Die Fürſtenſchule. Eine Erzählung für Jedermann, von Zweiter Band. Berlin, 1850. Verlagshandlung des allgemeinen deutſchen Volksſchriften⸗Vereins. G. Simion. Jul. Springer.) Die Fürſtenſchult. ——— Eine Erzählung für Jedermann, von Guſtav Nieritz. M. Nieritz, Fürſtenſchule. II. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß, wenn Horſa wirklich geſtorben geweſen, auch die ganze Geſchichte zu Ende wäre. Ein Ende aber wie das vorliegende, würde ganz außer der Ordnung ſein und die Leſer völlig unbefriedigt laſſen. Nun iſt es zwar ein ſchon oft abgenutzter Romanenpuff, wenn man unglückliche Gefangene oder Liebende durch einen ſtarken Schlaftrunk ſcheinbar ſterben und dann zur Freiheit wieder erwachen läßt. Auch iſt ein ſolcher Puff wiederholt unglücklich abgelaufen, wie uns die Geſchichte von Romes und Julia und von der eiſernen Maske lehrt. Zu Horſa's Rettung aber war der Feſtungskom⸗ mandant kein argwöhniſcher Franzoſe, welcher, wie der eiſerne Maske geſchah, dem Scheintodten den Kopf vom Rumpfe trennen ließ, bevor er ihn der Erde übergab. So kam es denn, daß Horſa, deſſen Freunde kein ande⸗ res Rettungsmittel hatten auffinden können, endlich aus ſeinem Todtenſchlafe erwachte, was freilich, in Folge des ſtarken Schlaftrunkes, mit ziemlich wüſtem Kopfe und Magen geſchah. Die Beſinnung wieder bekommend, fühlte Horſa, daß ſeine Lagerſtätte in unaufhörlicher Bewegung ſei. Bald bemerkte er, daß er ſich in einer Kutſche befand, auf deren Bocke zwei ihm unbekannte Männer ſaßen, die ſich in ein lebhaftes Geſpräch vertieft hatten. Er ſelbſt ſah ſich mit einem weiten, pelzgefütterten Mantel umge⸗ ben und in der Wagenecke gelehnt. Aus der halblaut geführten und von dem Getöſe des Fahrens großentheils unverſtändlich gemachten Unterhaltung der Männer konnte Horſa deren Geſinnung gegen ihn nicht erkennen. Der Weg führte, wie er beobachtete, durch öde Gegenden und über keine Kunſtſtraße. Was hatte man mit ihm vor? Hatte man das Vor⸗ haben ſeiner Freunde entdeckt und gedachte man ihn einem andern und noch ſtrengeren Gewahrſam zuzuführen? Zwar ſchien ihm hierzu die Ueberwachung ſeiner Perſon nicht vorſorglich genug. Aber die Furcht vor einer mög⸗ lichen Fortdauer ſeiner Gefangenſchaft und die Ausſicht, derſelben durch die Flucht entgehen zu können, gewann bei Horſa die Oberhand. Ohne weiteres Ueberlegen ſtreifte er den Pelzmantel von ſich ab, bewegte er den Drücker des Wagenſchlags und entſchlüpfte unbemerkt ſeinem dahinrollenden Gewahrſame. Am Wege ſtehendes, niederes Gebüſch, in welches Horſa ſofort unterkroch, be⸗ günſtigte deſſen Flucht. Von jenem gedeckt, eilte er un⸗ aufhaltſam ſeitwärts fort. Was ihm an Körperkräften noch abging, ergänzte des Geiſtes Aufregung und die Hoffnung auf Befreiung. Er hielt eher nicht mit Laufen inne, als bis ihm der Athem auszugehen drohte und er einen dichten Wald erreicht hatte. Wie erkenntlich doch der Menſch dann, ſelbſt für ein kleines Gute, wird, wenn er es vorher lange hat ent⸗ behren müſſen! Dort ſitzt Horſa, den Rücken gegen einen Kieferſtamm gelehnt, und trinkt unter unſäglichen Wonne⸗ gefühlen den kräftigen, aromatiſchen Harzduft auf, welcher im Frühjahre ſo lungenſtärkend den Nadelwäldern ent⸗ ſtrömt. Derſelbe war ihm eine Arznei, wie ſie kein Doktor verſchreiben, keine Apotheke bereiten kann. Frei war er! Im Frohgefühle darüber preßte er ſeine beiden Hände gegen die hochwallende Bruſt, richtete er den Blick dankbar auf zum blauen Frühlingshimmel, in deſſen Höhen die trillernden Lerchen ihr Loblied mit dem Dank⸗ gebete des befreiten Fürſtenſohnes vereinten. Ja, Horſa betete— betete aus voller Seele und mit nie gefühlter Inbrunſt. Zugleich gelobte er ſich, fortan ein neuer Menſch zu werden, der auch am innwendigen Menſchen frei ſei und nicht mehr der Sünde, wie der Leidenſchaften Knecht. Gutes zu thun und darin nicht müde zu wer⸗ den— nahm er ſich vor— um dereinſt zu ärndten ohne Aufhören, wie ihn die Bibel gelehrt hatte. Aller Sorgen um die nächſte Zukunft entſchlug er ſich. War nicht das neu gewonnene Leben mehr als die Speiſe? Die goldene Freiheit mehr als die Kleidung? Die Lerchen über ihm ſangen ſo fröhlich, auch ohne einen Heerd zu beſitzen, an deſſen Feuer das Mittagseſſen kochte. Und die Mücken— ſie tanzten ſo luſtig vor ihm, ohne einen Spielmann zu haben, ohne zu wiſſen, wo ſie am Abende ihr kleines Haupt hinbetten würden. Gott ſelbſt giebt Jedermann Leben und Odem al⸗ lenthalben, denn in ihm leben, weben und ſind wir. Sehet die Vögel unter dem Himmel an. Sie ſäen nicht; ſie ärndten nicht; ſie ſammeln nicht in die Scheuern ein und euer himmliſcher Vater ernähret ſie doch. Schauet die Lilien auf dem Felde. Sie arbeiten nicht, auch ſpin⸗ nen ſie nicht. Und doch ſind ſie ſchöner gekleidet als — Salomo in all ſeiner Pracht. Seid ihr nicht vielmehr denn ſie? O ihr Kleingläubigen! Man erſieht aus dieſen Bibelſprüchen, welche Horſa ſich jetzt in's Gedächtniß zurückrief, daß derſelbe ſeine Lernzeit auf der Feſtung wohl benutzt hatte. Schul⸗ meiſter hätte er werden können, ſo bibelfeſt war er in ſeiner Gefangenſchaft geworden. Wirklich wollte er Alles werden, wozu ihn die Vorſehung beſtimmen würde. Nur nicht wieder ein Fürſt und Regent.„Denn—“ ſprach er—„welches Glück beſaß ich als ein ſolcher? Der fürſtlichen Freuden ward ich bald überdrüßig und Genüſſe, von denen ein einzelner und in geringem Maaße einen niederen Sterblichen hoch beglückt hätte, ließen mich kalt. Dagegen verdanke ich all' meine Leiden nur dem fürſtli⸗ chen Stande. Wie ein ſeltener Schmetterling komme ich mir vor, deſſen buntes Flügelkleid ihn zum Gegenſtande der unermüdlichen Verfolgung aller Knaben und Ento⸗ mologen macht. Fortan laß mich, o gütiges Geſchick, nur ein gemeiner Molkendieb ſein, nach welchem niemand die Fangſcheere ausſtreckt.“ Nach dieſen erbaulichen Selbſtbetrachtungen erhob ſich Horſa von ſeinem ungepolſterten Sitze, um ſeine glücklich begonnene Flucht mit raſchen Schritten fortzu⸗ ſetzen. Der Sonne Stand am wolkenfreien Himmel ward ihm hierbei ein Wegweiſer. Er erinnerte ſich, daß die Bergfeſte, welche ihn bisher beherbergt hatte, im Süden ſeines vormaligen Reiches und etwa fünf Meilen von der Gränze des Nachbarſtaates entfernt liege, daß ferner der Wagen, welchem er entſchlüpft war, auch die ſüdliche Richtung verfolgt hatte, indem die Sonne dem Kutſcher im Geſichte geweſen war. Letztere Bemerkung, welche ihn anfänglich ſtutzig machte, führte ihn, wenn er die ziemlich nachläſſige Bewachung ſeiner Perſon hinzu⸗ rechnete, auf den Gedanken, daß er ſich auf Freundes Veranſtaltung in der Kutſche befunden habe und dieſe ihn über die Gränze zu bringen beſtimmt geweſen ſei. Da Horſa lieber ſterben als wieder Gefangener ſein wollte, ſo war er darauf bedacht, ſich irgend eine Waffe gegen einen feindlichen Angriff zu verſchaffen. Nach ei⸗ nigem Suchen fand er einen geraden Fichtenaſt mit einem Haken am ſtärkeren Ende. Auf denſelben ſich ſtützend, wanderte er im Walde fort. Nach einer Stunde Wegs etwa drang zu Horſa's Ohren das Hülfsgeſchrei eines Menſchen, welches der Forſt ſchallend vervielfältigte. Anſtatt wie der Prieſter und Levit Reißaus zu nehmen und die eigene Haut in Sicherheit zu bringen, eilte Horſa dem Orte zu, von welchem der Ruf ertönte. Es war ein Hohlweg, in welchem Horſa einen jungen Bur⸗ ſchen erblickte, welcher mit einem langen und an Kräften jenem weit überlegenen Kerle rang. In dem Augenblicke, wo der Burſche überwältigt zu Boden geworfen wurde und der Kerl ihn auszuplündern gedachtey erſchien Horſa in dem Anfange des Hohlweges. Er wußte ſelbſt nicht, was ihn bewog, ſeinen Fichtenaſt mit dem hakenverſehe⸗ nen Ende an die rechte Wange zu legen und mit dem anderen, gleich wie mit einer Flinte, auf den Räuber zu zielen, wobei er mit fürchterlicher Stimme ſchrie:„Wart', Schurke! wie einen tollen Hund will ich dich niederſchie⸗ ßen.“ Der Kerl blickte erſchrocken auf. Er ſah in klei⸗ ner Entfernung einen jungen Mann in Jägerkleidung ſtehen und ein Ding auf ſich angelegt, das er in ſeiner Beſtürzung für ein wirkliches Schießgewehr hielt. Hui! 4 4. wie gab der Räuber jetzt Ferſengeld! Schnell hatte ihn des Waldes Dickicht den Augen der Zurückbleibenden entzogen. Der Burſche war eben ſo raſch vom Boden aufge⸗ ſprungen.„Ei, ſo ſchießt doch nur los!“ rief er hitzig dem herankommenden Horſa zu.„Platzt doch dem Spitz⸗ buben die Diebsknochen entzwei! Was zaudert Ihr? Meint Ihr, daß es Schade um einen ſolchen Schuft ſei? O weh! nun iſt er verſchwunden!“ Horſa war eben ſo innig vergnügt, wie ein Soldat, welcher das erſte Pulver in einer heißen Schlacht gero⸗ chen hat. Durch eine bloße Handbewegung hatte er einen Feind in die Flucht geſchlagen, welcher in einem entſtandenen Handgemenge jedenfalls den ganz entkräfte⸗ ten Horſa beſiegt haben würde. Deſſen Geiſtesgegen⸗ wart hatte die rohe Körperkraft bewältigt, ſo wie einſt der kleine David den Rieſen Goliath. In der heiterſten Laune ſchritt Horſa dem Burſchen näher, welcher, anſtatt ſeinem Retter zu danken, nicht übel Willens war, denſel⸗ ben mit Vorwürfen zu empfangen. Wenigſtens ſah ſein Geſicht verdrießlich genug dazu aus. „Schicke Du dem Räuber eine Kugel nach—“ ſprach Horſa lachend, indem er ſeine Waffe dem Burſchen hinreichte. Wirklich griff dieſer haſtig zu, nun erſt durch das Gefühl die eigentliche Beſchaffenheit der vermeinten Flinte erkennend. „Alle hedich!“ rief der Burſche fröhlich jetzt aus— „das nenne ich einen Pfiff! den muß ich mir hinter's Ohr ſtecken. O Rußbutten und Pechpflaſter! wenn das der lange Strauchdieb gewußt hätte! Dann war es um meine blanken Thaler geſchehen und wir beide wären noch obendrein blitzblau und windelweich von ihm geprü⸗ gelt worden. He, Ihr Pfenniglicht in einer großen Stalllaterne, wie ſeid Ihr nur auf den geſcheidten Ein⸗ fall gekommen? Seid Ihr immer ſo grauſam pfiffig wie jetzt?“ Faſt ſchämte ſich Horſa über dieſes ungekünſtelte Lob ſeiner That. Er ſelbſt hatte erſt jetzt das Vorhanden⸗ ſein einer Kraft ſeiner Seele, die Geiſtesgegenwart ge⸗ nannt, erkannt, die er früher an dem Gutsbeſitzer Schmie⸗ del bewundert, als dieſer, dem Verräther Wolf auswei⸗ chend, die dem Leſer bekannte Liſt in der Barbierſtube ausgeführt hatte. Bald aber fand auch Horſa Urſache, die Geiſtesge⸗ genwart oder Klugheit ſeines Schützlings anzuerkennen. Er ſah nämlich eine ziemlich bedeutende Anzahl blanker Silberthaler in dem Hohlwege verſtreut, welche deren Eigenthümer oder Träger ſelbſt von ſich geworfen hatte, als er von dem Räuber angefallen worden war. „Ich wollte mein Eben abſehen—“ erklärte der Burſche auf Horſa's Frage,—„und dem Kerl einen Stoß verſetzen, daß er das Aufſtehen vergaß, ſobald er ſich zum Aufleſen meiner Thaler gebückt haben würde. Um ihn ſicher zu machen, wollte ich mich todt von ſeinen Hieben ſtellen und dann unverſehens über ihn herfallen. Ein Stein würde ſich wohl in der Nähe gefunden haben, mit welchem ich ihm den Schädel hätte einſchlagen kön⸗ nen. Freilich konnte die Geſchichte übel für mich ablau⸗ fen und darum will ich mich recht ſchön bei Ihm bedankt haben.“ Horſa half nun dem Burſchen die Thaler aufleſen. „Es müſſen ihrer 65 ſein—“ bemerkte Jener. — „Ich hatte ſie für gelieferte Holzkohlen von dem Hütten⸗ meiſter Binger in Saidnitz ausgezahlt bekommen. Das mußte doch der Strauchdieb ausgekundſchaftet haben. Denn ſonſt wüßt' ich wirklich nicht, warum er mich angefallen hätte, da ich ſchon mehr denn tauſendmal durch den Wald gegangen bin, ohne einen ſolchen Spitzbuben nur von weitem geſehen zu haben. Wo geht denn Euer Weg hin und woher ſeid Ihr? Ich kenne doch drei Meilen in der Runde herum alle Förſter und Jägerburſchen; aber ſo ein ſchnakiſcher wie Ihr iſt mir noch nicht vorgekom⸗ men. Ihr ſeht meiner Treu aus, als wenn Ihr dem dicken Oberförſter in Gröbern den Rock und die Hoſen gemauſt und Euch Spindelbein hineingeſteckt hättet. Statt der Büchſe führt Ihr einen alten Fichtenaſt und nicht einmal ein Jagdmeſſer bei Euch.“ Das vorhin geäußerte Gleichniß des Burſchen von dem Pfenniglichte in der großen Stalllaterne paßte nicht übel auf Horſa. Denn immer noch ſteckte derſelbe in ſeiner alten Jägerkleidung, welche jedoch die vom Hof⸗ theaterfriſeur beigefügte Watte längſt ſchon von ſich ge⸗ geben hatte. Ueberdies hatte Horſa durch die Leiden der Gefangenſchaft alle Körperfülle verloren, ſo daß er, wie man ſpricht, nur noch aus Haut und Knochen beſtand. Da behaupten die ſtrengen Sittenrichter, daß jede Lüge, folglich auch die Nothlüge, unrecht und darum un⸗ zuläſſig ſei. Sie haben gut reden, ſo lange ſie noch nicht in die Lage gekommen ſind, wo eine Nothlüge gro⸗ ßes Unrecht und Unglück verhüten, oder einen wünſchens⸗ werthen Nutzen ſtiften kann. Was ſollte, zum Beiſpiel, Horſa jetzt thun? Dem jungen Frager offen bekennen, wer er ſei oder demſelben mit der Antwort den Mund — ſtopfen:„Darnach haſt du, junger Naſeweis, nicht zu fragen?“ In beiden Fällen würde Horſa unklug gehan⸗ delt und Verdacht gegen ſich erregt haben. „Ich bin—“ erzählte er im Weitergehen—„in dem Nachbarſtaate Rogatien heimiſch und verließ meine Heimath in der Abſicht, mich in der Welt ein wenig um⸗ zuſehen und etwas zu lernen. Da mußte mich das Un⸗ glück treffen, daß mich ein hitziges Nervenfieber befiel, welches mich dem Tode nahe führte. Man hatte mich in das Lazareth der nächſten Stadt geſchafft, wo ich lange krank lag und meine Mutterpfennige, meine ſchöne Büchſe, den werthvollen Hirſchfänger, ja Alles in Allem, zufß en mußte. Die Kleidung, die ich jetzt an mir trage, iſt das Geſchenk eines mitleidigen Kameraden und ſo will ich denn dahin zurückkehren, woher ich gekommen bin. Frei⸗ lich wird mir das Marſchiren noch ziemlich ſauer und ſaurer noch der Gedanke, daß ich, um nicht verhungern zu müſſen, das Mitleid der Menſchen anſprechen ſoll.“ „Hm!“ ſagte der Burſche mitleidsvoll und gutmü⸗ thig—„bleibt bei uns, bis Ihr Euch wieder herange⸗ füttert und nach Hauſe um Reiſegeld geſchrieben habt. Ihr habt mir und meinem Vater einen ſo großen Dienſt erwieſen, daß es unbillig wäre, wollten wir Euch ohne Weiteres fortlaufen laſſen. Ueberdies merken wir es we⸗ der im Beutel, noch in der Schüſſel, wenn noch Einer mehr mitißt. Bleibt bei uns, ſpreche ich, bis Euch der Bart gewachſen iſt.“ „Was iſt Dein Vater und wo wohnt er?“ fragte Horſa, mit Freuden auf dieſen Vorſchlag eingehend. „Hm! ein Kohlenbrenner iſt er—“ verſetzte der — Burſche—„und darum muß er auch im Walde woh⸗ nen. In einer guten Stunde können wir daheim ſein.“ „Da liegt Eure Wohnung wohl nahe an der Lan⸗ desgränze?“ forſchte Horſa weiter. „So iſt's!“ antwortete Jener.„Kaum eine Viertel⸗ ſtunde haben wir von unſerm Hauſe bis zum Gränz⸗ pfahle.“ Horſa hätte lieber gehört, daß der Vater ſeines Be⸗ gleiters im Nachbarſtaate gewohnt hätte. Es fiel ihm das Beiſpiel von Hippoldisweiler ein, wo er trotz der Nähe der Gränze von ſeinen Feinden überfallen und ge⸗ fangen genommen worden war. Sich nicht ſicher inner⸗ halb ſeines vormaligen Reiches glaubend, beſchloß er, eine nur kurze Raſt ſich bei ſeinem Schützlinge zu ver⸗ gönnen und dann das Ausland aufzuſuchen. Bei der Fortſetzung des Marſches erfuhr Horſa, daß ſein Beglei⸗ ter Stephan Schmidt heiße und gleichfalls das Gewerbe ſeines Vaters betreibe. Der Prinz bildete ſich ein, des nächſten eine Köhlerhütte, von Holz, Raſen und Moos zuſammengeſetzt und an mächtige Baumſtämme gelehnt, im dichteſten Walde aufzufinden. Die innere Einrichtung derſelben glaubte er dem Aeußern angemeſſen: nur die allernothwendigſten Geräthe und zwar plump geſchnitzt oder zugehauen, Lagerſtätten von dürrem Laube und Mooſe, Brot von der ſchwärzeſten Art, dazu Ziegenmilch und Ziegenkäſe— weiter nichts. Aber ſeine Täuſchung war eine von angenehmer Art, als er am Ziele ſeiner Wanderung einen baunfreien, ziemlich umfänglichen Raum vor ſich ſahe, den eine Menge verſchiedener Gebäude von feſter und geregelter Bauart bedeckte. Er würde dieſelben für ein Walddorf gehalten haben, wenn nicht die meiſten — der vorhandenen Gebäude zu anderen Zwecken als zu Wohnſitzen für Landleute beſtimmt geweſen wären. Meh⸗ rere Dächer endigten ſich in hohe Feueröſſen, denen ein ſtarker, harzig riechender Dampf entquoll. „Das ſind Theer⸗ und Pechſiedereien—“ belehrte Stephan Schmidt den fragenden Horſa, welcher bei dem weiteren Vorſchreiten ein nettes, ziegelgedecktes Wohnhaus auf einer Anhöhe erblickte, von welcher man eine völlige Ueberſicht der geſammten Niederlaſſung hatte. Dahin geleitete Stephan ſeinen Beſchützer, welcher die Wohnung des angeblichen Köhlers über ſeine Erwartung wohl ein⸗ gerichtet fand. Noch angenehmer fühlte er ſich jedoch überraſcht, als er ſich den Aeltern ſeines Begleiters vor⸗ geſtellt ſah, die ihn beide mit herzlicher Freundlichkeit willkommen hießen, welche auf die Erzählung Stephans von ſeiner Errettung aus Räuberhänden in die innigſte Dankbarkeit ſich verwandelte. Sobald ſich die Kunde von dem ſtattgefundenen Ueberfalle in der Niederlaſſung verbreitete, ſtrömte Alt und Jung herbei, um jene aus dem Munde Stephans beſtätigen zu hören und zugleich den entſchloſſenen Jägerburſchen zu ſehen, welcher durch das bloße Vorzeigen eines Fichtenaſtes einen baumſtarken Räuber in die Flucht gejagt hatte. Unter den Herbeigeeilten war auch ein kräftig auf⸗ geſchoſſenes, rothwangiges Bauermädchen, welches von dem Melken der Kühe aus dem Stalle fortgeſprungen war, baarfuß und mit aufgeſtreiften Hemdärmeln auf Stephan zuſprang und ihn haſtig in ihre Arme faßte, als gedächte ſie ihn gegen den Räuber in Schutz zu nehmen. Dann wendete ſie ſich zu Horſa, ſchüttelte ihm treuherzig die Rechte und ſagte mit einem leuchtenden Blicke aus ihren dunkeln Augen:„Habt großen Dank, junger Burſche, dafür, daß Ihr meinen Bruder da erret⸗ tet habt. Er traut ſich oft mehr zu als er vermag und wollte ſich immer nicht warnen laſſen.“ Es iſt nicht der Land⸗ und Waldbewohner Sache, viele Worte zu machen. Dagegen ſind ſie eher mit der That bei der Hand. Darum ſtand auch Frau Schmidt alsbald mit einem ſchmackhaften Imbiß vor Horſa, dem jetzt nichts erwünſchter kam als dieſe ländliche Gewohnheit. Guter Gott! wie dem Prinzen, dem verhungerten und ſchier verſchmachteten, das kräftige Schwarzbrot, die goldgelbe, friſche Butter, die kümmelgewürzten Käſeſchnit⸗ ten und die ungefälſchte Milch ſchmeckten! Der Hunger übertraf jetzt alle ſeine früheren Hofmundköche und deren Kunſtgerichte. Mit großer Befriedigung ſah die Haus⸗ frau Horſa's geſegneten Appetit mit an, denn wahrhaft beleidigt betrachten ſich die Landbewohner, wenn man ihren Erzeugniſſen die gebührende Ehre zu verſagen ſcheint. Wahrſcheinlich würde ſich der von der langen Haft und dem empfangenen, ſtarken Schlaftrunke ſehr geſchwächte Horſa eine Verdauungsbeſchwerde zugezogen haben, wäre ſeinem übermäßigen Appetite nicht noch zu rechter Zeit Ein⸗ halt gethan worden. Derſelbe wurde durch einen Schreck bewirkt, deſſen unſchuldige Veranlaſſung der von Horſa gerettete Stephan war. Nachdem dieſer die dem Räuber vorenthaltene Geld⸗ ſumme ſeinem Vater zugezählt hatte, that Letztrer die Frage an ſeinen Sohn:„Und was gab's ſonſt Neues in Saidnitz?“ „Das Neueſte iſt—“ verſetzte Stephan mit ſchnell . umdüſterter Stirne—„was ſich auf der Feſtung Dach⸗ ſtein zugetragen hat.“ Hier hörten Horſa's Kinnladen ſchnell mit ihrer kauenden Bewegung auf. „Was giebt's auf der Feſtung?“ fragten Vater, Mutter und Tochter zugleich.—„Wie ſteht's um Horſa? Haſt Du von ihm etwas gehört?“ „Das Allerſchlimmſte—“ ſprach Stephan traurig— „Er iſt— todt!“ „To— dt!“— tönte es von ſechs Lippen wieder, deren Beſitzer erblaßten und voll Schrecken ſich ſtumm anblick⸗ ten. Horſa hingegen zog ſchnell ſein Taſchentuch hervor, um ohne Noth ſeine Naſe und das halbe Geſicht dazu hineinzuſtecken. Vor Schreck fiel ihm— wie das Sprüch⸗ wort ſagt— die Butter vom Brote. „Todt!“ wiederholte der Köhler nach einer Pauſe und ein tiefer Seelenſchmerz ſprach aus ſeinen Augen, die er auf ſeine eben ſo erſchrockene Frau heftete. Er wollte mehr ſprechen, allein ein Seitenblick auf den frem⸗ den Gaſtfreund ſchloß ihm die halbgeöffneten Lippen. „Geſtern iſt er begraben worden—“ erzählte Ste⸗ phan—„ohne Sang und Klang, in einem gemeinen Sarge und in ein gewöhnliches Grabeloch auf dem Fe⸗ ſtungskirchhofe. Kühn's Röſe, die beim Feſtungsprofoße dient, traf ich heute in Saidnitz. Sie weinte wie ein Kind, da ſie mir die traurige Geſchichte erzählte. Vor kurzem erſt hatte ſie den Prinzen leibhaftig geſehen, hatte ihm ſogar mit ihren eigenen Händen das Geſicht mit einem Waſchſchwamme voll friſchen Waſſers überfahren, weil er in Ohnmacht gefallen war. In ihrem ganzen Leben könne ſie den lieben, ſchönen jungen Herrn nicht wieder aus den Gedanken und aus ihren Augen bringen. Man munkelt von Gift, das der Prinz bekommen haben ſoll, weil immer mehr Leute und Soldaten ſich auf ſeine Seite zu ſchlagen angefangen haben ſollen. Der liebe Gott allein wiſſe es am beſten— ſagte Röſe— wie es zugegangen, daß der arme Prinz ſo ſchnell noch geſtorben iſt, da es doch anfänglich beſſer mit ihm gegangen wäre. Aber ſie könne es nicht länger auf der Feſtung aushalten. Wo ſie gehe und ſtehe, im Wachen wie im Schlafe, ſähe ſie den Prinzen mit dem blaſſen Leidensgeſichte vor ſich und nur zu gewiß wäre es, daß ſein Geiſt ſchon unter⸗ ſchiedlichen Schildwachen in der Nacht erſchienen ſei. Ja, eine von ihnen will in der Nacht vor ſeinem Begräbniſſe einen Leichenzug von der Feſtung hinab auf den Kirchhof haben ziehen ſehen, der dann auf ſein lautes Anrufen wie ein Nebel zerſtoben ſei. Röſe will, wenn ſie nicht einen andern Dienſt findet, lieber wieder hierher ziehen und Theer ſieden helfen, denn länger auf der Feſtung bleiben.“ Dieſe Erzählung Stephans enthielt für Horſa Tröſt⸗ liches und Beunruhigendes zugleich. Tröſtliches, weil mit der Ueberzeugung von ſeinem Tode auch die Verfol⸗ gungen gegen ihn aufhörten; Beunruhigendes, inſofern mit der Zurückkunft der Magd die Unwahrheit jener Nachricht an den Tag kommen und er entdeckt werden mußte. Als ſonſtiger Monarch hatte er ſich noch nie um die Miethverhältniſſe ſeiner Unterthanen gekümmert, ein Umſtand, welcher ihn mehrere Tage lang in großer Un⸗ ruhe erhielt, bis er endlich auf ſein Befragen von Ste⸗ phan erfuhr, daß Röſe erſt zur Oſterzeit ihren gegenwär⸗ tigen Dienſt kündigen und dann ein Vierteljahr ſpäter abziehen könne. Da Horſa ſeine erdichtete Geſchichte gegen ſeinen gaſtfreundlichen Wirth wiederholt hatte, ſo ſah er ſich genöthigt, um jener gemäß zu handeln, einen Brief an ſeinen angeblichen Vater, den Förſter Olbernau in Surgard, zu ſchreiben und auf dem nächſten Poſtamte abgeben zu laſſen. So bedingt eine Lüge, ſelbſt die Nothlüge, immer wieder eine neue und darum ſchon iſt es äußerſt bedenklich, ſelbſt nur die letztere zu ſagen. Horſa hatte mit Stephan eine gemeinſchaftliche Schlaf⸗ kammer angewieſen bekommen, eine Sache, die dem vor⸗ maligen Fürſten weder bei dem Hoſftheaterfriſeur noch auf der Feſtung zugemuthet worden war. Allein die Noth lehrt wohl ſchlimmere Dinge noch ertragen. Ueberdies beſtand Horſa's Lager aus weichen, wärmenden Betten mit einem reinlichen, neuwaſchenen Ueberzuge, anſtatt aus getrockneten Blättern oder dumpfigem Mooſe. Obſchon man hätte annehmen können, daß Horſa in letztrer Zeit mehr als zuviel auf den empfangenen Schlaftrunk ge⸗ ſchlafen habe, ſo ſchien doch die Märzſonne bereits auf ſein Lager, als er am erſten Morgen erwachte, ein Blick auf das Bette ſeines Schlafgenoſſen berichtete Horſa, daß jener bereits die Federn verlaſſen habe. In der Wohn⸗ ſtube angekommen, fand er dort nur die Hausfrau, welche, den Gaſt erwartend, indeß mit Nähen ſich beſchäftigte. Von ihr erfuhr Horſa, daß Vater Schmidt und Stephan ſeit zwei Stunden ſchon beim Kohlenbrennen ſeien und daß Anna eben ſo lange mit dem Viehe und der Haus⸗ wirthſchaft ſich abmühe. In dieſem Berichte lag für den jungen Fürſten eine kleine Beſchämung, die ſich in einer leichten Röthe über ſein bleiches, ſieches Antlitz ver⸗ breitete. Nieritz, Fürſtenſchule. II. 2 —— Frau Stephan bemerkte dieſe Schamröthe und deren Urſache errathend, ſprach ſie begütigend:„Es freut mich, junger Mann, daß Ihr ſo gut und feſt bei uns geſchla⸗ fen habt. Ein Wunder iſt's zwar nicht, da Ihr kaum geneſen von einer ſchweren Krankheit ſeid und geſtern einen ziemlichen Weg zurückgelegt habt. Wollte doch un⸗ ſer Herrgott, daß Ihr bei uns ganz wieder zu Kräften kämet und Euer ſieches Ausſehn verlöret! Ich habe für Euch Kaffee warm geſtellt: aber freilich weiß ich nicht, ob derſelbe Euch jetzt nützen dürfte. Er ſoll, wie unſer Doktor ſpricht, das Blut erhitzen und mager machen. Ich ſtelle es Euch frei, ob Ihr Kaffee oder lieber Milch von der Kuh weg trinken wollt, die man ſonſt vielen kränklichen Leuten anräth. Aber freilich müßtet Ihr dann ſchon um 5 aufſtehen, weil um dieſe Zeit die Kühe zum erſtenmale gemolken werden.“ So ſprach keine Köhlersfrau. Ueberhaupt bekam Horſa immer mehr eine andere und zwar vortheilhafte Mei⸗ nung von ſeinen Wirthsleuten. So einfach die ganze Einrichtung des Hausweſens auch war, ſo zeugte ſie den⸗ noch von der Wohlhabenheit und ſelbſt von dem Schön⸗ heitsſinne ihres Beſitzers. Nichts von den geſchmackloſen, buntgakelichen ja unſittlichen Bildern an den Wänden, die man in ſo vielen Bauernſtuben aufgehängt ſieht! Keine Schränke, Truhen und Bettſtellen, himmelblau an⸗ geſtrichen, mit ziegelrothen Tulpanen und gelben Son⸗ nenblumen! Keine ſchmutzigen Töpfer⸗Reime auf den Lel⸗ lern und Schüſſeln, die in wohlgeordneten Reihen das Topfbret in der Stube zierten! Aber weiß wie Alabaſter die lindenhölzernen Tiſche und Schemel, die Dielen der Stube, die Fenſterbreter, das Gehäuſe der Schwarzwäl⸗ — ₰ der Uhr. Weiß wie Kreide und fleckenlos die vier Wände, über denen ſich das ſpinnenfreie, braune Getäfel und Gebälke der Stubendecke ausſpannte. Keine erblindeten Fenſterſcheiben, keine Spur von Fliegenkoth irgendwo! Sogar ein Klavier in braunem Eichengehäuſe nahm die eine Stubenwand ein. Horſa muſterte alle dieſe Gegenſtände, während er mit Wohlbehagen ſeinen Kaffee aus einer Steinguttaſſe trank. Anſtatt des erwarteten groben Schwarzbrotes fand er weiße Semmelwecken als Zukoſt neben dem Kaffee, wobei ſelbſt der Zucker nicht vergeſſen war. „Sie iſt freilich altbacken—“ ſprach Frau Schmidt in Bezug auf die Semmel.„Nur zweimal in der Woche geht unſte Botenfrau nach der Stadt und kauft für uns ein.“ Horſa aber ſprach bei ſich ſelbſt:„Wenn König Heinrich der Vierte von Frankreich es als die Aufgabe ſeines Lebens und Regierens betrachtete, daß ein jeder Bauer des Sonntags ſein Huhn im Topfe habe: ſo ſcheint dieſe Aufgabe bereits in deinem vormaligen Reiche gelöſt zu ſein. Denn wenn ein Kohlenbrenner ſchon ſo reich begütert iſt wie hier vorliegt: wie mag es da nicht erſt um den Landbauer ſtehen! Ob jedoch meiner kurzen Regierung oder der meines Nachfolgers dies zuzuſchreiben iſt, möchte ich doch bezweifeln. Gute Frau!“ fuhr er laut zu ſeiner freundlichen Wirthin fort—„darf man wiſſen, was unter jenem ſchwarzen Tüchlein an der Wand verborgen iſt?“ Frau Schmidt zog eilig das verhüllende Tuch hin⸗ weg und verſetzte mit Feuer:„Glaubt nicht etwa, gu⸗ 2 — ter Freund, daß wir aus Furcht das Bild verhängt haben. Bis zu Eurer Ankunft hat es frei und offen zu Jedermanns Anſicht geſtanden und erſt auf die Kunde von des armen Prinzen Tode hat unſte Sophie das ſchwarze Tuch als Trauer darüber gebreitet.“ Dieſe Worte und ein flüchtiger Blick nach dem jetzt ſichtbar gewordenen Bilde im ſchwarzen Rahmen erſchreck⸗ ten Horſa nicht wenig, denn deutlicher noch als des Bildniſſes Geſichtszüge ſprang dem Beſchauer die Unter⸗ ſchrift in die Augen. n I. regierender Fürſt von Baſilien.“ „Ich bin verrathen!“ murmelte der ſich erkannt glaubende Prinz.„O du ſonſt ſo edle Malerkunſt, mußteſt du gerade mein Judas Iſcharioth werden?!“ Mit argwöhniſch forſchenden Blicken beobachtete Horſa jetzt das Antlitz ſeiner Wirthin. Erſt als daſſelbe ſeine ruhige Haltung behauptete, wagte er auf ſein Konterfei hinzuſchielen. Bald ſchwanden die Sorgenfalten von Horſa's Stirne und ein Lächeln umgab ſeinen Mund. Denn was er auf dem Bilde ſah, war allerdings ein jugendliches Haupt mit den gewöhnlichen Beſtandtheilen. Auch fehlten die Eigenthümlichkeiten eines Fürſten, wie: Uniform, Achſelbänder, Ordensband und Stern— nicht. Aber getroſt hätte Horſa können dieſes ſein Bildniß ſelbſt zum Verkauf ausbieten, ohne Gefahr zu laufen, erkannt zu werden. „Dank dir, unbekannter Gurkenmaler!“ ſprach Horſa vergnügi vor ſich hin.„Keinen geringen Dienſt haſt du mir durch dein Nicht— Treffen erwieſen. Wäre ich noch Regent, ſo ernennte ich dich zum Profeſſor.“ Bald ver⸗ — ließ auch Frau Schmidt die Stube, um ihre Küche zu verſorgen. Horſa hingegen öffnete das Klavier. Nun ja, wie ein engliſches Pianoforte klang es allerdings nicht; dennoch freute der Spieler ſich der ſo lange nicht ver⸗ nommenen Klänge. Das übrigens rein geſtimmte In⸗ ſtrument kam dem Prinzen vor wie ein ſanft duftendes Veilchen in einer rauhen Wildniß und darum begrüßte er daſſelbe freudiger als eine vollſtändige muſikaliſche Kapelle. Während Horſa den Rücken der Stubenthüre zuge⸗ wendet, ſeine behenden Finger über die Taſten dahin⸗ gleiten ließ, lauſchte, ihm unbewußt, ein horchender Mädchenkopf, welcher Anna angehörte und der durch die leiſe geöffnete Thüre hereinlugte. „Der blaſſe, junge Burſche—“ meinte Anna zu ſich ſelbſt—„ſpielt traun alle deine Stücke ſo fertig vom Blatte, als wäre er der Schulmeiſter Beier aus Schmor⸗ tanne ſelbſt. Ob er auch ſingen mag?“ Bevor ſie ſich dieſe Frage beantworten konnte, zog ſie blitzſchnell den Kopf aus der Thürſpalte, weil Horſa mit Spielen aufhörte. Von Langeweile ergriffen, durch⸗ ſtrich Horſa die verſchiedenen Gebäude der kleinen Nie⸗ derlaſſung. Ueberall traf er auf fleißige Arbeiter, welche ſich mit der Bereitung des gewöhnlichen Theers, verſchie⸗ dener Pechſorten, des Terpentins und des Geigenharzes beſchäftigten. Weiber und Kinder halfen den Männern und wo Horſa nur hinblickte, regte ſich der Fleiß. Er bekam eine immer höhere Meinung von ſeinem Wirthe, in deſſen Dienſte alle die verſchiedenen Arbeiter nebſt ihren Familien ſtanden. Dieſen hatte er kleine, aber feſte und 4½ eingerichtete Wohnhäuſer erbauen laſſen und der Kohlenbrenner Schmidt regierte in ſeinem kleinen Staate wie ein Fürſt in ſeinem großen, ja wohl noch ſegensvoller und glücklicher als ein ſolcher. Die Mittagszeit vereinte die ganze Familie nebſt den zwei Knechten und der Magd um den Eßtiſch, wel⸗ cher mit einfacher, doch kräftiger Koſt beſetzt war. Nach dem Beiſpiele des Hausvaters, falteten vor dem Nieder⸗ ſetzen die Uebrigen ihre Hände und Anna, welcher die Anweſenheit eines Fremdlings eine flüchtige Röthe in's Antliß trieb, ſprach dennoch mit voller Andacht ein ies Tiſch⸗ und Dankgebet. Daſſelbe erweckte in Horſa's Innerem einiges Nach⸗ denken. In dem Mittelalter war es der Burgpfaſſe, an einem fürſtlichen Hofe ein höherer Geiſtlicher geweſen, welcher vor und nach der Tafel ſeines Gebieters in langen, ſal⸗ bungsreichen Gebeten den Segen geſprochen hatte. Als ſpäter die Hof⸗ und Burgprieſter in Wegfall kamen, be⸗ gnügten ſich die Tiſchgäſte damit, ein kurzes, gemeinſames Tiſchgebet zu verrichten. Dieſes wich wiederum der Sitte, die Hände zu falten oder die Serviette in dieſelben zu nehmen und einige Sekunden ſtumm zu Boden oder auf die Speiſen zu ſchauen. Dieſes meiſt gedankenloſe Hin⸗ ſtarren ſollte das ſonſt übliche Tiſchgebet erſetzen. In der neueſten Zeit aber fand man ſelbſt die ſtille Anerkennung, daß jede gute und vollkommene Gabe von dem Vater des Lichts komme, für unnöthig, ja abgeſchmackt. Daher wünſcht man ſich nur gegenſeitig guten Appetit und wohlzubekommen“— weil beides bei den Reichen eine Hauptſache iſt. — 23— Auch an Horſa's Hoftafel war dieſer neueren Mode gehuldigt worden und daher es jenem nie beigefallen, daß es um des Menſchen, nicht um Gottes wegen, gut ſei, wenn jener dieſem ſeinen Dank für die oft unver⸗ dienten Gaben göttlicher Güte ſage. Die Hochſchule, in welcher Horſa auf der Feſtung geweſen war, hatte ihn Gottes Macht und ſeine eigene Hülfloſigkeit erkennen laſſen. Er war daher jetzt weit dankbarer gegen alles Gute, das ihm zu Theil ward. Jetzt hörte er nun von den friſchen, rothen Lippen eines jungen Mädchens, deſſen Auge bald demuthsvoll zu Bo⸗ den ſich ſenkte, bald mit andächtigem Feuer gen Himmel aufblitzte, die Güte des Höchſten in einem frommen Bibelſpruche verkünden und dadurch fühlte auch er ſich auf der Andacht Schwingen erhoben. Als über Tiſche Horſa ſeine Verwunderung über das, was er in der Riederlaſſung geſehen und erfahren hatte, ausſprach, verſetzte Schmidt lächelnd: „Auch ich war anfangs ein gewöhnlicher Köhler⸗ welcher nach altväterlicher Weiſe ſeine Kohlen brannte und völlig zufrieden war, wenn dieſe glänzend ſchwarz, leicht von Gewicht und beim Anſchlagen klingend waren. Hätte ich in dieſer Weiſe beharret, ſo wäre ich jetzt mit den Meinen allein und in einer ſchlechten Köhlerhütte. Aber die Vorſehung wollte, daß mir ein gutes Buch in die Hände fiel und ein viel gereiſeter und wohl unterrich⸗ teter Mann mein Berather wurde. Beide belehrten mich, daß der Menſch im Lernen nie ſtill ſtehen Hürfe, daß ein jeder Erwerbszweig gehoben werden könne und daß man um ſo mehr zu deſſen Vervollkommnung und Erweiterung verpflichtet ſei, weil die übergroße Bevölkerung beides nothwendig mache. Die Richtigkeit dieſer Behauptung einſehend, begann ich mein Werk damit, daß ich mein Kohlenbrennen in's Größere zu betreiben mich bemühte. In dieſer Abſicht machte ich bedeutende Holzeinkäufe, wozu mir der Credit, den ich durch pünktliches Worthalten und Lieferung preiswürdiger Waare erworben hatte, be⸗ hülflich war. Ich beſuchte die Kohlenbrennereien, welche der Nachbarſtaat für den Betrieb des Berghüttenweſens in großem Maaßſtabe errichtet hat und lernte das dabei übliche Verfahren kennen. Mit Glück ahmte ich daſſelbe nach und gewann dadurch bedeutend an Zeiterſparniß und Kohlenmenge. Später machte ich, erſt nur im Klei⸗ nen, den Verſuch, auch die übrigen Stoffe aus dem Holze zu gewinnen. Mißlungene Verſuche ſchreckten mich nicht gleich zurück, ſondern ſpornten mich vielmehr zu deſto eifrigerem Lernen und Arbeiten an. So hat denn, unter Gottes gnädigem Beiſtande, nach und nach mein Geſchäft die gegenwärtige Ausdehnung gewonnen, welche mir die Freude macht, einer Anzahl fleißiger Menſchen ein reich⸗ licheres Brot zukommen zu laſſen, als ſie außerdem ge⸗ funden haben würden.“ Horſa bekam immer größere Achtung vor ſeinem Gaſtgeber, welcher durch eigenes Verdienſt ſich gleichſam zum Fürſten über ſeine Umgebung emporgeſchwungen hatte, während er ſelbſt nur ſeiner Geburt den— eingenommenen hohen Rang verdankte. Die Mittagstafel währte nicht lange, da ſie aus nur einem Gerichte beſtand. Nachdem die Knechte, ſo wie die Magd ſich entfernt hatten, hob Vater Schmidt zu Horſa an:„Rauchen Sie, junger Mann? Doch, was frage ich erſt noch, da ein nicht rauchender Burſche zu den —— weißen Sperlingen gehört. Mein Stephan iſt ein ſolcher weißer Sperling bis jetzt, ob aber auch für die Zukunft, wird von der Beherrſchung ſeiner ſelbſt abhängen. Ich habe mir leider das Rauchen angewöhnt, jedoch getraue ich ſo weit mich bezwingen zu können, daß ich jenes laſſe, ſobald es mir oder Andern ſchadet. Nie rauche ich aber Cigarren, dieſes ſpaniſche Erzeugniß, welches die Armuth jenes Landes hervorgebracht hat. Abgeſehen davon, daß mindeſtens ein Viertheil der Millionen gerauchten Cigar⸗ ren weggeworfen wird, daß das Auge darunter leidet und die Leichtigkeit dieſer Glimmſtengel zu unausgeſetztem Rauchen verleitet: ſo iſt durch das Cigarrenrauchen un⸗ berechenbares Feuerunglück verurſacht worden. Darum leide ich daſſelbe bei keinem meiner Arbeiter und Dienſt⸗ leute. Wollen ſie rauchen, ſo mögen ſie dies in feſt zu verſchließenden Pfeifenköpfen thun.“ „Ich rauche nicht—“ ſprach Horſa, jetzt auf dieſe Enthaltſamkeit, welche er ſeiner Erziehung und der ein⸗ geführten Hofſitte zu verdanken hatten, ſich etwas ein⸗ bildend. „Deſto beſſer!“ lobte Vater Schmidt. Dann, zu ſeiner Tochter ſich wendend, fuhr er fort:„Nun, Anna! thue in dieſer Ruheſtunde, was uns Alle erfreut und erheitert.“ Anna ward blutroth, ſchielte nach dem Fremdlinge hin und blickte dann ihren Vater bittend an. „Du haſt nicht Urſache, Dich zu ſchämen, meine Tochter!—“ verſetzte Schmidt.„Die jungen wie die alten Männer ſchämen ſich ja auch nicht, den Frauen und Mädchen den beißenden Tabaksrauch in's Angeſicht zu — blaſen und ihre Kleider einzuräuchern. Sollte unſerm Gaſte da Dein Geſang mißfallen und er theuer bezahlte Sängerinnen gewohnt ſein: nun, ſo ſteht es ihm ja frei, Deinem Geſange aus dem Wege zu gehen. Gewiß wird er nicht verlangen, daß wir ſeinetwegen von einer Ge⸗ wohnheit abgehen, die uns ſo theuer und lieb gewor⸗ den iſt.“ Da ging Anna zum Klaviere, öffnete es, ſuchte die Noten hervor und begann die Taſten zu berühren. Nach einem kurzen Vorſpiele ſang ſie erſt mit unſichrer, dann aber feſter werdenden Stimme ein einfaches Lied. Was der Stimme an Kunſtbildung abging, erſetzte ihre Rein⸗ heit, Innigkeit und die deutlichſte Ausſprache. Vater, Mutter und Sohn hörten mit gefalteten Händen und ſichtlicher Andacht der Sängerin zu. Als dieſe ſpäter endigte, herrſchte die tiefſte Stille im Zimmer. Kein Beifallszeichen, auch nicht das leiſeſte, erfolgte. Keine Spur von Eitelkeit oder Stolz über die Geſchicklichkeit ihrer Tochter war auf dem Antlitze des Vaters wie der Mutter zu leſen. Horſa errieth mit richtigem Takte, was die Aeltern fühlten. Darum unterließ auch er, der Sängerin ſein Lob zu zollen, das ihm vom Herzen ge⸗ gangen wäre. Einſt hatte Horſa einer einzigen Opern⸗ ſängerin der tauſend Thaler mehrere jährlich bezahlt und er war von ihren Trillern und Rouladen minder bewegt worden als von Anna's kunſtloſem Geſange. So ändert ſich der Menſch mit den Umſtänden! Als am Nachmittage Vater Schmidt wieder in den Wald ging, begleitete ihn Horſa. Ein Erwerbszweig, den er noch nie in der Nähe geſehen und kennen gelernt hatte, zeigte ſich hier ſeinen Blicken. Rauchende Meiler, —— im Umfang und Höhe kleinen Bergen ähnlich, ſah Horſa und dabei eine Menge ſchwarzrußiger Geſellen beſchäf⸗ tigt. Gleich einem Krater entſtrömte der Spitze des brennenden Meilers eine mächtige Dampfſäule. Den Fuß deſſelben umgaben kleine, trichterförmige Vertiefun⸗ gen, welche gleichfalls weißlichen Rauch aufſteigen ließen und eben ſolcher ſtrich wie ein luftiges Schleiergewebe über die ganze Bergfläche hin, welche nicht mit gewöhn⸗ licher Erde, ſondern mit einer trockenen, klaren Schlacke überdeckt war. Lange, eingekerbte Baumſtämme, deren unteres Ende auf Holzgeſtellen ruhte, führten als miß⸗ liche Leitern auf die Höhe des unterirdiſch glühenden Kraters. Ueber dieſe Leitern ohne Sproſſen und Lehnen liefen die Köhlergeſellen mit einer, durch die lange Ge⸗ wohnheit erworbenen Sicherheit, obgleich der Sturz oder Fehltritt ſie unrettbar dem unter der Aſche brennenden Feuer in die Aerme geführt haben würde. Ein andrer Meiler wurde erſt erbaut. Zwei hundert und mehr Klaf⸗ tern ſtarken Scheitholzes waren dergeſtalt zuſammengeſetzt, daß der Mittelpunkt, des rieſigen Haufens eine Höhle bildete, zu welcher ein enger Gang von außen führte. Hier war der Feuerheerd, von wo aus der ganze Meiler in Brand geſetzt werden ſollte. Ueberall, wo Horſa das Auge hinwendete, erblickte er thätige Regſamkeit. Ab⸗ wechſelnd langten vollgeladene Holzwagen an, gingen leere ab; wieder andere Wagen nahmen große Säcke mit den glänzend ſchwarzen, laut klingenden Holzkohlenſtücken auf und fuhren ſie den Abnehmern zu. In dem Walde ſelbſt ertönten der Holzſchläger Axtſchläge, mit denen ſie die Waldrieſen fällten, deren weit hin Fall ein langes Echo hervorrief. —— Nachdem Schmidt ſich von dem Fleiße ſeiner Leute überzengt und die nöthigen Anordnungen getroffen hatte, drang er nebſt Horſa und Stephan in das Innere des Forſtes ein, um nach den, wegen Gewinnung des Ter⸗ pentins und Harzes geriſſenen Fichtenſtämmen zu ſehen. ropfſchüttelnd ſah Horſa zum erſtenmale in ſeinem Leben, daß die Rinde der Fichten in langen, ſchmalen Streifen entfernt worden war. Aus dieſen rindenfreien Stellen quoll nun das Harz hervor und verhärtete ſich während des Ausſchwitzens. „Dieſes theilweiſe Entblößen von Rinde muß dem Baume höchſt ſchädlich ſein und ſein Wachsthum behin⸗ dern,“ ſprach er zu ſeinem Wirthe. „Dies iſt wirklich der Fall—“ verſetzte Schmidt— „Da aber der durch das Reißen der Bäume erzielte Nutzen weit größer iſt als der Verluſt an Holzwuchs, ſo wird jenes dadurch entſchuldigt. Wie mancher Muſikant im Lande mag nicht wiſſen, daß er ohne dieſes Rinden⸗ reißen keinen Ton auf ſeiner Geige hervorbringen könnte!“ Unter Geſprächen, welche für den Prinzen wirklich eben ſo neu als belehrend waren, nahete ſich das Män⸗ ner⸗Kleeblatt einer Waldſchenke, neben welcher zugleich der bunte Gränzpfahl die Scheidelinie der beiden Nach⸗ barländer bezeichnete. „Trinken wir hier ein Glas Bier,“ ſprach Schmidt und trat in die Gaſtſtube des Hauſes, in welcher drei Gränzjäger des Nachbarſtaates um den Schänktiſch ſaßen⸗ Porſa war, wie bereits erwähnt, im Lande und in der Einſamkeit eines fürſtlichen Jagdſchloſſes erzogen wor⸗ den. Vater und Mutter waren ihm geſtorben, da er noch faſt ein Kind geweſen. Geſchwiſter hatte er nicht und darum war ſein Herz lange verwaiſet geweſen, bis er in Strauch⸗ witz einen Jugendfreund gefunden und ſich demſelben an⸗ geſchloſſen hatte. Als der Sprößling einer mittelloſen Seitenlinie des regierenden Fürſtenhauſes hatte Horſa gänzlich von der Güte oder Laune des regierenden Lan⸗ desherrn abgehangen. Daher war es gekommen, daß Horſa, gegen die ſonſtige Sitte junger Fürſtenſöhne, nicht auf Reiſen geſchickt worden, ja nicht einmal über die dieſſeitige Landesgränze gekommen war. Ein eigenes Gefühl, wie es wohl Jeden beſchleicht, der zum erſten⸗ male an der Gränzſcheide ſeines Vaterlandes ſteht, er⸗ füllte auch Horſa's Gemüth und daſſelbe wurde zum ängſtlichen, als er die drei bewaffneten und ſoldatiſch ge⸗ kleideten Männer in der Schänkſtube ſah. Gleichwie ein gebranntes Kind ſich des Feuers, ehen ſo fürchtete Horſa jetzt die Soldaten, weil ſolche ihn der Freiheit beraubt und der Feſtung zugeführt hatten. Gern wäre er ihnen daher ausgewichen, allein dies ging, ohne großen Verdacht zu erregen, nicht gut an. Schmidt war ſowohl mit den Wirthsleuten als ach mit den Gränzjägern bekannt⸗ „Wie geht's, Ihr Leute?“ fragte er die Letzteren nach der Begrüßung.„Iſt der Dienſt beſchwerlich in dieſer Zeit?“ „Das wollten wir meinen!“ verſetzte einer der Gränz⸗ jäger.„Während Ihr des Nachts in Ruhe und Frieden ſchlafen und Euch für die Arbeit des kommenden Tages ſtärken könnt, müſſen wir auf den Beinen ſein und in jedem Wind und Wetter den Wald durchſtreifen. Dabei iſt man keine Minute ſicher, daß nicht hinter einem jeden Strauche oder Baumſtamme ein Paſcher ſteckt, welcher Einem das tödtende Blei in den Rücken nachſchickt. Lange hält man ein ſolches Leben nicht aus und wenn ſchon unſere Löhnung etwas beſſer iſt als die der Linienſolda⸗ ten, auch dann und wann etwas Beute zur Vertheilung kommtt ſo ſteht beides immer noch nicht in richtigem Ver⸗ hältniß mit der Plage und Gefahr. Habt Ihr, Nachbar Schmidt, die Kreuze ſchon auf dem Kirchhofe drüben in Schönbrunn gezählt, welche allein auf den Gräbern der von den Paſchern erſchoſſenen und erſchlagenen Gränzjä⸗ ger ſtecken?“ „Ich ſollte aber meinen—“ entgegnete Schmidt,— „daß auf jeden gefallenen Gränzjäger mindeſtens 5 nie⸗ dergeſchoſſene Paſcher kommen.“ „Mag immerhin ſein—“ erwiederte jener—„den⸗ noch ſchießt dieſes Zeug wie Pilze wieder in die Höhe und je mehr man vertilgt, deſto mehr finden ſich Andere.“ „Das Paſchweſen iſt ein ſchweres Gebrechen der Staaten—“ wendete ſich Schmidt zu Horſa.„Es bil⸗ det Menſchen, welche weder Lüge, noch Meineid, weder Diebſtahl noch Mord ſcheuen. Sie bilden Vereine, die man recht füglich Räuberbanden nennen könnte. Denn geht das Paſchen nicht mehr, ſo werden die⸗Paſcher wöhnliche Diebe und Räuber, welche die Bewohner abge⸗ ſondert gelegener Niederlaſſungen überfallen, ausplündern, ja wohl umbringen, um der Entdeckung vorzubeugen. Ich müßte mich ſehr irren, wenn derjenige, welcher mei⸗ nen Stephan niedergeworfen hatte, nicht ein Paſcher war,“ deſſen weites Gewiſſen ihn ſelbſt zum Straßenräuber werden ließ.“ „Wie aber wäre dem Uebel abzuhelfen—“ erwie⸗ derte Horſa—„da die Gränzzölle weit weniger drückend —— für den Unterthan werden als die unmittelbaren Abgaben? Indem man hohe Zölle auf das Einbringen ausländiſcher und meiſtentheils entbehrlicher Waaren legt, wird die Regierung in den Stand geſetzt, die Auflagen von den nothwendigeren Lebensbedürfniſſen theils ganz zu entfernen, theils bedeutend zu ermäßigen. Auch treffen die Gränz⸗ zölle weit mehr den Wohlhabenden als den Unbemittelten und darum ſind ſie nicht wohl abzuſchaffen. Denn die Erhaltung des Staates, der Schutz deſſelben wie jedes Einzelnen, die wohlthätigen Einrichtungen, die Förderung der Künſte und Wiſſenſchaften, ſo wie tauſend andere unentbehrliche Staatszwecke erfordern große Summen, die geſchafft werden müſſen.“ 1 „Das ſtelle ich nicht in Abrede—“ entgegnete Schmidt—„aber ein ſehr großer Uebelſtand iſt's, daß ſo viele Länder Deutſchlands gegenſeitig ſich abſperren und mit Zöllen belegen, anſtatt ein großes Ganzes zu bilden, das durch eine einzige Zolllinie gegen das unver⸗ zollte Ueberſchwemmen mit ausländiſchen Waaren geſchützt wird. Welche Menge überflüſſiger Zöllner und Zollwäch⸗ ter würde dann in Wegfall kommen! Wie ſehr der Be⸗ ſtechlichkeit und Untreue dieſer Beamten vorgebeugt! Wie viele tauſend Paſcher würden dann in arbeitſame und chrliche Unterthanen umgewandelt werden! Ein zweites Gebrechen iſt aber auch die unzulängliche Beſoldung des Mauthbeamtenheeres. Hierdurch werden dieſe Männer faſt gezwungen, ihren Dienſteid zu brechen und ſich mit den Paſchern zu verſtehen, um mit ihren Familien nicht YNoth zu leiden. Glaubt mir, junger Mann! die meiſten Kaufleute, Händler und Gewerbtreibende der Gränzörter ſtehen mit den Paſchern in Verbindung und helfen den —— Staat betrügen, welcher dadurch jährlich Millionen weni⸗ ger einnimmt. Wie nachtheilig ein ſolches Thun für die Sittlichkeit wird, könnt Ihr leicht ermeſſen.“ „Welch' Glück für meine Schultern—“ ſprach Horſa jetzt zu ſich—„daß ihnen dieſe ſchwere Laſt entnommen iſt! Ob mein Nachfolger deren ganzes Gewicht fühlen mag?“ Auf dem Rückwege erfuhr Horſa, daß Vater Schmidt die nächſte Nacht über im Walde bei den Meilern blei⸗ ben werde. „Laßt mich Euch Geſellſchaft leiſten—“ bat der Prinz—„die Unthätigkeit fällt mir läſtig und anziehend muß es ſein, eine Nacht im Walde, bei brennenden Mei⸗ lern und Fackelſchein zuzubringen.“ „Geduld, junger Mann!“ verſetzte Schmidt lächelnd. „Gewiß habt Ihr Romane geleſen, wo ſolche Nächte ſich ganz hübſch ausnehmen, in der Wirklichkeit aber nicht Jedermanns Sache ſind, zumal für einen kaum Geneſe⸗ nen, wie Ihr. Zwar ſtehen auch wir nicht in Einem fort bei dem Meiler, ſondern haben unſern warmen Ver⸗ ſteck gegen die Nachtkälte; allein dennoch rathe ich Euch noch nicht, Euch der ſo ſcharfen Märzluft auszuſetzen. Wollt Ihr aber thätig ſein: ei nun, ſo findet ſich am Tage Gelegenheit genug dazu und Ihr ſollt Euch nicht ferner über Langeweile beſchweren dürfen.“ Als Horſa am andern Morgen von ſeinem Schlaf⸗ kameraden vor fünf Uhr geweckt wurde, vermißte jener ſeine Kleidung, welche mit dem groben, aber zweckmäßi⸗ gen Anzuge eines Köhlers vertauſcht worden war. „Da Ihr mit uns arbeiten wollt—“ ſagte Stephan lachend—„ſo müßt Ihr Euch auch wie wir kleiden.“ —— „Die Maskerade oder vielmehr das Schauſpiel be⸗ ginnt wiederum—“ dachte Horſa, indem er die Hoſen von grobem Wollenzeuge, eine eben ſolche Weſte und darüber ein Blouſe von dunkelm Stoffe anlegte. „Faſt hätte ich Euch nicht gekannt—“ ſprach Anna zu Horſa, als er in den Stall trat, wo jene bereits auf dem Schemel ſaß und mit flinken Händen die Kühe molk. „Wißt Ihr, daß Euch die weite, grüne Jägerkleidung gewaltig entſtellte? Auch konnte ich mir nicht vorſtellen, daß Ihr wirklich ein Jägersmann wäret, der die munte⸗ ren, unſchuldigen Rehe und Hirſche ohne Barmherzigkeit niederknallt. Offen geſtanden, bin ich den Jägern eben nicht grün, faſt ſo wenig wie den Fleiſchern, welche zwar nothwendig ſind, aber kein Mitleiden mit den Geſchöpfen unſer Herrgottes haben und haben dürfen. Dann quälen und mißhandeln die Jägersleute auch die treuen Hunde ſo erbärmlich, um ſie zur Jagd abzurichten. Ich hab's ſelbſt mit angeſehen, wie ſie den jungen Hunden Hals⸗ bänder anlegen, welche mit eiſernen Stacheln beſetzt ſind und woran ſie die armen Thiere herumzerren, daß es ein Jammer iſt. Ihr aber ſcheint mir zu einem Waidmann nicht zu paſſen. Dazu ſeid Ihr viel zu ſehr verhätſchelt.“ „Ich?“ fragte Horſa betroffen, indem er das Milch⸗ glas von den Lippen nahm.„Beweiſe Deine Behaup⸗ tung, mein Kind.“ „Hm! das iſt ſogleich gethan—“ verſetzte Anna. „Spießtet Ihr doch geſtern Abend die heiße Kartoffel auf die Gabel und ſchältet ſie dann mit ſolcher Vorſicht, als wäre ſie ein glühender Plattſtahl. Und das geſottene Ei ſtecktet Ihr in ein leeres Schnapsglas, wodurch Ihr Euch das Halten mit den Fingern und zugleich das Nieritz, Fürſtenſchule. II. 3 — bißchen Brennen erſpartet. Aber Eure Finger ſehen auch ſo weich und zart aus wie weißes Hühnerfleiſch und können unmöglich viel im Freien handtiert haben.“ „Siehe da einen Spion—“ ſprach Horſa zu ſich ſelbſt—„wo du ihn am wenigſten vermuthet haſt. Das Kind hat Argusaugen. Sieh dich vor, Horſa, damit nicht ein unſchuldiges Kind an dir zum Verräther werde.“ Der Prinz begab ſich nach dem Genuſſe der Milch nebſt Stephan an die Arbeit und er machte dieſelbe nach Kräften gut. Seitdem er den Regenten abgelegt hatte und er auf der hohen Schule des gemeinen Lebens oder vielmehr der Gefangenſchaft geweſen war, hatten ſich ſeine Sinne ſchon mehr an die verſchiedenen Eindrücke, welche dem Hofleben ftemd zu bleiben pflegen, gewöhnt; ſonſt würde ihm der ſtete Theer⸗ und Pechgeruch, welchen er in der Siederei einathmen mußte, empfindlicher auf die Nerven gefallen ſein. „Theergeruch iſt lungenſtärkend—“ tröſtete er ſich —„und lange nicht ſo ſchlimm als die Ausdünſtungen in den Gerbereien, Schlachthäuſern, Gasbereitungsan⸗ ſtalten und Alaunſiedereien. Lachen muß ich, wenn ich daran denke, mit wie vielen verſchiedenen Wohlgerüchen meine Kammerdiener mich vordem alltäglich überſchütte⸗ ten. Wahr iſt es, daß dieſe ziemlich mechaniſchen Arbei⸗ ten den Geiſt nur wenig beſchäftigen. Wenn ich aber überlege, daß das ſtundenlange Stillſtehen auf dem An⸗ ſtande bei Jagden, das ewige Einerlei des Exercirens bei dem Heere, das Courabhalten und noch viele andere läſtige Obliegenheiten eines Fürſten noch weniger den Geiſt kräftigen und erbauen: ſo werde ich mich über mein jetziges Schickſal nicht beklagen.“ Am ſechſten Morgen ſeines Aufenthaltes in Schmidth Hauſe fand Horſa, ſtatt des Köhleranzugs, eine ſcheinbar neue Jagdkleidung auf dem Schemmel vor ſeinem Bette liegen. Außerdem lag noch ſchneeweiße, reine Wäſche da⸗ neben— ein Bedürfniß, deſſen Mangel dem Prinzen ſeither am empfindlichſten geweſen war. „Was ſoll das?“ fragte er verwundert ſeinen Stu⸗ bengenoſſen Stephan. „Ihr wißt wohl nicht“— entgegnete Stephan— „daß heute Sonntag iſt, wo Jedes ſich putzt, ſo gut es kann? Oder gedenkt Ihr etwa in Eurer ſchmuzigen All⸗ tagskleidung zur Kirche zu gehen?“ „Aber dieſe neuen Kleider!“ verſetzte Horſa.„Deine lieben Aeltern beſchämen mich durch ſo viel Großmuth!“ „Es ſind Eure alten, weiten—“ bemerkte Stephan lachend—„nur ein wenig enger gemacht und ausgebü⸗ gelt. Das koſtet auf dem Lande nicht den Hals und wir find noch lange in Eurer großen Schuld.“ Horſa warf nun in Glanz, wobei ihm jetzt kein Dienerheer behülflich war. „Meiſter Lippert hat's gut getroffen,“ lobte Ste⸗ phan—„obſchon er kein Maaß an Euch nehmen konnte. Die Sachen ſitzen wie angegoſſen. Nun ſieht man auch erſt, wie fein das Tuch iſt. Jetzt ſeht Ihr wie ein ſchmu⸗ cker Jägersmann, dem nur der Hirſchfänger an der Seite fehlt.“ Als ein junger Mann vernahm Horſa dieſe Aeuße⸗ rungen nicht ohne innere Genugthuung. Um ſich ſelbſt von deren Wahrheit zu überzeugen, wünſchte er in Ge⸗ danken einen einzigen der zahlloſen Spiegel ſeines vor⸗ maligen Schloſſes herbei. Jedoch blieb es bei dem blo⸗ 3* — ßen Wünſchen und Horſa mußte, ohne ſeine Selbſtſchau durchgeſetzt zu haben, ſich in den Stall begeben, um dort gewohnter Weiſe ſeine halbe Kanne warme Kuhmilch zu trinken. Wie immer fand er Anna bereits in voller Thätigkeit. „Heute kommt der Jägersmann, ſtatt des Köhlers!“ rief ſie Horſa ſchäkernd entgegen.„Paſſen ſie?“ fuhr ſie fort und erhob die Laterne vom Boden, um den Prinzen von allen Seiten zu beleuchten. „Nun? gefall' ich Dir?“ fragte Horſa, als Anna die Laterne ſtill wieder hinſetzte. „Wie man's nimmt—“ verſetzte die Kleine gezwun⸗ gen.—„Ich hab's Euch ſchon einmal geſagt, daß— daß die Jäger nicht meine guten Freunde juſt find.“ Kleider machen Leute— ſagt nicht ganz mit Un⸗ recht das Sprüchwort. Horſa hatte ein ganz anderes und zwar edleres Anſehen in ſeiner jetzigen Kleidung be⸗ kommen. Gleichwie das Roß weit ſtolzer das Haupt er⸗ hebt und ſeine Füße weiter kusgreſteßhißt, wenn es mit blitzendem Zaume und goldgeſtickter Satteldecke angethan iſt: eben ſo nahm, deſſen unbewußt, Horſa den Anſtand. eines Fürſten mit dem neuen Kleide an. Aber auch Va⸗ ter Schmidt war ein Anderer geworden, als er im ſchö⸗ nen blauen Oberrocke mit den blanken Silberknöpfen, in der ſcharlachrothen Weſte und dem ſchneeweißen Hals⸗ tuche, mit blank gewichſten Stiefeln, im breitgekrempten Hute und das dicke, ſpaniſche Rohr in der Hand zum Kirchgange bereit ſtand. Nicht minder feſtlich gekleidet erſchien Mutter Schmidt und ihr Sohn Stephan. Anna, das dunkle Haar vorn geſcheitelt und nach hinten in zwei langgeflochtene Zöpfe vereinigt, war durchaus ländlich ge⸗ — kleidet: im knappen Tuchjäckchen, rothen Mieder und ge⸗ ſtreiften wollenen Rocke, unter welchem zwei kleine Füße munter vorwärts ſchritten. Horſa durfte ſich von dem Kirchgange nicht ausſchließen, obſchon er einige Unruhe darüber empfand, ſich den Blicken einer großen Verſamm⸗ lung ausſetzen zu müſſen. Einigen Troſt gewährte ihm die Nachricht, daß das nächſte Kirchdorf, wohin man ſich zu begeben gehe, jenſeits der Grenze liege. Der Morgen war friſch, aber ſchön. Noch lag die Natur erſtorben. Nur die Winterſaat zog ſaftig grüne Streifen über die ruhenden Felder. Die Bäume ſtanden noch dürr; aber muntere Staare pfiffen und zwitſcherten auf den laubloſen Aeſten. Hier und da trillerte eine frühzeitig eingewanderte Lerche in den blauen Lüften. Der Wald trug noch ſein todtgrünes Winterkleid und war ſtumm. Da, wo die Sonne noch keinen Zugang gefunden hatte, breitete ſich die weiße Schneedecke aus und der leicht gefrorne Erdboden gab hallend die Tritte der Kirchgänger wieder. Bald zeigten ſich deren mehrere, welche von verſchiedenen Seiten herbeikamen und einan⸗ der einen guten Morgen wünſchten. Glockengeläute, welches hell durch die reine Morgen⸗ luft daher klang, begrüßte die Wanderer, als ſie nach dreiviertelſtündigem Marſche aus dem Walde traten. In einem Thale, welches ſich vor den Füßen der Wanderer ausbreitete, lagen die Gebäude des Dorfes Hollingen um die Kirche gereihet, wie ſich die Küchlein um die Glucke zu ſchaaren pflegen. Schwarze Kreuze und weiße Grab⸗ ſteine bezeichneten den Friedhof, welcher das auf einem Hügel erbaute Gotteshaus umgab. Dort ſtand bereits — 38— eine bunte Menge von Geſtalten, welche nur die letzten Glockenſchläge erwarteten, um in die Kirche einzutreten. Horſa fühlte ſich innerlich ſehr bewegt. Die Glocken⸗ töne hatten ihn an jene feierliche Stunde erinnert, wo ihn das volle Geläute ſämmtlicher Glocken ſeiner vorma⸗ ligen Reſidenzſtadt empfing, wo Kanonendonner und der tauſendſtimmige Jubelruf des Volks ihn umhallte, wo der feſte, feurige Wille in ihm glühte, ſeinem Volke ein gütiger und gerechter Beherrſcher und Vater zu ſein. Noch nie in ſeinem Leben war ihm ſein Alleinſtehen ſo ſchwer auf das Herz gefallen wie jetzt, wo er ein treu⸗ verbundenes, innig einander liebendes Ehe⸗ und Ge⸗ ſchwiſterpaar vor ſich dahinſchreiten ſah. Nur zu oft ent⸗ behren die Fürſten des Familienglückes, weil die unna⸗ türliche Hofſitte meiſtens nicht zugiebt, daß der fürſtliche Gatte mit ſeiner Gattin beiſammen lebe und wohne, daß deren Kinder bei und von ihnen erzogen werden. Als Ausnahme von der Regel iſt es daher zu betrachten, wenn zwiſchen den Gliedern einer F tenfamilie einmal das zärtliche Verhältniß, die treue Anhänglichkeit, die theilnehmende Liebe herrſcht, welche der Segen des Bür⸗ ger⸗ und Bauernlebens find. Aus dieſem Grunde war auch Horſa von dem frühen Ableben ſeiner Aeltern weit weniger ſchmerzlich berührt worden, als dies in einer bürgerlichen Familie der Fall geweſen ſein würde. Eben ſo hatte er den Mangel an nahen und theueren Ver⸗ wandten faſt gar nicht gefühlt. Erſt jetzt, nachdem er das Familienleben von ſeiner guten Seite kennen zu ler⸗ nen Gelegenheit gehabt hatte, ſchmerzte ihn das Einſame ſeiner Lage. 4 Dieſes Gefühl ward eher vermehrt denn vermindert, als Horſa das Gotteshaus betrat, wo die Orgelklänge und der vielſtimmige, feierliche Geſang der verſammelten Menge die hehren Räume erfüllten. In ſeiner Nähe ſah er Glaskäſten mit bunten Todtenblumen und Reimen aufgehängt, welche Aeltern ihren früh geſtorbenen Kindern und Kinder ihren Aeltern zum Andenken gewidmet hat⸗ ten. Auch bemerkte Horſa, wie die Blicke der Anweſen⸗ den voll Befremden und Neugier auf ihn gerichtet wa⸗ ren, während Schmidt und die Seinen von allen Seiten freundlich zugenickt bekamen. Da dünkte es dem Prin⸗ zen, als ſei er ein Paria, ein Ausgeſtoßener, ein Ver⸗ waiſeter, den nur das Mitleid in der Geſellſchaft dulde. Um den ſtechenden, auf ihn gehefteten Augen zu ent⸗ gehen, richtete er die ſeinen auf den Prediger, welcher die Kanzel betrat. Deſſen Stimme drang zwar in ſeine Oh⸗ ren, allein dieſe hörten dennoch nicht. Seine Phantaſie entführte ihn der andächtigen Verſammlung und geleitete ihn zu der kalten, hallenden Fürſtengruft, wo in feſt ver⸗ ſchloſſenen zinnernen Särgen ſein Vater und ſeine Mut⸗ ter, ſo wie zwei früher geſtorbene Geſchwiſter von ihm ruheten. Von da flog ſein Geiſt dem Friedhofe der Fe⸗ ſtung Dachſtein zu, wo man ſeinen Leichnam begraben glaubte. Ob dort ſeinem Andenken ein Stein oder nur ein Holzkreuz geſetzt ſein mochte? Im Glanze der März⸗ ſonne flimmerte mit goldenen Schriftzügen die Grabſchrift vor ſeinen Augen:„Allhier ruhet Horſa, der unglückliche Prinz. Er ſtarb als Gefangener, einſam und unbetrauert, am 5. März 18.. Friede ſeiner Aſche!“ Der Tod lief ihm bei dieſem Bilde über den Rücken. Dabei erinnerte er ſich ſeines Freundes Strauchwitz, welcher den Verſuch, Horſa zu befreien, mit Feſtungsſtrafe hatte bezahlen müſ⸗ —— ſen.„O daß ich deine aufopfernde Treue belohnen könnte!“ dachte er ſeufzend. Plötzlich fühlte er ſein Herz krampf⸗ haft zuſammengezogen, ſo daß er nur mit großer Anſtren⸗ gung zu athmen vermochte. Zugleich gab es ihm einen ſchmerzhaften Stich und es zeigte ſich ihm ein bleiches, blutiges Geſpenſt, das drohend mit hohlen Augen ihn anſtierte. Eduard Henneberg war das Geſpenſt, der von Horſa aus Eiferſucht Ermordete! Auch Amaliens Bild tauchte empor; doch war es in Nebel gehüllt, ein Be⸗ weis, daß die heiße Leidenſchaft für ſie, wo nicht ganz, doch zum großen Theile, in ihm erloſchen ſei. Um ſo ſchwerer beugte ihn der begangene Mord darnieder. In dieſem niederbeugenden Momente vernahm Horſa eine Stimme, welche feierlich ſagte: „Sondern ſchlug an ſeine Bruſt und ſprach: Gott ſei mir Sünder gnädig! Ich ſage euch, dieſer ging hinab gerechtfertigt in ſein Haus vor jenem.“ Der Prinz ward aus ſeinen Phantaſieen gezogen und gewahr, wie die vernommenen zorte aus des Pre⸗ digers Munde gekommen waren. Dieſer ſchloß in der nächſten Minute ſeinen Vortrag und verließ die Kanzel. Horſa ſpäter das Gotteshaus und zwar in Begleitung der Kohlenbrennerfamilie. Auf dem Heimwege begann Vater Schmidt ſeine Kinder über den Inhalt der eben angehörten Predigt aus⸗ zuforſchen. Anna erglühte wie eine Purpurroſe, als ihr Vater ſeine Verwunderung über ihre Zerſtreuung aus⸗ ſprach, welche ſie, ganz gegen ihre Gewohnheit, nicht ein⸗ mal den Hauptinhalt der Predigt hatte merken laſſen. Dagegen erfreute ſich Stephan des väterlichen Lobes, denn der junge Mann wußte das Thema, ſo wie die ein⸗ —— zelnen Theile und Unterabtheilungen des prieſterlichen Vortrags genau anzugeben. Horſa pries ſich glücklich, daß ſein Wirth nicht auch ihm auf den Zahn fühlte, indem er außer den letzt ver⸗ nommenen Worten des Predigers ganz und gar nichts gehört hatte. Heute kam ein ſchmackhaft bereitetes Sonntagsgericht auf den Tiſch, welches dem, bisher an die ſchmale Ge⸗ fangenkoſt gewöhnten Prinzen mindeſtens eben ſo gut ſchmeckte, als früher bei überladenem Magen die fürſtliche Küche. Die Feſtung hatte auch hierin ihr Gutes gehabt und den Prinzen dankbar gegen alle leiblichen und gei⸗ ſtigen Genüſſe ſeines jetzigen Lebens geſtimmt. Nach Tiſche ſpielte und ſang Anna, auf des Vaters Wunſch, länger als an den Wochentagen und auch Horſa zeigte ſeine Fingerfertigkeit auf dem Klaviere. Als jedoch die vierte Nachmittagsſtunde gekommen war, ſchickte ſich Vater Schmidt zum Weggehen an. „Wollt Ihr uns begleiten, Heinrich?“ fragte er Horſa, welcher ſeinen Friſeurgehilfen⸗Namen wieder an⸗ genommen hatte.„Wir begeben uns jetzt in die große Trockenſtube des Siedehauſes, wo der Herr Kantor Beier aus Schmortanne alle Sonntage Erbauungsſtunde zu hal⸗ ten pflegt.“ „O weh! noch eine Predigt!“ dachte Horſa bei ſich ſelbſt—„und am Ende noch ein zweites Examen dar⸗ über, wobei die Reihe auch an dich kommt.“ Dennoch glaubte er die Einladung nicht ablehnen zu dürfen; ein Beweis, daß der ſonſt eigenwillige Prinz ſich bereits in die Leute zu ſchicken anfing. In der geräu⸗ migen und leer gemachten Trockenſtube fand Horſa eine — anſehnliche Menge Leute, welche aus den Bewohnern der Schmidtſchen Niederlaſſung, aus den in der Nachbarſchaft lebenden Holzhauern, Köhlern, Tagelöhnern und Landleu⸗ ten beſtand. Sie ſaßen auf hölzernen Bänken in geord⸗ neten Reihen und begrüßten freundlich die Schmidtſche Familie, welchen die vorderſte Bank vorbehalten war. Punkt vier Uhr trat auch der Herr Kantor ein, bei deſ⸗ ſen Erſcheinen ſich die ganze Verſammlung ehrerbietig von ihren Sitzen erhob. Ein Tiſchchen und ein erhöhter Tritt erſetzte die Stelle einer Kanzel und wurde von dem Herrn Kantor eingenommen. Zu ſeiner Rechten ſtellten ſich vier Miädchen, an ihrer Spitze Anna, auf und zur Linken eben ſo viele Knaben, welche vereint das Sängerchor bildeten. Von dem perrn Kantor angeſtimmt und von dem Sän⸗ gerchore unterſtützt und gehalten, begann jetzt der Ge⸗ ſang:„Wie groß iſt des Allmächt'gen Güte.“ Nachdem zwei Verſe abgeſungen worden, ſchwieg die Verſammlung. Der Kantor öffnete die vor ihm liegende Bibel und las den Spruch vor: „Gott thut große Dinge und vird doch nicht erlannt. S Hierauf ſprach er:„Meine lieben Zuhörer! Glück heißt das Ding, wonach alle Menſchen ſtreben. Hieraus dürfen wir mit Recht ſchließen, daß Glück unſere Beſtim⸗ mung und der göttliche Wille damit einverſtanden ſei. Viele ſuchen nun ihr Glück in gutem Eſſen und Trinken, im Faulenzen, in ſchönen Kleidern und Wohnungen, im Reichthume, im Tanzen, Kartenſpielen, im Wein⸗ und Branntweinrauſche, im Jagen, Reiten, Fahren, in Titeln und hohen Würden, in einem ausſchweifenden Leben. Ein ſolches Glück iſt aber ein vergängliches und läßt Ekel, Abſpannung und ein Leben voller Leiden hinter ſich. Das wahre Glück beſteht in einem ruhigen Gewiſ⸗ ſen und in der Glückſeligkeit nach dem Tode. Beides erlangen wir, wenn wir den guten Willen unſers Gottes erfüllen. Wollen wir dies, ſo müſſen wir Gott und ſei⸗ nen Willen kennen lernen. Zwei Wege ſtehen uns offen, auf denen wir zur Gotteserkenntniß gelangen. Der eine, der kürzeſte und leichteſte, liegt hier vor uns: die Bibel. Der andere Weg iſt lang, beſchwerlich, oftmals dunkel und ohne Wegweiſer mit Sicherheit nicht immer zu fin⸗ den. Dieſer Weg heißt die Natur. Nehmen wir aber die Bibel als Wegweiſer zur Hand, ſo wird ſie zur weit hin ſtrahlenden Leuchte, bei welcher wir das Buch der Natur klar und leicht zu leſen und zu verſtehen vermö⸗ gen. Wer, die Bibel verachtend, nur den Weg der Na⸗ tur verfolgen will, um Gott und deſſen Willen zu erken⸗ nen, gleicht einem Menſchen, der eine Kunſt oder ein Handwerk ſich aneignen will, aber anſtatt einem Meiſter ſich anzuvertrauen, aus ſich ſelbſt alle die Handgriffe, Er⸗ fahrungen und Entdeckungen zu erlernen meint, welche ſeit dem Beſtehen des Menſchengeſchlechts in der von ihm erwählten Kunſt gemacht worden ſind. Um von uns den Vorwurf Hiobs: daß Gott, ungeachtet der großen, von ihm gethanen Dinge, von uns nicht erkannt werde, ab⸗ zuwälzen, laßt mich Euch in dieſer Stunde einige große Dinge Gottes vor Eure Angen führen. Der großen Dinge Gottes mehrere ſind in uns ſelbſt enthalten. Da⸗ hin gehört unter Anderen das Blut, deſſen Entſtehung, Beſchaffenheit und Kreislauf. Alles, was wir eſſen und trinken: farbloſes Waſſer, weiße Milch, weiße Semmel, weiße Rüben, grüner Kohl und grüner Sallat, gelbe Eier und gelber Kuchen, rothe Kirſchen und blaue Hei⸗ —„. delbeeren, ſchwarzes Fleiſch und weiße Klöſe, braunes Brot und braunes Bier— Alles verwandelt ſich in uns zu flüſſigem, rothem Blute. Welch' eine wunderbare Ver⸗ wandlung! wunderbarer noch als wenn in der Papier⸗ mühle aus allerlei Lumpen das ſaubere Papier gefertigt wird. Das Blut enthält lauter kleine, dem bloßen Auge unſichtbare Blutkügelchen und dieſe laufen mit einer ſol⸗ chen Geſchwindigkeit durch die Adern hinab und herauf, daß ſie in fünf Minuten einen Weg von 150 Fuß zu⸗ rücklegen. Dieſe unaufhörliche Bewegung, welche bei Tage wie bei Nacht, im Wachen wie im Schlaf, ſich gleich bleibt, erhält das Blut warm und bewahrt es vor dem Gerin⸗ nen, mit welchem ſogleich das Leben in dem Menſchen ſtill ſtehen würde. Damit aber das Blut nicht zu ſehr ſich erhitze, wird es, wie das heiße Bier, in eine Art von Kühlſchiff gebracht, auf welches unaufhörlich ein friſcher Luftſtrom gepumpt wird. Dieſes Kühlſchiff iſt die Lunge und das Athmen die Luftpumpe, welche zugleich dem Blute den erforderlichen Sauerſtoff zuführt. Es iſt ein großes Werk Gottes, daß das Athmen ohne unſer Zuthun, ſelbſt im tieſſten Schlafe, wo wir von uns ſelbſt nichts wiſſen, von Statten geht. Ein noch größeres Werk aber iſt es, wie der Strom des Blutes in alle, ſelbſt die kleinſten und entfernteſten Adern des Körpers geleitet wird. Dies geſchieht durch unſer Herz, das aus mehrern Kammern beſteht. Daſſelbe iſt in unaufhörlicher Bewegung. In jeder Minute zieht es ſich bei einem erwachſenen Men⸗ ſchen 60 mal zuſammen und dehnt ſich eben ſo viel mal wieder aus. Das macht in einer Stunde 3600, in einem Tage 86,400 und in einem Jahre 31,536,000 mal aus. Das feſteſte Eiſen, der härteſte Stahl würde eine ſo un⸗ endliche, ſtete Bewegung nicht auf die Dauer aushalten, während das nur aus Haut und Fleiſch beſtehende Herz ein ganzes Menſchenalter es vermag. Indem es ſich zu⸗ ſammenzieht, pumpt es das Blut fort in die Pulsadern, während es durch ſein Ausdehnen daſſelbe aus den Schlag⸗ adern wieder in ſich aufnimmt. Dieſes Bewegen des Her⸗ zens fühlen wir durch den ganzen Körper und kennen es unter dem Namen Pulsſchlag. Bei einem Kinde geſchieht dieſe Bewegung doppelt ſo ſchnell als bei einem Erwach⸗ ſenen, deſſen geſammtes Blut ohngefähr 24 bis 30 Pfund, oder 12 bis 15 Kannen beträgt. Wer aber wollte nicht hierin deutlich Gottes Werk und Finger erkennen? Ein anderes Werk der göttlichen Allmacht, Weisheit und Güte iſt außer uns das Waſſer und der daraus hervorgehende Regen. Da das Waſſer zur Erhaltung der Menſchen, Thiere und Pflanzen beſtimmt iſt, ſo hat unſer Herrgott einen ungeheuren Waſſerkeſſel auf der Oberfläche der Erde erſchaffen. Das Waſſer in dieſem Keſſel aber iſt bitter und ſalzig, daher für die Menſchen, Pflanzen und die meiſten Thiere untauglich. Wenn wir aus einem Brun⸗ nen Waſſer herauf haben wollen, müſſen wir uns ſchier die Seele aus dem Leibe plumpen. Auch der liebe Gott hat eine Plumpe erſchaffen, welche alltäglich die Milliv⸗ nen Eimer Waſſers aus dem Meere herausziehen ſoll, welcher die weite Erde und deren Bewohner bedürfen. Dieſe Plumpe aber iſt 25 Millionen Meilen weit von der Erde entfernt und hat, außer dem Zubringer des Waſ⸗ ſers, noch die Erde und viele andere Weltkörper zu er⸗ leuchten und zu erwärmen. Dieſe Plumpe, die man auch ein Brennglas nennen könnte, iſt die Sonne, und ihre Strahlen ſind die Hebel und Schwengel, welche ohne alle = 6= Anſtrengung und dem menſchlichen Auge unſichtbar, die ungeheure Waſſermaſſe alltäglich aus dem Weltmeere hoch emporziehen. Hierbei läßt die Sonne wohlweislich das Salz und die Bitterkeit des Meerwaſſers unten bleiben. Iſt das emporgezogene Waſſer in der Höhe angelangt, ſo wird es dort in große, weite Schläuche oder Säcke ein⸗ gepackt, welche wir Wolken heißen. Damit aber dieſe Schläuche ihr Waſſer nicht wieder in daſſelbe Meer aus⸗ gießen, aus welchem es erſt entnommen iſt, ſo erhebt ſich Herr Blaſius, der Wind, und bläſt mit vollen Backen in das Wolkengetümmel hinein, ſo daß dieſe bald nach die⸗ ſer, bald nach jener Richtung davon ziehen. So ſchiffen ſie weit, weit fort und halten nicht eher an, als bis ſie an dem Orte und dex Stelle ſind, wo ſie nach unſers Herrgottes Willen ſich niederlaſſen ſollen. Wehe aber uns, den lebenden Geſchöpfen und Pflanzen, wenn dieſe, oft Millionen Centner ſchweren Wolken⸗ und Waſſerſäcke mit einem Male auf uns hernieder plauzten! Selbſt die feſteſten unſerer Häuſer würden davon zerſchmettert wer⸗ den. Aber der liebe Gott hat unter den Wolken ein weites, feines Sieb ausgeſpannt, durch welches der Re⸗ gen nur in Tropfen herniederträufeln kann. Damit nun die Menſchen und Thiere nicht nöthig haben, ſich ſtun⸗ denlang in den Regen hinzuſtellen und mit aufgeſperrtem Munde die Regentropfen aufzufangen, um ſich ſatt zu trinken, ſo läßt der liebe Gott das in die ſchmutzige Erde eingedrungene Regenwaſſer als ſilberhelle und klare Quel⸗ len wieder aus jener hervorrieſeln oder ſich unter der Erde ſammeln, damit wir es durch unſere Brunnen in beliebiger Menge herausholen können. Die Quellen ver⸗ einigen ſich zu Bächen und dieſe ſuchen, wie ein verirrtes Kind ſeine Mutter, in raſchem Laufe wieder zu ihrer Mutter, dem Weltmeere, zu gelangen. Dieſe Kindesliebe aber weiß der Menſch zu ſeinen Zwecken zu benutzen. Er nöthigt das rinnende Bächlein, ihm die Mühlräder in Bewegung zu ſetzen, die harten Thierfelle zu erweichen, ſeine Wäſche zu reinigen und das graue Linnengewebe zu bleichen und hundert andere Arbeiten zu verrichten. Iſt das Bächlein zum Bache oder gar zum Flüßchen ange⸗ ſchwollen, beſchwert der Holzflößer deſſen Rücken mit tau⸗ ſend und mehr Klaftern Scheitholz und läßt daſſelbe von dem geduldigen Rücken meilenweit forttragen, dadurch das bedeutende Fuhrlohn oder die eigene Mühe erſparend. Später endlich führt der zum mächtigen Strome gewor⸗ dene Bach die ſchwerſten Laſten zum Meere hinab und herauf und wird dadurch wieder zu einer neuen Quelle menſchlicher Wohlfahrt. Das Weltmeer iſt das Herz der Erde. Die Sonnenſtrahlen ſind die Pulsadern, mittelſt welcher das Waſſer aus dem Herzen geſchöpft wird. Die Quellen, Bäche, Flüſſe und Ströme dagegen ſind die Schlagadern, welche dem Herzen das entnommene Waſſer wieder zuführen, damit jenes nimmer verſiege. Groß ſind die Werke des Herrn. Wer ihrer achtet, hat eitel Luſt daran.“ Hier ſchloß der Kantor ſeinen erbaulichen Vortrag, um eine Pauſe der Ruhe eintreten zu laſſen, während welcher er ſich freundlich mit den Anweſenden beſprach oder ihre wißbegierigen Fragen beantwortete. Horſa hatte in früherer Zeit auch Unterricht in der Naturgeſchichte und zwar von einem gelehrten Profeſſor ertheilt bekom⸗ men. Vor lauter Gelehrſamkeit war aber der gute Pro⸗ feſſor ungemein trocken geweſen und darum von ſeinem — ganzen Unterrichte nicht viel bei dem Prinzen hängen ge⸗ blieben. Der Vortrag des Kantors wäre vielleicht dem gelehrten Naturkenner ein Greuel geweſen; aber daß der⸗ ſelbe volksthümlich und darum verſtändlich und wurzelnd ſei, mußte Horſa eingeſtehen. Nach einer Weile nahm der Kantor ſeinen Stand hinter dem Tiſchchen wieder ein, auf welchem er indeß eine Schüſſel mit leeren und honiggefüllten Wachsſcheiben geſetzt hatte. „Wenn ich meine lieben Zuhörer nicht ermüde—“ hob er an—„ſo gedenke ich Ihnen hier noch ein Werk unſers Gottes zu zeigen, das ich geſtern aus einem mei⸗ ner Bienenſtöcke geſchnitten habe. Bevor wir Europäer das Zuckerrohr kannten und deſſen Saft zu benutzen ver⸗ ſtanden, mußten die kleinen, fleißigen Bienen die alleini⸗ gen Lieferer unſrer Süßigkeiten ſein. Die des Wachſes ſind ſie noch immer. So ausgebreitet auch vordem die Bienenzucht war, ſo würde ſie doch nimmermehr den un⸗ geheuern Bedarf der Jetztzeit an Zucker und Brennſtoff decken, deſſen die ſüßgewöhnten und bei Lichte arbeitenden Menſchen benöthigt ſind. Demohnerachtet ſind die lie⸗ ben, kleinen Thierchen unſrer vollen Beachtung werth. Daß jeder Bienenſtock ein Königreich vorſtellt, daß es dreierlei Bienen giebt, von denen die Drohnen oder männ⸗ lichen Bienen keinen Stachel haben, wiſſen wir alle. Die gelben Höschen, welche ſie aus dem Blüthenſtaube zuſam⸗ menkneten und an ihre kleinen Beine kleben, hat wohl ſchon Jeder von uns geſehen. Aber, frage ich, wer an⸗ ders als der Schöpfer hat ſie gelehrt, auf dieſe Weiſe die Stelle der fehlenden Taſchen zu erſetzen? Außer dem Blüthenſtaube trinken ſie auch noch aus den Blumen⸗ 2 ——, 4 — kelchen den ſüßen Saft mit ihrem hohlen Rüſſel auf und zwar in ſo großer Menge, daß ihnen davon übel wird und ſie ſich daheim erbrechen müſſen wie ein Menſch, der unmäßig gegeſſen und getrunken hat. Während die⸗ ſer dann ein Waſchbecken zu erreichen ſucht, ſtellen ſich die Bienen an eine leere Wachszelle und geben da hin⸗ ein den Blumenſaft, welcher nun nichts anders als der Honig iſt, von ſich. Derſelbe iſt zur Nahrung für die junge Bienenbrut, ſo wie für die Alten beſtimmt, wenn dieſe aus ihrem Winterſchlafe erwachen und noch keine Blüthen draußen in der Natur finden. Denn daran er⸗ kennen wir abermals die Weisheit und Güte Gottes, daß er diejenigen Thiere, welche im Winter keine Nah⸗ rung finden und auch nicht wie die Zugvögel wärmere Länder aufſuchen können, die rauhe Jahreszeit verſchla⸗ fen läßt. Die fleißigen Bienen tragen aber in der Re⸗ gel als beſorgte Hausväter mehr Honig ein, als ſie und ihre Jungen bedürfen und dieſer Ueberfluß kommt uns Menſchen zu gute. Den Blüthenſtaub benutzen ſie theils zum Verkitten ihres Korbes, theils verzehren ſie denſelben. Dann wirkt er wie Fliederthee bei ihnen: ſie fallen in einen heftigen Schweiß und ſchwitzen den Blüthenſtaub, in ganz dünne Wachsſcheiben verwandelt, durch die Ringe an ihrem Hinterleibe aus. Iſt das nicht wunderbar? Aus dieſen dünnen Wachsſcheiben erbauen die Bienen — ohne Mörtel, Richtſcheit und Kelle, ohne Baugerüſte und Vorzeichnung, die Zellen, die ſie, ſobald ſie mit Honig angefüllt ſind, mittelſt eines Wachsdeckels oben verſchließen. Die Baumeiſter der Menſchen haben er⸗ mittelt, daß die ſechseckige Form unter allen die zweck⸗ mäßigſte ſei, um Raum zu gewinnen oder zu erſparen. Nieritz, Fürſtenſchule. II. 4 60 Hier ſeht ihr ſowohl honiggefüllte, als auch leere Zellen, welche weiß und zart ſind wie Alabaſter. Aber wie viele Tauſende ſolcher Zellen ſind erforderlich, um eine einzige, dicke Altarkerze daraus zu fertigen! Und wie viele tau⸗ ſend Millionen Bienen hatten den Blüthenſtaub zuſam⸗ menzutragen, auszuſchwitzen und Milliarden von Zellen zu erbauen, als vor der Reformation der Gottesdienſt alljährlich unzählbare Wachskerzen erheiſchte, als wir dazu noch nicht den Wallrath zu benutzen verſtanden, wir noch nicht ſo viel hellbrennende Oellampen und kein Gaslicht hatten. Groß ſind die Werke des Herrn— ſpreche ich nochmals. Wer ihrer achtet, hat eitel Luſt daran.“ Es wurden hierauf noch ein paar Liederverſe geſun⸗ gen und damit war die Erbauungsſtunde aus. Den Cantor Beier führte die Familie Schmidt in ihre Woh⸗ nung und zu einem einfachen Abendeſſen, worauf abwech⸗ ſelnd Clavier geſpielt, geſungen und mancherlei beſprochen wurde Vierzehn Tage war es bereits, daß Horſa gaſtliche Aufnahme in Schmidt's Hauſe gefunden hatte. Natürlich hatte der Prinz keine Antwort von ſeinen angeblichen Aeltern im Auslande erhalten. Das Gefühl, die wackere Familie mit Unwahrheit hintergangen zu haben, drückte ihn ſchwer darnieder. Mit Sünden glaubte er ſein Brot zu eſſen. Zwar arbeitete er nach ſeinen geringen Kräf⸗ ten mit, allein er mußte ſich's ſagen, daß ſeine Leiſtungen mit dem, was er von der Schmidt'ſchen Famikie empfing, in keinem Verhältniſſe ſtanden. Er ſah ſich mit mehr Auszeichnung und zarterer Rückſicht behandelt als der Sohn vom Hauſe ſelbſt. „Was fehlt Euch, Heinrich?“ fragte Vater Schmidt —— eines Tages den Prinzen, der mit einem trübſeligen Geſichte umherſchlich.„Gefällt's Euch nicht mehr bei uns? Nicht wahr, Ihr ſehnt Euch hinaus aus dem ru⸗ ßigen Kohlenbrenner⸗Leben? Ihr möchtet gern wieder dem edlen Waidwerke obliegen oder zu Euern Aeltern heimkehren, da ſie noch immer Euch ohne Nachricht laſſen?“ Horſa ſchüttelte das Haupt.„Warum ich traurig bin?“ verſetzte er—„Weil ich fühle, wie tief ich in Eure Schuld gerathe und gleichwohl keine Ausſicht habe, die⸗ ſelbe abzutragen.“ „O wenn es weiter nichts iſt!“ rief Schmidt gut⸗ müthig aus.„Dann bannt die Traurigkeit von Euch, Schlagt Ihr das bißchen Eſſen und Trinken höher an als die Lebensrettung meines Stephan's? Und wenn Ihr auch dem Jungen nicht beigeſprungen und Ihr mir ganz fremd wäret, ſo würde ich Euch beherbergt haben, ſo lange es Euch beliebte. Ihr legt ja die Hände nicht müſſig in den Schvoß und verdient darum noch Lohn von mir zu erhalten.“ „Was ich arbeite—“ erwiederte Horſa—„das thue ich zu meinem Vergnügen und zu meiner Belehrung. Ihr bedürft meiner nicht, wohl aber ich Eurer. Ich bin hier bei Euch auf der Lehre, ohne gleichwohl ein Lehr⸗ geld zu zahlen. Dieſer Gedanke drückt mich nieder. Könnte ich Euch doch einen Gegendienſt erweiſen!“ „Still davon oder Ihr macht mich böſe—“ ſprach Schmidt.„Noch habt Ihr Euch nicht von Eurer Krank⸗ heit völlig erholt; noch ſeht Ihr bleich und welk aus. Nicht eher laſſen wir Euch von dannen ziehen, als bis Ihr ſtramm wie eine junge Tanne ſeid. Und ſeid Ihr 4* — 4 Geldes oder ſonſt etwas benöthigt, ſo ſt es nur ſeant und frei heraus.“ „O Edelſinn, wohin verkriechſt du dih!“ ſprach Horſa vor ſich hin.„Bei einem ſchlichten Kohlenbrenner finde ich, was ich mit Ausnahme Weniger, bei meinem geſammten Hofſtaate vergeblich ſuchte: die Dankbarkeit, die treue Anhänglichjt den 6 erſinn, die wahre Näch⸗ ſtenliebe!“ Horſa arbeitete von vieſeßt Tage an mit vermehrter Luſt und Kraft. Allgemach wurde er als ein Familien⸗ glied betrachtet und als ſolches mit immer wachſender Liebe und Vertraulichkeit behandelt. Eines Tages langte ein Brief, deſſen Adreſſe fran⸗ zöſiſch und an Vater Schmidt gerichtet war, an.„Ein kurioſer Brief das!“ ſprach dieſer, nachdem er das Pa⸗ pier erbrochen und die franzöſiſchen Schriftzüge darin ge⸗ ſehen hatte.„Was iſt da zu thun? Soll ich des Briefs wegen eine Reiſe in die nächſte Stadt machen und ihn mir dort in's Deutſche überſetzen laſſen? Ich wüßte nie⸗ mand in unſter Nähe, der, wenn der Brief nicht latei⸗ niſch geſchrieben iſt, mir denſelben verdeutſchen könnte. Nicht einmal der Herr Pfarrer in Hollingen der Herr Cantor ſind das im Stande.“ Wohl zum erſtenmale in ſeinem Leben vermochte Horſa jetzt eine wahrhaft nützliche Anwendung von ſeiner Kenntniß der franzöſiſchen Sprache zu machen, indem er den Inhalt des Briefs verdeutſchte und ſich zu deſſen Beantwortung erbot. Derſelbe war von einem angeſehe⸗ nen Handelshauſe in Havre de Grace, welches in unmit⸗ telbare Verbindung mit Schmidt treten wollte, um von dieſem bedeutende Lieferungen an Pech, Theer und Ter⸗ — pentin zu beziehen. Der daraus für beide Theile ent⸗ ſpringende Gewinn war beträchtlich und in's Auge ſprin⸗ gend, daher annehmbar. In dieſem Sinne beantwortete Horſa das Schreiben, ſo wie er auch im Uebrigen die Führung des Briefwechſels von Schmidts Handelsgeſchäfte übernahm. Da auf dieſe Weiſe der Prinz ſeinem Wirthe nicht unerhebliche Dienſte leiſtete, ſo fühlte Horſa auch mit jedem Tage, wie die Gedrücktheit ſeines Gemüthes einer wachſenden Heiterkeit wich, die zuweilen ſogar bis zur Fröhlichkeit ſich ſteigerte. Nur wenn er an Eduard Henneberg dachte, verſank Horſa in tiefe Schwermuth, welche noch anhaltender gedauert haben würde, wäre der Prinz weniger jung und unbeſchäftigt geweſen. So aber kaufte er ſeine Zeit theuer aus. Wenn er nicht bei dem Kohlenbrennen, Theerſieden oder Harzeinſammeln bethei⸗ ligt war, ſo beſorgte er den Briefwechſel, unterrichtete er Stephan in der franzöſiſchen Sprache, ſpielte er mit Anna vierhändige Clavierſtücke. Dabei erholte ſich ſein Körper ſichtlich und in kurzem blühte er mehr als dies der Fall während ſeiner kurzen Regentſchaft geweſen war. Monat auf Monat verſtrich im Fluge. Das Frühjahr machte dem Sommer Raum und beide Jahreszeiten vermehrten die ſchuldloſen Freuden des Landlebens, welches Horſa jetzt erſt von ſeiner ſchönſten Seite kennen lernte. Von der Abreiſe Horſa's war keine Rede mehr, eben ſo wenig irgend Jemand ſeine Verwunderung darüber zu erken⸗ nen gab, daß gar keine Antwort von Horſa's angeblichen Aeltern anlangte. Horſa gehörte zur Familie Schmidt und darum hütete ſich Jedes, eine Saite zu berühren, durch welche die innige Verbindung hätte get oder gar aufgelöſt werden können. —— Gern hätte Horſa eine ſichere Nachricht über das Schickſal aller der ihm theuern Perſonen gehabt, wozu Amalie Schütz, der Bräutigam, ſeine Freunde Strauch⸗ witz, Seifried und Scholle gehörten. Aber wie dazu ge⸗ langen, ohne Aufſehen oder Verdach regen? War Horſa nicht todt und mußte ihm nicht Alles daran gele⸗ gen ſein, in Aller Augen todt zu bleiben? Sollte er das Geheimniß ſeines Lebens einem Briefe anvertrauen, wel⸗ cher nur zu leicht in die Hände ſeiner Feinde, anſtatt ſeiner Freunde, gelangen konnte? Eine Reiſe zu letzteren zu unternehmen, war höchſt gefährlich; überdies mangelte ihm dazu auch das Geld, obſchon ihm ſolches ſein Wirth gewiß auf ſeinen Wunſch zugetheilt haben würde. Die Neuigkeiten, welche ſich bis zur Schmidtſchen NRiederlaſ⸗ ſung verirrten, ſchwiegen gänzlich von dem, was Horſa vor allen Dingen zu erfahren wünſchte. Meiſtens waren es nur Klagen und Berichte über des jetzigen Regenten koſtſpielige und eigenwillige Regierung, die keine der Hoffnungen erfüllte, welche man ſich von ihr gemacht hatte. Hier und da waren in den größeren Städten des⸗ halb Unruhen ausgebrochen, welche aber bald mit Hülfe derjenigen Soldaten unterdrückt worden waren, welche der Großherzog von Triptis ſeinem Schwiegerſohne zum Beiſtande geſendet hatte. Horſa erhielt wiederholt die Genugthuung, daß er hörte, wie man ihn und ſeine Re⸗ gierung jetzt bis zum Himmel erhob und dagegen ſeinen Nachfolger und deſſen Rathgeber verwünſchte. ———————— —— Mit dem Herbſte war zugleich das Kirchweihfeſt des Dorfes gekommen, deſſen Kirche die Bewohner der Schmidt⸗ ſchen Niederlaſſung zu beſuchen pflegten. Darum feierten auch ſie jene feſtlichen Tage durch Kirchgehen, zeitweiliges Einſtellen der Arbeit, Kuchenbacken und den Genuß nicht alltäglicher Speiſen. Am zweiten Feſttage, deſſen Nachmittag und Abend die Familie Schmidt bei dem Cantor Beier in Schmor⸗ tanne vergnügt zugebracht hatte, kehrte jene ſchon bei eingebrochener Dunkelheit nach Hauſe zurück. Ihr Weg führte ſie bei der bereits erwähnten Waldſchänke vorüber, aus deren hellerleuchteten Fenſtern Muſik und fröhliches Tanzgetümmel erſchallte. Der Wirth ſtand eben vor der Thüre ſeines Hauſes, als die Heimkehrenden vorüber ge⸗ hen wollten. „Eil ei, Nachbar Schmidt!“ rief jener vorwurfsvoll aus—„ſolltet Ihr wirklich an dem heutigen Feſttage mein Haus nicht betreten wollen? Womit hätte ich dieſe Zurückſetzung verdient? Herein, ſage ich, wenn wir gute Freunde und getreue Nachbarn bleiben wollen.“ Da widerſtand Schmidt der Einladung nicht und ging mit den Seinen, und Horſa in die große Gaſtſtube, wo wacker gepocht, gegeigt, geblaſen und um die Säule geſchwenkt wurde. Die Freude iſt anſteckend, zumal wenn ſie den Saatboden eines guten Gewiſſens findet. Schmidt umfing ſeine Frau, Horſa Anna's Leib und ſelbſt Ste⸗ phan zog eine rüſtige Bauerndirne zum Tanze auf. Unwillkürlich mußte der Prinz lächeln, indem er mit Anna dahin ländernd, an ſeine einſtigen Hofbälle dachte, wo Steifheit, Stolz und gezwungene Luſtigkeit das Scep⸗ ter führten. Welch' ein Unterſchied zwiſchen den kerzen⸗ „ — ſtrahlenden, glatt gebohnten, hohen, ſpiegelſtrahlenden und ſüß duftenden Sälen des fürſtlichen Schloſſes und dieſer niederen, von Tabaksqualm umnebelten, von wenig trübe brennenden Inſeltlichtern erhellten Stube, in welcher, ſtatt blitzender Uniformen, gold- und ſilbergeſtickter Galakleider, ſeidener und ſpitzengewebter Roben, nur die grobwollenen Kleider von Landleuten, Köhlern, Handarbeitern und Gränzjäger zu ſchauen waren! Nach geendigtem Tanze beſchloß Vater Schmidt, den Heimweg fortzuſetzen, ſobald er und ſeine Begleitung ab⸗ gekühlt ſein würden. In Erwartung deſſen ſaß die Fa⸗ milie noch da, als vlötzlich ſchnell hinter einander folgende Schüſſe in nicht weiter Entfernung krachten und dem eben neu beginnen ſollenden Tanze zuvorkamen. Mit gro⸗ ßer Haſt eilten die Gränzjäger aus dem Hauſe und der größte Theil der Tanzgeſellſchaft hintennach.„Die Pa⸗ ſcher—“ ſprach Schmidt—„werden wahrſcheinlich ihren Vortheil erſehen haben, um während der Tanzfreude, in welche ſie auch die Gränzjäger verwickelt glaubten, einen Transport Waaren herüber zu paſchen.“ Dem war auch ſo, nur daß die Gränzjäger 3 liſtiger als die Paſcher geweſen waren und blos einen kleinen Theil ihrer Mannſchaft gefliſſentlich an dem Tanze hatten Antheil nehmen laſſen, während der größere auf die Lauer ſich begeben hatte, um die ſich ſicher dünkenden Paſcher zu überfallen. Bald nachdem das Schießen vorüber war, führten die Gränzjäger der Paſcher mehrere vorüber, welche theils verwundet und blutend, mit Kolbenſtößen und Drohwor⸗ ten vorwärts getrieben wurden. Werthvolle Waarenbün⸗ del waren überdies in die Hände der Gränzjäger gefallen, welche darüber laut frohlockten. Vater Schmidt dagegen ſeufzte und trieb zum Aufbruche, denn ihn widerten nun⸗ mehr die Klänge der neu beginnenden Tanzmuſik an. „Was war das?“ fragte Vater Schmidt, nachdem er mit den Seinen ein Stück in den Forſt hineingeſchrit⸗ ten war.„Still! Hörtet Ihr nichts?“ Man ſtand und lauſchte mit zurückgehaltenem Athem. Ein ſchweres, röchelndes Stöhnen tönte aus einem dunkeln Dickicht hervor. „Wer da?“ rief Vater Schmidt laut aus und ſchritt dem Buſche näher. Das Stöhnen ſchwieg eine kurze Weile, um dann deſto lauter wieder zu erſchallen. „Bleib', lieber Chriſtian!“ bat Frau Schmidt, als ihr Mann ſich von den Uebrigen trennte, um in das Dickicht einzudringen.„Es könnte Dir ein Unglück begegnen. Mir ahnet etwas Schreckliches.“ Doch Schmidt ließ ſich nicht zurückhalten. Muthvoll ſchritt er vorwärts. Horſa folgte ihm; Stephan aber, der ein Gleiches thun wollte, mußte bei der Mutter und Schweſter bleiben. Indeß war Schmidt dem Aechzen nachgegangen. „Wer iſt hier?—“ fragte er, als das Stöhnen dicht vor ſeinen Füßen ſeinen Urſprung nahm. Es war da⸗ ſelbſt ſo finſter, daß Schmidts Auge keinen Gegenſtand unterſcheiden konnte.„Iſt Euch ein Unglück widerfahren?“ fuhr er fort. „Hol' mich der Teufel und Euch dazu!“ lautete jetzt die unverhoffte Antwort.„Das iſt mein Letztes! Oh!“ „Das war ein böſer Wunſch für meine gutgemeinte Frage—“ verſetzte Schmidt.„Ich will ihn Euch aber — 56— verzeihen, da Ihr heftige Schmerzen zu haben ſcheint. Was fehlt Euch, armer Mann?“ Eine Weile verſchloß der Schmerz dem Unbekannten den Mund, dann erwiederte er nach erneutem Aechzen: „Die gottverdammten Hunde,— die Gränzjäger— o weh! die— haben mir eine Kugel— zwiſchen die Rippen gejagt. Aber— Gott verdamme mich!— komme ich— wieder auf, ſo— will ich's den verfluchten Hundeu ſchon gedenken.“ „Fluchet doch nicht ſo gräßlich—“ ermahnte Schmidt —„Wie könnt Ihr Euch das von Gott wünſchen, was das Schrecklichſte von allen Uebeln iſt?! Vielleicht habt Ihr Euer Unglück ſelbſt verſchuldet, ſeid über dem Pa⸗ ſchen betroffen worden.“ Der Fremde knirſchte hörbar mit den Zähnen.„Scheert Euch zu allen Teufeln!“ ſchrie er wild—„wenn Ihr nur hergekommen ſeid, um mich abzukanzeln. Wollt Ihr mir einen Gefallen thun, ſo verſchafft mir zwei geladene Piſtolen, damit ich Euch mit der einen, mich mit der an⸗ dern vor den Kopf ſchießen kann.“ „Das iſt ein verruchter Menſch!“ ſprach Horſa em⸗ pört zu ſeinem Wirthe.„Ueberlaßt ihn ſeinem verdienten Schickſale und kehrt mit mir zu den Euern zurück.“ „Nein, lieber Heinrich!“ verſetzte Schmidt ruhig. „Hat nicht geſtern erſt unſer Herr Pfarrer gepredigt, daß wir unſre Feinde lieben, die ſegnen, die uns fluchen, de⸗ nen wohlthun ſollen, die uns haſſen? Daß, wenn wir nur mit unſern Brüdern freundlich thun, wir dann nichts Sonderliches thun? Geduldet Euch eine Weile noch, ar⸗ mer Mann!“ fuhr er zu dem Verwundeten fort—„Es ſoll Euch geholfen werden, ſo gut wir dies nur vermögen.“ — 50— Schmidt begab ſich hierauf nebſt Horſa zu den Sei⸗ nen zurück, welche darauf mit Angſt gewartet hatten. „Stephan!“ ſprach er zu ſeinem Sohne—„ſpring', ſo ſchnell Du kannſt, zum nächſten Meiler hinüber. Nimm dort zwei Leute und eine Tragbahre und führe jene hier⸗ her. Ich werde Eure Ankunft erwarten, indeß Heinrich die Mutter und Anna nach Hauſe begleitet.“ „Wir gehen ohne Dich nicht von der Stelle!—“ riefen Mutter und Tochter aus. „Es wäre doch auch möglich—“ bemerkte Horſa— „daß jener Mann ſich nur ſchwer verwundet ſtellt, um Euch, Vater Schmidt, in eine Falle— in einen räuberi⸗ ſchen Hinterhalt zu locken. Ihr ſelbſt kennt die Verwor⸗ fenheit der Paſcher und darum iſt keinem Unbekannten hier in der Nacht zu trauen.“ „Seid um mich unbeſorgt—“ verſetzte Schmidt— „ein nur zum Schein Verwundeter führt andere Reden, als wir vernehmen mußten. Ueberdies, was wollten die Paſcher von mir? Ich trage ja nicht einmal einen Gul⸗ den Gelds bei mir; dort ſteht die Waldſchänke in ſolcher Nähe, daß die Leute meine Stimme vernehmen können und mit den Schlichen des Waldes bin ich mindeſtens eben ſo gut vertraut als die Paſcher, die mich nicht ſo leicht in ihre Hände bekommen ſollen. Daß ich Euch immer voraus ſenden will, hat ſeinen guten Grund da⸗ rin, daß Du, liebe Chriſtiane für den Kranken ein Lager in der Rollkammer bereiteſt und Leinwand zum Verbinden zuſammenſuchſt, während Anna und unſre Magd etwas Scharpie zupfen. Dieſe Nacht müſſen wir die Stelle des Arztes vertreten, nach welchem ich erſt mit Anbruch des Morgens einen Boten ausſenden kann. Folgt mir dem⸗ „ 6— nach, Kinder, und laßt uns die koſtbare Zeit nicht mit nutzloſem Geſchwätze verſchwenden.“ Es geſchah nun, wie Vater Schmidt verlangte. Kaum eine halbe Stunde nach der Ankunft der Voraus⸗ geeilten langten Vater Schmidt, Stephan und die beiden Köhlerburſche mit dem Verwundeten an. Derſelbe war wirklich lebensgefährlich in die Seite verwundet, mit Blut bedeckt und jetzt bewußtlos. Es war keine leichte Sache und gehörte große Ueberwindung dazu, den Geſchoſſenen zu entkleiden, von dem anklebenden Blute zu reinigen und ihn, ſo gut dies anging, zu verbinden. Vater Schmidt war die Seele dieſer Hülfsleiſtung und zeigte den Muth und die Abhärtung eines Arztes, der ſich keinem unzeiti⸗ gen Mitleide hingeben darf. Endlich war das Nöthige geſchehen und dem Kran⸗ ken ein Wärter beigegeben, der ihn bewachen mußte. Darüber war beinahe die ganze Nacht vergangen, ſo daß die ermüdet von dem Kirchweihfeſte heimgekehrte Familie nur wenig Zeit zur Ruhe übrig behielt. Vater Schmidt beſtieg ſein Lager mit derjenigen Freudigkeit eines guten Gewiſſens, wie ſie uns nach Er⸗ füllung einer nicht ganz leichten Pflicht zu Theil wird. „Welch ein edler Menſch iſt Dein Vater!“ ſprach Horſa, als er mit Stephan in die Schlafkammer trat. „Wären alle Menſchen wie er: traun, ſo hätten wir den Himmel ſchon auf Erden.“ Der Arzt, welcher am nächſten Morgen herbeigeholt worden war, fand den Fremdling gefährlich und ſchwer, doch nicht tödtlich verletzt. Derſelbe hatte eine ſchmerz⸗ hafte Operation auszuſtehen, als ihm die Flintenkugel aus dem Fleiſche geſchnitten und er dann verbunden —— wurde. Nicht minder quälend war für denſelben das ſtrenge Gebot des Arztes, unverrückt auf einer und derſelben Stelle zu liegen und jede größere Bewegung zu vermeiden. Da nun der Kranke ſich ziemlich unleidlich und ſtörriſch bewies, ſo hatte der ſeiner hütende Wächter einen ſchweren Stand. Als nach einigen Tagen die Heftigkeit des Wund⸗ fiebers in ſo weit nachgelaſſen hatte, daß der Verwundete ſeine völlige Beſinnung wieder erhalten hatte, ſo ließ er ſeinen Wirth zu ſeinem Lager rufen. „Was habt Ihr mit mir vor?“ redete er den Letz⸗ tern eben nicht freundlich an.„Wollt Ihr mich etwa den Zöllnern drüben ausantworten? Gott verdamme mich, wenn ich nur ein Loth Kaffee habe hinüber paſchen wol⸗ len. Die verfluchten Hunde von Gränzjägern jagten mir das Blei zwiſchen die Rippen, als ich ganz friedlich von der Kirmſe heimſpatzieren wollte. Mit Mühe und Noth ſchleppte ich mich bis in's Gebüſche, damit ich nicht noch eine Kugel bekäme.“ „Erſpart Euch doch die Ausreden und die gottloſen Flüche dazu—“ antwortete Schmidt ernſthaft.„Ich habe Euch noch nicht über Eure Schuld oder Unſchuld befragt, mich auch nicht darum zu bekümmern. Was ich mit Euch vorhabe? Dieſe Frage könnt Ihr Euch ſelbſt beantworten. Ich thue mit Euch, was jedes Chriſtenkind mit dem Nächſten thun ſoll, wenn er ſich in Noth be⸗ findet. Geſetzt, Ihr wäret wirklich ein Paſcher, ſo wür⸗ det Ihr doch nicht deshalb an die jenſeitigen Zollbehörden ausgeliefert werden, weil ein ſolches Verfahren in unſerm Lande nicht üblich iſt. Aber wiſſen möchte ich, wer Ihr ſeid und wie Ihr heißt, damit ich den Eurigen Nachricht von Eurem Aufenthalte und Schickſale ertheilen kann.“ „Was gehen Euch meine Hühner und Gänſe an?!“ verſetzte der Kranke.„Ich bekümmere mich auch nicht um die Eurigen, habe auch ſelbſt nicht Eurige, wie Ihr ſagt, die da Nachricht von mir zu bekommen haben. Ich bin ein einlitziger Mann und frei wie der Vogel in der Luft.“ „Frei glaubt Ihr zu ſein?“ erwiederte Schmidt kopfſchüttelnd.„Das möcht' ich faſt bezweifeln. Wenig⸗ ſtens nicht frei von dem Laſter des Fluchens und dem Fehler der Grobheit. Von Undankbarkeit will ich noch gar nicht reden. Aber wieder auf die Eurigen zu kom⸗ men, ſo habt Ihr in der Fieberhitze Aeußerungen gethan, welche mit Gewißheit faſt vermuthen laſſen, daß Ihr Frau und Kinder habt.“ „In der Fieberhitze! Pah! Dummes Zeug. Im Traume redet man oftmals närriſches geug, das nicht wahr iſt. Da hat mir manchmal ſchon geträumt, daß ich eine ganze Braupfanne von Gold in der Erde ver⸗ graben fände, und im Wachen beſaß ich nicht einen ein⸗ zigen goldenen Pfennig in der Taſche.“ „Aber Euern Namen und Wohnort werdet Ihr mir doch ſagen?—“ fuhr Schmidt fort.„Es könnte ja kommen, daß der Gensd'arm oder der Herr Amtmann erführe, daß Ihr bei mir liegt, und nach Euerm Namen und Herkommen fragte.“ Der Kranke zog ein grimmiges Geſicht und ſagte nach einer Pauſe mit verdrießlichem Tone:„Michel Gungs heiz ich und bin von Müfffelshain bei Zwetſchau.“ — 63— „Wo liegt denn Zwetſchau?“ fragte Schmidt.„Es iſt jedenfalls eine Stadt, mir aber gänzlich unbekannt.“ „Das glaub' ich Euch—“ verſetzte der Kranke. „Zwetſchau liegt weit von hier, an die 30 Meilen. Es liegt im Ichtelfingſchen.“ „Und ſo weit her ſeid Ihr zur Kirmſe gegangen?“ ſprach Schmidt kopfſchüttelnd—„Ohne Ranzen und Felleiſen? Das iſt wunderbar und kaum glaublich.“ Starr ſah Schmidt dem Kranken in's Antlitz, ein aufrichtigeres Geſtändniß erwartend. Aber Michel Gungs ſchwieg trotzig ſtill. „Armer Mann!“ hob Schmidt mit gewinnender, warmer Herzlichkeit an, indem er des Kranken Hand in die ſeinige nahm—„habt Ihr noch nie gehört, daß Gottes Güte uns zur Buße leite? Selbſt der ſchmerzliche Schuß in Eure Seite kann Gottes Güte in der gu⸗ ten Abſicht haben geſchehen laſſen, um Euch dadurch zur Buße zu leiten. Oder habt Ihr wirklich kein Unrecht, kein Vergehen, nichts Strafbares zu bereuen und von Euch zu werfen? Gern biete ich Euch auch dazu meine helfende Hand, wenn Ihr jenes nicht allein zu vollbrin⸗ gen vermögt.“ „Teufel Ihr!“ rief der Kranke zähnknirſchend aus. „Was quält Ihr mich wie einen Schulbuben, der hinter die Schule gelaufen iſt? Meint Ihr, eine pinſelnde Bet⸗ ſchweſter aus mir machen zu dürfen, weil ich bei Euch Dach und Fach gefunden habe? Habe ich's Euch gehei⸗ ßen, daß Ihr mich hierher ſchaffen ſolltet? Warum habt Ihr mich nicht draußen im Buſche liegen und verrecken laſſen? Ich weiß Euch keinen Dank für die Schinderei, die ich hier habe ausſtehen müſſen.“ —— Tief erſchüttert über eine ſolche Ruchloſigkeit, verließ Schmidt die Krankenſtube. „Selbſt eine zerſchmetterte Rippe—“ ſprach er zu ſich ſelbſt—„reicht nicht aus, um ein ſo verhärtetes Gemüth zur Sinnesänderung zu bringen. Unglücklicher! Gott iſt zwar langmüthig, geduldig und von großer Gnade und Treue, aber auch wahrhaftig und gerecht. Mögeſt du dies nicht erſt erkennen, wenn es zu ſpät iſt!“ Als Vater Schmidt zu den Seinen in die Wohn⸗ ſtube kam, fand er dort ſeinen Sohn und Horſa im Streite begriffen.„Ich ſag's dem Vater—“ ſprach Stephan zu Horſa—„Er kann ſich darnach richten.“ „Was giebt's?“ fragte Schmidt, noch immer an ſei⸗ nen Kranken und deſſen Verſtocktheit denkend. „Wißt Ihr, Vater!“ erwiederte Stephan—„wer der geſchoſſene, lange Mann iſt, der bei uns in der Roll⸗ kammer liegt? Derſelbe Kerl iſt's, der mich im Walde voriges Frühjahr anfiel und mir das Kohlengeld abneh⸗ men wollte. Ich und Heinrich haben ihn vorhin erkannt, als wir ihn aus dem Bette heben halfen. Was werdet Ihr nun thun? Den Spitzbuben anzeigen und an die Obrigkeit ausliefern, oder ihn aus dem Hauſe werfen?“ Dieſe Nachricht, weit entfernt, den Vater Schmidt in den Harniſch zu jagen, glättete vielmehr deſſen tief gerunzelte Stirn und mit recht freundlichem Tone verſetzte er:„Ich werde keinen von Deinen drei Vorſchlägen thun. Dagegen will ich eine Kur mit dem Räuber verſuchen, die ihn vielleicht zu einem ehrlichen Manne wieder macht. Dieſe Kur beſteht darin, daß ich feurige Kohlen auf un⸗ ſers Kranken Haupt ſammele, eine Kur, die unſer größ⸗ ter Seelenarzt, Jeſus Chriſtus, uns angerathen hat. —— Hilft auch dieſe nichts bei unſerm Kranken, ſo iſt an ihm Hopfen und Malz verloren.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Vater!“ ſehe Stephan betroffen. „Aber ich verſtehe Euch, Vater!“ ſprach Horſa ge⸗ rührt und drückte ſeinem Wirthe die Rechte.„Ihr ſeid, wie ich ſchon geſtern ſagte, ein edler Mann und wenn der verwundete Räuber und Paſcher ein beſſerer Menſch wird, ſo wäre dies lediglich Euer Werk.“ „Nicht mein Werk— Gottes Gnade wäre es—“ verſetzte Schmidt ablehnend. Es ſchien jedoch das Beſſerungswerk nicht gedeihen zu wollen, obſchon Schmidt und die Seinen es nicht an feurigen Kohlen fehlen ließen, welche ſie auf das Haupt des angeblichen Michel Gungs ſammelten. Bald erfuhr man auch deſſen wahren Namen und Aufenthalsort, in⸗ dem die gefangenen Paſcher ihre Mitſchuldigen angaben, zu welchen auch der verwundete Gungs gehörte, der ei⸗ gentlich Caspar Rippien hieß. Derſelbe befürchtete jeden⸗ falls, daß mit ſeiner Herſtellung die Obrigkeit ſich näher mit ihm bekannt machen dürfte und um dieſem zu entgehen, ſtellte er ſich kränker als er wirklich war. Eines Mor⸗ gens aber war der Patient verſchwunden und hatte, gleichſam zum Danke für die ihm gewordene Hülfe, ſich angeeignet, was er nur Werthvolles hatte erlangen können. Eine ſolche Schändlichkeit brachte ſelbſt die gute, ſanfte Frau Schmidt in Zorn und ſie machte demſelben durch Worte gegen ihren Gatten Raum. Allein dieſer verſetzte gelaſſen:„Wenn wir nur denen Gutes erweiſen wollen, von welchen wir ein Gleiches erwarten könnenz Nieritz, Fürſtenſchule. II. 5 ſo haben wir unſern Lohn dahin. Mag er laufen! Un⸗ ſerm Herrgott und 66 S er doch nicht.“ 301 Der Winter verſtrich in nützlicher Thätigkeit. Als aber ein neues Frühjahr kam und die Kraft eines neuen Lebens nicht blos in das Reich der Thiere und Pflanzen, ſondern auch in das Menſchenherz eindrang; da fühlte ſich Horſa von einer namenloſen Sehnſucht, von einer Art Heimweh und einem brennenden Verlangen nach Veränderung ſeiner jetzigen einfachen Lebensweiſe, ſo wie nach Abenteuern verzehrt. Dieſer Durſt war gleichſam ein Rückſtand oder Bo⸗ denſatz aus ſeinem Herrſcherleben, welcher noch einmal aufgährte, um entweder ausgeſtoßen zu werden oder in Horſa eine große Umwandlung hervorzubringen. Horſa ſelbſt geſtand ſich den wahren Beweggrund ſeiner Unruhe nicht, ſondern überredete ſich, daß er nur von dem Ver⸗ langen beſeelt werde, endlich einmal Gewißheit über Eduard und Amaliens Schickſal, ſo wie über das ſeiner übrigen Freunde zu bekommen. Es konnte nicht fehlen, daß ſich Horſa's veränderter* Gemüthszuſtand durch äußere Kennzeichen, wie: Tiefſinn, Hang zur Einſamkeit, Unluſt zur Arbeit und traurige Mienen, kundgab. Da dieſer Zuſtand, welcher durch keine ſichtbare Veranlaſſung entſtanden war, mehr und mehr zunahm, ſo hielt es endlich Vater Schmidt für Pflicht, ſeinen Gaſtfreund deshalb zur Rede zu ſtellen. Horſa ſchwankte einige Zeit, ob er ſich und ſeine wahre Her⸗ kunft ſeinem erprobten, edelmüthigen Verſorger entdecken — ſolle oder nicht. Aber noch war die Furcht größer als das Vertrauen.„Ich ſchade mir und ziehe die Familie Schmidt in mein Verhängniß hinein, wenn ich die Wahr⸗ heit ſage—“ ſprach er zu ſich ſelbſt. Er ſchützte daher vor, wie das lange, fortwährende Stillſchweigen ſeiner Aeltern ihn lebhaft beunruhige und für ihr Leben fürch⸗ ten laſſe. Auch wünſche er nach ſo langer Abweſenheit, ſo wohl die Seinen als auch die Heimath wieder zu ſe⸗ hen. Dies ſei es, was ihn ſo trübe ſtimme.„Was Ihr mir da ſagt, lieber Heinrich—“ verſetzte Vater Schmidt —„finde ich ſo natürlich und in Ordnung, daß ich mich wundern würde, wenn dem nicht ſo wäre. So ziehet denn in Gottes Namen heim; nehmt aber zugleich die Verſicherung von mir hin, daß wir Alle nur ungern Euch ſcheiden ſehen und uns höchlich freuen würden, wenn Ihr wieder unter unſer niedriges Dach zurückkehrtet. um das Reiſegeld laßt Euch nicht bangen. Da Ihr keinen Lohn für Eure Arbeit von mir annahmt, ſo habe ich ihn für Euch hingelegt, ſo daß er jetzt ein Sümmchen von 114 Thlr. ausmacht. Solltet Ihr jedoch noch mehr Gel⸗ des benöthigt ſein, ſo habt Ihr nur zu verlangen und ich werde zahlen.“ Peter der Große, Kaiſer von Rußland, hatte einſt für Eiſenſchmieden einen Thaler und fünf Silbergroſchen nach der üblichen Taxe von dem Schmiedemeiſter ausge⸗ zahlt bekommen.„Dieſes Geld habe ich verdient!“ rief der Monarch freudig aus.„Dafür will ich mir ſo⸗ gleich ein Paar Schuh kaufen.“ Eben ſo konnte auch Horſa von den 114 Thalern ſagen, welche ihm Vater Schmidt für geleiſtete Arbeit jetzt hinzählte. Auch er empfand darüber eine größere 5** und herzlichere Freude als einſt über die Hunderttauſende ſeiner fürſtlichen Civilliſte, von welcher er nicht wohl ſa⸗ gen konnte, daß er ſie verdient hatte. Mit der Ausſicht, ſeinen Wunſch bald in Erfüllung gehen zu ſehen, verſchwand Horſa's Schwermuth plötzlich und verwandelte ſich in Freude, welche ſich in ſeinen Mienen, Blicken und Bewegungen kund gab. Dagegen kam nun die Reihe des Trauerns an die Familie Schmidts, die ihren Kummer über des liebgewonnenen Horſa Ab⸗ reiſe zwar weniger im Aeußern kund gab, dafür aber deſto tiefer innerlich empfand. Nach wenig Tagen war Horſa zur Abreiſe gerüſtet. Nicht ohne tiefe Bewegung nahm er Abſchied von den ſämmtlichen Bewohnern der Schmidt'ſchen Niederlaſſung. Von Vater Schmidt, deſſen Frau, Sohn und Tochter be⸗ gleitet, zog Horſa von dannen. Am Gränzpfahle mach⸗ ten ſie Halt. Ein wirklicher Sohn kann nicht liebevoller von ſeinen Aeltern geſegnet, geküßt und verabſchiedet werden, als mit Horſa der Fall jetzt war. Als dieſer den Abſchiedskuß auf Anna's Lippen drückte, ward ſie bleich und dann wieder zur Purpurroſe. Merklich zitterte ihre Hand in derjenigen Horſa's und ihr Mund ſtrebte vergeblich, einige Worte zu ſtammeln. Mit Gewalt entriß er ſich endlich den Weinenden. Als er nach einer zurückgelegten Wegſtrecke ſich umwen⸗ dete, ſah er noch immer ſeine Lieben am Gränzpfahle ſte⸗ hen und ihm nachblicken. Das letzte Lebewohl winkten ſie ihm jetzt zu. Auch bemerkte er, wie Anna, die ſonſt ſonſt ſo rüſtige und kräftige Jungfrun, ihr Haupt auf des Bruders Achſel niedergebeugt hatte und von dieſem vor dem Umſinken bewahrt werden mußte. — 6— Da ſprach eine Stimme wie ſtrafend in des Prinzen Innerm:„Thor! warſt du nicht vor den rauhen Stür⸗ men deines Lebens hier in dem ſichern Hafen geborgen? Warum wrillſt du dich wieder hinauswagen auf die noch immer hochgehende See? Verlangſt du mehr noch, als du hier gefunden haſt? Wo wäre eine aufrichtigere, un⸗ eigennützigere und treuere Liebe in der weiten Welt an⸗ zutreffen? Kehre um, da es noch Zeit iſt. Was iſt's, das dich von hinnen treibt? Der Hochmuth, die Unge⸗ nügſamkeit, die Verblendung des einſtigen Fürſten! Schau! dort empfängt dich Aeltern⸗, Geſchwiſter⸗, ja, wenn du willſt, ſelbſt Gattenliebe! Was aber harrt deiner in der Welt? Verrath! Gefangenſchaft! wohl gar der Tod! Im günſtigſten Falle wenigſtens wieder die Falſchheit, die Lüge, die Herzloſigkeit und die Schmeichelei des Fürſten⸗ hofes. Kehre um, Horſa, und erwähle das beſſere Theil!“ Aber eine andere Stimme ließ ſich vernehmen, welche ſprach:„Warum jetzt wieder umkehren? Dies kannſt du immer noch, wenn dir es draußen nicht gefällt. Das Glück, welches deiner hier wartet, läuft dir ja nicht da⸗ von. Sei ein Mann und feſt in deinem Entſchluſſe.“ Und dieſe zweite Stimme überwand die erſte. Oft⸗ mals jagt der thörichte Menſch einem eingebildeten Glücke nach, während er das wahre darüber verkennt und von ſich ſtößt⸗ Noch einmal ſchwenkte Horſa ſeinen und dann ging er Schrittes davon. —— Horſa hatte ſeinen Weg in das Nachbarland genom⸗ men, einmal weil außerdem ſein Vorgeben, in jenem ſeine Aeltern aufzuſuchen, als erdichtet ſich erwieſen hätte, und zweitens, weil er ohne Verkleidung in ſeinem Vaterlande erkannt zu werden beft ürchtete. Er hatte ſich vorgenom⸗ men, zu verſuchen, ob er durch Befragen oder durch Zei⸗ tungsnachrichten die von ihm gewünſchte Auskunft über das Schickſal der mit ihm verbunden geweſenen Perſonen erlangen könne, Im Verneinungsfalle wollte er ſich un⸗ kenntlich machen und nach ſeiner ehemaligen Reſidenz zu⸗ rückkehren, wo er über Alles die beſte Auskunft zu er⸗ halten hoffte. Munteren Schrittes wanderte Horſa dahin. Die Trauer über die beſtandene Trennung verlor ſich allmäh⸗ lig unter dem Eindrucke der neu verjüngten Natur ſo wie der fröhlich erwachten Jugendkraft. Horſa war frei, mit Gelde reichlich verſehen und beſaß zum Rückenhalte noch die Familie Schmidt— was wollte er mehr? In den Gaſthöfen, welche er auf ſeinem Marſche betrat, zog er Erkundigungen über die jetzige Lage ſeines Vaterlan⸗ des und deſſen Lenker ein. Was er aber hörte, klang eben nicht erbaulich. Der regierende Fürſt habe ſchneller noch die Gunſt des Volks verloren, als er ſie gewonnen hatte; das Volk ſeufze unter drückenderen Abgaben denn früher; der Fürſt lebe mit ſeiner Gemahlin nicht im beſten Ver⸗ nehmen; Günſtlinge und Maitreſſen thäten das Ihrige, um das Land auszuſaugen und ſomit ſei Horſa, der ent⸗ thronte Fürſt, ſchwer gerächt worden. Am andern Reiſetage erreichte Horſa eine Mittelſtadt des Landes. Hier hoffte er noch mehr von dem zu er⸗ fahren, woran ihm ſo viel gelegen war. Langſam pilgerte — er durch die Gaſſen daher, die Inſchriften, Schilder und Bekanntmachungen an den Häuſern und öffentlichen Plätzen mit ſeinen Blicken muſternd. Ein Blitz aus heiterem Himmel unhee ihn, als er uf einem kleinen, unſcheinbaren Schilde, welches vor einem engen Laden ausgehängt war, die Worte las: „Hier werden Haare verſchnitten und friſirt, neue Haartouren gefertigt und alte wieder hergeſtellt bei J. F. Scholle, weiland Hoſftheaterfriſeur des unglücklichen Fürſten Horſa von Baſilien.“ „Scholle hier?“ ſprach Horſa verwundert.„Warum iſt er nicht mehr, was er war? Sollte ich Aermſter an dieſer Veränderung ſchuld ſein? Fliehe ich aus Scholle's Nähe oder gebe ich mich ihm zu erkennen? Er meinte es treu und ehrlich mit mir— er könnte mir auch die zuverläſſigſte Nachricht geben oder ohne Gefahr für mich dieſelbe einholen— im Nothfalle ſogar mich unkenntlich machen. Scheint es doch, als habe die gütige n mich hierhergeführt.“ Das brennende Verlangen nach Neuigkeiten ipernog jede aufſteigende Bedenklichkeit. „Du machſt einen Verſuch—“ ſprach er zu ſich ſelbſt—„erkennt dich Scholle nicht, ſo wird dies um ſo weniger ein Andrer und ich habe nichts Ju wenn ich mich in mein Land zurückbegebe.“ Er trat durch die enge, niedrige Thüre in ein klei⸗ nes Ladenſtübchen, in welchem niemand ſich befand als ein kleines Mädchen, das ſich mit Stricken beſchäftigte. „Iſt der Friſeur nicht da?“ fragte Horſa. „Er wird ſogleich wiederkommen—“ verſetzte das Kind freundlich.„Er iſt nur in der Nachbarſchaft— — zum Seiler nach einer Hand voll Flachs— Wünſchen Sie etwas von ihm?“ „Die Haare wollte ich mir uſchneiden laſſen—“ erwiederte Horſa, indem er die ärmliche Ausſtattung des Stübchens muſterte, das, wie ein bis zur niedrigen Decke gehender Vorhang in einem Winkel andeutete, zugleich Scholle's Schlafzimmer zu ſein ſchien. „Gedulden Sie ſich nur ein kurzes Augenblickchen! bat die Kleine, Horſa den noch einzig vorhandenen, alt⸗ modiſchen Stuht mit einer ausgewaſchenen Kappe anbie⸗ tend—„Gehen Sie ja nicht weiter! Herr Scholle iſt ſehr geſchickt und gar nicht theuer, nur hier noch nicht recht bekannt. Darum fehlt's ihm an Kundſchaft.— Sie ſich, lieber Herr!“ Dieſe Worte und das was Horſa ſah, waren für dieſen lauter feurige Kohlen, welche ihn zu brennen be⸗ gannen. Er ſetzte ſich und fragte:„Wie kommt es, daß Herr Scholle nicht mehr Hoftheaterfriſeur im Nachbar⸗ lande iſt?“ „Weil er es mit dem vorigen Fürſten Horſa zehdt⸗ ten hat—“ antwortete das Mädchen—„und das hätte ihm bald den Hals gekoſtet. Mit genauer Noth nur konnte er noch über die Gränze flüchten und ſo kam er hierher wie er ging und ſtand. Nur eine Scheere, zwei Kämme und ein Brenneiſen trug er bei ſich von ſenem gurzen Vermögen.“ „Haben noch mehr Anhänger des vorigen ʒirſen ein gleiches Loos ausſtehen müſſen?“ fragte Horſa ge⸗ ſpannt.„Gewiß hat Herr Scholle etwas davon erzählt?“ „O ja, nur habe ich mir nicht alle Namen merken können—“ berichtete das Kind.„Ein alter Hofdiener und ein vornehmer Officier ſind noch ſchlimmer dabei weggekommen als Herr Scholle. Sitzen ſie auf der Fe⸗ ſtung oder im Zuchthauſe? Ich weiß es nicht. S da kommt Herr Scholle!“ Wirklich war er es, der jetzt den Dricker— Glas⸗ thüre bewegte und bei dem Anblicke eines Fremden den Flachsflauſch unter ſeinen Rock ſchob. Ich wünſche, mein Haar verſchnitten zu ſehen—“ redete Horſa mit verſtellter Stimme den Friſeur an, in⸗ dem er ſeinen Sitz auf dem Stuhle behauptete. „Sogleich, mein Herr!“ verſetzte Scholle eilig. Er legte im Rücken des Kunden den Flachs ab, nahm Scheere und Kamm zur Hand und ſprach, ſich Horſa nähernd:„Wie wünſchen Sie das Haar verſchnitten zu haben? A la Hongrie oder à la—“ „Ganz einfach—“ fiel Horſa ein—„wie es jetzt üblich iſt, ohne auffällig zu werden.“ „Schön! ſchön!“ ſprach Scholle und faßte mit den zwei erſten Fingern der linken Hand Horſa's blonde Haarflechten, um ſie mit der Scheere abzutrennen. Plötz⸗ lich zuckte er zuſammen. „Dieſes Haar—“ murmelte er vor ſich hin— „habe ich ſchon einmal unter meinen Händen gehabt. Und der es an ſich trug, war— Marie!“ fuhr er haſtig zu dem Mädchen fort—„nimm den Krug dort und hole mir friſches Waſſer— aber von dem Marktbrunnen — hörſt Du?“ Scholle war unter dieſen Worten zwei Schritte zu⸗ rückgetreten, ſtarr das Auge auf Horſa heftend. Mit wachſender Ungeduld blickte er dann auf das Mädchen hin, welches ihm viel zu langſam ſich bewegte. So wie die Kleine aus der Thüre war, warf er ſich neben Horſa hin, umfaßte deſſen Knier und drückte ſein in deſſen Schvoß. „Mein Fürſt!— Heinrich! Prinz Horſa!“ ſchluchzte er unter Freudenthränen—„Sie ſind's! O ich Glück⸗ licher! Hurrah, mein hoher Herr! Vivat hoch!“ „Fürſt Horſa iſt todt—“ verſetzte dieſer gerührt— „Auf dem Friedhofe der Feſtung Dachſtein iſt ſein Grab.“ „Das weiß ich beſſer!“ jubelte Scholle, indem er aufſprang und mit beiden Händen Horſa's Wangen drückte. „In dem Sarge liegt eine Puppe und ich war faſt des Todes, als Sie, mein Fürſt, auf unbegreifliche Weiſe aus dem Wagen verſchwunden waren, in welchem Sie von der Feſtung entführt wurden und in Sicherheit gebracht werden ſollten. Seifried ließ vor Schreck die Zügel fah⸗ ren und wäre beinahe vom Kutſchbocke da wir Ihre Abweſenheit gewahrten.“ „Ihr beide wäret die Männer auf ven Ruſoto geweſen?“ fragte Horſa ungläubig. „Niemand anders—“ verſicherte Scholle.„Aber wir hatten, um nicht erkannt zu werden, unſer Aeußeres zu verſtellen gewußt. Herr von Strauchwitz bildete mit dem Herrn Oberförſter Henneberg und noch einem Ihrer Freunde den Vortrab, um uns immer ein Zeichen zu ge⸗ ben, daß der Weg rein ſei. „Mit dem Oberförſter fragte Horſa erſchü ttert.„Mit ihm, deſſem 6 Sohn ich— der von mei⸗ ner and———2“ Der Prinz wagte nicht ſeine Rede zu volhen „Eben derſelbe—“ ſprach Scholle—„deſſen edel⸗ — 75— müthigen Sohn Sie aus ungerechtem Verdachte nieder⸗ geſchoſſen hatten.“ „Alſo doch todt! O ich Unglücklicher!“ wehklagte Horſa. „Nicht ganz todt—“ tröſtete Scholle—„blos halb oder dreiviertel. Denn der gute Junge wurde wieder in's Bewußtſein zurückgebracht und lebt noch, ſo viel ich weiß, obſchon in ſehr geflicktem Zuſtande. Ja, Prinz! damals haben Sie einen recht dummen Streich gemacht, haben Ihren eifrigſten Freund, Anhänger, Beſchützer und Befreier zum Krüppel geſchoſſen. Dennoch hat der edle, junge Mann ſeinem Vater nicht eher Ruhe gelaſſen, als bis derſelbe Alles— Geld, Credit, die eigene Lebens⸗ gefahr— auf das Spiel ſetzte, um Sie erſt todt und dann frei zu machen. Ach, mein Fürſt, viel, viel Geld und eben ſo viel Ueberredungskünſte mußten angewendet werden, um Ihren Arzt, Ihren Kerkermeiſter, den Tod⸗ tengräber und noch unterſchiedliche Leute auf unſte Seite zu bringen. Und da wir den raren, goldenen Paradies⸗ vogel aus ſeinem Käfig befreit und ſicher in unſern Hän⸗ den glaubten, war derſelbe auf eine unerklärliche Weiſe entwiſcht. Dies aber hatte Ihnen ein guter Genius— unſer Herrgott ſelbſt eingegeben. Denn faſt in derſelbe Minute, wo wir Ihre Flucht entdeckten, ſahen wir uns von einem Reiterhaufen eingeholt, welchen der Feſtungs⸗ kommandant ausgeſchickt, als derſelbe durch einen un⸗ glücklichen Zufall des Herrn von Strauchwitz Flucht ent⸗ deckt hatte. Ich, der Herr Oberförſter und der dritte unſter Reiter entwiſchten glücklich, während Herr von Strauchwitz und der niedergedonnerte Seifried feſtgenom⸗ men wurden. Ihr Scheintod ſcheint unentdeckt geblieben 6— zu ſein. Wenigſtens hat man nichts wieder von einer Verfolgung oder Preisausſetzung auf Ihre Wiedererlan⸗ gung vernommen. Herr von Strauchwitz und Seifried brummen dagegen noch immer auf der Feſtung.“ „Und was iſt aus dem unglücklichen Eduard Henne⸗ berg und deſſen Vater, was aus Amalien, Eduards Braut, geworden?“ fragte Horſa voll Zerknirſchung. Scholle zuckte die Achſeln.„Der Oberförſter Hen⸗ neberg—“ verſetzte er—„mußte in's Ausland flüchten und daher auch ſeine Oberförſterſtelle aufgeben. Wahr⸗ ſcheinlich iſt ihm ſeine Familie und mit ihr Eduard dahin gefolgt. Ob der Letztere ſich verheirathet hat oder nicht, weiß ich nicht.“ Da hatte Horſa die erſte und ziemlich titte ih ſeines Wegganges von ſeinem bisherigen Aſyl gepflückt! Ihm war nun die ſo ſehnlich gewünſchte Auskunft ge⸗ worden; aber was konnte er thun, um denen, die er unglücklich gemacht hatte, einen Erſatz zu gewähren? „So iſt's gut, mein Kind!“ ſprach jetzt Scholle zu dem rückkehrenden Mädchen.„Du kannſt nun hinauf zu Deiner Mutter gehen. Wenn ich Deiner bedarf, werde ich Dich rufen.“ Die Kleine entfernte ſich und Horſa ſprach trübe: „Was meint Ihr, Scholle! ob ich mich, ſo wie ich hier bin, in mein Vaterland wagen darf? Oder ſoll ich wieder zu einer Verkleidung meine Zuflucht nehmen?“ „Ach, mein Prinz!“ verſetzte Scholle—„iſt Ihnen Ihre Freiheit ſo wenig werth, daß Sie dieſelbe faſt muthwillig auf das Spiel ſetzen wollen? Was treibt Sie zurück? Wollen Sie die Verſtimmung des Volks gegen — ſeinen jetzigen Regenten zu Ihrer Rückkehr auf den Thron benutzen? einen Bürgerkrieg veranlaſſen?“ „Das ſei fern!“ erwiederte Horſa.„Nur genauere Nachricht möchte ich einziehen, namentlich über Eduard Hennebergs Schickſal und Aufenthalt. Dann einen Ver⸗ ſuch machen, ob mein edelmüthiger Freund Strauchwitz nicht zu befreien wäre.“ Scholle ſchüttelte den Kopf.„Sie können Ihrem Freunde nicht helfen—“ ſprach er—„wohl aber deſſen Schickſal durch einen mißlungenen Befreiungsverſuch noch verſchlimmern. Daß der Oberförſter und jedenfalls auch deſſen Familie im Auslande ſich aufhält, habe ich Ihnen ſchon geſagt. Warum alſo nochmals in die Höhle des Löwen zurückkehren, aus welcher Sie nur mit genauer Noth entkommen ſind? Mit dem Verkleiden und Ent⸗ ſtellen Ihrer Perſon iſt es auch eine bedenkliche Sache. Bei Abende und auf dem Theater mag jenes wohl an⸗ zuwenden ſein, aber Sie ſelbſt haben die Erfahrung ge⸗ macht, daß hundert Zufälligkeiten eine Entdeckung her⸗ beiführen können. Ueberdies beſitze ich nicht die Mittel mehr, um Sie in eine andere Geſtalt umzupuppen. Die reiche Theatergarderobe, ſo wie ſämmtliche Perücken, Haartouren, Schnur⸗, Schnauz⸗ und Backenbärte gehen mir ab. So eben habe ich mir etwas Flachs geholt, um wenigſtens eine Flachsperücke fertigen zu können, die noch am erſten zu einem Hochzeitsſpaße oder einer Maskerade geſucht wird. Sie ſind größer, ſtattlicher, völliger und gebräunter geworden; ſelbſt Ihr Haar hat eine dunklere Farbe angenommen, ſeitdem ich Sie nicht geſehen habe. Sollte ja einer Ihrer ehemaligen Unterthanen Ihnen im Anslande aufſtoßen, ſo würde er im höchſten Falle eine — wunderbare Aehnlichkeit mit dem auf der Feſtung Dach⸗ ſtein geſtorbenen Fürſten Horſa an Ihnen entdecken, aber fern von dem Gedanken ſein, den wirklichen Horſa vor ſich zu ſehen. Einen Schnur⸗ und Backenbart, den Sie mit Gummi Tragant feſtkleben, hoffe ich Ihnen ſchnell anfertigen zu können. Dazu ein ſchwarzes Pflaſter in's Antlitz oder eine ſchwarze Binde über ein Auge dürfte für den Nothfall ausreichend ſein.“ Horſa blieb einige Tage bei ſeinem getreuen Scholle; dann ſchnürte er wieder ſein Reiſebündel, um, ſo lange ſein Geld ausreichen würde, ſich in der Welt umzuſehen. Er verſprach dem Friſeur, dieſem zuweilen Nachricht von ſeinem Aufenthalte und Schickſale zu geben und beſtimmte zugleich, auf welche Weiſe die Briefe Scholle's in ſeine Hände gelangen könnten. Horſa ließ bei ſeinem Weg⸗ gange, dem Friſeur unbewußt, dieſem die Summe von 25 Thalern zurück, wobei er nur bedauerte, den wackeren Mann nicht großmüthiger unterſtützen zu können. „ * In dem Kurorte Viviabad luſtwandelte an einem ſchönen, ſonnigen Morgen die vornehme und reiche Welt die Hauptallee auf und nieder. Die Mehrzahl der Spatziergänger ſchien nicht ſowohl der Geſundheit, als vielmehr der Zerſtreuung wegen, hier zu ſein, indem an ihnen ein tiefes Leiden oder auffälliges Unwohlſein nicht zu bemerken war. Vielmehr drükkten ihre Mienen ziem⸗ liche Heiterkeit aus, ſo wie auch ihre munteren Geſpräche und ihr herzliches Lachen nicht auf Gram oder Schmerzen hindeuteten. Nur in den Seitengängen ſaßen oder wan⸗ —— delten wirklich Leidende, die darum die Geſellſchaft der Geſunden und Fröhlichen mieden und ſich in die Ein⸗ ſamkeit zurückzogen. Unter ihnen war ein junger; bleich ausſehender Mann, welcher an einer Krücke und einem Stocke ging und von einer gleichfalls jungen Dame be⸗ gleitet wurde, welche, nach der großen Zärtlichkeit und Fürſorge zu urtheilen, die ſie dem Kranken widmete, deſſen Gattin, Schweſter oder Braut ſein mußte. Nach ein paarmaligem Auf⸗ und Niedergehen fühlte ſich der junge Mann ermüdet und ließ ſich darum auf eine Bank nieder und zwar ſo, daß er den Spatziergin⸗ gern im nahen Hauptgange den Rücken zukehrte.„Strenge Deine Kräfte nicht zu ſehr an, mein Eduard!“ hob die junge Dame voll zärtlicher Beſorgniß an, indem ſie ih⸗ rem Begleiter forſchend in's Antlitz ſah und Platz an ſeiner Seite nahm. Bei dem Tone ihrer Stimme drehte ſich raſch ein junger Mann um, welcher, auf einer Bank in der Haupt⸗ allee ſitzend, dem Paare im Rücken ſich befand. Es war Horſa, welcher durch Amaliens Worte wie vom Blitze getroffen worden war und nun mit verſtohlenen Blicken das Paar beobachtete. Ach! er mußte ſich's geſtehen, daß er die alleinige Urſache von dem bemitleidenswerthen Zuſtande Eduards war, daß er den ſonſt blühenden, kraftvollen jungen Mann in einen ſiechen Krüppel um⸗ gewandelt habe. Unter den Gewiſſensbiſſen erſtarb ſeine frühere Leidenſchaft für Amalie. Zwar geſtand er ſich's, daß dieſe noch immer hübſch und anziehend ſei; allein die Schönſte war ſie unter den hier geſehenen Frauen und Mädchen lange nicht. Auch ſie ſchien gelitten zu haben, denn ſie war bläſſer und magrer geworden. Ihr — 80— Anzug, ſo wie der ihres Bräutigams oder Gatten, war höchſt einfach und deutete faſt auf Dürftigkeit hin. In dieſem Augenblicke ſchritt eine reich gekleidete und mit Juwelen bedeckte Dame in Begleitung zweier Herren vorüber. Zufällig richtete ſich ihr Blick auf den halb rückwärts gewendeten Horſa, welcher jetzt nur Au⸗ gen und Ohren für Eduard und Amalie hatte. „Herr von Siegmaringen—“ ſagte die Dame zu dem einen ihrer Begleiter—„betrachten Sie einmal dieſen jungen Mann und ſagen Sie mir dann, ob der⸗ ſelbe nicht eine frappante Aehnlichkeit mit Jemandem hat.“ Der Kammerherr klemmte ſein Augenglas in die Augenhöhle, fixirte Horſa und verſetzte:„Allerdings, gnädige Frau Gräfin! Hätte dieſer junge Mann etwas blonderes Haar, weniger Körperfülle und Farbe und wäre Prinz Horſa nicht im Eliſium oder im Tartarus: ſo wollte ich ſchwören, daß er es ſei.“ 6 „Sie haben es getroffen—“ erwiederte die Dame. „Kennen Sie dieſes Seitenſtück Horſa's?“ „Nein, gnädige Gräfin—“ antwortete Siegmarin⸗ gen—„jedoch werde ich mich ſofort in den Stand zu ſetzen ſuchen, um Ihre Wißbegierde befriedigen zu kön⸗ nen. Am beſten, ich befrage gleich den Doppelgänger ſelbſt.“ „Nicht doch!“ ſprach jene.„Sie könnten übel an⸗ kommen, liebſter Kammerherr, und am Ende doch die Wahrheit nicht erfahren. Wozu auch? Mag der junge Mann ſein wer er wolle. Nur ſeine Aehnlichkeit intereſ⸗ ſirt mich, nicht ſein Name und Stand.“ ie Jetzt wendete ſich Horſa, um nicht von dem Paare entdeckt zu werden, ſchnell um und erkannte in der — langſam an ihm vorüberſchreitenden Dame, welche Sieg⸗ maringen gnädige Gräfin genannt hatte,— die ehemalige Schauſpielerin Marianne Schill, jetzige Geliebte des re⸗ gierenden Fürſten und von dieſem in den erhoben. Ein Glück für Horſa, daß ſeine Ueherriſchun— das unverhoffte Wiederſehen Eduards und Amaliens ihn minder empfindlich über die zweite werden ließ, ſo daß er dieſelbe durch kein äußerliches Zeichen bethätigte, ſon⸗ dern nur mit einem nichtsſagenden, ſtarren Blicke die einſtige Schauſpielerin% deen⸗ w nh—. trachtete. „Das Profil ihnelt demjenigen purn prnch Gräfin Marianne—„doch nicht das volle Geſicht. Dazu hatte der w einen ſo ſtieren, todten b wie—“ „Wie ein todtet Kalbskopf!“ fiel Siegnnngeh ein. „Ich würde wahrſcheinlich auch eine konfuſe Bn von auf meine Frage bekommen haben.“ Horſa blieb auf der Bank ſitzen, bis Sduud und Anli ſich entfernten. Dann ſchlich er ihnen nach, um nähere Erkundigung über das Paar einzuziehen. Was Horſa erfuhr, war für ihn ſehr niederſchlagend. 2 Eduards Vater lebte mit ſeinen jüngeren Kindern in einem nahen Walddorfe und zwar in den dürftigſten Verhältniſſen, welche den wackern Oberfürſter zwangen) keinerlei Arbeit von ſich zu weiſen, um nur mit den Sei⸗ nen beſtehen zu können. Eduard, ſein Sohn und die gehoffte Hauptſtütze der Familie, hatte auf dem Punkte geſtanden, Landrath zu werden, als erſt ſeine ſchwere Verwundung und dann ſeine Betheiligung bei der Ver⸗ Nieritz, Fürſtenſchule. II⸗ 6 — ſchwörung für Horſa's Wiedererhebung und Befreiung plötzlich jede Ausſicht auf ein Staatsamt vernichtete. Amalie, welche ihren ſchwer verwundeten Bräutigam eine treue Krankenpflegerin geworden war, mochte ſich auch dann von ihm nicht trennen, als ihr Vater ſeine Ein⸗ willigung in die Verbindung mit Eduard zurücknahm. Sie folgte ihm in die Verbannung und theilte als ſeine ihm indeß angetraute Gattin das Loos ſeiner dürftigen Lage, dabei noch immer hoffend, daß ihr darüber erzürn⸗ ter Vater ſich wieder beſänftigen laſſen und die nothlei⸗ dende Tochter mit einem Theile ſeines Ueberfluſſes unter⸗ ſtützen werde. Bis jetzt hatte ſich jedoch dieſe Hoffnung nicht erfüllt, was um ſo ſchlimmer war, als der Gebrauch der Bäder zur Stärkung Eduards mit vermehrtem Geld⸗ aufwande verknüpft war. 5 Als Fürſt hatte Horſa das Geld nie groß geachtet. Selbſt ſpäter und noch in Schmidt's Hauſe war Geld nicht das Ziel ſeiner Wünſche geweſen. Nur erſt, als er Scholle in Dürftigkeit angetroffen, war das Geld bei ihm im Preiſe geſtiegen. Jetzt aber fühlte er ſich von einem brennenden Gelddurſte ergriffen, weil er mit Geld und zwar nur mit vielem Gelde ſein großes, an Eduard begangenes Unrecht einigermaßen wieder gut machen zu können glaubte. Er zerarbeitete ſich faſt das Gehirn, um ein Mittel zu erdenken, durch welches er zu vielem Gelde gelange. In tiefem Sinnen darüber berührte plötz⸗ lich ein heller, metalliſcher Klang ſein Ohr. Raſch blickte er auf. Er fand ſich vor der Thüre des Kurhauſes und ein Blick durch dieſelbe ließ ihn einen großen, mit grü⸗ nem Tuche beſchlagenen Tiſch ſehen, auf welchem Gold und Silber in mächtigen, verführeriſchen Suußn wih — 83— k Ja wohl verführeriſch! denn von einer unſichtbaren Macht getrieben, näherte ſich, wie der Fiſch dem hinge⸗ haltenen Köder, Horſa dem grünen Tiſche, der ſchon Vielen ein tiefer Sumpf mit grüner, gleisneriſcher Ober⸗ fläche geworden iſt, in deſſen Schlamme ſie unrettbar erſtickten. Bereits hatte ein Theil der Kurgäſte ſich um den Tiſch gereihet und das Spiel begonnen, welches dem Prinzen noch unbekannt war, daher er erſt eine Zeitlang den müſſigen Zuſchauer abgab, bevor er ſich ſelbſt be⸗ theiligte. Es kümmerte Horſa nicht, daß der Bankier derſelbe Herr von Wolf war, der ihn einſt verrathen und gefangen genommen hatte. Eben ſo wenig ließ er ſich durch die ehemalige Schauſpielerin Marianne beirren, welche in Siegmaringens Begleitung zum grünen Tiſche trat und zu ſpielen begann. 8 Horſa beſaß noch im Ganzen 50 Thaler. Daß er dieſe auf das Spiel ſetzen wollte, entſchuldigte er bei ſich ſelbſt alſo:„Wenn Eduard Henneberg ſein Amt, ſeine Braut, den Wohlſtand ſeiner Familie, ja ſelbſt ſeine Freiheit für mein Wohl auf das Spiel ſetzte: warum ſollte ich nicht mit weit größerem Rechte 50 lumpige Thaler wagen, um meinem Retter zu helfen und ihm dankbar zu ſein? Doch ſei auch vorſichtig, Horſa! und ſetze nicht auf einen einzigen Wurf dein ganzes Geld.“ Horſa ſpielte mit abwechſelndem Glücke. Er wagte jedesmal 10 Thaler auf den Wurf(man ſpielte in dem bekannten Roulet) und ſchon einigemal hatten ſeine letz⸗ ten Thaler auf dem Spiele geſtanden, welche er dann mit Gewinn zurückerhalten hatte. Auch über ihn übte das icvi all ſeine Macht aus und zwar um ſo widerſtehlicher, als er darin noch ein Neuling war. Daher ſah und hörte er nichts, als was das Spiel und die rollende Kugel betraf. In dem Augenblicke, wo der Bankier die gewinnende Nummer ausrief, durch welche Horſa ſeiner letzten Thaler beraubt wurde, ertönte der voll Ingrimm ausgeſtoßene Ruf:„Spitzbube!“ Ein Schuß fiel in dichter Nähe und mit zerſchmettertem Haupte ſtürzte Herr von Wolf von ſeinem Sitze. Gleich darauf überſprützte ein lauwarmer Blutregen Horſa's Antlitz, ein tiefer Seufzer begleitete denſelben und ein ſchweres Todesröcheln folgte ihm. Es rührte von Wolfs Mörder, einem jungen Kaufmannsdiener her, welcher immer höhere Summen geſetzt und mit dem letzten Wurfe ſeine ge⸗ ſammte Barſchaft, die nicht einmal ſein, ſondern ſeines Herrn Eigenthum geweſen war, verloren hatte. Er ſchien ſich auf einen ſolchen Erfolg gefaßt gehalten zu haben, indem er eine geladene Piſtole und einen Dolch bei ſich getragen hatte. Jene hatte er auf den Bankier abge⸗ drückt, dieſen ſich in das Herz geſtoßen. Natürlich erlitt das Spiel durch dieſen Doppelmord die gewaltſamſte Unterbrechung. Wolfs beide Gehülfen ſicherten vor allen Dingen die Bank und überließen das Weitere der Ge⸗ richtsbehörde. n Horſa wankte wie ein Betrunkener aus dem Saale. Sein Verräther hatte ſeinen Lohn, er ſelbſt aber eine harte Lehre über das Verderbliche des Glücksſpiels er⸗ halten. Er ſelbſt war jetzt nicht viel mehr als ein Bett⸗ ler und nun weit weniger im Stande, ſeinem Beſchützer Eduard irgend einen Beiſtand zu leiſten. Da reifte in ſeiner Seele ein kühner Entſchluß. Das Luſtſchloß des Fürſten, in deſſen Lande der Kurort Vivia nur drei Stunden Weges von dieſem entfernt und d — ein gütiger Herr, dort eben anweſend. Zu ihm wollte Horſa ſeine Zuflucht nehmen und er führte dieſes Vor⸗ haben auf der Stelle aus. Im Schloſſe angelangt, wen⸗ dete ſich Horſa an den erſten, ihm begegnenden Diener des Fürſten. „Melden Sie mich—“ ſprach er mit aller Hoheit ſeines Standes—„Ihrem Herrn. Wichtiges habe ich ihm zu ſagen. Ich bin Fürſt Horſa, vormaliger Regent von Baſilien und meiner ungerechten Gefangenſchaft ent⸗ flohen. Zögern Sie. nicht, denn meiner Augen⸗ blicke iſt koſtbar.“ Sichtlich beſtürzt verließ ihn der Sn Nach ei⸗ nigen ungeduldig verlebten Minuten erhielt Horſa die Weiſung vor dem Fürſten zu erſcheinen. Dieſer empfing ihn mit übel verhehlter Unruhe und wäre Horſa weniger blind für die Nebendinge geweſen, würde er mehrere Männer bemerkt haben, die der Fürſt zu ſeiner Sicher⸗ heit aufzuſtellen für gut befunden hatte. Dieſe Vorſicht konnte man dem guten Fürſten nicht verargen, welcher ſich einem jungen Manne gegenüber ſah, der, beſtäubt, das Antlitz und die Wäſche mit Blut beſprützt, in großer Aufregung und Haſt, ſich für den längſt als todt bekann⸗ ten Horſa ausgab. Dieſer erwähnte nur in kurzen Worten ſeines eige⸗ nen Schickſals, um dann mit deſto größerer Lebhaftigkeit und Wärme der hingebenden Aufopferung zu gedenken, welche Eduard Henneberg und deſſen Vater gegen ihn bewieſen hätten. Hierauf beſchrieb er die traurige Lage, in welcher beide Männer ſich gegenwärtig befänden, und beſchwor den Fürſten, deren unverdiente Leiden durch 36 Anſtellung in ſeinen Dienſten zu endigen. Durch — die Erfüllung ſeiner Bitte würde er das Wohlwollen be⸗ thätigt ſehen, welches ihm der Fürſt durch ſeinen Geſand⸗ ten früher wiederholt zu erkennen gegeben hätte. Für ſich ſelbſt bitte er nichts, indem es ſein feſter Wille ſei, fortan als Privatmann und von der Arbeit ſeiner Hände zu leben. Der Fürſt hatte Horſa's lange Rede, ohne ihn zu unterbrechen, angehört. Der Ausdruck ſeiner Mienen war indeß ruhiger geworden und mit wohlwollendem Tone verſetzte er jetzt: „Mein lieber, edler Fürſt! um Ihren Wunſch zu erfüllen, dürfte es das Erſte ſein, daß ich Ihre beiden Schützlinge zu mir beſcheiden laſſe, um zu erſehen, in welchen Fächern der Staatswirthſchaft ſie anzuſtellen ſeien. Ich werde daher ſogleich einen Boten an ſie abſenden. Sie aber, liebſter Fürſt, ſind einſtweilen mein Gaſt und werde ich Ihnen einige Zimmer anweiſen laſſen, in wel⸗ chen Sie ſich von dem anſtrengenden Marſche ausruhen und erholen können. Dann wollen wir zuſammen das Weitere beſprechen. Gehen Sie, lieber Fürſt, und Alles, was Sie von Erfriſchungen oder Garderobe verlangen, ſoll Ihnen pünktlich dargereicht werden.“ Unter den huldvollſten Verſicherungen entließ der Fürſt den darüber hocherfreuten Horſa, welcher ſeinen Dank ſtammelte und dann einem Diener nachfolgte, der ihn in ein fürſtlich ausgeſtattetes Zimmer geleitete. Dort warf ſich Horſa ermüdet, aber am Geiſte geſtärkt, in die ſchwellenden Kiſſen eines Sopha. Im Gefühle, eine gute That ausgeübt zu haben, ließ er ſich die ſpäter aufgetra⸗ genen Erfriſchungen vortrefflich ſchmecken, namentlich ſprach er einem feurigen Burgunder, den er ſeit ſeiner Ent⸗ —— thronnng nicht wieder zu koſten bekommen hatte„reichli⸗ cher als ſonſt zu. „Mein wackerer Fürſt und Vetter!“ ſprach er innig vergnügt vor ſich hin—„eine ſchwere, große Sorge haſt Du mir von dem Herzen genommen. Dank Dir dafür! Eduard und ſein Vater erhalten eine ihrer würdige Stel⸗ lung; Eduard wird von ſeiner Schwäche geneſen und Amalie ſo glücklich, wie ſie es verdiente. Vielleicht be⸗ wirkt mein edler Freund und Vetter auch noch durch ſeine Vermittelung die Losgebung meines Freundes Strauch⸗ witz und des treuen Seifried. O freundliche Hoffnung! täuſche mich nicht wieder!“ Horſa entſchlief und träumte noch— als jetzt erſt im Wachen geſchehen war. Als Horſa erwachte, war es finſter um ihn. Er würde ſich noch auf dem Sopha liegend geglaubt haben, hätte er nicht eine ſchnelle Bewegung ſeiner Umgebung verſpürt. Vom Burgunderrauſche noch halb umnebelt, ward es ihm ſchwer, die Wahrheit zu erkennen. „Wo bin ich?“ fragte er unter haſtigem Auffahren —„Was iſt mit mir?“ „Verhalten Sie ſich ruhig!“ antwortete eine rauhe Stimme ihm„Sie ſind in guten und ſichern Händen.“ „Aber der Fürſt verſprach mir—“ entgegnete Horſa befremdet—„hat er die beiden Hennebergs zu W ru⸗ fen laſſen und was iſt aus ihnen geworden?“ i 4 — „Seien Sie doch ſtill—“ verſetzte die Stimme ver⸗ drießlich—„und bekümmern Sie ſich jetzt nicht um Dinge, die Sie nichts angehen.“ „Träume ich denn noch?“ fragte ſich Horſa—„Bin ich wahnwitzig, oder gar wieder verrathen und gefangen? Bin ich gefangen?“ wiederholte er laut, indem er ſich zu ſeinem unbekannten Geſellſchafter wendete.„Antwor⸗ ten Sie mir, um Gotteswillen!“ Ein unwilliges Brummen war die einzige Antwort und, als Horſa noch mehrere Fragen vorbrachte, ſchwieg auch jenes ſelbſt. Darauf ging es in Horſa's Kopfe überaus bunt zu. Alle Bilder des geſtrigen Tages ent⸗ rollten ſich vor ſeinen geiſtigen Augen. Er ſah den krän⸗ kelnden Eduard und deſſen beſorgte Gattin auf der Bank ſitzen, die vormalige Marianne an ſich vorüberrauſchen, die Goldhaufen auf dem grünen Tiſche blinken, ſeinen Verräther mit zerſchmetterter Hirnſchale zu Boden fallen, ſich ſelbſt als Bittſteller vor dem leutſeligen Fürſten ſte⸗ hen und dann in ſeliger Wonne auf ſeidenen Kiſſen ent⸗ ſchlafen. Und jetzt! welch' ein Gegenſatz! WMit Tagesanbruch hielt der Wagen und Horſa em⸗ pfing die Weiſung, auszuſteigen. Wohin man ihn ge⸗ bracht, konnte ihm nicht lange verborgen bleiben. Eine Irren⸗Heilanſtalt war es, in welcher der unglückliche Prinz ſich befand! Hatte er den einſamen Aufenthalt auf der Feſtung für den ſchrecklichſten gehalten, ſo überbot derjenige unter lauter Geiſteskranken noch jenen weit an Qualen. Wenn die Wahnwitzigen in der Irren⸗Heilan⸗ ſtalt wieder zur Vernunft gebracht werden, ſo iſt es nicht unerhört, daß die Vernünftigen dagegen unter Wahn⸗ witzigen ſelbſt wahnwitzig werden. Wahrſcheinlich würde es dem armen Horſa alſo ergangen ſein, hätte nicht eine langwierige Krankheit, ein hitziges Fieber mit ſeiner nach⸗ haltigen Schwäche, mitleidig ihn davor bewahrt. Was er aber in der Fieberhitze phantaſirt, hatte den Direktor der Anſtalt nur in dem Glauben beſtärkt, daß die fixe Idee dieſes Kranken von ſeiner Fürſtenwürde, eine tief⸗ gewurzelte ſei und die ſtille Melancholie, welcher Horſa nach ſeiner Geneſung anheimfiel, dieſe irrige Meinung des Doktors nicht umgeändert. Da Horſa jedoch keinen Tobſinn äußerte, vielmehr ſtets vernünftig ſprach, ſo wurde ihm als Gebeſſerter mehr Freiheit als den übrigen Irren geſtattet. Neun Monate waren bereits verſtrichen, ſeitdem Horſa das Irrenhaus bewohnte, und ein volles Jahr, daß er die Kohlenbrennerfamilie Schmidt verlaſſen hatte. Das Frühjahr war wieder da und mit ihm jene verzehrende Sehnſucht nach Freiheit gekommen. Wenn Horſa an dem vergitterten Fenſter ſeiner Stube ſtand und das trübe Auge gen Himmel richtete, ſo ſeufzte er aus voller Bruſt mit Schillers Maria Stuart: „Eilende Wolken! Segler der Lüfte! Wer mit euch wanderte! Wer mit euch ſchiffte!“ Die Stubenluft wollte Horſa erdrücken, daher er in den Garten der Anſtalt herabging. Mauern von doppel⸗ ter Mannshöhe umgaben denſelben und machten ein Ent⸗ rinnen unmöglich. Statt der Blumen, welche die Irren gar nicht würden haben gedeihen laſſen, enthielt der Gar⸗ ten grüne Raſenſtrecken, Geſträuch und Bäume, ſo wie einige Ruhebänke, einen Kegelſchub und kleine Handwa⸗ gen, in denen die Kranken einander umherfuhren. Als Horſa bei demjenigen Gartentheile vorüberſchritt, in wel⸗ chem die weiblichen Irren ſich befanden, rief ihm eine 90= derſelben, eine Dame aus den höheren Standen, zu: „Bedauern Sie mich, Herr Goldborn! Ich habe eine Stopfnadel und eine Kaffeebohne entwendet. Das hat mein Unglück verurſacht. Zwar habe ich beide zurückge⸗ geben, aber dennoch war es ein Fehler von mir.“„Ken⸗ nen Sie die Frau von Pallwitz?“— ſprach eine Zweite —„Die Frau von Seinsheim? Die Gräfin von Lange⸗ brück? Sie müſſen insgeſammt geköpft werden. Meinen Sie nicht auch, daß ſie den Tod verdient haben?“ Horſa verließ die Nähe dieſer Frauen und kam zu den männlichen Kranken. Ein junger, bleicher Mann von ſchlankem Wuchſe mit großen, ſchwarzen, tiefliegenden Augen, rang die zarten, weißen Hände und ſtarrte die Erde an. „Ich war zu eitel!“ ſprach er jammernd—„Narziß ward ich und verliebte mich in mich ſelbſt. Nun ſuche ich die Quelle und mein Bildniß darin. Es zieht mich hinab in die waſſerreiche Tiefe und ich finde nur Sand!“ Ein dritter Kranke rannte die Gänge wild auf und ab. Hier raffte er kleine Kieſelſteine auf, da raufte er Gras ab, dort riß er junge Blätter vom Baume, um Steine, Gras und Blätter mit gieriger Haſt zu verſchlingen. Ein Vierter war ganz in derbes Leder gekleidet und ſcharrte, wie ein Pferd, mit beiden Füßen den Erdboden auf. Die Lederjacke, welche er trug, hatte ungewöhnlich lange, weit über die Hände hinausgehende Aermel, welche hinten auf dem Rücken kreuzweis befeſtigt waren und ihn daher des freien Gebrauchs ſeiner Aerme und Hände beraubten. Die hellen Thränen rollten ihm über die Wangen, indem er ausrief:„Kann ich dafür, daß ich in einen Maulwurf verhext worden bin? Warum hat mir — 91— der grauſame Doktor meine Vorderfüße abgeſchnitten, ſo daß ich nicht mehr in der Erde wühlen kann? Ich hatte ſchon ein hübſches Loch an der Mauer gegraben, als mich der Doktor erwiſchte.“ Dieſe Worte des Wahnſinnigen zündeten in Horſa's Gehirn den Gedanken an eine mögliche Befreiung. Er begab ſich an den Fuß der hohen Gartenmauer und ent⸗ deckte nach einigem Suchen an der bocker zugeſchütteten Erde, wo der vermeinte Maulwurf gewühlt gehabt hatte. Dazu hatte dieſer ſich blos ſeiner Finger und Nägel be⸗ dient, auch gab es hier kein anderes Mittel. Ueber die Mauer zu ſteigen, war nicht gut möglich, aber unter derſelben ſich durchzugraben, nicht aus dem Bereiche der Möglichkeit. Nun war die große Frage: wie das zu machende Loch vor den Augen des Doktors und der flei⸗ ßig umherſpürenden Wärter zu verbergen, da Horſa nicht mit einem Male die ganze Arbeit vollenden konnte? Die zweite Frage war: wohin die ausgegrabene Erde ſchaffen, wenn ja das Loch an der Mauer durch darüber gebreitete Aeſte oder dürres Laub verdeckt werden könnte? Zu die⸗ ſen Fragen geſellte ſich noch die Beſorgniß, daß, im Falle einer vorzeitigen Entdeckung von Horſa's Fluchtverſuch, auch ihm die ſchreckliche Zwangsjacke angezogen und er für einen rückfälligen Kranken angeſehen und behandelt würde. Wenn Horſa hätte ſpitz zugeſchnitzte, feſte Holzpflöcke, gleich Leiterſtaffeln, zwiſchen die Mauerritzen treiben und mittelſt derſelben die Mauer erklimmen können, ſo wäre dieſes Mittel unſtreitig dem Unterwühlen weit vorzuziehen geweſen. Feſte Holzpflöcke zu liefern, verſprachen die ſtär⸗ keren Aeſte der Sträucher und Bäume im Garten; allein es gab weder ein Meſſer, ſie abzuſchneiden und zuzuſpitzen, —— noch einen Stein, mittelſt deſſen Horſa hätte die Ritzen der glatt gegypſten Wand öffnen und die Pflöcke einſchla⸗ gen können. Noch ſtand Horſa mit verſchränkten Armen vor der Mauer, dieſelbe mit verzweifelnden Blicken meſ⸗ ſend, als er die laute Stimme des Dintors erſchallen hörte, welche unwillig ausrief: „Schweigen Sie endlich einmal von der gemauſten Stopfnadel und Kaffeebohne! Es iſt nicht wahr, ſage ich Ihnen zum tauſendſten Male. Und Sie, Frau von Kol⸗ ding! ſollten ſich ſchämen, daß ſie Ihre ehemaligen Freun⸗ dinnen insgeſammt geköpft wiſſen wollen. Närriſch ſind Sie und darum reden Sie ſolch albernes Zeug. He! Herr Bieſter! ſoll ich Ihnen auch die Zwangsjacke anle⸗ gen laſſen wie dort dem Herrn Griebler? Wollen Sie ſogleich die Blätter und Steine von ſich ſpucken? Sie fallen gewiß wieder in die frühere Tobſucht zurück und müſſen unter die kalte Plumpe gebracht werden.“ „Aber, beſter Herr Direktor!“ ſprach hier eine fremde, männliche Stimme—„ich habe bisher geglaubt, daß man den Irren ihren Zuſtand verheimlichen müſſe. Sie aber thun ganz das Gegentheil davon und nennen den Zuſtand Ihrer Pfleglinge mit dem wahren Namen. Finden Sie dies zweckmäßig?“ „Ei wohl!“ verſetzte der Doktor.„Man darf die Irren durchaus nicht in ihrem Wahne laſſen oder ſie darin beſtärken. Man muß ihnen vielmehr widerſprechen und offen erklären, daß ſie närriſch ſind. Das macht ſie ſtu⸗ tzig und bringt ſie eher zur Ueberlegung und Vernunft zurück. Meine Anſtalt, welche nur für Kranke aus den höheren und wohlhabenderen Ständen beſtimmt iſt, enthält wunderliche Kranke. Der Eine bildet ſich ein, Narziß,— — der Andere der Schöpfer ſelbſt,— ein Dritter ein Maul⸗ wurf zu ſein. Sogar einen jungen Mann habe ich bei mir, welcher glaubt, der verſtorbene Fürſt Horſa von Baſilien zu ſein. Zu dieſem Wahne hat den Unglückli⸗ chen eine entfernte Aehnlichkeit mit dem entthronten Für⸗ ſten verleitet. Haben Sie den Letztern perſönlich gekannt, da er Ihr Landesherr früher war?“ „Bei Gelegenheit ſeiner Huldigung habe ich ihn ge⸗ ſehen, doch nur flüchtig und aus ziemlicher Entfernung—“ entgegnete die fremde Stimme. „Heinrich Tronicke!“ rief der Doktor befehlend— „kommen Sie zu mir her!“ Als Horſa dem Gebote Folge leiſtete, erblickte er neben dem Direktor einen Fremden, zu welchem er als⸗ bald voll innigen Sutiens ausrief:„Ach beer Herr Pfarrer! Sie ſind— „Schweigen Sie!“ unterbrach ihn der Dottor ſtreng. „Finden Sie die Aehnlichkeit gegründet?“ fuhr er zu dem Fremden „Ich weiß wirklich nicht—“ verſetzte dieſer—„was ich ſagen ſoll. Der arme junge Mann ſcheint mich zu kennen und das hat mich in Verwirrung gebracht. „Wir ſind ja zuſammen gereiſt— im Poſtwagen— ſagte Horſa faſt mit Thränen. „Sie ſollen ſchweigen!“ befahl der Direktor zornig. „Kommen Sie—“ wendete er ſich an den Fremden— „wir müſſen uns entfernen, wollen wir nicht einen Rüc⸗ fall bei dem jungen Manne bewirken.“ Aber Horſa eilte den Davongehenden nach, ausru⸗ fend:„Herr Direktor! hören Sie mich um des barmher⸗ zigen Gottes willen! Der Herr Pfarrer kennt mich und weiß, daß ich nicht wahnwitzig bin. Wir ſind zuſammen gereiſt— ein Spieler von Wolf— eine junge Dame— ein dicker Gutsbeſitzer— ich als Förſter und noch zwei andere Reiſende befanden uns in dem Wagen. Dieſer fiel um— wir mußten—“ „Wenn Sie noch ein einziges Wort ſprechen—“ drohte der Doktor—„ſo laſſe ich Sie einſperren, wohl gar unter die kalte Douche bringen.“ „Aber, Herr Direktor—“ hob der Pfarrer Schwarz an—„der arme, junge Mann redet wirklich die Wahr⸗ heit. Ich entſinne mich ſehr wohl jenes angeblichen För⸗ ſters, der das nicht war, wofür er ſich ausgab. Fürſt Horſa ſoll ſich unter einer ſolchen Verkleidung aus ſeiner Reſidenz geflüchtet haben und daher könnten wir wenig⸗ ſtens den jungen Mann ſich ausſprechen laſſen.“ „Nein!“ ſagte der Doktor beſtimmt.„Höhere Rück⸗ ſichten verbieten dies. Wenn mein Kranker ſich vordem für einen Förſter ausgegeben hat, der er nie war, ſo iſt er ein Schwindler. Möglich auch, daß der Umſturz des Poſtwagens auch einen Umſturz ſeines Gehirns veran⸗ laßt hat. Ich bereue, Sie mit dieſem Kranken in Be⸗ rührung gebracht zu haben, denn ſein Irrſinn ſcheint t½ durch neue Nahrung bekommen zu haben.“ Nachdem die beiden Männer den Garten veriſen hatten, blieb Horſa unter den ſtreitendſten Gefühlen darin Zzurück. Hoffnung und Verzweiflung kämpften in Horſa's Innerem mit einander. Letztere ſiegte ob, als eine volle Woche verſtrich, ohne daß ein Befreier gekommen wäre. Wie lang mußten einſt dem keuſchen Joſeph die zwei Jahre geworden ſein, die er nach der Traumauslegung noch im Gefängniß zubringen mußte, obgleich der Ober⸗ mundſchänke ihm die Freiheit verſprochen hatte! Die Geſellſchaft und Nähe der Irren vermeidend, wandelte nach 8 Tagen Horſa der Gartenmauer entlang. Plötzlich machte eine Stimme„bſt! bſt!“ in der Nähe. Horſa blickte betroffen auf und einem wiederholten„bſt! bſt!“ folgend, entdeckte er auf einem Baume, welcher au⸗ ßerhalb des Gartens und in deſſen Nähe ſtand, einen Menſchen, der, hinter dem Stamme ſich verbergend, nur mit dem Geſichte hervorlugte und der Urheber des Zu⸗ rufs war. Jetzt ward eine Hand hinter dem Stamme ſichtbar, welche einen in Papier gewickelten Stein über die Gar⸗ tenmauer bombardierte. In jenem ſtanden die Worte geſchrieben:„Wenn Sie derjenige wirklich ſind, für den Sie ſich ausgeben, ſo werfen Sie Papier und Stein zu⸗ rück und finden ſich in der nächſten Minute an derſelbe Stelle wieder ein.“ Der Stein flog über die Mauer und Horſa wan⸗ delte mit heftig pochendem Herzen weiter, um in der nächſten Minute wieder umzukehren. Eine kunſtlos, aber brauchbar gefertigte Strickleiter hing jetzt von der Mauer herab und eine Stimme ſprach drüben gedämpft:„Wenn Sie ſich unbeobachtet glauben, ſo ſteigen Sie raſch herauf.“ Eine Katze kann nicht ſchneller zum Taubenſchlage hinaufklettern, als jetzt Horſa auf der Mauerkante und jenſeit hinab. Ein Mann, welcher eben ſo raſch die benutzte Strickleiter an ſich zog und eilig davon zu ſchrei⸗ ten begann, winkte Horſa zu, ihm nachzufolgen. Bald hatten ſie einen Einſpänner erreicht, deſſen Kutſcher nur —— das Einſteigen der beiden Flüchtlinge abwartete, um dann ſein Pferd zum ſchnellen Fortjagen anzutreiben. „Kennen Sie mich?“ fragte Horſa's Befreier, als die Fahrt über einen weichen Wieſengrund das Sprechen machte. „Sie ſind— der wackere Herr Lieutenant—“ ſprach Horſa voll tiefer Empfindung—„welchem der dicke Gutsbeſitzer in jener denkwürdigen Nacht die Sorge für die Poſtillionswittwe übertrug. Wie aber kamen Sie dazu, mein edler Retter, mich aus der ſchrecklichſten aller Gefangenſchaften zu erlöſen?“ „Hm! durch den Pfarrer Schwarz in Müggendorf, welcher Sie vor 8 Tagen ſah und mir die Geſchichte er⸗ zählte—“ erwiederte der Lieutenant.„Da die Herren Schwarzröcke meiſt mehr Courage zum Predigen als zum Handeln haben, ſo überließ mir der Herr Pfarrer Schwarz das Werk Ihrer Befreiung, die nicht der Erwähnung werth iſt, da man ja nichts zu riskiren hatte. Wohin aber ſoll ich Sie bringen, mein armer, lieber, heißbe⸗ weinter Fürſt?“ „An die Gränze—“ ſprach Horſa—„in die Ge⸗ gend von Seidnitz. Dort weiß ich ein Aſyl zu finden, wie nirgends weiter in der Welt. Ach, daß ich's nie verlaſſen hätte!“ „Laufen Sie dort wirklich keine Gefahr, mein ʒirſt 2. entgegnete der Lieutenant.„Doch Sie haben zu befehlen, ich nur ru ½ Links. —— Die Wipfel der Bäume, ſie rauſchten leiſe und beug⸗ ten koſend ſich gegen einander. Unter ihrem Grün rief der Guckuck, ſchlug die Pirole, flötete die Nachtigall, hüpfte das muntere Eichhörchen umher. Zahlloſe Grillen zirpten im grünen Haidekraute und ſchnarrend flatterte das buntgeflügelte Heupferd von Ort zu Ort. In der Tiefe des Forſtes aber war es ſtill. Nur ſelten, daß ein munteres Reh oder ein ſtolzer Hirſch mit leiſem Tritte daher trabte und ſich zwiſchen dem Dickicht verlor. Die Quelle murmelte über bemooſtes Geſtein und verbarg wiederholt ſich unter den palmenartigen Blättern des ſaf⸗ tiggrünen Farrenkrautes. Ein munteres Bachſtelzenpaar haſchte ſich wechſelsweiſe an des Bächleins Ufer und blaue und grüne Libellen naſchten von der Silberquelle. Doch, wer möchte all die Reize des Waldes im Mai beſchreiben?! Ein junger Wandersmann ſchritt rüſtig auf dem Schlangenpfade des Forſtes dahin. Mit Wonnegefühlen ſog er den kräftigen Harzgeruch der Nadelbäume ein und damit ſich nicht begnügend, umfing er mit beiden Aermen den nächſten Fichtenſtamm, ausrufend:„Hab' ich dich wirklich wieder, du, meine traute Heimath?!“ Dann verdoppelte er ſeine Schritte, die iön u einen freien Waldplatz hingeleiteten. Dort an dem Gränzpfahle ſaß ein Midchen, wel⸗ ches eifrig an einem Strumpfe ſtrickte und dazwiſchen den Blick dem Nachbarlande zuſendete. Als der junge Wan⸗ dersmann die Schöne zu Geſicht bekam, ward ſein Gang zum Laufe, der jedoch in dem Sande kein Geräuſch* machte. Bis auf drei Schritte der Strickerin nahe ge⸗ kommen, wurzelte ſein Fuß. Von des ½ Schat⸗ Nieriz, Fürſtenſchule. II. —— ten berührt, blickte das Mädchen raſch empor. Schnell wie ein getroffener Hirſch ſprang ſie in die Höh. „Anna!“ tönte es von des jungen Mannes— „Heinrich!“ von des Mädchens Lippen. Beide erhoben die Aerme, einander zu umfangen. Anna jedoch ließ die ihrigen in dem nächſten Augenblicke wieder ſinken und ſtand, mit Purpur übergoſſen und mit zur Erde geſenk⸗ tem Blicke, verſchämt da. Dann zupfte ſie verlegen an der Schürzenſchleife und ſtammelte tiefathmend:„Seid ſchön willkommen, Herr Heinrich! Wir glaubten ſchon, daß Ihr uns vergeſſen hättet. Wie iſt's Euch ergangen?“ Heinrich oder Horſa vermochte nicht zu antworten. Seine Augen verſchlangen in ſtiller Bewunderung die in vollendeter Schönheit vor ihm ſtehende Anna. Ja, dieſe war die reizendſte und zugleich züchtigſte aller Jung⸗ frauen, die ſein Auge bisher geſehen hatte. Und dieſem Schatze hatte er den Rücken gekehrt, um einem eiteln Schattenbilde nachzujagen! Auch Horſa hatte die ausge⸗ breiteten Aerme wieder fallen laſſen, weil er ſich nicht mehr für würdig und berechtigt hielt, dieſe friſchen Ko⸗ rallenlippen zu küſſen oder den unentweihten Leib der Jungfrau zu umfangen. Als jedoch Anna ſchüchtern ihr naſſes, blitzendes Auge zu ihm erhob und eine Antwort von ihm zu verlangen ſchien, da erfaßte er im Vollmaaße ſeiner Gefühle beide Hände des Mädchens und drückte ſie an ſeine hochſchlagende Bruſt. „Anna!“ ſprach er mit zitternden Tönen—„wie hätte ich jemals Deiner und der Deinigen vergeſſen kön⸗ nen! Wie gern wäre ich ſchon längſt wieder gekommen! „Aber es iſt mir ſehr übel ergangen— Monate lang war ich krank und—“ Er ſtockte und ſchwieg. — 99— Anna ſah ihn mit beſorgtem Blicke und mitleidsvoll an.„Seid Ihr denn nun ieder ganz wohl?—“ fragte ſie ängſtlich. „Ja!“ ſprach Horſa—„und hier pofe ich mich vollends auszuheilen, wenn ja noch eine kleine Schwäche zurückgeblieben ſein ſollte. Aber, liebe Anna! beinahe hätte ich Dich nicht wieder erkannt. Du biſt in dem Jahre ſo groß geworden, ſo hübſch und—“ Abermals ſtockte Horſa in der Rede, weil er bemerkte, daß die be⸗ lobte Schöne ſtärker denn zuvor erglühte und ihr Auge um Einhaltung der Schmeicheleien zu bitten ſchien. Auch ſuchte Anna dem Geſpräche eine andere Wen⸗ dung zu geben, indem ſie beklommen ſagte:„Der Vater iſt nicht weit von hier. Erweiſet den Holzhauern Bäume an, die gefällt werden ſollen. Er vergäbe es mir nicht, wenn ich ihn nicht ſogleich von Eurer Ankunft benach⸗ richtigte.“ Damit ſchritt Anna voran und Horſa folgte ihr, die herrliche Geſtalt des Mädchens mit ſeinen Blicken ver⸗ ſchlingend. Beide Hände preßte er vor ſeine Bruſt. „Guter Gott!“ ſprach er in ſich hinein—„wenn dieſer Schatz noch unerhoben wäre! Wenn er mein würde! Alle Kronen und Reiche gäbe ich für ihn hin. War ich denn ſonſt blind? Mußte erſt die Trübſal der argen Welt mich den ganzen Werth dieſes geiſt⸗ und leiblich reizenden Weſens erkennen laſſen?“ Während dem war Anna's Schritt immer raſcher und hüpfender geworden. Die Freude des Wiederſehens ſchien ihrem ſchönen Körper eine ungewöhnliche Schnell⸗ kraft verliehen zu haben. Plötzlich verwandelte ſich ihr Hüpfen in raſches Laufen, welches ſie aus Horſa's Augen — d— und in einen Buſch entführte, woher laut ſprechende Stimmen tönten. In dem nächſten Augenblicke lag Anna ſchluchzend an ihres Vaters Bruſt, welcher, darüber er⸗ ſchrocken, voll Angſt ausrief:„Was iſt Dir begegnet, mein Kind? Sprich! Ich habe Dich immer gewarnt, daß Du nicht ſo allein und ſo weit von mir Dich entfernen ſollteſt, am allerwenigſten nach der Landesgränze hin, wo des lüderlichen Geſindels genug umherzuſtreichen pflegt.“ „Ach, Vater!“ verſetzte Anna, unter Thränen lä⸗ chelnd—„Er iſt wieder da! Er hat uns nicht vergeſſen — nur lange krank iſt er geweſen. Dort kommt er!“ Anna verſteckte ſich hinter ihrem Vater, um ihre Thrä⸗ nen zu verbergen und zu trocknen. Vater Schmidt und Horſa begegneten ſich auf hal⸗ bem Wege. Ihre Herzen ſchlugen freudig an einander und in ſtiller Verklärung ſchaute Anna der Umarmung der beiden Männer zu. Dann traten auch die Holzhauer näher und begrüßten mit derbem Händedrucke und freund⸗ lichem Willkommen den alten, lieben Bekannten. Nach dem erſten Freudenerguſſe wendete ſich Vater Schmidt an einen fremden, wohlgekleideten Mann, welcher mit ſicht⸗ lich verſtimmter Miene der Wiederfindungsſcene beige⸗ wohnt hatte, und ſagte lächelnd, indem er auf Horſa zeigte:„Sehen Sie da, Herr Scheibner! das verlorne Schaf, das ſich nun von ſelbſt wiedergefunden hat. Wenn ich es auch nicht auf meine Achſel lege, ſo laſſe ich doch ſeinetwegen jetzt alles Andere, um heimzugehen und den Meinen zuzurufen: Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wieder gefunden. Vorwärts alſo, Kinder! und laßt uns meine Frau und meinen Stephan mit der Freudenbotſchaft überraſchen.“ 3 — 101— Es koſtete Horſa nicht geringe Ueberwindung, als er ſpäter, umgeben von dem Kreiſe theilnehmender, an ſeinen Lippen hangender Zuhörer, eine erdichtete Erzäh⸗ lung ſeines bisherigen Schickſals zum Beſten geben mußte. Nach dieſer Mähr hatte er ſeine Aeltern krank gefunden, ihrer gepflegt und zuletzt beide begraben. Darauf hatte die Regierung, wegen angeblich im Rück⸗ ſtande gebliebener Holzgelder, Anſprüche auf die Verlaſ⸗ ſenſchaft des verſtorbenen Förſters erhoben und ſolche einen langwierigen Rechtsſtreit zur Folge gehabt, aus welchem zwar des Angefochtenen Rechtlichkeit und Schuld⸗ loſigkeit ſiegreich hervorgegangen, jedoch zugleich ein gro⸗ ßer Theil des Erbes durch die Prozeßkoſten verzehrt worden wäre. Auf den Krankenpfleger übergegangener Krankheitsſtoff, Gram über den Verluſt der Aeltern, Aerger über die Anfechtung des väterlichen guten Rufs hatten endlich auch Horſa auf ein langwieriges Kranken⸗ lager geworfen und den letzten Ueberreſt des väterlichen Erbes verſchlungen. Die Beſchreibung des Krankſeins gelang Horſa am natürlichſten, weil dieſes in der That begründet geweſen war. Während Horſa erzählte, ſaß Anna in einem Winkel der Stube auf einem niederen Schemel. Sie, die ſonſt eben keine Katzenliebhaberin war, hatte dießmal gegen ihre Gewohnheit die Hauskatze auf ihrem Schvoße und ſtreichelte ſie mit geſchäftiger Hand. Zuweilen preßte ſie das Thier gegen ihren wallenden Buſen und drückte ihr Antlitz in das behaarte Katzenfell, welches dann Went einige volle Zähren in Empfang nahm. Nachdem Horſa ſeinen Bericht geendet S unen ihn Vater Schmidt mit den Worten: — 102— „Mein lieber Heinrich! ſei unverzagt. Du haſt zwar Deine guten Aeltern verloren, wir aber wollen Dir ihre Stelle nach Kräften zu erſetzen ſuchen. So ſind auch Deine fleißigen Hände und Dein guter Kopf ungleich mehr werth als die Erbſchaft in klingender Münze und dabei weniger der Vergänglichkeit ausgeſetzt als Geld. Nunmehr aber laßt uns der trüben Gedanken entſchlagen und das Feſt des Wiederſehens durch eine fröhliche Mahl⸗ zeit und etliche Flaſchen Wein feiern.“ Mitternacht war vorüber, als Horſa, von den Er⸗ eigniſſen des geſtrigen Tages auf das Lebhafteſte ergrif⸗ fen, ſein ruheloſes Lager verließ. Stephan Schmidt da⸗ gegen genoß den tiefen, ſüßen Schlaf der Jugend und eines leichten Weinrauſches. Er vernahm daher nicht, daß ſein Gefährte den Rock überwarf, das Fenſter öffnete und die heiße, volle Bruſt der milden Nachtluft darbot. Die Sabbathruhe einer ſchönen Mainacht lag über die Natur ausgegoſſen. Ueber dem Walde dunkler Fichten leuchtete des Vollmonds freundliches Antlitz hernieder und zauberte jenen duftigen, dünnen Nebel hervor, unter deſ⸗ ſen Schleier Erlkönigs Töchter ihren Reigen tanzen. Die Gebäude der Schmidtſchen Niederlaſſung ſchliefen, wie Alles rings umher. Nicht einmal des Wächters Ruf, eines Hundes Gekläff, einer Katze Nachtgeſang ſtörte die feierlich hehre Stille. Dieſe äußere Ruhe ſenkte ſich auch in Horſa's Herz hernieder und erfüllte daſſelbe mit dem lebhafteſten Dankgefühle gegen den Weltregierer, welcher — 103— nach neuen, harten Stürmen den Fürſtenſohn ein ſicheres Aſyl hatte auffinden laſſen. Noch lag Horſa, in tiefes Sinnen verloren, im Fen⸗ ſter, als plötzlich eine gedämpfte, doch melodiſche Stimme ſprach:„Seid Ihr denn nicht ſchläfrig, Heinrich! nach dem Marſche?“ Horſa zuckte freudig zuſammen, denn er hatte Anna ſprechen hören. Wie die Blume der Sonne, wendete ſich ſein Antlitz raſch der Seite zu, woher die Stimme ge⸗ kommen war. Im dritten Fenſter, acht Ellen von Horſa entfernt, lauſchte des Mädchens Haupt am geöffneten Fenſter. „Die Freude läßt mich nicht ſchlafen—“ verſetzte Horſa mit überſtrömendem Gefühle—„die Freude, daß ich wieder hier bin, daß ich hier noch Freunde beſitze, daß man meiner nicht vergeſſen hatte. O daß ich immer hier bleiben dürfte!“ „Warum nicht?“ fragte Anna unſchuldig.„Wer würde Euch vertreiben wollen und dürfen?“ „Das Schickſal, das grauſame—“ verſetzte Horſa —„das ſo ſehr trennt, was ſich liebt, das den Einen da, den Andern dorthin ſchleudert. Ach, theure Anna! ich zittere, wenn ich daran denke, daß gerade Dich ein ſolches Lvos am erſten treffen kann und muß.“ „Mich?“ fragte Anna verwundert und ängſtlich. „Warum gerade mich?“ „Weil— weil—“ ſtammelte Horſa—„ Gott! weil Du bald eine Braut werden wirſt. Nur zu deutlich habe ich bemerkt, in welcher Abſicht der Herr Scheibner hier iſt.“ W 4 — 104— „Oh!—“ entgegnete Anna—„ich hab' es dem Vater ſchon rund heraus grſagt⸗ dnß ich den Scheibner nicht leiden kann.“ „Endlich wird aber doch Einer kommen—“ ſagte Horſa beklommen—„den Du leiden kannſt.“ „Nein, beſtimmt nicht!“ verſicherte Anna feſt. „Anna! Anna! wenn Du von hier fortgängeſt— wenn Du, ach Gott! die Frau eines andern Mannes würdeſt: Tod S es! Anna! es muß heraus— das Herz drückt mir's ſonſt ab— Anna! ich— ich liebe Dich! Gut war ich Dir immer— wie ich Dich aber geſtern an der Gränzſäule erblickte— da ſagte eine Stimme zu mir: Dieſe oder Keine! Anna! zürne mir nicht— ich bin ein armer Menſch— aber kann ich da⸗ für, wenn Du mein Herz an Dich gezogen haſt?“ Hier ſchwieg Horſa, einer Antwort entgegen harrend. Anna ſchwieg auch eine ganze Weile. Dann ſagte ſie mit veränderter, zitternder Stimme und 90 leiſe:„Iſt das Euer wahrer Ernſt, Heinrich?“ „So wahr Gott über uns iſt!“ betheuerte Horſa. „Wie kannſt Du doch in meine Worte einen Zweifel ſetzen?! Ach, theure, heiß geliebte Anna! was habe ich zu hoffen? Was zu firchtens Willſt Du mir keine Antwort geben?“ Eine ſtumme Minute verſtrich, die dem Prinzen zum Jahre wurde. Endlich ſagte Anna ſtockend: „Sprecht— mit meinem Vater— mit meiner Mut⸗ ter— Gute Nacht!“ Anna's Haupt verſchwand, das Fenſter ſchloß ſich. Auch Horſa zog Kopf und Schultern herein, nachdem er ſeine gefaltenen Hände gen Himmel erhoben hatte. Welch' — 105— ein Meer von Empfindungen durchwogte jetzt den jungen Mann! Dieſe durchbrachen ihre geiſtigen Schranken und theilten ſich dem Körper mit, welcher die wunderlichſten Bewegungen begann. Mit beiden Händen fuhr er ſich in die Haare, um ſie weidlich zu raufen. Mit beiden Fäuſten ſchlug er Bruſt, Aerme und Schenkel. Mit glei⸗ chen Füßen ſprang er empor, daß die Dielen erkrachten und die ganze Stube erbebte. Er fühlte ſich verſucht, den Schläfer zu packen und ihn als Fangeball empor zu werfen. Er walkte die Bettſtücken ſeines Lagers zuſam⸗ men und kehrte das Unterſte zu oberſt. Alles dies aus Freude. Dieſe wich ſpäter wieder der Muthloſigkeit, als er bedachte, daß der wohlhabende Kohlenbrenner dem armen, heimathloſen Flüchtling die Hand ſeiner Tochter verweigern könne. So weit war es mit dem vormaligen Landesfürſten gekommen, ſo tief deſſen einſtiger Stolz herabgeſunken! Bald jedoch gewann die Freude wieder die Oberhand und Horſa warf ſich endlich, der froheſten Hoffnungen für die Zukunft voll, auf ſein Lager, um es mit Tagesanbruch ſchon wieder zu verlaſſen. Zärtlich küßte er zum Morgengruße Stephan, in welchem er den geliebten Schwager ſchon erkannte und ging dann in die Wohnſtube hinab. Hier fand er Anna und deren Mutter, beide innig verſchlungen und die Au⸗ gen voll Thränen. Als Horſa eintrat, entwand ſich Anna den mütterlichen Aermen und warf, hocherglühend, Horſa einen Blick zu, in welchem Scham, Liebe und Bangigkeit ſich ausprägten. Die Jungfrau glich einer Roſe am Morgen, die ihren Kelch zum erſtenmale der Sonne er⸗ ſchließt und von dieſer den blitzenden Thautropfen als Verlobungsring empfängt. Horſa ging auf Frau Schmidt — 106— zu und beide Aerme um ihren Hals ſchlingend, ſprach er mit überquellendem Herzen und thränenerſtickter Stimme: „Mutter, meine liebe Mutter! 6 ich Euer Sohn werden?“ Ein Thränenſtrom und ein Fethicher Händedruck waren der Mutter ſtumme, doch bejahende Antwort. In dem Augenblicke, wo Horſa ein erſterbendes Ja von den Lippen der Frau Schmidt hinwegküßte, trat Vater Schmidt zu der Gruppe. Bevor er den Mund zur Frage öffnen konnte, ſahe er ſich von Horſa umhalſet und mit den Worten angeredet:„Mein Vater! eine arme Waiſe bittet Euch um Euer ſchönſtes Kleinod, um die Hand Eurer Anna! Werdet Ihr mir ſie geben wollen?“ „Darum alſo war meine Anna bisher ſo traurig? Darum begleitete ſie mich ſo oft in den Wald, ſuchte ſie ſo gern den Gränzpfahl auf?“ ſprach Vater Schmidt, indem er drohend den Finger gegen die mit Purpur übergoſſene Tochter erhob.„Da geblieben!“ fuhr er fort, als Anna aus der Stube entweichen wollte.„Aber, mein armer Heinrich, warum biſt Du ſo ſpät mit Deiner Bitte gekommen? Herr Scheibner hat Dir bereits den Rang abgelaufen und bei mir um Anna's Hand ange⸗ halten.“ Als hierauf Vater Schmidt ſowohl Horſa als auch ſeine Tochter erbleichen ſahe, überwältigte die väterliche Zärtlichkeit ſeine Verſtellungskunſt. „Da habt Ihr Euch!“ ſprach er mit verindetter, bebender Stimme, indem er die Liebenden „Gott ſegne Euern Bund.“ Dann gingen die beiden Glictichen hinab in n Garten am Hauſe. Dort ſprachen, lachten und weinten — 107— ſie zuſammen. Des Paares Roſenzeit begann, in welcher Alles in ſchönerem Lichte erglänzt, der Fuß nicht mehr geht, ſondern hüpft und ſchwebt und der Himmel voller Geigen hängt. Frau Schmidt dagegen ſah bereits ihren Linnen⸗ und Bettfedervorrath durch und dachte an die Ausſtattung ihres Töchterleins. „Heinrich, wie ſteht's?“ fragte ſpäter Vater Schmidt den überglücklichen Horſa—„haſt Du ſchon für Dein Taufzeugniß und den Todtenſchein Deiner Aeltern ge⸗ ſorgt? Beide ſind nöthig, wenn wir das Aufgebot bei dem Herrn Pfarrer beſtellen.“ Gleich einem Donnerſchlage traf dieſe Frage auf Horſa. „Taufzeugniß? Todtenſchein?“ ſtammelte er erblei⸗ chend.„Glaubt man nicht, daß ich getauft und eine Waiſe bin?“ „Wir glauben es—“ verſetzte Schmidt lächend— „der Geiſtliche aber muß Schwarz auf Weiß ſehen, wenn er ein Paar aufbieten und trauen ſoll. Freilich, an ſo etwas denkt Ihr junges Volk nicht und darum muß das Alter Euch an ſolche Erforderniſſe erinnern.“ Von welchen Kleinigkeiten zuweilen das menſchliche Glück abhängt! Hier waren es zwei Stückchen beſchriebe⸗ nen Papiers, welche die Vereinigung eines liebendes Paares zu hindern drohten. Horſa zerbrach ſich faſt den Kopf, auf welche Weiſe er ſich zu helfen vermöchte. Das, was ſelbſt dem geringſten Unterthan nicht vorenthalten werden kann und darf: Taufzeugniß und Todtenſchein— — war nur für den einſtigen Fürſten nicht zu erreichen. Endlich entſchloß ſich Horſa, an den Pfarrer Schwarz zu ſchreiben und dieſen um die Ausſtellung eines, allerdings verfälſchten Taufzeugniſſes zu erſuchen. Derſelbe war ja mit Horſa's Schickſale und Herkunft betraut, auch der Vermittler ſeiner Befreiung aus dem Irrenhauſe geworden. Wie aber den Todtenſchein der angeblichen Aeltern Horſa's zu erlangen? Ach, jetzt erſt rächte ſich die begangene Lüge, wenn ſchon ſie durch die Noth geboten worden war. „Vielleicht—“ dachte er—„weiß auch hierin der liebe Pfarrer einen Ausweg und darum will ich flugs an den⸗ ſelben meine Bitte richten.“ Der Brief ſammt der Bitte ging ab und vud die Antwort darauf ein. Allein dieſe war rund abſchläglich. Die begehrte Fälſchung, hieß es, laufe gegen den Amts⸗ eid und könne daher von dem Pfarrer, bei aller Liebe und Anhänglichkeit an Horſa nicht vollzogen werden. In allen anderen Fällen ſtehe er dagegen gern zu Dienſten. Horſa ſchrieb einen andern Brief an den Friſeur Scholle, ihm ſeine Noth klagend und Rath, oder noch beſſer, That von ihm verlangend. Hier aber blieb die Antwort außen und immer dringlicher beſtand Vater Schmidt auf die Beſchaffung der beiden Papiere. Horſa fand jetzt, daß das Geſetz, welches ſolche ʒörn⸗ lichkeiten bei einer ehelichen Verbindung verordnete, ein ſehr einfältiges und unbequemes ſei. Ja, wenn er nur noch gebietender Herr geweſen wäre! Als immer noch keine Zeugniſſe anlangen und Horſa endlich nicht mehr mußte, welche Ausreden deshalb zu machen, ſo nahm ihn Vater Schmidt unter vier Augen vor. mjun ſ ſini 6 — 400— „Heinrich!“ hob er ernſt an—„welch' eine Bewandt⸗ niß hat es mit Deinen Papieren, daß ſie nicht ausge⸗ händigt werden. Ich denke doch, daß Du mich und Deine Braut nicht mit Unwahrheit berichtet haben wirſt? Haftet etwa ein Makel an Deiner Geburt? Biſt Du vielleicht— nimm mir die Frage nicht übel— geboren worden, bevor Deine Aeltern mit einander getraut wor⸗ den ſind? Dies ſollte mir zwar, um des Geredes der Leute willen, leid thun, aber dennoch mich nicht hindern, mein Dir gegebenes Wort zu halten. Alſo, heraus mit der Sprache!“ Horſa rieb ſich in ſeiner Angſt, wie man ſagt, bald das Baſt von den Händen. „Mein lieber, mein guter Vater—“ ſtammelte er —„ich bin ein ehrlicher Mann— meine es bei Gott ehrlich mit meiner theuern Anna wie mit Euch Allen. Aber, unglückliche Verhältniſſe— an denen ich keine Schuld trage— haben mich gezwungen— Euch nicht die volle Wahrheit zu geſtehen. Dies ſage ich mit— blutendem Herzen.—“ „Was werde ich hören müſſen!“ klagte Vater Schmidt voll Entſetzen.„Haſt Du Dich vielleicht ſchon früher mit einer Anderen verſprochen? Haſt Du einen jugendli⸗ chen Fehltritt begangen, der Dir Deinen guten Ramen ſchändet? Iſt Dein Vater— ich erzittere— anſtatt ein Förſter, wohl gar ein— Shörfe Zwar könnteſt Du dafür nichts.— „Nein! nein! mein Vater! Nichts von dem Allem!“ rief Horſa voll Schmerz aus.„Meine Aeltern und ihr Stand waren ohne Makel, ſo wie mein Name. Eure Anna iſt meine erſte und einzige Lie— Braut!“ ſetzte —— er, an Amalie jetzt voll Scham denkend, verbeſſernd hinzu. „Eine ſchwere Uebereilung habe ich allerdings begangen, jedoch iſt ſie mir großmüthig verziehen worden.“ „Gott Lob!“ ſprach Vater Schmidt mit erleichtertem Herzen.„Wenn dem ſo iſt, ſo ſehe ich kein Hinderniß mehr und getroſten Muthes kannſt Du mir Dein Ge⸗ heimniß entdecken. Wer Du auch ſeiſt: Anna iſt und bleibt Dein.“ „O tauſend Dank, mein beſter, großmüthiger Vater!“ rief Horſa feurig aus.„Welch eine ſchwere Laſt nehmt Ihr mir von dem Herzen!“ „Nun, und Dein Geheimniß? Heraus damit!“ drängte Vater Schmidt. „Mein Geheimniß?“ verſetzte Horſa wieder beklom⸗ men—„Doch ich habe ja Euer Wort, mein Vater! So wißt denn, daß mein Vater kein Förſter war und, ſo wie meine Mutter, bereits geſtorben iſt, da ich erſt 5 Jahre alt war. Auch habe ich die Jägerei nicht er⸗ lernt— ich bin“— Horſa's Stimme ward hier ſchwä⸗ cher und furchtſamer—„Horſa!“ „Horſa?!“ verſetzte Vater Schmidt träumeriſch. „Horſa? Welcher Horſa?“ „Euer ehemaliger Landesherr, mein Vater!— ſprach Horſa—„der jetzt ſeine Thronverjagung als ſein größtes Glück erkennt, weil ich ſonſt nicht Anna gefunden und ihre Hand erlangt haben würde.“ „Fürſt Horſa?“ ſtammelte Vater Schmidt und er⸗ bleichte wie eine Kalkwand. Der ſtarke Mann wankte ſogar.„Fürſt Horſa?“ wiederholte er zitternd—„O mein armes Kind!“ rief er ſchmerzvergehend aus.„Welch' „ —— ein hölliſcher Betrug! O meine Anna! Brich entzwei, armes Herz!“ Er verhüllte ſein Angeſicht, das weinende! „Um Gott!“ rief Horſa erſchrocken aus.„Was re⸗ det Ihr doch wunderlich, Vater? Kann ich etwas dafür, daß ich fürſtlich geboren worden bin? Ich ſpielte eine kurze Zeit die Rolle eines Fürſten auf dem Welttheater und ſie ekelte mich ſo ſehr an, daß ich froh war, als ich eine bäuerliche Rolle übernehmen durfte. Bin ich nicht jetzt ärmer denn Ihr, mein Vater?“ „Und wenn Sie, mein Fürſt, ein Bettler wären—“ „Vater! Vater!“ unterbrach Horſa den Kohlenbren⸗ ner—„wollt Ihr mich meinen Feinden verrathen? Bin ich nicht mehr Euer Sohn?“ „Nein! nicht mehr!“ verſetzte Schmidt feſt.„Ein Köhler darf nicht eines Fürſten Vater ſein. Ja, Hein⸗ rich! wäreſt Du ein Bettler, unehelich geboren, ja, ſelbſt eines Freiknechts Kind— ich würde um Anna's Glückes willen Dich zum Schwiegerſohne angenommen haben. Aber ein Fürſt?! Nimmermehr!“ „Was habe ich denn verbrochen, mein Vater?“ klagte Horſa.„Warum ſoll mein voriger, unglücklicher Stand mir das ganze Glück meines Lebens rauben?“ „Weil meine herzige Anna unglücklich würde!“ ſprach Schmidt.„Weil der vormalige, groß erzogene Fürſt gar bald meines ſchlichten, einfältigen, ungebildeten aber ſeelen⸗ guten Kindes überdrüßig werden und es dann von ſich ſtoßen würde, wie man eine weichhölzerne Spinde aus dem königli⸗ chen Prunkzimmer entfernt. Wie der Roſenſtrauch unter dem Schatten einer ſtolzen, mächtigen Eiche würde mein Kind verkümmern und dahin ſiechen. Wer wird das ſtolze Schlachtroß eines Welteroberers neben eine Kuh vor den — 112— Miſtkarren ſpannen wollen? O, nun begreife ich erſt, warum Fürſt Horſa uns im vorigen Jahre verließ. Er war der Rolle eines Kohlenbrenners ſatt und ſehnte ſich in ſeine vornehme Welt zurück. Und eben ſo würde es ihm wieder in Zukunft ergehen. Nicht die Liebe zu uns, die Noth trieb ihn hierher zurück. O mein armes, be⸗ thörtes Kind! Mit Deinem warmen Herzen hat man ein ſchnödes Spiel getrieben.“ „Ihr thut mir Unrecht, mein Vater!“ entgegnete Horſa.„Höret meine Geſchichte, damit Ihr etjahret, was mich Euch verlaſſen ließ.“ Vater Schmidt hörte der langen Erzählung Horſa's mit Aufmerkſamkeit und tiefer Theilnahme zu. Dennoch aber vermochte ſie ſeinen Grundſatz nicht wankend zu machen. „Ihr müßt euch trennen—“ ſprach er—„obſchon ich weiß, daß meiner Anna Herz darüber brechen wird. Aber beſſer, es bricht ihr jetzt vor Liebe als ſpäter vor Gram über die unverdiente Zurückſetzung. Am beſten wird ſich euer Band löſen, wenn Du wieder den Wan⸗ derſtab ergreifſt und dann aus der Ferne den Abſagebrief an Anna ſchreibſt.“ „Das vermag ich nimmer!“ ſprach Horſa gramer⸗ füllt.„Anna iſt mein und keine Macht ſoll ſie mir wieder entreißen. Sagtet Ihr nicht ſelbſt vorhin: Pe Du ch ſeiſt: Anna iſt und bleibt Dein?“ „Du hatteſt mich überliſtet— wn— 6 wiederte Schmidt finſter.„Wer konnte ahnen, daß Du zu dem einzigen unter allen Ständen gehörteſt, welchem ich meine Tochter nicht zum Weibe geben darf 6 — 113— Horſa wendete noch alle Ueberredungskünſte an, um Anna's Vater umzuſtimmen; doch gelang ihm dies nicht. Jetzt, da Horſa Anna's Beſitz verlieren ſollte, fühlte er doppelt deſſen ganzen Werth. Er klagte die Vorſehung an, daß ſie ihn als einen Fürſtenſohn hatte geboren wer⸗ den laſſen und wenn einſt der Beſitz vieler ebenbürtiger Ahnen der heißeſte Wunſch ſo manches ehrgeizigen Er⸗ denſohnes war: ſo hätte dagegen Horſa Alles darum ge⸗ geben, eines Bettlers oder Landmannes Sohn zu ſein. So ſehr ſich auch Vater Schmidt in Acht nahm, ſein bisheriges liebevolles Betragen gegen Horſa zu verändern, ſo merkten die Seinen nur zu bald, daß etwas Unan⸗ genehmes zwiſchen ihm und Horſa vorgefallen ſein müſſe, und dieſe Beobachtung erfüllte ſie mit großem Kummer, beſonders die Braut und deren Mutter, welcher Vater Schmidt nicht undeutlich zu verſtehen gab, ſich mit den Vorbereitungen zur Hochzeit nicht zu beeilen. Vergebens verdoppelte Horſa ſeinen Fleiß und ſeine Anſtrengungen im Dienſte ſeines künftigen Schwieger⸗ vaters. Vergebens beſtürmte er dieſen mit flehendlichen Bitten um Aenderung ſeines harten Entſchluſſes. Dies⸗ mal beſtand Schmidt auf demſelben und erklärte Horſa rund heraus, daß, wenn dieſer nicht die Hand zu einer weniger auffälligen Trennung des geſchloſſenen Verlöb⸗ niſſes bieten wolle, er ſich gezwungen ſähe, dieſes auf ge⸗ waltſamere Weiſe zu thun. Dieſe Erklärung verſetzte Horſa in die größte Ver⸗ zweiflung, die um ſo nagender war, weil er ſie allein zu tragen hatte. Mehrmals ſtand er ſchon im Begriff, das Geheimniß ſeiner Geburt Anna mitzutheilen und ſich in ihr eine Verbündete gegen den Vater zu gewinnen, aber Rieritz, Fürſtenſchule. I. — 114— die Furcht, daß die Nachricht von ſeinem hohen Stande auch des Mädchens Herz ihm abwendig machen könne, verſchloß ihm den Mund. So gingen einige Wochen hin, in welchen ein giftiger Mehlthau auf das Glück der Fa⸗ milie Schmidt gefallen zu ſein ſchien. Für Horſa ward jetzt das Bett zum Dornenlager, auf welchem er die Nächte faſt ruhelos verſeufzte. In der einen Nacht vermochte Horſa nicht länger liegen zu bleiben. Vater Schmidt hatte ihm am Tage zuvor eine kurze Friſt zum Abſchiede geſetzt und dies ſein Herz mit Verzweiflung erfüllt. Stephan hatte die Nachtwache bei den brennenden Meilern, daher befand ſich Horſa allein in der Kammer. Er öffnete das Fenſter und legte ſich hinaus. Guter Gott! welch' ein Unterſchied zwiſchen je⸗ ner Nacht, in welcher er Anna ſeine Liebe erklärt hatte! Finſter wie in ſeinem Gemüthe lag draußen die Natur. Kein Mond leuchtete über den Bäumen des Waldes her⸗ vor; nicht einmal die Sterne blinkten am ſchwarz be⸗ wölkten Himmel. Eine heulende Hundeſtimme unterbrach zuweilen die Stille umher und ſchien mit Horſa zu klagen. Dieſer überließ ſich ſeinen ſchwarzen Gedanken, die immer ſelbſtmörderiſcher wurden. Plötzlich fiel auf die umnachteten Fichten ein ſchwacher, röthlicher Schimmer, welcher mit jeder Minute heller ward. Hierdurch ge⸗ waltſam zur Beſinnung gebracht, erkannte Horſa eine be⸗ ginnende Feuersbrunſt als die Urſache der befremdlichen Erſcheinung. Vom Wohnhauſe aus, welches dem Forſte zunächſt lag, konnte das Feuer unmöglich ausgehen, ſon⸗ dern von einem der rückwärts gelegenen Gebände. — 115— Vor einer größeren Noth pflegt eine kleinere in der Regel zurückzutreten. So auch hier. Schon in der näch⸗ ſten Minute hatte Horſa Lärm im Hauſe gemacht, die Hausthüre geöffnet und dort den Urſprung des Feuers in dem Theerſiedehauſe erkannt. Unter dem Rufet „Feuer! Feuer!“ eilte Horſa dem brennenden Gebäude zu. In deſſen Nähe ſtrauchelte er über den Nachtwäch⸗ ter, welcher in völlig trunkenem Zuſtande an der Erde lag. Der herbeiſpringende Schmidt fand bereits Horſa in voller, angeſtrengter Thätigkeit, den Flammen Einhalt zu thun. Bald füllte ſich die Brandſtätte mit den Be⸗ wohnern der Niederlaſſung. Schnell jedoch überzeugte man ſich von der Unmöglichkeit, den in Brand gerathenen Theer mit Waſſer löſchen und das Gebäude erhalten zu können. Die weitere Verbreitung des Feuers über die benachbarten Häuſer zu verhindern, war die alleinige Aufgabe der Helfer. Und dies thaten ſie denn mit un⸗ geheurer Anſtrengung, indem ſie das brennende Siede⸗ haus niederzureißen und jede Verbindung mit den zu⸗ nächſt gelegenen Gebäuden abzuſchneiden ſuchten. Eine völlig ruhige Luft unterſtützte dieſe Beſtrebungen. In einem Augenblicke der Erſchöpfung, wo Horſa ſeinen Aermen eine kurze Ruhe vergönnte, glaubte dieſer einen gellenden Schrei in der Ferne zu vernehmen. War dem in der That ſo oder dies nur eine geiſtige Wechſel⸗ wirkung, in welcher zwei innig ſich liebende Weſen mit einander ſtehen? „Wo iſt Anna?“ rief Horſa, Frau Schmidt unter den arbeitenden Frauen erkennend, derſelben zu. „Noch im Wohnhauſe!“ verſehte dieſe. ie ver⸗ ſprach aber, ſogleich nachzukommen.“ 8* — 116— Davon rannte Horſa.„Anna!“ rief er ſchmetternd durch das Wohnhaus, deſſen Räume er mit beflügelten Füßen durcheilte. Keine Antwort! Keine Anna zu ſehen! Einen Blick durch das Fenſter werfend, ſah er in dem Scheine der Feuersbrunſt eine hochbepackte Mannsgeſtalt dem Walde zuſchreiten. Das war verdächtig. In der nächſten Minute hatte Horſa den Kerl eingeholt, welcher bei Horſa's Anrufe ſeine Bürde abwarf und in dem Dickicht verſchwand. Unter dem Rufe:„Anna! Anna!“ drang Horſa in den Forſt ein. Ein weißes Gewand, das zwiſchen den Bäumen matt hindurchleuchtete, ward ſein Wegweiſer. Es war dasjenige ſeiner Braut, welche von zwei Kerlen fortgeſchleppt wurde. Dieſer Anblick ſpannte Horſa's Kräfte bis zur äußerſten Höhe an. Faſt hatte er die Räuber eingeholt, als ihm eine baumlange Geſtalt wild fluchend entgegenſprang. Eine aus der Erde hervorragende Baumwurzel aber brachte ſie zum Fallen, und indem ſie ſich bemühte, wieder auf die Beine zu kommen, ſtreckte ein furchtbarer Schlag mit einer eiſernen Haue, welche Horſa noch von der Feuerſtätte her in den Händen hatte, ſie bewegungslos zu Boden. Allein der Räuber mehrere drangen nun auf Horſa ein, welcher, unaufhörlich„Anna!“ rufend, ſeine Haue im Kreiſe ſpie⸗ len ließ und kühn vorwärts ging. In dem Augenblicke, wo ein Räuber einem ſeiner Kameraden zurief:„Schieß nicht, Dreßler! Der Knall verräth uns!“ blitzte es auf und bei dem Knalle der Piſtole ſank Horſa getroffen nie⸗ der. Vor ſeinen Augen ward es finſter, in ſeine Ohren dagegen drang noch der Lärm eines Kampfgetümmels, zwiſchen welchem er Stephan's lauten Zuruf zu unter⸗ ſcheiden glaubte. Dann aber ward er bewußtlos. — 117— Dem Ende der Bewußtloſigkeit pflegt ein eben ſol⸗ cher Zuſtand voranzugehen, wie dem Anfange jener. So erging es auch Horſa. Er hörte um ſich her ein mehr⸗ ſtimmiges, doch ihm verworrenes Sprechen. Als er ſeine Augen aufſchlug, ſah er ſich im Bette liegen und dieſes von einer Menge Perſonen umſtanden, welche insgeſammt ihre Blicke auf ihn geheftet hielten. In dem Beſtreben Horſa's, ihm bekannte Geſichtszüge zu erforſchen, beugte ſich eine weibliche Geſtalt zu ihm nieder und Horſa blickte in das treue, blitzende und Thränen glänzende Auge Anna's— ſeiner Anna! Und jetzt bemerkte er auch, wie ſeine Rechte in derjenigen Anna's ruhte und fühlte deren raſchen Pulsſchlag. Da verklärte ſich Horſa's Antlitz zu einem ſeligen Lächeln und ein matter Druck ſeiner Hand ſagte ſeiner Anna, was der Mund noch nicht vermochte. Wieder ſchloſſen ſich Horſa's Augen, doch unter dem ſeligſten Frohgefühle. Eine Stimme aber, die des Arz⸗ tes, ſprach jetzt:„Laſſen wir den Kranken mit ſeiner zärtlich beſorgten Wärterin allein. Seine Wunden ſind durchaus nicht gefährlich. Nur der ſtarke Blutverluſt hat ihn ſo geſchwächt. Das erſetzt ſich jedoch bald wieder.“ Die Bande, welche den Ueberfall auf die Schmidtſche Niederlaſſung, ſo wie den Brand ausgeführt hatte, be⸗ ſtand aus Paſchern, deren Anführer jener Caspar Rippien war, welcher in Schmidts Hauſe die liebevollſte Pflege gefunden gehabt hatte. Außer der Plünderung hatten die Böſewichter auch noch Anna's gewaltſame Entführung ſich zum Ziele geſetzt und deshalb durch die Feuersbrunſt die männlichen Bewohner insgeſammt nach der Brand⸗ ſtätte hinzulocken geſtrebt, was ihnen nur zu gut gelun⸗ — 118— gen war. Ob der abgewieſene Freier Anna's, Herr Scheibner, ſeine Hand mit dabei im Spiele gehabt oder ob Anna's Entführung nur ein Werk des undankbaren Caspar's geweſen war, konnte nicht ermittelt werden, in⸗ dem Caspar's Tod, verurſacht durch Horſa's mörderiſchen Schlag, den die beſte Aufklärung geben könnenden Mund des Rädelsführers für immer verſtummen gemacht hatte. So hatte auch hier die Nemeſis ihren vergeltenden Arm gezeigt! Die mit Vater Schmidts Wohlſtande ſteigende Un⸗ ſicherheit an der Grenze durch das Paſchergeſindel, der überhand nehmende Drack durch die fürſtliche Regierung, endlich aber und insbeſondere die Sorge für Horſa's Sicherung führten den Vater Schmidt zu einem großen Entſchluſſe. Er verkaufte in aller Stille ſeine Beſitzung, zog ſeine außenſtehenden Gelder ein und machte ſich zum Eigenthümer eines Landgutes, welches, im Nachbarſtaate gelegen, neben der Landwirthſchaft auch noch dieſelben Erwerbszweige zu betreiben geſtattete, durch die Vater Schmidt ſeinen Wohlſtand erlangt hatte. An einem ſchönen Sommerabende, welcher die Land⸗ bewohner noch auf den Feldern rüſtig arbeiten ließ, hielt vor dem Gaſthauſe des Dorfes Müggendorf ein ſchwer bepackter Reiſewagen an, aus welchem fünf ländlich ge⸗ kleidete Reiſende ausſtiegen. Während die Pferde gefüt⸗ tert wurden, begaben ſich jene nach der Dorfkirche, deren hohe Fenſter auf der einen Seite von grünen Linden be⸗ ſchattet, auf der andern von den Strahlen der ſinkenden Sonne vergoldet wurden. Dienſtfertig nahte ſich des Schulmeiſters Magd, um den Fremden die Kirchthüre zu öffnen. Dieſe traten in die heiligen, wunderſam erleuch⸗ — 9— teten Hallen ein und näherten ſich dem Altare. Hinter demſelben vor trat der Ortspfarrer im vollen geiſtlichen Gewande und während er die Stufen zum Altare hinauf⸗ ſtieg, begannen die feierlichen Töne der Orgel die Kirche zu durchwallen. Sie ſpielte einen Vers des ſchönen Chorals:„Wer nur den lieben Gott läßt walten.“ Als die Klänge verhallten, winkte der Pfarrherr ein junges, blühendes Paar zu ſich heran, welches knieend vor ihm auf einer Fußbank Platz nahm. Es war Horſa und Anna, die in ihrem Kaſtanienhaare die bräutliche Myrthe trug. Die gerührten Zeugen ihrer ehelichen Verbindung waren Vater, Mutter und Sohnt Schmidt. Des Erſteren unbeugſamer Wille war durch Horſa's letzte, kühne That, durch welche er ſich die Braut erkämpft hatte, gebrochen worden. Der Pfarrherr aber war derſelbe, deſſen Be⸗ kanntſchaft Horſa im Poſtwagen gemacht hatte und der, ſein früher gegebenes Wort erfüllend, Horſa's Bitte, ihn mit Anna zu trauen, nicht wieder zurückgewie⸗ ſen hatte. Wenn ſchon jede Verbindung für ein ganzes Leben von hoher, ernſter Bedeutung iſt, ſo war ſie dies hier, wo die Vorſehung zwei ſo ganz verſchiedene Stände zu⸗ ſammengeführt hatte, um ſo mehr. Von ihr begeiſtert und gehoben, ſprach des beredten Kanzelredners Mund tief eindringliche Worte, durch welche der Anweſenden Her⸗ zen andächtig bewegt wurden. Indem der Pfarrherr dem Brautpaare den Segen ertheilte, umgab ein hereinbrechen⸗ der Sonnenſtrahl die beiden Häupter der Liebenden mit einem Strahlenglanze überirdiſchen Lichtes, welches das fromme Aelternpaar, gleichwie einſt Nvah den Regenbo⸗ — 120— gen, als ein Zeichen der göttlichen Gnade und des Wohl⸗ gefallens über die eben vollzogene Verbindung betrachteten. Aus den umfangenden Aermen des glücklichen Horſa ſank die frendeweinende, tief gerührte Braut in die ihrer Aeltern und ihres Bruders. Der Pfarrherr begleitete die Scheidenden bis zur Kirchthüre, wo ſie unter den feurigſten Dankesbezeigun⸗ gen die ſegnende Hand ihm drückten. In der nächſten Viertelſtunde war der Wagen mit den Reiſenden davon gefahren. 5 Drei Jahre waren vorübergeflohen. Der Herbſt malte bereits die wärmſten Töne in das Laub der Bäume, deren fruchttragende Gattungen mit reichem Segen be⸗ laſtet waren. Durch die Luft, die reine, ſonnenglän⸗ zende, zogen ſich die weißen Schleier des Altenweiberſom⸗ mers und oben am blauen Himmel tummelten ſich die Störche, an den Abſchied denkend, umher. Ein Paar muntere Braune vor den Pflug geſpannt, zog vom Felde heim ein junger Landmann, das ſonnengebräunte Antlitz mit einem groben Strohhute überdeckt. Er nahm ſeinen Weg nach einem Landgute hin, deſſen niedere Gebäude von hohen Pappeln, ehrwürdigen Linden und reichlich tragenden Obſtbäumen eingefaßt waren. Freudig wedelnd kam hier ein kleines Hündchen dem jungen Bauer entgegen geſprungen, welcher, zum ſchmei⸗ chelnden Thier ſich niederbeugend, freundlich anhob; „Da biſt du, ja, mein Bello! Wo haſt du denn deine Herrin gelaſen 2 — 4— Leiſe trat hinter einem dichten Hagebuttenſtrauche ein junges, bildſchönes Weib hervor, an ihrer Rechten einen zweijährigen Knaben führend und auf dem linken Arme ein Töchterchen von 8 Monaten tragend. Obſchon ſie dem Kleinen zu ſchweigen winkte, rief dieſer dennoch jauchzend aus:„Vater! Vater! da bin ich!“ Da hob Horſa, der einſtige Fürſt, mit beiden Aer⸗ men ſeinen Erſtgebornen zu ſich empor, küßte ihn zärtlich und dann ſeine Frau und ſein Töchterlein. „Meine Anna—“ ſprach er zu jener—„ich bringe einen geſegneten Appetit vom Felde mit und freue mich mehr wie ein König auf das Abendbrot.“ „Wie alle Tage!“ verſetzte Anna lächelnd.„Dieſen Vortheil hat man von der Arbeit.“ „Und welch' ein geſunder Schlaf dem vollbrachten Tagewerke folgt!“ fuhr Horſa fort.„Welcher Fürſt dürfte ſich hierin mit mir meſſen!“ „Weißt Du aber auch, Heinrich! daß Du jetzt zu⸗ weilen laut ſchnarchſt?“ „Warum leideſt Du dies? Wecke, zupfe mich im Nothfalle bei der Naſe, liebes Weibchen.“ „Bewahre! Wie ſollte ich Deine Ruhe, die ver⸗ diente, ſtören können! Aber, mein Heinrich, es ſcheint, als bekämſt Du heute Abendgäſte.“ „Wie ſo?“ „Zu wiederholten Malen kamen Männer in unſern Hof und fragten nach Dir. In der Schenke wollten ſie auf Deine Ankunft warten, die wir ihnen anzeigen laſſen ſollen. Sie ſagten nicht, weshalb ſie kämen und das ängſtet mich.“ — 122— „Warum, meine geliebte Anna? Hier haben wir keine Paſcher und keinen Feind zu fürchten.“ „Wohl wahr! Aber unſer Glück iſt ſeither ſo groß geweſen, daß mir vor einem Unglücke bangt.“ „Ei! ei! denkt meine chriſtliche Anna ſo heidniſch?“ ſprach Horſa, ihr mit dem Finger drohend.„Doch, vorwärts, meine Kinder! Mein Magen meldet ſich mit Ungeſtüm.“ „Horſa reiten will!“ ſagte der Kleine und Horſa, der Vater, hob ihn auf das Sattelpferd, ſorglich ihn be⸗ hütend. Als der kleine Zug am Bauernhofe anlangte, trat demſelben eine Anzahl wohlgekleideter Männer ent⸗ gegen, welche voll Ehrerbietung ihre Hüte vor dem jun⸗ gen Landmanne zogen und unter einer tiefen Verneigung ihm naheten. Ihr Antliß zeugte von der tieſſten Er⸗ ſchütterung und in den meiſten Augen glänzten Zähren der gewaltigſten Rührung. Horſa entfärbte ſich, denn er ſah lauter wohlbekannte Geſichter aus ſeiner Fürſtenzeit um ſich und daß ein Ver⸗ ſtellen hier nicht anwendbar ſei. Bald jedoch hatte er ſeine Faſſung wiedergewonnen. Grüßend nahm er ſeinen Stroh⸗ hut ab und ſagte mit ruhiger Würde und Freundlichkeit: „Ich heiße Sie willkommen, meine Herren! Doch, was führt Sie hierher? Wollen Sie— fuhr er lächelnd fort— ſehen, wie Cincinnatus ſeine Rüben baut, oder wie Oſiris hinter dem Pfluge hergeht? Aber Sie finden nur einen gewöhnlichen, jedoch höchſt glücklichen Adams⸗ ſohn, welcher im Schweiße ſeines Angeſichts ſein Brot erbaut und keinen andern Wunſch kennt, als immer ſo glücklich ſein zu dürfen. Sie werden mir glauben meine Herren, wenn ich Ihnen ſage, daß dieſe meine geliebte Frau und meine kerngeſunden Kinder ſind.“ Wirklich ſetzten die Männer in Horſa's Worte keinen Zweifel, denn die voll Scham erröthende Mutter mit dem reizende Kinde auf dem Arme glich eher einer Madonna als einer Bäuerin. Einer der Ankömmlinge richtete jetzt einige leiſe ge⸗ ſprochene Worte an Horſa, welcher hierauf laut erwie⸗ derte:„Ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, meine Herren, nachdem Sie mir vorher geſtattet haben werden, meine Pferde auszuſpannen und in den Stall zu bringen.“ Für dieſe Arbeit fanden ſich jedoch ſo viel dienſt⸗ willige Hände, daß Horſa jener ſich überhoben ſahe. „Sei ruhig, liebes Weib!“ tröſtete dieſer ſeine be⸗ ſorgte Gattin—„erweitere Deinen Abendtiſch für unſere Gäſte und ſende Deinen Vater, ſe wie er von der Sie⸗ derei kommt, zu mir.“ Die Tenne der Scheune S jetzt der Andienzſaal, in welchem Horſa die Geſandten ſeines vormaligen Vol⸗ kes empfing. „Vernehmen Ew. Durchlaucht—“ hob der Sprecher zu dem ſchlichten Bauer an—„wie es gegenwärtig um Ihr Vaterland und das Land Ihrer Vorfahren ſteht. Schwer hat der jetzige Fürſt das Land für das an Ih⸗ nen begangene Verbrechen des ſchwärzeſten Undankes bü⸗ ßen laſſen. Unter der Laſt faſt unerſchwinglicher Abga⸗ ben, unter der launenhaften Willkür einer nicht volks⸗ thümlichen Regierung, unter dem Drucke wechſelnder, nur auf ihre ſchnelle Bereicherung bedachter Günſtlinge, un⸗ ter dem ſchädlichen Beiſpiele feiler Maitreſſen ſteht Ihr Vaterland an dem Rande des Abgrunds. Ihr kinderlos gebliebener Nachfolger, geiſtig und leiblich entnervt durch den Einfluß niedriger Leidenſchaften, ſieht täglich ſeiner — Auflöſung entgegen. Seine Gemahlin, geſetzlich von einer unglücklichen Ehe geſchieden, iſt zu ihrem Va⸗ ter zurückgekehrt. Das Feuer des Aufruhrs glimmt bereits in allen Schichten des Volks. Des Fürſten Tod wird ihn in hellen Flammen auflodern laſſen, wird das Zeichen zum blutigen Bürgerkriege, zur Einführung der rothen Republik geben, wenn nicht eine geſchickte, kräftige und vor allen Dingen geliebte Hand die Zügel der Re⸗ gierung ergreift. Dieſe Hand iſt keine andere als die Eurer Durchlaucht. Davon ſind die edelſten und höch⸗ ſten, wie die ärmſten und niedrigſten Ihrer einſtigen Un⸗ terthanen überzeugt. Daſſelbe Volk, welches einſt in ſei⸗ ner argen Verblendung den beſten der Fürſten von ſich ſtieß, beweint bitterlich dieſe Sünde. Ein Schrei durch⸗ hallt das ganze Land: der Schrei nach Ihrem Wieder⸗ beſitze! Gehorchen Ew. Durchlaucht dieſem Rufe als ei⸗ nem göttlichen, den Ihnen zu hinterbringen, wir von 175,000 Unterſchriften wackrer Männer beauftragt ſind. Das ſelige Bewußtſein, ein ſonſt glückliches Volk vor den blutigen Greueln des Bürgerkrieges bewahrt zu haben, wird Ihr ſüßer Lohn ſein.“ „Lieber Graf von Seinsheim—“ verſetzte Horſa— „ein Menſch, der einen ſchreckensvollen Schiffbruch erlit⸗ ten und nur mit genauer Noth ſein nacktes Leben davon getragen hat, wird ſchwerlich aufs Neue ſich einem ge⸗ brechlichen Fahrzeuge anvertrauen wollen. Fürchtet doch ſchon ein gebranntes Kind ſich des Feuers. Als mein Volk mich verſtieß, entband es mich meiner Fürſtenpflich⸗ ten, gab es mich mir ſelbſt zurück. Jetzt bin ich Gatte, Vater, Schwiegerſohn und Schwager und als ſolcher an die heiligſten Pflichten gekettet, die mit mei⸗ — 125— ner Rückkehr auf den Fürſtenſtuhl ſchnöde zerriſſen wer⸗ den müßten. Meine Ehe mit einer Kohlenbrenners⸗ tochter würde man für ungeſetzlich, meine Kinder für un⸗ ebenbürtig, meine Verwandtſchaft für meiner unwürdig erklären. Gleichwohl beſitze ich in meiner Frau, meinen Kindern und Verwandten mein höchſtes, mein theuerſtes Erdenglück. Und ich ſollte alle dieſe, mit heißer Liebe an mir hangenden Herzen für den kalten Reif einer Für⸗ ſtenkrone laſſen? Das wollen Sie mir nimmermehr zu⸗ muthen, meine Herren!“ „Ein ſolcher Gedanke iſt uns fern—“ entgegnete der Sprecher.„Katharine, die größte der Ruſſenkaiſerin⸗ nen, war eines gemeinen Dragoners Frau geweſen und noch heute iſt eine Poſtmeiſterstochter die Zierde, die Mutter und das Glück eines hohen deutſchen Fürſtenhau⸗ ſes. Ihre Frau Gemahlin, mein Fürſt, aus dem Volke entſproſſen, würde um ſo freudiger als die echte Landes⸗ mutter begrüßt werden.“ „Erlauben Sie, mein edler Fürſt—“ ſprach hervor⸗ tretend, der Pfarrer Schwarz aus Müggendorf—„daß auch ich meine Bitten um Gewährung unſers gemeinſa⸗ men Wunſches laut werden laſſe. Ihre Ehe mit Anna Roſine Schmidt iſt vor Gott und Menſchen gültig voll⸗ zogen worden, Ihre Nachkommenſchaft daher ebenbürtig. Entſinnen Sie ſich noch, daß ich Ihre Frau Gemahlin vor dem Altare befragte, ob ſie Herrn Horſa, genannt Heinrich Tronicke zu Ihrem ehelichen Gemahle nehmen wolle? Auch ſteht in dem Kirchenbuche Ihr wahrer Name und früherer Stand gewiſſenhaft eingezeichnet, daher über die Rechtsgültigkeit Ihrer Ehe auch nicht der leiſeſte Zweifel erhoben werden kann. Die Zeiten ſind, Gott — 126— Lob, vorüber, wo Fürſten die Heiligkeit und Unverletz⸗ lichkeit der Ehe durch das Antrauen an die linke Hand und durch allerlei Spitzfindigkeiten, wie ſolche von feilen Höflingen erſonnen worden, umgehen zu können glaubten. Mein Fürſt, hier die Gelegenheit, wo Sie Ihr Wort, das mir ein Anrecht auf Ihre Dankbarkeit einräumte, einlöſen können.“ WMit Herzlichkeit drückte Horſa dem wackern Pfarrer die Hand.„Sie haben durch die Einſegnung meines Ehebundes mein Glück gründen helfen—“ ſprach er. „Wie gern erfüllte ich daher Ihre Bitte! Doch bedenken Sie, welch' einer großen Gefahr ich die Meinigen aus⸗ ſetze, wenn ich in den Fürſtenſtand zurückkehre. Meine Anna iſt das beſte, liebendſte, offenſte und treueſte We⸗ ſen und darum mein ganzes Glück. Wird ſie aber alſo bleiben, wenn das verderbliche Gift höfiſcher Schmeichelei, des eitlen Glanzes, böſer Zungen und feiner Verführungs⸗ künſte auf ihre bisher reine Seele einwirkt? Meine ge⸗ liebten Kinder, werden ſie nicht zu eigenwilligen, dünkel⸗ vollen und genußſüchtigen Menſchen verzogen werden? Ach, mein Freund! Sie kennen noch nicht den hölliſchen Pfuhl, welcher jedem Fürſtenhofe zugeſellt iſt.“ „Zerſtören Sie denſelben, mein Fürſt!“ rieth der Pfarrherr—„Entfernen Sie von ſich das Heer der Schmeichler und überflüſſigen Diener. Was hindert Sie, ſelbſt als Fürſt ein einfaches, häusliches Leben zu füh⸗ ren? Sind Hofmarſchälle und Kammerherren, Kam⸗ merjunker und Kammerdiener und wie die Unzahl der fürſtlichen Anhängſel alle heißen, t zum Wohle eines ondesi 2 Ich glaube nicht.“ — 127— Mit Vergunſt, Ehrwürden—“ ſprach Scholle, ſich dem erſtaunten Horſa vorſtellend— zich erlaube nur zu bemerken, daß ohne ein getreues Hofanhängſel unſer ed⸗ ler Fürſt Horſa verloren geweſen wäre. Ew. Durch⸗ laucht—“ fuhr er zu Horſa fort—„werden augenblick⸗ lich errathen, daß ich damit Niemanden anders, als den guten Seifried meine, der für ſeine Treue noch jetzt auf der Feſtung ſitzt. Sodann wage ich auch noch ein Für⸗ wort für die Schauſpielkunſt und deren zahlreiches An⸗ hängſel einzulegen. Dieſelbe wolle Ew. Durchlaucht doch ja nicht unterdrücken, um einige tauſend Thaler zu er⸗ ſparen. Wie viel trägt die Schauſpielkunſt zur Bildung, Veredelung und zur Erholung des Volkes bei! Wahr iſt es zwar, daß viele Kehlen der Opernſänger und Schau⸗ ſpieler ganz übertriebene Anſprüche machen; allein des⸗ halb darf man nicht gleich das Kind mit dem Bade aus⸗ ſchütten. Endlich wollen Ew. Durchlaucht auf mich einen gnädigen Blick fallen laſſen, der ich mir vorkomme, wie ein Geiſt, der von einem lange beſeſſenen Menſchen hat ausfahren müſſen, Ruhe ſucht und dieſe nirgends findet. Ja, mein Fürſt, mit dem Amte eines Hoftheaterfriſeurs iſt mir zugleich meine Ruhe, mein Glück, mein Alles ge⸗ nommen worden. Erbarmen Sie ſich daher meiner, er⸗ greifen Sie wieder die Zügel der Regierung und ſtellen Sie mich auf meinen alten Poſten zurück.“ „Auch ich erhebe meine ſchwache Stimme—“ hob, hervortretend der dicke Gutsbeſitzer Schmiedel an und dieſe angeblich ſchwache Stimme rollte wie ein Donner durch die Scheune—„und zwar im Namen des ehrba⸗ ren Bauernſtandes, der ſchier unter dem jetzt auf ihm haftenden Drucke erliegen muß. Als ich einſt ſo glücklich — 128— war, Ew. Durchlaucht zum Schein, Ihre Verfolger aber über den Löffel barbieren zu können: da gelobte mir Ew. Durchlaucht unter dem Spritzleder meines Wagens her⸗ vor den feurigſten Dank. Jetzt, mein Fürſt, iſt die Stunde gekommen, wo Sie durch die That dieſen Dank mir beweiſen können. Erhören Sie unſere Bitte und werden Sie wieder unſer gütiger Regent.“ „Ich verkenne nicht das Gewicht Ihrer Gründe, meine Herren—“ entgegnete Horſa bewegt—„aber in der Schule, welche ich ſeit 6 Jahren ſchon beſucht, habe ich noch weit mehr Gegengründe gelernt.“ „Ihr Volk, mein Fürſt—“ ſprach Graf Seins⸗ heim—„hat während derſelben Zeit gleichfalls eine lehr⸗ reiche Schule durchgemacht, ſo daß es nie wieder in ſei⸗ nen alten Fehler gegen Ew. Durchlaucht zurückfallen dürfte.“ „Sie werden alsbald die Vergeblichkeit Ihrer Bitten einſehen, meine Herren—“ erwiederte Horſa—„wenn ich Ihnen ſage, daß mein Schwiegervater nur unter der Bedingung ſeine Tochter mir zum Weibe gab, nie und unter keiner Bedingung wieder in den Fürſtenſtand, ge⸗ ſchweige in den eines Regenten, eintreten zu wollen. Ich leiſtete dieſes Verſprechen und werde es zu halten wiſſen. Da kommt mein Schwiegervater ſelbſt. Fragen Sie ihn, ob ich die Wahrheit geſprochen habe oder nicht.“ Vater Schmidt, von dem Gegenſtande der Verhand⸗ lung unterrichtet, pflichtete der Weigerung ſeines Schwie⸗ gerſohns bei.„Meine Tochter—“ ſprach er—„würde nur unglücklich werden, ſo wie deren Kinder, meine En⸗ kel. Zwar hat Horſa oder Heinrich den vormaligen Für⸗ ſten mit ſeinen Launen und Gewohnheiten ausgezogen⸗ — Wer aber bürgt mir, daß er auf dem eisglatten Hofbo⸗ den nicht zum Straucheln komme? Ich mag mein her⸗ ziges Kind nicht dem Raſerümpfen vornehmer Gecken und Hofdamen ausſetzen, nicht ihre Seele vergiften laſſen durch Schmeicheleien, nicht ihr Lebensglück vernichten.“ Horſa zeigte dadurch, indem er dieſe ziemlich anzüg⸗ lichen Worte ſeines Schwiegervaters unwiderlegt ließ, daß er wirklich den Fürſten abgelegt habe. Die Abgeſandten aber wendeten bei ihrem Sturmlaufen gegen Horſa's Her⸗ zen immer wirkſamere Mittel an. Nachdem ihre leichten Plänkler, ihre Huſaren und ihre Infanterie zurückgewor⸗ fen worden waren, ließen ſie die ſchwere Reiterei, ja zu⸗ letzt die Leibgarden vorrücken. Die ſchwere Reiterei beſtand in dem Oberförſter Henneberg und deſſen Sohne Eduard, welcher Letzterer ſein etwas lahm gebliebenes Bein durch einen Stock un⸗ terſtützen mußte. Als er in Begleitung ſeines Vaters aus der Menge vortrat, verhüllte Horſa voll männlicher Scham ſein Antlitz mit beiden Händen. Denn der junge Mann war Horſa's Nemeſis, welche ihn an den ſtraf⸗ barſten Augenblick ſeines ganzen Lebens erinnerte. „Durchlaucht—“ hob der Oberförſter an—„erin⸗ nern ſich, daß Sie in meinem Hauſe einſt gaſtfreundliche Aufnahme gefunden haben. Soll ich dafür noch länger mit den Meinen als ein Verbannter fern von meinem theuern Vaterlande leben? In Ihrer Macht ſteht es, die Heimath und mit ihr zugleich mein ehrenvolles Brot, meine frühere Wirkſamkeit mir zurück zu geben. Zwar iſt mir nicht unbekannt geblieben, daß die Geldſummen, die wir im Auslande von Zeit zu Zeit durch die Poſt erhalten haben, von„ Hand gekommen und ſauer Nieritz, Fürſtenſchule. 9 — 130— von Ihnen erworben worden ſind. Allein Almoſen zu nehmen, wo man noch rüſtig arbeiten kann, bleibt immer eine tiefe Demüthigung. Die Gefahr, welche Ihr Herr Schwiegervater für ſeine Tochter und Enkel in Ihrer Thronbeſteigung erblickt, iſt eine bloß eingebildete; aber die Noth, welche meine Kinder ſeit 6 Jahren um Ihrer⸗ willen ertragen müſſen, iſt eine wirkliche. Sehen Sie da meinen Eduard, der ſtets bereit war und iſt, auch ſein Leben für Sie aufzuopfern, verdient er Ihr Mitlei⸗ den nicht?“. „Mein edler Fürſt—“ nahm Eduard das Wort— „verzeihen Sie meinem guten Vater ſeine etwas ſcharfen Worte, namentlich in Bezug auf mich, der ich frei, ein glücklicher Gatte und Vater bin und zwei geſunde, ar⸗ beitfähige Aerme beſitze. Aber gedenken Sie nicht der Getreuen, die um Ihrerwillen ſeit Jahren im Kerker ſchmachten? Deren Auge an jeden Morgen hoffend der Sonne der Freiheit entgegenſteht, um des Abends ver⸗ zweiflungsvoll ſich wieder zu ſchließen? Haben Sie Ih⸗ res Freundes Strauchwitz, Ihres treueſten der Diener, Seifrieds, vergeſſen? Sie vermögen durch ein Wort die Schlöſſer und Riegel an ihrem Kerker zu ſprengen und wollen dies aus ungegründeter Beſorgniß nicht thun? Wehe, ach wehe den Aermſten, die um Ihrer Rettung willen nicht an ihre eigene Zukunft dachten!“ „Eduard! hören Sie auf! Sie zerfleiſchen mir das Herz! rief Horſa und rang die Hände. Vater Schmidt, welcher ſtumm zu Boden geſehen hatte, blickte jetzt auf und nach der Scheunenthüre hin, als ob er von dorther einen Beiſtand erwarte. w trat durch jene herein ————— —— — 131— Anna nebſt einer etwas älteren Dame, welcher 3 Kinder verſchiedenen Alters auf dem Fuße folgten. „Was willſt Du hier, Kind?“ rief Vater Schmidt und vertrat ſeiner Tochter den Weg.„Hier handelt ſich's um ein Geheimniß, das Dich näher angeht, als Du ahneſt.“ „Glaubt Ihr, Vater!“ entgegnete Anna ſanft— „daß mein Heinrich für mich ein Geheimniß habe? Ich weiß längſt ſchon ſeinen wahren Stand und durch dieſe edle Frau auch noch, um was es ſich hier handelt. Plötzlich ließ ſich aus der Mitte der Verſammlung eine rauhe Stimme vernehmen, welche Horſa's einſtigen Be⸗ freier, den verabſchiedeten Lieutenant Kurz angehörte. „Durchlaucht!—“ rief er polternd, indem er ſich⸗ vordrängte—„ich bin ein alter Soldat und darum an lange Umſtände nicht gewöhnt. Donner und Doria! wie kommen Sie mir vor? Thun Sie doch gerade ſo, als ſollten Sie alleweile auf ein Sandhäufchen zum Er⸗ ſchießen niederknieen, anſtatt ſich einen Fürſtenhut auf⸗ ſetzen zu laſſen. Es iſt wahr, man iſt einmal nicht zu⸗ frieden mit Ihrem Regieren geweſen und Sie haben des⸗ halb ein Haar darin gefunden. Aber, mein Himmel! wer wird gleich ſo übelnehmiſch ſein? Ich habe mir als Soldat ungleich mehr gefallen laſſen müſſen, bin aber deswegen nicht aus der Haut gefahren. Sie ſind indeſ⸗ ſen in einer Schule geweſen, wo Sie etwas haben lernen können. Ihr Volk aber auch. Meinen Sie, daß unſer Herrgott ſolches ohne gute Abſicht hat geſchehen laſſen? Verſuchen Sie es mit dem Regieren noch einmal. Geht's wieder nicht: nun, ſo haben Sie geſpaßt und Niemand wird's Ihnen verübeln, wenn Sie ſich dann für immer — 2— in das Privatleben zurückziehen. Unſer Herrgott kann's auch den Leuten nicht immer recht machen und gleichwohl ſtellt er ſein Regieren nicht ein. Bilden Sie ſich ja nicht ein, daß Sie glücklich ſein und bleiben werden, wenn Sie hier in Ihrer Zurückgezogenheit hören müſſen, daß Ihr Vaterland von allen Greueln des Aufruhrs und des Bürgerkriegs verheert wird? Und wenn Sie der Anſicht ſind, daß Sie nur für ſich und Ihre Familie, und nicht für das Geſammtwohl ſorgen ſollen: ſo ſind ſie der ärgſte Egoiſt von der Welt. Haben Sie vergeſſen, was Chri⸗ ſtus, das Vorbild aller Chriſten, gethan hat? Er opferte ſein Leben auf dem Kreuzesſtamme für dieſelben undank⸗ baren Menſchen, die ihn verſpottet, gegeißelt und zum ſchimpflichſten Tode verdammt hatten.“ Hier ſchwieg der Kriegsmann. Horſa, von namen⸗ loſen Gefühlen durchſtürmt, blickte Vater Schmidt an.„Ich habe Euch mein Wort gegeben, Vater!“ ſprach er matt. „Ich begebe mich deſſen—“ entgegnete Vater Schmidt in ſeiner Ungewißheit, was er thun ſollte—„und trage es auf meine Tochter über. Sie mag entſcheiden.“ Da richteten ſich Aller Augen bittend auf Anna, welche nicht wußte, wohin die ihrigen wenden. Die Dame, welche mit ihr hereingekommen und keine Andere als Amalie, Eduards Frau, war, ſagte mit leuchtendem Blicke:„Reden Sie, theure Anna, wie es Ihnen Ihr edles Herz eingiebt. Reden Sie als unſre Landesmutter, als die Mutter von mehr als einer Million Kindern.“ Vom Boden erhob Anna ihr Ange, das nun feſte, hochbegeiſterte. ſns „Der Herr—“ ſagte ſie mit vernehmlicher Stimme— „welcher vorhin ſprach, hat Recht. Vor dem Wohle und Wunſche eines ganzen Volkes muß das Glück und der Wille des Einzelnen zurücktreten. Wie mich mein Hein⸗ rich, mache Horſa ſein Volk glücklich. Und Horſa wird— das weiß ich gewiß— kein Andrer mir ſein als Heinrich bisher geweſen iſt.“ „Mein gutes Weib!“ rief Horſa tief gerührt und ſchloß Anna in ſeine Aerme. „Mein liebes Kind! Du haſt mich beſiegt—“ ſprach Vater Schmidt voll Zärtlichkeit. „Heil, Heil unſerm geliebten Fürſtenpaare! Hoch lebe unſre gütige Landesmutter! Hoch leben alle die Ih⸗ rigen!“ tönte es von allen Seiten. Die Männer, die glänzenden Augen voll Thränen der Freude, drängten ſich um das Fürſtenpaar. Wer nicht zu ihm heranlangen konnte, umarmte in ſeinem Wonnenrauſche den erſten, beſten Nachbar. Die Scheune ward zum Freudentempel— die harte Tenne mit Freu⸗ denzähren beſäet. Fürſt Ottokar war zu ſeinen Vätern verſammelt worden, Horſa, ſein Nachfolger, durch Ehrenpforten in ſein Land eingezogen. Von der Gränze bis zur Haupt⸗ ſtadt war ſeine Reiſe ein nicht endender Triumphzug ge⸗ weſen. Meilenweit im Umkreiſe hatte die Bevölkerung ihre Wohnungen verlaſſen, um das heiß erſehnte Fürſten⸗ paar zu ſehen und zu begrüßen. Durch zahlloſe Triumph⸗ bögen und Ehrenpforten fuhr der Wagen Horſa's dahin, welcher die hineingeworfenen Blumen nicht alle zu faſſen vermochte. Ueberall derſelbe Zudrang der begeiſterten Menge— überall freudeweinende, wie frendelachende Geſichter— überall daſſelbe Jubelgeſchrei. Wer mag die Gefühle der jungen Landesmutter beſchreiben wollen, als ſie an der Seite ihres Horſa und ihrer Kinder in die vollgedrängten Straßen der Hauptſtadt einfuhr, als der Donner der Kanonen, das Läuten aller Glocken, die ———— — — 134— ſchmetternde Muſik der reihenweis aufgeſtellten Krieger, der betäubende Jubelruf ſie empfing und begleitete, als ihr ſchüchterner Blick die Fenſter der Häuſer, ja ſelbſt deren Dächer mit zahlloſen Menſchen beſetzt ſahe, welche ihr Lebehoch mit dem Schwenken von Tüchern begleiteten. Kopf, Nacken und Rücken ſchmerzten ihr von dem unauf⸗ hörlichen Neigen gegen die grüßende Volksmenge; ihre Augen waren geröthet von den zahllos vergoſſenen Thrä⸗ nen der Rührung und das Herz drohte ihr zu zerſprin⸗ gen unter der Gewalt des nie erlebten Eindrucks. Horſa zitterte für ſeine Frau, als er immer und immer wieder die lauten Ausrufe vernahm:„Seht wie ſchön ſie iſt! Wie freundlich— wie demüthig— wie höflich ſie iſt! Wie ſie vor Rührung weint! Welch ein . Engelsgeſicht ſie hat! Welch ein ſchwarzes Haar! Welche ſchönen Augen!“ Anna aber überhörte dieſe ihr geltenden Urtheile der Menge und ihr Ohr blieb dem Rufe der Schmeichelei verſchloſſen. Endlich hielt der Wagen vor dem fürſtlichen Schloſſe. Hier wartete der geſammte Troß der Hofdienerſchaft, vom Oberhofmarſchalle an bis zum unterſten Küchenjungen herab, des Fürſtenpaars. Wie viele geſchäftige Hände waren bereit, Horſa und die Seinen aus dem Wagen zu heben! Die, welche Horſa's einſtige Vertreibung mit un⸗ verſchämter Grobheit begleitet hatten, der Kammerherr von Siegmaringen unter ihnen, ſuchten dieſelbe durch deſto tiefere Kriecherei vergeſſen zu machen. 4 In dem großen Saale des Schloſſes ſprach Horſa zu den hierüber Betroffenen alſo:„Ich betrachte mich von heute an als den erſten Bürger des Vaterlandes. Als ſolcher bedarf ich ſo vieler, dienender Hände, der ſteten Gegenwart ſo vornehmer Herren nicht. Ich ge⸗ denke daher nur ſo viele von Ihnen in Zukunft beizube⸗ halten, als die Beaufſichtigung und Inſtandhaltung des Schloſſes erheiſchen. Das Nähere ſoll Ihnen baldigſt eröffnet, für Ihre Zukunft jedoch nach billigen Grund⸗ — 135— ſätzen geſorgt werden. Für heute ſind Sie entlaſſen, in⸗ dem ich allein zu ſein wünſche. Nur Du, mein treuer Freund und Unglücksgefährte“— Horſa umarmte zärtlich den aus dem Feſtungsarreſte befreiten Strauchwitz—„und Du, mein getreuer Seifried— begleitet mich bis in meine Zimmer.“ So geſchah es denn. „Meine Anna—“ hob Horſa an, indem er ihr den Herrn von Strauchwitz vorſtellte—„ſelbſt als vertriebe⸗ ner Fürſt war ich nicht ganz arm, denn mir blieben der treuen Freunde mehrere. Dieſer hier aber war der treueſten Einer, der meinetwegen 5 Jahre auf der Feſtung als Gefangener ſchmachtete. Wie mir, wird er auch Dir und unſern Kindern ein treuer Freund bleiben. Morgen magſt Du mir Dein ſchlimmes Schickſal erzählen, liebſter Freund, und mich entſchuldigen, wenn ich Dich zu gehen bitte. Du ſiehſt, wie ſehr wir, und namentlich mein gu⸗ tes Weib, angegriffen ſind.“ Als Strauchwitz fort war, ſprach Horſa zu Seifried, welcher demuthsvoll an der Thüre ſtehen geblieben war: „An meine Bruſt, mein treuer Freund Seifried, nicht mehr mein Diener! Ich ſetze Dich über mein Schloß und über die Wenigen, welche uns fortan zu bedienen haben. In den nächſten Tagen will ich alle die um mich ver⸗ ſammeln, welche mir im Unglücke treu geblieben ſind und mir Gutes erwieſen haben. Sie ſollen mich nicht un⸗ dankbe elten und auch in Zukunft meine Freunde n geh' und laß' uns allein. Später wirſt ige Erfriſchungen Sorge tragen.“ ein Tag, mein Horſa!“ ſprach Anna, als ed gegangen war, und umfing ihren Gatten.„Welch' Empfang! Unvergeßlich ſoll er mir ſein!“ „Er ſei dies—“ verſetzte Horſa, indem er ſeine Anna voll Zärtlichkeit küßte—„auch wenn das heutige Hoſianna ſich einmal wieder in„Kreuzige ihn!“ verwan⸗ deln ſollte.“ — 136— „Hälſt Du ſo etwas für möglich?“ fragte Anna beſorgt. Könnte eine ſolche Umänderung in dem Menſchenherzen ſtattfinden?“ „Ich weiß es nicht—“ erwiederte Horſa ſanft— „Gott nur weiß es. Aber laß uns alſo leben, daß wir jeden Tag und mit Freuden dieſes Schloß verlaſſen und wieder in unſer Annathal zurückkehren können, wo wir ſo glücklich waren.“ „Ach mein Annathal!“ ſeufzte Anna—„Was der Vater und die Mutter, was Stephan alleweile ſprechen werden?“ „Sie werden unſrer gedenken, wie wir ihrer—“ antwortete Horſa.„Alljährlich aber verleben wir zwei Monate bei den Unſeren im Annathal. Dies ſei mein Lohn, wie meine Erholung nach den ſchweren Sorgen der Regierung.“ „O ſchön, mein Horſa!“— ſprach Anna freudig— „Du haſt mir dieſen Wunſch aus meiner Seele geleſen.“ „Unſere Kinder—“ fuhr Horſa fort—„erziehen wir für Einfachheit und Genügſamkeit. Sie ſollen in dem Fürſtenſtande nicht eine Würde, ſondern eine Bürde er⸗ blicken, ſollen lieber der Unterſte im Staate als der Oberſte ſein wollen, ſollen frei am inwendigen Menſchen werden.“ „Ach meine Kinder!“ rief Anna liebend aus und beugte ſich über ihre beiden Sprößlinge herab, welche auf dem Sopha bereits feſt entſchlafen waren— Im Hinblicke auf die geliebten Seinen fö Horſa andächtig ſeine Hände auf der Bruſt. „Mein Gott!“ betete er voll Inbrunſt— ih 5 dir! Erhalte mir dieſen Schatz und mich ſeiner Amen!“ Druck der Hofbuchdruckerei in Altenburg. ſ n m 6 17 1 7 8 9 10 11 12 1 * i 4„ ² S 5 3. 5 4 6