deutſcher, engliſcher und franzbſiſcher Literatur von 6duard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.* 3 Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: i 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 W.— F. TN f.—f. 5 uswärtige abonnenten haben fiür Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſetbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 6 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 76 ————— S —— 8 ilia, die Peruanerin. Nach dem Franzoͤſiſchen C. F. Mandien. Quedlinburg und Leipzig. Verlag von Gottfr. Baſſe. 182 8. —————— ½ Vorrede des Herausgebers. Verliert gleich die Wahrheit, ſobald ſie ſich vom Wahrſcheinlichen entfernt, ge⸗ woͤhnlich ihren Glauben in den Augen der Vernunft: ſo iſt dies doch nicht ohne Widerruf, aber indem ſie Vorurtheilen widerſpricht, findet ſie ſelten Gnade vor ihrem Tribunal. Was muß nun der Herausgeber, in⸗ dem er dem Publikum Briefe einer Peruanerin darbietet, nicht von dieſer Arbeit fürchten, da Styl und Gedanken 1* 4 ſo wenig der unguͤnſtigen Meinung ent⸗ ſprechen, welches ein ungerechtes Vor⸗ urtheil uns von dieſer Nation faſſen ließ. Durch die köſtlichen Beuten Perus bereichert, ſollten wir wenigſtens die Be⸗ wohner von dieſem Theile der Welt fuͤr ein prachtliebendes Volk zu halten geneigt ſein, denn die Gefuͤhle der Ver⸗ ehrung entfernen ſich ſelten von den Ge⸗ danken an Reichthum. Aber ſtets zu unſern Gunſten einge⸗ nommen, bewilligen wir andern Nationen keine Vorzüge, als in ſo fern ihre Ge⸗ präuche und ſelbſt ihre Sprache der Unſtigen gleichen. Wie kann man ein Perſer ſein? . ——— ——— 5. Wir verachten die Indianer, kaum daß wir dieſem ungluͤcklichen Volke eine denkende Seele zutrauen und demunge⸗ achtet iſt ihre Geſchichte in den Haͤnden der ganzen Welt, uͤberall finden wir Denkmähler ihres durchdringenden Ver⸗ ſtandes und ihrer gruͤndlichen Philoſophie. Ein Vertheidiger der Menſchheit und der ſchoͤnen Natur hat in einem drama⸗ tiſchen Gedichte die Grundzuͤge der indi⸗ ſchen Sitten geſchildert, wovon der Ge⸗ genſtand den Ruhm einer gluͤcklichen Ausfuͤhrung zu theilen berechtigt iſt. Bei ſo vieler Aufkläͤrung, welche ſich uͤber dieſes Volk verbreitet, ſcheint es, daß man nicht zu fuͤrchten braucht, 6 daß dieſe Briefe als eine Erdichtung an⸗ geſehen werden, da ſie nur entwickeln, was uns von dem natürlich lebhaften Verſtande der Indianer bekannt iſt. Aber hat das Vorurtheil Augen?— Nichts ſichert gegen deſſen Urtheil,— doch man wuͤrde ſich wohl vorgeſehen haben, ihm dieſes Werk zu unterwerfen, wenn ſeine Nacht ohne Grenzen wäre. Es ſcheint unnoͤthig zu verſichern, daß die erſten Briefe der Zilia von ihr ſelbſt in das Franzoſiſche uͤberſetzt ſind; man wird leicht errathen, daß, da ſie in einer Sprache erdacht und auf eine Weiſe aufgezeichnet waren, welche uns gleich unbekannt iſt, dieſe Sammlung ——— 7 nicht bis zu uns gekommen ſein wuͤrde, wenn dieſelbe Hand ſie nicht in unſerer Sprache niedergeſchrieben hätte. Dieſe Ueberſetzung verdanken wir Zi⸗ lia's muͤßigen Stunden während ihrer Zurückgezogenheit. Ihre Gefälligkeit, ſie Herrn von Deterville mitzutheilen und die Erlaubniß, welche er endlich erhielt, ſie zu behalten, hat ſie uns zugefuͤhrt. Der Herausgeber hat gewiſſenhaft gehandelt, um nichts dem einfachen Geiſte zu entziehen, welcher in dieſem Werke herrſcht. Einen großen Theil orientali⸗ ſcher Ausdruͤcke, welche Zilien(ohnerachtet ſie die franzoͤſiſche Sprache vollkommen verſtand) dennoch entſchluͤpften, hat man 8 ſich bemuͤht zu unterdrücken und nur ſo viel ſtehen gelaſſen, um zu zeigen, wie nö⸗ thig eine Abkuͤrzung war. in* Auch glaubte der Herausgeber einigen uͤberſinnlichen, vielleicht dunkel ſcheinenden Zuͤgen, eine verſtändlichere Wendung geben zu muͤſſen, ohne an dem Grunde der Ge⸗ danken etwas zu veraͤndern. Dies iſt der einzige Antheil, welchen er an dieſem ſelt⸗ ſamen Werke hat. ——————— d ie 3 4 r nerin 1. Aza geliebter Aza! dieſer Ausruf Deiner zürtlichen Zilia verhaucht und zerſtreut ſich gleich dem Morgenthau, bevor er zu Dir gelangt; vergebens rufe ich Dich zu meiner Rettung; vergebens hoffe ich, daß Deine Liebe erſcheine, um die Ketten meiner Sclaverei zu loͤſen, ach! vielleicht, daß die mir noch unbekannten Leiden die groͤßeſten ſind! vielleicht, daß Dein Kum⸗ mer noch den Meinigen uͤberwiegt! Die Sonnenſtadt, der Grauſamkeit einer barbariſchen Nation uͤbergeben, ſollte meine Thraͤnen fließen machen, aber mein Schmerz, meine Furcht und meine Verzweiflung ſind nur um Dich! Was haſt Du, theure Seele meines Lebens! unternommen bei dem ſchrecklichen Getuͤmmel? 12 War Dein Muth Dir gefaͤhrlich oder unnuͤtz? Grauſamer Wechſel! tödtliche Unruhe! o mein geliebter Aza! moͤchte Dein Leben nur gerettet ſein, und ich, wenn es ſein mußte, dem Kum⸗ mer erliegen! Nach dem ſchauderhaften Augenblicke, wel⸗ cher aus der Kette der Zeit herausgeriſſen und in ewige Nacht geſtuͤrzt ſein ſollte; nach dieſer ſchauderhaften Zeit war es, wo dieſe Wilden mich dem Dienſte der Sonne, mir ſelbſt und — Deiner Liebe entfuͤhrten. Zuruͤck gehalten in enger Verwahrung, aller Mittheilung he⸗ raubt, unbekannt mit der Sprache dieſer grau⸗ ſamen Menſchen, empfand ich nur die Wirkung des Ungluͤcks, ohne ihre Gruͤnde zu entdecken. Geſtürzt in den dunkelſten Abgrund, ſind meine Tage den ſchauderhafteſten Nächten aͤhnlich. Meine Räuber, weit entfernt von meinen Flagen geruͤhrt zu ſein, waren es eben ſo wenig durch meine Thraͤnen; taub gegen meine Reden, wie gegen das Geſchrei meiner Verzweiflung. 13 Wo iſt ein Volk grauſam genug, um nicht von den Zeichen des Kummers bewegt zu wer⸗ den? welche unfruchtbare Einoͤde hat Menſchen aufwachſen ſehen, unempfindlich gegen die Stimme der ſeufzenden Natur? Die Unmen⸗ ſchen! Herr des Dyalpor 1), ſtolz auf die Macht zu erwuͤrgen, iſt Grauſamkeit der ein⸗ zige Wegweiſer ihrer Handlungen; Aza! wie wirſt Du ihrer Wuth entgehen? Wo biſt Du? Was machſt Du? Wenn Dir mein Leben lieb iſt, ſo unterrichte mich von Deinem Schickſal. Ach! wie hat das Meinige ſich verändert, wie iſt es moͤglich, daß Tage, ſo aͤhnlich ein⸗ ander, und doch in Hinſicht unſerer ſo traurig verſchieden ſein können? Die Zeit verſtreicht. Die Dunkelheit folgt dem Lichte, keine Unord⸗ nung iſt in der Natur ſichtbar, und doch bin ich vom hochſten Gluͤck in die grauenvollſſte Verzweiflung geſtuͤrzt, ohne daß der kleinſte Zwiſchenraum mich auf dieſen ſchrecklichen Wechſel vorbereitet haͤtte. Du weißt es, Gluͤck meines Lebens! daß dieſer fuͤrchterliche, mir 14 ſtets ſchreckliche Tag, den Triumph unſerer Verbindung erhalten ſollte; kaum daß er er⸗ ſchien, war ich ungeduldig einen Plan aus⸗ zufuͤhren, den meine Zaͤrtlichkeit mir waͤhrend der Nacht eingegeben, ich lief zu meinen Quipos ²), um die Ruhe, welche noch im Tem⸗ pel herrſchte, zu benutzen, ich eilte ſie zu ſchur⸗ zen, in der Hoffnung, durch ihre Huͤlfe die Geſchichte unſerer Liebe und unſeres Gluͤcks unſterblich zu machen. Indem ich mich damit beſchaͤftigte, fand ich die Arbeit weniger ſchwierig, von Augen⸗ blick zu Augenblick ward dieſer unzahlbare Haufen Schnuͤre ein treue Zeichnung unſerer Handlungen und unſerer Gefüͤhle, ſo wie ſie vormals die Dolmetſcher unſerer Gedanken in den langen Zwiſchenraͤumen waren, in denen wir uns nicht ſahen. In dieſen meinen Beſchäftigungen vertieft, vergaß ich die Zeit, als ein unbeſtimmter Laͤrm meinen Geiſt erweckte und mein Herz erbeben ließ. Ich glaubte, der gluͤckliche Augenblick ſei —,— 15⁵ erſchienen, in welchem die hundert Thuͤren ²) ſich oͤffnen wuͤrden, um der Sonne meines Lebens einen freien Einzug zu geben, ich ver⸗ barg eiligſt meine Quipos in einer Seite meines Kleides und floh Dir entgegen. Doch welch ein ſchreckliches Schauſpiel bot ſich mei⸗ nen Augen dar! nie wird dieſe furchtbare Erin⸗ nerung aus meinem Gedaͤchtniſſe ſchwinden. Der Fußboden des Tempels war mit Blut beſpritzt und das Bild der Sonne niederge⸗ riſſen, unſere Jungfrauen außer ſich, fliehend vor wuͤthenden Soldaten, welche Alles nieder haueten, was ſich ihren Wegen entgegen ſtellte. Unſere Mamas*), deren Kleider noch von ihrem Geſchuͤtz brannten, hauchten unter ihren Schlaͤgen ihr Leben aus. Die Seufzer des Schreckens, das Geſchrei der Wuth, verbreitete von allen Seiten Furcht und Abſcheu und raubte mir Alles, bis auf das Gefuͤhl meines Ungluͤcks. Als ich wieder zu mir ſelbſt gekommen war, fand ich mich durch eine, faſt unnatuͤrliche 46 Bewegung, hinter dem Altare, den ich umfaßt hielt, ich ſah dieſe Barbaren voruͤber ziehen, kaum wagte ich einen Athemzug, aus Furcht, daß er mir das Leben koſten wuͤrde. Ich be⸗ merkte indeß, daß die Wirkung ihrer Grauſam⸗ keit nachließ beim Anblick der in dem Tempel verbreiteten koſtbaren Verzierungen, beſonders derjenigen, deren Glanz ihnen am ſtaͤrkſten in die Augen fiel. Sie riſſen Alles hernieder, ſelbſt die goldenen Platten, womit die Waͤnde bekleidet waren. Ich glaubte, daß Raub die Veranlaſſung ihrer Grauſamkeit ſey, und ich, um dem Tode zu entgehen, ihren Anblick fliehen muͤßte. Der Entſchluß, aus dem Tempel zu fliehen, mich nach Deinem Palaſt fuͤhren zu laſſen und den Capa Ynca 5) um Schutz und Zuflucht fuͤr mich und meine Mitſchweſtern zu bitten, ward ſchnell von mir entworfen, allein bei der erſten Bewegung mich zu ſentfernen, fuhlte ich mich zuruͤck gehalten. Omein theurer Aza! noch ſchaudere ich bei dem Gedanken, daß dieſe Gottloſen es wagen durften, ihre un⸗ 17 heiligen Haͤnde an die Tochter der Sonne zu legen. Herausgeriſſen aus dieſer ehrwuͤrdigen Woh⸗ nung, grauſamerweiſe aus dem Tempel gezo⸗ gen, ſah ich zum erſten Male die Schwelle der geheiligten Thür, die ich nicht ohne königlichen Schmuck 6) hätte betreten ſollen, und ſtatt der Blumen, welche auf meinem Weg geſtreut wa⸗ ren, ſah ich ihn mit Blut und Leichen bedeckt, und ſtatt der Ehre einen Thron mit Dir zu theilen, war ich nun Sklavin, unter den Ge⸗ ſetzen der Tyrannen, und eingeſchloſſen in ei⸗ nem duͤſtern Kerker, der kaum ſo groß war, daß ſich mein Körper darin bergen kynnte. Eine Decke, mit meinen Thränen benetzt, nahm meinen durch die Leiden der Seele ermuͤdeten Koͤrper auf; und doch, theure Stuͤtze meines Lebens, wie leicht wuͤrde ich all“ dieſes Ungluͤck tragen, wuͤßte ich nur, daß Du noch lebſt! Waͤhrend dieſer furchtbaren Umwaͤlzung, habe ich, ich weiß nicht durch welchen gluͤckli⸗ chen Zufall, meine Quipos behalten, noch be⸗ Zilia. 2 18 ⁸ ſitze ich ſie, mein geliebter Aza! es iſt der Schatz meines Herzens, weil er der Dolmet⸗ ſcher Deiner Liebe und der Meinigen ſein wird, dieſelbigen Knoten, welche Dir von meiner Liebe Nachricht geben, werden, indem ſie unter Deinen Haͤnden ihre Geſtalt aͤndern, mir Dein Schickſal berichten, doch ach! durch wem werde ich ſie Dir ſenden koͤnnen? Durch welche Liſt werde ich ſie wieder erhalten, noch weiß ich es nicht, allein dasſelbe Gefuhl, welches uns die⸗ ſes Mittel erfinden ließ, wird uns auch lehren, unſere Tyrannen zu hintergehen. Wer auch der treue Chaqui*) ſei, der dieſes ſchätzbare Gut uberbringt, ich werde nicht aufhoͤren ſein Glück zu beneiden, denn er wird Dich ſehen, mein theuret Aza! ach alle Tage, welche die Sonne mir noch vergoͤnnt, wuͤrde ich fur einen Augenblick Deiner Gegenwart hingeben. 5 Wche doch, mein Aza! der Baum der Tugend auf immer ſeine Schatten über die Familie des frommen Mannes verbrei⸗ ten, welcher unter meinem Fenſter das geheim⸗ nißvolle Gewebe empfangen und es in Deine Haͤnde gelegt. Moͤge Pachgmmac ¹) ſeine Jahre verlängern, zum Lohn fuͤr die Klugheit, mit welcher er mir die hinmlißhe Fraude Deiner Kw zufuhrte. 2 3j6 önſ Das Gluͤck der Liebe iſt mir uie ge⸗ öſnet ich ſchöpfe daraus ſelige Freuden, welche meine Seele herauſchen. Waͤhrend ich die Ge⸗ heimniſſe Deines Herzens enthuͤlle, badet ſich das Meinige in einem Meere von Entzuͤcken, Du lebſt! und die Ketten, welche uns vereini⸗ gen ſollten, ſind noch nicht gebrochen. So viel Gluͤck war der Gegenſtand meiner Winſoe aber nicht meiner Poffnungen. Bei dieſer gaͤnzlichen Hingebung meiner ſelbſt furchtete ich nur fuͤr Dein Leben und die Freude war vergeſſen. Du gabeſt mir Alles 8* 20 wieder, was ich verloren, und indem ich mich ganz dieſen ſußen Gefuhlen uͤberlaſſe, genieße ich in vollen Zugen das frohe Bewußtſein Dir zu gefallen, von Dir geliebt zu ſein und den Beifall deſſen zu erlangen, den ich liebe. Doch, mein theurer Aza! indem ich mich dieſen Ge⸗ 1 fühlen überlaſſe, vergeſſe ich nicht, daß ich Dir Alles verdanke, was ich bin. So wie die Roſe ihre glaͤnzenden Farben aus den Strahlen der Sonne zieht, ſo ſind die Eigenſchaften, welche Dir in Hinſicht meines Verſtandes und meines Gefühls gefallen, Wohlthaten Deines aufge⸗ klaͤrten Geiſtes, mir iſt nichts eigen, als meine Zaͤrtlichkeit. Waͤreſt Du ein gewoͤhnlicher Menſch, ſo wuͤrde ich in der Unwiſſenheit geblieben ſein, zu der mein Geſchlecht verdammt iſt. Nicht 3 Sklavin der Gewohnheit, haſt Du mich ihre Schranken überſchreiten laſſen und mich bis zu Dir erhoben. Du konnteſt es nicht ertragen, daß ein Dir aͤhnliches Geſchoͤpf, auf den de⸗ müthigenden Vorzug beſchrankt bliebe, Deinen Nachkommen das Leben zu geben. Du haſt gewollt, daß unſere göttlichen Amutas 2) mei⸗ nen Verſtand mit ihren erhabenen Kenntniſſen ſchmuͤckten, aber, o Licht meines Lebens, ohne den Wunſch Dir zu gefallen, wurde ich mich je haben entſchließen koͤnnen, meine ruhige Un⸗ wiſſenheit für die muhſame Beſchaͤftigung des Lernens aufzugeben? Ohne den Wunſch, Deine Achtung, Dein Vertrauen und Deine Vereh⸗ rung, durch die Tugend, welche die Liebe ver⸗ edelt und verſchoͤnert, zu verdienen, waͤre ich nur ein Gegenſtand fuͤr Deine Augen, die Ab⸗ weſenheit hätte mich ſchon aus Deinem An⸗ denken erloͤſcht. Doch ach! wenn Du mich liebſt, warum bin ich noch in der Sklaverei? Wenn ich meine Blicke auf die Mauern meines Gefaͤngniſſes richte, verſchwindet meine Freude, Schauder uͤberfallt mich und erneuert meine Furcht. Dir hat man nicht die Freiheit geraubt, Du biſt von meinem noch nicht veraͤnderten Schickſal unterrichtet und doch erſcheinſt Du nicht zu meiner Huͤlfe. Nein, mein theurer Aza! in der Mitte dieſes unmenſchlichen Volkes, wel⸗ ches Du Spanier nenneſt, biſt Du nicht ſo frei, als Du es zu ſein wahneſt. In den Eh⸗ renbezeugungen, welche ſie Dir erweiſen, ſehe ich eben ſo viele Zeichen der Sklaverei, als in der Gefangenſchaft, in welcher ſie mich erhal⸗ ten. Deine Guͤte fuͤhrt Dich irre, Du haͤltſt die Verſprechungen, welche dieſe Barbaren Dir durch ihre Dolmetſcher geben laſſen, fuͤr auf⸗ richtig, weil Deine Worte unverbruͤchlich ſind, ich aber, die ich ihre Sprache nicht verſtehe und die ſie nicht einmal der Taͤuſchung Sibi finden, ich ſehe ihre Handlungen. Deine Unterthanen halten ſie fuͤr Göͤtter und ſtellen ſich ihnen zur Seite; o mein ge⸗ liebter Aza! wie ungluͤcklich iſt das Volk, wel⸗ ches ſich durch Furcht beſtimmen laßt. Rette Dich von dieſer Verirrung, mißtraue die fal⸗ ſche Guͤte dieſer Fremden, entſage Deinem Reiche, weil der Pnca Viracocha 10) ſeine 32 ſtrung vorher geſagt hat. 23 Um den Preis Deiner Macht, Deiner Groͤße und Deiner Schätz erkaufe mein Leben und Deine Freiheit, bleiben Dir auch nur die Ga⸗ ben der Natur, ſo werden doch unſere Tage geſichert ſein. Reich im Beſitz unſerer Herzen, groß durch unſere Tugenden und maͤchtig durch unſere Ge⸗ nügſamkeit, wuͤrden wir in einer Hutte die Freuden des Himmels, der Erde und unſerer Zaͤrtlichkeit genießen. Indem Du uͤber mein Herz gebieteſt, wirſt Du mehr Koͤnig ſein, als während Du uͤber die Anhaͤnglichkeit eines unzaͤhlbaren Volkes Zweifel hegeſt; meine Unterwerfung in Deinen Willen wuͤrde ohne Tyrannei Dir das ſuͤße Recht zu gebieten empfinden laſſen, und waͤh⸗ rend ich Dir gehorchte, ſollte Dein Reich vom Ausruf meiner ausgelaſſenſten Freude erſchallen. Dein Diadem r) würde allezeit ein Werk meiner Haͤnde ſein, und Du wuͤrdeſt von Dei⸗ ner koͤniglichen Wuͤrde nur die Muͤhe und die Laſt verlieren. 24 Wie vft, treue Seele meines Lebens! haſt Du Dich uͤber die Pflichten Deines Standes beklagt, wie oft haben die Ceremonien, welche mit Deinen Beſuchen verbunden waren, Dich das Schickſal Deiner Unterthanen beneiden laſ⸗ ſen?— Du wuͤnſchteſt nur fuͤr mich zu le⸗ ben, wuͤrdeſt Du jetzt fuͤrchten, ſo vielen Zwang zu verlieren? Sollte ich nicht mehr dieſe Zilia ſein, welche Du Deinem Range vorgezogen haͤtteſt? Nein ich kann es nicht glauben, mein Herz blieb unveraͤndert, warum ſoll das Dei⸗ nige es nicht auch ſein? Denſelben Aza, der meine Seele vom er⸗ ſten Augenblick an, wie ich ihn ſah, beherrſchte, ſehe ich noch immer mit gleicher Liebe und er⸗ 1 innere mich unaufhoͤrlich des gluͤcklichen Tages, an welchem Dein Vater, mein alleiniger Herr, zum erſten Male die ihm nur einzig verliehene Macht, in's Innere des Tempels zu treten, mtt Dir theilte 12); auch vergegenwaͤrtige ich mir das entzuͤckende Schauſpiel unſerer Jung⸗ frauen, welche, auf einer Stelle verſammelt, 25 und durch die bewunderungswuͤrdige Ordnung, welche unter ihnen herrſchte, einen neuen Glanz erhielten, gleichwie in einem Garten die ſchoͤn⸗ ſten Blumen ſo geordnet ſind, daß ihre Schoͤn⸗ heit im erhoͤhten Zauber erſcheint. Du tratſt unter uns, wie die aufgehende Sonne, deren ſanfter Schimmer einen heitern ruhigen Tag verkuͤndet. Das Feuer Deiner Augen verbreitete auf unſern Wangen die Farbe der Sittſamkeit, und eine unſchuldige Verle⸗ genheit hielt unſere Blicke gefangen, aus den Deinigen leuchtete eine glaͤnzende Freude, ſo viele Schoͤnheiten hatteſt Du nie beiſammen geſehn und wir kannten keinen andern Mann, als den Capa Ynca. Erſtaunen und Schwei⸗ gen herrſchte gegenſeitig. Die Gedanken mei⸗ ner Nitſchweſtern kannte ich nicht, allein von welchen maͤchtigen Gefuͤhlen ward nicht mein Herz ergriffen! Zum erſten Male empfand ich Unruhe und Verlegenheit, aber dennoch Freude. Zerſtreut durch die Bewegung meines Herzens, wollte ich mich Deinen Blicken entziehen, Du 26 aber wandteſt Deine Schritte zu mir und Ver⸗ ehrung hielt mich zuruck. O mein geliebter Aza! die Erinnerung dieſer erſten Augenblicke meines Gluͤcks, wird mir ſtets theuer bleiben. Der Ton Deiner Stimme, ſo wie der lieblich toͤnende Schall unſerer Hymnen, brachte in meinen Adern den ſuͤßen Schauder und die fromme Verehrung, welche uns die Gegenwart der Gottheit einfloßt. Zitternd und beſtuͤrzt, raubte die Bloͤdigkeit mir faſt den Gebrauch der Stimme, erdreiſtet durch die Sanftheit Deiner Worte, wagte ich erſt meine Blicke zu erheben und begegnete den Deinigen. Die zartlichen Gefuͤhle unſerer Seele, die ſich im ſelbigen Augenblicke ausgeſprochen und vereinigten, wird der Tod ſelbſt nicht aus meinem Gedächtniſſe verwiſchen. Koͤnnten wir unſere Abſtammung bezwei⸗ feln, theurer Aza! dieſer Schimmer des Lichts wuͤrde unſere Ungewißheit beſchamen. Was ſonſt wohl koͤnnte das allbelebende Feuer, dies innere Einverſtaͤndniß der Herzen hervorbringen, 27 welches mit unbegreiflicher Schnelle mitgetheitn verbreitet und empfunden wird⸗ iln Ich war zu unwiſſend uber die Virkungen der Liebe, um mich nicht daruͤber zu taͤuſchen. Die Einbildung erfullte mich mit der erhabenen Gelehrtheit unſerer Cucipatas*), ich hielt die Gluth, welche mich belebte, fuͤr eine goͤttliche Bewegung und glaubte, daß die Sonne mir ihren Willen durch Deine Stimme offenbarte und mich zu ihrer auserwaͤhlten Braut be⸗ ſtimmte; ich beſeufzte es, als Du Dich aber entfernt hatteſt, unterſuchte ich mein Herz und fand nur Dein Bild darin. Welche Veraͤnde⸗ rung, mein theurer Aza, hatte Dein Anblick in mir hervorgebracht! n Alle Gegenſtaͤnde ſchienen mir neu; ich glaubte meine Mitſchweſtern zum erſten Male zu ſehen. Wie ſchoͤn erſchienen ſie mirk ich konnte ihre Gegenwart nicht ertragen, zuruͤck⸗ gezogen uberließ ich mich der Unruhe meiner Seele, bis Eine unter ihnen mich aus meinen Träumereien weckte, indem ſie mir 28 einen neuen Gedanken eingab, dem ich mich uͤberließ. Sie unterrichtete mich naͤmlich, daß, da ich Deine naͤchſte Verwandtin ſei, ich zu Deiner Gattin beſtimmt waͤre, ſobald mein Al⸗ ter dieſe Verbindung erlaubte. Ich war unbekannt mit den Geſetzen Dei⸗ nes Reichs 14), aber ſeit ich Dich geſehn, war mein Herz zu aufgeklaͤrt, um den Gedanken an das Gluͤck, Dein zu ſein, nicht zu verſte⸗ hen. Ich war weit entfernt es ganz zu erken⸗ nen und an den heiligen Namen, der Braut der Sonne, gewoͤhnt, ging meine Hoffnung nur dahin, Dich taͤglich zu ſehen, anzubeten und Dir, wie ihr, meine Verehrung darzubringen. Du allein, mein theurer Aza! wareſt es, welcher meine Seele mit Freude erfuͤllte, in⸗ dem Du mich unterrichteteſt, daß der erhabene Stand Deiner Gattin, mich mit Deinem Her⸗ zen, Deinem Throne, Deinem Ruhme und Deinen Tugenden verbinde, und ich dann, die bisher fuͤr unſere Wuͤnſche und unſerer Mei⸗ nung noch zu kurzen und ſeltenen Unterhaltun⸗ 29 gen mit Dir, unaufhorlich genießen wuͤrde. Die Unterredungen, welche meinen Verſtand mit den Vorzuͤgen Deiner Seele ſchmuͤckten und zu meinem Gluͤcke die ſuße Hoffnung hinzu⸗ fugten, einſt das Deinige zu erhoͤhen. O mein geliebter Aza! wie ſchmeichelhaft war Deine Ungeduld uͤber die, durch meine große Jugend verzögerte Verbindung, wie lang erſchienen Dir die zwei Jahre, welche ſeitdem verſtrichen ſind, und doch, wie kurz war ihre Dauer— doch ach! welch unvermeidliches Ver⸗ yaͤngniß machte den gluͤcklichen, kaum erſchiene⸗ nen Augenblick ſo gefährlich?: Welcher Gott ſtraft alſo die Unſchuld und die Tugend? oder welche hoͤlliſche Macht hat uns ſo grauſam ge⸗ trennt? Aza! mein theurer Aza! Schauder er⸗ greift mich, mein Herz wird zerriſſen und meine Thraͤnen benetzen dieſe Arbeit. Du biſt es, theures Licht meiner Tage, Du biſt es, der mich in's Leben zuruͤck ruft; haͤtte ich es mir erhalten moͤgen, wenn ich nicht ver⸗ ſichert wäre, daß der Tod mit einem Schlage Dein und mein Leben enden wurde? Ich war dem Augenblicke nahe, wo der göthliche Fun⸗ ken, mit welchem die Sonne unſer ganzes We⸗ ſen belebt, zu erſchen—2 Die wehige in von mir eine gxigte Geſat zu geben, ich ware geſtorben und Du hatteſt die Hälfte Deines Selbſt auf immer vorloren. Doch die Liebe gab mir das Leben wieder und ich bringe es Dir zum Opfer. Wie aber ſoll ich Dir die wunderbaren Schickſale ſchildern, die mich betroffen, und wie mir die Gedanken vergegenwaͤrtigen, welche ſchon verworren wa⸗ ren, waͤhrend ſie in mir erwachten, und welche die Zeit, die ſeitdem verſtrichen, noch weniger verſtändlich machen wird? Im Augenblicke ſelbſt, da ich unſern treuen 31¹ Chaqui die letzten Gewebe meiner Gedanken anbertraut, vernahm ich eine große Bewegung in unſerer Wohnung. um Mitternacht kamen zwei meiner Raͤuber, um mich aus meiner fin⸗ ſtern Einſamkeit zu entfuhren, mit gleicher Ge⸗ walt, mit welcher ſie mich dem Tempel der Sonne entriſſen. Man ließ mich, trotz der großen Dunkelheit der Nacht, einen ſo weiten Weg zuruͤcklegen, daß man gezwungen war, mich, der großen Anſtrengung erliegend, in ein Haus zu brin⸗ gen, deren Annäherung, der großen Dunkelheit ohngeachtet, ſehr ſchwierig zu ſein ſchien. Ich ward in einen weit engern und unbe⸗ quemeren Raum, als mein Kerker war, ge⸗ bracht. Ach, mein geliebter Aza! wie werde ich Dich von dem überzeugen können, was ich ſelbſt nicht verſtehe? Doch Du biſt ja verſi⸗ chert, daß nie eine Unwahrheit die Lippen ei⸗ ner Sonnen⸗Jungfrau entweihte 14). 4 Dieſes Haus hielt ich, nach der großen Anzahl von Menſchen, welche es aufnahm, für 32 ſehr groß, es war ſchwebend, beruͤhrte nicht die Erde und war in einer ſteten Bewegung. O, theures Licht meines Lebens! Ticaivi⸗ racocha muͤßte meine Seele, wie die Deinige, mit gottlichen Wiſſenſchaften angefuͤllt haben, um dieſes Wunder begreifen zu koͤnnen. Alle Kenntniſſe, welche ich davon habe, ſind, daß dieſe Wohnung nicht von einem Menſchen⸗ freunde eingerichtet ſein kann, denn einige Au⸗ genblicke, nachdem ich ſie betreten hatte, verur⸗ ſachte ſie mir, durch ihre unaufhoͤrliche Bewe⸗ gung, verbunden mit einem uͤbel wirkenden Geruch, ein ſo heftiges uebel, daß ich nicht be⸗ greife, wie ich es habe ertragen können. Dies war der erſte Anfang meiner Leiden. Eine geraume Zeit war verſtrichen, ich litt veinahe nicht mehr, als ich eines Morgens durch einen weit ſchrecklichern Lärm, als der des Palpa, aus meinem Schlummer geweckt ward. Unſere Wohnung erhielt Erſchuͤtterungen, ſo wie ſie die Erde einſt empfinden wird, wenn der Mond im Herunterfallen die Erde in Staub zertruͤmmert*). 33 Das Geſchrei menſchlicher Stimmen, wel⸗ ches ſich mit dieſer Unruhe vermengte, machte es noch weit ſchrecklicher. Von einem geheimen Schauder mächtig ergriffen, erwachte in meiner Seele nur der Gedanken an Zerſtörung, nicht allein meiner ſelbſt, ſondern der ganzen Natur. Ich hielt die Gefahr fuͤr gewiß und zitterte fur mein Leben. Meine Angſt ſtieg bis zum hoͤch⸗ ſten Grade, als eine große Anzahl von wuͤthen⸗ den Menſchen, deren Geſichter und Kleider mit Blut bedeckt waren, ſich larmend in mein Zim⸗ mer warfen,— aber nicht laͤnger ertrug ich das furchterliche Schauſpiel, Kraft und Beſinnung verließen mich und das Ende dieſer ſchrecklichen Begebenheit iſt mir noch unbekannt. Nachdem ich wieder zu mir ſelbſt gekommen war, be⸗ fand ich mich in einem ziemlich reinlichen Bette, von mehreren Wilden umgeben, welche aber nicht mehr die grauſamen Spanier waren. Kannſt Du Dir eine Vorſtellung von mei⸗ ner Ueberraſchung machen, als ich mich in einer andern Wohnung und unter fremden Zilia. 3 34 Menſchen befand, ohne begreifen zu koͤnnen, wie ſich dieſe Veraͤnderung zugetragen? Eiligſt ſchloß ich meine Augen, um mehr in mich zuruͤckgezogen mich beſſer von meinem Daſein überzeugen zu können, ob ich wirklich noch lebte, oder ob meine Seele den Koͤrper ver⸗ laſſen, um in unbekannte Gegenden uͤber zu gehen 17). Soll ich Dir geſtehen, theurer Abgott mei⸗ nes Herzens, daß ich ermuͤdet von einem mir verhaßten Leben, unwillig, Leiden aller Art zu tragen und erſchöpft unter der Laſt meiner grauſamen Schickſale, mit Gleichguͤltigkeit das Ende meines herannahenden Lebens erwartete. Standhaft ſchlug ich jeden mir dargebotenen Beiſtand aus und in wenigen Tagen näherte ich mich ohne Bedauern dem traurigen Ziele. Jede Erſchöpfung ſchwaͤcht das Gefuͤhl, da⸗ her faßte meine geſchwächte Einbildungskraft kein anderes Bild auf, als das eines leichten Gemälbes, von einer zittenden Hand ge⸗ zeichnet. Die Gegenſtaͤnde, welche mich am 35 heftigſten erſchuͤttert hatten, erweckten nur noch unbeſtimmte Gefuͤhle, welche ſich uns darſtellen, während wir uns unſchlüſſigen Traͤumereien uͤberlaſſen. Kaum lebte ich noch! Dieſer Zu⸗ ſtand, mein theurer Aza, iſt nicht ſo ſchlimm, als man ihn ſich denkt. Von Ferne betrachtet, erſchreckt er uns, weil wir mit aller Kraft daran denken, iſt er aber wirklich da, dann erſcheint uns die letzte Minute wie der Augenblick der Ruhe, weil wir geſchwächt durch die Abſtufung des Kummers ſind, welcher uns dahin geleitet. Ein natuͤrlicher Hang, welcher uns in die Zukunft, ſelbſt in diejenige verſetzt, welche fuͤr uns nicht mehr ſein wird, belebte auch meinen Geiſt und trug mich bis in das Innere Deines Palaſtes. Ich glaubte im ſelbigen Augenblicke zu erſcheinen, in welchem Du die Nachricht meines Todes erhielteſt, lebhaft ſtellte ich mir Dein blaſſes, entſtelltes, vom Gefuͤhl beraubtes Antlitz vor, gleich einer von der brennenden Mittagshitze vertrockneten Lilie. Kann die zaͤrt⸗ lichſte Liebe wohl zuweilen grauſam ſein? Ich 3* freute mich Deines Kummers und rief ihn durch ein ruͤhrendes Lebewohl noch mehr hervor, und fand Beruhigung, vielleicht Freude darin, den Gift des Grams uͤber Deine Tage zu verbrei⸗ ten; dieſelbe Liebe, welche mich ſo hartherzig machte, zerriß aber auch wieder mein Herz durch Deine Leiden. Endlich, wie aus einem tiefen Schlafe erwachend, ergriffen von Deinem Schmerz, zitternd fur Dein Leben, flehte ich um Huͤlfe— und erblickte den Tag wieder. Werde ich Dich wiederſehen, Dich, theurer Gebieter meines Seyns? Ach, wer kann mir Dieſes verſichern? Ich weiß nicht mehr wo ich bin, vielleicht fern von Dir; ſollten wir aber auch durch die, von den Kindern der Sonne bewohnte, unermeßliche Ferne getrennt ſein, ſo würde dennoch det leichte Hauch mei⸗ ner Gedanken Dich unaufhörlich umſchweben. 37 4. Wie groß auch immer die Liebe zum Leben ſein mag, mein geliebter Aza! die Leiden ver⸗ mindert ſie und die Verzweiflung macht ſie erloͤſchen. Die Natur ſcheint, indem ſie uns den Schmerz uͤbergeben, eine Art von Ver⸗ achtung in uns gelegt zu haben, anfangs em⸗ poͤrt es uns und ſpäter giebt die Unmoͤglich⸗ keit, uns davon zu befreien, uns eine ſo de⸗ muͤthigende Unthätigkeit daß ſie uns zum Abſcheu gegen uns ſelbſt fuhrt. Ich lebe weder in mir, noch für mich; jeder Augenblick, in welchem ich athme, iſt ein Opfer, welches ich Deiner Liebe bringe, und mir von Tage zu Tage peinlicher wird. Wenn auch die Zeit dem Uebel, welches mich ver⸗ zehrt, einige Linderung bringt, ſo ſcheint ſie, ſtatt mein Schickſal aufzuklaͤren, es vielmehr noch zu verdunkeln. Alles was mich umgiebt iſt mir unbekannt, Alles iſt mir neu, Alles reizt meine Neugier und nichts kann ſie be⸗ friedigen. Vergebens ſtrenge ich meine Auf⸗ merkſamkeit und meine Kraͤfte an, um zu hoͤren oder gehoͤrt zu werden, aber Eines wie das Andere iſt mir gleich unmoͤglich. Von ſo vieler vergeblicher Muͤhe erſchoͤpft, glaubte ich die Quelle auszutrocknen, wenn ich meinen Augen den Eindruck entzoͤge, die ſie von den aͤußern Gegenſtaͤnden empfangen, ich hielt ſie daher einige Zeit hartnäckig geſchloſſen. Dieſe frei⸗ willige Dunkelheit, zu welcher ich mich ver⸗ urtheilt hatte, erleichterte mir nur das Gefuͤhl meiner Beſcheidenheit. Unaufhoͤrlich verletzt durch den Anblick dieſer Maͤnner, deren Huͤlfe und Dienſtleiſtungen mir nur eine Marter ſind, war meine Seele nicht wenig davon ergriffen; ſo in mich ſelbſt zuruͤckgezogen, vermehrte ſich meine Bangigkeit und das Verlangen ſie auszudruͤcken war nur noch heftiger. Von einer andern Seite verbreitete die Unmoͤglichkeit dazu eine Unruhe über mein ganzes Weſen, was nicht weniger unertraͤglich war, als Schmerzen ſein wuͤrden, wenn ſie mehr eine ſcheinbare Wirk⸗ 39 lichkeit haͤtten. Wie grauſam iſt doch eine ſolche Lage!— Ach! ſchon glaubte ich einige Worte der wilden Spanier zu verſtehen und fand einige Aehnlichkeit mit unſerer erhabenen Sprache, ſo daß ich mich ſchon ſchmeichelte, mich ihnen bald verſtaͤndlich machen zu koͤnnen. Doch bei mei⸗ nen neuen Tyrannen bin ich weit entfernt den⸗ ſelben Vortheil zu finden; ſie druͤcken ſich mit einer ſo großen Schnelligkeit aus, daß ich kaum die Biegung ihrer Stimme unterſcheide; Alles laßt mich vermuthen, daß ſie nicht von der⸗ ſelben Nation ſind. Nach der Verſchiedenheit ihrer Manieren und ihres ſcheinbaren Charak⸗ ters, erraͤth man ſehr leicht, daß Pachacamac die Maſſe, aus denen er die Menſchen geformt, mit großem Mißverhältniß vertheilt hat. Das ernſte und wilde Anſehn der Erſteren, laͤßt vermuthen, daß ſie von dem haͤrteſten Metalle zuſammengeſetzt ſind, Dieſe hingegen ſcheinen den Haͤnden des Schoͤpfers entſchluͤpft, während er zu ihren Beſtandtheilen erſt Luft und Feuer 40 geſammelt hatte. Die ſtolzen Augen, die finſtere und ſtille Miene Jener, beweiſen hin⸗ laͤnglich, daß ſie mit kaltem Blute grauſam ſind, ihre unmenſchlichen Handlungen haben Dieſes auch hinlaͤnglich bewieſen. Aber das laͤchelnde Geſicht Dieſer, die Sanftmuth ihrer Blicke, eine gewiſſe Zuvorkommenheit, welche ſich uͤber ihre Handlungen verbreitet und welche Wohlwollen zu ſein ſcheint, nimmt zu ihrem Vortheil ein, doch bemerke ich Widerſpruch in ihrem Betragen und dies hebt mein Urtheil auf. Zwei dieſer Wilden verlaſſen die Seite meines Bettes beinahe nicht; der Eine, den ich nach ſeinem vornehmen Anſehen für den Caziken ¹*) halte, beweiſ't mir, nach ſeiner Art, wie ich glaube, viele Ehrerbietung, der Andere reicht mir einen Theil der Huͤlfe, welche meine Krankheit erfordert, aber ſeine Guͤte iſt hart, ſeine Dienſtleiſtungen grauſam und ſeine Vertraulichkeit ſehr anmaßend. Vom erſten Augenblicke an, nachdem ich von einer Ohnmacht zurüͤckgekehrt und mich in 41 ihrer Gewalt fand, war Dieſer(ich habe es ſehr wohl bemerkt) weit dreiſter als die An⸗ dern; er wollte meine Hand nehmen, die ich mit einer unausſprechlichen Verlegenheit zuruͤck⸗ zog, er ſchien verwundert uͤber meinen Wider⸗ ſtand, und ohne alle Achtung gegen den Wohl⸗ ſtand nahm er ſie augenblicklich zuruck. Schwach, ſterbend, und Worte ausdruͤckend, welche nicht verſtanden wurden, hätte ich es da verhindern können?— Er behielt ſie, mein geliebter Aza, ſo lange er wollte, und ſeit dieſer Zeit muß ich ſie ihm mehrere Male des Tages reichen, wenn ich Zwiſt vermeiden will, der ſich doch ſtets zu meinem Nachtheil wendet. Dieſe Art von Ehrerbietung 1²) ſcheint mir ein Aberglauben dieſes Volks zu ſein, ich glaubte zu bemerken, daß man damit einen Zuſammenhang meiner Krankheit verbindet. Man muß aber wahrſcheinlich von ihrer Nation ſein, um die Wirkung davon zu empfinden, denn ich bemerke keine. Ich leide unaufhoͤrlich an einem innern Feuer, welches mich ver⸗ 42 zehrt, kaum daß mir nur noch ſo viel Kraft bleibt, um meine Quipos zu ſchuͤrzen. Zu die⸗ ſer Beſchäftigung gebrauche ich ſo viel Zeit, als meine Schwaͤche mir erlaubt. Dieſe Knoten, welche meine Gefuͤhle ergreifen, ſcheinen meinen Gedanken mehr Beſtimmtheit zu geben. Die Art von Aehnlichkeit, welche ſie, wie es mir ſcheint, mit den Worten haben, giebt mir eine Täuſchung, die meinen Kummer lindert; ich glaube mit Dir zu reden, Dir zu ſagen, daß ich Dich liebe, Dir meine Wuͤnſche und meine Zärtlichkeit zu verſichern,— dieſer ſuͤße Troſt macht mein einziges Gluͤck aus. Wenn ein Anfall von Schwaͤche mich veranlaßt, dieſe Arbeit zu unterbrechen, ſeufze ich uͤber Deine Abweſenheit, und ſo meiner Zartlichkeit mich ganz hingebend, iſt keiner meiner Augenblicke, welcher nicht Dir gehoͤrt. Ach, mein theurer Aza! welchen andern Gebrauch koͤnnte ich auch davon machen? Wenn Du nicht der Beherrſcher meiner Seele waͤreſt, wenn die Ketten der Liebe mich nicht unzer⸗ 43 trennlich mit Dir verbaͤnden, koͤnnte ich in einen dunkeln Abgrund geſtuͤrzt, meine Ge⸗ danken wohl von dem Lichte meines Lebens abwenden? Du biſt die Sonne meiner Tage, Du erleuchteſt und verlaͤngerſt ſie, ſie ſind Dein, Du ſchaͤtzeſt mich, daher erhalte ich mein Leben. Was wuͤrdeſt Du fuͤr mich thun? Du wurdeſt mich lieben und ich waͤre belohnt. 5. Wie viel hab' ich gelitten, mein theurer Aza, ſeit den letzten Knoten, die ich Dir ge⸗ widmet hatte! Die Entbehrung meiner Quipos fehlte nur noch, um meine Leiden zu erhoͤhen. Sobald meine geſchaͤftigen Verfolger bemerkt hatten, daß dieſe Arbeit meine Schwaͤche ver⸗ mehrte, hatten ſie mir ſelbige genommen. Man gab mir dieſen Schatz meiner zartlich⸗ keit endlich zuruck, doch habe ich ihn mit Thraͤ⸗ nen erkauft. Dieſer Ausbruch meiner Gefuͤhle bleibt mir ja nur, ſo wie der traurige Troſt, ,—— 44 Dir meinen Kummer zu ſchildern, könnte ich ihn verlieren, ohne zu verzweiflen? Mein hartes Geſchick hat mir Alles ge⸗ raubt, ſogar den einzigen Troſt, welchen der Ungluckliche darin findet, von ſeinen Leiden zu reden; man glaubt bedauert zu werden, wenn man verſtanden wird, und glaubt ſich getroͤſtet, wenn man Theilnahme findet.— Ach! ich kann mich nicht verſtändigen und der Frohſinn umgiebt mich. Selbſt die neue Art von Einöde, worin mich die Unmoͤglichkeit, meine Gedanken mit⸗ zutheilen, verſetzt, kann ich nicht mit Nuhe genießen. Mit überläſtigen Menſchen umgeben, ſind deren aufmerkſame Blicke der Einſamkeit meiner Seele ſtoͤrend. Die ſchoͤnſte Gabe, welche die Natur uns dadurch verlieh, unſere Gedanken ohne Huͤlfe unſeres eignen Willens undurch⸗ dringlich zu machen, vergeſſe ich. Zuweilen fuͤrchte ich, daß dieſe neugierigen Wilden die nachtheiligen Betrachtungen entdecken, welche ihr ſeltſames Benehmen mir einfloßt. 45 Ein Augenblick zerſtört oft die Meinung, welche ein anderer mir von ihrem Charakter gegeben hatte, und bleibe ich, bei den oͤftern Widerſetzlichkeiten ihres Willens gegen den Meinigen ſtehen, ſo kann ich nicht bezweifeln, daß ſie mich fuͤr ihre Sklavin halten und ihre Macht tyranniſch iſt. n Ohne unzaͤhlige andere Widerſpruche zu be⸗ ruhren, ſo entziehen ſie mir ſogar, mein theurer Aza, die zur Erhaltung des Lebens noͤthigen Nahrungsmittel, ſo wie die Freiheit, den Platz zu waͤhlen, wo ich ſein will, und halten mich mit einer Art von Strenge im Bette, welches mir unertraͤglich geworden. Denke ich aber auf der andern Seite über das außerordentliche Beſtreben nach, mir meine Tage zu erhalten, und der ausgezeichneten Achtung bei ihren Dienſtleiſtungen, dann bin ich wieder geneigt zu glauben, daß ſie mich für ein uͤbermenſchliches Weſen halten. Keiner erſcheint vor mir, ohne ſeinen Koͤrper nicht mehr oder minder zu verbeugen, wie wir dies bei der Anbetung der Sonne zu thun pflegen. Der Cazike ſcheint die Gebraͤuche des Yncas am Tage des Raymi*0) nachahmen zu wollen. Er legt ſich vor meinem Bette auf die Knie und bleibt eine geraume Zeit in dieſer unbequemen Stellung. Stillſchweigend und die Augen niedergeſchlagen, ſcheint er in tiefes Nachdenken verſunken und ich leſe in ſeinen Zuͤgen die ehrfurchtsvolle Verlegenheit, welche uns der große Namen 2¹), mit lauter Stimme ausgeſprochen, einfloßt. Findet er Gelegenheit meine Hand zu ergreifen, dann legt er ſeinen Mund mit derſelben Verehrung darauf, wie wir auf das geheiligte Diadem 22). Zuweilen ſpricht er eine große Anzahl Worte aus, die der gewoͤhnlichen Sprache dieſer Nation nicht ähnlich ſind. Der Ton iſt weit ſanfter, be⸗ ſtimmter und abgemeſſener, damit vereinigt er den ruͤhrenden Blick, welcher gewoͤhnlich den Thraͤnen vorhergeht; ſeine Seufzer, welche die Leiden der Seele ausdruͤcken, und ſeine Aus⸗ rufungen, die beinahe Klagen ſind, genug, 47 Alles ſcheint von dem Wunſche begleitet zu ſein, eine Gnade zu erlangen. Ach, mein ge⸗ liebter Aza, wenn er mich beſſer kennte, und nicht in einigen Irrthum uͤber mich waͤre, welche Bitte koͤnnte er dann wohl an mich richten? Sollte dieſe Nation keine Götter haben?— Ich habe von ihnen noch keine Anbetung der Sonne geſehen, vielleicht, daß ſie die Weiber zum Gegenſtand ihrer Verehrung nehmen. Ehe der große Manco⸗Capac 2³) die Gebote der Sonne auf die Erde gebracht, vergoͤtterten unſere Vorfahren Alles, was ſie ergriff, oder ihnen Furcht oder Freude gewaͤhrte. Vielleicht daß dieſe Wilden dies ſuͤße Gefuhl nur fuͤr das weibliche Geſchlecht empfinden. Wenn er mich aber anbetete, wuͤrde er bei meinen ſchrecklichen Leiden, mich wohl in dem unerträglichen Zwange erhalten?— Nein, er wuͤrde vielmehr mir zu gefallen ſtreben, er wuͤrde den Winken meines Willens gehorchen und ich wurde frei ſein, ich koͤnnte dann dieſe 48 traurige Wohnung verlaſſen, hineilen, den Be⸗ herrſcher meiner Seele aufzuſuchen und ein einziger ſeiner Blicke wuͤrde das Andenken an ſo vieles Ungluͤck auslöſchen. i Welche fürchterliche ueberraſchung, mein theurer Aza, wie ſind unſere Leiden erhoͤhet und wie ſind wir zu beklagen! Unſer Kummer iſt ohne Huͤlfe, mir bleibt nur die Moͤglichkeit, ihn Dir mitzutheilen und zu ſterben. Endlich hatte man mir erlaubt aufzuſtehen, mit großem Verlangen benutzte ich dieſe Frei⸗ heit und ſchleppte mich nach einem kleinen Fenſter, welches ich mit der Schnelligkeit oͤffnete, die mir meine lebhafte Neugier eingab; aber, theurer Abgott meines Herrzens, was ſah ich und wie werde ich einen Ausdruck finden, um Dir mein Erſtaunen zu ſchildern, ſo wie die tödliche Verzweiflung, welche mich ergriff, in⸗ dem ich rund um mich her, nichts, als das 49 fuͤrchterliche Element ſah, deſſen Anblick allein Schauder erregt. 5 Der erſte Blick gab mir ſchon einen hin⸗ laͤnglichen Beweis von der Veranlaſſung der unangenehmen Bewegung unſerer Wohnung. Ich befinde mich in Eins der ſchwebenden Haͤuſer, deren die Spanier ſich bedienten, um unſer ungluͤckliches Land zu erreichen und von welchen man mir nur eine ſehr unvollkommene Schilderung gemacht hatte. Begreifſt Du es, mein theurer Aza, welche gefährliche Gedanken mit dieſer ſchrecklichen Kenntniß iu meine Seele gedrungen?— Ich bin nun uͤberzeugt, daß man mich von Dir entfernt hat, ich athme nicht mehr dieſelbe Luft und bewohne nicht mehr dasſelbe Land! Du wirſt in der Ungewißheit bleiben, wo ich bin, ob ich Dich liebe und noch lebe. Meine ganz⸗ liche Zerſtörung wird kein ſo bedeutender Ge⸗ genſtand ſein, um bis zu Dir gelangenz achl mein theurer Aza, was fuͤr einen Werth koͤnnte auch mein ungluͤckliches Leben für Dich haben? 4 50 Erlaube daher, daß ich der Gottheit eine un⸗ ertraͤgliche Wohlthat zuruͤck gebe, die ich nicht länger genießen mag, ich werde Dich nicht wiederſehen, will alſo auch nicht mehr leben. Die Welt iſt fuͤr mich wie vernichtet, denn ich verlor das, was ich liebe,— ſie iſt nur noch eine große Einöde; welche von dem Aus⸗ ruf meiner Liebe widerhallt, hoͤre es, theurer Abgott meiner Zaͤrtlichkeit, ſei davon und erlaube, daß ich ſterbe. Welche Verirrung verfuͤhrt mich?— Nein, mein geliebter Aza!— nein, Du biſt es nicht, der mich zu leben befiehlt, es iſt die ſtille Natur, welche, indem ſie vor Verachtung ſchau⸗ dert, Deine weit maͤchtigere Stimme, als die ihrige, annimmt, um ein ihr ſtets verabſcheuen⸗ des Ende zu verſpaͤten,— doch, es iſt be⸗ ſchloſſen und das ſchnellſte Mittel wird mich von dieſer Reue befteien.— Ach! daß die Fluthen des Meeres meine ungluckliche Zaͤrtlich⸗ keit, mein Leben und meine Vzweiflun ſn immer verſchlingen moͤchten. 51 Empfange— nur zu unglücklicher Aza! die letzten Gefuhle meines Herzens, welches nur Dein Bild in ſich aufgenommen, es wollte nur fuͤr Dich ſchlagen und ſtirbt, erfuͤllt von Deiner Liebe!— Noch denke und empfinde ich es, und ſage es Dir zum letzten Male. 7. Du haſt noch nicht Alles verloren, Aza! Du herrſcheſt noch uͤber mein Herz, denn ich lebe!— Die Wachſamkeit meiner Waächter hat mein gefaͤhrliches Vornehmen verhindert und mir bleibt nur die Reue, die Ausfuͤhrung verſucht zu haben. Wollte ich Dir die Bege⸗ benheit einer Unternehmung, welche ſo ſchnell zerſtoͤrt, als vorgenommen, mittheilen, dann wurde ich Dir zu viel zu ſagen haben;— und duͤrfte ich wohl jemals meine Augen wie⸗ der zu Dir erheben, wenn Du Zeuge meiner Heſtigkeit geweſen wäreſt?— Meine Vernunft— mir nichts mehr 4* 52 nuͤtzen, denn ſie war der Verzweiflung unter⸗ worfen,— das Leben erſchien mir ohne allen Werth, ich hatte ſelbſt Deine Liebe vergeſſen. Wie grauſam iſt nach einer Raſerei die Gleichgültigkeit und wie verſchieden ſind dann die Anſichten uͤber denſelben Gegenſtand. Beim hochſten Grade der Verzweiflung haͤlt man die Wildheit fur Muth und Furcht fuͤr Schmerzen eine Feſtigkeit. Ein Wort, ein Blick und eine Ueberraſchung bringt uns wieder zu uns ſelbſt zuruck und dann finden wir die Schwache nur als Grundlage unſeres Heldenmuthes, zur Aus⸗ beute Reue und Verachtung, ſtatt Belohnung. Die Kenntniß meines Vergehens iſt die haͤrteſte Beſtrafung. Der bittern Reue mich uberlaſſend und in den Schleyer der Beſchaͤmung eingehuͤllt, halte ich mich im Hintergrunde, fuchtend, daß mein Körper zu vielen Raum einnimmt, denn ich moͤchte ihn dem Lichte ent⸗ ziehen. Meine Thränen fließen unaufhaltbar; mein Schmerz aber iſt ruhig, kein Ton laͤßt ihn laut werden, ohngeachtet ich mich ihm 53 ganz hingebe. Kann ich mein Verbrechen wohl genug bereuen?— Denn es war ja gegen Dich!— Seit zwei Tagen wollen meine wohlthaͤtigen Wilden mich an ihrer Freude, woruber ſie außer ſich ſind, Theil nehmen laſſen,— aber ver— gebens!— Die Urſache davon kann ich nicht errathen, waͤre ſie mir aber auch bekannt, ſo wuͤrbe ich mich doch nicht wuͤrdig halten, Theil an ihren Feſten zu nehmen. Ihre Taͤnze, ihr Freudengeſchrei, ihr rothes Getraͤnk, ähnlich unſerm Mays ²⁴), wovon ſie uͤbermaͤßig trin⸗ ken, ihr Verlangen, die Sonne von allen Sei⸗ ten, wo ſie ſelbige nur erblicken koͤnnen, zu betrachten— alles Dieſes würde mich nicht zweifeln laſſen, daß dieſe Freude zur Ehre des gottlichen Geſtirnes ſei, wenn das Betragen des Caziken, dem der Andern gleich ware. Seit dem Vergehen, welches ich begangen, nimmt er keinen Theil an der allgemeinen Freude, ſondern nur an meinem Schmerz. Sein Eifer iſt weit ehrfurchtsvoller, ſeine Sorge um mich unveraͤnderter und ſeine Auf⸗ merkſamkeit durchdringender. nh Er hat es errathen, daß die ſtete Gegen⸗ wart der Wilden aus ſeinem Gefolge, den Druck meines Kummers vermehrte, deshalb hat er mich von ihren uͤberlaͤſigen Blicken befreit, ich habe jetzt nur die Seinigen zu ertragen. Wirſt Du es mir glauben, mein geliebter Aza, daß es Augenblicke giebt, worin ich Troſt in ſeiner ſtummen Unterhaltung finde? Das Feuer ſeiner Augen ruft das Bild, welches ich in den Deinigen ſah, in mir zuruck und ich finde Aehnlichkeiten, die mein Herz entzucken. Doch ach, wie voruͤbergehend iſt dieſe Taͤuſchung und wie dauernd die Reue, welche ihr folgt, ſie wird auch nur mit meinem Leben enden, da ich nur fuͤr Dich lebe. 5 C Zrim Wenn ein einziger Gegenſtand alle unſere Gedanken in ſich vereiniget, mein theurer Aza! ſo haben die Begebenheiten nur durch die Aehn⸗ lichkeiten, welche wir darin finden, Intereſſe. Wareſt Du nicht der Einzige, der meine Seele erfuͤllt, wurde ich dann wohl(wie ich ſo eben gethan) von Abſcheu der Verzweiflung zur ſußeſten Hoffnung uͤbergegangen ſein? Der Cazike hatte ſchon mehrere Male, doch ver⸗ gebens, verſucht, mich dem Fenſter, welches ich nicht ohne tiefen Schauder anſehen kann, naͤhern zu laſſen; doch endlich ließ ich mich durch erneuertes Bitten dahin geleiten, aber ach, mein geliebter Aza! wie bin ich fuͤr meine Ge⸗ faͤlligkeit belohnt worden. Er ließ mich wie durch ein unbegreifliches Wunder, ſeitwaͤrts durch einen durchbohrten Stock die Erde in einiger Entfernung ſehen, welche ohne Huͤlfe dieſer wundervollen Maſchie⸗ ne, ich mit bloßen Augen nicht wuͤrde erblickt haben. Zugleich gab er mir durch Zeichen(welche mir jetzt bekannt werden) zu verſtehen, daß wir nach dieſer Erde kommen wuͤrden, deren Anblich der einzige Gegenſtand der Freude ge⸗ weſen, welche ich fuͤr ein Opfer der Sonne ge⸗ halten. Ich empfand gleich all' den Vortheil dieſer Entdeckung, denn die Hoffnung hat, wie ein Lichtſtrahl, das Innerſte meines Herzens erhellet. Es iſt wohl gewiß, daß man mich nach der Erde fuͤhrt, welche man mir gezeigt, ſo wie es augenſcheinlich iſt, daß ſie einen Theil Deines Reiches ausmacht, weil die Sonne ihre wohlthaͤtigen Strahlen dahin verbreitet ²8). Ich bin nicht mehr in der Gewalt der grauſamen Spanier, wer könnte mich alſo zurückhalten, zu Deinen Geſetzen zuruͤck zu kehren? Ja, mein theurer Aza! ich werde mich wie⸗ der mit dem vereinigen, den ich liebe! meine Liebe, meine Vernunft, meine Wuͤnſche, Alles verſichert mich deſſen. Ich fliege in Deine Arme, ein Strahl von Freude verbreitet ſich in meiner 57 Seele. Die Vergangenheit verſchwindet, meine Leiden ſind geendet und vergeſſen, die Zukunft allein beſchaͤftigt mich, das iſt mein einziges Gluͤck. Aza! geliebte Hoffnung! Dich habe ich nicht verloren, ich werde Dein Antlitz, Deine Klei⸗ dung, und Deinen Schatten ſehen, ich werde Dich lieben, und es Dir muͤndlich ſagen, giebt es wohl ein Leiden, was ein ſolches Gluͤck nicht verwiſchen koͤnnte? 9. Wie lang erſcheinen uns die Tage, wenn wir ſie zaͤhlen; die Zeit iſt uns dann, ſo wie der Zwiſchenraum, nur durch ihre Grenzen be⸗ kannt, mir ſcheint es wenigſtens, als ob unſere Hoffnungen, ſo wie die der Zeit ſind, wenn ſie uns verlaͤßt, oder nicht ſichtbar bezeichnet iſt, ſo bemerken wir ihre Laͤnge nicht mehr, als von der Luft, welche den Zwiſchenraum einnimmt. Seit den ungluͤcklichen Augenblick unſerer Trennung, wo mein Herz und meine Seele, gleichmaßig durch das Ungluͤck dahin welkten, blieb ich eingehuͤllt in einer gaͤnzlichen Ver⸗ laſſenheit, o Abſcheu der Natur! Bild der Nichtigkeit, die Tage verſtreichen, ohne daß ich es beachtete, denn keine Hoffnung machte mich auf ihre Dauer aufmerkſam, aber jetzt, da die Hoffnung jeden Augenblick bezeichnet, ſcheint mir ihre Laͤnge ohne Ende; und was mich noch mehr in Erſtaunen ſetzt, iſt, daß ich mit der Ruhe der Seele, auch die Leichtigkeit zu Denken wieder erlangt habe. Seit meine Phantaſie wieder der Freude geoffnet, ſtellen ſich auch eine Reihe von Ge⸗ danken dar, die mich bis zur Ermuͤdung be⸗ ſchaͤftigten. Plaͤne des Gluͤcks und der Freude folgen ſich abwechſelnd, neue Gedanken ſind mit Leichtigkeit aufgenommen, und ohne ſie aufzuſuchen, erſcheinen mir Fruhere, welche ich damals kaum beachtet. Seit zwei Tagen ver⸗ ſtehe ich von der Sprache des Caziken mehrere 59 Worte, die ich nicht zu wiſſen Mit Es ſind zwar nur Redensarten, welche die Gegen⸗ ſtaͤnde bezeichnen, ſie druͤcken weder meine Ge⸗ danken aus, noch laſſen ſie mich die der Anderen verſtehen, doch verſchaffen ſie mir einige nuͤtzliche Aufklaͤrungen. Ich weiß, daß der Namen des Caziken Deterville iſt, der unſerer fliegenden Woh⸗ nung, Schiff, und der der Erde, wohin wir kommen, Frankreich. Dieſer Letztere erſchreckte mich gleich, denn ich erinnere mich nicht, jemals einen Theil Deines Reichs ſo nennen gehoͤrt zu haben; doch waͤhrend ich Betrachtungen uͤber die unendliche Zahl von Landern, die es bilden, und deren Namen mir entfallen, anſtellte, legte ſich bald die erſte Regung der Furcht, hätte ſie bei dem feſten Vertrauen, welches der un⸗ aufhoͤrliche Anblick der Sonne mir einfloßt, auch wohl lange beſtehen koͤnnen? Nein, mein theurer Aza! dieſer goͤttliche Stern erleuchtet nur ſeine Kinder, ein einziger Zweifel daruͤber wurde Verbrechen ſein. Ich werde in Dein 60 Reich zuruͤckkehren, nahe mich dem Augenblicke, Dich zu ſehen, und fliege meinen Gluͤck ent⸗ gegen. In der Ausgelaſſenheit meiner Freude be⸗ reitet mir die Dankbarkeit ein ſuͤßes Vergnuͤgen, denn Du wirſt gewiß den wohlthatigen Ca⸗ ziken 2*), welcher uns einander wieder giebt, mit Ehre und Reichthuͤmer uͤberſchutten, und er wird das Andenken an Zilia in ſein Land mit hinuber nehmen. Die Belohnung ſeiner Tugend wird ihn noch tugendhafter machen, und ſein Gluͤck wird Dein Ruhm ſein. Nichts gleicht der Guͤte, mein theurer Aza! welche er fuͤr mich hat, weit davon entfernt, mich als Sklavin zu behandeln, ſcheint er vielmehr der Meinige zu ſein. Er beweiſet mir jetzt eben ſo viele Gefaͤlligkeit, als ich während meiner Krankheit Widerſpruch von ihm ertrug. Einzig mit mir, meinem Kummer und meinen Vergnuͤgungen beſchaͤftigt, ſcheint er keine an⸗ dere Sorgen zu haben. Die naͤmlichen Bezeugungen, welche ich 61 fuͤr Abgoͤtterei hielt, wiederholte er nicht allein oͤfterer, ſondern auch ſein Ton, ſeine Art und Weiſe geben mir die Gewißheit, daß dies nur eine taͤndelnde Wehiet Nation iſt. Er beginnet damit, mir einige Worte ſeiner Sprache deutlich ausſprechen zu laſſen Er weiß es, daß die Göͤtter nicht reden) und ſo oft ich ſolche wiederholt habe:»Ja! ich liebe Dich!⸗ oder:»ich gelobe die Deinige zu ſein,« dann verbreitet ſich ein Strahl von Freude über ſein Antlitz, er küßt mir die Hande voll Ent: zuͤcken mit einem weit frohern Blick, als den Ernſten, welcher gewöhnlich die Anbetung der Gottheit begleitet. Obgleich beruhigt uͤber ſeine Religion, bin ich es nicht ganz uͤber das Land, woher er ſtammt, ſeine Sprache und Kleidung ſind von der Unſrigen ſo verſchieden, daß mein Ver⸗ trauen oft daruͤber wankend wird, verdrießliche Betrachtungen verdunkeln dann die Wolken mei⸗ ner ſuͤßeſten Hoffnungen, und ich kehre allmaͤhlig 62 von der Furcht zur Freude, und von der Freude zur Beſorgniß uͤber. Von dieſen verworrenen Gedanken ermuͤdet und unzuftieden uͤber die Ungewißheit, welche mich verzehrt, hatte ich beſchloſſen gar nicht mehr zu denken, aber, wie kann man die Be⸗ wegung einer Seele hemmen, die aller Ver⸗ bindungen beraubt, füuͤr ſich handeln muß, und deren hochſtes Intereſſe Nachdenken erfordert. Ach ich kann es nicht, mein theurer Aza! mit angreifender Bewegung ſuche ich Aufklärung, und bleibe dennoch in der tieſſten Dunkelheit. Baß die Entbehrung eines Sinnes in mancher Hinſicht täuſchen kann, wüßte ich, dennoch ſehe ich mit Erſtaunen, daß die Gewohnheit der Meinigen mich von einer Verwirrung zur An⸗ dern hinreißt. Sollten die Begriffe der Sprache auch die der Seele ſein? O mein theurer Aza! welche traurige Wahrheiten laͤßt mein Ungluͤck mich erblicken; moͤchten doch dieſe ſchrecklichen Gedanken ſich von mir entfernen! Wir nahen uns dem Lande; das Licht meiner Tage wird 63 die Dunkelheit, die mich umgiebt, in einem 3 10. Endlich, mein theurer Aza! bin ich an das Land, dem Gegenſtande meiner Wuͤnſche ange⸗ kommen, noch bemerke ich aber nichts, das mir ein Gluck verkuͤnden könnte, welches ich mir gedacht habe. Alles, was ſich meinen Au⸗ gen darbietet, ruhrt, uͤberraſcht und ſetzt mich in Erſtaunen, es läßt einen leeren Eindruck und eine ſtumme Verwirrung in mir zuruck, wovon ich nicht einmal mich zu befteien ſuche, die Betaͤubung hemmet mein Urtheil, ich bleibe in Ungewißheit und an dem was ich ſehe. ſin Kaum hatten wir das ſᷣninmende Hus als wir in einer am Ufer des Meeres erbaueten Stadt eintraten. Das Volk, welches uns in großen Schaaren folgte, ſcheint mir von derſelben Nation, wie der Cazike zu ſein. Die 64 Haͤuſer haben gar keine Aehnlichkeit mit denen in der Sonnen⸗Stadt, Jene übertreffen Dieſe an Schoͤnheit und reicher Verzierung, und Dieſe Jene durch die Wunderwerke, womit ſie angefullt ſind. Als ich in das Zimmer trat, welches Deter⸗ ville fur mich beſtimmt, erbebte mein Herz, ich ſah im Hintergrunde eine junge Perſon, welche wie eine Sonnenjungfrau gekleidet war, ich lief ihr mit offenen Armen entgegen, doch mein theurer Aza! welch Entſetzen! welch außerordent⸗ liches Erſtaunen! einen ganz undurchdringlichen Widerſtand zu finden, da, wo ich in einem ſehr weiten Umfange, eine menſchliche Figur ſich bewegen ſah. iom bun Voll Erſtaunen hielt ich meine Augen un⸗ beweglich auf dieſen Schatten geheftet, bis Deterville mir ſeine eigene Geſtalt derjenigen zur Seite erblicken ließ, welche meine ganze Aufmerkſamkeit veſchaͤftigte; ich beruͤhrte ſie, ſprach mit ihr, und ſah ſie zu gleicher Zeit ſehr nahe und ſehr weit vor mir. 65 Dergleichen Wunder verwirren die Ver⸗ nunft und umnebeln das Urtheil; was ſoll ich von den Bewohnern dieſes Landes denken? Ich werde mich wohl huͤten, ein S Ur⸗ theil uͤber ſie zu faͤllen. Der Cazike gab mir zu verſtehen, daß die Figur, welche ich geſehen, die Meinige ſei; allein welche Aufklaͤrung giebt mir Dieſes? Iſt das Wunder dadurch weniger groß, oder bin ich weniger gedemuͤthigt, daß ich in meinem Verſtande nur Irrthum oder Unwiſſenheit finde? Mit Kummer bemerke ich, mein theurer Aza! daß Diejenigen in dieſem Lande, die am wenig⸗ ſten geſcheut ſcheinen, doch weit gelehrter ſind, als alle unſere Ancutes. Der Cazike hat mir eine junge und ſehr lebhafte China 27) gegeben, es war mir eine große Wohlthat, wieder ein weibliches Weſen zu ſehen und von ihr bedient zu werden. Mehrere Andere beeifern ſich, mir Dienſte zu erweiſen, doch ſaͤhe ich es eben ſo gern, wenn ſie es nicht thaten, denn ihre Gegenwart erneuert meine Zilia. 5 — 66 Furcht. Die Art, wie ſie mich betrachten, beweiſet mir, daß ſie nicht in Cuzes*⁸) geweſen ſind. Ich kann indeß noch uͤber nichts urtheilen, mein Geiſt ſchwebt noch auf dem ungewiſſen Meere, mein Herz allein iſt unerſchutterlich, es wuͤnſcht, hofft und erwartet nur ein Gluͤck, ohne welches Alles nur Leiden fuͤr mich ſein kann. 11. Ohnerachtet aller nur erſinnlichen Muhe, die ich mir gebe, einiges Licht uͤber mein Schickſal zu entdecken, ſo bin ich, mein geliebter Aza! doch noch nicht mehr davon unterrichtet, als ich es vor drei Tagen war. Alles, was ich habe bemerken koͤnnen, iſt, daß alle Wilden dieſes Landes eben ſo gut und menſchlich zu ſein ſcheinen, als der Cazike, ſie tanzen und ſingen, als ob ſie alle Tage Land zu beackern haͤtten ²9). Wollte ich mich an ihre, von unſerer Nation ſo ganz verſchiedenen Gewohnheiten halten, dann wuͤrde mir keine Hoffnung mehr bleiben, doch 67 erinnere ich mich, daß Dein erhabener Vater ſehr weit entfernte Provinzen ſeinem Gehorſam unterworfen hat, deren Bewohner keine Aehn⸗ lichkeit mit den Unfrigen hatten; warum ſollten es nicht auch Dieſe ſein? Es ſcheint der Sonne zu gefallen ſie zu beleuchten, denn ſie erſcheint mir ſchoͤner und reiner, als ich ſie je geſehen, und ſo uͤberlaſſe ich mich dem Vertrauen, welches ſie mir einfloͤßt. Was mich aber noch ſehr be⸗ unruhiget, iſt der lange Zeitraum, welcher noch verſtreichen wird, bis ich zu einer gaͤnzlichen Aufklärung über unſer Intereſſe gelangen werde, denn mein theurer Aza! ich kann es nicht mehr bezweiflen, daß nur eine völlige Kenntniß der Sprache dieſes Landes mich von der Wahrheit unterrichten und meine Beſorgniſſe heben kann. Ich laſſe keine Gelegenheit voruber gehen, welche mich belehren koͤnnte, auch benutze ich die Augenblicke, welche Deterville mir frei laͤßt, um mich von meiner China unterrichten zu laſſen. Ein zwar nur ſchwaches Huͤlfsmittel, denn da ich ihr meine Gedanken nicht mittheilen 5* 68 kann, ſo kann ich auch keine Unterhaltung mit ihr anknuͤpfen, ich erfahre nur die Namen und die Gegenſtaͤnde, welche ihre Augen und die Meinigen in Erſtaunen ſetzen. Die Zeichen des Caziken ſind mir aber weit nuͤtzlicher, denn die Gewohnheit hat uns eine Art von Sprache gegeben, welche uns wenigſtens dazu dient, unſere Wuͤnſche auszudruͤcken. Geſtern fuhrte er mich in ein Haus, wo ich mich ohne dieſes Einverſtaͤndniß ſehr ſchlecht wuͤrde betra⸗ gen haben. Wir traten in ein groͤßeres und noch mehr geſchmuͤcktes Zimmer, als das, welches ich be⸗ wohne; es waren viele Menſchen verſammelt; das allgemeine Erſtaunen, welches man bei meinem Anblick bezeigte, mißfiel mir, ſo wie das außerordentliche Geläͤchter, welches einige junge Madchen ſich zu unterdruͤcken zwangen, und wieder begann, ſobald ihre Augen auf mich gerichtet waren, erweckte in meinem Herzen ein ſo verdrießliches Gefuͤhl, daß ich es als eine Verachtung wuͤrde angeſehen haben, wenn 69 ich mich einiger Fehler ſchuldig gefühlt hätte. Ich empfand aber einen großen Widerwillen unter ihnen zu bleiben, wollte ſchnell zuruͤck⸗ kehren, als ein Zeichen von Deterville mich zuruͤck hielt. Daß ich einen Fehler begehen wuͤrde, wenn ich mich entfernte, verſtand ich, und nahm mich wohl in Acht, etwas zu unternehmen, das einen Tadel verdiente, den man mir ſchon ohne Grund beimaß, ich blieb alſo, und hatte alle moͤgliche Aufmerkſamkeit fuͤr die Damen, von denen ich zu bemerken glaubte, daß nur das Auffal⸗ lende meiner Kleidung das Erſtaunen Einiger und das beleidigende Gelaͤchter der Andern ver⸗ urſachte. Ich hatte daher Mitleid mit ihrer Schwaͤche, und dachte nur daran, ihnen durch meine Gelaſſenheit zu beweiſen, daß meine Seele nicht ſo viel von der Ihrigen abweicht, als meine Kleidung von ihrem Putz. Ein Herr, den ich, wenn er ſchwarz ge⸗ kleidet geweſen, fuͤr einen Curaca 3) gehalten hätte, faßte mich mit einem freundlichen Geſichte 70 an die Hand und führte mich zu einer Dame, die ich an ihren ſtolzen Blicken fuͤr eine Pal⸗ las 3¹) dieſes Landes hielt. Er ſagte ihr mehrere Worte, welche ich, da ich ſie tauſend Mal von Deterville hatte ausſprechen hoͤren, verſtand.»Wie ſchoͤn iſt ſie! Welche ſchöne Augen!« Ein anderer Herr ant⸗ wortete ihm:»Wie viele Reize! Die Geſtalt einer Nymphel« Die Damen ausgenommen, welche gar nichts ſagten, wieder⸗ holten faſt Alle dieſelben Worte. Ihre Be⸗ deutung weiß ich zwar nicht, doch drückten ſie gewiß angenehme Gedanken aus, da ſie es Alle mit laͤchelndem Geſichte ausſprachen. Der Cazike ſchien ſehr zufrieden mit dem, was geſagt wurde, er blieb mir ſtets zur Seite, oder wenn er ſich entfernte, um mit Jemandem zu reden, ließ er mich nicht aus den Augen, und ſeine Zuge ſagten mir ſtets, was ich thun ſollte. Ich beobachtete ihn aufmerkſam, um nicht die Sitten einer Nation zu beleidigen, welche ſo wenig mit den Unſrigen bekannt ſind. . Ich weiß nicht, mein theurer Aza! ob ich es Dir werde begreiflich machen koͤnnen, wie ſeltſam mir die Gebraͤuche dieſer Wilden erſchei⸗ nen. Sie haben eine ſo ungeduldige Lebhaftig⸗ keit, daß Worte fuͤr ſie nicht hinreichend ſind ſich auszudruͤcken; ſie veden eben ſo viel durch die Bewegung ihres Koͤrpers, als durch den Ton ihrer Stimme. Was ich aus ihren ſpre⸗ chenden Bewegungen geſchloſſen; hat mich voll⸗ kommen von dem ganzen Werthe der Reden des Caziken(die mir ſo viele Unruhe verur⸗ ſachten, und von denen ſo falſche gen hegte) uͤberzeugt. Geſtern kuͤßte er die and der Palas, und die aller anweſenden Damen, er kuͤßte ſogar ihr Geſicht, was ich noch nicht geſehen hatte, die Herren umarmten ihn, der Eine hielt ihn bei der Hand, die Andern bei ſeinem Kleide, und alles Dieſes mit einer Schnelligkeit, von der wir keinen Begriff haben. Um aus der Lebhaftigkeit ihrer Gebehrden über ihren Verſtand zu urtheilen, ſo bin ich verſichert, daß unſere abgemeſſenen Ausdruͤcke, die erhabenen Vergleiche, welche ſo natuͤrlich unſere zaͤrtlichen Gefuͤhle und ruͤhrenden Ge⸗ danken ausdruͤcken, ihnen abgeſchmackt erſchei⸗ nen, unſer ernſtes und beſcheidenes Weſen wur⸗ den ſie fuͤr Dummheit, und unſere feſten Schritte, fuͤr eine Erſtarrung halten. Wirſt Du es glauben, mein geliebter Aza! daß ich mich trotz ihrer Unvollkommenheiten, bei ihnen gefallen wuͤrde, wenn Du hier waͤreſt? Ein gewiſſes freundliches Weſen, welches ſich uͤber ihre Bewegungen verbreitet, macht ſie liebens⸗ wurdig, und wenn meine Seele glücklicher waͤre, ſo wuͤrde ich in den verſchiedenen Gegen⸗ ſtaͤnden, welche ſich nach und nach meinen Augen darbieten, Vergnuͤgen finden; aber die wenige Aehnlichkeit, welche ſie mit Dir haben, loͤſcht die Annehmlichkeit der Neuheit aus, denn Du allein machſt mein Gluͤck und meine Freude! 73 12. Eine lange Zeit, mein theurer Aza! iſt verſtrichen, ohne daß ich mich meiner liebſten Beſchaͤftigung auch nur einen Augenblick hätte widmen koͤnnen; ich habe Dir indeß große und außerordentliche Dinge mitzutheilen, daher be⸗ nutze ich die wenige Muße, die mir jetzt bleibt, um zu verſuchen, Dich davon zu unterrichten. Den folgenden Tag nach meinem Beſuch bei der Pallas, ließ Deterville mir eine ſehr ſchoͤne Kleidung, nach der Sitte dieſes Landes, bringen, und nachdem meine kleine China mich damit nach ihrem Geſchmack gekleidet, ließ ſie mich der kuͤnſtlichen Maſchine nahen, welche die Gegenſtaͤnde verdoppelt. Ohngeachtet ich an dieſe Wirkung gewoͤhnt ſein ſollte, ſo konnte ich mir doch das Erſtaunen nicht enthalten, in⸗ dem ich mich gegenuͤber erblickte. Meine neue Kleidung mißfiel mir nicht, ich wuͤrde das Abgelegte vielleicht mehr vermiſſen, haͤtte es nicht dazu beigetragen, daß man mich 74 uberall mit einer mir unangenehmen Aufmerk⸗ ſamkeit betrachtet hatte. Der Cazike trat in dem Augenblick in mein Zimmer, als das junge Maͤdchen noch einige Kleinigkeiten an meiner Kleidung ordnete; er blieb am Eingange der Thuͤr ſtehen und be⸗ trachtete uns lange ohne zu reden. Er war in ſeinen Traͤumereien ſo vertieft, daß er ſich um⸗ drehte, um die China hinausgehen zu laſſen, und ohne es ſelber zu wiſſen, ſtellte er ſich an ihren Platz, die Augen auf mich geheftet, uͤber⸗ ſah er meine ganze Figur mit einer ſo ernſten Aufmerkſamkeit, daß ich davon verlegen ward, ohne den Grund einzuſehen. um ihm indeß fuͤr die neue Wohlthat meine Dankbarkeit zu bezeigen, reichte ich ihm die Hand, und weil ich meine Gefuͤhle nicht aus⸗ druͤcken konnte, ſo glaubte ich ihm nichts An⸗ genehmeres ſagen zu konnen, als einige von den Wörtern zu wiederholen, welche ihm Freude machen, ich bemuͤhte mich ſogar, den Ton hin⸗ ein zu legen, den er ihnen giebt. 75⁵ Ich weiß nicht, welchen Eindruck ſie in dem Augenblick auf ihn machten, ſeine Augen be⸗ lebten ſich, und ſein Geſicht entflammte, er kam zu mir, mit einer ruͤhrenden Miene, ſchien mich in ſeine Arme nehmen zu wollen, hielt aber auf einmal ein, druͤckte mir mit Heftig⸗ keit die Hand, indem er mit einer bewegten Stimme ſagte:»Nein! die Verehrung, ihre Tugend,« und mehrere andere Worte, welche ich nicht beſſer verſtand, dann warf er ſich in der andern Ecke des Zimmers auf einen Stuhl, wo er den Kopf auf die Hände geſtützt, und mit allen Zeichen des tiefſten Kummers blieb. Sein Zuſtand beunruhigte mich, da ich nicht zweifeln konnte, daß ich ihm dieſe Leiden ver⸗ urſacht, ich naͤherte mich ihm, um ihn meine Reue zu pezeigen, er ſticß mich aber, ohne mich anzuſehen, ſanft zuruͤck und ich durſte ihm nichts ſagen. Ich befand mich in der groͤßten Verlegenheit, als die Bedienten uns das Eſſen brachten, er ſtand auf, und wir aßen auf die gewoͤhnliche Weiſe mit einander, — 76 ohne daß eine andere Folge ſeines Kummers, außer einiger Traurigkeit, ſichtbar war, auch blieb er voll Guͤte und Sanftmuth gegen mich, alles Dieſes ſchien mir unerklaͤrbar. Ich durfte weder die Augen auf ihn richten, noch mich der Zeichen bedienen, welche uns gewöhnlich ſtatt der Unterhaltung dienten. Wir aßen das Mittag⸗„Brod zu einer ſo ungewoͤhn⸗ lichen Zeit, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihn meine Verwunberung daruͤber zu bezeigen. So viel ich aus ſeiner Antwort verſtand, war, daß wir die Wohnung verlaſſen wuͤrden, und nachdem der Cazike verſchiedene Male heraus und wieder herein gekommen war, ergriff er meine Hand. Ich ließ mich leiten, und waͤhrend ich daruͤber nachdachte, was vorgefallen war, ſuchte ich zu ergruͤnden, ob die Veranderüng der Wohnung, nicht eine Folge davon ſei. Kaum war ich aus der letzten Thuͤr des Hauſes getreten, als er mir behuͤlflich war, einen ziemlich hohen Schritt zu thun, worauf ich mich in einem kleinen Zimmer befand, worin 77 man ſich nicht ohne Unbequemlichkeit aufrecht halten konnte, wir ſaßen aber, der Cazike, die China und ich, ſehr bequem in dieſem kleinen Raume, welcher ſehr huͤbſch eingerichtet iſt. Ein Fenſter erhellet es auf jeder Seite hinlaͤnglich, es iſt aber nicht groß genug, um darin gehen zu koͤnnen. Als ich dieſes mit Verwunderung betrach⸗ tete, war ich bemuͤht zu errathen, weshalb Deterville uns ſo eng einſchlöſſe. O mein ge⸗ liebter Aza! wie gewoͤhnlich ſind die Wunder in dieſem Lande! Ich fühlte, daß die Ma⸗ ſchine oder Huͤtte(ich weis nicht wie ich ſie nennen ſoll) ſich bewegte, und den Platz ver⸗ ließ. Dies erinnerte mich an das ſchwimmende Haus, und die Furcht bemaͤchtigte ſich meiner. Der Cazike, welcher aufmerkſam auf jede mei⸗ ner Beſorgniſſe war, beruhigte mich, indem er mich aus eines der Fenſter blicken ließ, da ſah ich nicht ohne das groͤßte Erſtaunen, daß dieſe Maſchine der Erde ziemlich nahe ſchwebte, 78 und ſich auf eine mir unbegreifliche Weiſe bewegte. Deterville machte mich aufmerkſam darauf, daß mehrere Hamas 3²) von einer uns unbe⸗ kannten Art vor uns gingen und uns nach ſich zogen. O theures Licht meiner Tage! es muß ein ubermenſchliches Weſen ſein, welches ſo nuͤtzliche und ſeltſame Dinge erfindet. Aber auch große Untugenden muß dieſe Nation haben, die ihrer Macht Grenzen ſetzen, ſonſt wuͤrde ſie ja die ganze Welt beherrſchen. In dieſer wunderbaren Maſchine waren wir vier Tage eingeſchloſſen, und traten nur bei der erſten Wohnung, welche wir antrafen, heraus, um die Naͤchte daſelbſt auszuruhen; ich verließ ſie ſtets mit Bedauern, auch geſtehe ich Dir, mein theurer Aza! daß ich, abgerechnet meiner zäͤrtlichen Be⸗ ſorgniſſe, auf dieſer Reiſe, mir unbekannte Freu⸗ den genoſſen. Von meiner fruͤheſten Jugend im Tempel eingeſchloſſen, kannte ich die Schön⸗ heiten der Welt nicht, daher entzuͤckt und be⸗ zaubert mich Alles, was ich jetzt ſehe. 79 Die unabſehbaren Felder, welche ſich dem beobachtenden Zuſchauer unaufhoͤrlich veraͤndern und erneuern, durcheilt die Seele mit groͤßerer Schnelligkeit, als man ſie durchwandert. Die Augen durcheilen, umfaſſen und ruhen zu gleicher Zeit, ohne zu ermuͤden, auf der unendlichen Mannigfaltigkeit von bewunderungs⸗ wuͤrdigen Gegenſtaͤnden, und man findet in ſeinen Anſichten keine anderen Grenzen, als die der ganzen Welt. Dieſe Taͤuſchung ſchmeichelt, giebt uns eine befriedigende Meinung von un⸗ ſerer eigenen Groͤße, und ſcheint uns den Schoͤpfer ſo vieler Wunder naher zu bringen. Am Schluß eines ſchoͤnen Tages bietet der Himmel kein bewundrungswuͤrdigers Schau⸗ ſpiel dar, als das der Erde; es verſammeln ſich durchſichtige Wolken um die Sonne, der Schein lebhafter Farben zeigt uns von allen Seiten Berge, Schatten und Licht, wovon die majeſtätiſche Unordnung unſere Bewunderung bis zur Vergeſſenheit unſerer ſelbſt auf ſich ziehet. „ 80 Der Cazike hat die Guͤte gehabt, mich tag⸗ lich aus dem rollenden Zimmer treten zu laſſen, damit ich die Wunderwerke mit Muße betrach⸗ ten konnte. Wie koͤſtlich ſind die Waͤlder, mein theurer Aza! wenn die Schoͤnheit des Himmels und der Erde, fern von uns ſelbſt, uns durch ein unwillkuͤhrliches Entzuͤcken hinreißt. Das der Waͤlder fuͤhrt uns, durch eine unbegreifliche innere Macht, von der die Natur allein das Geheimniß kennt, zuruͤck, und es verbreitet ſich ein allgemeiner Zauber uͤber die Sinne, und verwirret die Denkkraft, wenn man dieſe rei⸗ zende Gegend betritt. Man glaubt die Kuhlung zu ſehen, noch ehe man ſie empfindet. Die verſchiedene Schattirung der Blaͤtter mildert das eindringende Licht und ergreift die Ge⸗ fuhle eben ſo ſchnell, als die Augen. Ein angenehmer, aber unbeſtimmter Geruch, laͤßt kaum unterſcheiden, ob er den Geſchmack, oder den Geruch mehr zuſagt. Die Luft ſelbſt bringt kaum bemerkbar in unſer ganzes Weſen eine 81¹ reine Wolluſt, welche uns einen Sinn mehr zu geben ſcheint, ohne daß wir die Organe davon angeben koͤnnten. Ach wie ſehr, mein theurer 2e! wuͤrde Deine Gegenwart dieſe reinen Freuden ver⸗ ſchoͤnern, wie oft ſehnte ich mich darnach ſie mit Dir zu theilen, mit Dir, der Du Zeuge meiner zartlichſten Gedanken wareſt, ja ich wuͤrde Dir ruͤhrendere Annehmlichkeiten in den Ge⸗ fuͤhlen meines Herzens haben finden laſſen, als alle Schoͤnheit, welche die Welt darbietet. 13 Endlich, mein geliebter Aza! bin ich in einer Stadt, Paris genannt, angekommen, welche das Ziel unſerer Reiſe, aber allem An⸗ ſcheine nach nicht das meiner Leiden ſein wird. Seit meinem Pierſein bin ich mehr denn jemals aufmerkſam auf Alles, was ſich zutraͤgt, aber meine Entdeckungen verurſachen mir nur Unruhe, und verkuͤnden mir nur Ungluͤck. In Zilia. 6 82 den geringſten meiner neugierigen Wuͤnſche finde ich Deine Gedanken, aber in keinen der Ge⸗ genſtaͤnde, welche ſich meinen Augen darbieten, begegne ich ſie. So viel ich von der geit welche wir darauf zugebracht, die Stadt zu durchfahren, und von der großen Anzahl Einwohner, womit die Straßen angefullt waren, zu urtheilen vermag, ſo enthaͤlt ſie weit mehr Menſchen, als zwei oder drei unſerer Provinzen nicht koͤnnten. Ich erinnere mich der Wunder, welche man mir von Quito erzählt hat, und ſuche hier einige Zuͤge von der Zeichnung zu finden, welche man mir von dieſer großen Stadt gemacht, aber ach, welch ein Unterſchied! Dieſe hier enthaͤlt Bruͤcken, Fluͤſſe, Baͤume und Landſitze, und erſcheint mir mehr wie ein großes Welt⸗ all, als wie eine Stadt. Vergebens wuͤrde der Verſuch ſein, Dir eine richtige Idee von der Hohe der Haͤuſer zu geben, ſie ſind ſo außerordentlich hoch, daß man geneigter iſt 83³ zu glauben, daß die Natur ſie ſo gebildet, als zu begreifen, daß Menſchen ſie haben erbauen können. Hier iſt es, wo die Familie des Caziken ſich aufhält, das Haus, welches ſie bewohnt, iſt beinahe ſo prächtig, als das der Sonne, die Noͤbeln und einige Seiten der Mauer ſind von Gold, das Uebrige iſt mit einem Gewebe der ſchoͤnſten Farben geziert, welche die Schönheiten der Natür ſehr nachahien. Bei unſerer Ankunft gab Deterville mir zu verſtehen, daß er mich in das Zimmer ſeiner Mutter fuͤhrte, wir fanden ſie halb ſchlafend, auf einem Bette, welches beinah von derſelben Form, als das der Inca's war, auch von demſelben Metall 3³). Nachdem ſie den Cazi⸗ ken ihre Hand gereicht, kuͤßte er ſie und buͤckte ſich dabei ſehr tief, ſie umarmte ihn, aber mit einer ſo kalten Guͤte und ſo erzwun⸗ gener Freude, daß, wenn ich nicht darauf waͤre vorbereitet geweſen, ich in der Umarmung dieſer 6* 84⁴ Mutter, die Gefuͤhle der Natur nicht wurde erkannt haben. Nachdem ſie ſich einige Augenblicke unter⸗ halten hatten, ließ der Cazike mich ihr nahen, ſie warf einen verachtlichen Blick auf mich, und ohne auf das, was der Sohn ihr ſagte, zu antworten, fuhr ſie gravitätiſch fort, ihre Finger um eine Schnur zu drehen, welche an einem kleinen Stuͤckchen Gold hing. Deterville verließ uns, um einem großen Mann, von ſchoͤnem Anſehn, entgegen zu gehen, der ſich ihm um einige Schritte genähert hatte, er umarmte ihn, ſo wie eine andere Dame, welche auf gleiche Art, wie die Pallas, be⸗ ſchaͤftigt war. Als der Cazike in dieſem Zimmer erſchienen war, kam ein junges Maͤdchen, ohngefaͤhr in meinen Jahren, herbei geeilt und folgte ihm mit ſichtbar bloͤder Geſchaͤftigkeit; die Freude leuchtete aus ihren Zuͤgen, ohne doch einen Grad intereſſanter Traurigkeit zu verſcheuchen⸗ Deterville umarmte ſie zuletzt, aber mit 85⁵ einer ſo natuͤrlichen Zaͤrtlichkeit, daß mein Herz davon ergriffen war. Ach, mein geliebter Aza! wie groß wird unſer Entzuͤcken ſein, wenn nach ſo vielen Leiden das Schickſal uns wieder ver⸗ einigt. Waͤhrend dieſer Zeit war ich aus Achtung ²¹) bei der Pallas geblieben, und wagte nicht, mich weder zu entfernen, noch die Augen zu ihr zu erheben. Einige ernſte Blicke, welche ſie mehr⸗ mals auf mich warf, vermehrte meine Bloͤdig⸗ keit und gaben mir eine Spannung, welche ſelbſt meinen Gedanken Zwang auflegten. Endlich, als ob das junge Maͤdchen meine Verlegenheit errathen haͤtte, faßte ſie, nachdem ſie Deterville verlaſſen, meine Hand, und fuͤhrte mich in die Naͤhe eines Fenſters, wo wir uns niederſetzten. Verſtand ich gleich von dem, was ſie mir ſagte, nichts, ſo redeten doch ihre Augen voll Guͤte die allgemeine Sprache wohlwollender Herzen und floßten mir Vertrauen und Freundſchaft fuͤr ſie ein; wie gern hatte ich ihr meine Ge⸗ fühle ausdruͤcken moͤgen, da ich es aber nicht 86 meinen Wuͤnſchen nach konnte, ſo redete ich die Worte, welche ich von ihrer Sprache wußte. Sie lächelte einige Mal daruͤber, waͤhrend ſie Deterville mit einem feinen und ſanften Blick anſah; ich fand Vergnuͤgen in dieſer Art von Unterhaltung. Die Pallas ſprach einige Worte ſehr laut aus, wobei ſie das junge Maͤdchen anſah, welche die Augen niederſchlug, mich nicht mehr anblickte, und meine Hand, welche ſie in der Ihrigen hielt, zuruͤck wies. Bald darauf trat eine alte Frau, mit grimmigen Geſichtszugen, herein, naͤherte ſich der Pallas, kam dann, mich am Arme faſſend, und leitete mich wider meinem Willen nach einem Zimmer im obern Stockwerk, wo ſie mich allein ließ. Wenn gleich dieſer Augenblick nicht der Un⸗ glucklichſte meines Lebens haͤtte ſein ſollen, ſo war er doch, mein theurer Aza! einer der Ver⸗ drießlichſten. Von dem Ende meiner Reiſe erwartete ich einige Erleichterung meiner Be⸗ ſorgniſſe und hatte wenigſtens gehofft, in der 87 Familie des Caziken dieſelbe Gute zu finden, welche er mir bewieſen. Die kalte Aufnahme der Yallas, die plötzliche Veraͤnderung im Be⸗ tragen des jungen Maädchens, die Rauhheit der Frau, welche mich einem Orte entriß, wo ich zu bleiben Freude fand. Die Unaufmerkſam⸗ keit von Deterville, welcher ſich der Art von Heſtigkeit, die man mir bewies, nicht wider⸗ ſette, genug, alle Umſtaͤnde, wodurch eine ungluͤckliche Seele ihren Kummer vermehren ſieht, ſtellten ſich mir auf einmal unter den traurigſten Ausſichten dar, ich waͤhnte mich von der ganzen Welt verlaſſen und klagte bitter uͤber mein ſchreckliches Geſchick, als ich meine GChina herein treten ſah. In der Lage, worin ich mich befand, erſchien ihr Anblick mir als ein weſentliches Gut, ich lief auf ſie zu, um⸗ armte ſie, wobei ich Thraͤnen vergoß, ſie ward davon geruͤhrt, ihre Traurigkeit war mir theuerz denn wenn man ſich auf eigenes Mitleid be⸗ ſchraͤnkt glaubt, ſo iſt uns das der Andern doppelt werth. ſcmt 88 Die Beweiſe von Wohlwollen dieſer jungen Perſon milderten meine Leiden, ich erzaͤhlte ihr meinen Kummer, als ob ſie mich hätte verſtehen können, und that ihr tauſend Fragen, gleich⸗ ſam, als koͤnnte ſie mir Antwort darauf er⸗ theilen, ihre Thraͤnen ſprachen mein Herz an und die Meinigen hoͤrten nicht auf zu fließen, doch hatten ſie weniger Bitteres. Diterville glaubte ich wenigſtens zur Stunde des Mittagsmahls zu ſehen, allein man brachte mir das Eſſen und ich ſah ihn nicht. Seit ich Dich verloren, Du theurer Abgott meines Herzens! war der Cazike der einzige Menſch, welcher ununterbrochen Guͤte fuͤr mich gehabt hat. Die Gewohnheit ihn zu ſehen war mir Beduͤrfniß geworden, und ſeine Abweſenheit vermehrte meine Traurigkeit. Nachdem ich ihn vergebens erwartet, legte ich mich ſchlafen, der Schlummer hatte aber noch nicht meine Thraͤnen gehemmt, als ich ihn in meine Kammer treten ſah, gefolgt von der jungen Perſon, deren ſtolze Verachtung mir ſo empfindlich geweſen. 89 Sie warf ſich auf mein Bett und ſchien durch tauſend Liebkoſungen die uͤble Behand⸗ lung wieder gut machen zu wollen. Der Cazike ſetzte ſich neben mein Bett und bezeugte uͤber mein Wiederſehen ſo viel Freude, als ich daruͤber empfand nicht ganz verlaſſen zu ſein, ſie redeten mit einander, wobei ſie mich anſahen, und gaben mir die zartlichſten Beveiſe von Anhaͤnglichkeit. Unwillkurlich ward ihre Unterredung ernſter, und ohne ſie zu verſtehen, ward es mir doch leicht zu beurtheilen, daß ſie auf Vertrauen und Freundſchaft gegrundet war, ich nahm mich wohl in Acht, ſie nicht zu unterbrechen, ſo bald ſie aber wieder zu mir zuruͤckkehrten, verſuchte ich es, von dem Caziken Aufklärung über das zu erhalten, was mir ſeit meiner Ankunft am Außerordentlichſten erſchienen. So viel ich aus ſeinen Antworten verſtehen konnte, war, daß das junge Maͤdchen, welches ich ſah, Celine hieß, und ſeine Schweſter ſei, der große Mann, welchen ich im Zimmer der 90 Pallas geſehen, ſein aͤlteſter Bruder, und die andete junge Perſon deſſen Frau ſei. Celine ward mir theuer, als ich vernahm, daß ſie die Schweſter des Caziken waͤre, die Geſelſſchaft des Einen, als der Andern, war mir ſo angenehm, daß ich nicht bemerkt hatte, es Tag war, als ſie mich verließen. Nachdem ſie ſich entfernt hatten, benutzte ic die uͤbrige zur Ruhe beſtimmte Zeit, mich mit Dir zu unterhalten, dies iſt mein ganzes Gluck und meine einzige Freude, nur Dir allein, theure Seele meiner Gedanken, entdecke ich mein Herz, Du wirſt ſtets der Einzige ſein, bei dem ich meine Geheimniſſe und meine zartlichſten Gefühle niederlegen werde⸗ 14. Wenn ich die Zeit, welche ich Dir, mein geliebter Aza! widme, dem Schlaf uͤberlaſſen wollte, dann wuͤrde ich nicht mehr die ſuͤßen Angenblicke genießen, in denen ich nur für Dich lebe. Man hat mir die Kleidung der Sonnen⸗ Jungfrau wieder nehmen laſſen und verpflichtet mich, alle Tage in einem Zimmer mit Menſchen angefullt zu bleiben, welche ſich mit jedem Augenblick veraͤndern und erneuern, doch — Dieſe umittirſche Zerreuung zieht nic oft wider meinen Willen von meinen zaͤrt⸗ lichen Gedanken ab, verliere ich aber auch auf Augenblicke dieſe lebhaſte Aufmerkſamkeit, welche Deine Seele unaufhörlich mit der Meinigen vereinigt, ſo finde ich Dich doch bald in den vortheilhaften Vergleichungen wieder, welche ich zwiſchen Dir und Allen, was mich umgiebt, anſtelle. In allen den verſchiedenen Provinzen, welche ich durchreiſet, habe ich keine ſo ſtolz vertrau⸗ liche Wilde geſehen, als Dieſe hier. Vorzuͤg⸗ lich ſcheinen mir die Weiber eine veraͤchtliche Guͤte zu haben, was die Menſchheit empoͤrt, und die mich vielleicht, wenn ich ſie beſſer 92 kennte, eben ſo viel Verachtung fuͤr ſie ein⸗ flößte, als ſie Andern beweiſen. Eine unter ihnen begegnete mich geſtern mit einer Geringſchaätzung, welche mich noch heute betrubt. Waͤhrend die Geſellſchaft am zahlreichſten war, hatte ſie ſchon mit Mehre⸗ ren geredet, ohne mich zu bemerken, war es nun, daß der Zufall oder eine Andere mich ihr bemerkbar gemacht, ſie brach, als ſie die Augen auf mich warf, in ein heftiges Geläch⸗ ter aus, verließ ſchnell ihren Platz und kam zu mir, ließ mich aufſtehen und nachdem ſie mich umgedreht, und ſo oft, als ihre Lebhaf⸗ tigkeit es ihr eingab, jedes Stuͤck meiner Klei⸗ dung mit genauer Aufmerkſamkeit beruͤhrt hatte, machte ſie einem jungen Manne ein Zeichen, ſich zu naͤhern und wiederholte mit 6 3 Pruͤfung meiner Figur. S Wenn gleich die Freiheit, welche Einer oder der Andere ſich nahm, mir zuwider war, ſo durfte ich mich doch ihren Willen nicht wider⸗ ſetzen, die reiche Kleidung der Dame ließ ſie 93 mir fuͤr eine Pallas halten, ſo wie die pracht⸗ volle des jungen Mannes, welcher mit Gold⸗ platten bedeckt war, fuͤr einen Anqui ²*). Dieſer verwegene Wilde, erdreiſtet durch die Vertraulichkeit der Pallas und vielleicht auch durch meine Zuruͤckhaltung, hatte die Kuͤhnheit, ſeine Hand auf meine Bruſt zu legen, ich ſtieß ſie unwillig und mit Verwunderung zuruck, was ihn aufmerkſam machen mußte, daß ich beſſer, als er, von den Geſetzen der An⸗ ſtaͤndigkeit unterrichtet war. Bei meinem Ausruf kam Döterville hinzu⸗ geeilt, kaum hatte er dem jungen Wilden einige Worte geſagt, als Dieſer, mit einer Hand auf ſeine Schulter geſtuͤtzt, in ſo heftiges Lachen ausbrach, daß ſeine Züge davon emtſtellt wur⸗ den. 3** Der Cazike machte ſich von ihm los und ſagte ihm einige Worte mit Erroͤthen und einem ſo kalten Tone, daß die Fröhlichkeit des jungen Menſchen verſchwand. Da er wahrſcheinlich nichts mehr zu antworten wußte, entfernte er 94 ſich ohne alle Erwiederung und kam nicht wieder. O mein theurer Aza! wie machen die Sitten dieſes Landes, mir die der Kinder der Sonne doppelt achtungswerth, wie liebend rief die Ver⸗ wegenheit des jungen Anqui, Deine zaͤrtliche Achtung, ſo wie Deine weiſe Zuruͤckhaltung, und der Zauber der Hoͤflichkeit, welcher in un⸗ ſerer Unterhaltung herſchte, in mein Gedaͤcht⸗ niß zuruͤck. Ich habe es empfunden, geliebte Freude meiner Seele! ja ich werde mein gan⸗ zes Leben daran denken, daß Du allein alle Vollkommenheiten, welche die Natur einzeln uber die Menſchheit verbreitet hat, in Dir ver⸗ einigeſt, ſo wie ſie in meinem Herzen alle die Gefuͤhle der Zaͤrtlichkeit und Bewunderung ver⸗ ſammelt hat, welche mich bis zum Tode an Dich feſſeln. 0 95 Je laͤnger ich mit dem Caziken und ſeiner Schweſter zuſammen bin, mein theurer Aza! um ſo ſchwerer wird es mir, mich zu uͤber⸗ zeugen, daß ſie wirklich von dieſer Nation ſind, denn ſie allein nur kennen und verehren die Tugend. n Die einfachen Sitten, die unſchuldige Guͤte und die verſtaͤndige Froͤhlichkeit der Celine, laſſen mich ſo gern glauben, daß ſie mit unſern Jungfrauen auferzogen iſt. Die ſanfte Hoͤf⸗ lichkeit und der zaͤrtliche Ernſt ihres Bruders wuͤrden mich leicht uͤberzeugen, daß er aus dem Blute der Inca's ſtammt. Beide behandeln mich mit ſo vieler Menſchlichkeit, als wir ge⸗ gen ſie ausuͤben wuͤrden, wenn das Ungluͤck ſie zu uns gefuͤhrt haͤtte, ich bezweifle es faſt nicht mehr, daß der Cazike Dir nicht zinsbar iſt 36). Er tritt nie in mein Zimmer, ohne mir nicht eine Merkwuͤrdigkeit, welche es hier in Ueberfluß giebt, als Geſchenk darzubringen, bald ſind es Stuͤcke von der Maſchiene, welche 96 die Gegenſtaͤnde verdoppelt, eingeſchloſſen in einem kleinen Kaſten, von einer bewundrungs⸗ würdigen Maſſe. Ein anderes Mal ſind es leichte Steine, von einem außerordentlichen Glanze, womit man hier faſt alle Theile des Körpers ſchmuͤckt, man haͤngt ſie in die Ohren, auf den Magen, um den Hals und auf die Fuͤße, welches ſehr ſchon ausſieht. Was ich am Komiſchſten finde, ſind kleine Handwerkszeuge von ſehr hartem Metall und von ſeltener Bequemlichkeit, das Eine dient zur Zuſammenſetzung einer Arbeit, welche Celine mir zu verfertigen lehrt; das Andere iſt von einer ſchneidenden Form, um alle Art Stoffe von einander zu trennen, man macht damit ſo viele Stücke, als man will, ohne alle Anſtren⸗ gung und auf eine ſehr beluſtigende Art. Ich habe noch unzählige andere außerordent⸗ liche Seltenheiten, da ſie aber nicht nach un⸗ ſerer Weiſe ſind, ſo finde ich keinen Ausdruck in unſerer Sprache, wodurch ich ſie Dir an⸗ ſchaulich machen koͤnnte. 97 Dieſe Geſchenke bewahre ich Alle ſehr ſorg⸗ faltig fuͤr Dich, mein geliebter Aza! denn außer der Freude, welche mir Deine Bewun⸗ derung bei dem Anblicke derſelben geben wird, erfreut mich zugleich der Gedanken, daß ſie beſtimmt die Deinigen ſind. Waͤre der Cazike nicht Deinem Gehorſam unterworfen, wuͤrde er mir dann einen Zins zahlen, welchen er nach Deiner erhabnen Wuͤrde zu waͤhlen weiß? Die hohe Verehrung, welche er mir ſtets bewieſen, hat mich uͤberzeugt, daß ihm meine Abkunft bekannt iſt; und die Geſchenke, womit er mich beehrt, verſichern mich ohne allen Zweifel, daß es ihm nicht unbekannt iſt, daß ich Deine Gemahlin werden ſoll, weil er mich ſchon im voraus als Mama⸗Oella 37) behandelt.. Dieſer uͤberzeugende Beweis vermindert einen Theil meiner Beſorgniſſe, und ich begreife, daß mir nur die Freiheit mich auszudruͤcken fehlt, um von dem Caziken die Urſache zu erfahren, welche ihn veranlaßt, mich bei ſich zu behalten, und ihn zu beſtimmen, mich in Deine Ge⸗ Zilia. 5. walt zuruͤckzuführen, bis dahin werde ich aber noch manchen Kummer zu ertragen haben. Der Madame(das iſt der Namen der Nutter des Deterville) fehlt ſehr viel, um ſo liebenswürdig zu ſein, als ihre Kinder. Weit entfernt, mich mit eben der Guͤte zu be⸗ handeln, bezeigt ſie mir im Gegentheil bei jeder Gelegenheit eine Kaͤlte und eine Verachtung, welche mich tief kraͤnkt, ohne es abhelfen zu können, weil ich nicht die Urſache davon er⸗ gruͤnden kann, und durch ein entgegengeſetztes Gefuhl, was ich noch weniger begreife, ver⸗ langt ſie, daß ich unaufhörlich bei ihr ſein ſoll. Dies iſt fur mich ein unertraͤglicher Zwang, welchet uͤberall herrſcht, wo ſie iſt, nur ver⸗ ſtohlener Weiſe geben Celine und ihr Bruder mir Beweiſe von Freundſchaft. Denn auch ſie durfen in ihrer Gegenwart nicht offen mit einander reden, und ſie fahren fort, einen Theil der Nacht in meinem Zimmer zu bleiben, da dies die einzige Zeit iſt, wo wir mit Ruhe die Freude genießen, uns ſehen zu können, kann 99 ich gleich an ihrer Unterhaltung keinen Thei nehmen, ſo iſt mir ihre Gegenwart doch ſehr angenehm. Es liegt weder in der Sorgfalt des Einen noch des Andern, daß ich nicht gluͤcklich bin. Ach, mein theurer Aza! ſie wiſſen, ja nicht, daß ich entfernt von Dir es nicht ſein kann, und ich nur ſo lange zu leben wuͤnſche, als Dein Andenken und Deine Zart⸗ lichkeit mich ganz beſchaͤftigen. 16. Mir bleiben nur noch ſo wenige Quipos, mein theurer Aza! daß ich mich ihrer kaum noch bedienen kann. Will ich ſie knuͤpfen, ſo halte ich ein, aus Furcht ſie beendigt zu ſehen; als ob ich ſie durch die Erſparung verdoppeln köͤnnte. Die Freude meiner Seele und die Erhaltung meines Lebens werde ich verlieren, nichts wird den Kummer uͤber Deine Abweſen⸗ heit lindern, ach ich werde ganz niedergebeugt ſein. 7 100 — Eine ſuͤße Wolluſt empfand ich darin, die geheimſten Bewegungen meines Herzens zu be⸗ wahren und ſie Dir mitzutheilen. Meinem Gedaͤchtniſſe wollte ich die vorzüglichſten Ge⸗ wohnheiten dieſer ſeltſamen Nation einpraͤgen, um in gluͤcklichen Tagen Deine Mußeſtun⸗ den damit zu erheitern, doch ach! wie wenig Hoffnung bleibt mir zur Ausführung meiner Vorſaͤtze. Da ich jetzt ſo viele Schwierigkeit finde, Ordnung in meine Gedanken zu bringen, wie werde ich ſie mir in der Folge, ohne fremde Huͤlfe, zuruͤckrufen können? Eine bietet ſich mir dar, allein die Ausfuͤhrung iſt ſo ſchwierig, daß ich ſie fuͤr unmöglich halte. Der Cazike hat mir einen Wilden aus die⸗ ſem Lande zugefuhrt, welcher alle Tage kommt, mir Unterricht in ſeiner Sprache und der Noöglichkeit den Gedanken eine Art von Exiſtenz zWh geben, unterweiſet. Dies geſchieht, indem man mit einer Feder kleine Figuren zeichnet, 101 welche Buchſtaben heißen, auf einer weißen und duͤnnen Maſſe, welches man Papier nennt. Dieſe Zeichnungen haben Namen, dieſe Namen unter einander gemiſcht, ſtellen den Ton der Sprache dar, aber dieſe Namen und dieſe Toöne ſcheinen mir ſo wenig beſtimmt unter einander, daß, wenn es mir einmal gelingen ſollte, ſie zu verſtehen, ſo wird es nicht ohne große An⸗ ſtrengung ſein. Der arme Wilde giebt ſich unglaubliche Muͤhe, mich zu unterrichten, und ich gewiß ebenfalls, um zu lernen, dem⸗ ohngeachtet mache ich aber ſo wenige Fort⸗ ſchritte, daß ich auf dieſen Unterricht Verzicht leiſten wurde, kennte ich nur ein anderes Mittel, mir uͤber Dein und mein Schickſal Aufklaͤrung zu verſchaffen. Ach, es giebt kein Anderes, mein theurer Aza! auch finde ich keine andere Freude, als in dieſem neuen und ſeltſamen Studium. Ich moͤchte ganz allein ſein; Alles, was ich ſehe⸗ mißfällt mir, und die Nothwendigkeit, welche 102 man mir auflegt, ſtets im Zimmer der Madame zu ſein, gereicht mir zur Qual. Als ich zuerſt die Neugier Anderer er⸗ weckte, beluſtigte mich die Meinige, kann man ſich aber nur der Augen bedienen, ſo ſind Dieſe bald befriedigt. Alle Damen ſehen ſich aͤhnlich und haben immer dieſelben Mienen, ich glaube, daß ſie auch ſtets dasſelbe reden. Dem Anſchein nach iſt es mit den Herren weit verſchiedener. Einige haben das Anſehn, als ob ſie denken, aber im Allgemeinen glaube ich, daß dieſe Nation nicht das iſt, was ſie ſcheint. Ver⸗ ſtellung iſt nach meiner Meinung ihr herrſchender Charakter. Waͤren die Beweiſe des Eiferz und der Zuvorkommenheit, womit man hier die geringſte geſellige Hoflichkeit ausſchmuckt, natuͤrlich, ſo müßte ja dieſes Volk mehr Guͤte des Herzens und mehr Menſchenliebe, als das Unſtige, haben, laͤßt ſich dies denken, mein theurer Aza? 103 Hätten ſie ſo vielen Ernſt in ihrer Seele, als in ihren Zuͤgen, und waͤre der Hang zu Vergnuͤgungen, den ich in jeder ihrer Hand⸗ lungen bemerke, aufrichtig, wuͤrden ſie dann zu ihrer Beluſtigung ein Schauſpiel wählen, ſo wie man es mir hat ſehen laſſen? Man fuhrte mich naͤmlich in einen Raum, wo man ohngefaͤhr, wie in Deinem Palaſt, die Hand⸗ lungen der Menſchen, welche nicht wahr ſind, vorſtellte ²*), wir riefen dadurch nur die Wei⸗ ſeſten und Tugendhafteſten in unſer Andenken zuruͤck, hier aber glaub' ich feiern ſie nur das Andenken der Unwiſſenden und Boͤſen. Die⸗ jenigen, welche ſie vorſtellen, ſchreien und greifen ſich an, wie Wuͤthende. Einen ſah ich, der im Eifer ſo weit ging, daß er ſich ſelbſt er⸗ mordete; ſchoͤne Weiber, die ſie wahrſcheinlich verfolgen, weinen unaufhoͤrlich und machen Gebehrden der Verzweiflung, welche der Worte nicht beduͤrfen, womit ſie begleitet ſind, um den Grund ihres Kummers an den Tag zu Ken 104 Sollte man es glauben, mein geliebter Aza! daß ein gemeinſames Volk, deren Aeußeres ſo menſchenfreundlich iſt, ſich an der Vorſtellung des Unglucks oder des Verbrechens, womit ſie ſich vormals veraͤchtlich machten und ihre Mit⸗ menſchen unterdruͤckten, erfreuen koͤnnen? Vielleicht bedarf man aber hier das Schau⸗ derhafte des Laſters, um damit zur Tugend zu fuͤhren. Dieſer Gedanken draͤngte ſich mir auf, ohne ihn zu ſuchen; waäre er gegruͤndet, wie wuͤrde ich dieſe Nation bedauern! Die Unſtige, welche weit mehr von der Natur beguͤnſtigt iſt, verehrt die Tugend we⸗ gen ihr natürlich Anziehendes, wir bedürfen nur ein Vorbild der Tugend, um tugendhaft zu werden, ſo wie man, um liebenswuͤrdig zu ſein, Dich lieben muß. 17. Ich weiß nicht, was ich von den Fähig⸗ keiten dieſer Nation denken ſoll, mein theurer Aza! ſie durcheilen das Entgegengeſetzte mit ſo großer Schnelligkeit, daß man weit kluͤger ſein muͤßte, als ich bin, um ein richtiges Ur⸗ theil uͤber ihren Charakter zu faͤllen. Jetzt hat man mir ein, vom Erſten ganz verſchiedenes, Schauſpiel ſehen laſſen. Jenes grauſam, erſchreckend, empoͤrte die Vernunft und erniedrigte die Menſchheit. Dieſes beluſti⸗ gend und angenehm, ahmte die Natur nach und machte der geſunden Vernunft Ehre. Es war eine Zuſammenſtellung von einer weit groͤßeren Anzahl von Maͤnnern und Frauen, als das Erſte, ſie ſtellten auch einige Hand⸗ lungen des Lebens dar, war es aber auch Scherz und Freude, Fröhlichkeit oder Traurig⸗ keit, was ſie darſtellten, ſo geſchah es immer durch Geſang und Tanz. 106 Der Eindruck, den die Stimme hervor bringt, mein theurer Aza! muß uͤberall gleich ſein, denn ich bin eben ſo tief von den verſchiedenen Lei⸗ denſchaften, welche man darſtellte, ergriffen worden, als haͤtte man ſie in unſerer Sprache ausgedruͤckt, und das ſcheint mir ſehr natuͤrlich. Die menſchliche Sprache iſt unſtreitig eine Erfindung der Menſchen, weil ſie unter allen Nationen verſchieden iſt. Die Natur, welche weit maͤchtiger und aufmerkſamer auf die Be⸗ durfniſſe und Freuden ihrer Geſchoͤpfe iſt, hat ihnen ein allgemeines Mittel, ſich verſtändlich zu machen, gegeben, welche durch den Geſang, ſo wie ich ihn gehoͤrt, ſehr gut nachge⸗ ahmt wird. Iſt es wahr, daß die klagen⸗ den Toͤne mehr die noͤthige Huͤlfe bei einer heftigen Furcht oder einem großen Schmerz andeuten, als Worte, welche nur in einem Theile der Welt verſtanden werden und in dem Andern gar keine Bedeutung haben, ſo iſt es nicht weniger gewiß, daß zaͤrtliche Seufzer unſer Herz mit weit ſtaͤrkerer Theilnahme er⸗ 107 fuͤllen, als Worte, die durch eine ſeltſame Zu⸗ ſammenſetzung ſehr oft eine entgegengeſetzte Wirkung hervor bringen. Eine helle und leichte Stimme bringt ja unvermeidlich eine weit heiterere Freude in un⸗ ſere Seele, als die Mittheilung einer luſtigen Erzählung, dagegen ein wohl angebrachter Spaß es nie anders, als unvollkommen er⸗ zeugt. Giebt es wohl in irgend einer Sprache einen Ausdruck, welcher die einfache Freude mit ſo großem Erfolg verbreitet, als die naiven Spiele der Thiere? Es ſcheint, als wollte der Tanz ſie nachahmen, zum wenigſten floͤßen ſie beinah dieſelben Geſuͤhle ein. Genug, mein theurer Aza! in dieſem Schau⸗ ſpiele war alles der Natur und der Menſchheit gleich, und welche groͤßere Wohlthat koͤnnte man den Menſchen erweiſen, um Su Freude zu verſchaffen? Ich empfand ſie ſelbſt und ließ mich wi⸗ der meinen Willen davon hinreißen, bis ſie 103 durch einen Vorfall, welcher Celinen traf, ge⸗ hoͤrt wurde. Im Herausgehen hatten wir uns ein wenig vom Gedrange entfernt, und hielten uns an einander feſt, aus Furcht zu fallen. Deterville war einige Schritte vor uns mit ſeiner Schwaͤ⸗ gerin, welche er fuͤhrte, als ein junger Wilder von einer liebenswuͤrdigen Geſtalt Celinen an⸗ redete, ihr einige Worte ſehr leiſe ſagte und ein Stuͤckchen Papier reichte, wobei ſie kaum die Kraft hatte es anzunehmen, und ſich dann entfernte. Celine war uͤber ſeine Erſcheinung ſo er⸗ ſchrocken, daß ich das Zittern, welches ſie er⸗ griff, mit ihr theilte, ſie wendete den Kopf kraftlos nach ihm, als er uns verließ. Sie er⸗ ſchien mir ſo ſchwer, daß ich ſie von einem plötzlichen Uebel befallen glaubte, ich wollte Deterville zu ihrer Huͤlfe rufen, ſie hielt mich aber zuruͤck und gebot mir dadurch Stillſchwei⸗ gen, daß ſie einen ihrer Finger auf meinen 109 Mund legte, ich wollte lieber meine Beſorg⸗ niß behalten„als ihr ungehorſam ſein. Noch an demſelben Abend, als der Bruder und die Schweſter ſich in meinem Zimmer ein⸗ gefunden, zeigte Celine dem Caziken das Papier, welches ſie erhalten hatte. Von dem Wenigen, was ich aus ihrer Unterredung errieth, wuͤrde ich glauben, daß ſie den jungen Mann liebte, der es ihr gegeben, wenn es moͤglich ware, ſich uber die Gegenwart deſſen zu erſchrecken, den man liebt. Ich koͤnnte Dir, mein theurer Aza! noch mehrere Bemerkungen mittheilen, aber ich ſehe das Ende meiner Schnüwe, ich beruͤhre den letzten Faden und ſchlinge den letzten Kno⸗ ten. Dieſe Knoten, welche mir eine Kette der Vereinigung von meinem Herzen zu dem Dei⸗ nigen ſchien, ſind jetzt ſchon die traurigen Ge⸗ genſtände meines Bedauerns. Die Täuſchung verlaͤßt mich und die ſchreck⸗ liche Wahrheit nimmt ihren Platz ein, meine umher irrenden Gedanken ſchwirren in der un⸗ 110 ermeßlichen Leere der Abweſenheit und werden fortan mit eben der Schnelle, als die Zeit, ver⸗ tilgt werden. Theurer Aza! es ſcheint mir, als trennte man uns noch ein Mal und zoge mich von Deiner Liebe zuruͤck. Ich verliere, ich verlaſſe Dich und werde Dich nicht wieder ſehen. Aza! theure Hoffnung meines Herzens, wie weit werden wir von einander entfernt werden. 13. Wie viele Zeit, mein theurer Aza! iſt mir von meinem Leben ausgeloͤſcht. Die Sonne hat die Haͤlfte ihres Laufes zuruͤckgelegt, ſeit ich zum letzten Male das himmliſche Gluͤck ge⸗ noß, das ich mir durch den Glauben ver⸗ ſchaffte, mich mit Dir zu unterhalten. Wie lang hat mir dieſe doppelte Trennung geſchie⸗ nen, und wie vielen Muth bedurfte ich, ſie zu ertragen. Ich lebte nur in der Zukunft, die Gegenwart ſchien mir nicht werth beachtet zu werden. Alle meine Gedanken waren nur 1 Wuͤnſche, alle meine Betrachtungen Plaͤne, ſo wie alle meine Gefuͤhle Hoffnungen. Nur mit Muͤhe kann ich erſt dieſe Figuren zeichnen, womit ich mich beeile, der Dolmet⸗ ſcher meiner Gefuͤhle zu ſein. Ich fuͤhle mich erheitert durch dieſe zärtliche Beſchaͤftigung, mir ſelbſt wieder gegeben, und glaube ein neues Leben zu beginnen. Aza! wie theuer biſt Du mir; welche Freude em⸗ pfinde ich ſchon dadurch, es Dir zu ſagen und zu ſchildern, und dieſen Gefuͤhlen eine Art von Exiſtenz zu geben. Ich moͤchte es auf das haͤr⸗ teſte Metall zeichnen, auf die Mauern meines Zimmers, auf meine Kleider, ja auf Alles, was mich umgiebt, und es in allen Sprachen aus⸗ druͤcken koͤnnen. Doch ach! wie gefaährlich iſt mir die Kenntniß derjenigen geweſen, deren ich mich jetzt bediene. Wie taͤuſchend war die Hoff⸗ nung, welche mich zu dieſem Unterricht fuͤhrte. Nachdem ich mir einige Kenntniſſe davon er⸗ worben, hat ſich ein neues Weltgebaͤude mei⸗ nen Augen dargeſtellt. Die Gegenſtaͤnde haben 112 eine andere Geſtalt angenommen, und jede Aufklaͤrung hat mir ein neues Ungluͤck entdeckt. Mein Verſtand, mein Herz, meine Augen, ja Alles, die Sonne ſelbſt hat mich getaͤuſcht. Sie beleuchtet die ganze Welt, wovon Dein Geiſt nur einen Theil ausmacht, ſo wie noch viele andere Koͤnigreiche, von denen ſie zuſam⸗ mengeſetzt iſt. Glaub' nicht, mein geliebter Aza! daß man mich uͤber dieſe unglaubliche Thatſache getaͤuſcht hat, man hat es mir nur zu ſehr bewieſen! Ich bin weit davon entfernt, un einem Volke zu leben, welches Deinem Gehorſam un⸗ terworfen iſt, ich bin nicht nur unter einer fremden Herrſchaft durch ein außerordentliches Weib von Deinem Reiche entfernt, daß unſere Nation gewiß noch unbekannt ware, wenn die Begier den Spaniern nicht die ſchrecklichſten Gefahren haͤtte uͤberſteigen ſſend um bis zu uns zu dringen. Sollte die Liebe nicht vermoͤgen, was der Durſt nach Reichthum thut? Wenn Du mich 113 liebſt und Dich nach mir ſehnſt, ja wenn Du nur noch der ungluͤcklichen Zilia gedenkſt, dann darf ich Alles von Deiner Zaͤrtlichkeit und Deiner Großmuth erwarten. Wollte man mir nur den Weg bezeichnen, der mich zu Dir fuͤhrte, die Gefahren zu uͤberſteigen und die Anſtrengungen zu ertragen, wuͤrde Freude fuͤr mein Herz ſein. Noch bin ich ſo wenig geſchickt in der Kunſt zu ſchreiben, mein geliebter Aza! daß ich einer unendlich langen Zeit bedarf, um nur wenige Reihen zuſammen zu ſetzen. Oft begegnet es mir, daß, nachdem ich viel geſchrieben, ich ſelbſt nicht wieder errathen kann, was ich aus⸗ zudruͤcken glaubte. Dieſe Verlegenheit verwirret meine Gedanken und laͤßt mich wieder ver⸗ geſſen, was ich mit Muͤhe aus meiner Erinnerung aufgezeichnet, ich fange wieder an, mache es nicht beſſer— und dennoch fahre ich fort. Zitia. 114 Leichter wuͤrde es mir, wenn ich nur die Ausdruͤcke der Zaͤrtlichkeit Dir auszumalen haͤtte, mein lebhaftes Gefuͤhl wuͤrde dann alle Schwierigkeiten uͤberwinden. Ich moͤchte Dir gern Alles mittheilen, was ſich in der Zwiſchenzeit meines Stillſchweigens zugetragen, denn ich wuͤnſche, daß keine meiner Handlungen Dir unbekannt bleibe, wenn ſie gleich wenig erheblich und ſo einfoͤrmig ſind, daß es mir unmoͤglich ſein wurde, Eine von der Andern zu unterſcheiden. Die Hauptbegebenheit meines Lebens war Deterville's Abreiſe. Fuͤr einen Zeitraum, den man ſechs Monat nennet, reiſ'te er ab, um den Krieg fuͤr das Wohl ſeines Monarchen zu fuͤhren. Bei ſeiner Abreiſe war mir der Gebrauch ſeiner Sprache noch unbe⸗ kannt, doch errieth ich bei dem ſichtbar leb⸗ haften Schmerz der Trennung von ſeiner Schweſter und mir, daß wir ihn fuͤr lange Zeit verlieren wuͤrden. Ich vergoß viele Thränen, tauſend Be⸗ * 115 ſorgniſſe erfuͤllten mein Herz, welche Celinens Guͤte nicht auszuloͤſchen vermochte. In ihm verlor ich die ſicherſte Hoffnung Dich wieder zu ſehn; und zu wem Anders koͤnnte ich wohl meine Zuflucht nehmen, wenn mir ein neues Ungluͤck treffen ſollte? ich werde ja pon Nie⸗ mandem verſtanden! Nicht lange, ſo empfand ich S. den Ein⸗ fluß ſeiner Abweſenheit, Madame, ſeine Mutter, deren Verachtung ich nur zu ſehr errathen hatte, und welche mich in ihrem Zimmer zuruͤck⸗ gehalten, durch, ich weiß nicht welche Eitelkeit, die ſie, wie man ſagte, aus meiner Geburt und der Gewalt, die ſie uͤber mich hatte, zog, ließ mich mit Celine in einem Jungfrauen⸗ Hauſe einſchließen, wo wir auch jetzt noch ſind. Das Leben, was man hier fuͤhrt, iſt einfach, ſo daß es nur unbedeutende Begebenheiten W vorbringen kann. Dieſe Zuuͤckgezogenheit mir nicht mißfallen, wenn nur nicht gerade in dem Au⸗ genblicke, wo ich faͤhig bin, Alles zu verſtehen, 8* 116 ſie mir nicht die Unterweiſung raubte, welche ich zur Ausfuͤhrung meines Planes, Dir zu folgen, bedarf. Die Jungfrauen, welche hier mit uns wohnen, ſind von einer ſo gänzlichen Unwiſſen⸗ heit, daß ſie auch nicht die geringſten meiner neugierigen Fragen beftiedigen koͤnnen. Die Verehrung, welche ſie der Gottheit in dieſem Lande darbringen, erfordert es, daß ſie auf alle dieſe Wohlthaten Verzicht leiſten, ſo⸗ wohl in Hinſicht des Verſtandes, dem Gefuͤhl des Herzens, als auch, wie ich glaube, der Vernunft, zum wenigſten laͤßt ihre Khtuns es denken. Eingeſchloſſen, wie die Unſtigen, haben ſie einen Vorzug, den man nicht in dem Tempel der Sonne hat, hier ſind die Mauern an eini⸗ gen Stellen offen und mit eiſernen Staͤben verſehen, welche kreuzweiſe ziemlich nahe an einander geſchloſſen ſind, um zu verhindern, daß man herausgeht, doch erlauben ſie die Freiheit, Menſchen zu ſehen und ſich außerhalb —————— 7 mit ihnen zu unterhalten, man nennt es ein Sprach⸗Gitter. Der Wohlthat dieſer Bequemchkeit ver⸗ danke ich es, daß ich meinen Schreibunterricht fortſetzen kann, ich rede nur mit dem Lehrer, der ihn mir giebt, ſeine Unwiſſenheit aber, in allen andern Faͤllen, außer ſeiner Kunſt, kann mich nicht aus der Meinigen reißen. Celine ſcheint nicht mehr unterrichtet zu ſein, in ihren Antworten auf meine Fragen bemerke ich eine gewiſſe Verlegenheit, die entweder aus einer ungeſchickten Verſtellung, oder einer beſchaͤmen⸗ den Unwiſſenheit entſteht. Wie dem auch ſei, ihre unterhaltung beſchraͤnkt ſich ſtets nur auf das Intereſſe ihres Herzens, oder das i Familie. Der junge Franzoſe, welcher mit ihr beim Herausgehen aus dem Schauſpiele, wo man ſang, redete, iſt ihr Liebhaber, wie ich gleich zu errathen glaubte. Madame— die in dieſe Verbindung nicht einwilligen will, ver⸗ bietet ihr, ihm zu ſehen, und um ſie deſto 118 ſicherer daran zu hindern, will ſie, daß ſie mit Niemanden, wer es auch ſei, redet. Nicht, als ob ihre Wahl ihrer unwuͤrdig ſei, ſondern weil dieſe hochmuͤthige unnatuͤrliche Mutter von einer grauſamen Sitte, welche unter den Großen dieſes Landes beſteht, Ge⸗ brauch macht, Celine zu verpflichten, das Kleid der Jungfrauen zu nehmen, um ihren älteſten Sohn dadurch reicher zu machen. Aus gleichem Grunde hat ſie auch Deter⸗ ville verpflichtet einen gewiſſen Orden zu waͤhlen, aus den er nicht wieder heraus ſchei⸗ den kann, von dem Augenblicke an, wo er die Worte welche man Gelubde nennet. Celine iderſeht ſich dieſem Opſer mit aller Macht, ihr Muth wird durch die Briefe ihres Geliebten unterſtuͤtzt, welche ich von meinem Schreiblehrer erhalte und ſie ihr über⸗ gebe Der Kümmer bringt aber in ihrem Charakter eine ſolche Veraͤnderung hervor, daß ſie lange nicht mehr dieſelbe Güte, als vormals, „ ehe ich ihre Sprache redete, fuͤr mich hat; da⸗ her verbreitet ſich auch uͤber unſern Umgang eine Bitterkeit, welche meinen Kummer erhoͤhet. Die unaufhoͤrliche Vertraute des Ihrigen, hore ich ſie ohne Langeweile an, ich beklage ſie, vhne Zwang, troͤſte ſie mit Freundſchaft, und wenn meine Zaͤrtlichkeit durch die Schil⸗ derung der Ihrigen aufgeregt, und ich mich, die Beklemmung meines Herzens dadurch zu erleichtern ſuche, daß ich nur Deinen Namen ausſpreche, druͤckt ſich Ungeduld und Ver⸗ achtung in ihren Zugen aus, ſie ſtreitet mir Deinen Verſtand, Deine Augnbet ia Deine Liebe ab. ic Meine China ſelbſt(ich weis ſie pii teinen andern Namen zu nennen, dieſer ſchien be⸗ luſtigend, daher man ihn ihr gelaſſen hat) meine China alſo, welche mich zu lieben ſcheint und die mir bei allen andern Gelegenheiten ge⸗ horcht, nimmt ſich ſogar die Dreiſtigkeit, mich zu ermahnen, Dich zu vergeſſen, und wenn ich ihr Stillſchweigen gebiete, entfernt ſie ſich. Ce⸗ 120 line kommt, ich muß meinen Kummer in mich verſchließen. Dieſer tyranniſche bringt meinen Schmerz aufs Hoͤchſte, mir bleibt nur die ein⸗ zige und peinliche Genugthuung, dieſes Papier mit Ausdruͤcken der Zaͤrtlichkeit zu bedecken, weil es der einzige geduldige Zeuge von den Gefuͤhlen meines Herzens iſt. Doch ach! ich mache mir vielleicht unnothige Muͤhe, Du wirſt es vielleicht nie erfahren, daß ich nur für Dich gelebt. Dieſer ſchreckliche Ge⸗ danken ſchwaͤcht meinen Muth, aber doch ohne den Vorſatz aufgeben zu koͤnnen, Dir ferner zu ſchreiben. Um Dir mein Leben zu bewahren, erhalte ich mir die Taͤuſchung und ſuche die grauſame Vernunft, welche mich aufklaͤren wollte, zu entfernen. Hoffte ich nicht auf Dein Wiederſehen, mein theurer Aza! ſo waͤre ich vernichtet, davon bin ich uͤberzeugt, denn ohne Dich iſt mir das Le⸗ ben eine Qual! . 12¹ 20. Bisher war ich nur mit den Leiden meines Herzens beſchaͤftigt, mein geliebter Aza! des⸗ halb habe ich noch nicht mit Dir von denen meiner Vernunft geredet, wenn ſie gleich nicht minder ſchrecklich ſind! Eines, von einer bei uns ganz unbekannten Art, was auch nur das widerſprechende Genie dieſer Nation allein er⸗ finden kann, ergreift mich maͤchtig. Die Regierungsform dieſes Reichs, der Deinigen ganz entgegengeſetzt, iſt unfehlbar mangelhaft. Anſtatt daß der Capa Ynca ver⸗ pflichtet iſt, fuͤr den Unterhalt ſeines Volkes zu ſorgen, ſo zieht der Monarch in Europa den Seinigen nur aus dem Fleiße ſeiner Unter⸗ thanen, und die Verbrechen und das Ungluͤck entſtehen hauptſaͤchlich von nic zu befriedigen⸗ den Beduͤrfniſſen. Das Ungluͤck der Vornehmern entſteht beſonders dadurch, daß ſie ihre ſcheinbare Pracht mit dem wahren Mangel nicht vereini⸗ gen koͤnnen. Der gemeine Mann ernaͤhrt ſich durch das, was man Handel oder Geſchicklichkeit nennet, und das geringſte Verbrechen, welches daraus entſteht, iſt Mangel an Redlichkeit. Ein großer Theil des Volkes lebt von dem, was die Menſchlichkeit Anderer ihnen darreicht, dieſes iſt aber ſo beſchraͤnkt, daß die Ungluͤck⸗ lichen ſich kaum ihr Leben damit erhalten koͤn⸗ nen. Ohne Geld zu haben, iſt es unmoͤglich ſich einen Theil der Erde zu verſchaffen, welche die Natur doch allen Menſchen gegeben; ja ohne das zu beſitzen, was man Vermoͤgen nennt, iſt es ganz unmoͤglich, Gold zu haben und durch einen Widerſpruch, welcher die menſch⸗ liche Vernunft beleidigt und den Verſtand be⸗ untuhigt, ſchaͤmt ſich dieſe unvernuͤnftige Nation von Jedem, außer den Landesherrn, das an⸗ zunehmen, was ſie zum Unterhalt ihres Lebens und ihrer Verhaͤltniſſe beduͤrfen. Dieſer Mo⸗ narch vertheilt ſeine Freigebigkeit im Vergleich der vielen Ungluͤcklichen, nur an einen ſehr ge⸗ ringen Theil ſeiner Unterthanen aus. Es waͤre 123 eben ſo große Thorheit zu geſtehen, Antheil daran zu haben, als es ſchimpflich ſein wuͤrde, ſich durch den Tod die Unmoͤglichkeit zu be⸗ nehmen, das Leben ohne Beſchaͤmung zu er⸗ tragen. Die Bekanntſchaft mit dieſer traurigen Wahrheit erweckte in meinem Herzen gleich das groͤßte Mitleid mit dieſen Ungluͤcklichen, ſo wie Verachtung gegen die Geſetze, doch ach! wie veraͤchtlich war mir die Art des Urtheils, welche ich uͤber diejenigen faͤllen hoͤrte, welche nicht reich ſind, es fuͤhrte mich zu traurigen Betrach⸗ tungen uͤber mich ſelbſt. Ich beſitze weder Gold, noch Land, noch Geſchicklichkeiten, und ſtehe doch in Verbindung mit den Einwohnern dieſer Stadt, o in ich mich ſtellen? 3 Wenn gleich jedes Geſiht von Schen, was nicht durch einen begangenen Fehler hervorge⸗ bracht, mir fremd iſt, ich auch fuͤhle, daß es unvernünftig ware, ihn bei der Unabhänigkeit meiner Macht und meines Willens, dennoch 124 nachzuhaͤngen, ſo vermag ich es dennoch nicht uͤber mich, gleichguͤltig zu bleiben uͤber die Meinung, welche Andere von mir hegen. Dieſer Kummer wuͤrde mir unertraͤglich ſein, wenn ich nicht hoffte, daß Deine Großmuth mich einſt in den Stand ſetzen wird, diejenigen belohnen zu koͤnnen, welche mich wider meinen Willen, mit Wohlthaten demuͤthigen, durch welche ich mich geehrt glaubte. Wiewohl Celine Alles anwendet um mich in dieſer Hinſicht zu beruhigen, ſo giebt mir doch Alles, was ich von den Menſchen die⸗ ſes Landes ſehe und vernehme, ein Miß⸗ trauen gegen ihre Reden. Ihre Tugenden, mein guter Aza! haben nicht mehr Wirklichkeit, als ihre Reichthuͤmer. Die Moͤbeln, welche ich von Gold glaubte, haben nur den aͤußern Schein davon, ihre wirklichen Beſtandtheile ſind Holz; ſo wie Alles, was ſie Hoͤflichkeit nennen, den aͤußeren Schein der Jugend hat, welcher leicht die Fehler bedeckt, aber mit eini⸗ ger Aufmerkſamkeit /bemerkt man auch bald das Erkuͤnſtelte, ſo wie ihre falſchen Reichthumer. Einen Theil dieſer Kenntniſſe verdanke ich einer Art von Geſchriebenen, welches man ein Buch nennt, und wenn ich gleich noch mit vieler Schwierigkeit deſſen Inhalt verſtehe, ſo iſt es mir doch von großem Nutzen, da ich einige Begriffe daraus ziehe. Was Celine da⸗ von weiß, erklaͤrt ſie mir, und ich reihe Ge⸗ danken aneinander, welche ich richtig glaube. Einige dieſer Buͤcher geben Nachricht von den Handlungen der Menſchen, und Andere, was ſie gedacht. Ich kann Dir nicht genug das außerordentliche Vergnuͤgen ſchildern, mein theurer Aza! was ich beim Leſen derſelben empfinde, verſtaͤnde ich es nur noch beſſer, und kennte einige dieſer gottlichen Maͤnner, welche es zuſammengeſetzt. Weil ſie der Seele das ſind, was die Sonne der Erde iſt, ſo wuͤrde ich bei ihnen alle die Aufklaͤrung und alle die Hulfe finden, deren ich bedarf; leider ſehe ich 126 aber nicht die geringſte Ausſicht dazu, jemals dieſen Wunſch erfullt zu ſehen. Ohngeachtet Celine ziemlich oft lieſet, ſo iſt ſie doch nicht unterrichtet genug, um mich zu belehren, ſie hatte kaum daran gedacht, daß die Bücher von Menſchen geſchrieben, auch weiß ſie weder ihre Namen, noch ob ſie leben. Alles, was ich von dieſen merkwürdigen Arbeiten anſchaffen kann, werde ich Dir, mein geliebter Aza! mitbringen, und ſie Dir in un⸗ ſerer Sprache erklaͤren, ich werde dabei das außerordentliche Gluͤck genießen, dem, den ich liebe, ein Vergnuͤgen zu bereiten. 21. Es wird mir nicht mehr an Stoff der Un⸗ terhaltung mit Dir, mein theurer Aza! fehlen⸗ Man hat mich mit einem Cuſipata, den man hier einen Geiſtlichen nennet, reden laſſen⸗ Dieſer iſt von Allen untertichtet, und hat mir verſprochen, mich uͤber nichts in Unwiſſenheit „ — 127 zu laſſen. Er iſt hoͤflich, wie ein vornehmer Herr, gelehrt, wie ein Amatas, und kennt den Ton der großen Welt ſo vollkommen, als die Lehren der Religion. Seine Unterhaltungen, welche belehrender ſind, als ein Buch, haben mir eine Zufriedenheit gegeben, wie ich ſie, ſeit mein Ungluͤck mich von Dir getrennt, noch nicht empfunden habe. Er mich in der Religion Frankreichs zu unterrichten, und mich zu ermahnen, ſie an⸗ zunehmenz ich würde es gern thun, hätte ich nur die völlige Ueberzeugung, daß er mir eine treue Schilderung davon entworfen hat. Wie er von den Tugenden redet, die ſie vorſchreibt, ſo iſt ſie aus den Geſetzen der Natur genommen, und gewiß eben ſo rein, als die Unſrige. Es fehlt mir aber an Feinheit des Verſtandes, um die Aehnlichkeiten zu bemerken, in welchen Verbindungen ſie mit den Sitteu und Gebraͤuchen der Nation ſtehen. Ich finde im Gegentheil einen ſo auffallenden Wider⸗ 128 ſpruch, daß meine Vernunft ſich ihr widerſetzt. Was den Urſprung und die Gnndſite die⸗ ſer Religion betrifft, ſo haben ſie mir weder unglaublicher noch unverträglicher mit dem ge⸗ ſunden Verſtande geſchienen, als die Geſchichte von Mancocapa und des Mitbewerbers Titi⸗ caca, ich wuͤrde ſie daher eben ſo gut an⸗ nehmen, wenn der Cuſipata nicht unwuͤrdiger Weiſe die Verehrung, welche wir der Sonne beweiſen, verachtet hatte. Alle Partheilichkeit vermindert das Zutrauen. Bei ſeinen Beweisgrunden hätte ich an⸗ fuhren können, was er den Meinigen entgegen⸗ ſtellte, wenn aber die Geſetze der Menſchlich⸗ keit verbieten, ſeinen Nebenmenſchen zu ſchlagen, weil ihm dadurch ein Uebel zugefuͤgt wird, ſo darf man aus weit ſtarkeren Gruͤnden ſeine Seele nicht durch Verachtung ſeiner Meinungen verwunden. Ich begnuͤgte mich damit, ihm meine Gefuͤhle daruͤber auseinander zu ſetzen, ohne den Seinigen zu widerſprechen, und brach —,— 129 davon ab, ſo ſchnell es ſich thun ließ, um ihn uber die Entfernung der Stadt Paris von Cuzo zu befragen, ſo wie uber die Vigitkei den Weg dahin zu unternehmen.„ Der Euſipata antwortete mir mit Guͤte und ſtellte mir gleich die Eutfernung dieſer beiden Städte als unerreichbar dar. Es war! mir aber hinreichend zu wiſſen, daß es moͤglich ſei, dies befeſtigte meinen Mürth und floͤßte mir das Vertrauen ein, dem 2 Geiſtlichn mei⸗ nen Plan mitzutheilen pl nhih Er ſchien bemihte ſich, mich mit ſanfter Rede von dieſem Unter⸗ nehmen abzubringen, indem er mir die Gefahren ſchilderte, denen ich mich ausſetzen wuͤrde, ſo daß es mich tief bewegte. Mein Entſchluß ward aber dadürch nicht wankend gemocht, und ich bat den Cuſipata mit dem lebhafteſten Eifer⸗ mich von der Moͤglichkeit, in mein Vaterland zuruͤckzukehren, zu unterrichten. Er wollte ſich⸗ aber nicht weiter darauf neinlaſſen, ſondern ſagte mir mur noch, daß Deterville durch ſeine Zilia. 9 130 hohe Geburt und ſeine perſönlichen Verdienſte in großem Anſehen ſtaͤnde, er daher um ſo leichter durchſetzen koͤnnte, was er wollte, und da er einen Onkel von großem Einfluß am ſpaniſchen Hofe habe, ſo koͤnne er eher als irgend Jemand, eine Nachricht von unſerer un⸗ gluͤcklichen Gegend verſchaffen. um mich ferner zu beſtimmen, ſeine Ruͤck⸗ kehr zu erwarten, die, wie er mir verſicherte, nahe ſei, ſetzte er noch hinzu, daß bei den Verpflichtungen, welche ich dieſem großmuͤthigen Freunde ſchuldig waͤre, ich mit Ehre nicht ohne ſeine Einwilligung uͤber mich beſtimmen könnte. Ich war vollkommen ſeiner Meinung und hoͤrte mit Vergnuͤgen die Lobeserhebungen, welche er mir von den ſeltenen Eigenſchaften machte, die Döterville vor den Perſonen ſeines Ranges auszeichnen. Die Schwere der Dank⸗ barkeit, mein geliebter Aza! wird ſehr leicht, wenn man die Wohlthaten aus S Haͤnden der Tugend empfaͤngt. Der gelehrte Mann unterrichtete mich auch, 13¹ wie der Zufall die Spanier bis an Dein un⸗ gluckliches Reich gefuhrt, und wie der Durſt nach Gold die einzige Urſache ihrer Grauſamkeit ſei. Er ſetzte mir auch noch auseinander, auf welche Art die Geſetze des Krieges mich in Deterville's Haͤnde gefuͤhrt, naͤmlich durch einen Zweikampf, aus welchem er ſiegreich zuruͤckge⸗ kehrt, nachdem er den Spaniern mehrere Schiffe abgenommen, unter welchen auch das⸗ jenige geweſen, worauf ich mich befunden habe. Hat er nun gleich mein Ungluck beſtätigt, mein theurer Azal ſo hat er mich doch auch aus der grauſamen Dunkelheit gezogen, worin ich uͤber ſo manche gefaͤhrliche Begebenheiten lebte, und das iſt keine geringe Erleichterung meiner Leiden. Das Fernere erwarte ich von Deter⸗ ville's Ruͤckkehr, er iſt menſchlich, edel und tugendhaft, daher darf ich auf ſeine Großmuth rechnen. Giebt er mich Dir zuruͤck, o welch eine Wohlthat, welche Freude und welches Gluͤck! O0* 22. Ich hatte gehofft, mein theurer Aza! daß ich mir in dem gelehrten Cuſipata einen Freund erwerben wurde, aber ein zweiter Beſuch, den er mir gemacht, vernichtete die gute Mei⸗ nung, welche der Erſte mir von ihm faſſen ließ, und wir haben uns ſchon mit eiſandet überworfen. Anfangs ſchien er mir ſanft 5 auftichtig, dieſes Mal aber legte er Rohheit und Falſch⸗ heit in Alles, was er ſagte. Im Gemuͤth ruhig uͤber das Intereſſe mei⸗ ner Zaͤrtlichkeit, wollte ich meine Neugier nur uber die vorzüglichen Männer, welche Bücher ſchreiben, befriedigen, und ſing damit an, mich nach dem Range zu erkundigen, welchen ſie in der Welt bekleiden, und der Verehrung, welche man fuͤr ſie hegt, kurz der Ehrenbezeu⸗ gungen, die man ihnen fuͤr ſo viele Wohltha⸗ ten, welche ſie in der menſchlichen Geſellſchaft verbreiten, erweiſet. 133 Ich weiß nicht, was der Cuſipata Lacher⸗ liches in dieſen Fragen fand, er laͤchelte bei Jeder und beantwortete ſie mit ſo wenig uͤber⸗ legten Worten, daß es mir nicht ſchwer war zu bemerken, daß er mich nur en wollte. Wie kann ich glauben, daß Menſchen, welche die feinen und zarten Gefuͤhle der Tugend ſo ſchon ſchildern, ſie nicht mehr ſollten im Herzen haben, als die gemeinſten Menſchen, und zu⸗ weilen noch weit weniger als Dieſe? Wie könnte ich glauben, daß Eigennutz der Weg⸗ weiſer einer mehr als menſchlichen Arbeit iſt, und daß ſo viele Bemühung nur durch Sütz oder Gold belohnt wird? Wie könnte ich mich ſenenn daß bei einer ſo hochmuͤthigen Nation, wo die Menſchen, ohne Widerrede, durch Aufklärung des Geiſtes, uͤber Andere erhaben, auf die ttaurige Nothwendigkeit beſchränkt würden, ihre Gedanken zu verkaufen, ſo wie das Volk zum 134 Lebensunterhalt die allergemeinſten Produkte der Erde verkauft? Die Falſchheit, mein theurer Aza! erkennt man eben ſo ſehr durch die durchſichtige Maske des Spaßes, als durch den dichten Schleier der Verfuͤhrung! Die des Geiſtlichen war mir ei ich wuͤrdigte ihm auch keiner Antwort. Da er mich uber dieſen Gegenſtand doch nicht befriedigen konnte, ſo veraͤnderte ich die Unterhaltung und fragte ihm uͤber den Plan meiner Reiſe, aber anſtatt mich auf dieſelbe ſanfte Art, wie das erſte Mal, davon zuruͤck zu bringen, ſetzte er ſo ſtarke und uberzeugende Beweisgrunde mir entgegen, daß ich nur in der Zaͤrtlichkeit fuͤr Dich ein Mittel, ſie zu be⸗ kaͤmpfen, fand, ich zögerte auch nicht, ihm dieſes Geſtaͤndniß zu machen. Er nahm ſogleich eine heitere Miene an und ſchien an der Wahrheit meiner Rede zu zweifeln, beantwortete ſie mit Spaͤße, welche, ſo einfaͤltig ſie auch waren, mich beleidigten⸗ 135 Ich ſtrengte mich an, ihm von der Wahrheit zu uͤberzeugen, aber nach dem Maaße, wie die Ausdruͤcke die Gefuͤhle meines Herzens ver⸗ riethen, ward ſein Geſicht, ſo wie ſeine Worte ſtrenger, und er wagte es ſogar mir zu ſagen, daß meine Liebe fuͤr Dich mit der Tugend unvertraͤglich ſei, ich daher auf das Eine oder das Andere verzichten muͤßte, weil meine Liebe fuͤr Dich ein Verbrechen wäre. Bei dieſen unvernuͤnftigen Reden ward meine Seele vom heftigſten Zorne ergriffen, ſo daß ich die Maͤßigung, welche ich mir vorgenom⸗ men, vergaß. Ich uͤberhaͤufte ihn mit Vor⸗ wuͤrfen, ſagte ihm, was ich von der Falſchheit ſeiner Worte hielt, und verſicherte ihn tauſend Mal, daß ich Dich ſtets lieben wuͤrde. Ohne ſeiner Entſchuldigung ferner Gehoͤr zu geben, verließ ich ihn und eilte mich in mein Zim⸗ mer zu verſchließen, wo ich vor ſeiner Ver⸗ folgung geſichert war. WVie ſeltſam, mein theurer Aza! ſind doch die Vernunftſchluͤſſe in dieſem Lande, ſtets in 136 Widerſpruch mit ſich ſelbſt, weiß ich nicht, wie man Einem gehorchen koͤnnte, ohne unzaͤhlige Andere zu verletzen. Im allgemeinen ſtimmen ſie darin uͤberein, daß die erſte der Tugenden die iſt, Gutes zu thun; ſie billigt die Dank⸗ barkeit und ſchreibt doch die Undankbarkeit vor. Man wuͤrde es lobenswerth finden, wenn ich Dich auf den Thron Deiner Väter zuruͤck fuͤhrte, und doch ſoll ich ſtrafbar ſein, weil ich Dir ein Gut erhalte, welches theurer iſt, als alle Reiche der Welt. Gebilligt wuͤrde es, wenn ich Deine Wohl⸗ thaten mit den Schätzen Peru's belohnte, aber entbloͤßt und abhaͤngig von Allem, beſitze ich nur meine Zaͤrtlichkeit, und man will, daß ich ſie Dir raube. Man muß alſo undankbar ſein, um Tugend zu beſitzen. Ach mein geliebter Azal ich wurde ſie Alle hintergehen, hoͤrte ich nur einen Augenblick auf, Dich zu lieben! Treu ihren Geſetzen, werde ich es auch meiner Liebe ſein, ich werde nur fuͤr Dich leben. 137 23. Ich glaube, mein theurer Aza! daß die Freude, Dich zu ſehn, nur diejenige uberwiegen konnte, welche mir Detervilles Ruͤckkehr ver⸗ urſacht. Doch es ſcheint, als ſollte ich keine Freude ungemiſcht genießen, ſo folgte ihr bald eine Traurigkeit, welche mich noch nicht verlaſſen hat. Als Celine geſtern Morgen in meinem Zim⸗ mer war, rief man ſie geheimnißvoll ab, nicht lange, nachdem ſie mich verlaſſen, ließ ſie mir ſagen, daß ich mich im Sprachzimmer einfin⸗ den moͤchte. Ich eilte hin, und wie groß war meine Ueberraſchung, als ich ſie mit ihrem Bruder zuſammen traf. Ich verhehlte ihm die Freude nicht, welche ich uͤber ſein Wiederſehn empfand; ich bin ihm Achtung und Freundſchaft ſchuldig und dieſe Gefuͤhle, welche beinahe Tugend ſind, druͤckte ich ihm mit ſo vieler Wahrheit aus, als ich ſie empfand. Ich ſeh meinen Behteer⸗ die einzige Stütze 138 meiner Hoffnungen, ich konnte ohne Ruͤckhalt von Dir, von meiner Zaͤrtlichkeit und von mei⸗ nen Vorſaͤtzen reden; meine Freude. an Entzuͤcken. Wie Deterville uns damals verließ/ ſprach ich noch kein Franzoͤſiſch, wie Vieles hatte ich ihm nicht mitzutheilen, uͤber wie Vieles mir Aufklaͤrung von ihm zu erbitten und wie viel Dankbarkeit ihm zu beweiſen! Ich wollte Alles auf einmal ſagen, ich ſprach ſchlecht, und dennoch ſprach ich viel. Ich bemerkte, daß Deterville in dieſer Zeit ſein Geſicht veraͤnderte, eine Traurigkeit, welche ich beim Hereintreten an ihm bemerkt, ver⸗ ſchwand, und Freude trat an deren Stelle. Ich freute mich daruͤber, und ward dadurch noch mehr aufgemuntert ſie herbei zu rufen, doch ach, konnte ich fuͤrchten, dem Freunde zu viel zu ſagen, dem ich Alles verdanke? und von dem ich Alles erwarte? und doch gab meine Aufrichtigkeit ihm einen Irrthum, der mir jetzt noch viele Thraͤnen koſtet. 139 Celine war zu gleicher Zeit aus dem Zim⸗ mer getreten, als ich herein kam, vielleicht haͤtte ihre Gegenwart uns eine grauſame Erklärung erſpart. Deterville, aufmerkſam auf meine Reden, ſchien ſie mit Vergnuͤgen anzuhoren, ohne daran zu denken, mich zu unterbrechen. Ich weiß nicht, welche Unruhe ſich meiner bemaͤchtigte, als ich ihm uͤber meine Reiſe befragen, und ihm meine Gruͤnde daruͤber auseinander ſetzen wollte. Die Ausdruͤcke fehlten mir, und ich ſuchte ſie. Er benutzte einen Augenblick des Still⸗ ſchweigens, und indem er ein Knie zur Erde beugte, vor dem Gitter, woran er ſeine beiden Haͤnde hielt, ſagte er mit geruͤhrter Stimme: »Welchem Gefuͤhle, meine gottliche Zilia! ſoll ich die Freude zuſchreiben, welche ich ſo auf⸗ richtig in Ihren ſchoͤnen Augen leſe, als ich ſie in Ihrer Sprache ausgedruͤckt hoͤre? Bin ich der Gluͤcklichſte aller Menſchen im Augen⸗ blick ſelbſt, wo meine Schweſter kam, mir zu 140 ſagen: daß ich der Beklagenswertheſte ſei?« »Ich weiß nicht,« verſetzte ich:»welchen Kum⸗ mer Ihnen Celine hat verurſachen koͤnnen, doch bin ich vollkommen verſichert, daß Sie ihn nie durch mich erhalten koͤnnen.«»Und den⸗ noch,« erwiederte er:»ſie hat mir geſagt, daß ich nie hoffen könnte, von Ihnen geliebt zu wer⸗ den.«„Ich!« rief ich aus, indem ich ihn un⸗ terbrach:„ich ſollte Sie nicht lieben?— Ach Deterville! wie kann Ihre Schweſter mich eines ſolchen Verbrechens beſchuldigen? Die Un⸗ dankbarkeit erfuͤllt mich mit Abſcheu, ja ich wuͤrde mich ſelbſt haſſen, wenn ich glauben könnte, jemals aufzuhören Sie zu lieben!« Waͤhrend ich dieſe wenigen Worte ausſprach, verrieth mir der heftige Ausdruck ſeiner Blicke, was er in meiner Seele leſen wollte. „Sie lieben mich, Zilia!« ſagte er:»Sie lieben mich, und ſagen es mir? Ich wuͤrde mein Leben darum geben, um dieſes himmliſche Geſtaͤndniß zu hoͤren. Doch ach! ich kann es nicht glauben, ſelbſt in dem Augenblicke nicht, da ich es hore, meine geliebte Zilia! ſollte es wahr ſein, daß Sie mich lieben? Sollten Sie ſich nicht ſelbſt tauſchen? Ihre Stimme, Bhre Augen, mein Herz, ja Alles verfuͤhrt mich, vielleicht nur um mich in die grauſame Verzweiflung zuruͤck zu iwn aus welcher ich komme.« „Sie ſetzen nichi in Erſtunen,« erwiederte ich:„wodurch entſteht Ihr Mißtrauen? Wenn ich mich gleich, ſeit ich Sie kenne, nicht durch Worte habe verſtaͤndigen konnen, ſollten denn alle meine Handlungen Ihnen nicht haben be⸗ weiſen muͤſſen, daß ich Sie liebe?⸗»Nein,« ſagte er:„ich kann mich noch nicht damit ſchmeicheln, Sie reden das Franzöſiſche noch nicht ſo gut, um meine gerechte Furcht zu ver⸗ nichten. Daß Sie mich nicht zu täuſchen ſuchen, weiß ich, erklaͤren Sie mir aber nur, welchen Sinn Sie mit den anbetungswuͤrdigen Worten verbinden. Ich bitte Sie! damit mein Schick⸗ ſal entſchieden wird, und ich aus Schmerz oder Freude zu Ihren Fuͤßen ſterbe.« 142 „Dieſe Worte,« ſagte ich, etwas ver⸗ legen uͤber die Lobhaftigkeit, mit der er geredet: „ſollen Ihnen, wie ich hoffe, zu verſtehen ge⸗ ben, daß Sie mir theuer ſind und ich mich füͤr Ihr Schickſal intereſſire. Daß Freundſchaft und Dankbarkeit mich an Sie bindet, dieſes Gefuͤhl thut meinem Herzen wohl, und auch das Ihrige beftiedigen.« „Ach Zilia!« antwortete er mir:»wie ſchwaͤchen Sie ihre Ausdruͤcke und wie erkal⸗ tet Ihre Stimme! ſollte Celine mir die Wahr⸗ heit geſagt haben? Iſt es nicht Aza, fur dem Sie Alles das empfinden, was Sie ſagen?« „Nein, a entgegnete ich:»die Gefuhle, welche ich fuͤr Aza hege, ſind ganz verſchieden von denen, welche ich für Sie empfinde, Jenes iſt das, was Sie Liebe nennen,— und welchen Kummer könnte Ihnen dieſes verurſachen?« fuhr ich fort, als ich ſah, daß er erblaßte, das Gitter verließ und kummervolle Blicke zum Himmel warf: vich liebe Aza, weil er mich liebt und wir vereinigt werden ſollten. Es 143 liegt darin keine Verbindung mit Ihnen.« „Dieſelbe,« rief er aus:»welche Sie zwiſchen ſich und Aza finden, weil ich tauſend Mal mehr Liebe fuͤr Sie hege, als er je fuͤr Sie empfunden.« »Wie waͤre Dieſes moͤglich,« erwiederte ich: „Sie ſind ja nicht von meiner Nation, Sie haben mich nicht zu Ihrer Gattin gewaͤhlt, der Zufall allein hat uns zuſammen gefuͤhrt, es iſt ja erſt ſeit heute, daß wir uns ungehindert unſere Ideen mittheilen koͤnnen; aus welchem Grunde koͤnnten Sie die Gefühle fuͤr mich ha⸗ ben, von denen Sie reden?⸗ „Bedarf es wohl Anderer, als Ihre Liebens⸗ wuͤrdigkeit und mein Charakter,« erwiederte er:„um Sie bis zum Tode zu verehren? Ich war ſtets ein Feind der Verſtellung. Die Muͤhe, welcher es vielleicht bedurft haͤtte, um die Herzen der Weiber zu ergrunden, und Furcht, die ge⸗ wuͤnſchte Aufrichtigkeit in ihnen nicht zu finden, ließen mich fuͤr ſie nur eine leichte und voruber⸗ 144 gehende Neigung empfinden. Ich war bis zum Augenblicke, daß ich Sie ſah⸗ ohne Leidenſchaft. Ihre Schönheit ergriff mich, doch wurde dieſerm Eindruck vielleicht eben ſo vorubergehend, als der ſo vieler Andern geweſen ſein, wenn die Sanftmuth und die Aufrichtigkeit Ihres Cha⸗ rakters mir nicht den Gegenſtand in Ihnen ge⸗ zeigt, welchen meine Einbildungskraſt mir ſo oft entworfen; und Sie wiſſen, geliebte Zilia, ob ich dieſen Gegenſtand meiner Anbetung ver⸗ ehrt habe. Was hat es mir gekoſtet„den ver⸗ führeriſchen Gelegenheiten, welche die vertrau⸗ lich lange Seereiſe mir darbot, zu widerſtehn! Wie oft würde Ihre Unſchuld Sie meine Lei⸗ denſchaft ubergeben haben, wenn ich ihr Gehoͤr gegeben! Aber weit entfernt, Sie zu beleidigen, habe ich die Leidenſchaft bis zum Stillſchweigen beobachtet, ſelbſt von meiner Schweſter ver⸗ langte ich, daß ſie nicht mit Ihnen von meiner Liebe reden ſollte, denn nur Ihnen wollte ich Alles ſelbſt verdanken. Ach Zilia! wenn Sie nicht von einer ſo zärtlichen Verehrung geruͤhrt ſein!« 145 ſind, dann muß ich Sie jliehen, aber ich fuhle es, mein Tod wuͤrde der Preis dieſes Opfers »„Ihr Tod!« rief ich aus, durchdrungen von dem aufrichtigen Kummer, von dem ich ihn er⸗ griffen ſah:»welch ein Opfer! Ich weiß nicht, ob das meines eigenen Lebens mir nicht weni⸗ ger ſchrecklich waͤre.« »„Nun wohl Zilia,« ſagte er mir:»wenn Ihnen mein Leben theuer iſt, ſo gebieten Sie, daß ich lebe!«»Was kann ich dazu thun?⸗ fragte ich.»Mich lieben,« antwortete er: „ſo wie Sie Aza liebten..»Ich liebe ihn ſtets, und werde ihn bis an mein Ende lieben, ich weiß nicht,« ſetzte ich noch hinzu:»ob Ihre Geſetze Ihnen erlauben zwei Geſchoͤpfe auf gleiche Weiſe zu lieben, aber unſere Gebraͤuche und mein Herz verbieten es. Begnuͤgen Sie ſich mit dem Gefuͤhle, welches ich Ihnen ver⸗ ſprochen, ich kann kein Anderes fuͤr Sie hegen, die Wahrheit iſt mir theuer, dies ſage ich Ih⸗ nen unverholen.* gilia. 10 146 „Wie gleichgultig morden Sie mich! ach Zilia! wie lieb' ich Sie, da ich Sie ſelbſt bei Ihrer grauſamen Offenheit noch anbete. Es ſei!« verſetzte er nach einigen Augenblicken des Stillſchweigens:»meine Liebe ſoll Ihre Grau⸗ ſamkeit noch uͤbertreffen. Ihr Gluͤck iſt mir tieber, als das Meinige, reden Sie ferner mit dieſer Offenheit, welche mich ohne Schonung zerreißt. Was ſind denn Ihre Hoffnungen bei der Liebe, die Sie Aza erhalten?“ „Ach!« entgegnete ich:„die ſetze ich einzig nur in Ihnen.⸗ Dann ſagte ich ihm, wie ich er⸗ fahren, daß die Verbindung mit Peru nicht unmoͤglich ſei, und wie ich mich geſchmeichelt, daß er mir die Mittel angeben wuͤrde, dahin zuruͤck zu kehren, oder daß er wenigſtens die Guͤte haben wuͤrde, Dir die Knoten zu ſenden, welche Dich von meinem Schickſale unterrichten wuͤrden, und mir die Antwort darauf ver⸗ ſchaffen, damit, wenn ich unterrichtet von Dei⸗ ner Beſtimmung waͤre, ſie der Meinigen zur Richtſchnur dienen koͤnnte.⸗ 147 „Ich werde,« ſuagte er mit einer angenom⸗ menen Kaͤlte:»die noͤthigen Maaßregeln treffen, um das Schickſal Ihres Geliebten zu entdecken, von dieſer Seite ſollen Sie befriedigt werden. Schmeicheln Sie ſich aber nicht vergebens, den glucklichen Aza wieder zu ſehen, denn unuͤber⸗ windliche Hinderniſſe trennen Sie!« Dieſe Worte, mein geliebter Aza! gaben meinem Herzen einen todlichen Stoß, meine Thränen floſſen unaufhaltbar und hinderten mich lange Deterville zu antworten, welcher von ſeiner Seite ein tiefes Stillſchweigen beobach⸗ tete.»Wohl dann« ſagte ich ihm endlich: vich werde ihn nicht mehr ſehen, demohngeachtet werde ich aber nicht minder fuͤr ihn leben. Wenn Ihre Freundſchaft großmuͤthig genug iſt, uns einen Briefwechſel zu geſtatten, ſo wird dieſe Wohlthat hinreichen, mir das Leben wie⸗ der erträglich zu machen, und ich würde zu⸗ frieden ſterben, wollten Sie mir nur das Ver⸗ ſprechen geben, ihm alsdann wiſſen zu laſſen, daß ich ihn ſterbend noch geliebt.⸗ 10* 148 „Nein das iſt zu viel!« rief er aus, indem er raſch aufſprang:»wenn es moͤglich iſt, ſo werde ich der einzige Ungluͤckliche ſein! Sie ſollen das Herz kennen lernen, was Sie ver⸗ ſchmaͤhen und werden ſehen, welcher Anſtrengung eine Liebe, wie die Meinige, faähig iſt und ſo werde ich Sie wenigſtens zwingen, mich zu bedauern.« Nachdem er dieſe Worte geſprochen, verließ er mich in einem Zuſtande, den ich noch nicht begreiſe; ich war ſtehen geblieben, die Augen auf die Thur geheftet, aus welcher Deterville eben heraus getreten, ganz vertieft in verworrenen Gedanken, die ich nicht einmal zu ordnen bemüht war; lange wuͤrde ich noch ſo geblieben ſein, wenn Celine nicht ins Sprach⸗ zimmer getreten ware. Sie fragte mich lebhaft, weshalb Deter⸗ ville ſo ſchnell herausgegangen? und ich ver⸗ varg ihr nicht, was zwiſchen uns vorgefallen war. Sie petrubte ſich ſehr uͤber das, was ſie das Ungluck ihres Bruders nannte und ihr Schmerz verwandelte ſich in Zorn, ſie uͤber⸗ 149 haͤufte mich mit den harteſten Vorwuͤrfen, ohne daß ich auch nur ein Wort darauf erwiedern durſte. Was hätte ich ihr auch ſagen koͤnnen? denn meine Verwirrung ließ mir kaum die Freiheit zu denken, ich eilte hinaus und ſie folgte mir nicht. Zuruͤckgezogen in mein gimmer, blieb ich einen Tag, ohne daß ich zu erſcheinen wagte, und ohne von irgend Einem Nachricht zu erhalten, auch erlaubte dieſe Verwirrung des Verſtandes mir nicht, Dir zu ſchreiben. Celinens Zorn, die Verzweiflung ihres Bru⸗ ders, ſeine letzten Worte, denen ich keinen gunſtigen Sinn geben konnte, noch wollte, alles Dieſes beſchaͤftigte meine Seele abwechſelnd mit den grauſamſten Beſorgniſſen. Endlich dachte ich, daß das einzige Nittel ſie zu mildern das ſei, ſie Dir zu ſchildern und mitzutheilen, und in Deiner Zaͤrtlichkeit den Troſt zu ſuchen, deſſen ich bedurfte. Dieſe Täuſchung hat mich unterſtützt, waͤhrend ich ſchrieb, aber von welcher kurzen Dauer war 150 ſie, denn mein Brief iſt geſchrieben, und die Buchſtaben ſtehen nur fuͤr mich da. un Du weißt es nicht, wie ich leide, ja nicht einmal ob ich noch lebe und Dich liebe, Aza! thezrer za! wirſt Du dies nie iihei Die Zeit, welche verſtrichen, ſeit ich Dir, mein geliebter Aza! zuletzt ſchrieb, könnte ich noch Einmal eine Abweſenheit nennen! Einige Tage nach der Unterhaltung, die ich mit Deterville gehabt, verfiel ich in eine Krank⸗ heit, die man Fieber nennt. Welche, wie ich glaube, durch den Kummer, der mich damals ergriff, veranlaßt, und durch die traurigen Be⸗ trachtungen, mit denen ich unaufhoͤrlich be⸗ ſchaͤftigt war, ſo wie durch das ſchmerzliche Gefuͤhl, Celinens Freundſchaſt verloren zu haben verlaͤngert ward. Ohngeachtet ſie Antheil a an meiner Krant⸗ peit zu nehmen ſchien, und ſie mir auch nach 151 ihren Kraͤften alle Dienſte vabei geleiſtet hat, ſo geſchah es doch mit vieler Kälte und ſo weniger Schonung fuͤr mein Gemuͤth, daß ich nicht an den Verluſt ihrer Freundſchaft zweifeln konnte. Die große Liebe, welche ſie fuͤr ihren Bruder hegt, nimmt ſie gegen mich ein, ſie macht mir unaufhoͤrlich Vorwuͤrfe, daß ich ihn ungluͤcklich machte⸗ Die Beſchaͤmung, undankbar zu erſcheinen, macht mich ſchuͤch⸗ tern; Celinens Guͤte quaͤlt mich, und meine Verlegenheit iſt ihr zuwider, auf dieſe Weiſe iſt Ruhe und Annehmlichkeit aus unſerm Um⸗ gang gewichen. ungeachtet ſo manchen Widerſpruchs und Kummers von Seiten des Bruders und der Schweſter, ſo bin ich doch nicht unempfindlich uͤber die Begebenheiten, welche ihrem Sci⸗ eine Veraͤnderung geben. Madame Dtterville, dieſe unnatuͤrliche Mut⸗ ter, iſt todt! ſie hat ihren Charakter nicht ver⸗ laugnet und ihrem älteſten Sohne ihr ganzes Vermoͤgen vermacht, man hofft indeß, daß die 152 Geſetze dieſe Ungerechtigkeit verhindern wer⸗ den. Dtterville, uneigennutzig gegen ſich ſelbſt, giebt ſich unendliche Muͤhe, Celine aus dieſer Unterdruͤckung zu ziehen. Ihr Ungluck ſcheint ſeine Freundſchaft fur ſie zu verdoppeln, außer, daß er täglich kommt ſie zu ſehen, ſchreibt er ihr noch Abends und Morgens, dieſe Briefe ſind mit ſo zaͤrtlichen Klagen uͤber mich und ſo lebhafter Beſorgniß uͤber meine Geſundheit angefullt, daß, wiewohl Celine ſich ſtellt, als ließe ſie mir ſolche leſen, um mich uͤber die Fortſchritte ihrer Angelegenheiten zu unterrich⸗ ten, ſo unterſcheide ich doch die Urſache dieſes Vorwandes. Daß Deterville die Briefe ſchreibt, damit ich ſie leſen ſoll, bezweifle ich nicht, doch bin ich verſichert, daß er davon ablaſſen wurde, wenn er wüßte, mit welchen ſchmerzlichen Vorwuͤrfen das Leſen begleitet iſt. Ihren Einfluß auf mein Herz verfehlen ſie nicht, denn die Traurigkeit verzehrt mich. 153 Bis zu dieſem Zeitpunkt hatte mich die ſchwache Genugthuung erfreut, mit mir ſelbſt in Frieden zu leben. Kein Fleck verunreinigte die Reinheit meiner Seele, keine Reue ſtörte ſie, jetzt aber muß ich mit einer Art von Ver⸗ achtung uͤber mich ſelbſt nachdenken, indem ich zwei Menſchen ungluͤcklich mache, denen ich mein Leben verdanke und deren Ruhe ich ſtore, welche ſie ohne mich genießen wuͤrden, ja denen ich alles Uebel zufuͤge, was in meiner Macht ſteht, dennoch aber kann und will ich nicht aufhören ſtrafbar zu ſein. Meine Zärtlich⸗ keit füͤr Dich trägt den Sieg über meine Reue. Aza! wie liebe ich Dich!— 25. Wie nachtheilig kann oft die groͤßte Vor⸗ ſicht ſein, mein theurer Aza! Lange hatte ich Dtterville's dringenden Bitten, ihm einige Augenblicke der Unterhaltung zu bewilligen, widerſtanden, aber ach! ich floh meinem Gluͤcke! Weniger aus Gefälligkeit, ſondern aus Er⸗ muͤdung laͤnger mit Celine zu ſtreiten, ließ ich mich endlich nach dem Sprachzimmer fuͤhren. Beim Anblick von Deterville's ſchrecklicher Ver⸗ aͤnderung, die ihn beinahe unkenntlich machte, war ich ganz beſtuͤrzt und empfand ſchon Reue uͤber dieſen Gang. Mit Zittern vernahm ich ſchon die Vorwuͤrfe, welche er mir zu machen ein Recht zu haben ſchien; konnte ich denken, daß er im Begriff war, meine Seele mit Freude zu erfuͤllen? „Verzeihen Sie mir, ʒilia!⸗ ſagte er:»die Gewalt, welche ich uͤber Sie ausube; ich wurde Sie nicht bitten, mich zu ſehen, wenn ich Ihnen nicht ſo viele Freude braͤchte, als Sie mir Kummer verurſachen. Iſt ein Augenblick Ihres Anblicks, als Belohnung fuͤr das grau⸗ ſame Opfer, welches ich Ihnen bringe, zu viel verlangt?« und ohne mir Zeit zur Antwort zu laſſen, fuhr er fort:»Hier iſt ein Brief des Verwandten, von dem man mit Ihnen geredet, da man Ihnen Nachricht uͤber Aza's Schickſal 155 gab, er wird Sie mehr, als alle meine Be⸗ theuerungen, von dem hohen Grad meiner Liebe uͤberzeugen.- Dann las er ihn mir vor, ach mein geliebter Aza, wie habe ich ihn an⸗ horen konnen, ohne fuͤr Freude zn ſterben? Er unterrichtete mich, daß Dein Leben geſichert, Du ſrei biſt und ohne Gefahr am ſpaniſchen Hofe lebſt. Welch ein unerwartetes Gluͤck! Dieſer herrliche Brief war von einem Manne geſchrieben, der Dich kennt, Dich ſieht und mit Dir redet, vielleicht ruheten Deine Blicke einen Augenblick auf dieſem theuern Papier, die Mei⸗ nigen konnte ich nicht davon abwenden, und nur mit Muhe konnte ich den Ausruf der Freude, welcher mir entſchlupfen wollte, zuruͤckhalten, aber Thraͤnen der Freude berſtrnnten Wein Geſicht. Haͤtte ich den Gefüͤhlen meines Feees gefolgt, ſo wuͤrde ich Deterville wohl hundert Nal unterbrochen haben, um ihm Alles zu ſagen, was die Dankbarkeit mir eingab, ich vergaß aber nicht, daß mein Gluͤck ſeinen 156 Kummer vermehrte, deshalb verbarg ich ihm dieſe heftige Bewegung und er ſah nur meine Thränen. »Nun, Zilia!« ſagte er, nachdem er mir den Brief vorgeleſen hatte:»ich habe mein Wort gehalten, Sie ſind von Aza's Schickſal unter⸗ richtet, iſt dies nicht hinreichend, was ſoll ich mehr fuͤr Sie thun? Befehlen Sie ohne Ruͤckhalt, es giebt nichts, welches Sie von meiner Liebe zu fordern nicht ein Recht hätten, ſobald es zu Ihrem Gluͤcke beiträgt.« Wenn ich gleich von ihm einen ſo hohen Grad von Güte erwarten konnte, ſo uberraſchte und ruhrte ſie mich doch unausſprechlich. Ich war einige Augenblicke in Verlegenheit wegen meiner Antwort, weil ich furchtete, den Kummer eines ſo großmuͤthigen Mannes noch mehr aufzuregen und ſuchte Ausdrucke, um die wahren Gefuͤhle meines Herzens ausſprechen zu koͤnnen, ohne die Seinigen zu beleidigen, ich konnte ſie nicht finden, und mußte 0 reden. 157 „Mein Gluͤck,« ſagte ich ihm:»wird nie ungemiſcht ſein, weil ich die Pflichten der Liebe nicht mit denen der Freundſchaft vereinigen kann, und gern die Ihrige, ſo wie die Ce⸗ linens wieder gewinnen moͤchte; ich verlaſſe Sie ungern, moͤchte unaufhoͤrlich Ihre Tugen⸗ den bewundern und jedem Tag meines Lebens den Tribut entrichten, den ich Ihrer großen Guͤte ſchuldig bin. Ja ich fuͤhle es, daß, in⸗ dem ich mich von zwei mir ſo theuern Perſonen trenne, ich lebenslaͤngliche Reue mit mir nehmen werde, doch——6 „Wie Zilia!« rief er aus:»Sie wollen uns verlaſſen? auf dieſen ſchrecklichen Entſchluß war ich nicht vorbereitet, und es fehlt mir an Muth dies zu ertragen. Die Anſtrengung meiner Vernunft und die Zartheit meiner Liebe wurden mir, gegen den tödlichen Schmerz, Sie in den Armen eines Andern zu ſehen, Kraft verliehen haben, ja ich wurde ſelbſt dazu ge⸗ wirkt haben, aber mich von Ihnen trennen, 158 darauf Verzicht leiſten, Sie zu ſehen— das kann ich nicht! Nein, Sie mißbrauchen meine Zaͤrtlichkeit, Sie zerreißen ohne Erbarmen ein Herz in Liebe verloren. Zilia! grauſame Zilia! ſehen Sie meine Verzweiflung, das iſt Ihr Werk, ach! um welchen Preis belohnen Sie die reinſte Liebe!« „Sie ſind es, den ich anklagen ſollte,« entgegnete ich, erſchrocken uͤber ſeinen Entſchluß: „Sie zerriſſen meine Seele, indem Sie ſie zwingen wollten undankbar zu ſein. Sie be⸗ trubten mein Herz durch ein fruchtloſes Gefuͤhl. Im Namen der Freundſchaft bitte ich Sie, ver⸗ dunkeln Sie nicht Ihre ſeltene Großmuth durch eine Verzweiflung, welche mein ganzes Leben verbittern wuͤrde, ohne Sie gluͤcklich zu machen. Verdammen Sie nicht dasſelbe Gefuͤhl in mir, woruͤber Sie ſich nicht erheben koͤnnen, und zwingen mich nicht, mich uͤber Sie zu beklagen. Laſſen Sie mich Ihren Namen ſchaͤtzen, ihn bis an's Ende der Welt mit mir nehmen, um 159 ihn von den Voͤlkern verehren zu laſſen, welche die Tugend anbeten.« Wie ich dieſe Worte ausgeſprochen, weiß ich nicht mehr, Deterville richtete ſeine Augen auf mich und ſchien mich doch nicht anzuſehn, er blieb lange in ſich verſchloſſen in tiefes Nach⸗ denken. Ich durfte Dieſes nicht unterbrechen, wir beobachteten daher ein gleiches Schweigen, bis er mit Ruhe ſagte:»Ja, Zilia! ich kenne und fuͤhle meine ganze Ungerechtigkeit, leiſtet man aber beim Anblick ſo vieler Reize, mit kaltem Blute Verzicht? Sie wollen es! nun ſo werde ich Ihnen gehorchen. O Himmel! welch ein Opfer! Meine traurigen Tage wer⸗ den voruͤbergehen und enden, ohne Sie zu ſehen. Zum wenigſten, wenn der Tod——. Doch laſſen wir das,« unterbrach er ſich ſelbſt: „meine Schwaͤche wuͤrde mich verrathen. Geben Sie mir nur zwei Tage, um mir mich ſelbſt wieder zu geben, ich werde dann wieder kom⸗ men, Sie zu ſehn, denn es iſt nothig, daß wir gemeinſchaftlich Maaßregeln zu Ihrer Reiſe 160 nehmen. Adieu Zilia! moͤge der gluͤckliche Aza ſein Gluck in ſeinem ganzen Umfange empfin⸗ den!« damit verließ er mich. Ich geſtehe Dir, mein geliebter Aza! daß, wiewohl Deterville mir theuer iſt und ich von ſeinem Kummer ergriffen war, ich doch zu viel Ungeduld hatte, mich meines Gluͤcks in Ruhe zu erfreuen, um nicht froh zu ſein, daß er ſich entfernte. Wie ſuß iſt es, ſich nach ſo vielem Kummer der Freude zu uͤberlaſſen! Den uͤbrigen Theil des Tages brachte ich im freudigſten Entzucken hin. Ich ſchrieb Dir nicht, ein Brief war zu wenig fuͤr mein Herz, er wuͤrde mich nur zu ſchmerzlich an Deine Abweſenheit erinnert haben. Ich ſah Dich und ſprach mit Dir, mein theurer Aza! was wuͤrde meinem Gluͤcke fehlen, wenn Du dem theuren Briefe nur einige Beweiſe Deiner Liebe beigefuͤgt haͤtteſt, ach! warum thateſt Du es nicht? Man hat mit Dir von mir geredet, Du biſt von meinem Schickſal unterrichtet, und dennoch redet nichts von 161 Deiner Liebe, wie koͤnnte ich wohl daran zweifeln, da mein Herz mir gut dafur ſagt? Ja Du liebſt mich! Deine Freude gleicht der Meinigen, Du brenneſt von gleichem Feuer⸗ gleiche Ungeduld verzehrt Dich. O! daß die Furcht ſich von meiner Seele entfernte und die Freude ungemiſcht darin herrſchte. Du haſt aber die Religion dieſes grauſamen Volkes angenommen. Wie iſt Dieſe? verlangt ſie dieſelben Opfer, wie die hieſige? Doch nein! dann wuͤrdeſt Du ſie nicht ange⸗ nommen haben. Wie dem auch ſei, mein Herz ſteht unter Deinen Geſetzen und iſt Deiner Aufklaͤrung unterworfen, ich werde blindlings Alles annehmen, was uns unzertrennlich machen kann, denn was haͤtte ich zu fuͤrchten, da ich bald mit meinem Gluͤcke, meinem Selbſt und meinem Alles vereinigt werde, durch Dich nur kann ich denken, und nur leben, um Dich zu lieben! Zilia. 11 162 26. Hier alſo wird es ſein, mein geliebter Aza! wo ich Dich wiederſehen werde? mit jedem Tage nimmt mein Gluck durch ſeine eigenthum⸗ lichen Begebenheiten zu! Ich kehre von der Zuſamnmenkunft zuruck, welche Deterville mir zugeſagt hatte. So viel Freude es mir auch verurſacht haben wuͤrde, alle Beſchwerlichkeiten der Reiſe zu uͤberſteigen, um Dich ſehen zu konnen und Dir entgegen zu eilen, ſo opfere ich doch das Gluͤck, Dich früher zu ſch ohne Reue auf. Mit vieler Wahrſcheinlichkeit vwies mir Deterville, daß Du in ungleich kuͤrzerer Zeit hier ſein könnteſt, als ich dazu beduͤrfte, um nach Spanien zu reiſen, und wenn er mir mit Großmuth die Wahl uͤberließ, ſo habe ich es doch vorgezogen, Dich zu erwarten, denn die Zeit iſt zu koſtbar, um ſie ohne Noth 5 ver⸗ ſchwenden. Bevor ich den Entſchluß gefaßt, wuͤrde ich vielleicht die Vortheile uͤber meine Reiſe mit 163 mehr Sorgfalt unterſucht haben, hätte ich nicht Erlaͤuterungen eingezogen, welche mich im Ge⸗ heim dazu beſtimmt haben. S kann ich nur Dir vertrauen. Ich erinnerte mich nimtich; daß vihrend det langen Reiſe, die mich nach Paris brachte, Deterville Silberſtuͤcke, auch oftmals Gold an allen den Orten gab, wo wir uns aufhiel⸗ ten. Ich wollte wiſſen, ob dies aus Dank⸗ barkeit geſchahe, oder aus bloßer Freigebigkeit da erfuhr ich, daß man ſich in Frankreich nicht allein Nahrungsmittel/ ſondern ſelbſt von den Reiſenden bezahlen ließe 2). Ach ich beſitze ja nicht den Riißen pei von dem, was nöthig ſein würde, um den Eigennutz dieſes begietigen Volkes zu befriedi⸗ gen, ich muͤßte es dahet aus Detervilles Hän⸗ den nehmen. Welche Beſchaͤmung! Du weißt, wie viel ich ihm verdanke, ich nahm es mit einem Widerwillen, welcher nur durch die Nothwendigkeit beſiegt werden konnte, wie hätte ich mich alſo freiwillig zu einer Verbindlichkeit 164 entſchließen können, wovon die Beſchämung an's Schimpfliche grenzen wuͤrde? Nein, mein geliebter Aza! dazu haͤtte ich mich nicht be⸗ ſtimmen konnen, dieſer Grund allein wuͤrde dazu hinreichend geweſen ſein, die Freude, Dich eher zu ſehen, hat mich nun noch mehr darin beſtarkt. pün Diterville hat in meiner Gegenwart an den ſpaniſchen Miniſter geſchrieben und ihn drin⸗ gend gebeten, Dich abreiſen zu laſſen, er hat ihm mit vieler Großmuth die Mittel gezeigt, Dich bis hieher begleiten zu laſſen, was mich mit Dankbarkeit und Bewunderung erfuͤllte. Es war ein ſuͤßer Augenblick, den ich ver⸗ lebte, waͤhrend Deterville ſchrieb. Welche Freude iſt es, mit den Vorbereitungen Deiner Reiſe veſchaͤftiget zu ſein. Die Zurüſtungen zu mei⸗ nem Glücke zu ſehen und nicht mehr daran zweifeln zu dürfen. Koſtete es mir anfaͤnglich gleich viel, den Plan Dir zuvor zu kommen, aufzugeben, ſo geſtehe ich Dir doch, mein geliebter Aza! daß 165 — ich jetzt tauſend Quellen der Freude darin finde, welche ich fruͤher nicht eingeſehen hatte. Mehrere Umſtaͤnde, die mir ohne allen Werth erſchienen, um meine Abreiſe zu beſchleunigen oder zu verzoͤgern, ſcheinen mir jetzt wichtig und angenehm. Ich folgte blindlings den Ein⸗ gebungen meines Herzens und vergaß, daß ich zu Dir geeilt waͤre, um Dich aus der Mitte der unmenſchlichen Spanier zu holen. Dieſer Gedanken allein kann mich mit Schauder er⸗ fullen, denn ich finde jetzt in der Gewißheit, ſie niemals wiederzuſehn, eine unendliche Be⸗ ruhigung. Die Stimme der Liebe loͤſchte ſchon die der Freundſchaft aus, jetzt genieße ich doch ohne Reue die Suͤßigkeit, ſie zu vereinigen. Deterville hat mir verſichert, daß es uns fuͤr immer unmoͤglich ſein wuͤrde, die Stadt der Sonne wiederzuſehn. Naͤchſt dem Aufenthalte in unſerm Vaterlande giebt es wohl keinen An⸗ genehmern, als den in Frankreich! Es wird Dir hier gefallen, mein theurer Aza! wenn gleich die Aufrichtigkeit daraus verbannt iſt, 166 man findet aber ſo manche Annehmlichkeiten, daß man daruber die Gefahren und die Geſell⸗ ſchaft vergeſſen muß. Nach Allem, was ich Dir vom Golde ge⸗ ſigt ſo wird es nicht noͤthig ſein, Dich auf⸗ merkſam darauf zu machen, Dieſes mitzubrin⸗ gen. Hier bedarf es keiner andern Vorzuge, der geringſte Theil Deiner Schite iſt hin⸗ reichend Dich bewundern zu laſſen und Dich dem Stolz der prächtigen Duͤrftigen dieſes Koͤ⸗ nigreichs gleich zu ſtellen. Deine Tugenden und Deine Gefuhle werden nur von mir ver⸗ ehrt werden. Deterville hat mir verſprochen, Dir meine Knoten und meine Briefe einhaͤndigen zu laſſen, auch dabei verſichert, daß Du Dolmetſcher fin⸗ den wuͤrdeſt, Dir die Letztern erklaͤren zu laſſen. Man kommt, mir das Packet abzufodern, weshalb ich Dich verlaſſen muß. Leb wohl, theure Hoffnung meines Lebens, ich werde fortfahren Dir zu ſchreiben und ſollte ich Dir die Briefe „ auch nicht uͤberſenden koͤnnen, ſo werde ich ſie Dir aufbewahren. Wie koͤnnte ich die Laͤnge Deiner Reiſe er⸗ tragen, wenn ich mir das einzige Mittel raubte, welches ich noch beſitze, um mich von meiner Freude, meinem Entzuͤcken und meinem Gluͤcke zu unterhalten. 27. Seitdem ich meine Briefe unterwegs weiß, mein theurer Aza! erfreue ich mich einer Ruhe, welche ich nicht mehr kannte, unaufhoͤrlich ge⸗ denke ich der Freude, welche der Empfang Dir verurſachen wird, ſehe Dein Entzuͤcken, theile es, und meine Seele empfaͤngt von allen Seiten angenehme Eindruͤcke. Was meine Freude vollkommen macht, iſt, daß der Frieden in unſerer kleinen Geſellſchaft wieder herge⸗ ſtellt iſt. Die Richter haben Celinen das Vermoͤgen zuruͤckgegeben, was die Mutter ihr rauben 168 wollte, ſie ſieht ihren Geliebten jetzt alle Tage, und ihre Verbindung hat ſich nur durch die Vorbereitungen, welche dazu erfordert werden, verzoͤgert. Dem Ziele ihrer Wuͤnſche ſo nahe, denkt ſie nicht mehr daran, mit mir zu ſtreiten, ich bin ihr dafur ſo verpflichtet, als ob ich ihrer Freundſchaft die Gutheiten verdankte, welche ſie wieder mir zu erweiſen beginnt. Was auch der Grund davon ſein mag, ſo ſind wir doch ſtets denen erkenntlich, welche uns mit Sanft⸗ muth behandeln. Dieſen Morgen hat ſie mir den ganzen Werth ihrer Gefalligkeiten empfinden laſſen und dies verſetzt mich aus einer verdrießlichen Unruhe, in eine wohlthaͤtige Ruhe. Man hatte ihr naͤmlich einen großen Vor⸗ rath von Stoffe, Kleider und Schmuck aller Art gebracht, ſie kam in mein Zimmer gelaufen und fuͤhrte mich in das Ihrige, nachdem ſie mich uber die ſchoͤnen verſchiedenen Kleidungsſtuͤcke um Rath gefragt, legte ſie das, welches meine Aufmerkſamkeit am Mehrſten auf ſich gezogen 169 hatte, zuſammen und befahl mit eifriger Be⸗ ſchaͤftigung unſere China's, es in mein Zimmer zu tragen, deſſen ich mich aber aus allen Kraͤften wiederſetzte. Meine Bitten dienten jedoch nur dazu, ſie zu ergoͤtzen, als ich aber ſah, daß ihre Hartnaͤckigkeit bei meinem Wei⸗ gern zunahm, ſo konnte ich nicht laͤnger meine Empfindungen unterdruͤcken. »Warum wollen Sie mich noch mehr de⸗ muͤthigen, als ich es ſchon bin,« ſagte ich ihr, mit Thraͤnen im Auge:»Ihnen verdanke ich das Leben und Alles was ich beſitze, das iſt hinreichend, um mein Ungluͤck nicht zu ver⸗ geſſen! Ich weiß, daß, wenn die Wohlthaten denen, welche ſie empfangen, von gar keinem Nutzen ſind, die Beſchaͤmung daruͤber nach Ihren Geſetzen ausgeloͤſcht iſt. Warten Sie daher, bis ich gar keine Beduͤrfniſſe mehr habe, um Ihre Großmuth auszuuͤben. Nicht ohne Widerwillen« ſetzte ich in einem gemaͤßigtern Tone hinzu:»überlaſſe ich mich einem ſo wenig natuͤrlichen Gefuͤhle. Unſere Gewohnheiten ſind 170 in dieſer Hinſicht menſchlicher. Derjenige, welcher Wohlthaten empfaͤngt, fuhlt ſich eben ſo geehrt, als der ſie austheilt. Sie haben mich anders zu denken gelehrt, dieſes wuͤrde mich alſo nur kraͤnken.« Die liebenswuͤrdige Freundin, mehr durch meine Thraͤnen geruͤhrt, als durch meine Vor⸗ wuͤrfe gekraͤnkt, antwortete in einem ſehr freund⸗ lichen Tone:»Mein Bruder ſowohl, als ich, liebe Zilia! ſind weit davon entfernt, Ihr Zartgefuͤhl verletzen zu wollen, es wuͤrde uns ſehr uͤbel ſtehen, gegen Sie im Glanz er⸗ ſcheinen zu wollen, Sie wuͤrden ſehr bald Alles erfahren. Es war nur mein Wunſch, daß Sie die Geſchenke meines großmuͤthigen Bruders mit mir theilen moͤchten, da es das ſicherſte Nittel wurde geweſen ſein, ihm meine Erkennt⸗ lichkeit zu beweiſen; in meinen Verhältniſſen erlaubt die Sitte mir, es Ihnen anzubieten, weil Sie ſich aber dadurch beleidigt fuͤhlen, ſo werde ich nicht mehr davon reden.« Verſprechen Sie mir Dieſes?« fragte ich. 171 »„Ja!« erwiederte ſie mit Lächeln: verlauben Sie mir aber daruͤber einige Zeilen an Deter⸗ ville zu ſchreiben.« Ich ließ es zu und der Frohſinn kehrte unter uns zuruͤck, wir fingen nun wieder an dieſen Putz genauer zu betrachten, bis ſie zum Sprachzimmer abgerufen wurde, ſie wollte, daß ich ſie dahin begleitete, aber theurer Aza! giebt es fuͤr mich wohl eine andere Freude, als an Dich zu ſchreiben? ich ſuche auch keine Andere, ſondern fuͤrchte vielmehr im voraus ſchon diejenigen welche man mir be⸗ reitet. Celine iſt im Begriff ſich zu vermaͤhlen und wuͤnſcht mich mit ſich zu nehmen, ſie will, daß ich das Kloſter verlaſſe, um in ihrem Hauſe zu wohnen; ſinde ich aber Gehoͤr——— Aza! mein theurer Aza! durch welche angenehme Ueberraſchung ward ich geſtern beim Schreiben unterbrochen! ach! ich glaubte ſchon die theuren Denkmaͤler unſeres ehmaligen Glanzes fuͤr im⸗ mer verloren zu haben und rechnete nicht mehr 172 auf ſie, dachte ſelbſt nicht mehr daran, jetzt bin ich davon umgeben, ſehe und beruͤhre ſie, und weiß nicht, ob ich meinen Augen und Haͤnden trauen darf. In dem Augenblicke, da ich Dir ſchrieb, ſah ich Celine herein treten, von vier Maͤnnern gefolgt, welche erſchoͤpft unter der Laſt, große Koffer herein trugen; ſie ſetzten ſie nieder und kehrten zuruͤck. Schon dachte ich, welche neue Geſchenke von Deterville dies ſein koͤnn⸗ ten? und zuͤrnte ſchon im Stillen, als Celine ſagte, indem ſie mir die Schluͤſſel reichte: »Oeffnen Sie, liebe Zilia! ohne ſich zu ereifern, denn es kommt von Aza!« Die Wahrheit, welche ich unzertrennlich mit den Gedanken an Dich verbinde, ließ mir nicht den kleinſten Zweifel, ich oͤffnete ſchnell, und mein Erſtaunen beſtaͤtigte meinen Irrthum, in⸗ dem ich an Allem, was ſich meinen Blicken darbot, die Verzierungen des Sonnentempels erkannte. Ein unbeſtimmtes Gefuͤhl, gemiſcht von 173 Traurigkeit, Freude und Reue, erfullte mein Herz. Mit unverwandten Blicken ſtellte ich mich vor dieſe heiligen Ueberreſte unſerer An⸗ betung und unſerer Altäre, bedeckte ſie mit ehrfurchtsvollen Kuͤſſen, benetzte ſie mit heißen Thraͤnen, und konnte mich nicht davon los reißen, ich hatte ſelbſt Celinens Gegenwart daruber vergeſſen, ſie zog mich aus meiner Traurigkeit, indem ſie mir einen Brief reichte, den ſie mich zu leſen bat. Von meinem Irrthume noch ganz erfuͤllt, glaubte ich, daß er von Dir ſei und mein Entzucken verdoppelte ſich. Nachdem ich ihn aber in Eile faſt zerriſſen, ſah ich bald, daß er von Deterville war. Es wird mir leichter werden, mein theurer Aza! ihn Dir abzuſchreiben als Dir ſeinen In⸗ halt zu erklaͤren. Schreiben von Deterville. „Dieſe Schäte ſind die Ihrigen, weil vich ſie auf dem Schiffe fand, auf welchem 174 „auch Sie ſich befanden. Einige Streitig⸗ »keiten von Seiten der Schiffsmannſchaſt „hinderten mich bis jetzt, daruͤber frei zu obeſtimmen. Ich wuͤnſchte ſie Ihnen ſelbſt „zu uͤberreichen, allein die Beſorgniſſe, welche „Sie dieſen Morgen gegen meine Schweſter „ geaͤußert, laſſen mir nicht mehr die Wahl „des Augenblicks, weil ich nicht früh genug „Ihre Furcht beſiegen kann, ſo wie ich mein » ganzes Leben hindurch Ihre Zufriedenheit Meinigen Mit Erroͤthen geſtehe ich es Dir, mein theurer Aza! daß ich in dem Augenblicke weni⸗ ger Deterville's Großmuth, als die Freude, ihm Beweiſe der geben zu koͤnnen, empfand. Eiligſt ſetzte ich eine Vaſe auf die Seite, welche mehr der Zufall, als die Begierde der Spaniet mir hatte in die Haͤnde fallen laſſen. Es iſt dieſelbe, welche Deine Lippen an dem Tage berührten, als Du den Aca 4) koſten wollteſt, 175 von meiner Hand bereitet, ich fuͤhlte mich durch dieſen Schatz weit reicher, als durch alles Andere, welches man mir zuruͤck gab. Ich rief die Leute zuruͤck, welche ſie mir gebracht, und wollte, daß ſie es wieder aufnehmen ſollten, um es Deter⸗ ville zurück zu bringen, Celine widerſetzte ſich aber meinem Vorhaben.„Wie ungerecht ſind Sie, liebe Zilia!« ſagte ſie mir:„wie, Sie wollten meinem Bruder unermeßliche Reich⸗ thuͤmer annehmen laſſen? Sie! die das Aner⸗ bieten eines kleinen Geſchenkes beleidigte? Sein Sie billig, wenn Sie Anderen ein⸗ floͤßen wollen.⸗ Wie ſehr erſchuͤtterten mich virſe Worte, denn ich erkannte in dieſer meiner Handlung mehr Stolz und Rachſucht, als Großmuth, ach! wie nahe grenzt doch das Laſter an die Tugend! Ich geſtand meinen Fehler ein und bat Celine um Verzeihung, doch ich litt zu ſehr durch den Zwang, welchen ſie mir auflegen wollte, um nicht Linderung zu ſuchen.»Strafen Sie mich nicht, wie ich es verdiene,« ſagte ich mit blö⸗ ₰ 176 dem Tone:»und verſchmaͤhen Sie nicht einige Proben von den Arbeiten aus unſerer ungluͤck⸗ lichen Gegend. Sie haben kein Beduͤrfniß, daher kann meine Bitte Sie nicht beleidigen.« Waͤhrend ich ſprach, bemerkte ich, daß Ce⸗ line mit vieler Aufmerkſamkeit zwei goldene Straͤucher betrachtete, welche mit Vogeln und Inſekten beſetzt, und von ausgezeichneter Arbeit waren, ich beeilte mich, ſie ihr mit einem ſil⸗ bernen Korbe anzubieten, den ich mit Muſcheln, Fiſchen und Blumen, welche auf's ſorgfältigſte nachgeahmt waren, anfuͤllte, ſie nahm es mit einer Guͤte an, die mich entzuͤckte. Ich waͤhlte darauf mehrere Goͤtzenbilder*¹) Deiner Vorfahren, beſiegte Nationen und eine kleine Bildſaͤule 46) die eine Sonnenjungfrau vorſtellte, ich fügte noch einen Tiger, einen Loͤwen und andere Thiere hinzu, und bat ſie, ſelbige Diterville zu ſenden.»Schreiben Sie ihm doch,« ſagte ſie lächelnd zu mir:»denn ohne einen Brief von Ihnen moͤchten die Ge⸗ ſchenke uͤbel aufgenommen werden.« 177 Ich war zu gluͤcklich, um etwas abſchlagen zu koͤnnen, und ſchrieb daher Alles, was Dank⸗ barkeit mir eingab, und als Celine mich ver⸗ laſſen, vertheilte ich an ihrer und meiner China kleine Geſchenke, auch legte ich Einige fuͤr mei⸗ nen Schreiblehrer zuruͤck. Ich genoß alſo doch am Ende noch das himmliſche Vergnuͤgen zu geben! Dies geſchah aber doch nicht ohne Aus⸗ wahl, mein theurer Aza! denn Alles was von Dir kommt und mit Deinem Andenken in eini⸗ ger Verbindung ſteht, iſt nicht aus meinen Haͤnden gekommen. Der goldene Stuhl 49, welchen man im Tempel aufbewahrte zu dem Beſuch des Capa⸗ Ynca(Deinem erhabenen Vater) iſt wie ein Thron an der einen Seite meines Zimmers ge⸗ ſtellt, er erinnert mich an Deine Hoheit und Erhabenheit Deines Ranges. Die große Geſtalt der Sonne, welche darunter hing, und ich ſelbſt von den treuloſen Spaniern aus dem Tempel reißen ſah, erweckte meine ganze Zilia. 12 178 Verehrung, ich ſtellte mich mit unverwandten Blicken vor ihr, mein Verſtand betete ſie an; mein Herz aber gehoͤrt nur Dir. Die beiden Palmzweige, welche Du der Sonne zum Geſchenk und als Unterpfand der Treue, die Du mir gelobteſt, darbrachteſt, ſtehen an beiden Seiten des Thrones und erinnern mich unaufhoͤrlich an Deine zärtlichen Be⸗ theuerungen. Die Blumen*4) und Voͤgel, welche ſymme⸗ triſch in allen Ecken meines Zimmers ange⸗ bracht ſind, zeigen im verkurzten Maaßſtabe das Bild dieſer prachtvollen Gaͤrten, wo ich mich ſo oft mit Deinen Ideen unterhielt. So verweilen meine zufriedenen Augen an keiner Stelle, ohne mich nicht an Deine Liebe, an meine Freude und mein Gluͤck zu erinnern, ſo wie an Alles, was auf immer das Leben meines Lebens ausmachen wird. 179 23. Trotz allen Bitten, Klagen und Flehen, die ich aufgeboten, um nicht den Ort meiner Zu⸗ ruͤckgezogenheit zu verlaſſen, mußte ich doch endlich den eindringenden Bitten Celinens nach⸗ geben. Wir ſind alſo ſeit drei Tagen auf dem Lande, wo gleich nach unſerer Ankunft ihre Hochzeit gefeiert wurde. Mit welchen Kummer und Bedauern habe ich die theuern und koſtbaren Verzierungen meiner Einſamkeit verlaſſen, ach! ich hatte kaum Zeit, mich ihrer zu erfreuen und hier ſehe ich nichts, was mich dafuͤr entſchaͤdigen koͤnnte. Die Vergnuͤgungen von denen alle Welt berauſcht zu ſein ſcheint, zerſtreuen und erfreuen mich nicht, ſie erinnern mich nur mit Bedauern an die ruhigen Tage, in welchen ich mich da⸗ mit beſchaͤftigte, Dir zu ſchreiben oder wenig⸗ ſtens an Dich zu denken. Alle Vergnuͤgungen dieſes Landes ſcheinen mir ſo wenig natuͤrlich und ſo erkuͤnſtelt, als ihre Sitten, ſie beſtehen in einer heftigen Freude, 12* 180 durch uͤberlautes Lachen ausgedruͤckt, woran die Seele keinen Theil zu nehmen ſcheint; in abgeſchmackten Spielen, wo das Gold allein das Vergnuͤgen ausmacht, oder in einer ſo eiteln und ſo wiederholten Unterhaltung, daß ſie mehr dem Zwitſchern der Vögel aͤhnlich iſt, als der Unterhaltung einer Verſammlung denkender Weſen. Die jungen Maͤnner, deren es hier eine große Anzahl giebt, waren gleich bemuͤht, mir zu folgen und mit mir beſchaͤftigt zu ſcheinen, ſei es aber, daß die Kaͤlte meiner Unterhaltung ſie gelangweilt, oder daß der wenige Geſchmack, welchen ich an der Muͤhe fand, die ſie ſich gaben, ihre Annehmlichkeiten geltend zu machen, ſie ermuͤdete, genug, ſie bedurften nur zwei Tage, um mich zu vergeſſen und ſo haben ſie mich bald von ihrer zudringlichen Auszeichnung befreit. Der natuͤrliche Hang der Franzoſen leitet ſie zu Extremen und wenn gleich Döterville 181 von einem großen Theil dieſer Fehler frei iſt, ſo theilt er doch Dieſen mit ihnen. Nicht zufrieden damit, ſein mir gegebenes Verſprechen, nicht mehr mit mir von ſeinen Gefuͤhlen zu reden, zu halten, vermeidet er mit auffallender Sorgfalt, mir zu begegnen, und wenn wir uns gleich unaufhoͤrlich ſehen, ſo habe ich doch noch keine Gelegenheit gefun⸗ den, mit ihm zu reden. Bei der Traurigkeit, welche ihn in der Mitte allgemeiner Freude beherrſcht, ſehe ich leicht den Zwang, welchen er ſich auflegt. Ich thaͤte vielleicht wohl mit ihm daruͤber zu reden, ich habe ihn aber ſo viele Fragen zu thun, uͤber Deine Abreiſe von Spanien und Deiner Ankunft hieſelbſt, ja uͤber ſo viele intereſſante Gegenſtaͤnde, daß ich es ihm nicht verzeihen kann, daß er mich flieht. Ich fuͤhle ein großes Verlangen ihn zu beſtimmen mit mir zu re⸗ den, aber die Furcht, ſeine Klagen und ſein Bedauern zu erwecken, haͤlt mich zuruͤck. Celine, nur einzig mit ihrem neuen Gemahl 182 beſchaͤftigt, dienet mir zu keiner Huͤlfe, der uͤbrige Theil der Geſellſchaft iſt mir nicht an⸗ genehm, alſo allein in der Mitte einer lärmen⸗ den Geſellſchaft, habe ich kein anderes Ver⸗ gnugen, als meine Gedanken, die ſtets mit Dir, mein theurer Aza! beſchaͤftigt ſind, Du wirſt fuͤr immer der einzige Vertraute meines Herzens, meiner Frte und meines Gluͤckes ſein. 29. Ich hatte ſehr unrecht, mein geliebter Aza! daß ich ſo lebhaft eine Unterredung mit Deter⸗ ville wunſchte, denn ach! er hat nur zu viel mit mir geredet, und wenn ich gleich die Un⸗ ruhe, welche er in meiner Seele erweckte, nicht billige, ſo iſt ſie doch nicht ganz verſchwunden. Ich weiß nicht, welche Art von Ungeduld ſich meiner gewohnten Traurigkeit bemaͤchtigte, die Welt und ihr Geraͤuſch waren mir läſti⸗ ger als gewoͤhnlich, und außer Celinens und 183 ihres Gemahls zaͤrtlicher Sorgfalt, floßte mir Alles, was ich ſah, einen Unwillen ein, der an Verachtung grenztez ich war beſchaͤmt, ſo un⸗ gerechte Gefuͤhle in meinem Herzen zu ent⸗ decken und eilte, um die Verwirrung, welche ſie mir verurſachten, in dem zuruͤckgezogenſten Theile des Gartens zu verbergen. Kaum hatte ich mich am Fuße eines Bau⸗ mes niedergeſetzt, als unwillkuͤrlich Thranen aus meinen Augen ſtürzten. Das Geſicht in meine Haͤnde verbergend, war ich in ſo tiefen Traͤu⸗ men verſunken, daß Deterville kniend an mei⸗ ner Seite lag, ehe ich ihn bemerkt hatte. „Zuͤrnen Sie nicht, Zilia!« ſagte er mir: „es iſt der Zufall der mich zu Ihren Fuͤßen gebracht, ich ſuchte Sie nicht auf. Beläſtigt durch den Laͤrm, kam ich meinem Kummer un⸗ geſtort nachzuhaͤngen. Ich bemerkte Sie und kampfte mit mir, ob ich mich entfernen ſollte. Ich bin aber zu ungluͤcklich, um es ohne Un⸗ terlaß zu ſein, daher naͤherte ich mich Ihnen, aus Nitleid fur mich, ich ſah Ihre Thränen 184 fließen und war nicht mehr Herr uͤber mein Herz. Gebieten Sie mir aber, Sie zu fliehen, dann werde ich Ihnen gehorchen!— Werden Sie Dieſes koͤnnen, Zilia!— bin ich Ihnen laͤſtig?«»Nein!« entgegnete ich:»im Gegen⸗ theil, ſetzen Sie Sich, ich bin ſehr erfreut, eine Gelegenheit zu finden, mit Ihnen ſeit Ihren letzten Wohlthaten zu reden«e. „Sprechen wir nicht davon!« unterbrach er mich noch ein Mal:»wie wenig ſchmeichelhaft iſt einem ungluͤcklichen Herzen die Dankbarkeit! Als die Begleiterin der Gleichguͤltigkeit ver⸗ bindet ſie ſich, nur zu oft, mit dem Haſſe.« „Was wagen Sie zu denken!« rief ich aus:»ach Deterville, wie viele Vorwuͤrfe haͤtte ich Ihnen zu machen, wenn Sie nicht ſo ſehr zu bedauern waͤren! Ich bin weit davon ent⸗ fernt Sie zu haſſen, ich habe vielmehr vom erſten Augenblicke an weniger Widerwillen em⸗ pfunden, von Ihnen, als von den Spaniern abzuhaͤngen; ſo wie Ihr Charakter ſich mir allmaͤhlig entwickelte, weckte Ihre Sanftmuth 185 und Ihre Guͤte den Wunſch in mir, Ihre Freundſchaft zu erlangen. Ich habe mich auch in der Geſinnung, daß Sie die Meinige ver⸗ dienen, noch mehr beſtaͤrkt. Ohne den hohen Grad von Dankbarkeit, den ich fuͤr Sie hege, zu erwähnen, da Dieſe Sie beleidigt, wie hatte ich mich gegen dieſes Gefuͤhl, was Ihnen gebuͤhrt, ſchuͤtzen koͤnnen? Ihre Jugend fand ich der Einfachheit der Unſrigen wuͤrdig. Ein Sohn der Sonne muͤßte ſich durch Ihre Gefuͤhle geehrt finden! Ihre Vernunft iſt faſt die der Natur,— wie viele Gruͤnde, um Sie zu verehren! Mir ge⸗ faͤllt Alles an Ihnen, bis auf das Edle Ihrer Figur. Die Freundſchaft hat eben ſo gut Augen, wie die Liebe! Fruͤher, nach einigen Augen⸗ blicken der Abweſenheit, ſah ich ſie nicht, ohne daß ſich nicht eine gewiſſe Heiterkeit uͤber mein Herz verbreitete. Warum haben Sie dieſe un⸗ ſchuldige Freude in Kummer und Zwang ver⸗ wandelt? Ihre Vernunft ſcheint mir nur noch durch 186 große Anſtrengung erhalten, wovon ich ſtets eine Abweichung fuͤrchte. Die Gefuͤhle, von denen Sie mich unterhalten, legen den Meini⸗ gen einen Zwang auf und Sie rauben mir dadurch die Freude, Ihnen ohne Ruͤckhalt das Vergnuͤgen zu ſchildern, was ich durch Ihre Freundſchaft empfinden wuͤrde, wenn Sie dieſe Suͤßigkeit nicht ſtoͤrten. Ja! Sie rauben mir ſogar die Wonne meinen Wohlthaͤter zu ſehen. Ihre Augen ſetzen die Meinigen in Verlegenheit, ich be⸗ merke auch nicht mehr die angenehme Ruhe, welche zuweilen in meine Seele uͤberging, ich empfinde ſtatt deſſen einen ſtillen Kummer, der mir unaufhoͤrlich vorwirft, daß ich Schuld daran bin; ach Deterville, wie irren Sie, wenn Sie glauben allein zu leiden!« „Geliebte Zilia!» rief er aus, indem er meine Hand mit Innigkeit kußte:»wie er⸗ hoͤhet Ihre Guͤte und Offenheit mein Be⸗ dauern! welch ein Schatz muͤßte der Beſitz eines Herzens wie das Ihrige ſein, und mit 187 welcher Verzweiflung laſſen Sie mich dieſen Ver⸗ luſt empfinden! Allmaͤchtige Zilia!e fuhr er fort: »wie viel liegt in Ihrer Gewalt, war es nicht ſchon hinreichend, mich von der tieſſten Gleich⸗ gültigkeit, zur hochſten Liebe, und von der Un⸗ empfindlichkeit zur Raſerei zu fuͤhren? ſoll ich mich noch mehr uͤberwinden? und werde ich es koͤnnen?«»Jal« entgegnete ich:»dieſe Anſtrengung iſt Ihnen und Ihrem Herzen wuͤr⸗ dig! Dieſe gerechte Handlung wird Sie über die Sterblichen erheben!«»Werde ich Dieſes aber uͤberleben können?« ſetzte er kummervoll hinzu:„hoffen Sie wenigſtens nicht, daß ich dem Triumph Ihres Geliebten zum Opfer die⸗ nen werde, fern von Ihnen will ich Ihre Ge⸗ danken anbeten, dies ſoll die bittere Nahrung meines Herzens ſein, ich werde Sie lieben, aber Sie nicht mehr ſehen, ach! zum wenigſten vergeſſen Sie nicht——« Seufzer erſtickten ſeine Stimme und er war bemuht die Thranen, welche ſein Geſicht be⸗ deckten, zu verbergen, ich weinte ſelbſt und 188 war eben ſo geruhrt von ſeiner Großmuth, wie von ſeinem Kummer. Ich ergriff ſeine Rechte und druͤckte ſie in der Meinigen.»Nein!« ſagte ich:»Sie werden nicht abreiſen. Laſſen Sie mir meinen Freund, und begnuͤgen Sie ſich mit den Gefuͤhlen, welche ich lebenslang fuͤr Sie hegen werde. Ich liebe Sie faſt eben ſo ſehr, wie ich Aza liebe; ich werde Sie aber nie ſo lieben koͤnnen, wie ich ihn liebe!⸗ »Grauſame Zilia!« rief er mit Heftigkeit aus: vobegleiten Sie Ihre Wohlthaten ſtets mit ſo empfindlichen Schlaͤgen, und wird immer ein toͤdtendes Gift den Zauber zerſtoͤren, den Sie uͤber Ihre Reden verbreiten? Wie un⸗ vernuͤnftig bin ich, mich der Sanftmuth zu uͤberlaſſen! in welche beſchaͤmende Erniedrigung ſturze ich mich dadurch! Es ſei!! ich werde mich mir ſelbſt wiedergeben,« ſetzte er mit feſtem Tone hinzu:»leben Sie wohl! bald werden Sie Aza ſehen! moͤge er Ihnen nie den Kummer empfinden laſſen, der mich verzehrt, 189 und ſo ſein, wie Sie ihn wuͤnſchen, und ganz Ihrem Herzen wuͤrdig!« Die Art, womit er die letzten Worte aus⸗ ſprach, erweckte große Unruhe in meiner Seele, und ich kann mich noch nicht gegen den Arg⸗ wohn ſchuͤtzen, welcher ſich mir ſo heftig aufdraͤngt. Ich zweifle nicht, daß Deter⸗ ville beſſer unterrichtet davon iſt, als er ſcheinen wollte, und er mir einige Briefe, welche er von Spanien erhalten, verborgen hat. Darf ich es ausſprechen, daß Du untreu biſt?— Unter den dringendſten Bitten forderte ich von ihm die Wahrheit, aber Alles was ich aus ihn heraus bringen konnte, waren leere Muthmaßungen, welche eben ſo ſehr meine Be⸗ ſorgniſſe beſtaͤtigten, als zerſtoͤrten. Die Betrachtungen aber uͤber die Unbe⸗ ſtaͤndigkeit der Maͤnner— der Gefahr der Ab⸗ weſenheit und uͤber die Leichtigkeit, mit welcher Du die Religion veraͤndert, blieben meiner Seele tief eingegraben. 190 Zum erſten Male ward meine Zaͤrtlichkeit mir ein peinliches Gefuͤhl, denn zum erſten Nale furchtete ich Dein Herz zu verlieren, Aza! wenn es wahr waͤre, wenn Du mich nicht mehr liebteſt? O daß eher der Tod, als Deine Unbeſtaͤndigkeit uns trennte! Nein! es konnte nur Verzweiflung ſein, welche Deterville dieſen ſchrecklichen Gedanken eingab. Sollten ſeine Unruhe und ſeine Ver⸗ wirrung mich nicht daruͤber beruhigen? Es war eigenes Intereſſe was ihm ſo reden ließ, ſollte er mir nicht verdaͤchtig ſein? Ja, mein theurer Aza! das war es, mein ganzer Verdruß wen⸗ det ſich gegen ihn, ich behandelte ihn hart und er verließ mich voll Verzweiflung. Ach war ich es wohl weniger, als er? Was fur eine Qual habe ich nicht erduldet, ehe ich die Ruhe meines Herzens wieder fand, und iſt ſie wohl ſchon ganz wieder befeſtigt? Aza! ich liebe Dich ſo zaͤrtlich, koͤnnteſt Du mich wohl vergeſſen? „ 191 30. Wie lang iſt Deine Reiſe, mein theurer Aza! mit welcher Sehnſucht erwarte ich Deine Ankunft! die Zeit hat endlich meine Beſorgniſſe zerſtreut; ich betrachte ſie nur noch als einen Traum, deſſen Eindruck durch das Licht des Tages ausgeloͤſcht iſt, und ich rechne es mir nun als ein Verbrechen an, einen Argwohn gegen Dich gehegt zu haben. Die Reue ver⸗ doppelt meine Zaͤrtlichkeit und hat beinahe ſchon ganz das Mitleid verwiſcht, welches mir Deter⸗ ville's Kummer verurſachte, ich kann ihm die uͤble Meinung, welche er von Dir zu hegen ſcheint, nicht verzeihen, und beklage es um ſo weniger, auf gewiſſe Weiſe von ihm entfernt zu ſein. Seit vierzehn Tagen ſind wir in Paris, ich wohne mit Celine im Hauſe ihres Gemahls, welches von dem ihres Bruders ziemlich weit entfernt iſt, ſo daß ich nicht verbunden bin, ihn zu jeder Stunde zu ſehen, er kommt nur zuweilen zum Eſſen. Celine und ich fuͤhren 192 ein ſo zerſtreutes Leben, daß mir nicht ſo viel Muße bleibt, mit ihm allein zu reden. Seit unſerer Ruͤckkehr bringen wir einen Theil des Tages mit der peinlichen Beſchäfti⸗ gung unſeres Anzuges hin, und den Uebri⸗ gen mit Schuldigkeits⸗Beſuchen, wie man ſie nennt. Beide Beſchaͤftigungen ſcheinen mir ſo nutz⸗ los, wie ſie ermuͤdend ſind, wenn Letztere mir nicht die Mittel verſchaffte, mich genauer uͤber die Sitten dieſes Landes zu unterrichten. Bei meiner Ankunft in Frankreich verſtand ich ihre Sprache nicht, konnte alſo nur nach dem Aeußern urtheilen. Wenig im Kloſter unterrichtet, ward ich es noch weniger auf dem Lande, wo ich nur immer dieſelbe Geſellſchaft ſah, welche mir zu viel Langeweile machte, um ſie zu beobachten. Nur hier, umgeben von dem, was man die große Welt nennet, ſehe ich die Nation im Ganzen. Die Schuldigkeit, welche wir beobachten, beſteht darin, an einem Tage in ſo viele Häuſer 193 zu gehen, wie nur immer moͤglich iſt, und das nur, um gegenſeitige Lobeserhebungen uͤber die Schoͤnheit des Geſichts, der Figur, den vor⸗ zuglichen Geſchmack und der Wahl im Anzuge auszutheilen und anzunehmen. Es bedarf kei⸗ ner langen Zeit, um den Grund zu bemerken, welcher alle die Muhe nehmen laͤßt, ſo viele Huldigungen zu ertragen, weil man ſie natuͤr⸗ lich in Perſon annehmen muß, dies iſt aber nur augenblicklich, denn ſobald man verſchwin⸗ det, nimmt ſie eine andere Geſtalt an. Die Annehmlichkeiten, welche man bei der fand, die heraus trat, dient nur zu einem veraͤchtlichen Vergleich um die Vorzuge derjenigen an's Licht zu ſtellen, welche herein trat. Beurtheilen iſt der allgemeine Geſchmack der Franzoſen, ſo wie die Unbeſtaͤndigkeit ihr herrſchender Charakter. Ihre Buͤcher enthalten den Tadel uͤber ihre Sitten im allgemeinen, und ihre Unter⸗ haltung die der Einzelnen, jedoch můſſen K abweſend ſein. Das, was ſie Mode nennen, hat die alte Zilia. 13 14 Gewohnheit noch nicht veraͤndert, frei alles ueble, was man nur kennt, und zuweilen, was man nicht kennt, von Andern zu ſagen. Die mehrſten Menſchen folgen der Gewohnheit, die man nur durch eine gewiſſe Rede unter⸗ ſcheidet, uͤber die Freimuͤthigkeit und ihre Liebe fur die Wahrheit, durch welches Mittel ſie ohne alle Schwierigkeit die Fehler und die Lächerlich⸗ keiten, bis auf die Laſter ihrer Freunde, aufzu⸗ decken. Wenn die Aufrichtigkeit, von welcher die Franzoſen Einer gegen dem Andern Gebrauch machen, keine Ausnahme hat, ſo iſt dennoch ihre Vertraulichkeit ohne Grenzen. Es bedarf keiner Redſeligkeit, um angehoͤrt zu werden, noch Redlichkeit, um geglaubt zu werden, Alles wird mit gleicher Leichtigkeit ge⸗ ſagt und aufgenommen. Denk' aber nicht, mein theurer Aza! daß die Franzoſen im allgemeinen von Natur boͤſe ſind; ich wuͤrde ungerecht ſein, wenn ich Dich daruͤber in Irrthum laſſen wollte. 195 Von Natur gefuͤhlvoll und von Tugend er⸗ griffen, habe ich noch Keinen geſehen, welcher nicht von der Erzählung, welche man mir oft uͤber die Gradheit unſerer Herzen, die Reinheit unſerer Gefuͤhle und Einfachheit unſerer Sit⸗ ten mitzutheilen bittet, geruͤhrt worden ware. Lebten ſie nur unter uns, ſo wuͤrden ſie tugendhaft werden, das Beiſpiel und die Ge⸗ wohnheit ſind ihre Tyrannen. Der Gutdenkende verlaͤumdet einen Abwe⸗ ſenden, um nicht von denen, welche ihn an⸗ hoͤren, verachtet zu werden. Ein Andrer wuͤrde gut, menſchlich und ohne Stolz ſein, wenn er nicht furchtete lächerlich zu erſcheinen; ein Dritter wuͤrde ein Muſter von Vollkommenheit ſein, wenn er öffentlich Vorzuge zeigen duͤrfte, nun iſt er laͤcherlich durch ſeinen Stand. Genug, mein theurer Aza! ihre Laſter ſind erkunſtelt, wie ihre Tugenden, der Leichtſinn ihres Charakters erlaubt ihnen nur unvollkom⸗ men das zu ſein, was ſie ſind, ſo daß ihre kindiſchen Spiele lächerliche Anordnungen den⸗ 1 196 kender Weſen ſind, ſie haben, wie ſie ſelbſt, entweder Aehnlichkeit mit ihrem Vorbilde, Schwaͤ⸗ chen an den Augen, Lächerlichkeit im Tone, ihre Stirn gefaͤrbt, das Innere umgeſtaltet, einen ſcheinbaren, aber keinen wahren Werth, auch betrachten ſie andere Nationen ohngefaͤhr ſo, als die huͤbſchen Fleinigkeiten, welche Werth fur die Geſellſchaft haben. Die geſunde Ver⸗ nunft laͤchelt uber ihre Artigkeit und ſtellt ſie kalt auf ihre Stelle. Glückliche Nation! welche nur die Natur zum Wegweiſer, die Wahrheit zur Triebfeder und die Tugend als Grund⸗ ſatz hat. 31. Daß die Unbeſtändigkeit, mein theurer Aza! eine Folge des leichtſinnigen Charakters der Franzoſen iſt, kann nicht auffallen, jedoch wun⸗ dert es mich, daß bei ſo vieler und ich moͤchte faſt ſagen, mehrerer Aufklärung, wie man bei andern Nationen findet, die auffallenden Wi⸗ 197 derſpruͤche ihnen nicht ſelbſt bemerkbar ſcheinen, welche den Fremden beim erſten Anblick nicht entgehen. Unter der großen Anzahl, welche ich taͤglich beobachte, finde ich nichts ſo Entehrendes fuͤr ihren Verſtand, als ihre Manier uͤber die Wei⸗ ber zu denken, ſie verehren ſie, mein theurer Aza! und dennoch verachten ſie dieſelben in gleichem Maße. Das erſte Geſetz ihrer Hoͤflichkeit(oder wenn Du willſt ihrer Tugend), denn ich kenne keine Andere bei ihnen, betrifft die Weiber, der Mann vom hoͤchſten Stande hat Hochachtung fuͤr die vom Niedrigſten, er wuͤrde ſich mit Schaam bedecken und mit dem, was man laͤcher⸗ lich nennt, wenn er ihnen eine perſoͤnliche Beleidigung zufuͤgte, demohngeachtet kann der am wenigſten bedeutende und am wenigſten ge⸗ achtete Mann, eine Frau von Verdienſt betruͤ⸗ gen und hintergehen, und ihren Ruf durch Verlaͤumdung ſchwaͤrzen, ohne Verachtung oder Strafe zu fuͤrchten. 198 Wenn ich nicht verſichert wäre, daß Du Dich bald ſelbſt davon uͤberzeugen konnteſt, duͤrfte ich Dir denn ſolche Widerſpruͤche aus⸗ malen, welche die Einfachheit unſeres Ver⸗ ſtandes kaum begreifen kann? Der Nation und der Natur gehorſam, gehet unſere Fahig⸗ keit nicht daruͤber hinaus, denn wir haben ge⸗ funden, daß die Kraft und der Muth dem einen Geſchlechte eingab, die Vertheidiger und die Stutze des Andern zu ſein, und unſere Geſetze ſtimmen damit uͤberein*6). PHier iſt man weit davon entfernt, Mitleid mit den ſchwachen Kraͤften der Weiber zu haben, die des gemei⸗ nen Volkes, durch die Arbeit niedergedruͤckt, finden weder durch die Geſetze noch durch ihre Maͤnner darin Erleichterung. Die vom hoͤhern Stande werden ein Spiel der Verfuͤhrung oder Bosheit der Maͤnner, und haben, um ſich fuͤr ihre Treuloſigkeit zu entſchadigen, nur die Außen⸗ ſeite der Achtung, welche aber doch ſtets mit der beißendſten Satyre begleitet iſt. Bei meinem Eintritt in dies Land bemerkte 199 ich gleich, daß der immerwaͤhrende Tadel dieſer Nation hauptſaͤchlich die Weiber traf, und daß die Maͤnner ſich unter einander wenigſtens mit Schonung verachteten. Ich ſuchte den Grund davon in ihren guten Eigenſchaften, bis ein Vorfall ihn mir in ihren Fehlern finden ließ. In mehrern Haͤuſern, in welchen wir ſeit zwei Tagen eintraten, erzaͤhlte man von dem Tode eines jungen Mannes, der durch einen ſeiner Freunde getoͤdtet war, man billigte dieſe grauſame Handlung, bloß aus dem Grunde, daß der Todte zum Nachtheil des Lebenden geredet; dieſe neue Thorheit erſchien mir von zu ernſtem Charakter, um nicht tiefer unterſucht zu werden. Ich erkundigte mich darnach, mein theurer Aza! und erfuhr, daß ein Mann verpflichtet iſt, ſein Leben zu wagen, um es einem An⸗ dern zu rauben, ſobald er erfaͤhrt, daß dieſer Andere etwas Uebles uͤber ihn geſagt hat, und wenn er eine ſo grauſame Rache ausſchlaͤgt, muß er ſich von der Geſellſchaft gaͤnzlich ent⸗ 200 fernen. Mehr bedurfte es nicht, um mir die Augen uͤber das zu oͤffnen, was ich ſuchte, es iſt klar, daß die Maͤnner von Natur feige, ohne Schaam und Reue, nur koͤrperliche Strafen fuchten. Waͤren die Weiber berechtigt, die Beleidigungen, welche ihnen zugefuͤgt werden, auf gleiche Weiſe zu raͤchen, ſo wie Jene ver⸗ bunden ſind die leiſeſte Kraͤnkung(wie man ſie in der Geſellſchaft angenommen und aufge⸗ nommen findet) zu beſtrafen, es wuͤrde nicht mehr ſo ſein; zuruͤckgezogen in einer Einoͤde wuͤrden ſie ihre Schaam und ihr boͤſes Gewiſſen verbergen; ſo aber haben die Feigen nichts zu fuͤrchten, ſie haben dieſen Mißbrauch zu feſt gegruͤndet, um ihn jemals vertilgt zu ſehen. Unbeſonnenheit und Unverſchaͤmtheit ſind die erſten Gefuͤhle, welche man den Maͤnnern ein⸗ flößet, Bloͤdigkeit, Sanftmuth und Geduld da⸗ gegen die einzigen Tugenden, welche man in den Weibern ausbildet, wie ſollten ſie alſo nicht das Opfer der Ungeſtraften ſein? O, mein theurer Aza! moͤchten doch die 20¹ glaͤnzenden Laſter einer ſonſt liebenswuͤrdigen Nation, uns nicht die unſchuldige Einfachheit unſerer Sitten rauben! Laß uns nie vergeſſen, daß Du die Verpflichtung haſt, mein Vorbild, mein Fuͤhrer und meine Stuͤtze auf dem Wege der Tugend zu ſein, und ich dagegen, wo ich auch bin, mir dadurch Deine Liebe und Deine Achtung zu erhalten, daß ich meinem Vorbilde nachahme, und wenn es moͤglich waͤre mich daruͤber erhoͤbe, um eine Verehrung zu verdienen, die auf Vorzuͤge und nicht auf leichte Gewohnheit gegruͤndet iſt. 32. Unſere Beſuche und Anſtrengungen, mein geliebter Aza! hätten ſich nicht angenehmer en⸗ digen können. Was fuͤr einen herrlichen Tag habe ich geſtern verlebt und wie theuer ſind mir die neuen Verbindlichkeiten, weiche Deter⸗ ville und ſeine Schweſter mir auflegen. Um 202 wie viel angenehmer wuͤrden ſie mir aber ſein, wenn ich ſie mit Dir theilen koͤnnte! Nach zwei Tagen der Ruhe reiſ'ten wir geſtern Morgen von Paris ab, Celine, ihr Bru⸗ der, ihr Gemahl und ich, um, wie ſie ſagten, eine ihrer beßten Freundinnen zu beſuchen. Die Reiſe war nicht lang, wir kamen fruͤhzeitig auf einem Landhauſe an, deſſen Lage und Umge⸗ bung mir bewunderungswuͤrdig erſchien, was mich aber beim Hereintreten in Erſtaunen ſetzte, war, daß wir alle Thuͤren offen fanden und keinen Menſchen begegneten. Dies Haus war zu ſchoͤn, um zu ſein, und zu klein, um die Menſchen, welche es bewohnen koͤnnten, zu verbergen, dies erſchien mir wie eine Bezauberung und dieſer Gedanken beluſtigte mich, ich fragte daher Celine, ob wir etwa bei einer von den Feen waͤren, wovon ſie mir Erzählungen haͤtte leſen laſſen, wo die Beſitzerin des Hauſes eben ſo unſichtbar, als ihre Diener wr. „Sie werd'n ſie ſehen,« iie ſie 203 mir:»weil aber wichtige Geſchaͤfte, ſie fuͤr den ganzen Tag von hier abgerufen haben, ſo hat ſie mich beauftragt, Sie zu bitten, die Be⸗ wirthung fuͤr ſie waͤhrend ihrer Abweſenheit zu uͤbernehmen. Laſſen Sie uns alſo ſehen,« ſetzte ſie lachend hinzu:„wie Sie ſich dabei benehmen werden.« Ich ſtimmte gern in dieſen Spaß ein, und nahm wieder einen ernſten Ton an, um die Conplimente, welche ich bei aͤhnlichen Ge⸗ legenheiten gehoͤrt hatte, nachzuahmen, und man fand, daß ich es gut machte. Nachdem wir uns einige Zeit mit dieſem Scherz beluſtigt hatten, ſagte Celine:»Dieſe Artigkeit wuͤrde hinreichen, um in Paris gut aufgenommen zu werden, aber, Madame! auf dem Lande bedarf man Etwas mehr, werden Sie nicht die Guͤte haben, uns ein Mittageſſen zu geben?« »Ach! was das anbetrifft,« entgegnete ich: »ſo bin ich darin nicht unterrichtet genug, um Sie zu befriedigen, ich furchte, daß ihre Freun⸗ 204 dinn ſich zu ſehr auf meine Fuͤrſorge verlaſſen hat..»Dafuͤr weiß ich ein Mittel,« antwor⸗ tete Celine:»wollten Sie ſich nur die Muͤhe geben, Ihren Namen zu ſchreiben, dann wer⸗ den Sie finden, daß es nicht ſo ſchwierig iſt, ſeine Freunde zu bewirthen.»Sie beruhigen mich,« erwiederte ich:»laſſen Sie mich ſchnell ſchreiben!« Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen, als ich einen Mann in ſchwarzer Kleidung herein treten ſah, der ein Schreibzeug und Papier hielt, worauf ſchon geſchrieben war, er uͤberreichte es mir und ich unterzeichnete meinen Namen, wie man es verlangte. Im ſelbigen Augenblick kam ein anderer Mann, von ſehr gutem Anſehn, welcher uns der Gewohnheit gemaͤß in das Eßzimmer zu treten. Dort fanden wir eine ſehr reinliche und praͤchtig beſetzte Tafel, wir hatten uns kaum geſetzt, als im Nebenzimmer eine herrliche Muſik ertönte, es fehlte uͤberhaupt nichts von 205 Allem, was eine Mahlzeit angenehm macht; ſelbſt Deterville ſchien ſeinen Kummer vergeſſen zu haben und war nur bemuͤht, Freude in uns zu erwecken. Von ſeinen Gefuͤhlen fuͤr mich redete er auf tauſendfache Weiſe, doch immer in einem ſchmeichelhaften Tone, ohne Klage und Vorwuͤrfe. Der Tag war ſehr heiter und wir beſchloſſen einſtimmig nach der Mahlzeit ſpazieren zu gehen; den Garten fanden wir ungleich groͤßer, als das Haus ihn zu verſprechen ſchien. Kunſt und Geſchmack ließen ſich nur bewundern, um den Reiz der einfachen Natur noch ruͤhrender zu machen. Wir nahmen unſern Weg nach einem Holze, womit der Garten ſich endigt. Wir began⸗ nen ſchon Alle, auf einem herrlichen Raſen ſitzend, uns den Traͤumereien zu uͤberlaſſen, welche die Schoͤnheit der Natur ſo leicht ein⸗ flößt, als wir von der einen Seite, hinter den Baͤumen her, einen Zug von Landleuten, auf ihre Weiſe reinlich gekleidet, auf uns zu kommen 205 ſahen, mit Muſik begleitet. Von der andern Seite kamen mehrere junge Maͤdchen, weiß gekleidet, den Kopf mit Feld⸗Blumen ge⸗ ſchmuͤckt, welche auf eine laͤndliche, aber doch liebliche Weiſe Arien ſangen, in welchen ich mit Ueberraſchung meinen Namen oft wieder⸗ holen hoͤrte. Als beide Zuͤge uns erreicht hatten, ward mein Erſtaunen noch ſehr erhoͤhet. Ich ſah zwei der anſehnlichſten Maͤnner die Andern verlaſſen und ein Knie vor mir beugen, wah⸗ rend er mir auf einem Kiſſen mehrere Schluͤſſel mit einer Anrede darreichte, von der ich, mei⸗ ner großen Beſtuͤrzung wegen, nur ſo viel ver⸗ ſtand, daß er als Vorſteher des Dorfes und deſſen Bewohner kaͤme, um mir, als der Ober⸗ herrin, deren Huldigung zu bringen und die Schluͤſſel des Hauſes zu uͤberreichen, deſſen Be⸗ ſitzerin ich waͤre. Nach beendigter Rede ſtand er auf, um der Schoͤnſten unter den jungen Madchen Platz zu machen, Dieſe uͤberreichte mir einen Blumen⸗ 207 Strauß mit Band umwunden, welchen ſie ebenfalls mit einer kleinen Anrede zu meinem Lobe begleitete, die ſie mit vielem Anſtande vortrug. Ich war zu betreten, mein theurer Aza! um auf ſo wenig verdientes Lob antworten zu koͤnnen, doch hatte Alles was ſich zutrug, einen der Wahrheit ſo nahe grenzenden Ton, daß ich in manchen Augenblicken geneigt war, das zu glauben, was ich doch unglaublich fand, und dieſer Gedanken fuͤhrte unzaͤhlige Andere her⸗ bei. Meine Seele war in dem Grade beſchaͤf⸗ tigt, daß es mir unmoͤglich war, eine Sylbe hervor zu bringen, und wenn meine Zerſtreuung beluſtigend fuͤr die Geſellſchaft war, ſo war ſie es doch keineswegs fur mich. Deterville bemerkte Dieſes zuerſt, er gab ſeiner Schweſter ein Zeichen, nach welchem ſie aufſtand und nachdem ſie den Bauern und jungen Maͤdchen einige Goldſtuͤcke gegeben, in⸗ dem ſie ihnen ſagte: daß dies die Erſtlinge meiner Guͤte fuͤr ſie waͤren, ſchlug ſie wir ei⸗ nen Spaziergang in's Holz vor. Ich folgte ihr mit Vergnuͤgen und mit dem Vorſatze, ihr über die Verlegenheit, in welche ſie mich ge⸗ ſetzt, Vorwuͤrfe zu machen. Mir blieb aber keine Zeit dazu, denn wir hatten kaum einige Schritte zuͤckgelegt, als ſie ſtill ſtand und mich mit lachelnder Miene betrachtete.»Geſtehen Sie, Zilia!« ſagte ſie mir:»daß Sie ungehalten auf uns ſind und Sie werden es noch mehr ſe in, wenn ich Ihnen ſage, daß dieſe Beſitzung wirklich die Ihrige iſt!« »Die Meinige!« rief ich aus: vach Celine! Esie treiben ihre Kraͤnkung und ihren Spaß zu weit!«»Hoͤren Sie denn,« erwiederte ſie mit einem ernſteren Tone:»wenn nun mein Bruder einen Theil Ihrer Schaͤtze zu dieſem Ankaufe verwandt und anſtatt der langweiligen Foͤrmlichkeiten, welche er dabei uͤbernommen, Ihnen nur die Ueberraſchung vorbehalten, wer⸗ den Sie uns dieſerhalb haſſen und es uns nicht verzeihen, daß wir Ihnen unter allen Verhält⸗ niſſen eine Wohnung, wie Sie ſie zu wuͤnſchen 209 ſchienen, verſchafft und Ihnen dadurch ein un⸗ abhaͤngiges Leben bereitet haben? Den gericht⸗ lichen Contract, welcher Sie in den rechtmaͤßigen Beſitz des Einen und des Andern ſetzt, unter⸗ zeichneten Sie dieſen Morgen. Sollte Ihnen von dem Allen nichts gefallen,« ſetzte ſie laͤchelnd hinzu:»dann zuͤrnen Sie mit uns, ſo viel Sie wollen.« »Ach! meine liebenswuͤrdige Freundin!« rief ich aus, indem ich mich in ihre Arme warf: vich fuͤhle Ihre großmuͤthige Fuͤrſorge zu leb⸗ haft, um Ihnen meine Dankbarkeit ausdruͤcken zu koͤnnen!« Nur dieſe wenigen Worte ver⸗ mochte ich auszuſprechen ich hatte die Wichtig⸗ keit eines ſolchen Dienſtes tief empfunden. Ich war geruͤhrt und von Freude hinge⸗ riſſen bei dem Gedanken, Dir eine ſo reizende Wohnung anbieten zn koͤnnen, dieſes erſtickte den Ausdruck ſo mannigfacher Gefuͤhle. Die Liebkoſungen, welche ich Celinen bezeigte, er⸗ wiederte ſie mit gleicher Zaͤrtlichkeit und nach⸗ dem ſie mir Zeit gelaſſen, mich zu beruhigen, Zilia. 14 ———————————————— 210 gingen wir, um ihren Gemahl und Bruder aufzuſuchen. Als ich Deterville begegnete, ward ich von einer Beſtuͤrzung ergriffen, die mich unfaͤhig machte zu reden, ich reichte ihm die Hand, welche er kuͤßte, ohne ein Wort zu ſagen, er wandte ſich ab, die Thraͤnen zu verbergen, die er nicht zuruͤckhalten konnte. Ich ſah dies als ein Zeichen der Zufriedenheit an, welche er empfinden mußte, mich ſo erfreut zu ſehen, und ich ſelbſt war ſo geruͤhrt, daß ich auch Thraͤnen vergoß. Celinens Gemahl nahm weniger Theil an dem, was ſich zutrug, er veraͤnderte bald die Unterhaltung in einen ſpaßhaften Ton, und machte mir Complimente uͤber meine neue Wuͤrde, zugleich forderte er uns auf, nach der Wohnung zuruͤckzukehren, um, wie er ſagte, die Fehler derſelben zu unterſuchen und Deter⸗ ville zu zeigen, daß ſein Geſchenk nicht ſo un⸗ tadelhaft ſei, als er ſich deſſen ſchmeichelte. Soll ich es Dir geſtehen, mein theurer Aza! mir ſchien Alles, was ſich uns auf die⸗ 21¹ ſem Wege darbot, eine neue Geſtalt angenom⸗ men zu haben. Die Blumen fand ich ſchöner, die Baͤume gruͤner und die Einrichtung des Gartens beſſer geordnet. Das Haus erſchien mir freundlicher, die Moͤbeln reicher und die geringſten Kleinigkeiten hatten fuͤr mich an“ Intereſſe gewonnen. In einem Rauſch von Freude, welche mir nicht erlaubte etwas genau zu unterſuchen, durchlief ich die Zimmer; der einzige Ort, wo ich ſtill ſtand, war ein großes Zimmer, mit einem leicht gearbeiteten goldenen Gitter um— geben, welches eine Menge von Buͤchern in allen Farben und Geſtalten und einer bewun⸗ derungswuͤrdigen Reinlichkeit in ſich ſchloß. Von dieſem Anblick bezaubert, glaubte ich das Zim⸗ mer nicht verlaſſen zu koͤnnen, ehe ich ſie nicht Alle geleſen. Celine zog mich davon ab, indem ſie mich an einen goldenen Schluͤſſel erinnerte, welchen Deterville mir uͤberreicht hatte. Wir ſuchten ihn zu benutzen, doch wuͤrde unſer Nachſuchen vergebens geweſen ſein, haätte er 14* 2¹2 uns nicht die Thür gezeigt, welche er öffnen ſollte, ſie war mit vieler Kunſt in der Wand⸗ bekleidung angebracht, wo es uns, ohne das Geheimniß zu wiſſen, unmoͤglich geweſen ſein wuͤrde, ſie zu entdecken. Ich oͤffnete ſie mit Schnelligkeit, blieb aber bei dem Anblick ſo vieler Koſtbarkeiten unbeweglich ſtehen. Es war ein Cabinet, glaͤnzend von Spie⸗ geln und Gemaͤlden, die Wandbekleidung war gruͤn, mit außerordentlich ſchoͤn gezeichneten Figuren, welche einen Theil der Spiele und Gebraͤuche der Sonnenſtadt nachahmten, ohn⸗ gefähr ſo, als ich ſie Deterville beſchrieben hatte. In tauſend Stellen ſah man unſere Jung⸗ frauen dargeſtellt, in aͤhnlicher Kleidung wie ich ſie bei meiner Ankunft in Frankreich trug, ja man ſagte ſogar, daß ſie mir ähnlich ſaͤhen. Die Verzierungen des Tempels, welche ich in dem Kloſter zuruckgelaſſen hatte, unterſtutzt von vergoldeten Pyramiden, ſchmuͤckten die Ecken dieſes prachtvollen Cabinets. In der 213 Mitte der Decke hing die Geſtalt der Sonne, welche mit den ſchoͤnſten Farben des Himmels gemalt war und verherrlichte dieſe reizende Einode. Bequeme, nach der Malerei gewaͤhlte Moͤbeln, machten es vollends ſchon. Waͤhrend ich das genauer unterſuchte, was mich beim Wiederſehen ſo entzuͤckte, vermißte ich den goldenen Stuhl, ich huͤtete mich wohl darnach zu fragen, aber Deterville errieth es, benutzte den Augenblick, um ſich daruͤber aus⸗ zuſprechen.»Sie ſuchen vergebens, ſchoͤne Zilia!« ſagte er: der Stuhl des Inca's hat ſich durch eine magiſche Kraft in ein Haus, Garten und Laͤndereien verwandelt, ſo war dies nicht ohne Reue und ich mußte dabei Ihr Zartgefuͤhl beruͤckſichtigen.. Indem er einen kleinen Schrank öffnete, welcher ſehr geſchickt in der Mauer angebracht war, ſagte er:»Dies die Ueberreſte der magiſchen Wirkung!« er uberreichte mir ein Kaͤſtchen, mit Goldſtuͤcken angefullt, nach franzoſiſchem Gebrauch.»Die⸗ ſes,« ſetzte er hinzu:„iſt nicht das, was wir 21¹4 am wenigſten beduͤrfen, ich glaubte daher Ihnen einen kleinen Vorrath davon aufbewahren zu muͤſſen.« Ich verſuchte nun ihm meine lebhafte Dank⸗ barkeit auszudruͤcken; als Celine mich unter⸗ brach und mich in ein Zimmer neben das wun⸗ dervolle Cabinet fuͤhrte.„Ich will Ihnen auch die Allmacht meiner Kunſt ſehen laſſen,« ſagte ſie; man oͤffnete große Schranke mit bewun⸗ derungswuͤrdigen Stoffen, Leinen, Kleidungs⸗ ſtuͤcken, genug Allem, was zum Gebrauch der Damen erforderlich iſt, Alles war in ſolchem ueberfluß angefullt, daß ich mich nicht enthal⸗ ten konnte, daruͤber zu lachen und Celine zu fragen: Wie viele Jahre ich leben ſollte, um ſo diele ſchone Sachen zu verbrauchen?»So viele,« antwortete ſie:„als mein Bruder und ich leben werden.«„Und— ſetzte ich hin⸗ zu:»daß der Eine, wie der Andere ſo lange lebt, als ich Sie lieben werde, dann ſind Sie gewiß nicht die Erſten welche ſterben.« Mit dieſen Worten kehrten wir zum Tempel der 215 Sonne zuruͤck, denn ſo nennen ſie dies merk⸗ wuͤrdige Cabinet, endlich erlangte ich wieder die Kraft zu reden; ich druͤckte die Gefuͤhle, von denen ich durchdrungen war, ſo aus, wie ich ſie empfand. Welche Guͤte und wie viele Tugend liegt in den Benehmen des Bruders und der Schweſter!— Den uͤbrigen Theil des Tages brachten wir unter den Freuden des Vertrauens und der Freundſchaft hin, und ich machte die Be⸗ wirthung beim Abendbrod mit mehr Heiterkeit, als fruͤher beim Mittageſſen. Den Leuten be⸗ fahl ich mit mehr Freimuͤthigkeit, da ich wußte, daß ſie die Meinigen waren. Ich ſpaßte uͤber mein Anſehn, meinen Ueberfluß, und that Alles, was in meiner Macht ſtand, um meinen Wohlthatern ihre eignen Gutthaten angenehm zu machen. Bald glaubte ich zu bemerken, daß nach einiger Zeit Deterville in ſeinen Truͤbſinn zu⸗ ruͤckkehrte, auch Celinen von Zeit zu Zeit Thrä⸗ nen entſchlupften, doch Beide nahmen auch ſo 216 „ ſchnell wieder eine ruhige Miene an, daß ich beinahe glaubte, mich geirrt zu haben. Ich bot Alles auf, ſie zu bewegen, mit mir einige Tage das Gluͤck zu genießen, was ſie mir bereitet hatten, ich konnte es aber nicht von ihnen erlangen. Wir ſind dieſe Nacht zuruͤckgekehrt, nachdem wir uns gegenſeitig das Verſprechen gegeben, recht bald nach meinem Zauber⸗Palaſt heim zu kehren. O, mein theurer Aza! wie vollkommen wird erſt dann mein Gluͤck ſein, wenn ich ihn mit Dir bewohnen kann. 33. Die Traurigkeit Déterville's und ſeiner Schweſter, mein geliebter Aza! hat ſeit unſerer Ruͤckkehr von meinem Zauberſchloſſe zugenom⸗ men, ſie ſind mir Beide zu theuer, als daß ich nicht gleich nach der Veranlaſſung hätte fragen ſollen, wie ich aber ſah, daß ſie darauf beſtanden, es mir zu verſchweigen, habe ich 217 nicht mehr gezweifelt, daß einige neue Un⸗ glucksfaͤlle Deine Reiſe verhindert, meine Be⸗ ſorgniß uͤberſtieg ihren Kummer, ich verhehlte ihnen die Urſache nicht und meine liebenswuͤr⸗ digen Freunde ließen mich nicht lange in Un⸗ gewißheit. Deterville geſtand mir, er habe beſchloſſen mir den Tag Deiner Ankunft nicht zu ſagen, um mich zu uͤberraſchen, meine Be⸗ ſorgniß habe ihm aber dieſen Vorſatz aufgeben laſſen. Er zeigte mir auch einen Brief des Fuͤhrers, den er Dir gegeben; durch die Be⸗ rechnung der Zeit und des Ortes, wo er ge⸗ ſchrieben, machte er mir begreiflich, daß Du heute Morgen, ja in dieſem Augenblicke ſelbſt hier ſein koͤnnteſt, alſo keine Zeit mehr bleibt, um die zu meſſen, welche alle meine Wuͤnſche erfuͤllen wird. Nachdem Deterville mir Dieſes vertraut, machte er mich mit ſeinen uͤbrigen Einrichtun⸗ gen bekannt. Er zeigte mir das Zimmer, wel⸗ ches er fuͤr Dich beſtimmt, Du wirſt hi ſo lange wohnen, bis wir vereinigt und er Wohl⸗ 218 ſtand uns erlaubt, mein reizendes Schloß zu beziehen, dann werde ich Dich nicht mehr aus den Augen verlieren, uns wird nichts mehr trennen! Deterville hat fuͤr Alles geſorgt und mich mehr denn je von dem hohen Grad ſeiner Großmuth uͤberzeugt. Nach dieſer Erlaͤuterung ſuche ich keinen andern Grund in der Traurigkeit, welche ihn verzehrt, als Deine nahe Ankunft. Ich be⸗ klage ihn, habe Mitleid mit ſeinem Kummer, und wuͤnſche ihm ein Gluͤck, welches unab⸗ haͤngig von meinen Gefuͤhlen und eine wuͤrdige Belohnung ſeiner Tugend iſt. Einen Theil meines Entzuͤckens verbarg ich ihm, um ſeinen Kummer nicht noch mehr da— durch zu reizen, das iſt aber auch Alles, was ich thun kann, ich bin zu ſehr mit meinem Gluͤcke beſchaͤftigt, um es ganz in mich ver⸗ ſchließen zu koͤnnen, denn ohngeachtet ich Dich Shon ſehr nahe bei mir glaubte, erbebe ich beim leinſten Geraͤuſch, und unterbreche dieſes Schreiben einah jeden Augenblick, um an das 2¹9 Fenſter zu eilen, ich unterlaſſe es aber doch nicht im Schreiben fortzufahren, weil mein entzucktes Herz dieſer Erleichterung bedarf. Du biſt ſchon ſehr nahe bei mir, das iſt gewiß, iſt aber Deine Abweſenheit weniger gewiß, als wenn das Meer uns noch trennte? Ich ſehe Dich nicht! Du kannſt mich nicht verſtehen! warum ſollte ich alſo aufhoͤren, mich mit Dir auf die einzig moͤgliche Weiſe zu unterhalten? Noch einen Augenblick und ich werde Dich ſehen, aber dieſer Augenblick iſt noch nicht da, kann ich daher wohl beſſer die uͤbrige Zeit Deiner Abweſenheit benutzen, als daß ich Dir die Lebhaftigkeit meiner Zaͤrtlichkeit ſchildere? Ach! bisher ſaheſt Du ſie nur immer leidend! Wie fern liegt dieſe Zeit von mir und mit welcher Freude werde ich ſie aus meinem An⸗ denken verwiſchen! Aza! geliebter Aza! wie theuer iſt mir dieſer Namen⸗ Bald werde ich ihn nicht mehr vergebens rufen, Du wirſt mich verſtehen und wirſt meiner Stimme entgegen fliegen, die zaͤrtlichſten Ausdruͤck meines Her⸗ 220 zens ſollen die Belohnung des Eiſers ſein. Man unterbricht mich, Du biſt es nicht! und doch muß ich Dich verlaſſen. 34. Dem Herrn von Deterville zu Maltha. Haben Sie ohne Reue den toͤdlichen Kummer vorher ſehen können, welchen Sie dem Gluͤcke beifuͤgten, das Sie mir bereitet? Wie haben Sie ſo grauſam ſein koͤnnen, bei den dringenden Gruͤnden der Dankbarkeit, Ihre Abreiſe ſo angenehmen Begebenheiten vorher⸗ gehen zu laſſen, waͤre es nicht, um mich noch trauriger uͤber Ihre Verzweiflung und Ihre Abweſenheit zu machen? Seit zwei Tagen mit den ſanften Freuden der Freundſchaft uͤber⸗ ſchuͤttet, empfinde ich heute den bitterſten Kummer! So traurig Celine auch iſt, ſo hat ſie doch zu gut Ihr Auftraͤge ausgerichtet. Mit der 221¹ einen Hand fuͤhrte ſie mir Aza entgegen und mit der Andern reichte ſie mir Ihren grauſa⸗ men Brief. Auf dem hoͤchſten Gipfel des Gluͤcks hat der Kummer ſich meiner Seele bemaͤchtigt, denn indem ich den Gegenſtand meiner Liebe wieder fand, vergaß ich nicht, daß ich Demijeni⸗ gen, den ich zu gleicher Zeit verlor, alle meine uͤbrigen Empfindungen verdanke. Ach, Deter⸗ ville! wie unmenſchlich war dieſes Mal Ihre Guͤte! rechnen Sie aber nicht darauf Ihre un⸗ gerechten Entſchluͤſſe bis an's Ende auszu⸗ fuͤhren. Nein, das Meer darf uns nicht auf immer von Allen trennen, die uns theuer ſind, Sie werden meinen Namen ausſprechen hoͤren, meine Briefe empfangen und meinen Bitten Gehoͤr geben. Die Banden des Bluts und der Freundſchaft werden wieder uͤber ihr Herz ſiegen, Sie werden ſich einer Familie zuruͤck⸗ geben, denen ich fuͤr Ihre Abweſenheit verant⸗ wortlich bin. Sollte ich ſtatt einer Belohnung, fuͤr ſo viele Wohlthaten Ihre und Ihrer Schweſter 222 Tage vergiften? eine ſo zaͤrtliche Verbindung aufloͤſen und die Verzweiflung in Ihre Herzen bringen, waͤhrend ich mich Ihrer Wohlthaten noch erfreue? Nein, denken Sie das nicht, ich wuͤrde mich nur mit Abſcheu in einem Hauſe ſehen, welches ich mit Trauer erfuͤllte. Ihre Fuͤrſorge erkenne ich an der guͤtigen Behandlung, die ich von Celine in dem Augenblicke empfange, da ich es ihr wuͤrde verziehen haben, mich zu haſſen. Wie dem auch ſei! ich leiſte Verzicht und werde mich fuͤr immer von einem Orte entfernen, der mir unertraͤglich ſein wird, wenn Sie nicht zuruͤckkehren. Wie blind ſind Sie, Deterville, und welcher Irrthum reitzt Sie zu einem Vorſatze, der Ihren Anſichten ſo entgegen iſt! Sie wollen mich gluͤcklich machen, und machen mich ſchuldig. Sie wollen meine Thranen trocknen, und Sie ſind es, der ſie fließend macht, Sie verlieren durch Ihre Entfernung die Fruͤchte Ihrer Auf⸗ opferung. 6 223 Ach! Sie hätten vielleicht nur zu viel Sußig⸗ keit in dieſem Wiederſehn gefunden, welches Sie fuͤr ſich unertraͤglich glaubten. Dieſer Aza, der Gegenſtand ſo vieler Liebe, iſt nicht mehr derſelbe Aza, den ich Ihnen mit ſo zartlichen Farben gemalt. Die Kalte beim erſten Wieder⸗ ſehn, ſeine Lobeserhebungen uͤber die Spanier, womit er wohl hundert Mal die zaͤrtlichſten Ergießungen meiner Seele unterbrach, die be⸗ leidigende Neugier, womit er ſich meinem Ent⸗ zucken entzog, um die Pariſer Merkwuͤrdigkeiten zu ſehen, dieſes Alles läßt mich einen Kummer fuͤrchten, wofuͤr mein Herz erbebt, ach Deter⸗ ville! vielleicht ſind Sie nicht lange mehr der Ungluͤcklichſte. Vermag eigenes Mitleid nichts uber Sie, dann laſſen Sie ſich durch die Pflicht der Freund⸗ ſchaft zuruckfuhren, ſie iſt ja die einzige Zuflucht unglucklicher Liebe, und wenn der Kummer, welchen ich entgegen ſehe, mich ganz darnieder beugen ſollte, welche Vorwuͤrfe wuͤrden Sie ſich dann nicht zu machen haben? wenn Sie 224 mich verlaſſen,— wo fände ich Herzen, em⸗ pfaͤnglich für meinen Schmerz? Ihre Groß⸗ muth bisher, die Stärke Ihrer Leidenſchaſten, wuͤrde ſie endlich wohl der unzufriedenen Liebe nachgeben? Nein ich kann es nicht glauben, dieſe Schwaͤche wuͤrde Ihrer unwerth ſein, Sie ſind es nicht fäͤhig, ſich ihr ganz hinzugeben, kommen Sie, mich zu uͤberzeugen, wenn Ihnen Ihr Ruhm und meine Ruhe lieb ſind. 35. Dem Herrn von Deterville zu Maltha. Waren Sie nicht das Edelſte aller Ge⸗ ſchoͤpfe, ſo wuͤrde ich das Gedemuͤthigſte ſein und hätten Sie nicht die menſchlichſte Seele, das theilnehmende Herz, wuͤrden Sie es dann ſein, dem ich das Geſtaͤndniß meiner Be⸗ ſchaͤmung und meiner Verzweiflung machen wuͤrde? aber ach! was bleibt mir noch zu fuͤrch⸗ 225 ten uͤbrig? was habe ich zu ſchonen? fuͤr w iſt Alles verloren! Es iſt nicht mehr der Verluſt meiner Frei⸗ heit, meines Standes und meines Vaterlandes, was ich beklage, auch nicht die Unruhen einer ſchuldloſen Zärtlichkeit, welche mir Thraͤnen entlockt, es iſt vielmehr die Verletzung des feſten Glaubens, und die verachtete Liebe, welche mein Herz zerreißt, ach, Aza iſt untreu! Aza untreu? welch eine Gewalt hat dieſes gefaͤhrliche Wort uͤber meine Seele—. mein Blut erſtarret ein S von Thraͤnen. Durch die Spanier lernte ich mein unglie kennen, aber der letzte Schlag iſt der empfind⸗ lichſte, denn ſie ſind es, die mir Aza's Herz ent⸗ fuͤhrt haben, es iſt ihre grauſame Religion, welche mich ſeinen Blicken unerträglich macht, ſie bil⸗ ligt, ja ſie befiehlt die Untreue, die Falſchheit und die Undankbarkeit, allein ſie gebietet die Liebe des Nächſten. Waͤre ich eine unbekannte Fremde, ſo könnte Aza mich lieben, aber ver⸗ Zilia. 15 226 einigt durch die Bande des Bluts ſoll er mich verlaſſen— mir das Leben rauben, ohne Schaam, Reue und Bedauern. Paͤtte es nur bedurft ihre Religion anzu⸗ nehmen, um das Gut wieder zu erlangen, welches ſie mir geraubt, ſo haͤtte ich, ohne mein Herz durch ihre Grundſaͤtze zu verderben, ſo ſeltſam ſie auch ſind, meinen Verſtand ihren Irrthuͤmern unterworfen. In der Erbitterung meiner Seele forderte ich darin unterrichtet zu werden, meine Thraͤnen fanden aber kein Ge⸗ hoͤr. Ich kann in einer ſo reinen Verbindung nicht aufgenommen werden, ohne die Veran⸗ laſſung, welche mich dazu beſtimmt, aufzuge⸗ ben und auf meine Zaͤrtlichkeit Verzicht zu leiſten, das heißt, mein Daſein zu veraͤndern. Sch geſtehe, daß mich dieſe außerordentliche Strenge eben ſo ſehr ergreift, als ſie mich empoͤrt, ich kann den Geſetzen, welche mich toͤdten, eine gewiſſe Verehrung nicht verſagen, ſteht es aber wohl in meiner Macht ſie anzu⸗ nehmen? und wenn ich es thaͤte, welcher Vor⸗ ——— 227 theil entſtaͤnde mir daraus? Aza liebt mich ja nicht mehr!.„ach, ich ungluͤckliche!!.. Von der Reinheit unſerer Sitten hat Aza nur noch die Ehrfurcht fuͤr die Wahrheit bei⸗ behalten, wovon er einen ſo grauſamen Ge⸗ brauch macht, Verfuͤhrt durch die Reize einer jungen Spanierin, und im Begriff ſich mit ihr zu verbinden, hat er nur deshalb eingewilligt nach Frankreich zu kommen, um ſich der Treue zu entbinden, die er mir gelobt, und um mich nicht laͤnger uber ſeine Geſinnungen in Zweifel zu laſſen, mir meine Freiheit wieder zu geben, welche ich verabſcheue, und um mir das Loben zu rauben! Ach es iſt vergebens, daß er mich mir ſelbſt wieder giebt, mein Herz gehoͤrt ihm und er wird bis zu meinem Tode in leben. Mein Leben gehött ihm 0 nidg en es mir rauhen. wenn er mich nur liebte. 2 Sie kannten mein Ungluͤck, warum entdeckten Sie es mir nur zur Haͤlfte und ließen mir nur Vermuthungen ahnen, melche mich ungerecht 15* 228 gegen Sie machten? Doch weshalb mache ich Ihnen Dieſes zum Verbrechen? Ich haͤtte Sie nicht mit Vorurtheilen erfullt geglaubt, würde meiner ungluͤcklichen Beſtimmung zuvorgekom⸗ men ſein, ſein Opfer meiner Nebenbuhlerin zugefuhrt haben, und wäre jetzt?——— o mein Gott! ſchuͤtze mich fur dieſes ſchreckliche Bild!— Deterville! zu großmuͤthiger Freund! bin ich wohl wuͤrdig gehoͤrt zu werden? Bin ich Ihres Mitleids werth? Vergeſſen Sie meine Ungerechtigkeit und beklagen Sie eine Ungluͤckliche, deren Achtung fuͤr Sie, erhaben uͤber die Schwaͤche fuͤr einen Undankbaren iſt. 36. Dem Herrn von Doterville zu Maltha. Da Sie ſich uͤber mich beklagen, ſo ſind Sie gewiß unbekannt mit dem Zuſtande, aus welchen Celinens grauſame Sorgfalt mich ge⸗ zogen. Wie haͤtte ich Ihnen ſchreiben koͤnnen? — — 229 ich war nicht mehr Herrin meiner Gedanken; waͤre mir nur noch einiges Gefuͤhl geblieben, ſo wuͤrde unſtreitig das Vertrauen zu Ihnen Eins der Erſten geweſen ſein; aber von dem Schatten des Todes umgeben, das Blut in den Adern erſtarret, wußte ich lange nichts vom eigenen Daſein, ich hatte Alles vergeſſen, bis auf mein Ungluͤck! ach Gott! warum mußte auch dieſe gefaͤhrliche Erinnerung in mich er⸗ wachen, indem man mich in's Leben zuruͤck rief. Er iſt abgereiſ't! ich werde ihn nicht wie⸗ derſehn! er fliehet mich und liebt mich nicht mehr, das hat er mir geſagt, fuͤr mich iſt Alles dahin!. Er nimmt eine andere Gat⸗ tin und verlaͤßt mich, die Ehre fordert ihn dazu auf. Wohlan denn, grauſamer Aza! wenn aber die phantaſtiſche Ehe der Europaer Reize fuͤr Dich hat, warum ahneſt Du nicht die Kunſt, welche ihre Begleiterin iſt? Gluͤckliche Franzoͤſin! Dich hintergeht man, doch genießeſt Du lange eine Taͤuſchung, welche 230 jetzt mein ganzes Gluͤck ausmachen wuͤrde, Dich bereitet man vor auf den toͤdtlichen Schlag, welcher mir das Leben koſten wird. Gefaͤhrliche Aufrichtigkeit meiner Nation! Du kannſt alſo aufhoͤren eine Tugend zu ſein? Muth und Feſtigkeit, ihr ſeid alſo, wenn die Gelegenheit es fordert, ein Verbrechen? Du haſt mich in Thraͤnen gebadet zu Dei⸗ nen Fuͤßen geſehen, grauſamer Aza! und Deine Flucht. ſchrecklicher Augenblick! warum raubt dieſe Erinnerung mir nicht das Leben? Haͤtte mein Korper der Anſtrengung des Kummers nicht erlegen, ſo wuͤrde Aza nicht uͤber meine Schwachheit triumphiten. und er wuͤrde nicht allein abgereiſ't ſein. Ich waͤre Dir gefolgt, Undankbarer! ich wuͤrde Dich ſehen, um wenigſtens vor Deinen Augen zu ſterben! Ach Deterville, welche ungluͤckliche Schwaͤche hat Sie von mir entfernt? Sie wuͤrden mich unterſtuͤtzt und was die Verwirrung mei⸗ ner Verzweiflung nicht vermocht, wuͤrde Ihre Ueberredungsgabe erlangt haben. Vielleicht — —,— 231 wäre Aza dann noch hier, aber o Gott! jetzt ſchon in Spanien angelangt, auf den Gipfel des Gluͤcks! unnoͤthige Reue! fruchtloſe Verzweiflung! Kummer uͤberſchuͤtte mich! Verſuchen Sie es nicht, die Schwierigkeiten beſiegen zu wollen, die Sie hindern von Maltha zuruͤck zu kehren. Was wollten Sie auch hier? fliehen Sie eine Ungluͤckliche, welche nicht mehr die Guͤte empfindet, die man ihr beweiſet, der es vielmehr eine Qual iſt, und die nur zu ſiben verlangt! 37. Dem Herrn von Deterville zu Maltha. Ueberzeugen Sie ſich, nur zu großmuͤthiger Freund! daß ich deshalb nicht eher wieder ſchreiben wollte, bis mein Leben geſichert waͤre, ich weniger angegriffen und faͤhiger ſein wuͤrde Ihre Beſorgniſſe zu beruhigen. Ja, ich lebe, die Vorſehung will es, und ich unterwerfe mich ihren Geſetzen. 232 Die ſorgſame Pflege Ihrer liebenswuͤrdigen Schweſter hat mir die Geſundheit wieder ge⸗ geben, wobei die Ruͤckkehr meiner Vernunft ſie unterſtuͤtzt, ſo wie die Gewißheit, daß mein Ungluͤck unabaͤnderlich iſt, auch das ihrige da⸗ zu beigetragen hat. Ich weiß, daß Aza in Spanien angekommen iſt, und ſein Verbrechen vollzogen hat. Mein Kummer iſt nicht erloſchen, aber die Veranlaſſung iſt nicht mehr der Klagen werth; was davon noch in meinem Perzen zuruͤckgeblieben, iſt mehr der Beſorgniß, welche ich Ihnen verurſacht, ſo wie meinem Irrthum—— und der Verirrung meiner Ver⸗ nunft gewidmet. Doch ach! nach dem Maße, wie ſie ſich mir aufklaͤrt, entdecke ich ihr Unvermögen, denn was vermag ſie uͤber eine troſtloſe Seele? Ein uͤbermaͤßiger Kummer giebt uns die Schwaͤche der erſten Jugend zuruͤck. So wie in der Kindheit die Gegenſtände allein Gewalt uͤber uns haben, ſo ſcheint es, als ob das Geſicht der einzige Sinn iſt, welcher in inniger Ver⸗ bindung mit unſerer Seele ſteht. Ach! ich habe darin eine trourige Erfahrung gemacht. Nachdem ich von einer langen und ver⸗ drießlichen Unempfindlichkeit zuruckgekehrt war, worin mich Aza's Abreiſe ſturzte, war der erſte Wunſch, den die Natur mir eingab, der, mich in die Einſamkeit, welche ich Ihrer ſorgſamen Guͤte verdanke, zuruͤck zu ziehen, und nicht ohne Muͤhe konnte ich von Celine die Erlaubniß dazu erhalten. Hier iſt es, wo ich Huͤlfe ge⸗ gen die Verzweiflung finde, welche weder die Welt, noch die Freundſchaft mir haͤtten geben koͤnnen. In dem Hauſe Ihrer Schweſter konn⸗ ten die troͤſtenden Unterhaltungen nicht die Ge⸗ genſtaͤnde beſiegen, welche mich maufpiri den treuloſen Aza darſtellen. Die Thuͤr, durch welche Celine ihn, am Tagg Fhrer Abreiſe und ſeiner Herkunft in mein Zimmde gefuͤhrt, der Stuhl, auf den er ſich ſetzte, die Stelle, wo er mir mein Ungluͤck verkuͤndete, und mir meine Briefe zuruͤckgab, ja ſelbſt ſein verſchwundener Schatten, den ich 234 auf der Wandbekleidung ſich bilden ſah, alles Dieſes ſchlug meinem Herzen tiefe Wunden. Was ich hier ſehe, ruft bloß angenehme Erinnerungen in mir zuruͤck, ſo wie ich ſie beim erſten Anblick empfand; es ſind die Bilder Ihrer Freundſchaft und die Ihrer liebenswuͤr⸗ digen Schweſter. Wenn das Andenken an Aza ſch meiner Seele bemaͤchtigt, ſo iſt es unter denſelben Anſichten, wie ich ihn mir damals dachte, ich glaube ſeine Ankunft zu erwarten und uͤber⸗ laſſe mich dieſer Taͤuſchung. So lange ſie mir angenehm iſt, verlaͤßt ſie mich, dann nehme ich Bucher zur Hand, leſe mit Anſtrengung und unwillkuͤrlich umhuͤllen neue Gedanken die ſchreckliche Gewißheit die mich umgiebt und geben meinem Truͤbſinn zuletzt einige Erleich⸗ terungen. Darf ich es geſtehen? die Suͤßigkeit der Freiheit erſcheint zuweilen meiner Einbildungs⸗ kraft, und ich gebe ihr Gehoͤr, denn umgeben mit angenehmen Gegenſtaͤnden, hat ihr Eigen⸗ —— 235 thuͤmliches Reize, welche ich mich zu genießen zwinge, denn bei dem feſten Glauben zu mir ſelbſt, rechne ich wenig auf meine Vernunft. Ich uͤberlaſſe mich meiner Schwachheit und bekaͤmpfe nur die meines Herzens, indem ich der meines Verſtandes nachgebe. Die Krank⸗ heit der Seele ertraͤgt keine heftigen Mittel! Die Wohlanſtaͤndigkeit dieſer hochmuͤthigen Nation erlaubt vielleicht die Unabhaͤngigkeit und die Einſamkeit in meinen Jahren nicht. So oft Celine zu mir kommt, will ſie mich wenig⸗ ſtens uͤberreden, ſie hat mir aber noch keinen hinreichenden Grund dafuͤr angegeben, um mich meines Unrechts zu uͤberzeugen. Die wahre Wohlanſtändigkeit iſt in meinen Herzen! Es iſt nicht dem Goͤtzenbilde der Tugend, dem ich meine Huldigungen bringe, ſondern der Tugend ſelbſt, ſie werde ich ſtets zum Richter und zum Fuͤhrer meiner Handlungen nehmen, ihr nur widme ich mein Leben, mein Herz und meine Freundſchaft, ach, wann wird ſie ungetheilt und ohne Wiederkehr darin herrſchen? 236 38. Dem Herrn von Deterville zu Maltha. Die Nachricht Ihrer Abreiſe von Maltha und Ihrer Ankunft in Paris erhielt ich beinahe zu gleicher Zeit, ſo ſehr ich mich aber auch auf Ihr Wiederſehen freue, ſo beſiegt Dieſes nicht. den Kummer, welchen der Brief mir verurſachte, den Sie mir bei Ihrer Ankunft ſchrieben. Wie kommt es aber, Deterville, daß, nach⸗ dem Sie es uͤber ſich vermocht hatten, in allen Ihren Briefen, Ihre Gefuͤhle zu verhehlen und mir Gelegenheit gaben zu hoffen, daß ich nicht mehr eine Leidenſchaft zu bekaͤmpfen haͤtte, welche mich betruͤbt, daß Sie ſich mehr denn je Ihrer Heftigkeit uͤberlaſſen? Aus welchem Grunde erkuͤnſtelten Sie denn eine Gleichgultigkeit fuͤr mich, welche Sie im Augenblick ſelbſt widerſprechen? Sie bitten um die Erlaubniß mich zu ſehen, verſichern einen blinden Gehorſam gegen alle meine Wuͤnſche, und ſtrengen ſich dennoch an, mich von den Gefuͤhlen zu uͤberzeugen, die Ihnen am mehr⸗ bee —— — X 237 ſten entgegen ſtehen, die mich beleidigen und ich niemals billigen werde. Weil aber eine falſche Hoffnung Sie ver⸗ fuͤhrt, und Sie von meinem Vertrauen und dem Zuſtand meiner Seele einen Mißbrauch machen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß meine Entſchließun⸗ gen bei weitem unerſchutterlicher, als die Ihri⸗ gen ſind. Schmeicheln Sie ſich nicht vergebens, mei⸗ nem Herzen neue Ketten anzulegen. Mein ge⸗ taͤuſchter Glaube entbindet mich nicht meiner Schwüre, wollte Gott ſie ließen mich den Un⸗ dankbaren vergeſſen,—— vergaͤße ich ihn aber auch, wuͤrde ich treu meiner ſelbſt, nicht meineidig ſein. Der grauſame Aza verlaͤßt ein Gut, das ihm theuer war, ſeine Rechte uͤber mich ſind deshalb nicht weniger heilig. Ich kann von meiner Leidenſchaft geneſen, aber auch keine Andere, als nur fuͤr ihn hegen. Aber alle Gefuͤhle, welche die Freundſchaft einflößt, ſind Ihnen gewidmet, Sie werden ſie mit Nieman⸗ dem theilen, ich bin ſie Ihnen ſchuldig, und 238 gelobe Ihnen treu zu bleiben. Im gleichen Maße ſollen Sie ſich meines Zutrauens und meiner Aufrichtigkeit erfreuen. Eins wie das Andere wird ohne Grenzen ſein⸗ Alle die leb⸗ haften und zarten Gefuͤhle, welche die Liebe in meinem Herzen entwickelt hat, werden ſich zu der Freundſchaft wenden. Mein Bedauern, nicht in Frankreich geboren zu ſein, werde ich Ihnen mit derſelben Freimuͤthigkeit bemerkbar machen, wie meine unuberwindliche Neigung zu Aza und den Wunſch, welchen ich hege, Ihnen, der Sie mir den Vortheil des Denkens verſchafft haben, meine ewige Dankbarkeit zu beweiſen. Wir werden gegenſeitig in unſerer Seele leſen, das Vertrauen giebt der Zeit eben ſo gut Schnelligkeit, wie die Liebe, ja es giebt tauſend Mittel, die Freundſchaft intereſſänt zu machen und die Langeweile zu verſcheuchen. Sie werden mir von Ihren Kuͤnſten und Wiſſenſchaften einige Kenntniſſe ertheilen, und dabei das Vergnugen der Ueberlegenheit genießen⸗ welches ich aber zuruͤck nehme, indem ich in 239 Ihrem Herzen, Ihnen unbewußte Tugenden entwickele. Sie werden meinen Geiſt mit dem ausſchmuͤcken, was ihn angenehm macht, und werden ſich dieſes Geſchaͤftes erfreuen. Sch hingegen werde mich bemuͤhen, Ihnen die ſchulbloſen und einfachen Reize der Freund⸗ ſchaft ängenehm zu machen, mich im Gelingen gluͤcklich fuͤhlen, und indem Celine ihre Zärtlich⸗ keit zwiſchen uns theilt, wird ſie in unſeter Untethaltung den Frohſinn virtteiten welcher leicht darin fehlen könnte. Was bliebe uns dann noch zu wünſchen übrig Fürchten Sie nicht, daß die Einſneit meiner Geſundheit nachtheilig werden könnte, glauben Sie mir, Deterville, ſie kann niemals gefaͤhrlich werden, als durch den Muͤſſiggang ſtets beſchaͤftigt, werde ich mir von Allem, was die Gewohnheit einformiges hat⸗ neue h zu ſchaffen wiſſen. Ohne die Geheimniſſe der Natur zu wollen, iſt die einfache Unterſuchung ihrer Wunder ſchon hinreichend, mit angenehmen Beſchaͤſtigungen unaufhoͤrlich zu wechſeln und ſie zu erneuern. Reicht wohl das Leben hin, ſich eine leichte und intereſſante Kenntniß des Weltgebaͤudes, ſo wie von Allem, was mich umgiebt, und vom eigenen Daſein zu verſchaffen? Die Freude zu leben, dieſes ſo leicht ver⸗ geſſene Vergnugen, ſo vielen blinden menſchli⸗ chen Weſen unbekannt, der ſuße Gedanken, das reine Gluͤck: ich bin, ich lebe und fuͤhle mein Daſein, dies allein könnte ſchon glucklich machen, wenn man ſich deſſen erinnerte, es genöſſe, und den ganzen Werth davon erkennte. Kommen Sie, Deterville, kommen Sie um don mir zu lernen, mit den Hülfsmitteln un⸗ ſeter Seele und den Wohlthaten der Natur hauszuhalten. Leiſten Sie Verzicht auf die un⸗ ruhigen, zerſtörenden und unbegreiflichen Gefuhle unſeres Seyns; kommen Sie, die unſchuldigen und dauernden Freuden kennen zu lernen, und ſich mit mir ihrer zu erfreuen. Sie werden in meinem Herzen, in meiner Freundſchaft und meinen Gefuͤhlen Alles finden, was Sie fuͤr die Liebe entſchaͤdigen kann. Anmerkungen. 1. M des Donners. 2. Eine große Anzahl feiner Schnure verſchiedner Farben, deren die Indianer ſich in Ermangelung von Schreibmaterialien bedienen, ſie beſolden da⸗ mit auch ihre Truppen und zaͤhlen das Volk dar⸗ nach. Einige Schriftſteller behaupten, daß ſie die Schnuͤre auch dazu benutzten, um die wichtigen Handlungen der Ynca's der Nachwelt zu uͤberliefern. 3. In dem Tempel der Sonne waren hundert Thuͤren, welche nur der Ynca öffnen durfte. 4. Aufſeherinnen der Sonnen-Jungfrauen. 5. Namen der regierenden Ynca's. 6. Die Sonnen⸗Jungfrauen kamen gleich nach ihrer Geburt in den Tempel und verließen ihn nur nach ihrer Hochzeit. 7. Bote. 8. Der goͤttliche Schöpfer, maͤchtiger als die Sonne. 9. Indiens Philoſophen. 10. Viracocha war angeſehen wie ein Gott und es galt unter den Indianern fuͤr eine Gewißheit, daß dieſer Ynca im Sterben prophezeiht habe, die Spanier wuͤrden einen ſeiner Nachkommen entthronen. 11. Die Diademe der Ynca's, eine Art Frangen, waren eine Arbeit der Sonnen⸗Jungfrauen. Silia. 16 12. Der regierende Ynca hatte allein das Recht in den Tempel der Sonne zu gehen. 13. Prieſter der Sonne. 14. Die Ynca's waren durch die Geſetze verpflichtet, ihre Schweſter, und wenn ſie Keine hatten, die erſte Prinzeß aus dem Stamme der Ynca's, welche Sonnen⸗Jungfrau war, zu heirathen. 15. Man hatte die feſte ueberzeugung, daß ein Pe⸗ ruaner noch nie eine Unwahrheit geſagt habe. 16. Die Indianer glaubten, daß das Ende der Welt, durch das Herabfallen des Mondes auf die Erde herbeigefuͤhrt wuͤrde. 17. Sie glaubten, daß nach Tode die Seele in unbe⸗ kannte Gegenden verſetzt und daſelbſt nach Ver⸗ dienſt belohnt oder beſtraft wuͤrde. 18. Cazike iſt ſo viel, als etwa Gouverneur einer Provinz. 19. Von der Arzneikunde hatten die Indianer keine Kenntniſſe. 20. Raymi, eins der vorzuͤglichſten Feſte der Sonnez die Ynca's und die Prieſter beteten ſie knieend an. 21. Der große Namen war: Pachacamac; man ſprach ihn nur ſelten und dann mit vieler Ehr⸗ furcht aus. 22. Man kuͤßte das Diadem des Mancocapac, wie die Katholiken die Reliquien ihrer Heiligen. 23. Erſter Geſetzgeber der Indianer. 24. Der Mais iſt eine Pflanze, von welcher die In⸗ dianer ein ſtarkes Getraͤnk bereiten. An Feſttagen bieten ſie es der Sonne dar und bei den Opfern berauſchen ſie ſich damit. Siehe Geſch. d. nca's, 2ter Th. Pag. 15. ——— † 25· 26. 27. 28 29· 30. 31 32. 33. * 34. 35 36. 37. 38. 243 Die Indianer kannten unſere Erdkugel nicht und glaubten, die Sonne beleuchte nur Erde ihrer Kinder. Die Caziken waren den Ynca's zinsbar. Maͤdchen oder Kammerjungfer. Hauptſtadt von Peru. Der Ackerbau in Peru ward allgemein an be⸗ ſtimmten Tagen betrieben, die dann zugleich Feſt⸗ tage waren. Die Caracas waren kleine Fuͤrſten eines Be⸗ zirkes und hatten das Vorrecht, ſich wie die Ynca's kleiden zu duͤrfen. Gewoͤhnliche Namen der Prinzeſſinnen. Namen aller Thiere. Die Betten, Stuͤhle und Tiſche der Ynca's wa⸗ ren von maſſivem Golde. Die jungen Maͤdchen, wenn auch aus koniglichem Blute entſproſſen, hatten eine hohe Achtung fuͤr verheirathete Frauen. Prinzen von Gebluͤt. Es bedurfte einer beſondern Erlaubniß der Ynca's, um Gold auf den Klei⸗ dern zu tragen, ſie erlaubten es nur den koͤnig⸗ lichen Prinzen. Die Caziken und Caracas waren verbunden, den Ynca's und der Koͤnigin ihre Kleider und ihren Unterhalt zu liefern; ſie erſchienen nie vor den⸗ ſelben, ohne ihnen nicht eine Merkwuͤrdigkeit aus der Provinz, die ſie beherrſchten, darzureichen. Der Namen, welchen die Koͤniginnen annehmen, wenn ſie den Thron beſteigen. Die Ynca's ließen eine Art Schauſpiele darſtellen, deren Inhalt die vorzuͤglichſten Handlungen ihrer Vorfahren war. 39. 40 41. B 42 * 43. 44. 45. „ Die Ynca's hatten große Häuſer, zur unentgeld⸗ lichen Aufnahme der Reiſenden, auf den Land⸗ ſtraßen erbauen laſſen. Getraͤnk der Peruaner. Die Ynca's ließen die Götzenbilder der Voͤlker, welche ſich ihnen unterworfen hatten, in den Tempel der Sonne niederlegen, nachdem ſie ſel⸗ bige die Anbetung der Sonne anzunehmen ge⸗ zwungen hatten. Sie beſaßen ſie ſelbſt, weil der Inca Huayna das Götzenbild des Rimac be⸗ freite. Siehe Geſch. der Ynca's 1ter Th. Pag. 350. Die Ynca's ſchmuͤckten ihre Haͤuſer mit goldenen Bildſäulen in allen Großen, ſelbſt mit rieſen⸗ foͤrmigen. Die Ynca's ſetzten ſich nur auf Stuhle von maſ⸗ ſivem Golde. Die Gaͤrten des Tempels und der koͤniglichen Haͤuſer waren mit allen moͤglichen Nachahmun⸗ gen aus Gold und Silber angefuͤllt. Die Perua⸗ ner ahmten, außer dem Mays, womit ſie ganze Felder beſäeten, Alles nach. Die Geſetze ſprachen die Weiber von allen be⸗ ſchwerlichen Arbeiten frei. i 8 9 12 1 15 1 1 1 10 11 8 14 6 17 8 9 . 3 S . * ₰. 1 1* 3 6„ 8—— K