W SSr Leihbiblivthek᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Büchen: auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 2„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. en Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — P Ausgeftotzene. —— Eeine Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhundert„ von Guſtav Nieritz. Beſonders abgedruckt aus der Iugend-Pibliothek von Guſtav Nieritz. S S n ℳ von M. Simion in Verlin. Die Ausgeſtossene. „ Eine Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhunbert. Von Guſtav Nieritz. Erſtes Kapitel. Die Ausſtoßung. Es war im Jahre 1347 nach Chriſti Geburt, als der Bürgermeiſter von Dresden, Herr Caspar Suchaneck, in dem Erker ſeiner Wohnung ſaß und eifrig in einer lateiniſchen Handſchrift las. Wenn jetzt ein Bürger⸗ meiſter ſo etwas thut, ſo pflegt er dabei eine YPrieſe Schnupftaback zu nehmen oder eine Pfeife zu rauchen oder eine Taſſe Kaffee zu trinken. Dies Alles konnte aber ein Bürgermeiſter in jenen Zeiten nicht und zwar aus dem einfachen Grunde, weil man weder Schnupf⸗, noch Rauchtaback, noch Kaffee kannte. Der gute Bür⸗ germeiſter konnte ferner nicht eine goldene Uhr aus der Taſche ziehen, um nach der Zeit zu ſehen. Dagegen warf er einen forſchenden Blick auf ein Ding an der Wand, welches aus mehreren Gläſern mit feinem Sand beſtand und als Sanduhr den raſchen Lauf der Zeit verkündete. 4 „Beate!“ rief Herr Caspar, indem er das Schrift⸗ buch zuklappte und weglegte—„mein blaues Wams mit den weißen Schlitzen! Iſt der Pedellus noch nicht da? Gleich iſt's neun Uhr und ich muß auf das Rath⸗ haus. Ach, wenn doch heute ein Anderer meine Stelle übernähme! Beate! es iſt ein ſchwerer, ein ſaurer Gang diesmal, der mir einen ſchmählichen Tod zuziehen kann. Bete für mich zu allen Heiligen, Beate, daß ſie mich in ihren kräftigen Schutz nehmen.“ „Was giebt's denn?“ fragte die Frau Bürgermei⸗ ſterin erſchrocken.„Soll die Stadt etwa feindlich an⸗ gegriffen werden? Oder fürchteſt du, daß die Bürgerſchaft dir aufſätzig wird?“ „Aufſätzig nicht“— verſetzte Herr Caspar—„aber ausſätzig, und das iſt noch ſchlimmer als Aufruhr und Empörung. Die Wittib Renate Schneider iſt angeklagt worden, daß ſie mit der Lepra behaftet ſei und dieſen Morgen ſoll die Sache vor Gericht und zur Entſchei⸗ dung kommen.“ „Die Lepra?“ fragte Frau Beate—„Was iſt denn das? In meinem Leben habe ich nicht von dem Dinge etwas gehört, geſchweige denn geſehen.“ „Wohl dir darum!“ ſagte Herr Suchaneck.„Ich gäbe viel darum, wenn ich eben ſo unbekannt mit dem Undinge bliebe wie du. Aber von einem Bürgermeiſter wird verlangt, daß er auch das Schwerſte, das Unge⸗ heuerſte vollbringe, wenn ſich's um das Wohl v Stadt handelt. Du fragſt, was die Lepra ſei? Haſt du von 3 5 dem frommen Hiob gehört, wie er, am ganzen Leibe„ mit giftigen Schwären bedeckt, auf einem Aſchehaufen ſaß und mit einer Scherbe ſich die Haut kratzte? Wie ſeine Freunde ſieben Tage lang ſtumm ihm gegenüber ſaßen und nicht wagten, ein Troſtwörtlein zu den gro⸗ ßen Schmerzen ihres Freundes zu ſagen? Hiob hatte den Ausſatz und die Lepra iſt die Schweſter von ihm.“ „Wie aber kommt die Lepra zu uns nach Pbeeden fragte Frau Beate. „Wie?“ entgegnete Herr Caspar—„Durch die Kreuzzüge! Die Kreuzzfahrer wollten das heilige Land und beſonders das Grab unſers Heilandes den ungläu⸗ bigen Türkenhunden entreißen, nebenbei auch Edelſteine, Gold und Silber in Menge erbeuten. Statt deſſen trugen ſie ihre Haut zu Markte, und die Wenigen, wel⸗ che als elende Krüppel wieder heimkehrten, brachten obendrein die Menſchenblattern, den Ausſatz und die Lepra mit. Das war die Frucht ſo blutiger Kriege! Seitdem haben die ſchlimmen Gäſte aus Aſien und Afrika ſich heimiſch bei uns gemacht und werden es bleiben. Hurrr! mich ekelt's ſchon, wenn ich nur an den Anblick denke. Reiche mir von den Magentropfen, Beate, welche ich vor acht Wochen von dem fremden Raufmann aus Nürnberg erhandelt habe.“ „Wenn der Ausſatz und die Lepra ſo gefährlich ſind“— ſprach Frau Beate—„ſo würden doch die drei Freunde Hiobs Bedenken getragen haben, n 8 eſuchn“ 4 „Jedenfalls waren ſie nicht bloße Freunde vder Verwandte“— erwiederte der Bürgermeiſter—„ſon⸗ dern entweder Prieſter oder obrigkeitliche Perſonen wie ich, welche berufen ſind, um des allgemeinen Beſten willen ſich aufzuopfern. Denn ſieh, Kind! Die Wittib Schneider hat einen leiblichen Bruder, den Mälzer Lippmann. Dieſer hat ſich feierlich von ſeiner Schwe⸗ ſter losgeſagt, weil ſie beſchuldigt wird, mit der Lepra behaftet zu ſein. Daraus kannſt du entnehmen, wie groß die Gefahr der Anſteckung iſt, da ſie die feſteſten Bande der Verwandtſchaft und der Freundſchaft zerrei⸗ ßen kann.“ „Hat die Unglückliche keine Kinder?“ fragte die Bürgermeiſterin. „Zwei: einen Sohn von 13 und eine Tochter von 12 Jahren“ verſetzte Herr Suchaneck.„Dieſe hat man der Mutter ſofort weggenommen und dieſe einſtweilen in ihre Wohnung eingeſperrt, ſo daß niemand zu ihr und ſie zu niemandem gehen kann. Doch ich höre des Pedellus Stimme im Vorzimmer. mein Schwerdt! mein Barett!“ Während der Bürgermeiſter die Waffe n und ſein Haupt bedeckte, war die Bürgermeiſterin davon geeilt und kehrte jetzt mit einer handvoll Wachholder⸗ beeren zurück, die ſie ihrem Gatten in die Taſche ſteckte. „Davon kaue immer etliche“— ſprach ſie zu ihrem Manne—„und hüte dich, den Speichel hinabzuſchlucken, ſo lange du dich ekelſt. Mögen dich die Heiligen in —. 3 Schutz nehmen und die gebenedeite Mutter Gottes dazu. Ach, wenn doch die Bürger ſtets erkennten, mit welchen Gefahren und Beſchwerden das Bürgermeiſteramt ver⸗ bunden iſt!“ Das Dresdener Rathhaus war zu jener Zeit ein unanſehnliches, nur ein Stockwerk hohes Gebäude, zu welchem von außen eine hölzerne Freitreppe hinauf⸗ führte. Es enthielt daher keinen großen Saal, ſondern nur ein geräumiges Zimmer und einige Seitengemächer, welche durch die kleinen, in Blei gefaßten, runden Glas⸗ ſcheiben ein ſpärliches Licht empfingen. Zwei dunkle Wandſchränke, eine plump gearbeitete Tafel und ein Dutzend hölzerner Stühle machten die Geräthſchaften des Rathszimmers aus. Die Fachwerke mit den zahl⸗ loſen Aktenbündeln, wie ſie heutzutage in den Rathhäu⸗ ſern zu ſehen ſind, fehlten noch gänzlich. Die Stirne mit Falten der Sorge gefurcht und begleitet von dem Pedellus, ſchritt Herr Suchaneck durch die auf dem Markte zahlreich verſammelte Volksmenge dahin, welche vor ihrem Dberhaupte ehrerbietig das Haupt entblößte. Bewaffnete Bürger füllten den Flur des Rathhauſes und hielten den Weg zur Treppe frei, welche Herr Suchaneck mit langſamen Schritten erſtieg. er bereits den Stadtrichter oder Villicus, die Stabine, die Rathscumpane und die Rathsfreunde beiſammen, welche letztere aus der Bürgerſchaft gewählt und von Zeit zu Zeit erneuert wurden. Auch der ſehr gelehrte Doctor der Arznei⸗ und Heilkunde, Herr Veit Volentin Stroberius war zugegen, welcher mit ſeinem Handſchlage verſicherte, daß er durch genaue und ge⸗ wiſſenhafte Unterſuchung der kranken Wittib in Erfah⸗ rung gebracht habe, wie ſie wirklich mit der wahren Lepra behaftet ſei. Hierauf ertheilte Herr Suchaneck den Befehl, die kranke Wittib herbeizuholen, damit ſie feierlich und öffentlich aus der Stadtgemeinde und der Stadt ſelbſt ausgeſtoßen werde. Die Bürgerwehr ſäuberte alsbald den Marktplatz in ſo weit, daß ein großer, freier Raum vor dem Rathhauſe entſtand, welcher von der Bürgerwehr umzingelt blieb. Der Bürgermeiſter und der Stadtrichter begaben ſich auf den Austritt der Freitreppe, indeß die Scabinen, die Rathscumpane, die Rathsfreunde, der Pedellus und der Doctor Stroberius die Treppenſtufen einnahmen. Nach einer Weile ſpaltete ſich die Volksmenge, ſo wie die Bürgerwehr, um die mit der Lepra behaftete Frau in den freien Raum eintreten zu laſſen. Sie wurde von vier Freiknechten geführt, jedoch dergeſtalt, daß dieſe in weiter Entfernung von der Frau blieben. Dies geſchah dadurch, daß jeder Freiknecht mit einer ziemlich langen Stange verſehen war, welche in einem eiſernen Haken, nach Art der Fiſcherſtangen, endigte und dieſer Haken ſtak in dem Gürtel der Frau. Dieſe be⸗ fand ſich daher in der Mitte der ſie von allen vier Sei⸗ ten umgebenden Knechte, wie eine Spinne in der Mitte ihres Netzes. — 9 Das arme Weib! Es wankte ſtumm und mit ver⸗ hülltem Haupte einher; ſelbſt die Hände waren nicht ſichtbar, ſondern mit einem Tuche umgeben. Zunächſt des letzten, hinter der Kranken daherſchreitenden Frei⸗ knechtes wandelten zwei Kinder, die durch ein lautes Weinen als die Kinder der Wittwe ſich kund gaben. Als die Kranke vor dem Rathhauſe angelangt und auf ein Zeichen des Pedellus eine tiefe Stille eingetreten war, trat der Bürgermeiſter an die Bruſtlehne der Treppe, räuſperte ſich und begann mit weit vernehmbarer Stimme zu ſprechen: „Dieweil du, Renate, verwittibte Schneider, nach Ausſpruch des hochgelehrten Doctors, Herrn Stroberii, mit der afrikaniſchen, als unheilbar bekannten und höchſt anſteckenden Lepra behaftet biſt, ſo ſprechen wir, Bür⸗ germeiſter, Stadtrichter, Pedellus, Scabini, Raths⸗ cumpane und Rathsfreunde nach gewiſſenhafter Berathung das Urtheil über dich aus: Du biſt von nun an aus⸗ geſtoßen aus unſter Gemeine und Gemeinſchaft, aus den Mauern dieſer Stadt und von jeglichem, menſchlichen Umgange; ausgeſtoßen von deinen Kindern, Blutsver⸗ wandten und Gefreundten. Man wird dir innerhalb des Stadtweichbildes einen Raum anweiſen, wo du forten wei⸗ len wirſt und den du unter keiner Bedingung überſch citen oder gar verlaſſen darfſt— bei Todesſtrafe! Und Todes⸗ ſtrafe trifft dich, ſobald du dich in die Nähe irgend eines Menſchen wagen oder nicht von freien Stücken die Nähe eines Menſchen fliehen wirſt. Wir werden Sorge tra⸗ 10 gen, daß du erhältſt, was zu Friſtung deines jämmer⸗ lichen Lebens erforderlich iſt. Auch geſtatten wir, daß du einen Beutel oder irgend ein Gefäß an einer langen Stange anbringeſt und ſolche den Vorübergehenden zu einer freiwilligen Gabe hinhalteſt. Renate Schneider! wir beklagen dich ob deiner fürchterlichen Krankheit, von der wir freilich nicht wiſſen, ob ſolche verdienter oder unverdienter Weiſe über dich gekommen iſt— aber da wir dir nicht helfen können, ſo empfehlen wir deine Seele der Barmherzigkeit unſers Gottes und bitten un⸗ ſern Heiland Jeſum Chriſtum, daß er dich bald erlöſen möge von deinem elenden Leibe und dich aufnehme in ſein himmliſches Reich. Amen! Dich aber, Pedellus, weiſen wir hiermit an, unſer eben ausgeſprochenes Urtheil an dieſer Frau ohne Verzögerung zu voll⸗ ziehen.“ Die Frau, welche bisher unbeweglich geſtanden hatte, brach jetzt zuſammen und ſtieß ein Wehgeſchrei aus. Sie wurde aber ſogleich von den Freiknechten mittels der Haken wieder emporgezogen und unter dem lauten Jammern ihrer beiden Kinder fortgeführt. Herr Suchaneck dagegen ſchritt die Treppe herab und auf einen der wachehaltenden Bürger zu, deſſen Hängebauch und Vollmondsgeſicht auf Wohlhäbigkeit hindeutete. „Meiſter Mälzer!“ redete der Bürgermeiſter den Mann an—„du haſt dich zwar gänzlich von deiner Schweſter Renate Schneider losgeſagt, dennoch aber 11 hoffen wir, daß du deine Hand deshalb weder von ihr, noch von ihren Kindern abziehen werdeſt. Unſer Herr⸗ gott hat dein Handwerk geſegnet und deinen Hausſtand dazu. Wie wär's, wenn du deine Schweſterkinder zu dir nähmeſt und überdies noch für den Unterhalt der Kranken ſorgteſt? Dein Malzhaus liegt in der Altſtadt und nicht weit von dem Meißner Thore, vor welchem deiner Schweſter ihr Wohnort angewieſen wird. Schwer⸗ lich wird ſie es lange treiben und du erwirbſt dir ein Gotteslohn dadurch. Meiſter Lippmann, der Mälzer oder Brauer, zog ein ziemlich finſteres Geſicht indem er entgegnete: „Geſtrenger Herr Bürgermeiſter! Ihr habt gut reden, ſintemal Ihr aus dem vollen Stadtſäckel wirth⸗ ſchaftet. Wer aber, wie unſereiner, von ſeiner Hände Arbeit leben muß, hat das Seine zu Rathe zu nehmen. Ich thue mein Möglichſtes, wenn ich die beiden Schwe⸗ ſterkinder zu mir nehme, vorausgeſetzt, daß ſie gut thun und die Knochen wacker rühren. Aber auch noch für das kranke Weib Sorge zu tragen, muthet mir nicht zu. Mich ekelt's ſchon, wenn ich an ſie denke oder von ihr reden höre, geſchweige denn, daß irgend jemand von meinen Leuten mit ihr Umgang pflöge. Das gehe ich nimmermehr ein.“ „Nun, wenn du weiter keine Sorge haſt, Meiſter Lippmann,“— verſetzte der Bürgermeiſter—„ſo darfſt du nur an uns ſo viel Lothe Silbers entrichten, als 12 zum Unterhalte deiner Schweſter erforderlich ſind und wir werden das Nöthige beſorgen.“ „Sparet Eure Worte, Herr Bürgermeiſter!“ er⸗ wiederte Lippmann trotzig—„denn: ein für allemal — ich zahle nichts und kann nichts zahlen.“ Da ließ Herr Suchaneck den böswilligen Bru⸗ der ſtehen und kehrte in ſeine Wohnung zurück, wo ihn ſeine Frau mit Fragen empfing und beſtürmte. „Wie ſah die Ausſätzige aus?“ rief die Bürger⸗ meiſterin aus.„Haſt du dich ſehr geekelt? Iſt dir übel? Soll ich die Magentropfen herzuholen?“ Herr Suchaneck ſpuckte erſt eine Mandel zerkaueter Wachholderbeeren aus, bevor er entgegnete: „Die ausſätzige Kranke beſaß ſo viel Vernunft, daß ſie ihr Antlitz und ihre Hände nicht ſehen ließ. Dies hatte ihr auch der Doctor Stroberius gerathen.“ Derſelbe verſicherte, daß die Haut der Lepra⸗Behafteten wie eine weiße, birkene Rinde anzuſchauen und überdies mit blutigrothen Riſſen, aus denen“— „Schweig' oder ich werde vor Ekel krank“— fiel die Bürgermeiſterin ein. „So ſind die Weiber!“ brummte Herr Suchaneck —„Erſt wollen ſie Alles haarklein beſchrieben haben und dann können ſie wieder nichts vertragen. Ha! du hätteſt an meiner Stelle ſein ſollen!“ „Was habt Ihr mit der Kranken angefangen?“ forſchte die Bürgermeiſterin. „Wir haben ſie ausgeſtoßen“— verſetzte der Bür⸗ 13 germeiſter—„gleichwie ein räudiges Schaaf, das die ganze Heerde anſtecken könnte. Wir haben ſie auf ein wüſtes Stück Ackerland vor dem Meißner Thore in der Altſtadt verbannt, allwo ſie wie einſt der übermächtige König Nebucadnezar vom Thaue des Himmels ſich trän⸗ ken kann Jedoch ſoll ſie nicht genöthigt ſein, Gras zu eſſen gleich dem wahnwitzigen Könige Nebucadnezar, ſondern wir werden für ihre Nahrung ſorgen, bis ſie ein baldiger Tod von ihrem Uebel erlöſt. Wäre mein Rath befolgt worden, ſo hätte man der Kranken, die einmal nicht zu heilen iſt, einen ſchweren Stein an den Hals gebunden und ſie von der Elbbrücke in den Strom hinab geſtürzt, womit ihr und uns geholfen geweſen wäre. Denn der Ausſatz iſt ſchlimmer noch als die Peſt und bringt die Kranken zu den verzweifeltſten Ent⸗ ſchlüſſen. In Frankreich zum Beiſpiel wollten die Aus⸗ ſätzigen vor etwa 20 Jahren die Geſunden vergifteſ“ und dann deren Güter unter ſich theilen. Man war daher gezwungen, dieſe Verſchwörer auf die Folter zu legen, damit ſie zum Geſtändniſſe gebracht wurden, was aber nicht bei allen gelang. Hierauf hat man ſie in ihre eigenen Häuſer eingeſperrt und ſolche ſammt ihren Inſaſſen den Flammen überliefert. Das nenne ich ein Uebel mit der Wurzel ausrotten!“ Nach dieſer Rede ſetzte ſich Herr Suchaneck zu einem Frühſtück nieder. Gegenwärtig würde der Bürgermeiſter einer deutſchen Hauptſtadt wahrſcheinlich einige Dutzend Auſtern nebſt einer Flaſche Burgunderwein zu ſich neh⸗ 8 14 men und dafür etwa 3 Thaler zu bezahlen haben. Oder er würde im Gegentheile mit einer Taſſe Cacao oder Fleiſchbrühe ſich begnügen und ſolche in einer Conditorei für 13 Pfennige haben können. Damals aber beſtand das bürgermeiſterliche Frühſtück in einem Stücke Specks und Brotes, ſammt einem Humpen deutſchen Gerſten⸗ ſaftes. Des Bürgermeiſters Lippen lagen geraume Zeit an dem Rande des zinnernen Deckelkruges und ſchluck⸗ ten den edlen Gerſtenſaft ein, ſo daß man jeden Schluck an dem nackten Halſe des Bürgermeiſters zäh⸗ len konnte. Als er endlich abſetzte, ſprach Herr Suchaneck be⸗ friedigt:„Wahr bleibt's, daß der Mälzer Lippmann drüben in der Altſtadt das beſte Bier brauet. Aber dabei iſt er auch ein arger Filz, der ganz und gar Rhts für ſeine leprakranke Schweſter thun mag. Im Polenlande ſoll er das Mälzen und Brauen erlernt haben. Da muß das Polen denn doch nicht ſo übel ſein, als man immer vorgiebt.“ Alſo mit ſich ſelbſt ſprechend, bezwang Herr Sucha⸗ neck das Stück Speck, Brot und etliche Humpen Ger⸗ ſtentranks. FhhnceebSie 15 Zweites apitel. In des Oheims Snuſe. Im 14. Jahrhundert war Dresden bei weitem kleiner als jetzt. Die jetzige Neuſtadt, welche damals die Altſtadt hieß, weil ſie eher als dieſe erbaut worden war, beſtand nur aus einigen Häuſerreihen, welche die jetzige Kloſtergaſſe, die Meißner⸗ und die Rhänitzgaſſe bildeten. In der jetzigen Altſtadt lag die Kirche unſter lieben Frauen noch außerhalb der Stadtmauer; die pirnaiſche, die See⸗ und Wilsdrufer Vorſtadt beſtanden noch gar nicht und das Dorf Popritz war durch einen weiten freien Raum von der Stadt getrennt. Während in unſern Zeiten die Gewinnſucht durch Actienunternehmungen, die Vaterlandsliebe, der Ehrgeks und die Eitelkeit der Menſchen angeſtachelt werden, um die Koſten zu großen Werken aufzutreiben, ſo benutzte man in der Vorzeit die Religion und die Frömmigkeit zu gleichen Zwecken. Zum Beſten des Baues der Elb⸗ brücke zu Dresden bewilligte der Pabſt Johannes XRII im Jahre 1319 einen 40 tägigen Ablaß für jeden Gläu⸗ bigen, welcher büßend, wallfahrtend oder betend zur Kreuzkirche an den Feſttagen des heiligen Kreuzes, des heiligen Täufers Johannes, an der Kirchweihe und an den Oectaven(die Stägige Nachfeier) jener Feſte kommen, wer ferner bein Läuten der Abendglocke knieend drei „ 6 1 ———— 16 Ave Maria beten oder wer in ſeinen letzten Nöthen zum Beſten der Kreuzkirche, welche den Brückenbau übernom⸗ men hatte, eine Schenkung machen, oder zum Ausbau, zu den Lichtern und Ornaten derſelben und deren Altären etwas geben, wer bei der Beſſerung und dem Baue der Brücke ſelbſt hülfreiche Hand anlegen und den Bau ſonſt durch Wort und That fördern würde. Auf dieſe Weiſe war die Elbbrücke zu Stande ge⸗ kommen, über welche die Ausgeſtoßene jetzt ihrem Ver⸗ bannungsorte zugeführt wurde, was natürlich in Beglei⸗ tung einer großen Menge geſchah. Ziemlich in der Mitte der Brücke ſtand eine Kapelle, dem heiligen Leichnam geweihet, wo die fremden Reiſen⸗ den Brückenzoll zu entrichten hatten. Als der Zug vor derſelben angelangt war, fiel die Ausgeſtoßene auf ihre Kniee nieder. Da die Freiknechte bemerkten, daß dies nicht aus Schwäche oder Widerſetzlichkeit, ſondern aus Frömmigkeit gegen das Gotteshaus geſchah, ſo unter⸗ ließen ſie, die Frau emporzuziehen. Dieſe breitete die Arme gegen die Kapelle aus, wobei zwei kalkweiße, mit Blutritzen geſprenkelte Hände ſichtbar wurden, und mit einer dumpfen, doch herzzerſchneidenden Stimme rief ſie aus: „Leb wohl, auf immer, du theures Gotteshaus!“ Die beiden Kinder der Ausgeſtoßenen thaten wie ihre Mutter; knieeten und ſtreckten ihre Arme aus, kläg⸗ lich ſchreiend:„Heiliger Leichnam! erbarme dich unſrer Mutter!“ ——————— 17 Der Prieſter erſchien hierauf in der offenen Kapel⸗ lenthüre, ſegnete mit erhobener Hand die Ausgeſtoßene ein und ſtimmte dann mit heller Stimme an:„Kyrie eleiſon!“ „Kyrie eleiſon!“ ſprach im volltönenden Chor die Volksmenge nach und der Zug bewegte ſich weiter. Da, wo gegenwärtig vor Dresdens Neuſtadt die Pichhütte nahe an der Eiſenbahn ſteht, war für die Leprakranke eine niedere, mit Stroh gedeckte Holzhütte errichtet worden. Dieſe ſollte für ihre noch kurze Le⸗ bensdauer fortan ihre Wohnung ſein. An Geräthſchaften enthielt ſie wenig mehr als einſt die Tonne des Diogenes, und das Loos der Ausgeſtoßenen hatte daher viel Aehn⸗ lichkeit mit dem desjenigen, der auf der offenen See an ein wüſtes Eiland ausgeſetzt und mit Lebensmitteln nur auf wenige Tage verſehen wird. Froh, endlich der öffentlichen Schande und den zahlreichen Gaffern entrinnen zu können, kroch die Kranke in ihre Strohhütte hinein, ohne auf das Geſchrei ihrer Kinder zu achten, welche ihrer Mutter ein jammerndes Lebewohl nachriefen und dann gezwungen wurden, den Rückweg nach der Stadt und nach des Oheims Wohnung in der Meißnergaſſe anzutreten. Unterwegs ſchon vertrockneten die Thränenguellen der Kinder, und der Knabe 4 mit gefaßter Stimme, zur Schweſter an: „Unſere Mutter ſieht ſich nicht mehr ähnlich. Mir iſt, als wäre ſie es gar nicht. Geſteh' es, Margarethchen Nieritz. Die Ausgeſtoßene. 2 3„ S 18 ob du dich nicht vor ihr geekelt haſt? Zu ſchrecklich war ihr Ausſehen.“ „Das iſt wahr!“— verſetzte Margarethe— „Wenn ich aber bedenke, daß unſere Mutter, da wir klein waren, manches Ekelhafte an uns ertragen hat, ſo bezwinge ich meinen Ekel und denke mir die Mut⸗ ter, als wäre ſie noch geſund und hübſch wie ſonſt. „Der Tod wäre eine Wohlthat für ſie“— fuhr der Knabe fort—„und die Mutter ſelbſt hat ihn ſchon unzähligemal herbeigewünſcht. Wie ſie nur zu der ſchreck⸗ lichen Krankheit gekommen iſt?“ „Ach,“ ſeufzte Margarethe betrübt—„ich bilde mir ein, daß ich mit daran ſchuld bin. Weißt du noch, wie ich vor einem Jahre mir den Rock am Heerdfeuer verbrannt hatte? Die Mutter drückte mit ihren Händen das Feuer raſch aus, ſo daß ſie ſich die Hände ver⸗ brannte und große Brandblaſen davon bekam. Wie ſie noch ganz erſchrocken darüber iſt, kommt eine fremde Bettlerin, der ſie aus Freude über meine Rettung eine anſehnliche Gabe reicht. Dafür giebt ihr die dankbare Bettlerin eine Hand und dieſe war voller Schwären geweſen, ſo daß die Mutter vor Ekel zuſammengeſchauert iſt. Seitdem bekam die Mutter ein Frieſel, das zuletzt zu der fremden, ſchrecklichen Krankheit wurde.“ „Für uns hat die Krankheit doch etwas Gutes“ — ſagte der Knabe—„denn ſonſt hätte uns der reiche Ohm nicht in ſein Haus genommen. Hei! wie will ich mir in ſeinem Biere eine Güte thun!“ 6 19 „Meinſt du, Friedbert?“ fragte Margarethe.„Der Ohm hat ſich bislang nicht um uns gekümmert und iſt gegen unſre Mutter immer häßlich geweſen. Sollte er auf einmal umgewandelt worden ſein?“ „Er muß doch“— entgegnete Friedbert—„denn wir ſollen ja zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ Unter ähnlichen Geſprächen gelangten die beiden Geſchwiſter in die Meißnergaſſe und in das Brau⸗ haus des Oheims, welches noch heute, obſchon in ver⸗ änderter Geſtalt, in der Nähe des Elbufers liegt und unter dem Namen des polniſchen Brauhauſes wohl be⸗ kannt iſt. In den geräumigen Hofraum des Hauſes tretend, bemerkten die Geſchwiſter in demſelben einen Böttcher, welcher leere Biertonnen friſch auspichte, ferner zwei Weiber, welche Biergefäße abwuſchen, und endlich den dicken Oheim ſelbſt, welcher mit verſchränkten Armen den Arbeitern zuſah. So wie er ſeine Schweſterkinder nahen ſah, zog er ſich eiligſt zurück und rief ihnen mit barſcher Stimme zu: „Stehen geblieben! Mir nicht zu nahe gekommen! Riedelin und Schulzin, ihr waſchet den Kindern Geſicht und Hände tüchtig mit dem Scheuerwiſche ab und du, Meiſter Pumper, räucherſt ſie dann mit Pech gehörig durch.“ Dieſer Empfang war nicht übel. Friedbert ſtöhnte, puſtete und ächzte nicht wenig unter den Händen ſeiner Wäſcherin, welche mit ihrem 2* 20 Scheuerwiſche und grobem Sande des Knaben Antlitz und Hände bearbeitete, ſo daß ſie die Farbe geſottener Krebſe annahmen und faſt blutrünſtig wurden. Nicht beſſer erging es Margarethen, welche jedoch ſtill hielt wie ein Lamm unter den Händen ſeines Scheerers. Nachdem die Wäſche beendigt war, nahm Meiſter Pum⸗ per die Kinder in Empfang, welcher mit ſeinem großen Pechlöffel beide in einen ſo dichten Qualm einhüllte, daß ſie darin erſticken zu müſſen wähnten. Dabei fürch⸗ tete Margarethe nicht ohne Grund, daß das brennende und flüſſige Pech abermals ihre Kleidung ergreifen und ſie ſelbſt verbrennen könne. Gereinigt nicht, wohl aber geſchwärzt und geräu⸗ chert gingen die Kinder aus dieſem, die Anſteckung ver⸗ hindern ſollenden Verfahren hervor, ſo daß die Wäſche nochmals unternommen werden mußte. Als Margarethe und Friedbert nach dieſer Feuer⸗ und doppelten Waſſer⸗ probe wieder aus den Augen ſehen konnten, war ihr Ohm verſchwunden. Statt ſeiner ſtand ein Brauknecht da, welcher mit finſtrer Miene dem Knaben gebot, mit ihm zu gehen. Beſtürzt blickte Friedbert auf ſeine Schweſter hin, welche ihm mit den Augen zu folgen winkte. Der Knecht führte den Knaben in das Malz⸗ haus und darin auf einen Boden, in welchem eine große Fläche Malz ausgebreitet lag, welche die Höhe von 8 bis 10 Zollen hatte. „Dieſes Malz ſtichſt du um“— gebot der Knecht 21 mit rauhem Tone, indem er dem Knaben eine hölzerne Schaufel in die Hand legte. „Umſtechen?“ fragte Friedbert verwundert.„Hab' ich doch kein Meſſer und kein Schwerdt!“ „Dummkopf!“ ſchalt der Knecht und riß ihm die Schaufel mit Ungeſtüm aus der Hand.„Du denkſt wohl an ein wirkliches Stechen, wie man etwa ein Schwein niederſticht? Gieb Acht!“ Der Knecht begann hierauf das Malz ebenſo mit der Schaufel zu bearbeiten, wie man ein Gartenbeet um⸗ zugraben pflegt, ſo zwar, daß das Unterſte oben und das Oberſte unten zu liegen kam. „So machſt du's fort“— ſprach der Knecht nach einigen Stichen und gab dem Knaben die Schaufel zurück. „Halte dich aber dazu und rühre die Knochen fleißig, wenn du ein Mittagbrot haben willſt.“ Der Knecht verließ den Malzboden und Friedbert ging an ſeine Aufgabe, die ihm, als ungewohnt, ziemlich ſauer ward. Nicht lange dauerte es, ſo ſchwitzte er und mußte die Arme ſinken laſſen. Dabei blickte er ſich um und bemerkte, daß die Luft recht durch die offenen Fen⸗ ſtern ſtrich. „Das geſchieht wahrſcheinlich mit Abſicht“— ſprach er zu ſich—„damit das feuchte Malz ab⸗ trockne.“ Aus dem Fenſter ſehend, bemerkte er den Elbſtrom mit der Brücke und der darauf befindlichen Kapelle zum heiligen Leichnam, deren metallnes Kreuz auf der Dach⸗ 22 ſpitze in der Sonne goldig blitzte. Dabei fiel ihm ſeine Mutter ein, wie ſie vor der Kapelle knieete und Abſchied von dem Gotteshauſe nahm, deſſen Schwelle ſie nie wieder betreten durfte. Da entglitt ein Seufzer ſeiner Bruſt und gedankenvoll ſtarrte er hinaus auf den Fluß, 1 auf welchem ein großer Kahn mit geblähtem Seegel da⸗ hin rauſchte. Plötzlich rief eine fürchterliche Stimme aus der Höhe herab: „Willſt du arbeiten, fauler Schlingel?!“ Erſchrocken blickte Friedbert empor und entdeckte des Brauerknechts grämliches Antlitz, welches aus einer viereckigen Oeffnung in der Decke hernieder ſchaute. Friedbert war nicht ſo ſanftmüthig wie ſeine Schweſter und leicht in den Harniſch zu bringen. Daher überlief ihn der Zorn bei dem Zurufe des groben Aufpaſſers und trotzig ſchrie er demſelben zu: „Nun, hexen kann ich nicht und zerſchinden mich auch nicht“ Nichts deſto weniger erfaßte er aber die Schau 4 und begann wieder ſeine Arbeit. Doch that er ſie voll inneren Grimms und ſo geſchah es, daß er bei einen heftigen Schaufelſtiche gegen eine Ungleichheit des Fuß⸗ 3 bodens ſtieß und die Schaufel am Stiele zerbrach. 1 Demohnerachtet ſetzte er das Umſtechen des Malzes fort, jedoch mit verdoppelter Anſtrengung und Zeitver⸗ ſchwendung. ihm dabei aus den Augen. 5 2 Thränen des Zornes und des Schmerzes ſchoſſen 23 „Was ich doch für ein unglücklicher Junge bin!“ weinte er.„Meinen lieben Vater ſchlugen die Knappen des Raubritters von Zwenkau todt und meine Mutter mußte unter ſo vielen Tauſend Menſchen allein die Lepra bekommen, ſo daß ſie lebendig todt iſt und wir fremdes Brot eſſen müſſen. Ach, wenn ich nur ſchon ein Stück davon hätte und einen Schluck Bieres dazu! Aber ſtatt deſſen dürfte es Schelte ſetzen wegen der zerbrochenen Schaufel, die gerade wieder unter meinen Händen zer⸗ brechen mußte.“ Friedbert blickte zum Loche in der Decke auf. Daſ⸗ ſelbe war mit einem hölzernen Deckel verſchloſſen. Etwas beruhigter ſtellte er die zerbrochene Schau⸗ fel in den dunkelſten Winkel des Malzbodens und ver⸗ ließ denſelben, da ſeine Arbeit zu Stande gebracht war. In den Hof zurückkehrend gewahrte Friedbert daſelbſt ſeinen grämlichen Aufſeher, welcher mit noch einem Brauknechte ſtarke Holzſcheite zu ſpalten beſchäf⸗ tigt war. „Biſt du endlich fertig, träger, trotziger Bube?“ redete er Friedbert an.„Komm' her und halte ſtatt meiner die Art, indeß ich nachſehe, wie du deine Arbeit vollbracht haſt.“ Friedbert griff zu und erfaßte den Stiel der Apt, deren Schneide in dem aufrecht ſtehenden Holzſcheite ſteckte. Der andere Knecht erhob hoch den Schlägel von hartem Holze und ließ ihn mit aller Kraft auf den Axt⸗ helm niederſchmettern, ſo daß der Schlag den Knaben 24 durch den ganzen Körper zitterte und er kaum den Aptſtiel feſtzuhalten im Stande war. Während aber des Knaben Hände und Arme unter den Schlägen des Schlägels ſchallerten, pochte auch noch ſein Herz wegen der zerbrochenen Schaufel. Rich⸗ tig! da kam der Brauknecht, beide Schaufelſtücken in den Händen tragend und den Zorn auf dem finſteren Antlitze. „Boshafte Kröte!“ ſprach er giftig—„Du ver⸗ dienteſt, daß ich dir den Schaufelſtiel vollends auf dem faulen Rücken entzwei ſchlüge. Schau' her Markus! ſo hat der Junge die neue Schaufel zerbrochen und zwar aus Wuth, weil ich den trägen Schlingel zur Arbeit aufmunterte. Aber dem Meiſter will ich es ſagen, was für ein ſauberes Früchtchen er an dir in's Haus ge⸗ bracht hat. Sieht der Bube nicht aus, als hätte er die Lepra wie ſeine Mutter? Kein Wunder wär's, wenn die Leute vor Ekel kein Bier mehr hier kauften.“ „Das rührt vom Abſcheuern her“— verantwortete ſich Friedbert—„und für das Zerbrechen der S kann ich auch nichts.“ „Wirſt du ſchweigen, vorlauter Bube?!“ rief der Brauknecht und ſchwang drohend den Schaufelſtiel gegen den Knaben. Jetzt legte der Böttchergeſelle ſein Reifeiſen und den Schlägel hin, womit er die ausgepichten Tonnen wieder gebunden und mit neuen Reifen verſehen 6 „Was haſt du mit dem Jungen, Guntram,“ ſprach 25 er herzutretend—„daß du ihm die Knochen zerſchlagen willſt? Entzwei gemacht ſind ſie bald, doch nicht eben ſo ſchnell wieder zuſammengeheilt.“ „Sieh her, Popp!“ verſetzte Guntram— dieſe neue Schaufel hat der boshafte Bube morſch entzwei ge⸗ brochen.“ „Und das nimmt dich Wunder?“ erwiederte Popp, nachdem er den Schaufelſtiel flüchtig betrachtet hatte. „Siehſt du nicht, daß hier ein Aſt iſt und daß der Stiel deshalb bei dem erſten heftigen Anſtoße abbrechen mußte? Derjenige, welcher dieſe Schaufel einkaufte, verdient deine Schläge, nicht aber der, welchem ſie unter den Händen zerbrach.“ „Ha! ha!“ lachte der andre Brauknecht voller Schadenfreude—„recht geſprochen, Popp! Guntram mag ſich ſelbſt mit dem Schaufelſtiele ſchlagen, denn er iſt's, der ſie eingekauft hat.“ Guntram erwiederte dieſe Worte mit einem Zorn⸗ blicke auf ſeinen Kameraden und kehrte mit den Schaufel⸗ ſtücken in's Malzhaus zurück. Popp, der Böttchergeſelle, ſtrich mit der Rechten über Friedberts übel beſchundenes Antlitz hinweg, wobei er mitleidig ſagte: „Armer Junge! du alſo biſt das Kind der Frau, die heute wegen des Ausſatzes ausgeſtoßen worden iſt? Und der reiche Meiſter Lippmann iſt dein Ohm? Und er hat dich ſchenern und einräuchern laſſen, wie mir mein Meiſter unter vielem Lachen erzählt hat? Und 26 jetzt wiederum ſcheuerte dich Guntram und wollte dich zum Kreuzritter ſchlagen! O heiliger Erasmus! wenn du nicht rein wärſt wie ein unſchuldiges Täublein, ſo weiß ich nicht, wer es ſonſt ſein ſollte. Nun, mein Junge, aller Anfang iſt ſchwer und jedermann hat ſein Bündel Ungemach zu tragen. Denke an deine arme Mutter, wenn du ungeduldig werden oder den Lebens⸗ muth verlieren willſt.“ Dankbar heftete Friedbert ſein Auge auf den Tröſter mit dem ſteifen Schurzleder und dem pechgeſchwärzten Antlitze. Derſelbe hatte in ſeinem langen Geſichte eine ungeheuer große Habichtsnaſe, über welcher dicht neben einander zwei weit offene Augen in wunderbarem Glanze funkelten. Die hohe, ſchmale Stirne war gänzlich von Haaren frei und ließ eine Glatze ſehen, die ſich faſt bis in die Mitte des Hauptes erſtreckte und auf ein ſchon vorgerücktes Alter hindeutete. Die aufgeſtreiften Hemd⸗ ärmel umgaben einen zwar mageren, jedoch ſehnigen Arm, der in einer ungewöhnlich großen und breiten Hand endigte. Popp's Kniee, welche nicht ganz durch's Schurz⸗ leder überdeckt wurden, ſtanden mehr einwärts gekehrt und mehr beiſammen, wie dies oftmals bei langen Ge⸗ ſtalten der Fall zu ſein pflegt. Während Friedbert ſeinen ſchnell lieb gewonnenen Freund ſo betrachtete, war ein junger Menſch von etwa 2 Jahren in den Hof getreten und ſchritt jetzt mit ab⸗ gemeſſenen und bedächtigen Schritten in's Wohnhaus des Mälzers. Seine Kleidung trug einen geiſtlichen Zu⸗ * 27 ſchnitt wie ſein Anklitz mit dem niedergeſenkten Blicke; ſein linker Arm ein dickes Pergamentbuch. „Grüß' dich Gott, frommer Johannes!“ ſprach Popp freundlich, während der Brauknecht eine ehrer⸗ bietige Stellung annahm und ſchweigend verharrte. „Salvete!“ verſetzte Johannes gedämpft, nachdem er einen flüchtigen Seitenblick auf die drei Daſtehenden geworfen hatte. Kopfſchüttelnd blickte Popp dem Jünglinge nach, der im Hauſe verſchwand, und ſagte dann: „Johannes iſt ſehr gelehrt geworden: er hat ſchon das Deutſche verlernt! He, mein Junge!“ fuhr er dänn luſtig zu Friedbert fort—„warum bliebſt du ſteif wie dieſes Holzſcheit hier ſtehen, da deiner Mutter Bruders⸗ ſohn kam? Warum gabſt du ihm keine Hand und kei⸗ nen Kuß?“ „Er mein Vetter?“ fragte Friedbert verwundert— „ich kannte ihn nicht, ſo wenig er mich.“ „Wie?“ rief Popp betroffen aus—„ihr einander ganz fremd und ſeid doch gleichwohl“— Er endigte ſeine Rede nicht, ſondern er ſprang eilig zu ſeinen Biertonnen zurück, weil er ſeinen Meiſter aus dem Bierkeller heraufkommen ſah. Der Meiſter wiſchte ſich mit ſeinem Hemdärmel den vom Biere naſſen Mund und reichte ſeinem geſchäftig thuenden Geſellen eine halb gefüllte Schleifkanne mit Gerſtenſaft. 8 Friedbert ſah nun mit ſehnſüchtigen Blicken, wie 8 Popp in vollen Zügen trank und dann die Schleiftanne 3 8 28 bei Seite ſetzte. Später raunte er dem Knaben, welcher noch immer die Axt feſthalten mußte, heimlich zu:„Ich habe dir etliche Schlucke Bieres in der Kanne übrig ge⸗ laſſen. Die kannſt du dir ſchmecken laſſen, ſo wie mein Meiſter den Rücken wenden wird.“ Ein dankbarer Blick und ein freudiges Kopfnicken Friedberts vergalten dieſen Liebesdienſt. Es währte aber noch eine geraume Zeit, bevor der Knabe ſein Bier auf⸗ trinken konnte. Dies geſchah erſt dann, als die ſämmt⸗ lichen Biertonnen gepicht und wieder gebunden worden waren, worauf Meiſter Pumper und ſein Geſelle davon⸗ gingen. Endlich waren die Holzſcheite geſpalten und Fried⸗ bert verſpürte nach der heftigen Erſchütterung ſeines ganzen Körpers einen verdoppelten Hunger. Es war ihm daher ganz recht, als er eine Magd mit einer großen Schüſſel voll rauchenden Eſſens aus dem Wohnhauſe ſeines Ohms in das gegenüberliegende Malzhaus gehen ſah und der Brauknecht zu ihm ſagte: „Nun wollen wir eſſen gehen. Komm' in den Scha⸗ lander!“ Der Schalander war nichts anderes als die Wohn⸗ und Schlafſtube der Brauknechte, welche neben der Malz⸗ darre gelegen war. Daſelbſt fand Friedbert bereits ſei⸗ nen böſen Aufſeher Guntram vor und noch drei andere Braugehilfen, welche an einem Tiſch und um die rau⸗ chende Schüſſel gereihet ſaßen. Auch Friedberts Be⸗ gleiter, Markus, nahm ſeinen Platz ein. Als aber der 29 Knabe ein Gleiches thun wollte, wies ihn Guntram mit der Hand zurück und ſprach barſch: „Marſch! du ſollſt uns das Eſſen nicht vergiften dürfen. Vor die Thüre mit dir, wo du warteſt, bis wir fertig ſind und ob etwas für dich übrig bleiben wird.“ Guntram ſchien der Oberſte unter den Brauerge⸗ ſellen zu ſein, denn die übrigen ſagten kein Wort dazu. In Friedbert aber wallte abermals der Zorn auf, der ſich in ſeinen wuthblitzenden Augen eher als durch die Sprache kundgab. Schon öffnete er den Mund zu einer haſtigen Erwiderung, als ihm noch zu rechter Zeit der ihm von Popp ertheilte gute Rath einfiel. Das Jammerbild ſeiner leidenden Mutter, die, ohne ihre Schuld aus jeglicher menſchlichen Gemeinſchaft ge⸗ ſtoßen, auch noch die Qualen einer fürchterlichen Krank⸗ heit ertragen mußte, trat ihm vor die Augen und als⸗ bald glätteten ſich die Wellen ſeines tiefbewegten Ge⸗ müthes. Er verließ den Schalander und ſtellte ſich draußen an ein Fenſter, durch welches er in's Freie und auf den Elbſtrom blicken konnte. Ein vielſtimmiges Vogelgeſchrei, das in der Nähe ertönte, zog ſeinen Blick auf das Rachbarhaus und auf eine in deſſen Seitenwand befindliche Oeffnung, vor welcher ein Raubvogel, ein Stößer, flatterte und mit ſeinem langen Schnabel hin⸗ einlangte. Um den Räuber umher ſchwirrte ein Heer kleinerer Vögel, welche durch entſetzliches Schreien den Stößer fortzuſcheuchen ſich bemühten. Dieſer aber ließ ſich nicht beirren und flog nicht eher davon, als bis er 30 zwei junge, zappelnde Vöglein aus dem Stoße geholt und mit ſeinem mörderiſchen Schnabel gefaßt hatte. „Die armen Thierchen!“ dachte Friedbert bei die⸗ ſem Anblicke und vergaß darüber ſein Leiden. Der Stößer iſt noch viel häßlicher gegen ſie als Guntram gegen mich. Ich bin jetzt froh, daß ich kein Vogel, ſondern ein Menſch bin, obſchon ich mir manchmal Flügel gewünſcht habe. Was meine arme Mutter jetzt machen mag? Ob ſie wohl zu Mittag ißt und was? Und Margarethe läßt ſich auch nicht wieder blicken! Wie es ihr ergehen mag? Ob noch ſchlechter als mir oder beſſer?“ Unter ſolchen und ähnlichen Gedanken verſtrich die Zeit, obſchon der Magen Friedberts immer ungeſtümer nach Sättigung begehrte. Endlich ging die Schalander⸗ thür auf und zwei Gehilfen gingen fort. „Geh' hinein und iß!“ ſagte der eine von ihnen zu Friedbert, welcher hurtig dieſer Weiſung nachkam und in die Stube eilte. Der Tiſch war leer von Eſſern, denn Guntram und Markus hatten ihre Lager beſtiegen, welche in der oberen Hälfte der Stube angebracht wa⸗ ren, was man heutzutage mit dem Namen Kuhkanzel benennt. Nun, ſo ganz appetitlich war der Speiſeüberreſt eben nicht anzuſehen, den die Eſſer noch in der Schüſſel übrig gelaſſen hatten. Aber Hunger thut weh und ſo ſetzt ſich der Hungrige über vieles hinweg, was ihm ſonſt das Eſſen vergällen würde. Friedbert ließ ſich vortrefflich ſchmecken, was von Fleiſch und Gemüſe noch 31 in der Schüſſel war, und da er in einem daſtehenden Kruge eine Neige Bier entdeckte, ſo eignete er ſich auch dieſe zu. Völlig befriedigt und geſättigt wiſchte er ſich den Mund und ſchon ſah er ſich nach einem geeigneten Platze um, wo er, wie die Brauergeſellen, ein Mittagsſchläſchen halten konnte, als plötzlich Guntrams befehlende Stimme von der Kuhkanzel herabtönte: „Marſch, Junge! und das kleingeſpaltene Holz an den Brauofen getragen!“ Da trollte ſich Friedbert fort und that, wie ihm geheißen worden. Das Brauhaus, welches ſich unter des Mälzers Wohnung befand, bot für den Knaben manches Sehens⸗ werthe dar. Erſtens den großen Ofen mit dem hohen und weiten Rauchfange und der langen Einfeuerung, welche unter der mächtigen, kupfernen Braupfanne hinging. Dann die verſchiedenen, umfangreichen Bottiche und das flache Kühlſchiff, von welchen allen er den Zweck noch nicht kannte. Außerdem die mannigfachen Geräthſchaften und Gegenſtände, welche zum Bierbrauen erforderlich ſind. Bereits hatte Friedbert vielemal mit beladenen Ar⸗ men den Weg aus dem Hofe nach dem Brauofen zurück⸗ gelegt, als plötzlich eine Hand gegen eine Fenſterſcheibe pochte und eine Stimme„pſt! pſt!“ rief. Friedbert blickte ſchnell empor und entdeckte hinter einem beſtäubten Fenſter, in welchem eine der runden Glasſchriben fehlte, einen jugendlichen Kopf und erkannte in demſelben ſeine Schweſter Margarethe. 32 „Wie geht dir's, Friedbert?“ fragte ſie halblaut. „J nun,“— verſetzte Friedbert—„brav arbeiten muß ich und an Scheltworten hat's auch nicht gefehlt.“ „Ich darf auch nicht frieren“— erwiederte Mat⸗ garethe.„Haſt du ſchon gegeſſen?“ „Ja! Rindfleiſch und Kohl; dazu etliche Schlucke Bier.“ „Ich auch!“ „Ob unſre Mutter eſſen wird und was?“ „Ach!“ ſeufzte Margarethe—„die arme Mutter wird nicht an's Eſſen denken, ſchon ihrer grauſamen Schmerzen und der heutigen, großen Schande wegen. Sie aß ja zeither ſchon faſt gar nichts mehr und zehrte darum ſo ſehr ab.“ „Du huſteſt ja recht ſehr“— ſprach Friedbert be⸗ ſorgt.„Was haſt du denn?“ „Ich muß hier oben Flachs hecheln“— antwortete Margarethe—„und da kommen mir die feinen Fäſerchen in den Hals.“ „Da will ich doch lieber Malz unſtechen, Holz ſpalten helfen und Holz tragen“— meinte Friedbert. „Wenn nur nicht noch obendrein abſcheuliche Ratten in der finſtern Kammer hier wären!“ klagte Margarethe; „ſie laufen ganz dreiſt herum und ich weiß mich kaum vor ihnen zu retten. Heiliger Erasmus! wenn ich auch hier die Nacht über bleiben müßte! Doch ich muß wieder hecheln. Sonſt zankt die Baſe. Leb wohl, Friedbert!“ 33 Margarethens Hand ſtreckte ſich hier durch die runde Fenſteröffnung und that, als drücke ſie des Bruders Hand. Dieſer wollte den Gruß in derſelben Weiſe erwiedern und ließ darüber die Holzſcheite unter lautem Geräuſch niedergleiten. Sogleich ward ein anderer Fenſterflügel aufgeriſſen und ein Mädchenkopf in demſelben ſichtbar, welcher mit quäkender und ſchnippiſcher Stimme rief: „Wer unterſteht ſich denn, einen ſolchen Lärm zu machen, während mein Vater und meine Mutter Mittags⸗ ruhe halten? Biſt du es, dummer Junge? Wart', laß nur Guntram kommen! Er ſoll dir deine Tölpelei ſchon anſtreichen. Nimm dich in Acht!“ Nach dieſen Worten flog das Fenſter mit lautem Klirren wieder zu, während Friedbert daſſelbe noch etliche Sekunden lang anſtarrte. Wer konnte die Schel⸗ tende ſonſt geweſen ſein, als des Meiſter Mälzers Tochter und daher Friedberts leibliche Muhme? Ja leiblich, doch nicht lieblich war ſie gegen ihren Vetter geweſen, der in dem Hauſe ſeines Ohms nichts als Dornen und keine Roſen fand. Nachdem Friedbert die ihm übertragene Arbeit voll⸗ bracht hatte, ſah er ſich nach einem Ruheplätzchen um, wo er unbemerkt ſich erholen könnte. Dazu ſchien ihm der Garten geeignet zu ſein, welcher ſich hinter dem Malzhauſe nach dem Elbufer zu hinabneigte und mit wilden Kirſchbäumen bewachſen war. Auch eine Jasmin⸗ laube entdeckte er, als er vorſichtig und leiſe die Anhöhe hinabſchlich. Aber er vernahm auch eine laute Stimme Nieritz. Die Ausgeſtoßene. 3 2 34 aus derſelben hervorſchallen, und als er durch die Blätter hindurchlugte, entdeckte er ſeinen Vetter Johannes, wel⸗ cher ſein Pergamentbuch vor ſich hatte und daraus lernte. Aber ſein Lerneifer ſchien eben nicht groß zu ſein, denn er unterbrach denſelben oftmals, um Fliegen einzufangen und mit einem Stabe Linien in den Sand zu zeichnen. „Audivi, ich habe gehört“— ſprach er jetzt— „audivisti, du haſt gehört; audivit, er hat gehört; audi- vimus— ach! das ſchreckliche Latein!“ ſeufzte er. Warum nur es gerade Latein ſein muß und nicht deutſch? Dann wollte ich noch einmal ſo gern ſtudiren und Pater werden. Ich ſage: ein Eſel iſt's geweſen, der das Latein für die Studenten und Geiſtlichen erfunden hat. Ein Menſchen⸗ quäler vielmehr! Audivi canem— was heißt aber gleich bellen auf lateiniſch? Bellare? O mein armer Kopf! Meine alte Wärterin Jera ſpricht, daß ich ganz elend vom vielen Studiren werde und das iſt ſehr richtig⸗ Während Vater, Mutter, Guntram und die übrigen Brauknechte ihre Mittagsruhe halten können, muß ich, ſtatt das Eſſen zu verdauen, lateiniſch lernen! Pater Anſelmus! du haſt's auf deinem Gewiſſen, wenn ich da⸗ hin welke wie die Roſe zu Jericho und die Lilie von Sidon. Oder war's ein andrer Mann? Ach, mein Kopf! Warum durfte ich nicht Mälzer werden wie mein Vater? Warum ſchickt die Mutter nicht meine Schweſter Blaſia in das Kloſter, ſondern beſteht darauf, daß ihr einziger Sohn geiſtlich werden muß? O Mutter! Mutter! Audiens, auditum, audiendus,— da haſt du's, unver⸗ 35 ſchämtes Thier! Du ſollſt meine Naſe nicht wieder zu deinem Sitze und Stechplatze auserwählen können. Ich vermuthe, warum ich geiſtlich werden ſoll. Meine Mütter hat den Narren an meiner Schweſter gefreſſen und will ihr, damit ſie einen vornehmen Mann bekomme, einſt das ganze Vermögen zuwenden. Audio, audivi, auditum, audire!“ „Auch der Vetter hat ſeine Noth!“ ſprach Friedbert zu ſich ſelbſt—„und am Ende iſt ſie noch größer als die meinige. Ha! welche Krakelfüße auf dem Pergamente geſchrieben ſtehen! Ich könnte nimmermehr ſolches Ge⸗ kritzel leſen lernen. Es mag wohl eine große und ſchwere Kunſt ſein das Leſen und noch mehr das Schreiben! Die meiſten Fürſten und Herzöge können es nicht einmal, geſchweige denn der Bürger und gemeine Mann. Wozu auch? Doch, rief man mich nicht eben im Brauhofe? 4 Ja, wirklich!“* Eilig ſtahl ſich Friedbert fort und empfing von Guntram, der höchſtens eine halbe Stunde Schlaf ſich vergönnt hatte, neue Aufträge von Arbeit. So ging es fort bis zum ſpäten Abend, wo Friedbert, nach ge⸗ noſſenem Abendbrote, endlich ſeine Schlafſtätte aufſuchen durfte, die ſich nicht im Schalander, ſondern in einem Winkel des Malzhauſes befand und aus einer Stroh⸗ bucht und einer wollenen Decke beſtand. Friedbert war ſo müde, daß er vergaß, ſeinen ge⸗ wöhnlichen Abendſegen zu beten. Kaum daß er das Zeichen des Kreuzes über ſich zu ſchlagen vermochte⸗ 36 3 Selbſt an ſeine arme, ausgeſtoßene Mutter dachte er nicht. Er entſchlief ſo feſt, daß er nicht einmal träumte. Drittes Kapitel. Margarethe. Obgleich die unglückliche, jetzt ausgeſtoßene Mutter nebſt ihren beiden Kindern ein und dieſelbe Stadt mit ihrem leiblichen Bruder bewohnt hatte, ſo waren beide einander ſchon ſeit Jahren fern und fremd geblieben und durch des Mälzers alleinige Schuld, welcher mit er armen, verwittweten Schweſter nichts zu thun ha⸗ ben mochte. Dieſe hätte mit ihren Kindern verhungern müſſen, nachdem ihr Uebel immer bösartiger geworden war und ſie an jeglicher Arbeit verhindert hatte, wenn nicht andere mitleidige Menſchen in der Stadt geweſen wären. Dieſe hatten die kranke Frau bisher unterſtützt, und deren Kinder nach ihren geringen Kräften um's tägliche Brot gearbeitet. Margarethe kannte ihren Oheim und ihre Baſe vom Anſehen, weil ihre Mutter ſie ihr in der Kirche oder beim Ausgehen aus der Ferne gezeigt hatte. Fremd waren ihr dagegen Johannes und Blaſia. „ Die Letztere ſtand neben ihrer Mutter, als die Magd Margarethen aus dem Brauhofe geholt und in — * 3 das Vorgemach geführt hatte. Margarethe knirte tief vor ihrer Baſe und näherte ſich ihr, um ihr die Hand zu küſſen. Allein jene trat ſchnell mehrere Schritte zurück und rief mit herriſcher Stimme: „Unterſteh' dich nicht und rühre mich an! Bleib' mir vom Leibe— 3, nein 6 Schritte weit!“ „Sie ſtinkt wie ein Wiedehopf, Mutter!“ ſagte Blaſia ſchnippiſch.„Sie muß auch die Peſt oder das fremde Ding— wie hieß es gleich? haben.“ „Der Böttchermeiſter hat mich auf des Oheims Geheiß mit Pech beräuchert“— ſagte Margarethe ſchüchtern. „War auch ſehr nothwendig!“— verſetzte Frau Lippmann. „Und ſich nur ihr Geſicht und die Hände an, Mutter!“ fuhr Blaſia fort—„ſie ſtarren von der Raude! Pfui, ich ekele mich!“ „Die Scheuerfrau hat mich auf des Ohms Geheiß mit Baſtwiſch und Sand abgewaſchen“— ſprach Mar⸗ garethe, indem ihr die Thränen in's blaue Auge traten. „Das war ein geſcheidter Einfall von meinem Manne“— erwiederte die Meiſterin, welche mit ſtechen⸗ den Blicken Margarethe vom Scheitel bis zum Fuße zu muſtern begann. Blaſia machte es eben ſo, daher Mar⸗ garethe wie auf glühenden Kohlen daſtand. „Wer hat dir den ſechszeiligen Zopſ geflochten?“ fragte Blaſia, welche zwei Jahre älter als Marga⸗ rethe war. 3 38 „Ich ſelbſt!“— antwortete Margarethe. „Ein zweiflechtiger wäre auch für ein ſo armes Mädchen wie du biſt genug“— ſagte Frau Lippmann. „In meinem Hauſe darfſt du deine Zeit nicht mit ſo un⸗ nützen Dingen verſchwenden. Kannſt du ſtricken, Strümpfe ſtopfen, Flachs hecheln und ſpinnen, waſchen und ſcheuern?“ „Das kann ich Alles!“ verſetzte Margarethe. „Iſt auch nothwendig für ein ſo armes Kind wie du biſt“— ſprach Frau Lippmann— ſonſt äßeſt du ja dein Brot in meinem Hauſe mit Sünden. Es iſt ohnehin ſchlimm genug, daß man ſein ſauer verdientes Geld und Gut noch mit bettelhaften Anverwandten thei⸗ len ſoll, die am Ende noch zum Danke uns dafür mit dem Ausſatze oder der Peſt anſtecken. Bärbel! he, Bär⸗ bel! zeige der Grete hier die Flachskammer und gieb ihr die Hecheln in die Hand. Iſt ſie mit Hecheln fertig, ſo kann ſie die Treppe ſcheuern. Kaum wird ihre Haut noch etwas reiner davvn.“ Bald befand ſich Margarethe in dem dunkeln Kämmer⸗ lein, aus deſſen einzigem Fenſter ſie ſpäter ihren Bruder erblickte. Als der Mittag kam, rief Bärbel, die Magd, Margarethe in die Küche und gab ihr ein Schüſſelchen Eſſen in die Hand. „Dorthin ſetzeſt du dich!“ gebot ſie dem Mädchen, indem ſie auf den Hackeſtock zeigte.„Ich mag“— fuhr ſie fort—„eben ſo wenig von dir angeſteckt werden wie die Meiſterin Auch wäſchſt du deine Schüſſel ſen dem Löffel ſelbſt aus.“ 3₰ 39 „Recht gern will ich Alles aufwaſchen“— erwie⸗ derte Margarethe willig— wenn ich dir dadurch eine Mühe erſparen kann.“ „Hm! ſieh doch an!“ brummte Bärbel ſchon etwas freundlicher.„Man iſt doch auch kein Vieh und möchte nach dem Eſſen ebenfalls wie die Herrſchaft ein halbes Stündchen ruhen dürfen. Hm! nun wir wollen ja ſehen.“ Nachdem Margarethe gegeſſen hatte, ging ſie an's Aufwaſchen des beim Eſſen gebrauchten Geſchirres, das meiſt aus Zinn und Kupfer, das wenigſte aus Thon ge⸗ fertigt war. Erſt gab Bärbel genau Acht, da ſie aber bemerkte, daß Margarethe eben ſo flink als geſchickt war, ſo ſetzte ſie ſich in einen Winkel auf die Küchenbank, lehnte das Haupt gegen die Wand und ſchloß die Augen zum Schlafe. Eben ſtürzte Margarethe das letzte aufgewaſchene Stück in das Trockenfaß, als Blaſia's Stimme vor der Küche rief: „Bärbel! Bärbel!“ Bärbel fuhr zuſammen und von der Küchenbank empor. Kaum daß ſie auf ihren Füßen ſtand, ſteckte Blaſia den Kopf durch die Thüre herein und ſagte: „Ach, da iſt ja Grete ſelbſt! Ich wollte dich nur fra⸗ gen, ob du mir einen ſechszeiligen Zopf flechten könnteſt? Die Mutter darf es freilich nicht wiſſen, aber ſie ſchläft noch hart und feſt, und ich denke doch, daß du mich S gleich anſtecken wirſt.“ So hatte die Eitelkeit die Furcht vor dem Anſtecken beſiegt. 6 5 40 Margarethe folgte nun ihrer Muhme im's Wohn⸗ zimmer, wo ſich außer den beiden Mädchen niemand weiter befand. Blaſia ſetzte ſich auf einen Stuhl nieder und Margarethe löſete das Haar ihrer Muhme und be⸗ gann die ihr übertragene Arbeit. Aber dieſe ward ihr ſehr ſauer, indem Blaſia's Haare ſpröde waren und ausſprangen, ſo daß die Flechten gar nicht glatt werden wollten, ſo viel ſie dieſelben auch kämmte und ſtrich. „Dort in dem Büchschen ſteht wohlriechende Salbe“ — ſprach Blaſia und deutete mit der Hand auf die obere Fläche einer Spinde hin.„Mit dieſer mußt du mein Haar einſalben, damit die Flechten hübſch glatt werden.“ Etwas half die Salbe, doch nicht ganz, um die Haare gefügig zu machen. Demohnerachtet bezeigte ſich Blaſia ſehr zufrieden mit Margarethens Werke, das ſie mit Hülfe eines kleinen, metallnen Spiegels beſchaute. „Du mußt mich vollends anziehen helfen“— ſprach ſie. Blaſia trug nun einen bunten Faltenrock, ein ſchwarz⸗ ſammetnes Mieder, Halskrauſen, Ohrgehänge, Spangen und Ketten, zierliche Schnabelſchuhe und eine roth⸗ ſammetne Taſche mit blitzendem Silberbügel herbei, welche Dinge ſie mit ihrem Hausanzuge vertauſchte, wobei Mar⸗ garethe ihr hilfreich zur Hand gehen mußte. „So gehe ich in die Meſſe“— ſprach Blaſia zu⸗ frieden, indem ſie ſich im Spiegel betrachtete—„aber nicht in unſere Pfarrkirche, ſondern hinüber nach Neu⸗ ſtadt in die Kreuzkirche, damit ich mich nicht ganz um⸗ 41 ſonſt angezogen habe. Und meine Mutter will ich bitten, daß du mir mein Fußbänkchen nachtragen darfſt. Du gehſt doch immer noch knapper als die rußige Bärbel.“ Margarethe ſagte hierzu kein Wort, allein der Ge⸗ danke, daß ſie noch heute über dieſelbe Brücke und an demſelben Hauſe vorüber gehen ſolle, wo erſt dieſen Morgen ihre Mutter ausgeſtoßen und von den Frei⸗ knechten geführt worden war, fiel ihr ſchwer auf das Herz. Sie wußte es darum ihrer Baſe großen Dank, als dieſe nach ihrem Erwachen Blaſia tüchtig deshalb ausſchalt, daß ſie ſich von Margarethe hatte berühren und anputzen laſſen. Zur Strafe dafür durfte Blaſia nicht in die Kreuzkirche, ſondern nur in die nahe Pfarr⸗ kirche zur Meſſe gehen, weshalb Blaſia mit ihrer Mutter ſchmollte und trotzte. Margarethe hingegen mußte die Treppe ſcheuern, dann in der Küche bleiben und Strümpfe ſtopfen, bis die Schlafzeit herbeikam. „Ach, liebe, gute Herzensbärbel!“ ſprach ſie vol Angſt zur Magd—„ich ſoll doch nicht etwa in der Flachskammer ſchlafen, wo die abſcheulichen Ratten ſind? Ach, dann fürchtete ich mich zu Tode und könnte kein Auge zuthun.“ „Ja, in der Flachskammer“— verſetzte Bärbel. „Sonſt. kein Behältniß weiter für dich im Hauſe.“ „D ihr Heiligen!“ ſtöhnte Margarethe.„Ich ſterbe vor Angſt. Auch wäre es nicht das erſtemal, vaß ein Menſch von den hungrigen Ratten angefreſſen wor⸗ 42 den wäre. Huh! liebſte Bärbel! ſieh nur, wie mir die Gänſehaut ſchon vor Furcht überläuft! Kann ich denn nicht mit in deiner Kammer ſchlafen? Ich will mich mit einem kleinen Winkel begnügen, auf den bloßen Dielen liegen, mich nicht rühren und dir Alles an den Augen abſehen und thun.“ „Ich darf nicht“— erwiederte die Magd.„Die Meiſterin iſt gleich erſchrecklich böſe, wenn man ihr zu⸗ wider thut. Weißt du was? Nimm du unſern Kater, den Fipps, mit, der dort neben dem Küchenheerde liegt.„„ Der wird mit allen Ratten fertig.“ „Der ſchwarze Kater dort mit den feurigen Augen?“ ſprach Margarethe mit kläglicher Stimme.„Ach, dann würde meine Furcht nur verdoppelt. Wenn ich die feu⸗ rigen Augen im Finſtern leuchten ſähe und den Kampf und den Lärm mit den Ratten anhören müßte: ſo— ja, ſo ſpränge ich aus dem Fenſter, wenn ich nicht durch die Thüre entwiſchen könnte Habe doch Mitleiden mit mir armen Waiſe, gute Bärbel! Unſer Hergott und alle Heiligen werden dich dafür ſegnen, was du an mir thuſt.“ licher Miene, daß endlich Bärbel erweicht wurde und das Mädchen mit in ihre Schlafkammer nahm. „Aber man hat mir vorgeworfen“— ſagte die Magd—„daß ich fürchterlich ſchnarche. Ich kann nichts dafür, wenn du in der Nacht darüber erſchrickſt.“ „Ach, gute Bürbel!“ verſetzte Margarethe froh— Margarethe bat ſo unwiderſtehlich und mit ſo flehent⸗ 5 43 „immerhin ſchnarche wie ein Haiſiſch und ich will mich nicht darüber beklagen.“ So müde auch Margarethe war, ſo dachte ſie doch vor dem Einſchlafen an ihre bemitleidenswerthe Mutter. „Ich fürchte mich ſchon vor den kleinen Ratten faſt zu Tode“— ſprach ſie zu ſich ſelbſt—„ach, und meine arme Mutter wird vielleicht gar von viel größeren und ſchlimmeren Thieren in ihrer Strohhütte heimgeſucht. Giebt es doch Marder, Iltiſſe, Füchſe, ja ſelbſt Wölfe und Bären genug in dem nahen Walde!“ Margarethe betete hierauf, daß Gott und die hei⸗ lige Jungfrau ſammt allen Heiligen ſie, ihre Mutter und ihren Bruder ſchirmen und vor allen Uebeln ſchützen möchten. Noch betend entſchlief ſie. Am frühen Morgen erwachte Margarethe, da es kaum anfing hell zu werden. Durch ein ſonderbares Geräuſch in ihrer Nähe war ſie munter geworden. Es praſſelte und kniſterte und wehete dicht an ihrem Ohre, als wenn Feuerflammen und Windſtöße ihr wildes We⸗ ſen trieben. Dazwiſchen vernahm ſie ein regelmäßig ſich wiederholendes Stampfen wie den wsich irgend eines rieſigen Ungeheuers. Erſchrocken fuhr Margarethe von— Lager empor, blickte auf die ruhig noch ſchlafende Bärbel hin und rief ängſtlich:„Bärbel! Bärbel! was iſt das? horch!“ Die Magd ſchlug die Augen auf, gähnte laut, horchte dann und ſprach verdrießlich: „Was wird's weiter ſein! Gebraut unten 6 44 im Brauhauſe! Du liegſt mit dem Ohre an der Brauöße und das Stampfen rührt von der Pumpe her, mit wel⸗ cher die Bierwürze aus dem Maiſchbottiche in die Brau⸗ pfanne geplumpt wird. Dein Bruder wird ſchon auf den Beinen ſein und tapfer arbeiten müſſen.“ So war es wirklich. In jenen Zeiten, wo man nur Sonnen⸗, Sand⸗, ſeltener Räder⸗, aber noch gar keine Taſchenuhren kannte, war das Glockenläuten zu beſtimmten Tageszeiten ſehr nöthig, um die Arbeitsleute zu ihrem Geſchäfte zu rufen. Auf dem Lande iſt daher das Morgen⸗, Mittag⸗ und Abendläuten noch jetzt üblich, weil die Landleute nicht immer in dem Beſitze richtig gehender Uhren ſind. Unter den Handwerkern ſind beſonders die Bäcker und Bier⸗ brauer gezwungen, einen Theil der Nacht ihrer Arbeit zu widmen und dafür durch Schlafen des Tages über ſich ſchadlos zu halten. Friedbert hätte gar zu gern länger geruht; aber der nachſichtsloſe Guntram rüttelte ſo lange an dem ſchlaftrunkenen Knaben herum, bis dieſer endlich munter wurde und ſeinem Aufſeher, welcher mit einem brennen⸗ den Holzſpane voranging, in das Brauhaus nachfolgte. Friedbert hatte in ſeinem Leben ſchon oftmals Bier getrunken und zwar recht gern getrunken. Aber er hatte ſich nie darum bekümmert, auf welche Weiſe das Bier gewonnen wird, und hierin glich er vielen hundert⸗ tauſenden noch lebender Deutſchen. Viel und Vielerlei müſſen jetzt unſere Kinder lernen: 4⁵ fremde Sprachen, fremde Sitten und Gebräuche, die Erzeugniſſe fremder Länder und tauſend andere Dinge. Wie aber das unentbehrliche Brot erzeugt und das ge⸗ wöhnlichſte Getränk gewonnen wird, wiſſen ſie leider oftmals nicht. Ja, ſie können zuweilen nicht einmal den Weizen vvm Roggen, die Kiefer von der Fichte, den Birnbaum von dem Apfelbaum unterſcheiden! So, lieben Brüder, ſollte es nicht ſein! Friedbert erkannte gar bald, daß das Gewinnen des Bieres keine ſo ganz leichte und einfache Sache ſei, wie er ſich erſt eingebildet hatte. Die erſte Behandlung der Gerſte fand in dem Quellſtocke Statt. Dieſer war ein großer, ſteinerner Waſſertrog, welcher bis zu zwei Dritttheilen mit Waſſer vollgeplumpt wurde. Nachdem dies geſchehen war, rauſchte aus einem hölzernen Schlot, welcher von dem Getreideboden bis faſt an den Rand des Quellſtocks herabging, die Gerſte hernieder in das Waſſer, von deſſen Oberfläche Friedbert mit einem Siebe die Hülſen und tauben Körner abräumen mußte. Zwei Tage lang blieben die Gerſtenkörner mit Waſſer überdeckt und quollen darin dick auf, ſo daß ſie ſich Jeicht mit den Fingern zerdrücken ließen. Hierauf wurde Gerſte aus dem Quellſtocke genommen und auf die Malztenne, die mit ſteinernen Platten gepflaſtert war, in viereckigen, eine halbe Elle hohen Haufen aufgeſchüttet. Hier trieben die Körner faſt einen Zoll lange Keime hervor, wobei ſie fleißig mit der Schaufel umgeſtochen wurden. Nun wurde die Gerſte auf den Luftboden gebracht, wo ſie bei 7 46 öfterem Umwenden trocknete. Von dem Luftboden kam das Malz in die Darrſtube, wo zwei Reihen eiſerner, einander gegenüber ſtehender und eine Art langes Dach bildender Horden ſich befanden, unter welchen der Feuer⸗ ofen lang hinlief. Die Hitze war hier ſo groß, daß Friedbert erſt erſchrocken zurückprallte. Guntram aber zwang den Knaben, das Malz auf die Horden ausbreiten zu helfen. Dieſes wurde nach völliger Abdörrung in die Mühle geführt und dort zu grobem Mehle vder Schrote gemahlen. Weil junges Malz ein trübes Bier liefert, ſo läßt man jenes ein Vierteljahr und länger liegen, bevor es in den Maiſchbottig geſchafft wird⸗ Dieſer Bottich hat einen doppelten Boden, von welchem der obere mit vielen Löcherchen, der untere dagegen mit einem Abzugshahne verſehen iſt. In dem Maiſchbottige wird das Malzmehl zu drei wiederholten Malen mit kochendem Waſſer übergoſſen und durch fleißiges Um⸗ rühren in eine ſtarke Bewegung verſetzt. Der hierdurch gewonnene Saft, die Bierwürze, wird in den unter dem Maiſchbottige angebrachten Unterſtock ablaufen gelaſſen und durch eige Pumpe in den nahe befindlichen Brau⸗ keſſel gepumpt. Mehrere Stunden lang kocht die Würze und ſo wie es zum Kochen gekommen iſt, wird der Hopfen hinzugeſchüttet oder der kupferne, mit Löchern durchbohrte Hopfenſeiger ſammt dem darin befindlichen Hopfen in das kochende Bier gehängt. Aus dem Keſſel wird das heiße Bier auf das flache Kühlſchiff geſchüttet, wy es verkühlt. Iſt dies geſchehen, ſo läuft es in den 47 Gährbottich oder in große Gefäße mit weitem Spund⸗ loche ab, wo man das Bier mit Hefe vermiſcht, um es zum Gähren zu bringen. So lange dieſe Gährung in den Fäſſern währt, müſſen dieſe fleißig mit friſchem Waſſer oder mit demſelben jungen Biere aufgefüllt wer⸗ den, damit die Hefe ohne Hinderniß aus dem vollen Spundloche in darunter geſetzte Gefäße ablaufen kann⸗ Mit der Gährung iſt die Bierbereitung beendet. Die Arbeiten, welche Guntram dem Knaben Fried⸗ bert übertrug, waren keine leichten. An das Axthalten beim Holzſpalten, an die Hitze der Darrſtube, an das Umſtechen des Malzes und an das Auffüllen der Bier⸗ tonnen gewöhnte er ſich allgemach. Aber das ſchwer angreifende und anhaltende Plumpen, ſo wie das Aus⸗ ſcheuern der ungeheuren Bottiche nach jedesmaligem Ge⸗ brauche wollte ihm gar nicht gefallen. Mit der Zeit verlor ſich die Scheu der Leute vor der Anſteckung durch die beiden Kinder, deren Zuſtand dadurch minder drückend ward. Aber Friedbert blieb von jeglicher Berührung mit ſeinem Ohm und deſſen Familie verſchont. Er wurde gänzlich als ein Fremdling angeſehen und behandelt. Leidlicher erging es in dieſer Hinſicht Margarethen, welche zwar Magdſtelle verſehen und ebenfalls wacker ſich tummeln mußte, jedoch eher des Umgangs mit ihren Verwandten gewürdigt wurde als ihr Bruder, welcher nicht einmal das Wohnhaus ſeines Oheims betreten durfte. 48 viertes Kapitel. Der Beſuch. Der Wochen mehrere ſchon waren vergangen, ohne daß die beiden Geſchwiſter, mit Ausnahme kleiner Gänge in die nächſte Nachbarſchaft, den Fuß aus dem Brau⸗ hofe hatten ſetzen dürfen. Endlich, an dem heiligen Michaelisfeſte, zeigte ſich eine Ausſicht zur Freiheit. Meiſter Lippmann, ſammt Frau und Kindern, war zu einem Feſteſſen und Gelage in der Neuſtadt gegangen, von welchem ſie jedenfalls vor Mitternacht nicht heim⸗ kehren durften. Wann aber die Katze nicht zu Hauſe iſt, ſo haben bekanntlich die Mäuſe freien Lauf. Zu die⸗ ſen Mäuſen nun gehörten die Brauergeſellen und Brauer⸗ knechte, ferner Bärbel, Margarethe und Friedbert. Letztrer beſonders athmete freier auf, weil ſein Quälgeiſt, Guntram, in ſein Heimathsdorf Klotzſcha zum Beſuch gegangen war. Die Kinder waren faſt zum Ausgehen gezwungen, denn, mit alleiniger Ausnahme von Bärbels Schlaf⸗ kammer, hatte die Mälzerin jedes Gemach feſt verſchloſſen und die Schlüſſeln mit fortgenommen. Eben ſo verhielt es ſich mit dem Malzhauſe und der Wohnſtube der Brauer⸗ geſellen. Da nun auch Bärbel ihre Kammer verſchloß und fortging, ſo hätten die Geſchwiſter mit der Garten⸗ laube ſich begnügen und ihre Zeit langweilig darin zu⸗ bringen müſſen. 2 — 49 „Was fangen wir nun an?“ fragte Friedbert, nach⸗ dem ſich die Geſchwiſter gegenſeitig von ihren bisherigen Erlebniſſen erzählt hatten.„Wohin gehen wir?“ „Kannſt du noch fragen?“ ſprach Margarethe mit vorwurfsvollem Tvne. „Zur Meſſe, meinſt du?“ verſetzte Friedbert.* „Nein, zur— Mutter!“ rief Margarethe aus. „Zu unſrer armen, kranken Mutter, die uns das Leben gegeben und ſo lange mit ihrer Hände Arbeit er⸗ nährt hat.“ „Aber iſt uns nicht ſtreng verboten worden, zu unſrer Mutter zu gehen?“ erwiederte Friedbert.„Hat nicht der Ohm gedroht, uns beide augenblicklich aus ſeinem Hauſe jagen zu wollen, ſobald wir es uns bei⸗ fallen ließen, die Mutter aufzuſuchen? „Pater Anſelmus hat geſagt“— entgegnete Mar⸗ garethe feſt—„daß man Gott mehr gehorchen müſſe als den Menſchen, daß man ſeinen Vater und ſeine Mutter ehren ſolle, auf daß es uns wohl ginge und wir lange lebten auf Erden.“ „Ach, Gretel! ſeufzte Friedbert“—„laß mich dir's geſtehen, daß ich mich gar nicht mehr nach unſrer Mutter hinſehne. Verzeih' mir's der liebe Gott, wenn das eine Sünde iſt. Aber ich graule mich, ſeitdem ſie die häß⸗ liche Lepra hat, vor unſrer Mutter, die mir gar nicht mehr wie unſre Mutter vorkommt. Iſt dir nicht eben ſo?“ „Und wenn uns auch grault“— ſprach Marga⸗ rethe—„ſo bleibt ſie doch immer unſre Mutter!“ Nieritz. Die Ausgeſtoßene. 4 — 50 „Wohl wahr! aber wir können ihr doch nicht hel⸗ fen“— verſetzte Friedbert—„kein Doctor in der Welt kann es. Sie konnte es zuletzt nicht einmal leiden, wenn wir auf ſie redeten.“ „Aber wir können ſie doch tröſten“— erwiederte Margarethe—„können ſie fragen, ob ſie etwas braucht oder ſich wünſcht, können endlich mit ihr beten! Was müßte ſie nicht von uns denken, wenn wir uns gar nicht mehr um ſie kümmerten! Mir hat es ſchon auf der Seele wie Feuer gebrannt, daß wir nicht ſchon längſt zu ihr gehen konnten. Schau' mal her, Friedbert! fuhr Margarethe heimlich fort, indem ſie ein Bündel in ihrer Hand lüftete. Das hab' ich für unſre Mutter zuſammen⸗ geſpart.“ Friedbert erblickte in dem Bündel allerhand Eßwaa⸗ ren; kleine gekochte und gebratene Fleiſchſtücken, Weiß⸗ brot, Wurſt und ein Fläſchchen mit Bier. „Du biſt viel beſſer als ich!“ rief der Knabe voller Rührung aus und die Thränen traten ihm dabei in die Augen.„Ich habe gar nicht an die Mutter gedacht und Alles für mich behalten.“ „Beruhige dich nur!“ ſprach Margarethe.„Wie hätteſt du auch anders gekonnt, da du den ſchlimmen Guntram immer auf der Naſe ſitzen hatteſt?! Meine Bärbel iſt dagegen viel beſſer und hat mir ſogar von ihrem Eſſen und Biere geſchenkt. Komm' und laß uns gehen!“ Als Margarethe die niedere Strohhütte, welche ihre 51 Mutter bewohnte, von weitem erblickte, fing ſie an zu weinen.„Ob ſie nicht frieren wird?“ ſprach ſie ſchluchzend. „Wenn ſie uns nur nicht alle Sachen verbrannt hätten! Dann hätte die Mutter doch noch Betten und Kleider genug.“ „Weiter dürfen wir nicht gehen“— ſprach Fried⸗ bert, da ſie noch etwa zwanzig Schritte von der Hütte entfernt waren.„Sonſt werden wir beide und die Mutter dazu todt gemacht. Ich ſehe ſie nirgends— ſie ſteckt jedenfalls in ihrer Hütte.“ Vor deren Eingange lehnte ein großes Strohbündel, ſo daß man nicht in das Innere blicken konnte. „Mutter! Mutter!“ riefen die Geſchwiſter erſt ge⸗ dämpfter, dann lauter und lauter. Keine Antwort erfolgte. Nichts regte ſich in der Hütte. „Sie iſt todt!“ ſprach Friedbert erſchrocken. „Ach, meine arme Mutter!“ weinte Margarethe und ſchritt raſch der Hütte zu. „Um aller Heiligen willen, nicht weiter!“ ſchrie Friedbert und zog ſeine Schweſter am Rocke zurück. „Bedenke, daß du ausgeſtoßen wirſt wie ſie, wenn du näher gehſt. Vielleicht ſchläft ſie nur! Wir wolle lauter ſchreien und ſonſt noch Lärm machen.“ Und ſie ſchrieen und klatſchten abwechſelnd mit b. Händen.„ Die Hütte blieb todt⸗ „Wäre es ein Wunder“— jammerte Margaethe— 4* 52 „wenn ſie todt wäre? Ach, und wir haben ſte nicht beſucht! Was muß ſie von uns gedacht haben?! Auf uns böſe iſt ſie aus der Welt gegangen! Wie wird ſie ſich gehärmt haben, weil keins ihrer Kinder ſie be⸗ ſucht hat!“ „Durften— konnten wir denn?“ ſchluchzte Fried⸗ bert.„Ihr iſt nun wohl— bei den lieben Engelein im Himmel iſt ſie nun und bei unſerm erſchlagenen Va⸗ ter. Da muß ſie nun auch wiſſen, daß wir unſchuldig ſind. Jedenfalls liegt ſie todt in ihrer Hütte und weißt du, was man nun machen wird? Sie und die Hütte verbrennen, wie man unſre Sachen verbrannt hat.“ „Komm',“— ſprach Margarethe—„laß uns vor allen Dingen in die Erasmuskirche dort gehen und für unſere geſtorbene Mutter zu allen Heiligen beten. Und ſparen will ich jeden Hohl⸗ und Dickpfennig, bis ich ſo viele Schillinge zuſammen habe, daß ich eine oder etliche Seelenmeſſen für unſre Mutter leſen laſſen kann.“ „Das will ich auch“— ſagte Friedbert entſchloſſen —„und wenn ich ein ſo reicher Mälzer werden ſollte wie unſer Ohm iſt, ſo beſtelle ich gleich etliche hundert Seelenmeſſen, obſchon unſere Mutter ſchwerlich in's Fege⸗ feuer kommen wird, da ſie hier ſchon lange genug in einem ſolchen geſteckt hat.“ „Bedenke nur, Friedbert!“ klagte Margarethe— „daß wir nun gar niemanden auf der Erde mehr haben, der es gut mit uns meint. Den Ohm dürfen wir gar nicht rechnen. Der behält uns nur, weil er muß.“ 53 „Ja, und arbeiten müſſen wir für das Biſſel Brot, das er uns giebt, wie— ja wie ein Vieh“— ſprach Friedbert.„Ich fühle Abends meine Knochen kaum.“ „Aeltern bleiben Aeltern“— meinte Margarethe— „ſelbſt wenn ſie wunderlich ſind.“ Unter dieſen Worten näherten ſich die Kinder vu Kapelle, welche an der Meißnerſtraße ſtand, dem heiligen Erasmus gewidmet war und meiſtens von den, auf dem Elbſtrome anlangenden Schiffern beſucht wurde. Ein Stück ſeitwärts von der Kapelle ſahen die Geſchwiſter eine vermummte Geſtalt auf einem Steine, wie ein Steinbild ſelbſt, ſo regungslos, ſitzen. „Ihr Heiligen! da ſitzt unſre Mutter!“ rief Mar⸗ garethe überraſcht und eilte vorwärts. „Nicht zu nahe! Gretel!“ bat Friedbert, nach⸗ jagend—„hörſt du? Nicht zu nahe, um dein und der Mutter willen!“ „Mutter! Mutter!“ ſchrie Margarethe faſt jauch⸗ zend.„Du lebſt noch? Gott und allen Heiligen ſei dafür Dank!“ Hier hielt das Mädchen ſeine Schritte, wie ſeine Stimme an, und heftete ſein Auge neugierig auf eine lange Stange, welche die Kranke in ihren Händen nach der Landſtraße ausgeſtreckt hielt. Das ſtärkere Ende derſelben ruhte auf ihrem Schvoße und das ſchwächere war mit einem linnenen Säcklein verſehen. Das Geſicht der Frau war, wie immer, bis auf das Kinn herab mit einem Kopftuche oder einer Art Kapuze verhüllt, ſo wie 54 man auch die Hände unter den weit vorgehenden Aermeln des Oberkleides nicht ſehen konnte. „Mutter! Mutter!“ begann Margarethe von neuem —„ach, was wir erſchrocken waren, da wir dich in deiner Hütte riefen und du nicht antworteteſt! Wir glaubten ganz gewiß, daß du geſtorben wäreſt. Wie iſt dir es ergangen? Haſt du noch immer viele Schmer⸗ zen? Friert dich? Mußt du hungern oder haſt du Durſt? So rede doch nur, liebe Mutter!“ Aber die Frau ſchwieg und rührte ſich nicht. „Es wird ihr vor's Gehör gefallen ſein“— ſprach Friedbert zu ſeiner Schweſter und aus allen Kräften hob er an zu ſchreien:„Mutter! ſo höre doch! Wir ſind's— deine beiden Kinder! Gretel und ich! Mutter! Mutter! biſt du taub geworden?“ „Ich vermuthe eher, daß ſie falſch auf uns iſt“— meinte Margarethe— weil wir ſie nicht ſchon eher be⸗ ſucht haben. Sie war noch daheim manchmal recht wunderlich und wortkarg, woran 22. ihre große Schmerzen ſchuld ſein mochten.“ „Mutter!“ rief Friedbert überlaut—„du darfſt nicht auf uns zürnen, weil wir nicht eher gekommen ſind und dich beſucht haben. Denn der Ohm hat uns nicht über die Hofſchwelle gelaſſen und uns wie einen Schatz bewacht. Wenn er's wüßte, daß wir alleweile hier ſind, ſo würden wir's auszubaden bekommen. Aber wenn er uns auch tüchtig durchbläut, ſo wollen wir die & 55 Schläge doch gern erleiden. Nur rede mit uns und ſei nicht mehr tückiſch auf uns.“ Alle dieſe Reden und Bitten waren vergeblich. Die Ausſätzige blieb unbeweglich und ſtumm. „Ich habe dir auch etwas mitgebracht, liebe Mutter!“ hob Margarethe wieder an.„Es iſt freilich nicht viel; aber ich konnte nicht mehr erübrigen. Ich will das Bün⸗ del eine Stange weit von dir hinterwärts legen, daß du es an dich nehmen kannſt. Schau' doch auf, liebſte Mutter! Oder nicke wenigſtens mit dem Kopfe oder rede nur ein paar Worte mit uns. Sollen wir armen Kinder denn ganz ohne Troſt und ohne freundliches Wort von dir gehen? Der Ohm und ſeine Leute machen uns das Leben eben nicht leicht. Fleiſch und Bier und Weiß⸗ brot iſt in dem Bündel, und wenn du zu etwas Be⸗ ſonderem Luſt haſt, ſo ſage es uns doch nur!“ Die Kinder warteten hierauf eine Weile auf Ant⸗ wort. Als dieſe jedoch von der Frau nicht erfolgte, begannen beide zn weinen. Auch dies ſchien keinen Ein⸗ druck auf das Mutterherz zu machen. Es war, als ſitze der leibhaftige Hiob auf ſeinem Aſchehaufen da und ſeine drei Freunde ſtumm ihm gegenüber. Während dem kam ein Wäglein, mit einer Leinwandplane überwölbt und mit einem Pferde beſpannt, die Meißner Straße herauf. Ein Mann in einer fremdartigen Tracht und mit einem großen, ſchwarzen Barte ſchritt neben dem Thiere her, das er jetzt ſtill ſtehen ließ, um die Kinder nach der Urſache ihres Weinens zu befragen. — 56 „Da ſitzt unſere Mutter“— erklärte Margarethe ſchluchzend—„und ſie will uns nicht antworten, ſo ſehr wir ſie auch bitten.“ 8 „Was iſt mit dem Weibe?“ fragte der Fremde. „Was ſoll die Stange mit dem Säcklein?“ „Unſere Mutter“— ſprach Friedbert ſtockend—„iſt ſehr krank— hat den Ausſatz oder die Lepra, wie der Doctor das Ding nennt. Darum iſt ſie ausgeſtoßen worden und muß dort mutterſeelen allein in jener Stroh⸗ hütte wohnen. Und wir ſollen ſie nicht beſuchen und nicht in ihre Nähe kommen, bei Todesſtrafe! Aber wir haben es doch gethan und nun will ſie uns nicht einmal eine Antwort geben.“ „Der Ausſatz? die Lepra?“— verſetzte der Fremde —„au weh! weh! Das iſt eine böſe Krankheit! Das juckt und brennt und grimmt und ſticht, als wenn tau⸗ ſend Skorpione auf der Haut umherkröchen. Glaub's gern, daß Einem da die Luſt zum Sprechen vergeht. Verfluchte doch Hiob deshalb den Tag ſeiner Geburt⸗ Darum müßt ihr's eurer Mutter nicht übel auslegen, wenn ſie nicht mit euch ſpricht. Armes Weib! he! weißt du, daß der Heide Narmann ſeinen Ausſatz verlor und rein ward wie ein Kindlein, als er auf das Geheiß einer hebräiſchen Dirne zum Propheten Eliſa fuhr und ſiebenmal in den Jordan untertauchte. Schau', armes Weib! dort fließt zwar nicht der Jordan, doch ein ſchöner, großer Waſſerſtrom. Sollteſt du nicht deine Krankheit verlieren oder wenigſtens Linderung bekom⸗ 57 men, wenn du öfters dich dort in dem Waſſer ba⸗ deteſt?“ „Mir wär's dazu ſchon zu kalt“— ſprach hier Friedbert heimlich zu ſeiner Schweſter—„geſchweige denn unſrer Mutter!“ Der Fremde wendete ſich nun an die Kinder mit der Frage: „Wo finde ich in der Stadt eine gute Herberge?“ „Wo?“ verſetzte Friedbert—„gleich in unſrer Alt⸗ ſtadt, links vor der Brücke bei dem Herbergsvater Jüch⸗ ziger, der bei uns ſein Bier entnimmt und auch guten Wein ausſchänkt.“ „Jüchziger, links vor der Brücke?“ ſprach der Fremde wiederholend.„Gut! ich danke dir, mein Sohn!“ Der Mann langte hierauf aus ſeiner Taſche etliche kleine Münzſtücken hervor, welche er in das Säcklein warf, worauf er weiter fuhr. Indeſſen hatte Margarethe bemerkt, daß aus dem Grunde des Fuhrwerks, der ziem⸗ lich dunkel durch die verhüllende Plane gemacht wurde, einige Geſichter neugierig hervorgeſpürt hatten. „Der Fremde war ein Jude!“ ſprach Margarethe mit Beſtimmtheit zu ihrem Bruder.„Ich merkte das gleich an ſeiner Ausſprache und an ſeinem Geſichte.“ „Mir hat er das Herz noch ſchwerer gemacht als vorher“— bemerkte Friedbert.. „Ja, er gab uns leidigen Troſt wegen unſrer Mut⸗ ter“— verſetzte Margarethe.„Wir werden wohl nichts aus ihr herausbringen. Komm', Friedbert, wir wollen * 58 in die Kapelle gehen und dem heiligen Erasmus unſre Noth klagen. Vielleicht erhört er uns und bittet bei der Mutter Gottes für unſere Mutter. Schau' doch, eben ſchaukelt ſich die Glocke auf dem Hauſe und wird zur Meſſe läuten.“ Wirklich erklang noch in derſelben Minute des Glöck⸗ leins heller Ton, der ſelbſt auf die verſteinte Frau nicht ohne Einwirkung zu bleiben ſchien, denn ſie machte die erſte und einzige Bewegung mit ihren Händen, als falte ſie dieſelben zum ſtillen Gebete. Bevor Margarethe ging, legte ſie ihr Bündel in einiger Entfernung hinter ihre Mutter nieder und machte ſie durch lauten Zuruf darauf aufmerkſam. Unter dem Läuten der Glocke betraten die beiden Kinder das Gotteshaus, deſſen Altar durch Kerzenglanz erleuchtet und mit dem Bilde des heiligen Erasmus ge⸗ ſchmückt war. Margarethe und Friedbert warfen ſich auf die Kniee nieder und hörten, ſtill für ihre Mutter betend, der Meſſe zu. Feierliche Orgelklänge durchwallten das ſtille Gotteshaus und dem laut betenden Prieſter am Altare antwortete ſingend ein Chor jugendlicher Stimmen in lieblichem Wechſel. Die kleine Schelle ſchrillte laut, als der Prieſter die Monſtranz in die Hände nahm, und tief verneigten ſich die Anweſenden und bekreuzigten ihr Antlitz und ſchlugen dreimal an ihre Bruſt. Den Frieden in der jugendlichen Bruſt verließen die Geſchwiſter die Kapelle, um zu ihrer Mutter zurück⸗ 59 zukehren. Dieſe ſaß noch immer unbeweglich und in ſich geſchmiegt da. Auch das Bündel mit den Eßwaaren und dem Bierfläſchchen lag unberührt an ſeinem Orte, allein dicht daneben entdeckte Margarethe ein Häuflein kleiner Silbermünzen, welches vorhin nicht da gelegen hatte. „Mutter! v meine Mutter!“ rief Margarethe be⸗ troffen aus—„Geld!? Du haſt's hingelegt! Was ſoll ich dir dafür kaufen?“ Jetzt endlich erſcholl der Mutter Stinne dumpf unter der Hülle hervor: „Ich bedarf nichts— kein Silber macht mich ge⸗ ſund— gebraucht das Geld für euch— betet für mich — daß mich— Gott bald— erlöſe!“ Da weinten wiederum beide Kinder und nahmen in herzbrechenden Worten Abſchied von ihrer Mutter, die wieder ſtumm geworden war. Während ſie davon gin⸗ gen, hob Margarethe an: „Wie gut unſre Mutter noch immer gegen uns iſt! Was ſie an Gelde nur hat, ſchenkt ſie uns, damit wir uns etwas dafür kaufen ſollen. Aber nicht wahr, Fried⸗ bert, wir verthun das Geld nicht, ſondern heben es für die Mutter auf? Ach, wenn wir ſo viel dazu ſparen könnten, daß wir unſrer Mutter einen warmen Pelz kaufen könnten! Wie will ſie denn ſonſt den Winter überleben? Wir müſſen für unſre Mutter ſorgen, da ſie dies nicht ſelbſt thut und thun kann. Wer ihr nur zu eſſen und trinken reichen mag?“ 60 „Das läßt der Herr Bürgermeiſter durch einen Stadtknecht beſorgen“— verſetzte Friedbert.„So hat mir wenigſtens unſer Popp erzählt. Ach, der gute Popp! er allein meint's, außer dir, noch gut mit mir. Er hat mir geſagt, daß ich ihn doch beſuchen ſollte. Er wohnt gleich neben dem Rhänitzthore und wenn ich wüßte, daß Guntram noch eine Weile außen bliebe, ſo ginge ich auf der Stelle zu ihm. Einen zahmen Raben hat er und auf den Thorthurm kann er ſteigen, ſo oft er will. Dort ſoll man eine prächtige Ausſicht haben. Gehſt du mit, Gretel? Was wollen wir ſchon daheim?“ In jenen Zeiten, wo die Männer noch der Tabacks⸗ pfeife, der Schnupftabacksdoſe, der Zeitungen, des Billard⸗ und wohl auch des Kartenſpiels entbehrten, wo man bei Kaffee⸗ und Theetrinken noch nicht die Zeit verplaudern konnte und es keine Leihbibliotheken gab: da war es nicht zu verwundern, wenn die Männer zuſammenkamen, um mehr dem Trinken als dem Schwatzen obzuliegen. Darum waren auch jetzt wenig Männer daheim in ihren Wohnungen anzutreffen und zu dieſen wenigen gehörte Popp, der Böttchergeſelle. Meiſter Pumpers Haus lag zunächſt an dem Rhänitzthore, über welchem ein nicht hoher, aber ziemlich geräumiger Thorthurm thronte. Der Hofraum, welcher innerhalb der hohen Stadtmauer und zwiſchen dem Böttcherhauſe und dem Thorthurme ſich erſtreckte, diente dem Böttchermeiſter eben ſo wohl zur Arbeitsſtätte und zur Aufbewahrung ſeiner Faßdau⸗ ben, als dem Thorwächter zur beliebigen Benutzung. — 61 Hier ſaß Popp, als die Kinder ihn zu beſuchen kamen, und ſpielte mit ſeinem Raben, welcher, wie ein Hans⸗ wurſt, drollige Sachen machte. Popp ging in ſeinem Sonntagskleide, das in einem braunen Tuchwamſe und eben ſolchen Hoſen beſtand. Neu und ſchön war es nicht mehr, doch reinlich und ohne Löcher. Seine großen, ſtechenden Augen funkelten vor Freude, als er die Geſchwiſter kommen ſah. Hurtig ſtand er von ſeinem Sitze an der Stadtmauer auf und ging, von ſeinem Raben begleitet, den Kindern entgegen, die er mit traulichem Handſchlage willkommen hieß. „Habt ihr endlich einmal ausfliegen dürfen, ihr armen Kinder?“ ſprach er mitleidig.„Warum aber ſeid ihr nicht eher gekommen, daß wir zuſammen hätten in die Heide gehen und Waldbeeren ſuchen können? „Ach, Popp!“ verſetzte Friedbert, indem er ſich be⸗ ſorglich umſah—„du wirſt uns nicht verrathen— wir haben unſre arme Mutter beſucht.“ „Das iſt nicht mehr wie Lecht und billig“— ver⸗ ſetzte Popp—„vorausgeſetzt, daß ihr vorſichtig waret und euch nicht zu nahe an das arme Weib gewagt habt. Wie geht es ihr?“ „Schlimm, ſehr ſchlimm“ antwortete Friedbert trau⸗ rig.„Sie hat noch immer ſo große Schmerzen, daß es lange, ſehr lange dauerte, ehe ſie nur ein paar Worte von ſich hören ließ. Gretel hier hatte ſich etliche gute Biſſen von ihrem Eſſen abgedarbt und auch ein Fläſchchen mit Bier in ein Bündel gepackt, wie du hier ſiehſt. 62 Aber die Mutter ſagte: ſie möge nichts und brauche nichts. Beten ſollten— wir für ſie— daß ſie— bald ſtürbe!“. Die letzten Worte ſprach der Knabe ſtockend und ſeine Thränen gewaltſam bekämpfend. „So allein für ſich bleiben zu müſſen“— ſprach jetzt Margarethe klagend—„mit keinem Menſchen um⸗ gehen und reden zu dürfen!“ „Wenn unſre Mutter nur wenigſtens ſo einen Ra⸗ ben um ſich hätte, wie du Popp!“ fuhr Friedbert fort. „Mein Hanſel meinſt du, Friedel?“ erwiederte Popp und blickte freundlich auf den Vogel hernieder, welcher dieſen Blick mit einem Flügelſchlage und einem fröh⸗ lichen Schreie vergalt.„Das treue Thier! Man ſollte gar nicht denken, daß ein unvernünftiges Thier ſo dank⸗ bar und verſtändig wäre wie mein Hanſel iſt Ich fand ihn hier neben dem Thurm, da er noch ganz klein und oben aus dem Neſte gefallen war, das die alten Raben auf dem Thore erbaut hatten. Ich hob ihn auf und pflegte ſeiner und ſeitdem verläßt er mich nicht mehr. Wenn ich arbeite, ſo leiſtet er mir Geſellſchaft; bin ich auswärts geweſen, ſo empfängt er mich mit einem Freu⸗ dengeſchrei; hab' ich Grillen oder Langeweile, ſo ver⸗ treibt er ſie mir durch ſeine Schnaken. Ein Kind kann es nicht beſſer mit ſeiner leiblichen Mutter meinen, wie dieſer Vogel mit mir. Er merkt's ordentlich, wer es gut oder übel mit mir meint, wer mein Freund oder Feind iſt. Meinen Meiſter Pumper— Popp ſprach 63 leiſer— kann er gar nicht leiden und dieſer ihn wiederum nicht. Nun, er hat ſeine Mucken, wie faſt jeder Meiſter, und wann er üble Laune hat, ſo läßt er ſie gern an mir aus, weil er bei ſeinem Weibe damit nicht ankom⸗ men darf. Doch das bleibt unter uns, Kinder!“ „Wir wollen uns nicht von einem Vogel und noch dazu von einem Raben beſchämen laſſen; nicht wahr, Friedbert?“ ſagte Margarethe.„Unſre Mutter hat noch weit mehr an uns gethan als Popp an dem Raben. Verſtehſt du mich?“ „Ei ja wohl!“ erwiederte Friedbert.„Da fällt mir aber etwas ein. Wenn nun der Ohm oder die Baſe, oder Guntram oder Bärbel oder ſonſt jemand von des Ohms Leuten das Häuflein Geldſtücke bei mir oder dir ſieht, das uns die Mutter gegeben hat: ſo wird's verrathen, daß wir bei ihr geweſen ſind. Wie wär's, wenn wir es Popp zum Aufheben gäben?“ „Das iſt wahr und ein geſcheidter Einfall von dir, Friedbert!“ verſetzte Margarethe.„Hier, lieber Popp! iſt das Geld, welches uns die Mutter gegeben und das ſie von den Vorübergehenden geſchenkt bekommen hat. Wir ſollen es für uns behalten; wir aber gedenken der Mutter einen warmen Pelz für den Winter zu kaufen und wollen deshalb noch mehr dazu ſparen.“ „Das iſt recht von euch!“ lobte Popp.„Laßt mich die Geldſtücke zählen. Da ſind 7 Denare, 35 Pfennige, ha! ſelbſt 5 Schillinge ſind dabei und was für Münze iſt dies? Dieſe kenne ich gar nicht.“ 64 „Es wird das Geſchenk des Juden ſein“— ſprach Margarethe— welcher vorhin mit ſeinem Wagen vor⸗ über kam.“ „Von einem Juden?“ fragte Popp verwundert. „Hm! derſelbe iſt mitleidiger geweſen als ein Chriſt, der ſchwerlich einer Jüdin etwas geſchenkt haben würde. Nun, ich werde euer Geld gewiſſenhaft aufheben.“ „Wir möchten nun heimkehren“— ſprach Friedbert ängſtlich.„Wenn Guntram zurückkommt und mich nicht findet, ſo ſetzt es Schelte oder Schlimmeres noch.“ „Guntram, der nach Klotzſcha gegangen iſt?“ ver⸗ ſetzte Popp.„O der kommt lange noch nicht zurück. Jetzt iſt's noch heller Tag und gar nicht ſpät. He! Freund Bankel!— Popp rief zum Thorthurme hinauf. „Nicht wahr, du ſiehſt noch keine vollgeladenen Zecher von Klotzſcha herabkommen?“ „Die Straße iſt wie rein gekehrt!“ lautete die Ant⸗ wort und der Kopf des Thorwächters kam aus einem Fenſter hervor, welches von wildem Weine umgeben war und durch die ſchon gelb und roth ſich färbenden Blätter eine wahre Zierde erhielt. „Willſt du uns nicht Geſellſchaft leiſten, Bankel?“ fragte Popp abermals.„Mein Hanſel mag indeß dein Amt übernehmen und Wacht halten.“ Da kam der Wächter herab und nahm an der Seite der Kinder Platz, welche mit dem Raben ſich unterhielten. Popp aber war in's Haus gegangen und kehrte mit einer Schleifkanne voll Lippmanniſchen Bieres 65 zurück, das er ſeinen Gäſten zum Beſcheid darbot. Zu⸗ gleich machte er mit der Hand eine aufwärts deutende Bewegung, wobei er zu dem Raben ſprach:„Hopp! hopp! mein Hanſel! hab' Acht!“ Da hob der Rabe mit lautem Gekreiſch ſeine ſchwar⸗ zen Schwingen und flog auf die Spitze des Thurms, wo er wie eine Wetterfahne den Kopf mit den ſcharfen Augen nach allen Himmelsgegenden hinwendete. „Wenn ihr“— hob der Thorwächter zu den Kin⸗ dern an—„des Mälzers Lippmann Schweſterkinder ſeid, ſo war euer ſeliger Vater mein guter Freund und Kamerad. Ihn hat der Raubritter von der Zwenkau auf dem Gewiſſen. Ich war dabei, als er erſchlagen wurde und nimmermehr kann ich den Anblick aus dem Sinne bringen. Wir waren 10 Geleitsmänner, welche die Kaufmannsgüter des reichen Brockmeiers von Dres⸗ den nach Freiberg geleiten ſollten. Im Tharanter Walde aber überfiel uns der von Zwenkau mit ſeinen Buſch⸗ kleppern, doppelt ſo viel als wir waren. Wir wehrten uns tapfer und abſonderlich hatte euer Vater ſchon drei von den Spitzbuben in den Sand geſtreckt, als der von Zwenkau ſelbſt ihm ſeine Lanze durch die Bruſt rannte. Wir mußten endlich der Uebermacht weichen und uns zurückziehen. Dieſe Schmarre hier an der Stirne“— Ein lautes Geſchrei des Raben unterbrach plötzlich den Erzähler.— Nieritz. Die Ausgeſtoßene. 5 66 Lünftes Bapitel. Die Geißelbrüder. Alle blickten betroffen zur Thurmſpitze empor, wo der Rabe ſeinen Kopf nach Abend gerichtet hielt, mit Schreien fortfuhr und dabei heftig die Flügel ſchlug. In großen Sätzen ſprang Bankel nach dem Thurme hin, die Treppe hinauf und gleich darauf erſcholl es„duut! duut!“ vom Thurme. Dieſes Hornblaſen begleitete des Raben Geſchrei und Flügelſchwingen. „Was giebt's nur?“ ſprach Popp beſorgt.„Sollte ein Feind die Stadt überfallen wollen? Wüßte ich doch nicht, daß ſie jetzt mit irgend jemand in Fehde lebte!“ 7 „Duut! duut!“ blies Bankel immer wieder, da⸗ zwiſchen ſchreiend:„Bürger'raus! Bürger'raus! Zu den Waffen! Zu den Waffen! duut! duut! duut!“ Im raſchen Davoneilen rannte Popp die Schleif⸗ kanne um, ſo daß das gute Bier auf die Erde dahin floß. Die Kinder aber ſahen ſich beſtürzt an und wuß⸗ ten nicht, ob ſie bleiben oder davon laufen ſollten. Jetzt kehrte Popp aus dem Hauſe zurück. Als friedlicher Böttchergeſelle war er hineingerannt, als be⸗ waffneter Krieger kam er wieder herausgeſprungen. Auf ſeinem Haupte ſaß eine Blechhaube; über der Achſel ruhte das Wehrgehänge mit dem kurzen Schwerdte, und an —— 67 dem linken Arme hing ein runder, hölzerner, mit ſtarkem Leder überzogener Schild. „Wo? wo iſt der Feind?“ rief Popp und ſprang die Thurmtreppe hinauf. Die Kinder in ihrer Angſt ihm nach. Bankel ſchnappte nach Athem, als ihn Popp befragte, und deutete ſprachlos nach der Meißner Straße hin. Wirklich gewahrte Popp dort einen dichten und anſehnlichen Menſchenhaufen, welcher ſich gegen das Meißener Thor vorwärts bewegte. „Siehſt du“— keuchte Bankel—„die flatternden Fahnen— des Feindes? Hörſt du— ſein Kampfge⸗ ſchrei? O! und die Bürger nicht daheim! Die Stadt — wie aus— geſtorben!“ „Ich aber höre nicht“— ſprach Popp—„daß der Wächter auf dem Meißner Thore Lärm blieſe! Die hnen ſehe ich wohl; auch vernehme ich laute Menſchen⸗ ſtimmen. Aber für einen Ueberfall bewegt ſich der Feind nicht ſchnell genug. Nur langſam dringt der Menſchen⸗ haufe vorwärts.“ „Es kann eine Kriegsliſt ſein“— verſetzte Bankel und nahm das Lärmhorn wieder an die Lippen. „Ach lieber Gott!“ rief Margarethe erſchrocken aus—„Meine arme Mutter! Die fällt zuerſt dem Feinde in die Hände!“ „Mit nichten!“ tröſtete Popp.„Deine Mutter hat einen ſichrern Schild als ich und alle Kämpfer in der Welt beſitzen. Sie darf nur ihr Antlitz ſehen laſſen und jeglicher Feind wird vor ihr die Flucht ergreifen. 5* 68 Doch ſeht, mein Hanſel fleucht dahin. Ich wünſchte mir jetzt ſeine Flügel, um den vermeinten Feind aus ſichrer Höhe beobachten zu können. Doch ich muß fort— muß das bedrängte Thor vertheidigen helfen. Bankel! du möchteſt das Fallgitter herablaſſen, damit der Feind nicht auch durch unſer Thor hereindringen und die Bürger in dem Rücken angreifen kann. Ach, ſieh! mein Hanſel kommt ſchon zurück! Nun, was haſt du erkundet? Schade, daß du nicht reden kannſt.“ Der Rabe ſetzte ſich auf ſeines Herrn Schulter und begann mit dem Schnabel ſeine Flügel zu putzen. „Das iſt ein gutes Zeichen“— meinte Popp— „und beſagt wohl eben ſo viel als das Oelblättlein, welches die Taube dem Erzvater Noa nach der Sünd⸗ fluth heimtrug. Demohnerachtet aber muß ich nach dem Meißner Thore. Kommt mit mir, Kinder! Ich will euch bis an euer Haus bringen, das ohnehin an meinem Wege liegt.“ Kaum ein Dutzend und noch dazu meiſtens alte Bürger waren es, welche ſich unterwegs an Popp an⸗ ſchloſſen, um ſich nach dem bedrohten Thore zu begeben. Schon vor Lippmanns Brauhauſe kam das Geſchrei den anrückenden Bürgern entgegen, daß kein Feind, ſondern nur ein Zug Flegellanten oder Geißelbrüder, an welche ſich ein Haufe neugierigen Volks angeſchloſſen hätte, der Stadt ſich nähere. „Flegellanten? hi! von denen habe ich erzählen hören“— ſprach Popp.„Der Beſchreibung nach müſſen 69 ſie närriſche Kauze ſein. Wir wollen ſehen, was mit ihnen iſt. Sie geben vor, daß der heilige Petrus öffent⸗ lich in Rom erſchienen ſei und allen denen Vergebung ihrer Sünden zugeſagt habe, welche ſich 40 Tage lang öffentlich geißeln würden.“ Jetzt wälzte ſich der Volkshaufe, in deſſen Mitte die Geißelbrüder einherſchritten, die Meißnergaſſe herab. Einige von den Flegellanten, welche insgeſammt bis auf die Hüften entkleidet gingen, trugen Kreuzfahnen von Sammet und Seide voran. Die übrigen Flegellanten zogen paarweiſe hinterdrein. Ihre Hüte und Gewänder waren mit Kreuzen bezeichnet und ihre Hände mit Gei⸗ ßeln verſehen, an denen ſich eiſerne Stacheln befanden. Die Liederreime, welche ſie im Gehen mit rauher und unmelodiſcher Stimme ſangen, waren eben nicht nach den Regeln der edlen Dichtkunſt verfaßt und lauteten alſo: „Nun iſt die Betfahrt alſo hehr Als Chriſt gen Jeruſalem ritt ſelber. Er führt das Kreuz in ſeiner Hand. Nun helfe uns der Heiland. Nun iſt die Betefahrt alſo gut. Hilf uns Herr durch dein heiliges Blut, Das du am Kreuze vergoſſen haſt. Als ſie ſo ſingend in der Nähe der Pfarrkirche zu Altſtadt, die damals in der Rähe des Marktplatzes lag, anlangten, fielen die auf die Kniee nieder * und ſtimmten an: „Jeſus ward gelabet mit Gallen, Deß ſollen wir all' an ein Kreuze fallen.“ 70 Nach dieſen Worten fielen je zwei von ihnen kreuz⸗ weis über einander zur Erde und der Anführer hob an zu ſingen: „Nun hebet all' auf eure Hände Daß Gott das große Sterben wende. Nun hebet all' auf eure Arme, Daß Gott ſich über uns erbarme.“ Noch zweimal wurde das Niederfallen wiederholt, worauf der Anführer der Geißelbrüder über einen jeden von ihnen hinwegſchritt, ihn mit der Geißel ſchlug und ſprach: „Steh' auf durch der Marter Ehre Und hüte dich vor der Sünden mehre.“ Hierauf bewegte ſich der Zug nach der Elbbrücke. Hier machte er Halt und die Geißelbrüder begannen ſich mit ihren Geißeln blutig zu ſchlagen, was das Volk mit dumpfem Staunen anſah. Plötzlich entdeckte einer der Flegellanten, welcher unſtreitig ſeinen bisher ver⸗ biſſenen Schmerz an irgend etwas auslaſſen wollte, den⸗ ſelben Jnden, welcher mit ſeinem Wagen den Kindern begegnet war und deſſen Inhalt er in die nicht weit von der Elbbrücke befindliche Herberge auszuräumen be⸗ müht war. Da fuhr der blutende, halbnackte Flegellant wie ein Raſender auf den Fremdling ein, packte ihn bei der Bruſt und dem langen Barte und ſchrie: „Seht da einen Mörder unſers Heilands Jeſu Chriſti! Schlagt den Judas Iſcharioth todt! Sie ſind's, 71 die uns die Peſt auf den Hals geladen haben. Dieſer Verfluchte will auch dieſe Stadt mit der Peſt anſtecken. Um eures Heils willen ſchlagt ihn todt! Verbrennt den Sünder! Werft ihn in den Fluß!“ Die böſe That findet immer mehr Nachahmer und Gehilfen als die gute. Daher waren ſogleich bereit⸗ willige Hände ausgeſtreckt, um dem Flegellanten beizu⸗ ſtehen. Vergeblich wehrte ſich der Jude mit der Ver⸗ zweiflung Kraft gegen die Uebermacht. In das ent⸗ ſtandene Getümmel ſtürzten ſich jetzt unter einem Zeter⸗ geſchrei des Inden Gattin und zwei Töchter, welche bereits in der Herberge ſich befunden hatten und dieſe wieder verließen, um ihrem gefährdeten Gatten und Va⸗ ter beizuſpringen. Allein was vermochten ſechs ſchwache Arme gegen ſo viele männliche? Es wäre um des Ju⸗ den Leben geſchehen geweſen, wenn Popp ſich nicht ſeiner angenommen hätte. „Mitbürger!“ ſprach er zu jenen älteren Bürgern, welche mit den Waſſen in der Hand erſchienen waren, um den angeblichen Feind abtreiben zu helfen—„wollt ihr ruhig geſchehen laſſen, daß von dieſen Fremdlingen der Burgfrieden gebrochen und ein Gaſtfreund ohne Ur⸗ tel und Recht gemordet wird? Steht mir bei, Mit⸗ bürger!““ Wie ein Keil von hartem Holze, welcher durch die Macht eines niederfallenden Schlägels unwiderſtehlich in die erſte kleine Spalte eines weichen Holzſcheites getrie⸗ ben wird, drang der lange Popp, mit der Linken den 72 Schild vorhaltend und in der Rechten das gezogene Schwerdt ſchwingend, in den dichten Knaul von Men⸗ ſchen ein, welcher tobend und ſchreiend den armen ge⸗ mißhandelten Juden umgab. Zehn gutgeſinnte Bürger ihm nach. Popp's lange Hände bewieſen jetzt, daß ſie nicht allein Fäſſer zu binden und auf Reifen zu ſchlagen wuß⸗ ten. Wem er von ſeinen Gegnern mit ſeinem Schwerdt⸗ knopfe auf den Schädel oder nur auf die Achſel drückte, der verlor ſicher die Luſt zu weiterem Widerſtande. Er glich einem Mauerbrecher, welcher ſtumm, doch unauf⸗ haltſam Alles vor ſich niederwirft. Dem tollen Flegel⸗ lanten, welcher noch immer von dem Juden nicht ab⸗ laſſen wollte, ſtieß Popp den Schwerdtknopf ſo nach⸗ drücklich gegen die untere Kinnlade, daß unter einem lauten Gepraſſel etliche Zähne ihren Abſchied nahmen. „Achteſt du ſo das Gaſtrecht, Verblendeter?“ fragte Popp den Geißelbruder, welcher mit den verlornen Zäh⸗. nen zugleich ein Mundvoll Blutes ausſpie.. „Seine Väter“— ſprudelte der Flegellant—„ha⸗ ben Chriſtum gegeißelt und gekreuzigt.“ „Und deine Väter“— verſetzte Popp—„haben den Heidengott Thor angebetet und ihm Menſchenopfer geſchlachtet. Möglich ſogar, daß du von dem Landpfle⸗ ger Pontius Pilatus oder vom Longus herſtammeſt, wel⸗ cher ſeine Lanze dem Heilande in die Seite ſtieß. Doch der Sohn ſoll nicht tragen die Miſſethat des Vaters, und ſerbend betete Chriſtus zu ſeinem Gott: Vater — 73 vergieb ihnen!— Laß ab von dem Fremdling, oder du ſollſt nicht blos den Knopf, ſondern auch noch die Schneide meines Schwerdtes zu fühlen bekommen.“ Nicht unwahrſcheinlich war es, daß Popp und ſeine ihm folgenden Begleiter doch der Gewalt des erſt ein⸗ geſchüchterten, dann wieder auf's neue andrängenden Volkshaufens hätten unterliegen müſſen, wenn nicht in dem entſcheidenden Augenblicke ein wirkſamer Beiſtand in der Perſon des frommen Paters Anſelmus erſchienen wäre, welcher aus dem nahgelegenen Franziskanerkloſter herbeieilte. Derſelbe las den geſammten Flegellanten eine derbe Strafpredigt, verdammte ihr ganzes Treiben und warf ihnen vor, daß ſie geradezu gegen des heiligen Vaters Verbot handelten und darum des Landes verwieſen wer⸗ den müßten. Da Pater Anſelmus bei den Bewohnern Dresdens und beſonders der Altſtadt in großem Anſehen ſtand, ſo bewirkte ſeine Rede wenigſtens ſo viel, daß man von weiteren Mißhandlungen gegen den Juden abließ und daß die Flegellanten ihren Weg über die Elbbrücke nach der Neuſtadt fortſetzten. Popp aber lehnte die heißen Dankesergießungen des Juden und die der Frau und Töchter beſcheiden von ſich ab und geleitete die beiden Geſchwiſter heim. „Popp!“ ſagte Friedbert unterwegs—„du haſt geſtritten wie ein Ritter und gepredigt wie ein Pater⸗ 7⁴ Wie biſt du nur ſo geſcheidt bei deinem Faßbinden ge⸗ worden?“ „Hm! bei dem Faßbinden gerade nicht“— ver⸗ ſetzte Popp—„obſchon der Menſch bei jeder Arbeit und in jedem Stande etwas lernen kann. Wie des Mälzers Frau, deine Baſe: ſo wollte auch meine Mutter, daß ich Geiſtlicher werden ſollte. Darum bin ich bei den Mönchen in die Schule gegangen und habe mich mit den Pergamentbüchern und deren Krakelfüßen weid⸗ lich herumplagen müſſen. Da aber meine Mutter ſtarb und mein Vater nicht Mittel genug beſaß, um mein Lernen weiter fortſetzen zu laſſen, ſo hängte ich daſſelbe an den Nagel und ergriff ein Handwerk. Nun, etwas iſt doch von den Büchern und den Bemühungen der Mönche an mir hangen geblieben.“ Drei Tage nach dieſem merkwürdigen Michaelisfeſte gewahrte Friedbert mit großer Verwunderung, aus den Fenſtern des Malzbodens ſehend, daß derſelbe Wagen des Juden, welchen Friedbert bereits in weiter Ferne glaubte, unten vor dem kleinen, abgeſondert gelegenen Gartenhauſe ſeines Oheims ſtand. Zugleich bemerkte er den Juden ſelbſt, deſſen Frau und Töchter, welche grö⸗ ßere und kleinere Kiſten und Bündel in das Gartenhaus einräumten. Friedbert ſchloß hieraus mit Recht, daß ſein Oheim, den er als ſehr habſüchtig und geldgeizig kannte, das Gartenhaus an den fremden Juden ver⸗ miethet habe, was auch wirklich der Fall war. Aber der Jude ging ſehr ſelten aus. Dabei ver⸗ 4 —— 75 mied er, ſo wie ſeine Familie, den Weg durch den Gar⸗ ten und das Brauhaus zu nehmen; vielmehr benutzte er bei ſeinen Ausgängen die Thür, welche auf das Elb⸗ ufer hinausging, ſo wie den Weg, welcher durch das heutige Blockhausgäßchen auf den Marktplatz und die nahe Elbbrücke führte. Sechstes Bapitel. Der Bierkeller. Es war zu Anfang des Novembermonats, als Popp in Lippmanns Brauhofe ein neues Faß erbauete. Der Mälzer hatte daſſelbe zu einem Methfaſſe beſtimmt und darauf beſtanden, daß es unter ſeinen Augen ge⸗ fertigt werde. Popp hatte die zugeſchnittenen, eichenen Dauben zuſammengepaßt und ſolche mit einem einzigen Reifen in der Mitte loſe verbunden. Denn die Dauben, welche bekanntlich an beiden Enden ſpitzer zugeſchnitten ſind als in der Mitte, waren noch nicht durch des Feuers Macht krumm gezogen worden, ſondern ſtanden auseinandergeſpreizt da wie ein ſtörriges, eigenſin⸗ niges Kind. Friedbert ſtand dabei und ſahe dem Treiben Popp's zu, welcher unter dem Faſſe ein Feuer anzündete, gerade hinreichend, um die widerſpenſtigen Dauben zu bezwingen, 76 doch nicht zu verbrennen vder ihnen Schaden zu thun. Alſo macht es auch der Erzieher, wenn er endlich Kraft⸗ mittel gegen ſtörrige Kinder anwenden muß. Er thut ihnen wehe, doch ihrem Körper keinen Schaden. „Wie ihr Böttcher nur auf den Einfall gekommen ſeid“— hob Friedbert an—„durch Feuer die dicken, unbiegſamen Dauben krumm zu ziehen, ſo daß ſie ſich zu einem Faſſe abrunden laſſen?“ „Haſt du noch nicht bemerkt“— verſetzte Popp— „daß jegliches Ding, Lebendiges und Todtes, unter der Gluth des Feuers ſich zuſammenkrümmt, als fühle es die Schmerzen des Brennens? Schon die heißen Son⸗ nenſtrahlen ziehen dünne Bretter krumm oder windſchief. Auf dieſe Erfahrung hin bezwingt auch der Böttcher ſeine Dauben durch Feuer.“ „Popp! möchteſt du lieber ein Mälzer ſein als ein Böttcher?“ fragte Friedbert den Geſellen. „Hm!“ entgegnete Popp—„daran hab' ich noch nicht gedacht. Es hat jeder Stand ſeinen Frieden, jeder auch ſeine Laſt.“ „Aber ein Jude möchteſt du doch nicht ſein?“ fuhr Friedbert fort. „Das Judenthum iſt kein Stand, närriſcher Junge!“ lachte Popp—„das iſt ein Glaube— eine Religion.“ „Weißt du ſchon, Popp, daß der Jude, den du aus des Flegellanten Händen riſſeſt, unten in unſerm Gartenhauſe wohnt?“ „Ich weiß es!“ nickte Popp—„und mehr noch! ———————————————— 77 Simonſon heißt der Jude und iſt weit, weit her. Vom Rheine denk' ich. Er hat ſich mit Frau und Kindern von dort flüchten müſſen, weil die Chriſten eine grau⸗ ſame Verfolgung gegen alle Juden unternommen haben. Man beſchuldigt nämlich die Juden, daß ſie die Peſt, die nun ſchon ſeit zwei Jahren ganz Europa durchzieht, hervorgebracht hätten. Ob und wie das möglich iſt, begreife ich freilich nicht. Aber in der Stadt Straßburg hat man die Juden, Männer, Frauen und Kinder, 2000 an der Zahl, auf ihren Kirchhof geſchleppt und dort lebendig verbrannt. In der Stadt Mainz ſollen gar 12000 Juden in die Feuerflammen geworfen wor⸗ den ſein.“ „Bei allen Heiligen! Popp!“ rief Friedbert voll Erſtaunen aus—„dann müßte man ja einen ganzen Wald voll Bäume gehabt haben, um ſo viele tauſend Juden zu verbrennen! Bedenke doch, Popp!“ „Da haſt du auch wieder Recht, Junge!“ verſetzte Popp betroffen.„Wenn ich bedenke, welch' ein Haufen Holzes ſchon dazu gehört, um nur einen einzigen Men⸗ ſchen zu Kohle zu verbrennen: ſo müſſen zu 12000 Men⸗ ſchen wenigſtens eben ſo viele Baumſtämme erforderlich ſein. Nun, man mag das Verbrennen wohl übertrieben haben. Möglich auch, daß man die meiſten Juden mit dem Schwerdte oder auf andere Weiſe, anſtatt durch Feuer, aus der Welt geſchafft hat. Aber wahr iſt's dennoch. Sonſt hätte Simonſon nicht Geld, Gut und Waare im Stiche gelaſſen und ſich hierher geflüchtet. 78 Uebrigens wünſchte ich, daß alle Chriſten ſe ſein möch⸗ ten, wie der Jude Simonſon. Wenn dein Ohm nur halb ſo gut wäre; du würdeſt dich glücklich preiſen. Die Beweiſe davon habe ich in den Händen. Ich darf mich nur hier nicht weiter auslaſſen. Wir könnten be⸗ horcht werden. Aber wenn du mich beſuchſt, ſo ſollſt du mehr hören und— dich freuen.“ „He! Friedbert! wo ſteckt der Maulaffe!“ ſchrie jetzt Guntram aus einem Fenſter des Malzhauſes herab —„ſchnell, fauler Schlingel! die Bierfäſſer im Keller aufgefüllt!“ Friedbert eilte nach dem Brauhauſe, verſah ſich dort mit einer großen Kanne voll friſchen Waſſers und einem brennenden Holzſpane und ſchritt auf die Keller⸗ thür zu.. Da kam Margarethe die Treppe herabgetrippelt und rief ihrem Bruder halblaut zu: „Friedbert! Friedbert! nur ein paar Worte!“ „Gedulde dich nur etliche Augenblicke“ verſetzte Friedbert, welcher bereits auf den Kellerſtufen ſtand,— „ich bin gleich wieder da. Nur das Bier will ich auf⸗ füllen.“ Nach dieſen Worten eilte der Knabe in den Keller hinab. Margarethe wartete indeß oben vor der Kellerthüre. Die Zeit ward ihr dabei nicht wenig lang. Sie ſtand wie auf Nadeln. „Kommſt du noch nicht?“ rief ſie endlich hinab⸗ 79 „Ich kann wirklich nicht länger warten. Die Baſe möchte mich oben vermiſſen.“ Keine Antwort. Margarethe rief lauter und ſtieg einige Stufen hinab.„Hörſt du nicht, Friedbert? Wo ſteckſt du nur?“ Abermals Alles ſtill. Darauf that Margarethe noch einige Schritte in die rabenſchwarze Tiefe hinab. Auch nicht der ſchwächſte Lichtſchimmer von dem brennenden Holzſpane zeigte ſich, welchen Friedbert mit in den Keller genommen hatte. Keine Antwort auf Margarethens lauteſtes Angſtgeſchrei erfolgte. Dagegen vernahm ihr Ohr ein ſonderbares Ziehen, Brodeln, Rauſchen und dazwiſchen das dumpfe Stöhnen eines Menſchen. Zugleich war es als über⸗ ziehe eine Spinnwebe, welche immer dichter und dichter ward, Margarethens Antlitz und benahm ihr das freie Athemholen durch Mund und Naſe. Bon einem namenloſen Entſetzen erfaßt, ſprang das Mädchen die Stufen herauf und aus dem Brauhauſe in den Hof, wo ſie laut zu ſchreien begann: „Zu Hülfe! zu Hülfe! Mein Bruder ſteckt im Keller und kommt gar nicht wieder! Es iſt ſtockfinſter unten und mich wollte es erwürgen, als ich ihn zu ſuchen hinabſtieg. Ach! wenn er nur nicht etwa die Treppe hinuntergefallen iſt und den Hals gebrochen hat! Ich hörte ihn ſtöhnen, konnte ihn aber nicht ſehen und nicht finden. Zu Hülfe! zu Hülfe! Um Jeſu und der heiligen Jungfrau willen!“* 80 Dieſes Geſchrei hatte einen ſchnellen Zuſammenlauf faſt aller Bewohner des Brauhauſes zur Folge. Sie alle begaben ſich nach der Kellerthüre. Aber niemand fand ſich bereitwillig, hinabzuſteigen und den vermißten Knaben aufzuſuchen. Der Grund dieſer Zögerung war lediglich ein abergläubiſcher. „Es wäre nicht zum erſtenmale“— ſagte der Brau⸗ geſelle Markus—„daß der Teufel einem oder mehreren Menſchen zugleich den Hals in einem Bierkeller umge⸗ dreht hätte. Dabei hinterläßt er einen ſolchen Geſtank, daß jeder zu erſticken Gefahr läuft, der ſolche vom Teu⸗ fel erwürgte Menſchen aus dem Keller holen will. So erging's in Nürnberg vor zwei Jahren, wo in dem Brauhauſe, in welchem ich diente, drei Menſchen auf einmal im Keller verunglückten. Drei ganze Tage dauerte es, ehe der Teufelsgeſtank ſo weit nachließ, daß man den erwürgten Menſchen beikommen konnte. Dieſelbigen aber waren erſchrecklich anzuſchauen. Das Geſicht halb auf den Rücken gedreht und ſchwarzblau, die Augen aus dem Kopfe gequollen und die Zunge lang aus dem Halſe!“ „Auch ich weiß von drei ſolchen Beiſpielen zu er⸗ zählen“— ſagte der Meiſter Mälzer—„wo der Teu⸗ fel oder ſein Kobold die Leute bei lebendigem Leibe im Bierkeller geholt hat. Ein Einziger von ihnen war noch nicht ganz todt; aber er kam nicht wieder zur Beſinnung und quälte ſich erſchrecklich, ehe er's aus⸗ machte.“ 81 „Gewiß hat Friedbert unterlaſſen“— hob Bärbel an—„bei dem Hinuntergehen ein Kreuz über ſich zu ſchlagen und ſich der Mutter Gottes und den Heiligen anzuempfehlen. Denn ſonſt hätte ihm der Teufel nichts anhaben können. Aber er iſt immer ſehr hui und vor⸗ ſchnell.“ „Daran bin ich dießmal ſchuld!“ ſprach Mar⸗ garethe händeringend.„Ich wollte mit ihm reden und da verſprach er mir, recht ſchnell und gleich wieder zurück zu ſein. „Das haſt du von deiner ewigen Plauderluſt, du Plaudertaſche“— ſchalt die Baſe grämlich.„Was zwingt dich denn, deinen Bruder in ſeiner Arbeit auf⸗ zuhalten und ihn irre zu leiten, ſo daß er nun dem Satan in die Klauen gefallen iſt? Antworte, Jungfer Naſeweis! he?“ Margarethe blieb der liebloſen Muhme die Antwort ſchuldig, weil ſie ſich mit der flehentlichen Bitte an ihren Ohm wendete:„Ach, beſter Ohm! um aller Hei⸗ ligen willen, geh mit mir in den Keller hinab! Ich bin ein ſchwaches Mädchen, das allein nichts anfangen kann, wenn Friedbert ganz oder halbtodt unten liegen ſollte. Wir ſchlagen ein Kreuz über uns und empfehlen uns der heiligen Jungfrau und allen Heiligen, wie Bärbel gerathen hat— dann kann uns der Teufel nichts an⸗ haben.“ „Das ſoll mir nicht im Traume einfallen!“ ant⸗ wortete der Meiſter hart. Nieritz. Die Ausgeſtoßene.* 6 — 82 Händeringend wendete ſich Margarethe hierauf an Guntram. „Guntram! du haſt meinem Bruder geheißen, in den Keller zu gehen— hole ihn mit mir wieder herauf.“ „Dafür bedanke ich mich ſchön“— verſetzte der Geſelle höhniſch.„Mit dem Teufel iſt nicht zu ſpaßen.“ „Oder geh du mit, Markus!“ fuhr Margarethe zu jenem fort.„Du weißt ja, daß mein Bruder gut iſt und daß er niemandem etwas zu Leide thut.“ „Das wohl!“— erwiederte Markus—„aber— aber, was der Teufel einmal in ſeinen Klauen hat, das läßt er ſich nicht wieder nehmen. Wir könnten den Verſuch mit umgedrehten Hälſen bezahlen müſſen.“ „Bärbel!“ bat Margarethe mit aller Herzinnigkeit — komm' du mit mir! Ich will deine Magd ſein, ſo lange ich lebe— will alle die Arbeiten für dich ver⸗ richten, die du nicht gern thuſt. Erbarme dich doch!“ „Alles in der Welt: nur das nicht!“ ſprach die Magd.„Wo die Männer nicht einmal anbeißen wollen, da können wir gleich gar nichts anfangen. Du dauerſt mich, und Friedbert auch; aber ich kann dir nicht helfen.“ „Will denn niemand ſich erweichen laſſen?“ rief Margarethe außer ſich—„Iſt Keiner hier, der mit mir gehen will? Keiner? Keiner?“ Hier drängte ſich Popp's lange Geſtalt durch die Menge. „Was höre ich?“ rief er haſtig aus—„Friedbert unten im Keller? Den Hals hätte ihm der Teufel um⸗ 4 83 gedreht? Alte Weiber— Memmen ihr! Her mit dem brennenden Holzſpane! Und du Markus reißeſt ſogleich die Laden von den Kellerlöchern auf. Das gährende Bier— nicht der Teufel— kann jemanden erſticken.“ Popp riß dem Guntram den brennenden Span aus der Hand, nachdem er ſich ein in friſches Waſſer ge⸗ tauchtes Tuch über den Mund und die Naſenlöcher ge⸗ bunden hatte, und begann die Kellerſtufen hinabzuſteigen. Noch war er nicht ganz hinunter, ſo verloſch plötzlich die Lichtflamme des Holzſpans. „Jeſus Maria!“ ſchrie erſchrocken Margarethe, welche einige Stufen hinter Popp entfernt ſtand. „Zurück! hinauf!“ rief Popp dumpf dem Mädchen zu. Er ſchleuderte den nun unnützen Holzſpan von ſich und drang vorſichtig weiter. Margarethe verharrte unbeweglich auf ihrer Keller⸗ ſtufe. Eine ſtille, erwartungsvolle Pauſe trat jetzt ein. Alle lauſchten mit verhaltenem Athem. Ein ſchwaches Geräuſch drang herauf— Alles wieder ſtill. „Popp wird ſeinen Vorwitz theuer bezahlen müſſen“ — raunte Guntram ſchadenfroh ſeinem Nachbar zu. „Alte Weiber und Memmen hat er uns geſcholten. Was aber iſt er wohl alleweile? Ein Teufelsbraten, den ſich Satanas gut ſchmecken laſſen wird.“ „Er kommt! Er bringt ihn!“ rief jetzt Margarethe zwiſchen Freude und Angſt, indem ſie die Stufen eiligſt heraufkam. Ihr nach ſtieg Popp, in dem einen Arme 6* 84 den Knaben tragend, indeß er mit der andern Hand an der Kellermauer ſich heraufgriff. Oben angelangt, entfiel Friedbert ſeinen Händen; er ſelbſt taumelte wie ein Be⸗ trunkener und war keines Lautes mächtig. Mit einem krampfhaften Griffe riß er ſich das naſſe Tuch vom Munde und legte dann, laut nach Athem ſchnappend, ſein Haupt gegen die Wand. „Er iſt todt!“ tönte es im Chor und Margarethe warf ſich laut ſchreiend über den leblos daliegenden Bruder hin. „Der arme Junge!“ bedauerte Bärbel— Gott er⸗ barme ſich ſeiner Seele!“ „Dominus tecum, mi fili!“ ſprach pathetiſch der angehende Lateiner Johannes und machte linksum. „Was ſollen wir noch bei der Leiche?“ rief Blaſia gefühllos.„Komm' Mutter!“ Mutter und Tochter entfernten ſich. „Man ſchaffe den Leichnam aus dem Hauſe und in die Gartenlaube“— befahl der Mälzer.„Auch hole man die Leichenfrau herzu. Uebrigens laſſe man die Ge⸗ ſchichte nicht ruchbar werden in der Stadt, damit mir die Bierkunden nicht verſchlagen werden.“ hb.ierauf ging auch Meiſter Lippmann. „Du brauchteſt auch dem armen Friedbert nicht das Auffüllen zu übertragen“— ſagte Markus vorwurfsvoll zu Guntram.„Ich glaube nun ſelbſt, daß ihn das gährende Bier umgebracht hat, wie Popp ſagte.“ „Eil ſo wäreſt du doch an ſeiner Stelle ge⸗ —— 85 gangen!“ erwiederte Guntram trotzig und wendete den Rücken.“ „Wo fandſt du den Jungen?“ fragte jetzt Markus den Böttchergeſellen, welcher ſich allmälig erholte. „Ein Glück war's“ verſetzte Popp in Abſützen— „daß ich mit dem Keller bekannt bin. Sonſt hätte ich in der Pechfinſterniß nichts ausgerichtet. Ich tappte langſam vorwärts und da ſtieß denn bald mein Fuß an den armen Jungen, der wie ein Gerſteſack vor einem Bierfaſſe lag. Aber mir ſelbſt ward dabei ganz dämiſch zu Muthe und hätte ich nicht das naſſe Tuch vor dem Munde und der Naſe gehabt, ſo hätte mir's eben ſo ergehen können wie dem guten Friedbert. Laß uns aber unverweilt den Jungen in's Freie tragen. Hier iſt die Luft dick und ungeſund. Vielleicht bringen wir ihn in's Leben zurück. Greif' zu, Markus!“ Von Bärbel, von der ſchluchzenden Margarethe und einigen theilnehmenden Hausbewohnern begleitet, trugen Popp und Markus den anſcheinend todten Knaben in die Gartenlaube. Friedbert regte ſich nicht und man vernahm kein Athmen bei ihm. Alle Verſuche, ihn in's Leben zurück⸗ zubringen erwieſen ſich als vergeblich. Immer lauter jammerte daher Margarethe. Da erſchien plötzlich der Siuohner des 5 hauſes, der Jude Simonſon. „Was iſt mit dem Knaben?“ fragte er kheilnehmend, und als er der Sache Hergang erfahren hatte, vereinte 86 er ſeine Bemühungen mit denen der Uebrigen. Vor allen Dingen brachte er den Knaben aus ſeiner platt auf der Gartenbank ausgeſtreckten Lage, indem er den Kopf und Oberleib höher emporrichtete als die Füße. Auch ent⸗ fernte er alle zwängenden Kleidungsſtücke von ihm, ſpritzte ihm kaltes Waſſer in's Antlitz und rieb ihm die Schläfe und die Bruſt damit. Auch holte er einen kleinen, blin⸗ kenden Metallſpiegel aus ſeiner Taſche und hielt ihn dem Todten vor die Naſe und den Mund. „Das Kind lebt noch“— ſprach er, nachdem er den Spiegel genau betrachtet und ein ſchwaches Er⸗ blinden oder Anlaufen darauf wahrgenommen hatte. Raſch entfernte er ſich und kehrte nach kurzer Weile mit einem Fläſchchen zurück, mit deſſen Inhalte er abermals die Schläfe, die Stirne, die Naſenflügel, die Bruſt und die Fußſohlen Friedberts rieb. Auch blies er ihm durch eine kleine Röhre in mäßigen Zügen Luft in die Naſen⸗ löcher und begann Friedberts Haut mit einer ſcharfen Bürſte zu bürſten, um das ſtockende Blut wieder in Um⸗ lauf zu bringen. Als immer noch kein Lebenszeichen er⸗ folgte, ſo ließ der Jude dem Knaben am linken Fuße zu Ader, aus welcher das Blut erſt tropfenweiſe und dick hervorquoll, bis es nach einiger Zeit raſcher zu fließen begann. 6 Da fing Friedbert endlich an mit ſeinen Hünden und Füßen zu zucken, mit den Augen zu blinzeln und röchelnd zu athmen. Jetzt ließ ihn der Jude aus einem anderen Fläſchchen einen belebenden Duft einathmen und —— 87 ſlößte ihm einige mit Waſſer vermiſchte Tropfen in den nunmehr ſich öffnenden Mund. Mit welchen Empfindungen des innigſten Entzückens Margarethe das allmälig erwachende Leben ihres ge⸗ liebten Bruders begrüßte! Ihre Kummerthränen wan⸗ delten ſich in Freudenzähren um und in ihrem dank⸗ baren Gefühle küßte ſie wiederholt die rettende Hand des bärtigen Simonſon. Dieſer gebot nun, den noch immer betäubten Kna⸗ ben auf ſein Lager zu ſchaffen und verordnete noch die nöthigen Maßregeln in Bezug auf ſeine weitere Be⸗ handlung. Baſe Lippmann mochte keifen, ſo viel ſie wollte: diesmal ließ ſich's Margarethe nicht nehmen, ihren Bru⸗ der abzuwarten und die Nacht über an ſeinem— zu wachen. Des Mälzers Freude über ſeines Neffen unvetmu⸗ thete Rettung war eben nicht groß und galt mehr dem Umſtande, daß ſein Brauhaus in keinen Verruf kam als jener. Eben ſo verhielt es ſich mit Guntram, gegen welchen Popp ſogar den Verdacht in ſich auftauchen fühlte, als habe er wohl gefliſſentlich und in der böſeſten Abſicht den Knaben in die des gährenden S geſchickt. ℳ Siebentes Kapitel. ſi Ein Freund und ein Feind. Ganz natürlich galt Friedberts erſter Ausgang ſei⸗ nem nächſten Lebensretter Popp. Bei dem Juden im Gartenhauſe hatte er ſich ſchon früher bedankt. Jetzt that er daſſelbe bei Popp, welcher in ſeiner beſcheidenen Weiſe jedes Verdienſt von ſich ablehnte und dagegen des Juden Bemühungen um Friedberts Rettung anpries. „Ueberhaupt“— ſprach er dabei—„iſt der wackere Jude zu unſerm Glücke hierher gezogen. Denke dir nur, Friedbert! weil ich ihn aus den Klauen des verrückten Flegellanten hatte reißen helfen, hat er mir vier Loth Silbers geſchenkt. Vier Loth Silber für nur etliche Stöße mit meinem Schwerdtknopfe gegen etliche Dumm⸗ köpfe! Und dies von einem Juden, dem die Chriſten faſt Alles genommen haben! Dein Ohm denkt wunder was er an dir thut, weil er dich viel arbeiten und da⸗ für wenig eſſen läßt! Ich bedarf aber ſo vielen Sil⸗ bers nicht, das mir Simonſon faſt gewaltſam aufge⸗ drungen hat. Die Hälfte davon werde ich auf Zinſen ausleihen. Und weißt du, an wen? An deine arme Mutter! Wer dem Armen leihet, der wird's von dem lieben Gott doppelt wieder empfangen.“ „An meine Mutter?“ fragte Friedbert verwundert. „Was ſollte dieſe denn mit dem Silber anfangen? Hat — 89 ſie uns doch erſt ihre Bettelpfennige geſchenkt, weil ſie nichts braucht, wie ſie ſpricht.“ „O ſie braucht wohl etwas“— verſetzte Popp— „und zwar ſehr nöthig. Haſt du noch nicht bemerkt, mein Junge, daß alle Thierpelze im Winter am vollſten ſind und darum auch am beſten bezahlt werden? Sehen doch die Waidmänner an dem mehr oder minder dicken Pelze der Haaſen und anderen Wildes voraus, ob der Winter ſtrenge oder mild auftreten wird. Dem Men⸗ ſchen aber läßt unſer Herrgott aus dem Grunde keinen Pelz wachſen, weil er ſich im Winter hinter den warmen Ofen ſtecken und ſich auf andere Weiſe gegen die Kälte verwahren kann. Beides vermag aber deine Mutter nicht und darum hat deine geſcheidte Schweſter ſchon daran gedacht, deiner Mutter einen warmen Pelz zu kaufen, ſobald ſie das Geld dazu beiſammen haben würde.“ „Ach ja! das iſt wahr!“ ſagte Friedbert faſt be⸗ ſchämt.„Ich weiß gar nicht— mein Kopf iſt noch ganz verdreht von der Kellergeſchichte her. Schon manchen Puff und Stoß habe ich von Guntram hin⸗ nehmen müſſen, weil ich ſo erſchrecklich vergeßlich und dämiſch bin. Es wird voch nicht immer ſo mit mir bleiben?“ „Das fürchte ich nicht“— beruhigte Popp den Knaben.„Es iſt ja auch kein Wunder, wenn dir die Gedanken noch abgehen. Die Staupe war zu ſtark für dich, und doppelt ſchlecht iſt's von Guntram, wenn er 90 — dich abſtraft, da er doch ganz allein die Schuld an deinem Unfalle trägt. Schlag' dir aber Guntram aus dem Sinne und denke lieber daran, daß wir nächſten Montag Jahrmarkt drüben in der Neuſtadt haben. Da gehen wir zuſammen einkaufen, ich, du und deine Schweſter. Juchhei! da ſoll des wackern Simonſon Silber ausge⸗ liehen werden. Freue dich doch mit mir, Junge! Auf den Montag! Da wollen wir einmal uns recht luſtig machen und die Arbeit an den Nagel hängen. Es thut mir ein ſolcher Feiertag einmal noth. Denn mein Meiſter Pumper wird immer träger zum Arbeiten und dagegen immer fleißiger im Trinken. Das Böttchern überläßt er mir jetzt ganz, höchſtens daß er noch die Gefäße picht und Wein abzieht oder Meth. Dazu hat dein Ohm viel neues Gefäße bei uns beſtellt, das längſtens bis zum neuen Jahre fertig ſein ſoll. Schau', mein Junge! dieſe hohen Stöße zugeſchnittener Dauben. Dieſe da ſind zu ganzen Tonnen, dieſe zu halben, jene zu Fäſſern und die dort zu halben Fäſſern beſtimmt. Da will man- ches Schoc Reifen angelegt ſein.“ „Grab! grab! grab!“ ſchrie der von der Thurmzinne herab. „Hanſel! zu mir!“ rief Popp hinauf und ſeine Worte mit einem Pfiff der Lippen. Der Rabe gehorchte augenblicklich und ſetzte ſeinem Herrn auf die Achſel. 3 „Da 64 ſelbſt“—— L. zu— 91 geſorgt hat. Betrachte dieſe vollen, glänzenden Federn, wie ſie dicht über einander liegen und einen Harniſch hilden, an welchem die Pfeile des Winters machtlos abprallen ſollen. Wird dein Ohm nicht auch dir ein warmes Winterkleid geben und deiner Schweſter dazu?“ „Ich weiß nicht“— verſetzte Friedbert.„Ach, für mich trage ich keine Sorge. Ich kann mich am Brauofen, in der Malzdarre und im Schalander ſo viel ich will. Aber meine arme Mutter“— „Na! laß nur gut ſein“— ſagte Popp—„wir wollen nach Kräften für ſie ſorgen und unſer Herrgott wird das Seinige auch thun. Als der Montag mit dem Jahrmarkte kam, wan⸗ derten Popp und die beiden Geſchwiſter durch die Bu⸗ denreihen der Verkäufer. Außer einem derben, weiten Schaafpelze erhandelte Popp noch eine Zunderbüchſe nebſt Stahl und Feuerſtein, welches Alles er für die Ausgeſtoßene beſtimmte. „Wenn eure Mutter auch nicht in ihrer Strohhütte feuern darf“— ſprach er—„ſo kann ſie doch außer⸗ halb derſelben dies thun und ſich an einem hübſchen Feuer auswärmen. Freilich muß ſie aber dazu mit Holz verſehen werden und ſollte dies der Herr Bürgermeiſter nicht thun, ſo machen wir's. Der Wald iſt ja ganz nah und wenn wir in Zeiten beginnen, ſo können wir nach und nach ohne ſonderliche Mühe einen hübſchen Holzvorrath zuſammentragen. Hobelſpäne zum Anmache liefert unſere Werkſtätte genug und der Meiſterin ge 92 wir einen Gefallen, wenn wir ſie von der bucht befreien.“ „Geh' mit, Popp!“ baten die Kinder—„wenn wir unſrer Mutter den Pelz und das Feuerzeug hinaus⸗ tragen. Wenn du dabei biſt,. ſie uns gewiß nicht ab wie erſt das vorigemal.“ Am nächſten Sonntage machte ſich das Kleeblatt auf den Weg. Recht rauh ſchon pfiff der Novemberwind vom Elbſtrome daher, und den noch immer in ihrer bis⸗ herigen Kleidung ſteckenden Kindern kam der Pelz ſehr zu Statten, den ſie geneinſchaftlich gegen den Wind vorhielten. „Ehe wir zur Hütte gehen“— hoß Manhtrethe an—„wollen wir doch erſt ſehen, ob unſere Mutter bei der Kapelle an der Straße ſitzt. Das thut ſie ge⸗ wöhnlich, wie mir die Bauerweiber aus Neudorf und Pieſchen erzählt haben, die bei uns Bu⸗ Hefen oder Trehern holen.“ Hichtig! trotz des kalten Windes ſaß die nusſihige auf dem gewöhnlichen Steine, regungslos und ſtumm, wie Lots verſteinertes Eheweib. Die Stange, welche wahrſcheinlich die verklommenen Hände nicht länger zu halten vermochten, lag neben der Ausgeſtoßenen am Boden. Sie war für die Kinder der Maaßſtab, wie weit ſie ſich ihrer Mutter nähern durften, welche jett von Margarethen zuerſt angeredet vn ₰ „Da ſind wir einmal wieder, Mutter!“ hob b6 Mädchen an.„Wie geht dir es denn? Haben dein⸗ Schmerzen immer noch nicht nachgelaſſen? Wir haben jeden Tag für dich gebetet und faſt ohne Aufhören an dich gedacht. Wir würden dich öfter beſuchen, wenn es der Ohm und die Muhme geſtatteten. So aber müſſen wir uns allemal heimlich davonſtehlen und dürfen kein Wörtlein davon fallen laſſen, daß wir dich beſuchen wollen oder beſucht haben. Nun, Mutter, ſei ſo gut und gieb uns eine Antwort. Wir bitten dich gar ſchön.“ Nach dieſer Anrede hielt Margarethe inne, um einer Antwort von Seiten ihrer Mutter entgegenzuharren. Als eine ſolche nicht erfolgte, nahm Friedbert das Wort. „Mutter!“ ſprach er—„Kaum ein Haar fehlte, ſo ſaheſt du mich nicht wieder. Im Keller erſtickt wäre ich ohne Gnade und Barmherzigkeit, wenn mich nicht hier der wackere Popp mit eigner Lebensgefahr dem Tode aus dem Rachen geriſſen hätte. Der liebe Mann— nun ſo laß mich nur Popp—'s iſt ja die Wahrheit— hat dir auch von ſeinem Gelde dieſen ſchönen, warmen Pelz— ei, Popp! du erwürgſt mich ja beinahe— ehr⸗ lich erkauft und nicht etwa geſtohlen— damit du ihn gegen den kalten Wind und gegen die Winterkälte an⸗ ziehen kannſt. Sieh auf, Mutter! ich lege ihn hierher, wo du dir ihn holen kannſt, ſobald wir ein Stückchen davon weg ſind. Dazu noch ein Feuerzeug und eine Zunderbüchſe von blankem Bleche. Da kannſt du doch Feuer anzünden, und für Holz und Hobelſpäne wollen wir auch ſorgen wenn das nicht ſchon der Stadtdiener thut. Aber nun, Mutter! rede auch mit uns! Nicht 94 viel und nicht lange, wenn dir etwa auch der Mund oder die Zunge weh thun ſollte, was unſer Herrgott nicht wolle. Ja, Mutter, wie's dir ergangen iſt und jetzt ergeht, wollen wir von dir wiſſen.“ Auch dieſe beweglich geſprochenen Worte waren in den Wind geredet und zwar buchſtäblich. Die blieb eben ſo ſtumm als der Stein, auf dem ſie ſaß. Kopfſchüttelnd hatte Popp den zaihte Jetzt hob er an: „Arnies Weib! wie groß nuß deine Qut ſein, da ſie dein Ohr und dein Mutterherz gegen die Stimme deiner Kinder verſtopft! Deiner Kinder, die du mit Schmerzen geboren und mit Sorgen erzogen haſt! Ach, ſonſt läßt eine Mutter lieber das eigene Leben, um das⸗ jenige ihrer Kinder zu erhalten. Wäre es möglich, daß eine Mutter ihrer Kinder je vergeſſen könnte? O armes Weib! mir iſt kein Kind gegeben worden; nur einen Vogel, einen Raben noch dazu, nenne ich mein. Aber ich glaube, daß, um ihn zu retten, ich wohl das Leben wagen könnte. Und dieſe ſind deine Kinder, welche gut geratheg ſind und gern ihrer Mutter Liebe und Dankbarkeit beweiſen möchten!“ „Was peinigeſt du mich, böſer Mann?“ verſetzte die Ausſätzige unter ihrer Hülle hervor.„O daß du meine Qualen kennteſt! Wozu ſoll mir ein Pelz? Wozu ein Feuer? Iſt doch mein ganzer Leib mit einer ſtarren Rinde umgeben, durch die weder Fro Hitze dringen kann! Brenne ich doch über und ü einem Feuer, 95 wie es die Hölle ſchlimmer nicht aufzuweiſen vermag. Bin ich nicht bei Lebensſtrafe bedroht, niemanden, nicht einmal meine Kinder mir nahe kommen zu laſſen? Todt bin ich für ſie, wie für Jedermann. Ach, daß ich's wirklich wäre! Da, nehmt, was ich erbettelt habe. Es iſt das Einzige, was ich für meine Kinder thun kann. Würde ich ſonſt hier zum Schrecken und Abſcheu der Vorübergehenden ſitzen, wenn ich es nicht meinen Kindern zu Liebe thät? Nehmt, was im Beutel iſt“ „Aber, liebſte Mutter!“ verſetzte Margarethe— „du könnteſt es uns aber auch zu Liebe thun und den Pelz ſammt der Zunderbüchſe und dem Feuerzeuge von uns annehmen. Vielleicht kannſt du doch noch beides ge⸗ brauchen. Wir haben nun einmal die Sachen gekauft und wiſſen nicht, was wir mit ihnen anfangen ſollen. Der Pelz paßt weder für mich, noch für Friedbert, und das Feuerzeug vollends iſt uns unnütz. Wenn dir's zu ſauer wird, den Pelz und das Feuerzeug nach deiner Hütte zu tragen, ſo wollen wir es thun. Freilich dür⸗ fen wir nicht in die Hütte ſelbſt hinein.“ „Leert den Beutel!“ ſprach die Kranke⸗ „Wenn du den Pelz und das Fruerzeug von uns annimmſt“— verſetzte Friedbert. Da nickte die Mutter und ktt„Legt die Sa⸗ chen hin.“ Die Kinde horchten. Dann leerten ſie den Beutel, welcher an d tange befeſtigt war, jedoch dergeſtalt, daß ſie den Beutel ſelbſt nicht berührten, weshalb ſie 6 N 96 ihn umſchütteten und die herausfallenden kleinen Geld⸗ ſtücke auflaſen. „Habe großen Dank für deine Liebe, Nutter!“ ſprachen die Kinder.„Unſertwegen brauchſt du dich aber nicht hierher zu ſetzen. Wir langen ſchon aus mit dem, was wir bekommen.“ Wenn die Kranke aufgeblickt hätte, ſo würde ſie an der leichten Bekleidung ihrer Kinder erkannt haben, daß deren Behauptung Lügen geſtraft wurde. Als die Kinder mit herzlichen Worten von ihrer Mutter Abſchied nahmen, erwiederte dieſe abermals: „Betet für mich, daß müch unſer Herrgott bald von meinen Leiden erlöſe.“ Da Meiſter Lippmann und ſeine Frau keine Anſtalt machten, um die Kinder ihrer nächſten Verwandten mit warmer Winterkleidung zu verſehen, ſo ſchlug ſich aber⸗ mals Popp in's Mittel, der nun einmal kein Silber lange in ſeiner Taſche leiden konnte. Den Ueberreſt des von dem Juden Simonſon empfangenen Geldes legte er zu dem, welches die Kinder wieder von ihrer Mutter erhalten hatten, und kaufte davon ihnen beiden eine zwar nicht neue, doch noch reinliche und wärmende Winterkleidung bei einem Trödler. Mit Popps Bei⸗ ſtande ging nun auch Friedbert an's Werk, ſeine Mutter mit Winterholz aus der nahen Dresdener Haide zu ver⸗ ſehen, welche damals ungleich weiter an die jetzige Neuſtadt reichte als jetzt. Bei der cherung dieſes Holzes beobachtete Friedbert auf Po ₰ 7 97 die Vorſicht, daß er den nach Morgen zu gelegenen Ein⸗ gang der Hütte in einer kleinen Entfernung mit dem Holzſtoße umgab, wodurch die rauhen Morgenwinde be⸗ deutend abgehalten wurden. Ueberdies erbaute er noch von Holzſtücken einen dreiſeitigen Winkel, in welchem er die von Popps Meiſterin gern verabfolgten Hobelſpäne barg und ſie ſo vor dem Davonwehen bewahrte. Friedberts Mutter war oftmals Zeuge, wenn ihr Sohn, die Achſel ſchwer mit Holzſtücken beladen, aus dem Walde kam und an dem Holzſtoße bauete. Aber ſie blieb ſchweigſam und that, als wäre ihr Kind nicht für ſie da. Als Friedbert eines Tages wieder Hobelſpäne aus Popps Böttcherwerkſtatt holte, fand er Popp über dem aufmerkſamen Beſchauen einiger Faßdauben. „Sonderbar!“ ſprach jener für ſich—„ſieht es nicht aus, als wäre an beiden Enden etwas abgeſägt worden? Denn der Schnitt kommt mir ziemlich friſch vor, da doch die Dauben lange ſchon im Freien ausge⸗ trocknet haben. Gleichwohl, wer ſollte ſich die Mühe ge⸗ nommen haben und weshalb? Um ein paar Stückchen Eichenholz von einem bis anderthalb Zoll Breite zu er⸗ langen? Das verlohnte ſich doch wirklich nicht der Mühe und zwar um ſo weniger, als der Wald ganz in der Nähe und das Holzholen daraus unverwehrt iſt. Wenn mein Rabe ſägen könnte, ſo dächte ich, daß er der Dieb wäre. Hanſel! was ſagſt du dazu?“ Der Rabe hob die Flügel und ſtieß ein Geſchrei ans, als wolle er gegen den Verdacht proteſtiren. Nieritz. Die Ausgeſtoßene. —— 98 Nachdem Friedbert genug Holzvorrath herbeigeholt zu haben glaubte, ſo richtete er bei ſeinem letzten Gange und zwar auf Popps Veranlaſſung die Worte an ſeine Mutter: „Liebe Mutter! wenn du ja einmal Feuer anmachen ſollteſt, ſo richte dich dabei nach dem Winde oder dem Luftzuge, damit nicht etwa die Flamme oder die Funken das Stroh auf deiner Hütte in Brand ſtecken. So lang wie deine Bettelſtange iſt, meint Popp, möchteſt du jedesmal das Feuer von deiner Hütte entfernt halten. Und nun lebe wohl, meine liebe, arme Herzensmutter! Ach, wenn doch nur ſchon der häßliche Winter und deine Krankheit dazu vorüber wäre!“ Der Winter kam mit Kälte, Schnee und Eis. Doch niemals ſah man in der Nähe von der Ausgeſtoßenen Hütte ein Feuer leuchten, oder den Holzſtoß ſich ver⸗ ringern. Aber dagegen konnte man die Kranke noch oftmals wie ein grauſchwarzes Steinbild mitten in der Schneelandſchaft unbeweglich ſitzen ſehen. Eein Glück, daß der Winter nicht zu den härteren gehörte, denn ſonſt dürfte wohl des Weibes geſchwächter Körper haben unterliegen müſſen. Der Stadtdiener, welcher alle drei Tage die Kranke mit Brot und Ge⸗ tränke verſah, hoffte von einem Male zum andern die ſeiner Pflege Anvertraute als Leiche zu finden: allein er betrog ſich hierin ſtets und war darüber nicht wenig ungehalten. ſ Das ſonſt und. für die Kinder 99 ein Freudenfeſt, ging faſt ſpurlos an Margarethe und Friedbert vorüber. Dagegen brachte es der eiteln Blaſia eine Fülle von Putz⸗ und Schmuckſachen, welche das Mädchen mit großem Gepränge zur Schau trug. Jo⸗ hannes, ihr Bruder, welcher ſich bereits in der Rolle eines Sittenpredigers verſuchte und ſeiner Schweſter eine Strafpredigt über ihre große Eitelkeit und Gefallſucht hielt, wurde gar bald von Mutter und Tochter zum Schweigen gebracht. Meiſter Lippmann aber ließ ſeine Frau nach Belieben mit ihren Kindern gebahren. Seine Beſchäftigung beſtand im Geldgewinnen und Geldzählen, nebenbei im guten Eſſen und vielen Biertrinken. In das Brauhaus kam er nur ſelten und dann auf kurze Zeit. Guntram, welcher ſich das Vertrauen ſeines Brauherrn zu erſchleichen gewußt hatte, führte über das Brauweſen und die dabei beſchäftigten Leute die Oberaufſicht, daher er von dieſen ſehr gefürchtet wurde. Friedbert ſchien dem Guntram vom erſten Augen⸗ blicke an ein Dorn in den Augen zu ſein. Der arme Knabe konnte noch ſo ſehr ſich abmühen: Guntram war doch unzufrieden mit ihm und ließ keine Gelegenheit vor⸗ bei, dem Friedbert weh zu thuu. Hätte dieſer nicht in Popp einen theilnehmenden Freund gehabt, dem er ſeine Roth klagen konnte: er hätte müſſen davon laufen. An einem Wintertage befand ſich Friedbert in der Tiefe eines großen Bottichs, den er auszuſcheuern hatte, was für den Knaben keine kleine Plage war. Während er in gebückter Stellung den Scheuerbeſen und die Bürſte 7* 100 handhabte, fühlte er ſich plötzlich von einem eiskalten Waſſerſtrome übergoſſen, der ihn bis auf die Haut durch⸗ näßte. Als er erſchrocken emporſchauete, entdeckte er bei dem Schimmer eines matt brennenden Holzſpans ſei⸗ nen Feind Guntram, welcher eine volle Waſſerkanne über ihn ausgegoſſen hatte und ſich jetzt lachend ausredete, daß er den dummen Jungen nicht in dem Bottiche ge⸗ ſehen oder vermuthet hätte. Friedbert, am ganzen Leibe triefend, verſuchte ſeine Arbeit fortzuſetzen. Allein bald bemeiſterte ſich ſeiner ein ſo heftiger Froſt, daß ihm die Zähne hörbar klap⸗ perten und ihm äußerſt übel ward. Als er nun aus dem Bottich herausſteigen wollte und ſich deshalb nach der darin aufgeſtellt geweſenen Leiter umſah, war dieſe verſchwunden— ein neuer Bosheitsſtreich Guntrams. Friedbert hätte können ſehr krank werden, wenn nicht zu ſeinem Glücke Markus herzugekommen wäre, welcher auf Friedberts klägliches Bitten die weggenommene Leiter herzuholte und jenem nach ſeinem Herausſteigen rieth, ſich erſt in der warmen Malzdarre auszuziehen und zu trocknen, dann aber ſich niederzulegen. Die Noth, in welcher Friedbert ſich befand, überwand deſſen Furcht vor Guntram, ſo daß er dem Rathe des Markus Folge leiſtete. Um ſeinem Feinde nicht ſogleich in die Augen fallen, drückte ſich Friedbert in den äußerſten Winkel der Malzdarre und ſchlich ſich, nachdem er ſich recht aus⸗ gewärmt hatte, nach ſeinem Lager hin. Kaum, daß er aber eine halbe Stunde auf demſelben ſich befand, ver⸗ 2 3 7— 101 nahm ſein Ohr ein entſetzliches Wehgeſchrei, bei deſſen Klange ſich ſein Haar emporſträubte. „Wenn Markus meinetwegen von Guntram geſchla⸗ gen oder noch ärger gemißhandelt worden wäre!“ ſprach Friedbert in wahrer Todesangſt zu ſich ſelbſt, denn das Wehgeſchrei ward von einem männlichen Munde ausge⸗ ſtoßen. Bei dieſem Gedanken vermochte der Knabe län⸗ ger nicht auf ſeinem Lager zu bleiben. Da er ſeine Kleider in der Malzdarre zum Trocknen zurückgelaſſen hatte, ſo legte er eiligſt ſeine Sommerkleidung an und eilte dem Geſchreie nach, das fort und fort mit gleicher Heftigkeit ertönte und aus dem Schalander zu kom⸗ men ſchien. So verhielt ſich's auch wirklich. Indem Friedbert in die Thür des Schalanders trat, ſah er, wie Markus und noch ein Brauknecht einen entſetzlich ſchreienden Menſchen, von welchem aus ein heißer, nach Bierwürze riechender Dunſt emporwallte, zu der Schlafſtätte der Geſellen hinauftrugen. In dem Schreier aber erkannte Friedbert jetzt— Guntram, ſeinen Feind und Verfolger! Aber der Knabe war chriſtlich genug, um ſich nicht über das Weh ſeines Feindes zu freuen oder daſſelbe ihm zu gönnen. Vielmehr fragte er die übrigen, herbeigeeilten Anweſenden mit ängſtlicher Miene und Geberde, was dem Guntram begegnet ſei? 2 Guntram war in die kochend heiße Maiſche ge⸗ fallen! Er hatte bei dem Umrühren der Maiſche ſeinen Hut in dieſelbe fallen laſſen und ſeinem Oberleibe einen 102 ſchnellen Schwung in die Tiefe gegeben, um den Hut raſch wieder zu erfaſſen. Dabei hatte er aber das Ueberge⸗ wicht bekommen und war in den Bottich hinabgeſtürzt. Zwar hatte er im Hinabfallen noch den Rand des Bottichs mit beiden Händen erlangt und ſich an dem⸗ ſelben feſtgeklammert. Allein er hatte deſſenungeachtet noch bis an die Hüften in der kochend heißen Maiſche gehangen, aus welcher man ihn auf ſein Hülfegeſchrei ſchnell genug gezogen hatte. Es wäre jedoch für den Unglücklichen beſſer geweſen, wenn er gleich auf der Stelle in dem Bottiche umgekommen wäre. Denn wenn in unſern Zeiten, wo die Heilkunde ſo große Fortſchritte gemacht und einen ſo hohen Gipfel erreicht hat, eine ſolche Verbrennung ſchwerlich von einem tödtlichen Aus⸗ gange abzuhalten vermag: wie viel weniger damals, wo jene faſt noch auf der unterſten Stufe ſtand! Guntrams Leiden waren entſetzlich mit anzuſehen, ſo wie ſein Wehgeſchrei anzuhören. Abwechſelnd ſchrie, fluchte und betete der Elende. „Helft mir doch!“ bat er, als er wieder zu ſreche vermochte—„Werft mich in kaltes Waſſer! in den Schnee! Holt den Juden unten aus dem Gartenhauſe herbei! Er hat ja den Buben Friedbert vom Tode er⸗ weckt— gewiß kann er auch mir helfen. Ich will ihm auch bezahlen, was er nur begehrt, und ſollte es mich meine ganzen Sparpfennige koſten. Huh! kann es ärger in der Hölle brennen? Friedbert, begieß mich doch eben ſo mit kaltem Waſſer, wie ich dich vorhin. Die Lepra 103 und der Ausſatz ſind ein Kinderſpiel gegen meine Pein⸗ In einem Schwefelpfuhle liege ich,— v helft! o helft? helft! Meiſter erbarmt Euch meiner! Ich war ja immer auf Euern Nutzen bedacht und habe deshalb Manches gethan, was ein Andrer unterlaſſen hätte. Helft mir aber auch nun oder ich hole Euch nach, wenn mich der Teufel holen ſollte.“ Meiſter Lippmann, welcher unter den Anweſenden war, zeigte ſich völlig rathlos. In ſeiner Verlegenheit krauete er ſich hinter den Ohren, blickte dann kopfſchüt⸗ telnd um ſich und— entfernte ſich in Eile, um nicht wieder zu kommen. Simonſon, der Jude, war edelmüthig genug, ſeine Hülfe einem Menſchen darzubringen, der ſich bisher ſtets als ſein Feind gezeigt hatte. Allein er erklärte ſogleich, daß an eine Geneſung hier nicht zu denken und nichts weiter zu thun ſei, als des Unglücklichen Schmerzen nach Möglichkeit zu lindern, wozu er auch die nöthigen Mittel verordnete. Bald verließen die Anweſenden den Schalander bis auf Markus und Friedbert, welchen nun allein des Verbrannten Pflege und Bewachung überlaſſen blieb. Das war ein ſchweres und ſchreckliches Amt, von welchem ſich Markus unter allerlei Vorwänden wieder⸗ holt entfernte, wo dann der Knabe allein bei Guntram ausharren mußte. Friedbert hatte jetzt Zeit und Gelegenheit, einen Vergleich zwiſchen dieſem Leidenden und ſeiner Mutter anzuſtellen, der ganz natürlich zum Vortheil der Letzteren 104 ausſiel. Wie ſo lange ſchon, wie ſtill und ergeben die Mutter Friedberts ihre ſchrecklichen Leiden ertrug! Wäh⸗ rend Guntram keine Viertelſtunde ohne Geſchrei, ohne wildes Fluchen und Verwünſchen ſeiner ſelbſt und der Menſchen, die ihm nicht helfen wollten, zubrachte. Es waren die ſchrecklichſten Stunden ſeines bisherigen Le⸗ bens, welche Friedbert neben Guntrams Flammenlager verbrachte, und dieſe Nacht ſchien mit bleiernen Füßen dem heiß erſehnten Tage zuzuſchreiten, ſo lang dünkte ſie dem Knaben zu ſein. Nachdem Guntram unaufhörlich geſtöhnt, geächzt, geflucht, wenig gebetet, viel geſchrieen und ſogar geraſet hatte, begann er irre zu reden. Was er aber ſprach, erfüllte des Knaben Herz mit Entſetzen und dieſer wußte ſich nicht anders in ſeiner Angſt zu helfen, als daß er zu Gott, zum Heilande, zur Jungfrau Maria und zu allen Heiligen betete. Dazwiſchen verſetzte er ſich im Geiſte zu ſeiner Mutter hin, die er ſtill und einſam im Dunkel der Nacht auf ihrem kalten Steine ſitzen ſah. Markus dagegen hatte ſich eine volle Schleifkanne mit Bier, gleichſam zum Troſte und Zeitvertreibe herbei⸗ geholt, welcher er ſo oft zuſprach, daß er zuletzt in einen feſten Schlaf verſank, aus welchem ihn ſelbſt das lau⸗ teſte Aufſchreien Guntrams nicht zu erwecken vermochte. Dieſer trieb es mit jeder Stunde ärger. Friedbert begrif nicht, wie der Mund und die Lunge Guntrams ſo lange das Schreien und Sprechen, das Stöhnen und Jammern aushalten konnten. In ſeiner 105 Fieberhitze wollte er immer vom Lager aufſpringen, davon laufen und ſich in den kalten Elbſtrom ſtürzen; allein die verbrannten Beine verſagten ihm den Dienſt und ein jeder derartiger Verſuch zog dem Unglücklichen neue Schmerzen zu und verſchlimmerte ſeinen ohnehin ſchon qualvollen Zuſtand. Endlich erlag auch Friedbert der gewaltigen Auf⸗ regung des verfloſſenen Tages. Bei allem Getöſe, wel⸗ ches Guntrams Stimme faſt ohne Aufhören verurſachte, entſchlief Friedbert ſitzend und ließ das müde Haupt auf die Bruſt ſinken. Vor ſeinen Ohren vernahm er noch eine kleine Weile ein dumpfes Schwirren; dann ſchwanden ihm die Sinne. Wie viel oder wie wenig er geſchlafen hatte, wußte er nicht. Erſchrocken fuhr er plötzlich aus ſeinem Schlafe auf, denn ein ſchmer⸗ zender Griff und ein entſetzlicher Schrei erweckten ihn gewaltſam. Als er die müden Augen öffnete, blickte er in die verglaſeten, ſtieren Guntrams, deſſen ſchrecklich verzerrtes Antlitz dicht vor dem ſeinigen lag. Und Guntrams Hände waren es, welche krampfhaft den Knaben gepackt hatten. Eine Sekunde nur glotzte Gun⸗ tram ſeinen jungen Wächter neben ſich an, dann ließen die Hände eben ſo ſchnell wieder log und der halb auf⸗ gerichtete Oberleib ſank nebſt dem Haupte auf das Lager zurück. Erſchrocken über dieſes Pperen ſprang Friedbert die Stufen der Kuhkanzel hinab und zu dem ſchlafen⸗ den Markus hin, den er vergebens zu ermuntern ſuchte. 106 In dieſem Augenblicke zitterte der letzte Seufzer eines leidenden Erdenſohns durch das ſtille, halbdunkle Stübchen. Der bleiche Tod hatte mit ſeiner Hippe Guntrams loſen Lebensfaden vollends zerſchnitten und ſeiner Qualen ihn entledigt. Und von drüben herüber ſendete die Glocke unſrer Liebfrauenkirche die hehren Feierklänge des er⸗ wachenden Tages und machte Friedberts Kniee voll An⸗ dacht beugen. Und der Knabe betete in die hallenden Glockentöne für das Seelenheil des ſo eben geſchie⸗ denen Sünders, für ſeine eigene Mutter, Schweſter und für ſich, dem der geſtorbene Geſell ein Quälgeiſt ge⸗ weſen war. Aber er vergab ihm jetzt, damit auch ihm vergeben werde. Dann rüttelte er Markus durch den Ruf aus dem Schlafe: „Guntram iſt todt!“ Und nach drei Tagen ward der Geſell begraben und der Leidtragenden viele begleiteten ihn zur Ruheſtätte. Aber wo Guntram ſeine Sparpfennige verborgen habe, hatte er niemandem ſondern dieſes Geheimniß mit in's Grab genommen. Achtes Kapitel. Popp und fein Rabe. Der Winter verging wie Alles unter der Sonne. Friedberts Mutter hatte ihn, wenn auch nicht glück⸗ 107 lich, ſo doch leidlich, oder vielmehr leidend überlebt. Es war, als wenn die erwachende Natur auch auf ſie, die Abgeſtorbene, nicht ganz ohne Einfluß bliebe. Sie ſaß öfter und länger in der Nähe der Erasmuskapelle und ſprach öfter als ſonſt einige Worte zu ihren ſie be⸗ ſuchenden Kindern. Als dieſe eines Nachmittags von einem ſolchen Be⸗ ſuche heimkehrten, fanden ſie in dem Brauhofe ihres Oheims etliche Männer, welche ſich die ſonderbare Mühe nahmen, meßkannenweiſe Waſſer in viele um ſie herum befindliche Biergefäße zu füllen. Meiſter Lippmann ſtand dabei, jedoch unthätig, hatte aber die hellen Schweiß⸗ tropfen auf der Stirne und der rothen Naſe ſtehen. Einer von den Männern zeichnete mit einem Kreideſtücke allerlei Zahlen auf den Boden der gemeſſenen Tonnen, während ein Anderer daſſelbe auf ein Papier that. „Pedellus!“ hob jetzt der Bürgermeiſter Suchaneck zu dem Manne mit dem Papiere an—„wie viel beträgt summa summarum die Zahl der fehlenden Meßkannen?“ „An dieſen 17 halben Tonnen 32, und an den 16 ganzen Tonnen 48 Meßkannen— thut zuſammen 80 Kannen“— ſprach der Pedellus. „Angenommen, daß Meiſter Lippmann wöchentlich zweimal braut, was eher zu wenig denn zu viel ge⸗ rechnet iſt, ſo betrügt er ſeine Kunden jährlich— um wie viel Kannen Pedellus? Rechne dies ſufini nach 1 regula multiplicationis aus.“ „Achtzig mal 52 thut— einen Augenblick Geduld, 108 Herr Bürgermeiſter“— verſetzte der Polizeimeiſter— „ha! thut jährlich 4160 Kannen!“ „Entſetzlich! Unerhört!“ rief der Bürgermeiſter, indem er einen Zornblick auf den Mälzer ſchoß.„Wer aber leidet am meiſten unter einer ſolchen Gewiſſen⸗ loſigkeit? Der arme Bürgersmann und fleißige Ar⸗ beiter, der nach des Tages Laſt und Mühe einen ſtär⸗ kenden Labetrunk thun will und ihn ungebührlich ver⸗ theuert bekommt. Denn da eine Sünde immer eine an⸗ dere wieder gebiert, ſo beſtellen die Bierſchänken bei den Becherern kleinere Gläſer und Becher, um ihrem Verluſte, der ihnen durch die unrichtigen Biergefäße er⸗ wächſt, beizukommen. Meiſter Lippmann! ich hätte in dir einen redlicheren Bürger und Meiſter vermuthet. Sprich: wer hat dieſe Gefäße gefertigt? Auch er muß, gleich dir, zur gebührenden Strafe gezogen werden. „Geſtrenger Herr Bürgermeiſter!“ entgegnete Meiſter Lippmann, ſich das Anſehen eines unſchuldig gekränkten Mannes gebend—„Ihr thut mir, bei allen Heiligen! Unrecht. Alle dieſe halben und ganzen Tonnen, welche Ihr ſo eben gemeſſen und zu meinem großen Entſetzen zu klein befunden habt, ſind, wie Ihr ſelbſt ſehen wer⸗ det, noch ziemlich neu und von dem Meiſter Pumper ge⸗ fertigt worden. Bei demſelben habe ich ſie beſtellt, aber ſie nach ihrer Ablieferung nicht gemeſſen, ſondern dies meinem bewährten Geſellen und Geſchäftsführer über⸗ tragen, der mir leider durch einen unglücklichen Fall ge⸗ ſtorben iſt. Ich baute Häuſer auf ſeine Treue und 109 Rechtlichkeit; allein nunmehr geht mir doch das Be⸗ denken bei, daß er mich betrogen und die Gefäße bei dem Böttchermeiſter kleiner hat fertigen laſſen, um den daraus erzielten Gewinn in ſeine eigene Taſche zu ſtecken. Fragt alle meine Leute und ſie werden es bezeugen, daß ich mich in der letzteren Zeit gar wenig um meine Pro⸗ feſſion gekümmert und Alles meinem Altgeſellen Guntram überlaſſen habe. Glaubt Ihr, daß ich auf meine alten Tage noch zum Schurken würde, nachdem ich ſo viele Jahre ſchon als ein ehrlicher Mann bekannt bin, der überdieß, Gott Lob, ſo viel hat, daß er leben kann und nicht zu Spitzbübereien ſeine Zuflucht nehmen muß?“ „Pedellus, laß den Meiſter Pumper herzuholen“— gebot der Bürgermeiſter. Als der Böttchermeiſter erſchien, redete ihn der Bürgermeiſter an:„Du haſt dieſe Biergefäße gefertigt?“ „Ich eigenklich nicht“— verſetzte Meiſter Pumper, Unrath merkend—„ſondern Popp, mein Geſelle. Seit faſt einem halben Jahre verſpüre ich eine ſolche Eng⸗ brüſtigkeit, daß ich jede grobe und anſtrengende Arbeit meiden muß. Daß ich die Wahrheit ſage, könnt Ihr, Herr Bürgermeiſter, an meinem kurzen Athem abmerken.“ Wirklich ſchniebte Meiſter Pumper wie ein großer Fiſch, der auf's Trockene gerathen iſt. Deshalb ſuchte er auch immer in's Naſſe, nämlich in's Bier, zu kommen. „Meine Frau, meine Nachbarn und noch viele Men⸗ ſchen werden mir bezeugen“— fuhr Meiſter Pumper 11⁰ fort—„daß ich ſchon lange keine Fäſſer mehr binde oder Faßdauben zuſchneide.“ „Holt Pumpers Geſellen herzu!“ befahl der Bürger⸗ meiſter. „Hier iſt er ſchon!“ ſagte Popp, indem er hinter ſeinem Meiſter vortrat. Der Bürgermeiſter betrachtete Popp mit großer Aufmerkſamkeit. „Dieſer ſcheint mir ein durchtriebener Schalk zu ſein“— ſprach er kopfſchüttelnd.„Augen hat er wie ein Falke. Auch verrathen ſie eine große Begehrlichkeit nach fremdem Gute. Die Naſe iſt von einem Habicht und Habichte wollen bekanntlich viel haben. Seine Hände ſind aus 3 Paaren gemacht und können viel bei Seite ſtecken, und die Kniee biegt er nach innen zuſammen wie alle die, welche ſich nichts entgehen laſſen wollen. Summa sunmarum: er iſt die Wurzel, aus welcher die ganze Biermauſerei hervorgeſchoſſen iſt. Weißt du, Burſche, daß wir dir deine Diebsdaumen abhacken laſſen werden?“ „Dann würdet Ihr das größte Unrecht von der Welt thun, Herr Bürgermeiſter!“ antwortete Popp. Denn ich habe zwar ganz allein dieſe neuen Biergefäße ge⸗ fertigt, dazu aber die Dauben genommen, wie ſie bereits vor Jahresfriſt von mir und dem Meiſter nach dem richtigen Maaße zugeſchnitten worden ſind, wobei wir überdieß noch das Eintrocknen des Holzes in Anſchlag gebracht haben. Zwar ſchien mir es, als wenn die Dauben an ihren beiden Enden einen neueren Schnitt 111 hätten und etwas kürzer geworden wären, was ich auch meinem Meiſter geſagt habe. Aber dieſer wies mich mit dem Einwande zurück, daß, wenn ich die Dauben nicht kürzer geſägt hätte, dieß der Teufel geweſen ſein müſſe, da ſich ſonſt niemand um die Dauben gekümmert habe. Gemeſſen freilich habe ich die Gefäße nicht, weil das nicht meine Sache, ſondern die des Meiſters und des Käufers iſt.“ „Eine höchſt drollige Geſchichte das!“ ſprach der Bürgermeiſter lachend.„Kein Menſch und kein Teufel will dieſe unrichtigen Biergefäße gemacht haben und gleich⸗ wohl ſind ſie doch da! Der Mälzer wälzt die Schuld auf den Geſellen; der Böttcher desgleichen und der Böttchergeſelle ſchiebt es dem Teufel in die Schuhe, während den andern Geſellen der Teufel bereits ſchon geholt hat.“ „So viel ſteht feſt“— ſagte Meiſter Lippmanu— „daß Popp mit dem verſtorbenen Guntram viel Verkehr hatte, daß Popp auf dem letzten Jahrmarkte einen ſchö⸗ nen Pelz und andere Dinge eingekauft, daß er ferner dieſen beiden Kindern da warme Winterkleider ange⸗ ſchafft und überhaupt in letztrer Zeit viel Geld im Beu⸗ tel gehabt hat, das er unmöglich von ſeinem geringen Geſellenlohne erſpart haben konnte.“ „Von dir, Meiſter Mälzer“— verſetzte Popp mit einiger Bitterkeit—„hätte ich dieſen Vorwurf am we⸗ nigſten erwartet. Deine Schuldigkeit, und nicht die meine, wäre es geweſen, deine unglückliche Schweſter 112 und deren Kinder mit warmer Winterkleidung zu ver⸗ ſehen. Da du dieß aber unterließeſt, ſo habe ich es aus Mitleid gethan und dazu das Silber angewendet, welches mir der Jude Simonſon für die Rettung ſeines Lebens zum Geſchenke gemacht hat.“ „Ein Jude, der noch dazu Alles verloren zu haben vorgiebt, giebt kein Silber in ſo großer Menge als Ge⸗ ſchenk aus“— erwiederte Lippmann.—„Ueberdieß kannſt du dich gut auf Simonſon beruſen, da du ihn abweſend weißt und er dich daher nicht Lügen ſtrafen kann.“ „Erwieſen iſt auch“— ſprach jetzt Meiſter Pum⸗ per—„daß mein Geſelle Popp oftmals Hobelſpäne aus meiner Werkſtatt zu dem ausgeſtoßenen Weibe vor dem Meißner Thore geſchleppt hat. Ob er unter den Spänen die abgeſägten Faßdaubenſtückchen mit fortge⸗ nommen hat, kann ich freilich nicht mit Gewißheit be⸗ haupten. Aber er ſcheint bei der Ausſätzigen ſeine Diebs⸗ höhle zu haben, weil er weiß, daß dort kein Menſch Nachſuchung halten kann. Denn, weshalb würde Popp außerdem ſo viel mit dem Weibe verkehrt haben?“ „Der verbrannte Guntram hat jedenfalls auch dort ſein Geld verborgen“— ſagte Meiſter Lippmann— „denn es hat ſich in ſeinem Nachlaſſe gar nichts vorge⸗ funden, und daß er nicht arm war, wiſſen wir Alle.“ „Meiſter Lippmann“— that jetzt der Bürgermeiſter den Ausſpruch—„hat ſich ſeither nicht um ſeine Sache gekümmert, ſondern dieſelbe ſeinem Altgeſellen überlaſſen 113 Derſelbe hat mit dem Böttcher unter einer Decke geſteckt und die kleinen Gefäße fertigen laſſen, um den dadurch erzielten Gewinn mit jenem zu theilen. Da aber be⸗ ſagter Altgeſelle vor dem Erwiſchen ausgekniffen iſt, ſo iſt mit weiterem Verfahren gegen ihn einzuhalten. Da ferner der Böttchermeiſter Pumper wegen überkommener Engbrüſtigkeit ſeit geraumer Zeit ſchon der Faßbinderei nicht mehr hat obliegen können und deshalb auf ſeinen Geſellen ſich hat verlaſſen müſſen;— da ferner beſagter Böttchergeſelle geſtändig iſt, die fraglichen kleinen Bier⸗ gefüße gefertigt zu haben und irgend Einer doch der Schuldige ſein muß;— da ferner beſagter Böttcher⸗ geſelle ungewöhnlich viel Silbers in den Händen und verdächtigen Verkehr mit der Leprakranken gehabt hat; da ferner ſchon des fraglichen Böttchergeſellen Ausſehen auf einen verſchmitzten Schelm und Schalk hindeutet: ſo verordnen wir hiermit die Feſtnehmung des Böttcher⸗ geſellen als des Hauptſchuldigen, und werden in der nächſten Rathoſitzung über ſeine Beſtrafung Beſchluß faſſen. Pedellus, verſichere dich des Schelmen und laß ihn in ſichern Gewahrſam bringen.“ „Gott und die Heiligen kennen meine Unſchuld!“— ſprach Popp mit gefaßtem Muthe, indem er willig ſeine großen Hände darreichte, um ſolche binden zu laſſen⸗ Friedbert aber und Margerethe brachen in ein lau⸗ tes Weinen aus.* Hierauf drehte ſich Popp im Fortgehen nach v⸗ Geſchwiſtern um und rief aus:„Friedbert! mein Nach⸗ Nieritz. Die Ausgeſtoßene. 8 114 * bar Bankel ſoll ſich meines Raben annehmen, laſſe ich ihm ſagen.“ „Einen Raben hat der Fälſcher?“— fragte der Bürgermeiſter—„einen Vogel, der als Dieb bekannt iſt? Ha, ein neuer Beweis, daß Popp ebenfalls ein Spitzbube iſt. Denn Gleich und Gleich geſellt ſich gern.“ Während in unſern Zeiten Frau Gerechtigkeit meiſtens im Geheimen ihr Richteramt verwaltet und die Uebel⸗ thäter der Oeffentlichkeit entzieht, geſchah in der Vorzeit gerade das Gegentheil. Nach Verlauf von nur 12 Tagen ſollte Popp's Verurtheilung öffentlich vor dem Rathhauſe der dama⸗ ligen Neuſtadt erfolgen. Auf die Kunde davon drängte ſich das Volk in dichten Schaaren herbei, nicht ſowohl um ſich ein warnendes Beiſpiel zu nehmen, als vielmehr einem außergewöhnlichen Schauſpiele beizuwohnen. Wenn heutzutage der Wirkungskreis der Scharf⸗ richter und Freiknechte meiſtens auf das Einfangen herren⸗ loſer Hunde und das Fortſchaffen gefallener Rinder und Roſſe ſich beſchränkt, ſo hatten ſie im Mittelalter ungleich mehr mit Menſchen zu thun. Darum fehlte auch der Scharfrichter in dem Kreiſe nicht, welcher von bewaff⸗ neten Bürgern vor dem Rathhauſe gebildet wurde und zu Popp's Urtheilsvollſtreckung beſtimmt war. Außer demſelben erſchienen noch Meiſter Lippmann und Pumper vor den Gerichtsſchranken, indem auch ſie nicht ganz frei ausgehen ſollten. Der Villicus, was ſoviel wie Stadtrichter bedeutete, las den drei Schuldigen das Urtheil vor. „In Erwägung“— hob er kaut predigend an— „daß du, Mälzermeiſter Lippmann, für das Gebahren deiner Dienſtleute zu ſtehen und auf richtiges Gemäß und tadelfreie Waare zu ſehen haſt: verurtheilen wir dich, wie folgt: Das zu klein befundene Gefäße wird von Amtswegen zerſchlagen und verbrannt. Außerdem aber zahlſt du vier Loth feines Silber Strafe und 16 Schillinge Koſten. Dieß von Rechtswegen.“ Meiſter Lippmann erwiederte hierauf kein Wort, zog aber die Stirne in Falten und trat zurück. Jetzt kam Meiſter Pumper an die Reihe, welcher zu zwei Loth Silber Strafe und 12 Schillingen Koſten verurtheilt wurde. Am übelſten ſollte es dem armen Popp ergehen, welcher der Sündenbock für die Schuldigen werden mußte. „Sintemal Jeremias Popp überwieſen und geſtändig iſt“— lautete der Spruch— unrichtiges Maaß hal⸗ tende Biergefäße gefertigt zu haben: ſo ſoll er hinführo keine dergleichen mehr machen dürfen und, daß ſolches nicht geſchehe, ſeine beiden Daumen durch die Hand des Scharfrichters verlieren. In Erwägung jedoch, daß kei⸗ ner der von ihm übervortheilten Bierabnehmer wegen Schadloshaltung gegen beſagten Jeremias Popp aufge⸗ treten iſt, ſo ſollen ihm gegen Erlegung eines Pfundes Silberpfennige die Daumen für dießmal noch gelaſſen werden. Alſo lautet das Urtheil von Rechts wegen.“ 8* 116 „Nun, Popp!“— ſprach der Bürgermeiſter zu dem Verurtheilten—„du kannſt von Glück noch ſprechen. Zahle dein Pfund Strafe, gehe heim und ſündige hinfort nicht wieder.“ „Nicht ein Loth, geſchweige denn ein ganzes Pfund Silber beſitze ich in meinen Händen“— verſetzte Popp trübe. „Hebe deinen Schatz draußen bei der Leprakranken“ — entgegnete der Bürgermeiſter—„und du haſt mehr als du bedarfſt.“ „Spottet, o Herr! meiner nicht noch!“— ſagte Popp und blickte ſchmerzlich auf ſeine Hände und deren Daumen nieder, die er für immer verlieren ſollte⸗ „Wie ſteht's, Meiſter Pumper!“— wendete ſich der Bürgermeiſter an den Böttcher—„willſt du die Strafe für deinen Geſellen entrichten?“ „Ihr ſpaßet, geſtrenger Herr Bürgermeiſter!“— erwiederte Pumper zerknirſcht.—„Mit Hobelſpänen könnte ich dienen, doch mit Silberpfennigen nicht. Weiß ich doch noch nicht, wovon ich meine mir ab Strafe zahlen ſoll.“ „He, Meiſter Lippmann!“— rief der Bürgerneiſer den Mälzer an—„biſt du geſonnen, ein paar Daumen für ein Pfund Silberpfennige zu erhandeln? Wenn Popp auch nicht mehr Gefäße binden darf, ſo kann er doch mit ſeinen großen Händen dir beim Bierbrauen helfen und ſomit das Pfund Silberpfennige nebſt guten Zinſen an dich abtragen“ . 117 „Ich ſcheere mich um alle Daumen und Böttcher⸗ geſellen in der Welt nicht“— erwiederte Meiſter Lipp⸗ mann trotzig—„und wenn ich ſie um einen einzigen Schilling kaufen könnte.“ „So kann ich dir nicht helfen, Popp!“— ſprach der Bürgermeiſter.—„Du wirſt zugeben, daß es an mir nicht gelegen hat, dir deine Daumen zu erhalten.“ „Erleget Ihr doch das Pfund für mich, gnädiger Herr Bürgermeiſter“— bat Popp beweglich—„und ich will es Euch redlich und nöthigenfalls mit meinem Blute wieder erſtatten.“ „So haben wir nicht gewettet, mein Freund!“— rief der Bürgermeiſter betroffen aus.—„Eine ſolche Handlung würde ſich mit meinem Amte nicht vereinigen laſſen. Ergieb dich in dein Schickſal, das nun einmal nicht abzuändern iſt. Meiſter Polſter“— wendete er ſich an den abſeits ſtehenden Scharfrichter—„hier nimm den armen Sünder in Empfang und thue mit ihm, was Rechtens iſt. Du wirſt den armen Burſchen nicht länger zappeln laſſen als nöthig iſt, um ihn ſeiner Diebsdaumen zu entledigen.“ Meiſter Polſter führte nun Popp zu einem Holz⸗ blocke hin, auf welchem ein ſcharf geſchliffenes Hacke⸗ meſſer oder Beil lag, wie die Böttcher es bei ihrer Holzarbeit gebrauchen. Ein eiſiger Schauer durchrieſelte bei dieſem Anblicke Popps Körper, dem ein noch ungleich ſtärkerer folgte, als er neben dem Blocke ein eiſernes Becken mit rothglühenden Holzkohlen gewahrte, deſſen 118 Zweck ihm unbekannt war, von welchem ihm aber ein dunkles Vorgefühl Unheilvolleres noch verkündigte. Der Scharfrichter packte Popps linken Arm und nöthigte ihn, die linke Hand zuerſt auf den Block zu legen. Dann erfaßte er das ſchwere Hackmeſſer und holte zum Hiebe aus. Hier wendete Popp ſein Auge vom Blocke hinweg und gen Himmel empor. Er mochte ein Glied von ſei⸗ nem Körper nicht abtrennen ſehen, das ihm alles Silber der Welt nicht wieder zu erſetzen vermochte. Das Meſſer ziſchte nieder und durch das Fleiſch. Popp zuckte zuſammen. Allein nur einen leiſen Seufzer ſtieß der arme Burſche aus, deſſen linker Daumen ab⸗ getrennt auf dem Blocke lag, während ein Blutquell der Wunde entſtrömte. Jetzt aber ward Popps Standhaftigkeit auf eine weit härtere Probe geſtellt. Der Scharfrichter nahm ein glühendes Schüreiſen aus dem Kohlenbecken und drückte deſſen breite Fläche auf den blutenden Daumenſtumpf, ſo daß das Eiſen laut aufziſchte und das rinnende Blut zum Stehen brachte. Aber auch der gefolterte Popp ſchrie jetzt laut und ſchmerzlich auf. Die Kniee brachen unter ihm zuſammen und er fühlte ſeine Sinne unter dem mſigkchſen Schmerze dahinſchwinden. Meiſter Polſter, an ſolche Kundgebungen bereits gewöhnt, bemächtigte ſich nun des rechten Armes von Popp, um deſſen Daumen daſſelbe Recht oder Unrecht „ 119 wiverfahren zu laſſen. In dieſem Augenblicke aber wurde er plötzlich von einem Feinde angegriffen, auf den er am allerwenigſten vorbereitet war. Aus der Höhe hernieder ſtürzte ſich in blitzſchnellem Fluge ein großer brandſchwarzer Vogel, Popps Rabe, der ſofort einen wüthenden Angriff auf des Scharfrichters Antlitz und zwar auf deſſen Augen begann. Der Mann wußte nicht wie ihm geſchah und in ſeiner Beſtürzung nicht ſogleich, welch einen Feind er abzuwehren habe. Ein Feind, der ihn mit ſcharfen Biſſen verletzte und ihm das Antlitz mit ſeinen ſchwarzen Flügeln ſchlug, ſo daß er nicht aus den Augen zu ſehen vermochte. Beſtürzt blickten die Herren auf der Gerichtsbank, erſtaunt das Volk auf den wüthenden Raben hin, in welchem es den Satan ſelbſt und Popps Verbündeten zu ſehen wähnte, der erſchienen ſei, um dem Armen⸗ ſünder zu helfen. Selbſt Popp ſtand erſtaunt und vergaß auf wenig Augenblicke den wüthenden Schmerz an ſeiner Linken. Endlich gelang es dem Scharfrichter, ſeinen beflügelten Gegner in die Flucht zu ſchlagen, welches aber erſt ge⸗ ſchah, als er mit dem Hackmeſſer dem Raben einen Flü⸗ gel abgehauen hatte. Deſſen ungeachtet ſtellte ſich Han⸗ ſel vor den Füßen ſeines Herrn zu deſſen fernerer Ver⸗ theidigung auf. Den zerhauenen Flügel auf dem Boden nachſchleppend, den unverletzten dagegen unaufhörlich ſchwingend, den Schnabel weit geöffnet und wilde Schreie ausſtoßend, erwartete der Rabe ſeines Herrn Feind, der 120 zugleich auch der ſeinige war. Schwerlich jedoch düvfte der heldenmüthige Vogel ſeinem Herrn eine Milderung ſeines Geſchicks haben erkämpfen können, wenn nicht eine neue Wendung deſſelben durch die raſche We eines Dritten erfolgt wäre. gn Unter dem lauten, angſtvollen Rufe:„Haltet zu haltet ein!“ durchbrach Simonſon, der Jude, den Kreis der Bewaffneten. Als er den blutgenetten Block ge⸗ wahrte, ſtieß er ein Wehgeſchrei aus. „Weh! weh!“— rief er—„zu ſpät! zu ſpät!“ Simonſon, eben erſt von einer kängeren Reiſe heim⸗ kehrend, war mit Staub und Schweiß bedeckt, das Haar umflatterte ſein Haupt, ſein langer Rock war zerriſſen und beſchmutzt. „Gott meiner Väter!— jammerte er—„daß ich nicht eine halbe Stunde eher ankam! Mein Lebensretter! er iſt ſchuldlos! Ich gab ihm das Silber, das man bei ihm geſehen hat.“ „Dieſe Sache iſt abgemacht“— ſprach der Bür⸗ germeiſter.—„Es handelt ſich jetzt nur noch um das Pfund Silberpfennige, um Popps Daumen vor dem Abſchneiden zu bewahren.“ „Aber, v Himmel“— wendete der Jude ein— „ort ſehe ich den Bock voll Blut und den Daumen am Boden liegen.“ g „Es iſt nur der linke“— verſetzte der Bürgermei⸗ ſter—„und daher nicht halb ſo viel werth, als ſein 121 Kamerad. Jude, zahl' das Pfund und dein Lebensretter behält ſeinen Daumen.“ „Aber, Gevatter Bürgermeiſter!“— ſagte hier der Villicus heimlich zu Suchaneck—„wie magſt du die volle Kaufſumme für die Hälfte der ausgebotenen Waare verlangen? Der Geſelle hat ja ſchon den einen Daumen hergeben müſſen— begnüge dich vae mit der Hälfte der Strafſumme.“ „Ich würde es“— entgegnete der Hürgerneiſer halblaut—„wenn der Käufer kein Jude wäre. Mit ſolchen habe ich keine Nachſicht, denn ſie ſchinden die Chriſten über die Gebühr. Erkläre dich, Mauſchel!“ — fuhr er laut zu dem Juden fort—„ob du das Pfund Silber für den Armenſünder entrichten willſt oder nicht.“ „Ich will! bei dem Gott meiner Väter!“— rief Simvnſon aus.—„Aber ich habe nicht ſo viel Geld bei mir, auch daheim nicht. Geſtattet mir nur eine kleine Viertelſtunde Friſt, damit ich von meinen Brüdern in der Nähe die geforderte Summe leihen kann.“ „Sie ſei dir gewährt!“— ſprach der Bürgermei⸗ ſter—„doch ſpute dich, denn nach Verlauf der Vier⸗ telſtunde iſt Popps rechter Daumen verwirkt und füllt.“ Da rannte Simonſon ſpornſtreichs davon in die nahe Zahnsgaſſe hinein, in welcher die meiſten ſeiner Glaubensgenoſſen wohnten. Schweißtriefend und athem⸗ los kehrte er noch vor Ablauf der zugeſtandenen Friſt zurück. Seine Hände umfaßten eine Menge kleiner und 122 größerer Geldbeutel von allen Farben, deren ſilbernen Inhalt er jetzt ausſchüttete und wiegen ließ. Nach rich⸗ tig befundenem Gewichte und Silbergehalte ward Popp freigeſprochen. Dankbarkeit und Schmerz kämpften ſo gewaltig in deſſen Innerm, daß er keines Wortes mäch⸗ tig war. In dieſem Zuſtande nahte ſich ihm kreiſchend der Rabe und bemühte ſich, an ſeinem Herrn emporzu⸗ flattern, was ihm aber, des verletzten Flügels wegen, nicht gelang. Indem Popp die geſunde Hand nach dem Vogel ausſtreckte, gewährte er in deſſen Schnabel— ſeinen blutigen, abgehackten Daumen, den ihm der Rabe wie einen Ring zutrug. Ein unbeſchreibliches Gefühl überrieſelte den Ver⸗ ſtümmelten, als er das ihm abgehauene Glied dem Ra⸗ ben abnahm und zu ſich ſteckte. Popp würde, von gei⸗ ſtigen und leiblichen Qualen gefoltert, hingeſunken ſein, hätte ihn nicht Simonſon mit ſtarken Armen erfaßt und gehalten. Dieſe Unterſtützung war um ſo rühmlicher, als Popp, nachdem er unter den Händen des Scharfrichters ſich befunden hatte, in den Augen der Menge für un⸗ ehrlich und verrufen galt. Simonſon, dieſem Wahn⸗ glauben nicht zugethan, geleitete Popp in ſeine Woh⸗ nung, wo er ihm die liebevollſte Pflege angedeihen ließ und die verſtümmelte Hand ſchneller und ſichrer ihrer Heilung zuführte, als dies ein gelernter Arzt ge⸗ konnt hätte. 123 Reuntes Kapitel. Der ſchwarze Tod Plopft an. Was für Schmerzen ſchon der Verluſt des kleinſten Gliedes dem Menſchen verurſacht! Nach dem Abhacken des Daumens war Popp in das heftigſte Wundfieber ge⸗ fallen, in welchem er wohl eben ſo wimmerte und irre ſprach, als der vordem verbrannte Guntram. Den Vortheil aber hatte er vor dieſem voraus, daß ihn ſein Gewiſſen frei ſprach und daß daher zu den kör⸗ perlichen Qualen nicht noch die der Seele hinzukamen. Es währte geraume Zeit, mehrere Monate ſogar, bevor Popps Hand völlig geheilt war. Dann aber vermißte er recht ſchmerzlich das ihm fehlende Glied, ohne wel⸗ ches die vier übrigen Finger ſehr ungeſchickt waren und ſehr viele Arbeiten nicht mehr wie ſonſt verrichten konn⸗ ten. Jetzt erſt erkannte Popp recht, wie unendlich viel werth ein jegliches Glicd am menſchlichen Körper ſei und wie kein anderes Erdengut einen ſolchen Verluſt zu erſetzen vermöge. Da Popp ſein Böttcherhandwerk nicht mehr betrei⸗ ben durfte und auch, ſeiner verſtümmelten Hand wegen, nicht gut konnte; da ferner niemand ihn, als einen Un⸗ ehrlichen, der in Scharfrichters Händen geweſen war, in Arbeit nehmen mochte, ſo hätte Popp entweder bet⸗ teln oder ſtehlen müſſen, um nicht zu verhungern. 124 Jetzt empfing aber Popp die dem Juden Simonſon einſt erwieſene Wohlthat mit reichen Zinſen zurück, in⸗ dem ihn Simonſon nicht nur beherbergte, ſondern auch ernährte und mit Arbeit verſorgte, wie ſie Popps Zu⸗ ſtande angemeſſen war. Da nun Friedbert oftmals mit Popp im Garten des Brauhauſes zuſammentraf, auch ihn und den Raben zuweilen beſuchte, ſo befreundete er ſich allgemach mit Simonſons beiden Töchtern, die bisher immer ſehr ſchüch⸗ tern geweſen waren und vor jedem Chriſten ſich vevſteckt hatten. Auch Margarethe gewann bei näherem Verkehr die beiden kleinen, ſchmarzgelockten Judenmädchen lieb, die, in dem Alter von fünf und ſieben Jahren ſtehend, ſchon ſehr klug waren. Seit Guntrams Tode, durch den die beiden Ge⸗ ſchwiſter einen läſtigen Aufſeher verloren hatten, durften jene öfter als ſonſt ihre Mutter beſuchen. Freilich be⸗ ſtand ein ſolcher Beſuch in weiter nichts, als daß die Kinder in einiger Entfernung von ihrer gänzlich verhüll⸗ ten Mutter ſtanden oder ſaßen und hoch erfreut ſchon waren, wenn dieſe einige wenige Worte mit ihnen wech⸗ ſelte. Ach, wie ſo gern hätten die Kinder ihrer Mutter die Hand gedrückt, einen Kuß ihr gegeben, ſich von ihr hätſcheln und wieder küſſen laſſen, wie es vor Zeiten geſchehen war! Die Kinder waren noch weit übler daran, als wenn ihre Mutter ins Kloſter gegangen wäre und mit ihnen durch das Sprachgitter verkehrt hätte. Margarethe und Friedbert fühlten öfter als je 125 von der Sehnſucht ſich verzehrt, einem liebenden Herzen ſich hinzugeben und ſich innig an daſſelbe anzuſchließen. Und wo fände ſich auf der Welt ein zärtlicheres Herz, als dasjenige einer Mutter?! „Haſt du nicht bemerkt, Gretel!“— ſagte Fried⸗ bert eines Tages zu ſeiner Schweſter, als ſie von ihrer Mutter heimkehrten—„daß unſre Mutter ſeit dem Frühjahre mehr als ſonſt darauf hört, wenn wir mit ihr ſprechen? Wie aufmerkſam war ſie heute, da wir ihr von dem armen Pppp, von deſſen abgehacktem Dau⸗ men, von ſeinem Raben und von dem guten Juden er⸗ zühlten! Selbſt gefragt hat ſie ein⸗ oder gar zweimal, was ſie ſeit ihrem Ausſtoßen nie gethan hat. Wenn ſie wieder geſund würde! Ich wüßte nicht, was ich vor Freuden anfinge! Wäre ich reich, ſo ſchenkte ich der heiligen Erasmuskapelle einen großen Silberleuchter oder ſtiftete ſonſt eine fromme Schenkung.“ Bei dem nächſten Beſuche erhielten die Kinder einen neuen Beweis, daß ihre Mutter wieder Theilnahme am Leben und Wirken bekam. Sie erblickten in der Nähe der Strohhütte ihrer Mutter einige kleine Beete, welche niemand als dieſe ſelbſt umgegraben haben konnte, wozu ſie ſich eines ſpitzen Holzes bedient hatte. Dieſer Anblick war für Friedbert ein Fingerzeig, am nächſten Tage ſchon ein Päckchen mit allerlei Sämereien neben die umgegra⸗ benen Beete hinzulegen, welche er von dem empfangenen Almoſen ſeiner Mutter angekauft hatte. Die Freude und Hoffnung der Kinder wuchſen noch mehr, als ſie 126 nach ein paar Wochen die Sämereien luſtig aufgehen und ihre Mutter die jungen Pflanzen ſorglich pflegen ſahen. Ohne erſt das Geheiß oder den Wunſch ihrer Mutter abzuwarten, trugen die Kinder ihr das erfor⸗ derliche Gartengeräthe: einen Spaten, einen Rechen, ein Meſſer und eine kleine Gießkanne herbei. Sonderbar aber blieb es, daß die Leprakranke auf jedesmaliges Be⸗ fragen ihrer Kinder, wie es um ihr Befinden und ihre Geſundheit ſtehe? ſtets die Antwort ertheilte:„Betet, ach betet, ihr Kinder, daß mich unſer Herrgott bald von meinem Leiden erlöſe.“ Der Sommer entſchwand ſchnell bei ſteter Arbeit den beiden Geſchwiſtern, die immer tüchtiger in ihrem Berufe und immer ſtärker und größer am Körper wur⸗ den, daher Meiſter Lippmann eines Tages zu ſeiner Frau anhob: „Hätte ich mich doch nicht von dir überreden ſondern unſern Johannes ebenfalls einen Mälzer werden laſſen, anſtatt einen Pfaffen aus ihm zu machen Sieht der Junge nicht käſeweis aus, wie eine friſch getünchte Wand? Iſt maulfaul und geht den ganzen Tag mit griesgrämlichem Geſichte umher! Koſtet mich bereits ſchweres Silber und hat mir noch nicht einen Hohlpfen⸗ nig dafür eingebracht! Da lobe ich mir dagegen den Friedbert! Der Bub' iſt aufgeſchoſſen in dem einen Jahre wie eine junge Tanne, ſtrotzt von Geſundheit, Kraft und lieblicher Röthe. Ohne die Naſe in ein Buch geſteckt zu haben, iſt er doch zehnmal geſcheidter, als 127 der Träumer Johannes, weiß ſein Bier zu brauen, wie ein Altgeſelle, und wenn ich todt bin, ſehe ich unſer Brauhaus in keines Anderen Händen als in den ſeinen, anſtatt daß unſer Sohn ſein warmes Reſt darin beſäße.“ „Ho! ho!“— verſetzte Frau Lippmann höhniſch —„dahin ſoll es nimmer kommen, Mann! Und ſollte ich mit meinen eigenen Händen dem fremden Schma⸗ rotzer das Genick brechen. Willſt du deinen Sohn nicht höher wiſſen, als du ſelbſt gekommen biſt? Soll deine Tochter nichts weiter werden, als die Frau eines bloßen Handwerkers oder Spießbürgers?“ „Erinnere mich nicht an Blaſia, an das eitele, ſchnippiſche und faule Ding!“— entgegnete der Meiſter mürriſch.—„Den ganzen Tag über nichts weiter thun, als ſich ſchniegeln, putzen, und vor dem Spiegel ſitzen, iſt ihre alleinige Arbeit. Auf allen Tiſchen, Seſſeln, Spinden und Truhen liegt der Putzplunder, ſtehen Bal⸗ ſambüchſen und Schminktöpfe umher, und faſt keinen Tritt kann man in unſrer Wohnſtube thun, ohne über Bla⸗ ſia's Schnabelſchuhe, Pantoffeln und hingeworfene Röcke hinwegzuſtolpern. Was für ein Mädchen iſt dagegen Grete! Die Erſte früh aus dem Bette, die Letzte abends hinein! Unverdroſſen, rührig, freundlich, höflich, reinlich, ſittſam, verſtändig“— „Du biſt ein alter Eſel!“— unterbrach die zornige Meiſterin ihren Mann. „Und du eine Affenmutter!“— rief der Meiſter 128 zurück—„die blind gegen die Untugenden ihrer Kin⸗ der iſt.“ „Was geht dich Blaſi, meine Tochter an?“— keifte die Meiſterin.„Giebſt du ihr etwas zum Putze, he? oder ich? Soll mein Kind etwa ſcheuern, kochen, ſpinnen wie eine Magd? Soll ſie einhergehen wie eine Schlumpe? Dir und mir Schande machen, he?“ „Wer ſonſt als ich hat dir den Hefenverkauf über⸗ laſſen?“— ſchrie Lippmann hitzig.—„Was warſt du als ich dich zum Weibe nahm? Was hatteſt du im gan⸗ zen Vermögen? Nichts! gar nichts! Eine kahle Kirchen⸗ maus warſt du. Und mir willſt du glauben machen, daß du nur von dem Hefenverkaufe Blaſia's Putz und Plun⸗ der anſchaffſt? Ha, künftighin will ich mein Geld beſſer verwahren und dann wollen wir ſehen, ob die Hefen noch immer ſo viel abwerfen, he! he!“ „Und mir willſt du glauben machen, alter Spitz⸗ bube!“— kreiſchte die Meiſterin—„daß es Guntram geweſen ſei, der beim Pumper die kleinen Biergefäße beſtellt habe? Soll ich meinen Mund aufthun, he? Soll ich zum Bürgermeiſter gehen und ihm ſagen, was ich weiß und geſehen habe?“ 8„Satan, du!“— rief Meiſter Lippmann außer ſich. Er bückte ſich zu Boden; um ein paar daſtehende Schnabelſchuhe Blaſia's ſeiner Frau an den Kopf zu werfen. Dieſe aber ſchlüpfte behende durch die nächſte Thür, welche ſie unter einem ſchallenden hinter ſich verriegelte. 129 Der Leſer erſieht aus dieſer Scene, daß ſelbſt der Reiche nicht immer froh und glücklich iſt, ſondern ſein Bündel zu tragen hat, obſchon er ſich daſſelbe oft ſelbſt geſchnürt und auferlegt hat. So voft ein ſolcher häuslicher Zwiſt vorgefallen war, was gar nicht ſo ſelten geſchah, ſo ſuchte Meiſter Lippmann jedesmal einen guten Freund auf, von wel⸗ chem er Troſt und Aufheiterung verlangte. Aber dieſer war ein falſcher Freund, welcher dem Hülfeſuchenden mit dem Troſte und der Aufheiterung ein langſam ſchleichen⸗ des Gift einflößte. Dieſer falſche Freund nannte ſich — Bier! und das Gift hieß— die Bruſtwaſſerſucht! Dieſes ſchreckliche Gift kommt ſo heimlich und mit ſo kleinen Schritten in den Menſchen, daß dieſer in der Regel nicht eher von dem nagenden Wurm und dem brennenden Feuer in ſeiner Bruſt etwas merkt, als bis es zu ſpät und keine Rettung mehr möglich iſt. Das Waſſer, welches durch den übermäßigen Genuß ſtarker Biere, des Weins und Branntweins in der Bruſt des Menſchen ſich anhäuft, könnte man hinſichtlich ſeiner tödtlichen Wirkung und unheilbaren Beſchaffenheit mit dem berüchtigten aqua toffana vergleichen, nur daß das letztere noch weniger ſchmerzhaft auftritt als jenes. Meiſter Lippmann hatte bereits in ſeiner Bruſt einen ziemlichen Vorrath jenes giftigen Waſſers, allein er wußte davon nichts und ſchob den dadurch erhaltenen kurzen Athem auf ſeine zunehmende Vrle So Nieritz. Die Ausgeſtoßene. 1 9 130 ſieht auch das Kind die unter Wieſenblumen verborgene giftige Schlange nicht. Während nun der Mälzer nach dem Keller ging, um gleich von der friſchen Quelle zu trinken, ſprach die Mälzerin zu ſich ſelbſt: „Es wird die höchſte Zeit, daß Grete und ihr Bruder aus dem Hauſe kommen. Wie aber das? Mache ich das Mädel zur Diebin, was mir nicht ſchwer fallen dürfte, oder grabe ich ihnen dadurch eine Grube, weil ſie heimlich zu ihrer ausſätzigen Mutter rennen? Mein Mann hat eine entſetzliche Angſt vor der Anſteckung und dem Tode— ich werde es mit dem letzteren Mittel verſuchen und— hilft das nicht— das erſte dann anwenden.“ Indeſſen tröſtete ſich der Mälzer unten im Keller beim vollen Bierfaſſe. Nachdem er ſich überſatt getrun⸗ ken hatte und, noch eine volle Schleifkanne Bieres mit⸗ nehmend, die Kellertreppe hinaufſtieg, vernahm er oben ein lautes Schnieben. „Das iſt kein Andrer als Meiſter Pumper!“— ſprach Lippmann zu ſich ſelbſt.—„Was der Mann an Engbrüſtigkeit leidet! Keucht er nicht ärger, denn eine fette Gans? Gott ſei Dank! da geht mein Athenen noch flott gegen dasjenige Pumpers.“ Plötzlich hörte der Mälzer des Markus Stimme ſprechen:„Wo willſt du hin, Meiſter Pumper? In den Keller? Du taumelſt ja ſchon und kannſt die Kellertreppe hinabfallen. Biſt du ſchon voll geladen und willſt noch 131 mehr trinken? Nimm dich in Acht, Pumper! wenn das mit dir ſo fortgeht, jagt dich der Meiſter fort und nimmt einen andern Böttcher an.“ „Der Saufaus!“— ſprach Lippmann und trat auslder Kellerthüre, wo er den Böttcher gegen die gelehnt fand. X „Was iſt mit dem da?“— fragte der Mälzer ſeinen Brauburſchen, indem er auf Pumper deutete. „Ich weiß nicht, Meiſter!“— verſetzte Markus.— „Pumper band im Hofe ein Faß. Auf einmal warf er Meſſer und Reifen hin und taumelte ins Haus. Als ich ihn fragte, konnte er nur mit ſchwerer Zunge lallen. Bei uns hat er noch nicht getrunken, wenn er das nicht ſchon anderswo gethan hat.“ „Scheer' dich heim, alter Sünder!“— fuhr Lipp⸗ mann den Böttcher an.„Du wirſt's noch ſo weit trei⸗ ben, daß du nicht ein Faß mehr zu binden vder zu Lichen bekommſt. Fort! ſag' ich!“ Pumper aber wich nicht, ſondern taumelte und ſank endlich zu Boden. „Meine Bruſt!“— ſtanmelſe er und legte die Hand auf dieſelbe. Darauf würgte Pumper ſich, brach aber, ſtatt des vermutheten Bieres— Blut weg. „Meiſter, was iſt das?“— rief Markus erſchrok⸗ ken aus.—„Seht Pumpers Zunge! kohlſchwarz ſieht ſie aus und— ha! das ganze Geſicht iſt mit jan Tippern überſprenkelt.“ 9* 132 „Weh! weh!“— ächzte Lippmann—„das iſt — v Jeſus Maria! der ſchwarze Tod!“ Und auf den Flügeln der Furcht entrann der tödt⸗ lich erſchrockene Mälzer. Nicht anders machte es Mar⸗ kus, indem er den Böttcher in dem hülfloſeſten Zuſtande zurückließ. Drei Jahre hindurch, von 1347 bis 1349 entvöl⸗ kerte die Peſt unter dem Namen: der ſchwarze Tod, ganz Europa und raffte, dafern die Beſchreibungen da⸗ von nicht übertrieben ſind, 105 Millionen Menſchen hinweg. Die Chronik beſagt, daß allein in Deutſchland 124,234 Barfüßermönche der fürchterlichen Seuche er⸗ legen ſind. Sie kündigte ſich durch einen ſchwarzen Ausſchlag an, begleitet mit Stumpfſinn, Betäubung und Lähmung der Zunge, die wie der Schlund gleichfalls ſchwarz wurde. Die Werkzeuge des Athmens wurden von einer fauligen Entzündung ergriffen, wozu ſich Bruſtſchmerzen und Blutbrechen geſellten. In längſtens drei Tagen waren die Peſtergriffenen Leichen, welche durch ihren ſchrecklichen Geruch die Anſteckung überall verbreiteten. Aus dieſer Beſchreibung wird dem Leſer der Schreck erklärlich, welcher den Mälzer und deſſen Geſellen aus Pumpers Nähe vertrieben hatte. Klug war das nicht vom Mälzer gehandelt, welcher in aller Stille den erkrankten Pumper hätte heimſchaffen und ſo ſein Haus vor dem üblen Rufe bbwahren ſollen, den es nunmehr durch den laut gewordenen Peſtfall erhielt. 133 Die Mälzerin, alsbald den Fehlgriff ihres Mannes erkennend, ſuchte denſelben wieder gut zu machen, in⸗ dem ſie mit ſcheinbarer Ruhe des Böttchers Zuſtand auf deſſen bekannte Trunkſucht ſchob und ihren Dienſtboten hierauf befahl, den Meiſter Pumper heim zu ſchaffen. Diesmal aber predigte Frau Lippmann tauben Ohren, die ſelbſt dann nicht hören mochten, als jene immer größere Trinkgelder anbot. Vielmehr verſteckte ſich Jedes in den fernſten Winkel, ſo daß das ſonſt ſo belebte Brauhaus wie völlig ausgeſtorben lag. In dieſer üblen Lage überkam die Mälzerin ein glücklicher Gedanke, durch deſſen Ausführung ſie zwei Fliegen mit einem Schlage treffen konnte: den Böttcher aus dem Hauſe und zugleich das ihr gefährlich zu wer⸗ den drohende Geſchwiſterpaar los zu werden. „Grete!“— herrſchte ſie ihre Richte an—„ſo⸗ gleich rufſt du deinen Bruder hierher.“ Als Friedbert in Begleitung Margarethens erſchien, hob die Mälzerin mit entſchiedenem Tone an: „Auf der Stelle nimmſt du den Schiebebock, legſt den betrunkenen Meiſter Pumper darauf und fährſt ihn nach Hauſe. Du biſt groß und ſtark genug dazu. Und ſollteſt du ja mit dem Aufladen allein nicht zu Stande kommen, ſo mag Grete dir dabei helfen. Auf! und ſpute dich!“ „Jeſus Maria!“— rief Margarethe erſchrocken aus—„mein Bruder? den Pſtkranken Pumper? O nein, Frau Baſe! nur das nicht!“ 134 „Albernes Ding!“— ſchalt die Mätzerin zornig —nicht peſtkrank, blos betrunken iſt Pumper. Und Friedbert, gehorchſt mir auf der Stelle. Ich denke doch, daß wir durch unſre Güte gegen dich und deine Schweſter ſo viel verdient haben, daß du mir den klei⸗ nen Gefallen erzeigen wirſt. Heute einmal kannſt du deinen Dank uns durch die That zeigen. Schnell! nicht lange erſt beſonnen! Wo nicht, ſo meidet auf immer dieſes Haus, ihr undankbaren, niederträchtigen Seelen!“ Welches gutgeartete Kind bleibt gegen derartige Vorwürfe wohl unempfindlich, zumal da dieſe nicht un⸗ gegründet zu ſein ſchienen? Daher ging Friedbert, vhne ein Wort zu erwidern, und Margarethe, die ihren Bru⸗ der nicht allein in der Gefahr wiſſen wollte, mit ihm. Triumphirend blickte die Mälzerin den Geſchwi⸗ ſtern nach. „Thue ich denn etwa eine Sünde?“— ſprach ſie, ihr Gewiſſen beſchwichtigend.—„Konnten uns die Kin⸗ der nicht auch mit der Lepra anſtecken? Jetzt haben ſie eine Gelegenheit, durch welche ſie ihre Aufnahme in unſer Haus durch einen kleinen Liebesdienſt vergelten können. Wir haben uns auch geſcheut, da ſie zu uns kamen; mögen nunmehr auch ſie erfahren, wie ſo et⸗ was thut.“ „Was willſt du, Gretel?“— ſprach Friedbert zu ſeiner Schweſter.—„Bleib' zurück! Ich will ſchon al⸗ lein mit dem Pumper fertig werden. Der Schiebebock iſt ja ganz niedrig und ſchon manches ſchwere Bierfaß 135 habe ich darauf gehoben, das gewiß nicht leichter war, als der aufgeſchwemmte Pumper. Und vor der Peſt fürchte ich mich auch nicht. Hat mich die Lepra nicht angeſteckt, da wir doch ſo lange um unſere kranke Mutter waren: ſo wird mir auch die kurze Zeit um Pumper nichts ſchaden. Bleib' zurück, Gretel!“ Trotz dieſem Gebote folgte jedoch Margarethe ihrem Bruder in den Hof nach, wo Friedbert ſich mit der Halskoppel umgürtete und den Schiebebock erfaßte, um ihn nach der Kellerthüre unter dem Brauhauſe zu fahren. Da legte ſich plötzlich eine große Hand auf des Knaben Schulter und Popps Stimme ſprach beſtimmt: „Setz' nieder, Friedbert!“ „Warum, Popp?“— fragte Friedbert verwundert. „Weil ich Meiſter Pumper heimfahren werde“— verſetzte Popp. „Du, Popp?“— ſprach Friedbert—„Haſt du aber auch gehört, daß Pumper“— „Die Peſt hat“— unterbrach ihn Popp ruhig— „oder vielmehr die Peſt ihn.“ „Und dennoch willſt du ihn heimfahren?“— ſprach Friedbert erſtaunt. „Dennoch!“— ſagte Popp.—„Bin ich nicht ein Krüppel? Darf ich doch nicht mehr mein liebes Hand⸗ werk betreiben. Bin ich nicht unter des Scharfrichters Händen geweſen und darum unehrlich? Bin ich“— Popp's Stimme ward immer ſchmerzlich bewegter— „nicht eben ſo ausgeſtoßen wie deine Mutter und noch 136 ſchlimmer? Falle ich nicht meinem Wohlthäter, der ſelbſt unbemittelt iſt, zur Laſt? Was verliert die Welt alſo an mir und ich an ihr, wenn ich ſterbe? Ueberdieß habe ich noch mit meinem alten Meiſter abzurechnen.“— „Du, Popp?“— fragte Friedbert.—„Ha, wird Meiſter Pumper jetzt aber mit dir abrechnen wollen, da ihn der ſchwarze Tod in ſeine Klauen genommen hat?“ „Vielleicht dann gerade am erſten“— antwortete Popp geheimnißvoll.—„Bisher hat Meiſter Pumpern das Biertrinken vom Abrechnen mit mir abgehalten. Alſo: her mit dem Schiebebocke! Und ihr, Kinder, geht fein weit aus dem Wege, wenn ich meinen Meiſter ge⸗ fahren bringe. Holt auch mich der ſchwarze Tod: ſo betet für meine arme Seele und— füttert meinen lahmgehauenen Raben. Er iſt Alles, was ich noch auf Erden beſitze.“ Nach dieſen Worten, welche den Kindern die hellen Zähren in die Augen lockten, verſchwand Popp mit dem Schiebebocke unter dem Eingange des Brauhauſes, aus welchem er in der nächſten Minute mit ſeinem aufge⸗ ladenen Meiſter wiederkehrte. Die Kinder waren bei Seite getreten und ſahen mit wogenden Gefühlen mit an, wie Popp den Peſtkranken von dannen fuhr. Als hierauf Margarethe in die Wohnung ihrer Herrſchaft zurückkehrte, fand ſie die Thür feſt verſchloſſen. Auf ihr Rufen und Pochen kam niemand, zu öffnen, ſo daß Margarethe ſich endlich genöthigt ſah, bei ihrem Bruder im Malzhauſe zu bleiben. 137 Später ward ihr durch Bärbel angekündigt, daß, nachdem ſie den kranken Pumper angerührt habe, ſie fortan die Wohnung der Meiſterfamilie ſtreng zu meiden habe. Dieſes Verbot ging von der Mälzerin aus, ob⸗ gleich dieſelbe gar wohl in Erfahrung gebracht hatte, daß Pumper durch Popp fortgebracht worden war. Zehntes Eapitel. Was der Tod vermag. 5 Frei von jeglicher Furcht oder Beſorgniß vor mög⸗ licher Anſteckung fuhr Popp ſeinen ehemaligen Meiſter die Rhänitzgaſſe hinab. Vielmehr erfüllte eine beſeligende Ruhe ſein Herz, denn er ſagte ſich's, daß er jetzt feurige Kohlen auf Pumpers Haupt ſammle. Dem war auch wirklich ſo und Pumper gab dieß durch klägliche Blicke, Seufzer und halblaute Ausrufe zu erkennen. In Pum⸗ pers Wohnung ſah es böſe aus. Des Meiſters Frau lag, kränker noch als ihr Mann, im Bette und von dem ſchwarzen Tode gleichfalls befallen. Popp bettete ſeinen Meiſter auf deſſen Lager und ſetzte ſich dann vor demſelben nieder, wobei er ſeine Falkenaugen durchdrin⸗ gend auf Pumpers Antlitz heftete. Sie wirkten wie Brenngläſer auf Pumpers Augen, welche vergeblich ſich bemüheten, jenen auszuweichen. 138 Endlich hob Pumper kleinlaut an:„Popp! ich habe mit dir abzurechnen.“ „Das habe ich erwartet“— verſetzte Popp ruhig. „Ich habe die bewußten Faßdauben kürzer geſägt“ fuhr Pumper in ſeiner Beichte fort. „Das habe ich gleich gedacht“— ſprach Popp, mit dem Kopfe nickend. „Meiſter Lippmann hat mich dazu verleitet“— ge⸗ ſtand Pumper weiter. „Das war zu vermuthen“— erwiederte Popp, indem er ſeine verſtümmelte Hand beſchauete. „„Was meinſt du, Popp!“— ſprach Pumper voll Angſt—„ob mich der Teufel deshalb holen wird, wenn ich ſterbe? Außer dieſem Schelmenſtückchen wüßt' ich kein ſonderliches, das mich in die Hölle bringen könnte. Daß ich gern mein Bierchen trank, kann mir nicht ſo 1„ hoch angerechnet werden. Sonſt müßten noch Viele mit mir zugleich brennen. Was meinſt du, lieber Popp?“ „Ich meine“— entgegnete Popp—„daß dir ſchon dein Gewiſſen allein ſagt, welche große Sünde du an mir gethan haſt.“ „Ich vermache dir“— ſprach Pumper in großer Angſt—„Alles, was ich beſitze, da meine Frau jeden⸗ falls noch eher ſtirbt als ich, und wir keine Kinder haben. Du bekommſt dann doch eine eingerichtete Werkſtatt, auch etwas Holzvorrath und was ſonſt zu einer Wirthſchaft gehört.“ „Du vergiſſeſt, Meiſter“— ſagte Popp—„daß 139 ich nicht mehr böttchern darf daß ich unehrlich gemacht und ausgeſtoßen worden bin. Was nützte mir alſo eine Werkſtatt und eine Wirthſchaft?“ „Aber, Popp!“— klagte Pumper—„ſo ſprich doch um aller Heiligen willen, was ich thun ſoll, um meine Sünde an dir gut zu machen?“ „Gut machen?“— fragte Popp mit einem Anfluge von Bitterkeit—„Kannſt du die Schmerzen, die grim⸗ migen, ungeſchehen machen, die mir das Abhauen mei⸗ nes Daumens verurſachten? Vermagſt du mir das ab⸗ geſchnittene Glied wieder zu erſetzen, das ich bei jedem Handgriff ſo ſchmerzlich vermiſſe? Ha! das kannſt du nicht! Richt der Bürgermeiſter, nicht der Markgraf, kein Menſch Aber meinen ehrlichen Namen mir wiederzugeben vermagſt du vielleicht.“. „Auf welche Weiſe ſoll ich das bewerkſtelligen?“— fragte Pumper. „Wenn du vor mindeſtens drei Zeugen meine Un⸗ ſchuld in Hinſicht des mir zur Laſt gelegten Verbrechens erklärſt und dich als deſſen Urheber bekenneſt“— er⸗ wiederte Popp. „Wenn ich wüßte, daß ich dadurch der Hölle ent⸗ ginge“— ſagte Pumper—„ſo wollte ich gern mich dazu verſtehen. Ach meine Angſt kommt wieder! Popp! mir will's das Herz abdrücken! Lauf' und hole die Zeugen herbei! Lauf', eh' es zu ſpät und mit mir alle wird.“ Fort rannte Popp. Zuerſt wendete er ſich an ſei⸗ 140⁰ nen ehemaligen Nachbar und Freund, der Thorwächter, dem er ſein Anliegen durch Schreien gegen den Thurm kund gab. Bankel ſteckte hierauf ſeinen Kopf aus dem Fenſter und verſetzte:„Daß ich ein Narr wäre und mich muthwillig in Gefahr begäbe, die Peſt zu bekommen⸗ Such' die Zeugen, wo du willſt; nur nicht bei mir.“ Nicht beſſer erging's dem bittenden Popp in der ganzen übrigen Nachbarſchaft. Der Würgengel löſet nicht nur das Leben, ſondern zugleich auch die Bande des Blutes, der Liebe und der Freundſchaft auf.„ Popp kehrte zu dem Peſtkranken zurück. Meiſe— ſprach er zu ihm—„dein guter Wille kam zu ſpät. Niemand will Zeuge ſein aus Furcht vor der Anſtickung.“ „Zu ſpät! zu ſpät!“— ächzte Pumper.—„Wehe, wehe mir! Siehſt du, Popp, den Teufel ſchon ſeine Krallen nach mir ausſtrecken? Hörſt du ſein Hohnge⸗ lächter? Fühlſt du ſeinen Feuerathem? Popp, erbarme dich meiner! Hole den Pater Anſelmus herbei, auf daß er den Teufel von mir treibe. Auch will ich beichten— eile, eile, Popp!“ Popp lief abermals ſort, „Ob Pater Anſelmus aber auch kommen wird?“— fragte er ſich unterwegs.—„Ach, der ſchwarze Tod iſt ein richtiger Prüfſtein für Pflichttreue und Liebe und Freundſchaft!“ Popp traf zum Glück den Pater gnſelnus in ſei⸗ 141 nem Kloſter auf der jetzigen Kloſtergaſſe. Er verhehlte ihm nicht die Art und den Namen der Krankheit, von welcher der Böttchermeiſter und deſſen Weib ergriffen worden waren. Dennvoch zeigte ſich der würdige Diener des Herrn bereit, des Sterbenden Beichte anzuhören und ihn zu tröſten. Nachdem er beides zu Pumpers großer Beruhigung gethan hatte, näherte ſich Pater Anſelmus dem Fenſter der Krankenſtube, vor welchem ſich draußen auf der Straße ein Trupp Neugieriger, der Thorwächter unter ihnen, verſammelt hatte. Beſorgt wichen ſie zu⸗ rück, als Pater Anſelmus an das voffene Fenſter trat. Dieſer aber richtete jetzt folgende Strafpredigt an die Neugierigen: „Vergebens ſuchet ihr dem nahenden Strafgerichte Gottes zu entrinnen. Ihr Alle, die ihr jetzt die Flucht vor mir und dem ſchwarzen Tode ergreifet, werdet eher von demſelben überfallen werden als ich und der wackere Geſelle des ſterbenden Böttchermeiſters. Wer aber da⸗ gegen ein gutes Werk fördern, einem Sterbenden ſein Ende erleichtern und einem Schuldloſen zu ſeinem guten Rechte wieder verhelfen will: der trete an dieſes Fenſter und werde mit mir Zeuge von dem Schuldbekenntniſſe des Meiſters Pumper.“ Dieſe Worte, aus dem Munde eines eben ſo hoch geehrten als geliebten Seelſorgers, verfehlten ihre Wir⸗ kung nicht. Als Pater Anſelmus zu Pumpers Lager zurückgekehrt war, umſtellte ein Trupp Zeugen von außen das offene Fenſter und hörte dort Pumpers mit noch 142 vernehmbarer Stimme ausgeſprochenes Bekenntniß ſei⸗ nes Vergehens und der Schuldloſigkeit ſeines Geſellen Popp mit an. Popps Empfindungen hierbei waren gerade entgegen⸗ geſetzter Natur von denjenigen, welche er bei dem Ab⸗ hauen ſeines Daumens gehabt hatte. Im Vollgefühle ſeiner wieder anerkannten Rechtſchaffenheit verharrte er bei ſeinem Meiſter ſelbſt dann noch, als Pater Anſelmus und die Zeugen ſich längſt ſchon wieder entfernt hatten. Wohin hätte er ſich auch wenden ſollen, da er fürchten mußte, den Peſtſtoff an ſich zu tragen und ſeines Wohl⸗ thäters, des Juden Simonſon, Familie anzuſtecken?“ Popp ſah zuerſt die Meiſterin ſterben, worauf Meiſter Pumper bald nachfolgte. Da die Neuheit der Peſt im Anfange ſelbſt die Hab⸗ ſucht zum Schweigen brachte, ſo daß ſich niemand zum Beerdigen der zuerſt an der Peſt Geſtorbenen verſtehen mochte, ſo unterzog ſich Popp dieſer Pflicht bei ſeinem Meiſterpaare, deren Erbe er ja überdieß geworden war. Als er auf demſelben Schiebebocke, deſſen er ſich zu Pum⸗ pers Fortſchaſſung aus dem Brauhauſe bedient hatte, das todte Ehepaar, anſtatt auf den nahen Kirchhof, wel⸗ cher damals noch die Pfarrkirche in der jetzigen Haupt⸗ ſtraße der Neuſtadt umgab, hinaus nach dem Waldrande fuhr: da floh vor ihm, wer nur in der Nähe ſich be⸗ fand. Einige Schritte vor dem Schiebebocke voraus wanderte aber der einzige Begleiter Popps— Pater Anſelm. Derſelbe hielt in ſeiner Hand eine lautklingende 143 Schelle, welche er fleißig in Bewegung ſetzte, um jeden Nahenden zu warnen und ihm die Todesart der auf dem Schiebebocke hinter ihm liegenden Leichen anzudeuten. Mit zugehaltenen Lippen und Naſen lugten verſtohlen die Stadtbewohner nach dem ſo ſchlichten und doch ſo fürchterlichen Leichenzuge aus, welcher durch die jetzt völlig todte Rhänitzgaſſe ſich dahin bewegte.. Mit Hülfe des frommen Paters bettete Popp draußen das todte Ehepaar in das von ihm bereitete Grab und betete dann in herkömmlicher Weiſe an demſelben, worauf er den Sand darüber warf und anhäufelte. Nachdem er in die Wohnung ſeines Meiſters zurückgekehrt war, öffnete er deren Fenſter und durchräucherte die ganze Stube mit Wachholderreißig. Dann ſetzte er ſich hin, um von den überſtandenen Anſtrengungen auszuruhen. Den Blick emporhebend, ſprach er mit frommer Er⸗ gebung:„Nun, Herr, ſchicke es, wie du willſt. Jetzt will ich gern ſterben, da ich meinen ehrlichen Namen wieder habe.— Wer pocht?“— rief er plötzlich, ſich unterbrechend.—„Wer wagt es, in dieſe Peſthöhle einzutreten?“ Popp eilte nach der Thüre hin. Als er voll Neu⸗ gier dieſelbe öffnete, hüpfte unter einem Freudengeſchreie ein unerwarteter Beſuch herein: der Rabe, dem mit dem halben Flügel das Hochfliegen benommen war. „Willkommen, mein treuer, lieber Freund!“— rief Popp entzückt und nahm den Raben auf ſeinen Schvoß, um ihn zu ſtreicheln und zu liebkoſen.„Du fürchteſt 144 dich nicht vor der Peſt und dem ſchwarzen Tode, der du ſelbſt ſchwarz genug biſt. Du ſtandeſt mir bei, als ich unter des Scharfrichters Fäuſten blutete, und ver⸗ läſſeſt mich auch jetzt wieder nicht.“ Während aber zwei ganz verſchiedene Weſen— ein Menſch und ein Thier— der Freude ſich überließen, verbreitete ſich über die ganze übrige Stadt das Ent⸗ ſetzen und der Tod. Gleichwie zur Zeit der Tödtung der Erſtgeburt in Aegypten kein Haus verſchont blieb: ſo auch in Dresden. Die Glocken, welche ſonſt bei dem Leichenbegängniſſe des Wohlhabenden geläutet wurden— ſie ſchwiegen wie erſchrocken ſtill; denn es fehlte an Händen, um ſie unaufhörlich in Bewegung zu ſetzen. Dafür tönte deſto ſchauerlicher die Todtenſchelle durch die öden Gaſſen der Stadt, welche von dem, den Leichen voranſchreitenden Todtengräbergehilfen oder von einem Mönche gerührt wurde. Die Stadt hüllte ſich in Trauer; die Freude verſtummte, und nur noch die Habgier ging neben der Peſt einher und riß an ſich, was dieſe mit erbarmenloſer Hand niedermähete. Zwei Tage hindurch blieb für Margarethe die Lhir ihrer Verwandten verſchloſſen. Dann that ſie ſich plötz⸗ lich auf und unter einem Wehgeſchreie flüchteten Frau Lippmann und ihr Töchterlein Blaſia heraus und davon. Bärbel, beladen mit Schmuck und Flitterſtaat, folgte ihrer Herrin auf dem Fuße nach. Die Peſt, von wel⸗ cher erſt der Mälzer und bald darauf der bleiche Jo⸗ hannes ergriffen worden waren, hatte die Gattin vom 145 Gatten und Sohne, die Tochter vom Vater und Bruder geſchieden. An ihre Stelle traten jetzt Margarethe und Friedbert, welche beide Kranke nach ihren Kräften ab⸗ warteten und pflegten, obſchon ohne glücklichen Erfolg. Eine allgemeine Wahrnehmung iſt aber die, daß, wenn der blaſſe Tod dem Menſchen ſein abgelaufenes Stundenglas vor's Auge hält, demſelben Menſchen plötz⸗ lich eine auffällig klare Erinnerung an ſeine begangenen böſen Handlungen zukommt. Alſo erging es auch dem Mälzer, als es mit ihm auf die Neige kam. „Holt mir Popp, den Böttchergeſellen herbei!“— rief er ſtöhnend aus—„nicht eher ruhig ſterben kann ich, als bis ich ihm mein Unrecht abgebeten habe und er mir verziehen hat.“ Bald nach dieſer Rede erſchien Friedbert in Popps Wohnung. „Aha!“— rief dieſer lächelnd aus—„nun die alten Freunde ſehen, daß der ſchwarze Tod nichts von mir wiſſen will, kehren ſie ſachte zu mir zurück. Nun, ich verdenke es Keinem, wenn er vorſichtig iſt. Will⸗ kommen alſo, Friedbert! Wie ergeht's meinem wackern Simonſon und ſeiner Familie? Iſt Margarethe auch noch wohl und munter?“ „Ach, Popp!“— verſetzte Friedbert traurig— „frage mich jetzt nur nicht, ſondern komm' ſchnell mit mir zu meinem Ohm, der dir der kleinen Biergefäße wegen Abbitte thun will. Er hat den ſchwarzen Tod und des⸗ halb konnte ich nicht eher zu dir kommen.“ Nieritz. Die Ausgeſtoßene. 2 10 146 „Hm! ſonderbar!“— brummte Popp vor ſich hin —„der ſchwarze Tod löſet den Leuten die Zunge, daß ſie ausſagen, was ihnen ſelbſt die Tortur nicht ausge⸗ preßt haben würde und das ſie gern mit in's Grab ge⸗ nommen hätten. Ich komme, mein Junge! Der Tod hebt ja allen Groll auf.“ Als Friedbert und Popp in des Mälzers Wohnung traten, kam ihnen Margarethe weinend entgegen. „Der Ohm iſt ſchon todt!“— klagte ſie.—„Er hat es noch ſchwer bereuet, Popp falſch angeklagt und nicht beſſer für unſre Mutter und uns geſergt zu haben.“ „Hier war's alſo wirklich zu ſpät!“— herſehle Popp—„darum, o Menſch! verſchiebe deine Buße nicht, denn raſch tritt der Tod den Menſchen an. Zumal der ſchwarze! Ich vergebe dir“— fuhr er, zu der Leiche tretend, fort—„armer Mann! Der Durſt nach Reich⸗ thum machte dich Selig ſind die Armen hier und dort.“ „Und Johannes wird's auch nicht mehr lange trei⸗ ben“— ſprach Margarethe.—„Er aber freut ſich auf ſein Ende, weil er im Himmel nicht lateiniſch lernen und nicht ſtudiren müßte. Dort wären— ſpricht er— auch keine garſtigen Klöſter und keine Mönche, ſondern eitel Luſt und Freude und Engelein mit Flügeln. Er hat mir ordentlich Luſt zum Sterben gemcht.. „Und die Mälzerin und ihr eitles Töchterlein—— wo ſind Sfragte Popp, ſich überall unſchauen. 147 „Fort! ausgeriſſen!“— entgegnete Friedbert. „Und Bärbel mit ihnen“— fuhr Margarethe fort. „Wenn wir nicht da geweſen wären, ſo hätten der Ohm und Johannes keinen Menſchen um ſich gehabt.“ „Die Abſcheulichen!“— eiferte Popp.„Aber des Herrn Zorn wird ſie dennoch ereilen und wenn ſie auch bis an's äußerſte Meer flöhen.“ So weit aber waren Mutter und Tochter nicht ge⸗ kommen, ſondern bloß bis zu einer guten Freundin nach der jetzigen Altſtadt. Dort ereilte ſie der Würgengel, wenig Tage nachdem Lippmann und Johannes das Zeit⸗ liche geſegnet hatten. Daß ihr Ende ein ſchweres ge⸗ weſen ſein muß, kann man ſich denken. In dieſem Maaße entvölkerte der ſchwarze Tod die Stadt Dresden und die ganze Markgrafſchaft Meißen. Jedes Elend pflegt aber noch eins oder mehrere in ſei⸗ nem Gefolge zu haben, und wenn das Schifül den Men⸗ ſchen ſchlägt, ſo glaubt dieſer ein Recht zu haben, An⸗ deren auch Schläge und zwar noch härtere zu venſetzen. 50 Eitftes Aapitel. Die Ferfolanns⸗ Gleichwie die Israeliten alljährlich einen Schaaf⸗ bock auserwählten, dem ſie alle ihre im ganzen Jahre 10* 148 begangenen Sünden bildlich auferlegten und den ſie dann mit dieſer Sündenlaſt hinausjagten in die Wüſte: eben ſo ſahen ſich Dresdens von der Peſt heimgeſuchte Be⸗ wohner nach einem Sündenbocke um, dem ſie die Schuld ihres Unglücks beimeſſen und den ſie dann fortjagen konnten. Derſelbe war, wie aller Orten in Europa, gar pald in den verhaßten Juden gefunden. So ſchlägt das unverſtändige Kind auf die Bank los, gegen welche es ſich geſtoßen hat, und mißt ihr die Sih des zreigemn Ungeſchicks bei! Schon Heinrich der Erlauchte hatte ſich veranlaßt geſehen, Geſetze zum Schutze der in ſeinem Lande leben⸗ den Juden zu erlaſſen. Markgraf Friedrich der Ernſt⸗ hafte dagegen geſtattete, im Widerſpruche mit dieſen Ge⸗ ſetzen, in Dresden eine Judenverfolgung, die, wie glle Judenverfolgungen, zu den verruchteſten Thaten der Vor⸗ zeit, wie der Chriſten überhaupt, zu rechnen iſt. Friedbert und Margarethe waren, ſo wie dies ihnen möglich war, hinaus zu ihrer Mutter geeilt, um dieſelbe von dem Tode ihres Bruders und deſſen geſammter Fa⸗ milie zu benachrichtigen. Frau Renate Schneider nahm dieſe Nachricht mit ungewöhnlicher Lebendigkeit auf. „Der Herr gehe mit ihm nicht in's Gericht“— ſprach ſie, in Bezug auf ihren Bruder, und mit Haſt— „ſondern laſſe ihn Gnade erlangen— aber, meine Kin⸗ der!“— fuhr ſie eifrig fort—„nun ſeid ihr ja die Erben vom Brauhauſe und von Allem, was mein Bru⸗ der beſaß! Sorgt denn guch jemand dafür, daß ihr um nichts gebracht werdet? Weiß denn die Obrigkeit ſchon von eurer Erbſchaft und euerm Rechte?“ .„Ach, Mutter!“— verſetzte Friedbert—„jetzt be⸗ kümmert ſich niemand um uns und ſolche Dinge⸗ Sie haben Alle nur die Köpfe voll von dem ſchwarzen Tode, von dem Süneſe an bis auf den ünterſten Knecht 4 herab.“ 5 hab' ich gemerkt“— erwiederte Frau Schnei⸗ † der—„denn der Stadtdiener, welcher mir aller drei Tage mein Brot und was ich ſonſt brauche, bringt, ſchon eine volle Woche ausgeblieben.“ „Ei, Mutter! wie haſt du denn da beſtehen kön⸗ nen?“— rief Margarethe betroffen aus⸗ „Durch die Almoſen der Vörübergehenden“— ver⸗ ſetzte die Mutter—„die mir nicht blos Geld, ſondern auch allerlei Nahrungsmittel hinlegen. Auch halte ich immer auf Vorrath, wie die Hamſter, und brauche nur wenig zu meiner Sättiguns, 3 jett mehr eſe als ſeither.“ „Ach, Mutter!“— ſptach Friebbert—„biſt du denn noch nicht geſund, daß du zu uns in das große Brauhaus ziehen könnteſt? Wir möchten uns ſo allein darin fürchten, beſonders da die Abende immer länger werden, wo uns dann der todte Ohm und die todte Baſe und der blaſſe Johannes und die geputzte Blaſia einfallen. Markus; der einzige Brangeſelle, ſchlendert* meiſt in der Stadt umher, weil jetzt nicht gebraut wird, und Popp kommt zwar alle zu uns, ſchläft aber 0 10 in ſeines verſtorbenen Meiſters Wohnung. So ſind wir beide faſt immer allein. Siehſt du noch immer ſo fürch⸗ terlich aus, Mutter?“ „Kann ich das wiſſen?“— erwieberte dieſe.— „Habe ich doch keinen Spiegel, in welchem ich mich be⸗ ſchauen könnte.“ „Laß uns dein Geſicht ſehen!“— bat Margarethe. „Nein!“— ſagte die Mutter——„ihr könntet zu ſehr euch entſetzen und vor Schreck die Lepra be⸗ kommen. Fahret aber fort, für mich beim Herrn zu bitten. Meine ärgſten Schmerzen hat er bereits hinweg⸗ genommen. Ach, er kann Großes thun und das oft mit ganz kleinen Dingen.“ 1 „Ja, das iſt wahr!“— ſprach Friedbert.„Als ich im Bierkeller erſtickt war, brachte mich der Jude Simonſon faſt nur durch ein wenig kaltes Waſſer ins Leben zurück.“ die Mutter eifrig—„da du nun ſo viel geerbt haſt. Zins darfſt du gleich gar nicht von ihm für die Wohnung im Gartenhauſe.“ „Was laufen nur die Leute ſo vrih auf jenem Ufer?“ fragte Margarethe und deutete mit der Hand über den Elbſtrom. Man ſah Männer, Frauen und Kinder, zum Lheil mit Bündeln überladen, dem jenſeitigen Ufer ſich nähern, dort einen angehängten Kahn beſteigen und mit aller Macht dem dieſſeitigen Ufer zurudern. Ein Volkshaufe „Demſelben mußt du recht vanlhar ſein“— ſprach ſchien dieſe Menſchen zu verfolgen und drohte den Ueber⸗ ſetzenden mit erhobenen Fäuſten und wildem Geſchreie nach. Bald landeten die Flüchtlinge und nahmen ihren eiligen Lauf, nicht weit von der Mutter und deren Kin⸗ dern vorüber, nach dem nahen Walde. „Juden waren es!“— hob die Mutter an.— „Was mag mit ihnen ſein?“ Plötzlich ſtieg über der jetzigen Altſtadt Dresdens, welche der herbſtliche Himmel bereits mit ſeinem Dunkel zu decken begann, eine helle Feuersgluth empor. Zu⸗ gleich drang ein furchtbares Geſchrei aus jener Ferne bis zu den Ohren der darüber erſchrockenen Frau und Kinder. 6 „Geht eilig heim, meine Kinder!“— gebot die Mutter.—„Schließt euch in eure Wohnung feſt ein. Mir ſcheint es, als ſei ein Aufruhr drüben in der Stadt ausgebrochen, welcher wohl auch eure Altſtadt ergreifen kann. Ha! nun wird mir's klar! Den Juden gilt es! Darum flüchteten deren ſo viele in den Wald. Kinder! vergeßt die Familie des Juden Simonſon nicht. Du, Friedbert, kennſt ja gewiß die vielen Verſtecke in dem weiten Brauhauſe. Rette, wenn du kannſt, deinen Lebens⸗ retter und die Seinen. Fort! fort! Ich aber will für euch zum Herrn nun flehen.“ Während Friedbert und Margarethe davvn ſtand Sara, Simonſons Gattin, mit gerungenen Händen an dem Fenſter ihrer Wohnung und ſchauete mit namen⸗ loſem Entſetzen in die über der jenſeitigen Stadt auf⸗ 152 lodernde Feuersgluth. Weinend und laut jammernd hiel⸗ ten ſich Salome und— an dem Kleide ihrer Mutter feſt. Die Angſt der Frau wandelle ſich jedoch plötzlich in das größte Entzücken um, als hinter ihrem Rücken die Stubenthür aufgeklinkt wurde. „Kommſt du, mein Levi? Gelobet ſei der Gott unſrer Väter!“— rief ſie aus und wandte ſich raſch um. Aber nicht der heiß erwartete Gatte, ſondern Popp, der eindaumige war es, welcher in die Stube trat und die kurze Freude der Judenfrau plötzlich wieder ver⸗ nichtete. „Die Chriſten tödten und verbrennen drüben unſre Leut“— ſchrie Sara gellend dem Eintretenden ent⸗ gegen—„und mein Mann, mein Levi, iſt auch drüben und wird ermwordet, zu Staub und verbrannt. Wehe! wehe! wehe!“ „Unmenſchen ſind's und keine Chriſten!“— ver⸗ fetzte Popp düſter.„Aber, Weib! du kannſt hier nicht bleiben mit deinen Kindern. Bald wird die Mörder⸗ bande auch hierher kommen und dich nebſt deinen Kin⸗ dern dem Tode überliefern. Darum komme ich her. Gern möchte ich einen Theil meiner großen Schuld ge⸗ gen euch abtragen. Geh' mit mir, Frau! und ninn deine Kinder mit.“ „Ohne meinen Levi? Nimmermehr!“— antwortete Sara entſchloſſen.„Was that ich euch Chriſten? Was euch meine unſchuldigen Kinder? Ich bleibe!“ 153 „Dann wird man dich verbrennen, Weib, und deine unſchuldigen Kinder dazu!“— ſprach Popp traurig. „Haben ſie mir den Gatten ermordet, ſo erwarte ich ihre Flammen mit Freuden“— enkgegnete Sara nit blitzenden Augen. „Du?“ erwiederte Popp kopfſchüttelnd.„Vielleicht! Ich könnte es nicht. Aber willſt du deine lieben Kinder in der freſſenden Flamme ſich krümmen und winden ſehen unter den unſäglichſten Schmerzen? Vermagſt du den Anblick zu ertragen, wenn ſie die kleinen zarten Hände jammernd um Hülfe nach dir ausſtrecken? Wenn ihr flehender Mund in dem ſchwarzen Rauche erſtickt? Wenn ihr kleiner Körper in der Gluth aufſchwillt und berſtet2 Ach, Weib! ſeitdem das glühende Eiſen ziſchend ſich auf meine blutende Hand drückte, habe ich erſt die Macht des Feuers erkannt. Warſt du doch ſelbſt Zeuge von meinem raſenden Schmerze. Und derſelbe traf nur den kleinſten und abgehärteſten Theil meines Körpers. Komm' und folge mir mit deinen Kindern.“ „Wohin?“— forſchte Sara.—„Warum nicht hier bleiben, wo in dem weiten Brauhauſe der Verſtecke ſo viele ſind?“ „Die Flammen werden dich und deine Kinder daraus verjagen oder darin verbrennen“— ſagte Popp.— „Das iſt ja eben das Fürchterliche. Das wüthende Volk ſchont ja die Wohngebäude ſeiner eigenen Glaubensge⸗ noſſen nicht, ſobald ſie einen Juden darin verborgen wähnen. Komm' mit mir, Frau! Jetzt iſt's dazu noch ——— 154 Zeit. Biſt du in Sicherheit mit deinen Kindern, ſo kann dein Mann, wenn er drüben der Gefahr entgangen iſt, um ſo leichter ſich mit dir wieder vereinigen. Ich bringe euch in den Wald, wohin ſich bereits deiner Landsleute geflüchtet haben.“ Nur der Hinblick auf ihre beiden Töchter konnte endlich die Frau bewegen, auf Popps Vorſchlag einzu⸗ gehen. Unter ſchmerzlichen Klagen verließ ſie nebſt ihren Kindern und in Popps Begleitung das Gartenhaus, um ſich längs dem Elbufer aus der Stadt zu ſtehlen. Friedbert, welcher indeß heimgekommen und durch Popp von der beabſichtigten Flucht in Kenntniß geſetzt worden war, begab ſich mit Margarethe in des Juden Wohnung, um denſelben über die geflüchteten Seinen zu beruhigen, im Fall daß er das Gartenhaus noch erreichen ſollte. Billig bleibt der Leſer mit der Beſchreibung all' der furchtbaren Greuelſcenen verſchont, welche ein verdumm⸗ tes und abergläubiſches Volk gegen fremde Glaubens⸗ genoſſen damals ausübte. Dieſe Greuelſcenen überboten noch weit die Schreckniſſe, welche durch die Peſt über die unglückliche Stadt herbeigeführt worden waren. Denn der Menſch, das edelſte und erhabenſte Geſchöpf, ſinkt in ſeiner blinden Wuth bis unter das blutdürſtigſte Thier herab. Immer ärger ward der Lärm in der jetzigen Alt⸗ ſtadt. Das Jammergeſchrei der gemarterten Juden ver⸗ miſchte ſich mit dem Wuthgebrülle ihrer Feinde, die nunmehr auch in der jetzigen Neuſtadt aufſtanden. Fried⸗ 155 bert und Margarethe hörten mit ſtarrem Entſetzen die wilden Ausbrüche eines geſetzloſen Volkes mit an, das jetzt eine Schaar flüchtender Juden vor ſich her über die Elbbrücke trieb. Viele von ihnen erwählten einen freiwilligen Tod gegen die ihrer harrenden Martern, indem ſie von der Brücke hinab in den Strom ſprangen. Einer von dieſen Unglücklichen, ein guter Schwimmer, tauchte nach ſeinem gewagten Sprunge wieder über den Wellen empor und kämpfte ſich glücklich bis an's dies⸗ ſeitige Ufer, wo er alsbald an das Land ſtieg und dem Gartenhauſe der Brauerei zueilte. Es war Simonſon, welcher in ſeine Wohnung ſtürzte und dort die beiden Kinder athemlos nach den Seinen befragte. Nur die Angſt der Verzweiflung hatte dem blutig geſchlagenen und furchtbar gemißhandelten Manne noch ſo viel Kraft erhalten, daß er glücklich das Ufer hatte erreichen kön⸗ nen. Jetzt aber taumelte er, froſtklappernd und einer Ohnmacht nahe, zu Boden. „Reicht mir— dort vom Simſe— das kleine Fläſchchen“— bat Simonſon die Kinder. Mit der ſtark duftenden Flüſſigkeit, die er ſich auf die Hände goß, wuſch Simonſon ſein blutrünſtiges Ant⸗ litz und die Schläfe; auch verſchluckte er etwas davon, worauf er neu geſtärkt ſich erhob, um nach dem Walde zu flüchten und dort ſeine Gattin und Kinder aufzuſuchen. Allein hierzu war es nicht mehr Zeit, denn bereits wälzten tobende Volkshaufen am Ufer ſich daher mit dem Geſchrei: 156 „Hier ſind ſie an's Land geſtiegen! Hier in der Nähe müſſen ſie ſein! Im Gartenhauſe hier wohnt eine Judenfamilie. Dahin häben ſich die Hunde geflüchtet! umzingelt die ganze Brauerei und brennt das Neſt nieder, wenn ihr die Juden darin nicht findet“ Dieſe Worte reichten hin, um die Geſchwiſter nebſt dem Juden aus dem Gartenhauſe und durch den Garten nach dem Malzhauſe zu jagen. In demſelben verſchwand Friedbert mit Simonſon und kam nach wenig Sekunden ohne denſelben zu ſeiner ängſtlich Wirab Schweſter zurück. „Frage mich nicht, wohin ſich mein Wohlthäter verkrochen hat“— bat der Knabe ſeine Schweſter, die ſchon die Lippen zu dieſer Frage geöffnet hatte.— „Man könnte dich zwingen wollen, ja um 8 nuns Verſteck zu verrathen.“ Jetzt ſtürzten ſowohl von der Gartenſeite, t ul von der Meißnergaſſe herein die raſenden Rotten der Indenverfolger, entſetzlich anzuſchauen in ihren wild verzerrten Zügen, mit den blutbeſpritzten Geſichtern, mit den in thieriſcher Wuth funkelnden Augen und den ge⸗ ſchwungenen Mordwerkzeugen. Hoch aufflackernde Feuer⸗ brände beleuchteten dieſe S einem fürchterlichen Lichte. Sich gegenſeitig umſchlungen hutend erwartete das Geſchwiſterpaar die Eindringlinge. „Was wollt ihr hier, ihr Leute 2“— redete Bi 157 bert mit klarer und feſter Stimme die Menge an.— „Suchet ihr hier etwas?“ „Die Juden!“— war die zurückgebrüllte Ant⸗ wort.—„Die Juden, die ſich hier verſteckt haben— die unten im Gartenhauſe wohnten— die an's Land geſchwommen ſind. Heraus mit ihnen oder es iſt euer Unglück!“ „Wir wiſſen nichts von den Juden und haben auch keine verſteckt“— verſetzte Margarethe muthig.—„Wir ſind arme Waiſen, allein von der Peſt in dem ganzen Hauſe verſchont gebliehen. Sehet nach und ihr werdet Alles ausgeſtorben finden“ „Das iſt die gerechte Strafe dafür, daß ihr die verfluchten Juden bei euch aufgenommen habt“— rief eine Stimme aus dem Haufen. „Wir?“— erwiederte Friedbert—„Ach, wir ſelbſt aßen das Gnadenbrot bei unſerm Ohm und ſollten Ju⸗ den haben bei uns aufnehmen dürfen?“ „Was ſchwatzt ihr erſt lange mit den Kindern da?“ — hob ein Andrer an—„Auf! und durchſtöbert jeden Winkel der ganzen Brauerei.“ „Aber“— wendete Friedbert ein—„werdet ihr denn mit dieſen Feuerbränden in die Gebäude eindringen wollen, wy ſo viele feuerfangende Dinge ſich vorfinden? Dann würdet ihr die Brauerei anſtecken, welche das beſte Bier in ganz Dresden bisher gebraut hat,„ euch ſomit ſelbſt am ärgſten ſchaden.“ „Der Junge ſpricht nicht unverſtändig!“— ſcu⸗ ein Dritter.—„He! es findet ſich wohl noch ein hüb⸗ ſcher Vorrath von dem guten Biere im Keller vor? Ich fühle ziemlichen Durſt nach Arbeit— darum: Bier her! Bier her!“ „Bier her!“—— die p6„„Bier! Bier! Bier!“ Ach wie gern Friedbert den Leuten den Weg nich dem Keller zeigte, in. der vollen Säſer noch genug lagen! „Simonſon iſt gerettet!“— ſprach Friedbert hein⸗ lich zu ſeiner Schweſter.—„Sie werden ſich im Biere betrinken und darüber die Juden vergeſſen.“ K Aber er hatte ſich getäuſcht. Die vollen Fäſſer wurden in den Hof geſchafft, dort angezapft und geleert. Der übermäßige Genuß des ſtar⸗ ken Bieres aber ſteigerte nur die Wildheit der Menge, anſtatt ſie zu beſänftigen. „Heiſa! juchheh!“— brüllte ein Betrunkener— „Das Bier läßt ſich trinken. Aler nun auch Ste Juden zur Kurzweil her!“ „Ja, Juden her!“— ſchrie die Nenge ah— „Juden müſſen wir zum Wie braten! ber Juden her!“ Schon ſchickten ſich Mehrere an, mit geſchwungn Feuerbränden ſowohl in das Malz⸗, als in Brauhaus zu dringen. „Halt! Halt!“ rief ihnen eine ernſte Stinme zu un Pater Anſelmus trat zur lärmenden und zechenden Menge. 159 „Was wollt ihr thun?“— fragte er ſtrafend— „Das Erbe dieſer beiden Waiſen in Brand ſtecken, die unſres Gottes Hand ſo ſichtbar in ſeinen Schutz ge⸗ nommen hat?“ „Nicht doch, ehrwürdiger Herr!“— lallte ein vier⸗ ſchrötiger Kerl.—„Nur etliche Juden aufſuchen, um ſie an'en Spieß zu ſtecken und zu braten.“ „Das wäre ja noch ſchlimmer“— verſetzte Pater Anſelmus unwillig.—„Pfui! ſchämt euch ſolcher ab⸗ ſcheulichen Reden! Chriſtus bat für ſeine Mörder am Kreuze und ihr wollt ihren ſchuldloſen Nachkommen entgel⸗ ten laſſen, was Chriſtus den Vätern verziehen hat? Habt ihr noch nicht genug des unſchuldigen Blutes vergoſſen? Noch nicht genug Wehrloſe den Flammen überliefert, daß ihr noch mehr Mordthaten hinzufügen wollt? Gehet in euch! Bedenket, daß der ſchwarze Tod bereits ſeine Hand auch nach euch ausgeſtreckt haben kann.“ „Die verfluchten Juden haben unſern Heiland an's Kreuz genagelt, uns bis auf's Blut ausgeſaugt und nun gar den ſchwarzen Tod über uns gebracht“— verſetzte der Kerl.—„Darum müſſen ſie brennen und ſterben.“ „Streite dich nicht mit dem plärrenden Pfaffen herum, Haubold!“— ſchrie hier Einer aus der Menge. —„Gieb ihm einen Treff über die Glatze, daß er ſein Läſtermaul hält.“ „Legt Feuer an's Haus!“— riefen Mehrere— Dann kommen die Juden von ſelbſt heraus, wie die 160 Ratten und Mäuſe, wenn ihnen das Haus über dem Kopfe brennt.“ „Feuer! Feuer her!“— ertönte das gemeinſame Geſchrei. 6 Jedenfalls war es um das Brau⸗ und Malzhaus, ſo wie um den darin verborgenen Simonſon geſchehen, wenn nicht plötzlich durch die Ankunft eines Menſchen die Menge auf andere Gedanken gebracht worden wäre. Dieſer Ankömmling— unſer Popp— rief mit ſchmet⸗ ternder Stimme die Trinker an: „Wie mögt ihr doch hier ſo müßig beim Bierfaſſe ſitzen, während die Andern eine gar luſtige Judenhetze in der nahen Haide halten? Alle Juden und Juden⸗ weiber und Judenkinder, welche euch entwiſchten, haben ſich in der Haide verkrochen. An euch iſts nun, das Wild zu umſtellen und in die Netze zu treiben, auf daß nicht ein Stück davon entwiſche. Mich haben die Juden⸗ hetzer abgeſandt, daß ich ihnen Treibleute zuführe! Auf denn! ihr faulen Bäuche! Hurrah! hurrah! zur Jagd! zur Jagd!“ „Zur Jagd! hurrah— ſchrie die betrunkene Menge nach und zog dem voranſchreitenden Popp hinterdrein. Bald lag die Brauerei in dichte Finſterniß gehüllt und ſtille da. „Die Häuſer wären gerettet und Simonſon dazu“ — ſprach Friedbert eben nicht freudig zu Margarethe.— „Aber— aber die arme Sara und ihre Kinder ſammt den übrigen Juden, die ſich in die Haide geflüchtet haben! Ich verkenne Popp ganz. Er müßte ſich nicht anders zu helfen gewußt haben, um Simonſon zu retten und uns das Erbe zu erhalten? Doch, Gretel! komm' und laß uns zu Simonſon gehen. Er wird unſres Bei⸗ ſtandes ſehr benöthigt ſein, der arme Mann!“ Friedbert zündete einen Holzſpan an und begab ſich mit ſeiner Schweſter in's Malzhaus. Sie hatten manche Treppe zu ſteigen und viele Behältniſſe zu durchwandern, bevor ſie an dasjenige gelangten, in welchem der Hopfen aufbewahrt wurde. „Sie ſind fort, lieber Simonſon!“— redete Fried⸗ bert den einen Hopfenberg an. Sogleich ward derſelbe lebendig und förderte den Juden zu Tage, der mit ver⸗ ſtörtem Antlitze die Kinder anſtarrte und, am ganzen Leibe zitternd, fragte:„Und meine Sara? und meine Töchter?“ „Popp hat ſie glücklich in den Wald gebracht“— antwortete Friedbert etwas verwirrt—„und wird dir Alles ſagen, wenn er von einem nothwendigen Gange zurückgekehrt ſein wird. Du aber, armer Mant! biſt ganz durchnäßt. Du wirſt dich ausziehen und in's Bette legen. Komm' mit uns, armer Mann!“ Taumelnd folgte Simonſon den Geſchwiſtern, welche ihm ein wohlbereitetes Lager anwieſen, auf welchem er alsbald in einen tiefen Schlaf in Folge gänzlicher Erſchöpfung ſiel. Indeſſen führte Popp ſeinen Haufen Treibleute, vvn denen jedoch mancher unkerwegs ſich bei Seite drückte, Nieritz. Die Ausgeſtoßene. 11 —— 5 ——— der nahen Haide zu. Dabei ſprach er mit ſchadenfrohem Lachen zu ſich ſelbſt: „Hei! ihr Bluthunde! wie will ich euch bei der Naſe in der Irre herumführen, bis ihr endlich auf euern Knochen liegen bleibt. Ziegenbärte allenfalls und Stein⸗ pilze ſollt ihr in der Haide finden, aber keine Juden und Judenbärte.“ Alſo zu ſich ſprechend, wollte er in einer Richtung den Wald betreten, welche derjenigen ſchnurgerade entgegen war, wohin er Sara und deren Kinder geführt hatte. Da leuchtete ihm auf einmal ein Kerl mit einem Feuerbrande in's ſtill lachende Antlitz und rief dann aus: „Wie? von dem da wollt ihr euch führen laſſen? In den April, ja! Denn es iſt Popp! Popp, der mit dem abgehackten Daumen! Popp, der Unehrliche, der unter des Schinders Händen Geweſene! Popp, der ſeit⸗ dem bei dem Juden im Brauhauſe wohnte und ſein Ge⸗ hilfe war! Wollt ihr Juden auffinden, ſo folgt ihm nicht, ſondern mir. Links müſſen wir uns wenden— nach der Neudörfer Straße zu, denn dort ſah ich ſelbſt die Juden in die Haide flüchten.“ Popp hatte erſt große Luſt, ſeinen Verräther zu packen und zu erdroſſeln. Als er jedoch vernahm, wie der tolle Haufe jetzt einſtimmig ſchrie:„Nieder mit dem Judenhunde! Schlagt den Ausgeſtoßenen todt!“— ſo hielt er es für rathſam, mit ſeinen langen Beinen Ferſen⸗ geld zu geben, was ihm als dem Vorangehenden auch gut gelang. In einem dichten Gebüſche verborgen, hörte 3 er, wie die Judenfeinde dieſelbe Richtung einſchlugen, in welcher er Sara und ihre Kinder vorhanden wußte. Dieſe Wahrnehmung erfüllte den braven Popp mit heller Verzweiflung, die ihn erſt antrieb, verſtohlen dem dahintobenden Haufen zu folgen. Nach einer Weile aber, da ſich ſein Gemüth etwas beruhigte, blieb er ſtehen und ſeufzte aus tiefer Bruſt „Heilige Mutter Gottes, die du ja ſelbſt eine Jüdin wareſt, ſchütze du die arme Sara mit ihren Kindern. Ich vermag es nicht. Zu meinem Wohlthäter ruft mich mein Herz.“ Nach dieſen Worten trat Popp den eiligen Rückweg nach der Brauerei an. Wer aber beſchreibt der Jüdin Sara Empfindungen, als ſie, mit ihren Kindern im Walde ſteckend, noch immer in ihren Ohren das gellende Wehgeſchrei ihrer Glaubensgenoſſen hörte und durch die Bäume den Brand ihrer Wohnungen leuchten ſahe? Als ihre Kinder wei⸗ nend und jammernd nach dem Vater fragten und vor Angſt aufſchrieen, ſo oft die Gebüſche rauſchten, weil ſie irgend ein Raubthier nahen fürchteten? Als endlich nach vielen bangen Augenblicken die blutgierige Rotte daherdrang und ſie mit Todesſchrecken erfüllte? Der Schrecken hatte die beiden Kleinen ſo ſehr gelähmt, daß ihre Mutter ſie auf ihre Arme nehmen und alſo belaſtet die Flucht ergreifen mußte. Doch wohin, da der Wald ſelbſt ihr keine ſichere Stätte mehr darbot? Da ſie über⸗ all nur grauſame, blutgierige Feinde treffen mußte? 1 Mit Schweiß bedeckt, von ihrer Bürde und Todes⸗ angſt gänzlich erſchöpft, erreichte Sara den Rand des Gehölzes und erblickte bei dem matten Scheine, welchen die Feuerflammen in der Stadt über die Landſchaft ausgoſſen, eine weite, ebene Feldfläche. Kaum hundert Schritt weit lag in derſelben eine kleine, niedere Stroh⸗ hütte und vor ihr ſaß, einem dunkeln Geſpenſte gleich, eine Frauengeſtalt, welche, wie einſt Lots Eheweib nach dem brennenden Sodom, ihr Antlitz unverwandt nach Dresden gerichtet hielt. Selbſt das Geſchrei der immer näher kommenden Rotte unterbrach ſie hierin nicht. Einer höheren Eingebung raſche Folge gebend, ſchritt jetzt Sara auf die Hütte zu. Die Frau, in die Be⸗ trachtung des brennenden Dresdens verſunken, gewahrte die Nahende nicht eher, als bis ſie deren Schritte in ihrer dichten Nähe vernahm. Da rief die Ausgeſtoßene betroffen aus:„Wer kommt? Zurück! Zurück!“ „Habe Erbarmen, Chriſtin!“— flehte Sara athem⸗ los—„Erbarmen mit uns oder wenigſtens mit meinen ſchuldloſen Kleinen! Mein Mann erbarmte ſich ja auch deines Sohnes!“ „Wer biſt du denn, Weib?“— fragte die Aus⸗ ſätzige erſtaunt. „Simonſons, des Juden, Gattin!“— erwiederte Sara.—„Die Chriſten haben eine grauſame Ver⸗ folgung wider uns erhoben, haben meine ſchuldloſen Glaubensgenoſſen erwürgt, erſtochen, zu Tode gequält, verbrannt! O Gott! dort kommen ſie ſchon, auch meine und meiner Kinder Mörder! Schütze, verberge uns, Weib! und Gott wird dir's lohnen!“ „Weißt du auch, Weib! bei wem du Hülfe ſuchſt?“ — ſprach Frau Schneider.—„Bei einer Ausgeſtoßenen! Bei einer Ausſätzigen!“ „Ich weiß es“— rief Sara, voll Angſt nach ihren Verfolgern ſich umſehend—„aber wie unſer Kö⸗ nig David, will ich mit meinen Kindern viel lieber in des Herrn Hand fallen, als in die der Menſchen— der Chriſten! O erbarme dich! In der nächſten Minute iſt's zu ſpät.“ „So tritt ein mit deinen Kindern in die Hütte des Jammers und der Krankheit!“— ſprach die Ausge⸗ ſtoßene feierlich. Raſch verſchwand Sara nebſt ihren Kindern in dem niederen Eingange der Strohhütte, während die Aus⸗ ſätzige unbeweglich vor derſelben verharrte. Es war die höchſte Zeit geweſen, denn in den nächſten Minuten nahte ſich der tolle Haufe ſchreiend und die Juden laut verwünſchend und bedrohend. Der geſpenſtiſche Anblick der Ausſätzigen wirkte plötz⸗ lich verſteinernd auf den Volkshaufen. Das Geſchrei und Toben verſtummten und die halblauten Worte:„Die Ausſätzige! Die Ausſätzige!“ liefen von Mund zu Munde. In ſcheuer Ferne umſtand die nüchtern gewordene Menge die Hütte und deren Bewohnerin. Zwar rief die Stimme eines Ruchloſen laut aus: „ ————— 166 „Brennt das Strohneſt nieder und werft die aus⸗ ſätzige Hexe hinein!“ Allein eben ſo ſchnell brachte ein Andrer ihn durch die ängſtlich geſprochenen Worte zum Schweigen: „Biſt du von Sinnen, Günther? Willſt daß der Geiſt der fremden Krankheit dich in Beſitz nehme, nachdem du ſeine jetzige Inhaberin getödtet haſt?“ Unter einem dumpfen Gemurmel trat die Menge den Rückweg nach der Stadt an. Die Ausſätzige dagegen erhob unter einem dank⸗ baren Aufblicke gegen den Sternenhimmel ihre gefalteten Hände und verweilte auf ihrem Sitze, bis die ganze Gegend ſtill lag wie ein unermeßlicher Friedhof. Dann wendete ſie ſich zum Eingange ihrer Hütte. Zwölftes Kapitel. Die Einſetzung. Die Wuth und Mordluſt der Dresdner gegen die Juden waren endlich nach einem mehrtägigen Schlachten und Metzeln gekühlt worden. Mit der Mordluſt war zugleich die Raubluſt Hand in Hand gegangen. Man haßte die Juden, doch nicht deren Geld und Güter, die man, anſtatt wie jene zu vernichten, mit gierigen Hän⸗ den an ſich riß. Der Eifer um den Glauben mußte 167 auch hier wiederum der Deckmantel für die niedrigſte Habſucht werden, und indem die Lippen Chriſtum nannten, meinten die Herzen nur die Reichthümer des gehaßten Judenvolks. Eingeäſcherte Häuſer, grauſam verſtümmelte und halb verbrannte Leichen in erſchreckender Anzahl, furchtbar gemißhandelte Halbtodte, Blutlachen und um⸗ hergeſtreute Kleiderfetzen in Dresdens Gaſſen zeigten ſatt⸗ ſam, mit welcher Tigerwuth das entfeſſelte Volk gegen die Juden gehauſet hatte. An die Stelle des wilden Mordgeſchreies war die Ruhe des Todes getreten. Mit geſenkten Häuptern, als ſchämten ſie ſich jetzt ihres Blutwerkes, ſchlichen die Menſchen durch die blutgetränkten Gaſſen und mancher von ihnen bereute bitter, was er im Rauſche des grim⸗ migen Indenhaſſes gethan hatte. Markgraf Friedrich, den die höſiſchen Geſchichtſchreiber für die Geſtattung der Judenverfolgung nur mit dem viel zu milden Namen des Ernſthaften belegten, während ſein, die Juden in Schutz nehmender Vorgänger Heinrich mit Recht der Erlauchte oder Erleuchtete genannt wurde, erließ, er⸗ ſchrocken von der Kunde der verübten Greuel, ein ſtren⸗ ges Verbot gegen weitere Anfeindungen des Judenvolks. Nachdem Simonſon aus einem mehrſtündigen Schlafe gekräftigt erwacht war, wollte er ſogleich fort, um ſeine Frau und Kinder aufzuſuchen. Nur mit Mühe ver⸗ mochten Popp und Friedbert ihn von dieſem gefährlichen Vorhaben zurückzuhalten, denn zu der Zeit tobte die Judenverfolgung noch fort. Margarethe dagegen machte 168 ſich am zweiten Tage auf, um ihre Mutter über das Schickſal ihrer Kinder zu beruhigen und nebenbei mit Vorſicht nach Sara und deren Kindern auszulugen. Nicht lange, ſo kehrte Margarethe mit freudeſtrahlendem Antlitze heim und verkündete unter heimlichem Jauchzen dem Bruder, wie ihr die Mutter anvertraut habe, daß Simonſons Gattin und Kinder geborgen ſeien und daß ſie ſolches dem Juden zum Troſte verkünden ſollten. Dieſe Nachricht erfüllte Alle, insbeſondere aber Si⸗ monſon mit der innigſten Freude. Nachdem aber die Ruhe und für die Juden zugleich die Sicherheit des Lebens wie des Eigenthums in die Stadt Dresden zurückgekehrt waren, richtete Frau Schnei⸗ der ein gar ſonderbares, höchlich überraſchendes An⸗ ſinnen an den Stadtdiener, welcher die Leprakranke nach geraumer Unterbrechung wieder mit ihrer Nothdurft zu verſehen kam. „Der Herr Bürgermeiſter— lautete dieſes An⸗ ſinnen—„ſolle ihr einen neuen, vollſtändigen und ehr⸗ baren Wittwenanzug zukommen laſſen und die Koſten dafür aus dem Nachlaſſe ihres an der Peſt verſtorbenen Bruders entnehmen. Hierauf ſolle der Bürgermeiſter ſie, die Leprakranke, durch den Doctor Stroberius oder einen andern Arzt unterſuchen laſſen und, dafern die Lepra, wie ſie glaube und hoffe, nicht mehr an ihr erfunden werde, ſo feierlich und öffentlich, wie dies bei ihrer Ausſtoßung geſchehen, wieder in die Gemeinſchaft der Geſunden aufnehmen.“ —— Der darob höchlich erſtaunte Stadtdiener verfehlte nach ſeiner Rückkehr nicht, die Kunde von dieſem außer⸗ ordentlichen Ereigniſſe in der ganzen Stadt zu ver⸗ breiten, und ſo gelangte ſie auch zu den Ohren der Geſchwiſter, welche hierauf nichts Eiligeres zu thun wußten, als ihre Mutter aufzuſgghen, um unter maaß⸗ loſem Entzücken die Beſtätigung der frohen Nachricht aus dem mütterlichen Munde ſelbſt zu begehren. Aber die Mutter verſetzte ernſt: „Ueberlaſſet euch nicht voreilig einer vielleicht eitelen Freude. Bevor ich nicht vom Doctor als rein befunden worden und der Gemeinſchaft meiner Mitmenſchen feier⸗ lich zurückgegeben bin, ſeht ihr noch immer in mir die ausgeſtoßene Kranke, darf ich euch mein Antlitz nicht zeigen, euch bei Todesſtrafe mir nicht nahen laſſen. Fahret fort, für mich zum Herrn zu beten, der bis hierher geholfen hat und wohl auch weiter helfen wird.“ Als nun bald nachher der Herr Bürgermeiſter in Begleitung des Villicus und Pedellus, der Scabinen, Rathscumpane und Rathsfreunde, des Pater Anſelmus, des Doctor Stroberius und einer Schaar bewaffneter Bürger ſich vor das Meißner Thor hinaus begab, um nach dem geäußerten Wunſche der Leprakranken zu thun: da begleitete die Herren wohl eine eben ſo zahlreiche Volksmenge, als bei der Ausſtoßung der Wittwe zu⸗ gegen geweſen war. Das Volk fühlte, nach den Ver⸗ wüſtungen durch die Peſt und nach den Greueln der Seolsg das Bedürfniß einer erfreuenden Be⸗ gebenheit und Handlung. Daß Popp und der Brau⸗ geſelle Markus nicht verfehlten, Friedbert und Mar⸗ garethe zu begleiten, verſteht ſich von ſelbſt. Frau Schneider erwartete unter wogenden Gefüh⸗ len die Ankunft des daher ſich wälzenden Menſchenknauls. Sie war mit ihrer n. Kleidung angethan und ähnelte darin einem Schmetterlinge, welcher ſoeben der unſchein⸗ baren Hülle ſeiner Verpuppung entſtiegen iſt. Unter dem weißen Wittwenhäubchen ringelte ſich goldgelbes, neues Haar nach dem Nacken und über die Schläfe herab. Das verjüngte Antlitz war mit einer neuen Haut über⸗ zogen und die wieder gerundeten Wangen deckte die Roſenfarbe der zurückgekehrten Geſundheit. Eben ſo rein und fleckenlos waren die Hände der vormaligen Kranken, welche ſich alsbald wieder von einem weiten Kreiſe Be⸗ waffneter umgeben ſah. In demſelben traten die Herren vom Rathe ſammt dem Doctor vorſichtiglich der Wittwe näher und machten dann in einiger Entfernung Halt. Gleichwie aber Doctor Stroberius damals zur Er⸗ kenntniß der Lepra nur einer flüchtigen Unterſuchung ſich unterzogen hatte, eben ſo kurzer Zeit bedurfte es, um ihn von dem gänzlichen Verſchwinden der ausländi⸗ ſchen Hautkrankheit zu überzeugen. „Bei allen Heiligen!“— rief er verwundert aus, nachdem er die Wittwe angeblickt hatte—„ſie iſt rein wie ein neugebornes Kindlein! Geheilt ohne Arznei und Doctor! Weib! wie iſt dies zugegangen? Sprich, 6 Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau!“ 3 — „Wie und wodurch mir unſer Herrgott geholfen hat, weiß ich ſelbſt nicht“— geſtand die Geneſene.— „Ob mein ſtetes Flehen, vb meiner Kinder Fürbitte, ob die einfache und wenige Nahrung, ob der ſtete Aufent⸗ halt in der freien Luft, ob endlich das vielmalige Ba⸗ den im nahen Elbſtrome, das ich bei tiefer Nacht und auf den Rath des Juden Simonſon unternommen und auf welches ich ſtets eine große Linderung verſpürt habe, mir zur Geſundheit verholfen haben, kann ich nicht ſagen. Aber ich beſchloß, meine allmälige Beſſerung ſelbſt mei⸗ nen Kindern zu verſchweigen und nicht eher mein Glück laut werden zu laſſen, als bis ich ganz geſundet ſein würde. Die kälteſten Tage des überſtandenen Winters verlebte ich in der Erde Tiefe, die ich in meiner Hütte ſelbſt ausgegraben und wo ich mit der ausgeworfenen Erde einen Wall gegen die eindringende Kälte gebildet hatte. Nachdem nun der allbarmherzige Gott mir zu meiner Geſundheit verholfen hat, bitte ich euch, wohl⸗ löbliche Herren, um die Aufnahme in unſere Gemeine, auf daß ich wieder meinen Kindern eine ſorgende Mutter und der Stadt eine ehrſame Bürgerin werden kann.“ Darauf ſegnete Pater Anſelmus die Geneſene feier⸗ lich ein und verkündete laut dem umſtehenden Volke de⸗ ren Wiedereinſetzung in ihre früheren Rechte als ehr⸗ ſame Bürgerin von Dresden. Und der Herr Bürger⸗ meiſter, der Villicus und Pedellus, und wie ſie Alle hießen, die rathenden Herren der Stadt— ſie beſtätigten durch feierliche Handvarreichung der Geneſenen die feier⸗ 172 liche Rücknahme von deren Ausſtoßung. Dann erſt durf⸗ ten Friedbert und Margarethe ihre Mutter umarmen, was ſie unter maaßloſem Jauchzen und frohem Schluchzen thaten. Auch Popp und der treue Knecht Markus naheten ſich der Wittwe und drückten ihr die freudezitternde Hand. Hierauf öffnete der Herr Bürgermeiſter ſeinen Mund weit und ſprach: „Flugs verbrenne man nun jene Strohhütte ſammt allem darin befindlichen, damit auch die letzte Spur der Gott Lob verſchwundenen Lepra vertilgt werde.“ „Nicht alſo, geſtrenger Herr Bürgermeiſter!“— verſetzte Frau Schneider.—„Bevor meine Hütte den Flammen überliefert wird, ſei mir vergönnt, ein werthes Kleinod aus ihr mit fortzunehmen, das in ihr verbor⸗ gen iſt und keinen Anſteckungsſtoff an ſich trägt.“ Frau Schneider begab ſich in die Hütte, aus wel⸗ cher ſie alsbald in Begleitung Sara's und deren Töch⸗ ter zurückkehrte. „Sehet da, edle Herren!“— ſprach die Wittwe zu den erſtaunten Männern.—„Die Frau und Kinder meines Wohlthäters und meiner Kinder. Unſer Herrgott ſchenkte mir mit meiner Geneſung zugleich die Freude, dieſe Unſchuldigen vor einem grauſamen Untergange in Schutz nehmen zu können. Darum ſoll auch nun mein erſter Ausgang in das Gotteshaus dort ſein, deſſen Glockentöne oſtmals meine Verzweiflung während meiner fürchterlichſten Schmerzen minderten und deſſen Schwelle ich nie im Leben wieder betreten zu dürfen glaubte.“ ————————— 8— 1„ 5 ₰ * ſſſ ſ in 8 9 10 11 13 14 15 16 8