deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih und Ceſebedingungen. 1. 0flensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Leßepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und eträgt: 5 für nochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Da er kinderlos geblieben, ſo kam ein junger Prinz einer nahen Seitenlinie an die Regierung. Bereits wurden die Anſtalten zu deſſen feierlicher Huldigung getroffen, zu dieſem Zwecke goldverbrämte Purpurdecken über die Bruſt⸗ lehne des großen Söllers vor dem fürſtlichen Schloſſe ausgebreitet, ein ſammetner Baldachin darüber errichtet, Kronen aufgeſteckt und ähnliche Beigaben der regierenden Würde zur Schau gebracht. Das müßige Volk ſtand und betrachtete neugierig die lange nicht aus der fürſt⸗ lichen Rumpelkammer hervorgeholten Sachen. Noch mehr aber freute es ſich auf die bevorſtehende Huldigung, als ein lange nicht erlebtes Schauſpiel, da der verſtorbene Fürſt über 50 Jahre regiert gehabt hatte. Ueberdies wurde bei dieſer ſeltenen Gelegenheit ein gebratener Ochſe dem Volke preisgegeben, Geld unter daſſelbe ge⸗ worfen und Wein in den öffentlichen Röhrbrunnen ſprin⸗ gen gelaſſen. Urſachen genug zur Freude! Der junge Fürſt dagegen fühlte bereits die erſte Laſt ſeiner neuen Würde. „Lieber von Bimsſtein—“ hatte der erſte Miniſter zu einem ſeiner vertrauten Räthe geſagt—„ſetzen Sie 1* ———— — e einige Worte auf, die wir den jungen Fürſten bei der Huldigung an das Volk richten laſſen. Sie werden ſchon wiſſen, wie ich's meine.“ „Lieber Berggold,—“ hatte darauf der Rath zu einem jungen Sekretär des Kollegiums geſprochen— „entwerfen Sie eine kleine Anſprache des Fürſten an ſein Volk, bei Gelegenheit ſeiner Huldigung. Machen Sie es kurz und erbaulich, ſintemal das Auswendigler⸗ nen langer Reden keine Sache der Fürſten, zumal der jungen, iſt. Geben Sie ſich Mühe, denn wir werden an dem Nicht⸗Gelingen oder Gelingen der Anſprache Ihre Befähigung zu höheren Stellen ermeſſen können.“ Berggold verbengte ſich dankend für das ihm ge⸗ ſchenkte Vertrauen. Er durchwachte die Nacht am Schreib⸗ tiſche, ent⸗ und verwarf zehn Anſprachen und ſetzte aus denſelben eine elfte zuſammen, die ihn befriedigte. Er⸗ wartungsvoll überreichte er das Papier am nächſten Mor⸗ n den Rthe Dieſer überlas das Papier mit flüchtigen Blicken. „Einiges davon iſt zu brauchen—“ ſprach er,„Vie⸗ les nicht. Einſtweilen ſage ich Ihnen Dank für den be⸗ wieſenen guten Willen. Ich werde Sie dem Premier⸗ miniſter empfehlen. Adieu.“ Darauf ſchrieb von Bimsſtein die Rede eigenhändig und ungeändert ab und händigte ſie dem Miniſter ein. „Excellenz—“ ſprach er—„ich ſchmeichle mir, das Möglichſte in dieſer Anſprache geleiſtet zu haben.“ „Nicht übel!“ lobte der Miniſter.—„Nur etwas zu ſchwärmeriſcher Aufflug— zu viel Herzlichkeit— zu viel Verſprechungen gegen das Volk.“ Der Miniſter ſtrich drei Wörter in der Anſprache aus und ſetzte eben ſo viel andere, wenn auch nicht beſ⸗ ſere, an die Stelle, ließ jene dann vom Kabinetskanz⸗ liſten in's Reine ſchreiben und überreichte ſie als ſein Machwerk dem Fürſten zum Auswendiglernen. Dieſer ſprach, in ſeinem Prunkzimmer auf⸗ und ab⸗ gehend, das Papier in der Hand, zu ſeinem eintretenden Adjutanten:„Ach liebſter von Strauchwitz, Sie ſehen mich verßtießlich. Da hat mich mein Premierminiſter mit einer langen Rede beglückt, die ich auswendig lernen und an das Volk halten ſoll. Von je her hab' ich nicht gern memorirt, viel weniger gepredigt. Als Redner werde ich mich ſchlecht ausnehmen, fürchte ich. Am Ende bleibe ich mitten in der Rede ſtecken und blamire mich.“ „Ein Glück, daß der Oberceremonienmeiſter nicht zugegen iſt—“ verſetzte der Adjutant lächelnd—„Er würde ſich über das Wort„blamiren,“ von einem und über einen Fürſten gebraucht, entſetzt haben. Durchlaucht dürfen als regierender Herr nicht mehr ſo frei und rück⸗ haltlos reden, wie früher der apanagirte Prinz Horſa. Sodann geſtehe ich offen, daß, wenn ich um den ſo wohl⸗ feilen Kauf einer Anſprache zur Herrſchaft über ein ſchö⸗ nes, geſegnetes Land gelangen könnte, ich mich zum Ab⸗ halten von zehn Reden verſtehen würde. Umſonſt iſt nur der Tod— ſagt das Sprüchwort.“ „Benno—“ ſagte der junge Monarch—„Sie är⸗ gern mich. Wie? nicht einmal frei reden ſoll ich dürfen als Fürſt?“ „Dies darf der Fürſt am allerwenigſten—“ ant⸗ wortete Strauchwitz—„Derſelbe muß jedes Wort erſt auf die Goldwage legen, bevor er es ausſpricht. Denn jedes ſeiner Worte wird tauſendfach verbreitet und be⸗ krittelt. Durchlaucht, es warten im Vorſaale diejenigen jungen Offiziere, welche, da ſie nicht in der Militärſchule gebildet worden ſind, in derſelben einen zweizährigen Lehreurſus durchmachen ſollen. Sie wükſchen, Ew. Durchlaucht dafür ihren Dank ſttte zu dürfen und Ihnen deshalb vorgeſtellt zu werden.“ „Es iſt gut!—“ entgegnete der Fürſt—„Sie ſol⸗ len gehen. Nicht ich, mein Vorgänger noch, hut ja dieſe Einrichtung angeordnet. Auch habe ich nicht Zeit— muß memoriren.“ „Durchlaucht dürfen unmiglich die Offiziere wieder fortſchicken, wenn Sie dieſelben für Sich gewinnen wol⸗ len. Was gedenken Sie den Dankenden zu antworten, wenn ich fragen darf?“ „Hm! ich werde ſagen—“ ſprach der Fürſt—„daß ich mich freue, wenn ſie die Gelegenheit, noch Mancher⸗ lei zu lernen, eifrig benutzen.“ „Das würden die Offiziere als eine Beleidigung anſehen—“ erwiederte der Adjutant—„wenn Durch⸗ laucht wirklich ſagten:„noch Mancherlei zu lernen. Zu wiederholen, würden Sie Sich auszudrücken haben.“ „Strauchwitz!—“ ſprach der Fürſt—„Sie ver⸗ gällen mir mein Herrſcheramt mit Ihren Erinnerungen. Wie ganz anders war es, da wir noch zuſammen auf dem friedlichen Jagdſchloſſe von Saansheim lebten und redeten, wie uns der Schnabel gewachſen war.“ „Schnabel gewachſen war! Um Himmelswillen, mein Fürſt, ſtreichen Sie für immer dieſe Redeweiſe aus Ih⸗ — rem Wörterbuche. Ja, Durchlaucht, wenn ſchon keine Roſe ohne Dornen iſt, wie viel weniger eine Krone oder ein Fürſtenhut!“ „Strauchwitz, Sie ſollten mein Oberſthofmeiſter ſein—“ ſagte der Fürſt—„ſo gut wiſſen Sie denſel⸗ ben vorzuſtellen.“ „Sehr verbunden, Durchlaucht! Aber ich glaubte, daß Sie eher von mir, Ihrem langjährigen Geſellſchafter und Freunde, ein wohlgemeintes Wort anhören würden, als von einem ſteifen, pedantiſchen Ceremonien⸗ oder Oberſthofmeiſter.“ „So iſt's!“ nickte der Fürſt.„Es bleibt zwiſchen uns beim Alten.“ Als der junge Fürſt am Morgen ſeines Huldigungs⸗ tages aufſtand, fand er zu ſeiner Verwunderung ein dickes, großes Buch auf ſeinem Nachttiſche aufgeſchlagen liegen. Es war, wie ſich bei näherer Beſichtigung er⸗ wies, eine Bibel und darin folgende Stelle mit rother Tinte unterſtrichen. 1. Buch der Könige, 3, 7— 14.„Nun, Herr, mein Gott, Du haſt Deinen Knecht zum Könige gemacht an meines Vaters David Statt. So bin ich ein kleiner Knabe, weiß nicht weder meinen Ausgang noch Eingang. Und Dein Knecht iſt unter dem Volk, das Du erwählet haſt, ſo groß, daß es Niemand zählen noch beſchreiben kann vor der Menge. So wolleſt Du Deinem Knechte geben ein gehorſames Herz, daß er Dein Volk richten möge und verſtehen, was gut und böſe iſt. Denn wer vermag dieß Dein mächtiges Volk zu richten?— Das gefiel dem Herrn wohl, daß Salomo um ein bat u. ſ. w.“ Horſa las dieſe Worte mit ſteigender Bewegung. Dann klingelte er und fragte den eintretenden Kammer⸗ diener:„Wer hat dieſe Bibel hierher gelegt und aufge⸗ ſchlagen?“ „Eine Bibel? Aufgeſchlagen?“ entgegnete der Kam⸗ merdiener beſtürzt.„Mir iſt nichts bewußt. Wer ſollte das Schlafzimmer Eurer Durchlaucht ungerufen zu betre⸗ ten gewagt haben? Man muß ſtrenge Nachforſchung un⸗ ter dem geſammten Dienſtperſonale anſtellen. Findet ſich kein Name des Beſitzers in der Bibel verzeichnet?“ „Laſſen Sie die Sache auf ſich beruhen, Haman!—“ ſprach der Fürſt.„Man hat mich beſchenkt und ſo et⸗ was belohnt man nicht mit einer ſtrengen Unterſuchung. Die Bibel bleibe hier liegen. Sie iſt ein unbeſtechlicher und aufrichtiger Rathgeber. Welcher Kammerherr iſt im Vorzimmer?“ „Herr von Siegmaringen, Durchlaucht!—“ erwie⸗ derte Haman. „Er ſoll hereinkommen.“ „Lieber Kammerherr!“ redete Horſa den Eintreten⸗ den an—„Ich ſoll heute, wie Sie wiſſen, mein Debüt als Regent geben und deshalb die hier verzeichnete An⸗ ſprache halten. Ueberhören Sie mich und ſagen mir dann ohne Schmeichelei, wie ich meine Sache als Red⸗ ner mache. Hier iſt das Papier. Leſen Sie nach.“ Der Fürſt ſprach nun ſtockend, manches Wort ver⸗ ſchluckend, daher unverſtändlich und überſchnell. Dabei bewegte er in ſeiner Befangenheit den rechten Arm wie gleichmäßig gehenden Perpendikel einer Uhr. Der Fürſt fühlte ſelbſt ſeine Unvollkommenheit als Rednet.„Nicht wahr—“ ſprach er am Schluſſe ſeiner — —— S ——— Worte—„ich habe meine Sache abſcheulich gemacht? Ich ſchäme mich wie ein Schulknabe.“ „Abſcheulich? Nichts weniger als das!“ verſette der Kammerherr.„Als Debüt konnte man es kaum beſſer erwarten. Nur etwas minder ſchnell geſprochen— mehr Keckheit und mehr Ruhe des Armes wäre zu wünſchen. Doch, warum macht Sich Durchlaucht überhaupt dieſe unnöthige Mühe? Warum geruht nicht Allerhöchſtdieſelbe die Anſprache abzuleſen oder beſſer noch dieſelbe ableſen zu laſſen? Alſo iſt es ja heutzutage faſt allgemeine Sitte.“ Mein Miniſter von Ledderer iſt der Meinung, daß die erſte Anſprache des Fürſten an ſein Volk nicht abge⸗ leſen, vielmehr auswendig und von ihm ſelbſt geſprochen werde—“ ſagte Horſa. „Laſſen Sie mich offen ſein, Ew. Durchlaucht—“ erwiederte der Kammerherr.„Ihre Miniſter ſind mit dem höchſtſeligen Fürſten alt geworden und nicht mit der Neuzeit fortgegangen. Anſtatt Eurer Durchlaucht das Regieren zu erleichtern, erſchweren ſie daſſelbe durch ihre Pedanterie. Ein junger, vollkräftiger Fürſt ſollte ſich auch mit jüngeren, feurigen, dem Fortſchritte huldigenden Räthen umgeben. Faſſet man ja auch nicht Moſt in alte Schläuche!“ „Aber—“ wendete der Fürſt ein—„das Land be⸗ fand ſich bislang wohl bei der Regierung der gegenwär⸗ tigen Miniſter.“ „Wahr! das Uhrwerk war einmal im Gange und ward regelmäßig aufgezogen. Jedoch wird daſſelbe eines Tages plötzlich ſtill ſtehen, indem die Räder total ſich ausgelaufen haben. Dann wird die Verwirrung deſto ärger ſein.“ S Der Fürſt erwiderte nichts. Es kam die Stunde, in welcher er vor ſein verſammeltes Volk hintreten und ſprechen ſollte. Als er unter dem ſammetnen Thronhim⸗ mel ſtand und vor ſich die vielen Tauſende ſeiner Unter⸗ thanen, Kopf an Kopf gedrängt, auf dem weiten Platze verſammelt ſah,— als ſein Blick von ihnen hinweg auf die Häuſer fiel, deren Fenſter von unten bis oben, ja bis zu den abgedeckten Dächern hinauf, mit feſtlich gekleideten Menſchen, mit Blumengewinden, bunten Tep⸗ pichen und wehenden Fahnen beſetzt waren,— als der Kanonendonner, das Glockengeläute, die Muſik und das vieltauſendſtimmige Gemurmel der unabſehbaren Menge plötzlich verhallte, die lautloſeſte Stille eintrat und jeg⸗ liches Auge auf den jungen Monarchen erwartungsvoll ſich richtete, der unter unſäglichen Gefühlen ſich der ſtei⸗ nernen Balluſtrade der großen Freitreppe genaht hatte: da vergaß Horſa der eingelernten Rede— da ſtanden nur noch der Bibel Worte mit Flammenſchrift vor ihm geſchrieben:„Ich bin ein kleiner Knabe— Du wolleſt Deinem Knechte geben ein gehorſames Herz, daß er Dein Volk richten möge, und verſtehen, was gut und böſe iſt.“ Und mit dem voll überſtrömenden Herzen ging ihm zugleich der Mund auf; und er ſprach in ſchlichten, aber rührenden Worten aus, was er in der Bibel geleſen und was er dabei ſich ſelbſt angelobt hatte. Und von ſeinem Volke wendete er ſich zu ſeinem Gotte, den er um Weisheit anflehte, ſein Volk mit Milde und Gerech⸗ tigkeit zu regieren. 5 Eein Geiſt war über den jungen Fürſten gekommen, von deſſen Daſein in ihm ſelbſt er bisher keine Ahnung gehabt hatte. Er fühlte in ſich ein Feuer brennen, welches ſeinen thränenfeuchten Augen Blitze, ſeiner Sprache Donnerkraft, ſeiner ganzen Geſtalt einen Nim⸗ bus verlieh, wie man ihn noch nie an ihm wahrgenom⸗ men hatte. Horſa ſah, wie ſeiner Sprache Allgewalt aus tauſend und aber tauſend Augen Thränen der Rüh⸗ rung entlockte. Er ſelbſt weinte und ſchloß mit vor Schluchzen bebender Stimme. Wer aber beſchreibt den Jubelruf des Volkes, von welchem jetzt die Lüfte erbebten? der nie enden wollte und immer in neuen Wellen wieder auftauchte. Und von den Lippen ſtrömte die Bewegung der Freude und Rührung auf die Hände über, welche die Hüte und Tücher ſchwenkten oder ſie in die Höhe warfen. Sprach⸗ los umarmte der Fürſt die ihm zunächſt Stehenden. Unter erneutem Jubelgeſchreie, unter Kanonendonner und Glockenläuten kehrte er in ſein Schloß und in ſeine Zimmer zurück. „Mein Volk iſt gut!—“ ſtammelte er hier unter Freudenzähren—„Es liebt mich! O wie ſehr!— Sein Glück ſoll auch das Meinige ſein!“ Nachdem in der Reſidenz dem neuen jungen Für⸗ ſten gehuldigt worden war, trat derſelbe eine Rundreiſe durch ſein Land an. Ueberall, wohin er kam, fand er jubelnde Menſchen, welche ihn mit hoher Begeiſterung empfingen, ihm unverbrüchliche Treue zuſchworen und in 3 —— ihrer Begeiſterung die Pferde ſeines Wagens aus⸗ und ſich davor ſpannen wollten. Wohin des Fürſten Auge blickte, ſah es blühende Fluren, wohlhäbige Dörfer, lachende Städte und wohlgekleidete Bewohner, die ihrem Herrſcher fröhlich entgegeneilten. Beſonders rührte die⸗ ſen der herzliche Empfang des ſchlichten Gebirgsvolkes und der alten treubewährten Knappſchaft, welche ſeit Jahrhunderten des Thrones feſteſte Stütze geweſen war. Horſa kehrte in ſeine Reſidenz mit der Ueberzeugung zurück, daß er nur fortzubauen habe auf dem guten Grunde, den ſein Vorgänger gelegt hatte. Er ließ dem⸗ nach ſeine Miniſter in der bisherigen Weiſe fortregieren und gab zu deren Verfügungen ſeine fürſtliche Einwilli⸗ gung. So verſtrichen dem jungen Monarchen die erſten Monate ſeines neuen Amtes, ohne daß ihn deſſen Sor⸗ gen ſchwer gedrückt hätten. Vielmehr überließ er ſich als ein lebensfroher Jüngling ohne Rückhalt den ſchim⸗ mernden Zerſtreuungen, welche im reichſten We einem regierenden Fürſten offen ſtehen. Der Tod zweier, die wichtigſten Staatsämter beklei⸗ denden Männer änderte plötzlich Holſs ſorgenloſen Zu⸗ ſtand. Der vorſitzende Miniſter und der Oberbefehlsha⸗ ber des Heeres waren es, welche dem allgemeinen Looſe des Menſchen gehorchen und von ihrem Erdenwirken ab⸗ ſcheiden mußten. Dieſer doppelte Schlag ſetzte zahlloſe Kräfte in Bewegung. Vier Parteien erhoben ſich, von denen je zwei einander feindlich gegenüber ſtanden und zu verhindern ſuchten, daß bei der Beſetzung jener Stel⸗ len einer ihrer Gegner bevorzugt würde. Der junge Fürſt wurde mit Rathſchlägen, Bittſchreiben, Einflüſte⸗ rungen und Druckſchriften überhäuft. Vom oberſten Rathe und Offizier bis zu dem unterſten Hofbedienten herab wurde der Fürſt bearbeitet und kein Mittel unver⸗ ſucht gelaſſen, um auf deſſen Entſchließung einzuwirken. Der junge Fürſt fühlte nur zu gut, daß er des Rathes weiſer und redlicher Männer bedurfte, um eine gute Wahl treffen zu können. Aber wie dieſe unter der Menge der ſich um ihn drängenden Rathgeber aufzu⸗ finden? „Lieber von Siegmaringen,“ redete Horſa den Kam⸗ merherrn an—„Sie kennen alle Welt. Was halten Sie von meinem Geheimrathe von Düren? Er verlangt die Aufhebung aller Handelsbeſchränkungen und daher aller Schutzzölle.“- „Hm!“ verſetzte der Kn— Man behaup⸗ tet, daß von Düren be mit est engliſchen Geſandten ſei und ſich zuweilen in ſolchen Verlegenhei⸗ ten vejnbe, wo man engliſches Gold gut brauchen kann.“ „Der geheime Regierungsrath von Schorlach dage⸗ gen iſt für Erhöhung der Zölle zum Schutze der heimi⸗ ſchen Erzengniſſe— ½ meinte der Fürſt. „Sehr natürlich—“ ſprach der Kammerherr— „denn ſein Schwiegerſohn beſitzt die anſehnlichſten Eiſen⸗ hütten des Landes.“ „Der Präſident von Emmerich—“ fuhr der Fürſt fort—„will nur indirekte Abgaben, der Juſtizrath Hom⸗ meier dagegen eine Einkommenſteuer eingeführt haben.“ „Wiederum ſehr natürlich—“ erwiederte der Kam⸗ merherr.„Der Herr Präſident iſt ein Filz, unverheirathet, macht kein Haus und bedarf daher nur wenig. Der Juſtizrath dagegen iſt ein Mann des Volks, iſt Republi⸗ kaner und will ſich daher bei dem beliebt machen.“ „Von Siegmaringen, Sie haben eine ſcharfe Zunge. Keiner findet Gnade vor Ihren Augen. Wen rathen Sie mir denn, der zum Premierminiſter paßte?“ „Durchlaucht erweiſen mir zu viel Ehre! Ich würde— geſtatten Sie mir einen Augenblick Ueberle⸗ gung— ja, ich würde Denjenigen zu meinem vorſitzen⸗ den Miniſter erwählen, von welchem das meiſte Böſe ge⸗ gen Ew. Durchlaucht geſprochen würde.“ „Das wäre ſonach der geheime Legationsrath von Spiegel?“ ſprach der Fürſt. „Getroffen, Durchlaucht—“ entgegnete der Kam⸗ merherr. „Sind Sie nii mit ſeiner Tochter verlobt?“ fragte Horſu. „Allerdings. Doch, was thut das? Ich werde ſie heirathen, ihr Vater mag nun Miniſter werden oder nicht. Ich hab' meine Meinung ausgeſprochen, wei⸗ ter nichts.“ „Auch bin ich Ihnen dafür dankbar—“ ſprach der Fürſt.„Rufen Sie meinen Adjuta Phwon herein.“ „Mein lieber Strauchwitz hob Horſa an— „wie Sie wiſſen, iſt der Generallieutenant von Moſting der Nächſte nach dem Oberbefehlshaber bisher geweſen. Nach dem Range und Dienſtalter würde er ſonach die erledigte Generalsſtelle bekommen müſſen. Er ſoll ein zwar etwas ſtolzer, doch ſtrenger und pünktlicher Offizier ſein. Andrerſeits iſt mir der Oberſt von Lichtenfels als der bei dem Heere beliebteſte, geachtetſte und kenntniß⸗ reichſte Soldat gerühmt worden. Aber der Sprung bis zum Oberbefehlshaber wäre für denſelben zu groß und verletzend für die über ihm oder in gleichem Range mit —— ihm Stehenden. Ich frage Sie jetzt nicht als Fürſt, ſondern als Ihr alter Freund: Was rathen Sie mir?“ „Mein Fürſt—“ entgegnete der Adjutant—„wenn ich den Geſichtspunkt feſthalte, daß das Heer nicht des Generals wegen, ſondern dieſer des Heeres wegen da iſt: ſo würde ich mich unbedingt für den Oberſt von Lich⸗ tenfels entſcheiden.“ Horſa ſchwieg auf dieſe Antwort. Nach langem Berathen und Ueberlegen erhielt der älteſte Miniſter den erledigten Vorſitz und ein alter Rath die unterſte Miniſterſtelle. Ein bisher in ausländiſchen Dienſten geſtandener Reichsgraf und weitläufiger Ver⸗ wandter Horſa's wurde zum Oberbefehlshaber des Hee⸗ res ernannt und dem Generallieutenant von Moſting der höchſte Orden als ein Schmerzenspflaſter für die erlittene Zurückſetzung verliehen. Nach einigen Wochen ſprach Horſa unter Lachen zu ſeinem Freunde Strauchwitz:„Stellen Sie ſich vor, Benno! man will mich verheirathen! Mich, der ich vor 5 Monaten erſt 18 Jahre alt geworden bin! Meine mir vorgeſchlagene Braut zählt bereits 25 Jahre und ſoll et⸗ was herrſchſüchtiger Natur, dabei eben nicht reizend ſein. Aber mein Geſandter am großherzoglichen Hofe zu Trip⸗ tis eröffnet mir die beſtimmte Ausſicht, daß nur durch dieſe Heirath ein ſehr vortheilhaftes Handelsbündniß zwiſchen meinem und dem Nachbatlande zu Stande kom⸗ men könne. Iſt denn mein Herz ein bloßer Waaren⸗ ballen, den man zu dem höchſtmöglichen Preiſe losſchla⸗ gen darf? Wenn ich einſt heirathe, ſo will ich aus Liebe eine Gattin wählen, die mich wieder liebt und mit wel⸗ cher ich glücklich zu werden hoffen kann. Mein Geſandter —— hatte die Kühnheit, mir in's Antlitz zu ſagen, daß ein Regent kein Herz haben dürfe, daß er ſich zwar Mai⸗ treſſen, doch nicht eine Gattin nach ſeiner Reigung er⸗ wählen könne, daß die Rückſicht auf des Landes Wohl jeder anderen vorgehen müſſe.“ „Ihr Geſandter hat die Wahrheit geſprochen—“ erwiederte der Adjutant.„Der Landmann und der Bür⸗ ger dürfen der Neigung ihres Herzens folgen bei der Wahl einer Gattin. Der Edelmann dagegen hat ſchon mehr Rückſicht auf die Ebenbürtigkeit zu nehmen. Der Regent aber iſt hierin völlig der Sklave beſtehender Verhältniſſe.“ „Alſo ſoll der Fürſt ſeinen Unterthanen nicht auch ein Muſterbeiſpiel ehelicher Liebe und Treue geben dür⸗ fen?“ fragte Horſa bitter.„Und dies nur deshalb, da⸗ mit der Kaufmann ſeine Waare um einige Groſchen theurer verkaufen könne?“ Der Adjutant zuckte die Achſeln.„Dieſer Gegen⸗ ſtand—“ ſprach er—„iſt allerdings eine Schattenſeite der Herrſcherwürde und eine der Hauptdornen einer Krone.“ „Aber ich werde dieſen Dorn aus meiner Krone entfernen—“ ſprach Horſa zornentbrennend.—„Mit aller Gewalt werde ich ihn herausreißen und mein häus⸗ liches Glück nicht an Krämerſeelen verſchachern.“ Strauchwitz lächelke ungläubig hierzu. Nach einiger Zeit ſaß Horſa's Oberceremonienmeiſter eifrig über dem Leſen der Hoſchronik. Der Großherzog von Triptis hatte bei ſeiner Durchreiſe in's Bad dem Fürſten Horſa ſeinen Beſuch zugedacht. Vor ſiebenzig Jahren war der damalige Fürſt von einem Könige beſucht — worden und jener, laut der Chronik, dieſem bis an den Fuß der Schloßtreppe entgegen gegangen. Nun war die große Frage, wie weit Fürſt Horſa einem Großher⸗ zoge entgegen zu gehen habe? Nach reiflicher Ueber⸗ legung und unter Zuziehung ſachverſtändiger Männer lautete die Entſcheidung dahin, daß Horſa ſeinem Gaſte bis auf die halbe Treppe entgegenzugehen habe. Des⸗ halb ſchritt man ſofort zur Aus⸗ und Abzählung der Treppenſtufen, an deren zwölfter ein geheimes, nur dem Fürſten erkennbares Zeichen angebracht wurde. Ueber⸗ dieß koſtete es noch manches Kopfzerbrechens, um die Zahl der Zimmer, der Diener, der Wachen und ſonſtigen Ehrenbezeigungen feſtzuſtellen, welche dem hohen Gaſte erwieſen werden ſollten. Das Endergebniß dieſer müh⸗ vollen Forſchungen wurde ſodann dem Fürſten ſchriftlich zu deſſen Verhalten eingehändigt. Dieſer warf es in ſehr übler Laune aus der Hand. Ueberhaupt gab es ſchon Zeiten, wo Horſa des ihn umgebenden Lebens herzlich ſatt war. Zuletzt wird man ſelbſt der theuerſten Genüſſe überdrüſſig. Die Freuden der fürſtlichen Tafel, die Pracht der Gemächer, der Glanz einer vornehmen Umgebung, das Reiten und Fah⸗ ren, der Beſitz fürſtlicher Schlöſſer, Gärten und Reich⸗ thümer, das Prunken diamantner Ordensſterne und gold⸗ geſtickter Kleider, das Erweiſen fürſtlicher Ehren— Alles dieß hatte für Horſa keinen Reiz mehr. Oftrer ſehnte er ſich nach der Eingezogenheit und Ruhe ſeines früheren Lebens zurück. Der hohe Gaſt kam. Ihm zu Ehren veranſtaltete man eine glänzende Illumination, ein koſtbares Feuer⸗ werk, eine Heerſchau und eine große Jagd. Die beiden Nieritz, Fürſtenſchule. I. 2 * — erſteren koſteten viel Geld, die beiden letzteren, außer vielen Thieren, auch mehrern Menſchen das Leben. Demohnerachtet kam der beabſichtigte Handelsvertrag nicht zu Stande, weil Horſa ſich nicht entſchließen konnte, ſeine Hand der großherzoglichen Tochter als Kaufpreis anzubieten. „Benno!“ ſprach Horſa eines Tages zu ſeinem Freunde—„ich bin überſättigt. Nichts macht mir mehr Freude. Ich möchte den Geringſten meiner Unterthanen beneiden. Geſtern ritt ich bei einer Landſchänke vorüber. Da ſaßen unter grünen und blühenden Linden viele ge⸗ meine Leute, tranken ſchäumendes Bier, aßen kräftiges Schwarzbrot mit goldgelber Butter und gekümmeltem Käſe. Ja, Benno, ich mußte an mich halten, daß ich nicht abſtieg, mich unter die Leute ſetzte, mit ihnen aß und trank. Seitdem kann ich das liebliche Bild nicht wieder aus meinen Gedanken bringen. Was meinen Sie: würde ich erkannt werden, wenn ich in einfachem Anzuge mich unter die Leute miſchte und Theil an ihren Freuden nähme? Sogar einmal herumſchwenken im luſtigen möchte ich mich mit einer jungen, rüſtigen Bauerndirne.“ „Das ſind krankhafte Gelüſte, mein Fürſt!“ ent⸗ gegnete Strauchwitz.„Ich fürchte, daß man Sie trotz der Verkleidung erkennte und was würde dann die öffent⸗ liche Meinung ſagen! Ein Regent iſt eine richtige res publica und muß darum allen Skandal vermeiden.“ „Skandal iſt's alſo, wenn ich als Menſch mich un⸗ ter Menſchen ſetze und mit ihnen Gottes Gaben ver⸗ zehre? Skandal, wenn ich eine ehrliche, keuſche Bauern⸗ dirne zum Tanze aufziehe? Kein Skandal iſt's dagegen, 17 b wenn ich an käufliche Buhlerinnen des Landes ſauren Schweiß öffentlich vergeude? O pfui!“ Der Fürſt verließ in höchſter Aufregung das Zim⸗ mer. Gleich darauf hörte man ſeine zornige Stimme laut im Vorſaale erſchallen. Was ſich in der Nähe be⸗ fand, eilte herbei. Zuerſt der Adjutant, dann der dienſß thuende Kammerherr und Kammerjunker, der Ceremonien⸗ meiſter, der Oberſthofmeiſter und zuletzt der Oberhofmar⸗ ſchall— Alle höchſt erſchrocken, ja verſtört. Sie fan⸗ den den Fürſten, hochroth im Geſicht, vor einem Hofdie⸗ ner ſtehen, welcher mit Leichenfarbe bedeckt war und an allen Gliedern zitterte. „Was giebt's, Durchlaucht?“ erſcholl es von allen Seiten. „Der Elende wollte mich beſtehlen!“ antwortete Horſa voll Wuth.„Alle ſeine weiten, zum Raube ein⸗ gerichteten Taſchen ſtecken voll Champagnerflaſchen, voll Apfelſinen und Confekt. Ich will, daß meine Leute ſo viel Beſoldung erhalten, daß ſie mit ihrer Familie leben können. Aber vor ſichtlichen Augen beſtehlen laſſe ich mich nicht.“ Der Fürſt ſtampfte hier mit dem Fuße, daß der Boden erdröhnte. „Fort, Elender!“ fuhr der Oberhofmarſchall den Diener an.. 5 „Hinaus!“ rief der Oberſthofmeiſter der übrigen Dienerſchaft zu. „Aber, mein Gott!“ redete der Ceremonienmeiſter den Fürſten franzöſiſch an—„wie können Sich Ew. Turchlaucht über eine ſolche Nichtswürdigkeit ſo ereifern? Gar nicht ſehen müſſen Sie ſo etwis.“„ 2* — 20— „Der Ceremonienmeiſter hat Recht, Ew. Durch⸗ laucht—“ ſprach der Oberſthofmeiſter—„Ein Fürſt muß oftmals nicht nur ein Auge zudrücken, ſondern beide.“ „Auch hören darf er zuweilen nicht—“ fuhr der Oberhofmarſchall fort—„Außerdem er der Gegenſtand der Stadtklätſcherei wird.“ „Erſparen Sie ſich Ihre guten Lehren, meine Her⸗ ren!“ rief der Fürſt voll Hitze.„Mich bekehren Sie damit nimmermehr. Ich ſage Ihnen vielmehr, daß, wenn Sie blind ſind für die Veruntreuungen meiner Dienerſchaft, ich dafür deſto weiter meine Augen offen halten werde. Mein Hof ſoll nicht länger eine hohe Schule für Gauner und Diebe ſein, welche ſich von dem Schweiße fleißiger Unterthanen nähren.“ Horſa drehte ſich um und ging in ſein Zimmer, deſſen Thür er lautſchallend hinter ſich in's Schloß warf. Stumm blickten die Zurückgebliebenen einandet an. Als aber der Adjutant von Strauchwitz ſeinem Fürſten nachgefolgt war, brachen Alle in ein heimliches, höhniſches Gelächter aus. „Das Fürſtenknäblein ſchnolt und trotzt—“ hob der Kammerhert von Siegmaringen an. „Wir wollen ihm ſeine Unarten abgewöhnen—“ prach der Ceremonienmeiſter. „Er ſtampfte mit dem Fuße wie ein wildes Foh⸗ len— meinte der Oberſthofmeiſter. * Legen wir ihm daher Zaum uz Gebiß an— rieth der Bberhofmnall „Machen wir ihn vor allen Dingen blind und taub—“ lispelte der Kammerjunker. Und ſie ſteckten die Köpfe zuſammen und hielten einen Rath. Dann bekam ein Jeder ſeine Rolle zuge⸗ theilt. Der junge Fürſt ſaß in ſeinem Zimmer und las— in der Bibel! Die Stelle aber lautete 1 Könige 4, 22. alſo:„Und Salomo mußte täglich zur Speiſung ha⸗ ben dreißig Cor(Scheffel) Semmelmehl und ſechzig Cor anderes Mehl. Zehn gemäſtete Rinder und zwanzig Weiderinder, und hundert Schaafe; ausgenommen Hirſche und Rehe und Gemſen und gemäſtetes Vieh.“ „Wie viel meine Hofhaltung koſten mag?“ ſprach Horſa zu ſich ſelbſt. Er klingelte. „Man bringe mir die Rechnung über meinen Hof⸗ halt!“ befahl er dem eintretenden Kammerdiener. Haman ging. Als er nach längerer Weile wieder⸗ kehrte, meldete er:„Ew. Durchlaucht, die Rechnung iſt noch nicht abgeſchloſſen. Es fehlen noch Quittungen und Belege.“ „Thut nichts—“ verſetzte Horſa.„Ich beſtehe darauf, die Rechnung vorgelegt zu bekommen. Sagen Sie das dem Oberhofmarſchall.“ „Es ſei unmöglich—“ ſprach Haman, als er zum zweitenmale zurückkam.„Selbſt des Herrn Oberhof⸗ marſchalls Excellenz befindet ſich noch nicht im Beſitze der rein geſchriebenen Rechnung.“ Abermals ſtampfte Horſa voll Zorn mit dem Fuße. „So bringe man mir die unrein geſchriebene Rechnung!“ rief er.„Eine Rechnung muß vorhanden ſein oder es gäbe an meinem Hofe die lüderlichſte Wirthſchaft.“ Bald blätterte nun der Fürſt in einem hohen Stoße von Büchern, Rechnungen, Belegen und Quittungen. Es war ein Augiasſtall, den er reinigen wollte. Soviel erſahe er, daß in der kurzen Zeit ſeiner Regierung be⸗ reits ſehr große Summen auf ſeinen Hofhalt verwendet worden waren. „ Tief erröthete er vor Scham, wie vor Zorn. „Alles für mich einzelnen Menſchen!“ klagte er. „Und welches Glück— welche Freuden habe ich dafür eingetauſcht? Ha! ich will aber auch—“ 5 Sein Selbſtgeſpräch wurde durch den raſchen, un⸗ angemeldeten Eintritt des Adjutanten von Strauchwitz unterbrochen, welcher auf den Fürſten mit dem Rufe „Ew. Durchlaucht! man will Sie entthronen!“ „Mich?“ fragte Horſa erſtaunt.„Wer will das? Warum? Wie?“ „Der Prinz Ottokar, von weiblicher Seite mit dem verſtorbenen Fürſten verwandt—“ verſetzte Strauchwitz. „Erſt neuerdings hat er ſeine Anſprüche erhoben und ſich zu deren Durchſetzung mit dem Großherzoge von Triptis verbunden. Man hat die Sache geheim gehal⸗ ten, bis ſie zur völligen Reife gediehen iſt. Ihre Per⸗ ſon ſelbſt iſt mit Verräthern umgeben, welche gefliſſent⸗ lich Ew. Durchlaucht die drohende Gefahr verheimlichten. Ohne vorhergegangene Kriegserklärung iſt Prinz Ottokar bereits mit einer großherzoglichen Armee in Ihr Gebirgs⸗ land eingefallen—“ — 23— „Oh! dort wird er nachdrücklichen Widerſtand fin⸗ den von Seiten meiner treuen Bergbewohner und Knapp⸗ ſchaft—“ ſprach Horſa. „Im Gegentheil—“ verſetzte Strauchwitz—„Sie haben ſich vielmehr zum Feinde geſchlagen, weil dieſer ihnen große Verſprechungen gemacht hat.“ „Iſt es möglich!?“ rief der Fürſt betroffen.„Das treue Gebirgsvolk, welches vor wenig Monden ſeinen letzten Blutstropfen für mich verſpritzen zu wollen ge⸗ lobte!“ „Daſſelbe!“ ſprach Strauchwitz.„So unbeſtändig iſt das Volk.“ „Aber meine Armee, welche glücklicherweiſe ein La⸗ ger in der angegriffenen Landesgegend bezogen hat, wird den Feind zurückſchlagen—“ beruhigte ſich der Fürſt. „Auch aus dieſer Täuſchung muß ich Ew. Durch⸗ laucht reißen—“ antwortete Strauchwitz.„Nur ge⸗ fliſſentlicher Verrath des Generals von Moſting ſcheint das Lager veranlaßt zu haben. Denn derſelbe hat ſich mit dem größten Theile der von ihm verleiteten Truppen mit dem Feinde vereinigt und marſchirt jetzt im Verein mit demſelben auf Ihre Hauptſtadt los.“ „Und mein Oberbefehlshaber, der Graf von Tauern— wo iſt er?“ „Man hat ihn entwaffnet und gefangen genom⸗ men—“ ſprach Strauchwitz.„Der Ihnen treu geblie⸗ bene, kleine Theil Ihrer Armee unter des Oberſten von Lichtenfels Befehl zieht ſich, fechtend gegen die Ueber⸗ macht, zurück und hierher zu Ihrem Schutze.“ „Und wie iſt die Stimmung der Bürger gegen mich?“ „Leider iſt ſie in der That gegen Ew. Durch⸗ laucht—“ berichtete Strauchwitz.„Prinz Ottokar und Ihre hieſigen heimlichen Feinde haben die Bürgerſchaft durch Sendlinge bearbeiten laſſen und ſie durch lügen⸗ hafte Vorſpiegelungen von Ew. Durchlaucht abgewendet.“ „Ew. Durchlaucht—“ meldete ein herbeieilender Diener—„auf dem Neumarkte läuft das Volk zuſam⸗ men. Zu welchem Zwecke? kann ich nicht ergründen.“ „Laſſen Sie uns ſelbſt nachſchauen, mein Fürſt—“ ſprach Strauchwitz. Beide begaben ſich durch die langen Zimmerreihen und Gänge des weitläufigen Schloßbaues und blickten hinter dem Verſtecke eines niedergelaſſenen Rouleau's auf den Marktplatz hinab, wo immer drohendere Volksmaſſen ſich drängten. Man ſah unter ihnen einzelne Reiter, welche die Haufen lebhaft anredeten und zum Bewaffnen aufforderten. Bald erſcholl das Geſchrei:„Nieder mit dem Tyrannen! Es lebe Prinz Ottokar! Hoch!“ „Wie?“ ſprach Horſa verwundert—„ſehe ich recht? Sind jene Reiter, welche das Volk gegen mich aufwiegeln, nicht meine angeſehenſten Beamten?“ „Sie ſind's!“ betheuerte Strauchwitz.„Da Ihr Stern, mein Fürſt, im Verbleichen iſt, ſo beeilen ſie ſich in Zeiten, einem neuen zu huldigen, ſelbſt wenn derſelbe ein Irrſtern iſt. Aber nur Geduld! Oberſt Lichtenfels wird dieſe elenden Spießbürger, die ihre Kraft im Schreien und Drohen ſuchen, mit blutigen Köpfen heim⸗ ſchicken. Ueber Leichen und rauchende Trümmern nur ſoll Prinz Ottokar den Weg zu Ihrem Throne finden. Da! Hören Sie Geſchützdonner? Lichtenfels begrüßt —— damit die treuloſen Bürger, die ihm den Einzug in Ihre Reſidenz verwehren wollen.“ „Meinetwegen ſoll kein Menſchenleben geopfert wer⸗ den—“ rief Horſa ergriffen.„Nie werde ich mich einem Volke als Regent aufzwingen. Eilen Sie zum Oberſten und ſagen Sie ihm dieß. Er ſoll augenblick⸗ lich alle Feindſeligkeiten gegen das Volk einſtellen. Ich werde mich in das Privatleben zurückbegeben, aus wel⸗ chem man mich wider meinen Willen gezogen hat.“ „Wenn man Ew. Durchlaucht dieß geſtatten wird!—“ erwiederte Strauchwitz trauernd.„Ein Uſurpator pflegt nur zu oft Jeden aus dem Wege zu räumen, deſſen Per⸗ ſon ihm in der Folge ſchädlich werden kann. Wohl möglich, daß das Volk ſpäter wieder zur Einſicht gelangt und den vertriebenen Fürſten zurückwünſcht. Darum fürchte ich für die Freiheit, ja ſelbſt für das Leben Eu⸗ rer Durchlancht.“ „Keinen Widerſpruch, lieber Benno!“ antwortete Horſa.„Sie vollziehen meinen Willen, entſtehe auch für mich daraus, was da wolle.“ Der Adjutant eilte fort und Horſa kehrte in ſein Zimmer zurück, welches dem Stadtgewühle fern lag. Der Fürſt, welcher nichts hören und ſehen wollte, hatte auch dazu Muße, indem Alles um ihn her wie ausgeſtorben war. An die Stelle des geſchäftigen Hoflebens war eine wahre Todtenſtille eingetreten, der Schwall der Diener, Schmeichler und Schranzen verſchwunden. Horſa warf ſich in die ſchwellenden Kiſſen eines Sopha und vertiefte ſich in das Leſen eines Buches. Eine geraume Weile verſtrich. Da öffnete ſich plötz⸗ lich die Zimmerthüre und hereintrat an der Spitze einer — 26— mit Kehr⸗ und Wiſchbeſen bewaffneten Dienerſchaar der Kammerherr von Siegmaringen. „Was wollen Sie noch hier?“ redete er barſch den Fürſten an.„Machen Sie, daß Sie fort kommen! Ich muß dieſe Zimmer zur Aufnahme des durchlauchtigſten Fürſten und Herrn Ottokar vorrichten laſſen. Da giebt es hier viel zu ſtäuben und auszumärzen. Oder—“ fuhr er hämiſch fort—„wollen Sie uns etwa dabei hülfreiche Hand leiſten? Dieß wäre allerdings nicht mehr als billig, da hier Staub und Schmutz lediglich von Ihnen herrührt.“ Der junge Fürſt glaubte zu träumen. Befremdet blickte er vom Buche auf und bald den Sprecher, bald deſſen Begleitung an. „Nun, was glotzen Sie mich ſo groß an wie die Kuh das neue Thor?“ ſagte der Kammerherr grob. „Merken Sie denn nicht, wie viel es hier für Sie ge⸗ ſchlagen hat? Meinten Sie etwa, daß das faule Schla⸗ raffenleben bei Ihnen bis in alle Ewigkeit fortgehen ſollte? An die Arbeit, ihr Leute!“ fuhr er zu dieſen fort.„Rücket die Möbel von den Wänden, kehret die Tapeten ab, klopfet die Kiſſen aus und räumt auf, was hier der junge Herr umhergeſtreuet hat.“ Der Fürſt war aufgeſprungen. „Nehmet dieſen Wahnwitzigen—“ ſprach er mit Hoheit zu der Dienerſchaar—„und ſchaffet ihn in's Irrenhaus. Dann laſſet mich allein.“ „So möchte ich zu ihm ſprechen—“ lachte der Kammerherr—„und das Irrenhaus der rechte Ort für den jungen Mann ſein. Ew. Durchlaucht! wollen Sie nicht Ihre allerliebſte Mode brauchen und wie ein — ungezogenes Kind mit den Füßen ſtampfen? Aber frei⸗ lich werden Sie jetzt keine Bewaffneten mehr aus dem Boden hervorſtampfen. Die Zeiten ſind vorüber— und wohl uns, daß dem ſo iſt. Denn die Exdurchlaucht machte ſich bereits recht unangenehm— viſitirte die Taſchen von Dero Dienern und machte, anſtatt ſich um die Außenwelt zu kümmern, den Topfgucker. Nun kom⸗ men die allerliebſten Folgen davon. Sehen Sie, daß eine einzige Hand hier zu Ihren Gunſten ſich erhebt? Warum haben Sie den armen Schluckern nicht einmal die Broſamlein von Ihrer Tafel gegönnt! Vorwärts, ihr Leute! ſputet euch. Sereniſſimus kann ſchon in der nächſten Stunde hier ſein.“ Wirklich ſchickten ſich die feilen Menſchen an, des Kammerherrn Befehle zu erfüllen. Es blieb daher dem Fürſten nichts übrig, als ſich in ſein anſtoßendes Schlaf⸗ kabinet zurückzuziehen, deſſen Thüre er hinter ſich ver⸗ riegelte. „Wir werden bald nachkommen!“ rief ihm der Kammerherr nach. Horſa ſchritt das Gemach auf und ab. Alles kam ihm wie ein neckender Traum vor. Sich die Stirn rei⸗ ben, ſprach er zu ſich ſelbſt:„Welch' ein jäher, uner⸗ warteter Wechſel! Habe ich denſelben verdient, veran⸗ laßt? War ich wirklich meinen Unterthanen ein Tyrann? Habe ich meine Herrſcherpflichten gröblich vernachläſſigt oder verletzt?“ Dieſes Selbſtgeſpräch ward durch das leiſe Knarren einer Tapetenthür unterbrochen, die ſich öffnete und in welcher Seifried, ein greiſer Diener des Fürſten, ſich zeigte. „Was willſt du?“ redete ihn Horſa inſih an. „Meinen Feinden den Zugang zu mir zeigen?“ „Ew. Durchlaucht retten!“ erwiederte der Mann mit thränenden Augen.„Ja, eilen Ew. Durchlaucht, bevor es zu ſpät wird. Vertrauen Sie Sich mir an, der ich alle geheimen Gänge des Schloſſes kenne.“ „Warum heimlich fliehen, da ich mir keines Ver⸗ brechens bewußt bin?“ ſprach Horſa.„Im Gefühle meiner Schuldloſigkeit fürchte ich ſelbſt den Tod nicht.“ „Das glaube ich gern, Ew. Durchlaucht!“ verſetzte Seifried.„Aber es giebt Demüthigungen und Qualen, die viel ſchlimmer als der Tod ſind. Und wer bürgt Ew. Durchlaucht dafür, daß Ihrer nicht dergleichen warten?“ „Seifried—“ bat der Fürſt mit rührenden Tö⸗ nen—„ſei ehrlich in dieſer ſchrecklichen Stunde! Sage mir ohne Hehl: war ich ein ſchlechter Regent, der ſein jetziges Schickſal verdient hat?“ „Nein! o nein!“ ſchluchzte der Greis.„Sie ſind und waren der beſte, edelſte Herr von der Welt. Eben deswegen ſtürzt man Sie aber. Alle Böſen, der es am Hofe, im Heere, im Lande genug giebt, fürchteten die Gerechtigkeit Eurer Durchlaucht und den Verluſt ihres Einkommens, das ſie für Nichtsthun erhielten. Der höchſtſelige Herr war lange nicht ſo gütig wie Sie und dennoch hat er 58 Jahre unangefochten regiert. Aber ich ſehe noch die Zeit kommen, wo man Eure Durch⸗ laucht wird auf den Händen hierher zurücktragen wollen. Tröſten Sie Sich mit David, der, ungleich ſchlimmer daran als Sie, von einem undankbaren Sohne entthront wurde und dennoch wieder zu Ehren kam.“ „Seifried!“ ſprach Horſa, von einem Gedanken durchblitzt—„du wareſt es, der mich mit einer Bibel beſchenkt und in derſelben auf mich paſſende Stellen be⸗ zeichnet hat.“ „Jetzt kann ich es wohl ſagen— ja! mein gnädig⸗ ſter Fürſt! die Bibel kam von mir, der ich Ihnen kein beſſeres Geſchenk zum Antritte Ihrer geſegneten Regie⸗ rung zu machen wußte. Und dieſe Bibel, die durch die Hände Eurer Durchlaucht einen doppelten Werth für mich gewonnen hat, ſoll fortan mir das theuerſte Anden⸗ ken an Ew. Durchlaucht ſein. Doch, während ich ſo plaudere, verſtreicht die koſtbare Zeit zu Ihrer Rettung. Geſchwind, gnädigſter Herr, ſtecken Sie zu Sich, was Sie an Gold und Kleinodien hier beſitzen.“ „Nimmermehr!“ rief Horſa verletzt.„Nicht als Räuber werde ich davongehen!“ „Prinz Ottokar iſt nicht ſo gewiſſenhaft wie Ew. Durchlaucht—“ ſagte Seifried—„dieſer nimmt Ihnen ja Alles, ohne dazu ein Recht zu haben. Und der Kam⸗ merherr von Siegmaringen wird auch nicht ohne Urſache jetzt hier aufräumen laſſen, während die übrigen Herren vom Hofe insgeſammt dem neuen Herrn entgegengeeilt ſind. Was ihm an den Fingern kleben bleibt, wird Zweifel auf Rechnung Eurer Durchlaucht geſchrie⸗ en.“ „Dieſe Uhr—“ ſprach Horſa, eine ſolche zu ſich ſteckend—„war mein, bevor ich Regent ward. So auch dieſer Ring, ein theures Andenken meines Vaters. Und unn laß uns gehen, Alter! Selbſt den Staub von den Stiefeln ſchüttele ich über dieſen Palaſt ab.“ Nachdem der Fürſt durch die Tapetenthür gegangen war, verſchloß Seifried dieſe ſorgſam und ſchritt voran. Der Weg ging zwiſchen den dicken Mauern des Schloſ⸗ ſes hindurch, war daher ſchmal, doch gegen mögliche Nachſtellungen wohl verwahrt und ſchwer zu entdecken. Bald führte der Gang in die Tiefe und eine weite Strecke unter der Erde fort. Endlich ging es wieder aufwärts und der Gang endigte in einem dunkeln Raume, wo Seifried den Fürſten zu verweilen bat, bis er wieder⸗ kommen würde. Horſa hatte jetzt Muße, über die Wandelbarkeit des Glücks, wie der menſchlichen Herzen nachzudenken. Jetzt lernte er ſeine bisherigen Schmeichler, ſo wie ſeine wah⸗ ren Freunde kennen, doch war das Mittel dazu ein ver⸗ zweifeltes. Wenn Strauchwitz nicht zu den erſteren ge⸗ hörte, warum war er nicht zu ſeinem Herrn zurückgekehrt? Dieſe Frage quälte ihn ſo, daß er ſie ſofort an den zu⸗ rückkehrenden Seifried richtete. „Der Herr Adjutant—“ verſetzte dieſer—„iſt von dem Volke aufgegriffen und feſtgehalten worden. Eben begrüßt es den einziehenden Prinzen Ottokar mit Vivatgeſchrei. Aber mein Leben wollt' ich verwetten, daß auch hier dem Hoſianna gar bald das„kreuzige ihn!“ nachfolgen werde. Doch folgen Sie mir jetzt, Durchlaucht.“ Horſa erkannte aber mehr denn je, daß er nichts weniger denn durchlauchtig oder durchleuchtig ſei, denn er tappte wie ein Blinder ſeinem Führer in der Finſter⸗ niß nach. Dieſer öffnete eine Thüre, durch welche das Licht des Tages ſiel, und ſogleich befand ſich Horſa in einem kleinen, traulichen Gemache, deſſen Fenſter von — grünen Weinreben umrankt war. Die Thüre war ver⸗ ſchwunden, indem ein altmodiſcher Wandſchrank dieſelbe verdeckte, welcher mit der Thüre zugleich in der Angel ſich drehte und ſomit jede Spur eines verborgenen Aus⸗ ganges verbarg. Dagegen ſchritt durch die andere Thüre mit leiſen Tritten ein kleines, etwas verwachſenes Männ⸗ chen in einem lichtgrauen, weißbeſtäubten Anzuge herein, das ſich tief vor dem Ex⸗Fürſten verneigte und dieſen mit einer ſchalkhaft lächelnden Miene in ſeiner Wohnung willkommen hieß. „Wer ſind Sie?“ fragte Horſa.„Und wo bin ich?“ „Ich bin, wie mein Freund Seifried hier, Euer Durchlaucht unterthänigſter Diener und gedenke, ſtets ein ſolcher zu verbleiben, wenigſtens im Herzen—“ er⸗ wiederte das Männchen.„Zugleich bin ich der Hof⸗ theater⸗Friſeur Scholle und dieſe meine Wohnung iſt ein Auswuchs des großen Theatergebäudes. Vor allen Dingen jedoch bitte ich Ew. Durchlaucht zu Dero Siche⸗ rung hier auf dieſem Stuhle Platz zu nehmen und ſich gnädigſt einer unſchuldigen Umwandlung zu unterziehen, die von der dringendſten Nothwendigkeit geboten wird. Wir haben jetzt keinerlei Störung zu befürchten, ſinte⸗ mal Alles, was Beine beſitzt, hingelaufen iſt, um das neue goldene Kalb anzubeten, welches das Volk, anſtatt in's gelobte Land, in die Tinte führen wird.“ Nachdem Horſa Platz genommen hatte, hing ihm Scholle einen Pudermantel um.„Und damit Eurer Durchlaucht die Zeit nicht lang werde, ſo bitte ich Höchſt⸗ dieſelbe, dieſes Büchlein durchzuleſen.“ Neugierig öffnete der Fürſt das dünne, vielbegrif⸗ fene Buch. Es war das Wanderbuch eines Friſeurge⸗ hilfen, Namens Carl Heinrich Tronicke, gebürtig aus Gumperndorf bei Liebſtadt, alt 27 Jahre, von mittler Größe, bräunlicher Geſichtsfarbe, ſchwarzem Haupte und Backenbarte und etwas linkiſchem Benehmen.„Wozu das?“ fragte Horſa, während Scholle mit Scheere, Bar⸗ biermeſſer, Farbenpinſel und Klebmitteln an des Fürſten Haupte herum handtierte. „Es iſt die Rolle, welche Ew. Durchlaucht nunmehr ſpielen wird—“ antwortete Scholle, ohne ſich ſtören zu laſſen.„Die Sache paßt wie verabredet. Gedachter Tronicke brannte mir vor einigen Tagen mit 3 theuern Haartouren durch und ließ mir dafür dieſes ſein Wan⸗ derbuch zurück. Ich ließ den Schurken laufen, ohne es der Polizei anzuzeigen, die in den gegenwärtigen Zeiten auch nichts gethan haben würde. Nun werde ich für meine Milde überſchwenglich belohnt. Die ganze Welt iſt eine Komödie. Unſer Herrgott iſt der Theaterdirektor, das Schickſal der Regiſſeur, wir ſind die Schauſpieler. Ein Eſel, wer ſich deswegen unglücklich oder über ſeine Mitſpieler erhaben dünkt, weil er für ein paar kurze Stunden eine Bettler⸗ oder Fürſtenrolle ſpielen muß. Ew. Durchlaucht hat bislang die ſteife, wenig dankbare Rolle eines Regenten geſpielt: verſuchen Sie es einmal mit einer anderen. Stellen Sie Sich vor, ein morgen⸗ ländiſcher Monarch zu ſein, welcher in unſcheinbarer Ver⸗ kleidung ausgeht, um die Bedürfniſſe ſeines Volkes, die Beſtechlichkeit ſeiner Beamten, die Parteilichkeit ſeiner Richter kennen zu lernen. Betrachten Sie den Wechſel Ihres Glücks vom philoſophiſchen Geſichtspunkte aus und gewiß, Sie werden Sich zu tröſten wiſſen. Das beſcheidene Vergißmeinnicht am Wieſenrande erfteut oft —— mehr als die theuern Prachtblumen eines fürſtlichen Luſt⸗ gartens. Ein Gericht Kartoffeln ſchmeckt zuweilen beſſer als indianiſche Schwalbenneſter, und eine Bauernmütze drückt bei weitem nicht ſo wie eine Fürſtenkrone.“ Ein nicht plauderſeliger Friſeur gleicht einer Glocke ohne Klöppel. Scholle war eine vollſtändige Glocke und was er jetzt läutete, zeugte von Silberzuſatz. Horſa ließ mit ſich gebahren, wie man wollte. War er doch bisher auch meiſt nicht ſein eigner Herr, ſondern ein Diener des alten Herkommens, der Hofſitte und des Kaſtengeiſts geweſen. Seifried hatte ſich, um nicht Verdacht zu erregen, auf dem gewöhnlichen Wege wieder entfernt. Nachdem Horſa's Kopf die völlige Umwandlung er⸗ halten hatte, mußte er ſeine Kleidung mit der, ſchon be⸗ reit liegenden eines Friſeurgehilfen vertauſchen. „Mir ſtehen Hunderte von Anzügen zu Gebote—“ ſprach Scholle ſtolz—„denn, gleich wie Koch und Keller⸗ meiſter, müſſen auch Theaterſchneider und Theaterfriſeur ſich mit einander verſtehen. Da liegt Fürſt Horſa—“ Scholle deutete auf die abgelegten Kleider—„hier ſteht der Friſeurgehilfe Tronicke. Mosje Heinrich, beſchauen Sie ſich jetzt im Spiegel, damit Sie mit ſich ſelbſt be⸗ kannt werden.“ Wirklich glaubte Horſa einen fremden Menſchen im Spiegel zu erblicken, ſo vollſtändig gelungen war die Verwandlung. Der junge Fürſt glich genau der im Wanderbuche verzeichneten Perſönlichkeit des durchge⸗ brannten Tronicke und Scholle fühlte ſich nicht wenig geſchmeichelt durch ſeines Schützlings ſichtliche Ueber⸗ raſchung. Nieritz, Fürſtenſchule. I. 3 —— „Wenn man 33 Jahre hindurch allabendlich Greiſe zu jugendlichen Liebhabern, Matronen zu Jungfrauen, Jünglinge zu Großvätern, Blondinen zu Brünetten machen muß—“ ſprach Scholle—„ſo mußte es ein Leichtes ſein, einem 18jährigen Burſchen 10 Jahre zuzu⸗ legen. Hier, Heinrich, iſt für Sie ein Glas Bier. Es werde Ihnen zur Lethe, in welcher Sie die Durchlaucht, den Regenten, deſſen Stolz, Hoffart, kurz Alles begraben und vergeſſen. Seien Sie ein guter Schauſpieler, der nicht aus ſeiner Rolle fällt. Außerdem könnte der ganze Mann nachfallen müſſen.“ Man muß geſtehen, daß eine ſolche Sprache, wie ſie Scholle führte, wohl für einen wirklichen Friſeurge⸗ hilfen, doch nimmermehr für einen Fürſten, wenn er gleich Ezregent war, ſich ſchickte. Die letzte Anſprache des Kammerherrn von Siegmaringen hatte jedoch ſchon das Ihrige gethan, daß Horſa weit eher Scholle's wohl⸗ gemeinte, wenn ſchon derben Worte vertragen lernte als die hämiſchen jenes Höflings. Ueberdieß überredete er ſich wirklich, daß Alles nur eine Komödie ſei, in wel⸗ cher er die Rolle eines Niedriggeſtellten ſpiele. Am Abende dieſes bis jetzt merkwürdigſten Tages ſeines Lebens ſtellte Horſa unterſchiedliche Betrachtungen und Vergleiche an. Scholle hatte ihm ein kleines Kämmer⸗ chen angewieſen, welches über der Wohnſtube und im Dache gelegen war, wohin man mittelſt einer leiterarti⸗ gen Treppe, vom Vorhauſe aus, gelangte. Das niedrige und beſchränkte Kämmerchen enthielt eine Lagerſtätte, einen Tiſch, einen Stuhl und einen alten Koffer für die Klei⸗ dungsgegenſtände. Die letzten goldenen Strahlen der untergehenden Sonne ſtahlen ſich durch das einzige Fen⸗ ſter herein und zeichneten den Schatten des Weinlaubes, welches auch dieſes Fenſter einrahmte, auf der Decke des Lagers ab. Horſa oder vielmehr Heinrich Tronicke, öff⸗ nete das Fenſter und legte ſich mit halbem Leibe hinaus. Er ſah unter ſich ein Gärtchen von dem geringen Um⸗ fange einiger Ellen, das vor Scholle's Wohnung lag und zu dieſer gehörte. Aus einer Fülle bunter Aſtern, die ihre goldenen Kelchſterne der Sonne zuwendeten, duftete der Reſeda ſüßes, liebliches Arom empor, welches Horſa in langen Zügen einſchlürfte. Sonderbar! der Gartenwinkel dünkte ihm jetzt werthvoller als bisher alle ſeine fürſtlichen, weit umfaſſenden Kunſtgärten mit den verſchnittenen Hecken, den ſeltenſten Blumen, der theuern Orangerie, den ſpringenden Waſſerkünſten und kunſtvol⸗ len Marmorbildſäulen. Er kam ſich vor wie ein Schiff⸗ brüchiger, der nach einer ſtürmiſchen Seefahrt auf ein unbewohntes, doch fruchtbares Eiland geworfen worden iſt;— wie ein Lebensmüder, welcher der Außenwelt buntes Gewühl mit der ſtillen Zelle eines Kloſters ver⸗ tauſcht hat, um als Mönch das Ende ſeiner Tage zu beſchließen. Lange lag Horſa im Fenſter, ſeinen Gedanken nach⸗ hängend. Der Tag verblich; die Nacht mit ihren gold⸗ blinkenden Sternlein zog herauf oder vielmehr hernieder. Immer berauſchender duftete die Reſeda, während die Aſtern ihre Kelche geſenkt und geſchloſſen hatten. End⸗ lich fielen auch dem Exfürſten die Augen zu und er warf ſich, wie er ging und ſtand, auf das Lager hin. Bis⸗ her hatte ihn ein Kammerdiener wie eine Puppe an⸗ 3* —— und ausgekleidet, hatten Eiderdunen und ſeidene Decken ſein Lager gebildet, hatten hohe und niedere Diener ihn umgeben, zahlreiche Wachen ſeiner gehütet. Demohner⸗ achtet wohnte jetzt eine ſo tiefe Ruhe in ſeinem Herzen, als er nie empfunden. Mit der Entäußerung ſeiner Re⸗ gentenwürde hatte er zugleich deſſen ſchwere Sorgen und Gefahren hinter ſich gelaſſen, hatte er ſich lediglich unter Gottes Schutz begeben, welcher ungleich kräftiger iſt als derjenige der Menſchen. Horſa ſchlief lange und ſüß. Er glaubte noch zu träumen, als er früh erwachte und ſich in ſo fremdartiger Umgebung ſah. Die Stimme ſeines nunmehrigen Herrn und Meiſters brachte ihn aber ſchnell zur Beſinnung. „Heinrich!“ rief Scholle unten an der Treppe— „herunter!“ Mechaniſch gehorchte der Exregent dieſem Gebote. Er traf den Friſeur in dem Vorhauſe, welches zugleich die Küche vertrat und darum einen polniſchen Kamin in ſich ſchloß. „Wer nicht arbeiten will, ſoll auch nicht eſſen, nicht einmal trinken—“ ſprach Scholle nach dem Morgen⸗ gruſſe.„Können Sie Kaffee kochen? Gewiß nicht! und haben ihn doch täglich mehr wie einmal getrunken! Hier die Kaffeemühle, da die gebrannten Bohnen! Denn wer das bonum will, muß auch das malum wollen. Alſo mahlen Sie. Dann haben Sie Acht, wann ich aufgieße und den Kaffee filtrire. Es heißt Alles Kaffee gekocht, aber wie!? Kaffee iſt des Weiſen Trank und ſtärkt das Gedächtniß mehr denn der Schneeberger Schnupftabak. Bisher haben Sie den Herrn vorgeſtellt; jetzt ſoll Ihre Lehrzeit beginnen. Nichts können, iſt keine Schande, ſor bern nichts lernen wollen. Bei allen meinen Perücken! ie ſollen bei mir mehr lernen, als Ihnen Ihre hoch⸗ gelahrten Profeſſoren aus den Büchern gelehrt haben. Gehorſam aber iſt die erſte Pflicht eines Schülers, wie die eines jeden Staatsbürgers. Alſo gehorchen Sie mir und— Sie werden es nie zu bereuen haben. Schauen Sie! jetzt kocht das Waſſer! Nun gieße ich auf— wenig auf einmal und langſam. Außerdem die beſte Kraft in dem Kaffeeſatze zurückbleibt. Glücklich der Menſch, welcher ſo wenig wie möglich die Dienſte Andrer braucht. Nur ein ſolcher iſt ein wahrer Freiherr. Ge⸗ nug jetzt! Laſſen wir den Kaffee noch ein wenig ziehen. Indeſſen holen Sie beim nächſten Bäcker für ſechs Pfen⸗ nige Semmeln. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Ihnen unſer einfaches Frühſtück in Zukunft mindeſtens eben ſo gut ſchmecken, ja beſſer bekommen wird als Ihr bishe⸗ riges fürſtliches.“ Horſa holte die Semmel.„Du biſt ja ein Schau⸗ ſpieler jetzt—“ tröſtete er ſich und ſeinen aufwallenden Hochmuth. Mittlerweile hatte Scholle den Kaffeetiſch bereitet. Obgleich der Friſeur Wittwer war, ſo herrſchte dennoch in ſeiner ganzen Hauswirthſchaft eine gewinnende Sauberkeit. So auch bei dem Kaffeegeräthe. Kaffee⸗ und Rahmkanne, die beiden Taſſen und die Zuckerſchaale waren von ſchlichtem, weißem Porzelan, aber fleckenlos. Der Exfürſt verſpürte zudem einigen Appetit und der⸗ ſelbe half über ſo Manches hinwegſetzen, was außerdem nicht ſo leicht geſchehen wäre. Als der würzige Morgentrank in der Taſſe rauchte und Meiſter und Gehilfe einträchtig beiſammen ſaßen, hob Scholle lächelnd an:„Auch ich beſitze meine Silber⸗ —— kammer ſo gut wie Fürſt Ottokar von Baſilien. Er zog den Tiſchkaſten heraus, in welchem zwei ſilberne Eß⸗ und eben ſo viel Kaffeelöffel lagen. Der letzteren einen überreichte er Horſa mit den Worten:„Hier, Heinrich! da ich keine Frau mehr habe, ſo bekommen Sie die Halb⸗ ſchied meiner Silberkammer zum unentgeldlichen Gebrauche, damit der Uebergang nicht gar zu ſchroff werde.“ Nach dem Frühſtücke ſetzte ſich Scholle hin und ar⸗ beitete an einer ſchwarzen Haartvur, welche er aufzu⸗ friſchen und in Ordnung zu bringen bemüht war. „Die ſollen Sie nachher ihrem Herrn hintragen—“ ſprach Scholle zu Horſa.„Einſtweilen können Sie wie⸗ der in Ihre Kammer oder in meinen Park gehen.“ Horſa zog das Letztere vor. Er that dieß aber ſehr verſtimmt. Wie? Perücken ſollte er austragen? Das war zu arg, war mehr als man von einem Schau⸗ ſpieler verlangen konnte. Sollte er dem Friſeur rund heraus ſeinen Widerwillen gegen eine derartige Zumu⸗ thung zu erkennen geben? Das Gefühl der Dankbar⸗ keit gegen ſeinen Wohlthäter und Retter ſprach dagegen und in dieſem Streite wußte er nicht, wofür ſich ent⸗ ſcheiden. Der kleine Garten des Friſeurs lag auf einer Ter⸗ raſſe, von welcher man in die Tiefe und auf niedere Wohnhäuſer herabblickte. Horſa trat an die Brüſtung und ſchante, erſt mit ſich ſelbſt beſchäftigt, hinab. Bald jedoch ward er aus ſeinem Sinnen geweckt. An einem offenen Fenſter ſaß ein ältlicher Schuhflicker in aufge⸗ ſtreiften Hemdeärmeln und mit dem harten Schurzleder angethan. Er hämmerte, nähte und überzog das Hanf⸗ garn mit Pech. Dazwiſchen pfiff und lachte er einem Vöglein zu, welches in einem kleinen Käfig am Fenſter⸗ gewände hing. In einer halbzerbrochenen Scherbe keimte ein Muskatenpflänzlein, der ganze Blumengarten des Schuſters! Auf deſſen Dache ſtand die ſchwarze Geſtalt eines Schornſteinfegers, welcher unter luſtigem Geſchrei den Beſen mit der ſchweren Kugel handhabte. Ein Stück weiter führten zwei Maurer eine Steinwand auf. Während der eine die Spitzhacke ſchwang, hob der an⸗ dere die gewichtigen Sandſteine empor, breitete er mit der Kelle eine Lage Kalk unter, prüfte er mit Winkel⸗ maaß und Bleiloth die ſenkrechte Linie. Ein kurzer Pfeifenſtummel, dem ein blauer Dampf entglitt, ſteckte in dem Munde der beiden Männer, welche unter mun⸗ terem Geſpräche ihre unſaubere Arbeit verrichteten. Kurz, wohin Horſa ſein Auge wendete„ſah er fleißige Men⸗ ſchen. Selbſt ein ſteinaltes, krummgebeugtes Mütterchen ſpann an jenem Fenſter den Faden vom Rocken. Dieſer An⸗ blick wirkte auf den Prinzen wie ein niederſchlagendes Pulver. „So viele Menſchen arbeiten—“ ſprach Horſa zu ſich ſelbſt—„und einer für den andern. Auch für dich ſtrengten und ſtrengen ſich viele an und du willſt nicht einmal eine ſo leichte Sache verrichten, wie das Tragen einer Perücke iſt? Habe ich nicht oft ſchon einer wilden Sau, welche mir von den Jägern und Hunden geſtellt worden war, mit dem Hirſchfänger den Nickfang gegeben und mich deſſen nicht geſchämt? Und wenn ich Whiſt oder Thombre ſpielte, war das etwa eine ehrenvollere Beſchäftigung als das Tragen einer Perücke? He! trägt nicht der Beſitzer jeder Haartour, der jedenfalls ein wohl⸗ habender Mann iſt, dieſelbe Tag für Tag auf Haupte und ſchämt ſich deſſen nicht?“ — ⸗ Dieſe Betrachtungen hatten zur Folge, daß Fürſt Horſa ſpäter mit der Perückenſchachtel abmarſchirte. Ein Schuſterjunge, ein Paar neue Stiefeln in der Hand, redete den Friſeurgehilfen vertraulich an und machte denſelben vor Scham erröthen. „Guter Freund!—“ ſprach jener—„wir ſind Ge⸗ genfüßler. Ihr putzet das Haupt und ich die Füße. Aber dennoch ſind wir beide unentbehrliche und reſpec⸗ table Leute. Ohne unſer Zuthun wird der Kahlkopf und der Unbeſtiefelte nicht ausgehen wollen. Von uns hängt es alſo ab, ob wir den Leuten Hausarreſt oder Stadturlaub zuerkennen wollen. Für wen iſt Eure Sumſel oder Perücke beſtimmt, wenn ich fragen darf? Für einen Herrn oder eine Dame?“ „Darum habt Ihr Euch nicht zu kümmern!—“ verſetzte Horſa ärgerlich. „Oho!“ entgegnete der Schuſterjunge— ſoid Ihr ſo protzig, Herr Haarkräusler? Auf was bildet Ihr Euch ſo viel ein? Auf die Pappſchachtel etwa oder auf Euer Brenneiſen, Herr Pommadier? Wir fertigen doch etwas Solides; Ihr aber thut nichts weiter, als Haare rau⸗ fen, kimmen, wickeln, brennen und zuſammenkleiſtern. Seht mir doch den dickethuenden Puderdingrich an!“ Horſa würde vielleicht die anzügliche Rede des Schu⸗ — ſterjungen gelaſſen hingenommen haben, wenn nicht ſo eben ein unwillkommener Zuhörer erſchienen wäre. Der⸗ ſelbe war ein Oberſt, in voller, goldgeſtickter Uniform, mit mehrern Orden geſchmückt, auf einem ſtolzen Rap⸗ pen reitend und von einem Reitknechte begleitet. Bis geſtern war er Horſa's devoter Diener geweſen und heute blickte er mit höhniſch lachender Miene auf den von ei⸗ —— nem Schuſterjungen geläſterten Exregenten hernieder. Das war zu viel für deſſen Philoſophie. Seinen augen⸗ blicklichen Regungen folgend, rannte Horſa in das nächſte Haus, hinter deſſen Thüre er voll Zorn die Schachtel ſammt der Haartour warf. Die alte, fürſtliche Gewohn⸗ heit erwachte wieder und ſchon hob er das Bein, um die arme Perückenſchachtel breit zu treten, als ihn das Er⸗ ſcheinen eines jungen, muntern Dienſtmädchens davon abhielt. Dafür begann er an den Fingernägeln ſeinen Zorn auszulaſſen, indem er ſie mit ſeinen Zähnen zerbiß. Ein ſchöner Morgen—“ hob das Mädchen freund⸗ 7 7/ lich zu dem noch immer hübſchen jungen Manne an— „ich denke, wir werden heute wieder einen herrlichen Tag bekommen.“ Aber Horſa war ncht Willens, auf das gewünſchte Zwiegeſpräch einzugehen. Einſilbig beantwortete er des Mädchens Anſprache, hob die weggeworfene Perücken⸗ ſchachtel auf und verließ das Haus. Nicht weit war er gekommen, da erſcholl es von oben herab:„Pſt! pſt! he, guter Freund!“ Mechaniſch blickte Horſa auf. Im erſten Stockwerke eines anſehnlichen Hauſes ſchaute ein Herr aus dem Fenſter, welcher eifrig mit der Hand dem Friſeurgehil⸗ fen winkte. „Was mag er wollen?“ fragte ſich Horſa und blieb unentſchloſſen ſtehen.„Selbſt als Fürſt hatte ich nicht ſo viel Ankratz wie jetzt als Friſeur. Hat der Mann mich vielleicht erkannt? Will er mein Beſchützer werden?“ „So kommen Sie doch!“ rief der Herr dringlich— „Es ſoll Ihr Schade nicht ſein.“ Horſa gehorchte. Als er die Treppe hinauſſtieg, 5 „ — kam ihm ſchon ein Dienſtmädchen entgegen gelaufen, zu ihm anhebend:„Machen Sie ſchnell! Mein Herr ſteht wie auf Kohlen! In einer Stunde ſoll er zur Cour ge⸗ hen und ſein Friſeur hat ihn im Stiche gelaſſen.“ Das Mädchen ſchob mit Gewalt den widerſtreben⸗ den Friſeurgehilfen vor ſich hin und in die Siube des bedrängten Herrn. „Hurtig! hurtig!“ rief dieſer voll Ungeduld und ſetzte ſich auf einen Stuhl in die Mitte des Zimmers. „Verſchneiden Sie mir mein Sinſushas und richten Sie daſſelbe hofmäßig vor.“ „Aber ich habe weder Scheere, noch Kmmn bei mir—“ verſetzte Horſa ablehnend. „Sie ſollen beides haben. Hannchen, ſchaffe herzu!“ Jetzt wurde die Sache für Horſa lächerlich. In der beſten Laune begann er ſeinen erſten Verſuch in der haar⸗ kräusleriſchen Laufbahn. Er ſchnitt herzhaft in das harte, ſtruppige Haar des Herrn hinein, den die Magd„Herr Profeſſor“ betitelt hatte. Dann kämmte und überklei⸗ ſterte er den Ueberreſt, der einem Stoppelfelde ähnelte, mit reichlicher Pommade. Der Herr Profeſſor konnte es kaum erwarten. Wie⸗ derholt fragte er ſeinen Haarkünſtler:„Iſt's bald gut?“ Endlich hieß es:„Ja, es iſt nun gut.“ Doch dem war nicht alſo. Denn kaum, daß der Verſchnittene vor den Spiegel hingeſprungen war und ſich beſchauet hatte, ſo rief er wie vernichtet aus:„Alle Teufel! Verfluchter Kerl! was hat Er gemacht? Donner und Doria! Mein Kopf gleicht ja den hangenden Gärten der weiland Se⸗ miramis! Stufe an Stufe! Ich ſehe aus wie ein abge⸗ ſtochener Kalbskopf! Und in dieſem Anputze ſoll ich mich 6 — vor dem neuen Fürſten ſehen laſſen? Ihm die Hul⸗ digungsrede der mediciniſchen Fakultät halten? Das iſt ja unmöglich! Tod und Hölle! Ich darf mich einige Wochen vor keinem Menſchen ſehen laſſen. Ich bin geſchlagen— vernichtet! Und das durch die Schuld ei⸗ nes Tölpels! Er will ein Friſeur ſein? he?“ „Nein—“ verſetzte Horſa mit einiger Schaden⸗ freude—„das bin ich nicht.“ „Nun, warum hat Er denn das nicht vorher ge⸗ ſagt?“ polterte der Profeſſor. „Sie haben mich nicht darum befragt, ſondern mir geheißen, Ihnen das Haar zu verſchneiden—“ ſagte Horſa. „Aber, Er trägt ja eine Perückenſchachtel und einen lichten Rock wie die Friſeurs—“ erwiederte der Profeſ⸗ ſor ärgerlich. „Wenn der Herr Profeſſor ein Buch unter dem Arme trägt, iſt er deswegen ſchon ein Buchbinder?“ fragte Horſa. „Anch noch malitiös iſt der Kerl obendrein!—“ ſprach der Profeſſor.„Erdroſſeln möchte ich ihn. Fort! aus meinen Augen oder es giebt noch ein Unglück.“ Horſa ging, wie ihm geheißen wurde. Das Dienſt⸗ mädchen, welches ihn hinausließ, ſprach ſeufzend:„Sie haben großes Unheil angerichtet. Meine arme Madame und ich werden Ihr Ungeſchick büßen müſſen. Die Hölle werden wir nun bekommen.“ „Hm!—“ ſprach Horſa zu ſich ſelbſt—„wenn dem wirklich ſo iſt, ſo taugt der Herr Profeſſor nicht zum Erzieher der Jugend. Er kann ja nicht einmal ſich ſelbſt beherrſchen. Mein Himmel, wegen einiger Stufen — 44— 6 in den Haaren gleich aus der Haut fahren zu wollen! Was würde er erſt machen, wenn er an meiner Stelle wäre! Ich, ein Fürſt, ſtelle jetzt den Haarabſchneider und Haarkräusler vor! Zwar pfuſchen die meiſten meiner fün⸗ geren Officiere dem Friſeur in die Kunſt, tragen Kamm und Spiegel ſtets bei ſich und kämmen des Tages wohl hundertmal Kopf⸗ und Barthaar glatt. Aber lachen muß ich, wenn ich bedenke, wie ein ungeſchickter Friſeur⸗ gehilfe einem hochgelahrten Profeſſor einen mehrwöchent⸗ lichen Stubenarreſt auflegen kann.“ Horſa ſchritt nun ſchärfer zu, um die Haartour an ihren Herrn zu bringen. Derſelbe, ein Hof⸗ und Me⸗ dieinalrath, tobte ſchon ſeit geraumer Zeit in ſeinem Zim⸗ mer herum: 1 „Iſt denn heute der Teufel an allen Orten los?“ rief er zornig aus.„Alles läßt mich im Stiche! Erſt der Barbier und nun der Friſeur! In meiner alten Haar⸗ tour kann ich doch unmöglich zu meinen Patienten fah⸗ ren und gleichwohl habe ich deren, wo von einer Stunde Verzug Leben und Tod abhängt. Vom Dienſt möchte ich den Scholle bringen, ſo wüthend bin ich auf ihn.“ Wenn wir immer wüßten, durch welche Kleinigkeiten die einflußreichſten Menſchen oft ſich leiten laſſen, durch welche Geringfügigkeiten Schlachten verloren oder gewon⸗ nen, Reiche geſtürzt oder erhoben, Glück oder Unglück über ganze Länder geführt werden und zwar durch ſterb⸗ liche Menſchen, die der Sklave irgend einer gering ſchei⸗ nenden Gewohnheit oder Perſon ſind! Horſa, der Friſeurgehilfe, lernte viel, was ihm als Fürſten verborgen geweſen war. — Das erſte Schauſpiel ſeit Horſa's Entthronung ward gegeben. Der Exfürſt war unter dem Beiſtande ſeines Meiſters beſchäftigt, aus zahmen Statiſten ſchwarz⸗ gelockte und ſtarkbebärtete Römer zu machen. Dafür durfte er auch, hinter den Couliſſen ſtehend, dem Schau⸗ ſpiele beiwohnen. Daſſelbe ward zum Prüfſtein für Horſa's Ergebung in ſein unabänderliches Schickſal, in⸗ dem der neue Regent in der fürſtlichen Loge erſchien und von der verſammelten Menge mit großem Applaus be⸗ grüßt wurde. Ueberdieß ſprach die erſte Schauſpielerin vor Anbeginn des Stücks einen Prolog, in welchem Fürſt Ottokar mit einer aufgehenden Sonne verglichen wurde, welche Fruchtbarkeit und Segen über das ganze Land ausſtrömen laſſen werde. Horſa, welcher nur wenige Ellen von der fürſtlichen Loge entfernt ſtand, verſchlang ſeinen Nebenbuhler mit großen Blicken. Es war eben nicht das Gefühl des Haſſes oder der Rache, welches ſein Herz bewegte, ſon⸗ dern mehr das eines ſchadenfrohen Bedauerns. „Durchlauchtigſter Fürſt—“ ſprach er in ſeinen Gedanken—„bilden Sie Sich um Himmelswillen nicht ein, daß man es mit Ihnen aufrichtiger meine als mit mir, daß alle dieſe Lobhudeleien und Huldigungen ein Ausdruck der Wahrheit ſeien. Wie lange wird es wäh⸗ ren und man findet auch an Ihnen hunderterlei zu ta⸗ deln und wenn Sie nicht den Leuten insgeſammt die Taſchen voll Goldſtücken hexen können, ſo wird man bald über Sie das Anathema rufen.“ „Marianne!“ ſagte jetzt eine der niederen Schau⸗ ſpielerinnen zu ihrer Nachbarin, welche beide neben Horſa ſtanden und gleichfalls den Fürſten beobachteten—„wie — 4— gefällt dir unſer neuer Regent? Sieht er nicht aus wie eine welke Rübe, welcher man, zwei ſchwarze Punkte als Augen eingeſetzt hat? Wie ſteif er ſich vorhin verneigte! Welche abſcheuliche Naſe er hat! Da war doch Fürſt Horſa zehntauſendmal hübſcher denn dieſer; nur Schade, daß jener ſo entſetzlich blöde gegen unſer Geſchlecht war. Dieſer aber ſcheint das Gegentheil zu ſein. Sieh doch, wie er die Grimaldi mit ſeinen Blicken verſchlingt. Und dieſelbe merkt's auch und ziert ſichur nun doppelt und drei⸗ Jach. Die Kokette!“ Obwohl Horſa an ſeiner Körperſchönheit kein Ver⸗ dienſt hatte, ſo fühlte er ſich doch durch das ſo eben ge⸗ hörte Urtheil geſchmeichelt und mit freundlicherem Auge blickte er auf diejenige hernieder, deren Mund den Ver⸗ gleich ausgeſprochen hatte. Die Schauſpielerin bemerkte dieß und ſagte ihrer⸗ ſeits zur anderen:„Wer iſt der junge Mann neben uns? Ich ſehe ihn hier zum erſtenmale.“ „Es iſt, ſo viel ich weiß, Scholle's Gehilfe—“ verſetzte die Gefragte.„Wenigſtens ſah ich ihn vorhin den Statiſten die Perücken aufſetzen. Gefällt er dir etwa, Marianne?“ „Hm! er iſt zwar ein wenig zu brünett; aber ein ſehr edles Profil kann man ihm nicht abſprechen. Dazu das rabenſchwarze Haar, wie es in Deutſchland nicht oft zu finden iſt.“ „Wenn es kein falſches iſt!“ ſprach die Andere. „Mir kömmt es verdächtig vor. Könnte ich ihn nur auf den Wirbel ſehen, ſo wollt' ich ſogleich im Klaren ſein.“ —— „Wo denkſt du hin, Georgine?!“ erwiederte Ma⸗ rianne—„der junge Mann kann höchſtens 26 Jahr alt ſein und ſollte ſchon einen Kahlkopf beſitzen?“ „Wer ſagt das?“ fragte Georgine.„Kann es nicht eben ſo gut feuerrothes Haar ſein, welches die ſchwarze Haartour verbergen ſoll? Faſt möchte ich mit dir deshalb wetten.“ „Gut! ich wette mit dir um 3 Flaſchen Champag⸗ ner, daß dieſes ſchwarze Haar kein falſches iſt, mag nun im Gegentheile ein Kahl⸗ oder Rothkopf darunter ſtecken.“ „Hat der Herr Oberkammerherr deinen Keller ſo reichlich mit Champagner verſehen—“ ſtichelte Geor⸗ gine—„daß du gleich drei Flaſchen auf die Haartour eines Friſeurgehilfen wetteſt?“ „Hm! biſt du neidiſch, mein Kind? Haſt du nicht deinen Oberſten? Verſorgt dich derſelbe weniger reich⸗ lich als mich der Oberkammerherr? Freilich thut's der Letztere nicht auf Koſten ſeines Beutels, ſondern des fürſtlichen Kellers.“ „Still davon jetzt!“ lispelte Georgine.—„Doch ſprich, wie wollen wir die Wette zur Entſcheidung brin⸗ gen?“ „Nichts leichter als das!“ entgegnete Marianne. „Laß mich nur machen. Späteſtens in drei Tagen wol⸗ len wir im Klaren ſein.“ Da dieſes Geſpräch leiſe geführt wurde, ſo vernahm auch Horſa nichts von demſelben; ſonſt würde er ſeine Maaßregeln darnach getroffen haben. Am nächſten Tage jubelte das Volk. Fürſt Ottokar hatte die Schlacht⸗, Salz⸗ und Kopfſtener aufgehoben, die Grundſteuern um die Hälfte herabgeſetzt. Das war —— eine Freude! Ein unabſehbarer Fackelzug bewegte ſich unter Muſik nach dem fürſtlichen Schloſſe, um dem Für⸗ ſten durch ein donnerndes Lebehoch des Volkes Dank darzubringen. Die Lüfte erbebten von dem Jubelge⸗ ſchrei. Wie durch einen Zauberſchlag war die Stadt illuminirt, durch deren Gaſſen das freudetrunkene Volk ſich ergoß. Auch die Armee ſtimmte in den allgemeinen Jubel mit ein, indem deren kärgliche Löhnung nicht un⸗ bedeutend erhöht worden war. Inmitten dieſer Freude ſaß Horſa daheim, von ei⸗ nem nagenden Grame verzehrt. War nicht des Volkes Jubel gerecht? Warum hatte nicht auch er deſſen Laſten gemindert und ſo ſeiner Unterthanen Liebe ſich erworben? Stand er nicht tief beſchämt ſeinem ſiegreichen Neben⸗ buhler jetzt gegenüber? Scholle dagegen lachte, als er die Urſache von Horſa's Kummer ergründet hatte. „Mein lieber Heinrich,—“ ſprach er—„beruhigen Sie ſich. Es iſt noch nicht aller Tage Abend. Mit Speck fängt man Mäuſe. Die Verminderung der Steuern und die Erhöhung des Soldes macht eine Summe von etwa fünfviertel Millionen Thaler jährlich aus. Nehmen wir an, daß der neue Fürſt ſeine Civilliſte um 250,000 Thaler abmindere, ſo deckt dieß noch lange nicht den Ausfall der Einnahme. Woher nun nehmen die fehlen⸗ den Tonnen Goldes, welche zur Regierung des Landes unungänglich nothwendig find? Ja, rechnen wir ſogar noch 250,000 Thlr. zu ermöglichende Erſparniſſe an Pen⸗ ſionen, Wartegeldern und entbehrlichen Beamtenſtellen, ſo bleibt immer noch eine Million zu decken. Da nun bis jetzt kein Sterblicher in den Beſitz des Steins der Weiſen gelangt iſt, durch deſſen Hülfe man aus Quark — Gold machen kann;— da ferner Fürſt Ottokar mir Alles eher als ein Hexenmeiſter zu ſein ſcheint: ſo muß er wo anders wieder wegnehmen, um das gemachte Loch in der Kaſſe auszufüllen. Ich fürchte— ich fürchte, daß der hinkende Bote nachkommen wird und zwar bald, und daß, wenn Fürſt Horſa uns mit Peitſchen gezüchtigt hat, Fürſt Ottokar dieß mit Scorpionen thun werde. Alle neue Beſen kehren gut, wenn ich mir dieſen Ver⸗ gleich von einem Regenten erlauben darf.“ Wirklich kam der hinkende Bote ſehr ſchnell nach— den nächſten Tag ſchon, wo an allen Straßenecken und in allen Zeitungen zu leſen war, daß der Fürſt zu Deckung der unvermeidlichen Ausgaben des Landes eine allgemeine Einkommenſteuer angeordnet habe. Triumphirend kam Scholle mit dieſer Neuigkeit nach Hauſe. „Hatte ich nicht Recht?“ fragte er ſeinen beküm⸗ merten Gehilfen.„O, lieber Heinrich! Gehen Sie aus, damit Sie ſelbſt die langen Geſichter ſehen, welche die Leute über dem Leſen der fürſtlichen Bekanntmachung ziehen. Ich ſage Ihnen, daß durch dieſe Einkommen⸗ ſteuer die Begeiſterung für den neuen Fürſten bis auf den Gefrierpunkt gefallen iſt,— daß Sie den Stufen des Thrones ſchon wieder nahe ſtehen und daß es nur auf ein geſchicktes Manveuvriren Ihrerſeits ankommt, um Ihren Widerſacher vom Throne zu ſtoßen und ſich wieder darauf zu ſetzen. Was gedenken Sie zu thun? Machen Sie es, wie David, als er vor ſeinem Sohne geflohen war. Derſelbe zog ſich in einen entfernten Landestheil zurück und dort ſeine zerſtreuten Anhänger an ſich, bis er ſtark genug ſich fühlte, ſeinem Gegner eine Schlacht Nieritz, Fürſtenſchule. I. 4 —— anzubieten. Ich ſetze meinen Kopf zum Pfande, daß Sie nicht minder glücklich ſein werden als David.“ Aber Horſa ſchüttelte ſein Haupt.„Sie rathen mir an—“ ſprach er—„auf's Neue in einen Strom mich zu ſtürzen, deſſen reißenden Fluthen ich nur eben erſt mit genauer Noth entronnen bin? Und welches Glück winkte mir im Falle des Gelingens? Ueber ein Volk zu herrſchen, das mich alsbald wieder gegen den Meiſt⸗ bietenden vertauſchen würde! O, könnte ich wieder nach Espenhain zurückkehren, in deſſen lieblicher Einſamkeit ich ſo ruhig und glücklich gelebt habe!“ „Glauben Sie nicht, Heinrich—“ verſetzte Scholle— „daß das feurige und flüchtige Roß weit lieber ohne Sattel, Zaum und Gebiß in den Steppen frei herum ſpringen möchte, als einen Reiter auf ſeinem Rücken zu tragen oder Laſten zu ziehen? Sie wollen ein ſolches freies Roß ſein; aber der Schöpfer hat Sie zu Ande⸗ rem beſtimmt. Und dieſe Beſtimmung iſt eine hohe, ſegenbringende und darum nicht abzuweiſen.“ Der Eintritt des Theater⸗Rechnungsführers unter⸗ brach das Zwiegeſpräch. „Scholle,—“ hob jener an—„laſſen Sie uns Ihre Rechnung gemeinſchaftlich durchgehen. Die Haare haben dießmal entſetzlich viel gekoſtet. Sind ſie denn ſo theuer oder ſelten geworden? Ha! Ihr Gehilfe da trägt ein prachtvolles Rabenhaar. Iſt's ihm nicht feil und wie viel verlangt er wohl dafür?“ „Wie können Sie nur glauben, Herr Reiher, daß ein Friſeur, der den Werth eines Haares zu ſchätzen weiß, daffelbe verkaufen werde?—“ entgegnete Scholle⸗ — 51— „Bauernburſche und Bauerdirnen, Proletarier und an⸗ dere gemeine Leute ſind unſere Haarlieferanten.“ „Hm! Sonderbar!“ murmelte der Rechnungsführer. „Je länger ich Ihren Gehilfen anſehe, deſto bekannter kommt er mir vor. Nur kann ich mich nicht beſinnen, wo ich ihn hinthun ſoll.“ „Und ich beſinne mich—“ erwiederte Scholle raſch—„daß Fräulein Marianne Schill heut Abend den Pagen in Kotzebue's Pagenſtreichen vorſtellen ſoll und daß ſie mich gebeten hat, ihr einige Haartouren zum Aufprobiren zu überſchicken. Schnell, Heinrich! Es iſt die höchſte Zeit, die Touren fortzuſchaffen. Ich habe ſie bereits in die Schachteln gepackt. Dort im Winkel ſtehen ſie. Fräulein Marianne Schill wohnt in der Schnorrgaſſe Nr. 15 zwei Treppen hoch.“ Horſa ſäumte dießmal nicht, dem Gebote raſch nach⸗ zukommen. Auch ihn harten die forſchenden Blicke des Rechnungsführers mit Beſorgniß erfüllt. Dieſelbe wuchs bis zur höchſten Bangigkeit, als er an den Straßenecken einen noch druckfeuchten Anſchlag kleben ſahe, deſſen Ueberſchrift„1000 Dukaten Belohnung“ lautete und dieſelbe auf die Erlangung Horſa's ſetzte. „Da der bisherige Uſurpator des Throns—“ be⸗ ſagte der Anſchlag—„Prinz Horſa, auf eine unerklär⸗ liche Weiſe verſchwunden iſt und von ihm ein Verſuch zum Umſturze der beſtehenden, rechtmäßigen Regierung gewagt werden könnte; ſo wird, dafern er noch in hieſi⸗ gen Landen verborgen weilen ſollte, auf ſeine Ergreifung, Feſthaltung und Einlieferung die obige Summe in Gold geſetzt. Ottokar, regierender Fürſt von Baſilien.“ — Es war, als würde Horſa bei den Haaren herbei⸗ gezogen, damit er dieſe Bekanntmachung läſe. Seine Gefühle dabei waren nicht zu beſchreiben. Wenn auch nicht um ſein Leben, ſo doch um ſeine Freiheit war es geſchehen, ſobald man ihn gefangen nahm. Und wie verführeriſch das Gebot des Verrätherlohnes auf den Unbemittelten einwirken mußte! Hatte ihn ſchon das Volk wegen eines nur eingebildeten, größeren Glücks vom Throne verjagt, wie viel eher mußte ihn der Ein⸗ zelne für 1000 Dukaten verrathen! Welche Bürgſchaft hatte Horſa dafür, daß Scholle, ja daß ſogar Seifried, der treue Diener und Erretter, der ſtarken Verſuchung nicht erliegen werde? That er nicht beſſer, wenn er auf der Stelle entfloh, ſo weit ihn ſeine Füße davontrugen? Noch weilte er, tupfent mit ſich ſelbſt, an der Straßen⸗ ecke, als eine Mannsſtimme höhniſch neben ihm anhob: „Uſurpator! hu! hm! abermals heißt ein Eſel den an⸗ dern einen Sackträger! Tauſend Dukaten! Ein hübſches Stück Geld! Aber dennoch möchte ich es auf dieſe Weiſe nicht verdienen. Von einem Verräther frißt kein Rabe und Blut klebt an ſolchem Golde. Ja, ſtände ſelbſt Prinz Horſa alleweile neben mir und brauchte ich nur die Hand nach ihm auszuſtrecken, um ihn zu fangen: ich würde mich beſinnen oder vielmehr nicht beſinnen und ihn entwiſchen laſſen.“ Horſa hätte mögen dem ſchlicht gekleideten Manne um den Hals fallen aus dankbarer Liebe. Wie ſehr die paar Worte ſeinen tiefgeſunkenen Glauben an Menſchen⸗ werth wieder aufrichteten! Wie ihm der Muth wuchs und der K allen Gefahren zu trotzen! Feſten 0 ₰— tes ging er dahin, um die Schauſpielerin aufzuſuchen und die Perücken abzuliefern. Horſa fand eine viel prächtigere Wohnung, als er nach der nicht eben anſehnlichen Beſoldung der Schau⸗ ſpielerin Schill erwartet hatte. Er erkannte in derſelben und in ihrer anweſenden Freundin die beiden jungen Schauſpielerinnen wieder, die im Theater neulich neben ihm geſtanden hatten. Jene war im einfachen Haus⸗ kleide, dieſe dagegen mit Flitterſtaat bedeckt. Beide waren nicht eben ſchön, doch nicht garſtig und ausgelernt, die Männer bei deren ſchwachen Seiten zu faſſen. „Bleiben Sie, Lieber!“ ſprach Marianne, als Horſa nach Abgabe der Schachteln ſich wieder entfernen wollte. „Sie müſſen mir beiſtehen, wenn ich mit der Männerpe⸗ rücke da nicht zu Fache kommen könnte.“ Dieſes zu umgehen, hatte Horſa, mit Scholle's Vorwiſ⸗ ſen, Sorge getragen, indem er die 3 Mittelfinger ſeiner rech⸗ ten Hand mit einem Verbande umgeben hatte. Dieſelbe vorzeigend ſprach er entſchuldigend:„Es thut mir ſehr leid, mein Fräulein, Ihrem Wunſche nicht Genüge leiſten zu können. Ich habe mir mit dem glühenden Brenneiſen dieſe Finger verletzt.“ „Nun, ſo werde ich Sie wenigſtens um Ihren Rath bitten—“ antwortete Marianne.„Nehmen Sie Platz. Wir werden uns Ihr Haar, das ſo ſchön geordnet iſt, zum Muſter nehmen.“ „Der Herr Oberkammerherr wünſcht eintreten zu dürfen—“ meldete jetzt das Dienſtmädchen. „O verwünſcht!“ ſprach Marianne voll Unmuth— „Zu einer ungelegeneren Zeit konnte er nicht kommen.“ „Er muß wieder fort— wir geben vor, eine Probe für das heutige Stück abhalten zu wollen. Daher bleibſt Du, Georgine. Sie aber, mein Herr, gehen einige Sekunden in dieſes Gemach.“ Sie öffnete die Tapetenthüre zu einem kleinen Ne⸗ benzimmer, in welchem das Bett der Schauſpielerin ſtand und eine heidniſche Unordnung herrſchte. „Vergiß nicht—“ erinnerte Georgine eilig ihre Freundin—„den Oberkammerherrn für meinen Vetter Lochmann zu bitten, daß er die vakante Laquaiſtelle bei Hofe bekommt.“ „Er ſoll ſie haben—“ erwiederte Marianne feier⸗ lich—„oder ich will nicht mehr Marianne heißen. Laß den Oberkammerherrn hereintreten, Jeanette!—“ fuhr ſie zum Mädchen fort. „Ah, Sie ſind nicht allein, ſchöne Mariunnel ¹ rief der Oberkammerherr, als er Georgine gewahrte. „Was thut das, mein Herr Oberkammerherr?“ ver⸗ ſetzte Marianne—„Ich bin Kaſtor und dieſe da iſt Pollux.“ „Nicht möglich, Marianne!“ erwiederte der Oberkam⸗ merherr—„denn wie Sie wiſſen eben verſchwindet Pollux, ſobald Kaſtor erſcheint.“ „Dieſer Pollux aber bleibt—“ erklärte Marianne beſtimmt—„denn er ſoll mich in meiner Pagenrolle überhören, die ich heute Abend auf der Bühne vorſtel⸗ len werde.“ „Ei, da ſollten Sie auch die Pagenkleidung anle⸗ gen—“ ſprach der Oberkammerhert.„Sie müßte Ih⸗ nen allerliebſt ſtehen. Laſſen Sie mich Sie darin ſehen; bitte, bitte!“ —— „Das ſollen Sie auch und zwar drei volle Stun⸗ den lung— heut Abend im Theater—“ erwiederte Marianne. „Ich bin ſehr kurzſichtig—“ entgegnete der Ober⸗ kammerherr—„ſo daß ich Sie ſelbſt mit Hülfe des Opernguckers kaum deutlich erkennen werde.“ „Sehen Sie doch!“ ſpottete Marianne— Wber, liebſter Oberkammerherr! jetzt ſind Sie hier vom Uebel! Ich ſtehe wie auf Nadeln, um meine Rolle zu repetiren⸗ Schenken Sie mir ein andermal die Ehre Ihres Be⸗ ſuchs. Bevor S aber gehen, müſſen Sie mir einen Gefallen erzeigen.“ „Was befiehlt Cithere?“ fragte der Oberkammerherr. „Matianne bittet Sie, die erledigte Stelle eines Hoflaquai's dem Vetter meiner Freundin hier zu verlei⸗ hen. Er heißt Lochmann und hat ſich Ihnen bereits vorgeſtellt, ſo viel ich weiß.“ „Marianne— theuerſte Freundin— Sie verlangen eine Unmäglichteit—“ ſtammelte der Hofmann.„Des Oberforſtmeiſters langjähriger Diener und Vater von fünf Kindern hat bereits mein Wort.“ „Sagten Sie nicht, daß Sie mir ein wenig gut ſeien?“ Marianne kühl. „O ich liebe— ich bete Sie an!“ rief der Hof⸗ mann betheuernd aus. „Schurke!“ ſprach Horſa hier, der jedes Wort ver⸗ nehmlich hinter der Tapetenwand hörte.„Haſt eine Frau und liebe Kinder!“ „Und Sie ſchlagen mir die erſte kleine Gefälligkeit ab, um welche ich Sie bitte?“ antwortete Marianne ſtolz. —— „Gehen Sie, mein Herr, und hören Sie auf, eine arme Schauſpielerin zu foppen.“ „Sie ſehen mich in Verzweiflung, holde Marianne—“ ſprach der Hofmann—„aber, auf Ehre, ich— ich weiß mir hier nicht zu helfen. Mein Wort kann doch nimmer brechen?“ „Georgine, nimm die Rolle zur Hand fange an. Leben Sie recht wohl, gnädigſter Herr! Vergeſſen Sie den Weg in dieſe niedere Wohnung. Nochmals adieu!“ „Marianne! Marianne! Sie ſpannen mich auf die Folter!“ klagte der Hofmann.„Wenn ich Ihnen nun verſpreche, daß bei der nächſten Vakanz Ihr Schützling berückſichtigt werden ſoll?“ „Bemühen Sie ſich nicht, gnädigſter Herr!—“ ſagte Marianne höhniſch—„Georgine! beginne!“ „Man müßte— hm! das geht nicht—“ ſprach der Hofmann nachſinnend—„halt! ich hab's! Man muß die Umgebung des neuen Fürſten reinigen von den we⸗ nigen Anhängern des vorigen. Da iſt gleich der Laquai Seifried— dieſer muß ſpringen— Viktoria! Marianne! Ihr Schützling bekommt die Stelle!“ „Gewiß?“ fragte Marianne. „Auf meine Ehre!“ betheuerte der Hofmann. „Sie verbinden mich tief—“ ſprach Marianne freund⸗ lich—„noch mehr aber hier meine Freundin Georgine.“ „Danke dem gnidigen Herrn für die Erfüllung unſ⸗ rer gemeinſamen Bitte.“ „Keine Worte!“ rief der Hofmann.„Dafür aber einen Kuß von vier ſchönen Lippen.“ Horſa hätte dem abſcheulichen Kußräuber den Hals brechen mögen. „Elender!“ murmelte Horſa, indem er in ſeiner Wuth einen Haarbeutel, der auf dem Nachttiſchchen vor ihm lag, mit den Händen knetete—„Dein drittes Wort iſt die Ehre und du ſchämſt dich nicht, der Sklave einer laſterhaften oder wenigſtens leichtſinnigen Kokette zu ſein? um einen verdienſtloſen Buben in's Brod zu bringen, ſoll mein treuer Seifried das ſeinige verlieren? O daß ich noch jetzt Regent wäre! Ich wollte dich zermalmen, Ehrloſer!“ In ſeiner Aufregung überhörte Horſa, daß der Oberkammerherr gegangen war. Mechaniſch gehorchte er der Aufforderung Mariannens, in's Zimmer zurückzukeh⸗ ren und Platz auf einem Stuhle zu nehmen, damit Georgine, welche die Stelle des Friſeurs bei ihrer Freun⸗ din verſehen ſollte, nach Horſa's Haarputze ſich richte. WMarianne rückte ihren Stuhl dicht an Horſa's Seite und gebot ihrer Freundin, vor allen Dingen ihr das Haar hinaufzubinden, damit es von der Perücke völlig verdeckt werde. Aber Georgine ſtand hinter Horſa's Rücken und hef⸗ tete den Blick ſengend auf deſſen Haar. Plötzlich um⸗ ſpannte ſie mit beiden Händen Horſa's Haupt. Dieſer, aus ſeinen Gedanken dadurch geweckt, fühlte einen gelin⸗ den Druck an ſeinen Schläfen; es that einen Knacks und in dem nächſten Augenblicke erhob ſich Horſa's ſchwarze Perücke in den räuberiſchen Händen Georginens. „Gewonnen!“ jubelte dieſe, indem ſie ihre Beute hoch empor hielt—„Mein ſind die 3 Flaſchen Cham⸗ pagner! Aber die Perücke iſt keine gewöhnliche und hätte mein Vater nicht eine ähnliche getragen, ſo wäre ich nicht der Wahrheit auf die Spur gekommen. Doch, mein — 58— Herr Perüguier, warum tragen Sie nur eine Sumſel, da Sie weder eine Glatze, noch rothes Haar haben? Sieh, Marianne! das ſchönſte, blonde Haar keimt unter der Perücke! Dann iſt auch der ſchwarze Schnurr⸗ und Backenbart nur aufgeleimt. Kommt Dir der Menſch nicht um 10 Jahre jünger ohne Perücke vor? Ein ſon⸗ derbarer Einfall, da man ſonſt nur Haartouren zu tra⸗ gen pflegt, um jünger zu erſcheinen!“ Sn chi Während dieſer Rede war Horſa erſchrocken vom Stuhle aufgeſprungen. Er ſtand erſtarrt, vernichtet, rathlos, unbeweglich da und heftete den Blick verzweif⸗ lungsvoll auf die Perücke in Georginen's Händen. Aber auch Marianne war zur Bildſäule geworden. Auch ſie war keines Wortes mächtig. Aber ihre Augen ver⸗ ſchlangen faſt den unglücklichen Friſeurgehilfen. Dieſer ermannte ſich jetzt, entriß mit einem haſtigen Griffe den Händen Georginens die Haartour, ſtülpte ſelbige auf ſein Haupt, erraffte ſeinen Hut und entſprang aus dem Zimmer. Auf der Treppe vollendete er in haſtiger Eile ſeinen Kopſputz. Dann ſtürmte er heim. Ich bin verrathen— bin verloren!“ rief er dem Hoffriſeur entgegen. G 1 i6 Mit unerſchütterlicher Ruhe hörte Scholle Horſa's Bericht von dem ſo eben erlebten Abentheuer an. „Hm! hm! es geht mir ſachte ein Licht auf— ſprach er am Schluſſe der Erzählung—„warum der Theater⸗Rechnungsführer in Ihnen eine Aehnlichkeit ent⸗ decken wollte. Das machen die 1000 Dukaten Beloh⸗ nung. Dieſe ſchärfen wunderſam auch die blödeſten Angen und darauf wetten wollte ich, daß in dieſen Ta⸗ — 55— gen Tauſende und aber Tauſende zu Heftelmachern wer⸗ den, welche ſich nach dem Fürſten Horſa blind ſchauen wollen. Wie viele Exemplare dieſes Fürſten wird man auffinden, einliefern, unterſuchen und— wieder laufen laſſen! Ein Glück, daß Sie kaum ein halbes Jahr re⸗ gierten, vorher einſam und entfernt lebten und daher Ihren Unterthanen wenig zu Geſicht gekommen ſind. Den geheimen Gang aus dem Schloſſe hierher kennen nur Wenige und dieſe bindet ein Schwur. Ich fürchte nicht, daß man das vom Löwen verfolgte Lamm in dem Zwinger des Löwen ſelbſt vermuthen und ſuchen wird. Aber was Sie mir von dem wackern Seifried erzählt haben, macht mich beſorgt. Ich werde ihm von dem herannahenden Ungewitter Nachricht geben, damit ihm der Schlag nicht ganz unerwartet komme. Doch, da iſt er ſchon ſelbſt. Willkommen, Freund Seifried. Warum die Stirne in ſo finſtere Falten gelegt?“ „Weil mir um meinen gnädigſten Fürſten bangt—“ verſetzte Seifried, indem er ſeinen kummervollen Blick auf Horſa richtete. Es dünkt mich, als ſei er nicht mehr ſicher bei Dir, ſeitdem die hohe Belohnung auf ſein Er⸗ greifen geſetzt iſt. Die Aufregung iſt groß und überall ſieht man ſuchende, lauernde und glühende Augen, welche ihre Netze nach den tauſend Goldfiſchchen auswerfen.“ „Pah!“ ſagte Scholle—„in drei Tagen iſt Alles davon ruhig und Prinz Horſa durch ein neues Ereigniß verdrängt. Doch es klopft; ſtill!“ Das Dienſtmädchen von Fräulein Marianne Schill trat ein und behändigte den darüber auf's Neue betre⸗ tenen Horſa ein Briefchen von ihrer Herrin, welches ſie nur Horſa's Händen anzuvertrauen Befehl erhalten hatte. Horſa ſtotterte einige Dankesworte her und verab⸗ ſchiedete das Mädchen. Haſtig erbrach und— er dann das Schreiben. Dieſes lautete: „Gnädigſter Herr! Trotz der entſtellenden Verkleidung habe ich Sie er⸗ kannt! Schon an jenem Abende, wo Sie im Theater neben mir weilten, erweckte Ihr edles Profil Erinnerungen in mir an jenen erhabenen, jungen Gebieter, deſſen un⸗ verdiente Zurückſetzung mein Herz ſo tief verwundet hat. Nur Ihn, auf welchem mein ſchüchterner Blick immerdar weilte, ſo oft ſein freundliches Bild in der fürſtlichen Loge erſchien, werde ich als meinen Herrn und Gebieter anerkennen und keinen Andern, ſollte er auch Peru's Schätze über mich häufen wollen. Wie könnten demnach 1000 elende Goldſtücke zu dem ſchwärzeſten aller Ver⸗ rathe mich verleiten? Aber, mein hoher Herr! ich zittere für Ihre Freiheit und für Ihr Leben, ſeitdem meine leichtſinnige Freundin Ihre Hülle zu löſen wagte. Alle meine Beſonnenheit mußte ich zuſammenraffen, um Sie nicht durch ein Wort an meine Freundin zu verrathen. Ihre Flucht habe ich als ganz natürlich darzuſtellen mich bemüht und, ſo viel ich weiß, auch meinen Zweck hierin erreicht. Sie müſſen Ihren gegenwärtigen Zufluchtsort verlaſſen und ich hoffe, Sie einem andern, weit gefahr⸗ loſeren zuführen zu können. Zwar bin ich nur ein ſchwaches, ohnmächtiges Mädchen; allein wurde nicht der königliche Löwe durch ein kleines Mäuslein aus ſeinen ſchimpflichen Banden befreit? Kommen Sie demnach heut Abend auf die Bühne, wo ich Gelegenheit finden werde, Ihre Hülfe als Friſeur in Anſpruch zu nehmen. Dabei — werde ich Ihnen das Weitere zu Ihrer Rettung mitthei⸗ len. Vertrauen Sie ganz Ihrer unterthänigſten, treueſten Marianne.“ „Guckſt du mir da heraus?“ ſprach Scholle, nach⸗ dem Horſa den Inhalt des Briefes ſeinen Freunden mit⸗ getheilt hatte.„Fräulein Marianne denkt, weil ein Gimpel von Oberkammerherrn auf ihre Leimruthe ge⸗ gangen iſt, daß ſie eben ſo leicht einen jungen Prinzen berücken können werde. Wie ſteht's, Heinrich? werden Sie ſich einem Frauenzimmer anvertrauen wollen, welches das heilige Band der Ehe nicht blos lockert, ſondern zerreißt und einen alten treuen Diener vom Amte und Brote bringt, um den nichtswürdigen Günſtling einer gleichgeſinnten Freundin einzuſchieben?“ „O mein armer Seifried!“ klagte Horſa—„Wie bedauere ich Dich. Meinetwegen ſollſt Du vom Dienſte kommen! Was wird aus Dir, Deiner Frau und Deinen Kindern werden?“ „Was Gott will!“ verſetzte Seifried mit Ergebung. „Wenn nur Euer Durchlaucht ſich rettet; dann bin ich glücklich. Arbeiten habe ich ja gelernt und die Mei⸗ nen auch.“ „Jetzt möchte ich noch Regent ſein—“ ſprach Horſa inbrünſtig—„nur um den abſcheulichen Oberkammer⸗ herrn züchtigen und Eure Treue belohnen zu können.“ „Laſſen wir das!“ meinte Scholle.„Vor allen Din⸗ gen müſſen wir darauf denken, den erkannten Heinrich nochmals umzuwandeln und denſelben möglichſt weit fort⸗ zuſchaffen. Seifried, wir müſſen ſchon wieder bei dem — Kindlein die Taufpathen vorſtellen. Soll es einen Pach⸗ ter, Viehhändler, Roßtäuſcher, Waidmann oder Weinrei⸗ ſenden vorſtellen? Da weiland Fürſt Horſa ein guter Reiter war, auch der Jagd oblag und ein vorzügliches Weinlager beſaß, ſo ſcheint mir eine der drei letzteren Verkleidungen die annehmbarſte. Doch, wie meinen Heinrich unerkannt in den Poſtwagen bringen, da die 1000 Dukaten alle Augen ſo wunderbar geſchärft haben?“ „Dafür weiß ich Rath—“ ſprach Seiftied.„Noch ſind nicht alle Baſilianer Schurken, die um ein Blutgeld ihren rechtmäßigen Fürſten verrathen. Während Du, Scholle, meinen gnädigen Herrn in eine andere Hülle birgſt, gehe ich, ihm einen Platz im Poſtwagen auszu⸗ wirken.“ Als Seifried mit dem Paſſagierſcheine für den an⸗ geblichen Förſter Gruner von dem Poſtamte zurückkehrte, ſtand der neugebackene Förſter bereits fix und fertig da. Dankend zog er den treuen Seifried an ſein Herz, und dieſer benutzte dieſe Bewegung ſeides Herrn, um demſel⸗ ben eine ſchwere Börſe zuzuſtecken. Horſa aber gewahrte es.„Was iſt das?“ rief er betroffen aus.„Seifried, willſt Du mit Deinem Edel⸗ muthe mich in den Staub treten? Behalte Dein Geld und gebrauche es für Dich und Deine Familie, wenn Du vom Dienſte kommſt.“ „Nicht mein— Ihr Eigenthum iſt es—“ entgeg⸗ nete Seifried.„Als Sie Ihr Schloß verließen, ſteckte ich zu mir, was ich von Werthe in Ihrem Zimmer vor⸗ fand, um es Ihnen ſpäter einzuhändigen. Sie haben ein beſſeres Recht daran als der Räuber Ihres Thrones und Ihre treuloſen Diener, welche ungeſtraft Ihres zu⸗ rückgelaſſenen Eigenthums ſich bemächtigen zu dürfen glaubten. Sie ſind des Geldes mehr benöthigt als ich und die Meinen. Gott ſei mit Ihnen und Ihr Schutz, mein hoher Herr.“ Tief gerührt von der aufopfernden Treue Seiftieds und Scholle's verließ Horſa, in einen Mantel gehüllt, das Schauſpielhaus. Seiftied folgte ihm in einiger Ent⸗ fernung nach und wartete, bis ſein Herr in den Poſt⸗ wagen geſtiegen und dieſer unbehindert abgefahren war. Während dies geſchah, ſprach Scholle vor ſich hin: „Nun müſſen wir darauf bedacht ſein, Fräulein Ma⸗ nen eine tüchtige Naſe zu drehen, wenn ſie nach meinem Gehilfen fragen ſollte. Und wenn dieſe Naſe nur wenigſtens ſo lange hält, bis Horſa einen Vorſprung von 12 bis 20 Stunden gewonnen hat,“ Er zog eine Schachtel hervor und öffnete ſie. Be⸗ ſtens geordnet lag ein weiches, gelblich blondes Haar darin, welches Scholle mit erfreuten Blicken betrachtete. „Viel Haare und von allerlei Köpfen habe ich ſchon unter meinen Händen und vorräthig gehabt—“ ſprach er—„aber ſolch rares, wie dieſes, noch nicht. Es iſt das eines Fürſten und zwar eines edlen Fürſten— des unglücklichen Horſa! Wenn ich dieſes Haar zu einer Per⸗ rücke verwende, ſo würde dieſe die thenerſte von der Welt und müßte billig das Kunſtkabinet oder die An⸗ tikenſammlung eines Monarchen zieren. Oder flechte ich Haarringe daraus, die mir beſonders von dem ſchönen Geſchlechte m abgekauft würden? Ob es an den Tag kommen wird, daß ich den Fürſten Horſa bei mir verſteckt gehalten habe? Darüber würde ich gar nicht böſe ſein. Dann käme mein Name in alle Zeitungen — 5— und zwar in rühmlicher Weiſe. Du lieber Gott, man hat auch einigen Ehrgeiz und wie ſelten gelingt es einem Friſeur, berühmt zu werden, obſchon er nichts als Kopf⸗ arbeit zu thun hat!“ 1 nis: Die Dampfwagen mit ihrer Schnelligkeit mögen für den Geſchäftsreiſenden große Vorzüge beſitzen, aber nicht für den Menſchenkenner und Philoſophen. Deren Ele⸗ ment war der Poſtwagen, der ſchneckenartig dahin krie⸗ chende. Was jahrelanges Beiſammenleben in einem Hauſe oft nicht bewirkte: genaue Bekanntſchaft, Befreun⸗ dung oder Abneigung, je nach den erkannten Vorzügen oder Schwächen der Mitreiſenden— das ermöglichte der Poſtwagen in ſo viel Tagen. Daher iſt der gemeinſchaft⸗ liche Poſtwagen eine Hochſchule ür den, welcher das Studium der menſchlichen Penſe zu ſeiner Aufgabe gewählt hat. Dem Exfürſten Horſa war dieſe Hochſchule noch gänzlich fremd, wie ſo Vieles im Leben, wovon die Re⸗ genten durch ihren Rang und Stand ausgeſchloſſen ſind. Als er daher in der Poſtkutſche ſaß, ſo machte er es wie jeder Vernünftige, der ſich auf ein ihm unbekanntes Gebiet verſetzt ſieht. Er verhielt ſich ſtill und beobachtete ſeine Umgebung. Anfänglich machten es auch die übrigen Reiſenden eben ſo, allein gar bald begannen die mehr Geteiſten ein Geſpräch, an welchem nach und nach, mit Ausnahme Horſa's, Alle Antheil nahmen. Es konnte nicht fehlen, daß Fürſt Horſa und die auf ſeine Ergrei⸗ —— fung ausgeſetzte Belohnung der erſte und hauptſächlichſte Gegenſtand der Unterhaltung wurden. Wenn die Männer ſich mit einiger Rückhaltung über dieſen Gegenſtand ausſprachen, ſo überließ ein junges, hübſches Mädchen um ſo mehr ſich ihren Gefühlen. „Warum iſt Fürſt Horſa ſeines Thrones verluſtig worden?“ ſprach ſie.„Weil er ſich nicht entſchließen konnte, gegen ſeine Reigung die häßliche Prinzeſſin von Triptis zu heirathen. Deshalb aber lobe ich ihn; denn er beweiſt dadurch, daß er über den Herrſcher 46 nicht ſein Herz verloren hat.“ „Dieſe Ihre Anſicht kann ich nicht theilen, mein Fräulein—“ ſagte ein hagerer Dreißiger mit ſchwarzem Haare und dunkeln, tief liegenden Augen.„Das Ge⸗ ſammtwohl ſeines Landes muß einem Regenten höher ſtehen als das hübſche Geſicht, die Jugend und übrigen Reize einer Gattin. Ein Fürſt muß große Opfer dar⸗ bringen können.“ 6 „Wie aber, wenn dieſe Opfer eines Fürſten Kräfte ſo ſehr überſteigen—“ fragte ein Herr in geiſtlicher Kleidung—„daß er aus Schwäche zum Straucheln kommt und das ärgerlichſte Beiſpiel giebt?“ „Die Unterthanen ſollen ſich ihren Fürſten gar nicht zum Beiſpiele nehmen—“ verſetzte der Schwarzkopf— „weil ſie auf ganz anderm Boden ſtehen als jener, und weil oftmals dem Fürſten das zur Ehre gereicht, was dem Unterthan eine Schande ſein würde.“ „Das Erfüllen des Sittengeſetzes kann nie eine Schande, deſſen Uebertretung nie eine Ehre ſein—“ bemerkte der geiſtliche Herr. Nieritz, Fürſtenſchule. I. 5 — „Sie ſind ein Prediger, mein Herrz⸗ fragte der Schwarzkopf lächelnd. „Ich bin ein ſolcher—“ antwortete jener würdevoll. „Denken Sie ſich nur in des Fürſten Horſa Lage—“ hob das Fräulein wieder an.—„Er zählt nicht viel über 18 Jahre und ſoll ſchon eine Verbindung für's ganze Leben eingehen! Warum läßt man ihm nicht Zeit und Gelegenheit, ſeine einſtige Gattin erſt kennen zu ler⸗ nen? Ich will nicht, daß er nur die Körperſchönheit bei ſei⸗ ner Wahl in Betracht ziehe. Aber erforſchen ſoll er dür⸗ fen, ob dieſe oder jene Prinzeſſin für ihn und ſeine Ge⸗ fühle paſſend ſei oder nicht. Ueberhaupt beklage ich, daß ein Fürſt nur unter Prinzeſſinnen wählen ſoll. Darin iſt er ja ſchlimmer daran als der ärmſte ſeiner Unterthanen.“ „Vielleicht wählte er Sie dann, mein Fräulein—“ ſagte der Schwarzkopf hämiſch. „Wie die Fürſten jctzt geſtellt ſind—“ erwiederte das Mädchen unbefangen—„möchte ich keinen von ihnen zu meinem Manne haben. So biel weiß ich aber, daß ich den armen Fürſten Horſa um keinen Preis verrathen würde und wenn es mich nur eines Wortes koſtete.“ „Was nennen Sie verrathen?“ fragte der Schwarz⸗ kopf—„Horſa's jetzigen Aufenthalt der Regierung an⸗ zeigen? Damit würde jedenfalls dem Flüchtlinge nur ein wahrer Dienſt erwieſen. Glauben Sie etwa, daß man eine zweite eiſerne Maske aus ihm machen würde? Daß man ihn hinrichtete oder durch Gift und Meuchel⸗ mord aus dem Wege räumte? Nichts von dem Allen! Man würde ſich begnügen, den Prinzen unſchädlich zu machen; man würde ihm einen gefunden Wohnſitz an⸗ weiſen, ihn ſeinem Stande gemäß behandeln und erhal⸗ ——————— ten, während er jetzt vielleicht an Allem Mangel leiden und darben muß. Was iſt durch die Gefangennehmung der Herzogin von Berri Uebles entſtanden? Der Bür⸗ gerkrieg ward dadurch erſtickt, die Herzogin einem gefahr⸗ vollen, unwürdigen Vagabondenleben entzogen und ihrer Familie zurückgegeben. Der Jude Deutz ſtrich ſeine hunderttauſend Thaler ein, die auf die Entdeckung der Herzogin geſetzt waren und—“ „Der Verrätherlohn zerrann wohl eben ſo ſchnell als er verdient worden—“ fiel ein ältlicher, dicker Herr ein, der ein Gutsbeſitzer zu ſein ſchien.„Wiſſen Sie nicht, mein Herr, daß Deutz als Bettler im Lazarethe ſtarb?“ „Brrr!“ rief hier der Poſtillivn und hielt ſein Ge⸗ ſpann an.„Das iſt doch eine neun und neunzigmal ver⸗ fluchte Geſchichte! Liegt das verſoffene Menſch nicht längelang quer über die Straße hingeſtreckt? Warum läßt man das Weib noch frei umherlaufen und ſtraft nicht alle die, welche ihr noch immer die Schnapsflaſche füllen? Wie viel fehlte denn, daß ich das Menſch nicht morſch entzwei räderte? Es wäre kein Schade um ſie geweſen, aber den Mordſpektakel hätt' ich dann ſehen wollen und Strafe obendrein bekommen.“ Der Poſtillion ſtieg ab und ſchleifte das bewußtloſe Weib in den Straßengraben. „Siehe das Menſchengeſchlecht in ſeiner tiefſten Er⸗ niedrigung—“ ſprach der Prediger, als er das betrun⸗ kene Weib zu Geſicht bekam.„Wo biſt du hin, Gottes Ebenbild?! Kennſt Du die Frau, Schwager?“— fuhr er zu dem Poſtillion fort. „Ich werde doch!“ verſetzte dieſer—„Sie iſt ja aus meinem Dorfe! Ihr Mann war gar wohlhabend 5 — 63— und hat den großen Gaſthof in Cunnersdorf erbaut. Auch hatten ſie vier liebe Kinderchen und guten Ver⸗ dienſt. Da aber gerieth die Frau, als ſie ſich einmal über ihre Viehmaid geärgert hatte, über die Schnaps⸗ flaſche und ſchwemmte den Aerger hinunter. Das Ding behagte ihr und ſie ärgerte ſich bald, wo es nichts zu ärgern gab, nur um der Schnapsflaſche wieder zuſprechen zu dürfen. Als es ihr Mann wahrnahm, bat er ſie himmelhoch, das Saufen zu laſſen. Der Beichtvater re⸗ dete ihr in's Gewiſſen, ſo auch ihre Verwandten und Freunde. Ihre Kinder baten ſie auf den Knieen— nichts half! Wenn ſie einmal ſo recht dudeldick ſich voll⸗ geſoffen und dafür den Katzenjammer bekommen hatte, ſo verſprach ſie wohl unter vielem Heulen, nach dem Ausſchlafen, keinen Branntweintropfen wieder über die Lippen bringen zu wollen. Wer es aber nicht hielt, war die Metzdorfin. In der Beſoffenheit ſteckte ſie einmal den Gaſthof an; eins ihrer Kinder, ein liebes Jungel⸗ chen von 4 Jahren, verbrannte elendiglich dabei; der Mann, deſſen Wirthſchaft durch die verſoffene Frau ohne⸗ hin ſchon ganz herunter gekommen war, erhing ſich vor Verzweiflung und die noch lebenden Kinder müſſen als Mägde und Knechte ihr Brot bei fremden Leuten ver⸗ dienen. Sie bekümmern ſich aber auch nicht mehr um die verſoffene Mutter, die nun der Gemeinde zur Laſt fällt. Es iſt nur Wunder zu nehmen, daß der viele Spiritus noch nicht den Magen und die Eingeweide der Metz⸗ Dorfin durchfreſſen hat. Hätte ich etwas zu befehlen, ſo ließ ich jedem, der dieſem Weibe Schnaps verkauft oder einſchänkt, 25 derbe aufzählen. Das Weib ſelbſt aber müßte mir in die Tretmühle.“ S — ————— — „Welch' eine Unſumme von Unfreien die ſtarken Getränke machen!“ klagte der Pfarrherr. „Man ſollte ſie lieber ſchwache Getränke nennen—“ ſprach der dicke Herr. „Ich hatte eine Freundin,—“ erzählte das Mäd⸗ chen—„welche glücklich verheirathet und bereits Mut⸗ ter von drei Kindern war. Dieſe bekam heftige Zahn⸗ ſchmerzen und nahm ihre Zuflucht zu einem berühmten Zahnarzt, welcher aber gleichfalls dem Laſter der Trunk⸗ ſucht ergeben und daher faſt immer in einem halbbe⸗ rauſchten Zuſtande war. Dieſer zerſprengte bei dem Ausziehen des kranken Zahns meiner Freundin die Kinn⸗ lade dergeſtalt entzwei, daß das arme Weib, nach ein⸗ jährigen, furchtbaren Schmerzen und vom nagenden Hun⸗ ger gequält, an Entkräftung ſtarb.“ „Und was geſchah dem Mörder, dem gewiſſenloſen Arzte?“ fragte der Pfarrherr. „Er kam zwar in Unterſuchung; allein das Ende derſelben war—“ erwiederte die Erzählerin—„daß der Arzt noch ferner trinkt, Zähne auszieht und Kinn⸗ laden zerſchmettern darf.“ „Am allernachtheiligſten—“ ſprach der Schwarz⸗ kopf—„kann ein Rauſch bei einem Feldherrn oder ei⸗ nem Staatsmanne werden. Nehmen wir an, daß der Oberbefehlshaber einer Armee dem Feinde eine entſchei⸗ dende Schlacht zu liefern beabſichtigt. Er trifft ſeine Maßregeln, nach welchen alle einzelnen Heerabtheilun⸗ gen zu einer beſtimmten Zeit eintreffen und den Feind umzingeln ſollen. Da trinkt aber einer der Unterbefehls⸗ haber bei der Mittagstafel eine Flaſche zu viel, wird da⸗ von berauſcht und untüchtig, ſein Amt zu verſehen. Während er einiger Stunden bedarf, um zur Beſinnung zurückzukehren und ſeine Befehle zum Vorrücken zu er⸗ theilen, geht durch ſeine Schuld die Schlacht verloren, werden Tauſende braver Krieger nutzlos dahingeſchlachtet, ſtürzt wohl gar der ganze Staat in Trümmer. Oder denken Sie ſich einen Staatsmann, welcher, der Be⸗ ſtechung unzugänglich, aber nicht den Reizen des Weins, im Rauſche ein wichtiges Staatsgeheimniß an den Ge⸗ ſandten einer fremden Macht ausplaudert, der die ſchwache Seite des Staatsmannes kannte und zu benutzen ver⸗ ſtand.“ „Wie ſchwer iſt es—“ meinte der Dicke—„'ſich von den Banden der Trunkſucht wieder zu befreien! In den meiſten Fällen ſogar unmöglich.“ 3 Während dieſes Geſprächs hatte der Poſtwagen an⸗ gehalten, die Pferde und mit ihnen zugleich den Poſtillion gewechſelt. Nicht lange währte es, ſo ſchrie der Dicke— welcher dem Poſtillion zunächſt ſaß, dieſem zu:„Hoh! hoh!“ „Was giebt's denn?“ fragte der Pfarrherr. „Der Schwager nickte—“ entgegnete der Dicke— „und ſobald ich das ſehe, mache ich Lärm.“ „Er hat vielleicht die verwichene Nacht hindurch ſchon die Zügel führen müſſen—“ ſprach das junge Mädchen entſchuldigend. 5 „Das kann ſein—“ erwiederte der Dicke—„aber deswegen darf er ſich nicht ſeiner Pflicht entſchlagen. Lieber mußte er einen Andern auf den Kutſcherſitz ſtei⸗ gen laſſen. Niemand kann zween Herren dienen, und wie viel Unglück iſt ſchon durch ſchlaftrunkene Kutſcher verurſacht worden!“ „Er ſchläft ſchon wieder!—“ bemerkte das Fräulein. — „Hoh! hoh!“ rief der Dicke abermals.„Schwa⸗ ger! mordelement, was heißt das? Du biſt noch ein junger Kerl— es dämmert kaum und Du ſchläfſt ſchon? Was heißt das? he? Soll ich Dich beim Poſthalter ver⸗ klagen?“ Der Poſtillion murmelte einige unwillige Worte in den Bart und ſchwang mit träger Hand die Peitſche über die langſam vorwärts ſchreitenden Roſſe. „Die Schlafſucht macht auch Viele zu Sklaven—“ hob der Pfarrherr an.„Ich kenne deren, welche in der Kirche, im Theater, im Concert, ja ſogar in der Beichte ſchlafen. Es giebt Menſchen, welche nicht aus dem war⸗ men Bette zu bringen ſind und wenn die Pflicht, ja ſelbſt die dringendſte Gefahr ſie abruft.“ „Ihr Verweis ſcheint gefruchtet zu haben—“ ſagte der Schwarzkopf zu dem Dicken—„der Wagen fährt immer ſchneller.“ Der Dicke legte ſich zu dem Wagenſchlage hinaus, blickte ſſich in der beginnenden Dunkelheit um und rief erſchrocken dem Poſtillione zu:„Halt! halt! Hier iſt ja der Köppeberg— warum haſt Du Schlingel weder ge⸗ bremſt, noch gehemmt? So halte doch!“ Der Poſtillion antwortete und gehorchte dem Zurufe nicht. Als der Dicke genauer durch die vordern Fenſter⸗ ſcheiben blickte, ſah er den Kutſcherſitz leer. Mittlerweile bewegte ſich der Wagen mit vermehrter Schnelligkeit den Berg hinab. „Bleiben Sie im Wagen!“ rief der Dicke dem Schwarzkopfe zu, welcher Miene machte, durch den Wa⸗ genſchlag zu klettern.„Sie ſind verloren, wenn ſie hin⸗ ausſpringen. Erheben Sie ſich von den Rückſitzen—“ ſchrie er ſeinen Nachbarn zu—„halten Sie ſich an Ihre Vorderleute an, damit Sie bei dem Vorwärtsſtür⸗ zen des Wagens ſich nicht den Hinterkopf oder das Rück⸗ grat verletzen.“ Die Reiſenden folgten dem gegebenen Beiſpiele des Warners und erhoben ſich von ihren Sitzen. Sie faß⸗ ten mit den Armen die Gegenüberſitzenden an und da das Schickſal gewollt hatte, daß das junge, hübſche Mädchen dem verkappten Förſter gegenüber zu ſitzen gekommen war, ſo ſuchte es bei dieſem ſeine Stütze vor dem erwarteten Stoße. Weil Prinz Horſa ei⸗ nem wohlbeleibten Vierziger glich und überdies durch ein ſchwarzes Pflaſter auf der linken Wange ent⸗ ſtellt war, ſo dachte die Schöne an nichts weiter als an die drohende Gefahr. Dagegen durchdrang den Prinzen ein bis jetzt faſt nicht empfundenes Gefühl, da zwei weiche Hände um ſeinen Hals ſich ſchlangen, ein linder Hauch ſeine Wangen fächelte und ein volles, von Angſt gehobenes Herz dicht an dem ſeinigen ſchlug. Zwar dauerte dieſe Lage nur kurze Sekunden, indem der Poſt⸗ wagen, auf ein Widerlager ſtoßend, einen ſo heftigen Ruck bekam, daß das Vorderpaar der Roſſe ſtürzte und der Wagen dem Hinterpaar in die Beine rollte, ſo daß dieſes mit aller Macht auf die Seite prallte. Die Stränge verwickelten— die Roſſe bäumten ſich und 3 ſtürzten wieder— der Wagen ſchwankte und fiel auf die Seite. Verwirrung in allen Ecken! Ein Glück, daß die Pferde den Wagen nicht von der Stelle bringen konnten. In der Gefahr nun erkannte man, wer, von Selbſt⸗ ſucht beſeſſen, ſeine Haut zuerſt in Sicherheit zu bringen — trachtete. Es war dies der Schwarzkopf, welcher mit Rückſichtsloſigkeit und mit Hintanſetzung aller feinen Sitte ſeinen Ausweg aus dem Wagen zu nehmen ſuchte. In dieſem Bemühen drängte und ſchob er Alles, was ihm hinderlich im Wege war, abſeits, ſelbſt das junge Frauen⸗ zimmer, welches halb bewußtlos in Horſa's Aermen lag. Ein ſolches Benehmen zog von allen Seiten mißbilligende Ausrufungen nach ſich, welche jedoch der Schwarzkopf völlig unbeachtet ließ. Hierüber auf das Innerſte em⸗ pört, ſtreckte ihm der verkappte Förſter, welcher dem ret⸗ tenden Auswege zunächſt ſich befand, die Fauſt entgegen und ſchrie dem zu Tage ſich arbeitenden Schwarzkopfe herriſch zu:„Werden Sie augenblicklich Ihr Drängen einſtellen? Iſt es edel, dieſe junge, ohnmächtige Dame zu mißhandeln?“ „Was da!“ lautete die Antwort—„Hier iſt Jeder ſich ſelbſt der Nächſte!“ „Gut!“ verſetzte Horſa, indem er den Egoiſten zu⸗ rückſtieß—„ſo werde ich Ihren Grundſätzen huldigen und zuerſt aus dem Wagenſchlage ſteigen, um vor allen Dingen die junge Dame zu befreien.“ Wahrſcheinlich würde jetzt ein Kampf zwiſchen Horſa und dem Schwarzkopfe ausgebrochen ſein, wenn nicht der Dicke ſich in's Mittel geſchlagen hätte. „Mordelement!“ rief derſelbe aus des Wagens tief⸗ ſtem Grunde hervor, indem ſeine Aerme wie eine Kneip⸗ zange des Schwarzkopfs Beine feſtpackten—„meint der Herr in einer Tretmühle zu ſein? Soll ich mir noch län⸗ ger von ihm auf dem Leibe herumtrampeln laſſen? Still gehalten, Herr, oder ich breche ihm die Knochen entzwei.“ —— Mittlerweile hatte Horſa ſeine Auffahrt aus des Poſtwagens Schachte bewirkt. Mit ſeinem Hirſchfänger durchſchnitt er ſchnell die Stränge, ſo daß die Pferde von dem Wagen getrennt wurden; dann widmete er ſeine Sorge der jungen Dame, welche er aus dem Wagen⸗ ſchlage hob und in das Gras des Straßengrabens bet⸗ tete. Der Wagen entleerte ſich nun. Der dicke Herr ſchüttelte und ſtreckte ſeine Glieder, um zu wiſſen, ob alle Knochen noch ganz ſeien. Dann näherte er ſich dem Mädchen, welches Horſa in das Bewußtſein zurückzuru⸗ fen bemüht war. „Halten Sie ihr doch kölniſches Waſſer unter die Naſe, Herr Förſter!“ ſprach der Dicke.„Beſtreichen Sie ihr die Schläfe damit.“ Wenn ich nur erſt tölniſches Waſſer hätte!“ ant⸗ wortete Horſa bedauernd. „Mein Himmel!“ rief der dicke Herr aus—„Sie riechen ſchon auf 8 Schritt darnach und behaupten, keins zu haben?! Eine ganze Apotheke müſſen Sie in Ihren Taſchen haben, ſo ſtark iſt der Geruch um Sie her.“ Mechaniſch griff Horſa in die Taſche. Richtig! er griff in die Scherben eines Fläſchchens und in ein ſtark duftendes Naß— eine heimliche Mitgabe des Friſeurs. In Ermangelung eines geeigneteren Mittels beſtrich Horſa die Lebloſe mit den befeuchteten Fingern, das Amt eines Magnetiſeurs nachahmend. „Wir müſſen das Kind aufſchnüren—“ ſagte jetzt der dicke Herr entſchloſſen.„Wir beide ſind ja Männer und könnten des Mädchens Vater ſein. Die verfluchten Schnürleiber! Sie preſſen Herz und Lunge zuſammen, ₰ o daß der Athem bei der geringſten Veranlaſſung weg⸗ bleiben muß.“ Horſa erröthete tief unter ſeiner Maske; der dicke Herr aber wollte ungeſäumt an's Werk gehen, als das junge Mädchen die Augen öffnete und ſich emporrichtete. „Iſt Niemand verunglückt?“ fragte ſie beſorgt. „Ich fürchte nicht—“ entgegnete der dicke Herr und wendete ſich brummend zu Horſa:„Hätten wir eher mit dem Aufſchnüren gedroht, ſo würde unſere junge Dame weit ſchneller wieder zu ſich gekommen ſein. Die Frauenzimmer wollen ſich nicht in ihre Toilette pfuſchen laſſen. Sind wir Alle aus dem heilloſen Kaſten heraus?“ fragte er dann laut. Er überzählte die Reiſenden. „Sechs!“ rief er aus.„Waren wir nicht ſieben? Wo iſt der oder die Siebente?“ Die Siebente, eine bejahrte Dame, welche, wie Horſa, ſtill im Poſtwagen geſeſſen hatte, lag leblos in deſſen Grunde ausgeſtreckt. Als man ſie zu Tage ge⸗ fürdert hatte, zeigte ſich's, daß ſie am Kopfe blutete und eine Wunde empfangen hatte. Bei dieſer Nachricht be⸗ kam die junge Dame ihre ganze Spannkraft wieder. Sie verband die Matrone und brachte ſie durch ihre Bemi⸗ hungen in's Bewußtſein zurück. Der dicke Herr dagegen wendete ſich zu Horſa und ſagte:„Laſſen Sie uns die Beſpannung in Ordnung bringen. Entwirren wir erſt die Zügel und Stränge und dann wollen wir ſehen, wie wir das Zerſchnittene und Zerriſſene wieder zuſammen⸗ knüpfen, ſo daß die Pferde vor den Wagen gelegt wer⸗ den können.“ Dieſer Vorſchlag, ſo zweckmäßig und natürlich er auch war, ſetzte den Prinzen in die größte Verlegenheit. Zwar war er ein tüchtiger Reiter und geſchickter Roſſe⸗ lenker; allein ein Pferd zu ſatteln, aus⸗ oder anzuſchir⸗ ren, zerſchnittene Stränge durch Knoten wieder zu ver⸗ einen und ähnliche Handgriffe zu vollziehen, wie ſie je⸗ der Stallburſche und Reitknecht leiſtet, vermochte der fürſtlich ge⸗ und verzogene Horſa nicht. Er ſchämte ſich vor ſich ſelbſt und blickte mit wahrem Neide auf die flin⸗ ken Hände des Gutsbeſitzers hin, welche theils Knoten entwirrten, theils Knoten ſchlangen, während Horſa nur nach Alexanders Weiſe mit dem Schwerdte darein ge⸗ hauen hatte und jetzt nichts zu Stande brachte. Der Gutsbeſitzer mochte ſich ſein Beſtes von dem ungeſchickten Förſter denken, welcher ſich einfältiger als ſein Pferdejunge ſtellte; doch ſagte er nichts. „Nun helfen Sie mir den Wagen emporrichten—“ ſprach er nach vollbrachter Arbeit. Die Männer griffen zu und Horſa, ſein Unrecht gut zu machen, ſtrengte ſich jetzt auf das Aeußerſte dabei an. Als der Wagen ſtand und die Pferde eingeſpannt waren, ſo galt die Frage nach dem Poſtillion, von wel⸗ chem nichts zu ſehen und zu hören war. Zwei Männer, welche eilig den Berg herab guit fen kamen, berichteten, daß ſie den Poſtillion bei dem Anfange des Bergabhanges auf der Straße e und völlig todt gefunden hätten. Es war nicht zu bezweifeln, daß der Unglückliche, vom Schlafe übermannt, von ſeinem Sitze geglitten, un⸗ ter die Wagenräder gekommen und gerädert oder von den Pferdehufen zerſtampft worden war. Da an des Berges Fuße ein Dorf lag, wie der des Weges kundige Pfarr⸗ herr verſicherte, ſo beſchloß man, den Poſtwagen dorthin ———— — zu fahren und dann den Poſthalter von dem geſchehenen Unglücksfalle zu benachrichtigen. Die verwundete Dame wurde behutſam in den Wagen geſetzt und die junge ihr zur Stütze beigeſellt; die Männer dagegen zogen vor, den Bergabhang vollends zu Fuße zurückzulegen. Der dicke Gutsbeſitzer beſtieg den Kutſcherſitz und, wie wenn er es gefliſſentlich darauf abgeſehen hätte, den armen Horſa in Verlegenheit zu ſetzen, bat er denſelben, den Hemmſchuh anzulegen, eine Zumuthung, welche der Prinz nicht auszuführen vermochte. „Mordelement““ fluchte nun der Dicke, indem er wieder herabſprang und den Hemmſchuh anlegte—„Sie können ja gar nichts, Herr Förſter! Bekümmern Sie ſich denn nur um Ihre Hirſche, Rehe und Haſen 2 Unterwegs war des Poſtillions gewaltſamer Tod der Hauptgegenſtand des Geſprächs. „Der Kerl muß eine Generalſchlafmütze geweſen ſein—“ ſagte der Schwarzkopf.„Geſetzt auch, daß er die verwichene Nacht auf dem Kutſchbocke zugebracht und darum heute nicht ausgeſchlafen hätte, ſo bleibt mir im⸗ mer eine ſolche Schlafſucht unbegreiflich. Ich getraue mir fünf Tage und eben ſo viel Nächte zu durchwachen und dabei munter zu bleiben wie ein Fiſch im Waſſer.“ „Ein Menſch iſt nicht wie der Andere—“ meinte der Pfarrer—„und ein großer Unterſchied iſt's, ob man in freier, zehrender Luft oder daheim am Schreib⸗ tiſche, ob man nach oder bei heftiger Bewegung des Leibes und Geiſtes, oder in guter Ruhe munter blei⸗ ben ſoll.“ „Wie iſt mir denn?“ rief der Dicke vom Kutſcher⸗ ſitze herab—„Herr! jetzt erſt erkenne ich Sie an der Stimme wieder. Sie hielten ja vor 14 Tagen Bank in Altenburg bei dem Vogelſchießen. Nicht ſo?“ „Ja! Sie haben's getroffen—“ verſetzte der Schwarzkopf—„Und ſollten wir vielleicht die ganze Nacht im Gaſthofe des Dorfes verweilen müſſen und Lange⸗ weile haben, ſo ſtehe ich mit Vergnügen als Banquier Ihnen zu Dienſten.“ „Danke für meine Perſon!“ verſetzte der Dicke. „Das Spielen hat der Teufel erfunden. Ich hatte ge⸗ nug am Zuſehen, wie Sie die reichen Altenburger Pump⸗ hoſen erleichterten und mit leeren Beuteln vom grünen Tiſche heimſchickten. Ei, nun will ich auch glauben, daß Sie mehrere Nächte hindurch munter bleiben können.“ Bald war das Dorf erreicht. Auf die Kunde von dem Unfalle ſammelte ſich die Bewohnerſchaft um den Poſtwagen und die erzählenden Reiſenden. Ein junges Weib, einen Säugling an der Bruſt, ſtürzte herbei mit fliegendem Haar, verſtörtem Geſichte und verzweiflungsvollem Blicke. *„Jeſus!“ kreiſchte ſie—„der Poſtillion? Todt wäre er? Mein Mann iſt er ja! Vor fünf Stunden noch aß er mit uns ſeinen Hirſebrei! Und jetzt todt? über⸗ fahren? Jeſus was ſoll aus mir und den beiden kleinen Würmern werden?“ „Es iſt freilich ein großes Unglück—“ ſprach der Dicke —„aber nehme Sie mir's nicht übel, Frau! Ihr Mann iſt an ſeinem Untergange ſelbſt ſchuld geweſen. Vom erſten Augenblicke an, wo er uns fuhr, habe ich ihn vor dem Schlafen gewarnt. Dafür hat er mir mit Grobheiten gedankt. Dennoch unterließ ich mein Warnen nicht, aber —— er nahm ſich's nicht zu Herzen. Ein Kutſcher darf nun und nimmermehr eine Schlafmütze ſein.“ „Die war er auch nicht, mein Leberecht—“ weinte die Wittwe—„aber Gümmel und Werner und Hadich und Seibicke haben ſeinen Tod auf dem Gewiſſen. Die haben meinen Leberecht, welcher der ordentlichſte Kerl von der Welt erſt war, zu dem verfluchten Kartenſpiele verführt. Drei ganze Nächte hinter einander bis zum frühen Morgen haben ſie zuſammen getippt und gekropp⸗ häuſert und haben meinem Manne das ganze Geld ab⸗ genommen, was er ſich mühſam auf dem Bocke verdient und erſpart hatte. Und dabei haben ſie ihm einmal um's andere bald Bier, bald Schnaps zugetrunken, um ihn nicht zur Beſinnung kommen zu laſſen. Davon muß wohl der tapferſte Mann ſchläfrig werden. O Herr Je! ich arme geſchlagene Frau! Iſt er denn wirklich ganz todt mein armer Leberecht? Wo habt ihr ihn denn lie⸗ gen? So erbarmt euch doch meiner und meiner beiden Würmchen!“ „Da haben Sie gleich ein Loblied auf das Spielen gehört—“ ſprach der Dicke zum Schwarzkopf. „Dummes Zeug!“ verſetzte dieſer.„Was verſteht ein albernes Weib davon! Auch iſt das Spielen nicht für Poſtillione und gemeine Kerle, wohl aber für reiche und gebildete Leute, die ſich zu beherrſchen wiſſen, auch wenn ihnen das Glück einmal den Rücken kehrt.“ „Ja, wenn ſie ſich zu beherrſchen wüßten 1“ erwie⸗ derte der Dicke.„Schon derjenige, welcher ſich zum Spielen hinſetzt und anfängt, weiß ſich nicht zu beherr⸗ ſchen, geſchweige denn, wenn er verliert oder viel gewinnt. Dann verſpielt er mit dem Gelde zugleich den Verſtand und den freien Willen.“ „Ich muß Ihnen widerſprechen—“ ſagte der Schwarzkopf—„Nehmen Sie mich zum Beiſpiel an. Ich habe mehrmals ſchon 50,000 Thaler gewonnen ge⸗ habt, aber auch wieder verloren. Ich bin aber deswe⸗ gen weder aus der Haut gefahren, noch habe ich mir eine Kugel durch den Kopf gejagt. Ich mag gewinnen oder verlieren, ſo behalte ich mein kaltes, ruhiges Blut. Kein Muskelzug verräth auf meinem Antlitze, daß mein Inneres bewegt iſt. Daraus geht denn doch unbeſtreit⸗ bar hervor, daß ich—“ „Daß Sie ein vollendeter oder verknöcherter Spie⸗ ler, oder, mit einem andern Worte— Sie verzeihen meiner Offenherzigkeit— daß Sie ein— Teufel ſind, der zu Allem fähig iſt—“ ſagte der Dicke. „Ich beweiſe Ihnen, daß ich Herr über mich bin—“ erwiederte der Spieler—„indem ich Ihre beleidigenden Worte ganz kaltblütig einſtecke.“ „Noch weit lieber würdeſt Du meine Goldfiſchchen einſtecken—“ brummte der Dicke vor ſich hin. Während der beſchädigte Wagen in aller Eile wie⸗ der hergeſtellt, das Riemenzeug ausgebeſſert und ein andrer Poſtillion herbeigeſchafft wurde, war auch die Wunde der älteren Reiſenden von dem Dorfarzte unter⸗ ſucht, verbunden und für nicht lebensgefährlich erklärt worden. Nach einiger Zeit brachte man den Todten, neben deſſen Tragbahre die Wittwe heulend herlief. Der Pfarrherr nahm bei dieſer Gelegenheit das Wort, indem er anhob: —— „Meine geehrten Mitreiſenden! Durch Gottes gnä⸗ digen Schutz ſind wir ſo eben einer großen Gefahr ent⸗ gangen. Wie wäre es, wenn uns dies geneigt machte, ein Werk chriſtlicher Liebe und Barmherzigkeit auszuüben? Laſſen Sie uns, je nach unſern Kräften, der Wittwe des Mannes eine Gabe reichen, welcher ſeine Schlafſucht mit dem Leben gebüßt hat.“. Der Pfarrherr nahm hierauf ſeinen Hut, warf ſelbſt einen Thaler hinein und ſammelte dann bei den Reiſen⸗ den, die mehr oder weniger opferten. Horſa, dem Zuge ſeines Herzens folgend, vergaß, daß er ein Flüchtling und daß Seifrieds Börſe ſeine ganze Habe war. Er gab fürſtlich, er gab Gold! Der gelbe Glanz deſſelben wirkte ſelbſt auf den geiſtlichen Herrn ſo zauberiſch, daß er dem Spender eine tiefe Verbeugung machte. Der ſchwarzköpfige Spieler machte große Augen und betrachtete den angeblichen Förſter und deſſen gold⸗ gefüllte Börſe genauer. Horſa aber fühlte ſich reich be⸗ lohnt durch den leuchtenden Blick freudiger Rührung, welcher aus des hübſchen Mädchens Augen zu ihm ſprach. Bereits ging der Pfarrherr, die reiche Goldgabe der weinenden Wittwe in die Schürze zu ſchütten, als der dicke Gutsbeſitzer ihn plötzlich zurückhielt. „Sie nehmen mir's nicht übel—“ ſprach er zu je⸗ nem—„wenn ich mich mit Ihrem Vorhaben nicht ein⸗ verſtanden erkläre. Was wollen Sie thun? Gutes oder Böſes? Gewiß nur Gutes. Wenn Sie aber dem Weibe auf einmal eine Geldſumme ſchenken wollen, wie ſie die⸗ ſelbe vielleicht in ihrem Leben noch nicht ſo groß geſehen und beſeſſen hat: ſo kann gar leicht etwas Böſes dadurch geſtiftet werden. Wir wiſſen ja nicht, ob das Weib nicht Nieritz, Fürſtenſchule. I. 6 —— eben ſo leichtſinnig iſt wie ihr verunglückter Mann, ob ſie nicht im Vertrauen auf das ſcheinbar viele Geld nach⸗ läſſig im Arbeiten und verſchwenderiſch in ihrem Haus⸗ halten wird; ob ſie klug genug iſt, das Geld wohl zu verwahren und nicht einem böſen Schuldner zu leihen?“ „Sie haben vollkommen Recht—“ erwiederte der Pfarrherr nicht ohne Scham.„Ich erkenne meine Un⸗ klugheit und unterwerfe mich daher ganz Ihrer Erfah⸗ rung. Was wollen wir machen?“ Der Dicke wendete ſich an den Wirth und fragte dieſen, ob im Dorfe ein Pfarrer, Schulmeiſter, Ritter⸗ gutsbeſißer oder Richter ſei, welcher, verſtändig und recht⸗ ſchaffen, ſich der Sorge für die Wittwe des Poſtillions unterziehen würde. „Hm!“ ſagte der Wirth—„unſer Pfarrer und Schulmeiſter, auch der Richter und unſer Gutsherr ſind brave Männer, denen nichts als Gutes nachzureden iſt. Wenn ich aber offen meine Meinung ſagen ſoll, ſo ſcheint mir unter Allen ein penſionirter Lieutenant den Vorzug zu verdienen. Der Mann lebt ſeit 12 Jahren in unſerm Dorfe, beſitzt nur eine kleine Häuslernahrung und hat kurioſe Manieren an ſich. Aber was die Lebensklugheit anbelangt und wie er die Leute bei der rechten Seite packen ſoll: darauf verſteht ſich Niemand beſſer als unſer Lieutenant Kurz. „Kurz?“ fragte der Dicke raſch—„Ei, den kenne ich mehr als zu gut. Dieſer iſt ein alter, lieber Freund von mir, von dem ich ſeit Jahren nichts mehr gehört habe. Ihm wollte ich ganze Tonnen Goldes anvertrauen, ohne ein Unterpfand dagegen zu verlangen. Wo iſt die alte, treue Seele?“ „Traugott!“ ſprach der Wirth zu ſeinem Sohne— „ſpringe ſchnell zum Herrn Lieutenant hinunter und ſage ihm, daß ihn ein alter Bekannter zu ſprechen wünſcht. Er kommt das ganze Jahr nicht über meine Schwelle—“ fuhr der Wirth zu dem Dicken fort—„aber ich kann ihm deshalb nicht gram ſein.“ Während man auf die Ankunft des Lieutenants war⸗ tete, hob der Schwarzkopf zu den Reiſenden an:„Wie wär's, wenn wir, um uns die Zeit des Wartens zu ver⸗ treiben, ein Spielchen machten? Kennen Sie das Pharo⸗ ſpiel?“ wendete er ſich zu der jungen Dame. Dieſe ſchüttelte verneinend das Haupt. „Aber Sie, Herr Förſter?“ fuhr der Schwarzkopf zu Horſa fort. Auch dieſer verneinte die Frage. „Nicht möglich!“ verſetzte der Schwarzkopf er⸗ ſtaunt.—„Wie? ein Mann von Ihren Jahren, Ihrem Stande und Ihrer Bildung und kennt das Pharoſpiel noch nicht?!“ „Er weiß auch nicht ein Pferd anzuſchirren, ja nicht einmal einen haltbaren Knoten zu knüpfen—“ ſprach der Dicke lachend, doch gutmüthig. „Das müſſen Sie lernen—“ fuhr der Schwarzkopf fort—„Ich habe Karten bei mir. Wir ſpielen nur zum Spaß und daher nicht um Geld. Nehmen Sie Platz, meine geehrten Hrren und Damen. Ich werde den Bankier vorſtellen und Ihnen, die Sie das Pharo⸗ ſpiel noch nicht kennen, die nöthige Erklärung geben.“ „Mein Herr—“ ſprach der Pfarrherr—„Sie kommen mir vor wie die Neapolitaner, welche ſich auf demſelben Lavaſtrome anſiedeln, welcher vor Jahren Al⸗ * — les verwüſtet hatte, was von dem menſchlichen Fleiße hervorgebracht worden war. Wir haben kaum ein un⸗ glückliches Opfer der Spielſucht vor Augen gehabt, ſo wollen Sie uns ſchon wieder zum Spiele verleiten.“ „Daß doch die Herren Geiſtlichen das Predigen und Moraliſiren nicht laſſen können, ſelbſt wo es nicht ange⸗ wendet iſt—“ entgegnete der Schwarzkopf verdrießlich. „Hier handelt ſich's weder um die Führung eines Poſt⸗ wagens, noch um Spiel⸗ oder Schlafſucht, nicht um Geldverluſt oder Verzweiflung. Im Gegentheil, um die Schlafſucht von uns zu bannen, wollen wir einen un⸗ ſchuldigen Zeitvertreib beginnen.“ „Erzittre—“ hob die verwundete Matrone mit bewegter Stimme an—„vor dem erſten Schritte! Mit ihm ſind ſchon die andern Tritte zu einem nahen Fall gethan.“ „Bravo!“ rief der Dicke.„Selbſt im Spaße wol⸗ len wir dem Spielteufel keinen Finger bieten.“ „Ich ſpiele nicht mit—“ ſagte das Mädchen. „Ich auch nicht—“ Horſa. Der Schwarzkopf warf Letzterm einen Blick zu und hatte bereits eine beißende Erwiderung au der Lippe, als des Lieutenants Eintritt ihm wieder verſchloß. Alle Augen wendeten ſich auf den Ankömmling, wel⸗ cher, ein Fünfziger, von langer Geſtalt, hager und das ſchmale Angeſicht mit einem ſchwarzen Schnurrbarte ge⸗ zeichnet, mit einem„guten Abend“ in die Gaſtſtube trat. Der Kopf des Lieutenants, den er mit ſoldatiſcher Haltung trug, war mit einer Mütze, ſein Leib mit einem blauen Ueberrock bedeckt. Ein lebhaftes, durchdringen⸗ des Auge blickte unter buſchigen Braunen hervor und die Stimme erklang in einem volltönenden Baſſe. Der dicke Herr ging ihm entgegen und ſprach, ſeine Aerme ausbreitend:„Willkommen, Freund Kurz! Du kennſt doch hoffentlich Deinen alten Schmiedel noch?“ Kurz umhalſ'te ſeinen Freund; dann verſetzte er lächelnd:—„Der alte Schmiedel war mir lieber als der neue, den ich jetzt vor mir ſehe.“ „Wie ſo?“ fragte jener betroffen. „Der alte Schmiedel trug nicht ſo viel faules Fleiſch mit ſich herum—“ verſetzte Kurz trocken, indem er auf die Wohlbeleibtheit ſeines Freundes anſpielte. Schmiedel ward roth und erwiederte:„Das macht ſich ſo mit den Jahren. Uebrigens hat mir mein Arst ſchon voriges Jahr angerathen, auf vier Wochen nach Karlsbad zu gehen. Sobald ich mit der Aerndte zu Stande bin, ſoll die Reiſe fortgehen.“ Kurz ſchüttelte das Haupt.„Damit bin ich nicht einverſtanden—“ ſprach er.„Oder meinſt Du wirklich, daß Du in vier Wochen wieder fortſchaffen kannſt, was Du in einer langen Reihe von Jahren des Guten zu viel gethan haſt? Schwächen wirſt Du Deinen Körper, anſtatt zu heilen. Du kannſt Dir die Reiſe nach Karls⸗ bad erſparen und Dich daheim kuriren. Wird Dein Knecht beim Ackern, Eggen, Säen, Schneiden, Dreſchen, Miſtladen, Holzroden, bei ſeiner einfachen Koſt und frü⸗ hem Aufſtehen etwa auch ſo dick wie Du? Mache es wie er und Du wirſt Deine Fettheit verlieren und geſund blei⸗ ben. Aber ich fürchte, Du wirſt nicht Herr über Deine Zunge und Deinen Gaumen ſein können und darum — möchte ich Dein Arzt werden, welcher Dich viel arbeiten und nur ſchmale Biſſen nehmen läßt.“ „Da habe ich auch mein Theil bekommen!“ ſprach Schmiedel, ohne übelgelaunt zu ſein.„Nun, ich werde mir Deine Lehren hinter's Ohr ſchreiben. Jetzt aber handelt ſich's nicht um meine Kur, ſondern um die Wittwe des verunglückten Poſtillions Wurm aus Deinem Dorfe.“ Schmiedel machte nun den Lieutenant mit dem Vor⸗ gefallenen bekannt und bat ihn, das Geld und zugleich die Sorge für die Wittwe und deren Kinder zu über⸗ nehmen. „Wir leben in einer Zeit—“ ſagte Kurz—„in welcher die Mehrzahl der Menſchen denkt, ihre Pflicht gegen den Nächſten gänzlich erfüllt zu haben, wenn ſie in die Taſche greift und eine Gabe an Gelde opfert. Dann giebt man dem Nothleidenden oder Bittenden die ganze Summe und bekümmert ſich nicht weiter darum, ob dadurch Gutes oder Böſes bewirkt wird. In den meiſten Fällen aber wird Böſes geſtiftet, und jemehr ge⸗ geben wird, deſto mehr werden ſich der Bittenden mel⸗ den. Die rechte Hülfe iſt die, daß man den Bedrängten dahin bringt, daß er durch eigene Thätigkeit ſich für die Dauer helfe.“ Hierauf nahm Kurz die eingeſammelte Gabe in Empfang und ſtellte eine Quittung darüber aus. Wie er das Geld anwenden werde, ſagte er jetzt nicht, weil, wie er behauptete, dies den Umſtänden nach geſchehen müſſe. Als ſein Blick auf die beſchädigte Matrone fiel, ſprach er voll Theilnahme:„Getrauen Sie ſich denn, liebe Frau Salzinſpektorin, die Reiſe fortzuſetzen?“ „Kennen Sie mich denn?“ verſetzte jene erſtaunt. —————— —— „Ich werde doch—“ antwortete Kurz.„Habe ich doch in Geſchäftsverbindnng mit Ihrem ſeligen Gatten geſtanden und manche Stunde in deſſen Geſellſchaft ver⸗ lebt. Ah, auch Sie hier, Herr Pfarrer Schwarz? Sind Sie einmal aus Ihrem Müggendorf herausgekommen?“ „Ich aber kannte Sie bis jetzt nicht—“ erwiederte Schwarz ganz betroffen—„und kann mich auch nicht beſinnen, mit Ihnen zuſammen geweſen zu ſein.“ „Ein Pfarrer—“ entgegnete der Lieutenant—„iſt vermöge ſeines Amtes eine persona publica und iſt er überdies ein ſo guter Redner wie Sie, ſo ſucht man we⸗ nigſtens mittelſt der Kirche in ſeine Geſellſchaft zu kommen. Guten Abend auch, Herr Tittel! Wie freut mich's, daß Sie keinen Schaden bei dem Umſturze des Poſtwagens genommen haben.“ Herr Tittel, der ſiebente und bis jetzt faſt ſtumm geweſene Paſſagier brach jetzt in die verwunderten Worte aus:„Mein Herr Lieutenant, ſind Sie denn allwiſſend?“ „Das nicht—“ verſetzte Kurz lächelnd—„nur bin ich viel in der Welt herumgekommen, beſitze auch ein gutes Perſonen⸗ und Namengedächtniß.“ „Da ſitzt auch noch ein Herr—“ ſprach Schmiedel, indem er auf den Schwarzkopf deutete, welcher verdrieß⸗ lich und von den Sprechenden abgewendet daſaß. „Herr von Wolf!“ ſagte der Lieutenant kurz und wendete ſich ſchnell ab, um der jungen Dame eine freund⸗ liche Verbeugung zu machen:„Wie freue ich mich, Fräu⸗ lein Schütz—“ ſprach er—„auch Sie hier zu treffen! Wie geht's in Hohenmölſen? Wird Ihr Herr Vater noch lange in Frankfurt bleiben?“ — „Das iſt wirklich kurios!“ meinte Schmiedel— „Mein Freund Kurz kennt uns Alle. Doch, wie ſteht's mit unſerm Herrn Förſter, welcher nicht einmal— doch ich will nicht mehr ſticheln—“ „Dieſer Herr iſt mir unbekannt—“ ſprach Kurz, Horſa ſcharf muſternd.„Er iſt nicht, was er ſcheinen will—“ fuhr er leiſe zu dem Dicken fort.„Und vor dem von Wolf hütet Euch. Er iſt ein ſchlechter Kerl.“ „Traratrara!“ ſchmetterte hier das Poſthorn außen vor dem Gaſthofe und gab das Zeichen zum Aufbruche. Die Reiſenden nahmen ihre Plätze ein und der Wagen fuhr ab. Es trat in demſelben eine allgemeine Stille ein, indem Jedes ſich ſeinen Gedanken oder der Ruhe überließ. Bald aber begann die Frau Salzinſpektorin zu huſten. Ihr nach folgte Fräulein Schütz. Beide Damen hielten ihr Taſchentuch vor das Antlitz. „Den Damen fällt der Rauch Ihrer Cigarre be⸗ ſchwerlich—“ hob der Pfarrherr zu dem Herrn von Wolf an. Dieſer ſchwieg. „Sie qualmen in der That ſo ſtark, als wollten Sie uns insgeſammt räuchern—“ bemerkte Schmiedel. „Setzen Sie ſich doch wenigſtens ſo, daß Sie den Da⸗ men nicht den Rauch geradezu in das Geſicht blaſen.“ „Ich kann rauchen und ſitzen, wie mir's beliebt—“ verſetzte von Wolf grob. „Wenn Sie hier allein wären, ja!“ ſprach der Pfar⸗ rer.„So aber erfordert es die Billigkeit, ja der An⸗ ſtand gegen Damen, die des Rauchens ungewohnt ſind, daß Sie ſich mäßigen. Wir würden faſt erſticken müſſen, wenn wir fünf Männer in dieſem engen, verſchloſſenen — — Raume insgeſammt rauchen wollten. Sie hatten ja Zeit, im Wirthshauſe zu rauchen.“ „Erſparen Sie ſich die Worte—“ unterbrach ihn der Spieler—„Ich werde doch rauchen, ſo viel und lange es mir beliebt. Ich bin frei und will mir von Niemandem meine Freiheit beeinträchtigen laſſen.“ „Ich behaupte dagegen—“ bemerkte der Pfarrer— „daß Sie nichts weniger als frei ſind. Wir rauchen wohl insgeſammt, aber wir vier beherrſchen uns jetzt, weil wir die Damen nicht beläſtigen wollen. Sie aber find ein Knecht des Rauchens und können Ihrer Luſt nicht widerſtehen. Wie nun, wenn wir mittelſt einer ſchrillenden Pfeife zu pfeifen anfangen wollten, ſo daß Ihnen die Ohren gellten? Oder wenn Einer von uns eine Drehorgel bei ſich führte und uns mit deren Miß⸗ klängen quälte?“ „Man nennt die Männer immer das ſtarke, uns Frauen dagegen das ſchwache Geſchlecht“— ſprach Fräu⸗ lein Schütz—„Aber ich behaupte, daß die Sache um⸗ gekehrt ſei. Man wirft uns die Liebe zum Kaffee⸗ und Theetrinken, zum Kucheneſſen und Romanleſen vor. Al⸗ lein wann ſehen Sie auf der Straße Frauen, welche in ihrem Strickbeutel eine Kaffeekanne und Kaffeetaſſe mit ſich führten, um aller 5 Minuten einen Schluck zu neh⸗ men? Welch eines Geſpöttes würden ſich ſolche Frauen unfehlbar ausſetzen? Was ſehen Sie dagegen an den Männern? Wie die kleinen Kinder nicht ohne den Zolp, ſo können die Männer nicht leben ohne die Cigarre im Munde zu führen. Die Cigarre iſt's, wornach die Hand des Mannes am frühen Morgen zuerſt greift. Die Ci⸗ garre muß ihn begleiten, wenn er ausgeht. Ja, ich ſehe —— es noch dahin kommen, daß man im Theater, in der Kirche, in der Vorleſung des Profeſſors, in der Schule raucht. Ich glaube ſogar, daß, wenn man einem Manne die Wahl frei geben wollte, ſeine Gattin oder das Rau⸗ chen aufzugeben, er lieber jene, denn dieſe miſſen würde. Und die, welche des Tabaks Sklaven ſind, ſollen die ſtärkeren des Menſchengeſchlechts ſein? Da klagen die Leute immer über die Menge und Größe der Steuern. Aber über die enorme Steuer, welche ihnen das Tabakrauchen auferlegt, beſchwert ſich keiner. Welche Flächen Landes gehen durch den Tabaksbau dem Getreidebaue verloren! Wie viele Millionen Thaler mögen alljährlich nutzlos, ja ſelbſt ſchadenbringend in die Luft verplatzt werden!“ „Mademviſelle—“ ſagte Wolf hier ſchneidend— „läſtiger noch, als Ihnen mein Rauchen wird mir Ihr Gewäſch. Unmöglich kann Sie der Rauch am Athmen behindern, da Ihre Zunge noch ſo geläufig plau⸗ dern kann.“ „Herr!“ rief Horſa aufbrauſend—„werden Sie nicht unanſtändig gegen dieſe Dame! Wiſſen Sie noch nicht, daß Sie im Eilpoſtwagen nur dann rauchen dür⸗ fen, wenn die übrigen Mitreiſenden nichts dagegen ein⸗ wenden? Wir aber haben insgeſammt etwas dagegen ein⸗ zuwenden, folglich werden Sie das Rauchen einſtellen.“ „Das werde ich nicht—“ verſetzte Wolf giftig— „und am allerwenigſten auf Ihr Geheiß.“ „So werde ich Ihnen die Cigarre aus dem Munde ſchlagen—“ ſprach Horſa, in ſeinen alten Jähzorn ge⸗ rathend—„Sie ſelbſt aber aus dem Wagen werfen.“ „Mein Herr Förſter oder was Sie ſonſt ſein mö⸗ gen—“ ſagte Wolf verächtlich—„Sie erlaubten ſich —— bereits vorhin gegen mich einiger Handgriffe, die ich nur durch Ihre unmännliche Angſt bei dem Umſturze des Wa⸗ gens entſchuldigte und verzieh. Was aber Ihre ſo eben ausgeſprochenen Worte anbelangt, ſo würde ich ſolche ahn⸗ den, wenn, was ich gänzlich bezweifeln muß, Sie von Adel wären. So aber tröſte ich mich mit dem bekannten Sprüchworte: Wenn mich ein Eſel tritt, das acht' ich nicht.“ Eine heftige Handbewegung Horſa's folgte dieſer verletzenden Rede und in dem Schimmer der Wagenla⸗ terne blitzte die halbgezückte Klinge des Hirſchfängers. Beide Hände der erſchrockenen jungen Schönen, ſo wie die derben des dicken Schmiedels verhinderten das Weitere. „Ei, ei!“ ſagte Schmiedel vorwurfsvoll.„Der Herr Förſter ſcheint doch die Kinderſchuhe längſt ſchon ausge⸗ treten zu haben und iſt gleichwohl noch eben ſo hitzig wie der jüngſte Brauſewind! Wenn Herr von Wolf ein Sklave des Rauchens iſt, ſo ſind Sie es nicht minder des Jähzorns. Und derſelbe iſt ein noch weit ſchlim⸗ merer Patron als das Tabakrauchen. Alſo, hübſch bei ruhigem Blute geblieben! Mordelement! Sie werden doch nicht im Poſtwagen eine Rauferei beginnen und die Da⸗ men in Todesangſt jagen wollen? Dann wären Sie ja noch ungalanter als Herr von Wolf. Fräulein Malchen! tauſchen wir unſere Plätze. Sie ſetzen ſich neben den heißblütigen Herrn Förſter— das Lamm neben den Lö⸗ wen— ich mich neben den feuerſpeienden Wolf. Sie zähmen durch Ihre Sanfmuth den wilden Nachbar und ich nehme es mit dem Rauche der Cigarre auf.“ +— Horſa bereute jetzt ſeine Hitze, durch welche er bei⸗ nahe zu weit größerer Unanſtändigkeit verleitet worden wäre, als Wolf durch ſein rückſichtsloſes Tabakrauchen bewieſen hatte. Dann aber ſah er es gar nicht ungern, daß ein hübſches Mädchen an ſeiner Seite Platz nahm, welches dies in aller Unbefangenheit that, da Horſa, dem Anſcheine nach, füglich an Jahren ihr Vater ſein konnte. Die Reiſe ging ohne weiteren Unfall und ohne fer⸗ nere Störung von Statten. Als der junge Tag mit ſeinem Lichte anbrach, ging es ſehr ſtill in dem Poſtwa⸗ gen zu. Mit Ausnahme Horſa's ruhten alle Reiſenden in des Schlummergottes Aermen. Fräulein Schütz lehnte gegen Horſa's Schulter; ihr Haupt hatte ſich auf deſſen Bruſt gebettet. Der junge Fürſt blickte auf eine Fülle braunen Haares, in einen weißen Nacken und auf ein zart geröthetes Ohr hernieder, in welchem ein kleiner Goldreif mit einer Perle glänzte. Der Pulsſchlag, un⸗ ter welchem ſich der Oberkörper der Jungfrau hob und ſenkte, bewegte auch Horſa's Herz zu raſcherem Schlage und ſüß nur ward ihm, der noch nie in ſolcher Nähe eines jugendlichen weiblichen Weſens ſich befunden, die kleine Laſt. Das Raſſeln der Wagenräder über das holperige Straßenpflaſter eines Städtchens verſcheuchte aus dem Poſtwagen den Schlummergott. Das junge Mädchen erwachte zuerſt, erhob erſchrocken ihr Haupt, ſtrich ſich das Haar aus dem Geſicht und warf unter einem Errö⸗ then ihrem bisherigen Ruhekiſſen einen verlegenen Sei⸗ tenblick zu. Dieſes bediente ſich inſtinktartig einer klei⸗ nen Kriegsliſt, indem es ſeine Augen ſchnell ſchloß und —— dann unter einem langen Athemzuge langſam und träu⸗ meriſch wieder öffnete. Nichts war natürlicher, als daß Amalie mit raſchen Händen ihren Anzug ordnete. Dann verzog ſich ihr Mund zu einem anmuthigen Lächeln und hauchte den erwachenden Nachbarn einen freundlichen gu⸗ ten Morgen zu. „In Waldau wären wir alſo!“ hob Schmiedel jetzt an—„in der Grenzſtadt des Landes! Zwei Stunden nur noch und wir ſind im Königreiche Rogatien. Ich aber bleibe im Vaterlande und nähre mich redlich. Darum gehe ich hier ab und ſollte Jemand von Ihnen in Hip⸗ poldisweiler zu beſtellen haben, der wende ſich an mich und es ſoll gewiſſenhaft ausgerichtet werden.“ „Ich will auch dahin—“ geſtand Amalie. „Sie? ei das wäre!“ rief der Gutsbeſitzer aus. „Dann können wir ja zuſammenreiſen. Ich erwarte hier meinen Wagen und in demſelben finden wohl mehrere Exemplare ſo hübſcher Jungfrauen Platz.“ „Wenn Sie ſo ſprechen—“ verſetzte das Mäd⸗ chen—„ſo werden Sie mich beſtimmen, Ihr freundliches Erbieten auszuſchlagen und die kleine Wegſtrecke zu puße zurückzulegen.“ „Ach, papperlappap!“ lochte Schmiedel—„hab⸗ ich etwa gelogen? Hat Ihnen Ihr Spiegel nicht ſchon mehr als hundertmal und noch beſſer geſagt, als ich al⸗ ter Mann es kann, daß— nun, nun ich bin ja ſchon ſtill! Sie brauchen weder zu erröthen, noch ungehalten darüber zu werden, daß unſer Herrgott das Weib zu ſeinem Meiſterſtücke geſchaffen hat. Aber, da ich auf den Spiegel zu ſprechen komme, ſo meine ich, daß der Herr Förſter neben Ihnen recht wohl thät, wenn er ſich in — einem ſolchen beſchaute. Alle Wetter! Herr! Sie müſ⸗ ſen ſich dieſe Nacht beim Aufrichten des Poſtwagens Schaden gethan haben. Donner und Blitz! Ihr dicker Bauch ſitzt ja jetzt auf der linken Seite und Ihr Kopf⸗ haar auf der rechten! Das Fflaſter, welches geſtern Abend noch auf Ihrer linken Wange klebte, iſt bis zur Halsbinde hinabgerutſcht und Ihr Antlitz gleicht nicht übel einem bunten Schmetterlinge, den eine tölpiſche Knabenhand zwiſchen den Fingern gehabt hat.“ Dieſe Worte verſetzten den verkappten Förſter in die lebhafteſte Beſtürzung, die mehr und mehr wuchs, als die Blicke Aller ſengend und forſchend auf ihn ſich rich⸗ teten. Beſonders bohrend waren die des Spielers und Horſa las in ihnen nichts Gutes für ſeine Perſon. Ein Zwiſchenſpiel kam ſeiner grenzenloſen Verlegen⸗ heit zu Hülfe. Die Aufmerkſamkeit der Reiſenden wurde durch Trommelwirbel und das Zuſammenſtrömen einer Volksmenge, welche den Lauf des Poſtwagens hemmte, auf einen neuen Gegenſtand gelenkt. Derſelbe war ein Ausrufer, welcher, nach eingetretener Ruhe, zur Ergrei⸗ fung des vormaligen Landesfürſten Horſa aufforderte und dabei deſſen Perſonbeſchreibung, ſo wie die Größe der ausgeſetzten Belohnung verkündete. Welche Gefühle hierbei den verkappten Förſter durch⸗ wogten, kann man ſich denken, auch glaubte er, und nicht ohne Grund, in den auf ihn gerichteten, lauernden Blicken des Spielers ſeinen Verräther zu erkennen. In fortwährender Angſt blieb er im Wagen ſitzen, als dieſer ſpäter vor dem Poſthauſe hielt und die übrigen Reiſen⸗ den abſtiegen, theils um ein Frühſtück zu genießen, theils weil ſie das Ziel ihrer Reiſe erreicht hatten. Nach einer kleinen Weile zeigte ſich in demjenigen Wagenſchlage, welcher dem Poſthauſe abgewendet war, die Geſtalt des ehrlichen Gutsbeſitzers. „Mein Herr Förſter—“ hob er zu Horſa halblaut und eilig an—„oder was Sie ſind— ich ward ſo eben Ohrenzeuge, wie der ſaubere Herr von Wolf dem Hausknechte heimlich auftrug, ein wachſames Auge auf Sie zu haben und wie er dann, nachdem er ſich nach der Wohnung des Amtshauptmanns erkundigt hatte, raſch davon ging. Ungeachtet Ihres ſonderbaren, beweglichen Bauches halte ich Sie für einen rechtlicheren und wegen Ihrer Großmuth gegen die Poſtillionswittwe, für einen beſſeren Mann als den Spieler Wolf. Deshalb ſetze ich Sie in Kenntniß von des Letzteren Maßregeln, für den Fall, daß Sie eine Entdeckung zu fürchten hätten. Ich bin ein ehrlicher Kerl— was aber find Sie? Und wer ſind Sie eigentlich? „Ich bin— ich war—“ ſtammelte Horſa verle⸗ gen— dann ſich ermannend, fuhr er mit majeſtätiſcher Würde fort:„Ich bin der verfolgte Fürſt Horſa!“ Betroffen trat Schmiedel einen Schritt zurück. Gleich darauf aber flüſterte er dem Fürſten zu:„Steigen Sie ſchnell aus— der Hausknecht wird eben abgerufen— folgen Sie mir— ich werde Sie zu retten ſuchen.“ Horſa hatte bereits ſeine Haartour wieder zurecht gerückt. Den verſchobenen falſchen Leib verbarg er un⸗ ter dem Mantel und ſo bewirkte er ſeinen Austritt aus dem Poſtwagen. Hier faßte ihn Schmiedel vertraulich unter den Arm und entfernte ſich mit dem Fürſten plau⸗ dernd langſamen Schrittes, den er erſt ſpäter beſchleunigte, als beide aus der Nähe des Poſthauſes waren. „Verlieren Sie die Geiſtesgegenwart nicht—“ raunte Schmiedel ſeinem Begleiter zu—„nur e und Muth können Sie retten.“ Vorſichtig ſpähte Schmiedels Auge beim Weiterge⸗ hen umher. Eben bogen die Flüchtlinge in eine Seiten⸗ gaſſe ein, als Schmiedel an deren anderem Ende den Spieler in Begleitung mehrerer Häſcher nahen ſah. „Umkehren und fliehen würde uns augenblicklich ver⸗ rathen—“ murmelte Schmiedel.„Treten wir in das nächſte Haus ein. Vielleicht hat uns der Spitzbube noch nicht geſehen.“ Daos nächſte Haus enthielt, wie die aufgehängten gelben Meſſingbecken bewieſen, in ſeinem Erdgeſchoſſe eine Barbierſtube. In dieſelbe trat Schmiedel mit Horſa. Der Herr Barbier ſaß frühſtückend am Kaffeetiſche; ſein Gehilfe dagegen ſtand im Begriff, den Scheerbeu⸗ tel unterm Arme, die Kunden zu bedienen zu gehen. „Wir ſind Reiſende—“ hob Schmiedel haſtig an— „und wünſchten, während unſere Pferde gewechſelt wer⸗ den, barbiert zu ſein. Daher iſt Eile nöthig. Hier iſt ein halber Gulden und nun raſch an's Werk.“ Ei, wie flink rührten ſich da die Hände des Herrn, wie ſeines Gehilfen! In der nächſten Minute ſaßen Schmiedel mit Horſa, mit weißen Servietten umhüllt, das halbe Antlitz unter Seifenſchaume verborgen, auf zwei Stühlen und unter dem blanken Scheermeſſer da. Kaum daß die erſten Striche geſchahen, ſo nahte auch ſchon der Verräther Wolf mit ſeiner Schaar mit eiligen Schritten. Durch die geöffneten Fenſter der Bar⸗ bierſtube herein warf er einen forſchenden Blick auf die beiden Eingeſeiften, die er mochte haben in's Haus gehen —— ſehen, ohne ſie jedoch in der weiten Entfernung deutlich zu erkennen. Schmiedel verzog ſein Geſicht bis zur Unkenntlich⸗ keit und Horſa folgte inſtinktartig dieſem Beiſpiele. Eine halbe Minute der ſchrecklichſten Ungewißheit und Seelenangſt verſtrich, nachdem Wolf und deſſen Be⸗ gleitung an den Fenſtern vorübergegangen waren. Als aber die Thüre nicht aufging, keine Häſcher hereinſtürz⸗ ten, ſondern Alles ſtill blieb, ſprang Schmiedel von ſei⸗ nem Sitze auf. „Donnerwetter! da ſchmettert wahrlich das Poſthorn ſchon!“ rief er aus.„Kommen Sie, liebſter Förſter! Behalten wir lieber unſern halben Bart, als daß wir das bezahlte Fahrgeld im Stiche laſſen.“ Unter dieſen Worten wiſchte der Gutsbeſitzer ſich den Seifenſchaum aus dem Geſichte, was auch Horſa that. Der Barbier, bereits einer reichlichen Bezahlung ſich erfreuend, machte keine Einwendungen, und ſo ver⸗ ließen die Halbbarbierten die Stube, um angeblich durch das Hinterhaus und den Garten eher zum Poſthauſe zu gelangen. Kaum daß der Gutsbeſitzer auf die andere Gaſſe gelangte, rief er freudig ſeinem Begleiter zu: „Das paßt wie gerufen! Dort ſehe ich meinen Chriſtian mit dem Wagen kommen. He! he! Chriſtian! ſpute Dich! hierher, Chriſtian!“ Die Pferde griffen aus und bald hielt der Wagen vor dem Männerpaare ſtill. „Steigen Sie ein, liebſter Förſter!“ ſprach Schmie del und öffnete den Schlag.„Und ſollte Ihnen nach der Nachtfahrt die friſche Morgenluft zu kühl werden, Nieritz, Fürſtenſchule. l.„ ſo können wir ja das Vorderdeck des Wagens herunter⸗ ſchlagen.“ Die Männer ſtiegen ein; der Kutſcher lenkte um und fort ging es! „Wenn wir nur die Stadt im Rücken hapent hob Schmiedel gedämpft an.„Ich mag nicht hinſehen, wenn der Spieler den Vogel aus dem RNeſte geflogen findet. Donner und Blitz! Da wandelt Fräulein Mal⸗ chen vor uns fürder. Was iſt zu thun? Ich hatte ver⸗ ſprochen, ſie in meinem Wagen mitzunehmen. Hm! ſo geht's! Laut fuhr er jetzt fort, ſo daß Chriſtian, der Kutſcher, jedes Wort hören mußte:„Dort pilgert unſer hübſches Malchen nach Hippoldisweiler. Raſch, lieber Förſter, kriechen Sie unter das Deckleder und verhalten Sie ſich daſelbſt ſtill, bis Malchen eingeſtiegen und Sie entdeckt haben wird.“ Horſa that, wie ihm geboten worden. Bald hatte die Kutſche die munter vorwärts ſchreitende Jungfrau, deren Reiſegepäck eine Frau im Tragkorbe nachtrug, ein⸗ geholt. „Halt, Chriſtian!“ rief Schmiedel und öffnete den Wagenſchlag.„Da bin ich mit meinem Wagen, beſtes Fräulein. Steigen Sie ein und laſſen Sie Ihre Sachen von meinem Chriſtian unterbringen.“ Das Mädchen nahm nach einigem Zögern die Ein⸗ ladung an und ſtieg ein. Die Trägerin langte das Ge⸗ päck herauf und bald rollte der Wagen weiter. Während nun Malchen munter zu plaudern begann und beſonders den verkappten Förſter zum Gegenſtande ihrer Rede erhob, blickte Schmiedel verſtohlen durch das kleine Fenſter in der Rückwand der Kutſche. Die Stadt 6 —— — 6— lag bereits hinter ihnen und die Pferde begannen daher raſcher auszugreifen. Da bemerkte Schmiedel durch je⸗ nes Fenſterchen, daß ein Reiter aus der Stadt gejagt kam, die heimkehrende Trägerin anhielt, ausfragte und dann vorwärts ſprengte. Bald hatte er den Wagen ein⸗ geholt, in welchem Schmiedel mit heiter lachendem Ge⸗ ſichte neben ſeiner muntern, hübſchen Nachbarin ſaß und ihre Rede beantwortete. Der Reiter überblickte prüfend des Wagens Inhalt, wendete ſein Pferd und ſprengte in einer andern Rich⸗ tung weiter. „Angeführt!“ brummte Schmiedel ſtill vergnügt vor ſich hin. Jetzt aber ſtieß Malchen einen Schrei des Schreckens aus. Ihr Fuß hatte die Schulter des ver⸗ ſteckten Horſa berührt. „Sie haben ſich vorhin über den armen Förſter lu⸗ ſtig gemacht—“ ſprach Schmiedel lachend—„nun wird er dafür von Ihnen Genugthuung verlangen. Kommen Sie vor, lieber Förſter—“ fuhr er zu dem Verſteckten fort—„Sie ſind entdeckt.“ Malchen machte große Augen, als Horſa jetzt zum Vorſchein kam. Sie wollte den Wagen verlaſſen, weil der Raum des einzigen Sitzes durch den dritten Beſitz⸗ nehmer deſſelben ſehr beengt wurde; allein es gelang dem Gutsbeſitzer, das Mädchen zu beruhigen und nach glücklich zurückgelegter Fahrt langten ſie in Hippoldis⸗ weiler an. —— WMalchen ſaß auf einem Baumſtumpfe und zeichnete nach der Natur. Es war eine wilde Waldgegend mit mächtigen Felsblöcken, himmelanſtrebenden Tannen, ſaf⸗ tigen Farrenkräutern, ſchwefelgelben Moosarten und ei⸗ 6 nem weißſchäumenden Forellenbache, an deſſen Ufern muntere Bachſtelzen auf und nieder hüpften. In einiger Entfernung von der Zeichnerin befanden ſich in dem ho⸗ hen Haidekraute 3 Kinder, welche die röthlich blühenden Dolden des Haidekrautes zu Kränzen wanden. Neben der jungen Künſtlerin ſtand Horſa, in einen Jägerbur⸗ ſchen umgewandelt, welcher über jene, zum Schutz gegen die Sonnenſtrahlen, einen Regenſchirm ausgeſpannt hielt* und ſeine Aufmerkſamkeit mehr der reizenden Geſtalt Amaliens als deren Zeichnung widmete. Dieſe ſagte jetzt:„Aber, Heinrich, wie halten Sie nur den Schirm? Sie decken damit ja die ganze Ferne„ vor mir zu. Höher, wenn ich bitten darf.“ Horſa, dem der Arm bald einſchlief, dieſe ſeine Schwäche aber nicht zu geſtehen wagte, raffte ſich zuſam⸗ men und that, wie ihm geheißen worden. „Was meinen Sie—“ hob Malchen wieder an— „ob ich jenen Felſen nicht zu hoch gezeichnet habe? Als ſonſtiger Prinz müſſen Sie doch auch etwas von der Kunſt verſtehen.“ „Ach!“ verſetzte Horſa—„ich ſehe nur Sie und nichts weiter! Sie ſind das herrlichſte Meiſterſtück des Schöpfers und alles Andere dagegen nur Schattenbilder.“ „Sie ſind ein Kind oder gar ein Schmeichler—“ verſetzte Malchen erzürnt.„Schämen Sie ſich, Heinrich! Sie ſind an keinem Hofe, wo die Lüge und die Schmei⸗ chelei heimiſch iſt.“ S — 101— „Keine Schmeichelei, Amalie!“ ſeufzte Horſa.„Ach— zürnen Sie mir nicht— ich liebe Sie.“ „Das ſollen Sie auch—“ ſprach Amalie—„Die Menſchenliebe iſt ja die erſte Chriſtenpflicht. Wir lieben auch Sie. Ich, mein Onkel, die Kinder dort, Herr Schmie⸗ del, ja ſelbſt unſte Dienerſchaft, ſo lange Sie ſich näm⸗ lich liebenswürdig betragen.“ „Aber ich liebe Sie mehr als jeden andern Men⸗ ſchen, mehr wie mich ſelbſt—“ erwiederte Horſa.„Ihr Beſitz würde mich zum glücklichſten aller Sterblichen machen.“ „Mein Beſitz?“ fragte Malchen luſtig.„Als was wollten Sie mich denn beſitzen?“ „Als— als— als—“ ſtotterte Horſa verlegen— „nun als was anders, denn als meine— Gattin!“ „Werden Sie nicht böſe, Heinrich! wenn ich herzlich lachen muß—“ ſprach Malchen lachend.„Ich, Ihre Gattin! Sie noch nicht 19 Jahre alt, ich dagegen ſchon 21. Wenn Sie ein Mann würden, wäre ich bereits eine alte Frau. Sie ein Jägerburſche und ich die Frau Jä⸗ gerburſchin! Und noch dazu was für ein Jägerburſche! Sie ſchießen ja ſchlechter, als unſer einäugiger Pferde⸗ knecht! Sie verſtehen nicht ein Jota vom Forſtbaue. Sie wiſſen nicht einmal Kiefernſaamen von Fichtenſaamen zu unterſcheiden und nicht auszurechnen, wie viel Klaftern Holz ein ſtarker Baum hergiebt. Was haben Sie denn gelernt, um eine Frau, ja nur ſich ſelbſt zu ernähren? „Halten Sie mich gar für zu unwiſſend?“ fragte Horſa empfindlich.„Ich ſpreche der Sprachen mehrere, kann tanzen, fechten, reiten, fahren, Clavier ſpielen, et⸗ was zeichnen, bin nicht ganz unerfahren in der Phyſik — 0— und in der Gewerbkunde, verſtehe mich ein wenig auf die Aſtronomie und das Feldmeſſen. Denken Sie doch an den König Ludwig Philipp von Frankreich, welcher als ein königlicher Prinz in der Schweiz ſeinen Lebens⸗ unterhalt durch Sprachunterricht erwarb.“ „Es fragt ſich nur—“ entgegnete Malchen—„ob Sie auch Geduld und Ausdauer genug beſitzen, um das mühſelige Amt eines Lehrers auszufüllen. Dann iſt es auch nicht eines Jeden Sache, Anderen das was man ſelbſt erlernt hat.“ „Die Hoffnung auf Ihren Beſitz ſchwärmte Horſa—„würde mir Geſchick und Luſt und ld zu Allem verleihen. Ich würde mit Eifer Alles noch erler⸗ nen, was mir abgeht, um Ihnen eine ſorgenloſe zu bereiten.“ „Damit ich bis dahin zur alten Jungfer würde!— ſprach Malchen.„Sie reden wie der Blinde von der Farbe. Ihre Leidenſchaft macht Sie zum Schwärmer. Aber wann Sie in die Wirklichkeit kommen werden, ſo zerplatzen alle Träume wie bunte Seifenblaſen. Ich will Ihr Arzt werden und Ihnen ein niederſchlagendes Pul⸗ ver verordnen, welches Sie von Ihrer für mich gefaßten Leidenſchaft im Nu heilen ſoll. Ich bin Braut, mein junger Herr!“ „Sie? Braut?“ ſtammelte Horſa und ließ den Schirm niederſinken. „Ja!“ entgegnete Malchen mit leuchtenden Bgrn und verklärtem Wlis—„und zwar eine glückliche Braut.“ r „30 Unglücklicher!“ ächzte Horſa. das ſagen Sie mir erſt jetzt?!“ 6r ———— „Wir ſind ſeit 14 Tagen hier beiſammen und un⸗ ter einem Dache—“ erwiederte Malchen—„Sollte ich etwa gleich am erſten Tage öffentlich ausrufen, daß meine Hand wie mein Herz bereits vergeben ſei? Freilich, hätte ich ahnen können, daß ein junger Menſch und ſonſtiger Fürſt, von Langerweile gepeinigt, ſich in mich armes, bürgerliches Mädchen verlieben würde: ſo hätte ich mein Geheimniß allerdings eher offenbart.“ „Man muthete mir ſchon vor einem halben Jahre zu, mich zu verheirathen—“ ſprach Horſa, geärgert über den„jungen Menſchen“—„und hätte ich die Prinzeſſin von Triptis geehlicht, ſo wäre ich wahrſcheinlich noch jetzt Regent.“ n „Ja, damals!“ ſagte Malchen—„da waren Sie noch Fürſt! Ein ſolcher darf ſchon thun, was gegen die Ordnung der Dinge iſt. Aber jetzt ſind Sie ein ordent⸗ licher Menſch und dieſer darf nicht mit 18 ½ Jahren hei⸗ rathen. Mit Ihrer fürſtlichen Würde müſſen Sie zu⸗ gleich alle fürſtlichen Schwächen und Gewohnheiten ab⸗ legen. Nehmen Sie ſich an mir ein Beiſpiel. Ich liebe meinen Eduard unbeſchreiblich und bin, um ihn zu ſe⸗ hen, hierher gereiſet. Dringende, wichtige Angelegen⸗ heiten halten ihn jedoch zur Zeit noch fern. Haben Sie mir aber etwas angemerkt, als ich meinen Bräutigam bei meiner Ankunft nicht fand? Habe ich dem Monde, dem Walde, dem murmelnden Bache meine Sehnſucht geklagt? Mit nichten! Stete nützliche Thätigkeit läßt mich gedul⸗ dig die Heimkehr meines Bräutigams erwarten. Machen Sie es wie ich, denn Müſſiggang iſt das Treibhaus, in welchem der Leidenſchaften Saamenkörner zu ſtarken Bäu⸗ men aufſchießen.“ — 104— „Wer iſt denn der Glückiche Ihrer Wahl?“ fragte Horſa ſchmerzerfüllt. „Er iſt der Sohn Ihres jetzigen Wirthes, meines Onkels—“ verſetzte Malchen—„Eduard Henneberg. Jene Kleinen im Haidekraut dort find ſeine Stiefgeſchwi⸗ Wie wär's, wenn Sie an ihnen Ihren Lehrerberuf ver⸗ ſuchten? Das würde Sie nicht allein zerſtreuen, ſondern auch heilen.“ Aber es erging dem vormaligen Fürſten, wie allen denen, welche dann erſt eine Sache recht lieb gewinnen, wenn ſie in Gefahr ſtehen, dieſelbe zu verlieren. Hatte er bisher in ſeiner Zurückgezogenheit Amalie reizend ge⸗ funden und ihre Geſellſchaft jeder anderen vorgezogen, ſo ward ſie ihm jetzt zur Huldgöttin, die er mit liebenden Blicken verfolgte und beobachtete. Der Ton ihrer Stimme war ihm Muſik, ihr Lachen ſeine Wonne, ihr Auge ſein Spiegel, ihre Geſtalt der Gegenſtand ſeiner unaufhör⸗ lichen Bewunderung. Um ſich Amalien gefällig und ih⸗ rer würdig zu bezeigen, unterzog er ſich dem Unterrichte der jüngeren Kinder ſeines Wirthes, des Oberförſters Henneberg, in deſſen Hauſe er durch Schmiedels Ver⸗ mittelung Schutz und die liebevollſte Behandlung gefun⸗ den hatte. Aber es wollte mit dem Unterrichten nicht gut von Statten gehen. Der angehende Lehrer ſaß ent⸗ weder in tiefen Gedanken oder er ſprang vom Stuhle auf, ſo wie er im Hofe oder Garten Amaliens Stimme vernahm, und dann konnten die Schüler machen, was ihnen beliebte. Horſa mußte ſich's ſelbſt bekennen, daß jene wenig oder nichts bei ihm lernten, daß das Lehren nicht ſo leicht ſei, als er gemeint hatte, und daß er ei⸗ gentlich ſein Brod hier im Hauſe mit Sünden eſſe. — — ——— ——— Anſtatt ſeiner wachſenden Leidenſchaft für Amalie einen Damm entgegenzuziehen, öffnete Horſa vielmehr derſelben willig Thür und Thor. Das Mädchen, welches noch immer gehofft hatte, den Prinzen von ſeiner Nei⸗ gung heilen zu können, ſah allgemach die Unmöglichkeit davon ein und begann daher, ſich kälter und zurückhal⸗ tender gegen Horſa zu bezeigen. Sie drohte ihm ſelbſt mit ihrer Abreiſe, wenn er ſie länger mit ſeiner Liebe quälen würde. Nichts half. Horſa glich einem verwöhn⸗ ten Kinde, einem Fürſten vielmehr, welchem bisher ſtets der Wille gethan worden war und der daher keinen Wi⸗ derſpruch leiden mochte. Jetzt beklagte er, daß er kein gebietender Fürſt mehr war.„Dann—“ ſprach er zu ſich ſelbſt—„würde ich eher Mittel und Wege finden, um Amaliens ſprödes Herz zu beſiegen. Wie viele Schö⸗ nen nennt uns nicht die Geſchichte, welche vor dem Glanze einer Krone, in dem Strudel rauſchender Hof⸗ feſte und über den Huldigungen eines ganzen Landes Alles, ſelbſt den früheren Geliebten, vergeſſen haben! Was thue ich denn für Unrecht, wenn ich ein Herz zu gewinnen ſuche, das bereits einem mir Unbekannten ſich ergeben hat? Wer weiß, ob derſelbe den ganzen Werth Amaliens zu ſchätzen oder ſich nicht gar bald über deren Verluſt zu tröſten weiß?“ Mit ſolchen unhaltbaren Entſchuldigungen ſuchte der ſelbſtfüchtige Horſa die Vorwürfe ſeines Gewiſſens zu beſchwichtigen. Als derſelbe nach einigen Tagen aus dem Forſte heimkehrte, ſah er auf dem Hofe der Oberförſterei einen ſchweißtriefenden Braunen umherführen. — 6— „Wem gehört dieſes Pferd?“ fragte Horſa, nichts Gutes ahnend, den einäugigen Knecht, welcher das Thier am Zügel hielt. „Unſerm jungen Herrn!“ verſetzte dieſer mit fröhlich glänzendem Auge.„Das iſt oben eine Luſt und Freude, weil Herr Eduard ſeine ſchöne Braut unverhofft— den hat!“ Da war es nicht anders, als wenn Horſa einen Degenſtich in den Leib bekäme. Er zog ein fürchterliches Geſicht, drehte ſich um und wanderte dahin zurück, wo⸗ her er ſo eben gekommen war. Indem er ſich das Ent⸗ zücken der Liebenden ausmalte, knirſchte er mit den Zäh⸗ nen und da ſich plötzlich etwas im Gebüſche regte, ſo legte er in ſeiner Wuth die geladene Büchſe nach jener Gegend an und drückte ab. Dem weit hin hallenden Schuſſe folgte ein lautes Wehgeſchrei, welches den Schützen in nicht geringe Beſtürzung verſetzte. Horſa eilte, obwohl mit zitternden Knieen, der Stelle zu, woher das Geſchrei gekommen war. Dort fand er im Buſche eine arme Frau, welche Pilze und Holzſtücken aufgeſucht hatte. Sie war ganz bleich, bebte wie ein Espenlaub und hielt ſich mit der Hand die Wange, von welcher rothe Blutstropfen herabperlten. „Mein Jeſus!“ ächzte ſie—„ich denke doch nicht anders, als daß mein Ende da iſt! Vor dem gottloſen Jägervolke iſt man zuletzt ſeines Lebens nirgends mehr ſicher. Da knallt es darauf los, unbekümmert, ob es Thier oder Menſchen trifft.“ „Iſt Sie denn hart getroffen worden?“ frage— beſorgt und theilnehmend zugleich. —— „Ob hart?“ verſetzte die Frau.„Iſt etwa eine Schtotkugel etwas Weiches, he? Wenn mich unſer Herr⸗ gott nicht beſchützt hätte, daß ich mich gerade bücken mußte, wie der Schuß daher geſauſt kam, ſo war es aus mit mir. Dem Herrn Oberförſter werde ich es ſagen, welch' einen ungeſchickten Burſchen er in Ihm beſitzt. Zeigen will ich ihm die Schrotkörner hier in dem Bu⸗ chenſtamme, die mich durchlöchert haben würden wie ein Sieb.“ Horſa ſah zu ſeiner Beruhigung, daß die Verletzung an der Wange nur eine leichte ſei und von dem Strei⸗ fen eines abgeprallten Schrotkorns herrühre. Da er noch immer nicht ganz den Fürſten verleugnen konnte, ſo war er der Meinung, wie er ſein begangenes Unrecht gar leicht durch Gold wieder gut zu machen vermöge. Er reichte demnach der Frau ein Goldſtück, wobei er noch einige Worte des Bedauerns und der Entſchuldigung hinzuſetzte. Die Frau betrachtete kopfſchüttelnd das Goldſtück und ſagte ungläubig:„Was ſoll mir der gelbe Zahlpfen⸗ nig da?“ „Ein Louisd'or iſt's—“ betheuerte Horſa verletzt— über fünf Thaler an Werth.“* „So? hi! wenn's wahr iſt!“ erwiederte die Frau. „Ich weiß doch, daß die Jägerburſchen niemals viel in die Milch zu brocken haben und faſt überall Schulden hinterlaſſen. Wie käme denn Er zu Golde?“ „Das iſt meine Sache, gute Frau!“ ſagte Horſa. „Verwechſele Sie das Goldſtück und dann wird Sie ein⸗ ehen, daß es ächt iſt.“ „Nun ſo will ich mich bei Ihm ſchön bedankt ha⸗ ben—“ verſetzte die Frau.„Aber das möge der junge Herr bedenken, daß, wenn Er mich erſchoſſen hätte, ein Goldſtück Seine Sünde nicht hätte gut machen können. Denn ich bin eine arme Wittwe und habe zwei Kinder⸗ chen zu ernähren, die dann unſter armen Dorfgemeinde zur Laſt gefallen wären.“ „Hier iſt noch ein Goldſtück—“ ſprach Horſa. „Wie heißt Sie, liebe Frau?“ „Ich heiße die Günthern—“ antwortete dieſe. „Zum Danke nehme Er die Warnung hin, daß Er nicht wieder ſo unüberlegt in's Grüne hineinknallt. Denn ein Menſchenleben kann nicht mit Golde aufgewogen werden und ein Mord brennt gar ſchwer auf dem Gewiſſen.“ Horſa mußte die Wahrheit dieſer Rede eingeſtehen, ebenſo auch, daß nur die Wuth der Eiferſucht ihn blind und beinahe zum Mörder gemacht habe. Sie war es auch, welche wie ein verzehrendes Feuer in ſeinem In⸗ nern brannte und ihn mit dem nagendſten Seelenſchmerze erfüllte. Bei Lichte beſehen, hatte ſein Schuß nicht ei⸗ nem Stück Wilde, ſondern dem gehaßten Nebenbuhler gegolten und wenn er ſich Amalien in den Aermen eines Andern dachte, whätt er ſie lieber erſtechen mögen als einem Dritten gönnen. Nur zu wahr iſt es, daß die Eiferſucht eine Leidenſchaft iſt, die mit Eifer ſucht, was Leiden ſchafft. Immer konnte Horſa doch nicht im Walde bleiben. Als er endlich nach der Oberförſterei zurückkehrte, fühlte er auch wieder jene unglückliche Leidenſchaft anwachſen. Wie ein ſcheuer Verbrecher ſtahl er ſich in's Haus und — 109— in ſeine Kammer, um nur dem Bräutigam Amaliens nicht in den Weg zu kommen. Nach einiger Zeit ward an Horſa's Thüre geklopft. Auf ſein ziemlich unwilliges„Herein!“ trat ein junger und wie ſich Horſa wider Willen geſtehen mußte, ſchöner Mann in das Gemach, verbeugte ſich tief und ehrfurchtsvoll vor Horſa und ſagte mit voller Empfindung und leuch⸗ tendem Blicke:„Mein hoher Herr! wie glücklich preiſe ich dieſes Haus, meine Familie und mich, daß der gü⸗ tigſte und tief betrauerte Fürſt bei uns Zuflucht geſucht und gefunden hat! Unſer Eigenthum, wie unſer Leben wollen wir freudig für Ihr Wohl dahingeben. Ja, mein Fürſt, viele tauſend Herzen ſchlagen noch immer für ihren rechtmäßigen Gebieter und haben das Gelübde gethan, nicht eher zu ruhen, als bis Sie den Thron, der nur Ihnen gebührt, wieder in Beſitz genommen haben. Wenn ich nicht eher hier erſchienen bin, um Ihnen meine Hul⸗ digung darzubringen, ſo geſchah es aus dem Grunde, weil ich im Verein mit allen Gutgeſinnten dahin zu wir⸗ ken trachtete, daß der Räuber Ihres Reiches geſtürzt und Sie in Ihre verlorenen Rechte wieder eingeſetzt würden. Dieſes Werk iſt bereits im beſten Gange und in kurzem werden dem verblendeten Volke die Augen auf⸗ gethan und Sie von demſelben im Triumph zurückge⸗ holt werden.“ Horſa hatte dieſe, mit großem Feuer und tiefer Empfindung geſprochene Rede unter den verſchiedenar⸗ tigſten Gefühlen angehört. Aus jedem anderen Munde würde er ſie mit Freuden vernommen haben. Da ſie aber aus dem des verhaßten Nebenbuhlers kam, ſo dünkte ſie dem eiferſüchtigen Prinzen wie eine bittere, nur etwas wenig überzuckerte Pille. Horſa war ſeiner ſelbſt ſo wenig Herr, daß er dem wahrhaft edeln und für ſeinen Für⸗ ſten begeiſterten jungen Mann das kälteſte Geſicht von der Welt zeigte und deſſen Rede mit einigen wenigen, eben ſo kühlen Worten vergalt. Jeder Andere würde durch einen ſolchen Empfang für immer von Horſa zu⸗ rückgeſchreckt worden ſein und ſeine für denſelben gefaßte gute Meinung zurückgenommen haben. Um ſo größer war das Verdienſt und die Hingebung Eduards, da derſelbe ſein Benehmen gegen den undankbaren Prinzen keineswegs änderte, dieſem vielmehr Alles an den Augen abzuſehen und ſich ihm gefällig zu bezeigen ſtrebte. Anſtatt daß ein ſolches Betragen den Prinzen zur Erkenntniß ſeines Unrechts hätte bringen ſollen, ward derſelbe immer abſtoßender gegen Amaliens Bräutigam. Ganz unverhohlen gab er dieſem ſeine Abneigung zu er⸗ kennen und wie ihm deſſen Gegenwart läſtig falle. Be⸗ trübt, aber nicht erzürnt, zog Eduard Henneberg ſich zurück. Sorgſam mied er, in Horſa's Gegenwart zärt⸗ lich gegen ſeine Braut zu ſein und dieſe hütete ſich gleich⸗ falls durch irgend ein Zeichen ihre Liebe dem Geliebten kund zu geben. Niemand wird in Abrede ſtellen können, daß ein ſolches Verhältniß ein ſehr peinliches ſein mußte. Wenn aber der Menſch ſo ſchwach iſt, daß er aus eige⸗ nen Kräften der Verſuchung zur Sünde nicht widerſte⸗ hen kann, ſo tritt die gütige Vorſehung vermittelnd ein und ſchafft, daß die Verſuchung ſo ein Ende gewinne, daß wir ſie ertragen können und ſiegreich daraus her⸗ vorgehen. —— Neun Tage war Eduard in Hippoldisweiler und hatte während dieſer Zeit unabläſſig für Horſa's Thron⸗ erhebung gewirkt, hatte Briefe geſchrieben und beantwor⸗ tet, Verſammlungen abgehalten und beſucht, Freunde geworben und Widerſacher zu gewinnen geſucht. Eine genaue Mittheilung an den Prinzen, wie weit deſſen Sache gediehen ſei, erwies ſich als nothwendig, und da Horſa jedem längeren Beiſammenſein mit Amaliens Bräutigam gefliſſentlich auswich, ſo erſah derſelbe die Gelegenheit, um den Prinzen einmal im Walde zu treffen und zu ſprechen, weil jener jetzt mehr im Forſte als im Hauſe ſich aufhielt. Die Zeit dazu aber war ſehr übel gewählt. Amalie hatte über der Mittagstafel ihre bevor⸗ ſtehende Abreiſe angezeigt und dieſe Nachricht den Prin⸗ zen mit Verdruß erfüllt. In mißmuthige Träumereien verſunken ſaß er auf demſelben Baumſtumpfe, von wo aus Amalie vor einiger Zeit die Waldgegend aufgenommen hatte. Er machte ein gewaltig jinſteres Geſicht, als Eduard ihn hier unerwar⸗ tet begrüßte und ihn um eine Unterredung bat. Zerſtreut und nur mit halben Ohren hörte Horſa mit an, wie weit der Plan zu ſeiner Erhebung gediehen ſei und welche Rolle er nunmehr dabei zu übernehmen habe. Als ihn hierauf Eduard um ſeine Erklärung und Zuſtimmung bat, verſetzte der Prinz mit unwilligem Tone:„Mein Herr Henneberg! ich erſuche Sie, ſich in meine Angelegenheit nie und nimmermehr miſchen zu wollen. Ich mag nicht wieder Regent werden; am aller⸗ wenigſten aber durch Ihre Beihülfe. Denn, was ſoll ich's leugnen: Sie haben mit Amaliens Herz ein Gut — 112— mir geraubt, ohne welches ſelbſt ein Thron zu einem bloßen Spielwerke für mich wird. Sie geben vor, mir treu und unbedingt ergeben zu ſein— nun, wohlan! zeigen Sie dieß durch die That, indem Sie mir Ama⸗ liens Beſitz abtreten, der mir alles Andere erſetzen ſoll und kann.“ „O mein Fürſt!“ entgegnete Eduard voll Trauer— „Sie verlangen das Unmögliche von mir. Wie ver⸗ möchte ich ein Herz zu verſchenken, das keinem Andern als mir allein anzugehören gelobt hat? Sie kennen meine Amalie erſt ſeit wenig Wochen, wir aber uns ſeit einer Reihe von Jahren. Wie tief gewurzelt muß demnach— „Hören Sie auf—“ gebot Horſa mit ſchneidender Stimme—„Wozu noch dieſer Redeaufwand? Sie wol⸗ len nicht und damit baſta! Meiden wir gegenſeitig un⸗ ſere Geſellſchaft.“ Horſa war unter dieſen Worten aufgeſtanden und ſchritt mit ſtarken Schritten dem Dickicht zu. Sprachlos ſtarrte ihm Eduard nach. Plötzlich machte der Prinz eine haſtige Nücke⸗ wegung. „Ha!“ ſchrie er entflammt—„Verrath! ſchänd⸗ licher Verrath! Judas! elender Verräther, ſtirb!“ Die ſcharfgeladene Büchſe in Horſa's Hand erhob ſich raſch; ihr Lauf richtete ſich auf Eduard— ein Blitz— ein hallender Knall— und unter einem Wehlaute ſtürzte jener zu Boden. In derſelben Zeit war auch Horſa von bewaffneten Jägern umringt und wehrlos gemacht. Während man ſich ſeiner verſicherte, warf der unglückliche Prinz einen — 113— Blick nach ſeinem gefallenen Nebenbuhler, über welchen ſich in der nächſten Minute deſſen laut jammernde Braut, die, hinter einem Baumſtamme verborgen, der Unterre⸗ dung von Ferne beigewohnt hatte, hinwarf. Bald aber ward ihm dieſer Anblick durch die Bäume entzogen, durch welche man ihn mit großer Eile davon und in ei⸗ nen Wagen riß, der ſeiner im tiefſten Dickicht wartete. Horſa war von dem Geſchehenen ſo betäubt, daß er Anfangs gar nicht wußte, wie ihm geſchah. Als er zur Beſinnung gelangte, fand er ſich in eine Wagenecke gedrückt und neben, wie vor ſich, zwei Männer, welche mit vorgehaltener, geſpannter Piſtole ihn niederzuſchießen drohten, ſo wie er zu entfliehen oder zu ſchreien verſuchen würde. Wegen der herabgelaſſenen und feſtverſchloſſenen Schlagleder vermochte der Gefangene nur dann erſt die Umriſſe und Geſichtszüge ſeiner Wächter zu erkennen, als ſeine Augen ſich an die im Wagen herrſchende Dun⸗ kelheit gewöhnt hatten. Und da war ihm denn das hã⸗ miſche, ſchadenfrohe Geſicht des Herrn von Wolf das al— lein bekannte. Der Wagen bewegte ſich mit der Schnel⸗ ligkeit, wie es der Waldweg geſtattete, vorwärts und ohne aufzuhalten. Es war bereits die Nacht hereinge⸗ brochen, als der Wagen über das holperige Pflaſter ei⸗ ner Stadt fuhr und einen kurzen Halt machte, um die ermatteten Pferde zu wechſeln. Noch war man damit nicht ganz zu Stande, als ſich von ferne ein immer mehr Nieritz, Fürſtenſchule. I. 8 — 114— wachſendes und näher kommendes Geräuſch erhob. Wolf lüftete das Schlagleder, ſteckte den Kopf hinaus und trieb zur haſtigen Eile unter wildem Fluchen an. Bei dem Scheine ſich in den Wagen hereinſtehlender Later⸗ nen ſah Horſa den Wagen von Dragonern umgeben, die früher die ſeinigen geweſen waren. Bald war die Umſpannung bewirkt und der Wagen ſetzte ſich wieder in raſche Bewegung. NRicht lange währte es jedoch, ſo widerſetzte ſich ein Volkshaufe dem weiteren Vordringen deſſelben. „Zurück!“ Platz gemacht,„wenn euch euer Leben lieb iſt!“ riefen die Dragoner aus. „Laßt euch nicht werfen!“ tönte eine dem Prinzen wohlbekannte Stimme zurück—„Rettet, befreiet unſern rechtmäßigen Fürſten! Steinigt die treuloſen Söldner! Es lebe unſer Fürſt Horſa!“ Das Kommando des Reiterofficiers, welches zum Einhauen und Angriffe aufforderte, unterbrach jene Worte. Kampfgetümmel erhob ſich in der nächſten Sekunde und wogte um den Wagen, deſſen Geſpann ſcheu ward und den Wagen umzuwerfen drohte. Es ward ein furcht⸗ barer Lärm, untermiſcht von Flintenſchüſſen, Säbelgeklirr, Wuthgeſchrei und Kampfermunterungen. Wolf war aus dem Wagen geſprungen. Nach kur⸗ zer Weile öffnete er den Wagenſchlag und forderte den Prinzen auf, auszuſteigen. Von ſeinem Gefährten un⸗ terſtützt, zog er Horſa heraus, ein Pechpflaſter, welches ihm des Athmens und Sehens beraubte, klatſchte ihm über das Antlitz und ſo fühlte er ſich mehr getragen, als geführt, ohne zu wiſſen, wohin. Das Kampfgetüm⸗ mel ward ſchwächer und bald unhörbar. Endlich, da — 115— Horſa in Gefahr zu erſticken ſtand, wurde das Pechpfla⸗ ſter von ſeinem Geſichte entfernt, er ſelbſt wieder in ei⸗ nen Wagen gehoben, welcher außerhalb der im fortwäh⸗ renden Kampfe befindlichen Stadt ſeiner wartete. Als der Wagen, unbehindert und unverfolgt, raſch davon fuhr, konnte Wolf ſich nicht entbrechen, mit höh⸗ niſchem Ausdrucke zu Horſa zu ſprechen:„Ihre Freunde, mein Prinz, werden den tollkühnen Verſuch, Sie zu be⸗ freien, mit blutigen Köpfen, ja mit Schlimmerem noch bezahlen müſſen. Nur Ihre Leiche hätten ſie übrigens aus meinen Händen empfangen. Das ſchreiben Sie ſich gnädigſt hinter's Ohr.“ Nach zweiſtündigem, raſchen Fahren begannen die Pferde bergan zu klimmen. Ach, Horſa hatte im Stil⸗ len noch gehofft, daß Strauchwitz, deſſen Stimme er deutlich unter dem Getümmel vernommen, Mittel finden werde, um den Plan ſeiner Gefangennehmung nicht zum völligen Gelingen kommen zu laſſen. Jetzt, wo er dun⸗ kel erkannte, was man mit ihm vorhabe, ſchwand auch das letzte Fünkchen dieſer Hoffnung. Nur zu gewiß war es, daß Horſa ſich vor der uneinnehmbaren Landeszeſte Dachſtein befand, aus welcher für ihn keine Erlöſung zu erwarten ſtand. Wirklich polterten die Pferdehufe gar bald über die hölzernen Bohlen der Zugbrücke zur Fe⸗ ſtung. Nachdem ſich hinter dem in Sicherheit gelangten Wagen die ſchweren Thorflügel knarrend wieder geſchloſ⸗ ſen hatten, ſtand das Fuhrwerk ſtill. „So wäre denn der Goldvogel glücklich im Bauer!“ ſprach Wolf's Gefährte zu dieſem.„Ich gratulire Ih⸗ nen, Herr von Wolf.“ Mechaniſch folgte Horſa ſeinem vorangehenden Füh⸗ rer. Bald ſah er ſich in einem prunkloſen Zimmer, deſ⸗ ſen dicke, eiſenbeſchlagene Thüre und feſt vergitterten Fen⸗ ſter ihm nur zu deutlich anzeigten, wo er ſei. Ein Mann, dem die Kerkermeiſter⸗Phyſtognomie auf⸗ geprägt war, ſtellte einen Blechleuchter mit dem matt⸗ brennenden Inſeltlichte auf den Tiſch und wendete ſich mit den Worten an den Prinzen:„Gebe der Herr her⸗ aus, was er an und bei ſich trägt. Abſonderlich was Geld und Waffen anbelangt. Aber Alles! Keine Meſ⸗ ſerklinge, ſelbſt die Stecknadel nicht verheimlicht.“ Stunpffinnig gehorchte Horſa dieſem Gebote. Der Kerkermeiſter nahm Horſa's noch immer ziem⸗ lich gefüllte Börſe und alle die Kleinigkeiten in Empfang, welche man bei ſich zu führen pflegt. Unter denſelben obenan ſteht bei unſern jetzige n jungen Männern eine Haarbürſte nebſt Spiegel, ein Haarkämmlein, eine Ci⸗ garrenbüchſe nebſt Zündzeug und ein oft ſchwindſüchtiger Geldträger oder porte-monnaie. Nachdem der Kerkermei⸗ ſter nach dem Waſſerkruge geſehen und den Prinzen auf deſſen einfaches Lager aufmerkſam gemacht hatte, nahm er das Licht vom Tiſche und ging. Der Schlüſſel drehte ſich draußen im Thürſchloſſe und der Riegel mehrere wurden vorgeſchoben. Horſa ſank auf ſein Lager. Als die Erlebniſſe des verwichenen Tages an ſeinem geiſtigen Auge vorübergau⸗ kelten, haftete daſſelbe vor Allem an dem Bilde, wie Amaliens Bräutigam unter Horſa's Schuſſe ſchreiend zu Boden ſtürzt und Amalie ſich über den Gemordeten hinwirft. „Mord!“ welch' ein darnieder ſchmetterndes Wort! Es erging Horſa jetzt, wie den Brüdern Joſephs, da dieſer ſich hart gegen jene ſtellte und ſie in's Gefängniß zu werfen befahl. „Das haben wir an unſerm Bruder verdient!“ weh⸗ klagten ſie gegen einander. Ebenſo klagte jetzt Horſa ſich in Betreff Eduard's an, den er nunmehr für ſchuldlos erachtete, nachdem er in dem Spieler Wolf ſeinen Verräther erkannt hatte. „Mord! Mord!“ tönte es unabläſſig vor Horſa's Ohren, mochte er dieſelben auch noch ſo tief in die Pfühle ſeines Lagers vergraben. Selbſt die gewaltige Leidenſchaft der Eiferſucht war vor dem Centnergewichte des verübten Mordes verblichen und nun die gewaltſam zurückgehaltene Vernunft wieder frei ward, überhäufte ſie den Mörder mit eben ſo gerechten als bittern Vorwürfen. „Ein Regent—“ ſprach ſie ſtrafend—„ſoll ſelbſt bei einem überwieſenen Mörder nicht ohne reifliche Ueber⸗ legung das von den Richtern gefällte Todesurtheil unter⸗ zeichnen, und Du haſt, ohne Urtheil und Recht, ohne Unterſuchung und ohne ſelbſt dem größten Böſewichte zugeſtandener Vertheidigung einen Mann gemordet, wel⸗ cher dein Freund, dein Beſchützer, dein Alles aufopfern⸗ der Anhänger war?! Darum mißlang auch der Verſuch deiner Befreiung; darum iſt auch das heute im Kampfe um dich vergoſſene Blut umſonſt gefloſſen; darum um⸗ fängt dich jetzt des Kerkers Grauen!“ Die Einſamkeit vergrößerte noch Horſa's geiſtige Qualen. Kein Menſch um ihn, der ihm Troſtesworte ſpenden konnte. Immer lauter, immer nagender wurden des Gewiſſens ſcharfe Biſſe. Gleichwie die ſchrecklichen Zahnſchmerzen in der Nacht, wo Alles umher in ſanftem, friedlichem Schlummer liegt, um — 118— ſo heftiger werden; eben ſo die Qualen eines unruhigen Gewiſſens. Unaufhörlich hallte in Horſa's Ohren der dumpfe Schrei, mit welchem Eduard fiel. Der Wehruf Amaliens! Das Bild des Gemordeten, in ſeinem Blute ſchwimmend, gebrochenen Auges, todtenbleich, ſtarr und ſteif— die verzweifelnde Braut über ihn hingeſtreckt, dann weinend dem Sarge des Geliebten folgend, deſſen Mörder verwünſchend— den Vater Eduard's, Horſa's Beſchützer und edler Gaſtfreund, die jüngeren Geſchwi⸗ ſter des Erſchoſſenen— ſie Alle voll unendlicher Trauer— Horſa vermochte dieſe Qualen ruhend nicht zu er⸗ tragen. Von den Furien gepeitſcht, rannte er ſein Ge⸗ fängniß auf und ab, das ſo lange verzögernde Tageslicht herbeiwünſchend. Keine Uhr, kein Glockenſchlag zeigte ihm den Gang der Zeit an. Nur die Schläge ſeines Gewiſſens, ſeines gemarterten Herzens vernahm er. Langſam wich endlich die Dunkelheit der Schreckens⸗ nacht, einem matten Dämmerungsſcheine. Wie erfinde⸗ riſch der Menſch in dem Peinigen ſeines Nebenmenſchen iſt! Nicht genug, daß die erblindeten Scheiben, die ſtar⸗ ken und dichten Eiſengitter der zwei Fenſter dem Zu⸗ gange des Tagelichts wehrend entgegentraten: über den Fenſtern angebrachte, weit vorſpringende Holzdächer raub⸗ ten dem Gefangenen auch noch den Anblick des blauen, wie des umwölkten Himmels. Eben ſo war dafür ge⸗ ſorgt, daß der Eingeſperrte nicht in die Tiefe hinab⸗ blicken konnte. Derſelbe ſah aus den Fenſtern nichts als gegenüber einen ſchmalen Streifen grauer Steinmauer— eine troſtloſe Ausſicht! Eben ſo düſter wie das Tageslicht blieb, ſah es auch in Horſa's Innerem aus. Welche Zukunft wartete — 219— ſeiner? Wann hatte er ſeine Freiheit zu hoffen? Er mochte ſich dieſe Fragen gar nicht beantworten. Wie ſehr ſehr ſehnte er ſich jetzt in den friſchen, grünen und freien Wald zurück! So erkannten weiland die Iſraeliten Aegyp⸗ tens Fleiſchtöpfe dann erſt, als ſie in der unwirthbaren Wüſte bald vor Hunger ſtarben! Als der Kerkermeiſter mit einem nichts weniger als fürſtlichen Frühſtücke in das Gemach eintrat, fühlte Horſa die Verſuchung, den Mann niederzuwerfen und dann zu fliehen. Aber bald mußte er ſich das Thörichte dieſes Gedankens geſtehen. Ebenſo erkannte er aber auch, daß der Menſch für die Geſelligkeit erſchaffen und es nicht gut, wenn derſelbe allein ſei. Was hätte Horſa jetzt gegeben, wenigſtens einen Menſchen um ſich zu haben! Aber die Einſamkeit brachte ihn zur Selbſtbetrachtung und Selbſtprüfung, eine Sache, welche das Leben am Hofe nicht zu befördern pflegt. Und als Horſa ſich ſelbſt geprüft hatte, ſo erkannte er, wie gar Vieles ihm zu einem guten Menſchen abgehe, wie gar viele Mängel noch an ihm hafteten. Er, ein Fürſt, war der ſchmähliche Unterthan ſeiner Leidenſchaften. Er war der Beherrſcher eines ganzen Volks geweſen und vermochte ſich ſelbſt nicht zu beherrſchen. Immer zerknirſchter ward der Gefangene. Hierzu aber trug nicht wenig ſeine Trennung von den Menſchen bei. Was nach der Lan⸗ desverfaſſung der ſchwärzeſte Verbrecher fordern durfte: binnen 24 Stunden zum Verhöre zu gelangen, verſagte man dem Fürſten, welcher nichts als die kahlen Mauern ſeines Gefängniſſes und das verſteinte Antlitz ſeines Wärters zu ſehen bekam. Horſa glaubte verzweifeln zu müſſen, und in der That kann es für einen jungen, die — 420— Freiheit im weiteſten Umfange gewohnten Mann kaum etwas Schrecklicheres geben als Gefangenſchaft. Es war daher kein Wunder, daß der Prinz ſeine blühende Farbe, ſeine Körperfülle und die Friſche ſeines Geiſtes verlor, daß ſeine Glieder erſchlafften und die ſchwärzeſten Ge⸗ danken ihn umdüſterten. Horſa erinnerte ſich, geleſen zu haben, wie Gefan⸗ gene irgend ein Thier an ſich gewöhnt hatten, welches ihnen die Stelle eines menſchlichen Freundes erſetzen ſollte. Ach, keine Maus oder Ratte, nicht einmal eine Spinne zeigte ſich Horſa's Blicken, geſchweige denn, daß er eine ſolche hätte an ſich kirren können Große Freude gewährte es ihm ſchon, als eines Tages eine Schwalbe, kurz vor ihrer Abreiſe, ſich auf das Dach vor Horſa's Fenſter ſetzte und dort durch ihr Zwitſchern die ſtarre Oede umher unterbrach. Wie gern wär' er mit dem Vöglein in's Weite geflogen! Auf des Prinzen unabläſſiges Bitten, der ſich deſ⸗ ſen nicht ſchämte, brachte nach einigen Wochen der Wär⸗ ter das einzige Buch, welches derſelbe beſaß, jedoch nicht benutzte, eine Bibel, dem Gefangenen, der in dieſem Buche einen theuern, alten Bekannten begrüßte. Als Re⸗ gent hatte er nur die flüchtige Bekanntſchaft der heiligen Schrift gemacht und ſie dann bald wieder vernachläſſigt. Jetzt hatte er Zeit, dieſes Unrecht wieder gut zu machen. Die einfache, ungekünſtelte Sprachweiſe dieſes Buches aller Bücher war ihm nicht unangenehm; vielmehr fand er ſolche der damaligen Bildungsſtufe der Völker ange⸗ meſſen. Beſondere Aufmerkſamkeit widmete Horſa der im alten Teſtamente vorkommenden Geſchichte, ſo wie der verſchiedenen Regierungsform der Völker, welche bald — 121— von der Republik zum Königthume und wieder umge⸗ kehrt geſchritten waren. Aber die monarchiſche Regie⸗ rungsform war doch bei den meiſten Völkern die vorherr⸗ ſchende und gebräuchlichſte, auch bezeichnend für den Le⸗ ſer die Beobachtung, daß die Iſraeliten die Prieſterherr⸗ ſchaft viel eher ſatt bekommen hatten, als die der Kö⸗ nige, obſchon dieſe, der Mehrzahl nach, das Volk nur als ihrerwegen vorhanden betrachteten und nach dieſer Meinung behandelten. Des frommen Dulders Hiob Geſchichte richtete in etwas den darnieder gebeugten Sinn Horſa's auf.„Wenn du“— ſprach er zu ſich ſelbſt— „bei deiner Haft noch obendrein von Zahnſchmerzen geplagt würdeſt oder eine andere ſchmerzliche Krankheit an dir hät⸗ teſt: wie ungleich trauriger würde deine Lage dann ſein!“ Dabei erinnerte er ſich zufällig des Kranken am Teiche Bethesda, welcher daſelbſt 38 lange Jahre gelegen hatte und welchem immer ein Glücklicherer zuvorgekommen war. Das war nun zwar ein leidiger Troſt, jedoch immer beſ⸗ ſer noch wie gar keiner. Aber außer dieſen troſtvollen Augenblicken gab es für Horſa ungleich mehrere, wo er wieder verzweifeln zu müſſen glaubte. Dann ſtrengte er alle ſeine Geiſteskräfte an, um eine Möglichkeit zu erſinnen, wie er ſich ſelbſt aus dem Kerker befreien könne. Wiederholt ſchon hatte er die Dicke und Feſtigkeit der Mauern, wie der Eiſen⸗ gitter und der Thüre unterſucht, wiederholt nach Werk⸗ zeugen ſich umgeſehen, mittelſt welcher er ſich einen Aus⸗ weg durch jene zu bahnen vermöge. Da er aber weder die Lage, noch äußere Beſchaffenheit ſeines Gefängniſſes, weder die Menge ſeiner Wächter noch deren Standpunkt —— kannte: ſo würde dem Prinzen das bloße Verlaſſen ſei⸗ nes Gemaches wenig oder nichts genützt haben. Bisher war ſeine Bitte, ausgehen zu dürfen, wie⸗ derholt abgewieſen worden. Nach Verlauf von ſieben ſchrecklichen Wochen kündigte der Wärter dem Prinzen jene längſt gewünſchte Vergünſtigung an. Mit welchen Empfindungen dieſer die Schwelle ſeines Gefängniſſes zum erſtenmal zurückſchritt! Aber das wieder im Frohge⸗ fühle ſchlagende Herz ſah ſchmerzlich ſich getäuſcht, als der Weg über einen langen, öden, widerhallenden Gang und eine ſchmale Treppe in einen von vier hohen Mauern umgebenen Hof hinabging, wo außer einem Stückchen Himmel nichts als harte Steinplatten zu ſchauen waren, mit welchen das kleine Viereck belegt war. Kein freund⸗ licher Sonnenſtrahl, wohl aber eine rauhe, kalte Herbſt⸗ luft berührte unangenehm den Prinzen, welcher, ſo lange der freien Luft entbehrend, fröſtelnd zuſammenſchauerte und gar bald ſein Gemach wieder aufzuſuchen eilte. Au⸗ ßer ſeinem finſtern und wortkargen Wärter hatte er kei⸗ en Menſchen weiter zu Geſicht bekommen, überdies nichts erſpähet, was zu ſeinem Fluchtplane förderlich gewe⸗ ſen wäre. Aus der Noth eine Tugend machend, ward Horſa jetzt Philoſoph. „Ich leide nur—“ ſprach er zu ſich ſelbſt—„was meine Thaten werth ſind. Ich habe einen Menſchen ge⸗ tödtet. Dies hätte mir nach den Geſetzen mindeſtens 10 Jahre Zuchthausſtrafe gebracht. Da iſt es wohl noch beſſer, allein gefangen zu ſitzen, als mit lauter ruchloſen, verbrecheriſchen Menſchen beiſammen zu leben, deren Re⸗ den und Gewohnheiten mir fürchterlich ſein würden. — m— Ohne mein Verdienſt war ich einſt der Erſte und Höchſte im Lande, warum ſollte ich nicht da auch einmal der Elendeſte und Niedrigſte im Lande ſein? Der tugendhafte Sokrates mußte im Gefängniſſe den Giftbecher trinken, während ich ſchwacher, ſündhafter Menſch an dem Noth⸗ wendigſten keinen Mangel leide. Freilich war Sokrates ein lebensſatter Greis, ich dagegen bin ein junger Mann, der das Erdenleben erſt genießen möchte. Wie aber? Kann nicht die Zeit deiner Erniedrigung eben ſo raſch verſtreichen, als die deiner einſtigen Erhöhung? Neunzehn volle Jahre faſt haſt du ein Leben des Ueberfluſſes ge⸗ habt und willſt über einige Monate voll Gefangenſchaft ſchon verzweifeln?“ Durch erneutes Bitten verſchaffte ſich Horſa Schreib⸗ materialien von ſeinem Wärter. Ach, die Gefangenſchaft hatte des jungen Mannes Stolz ſchon ſehr gebrochen! Wenn er nur auch von ſeinem Hüter hätte erfahren kön⸗ nen, was aus ſeinem Freunde Strauchwitz und deſſen Bemühen, den Prinzen in jener Nacht zu retten, gewor⸗ den wäre?„Warum hält man mich gefangen?“ fragte er ſich:„Glaubt man, daß ich thöricht genug ſein würde, mich auf einen Thron zurückzuſehnen, von welchem mein eigenes Volk mich herabgeſtoßen hat? Man verbanne mich in einen andern Welttheil— man laſſe mich ein ſchlichter Landmann werden— aber man gebe mir mein Menſchenrecht: die Freiheit.“ Im Widerſpruche mit dieſen Worten entwarf Horſa in den nächſten Stunden die Grundzüge, nach welchen ein Fürſt zu herrſchen habe. Derſelben erſter lautete: Alles, was ihr wollet, das euch die Leute thun ſollen, das thut ihr ihnen auch. Der Zweite: Ein jeder Re⸗ — 124— gent ſei der erſte Unterthan des Geſetzes. Der Dritte: Das Volk iſt nicht des Fürſten wegen, ſondern derſelbe des Volkes wegen da. Der Vierte: Der Fürſt ſei in Allem das gute Beiſpiel ſeines Volkes. Der Fünfte: „Bevor ein Fürſt Andere regieren will, muß er ſich ſelbſt beherrſchen können.“ Der Leſer wolle nicht vergeſſen, daß Horſa erſt neunzehn Jahre zählte und eine Hochſchule noch nicht beſucht hatte, man hätte denn die Feſtung als eine ſolche betrachten wollen, und das konnte man mit Recht, we⸗ nigſtens in vieler Hinſicht. Später begann Horſa eine Bildungsgeſchichte des Menſchengeſchlechtes nach Anweiſung der Bibel zu ſchrei⸗ ben und jene zwar in religiöſer Beziehung. Erſt dachte ſich der Menſch ſeinen Gott als einen Menſchen mit menſchlichen Schwächen und Unvollkommenheiten. Er ging mit ihm um, wie mit Seinesgleichen, nur daß er eine gewaltige Scheu vor Gottes Macht und Zorne hatte. Später glaubte er mit dieſem im Traume reden zu können, da er den Unſichtbaren nicht am Tage fand. Seine Dankbarkeit für die vom Schöpfer empfangenen Wohlthaten ſprach er durch Geſchenke aus, welche er, das höchſte Weſen oben im Himmel wohnen glaubend, verbrannte, um den Rauch und mit ihm die dargebrachte Gabe empor ſenden zu können. Weiterhin forderten die Hohenprieſter und Propheten nicht bloße Opfer, ſondern auch zugleich den unbedingten Gehorſam gegen die gött⸗ lichen Gebote. Die Furcht war dabei die Zuchtmeiſterin und die ſchrecklichſten Drohungen die Peitſche. Mit Chriſto trat eine gänzliche Umwandlung in der Religion ein. An die Stelle der Furcht trat die Liebe, als der — 125— höchſte und erſte Beweggrund bei allem Thun; an die Stelle des Zornes, von Seiten der Gottheit, die Gnade. Wie einfach, klar und faßlich die Lehre des Heilandes war! Welche Dunkelheiten dagegen unſere Schriftgelehr⸗ ten um jene herum gewoben haben! Auf ein einziges Blatt Papier getraute Horſa ſich des Heilandes Lehren zu ſchreiben und unſere Gelehrten entwerfen dicke Glau⸗ bensbücher, über deren Spreu das Volk die goldenen Körner der Wahrheit außer den Augen verliert. Nicht dieſe, ſondern einzelne dunkle Ausdrücke des Bibelbuchs machen die Schriftgelehrten zum Gegenſtande ihres For⸗ ſchens und Lehrens. Sie ſtreiten hart und wohl gar ge⸗ häſſig darum gegen einander und bringen dadurch die Gläubigen von dem Wege der Liebe ab, rufen Zank, Verfolgung, ja ſelbſt blutige Kriege hervor. Man lache nicht, wenn der 19jährige Horſa ſich vornahm, nur auf Grund der Heilands Worte eine Re⸗ ligionslehre zu entwerfen, welche er, im Widerſpruche mit ſeinen frühern Worten, in allen Schulen ſeines Lan⸗ des einzuführen gedachte. Mit dem Gedanken an ein Reich der Liebe, wie Chriſtus wollte, legte ſich Horſa am Abende nieder und ein Traum malte jenen Gedan⸗ ken mit den reizendſten Farben weiter aus. Eine ganze Nacht hindurch verlebte der Schläfer einen Himmel ſchon auf Erden. Aber leider nur eine Nacht; auf dieſe, ach! folgte der Tag mit ſeiner ſchrecklichen Wirklichkeit. In der Verzweiflung, welche den Prinzen hierauf packte, machte er es wie der ergrimmte Moſes, als er, vom Si⸗ nai herabkommend, das Volk Iſrael um das goldene Kalb tanzend fand. Wie Moſes die Geſetztafeln, ver⸗ nichtete Horſa den Entwurf ſeiner Bildungsgeſchichte wie — 126— den des Religionsbuches. Jetzt ſtand es wirklich ſchlimm um Horſa's Gehirn. Die tiefſte Schwermuth bemäch⸗ tigte ſich ſeiner, wozu die rauhen Winterſtürme, die kur⸗ zen, trüben Tage und die fortwährende Einſamkeit das Ihrige beitrugen. Wiederum war ein Zeitpunkt gekom⸗ men, wo ohne das Dazwiſchentreten der Vorſehung Horſa untergegangen wäre. Wer jetzt den armen Jüngling geſehen hätte! Kraft⸗ los und welk waren ſeine Glieder geworden, bleich die Farbe ſeines Geſichts, eingefallen die Wangen, erloſchen das feurige Auge, gebeugt die Haltung ſeines Körpers. Sinnend ſaß er auf dem Rande ſeines Bettes, überle⸗ gend, auf welche Weiſe er am ſchmerzloſeſten und raſche⸗ ſten ſein Leben endigen könne. Plötzlich vernahm er, daß dumpfe Schläge gegen die eine Wand ſeines Kerkers geführt wurden. Dieſelben waren ein Ereigniß in dem ewigen Einer⸗ lei des Kerkerlebens, durch welches Horſa aus ſeinem Dahinbrüten aufgeweckt wurde. Er horchte auf. Die Schläge erfolgten ziemlich raſch hinter einander; dann aber trat eine Pauſe ein, um wieder von Neuem und zwar in demſelben Taktmaße zu beginnen. Nach einer längeren Weile pochte es wieder und ganz in der frü⸗ heren Weiſe. Mechaniſch zählte jetzt Horſa die Schläge. Erſt acht, dann vierzehn, ſiebenzehn, achtzehn und zuletzt ei⸗ nen. Dieß wurde dreimal wiederholt. Jedenfalls be⸗ deutete es eine Zeichenſprach. Aber welche? Horſa ſann und zählte ſich die Schläge vor. Wie ein Blitz zündete es plötzlich in ſeiner Seele— die verſchiedene Zahl der vernommenen Schläge bedeutete die Buchſta⸗ — 427— ben des Alphabets! Acht waren das H, vierzehn das O, ſiebenzehn das R, achtzehn das S und eins das A. „Horſa!“ war der Sinn und der Klopfer jedenfalls ein Freund von ihm, wo nicht gar ein Befreier! Als⸗ bald ging Horſa an die Antwort, indem er durch abge⸗ zählte Schläge ſagte, wie er den Klopfer verſtanden habe. Dieſe wortloſe Sprache war aufhältlich genug; dennoch aber gewährte ſie dem Gefangenen ein unbeſchreib⸗ liches Vergnügen. Horſa's Pochinſtrument war ein Bret⸗ chen ſeiner Bettſtelle, welches er vor den Augen ſeines Wärters ſorgfältig verbarg. Ein Stück Holz von dieſer Seite, ein Hammer auf jener bildeten die Beſtandtheile eines Telegraphen, der freilich kein elektromagnetiſcher war, durch den aber Horſa auf ſeine Frage erfuhr, daß ſein Freund Strauchwitz den Verſuch, den Prinzen zu befreien, mit dem Verluſte ſeiner Freiheit bezahlt habe, ſich als Gefangener hier in der Feſtung befinde und auf ſeine Veranlaſſung eben die gegenwärtige Zeichenſprache eröffnet worden ſei. Vielmal erhob ſich Horſa's Hand, um nach dem Schickſale Eduard Hennebergs zu fragen, allein die Furcht, den begangenen Mord beſtätigt zu hö⸗ ren, lähmte ihm ſtets den Arm. Von nun an glaubte Horſa nicht mehr verzweifeln zu müſſen. Wußte er doch, daß noch Jemand mit ihm und ſeinetwegen daſſelbe Loos theile, daß Ausſicht auf Befreiung und Erlöſung vorhanden ſei und daß ihm faſt täglich Troſt zugeſprochen werde. Wer den vormaligen Regenten hätte ſehen ſollen, wie er, trotz einem Pochjungen im Bergwerke, mit Eifer gegen die Wand klopfte und dann lauſchend verweilte, um die Antwort zu vernehmen! Ungleich ſchneller denn — 128— anfänglich verſtrichen dem Eingeſperrten die Tage, Wo⸗ chen und Monate. Die rauhen Winterſtürme verwan⸗ delten ſich in laue Thauwinde; der ſchmelzende Schnee plätſcherte von den Dächern hinab in den Hof und die zunehmende Hitze des Ofens deutete dem Gefangeuen an, daß der Winter dem nahenden Frühlinge zu weichen beginne. Gleichwie nun um dieſe Zeit der Saft in die Bäume und in die erſtorbenen Pflanzen tritt, ſo ſchwoll Horſa's Herz unter dem unwiderſtehlichen Triebe nach Freiheit. Vertröſtungen auf dieſelbe, wie ſolche ihm bisher durch den unſichtbaren Freund geworden waren, genügten ihm nicht mehr. Nach Verwirklichung ſchmach⸗ tete er. Da gebot ihm eines Tages der Klopfer an der Wand, ſich krank zu ſtellen und einen Arzt zu fordern, deſſen Anordnungen Horſa nachkommen ſolle. Ach! der arme junge Mann brauchte nicht erſt ſich krank zu ſtel⸗ len. Er war dies wirklich. Ein zehrendes Fieber, ein unerſättlicher Durſt nach Freiheit brannte in ſeinem Innern und prägte ſich ſelbſt ſeinem Aeußern auf. Da⸗ her glaubte der Kerkermeiſter ſofort der Klage Horſa's, daß er ſich ſehr unwohl fühle und eines Arztes benöthigt ſei. Horſa hatte durch ſeinen unſichtbaren Correſponden⸗ ten erfahren, daß ſich im ganzen Lande eine große Un⸗ zufriedenheit gegen den neuen Regenten zu zeigen be⸗ ginne und daß, je mehr derſelbe in den Augen des Volks verliere, der alte deſto höher in der Gunſt deſſel⸗ ben ſteige. Wie leicht konnte demnach eine abermalige Umwälzung ſtattfinden und Horſa wieder an das Staats⸗ ruder gelangen! Unſtreitig mochte eine ſolche Betrachtung beitragen, daß der Feſtungskommandant jetzt theilneh⸗ —— mender gegen den gefangenen Prinzen ſich bezeigte und ihm daher ſofort einen Arzt ſchickte, als jener einen ſol⸗ chen verlangte. Der Doktor kam, unterſuchte Horſa's Zuſtand, er⸗ klärte denſelben für bedenklich und als eine Folge der ſtrengen Haft, ordnete eine zweckmäßige Beköſtigung und Diät, ſo wie das Ausgehen in einen freien, ſonnigen Raum an und verſchrieb außerdem noch Arznei, welche des Prinzen Blut reinigen ſollte. Es war in den Mittagsſtunden eines ſonnigen Märztages, als Horſa ſeinen einſamen, düſtern Kerker mit dem freien Platze auf der Mittagsſeite der Feſtung vertauſchte. Der Kommandant hatte Sorge getragen, daß Nie⸗ mand dem Gefangenen auf ſeinem Wege begegnete, daß dieſer außer ſeinen Wächtern Niemanden zu Geſicht be⸗ kam. Daher waren alle Fenſter und Thüren derjenigen Gebäude, an denen Horſa vorüber mußte, verſchloſſen, alle Rouleaux hinter jenen herabgelaſſen. Aber dennoch ward der Gefangene von vielen neugierigen und theil⸗ nehmenden Augen beobachtet, welche aus verborgenen Winkeln hervorlugten und jede ſeiner Bewegungen be⸗ wachten. Horſa glich einem Betrunkenen, welcher, aus der Zechſtube in die friſche Luft tretend, nun erſt ſeinen Rauſch fühlt. Schwankenden, ja taumelnden Schrittes wandelte die bleiche, ſtubenſieche Jugendgeſtalt dahin. Das volle Sonnenlicht verwirrte ihn und blendete ſeine an das Dunkel gewöhnten Augen. Von dem kurzen Gange ermattet, ſuchte und fand Horſa einen Sitz auf der Laffette eines Feuergeſchoſſes, welches in der Nähe ſtand und den Eingang des Zeughauſes bewachte. Hier Nieritz, Fürſtenſchule. I. 9 — 130— ſchloß Horſa die ſchmerzenden Augen, während die Sonne wärmend ihre Strahlen in die kalten Poren des Gefangenen eindringen ließ. Demſelben war es jetzt, als lege ſich ein dichtes, umſtrickendes Spinnengewebe über das ganze Geſicht. Bald ward es zur eiſernen Maske, unter welcher der Gefangene nicht mehr zu ath⸗ men vermochte. „Luft! friſches Waſſer!“ ſprach er flehend und ward bleich wie der Tod. Den Umſinkenden fing der Kerker⸗ meiſter auf, welcher, des Kommandanten Verbot jetzt vergeſſend, laut ausrief:„Friſches Waſſer her! ſchnell!“ In der nächſten Minute fühlte Horſa, wie die Maske nebſt der vermeintlichen Spinnewebe unter dem Benetzen ſeines Antlitzes mit kaltem, friſchem Waſſer wegſchmolz, wie mit dem vollen Bewußtſein zugleich die Lebenskraft in ihm zurückkehrte und der ſchmerzende Druck don ſeinen Augenlidern verſchwunden war. Als er die Augen aufſchlug, blickte er in die blauen, angſt⸗ erfüllten eines jungen Mädchens, welches, in der einen Hand den vollen Waſſerkrug, in der andern einen Bade⸗ ſchwamm haltend, vor dem Prinzen knieete und deſſen Antlitz und Hände benetzte. Dem Schnitte und Stoffe der Kleidung nach war die barmherzige Samariterin nur eine Magd; dennoch dünkte ſie dem Prinzen reizender als die vornehmſte und in Brillanten ſtrahlende Prin⸗ zeſſin. Das Mädchen zählte kaum ſiebenzehn Jahr, war hübſch und, wie die in ihren Augenwimpern hangende Thräne bezeugte, von Horſa's Geſchick ergriffen, über⸗ dieß das erſte, weibliche Weſen, welches Horſa ſeit ſei⸗ ner Haft zu Geſicht bekam: was Wunder, wenn er die Helferin als einen Engel betrachtete und liebgewann? — 131— Dankbar drückte er mit der einen Hand die zitternde des Mädchens, während er mit der andern nach dem Waſſerkruge langte. Dieſe Bewegung verſtehend, führte jetzt das Mäd⸗ chen— wie vor Zeiten Rebekka dem Knechte Abraham that— den Waſſerkrug zu Horſa's Lippen, welche dar⸗ auf in vollen Zügen das friſche belebende Waſſer einſo⸗ gen. Während dies geſchah, brach die Kleine in ein ſchmerzliches Schluchzen aus und lispelte vor ſich hin: „So jung— ſo hübſch— ſo vornehm— und ſchon ſo unglücklich!“ Der Wärter aber ſagte jetzt rauh zu der jungen Samariterin:„Nun, marſch! Röſe! Wenn Dich der Herr Kommandant hier erblickt, kommen wir beide in des Teufels Küche!“ Da ſetzte die Kleine den Waſſerkrug hin und ging, doch zögernd und mehrmals das Antlitz zurückwendend. Horſa hingegen erhob ſich von ſeinem Sitze und ſchritt der Bruſtwehr der Baſtion zu, durch deren Schießſcharten eine er hinausblickte in die unbegrenzte Weite. Himm⸗ liſcher Anblick das! Welche Ruhe, welche Freiheit rund umher! Keine Schranke! keine Wächter! Frei erhob ſich die erſte Lerche jubilirend in die laue Frühlings⸗ luft! Frei wandelte der Landmann durch die jun⸗ gen Saatfelder! Frei ſpielten die Mücken im Sonnen⸗ glanze! Man möge es Horſa's großer, körperlicher Entkräf⸗ tung beimeſſen, wenn er bei dieſem Anblicke in Thränen ausbrach, deren er ſich zwar ſchämte, die er jedoch nicht zurückzuhalten vermochte. Er wartete mit abgewendetem Geſichte, bis ſie verſiegt waren und ſchritt dann erſt in „ der Baſtion und deren Raume umher. So trieb er es einige Tage, ohne jedoch ſeine junge Samariterin wie⸗ der zu ſehen. Dann verſchrieb ihm der Arzt eine Arz⸗ nei, nach deren Genuſſe er ſich unwohler als bisher fühlte. Es bemächtigte ſich ſeiner eine Schlafſucht, die faſt unnatürlich zu nennen war und die ihn bald in„ einen bewußtloſen Zuſtand verſetzte. „Der Prinz liege im Verſcheiden—“ durchlief das Gerücht die Feſtung.„Er ſei geſtorben—“ ſpäter. Wirklich ward Horſa eingeſargt, nachdem der Kom⸗ mandant und die vornehmſten Beamten der Feſtung von ſeinem Ableben ſich überzeugt hatten. Der Eilbote, wel⸗ cher an den Fürſten abgeſendet wurde, kehrte mit dem Befehle zurück, die Leiche des Prinzen in der Stille auf dem Friedhofe der Feſtung zu begraben, was auch geſchah. Röſel weinte bittere Thränen dem jungen, ſchönen Prinzen nach, der noch kurz vor ſeinem Ende ſo dank⸗ bar ihr die Hand gedrückt hatte. 8 Druck der Hofbuchdruckerei in Altenburg. ſ n m 6 17 1 7 8 9 10 11 12 1 * i 4„ ² S 5 3. 5 4 6