Leihbibliothek veuſcer engliſcher Si franzöſiſcher Literatur Cdnard Ollmunn in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. ceih und Jeſe Teſehedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ n und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tan 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ mnmen. . Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ne dem Werthe deſſelben entſprehende Sunme bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet elbe muß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 50 Pf.— Ff. en für Hin⸗ und Zuräckſendu en Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorge beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und n.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver uc ein Theil. größeren erkes, ſr anzen verpf ſe iſt auf 14 S ſiee un gemach' 5 Weitern rf in aiaen v — bei ſolchen mit Kupfern.) muß der * 2 .. 12 7 Vnr⸗ ————— S S Ad am S chw obe und Niklas von Tſchirnhauſen oder Pie Erztürmung des Cullkensteins. Eine romantiſche Erzählung aus dem ZBeitalter 5 der ſchleſiſchen Ritter- und Bänberburgen von T. Neumeisier. Mit fein colorirten Abbildungen. 8 . Erſter Band. 1 Neuſalza, Druck und Verlag von Louis Heſ . Die Schenke zum rothen Wolf. Der Spätherbſt des Jahres 14— war einge⸗ treten, der Wind ſtrich mit rauher Gewalt über die nackten Fluren und das entlaubte Gebüſch, dü⸗ ſtere Nebel erfüllten die Luft und zogen in geiſter⸗ haften Gebilden über den dunkeln Waldungen dahin. Es wurde Abend und der letzte Schimmer 2 Tageshelle verloſch, die Sonne, die den Tag über hinter den Wolken verborgen geblieben, war hinab⸗ geſunhen, ohne ihren Schleier gelüftet zu haben, und hatte jetzt den Schatten der Nacht Raum gegeben. Es konnte in der That nichts Siih re deutet haben. Faſt die ganze — 4— Koſten des gewerbfleißigen Bürgers zu bereichern ſuchte und oft mit keckem Uebermuthe Raub und Plünderung verübte. Zu der oben angegebenen Zeit ſtand an der Straße von Görlitz nach Zittau und zwar zwiſchen Oſtritz und Hirſchfelde, von Wald umgeben, ein ärmliches Wirthshaus. Das Gebäude führte den Namen„der rothe Wolf“, es beſtand nur aus einem Erdgeſchoß und glich ſo ziemlich einem ame⸗ rikaniſchen Blockhauſe, indem es durchaus von Holz erbaut und aus gewaltigen i zuſammenge⸗ 3 zimmert war. ² Der Schenke gegenüber befand ſich ein zwei⸗ tes Gebäude von gleicher Beſchaffenheit, welches zum Stalle diente und ſehr baufällig war. Das Dach hatte Wind und Wetter zerſauſt und ſchad⸗ ſt gemacht, und die Thüre, welche den Eingang erwahren ſollte, hing nur zur Hälfte in den Un⸗ geln, ſo daß ſie bei jeder Wewegung einen ächzen⸗ 3 den, unheimlichen Ton von ſich gab. Die vorüberführende Straße war bereits leb⸗ o geworden, welcher Reiſende hätte es auch ge⸗ waglt, ohne ſicheres Geleit bei einbrechender Nacht ſeine Wanderung fortzuſetzen, ohne befürchten zu en, ſeine Kühnheit mit Verluſt des Eigenthums er ſogar mit dem Leben zu bezahlen; das Letztere war beſonders in Bezug auf dieſe Gegend anzu⸗ wenden, indem ſich bereits ſeit einiger Zeit ein beruchtigter Wegelagerer nebſt ſeinem Anhange in den Kloſterwaldungen von Marienthal ruchbar ge⸗ macht hatte, welcher nach den wahrhaften Mitthei⸗ lungen der beſten älteſten Chroniken zahlreiche Räu⸗ bereien und Verbrechen ausübte. Der in Rede ſtehende Räuber führte den Na⸗ men Adam Schwobe oder Shobe, wie man ihn auch zuweilen benannt findet, und war von ange⸗ 3 ſehener Abkunft, wie wir ſpäter finden werden. Er 3 hielt ſich größtentheils in den Gegenden des Ober⸗ landes auf und war ein höchſt roher und gefähr⸗ licher Verbrecher.§ Der Wirth des rothen Wolfs, in deſſen Behauſung wir jetzt eintreten wollen, nannte ſich. Franz Wiedebach, derſelbe hatte früher in Eberdorf bei Seidenberg gewohnt und war von 3 dort hierher gezogen, er führte ein abgeſchloſſenes 3 Leben an dieſem Orte, ſein Weib war geſtorben und eine alte Haushälterin Namens Barbara ate . die Leitung des Fans ſee 1 übernommen. In der abgelegenen Stt uertſcte 3 angegebenen Zeit eine unheimliche Ruhe at Barbara war kein Menſch im rothen Wo — ſend, deſſen von Rauch geſchwärztes Zimmer außer einigen alten Tiſchen und Bänken wenig Bequem⸗ lichkeit darbot. Franz Wiedebach war nach ſeiner Gewohn⸗ heit ausgegangen und kam gewöhnlich erſt ſehr ſpät in der Nacht nach Hauſe, ohne jemals bei ſei⸗ ner Rücktehr zu ſagen, wohin er gegangen, noch woher er gekommen, oder was er überhaupt vor⸗ gehabt habe. ₰ Während draußen der Sturmwind klagend durch die Wipfel der Fichten und Tannenbäume pfiff und das elende Strohdach der Schenke zer⸗ zauſte, ſaß Barbara neben dem Kamine, in welchem — ein lebhaftes Feuer aufloderte; ihr ſtarrer Blick ruhte mit ſchwermüthigem Ausdruck und unbeweg⸗ lich auf der praſſelnden Flamme, die zuweilen von dem durch den Rauchfang herabbrauſenden Wind⸗ zug niedergevrückt wurde. Barbara war ein Weib von hoher Geftalt und erſchien trotz ihrem Alter noch ungebeugt, in ihren Zügen ſprach ſich Entſchloſſenheit aus und die Au⸗ gen, welche einſt ſehr ſchön und lebhaft geweſen ein mochten, haften noch immer einen Ausdruck, der ihrem Weſen einen Achtung gebietenden Anblick er wieder hingegangen ſein mag?“ mur⸗ inſame, indem ſie mechaniſch einige Holz⸗ —— 3 nin wieder einzunehmen, da —— ſtüͤcke mit den magern Händen ergriff und in die Flammen warf, ſo daß dieſelben mit erneuerter Heftigkeit aufſchlugen.„Keine Nacht bleibt er zu Hauſe, außer wenn ſich einmal Geſellſchaft einge⸗ funden hat.— Ich fürchte mich faſt, hier ſo allein zu ſitzen,— hnn, fürchten, was ſage ich fürchten,— Barbara kannte niemals Furcht— es iſt Alters⸗ ſchwäche, die mich anwandelt, kein Wunder wäre es zwar, wenn mich zuweilen der Muth hier ver⸗ ließe, ich habe ja ſo vieles erlebt in der Zeit mei⸗ ner Jahre. Ach! dieſe Zeit, ſie iſt unendlich lang geweſen, daß ich faſt wünſche, ſie möchte bald zu Ende ſein.— Ha, was war das,“ fuhr ſie er⸗ ſchrocken fort,„klang das nicht wie Hilferuf?“ Bei den leltzten Worten erhob ſich Barbara und wandte ihre Schritte der Thür zu, um zu lauſchen. Es blieb alles ruhig, außer dem v des Windes. „Ich hatte mich getäuſcht,“ ſagte ſie nach eini⸗ gen Minuten,„es iſt der Wind geweſen. Habe ich nicht ſchon oft genug die ſtürzenden Baumſtämme ächzen hören, wenn ihnen der Sturm das Lebens mark zerbricht und ihre W aus dem Boden reißt?“ Und ſie ſtand im Begriff, ihre — 1 ein lauter klagender Hilferuf von Außen und zwar ſo deutlich und ſo durchdringend, daß es dem Weibe durch Mark und Bein fuhr und ſie nicht länger 5 zweifeln konnte, die Stimme eines Menſchen ver⸗ nommen zu haben. „Mein Gott, was iſt das,“ rief Barbara er⸗ ſchreckt,„wer kann ſich noch in ſo ſpäter Abend⸗ ſtunde im Walde befinden? Ich will hinausgehen, obwohl es gewagt erſcheint, denn es iſt nicht ge⸗ heuer in der Nähe des Leiſenhügels*).“ E Allein Barbara war ein Weib von muthigem Charakter, ſie ließ ſich nicht durch die augenblickliche*b Furcht abhalten, ihren einmal gefaßten Entſchluß auszuführen, ſie nahm einen angezündeten Kienſpan und ging hinaus, um die Hausthür zu öffnen, an welche von außen bereits heftig geklopft wurde. Wer iſt draußen?“ fragte die Bewohnerin, bevor ſie den hölzernen Riegel zurückſchob. „Ach, ich bitte Euch um Gotteswillen,“ rief eine weibliche Stimme,„öffnet mir, rettet mich, ich bin ſonſt verloren.“ Barbara ſchob den Riegel zurück, die Thür flog auf und herein ſtürzte ein junges Weib, athem⸗ ſ*) Der Leiſehügel, auch Läuſehübel genannt, war zu jener Zeit ſehr berüchtigi. — — 9— los und erfüllt von Schrecken und Angſt. Ihr Ge⸗ ſicht war bleich, gleich den Zügen einer Leiche, und ihre Glieder zitterten und bebten wie die fallenden Blätter, welche der Nachtwind 1 von den Bäumen ſchüttelte. „Rettet mich, o rettet mich,“ ſtöhnte die Unbe⸗ kannte händeringend,„meine Verfolger ſind hinter mir.“ „Wer verfolgt Euch?“ fragte Barbara, indem ſie der Fremden die Hand entgegenreichte, um ſie zu unterſtützen und vollends herein zu leiten. „Man hat mich angefallen, um mich zu be⸗ rauben,“ antwortete die Eingetretene, indem ſie ſich noch immer angſtvoll an die Waldwirthin an⸗ klammerte.„O verbergt mich,“ fuhr ſie flehend fort,„damit mich der furchterliche Böſewicht nicht findet, wenn er mich verfolgen ſollte, ich wäre ver⸗ loren, im Fall er mich auskundſchaftete, ein ſchreck⸗ liches Loos würde mir werden, geriethe ich noch⸗ mals in ſeine rohe Gewalt.“ Barbara hatte unterdeſſen die Thüre geſchloſ⸗ ſen, worauf ſie die Fremde nach dem e führte. „Wo kommmt ihr her und wohin wollt Sh. 2. fragte ſie die Unbekannte, nachdem ſi verſelben einen alten Seſſel zum Nihen an's Feuer g — 10— rückt hatte.„Ich muß Euch geſtehen, daß es mir ſehr gewagt vorkommt, in der Nacht dieſen Wald paſſiren zu wollen.“ „Ich komme von Zittau,“ antwortete die Fremde,„und wollte bis in die Nähe des Kloſters Marienthal.“ „Und dieſen Entſchluß konntet Ihr ohne alle Begleitung auszuführen wagen,“ ſagte Barbara verwundert;„Ihr, die Ihr doch ein ſchwaches Weib ſeid und dazu noch ſo hübſch, ſollte ſich denn kein Beſchützer für Euch gefunden haben, der es über ſich genommen hätte, Euch Beiſtand zu leiſten?“ „Ich hatte dies anfänglich alles erwogen,“ ſagte die ſchöne Unbekannte mit einem tiefen Seuf⸗ zer,„allein die Nothwendigkeit zwang mich, meine Reiſe allein und während ver Nacht zu vollenden, um, ohne Aufſehen zu verurſachen, mit einer Per⸗ ſon zuſammen zu treffen, deren Anblick ich ſeit län⸗ gerer Seit zu entbehren gezwungen wurde.“ „Hm, ich verſtehe Euch, ſchöne Frau, oder was Ihr ſein mögt,“ antwortete Barbara,„Ihr habt vermuthlich ein angenehmes Stelldichein mit irgend einem ſchönen liebenden Galan auf halbem Wege verabredet, um der Liebe Glück zu pflegen. Iſt es nicht ſo meine Gute?“ nein! o nein!“ verſetzte die Unbekannte be⸗ reichſten Bürger daſelbſt und bisher ſehr S. —— wegt, indem ſie die ſchönen Augen mit ſchmerzlichem Ausdruck auf Barbara gerichtet hielt,„zwar will ich es bekennen, daß mich die Liebe, innige Liebe antrieb, dieſe gefahr⸗ und verhängnißvolle Reiſe zu unternehmen, allein es geſchah nicht im Drange überlegungsloſer jugenblicher Leidenſchaft, nein, nein, es war vielmehr die treue und anhängliche Liebe, welche das Weib gegen den Gatten hegt und ge⸗ ſchworen vor dem Allare, die Liebe, welche ſie gegen ihn bis in den Tod zu bewahren vor Gott gelobte.“ Die Waldwirthin wandte verlegen ihre Augen von der Sprechenden hinweg. „Ihr befandet Euch ſonach getrennt von Eu⸗ rem Gatten?“ ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe. „So iſt es,“ verſetzte jene,„ich war ſchon längſt meines Gatten verluſtig geworden, indem er auf Grund ungerechter Anklagen gezwungen vui die Flucht zu ergreifen.“ „Wo wohnte Euer Gemahl i m Barbara. „Er war in Görlitz anſäßig und einer der „Und wie iſt ſein Name?“ „Jakob Virling,“ entgegnete die ulin Fluͤchtlings mit einem ſchweren Ahemuße⸗ — 12— ſie fortfuhr:„Mein Ehegemahl hatte vielen An⸗ hang in der Stadt Görlitz und ſetzte ſich wider den Rath wegen mehrerer Ungerechtigkeit in der Stadt⸗ verwaltung, die er öffentlich tadelte und ohne Scho⸗ nung angriff; viele ſeiner Mitbürger ſahen ein, daß mein Gatte recht handelte, allein daran kehrte ſich der ſtolze Rath nicht, ſondern fuhr in ſeiner alten Weiſe fort. Nachdem es meinem Gemahl gelun⸗ gen war, aus der Stadt zu entkommen, irrte er längere Zeit im Lande umher, bei einigen guten Freunden Schutz ſuchend, die ihn in ihren Häuſern verbargen und der Rache ſeiner Feinde entzogen. Ich hatte mich vor ihm aus der Stadt entfernt und nach Zittau begeben, wohin er von Zeit zu Zeit Nachricht an mich gelangen ließ. Geſtern nun echielt ich einen Brief, worin mich Jakob auffor⸗ derie, in die Nähe des Kloſters Marienthal zu kom⸗ men, dort wollte er mich gewiß treffen, um ſich dann aus dieſer Gegend hinweg zu begeben, indem ſich die Gefahr für ſein Leben und ſeine Sicherheit immer vermehre. Ich folgte ohne Zögern dieſem Rufe und machte mich heute ſpät in Zittau auf und ohne Unfall war ich bis in die Nähe eines kleinen Hügels gelangt, als ich von einem vermummten Menſchen angefallen wurde, der mich unter den fürchterlichſten Drohungen in den Wald hinein ——— . ſchleppte, allein es gelang mir, ihm zu entrinnen und mich zu verbergen. Nach einiger Zeit floh ich haſtig durch den Wald und gelangte hierher, ge⸗ trieben von Furcht und Verzweiflung. Oh, ich werde nun meinen Gatten nicht treffen, nicht mit ihm ſpre⸗ chen können,“ fügte die arme Frau ſchluchzend hinzu, „und es bleibt mir keine Hoffnung, ihn jemals wieder zu ſehen.“ „Das iſt ein hartes Loos,“ ſagte Barbara, „und glaubt es mir, ich nehme Antheil an Eurem Kummer, wie gern wollte ich Euch helfen, wenn ich es vermöchte.“ Ein lautes Klopfen, welches gegen pis ver⸗ riegelte Thuͤre des rothen Wolfes erfolgte, unter⸗ brach die Sprechenden, ſie brach ſchnell ab und ſtand von ihrem Sitze auf. „Allmächtiger Gott, wer kann das ſein,“ rief Eugenie, die Gattin Virlings, bebend aus,„ich bin verloren, rettet, o rettet mich!“ „Faſſung,“ ſagte die Waldwirthin,„es wird ſo ſchlimm nicht ſein, vermuthlich iſt es Franz Wiede⸗ bach, welcher heimkehrt, verbergt Euch unterdeſſen hinter jener Wand.“ „Wer iſt dieſer Franz?“ frug die Geängſtigte haſtig. wortete Barbara, indem ſie den ausgelöſchten Kien⸗ ſpan abermals anzündete und hinaus ging. Eugenie ſank vor Schreck und Erwartung in die Knie, endlich raffte ſie ſich auf und verbarg ſich hinter einer dünnen Bretterwand, welche die Schenk⸗ ſtube in zwei ungleiche Hälften theilte. Hier blieb ſie faſt regungslos ſtehen, ſie wagte es nicht, einen Blick nach dem verlaſſenen Zimmer zu werfen, in welches kurze Zeit darauf Franz Wie⸗ debach, der Wirth zum rothen Wolfe, begleitet von Barbara, eintrat. Eugenie wagte es kaum, Athem zu holen und als ſie einen einzigen Blick auf den Eingetretenen richtete, da begann ihre Beſinnung faſt zu ſchwinden. 3 zeigten und wie Katzenaugen ſchimmerten in dem Ein Zuſammentreffen. Der angekommene Wolfswirth war von Perſon ein langer hagerer Mann in dem Alter von etwa fünfundvierzig Jahren; ſein Geſicht trug ein auf⸗ fallendes düſteres Gepräge und wurde von einem dunklen Backenbarte umgeben, mit welchem ſich ein ſtarker Schnurrbart nach beiden Mundwinkeln wie in einem Halbkreiſe vereinigte. Der obere Theil des Geſichts war faſt nicht zu erkennen, indem der⸗ ſelbe von der breiten Krämpe eines grauen niedri⸗ gen Filzhutes beſchattet wurde, unter welchem zwei Augen hervorblisten, die einen auffallenden Glanz Scheine von Barbaras Kienſpan, welchen ſie in den Händen hielt. Franzens Geſtalt war überdies in einen kurzen Mantel gehüllt, welchen er dicht ge⸗ ſchloſſen trug, und als ſich Si ſ Falten — 16— lüfteten, konnte man den Griff eines Waidmeſſers bemerken, der aus einer der innern Taſchen her⸗ vorragte. Barbara hatte ihren eingetretenen dert mit beobachtenden Blicken angeſehen, ohne ein Wort dabei zu ſprechen, endlich brach Wiedebach das herrſchende Schweigen. „Nun Alte, ſo ganz allein?“ ſagte er in rau⸗ hem Tone, ſich finſter umblickend.„Alle Teufel, das Reſt bleibt Tag für Tag leer wie ein Vogel⸗ herd, aus dem man den Boden ausgeſtoßen.“ „Ihr habt recht, Meiſter Franz,“ ſagte Bar⸗ bara,„und wenn es ſo fort geht, könnt ihr ruhig Kanne und Becher verkaufen, Ihr werdet es nim⸗ mer brauchen. Die Reiſenden ziehen es vor, in den Herbergen zu Oſtrit oder Hirſchfelde zu über⸗ nachten, als daß ſie ſich der Gefahr ausſetzen, auf dem Wege hierher geplündert oder gar erſchlagen zu werden; hat man denn je ſolchen Unfug erlebt, als wie es gegenwärtig geſchieht? kein Menſch iſt mehr ſicher und es iſt ein wahres Wunder zu nen⸗ nen, daß wir bisher vor den Buſchkleppern Ruhe habt haben, ich habe große Furcht, daß es den rken einmal einiehen wird, unſre einſame Woh⸗ 1 † an dieſe augenblickliche Gefahr. 1— düſter,„ſo lange ich hier wohne, werden wir Ruhe haben, verbannt deshalb eure Furcht, ſie iſt unnütz, ich ſage es euch und nun redet mir nicht mehr davon.“ Barbara war gewöhnt, dem Willen ihres Herrn ſtillſchweigend Gehorſam zu leiſten, ſie wandte ſich daher hinweg und ſchickte ſich an, für Wiedebach ein Abendbrod zu bereiten. Jener legte unterdeſſen ſeinen Mantel ab, und nachdem dies geſchehen, ſchob er einen alten Lehnſtuhl ans Feuer und ſetzte ſich hinein. Unterdeſſen hatte Eugenie von ihrem Verſteck aus Gelegenheit gefunden, den Wolfswirth genau zu beobachten, und ſie hatte eine überzeugende Ent⸗ deckung gemacht, eine Entdeckung, die gleich anfäng⸗ lich ihre ganze Hoffnung auf Rettung zu vernichten drohete; ſie hatte in ihm denſelben Böſewicht er⸗ kannt, welcher ſie im Walde angefallen und geplün⸗ dert; er war es, denn ſeine Stimme hatte ihr ihn verrathen, und dieſe Ueberzeugung raubte ihr jetzt die Hoffnung, ſie fand keinen Gedanken auf Ret⸗ tung, vor ihren Augen ſchwebte allein der Gedanke „Wenn mich die Alte ihm verrathen ſollte dann bin ich verloren,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt „ſie wird es thun auf jeden Fall; denn iß ſie ſchle genug, ſo muß ihr daran gelegen ſein, i Adam Schwobe. 1. Lieferung. — 18— noſſen eine hilfloſe Beute zuzuführen; iſt ſie indeſſen mit ſeinen Schlechtigkeiten unbekannt, ſo wird ſie ihm von meiner Anweſenheit(und zwar ohne ſich etwas Uebles dabei zu denken) Kunde geben, und dann iſt es um mich geſchehen.— O Gott, fände ich doch einen Ausweg zur Rettung, wie ſehr, wie innig wollte ich Dir für dieſe Gnade dankbar ſein, mein Lebelang würde ich Dich dafür preiſen.“ Und Eugenie faltete ihre Hände, und rang ſie im ſtillen Gebet zu Gott empor.— Während dieſer Zeit hatte Barbara ein Abend⸗ eſſen für den Wolfswirth aufgetragen, und um noch etwas dazu herbei zu holen, trat ſie in das kleine Nebengemach, worin ſich Eugenie befand;z dieſelbe faßte die alte Frau haſtig beim Arme und zog ſie bis an die entgegengeſetzte Wand, und ſie an ſich heranziehend, flüſterte ſie leiſe: „Bei Allem, was Euch heilig iſt, ich beſchwöre Euch, verrathet mich nicht, ſonſt iſt es um mich geſchehen.“ Barbara hatte dieſe Worte deutlich vernommen, ſie gab ein Zeichen des Einverſtändniſſes und kehrte wieder nach dem Wohnzimmer zurück, als Wiede⸗ bach eben im Begriff ſtand, ſich über einen delikaten Re aten herzumachen, welchen er auf ſeinen letzten Streißzugen erbeutet hatte. — 19— Eben hatte er den Krug, angefüllt mit gutem Zittauer Bier, zur Hälfte geleert, als ein lebhaftes Klopfen die elende Thür erſchüttern machte. Franz ſprang haſtig auf, warf das Meſſer hin und öffnete die Stubenthür, dann ließ er ſeine rauhe, krählende Stimme erſchallen und fragte im rauhen Tone, wer draußen ſei. „Ich bin ein Reiſender,“ ſagte eine Stimme, „ſeid ſo gut und öffnet mir Eure Thür für dieſe Nacht.“— Der Wirth zum rothen Wolf nahm keinen Anſtand, das Verlangen des Einlaßbegehrenden zu erfüllen. Der Riegel wurde zurückgeſchoben, der Fremde trat ein und folgte dem vorangehenden Franz nach dem Zimmer. Kaum aber hatte der Gaſt einige Minuten hier verweilt, ſo ſtürzte Eu⸗ genie mit einem lauten Freudenrufe aus ihrem unſichern Verſteck hervor, und fiel dem Eingetretenen 3 in die Arme, während ſie ausrief: „Er iſt es, er iſt es wirklich, mein theurer Jakob! Dank dir, o Gott, du haſt mein Gebet erhört, und durch deine Gnade ſind wir gerettet und mit einander vereinigt worden.“ Jakob Virling, denn er war es, ſia Staunen ergriffen bewegungslos in d Zimmers. — 206 „Eugenie, mein theures Weib!“ rief er er⸗ ſchüttert,„ſo habe ich Dich denn wiedergefunden,“ und ſie an ſich drückend, fuhr er fort:„ſage mir, wie iſt es gekommen, daß wir uns an dieſem Orte wiederſehen?“ Die Gattin Virlings wandte ſich gegen den Wolfswirth und warf ihm einen ſcheuen, ſchüchter⸗ nen Blick zu. „Ach!“ rief ſie bewegt;„ich habe in dieſer Nacht einen unſäglichen Schrecken erlebt; ich war in großer Gefahr, indem ich einem Räuber in die Hände fiel, der mich gewiß ermordet haben würde, hätte ich es nicht vermocht, ſeiner Wuth durch die Flucht zu entrinnen.“. Der Wolfswirth fühlte ſich bei der Erzählung der jungen Frau getroffen, ſeine bleichen Züge färb⸗ ten ſich, indem eine auffallende Röthe auf denſelben ſichtbar wurde; er wandte ſich von dem Ehepaare hinweg, um wieder zu ſeinem verlaſſenen Mahle zurückzukehren, nicht wenig damit beſchäftigt, auf welche Weiſe das beabſichte Opfer unter ſeinem Dache Schutz gefunden haben mochte. Er war davon überzeugt, daß Barbara ihre Hand in dieſem Spi le haben müſſe und fing an, heſtig gegen ſie llen, indem ſie ihn durch ihre unterlaſſene S— Mittheilung von Eugeniens Anweſenheit in eine ſolche Verlegenheit geſetzt hatte. Unterdeſſen wandte ſich der flüchtige suin gegen den düſtern Hausbeſitzer. „Verzeiht uns, lieber Freund, daß wir Euch durch unſere Anweſenheit vielleicht geſtört haben, ich will dafür erkenntlich ſein, beſonders wenn Ihr uns erlauben wollt, dieſe Nacht unter dem Schutze Eures Hauſes zu bleiben; die Nacht iſt finſter wie das Gefieder eines Rabens, man kann nicht zwei Schritte weit vor ſich hin ſehen, zudem iſt die Straße ſehr unwegſam und es würde ein Ding der Un⸗ möglichkeit ſein, heute noch nach dem nächſten Orte zu gelangen— zudem iſt dieſes Haus ni ich mich nicht irre) eine Herberge.“— Der Waldwirth ſchaute von ſeinem Tiſche auf und nachdem er den Gaſt einige Sekunden ſchweigend angeſehen hatte, ſagte er in mürriſchem Tone: „Ich ſtelle es in Euren Willen, ob Ibr bier bleiben oder weiter reiſen wollt, ich halt⸗allerdings eine Herberge, allein ich muß befürchten, daß ſie für Leute eures Standes nicht gut genug ſein wirdz beſonders für die zarte Dame, die ſich in der Um⸗ gebung einer ſo ärmlichen Wohnung gewiß ſehr un⸗ behaglich fühlen wird.“ doch, Herr Wirth!“ — raſch,„dieſe Wohnung iſt gut genug für mich und ich habe noch nicht daran gedacht, unzufrieden mit ihr zu ſein.— Was zweitens meine Gattin be⸗ trifft, ſo bin ich überzeugt, daß es ihr hier beſſer gefällt, als draußen in dem wilden Walde. Nicht wahr mein gutes Weib, Du fühlſt Dich zufrieden in dieſer Ungebung?“ Eugenie warf einen abermaligen ſchenen Blick auf den Waldwirth, deſſen Auge ſie begegnete. „An Deiner Seite bin ich überall glücklich, mein theurer Jakob,“ ſagte ſie,„ohne Dich würde ich weder hier noch irgend an einem andern Orte ruhig ſein können, zumal nach Erlebniſſen, wie ich ſie in der heutigen Nacht machen mußte.“ Was geſchehen iſt möge vergeſſen ſein,“ ſagte Virling,„darum entferne ſie heute, die Erinnerung an den gehabten Schrecken aus Deinem Gedächtniß.“ Dann wandte er ſich gegen den Wolfswirth, indem er einen Beutel mit Geld neben ihn auf den Tiſch legte, wobei er fortfuhr: „Der Inhalt dieſer Börſe ſoll für Eure Müh⸗ waltung ſein, dagegen bitte ich, ſorgt für ein mög⸗ lichſt gutes Nachtlager für mein armes Weib, ich will mich ſchon ohne ein ſolches behelſen.“ 3 Die Ausſi cht einer ſo reichen Belohnung ſchien ſehr angenehm zu überraſchen ² ſeine Miene wurde freundlicher, und erzeigte ſich in vieler Beziehung nachgiebiger. Barbara erhielt Befehl, in dem anſtoßenden Kämmerchen, welches kurz zuvor Eugenien zum Verſteck gedient hatte, eine Lagerſtätte aufzuſchlagen, was auch ſofort ge⸗ ſchah. Ja, der brummige Schenker war zuvorkom⸗ mend genug, bei dieſer Verrichtung ſelbſt Hand an⸗ zulegen. Einige Zeit darauf ſchickten ſich die vier Per⸗ ſonen an, ſich für die Nacht zur Ruhe zu begeben. Wiedebach entſernte ſich zuerſt, und ſtieg auf einer elenden Treppe auf den Boden hinauf, wo er ſich in einen Haufen Heu einwühlte. Barbara zögerte auch nicht, ſich zu entfernen, und quartierte ſich in 3 einem Kämmerchen dicht neben der Treppe ein, wo ſie für gewöhnlich ſchlief. Das Ehepaar war jetzt allein, ſie ſaßen noch immer in dem Wohnzimmer, welches nur noch durch das aufflackernde, dahinſterbende Kaminfeuer auf Augenblicke erleuchtet wurde. „Ich habe mich mit unbeſchreiblichem Verlangen nach dem Augenblicke geſehnt, mit Dir allein zu „ ſein,“ ſagte Eugenie, indem ſie ſich an den Gatten ſchmiegte.„Ach Gott! wie iſt mir doch bisher ſo ngſt geweſen, doch ſage mir, kieber Jako ſteben Deine Angelegenheiten in Görlitz?“ —— Jakob Virling ließ einen tiefen Seufzer hören. „Sie ſind von der Art, daß ſie uns wenig Hoffnung auf eine günſtige Wendung unſers Schickſals blicken laſſen,“ ſagte er,„man hat mich geächtet und als einen Veräther verbannt; ich habe es aus zuver⸗ läſſigem Munde vernommen, daß man mir nach dem Leben trachtet und nach mir fahndet wie einem gemeinen Räuber.“ „Das iſt ſchrecklich!“ ſtöhnte Eugenie.„Ach! was ſoll das für Folgen haben? „Ich ſehe ſie faſt voraus,“ ſagte der Fluchtling, „mein Schickſal, welches bereits kein beneidenswer⸗ thes iſt, kann ſich noch tragiſcher geſtalten,— ſobald es meinen Feinden gelingt, ſich meiner zu bemächti⸗ gen, werden ſie nicht eher ruhen, bis man mir den Kopf vor die Füße legt. Jedermann kennt die ſtrenge Juſtizpflege des Görlitzer Rathes, und um ſo mehr nürden ſie ſich beeilen, mir, ihrem Fhſe Feinde, en Garaus zu machen.“ Ein Geräuſch von außen unterbrach den Spre⸗ chenden;„mir deucht, als hätte ich Fußtritte in der Nähe des Fenſters vernommen,“ ſagte er leiſe zu Eugenie, die von neuem und heftig erſchrocken war. „Wollte Gott, die Nacht wäre bald vorüber,“ flüßerte die Bebende,„es iſt nicht ſicher hier und ich erwarte das Aergſte in dieſer Behauſung, die 2 hinaus. — 26— eher einer Mördergrube, als der Wohnung ins ehrlichen Menſchen gleicht.“ Während das Chepaar mit einander redete, näherten ſich vom Walde her eine Anzahl verdäch⸗ tiger Geſtalten; ſie waren ſämmtlich bewaffnet, und trugen kurze Mäntel mit Kaputzen, die ſie, des ſchlechten Wetters wegen, über die Köpfe gezogen hatten. In der Nähe der Wolfsſchenke machten ſie Halt; ſie fingen an, ſich im flüſternden Tone mit einander zu beſprechen. Endlich verließ einer von ihnen die Geſellſchaft und ging vorſichtig auf die Hütte zu, die in dichte Finſterniß eingehüllt war. Um ſo wenig wie möglich Geräuſch zu verur⸗ ſachen, ſchlich der Späher auf den Fußſpitzen um die Fenſter der Schenke; allein, trotz dieſer von ihm angewendeten Vorſicht, war ſein Kommen von den innen befindlichen Perſonen dennoch bemerkt worden, was er jedoch nicht ahndete. Er trat nun an die Ecke des Hauſes, und auf ein gegebenes Zeichen, welches dem Kreiſchen eines Raben glich, ſteckte der Waldwirth ſeinen Kopf durch eine Oeff⸗ nung ſeines verwitterten und zerzauſten „ — — 26— „Haltet Vorſicht,“ fügte er hinzu,„es ſind Fremde in ber Stube!“ „Komm herab,“ antwortete die Geſtalt im gleichen Tone,„wir ſind einige in der Nähe und möchten gern mit Dir ſprechen.“ Der Waldwirth hatte in dem nächtlichen Be⸗ ſucher einen ſeiner geheimen Freunde erkannt. „Ich komme in der nächſten Minute hinab,“ ſagte er,„warte am Brunnen, ich will dann mit Dir gehen.“ Der Kopf verſchwand, und bald darauf öffnete ſich an dem jenſeitigen Giebel eine kleine Thür, eine Leiter von wenig Sproſſen glitt hinab, und einige Augenblicke ſpäter ſtieg Wiedebach herunter; er begab ſich nach dem bezeichneten Brunnen, wo der unheimliche Genoſſe ſeiner wartete, und nach⸗ dem er denſelben getroffen hatte, gingen beide mit einander fort. Nikel Tſchirnhaus und ſeine Genyſſen. Nach einer kurzen Weile langten die beiden Männer auf dem Punkte an, wo Franzens Beglei⸗ ter ſeine Gefährten zurückgelaſſen hatte. „Alle Wetter!“ ſagte der Wolfswirth bei dem Anblicke der verdächtigen Geſellſchaft,„da ſeid Ihr ia faſt alle, wenn ich mich nicht irre, was führt Euch noch heute hierher? es iſt ſchon ſpät und Mitternacht längſt vorüber.“ „Was ſchadet das?“ verſetzte einer von den Fünfen,„die Nächte ſind jetzt lang genug und es kommt auf eine Stunde zu früh oder zu ſpät wenig an.“ „Was habt ihr im Schilde?“ unr Viedebach, *„darf man's denn wiſſen?“ — 28— — „Ei verſteht ſich,“ entgegnete ein Anderer vovn der Geſellſchaft,„eben deshalb ſind wir hierher gekommen, um Dich mit unſerm Vorhaben bekannt zu machen, doch bevor dies geſchieht, laß uns nach Deiner Wohnung gehen, damit wir uns wenigſtens von Angeſicht ſehen können, es iſt hier ſo finſter wie in einer Tovtengruft.“ „Ich bedaure, das ich dieſem Verlangen und zwar gezwungener Weiſe nicht willfahren kann,“ ver⸗ ſetzte Wiedebach,„wir müſſen für heute einen andern Ort zur Beſprechung wählen.“ „Und warum das?“ fragte der ſchon erwähnte Redner, welcher, wie es ſchien, das Wort für alle führte,„warum ſollen wir heute auf Deine Gaſt⸗ freundſchaft Verzicht leiſten?“ Franz ſchwieg einige Minuten. „Weil ich— für dieſe Nacht— Gäſte habe, ſagte er dann mehrmals abbrechend,„und ich bin gezwungen, ſie unberuhigt zu laſſen, wenigſtens ſo ſo lange ſie ſich in meinen vier Pſählen befinden.“ „Wo ſind ſie hergekommen und wer ſind ſie?“ fragte der Gauner raſch.„Burſche, verheimliche es uns nicht, ſonſt zünden wir Deinen Gäſten das Haus über dem Kopfe an, damit ſie braten wie fette Martinsgänſe. Alſo heraus damit, wer ſind ⸗ 5 — —— Deine Gäſte, woher kommen ſie und wohin ged ken ſie zu reiſen?“ Der Wolfswirth ſah jetzt kein Mittel vor ſich, die an ihn gerichteten Fragen von ſich abwendig zu machen, er antwortete verdrießlich: „Es iſt, wie ich vernahm, ein Bürger aus Görlitz nebſt ſeiner Ehefrau, ſie wollen gen Zittau und werden morgen in der Frühe dahin aufbrechen. Es iſt Euch unverwehret, unterwegs mit ihnen an⸗ zubinden und ſie zu brandſchatzen,(zudem iſt, bei⸗ läufig bemerkt, das Weib des Bürgers von unge⸗ meiner Schönheit,) und wenn Ihr den ſchmucken Biſſen nicht fahren laſſen wollt, ſo nehmt morgen Euern Poſten zeitig auf dem Leiſehügel ein, an deſſen Fuße die Reiſenden vorüber kommen werden; aber das ſag ich Euch als treuer Freund und Ge⸗ ſchr, wenn Ihr die Reiſenden in meinem Hauſe 5 unruhigt, dann ſind wir Freunde geweſen.“ „Du biſt ein thörichter Eſel,“ ſagte der An⸗ führer der Rotte,„daß Du ſolche Grillen hegſt; nun wir wollen Deinen Eigenſinn für diesmal gel⸗ ten laſſen, Deine Gäſte ſollen ſicher ſein bis zum Morgen, ſobald ſie aber die Marken Deines Be⸗ fitzthums verlaſſen haben werden, dann ſehen wir Dir für nichts mehr.“ „Ich bin damit zufrieden, ma ,— 30— Ihr wollt mit ihnen,“ ſagte der Wolfswirth, froy über die Erlangung eines ſo günſtigen Erfolges, „jetzt kommt mit mir,“ fuhr er fort,„wir wollen nach der Felſenhöhle im Neißthale gehen, dort ſind wir ſicher während unſerer Berathungen.“ Geſagt, gethan. Die Männer ſchickten ſich an, weiter zu gehen. Franz Wiedebach ging voran und ihm folgten die unheimlichen Geſtalten, deren vertrauter Genoſſe er ſchon längſt war. Nach Verlauf von etwa drei Viertelſtunden machte die Geſellſchaft in der Nähe eines Felſen⸗ abhanges, welcher dicht an dem Ufer des Neiß⸗ fluſſes gelegen war, Halt. Einer unter der Rotte machte mit Hilfe einer Zündruthe Feuer an, dann gingen ſie einen engen Fußweg entlang, welcher bis zur Mündung der erwähnten Höhle führte, wo hinein ſich ſämmtliche Angekommene begaben. Der Raum der Höhle war von ziemlichem Umfange, hin und her lagen ſtarke Felsſtücke zer⸗ ſtreut, die dem Anſchein nach der Geſellſchaft als Sitze dienen mochten; in der Mitte lag ein brei⸗ ter, etwas ausgehöhlter Sandſtein, welcher zum Feuerherde umgeſchaffen worden war, was man an dem Reſte von halbverkohlter Holzſtücken erken⸗ nen konnte, die auf demſelben mit Aſche vermiſcht umher lagen. Lie Käuberhohle im Mriſs thulr von Bſtritz und Hirſchfelde, ſowie auch andern Or⸗ hatte bereits za e Anfälle und gewaltſame Rnderungen verübt und ſtand mit einer Anzahl In Zeit von wenig Minuten loderte eine praſ⸗ ſelnde Flamme auf der rohen Brandſtätte empor und beleuchtete ſchauerlich die Wände der düſtern Höhle, deren Bewohner geeignet waren, den un⸗ heimlichen Anblick, welchen ſie gewährte, noch zu erhöhen.*) „Nun laßt hören, wovon die Rede iſt,“ ſagte Franz, der Wolfswirth, zu ſeinen Genoſſen, die jetzt 8 um ihn herum ſtanden und ſchweigend auf ihren Anführer ſchauten, der vor Allen das Wort zu 3 ren berechtigt war. Ehe wir jedoch weiter erzählen, ſei es uns ver⸗ 2 gönnt, dem Leſer die hier anweſende Geſelſchaft 6 genauer zu beſchreiben, was wir u ſo weniger unkerlaſſen können, da die in Rede ſiehenden Per ſonen für unſere Geſchichte von 1 Intereſſe ſind. Wir haben bereits oben geſagt, vaß die Gegend tes ſehr unſicher gemacht wurde, und es ſei bemerke, daß Anführer jener nächtlichen Geſellen ein ge⸗ wiſſer Nickel Sſchirnhaus genannt wird. Derſelbe — 32— anier 3 Ranriet in geheimer Verbindung, die ſein geſetzloſes Treiben unterſtützten, ohne ſi ch an die Beſchwerungen der Sechsſtädte zu kehren, die bereits gegen den Ruheſtörer bittre Klagen erhoben. Nickel Tſchirnhaus war zu Berthelsdorf an⸗ ſäßig, zu jener Zeit das ungetreue Berthelsdorf ge⸗ nannt, indem es durch mehrfache unehrliche Hand⸗ lungen, welche durch den genannten Räuberhäupt⸗ ling verübt wurden, in einen üblen Ruf gekom⸗ men war. Nickel Tſchirnhaus war ein Mann von etwa 40 Jahren, von Geſtalt groß und kräftig; er war ein trotziger Geſell, wie es von ihm heißt, und ſcheuete ſich vor keiner Gefahr, wenn ſie ihm Ge⸗ +inn und Beute brachte. Seine Genoſſen, welche ei ihm waren, glichen ihm ſo ziemlich, und wer ihnen in die Hände gerieth, mochte froh ſein, mit dem Leben, oft bis zum Tode gemißhandelt, davon zu kommen. Rac dieſer kurzen venertung kehren wir z unſerer Geſchichte zurück. „Jetzt hört mich an,“ ſagte Nickel xſꝙirnpaus indem er ſich dem Feuer gegenüber auf einen Fels⸗ block niederſetzte. W Dann fuhr er fort: „Durch meinen zuverläſſigen Kundſchafter i * v . ——— 5 wo er ſich aufhält, um die Görlitzer 3 mir die Rachricht zugegangen, daß binnen zwei Ta⸗ gen vier Wagen mit Kaufmannsgütern von Gör⸗ lis nach Zittau gehen werden, welche große Reich⸗ thümer mit ſich führen, zu ihrem Schutze werden dieſelben von einer Anzahl Reißigen begleitet, jedoch wird ſich die Zahl nicht über zwanzig belaufen. Da es mich nun gelüſtet, jenen Schatz zu haben, ſo habe ich mich entſchloſſen, dem Krämervolke mit gewapp⸗ neter Hand entgegen zu gehen, um vie Laſthiere von dem Reichthum zu befreien, womit ſie Gegenden ſchachern und handeln.“— „Ei, das iſt ganz gut,“ ſagte Franz Wieebach, den Sprecher unterbrechend,„ich werde gewiß auch dabei ſein, aber was will eine Hand voll Menſchen wie wir gegen eine gewappnete Schaar handfeſter Knechte ausführen? Sie werden uns zu Paaren treiben und wir werden ſtatt der Beute nichts als Wunden und Beulen davon tragen.“ „Laßt mich dafür ſorgen, daß es alſo nicht geſchieht,“ ſagte Tſchirnhaus,„ich habe,“ fuhr er fort,„bereits meine Vorbereitungen getroffen und einen Freund von mir mit ſeinen Leuten geworben, wer unter Euch kennt nicht den wilden Adam 3 Schwobe, der jetzt in den Landen der Lauſitz hauſt, er wird morgen von Greifenſtein hier eintreffen, Avam Schwobe. 8 — 34— die ihn beleidigt haben, er hat ein ganzes Regi⸗ ment zuſammen geworben und wie ſich verlauten läßt, wird er mit nicht weniger als vierhundert Mann anrücken und um ſich an den verhaßten Gör⸗ litzern in jeder Weiſe zu reiben, wird er mir funf⸗ zig Bogenſchützen heraufſchicken, die uns bei der Aufhebung der Wagen unterſtützen werden.“ „Das iſt eine andere Sache,“ ſagte der Wolfs⸗ wirth,„und unter ſolchen Umſtänden greif ich Görlitzer mit an, wir wollen tüͤchtig in ſie hinein hauen, daß ſie wie Spreu auseinander fahren ſollen. Die Beute ſoll uns dann nicht übel ſchmecken, doch ſage mir, Tſchirnhaus,“ fuhr er fort,„wenn und wo werden ſich die Knschte von Adam Schwobe mit uns in Verbindung ſetzen?“ wird bereits Morgen Nacht ſchon geſche⸗ hen und zwar iſt Dein Wolfsneſt zum Sammelplatz beſtimmt worden. Schwobe wird vielleicht ſelbſt die Führung ſeiner Leute übernommen haben und Du wirſt die Ehre haben, einen der berühmteſten Wegereiter bei Dir zu bewirthen.“ „Er ſoll mir, hol mich der Henker willkommen ſein,“ verſetzte der Wolfswirth,„ich werde gewiß mein Möglichſtes thun, um einen ſo ſeltenen Gaſt nt gebührender Auszeichnung zu behandeln.“ „Du wirſt wohl daran thun,“ ſagte Lſchien⸗ — haus,„wir müſſen uns wo nöglic mit Adam Schwobe in engere Verbindung ſetzen, wir ſind dann um ſo mehr geſchätzt und können eher etwas aus⸗ führen, jetzt geht es immer noch viel zu bettelhaft unter uns her, wir ſind nichts weiter als ein Ru⸗ del elender Buſchklepper, die von größeren Unter⸗ nnh abſtehen müſſen, wenn ſie nicht aufge⸗ ngen werden wollen. Mein Rath wäre demnach, wir treten unter des Greifenbergers Fahnen und gelobten ihm Treue und Gehorſam.“ „Ja, das wollen wir,“ riefen die Anweſenden Gefährten Tſchirnhauſens,„ſobald wie er kommt, wollen wir ihm dieſes Anerbieten machen, er wird nicht zögern, uns in ſeine Reihen aufzunehmen.“ Nachdem dieſe Angelegenheit vollkommen Er⸗ ledigung gefunden hatte, kehrte man zur Berathung des Vorhabens für den nächſten Morgen zurück, es wurde beſchloſſen, den Gaſt Wiedebachs nebſt ſeiner Begleiterin in der Nähe des Leiſenhügels zu über⸗ fallen und Bi genn* i ſo ſch 5 entführen 6 als e. ie Beute fir den heranrücen⸗ den Adam S aufzuheben. — 36— wenn wir ihm das hübſche Weibchen entgegen füh⸗ ren, er wird uns gewiß dafür Dank wiſſen.“ Nachdem auch dieſer Plan überlegt und zur Ausführung für paſſend gefunden worden war, traf die Geſellſchaft Anſtalten, ſich ein Mahl zu bereiten. Man brachte große Stücke Fleiſch herbei, ſteckte ſie an Spieße und begann ſie zu braten, wobei der Wolfswirth den Koch machte, er verſtand ſein Hand⸗ werk ganz prächtig und wußte die Rehkeulen ſo ſchmackhaft vorzurichten, daß es für ſeine Genoſſen eine Luſt war, die es kaum erwarten konnten, bis das Leckermahl ſervirt wurde. Franz Wiedebach leiſtete den Speiſenden Ge⸗ ſellſchaft und nachdem ſie abgeſpeiſt hatten, ſtreckten ſie ſich an den Wänden der Höhle entlang aus, um zu ſchlafen. Der Wolfswirth hielt es für gerathener, nach ſeiner Wohnung heimzukehren, um auf ſeine Gäſte in wachſames Auge zu halten, er empfahl ſich 3 und S. einem ren Lauf durch den W. Der neberfall beim Leiſehügel.— Die Gefangennahme. Während die Zuſammenkunft des Waldwirths mit ſeinen Genoſſen ſtattfand, hatte Virling nebſt ſeiner Gattin noch kein Auge ſchließen können. Eu⸗ genie, ſo müde und angegriffen ſie war, vermochte ſie doch nicht einzuſchlafen. Die Furcht vor einem Ueberfall hatte ihr Inneres ſo lebhaft erfüllt, daß ſie bei jedem Geräuſch, das ſich von Außen her vernehmen ließ, erſchrocken gfhe und zu zittern begann. So kam denn endli der Morgen heran un unter Angſt und das Ehepaar begrüßte ſein er ſie die Nacht hindurch beſchützte. al⸗ erſchten in dem Zitmer er⸗ — 36— es ſehr, als ſie hörte, daß Jene eine ſo ruheloſe Nacht gehabt hatten. Franz Wiedebach kam nach einiger Zeit eben⸗ falls von ſeinem Heuboden herabgeſtiegen und als ihm Barbara erzählte, daß nach der Behauptung Virlings und deſſen Gattin während der Nacht Jemand unter den Fenſtern geweſen ſei, da betheuerte er lebhaft, nichts gehört zu haben und fügte hinzu, daß ihm dies unglaublich ſcheine, da er doch einen ſo leiſen Schlaf wie eine Gemſe habe und er gewiß aufgewacht ſein würde, wenn ſich irgend etwas ver⸗ dächtiges gewittert hätte. Nach eingenommenem Frühmahle begab ſi Bürger Virling nebſt ſeiner Gattin zur Fuß 2 den Weg, ſie wollten bis gen Zittau wandern und von dort aus ſich in den Diſtrikt von Bautzen be⸗ eeben, wo der Geächtete ſicher zu ſein glaubte. EEugenie ſchrits am Arme ihres Gemahls ſchnell vorwärts, die Begleitung deſſelben ſowie der em⸗ porſteigende Tag entfernte die Furcht, die ihr armes Herz bisher bedrückte, ſie ahnete nicht, daß ſie in kurzer Zeit ein ſo ſchweres Schickſal treffen ſollte. Unter mannigfachen Geſprächen waren ſie in die Nähe des berüchtigten Leiſehügels gekommen. Da ſprangen plötzlich fünf oder ſechs wilde Männer u ge iſeh full um Ke rüber —S * * — 39— Virling, warfen ihn zu Boden und während ihn eeinige feſthielten, ſchleppten Andere ſein Weib in das Dickicht hinein. ²6) 4 Eugenie hatte unter ſolchen Umſtänden die Be⸗ ſinnung verloren, ein lauter, herzzerreißender Schrei war alles, was ſie hervorbrachte. Virling ſuchte ſich gegen ſeine Gegner zur Wehre zu ſetzen, allein er vermochte nur ſehr ſchwa⸗ 6 chen Widerſtand zu leiſten und mußte der Mehrzahl endlich unterliegen. Die Räuber ſchleiften den Ueberwundenen nach dem Fuße des oft genannten Hügels, wo ſie ihn auszuplündern begannen. „Seid menſchlich,“ bat der Unglückliche,„und habt Erbarmen mit meinem armen Weibe, ſie hat 5 des Jammers bereits genug erlebt, tödtet mich lie- ber, als daß Ihr ſie mißhandelt.“— „Darum haſt Du Dich nichts zu befummer 8 Hund,“ rief Sſchirnhaus in rohem Tone, indem er + dem Bittenden die Kleider aufriß, um ihn zu „Ich will Euch alles geben, was ich ha ſagte hierauf Virling gelaſſen,„nicht einen Heller 6 will ich Euch vorzuenthalten ſuchen, obwohl ie dann ———— — 3. — 40— nicht mehr weiß, von was ich leben ſoll, da ich ein Geächteter, ein Ausgeſtoßener bin.“ „Was kümmert uns das Alles,“ antwortete Nickel Tſchirnhaus,„hänge Dich auf oder lebe von anderer Leute Geld, hier kommſt Du nicht fort, ohne den Tribut bezahlt zu haben, welchen jeder Reiſende entrichten muß, der neben dem Leiſehügel vorüber wandert, reitet oder fährt, hier gelten keine Ausnahmen, darum werden wir auch bei Dir keine machen, ſei froh, wenn wir Dir nicht das bischen Leben wie ein Licht ausblaßen, wir würden gewiß nicht ſo glimpflich mit Dir verfahren, wenn es nicht aus Rückſichten für Dein hübſches Weibchen ge⸗ ſchähe, der wir keinen Kummer in Bezug auf Deine Sicherheit machen wollen.“ Virling war jetzt völlig ausgeplündert worden und nachvem ſich die Spitzbuben davon überzeugt hatten, daß er nichts mehr von Werth beſitze, lie⸗ ben ſie den Beraubten los und verſchwanden wie der Blitz im Gebüſch. Der unglückliche Virlin ſtand wie vom Schlage gerührt einige Zeit egunge da, ſeine Sinne waren ganz verwirrt worden und der plötzliche Verluſt der geliebten Gattin machte ihn verzweifeln. Eeugenie, mein armes, mein geliebtes Weib! rief er in tieſem Seelenſchmerze, ach Gott, es iſt — beſwor ſie, ihm zu kin bitterer als der Tod, Dich verlieren zu müſſen au eine ſo verhängnißvolle, entſetzliche Weiſe. Und der verlaſſene Gatte faltete krampfhaft die Hände und richtete ſie zum Himmel, der Schmerz überwältigte ihn und im Gefühl ſeines Unglücks, ſeiner Verlaſſenheit begannen ihm die Thränen über die von langem Gram gebleichten Wersn herab zu rinnen. Anfänglich beſchloß er den ſchändlichen Räubern nachzueilen und ihnen die theure Beute zu entrei⸗ ßen, allein bei ruhiger Ueberlegung ſah er die Un⸗ möglichkeit eines günſtigen Erfolges dieſes Unter⸗ nehmens ein, was wollte er als ein einzelner Mann gegen die ganze Rotte ausrichten? daher ſah er ſich gezwungen, von dieſem Vorhaben abzuſtehen. Er faßte einen andern Plan, derſelbe beſtand darin, ſo ſchnell als möglich nach dem nächſten Orte zu eilen, um Hilfe herbeizuholen„ vielleicht gelang es, die Schurken aufzufinden. Dies ſchien ihm unter allen Mitteln das beſte zu ſein. Darum eilte er ſchnell weiter, ſo ſchnell als ihn nur immer ſeine Füße zu tragen vermochten. Im nächſten Dorfe angelangt, zeigte er den aufhorchenden Bewohnern das Ereigniß u — „ Bitte erhielt wenig Anklang, niemand zeigte Luſt, ſeinem dringenden Flehen williges Gehör zu ſchenken. „Mein lieber Freund,“ ſagte ein alter Mann, indem er ſich dem unglücklichen Virling näherte und auf die Schulter klopfte:„So ſehr wie wir Euer Unglück bedauern, ſo ſind wir doch nicht im Stande, etwas dagegen thun zu können, ohne es einmal bitter zu bereuen.“ „Und warum das?“ fragte Virling betroffen, „kann man jemals Reue empfinden, bei dem Be⸗ wußtſein, etwas Gutes und Edles gethan zu haben?“ „Hört mich an!“ ſagte der alte Mann,„und dann urtheilt ſelbſt, ob ich Recht oder Unrecht habe. Schon ſeit langer Zeit ſind wir ſchwer heim⸗ geſucht worden durch allerhand Unheil, welches eine Geſellſchaft von Räubern und Dieben anrichtete,“ fuhr er fort,„wir ſind des Nachts in unſerer Wohnungen nicht ſicher, und ſchon oft iſt es ge⸗ ſchehen, daß ein Haus oder Gut durch die Rache jener unheilvollen Nachbarn in Feuer und Flammen aufging. Wenn wir uns nun jetzt bewegen ließen, Euch beizuſtehen, und es ſpäter jenen Böſewichtern hinterbracht würde, glaubts ſicher, dann wäre es um uns geſchehen, unſer ganzes Dorf würde zu — 7 ——— Grunde gehen und wir würden nimmer Ruhe haben . ——— ———————— . — 43— vor den wüthenden Verfolgungen jener grfurhiete Verbrecher.“ Die Rede des Alten brachte eine ſichtbare Be⸗ wegung unter den Umſtehenden hervor, alle bezeigten dem Redner ungetheilten Beifall, welcher ſich bald in lauten Aeußerungen kund gab. „Vater Buckhold hat peht!“ riefen ſie,„wir würden gewiß Nachtheil haben, wollten wir uns in dieſen fremden Handel miſchen. Nein, nein, Herr Fremder, verlangt ſo etwas nicht von uns, ſondern wendet Euch lieber mit Eurer Angelegenheit nach Zittau, dort werdet Ihr gewiß Unterſtützung ſinden; der Rath wird Euch ſeine Hülfe nicht verweigern, er kann ſie auch gewähren, ohne befürchten zu dür⸗ fen, daß ihm Unglück und Nachtheil deshalb erwächſt. Darum eilet, damit Ihr nach der Stadt kommt, und eid verſichert, man wird Euch gewiß Hilfe daſelbſt; gewähren.“ Virling ſah jetzt ebenfalls ſeinen Plan ſcheitern und es half ihm nichts, ſo ſehr er auch flehte und bat, ihm beizuſtehen; man ſchlug ihm jede Hülfe rund ab, und der arme Mann ſtand völlig rathlos inmitten der hartnäckigen Dorfbewohner, die ſich durch nichts beſtimmen ließen, ihren eing gefaßten Entſchluß zu ändern. Es blieb ihm unter t unſunen — 44— weiter übrig, als das Dorf zu verlaſſen und weiter zu wandern, was er denn auch mit ſchwerem Her⸗ zen unternahm. Doch da ßiel ihm ein pöchſt wichtiger auf, welchen* bedenken hatte. 1 Virling war, e wiſſen, ein flüchtiger und e von Pörlitz, er mußte befürchten, an den Rath ausgeliefert zu werden, wenn er es wagte, ſich nach Zittau zu begeben, und dann wäre es um ihn geſchehen geweſen; was ſollte er thun? ſollte er auf ungewiſſe Befrlung ſeiner Gattin ſein eigenes Leben derchſee er war dazu ent⸗ ſchloſſen. Von wenig Hoffnung begſeitet, wanderte Vir⸗ ling nun nach Zittau zu, und ſchon hatte er das äußere Thor erreicht, ſchon war er als er durch einen öffentlichen Ausrufer ſeine tung verkündigen hörte, er bebte zurück, denn ein Wei⸗ tergehen würde ihn ins Verderben geführt haben. Es gelang ihm, glücklich aus dem Bereiche des Thores zu kommen, ohne Aufſehen erregt zu haben. Dieſe Begegnung hatte ihn ungemein überraſcht, und der Gedanke, ſich zu erkennen zu geben, floh vor dem Gefühle der Selbſterhaltung, und ohne länger mit ſich zu Rathe zu gehen, ſchlug ——— ———— ſein die Straße nach Löbau ein, wohin er auch ohne— ſonderliche Unfälle gelangte. Da ſich der Flüchtling auch hier nicht für ſicher hielt, ſetzte er ſeine Reiſe nach Budiſſin fort, hier glaubte er weniger befürchten zu dürfen. In dem Dorfe Jenkwitz, bei der genangen Sechsſtadt, machte er Halt, um ein Eni ouszu⸗ ruhen, denn der Geächtete war durch die unfäglichen Mühen und Gefahren, die er erlebt hatte, höchſt ermüdet worden; er trat in eine Schenke, welche dicht an der lag, und bat um eine Er⸗ quickung, die i uch baldigſt gereicht wurde. Es war am ſpäten Nachmittage als er hier anlangte, und noch hatte er keine Stunde in der Wohnung verweilt, als ein Rottenführer von Görlitz mit etlichen bewaffneten Knechten hereintrat. Der⸗ ſelbe hatte den anweſenden Virling kaum erblickt, als er ihn auch ſogleich erkannte.— „Ei da, was ſeh ich? da ſitzt ja der Vogel, deſſen Flucht den ganzen Rath von Görlitz in Har⸗ niſch gebracht hat,“ rief der Reiſige, indem er ſich dem erſchrockenen Virling näherte.„Holla, Freund! Ihr ſeid mein Gefangener, und werdet mir gefälligſt nach Görlitz hinab folgen, wo Ihr Wn * — 46— ſtand auf und ſeinen verzweifelnden Blick auf den Reiſigen richtend, ſagte er mit banger Stimme: „Ich will nicht erwarten, daß Ihr mich hier wie einen Verbrecher aufheben und in die Gewalt meiner Feinde bringen werdet, die mir nach dem Leben trachten; bedenkt, daß der Tod eines recht⸗ ſchaffenen Mannes auf Euer Gewiſſen fallen wird, wenn Ihr darauf beſteht, mich nach Görlitz zu führen.“ Während Virling noch ſprach, traten einige Männer herein, es ſchienen Budiſſiner Bürger zu ſein; einige dergleichen waren ereits anweſend, die mit Theilnahme und ſchweigende n Intereſſe bisher ſtill dageſeſſen hatten. „Was hat es mit dieſem Reiſenden für ein Bewandtniß, Herr Kriegsmann?“ fragte jetzt einer von den Bürgern, die ſich alle um einen Tiſch ge⸗ ſetzt hatten;„welches Recht habt Ihr dazu, um in dem Weichbilde der Gerichtsbarkeit der Stadt Bu⸗ diſſin nach Gelüſte Gefangene zu machen? ſagt uns dies, bevor Ihr zu handeln Euch erlaubt.“ Der Gefragte warf dem Bürger einen trotzigen und verächtlichen Blick zu. „Was könnt Ihr danach zu fragen haben?“ ſagte er hierauf,„doch will ich es Euch ſagen,“ fügte er hinzu.„Dieſer Mann,“ er deutete auf Virling,„iſt ein Bürger von Görlitz, welcher wegen — 47— Aufwiegelei und Meuterei die Stadt verließ, um ſich einen Anhang gegen ſie zu ſammeln. Der Rath von Görlitz ſandte ſeine Gewappneten aus, um den Verräther zu fangen;z und ich frage Euch nun, Ihr Herren, könnt Ihr jetzt ein Unrecht darinnen finden wollen, wenn ich den anfgefundenen Rebell, welchen Ihr vor Euch ſehet, verhafte, um ihn mit nach Görlitz zu nehmen, wo er ſeine verdiente Strafe erhalten wird?“ „Ich habe nichts ſo hartes verbrochen, als haß man von vieler und verdienter Strafe reden könne,“ antwortete Virling auf dieſe eindrückliche Erklärung; „wohl haben es meine Feinde auf meine Vernichtung abgeſehen, was ich gewiß weiß, und mein Verder⸗ ben iſt offenbar, wenn Ihr es, geehrte Herren, zu⸗ laſſet, daß man mich aus dieſem, von den Görlitzern unabhängigen Gebiete, gegen alles Recht gewaltſam aufhebt und hinweg führt! Ich beſchwöre Euch,* gebt ein ſolches Vorhaben nicht zu, Ihr würdet dadurch die Gerechtſamkeit Eurer eigenen Vaterſtadt ſchänden und mit Füßen treten. Ich will nicht,“ fügte er hinzu,„daß man mich freilaſſe. O nein! meine Sache mäg immerhin vor Gericht entſchieden werden; aber ich beſchwöre Euch, ſorgt dafür, daß ich nach Budiſſin geführt und daſelbſt bleibe, bis nach Austrag der Sache, ohne daß man mich dem Rathe von Görlitz überantwortet.“ „Das Begehren des Fremden iſt eben ſo billig als geſetzmäßig,“ ſagte einer unter den anweſenden Bürgern,„und wir würden in der That die Pri⸗ vilegien unſerer Stadt beſchimpfen, wenn wir ruhig hinſehen wollten, daß man auf unſerem Grund und Boden ſo eigenmächtig verfährt. Nein, nein, wir werden das nicht dulden! Herr Rottenführer, laßt den Fremden ungeſchoren, er gehört vorläufig unter von Budiſſin, und daſelbſt habt Eure Klage gegen denſelben anzubringen; an⸗ ſtatt, wie Ihr zu thun im Begriffe ſteht, eine Hand⸗ lung zu begehen, die vor aller Welt als eigetnitz und unerlaubt erſcheinen muß.“ Bei dieſen gemeſſenen Worten erhoben ſich die ſämmtlichen Bürger und umringten den in der Nähe ſitzenden Jakob Virling, der mit ſteigender Hoffnung dem Ausgange dieſes Auftrittes entgegenſah. „Ich kehre mich nicht ein Jota um das ganze Gewäſch Eurer ſchnatternden Zunge,“ ſagte der Reiſige, welchem der Aerger die Röthe des Zornes auf das Geſicht trieb;„ich habe Befehl erhalten, den berüchtigten Jakob Virling zu ſuchen, und wenn ich ihn finde, feſtzuhalten. Jetzt, da ich ihn ge⸗ funden habe, will ich ihn auch feſthalten, und kein — 49— Satan ſoll ihn mir ſtreitig machen. Ich werde din Gefangenen mit mir nehmen, ohne daß ich weder Euch noch das Gericht von Budiſſin um Erlaubniß frage; das Letztere mögen vielmehr Diejenigen thun, die mich hierher geſchickt haben, mögen ſie ſehen, wie ſie es verantworten und damit holla!“ „Der Fremde gehört uns, ich wiederhole es Euch!“ rief der lebhafte Bürger nochmals hitzig, „Ihr dürſt ihn nicht wie eine geſtohlene Waare hinweg ſchleppen, und damit holla!“ Und bei dieſen Worten ſchlug er auf den Tiſch, daß Kannen und Becher zu tanzen anfingen. B „Verſucht es zu beweiſen!“ polterte der Kriegs⸗ männ;„ich werde Euch mit meinem Schwerte und mit Hülfe meiner Knechte zu Paaren treiben, Ihr übermüthigen Ellenritter! Ho, ho! Ihr Knechte er⸗ greift den gefangenen Rebell und führt ihn hinweg, wir müſſen noch vor dem nächſten Morgen mit ihm in Görlitz ſein.“ Die Knechte zogen auf einen Wink ihre Schwer⸗— ter, aber zugleich fuhren auch die kurzen Schläger der Bürger aus ihren Scheiden, ſo daß ſi ſich im Nu beide Partheien kampffertig gegenüber ſtanden. In dieſem eiſcheidenden Moment vernahm man Hufſchlag und Waffengeklirr. Die Thür wutde geffnet und ein Ritter trat herein, ſeine vrachwolle S8 Avam Schwobe. 2. Lieferung. 4 Rüſtung zeigte auf ſeinen hohen Rang, was auch die ehrerbietige Scheu bewies, mit welcher die Bür⸗ ger zurücktraten. Der Eingetretene war Georg v. Stein, Herr zu Tzoßen und Landvogt der Oberlauſitz; er reſi⸗ dirte im Schloſſe zu Budiſſin und war den Bürgern ziemlich verhaßt, obwohl ſie ihn fürchteten wie den Gott ſei bei uns.*) In dem Gefolge des Landvogts befanden ſich ſechs geharniſchte Ritter, wovon ihm zwei auf dem Fuße nachfolgten. Die Scene, welche ſich dem Landvogte in dem Zimmer der Schenke darſtellte, war geeignet, ſeine Aufmerkſamkeit in vollem Maaße zu erwecken; mit finſtern Augen betrachtete er auf einige Augenblicke die zum Kampfe gerüſteten Partheien, worauf er, ſich gegen die Bürger wendend, in ſtolzem Tone fragte: „Was bedeutet dieſer Aufruhr? wie ich ſehe, . ſieht man ſich hier mit bloßen Waffen gegenüber. Ich befehle, daß man ſofort dieſelben einſtecke!“ *) Georg v. Stein wurde ſpäter Statthalter über ganz Schleſien und war bereits als Landvogt das vorzüg⸗ lichſte Werkzeug zur Unterdrückung der ſtädtiſchen Rechte und Freiheiten; als Statthalter wurde er der Gegenſtand des allgemeinen Haſſes. Der Befehl wurde ſogleich vollzogen, und die Schwerter und Schläger fuhren in die Scheiden. „Aus welchem Grunde handelt man hier!“ fuhr der Landvogt fort. Alle Anweſenden ſchwiegen ſtill. „Will Niemand antworten?“ fügte er unge⸗ duldig hinzu. „Mit Gunſt, gnädiger Herr Landvogt,“ begann jetzt der Wortführer der Bürger, indem er ſich vor dem gefürchteten Zwingherrn ehrfurchtsvoll verneigte, „erlaubt mir zu ſprechen, ich will alles der ſirengſhn Wahrheit nach berichten.“ „So redet!“ antwortete Georg v. Stein. Hierauf theilte Jener dem Landvogte den Ver⸗ lauf des ganzen Handels mit, und nachdem er zu Ende gekommen war, ſagte der Letztere: „Was kann Euch Herrn Bürgern daran ge⸗ legen ſein, wenn die Görlitzer ſich die Freiheit nehmen, in Eurem Weichbilde einen Schurken, einen Rebell aufzuheben oder laufen zu laſſen? bekümmert Euch nicht um ſolche Sachen und überlaßt die Schlich⸗ tung dieſer Angelegenheit Anderen.“ Dann wandte er ſich gegen den indem er fortfuhr. „Habt Ihr eine Vollmacht, vermöge wether Ihr befugt ſeid, jenen Set Virling hit —— „Ja wohl, geſtrenger Herr Landvogt!“ ant⸗ wortete der Gefragte. „Zeigt ſie vor!“ befahl der Ritter. Es geſchah. Der Landvogt las dieſelbe und ſie zurückgebend, ſagte er: „Auf Grund dieſes Schreibens ſoll Euch kein Hinderniß in den Weg geſtellt ſein, den Gefangenen mit Euch hinwegzuführen; Niemand ſoll Euch daran hindern, bei der Ungnade des Königs!“ Jakob Virling ſah ſich verlaſſen. Die Bürger entfernten ſich, auch der Landvogt ritt mit ſeiner Begleitung nach Budiſſin zurück,. worauf die Reiſigen mit ihrem Gefangenen nach † Görlitz aufbrachen. —— F. Adam Schwobe.— Gefahr und Rettung. Wir kehren jetzt zu der unglücklichen Eugenie zurück. Nachdem die Beklagenswerthe aus einer län⸗ geren Ohnmacht erwachte, fand ſie ſich in einer düſtern Felſenhöhle, dem oben erwähnten Auſent⸗ haltsorte der Räuber, wieder, welchen jene als Ver⸗ ſammlungsort gewählt hatten. Die junge Frau ruhte auf einem Lager von Moos und Haidegras worauf man ſie gelegt; und als ſie erwachte, ſtieß ſie einen lauten Schrei des Schreckens aus, bei dem Anblicke einer ſo ie und ungewohnten Um⸗ gebung. Unfern von dem Lager der Gefangenen ſaß auf einem Steinblock Nickel von Tſchirnhauſen und hm gegenüber befand ſich ſein er V f wirth. Beide hatten bisher leiſe mit einander ge⸗ flüſtert, und als ſie den Angſtſchrei Eugeniens ver⸗ nahmen, brachen ſie ſchnell ab und wandten ſich nach der Unglücklichen, die bei der Wahrnehmung jener Unholde laut zu ſtöhnen anfing: „Wo bin ich?“ rief ſie hierauf erſchrocken. „Ach! wohin haben mich die Fürchterlichen geführt, und was iſt aus meinem armen Gatten geworden?“ Nickel von Tſchirnhauſen hatte ſich erhoben und trat jetzt dem Lager Eugeniens näher; bei ſeinem Anblick ſprang die Letztere raſch empor. „Zurück, abſcheulicher Böſewicht!“ rief ſie außer ſich,„iſt es nicht genug, daß Ihr meinen Gemahl gemordet, wollt Ihr auch an einem wehrloſen Weibe Eure Nichtswürdigkeit beweiſen?— Tödtet mich lieber auf der Stelle und erſpart mir dadurch Eure teufliſchen Qualen.“ „Nur gemach, ſchöne Frau,“ ſagte Tſchirnhaus höhniſch lachend,„Ihr thut uns höchſt unrecht, wenn Ihr uns dergleichen harte Vorwürfe macht; wir haben weder Euren Gemahl getödtet, noch iſt es in unſerer Abſicht, Euch zu quälen. Ei, das fällt uns ja gar nicht ein; wer wollte, oder wer könnte vielmehr ſo unbarmherzig mit einer ſolchen Schön⸗ heit, wie Ihr ſeid, verfahren? Eurem Gemahl iſt kein Haar gekrümmt worden, wir haben ihn viel⸗ 3 mehr ungehindert ſeine Straße ziehen laſſen und wünſchen ihm viel Glück auf die Reiſe; ſeine Börſe, ſowie der Beſitz ſeines liebenswürdigen Weibes hat uns vollkommen für die Mühe entſchädigt, die er uns gemacht hat. Darum haben wir den Schelm laufen laſſen, wohin es ihm nur immer beliebt.“ „Es iſt dies eine elende Lüge, womit Ihr mich zu betrügen ſucht,“ erwiederte Eugenie,„Ihr habt meinen Gatten beraubt und dann erſchlagen; wenn es, wie Ihr vorgebt, nicht ſo iſt, warum habt Ihr mich von ihm getrennt, was könntet Ihr für Ur⸗ ſache haben, mich hierher gebracht zu haben?“ „Wie! Ihr könnt noch fragen, warum bas Letztere geſchehen ſei?“ erwiederte Tſchirnhaus! Sollte Euch,“ fuhr er fort,„das Bewußtſein von Eurer Schönheit ſo fern liegen? ich glaube es nicht, und gewiß hat ſchon mancher Bewerber Eüch ge⸗ ſtanden, daß Ihr reizend ſeid, und daß Eure Ge⸗ ſtalt ihn feſſelt!“ „Nichtswürdiger!“ verſetzte die eſgersen Eu⸗ genie;„Du irrſt Dich freilich dann ſehr in mit, wenn Du glaubſt, daß ich verworfen genug ſein könnte, in Deine ſchändlichen Anſchläge zu willigen. So lange mir Gott Kräfte verleiht, wilt ich meine Ehre zu bewahren ſuchen, dann wil ich ſethen, denn Du ſollſt nicht über mich n3 — 56— Die junge Frau ſank auf ihr elendes Lager und fing an zu beten, daß Gott ſie aus dieſer großen Roth erlöſen wolle. unterdeſſen hatte ſich der Wolfswirth aus der Pöhle entfernt, um einer Begegnung mit der Ge⸗ fangenen, die er an ſeinen Genoſſen verrathen, zu entgehen; Lſchirnhaus hingegen blieb bei Eugenien zurück, dieſe betete noch längere Zeit, und als ſie endlich aufhörte, wandte ſie ſich gegen den Räuber und bat ihn mit flehender Stimme, ihr die Freih eit zu ſchenken. Sie hoffte ihn durch Bitten zu erweichen, allein Tſchirnhaus war ein Mann ohne Herz, eher pätte ſie ein Felſenſtück erweichen können, welche um ſie herum lagen, als das Gemüth dieſes Menſchen. „Hört auf zu winſeln,“ ſagte er trocken,„es nützt zu nichts, Ihr kommt nicht fort von hier und damit Baſta. „Ich werde nicht aufhören,“ antwortete Eu⸗ genie,„und noch lauter um Hülfe rufen, vielleicht daß Jemand meine Stimme hört und ſich über mich erbarmt.“ Lſchirnhaus lachte.„Ha, ha!“ rief er tückiſch, da könnt Ihr lange ſchreien und lamentiren, mei⸗ netwegen bis auf den jüngſten Tag, es wird Euch ein Gptt erhören. Zudem haben wir Milttel, Euch 3 ————— „———— en Weſen⸗ wie ich bin, wovon mei —— zum Schweigen zu bringen, wenn uns Euer Ge⸗ ſchrei läſtig wird. Seht hier dieſen Knebel, er wird den zarten Mund gewiß ſchließen, und die roſigen Lippen ſo weit auseinander ſperren, daß kein lauter und verſtändlicher Ton zwiſchen ihnen hindurch zu kommen vermag.“ Damit deutete der Abſcheuliche nach einer An⸗ zahl verſchiedener Werkzeuge, welche an einer Wand der Höhle hingen. Die junge Frau ſchauderte zurück bei dieſem Anblick, ihre Stimme erſtarb aus Furcht vor der ihr angedrohten Mißhandlung, ſie begann zu ſchluch⸗ zen und gerieth in die größte Verzweiflung. „Zu was heult Ihr wie ein einfältiges Kind?“ ſagte Tſchirnhaus,„da Euch doch niemand ein Lei⸗ des zufügt, was auch nicht geſchehen ſoll, ſo lange ich Euch nahe bin. Verhaltet Euch ruhig, das iſt das Beſte, und martert Euch nicht durch unnützes Gekreiſch ab.“ „Solche Rathſchläge kann nur ein Menſch ohne Gefühl, wie Ihr, einem armen bedrängten Weibe ertheilen,“ verſetzte Eugenie entrüſtet,„was vermögt denn Ihr von meinem Schmerz, von meinem Kum⸗ mer zu beurtheilen? Nichts, durchaus nichts, Euch mangelt jede richtige Beurtheilung eines bngi⸗ — 38— genugſam überzeugt iſt, ein vernünftiges Thier wuͤrde an meinem Kummer mehr Antheil beweiſen, als wie Ihr, der Ihr ein Menſch ſeid, und den Gott mit allen Gaben der Vernunft ausgeſtattet hat.“ „Horcht nur einmal, wie ſie ſprechen kann,“ rief Tſchirnhaus lachend aus,„ſie wird mich noch bekehren und zur Erkenntniß meiner Sünden be⸗ wegen. Hi, hi, das wird freilich viel Arbeit koſten, bevor ſich Rickel Tſchirnhaus fangen laͤßt. Ihr Weiber ſeid liſtige Schlangen, aber ich laſſe mich nicht ſo leicht ins Bokshorn jagen unb vermag ganz ruhig den Geſang der zauberiſchen Syrenen anzu⸗ hören, ohne meine einmal gefaßten Vorſätze über den Haufen werfen zu laſſen! Gehabt Euch wohl,“ fügte er hinzu,„ich verlaſſe Euch, und Ihr werdet Zeit finden, ungeſtört zu beten, und über das Ge⸗ ringe nachzudenken, was ich Euch geſagt habe.“ Damit ging Rickel Tſchirnhaus hinweg und ließ Eugenie allein zurück, die von Neuem und mit Inbrunſt ihr Gebet empor ſandte um Rettung ihrer Ehre und um Befreiung aus dieſer Umgebung.“ In der darauf folgenden Nacht langte der be⸗ ruͤchtigte Adam Schwobe von Greifenſtein mit einem Troß von 50 Reitern in der Nähe von Oſtritz an; ſie nahmen ihren Weg nach Zittau zu und en⸗ eichten ſpät die Behauſung des S 4 ſich Tſchirnhaus nebſt—— bereits ein⸗ gefunden hatte. Die alte Barbara ſtaunte ob der vielen Gäſte, welche ihr Haus für dieſe Nacht erfüllten; aber noch mehr wurde ſie überraſcht, als zwei Reiter anlang⸗ ten, die ein junges verhülltes Frauenzimmer mit ſich führten, in der ſie die Unglückliche von geſtern Nacht wieder erkannte. Sie zog Franz Wiedebach auf die Seite und fragte voller Beſtürzung: „Um aller Heiligen willen, Franz! Was pabt Ihr im Werke?“ Der Gefragte zog ein finſteres Geſicht. „Laß mich in Ruhe!“ verſetzte er,„was haſt Du Dich um unſere Angelegenheiten zu bekümmernt Geh lieber, und beſorge Deine Küche, anſtatt Dich in unſere Angelegenheiten zu miſchen, die Dich nichts angehen!“ Barbara entfernte ſich, aber es geſchah mit einer niederſchlagenden Ueberzeugung für ſie, denn in dieſem Moment geſchah es, wo ſie einen tiefen und erkennenden Blick in das verworfene Innere ihres Brodherrn, den ſie bisher für einen redlichen Mann gehalten, gethan hatte. Unterdeſſen ſaß Adam Schwobe in der Schenk⸗ ſtube, und zechte tapfer mit ſeinen Raubgeſellen; — 60— gewaltiges Schwert nebſt ein paar ungeheuern Handſchuhen von Büffelleder, welche hiebfeſt und zum Theil mit Eiſenblech bedeckt waren. Schwobes Rüſtung war ſchwer und ſehr dauer⸗ haft gefertigt, und da er ſeinen federloſen Helm ab⸗ genommen, ſo können wir das Geſicht dieſes höchſt beruͤchtigten Wegelagerers genauer in Augenſchein nehmen. Adam Schwobe war etwa 40 Jahre alt und ſtammt aus einem Geſchlecht von Oelsnitz, er war demnach vom Abel wie ſo mancher Spitzbube im Ritterhabit, und trieb mit ſeinem Anhange allerhand Räubereien und Nichtswürdigkeiten, wovon die Chroniken haarſträubende Kunde geben*). Das Geſicht des Raubritters enthielt angenehme Züge, und die lebhaften Augen glänzten hell und muthvoll. Er wurde von ſeinen Genoſſen hoch geſchätzt und ſeine Befehle galten mehr, wie das heilige Evan⸗ gelium unter ihnen. Der Zechende pörte mit Wohlgefallen die Nach⸗ richt, daß die von Görlitz erwarteten Wagen mit *) Es heißt ausdrücklich: Adam Schwobe heißt ſo viel wie, v. Delsnitz. Er iſt derſelbe, welcher die Lauſitz öfters heimſuchte, Schönberg, Oberrudelsdorf, Küg⸗ ger und Reudnitz abbrannte, und überall raubte und ünderte. nächſtem Morgen anlangen w ürden. Eben ſo will⸗ kommen war ihm der e Tſchirnhauſens und deſſen Gefährten, unter ſeine Fahne zu treten. „Ich nehme Euch alle auf!“ rief er, ſich den Becher von neuem bis an den Rand füllend.„Holla! ſtoßt an, auf gute Kameradſchaft und auf das Ge⸗ lingen unſrer nächſten Probe, die wir gemeinſchaftlich gegen die Görlitzer Schacherjuden ablegen wollen.“ Die vollen Pokale flogen in die Höhe und alle thaten nach einem wilden Hurrahrufe Beſcheid. Das Gelage mochte faſt einige Stunden ge⸗ dauert haben, die Phantaſie der Trinker war erhitzt worden, und Lſchirnhaus hielt es jetzt für den ge⸗ eignetſten Zeitpunkt, ſeinem Freunde Schwobe(wie wir ihn nennen wollen) gefaällig zu ſein. Er näherte ſich dem Raubritter, und ſeine Hand auf deſſen Schulter legend, ſagte er mit ſchmunzelnder Stimme: „Freundchen, ich habe mit Vergnügen geſehen, daß Dir der Wein aus unſerm Keller ſchmeckt, wir ſind ſtolz auf dieſe Wahrnehmung, aber glaube nicht, daß darinnen unſer ganzes Vermögen beſteht, einen geehrten Gaſt zu laben, wir haben Dir noch andere Zerſtreuungen aufgeſpart. Der Liebe Luſt därf beim&un der Becher nicht ermangeln, Liebe Du ſollſt erhulen, was Dein Herz loid Wein darf nicht geſchieden ſein; darum beſehl, — Adam Schwobe luchte laut auf. „Ha, h ha!“ rief er,„ich muß geſtehen, Ihr ſeid ſehr aufmerkſam gegen mich. Nun denn, ſo laßt ſehen, ob Ihr meinen Geſchmack getroffen habt, wir wollen unſere Augen ergötzen an der Geſtalt irgend einer hübſchen Dirne.“ Nickel Tſchirnhaus winkte dem Wolfswirth, dieſer ging hinaus, bald darauf wurde die Thür geöffnet und zwei Knechte ſchleppten die unglückliche Eugenie mit Gewalt in das Zimmer herein. Die Arme war faſt dem Tode nahe, ihr langes Haar hatte ſich aufgelöſt, ihre Glieder bebten und in den Zügen lag Entſetzen und Verzweiflung auz gedrückt. „Gnade, Erbarmen!“ ſtöhnte ſie, ſich von den Knechten losreißend und vor Adam Schwobe auf die Kniee ſinkend.„Tödtet mich, ſtoßt Eure Schwer⸗ ter in meine Bruſt, damit ich von meiner Angſt, von meinen Schrecken erlöſt werde.“ Während ſie dies ſagte, rang ſie die Hände zum Himmel empor. Adam Schwobe hatte die Knieende mit einem ſcharfen Blick betrachtet. Plötzich fuhr raſch empor, und nachdem er die Flehende 5 geſehen, ieß er voll Ueberraſchung aus: — 6— Die Angeredete richtete ihre Augen empor, eine Minute ruhten ſie unverwandt auf dem Ritter, dann ſprang ſie raſch auf, indem ſie laut ausrief: „Großer Gott! es iſt der Ritter v. Oelsnitz, mein ehemaliger Spielgenoſſe, mit welchem ich zugleich erzogen wurde!“ Der Ritter hatte unterdeſſen Eugenie mit ſei⸗ nem Arm umſchlungen, und ſeine Hand auf ihre Stirn legend, ſagte er mit ſichtbarem Mitleid: „Arme, gute Eugenie! der Schrecken, welchen Du empfunden, iſt mir faſt ſelbſt durch Mark und Bein gefahren. Wie Du erſchrocken biſt, wie Du ſo heftig zitterſt; doch beruhige Dich, es ſoll Dir nichts Leides widerfahren, Du wirſt an mir ſtets einen wohlmeinenden Bruder, einen Beſchützer haben. — Hört mich an!“ fuhr er gegen die Anweſenden fort;„dieſe Perſon iſt mir theuer liche Schweſter, wir wurder die Bruſt ihrer M Wir ſind Milchgeg wirkliche Geſg —— hatte Keiner unter ihnen erwartet, ſie Hagten es kaum, die gerettete Eugenie oder deren Beſchützer anzuſehen. „Jetzt ſage mir, wie kam es, daß Du in dieſe Umſtände gerietheſt?“ fuhr Adam Schwobe nach einer kurzen Pauſe gegen ſeine Milchſchweſter fort, „ich hätte nimmer erwartet, Dich während dieſer Nacht hier zu ſehen; ich hielt Dich für glücklich im Schvoße des Wohllebens, an der Seite Deines Gatten Virlings.“ „Ach! dem iſt nicht ſo,“ unterbrach Eugenie den Sprechenden, indem ſie ſchwer ſeufzte,„unſer eheliches Glück iſt zerſtört worden, mein Gatte iſt entwebver todt oder er irrt in dieſem Augenblick als Geächteter umher, ohne ſo glücklich zu ſein wie ich, einen Beſchützer zu finden. Unſer Eigenthum iſt en, welcher darnach trachtet, mei⸗ wirklich ſo, wie man Schwobe,„hat der Bürger — „ Noth, Viele ehrten und ſchätzten in ihm ihren Wohlthäter, weil er bemüht war, allerlei Mängel und unnütze Dinge abzubringen. Darüber erzürnte ſich der Rath zu Görlitz und klagte meinen Mann der Meuterei an, er mußte flüchten, um gewaliſamen Mißhandlungen zu entgehen. Seine Entfernung machte ihn noch verdächtiger, es hieß, er habe ſich aus Furcht der gerechten Strafe entzogen, und dem zufolge wurde ihm als einem offenbaren Verbrecher nachgeſpürt, um ſeiner habhaft zu werden.“ „Nun, ſie mögen es auf ihre eigene Gefahr hin wagen, Deinen Gatten ungerechter Weiſe an⸗ zutaſten, ich will ſie dafür züchtigen,“ ſagte Adam Schwobe,„ſie ſollen dann ferner keine Ruhe mehr vor mir haben, ich würde ſie auf allen Straßen verfolgen und ihre Mauern berennen, ſo daß ſie keinen Fuß herausſetzen könnten, ohne mit bluten⸗ den Köpfen wieder heim zu kehren. Der Anfang ſoll in den nächſten Tagen gemacht werden, und ich ſchwöre, daß die zu erwartenden Waaren, welche von Görlitz kommen, mit ſammt ihrer Begleitung Zittau nimmer ſchauen ſollen; Du ſelbſt ſollſt Zeuge davon ſein, wie Adam Schwobe gegen diejenigen loszieht, die ſeine Freunde beleidigen.“ am Schwobe. 3. t 66— 63 „„ Nachdem er dies geſagt hatte, führte er ſeine Milchſchweſter nach dem mehrerwähnten Nebenge⸗ mache, wo ſie bis nach Ausgangldes bevorſtehen⸗ den Scharmützels bleiben ſollte. Das auf dieſe Weiſe unterbrochene Zechgelage wurde hierauf fortgeſetzt und dauerte fort bis auf den lichten Morgen. —— VI. Die Plünderung. Der folgende Vormittag verging, ohne daß ſich die von Görlitz erwarteten Güterwagen blicken ließen. Adam Schwobe hatte mehrere ſeiner Leute auf Kundſchaft ausgeſchickt, welche die Straße nach Zittau von den nächſten Anhöhen beobachten ſoll⸗ ten, er ſelbſt mit ſeinen übrigen Reiſigen legte ſich in der Nähe des ſchon mehrfach genannten Leiſe⸗ hügels in Hinterhalt. Es war bereits ſpät am Nachmittage, als end⸗ lich die Kundſchafter mit der Nachricht anlangten, daß vier ſchwer beladene Wagen den Berg hinter Oſtritz heraufkämen, begleitet von etwa dreißig be⸗ waffneten Knechten zum Schutze der t 2 welche der Zug mit ſich führte. Auf dieſe Kunde machten ſich die zu einem herzhaften Angriff fertig. Ada vertheilte ſeine Schaar auf mehreren Punkten und ſah mit Gewißheit der Erlangung der herannahen⸗ den Beute entgegen, ſeine Streitkräfte waren ja von doppelter Stärke als diejenigen der heranzie⸗ henden Reiſenden. Endlich hörte man von Ferne das Knallen der Fuhrmannspeitſchen und den Huſtritt der Pferde, untermiſcht von den Rufen und Flüchen der Wa⸗ genlenker und Zugführer. Die Letzteren hatten ihre Reiſigen in zwei Hälften getheilt, wovon die eine den Vortrapp, die andere hingegen den Nachtrapp bildeten. So kamen ſie in voller Ordnung, die bloßen Schwerter zur Wehr gezogen, neben der Schente zum rothen Wolf vorüber. Franz Wiedebach, wel⸗ cher zu Hauſe geblieben war, empfing die anhal⸗ tende Karawane mit demüthigem und Weſen. „Heda, komm herein, Du Lümmel,“ rief einer von den Zugführern der Görlitzer. Franz ſchlich umher wie eine S wenn ſe auf der Lauer begriffen iſt. „Was kannſt Du uns Neues ſagen in Bezug auf die Sicherheit dieſer Straße? Hat ſich nichts von Intereſſe ereignet im Verlauf der letzten Tages⸗ n einer der Zugführer den Wirth. ½ —— , — 69— Der Wolfswirth verbeugte ſich— „Ich wüßte nichts, geſtrenger Herr,“ antwi tete er,„es iſt bisher alles ruhig geweſen, und es hat ſich kein Haaſe auf dem Wege blicken laſſen.“ „Du lügſt, Schurke,“ rief der Reiſige,„hat man uns doch mit Gewißheit verſichert, daß geſtern Nacht ein Trupp von faſt 60 Reitern hier hindurch ge⸗ kommen ſei.“ „Ei ja freilich,“ verſetzte Wiedebach,„das iſt wohl wahr, ſie nahmen ihren Weg nach Zittau und Gabel, wie ich vernahm.“ Der Reiter ſchien befriedigt und nach einem kurzen Aufenthalt ſetzte ſich der Zug mit Wagen und Pferden wieder in Bewegung. Arglos und weniger als zuvor mit Gedanken an Gefahren beſchäftigt, langte der Zug am Leiſe⸗ hügel an. Da erfolgte ein donnerndes Geſchrei, begleitet von einem ſchmetternden Signalhorn. Zu allen Seiten wurden Gewappnete ſichtbar, die ſich wuth⸗ voll und mit blanken Schwertern den See menen entgegenwarfen. Im Nu war der Weg zu einem Orte des wil⸗ deſten Kampfes umgewandelt, Waffengeklirt und wildes Geſchrei und Getöſe gebung, die Hiebe trachten unaufhð 6 nd ein —— Kämpfer nach dem andern ſtürzte zum Tode ver⸗ wundet aus dem Sattel. Die Fuhrleute wurden von den Pferden her⸗ abgeriſſen und die Stränge der Zugthiere zerſchnit⸗ ten, die Räder flogen zerſchmettert von den Achſen und die ſchweren Laſtwagen lagen zur Hälfte um⸗ geſtürzt in den mit Blut gefärbten Fahrgleiſen. In der That eine Seene, wie ſie nur immer zur Zeit des Fauſtrechts und der ritterlichen Wege⸗ 3 lagerei ſtattfinden konnte. Was von der zerſprengten Begleitung flehen konnte, ſuchte ſich zu retten, ein guter Theil lag jedoch getödtet auf dem Wege, die Beſiegten wur⸗ den in den Wald hineingeſchleppt, ebenſo auch die gemachte Beute, welche in allerlei theuern Stoffen, Tuchen u. ſ. w. beſtand. 3 Unter den Verwundeten befand ſich ein Reiſi⸗ ger, welcher früher in Dienſten Adam Schwobes geſtanden hatte, derſelbe theilte dem Raubritter kurz vor ſeinem Tode mit, daß Jakob Virling gefangen nach Görlit eingebracht worden ſei, und daß dieſes Ereigniß die Ankunft der Wagen verzögert habe. „Wie, Du ſagſt, Jakob Virling ſei gefangen worden,“ rief Adam Schwobe voll Staunen und Entrüſtung. „Es iſt ſo, wie ich Euch geſagt habe, Herr — 71— Ritter,“ verſetzte der Knecht,„ich habe es mi mei⸗ nen Augen geſehen, wie ſie ihn gebunden in der Mitte einer Anzahl Kriegsleute zum Thore von Reichenbach hereinbrachten, es war großer Auflauf unter den Bürgern von Görlitz und um einen Auf⸗ ruhr zu verhindern, erhielten die Hackenſchützen Be⸗ fehl, unter Waffen zu treten. Das Rathhaus wurde beſetzt und der Gefangene Virling wnli Wachen.“ Adam v. Oelsnitz hatte nicht ſobald dieſe Nach⸗ richt vernommen, als er nach dem rothen Wolf zu⸗ rückkehrte, wo ſich Eugenie befand, er theilte ihr die Neuigkeit mit und ſie wurde faſt ohnmächtig bei Anhörung derſelben, ſi ſie gerieth in die größte Ver⸗ wirrung und während ihre Thränen unaufhaltſam floſſen, ging ſie mit aufgehobenen Händen in dem kleinen Gemache auf und nieder. „Jetzt iſt alles Glück und alle Hoffnung dahin,“ ſtöhnte ſie,„und mir bleibt nichts mehr übrig, als der Tod. Ja, mein armer Gatte, ſo biſt Du denn in die Hände Deiner unverſöhnlichen Feinde gefal⸗ len, die Dich ohne Erbarmen und mit grimmiger Rache dem Verderben opfern werden.— Was ſoll ich beginnen, um i etten? O, ihr Heiligen, gebet mir einen mir einen Weg, 5 Und Eugenie ſank auf die Kniee nieder und betete. „Hier hilft weder Beten, Heulen und Schreien,“ ſagte Adam v. Oelsnitz,„wir müſſen handeln und der Gewalt mit Gewalt entgegentreten, ich will meine ganze Macht aufbieten, um den Ge⸗ fangenen zu befreien. Vierhundert berittene Reiſige ſollen auf meinen Wink vor den Thoren von Gör⸗ litz anlangen und Jakob Virlings Freiheit verlan⸗ gen. Verweigert man dieſelbe, ſo will ich die ganze Gegend mit Mord und Raub heimſuchen und kein Dorf im ganzen Weichbilde von Görlitz ſoll vor meiner Rache verſchont bleiben.“* „O nein, o nein! das möge nicht geſchehen,“ unterbrach Eugenie den Sprecher,„ich will nicht, daß um meines Gatten willen ſo viel Menſchen unſchuliger Weiſe ins Unglück kommen ſollen; was können ſie dafür, daß der Rath gegen meinen Ge⸗ mahl ſo ſchändlich verfährt? darum beſchwöre ich Euch, thut nicht alſo und ſchonet der Unſchuldigen; ich ſlehe auf den Knieen, ſchonet ihrer um des barm⸗ herzigen Gottes willen.“ „Nun, was ſoll aber denn ſonſt geſchehen? glaubt Ihr, die Görlitz den ſich auf gütlichem Wege finden laſſen un Biue herausgeben?⸗ — 73— „Ich will ſie darum anflehen,“ ſagte Eugenie, ich will ſelbſt hinüber in die Stadt und um vie Loslaſſung meines Gatten vor dem verſammelten Rathe bitten.“ „Ha, ha! das wird Dir wenig nützen,“ ent⸗ gegnete Adam Schwobe,„eher würdeſt Du es ver⸗ mögen, dem ſchwebenden Geier ſeine geraubte Beute zu entreißen, als die Seelen dieſer hartherzigen Patrizier zu erweichen. Dein Flehen und Deine Bhränen ſind vergeblich, Niemand wird Dich hören, darauf will ich ſchwören.“ Eugenie ließ ſich nicht länger halten, ſie beſtand darauf, zuvor den Weg der Güte einzuſchlagen, ſollte dies nichts fruchten, dann ſollte Schwobe ge⸗ gen die Stadt rücken und dieſelbe durch blinden Schrecken zur Herausgabe Virlings veranlaſſen, ſo wurde es beſchloſſen, worauf die kummervolle Gat⸗ tin des gefangenen Bürgers nach Görlitz abreiſte. Der Abend war bereits längſt angebrochen, als ſie vor den Thoren von Görlitz anlangte, wo ihr nach einiger Zeit der Eingang geöffnet wurdez ſie begab ſich nach der Wohnung einer Freundin, Marie Geiſig, einer Wittwe, die ſie mit offenen Ar⸗ men und mit Thränen in den Augen empfing. „So iſt es denn geſchehen,“ ſagte die gute Frau,„und der arme Virling ſitzt gefangen, ach, o hart gefangen, wie einer, der Mord und Tod⸗ ſchlag verübt hat.“ Und nun erzählte Marie Geiſig ihrer troſtloſen Freundin, wie es bei der Einführung des Gefan⸗ genen her⸗ und zugegangen war. „Es war geſtern früh,“ fuhr ſie fort,„als die Kunde nach Görlitz gelangte, daß Virling gefangen worden und hierher gebracht werde. Die ganze Stadt gerieth darüber in Bewegung und Viele ſpra⸗ chen zu Gunſten Eures Gemahls. Gegen Mittag, a, ſo ſpät war es, da hieß es nun plötzlich, daß Virling unter ſtarker Bedeckung daher komme, ich ſah zugleich, daß große Schaaren Bewaffneter in vollſtändiger Rüſtung aufzogen. Es dauerte nun nicht mehr lange, ſo öffnete ſich das Thor von Reichenbach und ein Reitertroß, Virling in deſſen Mitte, ſprengte herein, ich ſah den Gefangenen ganz genau, denn er ritt dicht neben meinem Fenſter vor⸗ über, er ſah ſehr bleich aus und ſeine Kleidung war an vielen Stellen zu Schaden gekommen. Der Gefangene, ſo angegriffen er erſchien, zeigte den⸗ noch eine bewundernswürdige Ruhe, er konnte durch nichts aus der Faſſung gebracht werden, weder durch den Hohnruf ſeiner Feinde, noch durch die —— ————— ————— heißt,“ fuhr ſie ergriffen fort,„will der Rath Antheil nehmenden Aeußerungen ſeiner Freund er kam mir vor wie ein Mann, der die Rechnun mit der Welt abgeſchloſſen hat und der nichts begehrt vor ſeinem Abſchiede.“ Eugenie ſtöhnte ſchmerzlich bei per Erzchlunz ihrer mitleidsvollen Freundin, ſie war gänzlich ohne Faſſung, und wollte verzweifeln. „Was wird man ihm thun,“ frug ſie.„O, ſprich, haſt Du nichts vernommen, worin ſeine Strafe beſtehen wird?“* Marie Geſiig fuhr bebend „Wie es heißt,“ erwiederte ſie,„wird er nicht ſo glimpflich davon kommen, wie es mit ſeinem Freunde, dem Rathsherrn Hyronimus, geſchehen iſt, welcher für immer aus der Stadt verwieſen wurde. Dem Gerichtsſchöppen Peter Woldus ging es noch erträglich, indem ſeine Strafe für ſein Aufhetzen gegen den Rath darinnen beſtand, daß man ihm verbot, jemals wieder in der Rathsver⸗ ſammlung zu erſcheinen, auch der Protonotarius Mathias Breitmichel wurde bei der Rathswahl außen gelaſſen, weil er ohne Wiſſen und Willen ſeiner Collegen mehrere Schriften aus dem Stadt⸗ buche entwendet und veröffentlicht yatte. Wie es — 76— andere Sühne zwiſchen ſich und Virling gelten laſ⸗ ſen, als das Blut des Letzteren.“ „O, heiliger Gott,“ rief Eugenie,„er ſoll ſter⸗ ben. Ach nein, das kann Dein Wille nicht ſein, das wäre ein entſetzliches Schickſal, und zu ſchreck⸗ lich, als daß ich es zu ertragen vermöchte.“ Nach einer noch langen und ſchmerzlichen Un⸗ terredung beſchloß Eugenie, mit dem nächſten Mor⸗ gen einen Gang zum Bürgermeiſter, Namens Brückner, zu unternehmen, um denſelben für ihren Gatten um Gnade anzuflehen; von ihm hoffte ſie wenigſtens Gewißheit über die obwaltenden Um⸗ ſtände zu erhalten und da derſelbe über Leben und Tod zu beſtimmen hatte, ſo glaubte ſie, er werde gnädig genug ſein, und eine Milderung der Strafe eintreten laſſen. Die Nacht verging unter ruheloſem Hoffen und Aengſten. Die Minuten zogen in ſchleichendem Gange vorüber und eine einzige Stunde ſchien eine ganze Ewigkeit lang geworden zu ſein. Endlich zog die Morgendämmerung herauf und mit dem Früheſten, nachdem ſie kaum zwei Stunden geſchlum⸗ mert hatte, machte ſich die bekümmerte Gattin Vir⸗ lings auf den Weg. Kaum vermochten ſie ihre Kniee zu tragen, ſo ſehr zitterte ſie vor Erwartung, — 77— Hoffnung und Befürchtungen rangen gleich heftig mit einander in ihrer Bruſt, ohne daß ſich eines dieſer Gefühle von dem andern niederkämpfen ließ. Endlich ſtand ſie vor dem Hauſe des Bürger⸗ meiſters, ſie erfuhr von einer Magd, daß derſelbe zu Hauſe ſei, worauf ſie mit bebender Seele die Treppe hinauf ſtieg. VII. Das urtheil des Gefangenen. Der Bürgermeiſter von Görlitz, welcher nicht eben als ein Mann von großen Tugenden gerühmt wird, empfing die angemeldete Eugenie mit einem Geſicht voll Härte und Stolz, die Eingetretene nannte ihren Namen, bei deſſen Anhören ſich ſeine Miene noch mehr verfinſterte, und bat in demüthi⸗ gem Tone um Linderung des über den gefangenen Gatten ſchwebenden Looſes. Nikolaus Brückner hatte die Bittſtellerin mit ſichtbarer Ungeduld bis zu Ende reden laſſen und als ſie ſtill ſchwieg, ſagte er in bitterm und ver⸗ ächtlichem Tone: „Euer Begehren, über den Aufwiegler und Meuterer Virling, der zwar Euer Gemahl iſt, ein gnädiges Urtheil zu fällen, kann ich unter keiner ngung erfüllen. Der Gefangene hat ſich hart — gegen die Stadt und deren G Perechtſame ver gangen, und es erheiſcht die Ng wendigkeit, daß an ihm ein Erempel zur Wa Knung anderer für alle Zeiten ſtatuirt werde. Was ſollte am Ende geſchehen, wenn dergleichzg Haͤndelſtifter mit ſchonenden Rück⸗ ſichten behgmdelt würden?“ „Aheer geßrenger Herr Bürgermeiſter,“ wagte Eugenſe kleinlaut zu erwiedern,„mein Gatte pat dochnach dem Wiſſen der meiſten Bürger nichts verſrochen, das eine ſo harte Strafe verdient haſtte.⸗ Der Bürgermeißter fuhr raſch von ſeinem Sitze Luf.„Was wagt Ihr mir zu ſagen, Frau?“ rief er zrnig, e„iſt es nicht klar erwieſen, daß Jakob . Vierling den Verfügungen und Beſtimmungen des Rathes ſiets feindlich entgegen getreten, ferner nicht vollkommen klar geworden, daß er die Bürgerſchaft gegen den Rath gehetzt und zur Aufwiegelung an⸗ geſpornt? Hat er nicht dadurch Auflauf und Stö⸗ rungen verurſacht? und iſt er nicht wie ein gewöhn⸗ licher Rebell und Verräther nach Endigung ſeiner Rolle geflohen, um der verdienten Strafe zu ent⸗ gehen?“ 1 „Und alles vas nennt Ihr geringfügige Sachen, die einer ſehr harten Strafe nicht unterlegen ſein könnten? O, Ihr Euch freilich ſehr, un „ nur Euerm Leichtſinite oder beſſer geſagt, Euerm Unverſtande iſt es zuzurdiinen, daß Ihr Euch mir gegenüber eine ſolche Sprachs Krlaubt, die ſich wohl irgend bei einer andern Sache Naber nicht bei der in Rede ſtehenden führen läßt.“ „Verzeiht, geſtrenger Herr Bürgemeiſter.“ „Ich habe nichts zu verzeihen,“ unt brach ſie jener raſch,„ſondern muß nur Sorge trag das Geſetz befolgt und gehandhabt wird; deroh kann ich nichts weiter thun, als was mir mein auferlegt. Euer Gatte wird ſein Antheil empfan nach Verdienſt, und weiter kann ich Euch nichls ſagen!“ „Worin wird dieſe Strafe beſtehen? D ſags es mir!“ bat Eugenie mit flehendem Tone. Der Gefragte antwortete nicht, er wandte ſich hinweg und blieb einige Minuten ſtumm. Endlich . drehte er ſich um, und Eugenie mit düſterer Miene anſehend, ſagte er kurz und in dumpfem Tone:, Man wird dem Verräther den Kopf vor die Füße legen, ſo wie er es verdient!“ Eugenie ſtieß einen lauten Schrei aus, und im nächſten Augenblicke lag ſie auf den Knieen zu den Füßen des betroffenen Bürgermeiſters.“ 8 ch beſchwöre Euch bei den Wunden des eilandes!“ vief ſie yanderinge)„unterlaſet die — 8S1— Vollziehung eines ſo gräßlichen Urtheils, deſſen Aus⸗ übung unſäglichen Jammer für mich, für Euch, ja für Land und Stadt zur Folge haben würde. Un⸗ terlaſſet es, die Vergehungen meines gefangenen Gatten mit ſeinem Blute zu rächen; thut es nicht um des barmherzigen Gottes willen!“ „Und warum ſollte es nicht geſchehen, thörichtes Weib?“ rief der Bürgermeiſter unwillig aus.„Ha, ha! ich glaube gar, Ihr wollt mir vielleicht gar mit der Rache der Anhänger Eures verworfenen Gatten drohen! Glaubt Ihr, daß ich mich um dieſer Folgen willen abſchrecken laſſen werde, dem Geſetz Geltung zu verſchaffen? Nimmermehr! im Gegen⸗ theil, ich werde nun um ſo mehr darauf beharren, daß dem Verbrecher volles Recht geſchieht. Steht auf und beläſtiget mich nicht länger durch ſolches Gaukelſpiel, ſonſt werde ich Befehl ertheilen, daß Euch die Schaarwächter zur Raiſon bringen!“ „So iſt alſo keine Gnade, kein Erbarmen Euch zu erlangen?“ jammerte Eugenie,„und Ihr wollt nicht achten auf das Gewimmer eines armen Weibes, das Euch ſußfällig um die Rettung des „— Gatten anfleht?“ „Ich kann ihn nicht begnadigen Wohle der Stadt zu ſchaden!“ verſetzte Mann, Sune ab von mirz b Adam Schwobe. Lieferung. — Gott ſeiner Seele gnädig ſein möge, denn ſchon übermorgen wird Jakvb Viprling ſein Leben auf dem Hochgericht enden. So will es das Geſetz und wir dürfen nicht dagegen handeln.“ Eugenie ſchauderte bei dieſer erſchütternden Bemerkung zuſammen; die Beſinnung verließ ſie und die Unglückliche ſank ohnmächtig nieder. Auf den Ruf des Bürgermeiſters erſchienen zwei Rathsdiener, welche die beſi nnungsloſe Frau nach einem Nebenzimmer brachten, wo ſie endlich wieder zu ſich kam; ſie wollte den harten Beamten nochmals ſprechen, was ihr jedoch verweigert wurde. Und ſo ſah ſie ſich genöthigt, ſeine Wohnung zu ver⸗ laſſen, ohne ihn wieder geſehen zu haben. „Uebermorgen ſoll er ſterben!“ ſtöhnte ſie.„Nun, auch ich werde dann aufhören zu leben, der Tag ſeines Todes ſoll auch mein Sterbetag ſein.“ Die arme Eugenie kehrte hierauf zu⸗ ihrer Freundin Marie Geiſig zurück, die mit ſpannen⸗ der Ungeduld auf ihre Zurückkunft wartete. „Es iſt alles verloren und vergeblich!“ rief ſie laut weinend,„die Ungeheuer lechzen nach dem Blute meines Gatten! Ach! das Entſetzliche, über⸗ morgen muß er ſterben, ſterben auf dem Schaſo wie ein verworfener Böſewicht!““ „Gott ſtehe uns bei!“ er⸗ v— ſchrocken,„es wäre etwas Unerhörtes, wenn es „wirklich geſchehen ſollte; ich denke immer, daß es ſo weit nicht kommen wird. Man will Euch und Eurem Manne vielleicht bloßen Schrecken einjagen, um andere unruhige Köpfe damit zu warnen.“ „Wollte Gott, daß es ſo ſein möchte,“ antwor⸗ tete Eugenie,„allein ich habe mich feſt überzeugt, daß es nicht ſo iſt; die kalte Ruhe, mit welcher der Bürgermeiſter von der Sache ſprach, ſeine Ent⸗ ſchiedenheit, die er bewies, laſſen mich das Fürch⸗ terlichſte erwarten. Ach! wenn es geſchehen ſollte, . dann würde ich aus Verzweiflung auch meinen Tod ſuchen.“ Marie ſuchte ihre Freundin zu tröſten, es wollte ihr jedoch nicht gelingen; und als ſie die Frucht⸗ loſigkeit ihrer Bemühungen ſah, gab ſie dieſelben auf und fing an mit der troſtloſen Gattin Virlings bitterlich zu weinen. 5 Wahrend hier die größte Niedergeſchlagen herrſchte, führen wir die Leſer an einen andern Ort, wo es nicht minder traurig und unheimlich ausſah. 0 In einem mit feſten Thüren, Riegeln und Gittern verwahrten Gefängniſſe der Baſtei ſaß der unglückliche Jakob Virling, ſeine Hände 6 mit ſtarken Ketten belaſtet, die bei 4 2 ein dumpfes Klirren hören ließen; vor ihm auf einem hölzernen Tiſche ſtand ein Krug mit Waſſer und daneben eine hölzerne Schüſſel mit Brod und etwas Gemüſe. In dem anſtoßenden Gemache, welches die Vorhut des Gefängniſſes bildete, befanden ſich ei⸗ nige wachhabende Büttelknechte, die ſich zuweilen ablöſten und bald ſchliefen, bald plauderten. Das Geſpräch drehte ſich gewöhnlich um die Angelegenhei⸗ ten des Gefangenen, deſſen Schickſal überhaupt die⸗ ganze Stadt beſchäftigte. Nach einiger Zeit trat ein Rathsdiener in Be⸗ Zleitung eines Bewaffneten in die Wachſtube, um den Gefangenen zum Verhör vor das verſammelte Gericht zu führen. Man holte ihn aus ſeinem Kerker und brachte ihn in einem verdeckten Wagen bis vor die Thür des Rathhauſes. Nachdem Virling vor dem verſammelten Rathe erſchienen war, wurde ihm von dem Stadtſchreiber die Reihe ſeiner angeblichen Vergehungen vorgeleſen. Er vertheidigte jeden Punkt mit klarer Ueberlegung und auch ſein Anwalt unterſtützte ihn auf das Leb⸗ hafteſte; allein der Ankläger fand mehr Gehör als der Vertheidiger. Virling wurde als des Verraths und der Meuterei überwieſen erklärt und verurtheilt, — durch Euern Diener den Jakob Vierling in — 85— nächſten Morgen auf dem Obermarkte zu Görlitz durch das Schwert hingerichtet zu werden. Die Sitzung hatte faſt einen halben Tag ge⸗ dauert, und nachdem der Gefangene mit ſeinem Urtheil bekannt gemacht worden war, führte man ihn nach ſeinem Kerker zurück. Die Rathsverſammlung ſtand im Begriff, ſ zu erheben, als gemeldet wurde, daß ein expreſſer Bote von Bautzen angelangt ſei, welcher ein wich⸗ tiges Schreiben an den daſigen Rath zu über⸗ bringen habe. Der Angemeldete wurde hereingeführt, und nachdem er ſich ſeiner Sendung entledigt hatte, wie⸗ der entlaſſen. Das überbrachte Schreiben war nicht in der freundſchaftlichſten Weiſe abgefaßt, es enthielt viel⸗ mehr harten Tadel über das Benehmen des Gör⸗ litzer Rathes in Bezug auf den gefangenen Vier⸗ ling, welchen man unerlaubter Weiſe auf dem Gebiete der Budiſſiner Gerichtsbarkeit aufgegriffen und fortgeſchleppt hatte und lautete unter S wie folgt: weiſe beſonders lieben Freunde! Wir wiſſen es nicht zu billiche „Unſern freundlichen Dienſt zuvor ehrſamer —— Gerichten habt gefangen nehmen und zu Euch bringen laſſen; und es bedünkt uns, daß es nicht Noth thut, durch Eure Freunde zu lernen, wie wir in dem oder jenem Falle uns zu halten haben. Wir wiſſen unſere Privilegien gar wol zu hand⸗ haben, und es iſt uns fremd von Euch und be⸗ ſchwert uns ganz in unſerm Gemüthe ſo gewal⸗ tiglich durch Euern Rathsdiener habt handeln laſſen und befohlen, in unſer Gericht frevelnd einzufallen, und den Jakob Virling darinnen ge⸗ fangen zu nehmen, und gegen unſer Wiſſen und Willen in Eure Stadt zu führen. Solcher Frevel iſt bei Menſchen Gedächtniß an unſern Gerichten nie geſchehen und wir finden in unſern Büchern nicht, daß ſolche Gewalt in unſern Gerichten wie durch Euch fürgenommen worden ſei. Es iſt offenbar und nicht heimlich, daß unſere Stadt mit oberen und niederen Gerichten von unſerer allergnädigſten Erbherrſchaft von Kaiſern und Königen begnadigt worden, die uns auch jetzt von unſerm allergnädigſten Herrn Könige Ma⸗ thias confirmiret und beſtätigt ſein, und wir ätten uns daher einer ſolchen Gewaltſamkeit —— ——— — 65— unſerer Privilegien fürzunehmen gedenken, n Ihr wol erfahren. Der Rath der Sechsſtdt Budiſſin.“ Das Schrebrn machte einen getheilten Eindruck auf die anweſenden Rathsherrn, man war ſich der begangenen Uebergriffe gegen die Schweſterſtadt gar wohl bewußt, und mußte im Grunde genommen die drohenden Zerwürfniſſe beklagen, die das Band der Eintracht lockern konnten. Allein der übermü⸗ thige Rath wollte lieber ſeinen Willen durchſetzen, als in dieſer Sache zum Vortheile ſo Vieler n zugeben.*) Der Bürgermeiſter, deſſen Stolz ſich beſonders beleidiget fühlte, erklärte hierauf, daß er ſich an die Vorſtellungen der Budiſſiner nicht kehren und daß er nicht ein Haar breit von ſeinem Entſchluſſe wei⸗ chen wolle. „Jakob Vierling iſt unſerm Gericht verfallen,“ ſagte er,„und niemand ſoll uns weder in Gutem noch in Böſem dazu zwingen, den Gefangenen her⸗ Er hat hier in unſerer Stadt gefre⸗ *) Die Görlitzer wurden überhaupt begangener nebergriffe in Ausübung der p richtspflege verklagt, und wurden nicht ſeten det und beſchädigt. — 88— velt, möge er doch auch an dieſem Orte ſein Ver⸗ brechen büßen.“ Da wurde eine zweite Meldung hinterbracht, Eugenie war vor der Thür des Gerichtsſaales an⸗ gelangt und ließ um Gehör bitten. „Wir können ihrem Verlangen nicht willfahren,“ erklärte der Bürgermeiſter;„man verwehre ihr den Eintritt mit Gewalt, wenn ſie nicht in Güte zu enifernen iſt.— Dieſes Weib!“ fuhr er bitter fort, „bringt die ganze Stadt in Aufruhr, und wenn ſie nicht ruhig ſein will, da müſſen ſtrengere Maßregeln gegen ſie in Anwendung gebracht werden. Doch für heut ſei es genug, ehrſame Herren, 3 erkläre die Sitzung für geſchloſſen!“ Alle erhoben ſich und den Sugei an der Spitze verließen die Rathsherrn den Saal, um ſich nach ihren Wohnungen zu begeben. die unglückiche Gattin in püſterm Hinbrüten, ſe ſagte Eugenie ſich erhebend,„doch er ſ VIII. EGine Maskerade. Der Abend vor dem zu virlings Hinritung beſtimmten Tage, war herangekommen. Eugenie befand ſich in einer unbeſchreiblichen Stimmung, ſie fand keinen Troſt, und die Bemühungen ihrer Freunde ſie aufzurichten, blieben vergeblich. In einem kleinen Zimmer, welches mit dem Wohngemache Mariens in Verbindung ſtand, ſaß vermochte nicht mehr zu weinen und ihr ganzes Weſen zeigte eine Zerrüttung, welche faſt den An⸗ ſchein von Wahnſinn zeigte. Da wurde ein Fremder bei ihr gemeldet, wii cher ſie nach Mariens Miütheilung ſcheunig 6 ſprechen verlange. „Er wird mir nicht viel Tröſtl — 90— ich will ihn ſehen, vielleicht hat er mir Nachrichten von meinen Freunden außerhalb der Stadt zu er⸗ öffnen.“ Bald darauf trat der Fremde ein und als ſie ihn näher betrachtete, erkannte ſie in ihm den be⸗ rüchtigten Adam Schwobe, welcher ſich in einer unſcheinbaren Verkleidung in die Stadt gewagt hatte, um ſich mit Eugenien eine geheime Unter⸗ redung zu verſchaffen. Beide ſtanden ſich einige Minuten ſtumm ge⸗ genüber. bu brach Eugenie das herrſchende Schweigen. „So ſehen wit uns denn hier wieder?“ ſtam⸗ melte ſie mit großer Bewegung,„Ihr ſeid zur rechten Zeit gekommen, um Zeuge meines Grams zu ſein.“ „Ich weiß Alles,“ ſagte Oelsnitz mit einem von Wuth und Rachegefühl unterdrücktem Tone. „Ich habe es ſo erwartet, und wie Ihr Euch noch erinnern werdet, habe ich Euch dieſe vorher geſagt.“ „Ich muß Euch recht geben,“ verſetzte Sut tiefgebeugt,„und hoffte auf die Gnade der Men⸗ ſchen, allein ich fand harte Herzen in ihnen, meine Erwartung wurde ſchrecklich getäuſcht. Morgen h m n Gatte einen ſchimpflichen Tod erleiden, und Gewalt wird ihn davon zu retten vermögen. „Euer gehegtes Vertrauen hat die Sache ver⸗ lieren laſſen,“ ſagte Oelsnitz,„die Zeit iſt zu kurz, um handeln zu können und es wird uns nur ver⸗ gönnt ſein, das Opfer zu rächen, nicht aber zu e freien.. „ Eugenie verſank in düſteres Schweigen, ſi ſie ver⸗ 7 mochte kaum noch zu denken, ſo ſehr hatte ſie das 1 Unglück niedergedrückt. „Und was wollt Ihr nun beginnen?“ fragte Oelsnitz,„wollt Ihr Zeuge von der Ermordung Eures Gatten ſein und dabei noch Gefahr laufen, den widrigdenkenden Mördern zur Beute zu werden.“ „Was ſoll ich thun?“ verſetzte Eugenie,„ich weiß mir in dieſem Augenblicke weder zu rathen noch zu helfen, ich ſehe nur einen Ausweg aus —— allen dieſen Schreckniſſen.“ „Und der wäre?“ fragte Helsniz erwar⸗ tungsvoll. „Der Tod,“ verſetzte Eugenie. „Denkt nicht daran, bevor Ihr Eurem Gatten Genugthuung verſchafft habt,“ ſagte er,„ich will ihn rächen und Ihr ſollt Zeuge davon ſein.“ egenie ſenkte ſchwermüthig das Geſicht zu Boden.„Was tann es mir und meinem Gemahl nützen, daß ſein Schickſal gerächt wird,“ ſagte ſie, Menſch um ihn bekümmern. Mein Gatte war ein — 92— ſollte, mich wird dies nicht tröſten, nicht beruhigen und das entflohene Leben wird nicht zurückkehren.“ „Wohl wahr,“ verſetzte v. Oelsnitz,„aber nicht leugnen könnt Ihr, daß Rache unter ſolchen Umſtänden ſüß iſt.“ Das unglückliche Weib nicht auf dieſe Bemerkung. „Habt Ihr den Gefangenen geſehen?“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand richtend. „Nein, ich erhielt die Erlaubniß bisher nicht. Morgen erſt iſt es mir vergönnt, ihn zu ſprechen, um zugleich für immer von ihm Abſchied zu neh⸗ men.— Ach mein Gott,“ fügte ſie hinzu,„das iſt hart und faſt werde ich nicht Faſſung genug beſitzen, um jenen fürchterlichen Moment zu überdauern.“ Während ſie noch ſprach, entſtand ein lebhaftes Getöſe von der Straße herauf, man hörte viele Menſchen vorüberkommen und wieder zurückkehren. Geſchrei und Waffengeklirr ließ ſich vernehmen und, wie es ſchien, wurde die Aufregung immer heftiger. „Was bedeutet dies?“ fragte Oelsnitz aufhor⸗ chend,„vielleicht ein Aufruhr der Bürgerſcaſt, um 3 den Gefangenen zu befreien?“ „O nein,“ ſagte Eugenie,„es wird ſich kein 5— treuer Freund der Bürger und zum Dank für ſeine 8 Aufopferung werden ſie ihn morgen ruhig ſterben ſehen und nicht ein Glied zu ſeiner Rettung in Bewegung ſetzen.“ „Die Undankbaren,“ murmelte Oelsnitz voll Ingrimm,„nun wahrlich, auch für dieſe Thatloſig⸗ teit ſollen ſie gezüchtigt werden. Doch horch, der Lärm nimmt immer mehr überhand, es ſcheint, als ob ſich in der Nähe eine Zuſammenrottung bilden wolle.“ In dieſem Augenblicke trat Marie, die Freun⸗ din Eugeniens, ins Zimmer, ſie ſah Miß und er⸗ ſchreckt aus. „Was gibt es,“ fragte Oelsnitz die Eingetretene. „So eben iſt die Nachricht in der Stadt ver⸗ breitet worden, daß ſich ein berüchtigter Feind der Görlitzer, Namens Adam Schwobe, hereingeſchlichen haben ſoll,“ ſagte die Gefragte,„und in Folge deſ⸗ ſen ſind alle Thore beſetzt und die Stadtknechte un⸗ ter Waffen gerufen worden, um ihn zu fangen.“ Oelsnitz entfärbte ſich ein wenig, denn, wie wir wiſſen, war er und eine Perſon. Stadwiertels gegangen ſein,“ antwortete jene,„und man will deshalb noch heute eine völlige Haus⸗ ſuchung veranſtalten.“ Eugenie erblaßte bei der Mittheilung ihrer Freundin, ſie gab ihren Freund verloren. „Es iſt gut, liebe Marie, Du kannſt wieder nach Deinem Zimmer gehen, und wenn Jemand nach mir fragen ſollte, ſo ſage, ich wäre nicht zu ſprechen und man wird es in Rückſicht auf meine Lage unterlaſſen, mich zu ſtören.“ Marie entfernte ſich. „Was ſollen wir thun,“ ſagte Eugenie bleich vor Entſetzen,„wenn man Euch hier fn iſt es um uns geſchehen.“ Oelsnitz hatte ſich erhoben und ſchien iber ſeine e nachzudenken. „Ich habe einen einzigen Ausweg,“ fuhr die junge Frau fort,„verbergt Euch dort in jenem Schranke, ich werde ihn, im Fall man hier nach⸗ ſuchen ſollte, verſchließen, den Schlüſſel zu mir neh⸗ men und mich zu Marie und ihr Geſell⸗ ſchaft leiſten.“ 4 Geſagt, gethan, und ſchon nach einigen Minu⸗ ten befand ſich der gefährdete Adäm S ter Schloß und Riegel. Nachdem ſich Eugenie in das Zimmer ihrer Freundin begeben und derſelben Stillſchweigen an⸗ gedeutet hatte, ſahen beide mit ängſtlichen Gefüh⸗ len dem lebhaften Treiben zu, das ſich auf den Straßen bemerkbar machte. Einige Zeit darauf bemerkten ſie, wie ſich ein Mönch aus dem Görlitzer Franziskanerkloſter dem Hauſe näherte und nachdem er vor dem Eingange angekommen, ſtillſtehen blieb. „Geh hinab, liebe Marie und öffne dem from⸗ men Vater die Thür,“ ſagte Eugenie,„ich bin zu ſehr angegriffen, zudem kommt er gewiß von mei⸗ nem armen Gatten, und es würde ſich nicht ſchi⸗ cken, wenn ich ihn an der Thür empfangen wollte.“ WMarie ging hinab und kehrte mit dem Mönche nach kurzem Verweilen zuruck. Eugenie ging dem rer entgegen und ſich tief verneigend ſagte ſie: „Frommer Vater, Ihr kommt gewiß, um ein armes Weib zu tröſten. Gott möge Euch vnfir ſegnen.“ „Es iſt die Pflicht des Geiſtlichen, S Herzen durch himmliſchen Troſt aufzurichten und von dem Schmerz der Erde zu Gott empor zu heben,“ ſagte Pater Florian,„und ich wünſche, daß 3 es mir gelingen möge, Euch dieſes Troſtes haftig zu machen.“ — 96— Eugenie faltete die Hände und ſank auf die Kniee nieder. „Ich komme von Eurem Gatten,“ fuhr Pater Florian fort,„und habe von ihm Auftrag, Euch zu ſagen, daß ihn ſehr darnach ſehnet, Euch vor ſeinem Austritt aus der Welt noch einmal zu ſehen, um Abſchied zu nehmen. Die ſiebente Morgen⸗ ſtunde iſt dazu beſtimmt, und es ſoll Euch vergönnt ſein, einige Zeit mit dem Verurtheilten allein ſprechen zu dürfen.“ „Ich danke Euch, frommer Pater, für dieſe Nachricht,“ ſagte Eugenie,„obwohl ſie mir das Herz faſt mitten entzwei ſchneidet. Der heilige Wille Gottes hat mir ſchwere Prüfungen auferlegt; faſt zu ſchwer, als daß ich es vermöchte, ſie zu ertragen. Um mich daher für den morgenden Tag zu ſtärken, wollte ich Euch bitten, mir Eure Begleitung bis zum Thore hinaus zu gewähren, indem ich vor der Kapelle eines Schutzheiligen an dieſem Abende zu beten verlange. Ich habe das Gelübde abgelegt und darf es nicht brechen.“ „Und um welche Zeit wollt Ihr es erfüllen?“ fragte der Mönch. Sobald wie möglich,“ antwortete die Gefragte. „Nun, ſo wollen wir gehen,“ ſagte Pater lorian. — 8 Eugenie erhob ſich und ging in das anſtoßende Zimmer, um ſich umzukleiden. Bald darauf trat ſie völlig ſchwarz gekleidet, und mit einem langen Schleier über das Geſicht, herein; ſie kniete nochmals nieder, und nachdem ſie der Mönch geſegnet, verließen beide die Wohnung Mariens. Nachdem ſie die Straße erreicht, ging der Mönch voran, Eugenie folgte ihm langſam nach. Bei dem Anblicke der Beiden, wichen die auf und ab gehenden Stadtknechte ehrerbietig zurück; tein Menſch wagte ſich, ihnen zu nähern, und alle betrachteten die Dahingehenden mit dem Zeichen der Achtung und des Mitleids. So kamen ſie unberuhigt bei dem verſchloſſenen Thore an, man öffnete ihnen ohne Zögern, und als ſie hinausgingen, betete die Wache leiſe ih Ave Maria. Unfern des Thores blieb der Mönch ſtehen, und nachdem er die Verſchleierte nochmals geſegnet hatte, kehrte er nach der Stadt zurück. Adam Schwobe war frei, denn keine andere Perſon als ihn hatte der Mönch unter ſeinem geiſtlichen Schutze zum Thore der Stadt hinausgeführt. Eugenie bat Gott um Vergebung egen die n ausgeführten Werke, und war ſehr rh di Ne⸗ 3 Awam Schwobe. 4. Lieferung. tung des Mannes bewirkt zu haben, der ihr noch der einzige Freund in ihrer Noth geblieben und deſſen Schutzes ſie ſpäter ſo ſehr bedurfte. Bald nach der Entfernung des v. Oelsnitz erſchienen einige wachhabende Bürger in dem Hauſe Mariens, um noch den berüchtigten Schwobe zu faſſen, und mit Bereitwilligkeit war die Genannte zur Hand, um alle Gemächer zu öffnen, wovon jedoch die Männer abſtanden; ſie entfernten ſich wieder, ohne Eugenien geſehen zu haben, worüber dieſelbe ſehr froh wurde, ihr Anblick hätte ſehr leicht Argwohn erregen können, indem man ſie doch erſt kurz zuvor hatte in Begleitung des Vuit die Stadt verlaſſen ſehen. Endlich nahmen die Nachforſchungen an dieſem Abende ihr Ende; ſie waren, wie ſich denken läßt, fruchtlos geweſen, indem der Gegenſtand ihrer Verfolgung ſich bereits in Freiheit befand. Oelsnitz ſäumte nicht, das Weite zu ſuchen, um ſeine Rachepläne gegen die Stadt Görlit zu ordnen. Er hatte Mittel dazu in den Händen, und wir werden bald ſehen, in welcher Weiſe es geſchah. 4 5 Beben der Ankunft Eugeniens entgegen. m. Die Hinrichtung. Der nächſte Morgen, welcher mit ſeinen Folgen für Görlitz ein ſo ereignißreicher ſein ſollte, war angebrochen, die ganze Stadt war bei früher Zeit lebhaft geworden; eine Abtheilung von Bürgern ſtand unter Waffen, alle Thore und Zugänge waren geſchloſſen und mit Wachmannſchaften beſetzt. Der Rath hatte alles gethan, um ſich ſeines Opfers zu verſichern. Der gefangene Virling ſah mit Faſſung ſeinem Tode entgegen, und hatte ſich in ſein hartes Schick⸗ ſal zu ergeben geſucht; der Wunſch, ſein geliebtes Weib noch einmal ſehen zu dürfen, wurde ihm ge⸗ währt, und er ſah jetzt mit Erwartung und innern Endlich kürrten die Riegel und Schlöſſer — 100— ein trat das unglückliche Weib, bleich wie der Tod und bis zum Umſinken ergriffen; ſie eilte mit aus⸗ gebreiteten Armen und einem lauten Weherufe dem Gatten entgegen, und das Geſicht an ſeinem klopfen⸗ den Herzen verbergend, ſtöhnte ſie, während ihre Thränen unaufhaltſam floſſen: „O, mein geliebter Gemahl! Ach, daß wir uns ſo wiederſehen müſſen. Gott erbarme ſich über uns und unſer entſetzliches Geſchick!“ Der Anblick ſeines Weibes hatte den unglück⸗ lichen Virling unbeſchreiblich erſchüttert, ſeine bisher bewieſene Standhaftigkeit war verſchwunden und ſeine Thränen vermiſchten ſich mit denjenigen der verzweifelnden Gattin. „So iſt denn keine Rettung für Dich?“ rief Eugenie außer ſich und mit erſtickter Stimme. „Es iſt keine für mich zu erwarten,“ erwiederte Virling,„mein Tod iſt feſt beſchloſſen, und für mich die Sonne zum letzten V im Aufgehen be⸗ „O, wie gerne wollte ich mit Dir ſterben“ rief die Weinende,„damit mein Jammer zu Ende kommen möchte. Nun, ich werde Dir gewiß bald folgen, Dein Geſchick wird auch das meinige be⸗ F beßimmen, und wir werden uns in einer ze Wet wiederſehen.“ — 101— Virling ſuchte ſich nach und nach zu faſſen, was ihm auch endlich gelang. „Wir wollen und müſſen unſer Loos als ein Geſchick von Oben betrachten,“ ſagte er,„und uns in Gottes Willen fügen. Ich bin mir nichts Böſen bewußt und bitte zu Gott, daß mein Blut nicht über meine Feinde kommen möge, ſie werden einſt gewiß zu einer beſſern Erkenntniß kommen, freilich wenn es zu ſpät ſein wird. Was Dich betrifft, mein theures Weib, ſo bezähme Deinen Jammer, derſelbe ſchneidet mir in meine Seele; aber er iſt zugleich ein Beweis Deiner Liebe zu mir, und dieſes Bewußtſein, daß mich dieſe Deine Liebe bis zum Tode begleitet, iſt für mich ein erhebendes. Wenn mich Alle läſtern und verdammen, ſo biſt Du es doch, die für mich leidet, für mich duldet und mein Andenken durch Thränen des Leides und des Schmer⸗ zes ehrt.“ „Ach, ich werde Deiner nimmermehr vergeſſen,* ſtöhnte Eugenie,„und Dein Schickſal wird mir bis zu meinem Tode ſtets vor Augen ſtehen. Wellte Gott, ich überlebte dieſen Morgen nicht, um nicht Zeuge des entſetzlichen Ereigniſſes zu ſein. Di ganze Stadt iſt voll Bewegung, das Gefängniß bereits von mehr als tauſend Menſchen und aus allen Straßen und Gaſſen ſtrön leichter; wenn ich Dich ſo ſehen muß, dann iſt Dein eeine Stunde vergangen ſein; endlich kam die Zeit, zu begleiten. — 102— herbei, um zu ſehen, wie Du— ſterben wirſt!— Sterben— Ach Gott, welch ein ſchreckliches Wort, es klingt mir in die Seele hinein wie Todtengeſang.“ „Faſſe Dich, gute Eugenie,“ bat Jakob Virling nochmals, indem er ſein Weib mit Inbrunſt um⸗ armte*), mache mir das Scheiden von Dir dadurch Elend, Dein Jammer nur noch zehnfach bittrer als der Tod.“ Unter dieſem ſchmerzlichen Geſpräch konnte faſt wo ſich die unglücklichen Ehegatten trennen mußten. 1 Eugenie wollte verzweifeln, ſie ſchrie ein Mal über das andere laut auf, und als ſie hierauf faſt mit Gewalt hinweggeführt wurde, da ſank ſie ohn⸗ mächtig auf die harten kalten Steine, und gab kein Lebenszeichen mehr von ſich. Rachdem Virling ſich wieder allein in ſie Kerker befand, kniete er nieder und betete mit In⸗ brunſt zu Gott um ein ſeliges Ende; ſpäter trat ein Geißlicher bei ihm ein, derſelbe hatte den Au⸗ trag zu erfüllen, den Verurtheilten zur Richtſttle Die beiden konnten eine hatbe Sundr. *) Siebe die Abbildung im rilten Heſte. — 8 mn red buch — 168 einander geweſen ſein, als die Thüren des Gefäng⸗ niſſes geöffnet wurden und der Scharfrichter nebſt mehreren Stadtknechten hereintrat. Virling empfing noch das heilige Abendmahl, und dann ſchickte er ſich zu ſeinem letzten Gange an. Bei ſeinem Austritte aus dem Kerker erſchrack er faſt vor der großen Menſchenmenge, die ſich verſammelt hatte. Alle Fenſter waren beſetzt, und in den Straßen ſtanden ſie in dichtgedrängten Schaaren; der Verurtheilte ſuchte ſich jedoch zu faſſen, ſeine Augen verweilten mit großer Ruhe auf den Tauſenden von Geſichtern, die auf ihn ge⸗ richtet waren, und unter den letzteren gab es ſehr viele, denen ſein Schickſal tief zu Herzen ging. Virling ging frei und ungefeſſelt zum Tode, vor und hinter ihm ging eine Abtheilung Haken⸗ ſchützen, neben ihm ſchritt der Geiſtliche her, der ihm Muth und Ergebung zuſprach. Das Schaffot war auf dem Obermarkte er⸗ richtet worden. Der Deliquent beſtieg es mit feſtem Tritt; oben angekommen, wurde ihm ſein Urtheil, welches durch das Schwert vollzogen werden ſollte, nochmals vorgeleſen, dann entkleidete er ſich, ſetzte ſich auf den Stuhl, und wenige Augenblicke ſpäter ſiel ſein Ho pt wohlgetroffen. Während dies vor ſich ging, ſchritt der Bür⸗ — 104— germeiſter unruhig in ſeinem Zimmer auf und ab, zuweilen blieb er am Fenſter ſtehen und betrachtete die Menſchenmaſſe wie ſie vorübereilte, um ein Schauſpiel zu ſehen, das er durch ſeine Wi ver⸗ anlaßt hatte. „Es iſt doch alles ruhig in der Stadt?“ fragte er einen hereintretenden Rathsdiener. „Ja, geſtrenger Herr Bürgermeiſter, man merkt nicht das Geringſte von einer Spur der Unzu⸗ friedenheit.“ „Es iſt gut,“ verſetzte der Frager, indem er eine Bewegung mit der Hand machte, worauf ſich der Diener entfernte. Bald nachher erſcholl der Ton des Armen⸗ ſünder⸗Glöckchens, der Bürgermeiſter fuhr faſt er⸗ ſchrocken vom Fenſter zurück. „Jetzt naht ſein Ende,“ ſagte er in dumpfen Tone,„jetzt geht es mit ihm zum Tode, in dieſem Augenblicke wird ſich ſein Stolz gewiß gelegt haben. Gott ſei Dank, daß es ſo weit gekommen iſt,“ fügte er hinzu,„ich werde nun Ruhe haben und kein Menſch wird es fürder wagen, die Verwaltungs⸗ behörde zu höhnen und ſie auf die Finger zu klopfen, wie weiland dieſer Verbrecher zu thun ſich erdreiſtete.“ Bei dieſen Worten ließ er ſich in einem ge⸗ räumigen Lehnſtuhle nieder und in tiefes antwortete einer von den Gefragten,„ſie hat die iſt erſt vor wenigen Augenblicken wieder zum Be⸗ und dergleichen müſſen wir fern zu ſhn 8 — 105— Rachdenken, aus welchem er durch den Eintrit von zwei Rathsherrn geweckt wurde. Sie brachten die Nachricht, daß die Hinrichtung Virlings vollzogen ſei. Der Bürgermeiſter fuhr raſch von ſeinem Sitze auf.„Und wie hat er ſich dabei benommen?“ fragte er in einem faſt haſtigen Tone. „Vollkommen ruhig und gefaßt wie ein Mann,“ antwortete einer von den Herren,„er betheuerte ſeine Unſchuld, und verſicherte ſeinem Richter Ver⸗ gebung zu.“ „Er hat es bis zum letzten Augenblicke ver⸗ ſtanden, zu imponiren,“ murmelte der Geſtrenge, „um deſto unſchuldiger in den Augen der Menge zu erſcheinen, um deſto mehr mit ſeinen Tugenden zu glänzen. Doch noch eins, meine Herren: wie. hat ſich die Gattin des Verurtheilten dieſer Zeit benommen?“ „Es hat ſie kein Menſch wahrgenommen,“ Zeit über in einer ſtarken Ohnmacht gelegen und wußtſein gelangt.“ „Man wird ſich ihrer Perſon verſichern und ſie unter Aufſicht ſtellen,“ ſagte der Bürgermeiſter; „ſie könnte leicht Veranlaſſung zu Streitigkeiten geben Die beiden Rathsherren ſchauten den Sprecher mit dem Ausdrucke der Mißbilligung und Verwun⸗ derung an. „Ew. Geſtrengen können damit nicht geſagt haben wollen, daß Eugenie Virling verhaftet wer⸗ den ſoll?“ ſagten beide faſt zugleich. Der Gefragte zog eine finſtere Miene. „Das nicht gerade,“ ſagte Jener;„ich meine, man ſoll ſich ihrer Perſon auf einige Zeit verſichern, und ſie nach einem paſſenden Gewahrſam bringen, wo ſie anſtändig gehalten werden ſoll, bis auf Weiteres!“ „Die Ungluckliche iſt ſehr angegriffen,“ be⸗ merkte einer von den Rathsherren. „Dann hole man einen Doktor für ſie, wir wollen ihr durchaus jede Aufmerkſamkeit erweiſen; auch ſoll ſie ſpäter ihren eigenen Willen haben, wohin ſie zu ziehen gedenkt, kein Menſch ſoll ſie daran hindern, nur jetzt ſoll ihre Freiheit i. maßen beſchränkt ſein.“ Die Beiden entfernten ſich, und in Folge der* erhaltenen Verfügung wurde Eugenie noch an dem⸗ ſelben Tage nach einem für ſie beſtimmten Wohn⸗ orte gebracht, wo ſie eingeſchloſſen gehalten wurde, zwar unter dem Vorwande, ihre geſchwächten Kräfte der Leitung des Arztes wieder herzuſtelle — 107— „Ich danke für dieſe Aufmerkſamkeit,“ ſagte vie Wittwe,„und begehre keine Gunſt von den Feinden meines hingerichteten Gatten; zugleich verlange ich, daß man mich in Freiheit ſetzt.“ Das ausgeſprochene Verlangen fand kein Gehör bei den ſie umgebenden Perſonen, und ſtatt freige⸗ laſſen zu werden, ließ man Eugenien immer deut⸗ licher fühlen, daß ſie eine Gefangene ſei. Acht Tage waren nach der Hinrichtung Vir⸗ lings vergangen, als eines Tages der Bürgermeiſter, und zwar gegen Abend, in die Wohnung Eugeniens trat; die letztere wurde durch ſein unerwartetes Erſcheinen nicht wenig in Staunen verſetzt. Was konnte er, der gewaltige Mann, wollen? Eine Unter⸗ redung mit ihm unter vier Augen mußte ſie in große Verlegenheit bringen. Eugenie hatte ſich erhoben bei ſeinem Anblicke und ſtand wie eine Bildſäule ſtill und ſtumm, aber ihre Augen waren feſt und unverwandt auf den Mann gerichtet, der ihren Gatten verurtheilt hatte, und der es jetzt aus irgend einem Grunde unterließ, ſie anzuſehen. „So ſeid Ihr denn wieder beſſer geworden, als in den kurz vorhergegangenen Tagen der Fall geweſen?“ begann der Bürgermeiſter, indem — — 108— binnen kurzer Friſt Eure vollkommene Herſtellung bewirkt ſein wird.“ „Ich ſtaune ob der großen Fürſorge, die Ihr, geſtrenger Herr, gegen mich merken laſſet,“ antwor⸗ tete Eugenie kurz und gemeſſen;„ich kann nicht den Grund errathen, der eine ſolche Stimmung von Seiten des Herrn Bürgermeiſters gegen mich er⸗ weckte, da doch die letzten Ereigniſſe bereits deut⸗ lichen Beweis lieferten von dem Mißfallen, welches— „Schweigt ſtill davon,“ fel ihr der Redende ſchnell ins Wort;„das Geſetz iſt ſreng gegen den Uebelthäter, nicht aber iſt es der Fall, daß es den Unſchuldigen mit dem Schuldigen verdammt.“ „Mein armer Ehegatte war unſchuldig, wie ſo viele ſagen,“ entgegnete Eugenie mit Würde. „So? man ſagt Euer Gatte ſei unſchuldig. Hm, dieſe Behauptung wird und muß ein ſehr übles und nachtheiliges Licht auf ſeine Richter werfen.“ „So iſt es auch,“ erwiederte die Wittwe Virlings. „Das iſt eine freche Behauptung! Doch genug davon, ſagt mir doch oder nennt mir doch gefälligſt diejenigen Perſonen mit Namen, die da ſagen, daß Euer aufrühreriſch geſinnter Gatte unſchuldiger Weiſe hingerichtet worden ſeiz nennt ſie mir, und ſie ſollen von mir eine Erwiederung erhalten, wie ſie ihnen — 109— „Es ſei ferne von mir, daß ich Unheil anrich⸗ ten wolle,“ ſagte Eugenie in feſtem Tone;„o nein! ich werde es nicht thun, darauf könnt Ihr Euch, geſtrenger Herr Bürgermeiſter, gewiß verlaſſen.“ Der letztere machte ein ſehr ernſtes Geſicht. „Ich ſehe ſchon,“ ſagte er hierauf,„Ihr ſeid von denſelben Geſinnungen angeſteckt und beſeelt, wie weiland Virling es geweſen, und das iſt im Grunde genommen kein Wunder, das rührt von dem perſönlichen Umgange und Eurer Stellung zu ihm her, er hat Euch das verderbliche Gift beige⸗ bracht und Ihr laborirt derzeit gar gewaltig daran; nun, wir wollen wünſchen und hoffen, daß es Euch nicht noch mehr Unheil als Ihr bereits er⸗ lebt habt.“ Eugenie betrachtete vn Sprecher einige Se⸗ cunde mit vorwurfsvollen Blicken. „Was könnte mich wohl noch Schlimmeres treffen, als was bereits geſchehen iſt? Habe ich nicht den Wermuths⸗Becher bis zur letzten Neige aus⸗ geleert? Was könnte man noch erſinnen, um meine Qualen zu vermehren, und um meinen Schmerz noch heftiger zu machen? O wahrlich, es giebt nichts mehr auf der Welt, das mich mehr mit Jammer erfüllen könnte, als das Loos meines Gatten; und ich ſage Euch, daß der Tod für mich eine Wohlil — 110— ſein würde, indem er allein meinen Leiden ein Ende zu machen vermag. Doch zu was kann es nützen, Euch, geſtrenger Herr, meine Gefühle und Empfin⸗ dungen zu ſchildern? Ich ſelbſt finde eine Zertheilung meines Seelenſchmerzes darinnen; ſagt mir, was die Urſache Eures Erſcheinens iſt, ich werde es mit Ruhe vernehmen, denn mich vermag nichts mehr in Schrecken zu ſetzen. Habt Ihr mir irgend ein neues Unheil zu verkünden, ſo thut es ungeſcheut, es wird mich nicht mehr erſchüttern, als die Schrecken der letztvergangenen Tage.“ Der Bürgermeiſter war betroffen worden über die freie und furchtloſe Aeußerung der jungen Frau; um ſich aber derſelben gegenüber keine Blöße zu geben, nahm er ein rauhes Weſen an und erwie⸗ derte mit gellender Stimme: „Nun wir wollen ſehen, ob Ihr Muth genug habt, jedem noch folgendem Geſchick mit kecker Stirne Trotz zu bieten. Darum ſo hört denn, was ich Euch zu eröffnen habe. „So eben iſt ein Drohbrief in der Stadt an⸗ gelangt, von dem weitberüchtigten Adam Schwobe, welcher ſchwört, an uns Rache zu nehmen, und zwar deshalb, weil Euer Gemahl auf unſern Befehl im Weichbilde der Stadt Budiſſin von unſern Leuten aufgehoben, anher gebracht, und nach Verdienſt — — 111— hingerichtet worden iſt. Es iſt uns nicht unbekannt, daß Ihr mit jenem Landbeſchädiger Adam Schwobe in Bekanntſchaft geſtanden habt; und ich frage Euch demnach, ob Ihr dieſe bekannte Sache einräumen und uns freiwillig mittheilen wollt, in wie weit ſich die Pläne dieſes Verſchwörers gegen uns erſtrecken, oder ob Ihr es vorzieht, vor den öffentlichen Rath gefordert und als geheime Helferin und Förderin jenes Verbrechers angeklagt zu werden. Ich ſage⸗ Euch, wenn das Letztere geſchieht, dann wird es ſchlimmer um Euch werden; darum leget lieber ein offenes Geſtändniß in meine Hände, und ſeid ver⸗ ſichert, wenn Ihr aufrichtig ſein wollt, daß ich dann das Meinige thun werde, um Euch vor jeder An⸗ fechtung zu ſchützen.“ Eugenie wurde faſt ſichtbar verlegen über die Erklärung des Bürgermeiſters, die ſie überzeugte, daß Adam Schwobe zu handeln angefangen habe, und ſah ſich dadurch in nicht geringe Verlegenheit ver⸗ ſetzt. Sie ſuchte ſich indeß ſo viel wie möglich ge⸗ faßt zu zeigen und erwiederte: „Ich habe nichts mit den Händeln Eurer Feinde zu thun, und dergleichen Angeltz ſi nd ich dafür, wenn Adam Schwobe nit ine — 112— droht, und ich will hoffen, daß man mich nicht mit dergleichen Dingen in Berührung bringen wird.“ „Es wird ſich zeigen, was zu thun iſt,“ erwie⸗ derte der Bürgermeiſter,„und ich erkläre Euch noch, daß Ihr bis zu Ende dieſer Sache als Gefangene hier gehalten ſeid; und wenn ſich künftig irgend ein Merkmal zeigt, das Euch compromitirt, dann mögt Ihr ſehen, auf welche Art Ihr am aus dieſem Handel kommt.“ Mit dieſen Worten wandte der Sprecher Eu⸗ genien den Rücken und ſchritt ſtolz hinweg. Die Letztere ging einige Mal raſch im Zimmer auf und ab, dann ſank ſie in einen Seſſel. Noch iſt nicht alles vorüber,“ murmelte ſie, „rüſte dich, armes Herz, denn ein neuer Sturm iſt im Anzuge begriffen.“ K. Adam Schwobes Rückzug. Als der Bürgermeiſter an demſelben Tage in die Rathsſitzung eintrat, wurde ein Bote angemeldet, welcher höchſt wichtige Nachrichten zu überbringen hatte; zugleich traf ein Schreiben des Rathes von Zittau ein, welches ebenfalls ſehr intereſſanten In⸗ halts war. Es wurde den Görlitzern gemeldet, daß in der Nähe von Gabel ſich zahlreiche Horden zuſammengezogen hätten, die ſich zu einem Zuge gegen die Stadt rüſteten, und binnen kurzer Zeit gegen dieſelbe anrücken würden. Hierauf wurde der Bote vorgelaſſen, derſelbe nannte ſich Hans Teichnitz und war von Hernsdorf bei Wigandsthal, an der böhmiſchen Grenze. Er erzählte, daß Adam Schwobe nebſt Nickel Tſchirn⸗ haus mit einem Heerhaufen von 400 Reitern auf dem Zuge nach Görlitz begriffen ſeien; ſie hatten Adam Schwobe. d. Lieferung, 8 ungen, ihnen als Führer zu dienei⸗ jedoch gelungen, zu entfliehen, und ſo er ſich denn aufgemacht, um der bedrohten Stadt Görlitz dieſe unangenehme Kunde zu überbringen. Hierauf wurde eine Berathung vorgenommen, und das Ergebniß derſelben war, daß man ſo ſchleu⸗ nig wie möglich Mittel zu einer kräftigen Verthei⸗ digung treffen wollte, um den heranrückenden Feinden Trotz zu bieten. Unterdeſſen war Adam Schwobe oder Oelsnitz, wie man ihn öfters benannt findet, mit ſeinen plün⸗ dernden und raubenden Horden bis nach dem Dorfe Küpper bei Seidenberg gekommen; es war gegen Abend, als ſie auf einer Anhöhe anlangten, wo ſie Halt machten, um, wie es ſchien, dieſe Nacht daſelbſt zuzubringen. Schwobe hatte zu jener Zeit gegen 400 Mann Bewaffnete bei ſich, und ſein Erſcheinen ſetzte die ganze Gegend in Furcht und Schrecken*). *) Es hieß in einer alten Chronik hierüber wie folgt: Adam Schwobe, als Feind der Görlitzer, erſchien mit einem Haufen von 400 Mann und plünderte die Gegend von Küp⸗ per, Schönberg, brannte dieſe Oerter nieder, und ſuchte die Laufitz ſchwer heim durch Raub und Plünderung. — — — 115— Begleitet von einer Rotte rauberiſcher Kriegs⸗ knechte, begab ſich Nickel von Lſchirnhauſen, welcher ſich mit im Zuge befänd, in das Dorf hinein, um zu plündern, man hatte dazu den Hof, unweit der Kirche, auserwählt, und hoffte daſelbſt gute Beute zu machen. Der Gutsherr zeigte ſich nicht geneigt, das Seinige ohne Einwendung verabfolgen zu laſſen, er ſetzte ſich vielmehr gegen die Räuber zur Wehr, wobei einer von den letzteren hart verwundet wurde. Dieſer Vorfall ſollte für die Bewohner von Küpper verhängnißvolle Folgen häben. Im Nu hatte ſich die Nachricht von dem aus⸗ N gebrochenen Streite unter den unterhalb des Dorfes lagernden Horden verbreitet, und von Zorn und Wuth entbrannt, ſtürmten ſie herbei und fielen wie wüthend in die Wohnungen, wo ſie raubten und erſtörten, was ihnen in die Hände kam. Bei dieſer Gelegenheit geſchah es, daß in einem Bauernhofe Feuer ausbrach, welches von 4. heftigen Winde angefacht, ſich binnen kurzer Zeit über die Wohnungen der Nachbarſchaft verbreitete, und einen großen Theil des Dorfes in Aſche legte⸗ Es war für Küpper eine ſchreckliche Nacht, das Vieh wurde gewaltſam von den — 116— geführt, und das Geſchrei der Rinder und das Wiehern der Pferde erſcholl ſchauerlich durch die von den Flammen erhellte Nacht; alles floh, um ſich zu retten vor der Mißhandlung jener Kanibalen, die mit teufliſchem Gebrüll durch das Dorf tobten und allerhand Frevel verübten, deſſen Beſchreibung wir indeſſen unterlaſſen wollen. Von hier wandten ſich die Mordbrennerrotten nach Schönberg, wo ſie ein nicht minder ſchändliches Andenken zurückließen, als in Küpper. Das ganze Städtchen wurde faſt geplündert, und beim Abzuge ſetzten ſie einige Häuſer in Brand. Das Feuer verbreitete ſich ſchnell, und zwei Gaſſen wurden dadurch in Schutt und Aſche gelegt. Dieſe Ereigniſſe erfüllten die Görlitzer mit Furcht und Bangigkeit, und es wurde beſchloſſen, ſofort eine Geſandtſchaft nach Budiſſin zu ſchicken, um bei dem Landvogt von Stein Hülfe zu ſuchen; aug die übrigen Städte wurden darum angegangen. Allein man erhielt keine Unterſtützung in dieſer Noth; der Landvogt empfing die Geſandtſchaft mit großer Kälte, und auf das geſchehene bewegliche Anſuchen erklärte er der bedrohten Stadt:„Sie dürfe ſich ſeiner Hülfe nicht verſehen, denn er hätte von ſeiner Sorgfalt wenig zu genießen, und könne ſich der 2 4₰ ———— — 3 Görlitzer wegen nicht große Mühe machen.“ Wo⸗ rauf die Geſandtſchaft, ohne Hülfe erhalten zu können, wieder heimkehrte. „In gleicher Weiſe zeigte ſich der Adel der nn fand ſich lieber in Güte mit dem räuberiſchen Oelsnitz ab, als daß er wegen der Stadt ſich den Plündernden entgegen ge⸗ ſtellt hätte. So geſchah es denn, daß die Räuber unge⸗ hindert die Gegend von Görlitz durchziehen und allerhand Frevel verüben konnten. Sie näherten ſich jetzt mit Sturmſchritt der Stadt und begannen die einzeln ſtehenden Häu⸗ ſer zu plündern; ein großes Vorwerk, A. Sporn gehörig, wurde angezündet und ging in Flam⸗ men auf, wobei die Stadt in ſehr große Gefahr gerieth, allein der Wind ſtrich glücklicherweiſe * ab und es wurde dadurch viel W und wi glück abgewendet. Bei der ſtarken Befeſtigung und guten Gegen⸗ wehr war es den Räubern nicht möglich, große Vortheile zu erringen, es war nicht daran zu den⸗ die Stadt zu gewinnen; und als ſpäter die Breslauer ihre Hülfe zuſagten, und den v Delsniz aufforderten, von ſeinem Weſen ahſen da — 118— „ wandte er ſich mit ſeinen Schaaren nach Sprottau zu, wo er eben ſo wihſchatete⸗ als in den vor⸗ benannten Oertern. Dieſe Vorgänge geben uns einen traurigen Beweis von den Bedrängniſſen, welche der ruhige Bürger, zur Zeit des Fauſtrechts, ſo oft ver⸗ ſetzt wurde; er war weder daheim noch auf der Reiſe, ſeines Gutes und Lebens ſicher, überall Raub, Mord und Mißhandlung, der Schwächere mußte dem Stärkeren unterliegen, und ſelten geſchay es, daß ihm Recht wurde, und wir ſehen daraus, daß die geprieſenen alten Zeiten auch ihre ſehr ſchwarzen Schattenſeiten aufzuweiſen haben. Nachdem Adam Schwobe die Gegenden der Niederlauſitz längere Zeit gebrandſchatzt hatte, zer⸗ theilte ſich ſein Haufen nach einem hitzigen Gefecht, wobei Nickel Kottwitz, ein berüchtigter Freund des Obigen, geſchlagen wurde. Die Görlitzer nahmen bei dieſer Gelegenheit Barthel, Kotwizen und Rackeln von Küpper gefangen, ſie wurden nach Görlitz geführt, um gerichtet zu werden, allein die Herren des Fürſtenthums Großglogau verlangten af Veranlaſſung des verwandten Adels, die Frei⸗ heit der Gefangenen, weshalb ſie, wie es heißt, ehhgen hinweggekommen ſind. . ———— — 119— Während dieſer Zeit hatte Eugenie ſich noch immer in ihrer Haft befunden, und der Bürger⸗ meiſter von Görlitz war bemüht geweſen, ſie dem Rathe ſo verdächtig als möglich zu machen; allein ein unerwarteter Vorfall ſollte das unglückliche Weib endlich erle Peiniger befreien. Der Bürgermeiſter Brückner war ein genuß⸗ ſüchtiger und verſchwenderiſcher Mann, er hatte viel Schulden gemacht und ſeine Gläubiger fingen an ihn zu peinigen; er vermochte es nicht, ihren Forderungen Genüge zu leiſten, und war eines Tages aus der Stadt verſchwunden, kein Menſch wußte, was aus ihm geworden ſei, und die erbit⸗ terten Gläubiger verfolgten ihn allenthalben, jedoch ſie konnten über ſeinen Aufenthalt nichts erfahren und hatten weiter nichts für ihr Geld, als das leere Nachſehen*). Die Flucht des Bürgermeiſters machte in der Stadt großes Aufſehen, und ſein Verſchwinden öffnete zugleich den Aelteſten der Stadt die Augen, und es ſtellten ſich große Veruntreuungen heraus, „ *) Der Entflohene iſt niemals wieder nach Görli, gekommen, ſein Sohn ſtand in großem Anſehen beim Könige Wladislaus und wurde unter dem Namen von Brücenein geadelt— ſchöne Ahnenſchaft!!! — 120— kurz, Hieſe Umſtände bewieſen, daß im Rathe große Unordnung zu jener Zeit geherrſcht haben mag. Die Gattin Virlings wurde hierauf frei und man geſtattete ihr, ungehindert die Stadt zu ver⸗ laſſen; ſie hielt ſich noch eine Woche daſelbſt auf, dann ſagte ſie einem Orte Lebewohl, der ſo bittere Erinnerungen in ihrer Seele wach hielt. 8 ——— l. Nachrichten vom Schloſſe Tal⸗— kenſtein. Nach Beendigung des großen Raubzuges be⸗ gaben ſich der v. Oelsnitz und ſein Freund Rickel von Lſchirnhauſen wieder nach den friedländiſchen Beſitzungen zurück, wo ſie ſich ſicherer wähnten, als in irgend einem andern Theile des Landes. Franz Wiedebach lebte hierauf wieder in Ge⸗ ſellſchaft mit Barbara ziemlich einſam, die letztere hatte ſich durch die letzten Ereigniſſe in der Wolfs⸗ ſchenke überzeugt, daß ihr Brodherr mit dem hier herum hauſenden ſchlechten Geſindel im Einvezſtnd⸗ niſſe lebe, und dieſes Bewußtſein machte aß ihre Ehrlichkeit einen ſehr tiefen und unangenehmen Eindruck, ſie hätte gerne dieſe Wohnung verlaſſen, allein ſie ſah keinen Weg zu einem andern unter⸗ kommen vor ſich, und war demnach faſt — 122— zu ueben, wenn ſie nicht Gefahr laufen wollte, in die ärmlichſen und zuei⸗ Verhältniſſe zu gerathen. F Der eintretende Winter machte das Bewohnen der abgelegenen Schenke noch viel unangenehmer, zudem ſprach ſelten ein Gaſt hier ein, indem ſich in der Umgegend ein Gerücht verbreitet hatte, wo⸗ nach es für den Reiſenden nicht rathſam ſei, in der Waldſchenke einzukehren und Quartier zu machen. Zuweilen geſchah es, daß Wiedebach zu nächt⸗ icher Zeit Beſuch von ſeinen geheimen Freunden erhielt, welchen er gewöhnlich Kunde gab, wenn ſich irgend eine Begebenheit von Intereſſe ereignete. Eines Tages, es war im Februar, langten eine Anzahl Ritter vor der Schenke an, unter ihnen befanden ſich, als beſonders erwähnenswerth: Ni⸗ kolaus von Greifenſtein, Chriſtoph Talken⸗ berg, Barthel v. Kottwitz, Rakel v. Küpper, Nickel v. Tſchirnhaus und v. Lie⸗ benſtein. DDer zuletzigenannte war ein ſehr vertrauter Freund des Adam Schwobe, beide waren bisher immer eng mit einander verbunden geweſen und hatten manchen unritterlichen Streit mit unternommen. Franz Wiedebach ins ſeine Gäſte mit ſ ict⸗ — 123— barem Vergnügen, er kannte ſie ſämmtlich ſehr ge⸗ nau und ſtand auf einem ſehr vertrauten Fuße mit ihnen, und nachdem ſie abgeſtiegen und ihren Knechten die Roſſe übergeben hatten, begann er die Pokale zu füllen, und alles zur Bewirthung Gäſte in Bereitſchaft zu ſetzen. Unter den Gäſten Wiedebachs haben wir be⸗ ſonders wieder zu erwähnen, deren Bekanntſchaft wir im vorhergehenden Kapitel machten. Es war dies Barthel Kottwitz und Rakel v. Küpper, beide waren, wie ſchon erwähnt, in einem Treffen gegen die Görlitzer gefangen, jedoch auf Vermitte⸗ gung wieder frei gegeben worden; ein dritter Ge⸗ noſſe Nickel Kottwitz, Bruder des Barthel Kott⸗ witz, war jedoch im Gefecht erſchlagen worden. Der Tod des letztgenannten hatte ſeinen Bruder und deſſen Freunde mit großer Erbitterung gegen die Görlitzer erfüllt, ſtatt denſelben für die ihnen zu Theil gewordene Freilaſſung dankbar zu ſein, ſchmiedeten ſie neue Pläne zum Nachtheil der an⸗ gefochtenen Stadt, die kaum aus einer Unannehm⸗ lichkeit herauskommen konnte, bevor ſie in eine neue verwickelt wurde. Chriſtvph v. Talkenſtein, ein Genoſſe ves Adam Schwobe, welcher die Landſchaften der Lauſitz mit brandſchatzen palf, erhob ſeinen Becher und vief — 124— ſich im Kreiſe ſeiner Gefährten umblickend:„Holla! Ihr Herrn Ritter; ſtoßt an, daß wir die Görlitzer züchtigen wollen! Nicht aber daß ſie uns, wie ehe⸗ mals Barthel Kottwitz und Rakel von Küpper ge⸗ fangen nehmen. Barthel Kottwitz und ſein Freund Rakel v. Küp⸗ per machten eine böſe Miene zu dieſem Spruche. „Glaubt Ihr etwa, unſere Gefangennehmung ſei eine Folge der Feigheit geweſen?“ rief Barthel v. Kottwitz;„wer dieß behauptet, iſt ein elender Wicht!“ fuhr er fort,„wir haben uns tapfer ge⸗ halten, und erſt als uns die Beugbauer auf den Nacken kamen, gelang es den Görlitzern, ſich unſrer zu bemächtigen. Ha, ha, wir machten ihnen heiß genug, bevor wir uns ihnen ergaben.“ 3„Wills glauben, lieben Freunde,“ ſagte Nickel von Lſchirnhaus, indem er ſeinen Pokal ergriff und empor hob,„nun laſſen wir es dahingeſtellt ſein, wie es damals geweſen iſt; ſtoßt lieber mit mir an, das wird das beſte ſein. Krieg und Fehde den Sechsſtädten*)! laſſen wir ſie nimmer Ruhe finden in ihren feſten Löchern!“ Alle Ritter ſtimmteu mit Tſchirnhaus ein, und — Siehe vie Abbildung in dieſem Hefte. — 125— ſie tranken in vollen Zügen auf gutes Glück in 5 ihren bevorſtehenden Unternehmungen. Während die Ritter im beſten Zechen vegrißen waren, langten abermals neue Gäſte an. Es war Adam Schwobe nebſt einem ſeiner Freunde Hans v. Maxen; ſie wurden mit wildem Jubel von den Anweſenden empfangen, und die vollen Becher wurden im Nu auf das Wohl der Angekommenen geleert. „Willkommen, Freundchen!“ rief Chriſtoph v. Talkenſtein, indem er Schwoben entgegentrat; „wir haben lange genug warten müſſen, ehe Du Dich ſehen ließeſt. Was giebt es Neues im Lande?“ Adam Schwobe ſah ſeinen Freund mit einem Blick an, welcher unverkennbares Staunen verrieth. „Faſt traute ich bisher meinen Augen nicht,“ ſagte er,„Dich hier zu ſehen, während Deiner Burg ſo großes Unheil droht.“ „Was redeſt Du von Unheil?“ rief Laltenſein lachend,„was kann einer feſten Burg für Unheil drohen? ſchaut ſie nicht kühn genug herab, von der Stirn des Felſenhorſtes, um jedem Angriff Trotz zu bieten? Doch rede! was könnte mir Beran Beunruhigungen geben?“ „Nun, das ſollſt Du ſogleich erfahren. D iſ, wie Ihr ſeht, mein Freund Maren von Böhmen vaß von dieſer Burg aus große Räubereien verüßt —————————————— — 126— herüber gekommen, und theilt mir die Kunde mit, daß ſich Land und Stadt gegen die Burg Talken⸗ ſtein rüſten. Fragt ihn ſelbſt, er vermag es, genaue Nachrichten über das bevorſtehende Ereigniß zu ertheilen.“ „Auf dieſe Rede verſammelten ſich die Ritter um Hans v. Marxen herum. Unter ihnen war Chriſtoph v. Talkenſtein, welcher im Innern von großer Unruhe erfüllt wurde. Der Letztere hegte mit Maxen bereits ſeid längerer Zeit vertraute Freundſchaft. „Sprich, Freund! Was iſt Dir zu Ohren ge⸗ kommen über dieſen für mich höchſt wichtigen Um⸗ ſtand? Und woher haſt Du die Kunde, daß meiner Burg Gefahr drohet, erhalten?“ Der Aufgeforderte begann, nachdem alles ruhig geworden war, in folgender Weiſe: „Als ich vorgeſtern vom Schloſſe Kynaſt gen Friedeberg ritt, ſah ich einen großen Troß von Rei⸗ tern und Fußvolk dem Gebirge zu ziehen, und auf mein Befragen, wem dies wohl gelten möchte, ver⸗ nahm ich, daß auf Befehl König Matthias ein Zug gegen die Burg Talkenſtein unternommen werden ſollte, woran ſich die Mannſchaften ſämmtlicher Sechsſtäbte betheiligen würden. Man erzählte mir, — 127— worden ſeien, und die Reiſenden, ſo durch die lem bergiſche Haide zogen, heftig beſchädigt, geplündert und gemordet worden wären. Auf Grund dieſer Anklage hat demnach der König befohlen, die Raub⸗ burg zu belagern und von Grund aus zu zerſtören.“ Chriſtvph v. Talkenſtein erröthete im Gefühl ſeines bisher begangenen Unrechts, bald aber wurde er wieder blaß wie ein Schatten. Der Gedantke an die Gefahr, welche ihm und ſeinem ganzen Hauſe drohte, erfüllte ihn mit der lebhafteſten Un⸗ ruhe, und der Aufenthalt in der Waldſchenke wurde von Minute zu Minute unerträglicher. „Freunde! meines Bleibens iſt nicht länger hier!“ rief er, ſeinen Helm ergreifend;„ich muß eilen, um heim zu kommen, bevor mir die Bela⸗ gerer diz Rückzug in meine Burg abſchneiden. Wer iſt unter Euch, der das Herz hat, mich dahin zu begleiten? um Zeuge zu ſein, wie tapfer ſi ſich der Talkenſteiner gegen ſeine Feinde hält. Iſt Nie⸗ mand kühn genug, dieſen Ritt mit mir zu wagen?“ „Ich folge Euch, Herr Ritter!“ rief Heinrich v. Liebenſtein, indem er dem Genannten die Hand reichte,„ich will mit nach dem Schloſſe Talkenſtein ziehen, eine Gefahr ſoll mich davon abhalten!“ wenn Du mit ihm gehſt, dann werde ———— — 128— ich auch nicht zurückbleiben,“ fügte Adam Schwobe hinzu, der Freund des Liebenſteiners;„wir, als alte gute Freunde, dürfen einander nicht im Stiche laſſen, es wäre dies ein ſchimpfliches Benehmen für uns.“ Barthel von Kottwitz und Rakel von Küpper, nebſt einigen ihrer Genoſſen, zeigten weniger Lußt, mit gen Talkenſtein zu ziehen, die Andern ließen darüber einige Bemerkungen von Feigheit und der⸗ gleichen fallen, was ſie ärgerte; allein ſie verſchluck⸗ ten ihren Aerger, und blieben bei ihrem gefaßten Entſchluſſe, zurückzubleiben. Der Aufenthalt in der Schenke zum rothen Wolf war nun nur noch von kurzer Dauer. Chri⸗ ſtoph v. Talkenſtein traf ſchnell Anſtalten, um nach ſeiner Burg aufzubrechen, wohin ihm Adam Schwobe, nebſt mehreren von den Rittern, folgten. Und als ſie ſich nach kurzem Abſchiedsgruße entfernten, blieben Barthel v. Kottwitz, nebſt Rakel v. Küpper und Nickel v. Tſchirnhauſen, mit einigen Knechten in der Wohnung Wiedebachs zurück. „Ich würde nicht mit ihnen reiten, und wenn alle Schätze der Welt auf dem Talkenſteine aufge⸗ ſpeichert lägen,“ ſagte Rakel v. Küpper, ein feiger ſchuftiger Menſch, der vor keiner Niederträchtigkeit zurückbebte, wohl aber jede Gefahr mit Bangigkeit herankommen ſah.„Ich wette, es iſt um die Burg, — 129— ſowie um unſere Freunde geſchehen.— Die Ver⸗ bündeten werden ihnen arg genug mitſpielen.“ „Sei es drum,“ rief Nickel Sſchirnhaus,„mir ſoll es wenig Mißmuth bereiten, wenn ſie den Tal⸗ kenſteiner gefangen nehmen und auf die Zinnen ſeiner eroberten Burg hängen, ich kann ihn nicht leiden, weil er, wie es mir dünkt, Adam Schwobe von uns ab und in ſeine Intereſſen zu ziehen be⸗ müht iſt, und dieſer iſt auch völlig für ihn einge⸗ nommen; zu was braucht er ſich ſonſt von uns zu trennen und mit ihm zu ziehen?“ „Es geſchah um ſeines Freundes willen,“ er⸗ wiederte Barthel von Kottwitz,„denn der Heinrich von Liebenſtein iſt Adam Schwoben ans Herz ge⸗ wachſen, ſie laſſen einander nicht ſo leicht im Stiche, was ich von früher her noch weiß.“ „Hm, das ſind einfältige Narrenspoſſen,“ ſagte Franz Wiedebach, der Waldwirth,„laßt es nur ſo weit kommen, daß man den einen zum Galgen führt, um ihn mit Stiefel und Sporen aufzuhãän⸗ gen, dann wird der andere gewiß Reißaus nehmen, denn es wird ſich nicht einer für den andern auf⸗ knüpfen laſſen, darauf will ich wetten.— Gebt Acht, es kann kommen, daß ſie bei dieſer S Adam Schwobe. 3. Lieferung. E— heit übel genug ankommen, und es ſollte mir nicht angenehm ſein, wenn Adam Schwobe den Kürzeren ziehen ſollte.“ Wiedebach hat recht,“ rief er,„und ich wünſchte rich von Liebenſtein recht bald in Erfüllung ginge, he,“ fuhr er zum Waldwirth fort,„bringe uns noch einige friſche Kannen voll, wir wollen auf dieſes Vergnügen hin anſtoßen und zugleich Gott hitten, daß er uns vor einem gleichen Schickſale bewahre; ich kann's Euch geſtehen, es wird mir oft warm um's Herz, wenn ich zuweilen vor einem Galgen vorbei reite und da irgend einen wackern Burſchen hängen ſehe, welchen die Städter dahin beförderten. Alle Donner, es iſt zum verwünſchen, daß dem verdammten Bürgervolk ſo viel Gerech⸗ tigkeit verliehen iſt, ſie werden von Tag zu Tag kecker und ein Ritter gilt ihnen ſo viel wie ein Laſträger, wo ſoll dies noch hinaus und wenn es ſo fort geht, ſo haben wir in wenig Jahren nicht mehr ſo viel Recht, unſere Streitroſſe außerhalb unſerer Burgen zu tummeln.“ Franz Wiedebach hatte unterdeſſen friſche La⸗ Rakel von Küpper lachte höhniſch.„Freund nur, daß ſeine Prophezeihung in Bezug auf Hein⸗ bung herbeigebracht und Rakel von Küpper bewies — 131— ſich höchſt tapfer in der Zeche, er ſchwemmte ſeinen Aerger über das Benehmen der Bürgerſchaften umher mit einem vollen Kruge hinunter und hörte nicht eher auf zu trinken, bis ihm die Zunge ſchwer geworden und ihm ſeine Glieder den Di ſt fi Ell Neue Fehden. In der Frühe des folgenden ßen die drei Ritter die Waldher Morgens verlie⸗ ge, begleitet von nachzugehen.— Eine Gelegenheit dau fand ſich ſehr bald. berg, Heinrich von der Dauba und ſein Sohn Jaroslaw in heftiger Fehde mit den Zittauern, ſie hatten bereits faſt alle Dörfer um die Stadt herum thauz ſtädtiſchen Gütern hinweg und raubten Alles, was die Landleute beſaßen, ſie waren jedoch nicht kühn genug, ſi ich gegen die Stadt ſelbſt zu wagen. Auch die Oriſchaften Petau, nitz wurden niedergebrannt. ihren Knechten, um ihrem Handwerk von Neuem Um dieſelbe Zeit lag Beneſch von Michels⸗ eplündert und brannten das Dorf Gar⸗ heil nieder, führten das Vieh aus den Gegner unvermuthet heranziehen und au Zu dieſen Landbeſchädigern wandten ſich nun auch die Ritter Rickel von Tſchirnhauſen, Rakel von Küpper und Barthel von Kottwitz, wo ſie auch willkommen waren, indem ſich die Räuber ſo viel wie ſie konnten, bemühten, ihre plündernden 62 den zu verſtärken. In dieſer großen Noth wandten ſch Zü⸗ tauer an die in Budiſſin verſammelten Stände um von denſelben Hülfe zu erbitten, allein dieſelbe terblieb und die gute Stadt war in ihrer Si verlaſſen. Doch da nahte uwerl Hilfe von Ferne, indem von Leipzig eine heldenmüthige Schaar jun⸗ ger Studenten heranzogen, um den Bedrängten Unterſtützung zu gewähren. Es waren deren meh⸗ rere Hundert. Sie hatten ſich ſämmtlich mit einem gruͤnen Kreuze, das ſie auf ihren Wämſern trugen, bezeichnet, und halfen der Bürgerſchaft redlich ſtreiten. Beneſch von Michelsberg ſah den kräftigen. vor einer zu erwartenden Niederlage zog er ſich in die Gegend von Schluckenau zurück, allein die Sen nebſt ihren Verbundeh 6 ihm nach — 134— Beneſch v. Michelsberg ordnete ſeine Leute zum Gefecht und wurde mit einer ſolchen Heftigkeit an⸗ gegriffen, daß ſeine Räuberbande nicht Stand hal⸗ ten konnte. Es wurde eine förmliche Schlacht ge⸗ liefert, welche zum Nachtheile der Raubritter endete. Alles floh, was fliehen konnte, und was nicht ge⸗ fangen wurde, mußte über die Klinge ſpringen. Heinrich von der Dauba wurde gefangen genom⸗ men, ſein Sohn Jaroslaw kam im Gefecht um und der Michelsberger konnte ſich nur durch die ſchnellſte Flucht retten. Barthel v. Kottwitz und Rakel v. Küpper flohen bei Zeiten, denn wir wiſſen bereits, daß ſie ſeige Schurken waren, die es wohl verſtan⸗ den, ſich durch Raub und Plünderung auszuzeich⸗ nen, aber im Gefecht den Feind lieber mit dem Rücken anſahen, als ihm im Kampf die Stirn zu bieten. Nickel Tſchirnhaus hatte ſich ebenfall aus dem Staube gemacht und traf ſpäter in der Schenke eines enilegenen Dörfchens mit ſeinen beiden Ge⸗ fährten wieder zuſammen. „Ei, das war ein harter Strauß,“ 6 Ratel v. Küpper zu ſeinem Freunde Kottwitz. Die Kreuz⸗ ritter von Leipzig haben uns verteufelt warm ge⸗ macht, faſt hätten ſie uns in ihre Gewalt bekom⸗ nen vg Pan meinem guten pferde⸗ es retete — 135— mich diesmal vom Galgen. Der arme Beneſch von Michelsberg, wenn ſie ihn erwiſchen, dann iſt„ er verloren.“ „Es iſt ihm gelungen, zu entkommen,“ ſagte Nickel von Tſchirnhauſen,„deſto ſchlimmer wird es ſeinem Verbündeten, Heinrich von der Dauba gehen, den haben ſie gewiß, ich ſah es mit meinen eigenen Augen, wie er gefangen genommen und ſortgeführt wurde, ſeine Rüſtung war über und über mit Blut bedeckt, er mochte ſich tapfer gewehrt haben.“ „Sie werden ihn zum Lohne für ſeine Tapfer⸗ teit auftnüpfen,“ ſagte Barthel Kottwitz,„das wird das Ende ſeiner Thaten ſein, nun, ich wünſche ihm ein ſeliges Stündlein und uns eine glückliche Fahrt aus dieſer verdammten Lage, die nich weniger as ſcher iſ.“ „Ich befürchte nun nichts mehr,“ erwiderte Rakel v. Küpper,„ſind wir doch weit genug vom, Kampſplatze entfernt, als daß ſich einige Nachzüg⸗ ler hierher verlaufen könnten, zudem fühle ich mei⸗ nen ganzen Muth wieder erwachen, und ich glaube, wenn es jetzt noch einmal losgehen ſollte, ich würde die Feinde zu Paaren vor mir her treiben.“ Bei dieſen Worten zog der Held v. au er ſein blankes blutloſes Schwert und focht 3 — 136— in der Schenke umher, ſo daß die Kinder des Wir⸗ cches laut ſchreiend zur Thür hinausrannten. 3„Nur Geduld, Freund Rakel,“ ſagte Nickel v. Tſchirnhaus in höhnendem Tone, der ſich über den prahleriſchen Feigling ärgerte,„Du wirſt vielleicht beute noch Gelegenheit finden, Deinen Muth gegen den Feind zu proben und ich wünſche dabei, er ann Stich halten möge.“ „O ſie werden nicht kommen,“ verſetzte Rakel, wenn ſie kommen, dann Gnade Gott ihnen, ich werde keinen Pardon geben, nicht dem Kinde im Mutterleibe.“ Eein Getöſe von ferne unterbrach den Sprecher, er ſchwieg ſtill und ſeine beiden Gefährten ängſtlich anſehend, ſagte er mit verlegenem Geſicht:„Horcht,. was iſt denn das, was bedeutet das laute Rufen und Schreien in der Nähe.“ In demſelben Augenblic trat der Wirth her⸗ ein.„Heilige Mutter, hilf mir,“ rief derſelbe be⸗ ſtürzt,„ſoeben iſt eine S Lewaßte im Dorfe angekommen.“ Wie? was?“ rief Rakel v. Küpper erſchro⸗ cken,„Bewaffnete? das wäre eine ſchöne Geſchichte, wenn—— auf, auf, eilt nach den Pferden, da⸗ mit wir ihnen entgehen.“ Hoho) wohin iſt Dein Muth?“ erwiederte — 17— Rickel von Tſchirnhauſen,„wollteſt Du nicht i Feinde zu Paaren treiben, und jetzt willſt Du ſchon davon laufen, bevor Du auch nur eine ſeindliche Klaue zu Geſicht bekommen haſt, Du biſt ein jäm⸗ merlicher Menſch und Deine Furcht macht Dich mir verächtlich.“ Rakel von Küpper hörte nicht auf das Ende dieſer Rede, er war vielmehr ſchon bei der Hälfte derſelben hinausgeeilt, um ſich auf ſein Pferd zu werfen, worauf er wie toll in dem Dorfe hinab iagte, einige Bauern, welche ihn ſahen, wollten ihm den Weg verſperren und ſchlugen mit langen Stan⸗ gen nach dem ſchnaubenden Roſſe, welches dadurch noch mehr zur Flucht gereizt wurde und i ſei⸗ nen Reiter ſchnell aus der Gefahr befreite, vor welcher ſeine Seele zurückbebte, er erreichte glücklich das freie Feld und jagte wie beſeſſen davon. Deſto ſchlimmer kamen ſeine beiden zurückge⸗ bliebenen Gefährten bei der Sache weg, indem ſie von den zuſammengelaufenen Dorftewohnern an⸗ gegriffen wurden und ſich nur mit Mühe hindurch ſchlagen konnten, ſie geriethen in die größte Ge⸗ fahr, gefangen zu werden, indem wie ſchon erwähnt, ein Trupp Bewaffneter herbei kam, welcher Verfolgung der verſprengten Feinde a war und zum Theil aus Studenten und —— beſtanden, die ſich vereinigt hatten. Der Landvoigt von Sternberg führte den Zug an und brachte zu⸗ gleich den gefangenen Raubritter, Heinrich von der Dauba, mit ſich, um ihn als gefangenen Landbe⸗ ſchädiger ſpäter verurtheilen zu laſſen. Die Herangekommenen, welche größtentheils aus Unberittenen beſtanden, ſuchten ſich der beiden fliehenden Gegner zu bemächtigen; allein die Schnel⸗ ligkeit, womit jene von ihren ſtarken Pferden fort⸗ getragen wurden, ließ dieſes Verlangen unerfüllt, und ſo war es denn dem ſchmucken Kleeblatt zum zweiten Male gelungen, ſich ungeſchlagen zu retten⸗ Wir verlaſſen die Fliehenden und begleiten den Zug mit dem Gefangenen, welcher nach Schluckenau gebracht wurde, wo man ihn feſt einkerkerte. aAm folgenden Tage wurde über den Ritter Heinrich von der Dauba Gericht gehalten. Die Sitzung währte nur kurze Zeit, und noch an dem⸗ ſelben Tage erfolgte das Urtheil, daß der Gefangene mit Sporen und Rüſtung an den Galgen gehangen werden ſollte. „Die Vollziehung dieſes Spruches wurde eben⸗ falls ſofort vorgenommen, und nachdem man den Raubritter davon benachrichtiget hatte, wurde er ſi inem Kerker heraus, und unter einer zahl⸗ — 139— reichen Menſchenmaſſe zur Stadt hinaus und n Galgen geführt. 5 Der Deliquent bewies ſich bis auf den letzten Augenblick als ein trotziger verſtockter Verbrecher; er knirſchte in ſeiner Wuth mit den Zähnen, als er das unheimliche dreibeinige Monument erblickte, das er beſteigen ſollte, doch es half ihm nichts, und nachdem er es mit angeſehen, wie der Henker ſeinen Helm und Schild zerbrochen und das Wap⸗ pen an den Galgen genagelt hatte, legte man ihm die Schlinge um den Hals,— noch einige Augen⸗ blice, und der Schelm appete in der Luft und machte gewaltige Sprünge, bis endlich* Seele geflohen war. „So ſollen ſie nach und nach alle die⸗ jenigen, welche mit Frechheit den Frieden des Lan⸗ des ſtören,“ ſagte der Landvoigt von Sternberg mit lauter Stimme,„und ich werde nicht ruhen und raſten, bis es mir gelungen iſt, das Land von jenen Unruhſtiftern zu ſäubern, einerlei, weß Stan⸗ des und Namens ſie auch immer ſein mögen.“ Ein lautes Beifallrufen folgte auf dieſe Rede, ve in flogen unter lautem Jubel 6 ½ i — 140— Seiten.„Heil ihm! dem Beſchützer aller braven Bürger, deren Wohl er zu befördern bemüht iſt.“ Von hier aus zog der Landvoigt mit ſeinen Reiſigen und den Studenten von Leipzig nach Löbau zu, wo die Herren von Wartenberg und Teiſchen nebſt ihrem Anhange mit großer Macht zu Roß und zu Fuß herumſtreiften, brannten und raubten. Nachdem ſie große Beute gemacht, wollten ſie da⸗ mit heim ziehen; jedoch der Landvoigt erwartete ſie mit ſeinen Leuten bei dem ſogenannten breiten Berge, wo ſich die Letztern in drei verſchiedene Haufen theilten. Die Ritter von Wartenberg ſchickten jedoch Kunpſchafiter aus, um zu ſehen, ob die Gegend ſicher ſei. Dieſe wurden jedoch von den Reiſigen des Landvvigts aufgehoben, der ſie hierauf über den Plan der Ihrigen befragte und ihnen bei Ver⸗ ſchweigung der Wahrheit mit einem ſchrecklichen Tode drohte. Jene geſtanden nun alles, was ihnen nur irgend bekannt war. Hierauf ſtellte der Landvoigt einen ſeint Leute auf den Gipfel des breiten Berges und ließ den Wartenbergern vermöge einer Fahne ein aufmun⸗ s Zeichen geben, worauf ſich dieſelben näher⸗ waren keines Angriffs gewärtig und als tlich die Zittauer mit ihren Verbündeten gegen ſie heran kamen und ſich mit ganzer Gewalt auf ſie warfen, da ergriffen ſie eiligſt die Flucht und ließen das ſämmtliche geraubte Vieh im Stiche, welches ſie in einem langen Zuge vor ſich herge⸗ trieben brachten. Die Räuber erlitten hier eine ſtarke Nieder⸗ lage, gegen zweihundert waren auf dem Platze ge⸗ blieben, unter ihnen befand ſich auch ein gewiſſer Hans von Lottitz, welcher in Schirgiswalde wohnte. Von den Verbündeten waren auch meh⸗ rere geblieben, die man mit nach Zittau hinab führte, wo ſie unter großen Feierlichkeiten beerdigt wurden. So waren denn zwei heftige Feinde bezwungen und die gewichene Ruhe wieder gewonnen worden. Die Kämpfer von Leipzig hatten ihre Aufgabe voll⸗ kommen erfüllt und nahmen jetzt Abſchied von den dankbaren Bürgern, die ihnen das Geleite bis weit vor die Stadt gaben, wo ſie dann in Liebe und Freundſchaft von einander ſchieden. Wir verlaſſen ſie und wenden uns nach dem feſten Schloſſe Talkenſtein, wo ſich unterdeſſen ein harter Sturm zuſammengezogen hatte, welcher mit drohte. Fll. Der Tatkenſtein. Bevor wir den früher genannten Rittern nach dem belagerten Talkenſteine folgen, müſſen wir eine Schilderung derjenigen Ereigniſſe auf dieſer Raub⸗ burg vorangehen laſſen, welche hauptſächlich Ver⸗ anlaſſung zur Velagem und Zerſtörung gaben. Chriſtoph von Talkenſtein, deſſen ſchon Erwäh⸗ nung gethan wurde, ſtammte aus einem alten Ge⸗ ſchlechte, welches früher ſchon auf der genannten Burg, die damals als Grenzveſte diente, reſidirte. Später waren die dort hauſenden Ritter ausgeartet wie dies ſo häufig geſchah und die Luſt zu allerhand Fehden und Raubzügen ließen ſie die frühere Acht⸗ barkeit ihres Geſchlechts vergeſſen, ſie ſuchten nur noch in der Unterdrückung ihrer Unterthanen und den Beläſtigungen der Reiſenden, denen ſie un⸗ — 143— rechtmäßige Zölle, Weg⸗ und Schutzgelder abforder⸗ ten, Ruhm und Ehre, und wurden ſonach völlig den andern verrufenen Raubrittern gleichgezählt, welche das Land umher beunruhigten. Unter dieſe Zahl gehörte nun vor allen Andern auch Chriſtoph von Talkenſtein, vieſer, faſt der letzte ſeines Stämmes, war ein roher habſüchtiger Rit⸗ ter, der um der Gewinnſucht willen ünd Erlangung von Schätzen vor keinem Bubenſtücke zurückſchreckte. Seine gefürchtete Burg war ein Gegenſtand des Abſcheus geworden und wer die Nähe derſelben betrat, war froh, wenn er unbeſchadet wieder aus der Umgebung derſelben hinwegkam. Es war einige Zeit vor der angedeuteten Be⸗ lagerung des Talkenſteines, als Chriſtoph von Tal⸗ kenſtein ſchnellen Schrittes in dem großen Ritter⸗ ſaale auf und ab ging. In ſeinen Zügen lag ein finſteres Nachdenken und während ſeine Augen dü⸗ ſter leuchteten, ruhte die Rechte auf dem Griffe ſeines gewaltigen Schwertes. Nach einiger Zeit trat der Kaſtellan des Schloſ⸗ ſes, ein Mann von etwa vierzig Jahren herein, ſeine Kleidung beſtand in einem Habit aus feinen Wollenſtoffen, von bunter Farbe, mit unzähligen Reſteln, Puffen und Falten, um ſeinen fetten Hals lag eine blendend weiße Krauſe mit Spitzen, die — 144— durch die Schwärze des dicken, vollgerundeten Bar⸗ tes um ſo mehr abſtach, ein Barret mit bunten Fe⸗ dern war auf ſeinen Kopf geſtülpt und gab dem Mann ein faſt burſchenhaftes Anſehen. „Nun Meiſter Eginhard, da ſeid Ihr endlich,“ habt lange genug gewartet, ehe es Euch gefallen, hierher zu kommen, was giebt es Neues in unſerm Schloſſe und habt Ihr noch Raum genug in den Kerkern des Talkenſteines, um noch etwa ein Du⸗ tzend Gefangene, die wir noch heute zu machen ge⸗ denken, unterzubringen?“ „Mit Verlaub, Herr Ritter,“ ſagte Eginhard, indem er ſich demüthig vor ſeinem geſtrengen Herrn verneigte,„was Euer Ehren erſte Frage betrifft, ſo habe ich zu melden, daß heute Nacht zwei von unſern Gefangenen mit Tode abgegangen ſind, nach⸗ dem ſie etwa eine Woche in unſerm Schloſſe zu⸗ gebracht haben. Die Luſt allhier ſcheint ihnen nicht zugeſagt zu haben.“ „Hoho, die haben's kurz gemacht,“ rief der Ritter hohnlachend,„und ſind ſo ohne Löſegeld frei geworden, nun, dies iſt der einzige Ausweg, um meinen Contributionen zu entgehen. „Das wiſſen ſie alle recht gut,“ verſetzte Egin⸗ hard, ein Mann ſo hart und ſchurkiſch wie ſein Herr, der Talkenſteiner, darum paßten ſie auch ſehr — 1— für einander, und wenn vielleicht der eine mi einem ſchuftigen Plane nicht zur Entſcheidung kom⸗ men konnte, ſo half ihm der andere gewiß heraus. „Sag an Freund, wie viel Gefangene haben wir gegenwärtig in unſern Zellen und Verließen?“ fuhr der Ritter fort,„und weß Standes ſind ſie?“ „Die Zahl beläuft ſich jetzt auf neun, die bei⸗ den Todten eingerechnet,“ ſagte der Kaſtellan. „Narr,“ unterbrach ihn der Burgherr voll Unwillen,„die Todten gelten nichts bei mir, was kann ein ſolcher noch ferner nützen, nichts, alſo zählt er auch nicht mit.“ „Nun ſo find es ſieben,“ antwortete Eginhard, „und zwar zwei Kaufleute, zwei Juden, zwei fremde Rittersleute und ein Mönch.“ „Hoho, ich hätte es faſt vergeſſen, daß der fromme Mann auch noch unter meinem Dache ver⸗ weilt, nun dem Pfaffen wird die Zeit ein wenig lang geworden ſein, und da ich heute nichts beſſe⸗ res zu thun habe, ſo hole das Mönchlein herauf, ich will ihm von wegen des Löſegeldes ein wenig auf den Zahn fühlen.“ „Hm,“ brummte Finbard,„der arme Teufel wird nichts bezahlen fönnen, ſein Aeußeres iſt vöch ſchäbig und erbärmlich anzuſehen. Der Orden, zu welchem er gehört, mag ſich auch nicht Adam Schwobe. 5. Lieferung. 10 — 146— ſeiner Gefangenſchaft willen kränken, giebt's doch genug dergleichen Leute, und was thuts, wenn ein Mal einer von ihnen verloren geht, ohne daß man ihn wiederfindet.“ „Du haſt Recht, Freund Eginhard, dieſe Bet⸗ telmönche durchziehen das Land wie fette Schmeiß⸗ fliegen und wo ſie geniſtet haben, da laſſen ſie Un⸗ rath zuruck. Doch bei mir verrechnen ſie ſich ge⸗ waltig und der heilige Pater ſoll ſehen, daß wir auf dem Talkenſteine Leute ſind, die nicht mit ſich ſpaßen laſſen und denen an dem Gekreiſch eines ſolchen Schelmen eben ſo wenig gelegen iſt, als wie an dem Schreien eines Rabens. Jetzt gehe und hole mir den Mönch herauf.“ Der Kaſtellan entfernte ſich und der Ritter begann von Neuem ſeinen Gang durch den hohen gewölbten Saal, wobei jeder ſeiner feſten und ſchwe⸗ ren Tritte weithin ſchallte. „Ich habe ſchon darüber nachgedacht, ob der Schelm nicht ein verkappter Spion ſein könnte, der um der Kundſchaft willen ſich willig fangen ließ,“ ſagte der Ritter zu ſich ſelbſt.„Ha, wenn das der Fall wäre! Hölle und Wetter, was ließ ich mit ihm machen, trauen darf ich nicht, denn ich weiß nur zu gut, daß mein Adlerhorſt zum Gegenſtande des Haſſes und des Anſtoſſes geworden iſt. Ren wir 8— 147— wollen ſehen, ob der Gefangene ſich beqäumen wird, mir reinen Wein einzuſchenken, geſchieht es nicht, dann habe ich Mittel, die es vermögen, ſelbſt den Stummen zum Sprechen zu bringen, meine Folter⸗ gewölbe ſind reich an allerlei Werkzeugen und beim Satan, meine Knechte Eiſe geſchickt damit umzu⸗ gehen.“ Ein Geräuſch von Fußtritten, die ſich dem Eingange des Saales näherten, unterbrach den Ritter in ſeinem Selbſtgeſpräch. Die Thüre ging auf und der Kaſtellan trat wieder herein, ihm folgte der Mönch, geführt von zwei Knechten, die den Gefangenen bis hierher führten und dann außer⸗ halb ſtehen blieben, um die etwaigen Befehle ihres rauhen Herrn zu erwarten. Der Mönch war ein Mann von faſt fünfzig Jahren, ſeine Geſtalt war hoch und in ſeinen blei⸗ chen Zügen lag Würde und Ruhe. Der Anblick des ſtolzen Ritters ſchien ihn nicht im mindeſten zu erſchrecken, er blieb ſich vielmehr völlig gleich in ſeinem Weſen und ſein großes, edles Auge haftete mit Feſtigkeit auf ſeinem bisherigen Peiniger, in deſſen roher Gewalt der Gefangene bereits Monate ſchmachtete. „Komm näher, Pfaff,“ befahl der Riter in wegwerfendem und ſtolzem Tone,„ich will mit — Dir reden, ſorge dafür, daß wir uns heute mit einander verſtändigen, es möchte nicht ſobald wie⸗ der ein ſolcher Tag erſcheinen wie der heutige.“ Der Gefangene näherte ſich auf dieſen Befehl dem Sprecher und antwortete mit Ruhe: „Ihr könnt gewiß überzeugt ſein, Herr Rit⸗ ter, daß es mir ſehr daran liegt, mich mit Euch zu einigen, allein es liegt außer meinem Vermögen, Ihr verlangt ein hohes Löſegeld und ich armer Mann kann es nicht bieten, denn ich habe nicht ſo viel, daß ich mir ein Paar neue Sandalen kaufen kann, zudem werden es mir Eure Leute bezeugen müſſen, daß ich nichts beſaß, als ſie mich auf der Straße nach Lemberg unweit der Burg anhielten und gefangen hierher führten.“ „Warum wendet Ihr Euch nicht an das Klo⸗ ſter des Ordens, dem Ihr angehört?“ „Ich ſehe ein, daß es mir wenig nützen würde,“ verſetzte der Mönch,„das Kloſter zur heiligen Drei⸗ einigkeit iſt ſelbſt arm und ſein Beſtehen beruht auf den Gaben frommer Seelen, die von den Brüdern unmöglich dazu angewandt werden Gefan⸗ gene loszukaufen.“ „So könnt und wolli Ihr alſo nichts bieten,“ fragte der Ritter beſtimmt. „Ich kann nicht, ſo gern ich auch wollte, er⸗ — 149— 6 widerte der Gefragte„und muß mich geduldig in das Schickſal ergeben, das mir Gott durch Euch bereiten wird.“ „Still,“ befahl der Ritter,„fangt nicht an, mit frommen Worten in den Handel zu reden. Gott wird ſich was rechtes um unſere Angelegen⸗ heiten kümmern, wir reden jetzt von weltlichen Din⸗ gen, und darein hat ſich Niemand zu miſchen. Ihr wollt alſo das Löſegeld nich beſchicken? Ich frage Euch zum Letztenmale—“ „Ich kann es nicht, bei Gott, ich kann es nicht,“ verſetzte der Mönch mit überzeugender Bewegung in Miene und Blick. „Nun denn, ſo wollen wir ſehen, ob er die Wahrheit geſprochen hat. Herbei Ihr Knechte,“ fuhr er wild fort,„ſchafft mir den bettelhaften Lüg⸗ ner hinweg, führt ihn nach der Folterkammer und kitzelt ihn ſo lange, bis er ſich zu einer andern Be⸗ dingung verſteht.“ Die Knechte traten herein. 4½ „Noch ein Wort, bevor ich gehe, um e Qual zu leiden,“ ſagte der Geiſtliche, indem er ſeine Hände gegen den Riter erhob, der ihn finſter an⸗ ſah,„noch ein Wort— O möchte es Euch machen.“ B „Redet, aber haltet uns nicht lange mit wigen Geplärr auf,“ ſagte der Talkenſteiner unge⸗ duldig.. „Es ſind nun zwei Jahre, daß ich einen Ranb⸗ ritter, der wegen ſeinen Ungerechtigkeiten zum Tode verdammt wurde, in ſeinen letzten Stunden Bei⸗ ſtand leiſtete. Der freche Sünder hatte ſich bekehrt und fühlte Reue über ſeine böſen Werke, beſonders aber bereute er ſeine Tyrannei, welche er gegen Gefangene ausgeübt hatte, und er geſtand mir, 3 daß das Wimmern und Stöhnen derſelben ihm un⸗ aufhörlich in den Ohren klinge und ängſtige.„Die Seelen der Gemarterten werden mich dort Oben ſchwer anklagen,“ ſagte er,„und ich wünſchte von Herzensgrunde, daß ich dieſe Schandthaten unge⸗ ſchehen machen könnte.“ Der Ritter hatte genug gehört, um zu mer⸗ ten, wo der Mönch mit dem Ende ſeiner Rede hin⸗ aus wollte und wohin er damit zielte. „Schweig ſtill, Du elender Pfaff,“ rief er zor⸗ nig,„glaubſt Du, ich werde mich ein Jota an Dei⸗ nen Worten kehren, und Dich loslaſſen? nimmer⸗ mehr, ſage ich Dir, eben ſo wenig ſoll es mich jemals reuen, Dich tüchtig geſchunden zu haben, und was endlich mein Lebensende betrifft, ſo werde ich nimmer eines jämmerlichen Mönchs bedürfen, der für mich betet, da will ich mir ſchon ſelber hel⸗ — 151— fen, ſei es nun, daß ich auf dem Bette oder in der Schlacht oder an dem Galgen ſterbe, wohin es je⸗ doch nicht kommen wird, haha, ſchon dieſe letztere beleidigende Bemerkung hätte es verdient daß ich Dich mit glühenden Zangen zwicken ließe, und Dir das volle Maul zu ſtopfen, fort mit ihm,“ fügte er hinzu,„ich will ihn nicht länger ſehen, ſchafft ihn hinab und thut, wie ich Euch befohlen habe.“ Der Gefangene zögerte einen Augenblick, ehe er den herangetretenen Knechten folgte. „Meine Warnung, die Du verſchmähſt, wird einſt in Erfüllung gehen. Ehriſtoph von Talkenſtein,“ ſagte er,„ich verkündige Dir daher, daß das Straf⸗ gericht über Dich nicht mehr fern iſt und hereinbre⸗ chen wird über Dein Haus wie ein Blitz aus rei⸗ nem wolkenloſen Himmel, Du wirſt einſt mitten in Deinen Sünden ſterben, und mit dem Geheul ei⸗ ner verdammten Creatur untergehen.“ Der Ritter ſtampfte heftig mit den Bßen ge⸗ gen den ſteinernen Boden. „Jetzt haſt Du Dich ſelbſt Schurte,“ Du biſt, woran ich nicht länger zweifeln darf, ein Spion, der ſich fangen ließ, um durch Liſt Kunde von meiner Burg und deren Verhältniſſen zu erhal⸗ ten, aber ich ſchwöre es Dir, dieſer Anſchlag ſoll Dir nichts nützen, denn Du ſollſt dieſe Mauern — nicht ſobald, vielleicht nimmer wieder verlaſſen, und ich will Dich züchtigen nach Gebühr, nicht durch ei⸗ nen ſchnellen Tod, nein nein, ich will meine Rache durch lange Qualen kühlen, die ich Dir bereiten werde. Kein Tag ſoll ohne Marter für Dich ſein und keine Nacht ſoll Dir einen ruhigen Schlummer bringen. Fort, geht mit dem Schurken und werft ihn in die Folter, daß kein Glied ſeines Leibes ohne Dualen ſei— aber tödtet mir ihn nicht, Ihr ſteht vielmehr mit Euren eignen Köpfen für vus koſt⸗ bare Leben.“ „Der Mönch wurde abgeführt, und nachdem der Riter mit ſeinem Vertrauten allein war, fuhr er 1 fort:„Da ich einmal Gerichtstag halte, ſo bringt die fremden Ritter herauf, ich will ſehen was ſich mit ihnen anfangen läßt, ich ſah ſie erſt ein Mal, ſprich, wie lange befinden ſie ſich hier?“ „Einen Monat,“ autnr der Kaſtellan,„es iſt ein zäher Hund, dieſer altere, fuhr er fort,„und ſein Sohn, ein hübſcher junger Manſ, hat viel von dem unbeugſamen Sinne ſeines Vaters.“ „Wir wollen ſie ſchon geſchmeidig machen,“ entgegnete der Ritter,„geh und hole ſie herauf.“ Der Kaſtellan entfernte ſich auf dieſen Befehl zum zweiten Male. ———— TIV. Der Ort der Gerichtspflege auf dem Talkenſteine. In einem der ſchauerlichſten unterirdiſchen Ker⸗ ker des Schloſſes Talkenſtein ſchmachtete auf elendem Lager der ältere von den beiden fremden Rittern, die durch gewaltſamen Ueberfall aufgehoben, und nach der Burg geſchleppt worden waren. Die Luft in dem ſpärlich erleuchteten Raume war feucht und dunſtig, und fand nur durch ein enges Zugloch in der ungeheuern Mauer Abfluß, das mit armſtarken Eiſenſtangen verſehen, keine Möglichkeit einer Flucht erblicken ließ. „Wie lange werde ich noch hier ſeufzen müſſen in dieſer ſchrecklichen Umgebung?“ ſagte der Ge⸗ fangene, indem er ſich aufrichtete und den Kopf in die Hände ſtützte.„Fürwahr, ein entſetzlicheres Unglück konnte mir und meinem Sohne nicht wider⸗ och ich wollte all das Ungemach gern er⸗ wagen, wenn ich meinen geliebten Erich, meinen Sohn, frei wüßte; er wird bei ſeiner Jugend eine ſolche Behandlung nicht zu ertragen vermögen.“ In dieſem Augenblicke raſſelten die Schlöſſer an der eiſernen Kerkerthüre, ſie knarrte in ihren Angeln, und hereintrat Eginhard, mit einer Horn⸗ laterne in der Hand, begleitet von dem Schließer der Burg, einem alten Knappen, Namens Hans Hutten, welcher auf Talkenſtein grau geworden war. „Nun ſo laßt ſehen, Meiſter Hutten, wie fein Ihr Eure Gefangenen haltet,“ ſagte Eginhard in yöhniſchem Tone, indem er ſich in dieſer troſtloſen Umgebung einige Zeit umſchaute,„es iſt hier ſo finſter wie in einem Wolfsrachen, und faſt möchte den Bewohnern die Luſt vergehen, in dieſen Quar⸗ tieren zu verbleiben. Hi, hi, Freund Hans, ich ſchwöre darauf, wenn Deine Schlöſſer nicht ſo feſt und Deine Thüren nicht von purem Eiſen wären, Du würdeſt nicht einen einzigen Deiner Pfleglinge über Nacht drinnen erhalten.“ Der Gefangene hatte Eginhards Rede mit Erbitterung angehört. „Fürwahr,“ ſagte er,„es gehört eine ſeltene — Frechheit und Gewiſſenloſigkeit dazu, um ſo ſprechen zu können, wie Ihr ſo eben gethan habt, es verräth den Charakter eines Teufels, über das Unglück einen ſolchen Triumph zu feiern.“ „Ei, ei, Herr Gefangener, Ihr habt eine feine Naſe,“ verſetzte Eginhard;„ich glaubte nicht, daß Ihr es hören könntet, ſondern hielt dafür, Ihr ſchliefet ſanft auf Eurem Daunenlager, das Euch Meiſter Hutten allwöchentlich aufſchüttelt. Nun ich bitte darob um Verzeihung, und hoffe, ſie um ſo eher zu erlangen, indem Euer Kämmerlein nicht um ein Haar ſchlechter noch beſſer wird, ob ich nun Gutes oder Uebles von ihm rede. Gewiß, Herr Ritter, das gebt Ihr doch wohl gewißlich zu?“ Der Gefangene würdigte Eginhard keiner Antwort, ſondern wandte ihm den Rücken zu. Jener nahm unterdeſſen dem Schließer Hans Hutten die Laterne aus der Hand, näherte ſich dem Ritter, und ihn mit feſten Blicken anſehend, hielt er ihm das Licht vor die Augen, daß er zur Erde niederſah. „Entfernt Euch, abſcheulicher Mann!“ ſagte der Gefangene,„wenn Ihr noch einen Funken Men⸗ ſchengefühl beſitzt, ſo überlaßt mich wenigſtens meiner verzweiflungsvollen Einſamkeit.“ „Das will ich ja recht gern 6 antortete — 156— Jener,„denn ich möchte um keinen Lohn der Welt Euch hier Geſellſchaft leiſten; ich werde Euch gewiß wieder verlaſſen, doch zuvor werdet Ihr mir zu meinem geſtrengen Herrn, dem Ritter von Talken⸗ ſtein, folgen, der mir befohlen hat, Euch ſogleich vor ihn zu führen. Darum folgt mir ohne Zögern.“ Der Gefangene that ſtillſchweigend, wozu ihn der Kaſtellan aufgefordert hatte, und nach einigen Minuten verließen ſie das ſchreckliche Gefängniß. Der Kaſtellan ging voraus, ihm folgte der Unglückliche und hinter ihm kam Hans Hutten mit ſeinem Schlüſſelbunde deſſen Geräuſch unheimlich in den gewölbten Gängen wiederhallte. Nachdem der Gefangene in den Saal getreten und dem Ritter gegenüberſtand, begann der Letztere in barſchem Tone: „Ich habe Euch hierher führen laſſen, um eine Erklärung von Euch zu vernehmen über den Zweck, welchen Ihr mit Eurer Reiſe verbindet, auch habt Ihr noch keine genügende Auskunft darüber gege⸗ ben, wer Ihr ſeid und woher Ihr gekommen; dies alles wünſche ich heute ohne Umſchweif zu erſahren.“ Der Gefangene hatte den Raubritter mit Fe⸗ ſtigkeit angeblickt und nach einer kurzen Pauſe ſagte er: Ich kann dieſem Verlangen nicht willfahren.“ — 157— „Und warum nicht? Glaubt Ihr, ich könnte Euch nicht dazu zwingen?“ „Ich will zuförderſt den Grund meiner Wei⸗ gerung angeben,“ antwortete der fremde Ritter. Dann fuhr er fort:„Was den Zweck meiner Reiſe betrifft, ſo bin ich unbekannt mit demſelben, indem ich von einer hohen, erlauchten Perſon abgeſendet wurde, an einen hohen Herrn, deſſen Namen ich nicht nennen darf, und wenn mein Ende an dieſe meine Weigerung geknüpft wäre.“ „Wo habt Ihr den Aufweis über dieſe an⸗ gebliche Sendung?“ fragte der Talkenſteiner. „Man hat ihn mir bei meiner Gefangennahme abgenommen,“ antwortete der Gefragte. „Das iſt Lüge!“ verſetzte der Raubritter. „Es iſt Wahrheit!“ entgegnete Jener,„die räuberiſchen Knechte riſſen mich nieder, und während dies geſchah, wurden mir meine ſämmtlichen Papiere mit Gewalt entriſſen; und ich bin überzeugt, daß ſich das Verlorene in Euren Händen befindet.“ Der Ritter ging einige Male ungeduldig auf und ab, dann blieb er vor ſeinem Sr indem er antwortete: „Seid nicht ſo närriſch n pet ni chen Unſinn! Wenn die Papiere in meinen Händen wären, ſo würde ich keinen Augenblick Bedenken — 158— getragen haben, mich mit dem Inhalte derſelben vertraut zu machen. Da ich ſie nun nicht beſitze, ſo ſehe ich mich veranlaßt, dieſe Rede als einen bloßen Vorwand zu betrachten, um deſto mehr wichtig zu erſcheinen. Allein ich laſſe mich nicht täuſchen, und Ihr werdet nicht ſo leichten Kaufes davon kommen, und ich fordere Euch auf, mir eine genaue Auskunft über Euch und Euren Begleiter zu geben!“ „Was meine Sendung betrifft, ſo kann ich Euch nicht antworten,“ verſetzte der Gefangene, „was meinen Begleiter angeht, ſo iſt derſelbe mein Sohn.“ „Es iſt gut,“ ſagte der Ritter,„dann werde ich mich an dieſen halten, vielleicht iſt derſelbe ge⸗ ſchmeidiger als Ihr; ich werde Befehl ertheilen, daß man ihn auf die Folter lege, und Ihr möget Zeuge ſein, wie man den Sohn um der Hartnäckig⸗ keit des Vatrrs willen martert.“ „Gott möge den ſchrecklichen Anblick verhüten,“ ſagte der Gefangene;„es wäre von Euch unritter⸗ lich gehandelt, zu ſolchen Mitteln greifen zu wollen.“ s wird mich nichts abhalten, meinen Ent⸗ ſchluß auszuführen,“ entgegnete der Ritter in ſtol⸗ em Tone;„was kommt darauf an, einen hart⸗ näckigen Lügner zu züchtigen, deſſen Treiben mir n——— — 159— höchſt auffällig erſcheint? Zudem habe ich das Recht, inmitten meines Weichbildes zu thun was mir beliebt.“ „Daran kann ich Euch nicht hindern,“ verſetzte der Gefangene,„und wenn ich es verſuchte, ſo ge⸗ ſchah es weder durch Lügen noch Trotz, ſondern allein durch vernünftige Vorſtellung, auf die Ihr leider kein Gewicht legen möget.“ In dieſem Augenblick erſcholl ein ſchweres Stöhnen durch die Räume des Schloſſes, es hallte wider von einem Ende zum Andern und tönte wie der herzzerreißende Jammer eines zu Tode Ge⸗ marterten.“ Der Gefangene ſchien betroffen und richtete ſein großes freies Auge fragend auf den Ritter. „Hört Ihr es, wie die Gefangenen winſeln, wenn ich befehle, ihnen die Zungen zu löſen,“ ſagte Chriſtoph von Talkenſtein.„Haha, das iſt die Stimme des verſtockten Mönches, der eben ſo trotzig wie Ihr vor mir leugnete, jetzt fängt er gewiß ſchon an, geſprächig zu werden. So, ſo will ich. er haben,“ fuhr er fort, die Fäuſte ballend und mit den Füßen ſtampfend,„ſo iſt es re zu, zu ihr faulen Hunde, dre Schrauben meiner Maſching Hören und Sehen vergeht Der Gefangene§ — 180— ſchrecklichen Rede des abſcheulichen Burgherrn ſeine Haare zu Berge ſträubten, während das Winſeln fortdauerte. „Seid menſchlich,“ bat er hierauf,„bedenkt, daß Ihr Euch durch ſolche Grauſamkeiten das Ge⸗ wiſſen ſchwer belaſtet und daß einſt der Allmächtige von Euch Rechenſchaft dafür fordern wird.“ „Schweigt ſtill,“ befahl der Raubritter,„ich mag nichts hören von dergleichen leerem Gewäſch, das ſich beſſer für alte Weiber ſchickt, während ſie die Spindel drehen, als für Ritter, die Schwert und Lanze führen, alſo kurz, noch einmal, wollt Ihr mir geſtehen, wer diejenige Perſon iſt, die Euch geſendet und wohin Ihr zu gehen gedenkt, ſo wie woher Ihr gekommen, oder ſoll ich meine Drohung an Euch und eurem Sohne wahr machen. Wenn Ihr nichts geſteht, ſo nehme ich an, daß dieſe nach Geheimniſſen ſchmeckende Erklärung erſonnen iſt, und ich werde da kein Bedenken tragen, Euch beide aufzuhängen, oder in den tieſſten Kerker meiner Burg zu werfen wo Ihr weder Sonne noch Pllt. Dort mögt Ihr dann verharren und Euch die Ratten und Molche agt, rief er den Schließer bisher neben dem Ein⸗ —— nicht frei machen wird, Ihr bleibt noch i meinen Händen und werdet nicht aus — 161— gange des Saales verweilt hatte und ein ſtummer Zeuge dieſer Unterredung geweſen war. „Ich befehle, daß man ſofort den jüngeren Begleiter dieſes Gefangenen herbeiführe,“ ſagte er. Der Schließer entfernte ſich ſchnell, und es dauerte nicht lange, ſo erſchien er in Begleitung eines jungen Mannes von ausgezeichneter Schön⸗ heit, deſſen bleiches Geſicht jedoch den Eindruck der letzten kummervollen Zeit deutlich bewies. Der unglückliche Vater richtete einen langen ſchmerzlichen Blick auf ſeinen geliebten Sohn und ein ſchwerer, tiefer Seufzer drang aus ſeiner be⸗ klommenen Bruſt. Der Gedanke an die große Gefahr, in welcher die Wohlfahrt des Lieblings ſeiner Seele ſchwebte, machte ihn erbeben. Unterdeſſen wandte ſich der Talkenſteiner gegen den geängſtigten Vater. „Seht her,“ begann er,„Ihr erblickt jetzt Euern Sohn noch geſund und wohl vor Euchz bedenkt aber, daß ein längeres Leugnen dieſe zarten Glieder auf die Folter ſpannen und verzerren wird, ſodaß ſie ſich kaum noch ähnlich bleiben werden. Bedenkt ferner, daß das bisherige Leugnen Euch dann erauskommen.“ Avam Schwobe. 6. Lieferung 11 eMeec. ee Der Gefangene ſchaute mit dem Ausdrucke ver⸗ zweifelnder Rathloſigkeit umher, ſeine Augen ruhten ₰ wieder auf ſeinem Sohne. „Hilf mir, o Gott, aus dieſer Noth,“ ſtammelte er;„gieb du mir einen Wink, wos ich thun ſoll. Ich habe geſchworen, mich einer Sendung unter allen Umſtänden zu entledigen, und ich ſtehe nahe daran, entweder mein Kind zu morden oder zum WMeineidigen zu werden. O, mein Erich, mein ge⸗ licbter Sohn, wie ſchrecklich liegt in dieſem Augen⸗ blicke die Laſt der Empfindungen auf meiner gebeug⸗ ten Serle.“ ₰ „Mein Vater,“ ſagte der junge Erich, indem er ſich gegen den Bekümmerten wendete;„laßt Euch nicht abhalten wegen mir und meinem drohenden Schickſale, den gewohnten Pfad der Ehre und der Tugend auch unter dieſen Verhältniſſen zu verfolgen; ich werde in allen Stücken gehorſam ſein, und nichts ſoll mich abhalten, mich meinem geliebten Vater ſolgſam zu beweiſen.“*. Der Ritter von Talkenſtein ſtand verwundert den beiden Gefangenen gegenüber, eine ſolche Stand⸗ haftigkeit und Foſſung hatte er bieher noch bei keinem ſeiner ihm zur Beute gewordenen Opfer wähigenemmen; dech dieſe Verwunderung wur hald wieder von ſeiner Härte, von ſeinem Stolze verdrängt. „Nun wohlan denn,“ ſagte er zu dem kaum 19jährigen Jünglinge,„wir wollen Deine Stand⸗ haftigkeit auf eine kleine Probe ſtellen, wovon Dein Vater Zeuge ſein mag; ich glaube nicht, daß Du dann noch ferner Deinen zur Schau getragenen Muth behaupten wirſt.“ Während er noch ſprach, trat ein Knecht ver ein, welcher den Mönch hatte foltern helfen, und meldete, daß derſelbe ohnmächtig geworden ſei. „Dann ſei es für heute genug,“ ſagte der Talkenſteiner,„ſchleppt ihn nach ſeinem Kerker zu⸗ zurüͤck und nehmt ihn in den folgenden Tagen wieder vor. Jetzt führt dieſe Beiden hinab nach der Folterkammer, ich werde ſogleich folgen, um Zeuge zu ſein, wie die beiden Helden ihre Zſige erfüllen werden.“ Der ausgeſprochene Befehl wurde 8 voll⸗ zogen, und begleitet von den Leuten des Talkenſteins verließen Vater und Sohn den Saal und ſchritten der Folterkammer zu, erfüllt von den Gefühlen, die wir nicht zu beſchreiben verſuchen wollen. —————— Der Einſiedler vom Fichtenberge. Soeben ſchickte ſich der Ritter von Talkenſtein an, ſeinen Gefangenen zu folgen, als ſich eine Sei⸗ tenthür des Saales öffnete und ſeine Gemahlin haſtig hereintrat. Der Letztere mochte ſich durch dieſe Erſcheinung nicht angenehm überraſcht fühlen, was man aus ſeinen düſtern Zügen bemerkte, die ſich wie die Nacht verfinſterte. „Was wollt Ihr zu einer ſo ungewöhnlichen Stunde, Heloiſe,“ fragte er, ſie ſcharf anſehend, „jetzt iſt nicht die Zeit zum Schwatzen, ich muß vielmehr gegenwärtig handeln. Darum ſtört mich nicht, denn ich habe wichtige Geſchäfte.“ Heloiſe kannte vollkommen die Heſtigkeit ihres Gemahls, allein dieſer Umſtand machte ſie nicht verlegen.„Ich komme in einer ſehr dringenden Angelegenheit,“ ſagte ſie,„und ich muß Euch be⸗ merken, daß dieſelbe es wohlverdient, zu werden.“ Der Ritter ſah ſeine Gemahlin fragend an. „Sprecht,“ fuhr er fort,„ich will Euch ſchenken.“ Die Frau vom Talkenſteine begann: „Soeben iſt der Einſiedler vom Fichtenberge, der fromme Vater Johannes, in unſere Burg ge⸗ kommen, und verlangt eine Unterredung mit Euch; er beſteht darauf, daß ſehr viel davon abhänge, und bat mich dringend, ihm bei Euch Gehör zu ver⸗ ſchaffen und zwar ohne Verzug.“ „Nun wenn ſeine Angelegenheit ſo wichtiger Art iſt, dann will ich ihm ſein Verlangen nicht ab⸗ ſchlagen, er ſoll kommen, ich bin bereit den alten Betbruder anzuhören.“ Heloiſe begab ſich ſchnell hinweg, und bald darauf trat der Einſiedler, in ein graues Gewand gehüllt, herein. Der Waldbruder war wenigſtens ſi iebzig Jhr alt, von ſeinem Kinn wallte ein langer weißer Vart herab und bedeckte zum Theil die Bruſt; das Haupt⸗ haar war von gleicher Farbe und zeigte ſich nur noch ſpärlich unter dem lichten 5 von zen Sammet. „Was bringt Ihr mir, alter we. — 166— gann der Ritter von Talkenſtein in ſeiner gewöhn⸗ lichen rauhen Weiſe,„ſputet Euch, ich habe keine. Zeit um, lange mit Euch plaudern zu können.“ i „Nur gemach, Herr Ritter,“ antwortete der Alte gelaſſen,„Ihr müßt mir heute ſchon ein Viertelſtündlein gönnen, denn ich kann nicht auf einmal meine Neuigkeiten vor Euch ausſchütten, dazu gehört Zeit, denn ein alter Mann, wie ich, hat ſein Gedächtmiß nicht mehr ſo zur Hand, daß es ihm immer tren bleibt, doch ich werde mich der möglichſten Kürze zu bemühen ſuchen. „Es iſt etwa einen Monat her, als ich zu einem fremden Reiſigen geruſen wurde, welcher bei einem Ausfall, den Eure Knechte unternahmen, hart ver⸗ wundet wurde; derſelbe theilte mir mit, daß ſein Herr nebſt deſſen Sohne von Euch überfallen, ge⸗ fangen genommen und fortgeſchleppt worden ſei.“ Der Ritter von Talkenſtein zeigte eine Miene, worin ſich Zorn und Verlegenheit zugleich bemerklich machten; er warf dem alten Waldbruder einen drohenden Blick zu und ſagte: „Schweigt ſtill, Ihr alter Spion! was Euch dergleichen Angelegenheiten, und ſteckt Eure 4 Naſe nicht zu tief hinein, ſonſt möchte es Euch ſuwrr 3 fallen, ſie wieder frei zu erhalten.“ 3 »En ſei fern von mir, daß ich mich in ver⸗ . gleichen ſündhafte Händel mengen wollte,“ antwor⸗ tete der Einſiedler,„und ich würde es nimmer⸗ mehr gethan haben, wenn mich nicht mein Ver⸗ ſprechen, das ich dem Sterbenden gab, dazu veran⸗ laßt hätte.“ Während er dies ſagte, zog er ein ſorgſältig verhülltes Päckſchen heraus, und es dem Talken⸗ ſteiner üͤberreichend, fuhr er fort: „Dieſer Gegenſtand(ſein Inhalt iſt mir nicht bewußt) iſt das Eigenthum des gefangenen Riſters, es war deſſen Reiſigen gelungen, es der Raubſucht Eurer Knechte zu verbergen und der Verwundete uͤbergab es mir kurz vor ſeinem Tode mit der dringenden Bitte, daß ich dafür ſorgen möchte, daß es in die Hände ſeines unglücklichen Herrn gelangen möge, indem er zugleich hinzufügte, daß es ein Mittel ſein könne, dem Grfangenen ſeine Freiheit zu bewirken.“ Der Raubritter langte begierig n dem Gegenſtande, welcher ſeine Neugierde hefeig erfüllte. „Gebt her, Meiſter Johannes,“ rief er haſtig, „dergleichen Sachen ſind nicht für Euch und wir wollen das Geheimniß ungetheilt laſſen.“ — 168— Beſuch bei Euch dem Gefangenen nebſt ſeinem Sohne von Segen ſein mag.“ Und mit dieſen Worten wandte ſich der Alte der Thür des Saales zu, als er jedoch dieſelbe faſt erreicht hatte, blieb er ſtehen und betrachtete den Talkenſteiner einige Secunden ohne ein Wort zu ſagen. „Tragt Ihr irgend noch etwas auf Euerm ge⸗ fühlvollen Herzen 7“ fragte der Ritter höhniſch,„daß Ihr lungert wie ein hungriger Fuchs?“ „O nein, ich hege kein Begehren nach irgend einem vergänglichen Gute,“ ſagte Vater Johannes gelaſſen,„es war eine ganz andere Regung, die mir in dieſen Augenblicken durch das Herz fuhr.“ „Darf ich dieſe Regung kennen lernen?“ fragte der Riner.— „Das könnt Ihr,“ verſetzte der Eremit.„Ich gedachte ſoeben der Vergangenheit,“ fuhr er fort, „hier in dieſem Saale weilte ich ſo oft, Euerm rit⸗ terlichen Vater gegenüber, während Ihr noch ein blondgelockter Knabe waret; damals hätte ich nicht gedacht, daß ich am Ende meiner Tage noch der⸗ gleichen Ereigniſſe, wie ſie ſich auf der Burg Tal⸗ kenſtein begeben, ſchauen würde.“ Die Augen des Ritters fingen an in einen un⸗ heimlicen Feuet zu glühen. 61ES3 „Ha ha, Alter, ich weiß, wo hinaus das führen ſoll; Ihr wollt mir Vorſchriften machen, was ich* thun und unterlaſſen möchte, früher konntet Ihr dies, als ich nämlich, nach Eurer Bemerkung, noch ein blondgelockter Knabe war; jetzt bin ich ein Mann und kann nach Gefallen handeln.“ „Das wird nur ſo lange der Fall ſein, als Ihr die Macht dazu habt,“ erwiederte der Waldbruder bedächtig,„und glaubt es mir, dieſe Macht wird einſt gebrochen werden durch Umſtände, welche Eure Gewaltthätigkeiten herbeiführen; Eure Burg iſt ſchon längſt ein Gegenſtand des Schreckens für die Rei⸗ ſenden und Schwachen geworden, aber auch zugleich der Aufmerkſamkeit der umliegenden Ritterſchaft nicht entgangen. Wehret Euch vor dieſen nichtigen Fein⸗ den und unterlaſſet die bisherigen Fehdezüge gegen das Eigenthum der Fremden, ſowie der Landbewoh⸗ ner, die ſchwere Klage gegen Euch erhoben. Der Ritter zog ein grimmiges Geſicht. „Alter Narr, ſeid Ihr beſeſſen, daß Ihr es wagt, mir dergleichen Bemerkungen zu machen. Beim Satan, wenn ich nicht Rückſichten gegen Euch pegte, ich würde Euch in das tiefſte Gefängniß meiner Burg einſperren und den Tag nimmer ſchauen laſſen, zum Lohne für dergleichen kecke Re⸗ den, die Ihr gegen mich führt— fort, hinaus nun — 6— daß ich nicht noch auf den Gedanken komme, meine Drohung wahr zu machen, es möchte Euch dann gereuen, heute den Weg nach meiner Burg gemacht zu haben.“ Der Eremit kannte die heftige und ungezügelte Sinnesweiſe des Ritters, daher wagte er es nicht, noch etwas zu ſagen, ſondern ſchritt langſam aus dem Saale, wobei er noch einige ſchwere Senſier vernehmen ließ. Der Ritter befand ſich jetzt allein im Saale, ſeine gierigen Blicke hafteten unverwandt auf dem von dem Waldbruder erhaltenen Päcktchen. So hätte der alte hartnäckige Bär doch nicht gelogen, als er vorhin behauptete, meine Knechte hätten ihn bei der Gefangennahme ſeiner Papiere beraubt, er hat deren, wie ich jetzt ſehe, wirklich beſeſſen.“ ⸗ Und er betrachtete das Packet immer wieder und drehte es nach allen Seiten. „Was mag wohl darinnen ſein,“ fuhr er fort, „die äußere Hülle iſt ſo gut verwahrt, daß man nichts erkennen kann,— was ſchadet es, wenn ich das Päcktchen öffne, kann nicht irgend ein verräthe⸗ riſcher Plan darinnen verborgen ſein, und bin ich nicht vollkommen berechtigt, das geheimnißvolle Be⸗ nehmen des Gefangenen und ſeines Sohnes genau zu prüfen, ja, das will ich auch, ſo wahr ich ein Ritter bin. Und er zog einen kurzen, ſcharfen Dolch heraus und löſte in wenigen Minuten die Hülle, welche das Geheimniß umgab, ſie ſiel herab und der begierige Talkenſteiner erblickte eine ſorgſältig verſiegelte Rolle von fremdem Holz, in der Länge eines halben Fußes und von etwa 4—5 Zoll Breite. „Haha,“ murmelte der Ritter,„hieran ſchei⸗ tert von Neuem meine Erwartung, beim Satan, das Ding da iſt ſo feſt verſiegelt, daß es Anſtren⸗ gung koſtet, den Inhalt heraus zu kriegen, was mag hierinnen verborgen ſtecken! Wenn es wirk⸗ lich an eine hohe Perſon gerichtet wäre, wie der Gefangene behauptet— doch was kann es mir ſchaden, wenn ich es für immer an mich behalte— das geht nicht, der alte Einſiedler würde es im ſchlimmſten Falle beweiſen können, daß er mir es ubergeben habe. Er iſt ſomit der Einzige, welcher meine Pläne zerſtören könnte,— der einzige Zeuge — wäre es nicht beſſer, dieſer Zeuge verſtummte? Ich will ihn gefangen nehmen und unter dem Vor⸗ wande, mich beleidigt zu haben, hinter Schloß und Riegel bergen laſſen, und wenn er nur erſt in mei⸗ ner Gewalt iſt, dann ſoll ihm das Plaudern gewiß vergehen, er ſoll keine Gelegenheit finden, ſich ir⸗ end Jemandem mittheilen zu lönnen. Wahrhaſtig — 172— das iſt der beſte Weg, einen läſtigen Schwätzer auf die Seite und zum beſtändigen Schweigen zu brin⸗ gen; noch heute will ich ihn durch einen Auftrag hierher locken, und wenn er hier angelangt iſt, dann ſoll die Eremitage auf dem Fichtenberge ihren wohner nimmer wieder beherbergen.“ In dieſem Augenblick ließen ſich Fußtritte in der Nähe des Saales vernehmen. Der Ritter ver⸗ barg ſchnell das Päcktchen in einer Falte ſeines ſammtnen Hauskleides und ging einige Schritte der Thür zu, in welcher bald darauf Eginhard, der Kaſtellan vom Talkenſtein, ſichtbar wurde. „Was führt Dich ungerufen hierher?“ fragte der Ritte ungeduldig über die eingetretene Störung ſeines Selbſtgeſprächs. Ich wollt Euch melden, geſtrenger Herr Rit⸗ ter,“ antwortete der Gefragte,„daß der ältere von den Gefangenen die Folter überſtanden hat, ohne auch nur den Mund zu öffnen.“ Der Talkenſteiner zeigte lebhaftes Erſtaunen. „Das iſt unglaublich,“ ſagte er nach einer kur⸗ zen Pauſe,„er hat alſo nichts geſtanden.“ „Kein Wort,“ wiederholte Eginhard,„er be⸗ wies eine Ruhe, eine Faſſung, die die Knechte kaum ſelbſt beſaßen. Die Schufte, ſo roh und gleichgül⸗ is ſ ſie gewöhnlich ſind, diesmal ſchienen ſie ganz — verlegen zu ſein, ſie yaben jedoch ihre Pflicht getha 3 und den Gefangenen keinen Grad der Tortur er⸗ . ſpart.“ „Wie benahm ſich der ſünger Gefangene da⸗ bei?“ fragte der Ritter.* „Er war nicht minder gefaßt,“ verſetzte Egin⸗ hard, und erklärte frei heraus, das das Benehmen . ſeines Vaters ihm den Muth verleihen werde, ein . gleiches Betragen zu beweiſen.„Hol' mich der Hen⸗ ker,“ fügte Eginhard hinzu,„dieſe Beiden ſcheinen . aus einem andern Schlage als gewöhnliche Menſchen 6 zu beſtehen, ich glaube, ſie ſind von hohem Geblüt, ihr ganzes Auftreten deutet auf angeſehenen Stand.“ „Du biſt ein Narr,“ verſetzte der Talkenſteiner. „und laßt Dich durch geringe Umſtände ins Bocks⸗ horn jagen wie ein Schulknabe.— Doch mich ſollen ſie gewiß nicht täuſchen,“ fuhr er fort,„und ich will ihnen gewiß die ſtörriſche Zunge löſen. Führe ſie nach ihrem Kerker zurück, wir wol⸗ len Morgen erſt mit dem Jüngeren eine Probe machen, Hans Hutten ſoll ſie wieder einſperren und gut bewachen, es ſind andere Dinge von Wichtig⸗ keit zu beſorgen, die keinen Auſſchub dulden. So eben iſt der Einſiedler von Fichtenberg hier geweſen, eile ihm nach, und theile ihm mit, er, möge ſogleich nochmals mit Dir umkehren, und zu mir Shi ſeine Anweſenheit ſehr nothwendig geworden ſei.“ Eginhard ſchickte ſich ſogleich an, den Befehl des Ritters zu vollziehen, er eilte in den Schloß⸗ pof hinab, beſtieg ein ſchnelles Roß, und nachdem§ die Zugbrücs herabgelaſen war, ſprengte er ſchnell davon. ₰ Der alte Vater Johannes hatte bereits das 1 Schloß Talkenſtein weit hinter ſich, und wanderte langſam ſeiner einſamen Klauſe zu, und um deſte 3 eher heim zu gelangen, ſchlug er einen verborgenen Fußweg ein, der ihn um ſo ſchneller nach ſeiner— Eremitage führte, er langte wohlbehalten bei derſel⸗ ben an, und ſtaunte nicht wenig, ein geſatteltes Roß hier angebunden zu ſehen*), ungeduldig— den Boden ſtampfte, und als er näher kam, bemerkte 1 er einen Bewaffneten, in der und Farbe des Talkenſteins. „Ei ei, Vater Johannes, da kommt Ihr ja endlich,“ ſagte Eginhard, denn dieſer war eher hier angelangt als der Klausner.„Ich habe ſchon ein 7 VBiertelſtündchen und noch länger auf Eure Ankunft gewartet.“ führt Euch her, Freund Eginhard,“ Site die nnnun im vorigen peie Er ſtaunle nirlſt wenig ein geſalteltes 4 Pferd hier angelnunder ju ſchen. — 125— ſagte der Alte, befremdet durch den Anblick des g* 5 nannten. „Ich bringe einen Gruß von unſerm geſtren⸗ gen Ritter, und die Mahnung an Euch, mir ohne Zögern nach dem Talkenſtein zu folgen.“ „Ei ei, das kann doch wohl nicht ſein,“ ſagte der Alte,„indem ich ja ſo eben von dort zuruck⸗ ehre, ich war heute bei eurem Ritter und glaube kaum, daß er ſchon wieder Verlangen hegt, 3 zu ſehen.“ „Und doch iſt es ſo,“ verſetzte Eginhard, ℳ habe das Schloß in geſtrecktem Gallopp verlaſſen, und bin Euch nachgeeilt und zwar nach des Ritters ſtrengem und ausdrücklichem Befehl, es nun an Euch, mich zu bekleiden.“ „Wißt Ihr denn keinen Grund, warum dies geſchehen ſoll,“ fragte der alte Mann erſtaunt. „Nein, ich konnte nichts davon in Erfahrung bringen,“ antwortete jener,„des geſtrengen Ritters Worte waren blos die:„Eile, und hole mir den Eremiten herbei, denn ſeine Anweſenheit thut höch⸗ lich Noth,“ mit dieſem Beſcheide bin ich fortgerit⸗ een, und da Ihr nun den Zweck meines Erſchei. nens kenüt, ſo poffe ich, daß Ihr nicht ſäumen wer⸗ det, den Befehl des Ritters zu befolgen.“ 8„Ich werde 6u eien, ſagte der Ein⸗ *. — „ ſiedler,„obwohl mich eine innere Stimme davon abmahnt und mich warnt vor den böſen Geſinnun⸗ gen des Talkenſteiners, doch wir ſind alle in Got⸗ tes Hand und ich will mich ſeiner Leitung und der Eurigen anvertrauen, darum kommt, ich bin bereit, mit Euch zu gehen.“ Eginhard bot dem alten Mann ſein Reitpferd an, was jener auch annahm, und nachdem ſich der Klaus⸗ ner aufgeſetzt hatte, führte der Kaſtellan das Thier am Zügel langſam der Burg Talkenſtein zu. Unterdeſſen war der gefolterte Ritter nebſt ſei⸗ nem Sohne wieder nach den abſcheulichen Kerkern der Burg zurückgebracht worden. Der junge Erich konnte es ſich nicht erklären, was ihn für heute von den drohenden Qualen der Tortur befreit hatte, er hielt es anfänglich für eine Sinnesänderung des Ritters, die dieſes Schickſal von ihm abgewendet, allein wenn er daran dachte, mit welcher Hartherzigkeit der Talkenſteiner gegen ihn aufgetreten war, dann ſchwand ſehr bald die Hoff⸗ nung auf eine milde und gerechte Behandlung und gab von Neuem den Befürchtungen Raum die das eingſigte Herz ſeit längerer Zeit tief nrutet 3 des B. ndes. ſſſſſſſ ſſ 8 9 10 11 12 13 7 18 19