Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von. 3 Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Seih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen mü eines Puches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen ₰ wird „——————— ſſen, bei Entgegennahme e n entſprchende Summe urückgabe von mir zurückerſtattet 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. 2„*— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Gruft und die Haſen. „Es war die höchſte Zeit, daß ich an das Reinigen der herrſchaftlichen Gruft dachte“— ſprach Frau Michelet zu ihrer zwölfjährigen Tochter Antonie.„Sieh, wie der Wind die dürren Blätter des vorigen Herbſtes herein⸗ und herabgewehet hat! Auch an Spinneweben und anderem Schmutze i es nicht. Die Frau Herzogin iſt zwar ſehr gut; es würde ihr aber doch nicht lieb geweſen ſein, wenn ſie an dem und Sterbetage der kleinen Prinzeſſin Iſabelle die Gruft in dieſem Zuſtande gefunden hätte. Ein Glück, daß beide Tage, an welchen die Frau Herzogin nur die Gruft betritt, in die ſchöne Jahreszeit fallen. Kehre ja jeden Winkel recht rein, Antonie! Deine jungen Augen ſehen hier in dem Dämmerlicht ſchärfer als die meinen. Auch magſt du mich aufmerkſam machen, wenn du noch Spinne⸗ weben an den Wänden oder an der Decke erblickſt.“ Der Ort, an welchem dieſe Worte geſprochen wurden, war kein freundlicher. Die Gruft der herzoglichen Familie von Nemours befand ſich unter der Schloßkapelle zu Carlat, einer kleinen, franzöſiſchen Stadt. Eine gewölbte Todten⸗ gruft, welche, in der Erde Schooß gelegen, durch kleine, vergitterte Fenſter von oben nur ein mattes Dämmerlicht . 4 empfängt, iſt ungleich ſchauervoller als ein hügelreicher, im friſchen Grün prangender und mit Blumengewächſen ge⸗ ſchmückter Friedhof, deſſen Denkmäler der Liebe in den gol⸗ denen Strahlen der am blauen Himmel hinwandelnden Sonne erglänzen. Anſtatt der Erde wiederzugeben, was von ihr genommen iſt, verſchwendet der Reiche und Vornehme Tau⸗ ſende, um ſeine und der Seinen irdiſche Hülle der Verweſung zu entreißen. Allein ſind Erz und Marmor, ja ſelbſt Gold und Silber, in welche der bevorzugte Erdenſohn ſeinen Leich⸗ nam betten läßt, nicht eben ſo gut Erde als wie diejenige, in welche das Grab des Armen gegraben wird? Lange Reihen großer und kleiner Särge von Marmor und Zinn zeigten an, daß das Geſchlecht der Armagnacs, welches die herzogliche Würde von Nemours beſaß, ein altes und vielverzweigtes war. Berühmt gewordene Helden und Staatsmänner, Frauen und Jungfrauen, Jünglinge und zarte Kinder harrten hier in feſtverſchloſſenen Särgen dem Auferſtehungsrufe entgegen. Ihre Namen, Würden, Thaten, wie ihre Geburts⸗ und Sterbezeit, verkündeten die in Gold oder Silber eingegrabenen Inſchriften. Sie Alle aber hatten ſich, trotz ihrem berühmten Namen, altem Adel, ihren hohen Würden, umfangreichen Beſitzthümern und tapferen Thaten, vor Demjenigen in den Staub beugen müſſen, deſſen kalter, knöcherner Fauſt kein Sterblicher zu widerſtehen vermag. DDer kleinſte unter den hier befindlichen Särgen umſchloß die Ueberreſte der ganz jung verſtorbenen Prinzeſſin, Iſa⸗ belle von Armagnac. Ein Blumenkranz, den die mütterliche Liebe auf den Sargdeckel niedergelegt, hatte daſſelbe Schick⸗ ſal wie das der darunter ruhenden, jugendlichen Schläferin betroffen. Er war verwelkt, verblichen und zu übel duften⸗ dem Moder geworden. Der Mann, der ſich das ſtärkere Geſchlecht nennt, flieht in der Regel den Anblick des Kirch⸗ hofes, während man denſelben von Frauengeſtalten beſucht und belebt findet, welche die Gräber ihrer Lieben ſchmücken und ſich zugleich den Stachel des Trennungsſchmerzes aufs Neue in das noch nicht geheilte Herz eindrücken. Darum war es auch nur die Herzogin Jolande, welche zweimal im Jahre die herzogliche Gruft betrat, um an dem Sarge ihres Töchterchens zu weinen und ihm ein Liebesopfer von Blumen zu weihen. Während Frau Michelet mit dem Kehrwiſche die Spinn⸗ weben an den Wänden beſeitigte, raſchelte laut das dürre Laub unter dem emſig fegenden Beſen des Mädchens. Staub⸗ wolken ſtiegen empor, ohne daß die vornehmen Schläfer hierzu eine unwillige Miene gezogen oder ein zorniges Wort ge⸗ ſprochen hätten. Sie blieben ſelbſann noch ſtill, als der Beſen über ihre Umhüllung hinwegglitt und ein ähnliches Geräuſch verurſachte, wie der Schornſteinfegerjunge im Rauchfange. Plötzlich ließ Antonie einen Schreckensſchrei von ſich hören, der in dem Gewölbe mehrfach und grauſig wieder⸗ hallte. Ihn begleitete der Schall des niederfallenden Beſens, der dem erſchrockenen Kinde aus den Händen geglitten war. „Was giebt's?“ fragte die nicht minder erſchreckende Mutter, indem ſie die Kehreule ruhen ließ und betroffen nach Antvnien hinblickte, die wie verſteint daſtand und ſtieren Au⸗ ges in den dunkelſten Winkel des Grabgewölbes ſah.„So ſprich doch!“ drängte Frau Michelet mit wachſender Furcht. 6 „Ich ſehe etwas!“— erwiederte Antonie halblaut und mit entſetzter Stimme—„Dort in dem äußerſten Winkel! Iſt's die kleine Prinzeſſin oder ein Geſpenſt?“ „Schlage ein Kreuz über dich, Kind, und rufe die ge⸗ benedeite Jungfrau an“— ſprach Frau Michelet, indem ſie ſelbſt that, wie ſie ihrer Tochter hieß—„und der Spuk wird verſchwinden. Am hellen, lichten Tage zeigt ſich kein Geſpenſt und die arme kleine Prinzeſſin ruht ſo feſt verwahrt in ihrem Zinnſärglein als der Pfirſichkern in ſeiner Stein⸗ ſchale.“ „Es geht nicht weg!“ klagte Antonie, die willig der Mutter Geheiß erfüllt und ſich bekreuzt hatte.—„Ich er⸗ kenne deutlich einen runden Kindskopf und daran zwei Hör⸗ ner. Jetzt regt ſich's! Hört Ihr's raſcheln? Huh!“ Wenn man e daß die Furcht taub und blind mache, ſo iſt das nicht wahr, vielmehr umgekehrt. Der Furchtſame ſieht und hört dagegen, wo nichts zu ſehen und zu hören iſt. So auch hier. Das dürre Laub vor Antoniens Füßen raſchelte leiſe unter einem Lufthauche, aber in dem Winkel dort blieb es ſtill und regungslos. Dennoch ergriff Antonie lautſchreiend die Flucht, und ihre Mutter, angeſteckt von der Angſt ihrer Tochter, ſchrie und flüchtete zugleich. So waren beide bereits bis an die Treppe gelangt, welche aus der Gruft hinauf in die Kapelle führte, als, im ſchroffen Gegenſatz zu dem doppelten Angſtgeſchrei, oben vor den Fen⸗ ſtern des Grabgewölbes eine luſtig pfeifende und trällernde Stimme hörbar wurde. Sie wirkte beruhigend, gleich dem Dele, das mgn über bewegte Meereswogen ausgießt. „Hugo! Hugo!“ rief Frau Michelet erfreut—„biſt du's? Komm ſchnell herab!“ „Seid Ihr hier unten, Mütterchen?“ verſetzte eine mun⸗ tere Knabenſtimme und ein ſchwarzgelockter Kindeskopf legte ſich oben an die Eiſenſtange, welche das Gruftfenſter quer durchſchnitt und verwahrte.„Euch ſuchte ich ja eben. Ihr ſollt ſchnell heimkommen. Euer Bruder, unſer Oheim, iſt angekommen und will Euch im Fluge ſprechen.“ „Komm nur erſt zu uns herab!“ wiederholte Frau Miche⸗ let, deren Muth zu ſteigen begann. Schnell verſchwand oben der Kopf von der Eiſenſtange und bald polterten Hugo's Tritte die Steinſtufen herab. „Hier bin ich, Mütterchen!“ ſprach der Knabe, welcher etwa dreizehn Jahre zählte, aber für dieſes Alter hoch und kräftig aufgeſchoſſen war. „Schlage ein Kreuz über dich und empfiehl dich dem Schutze aller Heiligen“— gebot Fih Michelet ihrem Sohne —„und dann ſieh nach, was in jenem Winkel ſteckt. Deine Schweſter will dort etwas Ungewöhnliches entdeckt haben. Sei aber vorſichtig und fliehe raſch, wenn ſich etwa eine Ge⸗ fahr oder ſonſt etwas Ungeheures zeigen ſollte.“ „In dem Winkel dort?“ fragte Hugo.„Ich ſehe ja nichts. Doch ja, ein kleines, dunkles Häuflein. Sollte ſich ein Luchs oder Wolf, eine wilde Katze oder ein anderes Un⸗ gethier hier eingeſchlichen haben? Reicht mir die Stange mit dem Kehrwiſche, Mutter, und bringt Euch mit Antonien in Sicherheit, indeß ich mich mit dem unbekannten Dinge herumbalge. Zieht Euch zurück, Mutter, Antonie! Puff! Da haſt du Eins mit der Stange und noch eins, und noch 8 zwei! Hei! es rührt ſich nicht und klingt, als ſtieße man auf ausgedroſchenes Erbſenſtroh. Da hat es keine Gefahr und Angſt!“ Hugo warf die Stange von ſich und drang muthig in den Winkel ein, wo er nach dem Gegenſtande der ſchweſter⸗ lichen Furcht langte. „Hm!“ ſprach er vor ſich hin—„was iſt denn das? Sonderbar! Muß das Ding beim Lichte beſehen“ Der Knabe trat unter das eine Gruftfenſter und rief voll Sihe aus „Nun rathet, Mutter! was ich hier in den Händen habe? So etwas lebt nicht mehr! Drei todte Haſen! Aber wie dürr und federleicht! Wie ſind dieſe hier hereingekommen und weshalb? Fühlt ſie nur an, Mutter! Nichts als Haut und Knochen! Hungers geſtorben müſſen ſie ſein.“ „Die armen Thiere!“ ſprach Antonie bedauernd und wagte ihre Hand an den einen der Haſen zu legen.„Wie viel und wie lange mögen ſie gelitten haben, bevor der Tod ſie von ihrer Pein erlöſte! Wie wiederholt mögen ſie nach den Fenſtern hinaufgeſprungen ſein, ohne ſie errkichen zu können! Ach, daß wir nicht eher und öfter die Gruft ausge⸗ fegt haben! Mich jammert's, daß ich's nicht beſchreiben kann.“ „Ja, Hunger thut weh“— erwiederte Hugo, gleichfalls ewezt—„und Durſt noch weher. Weit lieber einen tüch⸗ tigen Schwertſtich ins Herz als verhungern müſſen.“ „Der letzte Winter“— ſprach Frau Michelet—„war ungenöhnlich lang, hart und ſchneereich. Da haben dieſe armen Thiere hier in dem Gewölbe ein ſchirmendes Obdach geſucht und ſolches nicht wieder verlaſſen können.“ ———— 6 „Höchſtens die ell ſind noch zu gebrauchen“— meinte Hugo.„Wißt Ihr, was, Autter: Ich werfe die drei Ha⸗ ſenbälge durch das Fenſter in den Schloßgarten und hole ſie dann unvermerkt ab. Wir müſſen doch etwas für unſern Schreck davontragen.“ „Wie redeſt du doch ſo thöricht!“ antwortete die Mut⸗ ter.„Haſt du vergeſſen, daß unſer Herr Herzog das Erlegen oder Stehlen eines Wildes weit härter beſtraft, als den Mord ¹ und die Beraubung eines Menſchen? Warſt du nicht Au⸗ genzeuge, da der arme Roulet lebend auf den Rücken eines wilden Hirſches geſchmiedet und der alte Berthoud bis auf den Tod geprügelt wurde, weil er drei Rebhühner in Schlin⸗ gen gefangen und verſpeiſt hatte? Sollen wir uns wegen drei verhungerter Haſen in's Unglück ſtürzen wollen? Das bleibe ferne von uns! Wir überbringen den Fund unſerm gnädigſten Herrn und erzählen, wie wir zu jenem gekommen ſind. Vielleicht läßt der Herzog Vorkehrungen treffen, daß ſich ein ähnliches Geſchick nicht zum Winter wiederhole, und ſo ſtiften wir noch etwas Gutes.“ „Ihr ſeid verſtändig, Mutter!“ geſtand Hugo beſchämte .„Und gut!“ ſetzte Antonie hinzu. Hierauf verließ die Mutter mit ihren beiden Kindern, welche die aufgefundenen Haſen trugen, das Grabgewölbe. Als ſie aus der Kapellezin den Schloßhof traten, langte eben Herr Jacob oder Jaques von Armagnac, Herzog von Ne⸗ mours, von einer abgehaltenen Jagd an. Es war gegen das Ende des Märzmonats 1473. Da der Himmelsſtrich i Frankreich ein wärmerer als in Deutſchland iſt, ſo hatte die Natur bereits ihr ſchönſtes Braut⸗ und Blüthenkleid an⸗ 6 10 gelegt. Die Mandel⸗, Pfirſich⸗ und Aprikoſenbäume waren ſchon im Verblühen, während die Kirſchen⸗ und andere Frucht⸗ bäume im vollſten Blüthenſchmucke prangten. Frankreich war zu jener Zeit noch nicht der mächtige Staat, welcher, weil es von einem einzigen Beherrſcher re⸗ giert wird, ſo furchtbar ſeinen Feinden jetzt gegenüber ſteht. Der Sieren mehrere gab es damals, welche, obwohl die Lehen von dem Könige empfangend und denſelben als ihren Ober⸗ herrn anerkennend, in ihren umfaſſenden Ländereien als un⸗ umſchränkte Gebieter herrſchten und zugleich von dem bren⸗ nenden Wunſche beſeelt waren, auch den letzten Schein von Unterwürfigkeit gegen das Oberhaupt des franzöſiſchen Reichs von ſich zu ſtreifen. Der mächtigſte und furchtbarſte dieſer Vaſallen war der Herzog von Burgund, die minder gefähr⸗ lichen Feinde des Königs beſtanden aus deſſen leiblichem Bruder, Carl von Frankreich, aus den Herzögen von Bre⸗ tagne, von Bourbon, von Alengon, von Nemours und von Lorraine, ſowie aus mehreren Grafen und anderen hohen Herren, we lchen die königliche Macht ein Dorn im Auge Wenige Jahre, nachdem Ludwig XI. den franzöſiſchen* Thron beſtiegen hatte, verſchworen ſich ſchon jene vorgenann⸗ ten en gegen ihren königlichen Gebieter und Lehnsherrn. Ihre Kühnheit ging ſo weit, daß ſie mit einen angeworbe⸗ nen Kriegsheere die königlichen Truppen und Ländereien anzugreifen wagten, ja ſelbſt die königliche Hauptſtadt, Pa⸗ ris, mit einem Ueberfalle bedrohten. Ludwig XI. ſah ſic damals auf allen Seiten von offenen und heimlichen Feinden umringt. Er ſelbſt geſtand ſich's ein, daß er die Liebe ſeiner Unterthanen weder beſitze, noch verdiene, denn die Geſchichte — 11 beſchreibt ihn mit Recht als einen herzloſen, falſchen, treu⸗ loſen und grauſamen Fürſten, wiewohl ſie ihm zugleich das Verdienſt einräumt, Frankreichs früher zerſtückte Beſitztheile unter Einen Hut gebracht und ſomit den Grund zu ſeiner jetzigen Macht gelegt zu haben. Seinen zahlreichen Feinden ſetzte Ludwig XI. eine unermüdliche Ausdauer und Beharr⸗ lichkeit entgegen. Weniger durch die Gewalt der Waffen als durch Liſt, Verſchlagenheit, ſcheinbarer Verſöhnlichkeit und durch die Kunſt, Uneinigkeit und Argwohn zwiſchen ſeine Gegner auszuſtreuen, ging der König aus allen feindlichen Anfechtungen als Sieger hervor. Die verführeriſche Macht des Goldes kennend, verſchwendete der ſonſt eben nicht frei⸗ gebige Ludwig XI. daſſelbe mit vollen Händen, um die ver⸗ trauteſten Räthe, die tapferſten Krieger und die nächſten Diener ſeiner mächtigen Gegner zu gewinnen und von ihren Herren abzuziehen. Jacob von Armagnac, Herzog von Nemours, hatte, wie ſchon erwähnt, bereits im Jahre 1465 ſeine Hand und ſeine Macht gegen ſeinen königlichen Herrn erhoben. Von dem⸗ ſelben damals begnadigt, erneuerte er ſein Vergehen zum zweitenmale im Jahre 1470, jedoch mit eben ſo unglücklichem Erfolge als vorher. Von dem oberſten Gerichtshofe zum Verluſte ſeiner ſämmtlichen Beſitzungen, ſeiner Freiheit und des Lebens verurtheilt, entging er abermals dieſer Strafe durch das feierliche beſchworene Verſprechen, jenem Urtheile willig ſich unterwerfen zu wollen, ſobald es ihm jemals wie⸗ der beifallen ſollte, das Verbrechen der verletzten Majeſtät zu begehen. Aus dem hier Erzählten erſieht der Leſer, daß Frau 12 Michelet guten Grund hatte, den Zorn ihres Landesherrn nicht durch das Zurückbehalten der drei verſchmachteten Ha⸗ ſen auf ſich zu laden. Nachdem die Frau den Fund vor des Herzogs Füßen niedergelegt und ihren Bericht darüber been⸗ digt hatte, wendete ſich der Herzog lachend gegen ſeine Ge⸗ mahlin, welche, ihre drei Kinder an der Hand, ihren Gatten zu bewillkommen, herbeieilte: „Ha, Jolande! haſt du ſchon von der neuen Haſenfalle vernommen, welcher wir dieſes feiſte Wildpret zu verdanken haben?“ Unter dieſen Worten ſtieß der Herzog mit ſeinem Fuße „ die verhungerten Haſen ſeiner Gemahlin entgegen. „Sogar meine todten Ahnen liegen noch dem edlen Waid⸗ werke ob“— fuhr der Herzog ſpottend fort—„und verſor⸗ gen ihre Nachkommen mit willkommenen Braten.“ Die Herzogin, eine zartgebaute, etwas bleiche Dame, be⸗ trachtete ſtumm die in der Gruft verſchmachtet aufgefundenen Thiere. Ihr grauſte vor dem Anblick wie vor den unzarten Scherzworten ihres Gatten; jedoch zwang ſie ſich, dieſem Gefühle keinen erſichtlichen Ausdruck zu geben. Deſto un⸗ verhohlener äußerten die herzoglichen Kinder ihr tiefes Be⸗ dauern über die langöhrigen Vierbeinler, die zu Mumien eingetrocknet waren und einen erbarmenswürdigen Anblick darboten. „Ich ſehe ſie in ihrer Todesangſt an der kalten Wand emporſpringen—“ ſprach die junge, elfjährige Prinzeſſin Helene mit ſchmerzvollem Ausdruck. „O wie gern hätte ich euch mein Frühſtück und Abendbrod 2 gegeben!—“ rief der ſiebenjährige Prinz Iſouard aus. 18 13 „Und ich mein ganzes Mittagseſſen!“ ſchluchzte der fünfjährige Hector. „Wie mögen ſie nach einem Biſſen oder einen Trunk Waſſer gelechzt haben!“— klagte Helene. „Sollten ſie in ihrer Noth nicht die zinnernen und ſtei⸗ nernen Särge benagt haben?“ fragte Iſouard. „Wohl gar einander ſelbſt!“ weinte Hector. „Genug des Flennens!“ rief der Herzog heftig.„Schämt euch, Buben, über todte Haſenbälger unmännliche Thränen zu vergießen. Geht das ſo fort, ſo werden meine Söhne einſt den Spinnrocken zieren, anſtatt das Schwert und die Lanze führen. Jolande, du erziehſt die Buben zu ſchwachen Weibern. Ich werde ſie daher andrer Zucht anvertrauen müſſen. Unter Lerreau's Aufſicht werden ſie zu feſterem Holze heranwachſen, als in der verweichlichenden Luft deiner Kinderſtube.“ „Um Gott und aller Heiligen willen—“ erwiederte die Herzogin beſtürzt—„Ihr werdet unſere Söhne doch nicht den rohen, ja blutbefleckten Händen des ſchrecklichen Lerreau anvertrauen wollen? Das hieße ja eine zarte, im Treibhauſe gezogene Pflanze dem rauhen Winterſturme ausſetzen!“ „Ich werde thun, was ich für gut erachte—“ verſetzte der Herzog barſch.„Lieber keine Söhne, als entartete, wei⸗ biſche Erben meines Namens. Verſcharre das Aas, Bube, der du es in der Gruft aufgefunden haſt“— wendete ſich der Herzog zu Hugo, welcher, wie ſeine Mutter und Schwe⸗ ſter, ſtumm daſtand.„Halt!“ fuhr jener haſtig fort, da Hugo die vertrockneten Thiere an ſich nehmen wollte „mir kommt ein köſtlicher Gedanke bei. Mein alter Freund, — — der Herzog von Bretagne, hat mir neulich einen alten, er⸗ blindeten Falken zum Geſchenk überſchickt. Er ſoll dafür die drei Haſenbälge empfangen. Ha! ha! ha! prächtiger Einfall das. Der glückliche Finder ſoll auch der Ueberbringer der Haſen werden, damit ihm das reiche Trinkgeld meines herzoglichen Freundes zu Theil werde. Ha! ha! hal ſchon ſehe ich im Geiſte die großen Augen, die mein Freund Franz über meine Sendung machen wird. In zwei Stunden, Bube, ſtellſt du dich wieder hier ein, wo mein Sendſchreiben an den Herzog bereit liegen ſoll. Du kannſt dir unterwegs Zeit nehmen, denn, ha! ha! ha! deine Ladung verdirbt nimmer.“ Dieſe Worte verſetzten ſowohl die Herzogin, als auch Frau Michelet in die, größte Beſtürzung. Beide Frauen er⸗ blichen und ein Zittern überlief ihren ganzen Körper. Jede von ihnen öffnete die Lippen zu einer abwehrenden Entgeg⸗ nung und verſchloß ſie wieder aus Furcht vor dem Herzoge und unter dem ſtillen Wunſche) daß die Andere den Anfang des Sprechens machen möge. Siegerin über jede Bedenk⸗ lichkeit wurde endlich die mütterliche Liebe. Mit gerungenen Händen warf ſich Frau Michelet zu des Herzogs Füßen nieder. „Habt Erbarmen, gnädigſter Herr!“ rief ſie mit herz⸗ zerreißendem Tone.„Schont meines letzten, einzigen Soh⸗ nes! Mein Mann iſt in Eurem Dienſte erſchlagen worden und mein älteſter Sohn als Euer Bote ausgezogen, um nicht wiederzukommen. Beraubet Eure niedrigſte Magd nicht der letzten Stütze ihres Alters und unſer Hergott wird ſich dafür Eurer wieder erbarmen. Ihr habet ja ſo viele Leute zu Eurer Verfügung! Darum wollt Ihr gerade meinen Hugo, dieſen unerfahrnen Buben, zu Euerm Boten auserſehen? — 15 „Was faſelt das alberne Weib?“ verſetzte der Herzog mit erheucheltem Erbarmen.„Ich will ihrem Buben ein reiches Trinkgeld zuwenden, und ſie träumt von Lebensgefahren! Erliegt der ſtämmige Burſche etwa unter der Laſt von drei vertrockneten Haſenmumien? Oder dürften dieſelben die Habſucht der Strauchdiebe erregen? Oder bergen unſere Wälder der grimmigen Raubthiere ſo viele, daß man von ihnen zerriſſen zu werden befürchten muß? Ha! ſo ſperre deinen Buben ſein Lebelang in ein Kämmerlein und gieb ihm den Spinnrocken in die Hand!“ „Schickt mich, gnädigſter Herr, an die Stelle meines Bruders—“ ſprach Antonie furchtſam.„An mir iſt nicht viel verloren, wenn ich nicht wiederkommen ſollte.“ „Wirſt du den Vorſchlag deiner wackeren Schweſter ein⸗ gehen, Burſche?“ wendete ſich der Herzog zu Hugo.—„Von einem ſchwachen Kinde dich beſchämen laſſen?“ „Schickt mich, wohin es Euch beliebt—“ erwiederte Hugo mit Feuer—„Ich ſtehe zu Euren Dienſten, gnädig⸗ ſter Herr!“ „Höret nicht auf meiner Kinder Rede—“ jammerte Frau Michelet.„Sie wiſſen nicht, um was es ſich handelt Ach, von allen Sendboten, die Ihr an Eure Freunde und Verbündeten ausgeſandt habt, iſt ſelten einer wieder heim⸗ gekehrt!“ „Das beweiſt nichts weiter—“ verſetzte der Herzog— „als daß meine Boten treulos waren und meine Dienſte ver⸗ laſſen haben. Darum will ich es eben mit einem Kinde ver⸗ ſuchen und hoffe von ihm, daß es beſſer den Heimweg wieder⸗ finden werde, als ſein Vorgänger.“ * Hier zog die Herzogin ihren Gemahl mit ſanfter Gewalt abſeits und hob mit flehender Stimme zu ſprechen an: „Um Euer und Eurer Kinder Heils willen beſchwöre ich Euch, von Euerm Vorhaben abzuſtehen. Ihr wißt, daß je⸗ der Eurer Tritte und Schritte, jede Handlung, jedes Wort Eures Mundes von geheimen Kundſchaftern belauert wird, die Euch überall umgeben. Selbſt in dem unverfänglichſten Schreiben an Eure Freunde und Verbündete wird der König eine neue Verſchwörung gegen ſich vermuthen und Euern Un⸗ tergang herbeiführen. Gedenkt des feierlichen Verſprechens, mein Gemahl, und des heiligen Schwurs, den Ihr dem Kö⸗ nige auf das Kreuz von Saint⸗Lo abgelegt habt.“ „Kein Wort weiter, Jolande!“ fuhr der Herzog ſeine Gattin hart an.„Ha! ſollte es mit dem Herzoge von Ne⸗ mours ſoweit gekommen ſein, daß er nicht einmal einen un⸗ ſchuldigen Scherz gegen ſeine Freunde ſich erlauben dürfte? Mag der Konig immerhin erfahren, was ich ſpreche und thue. Ich trotze ſeinen Kundſchaftern und hoffe, ſolche zu überliſten. Es bleibt bei meiner Rede, ſelbſt wenn Ludwig's Henkers⸗ knechte gegen mich im Anzuge ſein ſollten.“ Mit polternden Schritten begab ſich der Herzog in ſein Schloß und die Herzogin folgte ihm mit ihren Kindern und von ſteigender Angſt erfüllt. 17 Bweites Kapitel. * Die Sendung. In einer noch troſtloſeren Gemüthsſtimmung als die Herzogin verließ Frau Michelet nebſt ihren Kindern den Schloßhof. Auf dem Wege zu ihrer Wohnung, welche in einem kleinen Seitengebäude des weitläufigen Schloßbehörs lag, unterbrach Hugo das tiefe, trauervolle Schweigen, in⸗ dem er munter ausrief: „He, Mütterchen, über der Haſengeſchichte haben wir ganz den Oheim vergeſſen, der daheim ſchon lange und mit Schmerzen auf Euch lauern wird. Er iſt gekommen, um die von Euch für ihn geſammelten Arzneikräuter abzuholen.“ „Mein Bruder Jacques?“ ſeufzte Frau Michelet.„Ach, wenn er ein Engel zu unſrer Rettung erſchienen wäre! Er iſt ſehr klug und weiß in den verzweifeltſten Dingen Rath zu ertheilen. Er mag ſagen, was wir thun ſollen. Ob dem Herzoge gehorchen, ob fliehen oder ein anderes Mittel ergrei⸗ fen, um Hugo's Leben zu erhalten.“ Jacques Coittier ſtammte, wie ſeine Schweſter, Frau Michelet, aus Burgund her. Die Verheirathung der Letzte⸗ ren mit Michelet, einem Dienſtmanne des Herzogs von Ne⸗ mours, hatte das Geſchwiſterpaar für eine lange Zeit getrennt. Frau Michelet erfuhr nur ſoviel, daß ihr Bruder Jacques der Heilkunde ſich gewidmet und ſpäter gleichfalls nach Frank⸗ reich ſich übergeſiedelt habe. Erſt nach dem Tode Michelet's, der im Kampfe gegen die königlichen Truppen für ſeinen Dienſtherrn gefallen war, hatte Jacques Coittier ſeine ver⸗ Nieritz, Bruderliebe. 2 wittwete Schweſter zuweilen beſucht. Obſchon ſeine Kleidung die des niederen Standes war, ſo vermuthete doch Frau Mi⸗ chelet aus dem Benehmen und den anſehnlichen Geſchenken ihres Bruders, daß derſelbe mehr ſein müſſe, als er ſich den Anſchein gebe. Sorgſam hatte Coittier jedes Zuſammen⸗ treffen mit dem Herzoge und deſſen Angehörigen vermieden und gewöhnlich ſeine Beſuche in der Dunkelheit des Abends oder in des Herzogs Abweſenheit abgeſtattet. Voll Unge⸗ duld wartete er jetzt auf die Ankunft ſeiner Schweſter, welche ihrem Bruder unter einem Thränenſtrome mit der Nachricht entgegenkam, welche Gefahr ihrem Hugo drohe. Sie be⸗ ſchwor ihren Bruder, den Knaben mit ſich zu nehmen und ihn ſomit den Händen des Herzogs zu entreißen, ſollte ſie auch dadurch deſſen ganzen Zorn auf ſich laden. Cvittier war ein Mann in den vierziger Jahren, von hohem, majeſtätiſchen Wuchſe, über deſſen Adlernaſe ein Paar ſchwarze, durchdringende Augen brannten. Sein dunkles, gelocktes Haar barg eine dicht verſchließende Lederkappe, welche auch den Nacken bedeckte und nur das Antlitz offen ſehen ließ. Ohne eine Miene zu verziehen, hörte er die in Fülle überſtrömenden Worte von dem ſchweſterlichen Munde an. Dann, nach kurzem Ueberlegen, ſchüttelte er mißbilli⸗ gend ſein Haupt. „Wenn der Herzog“— ſprach er—„wirklich weiter nichts beabſichtigt, als er vorgiebt, ſo ſehe ich keine große Gefahr für Hugo daraus erwachſen. Ein Anderes wäre es, wenn er der offenen Sendung noch eine geheime, verbrecheriſche beifügte. Aber ſelbſt in dieſem Falle wäre Hugo's Flucht und dein Zurückbleiben eben ſo unräthlich als gefahrvoll. Denn des Herzogs Arm reicht weit und ſein Sinn iſt zu rach⸗ ſüchtig, als daß ihr euch ſeinem Zorne durch Widerſtand aus⸗ ſetzen dürftet. Mein Rath geht dahin, daß ſich Hugo ſchein⸗ bar in des Herzogs Willen füge und die Sendung übernehme. So wie er aber aus des Herzogs Augen gelangt iſt und ein Stück ſeines Wegs zurückgelegt hat, mag er die Haſenbälge ſammt des Herzogs Schreiben von ſich werfen und ſein Heil in der Flucht ſuchen. Freilich darf der Bube dann nicht wieder hierher zurückkehren, ſondern muß vielmehr den Her⸗ zog glauben machen, daß er von des Königs Leuten aufge⸗ fangen und gleich den übrigen Sendboten bei Seite geſchafft worden ſei.“ „Aber was ſoll der unerfahrene Knabe beginnen“— ſagte Frau Michelet beſorgt—„wenn er ſich ſelbſt über⸗ laſſen bleibt und du dich ſeiner nicht annehmen willſt?“ Jacques Coittier zuckte die Achſeln.„Unter zwei Ue⸗ beln“— entgegnete er—„muß man das kleinſte wählen. Du haſt die Wahl. Kann ich etwas für Hugo thun, ſo ſoll es geſchehen. Allein dabei mache ich es zur unerläßlichen Bedingung, daß bei unſerm etwaigen Zuſammentreffen, au⸗ ßerhalb dieſer Wohnung, Hugo ſich ſtelle, als ſei ich ihm gänglich fremd. Solches präge deinem Gedächtniß unver⸗ löſchlich ein, Junge! Uebrigens dürfte des Herzogs von Ne⸗ mours Maß nächſtens überlaufen und des Königs Nachſicht am Ende ſein. Schon ſehe ich“— fuhr Coittier mit einem ſtarren Blicke in die leere Luft vor ſich fort—„einen bluti⸗ gen Ring um Armagnac's Hals hervorſchimmern— aber, ſchweigt! ſchweigt!“ Hier ſchwieg Coittier ſelbſt und ſah gedankenvoll mit an, 2* wie ſeine Schweſter ihren Sohn zur Reiſe fertig machte, wo⸗ bei ſie unter heißen Thränen ihm gute Lehren ertheilte und die größte Vorſicht anempfahl. Auch brachte ſie ein ſeidenes Schnürchen mit einem kleinen ſilbernen Kreuz herbei, welches ſie ihrem Sohne als einen ſchützenden Talisman umhing. Als Hugo bei dieſer Gelegenheit ſeinen Hemdenhals nach der Schulter hin zurückſchieben mußte, um das mütterliche Weih⸗ geſchenk auf der bloßen Haut zu tragen, näherte der zuſchauende Coittier ſein Antlitz dem Neffen mehr, um ein Muttermal in Augenſchein zu nehmen, das unter dem Halsringe ſich befand und aus einer größeren und einer kleineren braunen Linſe beſtand. Zuletzt ſtülpte Frau Michelet über ihres Sohnes Haupt eine ähnliche Lederkappe, wie ihr Bruder trug, und benetzte ſeine Wangen mit einem Strome von Thränen. An⸗ tonie umhalſte gleichfalls weinend den ſcheidenden Bruder und begleitete ihn nebſt ihrer Mutter bis in den Schloßhof. Hier empfing er das Haſenbündel und aus des Herzogs Hän⸗ den das Begleitungsſchreiben, welches er in des Knaben um⸗ gehangene Taſche ſteckte. Schon wollte Hugo die Beine zum Fortgehen erheben, als der Herzog wie unwillig ausrief: „Halt, Bube! willſt du wie eine Fledermaus um den Kopf von dannen gehen? Hinweg mit der ſchmutzigen Le⸗ derkappe! Jedermann ſoll wiſſen, daß dich Nemours abge⸗ ſandt hat.“ Unter dieſen Worten riß der Herzog die Lederkappe von Hugo's Haupte und ſtülpte ihm dafür einen Hut mit dem herzoglichen Feldzeichen auf, welchen er ſeinem zunächſt ſtehen⸗ den Diener abgenommen hatte. Der Hut war für des Knaben Haupt etwas zu weit, daher er ihm tief in's Antlitz herabging. 21 Grüßend trat Hugo ſeinen Weg an, begleitet von den Segenswünſchen ſeiner Mutter und Schweſter. Ein Gleiches that die Herzogin Jolande, welche oben am Fenſter ſtand, nur daß ſie ihren Wünſchen noch fromme Gelübde hinzu⸗ fügte, dafern ihres Gatten Bote unangefochten ſeine Sendung vollenden würde. Denn es war ihren angſtvoll forſchenden Blicken nicht entgangen, daß ihr Gemahl zwei Blätter Pa⸗ pier verbraucht und längere Zeit zum Schreiben verbraucht hatte, als zu einem einzigen Briefe erforderlich war. Die Worte ſeines Oheims in ſeinem Herzen fleißig be⸗ wegend, ſchritt Hugo Michelet auf dem ihm vorgezeichneten Wege dahin, der ihn bald aus dem Bereiche des Schloſſes wie des Städtchens brachte und in einen der damals noch dichten Wälder ſich verlor. Hier hätte der Knabe ſofort, nach der Anweifung ſeines Oheim, ſeine Bürde wie das ihm beigegebene Schreiben von ſich thun können. Da er aber dann ſeiner Heimath den Rücken hätte zukehren müſſen, Mutter und Schweſter, die mit zärtlicher Liebe ihm anhingen, nicht wiederſehen dürfen, er ſelbſt zugleich einer höchſt ungewiſſen, ja wohl gar gefahr⸗ vollen Zukunft ſich ausgeſetzt haben würde, ſo zögerte er um ſo mehr und mit Recht, dem Rathe ſeines Oheims Folge zu leiſten, als nach des Knaben gutem Glauben, deſſen Sendung nur ein harmloſer Scherz zu Grunde lag und mit ihr, wie Oheim Coittier gefürchtet hatte, keine geheime Nebenabſicht verknüpft war. Ueberdieß ſingt ein bekanntes Liedlein ganz richtig: „Fröhlich und wohlgemuth wandert das junge Blut,“ wenn zumal die Wanderung im neu erwachten Lenze und in ½ Frankreichs ſüdlich prangenden Gauen vor ſich geht, wie bei Hugo Michelet der Fall war. Er pfiff, ſang und hüpfte mit den Vögeln um die Wette, beſchaute ſich und ſeine neue, ſchmucke Kopfbedeckung im kryſtallnen Waſſerſpiegel eines Waldbaches und ließ ſich den ihm mitgegebenen Imbiß treff⸗ lich ſchmecken. Immer weiter und freudenvoller ward des Knaben Herz. Er war bereits faſt drei Stunden weit ge⸗ wandert, ohne daß ihm mehr wie ein Landmann, ein harm⸗ loſer Wandrer oder holzſammelnde Kinder begegnet waren. Da er im Ernſt glaubte, daß, nach des Herzogs Scherzrede, ihm ein reiches Trinkgeld zu Theil werden würde, ſo vertheilte er daſſelbe bereits in Gedanken an ſeine Mutter und Schwe⸗ ſter, ſich zugleich im Voraus an deren freudigem Erſtaunen weidend. In ſeinem Entzücken über das von ſeiner Phan⸗ taſie gemalte Bild that er einen Freudenſprung in die Luft und rief mit ſchallender Stimme aus:„Juchhe! juchheiſaſa!“ Hierbei ſank ihm von der heftigen Bewegung der fremde Hut ſo tief über die Augen und auf die Naſe herab, daß er nichts mehr ſah und beim Weiterſchreiten einen tüchtigen Stolprian machte. Als er ſich emporgehaſpelt und den Hut aus dem Geſicht gerückt hatte, ſah er dicht vor ſich einen be⸗ woaffneten Mann von herkuliſcher Geſtalt ſtehen, deſſen rechte Fauſt ſich ſchwer auf des Knaben Schulter legte und ſolche feſt anpackte. „Woher und wohin?“ fragte der Mann mit ruhigem Tone, wobei er den Knaben vom Kopf bis zu den Füßen muſterte.„So kann Jeder ſprechen“— fuhr er fort, als Hugo Michelet die verlangte Auskunft, der Wahrheit gemäß, ertheilt hatte.„Beweiſe, Beweiſe verlange ich. Dein Be⸗ b2 2 35 richt ſchmeckt zu ſtark nach einem morgenländiſchen Märchen, als daß man ihm ohne Weiteres glauben dürfte. Wo haſt du das Sendſchreiben deines herzoglichen Gebieters? Geh' mit mir, mein Jüngelchen“— ſprach der Mann, als er des Herzogs Schreiben in ſeiner Hand ſah. Mit unwiderſtehlicher Gewalt ſah ſich Hugo von ſeinem Wege ab und in das nahe, dichte Gebüſch gezogen, wo er nach etwa hundert Schritten mehrere Männer in einem Kreiſe um eine Feuerſtelle im trocknen Sande ſitzen ſah. Sie wa⸗ ren nicht kriegeriſch, jedoch gleichmäßig und höchſt einfach gekleidet. Mit Ausnahme eines Einzigen, welcher der An⸗ führer der muthmaßlichen Räuberbande zu ſein ſchien, trug Jeder von ihnen einen mehrfach zuſammengelegten Strick an der linken Achſel befeſtigt. An den nächſten Bäumen lehnten Musketen und außerdem war jede linke Hüfte mit einem kur⸗ zen, aber breiten Schwert umgürtet. Tiefer im Walde wei⸗ deten geſattelte und gezäumte Roſſe, welche offenbar der Bande angehörten. Bei Hugo's Annäherung wendeten die Sigenden ihre Köpfe und Blicke nach dem Knaben hin. Einer nur, in abweichender ſchwarzer Kleidung von vornehmeren Schnitt und feinerem Geſpinnſt blieb mit dem Rücken dem Knaben zugekehrt und blickte gedankenvoll in das matt bren⸗ nende Holzfeuer nieder. Nachdem Hugo's Begleiter in la⸗ koniſcher Kürze ſeinen Bericht vorgetragen und dem Anführer der Bande des Herzogs Schreiben eingehändigt hatte, wen⸗ dete ſich der Letztere mit den ernſt geſprochenen Worten an den Knaben:* „Wenn dir an deinem Leben gelegen iſt, ſo bekenne, ob du außer dieſem Schreiben und dem Haſenbündel noch irgend 24 etwas Anderes an deinem Leibe oder in deiner Kleidung ver⸗ borgen trägſt. Hoffe nicht, durch Liſt oder Lüge mich hinter⸗ gehen zu können. Solches vermag Keiner, am allerwenig⸗ ſten ein unerfahrenes Kind.“ „Führe ihn abſeits, Guichard“— ſprach der Anführer weiter, nachdem Hugo unter Betheuerungen der Wahrheit die an ihn gerichtete Frage verneint hatte. Derſelbe Mann, welcher Hugo's Weg durchkreuzt hatte, zog den Knaben tiefer in den Wald und ſoweit von der übri⸗ gen Bande hinweg, daß er weder dieſelbe ſehen noch deren Reden vernehmen konnte. Nach Hugo's Entfernung erbrach der Bandenanführer das herzogliche Schreiben, welches wörtlich alſo lautete: Geliebter Vetter und Freund, Ihr waret neulich ſo gütig, mir einen einzig ſchönen, wundervoll zur Beize abgerichteten Falken zum Geſchenk zu überſenden. Ich freue mich, Euch jetzt Gleiches mit Gleichem vergelten zu können, indem ich Euch mit dem Ueberbringer dieſes drei feiſte Haſen übermache, welche meine eingeſargten Ahnen in ihrem Grabgewölbe gejagt und bis heute für Euch aufbewahrt haben. Bei dem Verzehren des mürben, lecke⸗ ren Bratens wollet Ihr freundlichſt gedenken Eures Euch in unwandelbarer Liebe und Treue zugethanen Vetters Jacques d' Armagnac. Nach dem Leſen dieſer Zeilen hielt der Leſer das Blatt 3 Fze geheime Nachſchrift mit Citronenſaft dem Papier beigefügt wäre, dieſelbe in gelblicher Farbe zum Vorſchein käme. Doch auch dieſer Verſuch hatte nicht den gewünſchten Erf lg. Nun wurden die Haſenmumien genau unterſucht, zertrennt, zerſtückt und nichts Verdächtiges gefunden. Jetzt wurde Hugo zurückgeholt und die ſorgfältigſte Ausſuchung an ihm vorgenommen. Als dieſelbe eben ſo fruchtlos ſich erwies wie die vorhergegangenen Bemühungen, machte der Bandenanführer ein bedeutſames Zeichen gegen ſeine Leute, worauf einer derſelben ſeinen Strick von der Achſel entnahm und an den umherſtehenden Bäumen ſuchend emporſchaute. Mechaniſch folgten Hugo's Augen dieſem Beginnen und— ein Schrei des Entſetzens und der Todesangſt glitt über ſeine erbleichenden Lippen. Starr haftete ſein Blick auf dem ſchaurig anzuſehenden Leichnam eines unlängſt erſt aufge⸗ hängten Mannes, welcher in mäßiger Höhe an einem Baum⸗ aſte ſeine letzte Ruhe gefunden hatte. Der Anblick war ſo unerwartet und furchtbar, daß der arme Knabe zitternd auf ſeine Kniee fiel und ſeine Hände vor das Antlitz ſchlug. Als er wieder aufzuſchauen wagte, ſah er den Mann vor ſich eine Schlinge in den über einen andern Aſt geworfenen Strick nüpfen, welche jedenfalls für ſeinen Hals beſtimmt war. Jetzt erkannte Hugo plötzlich, in weſſen Hände er ge⸗ fallen war, in Hände, deſſen Inhaber noch weit unerbittlicher und furchtbarer waren als die eines Räubers. Zu wieder⸗ holten Malen hatte Hugo daheim von dem Generalprofoß des Königs, Triſtan, erzählen hören, welcher in Begleitung ſeiner Schergen, Strickreiter genannt, das Königreich durch⸗ zog und gegen Straßenräuber, Diebe„Kundſchafter, Zigeuner 26 und gegen des Königs Widerſacher eine eben ſo ſtrenge als raſche Strafgerechtigkeit ausübte. Dem Ausſpruche Tri⸗ ſtan's, welcher in der Regel auf den Tod lautete, folgte ſofort deſſen Ausführung, wozu es nichts weiter als den erſten, beſten Baum und jenes Stricks bedurfte, welcher Triſtan's Schergen den Namen Strickreiter verliehen hatte. Noch jetzt ſieht man Adjutanten, andere Offiziere und ausgezeichnetere Militairs ähnliche Achſelſchnüre tragen, nur daß ſolche über⸗ ſilbert oder vergoldet ſind. Wenn deren Träger den ur⸗ ſprünglichen Zweck dieſer Schnuren kennten, ſo dürften ſie ſich auf dieſe Auszeichnung weniger einbilden, als ſolches der Fall ſein mag. Nur zu wahrſcheinlich war es, daß Hugo's älterer Bruder, Balduin, gleichfalls in Triſtan's Hände ge⸗ fallen und als ein verrätheriſcher Bote ſeines herzoglichen Gebieters mit dem Tode des Hängens beſtraft worden war. Dieſe Befürchtung hatte Frau Michelet mehrmals gegen ihre Kinder ausgeſprochen und darum auch Hugo's Verwendung zu einem Boten ſo eifrig zu verhindern geſtrebt. War noch kurz vorher Hugo's jugendliches Herz mit ei⸗ ner reinen, innigen Freude erfüllt geweſen, ſo bebte es jetzt dagegen unter der entſetzlichen Angſt eines eben ſo ſchmäh⸗ lichen als fürchterlichen Todes. Ach, es iſt keine leichte Sache, mitten in der Geſundheit Fülle, der aufkeimenden Kraft und der Freude ſein Ende nahen zu ſehen. Bricht ja oft genug der altersſchwache Greis noch in bittere Klagen aus und ſträubt ſich nach Möglichkeit, hält ihm der gefürch⸗ tete Knochenmann das abgelaufene Stundenglas vor das blöde gewordene Auge! 6 Ohne ſich von ſeinen Knieen zu erheben, wendete ſich jetzt der arme Knabe nach dem Generalprofoß um und rief mit kläglicher Stimme und flehend ausgeſtreckten Armen aus: „Erbarmen, gnädiger Herr, Erbarmen! Bei der heiligen Mut⸗ ter Gottes und allen Heiligen! ich trage nichts Geheimes oder Verdächtiges an mir! „Aber in dir? kleine, liſtige Kröte!“ verſetzte Triſtan ruhig,„darum iſt's rathſam, deine verrätheriſche Zunge für immer zu binden.“ „Nein! nein!“ jammerte der Knabe.„Nichts weiter als einen Gruß von meinem Herrn ſoll ich ausrichten. O glaubt mir: ich bin unſchuldig.“ „Deſto beſſer für dich!“— erwiederte Triſtan unge⸗ rührt.„Säheſt du es lieber, ich ſtürbe als Schuldiger? ſprach einſt der weiſe Soerates zu einem ſeiner Schüler, der ſeinen Meiſter beſonders darum ſo ſehr bedauerte, weil er unſchuldig den Giftbrecher trinken müßte. Wie der heidniſche Weltweiſe ſollteſt du auch denken und ſprechen.“ „Habt Mitleid mit meiner Jugend!“ flehte Hugo auf's Neue. „Beſſer, du kommſt jung in den Himmel, als wie ein alter Sünder in die Hölle“— höhnte Triſtan.„Guichard,“ fuhr er fort—„thue, wie ich geboten habe.“ In dem Augenblicke, wo Guichard den ſchreienden und ſich ſträubenden Knaben nach der hanfenen Schlinge hin⸗ ſchleppte, wendete ſich der bisher unbeweglich am Feuer ge⸗ ſeſſene Mann in der ſchwarzen Kleidung zum Generalprofoß und ſagte: „Wartet ein wenig mit dem Aufhängen. Irre ich mich nicht, ſo habt Ihr des Buben Hut unterſuchen zu laſſen ver⸗ Königs Ankunft, die nicht mehr lange ausbleiben wird.“ geſſen. Trägt des Herzogs Bote noch eine geheime Schrift bei ſich, ſo dürfte ſolche nur in dem Hute verborgen ſein.“ Dieſe Bemerkung hatte den Aufſchub der Execution zur Folge, ſo wie daß der während des Ringens dem Knaben vom Kopf gefallene Hut aufgehoben und einer ſcharfen Durch⸗ ſuchung unterworfen wurde. Nicht lange und man zog unter dem dicken, aufgeſchlitzten Filze ein zweites Brieflein von des Herzogs Hand hervor, deſſen Inhalt nichts weiter als ein neuer Plan zur Demüthigung des königlichen Anſehens war. „Habt Dank, Doctor, für Euren guten Rath“— ſprach Triſtan zu dem ſchwarzgekleideten Manne.„Ihr erſpart mir zugleich etwaige Gewiſſensbiſſe, die ich vielleicht ſpäter einmal über das Aufhängen eines vermeinten unſchuldigen Burſchen empfunden hätte. He, Bube! haſt du nochmals eine Ausrede und Betheuerung deiner Unſchuld im Sacke?“ „Bei unſerm gekreuzigten Heiland!“ weinte Hugo zer⸗ knirſcht—„Ich bin unſchuldig! Der Herzog zog mir meine Lederkappe vom Kopfe und ſetzte mir dieſen Hut auf, ohne daß ich von dem Brieflein darin ein Sterbenswörtchen wußte.“ Triſtan lachte höhniſch auf.„Ich glaube dir gern und vollkommen, mein guter Junge!“ ſprach er.„He, Guichard, mache ihn flugs zu einem Märtyrer!“ Hugo's erneutes Schreien und Ringen würde abermals vergeblich geweſen ſein, wenn nicht der ſchwarze Mann am Feuer ſich wieder dazwiſchengelegt hätte. „Wenn Ihr mir für meinen ertheilten Rath Dank ſchul⸗ dig zu ſein glaubt, Triſtan“,— hob er zum Generalprofoß an—„ſo verſchiebet die Hinrichtung des Buben bis zu des 29 „Ach, Doetor!“ erwiederte Triſtan verdrießlich—„was kümmert's den König, ob ein ſolcher Schlingel mehr oder we⸗ niger leben bleibt?“ „Wohl wahr“— antwortete der Doctor—„allein die⸗ ſer Bube dürfte, dafern mich meine Wahrſagerkunſt nicht gänzlich täuſcht, beſtimmt ſein, die Rolle eines Schutzengels in des Königs Leben zu ſpielen.“ Triſtan lächelte ungläubig und ſchüttelte mißbilligend ſein Haupt. Dennoch gab er einen Wink, welcher zu Hugo's Le⸗ ben eine Spanne Friſt hinzuſetzte und den Stillſtand der bei⸗ den Ringenden zur Folge hatte. Der Knabe hatte über ſeinem Schreien und Sträuben gegen Guichard die Stimme ſeines einſtweiligen Retters über⸗ hört. Mit hochaufathmender, laut keuchender Bruſt ſtand er jetzt da und theilte ſeine ganze Aufmerkſamkeit zwiſchen Gui⸗ chard und dem fürchterlichen Triſtan. Eine geraume Weile verſtrich jetzt, während welcher Tri⸗ ſtan und ſeine Begleiter in halblauter Rede mit einander ver⸗ kehrten. Endlich ertönten Huftritte in der Ferne, welche raſch ſich der Stelle naheten, wo Triſtan nebſt ſeinen Leuten gelagert war. Bei dieſem Geräuſche erhoben ſich Alle auf ihre Füße und als ſie einen Mann in ſchlichter Kleidung, be⸗ gleitet von noch zwei Reitern in Dienertracht, herbeiſprengen ſahen, nahmen ſie eine ehrerbietige Haltung an und erwarte⸗ ten gebückten Hauptes den König, von deſſen bevorſtehender Ankunft ſie in Kenntniß geſetzt worden waren. Ludwig XI., König von Frankreich, liebte es, ja ſuchte etwas darin, von ſeinem Aeußern und ſeiner Kleidung jede königliche Pracht zu verbannen. Weder funkelnde Ordens⸗ 30 * ſterne, noch ſeideſchillernde Ordensbänder, weder goldene, noch ſilberne Treſſen und Stickereien, weder theure Edel⸗ ſteine, noch feine Stoffe waren an ihm zu erſehen. Für ge⸗ wöhnlich ging er bürgerlich einfach gekleidet und an ſeinem, nicht feinen Filzhute war das zinnerne Abbild der heiligen Jungfrau beftſtigt. Außer Ludwig XI. haben noch mehrere Herrſcher und fürſtliche Helden ſich der Einfachheit ihres Anzugs befleißigt. So Carl XII., König von Schweden, Napoleon I., Kaiſer von Frankreich, Friedrich der Große, König von Preußen, und Andere mehr. Ob aber die Tugend der Demuth der Beweggrund bei dieſer Schmuckloſigkeit allemal war, möchte zu bezweifeln ſein. Nicht ſelten mag das kitzelnde Gefühl, ſich trotz dem einfachſten Aeußeren von reich beſternten und geſchmückten Herren tief verehrt zu ſehen, ſeinen Antheil an jener ſcheinbaren Beſcheidenheit gehabt haben. Wenigſtens hat Carl XII. an dem unglücklichen Patkul und Napoleon I. an dem Herzoge von Enghien und dem Buchhändler Palm bewieſen, daß unter ihrem ſchlichten Rocke das ehrgeizigſte Herz von der Welt ſchlug. Der Anblick des aufgehenkten Menſchen war für Lud⸗ wig XI. wohl eben ſo unbedeutend, als wäre es nur eine in der Schlinge gefangene Droſſel geweſen. Dagegen zauberte der verrätheriſche Inhalt des einen herzoglichen Schreibens ein ſchadenfreudiges Lächeln auf ſeinem Antlitz hervor und er barg das Papier nebſt ſeinem unſchuldigeren Gefährten ſo ſorgſam in ſeiner 6 als wäre es der koſtbarſte Edel⸗ ſtein geweſen. „Die Frucht iſt reif“— ſprach er in Bezug auf Jacques von Armagnac—„und wird eheſtens vom Baume fallen, um zertreten zu werden. Nie habe ich an eine Sinnesän⸗ derung des Herzogs geglaubt und freue mich, mich hierin nicht geirrt zu haben. Allein, Triſtan, in einem ähnlichen Falle wie der vorliegende, begnügſt du dich, das Original eines verrätheriſchen Schreibens an dich zu nehmen, den Bo⸗ ten deſſelben dagegen mit einer nachgeahmten Abſchrift unge⸗ hindert ſeines Weges ziehen zu laſſen, damit er ſeine Sendung ausrichte, wie wenn nichts vorgefallen wäre. Dießmal biſt du freilich ſchon zu weit gegangen und wirſt alſo mit dem Boten thun müſſen, was Rechtens iſt.“ „Da habt Ihr es, Doctor!“ wendete ſich Triſtan mit höhniſchem Ausdruck an den Fürbitter Hugo's.„Der Burſche wird Euch ſchlechten Dank dafür wiſſen, daß Ihr ſein Leben um ein paar Viertelſtunden verlängert habt. Ohne Euch hätte er es nun ſchon längſt überſtanden und des Himmels Freuden gekoſtet.“ Als der„Doctor“ genannte Mann vom Feuer ſich er⸗ hoben hatte, um den König zu empfangen, war Hugo zum erſtenmale ſeiner völlig anſichtig worden und betroffen zu⸗ ſammengefahren. Ein Glück, daß ſeine Umgebung, in Er⸗ wartung des Königs, all ihre Sinne und Gedanken auf den⸗ ſelben gerichtet hatte, denn außerdem würde ihnen gewiß weder dieſes Zuſammenfahren des Knaben, noch deſſen übel unterdrückter Ausruf des Staunens entgangen ſein. Hugo glaubte nämlich, in dem ſchwarzen Manne, trotz der gänzlich verſchiedenen Kleidung und würdevollen Hal⸗ tung, ſeinen Oheim, Jacgues Coittier, wieder zu erkennen, v. 32 und da derſelbe jetzt zum Könige zu ſprechen begann, war auch Hugo's letzter Zweifel hierüber beſeitigt. Große Gefahr pflegt manche Menſchen kopf⸗ und rathlos, andere dagegen geweckt und geiſtesſtark zu machen. Hugo zählte zu der letzteren Art und darum erinnerte er ſich ſchnell des ſcharfen Gebots ſeines Oheims, gegen denſelben ſich fremd zu ſtellen, und befolgte treulich jetzt daſſelbe. „Sire“— ſprach Jacques Coittier, den ſeine große Geſchicklichkeit in der Heilkunde bis zu einem königlichen Leib⸗ arzt erhoben hatte, zu Ludwig XI.—„Fgeſtattet mir, Eurer Majeſtät meinen Traum in der letztverwichenen Nacht zu er⸗ zählen, welcher mit dem Geſchick Eurer Majeſtät im innigen Zuſammenhange ſtehen dürfte. Bevor ich mich geſtern Abend zur Ruhe niederlegte, hatte ich die Geſtirne über die Zukunft Eurer Majeſtät befragt, ohne jedoch eine gewünſchte, klare Auskunft erlangt zu haben. Dagegen träumte mir im erſten Schlafe, daß ein Knabe, ein genaues Abbild dort von des herzoglichen Boten, mit einem Muttermale unter der linken Seite des Halſes, von der Geſtalt zweier, brauner Linſen, das Leben Eurer Majeſtät von einer drohenden Gefahr er⸗ retten würde. Es bedarf wohl nicht erſt meiner Verſicherung und des Zeugniſſes Triſtan's, daß mir jener Knabe gänzlich fremd und ſein entblößter Hals noch nicht zu Geſicht gekom⸗ men iſt. Und nun, Sire, laßt nachſehen, ob des Herzogs Briefbote Euer von mir im Traume geſehene Lebensretter iſt oder nicht. Im letzteren Falle mag Triſtan nach ſeinem Gut⸗ dünken mit ihm verfahren.“ Jacques Coittier, welcher ſeinen königlichen Gebieter durch und durch kannte, wußte nur zu gut, daß Ludwig XI. 33 nicht nur verſchlagen, falſch, treulos, grauſam und ſelbſt⸗ ſüchtig, ſondern auch höchſt abergläubiſch war, Eigen⸗ ſchaften, welche der kaiſerliche Feldherr, Herzog Wallen⸗ ſtein, gleichfalls an ſich trug. Jacques Coittier, der mit dem Amte eines Leibarztes zugleich dasjenige eines Wahr⸗ ſagers beim Könige verſah, hatte hier leicht prophezeien, um auf die einzig mögliche Weiſe das gefährdete Leben ſei⸗ nes Neffen zu erretten. Nicht ſchwerer war ihm die Ver⸗ muthung gefallen, daß der mit Hugo's Lederkappe vertauſchte Hut allein irgend ein verborgenes Schreiben enthalten könne, da dieſe Kopfhüllenverwechſelung gewiß nicht ohne triftigen Grund vorgenommen worden war. Daß Hugo einſt des Königs Lebensretter werden würde, war eine Erfindung Coittier's, aus welcher er ſich nicht das geringſte Bedenken machte und für deren Nichterfüllung er tauſend Ausreden in Bereitſchaft hatte. Ganz natürlich fand man das beſchriebene Malzeichen an Hugo's Halſe auf und der König glaubte ſo feſt an ſeines Leibarztes Traum und Rede, daß er denſelben befragte, ob er den Knaben in ſeine Dienſte nehmen und an ſeine Füße heften ſollte, um die Prophezeiung leichter zur Geltung zu bringen. Eine derartige Maßregel paßte jedoch nicht in Covittier's Plan, daher er dem Könige entgegnete: „Sire, laſſet den Buben laufen, wohin er will, damit Ihr ſpäter deſto überzeugender inne werdet, daß er ſeiner hohen Beſtimmung nicht entrinnen kann, ſobald die Zeit dazu gekommen iſt. Läge des Buben Nähe um Eure ge⸗ heiligte Perſon in dem Willen der himmliſchen Mächte, ſo 3 Nieritz, Bruderliebe. 8 34 würde mir ſolches in meinem Traume gewiß angedeutet worden ſein, was aber keineswegs der Fall war.“ „Gut!“ ſprach der König—„ſo mag der Burſche hin⸗ gehen, wohin ihm beliebt. Ob zum Herzoge von Bretagne oder zu ſeinem Herrn zurück, um demſelben ſein Abenteuer zu klagen, iſt mir gleich. Der Löwe fürchtet nicht die Stiche um ihn ſchwärmender Mücken, ſondern läßt ſie ſpielen, bis ſie ſelbſt ſich in die verzehrende Lichtflamme ſtürzen.“ Nach dieſen Worten wendete der König ſein Roß und ſprengte davon. Triſtan, Coittier und die Strickreiter be⸗ ſtiegen gleichfalls ihre Pferde und folgten dem Könige nach, ohne den zurückbleibenden Hugo ferner zu beachten. Drittes Kapitel. Der Ueberfall. Welch' ein fürchterlicher, verhängnißvoller Tag war für Hugo Michelet der heutige geworden! Er hätte geglaubt, nur zu träumen, wenn ihm hiervon nicht das Gegentheil die zerſtückten Haſen, der zerſchnittene Hut, das niederge⸗ brannte Feuer, die vielen Fuß⸗ und Pferdetritte umher und endlich dort in der Ferne der aufgehenkte Leichnam— das ſchreiendſte Schreckenbild unter allen— vorgepredigt hätte. Trotzdem, daß man ſeinen Hals entblößt hatte, glaubte er an demſelben die würgende Hanfſchlinge zu fühlen, ſo daß er tief aufathmete. Die vorher ſo heiter den Knaben an⸗ 6 lachende Landſchaft ſchien wie durch einen Zauberſchlag um⸗ gewandelt worden zu ſein. Als er zur höher emporgeſtie⸗ genen Sonne aufblickte, ſah er ſchwarze Flecke in der goldenen Scheibe und das tiefe Blau des Himmels dünkte ihm ein düſteres Leichentuch zu ſein. Unter traurigem Aechzen neig⸗ ten ſich die Wipfel der Waldbäume gegen einander und Sterbelieder ſangen die Vögel auf den Aeſten. Der Guckuck rief mit einer hohlen Grabesſtimme und das Heimchen im Haidekraute ſickerte mit geſpenſtiſchen Klängen in des armen Knaben Ohr. Vor demſelben lagen ſie, die unſchuldigen Urheber all ſeines Unglücks: die verſchmachteten und nun zerfleiſchten oder vielmehr entbalgten Haſen! Ohne dieſe armen Opfer der winterlichen Strenge wäre Hugo noch im⸗ mer der ſorgenfreie, glückliche und fröhliche Knabe, wäre er noch bei ſeiner lieben Mutter und Schweſter geweſen. Was nun beginnen? Sollte er heimzukehren und ſich dem Zorne des Herzogs auszuſetzen wagen, der ſo hartherzig das Leben eines ſchuldloſen Kindes auf das Spiel geſetzt hatte und obendrein das Mißglücken der Botſchaft Hugo's Ungeſchick⸗ lichkeit zugeſchrieben haben würde? Was durfte er von ei⸗ nem Gebieter erwarten, der bereits Hugo's Bruder auf die⸗ ſelbe Weiſe den Untergang bereitet hatte und die arme Wittwe Michelet noch all' ihrer Kinder zu berauben drohte? Sollte er ſeinen Weg fortſetzen und den Herzog von Bre⸗ tagne aufſuchen, der dem unglücklichen Boten gewiß etwas ganz Anderes als ein reiches Trinkgeld würde haben zu⸗ kommen laſſen, wenn jener mit der Hiobspoſt von dem ab⸗ genommenen Sendſchreiben vor ihn hingetreten wäre? An welch' einem ſchwachen Faden Hugo's Leben gehangen hatte! 5* 4 82 * 36 Welchen anderen Vorwand hätte wohl der Oheim Coittier zu ſeines Neffen Rettung erfinnen können, dafern demſelben das bewußte Muttermal abgegangen wäre? War nicht das Kreuz, das ihm die Mutter umgehängt hatte, die Urſache geweſen, daß der Oheim die Kenntniß von dem rettenden Male erhielt? Die liebe, fürſorgende Mutter! Dankbar und ehrfurchtsvoll küßte er das kleine Silberkreuz, das wirklich für ihn zum rettenden Talisman geworden war. „Ach, meine Mutter!“ ſeufzte er tief und laut.„Und Schweſter Antonie!“ ſetzte er hinzu. Ja, wenn dieſe bei⸗ den nicht in Carlat zurückgeblieben wären, dann würde Hugo mit Freuden dem herzoglichen Schloſſe für immer Valet ge⸗ ſagt und ſein Glück anderwärts geſucht haben. Wenn ihm nur der Oheim Jacques mit einem Winke oder Worte an⸗ gedeutet hätte, wohin er ſeine Schritte lenken ſollte! Den Weg zu verfolgen, welchen der König und der ſchreckliche Triſtan genommen hatte, war ihm unmöglich. Eben ſo, nach Carlat zurückzukehren. Noch weniger Luſt und Trieb empfand er, den Herzog von Bretagne aufzuſuchen. Zuletzt entſchied er ſich dahin, keine der drei eben genannten Rich⸗ tungen zu verfolgen, ſondern auf's Gerathewohl einen, je⸗ nen dreien entgegengeſetzten Weg einzuſchlagen. Da Hugo für drei Tage— die berechnete Dauer ſeiner ihm aufgetra⸗ genen Reiſe— mit Brot und Speck verſehen war, ſo hatte er für's Erſte keine Nahrungsſorgen zu befürchten. Bald würde das junge Blut wieder fröhlicher und ra⸗ ſcher durch Hugo's Adern gefloſſen ſein, hätte ihn nicht das Andenken an die zurückgelaſſene Mutter und Schweſter das Herz ſchwer gemacht. Lebhaft genug malte er ſich die Angſt 37 und Verzweiflung ſeiner Lieben aus, wenn er über die Zeit ausbliebe oder gar nicht wiederkehrte. Ja, wenn er ſeiner Mutter eine beruhigende Nachricht über ſeine Perſon hätte zukommen laſſen können! Solches hätte Oheim Jacques am erſten ermöglichen können. Ob aber derſelbe dazu den An⸗ trieb beſaß, bezweifelte faſt der Knabe, nachdem er geſehen, wie der Oheim ſeinen Neffen ſo unbekümmert und hülflos ſeinem Schickſale preisgegeben und verlaſſen hatte. Das Schreckbild des erhenkten Mannes noch immer vor den Augen, entfernte ſich Hugo mit raſchen Schritten von dem verhängnißvollen Waldesbuſche. Er gelangte in freundlich lachende, grünende Fluren und keimende Saat— felder, welche mit friedlichen Dörfern abwechſelten, und all⸗ mählig verblichen die Farben des Schreckbildes mehr und mehr, während das Bild ſeiner Mutter und Schweſter in deſto lebhafteren Farbentönen in ihm fortſchimmerte. Am ſpäteren Nachmittage erreichte Hugo abermals ein Dorf, vor deſſen Gaſthofe mehrere Fuhrwerke, mit Ge⸗ treide, Wein, gedörrten Früchten, Brennholz und anderen Gegenſtänden beladen, ausgeſpannt ſtanden. Während die Pferde ihr Futter verzehrten und ſich ausruheten, thaten ſich ihre Führer im Weine gütlich, wobei es an laut geführten Geſprächen, an derben Späßen und herzlichem Lachen nicht fehlte. Hugo Michelet, dem eine Zerſtreuung und Erheiterung ſo noth that wie dem durſtigen Hirſche das friſche Waſſer, hielt ſeine Schritte an, nahm auf einem leeren Faſſe Platz und zog ſeinen Speiſevorrath hervor. Wein dazu zu kau⸗ fen, mangelte es ihm an Mitteln, daher er ſpäter nach dem 8 nahen Brunnen ging, um einen Trunk zu nehmen. Ein kleiner, wohlgenährter Mann, dem die vollen Backen vom Weine glühten und das Feuer aus den ſchwarzen Augen ſprühete, gewahrte des Knaben Abſicht und rief ihm be⸗ fehlend zu: „Her zu mir, Knabe! Weißt du noch nicht, daß auf Speck man nicht Waſſer, ſondern zehrenden Wein trinken muß? Da, thue mir Beſcheid! Trinke auf die Geſundheit des ehrenwerthen Herrn Triſtan, den unſer Herrgott zum 5 Heile Frankreichs noch lange erhalten wolle.“ 3 Dieſe Worte fielen wie ein giftiger Thau auf eine üppig emporkeimende Aue. Eine Todtenſtille trat an die Stelle des Sprechens, Scherzens und Lachens ein und kopfſchütteln 5 ſetzten die Zecher die bereits erhobenen Weinkrüge wieder hin. „Nun, was ſoll das heißen?“ fragte der kleine Mann hitzig, der ſich durch ſeine bürgerliche Kleidung vor den Land⸗ leuten auszeichnete—„Habe ich etwas Unrechtes oder Fal⸗ ſches geſprochen? Iſt es nicht der wackere Herr Triſtan, der das Land von Gaunern, Dieben, Wegelagerern, Strolchen und Mördern gereinigt hat, gleichwie der Storch die Wieſen und Auen von giftigem Gewürm und anderem ſchädlichen Ungeziefer? Würde ich ohne Triſtan's geſegnetes Wirken mit meinen Wagenladungen ſicher und unbeläſtigt meines Wegs ziehen können? Noch nicht zu lange her iſt's, wo der Kaufmann für theures Geld ein bewaffnetes Geleite erkaufen mußte und dennoch nicht ſelten rein ausgeplündert wurde. Alſo trink', Burſche, auf des Generalprofoßes Geſundheit.“ „Ich bin weder ein Dieb, noch ſonſt ein gefährlicher Menſch“— erwiederte Hugo freimüthig—„und dennoch fehlte kaum ein Haar, daß mein Hals an dem heutigen Mor⸗ gen in Triſtan's hanfelle Schlinge gerieth.“ „Das wird ein Mißverſtändniß geweſen ſein“— ſprach der Kaufherr entſchuldigend—„oder es dem Triſtan gerade an anderem Wildprete gemangelt haben. Der Storch ver⸗ zehrt ja auch manches fleißige und unſchädliche Bienchen, wann er keine andere Nahrung findet. In ſeiner Uebung muß man doch bleiben.“ Dieſe Worte vermochten nicht Hugo's Bedenken, auf auf Triſtan's Wohl zu trinken, zu beſeitigen und es würde gewiß zu einem unangenehmen Wortwechſel zwiſchen ihm und dem Kaufmann gekommen ſein, wenn nicht ein anderes Ereigniß dazwiſchen getreten wäre. Daſſelbe beſtand in der eiligen Ankunft eines Reiterhaufens, welcher unter dem un⸗ geſtümen Rufe:„Platz, Platz da, dem Herzoge von Bre⸗ tagne! Platz! Platz!“ vor den Gaſthof heranſprengte und mit der flachen Schwertklinge auf die dort befindlichen Men⸗ 5 ſchen und Thiere einhieb. „Platz! Platz!“ wiederholte ein feiſter, kugelrunder Rei⸗ ter von kleinem Wuchſe, den ſeine Schellenkappe, ſeine übrige buntſchäckige Kleidung und die Pritſche in der Hand als des Herzogs Hofnarren bezeichneten—„Reißt eure Hütten nie⸗ der, ihr Bauern!“ fuhr er fort—„damit mein gnädigſter Herr in euer Dorf einreiten kann. Ein Herzog braucht für ſeinen Leichnam hunderttauſendmal mehr Raum, mehr Nah⸗ rung, mehr Geld und Diener, als ein Jeder unter euch. Alſo, Platz Platz! oder es regnet Platz auf eure Schultern und Köpfe!“ 4 Noch waren die Fuhrleute und deren Knechte eifrig 40 bemüht, den Raum vor dem Gaſthofe von ihren Fuhrwerken und Thieren frei zu machen, um den geduldig und ohne Murren hingenommenen Schwertſchlägen zu entgehen, als ein zweiter, kleinerer Reitertrupp von der entgegengeſetzten Seite das Gedränge und die Verwirrung zu vermehren drohte. Allein hiervon geſchah gerade das Gegentheil. Die drohenden Rufe des herzoglichen Gefolges verſtummten im Nu, ihre gezogenen Schwerter glitten in ihre Scheiden zu⸗ rück und die Fuhrleute konnten in Ruhe ihre Obliegenheiten verrichten. So viel bewirkte das bloße Erſcheinen Triſtan's und ſeiner Strickreiter! Der abgeſeſſene Herzog von Bre⸗ tagne, welcher anfänglich die von ihm beſtellten Erfriſchungen vor dem Gaſthofe und im Freien hatte einnehmen wollen, machte bei Triſtans Anblicke ein finſteres und zorniges Ge⸗ ſicht und begab ſich raſch in das Haus, um den verhaßten Generalprofoß nicht vor den Augen ſehen zu dürfen. Vergnügt, aber verſtohlen rieb ſich der kleine Kaufherr die Hände.„Etſch! etſch!“ brummte er halblaut—„ſelbſt Herzöge und hochgebietende Herren gehen dem Herrn Tri⸗ ſtan höflich aus dem Wege, gleichwie das Feuer dem Waſſer, wie der ſchlaue Fuchs dem ſtarken Eber. Heda, Anton, Franz, nehmt euch Zeit mit dem Anſchirren der Roſſe. Nie⸗ mand wird jetzt wieder eure Schultern zu bläuen wagen, nachdem Herr Triſtan zugegen iſt. Wie ſteht's, Burſche, wirſt du länger dich weigern, auf Triſtan's Wohl zu trinken, nachdem du geſehen haſt, welchen Reſpect ſelbſt Herzöge und deren grobe Diener vor ihm haben? Trink, trink, weil du meinen Knechten beim Anſpannen ſo treulich beigeſtanden haſt. Du ſcheinſt dich auf das Fuhrwerk zu verſtehen und nicht zum erſtenmale ein Pferd angeſchirrt zu haben.“ „Ach, lieber Herr!“— erwiederte Hugo gepreßt— „ſagt mir doch, ob der Herzog von Bretagne ein leutſeliger Herr ſei oder nicht. Eigentlich hätte ich eine Botſchaft an ihn auszurichten, wiewohl man mir das Sendſchreiben und noch Mehreres für ihn abgenommen hat.“ „Ein hochgebietender Herr“— antwortete der Kauf⸗ man—„gleicht einem feuerſpeienden Berge, der aus der Ferne prächtig anzuſchauen iſt, den ihm ſich aber nahenden Menſchen oftmals den Untergang bereitet. Sollte deine Botſchaft eine unangenehme ſein oder dem Herzog ungelegen kommen, ſo dürfte deine Achſel nicht bloß mit der flachen Schwertklinge das Trinkgeld ausgezahlt erhalten. Mit großen Herren iſt nun einmal nicht gut Kirſchen eſſen, und darum ſpute ich mich mit der Abreiſe, obſchon ich wegen Triſtan's Anweſenheit nichts mehr von des Herzogs Leuten zu befürchten habe. Wenn ihr fertig ſeid“— fuhr der Mann zu ſeinen beiden Knechten fort—„ſo wollen wir ab⸗ fahren. Du aber, mein Junge, trinkſt aus, was noch in meinem Kruge enthalten iſt. Man ehre mir den Herrn Triſtan!“ Der Kaufmann fuhr mit ſeinen zwei belaſteten Wagen ab und Hugo ſprach ſtill dem ihm überlaſſenen Weine zu. Seit Triſtan's Ankunft hatten ſämmtliche Anweſende nur mit gedämpfter, furchtſamer Stimme gegen einander ge⸗ ſprochen. Die einzige Ausnahme hiervon machte jetzt des Herzogs Hofnarr, welcher laut zum Generalprofoß ausrief: „He, Herr Triſtan, man beklagt ſich bitter über Euch, 42 daß Ihr in Frankreich den Hanf theuer und die Fiſche im Waſſer zu fett macht, ſo daß die Fiſcheſſer die cholera morbus davon bekommen. Aber warum übt ihr nur die niedere Menſchenjagd aus? Gelüſtet Euch gar nicht nach einem Stück Edelwild? Oder kommen Euch die Trauben nur deshalb ſauer vor, weil ſie für Eure Hände zu hoch hängen? Man hat nicht nur die völlige Gewißheit, ſondern ſogar auch ſtarke Vermuthung, daß Ihr nach Euerm Tode von allen Strauchdieben des Königreichs als Heiliger ver⸗ ehrt werdet.“ Dieſe Witzrede nahm Triſtan mit einem verächtlichen Schweigen auf, das beſte und ſicherſte Mittel, eine Narren⸗ zunge zum Stillſtande zu bringen. Nachdem der General⸗ profoß und ſeine Begleiter geraſtet und ihre Weinkrüge geleert hatten, ſchlugen ſie denſelben Weg ein, welchen der Herzog hergekommen war und welcher, wie Hugo ſpäter erfuhr, nach Paris führte. Nachdem der Kaufherr und der Generalprofoß fort wa⸗ ren, befiel den zurückgebliebenen Hugo eine große Angſt vor dem Herzog und deſſen Leuten. Es war ihm, als müſſe jener dem Knaben deſſen mißlungene Botſchaft abmerken und ihn deshalb zur Rechenſchaft ziehen. Er ſtürzte daher den Inhalt des Weinkrugs ſchnell hinab und machte ſich von dannen. Wenn er dießmal, ſeine Furcht vor Triſtan über⸗ windend, deſſen und des Kaufherrn Weg verfolgte, ſo bewog ihn hierzu hauptſächlich die ſtille Hoffnung, daß ſein Oheim Coittier abermals in der Nähe des Generalprofoßes ſein und ihm mit Rath und That beiſtehen werde. Nachdem Hugo eine Strecke Wegs zurückgelegt hatte, erblickte er Triſtan ſammt deſſen Begleitern auf einer kleinen Anhöhe und vor einem lang ſich hinſtreckenden Walde halten, von wo aus man das Dorf und das herzogliche Gefolge vor dem Gaſt⸗ hofe im Auge hatte. Bei dieſem Anblicke wäre Hugo bei⸗ nahe wieder umgekehrt, hätte ihn nicht der genoſſene Wein und vorzüglich der Gedanke ermuthigt, daß er ja nicht auf unrechtem Wege wandele und überdieß der unverletzliche Schutzengel des Königs ſei. Triſtan hätte ein weniger ſcharfes Auge und Gedächtniß beſitzen müſſen, wenn er nicht in dem einſamen Wandrer den ertappten Sendling des Herzogs von Nemours hätte wieder erkennen wollen. Demohnerachtet ließ er ihn unbehindert und unbefragt fürder ziehen. „Wir haben“— murmelte Triſtan vor ſich hin—„der jungen Horniſſe den Giftſtachel ausgeriſſen. Was kümmert mich nun das unſchädlich gemachte Geſchmeiß?“ Hugo's ungeſtüm pochendes Herz beruhigte ſich, als er den fürchterlichen Triſtan in ſeinem Rücken hatte, und lang⸗ ſamer wurden ſeine Schritte. Da ſchlug plötzlich, bei einer Krümmung der Waldſtraße, ein lautes Klaggeſchrei an ſein Ohr und bald darauf zeigte ſich auch deſſen Urheber. Es war derſelbe kleine, dicke Kaufherr, welcher Triſtan's Lob⸗ redner abgegeben hatte und ſich jetzt verzweiflungsvoll das Haupthaar und den Bart raufte. „Hülfe! Hülfe!“ ſchrie er dem Knaben entgegen.„Man hat mich überfallen, gewürgt, der Börſe und meiner Waaren beraubt, meine treuen Knechte erſchlagen und meinę beiden Laſtwagen entführt. Ein ruinirter Mann, ein geſchlagener Mann auf Lebenszeit bin ich! Vergebens war's, daß ich den 44 Räubern mit Triſtan's Nähe und Rache drohte. Sie glaub⸗ ten meinen Worten nicht und verlachten mich. O Triſtan! daß du nahe genug wäreſt, um meine Klagen zu vernehmen und die Räuber nach Gebühr zu züchtigen! Bevor ich aber das Dorf erreiche, ſind ſie längſt mit ihrer Beute in Sicher⸗ heit. O wehe! wehe!“ „Ihr irrt, Herr!“ ſprach Hugo ſchnell.„Ich erblickte Triſtan kaum tauſend Schritte weit von hier am Waldſaume halten. Er verließ bald nach Euch das Dorf und ſcheint des Herzogs von Bretagne Gefolge im Auge zu haben.“ „Ich vernehme Engelsgeſang!“ rief der Kaufherr neu⸗ belebt aus.„O erbarme dich meiner, lieber, junger Engel, und ſpringe mit deinen jungen, ſchnellen Füßen zu Triſtan zurück, daß er ſich zur Verfolgung der Räuber herbeimache. Sage ihm, daß es deren nur ſechs waren, daß ich meinen Kopf darauf verwetten wollte, wenn es keine Bretagner und nicht von des Herzogs eigenen Leuten geweſen wären. Das wird Triſtan's Eile beflügeln, der mir ohnehin ſchon eine Pike auf den Herzog und die Bretagner zu haben ſcheint. Springe, fliege, mein guter Junge, und ich will dich reich⸗ lich belohnen, wenn du mir zu meinem geraubten Gute wie⸗ der verhilfſt. Du ſiehſt ſelbſt, daß ich keinen Athem mehr habe und mit meinen kurzen Beinen und dem dicken Leibe nicht vom Flecke kommen kann.“ Nun, im Laufen nahm es Hugo Michelet mit dem ſchnell⸗ ſten Renner auf; überdieß trug der haſtig genoſſene Wein ſeine Früchte für den Geber, denn er beflügelte Hugo's Füße noch mehr. Dahin flog der Knabe und der Kaufherr be⸗ gann ſein Klagegeſchrei von Neuem, dabei der heißerſehnten Hülfe mit aller Spannung entgegenſehend. War dem Beraubten Hugo's Rede ſchon wie Engelsge⸗ ſang vorgekommen, ſo tönte ihm bald darauf das ſchnelle Herbeigalopiren mehrer Roſſe wie Sphärenklang zu den lau⸗ ſchenden Ohren. Herr Triſtan mit ſeinen Strickreitern, denen Hugo auf dem Fuße nachfolgte, langte an und ließ ſich von dem Kaufherrn die Spur der Räuber zeigen, welche wegen der Rädereindrücke und Roſſestritte unſchwer zu ver⸗ folgen war. Nach einer Weile, daß Triſtan mit ſeinen Leu⸗ ten in den Wald gedrungen war, vernahmen die Zurückge⸗ bliebenen den wiederhallenden Knall fern abgefeuerter Musketen, ein Zeichen, daß Triſtan mit den Räubern in's Handgemenge gerathen war. Der Kaufherr zweifelte ſo wenig an der Niederlage der Räuber, daß er wiederholte Freudenſprünge in die Luft machte und dabei ſchadenfroh ausrief:„Rache! Rache! und nochmals Rache! Hört ihr's?“ fuhr er zu ſeinen, ſchwer verwundet am Boden liegenden Knechten fort—„der wackere Triſtan rächt uns alleweile. Er lebe hoch und lange! Tod allen Räubern und wenn es ſelbſt Herzöge von Bretagne wären.“ Nicht lange währte es, ſo ſah der entzückte Kaufherr ſeine beiden Fuhrwerke aus dem Gebüſch hervorkommen, de⸗ ren Ladung durch zwei erſchoſſene und vier verwundete, beſiegte und gefeſſelte Räuber vermehrt worden war. Herr Triſtan beantwortete die Fragen und Dankeser⸗ gießungen des Kaufherrn nur dadurch, daß er die beiden Knechte deſſelben ſofort verbinden ließ und dann den Befehl zur raſchen Rückkehr nach dem unlängſt verlaſſenen Dorfe ertheilte. Von dieſem Befehle ſah ſich Keiner ausgeſchloſſen, daher er ſich auch auf Hugo Michelet erſtreckte. Ein Freudenblick überzuckte Triſtan's eiſernes Antlitz, als er des Herzogs von Bretagne Gefolge noch vor dem Gaſthofe jenes Dorfs zechend und jetzt laut lärmend be⸗ merkte. Ganz natürlich mußte der Aufzug, mit welchem der Generalprofoß in das Dorf zurückkehrte, deſſen geſammte Bewohnerſchaft herbeilocken und die geſpannte Neugierde des herzoglichen Gefolgs erwecken. Selbſt der Herzog von Bretagne, Franz II., fühlte ſeine Abneigung gegen Triſtan's Perſon und Begleitung durch die Neugierde überwunden und trat vor des Gaſthofs Thüre, vor welcher in einer klei⸗ nen Entfernung Triſtan Halt gemacht hatte. Bei dem Anblick des Herzogs und der übrigen anweſen⸗ den Bretagner riefen die vier gefeſſelten Räuber mit gar kläglicher Stimme von dem Wagen herab:„Erbarmt Euch unfrer, gnädigſter Herr! Erbarmt, erbarmt Euch!“ „Welche Bewandtniß hat es mit dieſen Männern?“ wendete ſich, herzutretend, der Herzog im auflodernden Zorne an den Generalprofoß.„Was ſoll mit ihnen geſchehen? Wie ich ſehe, gehören ſie zu meinen Leuten und darum habe ich ein vollgültiges Anrecht an ſie.“ „Daß dieſe Elenden zu Euern Leuten gehören, Herr Herzog, bedauere ich von ganzem Herzen“— antwortete Triſtan mit einem nach Spott ſchmeckenden Tone.„Denn ſie haben Straßenraub und Mord gegen meines Königs Unterthanen verübt und ſich auf friſcher That von mir er⸗ tappen laſſen.“ „So werdet Ihr mir“— entgegnete der Herzog mit finſter zuſammengezogenen Augenbraunen—„dieſe Elen⸗ den, welche als Betragner unter meine Gerichtsbarkeit ge⸗ hören, ausantworten, auf daß ich ſie nach unſern Geſetzen richten und beſtrafen laſſen kann.“ „Ich beklage, daß ich Euerm Willen mich nicht unter⸗ werfen darf, gnädigſter Herr!“ ſprach Triſtan höflich.„Denn dieſe ſechs Elenden haben ihre Uebelthat auf königlichem Gebiete verübt und auf königlichem Grund und Boden ſich erwiſchen, daher auch durch mich ſich aburtheilen und be⸗ ſtrafen zu laſſen. Etwas Anderes iſt es um die Entſchä⸗ digung, welche der beraubte Handelsherr und deſſen ſchwer verwundeten Knechte von den Räubern oder deren Beſitz⸗ thume zu fordern haben. Den Betrag dieſer Schadloshal⸗ tung, nach deren genauer und gewiſſenhafter Ermittelung, von den Familien der Schuldigen einzutreiben und an das königliche Gericht einzuliefern, werdet Ihr die Gnade haben. Und nun erlaubt mir gnädigſt, Herr Herzog, daß ich mein Richteramt jetzt ausübe. Heda, ihr Bauern! ihr habt dort einen hübſchen Teich. Iſt er tief genug, um dieſen vier Räubern ein kühles Waſſerbett zu bereiten? Auch fiſchreich?“ — ſetzte Triſtan mit einem höhniſchen Seitenblick auf des Herzogs Hofnarren fort, dem das Spaßmachen plötzlich vergangen war. „Er iſt beides!“ ſtammelte ein Landmann angſtvoll. „Gut, mein Freund! Nun denn“— Triſtan erhob ſeine Stimme laut ſchallend über die Verſammlung—„im Namen des Königs! Weil dieſe Bretagner hier auf offener Straße das todeswürdige Verbrechen des Raubes und der ſchweren Körperverletzung, ſo wie des bewaffneten Wider⸗ 48 ſtandes gegen den königlichen Generalprofoß und deſſen Leute ſich ſchuldig gemacht haben: ſo verurtheile ich die vier noch am Leben befindlichen Miſſethäter zur Strafe des Säckens und Ertränkens, die beiden todten dagegen zum Aufhängen an jene hohe Ulme, wo ihre Leichname, zum ab⸗ ſchreckenden Beiſpiele Aller, während dreier Tage verweilen ſollen, um dann auf der nächſten Richtſtätte verſcharrt zu werden. Das von Rechtswegen! Vollzieht das Urtheil!“ ſprach der Generalprofoß zu ſeinen Begleitern ſich wendend. Schon trafen dieſe die erforderlichen Anſtalten, um je zwei und zwei der lebenden und kläglich jammernden Ver⸗ brecher in bereit gehaltene Säcke von gehöriger Weite und Länge zu ſtecken, ſie dann über den Unglücklichen feſt zuzu⸗ nähen und, mit Steinen beſchwert, der Waſſertiefe anzuver⸗ trauen, ferner die Leichname der beiden Erſchoſſenen nach dem bezeichneten Baume zu ſchaffen und dort aufzuhängen, als der Herzog Franz II., von ſeinem Erſtaunen über Tri⸗ ſtan's bewieſene Kühnheit ſich erholend, zähneknirſchend die Worte an den Generalprofoß hervorſtieß:„Ich proteſtire gegen Euer Urtheil und beanſpruche die Gefangenen als deren Landesherr und oberſter Richter. Wagt Ihr, Euch meinem Willen zu widerſetzen, ſo ſollen meine Euch drei⸗ mal überlegenen Leute mit Gewalt der Waffen Euern Trotz und Eigenſinn brechen.“ „Keine Gewalt, noch Macht der Erde wird mich von Erfüllung meiner Dienſtpflicht abhalten“— verſetzte Triſtan kalt und munterte ſeine Leute zur Fortſetzung ihrer Zube⸗ reitungen auf. „Nun denn“— ſprach der Herzog wuthſchäumend— „wenn Ihr es nicht anders haben wollt, ſo falle die Ver⸗ antwortlichkeit des Blutvergießens auf Euer Haupt, Meiſter Triſtan. Bretagner! macht euch bereit zum Kampfe! Ent⸗ reißt jenen Henkersknechten mit Gewalt eure Landsleute, damit ſie ihrem rechtmäßigen Richter überliefert werden können! Fertig? Greift an! Wie? ihr zaudert? Wäret ihr feig genug, vor einem dreimal ſchwächeren Häuflein zurück⸗ zuſchrecken? O pfui, pfui der Schande!“ Des Herzogs Leute hatten ihre Schwerter gezogen, ihre Feuergewehre zurecht gelegt und zum Kampf ſich bereitet. Aber keiner rührte ſich auf des Herzogs Befehl zum Angriff. Ein dumpfes Murmeln durchlief ihre Reihen, dem endlich des Herzogs nächſter und vornehmſter Begleiter deutlichen Ausdruck verlieh. „Gnädigſter Herr!“— hob er gedämpft an—„Eure Leute würden ohne Bedenken ſelbſt gegen eine zehnfach ſtärkere Macht, als ſie ſelbſt ſind, ankämpfen, ſobald dieſe Macht aus wirklichen Kriegern beſteht. Mit Henkersknechten aber anzubinden, verbietet ihnen das Geſetz der Ehre. Ueber⸗ dieß, ſchauet hin, welche Gefahr Eure hohe Perſon bedroht.“ Der Herzog ſah und zuckte zuſammen. Während vier Musketen der Strickreiter gegen die Herzen der vier Ge⸗ fangenen im Anſchlag lagen, waren eben ſo viele Mündun⸗ gen von Feuerröhren auf den Herzog ſelbſt gerichtet. Tri⸗ ſtan, der unter der Zahl dieſer zielenden Feuerſchützen ſich befand, ſprach jetzt mit der ruhigſten Stimme von der Welt: „Soll ich Euch nochmals bemerklich machen, Herzog, daß ich hier im Namen des Königs von Frankreich ſtehe, daß ich deſſen geheiligte und geſalbte ſri ſelbſt vertrete? Nieritz, Bruderliebe. 4 50 Oder hofft Ihr vielleicht, das Herz Triſtan's durch irgend eine Drohung einſchüchtern zu können? Hütet Euch, Herr! Bei der erſten, feindlichen Bewegung von Eurer oder Eurer Leute Seite durchlöchern vier Kugeln Euern Leib, ſo wahr ich Generalprofoß des Königs bin und Triſtan l'ermite mich nenne.“ Triſtan war als ein Mann von einem unbeugſamen, eiſernen Charakter allgemein bekannt, der wohl im Stande war, ſeine Drohung wahr zu machen. Der Herzog von Bretagne fühlte ſich am allerwenigſten aufgelegt, den An⸗ griff gegen eine Schaar für ehrlos geachteter Henkersknechte zu beginnen, und da ſeine Begleiter eine gleiche Abneigung an den Tag legten, ſo fügte er ſich nothgedrungen der un⸗ abänderlichen Nothwendigkeit. Stumm wendete er ſich ab, beſtieg ſein Roß und ſprengte mit ſtürmender Haſt an der Spitze ſeines Gefolges davon. Triſtan's Standhaftigkeit feierte innerlich einen großen Triumph, indem er mit ſcheinbar ruhigem Antlitze den Ab⸗ ziehenden nachblickte. Dann ließ er das ausgeſprochene Urtheil in all ſeiner Strenge und Grauſamkeit vollziehen. Die Geſchichte, welche uns noch weit gräßlichere Bei⸗ ſpiele von Verbrechen und deren unmenſchlichen Beſtrafun⸗ gen vorführt, veranlaßt uns deshalb zum innigſten Danke dafür, daß jene Zeiten der Barbarei vorüber ſind und das tiefer gewurzelte Chriſtenthum ſeine Bekenner menſchlicher gebildet hat. 51 viertes Kapitel. Ein Wiederſehen. Der Kaufherr, welcher ſich Benedict Vermeil nannte, war faſt unverkürzt zu ſeinen Waaren und ſeinem Gelde wiedergekommen. Dennoch wehklagte er ſchwer über den durch die Räuber erlittenen Verluſt, der noch durch den unvorhergeſehenen Aufenthalt ſeiner Weiterreiſe bedeutend geſteigert würde. „Die gute Stadt Paris“— ſprach er—„gedenkt unſerm allergnädigſten König und Herrn mit einem Ange⸗ binde zu überraſchen, das noch nie dageweſen iſt und ſeines Gleichen in der weiten Welt ſucht. Man wird ihm, unter uns geſagt, einen rieſigen Hirſch verehren, aber aus Stof⸗ fen zuſammengeſetzt, deren köſtlichſte, theuerſte und ſeltenſte ich mit mir führe. Obwohl nun der königliche Geburtstag erſt auf den dritten Juli fällt und wir kaum am Ende des Märzmonats ſind, ſo erfordert gleichwohl die eigenthümliche Beſchaffenheit des Angebindes die längſten und ſorgſamſten Vor⸗ wie Zubereitungen. Wenn ich nun auf die Her⸗ ſtellung meiner arg verwundeten Fuhrknechte hier warten wollte, ſo käme der dritte Juli heran und ich läge noch im⸗ mer mit meiner Waarenladung in dieſem Neſte von Dorfe, verzehrte mein Geld und büßte Gewinn und Intereſſen mei⸗ nes Waarencapitals ein. Zwar hat der ehrenwerthe Herr Triſtan, den unſer Herrgott reich dafür ſegnen wolle, meine völlige Schadloshaltung von dem bretagniſchen Herzog in Rechnung geſtellt; aber ich kenne das! Eines niederen 4* Krämers wegen überzieht unſer königlicher Herr nimmer⸗ mehr den Herzog mit Krieg und gutwillig giebt jener nichts heraus.“ Alſo lautete Vermeil's Klagelied. Er vergaß darüber ganz desjenigen, deſſen ſchnellen Füßen er hauptſächlich die Wiedererlangung ſeiner Habe zu danken hatte. Aber auch außerdem würde Hugo's Belohnung die beſcheidenſte von der Welt geweſen ſein, indem Herr Vermeil neben ſeiner Handelsklugheit auch noch die Tugend einer faſt übertriebe⸗ nen Sparſamkeit beſaß. In dem Dorfe gab es der freien Männer mehrere, welche für eine nicht übermäßige Lohnforderung dem Kauf⸗ mann als Fuhrknechte zu dienen ſich erboten. Allein Ver⸗ meil trug Bedenken, auf dieſes Anerbieten ohne Weiteres einzugehen. „Daß ich ein Thor wäre“— ſprach er zu ſich ſelbſt— „und meine Waare wie mein Leben zwei unbekannten, baumſtarken Kerlen anvertraute. Wer bürgt mir dafür, daß ſie ſich in dem erſten Walde über mich herwerfen, mich kalt und ſich mit meinen Fuhrwerken davonmachen. Tau⸗ ſende kann Herr Triſtan noch aufhenken und Tauſende ſäcken; er wird doch nimmer das große Geſchlecht der Räu⸗ ber und Diebe gänzlich ausrotten können.“ Endlich fiel des Handelsherrn Auge auf Hugo Michelet, welcher beſcheiden in der Ferne ſtand und ſein Verdienſt noch mit keinem Worte geltend gemacht hatte. Ein glücklicher Einfall überkam Herrn Vermeil. Hatte ſich der kräftig ge⸗ wachſene Burſche nicht ganz anſtellig bei dem Einſpannen der Roſſe vorhin bewieſen, außerdem guten Willen, ein 53 muthiges Herz und überaus flinke Beine gezeigt? Sprach nicht ferner ſeine Beſcheidenheit für ihn, welche die Krämer⸗ ſeele nicht an den verheißenen reichen Lohn erinnerte? Traf Vermeil nicht mit einem Schlage zwei Fliegen zugleich, in⸗ dem er den Knaben als Knecht anwarb, dadurch die befürch⸗ tete Gefahr um die Hälfte herabminderte und zugleich die Pflicht der Dankbarkeit gegen ſeinen jugendlichen Retter ausübte? Das Anerbieten des Krämers, Hugo einſtweilen als Fuhrknecht zu gebrauchen, wurde gern von dem rath⸗ und hülfloſen Knaben angenommen. Außerdem las Vermeil unter den übrigen, zu gleichem Amte ſich gemeldeten Dorf⸗ bewohnern den am wenigſten ſtarken und den ſcheinbar ein⸗ fältigſten aus und gab ihn unſerm Hugo zum Mitgenoſſen. Wegen der ſpät gewordenen Tageszeit war für heute an ein Weiterreiſen nicht zu denken, ſondern Vermeil ſah ſich gezwungen, in dem Gaſthofe des Dorfs ſein Nachtlager aufzuſchlagen, woſelbſt auch ſeine verwundeten Knechte ihr Unterkommen gefunden hatten. Weil aber ein gebranntes Kind das Feuer fürchtet, ſo beſorgte auch der Handelsherr, deſſen beladene Wägen frei vor dem Gaſthofe ſtehen bleiben mußten, eine mögliche Wiederholung irgend eines Raub⸗ verſuchs. Durch erneuerte Verheißungen und Bitten be⸗ wog er den gutmüthigen Hugo, ſich als nächtliche Schild⸗ wache in der nächſten Nachbarſchaft der Kaufmannsgüter aufzuſtellen, wobei ihm Vermeil die Zuſage gab, ſelbſt theils fleißig nachſehen, theils die andere Hälfte der Nachtwache übernehmen zu wollen. „Aber Wein darſſt du nicht mehr trinken“— ſprach 54 dabei der ſchlaue Kaufmann—„denn er macht ſchläfrig. Satt eſſen jedoch kannſt und ſollſt du dich bis zum Bauch⸗ grimmen. Und ſollte dich ja der Schlaf übermannen wol⸗ len, ſo bade dein Antlitz dort in jenem kalten Brunnen⸗ waſſer. So wie du etwas Verdächtiges um meine Wagen herſchleichen ſiehſt, weckſt und rufſt du mich durch den Ton dieſes meines Pfeifchens herbei. Nun, mein Sohn, lege dein erſtes Probeſtück als treuer Diener würdig ab. Die heilige Jungfrau ſammt allen Heiligen ſchütze und bewahre dich. Gute Nacht!“ Herr Vermeil hielt in ſofern ſein Wort, als er bis um die Mitternachtzeit einigemal ſeine Lagerſtätte verließ, um nach ſeiner Waare und ſeinem Wächter zu ſehen. Er fand jene unverſehrt und dieſen munter, daher er ſich bis zum grauenden Morgen einem ungeſtörten Schlummer überließ. Auch bei der jugendlichen Schildwache machte endlich der Schlaf ſeine Rechte geltend. Mehrmals ſchon hatte Hugo nach Vermeil's Anweiſung ſein Antlitz im kalten Brunnenwaſſer gewaſchen und gebadet. Immer bleierner aber ſenkten ſich ſeine Augenlider über die kleinen, unſchätzbaren Augen⸗ kügelchen hernieder. Selbſt der Hinblick auf die beiden, in der Nähe aufgehenkten Räuber, welche ſich deutlich gegen das tiefe Blau des nächtlichen Himmels abſetzten und an⸗ fänglich Hugo's Augen vor Entſetzen nicht hatten ſchließen laſſen, übte keine Kraft mehr aus. Er ſchlief, auf einer Bank vor dem Gaſthofe ſitzend und den Rücken an die Wand gelehnt, feſt ein und wirre Träume umfingen ihn, welche die Erlebniſſe des geſtrigen Tages, bunt durch einander ge⸗ würfelt, nochmals an ſeinem geiſtigen Auge vorüberziehen 55 ließen. Eben war er im Traume in jenem Walde, wo er mit dem Henkersknechte Triſtan's die erſte Bekanntſchaft gemacht hatte, als er wirklich die ſtarke Fauſt Guichard's auf ſeiner Achſel wieder fühlte. Den Schreckensſchrei, mit welchem der ermunterte Knabe jäh emporſprang, ſuchte eine gedämpfte Stimme noch recht⸗ zeitig zu unterdrücken, indem ſie mit befreundeten Tönen anhob: „Still, Hugo, ich bin's, dein Oheim Jacques. Deinet⸗ wegen bin ich hier, nachdem ich von Triſtan deine Anweſen⸗ heit erfahren habe. Du willſt nach Paris reiſen und thuſt wohl daran. Ich werde dich auch dort nicht im Stich laſſen, ſondern weiter für dich ſorgen. Um deine Mutter und Schweſter kümmere dich nicht. Ich werde ſie über dein Schickſal beruhigen. Vor Allem aber präge dir mein Ge⸗ bot ein, daß du, ohne meine ausdrückliche Erlaubniß, mich nie als deinen Oheim anerkennſt oder nennſt. Außerdem müßte ich meine Hand für immer von dir abziehen. Leb' wohl und halte dich brav!“ Coittier küßte ſeinen Neffen, der vor Ueberraſchung ſtumm blieb, auf die Stirn, drückte ihm die Hand und ver⸗ ſchwand in der Dunkelheit. In der nächſten Minute hörte ihn Hugo im raſchen Trabe davonreiten. Bei früher Tageszeit gab Vermeil den Befehl zum An⸗ ſpannen. Als er aber ſeine Zeche berichtigte und den Wirth wegen der weiteren Verpflegung ſeiner Knechte auf des Herzogs von Bretagne Geldbeutel anweiſen wollte, ging jener weislich auf dieſen Vorſchlag nicht ein, ſondern ver⸗ langte die ſofortige Niederlegung einer entſprechenden Geld⸗ 56 ſumme zu ſeiner Sicherſtellung oder die Zurücklaſſung irgend eines anderen Unterpfands. Auf dieſe gewiß nicht unbillige Anforderung antwortete der Handelsherr mit erneuten Klagen über den erlittenen Raubanfall, was ihm jedoch nichts half. Aechzend zahlte er endlich die begehrte Summe aus, dabei vorgebend, daß dadurch ſeine ganze Reiſekaſſe geſprengt und er genöthigt würde, einen Theil ſeiner für den König beſtimmten Waare ſchon unterwegs und mit großer Einbuße zu verkaufen. Wiewohl dieſes Vorgeben ein unwahres war, ſo litten den⸗ noch die beiden Fuhrknechte Vermeil's in ſofern darunter, daß der Kaufherr auf ſeiner Weiterreiſe noch knickeriger ſich bewies als zuvor. Lünſtes Rapitel. Schwere Sorgen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Frau Michelet und deren Tochter Antonie die zu Hugo's Hin⸗ und Herreiſe beſtimm⸗ ten drei Tage unter großen Sorgen verlebten. Dieſe Sorge ward zur quälendſten Todesangſt, je mehr Stunden und Tage über jene Zeit verſtrichen, ohne daß der Knabe zurück⸗ kehrte. Wie vielmal trieb dieſe Angſt das liebende Paar den Weg dahin, auf welchem Huzo wiederkommen mußte! Wie viele heiße Kummerthränen vergoſſen Mutter und Tochter, die ſchlaflos die Nächte auf ihrem Lager— jetzt eine Dornenſtätte— zubrachten! 57 Aber nicht allein in der niederen, ärmlichen Wohnung der Frau Michelet war es, wo die Sorge und Angſt ihre Heimath geſucht hatten. Auch die hohen, ſchön geſchmück⸗ ten Räume des herzoglichen Schloſſes durchwandelten jene beiden Quälgeiſter der Sterblichen. Zwar vermochte dieſes leidige Geſchwiſterpaar ſeinem eigentlichen Wecker oder Ur⸗ heber, dem Herzoge, nichts anzuhaben, der ihm vielmehr, auf ſeine Macht pochend, mit Trotz und Hohn begegnete; allein deſto ſchadloſer hielt es ſich für dieſe Nichtbeachtung des Herzogs an deſſen ſchuldloſer Gemahlin. Dieſe fürchtete und ſorgte ſich weniger wegen des Schickſals Hugo's, ob⸗ ſchon ſie den armen Boten tief bedauerte, als vielmehr für ihren Gemahl und— ihre Kinder! Nur zu gegründet war die Vermuthung der Herzogin von Nemours geweſen, daß jene Haſenſendung bloß zum Deckel einer zweiten geheimen und hochverrätheriſchen die⸗ nen ſollte. Der Schwur, den ihr Gemahl vor Jahren auf das Kreuz von Saint⸗Lo abgelegt hatte, war der Herzogin erinnerlicher oder vielmehr heiliger als dem Herzoge ſelbſt, und darum ſah ſie im Geiſte das blanke, ſcharfſchneidige Schwert des Nachrichters an einem ſchwachen Pferdehaare über dem Haupte ihres Gatten hangen. Da der Herzog die ausgeſprochenen Befürchtungen ſeiner Gemahlin nur mit Hohnlachen beantwortete und der Trauernde am liebſten mit Trauernden verkehrt, ſo fühlte ſich die arme Herzogin zu der um ihren verlornen Sohn trauernden armen Wittwe Michelet hingezogen. Es wa⸗ ren ja auch die Intereſſen der beiden Frauen genau mit einander verknüpft. Denn wenn durch Hugo's endliche 58 Rückkehr das Leid der Wittwe Michelet ſein Ende fand, ſo durfte auch die Herzogin, wenigſtens für dießmal, ein Glei⸗ ches hoffen, indem dann keinenfalls Hugo den königlichen Aufpaſſern in die Hände gefallen war. Jeder Gegenſtand in ihrer beſchränkten Wohnung er⸗ innerte Frau Michelet an ihren geliebten Hugo. Stand ſie früh, unerquickt und vom Weinen matt, auf, ſo fiel ihr erſter Blick auf das unberührte Lager ihres Sohnes und ein neuer Thränenſtrom entſtürzte ihren Augen. Ein Gleiches war's beim Frühſtücke, beim Mittagstiſche und Abendbrote, wo Hugo's Platz leer blieb und an die Stelle des Dreigeſprächs eine tiefe, nur vom Weinen unterbrochene Todtenſtille ge⸗ treten war. Wie ſchmerzlich vermißten Mutter und Tochter Hugo's munteren Gruß am Morgen und Abend, ſein luſti⸗ ges Trallern und Pfeifen, ſeinen Beiſtand in allen häus⸗ lichen Verrichtungen, ſein herzliches Lachen, ſeine liebevolle Aufmerkſamkeit für die Wünſche und Bedürfniſſe der Seinen! Sorgſam hatte Frau Michelet ihres Sohnes Lederkappe an ſich genommen und aufbewahrt, welche ihm der Herzog vom Kopfe gezogen und mit jenem Hute vertauſcht hatte. Jedes zurückgelaſſene Kleidungsſtück Hugo's war für Mutter und Tochter eine theure Reliquie geworden, die man in möglichſt gutem Zuſtande zu erhalten befliſſen war. Es dünkte der Mutter ſogar, als wenn ſeit Hugo's Verſchwinden ſelbſt deſſen drei in irdenen Aeſchen vor dem Fenſter gepflegten Blumenſtöckchen traurig die Köpfe geſenkt hielten, obgleich Antonie ihnen die ſorgſamſte Abwartung angedeihen ließ. „Sieh nur, liebſte Mutter!“ ſprach Antonie eines Tages ſchluchzend, indem ſie Hugo's Schuhepaar vorzeigte 59 —„Spinneweben darüber gezogen! So lange ſchon iſt Hugo fort!“ „Spinneweben!“ wiederholte die Mutter, tief ergriffen —„Spinneweben, wie damals in der herzoglichen Gruft! Ach, wer weiß, an welchem Baume die Spinnen über meines Kindes Leichnam ihr Gewebe ſpinnen werden oder in welchem Teiche gefräßige Fiſche an ſeinen jugendlichen Gliedern na⸗ gen! O, die Spinnen haben Beſitz von den Schuhen meines Kindes genommen, weil ſie nur zu gut wiſſen, daß mein Hugo ſie nimmer wieder brauchen wird.“ Hier brach der Mutter mit der Stimme zugleich das Herz und ſie ſammt ihrer Tochter ſchauten ſchluchzend auf das überſponnene Schuhepaar hin, welches ihnen wie kleine Särge vorkam. Da wurde leiſe die Thüre aufgeklinkt und die Herzogin Jolande mit ihren Kindern trat zu dem darüber hoch auf⸗ ſtaunenden Paare. „Ich errathe“— hob die Herzogin bewegt an—„wem Eure Thränen gelten. Glaubt mir, liebe Michelet, daß ich mit Euch leide und trauere, wiewohl ich noch nicht ganz die Hoffnung aufgebe, daß Euer Hugo doch noch wiederkehre. Er war ein guter, lieber Knabe.“ „Ja, das war er“— ſchluchzte Frau Michelet—„und zugleich der gehorſamſte und dankbarſte Sohn.“ „Eigentlich ſehe ich nicht recht ein“— verſetzte die Herzogin, ihre geheime Angſt dadurch zu beſchwichtigen ſuchend—„weshalb wir gleich das Schlimmſte von Euerm Sohne befürchten. Reißende Thiere giebt es, Gott Lob! nicht mehr in unſrer Gegend; Straßenräuber können nichts 60 an dem Knaben vermuthen, was ſich der Mühe des An⸗ fallens verlohnte; vom Wege weit ab ſich verirren iſt nicht gut möglich und da ſeine Botſchaft die unſchuldigſte von der Welt, nichts als ein Scherz war, ſo wüßte ich nicht, wes⸗ halb der gefürchtete Triſtan oder ſonſt Jemand dem Knaben ein Leid anthun wollte.“ „Mein älterer Sohn, Balduin,“— antwortete Frau Michelet ſeufzend—„war angeblich auch mit einer un⸗ ſchuldigen Botſchaft von Euerm gnädigſten Herrn Gemahl betraut worden und bleibt dennoch ſchon ſeit drei Jahren verſchwunden. Ach, ſo werde ich aller meiner Kinder be⸗ raubt und ich möchte eben ſo klagen wie Rahel, deren Kin⸗ der dahin ſind.“ „Ich kam noch aus einer anderen Abſicht zu Euch“— fuhr die Herzogin fort—„als um Euch zu befragen, ob Ihr noch nichts von Euerm Sohne erfahren hättet. Wohl weiß ich, daß kein Geld und Gut in der Welt Euch für Euer Kind entſchädigen kann, aber nehmt dennoch dieſe we⸗ nigen Goldſtücke freundlich von mir an und verſchmähet ſie nicht. Sie können und ſollen Euch die Mittel an die Hand geben, Boten zu dingen und auszuſenden, welche nach Euerm Sohne und deſſen Geſchick ſich erkundigen ſollen Gern hätte ich ſelbſt die Boten dazu erleſen und ausgeſendet, wenn ich nicht fürchten müßte, daß die Sache dann ruchbar und meinem Gemahl zu Ohren gebracht würde, der vielleicht dar⸗ über ungehalten werden könnte. Da nehmt, gute Michelet!“ „Dank, tauſend Dank, gnädigſte Frau!“ weinte die Mutter.„Wenn ich durch dieſes Gold eine tröſtliche Nach⸗ du. 61 richt von meinem Hugo erhalten könnte, ſo wollte ich in Euch einen Engel des Lichts verehren.“ „Auch mögt Ihr jeden Tag um die Mittagszeit Euer Töchterchen in die herzogliche Küche ſenden“— fuhr die Herzogin fort—„um dort für Euch Beide warme Koſt und einen kräftigen Trunk in Empfang zu nehmen. Und babt Ihr ſonſt ein Bedürfniß oder ein Anliegen, ſo theilt es mir ungeſcheut mit und ich werde thun, was ich vermag.“ „Unſer Herrgott lohne Euch tauſendfach, was Ihr an mir armen Wittwe thut“— erwiederte Frau Michelet ge⸗ rührt.„Ach, wenn alle Menſchen ſo gut wären, wie Ihr, gnä⸗ digſte Frau; wie ſchön wäre es dann auf der Erde! Könnte ich nur zum kleinſten Theile Eure Gnade wieder vergelten, wie gern wollte ich's! und ſelbſt für Euch durch's Feuer laufen.“ „Wohl könnt Ihr etwas für mich thun“— entgegnete die Herzogin bewegt—„indem Ihr mich, meine Kinder und meinen Gemahl in Euer Gebet einſchließet. Glaubt mir, gute Michelet, daß auch ich meine großen Sorgen und Kümmerniſſe habe, größere und gegründetere vielleicht als die Eurigen ſind. Nur der eitle Schimmer, nicht aber das wahre Glück, wohnt in den Paläſten, und der Reichſte im Lande iſt nicht ſelten der Allerbedauernswertheſte.“ Hier verſank die Herzogin in ein trübes Nachdenken und da ſolches weder Frau Michelet, noch deren Tochter durch eine Erwiederung zu ſtören wagten, ſo trat eine lautloſe, beängſtigende Stille in dem Stübchen ein. Dieſelbe unter⸗ brach endlich der jüngere Prinz, Heetor, indem er neugierig „. 62 anhob:„Warum ſtehen denn dieſe Schuhe auf dem Tiſche? Was iſt mit ihnen und wem gehören ſie an?“ „Es ſind Hugo's zurückgelaſſene Schuhe“— antwor⸗ tete Antonie leiſe—„und ſchon Spinneweben darüber ge⸗ zogen“— fuhr ſie ſchmerzlich fort. „Ei, wenn ich doch auch ſchon ſo groß wäre, daß ich ſolche Schuhe anziehen könnte!“ ſprach Hector weiter. „Solche Schuhe würdet Ihr nie an Eure Füße ziehen“ verſetzte Antonie—„denn ſie ſind zu plump gearbeitet und ihre Sohlen nur von Holz.“ „Ei, ſie ſind mir zehnmal lieber“— ſagte Hector— „als die großen Lederſtiefeln mit den garſtigen Sporen daran, womit man den armen Pferden den Bauch blutig ritzt. Wenn ich es eben ſo meinem Pferde anthun müßte, ſo möchte ich gleich gar nicht reiten lernen. Und wie peitſcht überdieß noch der garſtige Lerreau die Pferde und die Hunde!“ „Ja, das iſt wahr“— beſtätigte der ältere Prinz, Iſouard—„und lange noch nicht Alles und nicht das Schlimmſte. Lerreau, mit dem wir jetzt den halben Tag zubringen müſſen, legt den Jagdhunden Halsbänder mit ſpitzen Stacheln an und läßt ſie grauſam hungern, wenn ſie nicht gleich begreifen, was er ihnen lehren will. Um ſie zur Saujagd abzurichten, fängt er wilde Schweine lebendig, ſägt ihnen die großen Hauzähne ab und ſchlägt ihnen wohl gar noch die Hinterläufte entzwei, damit ſie ſich nicht zur Wehre ſetzen und nicht mehr ſchnell laufen können. Dann hetzt er ein Rudel junger Jagdhunde auf ſie, welche die Schweine grauſam zerbeißen. 6“ dir, Antonie! geſtern 5 8. 63 hab' ich eine wilde Sau gewiß zehn Fuß kerzengerade an der Schloßmauer aus Angſt vor den Hunden hineinlaufen* ſehen. Das hat mich ſchrecklich gedauert, Lerreau aber deshalb mich derb ausgeſcholten.“ „Und die armen Füchſe—“ nahm Hector wieder das Wort—„prellt Lerreau hoch, hoch in die Luft und das treibt er ſo lange, bis die armen Thiere im Niederfallen ſich alle Knochen im Leibe zerbrochen haben und elendiglich ſterben.“ „Erinnerſt du dich noch des prächtigen Hirſches“— fragte Iſouard ſeinen Bruder—„bei der letzten Jagd, der ſchon zwei Kugeln und ſechs Bolzen im Leibe ſtecken hatte und immer noch nicht ſterben konnte? Wie er zuletzt ſtill ſtand und zu huſten anfing, wobei ihm ganze Blutſtröme aus dem Halſe ſprangen?“ „Hört auf mit euerm Erzählen!“— ſprach die Prin⸗ zeſſin Helene—„die Haut ſchauert Einem ja dabei! Aber ſagt ſelbſt: iſt's hier nicht recht hübſch traulich und ſtill?“ „Gewiß!“ verſetzte Prinz Iſouard—„Mir gefällt's hier ungleich beſſer als in unſern hohen, kalten Zimmern, wo man vor ſeinen eigenen Tritten erſchrecken möchte, ſo laut hallen ſie wieder. Auch hört man hier weder das ſchreckliche Hundegeheul, noch das unaufhörliche Pferde⸗ geſtampfe, vor welchem man in der Nacht kaum einſchlafen kann. Die Ausſicht in den Park und in's Freie hier ge⸗ fällt mir auch beſſer als die unſere in den weiten Schloßhof.“ „Wenn ich einmal ſo groß ſein werde wie mein Papa“ — ſprach Prinz Hector—„und befehlen darf, ſo ziehe ich hierher.“ 64 „Ei ſieh doch, wie artig!“ lächelte die Prinzeſſin— „Du wollteſt alſo die gute Frau Michelet aus ihrer Woh⸗ nung verjagen?“ „Nein, nein, ſo habe ich es nicht gemeint“— erwie⸗ derte der kleine Prinz.„Ich ließe mir vielmehr eben ſo ein— kleines, hübſches Stübchen hier anbauen und ſpielte dann fleißig mit Hugo, vorausgeſetzt, daß er ſich wiederfindet.“ Hier unterbrach die Herzogin die Fortſetzung des kind⸗ lichen Geſprächs, indem ſie, von ihrem Sitze ſich erhebend, zu Frau Michelet ſagte! „Liebe Michelet, erzeigt mir den Gefallen und ſchließt mir die Familiengruft auf. Mich drängt's, mein Herz dort auszuſchütten und zu erleichtern. In der Nähe der Todten erhebt man ſich über die Kümmerniſſe dieſes irdiſchen Lebens.“ Frau Michelet erfüllte den Befehl der Fürſtin, welche in der Gruft allein gelaſſen ſein wollte und ihre Kinder unter der Obhut der Frau Michelet und Antoniens zurück⸗ ließ. Dieſe Beiden hatten ſeit der Auffindung jener ver⸗ ſchmachteten Haſen noch nicht wieder das Grabgewölbe be⸗ treten und zwar deshalb, weil ſie ſeit Hugo's Verluſt einen ſehr erklärlichen Widerwillen dagegen empfanden. Als die Kinder, welche in den angränzenden Park ſich begeben hatten, einmal den niedrigſten Fenſtern der Gruft ſich näherten, vernahmen ſie durch das unverglaſete Eiſen⸗ gitter das ſchwache, ſchmerzliche Schluchzen der armen Her⸗ zogin, welche bitterlich über dem Sarge ihres geſtorbenen Töchterchens weinte. „Horch! wie Mama weint!“ ſprach der kleine Hector zu ſeinem Bruder. 65 „Sie weint jetzt recht oft“— erwiederte Iſouard trau⸗ rig—„viel, viel öfter als bisher. Ich höre es, wenn ich in der Nacht einmal munter werde, obſchon Mama ihren Kopf unter das Bett ſteckt.“ Als die Herzogin nach einer Weile wieder aus der Gruft kam, wartete ſie, bis die Merkmale des Weinens aus ihrem Antlitze verſchwunden waren, bevor ſie mit ihren Kindern den Rückweg in's Schloß antrat. Frau Michelet ſah ſich durch die Freigebigkeit der Her⸗ zogin nun in den Stand geſetzt, Boten zu dingen und aus⸗ zuſenden, welche die Umgegend und die Ferne nach ihrem verſchwundenen Sohne durchſtreifen ſollten. Sie kehrten aber insgeſammt ohne Erfolg zurück. Ob ſie ihren Auftrag gewiſſenlos ausgerichtet hatten und es ihnen bloß um den Botenlohn zu thun geweſen war, läßt ſich nicht ſicher be⸗ ſtimmen. Nur ſoviel war gewiß, daß Frau Michelet endlich auch den letzten Hoffnungsſchimmer dahin ſchwinden ſah, ihren lieben Hugo in dieſer Welt wiederzuſehen. Da erſchien eines Abends, ohngefähr vierzehn Tage nach Hugo's Entfernung, Jacques Coittier in der Woh⸗ nung ſeiner Schweſter, welche ihren Bruder mit der Klage über ihres Kindes Verluſt empfing und ihn deshalb um ſeinen Beiſtand anflehete. „Ich weiß Alles, liebe Schweſter,“ verſetzte der Leib⸗ arzt ruhig—„und mehr noch wie du. Aber du und An⸗ tonie müßt mir heilig verſprechen, gegen Jedermann ver⸗ ſchweigen zu wollen, was ich euch jetzt mittheilen werde. Hugo lebt, befindet ſich gegenwärtig in Paris und wohl auf. Er ſteht unter meiner Aufſicht und meinem Schte Hierher Rieritz, Bruderliebe. 66 aber darf er eher nicht zurückkehren, als bis Euer Herzog keinen ſeiner Unterthanen durch hochverrätheriſche Sendun⸗ gen der Gefahr des Aufhängens oder des Säckens mehr ausſetzt. Der gegenwärtige Zuſtand wird, trügen mich nicht alle Anzeichen, nicht mehr lange währen.“ Bieſe Worte machten Mutter und Tochter wie neuge⸗ boren. Beide umarmten den Freudenboten und drohten ihn mit ihren Liebkoſungen zu erſticken. Endlich ſprach Frau Michelet bittend: „Darf ich denn nicht der lieben Frau Herzogin einen kleinen Wink ertheilen, daß unſer Hugo nicht untergegangen iſt? Sie nimmt ſo herzlichen Antheil an dem Knaben und an unſerm Kummer, daß ich es für eine Sünde halte, wenn ich ſie länger in Angſt um Hugo laſſen wollte.“ „Nein, nein“ erwiederte Coittier beſtimmt—„niemand außer euch darf mein Geheimniß wiſſen. Es hat weder der Herzog, noch ſeine Familie einen Gewinn davon, daß ſein junger Sendbote dem Stricke Triſtan's entſchlüpft iſt. Ich ſage dir: die Nemours wandeln auf der ſcheinbar ruhigen Oberfläche eines Vulkans umher, in deſſen Innerem das Verderben kocht und flammt.“ „Mich dauert nur die Herzogin und ihre lieben Kin⸗ derchen“— entgegnete Frau Michelet.„Du kannſt dir's nicht denken, wie herablaſſend, wie gnädig und freigebig ſie gegen uns iſt! Fünf Goldſtücke hat ſie mir geſchenkt, da⸗ mit ich die Boten recht weit auf Nachforſchungen nach Hugo ausſenden konnte.“ „Wenn der Herzog ſeine Gemahlin und Kinder nicht ſeinem maßloſen Ehrgeize und Stolze nachſetzte“— ſagte 67 Coittier—„ſo würde Alles beſſer hier ſtehen. Gewarnt iſt er zur Genüge worden und die Langmuth des Königs am Ende. Doch meines Bleibens iſt nicht länger hier. Ich kam nur, um eure Beſorgniß wegen Hugo zu zerſtreuen. Lebt wohl und hütet eure Zungen.“ Coittier entfernte ſich wieder, indem er beharrlich jeder näheren Auskunft über Hugo auswich. Fünftes Kapitel. Der Paſtetenbäcker. In der Straße Saint Michel zu Paris ſtand ein Haus von nur zwei Stockwerken Höhe und vier Fenſtern Breite. Es ſah mit ſeinen ſchwärzlichen Mauern und den eiſenver⸗ gitterten Fenſtern des Erdgeſchoſſes ziemlich einem Ge⸗ fängniß ähnlich. Allein neben der oben abgerundeten Hausthüre war ein bemaltes Schild aufgehängt, welches einen weißgekleideten Mann vorſtellte, der auf einer Schüſſel eine dem babyloniſchen Thurme nachgebildete Paſtete trug. Darüber war die in goldenen Buchſtaben prangende Auf⸗ ſchrift zu leſen: „Peter Escabeau, Paſteten⸗ und Zuckerbäcker des Königs.“ Das bei uns eingebürgerte lateiniſche Wort„Con⸗ ditor,“ welches ſich, in Ermangelung eines paſſenden deut⸗ ſchen, die Zunft der Zuckerüberzieher und Zuckerbäcker bei⸗ gelegt hat, bedeutet urſprünglich bloß einen Zuſammenſetzer, während der für Conditor gebrauchte franzöſiſche Ausdruck 6 5* „confiseur“ buchſtäblich ein Einmacher heißt. Zu Lud⸗ wig's XI. Zeiten lag freilich die Kunſt des Zuckerüberziehens oder der Confiſerie, welche gegenwärtig einen ſo hohen Gipfel erreicht hat, noch ziemlich in der Wiege. War ja doch der Rohrzucker noch nicht gar lange in Europa bekannt und eine eben ſo theure als ſeltene Waare, an deren Stelle man den Honig und den eingeſottenen Saft vorzüglich ſüßer Früchte benutzte. Peter Escabeau aber durfte ſich rühmen, dem Rohrzucker den Eingang zu ſeinem jetzigen, weltumfaſ⸗ ſenden Verbrauch angebahnt zu haben. Er war es auch, für welchen die Zucker⸗ und Gewürzladung des Kaufherrn Vermeil beſtimmt und welcher von dem pariſer Gemeinde⸗ rathe auserſehen war, zu dem nächſten Geburtstage des Königs ſeine ganze Geſchicklichkeit durch die Herſtellung eines zuckergebackenen Hirſches von mächtiger Größe aufzu⸗ bieten. Bierbrauer und Fleiſcher beweiſen meiſtens durch die Beſchaffenheit ihres füllreichen und markvollen Körpers, daß die Erzeugniſſe ihrer Zunft eben ſo nährend als kräf⸗ tigend ſind, während die nur zu oft hageren, zuſammenge⸗ trockneten und ſchwächlichen Geſtalten der Conditoren deren Kunden ein gerechtes Mißtrauen gegen die nur auf Kitzelung des Gaumens und nicht auf die Verlängerung des menſch⸗ lichen Lebens berechneten Süßigkeiten und Leckereien ein flößen ſollten. Meiſter Peter Escabeau machte von dem eben vorge⸗ merkten verdächtigen Ausſehen der Conditoren keine Aus⸗ nahme, denn es konnte kaum einen hagerern und vertrockne⸗ teren Menſchen geben, als ihn. Allein er wußte die Schuld dieſer Magerkeit von ſeiner Kunſt hinwegzuwälzen, indem ———— ——— 69 er ſich darauf berief, daß er zwar die ſüßen Leckereien be⸗ reite, doch nicht ſelbſt verzehre, ſolches vielmehr ſeiner Gattin überlaſſe, deren Anſehen gewiß ſeiner Kunſt die größte Ehre bereite. Und in der That glich Frau Sybille Escabeau dem ſtrahlenden Vollmonde, dagegen Herr Peter Escabeau als letztes Viertel neben ihr ſich ausnahm. Wäh⸗ rend der Letztere in der Küche vor dem heißen Backofen ſchwitzte oder bei dem beſchwerlichen Zerſtoßen der Gewürze deren ſcharfen, beizenden, die Lunge angreifenden Duft ein⸗ ſog, thronte Frau Sybille im Verkaufsladen hinter den aufgeſtapelten Süßigkeiten, Paſteten und anderen leckeren Eßwaaren, denſelben nach Belieben zuſprechend und mit ihnen ihren ſelten zu bewältigenden Appetit ſtillend. Einen Gehilfen in ſeiner Kunſt hatte Escabeau aus dem Grunde nicht, weil er von einem ſolchen das Ablernen ſeiner geheim gehaltenen Kunſtgriffe und Zuſammenſetzungen befürchtete. Wenn er aber jetzt einen Lehrbuſchen ange⸗ nommen hatte, ſo war es auf die dringende Empfehlung des vielgeltenden königlichen Leibarztes, Herrn Coittier's, geſchehen und weil der Zuckerkünſtler ſeinem neuen Lehrling zu wenig Grütze zutraute, um ihm ſein Geheimniß abzu⸗ ſtehlen. Vielleicht erräth der Leſer ſchon ſelbſt, daß dieſer Schützling Coittier's kein Andrer als Hugo Michelet war, der aus den Dienſten des Kaufherrn Vermeil in die des königlichen Paſteten- und Zuckerbäckers übergegangen war. Weil aber der Vorname„Hugo“ der Frau Escabeau miß⸗ fiel, ſo hatte ſie, die das Regiment im Hauſe führte, den Knaben in„Jasmin“ umgetauft. Die Mode, das über den Nacken hinabfallende Haar der Männer in ein Säckchen 70 oder einen Beutel zu ſtecken, iſt zuerſt durch die Köche und Con⸗ ditoren aufgekommen, welche aus dem gar nicht zu tadelnden Grunde jene Haarbeutel trugen, damit nicht etwa ein aus⸗ gefallenes oder locker gewordenes Haar in die bereiteten Speiſen falle und dem Eſſenden den Appetit verderbe. Später erſt wurde dieſe Mode des Haarbeuteltragens auch von Solchen nachgeahmt, bei denen jener vernünftige Grund hinwegfiel. Hugo Michelet war in dem jetzigen Conditorlehrling Jasmin nicht gut wieder zu erkennen. Sein ſchwarz ge⸗ locktes Haar über der Stirne und auf dem Kopfwirbel ver⸗ barg ſich unter einer weißen Zipfelmütze und das des Nackens in einem ſchwarzen Säckchen oder Haarbeutel. Eine Jacke und eine hoch heraufgehende Latzſchürze von weißem Zeuge ließen nur wenig von denjenigen Beinklei⸗ dern erblicken, welche Hugo auf ſeiner Reiſe angehabt hatte. In derſelben Weiſe, nach welcher man ehemals dem Ochſen, der die vollen Getreidegarben durch das Stampfen mit ſeinen breiten Füßen ausdreſchen mußte, das Maul verband, um ihn am Verzehren der Körnerfrucht zu verhin⸗ dern, hatte auch Meiſter Escabeau ſeinem Lehrling einen Maulkorb angelegt, der ihn vom Benaſchen der vielen um ihn befindlichen Leckereien abhalten ſollte. Dieſer Maul⸗ korb aber war kein ſichtbarer, ſondern beſtand in der Dro⸗ hung des augenblicklichen Fortjagens, ſobald Hugo oder Jasmin auf der kleinſten Näſcherei ſich ertappen laſſen würde. „Hoffe nicht, mich betrügen zu können“— hatte Peter Escabeau ſeinen Lehrling gewarnt—„jedes Stück der Waare iſt gezählt und der Inhalt auch der größten, wie der kleinſten Paſtete in meinem Kopfe. Uebrigens ahme mein Beiſpiel nach, der ich nur ſo viel von meinen Erzeug⸗ niſſen koſte, als zu deren Herſtellung nöthig iſt, und außer⸗ dem die einfachſten Nahrungsmittel zu mir nehme.“ Jasmin gelobte Gehorſam an und hielt ſein Wort, ſo groß die Verſuchung auch oftmals war. Unverdroſſen un⸗ terzog er ſich jeder ihm übertragenen Arbeit, ſelbſt wenn es die eines Waſſerträgers, Schuhputzers, Küchen⸗und Stuben⸗ mädchens, Laufburſchen, Holzhackers und Stößers war. Ueberdieß mußte er noch das Amt eines Aufpaſſers verſehen, wenn der Käufer oder ſchmauſenden Kunden ſo viele im Kaufladen zugegen waren, daß Frau Sybillens Augen allein zur Aufſicht nicht ausreichten. Denn ſchon damals gab es Einzelne, welche hinter dem Rücken der Verkäuferin die Zuckerwaaren benaſchten oder die Zahl der von ihnen ver⸗ zehrten Gegenſtände niedriger angaben, als ſie wirklich war. Jasmin's ehrliches, treuherziges und gefälliges Weſen gewann ihm das Vertrauen und die Zuneigung der dicken Frau Sybille mehr, als ſolches der Fall bei deren Gatten war, deſſen Spruch immer lautete:„Es iſt Niemandem zu trauen.“ An den Kaufladen grenzte ein Alkoven, der zur Auf⸗ nahme von Gäſten eingerichtet war, die bei dem Genuſſe der Leckereien ſich gern den Blicken der übrigen Käufer ent⸗ ziehen mochten. Ohnehin ſchon durch ſeine Bauart ziemlich dunkel, konnte der Alkoven durch einen die Durchſicht ver⸗ bietenden Vorhang völlig abgeſperrt werden. Unter den Gäſten, welche Escabeau's Alkoven in regelmäßigen Zwi⸗ ſchenzeiten betraten und dort der Naſchluſt fröhnten, war 72 ein dürres, kleines Männchen, welches gewöhnlich in der Dämmerung und in einen dunkelfarbigen Mantel gehüllt, hereinſchlüpfte und am häufigſten den kleinen Paſteten zu⸗ ſprach, welche mit klein gehacktem Fleiſch und Pilzen gefüllt waren. Frau Escabeau, wie auch deren ſeltener in dem Kaufladen ſich zeigender Gatte, bezeigte dem unanſehnlichen Männchen, welches ein Paar raſtlos und überall hinblicken⸗ der Augen beſaß, eine ungewöhnliche, Jasmin auffallende Ehrfurcht und Zuvorkommenheit. „Kleiner Spitzbube!“ ſagte Escabeau eines Abends, indem er Jasmin's linkes Ohr mit zwei Fingern erfaßte und ſchmerzhaft hin⸗ und herzog.„Es fehlen ſechs candirte Maronen und drei bittere Makronen, die jedenfalls in dei⸗ nen Magen gewandert ſind. Ich werde dir, wenn du leug⸗ neſt, ein Brechmittel reichen und dann genade dir Gott, wenn deine Schelmerei an den Tag kommt.“ Als Jasmin, tief gekränkt, ſeine Unſchuld betheuerte, trat Frau Sybille als ſeine Beſchützerin auf. „Du thuſt dem armen Jungen Unrecht, Peter!“ ſprach ſie.„Er iſt während zwei ganzer Stunden abweſend ge⸗ weſen und in dieſer Zeit nur kann die Dieberei begangen worden ſein. Ich wüßte aber auch nicht, wer ſonſt es ge⸗ weſen wäre. Nur wenige Käufer auf einmal befanden ſich im Laden, außer Herrn Olivier, dem Teufel, hat niemand den Ackoven betreten.“ Da ſich Jasmin noch nicht lange in ſeinem neuen Amte und bei dem Zuckerbäcker befand, ſo hörte er jenen ſonder⸗ baren Namen zum erſtenmale nennen. Um nicht von dem ſchimpfluſtigen Paſtetenbäcker etwa eine neugierige Hexe 73 genannt zu werden, was eroft that, ſo fragte Jasmin nicht, welcher Kunde dieſen ſonderbaren Beinamen und aus welchem Grunde er ihn führe. Soviel entdeckte er endlich ſelbſt, daß jener kleine, immer in ſchwarzes Tuch oder in eben ſolche Seide gekleidete Mann mit den ruheloſen Diebsaugen damit gemeint ſei. Er ſchien den Beinamen„Teufel“ ſchon um deswillen mit Recht zu führen, weil gewöhnlich nach ſeinem Weggange wieder einige Stücke von der Zuckerwaare fehlten und Jasmin dann jedesmal ein Donnerwetter und die Drohung, fortgejagt zu werden, von ſeinem Herrn ſich gefallen laſſen mußte. Er nahm ſich daher vor, recht genau aufzupaſſen und dem Herrn Teufel mit Luchsaugen auf die Finger zu ſehen, um ihn über dem Mauſen zu ertappen; allein ſtets ohne Erfolg. Endlich fiel er auf ein Mittel, wo es ihm beſſer glückte. Als Herr Olivier das nächſtemal ſich wieder einfand, ſo verbarg ſich Jasmin, während jener unter den Augen der Frau Sybille die gewünſchte Backwaare vom Kauftiſche auswählte, unter dem einzigen, großen, run⸗ den Tiſche, welcher mit einer bis auf die Dielen herab⸗ reichenden, bunt gewirkten Decke verſehen war. Er konnte dies um ſo unbemerkter thun, weil von der Hausflur aus noch eine zweite Eingangsthür in den Alkoven führte. Ohne die leiſeſte Ahnung von dem Vorhandenſein eines unſicht⸗ baren Zeugen zu haben, nahm Olivier an dem Tiſche Platz und begann mit großem Behagen ſeine friſchgebackenen Pa⸗ ſteten zu ſchmauſen. Nach einer Weile hörte das ſchmatzende Geräuſch, welches der Eſſer während des Kauens machte und das bei uns zu Lande„Patſchen“ genannt wird, auf, woraus Jasmin unter dem Tiſche den Schluß zog, daß die 74 Paſteten verzehrt ſeien. Auch dünkte es dem Knaben, als erhöbe ſich Herr Olivier leiſe von ſeinem Sitze und ſchliche ſich mit dem unhörbaren Tritte einer Katze nach dem faſt ganz durch den Vorhang verhüllten Ausgang des Alkovens hin, wo er lauſchend ſtehen blieb. Plötzlich wurde draußen der eiſerne Klopfer an der Hausthüre des Paſtetenbäckers und zwar mit lautſchallenden Schlägen bewegt, was das ſofortige Aufſpringen der Conditorsfrau zur Folge hatte. Unter dem zornigen Ausrufe:„Seid ihr ſchon wieder da, um euern Unfug zu wiederholen, ihr heilloſe Brut?!“ be⸗ wegte ſich die dicke Frau hinter ihrem Ladentiſche hervor, um hinaus auf die Straße zu ſtürzen und die unberufenen Klopfer zu erwiſchen. Frau Sybille mußte ſich ſelbſt zu dieſem Strafamte hergeben, weil ſonſt kein Menſch gerade im Kaufladen war. Den Augenblick benutzend, wo der Schatz der Zuckerwaaren ſeines Hüters entbehrte, eilte Herr Olivier, wie Jasmin durch den Schlitz der Tiſchdecke er⸗ ſpähete, hinein an den Ladentiſch und kehrte mit ſeiner raſch eroberten Beute in den Alkoven zurück, bevor Frau Sybille unter heftigem Verwünſchen der pariſer Gaſſenbrut, die bei ihrem Erſcheinen ſich bereits aus dem Staube ge⸗ macht hatte, ihre Ladenſtube wieder betrat. Jasmin's Zorn über den entlarvten Zuckerwaarendieb und Räuber ſeiner Ehre war ſo groß, daß er nur nach har⸗ tem Kampfe mit ſeiner Luſt und der Klugheit unter ſeinem Tiſche bis nach Olivier's Entfernung auszuharren vermochte und nicht ſofort die geſchehene That ſeiner Herrin anzeigte. Als Jasmin, noch tief empört über das Geſchehene und von Zornesröthe übergoſſen, der Frau Sybille in dem Herrn Teufel Olivier den erwiſchten Dieb nannte, rief dieſe erſtaunt und ungläubig aus:„Richt möglich, Jasmin! Du haſt falſch geſehen in deiner blinden Wuth. Wie? ein ſo reicher Herr, ein Graf und Commandant über eine Stadt könnte ſeine Ehre wegen etlicher Sous auf das Spiel ſetzen? Hüte dich, mein Junge, das mir Entdeckte irgend einem an⸗ deren Menſchen mitzutheilen, denn Herr Olivier's Arm iſt ſehr mächtig und reicht eben ſo weit als ſeine Denkweiſe rachſüchtig und unverſöhnlich iſt.“ „Wie?“ verſetzte Jasmin betroffen—„der kleine, dürre Mann wäre ſehr reich, wäre ein Graf und ein Stadt⸗ commandant? Ihr wollt mich wohl zum Beſten haben, Frau Escabeau?“ „Es iſt, wie ich dir ſage“— erwiederte die Conditors⸗ frau.„Dieſer reiche Graf und vielgebietende Commandant einer Stadt war anfänglich und lange Jahre hindurch nichts weiter als unſers allergnädigſten Königs Bartſcheerer. Als ſolcher wußte er ſich bei dem Könige ſo unentbehrlich zu machen und ihm durch ſeine klugen Rathſchläge ſo große Dienſte zu leiſten, daß er bis zu ſeinen jetzigen Würden em⸗ porgeſtiegen iſt und noch immer bei dem König Alles in Allem gilt. Du ſiehſt hieraus, daß, dieſen vielvermögenden Herrn des Diebſtahls beſchuldigen zu wollen, faſt ſo viel wie Hochverrath wäre und dir leicht den Kopf und das Le⸗ ben koſten könnte.“ „Aber Ihr nanntet doch ſelbſt den Paſtetendieb einen Teufel und niemals einen Grafen oder Stadteomman⸗ danten?“ antwortete Jasmin. „Den Zunamen Teufel, den man ihm freilich nicht 76 hören laſſen darf“— ſagte Frau Sybille—„hat ihn des Volks Stimme wegen ſeiner ſchlimmen Eigenſchaften bei⸗ gelegt, während er ſich bei uns die Erwähnung ſeines hohen Ranges ausdrücklich verbeten hat, um unerkannt hier aus⸗ und eingehen zu können.“ „Was ſoll aber geſchehen“— wehklagte Jasmin— „wenn Herr Olivier mit Mauſen und Euer Gemahl mit ſeinen Beſchuldigungen fortfährt, daß ich der Dieb ſei?“ „Vor allen Dingen“— meinte Frau Sybille—„müſ⸗ ſen wir erforſchen, ob das Klopfen an der Hausthüre ein bloßer Zufall oder ein abgekartetes Spiel zwiſchen Herrn Olivier und einem ſeiner Diener geweſen iſt. Dann will ich ſchon ſolche Maßregeln nehmen, die Herrn Olivier das fernere Mauſen unmöglich machen ſollen.“ Dieſer gewiß klugen Entſcheidung mußte ſich Jasmin unterwerfen. Allein er ſprach dabei zu ſich ſelbſt:„Wer will mich hindern, auch meine Maßregeln zu treffen, die dem unberufenen Klopfer das Wiederkommen verſalzen ſollen?“ Dieſe Maßregeln Jasmin's nun beſtanden in nichts Weiterem als in der Bereitlegung eines tüchtigen Prügels, mit welchem er Olivier's Helfershelfer und Klopfer auszu⸗ zahlen gedachte. Wirklich ſtellte ſich Jasmin bei dem näch⸗ ſten Beſuche des diebiſchen Grafen lauernd in einem ver⸗ ſteckten Winkel zunächſt der Hausthüre auf und richtig!— es währte nicht lange, ſo huſchte eine männliche Geſtalt herbei, um unter dem Schutze der Dunkelheit ein hölliſches Klopfen zu erheben und dann nach einigen gethanen Schlä⸗ gen zu verſchwinden. Doch dießmal hatte ſich der arme 77 Klopfer verrechnet, indem er geradezu dem Lehrlinge des Paſtetenbäckers in die Hände rannte, der ſeinerſeits das Klopfen mit ſeinem Prügel auf die Schultern, den Kopf und den Rücken des hierauf gar nicht vorbereiteten Menſchen fortſetzte. Die Püffe fielen ſo raſch und ſchmerzend auf einander, daß der Geſchlagene in ſeiner Beſtürzung an keine Gegenwehr dachte, ſondern ſein Heil unter mühſam unter⸗ drücktem Wehgeſchrei in der eiligſten Flucht ſuchte und fand. Nach dieſer genommenen Genugthuung für die erlittenen Anſchuldigungen ſeiner Ehrlichkeit kehrte Jasmin befriedigt in das Haus zurück und er, ſo wie Frau Sybille, erlebte die Freude, daß Herr Olivier, ſonſt auch noch mit dem Zu⸗ namen le daim, oder der Dammhirſch, beehrt, ſeine Frei⸗ beuterei von nun an einſtellte. Aber Jasmin ahnete nicht, daß er durch ſeine Selbſtrache an dem ehemaligen Barbier des Königs und deſſen Helfershelfer einen gar ſehr zu fürch⸗ tenden Feind ſich erkauft hatte, indem der Geprügelte an Jasmin's weißer, ſelbſt in der Dunkelheit noch zu erkennen⸗ der Kleidung gar wohl erſehen, wem er die ſchmerzhaften Schläge zu verdanken oder vielmehr zurückzuzahlen hatte. Indeſſen rückte der Geburtstag Ludwig's Kl. heran, welcher Escabeau's Kunſt in der ſchönſten Glorie leuchten laſſen ſollte. Der von der guten Stadt Paris bei ihm längſt beſtellte rieſige Hirſch von zuckerüberzogenen Früch⸗ ten jeglicher Art war ein Meiſterſtück der Zuckerbäckerei ge⸗ worden und erfüllte ſeinen Herſteller mit dem gerechteſten Stolze. Halb Paris drängte ſich herzu, als das zuckerſüße Angebinde und Edelwild, begleitet von den ſämmtlichen Gliedern der pariſer Zuckerbäckerzunft, in ihrer üblichen weißen Tracht, unter welchen auch Jasmin ſich befand, durch die Straßen der großen Stadt nach des Königs Schloſſe getragen wurde. Zum erſtenmale in ſeinem Leben betrat Jasmin die königliche Wohnung, durchwandelte er die heh⸗ ren, glanzvollen Räume, erblickte er das zahlloſe Gewimmel eines königlichen Anhängſels, gelangte er ſelbſt in die Nähe des mit aller Pracht umgebenen und geſchmückten Mon⸗ archen. Und er, der arme Knabe, der ſich unter den gold⸗ und ſilberſtrahlenden Würdenträgern wie ein verachtetes Würmlein vorkam, ſollte, nach ſeines Oheims Prophezeiung, beſtimmt ſein, das königliche Leben zu retten! Welch' ein berauſchender Gedanke! Ludwig XI. liebte nicht bloß für gewöhnlich wie der ſchlichteſte Bürger ſich zu kleiden, ſondern auch, während er die edelſten und höchſten Vaſallen ſeines Reichs zu demü⸗ thigen befliſſen war, leutſelig mit dem Bürgerſtande zu ver⸗ kehren. Es war nichts Seltenes, daß der König nebſt ſeiner Gemahlin oder allein ſich bei einem Bürger und Handwerker zu Gaſte bat, dieſen und jenen beſuchte, mit ihm ſich unter⸗ hielt oder auch gar mit ihm ſcherzte. Eine ſolche Ehre war auch dem Meiſter Escabeau ſchon einigemal zu Theil ge⸗ worden, daher des Monarchen Erſcheinen in dem Zucker⸗ bäckerladen durchaus keinen ſchreckhaften Eindruck mehr hervorbrachte. Es war einige Tage nach der Feier des königlichen Ge⸗ burtstags, als Olivier, der ehemalige Barbier, ziemlich ſpät am Abende in den Zuckerbäckerladen trat, wo ſich gerade Frau Sybille und Jasmin zugegen befanden. Nachdem Olivier ſich mit einem Teller voll kleiner Paſteten in den 76 Alkoven zurückgezogen hatte, erſchien plötzlich auch der Kö⸗ nig in Begleitung eines vornehmen, fremden Kavaliers. Der Klang der königlichen Stimme drang gleich einem jähen Donnerſchlage zu dem feinen Gehöre des ſchmauſenden Oli⸗ viers, der ſich mit ſeinen Paſteten ſofort durch die andere Thüre des Alkovens aus dem Staube zu machen ſuchte. Allein er fand jene, zu ſeinem großen Verdruſſe, von außen feſt verſchloſſen, daher er, zu einem raſchen Entſchluſſe grei⸗ fend, mit ſeinem Teller ſich unter die Tiſchdecke verbarg. Welche Gründe den königlichen Günſtling, dem das Ver⸗ zehren einiger Paſteten doch unmöglich zu ſeinem Nachtheile ausgelegt werden konnte, hierbei leiteten, konnte Herr Oli⸗ vier allein wiſſen. Aber es iſt nichts Unerhörtes oder Seltenes, daß manche Menſchen, welche oftmals vor den Augen der Welt die größten Verbrechen oder Ungerechtig⸗ keiten verüben, in ganz unſchuldigen Dingen eine unerklär⸗ liche Scham an den Tag legen. Ludwig XI. richtete einige freundliche Worte, welche ſich namentlich auf Escabeau's Meiſterſtück, den zuckerge⸗ backenen Hirſch, bezogen, an Frau Sybille, beſtellte, was er nebſt ſeinem Begleiter zu verzehren gedachte, und begab ſich mit demſelben in den Alkoven, den er leer fand. Frau Escabeau hatte, da ſie nicht darum befragt wor⸗ den war, die Anweſenheit eines dritten Gaſtes im Alkoven nit keiner Silbe gegen den König erwähnt. Sie lauſchte jetzt, um die begrüßende oder Entſchuldigungen ſtammelnde Stimme Olivier's zu vernehmen, ſah ſich aber in ihrer Er⸗ wartung getäuſcht und errieth ſehr richtig, daß Olivier einen Verſteck geſucht haben möchte. Um jeder möglichen Reibung 80 zu entgehen, ſchickte Frau Escabeau ihren Lehrburſchen mit den vom König geforderten Leckereien in den Alkoven, wo Jasmin erſtaunt war, anſtatt drei, nur zwei Perſonen— den König und ſeinen Gaſt— zu erblicken. Weil nun, nach dem Sprüchworte, niemand einen Andern hinter dem Strauche ſucht, wenn man nicht ſelbſt erſt dahinter geſteckt hat, und weil Jasmin eigenhändig, auf ſeiner Herrin Ge⸗ heiß, die zweite Alkoventhüre von außen zugeſchloſſen hatte, ſo blickte er bei dem Abſetzen ſeiner Bürde mit einem for⸗ ſchenden Ausdrucke auf das bis zu den Dielen herabfallende Ende der Tiſchdecke. Ludwig XI. hätte nicht der argwöhniſche, ſeinen Scharf⸗ blick auf die geringſte Kleinigkeit hinlenkende Monarch ſein müſſen, wenn ihm Jasmin's auffälliges Minenſpiel entgan⸗ gen wäre. Mit der einen Hand erhob er jetzt das Ende der Tiſchdecke, während er mit der andern den Leuchter er⸗ faßte und unter den Tiſch leuchtete. Hier wartete ſeiner ein ebenſo unerwarteter als unbeſchreiblicher komiſcher An⸗ blick, der ſein anfängliches Erſchrecken über einen verſteckten, ihm ſo nahen Menſchen in ein lautes Lachen verkehrte. Hier kauerte nämlich, wie ein Häuflein Unglücks, der kleine, dürre Olivier und geberdete ſich wie ein ertappter Schulknabe. Den Teller mit den Paſteten hielt er, wie zu ſeiner Entſchuldigung, mit beiden Händen dem König ent⸗ gegen, wobei er unverſtändliche Worte hervorſtammelte. „Ha, Verräther!“ rief der König, vom Lachen zum Sprechen gelangend, mit verſtelltem Zorne aus—„du ver⸗ dienteſt, daß ich dich mit meinem Degen wie einen gebrate⸗ nen Krammetsvogel anſpießte. Du gedachteſt, von deinem 81 Verſtecke aus, deinen König zu meucheln! Geſtehe es nur ein oder ich laſſe dich foltern, bis die Sonne durch dich ſcheint wie durch ein Blatt Papier. Dank allen Heiligen und dieſem albernen Burſchen hier, der mich durch ſeine ſtieren Blicke gegen dieſe Decke auf die Gefahr aufmerkſam machte. Hat doch mein Leibarzt Coittier unlängſt erſt prophezeit, daß ein junger Burſche mein Lebensretter werden würde. Kann dieſer hier zwei Linſen unter ſeinem Halſe aufweiſen, ſo iſt Coittier's Prophezeiung buchſtäblich in Erfüllung ge⸗ gangen.“ „Ach, Sire!“ erwiederte Olivier, indem er ſich unter dem Tiſche vorarbeitete und dabei ſeine Paſteten verſchüttete „unterſucht mich bis auf die Knochen und ich will augen⸗ blicklich des Todes ſein, wenn Ihr, außer einigen Livres, ſonſt noch etwas an mir findet. Am allerwenigſten irgend eine Waffe, womit ich nur einer Maus ein Leid zufügen könnte. Ein, mich zuweilen befallender Heißhunger und der ſüße Duft dieſes Ladens lockten mich herein. Als ich die Stimme Eurer Majeſtät vernahm, gedachte ich, wie billig, Eurer Majeſtät Platz zu machen und durch jene Thüre mich zu entfernen. Ich fand ſie leider verſchloſſen und verbarg mich unter dieſem Tiſche in der guten Meinung, daß mein erhabener Herr ſeine Gegenwart in dieſem unſcheinbaren Gemach nicht veröffentlicht wiſſen möchte. Ueberdieß um⸗ ſchwebte ich unſichtbar, wie ein guter Engel, meinen aller⸗ gnädigſten Herrn und würde mein Leben für das gefährdete ſeinige eingeſetzt haben.“ „Höre auf, Olivier!“ lachte der König.„Ha! ha! du ein guter Engel! Weißt du doch ſo gut wie ich, daß man Nieritz, Bruderliebe. 82 dir den Zunamen„Teufel“ beigelegt hat. Aber ich traue und verzeihe dir daher dein Verſteckenſpielen. Jetzt jedoch hebe dich von hinnen und ſiille deinen Heißhunger, wo es dir anderwärts beliebt.“ Unter tiefen Verbeugungen und mit gekrümmtem Katzen⸗ rücken entfernte ſich Olivier, doch nicht ohne einen giftigen Seitenblick auf Jasmin geworfen zu haben. Sechstes Rapitel. Gefangenſchaft und Ehre. Hugo oder Jasmin ſollte gar bald erfahren, was jener hämiſche Seitenblick des vormaligen königlichen Barbiers zu bedeuten hatte, welcher Letztere dem Burſchen nicht nur die Mißhandelung eines ſeiner Diener zu vergelten hatte, ſon⸗ dern ihm auch das Verrathen ſeiner eigenen Anweſenheit in dem Alkoven ſchuld gab. Wenige Tage nach dieſem un⸗ willkommenen Zuſammentreffen mit dem König war Jasmin von ſeinem Herrn Abends ſpät ausgeſchickt worden. Als er eben den finſteren Winkel einer engen Gaſſe erreichte, klatſchte plötzlich ein fettes Pechpflaſter über ſein ganzes Antlitz, wel⸗ ches ihm das Sehen und die Macht des Schreiens benahm. Ja, er glaubte ſelbſt zu erſticken, ſo verwehrte das Pflaſter der Luft den Zugang zu Naſe und Mund. In dieſem hülf⸗ loſen Zuſtande, wo ſein einziges, jedoch vergebliches Trachten dahin ging, mit beiden Händen das Pflaſter hinwegzureißen, 83 fühlte er ſich emporgehoben, fortgetragen und nach einer leinen Weile wieder niedergeſetzt. Dem Erſticken nahe, ſah er jetzt vom Pflaſter ſich befreit, zwei ihm fremde Geſichter um ſich, die mit ihm in einem dunkeln, nur wenig durch ein matt brennendes Lämpchen beſchienenes Gemach ſich befanden. Während aber der eine von den Männern das Pflaſter von Jasmin's Antlitz entfernte, hielt der andere ſchon dafür einen Knebel bereit, der dem Knaben in den Mund gelegt wurde und ihn neuerdings der Fähigkeit des Sprechens und Schreiens beraubte.* „Hier, Bube!“ ſprach hierauf der eine von Jasmin's Häſchern hämiſch—„nimm deine ausgetheilten Prügel jetzt mit Zinſen zurück.“ Und er begann mit einem Prügel der⸗ maßen Jasmin's Körper zu bearbeiten, daß der andere Häſcher endlich, von Mitleid ergriffen, ihm hindernd in den Arm fiel. Dem faſt ohnmächtigen Knaben warf man nun eine ſchwarze Kappe über den Kopf und trug ihn in einen bereitſtehenden Wagen, der ſodann raſch davonfuhr. Nach einer langen und äußerſt beſchwerlichen Fahrt, auf welcher man nur in Wäldern oder einſamen Gegenden dem wie ge⸗ rädert ſich fühlenden Jasmin auszuſteigen erlaubte, rumpelte endlich der Wagen mit ſeinem Gefangenen durch mehrere, laut wiederhallende Thorwölbungen in einen, von hohen Ge⸗ bäuden umſtarrten Hof hinein, womit die Reiſe ihr Ende nahm. Jasmin wurde ſeines kurz zuvor wieder angelegten Knebels entledigt, aus dem Wagen zu ſteigen veranlaßt und in ein weites Gemach geführt, wo man ihm Brot und Waſ⸗ ſer reichte, ein Strohlager anwies und dann die Thüre hinter ihm verſchloß. 6* — Jasmin fühlte ſich ſo erſchöpft, daß er nach dem Genuſſe einiger Brotbiſſen und Waſſerſchlucke ſein Lager beſtieg und in einen todenähnlichen, lang andauernden Schlaf verfiel. Als er endlich erwachte, ſah er ſich vom Abenddunkel um⸗ geben, ſo daß es ihm einige Mühe koſtete, um ſeine einfache Nahrung durch Umhergreifen aufzufinden. Nachdem er ſeinen Hunger und Durſt geſtillt hatte, überließ er ſich aber⸗ mals der Ruhe, der ſeinem hart angegriffenen Körper jetzt die beſte Arznei war. Im Einſchlafen befangen, vernahm Jasmin aus dem einen Winkel ſeines Gefängniſſes mehrere, ſchwere Seufzer hintereinander, welchen ein gedämpftes Sprechen zweier Menſchenſtimmen folgte. Aber noch war Jasmin zu ſehr mit ſeiner eigenen Noth beſchäftigt, als daß er ſich ſchon hätte um fremde kümmern ſollen, daher er nicht weiter auf das andauernde Sprechen achtete, ſondern ſich dem Schlafe hingab. Deſto größer war am andern Morgen ſeine Beſtürzung und ſein Entſetzen, als er bei dem Schim⸗ mer des durch ſtark vergitterte Fenſter ſich hereinſtehlenden Tagelichts zwei ſonderbare, Käfigen ähnliche Behältniſſe von eiſenbeſchlagenen Eichenholzpfoſten erblickte, welche in den beiden dunkelſten Ecken des weiten Gemachs auf beweglichen Rollen ſtanden und je einen unglücklichen Gefangenen in ſich bargen. Dieſelben waren zwei hohe, geiſtliche Würdenträ⸗ ger, dazu der eine von ihnen ein früherer Günſtling des Königs, aber beide des Hochverraths beſchuldigt und deshalb ſchon ſeit drei Jahren in's Gefängniß geſetzt worden, in ein Gefängniß, welches noch dazu einzig in ſeiner Art und der Grauſamkeit des Königs entſprechend war. Der eine von den Gefangenen, deſſen Befreiung der Papſt vergeblich vom —— ——— Könige gefordert hatte, war Ballue, Cardinal von Angers, der andere dagegen Haraucourt, Biſchof von Verdun. Es lag nicht am Könige, daß er dieſe angeblichen Hochverräther nicht, wie die anderen vornehmen, gleichen Vergehens be⸗ ſchuldigten Herren, mit dem Schwerte hinrichten ließ, ſon⸗ dern nur an ihrer geiſtlichen Würde und ihrem geiſtlichen Stande, welche mit einem Bluturtheile zu überziehen, Lud⸗ wig XI. doch Bedenken trug. Jasmin, deſſen Gefangenſchaft noch ungleich milder als die jener hochgeſtellten Männer war, empfand gegen dieſelben das tiefſte Mitleid, welches er durch allerlei kleine Dienſte gegen die Unglücklichen zu bethätigen ſtrebte. Wie der keuſche Joſeph, gewann er bald durch gelaſſene Ergebung in ſein Schickſal, durch Höflichkeit und zuvorkommende Auf⸗ merkſamkeit gegen ſeinen Wärter und Aufſeher deſſen Ge⸗ wogenheit, und da Jasmin nicht den leiſeſten Wunſch oder Verſuch zum Entfliehen zu bemerken gab, ſo geſtattete ihm der Schloßverwalter und zugleich oberſter Gefangenaufſeher nach und nach mehr Freiheit, die ihn in dem Bereiche des Schloſſes umherzugehen und leichte Verrichtungen zu über⸗ nehmen geſtattete. Aber der Drang nach Freiheit war in Jasmin keines⸗ wegs ſo erſtickt worden, daß er nicht die erſte Gelegenheit zur Flucht hätte benutzen ſollen. Er that ſolches mit eigener Lebensgefahr und entkam glücklich aus den feſten und hohen Mauern des Schloſſes Loches, von welchem Olivier le daim der Hauptmann war. Als Hugo oder Jasmin dieſe Flucht bewerkſtelligte, war es gegen das Ende des Julimonats und ſeit ſeiner Entfernung aus der mütterlichen Wohnung ein Zeitraum von etwa vier Monaten verſtrichen. Die ſommer⸗ liche Jahreszeit kam dem Flüchtling in ſofern zu Statten, daß er ſein Nachtlager meiſt im Freien, in Wäldern, Ge⸗ büſchen und Heuhafen aufſchlagen, ſo wie ſeinen Hunger an Feld⸗ Garten⸗ und Waldfrüchten ſtillen konnte. Auf ſei⸗ nem Umherſtreifen gelangte er endlich in die Gegend von der Stadt Alengon und er betrachtete die vernommene Nachricht, daß der König daſelbſt ſei, als einen Fingerzeig von dem, was er in ſeiner rathloſen Lage beginnen ſolle. Einmal hoffte er, ſeinen Oheim Coittier in der Nähe des Königs aufzufinden und von ihm in Schutz ſich genommen zu ſehen, anderentheils wollte er im Nothfalle die ihm zugeſprochene Rolle von des Königs Schutzgeiſt beanſpruchen und geradezu deſſen ehemaligen Barbier wegen der ihm zugefügten Ge⸗ waltthätigkeit verklagen. „Der König“— ſprach der unerfahrene Burſche zu ſich ſelbſt—„läßt ja die volle Macht ſeiner königlichen Hand abſonderlich den Vornehmen fühlen und ſich dagegen deſto gnädiger zu dem Bürger und Bauer herab. Er wird darum auch mich hören und mir Gerechtigkeit angedeihen laſſen. Ueberdieß will ich, wenn ich vor ihm hintrete, meinen Hals ſo entblößen, daß er mein Muttermal entdecken und in mir ſeinen Schutzengel wiedererkennen muß.“ Allerdings hatte Ludwig XI. weder ſeine nächſten Ver⸗ wandten, noch ſeine höchſten Vaſallen geſchont, aber nur des⸗ halb, weil er dadurch zu ſeinem beharrlich durchgeführten Zwecke— zur Alleinherrſchaft über ganz Frankreich— ge⸗ langte. Er glich einer Spinne, welche das in ihrem Netze ſich gefangene Opfer nicht eher ausſaugt und tödtet, als bis 3. —— — 87 ſie es mit zahlloſen Fäden gebunden und wehrlos gemacht hat. Ein ſolches Opfer war unter Anderem auch der Her⸗ zog von Alengon, der gleichfalls ſich nicht unter Ludwig's XI. Eigenwillen hatte demüthigen wollen, ſondern in dem Bunde gegen denſelben geweſen war. Jetzt war er ſchon ſeit einem Jahre des Königs Gefangener, welcher, in einen eiſernen Käſig geſperrt, neun Monate lang denſelben überallhin be⸗ gleiten mußte, das Todesurtheil über ſich geſprochen bekam und endlich im Jahre 1474 als Gefangener ſtarb. Es war Sonntags und am 8. Auguſt 1473, als Hugo in der Stadt Alengon anlangte und mit einer großen Menge Volks dem herzoglichen Schloſſe nahete, in welchem Lud⸗ wig Kl. abgeſtiegen war und welches er jetzt zu verlaſſen ſich anſchickte. Bald trat auch der König aus dem Schloſſe und ertheilte, vor deſſen Pforte ſtehen bleibend, noch einige Befehle an ſein Gefolge, um dann ſein Pferd zu beſteigen und abzureiſen. In dieſem Augenblicke bohrte ſich Hugo Michelet, deſſen Blicke theils nach ſeinem heißerſehnten Oheim Coittier, theils nach dem ſchrecklichen Olivier umhergeſpähet hatten, durch des Königs Umgebung und warf ſich wie ein Pfeil auf die geheiligte Perſon des Monarchen, den er durch ſeinen ungeſtümen Anprall um einen Schritt weit fortſtieß. Bevor noch einer von den erſchrockenen Anweſenden ſich des todeswürdigen Verwegenen bemächtigen konnte, verdoppelte ein neues, noch ſchreckhafteres Ereigniß das allgemeine Ent⸗ ſetzen. Aus beträchtlicher Höhe herab durchſchnitt eine ſchwere Steinmaſſe die Luft und ſtürzte ſo nahe neben dem König 7 hernieder, daß ein Theil ſeiner Kleidung zerriſſen und er 88 ſelbſt mit einer Wolke von zerbröckeltem Kalk und Staub überſchüttet wurde. Die erſte Handlung, welche der König nach glücklichem Ueberſtehen dieſer augenſcheinlichen Gefährdung ſeines Lebens ausübte, war die, noch unter dem Zetergeſchrei der Menge und en Durcheinanderrennen des königlichen Gefolges ſich auf die Kniee niederzuwerfen und Gott mit lauter Stimme für die wunderbare Erhaltung ſeines Lebens zu danken. Zu⸗ gleich erfaßte Ludwig XI. den herabgeſtürzten Stein, welcher die losgetrennte Sohlbank eines Fenſters war, und gelobte, dieſelbe als Wallfahrer auf den Berg Saint Wichel zu tra⸗ gen. Dann erſt geſtattete der König ſich die nähere Unter⸗ ſuchung des außerordentlichen Vorfalls, dem die abſichtliche Tödtung des Königs zum Grunde zu liegen ſchien. Zuerſt wurde Hugo Michelet, den man indeſſen feſtge⸗ nommen hatte, verhört. „Ich ſah“— bekannte der Burſche—„an dem Schloſſe empor und bemerkte oben, hoch über der Thüre, ein Fenſter, aus welchem ein Mann und ein Weibsbild herabſchaueten. Zugleich gewahrte ich aber auch, daß das Fenſtergewände, auf welches die Bruſt der Herabſchauenden niederdrückte, zu weichen begann und daß der Mann nebſt dem Weibsbilde vergeblich ſich bemühten, den Stein vor dem Herabfallen zu bewahren, ſo wie, daß ſie erſchrocken vom Fenſter verſchwan⸗ den, um nicht Augenzeuge von dem angerichteten Unglücke und nicht darum beſtraft zu werden. Den König durch mein Schreien zu warnen, war es zu ſpät, daher ich mich an ſeiner geheiligten Perſon vergreifen mußte, um dieſelbe von dem Untergange zu erretten.“ 89 „Du haſt recht gethan“— ſprach der König lobend— „und dir ein gültiges Anrecht auf unſere Dankbarkeit er⸗ worben. Doch ſprich, wer biſt du und was führte dich hier⸗ her? Ha! täuſcht mich mein Geſicht nicht, ſo erblicke ich an deinem Halſe jene zwei Linſen, an denen ich, nach Coittier's Weiſſagung, meinen Lebensretter erkennen ſollte. Wäreſt du wirklich derſelbe, welchen Coittier vor etlichen Monaten aus Triſtan's Hände befreiete? Du biſt's? O Coittier! wie ſchade, daß du nicht zugegen biſt! Welch' einen Triumph würde deine wunderſame Kunſt jetzt feiern! Aber, Knabe, erzähle, wie du hierher gekommen biſt?“„ Hugo Michelet war klug genug, um nur ſeine gewalt⸗ ſame Entführung und ſeine Feſthaltung im Schloſſe Loches, ſowie ſeine Selbſtbefreiung dem Könige zu berichten, welcher hierauf mit gerunzelter Stirne nach ſeinem Günſtling Olivier rief. Als dieſer aus dem Kreiſe der Höflinge hervortrat, redete ihn der König mit ſtrengem Tone an: „He, Olivier! habe ich deshalb dich zum Schloßhaupt⸗ mann von Loches gemacht, damit du daſelbſt harmloſe Pa⸗ ſtetenbäckerlehrlinge und Linſenträger einſperreſt? Was haſt du zu deiner Rechtfertigung zu ſagen?“ „Verzeihung, Sire!“ erwiederte Olivier demüthig— „ich bekenne mich als ſchuldig. Ich glaubte, dieſem Burſchen da für ein paar Ungezogenheiten eine gute Lehre ertheilen zu müſſen, von der ich hoffe, daß ſie bei ihm gefruchtet hat. Uebrigens wage ich, einen kleinen Theil an dem Verdienſte dieſes Burſchen für die Errettung Eurer Majeſtät für mich zu beanſpruchen“— 90 „Für dich, Olivier! du raſeſt!“— unterbrach Lud⸗ wig XI. den Sprecher erſtaunt. „So iſt's, Sire!“ betheuerte Olivier keck.„Jedenfalls würde dieſer Burſche, anſtatt der Schutzengel Eurer Maje⸗ ſtät geworden zu ſein, gegenwärtig in Paris Zucker ſtoßen oder durchſieben, Butterpapier ſtreichen oder Mandeln ſchä⸗ len, wenn ich ihm durch das Einſperren in Loches die Ver⸗ anlaſſung zu ſeinem Hierſein nicht gegeben hätte.“ Der König mußte über den ſchamloſen Günſtling lachen, der dadurch ſein Spiel gewonnen hatte. „Deine Entſchuldigung“— ſprach Ludwig XI.— „riecht nach faulen Eiern, doch laſſe ich ſie für dießmal gel⸗ ten. Aber“— und des Königs Stimme nahm einen furcht⸗ baren Ausdruck an—„wer von nun an dieſem jugendlichen Schutzgeiſte meiner Perſon nur im Geringſten zu nahe treten ſollte, hätte es mit mir, dem Könige, zu thun. Das merke ſich Jedermann. Du, Olivier, geleiteſt meinen Linſenträger wohlbehalten und in Ehren dahin zurück, woher du ihn ge⸗ nommen haſt! Du wird ihm bei ſeinem Meiſter, dem wackern Escabeau, einen freundlichen Empfang bereiten und die Schuld ſeiner langen Abweſenheit auf deine Schultern laden. Uebrigens behalten wir uns vor, den Retter unſers Lebens nach Verdienſt und in paſſender Weiſe zu belohnen.“ Jetzt ſtellte man dem Monarchen die beiden Schuldigen vor, welche durch den ausgeübten Druck auf das gelockerte Fenſtergewände deſſen Sturz veranlaßt hatten. Man hatte ſie glücklich noch in den Räumen des Schloſſes erwiſcht und ſogleich an ihrem verſtörten Ausſehen erkannt. Es waren ein Page und eine Hofdienerin, welche ſich zitternd und —— — ————————FYÜñ% todtenbleich zu des Königs Füßen warfen und händeringend ihre Schuldloſigkeit betheuerten. Ludwig Xl. liebte, wie der Löwe, nur die hohe Jagd und auf edles Wild, während er die niedere und das kleine Ungeziefer verachtete. Darum verzieh er auch dem Pagen und der Hofdirne unter der Bedingung, daß ihre Unſchuld nach einer genauen Unterſuchung ſich herausſtellen würde, was auch der Fall war. Der ſchlaue Olivier bot auf der Rückreiſe nach Paris Alles auf, um Hugo die zugefügte Gewaltthätigkeit vergeſſen zu machen. Demohnerachtet wäre der Burſche weit lieber zu ſeiner Mntter und Schweſter zurückgekehrt, und nur die Furcht vor ſeines Oheims Unwillen hatte ihn vermocht, dieſe Bitte an den König zu unterlaſſen. Escabeau und ſeine Gattin nahmen ihren ſo räthſelhaft verſchwundenen Lehrling mit offenen Armen auf und fortan trübte Jasmin's Tage nichts weiter als die heimliche Sehnſucht nach Mutter und Schweſter. Jacques Coittier dagegen pries ſich glücklich, daß ſeine in's Blaue und nur zu Hugo's Rettung gethane Prophezeiung ſo wunderbar in Erfüllung gegangen war. Er ſah hierdurch ſeinen Einfluß auf den abergläubiſchen Ludwig XI. bis zum höchſten Gipfel geſteigert. Es war im Monat April 1474 und gerade ein volles Jahr ſeit Jasmin's Ankunft in Paris verfloſſen, als dort iede Hand, die eine Nähnadel zu führen verſtand, in voller, bei Tage wie bei Nacht fortgeſetzter Arbeit war. Auch Frau Escabeau hatte zwei Nähterinnen in ihrer Wohnung ſitzen, welche zwei Ueberwürfe oder Waffenröcke von dünnem, rothem Wollſtoffe fertigten. Abwechſelnd mußte bald der 92 Meiſter, bald deſſen Lehrling an ſich meſſen laſſen, und Jas⸗ min zerbrach ſich faſt darüber den Kopf, zu welchem Zwecke ſolches geſchehe? Nachdem die Röcke fertig waren und noch je ein weißes Kreuz auf das linke Schulterblatt einverleibt bekommen hatten, erſchien Peter Escabeau mit zwei Parti⸗ ſanen oder Spießen, von denen er die am meiſten verroſtete ſeinem Lehrling einhändigte. „Dieſe putze ſchön blank“— ſprach er dabei zu Jasmin —„damit du Ehre einlegſt. Der König hat nämlich auf morgen, als den 16. April, eine allgemeine Muſterung aller wehrhaften Bewohner von Paris anbefohlen. Es iſt ſein Wunſch, daß wir Alle gleichmäßig gekleidet erſcheinen mögen, und darum haben wir die Ausgabe für dieſe rothen Röcke nicht geſcheuet. Als wir vor ſieben Jahren gemuſtert wur⸗ den, kleidete ſich ein Jeder nach Belieben, weil es damals nur galt, den Feinden des Königs ein ſchlagfertiges Kriegs⸗ heer, allein aus uns Pariſern beſtehend, vorzuführen und ſie dadurch einzuſchüchtern. Damals, es war am 22. September 1467, befand ich mich unter der pariſer Reiterei, die 30,000 berittene Männer zählte und wie ein Heuſchreckenſchwarm die Erde zwiſchen der Vorſtadt Saint⸗Antvine und dem Dorfe Conflans bedeckte. Seitdem iſt die Bevölkerung von Paris noch mehr geſtiegen, ſo daß der König auf ein noch ſtärkeres Heer rechnen kann als damals. Morgen gilt es nur, den Geſandten des Königs Don Juan von Aragonien, Reſpect einzuflößen, und wir werden unſer Möglichſtes thun, daß ſolches geſchehe.“ Wirklich zogen am andern Tage mindeſtens 100,000 rothgekleidete Pariſer unter Trommelſchall und Hörnerklang aus der Stadt und ſtellten ſich, ſeitwärts von Charenton, vor dem Thore Saint⸗Antvine, in Schlachtordnung auf. Was der Gleichförmigkeit der Bewaffnung abging, erſetzte die Menge der Bewaffneten, deren unabſehbare Reihen der König in Begleitung der aragoniſchen Geſandten durchritt. Dabei erkannte Ludwig XI. ſeinen Zuckerkünſtler Escabeau und deſſen Lehrling, wobei er ſich erinnerte, daß er dem Letz⸗ teren die verheißene Belohnung noch immer ſchulde. Schon am nächſten Tage beauftragte der Monarch ſeinen Leibarzt Coittier mit der Ausführung ſeiner gnadenvollen Abſicht, in⸗ dem er ſeinem linſentragenden Lebensretter einen Beutel mit hundert Goldſtücken und ein eigenhändiges Schreiben, welches Hugo Michelet das Erbitten einer königlichen Gnade erlaubte, zum Geſchenke überreichen ließ. Coittier lobte ſeinen Neffen gebührendermaßen, als dieſer ſeinen Oheim bat, das Gold ſeiner Mutter zu geben, das Gnadenſchreiben des Königs aber an ſich zu behalten, bis eine paſſende Gelegenheit zu deſſen Benutzung gekommen ſein würde. Alſo geſchah es auch. Siebentes Kapitel. Belagerung und Tod. Der Hammer des königlichen Zornes über des Herzogs von Nemours Verrätherei hatte endlich ausgehoben zum zer⸗ ſchmetternden Schlage Es war im Märzmonat 1476. Die Luft über Carlat erbebte von dem Donner der Kanonen und 94 in Rauchwolken gehüllt lag deſſen Schloß, das ſich wie das Städtchen gegen eine königliche Streitmacht, welche der Sire von Bourbon-Beaujeu befehligte, zu vertheidigen ſuchte. Schwere Eiſenballen krachten gegen die Schloßmauern und riſſen das Geſtein aus ſeinem Zuſmmenhange. Andere zerſchmetterten die Dächer und Fenſter, ſo daß dort ein Zie⸗ gel⸗ und hier ein Glasſcheibenregen herniederklirrte. Schwarze Dampfwolken, welche an mehrere Orten bereits emporwir⸗ belten, verriethen, daß verheerende Vollkugeln gezündet hat⸗ ten, und riefen einen Theil der Vertheidiger zum Löſchen ab. Auf allen Seiten ſah man Streiter, die ſich hinter Schieß⸗ ſcharten, Mauerwerk und Erdaufwürfe ſicher zu ſtellen ſuch⸗ ten, und auf die Belagerer feuern, deren Anzahl jedoch die der Vertheidiger Carlat's weit überſtieg. Inmitten des Schießens und Wuthgebrülls machte ſich des Herzogs von Nemours Stimme hörbar, welcher die Seinen zum tapferſten Widerſtande anfeuerte und ihnen reiche Belohnungen verhieß. Das ſchreiendſte oder vielmehr das ſtillſte Gegenſtück zu dieſem Kampfgetümmel war in einem feſten Gewölbe des Schloſſes zu Carlat zu ſehen. Hier ſtand ein, in aller Eile aufgeſchlagenes Ruhebette und auf demſelben lag, bleich und an allen Gliedern bebend, Jolande, des Herzogs Gemahlin. Neben ihr kreiſchte ein Neugeborener in ſeinem Bettchen und ſog dazwiſchen an ſeiner kleinen Fauſt, weil ihm die Mutter⸗ bruſt keine Nahrung reichte und reichen konnte. Bitterlich weinend und bei jedem Kanonendonner von Neuem die Hände angſtvoll ringend, umknieeten Helene, Iſouard und Hector das mütterliche Wochenbette. Von dem ganzen Troſſe der weiblichen Dienerinnen war nicht eine Einzige bei ihrer Ge⸗ bieterin. Unter allerlei Vorwänden hatten ſie in Zeiten ihre Perſon in Sicherheit gebracht. Die matten, glanzloſen und ſchon faſt brechenden Augen der herzoglichen Mutter wanderten unter dem ſchmerzvollſten Mienenſpiele von einem ihrer Kinder zu dem andern, wobei ihr Blick am längſten und ausdruckvollſten auf dem Neugeborenen haftete. Endlich ſammelte die Herzogin all ihre Kräfte, um mit leiſer, ſtocken⸗ der Stimme alſo zu ſprechen:„Ich ſterbe. Der Schreck tödtet mich. Aber ihr brecht mir das Herz durch euer Jam⸗ mern, bevor ich meine letzten Mutterpflichten gegen euern neugeborenen Bruder erfüllen kann. Wie gern wollte ich ſterben, wenn ich euch nicht als Waiſen zurücklaſſen müßte! Ja, als Waiſen! Denn fort und fort ſehe ich ein blutendes Haupt vor mir ſchweben, das, o Gott! die Züge eures Va⸗ ters an ſich trägt. Wer wird ſich dann dieſes armen Wur⸗ mes erbarmen? Dieſer Gedanke iſt der allerbitterſte Tropfen in meinem Leidenskelche. Wollt ihr, meine Kinder, eurer Mutter die Sterbeſtunde erleichtern, o ſo gelobet mir jetzt, daß ihr dieſen euern neugeborenen Bruder wie mich lieben, für ſeine Erhaltung Sorge tragen und ſelbſt euer Wohl dem ſeinigen nachſetzen wollet. Berühret mit euern Händen die Bruſt dieſes Kindes, deſſen Name Schmerzensreich heißen ſoll, und leget vor dem allgegenwärtigen Gott das Gelübde ab, um welches euch eure ſterbende Mutter gebeten hat.“ Drei zitternde Kinderhände legten ſich ſanft auf des Neu⸗ gebornen Bruſt und da derſelbe gerade ſeine Fauſt im kleinen Munde hielt und ſchwieg, ſo erklang im ergreifenden Chor die geſchwiſterliche Zuſage, zu welcher Kanonendonner das weit hinſchallende Amen ſprach. 96 Ich danke euch, meine lieben Kinder!“ lispelte die Her⸗ zogin—„und werde nun gefaßter mein Ende erwarten. Meine Tochter, flöße dem durſtigen Brüderchen etwas Zucker⸗ waſſer ein, denn ſein Schreien nach Nahrung und ſein Sau⸗ gen an der eigenen kleinen Fauſt zerreißt mir das Mutter⸗ herz. Ach, daß wir von Allen verlaſſen worden ſind! Daß nicht eine mitleidige Seele ſich dieſes hülfloſen Kindes an⸗ nimmt!“ Erſchöpft ſchwieg hier die Herzogin. Nur ihr treues, liebendes Mutterauge folgte geſpannt jeder Bewegung Hele⸗ nens, welche, freilich ziemlich ungeſchickt, ihrem begehrlichen Brüderchen ein wenig Zuckerwaſſer einzuflößen bemüht war. In dieſem Augenblicke wurde die Thüre des Gewölbes haſtig geöffnet und herein eilte Frau Michelet, begleitet von ihrer Tochter Antonie. „Endlich finde ich Euch hier, gnädigſte Frau!“— ſprach ſie eilig—„Alle Gemächer des Schloſſes haben wir beide nach Euch und Euern Kindern durchſtöbert. Sprecht, wo⸗ mit wir Euch dienen können? Barmherziger Gott, welch' ein grauenvolles Wochenbette Euch betreffen muß!“ Ein ſchwacher Freudenſchein war bei dem Erſcheinen der Wittwe über der Herzogin bleiches Antlitz hingezuckt. „Ihr kommt“— ſprach ſie—„zur Zeit der höchſten Noth und darum als ein Engel des Lichts. Mich aber hat des Todes Engel gefaßt und Ihr werdet als Mutter den bittern Schmerz einer Mutter ermeſſen, die ihre Kinder als Waiſen und ſchutzlos zurücklaſſen muß.“ „Nicht ſchutzlos, nicht als Waiſen“— tröſtete Frau Michelet, während ſie, geſchickter als Helene, des Säuglings 97 Durſt zu ſtillen bemüht war.„Noch lebt der allmächtige Herrgott im Himmel und Euer Herr Gemahl. Auch Ihr werdet wieder geneſen und noch viele Freude an Euern Kin⸗ dern und an dieſem Neugeborenen erleben. Der leidige Kampf kann nicht mehr lange fortwähren, denn Euer Gemahl muß jetzt ſchon einſehen, daß er nichts gegen des Königs Macht ausrichten kann.“ „Hinweg, du blutiges Haupt!“ ſtammelte die Herzogin, wie geiſteswirr, indem ſie mit der flachen Hand durch die Luft ſchlug. Dann fuhr ſie zur Wittwe fort:„Gute Miche⸗ let, ich täuſche mich nicht. Nur zu deutlich fühle ich mein Blut eiſiger und langſamer durch die Adern ſchleichen, mein Herz ſeine Schläge unterbrechen und mein Auge ſeine Seh⸗ kraft verlieren. Darf ich denn meine Kinder und beſonders meinen Neugeborenen Eurer Liebe und Fürſorge anem⸗ pfehlen?“ „Sie ſollen meine Kinder ſein und als ſolche geliebt werden“— angelobte Frau Michelet unter Thränen. „Wie Ihr Böſes mit Gutem vergeltet!“ verſetzte die Herzogin gerührt.„Zwei Söhne habt Ihr durch meines Gemahls Schuld verloren und dennoch wollt Ihr Euch ſei⸗ ner Kinder erbarmen.“ Frau Michelet brachte hier ihren Mund zu dem Ohre der Herzogin.„Nicht zwei— Einen nur!“— hauchte ſie hinein.„Mein Hugo lebt noch und iſt geſund, wenn Euch das beruhigen kann. Und was Euern Gemahl und Eure Kinder anbelangt, ſo hoffe ich für ſie im Nothfalle einen Fürſprecher bei dem Könige ſelbſt zu finden. Der ange⸗ ſehenſte Leibarzt des Königs iſt nämlich mein leiblicher 7 Nieritz, Bruderliebe. 98 Bruder und ſchlägt mir ſelten eine Bitte ab. Aber ich ver⸗ traue Euch ſolches als das tiefſte Geheimniß an.“ „Dank, tauſendfachen Dank!“ erwiederte die Herzogin erfreut.„Wie ſehr habt Ihr mich getröſtet und beruhigt! Nun ſterbe ich viel ergebener in Gottes Willen. Aber— erſcheinſt du doch immer wieder?“— ſprach ſie mit einem ſtieren Blick in die Luft. Sie hielt eine Minute mit Sprechen inne, dann hob ſie wieder an:„Gebt mir den Abſchiedskuß, meine Kinder! und dann laßt mich meinen Schmerzensreich noch einmal küſſen und ſegnen.“ Ihre Mutter küſſend, badeten die Kinder das kalte Ant⸗ litz ihrer ſterbenden Mutter mit heißen Thränen. „Lebe wohl! Lebe wohl! Lebe wohl!“ ertönte es mit erſtickter Stimme. Jetzt ließ ſich die Herzogin den Neugebornen darreichen. Sie küßte ihn dreimal, indem ſie lispelte: „Armer Schmerzensreich! in dieſem Leben lernſt du weder deine Mutter, noch deinen Vater kennen. Unſer Herrgott werde dir Beides! Er ſegne dich hier und dort! Amen!“ Sie gab das Kind zurück und ſprach zu ihren Kindern: „Nun betet, betet für Euern Vater, für mich, für Eu⸗ ren kleinen Bruder und für Euch ſelbſt.“ Mit den Kindern zugleich warfen ſich Frau Michelet und ihre Tochter auf die Knie nieder und der andächtigſten Gebete eines, welches je von menſchlichen Lippen geſprochen worden iſt, ſtieg empor zu des Ewigen Throne. Und die Sterbende faltete gleichfalls ihre weißen, alabaſtergleichen Hände und vereinte ihr Flehen mit dem ihrer Kinder. Und — 99 draußen donnerten dazu näher und näher die Feuerſchlünde, ohne jedoch die Beter ſtören zu können. Die fünf Kniefälligen würden länger noch fortgebetet haben, hätte nicht die Herzogin mit völlig veränderter, haſtiger Stimme zu ſprechen begonnen:„Ha, geliebte Iſa⸗ belle! Du biſt es? Du winkſt mir— breiteſt deine Arme nach mir aus— Zieh mich hinauf, hinauf zu dir! Ich komme— ich komme!“ Das letzte—„Ich komme!“ ſäuſelte, wie Geiſtesruf, erſterbend durch das Gewölbe. Er war des Athems letzter Aushauch geweſen! Der Herzogin Lippen zuckten noch ein wenig, dann trat die Unbeweglich⸗ keit des Todes ein. Jolande hatte ausgelitten und ihr Geiſt ſchwang ſich, befreit von den irdiſchen Feſſeln, zu der geliebten Tochter empor, welche der Mutter längſt ſchon vot⸗ angegangen war. Keines von den Anweſenden wagte es, die eingetretene Todtenſtille durch ſeine Klagen oder durch ſein Schluchzen zu unterbrechen. Selbſt der Neugeborene, deſſen Durſt ge⸗ ſtillt worden war, lag ſchlafend in ſeinem Bettchen da. Je⸗ des fühlte die Nähe jener unſichtbaren Macht, welche den Menſchen eben ſo geheimnißvoll von ſeinem Pilgerleben ab⸗ ruft, als ſie ihn in dieſes Erdenleben eintreten läßt. Es war den Kindern, als bedürfe der Geiſt ihrer Mutter noch einiger ungeſtörter Minuten, um ſich völlig von ſeiner kör⸗ perlichen Hülle zu befreien und dann als Seraph aufzu⸗ ſchweben. Von einer heiligen Scheu durchbebt, verſchloſſen ſie ihre Lippen, die Augen aber, keinem Zwange gehorchend, floſſen von ſtill geweinten Thränenſtrömen über. Die tiefe Grabesruhe wurde endlich durch das haſtige 7* „ Aufreißen der Thüre unterbrochen. Das Antlitz von Rauch und Pulverdampf geſchwärzt, die Kleidung in Unordnung und mit Blut übergoſſen, ſtürzte der Herzog Jacques von Armagnat herein. „Jolande!“ rief er in der furchtbarſten Aufregung aus —„Alles iſt aus! Meine Leute, die feigen Hunde, gehorchen mir nicht mehr, wollen nicht länger kämpfen, haben die weiße Fahne aufgeſteckt, drohen, Vich den Truppen des Königs aus⸗ zuliefern, wenn ich mich nicht gutwillig ergebe. Was ſoll ich thun, Jolande? Sprich!“ „Die gnädigſte Frau“— antwortete hier Frau Michelet merzlich—„iſt ſo eben aus dieſem irdiſchen Jammerthale geſchieden und in den Himmel eingegangen.“ „Unſere Mutter iſt todt! todt!“ riefen die drei Kinder mit herzzerreißenden Tönen aus. Salzſäule verſteinte Nemours. Einige Secunden ſta er den erblaßten, kalten Leichnam ſeiner Gattin an, dann ſtürzte er aus dem Gewölbe, um ſich an des Königs Feldherrn zu ergeben. Er that ſolches unter der Bedingung, daß man ihm das Leben und ſich rechtfertigen laſſe. Ludwig XI. hatte abermals einen ſeiner mächtigen Wi⸗ derſacher beſiegt und in ſeine Gewalt bekommen, daher er die bisher aus Furcht gegen Nemours bewieſene Langmuth gänzlich bei Seite ſetzte und dafür ſeiner angeborenen Grau⸗ ſamkeit freien Zügel ſchießen ließ. Er zog ſämmtliche Be⸗ ſitzungen des Herzogs ein und einverleibte ſie ſeiner Krone. Nemours ſelbſt bekam, wie andere hohe Gefangene, einen eiſernen Käfig zu ſeinem Aufenthalte angewieſen, in welche er fünf Vierteljahre, bis zu ſeiner Verurtheilung, zubrachte. 101 Frau Michelet erfüllte jetzt das der ſterbenden Herzogin ge⸗ gebene Verſprechen, indem ſie deren Kinder als die ihrigen annahm und verpflegte. Zunächſt aber ſorgte ſie nach wieder⸗ eingetretener Ruhe für das Begräbniß der Herzogin, um welches ſich ſonſt niemand gekümmert haben würde. Das Gold, welches ihr Hugo durch ſeinen Oheim zugeſchickt hatte, gab der Frau die Mittel dazu. Zwar war es kein zinnerner oder marmorner Sarg, wohl aber von ſtarkem Eichenholz, in welchen Jolande's Hülle gebettet und der herzoglichen Familiengruft einverleibt wurde. Wie prunklos und ſtill es bei dieſer Beiſetzung einer ſo hohen und mit dem Könige ſelbſt nahe verwandten Dame zuging! Außer den Trägern und einem Geiſtlichen, wohnten nur die hinterlaſſenen Kinder der Todten, Frau Michelet und deren Tochter der trauerigen Feierlichkeit bei. Bevor noch der vom König ernannte Schloßhauptmann zu Carlat anlangte, zog Frau Michelet aus ihrer bishekigen Wohnung und in das Städtchen hinab, wo ſie in ſtiller Zu⸗ rückgezogenheit ihre Tage der Erziehung der herzoglichen Kinder widmete, eine übernommene, heilige Pflicht, in welcher ihr Antonie treulich helfend zur Seite ſtand. Nach dem aus⸗ geſprochenen Willen der ſterbenden Herzogin hatte Frau Michelet deren Neugeborenen den Namen Schmerzensreich in der heiligen Taufe beilegen laſſen. Da mit des Herzogs von Nemours Gefangennahme der Behinderungsgrund hinweggefallen war, welcher bisher dem Sohne der Frau Michelet das Beſuchen ſeiner Mutter und ſeiner Heimath verwehrt hatte, ſo unternahm Hugo alsbald und mit Lehrherrn, wie ſeines Oheims, die Reiſe nach Carlat, wo nun ein Feſt der ſeligſten Wieder⸗ vereinigung in der ärmlichen Wohnung der Wittwe gefeiert wurde. Die ſüßeſten aller Erdenfreuden erfüllte Hugo's Herz, als ihm ſeine Mutter unter Freudenthränen ſagte, wie ſein, vom Könige erhaltenes Goldgeſchenk ſie vor Nahrungs⸗ ſorgen bewahre und zugleich in den Stand ſetze, die vier her⸗ zoglichen Kinder zu erhalten. Hugo wurde während der Dauer ſeines Aufenthalts in Carlat ein Augenzeuge, mit welcher Liebe und Eintracht ſeine Mutter, Schweſter und Nemours Kinder einander zugethan waren. Beſonders war der kleine Schmerzensreich ein Gegenſtand der zärtlichſten Liebe und Sorge Aller. Fünf Pfleger und Pflegerinnen be⸗ ſaß das arme Kind, welche mit einander durch die liebevollſte Abwartung Schmerzensreich's wetteiferten. Sehr oft kürzt die pflegeriſche Zärtlichkeit den längeren Namen eines geliebten Kindes ab oder verſtümmelt ihn wohl gar So hatte man auch hier von„Schmerzensreich“ nur die Endſilbe„Reich“ beibehalten, mit welcher man den klei⸗ nen Nemours oder Armagnac benannte. Und in der That paſſte auf denſel lben dieſer kurze Name weit eher als deſſen urſprünglich langer. Denn reicher an Liebe kann kaum ein anderes Kind geweſen ſein, an Liebe, welche ihm auch den leiſeſten Schmerz zu erſparen bemüht war. Selbſt ohne das ihrer Mutter abgelegte Angelöbniß würden die herzoglichen Kinder ihrem kleinen Brüderchen dieſelbe Liebe bewieſen ha⸗ ben, indem gewiß nur ein gänzlich verhärteter Menſch, die mächtige Stimme der Natur in ſich verleugnend⸗ gegen ein ſchwaches, unſrer Hülfe bedürfendes Kind lieblos handeln wird. Die plötzlich zur Armuth und Niedrigkeit verurtheilten, 103 herzoglichen Kinder fühlten ſich darum keineswegs unglücklich. Im Gegentheil würden ſie, hätten ſie noch ihre geliebte Mut⸗ ter beſeſſen, ihr gegenwärtiges Loos unter keiner Bedingung mit ihrem früheren, glänzenderen vertauſcht haben. Als Pflegekinder der armen Wittwe Michelet beſaßen ſie mehr Freiheit denn früher als Prinze und Prinzeſſinnen. Kein häßlicher Lerreau zwang die beiden Prinzen mehr zu Dingen, welche ihnen mehr Verdruß und Abſcheu als wie Vergnügen bereiteten. Sie ſeufzten nicht mehr unter der Hand eines ſtrengen, finſterblickenden Vaters, welcher in ſeinem Zorne nicht blos ſeine Kinder, ſondern ſelbſt ſeine engelgleiche Gat⸗ tin mißhandelte. Ein Lächeln, ein freudiges Aufjauchzen und Strampeln ihres kleinen Brüderchens war ihnen jetzt lieber als vordem ein geräuſchvolles Feſtgelage, und eine Schüſſel mit einfacher Koſt ſchmackhafter als ehemals eine ganze Reihe ſtark gewürzter Gerichte; die liebende Sorge der armen Wittwe und deren Tochter erfreulicher als der ganze Troß ſchmeichleriſcher Diener; die anheimelnde Ruhe ihrer abgelegenen Wohnung angenehmer als das wüſte Ge⸗ töſe eines zahlreichen Rüden, ſtampfen⸗ der Roſſe und roher Gäſte. Niemand fragte jetzt nach den Kindern des Herzogs, die früher ein Gegenſtand erheuchelter Theilnahme geweſen waren. So verſtrichen fünf glückliche Vierteljahre und immer noch war, Dank den hundert Goldſtücken Hugo's, bei der armen Wittwe das Mehl im Cad und das Oel im Kruge nicht alle geworden, der kleine Schmerzensreich dagegen geſund und kräftig herngeih Gegen das Ende des Julimonats 1477 gab es eines 104 Tages einen großen Jubel in der Wohnung der Frau Mi⸗ chelet. Reich oder vielmehr Schmerzensreich war zum erſten⸗ male, ohne alle Beihülfe, über die ganze Länge des Stübchens dahingetappſelt! Daß ſolches nicht längſt ſchon geſchehen war, daran trug des Kindes Wohlbeleibtheit die alleinige Schuld. Acht Zähnchen, kleinen weißen Perlen gleich, hatte Reich in ſeinem Roſenmunde und ſchon babelte er ziemlich verſtändlich einzelne Worte her. Welche Wonne! Welcher Lohn für die auf das Kind verwendete, unſägliche Mühe! Frau Michelet kauerte ſich, das Kind in ihren Armen, an das eine Ende des Stübchens nieder, während Antonie an dem anderen ein Gleiches that und die, eine Blume hal⸗ tende Rechte nach Schmerzensreich ausſtreckte. „Komm, mein Reich,“— lockte die Letztere—„hole dir die ſchöne Blume! Komm, Kind!“ „Geh', geh', mein ſüßer Junge!“ ſprach Frau Michelet, indem ſie Reich's Aermchen frei gab. Vorſichtig und noch etwas ungewiß auf den Beinen trat Reich ſeine große Wanderung an, Schritt für Schritt von ſeinen drei Geſchwiſtern begltitet, die, ängſtlich beſorgt und doch zugleich mit Blicken, die Tritte ihres Brüderchens überwachten. Immer raſcher und ſichrer ward deſſen Gang. Noch einige Schritte von Antonien entfernt, hob Reich bereits ſein rechtes Aermchen in die Höhe, um die als Siegespreis emporgehaltene Blume zu erhaſchen. Jetzt — jetzt war das Ziel glücklich erreicht und ein unermeßlicher Jubel erfüllte das kleine Zimmer. Was war gegen dieſen Triumphzug häuslichen Glücks der einſtige Triumphzug deren Sieges⸗ 105 wagen überwundene Fürſten geſpannt waren und welchen das vieltauſendſtimmige Jubelgeſchrei einer in Volksmenge begleitete!? Eben ſollte Schmerzensreich ſeinen Rückweg antreten, als unter dem noch immer fortdauernden Jubel die Stuben⸗ thüre ſich aufthat und in derſelben der neue Schloßhaupt⸗ mann von Carlat ſich zeigte, welcher unter Ehrfurchtsbezei⸗ gungen einem kleinen, unanſehnlichen Mann von abſchreckender Geſichtsbildung den Vortritt geſtattete. Die Beſtürzung über dieſen unverhofften Beſuch fiel wie ein giftiger Mehl⸗ thau auf die jubelnden Kinder und eine tiefe Stille trat an die Stelle des frohen Lärms. „Das ſind ſie!“ ſprach der Schloßhauptmann zu dem kleinen Mann, indem er auf die Kinderſchaar deutete. „Alle fünf?“ fragte jener, mit ſtechenden Blicken die an⸗ weſenden Kinder muſternd. „Nein, nur drei oder vier“— verſetzte der Schloß⸗ hauptmann.„Fragen wir das Weib, gnädiger Herr!“ „Welches find die Kinder vo; Jacques Armagnac, ehe⸗ maligem Herzoge von Nemours?“ wendete ſich Olivier le daim, des Schloßhauptmanns Begleiter, an Hugo's Mutter. „Ich bin“— ſprach die Prinzeſſin mit ruhiger Würde, bevor Frau Michelet das Wort ergreifen konnte,„Helene von Armagnat und dieſe find meine Brüder Iſouard, Hector und Schmerzensreich.“ „Wie? auch dieſes Kind?“ ſg Olivier verdrießlich „Zum Henker, das dürfte nicht die angenehmſte Reiſe werden. Was thut man unterwegs mit einem ſolchen Schreihals?“ 106 „Was ſoll geſchehen, gnädiger Herr?“ rief Frau Michelet beſtürzt.„Von einer Reiſe mit dieſem Kinde ſprecht Ihr?“ „So iſt's, gute Frau!“ erwiederte Olivier kalt.„Doch nicht mit dieſem Kinde allein. Der König hat mir aufge⸗ tragen, die Kinder von Jacques Armagnac nach Paris zu ſchaffen.“ „Nach Paris? Von hier fort?“ riefen die drei Geſchwiſter erſchrocken aus und flüchteten ſich, wie ſchutzſuchend, zu ihrer Pflegerin. „Nun ja, nach Paris!“ ſprach Olivier hämiſch.„Dort befindet ſich euer Vater, der ſeine Kinder einmal zu ſehen wünſcht. Ha! fühlt ihr denn keine Sehnſucht in euch, nach ſo langer Trennung zum Vater reiſen zu dürfen? Wie wehe würde das ſeinem zärtlichen Vaterherzen thun müſſen!“ „Freilich, wenn es unſers Vater Wunſch und Wille iſt“ — erwiederte Helene trübe—„ſo dürfen wir nicht wider⸗ ſtreben. Nicht ſo, Iſouard und Hector?“ „Nun denn, ſo macht euch raſch reiſefertig“— gebot Olivier—„noch in dieſer Stunde müſſen wir unterwegs ſein.“ 6 „Aber dieſes kleine kann doch nicht die weite Reiſe mitmachen?“ ſprach Frau Michelet zitternd.„Es iſt ſehr ſchwach und kränklich, dazu höchſt eigenſinnig und verwöhnt. Es würde“— log die Frau aus guter Meinung, aber ſich mühſam zu der Lüge zwingend—„Euch Tag und Nacht die Ohren mit ſeinem Geſchrei und Genörgele zerreißen, Euch hunderterlei Unannehmlichkeiten bereiten, Eure Reiſe er⸗ ſchweren und verzögern.“ Während die Kinder kopfſchüttelnd und erſtaunt die Mutter anblickten, welche plötzlich ihrem Lieblinge ſo viel er⸗ dichtetes Böſe nachſagte, verſetzte Olivier mit gerunzelter Stirne: „Das Alles braucht Ihr mir nicht erſt zu ſagen. So viel weiß ich von ſelbſt. Hm! hi! das Kind kennt ſeinen Vater nicht einmal und ihm iſt daſſelbe gleichfalls fremd. Und zu des Königs Abſicht paſſt es vollends gar nicht. Ich glaube ſogar, daß er nicht einmal weiß, wie viele Kinder Armagnac noch am Leben beſitze. Im äußerſten Nothfalle könnte man auch den kleinen, unnützen Wurm wie einen Waa⸗ renballen nachkommen laſſen. Ja, ja, er mag auf meine Gefahr hier zurückbleiben.“ Dieſer Ausſpruch, auf den Frau Michelet mit der angſt⸗ vollſten Spannung gewartet hatte, gab der guten Pflegerin das Leben wieder, obſchon die einſtweilige Trennung von ihren übrigen Pflegekindern ſie ſchmerzlich berührte. Den Letzteren ging es nicht beſſer. Unter heißen Schmerzens⸗ thränen nahmen ſie von ihrer Pflegemutter und deren Tochter Abſchied. Noch ſchwerer aber wurde ihnen die Trennung von ihrem Bruder Schmerzensreich, der unter den Küſſen und Thränenſtrömen ſeiner Geſchwiſter faſt erſtickte und end⸗ lich ſelbſt laut zu weinen und zu ſchreien begann. Der Kleine zeigte dabei eine ſo kräftige Lunge, daß Olivier ſeinen Ent⸗ ſchluß, das Kind zurückzulaſſen, nicht bereute. „Auf recht baldiges Wiederſehen!“ riefen die Scheiden⸗ den einander zu. Sie überſahen in ihrer Betrübniß Oli⸗ vier's ſchadenfreudiges Lächeln bei dieſem Wunſche. 108 Achtes Kapitel. Hinrichtung und Gefangenſchaft. Am frühen Morgen des Auguſtmonats 1477, und zwar am vierten Tage deſſelben, ſtrömte die pariſer Bevölkerung „Hen ſogenannten Hallen der Hauptſtadt zu. Es galt wieder dem traurigen Schauſpiele einer blutigen Hinrichtung, die zu Ludwig's XI. Zeiten gar nicht zu den Seltenheiten ge⸗ hörte. Wenn ſchon die Enthauptung eines gemeinen Mör⸗ ders oder ſonſtigen Miſſethäters die Neugierde des Volks erregt: wie viel mehr diejenige der höchſt geſtellten Perſonen, wie zum Beiſpiel des Großconnetables von Frankreich und Schwager des Königs, des Grafen von Saint Paul, ferner Carls von Melun, des zweiten Sohnes vom Grafen Albrecht, der angeſehenen Herren von Eſternay, von Ardinges, von Dariole und anderer! Nach einigem Harren erblickte das Volk den Armenſün⸗ der, in Begleitung eines Geiſtlichen, welche langſam die Stufen des Blutgerüſts erſtiegen, wo der Nachrichter nebſt ſeinen Gehilfen bereits ſein Opfer erwartete. Dicht unter und neben dem Schaffot ſtellten ſich drei Kinder, ein Mädchen und zwei Knaben auf, welche ſelbſt wie ſchon halb todt waren und ſich willenlos leiten ließen, wohin man ſie nöthigte. Hugo, jetzt wieder Jasmin, welcher ſich gleichfalls unter der gaffenden Menge befand, erkannte mit Entſetzen in dem bleichen Armenſünder den vormals ſo mächtigen und gefürchte⸗ ten Herzog von Nemours, in dem Mädchen und den zwei Kna⸗ — ben aber am Fuße des Schaffots die Pfleglinge ſeiner Mutter: die Prinzeſſin Helene, ſowie die Prinzen Iſouard und Hector. Als der Verurtheilte, welchem der geiſtliche Herr den Troſt der Religion zuſprach, ſeine Kinder unten am Blutgerüſte erkannte, warf er einen reuevollen Blick gen Himmel und be⸗ wegte wie ſegnend ſeine Hand über des Blutgerüſts Rand hinaus. Ein convulſiviſches Schluchzen und leiſes Wim⸗ mern der armen Kinder war hierauf deren ſtumme Antwort. Was hätte der tiefbewegte Jasmin darum gegeben, wenn er jetzt im Beſitz des königlichen Handſchreibens geweſen wäre, um die ihm darin zugeſagte Gnade zur Befreiung des Her⸗ zogs von dem Bluturtheile zu verwenden! Aber vergebens ſuchten ſeine Augen ſeinen Oheim und den König, deſſen Machtwort allein das Leben des Armenſünders zu erretten vermochte. Ueberdieß befand ſich Jasmin wie eingekeilt in dem dichten, drängenden Volksgewühle und vermochte daher ſich nicht von der Stelle zu bewegen. Nachdem Jacques von Armagnac knieend ſein letztes Stoßgebet geſprochen hatte, erhob er ſich langſam wieder, um ſeinen Platz auf dem verhängnißvollen Armenſünderſtuhle einzunehmen, wo ihm der Henker die Augen verband und des Herzogs Körper an die ſtarke Lehne des Stuhles feſſelte. Darauf blinkte die ſcharfe Stahlklinge des Schwerts aus⸗ holend in der Luft, durchzuckte dieſelbe wie ein Blitz und trennte unter dem eigenthümlichen Geräuſche, welches des Metzgers Beil beim Fleiſchzerhacken begleitet, des Herzogs Haupt vom Rumpfe. Dumpf polternd rollte es auf den Dielenbretern des Blutgerüſts dahin, während zwei warme Blutſtrahlen, welche aus den zerſchnittenen Pulsadern des Halſes hoch aufſpritzten, die Kinder des Hingerichteten er⸗ reichten und bedeckten. Bei dem Fallen des väterlichen Hauptes hatte ein drei⸗ facher Wehruf aus der Kinder Munde die Lüfte durchſchnitten. Dann aber ſtanden ſie erſtarrt und regungslos. In ihrer Bewußtloſigkeit ſahen und fühlten ſie nicht, daß des Vaters Blut ihre Körper und Kleider überſtrömte. Ohne einen Laut hervorzubringen, ließen ſie ſich in den bereit gehaltenen Wagen ſchaffen, der jetzt eilig davon fuhr. Als der Wagen ſpäter vor einem weitläufigen, düſteren Gebäude, einem Frauenkloſter, anhielt und der Prinzeſſin angekündigt wurde, daß daſſelbe zu ihrer Aufnahme beſtimmt ſei, ſchieden die Geſchwiſter ohne einen Klageton, ohne ein Abſchiedswort von einander, nur einen ſtummen Schmerzens⸗ blick einander zuwerfend, der ihren tiefen Seelenſchmerz ver⸗ kündete. Bereits zu Ludwig's XI. Zeiten ſtand jenes fürchterliche Gefängniß, welches für ſo Viele zu einem lebendigen Grabe geworden iſt— die Baſtille in Paris. Dorthin fuhr der Wagen mit den beiden Prinzen, nachdem ihre Schweſter dem Kloſter einverleibt worden war. In ihrer Zerknirſchung ge⸗ wahrten Iſouard und Hector nicht die düſter drohenden Mauern, den tiefen Graben, die Zugbrücke, das vielfach ver⸗ wahrte Thor, den ausgeſtorbenen Hof der Baſtille, in welchen der Wagen einraſſelte. Gleich beweglichen Gliederpuppen ließen ſie mit ſich ſchalten und vornehmen, was man wollte: ihre blutbenetzte Kleidung mit anderer vertauſchen, ſich ab⸗ waſchen, über Treppen und lange Gänge führen und endlich — B in ein Gemach verſetzen, wo zwei beſonders für ſie gefertigte, eiſerne Käfige zu ihrer Aufnahme bereit ſtanden. Wie erfinderiſch der Menſch in dem Quälen und Ver⸗ nichten ſeines Nächſten iſt, lehrt uns die ältere wie die neuere Geſchichte, vom trojaniſchen Pferde an bis auf den jetzigen Vernichtungskrieg der Weſtmächte und Rußlands. Hoffent⸗ lich aber wird ſich jene ausgeſuchte Grauſamkeit, womit Lud⸗ wig XKl. die ſchuldloſen Kinder ſeines Feindes quälte und wodurch er ſich ſelbſt ein unvergängliches Denkmal der Schande geſetzt hat, wenigſtens unter Chriſtusbekennern nim⸗ mer wiederholen. Die Käfige der jungen Prinzen waren aus Eiſenſtäben in der Form von ſogenannten Fiſchreuſen gebildet, ſo zwar, daß ihr unteres Ende, gleich einem Trich⸗ ter, in eine Spitze auslief, anſtatt einen Fußboden von ebener Fläche zu beſitzen. Daher war es völlig unmöglich, in ei⸗ nem ſolchen ſchauervollen Kerker eine nur erleidliche Stellung zum Stehen, Sitzen und Liegen zu gewinnen. Eine ſolche unerhörte, von einem menſchlichen Teufel auserſonnene Mar⸗ ter hatte ein chriſtlicher König zwei zarten Kindern zugedacht, deren einziges Verbrechen darin beſtand, die Söhne eines ungetreuen Vaſallen zu ſein! Ewige Schande dem Erfinder ſolcher Marterwerkzeuge! Gleiche Schande dem, der aus Menſchenfurcht oder Gewinnſucht zu der Anfertigung jener Käfige ſich bereitwillig finden ließ! Gleiche Schande denen, welche es über ſich gewinnen konnten, die ſchuldloſen Opfer der königlichen Rachſucht in jene Käfige einzuſperren, ihre namenloſen Qualen ungerührt mit anzuſehen und keinen Verſuch zu ihrer Erlöſung zu unternehmen! Welch' ein Gegenſatz! Eine arme Wittwe, die durch ½ Armagnac's Schuld ihren älteſten und beinahe auch ihren zweiten Sohn eingebüßt, hatte, mit freudiger Aufopferung ihrer kleinen Habe, die vier Kinder ihres ehemaligen Dienſt⸗ herrn dem Mangel, ja ſelbſt dem Untergange entriſſen; ein mächtiger König und Vater ſeines Volks dagegen den Kin⸗ dern ſeines Feindes Alles genommen, ſie zu Augenzeugen der väterlichen Enthauptung gezwungen und ſie endlich den furcht⸗ barſten Martern preisgegeben, gegen welche ein gewaltſamer, ſchneller Tod eine Wohlthat zu nennen war. Wohin, o Menſch, geſchaffen nach dem Ebenbilde des allerbarmenden Gottes, kannſt du dich verirren? Die beiden kleinen Prinzen, von welchen Iſouard jetzt elf und Hector neun Jahre zählte, waren betäubt in den ſchrecklichen Käfig hingeſunken, ohne ſogleich deſſen qualvolle Beſchaffenheit zu empfinden. Ihr Geiſt war noch zu ſehr von dem vernichtenden Eindruck der erlebten Hinrichtung ihres Vaters ergriffen, als daß ſie einige Aufmerkſamkeit ihrem eigenen Körper hätten zuwenden können. Allein nach einigen Stunden machte die Natur ihre Rechte geltend und zwar zuerſt bei dem jüngeren Prinzen, welcher in ein lautes, heſtiges Schluchzen ausbrach. Dieſer Ton ſchlug weckend an das Herz des Bruders. „Wie iſt dir, armer Hector?“ fragte Iſouard hinter dem Gitter ſeines Käfigs hervor. „Ach, Iſouard!“ verſetzte Hector ſchluchzend—„unſer Vater! Und Helene! Ach!— und dazu thut mir mein rechter Fuß ſo weh“— fuhr er, noch bitterlicher weinend, fort. Er iſt ganz ſchief gebogen in dem garſtigen Loche! Und auf einem Beine nur, und das noch nicht ordentlich, kann ich 113 ſtehen, ich mag es andrehen, wie ich will. Und mich ſetzen oder legen geht auch nicht an. Mir thut ſchon Alles weh am Leibe.“ „Mir geht's nicht beſſer, lieber Hector!“ erwiederte Iſouard, indem er ſeinen Bruder zu tröſten ſuchte—„aber ich denke doch, daß man uns nicht lange in dieſen Vogel⸗ bauern ſtecken laſſen wird. Wenigſtens wird man uns ein weiches Pfühl, oder eine Decke, oder ein Stück Bett dar⸗ reichen, auf welches wir uns ohne Schmerzen ausſtrecken können. Wechſele hübſch mit deinen Beinen ab, damit nicht immer nur der eine Fuß zu leiden hat.“ „Das hab' ich ſchon gethan“— antwortete Hector klein⸗ laut—„aber es hilft nicht viel. Die Gänſe ſtehen zwar auch viel und lange auf einem Fuße, aber ſie können den⸗ ſelben doch wenigſtens glatt aufſetzen. Warum man uns in dieſe Käfige geſteckt haben mag? Wir haben doch dem König nichts zu Leide gethan, vielmehr immer ſeiner in un⸗ ſerm Gebete gedacht, weil es uns Frau Michelet alſo lehrte.“ „Wir dürfen ihn auch jetzt noch nicht ausſchließen“ entgegnete Iſouard,—„ſo ſchwer uns das auch ankommen wird. Denn der Heiland gebietet uns ja: Bittet für die, ſo euch beleidigen und verfolgen.“ „Ob ich das werde thun können“— ſprach Hector— „weiß ich jetzt wirklich nicht. Denn erſtens hat der König unſerm Papa den Kopf abſchlagen laſſen, die Schweſter ge⸗ nommen und uns endlich in einen Käfig geſteckt, wo ich iuner abrutſche, wenn ich mich niederſetzen will.“ „Jeßt bin ich froh“— entgegnete Iſouard—„daß Helene nicht auch hierher gebracht worden iſt, ſo und ſo Nieritz, Bruderliebe. gern ich ſie auch um mich habe. Zwar ſehe ich nur zwei Kä⸗ fige hier, aber Helene würde es nimmer zugegeben haben, daß wir beide allein darin ſteckten, und gewiß freiwillig zu uns gekrochen ſein. Und noch ein Glück iſt's, daß unſere Vogel⸗ bauer ziemlich dicht neben einander ſtehen und nicht jeder ſein beſonderes Zimmer angewieſen bekommen hat. Denke dir nur, wie fürchterlich es ſein würde, wenn wir einander nicht einmal ſehen, geſchweige hören und zuſammen die Noth klagen könnten! Den Kopf durch das Eiſengitter ſtecken und uns einen Kuß geben, geht freilich nicht an; aber uns die Hand zu reichen, iſt gewiß möglich. Verſuche es einmal, lieber Hector! Siehſt du, es geht? Aber wie kalt deine Hand iſt! Laß ſie in der meinigen liegen, bis ich ſie gewärmt habe.“ „Deine Hand iſt eben ſo kalt“— ſagte Hector. „So will ich die Deinige reiben“— verſetzte Iſouard, indem er zu reiben begann. „Ich kann den Arm nicht länger ausgeſtreckt halten“— klagte Hector und zog ſeine Hand zurück.„Ach“— fuhr er, in erneutes Schluchzen ausbrechend, fort—„wie gut hatten wir es, gegen hier, bei der lieben Frau Michelet! „Ja, das iſt wahr!“ erwiederte Iſouard lebhaft— „und ich mache mir jetzt im Stillen Vorwürfe, daß ich Gott nicht genug für unſer bisheriges Glück gedankt habe.“ „Ich wollte, daß ich auch ſchon todt und bei unſrer lie⸗ ben Mama wäre!“ weinte Hector.„Lange halte ich es in dieſem Käfig nicht aus vor Schmerzen.“ „Verſuche es einmal auf dieſe Weiſe“— rieth Iſouard —„indem du deinen Rücken gegen die eine Seite deines Käfigs und die Füße gegen die andere ſtemmſt. So geht's 115 wenigſtens eine Weile ohne große Schmerzen ab. Ha! da entdecke ich ein offenes Käſtchen in der halben Höhe meines Käfigs. Ein Krügelein mit Waſſer und ein Stück trockenes Brot ſind darin. Das Brot ſieht noch etwas ſchwärzer aus, als bei Frau Michelet. Aber wer könnte jetzt an's Eſſen denken!?“ Alſo plauderten die beiden Kinder fort, mit Klagen, Wünſchen, Weinen und Aechsen abwechſelnd. „Schon wird es finſter“— jammerte endlich Hector— „und niemand will uns ein Pfühl für die Nacht bringen oder uns aus dem ſchrecklichen Käfig in ein Bett gehen laſſen. Von den harten, kalten Eiſenſtäben muß ich ſchon blaue Striemen am ganzen Leibe haben. Ach wenn ich doch nur im Himmel und bei unſrer Mama wäre!“ Der Jammer verſchloß Iſouard den Mund, als er ſei⸗ nem Bruder, der leider nur die Wahrheit geſprochen hatte, tröſtend antworten wollte. Endlich ſprach er, unter heißen Thränen und mit gebrochenen Tönen: „Bete,— lieber Hector! bete zu Gott!“ Hierauf begann das Kind mit lauter Stimme ſein ge⸗ wohntes Abendgebet herzuſagen, in welchem es mechaniſch noch immer für die Erhaltung deſſelben Königs bat, dem es ſeine unſäglichen Martern verdankte. Eben ſo flehte Hector noch immer für die Befreiung ſeines Vaters aus dem Ge⸗ fängniſſe und dankte ſchließlich Gott für die am heutigen Tage genoſſenen Freuden und empfangenen Wohlthaten. Schwächer und ſchwächer wurde des Kindes Stimme und verlor ſich endlich in ein unverſtändliches Murmeln, dem das tiefere Athmen des Schlafes folgte. Ja, das arme, ge⸗ 8* 116 quälte Kind ſchlief, trotz ſeiner ſchmerzvollen Lage, trotz den harten, einſchneidenden Eiſenſtäben ſeines Käfigs, trotz den furchtbaren Erlebniſſen des heutigen Tages! Ja, es ſchlief vielleicht ſüßer und feſter als der grauſame Urheber ſeiner Schmerzen auf ſeinem weichen Eiderdunenlager! Sein Bruder Iſouard dagegen überließ ſich jetzt freier dem Ausbruche ſeines bisher mühſam niedergekämpften Jam⸗ mers. Noch war die Finſterniß nicht ſo tief hereingebrochen, daß er nicht ſeinen innig geliebten Bruder, zuſammenge⸗ krümmt wie ein zertretener Wurm, in ſeinem Käfig hätte liegen ſehen. Jede Bewegung, das leiſeſte Regen deſſelben im Schlafe, jeder Seufzer, jedes Aechzen und Stöhnen Hec⸗ tor's ſteigerte des zärtlichen Bruders Weh, der über den Qualen Hector's ſeiner eigenen vergaß. Nachdem der un⸗ glückliche Knabe ſich gänzlich den Ausbrüchen ſeiner Ver⸗ zweifelung überlaſſen hatte, ahmte er endlich das Beiſpiel ſeines Bruders nach, indem er gleichfalls zu beten begann. Und ſiehe! auch an ihm bewährte ſich die Macht des Gebets und ein Engel ſtieg vom Himmel hernieder mit dem Stär⸗ kungsbecher und erquickte mit deſſen Inhalte die flehenden Kindeslippen, daß ſie ſich nebſt den Augen zugleich zu einem feſten Schlafe ſchloſſen. Reuntes Kapitel. Quälerei. Eher noch als das Grauen des Morgenlichts, erweckte die martervolle Lage die beiden Brüder aus ihrem Schlafe. Laut ſtöhnend reckte Hector die ſchmerzenden Glieder; dann fragte er leiſe:„Schläfſt du noch, Iſouard?“ „Nein!“ verſetzte dieſer—„ich bin ſchon ein Weilchen munter.“ „Ich fühle mich wie gerädert“— klagte Hector.„Alles thut mir weh— der Rücken, die Schenkel, die Fußſohlen, die Achſeln, der Kopf“— „Es geht mir nicht beſſer“— ſprach Iſouard—„und es wird noch eine Zeit lang ſo fortgehen, ehe wir uns an unſere Käfige gewöhnen.“ „Alſo glaubſt du, daß wir länger noch darin ſtecken ſollen?“ fragte Hector erſchrocken. „Man muß ſich auf das Schlimmſte gefaßt halten— ſ Iſouard— Geſchiehh nicht: deſto beſſer!“ „Dann verzweifle ich“— ſprach—„und renne mir 1 Kopf an meinem Eiſengitter ein.“ 8 „Pfui! ſo mußt du nicht ſprechen“— tadelte Iſouard. „Gebente nur an die Martern, welche der Heiland für uns ete hat. Dieſer lag mit zerfleiſchtem Rücken auf dem harten Kreuzbalken; in ſeinem Haupte brannten ſchmerzende Dornen; in ſeinen Händen und Füßen hineingeſchlagene Ei⸗ ſennägel, und dabei vergönnte man ihm nicht einmal den erbetenen Trunk Waſſers. Wir können doch noch unſere „ 118 Glieder frei bewegen, haben Waſſer und Brot, auch unſere Kleider noch, und ſind nicht unter freiem Himmel nackend und bloß den brennenden Sonnenſtrahlen und dem Unwetter ausgeſetzt, auch nicht an's Kreuz geſchlagen.“ „Das iſt ſchon wahr“— verſetzte Hector—„aber des Heilands Qualen am Kreuze dauerten höchſtens einige Stun⸗ den, während wir vielleicht unſer ganzes Leben in dieſen Käfigen zubringen und leiden müſſen.“ „Haben nicht die Heiligen oft ihr ganzes Leben unter Schmerzen und den härteſten Entbehrungen hingebracht?“ erwiederte Iſouard.„Stand nicht der heilige Simeon wäh⸗ rend neununddreißig ganzer Jahre, bei Tage wie bei Nacht, im Sommer wie im Winter, aufrecht auf einer hohen Säule und ertrug auch die härteſten Beſchwerden? Haſt du ver⸗ geſſen, was die heiligen Märtyrer mit freudigem Muthe für ihren Glauben gelitten haben?“ „Ich habe es nicht vergeſſen“— vertheidigte ſich Hector —„aber ſie Alle waren erwachſene, abgehärtete Männer, die noch dazu freiwillig in Marter und Tod gingen. Kann man Gleiches von uns Kindern verlangen?“ „Unter den ſieben Brüdern“— ſprach Iſouard— „welche der grauſame König Antiochus hinmartern ließ, be⸗ fanden ſich auch kleine Knaben und dennoch erduldeten ſie ſtandhaft ſolche Qualen, gegen welche die unſerigen ein Kinder⸗ ſpiel ſind.“ „Ein Kinderſpiel?“ wiederholte Hector weinend.„Gieb Acht, Iſouard, dieſes Spiel tödtet mich und das bald.“ Der Eintritt des Gefangenwärters unterbrach das brü⸗ derliche Geſpräch. Schweigend, ohne Gruß, näherte ſich 119 der Mann den Käfigen, um nach deren lebenden Inhalt zu ſehen. „Guten Morgen, lieber Mann!“ redete ihn Iſouard mit gewinnender Freundlichkeit an.„Nicht wahr, Ihr kommt, um uns aus dieſen garſtigen Käfigen zu befreien?“ Der Wärter ſtählte ſein Herz gegen die kindlichen Schmeicheltöne, indem er die Stirne mit ſinſteren Falten bedeckte und mit rauher Stimme kurzab verſetzte:„Nein!“ „Nicht?“ fragte Iſouard erſchrocken, indeß Hector einen Wehruf ausſtieß.„Sprecht Ihr im Ernſte, lieber Mann? Habt Ihr ſchon ſelbſt verſucht, wie ſchlimm man es in einem ſolchen Käfig hat?“ Da der Wärter hierauf ſtumm blieb, ſo fuhr Iſouard bittend fort:„Aber Ihr reicht uns dann doch wenigſtens ein Pfühl, einige weiche Kiſſen oder eine dichte Decke, damit wir uns nicht wund an den harten Eiſenſtäben liegen und unſere Füße nicht in dem engen Käfigende verſtauchen?“ „Davon ſchreibt Paulus an die Corinther nichts“— erwiederte der Mann, der nichts als dieſen rohen Scherz über den genannten Apoſtel kannte und vom Hörenſagen erlernt hatte.„Aber auf ein paar Minuten, während ich eure Vogelbauer ausfege, will ich euch herauslaſſen.“ Schon dieſe kleine und kurze Linderung ihrer Qualen nahmen die Brüder mit großer Erkenntlichkeit auf. Beide reckten und ſtreckten ihre Körper, als ſie ſich außerhalb ihrer Käfige befanden, und Iſouard durchſchritt dann einigemal das Gemach, indem er ſeinen Bruder aufforderte, eine gleiche Bewegung vorzunehmen. Dieſer hatte ſich auf einen vor⸗ handenen Holzſchemel geſetzt und erwiederte: 120 „Ich kann nicht gehen, lieber Iſouard! Ich fühle mich zu abgemattet und überdieß ſchmerzen mich alle meine Glie⸗ der, am meiſten die Füße.“ „Nun könnt ihr wieder in eure Schwalbenneſter kriechen“ — ſprach der Wärter, welcher gar bald mit ſeinem Geſchäfte fertig war. „O lieber Mann!“ bat Iſouard ſchmeichelnd—„habt noch eine kleine Weile Geduld! Wir haben ja kaum erſt die böſen Käfige verlaſſen und ach, wie lang ſwird Einem die Zeit darin!“ „Meint ihr, daß ich nichts weiter zu thun habe, als hier müßig den Mund aufzuſperren und zu warten, bis es euch gefällig iſt? Marſch und keine Umſtände gemacht.“ Schweigend und gehorſam kehrten die armen, kleinen Prinzen in ihr mißliches Gefängniß zurück und bald befan⸗ den ſie ſich wieder allein. Es iſt ein abermaliger Beweis der göttlichen Gnade, daß ſich der Menſch, wenn auch langſam und nach und nach, an Alles, ſelbſt an das Schrecklichſte gewöhnt. So auch die beiden Prinzen an ihr Gefängniß. Namentlich war es Iſouard, welcher immer ueue Erſindungen machte, um die Pein der Gefangenen abzumindern. Dieſe theilte er dann ſeinem Bruder mit und die erſte Freude in ihrer martervollen Lage bewegte ſein treues Bruderherz, indem er Hector's Zu⸗ ſtand erträglicher machte. Die Brüder bedienten ſich ihres ausgezogenen Wamſes, um bald ihren Füßen abwechſelnd einen feſten Standpunkt zu verſchaffen, bald den Eindruck der Eiſenſtäbe auf den Rücken minder fühlbar zu machen, indem ſie ihr mehrfach zu⸗ 12¹ ſammengelegtes Wams als ein Kiſſen unterſchoben. Auf die Dauer vermochte der abgehärtete Gefangenwärter doch nicht der ſtillen Ergebung zu widerſtehen, mit welcher die jugendlichen Opfer der königlichen Rachſucht in ihre furcht⸗ pare Lage ſich fügten. Er ward freundlicher, geſprächiger, verlängerte die kurzen Minuten, in welchen er täglich einmal die Prinzen aus ihren Käfigen gehen ließ, ſteckte ihnen heim⸗ lich zuweilen eine ſaftige und ſüße Frucht, ja ſogar ein Stück wollener Decke zu, damit ſie die Gefangenen zum Auspolſtern ihres Gefängnißes verwendeten. Jedoch hatte Loupin, ſo hieß der Wärter, es den Knaben zur unerläßlichen Pflicht ge⸗ macht, auf das erſte Geräuſch an der verſchloſſenen Thüre ſogleich das Deckenſtück unter ihrer Kleidung ſorgfältig zu verbergen. „Höre, Coittier!“— ſprach Ludwig XI. eines Tages zu ſeinem Leibarzt—„weißt du einen Zahnbrecher, den du mir empfehlen kannſt?“ „Habt Ihr Zahnſchmerzen, Sire?“ erwiederte der Leibarzt verwundert—„und rühren ſie von einem hohlen Zahne her?“ „Nein!“ entgegnete der Monarch—„ſondern ich beſitze ein paar junge Löwen, denen ich das Beißen unmöglich ma⸗ chen will. An der Ecke der Straße Madelaine ſah ich neu⸗ lich das Schild eines Zahnbrechers ausgehängt. Irre ich mich nicht, ſo war ſein Name Lazare. Kennſt du dieſen Stammverwandten deiner Kunſt?“ „Ich weiß nur ſo viel von ihn ſagte Cvittier— „daß er der ärgſte Pfuſcher iſt, und daß ich den armen Hund 122 bedauern müßte, der unter die Hände dieſes Zahnbrechers geräth.“ „Nun denn“— antwortete Ludwig—„ſo muß man dem Mann Gelegenheit bieten, ſich in ſeiner Kunſt zu ver⸗ vollkommnen. Du wirſt ihm alſo in meinem Namen auf⸗ geben, daß er ſich noch vor heute Mittag in die Baſtille zu deren Commandanten verfüge, wo ihm weitere Weiſung werden ſolle.“ Hier wendete ſich der Monarch ab und ließ ſeinen Leib⸗ arzt verwundert ſtehen. An demſelben Tage wurde zur ungewöhnlichen Stunde die Thüre des prinzlichen Gefängniſſes geöffnet. Nachdem bei dem erſten Ton der zurückgeſchobenen Riegel die beiden Brüder das ihnen überlaſſene Deckenſtück verſteckt hatten, blickten ſie erwartungsvoll dem ungewohnten Beſuche ent⸗ gegen. Ein Mann von rieſigem Wuchſe und Körperbaue trat in Begleitung des Gefangenwärters herein. Betroffen fuhr er zuſammen, als er die ſonderbaren Eiſenkäfige mit den noch ſonderbareren Vögeln darin erblickte. Loupin öffnete den Käfig Iſouard's und befahl demſelben, herauszukommen. Nachdem Iſouard gehorcht hatte, redete ihn der fremde Mann alſo an:„Zeige mir einmal deine Zähne, mein Kind!“ Der Prinz öffnete ſeinen Mund und Lazare erblickte da⸗ rin zwei Reihen der ſchönſten, weißeſten Perlenzähne. „Nun ſetze dich auf dieſen niedrigen Schemel nieder“— gebot Lazare weiter—„und halte dich hübſch ſtill.“ „Was wollt Ihr machen?“ fragte Iſouard angſtvoll den 123 Rieſen, welcher jetzt eine ſtählerne Zange von eigenthümlicher Art aus ſeiner Taſche hervorzog. „Nichts weiter auf der Welt“— verſetzte Lazare trö⸗ ſtend—„als dir einen deiner hübſchen Zähne ausziehen. Ich ſchmeichle mir, daß mit einem einzigen Ruck die Sache abgethan ſein wird, vorausgeſetzt, daß du mir die Operation nicht durch deine Bewegungen erſchwerſt.“ „Aber mir thut kein Zahn weh“— warf Iſouard ein. „Das glaub' ich dir ungeſchworen“— antwortete La⸗ zare—„dennoch mußt du mir einen Zahn ſchenken, denn: ſo will es der König!“ „Der König?“ fragte Iſouard entſetzt und erbleichend. „Der König?“ wiederholte er leiſe und unter einem tiefen Seufzer. „Der König!“ beſtätigte Lazare kopfnickend.„Und nun ſetze dich. Ohne deine Reden könnten wir bereits fer⸗ tig ſein.“ Iſouard ließ ſich auf den Schemel nieder. Lazare klemmte des Prinzen Kopf zwiſchen ſeine Beine, hieß ihn den Mund weit öffnen und begann ſeine Zahnbrecherei. Angſtvoll ſtöhnte das unglückliche Kind unter den mar⸗ ternden Händen des ungeſchickten Pfuſchers, den ſelbſt dabei der Angſtſchweiß auf der Stirne tropfte.„O hört auf! hört auf! flehete des Prinzen blutüberſtrömender Mund mit erſtickter Stimme. Wirklich hielt Lazare mit weiterem Quälen inne. Sich die Stirne abtrocknend, ſprach er, ſeine Ungeſchicklichkeit zu vermänteln—„Man ſollte nicht meinen, daß ein Kindes⸗ zahn ſo viele Mühe koſte. Aber feſt wie Eiſen ſitzt er und 124 neugierig bin ich auf ſeine Wurzeln. Locker gemacht iſt er — ſo viel kann ich mit Gewißheit ſagen. Noch ein herz⸗ hafter Ruck und er muß weichen. Biſt du wieder bereit, mein Junge?“ Lazare begann von Neuem ſeine Zange zu führen, indeß Hector mit dem Antlitze an dem Gitter ſeines Käfigs lag und jedes Stöhnen und Aufſchreien ſeines gemarterten Bru⸗ ders mit gleichen Schmerzäußerungen begleitete. „Endlich!“ rief Lazare aus und hielt den ausgebrochenen Zahn mit ſeiner blutigen Wurzel triumphirend in die Höh. „Nun nimm einen Schluck Waſſers und Eſſigs auf die Wunde“— fuhr er zu Iſouard fort—„und während dem will ich deinen Bruder in die Cur nehmen.“ „Meinen Bruder?“ fragte Iſouard tödtlich erfchrocken —„Was ſoll mit ihm werden?“ „Wie du einen ſeiner Zähne hergeben“— antwortete Lazare, während Loupin Hector's Käfig zu öffnen ging. „So will es der König.“ Mit thränenvollen Augen blickte Iſouard auf ſeinen ge⸗ liebten Bruder hin, der, an allen Gliedern zitternd und vor Furcht halb todt, aus ſeinem Käfig wankte und ſeinen Platz auf dem Schemel einnahm. Jünger und von ſchmerzlicherer Natur als Iſouard, konnte er noch weit weniger wie dieſer dem Schmerz eine unbeugſame Standhaftigkeit entgegen⸗ ſetzen. Billig bleibt der Leſer mit einer Wiederholung der Schmerzensbeſchreibung verſchont und nur ſoviel ſei noch ge⸗ ſagt, daß Lazare nach der doppelt ausgeführten Operation die beiden Zähne ſorgſam in ein Papier wickelte und ſolche nebſt ſeiner Zange zu ſich ſteckte, worauf er mit dem Wärter ſich entfernte. Am nächſten Tage ſtellte Lazare um die geſtrige Zeit ſich wieder ein und Schrecken durchzuckte die Brüder, indem ſie erfuhren, daß dieſer abermalige Beſuch nicht der Nachfrage nach ihrem Befinden, ſondern einer Wiederholung des Zahn⸗ ausbrechens gelte. Dem erneuten Flehen der Brüder um Verſchonung ſetzte Lazare ſein gewöhnliches:„So will es der König!“ entge⸗ gen und die ſchmerzliche Operation ging vor ſich, nach deren Beendigung Lazare zufrieden ſprach.„Nicht war, heute ging es ſchon raſcher wie geſtern? Und ſo wird es mit jedem Tage beſſer werden.“ „Mit jedem Tage?“ fragte Iſouard entſetzt.„Wie lange wollt Ihr denn mit dem Zahnausbrechen fortfahren?“ „Nun, ſo lange ſich noch ein Zahn in euerm Munde vor⸗ findet“— antwortete Lazare—„So will es der König!“ Die Brüder erſtarrten. Von nun an war ihnen ebenſo zu Muthe, wie einem zum Tode verurtheilten Miſſethäter, dem der Tag ſeiner Hinrichtung bekannt gemacht worden iſt und dem die noch wenigen Lebenstage in raſender Schnellig⸗ keit verrinnen. So langſam den beiden Prinzen die Zeit in ihrem Käfig dahinkroch, ſo unerwartet raſch nahete ſich ihnen wiederum die Stunde, in welcher der ſchreckliche Zahn⸗ brecher ſich einzuſtellen pflegte. Schon lange vorher befiel ſie ein ſchreckhaftes Zittern und bei dem Eintritte des wie der Tod gefürchteten Lazare überzog eine Leichenfarbe die ju⸗ gendlichen Geſichter. „Ich begreife gar nicht⸗— ſprach Frau Lazare zu ihren nächſten Nachbarinnen und Freundinnen—„welch' eine Wuth, Zähne auszubrechen, ſeit kurzem über meinen Mann gekommen iſt. Nur Menſchen und Zähne her! ſchreit er fortwährend und verlangt, ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohn⸗ heit, keine Bezahlung für das Ausreißen. Und kann er nicht Menſchen bekommen, ſo bricht er Hunden, Katzen, ſogar Eſeln und anderen Thieren, deren er ſich bemächtigen kann, die Zähne aus.“ „Iſt es wahr, Gevatter!“ redete der Zuckerbäcker Es⸗ cabeau ſeinen Frelnd Lazare auf der Straße an—„daß Ihr den beiden Prinzen des hingerichteten Herzogs von Ne⸗ mours jeden Tag einen Zahn ausbrecht 2 „Es iſt wahr“— entgegnete Lazare—„ſo will es der König.“ „Und Ihr gebt Euch zu einer ſolchen feigen, niederträch⸗ tigen Handlung willig her?“ rief Escabeau zornig aus. „Muß ich nicht?“ erwiederte Lazare trübe—„Bin ich's zint ſo thut es ein Andrer, welcher die armen Jungen weit ärger noch martert als ich. Jetzt nehme ich meine Zähne aus, daß es eine Luſt iſt. Zu dieſer Geſchicklichkeit hat mir das Mitleiden mit den armen, kleinen Prinzen verholfen, denen ich weit lieber neue Zähne einſetzte wie ausriſſe.“ Kopfſchüttelnd ging Escabeau weiter.„Wenn nur“— brummte er vor ſich hin—„der König jetzt einmal meinen Laden und Alkoven beſuchte! Ich wagte es und legte ein gu⸗ tes Wort für die armen Prinzen ein. Was können ſie für die Schuld ihres Vaters, der überdieß ſeine Strafe erlit⸗ ten hat?“ Hugo Michelet dagegen lauerte ſo lange in der Nähe des königlichen Schloſſes zu Paris, bis er endlich ſeinem Oheim Coittier entgegentreten konnte, als derſelbe zum Könige gehen wollte. „Oheim!“ hob der Burſche entflammt und haſtig an— „gebt mir meinen Gnadenbrief des Königs. Ich will ihn bitten, daß er die beiden kleinen Prinzen nicht länger im Eiſenkäfig und mit Zähneausreißen martern, ſondern ſie ſammt ihrer Schweſter frei zu meiner Mutter zurückkehren laſſe. Hätte ich eher ihr ſchlimmes Schickſal erfahren, würde ich längſt ſchon Euch um das Schreiben angegangen haben.“ „Dein Vorſatz iſt löblich“— verſetzte Coittier mild— „und macht dir Ehre. Aber auszuführen iſt er nicht Glaube mir: wenn ganz Frankreich dem König ſich zu Füßen würfe — es würde von Ludwig die Begnadigung der Kinder Ne⸗ mours nicht erflehen können. Es iſt ſchon ſehr viel, daß der König ſeine Rache nicht auch noch auf des Herzogs jüngſtes, hinterlaſſenes Kind ausgedehnt hat, deſſen Daſein und Leben ihm nicht bekannt zu ſein ſcheint. Er würde auf deine Bitte dir entgegnen, daß du ſeine Gnade nur für dich, nicht aber für Fremde erflehen ſollſt.“ „Könnt Ihr denn gar nichts für die unglücklichen Her⸗ zogskinder thun?“ fragte Hugo ſeinen Oheim mit flehendem Ausdruck. „Nichts, mein Junge!“ antwortete Cvittier ſanft.„Wer mag es wagen, den Zorn des mächtigen, ſtarken Löwen auf ſich zu ziehen? Gehe heim und überlaß die Armagnaes der göttlichen Barmherzigkeit.“ Blutenden Herzens verabſchiedete ſich Hugo von ſeinem Oheim. Zu dieſem ſprach Ludwig Xl., welcher bei dem „ 128 Eintritte ſeines Leibarztes demſelben mit einem kleinen, gol⸗ denen Käſtchen entgegen kam und ihm ſolches vorzeigte: „Sieh da, Coittier! die Sammlung meiner jungen Lö⸗ wenzähne vermehrt ſich mit jedem Tage. Bald werde ich eine hübſche Schnure davon anreihen können. Sind ſie nicht weißer als Elfenbein und ohne Makel?“ „Sire!“— ſprach Coittier ernſt—„dieſe Zähne wer⸗ den Euch in ihrem jetzigen Zuſtande einſt ſchmerzlicher zer⸗ reißen als wenn ſie noch in dem Munde ihrer bisherigen Be⸗ ſitzer feſt ſäßen.“ „Wie ſo? Was willſt du damit ſagen?“ fragte Ludwig auffahrend. „Das Wie? vermag ich Euch nicht zu prophezeien. Darüber läßt mich mein Scherblick noch im Dunkeln“— antwortete Cvittier—„Aber ich erinnere Eure Majeſtät an jenen Burſchen mit dem Linſenmale, an welchem meine Pro⸗ phezeiung buchſtäblich eintraf.“ „Pah!“ ſagte der König verächtlich—„wie können Zähne, die ruhig in einen Kaſten liegen, beißen oder zer⸗ reißen! Aber du haſt mich an meinen Linſenträger erinnert. Befindet er ſich noch am Leben und in Eßcabeau's Dienſten? Bis jetzt hat er noch keinen Gebrauch von meinem Gnaden⸗ briefe gemacht.“ Schon wollte Hugo's Bitte für die Armagnac's über des Leibarzts Zunge treten, als er ſich noch ſchnell eines An⸗ deren beſann und entgegnete: „Der glückliche Burſche lebt noch, iſt geſund und in Escabeau's Dienſten, ſo viel ich vernommen habe. Er dürfte eher nicht die Gnade Eurer Majeſtät beanſpruchen, * ———— 129 als bis die ihm großmüthig geſchenkte Summe Goldes ver⸗ than iſt.“ Nach dieſer Rede ging das Geſpräch auf des Königs Befinden über, das, nächſt den Regierungsgeſchäften, des Monarchen Hauptſorge war. Zehntes Rapitel. Bei dem nächſten Beſuche Lazare's in der Baſtille ſprach Iſouard zu dem Zahnbrecher mit flehender Stimme: „Mein armer Bruder Hector befindet ſich ſehr unwohl. Schaut ſelbſt, wie bleich und leidend er ausſieht. Sein größtes Leiden iſt die Furcht vor dem Zahnausreißen. Habt Mitleid, guter Mann, und verſchont ſeine noch übrigen Zähne mit Eurer fürchterlichen Zange.“ „Ich ſollte doch meinen, daß meine Zange ihr Schreck⸗ liches ganz verloren habe“— verſetzte Lazare beleidigt— „ſeitdem ich euch mit einem einzigen Ruck jeden Zahn aus⸗ breche. Wenn ich aber auch deinen Bruder verſchonen wollte, ſo darf ich nicht. Jeden Tag muß ich dem Könige zwei Zähne von euch beiden überbringen.“ Iſouard warf einen Blick des tiefſten Schmerzes und Bedauerns auf ſeinen Bruder, deſſen Jammergeſtalt einen Stein in der Erde hätte erbarmen können. Nach einigen Augenblicken ſtillen Nachſinnens näherte Iſouard ſeinen 9 Nieriß, Bruderliebe. „ 130 Mund dem Ohre des Zahnbrechers, der ſich deshalb herab⸗ beugen mußte, und lispelte leiſe in daſſelbe die Bitte: „Reißet mir zwei Zähne jeden Tag aus und ſchonet meines Bruders.“ Schnell wendete ſich Lazare abſeits.— Der Rieſe weinte! Der rührende Zug von brüderlicher Liebe und Aufopferung preßte heiße Thränen ſelbſt in eines verhärteten Zahnbrechers Augen! Auch der ſonſt gegen die Stimme der Menſchlichkeit taube Gefangenwärter, welcher Iſouards Bitte vernommen hatte, vermochte ſeine tiefe Rührung nicht ganz zu bemeiſtern. Eine tiefe Stille trat ein, und nur die Engel im Himmel ſangen und muſicirten jetzt luſtig, und freundlich lächelnd ſchaute des Heilands Antlitz auf das liebende Brüderpaar, ja ſelbſt auf den Zahnbrecher und den Gefängnißwärter hernieder. Wenn Ludwig XI. ſeine prunkvollen Gemächer auf kurze Zeit mit dem Aufenthalte in einem Eiſenkäfig jener grau⸗ ſamen Art vertauſcht und die Qualen eines Zahnausbrechens an ſich ſelbſt erprobt hätte: ſo dürfte er wahrſcheinlich ſeiner Grauſamkeit gegen Armagnac's Söhne ein Ende geſetzt haben. Ein Unglück iſt's, daß die Machthaber dieſer Erde in der Regel von den Plagen verſchont bleiben, welche Krieg, Mißwachs, Armuth und andere Uebel über ihre Unterthanen herbeiführen. Dann würde wenigſtens der Krieg die Erde ſeltener zum Jammerthale verwandeln und die großen Sum⸗ men für manches Prunkfeſt dazu verwendet werden, die Thränen der Nothleidenden abzutrocknen. „Mein liebes Kind,“— hob endlich Lazare mit bebender Stimme an—„wie aber, wann alle deine Zähne aus deinem 6 131 Munde entfernt ſind? Dann müßte ich ja deinem Brü⸗ derchen doppeltes Weh anthun und ihm gleichfalls zwei Zähne auf einmal ausziehen?“ „O, indeß kann ſich mein Bruder wieder erholen“— erwiederte Iſouard feuerig—„des Königs Zorn gegen uns nachlaſſen oder von anderer Seite uns Hülfe zukommen, die uns von allem Uebel erlöſet. Thut mir doch meinen Willen, lieber Mann, und wir beide wollen für Euch beten und Gottes Segen über Euch heraberflehen.“ Da widerſtand Lazare länger nicht. Im Einverſtänd⸗ niß mit Loupin brach er dem Prinzen Iſouard zwei Zähne aus, welcher jede Schmerzensäußerung ſtandhaft verbiß, um ſeinem Bruder nicht gleichfalls wehe zu thun. Und Hector, welcher das Opfer errieth, welches ihm die Bruderliebe freu⸗ dig darbrachte, umarmte, aufgelöſt in Dankesgefühlen und Schmerzempfindungen, ſeinen Iſouard und küßte ihm zärt⸗ lich das Blut, das für ihn vergoſſene, von der brüderlichen Lippe hinweg. Und Iſouard, ſelig, ſeinem Bruder ein Weh erſpart zu haben, vergaß jetzt ſeiner eigenen Schmerzen, wie ſeiner Haft, und war wohl eben ſo fröhlich wie die Apoſtel Petrus und Johannes, nachdem ſie um ihres Mei⸗ ſters und Herrn willen geſtäupet worden waren. Der Erzähler hat dieſen Zug der treueſten, aufopfernd⸗ ſten Bruderliebe als ein kleiner Knabe geleſen und jener einen ſo tiefen Eindruck auf ihn hervorgebracht, daß er ſei⸗ ner nimmer vergaß und daß ihm ſelbſt der Titel jenes Buches:„Cäciliens Briefwechſel mit ihren Kindern“ er⸗ innerlich geblieben iſt. Der Erzähler hat erſt Bedenken getragen, ſeinen jugendlichen Leſern die Grauſamkeit eines 3 9* chriſtlichen Königs gegen ſchuldloſe Kinder, wie ſie nur deſſen unerſättliche Rachgier auszuſinnen vermochte, in all ihren erſchütternden Einzelheiten vorzuführen. Allein die Erfahrung, daß das menſchliche Herz oft nur durch die an⸗ greifendſten, ſtärkſten und bitterſten Arzneimittel von den Laſtern des Haſſes, der Rachſucht, der Bosheit, des Ehr⸗ geizes, des Eigennutzes und der Grauſamkeit geheilt oder vor der Verderbniß bewahrt werden kann, ließ dem Erzähler jenes Bedenken aufgeben. Als Lazare, mit den beiden Zähnen Iſouard's verſehen, das königliche Schloß betrat, ſtieß er auf Coittier, welcher ihn mit bitterem Tone anredete:„Ha! Herr Zahnbrecher! habt Ihr ſchon Eure Kunſt an den beiden kleinen Prinzen heute bewieſen? Giebt's noch lange an deren Zähnen zu thun und zu verdienen?“ „Ach, Herr Coittier!“ entgegnete Lazare bekümmert— „wie gern wäre ich dieſes königlichen Auftrages enthoben! Nur das Mitleid treibt mich noch alltäglich zu den unglück⸗ lichen Kindern.“ Und Lazare erzählte auf Coittier's Drängen die rüh⸗ rende Scene, bei welcher er nicht der bloße Augenzeuge, ſondern auch thätig geweſen war. Coittier fühlte ſich eben⸗ falls tief ergriffen von der bloßen Wiedererzählung. Er drückte dem bisher verachteten Zahnbrecher die Rechte und ſagte zu ihm:„Wir ſprechen uns weiter!“ Als Lazare dem Könige die beiden Kinderzähne über⸗ reichte, fragte dieſer gelaunt: Wie befinden ſich meine jun⸗ gen Löwen? Werden ſie mit ihren Zähnen zugleich ihre Wildheit und Tücke ablegen?“ 133 „Ich denke, Sire“— verſetzte Lazare—„daß der jüngere von ihnen in Kurzem ſein Leben ablegen werde, ſo hinfällig iſt er bereits geworden. Dann aber dürfte ihm der ältere bald nachfolgen, indem keiner ohne den andern leben zu können ſcheint.“ „Nun wohl“— ſprach Ludwig gleichgültig—„dann würde dir die Mühe des Zahnausbrechens und mir diejenige des Unſchädlichmachens der beiden kleinen Katzen erſpart.“ „Befehlt Ihr, Sire“— fragte Lazare mit anſcheinen⸗ der Ruhe—„daß ich das Zahnausnehmen fortſetze, wäh⸗ rend der kleinere Löwe erkrankt iſt?“ „So lange ihn die Krankheit nicht am Aufſperren des Rachens behindert“— antwortete Ludwig—„ja!“ „Sehr wohl, Sire!“ ſprach Lazare und zog ſich zurück. Am nächſten Tage fragte der Monarch den Zahnbrecher: „Wie ſteht's um mein junges Löwenpaar? Hat ſich der jüngere wieder erholt?“ „Im Gegentheil, Sire!“ erwiederte Lazare.„Die Krankheit hat bei ihm ſo reißende Fortſchritte gemacht, daß ich fürchte, morgen, anſtatt zwei Zähne, deren nur einen überbringen zu können. Es koſtete mir bereits viele Mühe, meine Zange in den kleinen Löwenrachen zu bringen, den der Starrkrampf feſt zu verſchließen droht.“ „Gut für das kleine Ungehener“— ſprach der König ungerührt—„das ſonach unblutig in die Grube fährt.“ ie redete Ludwig ſpäter ſeinen Leibarzt an—„da hat mir Lazare, der Zahnbrecher, erzählt, daß der jüngere Armagnae krank ſei und des baldigſten ver⸗ ſcheiden dürfte. Begieb dich einmal in die Baſtille, unter⸗ ſuche des Buben Zuſtand und ſtatte mir dann ſchleunigen Bericht darüber ab. Wenn auch Lazare leidlich ſich auf das Zahnausbrechen verſtehen mag, ſo doch nicht zugleich auf die Beurtheilung von Krankheit und Tod.“ „Sire“— berichtete Coittier nach ſeiner Rückkehr aus der Baſtille—„Lazare hat die Wahrheit geſprochen. Der jüngere Armagnac erlebt ſchwerlich den nächſten Morgen. Ihr ſelbſt könntet Euch das ſagen, ſobald Ihr den Knaben ſähet. Es iſt das auch kein Wunder. Der andauernde Aufenthalt in einem Käfig, wo deſſen Inſaſſe weder ſtehen, ſitzen noch liegen kann und der Körper in der unnatürlichſten Stellung verharren muß, der Mangel an Bewegung und friſcher Luft, die nahrloſe Koſt, die täglich erneuten Schmer⸗ zen des Zahnausbrechens, welche dem Kinde das Kauen ſeines harten Brotes verleiden, ja faſt unmöglich machen, endlich der Seelengram über ein freudenloſes Daſein— Alles zuſammen muß das raſche Zerreißen des ohnehin ſchwachen Lebensfadens herbeiführen.“ Der König hörte dieſen Bericht an, ohne eine Miene zu verziehen. Er beſchäftigte ſich während Coittier's Er⸗ zählung mit dem Zählen der kleinen Zähne, welche ihm La⸗ zare alltäglich überreicht hatte. Coittier fuhr nach einigen Seeunden abwartenden Schweigens fort:„Sire, im Intereſſe der Heilkunde, der Menſchheit, ja in Euerm eigenen erlaube ich mir eine Bitte zu thun. Wie vermag ein Arzt die Natur und Heilung einer innerlichen Krankheit zu erforſchen, wenn ihm der Sitz des Uebels, das Innere des menſchlichen Körpers, ver⸗ ſchloſſen und alſo unbekannt bleibt? Vorurtheil und Aber⸗ . glaube widerſetzen ſich beharrlich der Ueberlaſſung von menſchlichen Leichnamen an die Aerzte und nur heimlich und mit großen Koſten erlangen wir einen ſolchen todten Kör⸗ per zu unſerm Studium. Ueberlaßt mir die Leichname des einen und des anderen Armagnac, nachdem ſie geſtorben ſein werden, und Ihr macht Euch durch dieſes Geſchenk hochverdient um das ganze leidende Menſchengeſchlecht.“ „Wenn doch alle, an mich gethanen Bitten ſo beſcheiden und— billig wären wie die deinige!“— verſetzte Ludwig heiter.„Ich ſchenke dir die beiden Armagnac's, ſobald ſie mich durch ihren Tod von der Sorge ihres Bewachens be⸗ freit haben. Noch heute werde ich deshalb meinem Kom⸗ mandanten der Baſtille die ſchriftliche Anweiſung zukommen laſſen. Was aber fangt ihr Herren Aerzte mit den von euch zerfleiſchten Körpern an, nachdem ihr eure Neu⸗ oder Wißbegierde geſtillt habt?“ „Wir übergeben ſie, wie jeden anderen Leichnam, dem Erdenſchvoße“— antwortete Coittier—„nur mit dem vortheilhaften Unterſchiede, daß ſie durch unſere Meſſer vor der Gefahr des Lebendigbegrabens bewahrt bleiben.“ Elftes Kapitel. Erlöſung von dem Uebel. Lazare und Coittier hatten den König über Hector's Zuſtand nicht mit Unwahrheit berichtet. Raſcher und raſcher verzehrte ſich bei ihm der kleine Oelüberreſt in dem Lebens⸗ lämpchen und ſichtlich näherte ſich der Zeitpunkt, wo der nur matt noch brennende Docht für immer auslöſchen ſollte. Das arme Kind berührte ſein Brot nicht mehr; deſto öftrer ſprach es dagegen dem Waſſerkrügelein zu, um die in ihm brennende Fiebergluth zu löſchen. Mit Schrecken bemerkte Iſouard, daß ſein geliebter Bruder immer ſtiller und re⸗ gungsloſer in ſeinem Käfig wurde, daß er auf ſeine Reden und Fragen nur einſylbig und mit matter Stimme antwor⸗ tete, daß ſein Athem ſchneller und lauter aus⸗ und ein⸗ ſtrömte, daß er nicht aß, dafür deſto mehr trank, lauter Kennzeichen von Krankheit, die bedenklich genug waren. „Hector, lieber Bruder!“ rief Iſouard angſtvoll aus. „Biſt du ſehr krank? Reiche mir deine Hand durch's Gitter, damit ich fühle, ob ſie heiß iſt und ob dein Puls fiebert.“ „Ach, laß mich doch!“ verſetzte Hector bittend—„Ich bin ſo müde! möchte gern ſchlafen!“ „So nimm wenigſtens noch mein Stück Decke“— ſprach Iſouard—„und da, auch meinen Wams, damit du weicher liegen kannſt.“ „Dank, lieber Iſouard!“— antwortete Hector erkennt⸗ lich—„Behalte aber beides! Ich werde ſchon ſo gut ſchlafen. Gute Nacht, mein Iſouard! Und nun ſtöre mich nicht wieder.“ „Er nimmt ſchon gute Nacht“— ſprach Iſouard zu ſich ſelbſt—„und gleichwohl iſt's erſt Nachmittag. Seine „gute Nacht“ klang aber ſo ſonderbar, als ſpräche er für immer„gute Nacht!“ Hector!“ rief er laut—„nur noch ein einziges Wort, damit ich nicht vor Angſt vergehe. Ver⸗ ſprich mir, Bruder, daß du— nicht etwa— ſterben— willſt.“ Die letzten Worte ſtieß Iſouard ſchluchzend hervor. „Er hört mich nicht— er antwortet mir nicht!“ weinte der Knabe nach einer Pauſe des Wartens.„Ach, Herr Gott! Herr Gott!“ jammerte er—„ſo höre du mich!“ Das Kind verſuchte es, ſich auf die Knie zu werfen und ſeine gefalteten Hände emporzuheben.„Laß meinen Bru⸗ der Hector nicht ſterben!“— betete es inbrünſtig.„Ich will ja gern nicht bloß meine Zähne, ſondern auch mein Leben für das Seinige laſſen. Er iſt viel beſſer wie ich, und darum verliert die Welt an mir weit weniger als an Hector. Laß ihn nicht ſterben! ich bitte dich um des Hei⸗ lands, der Mutter Gottes und aller Heiligen willen. Läſ⸗ ſeſt du ihn aber doch ſterben, ſo nimm mich auch gleich mit, weil ich ohne Hector nicht leben kann und will. Laß uns beide auch im Sarge und Grabe neben einander liegen und zuſammen in den Himmel zu unſerer lieben Mama eingehen. Erhöre mich, Herr Gott, und laß mich nicht vergebens ge⸗ betet haben. Amen.“ Nach beendigtem Gebete wendete Iſouard ſeine Sinne wieder dem Bruder zu. „Wie ſein Athem fliegt! Wie er manchmal aufſtöhnt 6 138 und ächzt!“ murmelte IJſouard.„Ach, wenn er nur ein beſſeres und weicheres Lager hätte! Selbſt auf einer harten Holzbank würde er bequemer und ſanfter liegen als in dem garſtigen Eiſenkäfig. Wenn er nur wenigſtens mein Wams õ und mein Stück Decke noch untergelegt hätte! Ach, ich bin ihm ſo nahe und kann ihn gleichwohl nicht einmal anfühlen. Wie gern bettete ich ſeinen Kopf in meinen Schooß, damit er weicher ruhete! Oder an meine Bruſt, wie es ſonſt die Mama mit uns machte, die dann noch ihre Arme um uns ſchlang und uns hätſchelte.“ Unter ähnlichem Selbſtgeſpräche hielt Iſouard ſein Ant⸗ litz an die Eiſenſtäbe ſeines Käfigs nach demjenigen ſeines Bruders gepreßt und lauſchte abwechſelnd nach einem Laute deſſelben. So kamen der Abend und die Nacht herbei. Der Schlaf ſenkte ſich bleiern auf Iſouard's Augenlider herab, die Angſt um den Bruder machte ſie wieder erheben. Es konnte nach Mitternacht ſein, als Iſouard den immer langſamer und ſchwächer gewordenen Athemzug ſeines Bru⸗ ders nicht mehr vernahm. Eine gräßliche Angſt, verſtärkt durch die Finſterniß und Stille der Nacht, beklemmte Iſou⸗ ard's Bruſt. „Hector! lieber Bruder!“ ſprach er gedämpft— „ſchläfſt du noch immer? Wie iſt dir jetzt? Ach, beruhige meine Todesangſt nur durch ein einziges Wort!“ Als keine Antwort erfolgte, ja nicht die leiſeſte Regung Hector's zu hören war, rief Iſouard lauter und lauter. Daſſelbe Schweigen! „Gott, mein Gott!“ jammerte Iſouard und rang ſich die Hände wund—„laß ihn nicht ſterben! O laß ihn 139 nicht ſterben! Oder mich zugleich mit ihm! Habe Erbarmen, lieber Herr Gott!“ Unter Gebet, Weinen und erneutem Rufen entſchlief endlich der gefolterte Knabe. Mit dem anbrechenden Morgenlichte erwachte Jſouard und natürlich, daß ſein er⸗ ſter Aufblick dem Bruder gewidmet war. Derſelbe lag noch immer ſtill und regungslos in ſeinem Käfig da. Nun gab ſich Iſouard der hellen Verzweiflung hin. Als Loupin nach ſeinen Gefangenen zu ſehen kam, vernahm er ſchon draußen das durchdringende Geſchrei Iſouard's, welches ſelbſt durch die dicke Eichenthüre des Gemachs herausſchallte. Beim Oeffnen des Gefängniſſes erblickte Loupin den älteren Armagnac, welcher unter Schluchzen, Schreien und wildem Geheule mit beiden Händen an den Eiſenſtäben ſeines Kä⸗ figs rüttelte und ſolche zu durchbrechen bemüht war. „Mein Bruder iſt todt!“ rief er dem Wärter entgegen —„Laß mich heraus! Laß mich zu ihm, daß ich mit ihm ſterbe! Heraus! heraus!“ Loupin öffnete die Thüre von Hector's Käfig und fühlte mit ſeinen Händen das Antlitz, die Hände und den Körper ſeines Gefangenen an, der, ein kleines Häuflein Erdenſtaub, unbeweglich und in ſich zuſammengeſchmiegt, das untere, trichterförmige Ende ſeines Käfigs bedeckte. Ohne erſt deſſen Thüre wieder zu verſchließen, entfernte ſich wieder, nicht beachtend das furchtbare, erneute Schreien Iſouard's. Dieſer rannte ſich die Stirne blau und blutrünſtig an den Eiſenſtäben ſeines Käfigs und raufte ſein Haupthaar. Nicht lange und Loupin kehrte in zahlreicher Begleitung zurück, die aus dem Komman⸗ 140 danten der Baſtille, mehreren anderen Beamten, dem Arzte derſelben und anderen Zeugen beſtand. Stumm umringten ſie Hector's Käfig, in welchem das arme Kind, wie ein von ſeinem Stängel herabgefallenes, todtes Vögelein, auf dem Boden ſeines Käfigs lag. Und ihm gegenüber war ein anderes Vögelein, die andere Halb⸗ ſchied eines Paares, deſſen Art man inseparabile oder Unzertrennliche nennt. Und daſſelbe flatterte verzweiflungs⸗ voll in ſeinem engen Raum umher und drohte ſich den Kopf an ſeinem Käfig zu zerſtoßen. Während einige der Anwe⸗ ſenden, auf des Kommandanten Geheiß, den erkalteten Kin⸗ desleichnam aus dem Käfig hoben, öffnete Loupin denjenigen Iſouard's, welcher, ſeiner Schwäche und ſeiner verrenkten Füße vergeſſend, mit einem Satze herausſprang und ſich über ſeinen Bruder hinwarf. „Biſt du wirklich geſtorben, ohne mich mitzunehmen?“ ſchrie er außer ſich, indem er die kalten Wangen ſeines Bru⸗ ders mit heißen Thränen badete.„Und ich bat dich noch ſo ſehr, nicht allein zu unſerer Mama in den Himmel zu gehen! Und mit keinem Worte haſt du von mir Abſchied genommen und mich wiſſen laſſen, wenn du von mir ſchie⸗ deſt. Blos„gute Nacht“ ſagteſt du zu mir, wie du alle⸗ Tage vor dem Einſchlafen thatſt. Ach, bitte doch unſern Herrgott und unſere Mama, daß du mich ſogleich nachholen darfſt, damit wir zuſammen in einen Sarg und in ein Grab gelegt werden. Wie abgezehrt du biſt! Nur in der Haut hängſt du noch! Kein Wunder das, denn vor Schmer⸗ zen wegen der herausgenommenen Zähne aßeſt du die letzten Tage gar nichts, obſchon ich dir rieth, dein Brot in dem 141 Waſſer aufzuweichen. That das Sterben weh, mein Hec⸗ tor? Ach, gewiß nicht ſo ſehr wie das Zahnausreißen, denn ſonſt würdeſt du bei dem Sterben eben ſo geſchrieen und ge⸗ ſtöhnt haben, als bei dem Zahnbrechen.“ Iſouard's weitere Worte gingen in einem lauten Schluchzen unter, welches ſo überaus herzzerreißend klang, daß ſelbſt die verſteinten Herzen der Anweſenden erweicht wurden. Man ließ den Schmerz des verwaiſeten Kindes ſich ausſprechen und ausweinen, indem man zugleich die ge⸗ liebte Leiche nicht von ihm trennte. Einen Boten ſendete der Kommandant der Baſtille an den König ab und einen zweiten an den Leibarzt Coittier, um beide von dem Hin⸗ ſcheiden des jüngeren Prinzen zu benachrichtigen. Während dem fand ſich auch Lazare ein, um ſeine all⸗ tägliche Operation zu verrichten. Wie er vorausgeſagt, hatte er heute nur einen Zahn zu rauben. Unaufgefordert hielt dießmal der Prinz ſeinen geöffneten Mund dem Zahn⸗ brecher hin, wobei er brünſtig ſprach:„Ach, lieber Mann, wie dankbar wollte ich Euch ſein, wenn Ihr mir das Herz aus der Bruſt oder den Kopf vom Halſe riſſet!“ Als Coittier erſchien, um Hector's Leichnam in Empfang zu nehmen und fortſchaffen zu laſſen, erfolgte eine ſchwer zu beſchreibende Schmerzensſcene, welche damit endete, daß Iſouard in eine tiefe und lang andauernde Ohnmacht fiel. „Tröſte dich, Kind!“ ſprach Coittier, indem er ſeine Hand auf des bewußtloſen Iſouard's Haupt legte—„Gar bald wirſt du mit deinem Bruder wieder vereinigt ſein. Die Leibes⸗ und Seelenleiden, welche du ausgeſtanden haſt, würden ſelbſt den kraftvollſten Mann in ein frühes Grab betten können.“ Der Leibarzt hatte abermals im prophetiſchen Geiſte geſprochen. Zweimal noch überbrachte Lazare dem Könige einen aus⸗ gezogenen Zahn Iſouard's, dann erſchien er mit leerer Hand und der Nachricht vor dem Monarchen, daß mit dem erfolg⸗ ten Tode des Prinzen ſeine Verrichtung in der Baſtille ihr Ende erreicht habe. Einige Tage ſpäter ließ Coittier, im abendlichen Dun⸗ kel, die beiden, dem anatomiſchen Meſſer zugefallenen ir⸗ diſchen Ueberreſte der beiden unglücklichen Prinzen von Nemours auf dem Kirchhofe Saint⸗Sulpice beerdigen und zwar, nach Iſouard's ſehnlichem Wunſch, in einem und dem⸗ ſelben Sarge und Grabe. Wenn es geſchieht, daß das Gute auf Erden nicht im⸗ mer belohnt und das Böſe nicht immer beſtraft wird, ſo iſt dieß eben eine von den erfreulichen Bürgſchaften einer ewi⸗ gen Fortdauer unſers Weſens. Jenſeits wird Gottes Ge⸗ rechtigkeit, die wie der Berge Tiefen iſt, wieder ausgleichen, was hier auf Erden uneben war. Darum dürfte es uns gar nicht beirren, wenn Ludwig's XI. unchriſtlicher Rache⸗ durſt wirklich den Tod der beiden Söhne Nemours in der oben beſchriebenen Weiſe herbeigeführt hätte. Auch war es weit mehr der göttlichen Gnade als menſchlicher Berech⸗ nung und Barmherzigkeit zuzuſchreiben, wenn es anders 143 kam, als der König gewollt hatte. Denn es war ein ſehr gewagtes Mittel, den, ohnehin dem Verlöſchen ſchon nahen Heetor durch Opiumtropfen, welche Lazare, auf Coittier's Veranſtaltung, heimlich unter des kleinen Prinzen Getränk gemiſcht hatte, denſelben in einen Schpintodt fallen zu laſſen, welcher gar leicht zum wirklichen werden konnte. Demohn⸗ erachtet wagte es Coittier, auf jede Gefahr hin, als das einzige, verzweifelte Mittel, um das gemarterte Kind ſeiner Qual zu entreißen. Anſtatt demnach, wie Coittier gegen den König vorgegeben hatte, Hector's Körper dem anato⸗ miſchen Meſſer zu unterwerfen, wendete er vielmehr, ſobald er den kleinen Prinzen in ſeine Wohnung gebracht ſah, die geeigneten Mittel zu deſſen Belebung an, unter welchen der damals nur als Arznei bekannte Kaffee das vorzüglichſte war. Nur ſchwach und wenig Hoffnung bietend waren die Lebenszeichen, welche Hector endlich von ſich gab, und wer hätte es nach deſſen überſtandenen Qualen anders er⸗ warten können? Coittier's Abſicht war erſt dahin gegangen, Hector's Bruder nicht ſobald in den Zuſtand des Schein⸗ todes zu verſetzen, um nicht Ludwig's Argwohn zu erwecken. Allein die fürchterliche Verzweiflung Iſouard's, welche den⸗ ſelben nach ſeines Bruders vermeintem Tode aufzureiben drohte, nöthigte den Leibarzt zur eiligeren Ausführung ſeines menſchenfreundlichen Vorhabens. Während der Sarg mit den angeblichen irdiſchen Ueberreſten der beiden Prin⸗ zen Nemours nach dem Kirchhofe geſchafft wurde, ließ Coit⸗ tier dieſelben in einer wohlverwahrten, von Maulthieren fortgetragenen Sänfte von Paris nach ſeinem einſam ge⸗ legenen Landhaus verſetzen, das eine kleine Tagereiſe von 144 der Hauptſtadt entfernt lag und die größte Sicherheit ge⸗ währte. Als Iſouard ſeine Augen zum erſtenmale wieder auf⸗ ſchlug, glaubte er im Himmel erwacht zu ſein. Denn dicht neben ſeinem Lager ſtand ein zweites Bett, aus deſſen wei⸗ chen, weiß überzogenen Pfühlen der ſtill verklärte Blick ſei⸗ nes todtbeweinten Bruders Hector ihm entgegenlächelte. Und auf der anderen Seite des Bettes ſaß Frau Michelet, welcher die ſeligſte Freude aus den treuen Augen leuchtete, und hielt den leeren Löffel in der Hand, deſſen Inhalt von ſchwarzem Kaffee ſie ſo eben Iſouard's Lippen eingeflößt gehabt hatte. Und vom Fenſter her kam, von Antonien beaufſichtigt, der kleine Schmerzensreich getrappſelt und jauchzte„Iſe! Iſe!“— weil ihm„Iſouard“ herauszu⸗ bringen noch unmöglich fiel. Nur die ſelige Mutter und die beweinte Schweſter Helene fehlten noch, um das himm⸗ liſche Bild vollſtändig zu machen. Bewältigt von dem Ein⸗ druck dieſes Erwachens und noch ſchwach an Kraft, ſchloß Iſouard wieder ſeine Augen und niemand wagte es, ihn zu ermuntern oder mit einem Worte anzureden. Iſouard's zweiter Aufblick galt abermals dem Bruder Hector, deſſen noch immer fleiſchloſe Hand kein Eiſengitter mehr zu durch⸗ wandern brauchte, um ſich nach dem Bruder auszuſtrecken. Indem dieß Hector that, ſprach er leiſe, aber freudig: „Nicht wahr, Iſouard, hier ruht ſich's köſtlich?“ Wer Monate lang in kein Bett gekommen iſt, wird dieſe Worte Hector's, der, wie ſein Bruder, in einer ſo langen Zeit nicht einmal bequem ſtehen und ſitzen, geſchweige liegen hatte können, ganz natürlich finden. Was anders konnten 145 auch zunächſt die beiden Prinzen ſich wünſchen, als Ruhe nach ſo anhaltender Folter? Und war dieſe Ruhe auf weichem Flaum, in einem freundlichen, ſonnenhellen Zim⸗ mer und gehoben durch die Gegenwart geliebter Menſchen, nicht etwa des Himmels Vorgeſchmack, gegen welchen das finſtere Gefängniß der Baſtille mit ſeinen Eiſenkäfigen eine wahre Hölle genannt werden konnte? Im vollſten Maße genoß das Brüderpaar die ihm ſo lange entzogene und ſo nöthige Ruhe. Und der Jammer, welcher bei dem erſten Anblicke des zu Skeletten abgezehrten Brüderpaares das Herz ihrer Pflegemutter und Antonien's zernagt hatte, wandelte ſich in Entzücken um, je mehr die Kräftigung Iſouard's und Hector's zunahm. Und Coittier, welcher einen Tag um den andern nach den von ihm Ge⸗ retteten zu ſehen kam, theilte die Freude ſeiner Schweſter und hätte ſolche um keinen Preis der Welt dahingegeben. Nachdem die Brüder die Wolluſt des Ruhens und be⸗ haglichen Ausſtreckens ihres gemarterten Körpers hinläng⸗ lich genoſſen hatten, wünſchten ſie ihre Lagerſtätten verlaſſen zu dürfen. Solches wurde ihnen für eine erſt kurze Weile geſtattet. Aber mit dem Auftreten und Fortſchreiten ſah es mißlich aus. Zu lange waren die Füße und übrigen Glieder ihres Körpers verbogen, gequetſcht und gemißhan⸗ delt worden, um ſogleich wieder ihre ſonſtigen Dienſte ver⸗ richten zu können. Zwar hatte Coittier, ſolches voraus⸗ ſehend, an fleißigem Einreiben mit ſtärkenden Eſſenzen es nicht fehlen laſſen, allein nicht ſobald ließen ſich die Folgen einer barbariſchen Mißhandlung beſeitigen. Der kleine Schmerzensreich konnte jetzt beſſer gehen als Nieritz, Bruderliebe. 10 ſeine viel älteren Brüder, welche ſich bei ihren kurzen Wan⸗ derungen der Krücke und des Stocks bedienen mußten. Auch an Zähnen reicher war jener als dieſe. Hector beſaß, Dank der brüderlichen Aufopferung, etwa noch die Hälfte ſeiner Zähne, Iſouard dagegen nur noch einige Backenzähne, daher er nur weiche oder flüſſige Speiſen genießen konnte. Demohnerachtet war ſein und ſeines Bruders Herz mit den freudigſten und lebhafteſten Dankgefühlen gegen Gott und ihren menſchlichen Retter erfüllt. Denn oft erſt durch über uns verhangene Trübſale lernen, wir das Gute ſchätzen, wel⸗ ches früher von ſeinen Beſitzern nicht dankbar anerkannt wurde. Zu Coittier's Landhaus gehörte noch ein großer, anmuthiger und von hohen Mauern umſchloſſener Garten, deſſen Bäume der beginnende Herbſt mit reifenden Früchten aller Art geſchmückt hatte. Hier tummelten ſich die vier Kinder nach Herzensluſt herum und wunderbar fühlten Iſouard und Hector ihre Kräfte wiederkehren durch den faſt ſteten Aufenthalt in der freien Luft, ſowie durch die öftere Bewegung. Da Iſouard und Hector bürgerlich todt waren, ſo hat⸗ ten ſie mit ihrer Prinzenwürde zugleich die Zunamen Ar⸗ magnac und Nemours abgelegt und ſich nach ihrer Pflege⸗ mutter Michelet nennen wollen. Allein dagegen ſtritt Cvittier. „Ich beanſpruche“— ſprach er lächelnd—„auch mei⸗ nen Antheil an dem Brüderpaare, bei deren Erhaltung ich mir ein kleines Verdienſt zuſchreibe. Als einzigen Lohn für meine Mühen verlange ich nichts weiter als daß die beiden Brüder meinen Namen fortan führen, da ich weder Frau, noch Kinder beſitze. Außerdem könnt ihr euch ins⸗ 147 geſammt als Geſchwiſter anſehen und behandeln, wie ihr denn auch Alle einſt meine Erben werden ſollt.“ Das Glück der wiedervereinigten Familie würde voll⸗ kommen geweſen ſein, wenn Helene nicht noch gefehlt hätte. Coittier beruhigte das Brüderpaar über das Schickſal ihrer Schweſter, indem er ihm die Verſicherung gab, daß Helene in dem Kloſter mild und liebreich behandelt würde, und, ihrer Jugend wegen, nicht zum Ablegen des Nonnengelübdes gezwungen werden könne. Fortan verfloſſen den Wiedervereinigten die Tage, Mo⸗ nate und Jahre ohne weiteren Unfall hin. Ludwig XI. hatte mit ſeinen zahlreichen, noch lebenden Feinden alle Hände voll zu thun, um ſich weiter um die Nachkommen eines todten und hingerichteten Gegners kümmern zu können. Hugo oder Jasmin verblieb noch immer bei ſeinem Lehrmeiſter Escabeau, der den braven Burſchen zu einem, ſeiner würdigen Nachfolger heranbildete und ihn, wie ſeine Frau, als ſeinen Sohn liebte. Etlichemal im Jahre durfte er ſeine Mutter und Schweſter, ſo wie die hinterlaſſenen Kinder Armagnae's beſuchen, über deren Daſein ihm na⸗ türlich das tiefſte Stillſchweigen auferlegt worden war, das er um ſo gewiſſenhafter beobachtete, weil davon das Leben oder der Tod der von ihm brüderlich geliebten Prinzen ab⸗ hing. Obſchon unter den jugendlichen Bewohnern des leibärztlichen Landhauſes weder ein Rang, noch ein Be⸗ handlungsunterſchied ſtattfand, ſo prägte man doch dem heranwachſenden Schmerzensreich den Glauben ein, daß Iſouard und Hector nicht ſeine wirklichen Brüder, ſondern vielmehr die Söhne Cvoittiers ſeien. 10* 148 Man hielt, mit vollem Rechte, dieſe Maßregel wegen der Zukunft für durchaus nöthig. Eine große, unerwartete Freude wurde noch der Wittwe Michelet, ſowie deren beiden Kindern, zu Theil, indem ihnen eines Tages der wackere Coittier den längſt verlorenen und todt geglaubten Sohn und Bruder Balduin zuführte. Der⸗ ſelbe war, wie durch ein Wunder, gleichfalls dem Tode des Aufhängens durch Triſtan's Leute entgangen, dafür aber gezwungen worden, auf einem Seeſchiffe als Matroſe zu dienen. Nach langdauernden und wiederholten Seefahrten hatte er endlich eine Gelegenheit gefunden, zu entwiſchen und ſeinen Oheim Coittier aufzuſuchen, der ihn mit den Seinen wieder vereinte und zugleich zum rüſtigen Aufſeher über ſeine ländliche Beſitzung ernannte. Schließlich werden die jungen Leſer noch einmal in Ludwig's XI. Nähe zurückgeführt. Zwölftes Kapitel. Ein klägliches und ein fröhliches Ende. Ludwig Kl. hatte, theils durch Gewalt, noch mehr aber durch Liſt und Tücke, ſeine ſämmtlichen Gegner, ſelbſt den am meiſten zu fürchtenden Herzog von Burgund, Karl den Kühnen, überwunden und durch ihre Beſitzungen ſein ohnehin ſchon weites Reich vergrößert. Dennoch war er 3 —— 3 149 an Freuden wie an Freunden der ärmſte Mann im ganzen Lande. Gewiß erkennt jeder nur einigermaßen fühlende Menſch in ſeiner Frau und ſeinen Kindern das theuerſte und höchſte Erdengut. Nicht ſo Ludwig XI., welcher den Seinen ſo wenig traute, als er ſie liebte. Weil er ſtets herzlos und ſtreng gegen dieſelben ſich gezeigt hatte, ſo ver⸗ galten ſie ihm wiederum mit gleichen Gefühlen, und nur höchſt ungern und gezwungen nahete ſich Ludwig's einziger Sohn und Nachfolger ſeinem königlichen Vater, um von demſelben mit Vorwürfen empfangen oder bitter getadelt zu werden. Aus ſteter Furcht vor Nachſtellungen und Meuchelmördern hatte Ludwig XI. ſeine Reſidenz zu Paris und zugleich die Nähe ſeiner Familie verlaſſen und ſich nach einem einſam, und inmitten eines großen Waldes gelegenen Schloſſe, Pleſſis les Tours genannt, zurückgezogen. Das⸗ ſelbe glich einer zweiten Baſtille, ja noch weit mehr wie dieſes einem ſorgſam verwahrten und vertheidigten Gefäng⸗ niſſe. Nur zwei Wege führten durch den Wald nach dem Schloſſe, deſſen Umgebung ſo weit von Bäumen kahl ge⸗ macht worden war, als man Raums bedurfte, um jeden na⸗ henden Feind ſchon von weitem zu erkennen und ihm eine Kugel, einen Bolzen oder einen Stein aus der Schleuder entgegenzuſchicken. Als Wegweiſer nach dem königlichen Schloſſe dienten gleichſam zahlreiche Galgen, welche die bei⸗ den, nach dem Schloſſe führenden Wege beſäumten und mit den Leichnamen ſolcher Unglücklichen geſpickt waren, welche Triſtan's oder des Königs Verdacht erregt hatten. Achtzehn Tauſend ausgeſtreute Fußangeln ſollten jedem feindlichen Haufen Reiter das Vordringen verwehren, ünd wer in dem 150 Wald nur um wenige Schritte von dem vorgezeichneten Wege abwich, verſank in eine der unzähligen, angebrachten Wolfsgruben. Das Schloß ſelbſt war mit tiefen Gräben, hohen und dicken Mauern, mit großen und kleinen Thür⸗ men, mit Zugbrücken und einem Gitter von ſtarken Eiſen⸗ ſtangen umgeben. Außerdem hatte Ludwig die Mauer⸗ kronen mit wagerecht angebrachten Eiſenſpitzen verſehen laſſen, um das Erſteigen zu verhindern. Gleiche Hinder⸗ niſſe befeſtigte man an dem Rande der Gräben, die dadurch unzugänglich gemacht werden ſollten. Ueberdieß befanden ſich allerorts eiſerne Schilderhäuschen, von welchen aus man, ohne ſelbſt geſehen zu werden, auf Jeden ſchoß, wel⸗ cher unvorſichtig dem Schloſſe ſich näherte. Dieſes beſaß in ſeinen ſtarken Mauern nur eine geringe Anzahl enger, vergitterter und hochangebrachter Fenſter, die dem ganzen Bau ein trauriges Anſehen verliehen und deſſen Inneres düſter machten. Der Schloßhof war mit zwei Reihen ſtar⸗ ker Eiſenketten umzogen, an welchen ſchwere Kugeln und Ringe gereihet waren, um ſolche an die Füße zu legen. Dieſe nannte man ſpöttiſcherweiſe die Töchterchen des Kö⸗ nigs. Vierzig Armbruſtſchützen hielten, Tag wie Nacht, Wache in dem Schloßgraben und hatten Befehl, auf Jeden zu ſchießen, welcher vor Oeffnung des Thores dem Schloſſe nahe kommen würde. Das Letztere geſchah erſt ſpät am Morgen. Da Ludwig XI. ſeinen eigenen Landeskindern nicht traute, ſo ließ er das Innere ſeines Schloſſes durch vierhundert fremde Söldner, durch ſchottiſche Bogenſchützen, bewachen, welche die Thore beſetzt hielten, jeden Eingehen⸗ den genau durchſuchten und häufige Patrouillen machten. 4 ——— —————— 151 Ludwig, welcher bereits ſchon einmal einen Anfall vom Schlage gehabt hatte, empfand, wie alle Tyrannen und böſen Menſchen, eine ungemeine Furcht vor dem Sterben. Dieſe Furcht ſteigerte ſich in den letzten Jahren ſeines Le⸗ ben ſo ſehr, daß er zu einem Gerippe abmagerte und der Schlaf ſein Lager floh. Der Monarch, welcher, was ſeine eigene Perſon anbelangte, ſtets ſehr ſparſam geweſen war, verſchwendete jetzt ungeheure Summen an ſeine Aerzte, auf daß ſie ihre ganze Kunſt zur Verlängerung ſeines Lebens aufbieten möchten. Es iſt erwieſen, daß er allein an Coit⸗ tier in einem Jahre 98,000 Thaler auszahlte, der außer⸗ dem noch monatlich 10,000 Thaler von ihm erhielt. Ueber⸗ dieß hatte er dieſen ſeinen Leibarzt zum erſten Präfident der königlichen Rechnungskammer ernannt, ja einem anderen Leibarzt, Angelo Catto, ſogar das Bisthum Vienne ver⸗ liehen. Ach ja, mancher Monarch würde Millionen hin⸗ geben, wenn er dadurch die Verlängerung ſeines Lebens oder die Geſundheit erkaufen könnte. Aber nicht allein die Kunſt der Aerzte, ſondern auch die noch weit wirkſamere Gunſt des Himmels ſuchte Ludwig in ſeiner Todesfürcht für ſich zu gewinnen. Anſtatt aber das Letztere durch eine äuf⸗ richtige Reue und Buße zu bewerkſtelligen, meinte er, durch die kräftigen Fürbitten Anderer die göttliche Gnade auf ſein Haupt herabzuziehen. Zu jener Zeit lebte ein berühmter Heiliger, Namens Franz von Martorello oder von Paula, deſſen Gebeten man eine ganz beſondere Kraft und Wirkung zuſchrieb. Auf denſelben hatte Ludwig XI. ſein Augen⸗ merk geworfen, weil er ihn vor allen anderen Menſchen für befähigt hielt, den König mit Gott auszuſöhnen. Aber 152 der Heilige weigerte ſich auf Ludwig's Einladung zu kom⸗ men und es bedurfte eines zweimaligen Drängens des Pap⸗ ſtes, um den Heiligen zur Reiſe nach Pleſſis les Tours zu bewegen. Als Franz von Paula vor dem Könige erſchien, warf ſich derſelbe zu ſeinen Füßen und flehte ihn um Ver⸗ längerung ſeines Lebens an. Der Heilige antwortete hier⸗ auf damit, daß er die göttliche Nachſicht und Langmuth rühmte und für den König zu beten verſprach. Er empfing dafür reiches Almoſen vom Könige, bekam für ſich und ſeine Schüler zwei Klöſter, eines am Ende des königlichen Parks, das andere beim Schloſſe von Amboiſe, erbaut, vermochte aber doch nicht den Monarchen von ferneren Ungerechtig⸗ keiten abzuhalten. Was halfen unter ſolchen Umſtänden die wärmſten Fürbitten und das reichſte Almoſen? Außer den Heiligen Franz von Paula ließ Ludwig noch ganze Schaaren von Eremiten und Beguinen um ſein Schloß ein⸗ quartieren, welche ihre Tage mit Beten und Singen zu⸗ brachten und Gott um des Königs Erhaltung anflehten. Endlich umgab ſich Ludwig noch mit zahlloſen Reliquien aus allen Himmelsgegenden, welche den bleichen Knochen⸗ mann von ihm zurückſchrecken ſollten. Die Aerzte wußten zuletzt kaum noch Arzneien aufzutreiben, die dem König helfen ſollten. Sie verfielen auf die ſtärkſten, angreifend⸗ ſten und widerfinnigſten Mittel. So erzählt zum Beiſpiel die Geſchichte, daß man ihn habe das Blut friſch geſchlach⸗ teter Kinder trinken laſſen! Mit großer Aengſtlichkeit und Mühe ſuchte Ludwig R. ſeinen leidenden Zuſtand vor aller Welt, ſelbſt vor den Seinen, zu verbergen. Aus dieſer Abſicht ließ er aus den 153 fernſten Ländern Jagdhunde, Pferde, ſeltene Thiere und theure Stoffe herbeiſchaffen. In der Regel entzog der Monarch ſich allen neugierigen Blicken, und wenn er ja ſich einmal vor fremden Perſonen ſehen ließ, ſo behing er ſeinen vertrockneten Körper mit den prächtigſten Gewändern, die ſein elendes Ausſehen verſtecken ſollten. Es war an einem Tage des Auguſtmonats 1483, als Coittier, wie gewöhnlich, den König um die Morgenzeit zu beſuchen kam. Er vernahm aus dem königlichen Kranken⸗ zimmer einen wilden Lärm— Hundegebell, Umherrennen vieler Füße, fremdartiges Kreiſchen, dazwiſchen Schreien, Rufen und Lachen. „Sollte der König geſtorben ſein?“ fragte ſich Coittier verwundert, der ſich anders jenen Lärm nicht zu erklären vermochte. Indem er die Thüre öffnete, ſtürzte ihm ein Rudel Jagdhunde entgegen, welche, ihn beinahe umreißend, zwiſchen ſeine Beine fuhren und daſelbſt eine Beute faßten und erwürgten, in welcher Coittier mit Erſtaunen eine große— Ratte erkannte. Der König hatte auf ſeinem Ruhebette eine halb lie⸗ gende, halb ſitzende Stellung eingenommen. Man konnte nicht genau unterſcheiden, ob ſeine verzerrten Geſichtszüge einem Lachen oder einem Schmerzgefühle galten. Außer einigen ſeiner vertrauteſten Diener hatte Ludwig ſeinen ehemaligen Barbier Olivier und den furchtbaren Triſtan um ſich, welche den ärgſten Lärm durch Schreien, Zurufen und Lachen verurſachten. „Wie?“ hob Coittier erſtaunt an, indem er noch mehrere getödtete Ratten umherliegen ſah—„Ihr habt und duldet 154 ſolches Ungeziefer in Euern Zimmern, Sire? Und gab es denn kein anderes Mittel, Euch von dem Geſchmeiß zu be⸗ freien, als eine förmliche Hetziagd?“ „Wir haben ſie abſichtlich veranſtaltet“— verſetzte Olivier le daim—„um dem König die Langeweile zu ver⸗ treiben und ein Vergnügen zu bereiten. Die Ratten ſind von ungewöhnlicher Größe und lebendig gefangen worden, um hier gehetzt zu werden.“ So war denn Ludwig bis an ſein Ende ein Freund von grauſamen Zerſtreuungen! „Die Jagd iſt beendigt“— ſagte der König, ſchon wieder verdrießlich werdend—„ſchafft die Hunde nebſt den gejagten Ratten fort und laßt mich mit Coittier allein. Als Alle, bis auf Coittier, den König verlaſſen hatten, ſprach dieſer zu ſeinem Leibarzt:„Cvittier, wie findeſt du heute meinen Zuſtand?“ „Vortrefflich, Sire!“ verſetzte Coittier ſpöttiſch— „denn wenn Eure Majeſtät wieder an's Jagen denken kann, ſo muß ſie ſich doch gewiß wieder recht wohl fühlen.“ „Spotte nicht!“— ſprach Ludwig drohend.„Nur zu gut ſehe ich ein, daß eure Pulver, Pillen, Latwergen, Eſſenzen und ſonſtigen Giftmiſchungen mir nichts nützen, vielmehr meinen Untergang beſchleunigen. Auf ein wirk⸗ ſameres und minder übel ſchmeckendes Mittel baue ich jetzt, das ich meinem vielgeliebten Vetter, dem Könige von Spa⸗ nien, verdanke. Es iſt dieß der wirkliche und echte Zahn des heiligen Apoſtel Petrus, den mir der ſpaniſche König verehrt hat. Dort, in jenem goldenen Reliquienkäſtchen —3 — — —— iſt er enthalten. Reiche es mir her, daß ich mich an ſeinem Anblick ſtärke.“ Coittier ging und kehrte nach längerem Verweilen mit einem kleinen Käſtchen in ſeiner Hand zurück, welches er aus einem ganzen Haufen ähnlichen Krams hervorgeſucht hatte. „Ha! was iſt das!“ rief Ludwig zornig, indem er ei⸗ nen ſchnellen Blick in das geöffnete Käſtchen warf.„Das iſt nicht des heiligen Apoſtels Zahn Das ſind— das ſind“— „Nun, es ſind auch Reliquien von Märtyrern“— ent⸗ gegnete Coittier, noch immer ſpottend—„und zwar von den allerſchuldloſeſten Märtyrern. Ihr thätet ſehr wohl, dieſe kleinen Kinderzähne immer zu Euch zu ſtecken, damit Ihr, wenn Euch der Tod plötzlich überraſchen ſollte, ſie ihren vormaligen Beſitzern, die Ihr ſchlimmer, als die Hei⸗ den den Apoſtel Petrus, habt hinmartern laſſen, zurück⸗ geben könnt. Gewiß find die beiden kleinen Armagnac's die Erſten, die Euch in der Ewigkeit entgegen kommen und ihr Eigenthum von Euch zurückfordern werden.“ Coittier hatte dem Könige einſt geweiſſagt, daß ihn die ausgeriſſenen Zähne der beiden armen Prinzen ſpäter ärger zerfleiſchen würden, als wenn ſie in dem Munde ihrer frü⸗ heren Beſitzer geblieben wären. Daß dieſe Vorherſagung zur Wahrheit werde, dafür ſorgte jetzt Coittier, indem er den König an ſeine, nicht wieder gutzumachende Grauſam⸗ keit erinnerte. Der Leſer wundere ſich nicht, daß Coittier mit dem ſonſt ſo furchtbaren Ludwig alſo zu ſprechen wagte. Der König ähnelte jetzt, nahe ſeinem Tode, dem alten, ſchwachen 156 und kranken Löpen in der Fabel, den ſogar der Eſel zu ſchlagen wagte. Ueberdieß kannte Coittier nur zu gut ſeine Unentbehrlichkeit bei dem Könige, welche ihn, ſo wie ſeinen Collegen Angelo Catto, den Monarchen mit rückſichtsloſer Härte behandeln ließ. Ludwig, vor deſſen geiſtiges Auge Coittier das Bild der beiden, mit den ausgeſuchteſten Mar⸗ tern zu Tode gequälten Armagnac's hingezaubert hatte und nun ſelbſt von ſeinem Gewiſſen gefoltert wurde, gerieth in die höchſte Wuth gegen ſeinen unberufenen Sittenprediger, den er mit Gold überhäuft und zu hohen Ehrenämtern er⸗ nannt hatte. „Schurke! undankbarer Schuft!“ rief er außer ſich— „was hindert mich, Triſtan hereinzurufen und dich hier vor meinen Augen aufhenken zu laſſen?“ „O ich glaube es gern“— erwiederte Coittier uner⸗ ſchrocken—„daß Ihr mich eines Morgens eben ſo gut in die Ewigkeit ſchicken werdet, wie Ihr ſchon mit ſo Vielen gethan habt. Aber ich ſchwöre es Euch zu Gott, daß Ihr mich dann nicht um acht Tage überleben werdet.“ Dieſe Worte wirkten wie ein niederſchlagendes Pulver auf den königlichen Zorn. Ludwig's Wuth verkehrte ſich in Weinen und mit kläglicher Stimme ſprach er zu ſeinem Leibarzt:„Coittier, habe Mitleid und Geduld mit deinem König. Quäle mich nicht wieder mit Dingen, die nicht zu ändern ſind, ſondern ſtärke meinen armen, kranken Leib und ich will dich königlich belohnen.“ „Ihr ſelbſt tragt die Schuld an dem ärgerlichen Zu⸗ falle“— ſagte Coittier—„Warum bewahrt Ihr unter Euerm Kram noch immer dieſe Zähne der Armagnac's? Da mußte ich wohl annehmen, daß Ihre Eure Freude an den Denkmälern Eurer Rachſucht fändet.“ „Nimm ſie an dich, guter Coittier,“— antwortete Ludwig—„ſammt dem Käſtchen. Ich hatte deſſen Vor⸗ handenſein rein vergeſſen.“ „Mit dieſen Zähnen hoffe ich eine große Freude bei meinen Pflegeſöhnen anzurichten“— ſprach Coittier zu ſich ſelbſt, indem er das goldene Käſtchen einſteckte—„wenn ſchon ich ihnen die geraubten Zähne nicht wieder einzuſetzen vermag.“ Als nach einigen Tagen des Königs Ende ſichtlich her⸗ annahete, wagte es niemand, ihm ſolches zu eröffnen. Oli⸗ vier, Ludwig's vormaliger Barbier, entſchloß ſich endlich, die Hiobspoſt ſeinem Wohlthäter zu hinterbringen. Er näherte ſich, in der Mitte Coittier's und des heiligen Franz von Paula, dem königlichen Krankenbette und ſagte mit haſtigem, aber froſtigem Tone zum Monarchen: „Sire! wir müſſen die Sache auf's Reine bringen. Setzt keine Hoffnung mehr auf dieſen heiligen Mann. Es iſt um Euch geſchehen. Denkt nur auf Euer Gewiſſen, denn es giebt kein Mittel mehr für Euch.“ Auf dieſe Rede, welche den König wie ein Donnerſchlag traf, blickte er ſeinen Leibarzt und den Heiligen fragend an. Als dieſe Olivier's Worte durch ein ſtummes Achſelzucken bejahten, ſprach der König kläglich:„Ich befinde mich nicht ſo ſchlecht, als ihr denkt. Gott wird mir helfen.“ Am dreißigſten Auguſt 1483 wanderte unter frohen Geſängen ein Trupp feſtlich gekleideter und mit Blumen ge⸗ 158 ſchmückter Landleute beiderlei Geſchlechts und verſchiedenen Alters dem königlichen Schloſſe Pleſſis les Tours zu. Solches war ſchon wiederholt geſchehen, um den hinfälligen Monarchen durch den Anblick luſtiger, ſingender und tan⸗ zender Landleute zu zerſtreuen. Es verſteht ſich, daß dieſe ländliche Luſtbarkeit nicht von freien Stücken, ſondern auf allerhöchſten Befehl ausgeführt wurde. Unter denen, welche heute pflichtmäßig ihre heiteren Tänze, Spiele und Geſänge aufführen ſollten, befanden ſich, mit Coittier's Bewilligung, deſſen Pflegeſöhne Iſouard und Hector nebſt ihrem jetzt im achten Jahre ſtehenden Bruder Schmerzensreich, ferner die Kinder der noch immer ſehr rüſtigen Frau Michelet, vom älteſten bis zum jüngſten herab. Die Knaben waren, mit Ausnahme Schmerzensreich's, zu ſtattlichen, kräftigen Jüng⸗ lingen herangewachſen und nur Hector's etwas hinkender Gang verrieth noch deſſen frühern martervollen Aufenthalt in dem abſcheulichen Eiſenkäfig. Aus Coittier's Munde hatten die durch Liebe eng mit einander verbundenen Kinder bereits vernommen, wie wenig glücklich der König ſei und welche Qualen derſelbe als Strafe für ſeine Grauſamkeit zu erleiden habe. Alle etwaigen Rachegefühle von ſich zu bannen und die Größe ihres eige⸗ nen Glücks beſſer ſchätzen zu lernen, wollten ſie ſich noch durch den Augenſchein von dem freudenloſen Leben 5 wig's überzeugen. Schon der Anblick des königlichen Schloſſes und deſſen Vertheidigungsanſtalten ſagten ihnen, von welcher Furcht deſſen hoher Bewohner erfüllt ſein müſſe. „Wie viel freundlicher und ſchöner iſt unſer Aufenthalt —— 159 in Coittier's Landhauſe und Garten!“ bemerkte Schmer⸗ zensreich.„ „Und um wie viel beſſer ſchmeckt mir mein Morgenbrot als dem König!“— fuhr Antonie fort, indem ſie eine ſaf⸗ tige Pfirſiche verzehrte. „Wirſt du auch mittanzen, Hector?“ fragte Hugo, wel⸗ cher gleichfalls zugegen war, indem er lächelnd auf ſeines Freundes lahmes Bein deutete. „Ei wohl!“ verſetzte Hector munter.„Ich gedenke trotz euch Allen hoch zu ſpringen und das von Rechts wegen. Gewiß gern würde Iſouard ſich ein etwas hinkendes Bein gefallen laſſen, wenn er noch alle ſeine Zähne beiſammen hätte.“ „O ich bin zufrieden“— ſprach Iſouard—„daß mir etliche Zähne wieder nachgewachſen ſind, und glaube deren mehr in meinem Munde zu beſitzen als der König, obſchon er unſere Zähne in einem Käſtchen verwahrt hält.“ „Still jetzt! gebot Balduin.„Unſer Anführer läßt ſeine Leute zum Tanze ſich aufſtellen. Thun wir ein Glei⸗ ches. Man wird uns vom Schloſſe aus ein Zeichen geben, wenn der König erſcheint und wir den Tanz und Geſang beginnen ſollen.“* Nach einer Weile wurde ein Fenſter des Schloſſes ge⸗ öffnet und eine Hand darin ſichtbar, welche herauswinkte. Aber dieſe Bewegung war keine aufmunternde, ſondern viel⸗ mehr eine zurückweiſende. Noch ſtand die Tänzerſchaar un⸗ entſchlüſſig da, als auf dem höchſten Thurme des Schloſſes eine ſchwarze Fahne ſichtbar wurde, welche ihr Tuch in der Morgenluft wallend entrollte. „Der König iſt todt!“ ſchrie der Bauernanführer freu⸗ dig auf.„Heiſa! juchheiſa! hopp dich! hopp! hopp!“ Und der Mann ſprang und ſang wie wahnſinnig. Und alle ſeine Begleiter und Begleiterinnen ſangen, ſprangen und wirbelten im tollſten Reigen umher, die unwillig abweh⸗ rende Hand im Schloßfenſter nicht beachtend. Bemitleidens⸗ werther Monarch, deſſen Hinſcheiden ſeine Unterthanen mit ſolchem Entzücken begrüßen! Auch die Geſchwiſter Michelet und Armagnac hatten, um ſich nicht zu verrathen, mittanzen und mitſingen müſſen, obſchon ihrem Herzen die Freude der Rachſucht fremd war. Als ſpäter Coittier kam und die Beſtätigung von Lud⸗ wig's XI. Tode mitbrachte, zog er das Käſtchen mit den be⸗ wußten Kinderzähnen hervor.„Hier“— ſprach er zu Iſouard und Hector—„ſchickt euch der König ein kleines Andenken.“ Ja, wahrlich, ein Andenken war es, jedoch kein kleines, ſondern ein ſchreckliches und doch wiederum ein rührendes Andenken an die einſt überſtandenen Leiden, wie an die aufopfernde Bruderliebe. „Dieſe Backenzähne“— ſprach Hector und fiel ſeinen Bruder weinend um den Hals—„ſind die deinigen und für mich eine unvergeßliche Erinnerung an deine Liebe und dein großes Opfer. So lange ein Glied unſrer Familie übrig bleibt, ſoll es dieſe Zähne nebſt dem goldnen Käſtchen als ein Heiligthum bewahren.“. „Hoffentlich“— ſagte Coittier zu den beiden Brüdern Armagnac—„werdet ihr keine Gefahr bei dem neuen Kö⸗ nig laufen, wenn ihr euch als noch am Leben ausweiſet und euern wahren Namen wieder annehmet. Vielleicht erlangt ———— ihr wohl gar euer väterliches Erbe oder doch einen Theil davon zurück.“ „Nein! nein!“ verſetzte das Brüderpaar einſtimmig— „wir bleiben deine Söhne, Vater Coittier, wenn du uns dieſen Namen läſſeſt. Nimmermehr werden wir durch die Bekanntmachung unſrer Rettung und deren Weiſe dich und alle die dazu beigetragen haben, in irgend eine Gefahr ſtürzen oder einer Verantwortlichkeit ausſetzen. Ueberdieß haben wir als deine Söhne ſo überaus glücklich gelebt, während wir als herzogliche Prinzen die furchtbarſten Ver⸗ folgungen und Qualen ausſtanden, daß uns niemand zu⸗ reden wird, freiwillig in jene Gefahr uns zurückzubegeben.“ „Wie ihr wollt, meine Söhne!“ antwortete Coittier gerührt—„Uebrigens werdet ihr als meine Kinder vor Mangel bewahrt bleiben. Die großen Geldſummen, die ich vom König für meine Heilkunſt empfing, nahm ich als eine Entſchädigung für das euch entriſſene, väterliche Erb⸗ theil an und habe ſie für euch hingelegt. Ihr habt noch Alle daran genug, wenn ſelbſt die Kinder meiner Schweſter ihren gleichen Antheil davon beziehen.“ Mit des Königs Ableben öffnete ſich auch die Kloſter⸗ pforte, hinter welcher Helene bisher nach der Wiederver⸗ einigung mit ihren Brüdern geſchmachtet hatte. Als er⸗ wachſene Jungfrau ſah Helene ihre Brüder Iſouard und Hector, als hübſchen Knaben den als zartes Kind verlaſſe⸗ nen Schmerzensreich wieder. Die Prinzeſſin, welche weder von den überſtandenen Qualen ihrer älteren Brüder, noch von deren angeblichem Tode einige Kenntniß erhalten hatte, Nieritz, Bruderliebe. 11 162 33 begrüßte Iſouard und Hector, wie Schmerzensreich, mit dem Brudernamen und den zärtlichſten Liebkoſungen. „Ha, ſeht ihr“— ſprach Schmerzensreich zu ſeinen beiden Brüdern,„daß ihr doch meine wahren Brüder ſeid, wie ich mir immer gedacht habe, trotzdem daß ihr es mir ausſtreiten wolltet.“ „Ja, wir ſind deine Brüder und Armagnac's“— ver⸗ ſetzte Iſouard—„und das Band treuer Geſchwiſterliebe möge ſtets uns eng vereinigt halten. Aber mit unſrer Er⸗ löſung aus jenen fürchterlichen Eiſenkäfigen und von einem frühen Untergange haben wir vor der Welt die Namen Ar⸗ magnac und Nemours für immer abgelegt. Und alſo muß es bleiben, wenn wir nicht wortbrüchig und an unſerm gemeinſamen Wohlthäter Coittier zu Verräthern werden* wollen.“ Dabei blieb es, obſchon Ludwig's Nachfolger ſpäter dem vermeintlich allein noch am Leben befindlichen männlichen Zweig des Hauſes Nemours einen Theil der väterlichen Güter zurückgab, welche Schmerzensreich mit Iſouard un* Hector großmüthig theilen wollte. ₰ „Nein!“ widerſprachen die Letzteren—„das Huus Armagnac⸗Nemours darf nicht noch mehr durch Theilung zerſtückelt werden. Du biſt der einzige männliche Nemours — —— und mußt als ſolcher für das Wiederaufleben des herzog⸗ lichen Glanzes ſorgen, während wir in unſrer Zurückge⸗ zogenheit das beneidenswertheſte Glück genießen. Wir wollen dir berathend und ſchützend zur Seite ſtehen, haben aber zu bittere Erfahrungen gemacht, um uns nach der her⸗ zoglichen Würde zurückzuſehnen.“ —— Fortan blieben die Familien Armagnae, Michelet und Coittier unzertrennlich. In ſtiller Eintracht verlebten ſie ihre ungetrübten Tage und der wackere Coittier verjüngte ſich, wie ſeine Schweſter Michelet, in dem Glücke ihrer Kin⸗ der und Lieben. Damit aber dem an Freuden ſo reichen Leben der vereinten Familien es nicht an irdiſcher Süßig⸗ keit fehle, ſendete ihnen der zu Escabeau's einſtigem Erben ernannte Hugo Jasmin von Zeit zu Zeit die zuckerreichſten und wohlſchmeckendſten Erzeugniſſe ſeiner geſchickten Hände zu, ſowie er auch mindeſtens dreimal im Jahre eine Woche voll Luſt und Freude in ihrer Mitte verlebte. Pleſſis les Tours beſteht nicht mehr und Ludwig's XI. Nachkommen haben das ränkevoll vergrößerte Erbe dieſes ihres Vorfahren mit dem Rücken anſehen müſſen. Noch heute verwehrt man ihnen, den Fuß in das ſchöne, mächtige und große Frankreich zu ſetzen und müſſen ſie das Ausland zu ihrer Heimath erwählen. Aber noch immer ſitzt die Geſchichte und mit ihr die Nachwelt zu Gericht über Ludwig's XI. Thaten, von denen wohl die meiſten in das ſchwarze Buch des ewigen Ver⸗ gelters verzeichnet ſtehen dürften. 1 Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ſ 5 16 17 1 14 2