—— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n 6dnard Otlmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. N 236 deih un eſebedingungen. —. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 5 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme nes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: a Monat 1 M.— Pf. 1 M Pf 2 W.— f. „ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Der Burgherr von Talkenſtein verweilte noch . in dem Ritierſaole des Schloſſes, als ihm die ku von des Klausners Erſcheinen hinterbracht wurde, er befahl ſogleich, den Angekommenen herein zu füh⸗ ren, was auch nach einer kurzen Friſt geſchah⸗ Der Eremit trat demnach heute zum zweiten Male vor den Ritter, der ſein Opfer mit ufriede⸗ nem Lächeln näher kommen ſah. „Jetzt iſt er mir ſicher und das Geheimniß in meinen Händen,“ murmelte er,„alter Schurke, ie + Gelegenheit zum Plaudern ſoll Dir für immer be⸗ nommen ſein, ſobald wir uns mit einandr unter vier Augen befinden. Laß uns allein, Freunt dEgin⸗ hard“ fuhr der Ritter laut ſprechend fort,„ i mit dem Klausner etwas Wichtiges zu v nd er gab dem einen 8 —— 4— „So wären wir denn allein, frommer Vater,“ 6 ſagte der Talkenſteiner,„und, dieſe Gelegenheit be⸗ nutzend, will ich Euch gegenwärtig einige Fragen vorlegen, deren Beantwortung, wie ich hoffe, von Gurer Seite nicht hinter der Wahrheit zurückblei⸗ ben wird.“ „Ich werde mich nicht unterſtehen, Euch eine Lüge zu ſagen, geſtrenger Herr Ritter,“ antwortete Jobannes mit Ruhe. „Oder mir etwas vorzuenthalten, was mich ſſen verlangt,“ fügte der Ritter raſch hinzu. ramit bin ich vollkommen einverſtanden,“ antwortete der Eremit,„ich werde Euch nach Kräf⸗ ten über alles Auſtlärung zu geben ſuchen, je nach⸗ — dem es mir nur immer möglich ſein wird.“ „Nun ſo hört mich an,“ begann der Talken⸗ ſteiner, indem er einen forſchenden Blick 8 den Alten richtete. „Ihr habt mir vorhin geſagt, daß jener Knecht, der Euch das Päckſchen übergab, in Folge einer Wunde geſtorben ſei, iſt dies wirklich ſo, frommer Vaterg⸗ „Ganz beſtimmt,“ verſetzte der Klausner vom Fichtenberge,„ich habe dem Verſtorbenen mit mei⸗ nen eigenen Händen ein Grab gegraben und ihn nach higerzſihe beerdigt.“ — S—— — 5— „Es iſt gut,“ ſagte der Ritter,„dieſen Punkt will ich nicht bezweifeln, aber jetzt eine zweite Frage: „habt Ihr außer jenem Päckſchen nichts weiter in der Nachlaſſenſchaft des Verſtorbenen gefunden?— Redet die Wahrheit, Mann,“ fügte er hinzu,„denn die Lüge möchte Euch Schaden bringen.“ Der Klausner trat betroffen einige Schritte zurück.„Was ſoll das,“ rief er verwundert,„welche Frage? Was ich fand, habe ich Euch überreicht, Herr Ritter, warum hätte ich Euch auch nur das Mindeſte zurückhalten ſollen; hätte ich den Zurüc haltenden ſpielen wollen, dann konnte ich ja das⸗ jenige unterlaſſen, was ich aus freiem Antriebe von mir ſelbſt gethan habe.“ Der Ritter, welcher nun einmal zweifeln wollte, um deſto mehr Entſchuldigung für ſeine zu ergrei⸗ fende Willkür zeigen zu können, ſchüttelte ungläubig den Kopf.„Sprecht mir nicht davon, was Ihr gethan,“ ſagte er,„es handelt ſich gegenwärtig darum, was Ihr unterlaſſen habt, dieſen Punkt will ich genauer unterſuchen, darum geſteht willig ein, was Ihr für Euch bisher bewahrt hieltet, legt mir ein volles Bekenntniß ab, wenn Ihr wrnſt daß wir Freunde bleiben ſollen.“ Der alte richtete die ſe — 6— vernommen und als der Burgherr endlich ſchwieg, ſagte er gelaſſen:„Ihr beſteht auf einer Sache, worauf ich gar nichts zu entgegnen vermag. Ich kann Euch durchaus nichts weiter über dieſen Fall eröffnen, als wie ich bisher gethan, habe und ich will dies damit zu beweiſen ſuchen, indem ich mich auf das Zeugniß des allwiſſenden Gottes berufe.“ „Dieſe Verſicherung kann mir unmöglich genug Bürgſchaft leiſten,“ ſagte der Talkenſteiner,“ und ich werde mich nicht um einen Strohhalm darum keh⸗ ren. Beweiſe, frommer Vater, Beweiſe verlange ich, und bevor Ihr die nicht ſchaffet, werdet Ihr die Mauern meiner Burg nicht verlaſſen.“ „Ich begreife nicht, Herr Ritter, was Euch zu einem ſo hartnäckigen Entſchluſſe veranlaßt,“ ſagte der alte Eremit,„da doch kein Grund zu Gewalt⸗ thätigkeiten gegen mich vorhanden iſt.“ „Kein Grund, ſagt Ihr?“ rief der Ritter,„alle Wetter, ich habe Grund genug, Euch bei Eurer Kutte feſtzuhalten, das glaubt mir nur immer, oder denkt Ir, ich wollte blos Kurzweil mit Euch trei⸗ ben, oho, dann irrt Ihr Euch gewaltig, alter Hahnz; Ihr bleibt auf Geſtändniß in meinem Schloſſe, wie ich ſchon vorhin geſagt habe, und werdet nicht eher heraus kommen, bis Ihr mir nicht alles geſtanden und dasjenige herbeigeſchafft habt, was ich in Be⸗ — 7 zug auf die beiden Fremden von Euch zu effihren berechtigt bin.“ „Nun, bei Gott, ich kann Euch nichts weiter von Ihnen ſagen, als das, was Ihr bereits ſchon wiſſet,“ verſetzte der Klausner.„Ich habe Euch das Päcktchen in der beſten Meinung überbracht, und es iſt ungerecht von Euch, Herr Ritter, da noch mehr fordern zu wollen, wo nichts mehr geboten werden kann. Ich wiederhole es und berufe mich auf das Zeugniß des einzigen Gottes, deſſen Na⸗ men ich nimmer unnützlich zu führen wagte, mehr kann ich nicht ſagen, und es iſt alles, was ich zu meiner Rechtfertigung thun kann.“ „Hat es Jemand geſehen, daß Euch der ſter⸗ bende Reiſige das in Rede ſtehende Päcktchen über⸗ gab?“ ſagte der Ritter vom Talkenſtein, ohne auf die letzte Verſicherung des alten Mannes gehört zu haben. „Nein, Niemand,“ antwortete der Ge fragle, „wir waren allein, kein Menſch war 3. uge davon.“ Dieſe Verſicherung ſchien dem Ritter will⸗ kommen zu ſein, was auch ganz natürlich erſcheinen muß, indem ihm die Ueberzeugung immer einleuch⸗ tender wurde, daß der Klausner die einzige P ſei, die von jenem Gegenſund Wiſenſcaſt — 8— len annehmen, daß es Niemand geſehen hat; was jedoch die andere Verſicherung betrifft, ſo unterliegt ſie gänzlich der Wahrſcheinlichkeit und meinem leb⸗ hafteſten Zweifel, den Ihr nicht hinwegräumen könnt, bevor nicht ſichere Beweiſe in meinen Händen ſind.“ „Ich kann jene angeblichen Beweiſe nicht her⸗ beibringen,“ ſagte Johannes,„ſie beruhen auf ei⸗ nem leeren Hirngeſpinnſt, das Ihr ſelbſt heraufbe⸗ ſchworen und, wie es ſcheint mit Wohlgefallen feſt haltet.“ „Still, widerſpenſtiger Nang befahl der Ritter, indem ſein Blick zornig zu leuchten begann, „denke nicht, elender Wurm, daß Du berechtigt biſt, mir Vorſchriften zu machen über dasjenige, was ich glauben oder nicht glauben ſoll.“ Bei dieſen Worten faßte er den alten Mann ungeſtum beim Arme, und ſchleuderte ihn wie ei⸗ nen Ball Bis⸗ Schritte von ſich zurück. „Das ſollt Ihr mir nicht wieder ſagen, alter biſſiger Hund,“ rief er dabei,„eher will ich Euch die Zunge aus dem Halſe reißen laſſen, holla her⸗ bei, Ihr Knechte, bindet den Schurken und werſt ihn auf den Grund des tiefſten Verließes meines Schloſ⸗ ſes hinab, dort mag er liegen und heulen, bis ihm die Seele aus dem Leibe fährt.“ Auf dieſen ungeſtümen Ruf erſchienen zwei dienſtbare Geiſter ves Ritters, die ſogleich mit vol⸗ ler Wuth über den Eremiten herfielen und ihn nie⸗ derriſſen, dann ſchleppten ſie ihn hinaus, Hans Hutten, der Schließer war nicht fern, er näherte ſich und empfing ſeine Beute, die er nach dem* ſcheußlichſten Kerker hinunter führen ließ. Dieſer Vorgang erforderte nur eine kurze Zeit und ereignete ſich unter den Augen des herzloſen Burgherrn, der jetzt ſein Opfer ſicher gefaßt hatte, um es dem Verderben zu weihen. „Da liege, Du frommer Mann,“ rief er höh⸗ niſch, als er mit ihm allein war,„dies ſoll Deine Wohnung und zugleich Dein Grab im Leben wie im Tode ſein. Keine Macht der Erde ſoll Dich z aus meinen Händen befreien und nichts ſoll im 4 Stande ſein, Dich meiner Gewalt zu entziehen.“ „Ungeheuer von einem Menſchen, wann wirſt ſ Du aufhören, Deine Umgebung zu martern,“ ſtöhnte der alte Mann,„wann wird einſt die Stunde der Vergeltung für Dich ſchlagen, um Dich zu beloh⸗* „ nen für all den Jammer und das Herzeleid, das* Du angerichtet durch Deine Verruchtheit.“ „Kümmere Dich nicht darum, mein Freund,“ lachte der Ritter höhniſch,„warte doch lieber Dein eignes Geſchick ab, als daß Du Dich bemühſt, das⸗ 4 ijenige anderer Leute vorherzuſagen, zudem bin ich auch gar nicht lüſtern, Deiner prophetiſchen Sima noch länger mein Ohr zu ſchenken.“ Mit dieſen Worten wandte er dem den Rücken zu und ſchritt zum Kerker hinaus, deſ⸗ ſen Thür ſich klirrend in ihren Angeln bewegte und ſchloß. „Gott ſteh mir bei in meiner Noty,“ ſtöhnte der arme Gefangene, indem er die zitternden Hände zu dem dunklen Gewölbe ſeines Gefängniſſes em⸗ porhob.„Ich werde hier jämmerlich verſchmachten müſſen, indem mein Peiniger hart genug iſt, mich dem ſchrecklichſten Tode zu überlaſſen.“ Nicht weit von der Zelle des Einſi edlers lag in ſeinem Kerker der gefolterte Ritter, er war faſt vor Schmerz wahnſinnig geworden, allein dennoch hatte er ſeine Feſtigkeit zu behaupten vermocht, ſeint Lippen waren ſtumm geblieben und das Bekennt⸗ niß, welches der Talkenſteiner von ihm erwartet hatte, war nicht erfolgt; an der eiſernen Ausdauer ieſes Mannes ſcheiterten ſelbſt die abſcheulichſen Verſuche, und die Qualen der Tortur, ſo ausgeſucht und ſchrecklich ſie geweſen waren, hatten es nicht vermocht, ihn zu einem Geſtändniſſe zu veranlaſſen. Ein Umſtand, der den Ritter in die größte Wuth verſetze.„ Der Sohn des Unglücklichen war jetzt der 1 Punkt, um welchen der Ritter ſeine Pläne zu ent⸗ ℳ falten ſuchte, er hoffte von dem zarten jugenblichen Gemuͤthe durch Drohungen aller Art zu einem gün⸗ ſtigen Ergebniſſe zu gelangen.. „Ihr habt geſehen, junger Mann,“ begann der* 1 Burgherr,„daß ich nicht blos mit leeren Worten zu drohen ſuche und ich glaube, das Benehmen ge⸗ gen Euern hartnäckigen Vater wird Euch den deut⸗ lichen Beweis geliefert haben, daß ich zu handeln entſchloſſen bin, da wo Güte und Langmuth Miß⸗ achtung findet. Ich geſtehe, Eure Jugend dauert mich und ich möchte glimpflicher mit Euch verfahren, ſo fern Ihr auf meine Fragen, die ich an Euch richten will, antworten wollt. Sagt mir, wer Ihr ſeid und gebt an, welchen Zweck Eure Reiſe ver⸗ folgt, woher Ihr kommt und wohin Ihr geht, dann ſoll Euch und Eurem Vater die Freiheit geſchenkt ſein. Weigert Ihr Euch jedoch noch länger, dann (merkt wohl auf) dann werde ich keine Rückſichten mehr gegen Euch nehmen und Ihr ſollt die bishe⸗ rige Hartnäckigkeit bedauern, ohne Ausſicht zu ha⸗ ven, dieſelbe wieder gut machen zu können. Be⸗ antwortet alſo meine erſte Frage: wer ſeid Ihr?“ Der Jungling hatte mit ruhiger Ergebung dieſe Erklärung vernommen, er ſchien keineswegs darüber befangen worden zu ſein und antwortete gelaſſen: — 1 „Herr Ritter, ich habe in Eurem Beiſein neinem unglücklichen Vater das Verſprechen gege⸗ ben, nichts von alledem zu enthüllen, was unſer perſönliches Intereſſe betrifft, ich war meinem Vater ſiets gehorſam und werde es auch ſpäter ſein; da⸗ rum forſchet nicht länger und ſucht nicht weiter in mich zu dringen, indem ich das niemals gewähren kann, wie Ihr begehrt.“ „Ho ho, junger Mann, Ihr ſprecht verteufelt keck und dermaßen beſtimmt, daß einem die Luſt zum Weiterfragen vergehen möchte, doch ich will mich darob nicht abhalten laſſen.— Ihr verweigert mir alſo eine Antwort auf die Frage in Bezug auf 3 Eure Herkunft?“.. „Ich verweigere ſie unbedingt,“ verſetzte der junge Mann entſchloſſen. „Es iſt gut,“ ſagte der Ritter;„jetzt die zweite Frage. Auf weſſen Geheiß habt Ihr Eure gegen⸗ wärtige Reiſe unternommen?“ fuhr er weiter fort. *„Ich kann das nicht ſagen, weil ich es nicht. weiß,“ antwortete der Gefangene kurz.. 6. „Hm,“ murmelte der Talkenſteiner zähneknir⸗ ſchend,„das iſt eine unverſchämte Lüge und ſie verdient ſtrenge Ahndung. Ihr wollt es alſo nicht ſagen?“ „Ich kann es nicht ſagen,“ bemerkte Jener. „— 2 — — 13— „Wir kommen jetzt zur dritten und letzten Frage,“ ſuhr der Burgherr fort. „Welche Perſon betrifft Eure Sendung, an wem iſt ſie gerichtet? Sprecht, und bedenkt, daß eine eine längere Weigerung für Euch verderben⸗ bringend ſein wird, ja— ſein muß. Von Eurer Erklärung wird alles andere abhängen.“ Der Gefangene verzog keine Miene bei der Drohung des Ritters, er zeigte vielmehr eine un⸗ erſchütterliche Feſtigkeit. „Ich kann auf dieſe Frage ſo wenig antworten als wie ich es auf die beiden Erſteren gethan habe, die Angelegenheiten meines Vaters ſind zu wichtig, als das ich es wagen wollte, mich auch nur im Entfernteſten darüber auszuſprechen und darum werde ich kein Wort davon ſagen, ohne die Erlaub⸗ niß zu haben, lieber will ich die härteſten Prüfungen erdulden und alles das über mich ergehen laſſen, was nur immer ein Menſch zu erdulden vermag.“ Der Ritter ſah jetzt jeden Verſuch ſcheitern, auf dem Wege der Güte etwas von ſeinem Gefan⸗ genen zu erlangen; er wurde darüber im höchſten Zorn verſetzt, und dem jungen Manne einen fürch⸗ terlichen Blick zuwerfend, ſagte er: „Nun, ſo ſei es denn zu Ende, das Narten⸗ piel, was ich Euch gegenüber getriehen habe. 3 will nicht länger betteln, da wo ich zu befehlen pabe. Fort mit dem tückiſchen Landſtreicher, man bringe ihn auf die Folter, dort mag er den Beweis von ₰ ſeiner Entſchloſſenheit ablegen.“ Erich wurde hierauf hinweggeſchleppt. U. Belohnter Muth und beſtrafte* Feigheit. Der Gefangene hatte ien den Saal erſe als der Kaſtellan Eginhard hereintrat. „Verzetht, geſtrenger Herr Ritter, daß ich cu6 6 zu ſtören wage.“ „Was gibt es wieder d⸗ frug der xaſtenßei- 3 ner ungeduldig.—. „Einer von den beiden Juden, welche wir in den Gefängniſſen des Schloſſes gefangen halten, iſt mit Tode abgegangen.“ „Donnerwetter,“ fluchte der Riter,„dann iſt wieder ein hübſches Löſegeld zum Teufel gefahren. Dus geht ſo nicht länger, ich halte dafür, Meiſter — 15— Hutten bedient ſeine Zöglinge zu ſchlecht, und ich will, daß man diejenigen Gefangenen, von welchen ein gutes Schutzgeld zu erlangen iſt, etwas milder behandle.“ „Zu Befehl, Herr Ritter,“ ſagte cgirhard, in⸗ dem er ſich vor ſeinem Herrn tief verbeugte,„zu⸗ gleich läßt der andere Jude um eine Unterredung mit Ew. Geſtrengen bitten, ſeine be⸗ teffend.“ „Haha, das Leben in ne vier Mauern ſcheint ihm nicht länger gefallen zu wollen, wohlan denn, ſo fuͤhrt den Schuft herbei, aber ſagt ihm, daß die Unterredung kurz ſein werde.“ Der Jude erſchien. Er war ein alter, abge⸗ lebter Mann mit weißem Haar und Bart; ſein Geſicht war durch die lange und harte Gefangen⸗ ſchaſt noch hagerer geworden und zeigte die hohen Backenknochen, welche wie von gelber Pergament⸗ haut überzogen ſchienen; ſeine Kleidung war eben⸗ falls ſehr ſchlecht geworden und das ganze Auftre⸗ ten des Unglücklichen bot ein Bild des größten Elendes und des Jammers dar. „Nun, willſt Du Dich endlich zu den hundert Mark Löſegeld verſtehen!“ rief ihm der Talkenſtei⸗ ner entgegen,„ich ſage Dir, daß ich ohne Handel Geſchäfte zu machen gewohnt bin, und daß Dich — 16— eine Weigerung wieder dahin zruchrinhen wird, woher Du ſoeben gekommen biſt.“ „Halten zu Gnaden, geſtrenger Herr Ritter,“ antwortete der alte Mann, indem ſeine Stimme züterte und der lange weiſe Bart in Bewegung gerieth.„Ich will geben, was Ew. Geflrengen wollen haben, kein Heller ſoll fehlen an der Summe von die hundert Mark, und das Geld ſoll liegen 5 binnen heut und dreien Tagen.“ „Ich bin damit einverſtanden,“ ſagte der Rü⸗ ter,„und Du ſollſt während dieſer Friſt eine beſſere Wobnung erhalten, kommt jedoch das Geld in drei Tagen nicht, ſo wanderſt Du wieder in Deinen bis⸗ herigen Kerker zurück, wo Dir der Leichnam Dei⸗ nes Genoſſen als Geſellſchafter dienen ſoll, bleibt die Zahlung jedoch gänzlich aus, ſo wirſt Du in acht Tagen aufgebangen.“ „O wai, man wird mich nicht laſſen im eiche.⸗ ſeuzſte er, man wird ſchicken das Geld, damit frei werde der arme Habakuk, man wird nicht laſſen 4 auf ſich warten und noch heute will ich mit Eurer F Erlaubniß einen Brief ſchreiben nach Lemmberg mit einem Wechſelchen*) verſehen, wo gleich k. 3) Zu damaliger Zeit war die Anwendung der Vec⸗ el bereits im Gebrauche, wovon die mehrfache eeiſe lieſert. . * — 17— Der gefangene Iſraelit ſchrieb hierauf im Beiſein des Ritters an ſeinen Geſchäftsfreund, den genannten Abraham, und dieſer ſäumte keinen Augenblick, ſeinen Glaubensgenoſſen aus ſeiner ſchweren Haft zu befreien; er erhielt ein Geleit bis eine Viertelſtunde von der Burg, das er theuer genug bezahlen mußte, und dankte Gott für ſeine Rettung aus den Krallen des räuberiſchen Talken⸗ ſteiners, der ſich beim Einſtreichen des erpreßten Löſe⸗ geldes ins Fäuſtchen lachte. „Jetzt, Freund Eginhard, laß ſehen, was unſere andern beiden Gefangenen machen, die Meiſter Hans Hutten hinter ſeinen Schloͤſſern verwahrt. Geh' hinab und hole ſie her, wir wollen ſehen, weſ⸗ ſen ſie geſonnen ſind; ich will dann nach der Fol⸗ terkammer hinabſteigen, um Zeuge zu ſein, wie ſich der junge Trotzkopf auf der Reckleiter benimmt.“ Die beiden Kaufleute, welche in der Burg ge⸗ fangen ſaßen, wurden nach kurzer Zeit hereingeführt, ſie ſahen ebenfalls ſehr leidend aus, und bewieſen eine Muthloſigkeit, als ob ſie im Begriff ſtänden, das Schaffot zu beſteigen. Der Burgherr weidete ſich mit Vergnügen an der Angſt dieſer armen Schelme. „Nun, Ihr zähen Ellenreiter!“ rief er höhnend, „„wie gefällt es Euch inmitten meines Weichbildes? Adam Schwobe. 7. Lieferung. 2 — Ihr, habt ſchon manchen ritterlichen Kaͤmpfer mit c Ich hoffe, daß Ihr nun ſo ziemlich mit den Ge⸗ wohnheiten und Satzungen auf Talkenſtein vertraut worden ſeid.“ „Das ſind wir leider vollkommen,“ antwortete einer von den zwei Gefangenen, ein Tuchhändler aus Görlitz, Namens Hans Pflug,„es iſt uns ſehr übel gegangen, indem wir ſchlimmer gehalten worden ſind als Wegelagerer und Strauchdiebe, da wir doch ehrliche, angeſeſſene Bürger der Sechsſtadt Görlitz ſind, die allenthalben ſich des Schutzes der Fürſten, ſowie der Mächtigen des Landes zu er⸗ freuen haben.“ en „Pocht nicht darauf!“ rief der Ritter von Tal⸗ kenſtein ſtreng;„ich kümmere mich wenig um all die Gunſt, die Ihr irgend genießen mögt, und Ihr habt geſehen, daß ich keine Ausnahme gelten laſſe, weil ich weiß, daß Ihr Görlitzer mit Eurem An⸗ hange ſehr trotzig geworden ſeid, aber eben darum ſetze ich Euch einen Damm entgegen, an welchem ſich Eure Hirnſchalen zerſchellen ſollen.“ „Ich gedachte mit Euch glimpflich zu verfah⸗ ren,“ fuhr der Sprechende nach einer kurzen Unter⸗ brechung fort;„allein Ihr habt meinen Entſchluß durch Euer ſtolzes, keckes Benehmen geändert, und Ir ſollt ſehen, wie ſehr ich Eure Macht verſpotte; —— Gewalt aufgehoben und ihm den Kopf abgeſchlagen unter dem Schutze Eurer Stadtmauern. Nun, wer hindert mich daran, Euch als einen Beweis meiner Erkenntlichkeit aufhängen zu laſſen, was mir doch ſo leicht iſt; ein Wink, ein Wort und Ihr ſchwebt in wenigen Minuten zwiſchen Himmel und Erde.“ „Der Gefährte des Gefangenen, welcher zuerſt geſprochen hatte, erblaßte über dieſe Auseinander⸗ ſetzung, die ein ſo ſchauerliches Ergebniß blicken ließ; ja er fing an zu zittern und ſeine Zähne klapperten wie von einem heftigen Fieberfroſte ge⸗ ſchüttelt. „Habt die Gnade, Herr Ritter, und laßt mich ein Wort reden, meinem Gefährten gegenüber, der Ew. Geſtrengen durch ſeine Aeußerung zum Zorne gereizt hat,“ ſagte er in einem kläglichen Tone, während er zugleich auf die Kniee ſank und ſich jämmerlich gebehrde „Nun ſo ſprecht, elende Memme,“ ſagte der Ritter,„ich ſehe ein, daß ich wenig Vortheil haben würde, Dich aufknüpfen zu laſſen; ein Haſenherz wie Du, kann weder in Krieg noch Frieden Scha⸗ den für mich bringen.“ Der Beſrf welcher uter — ——— — 20— einiger Zeit erfolgen ſollte. Sein Reiſegefährte, Hans Pflug, welcher ärmer war und die Summe nicht herbeiſchaffen konnte, ſollte zurückbleiben, und wurde, wegen ſeiner Aeußerung gegen den Ritter, ſehr hart gehalten; man drohte ihm mit dem Tode und der Burgherr erklärte ihm: wenn ſein Freund, Elias Laufer, nicht binnen 14 Tagen die Summe des bedungenen Schutzgeldes für ihn beſchicken würde, daß ihm dann der Prozeß gemacht werden ſollte. „Dann macht ihn mir lieber ſogleich,“ ſagte Hans Pflug,„ich bin arm und mein Weib kann den Kindern das tägliche Brod nicht um meinet⸗ willen entziehen, und was meinen erbärmlichen Reiſegefährten betrifft, der reich iſt, ſo wird dieſer keinen Finger krümmen, um mich zu retten. Es kann daher nichts nützen, ob ich heute ſterbe, oder ob es erſt binnen einer quglvollen Friſt von acht Tagen geſchieht;— dieß, Herr Ritter, iſt meine Meinung.“ Elias Laufer hatte die Aeußerung ſeines S des nicht ohne Erröthen mit angehört. „Ihr wißt es, lieber Hans, daß ich auch nicht ſo ſehr reich bin,“ ſagte er,„ſonſt würde ich gewiß für Euch mit bezahlen, aber ſo— unter ſo— „Nin, ic danke S für Euern guten Willen,“ — — ſagte Pflug gefaßt,„behaltet Euer Geld, deſſen Ihr genug beſitzt und wozu Ihr durch Handel und Erbſchaften gelangt ſeid. Ich will meine Befreiung grade Euch am wenigſten zu verdanken haben.— Wenn Ihr nach Görlitz kommt, ſo grüßt mein Weib und meine Kinder, und ſagt ihnen, daß ich als ein ehrlicher Mann und guter Chriſt im Begriff ſtänd, zu ſterben,— denn ich ſehe keine Ausſicht auf Be⸗ freiung vor meinen Augen.“ Als er dies ſagte, wandte er ſich hinweg und wiſchte eine Thräne aus ſeinen überlaufenen Augen. Der Talkenſteiner hatte dieſen Auftritt mit dü⸗ ſterer Miene angeſehen, allein man konnte nicht mit Gewißheit erkennen, welchen Eindruck derſelbe auf ihn gemacht hatte, er blieb finſter und befahl, die Gefangenen abzuführen. Nach Verlauf von einigen Tagen erfolgte die Befreiung des Elias Laufer und als er ſeinen Fuß über die Zugbrücke des Talkenſteins geſetzt hatte, da war er auch bemüht, ſeinem Namen Ehre zu machen, er lief wie beſeſſen auf und davon, um recht zeitig in Görlitz einzutreffen. Kaum war der ſeige Elias zum Burgthore hinaus, als der Ritter befahl, den Gefangenen Hans Pflug vor ihn zu bringen, was ſofort geſchah. 2 8 ————— — 22— Der Eingetretene war auf das Schlimmſte Der Talkenſteiner betrachtete yn einige Au⸗ 3 genblicke mit großem Ernſte N bet Blick ₰ mit Feſtigkeit aus. „Du biſt ein armer Teufel,“ ſagt er hierauf, „aber Dein Benehmen hat meinen Gefallen an Dir rege gemacht, und zum Lohne für Deinen WMuth ſollſt Du noch in dieſer Minute frei ſein.“ „Nehmt ihm die Ketten ab,“ fuhr er fort und geleitet ihn hinaus und damit er eher nach Görliz komme als ſein erbärmlicher Reiſegefährte, ſo gebt ihm ein Pferd, wir wollen es uns bei günſtiger Gelegenheit ſchon wieder zu verſchaffen ſuchen, oder vielleicht ſtellt uns der Gefangene das Thier aus Dankbarkeit wieder zurück.“ Hans Pflug ſtand wie angewurzelt, einen ſol⸗ chen Ausgang hatte er nicht erwartet. 1 Der Talkenſteiner hielt Wort und noch ehe eine Stunde verging, war der Bürger von Görlitz auf der Heimkehr begriffen, er ritt einen kräftigen§ Gaul und war mit einem Geleitsbriefe verſehen, der ihm auf ſeiner Reiſe Sicherheit verlieh und ihn vor weiteren Gefahren ſchützen konnte. 3 Fröhlichen Herzens trieb der gute Hans Pflug fein Roß an, in ſeinem Innern mit den theuern —— 4 Angehörigen beſchäftigt, die er nun bald wieder ſe⸗ hen ſollte. Ach, wie klopfte ſein redliches Herz bei *. dem Gedanken an die Heimkehr, und die Freude über ſein Glück ließ ihn ſich nicht an den elenden Elias Laufer erinnern, der ihn in ſeiner Noth ver⸗ aaſſen hatte, ohne auch nur das Mindeſte für ihn gethan zu haben. Das Pferd war ein tüchtiger Renner und trug ihn ſchnell ſeines Weges, da es jedoch nicht mehr zeitig am Tage war, beſchloß er in einer Schenke, 3 welche am Wege einſam lag, zu übernachten. 3 Das Wirthshaus hatte wenig, was ſich hätte dem Reiſenden als erwünſcht empfehlen können. Koſt und Getränke waren ſchlecht und der Beſitzer ein mürriſcher, ſchmuziger Mann, erweckte nebſt ſei⸗ ner Ehehälfte kein großes Vertrauen. Hans Pflug hatte ſein Pferd in einen gegen⸗ über befindlichen Stall führen laſſen und ſaß eben beim Abendeſſen, als ein zweiter Reiſender anlangte. Es war dies Niemand anders als Elias Lauf er aus § Görlitz, und wie ſperrte er die Augen auf, als er 8 bei ſeinem Eintritt ſeinen von ihm ſo ſchmählich verlaſſenen Mitbürger ſitzen ſah; faſt glaubte et deſſen Geiſt zu erblicken und wähnte, der Talken⸗ ſieiner habe ihn bereits hängen laſſen, allein je län 2 ger er denſelben anſtierte, deſto —— — 24— es ihm, daß der leibhaftige Hans Pflug hier vor ihm ſitze. „Um Gotteswillen, was ſeh ich,“ ſtotterte er höchſt verlegen,„Ihr ſeid hier, während ich Euch dort oben auf dem abſcheulichen Talkenſteine wähnte. Ach! wie ſehr freue ich mich über Eure Anweſen⸗ heit, doch um aller Heiligen willen, wie iſt das zu⸗ gegangen, daß Ihr frei wurdet und noch eher hier⸗ her gelangtet als ich?“ „Es waren beſondere Umſtände, die es ſo ſchickten,“ ſagte Hans Pflug in gleichgültigem Tone. „Doch Ihr werdet Euch darum wenig kümmern, nach dem Benehmen zu urtheilen, das Ihr an den Tag legtet, als mir das Meſſer an der Kehle ſaß. Meiſter Laufer,“ fuhr er fort,„ich gönne Euch nichts Böſes dafür, aber für Eure Freundſchaft muß ich künftig ſchönſtens danken. Geht Ihr Euern Weg und ich den meinigen, das wird ſo wohl am beſten ſein und nehmen wir künftig keine Notiz mehr von einander.“ Elias Laufer fühlte ſich durch dieſe offenherzige Erklärung eben nicht ſehr geſchmeichelt, er wandte das Geſicht beſchämt hinweg und erwiederte nur wenige Worte, worauf jener indeß nicht in Ge⸗ ringſten achtete. Während dieſe Stimmung zwiſchen den beiden 4 — 25— Gäſten herrſchte und auch fortwährend bevbachtet wurde, war es ſpät geworden. Hans Pflug legte ſich auf ein Lager von Stroh, während Elias Laufer ſich mit dem Kopfe auf den Tiſch lehnte und in dieſer Lage bis zum lichten Morgen verblieb. Nachdem Hans Pflug aufgeſtanden und ſich durch einen kräftigen Morgentrunk erquickt hatte, befahl er ſein Pferd zu ſatteln und vorzuführen, wobei Meiſter Laufer von neuem große Augen machte, ohne daß er es wagte, eine Frage an jenen zu richten, der nach kurzem Aufenthalte das Zimmer verließ, ſich auf ſeinen Gaul ſchwang und davon ritt. Elias ſah dem Reiter mit offenem Munde nach, er wußte ſich alles dies nicht zu erklären, indem es Pflug unterlaſſen hatte, ihm Auskunft darüber zu geben. Nach einer Weile ritt Hans etwas langſamer, wobei er zugleich anſing über die letzten Vorfälle nachzudenken. „Wie wird ſich die Memme fürchten durch die⸗ ſen ungeheuern Wald,“ brummte Pflug,„er wird zittern wie ein Espenlaub bei jeder Bewegung, die der Morgenwind hervorbringt. Horch, das ſind Tritte von Roſſes hufen,“ fuhr er fort, indem er ſein Thier anhielt,„es kommt näher, und zwar aus derſelben Richtung, welche ich zu verfolgen im Begriff ſiehe, — 26— vielleicht eine feindliche Begegnung, bei Gott, dann würde ich nichts auszurichten vermögen.“ Noch war er mit ſeinem Selbſtgeſpräch nicht fertig geworden, als fünf bis ſechs Reiter mit ge⸗ zückten Waffen auf ihn losgeſprengt kamen. „Ergib Dich, Schurke oder wir durchbohren Dich mit unſern guten Schwertern,“ brüllte der nächſte der auf ihn Losſtürmenden, indem er mit der Schnelligkeit des Blitzes heranſauſte. Es dauerte nicht lange, ſo ſah ſich Hans Pflug von den Reitern umringt. Widerſtand war hier vergebens und jeder Gedanke an Flucht mußte un⸗ ter ſolchen Umſtänden als Wahnſinn gelten. „Ei ſeht doch, trägt des Schurken Roß nicht das Wappen des von Talkenſtein auf ſeiner Sat⸗ teldecke!“ rief einer von den Reitern.„Ha, ha, vielleicht haben wir einen wichtigen Fang gemacht — einen Flüchtling— der ſich ohne Wiſſen des geſtrengen Ritters zu entfernen wußte“ „O nein, meine Herren, ſo iſt es nicht ge⸗ meint,“ verſetzte Hans, indem ſeine Hoffnung ſich wieder zu ſtärken begann.„Ich habe meine Reiſe frank und frei von Burg Talkenſtein begonnen und durch die beſondere Gnade des geſtrengen Ritters dieſes Pferd erhalten, um deſto eher das Ziel zu er⸗ langen, welchem ich mit Sehnſucht entgegeneile.“ 22 — 22 „Zeigt uns darüber eine Beglaubigung,“ ſagte einer von den Reiſigen. „Hier iſt ſie,“ verſetzte der Aufgeforderte, in⸗ dem er den Geleitsbrief hervorzog. „Es iſt richtig,“ verſetzte der Reiter, nachdem er den Brief geleſen,„Chriſtoph von Talkenſtein, unſer gnädige Herr hat das Schreiben mit ſeinem eigenen Siegel bekundet.“ Alle wichen hierauf ehrfurchtsvoll zuruc, „Zieht ruhig Eures Weges, Herr Fremder,“ ſagte hierauf der Reiſige,„es wird Euch unter ſolcher Geleitung nichts widerfahren, und verzeiht, wenn wir Euch auf einige Augenblicke aufhielten.“ Die Reiter wandten ſich ab, um die Richtung nach dem Talkenſteine weiter zu verfolgen; da er⸗ blickten ſie in dieſem Moment einen zweiten Reiter daher getrabbt kommen. Es war Meiſter Elias Lauf, derſelbe patte ſih in der eben erwähnten Herberge einen alten lah⸗ men Klepper gekauft, um deſto ſchneller fort zu kommen; er erſchrack nicht wenig, als er die Rei⸗ ſigen erblickte, die ſpfort auf ihn losfuhren, wie der Geier auf ſeine Beute. Hans Pflug, welcher ſein Pferd erhielt, konnte jetzt alles genau bemerken, was zwiſchen Elia und den Reitern von Talkenſtein vorging. iiii — 28— „Holla! der Schuft muß mit uns gen Talken⸗ ſtein,“ rief der Reiſige;„er kann ſich nicht legiti⸗ miren, ihm fehlt der Geleitsbrief unſeres geſtrengen Ritters, und ohne dieſen laſſen wir ihn aus dem Garne.“ „Ich bitte Euch um Gotteswillen, edle Hetiin bat Elias im kläglichen Tone;„laſſet mich los, ich habe das Löſegeld gezahlt auf dem Talkenſteine, und ſtehe jetzt im Begriff heimzukehren, was mir jener Ritter, welcher dort in einiger hält, bezeugen kann.“ „Das kümmert uns nichts,“ riefen die Reiter, indem ſie dem zitternden Tuchmacher einige derbe Püffe verſetzten, daß er faſt von ſeiner dürren WMähre gefallen wäre,„Du mußt wieder mit uns umkehren und das Löſegeld noch einmal zahlen, wenn Du Verlangen trägſt, heim zu reiten.“ Und ohne auf ſeine Betheuerungen zu hören, nahm man ihn in die Mitte, um ihn als gute Priſe wieder nach dem Talkenſteine zu führen, welchen er erſt vor einem halben Tage verlaſſen hatte. Hans Pflug winkte den Reitern und ſprengte auf ſie zu, und nachdem er ſie erreicht hatte, ſuchte er ſich für den geängſtigten Elias zu verwenden, allein dies gelang ihm ſchlecht. —————— . * 3 1 „Kümmert Euch nicht um dergleichen Sachen,“ ſagte zu ihm der Reiſige im gemeſſenen Tone,„wir befinden uns hier auf Talkenſteiner Gebiet und kein Menſch kann was dagegen haben, wenn wir es für geeignet halten, dieſen Apoſtelreiter aufzu⸗ heben und mit uns fortzuführen.“ Elias ſah ſich demnach mit fortgeſchleppt, er mochte wollen oder nicht. „Grüßt mein Weib und meine Kinder,“ ſchrie er in verzweifelndem Tone, ſich gegen ſeinen Mit⸗ bürger Hans wendend;„o ich werde ſie niemals wiederſehen, Gnade! Gnade!“ Allein die wilden Reiter achteten nicht auf ſein Geſchrei, ſie führten ihn vielmehr mit ſich fort und waren im nächſten Augenblick mit ihrem Gefangenen hinter einer Biegung des Waldes verſchwunden. Während nun Hans Pflug ſich beeilte, aus dieſer gefährlichen Gegend hinweg zu kommen, legte Elias Laufer die Reiſe nach dem gefürchteten Talken⸗ ſteine wieder zurück, bei deſſen abermaligen Anblick ihm faſt Hören und Sehnen verging. Die Zugbrücke raſſelte klirrend herab und die Reiter ritten durch die hohe Thurmpforte. Nachdem die Reiſigen mit ihrem Gefangenen den Schloßhof vom Talkenſteine haten, Nachricht gegeben, daß ein neuer Gefangener ein⸗ gebracht worden ſei. Der Burgherr befahl denſelben vorzuführen und brach zugleich in ein wildes Lachen aus, als er den zitternden Elias Laufer erkannte. „Ei ei, haſt Du Dich nochmals fangen laſſen, Du elender Gimpel?“ rief er höhniſch.„Nun fürwahr, wir können uns nicht um Deinetwillen die Zeit verziehen, und Umſtände machen; Du biſt demnach zum zweiten Male unſer Gefangener, und wenn Du Dich nach der Wiedererlangung der Frei⸗ heit ſehnſt, ſo beſchicke ſo ſchnell wie möglich Dein Löſegeld.“ „O mein Gott!“ jammerte Elias Laufer;„habe ich nicht erſe vorgeſtern die Summe von hundert Mark Schutzgeld bezahlt?“ „O ho, lieber Freund, das war für das erſte Mal, als man Dich hierher brachte, jetzt biſt Du zum andern Male mein Gefangener, und aus dieſem Grunde können wir auf das gezahlte Löſegeld von geſtern keine Rückſichten nehmen.“ Elias Laufer ſtand wie aus den Wolken gefallen, einen ſolchen Handel hatte er nicht geahndet. „Das iſt ja ſchlimmer wie unter Heiden, Tür⸗ ten und Juden!“ ſtöhnte er laut auf.„Ach, ich armer Mann! woher ſoll ich das viele Geld neh⸗ ——————— — men, um mich loszukaufen? Ach, ich geſchlagener armer Mann!“ „Nehmt von da weg, wo Ihr das vorige her⸗ genommen habt,“ ſagte der Talkenſteiner höhniſch, ʒ„hat uns doch Euer Görlitzer Freund und Mit⸗ bürger, Hans Pflug, geſagt, daß Ihr ein großes Vermögen erhandelt und ererbt habt, und es iſt ein ſehr natürlicher Wunſch, wenn wir etwas davon beſitzen wollen. Trollt Euch daher und ſchreibt nochmals nach Görlitz, und zwar mit dem Unterſchiede: daß Ihr, anſtatt hundert gutlöthiges Silber zu verlangen, zweihundert dieſes edlen Me⸗ talls hierher beſchicken laßt.“ „Ach Gott, das wäre ja das Doppelte!“ rief Elias. „Nun freilich, lieber Freund, die Preiſe ſteigern ſich, ſo iſt es nach unſeren hertömmlichen Geſetzen.“ Elias ſchrieb nach Hauſe, das Geld erfolgte auch ſchleunigſt auf ſeinen ſehr kläglichen Brief, worauf er mit einem Geleitsbriefe, welchen er dies⸗ mal nicht vergaß, die Burg verließ, und unter mancherlei Aengſten und Beſchwerden glücklich in 3 ſeiner Vaterſtadt Görlitz anlangte. 3 —— „ ½ ————— MM. Ritter Hans von Maxen. Etwa acht Tage konnten ſeit den zuletzt er⸗ zählten Ereigniſſen vorübergegangen ſein. Die Gefängniſſe und Verließe des Talkenſteins waren bis auf die beiden räthſelhaften Gefangenen leer geworden, welche Beide die Folter erduldet hatten, ohne ein Geſtändniß abgelegt zu haben. Der Ritter von Talkenſtein befand ſich noch immer in dem Beſitz des verſchloſſenen Päcktchens, welches er von dem Klausner Johannes erhalten hatte, der für ſeine Dienſtwilligkeit in einem Kerker der Burg ſchmachtete. Schon mehrmals hatte der raubſüchtige Burg⸗ herr den Entſchluß gefaßt, das verſiegelte Käſichen zu erbrechen; allein das kaiſerliche Siegel an dem⸗ ſelben hielt ihn immer wieder ab, wobei ihm jedes Mal ein Gefühl des Unbehagens beſchlich. Wenn der alte hartnäckige Brummbär ein Ge⸗ ſandter des Königs wäre,“ iſ ſelbſt, den verſiegelten Gegenſtand prüfend in der i. — 33— Hand wiegend.„Was denn? der Zorn deſſelben würde ein rächender ſein und meine Burg hätte eine Belagerung zu gewärtigen, die vielleicht mit einer Ueberwältigung endigte. Ha ha, das wäre freilich ein verwünſchtes Geſchick und mein Loos möchte dann gewiß der geringſte meiner Troßbuben nicht mit mir theilen.“ „Doch wer kann gegen mich als Zeuge auftre⸗ ten, daß ich die beiden Reiſenden in meiner Burg gefangen halte? Meine Leute wiſſen wohl, daß dergleichen ſich hie befinden, aber ſie haben keine Kenntniß von der Stande derſelben und wiſſen nicht das Mindeſte von der Angelegenheit dieſes Käſichens; allein dem alten Klausner iſt es bekannt und itzt ſicher, ſeine Zunge wird nicht ſchwatzen, denn die Mauern des Talkenſteins ſind zu dick, als daß ein Horcher jemals etwas erlauſchen könnte; zudem befindet ſich der Alte gänzlich unter meiner cht, ſo daß er niemals Gelegenheit end Jemanden zu plaudern. Die s Geheimniß zu bewahren, iſt gün⸗ ſie alle drei in meiner Gewalt, und — hn 3 dann— mögen ſie dem Intereſſe „ü meiner Schi zum Opfer fen* 34— die Nacht, wenn drohende Gewitterwolken herauf⸗ ziehen; er ging mehrmals auf und ab, während ſeine Hand krampfhaft das Päcktchen umfaßt hielt. Wieder war der Drang, daſſelbe zu eröffnen, lebhaft in ihm geworden, ſchon ruhte die ſcharfe 3 Spitze ſeines Dolches auf dem großen Siegel, da ſtieß der Thurmwart ſchmetternd in ſein Horn, daß es im Schloſſe wiederhallte und weit hinaus ſchallte über die Berge und der Umgebung der gefürchteten Raubburg. Der Ritter erſchrack unt hr mit der Hand, ſagte er zu dieß ein Zeichen von irgend ei Unheil ſein? faſt möchte ich der! Nahende Fußtritte ſtörten de unangenehmen Betrachtung; Eginha der Meldung, daß der Rüter Ha ſeinen Knappen angekommen ſei. 3 iſt mir Sn S* Griſch lebhaft, n — 35— Bei Gott! ſein Erſcheinen kommt mir höchſt er⸗ wünſcht.“ 3 Der Kaſtellan entfernte ſich ſchnell und nach turzer Zögerung trat Ritter von Maxen, ein voll⸗ endeter Rothkopf mit häßlichem Geſicht, in den Saal, begrüßt von dem Burgherrn, der ihm ent⸗ gegen ging und die lebhafteſte Freude über ſeinen Beſuch an den Tag legte. „Willkommen, tapferer Freund!“ rief er, ihm die Hand reichend, in die Jener lebhaft einſchlug. Waos giebt es Neues bei unſeren Freunden?“ fuhr der Talkenſteiner fortz„ich habe in den letzten Wochen keine Nachricht von ihnen erhalten und in meiner Burg geſeſſen wie ein vermauerter Mönch.“ „So viel mir bewußt, ſind ſie im beſten Wohl⸗ ſein,“ antwortete Hans von Marenz„ſie haben viel Arbeit gehabt durch Adam Schwobens Fehde, welche derſelbe den Städten angeſagt und bisher tapfer durchgefochten hat, und wobei ſie ihm treu⸗ tich Beiſtand geleiſtet haben.“ „Und wie geht es dem wilden Nikolaus von Greifenſtein?“ frug der Burgherr;„ich geſtehe, daß es mich ſehnt, ihn bald wieder zu ſehen, wir haben ſo manchen Hauptſtreich mit einander ausgeführt.“ 6„Es ſoll auch noch mancher vorgenomme werden,“ bemerkte Maxen,„wir jetzt gut Fährte und wollen ſchmieden, ſo lange des eitn warm iſt.“ „Laß hören,“ ſagte der Lallenſteiner erregt „ich möchte unter Kurzem einmal aus meiner Un⸗ thätigkeit heraustreten und dem Geſindel der ſcha⸗ chernden Krämer mit meinem blanken Schwerte zu Leibe gehen. Das Volk häuft Schätze über Schätze zuſammen durch ſeinen Handel und wird von Tage zu Tage übermüthiger. Dieſe Verhältiſſe dürfen nicht länger ſo fort beſtehen, und wir wollen ein⸗ mal tüchtig hineinſchlagen, um ihnen zu beweiſen, daß unſere Arme noch nicht gelähmt ſind.“ Hans von Maren zog ein höhniſches Geſicht. „Leider,“ ſagte er,„fühle ich es, daß wir nur zu ſehr gelähmt worden ſind durch die Ereigniſſe der letzteren Zeit; wie manche ſtolze Burg iſt nicht ſchon durch des Kaiſers Willen gebrochen worden und in Trümmern geſtürzt durch die Macht der Sechsſtädte, die immer mehr empor kommen und dem Adel keck entgegen treten; ſie ſcheuen ſich nicht, die Ritterſchaft zu verhöhnen und ſogar die Mit⸗ glieder derſelben bei Gelegenheit au rhüngen⸗ wie gemeine Strauchdiebe.“ „Dafür werden ſie aber auch derb abgehudelt,“ verſetzte der Talkenſteiner;„wir pla⸗ gen ſie auf alle nur mögliche Weiſe, und Euch ſei es geſagt, Freund Maxen: ich laſſe keinen bürger⸗ lichen oder auswärtigen Fremden durch mein Weich⸗ bild, ohne ihn zuvor tüchtig durch Zoll und Weg⸗ geld den Beutel leer gemacht zu haben. Fragt nur Diejenigen, welche gezwungenermaßen bei mir ein⸗ kehrten, und ſie werden mir das ſo eben Geſagte gewiß bezeugen.“ „O, man kennt Euer Verfahren ſehr genau, Herr Ritter,“ antwortete Maren bedeutſam.„Aber,“ fügte er hinzu,„Ihr habt dadurch ein großes Heer von Feinden gegen Euch rege gemacht, es iſt bereits offenkundig geworden und kein Geheimniß mehr vor Kaiſer und Reich, daß Ihr mit großer Strenge gegen Diejenigen verfahrt, die ſich dem Schloſſe Talkenſtein auf einen Bogenſchuß nähern, oder auch in größerer Entfernung harmlos vorüberziehen.“ Der Talkenſteiner erröthete. „Sollte es wirklich an dem ſein,“ ſagte er, „und mein Verfahren auffallend erſcheinen vor den Augen des Kaiſers? Ha ha, Ihr wollt mich in Verlegenheit ſetzen, ſobald geſchieht es ſonſt nicht, daß der Nothſchrei eines geplünderten Schacheriudens oder ſonſtigen Händlers zu den Ohren Sr. Ma⸗ jeſtät gelangt.“ „Und doch iſt es geſchehen, wie ich eſn vernommen,“ verſetzte e 203 Städte . — 38— Ritter wegen ihres ſtrengen Verfahrens, bei dem Könige von Böhmen zu verklagen; ſollten ſie kein Gehör finden, was jedoch nicht zu erwarten ſteht, dann wollen ſie ſich ſelber helfen durch ihre Macht, und den Rittern, die ſie im Handel und Wandel ſtören, offene Fehde erklären.“ „Laß ſie thun was ſie wollen,“ ſagte der Tal⸗ kenſteiner;„ſie werden uns gewappnet finden, wir wollen ſie empfangen gegen ihr Erwarten und ſie mit den Knöpfen unſerer ſcharfen Schwerter aufs Haupt ſchlagen, daß ſie ſobald nicht wieder an eine Auflehnung denken ſollen. Dazu gehört nun zwar ein feſtes Zuſammenhalten der Ritterſchaft, denn es läßt ſich wohl mit Beſtimmtheit behaupten, daß wir vereinzelt leicht den Kürzeren ziehen würden, denn viele Hunde ſind der Haſen Tod.“ Der Ritter von Talkenſtein ſuchte nach und nach ſeine augenblickliche Beſorgniß zu verdrängen, was ihm auch gelang und die Unterhaltung rich⸗ tete ſich auf andere Gegenſtände. „Ich bin gekommen, um Euch einen reichen Fang in die Hände zu ſpielen,“ fuhr Hans v. Ma⸗ xen nach einiger Zeit fort,„und zwar unter der Umgegend haben Beſchwerde gegen Euch eingelegt, und ſtehen im Begriff, Euch, ſowie noch andere — 39— Bedingung, daß mir bei Gelingen des in Rede ſie⸗ henden Unternehmens ein Theil der Beute zufällt.“ „Ihr ſollt ſie haben,“ antwortete der Burg⸗ herr in beſtimmtem Tone,„das heißt, wenn mir die Unternehmung nicht zu große Schwierigkeiten verurſacht und der Preis der Mühe lohnt.“ „Daran zweifelt nicht, Freund,“ antwortete Maxen mit Beſtimmtheit,„und ſeid überzeugt, daß meine Botſchaft auf gutem Grunde beruht.“ „Nun ſo laßt hören,“ ſagte der Talkenſteiner, „ich will dann ſehen, was ſich thun läßt.“ Hierauf erzählte Hans von Maxen, daß ein Zug Kaufmannsgüter von Reichenberg nach Löbau gehen ſolle, deſſen Aufhebung große Belohnung verſpreche. Derſelbe ſollte in zwei Tagen die Reiſe antreten und von einer Anzahl Bewaffneter beglei⸗ tet werden, die ihm zum Schutze gegen etwaige Anfälle dienen ſollten. „Ei, das läßt ſich hören,“ rief der Burgherr in zufriedenem Tone,„und wir wollen ſehen, daß es gelingt, die Schätze der Reichenberger Händler in unſre Säkel zu füllen. In zwei Tagen wird, wie Ihr ſagtet, das Gut abgehen?“ „In zwei Tagen,“ wiederholte Hans v. Während ſich die beiden Ritter über den S. ſtehenden Plan noch weiter unterhalten, — 40— es uns vergönnt, über die Verhältniſſe des Hans v. Maxen, welcher noch öfter in unſerer Geſchichte vorkommt, kurz etwas mitzutheilen. Der Genannte ſtammte aus einer alten adli⸗ gen Familie, welche ihr Stammſchloß in der Nähe von Breslau beſaß. Dieſelbe war faſt bis auf den letzten Sproſſen ausgeſtorben und außer dem Rit⸗ ter war nur noch ein entfernter Verwandter am Leben, welcher ſich jedoch in einer Fehde gegen den Herzog Heinrich von Liegnitz gegen den König von Böhmen ſchwer vergangen hatte und flüchtig ge⸗ worden war. Hans von Marxen, deſſen Lebensweiſe nicht minder Anſtoß gab wie diejenige ſeines Vetters, war in Folge der Theilnahme an einem Raubzuge in der Nähe von Sprottau geächtet worden und trieb ſich jetzt vogelfrei umher, er durfte es nicht wagen, nach ſeinem Stammſchloſſe zurückzukehren, welches zugleich ein Lehnbeſitzthum war und, wie es hieß, von der böhmiſchen Krone eingezogen wer⸗ den ſollte. Auf dieſe Weiſe war der Geächtete ſeines Ver⸗ mögens verluſtig geworden und hielt ſich heimath⸗ los in den Schlöſſern der Ritterſchaft auf und diente derſelben als Spion, wobei ihm dann gewöhnlich ein eſinutr S der Beute von Raub⸗ — 41— zügen wurde, die durch ſeine Veranlaſſung zur Aus⸗ führung kamen. Dies möge genug ſein von der charafterſcil⸗ derung eines Mannes, welcher ſich durch eine ſo unwürdige Beſchäftigung zu erhalten ſuchte und den ſeine Frennde deshalb nicht ſallen ließen, weil ih⸗ nen ſeine verworfenen Pläne von Nutzen waren. „Ich werde die nöthigen Anſtalten treffen, um das Geſchäft zu unſerm gegenſeitigen Nutzen aus⸗ zuführen,“ ſagte der Talkenſteiner.„Meine Man⸗ nen ſollen gerüſtet auf dem Platze erſcheinen und es ſoll uns keine Maus entrinnen. Ihr ſollt mit im Zuge ſein,“ fuhr er zu dem verrätheriſchen Maxen fort und ſollt Eure Luſt daran haben, wie meine Knechte über die Brut herfallen werden, um ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen.“ Hans v. Maxen war natürlich mit dieſem An⸗ erbieten einverſtanden und verſicherte ſeinen Freund ſeiner möglichſten Unterſtützung bei der Ausführung des augeregten Raubzuges. „Und nun wollen wir einige Humpen leeren auf gutes Glück,“ rief der Burgherr, ſeinem Ge⸗ noſſen vertraulich auf die Schulter ſchlagend. „Ich werde mit Vergnügen Beſcheid thun,“ verſetzte jener und folgte ſeinem Frrunde nach den Trinkzimme E V. Eine edle Seele.— Der Abzug. Während der Ritter von Talkenſtein mit ſeinen 3 Freunden am Zechtiſche ſitzt, finden wir die Gattin des erſteren, die Freifrau Heloiſe, in ihrem eigenen Gemache, und zwar in der Umgebung ihrer Kinder, deren ſie zwei beſaß: einen Knaben von 11, und ein Mädchen von 9 Jahren; beide waren von un⸗ gewöhnlicher Schönheit, und das Auge der Mutter glänzte ſtolz bei dem Anblicke dieſer zwei Lieblinge, die ihren Herzen theuer waren. Die Burgfrau führte im Schloſſe ein ſehr ein⸗ ſames und abgeſchiedenes Leben, und ihre Zerſtreu⸗ ung beſtand meiſtentheils in dem Umgange und der Geſellſchaft ihrer Kinder. 7 Der rohe Gemahl verkehrte, beſonders in der letzten Zeit, weniger mit der gefühlvollen Gattin, die ihn ſchon vft ſo ſtependlich gebeten hatte, von ß ſeinem wüſten Treiben abzulaſſen; allein es fruchtete nicht, und ſie erhielt für ihren wohlg einten Rath —— 6 ———— nichts als grobe Erwiederungen, welche einige Male faſt in Thätlichkeiten übergegangen wären. „Ihr habt Euch nichts um meine Handlungen zu bekümmern!“ ſagte er in drohendem Tone zu ihr,„und wenn Ihr Frieden mit mir haben wollt, ſo miſcht Euch nicht in die Angelegenheiten, die nicht für Euch paſſen und nur für Männer ſind. Ich werde meine Fehden auch ohne Euerm Rath aus⸗ zufehden wiſſen, das merkt Euch, und ſchweigt för⸗ der ſtill deshalb!“ Helviſe, die den heftigen Charakter ihres Gat⸗ ten genau kennen gelernt hatte, war durch dieſe beſtimmte Erklärung zurückgeſchreckt worden und wagte es nicht mehr, Einredungen zu machen, welche dergleichen Angelegenheiten betrafen; ſie ſchwieg ſtill und ſah oft mit blutendem Herzen die Ungerechtigkei⸗ ten und himmelſchreienden Verbrechen, welche unter ihren Augen vorgingen und unter der Leitung ihres Eheherrn verübt wurden, der ihren Kummer keiner Beachtung „Wie lange ſoll das noch ſo fort dauern,“ dachte ſie dann oft, während ein ſchwerer Seußzer ſich ihrer Bruſt entwandte.„O mein G tt, hab⸗ Erbarmen und laß einſt nicht meine armer unſchul⸗ digen Kinder die ſchwere Schuld Vate gelten.“ die bekümmerte Mutter, ſie hat geweint, was ihr naſſer Blick beweiſt und ſucht in der Umarmung ihrer theuern Kinder die Augen zu trocknen. „Du haſt geweint, Mama,“ hub die kleine Eliſabeth an, indem ſie die gute Mutter küßte. „Ach warum biſt Du immer ſo traurig, haben wir Dich betrübt, o dann es uns, wir wollen es nicht wieder thun.“ Die Burgfrau bemühte ſich, ihren innern Schmerz zu unterdrücken.„Nein, nein, lieben Kinder,“ ſagte ſie, nicht Ihr ſeid die Urſache meiner Thränen, o nein, Euer Anblick trocknet mir ſie vielmehr und gewährt mir Troſt in meinem Kummer.“ Der junge Heinrich ſtand mit ſichtbarer Bewe⸗ gung neben ſeiner Mutter, ihre leidenden Züge machten einen lebhaften Eindruck auf ſein kindliches Herz und die junge empfängliche Seele des Knaben fühlte ein unbeſchreibliches Weh in ſich bei dem An⸗ blick derjenigen, die er ſo ſehr liebte. „Ich weiß es beſſer,“ ſagte er in düſterm To⸗ ne,„welche Urſache es iſt, die unſere Mama ſo ſchwer ückt,“ ich will es Dir ſagen, Schweſter⸗ chen, es iſt der— 5„Schweig, mein lieber n bat die Frei⸗ frei,„und ſprich nicht von einer Sache, die Du In dieſer Stimmung ſfinden wir auch heute noch nicht zu begreifen vermagſt, zudem würde es ſich für einen guten Sohn nicht ſchicken, wenn er die Schuld des— ſie Frach ſchnell ab und wandte ſich hinweg um die eigene Verlegenheit vor ihrem Sohne zu verbergen, der trotz ſeiner Jugend doch ſchon des Vaters Unrecht zu beurtheilen vermochte. „Der Vater hat Beſuch erhalten,“ fuhr der Knabe fort,„ein Ritter ſitzt bei ihm und ſie trinken mit einander, was mir der garſtige Eginghard ge⸗ ſagt hat, als er vorhin vorüber ging und ein Fäß⸗ chen mit Wein hinein trug.„Ich habe,“ fuhr er fort,„den Ritter bereits früher in unſerer Burg geſehen, er ſieht recht häßlich aus, das rothe Haar macht ihn einem Fuchſe ähnlich, grade ſo wie der⸗ jenige war, welchen die Knechte neulich im Bau gefangen hatten.“ Eliſabeth lachte vergnügt.„Einem Fuchſe ſieht der Ritter ähnlich?“ rief ſie luſtig.„Ei dann muß er aber auch ſehr garſtig ausſehen, dann fürchte ich mich vor ihm, aber ſage doch, Mama, was will denn der garſtige Mann bei unſerm Vater.“ „Ich weiß es nicht, gutes Kind,“ verſetzte die Burgfrau, er bringt vielleicht eine wichtige Nch⸗ richt,“ fügte ſie hinzu. „Das glaub ich auch,“ ſagte Heinrich,„denn als er das letzte Mal hier geweſen war, brach der weiß es noch ganz 3 es war vit in der Nacht, ich ſchlief nicht und ſah in den Hof hinab, welcher ganz erleuchtet war von den Pechfackeln, die man angezündet hatte, ach es ſah ſo hübſch aus, wie die Waffen und Helme glänzten in dem feurigen Scheine, icht wahr, Mama, du haſt es auch geſehen, aber du warſt ſo traurig dabei und das viel mir ſo auf, Vater hat gewiß etwas Böſes im Sinne, dachte ich bei mir ſelbſt und verließ das Fenſter, ehe noch der Zug die Burg verließ.“ Die Freifrau war nachdenkender geworden, ſie antwortete nichts auf die Rede des Knaben, der ſie aufmerkſam anſchaute, ohne jedoch eine Frage an ſie zu richten, ſie wandte ſich jetzt gegen ſeine Schweſter und fuhr fort: „Gib Achtung, Eliſabeth, es wird nicht lange dauern, ſo unternimmt der Vater wieder einen ſol⸗ chen Zug und dies wird gewiß in der Nacht ge⸗ ſchehen.“ 3 „Dann werde ich wach bleiben, um es mit an⸗ zuſehen,“ ſagte die Kleine.„O es muß recht hübſch anzuſehen ſein, wenn die Geharniſchten Knechte alle mit Fackeln reiten, und der Vater unter ihnen. Mama, nicht war, da freuſt du dich gewiß auch „O nein, mein Kind, dann weine ich,“ ſagte die Mutter bewegt. „Warum denn?“ fragte die gute Eliſabeth. „Weil Dein Vater ins Gefecht zieht und da⸗ bei leicht ein Unglück haben könnte.“ Die Kleine wurde nachdenkend geſtimmt und als ſie eine neue Wolke des Kummers in dem Ge⸗ ſicht der Mutter aufſteigen ſah, da ſchlang ſie die Arme um ihren Nacken und küßte ſie inniglich. „Der garſtige Fuchsritter,“ ſchmollte ſie,„er braucht gar nicht mehr zu uns zu kommen, wenn es nur deshalb geſchieht, den Vater zu Krieg und Fehde abzuholen. Ich werde es ihm ſagen, wenn er mir in den Weg kommt, und will mich nicht vor ihm fürchten, wenn er auch noch ſo häßlich ausſieht, er mag reiten wohin er immer will, aber bei uns braucht er nicht mehr einzukehren, wenn ſein Be⸗ ſuch nicht aus gutem Herzen geſchieht.“ „Du haſt recht, liebes Schweſterchen,“ ſagte Heinrich,„ich will ihm daſſelbe ſagen und er wird ſich dann vor uns ſchämen müſſen.“ Unterdeſſen zechten die beiden Ritter, in leb⸗ haſtem Geſpräch, mit einander fort, wobei mancher Plan geſchmiedet und wieder verworfen wurde. Was indeſſen die Hauptſache betraf, ſo war man darin vollkommen einig mit einander und es wurde — 46 8 nur noch beſtimmt, daß Hans von Marxen den Ritter von Greifenſtein aufſuchen ſollte, um ihn zu einer Theilnahme an dem Vorhaben gegen die Rei⸗ chenberger aufzufordern und der feile Verräther war damit einverſtanden und verließ am folgenden Mor⸗ gen in aller Frühe den Talkenſtein, um ſich zu den Greifenſteiner zu begeben, der nach Anhörung die⸗ ſes Vorſchlages auch ſogleich damit einverſtanden war. Sie langten ſchon jam folgenden Abende wie⸗ der in der Burg an unp zwar in Begleitung einer Anzahl berittener Knechte, die dem Talkenſteiner zur Unterſtützung dienen ſollten. Die Ankömmlinge wurden alle gut bewirthet und die halbe Nacht hindurch dauerte das Getöſe und der Lärm der vohen Knechte, die ſich entweder in Führung der Waffen übten, oder einander unter die Tiſche ſoffen, wie es zu jener Zeit genannt vurde und worein man damals eine ungeheure Forſche bewies. 6 Wir brauchen wohl kaum hinzuzufügen, das es bei dieſer Gelegenheit unter den hochadlichen Rittern auf dem Talkenſtein nicht beſſer herging, dieſe Herren thaten es im Zechen ihren Leuten wo⸗ möglich noch zuvor, denn wie der Hert, ſo der Knecht. Der folgende Tag verging unter Zurüſtungen fur den bevorſtehenden Raubzug. Der Ritter von — — Talkenſtein gab ſeine Befehle und ordnete das Nö⸗ thige dazu an. Eginhard hatte alle Hände voll zu thun und kam ſelten von der Seite ſeines Herrn hinweg; ſein Leibknappe Kaspar hatte mit dem Be⸗ ſchicken der Rüſtung und Waffen nicht weniger Ar⸗ beit, er putzte und polirte, als ob es zu einem ehrenvollen Feſte gehen ſollte. Mittags war großes Banket, wobei noch einige andere Ritter gegenwärtig waren, worunter Hein⸗ rich von Liebſtein und Hans von Kottwitz ſich be⸗ fanden. Man zechte wieder von Neuem und be⸗ rathſchlagte ſchon im Voraus, was mit den dem Verderben geweihten Reichenberger Kaufleuten ge⸗ ſchehen ſollte. „Ich nehme ſie alle auf gut Löſegeld mit auf den Talkenſtein,“ rief der Burgherr,„und hier ſollen ſie feſt ſitzen, bis ſie tüchtig gezahlt haben; einige von ihnen müſſen unbedingt hängen, damit meine Leute auch eine Kurzweil haben für ihre Mühe, und während die Schufte an den Bäumen ihre Seelen gen Himmel ſchicken, mögen meine Knechte ein luſtiges Valetliedlein unter ihren Füßen an⸗ ſtimmen, um ihnen eine fröhliche urßui zu be⸗ reien 3 Die Ritter lachten über die Rede ihres rohen, gefüyuoſen Gefährten, und ſtießen mit den Adam Schwobe, S. Lieferung⸗ 4 zuſammen, daß es weithein durch die Räume des Schloſſes erſcholl. Während des Bankets befand ſich die Freifrau in einem entfernten Theile der Burg bei ihren Kindern; ſie hörte das wilde Gelächter der un⸗ heimlichen Gefährten ihres Gemahls, und es ſchallte zu ihren Ohren wie ein Jubel der Hölle, von deren Netzen ſie den Vater ihrer Kinder umgarnt und hingeriſſen ſah. Sie kannte den Plan der Verſam⸗ melten zwar nicht, denn der Ritter verſchwieg ihr dergleichen Angelegenheiten, aber ſie war überzeugt, daß nichts Gutes im Spiele ſein mochte, dafür leiſtete ihr die Anweſenheit der Genoſſen Chriſtophs ſichere Bürgſchaft. Mit den Kindern an der Hand ſtand ſie am Fenſter, und ſah mit bebendem Herzen den Vorkehrungen für die nächſte Racht zu, und ein grauſenhafter Schrecken fing an ihre Glieder zu ſchütteln, als ſie die wilden Geſellen der Ritter er⸗ blickte, wie ſie ſich untereinander beluſtigten und halb trunken ſich mit einander zankten und ſchlugen. „O, welch eine Rotte von Unholden!“ ſeufete ſie,„ſie gleichen den Teufeln aus dem Abgrunde und treten die Ehre meiner Kinder ſowie die einige, mit Füßen, wobei ihnen mein verblendeter Gatte ſeinen Beifall zuruft. Nun, Gott ſei ihnen allen einſt gnädig und auch uns!“ fügte ſie hinzu, den — 5— naſſen Blick zu den Wolken erhebend;„denn dieſes Leben und ruchloſe Treiben wird gewiß einſt ein Ende mit Schrecken nehmen.“ Der Nachmittag verging unter gleichen Be⸗ ſchäftigungen und wurde durch das Abhalten meh⸗ rerer Ritterſpiele im Burghofe noch geräuſchvoller gemacht. Nach der Beendigung derſelben theilten die Ritter unter die beſten Kämpfer Preiſe aus, worauf das Saufgelage von Neuem begann. Es war ſchon gegen Abend, die Burgfrau weilte noch in der Geſellſchaft ihrer Kinder und drehte nach damaliger Sitte die Spindel fleißig zwiſchen den zarten Fingern, und ſpann die feinſten Fäden aus dem weichen Flachſe.*) Da trat der Ritter von Talkenſtein in das einſame Gemach, und blieb, wie betroffen, einige Minuten neben dem Eingange ſtehen. Heloiſe erſchrack über das unerwartete Erſchei⸗ nen ihres Gemahls, ſie erhob ſich, und ließ die Spindel langſam auf den Fußboden herabgleiten. „Warum ſo einſam?“ frug der Ritter in mür⸗ riſchem Tone;„fehlt es Euch etwa in unſerm *) Die Spindel drehen iſt dasjenige, was. wöhnlich in unſerer Gegend das ſogenannte Spilleſpinnen nennen. 4* Schloſſe an Geſellſchaft und Zerſtreuung, oder zieht Ihr es vor, allein zu ſein, um den Kopf zu hän⸗ gen? Glaubt es mir, dieſe Stimmung will mir nicht länger von Euch behagen, Ihr ſteckt mir die Kinder damit an, und ich ſehe mich genöthigt, Euch dieſelben zu entziehen, denn das merkt wohl, daß ich nicht geſonnen bin, Kopfhänger aus ihnen zu machen. Was den Heinrich betrifft, ſo werde ich ihn hinfort nicht länger bei Euch laſſen; der Junge iſt ſonſt im Stande, er fährt mir zum Aerger in eine Mönchskutte hinein, worinnen er Zeit ſeines Lebens ſiecken bleibt. Was ſollte dann aus unſerm Stammbaum werden, wenn Ihr unſern einzigen Sproſſen zu einem Betbruder heranzieht?“ „Es möchte vielleicht beſſer für ihn ſein,“ ant⸗ wortete die Freifrau,„als wenn Ihr einen Ritter nach dem Schlage derjenigen aus ihm bildet, welche in dieſem Augenblicke in unſerer Burg hauſen.“ „Oho, gnädige Dame!“ antwortete der Tal⸗ kenſteiner beleidigt,„das war wieder einmal ſehr klug von Euch geſprochen. Es gefällt Euch alſo nicht, wenn in meiner Umgebung Fröhlichkeit herrſchtt Ihr möchtet lieber, ſtatt Becherklänge zu vernehmen, Kirchengeſünge und Meßklimpern hören, und ſtatt einem herzhaften Fluche, wie er einem tüchtigen Kaͤmpfer gebührt, ein Ave Maria vernehmen, das 53— iſt ſo recht nach Weibermanier; doch damit kommt Ihr nicht aus. Ich habe unſern Burgpfaffen nicht deshalb fortgejagt, um Euch an ſeine Stelle zu ſetzen, beim Donner, das denkt nicht; und wenn Ihr wirklich ſo einfältig ſeid, es zu meinen, ſo wünſche ich Euch Glüc zu Euerm Bekehrungseifer, der an mir ein gar hartes Klotz finden wird, was Ihr wohl auch ſchon hinlänglich erfahren haben werdet.“ Der genoſſene Wein ſtieg dem Sprecher immer mehr zu Kopfe, er machte einige unſichere Schritte gegen ſeine Gemahlin, um ſie zu erfaſſen, ſie wich jedoch geſchickt aus und eilte durch eine Seitenthüre aus dem Gemache. Der Ritter wollte ſie raſch verfolgen, allein die beiden Kinder hingen ſich laut⸗ ſchreiend an ſein kurzes Kleid und verhinderten ihn daran, wodurch die Freifrau Snhelt fand, ſich vollends zu entfernen. „Ei was lamentirt Ihr ſo, Ihr furchtſamen Haſen?“ rief der Ritter lachend,„es geſchieht Euch ja nichts, ich wollte die Mama blos zum Abſchieve küſſen, indem ich noch in der folgenden Nacht fork⸗ reiten will, um tüchtig zu fechten für einen ſchönen Preis, den ich für Euch zu erobern gedenke.“ „Dann begleitet Dich wohl auch der hãßliche Rothkopf?“ ſagte Heinrich ſ6 er ſeines Vaters Hand ergriff. — 54— „Hm, Kind, wen meinſt Du damit?“ frug der Ritter. „Ich meine den Ritter Maren, dieſen häßlichen Judas. Ja ja, Papa, er glich dem Judas in mei⸗ nem Bilderbuche auf ein Haar, der den Heilam verrieth.“ „Junge, Du biſt nicht bei Troſte!“ rief der Ritter lachend;„wer hat Dir ſolchen Unſinn in den Kopf geſetzt? Ich will wetten, daß es Deine Mut⸗ ter geweſen iſt.“ „O nein!“ ſagte Heinrich;„ich und Schweſter Eliſabeth haben es ſelbſt zu einander geſagt, und je länger wir uns den garſtigen Maxen anſehen, deſto deutlicher wird uns unſer Vergleich mit den beiden Böſewichtern.“ „Du biſt ein kleiner Narr,“ ſagte der Ritter, „und es iſt dumm von Dir, ſolche Bemerkungen zu machen, über Perſonen, die mir von großem Intereſſe ſind. Mache keinen offenkundigen Ge⸗ brauch von Deinen Vergleichen,“ fuhr er fort,„denn ich kann Dir nicht dafür ſtehen, wenn Dir Ritter WMaren auf den Hals geräth, er iſt ein hitziger Patron und verſteht in ſolchen Sachen keinen Spaß.“ Der Ritter entfernte ſich nach einem wärmeren Apſiede von ſeinen Kindern, als man hätte ver⸗ muthen ſollen, und begab ſich wieder zu ſeiner Geſell⸗ ſchaft zurück, und nachdem er fort war, trat auch die Freifrau wieder in das Zimmer herein. Es wurde Nacht und die Sterne funkelten an dem dunklen Himmel, rings umher war alles ſtill, in den angränzenden Pa regte ſich kein Lüftchen. Im Schloßhofe dagegen war tolles Leben. Das Waffengeklirr und das Wiehern der gewaltigen Roſſe erſcholl von einem Ende zum andern, vermiſcht mit den wilden Flüchen der rohen Kriegsknechte. Die Ritter traten geharniſcht mit befiederten Helmen heraus, deren Viſire unverſchloſſen waren. Fackel⸗ glanz erhellte die Räume faſt zum hellen Tage. Oben am Fenſter ſtand neben ſeinem Schwe⸗ ſterchen der blondgelockte Heinrich, er hatte Eliſa⸗ beth aus dem Schlafe geweckt, um ihr den Anblick dieſes nächtlichen Schauſpiels zu verſchaffen. Die Freifrau ſtand hinter ihren Kindern, in tiefes Nach⸗ denken verſunken. Endlich brach die Schaar der Reiſigen auf und ſprengte über die herabgelaſſene Zugbrücke hinaus. Ei, wie ſchön! wie ſchön!“ rief Eliſabeth in der Unſchuld ihres Herzens, geblendet von dem vie⸗ len Glanze.„Ach, und dieſen ſchönen Zug führt unſer Vater an.“ Die Mutter ſeufzte und wandſe ſich, ohne ein Wort zu ſagen, hing. V. Ein Opfer geheimer Anſchläge.— Der Hinterhalt. Eginhard und Hans Hutten, die beiden erge⸗ benen Diener des Talkenſteins, hatten bei dem Ab⸗ ſchiede ihres Herrn die ſtrengſten Befehle in Bezug auf die Gefangenen erhalten; und wir dürfen wohl kaum hinzu fügen, daß dieſe feilen Kreaturen nicht hinter den Wünſchen des Gebieters zurückblieben. Die beiden fremden Gefangenen, welche wir als Vater und Sohn kennen gelernt haben, wurden von Eginhard, dem Kaſtellan, mit Argusaugen be⸗ wacht, und erhielten aus ſeinen eigenen Händen die elende Nahrung, welche aus hartem ſchwarzen Brote und Waſſer beſtand, das ſie kaum zu genie⸗ ßen vermochten. Der alte Einſiedler vom Fichtenberge ſaß in einem ſcheußlichen Loche unter der Erde, wohin man ihn vermittelſt eines Korbes hinabgelaſſen hatte. Er erhielt auf dieſelbe Weiſe ſeine Nahrung, und keines Menſchen Fuß konnte dieſe Höhle des Schre⸗ cens betreten, die nur einen Eingang, und zwar von oben beſaß und eine Tiefe von mehr als 15 Ellen enthielt. Eginhard, von Charakter ein gefühlloſer Mann, unterließ es nicht, den armen gemarterten alten Mann von oben herab zu verhöhnen und ſeine lauten Klagen nachzuäffen; dann befahl er ihm gewöhnlich ſtill zu ſein, wofern er nicht wolle, daß er hinabkomme und ihm den Hals umdrehen ſollte. Doch wir wollen nicht länger von ſolchen un⸗ menſchlichen Quälereien reden, wie ſie auf dem Talkenſteine verübt wurden, und fügen nur noch hinzu, daß der alte Klausner am zweiten Tage nach dem Abzuge der Ritter durch den Tod von ſeinem Elende erlöſt wurde. Hans Hutten fand ihn mit dem Angeſichte auf dem Boden liegen, ſein Leib war geſchwollen, und es ließ ſich vermuthen, daß er an einer Vergiftung geſtorben war, was auch nicht unwahrſcheinlich iſt, wenn wir bedenken, daß dem Burgherrn ſo viel daran lag, den Zeugen zu verderben, an deſſen Ausſage einſt ſehr viel gelegen ſein konnte; er durfte jetzt nicht mehr länger beſorgt ſein und in ſeinen Händen lag das Geheimniß der beiden Fremden, die unbeſtritten die Gefahr liefen, das Schickſal des unglücklichen Klausners einmal zu theilen. — 568— Cginhard ließ den Leichnam des Verſchiebenen aus dem Kerker heraufholen und im Geheimen aus der Burg und nach der Einſiedelei bringen*), wo er hn auf ſein Lager von Moos legen und mit einer Decke verhüllen ließ, um ſo den Anſchein zu ver⸗ breiten, als ſei der Unglückliche hier geſtorben. Nachdem das geſchehen war, begab er ſich nach der Burg ſeines Herrn zurück, beſeelt von dem Bewußtſein, ganz und gar nach dem Willen des Ritters gehandelt und deſſen Beifall verdient zu haben. Wir verlaſſen die Burg xanenſin um j ſzen, in wie weit die Ritter unterdeſſen mit ihrem Vorhaben ſind. Der Morgen iſt nicht mehr fern, nichts ſtört die Ruhe des Waldes, durch welchen die Straße 4 von Reichenberg nach der Sechsſtadt Löbau führt. Da läßt ſich lebhaftes Pferdegetrappel vernehmen, und durch die Waldung brauſt eine wilde Reiter⸗ ſchaar mit der Schnelligkeit des Sturmwindes dahin. Nachdem die Reiter einen ſchmalen Engpaß erreicht, hielten ſie auf das Kommandowort eines Ritters mit geſchloſſenem Viſir an, und ftlellten *) Hierzu vie Abbildung im vorigen Heſte. Cginhurd lie den Veichnum im heimen nus der Furg b 2 — 59— ſich, durch die Seitenhöhen eines tiefen Thales verdeckt, in Reihe und Glied auf; unweit dieſes Poſtens ſteht eine zweite Abtheilung berittener Knechte, um den zu Erwartenden den Ruͤckweg ab⸗ zuſchneiden. Während dies geſchieht, kommen in der Ent⸗ fernung von etwa einer Viertelſtunde vier ſchwer⸗ beladene Wagen daher, ſie bewegen ſich nur langſam vorwärts, denn der Weg iſt ſehr beſchwerlich und die Fracht von anſehnlichem Gewicht. Die Bedeckung des Fuhrwerks iſt nicht zahlreich, ſie beſteht aus einer Anzahl handfeſter Tuchknappen, die ſich bewaffnet haben, um die von ihnen verfer⸗ tigten Waaren während des Transports zu be⸗ ſchützen, wofür ihnen von ihren Meiſtern ein an⸗ gemeſſenes Trink⸗ und Schutzgeld zugeſichert wor⸗ den iſt. Drei Kaufleute zu Pferde ſchloſſen den kleinen Zugz ſie unterhielten ſich von Geſchäften, ſprachen von Prozenten und Gewinn, und berechneten ſchon im Voraus den Ertrag der heutigen Reiſe, nicht ahnend das Unheil, welches in der Nähe verborgen lauerte. Ein furchtbares Geſchrei ſtörte ſie endlich aus ihren Berechnungen auf, und mit Schrecken ge⸗ wahrten ſie vor und hinter ſich einen Haufen be⸗ — 60— waffneter Reiter, die ſie einſchließen und ſo jede Flucht verhindern. Die Wagenknechte wurden ſofort niedergehauen und die Stränge von den Fuhrwerken abgeſpannt; alles gerieth in die größte Angſt, die Knappen flohen zur Rechten und Linken in den Wald und wurden zum Theil eingeholt und niedergemacht; die drei Handelsherren wurden jedoch gefangen genommen und mit ſammt ihren erbeuteten Gütern 3 wärts geführt. Der Anfall hatte nur wenig Zeit wen und war vollkommen geglückt. Man ſchleppte die reiche Beute auf Umwegen fort, und mit Einbruch der Nacht war dieſelbe in der Nähe des gefürchteten Talkenſteins angelangt, ohne daß es Jemand ge⸗ wagt hätte, den Räubern die gemachte Eroberung ſtreitig zu machen. Der Thurmwächter ſtieß ins Horn und meldete die Rückkehr des Burgherrn nebſt ſeiner Begleitung, worauf Eginhard ſogleich befahl, die Zugbrücke fallen zu laſſen. Die eiſernen Fallgitter raſſelten hierauf in die Höhe, und bald darauf ritt der Talkenſteiner in den Schloßhof herein, gefolgt von ſeinen Leuten, welche die drei gefan⸗ genen Kaufleute gefeſſelt mit ſich führten. „Sperrt die Schufte ins finſterſte Loch meines Schloſſes!“ befahl der Ritter, auf die Gefangenen —— zeigend;„ſie ſollen die Grundfeſten meines Schloſſes kennen lernen und nicht eher verlaſſen, bis ich es für gut befinde.“ Hans Hutten trat hierauf näher und nahm die Gefangenen in Empfang, worauf ſie unter Be⸗ gleitung einiger Knechte nach den Kerkern des Raubneſtes geführt wurden. Während die Reiter abſaßen und die Ritter ſich nach dem großen Saale begaben, hatte der Schloßherr eine kurze Unterhaltung mit ſeinem ab⸗ ſcheulichen Kaſtellan. „Nichts Neues, Freund Eginhard?“ ſagte der Talkenſteiner;„hat ſich Nichts ereignet, was des Erzählens werth wäre?“ „Ei freilich, geſtrenger Ritter,“ antwortete der Gefragte geheimnißvoll. „Nun, und was giebt es denn Erhebliches?“ „Wir hatten eine Leiche im Schloſſe und zwar ſo ſchnell, daß es mich in der That überraſchte. „Eine Leiche!“ rief der Ritter haſtig.„Sprich, wer iſt es!“ und er faßte den Kaſtellan krampfhaft beim Aermel, daß Jener ſchnell zurücktrat und eine ſchmerzliche Bewegung mit der Hand nach der Schulter machte. Der alte Waldbruder Johannes vom zo⸗ tenberge, iſt mit Tode abgegangen,“ ſugte r hierauf,„er hat uns wenig Koſten und Mühe ge⸗ macht und iſt geſtorben wie Einer, der nichts zu vererben hat. He he, die Würmer ſind es, die ſich in ſeine Nachlaſſenſchaft theilen werden. Der Tal⸗ kenſteiner zeigte ſich ſehr verwundert über dieſe Nach⸗ richt, obwohl ſie ihm in ſeinen Gedanken höchſt willkommen ſein mußte; ſo hatte er es ja gewünſcht und er freute ſich zugleich in ſeiner ſchwarzen Seele, daß es ſo geſchehen war. Jetzt hatte er von jenem läſtigen Zeugen nichts mehr zu befürchten; ein Hin⸗ derniß war weniger geworden, um ſein Verfahren gegen ſeinen Landesherrn verborgen zu halten. Jetzt waren nur noch die beiden Gefangenen übrig. Er verweilte in Gedanken bei einen, und dieſe Gedanken waren düſter und unheilvoll. „Du kannſt gehen, Eginhard,“ ſagte er nach einem kurzen Schweigen;„ich bedarf Deiner jetzt nicht länger. Doch noch eins,“ fuhr er fort,„was haſt Du mit dem Leichnam des alten Betbruders angefangen?“ „Ich habe ihn hinausgeſchafft nach ſeiner Klauſe und ſauber gebettet auf ſeine frühere Lagerſtätte, dort liegt er gut, ohne uns länger Anſtoß zu geben.“ „Das haſt Du recht gemacht, ſchlauer Fuchs!“ rief ber Ritter mit lebhaftem Beifall.„Wahrhaftig, Sheele —— ich bin mit Dir zufrieden. Doch jetzt geh und thue Dir gütlich bei einem Humpen unſers alten Weines.“ Eginhard ließ ſich nicht zweimal heißen, dieſem Befehle nachzukommen; er ſchlich ſich mit einem grinſenden Geſicht und tiefen Buͤckling zum Saale hinaus und ſaß, eine Viertelſtunde ſpäter, unter einer Geſellſchaft zechender Knechte, die ſich zuſam⸗ mengefunden hatten, um durch Geſang, Spielen und Trinken ſich zu erheitern und die müßige Zeit zu vertreiben. Während des Gelages ließ er zu widerholten Malen ſeinen gnädigen Herrn von Talkenſtein leben, wobei ſeine Genoſſen immer ſehr lebhaft Beſcheid thaten. Die Bundesgenoſſen des Burgherrn waren unterdeſſen damit beſchäftigt, einen gefangenen Tuch⸗ knappen zu verhören, um von ihnen den Werth der weggenommenen Waaren zu erfahren; der letz⸗ tere war ſehr hoch, und ſeit längerer Zeit war den Raubrittern ein ſo fetter S nicht in die Sa gefallen. Am folgenden Nr verliehen Nikolaus von Greifenſtein und Hans von Maxen den Talkenſtein, nachdem ſie ihren Antheil an dem Raube in klin⸗ gender Münze von ihrem Genoſſen erhalten hatten. Heinrich von Liebenſtein ve*0 vefaus —— noch an demſelben BTage, um, wie ſeine Gefährten, anderen Eroberungen nachzugehen. Nach dieſem Raubzuge trat wieder eine kurze Pauſe der Ruhe ein; allein es war dies nur die Gewitterſchwüle, welche dem Sturme voran ging, der das Raubneſt in ſeinen Grundfeſten erſchüttern und ftürzen ſollte. Die Beraubung der Reichenberger hatte nicht wenig Aufſehen erregt, und von allen Seiten ver⸗ nahm man Aeußerungen des Unwillens über dieſen Frevel unter den Bürgern der Sechsſtädte; allein jene waren vor der Hand mit andern Fehden be⸗ ſchäftigt, indem um dieſelbe Zeit Adam Schwobe mit ſeinen Rotten ſengend und brennend umherzog. Nicht minder trieb ſchon damals Ritter Beneſch v. Michelsberg ſein Unweſen in der Zittauer Gegend, kurz überall, wo man hinblickte, herrſchte das Fauſt⸗ recht mit eiſerner und lähmender Hand, und faſt kein Tag verging, ohne daß nicht ein blutiges Treffen zwiſchen den apligen Raubrittern und den Bürgern der Städte umher geliefert wurde. Chriſtoph von Talkenſtein war nicht der Mann, welcher unter ſolchen Umſtänden hätte daheim ruhig ſitzen bleiben können, und als nach der vollendeten Fehde des Adam Schwobe eine kurze Pauſe eintrat, beſchloß er, einen Ritt in die Gegend von Zittau 6 ——————— —,—— e —— und Görlitz zu unternehmen, um mit ſeinen Freun⸗ den eine Beſprechung zu halten, über die neuſten und wichtigſten Angelegenheiten, die auch ihn und ſeine Burg betrafen, da eine baldige Belagerung ihm durch einen geheimen Boten hinterbracht wurde⸗ „Er führte ſeinen Reiſeplan ſchleunigſt aus und trieb ſich einige Zeit in der Gegend des Nie⸗ derlandes umher, bis er, wie wir wiſſen, durch ſeinen Freund, Hans Maxen, die Nachricht erhielt, daß ſeine Burg plötzlich belagert worden ſei. Wir haben im zwölften Kapitel bereits den Aufbruch der Ritter aus dem rothen Wolf mitge⸗ theilt, die den bedrohten Chriſtoph nach dem Tal⸗ kenſteine hinauf begleiteten, um ihn gegen ſeine Feinde zu unterſtützen, die ihm den Rückzug abge⸗ ſchnitten hatten; denn ſchon unterwegs erfuhren ſie, daß die feſte Burg von den Zittauern, Löbauern und Görlitzern belagert worden, und daß es nicht möglich ſei, durch den Feind hindurch zu um hinein zu gelangen. „Ich muß hinein, und wenn die Hölle mir ihren Rachen entgegenſtreckt!“ rief der Talkenſteiner in wilder Aufregung;„die Schurken ſollen ſich ſo leichten Kaufes nicht in mein Beſitzthum theilen.“ Auf großen Umwegen gelangten die Ritter endlich in die Nähe der von deren 5 Schwobe, S. Lieferung. 6 . — 66— Thürmen eine große ſchwarze Fahne mit dem Wap⸗ pen des Talkenſteins in leichtem Winde wehte. Mit gläſernen Augen ſah der Burgherr dieſe Vorgänge, und er hätte die Hälſte ſeines Ver⸗ mögens darum geben wollen, hätte er in ſein feſtes Schloß hinein gelangen können, was gegenwärtig vor den Blicken ſeiner Begleiter als etwas Unmög⸗ liches erſcheinen mußte. M. Die Belagerung und Erſtürmung des Talkenſteins. Während der Ritter von Talkenſtein bemüht war, in das Schloß einzudringen, um den Belager⸗ ten durch ſeine Gegenwart Muth einzuflößen, ſetzten die verbündeten Sechsſtädte der Raubburg mit großer Heftigkeit zu, ihre Donnerbüchſen von un⸗ geheurer Größe ſchleuderten Felsſtücke von 1 ½ Centner Gewicht gegen die feſten und dicken Mau⸗ ern, und richteten gewaltige Erſchütterungen an. Die Belagerten waren indeſſen auch nicht müßig — 5 und empfingen ihre Feinde mit einer kräftigen Gegenwehr; ſo mancher tüchtige Kämpfer fand ſei⸗ nen Tod und wurde von den Geſchoſſen aus der Burg, oder dem Steinregen hingeſtreckt, welcher ſich wie ein fallender Hagel über die Stürmenden ergoß. Sehen wir indeſſen, wie die Verhältniſſe in der Burg beſchaffen ſi ſind. Die Freifrgu 6 nicht ſobald die Nachricht, das ſie belagett ei, vernommen, als ſie zu ihren Kindern eilte und ihnen das große Unglück begreif⸗ lich machte, das ſie betroffen hatte. Sie war ganz troſtlos und rang die Hände in ihrer Verzweiflung, ſie gab ſich für verloren und ſah keine Rettung vor Augen. In dieſer großen Noth ließ ſie die Befehlehaber der Burg zu ſich kommen, um ſich mit ihnen über die zu nehmenden M ßregeln zu berathen; ſie er⸗ ſchienen, und verſicherten ſie einſtimmig, daß es dem Feinde nicht gelingen werde, das Schloß zu erobern, da es zu ſtark befeſtiget ſei, als daß man ihm etwas anhaben könne. Nach ihnen erſchien der Burgkaſtellan Eginhard ſowie Hans Hutten, der Kerkermeiſter; dieſe beiden, ſonſt ſo trotzige Männer, bewieſen heute eine un⸗ gewöhnliche Aengfllichteit, beſonders war S 2 5* — 68— Eginhard, der die größte Unruhe verrieth und ein leiſes Zittern nicht verbergen konnte. Die Burgfrau ſah den feigen Schurten mit einem Blicke der Verachtung an; ſie hatte dieſen Menſchen ſtets verabſcheut, und in dieſem Augenblicke mußte ihr ſein Anblick um ſo verabſcheuungswürdi⸗ ger erſcheinen. „Ach, was ſollen wir thun, edle Frau!“ ſtöhnte er im ängſtlichen Tone;„ich glaube, daß wir am Ende doch zu ſchwach ſein werden, um den Sturm abzuſchlagen, und dann— dann—“ „Es wird geſchehen, wie Ihr ſoeben geſagt,“ verſetzte Helviſe,„beſonders wenn unſere Beſatzung ſo zittert wie Ihr in dieſem Augenblick. Ich ſtaune, fuhr ſie bitter fort,„einen Mann, der ſich immer ſo hartherzig und gefühllos bewieſen hat, jetzt plötz⸗ lich vor Angſt beben zu ſehen, wie ein ſchwaches Weib.“. Eginhard wandte heſchämt die Augen zur Erde. „Gnädige Frau,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe,„wenn ich einige Beſorgniß verrieth, ſo war es keineswegs Feigheit, vielmehr die Sorge für die Angehörigen meines geſtrengen Ritters.“ „Ei, ei, Meiſter Eginhard, Ihr fangt ſogar an zu ſchmeicheln. Nun, wenn es ſo wäre, dann müßte ich Euch für Eure Anhunglichteit und Sorg⸗ — — — 69— falt danken; allein ich habe mich noch nicht genug davon überzeugt, daß Ihr nicht mehr für Euer werthes Selbſt als für mich bekümmert ſeid. Doch genug davon, ſagt mir jetzt, wo befinden ſich die Gefangenen in der Burg und wie viel habt Ihr deren hinter Euren obſcheulichen Schlöſſern und Riegeln?“ „Außer den drei Reichenberger Kaufleuten ſind nur noch zwei fremde Rittersleute, Vater und Sohn, hier anweſend, die mir zur Bewachung von Eurem Herrn Gemahl übergeben wurden, und für die ich mit meinem Kopfe bürgen muß.“ „Eine jämmerliche Bürgſchaft,“ ſagte die Frei⸗ frau in verächtlichem Tone; dann fuhr ſie in einem ernſten, befehlenden Tone fort: „Ich befehle, daß Ihr ſofort die fünf Gefan⸗ genen zu mir heraufholt!“ „Das darf ich nicht,“ ſagte Eginhard und zögerte, ſich zu entfernen. „Wie, Ihr wagt es mir zu widerſprechen!“ rief die Burgfrau im feſten Tone;„nun wir wollen doch ſehen, wer von uns Beiden am meiſten hier gilt. Ich bin Eure Herrin, und mir habt Ihr zu gehorchen; merkt Euch das, und wenn Pr Euch weigert, meine Befehle zu erfüllen, ſo ſollen Euch die Troßbuben aus der Burg werfen, und den Belg ———— — 270— in die Gewalt geben, damit ſie Euch für Eure Widerſpenſtigkeit, im Angeſicht der Burg, als einen Spion aufknüpfen.“ Dieſe Drohung war nicht ohne guten Erfolg. Eginhard begab ſich hinweg, und ſchon nach einer kurzen Friſt hatte die Freifrau eine Unterredung mit dem gefangenen Ritter und deſſen Sohne. „Ihr ſollt frei ſein,“ ſagte ſie,„wenn Ihr meine Kinder retten und für mich ein milderndes Schickſal bei den Belagerern auswirken wollt. Ich bin, ſo wahr Gott lebet, an allem dem Frevel, welcher unter meinen Augen verübt wurde, unſchul⸗ vis; und wenn ich es vermocht hätte, die Hand eines Gatten zurückzuziehen, wenn er eine Uebel⸗ that zu begehen im Begriff ſtand, beim Himmel) ich hätte es gethan, allein mein Einfluß war zu ſchwach, und ich mußte ſtill ſchweigen bei allen den Vorgängen, die mich oft bis zu heißen Thränen vermochten. Ich konnte nichts thun, als zu dem Allmächtigen zu beten, daß die Schuld meines Gatten nicht einſt an ſeinen Kindern gerächt wer⸗ den möge.“ „Edle Frau,“ ſagte der Gefangene;„ich würde auf keinen Fall dahin einwilligen, dieſe Burg zu verlaſſen, wenn deren Beſitzer ein Mann von Rit⸗ terehre und Rittertugend wäre, ich würde es für — 71— einen Verrath halten. Unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden iedoch, nehme ich das Anerbieten dankbar an, und ſchwöre Euch bei meinem Ritterworte und bei dem Einfluſſe, welchen ich ſogar am töniglichen Hofe zu Prag beſitze, daß an Euch und Euern Kindern die harte Unbill nicht gerächt werden ſoll, die Euer harter Gemahl an mir als einem Geſand⸗ ten, verübte, dadurch, das er mich aufhob und in ſeinen ſchrecklichen Kerker warf und allen nur er⸗ denklichen Qualen preisgegeben hat.“ Die Burgfrau dankte dem Ritter für ſeine Zuſicherung, und befahl hierauf, den Gefangenen nebſt ſeinem Sohne freizulaſſen. Zugleich gelang es der Edelfrau, ſich in den Beſitz des Päcktchens zu ſetzen, welches dem fremden Ritter gehörte, der es mit einem Ausruf des Entzückens empfing und mit Freuden gewahrte, daß es noch ungeöffnet ge⸗ blieben war. Der Ritter wurde hierauf über die Zugbrücke hinaus gelaſſen und begab ſich unter die Belagerer, die ihn mit Ehrerbietung behandelten„nachdem er ſeine Erlebniſſe, ſowie die Art und Weiſe ſeiner Befreiung, mitgetheilt hatte. „Die Freifrau von Talkenſtein iſt eine edie Dame,“ ſagte er zu den um ihn herumehenden 5 Häuptern der Belagerer,„ſie verd —— — Schonung nebſt ihren beiden Kindern, und es würde unritterlich ſein, ſie für die Vergehungen ihres Ge⸗ meinen Sohn gerettet und ich bin ihr unendlichen Dant dafür ſchuldig, daß ſie mich wieder in den Beſitz meines Eigenthums ſetzte, deſſen Verluſt mir ſo unbeſchreiblichen Kummer machte; daher, meine wackern Kämpfer, übet Edelmuth gegen ein ſchwaches Weib und deren Kinder, damit alle Welt es erfahre, wie edel die Feinde des Talkenſteins gehandelt haben.“ Die Rede des Ritters blieb nicht ohne den gewünſchten Eindruck; man berathſchlagte, und es wurde beſhloſſen, einen Herold an die Thore der Burg zu ſenden und der Freifrau anzukündigen, daß es ihr geſtattet ſei nebſt ihren Kindern das Schloß zu verlaſſen. Das Letztere geſchah denn auch und noch an demſelben Tage, an welchem die beiden Gefangenen frei wurden, verließ auch Heloiſe die Burg ihres Gatten und zwar in Begleitung jenkr drei Reichen⸗ berger Kaufleute,— Doch wohin ſollte ſie ſich nun wenden, ſie ſah ſich verlaſſen. Da wurde die Dankbarkeit der Bürger von Reichenberg erweckt, und ſie boten ihr ein Aſyl in ihren Wohnungen an, das ſie vor der Hand auch mahls verantwortlich zu machen, ſie hat mich und — — 73— willig annahm, worauf ſie ſich unter einer an⸗ ¹ ſehnlichen Begleitung nach Reichenberg begaben. „ Nach vieſen Ereigniſſen begann der Sturm gegen die Burg mit erneuerter Heftigkeit, die Be⸗ lagerten wehrten ſich tapfer und ſchlugen den Feind nochmals mit großem Erfolg zuruͤck. um dieſe Zeit geſchah es, daß die Feinde des Talkenſteins anſehnliche Verſtärkungen erhielten und zwar zum Theil von Zittau und Görlitz, auch die Bautzner ſandten friſche Mannſchaften und führten noch mehr Kanonen von furchtbarer Größe herbei, durch deren Schüſſe die dicken Mauern ſchrecklich beſchädigt und zertrümmert wurden. Unterdeſſen hatte man große Sturmleitern an⸗ gefertigt, die nun auch in Gebrauch genommen wurden, ſo daß die Talkenſteiner keine Ruhe mehr hatten; ſie verloren den Muth und beſchloſſen ſich zu ergeben. Ehe ſie jedoch dieſen Vorſatz ausfühten tnnten, begann ſchon ein neuer Angriff gegen das Raubſchloß, und zwar mit einer Heftigkeit, wie es visher noch nicht geſchehen war. Man vermochte es nicht, die Anrückenden ab⸗ zuwehren, und vermöge der Sturmleitern gelangten ſie hinein. Es begann jetzt ein wüthender Kampf auf den Mauern und in den Gräben. Mann gegen — 54— Mann focht mit wilder Erbitterung, bis endlich die Verbündeten des Schloſſes Meiſter geworden waren. Die Rachricht, daß der Talkenſtein gefallen ſei⸗ verbreitete ſich ſchnell in der ganzen Lauſitz, und die Genoſſen des flüchtigen Burgherrn, der ſich weiter nach Böhmen hereinbegab, fingen an, vor der Macht der Sechsſtädte immer mehr Reſpekt zu hegen; ſie ſahen, daß ſich die Buͤrgerſchaften ſehr wenig darum rümmerten, ob ſie einem adligen oder unadligen Räuber den Prozeß machten, was wir ſpäter durch mehrere Beweiſe bethätigen wollen. Helviſe dankte Gott für ihre Rettung und die ihrer Kinder; ſie lebte in Reichenberg ruhig, ohne den Wunſch zu hegen, den rohen Gemahl wieder⸗ ſehen, der über ihre Verhältniſſe in völliger Un⸗ kenntniß geblieben war. Schlimmer ging es Meiſter Eginhard und Hans Buttler, ſowie der gänzlichen Beſatzung des Tal⸗ kehſteins. Tode durchs Hängen verurtheit; ein gleiches Loos traf den Gefängnißwärter, beide gingt ait einan⸗ der in einer Stunde zum Galgen, das übrige Raub⸗ geſindel wurde nicht beſſer behandelt, ſie wurden als Räuber und Ruheſtörer hingerichtet und das ſonſt ſo obze Schloß ſchaute jetzt als eine unheim⸗ Der feige Kaſtellan wurde ohns Weiteres zum * † 3 — 75— tiche Ruine in das waldige Thal herab, und die Trümmer erinnerten nur noch an die ehemalige Macht ſeiner verjagten und geächteten Beſitzer⸗ Nach der Erſtürmung des Talkenſteins fanden ſich die alten ariſ und nach wieder zuſammen, um ſich gegen ihre Feinde deſto enger zu verbinden. Dieſer Landbe⸗ ſchädiger hielt ſich nun größtentheils, wie es in den Annalen heißt, in der Krone zu Böhmen, und be⸗ ſonders in den Schloſſern am Gebirge, auf. Um ſich nun von den endloſen Plackereien dieſer unſaubern Geſellſchaft zu befreien, wurden ſtrenge Verordnungen im Lande erlaſſen, daß Niemand die Diebe und Straßenbeſchädiger beherbergen ſollte, und ſo Jemand beraubt würde, ſo ſollten mãnniglich* im Lande, er ſei Herr, Knecht, Bürger oder Bauer, aufſtehen, und die Uebelthäter verfolgen und zu Geſtändniß bringen helfen bei Liebe und bei Güte, damit die Landplager nach ihrem Verdienſt beſtraft werden könnten. Dieſer Befehl hatte guten Erfolg, und die loſe Geſellſcha vurde, wie es heißt, geſchwächt, indem Niemand in Städten noch auf dem Lande loſe Ge⸗ ſellen und Müßiggänger, die nicht Dienſt beherbergen durfte. Allein die Ruheſtörer waren damit nicht u en des Adam Schwoöhe nach —————— gerottet, ſie trieben im Geheimen noch immer ihr verrufenes Handwerk fort und ſuchten den Städtern und Landbewohnern zu ſchaden, wo ſie nur immer konnten und wußten. Daß Adam Schwobe ſeine Hand beſtändig im Spiele ein neuer Vorfall, welcher für einige Bürger von Bautzen hätte ſehr übel ablaufen können. Dieſelben waren nämlich in Handelsangelegen⸗ heiten nach Breslau gereiſt, um Einkäufe zu machen; in Liegnitz trafen ſie mit einigen Fremden zuſammen, die, ihrem Vorgeben nach, in gleichen Angelegen⸗ heiten begriffen waren.* Allein der erlogene Anſchlag wurde verrathen und die verkappten Räuber gefangen genommen; unter ihnen befanden ſich mehrere Genoſſen Adam Schwobes, dieſelben geſtanden es auf der Folter, daß ſie Kundſchafter wären und von Adam Schwobe. den Auftrag erhalten hätten, die Bautzner Bürger. nicht aus den Augen zu laſſen, und ihm Kunde zu 3 geben, wenn ſie wieder heim reiſen würden; man* wollte ſie dann überfallen und berauben. Durch dieſes Ergebniß konnten die argloſen Bautzner gewarnt werden, und es gelang ihnen, ihre Reiſe unbehindert nach Breslau und wieder 6 heim zu machen, und ſie dankten Gott aus vollem 3 1 — 5 falls wieder zu ihm gefunden hatte, half ihm dabei — — 5 S dieſer echt ch entgangen——— zu ſein. Adam Schwobewar durch dieſen Vorfall als— ein höchſt gefährlicher Pläneſchmieder bloßgeſtellt worden, dem keine Intrigue weder im Großen noch im Kleinen zu ſchlecht war, wenn ſie nur dem Zwecke der Erfüllung ſeiner Rache und Raubſucht gelegen war. Er wurde von Neuem gefürchtet und man ſuchte ihn zu fangen; allein dies wollte nicht gelingen, der kecke Räuber höhnte die erzürn⸗ ten Städter dafür aus und ſetzte ihnen oft arg zu, ſein Freund Niklas von Tſchirnhauſen, der ſich eben⸗ nach Kräften und richtete hin und wieder mit ſh Verbündeten großes Unheil an. Bevor wir jedoch die hierauf bezüglichen Er⸗ eigniſſe mittheilen, wollen wir den Leſer auf einen 6 andern Punkt unſerer Erzählung hinweiſen, um einen Umſtand zu erklären, welcher bisher der nähe⸗ ren Erörterung entbehrte. Wir verließen im vorhergehenden Kapitel ven fremden Ritter nebſt deſſen Sohne im Lager der verbündeten Städte, und es ſoll unſere Aufgabe ſein, die Angelegenheiten jenes geheimen von Neuem wieder aufiute je * —ůů˖ Das Ziel des Reiſenden und deſſen Zweck. In einem der früheren Kapitel haben wir be⸗ reits des Landvoigts Georg von Stein Erwähnung gethan, und zwar, als durch ſeine Veranlaſſung der flüchtige Jakob Vierling von den Görlitzer Ge⸗ richtsdienern auf dem Budiſſiner Weichbilde gefangen genommen, und, trotz der Einwendungen der anwe⸗ ſenden Bürger, mit Gewalt fortgeſchleppt und nach Görlitz gebracht, wo er enthauptet wurde. Georg von Stein war durch König Matthias von Böhmen, ſeinen großen Gönner, zum Land⸗ voigte der Lauſitz und Anwalt von Schleſi en ernannt worden, und war Rath und Liebling des Königs; über dem Vortheil des Letzteren vergaß er zu ſehr den der Bürger, und war den Bautznern kein will⸗ kommener Vorgeſetzter. Die Angaben über dieſen berühmten Mann ſind indeſſen ſehr abweichend von einander, eigent⸗ liche Gewaltthaten werden ihm nicht zur Laſt — 35— gelegt, und faſt ſcheint es, daß ſein größtes Ver⸗ brechen in ſeiner niedern Herkunft— er war vor⸗ her Bernhardiner Mönch geweſen— ſeine ver⸗ ſchrieene Tyrannei in der genauen Befolgung der Pläne ſeines Herrn beſtand. Wie ſchlecht die Budiſſiner auf ihn zu ſprechen waren, geht daraus hervor, daß ſie ihn einen ver⸗ laufenen Oeſterreicher nennen, einen gottloſen Mann voll böſer Liſt und Betrug, dem man kein ehrliches Werk zutrauen dürfe⸗ Die Erbitterung der Bürgerſchaft zu Budiſſin gegen den Landvoigt war hauptſächlich daraus ent⸗ ſtanden, daß er das Bautzner Schloß, die Orten⸗ burg, wieder aufbauen ließ, welches die Stadt nicht ohne Grund für eine gefährliche Zwingburg anſah.*) Doch der Landvoigt war ein Mann, welcher Energie beſaß und ſich durch nichts in ſeinen Plänen und Entwürfen ſtören ließ; er achtete nicht auf die widerſpenſtigen Unterthanen und brachte ſein Werk binnen einigen Jahren zu Stande, welches den Bürgern, der vielen Unkoſten und Fuhren wegen, höchſt verhaßt war. Hierzu kam noch, daß er das *) Schon im Jahre 1400 hatte der Landvoigt Heinze Pflug einen Thurm daſelbſt wieder errichten laſſen, worüber die Bürger höchſt erbittert wurden und die e des Werks durch Meuterei ſtörten. — 80— von den Lauſitzern zerſtörte Schloß Hoierswerda ebenfalls wieder aufbauen ließ, und zwar viel ſchöner, als wie es ehedem geweſen war. Sein Benehmen gegen den Rath war voll Kälte und Stolz, und wo er ihnen ſeine Gewalt konnte fühlen laſſen, da geſchah es gewiß auf das empfindlichſte, was wir bei Gelegenheit, in Betreff des verhafteten Vierling, geſehen haben. Den Budiſſinern ſagte er ab, wenn es nur irgend ging, und wenn ſie Klage erhoben, ſo geſchah es, daß ſie mit ihren Beſchwerden nur 6 wenig Vortheil bezweckten. Dies möge genügen, um das Folgende um ſo leichter erklärlich zu finden. Mit ſtolzem Bewußtſein ging der Landovigt in dem Saale ſeines neuerbauten Schloſſes Orten⸗ burg auf und ab, er hatte den ſtattlichen Bau kühn vollendet und war der vollkommenen Zufriedenheit ſeines Königs gewiß, der das Werk zu ſehen Ver⸗ langen trug. Aber eins fehlte noch an demſelben; er wünſchte das Bildniß des Königs Matthias zu beſitzen, um daſſelbe über dem Schloßthore anzu⸗ bringen, um ſomit dem Ganzen die e aufzu⸗ ſetzen. Da meldete ein Page, daß ein Ritter ange⸗ nnen um um Gehör bitten laſſe.* —— 3 1 — 83— „Er ſoll ausgerottet werden nebſt ſeiner ganzen Brut!“ rief der Landvoigt in zornigem Tone,„und ſein Name ſoll an dem Galgen prangen nach Ver⸗ dienſt! Sein Weib und ſeine Kinder will ich zum Lande hinausjagen und als die Angehörigen eines Räubers infam machen laſſen.“ „Erlaubt mir, Herr Landvoigt, wenn ich es wage, mich für die Letzteren bei Euch zu verwenden.“ ie! das könntet Ihr?“ frug Georg von Stein eundert;„trotzdem daß Euch der Aufent⸗ halt iun Rubburg faſt das Leben gekoſtet hätte?“ „Iht habt wohl recht,“ ſagte der Ritter,„aber ich muß geſtehen, daß die edle Freifrau nebſt ihren Kindern an den Verbrechen ihres Gemahls keinen Theil hat, ſie iſt vielmehr eine edle Dame und ihr verdanke ich es, daß ich in dieſem Augenblick ſo glücklich bin, Euch dies überreichen zu können.“ Und der Sprechende zog das verſiegelte Päckt⸗ chen heraus und überreichte es dem Landvoigt, der es mit einer ehrerbietigen Verneigung empfing. „Es kommt von meinem gnädigen Könige,“ ſagte er,„was mir das Inſiegel beweiſt, und um ſo größer erſcheint jetzt die Schuld jenes Landfrie⸗ denſtörers, welcher verworfen genug war, den Ge⸗ ſandten Sr. Majeſtät zu überfallen und gefangen 6* — 84 zu ſetzen. Bei Gott! dieſe That verdient die här⸗ teſte Strafe.“ „Was den Ritter von Talkenſtein betrifft, ſo möget Ihr vollkommen Recht haben, Herr Land⸗ vvigt,“ ſagte der Ritter von Hohenſtein,„aber ſeine Gemahlin und Kinder belangend, ſo bin ich anderer Meinung, ſie hat mich mit Gefahr ihres eigenen Lebens in den Beſitz jenes mir geraubten Päcktchens geſetzt und ich habe ihr mein Ritterwort gegeben, mich dafür dankbar zu bezeugen, und ich boffeſeß darauf, daß Ihr mir die Gelegenheit nicht entziehen erdet, dieſes mein Verſprechen halten zu können.“— „Nun ſo ſei es denn,“ ſagte der Landvoigt, „die Freifrau von Talkenſtein ſoll in Folge Eurer Fürſprache nebſt ihren Kindern unangetaſtet bleiben und wegen den ſchmachvollen Verbrechen ihres Gatten keinen Schimpf noch Unbill erleiden, ſie möge frei wählen, wohin ſie ſich wenden will, und ihren Kindern ſoll die Schande des verruchten Va⸗ ters nicht hinderlich ſein, wenn ſie ſich ſpäter als Leute von Ehre und Rittertugend zeigen.“ „Ich danke Euch, Herr Landvoigt,“ ſagte von Hohenſtein mit einem Ausdruck von Wärme,„wußte ich doch, daß der edle Georg von Stein ſein Herz nicht den Bitten eines redlichen Freundes rſe hallen virde.⸗ ——————— — Stolze oftmals mit Gewalt durch den — 85— „Iyr ſeid ein ſchmeichelnder Freund,“ antwor⸗ tete der Landvoigt lächelnd;„doch darob nicht min⸗ der aufrichtig,“ fügte er hinzu, den Ritter vertrau⸗ lich auf die Schulter klopfend.„Wir haben böſe Zeiten,“ fuhr er fort,„nichts wie Krieg und Fehde. Adel und Bürgerſchaft liegen ſich ſtets in den Haaren und zerzauſen ſich, wo ſie einander habhaft werden können. Und das iſt noch nicht genug,“ fuhr er fort;„die Bürger machen mir genug Noth und Aergerniß mit ihrem kecken Benehmen, ſie pochen auf ihre Privilegien und wollen von einer Ober⸗ gewalt faſt lieber gar nichts mehr wiſſen; jeder will allein herrſchen und Geſetze geben, um ſeine vermeinte Klugheit zu zeigen, die er zu beſitzen glaubt, um das Ruder der Stadt⸗ und Landesver⸗ waltung zu führen, aber ſie mögen ſich hüten, daß ſie es nicht einſt zu arg treiben und den Bogen ſpannen, ſo daß die Sehne reißt; ſie ſollen es wahrnehmen, daß ich im Namen des Königs hier ſtehe und nicht geſonnen bin, auch nur ein Haar breit von den Gerechtſamen Sr. Majeſtät zurückzu⸗ weichen.“ „Ich weiß es gar wohl,“ fuhr er fort,„daß die Bürger von Budiſſin einen grimmigen Haß gegen mich hegen, weil ich ihrem eingebildeten hin, aber dies ſoll mich nicht abhalten, meine Hand⸗ lungen nach der bisherigen Richtſchnur zu leitenz; gefällt es ihnen nicht, dann mögen ſie gegen mich auftreten und ich will es ihnen zeigen, wie König Matthias aufrühreriſche Rebellen durch mich züch⸗ tiget. Doch genug hiervon, ich beeile mich, dieſes Päcktchen, welches von Sr. Majeſtät an mich ge⸗ richtet iſt, zu eröffnen, um mich mit den Wünſchen und Verlangen des erlauchten Abſenders bekannt zu machen.“ Der Ritter von Hohenſtein n eine ver⸗ beugung um ſich zu entfernen. „Noch eins, lieber Ritter,“ ſagte der Landvoigt, „Ihr ſprachet vorhin von Eurem Sohne. Wo be⸗ findet ſich der Jüngling? ich ſah ihn ſeit langer Zeit nicht mehr, und nach meinem Dafürhalten muß er ein empfehlenswerther junger Mann ge⸗ worden ſein.“ „Er iſt mein Stolz und meine in den Tagen des Alters,“ antwortete der Ritter,„und theilte mit mir treulich die Gefahren während meiner Reiſe.“ „So habt Ihr ihn mit nach Budiſſin gebracht?“ fragte der Landvoigt. „So iſt es,“ antwortete der Ritter,„ich ließ — . —88— ihn in einer Herberge der Stadt zurück, wohin ich mich zu begeben im Begriff ſtehe.“ „Ich will Euren Sohn ſehen,“ ſagte der Land⸗ voigt,„und ich hoffe, daß Ihr noch an dem heu⸗ tigen Tage meinem Verlangen genügen werdet, und um deſto mehr Freude zu haben, lade ich Euch zu einem Banket für dieſen Abend auf der Orten⸗ burg ein. Wir wollen einmal vergnügt ſein, was ſo ſelten geſchehen kann und wozu ich heute Gele⸗ genheit gefunden habe, und zwar dadurch, daß ich meinen geehrten Freund bewirthen kann.“ Der Ritter entfernte ſich, und nachdem der Landvvigt allein war, öffnete er das Päcktchen, welches eine Anzahl wichtiger Depeſchen enthielt, in Bezug auf die Niederhaltung der aufrühreriſchen Bürger in den Sechsſtädten, die ſich immer mehr erhoben und gegen die Regierung eine Sprache führten, die ſich nicht für ſie geziemte. Zugleich erhielt der Landvoigt Befehl, die Ortenburg mit Mannſchaſten zu verſehen und in einen Zuſtand zu verſetzen, in welchem ſie vermochte einer etwai⸗ gen Gewalt die Spitze zu bieten. Zuletzt wurde noch der Beſuch des Königs angedeutet. 6 Das Banket, welches an dieſem Abende zu Ehren des königlichen Botſchafters und deſſen Sohne gegeben wurde, war höchſt glänzend. Der Land⸗ — 88— voigt hatte eine Anzahl Edle und angeſehene Bür⸗ ger dazu eingeladen, von welchen er wußte, daß ſie Treue und Anhänglichkeit gegen ihn bewahrten und für die beſtehende Verfaſſung Leben und Ehre einſetzten. Der junge Erich von Hohenſtein wurde von dem Landvvigt mit großer Auszeichnung behandelt und ihm alle nur mögliche Aufmerkſamkeit erwieſen. Zwei Tage nach dem Feſte reiſten Vater und Sohn nach Prag zurück. Georg von Stein be⸗ gleitete ſie dahin, um mit dem Könige eine Unter⸗ redung zu haben und zugleich ein Porträt von dem⸗ ſelben zu erhalten, welches er über das Thor der Ortenburg hängen laſſen wollte. So unwahrſchein⸗ lich uns dies vielleicht vorkommen mag, ſo müſſen wir doch bemerken, daß der Landvvigt nicht mehr wie drei Mal nach Ungarn zum Könige reiſte, um deſſen Bildniß zu bekommen, das noch heute den Eingang der Ortenburg ziert, und nach den Ver⸗ ſicherungen der Annaliſten wohlgetroffen ſein ſoll. —,—— V. R Wiederfinden. 7 Nach der Rucktehr des Landvoigts zeigte der⸗ ſelbe eine höchſt entſchiedene und gemeſſene Strenge gegen die Bürger von Bautzen, was ſich auch bald auf das Deutlichſte zeigte bei einer Veranlaſſung die geeignet war, die Erbitterung gegenſeitig noch mehr zu ſteigern Wir haben die beiden feigen Genoſſen Rakel v. Küpper und Barthel Kottwitz auf der vollen Flucht verlaſſen, nachdem ihre Verbindung durch die Niederlage der Ritter Beneſch von Michelsberg einen ſo harten Stoß erlitten hatte. Die Fliehenden hatten unter unſtätem Umher⸗ irren die Gegend von Bautzen erreicht, wo ſie auf einige Zeit Sicherheit zu finden hofften; allein die letzten Ereigniſſe, den Talkenſtein betreffend, hatten auch hier eine große Aufregung hervorgebracht und man machte allenthalben Jagd auf die Raubritter S und mancher ohne langen Prozeß nið ———————— feln und Sporen, und mit ſammt dem ellenlangen adligen Stammbaum aufgehangen. In der Nähe eines Dorfes, unweit Budiſſin, ½ lebte ſeit einigen Monden, einſam und geſchieden von der Welt, ein junges Weib von angenehmem Aeußeren; ſie gab ſich wenig mit den übrigen Be⸗ wohnern ab und ſchien ſich in ihrer am beſten zu gefallen. Das Dorf war nicht groß And lehnte an dem Abhange eines ſanft aufſteigenden Berges, welcher zu der anſehnlichen Gebirgskette gehörte, die ſich von Oſten nach Weſten hinzieht und damals mit Wal⸗ dung dicht beſetzt war. Die Wohnung der erwähnten Perſon lag von den Häuſern des Dorfes noch mehr aufwärts nach 3 dem Berge zu und ſtand ſo ziemlich iſolirt, und nicht weit davon zog ſich der Saum des Waldes nach verſchiedenen Richtungen hin. Die Dorfbewohner hatten bisher vergeblich da⸗ nach geforſcht, woher die Fremde eigentlich gekom⸗ men war; allein ſie konnten darüber keine genaue Auskunft erhalten, man muthmaßte hin und her, und wenn auch über ihre Perſönlichkeit verſchiedene Gerichte in Umlauf waren, ſo ſtimmte man doch in der einen Beziehung zuſammen, daß ſie wohl⸗ pabend und von angeſehenem Stande ſein müſſe. —— Was die Erſcheinung der räthſelhaften Bewoh⸗ nerin betraf, ſo ſah man ſie nie anders als in tiefer Trauer einhergehen; auch konnte man bemerken, daß ihre Augen oft von Thränen feucht waren, und dieſe Umſtände deuteten darauf hin, daß ein gehei⸗ mer ſchwerer Kummer in ihrem Herzen wohnen müſſe, der ſie veranlaßt hatte, die Menſchen zu vermeiden und die Einſamkeit außzuſuchen. Wenn die ſonderbare Bewohnerin des Wald⸗ hauſes ausging, ſo geſchah es gewöhnlich in der Begleitung eines großen ſtarken Hundes, der nicht von ihrer Seite wich und alle diejenigen grimmig anſchaute, die in ihrer Nähe verweilten. Das Thier, ſo furchtbar es jedoch ausſah, zeigte eine ſeltene Gelehrigkeit und folgte auf jeden Wink, ja ſchon der Blick ſeiner Herrin ſchien hinreichend, ihn im Zaume zu halten, und wenn ſie durch das Dorf ſchritt, dann konnten ſich ihr die Kinder ohne Furcht nähern, der Hund fügte keinem ein Leid zu. Anders dagegen war es, wenn ſich die Dame in ihrer Wohnung befand, dann durfte es Niemand wagen, ohne den Willen der Hausherrin in den kleinen umzäumten Hof zu treten, er würde den⸗ jenigen in Stücke zerriſſen haben, der es gewagt hätte, ohne Erlaubniß hereinzukommen. Die Einſiedlerin pflegte gewöhnlich bet ſchönen — 5— Sommertagen an dem Saume des Waldes ſpazieren zu gehen, wo ſie im Schatten der hohen Bäume auf den umherliegenden Felsſtücken ſaß und die„ Gegend umher beſchaute, während der Hund zu ihren Füßen lag oder den zahlreichen Eichhörnchen nachjagte, die ſich bei ſeinem Gebell von Zweig zu Zweig ſchwangen und gleichſam neckend aufforderten zu ihnen heraufzukommen. An einem dieſer Tage war es, als ſie wie gewöhnlich in Gedanken vertieft, auf einer Stein⸗ platte ſaß*) und mit naſſen Augen nach der Rich⸗ tung des Oſten blickte, gleichſam als erwarte ſie* von dort her Troſt und heilenden Frieden, der ihrer trauernden Seele ſo ſehr zu mangeln ſchien. Da bemerkte ihr thränenumflortes Auge eine weibliche Geſtalt daherkommen und ihrer Wohnung 4 zugehen, die ſie verſchloſſen hatte; zugleich fing der Hund lebhaft an zu bellen. Die Einſame erhob ſich, rufte ihren treuen Begleiter und kehrte lang⸗ ſamen Schrittes dem Hauſe zu, bei welchem unter⸗* deſſen auch die Fremde angekommen war. Beide ſtanden ſich jetzt gegenüber, und in bei⸗ der Angeſicht zeigte ſich zugleich der Ausdruck einer angenehmen Ueberraſchung. Sie ſuſs mie Jewöhnlicl in Gederken verlirft auf einem Ft — 55 „Marie!“ „Eugenie!“ So ſcholl es zugleich aus beider Munde, wo⸗ rauf ſie ſich innig umarmten und längere Zeit ver⸗ ſchlungen hielten. Der Leſer hat ſchon längſt die Gattin des unglücklichen, in Görlitz hingerichteten Jakob Vier⸗ ling erkannt, die ſich hier niedergelaſſen hatte, um den Tod des Betrauerten beweinen zu können; und wir fügen nur noch hinzu, daß wir in dem ange⸗ kommenen Beſuche die junge Wittwe Marie Geiſig zu bezeichnen haben, die ſich gegen die unglückliche Eugenie ſtets ſo edel und aufrichtig bewieſen hatte, und jetzt gekommen war, der geliebten Freundin durch ihren Beſuch eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten. „O welch eine Freude haſt Du mir bereitet, theure Marie!“ rief Eugenie, nachdem ſie lange Zeit trunken vor Freude an der Bruſt der Freundin geruht hatte;„wie glücklich macht mich Dein An⸗ blick, und die Schwermuth, die noch vor Kurzem meine Seele tief niederbeugte, iſt verſchwunden; ich fühle eine innige Regung in mir erwachen, es ſind die Empfindungen eines beglückten Herzens, das ſo lange des tröſtenden Umganges theilnehmender ————————— —— Freundſchaft entbehren mußte, und einem unaus⸗ ſprechlichen Jammer zum Opfer fiel.“ Marie folgte nach einer längern wehmüthigen 1 Unterhaltung der Freundin in die Wohnung, und 5 hier angelangt ſprach ſie ihr Befremden darüber aus, daß ſich Eugenie gerade hier an dieſem ein⸗ ſamen Orte niedergelaſſen habe. „Es geſchah aus dem Grunde,“ antwortete Jene,„weil ich hier nicht weit von der Stadt wohne, deren Bürger bemüht waren, meinen Gatten von ſeinen Verfolgern zu befreien. Ja, ja,“ fuhr ſie bewegt fort,„die guten Bürger hätten meinen 3 Gemahl ſo gern geſchützt, wenn jener fürchterliche 4 Georg v. Stein nicht durch ſein Machtwort den ˙ Muth derſelben gebrochen hätte, ſo daß ſie gehorchen und das unglückliche Opfer fahren laſſen mußten. Run, möge es ihm Gott verzeihen, was er an mir verübt hat, ich will ihm nicht fluchen, aber vergeſſen kann ich es ihm nicht, wenn ich auch bemühe ihm zu vergeben.“ „Ich erinnere mich,“ ſagte of Marie Geiſig, „daß Ihr einige Freunde hattet, die ſich der Sache 3 Eures Gatten mit Wärme annahmen, zum Beiſpiel der Herr v. Oelsnitz oder Adam Schwobe, wie man ihn gewöhnlich nennt.“ „Sprechen wir jetzt nicht von ihm,“ ſagte Eu⸗ — 65 genie in bitterem Tone.„Seine Handlungen in der letzen Zeit haben ihn in meinen Augen herab⸗ gewürdigt und Schande über ihn, daß er den Na⸗ men Oelsnitz durch ſeine Verbrechen beſchimpft; ich muß erröthen über ihn, obwohl ich ihm zum Dank verpflichtet bin für geleiſteten Schutz gegen meine Feinde. Doch es läßt mich nicht minder wünſchen, ihn niemals geſehen und gekannt zu haben.“ „Ich weiß es, liebe Eugenie, daß zwiſchen ihm und Euch ein beſonderes Verhältniß ſtattfand,“ ſagte Marie, 4 ½ das ſich von früheſter Jugend herſchrieb.“ „So war es allerdings,“ ſagte Eugenie,„wir ſind Milchgeſchwiſter, und die Bruſt, welche mich ſtillte, hat auch ihn genährt. Meine ſelige Mutter war ſeine Amme und ſie liebte ihn ſo ſehr wie mich ſelbſt.“ „Eine ſonderbare Verkettung der Umſtände,“ entgegnete Marie wie in tiefem Nachdenken. „Höchſt ſonderbar in der That,“ verſetzte Eu⸗ genie,„die Mutter des v. Oelsnitz ſtarb bald nach ſeiner Geburt, während ſich ſein Vater am Hofe des Kurfürſten von Brandenburg befand; und da meine Mutter zugleich im Kindbett lag, ſo erhielt ſie den Auftrag, für die Pflege des kleinen Söhn⸗ chens zu ſorgen, was ſie denn auch treulich gethan — 96— hat. Wir wuchſen mit einander auf und lernten einander lieben. Der Vater des v. Oelsnitz ſiel indeſſen bei dem Kurfürſten in Ungnade wegen einer angeſchuldigten Meuterei, und niemand weiß was aus ihm geworden iſt, worauf ſeine Beſitzun⸗ gen eingezogen wurden.“ „Als ich ſechszehn Jahre alt war, ſtarb mein Vater, und ein Jahr ſpäter folgte ihm meine Mut⸗ ter im Tode nach. Ich kam hierauf nach Görlitz zu einem Verwandten, hier blieb ich bis zu meinem zwanzigſten Jahre, und lernte meinen armen Gatten kennen. Wir heiratheten en und lebten meh⸗ rere Jahre in glücklichſter Ehe, obwohl der Tod uns das einzige Pfand unſerer Liebe raubte, dieſem folgte ſpäter mein Gemahl, und zwar durch den Tod auf dem Hochgerichte. O welch ein ſchreckliches Loos für ihn und für mich, ich möchte faſt darüber ſtaunen, wie ich all den großen Jammer zu über⸗ winden vermochte.“ Von Oelsnitz, mein Milchbruder, hatte ze deſſen niemals etwas von ſeinem Vater erfahren, deſſen Hinterlaſſenſchaft ihm entriſſen worden war. Er beſaß Talent, wußte jedoch keinen guten Ge⸗ brauch davon zu machen, und gerieth in die Ge⸗ ſellſchaft wilder Raufbolde und räuberiſcher Großen, die ihn durch das Verſprechen in ihr Intereſſe hin⸗ eingezogen, ihm zu ſeinem Erbe wieder zu verhel⸗ — 55— fen. Er war leider verblendet genug, ſich zu ihren ſchlechten Zwecken gebrauchen zu laſſen, und ſo ge⸗ ſchah es denn, daß er in Folge einer Verbindung gegen den König Podiebrand, den Vorgänger des Matthias, auch ſeine mütterlichen Beſitzungen ver⸗ lor und geächtet wurde.“ Von Oelsnitz nahm hierauf einen andern Na⸗ men an und nannte ſich Adam Schwobe, wo er als ſolcher allerlei Fehden ausführte und für das Land der Lauſitz ein wahrer Fluch wurde. Er treibt nun gegenwärtig noch immer ſein Weſen, und tritt oft mit einem Anhange auf, der nicht ohne Grund große Beſorgniſſe für die Ruhe des Landes erregt. Ich ſehe ſein Loos im Voraus kommen,“ fuhr Eugenie ſeufzend fort,„man wird ihm einſt ſeine Kühnheit legen und als einen Land⸗ plucker den Prozeß machen; darum habe ich mich in dieſe Einſamkeit zurückgezogen, um von ihm und ſeinem Anhange unbemerkt zu bleiben. Zwar hegt er gegen mich noch immer jene Anhänglichkeit und Freundſchaft, die er mir in früheſter Jugend be⸗ wieſen hat; allein ich will dieſe Verbindungen nicht länger pflegen, ſie wuͤrden mir am Ende doch nur großen Nachtheil bringen, und ich möchte nicht 3 Abam Schwobe. 9. Lieferung. ——— 2 —— durch ihn die gefundene Ruhe und den Frieden um mich her nochmals geſtört ſehen.“ Eugenie ſchwieg ſtill, ſie ſchien von den vielen Sprechen angegriffen worden zu ſein. „Komm hinaus, liebe Freundin,“ ſagte ſie zu Marien,„der Tag iſt ſo angenehm und wir wollen uns in dem Scheine der Abendſonne ein wenig am Saume des Waldes ergehen.“ Die beiden Freundinnen traten hierauf aus der Wohnung und ſchritten dem Walde zu. Die Gefangennahme. vm. Während ſich die beiden Freundinnen mit ein⸗ ander unterhielten, bemerkten ſie nicht, daß ſich zwei geharniſchte Reiter der Gegend näherten. Am Fuße einer kleinen Anhöhe hielten ſie ſtill und beobachteten die einſame Wohnung und ritten dann weiter. „Freund Rakel, wem mag das entlegene Be⸗ ſitzthum gehören,“ ſagte einer der beiden Ritter, „ich kam noch niemals in dieſe Gegend.“ „ — 99— Rakel von Küpper(der uns bereits bekannte Held,) welchen wir hier nebſt ſeinem Freunde Bar⸗ hel wiederfinden, richtete ſeine Aufmerkſamkeit jetzt ebenfalls auf das Gebäude. 4 „Ei ſieh doch“ rief er bald darauf,„wenn mich mein Blick nicht täuſcht, ſo ſehe ich dort am Rande des Waldes zwei Frauen luſtwandeln, ſie ſcheinen noch jung zu ſein und uns gar nicht zu bemerken.“ Barthel forſchte jetzt nach dem Gegenſtande . Rakels Bevbachtung und theilte mit ihm n eb ließ ſich ein Plan in Ausführung brin⸗ gen,“ ſagte er,„wir beſuchen dieſen Ort zur Nacht⸗ zeit und wollen dann nähere mit den Damen machen.“ Rakel von Küpper ſah ſich ängßllich um.„Vir ſind nicht ganz ſicher hier,“ fuhr Kottwitz fort,„den die Stadtknechte von Budiſſin haben uns weit genug verfolgt und es könnte ihnen leicht einfallen, uns einen Hinterhalt zu legen und uns aufzuheben.“ Rakel von Küpper zeigte jetzt ſchon wieder deutliche Spuren von ſeinem angeborenen Helden⸗ ſinne, er ſah ſich ſchuͤchtern um und als er nirgends etwas Verdächtiges wahrnahm, da fing er wieder gar an, ſich mit ſeinem— u ſten. — — 100— „Laß die Stadtknechte immer kommen,“ ſagte er,„ich fürchte mich heute nicht vor einem ganzen Dutzend, ich habe mein gutes Schwert an meinn Seite, damit will ich ohne Pardon drein ſchlagen.“ „Du haſt bisher wenig Gebrauch davon ge⸗ macht,“ bemerkte Barthel von Kottwitz,„wenn es losgehen ſollte, da biſt Du gleich auf und davon geritten, ohne erſt dem Feind in 6 geſehen zu haben.“ „Ich that es deshalb, um meinen Muth bei beſſerer Gelegenheit und bei wichtigeren Veranlaſ⸗ ſungen, als die bisherigen geweſen ſind, zeigen zu können,“ ſagte Rakel von Küpper,„wenn ſich heute eine Gefahr nähern ſollte, dann wollte ich ihr gar munter entgegen treten, da es aber nun nicht der Fall iſt, ſo muß ich meine Kampfluſt zu bezähmen ſuchen.“ „„Es wird Dir dies wenig Wihe machen,“ verſette Barthel von Kottwitz, den die prahleriſchen Bemerkungen ſeines feigen Genoſſen ſchon oft unwillig gemacht hatten; er war zwar auch kein Held, allein ſeine Furcht wurde weni — „Run, Du ſollſt heute ei Beweis ethaen 3 thig ich bin, wir wollen zur Nachtzeit hier⸗ 2 — 101— her zurückkehren und das einſame Haus mit Sturm einzunehmen, dabei werden wir gewiß gute Beute machen; offen geſtanden, es thut Noth, daß wir einmal einen Fang machen, es ſieht ſehr ſchlau um unſere Geldbeutel aus, es iſt Zeit, ſie auf irgend eine Art zu füllen, und hier ſcheint mir die Gele⸗ genheit beſonders günſtig zu lächeln.“ Barthel von Kottwitz hatte gegen dieſen Vor⸗ ſchlag nichts einzuwenden und nach einem kurzen Aufenthalte ritten ſie wieder am Fuße des Berges zurück und entzogen ſich ſomit den Blicken der bei⸗ den Frauen, welche ſich bald nachher in die Woh⸗ nung verfügten. Nachdem die Ritter verſchwunden waren, kroch aus einem nahen Gebüſch ein alter lahmer Bettler heraus, welcher hier unbemerkt gelegen und die Unterhaltung der beiden Genoſſen mit angehört hatte. „Dieſen Plan will ich zu zerſtören ſuchen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt.„Die Dame jenes Hauſes hat ſich bisher ſtets freundlich und mitleidig gegen mich gezeigt, ich will ihr dadurch meine Dankbar⸗ keit zu beweiſen ſuchen, daß ich ſie warne vor dem Anſchlage, welcher gegen ſie im Werke iſt.“ und der alte lahme Mann machte ſich auf den Weg nach Eugeniens Wohnung; dieſelbe ſaß — — 102— nebſt ihrer Freundin Maria Geiſig im Geſpräch begriffen und als der Bettler erſchien, ſtand ſie auf und überreichte ihm eine Gabe. „Ich danke Euch, edle Frau,“ ſagte der Alte„ in gerührtem Tone,„möge Gott Euch Schutz und Segen und frohes Leben dafür geben. Ach,“ fuhr er fort,„es wäre zu beklagen, wenn dieſer Anſchlag in Vollzug gebracht werden ſollte.“ Eugenie ſah den Bettler verwundert an. „Ihr ſprecht von einem Anſchlag, redet, iſt vielleicht ein ſolcher gegen mich gerichtet?“ „So iſt es,“ verſetzte der Gefragte,„und ich 1 freue mich, daß ich Gelegenheit fand, denſelben zu entdecken. Zwei Ritter kamen dort an jenem Gehölz vorüber, in welchem ich ein wenig auszuruhen ge⸗ dachte, ſie ſahen mich nicht, wohl aber konnte ich den ganzen Inhalt ihres Geſprächs vernehmen, derſelbe lautet dahin, daß ſie während der Nacht wiederkehren und Euch überfallen wollen.“ Eugenie erſchrak heftig über dieſe Mittheilung. „Gott! welch ein ſchändlicher Plan,“ rief ſie bebend 5 aus,„was ſollen wir thun. Ich bin ſo in Angſt verſetzt worden, daß ich es nicht vermag, einen Gedanken an Rettung zu faſſen“ „Schickt nach dem nächſten Orle und polt ei⸗ nige Männer herbei, die es mit den Rittern aufzu⸗ — 103— nehmen vermögen, damit Ihr auf ihren Angriff gerüſtet erſcheint.“ „Ich befürchte,“ ſagte Eugenie,„daß ſie in größerer Anzahl zurückkehren werden.“ „Das glaube ich wohl weniger, die Ritter ſcheinen keinen Anhang zu beſitzen, und kommen mir eben auch nicht als große Helden vor, beſonders der Eine war ein feiger Strolch, mit dem ich es noch auſnehmen wollte, wenn ich geſunde Glieder hätte.“ „Wir müſſen uns zu ſchützen ſuchen,“ ſagte Eugenie zu dem Alten,„und Ihr werdet gewiß ſo gut ſein, uns mit Eurem Rathe beizuſtehen, es iſt noch nicht ſpät und wir können aus dem nächſten Dorfe Hülfe bekommen.“ „Ich will ſogleich hingehen und eine Anzahl handfeſter Burſchen anwerben, ſie müſſen ſich tüchtig bewaffnen und die zwei Buſchklepper werden mit leichter Mühe überwunden ſein.“ Und der alte Mann humpelte zur Thür hinaus und wandte ſeine Schritte ſo ſchnell es nur immer gehen wollte nach dem nächſten Dorfe zu. Es wurde Abend und er kehrte noch nicht zurück. „Wenn uns der Bettler betrogen hätte,“ ſagte Marie Geiſig,„es wäre abſcheulich.“ „Denke nicht daran, liebſte Freundin,“ verſetzte — 104— Eugenie,„das Antlitz des Alten trägt keine ſo be⸗ trügeriſche Maske, er iſt ein ehrlicher Menſch und ich hoffe, die baldige Ankunft wird Dich von dem, was geſagt habe, überzeugen.“ So verging eine Stunde nach der andern, die beiden Frauen hatten das Haus und ſeine Umge⸗ bung verſchloſſen und lauſchten ängſtlich auf jedes Geräuſch, das ſich vernehmen ließ. Faſt konnte die letzte Stunde vor Mitternacht herangekommen ſein, als ſich ein ungeſtümes Klo⸗ pfen am Thore vernehmen ließ. Eugenie und Ma⸗ rie erſchraken heftig, beide erhoben ſich von ihren Sitzen und lauſchten mit angehaltenem Athem der kommenden Dinge. Da wiederholte ſich das Klopfen, und zwar noch heftiger als zuvor. ß „Was ſollen wir thun?“ flüſterte Eugenie; „horch, die Hunde ſchlagen an. Ich will hinab⸗ fragen wer da iſt.“ 5 1 Und ſie öffnete eines jener kleinen Fenſter, mit den runden in Blei eingelegten Scheiben und frug was man begehre,* „Macht das Thor auf!“ ſagte eine Stimme in rauhem Tone,„ſonſt werden wir uns mit Gewalt Eintritt verſchaffen.“ 5 „Gott, es ſind nicht unſere Freunde,“ ſagte ——— — 105— Eugenie, indem ſie ſich ängſtlich gegen ihre Si din wandte. „Ich kann und darf nicht öffnen,“ rief ſie dann hinab,„die Hunde würden Euch zerreißen.“ „Wir fürchten Eure Hunde eben ſo wenig als Eure verſchloſſene Pforte,“ verſetzte Rakel von Küpper, der jetzt ſeinen ganzen Muth zu zeigen anfing.„Nun, Barthel,“ fügte er gegen den Ge⸗ nannten hinzu,„war das nicht erſtaunlich kühn von von mir geſprochen? Wirklich, ich fühle heute einen unbegrenzten Muth.“ Und nachdem er dies geſagt, begann er unge⸗ ſtüm an dem verſchloſſenen Eingange zu rütteln, daß es weit hin durch die ſtille Nacht erſcholl. „Wir ſind verloren,“ ſagte Marie.„Ach, mein Gott, was ſoll mit uns geſchehen, wenn es jenen ab⸗ ſcheulichen Männern gelingt, ins Haus einzudringen, ſie werden uns ermorden und berauben. O Herr! ſchtze uns vor der Raubſucht dieſer entſetzlichen Böſewichter.“ Rakel von Küpper und Barthel von Kottwitz ſchickten ſich jetzt allen Ernſtes an, den Eingang zu ſprengen; ſie hatten einen ſtarken Balken aus der Waldung herbeigeſchafft und begannen mit ganzer Gewalt gegen das Thor anzurennen, daß es aenb wiederhallte. 160 — 106— Während die beiden Räuber in dieſer Beſchäf⸗ tigung begriffen waren, langte von der andern Seite ein Trupp bewaffneter Männer, und zwar in aller Stille, bei dem kleinen Gebüſch an, wo der Bettler ſich verborgen gehalten hatte.* Der Letztere führte den Zug an, plötzlich blieb er ſtehen und nach einem nahen Baume zeigend, an welchem zwei Pferde angebunden ſtanden, ſagte er: „Sie ſind da, ſeht dort ſind die Roſſe, geht und verſichert Euch derſelben.“ Drei oder vier Männer aus der bewaffneten Schaar begaben ſich nach dem Baume, banden die Pferde los und führten ſie hinweg. Unterdeſſen waren die Uebrigen in der Nähe von Eugeniens Wohnung angelangt, welcher ſie ſich in mehreren Abtheilungen genähert hatten. So eben hatten Barthel und ſein Genoſſe einen heftigen Stoß gegen das Thor geführt, als Rakel von Küpper einige Geſtalten hinter ſich wahr⸗ nahm, die er jedoch der herrſchenden Dunkelheit halber nicht zu erkennen vermochte. Er erſchrak jetzt ganz gewaltig und ließ den Sturmbalken auf die Erde fallen. „Wir ſind umzingelt!“ rief er.„Komm, komm, laß uns zu unſern Pferden eilen, damit wir da⸗ von reiten.“ . S — 167— Barthel von Kottwitz warf einen Blick hinter ſich und überzeugte ſich von der Wahrheit deſſen, was Rakel ihm ſo haſtig mitgetheilt hatte. müſſen uns vertheidigen,“ ſagte Kottwitz und zoß ſein Schwerdt. „Ach Gott, es wird uns nichts nützen,“ ent⸗ gegnete Rakel, von großer Angſt ergriffen,„es ſind mindeſtens zehn Mann, die uns entgegen ſtehen.“ „Und wenn es deren Hundert ſind,“ verſetzte Barthel darauf,„entweder ſterben oder ſiegen.“ Und mit dieſen Worten wandte er ſich gegen die Herankommenden, indem er ſagte: „Holla, wer ſeid Ihr und was wollt Ihr von uns? Weichet zurück, Ihr werdet es ſonſt bereuen, indem wir wahrhafte Ritter ſind.“ „Ihr möget wohl wahrhafte Spitzbuben aber keine Ritter ſein,“ verſetzte der alte Bettler, indem er, ſeinen Krückſtock muthig in der Luft ſchwingend, näher herantrat.„Gebt Euch gefangen oder wir ſchlagen auf Euch los wie auf ein Rudel räube⸗ riſcher Wölfe.“ „Ja, ja, das werden wir, ohne uns an Eure Ritterlichkeit viel zu kehren.“ Und die Bauern begannen jetzt mit ihren lan⸗ gen Feuerhaken auf die beiden Ritter loszuſchlagen, wobei Barthel von Kottwitz einen ſo heftigen Schlag — 108— auf den Kopf erhielt, daß er beſinnungslos neben Rakel von Küpper niederſank. Jetzt war der Kampf ſo gut wie beendet, Ra⸗ kel hatte keine Spur mehr von Muth übrig behal⸗ ten, er warf ſein Schwert weg und wollte davon⸗ laufen; allein einige leichtfüßige junge Burſchen eilten ihm raſch wie der Sturmwind nach und hielten ihn mit ihren Feuerhaken feſt, daß er nicht weiter konnte. 9 VMI. Die Vergeltung. Unterdeſſen hatten Eugenie und Marie wahr⸗ genommen, daß ſich Hülfe nahte, dieſe Ueberzeugung erfüͤllte ſie mit unausſprechlichem Troſte, und ſie dankten aus vollen Herzen, daß er ihnen in der Stunde der Gefahr Hulfe zugeſendet. Eugenie öffnete das Fenſter und rief den alten Bettler Andreas herbei, vnſ ſogleich näherte. „Seid unbeſorgt, ſchöne Frau,“ ſagte er,„wir haben die Nachtvögel alle Beide gefangen, ſie wer⸗ ——— — 109— den Cuch nimmer wieder etwas zu Schaden thun, noch förder Furcht einjagen. Es ſind ein paar feige Burſchen und nicht werth, daß ihre Hände Schild und Schwert berühren.“ Eugenie ließ ihre Befreier bitten, bei ihr ein⸗ zutreten, damit ſie ihnen einen Imbiß reichen könne, was jene auch thaten; die beiden Frauen leiſteten jedoch Verzicht darauf, diejenigen zu ſehen, welche ihnen ſo großen Schrecken verurſacht hatten und die bald darauf als Gefangene nach Bautzen ge⸗ führt wurden.“ Der alte Andreas durfte Eugeniens Wohnung heute nicht verlaſſen; er erhielt Quartier die Nacht über und am folgenden Morgen, als er ſich ent⸗ fernen wollte, machte ihm die Wittwe den Vorſchlag, für künftighin in ihrem Hauſe wohnen zu bleiben. „Nun wenn es Euch gefällt,“ ſagte er,„dann bin auch ich es zufrieden. Ich habe weder Weib noch Kinder, noch Freunde mehr, und ſtehe ganz allein auf der Welt; alles, was ich beſaß, hat mir das Schickſal geraubt, und mir iſt nichts übrig ge⸗ blieben, als ein jämmerliches Daſein, das ich mühe⸗ voll von einem Tage zum andern friſte.“ „Ja, ja,“ fuhr er fort,„ich lebte einſt glücklich und zufrieden, allein die Falſchheit der Menſchen — 110— brachte mich um meine Ruhe und Zufriedenheit, es blieb mir nichts übrig als Elend und Jammer.“ „Armer Mann,“ ſagte Eugenie gerührt;„ich bedaure Euch von Herzen, doch ſeid verſichert, daß Ihr in dieſer Beziehung nicht allein zu leiden be⸗ ſtimmt ſeid. O nein! auch ich kann mit vollem Recht ſagen, daß mir mein Leben durch die furcht⸗ barſten Geſchicke verdüſtert wurde, ſo daß ich oft wünſche: mein gebrochenes Herz möchte bald ins Grab ſinken, um all das Leid zu vergeſſen, welches es getragen hat.“ „Ich dringe nicht in Cure Geheimniſſe,“ ſagte Andreas;„aber wenn es Euch recht ſein ſollte, ſo will ich ſpäter einen kurzen Abriß meiner Lebens⸗ erfahrungen Euch mittheilen.“ „Ich werde dankbar dafür ſein,“ ſagte Eugenie, „denn ich bin überzeugt, daß Ihr gewiß recht trübe Erfahrungen gemacht habt, wovon die tiefen Fur⸗ chen zeugen, welche über Eure Stirn gezogen ſind.“ Unterdeſſen hatten die Bauern die beiden Ge⸗ fangenen nach Budiſſin abgeführt, wo ſie dem Lan⸗ deshauptmann übergeben wurden. Man brachte ſie in ein finſteres Gefängniß und leitete das Ver⸗ fahren ſogleich gegen ſie ein; dieſem folgte ſchon nach zwei Tagen das Urtheil, welches dahin lautete: ——— ,——— —„— 6 11 daß die beiden Stegreifritter mit Stiefel und Sporen an den Galgen gehangen werden ſollen. Rakel von Küpper wollte verzweifeln über ſein wohlvedientes Schickſal, er ſtöhnte immer laut und weinte abwechſelnd, ſo daß man vor den feigen Menſchen hätte mögen Mitleid, wenn nicht Ver⸗ achtung, empfinden. Barthel von Kottwitz zeigte ſich gefaßter und behielt mehr Ruhe, und wenn ihn auch der Kummer in Hinblick auf ſein Geſchick zuweilen hart ergriff, ſo bewies er doch ein Betragen, das ihn in den Augen der Menſchen nicht noch mehr entwürdigte. Der Gefängnißwärter Hans, welcher die Obhut über die beiden Deliquenten führte, hatte mit Rakel von Küpper zuweilen eine kurze Unterredung im Geheimen gehabt, und man kann ſich das Erſtaunen denken, als am Morgen der Hinrichtung der Kerker leer und Rakel mit ſammt feinen Wächter ent⸗ flohen war. Rakel von n güpper hute ſeinem Wächter glän⸗ zende Vorſpiegelungen gemacht, wenn er ihn von dem abſcheulicheu Tode des Hängens retten und mit ihm entfliehen wolle. „Ich bin unmenſchlich reich,“ hatte er zu ihm geſagt,„und habe Geld und Silbergeräthe an einer geheimen Stele unweit von Zita — 112— Dieſen Schatz will ich mit Dir redlich theilen, wenn Du mir zur Erhaltung meines Lebens behülflich ſein willſt, Du kannſt es und wirſt dadurch beſſer bezahlt, als wenn Du Zeit Deines Lebens Gefan⸗ wärter bleibſt.“ Hans war ein leichtgläubiſcher gewinnſüchtiger Menſch und ſetzte keinen Zweifel in die Verſiche⸗ rungen Rakels von Küpper, er verſprach das Mög⸗ lichſte thun zu wollen und traf dennoch auch wirk⸗ lich Anſtalten zur Flucht. „Vergiß aber nicht, Dich mit einigem Gelde zu verſehen,“ hatte ihm Rakel noch geſagt,„ich habe jetz nichts bei mir, indem mich die ſchuftigen Bauern rein ausgeplündert haben. Wenn wir nur erſt an den Ort angelangt ſind, wo meine Schätze liegen, dann iſt es gerathen, und dann wird ein ganz an⸗ deres Leben beginnen.“ „Ich werde gewiß für Alles Sorge tragen,“ ſagte Hans,„Ihr könnt Euch auf mich verlaſſen, Herr Ritter, an Geld ſoll es uns nicht fehlenz ich nehme mein Vermögen mit mir, da ich doch nicht mehr in die hieſige Gegend kommen darf, und will mich von dem Gelde, was Ihr mir für Eure Ret⸗ tung zuſichert, irgend wo anders anſäßig machen.“ „Ja, das kannſt Du,“ ſagte Rakel von Küp⸗ per,„es ſoh Dir nicht dran fehlen, Dir die ſchönſte — — 113— Meierei zu kaufen, und dann wirſt Du leben wie ein hochwohlgeborner Edler; Du wirſt Roſſe und Jagdhunde, Knappen und Reiſige haben, kurz Alles, nach was Du nur irgend Verlangen trägſt.“ Das war nun freilich zu viel für Hans, als daß er nicht mit dem größten Eifer hätte die Sache angreifen ſollen; und es gelang ihm auch, in der Nacht ſeine Gefangenen durch die Wachen zu ſchmuggeln. Eine Stunde nach Mitternacht hatten die beiden Flüchtlinge die Stadt Budiſſin hinter ſich und eilten ohne Zögern der Richtung nach Zittau zu, um vor allen Dingen den in Rede ſtehenden Schatz zu heben. Barthel von Kottwitz, welcher allein noch im Kerker zurück geblieben war, wurde am folgenden Morgen von einem Prieſter zum Tode vorbereitet; und nachdem die Unterredung etwa eine Stunde gedauert haben mochte, trat der Henker in das Ge⸗ fängniß herein, um ſein Opfer abzuholen. Der Verurtheilte, welcher auf dem Knieen ge⸗ betet hatte, ſtand auf. 8 3 .„Ich bin bereü,“ ſagte er,„um meine Strafe zu leiden, die ich durch mein ſchändliches Leben verdient habe. Henker, mach' es kurz mit mir und laß mich nicht lange leiden,“ fuhr er, gegen den⸗ ſelben ſich wendend, fort.„Ich bin noch W Adam Schwobe, 10. Sſreng S — 114— nicht der Schlimmſte unter denen, die des Stranges würdig ſind.“ Der Henker verſprach, ſeine Bitte zu erfüllen, dann verließ der Gefangene den Kerker. Auf dem Wege von hier nach dem Richtplatze erfuhr er noch die Flucht ſeines Genoſſen Rakel von Küpper, wo⸗ rüber er ſich höchſt erſtaunt zeigte. „Es wird ihm wenig nützen,“ ſagte er lächelnd, „ein Mal kommt er doch an die Reihe; iſt es nicht an dieſen Galgen, ſo wird es an einen andern ſein.“ Die Hinrichtung ging unter zahlreichen Zu⸗ ſchauern vor ſich, und als der Verurtheilte die Menge ſah, da zeigte er ſich betroffen; er warf einen langen Blick auf ſeine Umgebung, dann ſtieg er die Leiter zum Galgen hinauf. Hier zog ihm der Henker eine ſchwarze Kappe über das Geſicht, dann erfolgte ein gewaltiger Ruck und der edle Ritter Barthel von Kottwitz ſchwebte zappelnd zwi⸗ ſchen Himmel und Erde. Die Nacht nach dem Tage der Hinrichtung war eingetreten, am Himmel trieb der Wind ſchnell die Wolken vorüber, zwiſchen ihnen hindurch ſchim⸗ merte das Licht der Mondſichel und beleuchtete die Gegenſtände mangelhaft mit ſeinem geiſterhaften Glanze. 3 ₰ In einem Thale, von Felſen begrenzt, und zwar ſrin. k* h he rum mu ier — ————.—— ———— — 115— nicht weit vom Gebirge entfernt, welches Zittau zunächſt berührt, ſchlichen um dieſe Zeit zwei Ge⸗ ſtalten, behutſam umher ſpähend, wie es ſchien, nach einem geheimen Gegenſtande. „Hier herum muß es ſein*),“ ſagte Rakel v. Küpper zu ſeinem Begleiter Hans;„rechts liegt das Geld, links das ſilberne Geräth nebſt andern Kleinodien. Wir wollen anfangen zu graben, der Mond leuchtet uns zu dieſer Arbeit, welche uns überdies durch die gewiſſeſte Hoffnung verſh ui 4. Hans, welcher zu dieſem Zwecke Hand Schaufel gekauft hatte, fing jetzt an, den Erdboden zu durchwühlen, bald mit der Hacke, bald mit der Schaufel, je nachdem ihm die Anwendung der Werk⸗ zeuge nun gerade erforderlich ſchien. Unter angeſtrengten Bemühungen hatte Hans eine Oeffnung von faſt anderthalb Ellen Tiefe und eben ſo viel Umfang zu Stande gebracht, er hatte ungemein fleißig gearbeit d der Schweiß rann in großen Bropfen über ſeine Stirn. Er war ſeit nicht mehr ſo thätig geweſen. „Lange mir die Hacke zu,“ ſagte Rakel von Küpper,„und wirf mit der Schaufel den Boden heraus, es muß der Schat nun ne —— *) Siehe dis Abbildung im vprige Seſ 3 — 116— „Jetzt noch nicht,“ ſagte Hans, indem er Ra⸗ tel von Küpper die Hacke herausgab, dann griff er wieder nach der Schaufel und begann aufs Neue mit ſeiner Arbeit. Eben hatte er wieder Erde herausgeworfen und bückte ſich nieder. Die holte Rakel mit aller Gewalt aus. Die ſchwere Waffe, zum Mordgewehr auserſehen, ſauſte herab, ſie traf den Kopf des Arbeiters, und der Unglückliche ſank tödtlich verletzt in der Grube zu⸗ ſammen.* Der arme Hans hatte ſich ſein Grab mit ſeinen eien Händen gegraben. „Da Du den Schatz nicht findeſt, ſo pabe ich ihn doch gefunden,“ murmelte Rakel von Küpper, „ich meine das Geld, was der Thor bei ſi h trägt, ſonſt iſt hier nichts zu heben.“ Und der Mörder wiederholte ſeine fürchterlichen Schläge, um ſein Dyfer vollends zu tödten; dann ſtieg er in die Grube hinab und beraubte den Er⸗ mordeten ſeines Geldes, hierauf warf er eiligſt einen Theil der außenliegenden Erde auf den— und floh davon. Drei oder vier Stunden ſpäter ſtand der feige Verbrecher vor der Schenke zum rothen Wolf, in der Kloſterwaldung von Marienthal; er pochte mehr⸗ — 117— mals, ohne daß ihm Jemand öffnen wollte, envlich ſah ein Kopf heraus. „Wer iſt da?“ frug eine rauhe Stimme, in welcher er Franz Wiedebach, den Beſitzer der Woh⸗ nung, erkannte. „Mach' auf,“ ſagte Jener mit flüſternder Stimme.„Ich bin es, dein Freund, Rakel von Küpper.“ „Du biſt es, Rakel?“ rief Wiedebach ſtaunend aus.„Ich denke, man hat Dich und Barthel Kott⸗ witz in dieſen Tagen zu Budiſſin an den Galgen gehangen?“ „Es ſollte ſo kommen, und würde auch ge⸗ ſchehen ſein, wenn mich mein ausgezeichneter Muth und meine Entſchloſſenheit nicht gerettet hätte. Doch jetzt komm herab und öffne mir die Thür, damit ich endlich ein wenig ruhen kann; ich bin ſo müde, daß ich kaum noch zu ſtehe ermag. 4 Wiedebach kam herunter, riegelte die Thür auf, und ließ ſeinen nächtlichen Gaſt eintreten. „Sage mir nun um des Teufels willen, wo tommſt Du her?“ begann Franz Wiedebach, nach⸗ dem er ſeinen Genoſſen mit Speiſe und Frant verſehen hatte. „Ich komme von Budiſſin, wo heute in den — Vormittagsſtunden Barthel Kottwitz worden iſt.“ „Nun, und wie konnteſt Du Dich von dem Strange retten?“ frug Wiedebach ſtaunend. Jener erzählte ihm den Hergang, verſchwieg jedoch das an Hans verübte Verbrechen. „Aber wie ſiehſt Du denn aus,“ fuhr Wiede⸗ bach fort,„Deine Hände ſind blutig und Dein Wamms auch. Sieh doch her, Du biſt ja wie im Blute gebadet.“ Rakel von Küpper wurde verlegen. „Iſt Deine Alte in der Nähe?“ flüſterte er dann. „Nein, ſie ſchläſt im andern Theile des Hauſes, Du kannſt ruhig ſein und mir Dein Abenteuer erzählen.“ Rakel that es. „Nun, was meinſt Du,“ ſagte er am Schluſſe, „bin ich etwa wieder feig geweſen, he?“ „Das biſt Du,“ ſahte Wiedebach,„beim Satan, Du konnteſt eine größere Feigheit nicht bezeigen, als denjenigen durch Hinterliſt zu ermorden, der Dir das Leben rettete. Wahrlich, Du biſt der Schlimmſte und Schlechteſte von allen Gaudieben, welche gegenwärtig im Böhmerlande umherziehen. Du biſt ein tückiſcher Scorpion, der den Arg⸗ loſen mit ſeinem Gifte beſpritzt, da, wenn er es am wenigſten ahnt. Du biſt ein heulender feiler Hund, deſſen—“ „Schweig ſtill!“ rief Rakel von Küpper, beleidige mich nicht noch mehr, ſonſt gehe ich mei⸗ ner Wege.“ „Ho, ho, das wirſt Du ohne meine Erlaubniß nicht thun,“ verſetzte Franz Wiedebach;„zuvor wirſt Du Deinen Raub mit mir theilen.“ Rakel ſah den Wolfswirth ſtaunend an. „Seit wann iſt es bei Dir Mode geworden, Deine Freunde zu brandſchatzen?“ ſagte er in höh⸗ niſchem Tone.„Ich habe dergleichen niemals von Dir gehört.“ „Ich habe es gegen meine Freunde ſtets unter⸗ laſſen, und nur Denen bin ich abhold, die ich einer Verachtung werth halte.“ „Das iſt genug geſagt, um mir Deine Anſicht von mir vollkommen klar zu machen;“ verſetzte Rakel von Küpper.„Ich vermag es mir wohl zu deuten, wie Du gegen mich geſonnen biſt.“ Ein Geräuſch, welches ſich auf der vorüber⸗ gehenden Straße erhob, ſtörte die beiden Maänner, deren gegenſeitige Stimmung nicht die beſte war. Es ließen ſich zahlreiche Stimmen ſowie Pferdege⸗ — wappel vernehmen, und es ſtand zu erwarten, daß ein großer Troß von Reitern im Anzuge begriffen ſei. „Verbirg mich,“ ſagte Rakel ängſilich,„ich möchte mich lieber nicht ſehen laſſen.“ Franz Wiedebach ſann einen Augenblick nach. „Du biſt es nicht werth, daß ich mich Deiner an⸗ nehme, aber ich will es voch thun. Komm und folge mir.“ Bei dieſen Worten öffnete er das Nebengemach, und hier angekommen, hob er eine in der Diele befindliche Fallthüre auf. „Steig hinab, hier biſt Du ſicher aufgehoben,“ ſagte der Wolfswirth. Rakel von Küpper befolgte die erhaltene Wei⸗ ſung. Er betrat eine ſchwache Stiege und war im Nu in der Tiefe verſchwunden. Wiedebach ſchloß die Oeffnung und nachdem er ſich überzeugt, daß die Thür von Rakel nicht aufgeſprengt werden konnte, ging er hinweg. „Hier magſt Du ſtecken,“ murmelte der Wald⸗ wirth,„und Niemand ſoll S um Dich zu erlöſen.“ Der Raum, welchen Rakel betreten hatte, war etwa drei Ellen lang und zwei Ellen breit, die Liefe deſſelben mochte jedoch kaum zwei Ellen be⸗ ———— — 121— tragen und erlaubte dem Gefangenen nicht, daß er aufrecht ſtehen konnte; die Wände waren mit Steinen ausgeſetzt und das Verſteck glich ſo ziemlich einer Todtengruft, und dieſen Namen ſollte ſie in kurzer Zeit mit vollem Rechte führen. I. Der Brand.— Das Ende eines Verbrechers. Nachdem Franz Wiedebach die Thür geöffnet hatte, traten ihm zwei Ritter entgegen, in welchem er Beneſch von Michelsberg und Niklas von Tſchirn⸗ hauſen erkannte. Wie wir ſchon erzählt haben, war der Erſtere in einem Gefecht mit den Zittauern geſchlagen wor⸗ den, wobei es ihm jedoch gelang, durch die Flucht zu entkommen. Ein Gleiches war mit dem Zweiten geſchehen. Er hatte ſich von ſeinen früheren Freun⸗ den, Barthel Kottwitz und Rakel von Küpper, noch an dem Tage ihrer gemeinſchaftlichen Flucht getrennt, und hatte ſich zu ſeinem gegenwärtigen Begleiter, dem Ritter von Michelsberg geſchlagen, welcher be⸗ reits ein neues Heer von Söldnern geſammelt hatte, um die Zittauer Gegend zu brandſchatzen; ſie kamen von Görlitz her, von wo aus ſie verfolgt wurden. „Zieh mit uns hinauf nach der Sittau,“ ſagte Tſchirnhaus zu Franz Wiedebach;„hier in Deiner Spelunke wirſt Du am längſten ſicher geweſen ſeinz man wird Dich bald aufheben, ſchneller als Du daran zu denken vermagſt.“ Wiedebach hatte ſich ſchon längſt nicht ſo ganz ſicher hier gefühlt, und dieſer Umſtand be⸗ wog den Wolfswirth, den Vorſchlag ſeiner Freunde anzunehmen. Zudem hatte er noch einen andern geheimen Grund, das Haus wenigſtens auf einige Zeit zu meiden; dieſer Grund betraf ſeinen Gefan⸗ genen, Rakel von Küpper, deſſen Untergang er 5 beſchloſſen hatte. „Kommt herein,“ ſagte er zu den Rneh laßt Eure Bewaffnete einige Zeit abſitzen.“ „Wir dürfen nicht lange verweilen, der Feind iſt hinter uns, doch einen Schoppen wollen wir doch noch in deinem Hauſe leeren.“ Das Letztere geſchah, und nachdem Viedebach einige Krüge mit Wein herbeigeholt, ſetzten ſie ſih an einen Tiſch und fingen an zu trinken. ————— —— . — 123— „Haſt Du es denn auch ſchon gehört, daß Rakel von Küpper und Barthel Kottwitz in Budiſſin ge⸗ fangen ſitzen, um in den nächſten Tagen gehangen zu werden?“ ſagte Niklas von Tſchirnhauſen⸗ „Nun, ich will nicht ſagen, daß mit ihrem Tode zwei Helden ableben; ſie waren feige Geſellen, und beſonders der Rakel von Küpper, das war ein Mann, wie ſich noch niemals ein Zweiter hinter Helm und Schild verborgen hielt.“ „Das hab ich ſtets auch gedacht,“ ſagte Franz Wiedebach,„doch was ihre Gefangenſchaft betrifft, ſo muß ich bemerken, daß Kottwitz bereits gehangen, und Rakel von Küpper aus dem Kerker zu Budiſſin entflohen iſt. Die beiden Ritter ſahen den Sprechenden er⸗ ſtaunt an. „Woher haſt Du dieſe Kunde?“ rief Niklas von Tſchirnhauſen. „Rakel von Küpper hat es mir ſelbſt erzählt,“ verſetzte Franz Wiedebach. „War derſelbe bei Dir?“ „Freilich, kurz zuvor, ehe Ihr ankamt, hatte er mich verlaſſen.“ 4 „Der Wiedebach iſt doch ein ehrlicher Kerl,“ dachte Rakel von Küpper, welcher von ſeinem Ver⸗ ſte aus vas Geſpräch der drei Männer ganz genau anhören konnte.„Die andern Beiden mag der Henker holen, ſie verhöhnen mich wegen meiner Feigheit. Ha, wann bin ich feig geweſen, etwa dieſe Nacht? Wahrlich, wenn ich diesmal nicht muthig geweſen bin, dann weiß ich nicht, was man noch mehr von mir verlangt.“ Wiedebach weckte hierauf ſeine alte Haushäl⸗ terin Barbara aus dem Schlafe, ſie erſchien, und fragte was man verlange. „Wir müſſen augenblicklich fort,“ ſagte der Waldwirth;„der Ritter von Tſchirnhaus hat es mir eben geſagt, daß es nicht mehr ſicher hier iſt; es fällt mir doch gar nicht ein, mich hier fangen zu laſſen, wie eine Maus in der Falle. Oho, da weiß ich mir noch einen andern Weg zu ſuchen: Ich will Schwert und Schild wieder hervorſuchen, und ſtatt mit den leeren Krügen zu klappern, Schwert klirren laſſen.“ „Daran thuſt Du wohl;“ ſagte Niklas von Lſchirnhauſen.„Es wird ſo viel beſſer für Dich ſein.“ „Was ſoll aus mir werden?“ fragte Barbara. „Ich kann Euch unmöglich folgen; ich kein Obdach außer dieſem.“ „Das werdet Ihr nicht lange ver⸗ ſette Tſchirnhaus;„wenn der Feind kommt, ſo wid — 125— er es niederbrennen, und Euch in ſeinen Trümmern begraben.“ Barbara blickte düſter umher.„Soll ich jetzt die alten Wände verlaſſen?“ murmelte ſie.„Nein, ich will es nicht thun, und hier zurückbleiben.“ 3 „Thut, was Euch gefällt,“ ſagte Wiedebach; „ich will Euch in keiner Weiſe hinderlich ſein, nur eines verlange ich von Euch, daß Ihr gegen Rie⸗ mand erwähnt, was aus mir geworden iſt.“ „Ihr ſeid ſicher, und kein Menſch wird jemals darüber etwas vernehmen.“ In dieſem Augenblick meldete ein Reiſiger, daß 3 von Oſtritz her ein Zug Bewaffneter, aus Reitern und Fußknechten beſtehend, ſich nähere. „Da iſt es Zeit, daß wir aufbrechen,“ rief Be⸗ neſch von Michelsberg,„es könnte uns keinen Vortheil bringen, wenn wir mit ihm anbinden wollten.“ Die Ritter brachen daher in aller Eile auf, Franz Wiedebach begleitete ſie, und wie der Sturm⸗ 4 wind zog die Rotte ſchnell dahin, durch die Wal⸗ dung gen Zittau zu. „Eine halbe Stunde ſpäter langte ein neuer 5 Zug Reiſiger an; es waren die Verfolger der oben genannten Wegelagerer. Bei der Wolfsſchenke machte der Troß Halt. „Das iſt die verrufene Waldherberge,“ ſagte einer von den Reitern,„ſie dient den Räubern zum Stelldichein, und von hier aus ziehen ſie ihren Fehden zu, machen verrätheriſchen Komplotte gegen Land und Stadt. Zu was ſoll das Neſt noch länger geduldet werden? Steckt es lieber in Brand, das wird beſſer ſein, als wenn es noch länger zu ſo ſchändlichen Zwecken dienen ſoll.“ „Ihr habt recht,“ ſagte ein Anderer unter den Gewappneten,„es ſoll nicht länger geduldet werden. Doch zuvor wollen wir hinein gehen, um zu ſehen, ob Jemand darinnen befindlich iſt.“ Die Reiſigen ſtiegen ab und begaben ſich in die Schenke, hier fanden ſie Barbara. „Wo iſt der Beſitzer dieſer Herberge?“ ſtus man die Alte. „Er iſt abweſend, und es ſteht zu wanen, daß er nicht wieder hierher zurückkommt.— „Still, alte Schlange!“ befahl der Rittersmann, „ich will nichts mehr hören, dieſes Raubneſt iſt dem Urtheil der Zerſtörung verfallen,“ fuhr er fort, „es darf nicht länger ſtehen bleiben. Darum wende demſelben den Rücken zu, indem es kurzer Zeit vernichtet ſein wird.“ Rakel von Küpper fing an zu beben; er haur in ſeinem Verſteck die drohende Bemerkung ver⸗ nommen. Was ſollte er thun? Laut um Hülfe rufen und ſich den Feinden(denn Feinde der Raub⸗ ritter waren es, welche ſich hier befanden) entdecken? Die Folge davon wäre der Galgen geweſen. Gleich gräßlich war es für ihn, das Kommende in ſeinem Verſteck zu erwarten. Rakeln begann der Angſt⸗ ſchweiß auszubrechen. Barbara wandte Bitten und Flehen an, um die Wohnung vor dem Untergange zu retten. Allein es half ihr nichts, ſie mußte die Hütte verlaſſen, 5 und wurde nach Oſtritz gebracht, wo ſich bereits fünf andere Gefangene befanden, welche man er⸗ 3 tappt hatte und frſthielt, um ſie nach Görlitz abzu⸗ führen. Nach kurzer Raſt rüſtete ſich die Schaar zum Abzuge, um den Feind einzuholen; zuvor aber legte man Feuer an die Hütte. Bald ſtand dieſelbe in hellen Flammen, und leuchtete den Dahinziehenden weit hinab auf dem Wege nach Zittau. Es war ein ſchauerlicher Moment. Mit dem Praſſeln der Flamme vereinigte ſich das verzweifelte Hülferufen des Gefangenen Rakels von Küpper. Der Unglückliche ſuchte die Fallthüre zu ſprengen, welche ſein Grab verſchloſſen hielt; allein ſeine angeſtrengleſten Bemühungen waren vergeblich. Schon hört er die wilde Flamme über 4 . — 127— — 128— ſich toben, ſchon fallen gewaltige Stücken vom Dache und dem Giebel herab, die Decke fängt an zu brennen und der ganze Raum iſt mit erſtickendem Rauch und Qualm angefüllt. Da fängt Rakel laut an zu heulen in der Angſt ſeines ſchwarzen Herzens, er ſtürzt auf den feuchten Boden ſeines fürchterlichen Grabes und verbirgt ſein Geſicht in den vom Morde blutig ge⸗ färbten Händen. „Ich bin rettungslos verloren und muß ver⸗ brennen! verbrennen!— O, gerechter Richter alles Böſen; es iſt Deine Hand, die mich jetzt für meinen Frevel züchtigt und vernichtet.“ Da erfolgte ein entſetzliches Krachen, die Schenke ſtürzte zuſammen, und ihre Trümmer begruben alles in glühendem Schutte. Das Stöhnen von Jenem war verſtummt in dem Getöſe des verheerenden Elementes. Wir verlaſſen dieſen Or. um den Reiſigen zu folgen, welche unterdeſſen den Ritter Beneſch von Michelsberg nebſt ſeiner Rotte eingeholt haben und ihn zum Kampfe zwingen. Es war in der Nähe von Hirſchfelde, wo die beiden feindlichen Haufen auf einander ſtießen. Die Görlitzer griffen muthvoll an und wehrten ſi ich, bis friſcher Zuzug von Zittau anlangte. Beneſch 2 von Michelsberg wurde im Kampſe gefangen, wäh⸗ rend Niklas von Tſchirnhauſen ſich durch die Flucht zu retten vermochte, eben ſo glücklich kam auch Wiedebach hinweg. Der Ritter von Michelsberg wurde hierauf mit noch vielen von ſeinen Genoſſen nach Zittau geführt, wo man ihn 14 Tage ſpäter auf dem da⸗ ſigen Marktplatze enthauptete. An einem einzigen Tage hing man 18 Mann von ſeinem Gelichter an den Galgen, ſo daß in der Zeit von etwa vier Wochen 41 hingerichtet wurden*). Einige Tage nach dem Brande der Walbſchenke langten um die Abendzeit zwei Reiter in der Nähe der Brandſtätte an, ſie ſtiegen von ihren Roſſen, banden dieſelben an einen Baum und näherten ſich dem unheimlichen Orte. Der Mond goß ſein blei⸗ ches Licht über den ſtillen Wald und beleuchtete traurig die ſchwarzen Trümmer des eingeäſcherten Hauſes, unter welchen die Gebeine Rakels von Küpper verſchüttet lagen. „Ich glaub's noch nicht, was Du ſagſt,“ begann einer von den beiden Rittern, in welchem wir Franz Wiedebach und Niklas von Tſchirnhauſen erkennen. *) Dieſe Nachrichten werden durch ältere Geſchichts⸗ werke verbürgt, und der Leſer kann ſich einen von den Umſtänden jener Zeit machen. Adam Schwobe. 10. Lieferung. * — 130— „Wahr iſt's,“ verſetzte Franz Wiedebach,„Rakel von Küpper liegt hier begraben; ich hielt ihn ver⸗ ſchloſſen in ſeinem Verſteck, und er mußte men mitten in ſeinen Sünden. Mich dauert nür das Geld, das er bei ſich hatte und das er dem Gefängnißwärter Hans von Budiſſin nach deſſen Ermordung abgenommen hatte, es hätte hingereicht, eine Rüſtung und ein Schlachtroß dafür zu kaufen.“ „Wir wollen ſuchen, es zu erlangen,“ ſagte Niklas von Lſchirnhauſen,„vielleicht hat das Feuer den Schatz unverdorben gelaſſen.“ Die beiden Genoſſen gingen jetzt ans Werk, den Schutt auf der Brandſtelle zu durchwühlen; es gelang ihnen, die Oeffnung der Fallthüre zu finden, dieſelbe war faſt unverſchüttet geblieben, in⸗ dem eine Lehmwand beim Einſturz auf dieſelbe ge⸗ fallen war, ſodaß ſich ſelbſt die hölzerne Thüre nur zum Theil angebrannt zeigte. „ Schnell wurden jetzt die letzten Hinderniſſe weggeſchafft, und nachdem der Eingang frei gewor⸗ den war, bemerkten ſie eine dunkle Maſſe auf dem — Boden liegen. . Das iſt der Körper Rakels von Küpper,“ ſagte Wiedebach,„er iſt unverſehrt geblieben, deſto ſicherer iſt die Hoffnung, daß wir ſein Geld eben ſo unbe⸗ Icadet bei ihm finden werden.“ 8 2 — 131— Was Wiedebach gehofft, ging auch wirklich in Erfüllung; ſie fanden eine anſehnliche Summe bei dem lebloſen Rakel, welcher entweder erſtickt oder vor Hunger umgekommen ſein mochte. „Komm, Freund,“ ſagte Niklas von Tſchirn⸗ hauſen,„wir wollen uns beeilen, aus dieſer Gegend fort zu kommen.“ „Ich bin Deiner Meinung,“ verſetzte Wiedebach, „ich habe hier nun nichts mehr zu ſuchen, und will dieſem Ort für immer Valet ſagen. Wo die alte Barbara hingekommen ſein mag? wahrſcheinlich iſt ſie nicht mehr am Leben.“ Die Ritter wandten ſich hinweg und kehrten zu ihren Roſſen zurück, die ſie beſtiegen, worauf ſie in ſchnellem Trabe davon eilten. In derſelben Nacht war Barbara in einem Ge⸗ fängniß zu Görlitz geſtorben. ¹. 7 F. Der Tod Niklas von Tſchirnhauſen. Wir haben oben an einer Stelle Erwähnung gethan, das Niklas von Tſchirnhauſen einigen Un⸗ willen gegen Adam Schwobe, und zwar deshalb empfand, weil ſich der Letztere dem Ritter Chriſtoph von Talkenſtein angeſchloſſen, und mit demſelben nach deſſen Burg gezogen war. Niklas von Tſchirnhauſen und Franz Wiede⸗ bach hatten ſich nach der Zerſtörung des rothen Wolfs um ſo enger mit einander verbunden, ſie verließen die Gegend vom Kloſter Marienthal, nach⸗ dem ſie noch gemeinſchaftlich eine Krämerin beraubt hatten und begaben ſich nach der friedländiſchen Herrſchaft hinauf, welches in den Gerichtsbezirk der Herren von Bieberſtein gehörte. Um einen bleibenden Aufenthalt zu haben, kaufte Franz Wiedebach(nach den Mittheilungen der Chro⸗ niken) ein Scholzenhaus in einem Dörflein obig Seidenberg, zunächſt gegen das Gebirge gelegen, F — 155—— Ebersdorf genannt. Hier richtete er ſeine frühere Wirthſchaft ein, und trieb ſein Hehler⸗ und Diebs⸗ geſchäft von Neuem, ſo wie er es zuvor im Ma⸗ rienthaliſchen Gebiete gethan hatte. Sein Freund Niklas von Tſchirnhauſen, welcher noch immer in dem obengenannten Berthelsdorf wohnte, ſtand da⸗ bei mit ihm in der engſten Verbindung; derſelbe hatte bald eine Anzahl verwegener Geſellen zuſam⸗ mengefunden, zu deren Oberhaupte er ſich machte, um rauhen und plündern zu können. Franz Wiedebach hegte dergleichen Geſindel im Geheimen beſtändig in ſeiner Wohnung. Hier wurden Verſammlungen gehalten und Pläne ent⸗ worfen, und waren dieſelben glücklich ausgeführt, ſo theilten die Verbrecher daſelbſt den Raub unter einander*). Die beiden Genoſſen wurden nach und nch immer verwegener in ihrem räuberiſchen Treiben, und griffen endlich die Görlitzer anz deshalb trachtete der Rath danach, ſie in ſeine Hände zu bekommen. Es wollte ihnen jedoch nicht gelingen, trotzdem, daß man vielfache Liſt anwandte, ſie in die Schlinge zu locken. haus mit ſeinen Geſellen uff der das beutete man bei Wiedebach aus.“ *) Es heißt von ihm unter anderem:„Was Tſchirn⸗ — 13 Wiedebach erhielt immer zu guter Zeit Nach⸗ richt durch ſeine Helfershelfer, wenn etwas gegen ihn und ſeine Spießgeſellen unternommen werden ſollte, und dann ſahen ſie ſich weislich vor, dem drohenden Geſchick zu entweichen. Niklas von Lſchirnhauſen war nicht minder auf der Hut und pochte weidlich darauf, daß die Görlitzer in dem Gericht von Friedland keine Macht hätten und ſich nicht gelüſten laſſen dürften, ſich über die Gränze eines fremden Bezirks zu wagen. Sie hielten ſich daher für vollkommen ſicher, wenn ſie nach irgend einem Raubzuge die Gränzmarken vom Friedländiſchen Gebiet erreicht hatten. Der Rath von Görlitz kehrte ſich jedoch, wie wir ſehen werden, an dieſe Meinung wenig, er behauptete vielmehr vermöge ſeiner Privilegien auf die Kriminalgerichtsbarkeit in allen kleinen Städten ein Recht zu haben, und beſchloß, Niklas v. Tſchirn⸗ hauſen nebſt Franz Wiedebach entweder durch Hin⸗ terliſt oder mit Gewalt aufzuheben, um den fort⸗ währenden Plackereien ein Ende zu machen. Eines Tages ſaß Nikel nebſt ſeinem Freunde Wiedebach in der Schenke des Bierwirthes Klip⸗ piſch zu Seidenberg, und tranken gur weidlich mit einander um die Wette. Während ſie ſich in dieſer Weiſe gütlich thaten, „ — 135—£ tat ein Mann mit einem großen Hechte in die Stube herein, und wandte ſich mit der Frage an den Wirth Klippiſch, ob er ihm S nicht abkaufen wolle. Während Klippiſch den Hecht beſah und dann taufte, trat ein zweiter Fremder herein und nahm unweit von Nickel und Wiedebach Platz⸗ „Ei,“ ſagte der Fremde, indem er den großen Hecht verwundert betrachtete.„Iſt dieſes Fiſchlein nicht zum Kauf? Ich dächte, mein lieber Wirth, Ihr wolltet den Hecht ſchlachten und ein gutes WMahl davon bereiten.“ „Ei ja, Herr Fremder, da habt Ihr Recht,“ rief Niklas von Tſchirnhau uſen.„Meiſter Klippiſch muß uns den Hecht ſieden; wir wollen ihn in Ge⸗ ſellſchaft verzehren und bezahlen.“— Der Wirth war damit einverſtanden, und 1. gann ſeine Vorbereitungen zu treffen. Der Fiſch⸗ verkäufer entfernte ſich unterdeſſen, indem er, dem Vorgeben nach, ſeine Angelegenheiten im Städtchen beſorgen, und ſich dann auf den Heimweg begeben wolle. Der andere Fremde, welcher ſich Senfteleber nannte, blieb allein bei den beiden Gaunern zurück. Niklas von Tſchirnhauſen fing ierau mit dem Fremden ein Geſpräch an. —— „ — 136— „Wo kommt Ihr her?“ frug er ihn. „Ich bin von Görlitz,“ antwortete der Ge⸗ fragte,„und ſuche eine fette Kuh zum Schlachten zu kaufen.“ „Ah, Iyr ſeid demnach wohl ein Fleiſcher?“ „Das bin ich,“ ſagte Senfteleber,„ich will heute noch nach Görlitz zurück. Darum macht ſchnell, Herr Wirth,“ fuhr er, gegen den Genannten ſich wendend, fort.„Es wird mir faſt Abend, bevor der Hecht auf den Tiſch kommt.“ Während dieſes Geſpräch geführt wurde, hatte ſich der angebliche Fiſchverkäufer bereits auf ein Pferd geworfen, und jagte in geſtrecktem Galopp nach Görlitz, um dem Rathe Anzeige zu machen, daß Riklas von Lſchirnhauſen und Franz Wiedebach in Seidenberg angelangt und im beſten Zuge wären, in die ihnen gelegte Schlinge zu gehen. Nach Ankunft dieſer Nachricht wurden in größ⸗ ter Eile eine Anzahl Bewaffneter zu Pferde ausge⸗ rüſtet, welche unverzüglich nach Seidenberg, den Boten an der Spitze, aufbrachen. Unterdeſſen ſaßen die drei Gäſte noch immer in Meiſter Klippiſch's Bierhauſe. „Heda, Freund! es verzeucht ſich wacker lange, bevor Du Deinen Hecht fertig bekommſt!⸗ rief Franz —— —* — 2 5 8 8 — 8 2 8 S 8 3 — — S — — 137— Wievebach dem Wirth in ungeduldigem Tone zu. „Weiß der Teufel, was Du damit machſi.“ Klippiſch entſchuldigte ſich und begab ſich wie⸗ der in die Küche, und von da ſchaute er oſtmals nach dem Stalle hinüber, befürchtend, die ſaubern Geſellen möchten herauskommen, ihre Pferde be⸗ ſteigen und davon reiten, was den ganzen Plan, in welchen er eingeweiht war, zu Schanden gemacht haben würde. Den beiden Genoſſen fing die Zeit immer lä⸗ ſtiger zu werden an. Die Bereitung des Hechtes kam ihnen faſt verdachtig vor, jedoch äußerten ſie deshalb kein Wort gegen den angeblichen Metzger, der ſich immerwährend mit ihnen unterhielt und auf das Unbefangenſte dabei benahm. Endlich nach einer langen Zeit wurde der ſehn⸗ lichſt verlangte Hecht aufgetragen 50 Die Drei ſetzten ſich hierauf zu Tiſche, S fingen an wohlgemuth zu eſſen. Die Mahlzeit nahm kaum eine halbe Stunde in Anſpruch. Niklas erhob ſi ſich und wollte nach dem Stalle gehen, um ſein Pferd zu zäumen. Da hielt ihn Senfteleber ganz ſg beim Arm zurück. * Siebe die Abbildung. — 138— „Nicht doch, liebe Herren,“ ſagte er;„Ihr dürft noch nicht gleich fortreiten, Eure Geſellſchaft iſt mir zu angenehm geweſen, als daß ich dieſelbe ſogleich wieder verlieren ſollte und zwar ohne einige Krüge mit Euch getrunken zu haben.“ Und mit dieſen Worten zog der Sprechende einen wohlgefüllten Beutel heraus, nahm eine An⸗ zahl Gulden davon weg und beſtellte drei Krüge Wein. Die beiden Genoſſen, Lſchirnhaus und Wiede⸗ bach, ließen ſich das gar wohl gefallen, und ſtießen mit Behagen mit einander an. In dieſem Augenblick erſcholl die Kunde, vaß die Görlitzer in Seidenberg eingefallen wären. Dieſe Nachricht erfüllte die Zecher mit der größten Beſorgniß, ſie ſprangen eiligſt auf, Wiede⸗ bach rannte in den Stall, band ſein Pferd los und ſchwang ſich auf daſſelbe, um davon zu reiten. Doch da erſchien plötzlich Senfteleber hinter ihm, und entriß ſeinen Händen die Zügel. „Verräther!“ ſchrie Franz wüthend;„laß, laß, oder ich ſtoße Dir einen Dolch in den Leib!“ Doch dieſe Drohung ging nicht in Erfüllung, denn ſchon nahte Hülfe, und das Haus wurde B uzingelt. Franz Wiedebach war demnach gefangen, ſein 2— 3 — 139— Freund Niklas von Tſchirnhauſen war wenigſtens im Augenblick glücklicher; es gelang ihm, auf ſein Pferd zu kommen und aus der Herberge hinweg zu fliehen. Die Gerichtsdiener und Bewaffneten jagten ihm ſogleich nach, hatten aber das Städtchen noch nicht verlaſſen, als man ihnen ſagte, daß dem Flie⸗ henden ein Hinterhalt gelegt, und er ſo gut als gefangen ſei. Der Fliehende wandte alle Kräfte ſeines Roſ⸗ ſes an, um der Gefangenſchaft und zugleich dem drohenden Gälgen zu entgehen, er jagte mit ver⸗ hängten Zügeln zum Städtchen hinaus nach dem Windmühlenberge zu, um die Waldung von Schön⸗ berg zu erreichen, allein ſeine Hoffnung ſchlug fehl, indem plötzlich viele berittene Stadtknechte aus dem nächſten Gebüſch hervorbrachen und uerfi auf ihn losſtürmten. Mit wüthender Geberde ſah er ſeine Verfolger herankommen und ſtieß mit den Sporen die Flan⸗ ken ſeines Roſſes wund, allein es half ihm nichts, die Verfolger hatten ihn bald eingeholt, und er mußte ſich ihnen ohne Schwertſchlag ergeben. Man brachte ihn hierauf nach Seidenberg zu⸗ rück, um ihn in Begleitung ſeines Freundes Wiede⸗ bach nach Görlitz abzuführen. 4** —— — 140— Ohne Verzug machte man ſich mit der längſt gewünſchten Beute auf den Heimweg und als ſie in Görlitz einzogen, da jubelte Alt und Jung über den Fang. Die Gefangenen wurden noch an demſelben Abende vor den Rath geſtellt und in der Güte ver⸗ nommen, und da ſie ſich zu keinem offenen Bekenntniſſe ihrer verübten Verbrechen verſtehen wollten, ſo ſchritt man mit ihnen zur peinlichen Frage. Wiede⸗ bach geſtand dabei eine große Anzahl ſeiner Schand⸗ thaten ein, wobei Niklas von Tſchirnhauſen zugleich als Theilnehmer von ihm bezeichnet wurde. Der Rath von Görlitz zögerte nun nicht lange, die verdiente Strafe an den adligen Räubern zu vollſtrecken, derſelbe handelte überhaupt in ſolchen Sachen gewöhnlich ſehr ſchnell und entſchieden. Schon den folgenden Tag nach Niklas Tſchirn⸗ hauſens und ſeines Genoſſen Gefangennahme ging die Hinrichtung vor ſich. Es war am 6. Dec. 1482. So wie man ſie gefangen hatte, das heißt, in ihrer völligen Rittertracht wurden ſie zum Hochge⸗ richt geführt und ohne Umſtände an den Galgen gehangen, worauf die Gaſſenjungen zu ihrem Spott folgende Reime ſangen: Was wollen wir aber heben an Von zweien friſchen Jungen, — 141— Sie haben manchen Ritt gethan, Ihm iſt's nun ſo gelungen. Dieſe Erzählung giebt ein anſchauliches Bild † von der Gemeinheit, bis zu welcher ein großer Theil des damaligen Adels herabgeſunken war. Der Bruder des hingerichteten Niklas von Tſchirnhauſen, Michael, ſchrieb hierauf an den Rath und verlangte Bericht darüber, weshalb man ſeinem Bruder ſo mitgefahren ſei, und auf eine kurze Er⸗ klärung, welche jenem nicht genügte, ſchickte er der Stadt einen förmlichen Fehdebrief zu, während ſein Verwandter, Fabian von Tſchirnhauſen den beim König von Böhmen verklagte. 68 x. Ein Complott. Der König Wlatislaus gab den Beſchwerden des Ritters Fabian von Tſchirnhauſen gnädiges Gehör und ſandte ein Schreiben an den Rath von Görlitz, worinnen ſie zu einem Verhör mit den — 142— Klägern eingeladen wurden, welches zu Weißwaſſer*) abgehalten werden ſollte. Mehrere von den Rathsherren ſchickten ſich an, der Verhandlung dieſer Sache beizuwohnen und verließen die Stadt zu Pferde. Die von Tſchirnhaus hatten nicht ſobald von dieſem Unternehmen Kunde bekommen, als ſie auf einen Anſchlag gegen die verhaßten Görlitzer ſannen. Ein Adliger von Klür ſollte ihnen bei dieſem Plane behülflich ſein. Der Genannte war aus der Gegend von Bu⸗ diſſin und ſtand in si Rufe wie der gehängte Niklas von Tſchirnhauſenz wäre er beſſer geweſen, ſo hätte er ſich gewiß nicht herabgelaſſen, ſich der ſo ſchlechten Sache des mit Recht beſtraften Raub⸗ ritters anzunehmen. Von Klür hatte eine Zuſammenkunft mit ſei⸗ nen Freunden in der Nähe von Friedland verabre⸗ det, in welcher er zugleich eine Anzahl der ver⸗ wegenſten Mitglieder von den ehemaligen Helfers⸗ helfern ſeines hingerichteten Bruders zuſammenſuchte, um ſie zu einem von Fabian und Michael angeſtell⸗ ten Plane zu werben. ) Stadt in Böhmen, 1 ½ Meile von Jungbunzlau, gegenwärtig mit einem gräflich Waldſteiniſchen Schloſſe nebſt Kapelle, Jagdzeughauſe und Kloſter. —— — 143— „Die Rathsherren von Görlitz ſollen Weißwa⸗ ſer nimmer zu ſehen bekommen“ ſagte Fabian zu ſeinen Verwandten, als ſie in einem Kruge am Wege nach Friedland beiſammen ſaßen,„der Ritter v. Klür wird dafür ſorgen, daß ſie in unſere Hände gerathen und dann wollen wir ſie hoch ge⸗ nug aufhängen und ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten.“ Nachdem ſie ihrem Haße vurch heftige Ver⸗ wünſchungen einigermaßen Luft gemacht hatten, wurde ihre Unterredung durch die Ankunſt des v. Klür abgebrochen, welchen ſie in einiger Entfernung des Weges geritten kommen ſahen. „Ich möchte nur wiſſen um was es ſich han⸗ delt,“ ſagte des Krügers Tochter, ein hübſches Mädchen von etwa 18 Jahren, zu ihrem Vater, „es muß ein böſer Anſchlag im Werke ſein, das ahnt mir, die beiden Ritter haben etwas im Sinne, Gott weiß es, was ſie auszuführen gedenken.“ Bald nachher langte v. Klür im Kruge an, beim Eingange trat ihm der Schenkwirth, ein ſchon bejahrter Mann, ehrerbietig entgegen. „He, Alter, haſt Du Gäſte in deinem frug der Angekommene. „Ja wohl, geſtrenger Herr Ritter,“ vſhn der Schenker,„es ſind zwei edle Ritter vor — 144— hier angelangt, welche drinnen im Zimmer ver⸗ weilen.“ „Dann muß ich ſogleich zu ihnen hinein gehen,“ ſagte v. Klur,„öffne mir die Thür, du Schuft, ſprich, iſt noch ſonſt Jemand außer ihnen in Deiner erbärmlichen Spelunke?“ „Kein Menſch, Herr Ritter,“ antwortete der Gefragte in beſcheidenem Tone,„die fremden Her⸗ ren ſind ganz allein anweſend.“ Der Ritter v. Klür ſtürmte jetzt in's Zimmer hinein. „Ei, da ſeid Ihr endlich,“ rief ihm Fabian v. Lſchirnhauſen entgegen.„Nun, wie ſtehts,“ fügte er in leiſerem Tone hinzu,„habt Ihr das Nöthige in Bereitſchaft geſetzt?“ „Es iſt alles in Ordnung,“ ſagte Klür,„die Leute ſind geworben, ich habe ein Dutzend Burſchen zuſammen gebracht, welche dem Teufel Stich halten würden, ſie ſind alle zu Roſſe und werden mit Ein⸗ bruch der Nacht hier anlangen.“ ½. iſt ſehr wohl angelegt,“ ſagte Michael v. Tſchirnhauſen,„und ich freue mich ſchon immer im Voraus, meinen Bruder durch Euch gerächt zu ſehen, ha, welch eine Genugthuung wird dies für mich ſein.“„Doch ſagt mir,“ fuhr er fort,„an Orte und zu wel e Zeit habt Ihr den — 5„ — 145— Ueberfall beſtimmt? Ich kann die Zeit kaum er⸗ warten, daß der Tanz losgeht!“ „Zwiſchen Reichenberg und Friedland,“ entgeg⸗ nete v. Klür,„es iſt dies am Vortheilhafteſten fuͤr uns, zumal unter der Herrſchaft von Friedland—“ „Ihr habt Recht,“ entgegnete Fabian v. Sſchirn⸗ hauſen,„und um uns den Anſchein zu geben, als hätten wir nichts bei dem ganzen Unternehmen zu thun gehabt, wollen wir uns davon entfernt halten und immer vorausreiten, um bei guter Zeit in Weißwaſſer einzutreffen.“ „Thut das, Herr Ritter,“ ſagte v. Klür,„ich will unterdeſſen dafür ſorgen, daß Eure Gegner nicht weiter als den halben Weg von hier nach Reichen⸗ berg erreichen. Morgen um dieſe Zeit habt Ihr die Rathsherren von Görlitz in Euern Händen und könnt dann nach Willkühr mit ihnen umſpringen.“ „Wir ſind von Eurer Zuverläſſigkeit überzeugt,“ ſagte Fabian Tſchirnhaus,„und verlaſſen uns gänz⸗ lich darauf— laßt uns, bevor wir uns trennen, ein paar Krüge auf frohes Wiederſehen leeren!“ „Ich ſtoße mit darauf an,“ rief v. Klür,„und zwar auf ſicheres Gelingen unſers Vorhabens!“— Der Wein wurde gebracht und die drei Ritter tranken fleißig, bis der von Klür einen ziemlichen Rauſch bekommen hatte.— Adam Schwobe. 11. Lieferung. 10 5— Etwa eine halbe Stunde ſpäter beſtiegen die beiden v. Lſchirnhaus ihre Roſſe und ritten in der Richtung nach Reichenberg zu. Dnr v. Klür verweilte auch nicht mehr lange im Kruge; er begab ſich hinweg und ritt nach Fried⸗ land zurück, welches etwa eine Viertelſtunde vom Kruge entfernt lag. Es war ein rauher Tag im März, an welchem dieſe Unterredung ſtattgefunden hatte. Das Wetter war kalt und es fiel mitunter Schnee und Regen vom Himmel. Der Abend näherte ſich und des Krügers Frau zündete Licht an, machte Feuer im Kamin und richtete das Zimmer auf das Behag⸗ lichſte ein, während die ſchöne Elsbeth gedankenvoll am Fenſter ſtand und gedankenvoll hinausſchaute in die Dämmerung, ich auf die Erde nie⸗ derſenkte. Die Gedanken des Midchens waren für ſie ſehr beengend und kummervoll. Elsbeths Herz war krank— und zwar aus Liebe; ſie hatte ſich einen hübſchen Burſchen, welcher in Friedland als Zim⸗ mermann arbeitete, zu ihrem Geliebten erkoren, was die Eltern jedoch zu wehren ſuchten, indem der Menſch arm und dazu noch ein Ausländer war. Dieſe Umände machten dem armen Mädchen gar viel Kummer, und es vetging manche Nacht, wo * ————————— S und gegen den Krüger, welcher ſpeben eintrat.— — 147— ſie über ihre Zukunft nachdachte, ohne jedoch ihre Befürchtungen mit der Hoffnung auf beſſere Zei⸗ ten verbinden zu können.—. Während Elsbeth in die wachſende Dämmerung hinausſchaute und dem Spiele der fallenden Schne⸗ flocken zuſah, da wurde ihre Aufmerkſamkeit auf einen 5 Reitertrupp gerichtet, welcher, auf der Straße von Friedland kommend, der Schenke zuritt.— Nachdem ſie die Herankommenden noch kurze Zeit beobachtet hatte, wandte ſie ſich ſchnell hinweg „Vater, wir bekommen Gäſte,“ rief ſie,„ein Trupp Reiter kommt raſch dahergeſprengt und wird in wenigen Minuten hier anlangen.“ Der Krüger trat mit neugieriger Miene an das Fenſter. ⸗ „Hm!“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe,„um derlei Geſellen härmt man ſich auch nicht, wenn ſie vorüber reiten; ſie kommen mir zum Theil bekannt vor, ich habe ſie zuweilen in der Begleitung des Franz Wiedebach geſehen, welcher im December vorigen Jahres von den Görlitzern aufgehangen wurde.“ „Ich wünſchte, ſie ritten voruͤber,“ fügte er hinzu,„man hat mehr von ihnen zu fürch zu hoffen.“ — Der ausgeſprochene Wunſch des Schenkers 3 ſollte jedoch nicht in Erfüllung gehen, die Reiter, 2 ſechs an der Zahl, legten an und hielten vor dem Rruge ihre Roſſe an.— „Der Satanas bringt ſie mir über den Hals,“ fagte Ignaz ärgerlich;„Weib,“ fuhr er fort,„be⸗ eile Dich und hole Bier aus dem Keller, und be⸗ rge kalte Küche, die rauhen Burſche werden eſſen und trinken wollen; der Himmel gebe, daß ſie die Zeche nicht ſchuldig bleiben!“ Nachdem die Reiter ihre Pferde untergebracht und der Obhut eines alten Verwandten, welcher ₰ den Poſten als Hausknecht bei Ignaz verſah, über⸗ geben hatten, traten ſie in's Zimmer herein, wo ſie ſogleich ein halbes Dutzend volle Krüge herbei ver⸗ angten, welches Begehren auch auf das Schnellſte erfüllt wurde. Die Krüge waren binnen wenigen Minuten leer und Ignaz füllte ſie von Neuem.— Während man zechte und ſich im heimlichen 6 . Geſpräch mit einander unterhielt, näherte ſich ein 3% zweiter Reitertrupp der Schenke; es waren wieder ſechs Mann, welche hier anlangten und zu den be⸗ reits Anweſenden gehörten. 6 DDie gegenſeitige Begrüßung geſchah auf eine dieſen Leuten angemeſſene rohe Weiſe. Es waren b — „ übrigens ſämmtlich verdächtige Geſichter und Ignaz ſchloß, daß die Zuſammenrottung dieſes Gelichters nichts Gutes herbeiführen werde. Man fragte auf das Angelegentlichſte, ob ein Ritter hier angekommen ſei. „Es waren drei bei mir heute,“ ſagte Ignaz, „ſie ſind jedoch wieder fortgeritten, ob ſie wieder zurückkehren, weiß ich nicht.“ „Wir müſſen ſie erwarten,“ ſagte Einer aus der Geſellſchaft, welcher der Stimmführer zu ſein ſchien, ein Menſch von rieſiger Größe und mit einem feuerrothen Barte(der rothe Wolf genannt), unter welchem Namen man ihn verzeichnet findet. Die Uebrigen waren mit dieſem Vorſchlage ein⸗ verſtanden, und um ſich die Zeit zu vertreiben, fingen ſie an, zotenhafte Lieder zu ſingen, wobei ſie mit den Fäuſten den Takt dazu ſchlugen, ſo daß die Bierkrüge klapperten und ein bedeutender Lärm in der Schenkſtube entſtand. „Hab' ich es mir doch gedacht, daß die Unholde Unheil anrichten werden,“ flüſterte Ignaz ſeinem Weibe zu, die unterdeſſen ihre Tochter Elsbeth aus dem Zimmer geſchickt hatte,„wenn doch die ganze Geſellſchaft lieber an dem Galgen hinge, als daß ſie mir mein Bier ohne Geld wegſaufen und r Krüge zerbrechen — 150— Unterdeſſen war es vollends Nacht geworden. Der rothe Wolf lag gemüthlich in einer Ecke vom Tiſche und brüllte mit ſeiner fürchterlichen Stimme einen Refrain nach dem andern, wobei ſeine Genoſſen alle Mal tobend und heulend mit einfielen. „Haltet die Mäuler!“ ſchrie der vothe Wolf, nachdem er eines ſeiner gräulichen Lieder abgeſungen hatte,„ich will Euch jetzt meine Leibmelodie ſingen 5 und zwar das Lied von den Sechsſtädtern. Die Frauen ſind ganz toll, wenn man es in ihrem Bei⸗ ß ſein anſtimmt. Ihr müßt mich begleiten aber macht's richtig und ſchont Eure Kehlen nicht, ſonſt werf' ich Euch die Bierkrüge an die Köpfe!“ * Nach dieſer Bemerkung fing der rothe Wolf an zu ſingen: „Die Riederländer kennen wir wohl: Sie ſchlottern in den Seiten, 8 ¹ Wenn ſie mit Ochſen fahren, Haben ſie nicht Pferde zu reiten. 6 * —— Die Görlitzer kennen wir wohl Mit ihren rothen Sütten; Wenn ſie wider die Feinde ziehn, Wer heißt ſie Wende hütte. — — 151— Die Sittauer kennen wir wohl Mit ihren grauen Hütten, Wenn ſie wider die Feinde ziehn, Tragen ſie ein friſch Gemütte. Die Budißiner kennen wir wohl Mit ihrem böſen Biere, Wenn ſie wider die Feinde ziehn, So haben ſie kein gut geziere. Die Laubaner kennen wir wohl Mit ihren ſchwarzen Bärten, Wenn ſie wider die Feinde ziehn, Wie gern ſie wiederkehrten! Die Löbauer kennen wir wohl, Sie liegen vor den Haiden, Wenn ſie wider die Feinde ziehn, Wollen ſie ſich nicht ihr ſcheiden. Die Lemberger kennen wir wohl Mit ihren Bade⸗Kappen, Wenn ſie wider die Feinde ziehn, So ſind ſie echte Lappen. Die Gabler kennen wir wohl Mit ihren fetten Braten, Wenn ſie ſich nicht geßtellen können, So helfen ſie mit verrathen. — 152— Die Friedländer kennen wir wohl Mit ihren groben Kitteln, Wenn die Zittſchen nach Kühen ziehn, So laufen ſie gerne mitte.*) „Bravo! vravo!“ ſchrieen die wilden Sänger, indem ſie ihre Hüte ſchwenkten und dann nach den Bierkrügen langten.„Das gefällt uns, die Herren Burger aus den Sechsſtädten bekommen glle ihren heil darinnen ab, ſie ärgern ſich auch nicht wenig über das Schandlied und möchten ſchier platzen, wenn man es Einem oder dem Andern von ihnen vorſingt. Ha! ha! Die Görlitzer haben den Zittauern* die Bierfäßer bei Oſtritz zerſchlagen und daſſelbe* auf die Erde laufen laſſen; dafür haben ſich die Zittauer wiederum gerächt, ſie ſind hinab gezogen, 3 haben den Bauern in Wendiſchoſſig bei Görlitz die z —— *) Dieſes Lied war in Folge einer Fehde der Gör⸗ litzer mit den Zittauern entſtanden und von einem Bauern⸗ burſchen aus Horka gedichtet worden. Die Zittauer hatten in den Dörfern bei Görlitz das Vieh hinweg getrieben und mit ſich fortgeführt, auf welches Ereigniß der letzte Vers beſonders Bezug hat. Ueberhaupt lagen die Görlitzer und Zittauer ſehr vft mit einander im Streite.* Der muntere Sänger hatte ſich durch dieſe Dichtung keine Gönner erworben; man lohnte ihn vielmehr mit Stau⸗ penſchlägen dafür, wo er, ſeiner Ausſage zufulge, das Lied nicht ſelbſt verfertigt, ſondern von einem Görlitzer Geſellen gelernt haben wollte.. — 153— Kühe aus den Ställen gezogen und mit gen Sittau genommen. Das iſt eine muſterhafte Einigkeit unter . den Sechsſtädten und ein lächerliches Gebahren B zwiſchen ihnen!“ — Ill. Der Beſchützer. „ Während die Lottergeſellen in Ignazens Schente in ihrem tollen Lärm fortfuhren, kam von Friedland her ein Ritter eiligſt daher geſprengt; er hatte bald den Krug erreicht, wo er dem anweſenden Haus⸗ knecht ſein erhitztes Roß übergab und nach einigen an ihn gerichteten Fragen nach der Schenkſtube eilte 6 Der Geſang verſtummte und die Sänger er⸗ N kannten in dem Angekommenen ſogleich den Ritter v. Klür, welcher bereits zuvor mit ihnen g delt hatte. „Da ſeid Ihr ja ſchon!“ rief der— „nun das iſt mir erwünſcht!“ „Wir ſind in Geſchäftsſachen immer püntt ſagte der rothbärtige Wolf,„wer uns dingt, — 154— auf gute Beſorgung der uns anvertrauten Ange⸗ legenheit rechnen. Kommt, Herr Ritter, thut uns Beſcheid, dann wollen wir unſer Vorhaben ſogleich zu Ende berathen. Der Ritter von Klür, welcher ziemlich berauſcht war, forderte einen Krug und trank ihn bis auf die Nagelprobe aus, dann ſetzte er ſich zu ſeinen Ver⸗ bündeten und fing an lebhaft mit ihnen zu unter⸗ handeln, bei welcher Gelegenheit er ſo wenig Vor⸗ ſicht bewies, daß der Plan in Bezug auf die Gör⸗ litzer Rathsherren nicht länger ein Geheimniß bleiben konnte. „Sie werden morgen des Vormittags durch Friedland kommen,“ ſagte v. Klür,„darum macht Euch zur rechten Zeit auf den Weg nach Reichen⸗ warten habt. Etwa zwei Meilen von hier befindet ſich ein anſehnlicher Wald, welchen ſie paſſiren müſſen; dort ſtellt Ihr ihnen einen Hinterhalt, und wenn ſie ankommen, dann fallt ihr über ſie her und macht ihnen ſogleich auf der Stelle den Garaus, nur ſorgt dafür, daß Keiner davon entrinnt!“ ſind ihrer?“ frug der rothe Wolf. „s ſind fünf Mann, alle zu Pferde; Ihr ſeid — wölf, daher habt Ihr leichtes Spiel!“ berg, wo ihr die Ankunft der Rathsherren zu er⸗ —— ———— es würde uns angenehmer ſein, wenn Fabian von „Wir werden bald fertig werden und ſie ohne große Mühe aufräumen, doch wie ſtehts, was wird uns für dieſe Arbeit? wir haben über dieſen Punkt bisher noch nichts feſtgeſtellt.“ „Ihr ſollt gut bezahlt werden, das heißt, nach vollbrachter Arbeit; eher bin ich nicht befugt, etwas zu leiſten. Die Ritter von Lſchirnhauſen werden für Eure Belohnung gewiß bedacht ſein.“ Dieſe Erklärung ſchien dem rothen Woff nicht gefallen zu wollen. „Das iſt ein unſicherer Handel!“ ſagte er,„und Tſchir hauſen wenigſtens die Hälfte auf Abſchlag darlegen wollte.“ „Er würde es gewiß thun, wenn er anweſend wäre,“ ſagte der von Klür,„allein er iſt bereits mit ſeinem Vetter nach Weißwaſſer geritten, um von dort aus die Ausführung unſerer Pläne ab⸗ zuwarten.“ „Um nach deren Vollziehung ſo unſchuldig als möglich zu ſcheinen,“ ſagte der rothe Wolf höhniſch, „wer könnte ihn denn zwingen, uns Entſchädigung für unſere Mühe zu gewähren? im Gegentheil, Sbe ſich nieil dazu verſtehen⸗ um ch vor — 156— es etwas ſo ganz Geringes iſt, jene Herren anzu⸗ halten und abzuſchlachten wie junge Gänſe, ohne nicht befürchten zu müſſen, daß ein großer Lärm darüber entſtehen werde? O nein, die Görlitzer würden gewiß gierig nach uns fahnden, und wenn ſie es herausbekommen ſollten, daß Tſchirnhauſen in dieſes Complott verwickelt war, dann würden ſie Rache an ihm nehmen, und eben aus dieſem Grunde würde er ſich zu nichts verſtehen, uns nach vollbrachtem Werke zu bezahlen, er würde vielmehr ſeine Unſchuld vor einem Jeden verſichern und uns die Schelle allein am Halſe hängen laſſen.“ Der v. Klür war, wie ſchon geſagt wurde, ziemlich betrunken und der Punſch hatte ihn hitzig gemacht. „Glaubt Ihr denn, daß Ihr mit wortbrüchigen Schuften, anſtatt mit edelgeborenen Rittern unter⸗ handelt?“ rief er im gereizten Tone. 8 Während dieſe Unterredung ſtattfand, lauſchte Elsbeth hinter einem Bettvorhange, woran ſich eine leichte Wand ſchloß, die einen geſonderten Raum bildete, welche der Familie zum gewöhnlichen Aufent⸗ halt diente, wenn keine Gäſte vorhanden waren. Hier hatte das Mädchen Gelegenheit gefunden, das ganze Complott anzuhören; ſie wußte jetzt, um was es ſich handelte, und beſchloß, die dem Verderben ——— geweihten Görlitzer zu retten. Aber wie ſollte ſie dies anfangen? es mußte noch heute etwas gethan werden, um die Reiſenden zu warnen, nicht weiter nach Reichenberg hinauf zu ziehen. Elsbeth verließ ihren Verſteck und begab ſich in die Hausflur, wo ſie Vater und Mutter im leiſen Geſpräch bei einander fand. „Ich weiß Alles,“ ſagte ſie,„und glaubt es mir, es ſoll ein abſcheuliches Verbrechen begangen werden, man will die Rathsherren von Görlitz, welche morgen hier vorüber kommen ſollen, um nach Reichenberg zu reiſen, überfallen und ermorden!“ „Heilige Mutter!“ rief die Krügerin,„das iſt ſchrecklich! doch was ſollen wir thun? wir begehen eine große Sünde, wenn wir den Plan nicht zu hindern ſuchen.“ „Ich weiß, was ich thun werde,“ ſagte Els⸗ beth,„ich will noch in dieſer Nacht nach Friedland eilen und die argloſen Reiſenden vor dem Hinter⸗ halte warnen, welchen man ihnen im Geheimen zu legen im Begriff ſteht; laßt mich,“ bat ſie,„Fjetzt iſt es noch Zeit, dieſen Anſchlag zu hintertreiben!“ „Aber Kind,“ ſagte der alte Ignaz,„bedenke doch, wenn es jene Böſewichter erfahren ſollten, daß wir ihnen entgegen gehandelt, wir hätten keine — 158— Stunde mehr Ruhe und würden niemals des Lebens ſicher ſein!“ „Sie werden es niemals herausbekommen,“ ſagte Elsbeth. —„Und nun noch die finſtere Nacht, du haſt ein hübſches Stück bis nach Friedland hinein, wie leicht kann Dir irgend ein Unfall begegnen! Mein Kind, ich bitte Dich, laß ab von dieſem Vorhaben, ich würde mich niemals beruhigen können, wenn Du ein Opfer Deines gutgemeinten Strebens werden ſollteſt!“ „Gott wird mich ſchützen,“ ſagte Elsbeth,„er wird mich auf meinem Wege begleiten. Ich bitte Euch nochmals, laßt mich gehen!“ „Nun will ich Dich nicht abhalten, meine Toch⸗ ter,“ ſagte Ignaz,„es wäre größe Sünde; geh' mit Gott und beeile Dich, daß Du bald wieder hier biſt!“ „Nimm Dir doch den Hausknecht Michel mit!“ bat die Mutter. „O nein!“ ſagte das Mädchen,„Michel iſt alt und kann nur langſam gehen, ich werde allein viel. eher heimkehren, als wenn ich ſeine Begleitung wähle.“ „Wie willſt Du es denn aber anfangen?“ fuhr Ignaz fort,„weißt Du denn, ob die Reiſenden be⸗ reits in Friedland angekommen ſind?“ „ ² — 659— „Ich werde einen Weg finden, ſie zu warnen,“ verſetzte Elsbet,„habt Dank, daß Ihr nir ge⸗ währt, was ich begehrte!“ Elsbeth eilte hinauf nach ihrer Kammer hüllte ſich in ein großes Tuch ein und ſchlüpfte mit einem flüſternden:„Gott befohlen!“ zur Thür yinaus, ohne von Jemand bemerkt worden zu ſein. Mit beflügelten Schritten eilte die Jungfrau dem Städichen Friedland zu, ſie ſcheute weder das Wetter, noch die Gefahr, welche ſie auf dem ein⸗ ſamen Wege umgab und erreichte endlich mit klo⸗ pfendem Herzen das Ziel ihrer nächtlichen Wan⸗ derung. Sie ging hierauf auf ein kleines Gäßchen zu, welches an der Straße lag; hier wohnte Frau Re⸗ gine, die Mutter von Elsbeths Geliebten; dieſelbe war die Wittwe eines Tuchmachers und lebte küm⸗ merlich von dem Ertrage ihrer Handarbeit, ſpwie von den Unterſtützungen ihres Sohnes, welcher ſich der Verlaſſenen mit kindlicher Treue annahm. Mutter Regina ſtaunte nicht wenig, als ſie die ſchöne Elsbeth bei ſich eintreten ſah, ſie traute kaum ihren Augen, die Tochter Ignazens vor ſich zu er⸗ blicken, welcher doch jeden Verkehr mit der Wiltwe zu vermeiden bemüht war. — 160— „Ei was ſeh' ich? Ihr ſeid es wirklich, Jungfer Elsbeth?“ ſagte die alte Frau, indem ſie ſich erhob und der Angekommenen entgegen ging,„ſagt mir doch um aller Heiligen willen, was führt Euch denn noch ſo ſpät hierher in dieſer abſcheulichen Nacht? es iſt heute beſonders finſter und dazu dieſes Wetter! Ihr ſeid doch nicht allein nach Friedland hereinge⸗ kommen?“ „Ich bin allein,“ ſagte Elsbeth,„kein Menſch hat mich begleitet.“ „Und Ihr habt Euch nicht gefürchtet?“ rief Frau Regina. „Nein, ich war in meinen Gedanken zu ſehr mit andern Dingen beſchäftigt, als daß ich hätte an Furcht denken können.“ „Das müſſen ſehr wichtige Dinge geweſen ſein,“ bemerkte die Wittwe. „Sie ſind es allerdings,“ verſetze Elsbeth, „wo iſt Johannes?“ fuhr ſie fort, ich möchte ſogleich mit ihm ſprechen.“ „Er wird ſogleich zurückkehren,“ ſagte die Mutter,„und iſt blos bis zu einem ſeiner guten Freunde gegangen, welcher heute unvermuthet in Friedland eingetroffen iſ. Es ſind nämlich,“ fuhr ſie fort,„fünf Rathsherren von Görlitz in der Stadt angelangt, welche im Begriff ſtehen, nach 1 51— Reichenberg oder Prag zu reiſen, und unter ihrer Begleitung, welche aus drei Reiſigen beſteht, befand ſich auch der Freund meines Johannes. Sie wollen heute noch weiter reiſen.“ „So ſind ſie bereits angelangt,“ rief das Mäd⸗ chen mit dem Ausdrucke großer Ueberraſchung, „Gott ſei gelobt, daß ich gekommen bin, um ſie noch zur rechten Zeit warnen zu können.— Mutter Regina, ich muß ſogleich Euern Johannes ſehen,“ fuhr ſie haſtig fort,„ich habe nur wenig Zeit übrig und muß ſogleich wieder nach Hauſe eilen!“ „Mein Gott, ich bin noch gar nicht in Euch klug geworden,“ ſagte Regina. „Ihr ſollt alles erfahren, doch jetzt bitte ich Euch dringend, holt den Johannes herbei, ich muß mit ihm ſprechen, es hängt faſt Leben und Tod davon ab. Eilt! eilt! Muiter Regina, es handelt ſich darum, großes Unheil zu verhüten.“ Die Wittwe unterließ es, Elsbeth noch länger mit ihren Fragen zu beläſtigen, ſie eilte fort und begab ſich nach der Herberge, wo die Herren mit ihren Begleitern abgeſtiegen waren. Hier fand ſie bald ihren Sohn, er ſaß mit ſeinem Freunde bei einem Kruge Bier und die beiden plauderten ganz vergnügt mit einander, hatten ſie ſich doch ſo lange— nicht geſehen, und die Freude, wieder einmal bei Avam Schwobe. 11. Lieferung ⸗ 11 — 162— einander zu ſein, ſtimmte die Herzen ſo fröhlich, wie es bei guten Freunden unter ſolchen Umſtänden der Fall ſein ſoll. Johannes hatte kaum ſeine Mutter erhlict, als er ſich erhob und auf ſie zuging, er war darüber befremdet worden, ſie hier zu ſehen. „Komm' heim, aber geſchwind, Johannes,“ 4 flüſterte ſie ihm zu,„ich habe Beſuch erhalten, Elsbeth, die Tochter des alten Ignaz aus dem Kruge, iſt ſoeben gekommen. Das arme Mädchen muß etwas ſehr Schweres auf dem Herzen haben und wünſcht ſogleich mit Dir zu ſprechen.“ Johannes konnte faſt an das ihm Mitgetheilte nicht glauben.„Komm, komm!“ fuhr Regina fort, „es iſt, wie Jungfer Elsbeth ſagt, keine Zeit zu verlieren, es ſteht, wie ſie ſagt, Großes auf dem Spiele!“ Johannes zögerte nun nicht länger, ſeiner Mutter zu folgen.„Verzeihe mir, lieber Franz,“ ſagte er zu ſeinem Freunde, ich werde abgerufen, es iſt wegen einer dringenden Angelegenheit, die keinen Aufſchub leidet. Ich komme gewiß noch ein Mal zurück, bevor Du abreiſeſt.“ Mit dieſen Wor⸗ ten eilte er hinaus und war bald vor dem Häus⸗ chen angelangt. Raſch öffnete er die Thür und bei ſeinem Eintrit erblicke er wirklich Elsbeth, — 163— welche ſeiner Ankunft mit Ungeduld entgegengeſehen hatte. 70 Die Liebenden eilten einander in die Arme. „Elsbeth!“ „Johannes!“ Das war Alles, was ſie im Augenblick ſagen konnten. „Was führt Dich her?“ rief Johannes, noch immer betroffen,„in dieſer Racht, wo es draußen ſo ſtürmt und unheimlich iſt?“ Elsbeth erzählte jetzt dem Geliebten, was ſich ereignet hatte und was den Reiſenden bevorſtand. „Sie wollen heute noch weiter, wie mir Deine Mutter geſagt hat, vas ſollen und dürſen ſie nicht, ſie würden alle ſammt und ſonders verloren ſein.“ Johannes gerieth in Entſetzen über dieſe Mit⸗ theilungen.„Gon ſegne Dich!“ rief er,„theures Mädchen, für Deinen Muth und Deine Entſchloſſen⸗ heit, Du haſt dadurch großem Herzeleid vorgebeugt und mir meinen Freund zugleich gerettet. Ich will ſogleich nach der Herberge eilen und die Reiſenden von ihrem bevorſtehenden Geſchick in Kenntniß ſetzen.“ „Sei vorſichtig dabei,“ ſagte Elsbeth,„und unterlaß es dabei, meinen Namen zu nennen, es möchte ſonſt meinen guten Eltern Gefahr bringen, 11* — 164— die Rache jener Unholde würde fürchterlich ſein, wenn ſie jemals erfahren ſollten, daß ihr Anſchlag auf mich zu Grunde gerichtet worden ſei.“ „O, ich werde darüber ſtill ſchweigen,“ rief Johannes,„ſelbſt meinem Freunde Franz will ich kein Wort davon ſagen!“ RIII. Belohnte Treue. Franz zeigte ſich verwundert, als er ſeinen Freund Johannes mit verſtörtem Geſicht zurück⸗ kommen ſah, er fragte ihn, was es gäbe, und Jener erzählte ihm dasjenige wieder, was er von S in Erfahrung gebracht hatte. „Ich bitte Dich, bleibe hier!“ ſagte er hierauf, „ich will gehen und den Herren von der Gefahr Kunde bringen, die uns auf der Reiſe nach Weiß⸗ waſſer zu bedrohen pflegt.“ Johannes verſprach, ihn zu erwarten, worauf Franz ſich nach dem Gemache begab, welches eine Stiege höher lag. — 255— Mit verſchiedenen Gefühlen vernahmen die Letzteren das, was Franz ihnen berichtete. „Ha! welche Treuloſigkeit!“ rief Einer nach dem Andern.„Behandelt man uns ſo? uns, die wir gekommen ſind, eine Sache vor König und Reich erörtern zu laſſen, von welcher das Recht un⸗ beſtritten auf unſerer Seite liegt. Schmach und Schande über dieſe ſchuftigen Edelleute, die uns in eine Falle zu locken im Begriff ſtanden, wo wir ihrer Rachſucht zur Beute geworden ſein würden!“ Die Herren begannen jetzt, eine Berathung unter einander zu halten; Einige riethen, man ſolle wieder nach Görlitz zuückkehren, die Andern beſtan⸗ den wieder darauf, ihre Reiſe fortzuſetzen. „Wir wollen nicht umkehren,“ riefen ſie,„und den Schuften unter angemeſſener Begleitung muthig entgegen treten. Sagt an, lieber Franz,“ fuhr einer von ihnen fort,„wo lauern die Böſewichter gegenwärtig?“ „Kaum eine halbe Stunde] von hier an der Straße nach Reichenberg,“ antwortete der Gefragte. „Wer hat Euch davon benachrichtigt?“ fuhr Jener fort. „Mein Freund Johannes,“ war die Antwort. „Laßt dieſen Menſchen heraufkommen, vielleicht erfahren wir noch mehr von demſelben.“ — 166— Das Verlangen der Herren wurde erfüll. Johannes erſchien im Zimmer und die Anweſenden umringten ihn neugierig und beſtürmten ihn mit zahlreichen Fragen, die er alle möglichſt befriedigend beantwortete, ohne jedoch den Namen und die Quelle anzugeben, von wem und von wo er das Alles er⸗ fahren hatte. „Junger Mann, wir ſind Euch zu unendlichem Danke verpflichtet,“ ſagte einer von den Herren, indem er Johannes die Hand reichte,„und wenn es Gottes Wille iſt, daß wir dieſer Gefahr glücklich entriſſen werden, ſo wollen wir uns dankbar gegen Euch beweiſen. Wir wollen,“ fuhr er fort,„unſere Reiſe fortſetzen, obwohl erſt mit dem nächſten Mor⸗ gen und unter guter Bedeckung; Ihr ſollt uns be⸗ gleiten, wenn es Euch recht iſt, und uns als Weg⸗ weiſer dienen, Ihr ſeid ein zuverläſſiger Mann und ſollt dafür gut belohnt werden!“ Johannes zeigte ſich bereitwillig hierzu, und nachdem er verſprochen, am nächſten Morgen mit einer Schaar herzhafter Burſchen zum Schutze der Reiſenden erſcheinen zu wollen, entfernte er ſich und kehrte zu ſeinem Freunde Franz zurück; er ſprach nur noch kurze Zeit mit demſelben, dann kehrte er heim, um die harrende Elsbeth auf ihrer Rückwan⸗ derung zu begleiten. — 3 — — — 167— „Es iſt alles beſorgt,“ rief er ihr freudig ent⸗ gegen,„und die Schufte werden nichts als das Nachſehen haben. Die Herren brechen erſt Morgen auf und werden dann auf jeden Angriff vorbereitet erſcheinen.“ „Gott ſei Dank!“ ſagte Elsbeth,„jetzt athme ich wieder freier auf, und von meinem Herzen iſt eine große Laſt hinweggenommen.“ Die Liebenden verließen hierauf die Hütte und traten den Weg nach Ignazens Kruge an; ſie ſchlugen einen Fußweg ein und gelangten glücklich an. Sie horchten, es war hier Alles ſo ſtill, das Getöſe in der Schenke war verſtummt, keine Stimme ließ ſich vernehmen. „Was ſoll das bedeuten?“ flüſterte Elsbeth verwundert,„als ich vorhin mich entfernte, tobten die Unholde wie beſeſſen und jetzt dieſe Ruhe.“ Sie ſchlich an das Fenſter und lauſchte. „Sie ſind fort,“ ſagte das Mädchen,„ich höre nur noch die Stimme meiner Aeltern in dem Zimmer.“ „Wir müſſen uns wennen,“ ſagte Johannes befangen,„o liebe, theure Elsbeth,„wenn doch einſt ein gütiges Geſchick über uns walten möchte!“ „Hoffe und vertraue, mein guter Johannes,“ verſetzte die Jungfrau,„es wird ein Mal gewiß — 168— beſſer werden; laß Deine Hoffnung ſich durch das Vertrauen auf meine Treue ſtärken, dann wirſt Du nie den Muth verlieren!“ Und die Liebenden umarmten ſich, noch ein Kuß, dann wandte ſich Johannes dem Heimweg zu, wäh⸗ rend Elsbeth ſich in die Wohnung ihrer Eltern be⸗ gab, die, von großer Unruhe gepeinigt, die Ankunft ihrer Tochter erwarteten. „Gelobt ſei Gott und die heilige Mutterſ!“ rief die Krügerin, als ſie ihre Tochter eintreten ſah, „ſo biſt Du endlich wieder da, o, wir haben großen und ſchweren Kummer um Dich gehabt!“ Elsbeth eilte auf die Mutter zu und umarmte ſie bewegt.„Ich habe meinen Auftrag glücklich ausgeführt,“ ſagte ſie,„aber wie kommt es,“ fuhr ſie verwundert fort,„daß unſere Gäſte wieder ſo ſchnell abgezogen ſind?“ „Ach, mein Kind,“ entgegnete der alte Ignaz, „das war ein ſchönes Leben hier, während Du Dich abweſend befandeſt. Die abſcheulichen Menſchen haben noch einen fürchterlichen Lärm verführt, ſie haben ſich gezankt und geprügelt und zuletzt den Ritter v. Klür, oder wie er ſich nannte, noch ganz blutig geſchlagen. Sie geriethen plötzlich mit dem⸗ ſelben in Streit, es handelte ſich nämlich um eine gewiſſe Summe, welche die Strauchritter verlangten ——— ——— — . ——— —— ſindel ſo zu begegnen wiſſen, daß ſie keinen Schaden — 169— und die Jener nicht bezahlen wollte. Der v. Klür hatte ſich ziemlich betrunken und fing im Rauſche an zu fluchen und zu ſchimpfen wie ein Heide, was ſich nun jene freilich nicht lange anhören mochten, ſie geriethen bald heftig an einander und es dauerte nicht lange, ſo flog der Ritter, von vielen Händen gehoben, wie eine Puppe zur Thür hinaus.“ „Was ſollen wir uns länger mit dieſem Lump herumſtreiten?“ rief hierauf der rothe Wolf,„gehen wir lieber andern Geſchäften nach, als daß wir dieſen bettelhaften Edelleuten dienen, die entweder ſchlecht oder gar nicht bezahlen wollen; laßt die Görlitzer ziehen, wohin es ihnen beliebt, ſie ſollen vor uns Ruhe haben.“ „Bald darauf erhob ſich der ganze Troß,“ fuhr Vater Ignaz nach einer Weile fort,„ſie bezahlten mich richtig und ich dankte es Gott, als ſie fort waren, obwohl wir nun um Dich ſehr beſorgt waren. Zu unſerm Troſte ritten indeß die Burſche anſtatt nach Friedland, die Straße nach Reichenberg hinauf.“ „Ich befürchte, ſie werden den Görlitzern doch noch auflauern,“ ſagte Elsbeth,„nun, dieſelben ſind auf einen Strauß vorbereitet und werden dem Ge⸗ — 170— dabei haben. Sie kommen morgen bei guter Zeit hier vorüber,“ fügte ſie hinzu. „Wo iſt denn Michel?“ ſagte Ignaz nach einer kleinen Pauſe,„warum iſt er denn nicht mit Dir heimgekommen, Elsbeth?“ „Ich habe ihn ja gar nicht geſehen?“ verſetzte die Gefragte. „Wie, Du haſt ihn nicht wir haben ihn Dir ja entgegen geſchickt. Hat er Dich denn nicht getroffen?“ Elsbeth erröthete und wurde verlegen. „Du biſt doch die Straße gekommen?“ meinte der Vater. „Nein,“ ſagte das Mädchen,„ich ging Fußweg.“ „Nun, dann wirſt Du auch nicht allein geweſen ſein. Der Fußweg führt mitten durch das Gebüſch, welches den Fahrweg berührt; geſteh' es nur, der Johannes hat Dich begleitet und auf dieſe Weiſe biſt Du Micheln fehl gegangen.“ „Das dachte ich mir wohl,“ fuhr Ignaz in brummendem Tone fort,„Ihr müßt einmal bei⸗ ſammen ſein und das hindert weder Tag noch Nacht, weder Gefahr noch Ehrgefühl. Es ſchickt ſich gar nicht, daß Du dem Burſchen nachläufſt, was werden die Leute ſagen, wenn man davon ——— — — — — 171— ſpricht, Du biſt doch in ſeiner Mutter Haus ge⸗ weſen?“ 1. „Ich will's nicht leugnen,“ ſagte Elsbeth kleinlaut. „Alle Donner, das iſt zu arg!“ rief der alte Schenkwirth,„und ich muß mit Ernſt darauf ſehen, daß dieſe Verhältniſſe ein Ende nehmen. Geh' zu Bett, Mädel, und bitte Gott, daß er Dein Gemüth von der unſinnigen Neigung heilt, jenen bettelhaften Menſchen noch zu ſehen. Der iſt zu gering für Dich und ich kann es nimmermehr zugeben, daß er Dich liebt; ſag' ihm das in allem Ernſte und da⸗ mit Holla!“ Elsbeth hatte für dies Mal eine faſt ſchlafloſe Nacht zu durchwachen und der Liebeskummer be⸗ wegte das Herz des armen Mädchens mit ſtürmi⸗ ſcher Gewalt. „Ich ſoll ihn nicht lieben, den Johannes,“ flüſterte ſie, während ſich ihr ſchönes Auge näßte, „ach, und doch kann ich nicht von ihm laſſen, mein Herz wird niemals einen Andern wählen, lieber will ich jeder Verbindung für die Zukunft entſagen!“ Erſt gegen Morgen vermochte die Jungfrau einzuſchlafen, und als ſie endlich bei ihren Eltern erſchien, da ſah ſie blaß und abgehärmt aus. Eine Stunde ſpäter näherte ſich ein ſtarker Reitertrupp der Herberge. Elsbeth eilte an das Fenſter und erkannte bald den Geliebten unter der Schaar, welche den Rathsherren von Görlitz zur Begleitung dienten. Johannes warf beim Vorüberreiten manchen verſtohlenen Blick nach der Geliebten, die ihm mit ihren Augen folgte, ſo wie ſie es vermochte, dann ging ſie hinweg, wobei ein tiefer Seufzer ihrer Bruſt entſtieg. „Meine liebe Elsbeth, Du biſt krank,“ ſagte die Mutter,„was fehlt Dir, Kind? Dein Zuſtand be⸗ unruhigt mich; Du biſt mir ſo noch nicht vorge⸗ kommen?“ Elsbeth ſagte nichts, ſondern wandte das bleiche Geſicht hinweg, wobei ſich eine Thräne in ihrem Auge zeigte. Unterdeſſen waren unſere Reiſenden aus dem Geſichtskreiſe der Herberge verſchwunden, ſie erreich⸗ ten Reichenberg, ohne auch nur einen Feind auf ihrem Wege bemerkt zu haben, ebenſo glücklich wurde die Reiſe nach Weißwaſſer zurückgelegt, wo ſie zum Erſtaunen der beiden Sſchirnhauſen anlangten. Beide Ritter waren höchlich von ihrem Anblick ———— Blicken unſerer Feinde beſchämt da.“ — 173— „Das iſt Verrath!“ rief Fabian voll Ingrimm, „der v. Klür hat uns hintergangen.“ In dieſem Augenblick ſprengte der Genannte in die Herberge, wo Fabian nebſt Michael von Sſchirnhauſen ſich befanden. Er kam eiligſt zur Thür herein und rief: „Ha, da ſeid Ihrz bei allen Teufeln! meine Schuld iſt es nicht, daß die Görlitzer heute in Weißwaſſer einreiten, wäre es mir nachgegangen, ſo wäre Keiner von ihnen mehr am Leben!“ Und jetzt fing er an, den Auftritt in Ignazens Schenke zu erzählen, in Folge deſſen die Ritter ſehr wenig einwenden konnten. „Zudem würde es ſchwer gegangen ſein, ſich ihrer zu bemächtigen,“ fügte v. Klür hinzu,„ſie hatten nicht weniger denn zwanzig gut bewaffnete Begleiter mit, die es mit dem rothen Wolf ſammt ſeiner Räuberhorde gewiß aufgenommen haben würden.“ „Es iſt dies ein ſicherer Beweis, daß unſer Plan verrathen worden iſt,“ ſagte Michael von Eſchirnhauſen. „Ich bin derſelben Meinung,“ verſetzte Fabian von Lſchirnhauſen,„und wir ſtehen jetzt vor den „Ich mag nicht mit ihnen unterhandeln,“ rief Fabian,„und will mir lieber ſelbſt Genugthuung verſchaffen und die Görlitzer befehden.“ Die Zuſammenkunft ſowie die Beilegung des obwaltenden Streites zerſchlug ſich auch wirklich; die Görlitzer mochten von einer Perhandlung mit ihren heimtückiſchen Gegnern nichts wiſſen und brachen ungeſäumt nach Prag auf, um die Anſtifter dieſes Verrathes, welcher klar und unzweifelhaft dargethan werden konnte, beim König zu verklagen. Auf dem Heimwege ließen ſi ſie ſich von hundert Reiſigen begleiten 6 und gelangten unter ihrem Schutze unverſehrt nach Görlitz zurück. Johannes erhielt für die ihnen bewieſenen treuen Dienſte eine anſehnliche Belohnung vom Rathe und empfing das Recht, als einheimiſcher Bürger in Görlitz zu leben. Jetzt fand er keine Schwierigkeiten mehr bei dem alten Ignaz, er gab ihm ſeine Tochter zum Weibe und das junge Ehe⸗ paar lebte froh und zufrieden in der lieben Sechs⸗ ſtadt. Das, was Fabian und Michael von Tſchirn⸗ hauſen den Görlitzern im Zorn angedroht hatten, führten ſie auch bald darauf wirklich aus, ſie ſchickten *) Genau nach den Annalen. — 175— der Stadt einen Fehdebrief zu, und begannen vom Gebirge aus den Anfang mit ihren Feindſeligkeiten zu machen. Zuerſt plünderten und brandſchatzten ſie die Gegend von Markliſſa, dann brachen ſie mit meh⸗ reren hundert Mann nach dem Dorfe Linda auf, wo ſie die gröbſten Ungerechtigkeiten begingen und ſogar die Bewohner zur Huldigung zwangen. Das Dorf Linda gehörte in das Weichbild von Görlitz, und es war damals ein Ritter von Bieber⸗ ſtein, welcher zu Forſta wohnte, Beſitzer deſſelben. Der Ritter von Bieberſtein beſchwerte ſich beim König über dieſen Frevel, worauf die von Tſchirn⸗ hauſen in die Acht erklärt und zur Ruhe verwieſen urden. Mit denen von Tſchirnhauſen machte zugleich n Ritter von Greiffenſtein gemeinſchaftliche Sache, ſie durchzogen plündernd und ſengend die Lauſitz und nahmen mehrere Landbewohner gefangen und als Geißeln mit ſich. Nikel Donin auf Greiffenſtein maßte ſich ſogar die Gerichtspflege an und ließ zu Radmeritz in der Nähe des Borauer Berges einen Galgen errichten, woran er mehrere ſn Ge⸗ fangenen aufhing. 33 ueber dieſen Eingriff in re Rechte geriethen die Görlitzer in Zorn. Der ſcicte *— 1— Gewappnete zu Roß und zu Fuße, begleitet von den königlichen Richtern, nach Radmeritz, um den Galgen niederreißen zu laſſen. Darüber entſtand nun heftiger Streit. Nickel beklagte ſich beim König; allein die Görlitzer behielten Recht und das drei⸗ beinige Monument durfte niedergeriſſen werden. Nikel wurde zur Verantwortung gezogen und mußte mehrere Radmeritzer, die er mit ſich auf den Greiffenſtein geſchleppt hatte, ohne Löſegeld herausgeben. Endlich wurde die Fehde derer von xſhirnpauſen durch gegenſeitige Vergleiche in Güte beigelegt. N x. Eine unerwartete Erkennung. 4 Die Gattin des unglücklichen Vierlings hatte ſich unterdeſſen von dem ausgeſtandenen Schrecken erholt, der ihr durch den Ueberfall der beiden Ritter Barthel von Kottwitz und Rackel von Küpper be⸗ reitet worden war. Die Letzteren hatten ihren Lohi erhalten und das Land war durch ihren zum Theil verhängnißvollen Ausgang von einer läſtigen Plage † befreit worden. Eugenie war indeſſen durch das ctiu jener Nacht mit Sorgen für die Zukunft in Bezug auf ihre Sicherheit erfüllt worden und beſchloß, ihren bisherigen Wohnſitz zu verlaſſen, in welchem Ent⸗ ſchluſſe ſie auch von lihrer Freundin Marie beſon⸗ ders beſtärkt wurde. Der alte Bettler, welchem ſie ſ iel verdankte, ſollte nach ihrem Wunſche auch ſerner in ihrer Um⸗ gebung bleiben, und Burghard(dies war ſein Name) 5 erfüllte mit Vergnügen dieſes Verlangen; er bewies ſich für dieſe Gunſt ſehr dankbar und zeigte gegen ſeine Wohlthäterin eine Treue und Anhänglichkeit, — wie ſie faſt zwiſchen Vater und Tochter nicht iniger gefunden werden konnte. —%* Der alte Mann mußte früher in beſſeren Ler⸗ hältniſſen gelebt haben, was ſein Benehmen ſowie Weſen vies. Er beſaß einen großen — ₰ p daß Euge 2 umhin alten a n ₰ oſen Manne Aam Schwobe. 2. Liefekung. 6 12 Burghard lächelte zuweilen, wenn ſich ſeine Gönnerin überraſcht zeigte, ſobald er wie eine Chro⸗ nik dieſes oder jenes Ereigniß beſprach ugd treffend beleuchtete.— „Glaubt es mir nur, ehrſame Frau,“ ſagte er eines Tages einer ſolchen Gelegenheit,„ich habe in der Welt viel, ſehr Viel erlebt und nicht immer auf einer ſo niedrigen Stufe geſtanden, als wie in der letzten Zeit. O nein, ich habe mit Königen und Fürſten Umgang gepflogen und meine Hand führte einſt mit Macht das Ritterſchwert, während ich auf ſolzem Roſſe ſaß und, mit glänzender Rüſtung an⸗ gethan, in die Schlacht zog, um den Lorbeer zu er⸗ ringen, der mir auch geworden iſt.— Doch, was hat mir dies Alles geholfen?“ fuhr er ſchmerzlich bewegt fort,„mir wurde Undank zum Lohne, und Verbannung war mein Geſchick, nachdem ich zuvor wie ein Verräther geächtet worden war.“ Eugenie veranlaßte hierauf den alten Burghard, ihr ſeine Lebensgeſchichte 3 fü dieſes Verlangen, nachdem ihm die junge Wittwe das Verſprechen ben hatte, gegen Niemand, ſelb ihre Freundin karie nichte ausgeſchloſſen, etwas darüber verlauten zu laſſen.„ tegann der alte Mann wie. —— 5 2 Sohn zurück, während ich nach Franken flüchte 6 um Kriegsdienſte zu nehmen.“ ti „Der Name, welchen ich gegenwärtig trage iſt nur ein angenommener, ich führte früher einen andern, und wurde gezwungen, demſelben zu ent⸗ ſagen, um vor meinen Feinden Ruhe zu finden. Ich beſaß im Schleſierlande mehrere Schlöſſer und führte den Namen Gotthard von Oelsnitz. Der Kurfürſt von Brandenburg berief mich an ſei⸗ nen Hof und überhäufte mich mit Beweiſen des Wohlwollens. Allein dieſe hohe Auszeichnung ſollte die Urſache meines ſpäter erfolgenden Sturzes wer⸗ den; ich wurde in den Augen meines fürſtlichen Gönners verdächtigt, und meinen Feinden gelang es, die Gnade des Kurfürſten gegen mich in Haß umzuwandeln. Ich wurde des Verraths gegen ihn beſchuldigt und floh, um dem Zorn des Erzürnten zu entgehen und um mich ſpäter zu rechtfertigen. Meine Flucht ließ mich jedoch nur um ſo ſchuldiger erſcheinen; man verfolgte mich als einen Rebellen und zog meine Güter ein. 8 Um dieſe Zeit kam meine Gemahlin mit einem Sohne nieder und ſtarb im Kindbett; ſie hatte mir einen Sohn geboren, welchen die Gattin eines mei⸗ ner Pächter, welche zu gleicher Zeit entbunden wor⸗ den war, erzog; in ihren Händen ließ ich meinen te, — 180— Eugenie unterbrach den Sprechenden mit einem lauten Ruf der Ueberraſchung. „Iſt Euch der Name jener Pächtersleute, die Euern Sohn erziehen ſollten, bekannt?“ frug ſie er⸗ wartungsvoll. „Nein, ich habe ihn vergeſſen,“ ſagte er,„und als ich nach langen Jahren unter dem Namen Burg⸗ hard, den ich jetzt noch führe, in meine Heimath zurückkehrte, da vernahm ich, daß ſie geſtorben wa⸗ ren; ſie hatten eine einzige Tochter hinterlaſſen, mit welcher mein Sohn erzogen worden war; allein ich konnte dieſelbe nicht ausfindig machen und auch von meinem Sohne habe ich niemals etwas ver⸗ nommen.“ Eugenie hatte ſich erhoben und ſie ſtand vor dem alten Manne, ihre Glieder zitterten und ſie vermochte kein Wort hervor zu bringen. Endlich ſuchte ſie ſich zu faſſen. „Welch eine Schickſalsfügung!“ rief ſie.„O Gott, ſo wäre ich denn berufen, Euch, Ritter von Oelsnitz, Auskunft über dasjenige zu geben, was bisher Niemand zu thun vermochte!“ Der alte Mann betrachtete Eugenie mit erwar⸗ tungsvollen Blicken. ch verſtehe Euch nicht,“ ſagte er,„habt die Güte und ſprecht deutlicher, würdige Frau!“ — 181— „Ihr ſollt Alles vernehmen!“ entgegnete die junge Wittwe.„So wißt denn,“ fuhr ſie fort, in⸗ 8 dem ſie ihre Hand auf des Greiſes Schulter legte, „ich bin die Tochter jenes Pächters, deſſen Gattin Euren Sohn erzog, wir ſind von einer Bruſt ge⸗ nährt worden, und meine theuere, längſt entſchlafene Mutter hat den verlaſſenen Knaben wie ihr eigenes Kind geliebt und erzogen.“ Der alte Oelsnitz ſtand unbeweglich; er glaubte zu träumen und ſeine Blicke ruhten fragend auf Eugenien. „Wäre es möglich?“ rief er,„o nein, ich kann faſt nicht daran glauben— doch Euer Anblick über⸗ zeugt mich faſt wieder von meinem Zerihu⸗ wel⸗ chen ich hege.“ „Es iſt ſo, wie ich Euch geſagt habe,“ verſetzte Eugenie. „Aber wo iſt mein Sohn, den ich ſo lange ver⸗ miſſe?“ fragte der alte Mann.„O ſprecht, lebt er noch, oder hat ihn mir das Schickſal bereits immer entriſſen?“ „Er lebt,“ entgegnete Eugenie, indem e e ſt aufſeufzte. 8 3 „Und wo kann ich ihn finden?“ fuhr wartungsvoll fort,„ſagt, wo weilt er? — 182— zu ihm, um mein müdes Haupt an ſeinem Herzen ruhen zu laſſen!“ 6 Eugenie ſeufzte von Neuem. „Ihr werdet nichts weniger als Ruhe bei ihm finden;“ ſagte ſie,„denn er ſelbſt iſt ja ruhelos, ſeine Leidenſchaften reißen ihn im wilden Sturm mit ſich fort, gleich einem Fahrzeug, das ohne Raſt und Ruder dahin treibt auf der wilden Fluth. O du armer Mann, wollte Gott, ich könnte Dir beſſere Kunde über Deinen Sohn mittheilen, als ich es zu thun gezwungen bin, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben will. „Ihr werdet gehört haben, wie ein gewiſſer Adam Schwobe die Ruhe des Landes ſtört, wie er raubt und plündert, und wie ſein Name verhaßt iſt allen denen, welche Gefühl für Ehre und Recht be⸗ ſitzen.“ „Ich habe genug davon vernommen,“ ſagte der alte Oelsnitz,„doch was iſt es mit jenem Räuber, inwiefern kann jener Vergeſſene in irgend einet Beziehung zu uns ſtehen?“ er ſteht uns näher, als Ihr vielleicht ah ſugte Eugenie,„denn wiſſet, jener Adam iſt niemand anders als mein ehemaliger Jugend⸗ xi mein Milchbruder und Euer leiblicher — 183— Der alte Helsnitz war wie vom Donner ge⸗ rührt, er zitterte vor Schrecken und Entſetzen. „Mein Sohn,“ ſtammelte er,„ieſer Schwobe mein Sohn! Gott, welch' eine Nachricht iſt dies für mich, wahrlich, ſie könnte mich tödten, wenn ich nicht des Jammers ſo gewohnt geworden wärel Schmach und Schande über ihn, daß er meinen Namen verläugnete und ſich in den Strudel der ge⸗ meinſten Laſter und Verbrechen hineinſtürzte! Was konnte ihn dazu bewegen? Ich beſchwöre Euch, gebt mir Aufſchluß über dieſe unheilvollen Umſtändel“ „Ich will Euern Wunſch erfüllen, ſo weit es mir möglich iſt,“ ſagte Eugenie,„und ſeid verſichert, daß ich Euch die Wahrheit ſagen werde.“ Dann fuhr ſie fort:* „Nachdem Adam Schwobe, wie er ſich jetzt nennt, unter der Pflege meiner verſtorbenen Eltern erwachſen war, wurde er unter die Edelpagen des Königs von Böhmen aufgenommen, wo er eine glänzende Aufnahme erhielt. Er wurde von ſeinem königlichen Gönner mit beſonderer Auszeichnung be⸗ handelt und ſah die Bahn zu den höchſten Ehren⸗ ſtellen geöffnet; allein ſeine Heftigkeit und milſ ſamkeit, die er ſo oft bewies, vereitelten ſein zukünf⸗ tiges Glück, und als er ſpäter den Ritterſchlag er⸗ yalten und durch zahlreiche Intriguen das Mißfallen des Königs erregte, ſo daß ihn derſelbe von ſeinem Hofe entfernte, da gerieth er auf ſchlimme Abwege, die ihn in's Verderben führten. Es kam ſo weit, daß er geächtet und ſeiner Beſitzungen, welche er von der Mutter Seite erhalten hatte, verluſtig wurde. Die letzteren ſuchte er mit Gewalt der Waffen wieder zu gewinnen, was ihm jedoch nicht gelang. Er wurde hierauf verfolgt und als Rebell ausgerufen, und dieſer Umſtand veranlaßte ihn, ſei⸗ nen Namen v. Oelsnitz aufzugeben und den jetzigen Adam Schwobe anzunehmen; als ſolcher hat er nun bereits Jahre lang das Land beunruhigt und ge⸗ plündert, vor ihm iſt Niemand ſicher, und ſein An⸗ hang, welcher nicht gering iſt, macht ihn trotzig und er iſt ſtolz darauf, einen ſo gefürchteten Ruf erlangt zu haben. Ich ſah ihn ſeitdem nicht wieder, als er mich aus den Händen roher Banden befreite und bemüht war, das Leben meines unglücklichen Gatten zu retten,“ fuhr Eugenie fort,„er hat ſich gegen mich ſtets wohlwollend bewieſen; allein ſein wüſtes Treiben hat ihn nur zu einem Gegenſtande der und des Schreckens gemacht, den ich zu ver⸗ meiden für gut befand. Ich weiß nicht, wo er ſich jetzt befindet, wahrſcheinlich ſtreift er mit ſeinen Horden in Oberböhmen herum und pflanzt Verbindungen fort, die ihn einſt verderben werden.“ — 185— „Ach, daß ich ihn ſehen und warnen könnte!“ ſagte der alte Oelsnitz,„wie gern möchte ich ihn mit ſeinem Schickſale verſöhnen, es wäre vielleicht noch Zeit, wenn er ſich entſchließen wollte, von ſei⸗ nem böſen Wege wieder umzukehren; vielleicht daß er Verzeihung fände vor den Augen ſeines beleidig⸗ ten Königs!“ 6„Er hat ſich faſt zu ſchwer gegen denſelben vergangen, als daß man dergleichen hoffen dürfte,“ ſagte Eugenie in zweifelndem Tone,„die Acht gegen ihn iſt noch immer nicht aufgehoben, und ſeine Feinde würden einer Vermittelung zwiſchen ihm und dem Könige auf das lebhafteſte entgegentreten! Der heutige Tag hatte Eugenien und den alten Oelsnitz auf das engſte mit einander verbunden, ſie hatte in ihm ihren Retter gefunden, der ihr jetzt als väterlicher Freund zur Seite ſtand und im Hin⸗ blick auf die Verhältniſſe, welche in Bezug auf ſei⸗ nen Sohn und Eugenie obwalteten, betrachtete der Geächtete ſeine dankbare Freundin als eine geliebte Tochter. Man beſchloß, die einſame Gegend zu verlaſſen und ſich in irgend eine Stadt zu wenden, um vor fernern Unfällen geſichert zu ſein Die Freundin Eugeniens kehrte wieder in ihre Vaterſtadt zurück, ſie nahmen einen wihn Ab⸗ ſchied von einander und verſprachen, ſich bald wie⸗ der zu ſehen. Marie wünſchte ſehr, daß ſie ihre Freundin nach Görlitz begleitet hätte; allein war Letztere nicht zu bewegen. „Ich würde Dir, ſo ſehr ich Dich liebe, doch um keinen Preis der Welt dorthin folgen können,“ ſagte ſie mit einem lebhaften Schauer,„dorthin, wo mein Gemahl ermordet wurde durch einen un⸗ gerechten Richterſpruch; mein Inneres würde ſi empören beim Anblicke jener blutig gefärbten Stelle, wo mein armer Vierling ſeinen Geiſt aufgab. Gott möge ihnen dieſe Sünde vergeben, ich will ſie einſt deshalb nicht anklagen, obwohl es meine Seuf⸗ zer und Thränen längſt gethan haben, die Gott, dem gerechten Richter, genugſam bekannt ſind.“ Einige Tage nach Mariens Abreiſe verließ Eugenie in Begleitung des von Oelsnitz ihre Woh⸗ nung. Ein Bauer aus dem nahen Dorfe ſollte ihre beſten Habſeligkeiten auf ſeinem Wagen nach Zittau fahren, wo ſie ihr Aſyl aufzuſchlagen ſich entſchloſſen hatte. WMichel erſchien an dem zur Abreiſe beſtimmten Tage ſchon ſehr frühzeitig mit ſeinem Fuhrwerk vor Eugeniens Wohnung, er half die Sachen einpacken und es dauerte wenig Stunden, ſo waren die Rei⸗ ſenden zur Abfahrt ſertig. — 187— „Gott walt's!“ ſagte Michel,„daß wir glücklich gen Zittau hinab fommen, es ſoll wieder gar ſchlimm ſein mit loſem Geſindel zwiſchen Löbau und der genannten Stadt; die Bürgerſchaften haben ein ½ . hartes Gefecht mit jenen Rotten überſtanden, wobei ſie jedoch der Schurken nicht Meiſter zu werden vermochten.“ Der alte Oelsnitz ſuchte Eugenie zu beruhigen. „Aengſtiget Euch nicht, meine Tochter,“ ſagte er, „ich bin der Meinung, daß nach dem ſtattgefundenen Gefecht die Straße auf einige Zeit ſi ſicherer gewor⸗ den ſein wird. Wir wollen daher unſere Reiſe immerhin beginnen und in Gottes Namen fortſetzen; er wird uns in ſeinen heiligen Schutz nehmen und vor Leid und Gefahr gnädiglich bewahren!“ — ———— „ KV. Die Eulenſchenke. Der gute Michel ließ ſich von ſeinen Befürch⸗ tungen ableiten und trieb ſeine mageren Pferde zum ſchnelleren Gange an. Man erreichte glücklich die Sechsſtadt Löbau, wo die Reiſenden in einer Herberge, welche dem Bautzner Thore nahe lag, einkehrten, um den Pfer⸗ den einige Raſt zu gönnen. Hier fanden ſie einige Bürger von Löbau an⸗ weſend, welche ſich unter einander von den neueſten Begebenheiten unterhiellen; ſie betrachteten die Rei⸗ ſenden aufmerkſam und knüpften endlich mit dem v. Oelsnitz ein Geſpräch an. Nachdem der letztere ihnen mitgetheilt, daß er im Begriff ſtehe, mit ſeiner Tochter nach Zittau zu ziehen, da zeigte ſich auf den Geſichtern der Meiſten eine auffallende Bedenklichkeit. Endlich nahm ein junger Bürger das Wort, indem er wohlmeinend ſagte: — 189— „Ich möchte Euch rathen, dieſe Reiſe nicht ſo ohne allen Schutz weiter fortzuſetzen, die Gegend wird jetzt gar ſehr gefährlich gemacht, und ſchon ſo Mancher fand ſeinen Untergang dadurch, daß er un⸗ ſern Rath unbefolgt ließ; bleibt lieber bis morgen in unſerer Stadt, es geht dann ein Wagenzug mit Gütern nach Böhmen hinauf, welcher gute Bedeck⸗ ung bei ſich hat, unter deren Scuh Ihr ſicher reiſen könnt.“ So annehmbar dieſes Anerbieten auch den Reiſenden erſchien, ſo wollte ſich Michel doch nicht damit einverſtehen. „Ich kann nicht bis morgen oder vfie hier liegen bleiben,“ ſagte er,„mein Weib w ürde ſich darob nicht wenig bekümmern, zudem möchte ich in einer ſo unruhigen Zeit Haus und Hof nicht lange allein laſſen, kann man doch nicht wiſſen, was in den nächſten Stunden für Unheil über unſer Dorf kommt. Wir haben das ſchon oft genug er⸗ lebt, und zwar vor Kurzem, als Ritter Rakel von Küpper mit ſeinem Genoſſen Barthel von Kottwitz es ſich einfallen ließ, uns zu brandſchatzen, was ihnen jedoch, Gott ſei Dank! nicht gelang.“ Dabei blieb Michel und erklärte noch ferner, wenn die Reiſe nicht noch heute fortgeſetzt würde, — 190— ſo wolle er ſein Fuhrwerk W und wieder heimkehren. Eugenie empfand einigen Unwillen über den ſtarrſinnigen Michel; ſie ließ ſich jedoch in keinen Streit mit ihm ein, ſondern machte ſich ſtillſchwei⸗ gend zur Weiterreiſe bereit, die denn auch nach einem nur kurzen Verweilen wieder fortgeſetzt wurde. Von Löbau aus ſchien ſich unſern Reiſenden das Mißgeſchick angeſchloſſen zu haben; das erſte Unangenehme, was ihnen widerfuhr, war, daß ein Rad am Wagen brach, wodurch das Weiterfahren mehrere Stunden lang aufgezogen wurde. Der all geſchah im freien Felde und bis nach dem nächſt. Dorfe war wenigſtens eine halbe Stunde zuruckzulegen. Michel war bereit, im Nothfall ein Rad zu vborgen; allein er fand keinen unter den Bauern, — der ſeinen Wunſch erfüllt hätte, man fertigte ihn überall mit leeren Entſchuldigungen ab und er ſah ſich gezwungen, ſeine Zuflucht zu einem Stellmacher zu nehmen, der den Schaden ausbeſſerte, worauf man weiter fuhr. Dieſe Zögerung koſtete, wie ſchon geſagt, meh⸗ rere Stunden Zeit, und als man weitet fuhr, war es bereits ſpät am Nachmittage, und doch hatten die — 191— Reiſenden noch gute fünf Stunden bis nach Zittau zurückzulegen. So waren ſie denn endlich über die Gegend hinausgekommen, wo jetzt Herrnhut liegt. Hier herum ſiand zu jener Zeit nichts als Waldung und nur hin und wieder befand ſich eine menſchliche Wohnungz ſie hatten eine ärmliche Schenke erreicht, welche den Namen: das Eulenwirthshaus führte, wo ſie anhielten, um einen Imbiß zu genießen. Michel gab ſeinen Pferden ein wenig Futter, während der alte Oelsnitz, von Eugenien begleitet, ſich in das Innere der Eulenſchenke begab; es war Niemand außer dem Wirth anweſend, welcher ſeine Gäſte mit ziemlicher Kälte empfing, es ſchien ihm wenig an dem Beſuche gelegen zu ſein;z endlich wurde er jedoch etwas freundlicher und ſetzte ſich in Bewegung, um ſeine Gäſte zu bewirthen. Bald darauf trat Michel mit einem kläglichen Geſicht in das Zimmer herein. „Ach du mein Himmel, was ſoll uns geſchehen!“ ſtöhnte Michel,„da iſt eines meiner Pferde erkrankt, „es liegt draußen und iſt aufgetrieben wie ein Bla⸗ ſebalg, das arme Thier hat ſich in der Luft ver⸗ fangen und ſtreckt alle Viere von ſich.“ „Nun, das fehlt noch,“ ſagte vo — 192— dieſe Nachricht in neue Beſorgniß verſetzt worden war,„was ſoll geſchehen, wir werden unmöglich weiter reiſen können.“ „An Weiterreiſen iſt gar nicht zu denken,“ ver⸗ ſetzte Michel„und Gott ſei's geklagt, wir müſſen hier übernachten.“ „Das iſt ſehr unangenehm,“ ſagte Eugenie in flüſterndem Tone zu ihrem Begleiter,„ich muß ge⸗ ſtehen,“ fügte ſie leiſe hinzu,„dieſer Ort flößt mir Beſorgniß ein, ach, wären wir lieber in Löbau geblieben und erſt morgen aufgebrochen, da hätten wir vielen Kummer weniger gehabt!“ Michel machte ein jämmerliches Geſicht und ſah mit rathloſer Miene umher.„Wollte Gott, ich hätte Euch gefolgt!“ ſägte er,„das wäre beſſer geweſen, ich würde dann noch zwei geſunde Pferde haben und nicht Gefahr„eines von ihnen zu ver⸗ lieren.“ Mit dieſen Worten ging er hinaus, dem Rufe eines alten, mürriſchen Stallknechts folgend, welcher unterdeſſen in die Stube getreten war, und Micheln aufforderte, ſogleich heraus zu kommen. Der alte Ritter von Oelsnitz wandte ſich gegen den Eulenwirth, welcher den Namen Anſel führte. „Lieber Freund,“ ſagte er,„unter ſolchen Um⸗ ſtänden iſt's uns nicht möglich, für heute noch nach 3 — 193— Zittau, wohin wir zu reiſen gedenken, zu gelangen. Wir wollen daher mit Eurer Erlaubniß hier Quar⸗ tier machen, ſeid ſo gut und beſorgt uns irgend ein ruhiges Gemach, wo wir ſicher und ruhig bleiben können, wir wollen Euch für Eure Mühe belohnen!“ Amſel zeigte einen düſtern Zug in ſeinem Geſicht. „Mein Haus bietet wenig Gelaß für Perſonen, welche ſich nicht mit dem Verlangen gewöhnlicher Reiſenden begnügen wollen. Ich habe kein einziges Zimmer im Oberſtock des Gebäudes, was ich im Nothfall ablaſſen könnte und Ihr werdet Euch ſchon mit der Räumlichkeit der Gaſtſtube begnügen müſſen, ſie iſt ja groß genug und für eine Nacht muß es ſchon gehen.— Gefällt es Euch jedoch nicht, nun, ſo müßt Ihr ſehen, wo Ihr ein beſſeres Unterkom⸗ men findet.“ „Seid nicht unwillig, lieber Mann,“ ſagte Eu⸗ genie in freundlichem und gewinnenden Ton,„es war nicht unſere Abſicht, Euch in irgend einer Be⸗ ziehung zu nahe zu treten mit einer beleidigenden Bemerkung, o nein, wir ſind mit Allem zufrieden, was Ihr uns anbietet und danken Euch herzlich dafür. Wir wollen in dieſem Gemache die Nacht hindurch bleiben,“ fuhr ſie fort,„ein Lager von etwas Stroh genügt für uns und wir wollen froh Adam Schwobe. 12. Lieferung. 13 — 194— ſein, in der Behauſung eines rechtlichen Mannes ein Unterkommen gefunden zu haben.“ Der Eulenwirth grinſte und wandte ſich hin⸗ weg, um für das erbetene Nachtlager Sorge zu tragen. Unterdeſſen hatte Michel mit ſeinem kranfen Pferde vollauf zu thun; er fing an, daſſelbe zu frot⸗ tiren und herumzuzerren, um es in Bewegung zu bringen; allein es half ihm dies ſehr wenig. Das Thier ſank immer wieder um, wenn es ſich bis zur Hälfte emporgerichtet hatte, zuweilen blieb es re⸗ gungslos liegen, dann ſchlug es wieder gewaltig mit den Hufen um ſich herum, ſo daß es Niemand wagen durfte, ſich ihm zu nähern. Unter ſolchen Umſtänden war der Abend her⸗ angekommen, die Dunkelheit nahm ſchnell überhand und hüllte die waldige Umgebung der Eulenſchenke in einen dichten Schleier. Eugenie hatte ſich in die Nähe des Kamins geſetzt, in welchem ein helles Feuer brannte, wäh⸗ rend ihr Reiſebegleiter von Helsnitz nachdenkend im Zimmer auf und nieder ging. Zu ihren Füßen ruhte ihr euer Hund. Das Thier zeigte ſic höchſt wachſam und beobachtete Alles, was in ſeiner Nähe vorging. Der Schenkwirth, welcher ſich wenig um ſeine Gäſte kümmerte, ging ab und zu. —— ——— — 195— Eugeniens Reiſegefährte hatte es bereits mehr⸗ mals verſucht, ein Geſpräch mit dem düſtern Mann anzuknüpfen, was ihm jedoch nicht gelingen wollte, Jener ſuchte eine ſolche Gelegenheit jedesmal zu umgehen, er blieb einſilbig und antwortete nur zur Noth und gezwungen. Von Oelsnitz ließ ſich indeſſen trotz dieſer Kälte nicht abweiſen noch muthlos machen, er ſprach immer wieder mit ihm und Jener ſah ſich dadurch faſt ge⸗ zwungen, zuweilen über dies oder jenes Auskunft zu geben. „Es ſoll, wie man uns verſichert hat, in dieſen Gegenden höchſt bedenklich ſein in Bezug auf die Sicherheit der Reiſenden,“ ſagte der Greis zu dem Eulenwirthe,„ſagt, lieber Freund, iſt es denn wirk⸗ lich ſo gefährlich? Ich bin der Meinung, daß man uns nur blinden Schreck einzujagen beabſichtigt hat.“ Der Gefragte ſchwieg einige Augenblicke. „ch kann hierüber wenig Beſtimmtes ſagen,“ entgegnete er hierauf,„mir iſt noch nichts derglei⸗ chen vorgekommen und ich habe hier immer in Ruhe. gelebt. Kommt manchmal ein verdächtiges Geſicht in's Haus, ſo bewirthe ich es nach Kräſten, ohne zu ſagen, woher und wohin; da pätte ich viel zu thun, und es dürfte leicht einem ſe alge — 196— vogel einfallen, ſich an mir zu rächen und mir das Haus mit dem rothen Hahne zu zieren, was doch ſehr fatal für mich ſein würde. Mag daher lieber Jeder ſeines Weges gehen, damit ich Ruhe in mei⸗ nen vier Pfählen habe.“ Während er noch ſprach, kam die Wirthin in's Zimmer; dieſelbe hatte ſich bisher noch nicht blicken laſſen; ſie brachte eine Schüſſel mit geröſtetem Fleiſch und ſetzte ſie auf einen nahen Tiſch, dann langte ſie einen Laib ſchwarzen Brotes von einem Geſimſe herab und forderte ihre Gäſte auf, die Abendmahlzeit einzunehmen. Eugenie empfand wenig Luſt zum Eſſen, der Appetit war ihr längſt vergangen, um jedoch das Mahl nicht zu verachten, ſetzte ſie ſich an den Tiſch und genoß einiges von den aufgetragenen Speiſen. Von Oelsnitz folgte ihrem Beiſpiele; auch Michel erſchien im Zimmer, mit naſſen Augen mel⸗ dend, daß ſpeben ſein beſtes Zugpferd geſtorben ſei. Die Reiſenden erſchraken über dieſe unheilvolle Nachricht heftig, ſie ſahen einander betreten an und zeigten ſich ſehr betroffen über den neuen Unglücksfall. Eugenie ſuchte Micheln zu tröſten, obwohl ihr ſelbſt nicht wohl um's Herz war. „Wie ſollen wir morgen weiter kommen,“ ſagte WMichel,„der Weg iſt höchſt ſchlecht und ich kann — — — 197— Ausſichten— und ich wuͤnſchte, ih hätte i—. nimmer unternommen, die mir nich; als und Schaden einbringt!“ Der Grundmüller. Während im Zimmer das Feuer luſtig brannte, war es draußen vollends finſter geworden, der Hausknecht hatte die Fenſter der Wohnung und zwar von innen mit ſtarken Läden verſchloſſen, ſo daß kein Lichtſtrahl hindurch gelangen konnte. Dann entfernte er ſich aus dem Gemache, ohne ſich noch einmal blicken zu laſſen. Martin hatte heute noch etwas ſehr Wichtiges vor, indem ihm ſein Brotherr aufgetragen hatte, nach der etwa eine halbe Stunde entfernten Grund⸗ mühle zu gehen, um dorthin eine dringende Nach⸗ richt zu bringen. — 198— Die genannte Mühle lag ganz im Wald ver⸗ ſteckt in einer Niederung und neben derſelben führte ein einſamer Pfad nach dem entfernten Ruppersdorf hinüber. Die Mühle befand ſich in einem ſehr ärmlichen Zuſtande; allein trotzdem, daß das Handwerk völlig darniederlag, ſo ging es doch bei dem Beſitzer hoch her; hier war immer Geſellſchaft anzutreffen, denn Meiſter Walter hatte einen großen Kreis von Be⸗ kannten und Freunden, die ihn ſehr oft beſuchtenz daß dieſelben nicht vom reinſten Waſſer waren, brauchen wir nicht erſt hinzuzuſetzen. Amſel und Walter hatten bisher gute Nachbar⸗ ſchaft mit einander geführt, beide verſtanden ſich in ihrem Intereſſe gut zuſammen, und wenn es galt, einen Gewinn zu erlangen, ſo theilten ſie Anſtreng⸗ ung und Erfolg ehrlich mit einander, ſo ehrlich, wie es nur immer unter Spitzbuben und Schurken möglich iſt. Martin ſchritt ſchnell durch den Wald hindurch und auf einem bekannten Wege der Mühle zuz er hatte dieſelbe bald erreicht und horchte einige Augen⸗ blicke ſtill, um neben den einſamen Gebäude zu horchen*). Er vernahm jedoch nicht das mindeſte Siehe die Abbildung im vorigen Hefte. — n———— — — —— —— 5 S 8 8 8 =— k N um n U 1 5 6 8li Geräuſch außer dem Rauſchen des Waſſers, deſen Strahl über einige halbverfaulte Rinnen in den Bach hinabfloß. Er begab ſich an's Fenſter und klopfte leiſe, worauf ſich bald nachher die Hinterthür öffnete und die lange Geſtalt eines Mannes bemerk⸗ bar wurde. Es war der Grundmüller ſelbſt, welcher her⸗ austrat.— „Wer iſt da?“ frug er im rauhen Tone. „Ich bin es, Meiſter Walter,“ ſagtz Martin, „Amſel hat mich hergeſchickt wegen einer wichtigen Angelegenheit.“ 3 „So, das iſt etwas Anderes,“ ſagte der Müer, „komm herein, damit ich höre, um was es ſich handelt, hier draußen läßt es ſich doch nicht gut abmachen.“ 5 Beide gingen in's Haus hinein. Martin verweilte nicht lange darinnen, er tum bald wieder heraus und ſchlug die Richtung nach der Eulenſchenke ein. Hier angekommen, traf er Amſeln wartend im Flur des Hauſes. „Nun, wie ſteht's9“ flüſterte derſelbe leiſe. „Es iſt Alles beſorgt,“ verſetzte Martin,„bald nach Mitternacht werden ſie hier eintreffen.“ „Es iſt doch gewiß, Martin?“ fuhr jener — 200— „Ganz gewiß,“ verſetzte Martin,„Walter hat es mir durchaus verſichert.“ Amſel hatte ſonach einen Anſchlag in's Werk gerichtet, welcher darauf ausging, die bei ihm ein⸗ gekehrten Reiſenden zu plündern oder wohl gar zu ermorden. Martin hatte die Grundmühle noch nicht längſt verlaſſen, als ſich eine Anzahl bewaffneter Männer derſelben, und zwar von Ruppersdorf her näherte, unter ihnen befanden ſich mehrere zu Pferde und in voller Rüſtung. achten, fingen die Hunde an munter zu wer⸗ Der Müller, welchem die Bedeutung nicht fremd ſein mochte, ging endlich hinaus, um ſeine Spießgenoſſen willkommen zu heißen. Die Reiter ſtiegen von ihren Roſſen herab und begaben ſich in die Wohnung Walters. Hier finden wir Gelegenheit, in ihnen mehrere Bekannte und zwar aus Meiſter Ignazens Kruge bei Friedland wieder zu erkennen, z. B. den rothen Wolf, den frühern Genoſſen des Niklas von Tſchirnhauſen. Der Genannte, welcher bisher vielfache Streiſzüge unternommen und ſeine frühern Genoſſen um ſich behalten hatte, verließ nach dem fehlgeſchlagenen Plane auf die Görlitzer Rathsherren die Gegend Bei dem Geräuſch, welches die kiine 2 — — — 201— von Friedland, und ſetzte ſich in den Gegenden Oberſachſens feſt, wo er beſonders die Ungebungen von Neuſtadt und Schirgiswalde ſehr beläſtigte. Der rothe Wolf war, wie ſchon geſagt worden iſt, ein äußerſt roher Geſell und dazu ein beiſpiel⸗ loſer Säufer, und wenn er ſo recht tüchtig gezecht hatte, dann fing er gewohnlich ſein unni das Schimpfgedicht auf die Sechsſtädter, an zu ſingen, welchen er in den Tod hinein verhaßt war. „Holla, Freund Walter, gieb ein Dutzend volle Krüge her!“ rief der rothe Wolf in wildem Tone, ir ſind verteufelt durſtig und die Kehlen ſch⸗ ren vor Trockenheit; mach' ſchnell, wir wollen es Dir auch mit guten böhmiſchen Groſchen bezahlen.“ „Geduld, Geduld, alter Kumpan,“ ſagte Wal⸗ ter,„binnen wenig Minuten ſollſt Du Deine Kehle mit einem ganzen Faſſe des beſten Zittauer Bieres beſpühlen können; holla, Grete, ſo mach' doch um des Teufels willen, daß Du aus dem Keller heraus⸗ kommſt,“ fuhr er ungeduldig fort,„Du hörſt es ja doch, wie meine Gäſte drängen.“ Bald darauf war das Bier gebracht und in großen Krügen auf dein Tiſche vertheilt, die Geſell⸗ ſchaft, welche etwa 12 bis 15 Mann betragen konnte, ſetzte ſich zuſammen und fing tapfer an zu trinken. —— N.— — 202— „Nichts Neues, Walter?“ ſagte der rothe olf zu ſeinem Freunde,„laß es hören, wenn's etwas von Wichtigkeit iſt.“ „O, ich habe Dir ſo Verſchiedenes mitzuthei⸗ len,“ verſetzte der Gefragte,„und ich weiß beſtimmt, daß Alles für Dich und Deine Geſellſchaft wich⸗ 1ſ 3 „Nun, was iſt es dennk ßtelle mich nicht erſt lange mit meiner Geduld auf die Probe, Du weißt, ich kann es nicht gut vertragen, wenn man mich in ungewißheit läßt.“ * „Du ſollſt es ſogleich erfahren,“ ſagte Walter, wo uf er fortfuhr: „Adam Schwobe iſt wieder in unſerer Gegend lebendig geworden, er hat den Löbauern ein hartes Trefſen geliefert und iſt ſo ziemlich als Sieger aus demſelben hervorgegangen.“ „Ich habe davon gehört,“ ſagte der rothe Wolf, „allein wir hielten es für ein Mährchen, da man doch bisher der Meinung war, daß Adam Schwobe ſich gen Prag hinauf gewendet habe, um mit ſeinen Freunden, worunter auch der geächtete Chriſtoph v. Talkenſtein, ſein gewohntes Weſen zu treiben.“ „Nein, nein,“ ſagte der Grundmüller Walter, „Ihr ſeid alle falſch berichtet, Schwobe iſt wieder da und fängt ſein altes Handwerk wieder da an, — — 203— wo er aufgehört hat. Er hat, wie man ſagt, eine zahlreiche Bande verwegener Geſellen um ſich ver⸗ ſammelt und ſoll in ſeiner Vermeſſenheit Sni und Reich gegen ſich herausfordern.“ Der rothe Wolf ſchien durch dieſe Ngtiht nicht ſonderlich erfreut worden zu ſein, er betrachtete Adam Schwobe als ſeinen Gegi mit welchem er jedoch nicht anzubinden wagte, weil ihm derſelbe i überlegen war. n habe ich noch eine Nuhriht für Cuch, r nach einer kleinen Pauſe fort,„ich durch meinen Freund Amſel aus der chenke Kunde erhalten, daß heute Nacht Rei⸗ ſende bei ihm eingetroffen ſind, und zwar beſtehen dieſelben aus einem alten Herrn nebſt einer reizen⸗ den jungen Frauensperſon, welche wahrſcheinlich die Tochter des alten Mannes iſt; ſie kommen aus der Gegend von Bautzen und wollen nach Zittau hin⸗ auf, in ihrer Begleitung befindet ſich ein Bauer, welcher ihnen die Reiſeutenſilien auf einem mit zwei Pferden beſpannten Wagen fährt, wovon das eine dieſen Abend d'rauf gegangen iſt. Außerdem haben ſie einen großen Hund als Beſchützer bei ſich. Martin hat mir das Thier als höchſt grimmig ge⸗ ſchildert und meinte, es ſei die größte Vorſicht nöthig.“. — 204— „ „Martin iſt ein Narr und Du oberdrein,“ ſagte der wilde Wolf,„ſonſt würdeſt Du ſeine Thorheiten nicht nachplappern. Wir wollen ſchon mit der Geſellſchaft fertig werden und die hübſche junge Frau ſoll mir nicht entgehen.“ „Sie ſollen berhaupt bedeutendes Vermögen mit ſich führen,“ fuhr Walter nach einem kurzen Schweigen fort. „Nun, das ſoll uns nicht minder ſein,“ bemerkte Wolf. „Und Ihr werdet mir einen Th wiß nicht verſagen,“ fuhr Wolf fort. „Du ſollſt ihn haben, alter Geizhals,“ ver Wolf,„ich habe ja immer ehrlich mit Dir getheilt und will es auch heute thun.— Wie ſpät haben wir es in der Zeit?“ fuhr er fort. „Es iſt bald halb Eilf,“ ſagte Walter,„Ihr müßt Euch ſchon noch ein Weilchen gedulden, in⸗ dem ich Euren Beſuch erſt nach Miuach ange⸗ ſagt habe.“ „Nun, dann müſſen wir noch ein Dutzend Humpen leeren,“ rief Wolf,„holla, mach ſchnell. Wir wollen dann einmal mein Lied auf die Sechs⸗ ſtädter ſingen, meine Burſchen mögen den Takt dazu ſchlagen; o, es iſt das ein herrlicher Reigen und meinen Ohren eine himmliſche Muſik!“ 9 etzte —————— — 205— * Walter brachte das Verlangte, worauf Wolf ſein Lied anſtimmte: „Die Niederländer kennen wir wohl“ u. ſ. w. Hierbei ließen die Genoſſen Wolfs eine Be⸗ gleitung erfolgen, daß Einem Hören und Sehen hätte vergehen mögen. Der Müller Walter wollte ſich todt lachen über die Schnurren, welche Wolf dabei ausführte und als der ſchreckliche Sänger ſein Lied geendigt hatte, ſagte er, den Krug erhebend: „Nun, bei meiner Seele, das nenn' ich Singen, ſo etwas hat man noch nicht vernommen. Alle We er, wie brummt mir noch immer der Kopf von dieſem hölliſchen Baß!“ es nicht im Stande, Deine beſtaubte Kehle bringt nicht einen vernünftigen Ton zu Wege, und wenn Du anfängſt zu kröhlen, ſo fliegen die Raben von Deinem Dache davon.“ Die Genoſſen Wolf's lachten den Müller aus, der jedoch alles ruhig über ſich ergehen ließ, ohne eine unwillige Miene zu machen. „Ich verſtehe mich beſſer auf's Schlingen als auf's Singen,“ ſagte er,„und befinde mich dabei ganß wohl, es ſtrengt mir die Lunge nicht ſo an „Mach mir's nach, wenn Du kannſt!“ rief„ Wolf in triumphirendem Tone,„ho, ho, Du biſt — 206— und erſchwert mir auch das Athemholen nicht. Ich höre mir ſo einen Schnack lieber mit an als daß ich mich daran betheilige.“ „Das geſchieht deshalb, weil Du ein fauler Schuft biſt und am liebſten auf der Bärenhaut liegſt wie der Dachs im Bau, anſtatt daß er ſich von der Stelle rührt. Nun warte, Du ſollſt ſchon noch mit uns thätig ſein, das verſpreche ich Dir, und wenn Du nicht willſt, ſo ſollſt Du Luſt be⸗ kommen. Für heute wollen wir jedoch Deine Un⸗ 6 terſtützung noch nicht in Anſpruch nehmen und Du magſt ruhig zu Hauſe hocken bleiben.— un f ſputet Euch, Geſellen, es iſt Zeit, Vbrechen. 2 Die Gefährten des wilden Wolfs erhoben ſich, um ſich zum Abzuge nach der Eulenſchenke zu rüſten, ſie zogen die Roſſe aus den Ställen und verließen die Grundmühle. 6 Beim Abſchiede näherte Anführer noch⸗ mals dem Müller Walter. „Freundchen,“ flüſterte er,„wenn Anſel gecht hat und nach ſeiner Ausſage wirklich ein ſo ſchönes Weib für dieſe Nacht beherbergt, ſo will ich Dir meinen ganzen Antheil an der Beute ſchenke Du wirſt mir aber auch dagegen erlauben, — 207— Dame, die ich zu erobern gedenke, nach Deinen Waldbehauſung bringen zu dürfen. „Ei ja wohl, mein Freund,“ rief Walter, „bringe ſie immer her, wenn Du willſt, es ſoll ihr nichts geſchehen, und ich will ſie bewachen und hal⸗ ten, wie ein Täubchen im Schlage!“ Wolf nickte Beifall und verließ die Muhle ſeines Freundes und miſchte ſich unter ſeine Leute, mit welchen er bald darauf hinwegzog. Es konnte nahe vor Mitternacht ſein, als man aufbrach. Es war eine ſtürmiſche, regneriſche Nacht und der Wind ſauſte unheimlich durch den * xwu. Vater und Sohn. Während das eben Erzählte ſich ereignete, hatten ſich unſere Reiſenden zur Ruhe begeben. Die drei Perſonen dachten indeſſen wenig an den Schlaf, derſelbe floh ihre dürftige Lagerſtätte und an ſeiner Stelle zogen beunruhigende Gedanken aller Art in ihre Herzen ein. 6 Eugenie vermochte kein Auge zu ſchließenz e 8 ſo erging es ihrem alten väterlichen Freund 3 mit Micheln, welcher im Stalle ſchlief, war es eben ſo, der arme Tropf beklagte fortwährend den Ver⸗ luſt ſeines Pferdes und zerbrach ſich den Kopf darüber, wie er am nächſten Tage ſeine Reiſe fort⸗ ſetzen ſollte. ₰ Zu den Füßen Eugeniens, die ihre Reiſekleider 5 nicht abgelegt hatte, lag der treue Hund. Das ge⸗ waltige Thier zeigte beim Scheine des Kaminlichtes zuweilen ſeine ſcharfen Zähne und ſah ſich dabei mürriſch um, gleichſam als traue er dieſer Um⸗ gebung wenig Gutes zu. 1 = Plötzlich fing der Hund an heftiger zu knurren, dann bräch er in lautes Bellen aus, ohne daß es Cugenien gelang, ihn zu beſänftigen; ſie horchte ängſtlich und vernahm nahende Roßtritte. Das Ge⸗ 8 töſe wurde immer lebhafter und bald darauf erfolg⸗ 6 ten eine Anzahl heftige Schläge gegen die verriegelte 3 Hausthür, daß es ſchallend wiederhallte. Eugenie ſprang erſchrocken auf. Der alte Herr v. Oelsnitz folgte ihrem Beiſpiele; der Hund wurde immer wüthender und ſeine Löwenſtimme erfüllte die ganze Wohnung. „Holla, aufgemacht!“ rief unterdeſſen der rothe Wolf von außenz„mach ſchnell, Amſel, erhebe Dich von Deinem Lager und laß Deine Gäſte herein!“ „O Gott, wir ſind verloren,“ ſtöhnte Eugenie, 3 indem ſie zu ihrem Begleiter flüchtete. „Faſſet Muth!“ ſagte der alte Mann,„noch glaube ich nicht, daß die Gefahr für uns ſo groß iſt.“ Unterdeſſen hatte der Eulenwirth die Hausthür aufgeriegelt. Das Zimmer, worinnen die Reiſen⸗ den ſich befanden, wurde heftig auf fgeriſſen und der wilde Wolf trat ungeſtüm herein; ſeine Augen jut kelten und hefteten ſich auf Eugenie. „Ich bitte Euch, Herr,“ rief dieſelbe, ein wenig,„ich will zuvor meinen Hun Adam Schwobe. 13. Lieferung. 14 — 210— er könnte Euch leicht Schaden zufügen. Er iß wüthend und läßt ſich ſchwer bezähmen.“ „Ha, ha, was ſcheere ich mich um dieſe Canaille!“ rief Wolf,„ich würde ihn höchſtens niederſtechen, wenn er mich angreifen wollte. Zurück, du Beeſt!“ rief er, mit dem Fuße ſtampfend,„ſonſt will ich dich gehorchen lehren!“ Der Hund wich jedoch nicht, im Gegentheil, er drang mit fürchterlichem Geheul auf ſeinen Geg⸗ ner ein, faßte ihn mit einem gewaltigen Sprunge an der Bruſt und riß ihn zu Boden. Die Genoſſen Wolfs, welche unterdeß ebenfalls. eingetreten waren, hatten nicht ſobald die Gefahr wahrgenommen, in welcher ihr Anführer ſchwebte, als ſi ihre Schwerter zogen, um den treuen Be⸗ ſchützer Eugeniens zu tödten. Kaum hatte ſich jedoch die Letztere von dem Entſchluſſe der rohen Männer überzeugt, als ſie haſtig herbeieilte und ſich über ihren Liebling hin⸗ warf; ſie umſchlang ſeine Bruſt mit ihren Armen und rief mit flehenden Blicken; „Habt Erbarmen mit mir, tödtet ihn nicht, o tödtet ihn nicht!“ Wolf hatte ſich ein wenig erholtz er lag jedoch noch immer auf der Diele; envlich richtete er ſich andere Feinde zu gebrauchen, die ihn ſo u — 211— „Was bewegt Euch dazu, dieſes Aas zu ſcho⸗ nen?“ brüllte er voll Wuth,„Ihr feigen Schufte, beſigt Ihr nicht einmal ſo viel Muth, einen Hund niederzuſtoßen? ſogleich ſchafft ihn hinweg oder ich werde ihn ſelbſt erwürgen.“„ Und Wolf wich einige Schritte zurück, dann fing er an, ſein blitzendes Schwert zu ſchwingen und auf ſeinen Feiud loszugehen. Eugenie verweilte noch immer in ihrer vorigen Stellung, ſie klammerte ſich feſt an den treuen Rei⸗ ſegefährten, welcher fürchterlich bellte und ſein ſchar⸗ fes Gebiß zeigte, ſo daß es Keiner wagte, ſich dem 6 wüthenden Thiere zu nähern. In dieſem Moment entſtand ein wildes Ge⸗ ſchrei vor dem Eingange der Eulenſchenke, mehrere Bewaffnete, Amſel an ihrer Spitze, ſtürzten herein. „Was giebt es?“ frug Wolf betroffen. „Ach, Herr Gott, ich weiß es ſelbſi noch nicht,“ rief Amſel,„nur ſo viel kann ich ſagen, daß mein Haus von allen Seiten von Bewaffneten und ge⸗ harniſchten Reitern eingeſchloſſen iſt, es müſſen mehrere hundert Mann ſein, die, wie vom Sturmwind hergeführt, plötzlich angelangt ſind.“ Der Anführer erſchrak über dieſe unerwartete Nachricht; er ſenkte ſein Schwert, um es 15 8 3 — 212— auf den Rücken gekommen waren. „Wir müſſen uns durchſchlagen,“ rief er⸗ „haltet euch tapfer, Freunde, es gilt unſere Ret⸗ tung!“ In dieſem Augenblick vernahm man von außen lebhaftes Schwerterklirren; die beiden Partheien hatten im Hofe der Herberge mit einander ange⸗ bunden und ſchlugen ſich tüchtig herum; allein die geringe Zahl von Wolf's Begleitung mußte der überlegenen Macht weichen. Die Hälfte der Er⸗ ſteren lag todt oder ſchwer verwundet in dem ein⸗ geſchloſſenen Raume, und die Wenigen, welche ſich bei Wolf in dem Gaſtzimmer befanden, wurden in der Flur gefangen genommen.. Eugenie hatte ſich emporgerichtet und hielt mit zitternden Händen den Hund bei ſeinen langen mähnenartigen Haaren. Der alte Herr v. Oelsnitz Schwert nach der Thüre eilte. Doch da trat ihm die hohe Geſtalt eines ge⸗ harniſchten Ritters entgegen; dieſer faßte den Räuber an der Bruſt und warf ihn in's Zimmer uhe „Nieder mit Dir, Hund, auf die Knie!“ herrſchte e ihm zu,„holla, ihr Knechte, nehmt ihn gefangen ſtand neben ihr, während Wolf mit 6 und laßt ihn nicht entwiſchen. Ihr ſteht mir mit Gott! Dein Schickſal thut mir leid!“ ven eigencu wopfen für ſeinen ſichern Gewayrſam. Die Knechte vollzogen ſofort ſeinen Befehl. Nachdem der Ritter dies geſagt hatte, ſchaute er ſich prüfend im Zimmer um, wobei er ſein Viſir öffnete. Da blieben ſeine ſtechenden Augen auf Eugenien ruhen, deren Blicke jetzt auch den ſeinigen begegnete. Beide hatten ſich wieder erkannt und die unglückliche Gattin Vierlings ſah jetzt zum zweiten Male den Gefährten ihrer Jugend, Adam Schwobe, vor ſich ſtehen, deſſen Hinzukommen ſie aus den Händen des rothen Wolſs befreit hatte. „Eugenie!“ rief der Raubritter ſtaunend aus, „ſo hätte ich Dich wiedergefunden nach längerer Trennung? wahrhaftig, Dein Geſchick ſcheint un⸗ auflösbar mit dem meinigen verbunden zu ſein!““ Und der rauhe Ritter trat näher, um ihre Hand zu erfaſſen; allein der Hund wehrte ihm dieſes Vorhaben, indem er wild zu pellen anfing und drohend das Gebiß zeigte. Eugenie ſuchte den Hund zu beruhigen, welcher auch nach längerem Zureden ſtillſchwieg. „Wohin willſt Du ziehen? arme Schweſter?“ ſagte Schwobe nicht ohne Gefühl,„ſo haſt Du noch immer nicht Ruhe gefunden und pilgerſt, Ge fahren umgeben, von einem Orte zum 3 N „Bemitleide mich nicht,“ ſagte Eugenie,„blickt lieber auf Dich ſelbſt und auf Dein entſetzliches Treiben zurück. O, daß es mir gelänge, Gedanken des Kindes in Dein verhärtetes Herz zu bringen, daß ich im Stande wäre, Deinen harten Sinn zu beugen und Dich zurückführen könnte zu Ehre und Ritterpflicht!“ Schwobe zeigte eine finſtere Miene pei dieſen Worten Eugeniens, die faſt noch niemals in dieſem Tone zu ihm geſprochen. „Was ſoll das bedeuten, Eugenie?“ ſagte er, indem er ſich bemühte, die Stirnrunzeln mit der Hand zu glätten,„ich hörte Dich noch niemals ſo zu mir reden, belohnſt Du ſo Denjenigen, welcher Dich bisher, ſo viel es ſeine Kräfte in Schutz genommen hat?“ „O nein, dem iſt nicht ſo,“ antwortete die junge Wittwe,„im Gegentheil, ich zeige mich dankbar gegen Denjenigen, welchen ich bisher ſtets geliebt habe, geliebt wie einen wirklichen Bruder, und wenn ich ihm jetzt nicht nach Gefallen rede, ſo geſchieht es nur deshalb, um ihn von einer Bahn abzu⸗ er die ihn einſt über Kurz oder Lang in's Verderben führen wird. Doch ich hoffe, es wird mir gelingen,“ fuhr ſie mit Wärme fort, indem ſie ſich gegen ihren greiſenhaften Begleiter wandte, welcher bisher ſtumm und von einem unbeſchreib⸗ lichen Gefühl der Ahnung erfaßt, neben ihr ſtand. „Erinnere Dich an die Zeit unſerer Jugend, denke zurück an unſer harmloſes Leben, welches uns einſt ſo glücklich machte; mir iſt nur noch die Er⸗ innerung an dieſelbe geblieben, die Erinnerung an meine theuern Eltern, welche bereits längſt im Grabe ſchlummern.“ „Eugenie, wohin gedenkſt Du mich durch dieſe Schilderung zu führen?“ unterbrach Adam Schwobe die Sprechende,„ſtehe ich nicht, gleich Dir, allein und verlaſſen da, habe ich nicht die ganze Welt zum Feinde, und giebt es denn noch außer Dir ein Weſen, das ſich meiner mit verzeihender Liebe er⸗ innert? O nein, o nein, meine Zukunft iſt von jeder beſſeren Hoffnung abgeſchnitten, und meine Leiden⸗ ſchaften haben mich bereits an den äußerſten Rand des Abgrundes geführt, um mich in kurzer Zeit hin⸗ ab zu ſtürzen!“ „Noch iſt nicht Alles verloren,“ erwiederte Eugenie,„Dein Geſchick hat Dir einen Schutzengel zugeführt, der Dich zuruͤckhalten wird; dieſer Retter iſt Dir in der Geſtalt jenes ehrwürdigen Greiſes erſchienen, welcher vor Dir ſteht; blicke hin und labe Dein wüſtes Herz an ſeinem erwirtigen An⸗ geſi. ₰ Adam Schwobe richtete ſeine Augen auf den Greis.. „Ich kenne ihn nicht,“ ſagte er in düſterem Tone,„und was könnte ich von ihm zu hoſſen haben?“ 8 „Mehr als Du glauben magſt,“ verſetzte Eu⸗ genie.„Vernimm,“ ſetzte ſie in feierlichem Tone fort,„jener Greis mit ſeinen Silberlocken ſteht Deinem Herzen ſo nahe, daß ſich nichts Fremdarti⸗ ges zwiſchen Dich und ihn zu drängen vermag; er iſt— Dein Vater!“*) Der alte Oelsnitz hatte das Ende dieſer Er⸗ klärung mit Spannung erwartet, er ſtand wie am Boden gewurzelt. Adam Schwobe empfand eine gleiche Sn ein unbeſchreibliches Gefühl hatte ſich ſeiner be⸗ mächtigt. Mein Vater, ſagſt Du?“ rief er enlich; zu Eugenien gewendet,„nimmermehr kann ich dies glauben, nein, nein, ich bitte Dich, treibe nicht einen ſo fürchterlichen Scherz mit. mir!“ „Ich befinde mich nicht in der Stimmung, mit Dir ein bloßes Spiel zu treiben,“ verſetzte die Milch⸗ ſchweſter des Raubritters,„glaube, was ich geſagt *) Siehe die Abbildung. — habe, denn es iſt Wahrheit, mag ſich Deine Ueker⸗ zeugung auch noch ſo ſehr dagegen ſträuben!“ Dann wandte ſie ſich gegen den alten Oelsnitz, indem ſie fortfuhr: „Auch Ihr werdet Zweifel heßen gegen das, was ich Euch geſagt habe; allein ich bin meiner Sache zu gewiß, wenn mir von Eurer Seite nichts vorenthalten blieb. Dieſer Ritter, der gefürchtete Adam Schwobe, iſt der Sohn der Freiin von Ba⸗ renberg⸗Oelsnitz, und wenn Ihr es vor Gott be⸗ zeugen könnt, daß dieſelbe Eure Gattin war, dann iſt dieſer Adam Schwobe auch Euer rechtmäßiger Sohn!“ „Ich kann dies bei meiner Seligkeit geloben und beſchwören!“ rief der Greis mit zitternder Stimme.„O, mein Sohn, mein Sohn! ſo hätte ich Dich, den Todtgeglaubten, wiedergefunden!“ und der alte Mann ſank im erſten Gefühl ſeiner Regung an die Bruſt des Sohnes, welcher ihn umarmte, wobei ſein Inneres auf das Heftigſte er⸗ ſchüttert wurde. Bald jedoch riß ſich der Vater von ſeinem Sohne los, und, eine hervorquellende Thräne, welche den ſicherſten Beweis ſeiner inneren Aufre⸗ gung gab, verbergend, ſagte er mit abgewendetem Geſicht: — 218— .„O, könnte ich mehr Freude über Dein Wie⸗ derſehen empfinden, könnte ich Dir in's Angeſicht ſehen, ohne daß Dich das Gefühl der Schaam erröthen machte; aber ſo iſt dies nicht möglich, Du haſt meinen geächteten Namen noch mehr ge⸗ ſchändet durch Deine Thaten; v, hätte ich dies nicht erlebt, hätte mir das Schickſal lieber den Tod ge⸗ gebenz dann wäre meine erlittene Qual am Beſten beſeitigt und gelindert worden, doch— wie wird mir— der Schwindel ergreift mich!“— und bei den letzten Worten fiel er ohnmächtig in die Arme Eugenia's. KVIII. Die Sonderung. Adam Schwobe war durch dieſen ganzen Her⸗ gang heftig erſchüttert worden, er war neben ſeinem ohnmächtigen Vater niedergeſunken, und während er die Hände deſſelben ergriff und an ſein Herz drückte, rann eine gepreßte Zähre über ſein bärtiges ſonnverbranntes Geſicht herab. Der alte Oelsnitz lag bewegungslos am Boden und um ihm wenigſtens einen Ruheplatz beſſerer Art zu verſchaffen, wurde dem Eulenwirth anbe⸗ fohlen, ein Bett für den Kranken zu beſorgen. Amſel zögerte nicht mit der Ausführung dieſes Be⸗ fehles und beſorgte Alles mit einer bewundernswür⸗ digen Schnelligkeit. Nachdem der Kranke nach einem Nebengemache gebracht und in ein Bett gelegt worden war, ging Adam Schwobe nachdenkend im Zimmer auf und —— ab; zuweilen blieb er ſtehen und beſprach ſich mit Eugenien. Dann ſchien er heftig ergriffen zu wer⸗ den und zeigte eine Stimmung, welche von dem Kampfe Zeugniß ablegte, der in ſeinem Innern ge⸗ kämpft wurde. Da trat ein gepanzerter Ritter herein, derſelbe war erſt hier angekommen und hatte in ſeiner Be⸗ gleitung eine anſehnliche Reiterſchaar zur Verſtär⸗ kung mitgebracht. Der Angekommene war Chriſtoph v. Talken⸗ ſtein, deſſen Burg von den Sechsſtädtern unter der Anführung des Landvoigts von Stein zerſtört wor⸗ den war. Wir haben dieſen räubtriſchen Evlen ſchon früher hinlänglich kennen gelernt, ſo daß es nicht nöthig iſt, noch etwas über ſeine Verhältniſſe zu ſagen. Der Talkenſteiner betrachtete ſeinen bisherigen Genoſſen mit fragenden Blicken; Jener ſchien in⸗ deſſen nicht darauf zu achten und ſetzte ſeinen Gang im Zimmer fort. „Sag' mir, Freund Schwobe, was iſt's, das Dich ſo verſtört gemacht hat? ſchon geht die Ver⸗ wunderung darüber bei Deinen Leuten von Munde zu Munde; haſt Du nicht jenen elenden Wolſf, den jämmerlichen Buſchklepper, in Deine Hände bekom⸗ men, der ſich erdreiſtete, gleich einem adeligen Ritter, — — v— — 221— pier herum zu hauſen? Bedarf es nicht nur eines einzigen Wortes von Dir, um ihn an einem hohen Baumſtamm aufzuhängen, damit ihm die Luſt zu ferneren Irrfahrten für immer benommen werde? Was hat Dich ſo verſtört gemacht, ſo frage ich Dich nochmals? iſt es die reizende Beute, die Du dabei ergattert haſt. Ich kann es nimmermehr glauben, daß ſie geeignet iſt, dergleichen düſtere Gefühle in Dir zu erwecken.“ Adam Schwobe blieb ſtehen und während er ſeinen eiſenbeſchienten Arm ſchwenkte, ſenkte er den Blick zu Boden. „Freund,“ ſagte er dann,„dieſe Nacht iſt für mich eine verhängnißvolle geworden, ſie hat einen Eindruck auf mich bewirkt, der für mein künftiges Leben haltbar ſein wird. Ich bin mit einem Male aus meinem betäubenden Taumel erweckt worden; die Hand des Schickſals hat mich erfaßt und empor gerüttelt, ſo daß ich jetzt mit Schaudern auf die Vergangenheit zurück ſehe, um zu beben vor dem ſchrecklichen Heere meiner verübten Schandthaten.“ Chriſtoph von Talkenſtein wollte faſt an der Wahrheit des ſoeben Gehörten zweifeln, ſo hatte er ſeinen Genoſſen noch nicht geſehen, noch nicht ſpre⸗ chen hören, und doch wußte er ſich den g dieſes Benehmens nicht zu enträthſeln. — 222— „Menſch, was fällt Dir ein Prief er, von Staunen und Unwillen erfaßt, aus,„was ſoll das bedeuten? biſt Du trunken oder ſprichſt Du im Traume?“* „O nein, keines von Beiden,“ verſetzte Adam Schwobe,„ich bin im Gegentheil unbeſchreiblich nüchtern geworden, ſo nüchtern, daß ich anfange, mich vor mir ſelbſt zu ſchämen. Ha! welch' ein Hohn liegt jetzt für mich in Deinem Verlangen, über jenen Wolf Gericht zu halten; ſind wir denn die dazu Befugten, wir, deren Thaten nicht beſſer ſind als jedes andern gemeinen Schurken? Ich werde jenem Wolf nimmermehr das Urtheil fällen, ich muß unter ſolchen Umſtänden erröthen, wenn ich es thun wollte. Laßt ihn laufen, er wird ſo gut wie wir ſeinem Geſchicke nicht entgehen.“ „Ich begreife nicht, was mit Dir vorgegangen iſt,“ rief der Talkenſteiner,„und wenn Du bei die⸗ ſen Grundſätzen wirklich zu verharren gedenkſt, dann werde ich förmlich irre in Dir, dann würde, dann müßte der Plan, uns an unſern Feinden zu rächen, zu Grunde gehen.“ „Laß ihn gehen,“ rief Adam Schwobe,„ich werde ihn niemals wieder aufnehmen; willſt Du ihn weiter verfolgen, ſo werde ich Dich nicht daran hindern, allein dies ſei Dir hiermit geſagt, daß Du 3 — 223— förder nicht mehr auf mein Bündniß und auf meine Unterſtützung rechnen darfſt.“ 5 Dieſe Erklärung wär hinreichend, den Talken⸗ ſteiner in heftige Erbitterung zu verſetzen. „Das iſt offenbarer Verrath!“ rief er, nicht im Stande, ſeinen Unwillen noch länger zu bezäh⸗ men,„lohnſt Du meine Anhänglichkeit an Dich mit ſolchem Danke? Beim Satan! das hätte ich nimmer von Dir erwartet, und ich werde Dich offen vor Deinen Leuten einen Verräther ſchimpfen, wenn Du es unterläßt, mir den Grund anzugeben, der Dich veranlaßt, Deinen Gedanken und Plänen eine ſo plötzliche Wendung zu geben.“ „Ich werde dieſe Erklärung nicht geben, bevor ich nicht weiß, was der Morgen mir beſchieden hat, Du ſollſt Alles erfahren, aber wiſſe, nur in Güte kann dies geſchehen, im Böſen läßt ſich Adam Schwobe nichts abtrotzen, das wirſt Du ſchon längſt wahrgenommen haben. Wenn wir daher als Freunde ſcheiden wolln, ſo gieb meine Angelegenheiten nicht iener wilyn Rotte Preis, es kann mir und Dir noch einen anderen Nutzen bringen. Bedenke Dies und ford're nicht blindlings meine Rache gegen Dich heraus; ein Wink von mir würde hinreichen, Dich in die Grube zu ſtürzen, welche Du mir mit kluger Berechnung zu graben glaubteſt; merke Dir dies und ſei in Deinen Handlungen nicht übereilt und unüberlegt!“ Chriſtoph von Lalkenſtein fing an mit mehr Ruhe zu überlegen; ſein Jähzorn kühlte ſich nach und nach wieder ab, und die beiden Genoſſen fingen an, mit ruhigem Blute ihre Angelegenheiten zu be⸗ ſprechen. „Ueberlege,“ ſagte Adam Schwobe„wohin wird und muß uns unſer Treiben noch führen, es muß einſt ein ſchlimmes Ende nehmen ſo wie es Nickel v. Sſchirnhauſen ergangen iſt, den man zu Görlitz an den Galgen hing. Wie viele von un⸗ ſern Freunden haben nicht ſchon die Leiter zum Hochgericht beſtiegen und wie Viele werden ihnen noch nachfolgen. Wir ſchaffen endlich doch nichts mehr gegen die Gewalt der bürgerlichen Verfaſſung, die uns zu Kopfe wächſt und uns einſt den Stab brechen wird. Laß uns daher einen andern Weg einſchlagen und—“ 26 „Nein, nein und abermals nein,“ rief der Talkenſteiner mit Heftigkeit dem Sprechenden die Rede fallend.„Ich bin jetzt aller Ehre meines Beſitzes beraubt, meine Burg iſt geſchleiß und zu einem Sitze für Raben und Eulen gemacht worden, mein Weib und meine Kinder ſind mir —— genommen und es iſt mir nichts übris geblieben W Avam Schwobe. 13. Lieferung. — 225— als das Gefühl der Rache, dieß will i beſeitigen ſuchen ſo lange ich noch einen Arm frei erhalte, ich will den Städtern zur Geißel werden, ſie beunruhigen und ihnen zu ſchaden ſuchen, wo ich nur immer kann, dieß habe ich geſchworen und dieſen Schwur will ich halten und ſollte ich dem⸗ ſelben auch zum Opfer fallen. Ich will nicht länger mit Gewalt in Deine Geheimniſſe eindringen,“ fuhr der Talkenſteiner nach einer Pauſe fort,„du ſollſt oöllig frei handeln kön⸗ nen, ich will Dir mit meinem Intereſſe nicht länger im Wege ſein, handle Du nach Deinem Gefallen, wie ich nach dem meinigen und ſo werden wir ohne Groll auseinander gehen.“ „Dein Wunſch iſt auch der meinige,“ verſetzte Adam Schwobe, indem er dem Talkenſteiner die Hand reichte,„laß uns ſcheiden wie Männer, ohne zu fragen warum dies oder das, ſpäter ſoll ſich alles vor Deinen Augen aufhellen, und wenn es ge⸗ ſchieht, iſt es mir vielleicht möglich, auch für Deine Zukunft ein günſtiges Geſchick zu beſtimmen.“ Nachdem das Geſpräch noch längere Zeit ge⸗ dauert hatte, brach der Talkenſteiner mit ſeinem Roſſe auf und verließ Amſels Schenke, er nahm den rothen Wolf nebſt ſeinen noch übrigen Genoſ⸗ ſen mit ſich, die er unter ſeine Fahne iſ 15 ½ we. welcher ſein Leben verloren gab, erhielt von ihm die Freiheit und zum Danke für dieſe Gewährung vereinigte er ſich mit ſeinem ehemaligen Gegner und ſeine Tollkühnheit machte ihn demſelben ſehr bald unentbehrlich. Adam Schwobe, welcher in der Eulenſchente zurückblieb, ſchickte ſeine Rotten bis auf eine geringe Begleitung noch vor Anbruch des Morgens hinweg und nachdem er mit 3 allein war, begann er mit derſelben über ſeine Zuku nft zu berathen. „Ich will an daf des Churfürſten von Brandenburg gehen,“ ſagte er am Schluße des Geſprächs,„ich will mich bemühen, die Ehre meines Vaters zu rechtfertigen, ſie iſt nicht geſchändet durch Handlungen wie die meinigen waren, ich laſſe den Greis unter Deiner Pflege und Obhut zurück und bin überzeugt, daß ich ihn keiner zuverläſſigen Per⸗ ſon als Dir übergeben kann.“ Nachdem er dies geſagt hatte, winkte er Eu⸗ genien ſchweigend mit der Hand und trat leiſen Schrittes in das anſtoßende Gemach, wo ſein Va⸗ ter auf einem Lager ruhte, er näherte ſich ihm und nachdem er ſich über den Greis hinwegbeugte, lauſchte er mit angehaltenem Athem auf jede Be⸗ wegung deſſelben. Die Betäubung war zum Theil vorüber, aber — 227 an ihre Stelle war eine große Schwäche eingetreten. Adam Schwobe ergriff die Hand ſeines Vaters und drückte ſie an ſeine Lippen— „Was iſt das,“ ſagte der alte Mann,„wer hält meine Hand, Eugenie biſt Du es, meine geliebte Tochter, ja ja, Du biſt es, die Schweſter meines Sohnes, o daß ich dieſen Sohn nimmer gefunden hätte,“ fügte er ſeufzend hinzu,„ich möchte ihn lie⸗ ber im Grabe wiſſen, als unter den Lebenden— dann würde ich weniger Gram zu ertragen haben.“ Adam Schwobe fühlte bei dieſen Worten einen Schauer durch ſeine Glieder rieſeln, er wagte es nicht, ſich ſeinem Vater zu erkennen zu geben und ſtürzte aus dem Gemach. Bei Eugenie angekom⸗ men, warf er ſich auf einen Seſſel, und das Ge⸗ ſicht mit den Händen verbergend, ſaß er lange in dumpfem Hinbrüten, ohne ein Wort zu ſprechen. Eugenie näherte ſich den niedergeſchlagenen Ritter, ſie zeigte lebhaften Antheil an ſeinem Geſchick und ſie empfand in ihrem Innern eine große Freude darüber, daß Schwobe auf einem beſſern Wege ſich befinde und ohne Zweifel den Entſchluß gefaßt habe, von nun an ſeinem wilden Leben zu entſagen. Sie berührte ihn mit ihrer Hand, worauf er ſich empor richtete und ſie mit ernſten Blicken betrach⸗ — 228 „Verzage nicht, mein Bruder,“ ſagte Eugenie, „die Wunde, welche das Schickſal Dir geſchlagen, wird heilen, wenn Du bemüht biſt ihre Beſſerung kunftig durch edle Handlungen zu erzielen. Laß ab vom Böſen und ändere Deinen Sinn, dann wirſt Du dasjenige gewinnen, was einem guten Sohne das Schätzenswertheſte ſein muß, die Liebe und Ach⸗ tung eines rechtlichen Vaters. Er wird ſein Geſicht nicht von Dir hinwegwenden, wenn ihm einſt die Ueberzeugung geworden iſt, daß ſein Sohn einen anderen, einen beſſeren Wandel führt, dann wird er Dir zum ewigen Frieden die ſchwache Hand ent⸗ gegenreichen und Dir ſeine Vergebung aus vollem Herzen zuſichern. „Hör' auf, Eugenie, hör' auf mit der Schilde⸗ rung eines Glückes, deſſen Erreichung für mich et⸗ was Unmögliches geworden iſt.“ „Unmöglich, ſagſt Du, o nein,“ verſetzte Eu⸗ genie,„noch iſt nichts verloren, wenn anders der Entſchluß feſt bei Dir ſteht, von dieſer Stunde an Deinem bisherigen Treiben zu entſagen.“ „Ich ſchwöre es, daß ich es thun will,“ rief Adam Schwobe,„bei Gott, ich gelobe Dir es in dieſem Augenblick, daß ich mein Schwert niemals wieder in einer räuberiſchen Fehde ziehen werde, ich will Frieden machen mit meinen Feinden und meine Verbrechen ſühnen um der Ehre meines alten Va⸗ —,——— —.— — 229— ters willen, deſſen Herz über die Thaten ſeines Sohnes blutet. O Eugenie,“ fuhr er fort, ihre Hand mit Wärime an ſeine Bruſt drückend,„wie viel, wie unendlich viel bin ich Dir ſchuldig, Du warſt bisher ſchon oftmals mein beſſerer Engel und Dich hat das Schickſal auserſehen, mich von dem Verderben zurückzuhalten. Nun bei Gott, ich werde es niemals vergeſſen, was Du heute an mir be⸗ wirkt haſt. Ich ſtand im Begriff, einen neuen Ge⸗ waltſtreich auszuführen, da trat mir Deine verfüh⸗ rende Geſtalt auf meinem Wege entgegen und führte mir meinen Vater zu. Ach, welch eine Begegnung, ſie hat mich völlig umgewandelt. Ich bin nicht mehr, was ich noch vor Kurzem war. Der wilde Sturm der Leidenſchaft und der Rache hat ſich in meinem Innern gelegt und ein Gefühl, wie ich es faſt ſeit meiner Kindheit nicht mehr empfunden, iſt in mir erwacht, das Gefühl kindlicher Liebe, gepaart mit den tiefſten Empfindungen der Reue und des Schmerzes. Ach, es iſt ein nagendes Bewußtſein für den Sohn, dem Vater gegenüber zu ſtehen mit der Ueberzeugung, daß er von demſelben verachtet wird. Ich vermag es nicht, ihn noch ein Mal zu ſehen, bevor ich nicht im Stande bin, durch einen Beweis der Beſſerung ſein Vertrauen gegen mich zu erwecken. Ich will alles aufbieten, um dies zu ermöglichen.“ — — 230— „So willſt Du uns verlaſſen?“ ſagte Eugenie. „Ich will es,“ verſetzte Adam Schwobe,„und zwar, noch ehe der Tag herauf kommt.“ Dieſer gefaßte Entſchluß wurde auch zur Aus⸗ führung gebracht und nachdem Adam Schwobe mit Eugenie die Verabredung getroffen hatte, daß ſie mit ſeinem Vater nicht nach Zittau, ſondern in der Eulſchenke zwei Monate wohnen bleiben ſollte, um die Geneſung des Greiſes, ſowie Nachrichten von ihm abzuwarten, traf er Anſtalten zur Abreiſe. Amſel verſprach für gute Zahlung, die er von dem Ritter erhielt, eine eben ſo gute Pflege des Greiſes.„So lebe denn wohl,“ ſagte Adam Schwobe bewegt, indem er ſeine Rechte nach dem geöffneten Zimmer ausſtreckte, wo ſein Vater in ſanftem Schlum⸗ mer lag,„entweder kehre ich mit den beſten Be⸗ weiſen Deiner Unſchuld zurück oder wir ſehen uns niemals wieder.“ Dann nahm er Abſchied von Eugenie. Seine Reiſigen waren bereits gerüſtet, er ſchwang ſich auf ſein Roß und wenig Minuten ſpäter ſprengte Adam Schwobe davon, ihm folgten ſtumm ſeine wenigen Begleiter, die es nicht wagten, ihn in ſeinem Schwei⸗ gen zu ftören. — —— K. Das Aſyl.— Der Talkenſteiner beginnt neue Fehden. unterdeſſen war Michel, deſſen Ruhe die ganze Nacht hindurch geſtört wurde, in das Gaſtzimmer der Eulſchenke eingetreten, er hörte mit Erſtaunen den Entſchluß Eugeniens, daß ſie noch längere Zeit hier zu verweilen gedenke, und noch mehr wurde er dadurch überraſcht, als ihm die junge Wittwe die Erklärung gab, daß für den Erſatz ſeines ge⸗ fallenen Pferdes vollkommen geſorgt ſei. „Der Ritter, welcher uns von dem abſcheulichen Wolf befreite, hat eines ſeiner Packpferde zurückge⸗ laſſen, das er für Euch beſtimmte, es geſchah auf meine Veranlaſſung und Ihr könnt. N nach Gefallen verfügen.“ Michel dankte herzlich für das ſhn e⸗ ſchent und kehrte nach dem Stalle zurück, um das⸗ ſelbe in Augenſchein zu neyn wobei er 1. g ubrr⸗ — 232— zeugte, daß er bei dieſem Wechſel noch einen bedeu⸗ tenden Profit gemacht habe. Mittlerweile war es vollkommen Tag gewor⸗ den und Michel ging an die Arbeit, ſeinen Wagen abzuladen, wobei ihm der Hausknecht Martin be⸗ hülflich war. Dann ſpannte er ſeine Pferde vor, nahm von Eugenie dankend Abſchied und kehrte nach Hauſe zurück. 2 Im Laufe des Vormittags fühlte ſich der kranke Helsnitz beſſer, er war aus ſeinem Schlummer er⸗ wacht und ſeine erſte Frage betraf ſeinen Sohn. „Doch was will ich denn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich habe geträumt ſehr ſchwer und die Wirk⸗ lichkeit wird mich wieder zu mir ſelbſt bringen. Eugenie, meine liebe Tochter, wo biſt Du„komm zu mir, damit ich durch Deinen Anblick Troſt em⸗ pfinde.“„ Die Gerufene erſchien in dem kleinen Schlaf⸗ gemach. „Ich bin noch immer in dem Wahne, meinen Sohn geſehen zu haben,“ ſagte er zu ihr,„es hat mich ein Bild der Phantaſie geneckt, das mich noch immer nicht verlaſſen will. Ich träumte von mei⸗ nem Sohne, ich ſah ihn in Rittertracht vor mir, aber leider hatte ſein Erſcheinen nichts Erfreuliches für mich, ich empfand vielmehr tiefe Bekümmerniß über ihn, denn es wurde mir geſagt, daß er ſein — 233— Schwert nur im unedlen Kampfe ziehe und nicht die Sache des Guten und des Rechtes verfechte.“ Eugenie war bemüht, dem Greiſe ſeinen Irr⸗ thum zu benehmen, ſie ſetzte ſich an ſein Lager und ſprach in tröſtendem Tone zu ihm:„Es iſt wahr, guter Vater,“ ſagte ſie,„Ihr habt Euern Sohn ge⸗ ſehen, er ſtand vor Euch und hat uns verlaſſen, um das Recht ſeines Vaters, welcher unſchuldig verfolgt wurde, zu verfechten. In kurzer Zeit wird er wie⸗ der zurückkehren, um den Beweis in Eure Hände zu legen, daß er treulich Wort gehalten, daß er ſeinen Vorſatz ausgeführt und die Ehre und den edlen Namen ſeines Vaters von jedem Makel be⸗ freite.“ Der alte Oelsnitz wurde nachdenkend. „Seine eigene Schuld wird ihm daran hinderlich ſein,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe,„was will er thun, ſein Name iſt verpönt unter der edlen Rit⸗ terſchaft und er hat keinen Theil mehr an demſelben, ſeine Genoſſen gehören nur unter Strolche und Räuber, für die man Strick und Leiter in Berei⸗ 6 ſchaft hält.“ Der Eintritt Amſels ſtörte das gepräg, Eu⸗ genie wandte ſich zu dem Genannten, indem ſie ſagte: „Ihr habt die Verpflichtung über Euch genom⸗ men, uns zwei Monate lang in Euerm Hauſe zu bewirthen, dafür wird Euch guter Lohn werden, aber — 234— vergeßt es auch nicht, Eure Pflicht gegen mich und meine Begleiter gewiſſenhaft zu erfüllen. Solltet Ihr uns in irgend einer Weiſe nachtheilig werden wollen, ſo bedenkt, daß ein Rächer uber uns wacht. Dieſer Rächer iſt jener Ritter, der Euch vor Kur⸗ zem verlaſſen hat, an ihn würden wir uns wenden, und unſere Beſchwerde würde nicht ohne nachthei⸗ lige Folgen für Euch ſein.“ Amſel verſprach alles Gute und Eugenie ſetzte auch weiter keinen Zweifel in ihn, was ſie auch nicht nöthig hatte, der feige Schurke fürchtete die Rache Adam Schwobes; er hatte denſelben nur zu genau erkannt und wagte es auch in der Folge nicht, irgend einen verrätheriſchen Anſchlag gegen ſeine Gäſte zu unternehmen. Sein Freund, der Grundmüller Walther, that daſſelbe, und ſo waren unſere Reiſenden ſo ziemlich außer Gefahr; ſie rich⸗ teten ſich in einer kleinen Dachwohnung ein, wo ſie die bedungene Zeit von zwei Monaten zuzubringen beſchloſſen. Adam Schwobe war ſeit der eben beſchriebenen Nacht verſchollen, kein Menſch wußte, was aus ihm geworden ſei; er war verſchwunden und ſeine Ab⸗ eit brachte eine wohlthätige Ruhe über Land und Städte. Die Gerüchte über ſein Verſchwinden waren ehen ſo zahlreich als verſchieden. Die aber⸗ —— — 235— gläubige Menge behauptete gradezu, der böſe Feind habe ihn geholt, und viele wollten ihn zur Nacht⸗ zeit, mit wildem Getöſe durch die Luft ziehend, ge⸗ ſehen haben. Andere meinten wieder, er ſei gefan⸗ gen, oder von ſeinen eigenen Leuten umgebracht worden; kurz, Niemand wußte den klaren und be⸗ ſtimmten Grund ſeines Verſchwindens. Am meiſten darüber freuten ſich indeſſen die Bewohner des platten Landes; das Vieh und die Lebensmittel waren jetzt mehr geſichert. Die Rei⸗ ſenden und Geſchäftsleute waren nicht minder froh, die Landſtraßen waren geſicherter und die Sechs⸗ ſtädter konnten jetzt ungehindert ihre Handelsver⸗ bindungen pflegen. Zwar gab es noch immer kleine Fehden zwiſchen ihnen und der Ritterfchaft; dieſelben waren indeſſen bei Weitem nicht mehr ſo verhee⸗ rend und anhaltend, als ehedem. Es trat keiner von ihren noch immer zahlreichen Feinden mit ſol⸗ cher Macht gegen ſie auf, als wie es Adam Schwobe gethan hatte. Der Talkenſteiner gehörte noch unter die haupt⸗ ſächlichſten Feinde des Landes, er hatte nach der Trennung von Adam Schwobe eine zahlreiche Rotte verlaufenes Geſindel zuſammengebracht und fing an, ſein Unweſen immer ärger zu treiben, beſonders wandte er ſich in die Gegend von Reichenberg, wo — 236— er wußte, daß ſich ſeine Gattin nebſt ihren Kindern befand. Dieſelbe hatte ſich jetzt völlig von ihm los geſagt, und dieſer Umſtand erfüllte ihn mit Gefühlen der Rache gegen Helviſe und deren Be⸗ ſchützer. Er ſchwur, ſeine Gattin müſſe einſt in ſeine Hände gerathen, und ſollte ganz Reichenberg da⸗ rüber zu Grunde gehen. Das Erſte, was er that, war, daß er den 6 Reichenbergern einen offenen Fehdebrief ſchickte und ſie aufforderte, ihm ſein Weib und ſeine Kinder auszuantworten. Er gab ihnen zu dieſer Handlung ſechs Tage und ſechs Nächte Friſt, und kündigte an, daß nach Verlauf dieſer Zeit die Fehde ihren An⸗ fang nehmen ſolle. „Wenn Ihr Euch weigert, dieſem meinen Ver⸗ langen nachzukommen,“ hieß es darinnen,„ſo ſoll Keiner von Eurer Bürgerſchaft ſicher vor mir ſein, Eurer Leute Gefähr und Güter ſollen uns, inſofern ſie in unſere Hände fallen, zur Beute werden, und wir wollen jede Gelegenheit ergreifen, um Euch hinderlich zu ſein im Handel und Wandel.“ Die Reichenberger erzürnten ſich über die kecke Sprache des Raubritters und gaben eine Antwort auf dieſes Schreiben, die dem Talkenſteiner keines⸗ weges gefallen wollte; ſie erklärten, ſeine in ihren ——— zulegen ſei. — 237— Mauern befindliche Gattin nebſt deren Kindern herz⸗ haft zu beſchützen und ſie nimmer herauszugeben, möge es auch immer kommen, zu was es wolle. „Kommt heran,“ hieß es in ihrer Entgegnung, „wir wollen Euch nebſt Eurem Gelichter nach Ge⸗ bühr empfangen. Ihr ſollt gewiß keinen Feigen unter uns finden, der ſich ſcheut, mit Euch einen Tanz zu wagen; wir ſind gerüſtet und vollkommen auf Eure Ankunft vorbereitet.“ Die bedungene Friſt war bald vergangen und zwar ohne daß ſich mit ihrer Endſchaft die Reichen⸗ berger beſtimmten, dem Verlangen ihres Feindes Folge zu leiſten. Heloiſe, die Gemahlin des Talkenſteiners, be⸗ wohnte ein Haus in der Stadt, wo ſie höchſt ein⸗ gezogen lebte; ſie widmete ſich allein der Erziehung ihrer beiden Kinder, deren Geſellſchaft ihren Kum⸗ mer wohlthätig erleichterte. Mit Bangigkeit hatte ſie die Nachrichten von den Drohungen ihres Gemahls vernommen und es that ihrem edlen Herzen weh, den guten Bürgern für die ihr erwieſene Gaftfreundſchaft Nachtheil zu bereiten, die ſich in den letzten Tagen oft zur Be⸗ rathung verſammelten, um zu überlegen, in welcher Weiſe der Streit mit ihrem Gegner am — 238— Eines Tages, als der Rath wiederum bei ein⸗ ander war, meldete man demſelben, daß die Ge⸗ mahlin des Talkenſteiners erſchienen ſei und um gütiges Gehör bitten laſſe, worauf man ſie ein⸗ treten ließ. Helviſe erſchien in ſchwarzen Trauerkleidern und führte ihre beiden Kinder an den Händen, ihre Züge waren bleich und kummervoll, und über dem ſchönen Geſicht lag eine Todtenbläſſe ausgebreitet. BBei ihrem Eintritt erhoben ſich die Herren von ihren Sitzen und verweilten in tiefem Schweigen; es wurde ihr hierauf ein Seſſel angeboten, auf welchen ſie ſich mit einem ſchweren Seufzer nie⸗ derließ. 7 6 Nachdem ſie einige Minuten ſchweigend dage⸗ ſeſſen hatte, erhob ſie ſich und begann. „Ich bin gekommen, um ſchweres Unheil von dieſer Stadt abzuwenden, das ſich drohend nähert und ſich gleich den Wolken des Gewitters immer mehr aufſchäumt. Ich würde, ja ich müßte den Vorwurf der größten Undankbarkeit auf mich laden, wenn ich unter ſolchen Umſtänden nichts thun wollte um dieſes Unheil abzuwenden. Das wird nur dann geſchehen,“ fuhr ſie fort, „wenn ich dieſe Stadt verlaſſe, wo ich ſo edelmüthige Freunde und Beſchutzer fand, eine Entfernung wird —————— — —— fuͤr Sie von Segen ſein und ich danke es Gott, daß es in meiner Macht liegt, ihr den Segen ver⸗ ſchaffen zu können. Mein Abſchied, ſo ſchwer mir derſelbe auch fallen mag, wird die Rache meines Gatten von der Stadt abwenden und das Unheil einer langwierigen Fehde wird ſie nicht in Furcht ſetzen, darum würdige Männer laſſet mich ziehen um Eures eigenen Wohles Willen.“ Die Worte Heloiſens hatten einen tiefen Ein⸗ druck auf die anweſenden Rathsmitglieder gemacht, es herrſchte eine Pauſe von mehreren Minuten, endlich wurde dieſelbe durch den Bürgermeiſter un⸗ terbrochen. „Hochedle Frau,“ begann derſelbe in ehrerbie⸗ tigem Tone,„glaubt es uns, daß wir tief gerührt ſind durch Euere wohlgemeinte Erklärung und die Ihr zu unſerm Heile und Nutzen abgegeben habt, wir wiſſen dieſelbe zu würdigen und ſind Euch dankbar für die zarten Rückſichten, die Ihr für das Wohl unſer guten Stadt dadurch an den Tag ge⸗ legt habt.— Jedoch,“ fuhr er nach einer kurzen Unter⸗ brechung fort,„wir wiſſen aber auch unſere Pflich⸗ ten gegen Hülfloſe und Verfolgte zu erfüllen. Es würde eine unauslöſchliche Schmach auf unſere Häupter bringen, wenn wir Euch aus Furcht vor — 24⁰— der Rache des Talkenſteiners aus der Stadt hinaus⸗ ſtoßen wollten, nein, nein, das ſoll, das darf nicht geſchehen, mit Eurem Unglück wollen wir uns einen kurzen Frieden nicht erkaufen, wir wollen vielmehr dem kecken Räuber muthig entgegenziehen und mit ihm ſtreiten, vielleicht daß es uns gelingt, ihn für immer unſchädlich zu machen, dann wollen wir ins⸗ geſammt dem Himmel danken, ohne daß wir uns Gewiſſensbiſſe machen dürfen, daß bei unſerer Freude die hülfloſe Unſchuld tranert. Ihr ſollt Zeuge davon ſein und auch noch fernerhin den Schutz unſerer Stadt genießen.“ Die Freifrau von Talkenſtein machte noch mehrmals den Verſuch, die Beſchlüſſe der Verſamm⸗ lung zu ändern, allein es gelang ihr nicht, ſämmt⸗ liche Rathsmitglieder beharrten auf ihrer ferneren Anweſenheit und als ſie ſich überzeugte, daß alle Vorſtellungen nicht halfen, entfernte ſie ſich und begab ſich nach ihrer Wohnung zurück. „Mamma, was wollteſt Du bei den ſchwarzen Männern, die uns ſo finſter anſchauten?“ ſagte der kleine Heinrich, als die Freifrau in ihrer Wohnung angelangt war.„Ich habe mich gefürchtet vor ihnen und auch Schweſter Elsbeth war ängſilich ge⸗ worden, ſo daß ich ihr immer winken mußte, damit ſie nicht weinte.“ —— —— — 241— „Lieber Heinrich,“ ſagte die Mutter,„Du haſt teine Urſache, nebſt Schweſter Elsbeth vor jenen Männern Furcht zu hegen, im Gegentheil, ſie ver⸗ dienen unſere ganze Liebe und Achtung, indem ſie uns Schutz und Schirm verleihen gegen den erzürn⸗ ten Vater, der auf unſere Auslieferung beſteht und die Stadt befehden will, wenn die Bürger von Reichenberg ſeinem Verlangen nicht willfahren.“ „Unſer Vater iſt wie ein böſer Mann,“ ſagte Heinrich,„und ich habe mich oft recht gefürchtet vor ihm, auch konnte ich ihm nicht gut ſein, weil er Dir, liebe Mama, immer ſo rauh entgegentrat, und Du dann oft weinteſt, das hat mir oft gar weh um Dich gethan.— Nun, ich mag nicht mehr zu ihm zurückkehren, und will lieber hier bei Dir bleiben.“ „Ich auch,“ ſagte die kleine Elsbeth, indem ſie ſich innig an die Mutter ſchmiegte,„wir wollen uns niemals von einander trennen.“ „Nein, niemals,“ wiederholte die Mutter, in⸗ dem eine Thräne über ihre Wange floß.„Nur der Tod ſoll mich von Euch, meine geliebten Kinder, trennen.“ Adam Schwobe. 14. Lieferung. 16 Ein Naubzug.— Die Burgruine. Der erſte Gewaltſtreich, welchen der Ritter Chriſtoph v. Talkenſtein gegen die Reichenberger unternahm, beſtand darin, daß er ihnen auf der Straße nach Friedland mehrere Wagen, mit Han⸗ delsgütern beladen, wegnahm und die Begleitung zum Theil tödtete oder in die Flucht ſchlug. Bei dieſer Schandthat waren betheiligt Ritter Heinrich von Liebſtein, Hans von Maxen und der ſogenannte rothe Wolf, welcher, wie ſchon gemeldet worden iſt, mit ſeiner ganzen Rotte unter die Fahne des Talkenſteiners getreten war. Nach verübtem Raube wurden die zte Wagen und Pferde tief in den nahen Wald hinein geſchleppt; hier hatten die Ritter eine alte Burg⸗ 2* ruine in befeſtigten Zuſtande geſetzt, 5 Raum genug darbot, um dem räuberiſchen Geſindel zum Schlupfwinkel zu dienen. Die Ritter jubelten über das Gelingen ihres Planes, und Chriſtoph von Talkenſtein war voller Freude, den verhaßten Reichenbergern eine ſo derbe Schlappe angehängt zu haben. „Ha, ha, wie werden ſie ſich hinter den Ohren kratzen, wenn die Kunde zu ihnen gelangt, daß wir uns ihre Reichthümer und Tuchballen unge⸗ . meſſen angeeignet haben; ſie werden in ohnmächtiger 3 Wuth mit den Zähnen knirſchen und ſich die Haare 3 einzeln aus dem Schopfe reißen.“ Rachdem man die geraubten Waaren unter⸗ 8 gebracht und vie Roſſe unter Dach und Fach ein⸗ quartiert hatte, ſammelte ſich die Geſellſchaft in einer großen Halle der Burgruine, wo eine lange Tafel aufgerichtet ſtand, auf welcher große, mit Wein gefuͤllte Krüge umherſtanden. Längs der Tafel hin waren lange Bänke angebracht, auf wel⸗ 3 chen man Platz nahm, um ein lebhaftes Bacchanal zu beginnen. Es war bereits finſter geworden und die Kühle der Nacht veranlaßte die Geſellſchaft, einen tüchti⸗ gen Holzſtoß in dem gewaltigen Kamine anzuzün⸗ den, deſſen Gluth bald eine vohtchatige Wärme — 244— in dem weitläufigen und hohen Raume verbreitete, in welchem ſich jetzt ein reges Leben entfaltete. Zur Beleuchtung dieſer abenteuerlichen Scene hatte man zahlreiche Fackeln an den Wänden be⸗ feſtigt, welche den Ort vollkommen erleuchteten. Der Talkenſteiner hatte nebſt ſeinen Genoſſen den oberſten Platz an der Tafel eingenommen; er betrachtete mit zufriedenen Blicken ſeine Umgebung. Plötzlich wurde er jedoch ernſter, ſeine Mienen ver⸗ finſterten ſich, und indem er ſich gegen Hans von Maxen wandte, ſagte er in bitterem Tone: „Wenn ich dieſe bettelhafte Einrichtung mit meinem frühern Leben auf Burg Talkenſtein ver⸗ gleiche, dann erfaßt mich ein Gefühl von unbe⸗ ſchreiblicher Wuth, dann möchte ich vor Ingrimm über mein Geſchick den Verſtand verlieren.“ Hans von Maxen ſchüttelte den Kopf. „Laß das, Freund Chriſoph,“ ſagte er,„und verbittre Dir den heutigen Abend nicht durch Er⸗ innerungen an die Vergangenheit; freue Dich viel⸗ mehr, daß dieſer Tag Zeuge war von dem Werke Deiner wohlausgeführten Rache, und denke daran, wie Du dieſe Rache auch noch ferner zu befriedigen vermagſt.“ „Wahr geſprochen,“ ſagte d Talkenſteiner, „es muß dies mein einziger Gedanke ſein, Dieje⸗ — 245— nigen zu züchtigen, die mir mit keckem Muthe trotzen. Nun, bei allen Teufeln, es ſoll ihnen ſauer werden und ſie ſollen keine Ruhe vor mir haben, ſo lange ſie mein Weib nebſt meinen Kindern als Geiſel in den Ringmauern ihrer Stadt feſthalten!“ „Wer weiß,“ verſetzte Hans von Waten,„ob nicht Deine Gemahlin es freiwillig vorzieht, bei den Reichenbergern zu verweilen, anſtatt zu Dir zurückzukehren.“ Die Miene des Talkenſteiners wurde bei dieſer Bemerkung noch düſterer. „Ich wage es nicht, an eine Möglichkeit dieſer Vermuthung zu denken,“ ſagte er,„es wäre dies von Helviſen ein Verrath, den ich nimmermehr vergeſſen würde, und der nur mit Blut geſühnt werden könnte. Ha, welche Gedanken hat Deine Bemerkung in mir erweckt, ſie tauchen auf in mir wie die ſchwarzen Wolken einer drohenden gewitter⸗ ſchwülen Nacht.“ Während die Ritter in ihrem Verſteck ſicher und auf neue Pläne bedacht waren, ſuchten die beraubten Reichenberger ſo ſchleunigſt wie möglich die Stadt zu erreichen. Hier angekommen, verbrei⸗ tete ſich die Nachricht von dem Vorfall wie ein Lauffeuer. Die Bürgerſchaft ſchaarte ſich zuſammen — 246— und beſchloß, nach dem Orte hinauszuziehen, wo der Ueberfall ſtattgefunden hatte. Der anweſende Stadtrath hielt es indeſſen für beſſer, die Ausführung dieſes Beſchluſſes bis zum Anbruch des Tages aufzuſchieben. „Wir kennen die Schlupfwinkel nicht, in wel⸗ chen ſich die Schufte feſtſetzen,“ ſagte ein Mitglied deſſelben,„und es wäre zu beklagen, wenn Einer oder der Andere von unſern guten Bürgern ſein Leben einbüßen ſollte. Lieben Freunde, bezähmt daher Eure Kampfluſt bis zum nächſten Tage, dann wollen wir es dem Talkenſteiner zeigen, daß wir Muth beſitzen, uns Dasjenige wiederzuholen, was er uns geraubt hat.“ Die Anweſenden gaben zum Theil dem Spre⸗ chenden Recht, und nach einigem Hin⸗ und Wieder⸗ reden wurde der Entſchluß gefaßt, den Zug gegen den Talkenſteiner auf einige Stunden zu verſchieben. Heloiſe hatte mit Schrecken die Kunde von der neuen Schandthat ihres Gatten vernommen, ihr edles Herz empörte ſich darüber und der letzte Gedanke von Achtung gegen ihn ſchwand aus ihrer Bruſt. Dieſer Vorfall wurde überhaupt in ſofern für Helviſen nachtheilig, indem ſich die Bürgerſchaft in zweierlei Meinungen theilte: die eine Parthei wollte — 247— die Gemahlin des Ritters als eine Geiſel für die Sicherheit der Stadt anſehen, die Andere hingegen beſtand darauf, die Freifrau aus Reichenberg zu entfernen, um die begonnenen und höchſt läſtigen Plappereien des Talkenſteiners los zu werden. Der Rath wollte von dem letztgenannten Ver⸗ langen nichts wiſſen und erklärte in einer Sitzung, man habe einmal der anweſenden und ſchuldloſen Familie des Ritters Schutz und Schirm zugeſichert, und dieſes Verſprechen müſſe man nun auch ehrlich palten. Was die Geiſeln betrifft, ſo ſoll der Bür⸗ gerſchaft Gewährleiſtung geſchehen, und wir wollen in dieſer Sache einen Drohbrief an den Talken⸗ einer ſenden, daß, wenn er nicht aufhört, uns zu ſchaden, wir gegen ſeine Kinder mit Härte zu ver⸗ fahren gezwungen ſind. Das Letztere muß und wird freilich nur eine Drohung bleiben; denn was können wir gegen die Unſchuldigen thun wollen, die um des Vaters Verbrechen willen unmöglich verantwortlich gemacht werden können.?“ Nach einer längeren Berathung, welche in der Nacht ſtattfand, kehrten die Mitglieder der Ver⸗ ſammlung nach ihren Wohnungen zurück, und als der Morgen graute, da erſcholl die Lärmtrommel und alles eilte zu den Waffen, um gegen den ver⸗ haßten Feind zu ziehen. — 248— Die Zahl der bewaffneten Bürger konnte ſich auf dreihundert belaufen; ſie verließen in ſchönſter Ordnung die Stadt und zeigten ſämmtlich große Luſt, mit den Raubrittern anzubinden. Nach einem langen Marſche langten ſie an der Stelle an, wo der Ueberfall geſchehen war. Hier war alles ſtill und kein Menſch ließ ſich in der Umgebung erblicken; einige am Boden liegende Waffen, ſowie ſtarke Spuren von Blut deuteten jedoch darauf hin, daß hier ein hitziges Gefecht ſtattgefunden habe. Die Anführer der Bewaffneten ſchickten ſich jetzt an, den Wald nach allen Richtungen zu durch⸗ ſuchen. Die Mannſchaften wurden nach verſchie⸗ denen Richtungen vertheilt und durchſtöberten die Gegend, ohne jedoch auf eine ſichere Spur zu kommen. Endlich gelang es doch. Man folgte dem Gleiſe der geraubten Wagen, welche tiefe Einſchnitte in den weichen Boden verurſacht hatten, ſowie den Huftritten der Roſſe, die ebenfalls ſehr deutlich zu ſehen waren. Die Verfolgung dieſer Spuren war von man⸗ cher Beſchwerlichkeit begleitet; bald ging es durch Moräſte, bald über gefährliche Abgründe, ſo daß man ſich wunderte, wie es möglich geweſen war, dieſe Punkte zu paſſiren. —— — 249— Endlich gelangten die Suchenden auf einen freien Platz, welcher mitten im Walde gelegen war. Vor ſich erblickten ſie eine alte Ruine, deren ſtarke Mauern noch immer Haltbarkeit verriethen und totzig empor ſchauten. Die hohen ſpitzigen Fen⸗ ſteröffnungen waren von Innen mit großen Fels⸗ ſtücken verſetzt, und der Eingang, welcher durch ein von Baumſtämmen gezimmertes Thor geſchützt wurde, war verſchloſſen. Mit überraſchten Blicken ſchauten die bewaff⸗ neten Bürger auf dieſes Bollwerk, deſſen Exiſtenz ihnen bisher unbekannt geweſen war. Es wurde beſchloſſen, das Innere deſſelben zu unterſuchen und die Schaar der Reichenberger rückte näher heran. Während dies geſchah, nahte von der andern Seite eine zweite Abtheilung der Bürger, welche auf einem andern Wege hierher gelangt warz man vereinigte ſich jetzt mit einander und ging nun muthig auf die alte Burg los. Kaum waren ſie jedoch bis auf dreißig Schritte näher gekommen, als mehrere Feuerröhre in den Fenſteröffnungen ſich zeigten; im nächſten Augenblick erfolgte ein weitſchallender Donner, und fünf oder ſechs von den Reichenbergern ſtürzten tödtlich ge⸗ troffen zu Boden. Gefangennahme und Schickſal Chriſtophs v. Talkenſtein. * Der unerwartete Tod ihrer Mitbürger verſetzte die Reichenberger in die heftigſte Entrüſtung, ſie ſtanden einen Augenblick ſtumm und bewegungslos, dann aber drangen ſie mit wildem Wuthgeſchrei gegen die alte Burgruine heran. Der Sturm, welcher jetzt begann, war ein höchſt hitziger; die Reichenberger hielten ſich tapfer, aber auch von Seiten der belagerten Raubritter fehlte es nicht an Proben von Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit. Sie vertheidigten ihr Bollwerk wie die Löwen und mancher von den Angreifenden ſank zur Erde nieder, um ſich nimmer wieder empor zu richten. Endlich fingen die Städtiſchen mit herbeige⸗ ſchafften Sturmböcken zu arbeiten; ſie fertigten lange —— — N —— — 251— Leitern und erſtiegen ſie mit den Schwertern in den Händen. Jetzt begann das Gefecht Mann gegen Mann und nach einigen Stunden waren die Reichenberger Sieger. Die Raubritter, deren Helfershelfer zum Theil getödtet worden, mußten ſich nebſt ihren noch übrigen Genoſſen dem Feinde ergeben. Der Ritter Chriſtoph von Talkenſtein wurde nebſt ſeinem Freunde, Hans von Maxen, gefangen genommen; den ſogenannten rothen Wolf zogen einige Bürger aus einem Winkel der Ruine hervor, er war während des Sturmes hart verwundet worden und hatte ſich nur mit großer Anſtrengung bis dahin ſchleppen können. Man verband ihm die blutenden Wunden, dann wurde er mit dem Talkenſteiner und deſſen Freunde, Hans von Ma⸗ ren, auf einen Wagen geſetzt und unter ſtarker Bedeckung nach Reichenberg gebracht, begleitet von den jubelnden Bürgern, die ihre im Gefecht geblie⸗ benen Freunde ebenfalls mit heim führten. Eine Abtheilung der Letzteren blieb jedoch in den eroberten Ruinen zur Beſatzung zurück; die Letzteren wurden nun genau unterſucht, wobei eine Menge geraubter Waaren, ſowie allerlei Waffen gefunden wurden. Man lud alles auf Wagen. — 252— und nachdem der Schlupfwinkel völlig leer gemacht worden war, ſteckte man denſelben in Brand. Das Feuer griff bald, und zwar mit großer Gewalt, um ſich, und in Zeit von wenig Stunden war nur noch ein rauchender Trümmerhaufen von dem Raubneſte übrig geblieben. Unter großen Freudenbezeugungen wurde der Zug der heimkehrenden Bürger in Reichenberg empfangen. Freilich wurden aber auch viel Thrä⸗ nen von Denjenigen vergoſſen, die ihre Freunde und Verwandte bei dem Gefecht verloren hattenz um ſo lebhafter aber war der Jubel über die Ge⸗ fangennahme Derjenigen, welche dem Lande— ſo unſäglichen Schaden zugefügt hanen Die Freifrau vernahm mit Entſegen, daß ihr Gemahl nebſt ſeinen Genoſſen gefangen worden ſeiz ſie ſah jetzt im Voraus ſein Schickſal kommen, und der Gedanke an ſein baldiges ſchimpfliches Ende erfüllte ſie mit ſchwerer Unruhe. Die Gefangennahme ihres Gemahls verſchaffte ihr die eigene Freiheit wieder; es ſtand ihr indeſſen frei, ob ſie noch länger in Glogau verweilen oder die Stadt verlaſſen wolle. Die Bürger, welche ihr dies ankündigten, theilten ihr zugleich mit, daß ihr Gemahl in der n Zeit nebſt ſeinen Hel⸗ 2 ——— —— * —— * — 253— fershelfern vor Gericht geſtellt werden würde, um ihn wegen ſeiner vielfachen Verbrechen zu beſtrafen. Heloiſe vernahm dieſe Erklärung mit möglicher Faſſung und Ruhe. „Ich kann dem Vorhaben des ehrſamen Rathes keinen Tadel entgegen ſetzen,“ ſagte ſie.„Ich ſeh es ein, daß Chriſtoph von Talkenſtein ſich übel gegen Land und Städte benommen hat; er hat ſeinen Namen beſchimpft durch ſeine ſchlechten Hand⸗ lungen. Darum muß es den Beſchlüſſen ſeiner Richter anheim geſtellt bleiben, was mit ihm ge⸗ ſchehen ſoll.“ Die Bürger entfernten ſich hierauf und ließen die Freifrau mit ihren Kindern allein. Die zärtliche Mutter wagte es nicht, gegen ihre Kinder eine Aeußerung in Bezug auf den gefangenen Vater zu thun; ſie wollte ihre Gemüther nicht beunruhigen. Allein bald ſollte ſie hören, daß die Kleinen mit den neueſten Ereigniſſen nicht un⸗ bekannt geblieben waren. ſeinen blonden Lockenkopf in ihren Schvoß legte, „ich bin vorhin von dem Sohne des Schmidts dort in der Gaſſe grob beleidigt worden; er nannte mich den Sohn eines Räubers, und ſagte mir in höhniſchem Tone, va mein Vater in kurzer * 8 würde gehangen werden. Ich ſpuckte ihm dafür ins Geſicht und floh davon, indem eine Anzhl Kna⸗ ben daher liefen, um mich zu ſchlagen.“ Die Mutter ſeufzte. „Mein Gott!“ ſagte ſie,„das iſt der Fluch der böſen, ſchlimmen That, ſie ſchändet bis ins dritte und vierte Glied. Ach! was ſoll ich begin⸗ nen? Hier in dieſer Stadt kann ich nicht länger bleiben, ich muß fort, um meiner Kinder willen; ich kann ſie nicht länger mißhandeln und verhöhnen laſſen! Nein, nein, mein Aufenthalt muß ſchleunigſt mit einem anderen verwechſelt werden, und ſoll ich bis ans Ende der Welt ziehen!“ Am folgenden Tage ſtand Chriſtoph von Tal⸗ kenſtein vor dem Gericht; das Verhör war kurz, er konnte ſein Verbrechen unmöglich leugnen, es fehlte nicht an Zeugen nnd Beweiſen und ſchon in der erſten Sitzung wurde das Erkenntniß abgefaßt; es lautete auf den Tod mit dem Schwerte und ſollte in zweien Tagen an ihm vollzogen werden. Sein Gefährte, Hans von Maren, welcher nicht weniger ſchuldig war an den verübten Freveln, ſollte gehangen werden, um ihn durch dieſe Todesart noch mehr zu beſchimpfen. Der rothe Wolf lag noch ſchwer krank dar⸗ nieder. Seine Verurtheilung wurde daher aufge⸗ —— —— —. — 257— kleinen Hände ballten und das Geſicht vor Zorn geröthet wurde.„O, meine Mutter, meine liebe Mutter! ich bitte Dich, ſag' es mir, ſoll mein Vater ſterben wegen ſeiner böſen Handlungen, die er, wie man ſagt, verübt haben ſoll?“ „Ich will es Dir nicht verhehlen, mein Kind,“ ſagte die Mutter,„Dein Vater hat gegen die Ge⸗ ſetze des Reichs gehandelt, darum ſoll er beſtraft werden; er hat gethan, was vor Gott und Men⸗ ſchen nicht recht iſt. Darum ſoll er morgen zuſammt dem garſtigen Ritter Hans von Maxen tet werden.“ Der Knabe ſchien ſtarr vor Ueberraſchung zu werden.„So iſt denn der garſtige Rothkopf mit ihm gefangen worden?“ ſagte er.„Nun ja, ich habe es ja immer gedacht, daß der rothköpfige Iſchariot einſt ein ſchlechtes Ende nehmen wirdz er hat vielleicht unſern Vater verfuͤhrt und nun muß dieſer es mit tragen helfen, was Jener verübte.⸗ Eine Stunde ſpäter machte ſich die Freifrau auf den Weg nach dem Gefängniſſe ihres Gemahls, die Wachen traten bei ihrem Anbii und ließen ſie ungehindert ein. Heloiſe ging von Kopf bis zu 5 in Schnan. gekleidet; ſie trug eine dichten Sclen s das Adam Schwobe. 14. due. 17 65 ————— g 8 Geſicht gebreitet und war ſomit den Blicken der Neugierigen entgangen. Der Gefangene ſaß in einem feſt verwahrten Gemache des Rathhauſes, welches jedoch keine Aehnlichkeit mit den gewöhnlichen Kerkern der da⸗ maligen Zeit beſaß, es war hell und trocken, und enthielt ein einziges ſtark vergittertes Fenſter. In dem Zimmer ſelbſt ſtand ein Stuhl, ein Bett und ein kleiner Tiſch; an der Wand hing ein Cruzifir und unter demſelben war ein Betſchemel befindlich, damit der Gefangene ſeine Andacht verrichten könne. Chriſtoph von Talkenſtein ſaß in Ketten auf ſeinem Bette, vertieft in drückenden Gedanken. Er hatte den Kopf in die Hände geſtützt und blieb ohne Bewegung in dieſer Stellung. Da wurde die Thür aufgeſchloſſen, ſie öffnete ſich, der Gefangene blickte auf und ſah ſeine Gattin nebſt ihren Kindern vor ſich. Ein Laut des Schmerzes und der vehereſc entrang ſich ſeinem Munde. „Mein Gott!“ ſtöhnte er;„ſie iſt es. Achl und meine Kinder; ich ſehe Euch noch ein und zugleich zum letzten Male. Die Freifrau zerfloß in Thränen, ſie näherte ſich dem Gatten, ihm die Kinder zufuͤhrend; ſie fing an zu wanken. — 259— Chriſtoph ſtand wie vernichtet; er ſtreckte die Hände aus, um ſeine Kinder zu umarmen. Allein die Kleinen ſchraken vor dem bärtigen Manne zu⸗ rück, welcher ſich in der letzten Zeit ſehr verändert hatte und ſehr bleich ausſah. „Das iſt nicht unſer Vater,“ ſagte Eliſabeth, indem ſie ſchüchtern ihres Bruders Hand ergriff. „Ich fürchte mich hier, wenn doch Mama wieder mit uns fort gehen wollte.“ „Meine Kinder,“ begann indeſſen der Gefan⸗ gene.„Kommt näher, fürchtet Euch nicht, ich bin ja Euer Vater, der Euch ſtets ſo ſehr geliebt hat.“ „Helviſe, theures Weib,“ fuhr er fort,„omm und laß mich Deine Hand erfaſſen, meine Ketten langen nicht ſo weit, um Dir entgegengehen zu können. Die Unterredung, welche jetzt folgte, hatte einen höchſt troſtloſen Charakter. Thränen wurden dabei genug von Seiten Helviſens vergoſſen. Die Kin⸗ der, welche ſich dem Gefangenen endlich näherten, hatte derſelbe auf ſeinen Schooß genommen; er küßte ſie ein Mal um das andere und ſeine Augen, welche ſeit langen Jahren die Zähren ausgetrock⸗ net, fingen an ſich zu näſſen. Nach einem vnz Abſchiede 2 Helviſe — 260— nebſt ihren Kindern das Gefängniß und kehrte nach Hauſe zurück. Am folgenden Tage fand die Exekution ſtatt. Hans von Maxen wurde zuerſt hinausgeführt und an den Galgen gehangen. Dann kam der gefürchtete Talkenſteiner an die Reihe, er ſchien an dem heutigen Morgen mehr Muth gewonnen zu haben, als geſtern, und ergab ſich in das Unabänderliche. Sein Haupt ſiel unter dem Jubel der Menge, und alles freute ſi ſich darüber, nun endlich ein Mal von dem berüchtigten Chriſtoph von Talkenſtein und ſeinen Plappereien erlöſt zu ſein. Während die Hinrichtung ſtattfand, lag Helviſe nebſt ihren Kindern auf den Knieen und ſchickte in⸗ brünſtige Gebete zu Gott empor für die Seele des Verurtheilten. Zwei Tage nach ſeiner Hinrichtung verließ die Freifrau die Stadt Reichenberg, um ein anderes Aſyl für ſich und ihre Kinder zu ſuchen;z ſie fand daſſelbe auf der Burg eines ihr verwandten Ritters, welcher für ſie und ihre Kinder fernerhin Sorge trug. — FIll. Die Entſcheidung. Unterdeſſen hatte ſich der alte Burghard, wel⸗ chen wir unter der Pflege Eugeniens in der Eulen⸗ ſchenke zurückgelaſſen haben, wieder erholt; er konnte ſich in dem nahen Walde, welcher das Gebäude rings umgab, ergehen, und ſeine geſchwundenen Kräfte fingen an ſich nach und nach zu ſtärken. Eugenie, die mit kindlicher Sorgfalt über den Greis wachte, ſah mit Sehnſucht der Rückkehr Adam Schwobes entgegen, welcher nun bald ein⸗ treffen mußte. Eines Nachts wurde ſie durch den Wirth Amſel aus dem Schlafe geweckt, und als ſie erwachte, vernahm ſie lebhaftes Getöſe in der ſ in deren Umgebung. 6 8 „Was giebt es?“ frug ſie Amſeln;„es i doch kein feindlicher Ueberfall geſchehen?“ — 267— Der alte Oelsnitz hatte dieſer Seene ſchwei⸗ gend beigewohnt, er kam jetzt näher, und wie von einem Gefühl ergriffen, ſanken die beiden Verlobten auf die Kniee vor ihm nieder. „Nehmt meinen Segen*),“ ſagte der alte Mann gerührt,„vielleicht daß Gott ihn nicht un⸗ erfüllt läßt um Deinetwillen. Meine gute Eugenie, Du biſt ein ſo edles Weib und Deine reine Seele wird einſt den herrlichſten Sieg dadurch feiern, eine verlorene Seele dem Verderben entriſſen zu haben. O wohl mir, dem alten Manne, ich ſehe meinen Sohn gerettet durch Deine Tugend und ich ſegne die Stunde, die Dich mir näher brachte und in welcher ich Dich als meine Tochter umarmen darf.“ Der Greis ſing an zu wanken, ſeine Kräfte verließen ihn und ſeine Kinder ſihr ihn nach ſeinem Lager zurück. 3 Zwei Tage ſpäter war der alte Mann nichk mehr, ein Schlagfluß hatte ſeinem Leben ſchnell ein Ende gemacht, ſeine Leiche wurde auf dem Gotes⸗ acer eines der nächſten Dörfer beerdigt. Zwei Tage nach ſeinem Begräbniß verließ Eu⸗ genie für immer die Lauſitz, ſie begleitete ihren Ver⸗ lobten, S einem herzlichen Abſchiede von ihrer en v n in dieſem Hefte. — 263— iſt beigelegt und ich kann ungehindert hier verweilen, Niemand wird es wagen, einen Friedensbruch da⸗ durch zu begehen, mich anzutaſten.“ Das, was Schwobe geſagt, ging auch wirklich in Erfüllung; es erfolgte keine Anfeindung mehr gegen ihn, und es iſt wirklich auffallend, daß dieſer Landbeſchädiger ſo gelinde behandelt wurde. Der Freibrief des Kurfürſten ſchützte ihn, worinnen er als Ritter v. Oelsnitz genannt wurde. Der alte Oelsnitz empfing ſeinen Sohn mit großen Erwartungen, und als er ſich überzeugt hatte, daß ſein Name wieder hergeſtellt und die Schmach von ihm genommen ſei, da ſank er mit gerührter Seele in deſſen Arme. Die Verſöhnung war ſonach zwiſchen Beiden wieder hergeſtellt. „Jetzt will ich gerne hinabfahren in die Grube,“ ſagte der alte Herr von Oelsnitz,„ich habe lange genug gelebt, und danke Gott, daß es noch ſo mit mir gekommen iſt.— Eugenie, meine theure Tochter(denn als ſolche betrachte ich Euch), könnte ich Euch für die Treue lohnen, die Ihr an mir erwieſen habt.“ Eugenie ergriff die Hand des alten Mannes. „Ihr thut Euch ſelbſt unrecht, guter Vater,“ 36 ſagte ſie,„wenn Ihr Euch als meinen Sch — 264— betrachtet; im Gegentheil, habe ich Euch denn nicht viel mehr zu danken? Habt Ihr mich nicht gerettet vor den Anſchlägen jener Schändlichen, die mein einſames Haus überfallen und zu plündern ge⸗ dachten? Wäre ich ohne Euch nicht ſo ſehr un⸗ glücklich geweſen?“ „Es war Gottes Wille, daß es ſo kam,“ ſagte der Greis mit einem Blick zum Himmel. „Nun, ſo wollen wir dem Höchſten dafür dan⸗ ken,“ verſetzte Eugenie,„und ich will mich bemühen, Gott meinen Dank durch treue Pflege an Euch, guter Vater, zu beweiſen.“ „O Eugenie, Du biſt ein herrliches Weſen!“ rief der Ritter v. Oelsnitz,„ach, könnte ich Dir in Deinen Tugenden ähnlich werden. Doch meine Ver⸗ gangenheit war eine zu rauhe und verworfene, als daß ich jemals hoffen dürfte, Deine volle Verzei⸗ hung zu erlangen.“ „Verzweifle nicht, lieber Freund,“ ſagte Eu⸗ genie,„wer ſein Unrecht einſieht und bereut, beſin⸗ det ſich auf dem beſten Wege zur Beſſerung ſeines Lebens und ich glaube, daß mein lieber Milchbruder auf dieſem Wege nicht ſtehen bleiben wird.“ Der Ritter ergriff mit re die Hand der „So könnteſt Du mir S rief er.„D 3 — 265— Gott, wie glücklich würde mich die neken machen!“ „Ich habe bereits verziehen,“ ſaat g 5 „Gieb mir einen Beweis davon,“ verſetzte v. Oelsnitz. „Nenne mir die Bedingung deſſelben.“ Der Ritter ſchwieg ein Weilchen. „Eugenie,“ ſagte er hierauf,„Du ſollſt die Be⸗ dingung ſogleich vernehmen.“ Dann fuhr er fort: „Ich habe das wilde Leben herzlich ſatt, ich bin deſſelben müde geworden und will von nun an ruhig bleiben. Meine verlorenen Güter, die ich zurück erhalte durch die Gnade des Churfürſten, ge⸗ währen mir mehr, als ich zu meinem ungezwunge⸗ nen Leben bedarf, ich will daher einen Theil davon zur Sühnung meines begangenen Unrechts verwen⸗ den, und nun frage ich Dich, Eugenie, könnteſt Du Dich entſchließen, den noch übrigen Reſt meines Vermögens als Gattin mit mir zu theilen? Du 6 errötheſt vor dieſem Verlangen. O, rede Eugenie, laß mich von Deinen Lippen die Entſcheidung mei⸗ nes ferneren Schickſals vernehmen; willſt Du mich durch Deine Hand beglücken oder mich durch Ver⸗ weigerung derſelben von Neuem hinausſtoßen in die Wirren und Fehden der ſtürmiſchen Gegenwarts“ Srnung zu 3 ₰ — 266— Eugenie hatte einen ſolchen Antrag nicht er⸗ wartet, ſie war daher um ſo mehr überraſcht wor⸗ den; ſie ſuchte dem v. Oelsnitz die Hand zu entzie⸗ hen, die er feſt in der ſeinigen hielt. „Sprich, Eugenie,“ fuhr er fort,„entſcheide, ich bitte Dich.“ Da faßte ſich die edeldenkende Wittwe ein Herz. „Mein lieber Freund,“ ſagte ſie,„es ſei ferne von mir, Dich auch nur im mindeſten zu betrüben, viel weniger die Beſſerung Deines Lebens durch die Nichterfüllung Deines Wunſches zu verhindern. Ich will Dein Verlangen erfüllen, nimm meine Hand und zugleich das heilige Verſprechen, daß ich Dir eine treue Gefährtin auf dem ferneren Lebenswege ſein will. Dagegen verlange ich aber auch von Dir die Verpflichtung, daß Du von nun an ein Mann von guten Grundſätzen, von Ehre und Tugend ſein willſt, daß Du durch Wohlthaten an den Armen dasjenige wieder gut zu machen ſuchen willſt, was Du in Deiner unglückſeligen Verblendung begangen hnſ.“— „Ich will es,“ verſetzte v. Oelsnig,„und ge⸗ lobe es vor Gott und vor Dir, daß mein ferneres Leben erfüllt ſein ſoll mit Beſtrebungen, das bisher begangene Unrecht mit Werken der Liebe der Bewaffneter.“ —— der Stände verhandelt werden ſollen. „Das nicht,“ verſetzte Jener,„der Ritter, wel⸗ cher Euch vor einiger Zeit verlaſſen hat, iſt wieder angelangt und zwar mit einem ganzen Schwarme Eugenie wurde hoch erfreut vurch dieſe Nach⸗ richt, ſie warf ſich ſchnell in die Kleider und begab ſich hinab; auf dem Wege begegnete ihr Adam Schwobe, welcher in Beg iff„an das Ruhe⸗ lager ſeines Sohnes zu eilen. Die Begrüßung der Leden wr 5 ſo herz⸗ lich wie ungezwungen. „Wie geht es mit meinem Vater?“ rief der Ritter;„o ſprecht! beſindet er ſich wohl?“ „Er iſt, Gott ſei Dank, geſund,“ ſagte Eugenie, „und Euer Anblick wird ihn hoch erfreuen, wenn—“ ſie zögerte. „Ich weiß, was Ihr ſagen wollt, theure Eu⸗ genie,“ verſetzte Adam Schwobe,„und ich freue mich, Euch genügend darauf antworten zu können. Ich bin gekommen, um Euch eine frohe Nachricht zu überbringen. Der edle Herzog Achilles von Brandenburg hat ſich zum Vermittler zwiſchen mir und den Städten beſtimmen laſſenz bereits ſind Briefe nach den Landen der Sechsſtadte abgegangen, wonach meine Angelegenheiten vor einer C ommiſſion — 6— Freundin Marie Geiſig, nach Brandenburg, an den Hof des Kurfürſten, wo ſie ihre Verbindung feierten. v. Oelsnitz war in der Ehe ein muſterhafter Gatte und machte viele ſeiner Vergehen die er in früherer Tolitühnheit und Verblendung be⸗ ging. Seine Streitigkeiten mit den Lauſitzern wur⸗ den nach einiger Zeit beigelegt und die Fehde hatte ſonach ein Ende. Eugenie lebte an der Seite ihres Gemahls glücklich, ſie hatte ihn ſchon früher geliebt und ſeine Bemühungen, ſich dieſer Liebe würdig zu zeigen, ließ ſie dasjenige vergeſſen, was ihn einſt entwür⸗ digte.— Der Eulenwirth Amſel trieb ſein in Handwerk noch einige Zeit fort und ſtand mit ſei⸗ nen Genoſſen in beſtändiger Verbindung, er yeilte mit ihnen die erlangte Beute und erwarb dabei nach und nach ein Vermögen, deſſen Beſitz ihn im⸗ mer habgieriger machte; er dachte nur daran, es immer mehr zu vergrößern. Sein vertrauter Theünehmer Martin, welcher den Dienſt als Hausknecht in der Schenke verſah, war von gleichem Schlage, heimtückiſch und pab⸗ gierig wie ein Rabe, er ſtahl den Fremden die Hab⸗ ſeligkeiten aus den Reiſeſäcken und hatte auf dieſe Weiſe einen ganzen Vorrath von allerhand Gegen⸗ — 269— ſtänden zuſammengebracht, die er gewöhnlich an vorüberkommende Schacherjuden verkaufte, die bei dergleichen Handelsgeſchäften noch immer einen an⸗ ſehnlichen Gewinn machten, indem Michel unter der möglichſten Bedingung Preis machte. TIll. Amſels und ſeiner Genoſſen Schickſal. Während dieſer Zeit war der in Reichenberg gefangen ſitzende rothe Wolf von ſeinen Wunden faſt ziemlich geheilt worden; er hatte im Laufe ſeiner Krankheit verſchiedene Geſtändniſſe abgelegt, und das Gericht hoffte noch mehr Vortheil daraus zu ziehen, wenn man ſeine Verurtheilung noch auf einige Zeit hinausſchieben wolle. Der Gefangene bewohnte daſſelbe Gemach, in welchem ſein Genoſſe Chriſtoph von Talkenſtein die letzten Tage ſeines Lebens zugebracht hatte. Er benahm ſich ſehr reumüthig und aus dem wilden Wolf ſchien ein frommes Lamm geworden zu ſein. Seine Wächter benahmen ſich mit beſonderer Rückſi icht gegen ihn; er durſte in einem kleinen Hofe ſn gehen und ſich daſelbſt längere Zeit an — — — 271— der friſchen Luft erquicken. Hier ſaß er daher oft ſtundenlang, wie es ſchien, in ernſte Betrachtungen verſunken; dann verlangte er zuweilen, vor die Richter geführt zu werden, um neue Bekenntniſſe abzulegen. Der Gefängnißwärter, welchem man die Pflege des rothen Wolf übergeben hatte, war noch ein junger gutmüthiger Mann, welcher zuweilen mit dem Gefangenen ſprach und ihn nach dieſem oder jenem Bedürfniſſe fragte. An einem trüben Regentage bemerkte Wolf, daß es heute ſchlechter als gewöhnlich mit ihm gehe. „Meine Wunden ſchmerzen mich heute gewaltig,“ ſagte er,„und es wäre am beſten, man machte ein Ende mit mir! Seid ſo gut, lieber Anton,“ fuhr er gegen ſeinen Wärter fort,„holt mir einen Geiſt⸗ lichen, ich will ihm meine Sünden beichten.“ Anton zeigte ſich ſogleich bereitwillig, den Wunſch ſeines Gefangenen zu erfüllen. „Ich will zu dem Pater Joſeph gehen,“ ſagte er,„es iſt dies ein gar frommer Mann und weiß einem das Herz zu rühren.“ „Dann holt mir beſonders dieſen,“ ſagte Wolf „ich bedarf eines ſolchen Mannes, damit mein derz * weich gemacht wird, das ſo lange Zeit hindurch faſt wie ein Stein geweſen iſt.“ Anton entfernte ſich hierauf und nach einer Stunde kehrte er mit dem Pater Joſeph zurück. Bei ſeinem Anblick neigte Wolf demüthig ſein Haupt zur Erde und bewies einen ſolchen Kleinmuth, daß Niemand an ſeiner innern Zerknirſchung Zweifel hegen konnte. „Mein Sohn,“ ſagte Pater Joſeph,„ich bin gekommen, um Deine Beichte zu hören; biſt Du bereit dazu, mir dieſelbe abzulegen?“ „Ich bin es, frommer Pater,“ ſagte Wolf, das Gefühl meiner Sünden drückt mich ſchwer zu Boden, und in der Angſt meines Herzens ſchickte ich nach Euch, um für meine Seele Ruhe zu finden.“ Der Pater winkte hierauf dem anweſenden Wärter Anton und ſagte zu ihm: „Traget Sorge, mein Lieber, daß uns Riemand ſtört bei dem heiligen Werke.“ Anton verneigte ſich, dann ging er hinaus und verließ die Beiden, welche jetzt ihre geißlichen Vor⸗ richtungen ungeſtört vornehmen durften. Eine Stunde war vergangen und der Pater kam noch immer nicht aus dem Gefängniſſe wieder heraus. Anton hatte unterdeſſen einige kleine —— —— — 8— Arbeiten in einem neben dem Flur befindlichen Zimmer vorgenommen. Endlich kam der Pater vorüberz er hatte des ſchlechten Wetters halber ſeine Kaputze heraufge⸗ zogen und ſchritt langſam und mit gefalteten Hän⸗ den der Thüre zu. Anton wagte es nicht, den hei⸗ ligen Mann zun ſtören und ließ ihn hinaus; dann ſchloß er die Thüre hinter demſelben zu. Nachdem der Pater die freie Straße erreicht hatte, wandte er ſich dem nächſten Stadtthore zu. Die Vorüberkommenden grüßten ihn ehrerbietig, worauf er jedesmal mit großer Salbung dankte. Die Wache unter dem Thore ließ ihn unge⸗ hindert hinaus. Eine halbe Stunde konnte vergangen ſein, als Anton ſeinen Gefangenen beſuchen ging. Er öffnete die Thür, und welch' ein Anblick wurde ihm da— ein Anblick, der ſeine Glieder vor Schreck erſtarren machte. Auf der Diele des Zimmers lag Pater Joſeph mit zerſchmettertem Kopfe, ſein Geſicht war mit Blut bedeckt und er gab kaum ein Lebenszeichen mehr von ſich. Der Unglückliche war ſeiner geiſt⸗ lichen Kleidung beraubt und neben ihm lag die Oberkleidung des geflohenen Wolf, welcher dieſelbe mit dem geiſtlichen Ornate vertauſcht hatte. Adam Schwobe. 15. Lieferung. 18 — 274— Anton ſtieß einen lauten Schrei aus, er fing am ganzen Leibe an zu zittern und rannte eiligſt zu den Wachen hinab, um ihnen die Nachricht von dem ſchrecklichen Vorfall zu überbringen. „Ach mein Gott, ich bin verloren,“ ſeufzte er, „durch meine Schuld iſt der heilige Pater ermordet worden und der obſcheuliche Verbrecher entflohen; o, was ſoll mir armen Mann jetzt geſchehen?“ Die Nachricht von Wolfs verübtem Verbrechen und ſeiner Flucht verbreitete ſich ſchnell in der ganzen Stadt; es wurden ſchleunigſt nach allen Richtungen Boten zu Fuß und zu Roß ausgeſchickt, um den Mörder zu fangen; allein man fand ihn nirgends, ſo viel Mühe man ſich auch um ihn gab. Der Pater Joſeph, welcher ein ſehr recht⸗ ſchaffener frommer Mann geweſen war, wurde all⸗ gemein bedauert, man war ſehr betrübt über ſeinen Tod, und die heftigſten Verwünſchungen folgten ſeinem entflohenen Mörder nach, welcher glücklich genug war, den Verfolgungen der Reichenberger zu entgehen.————————— Drei Tage waren ſeit der Ermordung des Pater Joſeph vergangen, der Abend hatte ſich ge⸗ nähert und vor der Hausthür ſeines Hauſes ſaß in ſtumpfer Betrachtung Meiſter Amſel, der Gaſt⸗ wirth zur Eulenſchenke. Ihm gegenüber ſaß Walter, der Grundmüller, während der Hausknecht Martin damit beſchäftigt — 275— war, für den nchſen Feiertag den ſchmutzigen Hof der Herberge ein wenig aufzuräumen. Da näherte ſich von Zittau her ein Fußreiſen⸗ der. Derſelbe ſchien bereits eine weite Tour zurück⸗ gelegt zu haben und ſehr müde zu ſein. Er trug ein aufgeſchürztes Mönchskleid und in der Hand hielt er einen ſtarken Stab, während die graue Ka⸗ putze zur Hälfte ſein Geſicht bedeckte. Der Wanderer trat an die beiden Männer heran, grüßte ſie in einem ſehr zaghaften Tone und hielt um ein Lager für dieſe Nacht an. „Das könnt Ihr haben,“ ſagte Amſel,„wenn Ihr mit einigen Buͤndeln Stroh zufrieden ſeid. Wir haben nicht viel in unſerm Hauſe, womit wir den Reiſenden dienen können.“ „Ich bin mit Allem einverſtanden,“ ſagte der Unbekannte,„und verlange nichts als einige Stun⸗ den ungeſtörten Schlafes unter Eurem Dache, das iſt alles, was ich wünſche,“ damit ſetzte er ſich auf eine in der Nähe ſtehende Bank. Amſel betrachtete ſeinen Gaſt mit ſcharfen Augen, er mußte dieſes Geſicht bereits irgendwo geſehen haben. Der Fremde, welchem es nicht entging, daß er auf's Korn genommen wurde, zeigte einige Ver⸗ legenheit darüber. „Wo kommt Ihr her?“ fragte der Pr⸗ müller den Fremden, indem er ihm ſeinen Bierkrug hinſchob und ihn aufforderte, zu trinken. „Ich komme von Gabeln,“ verſetzte der Ge⸗ fragte, indem er den Krug ergriff und ſeinen Durſt löſchte; dann fügte er hinzu:„Ich habe eine Bot⸗ ſchaft gen Budiſſin zu beſchaffen und will morgen früh meine Reiſe fortſetzen.“ Amſel beſorgte hierauf für ſeinen Gaſt einige Erquickung, die Jener auch im Freien verzehrte. Der Grundmüller begab ſich hierauf auf den Heim⸗ weg und ließ Amſel bei ſeinem Gaſte allein zurück. Anmſel ſchlug dem Letzteren vor, mit ihm in die Stube hinein zu gehen, wozu Jener auch nicht ab⸗ geneigt war, man ſetzte ſich an einen Tiſch und nachdem ſich Amſel überzeugt hatte, daß ſie unbe⸗ lauſcht waren, ſagte er: „Ich will darauf fluchen, wenn wir uns nicht ſchon früher geſehen haben, es iſt dies auch noch nicht ſo lange Zeit her. Ihr waret einſt an der Spitze einer gar luſtigen Schaar, wenn ich nicht irre, und die Friedländer wiſſen von Euch etwas zu erzählen. Ha, ha, Ihr werdet verlegen, ich habe den Nagel auf den Kopf getroffen, Ihr ſeid der ſo⸗ genannte rothe Wolf— ſtreitet nur nicht, ſonſt will ich Leute holen, die es mir bezeugen ſollen.“ Der Reiſende ſah ſich jetzt erkannt.— „Ihr habt ein ſcharfes Auge, Meiſter Amſel,“ ſagte er,„das muß ich geſtehen.— Nun, ich denke doch, daß Ihr mir keinen Nachtheil dadurch bereiten werdet?“ * aus enderes n Amſe — 8 en Se men t tehm „ — 277— „Nicht im Geringſten,“ verſetzte Amſel,„das fällt gir gar nicht ein, im Gegentheil, ich freue nih En⸗ nähere Bekanntſchaft zu machen.“ Der rothe Wolff theilte jetzt Amſeln ſeine Flucht aus Reichenberg mit und verſchwieg ihm die näheren Umſtände, unter welchen er dieſelbe ausgeführt hatte. Er war froh, hier einen Schlupfwinkel ge⸗ funden zu haben, wo er hoffen durfte, nicht ſo leicht ausfindig gemacht zu werden.“ Die ſaubere Geſellſchaft beſtand aus Amſel, deſſen Hausknecht Michel, Wolf und dem Grund⸗ müller Walter. Dieſe fingen nun an, nach ihrer Weiſe Geſchäfte zu machen, ſie beſtahlen die Rei⸗ ſenden, und ſchon mehrmals waren Perſonen, welche in die Eulenſchenke eingekehrt waren, verſchwunden und nicht mehr zum Vorſchein gekommen. Unter den Letzteren machte das Verſchwinden eines Bürgers aus Budiſſin, welcher nach Zittau gereiſt war, beſonderes Aufſehen, und da man bereits Arg⸗ wohn gegen Amſels Wirthſchaft gefaßt hatte, ſo be⸗ ſchloß der Rath von Zittau, die Sache einer ge⸗ heimgehaltenen Unterſuchung zu unterwerfen. Die Schenke wurde eines Abends plötzlich von Bewaffneten eingeſchloſſen und alle ihre Bewohner gefangen genommen; unter befand ſit ich c der rothe Wolf. Auf der Folter bekannten ſie eine große an⸗ zahl ihrer verübten Verbrechen. Michel, welcher der — S Feigſte unter ihnen war, geſtand Alles ein, was er wußte; er gab in ſeinem Geſtändniß auch den Grundmüller an, der auch ſofort eingezogen wurde. Der Proceß dauerte nicht lange, ſie erhielten den Lohn für ihre Thaten durch den Henker. Der rothe Wolf wurde nach Reichenberg ge⸗ bracht und als Pater Joſephs Mörder erkannt. Es wurde nun nicht gezögert, ihn zu beſtrafen, und ſein Urtheil lautete auf Zwicken mit glühenden Zangen und Hinrichtung mit dem Strange. Der Delinquent wurde hierauf halb nackend durch die Straßen geführt; bei jeder Straßenecke machte der Zug Halt; die Henker näherten ſich dem Verurtheilten und kniffen ihn mit ihren ſchrecklichen Werkzeugen, ſo daß er laut aufheulte vor Schmerzen. Nachdem er faſt zu Tode gemartert worden war, legte man ihn auf eine Kuhhaut und ſchleiſte ihn zum Galgen hinauf. Da er nicht mehr die Kraft beſaß, ſich empor zu richten, ſo wurde ihm in liegender Stellung der Strang um den Hals gelegt, worauf man ihn raſch in die Höhe zog, wo er nach kurzer Zeit ſein ver⸗ brecheriſches Leben endete. — —— — — Bu Ausgang des Landeshauptmanns Georg von Stein. Ein Zeitraum von mehreren Jahren war ſeit den zuletzt erzählten Ereigniſſen verfloſſen. Es war im Jahre 1590, als der Landeshaupt⸗ mann Georg von Stein, welchen wir als einen von den Budiſſiner Bürgern gefürchteten und ge⸗ haßten Mann kennen lernten, von Neuem darauf hinſtrebte, den Städten ihre bisherigen Freiheiten und Privilegien zu entziehen. Auf einen Ruf des Königs Matthias hatte derſelbe ſeinen Wohnſitz in Budiſſin verändert und das ihm vom Könige geſchenkte Schloß Steinau in Schleſien zu ſeinem Aufenthalt gewählt; die dazu gehörige Herrſchaft Stein au und Raud e war ihm ebenfalls überlaſſen worden. Der mächtige Günſtling hatte ſich vurch ſe bürgerfeindlichen Handlungen die Breslauer nicht ———— — 280— minder zu Feinden gemacht, welche durch vielfache Verwirrungen von ihrem frühern Reichthum zu einem Grad von Armuth herabgeſunken waren. Im Ver⸗ ein mit dem Landeshauptmann des Fürſtenthums Breslau, Namens Heinrich Dompnig, hatte er dahin geſtrebt, das Land der Ober⸗ und Niederlauſitz ſammt den Sechsſtädten dem König Wladislaus von Böhmen abzudrücken und der Krone des Königs Matthias, ſeines Gönners, einzuverleiben. Als ihm jedoch von Land und Städten Wider⸗ ſtand gethan wurde, und er befürchtete, es möchte dieſer Plan nicht glücklich ausfallen, wenn ſich die Bürger der Sechsſtädte beim Könige beklagten, ſo reiſte er in aller Stille von Breslau, ab, wo er ſeinen gleichgeſinnten Freund Heinrich Dompnig allein zurückließ, und kam nach Bautzen, wo ihn die Bürger mit unwilligen Geſichtern empfingen. Jm Geheimen traf er nun Anſtalten, das Schloß Ortenburg mit Pulver, Feuerkugeln und allerhand Vertheidigungsmitteln zu verſehen, um, wie ihn die Bautzner beſchuldigen, ihre Stadt an⸗ zuzünden und zu verderben, eine Beſchuldigung, die keinen hinreichenden Grund zu haben ſcheint und wohl nur der heftigen Erbitterung der Bürger jener Stadt zuzuſchreiben iſt. Mitten in ſeinen geheimen Zurüſtungen begriffen, kam die Nachricht nach Bautzen, daß König Matthias todt ſei. * Dieſe Nachricht war für das ganze Land ein wahrer Jubel und beſonders erregte dieſelbe in Bautzen große Freude; man forderte den Landvoigt auf, die Ortenburg zu räumen und ſie zu übergeben. Allein Georg v. Stein gab dieſem Verlangen kein Gehör, er rüſtete ſich zur Vertheidigung und war entſchloſſen, den feſten Platz nicht zu übergeben. Auf dieſe Erklärung wurde die Ortenburg von der Ritterſchaft und den Sechsſtädten belagert und noch im Jahre 1490 eingenommen, worauf ſie dem Könige Wladislaus zum Beſten behalten wurde. Der Landvoigt wurde hierauf. bedeutet, daß er ſeines Amtes verluſtig ſei, und daß er das Land raͤumen ſolle.“ Während man noch mit ihm verhandelte, er⸗ folgte ein Schreiben von Breslau, welches die Anforderung enthielt, den Landesverräther Georg v. Stein nicht abziehen zu laſſen, ſondern ihn als Gefangenen nach Breslau zu ſenden. „Wir haben,“ ſchreiben ſie bereits einem ſeiner Freunde,„den Landeshauptmann des Fürſtenthums, Heinrich Dompnig, in ſicherem Gewahrſam ſitzen, und wollen denſelben nach Recht und Verdienſt be⸗ ſtrafen. Schicket uns demnach auch jenen Georg v. Stein anher, damit auch ihn der Lohn für ſeine* böſen Anſchläge treffe.“ Der entſetzte Landvoigt mußte hierauf vor dem — 282— Rathe zu Bautzen erſcheinen, welcher ihn mit dem Verlangen der Breslauer bekannt machte. Georg v. Stein ſah es ein, daß mit der Er⸗ füllung dieſes Geſuchs zugleich ſein Todesurtheil ausgeſprochen ſei; er wußte, wie ſehr ihn die Bür⸗ ger von Breslau haßten, und wie ſie dieſes Rache⸗ gefühl mit wilder Freude an ihn ſtellen würden, wenn er in ihre Hände kommen ſollte. Der Bürgermeiſter redete hierauf den Er⸗Land⸗ voigt in folgender Weiſe an: „Herr v. Stein, Ihr habt bisher ſtets ein feind⸗ liches Benehmen gegen uns und unſere liebe Stadt bewieſen. Wir konnten nur ſelten, und ſtets mits Wiederſtreben, von Euch etwas erlangen; mochte es auch unſern Rechten und Privilegien noch ſo nahe liegen, Ihr waret ſtets darauf bedacht, uns und dem glücklichen Zuſtande der Stadt Eintrag zu thun; und wenn ein Bürger vor Euch kam und um Abſtellung dieſes oder jenes Uebelſtandes bat, ſo hattet ihr 3l eine verneinende Antwort für ihn.. „Jetzt iſt Euer Regiment zu Ende. Der Kö⸗ nig Matthias von Ungarn hat dieſe Welt geſegnet und mit ſeinem Tode iſt zugleich Euer Einfluß auf das v der Sechsſtädte erloſchen. „Die Bürger von Breslau wünſchen, wir möch⸗ ten Euch an ſie abliefern und wir wiſſen gar wohl, was es für Folgen für Euch haben würde, wenn wir dieſes Begehren erfüllen wollten. Allein, es ſoll dies nicht geſchehen, Ihr ſollt frei ſein; und damit Ihr deſto ungehindert von hier fortkommen möget, ſo wollen wir Euch eine Schutzwache bis nach Gör⸗ litz mitgeben, von wo es Euch dann freigeſtellt ſein ſoll, wohin Ihr zu gehen gedenkt. Es ſei,“ fügte er hinzu,„den Görlitzern überlaſſen, wohin ſie Euch geleiten wollen.“ Der Landvoigt ſah ſich durch den Edelmuth ſeiner Feinde beſchämt, wie oft hatte er nicht die Bautzner durch ſeine Strenge und willkürlichen Verfügungen hart beleidigt, und jetzt gaben ſie ihm einen Beweis von ihrer Bürgertugend, die er bis⸗ her verachtet hatte. „Ich muß bekennen, daß ich einen ſo milden Spruch aus dem Munde der Väter dieſer Städte nicht erwartet habe,“ ſagte er,„und ich werde es niemals vergeſſen, daß Budiſſins Bürger unter die edelſten Männer des Landes zu rechnen ſind. Ich habe ihnen oft gezürnt, und indem ich ſie jetzt um Verzeihung bitie, erkläre ich es laut vor aller Welt, daß ich ſtets bemüht ſein werde, dieſer Stadt auch künftig förderlich zu ſein, wenn ich jemals wieder dazu Gelegenheit finden ſollte.“ Am folgenden Tage, es war am Donnerstage nach Jubilate, als Georg v. Stein Anſtalten traf, Budiſſin für immer zu verlaſſen, und damit ſie ihn um ſo eher los wurden, 66e ihm die Sing§ — 284— 200 Fußknechte mit, die ihm das Geleite bis auf den halben Weg nach Görlitz geben ſollten. Als Georg v. Stein die ſtolze Ortenburg, welche er im Auſtrage des König Matthias erbaut hatte, zum letzten Male erblickte, brach er in einen lauten und ſchweren Seufzer aus, welcher die Stimmung ſeiner Seele genugſam bezeichnete: „Der Menſch denkt, und Gott lenkt. O, für wen habe ich dich erbaut!“ Während des Zuges ließen ſich hin und wieder laute Verwünſchungen vernehmen, welche dem Land⸗ voigt galten, und er würde wohl nicht lebendig aus dem Lande gekommen ſein, wenn ihm die bewaffneten Fußknechte nicht Schutz geleiſtet hätten. An der Grenze des Weichbildes von Bautzen blieb ſeine bisherige Bedeckung zurück; er dankte nochmals auf das Wärmſte, und ſetzte dann ſeine Reiſe in Begleitung einiger Reiſigen fort, und langte glücklich in Görlitz an. Von hier geleitete man ihn nach der Mark. Seine übrigen Tage ſind in Dunkel gehüllt; er ſtarb nach dem Zeugniß eines älteren Schriftſtellers im Jahre 1497. 3 So war denn der einſt ſo einflußreiche Mann von der bewegten Bühne ſeines Zeitalters abgetreten⸗ ohne von Denjenigen belohnt worden zu ſein, wel⸗ chen er ſo lange gedient hatte. Gehaßt von dem größten Theile des Bürgerthums, deſſen Selbſiſtän⸗ —— — 285— digkeit er auf alle Art unterdrückt hatte, wofür ihm die verdiente Verachtung in reichlichſtem Maaße geworden war, floh er aus dem Lande, um in der weiteſten Ferne ein Aſyl zu ſuchen, und dann in der Verlaſſenheit über ſein Schickſal nachzudenken, das er ſelbſt herauf beſchworen hatte. Nicht ſo glücklich entkam Heinrich Dompnig, der Landeshauptmann des Fürſtenthums Breslau, der ihm drohenden Gefahr. Zwar ahnte er ſein Schickſal und forderte bald nach des Königs Tode die Entlaſſung von ſeinem Amte; er erhielt dieſelbe, wurde aber dadurch ſo ſicher gemacht, daß er die Zeit ſeiner Rettung verſäumte. Ehe er es vermuthete trat man gegen ihn mit Klagepunkten auf und verhaftete ihn plötzlich am Sonnabend vor Johannis. Dieſe Punkte beſtanden darin, daß er ſtädtiſche Gelder unterſchlagen, Landgüter veruntreut und verſchwendet, neue Auflagen befördert und dem König und ſeinem Statthalter die Verhandlun⸗ gen des Rathes, welchen er beigewohnt hatte, mitgetheilt und ſich vor und nach des Königs Tode für deſſen Beſtand und für die Krone Ungarns er⸗ klärt habe, ſo daß Schleſien, welches doch erblich zu Böhmen gehöre, von dieſem Reiche für immer los geriſſen werden ſolle. Dieſe letzte Beſchuldigung war es beſonders, welche auch dem Landvoigt v. Stein beſonders zur Laſt gelegt wurde. — 286— Der Rath brachte den Prozeß hierauf vor die Gemeinde, die ihm volle Macht übertrug, darinnen zu verfahren. Dompnig wurde hierauf gefoltert, und ohnge⸗ achtet er ſeine Unſchuld betheuerte und ſich zu Ant⸗ wort und Recht vor ſeinem künftigen Herrn erbot, erhielt er doch nachfolgendes Urtheil: „Wie wohl, daß er ſolches ſeines böſen Han⸗ delns und Fürnehmens halber, einen härtern und ſchwerern Tod verdient habe, ſo wollen ihm doch die Herren Gnade anthun und ihn mit dem Schwerte richten laſſen, welches Urtheil ihn ungeſäumt tref⸗ fen ſoll.“ „Was ſagt Ihr da, meine Herren,“ rief Domp⸗ nig aus,„ſoll ich denn nicht auch reden? Ehrſame Herren, ich bitte Euch bei Gott und dem göttlichen Recht, ich will mich verantworten!“ Man ließ ihn jedoch nicht dazu kommen. „Nun, ſo will ich mich in mein Schickſal er⸗ geben,“ ſagte er,„denn ich merke wohl, daß es nicht anders ſein ſoll.“ Am 4. Juli 1490 geſchah die Hinrichtung vor dem Rathhauſe und zwar bei geſchloſſenen Thoren. Ees war gegen drei Uhr Nachmittags; er widerrief dabei noch Alles, was er auf der Folter geſtanden hyatte und erklärte, daß er den Tod unverdient um des Neides halber leide. Er verrichtete dann ſein Gebet und kniete auf einem ſchwarzen Tuche nieder, — S reichte ſeinen Kopf dem Nachrichter und dieſer trennte ihn mit einem Hiebe vom Körper. Unter dem Geläute der Glocken wurde er auf den Gottesacker zu Maria Magdalena begraben, da wo noch jetzt die ſteinerne Säule dem Pfarrhofe gegenüber ſteht. Ein gemaltes Bild findet ſich jetzt noch von ihm auf dem Rathhauſe zu Breslau. Als Georg von Stein das Schickſal ſeines Freundes vernahm, ward er darüber ſehr bekümmert. Er hatte ſein Leben allein den Bürgern von Bu⸗ diſſin zu verdanken, hätten ihn vieſelben nach Breslau abgeliefert, ſo würde es ihm nicht ein Haar beſſer als ſeinem ehemaligen Verbündeten Heinrich Dompnig ergangen ſein. FKV. S lu ß Einige e waren ſeit der Erftürmung des Talkenſteins vergangen, die Trümmern der alten ſtolzen Ritterburg lagen weit umher zerſtreut und das Waldgeſtrüpp begann bereits über denſelben zu wuchern. An einem ſchönen Tage des Frühjahrs 1496 wei Ritter in Begleitung mehrerer Knappen Einer von den Erſteren war der Andere hingegen S. —— der eingeäſcherten Burg friſcht ſie von Neuem in „Gewiß, mein Vater,“ verſetzte der junge Mann,„ich werde jene Erinnerungen niemals ver⸗ geſſen, ſie ſind zu lebhaft bei mir und der Anblick mir auf.“ Der Ritter von Hohenſtein, welchen wir nebſt ſeinem Sohne wieder erkennen und welcher einſt hier hart gefangen geſeſſen hatte, ſtieg über die zer⸗ ſtreuten Steine und Mauerſtücke hinweg, um den Gipfel des Burgberges zu erſteigen. Da gewahrte er plötzlich einen alten Eremiten an der andern Seite der Anhöhe, ſie ſtanden einander ſo nahe, daß ſie ſich durch Sprechen verſtändlich machen konnten. Der Ritter grüßte den Greis, welcher, wie Jener jetzt bemerkte, einen hübſchen Knaben von etwa 14 Jahren bei ſich hatte. Der alte Wald⸗ bruder erwiederte den Gruß, worauf ſie bald in ein Geſpräch mit einander kamen. „Es iſt hier nichts mehr zu ſchauen,“ ſagte der Einſiedler,„als ein Heer von Trümmern, die uns die Vergänglichkeit des Irdiſchen predigen. Da, wo jetzt das Gras wuchert, ſchritt früher der eiſen⸗ gepanzerte Ritter einher und in den eingeäſcherten Räumen ſtimmt jetzt das Käuzlein ſeinen laut an.“ „Es war eine Stätte des Verbrechens und des gröbſten Laſters,“ ſagte der Ritter von Hohenſtein, „und Gott ſei Dank, daß dieſe Zeit vorüber Segangen Adam 15. Lieferung. 19 — 290— iſt. Ritter Chriſtoph von Talkenſtein war ein gar übler Mann, und ich ſelbſt habe harte Unbill von ihm erfahren müſſen; ich war einige Zeit ſein Ge⸗ fangener und kann wohl ſagen, daß jene Zeit, die ich hier verleben mußte, die ſchlimmſte und troſt⸗ loſeſte meines bisherigen Lebens geweſen iſt.“ Während der Ritter noch ſprach, trat der blond⸗ gelockte Knabe näher zu ihm heran. „Verzeiht, wenn Euch mein Vater Böſes zu⸗ gefügt hat,“*) ſagte er,„thut das um meiner Mutter willen, die jetzt in einer beſſern Welt lebt 4 und für die Vergehen des Hingerichteten zu Gott 3 betet.“. Der Ritter wurde beklommen durch dieſe Worte. Wie?“ ſagte er,„wäre es möglich, den Sohn der edlen Freifrau Heloiſe von Talkenſtein vor mir zu ſehen?“ 3 „So iſt es,“ ſagte der Eremit,„die Burgfrau 3 von Talkenſtein, welche nach der Erſtürmung dieſes Schloſſes eine Stätte bei einem ihrer Verwandten fand, iſt geſtorben; ſie hinterließ zwei Kinder, Hein⸗ rich und Eliſabeth.“ Der Ritter betrachtete den jungen Heinrich mit lebhaftem Intereſſe. „Sagt mir, frommer Vater, was iſt hinſichtlich der Zukunft Heinrichs beſtimmt?“ frug er dann. Siehe die Abbildung im vorigen Hefte. † — 291— Der Alte machte eine bekümmerte Miene. „Sein Loos iſt getrübt durch des Vaters Schuld,“ flüſterte der Alte,„er ſteht verlaſſen, elternlos und ohne Gönner, ohne Freunde auf der Welt.“— Da faßte der Ritter des Knaben Hand. „Mein Sohn,“ ſagte er,„würdeſt Du Dich entſchließen können, mich zu begleiten? Ich möchte an Dich meine Schuld bezahlen, was mir gegen Deine edle Mutter nicht möglich war, die mir die Freiheit gab und mir nebſt meinem Sohne das Leben rettete.“ „Komm mit mir,“ fuhr er fort,„Du ſollſt an mir einen zweiten Vater haben und mein Ehrich wird Dir ein liebender Bruder ſein.“ Der Knabe ſah freundlich zu dem Sprechenden empor. „Ich würde Euch folgen, Herr Ritter,“ ſagte er,„denn ich habe großes Vertrauen zu Euch; aber ich muß befürchten, daß Ihr dasjenige niemals ver⸗ geſſen werdet, was Euch mein Vater zugefügt hat.“ „Bei Gott, nein, ich will nicht mehr daran ge⸗ denken!“ verſetzte der Ritter,„es ſoll vergeſſen und vergeben ſein! Zudem wäre es das härteſte Un⸗ recht, wenn der Sohn des Vaters Schuld entgelten ſollte. Nein, nein, das ſoll nimmer geſchehen. Du begleiteſt mich nach meiner Burg nach Böhmen hin⸗ auf, dort ſollſt Du es gut haben; ich will Dich in 19 — 292— allen ritterlichen Gebräuchen unterrichten laſſen und es ſoll mein Stolz ſein, einen recht braven und edlen Mann aus Dir zu machen.“ „Ich weiß gewiß,“ fügte er, gegen ſeinen Sohn gewendet, hinzu,„mein Ehrich wird mit meinem Entſchluſſe einverſtanden ſein.“ „Von ganzem Herzen, mein Vater,“ verſetzte der junge Rittersmann,„ich freue mich herzlich über dieſe Schickung.“ Und mit dieſen Worten reichte er dem jungen Heinrich von Talkenſtein die Hand. Der alte Eremit war ſehr gerührt worden. „Gott ſegne Euch, Herr Ritter,“ ſagte er,„Ihr habt hiermit ein edles Werk gethan und die ſelige Burgfrau wird für Euch zu Gott um Segen bitten.“ „Sie war ein Engel,“ ſuhr er fort,„und ihre Tugenden löſchten die Vergehen des Gatten aus dem Schuldregiſter des irdiſchen Lebens aus. Ihre Frömmigkeit und Milde ſteht als Muſter aufge⸗ zeichnet in dem Gedächtniß der Umgegend, und wer ſie gekannt hat, zollt ihr auch die größte Achtung.“ Die Anweſenden verließen die Burgruine und § iei ſich nach der Wohnung des Klausners, welcher ſeinen Gäſten mit einem beſcheidenen Mahle aufwartete. Nach einiger Zeit verließen ſie den alten Mann. Heinrich nahm gerührt von ihm Abſchied und folgte Pir neuen väterlich beſorgten Freunde nach deſſen 6 — 293— Burg im Böhmenland, wo er die freundlichſte Auf⸗ nahme fand. . Hier bildete er ſich mit der Zeit zu einem tüch⸗ 1 tigen Ritter aus, und ſein Name wurde ſpäter ruͤhmlichſt bekannt, indem er ſich in dem Kriege gegen die Türken auszeichnete. Seine Schweſter ging ſpäter in's Kloſter, ſie hatte die Tugenden ihrer Mutter geerbt und ſtarb ſpäter als Vorſteherin, geliebt und geehrt von ihren 3 Untergebenen.* Der Ritter von Hohenſtein lebte noch eine Reihe 4 von Jahren hindurch froh und zufrieden auf ſeinem 5 Schloſſe, und als er ſarb, drückte ihm ſein Sohn 6 mit trauerndem Herzen die Augen zu⸗ Heinrich v. Talkenſtein weinte heiße Thränen an ſeinem Sarge, 5 denn er hatte an ihm ſeinen beſten Freund und eeinen ſorgenden Vater verloren. 3 Marie Geiſig heirathete ein Jahr nach der Trennung von ihrer Freundin Elvira, und zwar einen Bierhofsbeſitzer in Lauban; derſelbe war Witt⸗ wer und ſeinem Geſchäft nach Tuchmacher. Er hatte ein anſehnliches Vermögen nach Lauban gebracht, welche Stadt durch die Huſſitten gänzlich eingeäſchert worden war, ſodaß ſie mehrere Jahre in Schutt und Trümmer liegen blieb; erſt jetzt fing ſie wieder an ſich zu erheben, und von nah und fern zogen — thätige Menſchen herbei, um ſich hier — 294— Meiſter Burkhard war ein thätiger und freund⸗ licher Mann, und beſaß bei ſeinem Vermögen ein fühlendes Herz und erwies gern den Hülfsbedürftigen Unterſtützung, und ſeine Gattin Marie half ihm mit Freuden an der Förderung ſeiner edelmüthigen Be⸗ mühungen. Der Bierhof Burkhards war einer der belieb⸗ teſten in der ganzen Stadt; hier kehrten Fremde und Angeſeſſene gern ein, denn ſie durften ſich eines freundlichen Empfanges von Seiten der Wirthsleute verſichert halten. Es war an einem rauhen und ſtürmiſchen Herbſttage, der Wind ſauſte ungeſtüm durch die zum Theil noch wüſte liegenden Gaſſen der Stadt, nur hier und da ſah man einen Fußgänger ſchnell dahin eilen, um ſo bald als möglich wieder unter ein ſchirmendes Obdach zu kommen; zudem war es ſehr finſter geworden, und wer mochte da wohl gern während der Nacht durch die verödeten Trümmer wandeln, welche an ein ſo ſchreckliches Schickſal der guten Stadt erinnerten? Da war ja faſt kein Platz, wo die wüthenden Huſſiten nicht unſchuldiges Blut vergoſſen, kein Ort, wo ſie nicht ein Denkmal ihrer beſtialiſchen Wuth und Mordſucht zuruͤckgelaſſen. Die Pfarrkirche lag noch in Trümmer; hier war es am ſchrecklichſten hergegangen. Bei dem Eindringen der Feinde, welche alles niederhieben, was ihnen vorkam, hatte ſich die Geiſtlichkeit nebſt 3 —— — 295— — den Schülern und einer Menge Stadtbewohner in dieſelbe geflüchtet, hoffend, daß der Feind den hei⸗ ligen Ort ſchonen werde; allein da war keine Gnade vorhanden geweſen, ſie mordeten ohne Erbarmen, ſchleppten den Pfarrer, welcher um Gotteswillen um Schonung fur die Hülfloſen flehte, vom Kir⸗ chengewölbe herab und ließen ihn mit 4 Pferden zerreißen; die übrigen Geiſtlichen wurden vor dem Hochaltar niedergehauen, und auch die andern An⸗ weſenden metzelte man nieder, ſo daß der Fußboden der Kirche im Blute ſchwamm. Dann zündeten die abſcheulichen Kriegsrotten die Stadt an. Dieſes ſchreckliche Ereigniß hatte ſich einige Jahre ſpäter wiederholt. Kein Wunder daher, daß Lauban, die ſonſt ſo gewerbfleißige Sechsſtadt, zur wüſten Stätte geworden war. An dem oben erwähnten Abende wandelte die Geſtalt eines Fremden langſamen Schrittes durch das Naumburger Thor; derſelbe hatte ſein Geſicht in eine Kaputze gehüllt und blieb zuweilen ſtehen, wie es ſchien, die unheimliche Umgebung betrachtend. Hierauf wandte er ſich der eingeäſcherten Kirche zu, und hier angelangt, ſetzte er ſich auf einen der herumliegenden Quaderſteine, um ein wenig auszu⸗ ruhen von der Reiſe, die ihn ermüdet hatte.. „Arme murmelte er,„wie 1360 3 3 — 296— an, dein gedrücktes Haupt wieder zu erheben; ganz anders iſt es doch mit den Weſen des Menſchen, wenn einmal das Bewußtſein des reinen Ge⸗ wwriſſens verloren ging, dann iſt kein Geſchick im Stande, den Ruin des innern Lebens wieder her⸗ zuſtellen.“ „Doch frage Dich ſelbſt,“ fuhr er fort,„habe ich etwa ſchlimmer gehandelt, als die Mordgeſellen an dieſem Platze gehandelt haben?— Blut!— ja, ja, Blut habe ich vergießen laſſen, eben ſo unſchul⸗ diges Blut, wie dasjenige, welches hier gefloſſen iſt; allein ich habe das Werk nicht mit meiner eige⸗ nen Hand vollbracht.— Ha, ha, welch' eine fahde Entſchuldigung das iſt; ward nicht mein Wille zur That, und iſt das nicht genug?— O Gott! je höher die Zahl meiner Jahre ſteigt, deſto mehr fühle ich, wie unrecht ich damals gethan habe.“ Der Unbekannte erhob ſich haſtig von ſeinem harten Sitze. „Fort, fort von hier,“ murmelte er,„dieſer Ort giebt weder meinem Herzen noch meinem Gewiſſen Ruhe, ich will unter die Menſchen gehen, dann wird mir beſſer werden.“ Er bog hierauf in die Gaſſe ein, welche nach dem Ringe führte. Hier fiel ihm das helle Licht in einem anſehnlichen Hauſe aufz er glaubte ſich in der Nähe einer Herberge zu befinden und trat unter die gewölbte Halle. Ein Geſumme von vielen — Stimmen ſchlug an ſein Ohr, und nachdem er noch einige Minuten gelauſcht hatte, ſchritt er der Thüre zu*), durch welche beſtändig Leute ab⸗ und zugingen. Er befand ſich in Burkhards Bierhofe. Marie ging dem Fremden freundlich entgegen, und nachdem ſie ſich nach ſeinem Begehren erkundigt, begab ſie ſich ſchnell hinweg, um einen Krug Bier fur den Ermüdeten herbeizuholen. Nachdem der Unbekannte ſich geſtärkt, wünſchte er ein Nachtlager. Marie traf ſogleich Anſtalten dazu und leuchtete dem Gaſt nach einem kleinen Kämmerlein hinauf. Der Fremde war ihr ſchon längſt auffallend geworden, ſie hatte ihn früher ſchon geſehen, und ſein Anblick rief eine große Zahl unangenehmer Erinnerungen in ihrem Herzen wach. „Mein Gott,“ dachte ſie,„er kann es nicht ſein, und doch, dieſe Züge, dieſe Sprache! Alles, es erinnert mich an ihn. Obwohl ſeine ärmliche Kleidung das Gegentheil davon ſagt, doch es iſt ja alles möglich, der Wohlſtand kann leicht ſchwinden — Anſehen und Ehre ſind gar ſehr wandelbare Dinge auf der Welt.“ Und immer wieder ſchaute Marie verſtohlen nach ihrem Gaſte, und je länger ſi ſie ihn betrachtete, deſto überzeugender wurde ihr die genißhe vß * *) Siehe die Abbildung⸗ — 298— es der Herr Bürgermeiſter Johann Brückner von Görlitz ſei, welchen ſie zu bewirthen habe, derſelbe hartherzige Mann, deſſen Einfluß auf den Tod des unglücklichen Jacob Vierling kein geringer geweſen war.— „Ich habe Euch erkannt,“ ſagte Marie am folgenden Morgen zu dem heimathloſen Pilger, „doch ſoll kein Menſch erfahren, wer Ihr ſeid, wenn es Euch angenehm iſt, als Fremder hier zu leben.“ „O, das iſt mein Wille,“ ſagte Brückner, der ſich nun zu erkennen gab,„ich würde Euch dafür danken, wenn Ihr das Geheimniß meines Standes und meiner Herkunft gegen Niemand merken laſſen wolltet. Die Gattin Burkhards verſprach di und hielt auch treulich Wort. Brückner blieb in Lauban, wo er a Unbe⸗ kannter bis an ſein Ende lebte. Er hatte bisher ein trauriges Lvos gehabt, und nirgends wollte es ihm glücken; ſein ungerechtes Urtheil, das er über Jacob Vierling gefällt hatte, ſchien für ihn zum Fluch geworden zu ſein. Marie ſuchte ihm zuweilen Muth einzuſprechen, und war bereit, ſeine trüben Gedanken von der Vergangenheit abzulenken; ihr Umgang trug viel einer Erholung bei, wenn er auch bald wieder in düſteres Weſen — 299— Endlich erlöſte ihn der Tod von ſeinem Schick⸗ ſal, er hatte ſeine Vergehungen durch aufrichtige Reue gebüßt, und als man den entſeelten Leichnam in die kühle Erde ſenkte, da ſtand Marie Geiſig geruhrt neben ſeinem Grabe, ſie faltete andächtig die Hände und betete mit bewegtem Herzen ein ſtilles Vaterunſer für die hingeſchiedene Seele. Die gute Marie lebte nach dieſer Zeit noch lange in beglucktem Zuſtande und dachte noch oft⸗ mals an die trüben Zeiten zurück, welche ihre ge⸗ liebte Freundin Eugenie hatte verleben müſſen, deren Bekuͤmmerniſſe ſie mit redlichem und treuen Herzen getheilt hatte. 5„ 3) 5 o„ 5„ 6) 5„ „ 39 „ 102 7 124 17⁴ 58 9² 11⁵ 137 198 2¹6 267 290 Verzeichniß der Abbildungen, mit Angabe, wohin ſie gehören: Erſter Band. 1) Zu Seite 31 gehörig: Die Räuberhöhle im Neißthale. Der Räuberüberfall am Leiſe⸗ hügel. Der Abſchied im Gefängniſſe. Stoßt an! Krieg und Fehde den Sechsſtädten! Er ſtaunte nicht wenig, ein ge⸗ ſatteltes Pferd hier angebunden zu ſehen. Zweiter Band. / 7 5 / / Sollte dies ein Zeichen von her⸗ annahendem Unheil ſein? Eginhard ließ den Leichnam im Geheimen aus der Burg bringen. Sie ſaß wie gewöhnlich in Ge⸗ danken vertieft auf einem Stein. Hier herum muß es ſein. Endlich wurde der Hecht auf⸗ getragen. Er ſtand einen Augenblick ſtill, um zu horchen. Er iſt Dein Vater! Nehmt meinen Segen! Verzeiht, wenn Euch mein Vater Böſes zugefügtl Er ſchritt der Thüre zu. — Inhalts⸗Verzeichniß. Erſter Band. Seite ½ 1. Die Schenke zum rothen Wolf 3 II. Ein Zuſammentreffen. IMI. Nikel Tſchirnhaus und ſeine Gendſen 27 w. Der Ueberfall beim Leiſehügel— Gefangen⸗ — nahne 3 L. 37 v. Adam Schwobe.— Gefahr 6 Rettung 353 VI. Die Plünderung vII. Das Urtheil des Petsiete vi. Die Masteräde . Vie Sinrchin X. Adam Schwobes Rückzug„14113 XI. Nachrichten vom Schloſſe Sitſ 24 XII. Neue Fehden. XIII. Der Talkenſtein 142 XIV. Der Ort der Gericispftege auf dem allenſtein 1⁵3 ₰ Xv. Der Einſiedler vom Fichtenberge 164 5 Zweiter Band. 1. Die Einkerkerung des Klausners MI. Belohnter Muth und beſtrafte Feigheit 14 1 m. Ritter Hans von Maren 32 Eine edle Seele.— Der Abzug. 42 Seite Ein Opfer geheimer Anſchläge.— Der Hin⸗ ter 56 Die Belagerung und Erſürmung des Tal⸗ Das Ziel des Reiſenden deſſen ʒůrt 78 Das Wiederfinden Die Gefangennahme 6683 Die Vergeltung 108 IX. Der Brand.— Das Ende Verbrechers 12¹ R. Der Tod Niklas von Lſchirnhauſen 132 Ein Cömp De Beſchütir XIV. Eine unerwartete Erkennung XV. Die Eulenſchenke XVI. Der Grundmüller XVII. Vater und Sohn S 208 RXVIII. Die Sonderung. XIX. Das Aſyl.— Der Laltenſteiner zlaiu neue Fehden. 3 1 XX. Ein Raubzug.— Die Surzitt 22 XXI. Gefangennahme und Spie i von Talkenſtein. XRlI. Die Entſcheidung. 6 XXIII. Amſels und ſeiner Genoſſen Sꝙiüſat 0 XXIV. Ausgang des Landeshauptmanns Georg von S n kenſteins* 8 66 S — Im Verlage von Louis Oeſer in Neuſalza iſt erſchienen: Enthüllungen über die geheimen Triebfedern zu dem über Jeſum Chriſtum durch Pontius Pilatus ausgeſprochenem Todesurtheile und das trahiſche Ende des Fetzteren. Aus einem lateiniſchen Manuſcripte von Neuem zu Tage gefördert, nebſt einigen Mittheilungen über die Perſon Chriſti, ſowie näherer Umſtände bei ſeiner Geburt und Leben, aus Michael Sachſen's Raiſer⸗Chronik von 1615. Dieſe Schrift dürfte ganz gewiß das größte Intereſſe erre⸗ gen und bietet eine Menge noch wenig bekannter Umſtände über die Verurtheilung unſers Heilands, ſo wie über den Tod ſeines ungerechten Richters Pontius Pilatus und die mit Letz⸗ term in Verbindung ſtehenden Sagen dar und wird ſie Nie⸗ mand unbefriedigt aus den Händen legen. Preis: 7 ½ Neugroſchen. In demſelben Verlage iſt erſchienen: Liys Tulliun und ſeine Raubgenoſſen. Eine romantiſche Schilderung der Thaten dieſes furcht⸗ baren Räuberhauptmanns und ſeiner Bande, welche im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts ganz Sachſen, Böhmen und Schleſien mit Furcht, 6 Schrecken und Entſetzen erfüllte. Von Dr. Ernſt Frei. Mlit fein rolorirten Abbildungen. Das ganze Werk beſteht aus circa 12 bis 14 Liefe⸗ rungen, à 2 Bogen Text mit einer bunten Abbildung, und ko⸗ ſtet die Lieferung blos 2 Ngr.(außerhalb Sachſen 2 ½ Ngr. Zum Schluſſe erhält ein jeder Abonnent ein ſchönes litho⸗ graphiſches Kunſtblatt als Prämie gratis, oder nach ſei⸗ ner Auswahl auch ein buntes Prachtbild, gegen eine geringe Vergütung. * Ferner erſcheint ſoeben in meinem Verlage: Die Falſchmünzer Schuld und Unſchuld. Eine Erzählung nach Thatſachen aus der neueren Zeit von Th. Neumeiſter. WMit fein colvrirten Abbildungen.— Das ganze Werk beſteht aus circa 12 bis 14 Lieferungen, à 2 Bogen Text mit einer bunten Abbildung, und koſtet die Lieferung blos 2 Ngr.(außerhalb Sachſen 2 ½ Ngr.) Zum Schluſſe erhält ein jeder Abonnent ein ſchönes lithographiſches Kunſtblatt als Prämie gratis. Louiꝰ Heſer. 6 — ſiſ 5 6 5. 8 9 10 11 7 1 —