— —e— Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Cdnard Oftmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Leepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:„. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2.— Pf. — — er„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlorene unr defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſen Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. d——————— * —— ———— — —— Schaudergeſchichten. Herausgegeben von Carl Nicolai. Zweites Baͤndchen. Enthaltenb:ꝛ I. Das Teufelsbad. II. Arabella. b Quedlinburg und Leipzig 1818, o ——— Schaudergeſchichten. 6 330 6 „e D. 1 weißs von pielen Her⸗ thien des Hatzgebitges, des bepeutenb⸗ ſen faſt in Porddeutſchgnd, tähl nenn unet den Beighetehneit jmmer noch ſ trhatte, ſind eit⸗ an na⸗ mälden niſeiltn Viele ſ her 2 kra⸗ ditionen ſind gber bis dahin noch nicht„ u öfſentlicher Bekanntmachung gekom⸗ 8 men, und dazu gehört auch das, was wir hier von dem Teufelsbade erzahlen werden, ohne alle Ausſchmuͤckung und Verzierung, nur ſo, wie die alten Berg⸗ und Huͤttenleute Abends nach vollbrach⸗ ter, ſehr muͤhſeliger Arbeit dem hor⸗ chenden, reichen 5 Jugend es vortragen. Wenn man den Weg von Blanken⸗ burg auf Wernigerode, beide am Un⸗ techarz belegen, in kürzeftet⸗ Richtung gehen will, ſo kommt man unfern des uralten Fſters Michteiſtein, welches ſeine Grünbuig dem Kaüster in der Voikmathöhle zů verbankei hat⸗ dürch ein Lüſteres Geyötz, durch welches nur ein Hotzweg fuhrt. Seititts⸗ ſtürzt das Gebirgswaſſer, untetwattz einem gioßet Leich entlaſſen, Wuf wie foge⸗ nannte Münchenmühle durch einen ge⸗ räumigen Felfengang. Ber w⸗ glaubt hier eine beſondere Naturerſchei nung zu ſehen, wie das Waſſer durch vieſen Felſen die große Höhle habe bil⸗ den könnenz die Wahrheit iſt aber die⸗ daß in den erſten Zeiten der Stiftung des Kloſters Michaelſtein die Moͤnche, welche durch Pönitenz beſtraft wurden, an dieſem Durchhoͤhlen des Felſen hauen mußten, um dem Waſſer von oben herab Abzug zu geben. Ein halbes Jahrhundertn ging uͤber den beſchwerli⸗ chen Arbeit hin; jetzt aber war der Duichbruch gefunden, das Herabſtuͤrzen des Waſſers auf die Untergegend wurde von den Kloſtergeiſtlichen in ein be⸗ Fimmtes Berte beſchrankt, und ſchon damals unterwärts dien enWinüh nufgebout. 6½ onig 196 135 tn ſ11 3 p 9175 d Die Gegend. iſt hier, man moͤgte ſagen; lachend⸗wilde Gehtemamn nun weited durch das Bolz, ſa wird der Pfad immer duͤſterer, und von der lin⸗ ken Seite kann man mitunter den ho: hen, dicht bewachſenen Bergruͤcken ſehenz waͤhrend man zur Rechten einen dicht verſchloſſenen Engpaß⸗ unter ſich ſieht; Aus duſterer Waldnacht tritt der er⸗— fahrne Wanderer endlich an einen Abe hang, der uͤber eine Wurzelntreppe ah⸗ ter Baͤume herab zu ſteigen iſt, und die Huͤneckentreppe(Huͤhneichen) genannt wird. Von da kommt man in einen WPark, der ſchoͤner von der Natur ange⸗ legt iſt, als der Gaͤrt⸗ ner 8 S un Srofn c Durch B.—— ine ſich mit eiſem, beſcheidenen Murmeln ein gegen ſeine Strombruͤder. ganz un⸗ vemerktes, aber dem Naturfreunde um ſo wertheres Bächlein, nwelches durch vas klarei Kriſtall des Waſſers das uuſtige Geſpiel der Fiſche zeigt⸗ Dieſes 11 in gewundener Richtung gebildete Fels⸗ 8 thal iſt von beiden Seiten bekraͤnzt mit dicht bewachſenen Bergen, doch iſt die rechte Seite der hohen Gebirge bald nackt und oͤde, nur den Ziegen nahbar, weil es Kalkfelſen ſind, und hinter die⸗ ſen Kalkfelſen ſieht man die Truͤmmer des uralten Schloſſes Heimburg, worun⸗ ter jetzt ein freundliches Dorf liegt⸗ Veroͤdet ſind die Truͤmmer der alten Burg, und kaum die Dieſtel wagt us, hier auf dieſer nackten Hoͤhe ihr Pian⸗ — zu wollen⸗ n e Dieſer Lyalgrunv, das xeufelsbat Se⸗ ſo reizend er am Tage dem Wanderer erſcheint/ iſt in der Daͤmme⸗ rung ſchon gefaͤhrlich zu durchwandern⸗ Noch immer ſagen die Bewohner der benachbarten Gegenden; daß es dort nicht geheuer ſey, und daß der Wild⸗ ſchüt und der Mann im Hemde die Leute truge und ſie in die Wildniß fuͤhre, wenm ſie es wagen, in der Dun⸗ kelheit das Teufelsbad durchſchreiten zu wollen⸗ Auch die jetzigen Bewohner der Gegend finden dieſe ſchoͤne Wild⸗ niß am Abend nicht geheuer, und es⸗ hält oft ſchwer, wenn der Ahend heran⸗ zieht einen Fuͤhrer zu ſinden, der durch dieſes Gebirgsthal fuhrt. Denn wah⸗ vend oben an den nackten Kalkfelſen und auf der andern Seite, nach dem Brocken hin, der Sonnenblick noch huͤngt. iſt es untemnſchon düſter und ſchaurigz der Fußſteig in ſeinem regelloſen Ge⸗ winde verliert ſich, unt man läuft ſehr keicht Gefahr, in Möraſt oder wohlegar in große Teiche zu verirren,voder wenn man etwa glucklicherweiſe einen Ge⸗ bitgspfad fand, auf einet Baumwurzel eine angſtvolle Nacht zu venleben, wa man durch dio wilden Nachtſtürme, durch pus Gewetze der Eber an den Bgum; 10 ſtämmen und durch das breiſchende Ge⸗ ſchrei und Geſchwirr der: Nachtvoͤgel in beklommener, angſtvoller Ruhe wach ge⸗ halten wird,„bis die allerleuchtende Sonne auch dieſet⸗Gegend ſich wieder zu erinnern ſcheint, wenn das Vorland umher ſchon in der Freude des imiin — ſchwelgt. MG 9 Schon ſrüherhin als der S „c. mehr verwachſen war, gab es von dem Teufelsbade gar wunderſame Er⸗ zählungen: daß der wilde Jäger dort einkehre, der nackte Mann dort die Holzſucher necke, daß der alte Berg⸗ geiſt hier ſpuken gehe und die Wande⸗ erer bei Nacht irte fuͤhre in das unnah⸗ bare Geklipp,— dieſe Sagen ſind noch cheute das Nachtgeſpraͤch der Leute am Spinnrocken, und dieſe Traditionen werden natuͤrlich noch abentheuerticher anusgeſchmuͤckt. n 244 Kurz vor dem dreißigjaͤhrigen Kriege, zu der Zeit, wo von Boheim die großen Unruhen ausgingen und in ganz Deutſch⸗ land alle unruhige Köpfe in lebendige Bewegung ſetzten, lebte auf dem Schloſſe Heimburg, welches ſchon einmal in den Ritterzeiten faſt ganz zerſtört worden, der ſtrenge Graf Haldo. Er war ge⸗ fürchtet in der ganzen Gegend als ein hartherziger Mann, der ſeine Vaſallen und ſeine Knechte tyranniſch behandle, und in fruͤhern Zeiten war die Burg Heimburg beruͤchtigt geweſen als eines von wo ab die Streifzuͤge auf der ei⸗ nen Seite bis gegen Goslar, die Kai⸗ an die Oker, und von der andern Seite bis an den Kiffhaͤuſerberg, der den beſchließt, gingen. Haldo putte zwei Soͤhne und der ſchrecklichſten Raubneſter am Harz, ſerſtadt, durch den Schimmerwald bis F— —— 165 Tochter. Bruno war der älteſte, Otto der juͤngere. Luitgard, die Tochter, war ein ſchoͤn herangewachſenes Maͤgd⸗ lein; aber der Vater ſchlug oft ein Kreuz, wenn er die Tochter anſah, denn die Tochter war ihm geblieben, aber die Mutter war in der verhaͤngnißvoll⸗ ſten Zeit der Muͤtter hinüber gegangen. Haldo war fruͤherhin in der ganzen Ge⸗ gend beliebt geweſen als ein gemuͤth⸗ licher Mann. Seit aber ſein Eheweib, welches das Schoͤne und Zarte mit dem Rauhen und Kraͤftigen menſchlich zu verbinden verſtanden. hinuͤber ge⸗ gangen, war er ein Tyrann in der Fa⸗ milie, in der Burg, und untergebene. Bruno, der ſonſt ſo ſanfte Bruno, ſagte jetzt oft zu den Dienern, welche dann die Achſeln zuckten, und unter de⸗ nen er nicht Einem Vertrauen abgewin⸗ 46 nen konite?„Ich bin gut, gewiß, ich pin gbt! Aber es giebt eine Gränze der menſchlichen Natur. Finde ich uber⸗ all Teufel, nun wohl, ſo will ich zu⸗ letzt aus Verzweiflung, oder aus deſpe⸗ rater ein e „Si, tieber Herl erwiederte ihm einſt der alte Diener, der ihn groß ge⸗ pflegt hatte,„ein Penttibſth— 1 S Ibr n „Nur kein Da wahre Gott fuͤr! denn die ſind die fuͤrchter⸗ lichſten.“— Er kreuzigte ſich dabei. Di haſt Recht, Alter!“ erwie⸗ derte der junge Graf.„Der Hausteu⸗ Ifel giebt es ſchon gar zu viel⸗ Ein Waldteufel will ich werden.“ 1 17 „Lieber Herr! welch' ein Be⸗ ginnen!*“ „Das Streben der Kraft gegen die Form, weiter nichts, guter Alter!“ *„Aber bedenkt—“ „Das Hochgericht etwa? Die freie Natur bedenke ich und den Menſchen in der freien Natur, und Strafe ſinne ich denen, welche der freien Natur ſich entwunden haben.“ „Ihr ſcheint mir heute entſetzlich.“ „Eine große Lobrede fuͤr mich!“ „Was wollt Ihr denn eigentlich, ſo zu ſagen, lieber Herr?“ „Was ich will? Nichts! Nur eine 2 ¹18 * chen, ob der Menſch außer der Formen⸗ welt ſich nicht beſſer ausnehme.“ „Das verſtehe ich nicht ſo ei⸗ gentlich.“ „Ich aber glaube die gute Deu⸗ tung davon zu haben. Ich ſage Dir, Alter, eben ſo, wie die ganze Natur ein unaufloͤsbares Räthſel iſt, wird auch der Menſch durch Qual und Sorgen aller Art von der hoch geprieſenen Mut⸗ ter Natur zum Narren gehalten, und geht hinuber, ein Sklav der luſtigen Verfuͤhrung.“ „Und das„hinuͤber“ ſprecht Ihr ſo verachtend aus? O! ich will Meſſen fuͤr Euch leſen laſſen, denn Ihr habt keine Religion mehr, das ſehe ich nun Kleinigkeit. Ich habe Luſt zu verſu⸗ * † 3 — 19 „Mehr wie Du, Alter! das glaube mir. Aber eure verroſtete Formen ge⸗ fallen mir nicht mehr; ich will ſelbſt eine irdiſche Welt mir ſtiften, bis ich auf das ungewiſſe Schiff, nach der Ewigkeit hinuͤber zu ſchwimmen, mich begebe.“ „Entſetzlich! entſetzlich! Ach! ar⸗ mer, armer Herr! kehrt zuruͤck von dieſem Beginnen. Sagt, was treibt Euch dazu?“ „Was mich dazu treibt? DerFluch meines Vaters. Iſt das eine Kleinig⸗ keit? Nicht ein Mal, nein, mehr als funfzig Mal hatte er, laß es Dir er⸗ zaͤhlen, guter Alter, Luitgard, meine Schweſter verflucht; ich war Zeuge und ſchwieg. Ich ſah das Geſicht der zer⸗ knirſchten Schweſter, und ſchwieg den⸗ noch, denn es war der Vater, der da 20 redete. Endlich uͤbermannte mich ge⸗ ſtern das menſchliche Gefuͤhl. Ich ſprang auf, als er ſie wieder die Moörderin ihrer Mutter ſchalt, und als er, da heiße Thraͤnen von ihren Wangen roll⸗ ten, das Meſſer nach ihr warf, ſo daß ſie ſogleich von dem Seſſel nieder ſank. Ich ſah das Blut der zärtlich geliebten Schweſter fließen, und— ich vergaß mich vielleicht. Mein Vater aber war ſehr heftig geworden, und nannte mich einen Baſtard! Da drangten die zür⸗ nenden Geiſter, die Manen meiner Mut⸗ ter auf mich an; und es fehlte wenig, ich waͤre ein Vatermoͤrder geworden. Mein Bruder Otto entfernte ſich auf den Soͤller waͤhrend der ganzen Scene, und als mein Vater ſich wieder ermannt und mich verſtoßen hatte, und ich nun zu dem Bruder ſprechen wollte, da zuckte er die Achſeln.— Fort von der Heimburg! Auf Abentheuer will ich — 3 nun ausgehen und Rache nehmen an dem Menſchengeſchlecht. Denn wenn es in den feinſten Fäden nicht hält, ſo mag es der Teufel holen.“ „Aber lieber Herr! bedenkt, be⸗ denkt! Verſucht den Teufel nicht! Wo wollt Ihr denn zunaͤchſt hin?“ „Zunaͤchſt dort unten in die wilden Schluchten, auf die Schweinehatz.“ „Ach! davon iſt ja das Wolfesholz nicht fern, und wenn Ihr dort ver⸗ weilt, und wir faͤnden Euch nicht wie⸗ der, ſo muͤßten wir es doch das Teu⸗ felsholz nennen, da Ihr den Boͤſen ſo eben eingeladen habt.“ „Nennt es ſo, zu meines Namens Gedächtniß!“ ſprach Graf Bruno jetzt mit verwildertem Blick, reichte dem Al⸗ 22 ten die Hand und ſtieg das Gebirge hinab.— Unterwegs beſann er ſich, ob er auch wohl Recht gethan, das Schloß ſeiner Vaͤter zu verlaſſen. Er raſtete am Abhange der Berge, dort, wo jetzt eine Kalkhuͤtte iſt. In ſchwerem Truͤb⸗ ſinne ſaß er lange Zeit, und erwog Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Nach langem, ſehr langem ſtillen Be⸗ trachten ſagte er endlich halb laut vor ſich hin, und lauter und immer lauter, je lebendiger ſein Gemüth erregt wurde: „Welch' ein Engel von Guͤte war meine Mutter! O! ich will ſie noch malen, als ich ein kleiner Knabe noch war, und ſie vor meines Vaters wildem Zorn mich ſchuͤtzte; ach! ich will ſie malen, als ſie auf dem Sterbebette die Hand auf mein Haupt legte, und leiſe zu mir ſprach:„Werde ſanft, Bruno!“ O, Mutter! Mutter! ich wollte deine 23 letzten Worte erfuͤllen, aber kann ich es? Hat nicht die Geduld auch ihre Graͤn⸗ zen? Mein Vater, den ich ſo gern meinen Vater nennen moͤgte, entehrt Deine reine Tugend, meine Mutter, dadurch, daß er mich einen Baſtard ſchilt, und Luitgard, meine herrliche, ſanfte Schweſter, die er als das ſchwer errungene Pfand Deiner Wiedergeburt betrachten ſollte, behandelt er nichts⸗ wurdig!— Geiſt meiner Mutter! Du ſchwebſt uͤber mir! Ja, ich will zu⸗ ruͤckkehren zu meinem Vater, und ge⸗ horſam ſeyn, ſo lange ich es vermag!“ „Das ſollſt Du nimmer, nimmer!“ ſprach es hinter ihm, und klopfte ihm etwas unſanft auf die Schulter. Bruno ſprang auf. Es war ſein Vater, ſein eigner Vater, der hinter ihm ſtand, und das immer lauter werdende Selbſtge⸗ ſpräch mit angehoͤrt hatte. Graf Haldo 24 war ein eifriger Jaͤger, und das Feuer⸗ gewehr war damals ſchon zu einiger Vollkommenheit gebracht. Er wollte uͤber die Kalkberge in den Forſt gehen, erkannte am Abhange ſeinen Sohn und belauſchte ihn. Die beiden Ruͤden, welche Bruno ſo oft gefuͤttert, ſchmieg⸗ ten ſich an ihn, während Graf Haldo mit verhaltenem Zorn einige Schritte zuruͤcktrat.— So iſt das Thier oft ge⸗ ſelliger, gutmuͤthiger und liebevoller, als der Menſch. N „Mein Vater!“ ſagte Bruno,„Ihr habt gehoͤrt—“ „Alles habe ich gehoͤrt, und mehr noch weiß ich, was Du denkſt.“ S „Was ich denke? Wer könnte das erforſchen moͤgen? In banger Unge⸗ wißheit ſchweife ich umher, und ſinde 25 bei meiner Thatkraft, bei meinem Stre⸗ ben nach Beſchäftigung keinen Ziel⸗ punkt, der mich in dem ausgetretenen Gleiſe halten koͤnnte. O! gebt mir Beſchaͤftigung, Vater!“ „Ich, Dir Beſchaͤftigung? Etwa ſo viele vaͤterliche Schwäche ſoll ich dem Herrn Sohn wohl zeigen, daß ich aus zarter, frommer Taͤndelei vor meinem Tode aus meinem Eigenthum gehe? Ich kenne Dein ſtuͤrmiſches Gemuͤth, und ich werde dafuͤr ſorgen, Schranken davor zu ſetzen, daß mein Name durch Dich nicht geſchaͤndet werde.“ „„Durch mich? Durch mich? Va⸗ ter! Vater! nehmt das Wort zuruͤck! Ich den Namen ſchaͤnden meiner hohen Ahnen?““ „Ich nehme das Wort nicht zurück.⸗ 26 „Gewiß nicht?“ „Unbedingt ſage ich Dir, der Du über die väterliche Gewalt Dich empor⸗ ſchwingen wollteſt, der Du die Pulſe zählſt, welche ich ſo etwa noch zu durch⸗ leben haͤtte, wehe! wehe!“ „Dann iſt es aus mit mir und unſerm Hauſe.“ „Das Letztere iſt meine Sorge. Ich habe die Anſtalten getroffen.“ „Und ich?“ „Du biſt ausgeſtoßen.“ „Ich, der Aelteſte? „Du biſt ſelbſt der Baumeiſter Deines unglucks, und jetzt kein Wort — 27 weiter mit Dir. Sieh, dort unten liegt das wilde Felsthal, und da druͤben das dicht verwachſene Gebirge. Dort ſetze Dein Selbſtgeſpraͤch fort; in meiner Väter Burg werde ich Dich nicht wieder ſehen!“ „Nicht anders, als mit den Waffen oder mit der Pechfackel in der Hand!“ erwiederte Bruno und wandte die Hand ab, weinte ſtill, und ſtieg den Berg⸗ pfad langſam hinab. Unten an dem Gebirgspaſſe begegnete ihm ſein Bru⸗ der Otto, der eben auch mit dem neu zu verſuchenden Feuergewehr auf die Jagd gehen wollte. „Du hier?“ läͤchelte Otto; aber mit welch' einem Lächeln!„Du hier? Wo willſt Du denn hin?“ „Wohin ich will? Auf die Jagd will ich gehen.“ 28 „Ohne Gewehr?“ „Meine Fauſt iſt mein Gewehr, und die wilden Thiere, welche hier un⸗ ten und in dem Wolfesholze hauſen, gehen an mir voruͤber; doch—“ „Nun, doch—2“ „Doch gegen die Menſchen ge⸗ brauche ich jetzt Mordgewehr!“ „Du biſt wohl gar von Sinnen, Bruno?“ „Weil ich Dein Bruder bin, meinſt Du? Es giebt ſo viele Bruͤder in der Welt, die einander als Bruͤder nicht kennen, daß ich mir auch kein Gewiſſen daraus zu machen habe, Dich nicht mehr kennen zu wollen. Gott befohlen bis auf beſſere Zeit! Jetzt gehe ich — 29 den Gang des Zorns, des unaufhali⸗ baren Ingrimms, und wage Du es nicht, mir in meinen Weg zu treten, Du nicht, und Dein Voater nicht! Denn mich hat er ja als Sohn ver⸗ ſtoßen. Sage dem Grafen Haldo, daß ich ſein Geſchlecht beklage, daß ich Luit⸗ gard ſelbſt in meinen Träumen nicht vermiſſen darf, und daß ich den Edel⸗ ſinn nie an ihm vergeſſen werde, wenn er ſelbſt auch nicht edel an mir gehan⸗ delt hat.“ „Du ſprichſt wohl in einer Art von Phantaſte, Bruder Bruno; Du willſt mich wohl lachen machen?“ „Ich Dich lachen machen? Du biſt eine ſo verzerrte Menſchenſigur, daß Dein Lachen eine Satyre auf die ganze Menſchheit ſeyn wuͤrde. Verſtehſt Du, lieber, ſuͤßer, teufliſcher, Du lieber, 30 menſchlicher Bruder, was ich damit ſa⸗ gen will? An dem Hohn und Trotz, der auf Deinem Geſichte liegt, an dem ſchalkhaften Laͤcheln ſehe ich, daß Du es verſtehſt, und ich werde Dich finden, hier oder dort oben, wo es auch ſey.“ „Nun wohl, ſo ſuche mich doch gleich hier, Du Entarteter! Was willſt Du denn eigentlich von mir? Man weiß ja wohl in weitem Runde, daß „Du mit Deinem wilden Weſen der ho⸗ hen Familie der Grafen Heimburg ein Greuel biſt.“ „So? Ich mit meinem wilden Weſen, aber auch mit meinem edlen Stolz, der Familie ein Greuel? Nun, Du ſollſt Recht haben, Otto; prophe⸗ tiſch haſt Du den Greuel mir verkuͤn⸗ det, und Dir ſelbſt Deine Grabſchrift geſchrieben. O! daß es dahin kommen —————— Bruno vor dem Leichnam, druͤckte ihm ( 3* mußte!“ rief er durch den Wiederhall der Berge mit gebrochnem Herzen, mit dem Zeter wildeſter Verzweiflung, und ſtieß den verborgen gehaltenen Dolch in ſeines Bruders Herz. Otto ſank mit den Worten:„Ewiger Fluch Dir, dem Brudermoͤrder!“— Seine Augen⸗ lieder zuckten zum letztenmal, und er verſchied. Mit gefaltenen Händen ſtand dann die Augen zu und legte ſeinen Dolch, der auf dem Schloß Heimburg wohl bekannt ſeyn mogte, auf den Leichnam. Das Feuergewehr nahm er dem Todten ab, lockte auch den Hund an ſich, und zoͤgernden Schrittes ſtieg er nun immer tiefer hinab in das, durch die väterliche, liebloſe Verbannung ihm angewieſene Teufelsbad. Unten ſaß er lange unter dem Ha⸗ ſelgebuͤſch, und dachte uͤber ſein trau⸗ 32 riges Schickſal, welches ihn fuͤr immer nunmehr von der lebendigen, regſamen Welt ausſchied, nach. Der Hund lag an ſeiner Seite, und ſchmiegte ſich an ihn.„Gluͤckſelige Geſchöpfe!“ ſeufzte er, und ſtreichelte dabei dem Hunde, 1„die ihr von der Qual, welche den Menſchen zerfleiſcht, nichts kennet!“— Dem Hund ſchien ſehr zu hungern. In der Abenddaͤmmerung ſetzte ein Haſe durch den Bachgrund; der Hund wit⸗ terte ihn, verfolgte ihn, und brachte ihn, ſo hungrig er war, an Bruno, ſei⸗ nen Herrn.—„Menſchen, Menſchen! nehmt ein Beiſpiel an dieſem Hunde!“ ſeufzte Bruno, und mit ſeinem Laſchen⸗ meſſer weidete er den Haſen aus. Der Hund wurde von dem Eingeweide ge⸗ ſättigt, und Bruno, dem das Roma⸗ neske der Scene beinahe in das Luſtige fiel, und der ein Durchzucken der An⸗ ſchauung, ein zweiter Nimrod zu wer⸗ 33 den, in dieſem Augenblick hatte, enk⸗ haͤutete den Haſen, brach duͤrres Reis von den Bäumen, ſchlug Feuer an, und roͤſtete das Wild uͤber den Kohlen. In dem vaͤterlichen Schloſſe hatte ihm viel⸗ leicht nie eine Mahlzeit ſo wohl ge⸗ ſchmeckt, als dieſe. „Wozu ſoll ich denn,“ ſagte er, als er wohl geſaͤttigt aufſtand von dem magern Mahl,„noch unter den Men⸗ ſchen leben wollen? Dieſer Hund iſt mir treuer, als die Menſchen es mir waren, und er iſt mir ein Warnungs⸗ zeichen, von den Menſchen, mit denen ich nun einmal zerfallen bin, mich zu entfernen. Die Natur giebt jedem Ge⸗ ſchoͤpf ein Obdach; warum ſollte ſie es mir vorenthalten wollen?“ In einer Gebirgsſchlucht bereitete er ſich, als der Abend herangezogen II. 3 34 war und immer duͤſterer es wurde, ein ſicheres Lager von Moos, welches die Natur ſchon lange dem lebensmuͤden Wanderer hier in verſchwenderiſcher Fuͤlle angeboten zu haben ſchien. Luna zog herauf am heitern Firmament, und ſchoͤn, ſchoͤn wie die ewige Nacht, welche im Glanzlicht der Verheißung dem ewi⸗ gen Tage zuerſt ſolgte.—„Aber es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey!“ ſprach Bruno, heraustretend in die Schauder der Nacht.„O!“ ſeufzte er weiter,„wie ſehnt ſich mein ganzes Streben nach Mittheilung, nach Theil⸗ nahme! Haͤtte ich nur irgend Jemand, der das empfindet, was ich empfinde, wir wollten in dieſer wilden Natur ein Reich ſtiften, welches Koͤnigreiche be⸗ neiden ſollten!“ Jetzt hoͤrte er am Dunkel des Ab⸗ grundes ein leiſes Gewimmer von Men⸗ 8 —— 3 35 ſchentönen, und eilte hinab. Es war ein Frauenzimmer, welches, wie man bei dem ſchnellen Wechſel des Mond⸗ lichtes wohl erkennen mogte, nicht un⸗ eben ſchien. Er war der klagenden Stimme nachgegangen, und trat vor ein Geſchoͤpf, welches, von dem Zwei⸗ fellicht des Mondes in den ſchoͤnſten Umriſſen der Natur beſchattet und be⸗ leuchtet, auf den gruͤnen Matten, den einen Arm auf den Lockenkopf geſtutzt, leicht hingeworfen, in nachläſſig,ſchoͤner Form da lag. Bruno wagte es nicht, ſie anzureden; er glaubte einen Geiſt vor ſich zu ſehen, ſo bezauberte ihn der Anblick der Schoͤnen in dieſem unge⸗ wiſſen Helldunkel. n eine Buche im Schlagſchtten des Mondlichts lehnte er ſich, und war der Aufloſung dieſer ſeltſamen Scene erwartend. Die Schoͤne ſchuttelte trau⸗ ernd und ſchweigend einigemal den Kopf; Bruno konnte bemerken, daß Thraͤnen aus ihren Augen im Mond⸗ licht glaͤnzten; er verbarg ſich noch tie⸗ fer in dem Gebuͤſch, und ſchwieg in frommer Ruhe. Jetzt ſtand ſie— das Alles konnte er wahrnehmen— auf, ſtreckte beide Haͤnde hoch zum Himmel empor, kniete dann nieder, und ſang mit einer Stimme, ach! und mit welch' einer Stimme: Was iſt das Leben? Ein Flatterſchein: Der Tod allein nur bleibet ja H Du armer Menſch, der Liebe ſuchet, und doch zuletzt dem Daſeyn fluchet! Was iſt das Leben? Ein Wiberſchein Von ſchlau erſongenen Traͤumerei'n. Der Menſch erwuͤrget die Naturen, und zwecktos ſuchſt Du Himmelsſpuren! Der Menſch war gebor'n ein Engelein; Die ganze Erde, ſie war ja ſein⸗ * 37 Da kommt der Stolz im Flitternkleide, und fort zieht alle Menſchenfreude! Weh mir, daß hier ich geboren bin! Nach oben ſtrebt ſchon lange mein Sinn. Hinauf mein Geiſt! und ſuch' die Spuren Der Ewigkeit in Himmelsfluren. Was iſt das Leben? Ein luſtiger Glanz! Die Wahrheit giebt uns der Todtenkranz. Oft iſt der Tod ein Spiel von geſtern, Und hoͤrt man oft das Volk ihn läſternz Doch ſieht man dem Tod' in das Aug' hinein, So lieſ't man:„Du warſt ſchon immer mein! Ich ließ Dir Luſt und Lebensfreuden; Jetzt mußt Du fort, fuͤr immer ſcheiden!““ Da ergriff es ihn mit unwillkuͤhrlichem Beben, und er trat hinzu zu der Jung⸗ frau, wofuͤr er das feine, zarte Ge⸗ ſchoͤpf erkennen mußte. „Wer biſt Du?“ fragte er mit ſanfter Stimme. Sie war nicht, nach der Art ihres Geſchlechts, mit Schrecken erfuͤllt. Ein weiblicher Heros ſchien ſie zu ſeyn, und „Wer biſt Du?“ gab ſie ihm die Frage zuruͤck. „Ein Unglücklicher!“ ſeufzte er, das Ideal ſeiner Schwaͤrmerei und Traͤu⸗ merei in dem ſchoͤnen, ſtolzen, hoch⸗ herzigen Geſicht anbetend beinahe be⸗ ſchauend. „Dann ſind wir verſchwiſtert“ ſprach ſie ſanft und leiſe, und reichte ihm ab⸗ gewendet die Hand. „So laß uns greunde ſ Un⸗ gluͤckliche! Ich habe Deinen Geſang tief in meinem Herzen verzeichnet.“ See 39 „Was weileſt Du hier? Können wir Freunde ſeyn? Du erſcheinſt mir von edler Geſtalt, und wirſt wohl an den luſtigen Freuden des Lebens Dich noch ergötzen. Ich aber bin eine Elende, die den Tod ſucht und ihn nicht finden kann. Entferne Dich von mir.“ „Ich von Dir mich entfernen? In dieſem Leben nimmer, nimmer! Die erſte Anſprache von Dir hat mich be⸗ zaubert, und nun ich Dich naͤher ſehe, weiche ich nicht von Dir. Läß mich Deinen Schutzgeiſt, Deinen Geleiter in dieſer ſturmbewegten Welt, in dieſer ſturmbewegten Zeit ſeyn. Wenn wir gleich Beide jetzt in einer Wildniß ſind, ſo ſind wir Beide doch gewiß edler und redlicher als viele Menſchen da druͤben.“ „Ich faſſe Vertrauen zu Dir, und neue Hoffnung. Auf Dein ehrliches 1 14 40 Geſicht; zwar iſt es verzerrt, doch die Grundzuͤge ſind gut.“ „Die Verzerrung edler, ſchoͤner Zuͤge kommt von der Bosheit der Men⸗ ſchen.“ „Nun, biſt doch nicht ein Räuber?“ „Noch nicht; aber ich koͤnnte es werden. Ich bin, bei allen Himmeln ſey es geſchworen! ein guter Menſch. Nur eine Erſꝙitnrung vß meine 3ůge. und die iſt?“ „Rachluſt! Rache an den Men⸗ ſchen zu nehmen, welche ſchändlich mich behandelten, und nicht werth ſind, daß man ſe Menſchen nennt, das iſt mein Ziel.“ S— 41 „Rachluſt? Rachluſt gegen die Men⸗ ſchen? Dann bin ich Deine Schwe⸗ ſter!“ rief die Unbekannte und reichte ihm die Hand.„Verſprich mir,“ fuhr ſie fort mit einem ſehr duͤſtern Blick, „daß ich nur Deine Schweſter ſeyn ſoll; gelobe es mir bei allen Goͤttern der Rache, und dann fuͤhre mich in die wildeſte Wildniß; ich werde nicht zagen.“ Blick und Ton waren entſetzlich, und Bruno fuͤhrte, nachdem er es ge⸗ lobt, die Unbekannte weiter. Er brachte ſie in ſeine geraͤumige, unnahbare Hoͤhle; der treue Hund zeigte den Weg durch die duͤſtere Waldung. In der Hoͤhie, oder vielmehr Felſengrotte, welche ge⸗ raͤumig genug war, zuͤndete er Licht an, das heißt, trocknes Kiehnholz ſteckte er brennend in eine Felſenſpalte; und nun beſah er bei dem hellen Fackelſchein die Fremde, welche er beherbergen ſollte, ſich genauer, und ſie betrachtete 63 verſtohlnen Bies „Ich bin hier noch nicht eingerich⸗ tet; dieſe Nacht mußt Du Dich beru⸗ higen mit dem, was Du findeſt, Frem⸗ de!“ ſagte Bruno.„Hier iſt Moos füͤr Dich zum Lager, und zur Speiſe kann ich Dir weiter nichts als Wald⸗ nüſſe und Brombeeren vorſetzen. Mor⸗ gen ſoll ſich das aber ſchon ändern.“ Die Fremde ſah ihn ſtill nei tend an; ſie ſchien dann auf einmal mit ihrem Schickſal verſoͤhnt zu ſeyn,“ und ſprach mit einer verzweifelten Froͤh⸗ lichkeit vor ſich hin:„„Hier alſo erſt ich einen Men finden!“ Sie nahm das kaärgliche Gericht an, und aß auch mit faſt wildem Hun⸗ ger die Reſte des Haſen, welchen Bruno 43 ſich bereitet gehabt. Dann legte ſie ſich ruhig auf das Mooslager und ſchlief, ſehr ermuͤdet, gleich ein. Bruno be⸗ trachtete die Schlafende mit einer, ihm bis jetzt unbekannt geweſenen Sehn⸗ ſucht, lagerte den Hund vor der Grotte, und warf ſich dann auch auf das Moos. Aber er konnte nicht ſchlafen. Der Morgen war ſchon heraufgezogen, 45 er aus ungewiſſem Schlummer erwachte und aufſprang. Die erſten Strahlen der Koͤnigin des Tages drangen in die Felſengrotte, und beleuchteten die Fremde, welche auf dem harten Lager noch ſanft ſchlummerte. Bruno ſtellte ſich betrach⸗ tend vor die Schlafende und uberſchaute all den Liebreiz der ſchoͤnen Beute. „Wie war es moͤglich,“ ſprach er fur ſich,„daß ein ſolches Geſchöpf aus der Welt hinaus geſtoßen werden konnte in die Wildniß? Kann in ſolcher „ Schoͤnheit das Laſter hauſen? Gewiß nicht! Aber die Menſchen mit ihrem kleinlichen Neide haſſen Tugend und Schoͤnheit, und darum wicd das Edle von ihnen ausgeſtoßen. Ich will Dein Beſchuͤtzer ſeyn, Du Ungluͤckliche!“ Bruno ließ ſie ruhen und ging mit dem treuen Hunde in das Holz. Das Feuergewehr, welches er genommen, trug er geladen bei ſich. Waldfruͤchte aller Art ſammelte er, und als er in den Thalgrund jenſeits der erſten Berg⸗ reihe kam, ſtellte*) der Hund. Bruno wurde aufmerkſam, und ſah dicht vor ſich ein Rudel von Rehen. Er legte an, traf, und der getreue Hund ereilte *) Stellen iſt ein Jägerausbruck und be⸗ deutet ſo viel, als: auf das Wild im Lager aufmerkſam machen. 45 das angeſchoſſene Thier. Bruno nahm es auf ſeine Schultern und keyrte faſt freudig, beutebeladen in ſeine Felſen⸗ grotte zuruͤck. Die Fremde war unterdeß ſchon aufgeſtanden und empfing ihn mit einer Freude, welche keine Worte finden konnte, finden wollte. „Hier iſt gut ſeyn, hier laßt uns Huͤtten bauen!“ ſagte er lachend, und die Fremde lachte mit; aber es war ein gezwungenes, verzerrtes Lachen. Betrachtend ſah ſie Bruno heimlich von der Seite an, und ſchien immer mehr und mehr Vertrauen fuͤr ihn zu gewin⸗ nen. Sein Sinn ſchien zu verwildern, in dem Augenblick ſchien er ſich berau⸗ ſchen zu wollen, um die Erinnerung zu vergeſſen, und bitterer Groll brachte den kraͤftigen Lebensmenſchen wohl zu ℳ ziemlich in ſeiner Geſtalt war. phiſche Maͤßigung nicht die Zugel fuhrt. Bruno hatte ein gutes Saͤckel mit Faiſerdukaten bei ſich, und ſprach zu der Fremden:„Bleibe Du hier unter⸗ deſſen; ich will auf den Weg nach Wer⸗ nigerode gehn, meine Kleiduhg auf dem Wege wechſeln, und einkaufen, was wir beduͤrfen.“ Er ging, mit blanken Goldſtuͤcken in der Taſche. Im Wolfesholze, un⸗ fern Wernigerode, fand er Holzhauer. Dieſe Leute hatten bei der ſchweren Ar⸗ beit Rock, Weſte und Muͤtze unter einer Höhe der Spannung, welche U berſpannung da wird, wo die philoſo⸗ eine Eiche gelegt. Bruno ſah dieſe Kleider und ging zu den Arbeitern. „Wollen wir tauſchen mit unſerer“ Kleidung?“ fragte er den einen, der ſo 47 Der Holzhauer ſah ihn an, und betrachtete ſich die ſtattliche Kleidung⸗ Er glaubte, daß Betrug darunter ſtecken nuͤſſe, einen ſolchen Tauſch einzugehen; die andern redeten ihm aber zu, und er tauſchte. Einen blanken Kaiſerthaler erhielt er von Bruno noch zur Zugabe. Bruno tauſchte die Kleidung, gab die ſeinige dem Holzarbeiter, zog deſſen Kittel an, ſuchte äm ausgebrannten Meiler einige Kohlen hervor, färbte ſich damit Bart, Haare und Augenbrannen, und kam unerkannt nach Wernigerode. Er kehrte in dem nächſten Wirthshalſe ein, und hoͤrte, ein armer Geſell, dem Geſpraͤch der Gaͤſte zu. „Graf Haldo von Heimburg iſt auch todt!“ ſprach der Eine, und zuckte die Achſeln. 48 „Mag er dohin fahren!“ ſagte in Anderer;„er verdiente nicht laͤnger zu leben.“ „Aber ſein eigner Sohn Bruno ſoll ön ermordet haben,“ ſprach der Dritte. „Nun, da hat der Sohn Recht gethan. Wenn er nur den andern Bru⸗ der, den Stto, getroffen hätte,“ fuhr wieder Einer fort. „Das hat er gethan! Otto iſt er⸗ mordet von dem Bruno.“ „Nun, dann mag Haldo wieder aufleben!“ lachten ſie Alle zuſammen⸗ „denn dieſer Bube hat die lange Zeit pindurch uns gepreßt und geneckt. Da war Junker Bruno ein ganz onderer Perr. Der wußte mit Menſchen um⸗ * 49 zugehn, und war nicht böſe, wenn man auch etwas Boͤſes ſagte. So et⸗ was ſagt man ſchnell hin, und es ge⸗ reuet einem nachher, die Worte heraus⸗ geſprudelt zu haben; aber es freuet doch, wenn man den Menſchen im Menſchen findet. So war Junker Bruno!“ „Was Ihr da ſchwatzt!“ ſprach ein Jäger von Haldo's Schloß.„Der Graf iſt geſund wie ein Vogel in der Luft; aber, nun freilich—“ „ „Nun was denn?“ riefen ſie alle. „Das iſt wohl wahr, daß Junker Bruno dem Boͤſen ſich ergeben hat, und daß er, wie Kain den Abel, ſeinen Bruder Otto todt geſchlagen hat.“ „Todt geſchlagen?“ rief Einer, und II. 4 50 ſprang auf,„das kann ſeyn, aber nicht wie ein Kain; denn der war ein Meu⸗ chelmoͤrder, als Warnungszeichen fuͤr die Menſchen hingeſtellt. Wenn der Bruno rauh und ungeſtuͤm geweſen, ſo verdient Junker Otto die Verdammung⸗ Denn der war zur Weichlichkeit, zur Falſchheit, zum Weiberprinzen erzogen.“ „Wohl recht!“ ſprach ein Anderer; „Ich weiß es ſehr wohl, daß er eine Edeldirne aus der Gegend von Braun⸗ ſchweig verfuͤhrt und entfuͤhrt hat. Die ganze Familie ſoll daruͤber faſt zu Grunde gegangen ſeyn, und man flucht ihm uͤberall. Ihm iſt Recht geſchehen, mag es auch kommen, von welcher Seite es wolle! Die Fugungen des Himmels ſind gar Bruno wußte nun n Beſcheid, und ging durch die damals noch unbedeu⸗ — 51 tende Stadt, ſich Pulver und Blei, und allerhand Vorraͤthe fuͤr die erſte Noth⸗ durft einzukaufen. Schwer beladen kehrte er in die Herberge zuruͤck, und man wurde aufmerkſam auf ihn. „Haſt ſchwer geladen,“ ſagte ihm der Wirth. „Hab' auch einen weiten Weg,“ erwiederte er,„uͤber das Gebirge nach dem Eichsfelde hin.“ „Das ſöll ein gar gutes Land ſeyn, das Eichsfeld,“ ſprach einer der Gäſte. „Beſſer wie Euer Teufelsbad,“ lachte Bruno. Ein alter Mann ſtand auf von dem Gemeintiſche und ſprach:„Sage nichts von dem Teufelsbad, Geſell, und ſchlage 52 lieber ein Kreuz, wenn Du es nennſt. Wir Alle wiſſen, daß es da drunten nicht geheuer iſt, und Du wirſt auf Deinem Wege es noch zu durchwandern haben. Der boͤſe Geiſt waltet da, und wenn auch Alles noch ſo ſchoͤn gruͤnet und bluhet, ſo wärmen ſich doch Molch und Unke im Sonnenſtrahl. Das iſt ein boͤſes Omen fuͤr die Gegend.“ „Da habt Ihr wohl Recht, guter Freund!“ erwiederte Bruno,„und noch dazu ſoll dieſes Waldneſt jetzt gefährlich ſeyn zu paſſiren, weil der Bruno von der Heimburg, der ſeinen Bruder er⸗ ſchlagen, dort als Freſtsle hauſet.“ Das ligſ Du! das tügſt Du! Bruno von Heimburg wird kein Frei⸗ beuter werden!“ riefen ſie Alle, und es fehlte wenig, daß ſie Bruno e gehalten hätten. 53 „Nu, nu!“ ſagte er,„nur nicht ſo hitzig, Ihr Herren! Ich habe das nur ſo gehoͤrt.“ „Von wem haſt Du das gehoͤrt, Geſell?“ „Je, von wem? Wie kann man denn das Alles behalten, was man hoͤrt, und die Namen der Leute nennen, wenn man auf Reiſen iſt! So viel weiß ich aber in dieſem Augenblick, daß in Mi⸗ chaelſtein, wo ich einkehrte, mir davon erzählt wurde, daß der junge Graf Bruno jetzt die ganze Gegend unſicher mache, um an ſeinem Vater, der nicht redlich an ihm gehandelt, Rache zu uͤben.“ R „Ei, das waͤre!“ riefen ſie Alle. „Ja; ja, ſo iſt es!“ fuhr Bruno,“ 54 nun er der Stimmung ſich bemeiſtert hatte, fort.„Der alte Graf Haldo hat ſeinen Erſtgebornen verſtoßen, und wie ich denn ſo vernommen, ob es wahr ſey, das mag ich nicht verbuͤrgen, um deßwillen, weil der zweite Junker, Otto, des Vaters Liebling war, und bei ihm dem edlen Bruno ein Bein ſchlagen hatte.“ „Nu, nu! den Junker Otto hat ja der Teufel ſchon geholt!“ ſprachen meh⸗ rere Stimmen unter einander,„und der Bruno wird doch wohl wieder ſich empor wft ₰ „Ich glaub' es kaum,“ erwiederte Bruno;„denn man ſpricht davon, er wolle Herr des Teufelsbades werden, um die Wanderer irre zu fuͤhren, und ſie dann gemaͤchlich zu pluͤndern.“ — „Das wird er nicht!“ ſagte ein Dritter.„Das Teufelsbad ſcheint frei⸗ lich angelegt zu ſeyn, den Wanderer irre zu fuͤhren; aber Junker Bruno wird es nicht! Er iſt von hier gebuͤrtig, und wird wiſſen, was er zu beobachten hat, mag er auch mit dem Grafen Haldo in Zwieſpalt, und ſogar wegen des redli⸗ chen Brudermordes geaͤchtet ſeyn!“ „Aber,“ meinte Bruno,„Noth und Rachluſt verführen zu mancher Uebel⸗ that!“ „Das iſt wohl wahr,“ ſprachen die Ar ernz„aber zu dieſer den edlen Jun⸗ ker Bruno gewiß nicht. Hat er doch andere, vornehme Wege genug, ſein Gluck zu verſuchen.“ „Nun, Gott bewahr' euch, liebe Leut, vor den Junker Bruno!“ ſagte 56 er ſcheidend, und eilte fort durch das Geklipp. Das Volk in der Herberge war aufmerkſam auf ihn geworden und auf manches bedeutungsvolle Wort, ſo er geſprochen; aber Niemand wagte es, ihm zu folgen, denn frei geht das Un⸗ gluͤck durch die Welt, und in ehrerbie⸗ tigem Schweigen betrachtete ſich ein Jeder, was aus dem Menſchen werden, wohin er gerathen koͤnne. Einige fluͤ⸗ ſterten zwar leiſe unter einander, daß dies der Junker Bruno ſelbſt geweſen, aber ſie wagten es nicht, die verwegene Rede laut werden zu laſſen. Bruno indeſſen, der unterweges noch gut eingemarktet hatte, kam in einer Art von romantiſch-anziehender Verzweiflung durch das Teufelsbad in 5 ſeine Felsgrotte zuruͤck. Ach! die Na⸗ tur war ſo ſchoͤn, ſo friedlich, ſo ein⸗ ladend, und er durch die Menſchen aus⸗ 57 geſtoßen aus dieſer ſchoͤnen Natur.— „Aber ich will es auch nicht mehr mit den Menſchen, mit der Natur allein will ich es zu thun haben,“ ſprach er, indem er den Felſenpfad hinan ging. Die Fremde, welche er beherbergte, erwartete ihn ſchon vor der Grotte. Ermuͤdet trat er ein, reichte ihr die Hand, und legte ſein Gepäck ab. Lä⸗ chelnd ſetzte ſie ihm eine Satte mit friſcher Milch vor, und reichte ihm außerdem etwas Obſt. Er ſah ſie fra⸗ gend an. „Ich bin unterdeß auch nicht muͤſ⸗ ſig geweſen,“ ſagte ſie laͤchelnd;„ich habe zwei Ziegen fuͤr einen Reichsthaler in Benzingerode gekauft und ſie hieher geleitet. Die Ziegen ſind gut, und ge⸗ ben Nahrung fuͤr uns Beide. Brodt habe ich auch eingeholt von Heimburg, 58 ob ich gleich nicht recht gern dorthin gegangen bin; und ſonach wären wie denn fuͤr das Erſte nothduͤrftig im Stande. Die Wohnung habe ich auch rein gemacht, wie Du ſiehſt.“ „Ich danke Dir!“ erwiederte Bruno und reichte der Fremden die Hand, welche ſie ſchuͤchtern zuruͤckzog;„ich danke Dir fuͤr alle Liebe! Aber kann das ſo bleiben? Wird dieſes wild⸗ro⸗ mantiſche Leben mit dem Winter nicht ein Ende nehmen? In unſern Gegen⸗ den iſt der Winter ein Warnungszeichen, daß der Menſch ſich nicht uͤberhebe.“ „Ganz wohl,“ erwiederte ſie,„daß er ſich nicht uberhebe, um den Früh⸗ ling wieder kommen zu ſehen. Das ängſiliche Blicken in die Zukunft wollen wir den Narren der großen Welt uber⸗ 59 laſſen, und nur fuͤr den Augenblick le⸗ ben, der uns noch vergoͤnnt iſt.“ „Du ſprichſt in kalter, ſchrecklicher— Verzweiflung, Fremde!“ „Ja wohl, Du magſt Recht ha⸗ ben: in Verzweiflung ſpreche ich das. Das Leben iſt doch nur ein Augenblick, und der Tod auch nur einer!“ „Aber oft iſt das Leben ein ſchwe⸗ rer, truͤber Augenblick und der Tod traͤge in ſeinem Schergenamte.“ „Suchſt Du den Tod?“ „Ich erwarte ihn, um ihm die Hand zu bieten.“ „ungluͤckliche! die Geſchichte Dei⸗ nes Lebens muß furchtbar ſeyn; aus 60 allen Deutungen und Aeußerungen ent⸗ nehme ich es. Ich habe Dich noch nicht darum befragt. Doch, wenn Du willſt und darfſt, ſo gieb mir nur eine unge⸗ fahre Kunde von dieſer Verkleidung; denn anders kann ich es nicht nennen.“ Die Freide faltete die Hände, und blickte ſtill vor ſich nieder. Dann ſagte ſie nach einer langen Pauſe, welche Bruno achtete:„Nachher, wenn ich ge⸗ ſammelt habe, den Schneckengang mei⸗ nes Unglücks in ſeinem Anfange wieder aufſuchen zu koͤnnen.“ Sie verwiſchte eine Thraͤne, ſprang auf und beſorgte dann die Wirthſchaft. Es wurde durch ihre Geſchicklichkeit ein einfaches Mahl bereitet, welches ſo wohlſchmeckend war, daß Mancher die leckere Koſt der Städter dabei vergeſſen haben wuͤrde, und als nachher, ſinnend, 61 im Monblicht, Bruno vor der Grotte neben der Fremden ſaß, fing ſie an: „Du haſt begehrt, die Geſchichten meiner fruͤhern Tage zu erfahren; ich bin es Dir und mir ſchuldig, an dem ſchaudervollen Gange meiner Erinne⸗ rung zuruck zu ſteigen zu meinen fruͤ⸗ hern Tagen. O! daß ſie wiederkehren moͤgten, dieſe Tage gluͤckſeliger, ſchuld— loſer, kindlicher Unbefangenheit. Aber der Tod wuͤthet in der phyſiſchen Welt wie in der moraliſchen, den Augenblick der boͤſen Handlung kann kein Gott, keine Kirche vernichten, denn die That liegt da, offenkundig vor dem Welt⸗ gericht.“ „In der Gegend von Braunſchweig, in einer ſchönen Landſchaft am Ufer der Ilme bin ich geboren, das einzige Kind wohlhabender Eltern. Froͤhlich 62 wuchs ich auf in junger Lebensluſt, und wie das Lamm auf der Weide, ſo ſprang ich auch einher, und erging mich in der ſchönen Natur. Mein Vater hatte ei⸗ nen alten Freund, ritterlichen Ranges, und dieſer beſuchte uns oͤfters; in der letzten Zeit brachte er den zweiten Sohn, ſeinen Liebling, mit, und dieſer ſchlich ſich in mein junges, unerfahrnes Herz ein. Warum ſoll ich jetzt noch, wo ich den finſtern Maͤchten verfallen bin, es verhehlen? Der junge Mann gewann, meine Liebe wohl nicht, aber meine Schwachheit, und ich fiel! O! moͤgte doch jedes Mädchen die Warnung von mir annehmen: widerſtehe der erſten Verſuchung der Eitelkeit! Die Folge einer, eigentlich willenloſen Liebe war die Geburt eines Knaben, ſchoͤn wie ein Engel.“— Die Fremde ſchwieg einen Augen⸗ 63 blick; dann fuhr ſie fort:„Ich betrach⸗ tete den Knaben, und ſtieß ihn von mir. Den erſten Schmerzen der Ent⸗ bindung hatte man das zugerechnet, und man verzieh mir. Ich hatte ſchon in dieſem Augenblick große Luſt, den Knaben zu ermorden. Mein Vater trat an mein Lager; er ſagte nichts, und ſein Schweigen, ſein trocknes Auge war mir fuͤrchterlicher, als wenn er geredet, gezuͤrnt haͤtte. Mein Kind zu ermor⸗ den, und dann mich ſelbſt, das war mein Gedanke in wilder Phantaſie, um dadurch unſer Andenken zu vernichten. Ich raffte dieſen Gedanken auf!! ich ſchrieb an den Verführer, und erhielt keine Antwort. Von allen ſuͤßen, ein⸗ ladenden Verſprechungen ſchien er nicht eine erfuͤllen zu wollen.— Mein Vas ter trat mit abgemeſſener Kaͤlte eines Morgens ganz fruͤh zu mir und ſagte: „Ich verreiſe in dieſem Augenblick, 64 meine Tochter. Der Wagen ſteht an⸗ geſchirrt vor der Thuͤr. Wohin ich reiſe, das wirſt Du ahndenz ich will Dich wieder zu Ehren bringen, oder mich ſelbſt opfern.““. „Ich wollte in dieſem kalten, ge⸗ fahrlich drohenden Zorn meinen Vater zuruckhalten, aber er ſtieß mich von ſich, ſah mich mit einem Blick an, in welchem Schmerz und Verachtung im hoͤchſten Grade lagen; einen herzloſen Abſchiedsgruß gab er mir, der Vernich⸗ teten, und dann eilte er fort. Ich hoͤrte den Wagen uͤber das Pflaſter raſ⸗ ſeln; ich ſprang guf, ſah am Fenſter die Staubwolken hinter dem Wagen ſteigen und verſchwinden, und rief in tiefem Schmerzgefuͤhl:„So ſteigt der Menſch und ſchwindet, und dies iſt ein Trauerwagen, der dort hinrollt. Eine duͤſtere Ahndung deutet es mir.““ 65 „Sechs bange, bange Tage harrte ich auf meinen Vater, auf ſeine be⸗ ſchwichtigende Ruͤckkehr. Umſonſt harrte ich, mein Vater kam nicht. Am Abend des ſiebenten Tages— ein Gewitter zog zuͤrnend heran und ſetzte die Men⸗ ſchen umher in ernſte Schuͤchternheit und zwang ihren leichten Uebermuth zu der nothwendigen Achtung vor der uralten Mutter Natur— öffnete ſich das Thor, und der Wagen fuhr ein, eben der Wagen, mit welchem mein Vater hinaus gefahren war. Ich ſprang, ſo ſchwach ich noch mich fuhlte, trotz Blitz, Donner und Regen die hohen Stufen hinab, meinen Vater zu em⸗ pfangen, und fand den Wagen leer! Der Kutſcher ſchuͤttelte truͤben Blickes den Kopf und ſagte mir nur:„Es iſt . mit ihm!“6 „Da ergriff mich eine ſchrecklſche II. 5 66 Ahndung, und nur mit Muͤhe erfuhr ich die Nachricht, welche man mir hatte verbergen wollen, daß mein Pater mei⸗ nen Verfuͤhrer aufgeſucht, in einem Holze mit ihm geſprochen hatte, und daß nach einem ſehr heftigen Wort⸗ wechſel der Streit zu Thätlichkeiten ge⸗ kommen ſey. In dieſem Streite war mein Vater eine Beute des Buben ge⸗ worden, der unſer ganzes Haus ge⸗ ſturzt, und meines Vaters Ermordung war bis jetzt verheimlicht geblieben. Ein lautes: Zeter! rief ich durch das hohe Gebaͤu, eilte die Treppen hinauf, nahm mein Kind, riß das Fenſter auf und warf den Säugling nach dem leeren Wagen hin. Ich habe das Kind ſtur⸗ zen, ich habe es verzucken geſehn, aber ich weinte nicht. O! wenn ich nur hätte weinen koͤnnen! Eine zweite Medea, raſete ich umher, und man brachte mich, die Kindesmoͤrderin, in o7 Gewahrſam. Die nahen Verwandten eilten herzu, das ſchoͤne Beſitzthum zu empfangen, nachdem ſie mich, die naͤchſte Erbin, den Gerichten ausgeliefert haͤt⸗ ten, weil ich dem Geſetz verfallen war. Ich aber gewann nach der wildeſten Verzweiflung eine ſchreckliche Kaͤlte und fand Gelegenheit, mich zu befreien. Das Leben iſt eine Laſt, aber man ſucht es doch zu bergen! So findeſt Du mich denn hier, Du ſonderbarer Menſch!“ „Dein Verfuͤhrer,“ erwiederte hier⸗ auf Bruno ſehr ernſt,„war Otto, zwei⸗ ter Sohn des Grafen von Heimburg, nicht wahr?“ „Woher weißt Du das““ fragte ſie erſchreckt. „Weil ich entfernt von der trauri⸗ gen Geſchichte gehoͤrt habe, und Graf 68 Bruno, der ältere Bruder bin. Du biſt die Kunigunde von Ilſenburg, und Deinen— ich, der Bru⸗ er, ermordet. rächt ich das Schickſal! Wir ſind die der Verfolgung.“ „Laß uns Seer gegen Menſchenhorden, laß uns Rache neh⸗ men, Bruno, fur das, was ſie uns ſtahlen!“ rief Kunigunde, wild empor⸗ ten Gemuͤths, und in einem ſehr bit⸗ tern Zorn. „Rache? ſie iſt eigentlich unedel.“ „Das ſagſt Du hier, in vieſem Geklüft?“ „Koͤnnt' ich nich wieder ausſöhnen mit den Menſchen, ich thaͤte es!“ „Wird der Strom zuruͤckgehen? 60 Muß ich, das Weibn ermuthigen 1 6 u „Wozu? Wozu? Eigentlich weiß ich nicht ſogleich eine Antwort auf dieſe ſonderbare Fragem und gerade in der Lage, in welcher wir Beide ſind, zu finden. Doch jetzt wird es mir deut⸗ lich im Begriff, wozu ich Dich zu er⸗ muthigen habe: als Mann das auszu⸗ fuͤhren, was Du als Mann begonnen.“ „Du haſt Recht, Kunigunde!“ er⸗ wiederte Bruno und ſprang auf;„mag es nun zum Guten oder zum Boͤſen zuhren, mag der Vorhang dereinſt fal⸗ len wie er will, ich will fortfahren, wie ich jetzt angefangen. Moͤgen es die verantworten, die mich dahin brach⸗ ten!“— — 70 Mach einer untuhigen Nacht ſprang er von ſeinem Mooslager auf, wies Kunigunden an, daß ſie den Hund nicht aus der Grotte laſſen ſolle, und machte ſich ſo viel als moͤglich, verkleidet auf, um in den nächſten Brtſchaften, wie er ſagte, die Witterung auszukunden. Nirgends erkannte manbihn, und er wurde dadurch dreiſter. Nun wagte er ſich nach Heimburg ſelbſt, und kehrte auf der oben am Berge gelegenen Her⸗ berge, wo jetzt eine Lohmühle ſteht, ein. Die Stube war der Gaͤſte voll; als reiſender Geſell trat er ein, und wurde nicht erkannt, obſchon er ſelbſt die Anweſenden ſammt und ſonders wohl kannte. Wohlbedaͤchtig entfernte er ſich auf eine Bank im Pintergrunde und hörte dem Geſpräche zu. Erſter Bauer. Das wird mor⸗ gen ein ſaurer Tag werden, das Holz tiof cs dem Förſte zu holen und mit unſerm abgetriebenen Vieh es die Berge hier herauf zu ſchleppen. 6 gweiter. Aber, es muß boh ſeyn. Gtaf Haldo iſt ein gar zu ſtren⸗ ger Mann. Erſter. Laßt uns äber zuſammen anſchirten ünd in einer Reihe fahren; denn in dem Teufelsbabe, welches wir doch durchſchneiden muͤſſen, iſt es durch⸗ aus nicht geheuer 6r Pirth. Nicht geheuer? Ei, ſagt mir davon nichts; es könnte mir die Kundſchaft. verderben. Es iſt doch nur Erſter⸗ Daß Junker Bruno dort hauſe und die ganze Gegend⸗ unſicher 8 macht? Mein, das iſt kein Serede Ich weiß, was ich weiß. Wirth. Nun, was wißt Ihr denn? Redet doch, damit man ſeine Wooßregeln danach nehmen mag. Erſter. Mit einem Wort: es ge⸗ hort jetzt dem Junker Bruno, und er lauert ſeinem Vater darin auf und Al⸗ len, die ihm angehören. Er will Rache 3weiter. Nun, ich hab wohl davon gehoͤrt, aber ich denke, das iſt nur ſo eine Sage. Dritter. Ich habe mit nöch mehr von den Holzhauern erzahlen laſſen. Der Bruno, der den Stto, das wiſſen wir Alle, in gerechter Fehde erſchlagen, hat die ungluͤckliche Kunigunde von der 23 Ilſenburg bei ſich. So kommt bie Rache des Herrn. Wirth. Wo ſoll er denn aber enni hauſen? Dritter. Das weiß man noch nicht, aber man wird es bald erfahren⸗ Wirth. Wodurch denn aber wol⸗ len wir das in dieſen Felſenſchluchten Schrenf Dritter. Wodurch? Das wird ſich bald finden. Ihr habt doch gehött, daß es jetzt von neuem oͤffentlich be⸗ kannt gemacht worden, der Graf Haldo ſetze dem einen Preis von tauſend Gold⸗ ſtuͤcken aus, der ihm den Bruno todt oder lebendig liefere. Wirth. Ihr werdet doch den . Preis micht vebienen Ge⸗ vatter? 10 250 2 Dritter. Warüm nicht? Ich habe, wie Ihr wißt, daheim ſieben hungrige Kinder und ſchlechte Nahrung, und da wird es mid unſer Herrgott wohl perzeihen, denke ich, wenn ich die tauſend Goldſtuͤcke mitnehme. Koͤnnte ich den Brunv auffinden, tobt oder le⸗ bendig ſchleppte ich ihn auf das Schloß⸗ „Verſuche es, Bube!“ rief Bruno aufſpringend, und trat hervor an das pelle Licht. Er nahm einen Theil⸗ ſei⸗ ner Verkleidung ab, und Alle erkann⸗ ten ihn und erſtarrten.„Ich bin Graf Bruno!“ rief er mit donnernder Stim⸗ me,„wer wagt es, mich anzugreifen? Du, Elender dort, iſt das mein Dank? Haſt Du es vergeſſen, daß, ſo lange ich hier war, ich Dich und Deine Fa⸗ 75 milie mit den Erſparniſſen meines Ta⸗ ſchengeldes unterſtuͤtzte, daß ich ſelbſt zur Nachtzeit Dir Brodt und Fleiſch in das Haus brachte, daß ich fuͤr Dich und die Deinigen Arzt und Apotheker bezahlte, als Ihr an einem Fieber krank laget? Schame Dich, Du entmenſchter WMenſch! Wenn man ſolche Menſchen⸗ naturen findet, iſt es da ein Wunder, daß man ſich von ihnen zuruͤckzieht und in tiefer, wilder Einſamkeit gegen ſie grollt? Noch einmal: hier ſtehe ich; wer wagt es, mich anzugreifen, um den Preis von Graf Haldo, den er auf das Haupt ſeines ungluͤcklichen Sohnes ſetzte, verdienen zu wollen?!“ — Er ſprach die letzten Worte mit einer zerknirſchenden Ruͤhrung. Alle ſtanden auf und riefen: Niemand! Nie⸗ mand! und ſie falteten die S und kreuzigten ſich. . 76 * sFür wen betetet ihr?“ fragte Bruno nach einer langen Pauſe, wo die ganze Verſammlung ſtill, andaͤchtig in frommer Ruͤhrung da geſtanden. 6 1 — M Für wen?“ nahm der Wirth das Wort; könnt Ihr das noch fragen, Jun⸗ ker? Ohne alle Verabredung, das ſeht Ihr, beteten wir Alle jetzt für Eure arme Seele.“ 1 „Ich danke euch,“ erwiederte Bruno⸗ „Aber ich will es bei dem Gott der Himmel verantworten, was ich thue, und bedarf eures Gebetes, das ich dank⸗ var erkenne, nicht. Betet bei den Meßgeſangen füͤr die arme Seele mei⸗ nes Vaters, das wird dem Himmel lieber ſeyn. Ich kann und darf nicht beten! Dort oben werde ich mich ver⸗ antworten uͤber mein Thun.“ 77 Er ging fort, ohne daßn es irgend einer gewagt haͤtte, ihm zu folgen⸗ In wild emporter Stimmung ſtuͤrmte er das Gebirg herab, und in hoch auf⸗ loderndem, noch nicht ganz bezeichneten Gefuͤhl erreichte er die Grotte, wo Ku⸗ nigunde ſeiner harrte. Sie hatte wah⸗ rend ſeiner Abweſenheit wieder fuͤr Al⸗ les geſorgt, und es fehlte an den Be⸗ duͤrfniſſen des Lebens an nichts. Mit verſtoͤrtem Geſicht trat er ein, und Ku⸗ nigunde trat verſchuͤchtert in den Hin⸗ tergrund zuruͤck. Der Hund, das treue Thier, ſchmiegte ſich an ihn, und dieſe. Treue ſchien fuͤr den Augenblick ihn mit dem Menſchenleben zu verſoͤhnen, wenigſtens ſeinen ſtill verhaltenen Grimm zu beſchwichtigen. „Was man gefabelt hatte, ſoll nun wahr werden, Kunigunde!“ ſprach er nach langer Zeit des Schweigens.„Fuͤr 78 immer bin ich mit den Menſchen zer⸗ fallen. Ein Preis von tauſend Gold⸗ ſtuͤcken iſt auf mein Haupt geſetzt, und nun will ich der Teufel Teufels⸗ bades ſeyn.“ Fortan ſchwaͤrmte er Tag und Nacht in Verkleidungen umher, hatte bald zwei Koppeln guter Hunde angelockt, und mit reicher Beute, auch mit Gelde reichlich verſehen, kehrte er oftmals heim. Als ihn Kunigunde, welche der ganzen innern Wirthſchaft vorſtand, einſtmals fragte: ob das Geld auch ehrlich gewonnen ſey? erwiederte er hohnlachend:„Sehr ehrlich; denn es iſt unehrlichen Menſchen abgenommen. Be⸗ trug muß durch Betrug geraͤcht wer⸗ den! So ſetzte er die ganze Gegend in Schrecken, und Fremde wahrten ſich 79 vor dem Teufelsbade, wo nach der ſchnell verbreiteten Sage der wilde Jä⸗ ger und die wilde Jagd jetzt hauſen ſolle. Man hatte auch nicht Unrecht; denn Bruno lag immer in dem damals noch ſehr duͤſtern Gehoͤlz mit ſeinen Koppeln im Anſchlage. Mehrere Wild⸗ ſchuͤtzen zog er, bis aus der Gegend von Benneckenſtein, zu ſich heran, und das getroffene und zerlegte Wild wurde in den benachbarten Staͤdten Wernige⸗ rode, Blankenburg, Quedlinburg, und beſonders in Halberſtadt zum Verkauf gebracht. Fuͤr das geloͤſete Geld wur⸗ den wieder Einkäufe aller Art beſorgt, und mit wilden Jagdgenoſſen war Bruno immer wilder geworden und lebte in verzweiflungsvoller Luſtigkeit, während Kunigunde ihre fruͤhere Entſchloſſenheit der Verzweiflung immer mehr ablegte, und immer tiefdenkender wurde. 80 Das Gerucht von den Wildſchuͤtzen im Teufelsbade wurde immer ruchtba⸗ rer, und kam auch dem Grafen Haldo zu Ohren. Dieſer war ein eifriger Jagdliebhaber, und wenn man aus menſchlicher Schönung es ihm auch ver⸗ ſchwieg, daß ſein Sohn als Anfuͤhrer der Wildſchuͤtzen genannt werde, ſo zuͤrnte er doch über dieſe Vetinttächti⸗ gung ſeiner gräflichen Beluſtigung. Eines Morgens, bei gutet Früye ritt er mit einem Diener, wohl bewaff⸗ net, durch ſeine Forſten, und in einem Thalgrunde, tief hinter dem Teufels⸗ bade, an der Gränze ſeiner Waldun⸗ gen, ſah er drei Menſchen, die eben ein feiſtes Edelwild zerlegten. Ihre Gewehre hatten ſie an eine Buche ge⸗ lehnt, und ließen ſich in ihrem Ge⸗ ſchaͤft nicht ſtören. 81 „Was macht ihr da?“ rief der Graf, in großem Zorn heran ſprengend. „Wir zerlegen ein Wild!“ lach⸗ ten ſie. „Wer hat euch die Erlaubniß bazu gegeben?“ fuhr der Graf heftiger fort. „Die Natur!“ erwiederten jene. „Die Gewehre ſind mein!“ rief er, und befahl dem Reitknecht, abzuſteigen, und jene an die Buche gelehnte Ge⸗ wehre mitzunehmen. „Thut das, wenn Ihr es wollt,“ ſagte einer der Wildſchuͤtzen;„aber dann nehmt auch das vierte Gewehr mit, das dort an der Maleiche im Anſchlage liegt.“ Der Graf ſchaute um und ſah I 6 einen Wenn, der das Geſchoß auf ihn hielt, und bei der geringſten Bewegung das Feuerrohr nach ihm wendete. Graf Haldo ſah hin, und hielt ſprachlos an. Der Mann hinter der Maleiche ſprang, das Gewehr in der Hand, hervor, griff dem Pferde des Grafen in den Zuͤgel, und rief, zu ihm hinaufblickend: „Vater! Vater! das hättet Ihr nicht thun ſollen! Dahin habt Shr mich gebracht!“ „Deine Mutter hat mir gelogen, als ſie Dich geboren!“ rief jetzt der alte Graf, und hieb mit dem gezogenen Jagdmeſſer nach dem Arm, der ſein Pferd im Zuͤgel feſthielt. Der Ober⸗ arm blutete, Bruno mußte loslaſſen, und dahin ſprengte der Graf uͤber das Gebirge. Die andern Wildſchutzen eil⸗ ten nach den Gewehren, um nach ihm 83 zu feuern; aber Bruno hielt ſie zuruͤck. „Haltet an!“ ſprach er,„es iſt mein Vater!“ „Dein Vater?“ grinſeten ſie.„Ei, ein vortrefflicher Vater! dem werden wir, wenn Du es auch nicht willſt, doch gelegentlich das Lebenslicht aus⸗ blaſen muͤſſen. Der zerſtoͤrt uns ja unſere ganze Wildbahn!“ Er ſchwieg, ſeufzte, und wand ſein Taſchentuch um den blutenden Arm. Das Blut wurde dadurch geſtillt. Er⸗ mattet kam er zu der Felſengrotte zu⸗ ruͤck. Kunigunde harrte ſein und fiel dem Verwundeten, jetzt zum erſtenmal, in die Arme. Der treue Hund win⸗ ſelte zu ſeinen Fuͤßen.„Hier giebt es noch treue Geſchoͤpfe!“ ſeufzte Bruno, 84 reichte ſeinen Arm hin, und ließ ſich verbinden. * „Wer hat Dir die Wunde geſchla⸗ gen, Bruno?“ fragte leiſe Kunigunde, indem ſie das geronnene Blut abwiſchte. „Ein Vater!“ ſeufzte er, und eine heiße Thräne Kunigundens troͤpfelte auf die Wunde. S „Du gießeſt Balſam hinein, Du Polde!“ ſprach er, mit ſanftem Blick ſich zu ihr wendend.„Dieſe Thraͤne werde ich Dir nimmer vergeſſen.“ „und ich die Wunde weinte ſie iebt laut. „Sey ruhig, Kunigunde,“ troͤſtete er;„ein jeder hat ſeine Erdenſchuld dort oben zu verantworten, und ich SeLh 85 hoffe ruhiger ſterben zu können, als mancher hochgeruͤhmte Mann der Er⸗ denwelt.“ Von dieſer Zeit an war ein naͤhe⸗ res Einverſtaͤndniß zwiſchen Bruno und Kunigunde. Sie liebten ſich beide, ohne es recht eigentlich zu wiſſen. Der Winter zog unterdeß heran mit ſeiner ganzen Strenge, und die Felſengrotte am Teufelsbade wurde zu kalt und gab nicht Schutz genug. Wo nun aber ſich hinwenden? Da fiel dem Bruno das alte Gemaͤuer der Treſeburg ein, und heimlich, ohne Kunigunden etwas da⸗ von zu ſagen, richtete er es mit ſeinen Wildſchuͤtzen in weniger Zeit ein fuͤr den Winter. Dann fuͤhrte er ſie hin⸗ auf durch die Berghohen zu den Rui⸗ nen einer faſt fabelhaften Vorzeit, und zwei nach damaliger Zeit und Sitte ganz bequeme Zimmer waren in Stand 86 geſetzt. Durch Verkleidungen aller Art, durch ſeine Wildſchuͤtzen hatte ſich Bruno Alles zu verſchaffen gewußt, ſo unſicher auch durch ihn und ſeine Seſe die Gegend Vennt war. i dankte ihm herzlich und druͤckte ihm die als ſie das ſah. „Biſt Du nicht beſſer, als mancher große Menſch?“ ſüierte ſie, und. an ſeine Bunſte 1„unglücksſchweſter!“ prach er in ſchneidendem Ton, und riß die von den Menſchen Verlaſſene in dem Entzuͤcken der Verzweiflung an ſich. Dann ſchwieg er wieder, faltete die Haͤnde, ſchuͤttelte den Kopf und ſah ſtarr vor ſich hin. In tiefes, grollendes Schweigen ſchien er lange Zeit verſenkt zu ſeyn, und Funigunde ſtoͤrte ihn nicht. Nach eini⸗ 87 gen Tagen wurde er wieder geſpraͤchi⸗ get, gefälliger, und Kunigunde ahn⸗ dete, was in dieſem verwahrloſeten, ver⸗ ungluͤckten Herzen für ein Aufruhr an⸗ ziehender und widerſtrebender Gewalten ſey. Sie ſagte nichts daruͤber; ihren ruhigen Gang als Wirthſchafterin ging ſie fort, und ſie wußte immer Bruno in Entfernung zu halten, wenn ſein— man moͤgte ſagen— verwirrtes Gefuͤhl ihn zu Erklaͤrungen bringen wollte; ſo ſchwer iyr auch das Entſagen auf einen Mann wurde, den ſie im tieſſten Un⸗ gluck ſo ſchmerzlich leiden ſah. Ungluͤck erweckt in jedem weichen, reizbaren Herzen Theilnahme, Mitleid, und dar⸗ aus entſteht leicht eine Zwittergeſtalt der Liebe. So war es auch hier. Der Winter war in dieſem Jahre zwar ſireng, aber trocken, und das Ge⸗ virge daher mit wenigem Schnee be⸗ deckt. Oft ſtieg Bruno herab in die Bergthaͤler, nicht allein der Jagd we⸗ gen, um Proviant einzuſammeln, ſon⸗ dern auch um mit den Berg⸗ und Huͤt⸗ tenleuten ſich zu unterhalten; denn der 3 Menſch wuͤrde ein Tyger ſfeyn, wenn die Natur nicht den Trieb zur Geſellig⸗ keit in ſeine Bruſt geſenkt haͤtte, den rohen Stoff der Despotie und Grau⸗ ſamkeit dadurch zu mildern. Da ſaß er oft bis tief in die Nacht bei dieſen ärmſten der Menſchen in der Knapp⸗ ſchaftsherberge bei einem Stuͤck Brodt und Waſſer, hörte den Erzählungen zu und ſprach auch wohl mit. In Ge⸗ birgsgegenden iſt der Hauptſitz fabel⸗ hafter Kunden und abentheuerlicher Maͤhrchen der vorubergeſchwebten Jahr⸗ hunderte, und in den langen Winter⸗ abenden erzählten ſich denn auch hier die Gebirgsbewohner unter einander die Kunden der Vorzeit. ———— 89 „Aver,“ fragte eines Abends einer der Knappen den Sprecher, als Bruno eben auch zugegen war,„das Teufels⸗ bad iſt voch ein übler Name. Es liegt nicht gar fern von uns. Woher mag das den Namen— bekommen ha⸗ ben?“ „Das will ich euch ſagen, Kame⸗ raden,“ erwiederte der Sprecher.„Vor ſehr langer Zeit hauſete in der Gegend ein Raubritter, ich glaube, es iſt auf dem Schloſſe Heimburg geweſen, der⸗ die ganze Gegend unſicher gemacht und auf eine gar ſchaͤndliche Weiſe gedruͤckt und gepreßt hat. Raub und Mord ſind ſein Genuß geweſen, und von den Thraͤnen der Wittwen und Waiſen iſt, ſo zu ſagen, ſeine Burg erbaut wor⸗ den. Die Klagen uͤber ſein Unbill find allgemein geworden, und ſogar vor Kaiſers Thron gekommen. Da iſt er 90 vorgefordert vor die hohen Gerichte, ſich zu verantworten, und er hat den kai⸗ ſerlichen Brief zerriſſen mit den Wor⸗ ten:„Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Folge leiſte; das Thal da unten ſchuͤtzt mich auf Kind und Kindeskind.“ Der Abgeſandte iſt ein Prieſter gewe⸗ ſen, hat ſich gekreuzigt und geſprochen: „Nun ſo wird Dich auch der Teufel ho⸗ len!“ und damit hat er den Bann aus⸗ geſprochen uͤber den Raubritter. Die⸗ ſer hat gelacht, und nur das heilige Gewand geachtet, ſonſt hätte er den Frommen in ſeinem Zorn zermalmt⸗ Kurz darauf hat er mit ſeinen luſtigen Brüdern eine wilde Sauhatz in dieſem Thalgrunde gehabt, und da iſt ein Eber, den er hat aufſpießen wollen, auf ihn los gedrungen, und hat ihn zerhauen, daß man die Eingeweide weithin gefunden hat. Die Doggen ſind ſcheu zuruck gekrochen, und haben —————————————————— 91 ſich in dem Gehoͤlz verborgen gehalten. Der Eber iſt verſchwunden, man weiß ſelbſt nicht wie, und urploͤtzlich iſt ein Gewitter herangezogen, und ein Blitz⸗ ſtrahl hat den Leichnam des Grafen in alle Luͤfte zerſtreut.“ „Ei, ei, das iſt doch grauſig!“ ſagte ein Anderer;„wenn das nur nicht ein Fluch auf die ganze Familie der Nachkommenſchaft iſt! denn es ſiehet doch geſchrieben: er wird dich ſtrafen in das hundertſte und tauſendſte Glied.“ „Nun, etwas davon verſpuͤren wir ſchon,“ hub der Sprecher an;„denn Graf Haldo von der Heimburg hat doch großes Ungluͤck gehabt mit ſeinen beiden Soͤhnen. Das Fräulein iſt, wie wir wiſſen, durch Gebet Erbarmen fur die Familie zu ſuchen, eingekleidet, und wandert bald zu dem heiligen Grabe. Gott gebe ihr Stan unb Troſt, und Hoffnung!“ „Aber“ hub jetzt ein ruͤſtiger Waid⸗ mann an,„das Teufelsbad iſt jetzt des verſtoßenen jungen Graf Bruno Eigenthum.“ S „Das weiß ich wohl, das wiſſen wir Alle,“ ſagte der Sprecher klugen Sinnes,„und es wird auch, wie ich mir ſo denke, den Namen mit i That gewinnen.“ Bruno bezahlte ſeine geringe Zeche, gab den Abſchiedsgruß und entfernte ſich. Niemand folgte ihm. „Wißt ihr wohl, wer das war?“ ſagte der Sprecher mit wichtiger Amts⸗ miene.„Nun, ich ſehe wohl, ihr wißt nicht, wie das Alles zugeht in der ——————— 93 Welt. Der Mann, der da im Hinter⸗ grunde ſaß, war kein anderer, als Graf Bruno ſelbſt, den ich den Herrn des Teufelsbades nannte. Ich fuͤhrte die Rede abſichtlich auf dieſe traurige Geſchichte, um ihn geſpraͤchig zu ma⸗ chen; aber ich ſehe nun wohl, er iſt entſchloſſen. Von uns darf ihn keiner anfahen dürfen, denn er iſt ein guter Menſch, aber im Ungluͤcksſtern geboren. Laßt ihn rauben! er raubt Wild und boͤſe Menſchen; wir ſind alſo vor ihm ſicher.“ Bruno kam zuruͤck auf die Treſe⸗ burg, war verſtimmt und ſagte Kuni⸗ gunden nicht, was er wahrgenommen; doch ging ihm das Prognoſticon, wo⸗ von er gehoͤrt, daß die Herren der Heimburg bis zu dem letzten Gliede verfolgt werden wuͤrden von dem Fa⸗ tum, ſchwer im Kopfe herum. In 94 duͤſterm, truͤben Sinne ſah er den Fruͤhling in ſeiner heitern Pracht heran⸗ ziehn.— Kunigunde ſelbſt, die unter⸗ deß auch Wanderungen gemacht hatte, um in den Kloſterkirchen der Umge⸗ gend ſich Troͤſtung und Hoffnung in bruͤnſtigem Gebet der Verzeihung von dem Großen, Verzeihenden zu erflehen, ſprach zu ihm in ſchonenden Worten, daß er, bei der neu aufſproſſenden Natur nun das Teufelsbad und die Grotte, hoch am Gebirge, wieder ziehen moͤge. Brun, mit der Allgewalt aller Himmel hingezogen zu dem heimath⸗ lichen Boden, that es, und ſprach zu Kunigunde, indem er die Treſeburg mit ihr verließ:„Moͤgte dieſer Som⸗ mer doch mein Winter, mein ewiger Winter ſeyn und werden!“ 1 55 6 Und alſo ward es! Zu Ende des Mai ging Bruno, von ſeinem treuen Hunde begleitet, allein mit der Buͤchſe im Abendſchauer durch das Teufelsbad, ein Wild aufzuſuchen und aufzufangen, obſchon Graf Haldo, Jagdherr des Teufelsbades, ungeheure Prämien auf das Einfangen eines Wilddiebes aus⸗ geſtellt hatte, und obſchon er wußte, daß Graf Haldo ſelbſt die Reviere durchritt. Bruno wollte eben mit ſeinem treuen Hunde einen aufgeſuchten Keu⸗ ler verfolgen, als das peranziehende Gewitter zu drohend wurde. Er rief den Hund an ſich und barg ſich unter einem Felſen. Das Gewitter ſchlug ein unter eine Buche, und die Natur ſchien befriedigt zu ſeyn. Bruno eilte hin zu der Gewitterſtelle, und fand ſeinen Vater, der hier den Sohn hatte aufſuchen wollen, vom er⸗ itugin⸗ „So ſind Deine v Va⸗ ter im Himmel?!“ ſprach er, ohne Thraͤne in dem blaſſen Geſicht, warf ſein Gewehr hin und kehrte heim zu Kunigunden. Sie hatte einen ſchweren Traum gehabt und weinte, als er ver⸗ ſtörten Geſichts ankam. „Es iſt aus mit uns, aus mit der Schöpfung!“ rief er ganz verduͤſtert. Mun dann mit mir auch!“ lachte er in trillerndem der Ver⸗ zweiflung. „Laß uns ſcheiden!“ weinte ſie, 3 als er erzählt hatte. „Wohin willſt Du, unglücksge⸗ borne?“ fragte er dann. 97 „Wohin? In den Tod!“ „Ich auch! Nun wohl! Dort oben ſehen wir uns wieder!“ So ſchieden ſie. Bruno ging zu den Schwärmereien des Morgenlandes gen Palaͤſtina und kam nicht wieder; und Kunigunde ging in ein Kloſter der Urſulinerinnen und leiſtete Profeß. ———— (Bruchſtuͤck aus dem Tagebuche eines Reiſenden.) Auf dem Wege nach Bern verirrte ich mich am Abend. Mein Füͤhrer ſelbſt rieth, daß wir in der naͤchſten, beſten Menſchenwohnung Schutz ſuchen mög⸗ ten; denn furchtbare Blitze durchzuck⸗ ten das Dunkel, und der Donner rollte die Gebirge entlang.„Das haͤtte nun freilich nichts zu ſagen, als wie ich meine, das liebe Himmelswetter, denn wer ſterben ſoll, den ſfindet der Tod überall; aber die Nacht iſt keines Men⸗ 102 ſchen Freund, und wenn wir zu ſehr rechts von der Straße abgerathen, kommen wir in Moor, und uͤber den Dammweg fort in den großen See; links aber iſt der duͤſtere Wald, wo die wilde Jagd zieht, und wo es ganz und gar nicht geheuer iſt.“ „Aber wohin willſt Du mich denn eigentlich fuhren, naͤrriſcher Menſch,“ ſagte ich, immer noch luſtiger Laune, „wenn Du nicht rechts Lih links weißt?“ „Wohin, lieber Herr?“ hoͤrte ich ihn reden in dem Duͤſter der Gewitter⸗ nacht, denn ſehen konnte ich ihn nicht. „Ich denke wir werden auf dieſem Wege zu der Pfarre am See, wie wir hier ſie nennen, kommen, und der Pfarrer iſt ein gar guter, lieber, alter Mann, der gern verirrten Reiſenden Quartier — 103 giebt. Ich habe ſchon manchen in dunkler Nacht zu ihm gefuͤhrt, und, ein frommer Diener ſeines Herrn, hat er gern aufſchließen laſſen. Ja, es iſt richtig; wir ſind auf dem rechten Wege. Hören Sie dort her das Hundegebell, und ſehen Sie den Lichtſchein? Gleich⸗ ſam, kommt es mir vor, als wenn das Licht hingeſtellt ſey, dem verirrten Wanderer den Weg zu dem guren Pfarrer zu zeigen⸗ Nun wollen wip friſch darauf losſteuern.“ „Aber,“ fragte ich,„iſt der Pfar⸗ rer denn auch gefällig, mindeſtens für dieſe Nacht wohl mir gefaͤllig?“ B „Er und nicht gefällig! Wo den⸗ ken Sie hin, Herr!“ fuhr mein alter Fuͤhrer fort.„Was er nur hat, theilt er mit Ihnen, das ſollen Sie ſehen⸗ und dabei ſpricht er wie ein Buch, und man geht immer beruhigt von ihm. Die Fremden, denen er Herberge giebt, habe ich nie weiter fuͤhren duͤrfen. Er hat ihnen immer ſelbſt durch den Thal⸗ grund den Weg gezeigt, und ſie ſind immer gern wieder bei ihm einge⸗ kehrt.“ 26 Er redete noch mehr zu dem Ruhme des Pfarrers, und ſo kamen wir bei der einſam gelegenen Pfarrwohnung, was in der Schweiz nicht ganz ſelten iſt, an. Der Klingelzug der Pforte war leicht zu finden, und ich ſchellte. Gleich darauf offnete eine alte Magd die Pforte, erkannte meinen Fuͤhrer bei der Leuchte, und begrußte mich mit den freundlichen Worten:„Seyn Sie uns herzlich wilkommen, lieber Berr! Sie koͤnnen nicht weiter, aber unſer Herr wird Sie gewiß wohl nehmen.“ 9 6c ſah nun wohl, daß ich in einem Harſſe der Befreündung ſey, be⸗ zahlte meinen Führer, wie oft kein Fürſt bezahlt, und trat in das Pfarr⸗ haus. Ein einfaches, prunkloſes, aber ſehr reinliches Gebaͤude. Die Fuͤhrerin öffnete mir die Thür einer Stube, und vor mir ſtand, von Buͤchern und Pa⸗ pieren umgeben, ein ſehr ehrwürdiger Greis, der mir, dem Unbekannten, die Hand reichte. „Mein Führer“ ſagte ich,„hat mir die Zuſicherung gegeben, daß ich es wagen duͤrfte—“* „Reden Sie nicht aus,“ unter⸗ prach mich der herrliche Greis;„Liebe iſt des Menſchen erſte Pflicht, der Be⸗ ruf der Natur, der Befehl der Reli⸗ gion. O! daß doch alle Menſchen die Gaſtfreundſchaft, welche den Menſchen „ 106 mit dem Menſchen verbindet, als das erſte Zeichen der Chriſtenliebe annehmen mögten! Die voruber gegangenen Na⸗ tionen hatten darin einen richtigern und gluͤcklicher treffenden Blick, als un⸗ ſere entartete Zeit, wo man vergebens ſich bemuͤht, den Menſchen Liebe, Sanftmuth, Demuth⸗ Gehorſam zuzi reden.“ 5 Ich wußte nicht, was ich eigent⸗ lich hierauf ſagen und antworten ſollte; ſo viel aber wußte ich, daß der Pfar⸗ rer in ſeinem hohen Sinne, den er mir angedeutet, mein ganzes Weſen ergriffen hatte. Er uͤberſchaute ſtill betrachtend, ernſt, ſehr ernſt meine ganze Geſtalt; ſchweigend ſah er mir in das Auge mit einem pruͤfenden Blick, den ich den Blick der Zerknir⸗ ſchung nennen moͤgte, und dann fuͤhrte er mich in das Fenſter. Fernher zuck⸗ 8*. 7 ten nur noch die Blitze, und die Na⸗ tur ſchien ausgeſohnt zu ſeyn mit den Himmelsmächten. Das Zucken der Blitze von fern her gab in Augenblicken eine ſchoͤne Beleuchtung, und das ent⸗ fernte Grollen des ſpaͤthin nachfolgen⸗ den Donners, einen tragiſch⸗ romanti⸗ ſchen Schwung. „Eine große Natur waltet hier!“ ſprach ich, alle Umgebung vergeſſend und in ſtille Betrachtung vertieft. „Groß iſt die Natur,“ erwiederte der Pfarrer, der ſich neben mich in den Fenſterbogen geſtellt hatte;„aber finden Sie dieſe große Natur auch ſchoͤn „Ich denke mir,“ wandte ich mich zu ihm,„wo das Große der Natur waltet, da muß unausbleiblich das 103 Schöne folgen; denn das Schöne iſt ein Tochterkind des Großen.“ „und welche wäre denn die Toch⸗ ter ſelbſt des Großen?— Wir kommen nun einmal in dieſem ſonderbaren Mo⸗ ment auf dieſes ſonderbare Kapitel.— Wer die erſte, naͤchſte Tochter iſt? Die Rohheit. Aus ihr entſpringt nach den verſchiedenen Abreibungen des Lebens das Gefuͤhl fuͤr das Schoͤne, und dann das Schoͤne ſelbſt in plaſtiſchem Aus⸗ druck ſowol, als uͤberhaupt in allen dar⸗ ſtellenden Kuͤnſten. Der Kuͤnſtler, der mit keckem Willen hineingreift in die uralten Regeln der Kunſt, mag er Maler, Bildhauer, Dichter ſeyn, über⸗ lebt ſein Zeitalter; denn das Große iſt ſeit Aeonen immer daſſelbe geblie⸗ ben, und daß es ſo geblieben, beſta⸗ tigt die Wahrheit fuͤr die Urgeſchichte, für das urgefuhl. Laſſen Sie jetzt X * ———— 109 einen Homer auftreten; wuͤrde er der wandelbaren Laune des augenblicklichen Publikums gefallen? Laſſen Sie einen Phidias, einen Apelles auftreten; wird man nicht die hochgefaͤrbten Spektakel⸗ ſtuͤcke ihnen vorziehen, da, wo jene großen Maler und Zeichner in aller äſthetiſcher Kunſt, der Bildung ih⸗ res Jahrhunderts gewiß, durch ſanfte Farben, in die Beſchei⸗ denheit gehullt, den Menſchen dar⸗ an mahnten, daß er die Graͤnzen menſch⸗ licher Natur nicht überſpringen ſolle 2“ „Sie ſind ein Mann von hohen, leider! wahren Anſichten,“ erwiederte ich, und war in einiger Verlegenheit. Auch er, ſo ernſt und beſonnen und ge⸗ meſſen er war, ſchien nicht ganz ohne Verlegenheit, wenigſtens ohne Beſorg⸗ niß zu ſeyn.— Er ſchwieg nun, und beobachtete mich immer noch ſtill. Et⸗ 110 was Verdächtiges ſchien mir in ſeinem Blicke zu liegen, ſo gaſtfreundlich der herrliche Mann auch war. Das Abendeſſen wurde aufgetra⸗ gen, und es erſchien fuͤr das dritte Couvert ein Weib, ſchoͤn wie ein En⸗ gel, aber zerſtörten Geſichts. Die Mahlzeit ging ſtill voruͤber. Kein Wort hoͤrte ich von der weiblichen Se ſtalt. Nach dem Eſſen entfernte ſie ſich, und der Pfarrer druͤckte ihr vor⸗ her ſchweigend die Hand, mit einem Blick— ach! mit einem Blick, als wenn er ihr ſeinen Segen, den Segen aller Himmel geben wolle. Ich ſaß neben ihm am Fenſter, als Luna in feierlicher Pracht uͤber dem Gebirge heraufzog, und jetzt, wo die Natur beſchwichtigt zu ſeyn ſchien, alles gewaltige, innere Streben der ———— —— TFIF Krafte mit dem großen, äußern Wir⸗ ken ſich verſoͤhnt haben mogte, fragte ich den Greis: das Ihre Toch⸗ terz“ „Meine angenommene Tochter!“ erwiederte er, und ich reichte ihm die Hand. „Sie haben ſich einer Unglucklichen angenommen,“ fuhr ich fort,„die von den Menſchen ausgeſtoßen wurde, weil ſie Menſch war. Wehe dem, der nicht ein eiſernes Herz jetzt in die Welt mitbringt! Aber darf ich die Geſchichte der angenommenen Tochter wohl er⸗ fahren?“ „Sie iſt fur dieſen duͤſtern Abend wohl zu ſagte der 6. rer abwendend. LI2 „Ich, was mich betrifft,“ entgeg⸗ nete ich,„fuͤhle mich(einem Diener der Religion mag ich es wohl geſtehen) zu edel, und habe zu hohes Vertrauen, als daß die ſanfte, ſtille Ruͤhrung des Herzens bei mir in Schauder uber⸗ gehen koͤnnte. Auch das Schrecklichſte kann ich ſehen und hören, weil ich meines frommen Vertrauens mir be⸗ wußt bin.“ „Ich erkenne meinen Mann,“ er⸗ wieberte der Pfarrer.„Sie gefallen mir in Ihren ernſten, halb duͤſtern An⸗ ſichten der Welt. Setzen Sie ſb. Ich will Ihnen die Geſchichte von Ara⸗ bella erzählen.“ „Arabella iſt eigentlich hirnverruͤckt, oder, wenn Sie es ſo nennen wollen, wahnſinnig. Aus chriſtlichem Mitleid und aus pſychologiſcher Schwachheit 113 habe ich ſie bei mir aufgenommen, um ein Menſchenleben der Menſchenwelt wieder herzuſtellen. Aber es wird mir ſchwerlich gelingen.“ „Arabella“ fuhr der Pfarrer nach einer Paufe fort,„iſt die Tochter eines wohlhabenden Beamten aus hieſiger Gegend; wenigſtens war er damals wohlhabend. Sie bekam eine gute Er⸗ ziehung, ſchwärmte beſonders bald und ſanft in den hoͤhern Regionen der Mu⸗ ſik, und da ich ſelbſt in fruͤhern Jah⸗ ren, ehe das herannahende Alter nach der Harmonie der Sphaͤren mich lau⸗ ſchen ließ, ein leidenſchaftlicher Freund der Muſik war, ſo machte mich Ara⸗ bellens vorherrſchendes Talent dazu, und ihre Luſt, ihr Zartſinn, ihr feines Gefuͤhl immer mehr und mehr auf das vierzehnjaͤhrige Mädchen aufmerkſam. Ehe ſie zum Tiſch des Herrn ging, 4.. 8 tung ſind. Oft habe ich mit ſtiller, gion nicht ehrt, den ſchuͤtzt der Him⸗ 114 genoß ſie den Vorbereitungsunterricht der Lehren unſerer Religion bei mir, und wenn ich auch wohl kein Redner bin, ſo glaube ich bei dieſen Vorträ⸗ gen doch zu dem Herzen der Jugend zu ſprechen, da meine Worte aus ei⸗ nem vollen, gewiß liebevollen Herzen kommen, und alſo Worte der Wahr⸗ heit meiner Anſchauung und Betrach⸗ verhaltener Wehmuth, um die Kinder nicht in Furcht hinaus zu ſenden in eine gefahrvolle, ungluͤckſchwangere „Welt, ihnen geſagt:„Wer die Reli⸗ mel nicht! Es kommen ſehr oft in dem Menſchenleben Zeitpunkte, wo uns Alles, Alles verläßt, und wo nur die Religion allein unſer Herz wieder er⸗ waͤrmen kann! Erfreuet euch des Le⸗ bens, Kinder; denn der gute Gott kann den Menſchen nicht zur Qual 1 —,—— ——— 115 ſeiner ſelbſt geſchaffen haben; aber die Religion ſey fortan immer euer Lehrer, euer warnender, troͤſtender Fuͤhrer, jetzt, wo mein unmittelbares Lehramt fuͤr euch aufhoͤrt.““ „So ſprach ich oft in dieſem Tone zu den Kindern, und ich habe gottlob! ſchon manche Freude an meinen Zoͤg⸗ lingen erlebt. Auf Arabella hatte ich ein beſonderes Augenmerk gerichtet, weil das ſanfte, fuͤr alle guten Ein⸗ druͤcke empfaͤngliche Kind mit dem vol⸗ len, uͤberſtroͤmenden Herzen mir ſehr, recht ſehr werth geworden war. Sie war oft wochenlang bei mir, und ich gab ihr nicht allein mit den andern Confirmanden zuſammen, ſondern auch noch beſonders in der Religion Unter⸗ richt. Faſt waͤre ich zu weit darin gegangen, und haͤtte ſie ſchon in jun⸗ gen Jahren zu einer religioͤſen Schwaͤr⸗ 116 merin, zu einer Froͤmmlerin gebildet. Ihre Gemoͤthlichkeit war zu zart, zu leicht beruͤhrbar. Ich lenkte daher um, und ſtrebte, eine feſte, dauernde, den Verſuchungen des Lebens trotzende Mo⸗ ral in dieſes allzu weiche Herz zu legen.“ „Als ich ſie einſegnete, als ſie am Altare kniete, und ich gewiſſermaßen Abſchied von ihr nahin, die Fremde einer fremden Welt nun zu uͤberlaſſen, weinte ſie nicht, wie wohl manche An⸗ dere; denn die tiefſte Ruͤhrung hat, glaube ich, keine Thraͤnen, und die tiefſte Ruͤhrung bemerkte ich auf die⸗ ſem, ſonſt ſo ruhig⸗ſanften, und bei jenem Akt ſo verſtoͤrten, faſt moͤgte ich ſagen, wilden Geſichte.“ „Arabella, muß ich Ihnen bemer⸗ ken, mein Herr, hatte um dieſe Zeit „ — „ 117 einen ſtillen Gram, den ſie Niemanbem entdecken konnte und wollte; allein, ich durchſchaute ihr Gemuͤth und gewann bei dieſer Zartheit des Gefuhls ſie noch lieber. Ihre Mutter naͤmlich, eine der edelſten und liebenswuͤrdigſten Frauen, welche ich je gekannt, war, als Ara⸗ bella dem dreizehnten Jahr entgegen ging, ſanft entſchlafen. Arabella hatte an dem Todtenbette der Mutter ge⸗ ſtanden, und die letzten Worte der Ent⸗ ſchlummernden waren geweſen:„Ara⸗ bella! vergiß die Tugend und den Himmel nie, damit ich dich wieder⸗ ſehe in den Raͤumen des ewigen Lichts.“ Sanft war die Mutter hinuͤber ge ſchlummert, und der Gedanke an den Tod war dadurch Arabellen ein fuͤßer Gedanke geworden, den ſie ſich immel zarter und in ſchwaͤrmeriſcher Schöne ausſpann.— Nun kam dazu, um die⸗ ſen zarten Geiſt, dieſes gefuhlvolle 118 Herz immer mehr mit dem wirklichen Leben, gerade in den Jahren, wo das junge Leben die groͤßten Anforderungen macht, zu entzweien, daß Arabellens Vater nach derm Lode ſeiner Gattin das Haus, wo jeder Moment, jede Stelle ihn an die Verewigte erinnerte, unertraͤglich fand, und Zerſtreuung au⸗ ßer dem Hauſe ſuchte.— Welche Zer⸗ ſtreuungen aber waren das bald? Er hatte ſich, der ſonſt ſo nuͤchterne Mann, den Trunk angewoͤhnt, und er brachte eine Wirthſchafterin in das Haus, wel⸗ che Arabellen tyranniſirte, ohne daß ihr Vater etwas dazu ſagte. Arabella fuͤhlte ſich ſchon in ihrer weiblichen Wuͤrde, und doch mußte ſie zu dem Allen ſchweigen, was ſie ſah, hörte und erdulden mußte. Das gab ihr immer mehr eine druͤckende Niederge⸗ ſchlagenheit des Gemuͤths, je mehr die neue Wirthſchafterin das Regiment im 1 119 Hauſe bekam. Zarte Seelen, glaube ich, werden durch dergleichen Ereigniſſe da von Niedergeſchlagenheit befangen, wo der mehr feſte Charakter und die Uranlage zu einem widerſtrebenden Ge⸗ muͤth Trotz und Ausdauer geben.“ „Bald, nachdem Arabella einge⸗ ſegnet worden, ging ich zu ihrem Va⸗ ter, dem Amtmann. Des Kindes Wohl und Beſtimmung für die irdiſche Zukunft, jetzt, wo ſie hinaustreten ſollte in die größern Weltverhaͤltniſſe, lag mir am Herzen. Der Vater war eben bei guter Laune, und ſchien mir eine etwas ernſte, nachdenkende Stim⸗ mung zu haben.— Ich fragte ihn, wie er nun weiter Arabellen, die ich als meine Pflegetochter betrachtete, be⸗ handeln, in welche Stellung gegen das Leben er ſie bringen wolle?“ 720. 1 ½ 8 habe mir die Sache wohl überlegt, von der Sie reden wollen, Herr Pfarrer,“ erwiederte er mir;— „ich habe eine Schweſter in Sträß⸗ burg, die dort gut verheirathet iſt, und gewiß eine feine Bildung hat. Der Mann iſt ſelten daheim, denn er dient in der Armee, und man ehrt auch bei dem Abweſenden ſeinen Rang als Mi⸗ kitaͤr dadurch, daß meine Schweſter die nicht unbedeutende Dame in den erſten Zirkeln iſt. Dahin werde ich Arabellen ſchicken; da kann ſie die Sit⸗ ten der großen Welt, glaube— am beſten kennen lernen.““ „„So wie ich Arabela beurtheile,“ erwiederte ich,„paßt ſie durchaus nicht fur die Sitten der großen Welt.““ 1 „„Warum nicht, Herr Pfarrer?““ 121 „„Weil die Sitten der großen Welt nicht die Sitten der ſogenannten klei⸗ nen Welt ſind, nämlich der Menſchen, die ſich geben und nehmen, wie ſie nun einmal ſind. Lieber Herr Amt⸗ mann! laſſen Sie Arabellen zuruck von der großen Welt. Sie hat ein viel zu empfängliches Gemuͤth, als daß die dauernden Gefuͤhle, welche ich in ihre Stele legte, nicht in dem Glanz und Strudel des Genuſſes beſtochen werden ſollten, und daß nicht dieſes zarte, ätheriſche Herz eine Beute menſchlicher Rohheit wuͤrde.“— Ich ſprach das mit der Wuͤrde meiner Amtspflicht, und Arabellens Vater uͤber⸗ legte.“ 1 „„Es iſt nun einmal beſchloſſen,“ ſagte er dann zu mir,„und ich habe meine Gruͤnde dazu, welche ich Ihnen nicht entdecken kann, lieber Herr Pfar⸗ 122 4 rer. uch die wnenre ihre wehr 66 66 „„Doch nicht thMpſent⸗ erwiederte ich, und ſchwieg. Er ſchwieg auch, und ich glaube, daß er mich ver⸗ ſtanden hat. Der Gegenſtand meines Beſuchs war hiermit abgehandelt.“ „Am folgenden Tage kam Arabella zu mir, um Abſchied von mir zu neh⸗ men. Im reinſten Sinne des Wortes betrachtete ſie mich als ihren Seelſor⸗ ger. Sie konnte nicht reden; ach! und ich konnte es auch nicht. Endlich fin⸗ gen wir von gleichgultigen Dingen an, wobei wir Beide kunſtreich Vergangen⸗ heit und Zukunft zu umgehen ſuchten. Vom Kirchthurme ſchlug es eilf Uhr an, das Signal zu Arabellens Auf⸗ bruch. Sie ſank an mir nieder, um⸗ faßte meine Knie und fluſterte:„Er⸗ großen Weg, den ich zu machen habe, mein zweiter, mein se Va⸗ ter.“ e6 F. „Meine zitternde Hand legte ich auf ihr Haupt, und mit bebender Stimme ſprach ich Worte des Segens⸗ Sie kamen aus vollem Herzen, und theilen Sie mir Ihren Segen ſin ich habe wohl nie mit heißerer In⸗ brunſt zu dem Himmel gebetet, als in einer Stunde, wo ich den Schutz des Himmelsvaters fuͤr Arabella erflehte. Das holde Kind war außer ſich vor Schmerz und Ruͤhrung; es hielt Muͤhe, ihr Troſt einzuſprechen. Ich fuͤhrte ſie ſchweigend, die Schweigende, eine Ecke des Weges durch den Thalgrund, und ſchweigend nahmen wir dann auch Abſchied von einander. So väterlich liebte ich Arabella, und ſo kindlich tren hing ſie an mir. Das Gemuͤthliche, 224 das Frommheilige, welches ich in ihr Bruſt geſenkt, oder vielmehr nur zu kebendiger Deutſamkeit zu bringen no⸗ thig gehabt, hatten ſie mir fuͤr immer gewonnen. Dankbarkeit und kindliches Vertrauen waren bie Grundzüge ihrer Lebensregung, und daheim mußte ſie dieſer Hochgenuͤſſe, welche mit empfun⸗ den ſeyn wollen, entbehren; daher hatte das gute Kind ſich denn ſo herzlich an mich angeſchloſſen, und mich wieder an Aäbella.“ Der Pfarrer hielt jetzt ein, und ſah truͤben Blickes vor ſich hin. Ich ſtörte ihn nicht, ſo begie erig ich auch war, das Weitere zü hören; denn ich fühlte den Schmerz, der in ſeinem In⸗ nern jetzt ven neuem aufzuſteigen ſchien, in ungewiſſer Deutung ſchon mit ihm. Dann hob er nach langer Pauſe den Blick wieder empor; er bemerkte meine ſtille Theilnahme, druͤckte mir die Hand und fuhr nun weiter fort: „Nach einigen Wochen erſt ſprach ich bei dem Amtmann wieder vor. Bis dahin hatte ich alter Mann mit dem jungen Gemuͤth die Stimmung noch nicht finden koͤnnen, welche zu einem ſolchen, mein ganzes Herz ergreifenden Beſuch paßte. Arabella war nicht mehr da; ſie war wirklich nach Straßburg in die gefahrvolle Schule ihrer Tante gekommen. Das ganze Leben in dem Hauſe des Amtmanns war mir ſo herz⸗ los, nun Arabella nicht mehr da war, und ich eilte, den Heimweg wieder auf⸗ zuſuchen.“ „Ich hatte einen Bruder in Straß⸗ burg, der in oͤffentlichem Dienſte ſtand, und leicht die Verhaͤltniſſe eines jeden großen Hauſes kennen zu lernen Gele⸗ 6 126 genheit hatte. An dieſen wendete ich mich, und bat ihn, ſich nach Arabella zu erkundigen, und auf den Fortgang ihrer Bildung ein genaues Auge zu richten. Er verſprach es, und mein Bruder hielt treulich Wort. Anfangs waren ſeine Briefe ungewiß, unbe⸗ ſtimmt, weil er ſo eigentlich noch nichts Beſtimmtes zu ſagen wußte. Nach ei⸗ nem yalben Jahre etwa ſchrieb mir mein Bruder einen Brief, der mich entſetzte. Ich werde ihn vorleſen, wenn es Ihnen nicht zu langweilig wird, mein Herr.“ „Ich bitte darum,“ ſprach ich, und der Pfarrer holte aus dem eichenen Schreibpult, aus dem oberſten Kaſten rechts,(wo gewoͤhnlich die Familien⸗ nachrichten liegen, oder vielmehr lagen in der guten, alten Zeit) einen Brief, den ich ohne ſeine Erlaubniß in der Macht mir abgeſchrieben hab ergriffen von dem Hergange der Ge⸗ zuruͤck zu legen. Der Brief lautet woͤrtlich dahin: „Lieber Bruder! Arabella, Dein Zoͤgling, iſt in einem gefährlichen Hauſe, wo ihr weibliches Gefuͤhl gerade in den edelſten Verhaͤltniſſen bedeutend be⸗ drohet wird. Die Frau Obriſt *** macht ein großes, glaͤnzen⸗ des Haus, und um es Dir gerade heraus zu ſagen, nachdem gegen Abend Inden, Manichaͤer und Glaͤubiger aller Art, wohl getroͤſtet von der Hoffnung auf beſſere Zei⸗ ten, abgegangen ſind, zieht am Abend, wenn die Fledermaͤuſe an⸗ fangen zu ſchwirren, das leichte Volk der Luft ein, und es wird ſchichte, verſaͤumt hatte, ihn wieder 3 da geſchwelgt und luſtig und in Freuden gelebt bis lange nach Mit⸗ ternacht. Wer da einzieht, wirſt Du fragen? Reiche, des großen Lebens unkundige Kaufmannsſoͤhne, die am gruͤnen Tiſche getrillt wer⸗ den ſollen,— junge Officiere, die auf die verſchuldeten Güter der Sttern und auf die Hoffnung der Feldmarſchall⸗Gage neuen Kredit ſuchen, um alte Schulden wenig⸗ ſtens zum Theil abzutragen,— wohlgekleidete Abentheurer, die vom Betrug des Publikums leben, und jedes Haus in ſeinen engſten Verhältniſſen kennen,— Spione der geheimen Polizei, zu welcher auch Frauen, die ein Haus ma⸗ chen, oft gehoͤren,— Damen die lachen, wenn man von gutem Ruf ſpricht, und dieſen guten Ruf fuͤr viel zu gemein⸗brgerlich halten. Es fehlt in der That nur noch, daß geſchminkte, privilegirte Ge⸗ ſchoͤpfe am hellen Tage in dieſes Haus der Freude bei*** gehen; am Abend faͤhrt das luſtige Ge⸗ ſindel, diaboliſch geſchminkt, in Karoſſen dahin. Dein armer, un⸗ gluͤcklicher Zoͤgling, Deine Ara⸗ bella! wie beklage ich dieſes Lamm unter den Woͤlfen! Ich weiß, wel⸗ chen Antheil Du an ihr nimmſt, und ich denke mir, die Lehren, welche Du in ihr Herz geſenkt haſt, werden ſie vor der erſten Leichtfertigkeit ſchoͤtzen; denn iſt die erſte begangen, ſo folgen die andern Schlag auf Schlag, bis ſie zu der rieſenhaften Hoͤhe des Laſters heranwachſen. Bei dem Verluſt weiblicher Tugend iſt keine Ruͤckkehr, keine Ausſoͤhnung mit Gott und Welt zu finden; wie R 130 bei ſo manchen Andern, wuͤrde auch bei ihr das edle Leben in Verfall gerathen. Aber, ich habe noch gute Hoffnung; einen Aufſeher habe ich beſtellt, der von Allem, was etwa weiter Gefaͤhrliches vor⸗ gehen koͤnnte, mich unterrichten wird, und dann magſt Du weiter ſorgen, lieber Bruder. Ich kann nichts weiter thun, als fuͤr das fromme Kind beten. Ich ſelbſt bin zu entfernt von jenem großen Kreiſe!“* „So hatte mir mein Bruder ge⸗ ſchrieben und in meiner, gewiß ſchuld⸗ lofen, reinen Seele erwuchs ein boͤſer Verdacht. Ich uͤberlegte lange Zeit, und hatte mehrere ſchlafloſe Naͤchte, bloß um der mir ſo werth gewordenen Arabella willen. Endlich hatte ich mich entſchloſſen. Ich ging zu Arabellens 13 3 Vater, las ihm mit der Wichtigkeit, welche dieſe Angelegenheit erforderte, den Brief meines Bruders vor, und mit der ſanften Strenge meines Amtes forderte ich ihn auf, ſeine Tochter aus dieſem Hauſe zu nehmen.—„Sie iſt in guten Händen!“ erwiederte er mir lachend;„ſie mag dort hleiben und die Welt kennen lernen.““ „Ich hatte hier nicht die Pflicht des Geiſtlichen allein, ſondern auch die des Menſchen, des liebevollen Freun⸗ des der Menſchen erfuͤllt, und wurde doch ſo hart zuruͤckgeſtoßen! Welch' ein Schmerz iſt das! Nur der währe Menſch, der die kommenden Geſchlech⸗ ter in ihrem Herabſinken von der menſchlichen Wuͤrde erwägt, mag ſo etwas berechnen wollen. Mein Ge⸗ wiſſen war fuͤr mich ſelbſt beruhigt, und da der Vater ſelbſt fuͤr ſein Kind ni s thun zu wollen ſchien, ging ich ſchweren Herzens von ihm.“ „Bald nachher lief ein Gerücht durch die Ortſchaften des Sprengels, daß der Amtmann die Pacht nicht habe bezahlen können, und daß er naͤchſtens von dem Hofe geſtoßen werde, um mit dem weißen Stabe in der Hand ſein Gluͤck anderweit zu verſuchen.— Frei⸗ lich war an dem Gerede etwas Wah⸗ res; denn dem Amtmann war das Korn verhagelt, Biehſierben war gekommen, und der in die Blüthe gefallene Mehl⸗ thau hatte die ſchönen Sbſtanpflanzun⸗ gen unnutzbar gemacht. Dazu kam ein früher, unfreundlicher Herbſt, und die ſonſt nicht unbedeutenden Wein⸗ berge des Gutes waren ganz ohne Aus⸗ beute. Die Koſten waren vergeblich hineingeſteckt geweſen.“ 133 „Auf dieſe Art mußte Arabellens Vater wohl zu Grunde gehen. Er konnte und wollte zuletzt ſein Fatum nicht uͤberleben, und— ich huͤlle einen Schleier uͤber ſeine fernern Lebenstage und ſein Ende.— So viel nur mag ich Ihnen von ihm ſagen, daß ein Hirt im Holze ihn todt fand. Wunderſame Nochrichten von ſeiner Todesart liefen durch die Gegend; ich ſorgte indeſſen vafuͤr, daß die Gemeinen in dunkler ungewißheit blieben, und daß das ehr⸗ liche Begräbniß ihm nicht verweigert werden konnte. Mehr aber noch hatte ich jetzt fuͤr die Tochter, fuͤr Arabella zu ſorgen.“ „Ich machte mich auf und kam in die Reſidenz. Mein Bruder ſchuͤt⸗ telte den Kopf, als ich von Arabella ſprach, und ihm ſagte, daß ich von dem ungluͤcklichen Ende ihres Vaters 134 die Nachricht ihr iett hintingen wolle.“ „Mein Bruder, der das Leben der großen Welt ſchon ſehr genau in ſeinen Hoͤhen und Tiefen kennen gelernt hatte, ſagte mir nur;„Sie iſt todt fuͤr die ehrliche Welt; denn ſie iſt in der un⸗ ehrlichen!“— Da erſchrak ich und be⸗ gehrte keine weitere Deutung, die ich fuͤrchtete; ich wollte keine Aufklaͤrung haben, um in dem Helldunkel die Hoff⸗ nung noch feſthalten zu duͤrfen. Doch, dachte ich weiter, es iſt Chriſtenpflicht, hier fuͤr eine arme Seele zu ſorgen, und gegen Abend, es fing ſchon an dunkel zu werden, machte ich mich auf und ging nach dem Hauſe, wo die Obriſt*** wohnte. Es iſt am Pa⸗ radeplatze belegen, und die Dame hat die mittlere Etage eines ſehr ſchoͤnen, prachtvollen Hauſes inne. Ich fand 135 die ganze Etage hell erleuchtet; obgleich die liebe Sonne noch im Scheiden war, und dieſes Helldunkel gewiß ſo traukich iſt, ſo waren doch die Kronleuchter oben in den Zimmern ſchon mit bren⸗ nenden Kerzen verſehen, gleichſam als ob die Menſchen da oben der redlichen, einfachen, keiner Schuld ſich bewußten Fraulichkeit ſich ſchaͤmten.“ „Ich ging hinauf; die hell beleuch⸗ tete Cylindertreppe war ſy leicht zu be⸗ ſteigen, daß ich mir im Stillen dachte: hier fährt das Laſter leicht hinauf und hinab. Oben war ein Treiben von Bedienten durch einander, daß es mir Muͤhe machte, den rechten aufindene „Wen ſuchen Sie, mein Herr?“ er ſehr beſcheiden, was ſonſt gar nicht in dem Ton ſolcher Leute, ſobald ſie vom Dienſteifer beſeelt ſind, liegt.“ „„Ich wuͤnſche Arabella, die nahe die der Frau Obriſt „„Das wird ſchwer halten, mein Herr! Wir haben hier Thé dansant.““ „„Darum iſt auch wohl Alles ſo erleuchtet? Ja, dann freilich moͤgte ich wohl den Freudengenuß nicht ſtören moͤ⸗ gen. Aber doch, der Kontraſt wuͤrde morgen fruͤh zu ſtark ſeyn. Ich muß Arabella ſogleich ſprechen.““ „„Wer ſind Sie denn gentch mein Herr?““ „„Melden Sie mich ihr an unter dem Namen: der Pfarrer am See! dann weiß ſie, wen ſie zu erwarten hat; aber allein„wie ich Ihnen ſage: 3 137 allein in wichtigen Angelegenheiten habe ich ſie zu ſprechen.““ „Der Menſch lächelte unb ging. In unbeſtimmten Ausdruͤcken verſprach er, Alles zu beſorgen. Ich zuͤrnte ſchon im Stillen auf ſein ſchalkhaftes Laͤcheln; doch, er iſt auf einem ſchlupf⸗ rigen Boden, dachte ich weiter, und ſpann den Faden nicht weiter aus⸗ Ach! da ich aber daran dachte, daß Arabella auch auf einem ſchluͤpfrigen Boden ſey, und daß ſie als ſchwaches Weib dem Leichtſinn, der Eitelkeit und den Anlockungen der Verfuͤhrung nicht werde widerſtehen koͤnnen, da brach mir das Herz, und ich dachte mir: wenn es keine Suͤnde wäre, du muͤßteſt ſie hier, hier auf dieſer Stelle, in dieſem Hauſe muͤßteſt du ſie ermorden, damit ſie noch rein und ſchuldlos hinuͤber⸗ 138 ginge, und nicht ſpäterhin als Suͤnde⸗ rin, als Verbrecherin.“ „Der Diener kam zuruͤck, führte mich, beſcheidener als er vorher gewe⸗ ſen, in Arabellens Zimmer, und ſagte mir, daß Demoiſelle ſogleich kommen werde. Bei der Erleuchtung durch eine ſchoͤne Girandole ließ er mich in dem Zimmer allein. Alles war hier wohl geordnet, und mit Geſchmack, aber mit einem wolluͤſtigen Geſchmack. Die Kupferſtiche, welche an den Waͤnden umher hingen, waren zum Genuß ein⸗ ladend; auf der Ottomanne lag ein Roman, deſſen Verfaſſer ich auf dem Litet nur zu ſehen brauchte, um ihm als heimlichen Vergifter weiblicher Tu⸗ gend wiederholt zu fluchen, und auf dem ſchoͤnen Liſche unter dem Spiegel lag ein Maskenanzug von der Redoute von geſtern. Außerdem bemerkte ich 139 noch zwei falſche Haartouren; ein zier⸗ liches Käſtchen unter dem Spiegel war ich ſo neugierig, zu oͤffnen. Ich fand darin weiße und rothe Schminke, einen kleinen Toilettenſpiegel, wohlriechende Sachen aller Art und ein Caßton von dem feinen, ieic mit Kii * umſchlage ich las: 16 biliet dopx 3 préférence. Ich war erſtart, als ich das Alles ſo ſah; nach meiner Anſicht“ und Beurtheilung des Mikrokosmus gab ich Arabella auf, und wollte mich ſchon, ohne ſie geſehn zu haben, entfernen, als ſie wirklich zu mir eintrat.“ „Ich erſchrak, als ſie erſchien. Bei weitem war ſie nicht mehr das zuͤchtige Madchen, d ie Liebe verdienende, hochgeborne, an Himmelstugenden ſich ſtaͤrkende Jungfrau, wie ſonſt; ſie war die nicht mehr, an deren frommen, ver⸗ — ſöhnenden, heiligen Blick ich mich oft erlabt hatte. Ein wild verſtoͤrtes We⸗ ſen war ihr ſchon eigenthuͤmlich gewor⸗ den, und mit einer Art von verzweifel⸗ ter Effronterie begruͤßte ſie mich, ihren alten Lehrer. Mit wenigen Worten beſchaͤmte ich ſie, und ſchuͤttelte ſchwei⸗ gend das Haupt, als ich ſie mir be⸗ trachtete. 6 „Sie war in einer Art von phan⸗ laſtiſcher Kleidung, welche mich an die Hetären der Griechen erinnerte, und dabei behend, ſchlau und gewandt in der Rede, was ich bei dem weiblichen Geſchlecht am wenigſten zu den Eigen⸗ thuͤmlichkeiten ihres wahren Charakters rechnen kann. Arabella war alſo ſchon verderbt, und ich unterdruͤckte die Thräne, welche das Menſchengefuhl, das zarte Gefuͤhl der Erinnerung in mein lebensmuͤdes Auge hervordraͤngen 141 wollte. Sie ſank nicht in meine Arme, wie ſonſt; ſie noͤthigte mich auf den Sopha(oder Ottomanne) und fing mit gleichgultigen Dingen das Geſpräch an. Wie ſchwer wurde es mir, hier nun in dieſer Lage der Dinge den wahren Ton zu faſſen von dem, was ich zu berichten uͤbernommen hatte.“ „Ich fing von den Freuden des Landlehens an; ſie aber ruͤhmte das Stadtleben, und ſchien, mich bald ent⸗ fernt zu ſehen. Nun ſetze ich die Un⸗ terhaltung, welche ich in dieſer Stunde, wo mein Herz brechen wollte, mit ihr hatte, hieher: Ich. Ihr Leutchen lebt hier luſtig und in Freuden, und vergeſſet dabei die Schmerzesthränen. Biſt Du, Arabella, vorbereitet auf Schmerz? Sie. Der Schmerz iſt ein Ueber⸗ 142 S gang, wie die Freude. Wechſel waltet in der wechſelnden Natur. Sch. Du biſt, rabela, luſtig, mehr als luſtig geſtimmt in dieſem Au⸗ genblick, wie ich ſehe. Sie. Die Freude iſt ein Kind des Augenblicks. Ich. Wohl wahr! Die Freude iſt der Wohlgenuß des Lebens; aber Aus⸗ ſchweifung in der Freude artet aus zu— Sie. Nun, nun? Wozu denn? . Ich. Zu Verachtung.— Nach Deiner Stimmung ſehe ich wohl, kann ich ohne Ruͤckhalt mit Dir ſprechen. Fragſt Du, Arabella, mich denn gar nicht nach Deinen heimathlichen Ver⸗ wandten, nach dem Dir. ſonſt werth war? b 143 Sie. Ich habe von Allem Nach⸗ richt, ſage ich Ihnen. Mein Vater, nun Sh.— Sch. Nun, abela, was— Bo von ihm? 2 Sie. Ich ſehe es an Blick, lieber Lehrer meiner unbefangenen Ju⸗ gendzeit, daß Sie mich auf Nachrichten uͤber ihn vorbereiten wollen. Ich. Freilich wollte ich das. Sie. Ich danke Ihnen, lieber Mann; ich will es als genoſſen anneh⸗ men, was Sie mir etwa uͤber den Un⸗ fall hätten ſagen wollen Man muß die Sache nehmen, wie ſie nun einmal iſt. Ich. Unfall? Nur Unfall nennſt Du es? 144 Sie. Ihr Leutchen auf dem Lande und in den kleinen Städten ſeht ſo eine Culbute, ſo einen Verfall des Vermoͤ⸗ gens mit pedantiſcher Strenge an, da wo man hier in der großen Stadt das Sprichwort bewährt findet: wer nicht mehr auskommen kann, der kommt ein. Ich. Arabella! Arabella! welche Fortſchritte haſt Du auf dem Wege zu der ſchrecklichen Selbſtverklagung des Gewiſſens und zu der Verzweiflung, die mit Selbſtmord oder Hirnverruͤckung, oder mit einem pe Bienziahſchen Tode endet, gemghtkis „Ich ſprach das Letzte mit der Le⸗ bendigkeit eines Greiſes, der, ſchon am Grabe ſiehend, gern noch eine Seele vom Abgrunde zuruͤckreißen wollte, dem Himmel ſie wieder zu geben, und dort oben ſagen zu koͤnnen: dieſe Seele iſt 145 mein Werk; ich habe ſie gerettet! Ara⸗ bella ſchien aus jugendlicher Erinnerung von dem herzlichen Ton meiner Worte ergriffen zu ſeyn. Sie verhuͤllte ihr Geſicht und ſank in einen Stuhl. Ich ergriff ihre Hand und ſagte mit be⸗ bender Stimme:„Arabella! als unheil⸗ bringender Bote komme ich jetzt zu Dir. Dein Vater iſt nicht mehr!““ „Da ſprang ſie auf, verzerrte das Geſicht zu einem ſehr widrigen Lächeln und druͤckte mir krampfhaft die Hand. —„Nicht wahr, er hat ſich ſelbſt ent— leibt?“ rief ſie mit einem Zeter, daß es mir durch alle Gebeine ſchauerte.— „Das weiß ich nicht!“ war meine Ant⸗ wort, womit ich eine Luͤge zu umgehen wünſchte. Aber mein feuchtes Auge mogte ihr die Deutung nicht verbergen. Sie ſchwieg eine geraume Zeit, und ich unterbrach dieſes Schweigen nicht. II. 10 Wenn ſie nur geſprochen, geklagt, ge⸗ weint haͤtte! So aber ſchwieg ſie nur, und das iſt gefaͤhrlich. In einer Fen⸗ ſterwoͤlbung ſaß ſie, und blickte dann ſtier in die Nacht hinaus. Auf einmal wandte ſie ſich um, druͤckte mir die Hand, und ſagte mit zitternder Stimme und mit einem Geſicht, wie ich Ara⸗ bella nie erwartet, oder vielmehr be⸗ fuͤrchtet hatte: Dort oben! dort oben!“ „In dem Augenblick, wo ich nun noch mehr mit ihr uͤber dieſes traurige Ereigniß reden wollte, trar die Obriſtin ** ein, und bloß mit einem gnaͤdigen Kopfneigen mich begruͤßend, ſagte ſie zu Arabella, ihr die„Wangen ſtreichelnd: „Aber, wo bleibſt Du denn, mon amie! Die ganze Geſellſchaft wird aufmerkſam, und der Major la Torne ſcheint auf den Fremden, der Dich abgerufen, ſchon Sſerſüchtig zu werden.““ — „Da ſah mich Arabella mit einem Blick an, worin Lebensluſt, Schmerze gefuͤhl und Hochgefuͤhl, welches ich in ihr Herz zu ſenken geſtrebt hatte, wech⸗ ſelten, und ich vergeſſe den Augenblick des Scheidens nicht, wo ſie, ohne ein Wort zu reden, den kunſtvollen Abſchied am Arme der Obriſtin mir gab. Ich blieb allein in dem Kabinet; der Be⸗ diente kam, und als ich auf Manches denn ſo hindeutete, zuckte er die Ach⸗ ſeln und bot mir laͤchelnd eine Priſe Tabag an. Ich hatte meinen Zweck nicht erreicht; aber ich war froh, aus dieſem Hauſe bachantiſchen Jubels zu kommen. Denn, als ich hinunter ging die glaͤnzende Treppe, hoͤrte ich die rauſchende Tanzmuſik, ach! und Ara⸗ bella war doch unter den Verirrten, und unter denen, welche hier in der Schule des Verderbniſſes fuͤr die erſte 148 Luſt die Schande eines ganzen Lebens opferten und muthwillig hingaben.“ „Aber Arabella iſt doch noch zu retten, muß noch gerettet werden,— uͤberlegte ich mir vor meinem Abend⸗ gebet, und ich ſchloß ſie mit heißer In⸗ brunſt in mein Gebet ein. Am folgen⸗ den Morgen, das heißt, wenn wir hier ſchon Mittag haben, ging ich wieder hin zu Arabella, um ihr ernſthaft, als vaͤterlicher Lehrer, Vorſtellungen zu ma⸗ chen. Ich fand ſie ſehr beſchaftigt. Zwei Naͤherinnen waren um ſie.— Wie kommt dieſer haͤusliche Fleiß in ſolch' ein Haus! dachte ich mir; aber ſehr bald wurde ich aus meinem gluͤcklichen Traum herausgeriſſen.—„Sehen Sie, lieber Herr Pfarrer,“ ſprang ſie auf, „ich glaube dieſe Trauerkleidung wird mir gut ſtehen; ſie iſt nach dem neueſten Schnitt des neueſten Journals, welches —— —— 149 ich mir am fruͤhen Morgen beſorgt habe. Meinen Sie nicht?“—„Ich verſtehe das nicht,“ erwiederte ich geſenkten Hauptes;„doch ich daͤchte, in Trauer⸗ kleidung muͤßte eigentlich keine Mode herrſchen ſollen. Freilich, wenn darin erſt Mode herrſcht, ſo iſt es nicht zu verwundern, daß die ganze Welt fuͤr alle Edle nur ein Trauerhaus iſt!““ „Sie ſchien mich zu verſtehn und zu uͤberlegen. Sie ſchien mir ſogar et⸗ was ſagen zu wollen; aber ich bemerkte es wohl, Beſchaͤmung und Ruͤckerinne⸗ rung an die ſeligen Tage ſchuldloſer Jugend laͤhmten ihr die Zunge. Ich war erweicht von dieſer innern Zerknir⸗ ſchung, deren Arabella vielleicht ſelbſt ſich nicht bewußt war, und ich wollte eben Worte des Troſtes, des Glaubens, der Hoffnung zu ihr reden, und als vaͤterlicher Freund ſie warnen, als ein 150 Officier, der als Major la Torne mir vorgeſtellt wurde, eintrat. Er war ein Mann, ter bei ſeiner raſchen Lebens⸗ bewegung und Gewandtheit, bei ſeiner einſchmeichelnden Rede, und in ſeiner ſchoͤnen Uniform den Weibern wohl da gefallen mußte, wo er gefallen wollte. Was die Uniform betrifft, ſo denke ich mir immer, das weibliche Geſchlecht wird davon leichter eingenommen, theils weil das Spiel der Mode, ſo darin waltet, der weiblichen Taͤndelei an⸗ ſpricht, theils weil die vermeinte Staͤrke des Kriegers die weibliche Schwaͤche anzieht, und endlich, weil der Frieger durch das Leben hinſtreift, die mit ihm angeſponnenen und leicht geloͤſeten Lie⸗ beshändel alſo nicht leicht zu beweisbaren Stadtgeſpraͤchen ſich geſtalten koͤnnen.“ 3 „Der Major la Torne betrachtete mich en bagatelle; Arabella aber wurde . 5 — 157 von ihm mit der feinſten Diſtinction be⸗ handelt. Ich bin in dem großen Leben geweſen, und glaube es beurtheilen zu koͤnnen.““ „Arabella war in Verlegenheit; denn dieſer Beſuch des Major ſollte, verſtehn Sie mich wohl, eine Condolenz⸗ Vifite vorſtellen. Sie ſprachen Beide zuſammen, ünd ich druͤckte mich in einen Stuhl im Fenſter, ſah hi naus in das Gewuͤhl der Stadt, machte meine Be⸗ trachtungen im Stillen über das geſchäf⸗ tige Treiben, und mit ſtill verhaltener Wehmuth beklagte. ich die P Menſchen der großen Welt, die da unten vorüber fuh⸗ ren und liefen— um nichts! und ich ſehnte mich nach meinem ſtillen, fried⸗ lichen Lande wieder zuruͤck. Hinter mir, bei Arabella und dem Major hatte ich ganz den Spiegel der großen Welt. Waos ſie unter einander fluͤſterten, das 152 konnte und mogte ich nicht hören wollen, weil das Fluͤſtern in Gegenwart eines Dritten eben ſo unziemlich iſt, als das Lauſchen des Dritten; nur ſo viel hoͤrte ich wohl, daß von einem Maskenball und von einer Verkleidung darauf die Rede war. O! wie leichtſinnig kann das weibliche Geſchlecht in dieſen Jah⸗ ren werden, und wie ſchwer ſtraft ſich dann dieſer Leichtſinn durch das gonze Leben! Wie verächtlich wird Andern ein ſolches Leben, wenn die Leichtſinnige zu der Erkenntniß kommt, ſich ſelbſt ver⸗ achten zu muͤſſen! Und dieſe Erkennt⸗ niß bleibt nicht aus.“ „Der Major entfernte ſich, mit ei⸗ nem leichten Abſchiede von mir, und ich bemerkte es wohl, daß Arabella mich gern los ſeyn wollte, theils weil ſie mich als Tugendprediger fuͤrchtete, und ſchon auf dem Wege des Abſturzes war, wo 1 Niemand aufzuhalten iſt, als erſt der Gefallene; theils weil ſie an der ge⸗ nußreichen Foilettengeſellſchaft bei der Obriſtin wieder Theil nehmen wollte. Ich nahm meinen Huth und ſie beglei⸗ tete mich in das Vorzimmer, wo wir Beide allein waren. Da ergriff ich ihre Hand, ſah Arabellen in das ſchon be⸗ fangene Geſicht, und fragte mit beben⸗ der Stimme:„Arabella! wohin ſoll das fuͤhren?“—„Zum Gluͤck oder zum Tode!“ erwiederte ſie mit niedergeſchla⸗ genen Augen. Dann ſank ſie an mei⸗ nen Hals und weinte bitterlich.—„Ich kann nicht zuruͤck, mein zweiter Vater!“ liſpelte ſie,„mit diamantenen Ketten bin ich an mein Schickſal gefeſſelt, und ich kann mich gicht losreißen von hier, wenn ich auch das Schwerſte ahnde.“— „Arabella!“ erwiederte ich mit einem Schmerzgefuͤhl, wie ich es nie gehabt hatte, und legte dabei meine Hand auf 154 das niedergeſenkte Haupt meines Zoͤg⸗ lings,„Arabella! es wird fuͤr Dich eine Zeit kommen, wo Du des Troſtes gu⸗ ter) frommer Menſchen, wo Du des Glaubens bedarfſt. Das Alles wirfſt Du jetzt von Dir in dem luſtigen Le⸗ bensſtrudel, und Du glaubſt den Ge⸗ ſellſchaftsmenſchen fuͤr den, der er ſeyn ſollte, nicht fur den, der er iſt. Du wirſt getaͤuſcht, betrogen, hintergangen werden; ich ſage Dir das, als böſer Prophet. Erwachſt Du aber aus dem ungluͤcklichen Rauſche, dann kehre bei mir ein, und da ich nicht Retter ſeyn konnte, ſo ſollſt Du dann doch einen herzlichen, liebevollen Troͤſter an mir finden. Denn Zerknirſchung, Selbſtver⸗ klagung, Menſchenſcheu folgen immer dem angeſchuldigten Gewiſſen. Ich wuͤnſche, daß Du dahin kommeſt; dann wird Dein Leben wieder empor bluhen und Du wirſt gerettet ſeyn. Wehe 155 Dir aber, wenn ich Dich jemals ſehen ſollte, daß Du der Schande mit Trotz und Frechheit entgegen träteſt, daß Du mit dem Ruf es aufnehmen wollteſt! Dann wuͤrdeſt Du unwiederbringlich verloren ſeyn; denn alle weibliche Tu⸗ gend iſt Prunk oder Schwachheit, und die Verfüͤhrung hat das Regiment. Merke Dir das, meine Lochter, und alle guten Geiſter moͤgen Dich ren!“ 66 „So ſprach ich zu ihr, und abge⸗ wendeten Blickes ſchied ich von dem Lieblinge meines Herzens, von ihr, die ich in dem Strudel der großen Welt zuruͤck laſſen mußte. Ich kam nach die⸗ ſem ſtillen, friedlichen Dorfe zuruͤck, und machte mir oft Gewiſſensvorwurfe daruͤber, daß ich nicht mit väterlicher Gewalt Arabella ſogleich von den Ge⸗ fahren der Verfuͤhrung zuruͤckgezogen 166 hatte. Doch war ich auch wieder uͤber⸗ zeugt, daß die Lehren, welche ich in ihr Herz geſenkt, ſie ſchutzen wuͤrden. Mit meinem Bruder unterhielt ich einen lebhaften Briefwechſel. Die fruͤhern Briefe von ihm will ich uͤbergehen. Aber dieſen hier, dieſen zermalmenden Brief, den mir mein Bruder nach einem Jahre ſchrieb, muß ich Ihnen vorleſen. Doch nein! ich kann es nicht. Leſen Sie ihn ſich ſelbſt.“ Ich las: „Lieber Bruder! Was Du prophezeiheteſt, iſt ein⸗ getroffen, und fuͤrchterlicher, als Du es Dir denken kannſt. Deine Pflegetochter Arabella iſt verloren, verloren fuͤr immer. Erſchrick nicht, faſſe Vertrauen und hoͤre, was ich Dir zu ſagen habe.— Bei der Obriſtin*** blieb das Leben nach „ v 157 wie vor, luſtig und in Freuden. Endlich, nach hergeſtelltem Frieden kehrte der Obriſt zuruͤck und war von dem wilden Lebenswandel in ſeinem Hauſe ſo wohl unterrichtet, daß er ſogleich von ſeiner Frau ſich entfernte, die Eheſcheidungsklage gegen ſie anſtellte, und außerdem hat er dem, Dir bekannten Major ein Duell angeboten. Warum? Um einer unſchuldigen Kleinigkeit willen; denn der Obriſt hatte nur zu vielen Beweis daruͤber, daß in ſeiner Abweſenheit ſeine Frau Ge⸗ mahlin mit dem Major in den engſten Verhaͤltniſſen geſtanden hatte.— Ich, mußte Dir das ſchreiben, um Dich auf das, was ich noch zu ſagen habe, vorzube⸗ reiten. Denn daß der Major in Abweſenheit des Gemahls wohl leicht in das eheliche Verhaͤltniß * — 158 ſich einſiedeln konnte, nun, das gehoͤrt leider! zu der Tagesord⸗ nung, in großen Staͤdten wenig⸗ ſtens. Aber nebenbei hatte er ſich auch in Arabella's Herz geſchli⸗ chen, und wie das gekommen, das will ich Dir erklaͤren. Die Ge⸗ mahlin des Obriſt hatte Arabella vorgeſchoben, als wenn der Major ihr Verehrer, ihr Anbeter ſey, und die Thoͤrin, die Ungluͤckliche hatte nicht Beobachtungsgeiſt genug, zu bemerken, daß man ſie nur als eine Nothhuͤlfe gebrauche. Da⸗ durch war denn das ungluͤckliche Kind in eine Verirrung gekommen, welche wohl ihr ganzes Leben ſtö⸗ ren wird.— Wo Arabella jetzt iſt, das weiß ich nicht. Aus dem Hauſe des Obriſt iſt ſie entfernt. So viel weiß ich.“ — 36. Tages darauf. „Ich habe noch mehr gehoͤrt, lieber Bruder, und bereite Dich darauf vor. Rrabella iſt durch den wiederkehrenden Obriſt, den Herrn des Hauſes, in beſter Form aus dem Hauſe geſtoßen. Die Scene ruͤhrt mich faſt, wenn ich nach der Erzählung ſie mir lebendig vor Augen ſtelle.— Der Major iſt da, um in Geſchaͤftsſachen mit dem Obriſt zu reden. Arabella tritt ein, um von dem Obriſt Abſchied zu nehmen. Da ſieht ſie den Ma⸗ jor, eilt auf ihn zu, und ſpricht mit zarter Wehmuth:„Jetzt oder nie!“— Er hebt die Vernichtete auf, und ſagt mit abgewandtem Geſicht:„Nie, nie! denn ich bin verheirathet!“—— Da rafft ſie ſich auf, ſagt mit ſtierem Blick bloß die Worte:„Gute Nacht, 160 Welt!“ und ſchwankt fort, hinaus in pas Freie. Der Obriſt iſt zu entruͤſtet uͤber das ganze Weſen, welches in ſeinem Hauſe wahrend ſeiner Abweſenheit geherrſcht hat, als daß er nur ein Wort haͤtte ſa⸗ gen moͤgen, und Niemand bekuͤm⸗ mert ſich um Arabella, die in wil⸗ der Verzweiflung in die Welt hin⸗ ein gelaufen. Wo ſie jetzt ſey, das weiß ich nicht. Vielleicht hat ſie ſich von einem Felſen oder in das Waſſer geſtuͤrzt. Moͤgte dem ſo ſeyn; ich ſollte das eigentlich nicht wuͤnſchen, aber dennoch wün⸗ ſche ich es, um ihrer Ruhe willen. Denn, wird ſie mit der Selbſtver⸗ klagung und dem verödeten, leeren Herzen wohl jemals Ruhe finden hienieden? Traure um ſie, Du geiſtlicher Vater der verunglückten Tochter.“ — 161 „So ſchrieb mir mein Bruder.— Ich legte den Brief zuſammen und ſtand dann lange am Fenſter, hinaus⸗ blickend in die Schauer der Nacht. Es war ein ſehr ſtuͤrmiſcher Abend, und ich betete ſtill zum Himmel hinauf⸗ Da klopfte es an die Pforte, die ich ſo gern dem ermuͤdeten oder dem ver⸗ irrten Reiſenden öffnen laſſe, und ich rief meiner alten Haushaͤlterin, die Leuchte anzuzuͤnden und zu öffnen. Sinnend war ich noch ſtehen geblieben in dem ſchmerzvollſten Gefuͤhl uber den Hinfall von Arabella. Ich war von inniger Rührung ſo ergriffen, daß ich es kaum bemerkte, ob die Pforte ſich öffne, und ob Jemand herein komme; Gaſtfreundſchaft habe ich immer für eine der erſten Chriſtenpflichten gehal⸗ ten. Jetzt ſtuͤrzte meine alte Haushal⸗ terin herein mit der Leuchte, ſank faſt nieder und ſprach mit gebrochener Stim⸗ II. 11 * 162 me:„Heiland der Welt! Arabella iſt da! Aber mit fliegendem Haar, mit zerriſſenen Kleidern, und mit einem ſehr, ſehr ſtieren Blick. Ach! gewiß muß der Böſe in ihr wohnen.“ Die Alte hatte kaum ausgeredet, als eine Geſtalt eintrat, vor der ich hätte zu⸗ rück ſchaudern muͤſſen, wenn das Alter nicht Mäßigung und Ruhe, die Vor⸗ bedeutung des Grabes, in mein ganzes Weſen gelegt gehabt. Es war Ara⸗ bella. Sie ſank vor mir nieder, und rief mit einem Tone, der ein Zeter durch alle Elemente zu ſeyn ſchien, und womit ſie, die lebende, gaſtliche Ge⸗ ſtalt ungern von dem Menſchenleben Abſchied nahm:„Retten, retten Sie mich vor Wahnſinn!““ Der Pfarrer ſchwieg jetzt eine ge⸗ raume Zeit und eine Thraͤne glaͤnzte wieder in dieſem lebensmuͤden Auge⸗ ———— 163 Dann fuhr er fort:„Dieſe Verſtörung hatte ich nicht befuͤrchtet gehabt. Lieber haͤtte ich Arabella frech, unverſchämt, freien, luſtigen Geiſtes geſehen, als in dieſem Zuſtande der Geiſtesverwirrung. Sie muͤſſen es ſelbſt geſtehen, es iſt das ſchmerzlichſte Gefuhl fuͤr den fuͤh⸗ lenden Menſchen, einen Wahnſinnigen, einen Hirnverruͤckten zu ſehen, weil“ der Gleichgeborne die menſchliche Na⸗ tur entſtellt und von ihrer Wuͤrde ſie herabreißt.— Aber es war zu ſpät, ſie vor Wahnſinn zu retten. Sie war ſchon verirrten Geiſtes, und ein ſolches Gift mehrt ſich von Tage zu Tage. Man findet es, daß ſanfte, fromme Seelen, wenn ihr ſtilles Syſtem, ihre heilige Hoffnung durch die Haͤndel der Welt geſtoͤrt wird, die Graͤnzen der ge⸗ wöhnlichen Natur uͤberſpringen.“ „So war es mit Arabella. Was konnte ich ſagen, was konnte ich thun? — Seit geraumer Zeit habe ich nun 8 in pfychologiſcher⸗ in anthropologiſcher Hinſicht, und ein ſehr geſchſckter Arzt auch in phyſiſcher Hinſicht daran geat⸗ beitet, Arabella wieder herzuſtellenz aber ich ſehe wohl, alle Verſuche der Art koͤnnen nur fuͤr den Augenblick den umgebenden Freude, Troſt und Hoff⸗ nung geben; doch was in den Tiefen der Seele Wurzel gefaßt hat, kehrt mit der Zeit immer wieder, eben ſo, wie man den Polyß nicht mit der Wur⸗ zel ausreißen kann.— Ihre unglück⸗ liche Liebe zu dem Major, der des ſchoͤnen Landmaͤdchens Unbefangenheit benutzte, und uͤberhaupt ihr Aufenthalt in dem ſchwelgeriſchen Hauſe, riſſen ſie von dem Leben los, zu welchem ſie er⸗ zogen war, und aus dem Mißverhält⸗ niß des Sonſt und Jetzt und Künftig! kam die unheilbare Hirnverruͤckung. O! — 165 daß ich uͤber die Folzen der Leichtfer⸗ tigkeit doch durch dieſes Beiſpiel der ganzen weiblichen Jugend eine Lehre geben konnte!“ Damit ſchloß der Pfarrer und legte die Hand uͤber die Augen. Ich war ſehr geruͤhrt. Das ganze Verhaͤltniß kannte ich nun ſo genau, als wenn ich ſelbſt darin gelebt haͤtte. Der Pfarrer ſelbſt fuͤhrte mich, als wir noch lange ſchweigend neben einander geſtanden, in die Nacht hinaus geſchaut und uns verſtanden hatten, in ein zierliches Kaͤmmerlein, eine Treppe hoch, und ich warf mich, nachdem ich dem Neſtor unter den gewiß guten Menſchen die Hand gedruͤckt, auf mein Lager. Alles war ſehr wohl, aber einfach geordnet. Doch, ich konnte trotz der großen Er⸗ muͤdung nicht ſchlafen; Arabellens Ge⸗ ſchichte beſchaͤftigte meine Phantaſie. Da hörte ich in dem Zimmer neben an, deſſen Thuͤr aber wohl verſchloſſen war, eine weibliche Stimme, wie es ſchien, ein Selbſtgeſpraͤch, und keine Andere als Arabella konnte es ſeyn. „„†ch lauſchte, konnte aber von den verworrenen, leiſen Tonen des Selbſt⸗ geſpraͤchs nichts vernehmen. Bald nach⸗ her war es mir, als wenn ich laut ſchluchzen hoͤrte. Dann ſchwieg es wie⸗ der eine geraume Zeit. Ich ſtand auf vom Lager, ſah, da die Neubegier mich trieb, durch das Schluͤſſelloch und er⸗ kannte Arabella, welche an einem Tiſche ſaß und ſchrieb. Dann legte ſie wie⸗ der die Feder nieder und weinte ſtill. Sie ergriff die Feder von neuem, und mit einem wild verſtoͤrten Geſicht ſchrieb ſie noch einige Zeilen. Es ſchien der Schluß eines Briefes zu ſeyn. Jetzt * „„ S ſprang ſie raſch auf, und ich„ ſie nicht ½ en⸗ Schlafen innt ſ nicht; die Un⸗ geiee war mir ſehr ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit geworden; ich lauſchte daher immer noch. Jetzt ſeufzte ſie mit einem Ton, der mir durch die Seele ſchnitt, und griff auf die Taſten eines wohltoͤnenden Fortepiano⸗ Wild ſtuͤrmte ſie, die Ver ild die Accorde, und 7 ander, um erſt einen füͤr ihre Stimmung zu finden. 5 Stim⸗ mung mußte wohl die elegiſche ſeyn, te, hinein in urch ein⸗ denn als ſie das b moll gefunden hatte, intonirte ſie, und ſang mit lauter, ruͤhrend ergreifender Stimme, was ich bei meinem treuen Gedächtniß noch in derſelben Nacht gleich darauf mir nie⸗ derzeichnete. Der Geſang, oder viel⸗ * mehr die Worte„ nute⸗ F — ten alſo: 4£ Leb⸗ ich noch? Wag' ich denn jetzt noch zu leben? Set mic das Sehnen nach ewigem Stre⸗ ben? Au⸗ S ſind hier mir erkattet, 3 Hades allein nur im Schergenamt waltet. Auf zu dem Reich, wo in unendlichem Schweben nach Himmliſcherm ſtreben; iſche Schickſal nur waktet, Sind ewige Geiſter oft widrig geſtaltet. Was iſt das ſuße, das wonnige Beben? Es iſt die Sehnſucht nach goͤttlichem Leben. Doch, wo der Liebreiz zum Schoͤnen ver⸗ bluͤhet, umſonſt der Erdſohn zum Leben ſich muͤhet. Herausgeriſſen muß er ſeyn Aus ſeiner Taͤuſchung Wuͤrfelſcheinz 169 Der Zorn im Innern muß ihm wuͤhlen, Er muß des Stolzes Selbſtheit fühlen. Er darf nicht fuͤrchten die Zweif felnacht; Der Wuͤrfel liegt;& leicht iſt's vollbracht! Nachher wurde es ruhig in dem Nebenzimmer, und ich legte mich nie⸗ der. Der Anklang der Toͤne, aus dem ſchweren Bedraͤngen eines bedraͤngten Herzens geſungen, drang tief in mein Gemuͤth, und in ſchwer beweatem Ge— muͤth träumte ich davon in irrem Traum. Endlich brach der Morgen auf, und ich raffte mich von dem Lager, hinaus zu ſchauen in die ſchoͤne Natur, um das bittere Gefuͤhl, welches ich einge⸗ ſogen hatte, zu vernichten, und mich wieder auszuſohnen mit der guten al⸗ ten Mutter. Bald hoͤrte ich unten lebendige Bewegung, und hoͤrte auch die Stimme des Pfarrers. Da kleidete ich mich an und ging nach einiger Zeit hinunter. Der Pfarrer hatte Ichon die erſten Ge⸗ ſchaͤfte der Wirthſchaft beſorgt, und ich fand ihn in der Bibel leſend. Sein Morgengrüß war ein Segen fuͤr mich, und wir tranken den Kaffee. Unruhig ging der Pfarrer dann umher, und fragte endlich die Magd:„Wo bleibt denn Arabella? Sie iſt doch ſonſt im⸗ mer fruͤh bei mir unten.“— Arabella erſchien aber immer noch nicht, ob⸗ gleich die Sonne ſchon hoch hinauf ge⸗ zogen war und alles Lebende geweckt hatte in ihrer Goͤtterluſt. Da befahl der Pfarrer der Magd, an Arabellens Thuͤr zu klopfen. Die Magd kam zuruͤck und berichtete, daß ſie keine Antwort vernommen, unge⸗ achtet ſie laut genug angepocht habe. Der Pfarrer wurde beſorgt, und wir ———— r gingen Beide hinauf. Das Zimmer Arabellens war verſchloſſen und kein Klopfen half. Ich ſelbſt war nun be⸗ ſorgt und ſchlug die Thuͤr ein. Wir traten in Arabellens Zimmer; es war leer, das Bett war, wie es geſtern geweſen, und ſchwerer Ahndung voll durchſuchte ich das Zimmer, während der Pfarrer, von der Deutung meines Ausrufs ergriffen, in einen Stuhl ge⸗ ſunken war. Auf einem Tiſche fand ich einen Zettel; ich durchflog ihn und bebte. Er lautete: „Von dem Leben nehme ich gern Abſchied; denn es iſt nicht werth, daß man es nenne. Von Ihnen, alter Vater, Abſchied, und zwar auf dieſe Art, nehmen zu muͤſſen, das iſt mir ſehr ſchwer geworden. Aber es mußte ge⸗ ſchehen. Ich konnte nicht mehr 172 dauern in dem Leben. Der Fremde iſt des la Torne Ebenbild, und hat mir alle ſchmerzlich-ſuͤße Er⸗ innerungen geweckt. Beten Sie fuͤr mein Heil, oder für meine ewige Vernichtung!“ Mit vieler Muͤhe ſuchte ich dem Pfarrer begreiflich zu machen, daß die⸗ ſer Brief wohl ohne gefaͤhrliche Folgen, und nur eine Ausſchweifung jugendli⸗ cher Schwaͤrmerei ſey. Da ſtuͤrzte ein Knecht mit den Worten herein: „Heiland der Welt!— In dem Brunnen iſt ein Leichnam!“— Der herrliche Greis ſank in einen Stuhl und faltete die Haͤnde. Sein Haupt ſank auf ſeine Bruſt, und er ſeufzte einmal leiſe:„Iſt das Leben zu nennen, mein Schoͤpfer? Herr! 173 Deine Prüfungen ſind großt“= Ich ſuchte ihn zuruͤck zu halten; als er ſich wieder etwas erholt hatte, und nun Mehrere um ihn beſchaͤftigt waren, ging ich hinunter auf den Hof. Ein An⸗ lick, der mein ganzes Weſen erſchuͤt⸗ terte!— Arabella lag da, eben heraus⸗ gewunden aus dem Brunnen, mit dem langen, ſchwarzen Haar, welches in wilder Unordnung das verſtoͤrte, blaſſe Geſicht nur noch zuruͤckſchreckender ge⸗ ſtaltete. Ich werde dieſen Anblick nie vergeſſen. Der Chirurgus kam; eine Menge Neubegieriger war hinzu ge⸗ ſtroͤmt, Der Chirurgus beſah, unter⸗ ſuchte, und ſagte dann in der ſcho⸗ nungsloſen Kaͤlte ſeines Amtes:„Sie iſt todt! kein Gott ruft ſie in das Le⸗ pen zuruͤck!“— Da ſchlich ich in die Pfarrwohnung uͤck zuruͤck auf mein Zimmer, packte meine 174 Sachen und wanderte weiter, hinaus in das Freie. Von dem Pfarrer jetzt, gerade jetzt Abſchied zu nehmen, würde mir das Herz gebrochen haben. Hier von Bern aus habe ich ihm geſchrieben, wovon die Seele voll war.—— — ——.—— —————————— ————————————— —————..—— 8 5— g . ſ b 10 11 12 1 6 17 18