SSe Leihbibliothek ₰ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3 Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe [ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— f. WM 50 — 3 „ 6„„„„,— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersgtz. Fär beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichtet. N — 7. Ausieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Vücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Banditenhohle von Caraſtro. R o m an von Carl Nio* Zweite Auflage. inbutg und eipzig. Verlag von Gottfr. Soſfe Die Banditenhoͤhle 1 von Cars ſtro F en ſchaft, welche im Vo un ns ſeſteht un Der alte Graf Vut an herrlichen Sommerabend. welchen italiſche Himmel gewaͤhrt, auf de tan der 8 ſünt ba 6 und ſpiegelte ſich in dem ſtillen Gewäſ⸗ am Himmel eiferſuͤchtig ſey. »So mögte ich ſinken, wie dieſe ſchuͤttelte mit einem wehmůthigen Blic⸗ 3 greiſe Haupt. ihm. Was i Euch, Vater ꝛe fragte er. Ihr ſcheint mit Euch oß in wh⸗ zu 3 mit der Welt.« ſer, als wenn ſie auf den Wiederſchein reine Sonne le ſagte Graf Maltori, und Sen zwrſtet Sohn Stephano nat Ni mir, Sthban, bin ich in reinem, frommen Frieden, aber nicht 8 icht mit der Wett? Ich glaubt, 7 ſie waͤre Euch freudevoll, genußrei S theurer Vater 6 N 4— war F es er bert Nun? Laßt u wen . vStephano, ich ſage Dir, heirathe i Die e die S S das nicht e ge. ſcwe Füchr guter Kinder?e 8 Vatet! Häbe mer bereitet? O laſſet 8 Rede nicht aus! Ich alter Knabe weiß, wie ich euch alle zu nehmen habe. Die truͤben Wolken, welche uͤber meinem ſonſt ſo glaͤnzenden Hauſe haͤngen, be⸗ merke ich wohl, und ich erſchrecke dar⸗ über, daß ich dieſe Wolken F hr minet— 6ℳ mit Fue 6 1 3 er i innn Euer it⸗ 36 4 Keine Vu, Knabe wenn der Vater redet!— Franzesco hat zuerſt Entwurdige Du ſie nicht, und Fluch 6„Deinen nZwieſßiht a nñnst en⸗ die Vaterfteuden mich kennen gelehrt. Dir, wenn 6 um Deinetwillen ſie ver⸗ Se — — Wee— Freilich, lieber Bater, wird der hitzige, aufbrauſende, ungeſtuͤme Frau⸗ zesco den Vorzug vor dem berechnenden zweiten Sohn behalten; aber—6 Aber ich ſage Dir: Fianzeschs AUngeſtuͤm geſtaltet ſich gut, denn er iſt gut; Deinem Herzen traue ich nicht gunh 6 e 6 4 6 ha ſie ſc Shn und trommelte an dem Eiſengitter— Jetzt trat Franzesco ſelbſt ein, mnſhins ſeinen Vater, und rief; WVater! 6 n un e 10 „Vs wolteſ vſtne⸗ WDarf ich Miranda, die geyietn meiner Jugend, die zarte Schoͤpferin meiner füͤßeſten, ſchoͤnſten Gefuͤhle, mei⸗ ner frommſten Empfindungen⸗ einfuͤhren als meine Gattin in des 1 —————— Du darſſt es nicht, renect Du uſt es 4 ſchmolue S Maltori vUnd warum nicht, Vater der Schn bonch 14— 8 vei tiſen wichtigen Gegen⸗ 3 n fräͤgt der Menſch den Wenſt nicht der Sohn den Vater 11 lachte Stephano vor ſich hin.„Seht Ihr nun wohl, Vater! ich n daß Du reden mußteſt in dieſen Augenblick,« ſprang Franzesco auf, Du erinnerſt mich an das, was Miranda mir unter Thränen, nein, nicht unter Thränen, denn der heiße Schmerz hatte keine Thraͤnen des gemeinen Le⸗ bens! mir ſagte, mir klagte, mir vor⸗ jammerte le „Nun, vin doch eh⸗ hören, was Signore Dir vorgewinſelt,« ſpottelte Stephano. „Sie hat mir geſagt„ſprach Fr 6 alle gemi Liebe fogar erzwingen zu wollen. Ver⸗ ſtanden; Stephano? Pfui! der Elende⸗ der da vor mir ſteht, nicht ſich zu verantworten wagt und nicht wagen darf, ſich zu verantworten, iſt mein Bruder nicht! Sch ete S— 16 a en meiner Benet ſugſt Du da 2 zuͤrnte Stephano S Finiſn i n .»Weh zeunß Du Recht! She ſehte der. mehr und 13 zesco ein.„Sie iſt die Sonnenn meines Lebens? dieſer Augenblick eniſch bet⸗ ob ich noch einen Vater habe, 1 — oder—6 5 „Ich will Dir den Schluß erſpa⸗ ren,« zuͤrnte Graf Maltori. Ich wuͤrde Dich und Miranda in der Braut⸗ nacht ermorden, und Verzeihung bei den ewigen Gewalten des Himmels finden, wenn Du ir die S teſt e Vuſ es iſt zu witt 5 muß ich es vZu ſpaͤti? Ich. d Mein ſolze⸗ wird ii Ver 14 ſeyn. ch verfluche Dich, Du Ungluͤck⸗ keliger „Mich verfluchen, Vater? Was hab' ich verbrochen 24 —— „Was Du verbrochen habeſt? Du haſt zu fruͤh dem Gehorſam, welcher den Eitern i Dich enttungeni — — gmtingen dem Gehorſam gegen die Eltern? O! daß mein ſanfte, zärt⸗ 1 liche, guͤtige Mutter noch lebte! Ihr 5 allein mögte ich die Unbill mir hier wird le „Ich verſtehe Dich! In einer Stunde verläſſeſt Du mein Haus le rief Waktori⸗ höchſt Süet 8„Es iſt das 6 meiner Väter, und ich bin der nächſte Sproß le er⸗ —— 15 wiederte Frantesco in glühender Lehe digkeit. „Jugend! Jugend! wie biſt du mißgeſtaltet!— Stephano ls fuhr der alte Graf dann fort,»Du ſorgſt dafür, daß in einer Stunde mein Befehl erfüͤllt ſey,— Er ſtand auf, ſich fort zu be⸗ geben. »Vater! Vater! iſt das Ihr ut⸗ tes Wort*4 raffte ſich Franzesco auf. Ich weiß es, daß Sie mir zurnen. weil ich der Liebling meiner Mutter war; daß Sie mir zürnen, weil Sie mit aller Ihrer Gewalt es nicht verind⸗ ger, die Lehen meiner Voreltern mir zu entwenden und ſie dem Buben Stephano, den ich nicht fuͤr meinen Brder anerken zuzuwerfen; das alles wollte ich Sn itegchenz dem demüthigen Schweigen kindlichen „ 16 Vater, Miranda mir vorenthalten, das — Das iſt väterlich ſprach der Graf in entſchiedenem Tone, brach auf, und warf donnernd die Thur ſich Es war eine lange Pauſe, während welcher beide Bruͤder nach dem Meer⸗ uer, ſchoͤn beleuchtet von dem Nacht himmel, hinſchauten. Der eine mogte reden, der andere konnte nicht re⸗ Ein Diener des Sufn mr ingſic⸗ Spannung „Der junge Ze gr e moͤgte ſogleich im Vorzimmer erſcheinen,« eg er, i ſt 13 nicder 17 und Stephano ſchlug ein gellendes Ge⸗ ſchrei auf. Franzesco, Rache kochend, ſah fuͤr jetzt den Bruder nur mit einem verachtenden Blick an, und, auf Alles vorbereitet, folgte er dem Befehle des Vaters. Er trat in das Vorzimmer. Nur einen Brief, oder vielmehr einen Zettel des Vaters erhielt er, und der Va⸗ ter ſchrieb darin: Franzesco iſt von jetzt an mir entfremdet. Er iſt mein Sohn nicht mehr; er iſt enterbt. Mi⸗ randa iſt auch mein Pflegekind nicht mehr. Die Reſte eines muͤh⸗ ſeligen Lebens ſetze ich daran, eine beſſere Zukunft meinem Geſchlecht zu bereiten. Franzesco wird, ich vefehle es, unverzuglich mein Schloß verlaſſen. Sein Ungeſtim, ſein Ei⸗ gendünkel, ſein Pochen auf ſich ſelbſt berechtigen mich zu döſem Die Banditenhoͤhle. waltſchritt. Kommt er dereinſt⸗ dutch Erfahrung gewitzigt, als le bensmuͤder Pilger wieder in dieſes 3 Schloß ſeiner Väter, dann ſoll ihm allenfalls eine Stelle darin werdenz eher aber nicht. Fe WVerflucht ſey der Schritt, 6 als Bittender, als Buͤßender jemals in dieſes Schloß meiner Vaͤter thun wer⸗ del Franzesto, und iß den . was ſagen, was thun Sie da? Es iſt der Brief eines Valers!* der alte Diener. e Freund! weißt Duz wo vie ſe katur endet!e Wie verſtehe ich das, Herr? vWie Du das verſtehen ſolſt, alten Thor von geſtern? Ich will es Dir er⸗ klären. Die thieriſche Natur endet mit dem Menſchen, damit zuletzt dieſes Flat⸗ terleben in Null aufgehe. Denn ſage mir ſelbſt, iſt nicht der Menſch das raub⸗ ſuͤchtigſte Geſchoͤpf, und kriecht nicht ſdes Thier ſcheu vor des Menſchen Pfiffig⸗ keit zuruͤck? Er iſt geächtet durch die ganze lebende Natur. Das Inſect fliehet den Menſchen, und ſetzt ſich doch auf das wildeſte Raubthier Arabiens. Die Bedeckung muß der erbaͤrmliche Menſch, er allein, der Thier⸗ und— zenwelt abſtehlen, um ſeinen nacte Lei ib vor den Elementen zu ſchutzen, wihtend der andern Thierwelt die Mutter Nu tur von ſelbſt, unaufgefordert b üfen, gegen die Elemente zu kämpfen. Weg mit dem Menſchen 20 iſt eine verhunzte Arbeit der Natur, und noch dazu iſt dieſe Arbeit jetzt ver⸗ * wittert und veraltert. Adieu, Alter? Ich will jetzt zu einer neuen Form den Guß ſuchen.— Wenn Du meinen Bruder Stephano ſiehſt, dann ſage ihm, daß der Dolch fuͤr ihn ſchon geſchliffen ſey. Es iſt ein Gotteswerk, wenn man. einen Buben aus der Welt ſchafft und der ewigen Vernichtung ihn hinwirft⸗e 8 vch! licber Graft was begitnen Sie? Wie wird Ihr Vater—⸗ Vater Habe ich denn noch ei⸗ nen Vater? Ich glaube es kaum. Ein guier Vater kann nicht ſo gegen ſein 3 Find handeln, als Graf Maltori ge⸗ gen mich, und einen Falten, hartherzi⸗ gen Vater mag ich nicht Bei dem Himmel dort oben will ich es verant⸗ 47 — A worten, wenn ich mich jetzt gegen dieſen S Vater wende! Franzesco! bedenken Sie—6 „Ich habe alles bebacht! Der Bei meines Vaters iſt eigentlich ein Abſage⸗ brief; doch ich betrachte ihn nicht ſo feindlichen Gemuͤths, als er, der Va⸗ ter, es vielleicht denken mag. Ich gehe hinaus jetzt in die Welt; ſie iſt ein Tur⸗ nierplatz geweſen, und wird es ewig blei⸗ ven. Wem die Metze Glück die golde⸗ nen Looſe zuwirſt, der i die Braut zu Perſ ber Braut— Braut— ich„ es wohl! Sie duͤrfen mir nichts ſa⸗ gen. Was ſoll Snt aus Nirunds wer⸗ nie ze „Uus Miranda? Ich veiße mir fort, in dieſer Nacht noch, denn— ſtuͤrmiſch zeigt und geſtaltet ſich die wah⸗ re Liebe „Ungluͤcklicher Herr k ſchuͤttelte der alte Diener wieder den Fſ Alter! Ich bin jetzt der freieſte Menſch in der Welt, und ich habe große Luſt an den Angeln der Erde zu rütteln. Adieu! pour 6 vUngluͤcklich, ich? Du irrſt Dich, † Des letzte ſgte er nit einer Hef⸗ die man faſt gluͤhenden Sorn nennen moͤgte.— Er eilte zu M⸗ randa, der Heißgeliebten, der Erſehn⸗ ten; aber ſie war nicht mehr da. Durch die alte Kammerftau erfuhr er, daß Ni⸗ randa, auf Befehl des Grafen Maltor ſetn ſey, ſie wiſſe nicht, 23 wohin, und Signor Steßhano tabe 6 S Begleitung geordnet. „So? ſo?« grollte Frauzesco noch einmal im wilden Ungeſtum eines hoch⸗ aufwogenden Herzens.„Gute Nacht! Welt! Mir, Allmaͤchtiger, rechnees nicht zu, aber den Buben, die ohne deinen vaͤterlichen Willen hier herumſchleichen, rechne es zu, wenn ich das erhabendſte meiner Ziele am Schandpfahl ſuchet Miranda mir entwendet. Mir? und von wem? Von dem Vater und von dem Bruder! Wohl! der Würfel liegt! die Donner moͤgen rollen; ſie wer mich ſtreitluſtig finden Tief in die Wildniß wanderte Fran⸗ zesco hinein. Die Rache glühete in ihm; aber wo jetzt Gewalt hrbeibommen, Vaffen zu leihen? Und boch 24 ein großer in ſeinem ſanften Gefuhl! Eine halbe Tagereiſe war noch nicht beendet, als ein Diener des Grafen Mal⸗ tori den Wandernden erreichte, vund— ſagte der Diener— der Herr Graf iſt zwar entruͤſtet, aber er wuͤnſcht doch zu wiſſen, wohin Ihr reiſt, gnaͤdiger Herr; und von dem jungen Herrn, Graf Ste⸗ „nun freilich, von 1 em ſo Euch vermelden, daß er Euch g F wünſchen laſſe« n Vater« ne Fien⸗ zesco, obringe meinen kindlichen, herz⸗ lichen, warmen, aufrichtigen Gruß; dem Stephano aber melde, daß es fuͤr mich eein Gebet ſey, den Dolch zu beſchauen, ich für ihn ſchon ufn hb 5 Dann entließ er den Boten zürnen⸗ den Blickes, und eilte weiter. Wohins das wußte er eigentlich ſelbſt nicht. Wo⸗ hin Fortuna ihn fuͤhren wuͤrde, den Weg wollte er einſchlagen; dazn war er 5 entſchloſſen. 3 Duͤſter und immer düſterer wurde bald die Nacht. Fernher leuchtete der große Katafalk, der Veſuv, durch di ſchwarzen Nachtſchauer, und morſchen Geſtein uralter Vorzei der Sturmwind. Unwetter brauß geheimen oder nicht Hohlen der Erde, in Schluchten und Haͤuſer ſich verkrochen, dem Groll der wider⸗ ſtrebenden oder der ſtrafenden Ratur 5 gehen. Da ſtand Franzesco, mit mit der Natur, mit dem ganzen Leben in Unfrieden, in wildem Geſtruͤpp, und mit dem Himmel. 4 Du dort oben!« rief er in das Wetter der Nacht hinein,»kannſt du mir ſo die Liebe, die Treue ſtrafen wollen? Du zuͤrneſt mir, aber dennoch bete ich dich mit heißer Ruͤhrung an! Du haſt mir harte Pruͤfungen aufer⸗ legt, aber dennoch denke ich, daß ich Seen werde.« „ 7 Schwerlich! ſchwerlich agt* neben ihm, und klopfte ihm auf die Schulter. Franzescd ſah hin; aber die Gewitternacht wurde nur durch das Zucken einzelner Blitze erhellt.»Wer ich bin?« fuhr jener fort, als Fran⸗ zesco, von einem Schauder ergriffen, ihn gefragt hatte:„wer ich bin? Ein Ungluͤcklicher, wie Du! Das Elend daß man nicht ehrlich ſeyn muß, Franzesco mit einem wilden Sngic ſegte jener. Franzesco reſignirend. der Menſchen hab⸗ ich hinabgewürgt; tauſend Wege habe ich eingeſchlagen, auf dem Wege der ſogenannten Ehrlichkeit durch die Welt zu kommen; honette Konvenienz hat meine ehrliche Treue immer mit Fuͤßen getreten; und darum bin ich denn nun auch feſt ehrlich durch die Welt zu kommen.* ſtehſt Du mich? „Ich verſtehe Dich, Kamerad le ter, und ſchlug ein. Alſo Rache dem n Rache! ewige Rachele erwiedette »Kamerad, komm K fiel der der Furchtbare noch einmal ein, und ſchlug ſogleich eine Blende an.„Laß uns in dieſe Grotte gehn. Ich weiß ſehr wohl, wer Du biſt. Franzesco nennſt Du Dich, Graf Naltori iſt Dein Vater, und Dein Bruder Stephano buhlt um Miranda, derentwegen der Graf, Dein Vater, Dich verſtoßen hat. ies iſt die erſte Edelthat, welche ich on ihm erfahre. Denn wiſſe: V i Deine Schweſter! 6 — „Entſchlicher! Ein Spiel 1 gin⸗ 5 teibſt Du mit mir. Das iſt nicht Vahr l „So wahr ich hoffe, ſelig zu wer⸗ den 6 lehie ie auf. ie Scligkeit we fir uns Beibe nun ii voruͤbergehn.« 31 Woher? Woher? Habe ich es Dir nicht etwa ſchon geſagt, daß die Menſchen die boͤſeſten Beſtien ſind durch die ganze Natur? Nachher will ich Dir meine Geſchichte erzählen. Nur naͤher, naͤher, Kamerad. Horch! das Unwetter verſchallet ſchon im Gebirge. Erſt will ich Dir von Miranda und dem Graß Maltori erzaͤhlen. Du aber, Traͤu⸗ ſragteſt nicht einmat?« Mogte ich es wagen mn 6 Dir? Jetzt aber ſtehe mir Rede. Wie iſt es! Miranda meine Sweßen 8 „Sie i es, und zwar einfachſte Art von der Welt; ach! es laufen ſolcher Schweſtern viele durch die Welt, und manchen nimmt man als Fremdling auf, den man Bruder nennen be wenn man in das we 32 liche Dunkel menſchlicher Verirrungen Licht bringen koͤnnte Rede weiter, weiter! Meine Oh⸗ ren werden mir zu Augen, meine Augen zu Ohren. Den Puls des Herzens ſtrebe ich anhuMen⸗ um S zu ver⸗ „Nun ſo vernimm denn! Dein Vater, Graf Maltori, war ſchon verhei⸗ rathet; aus Konvenienz war er ve heirathet, und ſeine Gemahlin gab ihm Stephano und Dich. Auf einem, tief in der Wildniß gelegenen Jagdſchloß, Riivera, lebte Miranda's Muttet, die Pochter des Schloßverwalters, welcher teider! ſein Weib zu früh verlor. Mal⸗ tori war luͤſtern nach der ſchönen Frau des Schloßverwalters, und vergiftete nrch ſeinen Prunk, durch ſeine verfüh⸗ reriſchen Sen ihre Grumſite, wenn gen fand man ſeine Gattin ermordet mit 33 ein Weib etwa Grundſätze haben könntel Der Mann dem ein Sohn aus reiner Ehe geboren war, wurde in die Forſt geſchickt, in das Feld, war emſig in ſei⸗ nem Dienſt, und unterdeß taͤndelte Mal⸗ tori mit der Gattin. Um es kurz zu machen: Miranda war die Frucht die⸗ ſer unkeuſchen Verbindung/ und ihre Mutter derannte die Sünde, welche ſie begangen, dem Prieſter in der Beichte. Dieſer brach das heilige Schweigen, und theilte, vielleicht bei einem Glaſe Wein⸗ voffenherzig dem Schloßverwalter das Be⸗ kenntniß der Buͤßerin mit. Er ſagte nichts; aber ſein Schweigen wat ein drohendes Ungewitter. Nach einigen Pa drei Dolchſtichen und den Dolch in ih⸗ rem Herzen. Ihn ſelbſt, den Möldeh den Schloßverwalter ſuchte man, und fand ihn daraufz an dem Zweige einer Die 34 Platane hatte er ſſich aufgeknipft, und an dem reinen Stamm der Platane ſtand der Zettel angeſchlagen: Die Un⸗ treue meiner Frau hat mich zu Mord und zu Selbſtmord veranlaßt Ich ver⸗ fluche den Augenblick, wo mein Vater, vielleicht in wilder Luſt, mir des Da⸗ ſeyns erſte Spuren gah, und ich hoffe und wünſche eſige Vernſn Mi⸗ randa iſt des Grafen Maltori uneheli⸗ ches Find! Welch ein Entſetzen mag da nicht die Anweſenden ergriffen habent Graf Maltori war auch hinzugefommen; ſol ich den Zufall, der ihn gerade jetz ieher führte, boͤſe oder gluͤcklich nennen? Genug, er las den Zettel, zerriß ihn, ſorgte fuͤr die Beerdigung, und nahm Miranda in ſein Schloß; an Kindes Statt nahm er ſie un, gleichſam, als vb er damit den Himmel verſoͤhnen wolle. Wird ihm das aber möglich ſeyn? Die 35 ewigen Urnen ſchütteln die wonne ſe über dem Verbrecher.« Entſetzliche Nachrichten, die Du mir da giebſt, Grauſamer! Aber auf der an⸗ dern Seite beruhigen ſie mich, denn ſie geben mir— o! wenn ich jetzt Rache ſpinnen wollte, es würde eine furchtbare, eine entſetzliche Rache wuͤrde es ſeyn! Doch jetzt will ich noch nicht das Rich⸗ terſchwert mir anmaßen wollen. Eine Antwort biſt Du mir aber jetzt noch ſchuldig, Du Entſetzlicher! Woher weißt Du das Alles? Stehe mir Kedele „Woher ich das weiß? Ich Dir meine Geſchichte verſprochen. Jetzt 8 ollſt Du ſie auch erfahren in kurzem ſcharfen Umriſſen.— ie⸗ ſiſchen bin 3 S ich entſinne mich noch aus meinen frü⸗ Sie war liebevoll, zärtlichz bald entſtand aber eine Störungz ich ſelbſt wußte nicht, woher ſie gekommen, und ſchwankte in meinem erſten Jugendſinn zwiſchen Va⸗ ter und Muttor. Kamerad! kehre es nicht auf die falſche Seite, wenn ich Dir in eine boͤſe, befeindende Welt. meine Schweſtt. Eriaß mit⸗ K Armuth druͤckte meine Eltern nicht, und heſten Jahren der Zartheit, mit welcher mein Vater der Mutter entgegen kam. jes ſage, daß das Gefühl für die Mut⸗ ter, die Gebaͤhrerin, das vorherrſchende iſt und bleibt! In ſeliger Freude ſchwang mich empor Da fühlte ich urplötz⸗ uch, daß die Alltagswelt zu beklagen ſey, denn meine Eltern waren hinüber gegangen, und ich ſelbſt hinausgeſtoßen Das einzige Weſen, woran ich hing, woran ich jetzt nur noch hängen konnte, war 37 das alles zu entwickeln, was mich it der erſten, vielleicht verdorbenen Jugend⸗ bluthe dazu hinriß, mich empor ſchwin⸗ gen zu wollen. Doch, wie fand ich das alles, nun ich mich ſelbſt fuͤhlte? Eigen⸗ nutz, Mißgunſt, Habſucht war im Beſitz⸗ die Selbſtkraft, das Edelgefuͤhl war ver⸗ laͤſtert, belaͤchelt; Buben ſchalteten und ſchmuͤckten ſich, wo ehrliche Maͤnner nur den Kopf ſchuͤtteln konnten; da ſchuͤt⸗ telte ich auch den Kopf und ſagte fuͤr 4 mich hin: Herr, dein Wille geſchehe! Ich knirſchte in die Zaͤhne noch ein⸗ mal, und ſchwur dem Menſchenge⸗ ſchlecht Rache. Man nennt mich den Chef einer Raͤuberbande ſeitdem; aber ich bin nur ein Scherge des Weltge richts, und wenn Du nun noch mehr n wilſt Fne ſe bfohre noch nicht; ſo viel fage ich nur, daß ich er⸗ hatte, den Faden, der mich an die ge⸗ 38 »Deine Schweſter?« »Haſt Du das nicht ſchon geahn⸗ det? Vernimm: Ich war der Erſtge⸗ borne, Miranda's Bruder! Meine Mut⸗ ter war mit dem Graf Maltori, dem ſchaͤndlichen Verfuͤhrer unbewachter Wei⸗ besliebe in Einverſtändniß gekommen, und Miranda war die Beute ſeines unwuͤrdi⸗ gen Sieges. Wie er ſich nahm, als die Sache ruchbar wurde, davon rede ich grimmt gegen das ganze Geſchlecht, zu welchem der Himmel mich verdammt meine, große, vornehme, bürgerliche Welt binden ſollte, in einer göttlichen Ninute zerriß, und Freibeuter wurde in dieſer ſchoͤnen Natur, welche der ſchlechte Menſch* ſo entſtalten wuͤrde. Meiner Geſellen ſind wenige; aber Millionen würde ich werben können, wenn ich es wollte, wenn ich es mögte; ſich, Kamerad! ſo elend iſt die liebe, hochgeprieſene Srhe beſtellt 56 „Du biſt ein entſetzlicher Maſch ſprach Franzesco noch einmal; vaber folge Dir⸗ 8 Wohin? 33 Das gemeine 6e der— Welt zu ermuden! »Siehſt Du, Finztst, ſo nic viſ Du mir nie erſchienen, als in bie⸗ Angenblicke, wo Du in offuen Zwie⸗ ſpalt mit dem Weſpenneſte da unten ge⸗ Suche doch innat. din ehr⸗ 40 ſie und ausgehungerte Mauſegeſichter; ich habe noch Luſt, einige Worte mit 5 ihnen zu reden. Jetzt, Kamerad, begleite mich nach Caraſtro.« Nach Caraſtro? de furchtbaren Raͤu⸗ behihet Man ſpricht— 6 Boſe von ihr, eben darum, weil ſie furchtbar iſt, und die Menſchen ſcheuen die Furcht nicht ſowohl, denn ſie iſt ei Genuß; aber ſie ſcheuen das Surcttn hoch Ficbiſc Geſtaltete ch folge Dir Fran⸗ zZesco in wildem, oder, wenn wi len, in hohem Taumel. Sein Se — poetiſch geworden, und die ſche Welt lag unter ihm wie eine Ver⸗ 1ſeet von geſtern! Poetiſch kann 44 nennen, wenn der, in allen Lebensver⸗ haͤltniſſen Geſtoͤrte den letztern⸗ locker⸗ ſten Faden des V Vertrauens an ein Fa⸗ tum ergreift. Unterweges, als es durch das wilde Geſtruͤpp, immer die hohen oft unerreichbar ſcheinenden Klippen hin⸗ an ging, ſagte der Raͤuberhauptmann, welcher naturlich der Fuͤhrer war; 7 „Du wirſt, Franzesco, in unſerm unterirdiſchen Schloß Caraſtro, Menſchen verſchiedener Art finden; aber leer wür⸗ de dieſe unnatuͤrliche Wohnung ſtehen⸗ wenn die Menſchen in der Oberwelt peſſer wären, und wenn nicht einen je⸗ den da unten bei uns der Kitzel treiben müßte, gerechte Rache an den Schur⸗ en hier oben zu üben. Du ſindeſt in dieſer kleinen Unterwelt Finanziers, wel⸗ he geſtürzt wurden, weil ihr Gehirn dem Rath, wie das Lun noch 42 beſſer auszupreſſen ſey, war; Du findeſt ausgehungert tapfere Soldaten, welche verfolgt wurden, weil ſie nicht auf ihre Kameraden um einer Narren⸗ poſſe willen losſchießen wollten; ehrliche Advokaten, die dort oben, eben weil ſie ehrlich waren, kein beſonderes Gluck . machen konnten; verdorbene Kaufleute, welche ihr Schutzgott Merkur nicht zu Gaunern machen alles ſolch' konnte; ſich, ehrliches Geſindel, tur vor die Füße geworfen, findeſt Du dort. Laß uns ſetzen. Sieh, wie ſchoͤn iſt das Firmament, wie herrlich die ſchone Beleuchtung an dieſen ſcwarzen Maſſen des Gebirges; zu welchem maͤc tig großen Schwunge erhebt das die Fittige des Geiſtes; ach! und de iſt ſo häßlich in dieſer ſchö Er ſitzt am lecken Faß der welches den Pfandbrief auf aͤußeres Gluck der Na 43 und durſtet immer, ohne gnicen„ koͤnnen.« „Genießen koͤnnen? Wohl koͤnnte er genießen, wenn er nur wollte« „Du haſt Recht, Kamerad; und was iſt daran ſchuld? Weil die Ein⸗ heit ſehtt, weil keiner dem andern, der Vater dem Sohn, der Sohn dem Va⸗ ter nicht traut, weil es ein Krieg aller gegen alle in der Welt iſt, und darü⸗ ber ſieht man denn die herrliche Got⸗ tesnatur mit falben, matten Augen an Waͤre ich doch ein Reh oder ein Schmet⸗ terling geboren, hab' ich mir ſchon oft gedacht. Als Reh waͤre ich ſrei umher⸗ geſprungen im Walde, als Schmettet ling hätte ich aus den lumenkelchen da Stüßeſte geſogen; ſ Menſch, was iſt mir geworbei ſi e an das Lehen ——— 44 (— Ehrgeiz wurde mein Tyrann, und hat mich hieher gebracht, wo Du mich als den Banditenhauptmann Galloli ſiehſt.« Franzesco ſprang auf.»Der Furcht⸗ bare biſt Du?s rief er ſcheu zuruͤckwei⸗ chend, vder das ganze Land in Schrek⸗ en ſetzt, ganze Dörfer in Aſche legt, und ſich in die erſten eln „Derſelbe, Franzesco, bin ich. Laß Dich nicht erſchrecken; bleib ſitzen. Sehe ich denn ſo furchtbar aus? Glaube mir, ich bin beſſer als mein Ruf, ich finde einen Genuß darin, Scherge des Ge⸗ 35 richts zu ſeyn; ich bin es ohne 2 zezah⸗ ung, und iſt das nicht beſſer, als wenn ds bezahlte Gericht ſchläft? Wahr, ich h abe meine Leute ganze She —— die erſten Verſafnmlungen mich ein⸗ ernen.6 konnte nur durch die Beiträge aller Art bei dem Wiederaufbau Rettung und Hülſe gegeben werden; der Edelmannj der ſie ſo ſehr gedruͤckt, wurde rein aus⸗ 5 geplündert; die Einwohner echielten von fremder Hand Unterſtutzung, und viel davon kam aus der Banditenhohle von Caraſtro. Wahr iſt es auch, daß ich in ſchleiche, oder vielmehr einfuhre, bald als Staatsmann von fremdem Hofe, bald als Spieler und ſelbſt als Inde. Dieſe Einfuhrungen nenne ich das falſche Spiel und ich ſetze ſie ſort, um mit der Zeit mitzugehen, und das Weſpenneſt der großen Welt immer naͤher knnen z Faſt 6 ich. derinß i un- Dich begreifen zu K S zescv. Der Zauber der in dem Gedan⸗ ken liegt, auch auf dieſe Art ein Wel⸗ tenverbeſſerer werden zu wollen, darf Dich nicht bethoͤren. Alle Bande mit der menſchlichen Natur ſind zerriſſen, alles burgerliche Leben hat aufgehoͤrt, wenn Du in die Hoͤhle von Caraſtro trittſt. Keine Ruͤckkehr iſt moͤglich; kein Schwur wird von Dir verlangt, denn den begehren nur die Unehrlichen hier unter uns im Thale, aber unſere Dolche würden Dich finden, wo Du auch ſeyſt. Darum ſage ich Dir noch einmal: noch iſt es Zeit zur Ruͤckkeho; dieſe Viu⸗ kehrt Dir nie wieder. it 23ch bin Mann, zerfallen at d, Welt; hier meine Hand, Hauptmann,« ief Franzesco und ſtand auf. Auch der Hauptmann ſtand auf, umarmte ihn⸗ gab ihm den Bruderkuß, und dann p er auf einer in dem Rockärmel verbor⸗ e ne auan gen gehaltenen Pfeife. Gleich dgrauf erſchien ein Menſch mit zwei gezäumien Maulthieren, und der Hauptmann ſetzze ſich auf das eine, Franzesco nach in S auf das andere. Dieſe Thiere,« ſagte derz i mann im Abreiten,„finden den Gebirgs pfad beſſer als der Menſchz ſich Fran zesco, ſo alſo iſt der Menſch! Doch nicht mehr Fränzesco! Wenn ich dem nächſt den Geſollen Dich vorſtelle hei ßeſt Du Pirro, und biſt ein W Du wohl?⸗ 26„ch wörſtehe! le ſagte Surestc; du. halb traͤumend folgte, unb jetzt auf dieſer Berghöhe, wo er nun inn 48 mann ließ ihn nicht aus den ugen⸗ und unterhielt ihn mit Reden ſo duͤſterer Art, daß gerade das Ernſte, Schwere, Zuͤrnende, welches darin lag, Franzesco's faſt ſinkenden Muth neu beleben muß⸗ te. Rauher und immer rauher wurde dieſe Klippen jemals beſtiegen zu haben⸗ Doch die Maulthiere, des Weges ge⸗ wohnt, traten ſicher an Abgrunden vor⸗ bei, vor denen dem Verzagten ſchaudern mußte. Seitwärts nach Rorden ging es nun wieder hinab; aber gefahrvoller wur⸗ de noch der Weg, und wilder und rau⸗ her, und immer wilder die Gegend. Die Natur ſchien hier ganz ausgeſtorben zu ſeyn. Nicht einmal ein Wn ſich hoͤren. . Graf Neltoti,s vn Sn, und hielt das Maulthier der Weg. Kein menſchlicher Fuß ſchien 49 an, Fhier erſt wird mir wohl, hier wo die ganze Natur ſchweigt, und kein Menſch aus der Buͤrgerwelt dort unten ſich hinwagt. Hinweg mit den ſich brü⸗ ſtenden Pfauen und welſchen Haͤhnen dort unten. Hiet finde ich Ruhe⸗ Ge⸗ nutz und Freude bei denen⸗ welche das Lumpengeſindel dort unten den Boden⸗ ſatz der Menſchheit zu nennen beliebt. Aber ich ſage Dir, Graf, dieſer Boden⸗ ſatz iſt mir lieber und iſt beſſer, als das ſchlaue, freche Gaunergeſchlecht auf den offnen Marktplätzen der Menſchheit es iſt« Du haſt Recht, Hauptmann,« er⸗ wiederte Franzesco, Idie Menſchen ſind nicht werth, daß man Kie Menſchen nennt. Bei meiner Treue! die Matur vergrifi ſich, und knetete zu vi Maſſez ſie ſollte narkoti peſtilenzialiſch worden, re ſchaudert. Die Banditenhöhle. Du biſt jetzt in Wallung, Malto⸗ ri; Du biſt gereizt. Darum noch ein⸗ mal, zum letzten Mal: das Leben kehrt hier um; kehre Du auch um, wirf Dich zu den Fuͤßen Deines Va⸗ tert, bitte ihn um Verzeihung, und ver⸗ zeihe Du Deinem Bruder Ste⸗ phano.e „Ich mich zu den Fußen meines Vaters werfen, ich der ſchwer S 3 digte?« Kann denn ein Vater den Sohn* beleidigen?* und— 4 rSohn iſt zu ſtolz⸗ Sühne wieder ge⸗ 51 ven zu wollen; nicht wahr, Fran⸗ zesco? »Was waͤre die Maͤnnerwuͤrde ohne edlen Stolz, der in keinem Verhältniß ſich verleugnen darf? Soll ich winſeln zu ſeinen Fuͤßen, und wie ein Schulkna⸗ be bittend da vor ihm ſtehen, wo nicht ich, ſondern er verbrach?e „Nein, das ſollſt Du nicht. Reiche Deinem Bruder die Hand, laß ihn den Vermittler ſeyn.« „Ihm, der die Faͤden ſpann, mich von dem Herzen meines Vaters, wenn er jemals ein Herz fuͤr mich hatte, los⸗ zureißen? Nimmer, nimmer! Der Dolch für ihn iſt geſchliffen; ich trage ihn in Buſen bei mir, und halte bei dem Nach gebet ihn mir vor 16 als ₰ 52 Kruzifir. Hauptrann! in jedem Trop⸗ fen meines Blutes ſtreiten Groll, Rache, Wuth und Thatenluſt um den Vorrang. Fuͤhre mich einz ich habe Luſt, den Ge⸗ zu igen⸗ „Mit Deiner ubitigen nenchiſ mag die Welt es gut oder boſe nennen, darauf kommt eigentlich nichts an, muß bracht werden« anzufangen; ich will auch dieſen des Gluͤcks für mich flimmert.e ſellen und dem Meiſter den Dbermeiſter lichen Hitze gewiß nicht. Alles Große, ruhig, peſonnen angelegt, und eben ſo ruhig und beſonnen zur Ausführung ge⸗ Ich weiche nicht von Dir. Haupt⸗ mann, magſt Du mit auch ſagen, was Du wiltſt. Ich weiß es ſehr wohl; ſer hort die Ehrlichkeit auft um wie⸗ Lerſichen, um zu ſehen, ob noch 3 5 „Ich habe nun das Meinige ge⸗ than,« fagte der Hauptmann, und ſtand 6 auf. Mein Gewiſſen iſt frei von der Laſt, welche Du vielleicht jetzt auf Dich bürdeſt. Doch, Du ſprachſt da, von, es auf dieſem Wege verſichen zu wollen, ob noch ein Stern des Glückes jür Dich ſlimmere. Traueſt Du dem b⸗ s ſteht auf einer Kugel— 6 und iſt ein Weit— vAlſo leichtfertig, un. war kelmuͤthig— 4 wund haßt den 2„ cdlen Männer— 1* Die von einem ſchwachen die Beſtie Menſch nicht noch zu etws zu ſey le 54 ſich nicht wollen umgarnen laſſen. Was haſt Du dem Fehen zu ſetzen? Viel, mehr als die Metze For⸗ tuna mir zu ſtehlen vermag. Ent⸗ ſchloſſenheit, Kraft und zuletzt die letz⸗ te Frage an den Himmel: warum er mich in die Welt geſchachert, mich, wider meinen Willen! Die letzte Fra⸗ ge, ſage ich Dir, warum er dieſen Geiſt und Willen in meine Bruſt ge⸗ legt, ohne ihn aufloͤſen zu koͤnnen und zu wollen! Ich habe zu rechten mit dieſen Propheten, und ich will mit ihnen rechten, ſo lange meine Sehnen noch die meinigen ſind. Die Wahrheit iſt zum Baſtard geworden in der feilen Welt, und da der Himmel das Scher⸗ genamt nicht fuͤhrt, nun, wohlan! ſo wollen wir beide einmal ſehen, ob —— 55 Pirto! Du biſt geworben l ſprach der Hauptmann, und ließ ſeine Pfeife wieder erſchallen. Bald darauf erſchie⸗ nen fuͤnf bis ſechs, zwar wilde, aber doch nicht abſchreckende Geſichter in ver⸗ ſchiedenartigen Kleidungen⸗ und der Hauptmann ſtellte ihnen Franzesco als den neuen Kamerad Pirro vor⸗ Sie reichten ihm die Hand⸗ und ſprachen mit ihm in ſo gewandter Rede, daß er in Erſtaunen gerathen mußte. Unter⸗ deß ging es weiter, immer wunderſa⸗ mer hinab in die Gebirgsſchluft. Die Feuerſäule des Veſuv beleuchtete die Felsmaſſen, durch welche man ſich win⸗ den mußte.— Endlich wurde Halt ge⸗ macht an einem unabſehbaren, von dem Bergſtrom umbrauſeten Felsgeripp, und nachdem die Maulthiere zurückgeſenpet ließ der Hauptmann ſeine gellende weithin ſchallende Pfeife wieder ertönen 56 Sogleich ſenkte aus einem großen, mächtigen Platanenbaum am jenſeitigen ufer des Walbbaches ein Bruͤckenſteg ſich heruͤber, und mit einer Leuchte erſchien ein Menſch, den man durchaus nicht als einen Raͤuber betrachten konnte. Er gruͤßte freundlich, den Hauptmann ehrerbietig, und der gefahrvolle Weg uͤber den Wald⸗ ſtrom wurde bald zuruͤckgelegt. Dann rollte die Bruͤcke wieder zuruͤck und ver⸗ ſchwand. »Nun ſind wir in meinem Gebiet von Caraſtro, Freund Pirro,« ſagte der Hauptmann; er pfiff wieder, daß es gellend an den KFlippen erſcholl, und mit einem jubelnden Ausruf: vder Hauptmann kommt la eilten aus allen Schluͤften Menſchen herbei. Franzesco's Erſtaunen nahm von Minute zu Minute immer mehr und mehr zu. p hat auch er Luſt, dereinſt ben Hinne . 57. Unter dieſen Raͤubern, wie man im Lande ſie nannte, hatte er ſichſrohe, von dem guten Geiſt der Mutter Natur ent⸗ laſſene Menſchen gedacht, und er fand wenigſtens in ſeiner naͤchſten Umgebung hier, nichts als Maͤnner, deren jeder zu eine:n Brutuskopf geſeſſen haben koͤnnte. „Lagert Euch, Kameraden, hier im Freien; die Luft wehet fo lau und kuͤhl um unſer heißes Blut; laßt den Becher umhergehn.« Beides geſchah. „Ich habe,« fuhr er dann fort, vei⸗ nen neuen Geſellen auf meiner verdamm⸗ ten Wanderung mitgebracht. Pirro heißt er, iſt aus Korſika, und weil die Nat⸗ ternbrut der Menſchen ihm uͤbel mitſpielte, zu fragen: warum mir das? Seht nur er hatte einen reichen, ſehr reichen Vater, der ihn verſtieß, und einen Bruder, der ihm ein Bein in der väterlichen Gunſt unterſchlug; je nun! das iſt nichts Neues! polche Lumpereien ſind an der Tagesord⸗ 3 nung, und darum kommt noch keiner zu uns geflüchtet. Aber er hatte auch eine Geliebte, die in ſcines Vaters Hauſe mit ihm erwachſen, und immer enger an ihn geknüpft war. Dieſe Geliebte wurde ihm noch zu guter Stunde entriſſen denn ſie war ſeine Schweſter, ſeines Vakers fluch⸗ beladnes Kind. Nun eilt der junge Mann hieher zu uns, um hiermit der großen Mutter Natur Abrechnung zu halten. Wollen wir ihn aufnehmen?. 3 „Wir wollen!“ riefen ſie unter einander,„ſeht nur den grollen Zwie⸗ ſpalt mit den Menſchen auf dem edlen 5 59 Geſicht— bemerkt doch den vornehmen Anſtand— der wird ein tapferer Degen ſeyn wenn es giltz« ſo ſprachen ſie unter einander. Franzesco ſaß in ſtillem Betrachten da, waͤhrend der Becher ihm weidlich kredenzt wurde, worauf er denn wohl Beſcheid thun mußte. „Ja! jal« ſagte ihm einer der Geſellen, ein martiales Geſicht— hier trinken nlt Lacrimaͤ Chriſti, waͤhrend die vornehmen Staͤdter ſich mit elendem Syrakuſer begnuͤgen muͤſſen. Der feuer⸗ ſpeiende Berg uͤber uns, die Hölle der Menſchenbande unter uns, das Feuer dieſes Traubengottes in uns, da muß man, bei meiner Treu, wohl zwiſchen den Regionen ſchweben und die Sphären, muſik hören. Richt wahr, Kameradz 60 „Ja wohl, ja wohl Ke erwiederte Franzesco, und leerte den ihm gereichten Becher. Nicht ſo erſt, nicht ſo traurig,« fuhr jener fort.»Du gefällſt mir, jun⸗ ger Mann. Wir werden noch Freunde werden, und hier, ſage ich Dir, wird die Freundſchaft nicht zur Metze gemacht, wie bei Eurem Lumpengeſindel da unten. Sieh, was dem Menſchen auf dem Ge⸗ ſicht liegt, das iſt der Stempel der Na⸗ tur, den keine Kunſt verwiſchen kann, und auf Deinem Geſicht, Freund, liegt ſehr feine Zartheit des Gefuͤhls.« „Dieſe Worte in dieſem Kreiſe, in dieſer Umgebung?« fragte Franzesco halb laut. Jener hatte verſtanden, und fuhr 61 „Warum nicht? Glaubſt Du, daß wir entmenſcht ſind? Wir ſind menſch⸗ licher, als die Menſchen. Sie, lieben und bubeln, betruͤgen und morden, und ge⸗ ben ſich dabei den Schein, als wenn ihnen dafuͤr eine Glorie werden muͤßte; wir geben uns wie wir ſind, in der Wahrheit, und wie gluͤcklich koͤnnte nicht die Erde ſeyn, wenn der Luͤgengeiſt nicht auf dem Throne ſaͤße. Es iſt, Kamerab, unvermeidbar nothwendig, daß Menſchen wie wir, auftreten, und dem frechen über⸗ muth dort unten gebieten: is nicht weiter k In dieſem Augenblicke klopfte Hauptmann mit ſeinem Schwert mal auf eine Metallplatte, üͤber w ew ſaß, und alles ſſchwieg auf Signal. Die Pokale würden Peite geſetzt, und in weitem 62 ſammelte ſich alles um den großen Haupt⸗ mann. Was iſt noch waͤhrend meiner Ab⸗ weſenheit vorgefallen?« fragte er. Nichts von Bedeutung erwieherte ihm ein Haͤuptling.»Den Graͤfen L. haben wir auf dem Wege nach ſeiner Villa in der vorgeſtrigen Nacht morden. laſſen.« . Das iſt Recht; ſeiner Begleitung iſt doch aber kein Leid geſchehen?6 Wir ließen ſie ntſpringen⸗ Wohl! Wohl! Was können die Teufels dafuͤr, daß ſie bei dem eſſer des Landes in Dienſte ieſen Mord nehme ich über haben wir geſehn, daß unſer Land zur Huͤlfe in dieſem bedeutenden auf⸗ 63 mich. Die Thraͤnen vieler Wittwen und Waiſen werden hoffentlich dadurch ht Nun weiter.« „Ein Kourier iſt aufgehalten, der die Nachricht von einem neuen Krieg mit“* bringen ſollte; wir haben ihm die Depeſchen abgenommen, und den Bur⸗ ſchen laufen laſſen. Aus den Depeſchen iſt.« Das ſoll es nicht! Ohne meiner Willen, bei meiner Treu, wahrlich nicht Wir duͤrfen ja nur ausſenden in alle Theile des Reichs, und mag dann die Drommete geblaſen werden zum allgemei⸗ ken Aufruf; ohne unſern Willen wird h doch nur mattherziges Hungergeſindel ter die Fahnen ſtellen. Wozu d 64 auch dieſer Krieg? Iſt der Narr, ber gewöhnliche Menſch, nicht ſchon ermübet und gepreßt genug? Will man ihn ganz zermalmen? Fort mit dieſem RKriege! Die Depeſcht wird untergeſchlagen.« „Hauptmann! in die gewaltigen äder der Politik eines ganzen Welttheils wollteſt Du eingreifen können?« rief Fran⸗ esco in großem Erſtaunen. „Ich kann es, wenn ich will, Pirro K ſprach der Hauptmann entſchie⸗ en,»denn an den benachbarten Hoͤfen abe ich nicht allein Kunden, ſondern uch Horcher und Lauſcher; ſo die Man⸗ elträger meine ich, die vor allen Bück⸗ lingen, die ſie machen, nicht zu den Stolz, den Blick emporzuwerfen, komme önnen, und die ſchon fruh die Erdſtell ſuchen ſcheinen, wo man ſie vergeſſe 6⁵ wird. Durch dieſe Drathpuppen laͤßt ſich gn viel bewirken.— Was habt Ihr auf der Jagd, Burſche?« fuhr der Haupt⸗ mann fort. Wir ſind jetzt faſt zu muͤſ⸗ ſig; und das Laſter iſt doch ſo thätig le Was wir auf der Jagd haben?6 erwiederte einer.»In der That, wenig, Hauptmann. Die Menſchen ſcheinen jetzt ehrlich werden zu wollen, daß ſie unſers Zuchtgerichtes nicht mehr beduͤrfen.« „Ehrlich nicht, ſage ich Dir, aber frömmelnd;z und da geht denn der Wolf in Schaafskleidern! Eyrlich? ehrlich! Was mennſt Du ehrlich? Es iſt eine Lockſpeiſe, die niemand geſehen hat, eben ſo wenig wie Mahom's Paradies. Ich will es Dir anders deuten. Schläftig werden ſie da draußen, obgeſtumpft. entnervt, und umgaͤngelt. Der tuſtigen⸗ Die Banditenhoͤhle 65 freien Thatkraft muſſen wir wieder auf die Beine helfen, ſonſt, Ihr ſollt es er⸗ leben, Kameraden, iſt die arme Beſtie Menſch verloren. Das Netz iſt ſchon geflochten, welches den urſprunglich freien Vogel der Luft, den Herrn der Schöp⸗ ſung in das San locken pl. Weiter! mi⸗ 5 »Der Bube, Graf Maltori iſt zu zuchtigen,« hieß es weiter. Er hat ſei nen älteſten Sohn, Franzesco, verſtoßen, und ſeinem juͤngern Sohn Stephano ſich ganz hingegeben. Dieſer Stephano iſt 8 eine Luge der menſchlichen Natur; er hat ſeinen ältern Brider, der ein Junge ſeyn ſoll, aus dem S des Se geſoöen 6 4 „Kleinigkeit le ſagte di Sin nihrent Franzesco erſtarrt da ſtand, 5 c.* Aber,« fuhr jener Berichterſtatter Graf Maltori hatte eine Pflegetochter; aller ihre Gunſtbezeigungen gewinnen 67 vwenn wir um ſolcher Lappalien wilen das Vehmgericht wieder bilden wollten, ſo muͤßten wir die halbe Menſchenwelt in Sold nehmen, um die heie Hüfte dadurch zu vergiften.« fort, vhoͤre mich aus, Hauptmann. Der Miranda heißt ſie; in dieſe war Fran⸗ zesco verliebt; ſie iſt heimlings wegge⸗ Wafft, man weiß nicht wohin. Stephano allein weiß es, und will durch Qualen Wer ſagt das?« rief Srnesce nnpringend Ich ſage es le ſnnnch d der etthia. vich, der die Fliegen zu zählen welche in der Hupiſtt S 65 „über Stephano Maltori iſt das To⸗ deslvos geworfen« ſagte der Hauptmann; Du, Vincent, haſt den Auftrag; aber eher darf er nicht verbluten unter unſern Dolchen, ehe Du nicht Miranda in un ſere Gewalt geliefert haß— nicht« ſiel Vincent ein, n ein ſonderbarer Auftrag, Sn Varum nicht eher? nicht?„ Du in S6 Rad des Schicſals greifen? Weißt Du⸗ warum ich dieſen tief verborgenen Sinn in meinen Auſtrag legen ach i der muß 5 Ich ehnele erwiederit— n 69 fort, mir den Stephano hieher bringen könnteſt, lebend vor unſer Gericht, das ſollte mir lieb ſeyn. „Es iſt möglich zu machen,« erwie⸗ derte Vincent, Hich will die Narrenjacke der großen Welt anziehn, und dann ſtelle ich Dir den Haſen, wie ich mir 6 denke—« „Ich uͤberlaſſe das Deiner Klugheit, aber es muß bald geſchehen; ſonſt könnte zwiſchen der ganzen Familie Maltort ein ungluck geſchehen, wenn Stephano Mi randa zum Traualtar fuͤhren, oder vie⸗ Wehr ingen ſollie. 6 6 ⁰ mich nur gewaͤhren mann. Ich werfe mich ſogleich in Sonntagskleider der Altagswelt, ſchaffe Dir den Stephano 70 Das iſt nicht moͤglich kK rief Se zesco jetzt. Mein Leben iſt um eine igtnge Auſter gewettet,« rief jener. »und meine Ehrlichkeit gegen bas Vertrauen auf die Wahrheit der Sachele erwiederte Franzesco. Das Wort git fuhr der Beauftragte fort.»Stephano Maltori iſt aus der Weltgeſchichte verſchwunden; ich werde dafur ſorgen, daß er es ſey. Er⸗ laubſt Du, Hauptmann? Noch einmal eun Du es*6 2 vihren Suche Dir aus, wo Du des Volkes bedarſſt⸗ Ich weiß es, Du wirſt 3 mit eſonnenheit Deine Sachen regelt und zů gutem Zwecke füͤhren.« 3 es, und laſſe Dich 8 Helldunkel. Bald 8 Damit war das Geſpräch, die a ſeitige unterhaltung, wovon hier nur vie ſcharfen Umriſſe angedeutet werden Konn⸗ ten, geendet, und der Hauptmann ſanpfte noch einmal mit dem Fuße. Da oͤffnete ſich eine Fallthur, und der Hauptmann ſtand auf⸗ und nahm Franzesco bei der Hand. Er führte ihn die großen Wendelſtufen hinab; es waär hier tiefe Nacht; aber die Kunſt der Menſchen hatte auch hier wieder Licht in die Nacht gebracht. Immer geraͤumiger wurde das Gewoͤlbe, und nachdem man in verſchlungenen Gaͤngen bald herauf, bald herunter gegangen, ſtand man vor einer Eiſenpforte. Ein Pfeifenton d des Hauptmanns, und ſie öffnete ſich tſſelnd; und donnernd fiel ſie wieder zuſammen? u Franzesco befand ſich in einem ſchw 72 es erhellt durch viele Fackeln, und»Heil dem Hauptmann!« tonte es durch das hohe Gewoͤlbe. Franzesco befand ſich bald in einem ſchönen, prachtvoll erleuchteten unterirdi⸗ ſchen Saal, und Ambra und Weihrauch duſteten, um die Erdenluft vergeſſen zu machen. Fuͤr alle Bequemlichkeiten des Lebens war hier mit mehr als fuͤrſtlicher Sorgfalt geſorgt. Franzesco bemerkte das dem den er i kannte. „Der Hofnarr erwieberte ihm di⸗ 3 ſer, vwuͤrde die fuͤrſtliche Sorgfalt eben nicht abſonderlich ruͤhmen, und doch hat der Hofnarr das Privilegium, die Wahr⸗ heit, ſo wie ſie iſt, in ſüß candirten Zo⸗ ten wlen ke vu—(w 6e v 2 . mann, viele beſprachen ſich unter einan⸗ 6 der. Es wat ein geheimer Rath in der „ Hoͤhle von Caraſtro, und der furchtbare Hauptmann zuletzt: »Graf Nuttori iſt aus der Liſte der Lebendigen ausgeſtrichen; Pirro erhält den Auſtrag, ihn an der Tafel zu er⸗ morden«— „Ich? Ich?« rief Franzesco erſtarrt. „Kein Anderet!K ſprach der Haupt⸗ mann.»In dreien Tagen bringſt Du uns den Todtenpaß, oder unſere Dolche finden Dich! An dem Tſchimboraſſo, wie an dem Veſuv und Hekla finden wir Dich; wir erwarten von Dir ie arbeit i „Hauptmann, Du weißt—½ 74 „Ich weiß, daß Du Pirro heißeſt und den Handſchlag gegeben haſt. Hier unten muß das Wort gehalten werden, welches oben ſo oſt verfalſcht wird. Willſt Du, Pirro, die Probearbeit be⸗ ſtehen? 2 »Ich will!« ſagte Franzesco einigem Beſinnnen. Doch, fuhr der Hauptmann gegen ihn fort,„wie aus einer boͤſen That ſich hundert andere boͤſe Thaten ent⸗ wickeln, eben ſo entwickelt ſich aus dem verwegenen Beginnen eine Reihen⸗ . folge ſchwereren Werkes. Ich habe es mir naher uͤberlegt; Miranda mußt Du bendig— aber lebendig ſage ich Dir, wenn ich nicht Deinen letzten Bluts⸗ tropfen mit Labſal trinken 2 iefern— 75. „Dus iſt nicht möglich, Hauptmann. Wo ſoll ich Miranda finden? ſie iſt, weiß, entfernt—4 NUnd durch wen? Durch Stephano iſt ſie entfernt. Bei der Bosheit, bei der Falſchheit iſt auch Feigheit, damit ſie den Himmel rechtfertige, und ſeine großen Fuͤgungen. Stephano ſoll und muß Dir den Aufenthalt Miranda's anzeigen, und ich fordere ſie von Dir! Kannſt Du nicht Raum gewinnen fuͤr den Moment, dann will ich Dich nicht ubereilen, Pirro, aber bedenke, daß das Menſchenleben eilt, und das Laſter noch ſchneller« „Ich verſtehe, vunm aber—, Auch ich verſtehe. Pie Du d einfuͤhren koͤnnteſt; davon willſt Du reden Das häbe ich ſchon erwogen Meine Berechnung iſt Deiner ſchleppen⸗ den Phantaſie vorangeeilt. Der fremde Ton der Sprache muß in Deiner Ge⸗ walt ſeyn, und gewiß iſt er das; als Reiſenden aus den Nordgegenden fuͤhrſt Du Dich ein, und beobachteſt ein ge⸗ heimniß volles, myſtiſches Schweigenʒ das wird heut zu Tage ſehr reſpectirt. Doch fur gute Päſſe und gute Empfehlungen an meine guten Freunde bei Hofe will ich auch ſchon ſorgen. Deine zußere Sicherheit, Pirro, ſoll ͤberall gedeckt ſeyn, und wo Du Gefahr litteſt, da ſind unſere Dolche in der Nähe, Dich zu ſchuͤtzen. Ich erwarte Dich nachher in meinem Kabinet, die naͤhern Andeutun⸗ gen, denn deren bedarf es nur bei ent⸗ ſoß enen Maͤnnern, Dir zu 4 Ftne ging, nachdem de deup mann ſich entfernt, man mogte ſagen aus einer Hand in die andere Vie be⸗ täubt warf er ſich endlich auf einen Moos⸗ 2 ſitz nieder, und rief, die Hand vor die Stirn haltend; „Himmel! Himmel! wie verführſt Du, wie ſtrafſt Du mich!a »Du biſt noch Neuling in der Kunſt, Menſch zu ſeyn!s erwiederte ihm der vorhin erwähnte Vincent, rich⸗ tete ihn auf, und ergriff ihn bei der inn in der gunſt, Nenſch zu ſeyn?e fragte Franzesco erſaunt. Dann Vſem er ſich.— „Ja! Du kannſt Recht hben Kamerad« fuhr er nach einet langen Pauſe fort, ich kann wohl Neuling in 78 dieſer inßſichen Kunſt ſcyn. Aber deuteſt Du das?« Woher? Weil Dir nch Thränen in die Augen kommen, wenn Du von Menſchen als 4 »Verm ſoll das nihtz. 3½ aun nicht? Kutze Antwort? Weil es nicht Galgen genug für die genannten ehrlichen Menſchen »Auch Du, Du Armer, biſt d SSe „Gottlop! deß ih es bin e erwie⸗ derte Vincent.»In kurzem Umriß will ich Dir die Geſchichte meines Vorlebens hinwerfen. Denn jetzt erſt, wo ich als des Lebens zuſtrete, guube in Krieg brach aus; „* . 79 wirklich zu leben, das ganze iſt eigent⸗ lich nur eine Bagatelle. Mein Vater, ein Reichsgraf, ermordete meine Mutter, weil er ſie in der Umarmung eines Prinzen fand, und als Mörder wurde er zur Unterſuchung gezogen, ſtarb im Gefäng⸗ niß, und ſeine ſchoͤnen Guͤter, mein Erb⸗ thum, ſielen der Krone anheim. Aus hochgnaͤdigem Mitleid brachte man mich in die Militärſchule. Da lernte ich, wie man nicht Soldat ſeyn ſoll, und gereizt fuͤr das tragiſch⸗Komiſche wartete ich den Spektakel ab. Was war es am Ende? Man zerrte mich als Kadett zu einer Soldatenpartie, wo ich des Teufels haͤtte werden moͤgen. Sclaverei und keine Freiheit fand ich, keine Gelegenheit⸗ Rache an dem Menſchengeſchlecht zu neh⸗ men, was ich mir, nicht ohne hinreichen⸗ den Grund, in den Kopf geſetzt hatte. ich raſte vor 80⁰ Freude. Aber was erfuhr ich, als wir dem Feinde entgegen ſtanden, um uns mit ihm zu meſſen? die hochablichen Führer wußten die Sachen beſſer, als der kluge, geringere Soldat, und ließen uns im Stich, als wir dem Feinde eine leichte Beute wurden, und ſonach werden mußten. Dieſe Elenden wurden mit dem entwuͤrdigten Degen und allen Ehrenzei⸗ chen entlaſſen, wahrſcheinlich, weil man ſie nach dem, wie ſie ſich genommen, für unſchäͤdlich erkläͤrte. Wir andern aber wurden in eine ſchmaͤhliche Gefan⸗ genſchaft abgefuͤhrt. Hier habe ich den Menſchen in ſeiner tieſſten Erniedrigung kennen gelernt, und ich ſchwur ihm Rache. Wie ſpringt da ein Menſch mit dem an⸗ dern um, und was thut die Uniform nicht? Der Elende, der morgen zu mei nen Fuͤßen winſelt, wenn ſeine Uniforn nichts mehr gilt, iſt heute mein Deſpot mein Tyrann, weil er das heute geltend 81 und morgen iſt ein großer Unterſchiedz die Nacht liegt dazwiſchen; die ſchwe⸗ 1. re, duͤſtere, aber auch ſruchtzeugende Nacht. Es war mir eine Fleinigkeit, aus der Gefangenſchaft mich zu beſrei⸗ en, denn ich fand es bei mir im Klei⸗ nen beſtätigt, was jener Feldherr im Allgemeinen ſo ſagte: gebt mir ſo viel Raum im Thor, als ein Eſel mit ei⸗ Sack Geldes durchkommen kann, und keine Feſtung ſoll mir widerſtehen⸗ mogte ſie auch mit Ketten an den Him⸗ mel gebunden ſeyn!— Frei geht das unglöck durch die Welt; ſo ſchwaͤrmte auch ich umher, nach einem elenden klei⸗ nen Wortes Erfüllung, nach Rache mich ſehnend. Ich ſtand am Thalweg ohnfern von hier, und ſchaute hinab in die Tiefe; da klopfte es mich a Schulter, und unſer Hauptma vor mir, ach! mit einem ſo anſ Die Banditenhöhle. 6 Gepränge trägt. Doch zwiſchen heute 82 den, bedeutenden Blick, wie die Men⸗ ſchen da draußen ihn nicht haben, mit einem Blick ſage ich Dir, der mich ihm ſogleich gewann, ehe er noch gere⸗ det hatte.« „Eben ſo erging es mir,« ſiel Franzesco ein.»Wenn Pirro nicht auch lebensſatt geweſen waͤre, viel⸗ leicht— Pirro, Pirro! weißt Du nicht, mit wem Du redeſt? Hier heißeſt Du Pirro; nun das iſt wahr; aber Du biſt, das weiß ich vielleicht beſſer als Du, Graf Franzesco Maltori, der Schiff⸗ prächigen einer, den wir aus dem großen Strudel hieher retteten, weil er es werth war. Mir und darſſt Du heuchen, Frnze Wenn Du es denn weißt— 83 und werde treulich bei Dir aushalten; bei meiner verfluchten Banditenehre ſey es Dir geſchworen. Jetzt aber zur That! Dein Vater iſt den ſchwarzen Urnen ver⸗ fallen. Wir muͤſſen dem Gott der Rache das Opſer bringen.e „Genug davon! ich weiß Ahes, 5** „Er iſt mein Vater—« . ſ »„. 2. eider er es geweſen! k* 3 „Kennſt Du, ſuchiner 3 Deine neu emnmnen „ch ſe ie e ſchaft mit 6 dann auch, ihr Futchthaen, meinen Bruder Stephano nd Mi kants, jenen zum Genuß der Rache, e 1 Er⸗ 34 ſatz der Rache, zum Schutz, zu mei⸗ nem Palladium— Deine Halbſchweſter Miranda meinſt Duks Woher weißt Du dieſe erſt jungſt mir gewordene Entdeckung eines lichen Geheimniſſes?6 »Ich wußte es längſt. Die Fa⸗ milie Maltori gehoͤrt zu meinem De⸗ partement. Ich beklage Deine Verir⸗ rung. Faſt nicht beſſer iſt es mir in den Tagen meiner JIugend, welche von Verirrungen nicht frei egang Ich ſoll ſie i ſchaffen MWiranda? bis jt ich„daß vorden„ und mehrere unterirbiſche Gänge der Höhle von Caraſtro in ein gewoͤlbtes, ſehr 55 2 um ihren Aufenthaltsort ſie ſ zu erzwingen.« „So? Ei! der liebe Bruder! Im⸗ mer mehr bekomme ich Luſt, ein Wort⸗ chen mit ihm zu reden.« Merkſt Du ſo etwas? Doch, der Tag jagt auf; es iſt jetzt Zeit, daß wir zur Ruhe uns legen; jetzt, wo in der Buͤrgerwelt Laſter und Betrug wach wird, koͤnnen wir ehrliche Menſchen ru⸗ hig ſchlafen gehen; jetzt ſind wir nicht noͤthig, und die Natur will auch ihren Tribut haben. Komm, Franzesco, oder vielmehr Pirro; es ſoll Dir in meinem Schlafgemach gefallen.« Er führte den Erſtaunten durch 86 zierlich geſchmucktes Zimmer. Auch an friſcher Luft fehlte es darin nicht; denn durch die dicke Felswand war eine Sffnung gehauen, welche von außen wohl zu den Truͤmmern der Vorzeit gezaͤhlt werden mogte, von innen aber zu einem Fenſter ſich geſtaltete, das die herrlichſte Ausſicht nach dem Meere vnn 2 In dem Gemach ſebſ waren zwei Feldbetten aufgeſchlagen, und die groͤßte Reinlichkeit herrſchte uͤber der ganzen Anordnung. Es fehlte durch⸗ aus an nichts, was zu der Bequemlich⸗ keit des Lebens gehoͤrt, und die fein⸗ ſten Fruͤchte ſtanden in einem zierlichen Korbe prangend, einladend da. Fran⸗ zesco war erſtaunt, und ſchoͤpfte bei⸗ nahe ſchon wieder freien Athem. Denn daß er durch übereilung, durch ein ſonderbares Zuſammendrängen mehteter 87 umſtände in dieſes Verhältniß gerathen ſey, das ſah er in den kurzen Augen⸗ blicken, wo ihm Ruhe zum Selbſtnach⸗ denken gelaſſen wurde, wohl ein. Er bemerkte in dem Gemach einen Apparat von Retorten, Stempeln und Metallen. Er fragte an Vincent, was das hier ſolle. „Freund Pirro!s erwiederte die⸗ ſer lachend, vum des Bettels von Me⸗ tall willen fallen wir keinen Menſchen an, aber um als ehrliche Menſchen durchzukommen, muͤſſen mir Falſchmuͤn⸗ zer ſeyn, und unſere Kopfſtuͤcke gehen durch vieler Herren Länder, und bei meiner Treue! ſie ſind im Schrot und Korn beſſer, als die ee Landes⸗ Nach einer kurzen Pauſe, wo ein 88 jeder wohl Selbſtbetrachtungen angeſtellt haben mogte, ſagte Vincent zu ſeinem nenen Geleitsmann: Das Wagſtuͤck, welches der Haupt⸗ mann Dir auferlegt hat, iſt kuͤhn und erwegen. In der Deichſel der menſch⸗ lichen Bewegung werden wir eingreifen muͤſſen, um zum Zweck zu gelangen. Aber Gehorſam iſt die erſte Pflicht einer jeden Geſellſchaft, mag ſie groß oder klein ſeyn, und alſo auch die unſtigen. Wirſt Du, Pirro, das kuͤhne men beginnen wollen „ch werde esle Frenzesc entſchieden. »Du wirſt auch,« fuhr Vincent . forg Dein Gewiſſen im mindeſten nicht dabei verletzen. Was iſt denn auch dem Menſchen das Gewiſſen? 89 Poſſenſpiel, womit man die Kinder trillt, und hinter den Kouliſſen lacht ſich dann der Schalk in das Fäuſtchen. Ja, könnte man allen Menſchen in de Magen ſchauen, man wuͤrde finde daß ſie alle, vom Groͤßten bis zum Kleinſten, vom Frömmſten bis zum Liederlichſten, ein gebrochenes Schwert haben, und darum iſt mir der Menſch gerade der liebſte, der ſein gebrochenes Schwert zur Schau traͤgt. Siehſt Du, Pirro, weil tin jeder ein gebroch⸗ nes Schwert hat, ſo machen auch Frechheit und Unverſchämtheit. Dumm⸗ dreiſtigkeit und Keckheit das größte Gluͤck unter den Menſchen; denn ſie 6 ſind froh, dieſe, durch das heimliche S Gefuͤhl ihrer Suͤnde unſicher gewordenen Haſen, wenn ſie von den Jagdhun⸗ den im Lager nicht aufgefund wer⸗ den.« 9⁰ „Du magſt wohl Recht haben, Vin⸗ cent!s ſeufzte Franzesco.„Aber—6 2 Aber, willſt Du ſagen, es giebt noch Ausnahmen. Du ſelbſt brüſteſt Dich, eine Ausnahme ſeyn zu wollen, und kämpfeſt jetzt zwiſchen dem verroſte⸗ ten Schulgewiſſen und der Banditenehr⸗ lichkeit; hab' ich es getroffen 7e Banditenehrlichkeit? Ich hoffe nicht⸗ unter Banditen zu ſeyn; denn ſonſt—4 — „Sonſt wuͤrdeſt Du unter ſie gehen Wir haben hier eine gelehrte Schule, welche die Welt witzigen ſoll und muß⸗ und die Schiffbruchigen nehmen wir gern auf. Doch, Du furchteſt noch manches andere, was Du mir nicht anzudeuten wageſt. Nun, ſo will ich Deiner Furcht,) Deinem Mißtrauen auf die Beine helfen. 9¹ 8 Wenn ich Dir nun zum Exempel ſagte, 2 daß Miranda, mit welcher Du ſeit Jah⸗ ren in geheimer Liebesverbindung wareſt, ein Kind unter dem Herzen trage, und daß Du erſt neuerdings erfuhrſt, ſie ſed— Deine Schweſter; was wuͤrdeſt Du dar⸗ auf antworten? he „Laß mich ſchweigen, Du, der Ent⸗ ſetzlichen einer lK Franzesco hielt beide Haͤnde vor das Geſicht, den tiefen Jammer innerer, ſchwer erſchuͤtternder Bewegung nicht ſehen zu laſſen. Vincent nahm ihm ſanft die Haͤnde von dem Geſicht 1 ſagte nit ruͤhrender Stimme: Siehſt Du, ene ſind wir wahre Freunde. In den ſein⸗ ſten Gefuͤhlen habe ich Dich jeht ußg funden. Du Si ein guter, ein ſehr 92— guter Menſch. Jetzt fordere mein Leben; ich werfe es, wenn Du in Gefahr biſt, für Dich dem Lumpenſammler, dem Tode hin kk „Was biſt Du für ein Menſch! Ich danke Dir, Vincent, dafuͤr, daß Du mich aufgefunden in der innerſten Behauſung meines Gefuͤhls. In denke nicht, von Deiner Guͤte Gebrauch machen zu müſ⸗ vuber es waͤre doch můglich— „Das Leben iſt ſuͤß! Du nennſt aber den Tod einen Lumpenſammler. Mag auch die gewöhnliche Welt 6 anekeln, ſ— 6„So bleibt das Wort: Lumpen⸗ 4 ſum doch ſtehen, denn es iſt ja 93 alles Lumpengeſindel da druͤben, wenn es auch in Goldſtoff und Brocat ſich bruͤſtet. Aus dem allen werden zuletzt Lumpen, welche der Lumpenſammler be⸗ kommt, und dieſer verkauft ſie an den Papiermuͤller, der macht Papier daraus, verkauft es an den Buchdtucker, und ſo iſt es moͤglich, daß Du die Art wenig⸗ ſtens von Rinaldo Rinaldini auf einem Hemde von Napoleon lieſeſt. Der Um⸗ trieb in der Natur iſt gar ſonderbar, und Warum muß man die Fleiſchbruͤhe des ebens genießen, dieweil ſie noch warm iſt. Verſtehſt Du mich?« Ich verſtehe.“ „Nun wohl! Eigentlich gefällſt Du ir aber nicht ſo ganz, Franzesco« Warum nicht?⸗ — 94 »Du biſt zu verſchloſſen, zu ſtill. Du willſt Dir Deine eigne Welt ſchaffen, und betrachteſt die unfrige nur als einen Nothbehelf. Du willſt Dein eigner Herr ſeyn. Hab' ich's errathen 4 „Vincent! Du biſt ein großer Menſch! In den geheimſten Tiefen mei⸗ ner Seele haſt Du mich belauſcht; doch mit dem eignen Herrn, da irrſt Du Dſch. Man geht bequemer am Zuͤgel, als daß man den Zügel fuͤhren muß. Indeſſen b »Indeſſen kampft, muß ich Din nur ſagen, Dein Muttergefuhl mit den wil⸗ den Entſchluͤſſen, wo der Jüngling dem Knaben voran eilte. Es ſey Dir wieder eine Lehre: Beſonnenheit regiert den gan⸗ zen Lebensſtrom der erbarmungswürdigen Welt, und der beſte Pfifficus erbeutet den hochſten Genuß, und genießt nicht 95 waͤhrend es an der Marſchallstafel luſtig und in Jubilo hergeht.« Biſt Du auch bei Hofe geweſen, Vincent?« „Das verſteht ſich. Ich hab's Dir wohl ſchon erzaͤhlt. Da war ich auf der Spitze des Lebens, naͤmlich auf der unterſten, und um nicht ganz in denmte domo zu ſeyn, ging ich auf eie Pirſch. Das Hofleben? Ich große Luſt, ein Treibjagen darauf Sollteſt einmal ſehen, Fran⸗ sco, ob ein Haſe ſchneller läuft, denn ein geſcheuchter Höfling, wenn die Hunde der Wahrheit hinterher pirſchen. Ich glaub' es kaum. Dieſe Hofhaſen wenigſtens lagen vor mir, dem Hunde der Wahrheit, ſammt und ſonders zu meinen Füßen, und die Folge dadon war, daß auch die Weiber mir abhold wurden, und daß ich, der Haft zu ent⸗ gehen, das Weite ſuchte. Sieh! Ich koͤnnte Dir Beiſpiele aufzählen, wie Maͤnner von Wichtigkeit eingekerkert wur⸗ den, damit ſie ſich zu Tode haͤrmen, und dann zu Tode ſaufen ſollten, weil ſie Schandthaten zu entdecken hatten, welche nicht bekannt werden ſollten; ich koͤnnte Dir Liebesintriguen auftiſchen, wofuͤr der gute Menſch ſich entſet muß; das alles habe ich nur im W gehen geſehen, und ich ächte nicht darauf, denn die Laſter ſind unter d Brut da unten zu weit gediehen.« Was iſt nun aber Euer Zweck Vincent?« „Unſer Zweck? Ach! er iſt ſchön, edel und groß, mag auch die Mitwelt, 97 die man eigentlich nicht nennen ſollte uns verdammen. Gottlob! daß dieſe ent⸗ artete Natur uns verdammt; eben darum ſind wir ihr auch entfremdet, weil wir ihr nicht gleich ſeyn koͤnnen, nicht gleich ſeyn moͤgen.« Franzesco ſchwieg, und beide uber⸗ ließen ſich einem kurzen Schlummer. Bei Franzesco aber ging Morpheus ſchnell und ſtoͤrend voruͤber, denn viele Traumbilder mit boſen Verzerrungen kamen den ſchwer Ermuͤdeten vor Augen. Halb träumend erholte ſich endlich, man mögte ſagen, in einem faſt wahnſinnigen 1 Schlafe, die menſchliche Natur. Es rüttelte ihn. »Wohin** ſie er uß. aus ve Die Banditenhoͤhle. ſuſtiſchen Traͤumen geweckt, von dem Lager. Wohin und Vincent ſand vor ihm. Wohin? Du biſt wohl noch ſchlaß trunken? Auf! Kamerad, wir muͤſſen jetzt zur Bärenhatz, die Zeit zu erfüllen, welche wir gelobten, und bei uns kein Wort k Wier,« fuht Vincent fort,„die un⸗ vertilgbare Schminke, bis ich nicht mit der elenden Erbſe ſie wieder abhauche Franzesco ſah ſich im Spielel. Ein ganz anderes Geſicht; ein Geſicht nůmlich, de Maler de Natur bane Ich danke dir Viunte Ba Franzescd, in einem Anfall von Eitelkeit ſich ſelbſt im Spiegel belächelnd. — 99 Die Rollen,« fuhr Vincent for, »wollen wir unterweges ſchon austheilen und einſtudiren. Fuͤr alles übrige habe ich geſorgt. Nur treu in der Rolle, Pirro; das ſage ich Dir kK „Aber welche Rolle? »Hier haſt Du ein Kleid eines Mit⸗ gliedes der Signoria. Damit findeſt Du uͤberall Deinen Eingang. und die Form der Höfe mag ſich aͤndern, die wahre Geſtalt nimmer!„ »Entſetzliche Menſchen ſeyd ihr! Unh Du, mein Freund Vincent 24 c bi Dein Kammerdiener! WMeine Rolle iſt für dieſe Farge voll⸗ kommen einſtudirt. Als Schutzgeiſt bin ich Dir beigegeben; bleibe Du ur Deiner Rolle treu. Aus warmer 100 Liebe bitte ich Si einmal dar⸗ um⸗ * Die Nasßrtgein wurden getroffen und aus der unnahbaren Behauſung der Hoͤhle von Caraſtro zogen Franzeco und Vincent hinaus nach der glaͤnzenden Hauptſtadt hin. Welch ein Getuͤmmel, welch ein luſtiges Lebensgewimmel, als man der lebendigen Hauptſtadt ſich nu⸗ herte! Franzesco ſeufzte, und dachte an Miranda; er erwog das entſetliche Schick⸗ und knirſchte in die Zaͤhne. Armer, Verlorner! Vergeſſener in der Menſchen⸗ natur!! Wird Dir dieſes Grollen, di⸗ ſes Knirſchen auch Frucht tringen?! 3 Unmöglich! Saturn verſchlang ſia wie Du weißt, ſeine eignen neugebornen Finder! Du wirſt doch nicht dem ewig ſiic Gott der Zeit Si en ſal, welches über ihm die Donner rollte, 101 wollen? In tiefes Dunkel gehullt teitet er den Zeitgeiſt, und führt ihn, und ſchmie⸗ det ihn ſeit Konen— mag es auch Auf⸗ opferungen koſten— an die Achſe des Weltenumſchwungs. Wage es doch der Menſch, Ideal ſeyn zu wollen! Die oberen Gewalten reißen und fturzen ihn hernieder, und uͤben ihre herriſche Macht. Moͤgte doch dieſe prophetiſche Anſicht unſern Helden nicht zu der Strafe des Trotzes gegen die himmliſchen Wä ziehn! Geld in überfluß hatte Vincent bei ſich, und in dem erſten Gaſthofe kehrten ſie ein. Auf dem Zimmer gab Vincent an Franzesco den Paß, der ohne Tadel uber⸗ all aufgewieſen werden konnte, und der auf den Namen: Graf Borgho lautete. „übrigens, fuhr Vincent fort, vhabe ich ſchon dafuͤr geſorgt, daß Du für einen 102 deutſchen Prinzen giltſt, der im ſtreng⸗ ſten Incognito, um theils die Koſten und den Aufwand, theils das Laͤſtige des Cerewoniels ſich und andern zu erſparen, durch Italien reiſet. Dein Geſicht, wahr⸗ haftig, das ſoll der Teufel nicht wieder erkennen, wenn Du ihm auch ſchon Deine Seele verſchrieben hätteſt. Aber der Stimme muͤſſen wir noch nachhelfen. Nimm hier dieſes unbedeutende Meſſing⸗ plättchen in den Mund, und Du wirſt Deinen eignen Ton nicht wieder er⸗ kennen.« Franzesco that es; er ſrach und erſtaunte. vIhr Spibbuben ef er halb ſcherzend, halb unwillig. Syibuben 26 fuhr Liucent in pem⸗ 3 ſelben Tone fort. Mit nichten, Graf Borgho; wir i ſind ehrliche keuteʒ 103 aber hier werden wir Spitzbuben genug finden.« »Genug der Rede,« ſagte Franzesco finſter.»„Ich muß jetzt Anſtalt treffen⸗ in meines Vaters Haus einzuſchlei chen— „Einſchleichen? Ein Graf Borgho einſchleichen? Wo ſollten wir da mit unſerer Renomée bleiben? Nein! er muß Dir einen Kämmerling ſchicken⸗ durch den er Dich einladen läßt, und nun wollen wir einmal ſehen, ob Du Deine Rolle zu ſpielen verſtehſt. Es iſt heute große Oper; die Dido apan- donata wird gegeben; ubernimm Du Deine Rolle gegen Deinen Vaterz ich werde die meinige übernehmen⸗ un nun kein Wort weiter uber die gen Spaß⸗. 104 „Luſtig? Wenn es nun aber tra⸗ giſch endet? Und das könnte vielleicht werden! Eben darum iſt es luſtig; je tragi⸗ ſcher, deſto luſtiger! Hoͤre einmal den Poͤbel, wie er im Trauerſpiel lacht, wenn ein Held, den die Geſchichte nennt und der auf das Theater geſchleppt wurde, ſich ſelbſt entleibt, wie dieſer Pöbel da beic S *. Vincent eilte nun nach Hpiel. des Grafen Maltori, knuͤpfte mit einigen 5 Bedienten alte Bekanntſchaften wieder an, und in einer Viertelſtunde erfuhr Graf Valtori, daß ein deutſcher Prinz, unter dem Namen Graf Borgho reiſind, ſeine Bekanntſchaft zu machen, und ihn heute in der Opera zu treffen wuͤnſche. Ein polches Gluͤck war ihm lange nicht begeg⸗ net. Ein. hatte ſich nach ihm er⸗ kundigt, und wuͤnſchte ſogar ſeine per ſoͤnliche Bekanntſchaft zu machen! Zu guter Zeit fuhr er am Opernhauſe vor, und trat, er allein, in ſeine Loge. In der Loge nebenan bemerkte er 5 ſogleich einen jungen, ſchoͤnen Mann, der ihn freundlich, anſprechend, gruͤßte. Es entwickelte ſich ein Geſpraͤch unter beiden, welches von dem Allgemeinen bald in das e ibergitg ſind, Stn ſihte jt Naltori, vvielleicht kein Kind des Lan des, wenigſtens nicht der Feſbe Ihre Bemerkungen deuten uf das Aus⸗ n— 3 tin zuh an uuline S n recht gerathen, mein Herr 106 „Und woher, wenn ich fragen darf? In vielen Gegenden des Auslandes bin ich geweſen, und ich erinnere mich einer glücklichen Jugend, wenn ich nur davon nennen hoͤre.« „Haben Sie auch, Signor, von Paise S „Pie? Ich ſollte nicht davon ge⸗ hört haben? Am Hofe zu Wien habe ich der Kaiſerin Thereſia meine Huldi⸗ gung zu Fuͤßen gelegt, denn meine Familie hat einige Beſitzungen auch in 82 „Sie haben alſo auch wohl Familie, damit das Lehn nicht in Haͤnde e 8 Einen Sohn habe ich, S eine vfeghochur⸗ Einen Sohn nur? Das iſt bei der Lehnofolge gefaͤhrlich; da werden ſich die Agnaten freuen und hoffen. Und gerade hier, glaube ich, wird die Lehnsobſervanz und die Lehnsfolge weit ſtrenger beobach⸗ tet, als in den Laͤndern, aus welchen ich komme, weil die roncaliſchen Felder, welche dem Lehnrecht die feſte Gruͤndung gaben, in der Naͤhe ſind, denn die alte Lombardei iſt doch nicht gar zu fern von hier. Iteilic hatte ich noch einen S den aͤlteren; aber—« „Er iſt gewiß in dem Kriege gegen die Barbaresken geblieben; K. er⸗ rathen?« MNein, Signor! In einet Aufwal⸗ lung, die ich bereue, verſtieß ich ihn 108 — un er ſoll ſich unter eine— begeben haben.« »Wie waͤre das möglich? Bei ſo edlen Geſchlechtern wiſſen wir davon in unſerm Norden 4 Suͤden. Dort muß der Trutz und Kraftgefüͤhl Streiche« „Dumme Stice „6s iſt. Signor, ein großer unterſchied zwiſchen dem Norden und Menſch die Haͤlfte des Jahres arbeiten, um fuͤr die andere Haͤlfte ſich und ſeine Familie durchzuwintern; hier wintert die Natur ſelbſt durch; die nothwendigen Beduͤrf⸗ niſſe des Lebens fallen dem Menſchen in die Hand, und da faͤllt denn ein großer Theil aus Langweil und übermuth, aus auf dumme nennen — 3 109 das, wovon Sie reden? Ich mogte ün einen andern Namen geben.« i „In Deutſchland, wohl! da moͤgte 2 ich es vielleicht glauben; denn Ihr Volk iſt ernſt, ſtreng und redlich. Bei uns aber beſteht die groͤßte Redlichkeit in der Unredlichkeit, und wir ſuchen etwas darin, die Schlauheit geltend zu machen.⸗ 3 „Iſt das auch Verdienſt?6 n2 „Warum nicht? Die Staatsbehoͤr⸗ den gehoͤren dem Staat an, und der muß das Gewiſſen uͤbertrage. Das arme Se l8 110 An Erfahrungen, und an den Er⸗ muͤdungen des Lebens, wollen Sie ſagen⸗ Das glaube ich ſehr gern. Aber auch an den großen Erfahrungen der Menſchheit, welche beſchwichtigend fur eine ungewiſſ S5 ſind?« „Ungewiſſe Zukunft? Was meinen Sie damit? vIch meine das Schwanken zwiſchen Seyn und nicht Seyn, das Vertrauen Fuͤrchten nd Hoffen Sie, Graf Nattr 4 an Franzesco, und der Vorhang rollte wie⸗ der. Das Stic war zu Ende, und Maltori drängte ſich durch die Menge, ſeinen Wagen zu erreichen. Es gelang ihm. Der Wagen fuhr und fuhr, aber 1¹¹ * nicht nach ſeinem Palais, ſondern ftſch in gefluͤgeltem Schritt zum Thor hinaus! Maltori, im Duͤſter der Nacht, bemerkte das nicht ſogleich, und fragte endlich als der Kutſcher anhielt; 3 „Wo bin ich den eigentlich? Beert iſt mir fremd l« „Habt nur die Güte, abzuſteigen K ſagte der Kutſcher.»Ihr ſeyd, Herr Graf, hier beſſer aufgehoben, als in dem eignen Hauſe.⸗ Welcher Betrug? Welche Täu⸗ ſchung? Spielt man auch mit mir Ko⸗ modie?« rief der alte Graf aus den Wenchug heraus. Man ſpielt ſele ſn vt Kit ſcher, aber man ſpielt ſie, Ihre Shee Ihren Namen, Ihr zu retten. 112 Waͤren Sie in Ihre Wohnung zuruckge⸗ fahren, ſo wuͤrden Sie morgen ein F des Todes geweſen ſeyn. 6 Graf Naltori verſtand, nur ſo ohn⸗ gefahr, was in dieſer bedraͤngten Zeit ihm zu verſtehen nothig war, und ergab ſich in ſein Schickſal. Er war eigentlich nicht boͤſe; doch ſchien er zu ahnen, daß ein zurnender Gott der Rache über ihn die Urnen werfe. K Neue Pferde wurden vorgehängt, und nun ging es immer weiter, tief in die Nacht hinein, und das Gebirg hinauf. Graf Naltori, in fremde P Nacht gegeben, ließ ſich alles gefallen, und hatte ſich ſchon in ſein Schickſal ergeben⸗ wohin es auch ihn führen möge. Endlich und endlich hielt man an der Karthauſe St. Salva⸗ dor, unter der Koppe des Wi Der — wo er war. In dem innern Hofe em⸗ eben erſt fuͤr einen vornehmen Gaſt be⸗ Mit allen Bequemlichkeiten war das 113 Morgen jagte auf; der Graf ekannte pfing ihn ein Benedictiner⸗Mönch, und bat ihn ſehr hoͤflich, dabei aber die Würde ſeines Beſitzthums nicht vergeſ⸗ ſend, aus dem Wagen zu ſteigen, es ſich hier einſtweilen Seſae zu ſen Der Graf gehorchte, oder ſchien vielmehr aus Gefaͤlligkeit die gutige Einladung anzunehmen. Der Benedic⸗ tiner⸗Mönch fuͤhrte ihn auf ein Zim⸗ mer, dem man es anſah, daß es ſs reitet und in Stand geſetzt worden Zimmer verſehen Der Graf trat an das Fenſter; der Benedictiner ſchwi und blieb im Zimmer, wo ſchaͤftigung zu machen ſchien Die Banditenhöhle. 114 Eine ſchone Ausſicht!e ſagte endlich der Graf. WVon dieſer Seite nimmt ſich der Veſuv noch beſſer aus, und Napoli, wie ſchoͤn beleuchtet von der Morgenſonne liegt es da, in ſeinem. amphitheatraliſchen n 26 Die Natur iſt überal ſchon,« ſagie der Moͤnch hierauf,„aber der Menſch iſt nicht uͤberall ſchoͤn in der ilen Natur.— kann der Menſch ja nit. wenn die Natur die Geſetze der Schon⸗ heit, welche die eigenſuͤchtigen Menſchen unter ſich ſeſiſtellten, nicht erfullen kann.⸗ „Dadon rede ich auch nicht; ich meine die eigentliche, angeborne Schoͤn⸗ heit, die g⸗ 115 Auge blickt, und die Mutter der tue und des Vertrauens iſt „In dieſer Klauſe ſolche Wortes Wo bin ich denn eigentlich?: Wie ich nicht anders weiß, auf San Salvador.e „Ganz richtig! unb Ihr wundert Euch, Graf, hier ſolche Worte zu hoͤren? Sollte ſich denn hier die menſchliche Na⸗ tur entmenſcht haben? Nein! auf dieſer wilden, großen, ſchoͤnen Hoͤhe lernen wir eigentlich erſt wieder, mit ganzer Innig⸗ keit an den Buſen der Mutter Natur uns zu ſchmiegen.«. Warum aber, um zur Lusgleichung zu kommen, warum bin ich hier; und wie kam ich hieher?« Ihr kamt zu Wagen hieher, als Ihr aus der Opera zu Hauſe fahren wolltet. Und warum Ihr hieher kamet? Weil Ihr hier ſicherer ſeyd, als in Eurem großen, ſchönen Hauſe. Dort wuͤrdet Ihr gewiß ſchon jetzt die Sonne nicht wieder auf⸗ gehen ſchen, denn— „Denn? Ich bin Maltori, und erwarte den Schluß der S „Denn Ihr wuͤrdet ſchon jetzt er⸗ mordet ſeyn.« „Ernoibet? Ich? Und vnmn retet an das Fenſter, Graf Mal⸗ won. Wes ſeht Ihr?⸗ „Wo bin ich yingrrucht Nein treuer Kammerdiener Paſilo legt en auf den Block. Hal d . 117 fällt der Kozft Hr Entſetlich.. „Entſetzlich, aber ner Paſilo, Graf Maltori, hatte Auftrag⸗ 3. in dieſer Nacht Euch fortzuſchleppen zu einem ſchmaͤhlichen Tode, oder wenn“ ihm das nicht gelingen Su ſt zu ermorden« Das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich! Ich habe als Pflegeſohn den Menſchen mit aufgezogen kt er 6 mir Dank ſchuldig— ſohin wir hier, in nung von der Welt, ſchon uh Lebens klugheit 3 18 gen laſſen, wer iſt der unbekannte Freund, und wer ſind die Feinde, und wie wird das enden? „Viele Fragen auf einmal, die ich nicht alle beantworten kann, beantworten Habt Ihr Kinder, Grafte Einen Sohn.« »Nur einen? Ich hatte mir ſagen laſſen, Ihr hättet deren zwei ⸗ »Woher weißt Du das, Prieſter?. „Eben weil ich Prieſter bin. un⸗ ſere Kunde geht weit, und genau drin⸗ gen wir in die menſchlichen tin. Leider! Warum aber?e 1¹9 Weil die anſpruchsloſe Sanſtmuth. des Prieſters, welcher der Welt entſagte, manches noch zum Guten wieder kehren kann, was anſonſt der allgemeinen Zer⸗ ſtörung preis gegeben ſeyn würde.« »Nun denn! ich hatte noch einen Sohn, einen aͤltern— „Er hieß Franzesco.« Richtig! Ich habe ihn enterbt, und enterben muͤſſen.« Muͤſſen? Muͤſſen? Nun ſo muͤßt Ihr, Herr Graf, das Soͤhnlein Stepha⸗ no auch enterben. Ich weiß es wohl; Franzesco, der ſchoͤne Franzesco hatte ſich in die holde Miranda verliebt, und Stephano wollte das nicht leiden, und Ihr! Ihr, Graf Maltori, durſtet es nicht 120 leiden. Die erſte, edle Jugendliebe macht aber ungeſtuͤm, und uͤberſpringt alle Schranken der Verhaͤltniſſe. Darum hättet Ihr, Graf, dem Franzesco rei⸗ nen Wein einſchenken ſollen, wie man zu ki pflegt.⸗ Menſch! woher weißt Du vas Alles? „Woher ch das weiß 2 eu weil auch Menſch geweſen bin, wie Ihr es noch ſeyn wollt. Ich habe eher zei⸗ genug die menſchliche Baͤrennatur mit dem heiligen Kleide vertauſcht, und dabei Ruhe und Troſt.« ₰ 1 Senesen wird der Vernichter mei⸗ ues alten, edlen Hauſes ſeyn. Aber 9. nug hiervon. Ich will fort.« 12 Warum nicht? Du biſt in unſern Schutz bn. „ Du i es uns danken c2. 55 36— eic „So iſt es! Die vach der Räu berhohle von Caroſtro würden Dich in Fürſtenſälen finden, wenñ Du jetzt un⸗ ſem S S zwit⸗ F Du ſhee„npi Alter grch der Graf Maltori, die Sache in ſchnel lem Augenblick überfliegend.„Was hä ten denn die Furchtbaren von Caraſtro, die vas ganze Land in Schrecken ſetzen⸗ und es peinigen, mit mir zu thun? „Weil Du ein Peiniger biſt⸗ „Traͤume ich denn oder wache ich?« Graf Maltori! noch einmal: wa⸗ ret Ihr uns nicht anvertraut von wer⸗ ther Hand, ich wollte die Wette mit Euch eingehen, in Eurer Behauſung waͤret Ihr ſchon den Furchtbaren von Eäraſtro n legte ſich in dem fü ihn Gemach auf das bequeme Lager. Er ſih⸗ dieſe Einſiedler meinten es zut mit ihm und er Sett ſc ihrer t indeß, von Vinent nau bewacht und begleitet, drang eine Stunde nach Mitternacht in die väter⸗ liche Wohnung. Als er die Hallen die Säulengaͤnge und das alles wieder ſah, drängten der Erinnerungen guter, ſchoͤner Zeit gar viele auf ihn an. »Wo iſt Graf Maltori?« fragte er ſtuͤrmiſch den alten Diener. Der Herr Graf Borgho wuͤnſcht ihn zu ſprechen,« fiel Vincent aus guter Abſicht ein. »Der Herr Graf ſind noch nicht aus dem Schauſpiel zurückgekehrt erwiederte 4 der Diener. »Ei! das waͤrele ſiel Vincent ein. Die Opera iſt doch laͤngſt zu Vornehme Herren,« ſagt de aite Schal⸗ vlieben denn auch wohl 124⁴ ten das Nachſpiel⸗ und verweilen da⸗ hei« 6 »Wo iſt Stephano,« fuhr aufbrau⸗ ſend Franzesco fort. Der alte Diener ſah mit ſeinem Kennerblick ihm in das BGeſicht, und ſagte mit ſchmerzlicher Ihr ſyo es, Graf Franzesco? Ihr? Ach! haͤtte ich Euch doch nie wie⸗ der geſehen! Von dem Wenigen, was ich habe ließ ich ſchon Seelenmeſſen fuͤr Euch leſen. Nun, es iſt doch gut, daß Ihr wieder da ſeyd—« Du haſt mich erkannt, un. Du redeſt kein Wort davon; bei Deinem Leben verbiete ich es Dir. 2 Ih bin jetzt Graf Borgho. Ver⸗ dammt!« fuhr er fort, gegen Vincen ſic V zdaß alle ter Verſtellung gegen die Ratur doch immer Stuͤmperin bleibt K »Darum iſt ſie aber auch Naturle ſiel der alte Diener mit einer Art wn edlem Stol ein. »Wo iſt Stephano?4 zůrnte 4 2 Franzesco. 16 Er iſt oben auf ſeinem Zimmer, das nach dem Meer hinſchaut. Wahr ſcheinlich wird er noch die Zinſen berech nen, welche die Güter mehr tragen ſollen denn er bruͤſtet ſich ſchon als den alleini⸗ gen Erben, und die armen Bauern ſeuf⸗ zen jetzt uͤber ſeine Sin Gut! daß er haben. Wo iſt Miranda? 125 „Ich weiß es nicht, Signor.« »Du weißt es nicht? Sieh, wie Dein Geſicht Dich Luͤgen ſtraft. Du willſt es nicht wiſſen. Rede frei heraus. Wenn ich zurnen will, ſo koſtet es mich einen Wink, und das ganze Schloß ſteht in einem Augenblick in Flammen. Wi⸗ derſetze Dich nicht der hoͤhern Macht. Wo iſt Miranda 24 „Moͤgt Ihr mich toͤbten, Signor, oder mich verbrennen laſſen; ich weiß das liebe Kind nicht aufzufinden. Es verſchwand damals— je nun, Ihr wißt wohl! So viel abet kann ich Euch ſagen, daß Stephano den Auf⸗ enthaltsort von Miranda wiſſen muß⸗ denn—. Nun? denn?e 127 oft fort, und—6 Nun, und? Spanne meine Ge⸗ duld nicht zu ſehr auf die Folter 1« „Ich habe ihn geſtern behorcht; ich muß es Euch nur geſtehen. Sehr mißvergnuͤgt kehrte er von ſolch' einer heimlichen Reiſe zurück. Mit ſtarken Schritten ging er auf und ab, und rief einmal uͤber das andere: ich muß Miranda mein nennen, und ſollte ich Vater und Bruder ermorden muͤſſen. — Nun wiſſet Ihr alles, Graf Franzesco.« 3 „Ich weiß alles, und thue nun alles K hob ſich Franzesco ſtolz empor. »Mit die Kerze, Alter! Vincent, Du „Denn in Verkleidungen ri e blgſt iet dem Grafen Borgho 128 Er nahm die Kerze; Vincent folgte. Franzesco ging den Saͤulengang durch zu dem Gemach ſeines Bruders. Das Bimmer war offen; Franzesco, von Vin⸗ cent begleitet, traten ein. Stephano ſaß noch an dem Arbeitstiſch und ſchrieb. Er ſprang auf, als jene etwas ungeſtüm eintraten. Franzesco wurde jetzt von ſei⸗ ner Leidenſchaftlichkeit uͤbereilt, und ſiel aus der Rolle. Er warf das, die Sprache verſtellende Metall aus dem Munde, und Fagte: —, „Wo iſt Miranda? Kannſt Du ſie mir nachweiſen, ſo will ich Dich zu ſchutzen ſuchen; willſt Du es nicht, ſo biſt Du in dieſer Stunde noch aus dem Buch des Lebens geſtrichen.«* 3 u ich Dir nchweſſenz⸗ nif Stephano heftig. Ich weiß ſehr wohl, wem ich jetzt rede — Mit wem redeſt Du? mit Dei nem aͤltern Bruder, wie ich meine und was ſchriebſt Du denn da ſo em ſi* Franzeso ſah auf das Papier. Ahal fuhr er fort, Hich ſehe ſchon; es iſt der Entwurf zu einem zweiten Teſtament, welches noch beſſer verklau⸗ ſulirt werden ſoll, mich zu enterben⸗ Nur zu! Nur zu! Ich will auch von demn ganzen Plunder nichts wiſſen. Aber Burſche, ſage mir, wo iſt da? Du weißt es le ch weiß es; aber einem Bandie ten werde 3 keine Braut zuführen⸗ 3 30 ein Bandit? Wer tznt mich dazu machen? Du allein Deine Raͤnke und Deinen Vetrath. Du willſt mir Miranda nicht nachw ſen ke Die Banditenhöhle. ei⸗ 130 „Den Sbirren werde ich den Frei⸗ beuter anzeigen.« „ch ein Bandit? Nein! Ich bin noch viel mehr, als Bandit! Ich bin ein Brudermoͤrder læ rief Franzesco, und damit ſtieß er den Dolch in Stepha⸗ no's Bruſt. Stephano ſank nieder, und Bincent, der das Ganze mit angeſe⸗ hen hatte, klopfte jetzt dem uͤber die raſche That erſchreckten Franzesco 8 die „Wohl geoſenze ſagte er. MNun aber, Franzesco, laß uns eilen. Die Luft iſt nicht geheuer. Doch das Teſtament⸗ * 6* will ich mitnehmens ſhwamm in Bün, und in der Halle fiel Franzesch wei nend dem alten Diener um den Hals, und eilte dann mit Vincent fort. 131 Seelenmeſſen aus den innerſten Tiefen Deiner Seele fuͤr mich,« das waren ſeine Abſchiedsworte an den alten Diener, der das Kind, Bmzes groß ketrsgen hatte. „Seelenmeſſen will ich beten; denn in dieſem Hauſe wandelt ein boͤſer Geiſt umher!s ſeufzte der alte Diener, und ſchuttelte trben Blickes den Kopf. Dann ſchritt er langſam die Stuffen hinauf, um nach Stephano zu ſehen. Welch ein Anblick! Der Alte traute ſeinen Au⸗ gen kaum, und kniete neben den ver⸗ ſcheidenden Stephano nieder, und fate betend die Haͤnde. Was muͤſſen dieſe 3 ſehen jammerte er. 132 Stephano nöch einmal von den pforten des in die rege Welt Du z 3 Alter 24 ſagte er matt. Ach Gruf! Was iſt das? HD Hülfe, Huͤlfe! Zeter will ich rufen durch die ganze Natur!« Er wollte ſut⸗. eilen. „Du bleibſtle füßete Sthehn; dies ſey mein letzter Befehl. Der Tod wuͤhlt in mir; der ohnmächtige Menſch kann mich nicht retten, und ich vih nicht gerettet ſeyn.« SsHert! Her! Vas habt Sht g. than? Eine ſolche Sunde, ſich Fbſt u zu en wird, 3 2 u, voß Du mich„ n 133 erinnerſt. Wenn Du mir bald, ſehr bald nun die Augen zugedruckt haſt, dann eile laufe, fliege! ſuche Franzescv auf, brin⸗ ge ihm den Abſchiedsgruß ſeines Bru⸗ ders, und ſage ihm, Miranda befinde ſich wohl in dem Kloſter der Urſeline⸗ rinnen.— Sieh, Alter! nun iſt's aus. Kampf und immer Kampf mit Beſtien, Elementen, und mit Menſchen! Gute Nacht, du falſche Welt! Schwer haſt Du ni betrogen.« Dies waren die letzten Worte St phand s. Der alte Diener druͤckte ihm die Augen zu, betete in ſtiller, frommer Andacht für das Heil der Seele Ste⸗ phano's, und ging dann zu dem hſmtiſter Gehet hinauf, und ſorget ſür des Stephano's Leiche,⸗« ruͤttelte er va. 134 »Leiche? Stephano todt?« »Todt! Todt, ſage ich Euch! So ſteht es denn alſo um das Menſchenle⸗ ben. Aber ich rathe Euch, ſagt es Niemandem, wie Ihr ihn finden wer⸗ det— 6 »Nun? Redet! Rebet!e rief der Er⸗ ſchreckte, ſich aufraffend. »Wir beiden Alten duͤrfen das wohl wiſſen, und uͤber unſere Lippen wird kein unbehutſames Wort kommen. Wür⸗ de dem Stephano doch das ehrliche Be⸗ grabniß verweigert werden, wenn man es ſo ganz eigentlich erfuͤhre.« Nun! Er hat ſich doch wohl nicht gt ſelbſt entleibt? Leider! Leider e 139 ohngeachtet, Franzesco nicht zu finden, und einige verkleidete Sbirren ſagten dem Alten:»Wenn er wo iſt, ſo iſt er auf St. Salvador. Dort mag er buͤßen und von uns ſoll ihn niemand den frommen Moͤnchen dort oben abfor⸗ dern.« Das war genug angedeutet! Der alte Diener eilte, ſo viel ihn ſeine Füße tragen mogten, den Gebirgspfad hinan, nach der Höhe, wo St. Salvador über Napoli, uͤber den großen Golf, und uͤber eine unermeßliche Wni 56 ſchaut. »Schön,« ſagte er vor ſich ſelbſt, als er die des e 14⁴0 Und doch trägt dieſe herrliche Jung⸗ frau Ungeziefer auf ihrem ſchoͤnen Hauptel« ſo klopfte es ihm auf die Schultern. Er ſah ſich um. Franzes⸗ co ſelbſt war es, der den Alten ie be⸗ lauſchte. „Du biſt es, Franzesco?« ſagte der alte treue, redliche Diener des Hauſes Maltori.„Was haſt Du ge⸗ than? „Was ich gethan habe? Einer Grit⸗ Je der Menſchen dort unten habe ich nachgeholfen. Ich habe zur Abwechſe lung nur einen Bruder ermordet.« Er war Dein uiticher Bruber, Franzesco K „Meine Mutter, wenn ſie noch lebte, wuͤrde nicht a an n wollen le „Warum nicht? Weil er mich verſtoßen wollte und mich verſtoßen hat von dem väterlichen Herzen. Sieh nur das Teſtament, Al⸗ ter, welches er zur Kurzweil eben ſo wieder unter der Feder hatte; dieſes Meiſterſtuck war ſein letztes; ich öber⸗ raſchte ihn dabei. Ich hab's hier im Buſen. Du ſolſt mir nicht gram ſiyn, Alterz das will ich nicht, das mag ich nicht. Ehe wir weiter reden, will ich Dir nur den Anfang des Beſtamentes dieſes zaͤrtlichen Bruders vorleſen. Setz⸗ Dich zu mir, hier auf dieſen verkohlten Felſen; komm nur; es ſieht ſich hier hͤbſch an, das Feld der Zerſtörung, und 3 der Katafalk der mordenden F über uns lK Der Diener folgte; ſie ſetzten ſich. Franzesco las: ch, Leonardo, Graf von Mal⸗ toro ꝛc. erklaͤre durch dieſen mei⸗ nen letzten Willen, daß ich das S aͤlteſte Kind meiner Gemahlin, wel⸗ ches Franzesco heißt, fuͤr ewige Zeit aus meinem Herzen und mei⸗ nem Hauſe, von aller meiner Habe weggewieſen und aus meinem Hau⸗ ſe geſtoßen habe⸗ Denn nicht alſein, „ daß er wider meinen Willen ſich hat vermäͤhlen wollen, und daß er ungebuͤhrlich ſich gegen mich be⸗ tragen, als ich meine Einwilligung ihm verweigerte, ſo hat er auch den alten Adel meines Hauſes geſchaͤn⸗ det, zu Raubgeſindel ſich begeben,. und mir nach dem Lehen nir 35 deh— WDas haͤttet Ihr gethan, Franzes⸗ to?e unterbrach ihn der alte Diener. MNein! nein! das hat Franzesco nicht gethan⸗ dieſer ſanfte Franzesco, den ich, als er Knabe noch war, ſo oft auf die⸗ ſen Armen getragen, der mir die Wan⸗ gen ſtreichelte, und mir, als wenn es niemand hoͤren ſollte, dann leiſe zuflü⸗ ſterte: ich bin gut, Sovannil! Gewiß, ich bin gute ch habe das auch nicht gethan, Sovanni; wenigſtens ſind die Tinten viel zu hart aufgetragen. Sch wollte mich mit Miranda vermählen; die Haut ſchaudert mir, wenn ich an dieſes cr ſtück weines Lebens denke.« Der alte Diener ſeufzte tief. 144 trich und ziternd, als ich den Namen Miranda nenne 2« Es war nichts, junger Herr, ganz und gar nichts. Die Erinnerung an das iebe Kind— 4 mich an das Faß der Danaiden ſtelens Warum mußte ich die Frucht der Hes⸗ periden koſten ſollen, um ewig ungluck⸗ lich zu ſeyn? Auch Du haſt alſo M randa geliebt, Aterie* t nin ehnes Knc, Herte „O1 Wie liebe ich Di 6 um ſo mehr! Doch weiter! Du mußt mich aushoͤren. Ich haͤtte mich unge⸗ puͤhrlich gegen meinen Vater betragen? Das iſt erlogen! In der erſten Heſ⸗ tigkeit habe ich einige unbeſcheidene Ach! warum mußte mein Valet —————.——— 145 Worte ausgeſtoßen, die ich nöch buttue; das iſt aber auch alles. Ich hätte mich unter Raubgeſindel Daran 2 wahres.« „Herr! Herr! Ihr ſeyd doch uht 2 „O! wenn doch alle Menſchen zu diefem Raubgeſindel gehorten! Auch Stephano wuͤrde dann noch jetzt in der vollen Lebensbluthe einherſtolziren koͤnnen. Thue ich Unrecht, wenn ich auf den gr⸗ heimen Schleifwegen des Betruges die elende Menſchenbrut zu ertappen ſuche? Sieh, Alter, gegen Dich muß ich mich rechtfertigen. Nir ſiel dieſer Brief in die Haͤnde. Iſt das Stephano's Handſchrift?e Sie iſt es.« *n wen iſt der Buef zeti Die Eenbitntihe. 146 „Heiliger Gott! an Galloli, den furchtbaren Räuberhauptmann in der un⸗ nahbaren Höͤhle von Caraſtro.« 1 nd halte Deine alten Nerven feſt, daß ſie nicht zu ſehr zuſammen ſchaudern. Dieſer Brief, ha! dieſer Brief kann alles Blut zu Galle ſieden, und ich hebe ihn auf, um damit vor den Weltenrichter zu treten, und in dem großen, unendlichen Gerichtſaal ihn hoch empor zu halten, und dann zu rufen: ich bin ein Bru⸗ dermorder! Dies iſt der Brief mei⸗ nes Bruders; ich habe den Himmel verdient, daß ich das fuͤhrte k Franzesco! was yore ich; ach! und was werde ich wohl müſen len euch die fuͤr dieſen Freundſchaſts⸗ 6 dienſt tauſend 5 1¹7 „Kleinigkeiten ſind es, die der liebe Bruder Stephano dem Raͤuberhaupt⸗ mann Galloli ſchreibt. Der Brief iſt kurz: Galloli!— heißt es— jetzt iſt es Zeit. Franzesco iſt bei euch; das weiß ich, und gelegentlich werdet ihr ihn wohl befordern, oder ihn der Juſtiz uberliefern. Ihr ſeyd doch ver⸗ ſehen mit Aqua⸗Toffana; der alte Herr, der ſeinen Franzesco durchaus nicht ver⸗ geſſen kann, hat ein allzu langſames Leben, und ich furchte faſt, daß er ſein ſchoͤnes Teſtement zuruck nehmen mög⸗ te. Der alte Mann hat genug gelebt; ſchickt mir, Galloli, den fuͤr die Noth mir zugeſicherten Aqua⸗ Toffana. Nun, mit Franzesco habt ihr vielleicht kuͤrze⸗ res Spiel. Bin ich regierender Herr in unſerer kleinen Herrſchaft, dann ſol⸗ 143 entgehen. Dann, aber auch nur dann, und nicht eher! 8 S. M.« Franzesco preßte das Papier zwi⸗ ſchen beiden Haͤnden zuſammen, faßte dann den alten Diener, den Pfleger ſei⸗ ner ſchoͤnen Jugend bei den Schultern, legte ſein Haupt an den Hals des Alten, und flſterte leiſer 1 — War ich ein Mörder, ein Böſe⸗ wicht, als ich hier der Rache Gottes vorgriff, und 6 eignen Bruder ermor⸗ dete 4 — Nein! Ihr waret es nicht! gewiß nicht! Wenn nur der ſelige Herr 8 be werden koͤnnen au0 die Todten gchen auf* 149 „Hin iſt hin k Es giebt aber, guter Alter, ganz beſondere Fuͤgungen in dem Menſchen⸗ leben, wo denn der gemeine, der ge⸗ woͤhnliche Glaube zur Thorheit wird. Merke Dir das. Doch Du hatteſt mir auch etwas zu ſagen, wie mich duͤnkt. Nimm es mir nicht ubel, daß ich ſo Dich erinnere; ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich noch lebe, ob ich noch zu leben wagen ſoll »„Die letzten Worte Eures ſterben⸗ den Bruders hab' ich Euch zu hihgen⸗ Graf Franzesco.« „Laß ſie fort; ſchweig! 3 mag ſie nicht hören; nach dem, was i von ihm erfahren mußte— »Und was er von Euch erfuhr!— das muͤßt Ihr auch hinzufuͤgen.« Freilich! Er war mein Bruder! Nun wohl! bis auf die Heſen will ich den Schierlingstrank hinunterſturzen; dann hat ja das Poſſenſpiel ein Ende le Wie ſo heftig und teibenſchaft⸗ lich! Doch ich muß den Auftrag eines Sterbenden erfuͤllen. Ich ſoll Euch, Franzesco, es verkuͤnden, Stephano ha⸗ be ſich ſelbſt entleibt, und Miranda be⸗ finde ſich wohl in dem der Urſe⸗ linerinnen« 6 »„O Golt! beine Rache, dein Straf⸗ gericht iſt ſchnell und ſchwer!« rief Franzesco, und verhuͤllte ſein Geſicht. Entſetzlich c fuhr er dann auf. In 3 Todeszuckungen hat er ſich mit mir ver⸗ ſöhnen wollen, und ich habe den ver⸗ 154 zeihenden Blick des Sterbenden nicht auf⸗ fangen koͤnnen. O! bei Gott! das iſt die ſchwerſte Rache, welche er an mit veruͤben mogte.« »Aber, bedenkt ſeinen Brief an den Raͤuberhauptman; und darum jammert denn auch nicht um den Bruder, den ſein zurnendes Schickſal durch Euch auf⸗ ſuchte. »Wohl haſt Du Recht, guter Mann! Aber den Dank ſchuldig bleiben zu muͤſ⸗ ſen, das iſt, fuͤr mich wenigſtens, eine ſchwere Strafe. Doch hinweg von die⸗ ſer duͤſterſten Schattenſeite meines Le⸗ bens!— In dem Kloſter der Urſeli⸗ nerinnen wäre Miranda wohl aufbe⸗ wahrt, ſagte er? War nicht ſoc „ 5 Richtig, Signor, ſo war 64 152 „Nun ſo eile ich jetzt, Miranda auf⸗ zuſuchen, und Du gehe, wohin Dein Fatum Dich „Herr! Peit was beginnt Ihr? Ach! ich ahnde, es liegt hier noch ein mehreres im Hintergrunde verborgen k Merkſt Du etwas, alter Fuchs? Aber ich ſage es dir, wage es nicht, in die Speichen des Rades, welches das Schickſal rollt, greifen zu wollen. Der koͤnnte Dich Kner 4 „Ich will es Sch nicht; ich ch es wohl, auch die beſten Menſchen werden aus der Bahn geſprengt; darum will ich lieber in ein Kloſter gehen, und fuͤr die armen Seelen der Familie Maltori beten Franzesco zögerte lange, che 4 153 ſich entſchließen konnte, in das Kloſter der Urſelinerinnen zuruͤckzukehren, und dort Miranda aufzuſuchen. Miranda meine Schweſter? e ſchau⸗ derte er zuſammen. Meine Schweſter? O! Du arme, ungluͤckliche Schweſter, und Du noch aͤrmerer Bruder? Wie ſoll das enden? Es kann, es kann nicht gut enden! Etwas Entſetzliches muß noch geſchehen, ehe ich am traurigen Ziel des oͤden, verwuͤſteten, beni W bens ſtehn werde.« Dann ſchritt er raſch vorwaͤrts, und erreichte, ein Traͤumender, die Stadt. Hart an der Barriere läutete ein Kloſtergloͤcklein zur Meſſe, und die andaͤchtige Menge ſtroͤmtel zu der Kir⸗ che, durch frommes Gebet ſich zu er⸗ 1⁵⁴ Darf ich es wagen, ich, ein ge ächteter,« ſagte jetzt Franzesco leiſe zu ſich ſelbſt.»Darf ich es wagen, in dieſe Gemeinſchaft der frommen Men⸗ ſchen mich zu begeben? Darf ich es wagen, an den Buſen der guten Mut⸗ ter Religion mich zu werfen, wie ſonſt? Wird ſie mir Troſt, Stärke und Labung geben, wie einſt? Wird ſie mir verzei⸗ hen koͤnnen, verzeihen duͤrfen, wie einſt. wenn ich eine leichte Schuld der Flat⸗ terhaftigkeit aus meinem kindlichen Ge⸗ wiſſen ihr bekannte? Nein, ſie kann es, ſie wird es, ſie darf es nicht. Denn furchtbar liegt auf dieſer ſonſt ſo freien Bruſt eine ungeheure Schuld, und ſie wird ſich noch haͤufen in einer entſeglichen Stunde, bis dann dieſes Herz verkohlt ſich aufloͤſet, und dieſe Nerven zerreißen. Aber wenn ich es wagte, noch einmal am Born des Le⸗ Lens zu trinken, wenn ich es wagte, mich nieder zu werfen am Altar, um wie ein Dieb den Segen des Prieſters zu erhaſchen, wenn die andaͤchtige Men⸗ ge niederfaͤllt, und er mit der Hoſtie ſich wendet? Wenn ich das noch ein⸗ mal, ach! nur noch einmal wagte? In wildem, großen Schmerz ſich erla⸗ ben, iſt auch ein Labſal. Darum, Fran⸗ zesco, hin, hin in das Haus Gottes.« Raſchen Schrittes ging Franzesco nun in die Kirche und kniete nieder vor dem Altar. Er neigte ſein Haupt, wie die uͤbrigen Betenden, und er betete bruͤnſtig und ſtill.— Die Meſſe war zu Ende; geſtaͤrkt von der Salbung des Glaubens, erhoben ſich die From⸗ men, machten vor dem Altar und der Mutter Gotter das verehrende Kreuz⸗ und wallten hinaus. Nur Franzesco allein blieb kniend und betend liegen. Durch alle Himmel wallte ſeine wi „ 156 empoͤrte Seele; uͤberall fuchte er Ruhe und Frieden, und fand ihn nicht.— Der Dechant, welcher die Meſſe gele⸗ ſen, ſah, als er aus der Sacriſtei trat, jetzt zu ungewohnter Stunde den Be⸗ tenden vor dem Altar noch knien, und er hoͤrte deſſen ſtill verhaltenes Seufzen. „Was iſt Dir, Sohn der Kirche?e ſprach der Dechant, und legte ſeine Hand ſegnend auf das Haupt des Be⸗ tenden.„Ohne Tröſtung,« fuhr er fort, ſollſt Du nicht aus dieſem Hauſe Gottes gehen, denn ſeine Tempel ſind die geheiligten Staͤtten, wo der Ha⸗ der der Menſchen zum Frieden ſich ſihnt⸗ Hochwuͤrdiger Herr!« ſprach Fran⸗ zesco, und ſank vor ihm nieder,„koͤnnt Ihr mir Frieden und Ruhe geben? 157 8o weit die Gewalt der Kirche, welche nicht das Unendliche erreichen zu wollen wagen mag, geht, ſo weit, Du Schuldbeladener, kann ich es, und ich es.« Aber wird Eure mir auch beruhigend ſeyn?« „Ich hoffe es, ich wuͤnſche es! Wehe dem Suͤnder, der ungetroͤſtet aus dieſer Kapelle fortſchleichen S. Folge n mit in die Kapelle.« Der Dechant ging zurdck in die Sacriſtei, und Franzesco folgte ihm nachdemn noch einmal vergebens dem Nrintide aufgeblickt. »Was haſt Du zu nen 5 fragte der Dechant, als Franzesto Haͤnde gefaltet, und vor 158 in den geweihten Stuhl ſich nicee worfen. „Ich habe meinen Bruder ermor⸗ det, weil er meine Jugendgeliebte, ſie, an der mein Leben haͤngt, mir mit Ge⸗ walt entfuͤhren wollte.« ngluͤcklicher! dafuͤr giebt es kei⸗ nen Ablaß! „Aber er verſtieß mich auch aus dem Herzen des Vaters, ſo daß dieſer mir jetzt fremd iſt.« Fremd? fremd? Sohn der Kirche, erwaͤge, was Du ſagſt! Der Vater dem Sohne fremd? »„Ihr habt Recht, hochwuͤrdiger Herr! Ich liebe noch immer meinen Voater mit allen Pulſen des angebornen 159 gebens. Aber er hat mich, den v bornen, verſtoßen—6 Er iſt Dein Vater, mein Sohn—e „Ja wohl iſt er mein Vater und ich verzeihe ihm das Unväterliche. Ich ſelbſt bitte fuͤr ihn zu dem Himmel, daß er, wenn das letzte Stundlein dem Sterbenden naht, meiner ſich nicht er⸗ innern moͤge.« Deiner ſollte er ſich 3 erinnern durfen*4 Die Erinnerung wuͤrde ihn mit den Foltern eines ſchuldbeladenen Ge⸗ wiſſens ſchrecklich quälen, und ich mög⸗ te ihm, dem Zeuger meines elenden Lebens, die letzte irdiſche Quaal gern er⸗ ſparen.« „Ich verſtehe Dich noch nicht ſo ganz, ungluͤcklicher Sohn der Frieden bringenden Kirche.« „Nun ſo wißt: mein Brudermord war ein dreifacher Mord, denn das un⸗ gluckliche Geſchoͤpf, welches mein Bru⸗ der mir entreißen wollte, war meine Schweſter! In einer ſchoͤnen, ſchwaͤrme⸗ riſchen Stunde umarmte ich meine Schwe⸗ ſter in glähender Umarmung, und fie tragt das Kind unter dem Herzen. Ach! der ſuͤßen Schweſter Kind iſt mein Kind, und beide ſollen und muͤſſen als S des Todes fallen.« Unglucklicher, was muß ich in die⸗ ſen geweihten Mauern vernehmen. Die ſtrengſte Kirchenbuße mag einen nicht Hoͤrt aber auch, hochwürdiger de* meine Entſchuldigung—4 „Fuͤr ſolchen ſchweren Frevel giebt es keine Entſchuldigung. Doch rede wei⸗ ter, Unglucklicher le »„Ich wußte nicht, daß meine Ge⸗ liebte meine Schweſter ſeyo. Mein Va⸗ ter war als zwiefacher Ehebrecher der Vater dieſer Ungluͤcklichen geworden, und erſt jetzt, nun es zu ſpät iſt, erfuhr ich den Suͤndenfall. Kann der Rich⸗ ter mich darum verdammen wollen, wenn ich unbewußt der Gewalt und der Schwachheit der menſchlichen Natur huldigte? O! gebt mir Ablaß, hoch⸗ wuͤrdiger Herr. Ihr könnt es, Ihr dürſt es; das Gluͤck vieler Menſchen hängt an dieſem Auze 6 blick« Die Banbitenhoͤhle⸗ Dich nicht als einen ꝙneterfiluen „Ich kann es nicht, ich darf es nicht. über Blutſchande kann nur der hoͤchſte Richter das Strafgericht halten. Sieh, ungluͤcklicher Sohn der Kirche, wie der Schwachheit Verbrechen, und ein Verbrechen dem andern folgt. Dar⸗ um wahre ſich jeder vor der erſten Ver⸗ ſuchung, oder er iſt unwiederbringlich verloren. In mein Gebet will ich Dich ſchließen, armer Ungluͤcklicher; weiter kann ich aber auch nichts thun.« „Und weitir nichts? Soll ich in der entſetzlichen Stimmung, in welcher ich mich befinde, auch Euern Siri S Pfaffek⸗ vUnglicklicher! was redeſt Du Du jammerſt mich! Ich wuͤrde Dich dem geiſtlichen Gericht uͤbergeben, wenn ich 163 Wahnſinnigen betrachtete. Preiſe den Himmel, daß Du gerade zu mir kamſt. „Ich den Himmel preiſen dafuͤr, daß Ihr mir nicht Ablaß geben koͤnnt, nicht geben wollt? O! ich kenne ſie nun die geiſtlichen Feſſeln, und ich ſelbſt, ich aus mir ſelbſt will mir den Ablaß verſchaffen, den Ihr mir verwei⸗ gert. Wozu bedarf es denn auch der Firmelung, wenn man zu dem Welten⸗ ſchoͤpfer die reinen, gluͤhenden und wah⸗ ren Gebete ſendet?! Kann ich, darf ich nicht Ablaß fordern? Der Weltenſchoͤp⸗ fer ließ zu der hochgeprieſenen Men⸗ ſchennatur mich formen, und was kann ich dafuͤr, daß er dieſes Thiergeſchlecht ſo mangelhaft bildete, ihm die Luͤſtern⸗ heit, die Leidenſchaftlichkeit gab, ihm ei⸗ nen Schleier vor das biedere, forſchende Auge warf, daß er das wilde To ben feindlicher Streitkräfte nur nach u fäglicher Pruͤfung erſt entdecken könne; was kann ich endlich dafür, daß mein Vater ein Suͤnder war, und ein ſchwe⸗ rer Zufall der Ausgeburt ſeiner Suͤnde mich in die Arme warfk „Junger Mann! als Menſch be⸗ greife ich es ſehr wohl, was Du fuhlſt⸗ was Du duldeſt, und ich weine Thraͤ⸗ nen um Dich. Glaube mir, Du findeſt in unſerm Clerus wenige Prieſter, welche nicht mit Thraͤnen von der ſonderbar geſtalteten Natur, von der Lebendigkeit der Welt Abſchied genommen hätten, um in der traurigen Ode des Kloſters den Largen Reſt langweiliger Tage zu ver⸗ trauern. Wende Dich in das blühende Leben zuruͤck, nicht in das abgeſtorbene Leben; dort jindeſt Du leichter Lebens⸗ geiſt und neue Lebenskraft; bei uns nimmer! 165 „Ihr habt wohl Recht, hochwür⸗ diger Herr! aber ſoll man dieſes Hoch⸗ heilige abgeſtorbenen Lebensgeiſt nen⸗ 5 nen? ₰„Warum nicht? Die Natur ſtrebt in allen ihren Pulſen nach Vermehrung, nach Fortpflanzung, und unſere düſtere Flöſter ſollen ein Störungsmittel der ſchönen, friſch, und immer ftiſch empor⸗ ſtrebenden Natur ſeyn, dieſer Natur, welche aus dem Eingeweide der Eide erſtanden, mit ftommer Liebe das Stre ben der hoͤchſten Animclität zu dem Zweck des wahren Lebens zu ſ F ₰ „Hochwuͤrdiger Herr! Ihr mir da Anſichten der⸗ Sröſtung ondeu⸗ ten zu wollen, welche Shr, als Geiſti⸗ cher, der Profeß geleiſtet, ſprechen wagen „Ich gebe Dir, Ungluͤcklicher, nur ſo viel als Troſt mit auf den Weg, daß der Himmel ein Himmel der Gnade iſt, und daß er oft wunderbar die Pfade der Menſchen zu gutem Ziele fuͤhrt.« »Werde ich jemals ein gutes Ziel erreichen können, erreichen duͤrfen, hoch⸗ wuͤrdiger Herr, nach den ewigen Geſczen 3 der Wltrnn 26 „Ich habe ſchon zu viel Dir ge⸗ ſagt, ungluͤcklicher! ſprach der De⸗ chant, ſchlug ein und entfernte ſich. „Ich ein Unglucklicher? ſprach Fran⸗ zesco zerknirſcht, und raffte ſich ſchnell auf. Er wollte ſich ermannen in Man⸗ neskraft; aber es war, als ob die Donner des Himmels, welche bei dem erſten Suͤndenfall auf die Erde ſtuͤrz⸗ . „ 16 ten, ihn zerbruͤckten. In ſtillem Ingrimm 6 verſunken, auch hier kein Heil keine Hof⸗ nung des Heils gefunden zu haben, ver⸗ ließ er das heilige Gebaͤude und trat hinaus in die freie Luft, welche vom Meere her lieblich heruber ſaͤuſelte, und mit dem Abendſtern zu koſen ſchien. Ein duͤſter⸗ſchweres Schweigen bruͤtete uͤber den großen, mit den letzten, oft eitlen prunkvollen Monumenten der Tod⸗ ten verzierten Kirchhof, und Franzesco ſtand lange mit gefaltenen Huͤnden und niedergeſchlagenem Blick ſtill. Es war ihm, als wenn die Geiſter aus den Gra⸗ bern erſtiegen, als wenn die Poſaune zum juͤngſten Tage ihm donnere, und er allein in dieſem weiten Rund zurüc⸗ bleiben muͤſſe unter den morſchen, aus⸗ gebrannten Trommern der Erde.— Er raffte ſich wieder auf, und lehnte an ei⸗ nen, von dem auſgehenden Vt⸗ 13 bluchteten Stein. 3 165 »Das iſt benn alſo wirklich, ſprach er,„das Ende der menſchlichen Natur? Das hochgeruͤhmte Geſchopf glaubt den Himmel erſtuͤrmen zu koͤnnen, und nur ein elender Stein kann ihm ein Epita⸗ phium ſetzen? Aber welch ein Epita⸗ phium iſt es auch? der erſte Nordwind zerſtort es. So fliegt auch das Men⸗ ſchenleben voruͤber, und nur im duͤſtern Nachtſchauer ahnet man noch den Nach⸗ hall der menſchlichen Natur. Iſt dieſer Becher es denn auch werth, daß man ihn nur an die Lippen nahm? Wird man nicht ſogleich vergiftet, wenn man es that? Zum Teufel! ich glaube ſchier, daß meine Amme wohl gethan hätte, mir das Hirn einzudrlcken, ehe meine Mutter mie Buſen druck⸗ 8 169 und die Sehnſucht nach droben mich er⸗ friſchen und neu beleben, nur weil ich ſie, meine Mutter! dort oben wieder zu fin⸗ den ſtrebe.« 8 Er ſank am Leichenſtein nieder, und betete ſtill. Dann erhob er ſich; der Mond war in vollem Aufzug, und be⸗ leuchtete die Einſchrift des Grabſteins, Franzesco ſchaute hin, und ſchauderte zuruck. Es war das Grabmal ſeiner Mutter, an dem er hingeſunken war, und um Staͤrkung geflehet hatte. Lan⸗ ge betrachtete er den Stein und die trau⸗ rige Einſchrift. Auf den morſchen Trümmern Dei⸗ nes irdiſchen Gebeins, meine Mutter,« rief er woh es uß. wo in ten und herrſchen die Fuͤgungen— viel⸗ leicht des Zufalls! Wäreſt Du, meine Mutter, ach! meine Mutter! noch mit der Huͤlle Deines Koͤrpers in Verwandt⸗ ſchaft geweſen, ach! Du waͤreſt gewiß als Geiſt mir hier erſchienen, und haͤt⸗ teſt Deinen Sohn geſtraft oder gewarnt.— Erſcheine, Geiſt meiner Mutter! hier, an dieſer Grabſtätte fordere ich es, darf ich es fordern! „Wecke die Todten nicht zu früh le klopfte es ihm auf die Schulter, und neben ihm ſtand der Räuberhauptmann Galloli. „Ich habe Dein Subſgeprich ange⸗ hort, weil ich wußte, daß Du hier ſeyn mußteſt,« ſagte Galloli, den Fran⸗ zesco, trotz der ſchnell er⸗ könnte »Du wußteſt es? und wohet? fragte dieſer erſtaunt. »Armer Thor! Wir großen Herren kuͤmmern uns nicht um die Taͤndelein der Gefuͤhle von Euch Schwachkoͤpfen; wir ſuchen das Wahre auf, und da ha⸗ be ich Dich, Du Thor von geſtern, denn auch aufgefunden; Du vergiſſeſt, was Du fuͤr Verpflichtungen auf Dich ge⸗ nommen haſt. Da phantaſirſt Du an dem Grabe Deiner Mutter, und er⸗ waͤgſt nicht, daß der Tod ein Halbbru⸗ der, und ein boͤſer S des Le⸗ bens iſt e „Du haſt Recht, Galloli; ich ſehe es ein; aber boͤſe iſt der Halbbruder nicht; ich habe Luſt, ihn lieb winnte! Sonderbaret Ausdruck! 8 172 muß zu jeder Stunde, wo es nothwen⸗ dig iſt, willkommen ſeyn; man muß ihn herbei ſchleppen koͤnnen zu ſeinem Schergenamt.« 3 „Das glaube ich auch k ſagte Fran⸗ zesco, ſich emporraffend,„Adieu unterdeß, Hauptmann l „Wohin willſt Due Nach dem Urſelinerkloſter, nein Wort zu löſen.« nd ich will noch im Spiel einige junge Naſeweiſe die Kunſt zu leben leh⸗ ren. Ubermorgen haſt Du Dein Pirot⸗ 8 „Renn ich es kann! le Du mußt es! Sonſt 2 unſere Dolche Damit ſchieden ſie. Wie ein Wahn⸗ ſinniger wankte Franzesco weiter, und gelangte an die Pforten des Kloſters der Urſelinerinnen. Sie wurde ihm ge⸗ öffnet und die Pförtnerin dieſer ſtren⸗ gen Zucht fragte ihn, was er begehre. Er fragte nach Miranda; dieſe wolle er ſprechen. Sie kannte den Namen »Sie iſt eine Gräfin Maltori,« rief Franzesco, vund vor Kurzem iſt ſe in Heiligthum gebannt.« 4 uhl nn weiß ich erwiederle bie geſchwätzige Alte.»Wer ſeyd Ihr denn abet, junger Herr? Das muß meine erſte Frage ſeyn; das iſt ſo 174 Wer ich bin. Euch darauf zu ant⸗ worten, das iſt eigentlich außer der Ord⸗ nung; aber ich will es Euch ſagen: lei⸗ der! bin ich der Bruder der Gri⸗ ſin Maltori.« 1 Leider? Da habt Ihr wohl Ret Ich weiß wohl, wie das Ungluͤck über Euer Haus einbricht, und einbrechen muß, immer mehr und mehr— 4 5 „Redet, redet weiter— 6 „Ja, ſeht nur! die Miranda, hier heißt ſie Schweſter Eugenie, und hat ſchon den Schleier genommen, nein! ſie hat ihn nehmen muͤſſen, die hat mir et⸗ was ſeht ſchweres entdeckt. Ich habe immer ſchon das ſchoͤne, zarte Kind in mein Herz geſchloſſen gehabt.« Nun⸗ und was hat ſie Euch denn entect?⸗ „Euch, als Bruder, darf ich es wohl ſagen. Sie hat, weinte ſie vor ſich hin, einen Geliebten gehabt, mit Adem ſie— nun in dem Kloſter ſoll ei⸗ gentlich die Rede von dergleichen Welt⸗ haͤndeln nicht ſeyn!— ja aber ſie hat es mir aber doch geſagt, und ich habe es muͤſſen.⸗ 5»Nun, und was denn? was denne Spannt mich nicht ſo entſetzlich auf die Folter* »Denkt Euch, Herr Graf! Eure Schweſter hat den Schleier genommen⸗ und in del letzten Beichte vor der Fir⸗ melung es nicht bekannt, daß ſie bald Mutter werden ſoll. Ach! was wird daraus werden? Die Ibtiſſin iſ 6 176 und der Provinzial unſers Ordens noch ſtrenger. Ich ſehe es ſchon, daß Euge⸗ nie lebendig eingemauert wird.«— vUnd ihr Kind?6 „e nun! was kann das arme Kind⸗ lein fuͤr die Sunden der Eltern?« „Ja wohl! ja wohl! alſo?« „Des Kindes nimmt ſich das Klo⸗ ſiet an; es wird in Koſt gegeben, und für den Dienſt der Kirche erzogen.« „O! wenn Ihr fromme Schweſtern alle Sprößlinge unerlaubter Umarmung für den Dienſt der Kirche erziehen ſoll⸗ det dann wuͤrde die Kirche bald über⸗ Leich an unglücklichen Opfern eines elen⸗ den Zwanges werden. Doch genug da⸗ 177 von. Jetzt redet; wo iſt Miranda, oder Eugenie wollte ich ſagen« »Graf, hätte ich nicht Gefuhl aus der Welt in dieſes Leben mitgebracht, ich duͤrfte Euch nicht Rede ſtehen; aber ich beklage Euch le »Wirktich? Beklagt Shr micht War⸗ um denn aber? Sehe ich ſo beklagens⸗ werth denn aus* »Es liegt ein großer Schmerz auf dieſem ſchoͤnen, edlen Geſicht, und der Menſch bleibt Menſch! darum wage ich das Kußerſte, und ſage Euch, Schwe⸗ ſter Eugenie hat in dieſer Nacht bis zu der erſten Hora, welche, wie Ihr wohl wiſſen werdet, mit der vierten Morgen⸗ ſtunde eingeläutet wird, die Wache in der Kloſterkirche. Dort durch ben lan Kreuzgang, rechts iſt die immer 9 Die Banditenhohle⸗ 12 178 Pforte fla die Betenden und Büßenden. Nun habe ich Euch, Graf Maltori, ge⸗ nug geſagt.« Damit warf die Pfortnerin die Thur zu und Franzesco ſchwankte über den großen, öden Kloſterhof hin zu dem Kreuzgang. Duͤſter brannte in weitem Hintergrunde eine Kerze, und gab eine ſchaurige Beleuchtung durch die hohen Gewölbe, waͤhrend unter jedem Tritt des Vorſchreitenden die Grabgewölbe der Ent⸗ ſchlafenen, welche hier ſchliefen, ſe Jetzt erſchien ihm ein matter icht ſtrahl von der Seite. Es war der Eingang zu der Kloſterkirche, welche von der heiligen Ampule beleuchtet, und in dieſer Nacht von Miranda bewacht war. Franzesco zögerte, ehe er ein⸗ rat. Alles war ſtill im innern, durch die Ampule nur matt erleuchteten hohen Dom. Am Weihbecken, dicht am Ein⸗ gange wollte er das Weihwaſſer nehmenz aber als wenn eine hoͤhere Macht ihn davon zuruͤck weiſe, fuhr er zuſammen. Eben dieſer Kontraſt, dieſes Verzweifeln gab ihm in ſchnellem Augenblick einen furchtbaren Trotz, und raſchen Schrittes trat er in das heilige Gebaͤu! Im Innern, nach dem Hochaltar hin, war die Kirche mehr erleuchtet; denn auf dem Hochaltar brannten die Kerzen, und an den Stuffen des Al⸗ tars ſah Franzesco eine Urſelinerin in Kloſtertracht knien. Noch konnte er nicht erkennen, wie ſie dort beſchaͤftigt ſey, aber Miranda mußte es ſeyn. Er ſchwankte naͤher. Da erkannte er Mi⸗ randa in dem jungfräulichen Schleier. Aber was mußte er ſehen? Ein nes. 14180 gebornes Kindlein, welches der Tod ſchnell den Mühen des Lebens entnom⸗ men, legte ſie eben auf den Altar, und jammerte laut in halbem Wahnſinn die Worte, welche Franzesco, an eine Säule der Kathedrale ſich lehnend⸗ deutlich durch die wiederhallende Kirche in der Stille der Nacht vernehmen konnte: „Mutter Gottes? Hier auf Deinen Altar lege ich ein entſetzliches Opfer. Es iſt mein Kind, welches ich ermordet habe, damit der Fluch der Welt nicht auf ihMm laſten ſolle, denn es iſt auch meines Bru⸗ ders Kind! Ach! wir beide wußten jn nicht, daß wir Geſchwiſter waren! Ninm dich der Seele des armen, unſchuldigen Opſers an, Heilige. Ich Unglückliche werde den Richter auf üͤber den Sternen, ich erwecke ſeinen Zorn, weil ich das Le⸗ meiner Strafe nicht entgehen; ich ſuche 181 ben, zu welchem er mich geboren wer⸗ den ließ, verachte! Ich haͤufe dadurch Schuld auf S2 aber kann an⸗ ders?«— »Dieſe Schuld übernehme ich! Du ſollſt davon frei ſeyn, Mirandale tief Franzesco, hinzuſtuͤrzend, und ſtieß den Dolch in die Bruſt der Schweſter. „Ich danke Dir mein Franzesco! dort oben ſind alle Formen der engen Welt geloͤſt,« ſagte ſie ſterbend, und an den Stuffen des Altars verſchied ſie. Franzesco nahm das todte Kind, auf dem Altar liegend, einen holden, ſchoͤnen Knaben, in ſeine Arme, küßte ihn, hob ihn dann mit einem Blick, aber mit welch' einem Blick, zu dem Himinel em⸗ por, und betrachtete dann noch einmal den Leichnam, den er in S biet 152 „Das ſey die letzte Thraͤne, die ich dem Menſchengeſchlecht weine!W bebte er hervor, als die heißeſten Thränen, welche wohl je ein Menſch weinte, auf das Kind fielen. Er legte es in die Arme der Mutter, kniete neben ihr nieder, be⸗ trachtete noch einmal die bräutliche Schweſter, und rief laut, mit einem ent⸗ ſetzlichen Zeter:„Miranda! Miranda! ich ſehe Dich wieder! Dich und dieſes Kind! Ich fordere es von dem Himmel!«— eSein lauter Ruf ſcheuchte die Nachtvoͤgel auf, und ſie durch das Ge⸗ „Ha! mahnt ihr mich, ihr Todten⸗ vogel! Ich komme! ich komme ke rief er jetzt wieder. Noch ein Jammerblick auf Miranda und das Kind, und er ſtuͤrzte pinaus in das Duͤſter des Kreuzganges. uher den Kloſterhof weg nach der Pforte 183 Die geſchwaͤtzige Pfortnerin war noch wach, und gleich bei der Hand. Sie ſah aber Franzesco's verſtörtes Geſicht, und bebte davor zuruͤck. „Ei! Herr Graf,« ſagte ſie, 2hat das Euch ſo verwirren koͤnnen, daß Eugenie eine Gottesbraut worden?e „Ermordet liegt ſie am Altar mit ihrem Kindlein,« ſchrie Franzeco durch den todten Raum, und ſtuͤrzte aus der Pforte. Die Pfoͤrtnerin machte das ganze Kloſter wach, und man fand die ſchreck⸗ üche Nachricht beſtätigt. Aber Franzesco⸗ dem man ſogleich nachzuſetzen ſich entſchloß⸗ war ſchon weit fort, ehe die Kloſterdie ner ihm auf die Spur kommen konnten. Er ſtreifte durch Thal und Gebirg⸗ verlaſſen und geſchieden von allem, was ihm lieb und werth geweſen, und nahm nicht ohne Grund den Weg nach der Hoͤhle von Caraſtro. Jedes fteundliche, frohe, friſche Menſchengeſicht, welches auf dieſer Wanderung ihm begegnete er⸗ ſchreckte ihn, und die Natur, welche ſo herrlich in ihrem groͤßeſten Reize gerade in dieſer Gegend vor ihm lag, erſchien ihm abgeſchmackt, ſollte ihin abgeſchmackt erſcheinen muͤſſen. Er warf ſich auf eine Raſenmatte, und ſah die Sonne empor⸗ ſteigen in ihrer glaͤnzend⸗ſtrahlenden Pracht⸗ „Duͤrfte ich das reine Licht dieſer Himmelskönigin anſchauen in der Nähe le ſeufzte er tief auf,»wie wohl wuͤrde mir dann ſeyn! Aber ich darf es nicht; nim⸗ mer wne „Fahre hin, Natur,« ſprach er weiter,»ich entſage dir, weil du 185 dich von mir losgeſagt haſt, ich habe keinen Theil mehr an deinen truͤgeriſchen Einladungen. Es wird doch einen Aus⸗ gang aus dieſem nie zu entwickelnden Labyrinth des Lebens dem entſchloſſenen Manne geben? Ich glaube, dieſem leich⸗ teſten der Auswege auf die Spur gekom⸗ men zu ſeyn.« Er ging weiter, das Berggeripp hinauf, nach der Höhle von Caraſtro. Sein Probeſtuͤck hatte, wie wir wiſſen⸗ ſeyn ſollen, ſeinen Vater, den Graf Maltori an der Tafel zu ermorden, und Graf Maltori war durch unbekannte Leitung forgefuͤhrt.— In der dritten Mitternacht nach dem Ausgang erfuͤllte Franzesco ſeine Stunde, und ſtand, düſter in ſich gewendet, in der Hoͤhle von Caraſtro vor Galloli und ſeinen Geſellen, die eben in dem geheins 166 Rath verſammelt waren. Auch Vincent war ſchon wieder zugegen. „Was haſt Du ſugt der Hauptmann. Ich habe Stephano, meinen Bru⸗ der ermordet; und ich habe ihn ermordet in ſeinem eigenem Gemach.« vUnd warum haſt Du das gethan? Vincent den Auftrag zuerſt.« —„6r hat ihn mir abgetreten, dieſen Auftrag?⸗ „Biſt Du zufrieden mit Auf⸗ negke Die Unverdaulichkeit nit wie ich ſrhr noch nachfolgen.“. 3 Nun, was haſt Du weiter gethan? Damit reichſt Du noch nicht aus. Es iſt eine Kleinigkeit fuͤr uns, in das Schlafgemach des vornehmſten Schläfers zu dringen, und ihn ſo in den Schlaf zu lullen, daß keine Macht ihn wecken koͤnnte.« „Ich habe etwas Entſetzliches ge⸗ than! Ich habe meine Halbſchweſter Miranda am Altar ermordet; mit dieſem Dolche hier habe ich ſie ermordet, die Eingeweihete, die Büßerin 1e Ungluͤcklicher! das haͤtteſt Du ge⸗ than 76 „Im Kloſter der ſie unter meinem Dolch an des Altars.“ 2 Miranda!e 188 „Miranda! nachdem ſie ihr Kind er⸗ mordet, und es auf den Hochaltar u nie⸗ dergelegt hatte.* „Wie grauſig ſchwebt die Zeit der ſchnellen Wahrheit an uns voruͤber! Aber Dein Gelubde iſt noch nicht geloͤſet 1 „Ich will es auch nicht loͤſen! Vor⸗ über iſt des Lebens füßer Traum!“ „Der Traum voruͤber? tienn⸗ Deine Pflicht. Wo iſt Graf Maltori?« »In meinem Schutz iſt er.« „In dem Deinigen? Nun wohl! W wir bald den Buben læ „Er ein Bube? Er it mein Va⸗ erl 189 „Das wiſſen wir! Aber— „Aber er hat nach ſeiner Pflicht das J Unheimliche zu erdruͤcken geſtrebt« k »„Hat er das gethan? Das muͤßt Ihr geheime Spione der Menſchenwaltungbeſſer wiſſen, denn ich! Sie iſt voruber, dieſe ganze Farze. Schaffe Deinen Vater mir zur Stelle, denn das Ziel meiner Rache iſt erſchienen oder,« rief Galloli, und zögerte, und wagte es nicht weiter zu reden⸗ Fran⸗ zesco ſchwieg, und ſenkte den Blick.„Du biſt noch ſehr ein Pfuſcher in Deiner Kunſt,« fuhr der Hauptmann enträſet fort, daß Du das arme, elende Men⸗ ſchenherz noch nicht haſ zertreten 190 „30 werde es lernen, bald, ſehr pald werde ich es lernen,« ſprach Fran⸗ zesro, und verhuͤllte auf einen 6 ſein Geſicht. »„Gebt mir nur Raum, fuhr er dann fort, vund Ihr ſollt zufrieden mit mir ſeyn.« „Bis übermorgen« ſagte Galloli entruͤſtet, und Franzesco war entlaſſen Man kann leicht uͤberzeugt ſeyn, daß Pirro, wie er hier hieß, unter ſtrenger Aufſicht war, da er den Graf Maltori in Schutz genommen hatte. Durch Geld und Beredung hatte er mehrere Vertraute auf ſeine Seite gebracht, und wanderte , durch Nacht und Dunkel mit ihnen fort und immer fort. über die mißlichſten enger und unnahbarer wurde der Weg. Die Begleiter wollten, ermůdet ſchon, Bergwege mußte man gehen, und immer 191 zurückkehren; doch Franzesco ermuthigke ſie und auf einem Bergruͤcken klopfte et an eine faſt unbemerkbare Pforte. Sie wurde geoͤffnet, und man trat in ein ziemlich geraͤumiges Gemach. Hinterwärts ſaß in tiefem Nachden⸗ ken, das lebensmuͤde Haupt auf die Hand geſtutzt, ein Greis, und Franzesco er⸗ kannte in ihm ſeinen Vater. Er warf ſich vor ihm auf die Knie, und rief in einem Ton, ach! in einem Ton, der alles Gefuͤhl zu dem Ungluͤcklichen wenden mußte: Mein Vater! O! daß ſie es nicht wären! daß ſie nie die Laune gehabt hät⸗ ten, Vater eines Kindes ſeyn zu wollen! * ermordet, ich habe Mirando ermordet, und ihr Kind, welches ſie unter dem Hoͤren Sie mich! Ich habe Stchhens 192 Hetzen trug, liegt vor dem Himmel als Zeugniß der Blutſchande auf dem Altar da, todt und blutig, wie die Mutter⸗ welcher ſie mich nicht geben konnten, nicht geben durften, Vater! O! warum haben Sie das gethan? Warum haben Sie mich an das Faß der Danaiden ge⸗ ſtellt, um ewig durſten zu ſollen?« „Du biſt es, Franzesco? ſagte Graf Maltori, und ſtand auf. „Ich bin es, Vater, der verſtoßene, aber kindliche Sohn. Ich bin als Rau⸗ ber ihr Schutzgeiſt geweſen. Hieher habe ich durch meine Gehuͤlfen Sie gebracht, weil Sie dem Galloli entgehen ſollten, der unvermeidbar Sie, Vater, in eine furchtbare Gewalt gezogen, und Rache geübt haben würde. Ahnen Sie, Vater was ich damit ſagen will? vIch ahne es nicht, ich verſtehe es, Franzesco, und ich verſuche das Leben—6 „O! verfluchen Sie es nicht, Vater! Freilich, Sie haben mich auf den Stand⸗ punkt gebracht, auf welchem ich jetzt ſtehe, aber—— aber was iſt bas dort druͤben? vEs iſt ein luſtiges Feuerwerk, wel⸗ ches ich mit meinen Genoſſen angelegt habe; ich habe die unterirdiſchen Gänge zu der furchtbaren Hoͤhle von Caraſtrd entdeckt, und Pulver hineinbringen laſſen. Dieſes Felſenneſt, welches ich nun kennen gelernt, muß in die Luft geMra wer⸗ den. e nijeblicher naſc v beginnſt di Banditenhöhle. 3. 194 „Richt mehr und nicht weniger, als daß ich dem Tode in das Handwerk greife. O! ich moͤgte wohl der Tod ſeyn, um auf dem Schädelthron der gan⸗ zen Menſchheit, die da von meiner Ge⸗ walt hingeſtreckt vor mir 6 ſiten zu können« Franzesco! Franzesco! O! war⸗ um mußteſt Du geboren werden!* „Sie haben Recht, Vater! Sie erinnern mich an die letzte Pflicht!— Guilhelmo,« rief er einem Begleiter zu⸗ „führe den Graf Naltori durch das Ge⸗ virg nach Neapel, und ſorge für ſeinen Schutz.— Leben Sie wohl, Vater! Wir ſehen uns nicht wieder; aber ohne mich, das ſchwoͤre ich Ihnen, wären Sie unrettbar verloren geweſen. Ich bin vas Opfer dafuͤr, daß ich Sie rettete; 1905 doch ich bin Kind, und werde Kindes⸗ treue und Kindesliebe nie vergeſſe In dem Augenblick ertönte ein Krachen und Gedonner, als wenn der jungſte Tag im Anzuge ſey.»Was iſt das da draußen im Gebirge 4 fragte der alte Graf erſtaunt und entſetzt. Nichts weiter, als daß mein Pul⸗ ver gewirkt hat,« erwiederte Franzesch. „Die Böſewichter, welche in der Höhle von Caraſtro waren, und das ganze Land in Schrecken ſetzten, ſind in dieſem Au⸗ blick nicht mehr; durch Felſenſtuͤcke ſind ſie zermalmt. Die Beſſern, die Ver⸗ fuͤhrten, welche ich zu meinen Begleitern waͤhlte, habe ich gerettet. War ich nun ein Raͤuber, Vater? Thue Deine pflcht, Guilhelmo! Thue, was ich Dir befo len! Gute Racht, PVater le 196 auf eine Bergkoppe. Er ſah hier⸗ welche Zerſtörung und Vernichtung ein Paar gering ſcheinende Fäſſer Pulver angerich⸗ tet hatten; aber das Land war dadurch von der Räͤuberhoͤhle Caraſtro befreit, und ein Jubilo mußte, das wußte er wohl, dem Befreier ertoͤnen. Doch er ſehnte ſich nicht nach dieſem eitlen Prunk und Pomp der armen menſchlichen Natur. Noch einen Blick warf er auf die ausbrennenden Truͤmmer des ſehr kunſtlich angelegt geweſenen unterirdiſchen Gebaäudes; dann faltete er die Haͤnde, wandte den Blick nach oben, und ſchien beten zu wollen, aber er konnte nicht. Er zog ein Piſtol hervor, und betrachtete es Fieleßd Dann ſprach er: Der Tod?— was iſt er? Was 3 Danit eilte Franzesco fort, hinaus ve denn ſo eigentlich? Ein Poſſenſpiel 3 197 von geſtern; weiter nichts; ganz und gar nichts weiter! Das Leben? was iſt es?— Nichts, als Betrug um das Le⸗ ben! Und Betrogne und Betruͤger ſind wir alle! Darum fort aus einer falſchen, eingeſchacherten Welt!— Nun ja! ich habe die Götterfunken geahnet, aber auch nur geahnet, und ich gebe das Leben frendig hin, weil es des Preiſes, der Muͤhen nicht werth iſt. Was hab' ich errungen, was hab' ich gewonnen? Muͤh⸗ ſeligkeit, Zerruͤttung aller edlen Gefühle, Verworfenheit und— o! mein Weltgeiſt! warum haſt du hier, gerade hier! mich geboren werden laſſen?— Ich zuͤrne darob mit dir; und habe ich nicht Recht, zu zuͤrnen? Denn gehoͤre ich nicht, wie du, zu dem geiſtigen Geſchlecht? Oder ſind wir Menſchen etwa Sclaven, an das Seil der kuſtigen Laune geſpannt? Ich tofr es nicht, ich wün ich er 195 warte es nicht. Ewigkeit! Ewigkeit! du verjaͤhrte Troͤſterin, welche immer und immer ſchweigt! dir ſoll ich vertrauen? die Hoffnung auf dich ſoll den Lebens⸗ faden ſanft loͤſen helfen? Kehrte denn ſchon einer zuruͤck aus den untern Sphä⸗ ren, und beſtaͤtigte es, daß dort oben Seligkeit ſey? Kehrte von den vielen, vielen Millionen! nur einer zuruͤck?? Niemand giebt mir Kunde, und das große Todtenhaus der Natur ſchweigt trau⸗ ernd, und die Geiſter, welche das Leben k umſchweben, ſie, die im Nachtgefluſter zuweilen uns aufrufen, ſie ſchwiegen mir bei dieſer großen, entſcheidenden Frage. — Natur! Natur! ich habe dir geopfert⸗ was nur ein Menſch zu opfern vermag, und alſo lohnſt du? So haushaͤlteriſch bezahlſt du die Soͤldner, welche dich⸗ du falſcheſte aller Betruͤgerinnen, ver⸗ ehrten? Mein Vertrauen auf Menſchen⸗ 199 meine Liebe zu den Menſchen, das Em⸗ porſtreben der edelſten Gefuhle habe ich dir geopfert, Natur, und du Elende! biſt ſo ohnmächtig, daß du die Schuld nicht beſſer loͤſen kannſt, als ſo?s »Du biſt eine Maske, wie vielleicht die ganze Welt es iſt, und eine Doſis Galle mehr wuͤrde vielleicht die Erde in andern Umſchwung bringen!— Wie ab⸗ geſtorben, matt und bleich erſcheint mir jetzt die Erde! Liegt das in meiner be⸗ ſondern Abſicht, oder in der reinen allge⸗ meinen Anſchauung? Gewiß in der letz⸗ tern! Denn welche Verſtoͤrung aller Verhaltniſſe, welche Verworfenheit, welche Gemeinheit! Man moͤgte beinahe Luſt haben, ein Teufel zu ſeyn, um bei die⸗ ſem General⸗Suͤndenfall eine Rolle ſpie⸗ len zu koͤnnen. Aber ich will es nicht! Rur eine ewige, eine ewige Vernichtung 200 wuͤnſche ich. Denn was wäre meine Fortdauer ohne Erinnerung? Und dieſe Erinnerung, das ſuͤßeſte Labſal der ſchuld⸗ loſen Jugend, wuͤrde ſie mir Freude geben koͤnnen? Bei allen Teufeln— nein! nein!! Darum valet! du arge, falſche, in das große Planetenſyſtem ein⸗ geſchacherte Erde.« »Iſt denn der Menſch es auch etwa werth, daß man etwas dafuͤr thue, Menſch ſeyn und ihm emporhelfen zu wollen? Ich bin durchdrungen von einer giftigen Wahrheit, von einer ſchaͤndlichen Täuſchung.— Mit einem Herzen voll Liebe kam ich der Welt, die ich mir ſo ſchoͤn, ſo herrlich, ſo beſchwichtigend fur meine ſtuͤrmiſche Gefuhle traͤumte, entge⸗ gen; und wie habe ich ſie gefunden, wie matt und geſtaltlos? das Verwegendſte habe ich verſucht, dem Schoͤpfer zu be⸗ weiſen, daf ich ſein frommes Kind ſey⸗ über alle Zuͤgel, die menſchliche Eitelkeit hält, ſprang ich hinweg; und iſt dies mein Lohn? Hal wo ſwird aber auch der treue Diener nach Wuͤrden belohnt? le »Der Tod? Was iſt denn der Tode Ein Aufhoͤren zu ſeyn, und die luſtigen Lebensgenoſſen jammern mit verſchaͤmten Thraͤnen, waͤhrend das Geheul der Thea⸗ terfiguren da um ihn, dem Sterbenden gewiß unertraͤglich iſt. Der matte Koͤr⸗ per ſehnt ſich zur Ruhe, und das Ge⸗ wimmer der Umgebung wird ihm cir⸗ haft; es foͤrdert zum Tode.« Giebt es aber eine Ewigkeit,— wie werde ich es verantworten koͤnnen, daß ich ſelbſt den Ausgang aus dem Leben mir erſchlich? Doch— giebt es einen Richter uͤber den Sternen Freilich mag es ihn wohl geben; . ahne, ich fühle es; denn dieſes ganze Firmament iſt kein Werk des Zufalls. Aber hier die große Frage: wird der große Richter bei den Myriaden von lebenden Geſchoͤpfen auch mich beachten können? Wird ihm Raum ſeyn, zu pruͤ⸗ fen, was ich that, und warum ich es that, ſey es auch nur in dem Moment* einer Secunde?— Ich will die große Wette mit dem Tode wagen. Hier habe ich nur zu verlieren,— ſchuldbeladen ſtehe ich da— verodet ſteht mein Haus⸗ mein Stammbaum iſt vernichtet, ich ſelbſt bin ausgeſtoßen aus der Gemein⸗ ſchaft der Menſchen, Fluch des Himmels und die Schuld der Väter verfolgen die Familie,— was zoͤgere ich noch, in meinen Buſen den Dolch zu dräcken? Aber wie hold iſt nicht das Le⸗ ben? Welche Reize gewaͤhrt es nicht? —,— Wie ſchoͤn iſt nicht die Natn, wenn mich ergangen in dieſer ſchoͤnen, freudigen dich empor in deiner jugendlichen Kraft, Ich bin verworfen vor dem Welt⸗ gericht anerkannt? Hat es mir Geſetze jemals kund gethan? Nein, nein! ich 203 man mit freudigen, ſchuldloſen Augen ſie betrachtet?! O! wie oft habe ich Natur! Und nun biſt du ſo tief gefallen, du ungluͤcklicher, verſtoßener Sohn des Prometheus? Raffe dich auf! Schwing' und trotze dem Schickſal! Aber umſonſt! Nimmer kehrt die Zeit der Weihe wieder! gericht!« »Weltgericht? Habe ich das Welt⸗ bin mein eignes Gericht, und das Gericht, welches in uns ſelbſt die würdige Hof⸗ haltung fuͤhrt, iſt das einzig wahre und gerechte Es mahnt mich jetzt an den maurigen Reſt des Lebens! Nun ich will ihn hingeben, den Plunder einer verunglückten Natur! Sollte man nicht auch im Ernſt Narrenspoſſen treiben koͤn⸗ nen, und iſt dieſes Ganze nicht— ja! es iſt des Namens nicht werth! kK Damit ergriff Franzesco das Piſtol⸗ S ingte ſich die den Kopf⸗ Er ward gefunden; aus den Papie⸗ ren, welche er bei ſich hatte, erkannte man, wer er ſey, und in Trauerpomp wurde der Leichnam nach dem Palaſt des WVoaters gebracht. Dieſer betrachtete den Erſtgebornen auch im Tode noch ſchoͤ⸗ nen Juͤngling, kniete an dem Sarge nieder, und jammerte: i ch Unglückſeliger ſchließe das Haus Buͤcher⸗Anzeige. Folgende Buͤcher ſind in der Baſſ eſchen Buchhandlung in Quedlinburg erſchienens Dedo von Adlerſtein, der wilde Ritt oder der Maͤdchenraub. Roman 2 Theilen vom Verfaſſer des F renzo. 8. 2 Thi Hildebrandt, C., die ſchwarzen Ri nen, vder das unterirdiſche Gefaͤn niß des Kloſters Barbara Eremit Roman in 2 Theilen. 8. 1 Thlt. 16 Ggr. Julius Wartberg, oder die dunkeln Wege des Geſchicks. Roman vom faſſer der Paulowna. 2 Theile. 1 Thlr. 16 6 enndo der Baſtard, oder das Schlöß⸗ chen am Strande. 8. 20 Ggr⸗ Mettingh, Philippine v., des Schickſals Tuͤcke, oder Auguſte. 8. 16 Ggr. Dieſelbe, Emma von Roͤmhold. Ro⸗ man. 8. 1 Thlr. colai, Carl, die Banditenhoͤhle von Caraſtro. Roman. 8. 1 Thlr. rſelbe, Gemälde des weiblichen Lebens in Erzählungen. Zweite durchgeſehene und wohlfeilere Auf⸗ lage. 8. 1 Thlr. erſelbe, Schaudergeſchichten. 1) Ra⸗ che ohne Graͤnzen. 2) Verſuche den Himmel nicht. 8. 18 Ggr. Friedrich, Carl, Ludovika, oder Verbrechen aus Liebe 2 Theile. 1 Thlr. 16 Ggr. 13 14 15 1