſer auf Wahrheit be⸗ ruhenden Geſchichte, indem er ſeinen lieben Leſern gleiche Empfin dungen wünſcht, als diejenigen waren, welche Hein⸗ rich von Wedell bei ſeinen Zuhörern hervorrief. Guſtav Nieritz. * * 3 6 S 2 S ½ — 8 2* S 8 S 8 3 — E 6 ſſſſſ 8 9 12 1 14 15 16 17 7 10 11 8