— * iot ß deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Ednard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Keſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für ghenrich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1, Wt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf 2 Tet.— Pf 5„ 5„ 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bſcher auf ihre kigen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet „ Hiſtoriſche Erzaͤhlungen aus den Pariſer Salons v. d. Munet · pathnt. Deutſch bearbeitet von Friedrich Gleich. Zweiter Theil. Leipzig, 1827 Verlag von Carl Foſcke. Hiſtoriſche Erzählungen. Multa incredibilia vera, multa oredibilia Falsa. Erſtes Kapitel. Die Sitten des achtzehnten Jahrhunderts*). 3 Wiſſen Sie wohl,“ ſprach die Graͤfin, an den Maltheſer ſich wendend,„daß Sie etwas von einem Gascogner an ſich haben?“— „Der tauſend! davon weiß ich nichts,“ er⸗ wiederte dieſer,„und nehme mir ſogar die Freiheit dies ein wenig zu bezweifeln.“— „Verſprechen und nicht Wort halten. 2— „Ach! das waͤre eigentlich mehr Normanniſch als Gascogniſch; aber was habe ich denn ver⸗ *) Die verſchiedenen Memoiren und Brieſſammlun⸗ gen jener Zeit wie z. B. die der Damen und Herren Aſſs, Duͤ Deffand, Bachaumont, Saint⸗ Simon, der Prinzeſfin Eliſabeth Charlotte, Mut⸗ ter des Regenten; Argenſon, Duͤclos, Collé Grimm, Marmontel, Lauzuͤn, Bezenval, Genlis, Seguͤr und Matame d'Epinay, ſind pie zun Grunde gelegt. T 2 ſprochen?“—„Zuerſt Ihre Abentheuer auf dem Meere.“—„O dazu bleibt immer noch Zeit.“—„Dann die Denkwuͤrdigkeiten eines Adjutanten des großen Condé.“—„Leider gehoͤrt dies zu der Zahl jener unklugen Ver— ſprechen, wo man am beſten daran thut ſie zu vergeſſen.“—„In wiefern war es denn ein unkluges?“—„Weil Stellen in dieſer Ge⸗ ſchichte vorkommen, die man nicht fuͤglich vor⸗ leſen kann.“—„O Sie haben eine ganz eigene Geſchicklichkeit dergleichen zu uͤberhuͤpfen ohne daß man es gewahr wird, denn recht zu gelegener Zeit uͤberfaͤllt Sie dann ſtets ein willkommener Huſten, waͤhrend welchem Sie Zeit genug finden ſich einen Uebergang aus⸗ zudenken der das Geleſene ganz unmerklich mit der weiteren Folge verbindet.“—„Schon hieraus daß Sie dies bemerken konnten, ſehen Sie daß ich nicht ſo geſchickt bin wie Sie mir die Ehre erzeigen mich zu halten. Mademoi⸗ ſelle Flavie war uͤbrigens damals an meiner Verlegenheit ſchuld.“—„Ihre Mutter und ich wußten es Ihnen recht vielen Dank, daß Sie ſo gewandt die Sache ausglichen; aber N Flavie wird dieſen Abend nicht kommen und es hilft daher nichts, Sie muͤſſen uns entweder dieſe Memoiren oder ihre Reiſeabentheuer mit⸗ theilen.“—„Weder das Eine noch das An⸗ dere bin ich im Stande zu geben; ich habe jene Schrift nicht mitgebracht und das unge⸗ zwungene Geſpraͤch allein kann die anderen al⸗ lenfalls erträͤglich machen. Wenn ich indeß et⸗ was gebe, was ich nicht verſprach, werden Sie mich dann frei laſſen?“—„Nein, aber Nach⸗ ſicht ſoll Ihnen gewaͤhrt werden.“—„Sie ſind eine harte Glaͤubigerin.“—„Was wol⸗ len Sie uns denn heute erzaͤhlen?“—„Sie werden ſich des Abentheuers der Dame in der Allee der Wittwen erinnern; die Aufmerkſam⸗ keit welche es erregte und die Gegenbemerkun⸗ gen des Praͤſidenten, haben mich auf den Ge⸗ danken gebracht einen Ueberblick der galanten Sitten des achtzehnten Jahrhunderts zu ent⸗ werfen, blos um Ihrem Herrn Onkel zu zei⸗ gen, daß man zu ſeiner Zeit eben nicht ge⸗ wiſſenhafter war als heutzutage, ja im Ge⸗ gentheih“—„Ich bin ſelbſt ſo feſt davon uͤberzeugt, daß ich heute recht ſehr fuͤr Ihren Huſten fuͤrchte.“—„Wird Mademoi⸗ ſelle Flavie etwa kommen?“—„Nicht doch, auch ihre Mutter nicht; ſie gehen Beide zur Frau von St. Juſt.“—„O da brauche ich mich ja durchaus nicht zu geniren.“—„Wie! ich komme alſo gar nicht in Betracht?“— „Sie ſind eine ſo liebenswuͤrdige Frau... —„Chevalier, dort liegt das Regiſter; haben Sie die Guͤte gleich hinzugehen und ſich ein⸗ zuſchreiben. Sie wiſſen, daß Complimente hier mit Gold aufgewogen werden; es iſt uͤberdem ſchon lange kein Beitrag eingegangen... und wir haben.... doch ich theile Ihnen dies ge⸗ legentlich mit. Gehen Sie nur hin und ſchrei⸗ ben Sie ſich ein. Meine Herren,“ fuhr ſie hierauf mit erhobener Stimme gegen die An⸗ deren fort,„der Chevalier hat ſich vorgenom⸗ men uns in die Boudoirs des hhbe Jahr⸗ hunderts zu fuͤhren.“ Der Präſident. Das ſollte man nicht zugeben, liebe Nichte, denn er iſt ein Verleum⸗ der jener guten Zeit, die er gern mit genoſſen haͤtte. Deſormes. Da haben Sie Recht; der —,—— . Neid ſpricht aus ihm. Er hat es mir ohn⸗ laͤngſt in einem Moment der— ſelbſt zugeſtanden. Der präſident W. das dachte ich mir wohl. Die Gräͤfin. Wir wollen ihn dadurch beſtrafen, daß wir ihm recht aufmerkſam zu⸗ hoͤren. Der Praͤſident. O, er wird uns ſchon Geſchichtchen erzaͤhlen. Der Chevalier. Sowohl in Betreff der Thatſachen als der Umſtände ſoll nicht ein Wort von mir davon dabei ſeyn, mein Herr Präſident, ſondern ich werde mich auf Auto⸗ ritaͤten ſtutzen die Sie nicht verwerfen konnen. Es ſind Herzoge, Marquis, Vicomtes, Barons, Gräfinnen und Prinzeſſinnen, und nur zwei oder drei Roturiers werden dabei ſeyn, Men⸗ ſchen von geſtern, wie z. B. Duͤclos und J. J. Rouſſeau, die man lediglich, die Form zu beobachten, mit anhoͤrt und ihnen nur ſo lange Glauben ſchenkt, als ſie mit uns Leuten von Stande uͤbereinſtimmen. Doch ich beginne. Eines der beſten Mittel um die hiſtoriſche 6 Wahrheit zu ergruͤnden iſt, alle uͤber eine Epoche erſchienenen Schriften unter einander zu verglei⸗ chen. Die Verfaſſer derſelben characteriſiren ſich ſehr haͤufig wechſelſeitig und was der Eine viel⸗ leicht aus Ruͤckſicht verſchweigt oder nur unvoll⸗ ndig andeutet, giebt der Andere, weniger ge⸗ bunden oder weniger aͤngſtlich, unverholen. So iſt dies z. B. der Fall mit dem Baron Bezen⸗ val und der Frau von Genlis, die uns die Geheimniſſe des Herzogs von Lauzun enthuͤllen, waͤhrend er ſeinerſeits uns dieſen Dienſt in Betreff der Frau Graͤfin erweiſt. Ich ſagte, ſie machen ſich ſelbſt einander kenntlich; dies geſchieht unter andern von Lauzun, der, indem er von Bezenval ſpricht, ihn mit einem Worte ſchildert:„Der Baron wollte mich perſifliren, aber ein ſchlechter Ton und wenig Mäßigung, ſind eine unvortheilhafte Empfehlung bei Hofe.“ Graf Segur behandelt ihn nachſichtigerz ernſagt von ihm:„Baron Bezenval ließ durch ſeine ganz franzoſiſche Leichtigkeit im Umgange ver⸗ geſſen, daß er ein Schweizer war*).“ Frau Memoires ou Souvuis. 1. p. 6b. S —— — von Genlis druͤckt ſich folgendermaßen uͤber ihn aus:„Der Baron hatte noch ein ſehr liebenswuͤrdiges Aeußere und machte viel Gluͤck bei den Frauen. Außerordentlich ungebildet und nicht im Stande nur ein leidliches Billet zu ſchreiben, beſaß er gerade nur ſoviel Geiſt als man dazu bedarf, um uͤber nichts plau⸗ dern zu koͤnnen. Man beſchuldigte ihn boshaft zu ſehn: in Geſellſchaften zeigte er Gutmuͤ⸗ thigkeit gegen Menſchen, die man nicht lächer⸗ lich machen konnte*).“ Da die Memoiren des Barons beweiſen, daß ihr Verfaſſer zu ſchreiben und mehr als nichts zu ſagen verſtand, ſo kommt Frau von Genlis dem Einwurfe, den man ihr hier machen könnte, zuvor und behauptet geradezu, daß dieſe Me⸗ moiren von Seguͤr ſind, indem ſie ſich ver⸗ pflichtet dies weiterhin in ihren eigenen Me⸗ *) Memoires P. II. p, 66. Selbſt wenn man an⸗ nimmt, daß der Graf von Seguͤr wie Fr. v. Genlis behauptet, Verfaſſer der unter Bezenvals Namen erſchienenen Memoiren iſt, ſo wird dadurch deren Gewißheit in Betreff der Thatſachen nicht umgeſtoßen, da der Graf mindeſtens eben ſo glaub⸗ wuͤrdig als der Baron iſt. 8 — moiren darzulegen; doch ſcheint ſie dies Ver⸗ ſprechen in den ſeitdem erſchienenen vier Bän⸗ den derſelben ganz aus den Augen verloren zu haben; moͤglich indeß, daß ſie ſich deſſelben in dem ſiebenten oder achten Bande erinnert R Ich werde auf dieſe Memoiren zuruͤckkommen, wenn der Grad von Vertrauen, welchen die Frau Graͤfin verdient, unterſucht und die Zeit beſprochen werden wird, von welcher ſie han⸗ deln. Jetzt iſt es nothig bis zum Anfang des Jahrhunderts zuruckzugehen, ohne daß wir wei⸗ *) Sie hat dies in der That im ſiebenten Bande S. 350, gethan.„Der in jeder Hinſicht olaubwurdigſte Mann,“ ſagt ſie hier, „ſchreibt mir, daß ich mich in der Behauptung ge⸗ irrt haͤtte: die Denkwuͤrdigkeiten des Baron Bezen⸗ val wäͤren nicht von ihm ſelbſt; und ſetzt hinzu, daß Bezenval dem Grafen Seguͤr durch ſein Te⸗ ſtament einen Carton mit Notizen hinterließ, die Hr. von Seguͤr in Ordnung brachte.... Rotizen ſind jedoch keine Memoiren und es iſt daher klar, daß Hr. von Seguͤr hierbei mehr that als blos herausgeben.“— Es bleibt dem Leſer hier billig uberlaſſen zwiſchen dem in jeder Pinficht glaubwuͤrdigſten Manne und der Dame zu waäͤhlen, die vermuthlich auch außeror⸗ dentlich glaubwuͤrdig iſt, doch beruͤhrt dies alles weder die Wahrhaftigkeit des Grafen noch des Ba⸗ rons, welche Beide ſehr gut im Stande waren richtig beobachten zu koͤnnen. — 9 ter hier die Wahrhaftigteit unſerer Fuͤhrer zu pruͤfen brauchen; eine Sache uͤbrigens, die nie in Zweifel gezogen worden iſt. Vorzuͤg⸗ lich ſind es Mademoiſelle Aiſſé, die Herren Saint⸗Simon, Duͤclos, d'Argenſon und die Mutter des Regenten, welche uns die Hand bieten. Von Ludwig XIV. Tode man jene Licenz datiren, die, indem ſie daran ge⸗ woͤhnte dem Ehrwuͤrdigſten zu trotzen, das Empoͤrendſte als ganz natuͤrlich erſcheinen ließ. So ſehen wir die Verbindung einer prinzlichen Wittwe uͤber der entſeelten Huͤlle ihres Ge⸗ mahles in dem Augenblicke ſchließen, wo dieſen der Tod umfing und dieſe Ehe durch einen Car⸗ une heiligen; Frau von Boufflers den Hrn. von Luxembourg heirathen, mit wel⸗ chem ſie offentlich lebte und der ihre Liebſchaf⸗ ten beguͤnſtigte, obſchon er nie der Gegenſtand ihrer Neigung war; einen Miniſter, der, um ſeiner Schweſter, einer Canoniſſin, einen hohen Rang zu geben, einen vornehmen Herrn aus einem Irrenhauſe, wohin man ihn als ver⸗ ſtandesſchwach geſperrt hatte, nahm, ihn mit 40 dieſer Schweſter verheirathete und dann den Herzog wieder in jene Anſtalt brachte u. ſ. w. Gewiß, dergleichen Dinge wuͤrde man nicht ge⸗ wagt haben, wenn man nicht laͤngſt alle Schranken der Scheu uͤberſprungen hätte. Wie billig beginne ich hier mit dem Hofe, da dieſer immer den Ton angab. Sehen wir wie ihn ein Mann, der durchaus Hofmann war, ſchildert.* „Die Zuͤgelloſigkeit der Regentſchaft hatte die an Ludwig XIV. Hofe herrſchende Galan⸗ terie in die vollkommenſte Frechheit ausarten laſſen. Zu Anfang von Ludwig XV. Regie⸗ rung, ſuchten die Maͤnner nur moͤglichſt offen⸗ kundig die Zahl ihrer Liebſchaften zu 6 emeh⸗ ren und die Frauen ſich auf dieſelbe ihre Verehrer wegzukapern. Die Maͤnner lebten da⸗ mals durchaus nicht mit ihren Frauen; zu⸗ ſammenwohnend, ſah man ſich dennoch nie und fand ſich nie, weder im Wagen noch in dem⸗ ſelben Hauſe“*). Bezenval, von dem wir das Gemälde ent⸗ *) Memoiren von. Bezeuval B. 1. S. 437. lehnen, behauptet: daß wenn die Sitten hierdurch auch verloren„die Geſellſchaft doch unendlich gewann, weil, befreit von den Maͤnnern, die Freiheit außerordentlich war*).“ Man ſieht, der Herr Baron verdiente es ein Roué der Regentſchaft zu ſeyn; da er je⸗ doch erſt 1722 geboren wurde, ſo kannte er nur diejenigen die ihre Rolle uberlebten oder ſich ſo lächerlich machten, ſie noch fortſetzen zu wollen als laͤngſt alles ſchon ſie zwang zum Ruͤckzug zu blaſen. Da dieſer Hofling uͤbri⸗ gens ein treuer Maler iſt, ſo wollen wir ihm noch einen Augenblick zuhoͤren.„Man wird leicht denken konnen,“ ſagt er,„daß weder Leidenſchaft noch gegenſeitige Achtung, dieſe Verbindungen ſchloſſen. Haben war fuͤr die Maͤnner, Anderen wegnehmen, foͤr die Frauen der Hauptbeweggrund zu dieſen An⸗ ¹) Dieſer Ausdruck und dieſe Bemerkung ſind gleich beachtenswerth. Die Sitten in dem Sinne, dem man dieſem Worte allein genommen unterlegt, konnten allerdings nicht verlieren, denn es gab keine mehr: der Baron troͤſtet ſich jedoch hieruͤber durch den Gedanken, h die Sſ gtöi⸗ mer wurde!— 8 griffen und Hingebungen. Auch trennte man ſich mit derſelben Leichtigkeit mit welcher man ſich fand. Oft handelte es ſich nur um den Verkehr von ein oder ein paar Tagen, ohne daß man dabei ſeine übrigen ähnlichen Ver⸗ haͤltniſſe aus den Augen verlor, und ohne eine andere Abſicht als die, von Seiten der Männer ſich der Eroberun g„ und von Seiten der Frauen ſich des Vergnuͤgens, ruͤhmen zu koͤnnen. Zuweilen, doch war dies nur ſelten der Fall, folgte die Neigung dem Genuß und man ſebte die Perbindung, jedoch mit ge⸗ genſeitiger Ruͤckſicht, fort; dann wurde ein ſolches Verhaͤltniß mit dem Litel eines re⸗ ſpectablen beehrt und man wurde in der Geſellſchaft wegen des Zwanges und der Lan⸗ genweile gefurchtet, die zwei Perſonen nicht verfehlen konnten zu machen, welche nur mit den Gefuͤhlen beſchaͤftigt waren, die ſie ſich ge⸗ genſeitig einflößten.“ Hier ließ Hr. von Hatmage ein lautes Ge⸗ lächter erſchallen, das, da es nicht mit dem was der Chevalier las, im Einklang ſtand, Allen ———————————— — 13 befremdlich erſchien und die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog. „Theilen Sie uns doch das mit, was Sie ſo beluſtigt.“ fragte ihn der Maltheſer. „Sie haben uns,“ erwiederte Harmage, „alle dieſe Männer als von ihren Frauen ge⸗ trennt und ſie weder bei Tage noch bei Racht ſehend, geſchildert, und ich will nicht leugnen, daß ich bei dieſem Gedanken ſtehen blieb. Da nun nichts Uebertriebenes in dieſem Gemaͤlde iſt, ſo fiel mir ein, daß in dem erſten Drittel oder vielleicht in der erſten Haͤlfte des vorigen Jahrhunderts, ſowohl am Hofe als in den vornehmeren Geſellſchaften in Paris eine ſolche Kreuzung der Ragen, ein ſolcher Naturzu⸗ ſtand, gerade zu der Epoche der allerverfeinert⸗ ſten Cipiliſation und an der Spitze derſelben, ein Verhaͤltniß muß ſtattgefunden haben, das einige Aehnlichkeit mit dem Blindekuhſpiel je⸗ nes, ich weiß nicht mehr welches? Sultans hatte, ſo daß weder Sie noch ich.. Der Sprecher hielt hier plotzlich inne, waͤhrend von allen Seiten ein:„Nun, nun? weiter,“ er⸗ ſcholl, worauf Harmage nach kurzer Pauſe fort⸗ 14 fuhr:„So daß weder Sie noch ich. Sie wollen es?“—„Ja! ja!“—„Wohlan! daß weder Sie noch ich wahrſcheinlich die En⸗ kel unſerer Großvaͤter ſind.“. Der Chevalier. Dieſe Bemerkung triff mich nicht da meine Großaͤltern nie mit einem Fuße in Paris waren.“—„Die meinigen ka⸗ men niemals von Guadeloupe weg,“ ſprach Hr. Delwins.—„Die meinigen nicht aus der Provence,“ bemerkte ein Anderer. Der Präſident, welcher ſich nur ſelten hoͤren ließ, erhob jetzt ſeine Stimme und rief betonend: „„Pater est, quem nuptiae demonstrant.“ Dieſe Worte hemmten die Verſicherungen, welche Jeder ſich beſtrebte zu machen, um zu beweiſen, daß er der Enkel ſeines Großvaters ſey. Die Graͤfin. Herr von Harmage hätte ſeine Bemerkung lateiniſch mittheilen ſollen, denn ich fuͤrchte ſehr, daß die Geſchichte von ſeinem Blindekuhſpiel dieſer Sprache bedarf. Harmage.(zoͤgernd). Nicht ganz. Die Graͤfin. In jedem Falle iſt es doch wohl beſſer, wir hoͤren ſie lieber nicht. Harmage. Sie iſt ſo kurz!.. e be.——. eiüdeei⸗ Die Gräfin. Die kuͤrzeſten Thorheiten ſind deswegen nicht immer die beſten. Harmage. Urtheilen Sie nur erſt Die Graͤfin. Nein! nein! Harmage. Ich entrichte die Geldbuße wenn meine Geſchichte nicht von Allen gehoͤrt werden kann. Sie wiſſen, daß der Sultan ein Serail hat: es liegt nichts Aergerliches darin, daß ich dies hier erwaͤhne. Wohlan! mein Großturke, uͤberſaͤttigt von Genuͤſſen, be⸗ klagte ſich gegen ſeinen Guͤnſtling, daß er keine ſchoͤnen und reizenden Odalisken mehr zu fin⸗ den vermoͤchte. Der Vertraute ſchlug nun ſei⸗ nem Herrn ein Blindekuhſpiel vor.... das Uebrige werden Sie errathen, und wenn Sie dies auch nicht ſollten, ſo ſage ich dennoch nicht ein Wort mehr, da ich mich nicht damit bruͤſten will, lateiniſch zu ſprechen. Die Graͤfin(zu dem Chevalier). Kom⸗ men wir wieder auf Ihr Gemaͤlde. Der Chevalier. Es bleiben nur noch die Details, d. h. die Beweiſe oder Zhatſachen. Die mehrſten ſind aber ſo aͤrgerlich daß man ſie kaum wieder zu erzaͤhlen vermag. Ehe wir 16 jedoch nur die hauptſůchlichſten uͤberblicken, muͤſſen wir bemerken, daß die Perſonen in den Denkwuͤrdigkeiten oder Briefen der Zeit⸗ genoſſen, die ſaͤmmtlich ſowohl in Betreff der Namen als der andern Umſtaͤnde hierin uͤbereinſtimmen, genannt werden, wozu man noch bemerken muß, daß die Verfaſſer als ſolche ſich nicht kannten und daß ſie nicht die Abſicht hatten ihre Bemerkungen zu veroffentlichen, ſo daß die von ihnen angefuͤhrten Thatſachen, alle Bedingungen erfuͤllen um uns, was man eine hiſtoriſche Gewißheit nennt, zu geben. Die Graͤfin. Wie lange glauben Sie wohl daß die Sitten waͤhrend dem achtzehnten Jahrhundert in dieſem Verfalle blieben? Der Chevalier. Vom Beginn der Re⸗ gentſchaft an bis ungefaͤhr um das Jahr 1756, denn um dieſe Zeit begannen ſie ſich zu aͤndern oder vielmehr zu verbeſſern, und um 1760 herum, waren ſie bereits auf einem ganz an⸗ deren Standpunkte. Waͤhrend der erſten Haͤlfte des Jahrhunderts beſchmutzte die ausgelaſſendſte Libertinage den Hof und die Stadt: man muß naͤmlich unter dieſem Worte die vorneh⸗ mere Geſellſchaft verſtehen, d. h. die welche den Hof zum Muſter nahm und von dieſem den Impuls erhielt.. Was mir von 1756 an die Abnahme dieſer Zuͤgelloſigkeit zeigt, iſt das Beiſpiel der aus⸗ ſchweiſendſten Frau, die damals anfing ihr Leben etwas mehr zu verſchleiern: ich meine die Mar⸗ ſchallin von Luxembourg. Sie gab den Ton an oder uͤbertraf vielmehr ſelbſt die beruͤchtig⸗ ſten Frauen, denen ſie mit ihrer Auffuͤhrung gleichſam zur Entſchuldigung dienen konnte. Che wir jedoch zu ihrer Geſchichte kommen, muͤſſen wir fluͤchtig die Reihe jener uberblicken, welche in derſelben Zeit die Aufmerkſamkeit auf ſich zogen, dies jedoch weniger lange als die Marſchallin es that*), da ſie entweder N„Im vorigen Jahrhundert waren die Epochen des Lebens bei den Damen des Hofes und der Stadt ſo genau beſtimmt und wurden mit derſelben Strenge beobachtet, wie der Wechſel der Kleider⸗ tracht zu beſtimmten Tagen bei dem Eintritt der verſchiedenen Jahreszeiten. Eine Frau die noch geſucht haͤtte Verehrer anzulocken, waͤhrend das Alter der Galanterie bereits bei ihr voruͤber war, wuͤrde ſich nicht minder lächerlich gemacht haben, als wenn ſie in einem Sammetkleide zur Zeit haͤtte erſcheinen wollen, wo ſchon Alles Sommer⸗ I. 2 — 3 weniger unverſchaͤmt waren oder beſſer rechne⸗ ten und da ſtille ſtanden, wo alle Ftauen die⸗ ſer Art ſtille zu ſtehen pflegen, waͤhrend daß Frau von Luxembourg alle Schranken uͤber⸗ ſchritt und zugleich der Zeit und der Verach⸗ tung der Menſchen trotzte. Eine der Erſten welche ſich hier unſeren Blicken zeigt, iſt die Herzogin von Phalaris, der wir nicht gedenken wuͤrden, wenn ſie ſich damit begnuͤgt haͤtte, blos die Maitreſſe des Regenten zu ſeyn. Die Gräfin. Ich wuͤnſchte wohl zu wiſſen, in welchem Lande das Herzogthum Phalaris liegt. Der Chevalier. Das wuͤrde mir ſehr ſchwer werden Ihnen zu ſagen und ich glaube daß dieſes angebliche Herzogthum nichts als ein Titel iſt der dem Herrn Gorge, dem Vater der Herzogin Phalaris, verliehen wurde. Der Großvater, der Chef der Familie, wuͤrde ſchwer⸗ tracht trug.“ Waren die Frauen in dieſes Alter gekommen, dann wurden ſie entweder Froͤmmlerin⸗ nen oder ſchoͤne Geiſter. lich ohne Boileau bekannt geworden ſeyn, wel⸗ cher ihm eine wenig wuͤnſchenswerthe Celebri⸗ taͤt in ſeiner erſten Sathre verlieh, indem er ihn nicht weit von Rolet, deſſen Name ſyno⸗ nim mit Spitzbube, und neben Jacquier, einen durch ſeine unrechtmaßig erworbenen Reichthuͤ⸗ mer bekannten Lieferanten, ſtellte. Der Dichter ſagt naͤmlich von ihm: OQue Gorge vive ici, Puisque Gorge F sait vivre, Ou'un million comptant, par ses fourbes acquis, De clerc; jadis laquais, a fait comte et marquis. Wie es ſcheint, ſo glaubte Boileau unge⸗ ſtraft uͤber einen Wucherer ſpotten zu koͤnnen der, nachdem er die Livrée getragen hatte, die Thorheit beſaß, ſich Titel zu kaufen; doch fin⸗ det ſich der Name Gorge nur in den erſten Auflagen und wurde ſpäter durch George er⸗ ſetzt, wo auch aus dem Jacquier ein Jacquin wurde. 8 Der Sohn dieſes Wucherers nannte ſich George d'Antragues, indem er ſeinen Fami⸗ liennamen auf dieſe Art in einen Vornamen umwandelte. Nachdem er aber durch Sr. Hei⸗ ligkeit(warum? iſt unbekannt) zum Herzog 2 ————— —— von Phalaris erhoben worden war, beach⸗ tete man es nicht bei den neuen Auflagen von Boileaus Werken, den Namen Gorge wieder hinzuſetzen; 1748 fugte jedoch Hr. von Saint⸗ Marc, eine Note bei welche des Urſprungs des Wucherers gedachte und ſie iſt in allen folgen⸗ den Auflagen ſtehen geblieben, obſchon die Her⸗ zogin von Phalaris erſt 1782 ſtarb. Dieſe Frau, in deren Armen der Regent verſchied, unterhielt offentlich den Herrn la Fi⸗ garode, einen durch ſeinen herculiſchen Bau be⸗ ruͤhmten Officier; dann den erſten Stallmeiſter, Marquis von Beringhen, einen der ſchoͤnſten Maͤnner des Hofes. Die Graͤfin. Iſt das der, welcher zwi⸗ ſchen Severs und Verſailles von einem Deta⸗ ſchement Hollaͤnder, die ohne einen Schuß zu thun bis hieher vorgedrungen waren um den Dauphin aufzuheben, gefangen genommen und gleich darauf wieder befreit wurde? 3 Der Chevalier. Der Sohn von dieſem. Er ſtammt uͤbrigens von einem Brabanter ab, welcher Bedienter bei einem Edelmanne in der Normandie war. Als Heinrich 1V. bei 24 dieſem Edelmann einſt uͤbernachtete, bewunderte er die Ordnung welche in deſſen Waffenvor⸗ räthen herrſchte. Beringhen hatte dieſe Sachen unter ſich; der Koͤnig nahm ihn in ſeine Dienſte und machte ihn ſpaͤter zu ſeinem Kammerdiener. Der Enkel dieſes Mannes hatte die Kuͤhnheit bei Anna von Oeſterreich um die Stelle eines Oberſtallmeiſters, eine der erſten am Hofe, an⸗ zuhalten, und das Gluͤck, dieſelbe zu bekommen, und ſo ſchreibt ſich denn der Glanz dieſes Hau⸗ ſes, wie der vieler andern, von einem Zufalle her. Wenn jedoch der Regent laͤnger gelebt haͤtte, ſo wuͤrde die Stelle vielleicht einem An⸗ deren zu Theil geworden ſehn, weil dieſer Fuͤrſt den der ſie nun erhielt, auf ſeinem Wege fand. Beringhen machte ihm die Gräfin von Para⸗ bére abſpenſtig*). Dieſe Dame erſcheint jetzt auf eine ſehr glänzende Art auf der Scene vor unſern *) Maria de la Vieuville. Sie war Maitreſſe des Regenten geweſen, der ſie nur ſeinen kleinen ſchwarzen Raben nannte, da ſie ſehr braun war. Ihre Mutter, Madame de la Vieuville, war Dame d'Atour bei der Herzogin von Berry. 22 Augen.„Frau von Parabsre,“ ſagt eine ih⸗ rer Freundinnen*)„hat Monsieur le Pre- mier(Beringhen) verlaſſen und Hr. von Alin⸗ court*) iſt jetzt immerwaͤhrend um ſie, ob⸗ ſchon ich uͤberzeugt bin, daß ſie ihn niemals lieben wird. Wie ſie aͤußert, ſo iſt es nicht ihre Abſicht ſich einmauern zu laſſen und ſie meint, daß wenn ſie dem Hrn. von Alincourt ihre Thuͤre verſchloſſe, ſie dies auch gegen jeden Anderen thun muͤſſe und daß ſie ſo nach und nach alle Welt von ſich entfernen und man dann ſagen wuͤrde, ſie verabſchiede nur um Aufſehen dadurch zu erregen.“ Es war dem⸗ nach alſo damals gleichſam eine Schmach, eine Lächerlichkeit fuͤr eine Frau, keinen Liebhaber zu haben und ſie lief Gefahr daß man mit Fingern auf ſie zeigte. Auch wußte man ſich in dieſem Punkte vortrefflich zu benehmen und half ſich einander, wie mit einer Loge in der Oper, aus. ueberdem war man nicht ſonder⸗ *) Mademoiſelle Aiſſé, von der bald die Rede ſeyn wird. Sie ſchrieb ihre Briefe zwiſchen den Jah⸗ ren 1726 und 1734. **) Sohn des Marſchalls von Billerois. lich delicat in keiner Hinſicht und es iſt z. B. bekannt, daß dieſer Mons. le Premier der Frau von Parabère mehr als eine Million ko⸗ ſtete und daß er, als ſich das Verhaͤltniß endlich loſete, ſich dennoch gegen ſie auf eine ſehr ſchlechte Art benahm. Hr. von Alincourt wurde dage⸗ gen ſeiner Rolle bald muͤde, die darin beſtand, dem Publicum glaublich zu machen, Frau von Parabore habe einen Liebhaber und ſey nicht verlaſſen. Die Frauen welche dieſes Schickſal hatten, wurden uͤbrigens gewoͤhnlich Froͤmm⸗ lerinnen und wir erfahren durch Mademoiſelle Aiſſé,„daß die huͤbſchen Frauen ſich ruͤhmten fromm zu ſeyn und daß die Damen Gontaut, Alincourt, Villars und die Marſchallin von Eſtrées, auf dieſe Art die Pruͤden ſpielten.“*) Hr. von Alincourt verließ demnach Fr. von Parabore, die nun in ihrer Verzweiflung nach dem Herrn de la Mothe⸗Houdancourt griff. „Der ſchoͤne la Mothe war ſeit mehrern Jah⸗ ren in der Mode und von den liebenswuͤrdig⸗ ſten und reichſten Frauen des Hofes geſucht; *) Briefe der Dem. Aiſſe. S. 144. v. J. 1728. er hatte nicht laͤngſt erſt der Frau Herzogin von Duͤras wegen der Entée, einer Actrice der Oper, in welche er wie thoͤrigt verliebt war, und die in der Rolle der Ceres dieſe Leiden⸗ ſchaft bei ihm erweckte, den Abſchied gegeben, und man bat von nun an beide wie Mann und Frau zu Soupées*).“ Dieſer einzige Zug wuͤrde hinreichen uns die Sitten jener Zeit kennen zu lehren, wenn wir auch keine weitere Belege daruͤber hätten. Die Grafin. Iſt das dieſe Seenin von Duͤras, welche ſich auf dem Balcon des klei⸗ nen Zimmers wo Ludwig der XIW mit der Maintenon ſpeiſte, den Mund aus ſpuͤlte, um der Welt dadurch glaublich zu machen, ſie ha⸗ be mit dem Koͤnige und deſſen Favorite zur Tafel geſeſſen? Der Chevalier. Dies war ihre Schwie⸗ iKhen Doch hoͤren ſie weiter.„Frau von Nesle hatte den Herrn von Montmorench zum Liebhaber und Riom war der Stifter dieſer Verbindung. Indeß hielt Riom es doch fuͤr *) Briefe der Dem. Aiſſs S 134. 25 gut, der Sache ein Ende zu machen und ver⸗ ſchaffte ſeinem Freunde die Frau von Bouff⸗ lers*).“ Hr. von Clermont war raſend in in die Herzogin von Bouillon verliebt, die ſich mit ihm nicht begnuͤgte. Hr. von Charolais lebte fortwaͤhrend mit der Delisle, auf die er nicht mehr eiferſuchtig war, und hatte nebenbei noch eine andere Geliebte, die ſich als ſolche ſehr verborgen hielt, bis die Säche endlich auf einmal und ploͤtzlich laut wurde, worauf ſie in ein Kloſter ging. Sie hieß Frau von Cour⸗ chant. „Frau von Deffand hat ſich mit ihrem Manne wieder vertragen: mein Wunſch war, ſie hätte die Sache weniger ubereilt. Ich hatte meine Gruͤnde ihr dies zu rathen, aber die gute Frau folgte ihrem Herzen oder beſſer zu ſagen, ihrer Einbildungskraft, ſtatt der Ver⸗ nunft. Sie richtete uͤbrigens die Sache ſo ein, daß ihr Mann zu ihr zog, d. h. bei ihr zu Mittag und zu Abend ſpeiſte, denn von einem *) Briefe der Dem. Aiſſé S. 134. Alle die mit Haͤck⸗ chen hier eingefaßten Stellen ſind aus der Corre⸗ ſpondenz dieſer Dame entnommen. 26 volligen Zuſammenwohnen wollte ſie unter drei Monaten noch nichts wiſſen um allem laͤcher⸗ lichen Verdachte zuvorzukommen. Es war dies ſechs Wochen lang die ruͤhrendſte Freundſchaft von der Welt; nach Verlauf dieſer Zeit wur⸗ de ſie jedoch ihres Mannes dermaßen uͤberdruͤ⸗ ßig und das Verhältniß ihr ſo langweilig, daß ſie ihn auf einmal wieder verbannte. Ein Lieb⸗ haber, den ſie fruher hatte, mußte ſich als ihre Vereinbarung geſchloſſen wurde, auf ihren An⸗ trieb zuruͤckziehen. Er kam jetzt wieder: Ma⸗ dame folgte dabei ihrer Neigung; aber bald entfloh der Liebhaber freiwillig von neuem und ſie blieb die Fabel und das Geſpoͤtt aller Welt. Zwar warf ſie ſich nun den Leuten an den Hals um glaublich zu machen, ſie ſey nichts weniger als verlaſſen, aber man glaubte ihr nicht.“ „Der Prinz von Conti iſt geſtern geſtorben, nachdem er noch vorher ſeiner Frau die zaͤrtlich⸗ ſten Sachen von der Welt geſagt und ſie um Verzeihung gebeten hat, ſeinen Kammerdiener als Spion bei ihr gebraucht zu haben. Auch hat er der Madame Koch, ſeiner Maitreſſe, W 5 welche die Veranlaſſung zu der uneinigkeit zwi⸗ ſchen ihm und ſeiner Gemahlin war, befohlen, den Augenblick ſein Haus zu verlaſſen. Die Prinzeſſin hat ſehr geweint, obſchon ſie auf dem Punkte ſtanden, ſich fuͤr immer zu tren⸗ nen; doch glaube ich, daß ſie nach ein paar Tagen ſich leicht troſten wird.“ eine der, durch ihre Schoͤnheit, ihren Geiſ und ihre Anmuth, verfuͤhreriſchſten Frauen, war die Marquiſe von Prie*), die Hauptgeliebte des Herrn Herzogs; doch hatte ſie nebenbei noch andere Verehrer wie z. B. den Prinzen von Carignan und Lior, den Haushofmeiſter des Koͤnigs, den Schoͤnſten von allen Dreien. Ihr Mann war eines Tages in den Zimmern des Koͤnigs, da faßte ſeine Peruͤcke Feuer; ge⸗ ſchwind riß er ſie ab, trat das Feuer mit den Fuͤßen aus und ſetzte den Haarputz dann wie⸗ der auf den Kopf. Die ganze Stube war mit dem Geruch erfuͤllt; der Koͤnig trat ein, beklagte ſich und ſagte ganz unbefangen: *) Tochter des Kricgscommiſſ air Berterot von Ple⸗ neuf, der ſich ein nngeheures Vermoͤgen erwarb. 28 „das riecht doch hier wie verbranhtes Horn.“ Die ganze Verſammlung brach in ein lautes Gelaͤchter aus und der arme Hahn⸗ rei entfloh ſo ſchnell er nur konnte. Hoͤren Sie jetzt wie ſich ein Mann, der zwar Geiſt beſaß, aber auch rechtſchaffen und gutmuͤthig war, und den dieſerhalb die Hoͤflinge nur „d'Argenſon la Pöte,“ nannten, uͤber Frau von Prie und den Hrn. Herzog ausſpricht: „Frau von Prie ließ den Prinzen nicht ſchmach⸗ ten. Ich kenne mehrere von den genaueren Umſtaͤnden dieſer Verbindung von ihrem ur⸗ ſprunge an, ſowie ihre Gewohnheiten, ihre Gaͤnge auf den Ball in der Oper, ihr kleines Haus in der Straße St. Apolline, ihre grau angeſtrichene Kutſche, die aͤußerlich einem Lohn⸗ wagen auf das vollkommenſte glich, innerlich aber außerordentlich prachtvoll war. Der Herr Herzog war ein ziemlich beſchrankter Kopf und wurde auf den Marquis von Alincourt eifer⸗ ſuͤchtig, den Frau von Prie nun bei dem Ball im Opernhauſe verabſchiedete. Alles dies war recht jugendlich und kindiſch.“ Dieſer letzte Zug zeigt ſehr treffend Hrn. von Argenſons 29 Nochſicht, nach welchet man ſich vergebens in den Memoiren oder vielmehr Fragmenten, der Prinzeſſin Eliſabeth Charlotte umſehen wuͤrde. Die Art wie ſie von dieſer Liebſchaft ſpricht iſt bemerkenswerth, um ſo mehr, da ſie ver⸗ ſchiedene Einzelheiten hinzufuͤgt die hier in un⸗ ſere Darſtellung paſſen.„Der Herzog,“ ſagt ſie,„kann unmoͤglich einer Frau Liebe einflo⸗ ßen; er iſt groß, duͤrr wie eine Latte, hat einen gekruͤmmten Ruͤcken, lange Beine wie ein Storch, einen kurzen Oberleib und gar keine Waden; ſeine Augen ſind ſo roth daß man glauben muß, es ſey dies eine Krankheit, dabei hat er eingefallene Backen und ein ganz ungebuͤhrlich langes Kinn. Erſt liebte er Frau von Nesle, die ihm aber den Abſchied gab um ihn durch das große Kalb, den Prinzen von Soubiſe, zu erſetzen.“ Man behauptet daß dieſer ſagte:„Woruͤber ereifert ſich den der Herr Herzog? habe ich der Frau von Resle nicht erlaubt bei ihm zu ſchlafen ſo oft er es wuͤnſchte?“ Sehen Sie da eine Probe der Delicateſſe in der Liebe zu jener Zeit! Der Marquis von Villequier, der Sohn des Her⸗ 30 zogs von Aumont, ſtattete eines Tages der Marquiſe von Nesle einen Beſuch ab und es kam dieſer in den Sinn ihn zu fragen: ob es wahr ſey, daß er verliebt in ſeine Frau waͤre? Villequier antwortete:„Ich liebe ſie mit einer auf Werthſchätzung gegruͤndeten Freundſchaft, denn ſie iſt eine der achtungswertheſten Frauen in Frankreich.“ Frau von Nesle, der man dies nicht nachzuſagen vermochte, fuͤhlte ſich durch dieſe Rede beleidigt und beklagte ſich des⸗ halb gegen den Herzog der ihr das Verſprechen gab, ſie zu raͤchen. Einige Tage darauf bat er den jungen Villequier bei der Marquiſe von Nesle zu Tiſche, wo ſich noch der Marquis von Gesores, Frau von Colignh und Andere befanden, und wo dann det Herzog waͤhrend man noch bei der Tafel ſaß, plotzlich begann: „Es giebt zwar Leute die ſich ganz ſicher da⸗ fur halten nicht gekroͤnt zu werden, aber das iſt ein Irrthum. Um dieſem Looſe zu entgehen, heirathete ich ein Ungeheuer und dennoch half mir dies zu nichts, denn ein widerlicher Kerl, Duͤ Chalar, der haͤßlicher noch iſt als ich, machte mich demohngeachtet zum Hahnrei. Was 31 den Marquis von Gesvres anlangt, ſo wird er es nicht werden da er als ein Mann, der kein Mann iſt, nicht heirathen kann; aber Sie, (zu Hrn. Nesle gewendet) Sie ſind ein Hahn⸗ rei trotz Einem, und Dieſer und Jener verhalf Ihnen dazu.“ Nesle, der dies nicht glaubte, obſchon es hinreichend wahr war, begann laut zu lachen, worauf der Herzog zu PVillequier ſprach:„Und Sie da, glauben Sie es nicht zu ſeyn?“ PVillequier ſchwieg; der Herzog fuhr fort:„Sie ſind es von dem Chevalier Peſay.“ Villequier errothete und antwortete:„Ich ge⸗ ſtehe daß ich es bisher nicht glaubte zu ſeyn, da Sie mich jedoch in ſo guter Geſellſchaft in den Orden einfuͤhren, ſo wage ich es nicht mich daruͤber zu erzurnen....“ Die Polignat ſuchte den Herzog zu uͤberreden, daß ſie ihn ganz außerordentlich liebe, er traute ihr jedoch nicht und ließ ſie beobachten, wo er dann er⸗ fuhr, daß ſie eine geheime Intrigue mit dem Ritter von Bäiern unterhielt....„Der Herr Herzog iſt jetzt ſehr verliebt in Frau von Prie und ſie hat dieſerhalb bereits einmal von ihrem Manne tuͤchtige Pruͤgel bekommen, doch hat dies zu nichts geholfen; ſie hat dennoch den Herzog uͤber den Abſchied, den ihm Madame Nesle gegeben, getroͤſtet und daneben noch man⸗ chen Andern begluͤckt.“ Ein voͤlliges Vergeſſen der Schicklichkeit zeigt ſich beſonders in dieſer Periode, wie Sie aus nachſtehendem Zug entnehmen koͤnnen, der ſich gleichfalls in den Briefen der Demoiſelle Aiſſe findet.„Der Prinz von Bournonville iſt plotzlich geſtorben. Ich glaube daß es ſeiner Seele Muͤhe machte den Koͤrper zu verlaſſen, denn ſie belebte ihn durch und durch. Eine Viertelſtunde nach ſeinem Hinſcheiden verlobte ſich ſeine Frau oͤffentlich mit dem Herzog von Ruffay, dem Sohn des Herzogs von Saint Simon. Dieſe unſchicklichkeit wurde durch den Cardinal von Noailles und die Marſchallin von Grammont, die eine geborne Noailles und die Mutter der Prinzeſſin von Bournonville iſt, be⸗ wirkt. Die Herzogin von Saint Simon iſt die. Geliebte des Cardinals; ſie ſprach oft von dem Prinzen von Bournonville wie von einem con⸗ fiscirten Menſchen und äußerte, daß ſie ſich gluͤcklich fuͤhlen wuͤrde, wenn deſſen Wittwe 33 einmal ihren Sohn heirathete. So wie Bour⸗ nonville jetzt die Augen ſchloß, eilte ſie zu dem Cardinal den ſie ſo lange quaͤlte, bis er von der Mittagstafel aufſtand um ohne Zeitverluſt mit der Wittwe zu ſprechen. Die Marſchallin von Grammont ging ebenfalls ſogkeich auf den Vorſchlag ein, jedoch unter der Bedingung, daß die Heirath einige Zeit geheim gehalten wuͤrde; dem widerſetzte ſich aber der Cardinal mit der Bemerkung: er koͤnne dies unmoͤglich verſchweigen und muͤße es jedem ihm Aufſto⸗ ßenden erzählen, und in der That wußte auch bereits ganz Paris um die Sache, ehe noch der Prinz von Bournonville unter der Erde war. Er ſtarb am öten und, am Hten ließ man ſchon allen Verwandten und Freunden die voll⸗ zogene Heirath anmelden. Die ganze Welt iſt daruͤber emport. Nach Verlauf von vierzig Ta⸗ gen wird das Hochzeitsfeſt ſeyn. Die Frau DPerzogin von Duͤras und Frau von Maillé, die Schweſter des Verſtorbenen, beſuchten den zweiten Tag nach dem Lodesfall die Wittwe. Sie hatte unter ihrem Wittwenkleide einen an⸗ dern Anzug an, und ihr Verehrer, der ſich als II. 3 34 ihr zukuͤnftiger Gemahl praͤſentirte, ſaß neben ihr. Uuebrigens iſt dies keine Heirath aus Nei⸗ gung, denn beide fuͤhlen keine Liebe zu einan⸗ der.“ Obſchon die Geſchichtſchreiberin behauptet, daß die ganze Welt uͤber dieſen Vor⸗ gang empoͤrt geweſen ſey, ſo iſt es doch nicht minder wahr, daß man that als wenn nichts vorgefallen, und durch dieſe unſchickliche Ueber⸗ eilung durchaus keine moraliſche Ruͤckſicht ver⸗ letzt worden waͤre; eine Gleichguͤltigkeit, die nicht haͤtte ſtattfinden koͤnnen, wenn man noch einige Scheu hegte. Dabei muß man nicht vergeſſen zu bemerken, daß die Theater⸗ prinzeſſinnen, und die Comoͤdianten ſelbſt, ſtets in dieſen Geſellſchaften Zutritt hatten.„Der Geſchmack an den offentlichen Maͤdchen oder den Theaterfrauenzimmern,“ ſagt uns ein Mann von Geiſt, der dieſes Jahrhundert ſowohl aus eigner Anſicht als aus ueberlieferung kannte*), „riß die Jugend hin und die Leichtigkeit ein *) Der Verfaſſer der Einleitung zu den Memviren der Mad. Duͤ⸗Hauſſet. 35 Verhaͤltniß mit ihnen anknuͤpfen zuMnen, verminderte den Eifer der Maͤnner ſich um die Gunſt von Frauen aus der guten Geſellſchaft zu bewerben. Die Neigung zu einem ungebun⸗ denen Leben ließ Verbindungen verachten, wel⸗ che Zwang und Aufmerkſamkeit erforderten. Der Hang fuͤr ſolche leichtfertige Mädchen und die ungeheuren Verſchwendungen zu denen ſie Veranlaſſung gaben, koͤnnen zum Theil einigen durch das Lawſche Syſtem ſchnell erworbenen Reichthuͤmern und den uͤberaus großen Einkuͤnf⸗ ten der Finaneiers zugeſchrieben werden. Es war damals etwas ſehr Vortheilhaftes ein un⸗ terhaltenes Maͤdchen zu ſeyn. Die Ga⸗ lanterie verſchwand dadurch gewiſſermaßen in dieſer Periode und man ſah faſt keine ſoge⸗ nannten Maͤnner à bonnes fortunes mehr. Diejenigen, welche dieſe Rolle noch ſpielen woll⸗ ten hielten ſich abgeſonderte Wohnungen in ir⸗ gend einer Vorſtadt*), woſelbſt ſie mit der Favoritin des Augenblicks zuſammenkamen, ei⸗ nen Wagen ohne Wappen und einen vertrau⸗ 5 Die ſogenannten petites maisons. 3* 36 ten V ienten ohne Livree, den man„ Grison“ nannte. um in die Welt eingefuͤhrt zu werden, nahm ein junger Menſch einen Mann zum Men⸗ tor, der viel Gluͤck bei den Frauen gemacht hatte und ebenſo gab es auch Frauen, die in dieſer Hinſicht wie die Waaren von Hand zu Hand gingen und von denen ſich einige ganz eigentlich mit dem Unterricht junger Leute in der Galanterie abgaben.“ Man ſollte kaum glauben daß es, auße den bereits erwaͤhnten, noch weitere Zuͤge zu dieſem Bilde gaͤbe; dennoch iſt dies nur zu ge⸗ wiß, und die Mutter des Regenten hat uns in ihren Memoiren uͤber den Geſchmack einiger damaligen Vornehmen und ſelbſt Prinzen, Nach⸗ weiſungen hinterlaſſen, die mehr curios als er⸗ baulich zu leſen ſind und von den Wißbegieri⸗ gen dort nachgeſehen werden koͤnnen. Ich will Ihnen hier nur noch etwas von dem Herzog von Geövres aus ein paar Quellen mittheilen, deren eine durch ihre philoſophiſche Toleranz, die andere durch ihren Zorn bemerkenswerth ſind, eine Verſchiedenheit, die ſich hinreichend durch das Geſchlecht erklaͤrt. Baron Bezenval ſagt von ihm:„Der Herzog von Gesores, deſ⸗ ſen Impotenz ſo vielen Anlaß zu Geſpraͤchen gab, war eines jener ſeltſamen Weſen, die von Zeit zu Zeit in der Welt erſcheinen. In ſeinem Benehmen war er ganz Weib: er legte Roth auf und wenn man zu ihm kam, ſo fand man ihn entweder in ſeinem Bette mit dem Faͤcher ſpielend oder am Stickrahmen. Dabei liebte er es, ſich in Alles zu miſchen und ſein ganzer Charakter war der einer Klatſche. Mit allem dieſen hatte er dennoch zuletzt, zu einem gewiſ⸗ ſen Alter gekommen ohne daß er jedoch dabei ſein Weſen veraͤndert hätte, ſich eine Art von Beachtung erworben, ſo daß der ganze Hof bei ihm aus und ein ging. Keine junge Frau wurde in Verſailles eingefuhrt ohne ihm vorher vor⸗ geſtellt worden zu ſeyn; ſelbſt der Konig be⸗ handelte ihn gut und ſeine Laͤcherlichkeiten wur⸗ den ihm nicht angerechnet.“ Gewiß wouͤrde dieß nicht ſtatt gefunden haben, wenn beſſere Sitten geherrſcht haͤtten. Das zweite Zeugniß ruͤhrt von einer Frau her, die durchaus nicht Bezenvals Rachſicht 38 theilt, ſondern die ganze Abgeſchmackheit jenes Hoͤflings hervorhebt. „Der Herzog von Gesvres iſt krank, ſagt ſie,„und braucht zu St. Ouen, wo ihn ganz Frankreich beſucht, alle mogliche Mittel. Hier liegt er in ſeinem Bette das mit Baͤndern und Spitzen verziert iſt und deſſen Vorhänge zuruck⸗ geſchlagen ſind. Blumen ſind dabei uͤber ihn ausgebreitet und Stickereien, ausgeſchnittene Bildchen und dergleichen liegen um ihn her. In dieſem Aufzuge empfangt er die Beſuche. Wohl zwanzig Hofleute umringen ſein Bette. Er hat immer zwei Tafeln und zuweilen auch dreie, jede zu zwanzig Couverts, bereit ſtehen Man hat eine eigene gruͤne Kleidung fuͤr die ihn beſuchenden naͤheren Freundinnen erfunden; d. h. mit einem gruͤnen Kleide, eben ſolchen Schuhen, Struͤmpfen und Hute, hat man Zutritt bei dem Hrn. Herzog. Auf dieſe Art hat er ſelbſt wohl dreißig dergleichen Unifor⸗ men ausgetheilt. Der Koͤnig meinte: man duͤrfe nur die Roͤcke in Schlafroͤcke verwandeln und dann dem Ganzen das Ausſehen der Cha⸗ rité zu geben, wo auch alles gruͤn geht. Vor 39 einigen Tagen traf Jemand von meiner Be⸗ kanntſchaft, den Herzog auf einem Ruhebette von gruͤnem Stoff, einen grauen, grunverzierten Hut auf dem Haupte, einen großen Rauten⸗ ſtrauß an der Bruſt und Knoͤtchen ſtrickend... Der Herzog von Epernon hat ſich zu ihm ge⸗ ſellt und die Manie bekommen, den Chirurgus aller Welt machen zu wollen, ſo daß kein Menſch ſicher iſt von ihm zur Ader gelaſſen oder trepanirt zu werden. Ohnlaͤngſt wollten ſich Beide ein laͤndliches Feſt bereiten; der Herr Herzog von Gesvres ſtattete ein Maͤdchen aus, und der Herzog von Epernon beſtand darauf, den Braͤutigam den Tag vor der Hochzeit zur Ader zu laſſen; da der arme LTeufel dies jedoch nicht zugeben wollte, ſo ſchenkte ihm der Herzog von Gesvres hundert Thaler um ihn dazu zu bewegen. Sehen Sie da, was un⸗ ter unſeren Augen im Angeſicht der ganzen Welt und unter einer ſehr ſtrengen Regierung vorgeht. Es iſt unmoͤglich daß man alle dieſe Abſcheulichkeiten nicht wiſſen ſollte und dennoch beſuchen alle Großen und die ver⸗ nuͤnftigſten Menſchen dieſes ungeheuer ſehr fleißig!“— Die Graͤfin. Iſt es ebenfals Made⸗ moiſelle Aiſſe, welche dieſe ii Mit⸗ theilungen machte? Der Chevalier. Sie ſelbſt, und Sie bedienten ſich des richtigen Ausdruckes, denn Mademoiſelle Aiſſé ſchrieb dies von Paris aus an Madame Calandrini in Genf; doch glaubte ſie nicht daß ihre Briefe jemals im Publicum wuͤrden bekannt werden. Als Voltaire in der Nähe von Genf wohnte, fielen dieſe Papiere ihm aber in die Haͤnde und er ließ ſie nun nebſt einigen angehangenen Bemerkungen, drucken. Alle Anecdoten welche dieſes Werk enthalt, finden ſich uͤbrigens ebenfalls in den Memoiren von Duclos, dArgenſon und Bezenval. Die Herkunft der Mademoiſelle Aiſſe blieb immer unbekannt; man fand ſie vier Jahre alt, in einem von den Tuͤrken gepluͤnderten Pallaſt in Circaſſien. Das Kind war hier von einigen Sklavinnen bedient, was zu der Vermuthung Veranlaßung gab, daß es von hohem Stande ſeyn muͤßte. Ein Handelsmann kaufte die Kleine 41 und verkaufte ſie wieder an den Herrn von Feriol, der damals als Geſandter in Conſtan⸗ tinopel lebte und das Kind erziehen ließ. Von ihrer Dankbarkeit erhielt Feriol was die Tuͤr⸗ ken ihren Sklavinnen mit Gewalt abzupreſſen pflegen, doch bewahrte ſich Mademviſelle Aiſſé vor dem gefaͤhrlichen Einfluß welchen das Beiſpiel der Sitten jener Zeit gab. Sie zeigte ſich nur gefuͤhlvoll noch gegen den Chevalier d Aity, der ihr ſeine Hand reichen wollte. Trotz der Liebe die ſie zu ihm hegte, ſchlug ſie dies jedoch aus, da ſie ſich ſeiner nicht fuͤr wuͤrdig hielt und glaubte, er wuͤrde ſich durch eine Ver⸗ heirathung mit ihr in den Augen der guten Ge⸗ ſellſchaft ſchaden. Man findet in ihren Briefen haͤufig Spuren von dieſem Gefuͤhle und ihre Beſchreibungen ſind immer anmuthig. Ich fuͤhre Ihnen hier nur eine an, die ſie von dem Le⸗ ben das man in dem Schloſſe zu Pont⸗de Vesle fuͤhrte, machte, wo ſie einige Zeit mit Frau von Feriol zubrachte. Es iſt nicht ohne Intereſſe zu ſehen wie man ſich damals mitten unter den Scenen von denen ich Ihnen eine Skizze gab, auf dem Lande unterhielt. 43 „Ich habe hier,“ ſchrieb ſie im J. 1729 an ihre Freundin,„Coliken, Zeiſige, Concerte, Floͤhe, Ratten und was noch ſchlimmer iſt, Menſchen wiedergefunden. Uebrigens bringen wir unſere Zeit ziemlich traurig zu. Des Vor⸗ mittags nach der Meſſe ſchließt ſich der Erzbi⸗ ſchof von Embruͤn(Hr. von Tencin) mit einem Jeſuiten bis zum Mittag ein. Nach dem Eſſen zankt man ſich bei einer Parthie Quadrille um fuͤnf Sous, die man am Ende nicht einmal bezahlt, bis aufs Blut. Dazu koͤmmt alle Tage hoͤchſt ununterhaltende Geſellſchaft aus der Stadt, mit der man eben ſo viel umſtaͤnde machen muß als waͤren es die vornehmſten Perſonen. Gegen Abend wird ſpazieren gegan⸗ gen. Die Frau vom Hauſe(Fr. von Feriol) und ich bleiben dann allein zuruck, die Eine um zu leſen, waͤhrend die Andere ſtrickt oder ſonſt etwas vornimmt. Nach der Promenade iſt ein Conzert, das einem die Ohren zerreißt. Man ſpeiſt ſehr ſchlecht zu Abend und hat hier we⸗ der gute Fiſche noch Freundinnen.“ 5 Die Graͤfin. Das Gemaͤlde iſt nicht 44 ſehr einladend; aber wie beſchäftigte man ſich in Paris, wenn man in Geſellſchaft war? Der Chevalier. Es iſt abermals Ma⸗ demoiſelle Aiſſé, die uns dies ſagen wird:„Es herrſcht,“ erzahlt ſie 1727 von Paris, jetzt bis zur Wuth die Mode hier, illuminirte Kupfer⸗ ſtiche auszuſchneiden, gerade ſo wie Sie es fruͤher mit dem Bilboquet ſahen*). Alles ſchneidet jetzt aus, von dem Vornehmſten bis zum Geringſten. Dieſe ausgeſchnittenen Bild⸗ chen werden dann auf Pappe geklebt und mit einem Firniß uͤberzogen. Man macht Tape⸗ ten und Ofenſchirme auf dieſe Art. Es giebt Kupferſtichhefte zum Ausſchneiden, die bis zwei⸗ hundert Livres koſten und nicht ſelten haben Damen die Thorheit, Kupferſtiche auf dieſe Art zu zerſchneiden, die hundert und mehr Franken das Stuͤck werth ſind. Wenn das ſo fortgeht, ſo werden noch zuletzt Raphaels zerſchnitten werden.“ *) Ein Spiel: mit Elfenbeinſtaͤbchen und einer dergl. Kugel, die in die Hoͤhe geſchnellt und wieder ge⸗ fangen wird. 44⁴ Die Graͤfin. Das iſt gerade wie in meiner Jugend mit dem Auszupfen. In der That, es iſt nicht wenig ſchwer Menſchen Un⸗ terhaltung zu verſchaffen, die wenig faͤhig hierzu ſind; da bleiben immer noch die Karten das große und beſte Huͤlfsmittel zu dem man ſtets ſeine Zuflucht nimmt. Doch kehren wir zu Ihren Liebſchaften zuruͤck, deren Erzaͤhlung keine Gefahr hat und die wohl bald zu Ende gehen wird. Der Chevalier. Noch nicht ſo ge⸗ ſchwind, denn ich muß Ihnen zwiſchen die⸗ ſem treuen Gemaͤlde, wenn ich mich ſo aus⸗ druͤcken darf, zwei Dinge bemerklich machen, die man nicht mit Stillſchweigen ͤberhehen kann. Das erſtere iſt das Beginnen jener ausgeſuchten Geſellſchaften, die ſich in verſchie⸗ denen Perioden dieſes Jahrhunderts bildeten, verſchwanden und wiederkamen, und das zweite St. Medardus und die Convulſionärs Wie es ſcheint, ſo herrſchte in den Geiſtern eine ge⸗ wiſſe Beweglichkeit und Unruhe, und die Ge⸗ ſellſchaft glich ſo ziemlich jenen Geneſenden, die, muͤde ihres bisherigen Zuſtandes, voll heißer 45 Begierde nach einem anderen ſich ſehnen. Man befand ſich nicht mehr wohl, ſuchte nach dem Beſſeren und fuͤhlte das Beduͤrfniß einer Aen⸗ derung. um das J. 1732 ſchrieb Mademoi⸗ ſelle Aiſſé:„Ich hoͤre ſo eben daß der Konig befohlen hat, den Gottesacker von St. Me⸗ dard zu ſchließen und ihn nur bei Beerdigun⸗ gen zu oͤffnen. Werden Sie es glauben Ma⸗ dame, daß man ſeit beinahe fuͤnf Jahren alle die Ausſchweiſungen zu dulden vermochte, die auf dem Grabe des Abbé Paris vorgingen? Fontenelle verſicherte uns neulich indeß, daß je lächerlicher und abgeſchmackter etwas ſey, je⸗ mehr Anhaͤnger faͤnde es in der Regel, und es iſt ſehr wahr daß die Menſchen das Wunder⸗ bare lieben. Unſer Freund Herr Carré de Mon⸗ geron, ſchwoͤrt auf ſeine Seeligkeit, daß er uͤbernaturliche Dinge geſehen hat.“ Dieſe Sprache verraͤth uns, daß Mademoiſelle Aiſſe ſich zum Janſenismus neigte; und in der That, als ſie einſtmals bei Frau von Feriol gefaͤhrlich krank wurde, verlangte ſie nach einem Beicht⸗ vater; Frau von Feriol wollte ihr den ihrigen zuweiſen, woruͤber ſich Mademviſelle Aiſſé nach 46 ihrer Wiederherſtellung gegen eine Freundin beklagte, indem ſie behauptete: daß Frau von Feriol kein groͤßeres Vergnuͤgen kenne als einem Janſeniſten eine Beichttochter zu entziehen, und an nichts als an den Zorn ihres Bruder,(des Cardinal von Tenein) gedacht haͤtte, wenn ſie unter den Haͤnden eines Janſeniſten geſtorben waͤre.“ Damals theilten alſo religidſe Mei⸗ nungen(wie zum Theil jetzt noch, vereint mit den politiſchen) die Familien, doch war dies nicht mehr ſo allgemein als fruͤher und man fing bereits an eben ſo viel Gleichguͤltigkeit in Betreff der religioͤſen Gegenſtaͤnde zu zeigen, als die Sitten unter der Regentſchaft ſtandaloͤs geweſen waren. Es iſt ſelten daß man, wenn dieſe Gleichguͤltigkeit einmal ein⸗ reißt, davon wieder zuruͤckkoͤmmt und Sie alle ſehen, daß dieſelbe— um nicht mehr zu ſa⸗ gen,— in den hohern Cirkeln vollſtaͤndig wurde. Nach dem was ich Ihnen aber noch mitzu⸗ theilen habe, werden Sie keinen Zweifel hierein ſetzen. Sprechen wir jetzt nur noch ein Wort von zwei Frauen, die ſich in mehr als einer Beziehung bekannt machten. Die erſtere iſt 47 Frau von Tencin, von der bei dem Ueberblick der literariſchen Vereinigungen des achtzehnten Jahrhunderts uͤbrigens eine ehrenvollere Erwaͤh⸗ nung geſchehen wird, als dies hier der Fall ſeyn kann.„Raͤnkeſuͤchtiger noch als aus⸗ ſchweifend, gehoͤrt ſie unter mehr als einer Be⸗ ziehung der Geſchichte an, welche ſie mit dem doppelten Schandfleck des Raubes und des Mordes belegen muß*).“ Ich habe ſie Ih⸗ *) Weil der Staatsrath La Fresnaye bei ihr beraubt und ermordet wurde. Nach den neuerdings von einem unſerer erſten Schriftſteller, deſſen Geiſt und Talente allgemein anerkannt ſind; gegebenen Auf⸗ klaͤrungen, bleibt kein Zweifel uͤber dieſe Sache mehr. Der intereſſanten Notiz, welche Hr. Etienne uͤber Frau von Tencin publicirte, iſt das, fruͤher noch nicht gedruckte, Teſtament von La Fresnaye beigefuͤgt, in deſſen erſtem Paragraphen man lieſt: „Auf die Drohungen die mir Frau von Tencin lange ſchon machte, mich zu ermorden oder mich ermorden zu laſſen, was ich vor einigen Tagen ſelbſt glaubte daß ſie thun wuͤrde, da ſie mir eine meiner Taſchenpiſtolen abborgte, die ich auch den Muth hatte ihr zu geben, und da ſie, wie ich dies gewiß weiß, alles that was ihr nur moͤglich war, um Herrn von Nocs zu ermorden, und ihr Cha⸗ rakter uͤberhaupt ſie zu den groͤßten Verbrechen faͤhig macht: habe ich aus Vor⸗ ſorge es fuͤr noͤthig erachtet, mein Teſtament, ſo wie es hier folgt, zu machen ꝛc.“ Die Beweiſe fuͤr die Spitzbuͤbereien der Frau von Tencin ſind ebenfalls in dieſem Teſtamente auf eine poſitive 48 nen hier uͤbrigens blos als galante Frau vorzufuͤhren, die viele Verehrer hatte, unter de⸗ nen Destouches, der Vater von d'Alembert, einer der erſten iſt, ſo wie Fontenelle, der Re⸗ gent, der Cardinal Duͤbois und Lord Bolin⸗ broke nach und nach ſich ihrer Gunſt erfreuten, die ſie La Freönaye ſo theuer bezahlen ließ, den ſie um einen großen Theil ſeines Vermo⸗ gens brachte. Frau von Tencin, wuͤrdig unter den Frauen die wir bereits nannten, einen Platz zu erhal⸗ N Art gegeben und da wenige Tage nach der Ent⸗ werfung dieſer urkunde, ſich das Geruͤcht im Pu⸗ blicum verbreitete, daß Hr. de la Fresnaye ſich in dem Zimmer dieſer Dame mit einer Piſtole er⸗ ſchoſſen haͤtte, ſo war es wohl erlaubt zu glauben, daß ſie ihn todtete. um hinter die Sache zu kom⸗ men, wurde ſie feſtgenommen und erſt in das Chä⸗ telet, dann in die Baſtille geſetzt, aus welcher ſie endlich durch die Intriguen und das Anſehen ihres Bruders wieder los kam. Man breitete jetzt aus: La Fresnaye habe ſich aus Eiferſucht erſchoſſen, doch iſt hierbei wohl zu bemerken, daß Frau von Den⸗ cin im Jahre 1681 geboren wurde und demnach damals beinahe funfzig Jahre alt war. Die Nie⸗ derſchlagung des Prozeſſes gegen ſie und das Teſta⸗ ment bilden eine Anklage, von der dieſe Frau um ſo ſchwerer frei zu ſprechen ſeyn duͤrfte, als durch den Tod ihres Liebhabers die bedeutenden Sum⸗ men getilgt wurden, die ſie demſelben ſchuldig war. ten, verkehrte jedoch nicht mit denſelben, da ihr Haus gleichſam ein Sammelpunkt von Intri⸗ guen zwiſchen ihr und dem Cardinale war und da die Art und der Zweck dieſer Intriguen, die theils auf die Vermehrung der Reichtho⸗ mer ihres Bruders hingingen, theils aus deſſen Charakter entſprangen, es erheiſchten daß ſie, ſtatt ſich in der Geſellſchaft zu zeigen, viel Geſellſchaft an ſich zog.„Sie uͤbertrug,“ ſagt Duͤclos in ſeinen Memoiren,„all' den Ehr⸗ geiz auf ihren Bruder, den ſie gehabt hatte wenn ihr Geſchlecht ihr nicht im Wege ſtand. So behielt ſie ſich nur die Galanterie vor, deren ſie ſich jedoch auch oͤfters mehr als Mit⸗ tel um zu ihrem Zweck zu gelangen, als ihres Vergnuͤgens wegen, bediente. Ich habe ſie ge⸗ nau gekannt: man kann nicht geiſtreicher ſeyn und ſie verſtand es in einem außerordentlich hohen Grade, ganz in die Ideen von dem ein⸗ zugehen, mit dem ſie gerade zu thun hatte“*). Da wir auf dieſe Frau wieder zuruͤckkommen werden, ſo gehe ich jetzt zu der zweiten uͤber. *) Memoires secrets par Puclos T. I. p. 441. H. 4 50 Es iſt dies die Marquiſe von Chätelet*), die ſowohl durch ihre Schriften als durch ihre Verbindung mit Voltaire, einen Platz in dieſer Gallerie verdient. Sie theilte ihre Zeit zwi⸗ ſchen zwei gleich galanten Hoͤfen, denen von Frankreich und Lothringen; doch zog ſie den letzteren wegen des minderen Zwanges der an demſelben herrſchte, vor. Der gute Koͤnig Stanislaus legte ſich gewoͤhnlich ſehr bei Zei⸗ ten des Abends nieder, ſein Hof dagegen ahmte dieſes Beiſpiel durchaus nicht nach. Saint⸗ Lambert, der bei dieſem Fuͤrſten in Ungnade gefallen war, erſchien immer erſt dann wenn Stanislaus ſich bereits entfernt hatte; er machte der Marquiſe Du Chätelet den Hof, und Voltaire, der ſeit vielen Jahren bereits ihr Liebhaber war, uͤberraſchte Beide einſt in Hagrante delicto. Das einzige Unrecht des Philoſophen beſtand darin, vier und zwan⸗ zig Jahre aͤlter zu ſeyn als Saint-Lambert. Wuͤthend uͤber das was er geſehen, wollte er *) Geborene Gabriele Emilie Le Tonnelier de Breteuil. 1506— 1749. 51 . auf der Stelle abreiſen; Frau von Chätelet hiervon unterrichtet, machte jedoch ſo lange Schwierigkeiten bis es ihr gelang ihn zu be⸗ ſanftigen und, was noch mehr iſt, ihn zu uber⸗ zeugen, daß der Vorzug den ſie Saint⸗Lambert gegeben habe, ganz natuͤrlich ſey. Voltaire wurde jetzt ſogar Beſchuͤtzer dieſer Liebſchaft, aber die Folge derſelben war eine Schwanger⸗ ſchaft welche Frau von Chätelet in die groͤßte Verlegenheit ſtuͤrzte, da ihr Mann ſeit funf⸗ zehn Jahren nicht mehr— iht Mann war. Madame hatte jedoch das Gluck ihn bei einem Feſte, das ſie ihm zu Ehren gab, wieder auf einen Augenblick an ſich zu feſſeln, worauf ſie denn ganz ruhig und heiter wurde. Doch ſtarb Frau von Chätelet bald darauf im Wochen⸗ bette und voller Verzweiflung uͤberhaͤufte Vol⸗ taire nun Saint⸗Lainbert mit Vorwuͤrfen und ſprach zu ihm:„Sie ſind ihr Moͤrder! muß⸗ ten Sie ſie denn gleich in dieſe Lage bringen!“ Sein Kummer minderte ſich jedoch ſehr, als er vernahm, daß ſie ſein Portrait, welches ſie in der Kapſel eines Ringes verborgen trug, mit dem von Saint⸗Lambert vertauſcht hatte.„So 4* 52 * ſind die Weiber!“ ſprach er: ich hatte ſie Richelieu abſpenſtig gemacht und mich hebt Saint⸗Lambert aus dem Sattel. Aber das iſt ſo in der Ordnung; ein Nagel treibt den andern und es iſt dies einmal der Welt Lauf.“ Ich uͤbergehe noch viele Einzelnheiten die ſich in den kurzlich herausgekommenen Memoi⸗ ren uͤber Voltaire finden*) und will mich hier nur einen Augenblick bei einer Einzelnheit aufhalten die in dieſes Sittengemaͤlde gehoͤrt. Longchamp der uns den Zug erzahlt, trat als Kammerdiener in die Dienſte der Frau von Chatelet. Das erſte Mal als er ſie erblickte, war ſie eben im Begriff die Wäſche zu wech⸗ ſeln und ſtand vollkommen nackend da. Long⸗ champ blieb beſtuͤrzt und mit niedergeſchlagenen Augen ſtehen, die Kammerfrau bedeutete ihn aber, daß er dies nicht noͤthig haͤtte und nur thun ſolle als bemerke er es gar nicht, da Madame die Gewohnheit habe ſo vor aller Welt ihr Hemde zu wechſeln. Der nächſte *) Sie wurden von Longchamp und Wagniére, WVoltaires Secretairen, in 2 Baͤnden herausgege⸗ ben und erſchienen unter der Jahrszahl 1826 be⸗ reits im Oktober 1825. 53 Tag brachte eine neue und noch großere Ver⸗ legenheit fur den armen Longchamp mit, der jetzt die Augen gar nicht niederſchlagen konnte, denn es handelte ſich darum, das Bad der Frau von Chätelet zu erwaͤrmen, die weder einen Bademantel noch ſonſt etwas um hatte. Wei⸗ terhin berichtet er von einer Parthie, die von mehreren Damen, unter denen ſich die Herzo⸗ gin von Buufflers(ſpäterhin Marſchallin von Louxembourg, von der wir bereits mehrmals ſprachen), die Marquiſinnen Mailly, Gouvernet und Du Deffand und Madame de la Popeli⸗ nière befanden, nach einem Gaſthofe in Chail⸗ lot gemacht wurde.„Dieſe Damen legten hier ihre ſaͤmmtlichen Kleidungsſtucke ab, ausgenom⸗ men diejenigen welche der Wohlſtand durchaus vorſchrieb, zu behalten. Man genirte ſich da⸗ mals durchaus nicht gegen die Bedienten; es war dies ſo der Gebrauch,“ ſagt Longchamp, „und ich weiß es aus eigner Erfahrung, daß die Gebieterinnen ihre Diener lediglich als Automate betrachteten. So bin ich feſt uͤber⸗ zeugt daß Frau von Chätelet, als ſie mir be⸗ befahl ihr im Bade aufzuwarten, hierin nicht 54 den geringſten Schatten einer Unanſtaͤndigkeit ſah und ich in dieſem Augenblicke in ihren Au⸗ gen nichts anderes als der Keſſel war, den ich in der Hand hielt; noch weit leichter konnten deshalb jene Diener welche den Damen zu Chaillot aufwarteten, fuͤr blße Maſchinen von ihnen betrachtet werden.. Dieſe Damen machten ſich uͤbrigens ſehr luſtig; ſie lachten und ſangen in einem weg und dachten nicht eher daran das Haus wieder zu verlaſſen, als um fuͤnf Uhr des Morgens.“ An der Richtigkeit der hier von Longchamp gemachten Bemerkung, zweifle ich durchaus nicht, doch iſt dieſe Art einen Menſchen anzuſehen nicht minder merkwuͤr⸗ dig; es giebt der Sache etwas mehr Decenz, ohne daß deswegen die Sitten gewoͤnnen Dieſe Parthie nach Chaillot fand uͤbrigens in demſelben Jahre ſtatt, wo Hr. von Pope⸗ linière die beruchtigte Platte in ſeinem Kamine entdeckte, durch welche der Herzog von Riche⸗ lieu zu ſeiner Frau zu kommen pflegte). Der Zorn des Mannes brachte es dabei ans Licht, *) Siehe: Aus den Memoiren des von Ri⸗ chelieu. Nach dem Franz. Leipzig, 1827. 55 daß Madame den Marſchall von Sachſen we⸗ gen des Herzogs, und dieſen wegen jenem hin⸗ terging. Vermuthlich fand die Parthie in Chaillot vor dieſem Ereigniſſe ſtatt, da es nicht wahrſcheinlich iſt daß die anderen Damen Frau von Popelinidre nach einem ſolchen Skandal noch wuͤrden mitgenommen haben; dazu iſt es gewiß, daß von dem Augenblicke an, wo Herr von Popeliniere ſeine Frau mit einem Jahr⸗ gelde von zwanzigtauſend Franken fortſchickte, dieſelbe gaͤnzlich in Vergeſſenheit gerieth. Selt⸗ ſam iſt es indeß auch wieder, daß waͤhrend dieſer ihrer Verbannung, und waͤhrend ſie ſelbſt nicht mehr beachtet wurde, eine Menge Gegen⸗ ſtaͤnde ihren Namen bekamen; es wurde näm⸗ lich Mode Kleider, Kopfputze und Faͤcher à la Popelinière zu tragen; und dies ging ſo weit daß man ſelbſt Hemden dieſer Art hatte, doch wird nicht geſagt, ob man denſelben Gebrauch davon machte wie ſie. Dieſe Moden ſollte man glauben haͤtten den Verdruß des Mannes erwecken muͤſſen, indeß iſt es moͤglich daß Herr von Popelinière, der kein großes Haus hielt und nur ſelten in Geſellſchaft kam, die ſchmach⸗ 56 volle Ehre gar nicht kannte, die man ſeinem Namen erwies. Je mehr wir uns dem Schluſſe des acht⸗ zehnten Jahrhunderts naͤhern, werden Ihnen, wie ich vorausſetzen darf, die Ereigniſſe in dieſer Hinſicht bekannter ſeyn: ich brauche deshalb hier weniger in eine Auseinanderſetzung einzugehen und kann mich mit einer chronologi⸗ ſchen Reihenfolge der Perſonen begnuͤgen, de⸗ ren galante Abentheuer weniger Aufſehn erreg⸗ ten. Hierhin gehoͤrt z. B. die Intrigue der Madame Thiroux mit dem Herzog von Olonne, dem Sohn des Herzogs von Bonteville. Der Tapezier welcher das von der Dame gemiethete kleine Haus ausmeublirt hatte, kam um die Bezahlung ſeiner Rechnung zu fordern und fand einen ſchwarz gekleideten Mann, den er fuͤr den Haushofmeiſter der Frau von Thirvur hielt; aber leider war es der Gemahl ſelbſt, der jedoch ſo vernuͤnftig war ganz ruhig zu ſeiner Frau zu ſagen: es waͤren hier einige kleine Angelegenheiten abzumachen, die ſie ſich ſelbſt die Muͤhe geben muͤſſe zu ordnen. Ohn⸗ gefaͤhr um dieſelbe Zeit war Frau von Bouff⸗ 37 lers zugleich die Geliebte von Stanislaus und von dem Herrn de la Galaiſiöre, dem Kanzler dieſes eben ſo geiſtreichen als gutmuͤthigen Fuͤr⸗ ſten. Frau von Boufflers wurde eines Ta⸗ ges der Schmeicheleien muͤde die ihr der Kö⸗ nig ſagte und fragte ihn: ob er nicht bald zu Ende ſey?„Madame,“ entgegnete Stanis⸗ laus, der eben ſeinen Kanzler in das Zimmer treten ſah,„Herr von Galaſière wird Ihnen das Weitere mittheilen.“—„Mit Vergnuͤgen uͤber⸗ nehme ich dies Amt!“ erwiederte der Kanzler. In den Memoiren jener Zeit finde ich auch noch Madame Sauvé, die Geliebte des Herrn von Beringhen, Biſchofs von Puyz die Her⸗ zogin de la Valliére und den Grafen von Biſſy; die Herzogin von Chaulnes und den Abbé Bois⸗ mond; doch waren dieſe Damen ſaͤmmtlich ſehr zuchtig in Vergleich mit denen von welchen wir fruͤher ſprachen, indem ſie ſich, beſonders gegen dieſe gehalten, einer Sb be⸗ fleißigten. Hoͤchſt— ſi es bei alle dem, daß dieſe gegen ſich und unter einander ſo nachſichtigen Frauen, waͤhrend der ganzen Dauer 58 dieſet Periode eine außerordentliche Strenge und Pruͤderie gegen die Maitreſſen des Koͤnigs beobachteten. Wenn man ſie hoͤrte, mußte man glauben ſie waͤren wahre Tugenddrachen; uͤbrigens läßt ſich dieſe Strenge der Schoͤnen am Hofe und in der Stadt, obſchon ſie nie zu etwas half, nicht ganz tadeln, da die Mai⸗ treſſen unſerer Konige immer wahre Landpla⸗ gen geweſen ſind, die den Staat ruinirten und die Fuͤrſten verhaßt machten. Zwar hatten ſie allerdings von Frauen etwas mehr Nachſicht erwarten duͤrfen die um nichts beſſer waren als ſie, im Ganzen iſt es jedoch ziemlich gleich⸗ guͤltig von welcher Seite die Gerechtigkeit ge⸗ uͤbt wird, wenn dies uͤberhaupt nur geſchieht. Ludwig XV. hatte waͤhrend der Dauer einer nur zu langen Regierung, zwar bloß drei erklaͤrte Maitreſſenz aber im Gefolge der beiden letzten befand ſich eine Unzahl von Frauenzimmern die man mit Recht als den Wegwurf der Geſellſchaft betrachten kann, und die letzte erklaͤrte Favorite gehorte ſelbſt mit zu dieſer Zahl. Werfen wir einen Blick auf den Antheil den das Publicum, die Da⸗ —,————— 59 men vom guten Ton mit imeſen⸗n daran nahmen. Ludwig XV. waß 65 er Seit ſeiner Gemahlin treu geblieben war, ob⸗ gleich dieſelbe ſieben Jahre mehr zaͤhlte als er, an Frau von Mailly aus dem Hauſe Nesle, die nie etwas fuͤr ſich begehrte. Als ihre Schwe⸗ ſter aus dem Kloſter an den Hof kam, machte ihr dieſe den Koͤnig abſpenſtig, der die neue Favorite nun an den Herrn von Vintemille mit der Bedingung verheirathete, ſeine Frau nie zu beruͤhren; eine Bedingung, welche den Erzbiſchof von Paris nicht abhielt, Beiden die eheliche Einſegnung zu geben. Frau von Vin⸗ temille gewann ſchnell eine ſolche Herrſchaft uͤber den Koͤnig, daß der Cardinal und Pre⸗ mierminiſter dieſerhalb beſorgt wurde; doch ſtarb ſie aͤußerſt plotzlich. Der Koͤnig kehrte nun zu Frau von Mailly zuruͤck, die eine an⸗ dere Schweſter, Namens Frau von La Tour⸗ nelle bei ſich hatte, welche ſehr huͤbſch war und in die ſich der Koͤnig verliebte. Als eine ge⸗ uͤbte Coquette die ihr Handwerk verſteht, wi⸗ derſtand Frau von La Tournelle auf eine Art 60 die die Leidenſchaft des Fuͤrſten vermehrte und capitulirte endlich unter Bedingungen, de⸗ ren erſte darin beſtand, daß ſie zur Herzogin erhoben wurde, und die zweite: daß Frau von Maily, ihre Schweſter, vom Hofe in ein Klo⸗ ſter verwieſen werden ſollte. Man ſieht, die Dankbarkeit war keine vorherrſchende Tugend in dieſer Familie. Zuletzt begehrte ſie noch ein Haus, und endlich beſtand ſie darauf, der Koͤnig ſolle ſich zur Armee verfuͤgen, weil ſie fuͤrchtete, ſeine Unthätigkeit mochte die Liebe zu ihr verringern. Dieſe Frau von La Lournelle war die nachherige Herzogin von Chateauroux. Als Ludwig krank wurde, verabſchiedete er ſeine Geliebte auf eine wahrhaft unwuͤrdige Art, und dieſe lief einen Augenblick Gefahr von dem Volke in Stuͤcken geriſſen zu werden. Mit der Geſundheit kehrte indeß auch die Liebe bei dem Koͤnig zuruͤck; er wuͤnſchte Frau von Chateauroux wiederzuſehen und ſchrieb ihr dies. Schon war der Tag ihrer Ankunft bei Hofe beſtimmt, als man erfuhr daß ſie plotzlich von einer Krankheit befallen worden ſey, an der ſie ſchnell verſchied. Man behauptete daß ein Mi⸗ 61 niſter(Maurepab), der ihre Ruͤckkehr fuͤrchtete, ein Giftpulver in den Brief des Koͤnigs ge⸗ ſtreut haͤtte; da ein Verbrechen dieſer Art je⸗ doch nicht in unſeren Sitten liegt, ſo darf man daſſelbe ohne naͤheren Beweis, einem Hofmanne nicht mit Recht ſchuld geben, wenn dieſer auch gleich ſeiner Verſchlagenheit wegen nur:„der alte Fuchs,“ genannt wurde. Das Beneh⸗ men Ludwigs XV. gegen Frau von Chateau⸗ roux machte uͤbrigens einen großen Eindruck. Die Unſchicklichkeit mit welcher ſowohl er als Frau von Chateauroux ſich auffuͤhrten, die Haͤrte mit der er ſie fortſchickte und die Schwaͤche, mit der er ſie dann wieder wollte zuruͤckkom⸗ men laſſen, erregten ein ſolches Misfallen, daß man ſich zum erſten Male laut ausſprach und oͤffentlich das Verfahren des Koͤnigs tadelte. Die vierte Schweſter aus dem Hauſe Nesle, war Fran von Lauraguais. Sie vergnuͤgte Sr. Majeſtaͤt, ohne ihm jedoch eine wirkliche Leidenſchaft einzufloͤßen, und Frau von Chateau⸗ roux allein galt unter dieſen vier Schweſtern fur die erklaͤrte erſte Geliebte Ludwig XV. Die zweite war Frau von Pompadour. 62 „Dieſe offentlich ihrem Manne genommene Buͤr⸗ gersfrau, die von nun an unumſchraͤnkte Be⸗ herrſcherin des unumſchraͤnkten Monarchen wurde, trug vollends dazu bei den letzten Zuͤgel zu zerreißen und dem Unwillen Thor und Thuͤre zu oͤffnen. Spottreden, Epigramme, Chan⸗ ſons, Libelle, alles wurde in Bewegung ge⸗ ſetzt, um die Sache mit den moglichſt gehäſſig⸗ ſien Farben zu malen und den Monarchen herabzuwuͤrdigen,„der bald in eine Ver⸗ achtung verſank, welche die ſichere Vorbotin von Staatsunruhen iſt“*). Es waren vorzuͤglich die Frauen welche wir bisher die Muſterung paſſiren ließen und zwar die von derſelben Claſſe, die ſich durch ihre Strenge und ihren Eifer den Monarchen zu tadeln, auszeichneten und die, je weniger ſie eigentlich ein Recht hatten ſtrenge zu ſeyn, dennoch um ſo mehr es waren⸗ Der welcher ſie kannte, ſie beobachtete, mitten unter ihnen lebte und ihr Schuͤler war, ſoll uns ihr Be⸗ nehmen in dieſer Hinſicht ſchildern.„Die *) Memoiren von Bezenval B. I. S. 349. Frauen vorzuͤglich,“ ſagt er,„machten ſich durch ihre Erbitterung bemerklich: die Frauen, dieſe Haͤlfte des Menſchengeſchlechts, dem kein Theil, kein Recht weder an dem oͤffentlichen Leben noch an deſſen Geſetzgebung zugeſtanden iſt; die man auf die Pflichten der Zuruͤckgezo⸗ genheit, der Beſcheidenheit und des Hauswe⸗ ſens beſchränkte, und die dennoch oft in hoͤch⸗ ſter Inſtanz uͤber alles entſchieden: die um ſo gefaͤhrlichere Schiedörichter ſind, da ihnen nichts uͤbertragen iſt, da ſie fuͤr nichts verantwortlich ſind, da ſie keine Gefahr laufen und ihr Ge⸗ ſchmack, ihre Leidenſchaften, ihr Eigenſinn, und vorzuͤglich ihre Eigenliebe, ſie allein bewegen: die immer gewiß ſind durch den unwiderſteh⸗ lichen Einfluß den ſie auf die Maͤnner haben zu ſiegen; die ſich nur dann oͤffentlich zeigen, wenn die umſtande ihrer Eitelkeit ſchmeicheln, und die um ſo mehr die Maitreſſen des Koͤnigs verfolgten, da, indem ſie zugleich den Grund⸗ ſatz aufſtellten, daß dies zu ſeyn die entwuͤr⸗ digendſte Rolle fur ein Frauenzimmer waͤre, ein geheimer Neid ſie unerbittlich gegen diejenige machte, welche den Vorzug von dem Monar⸗ 3 1 1 64 chen erhielt. Ihr Unwille, ihr Geſchrei, hatten aber keine Grenzen mehr, als, zwei Jahre nach dem Tode der Frau von Pompadour, der Platz derſelben durch die uneheliche Tochter eines 3 Moͤnchs und einer Koͤchin erſetzt wurde.“ Dieſe Perſon war die dritte und letzte er⸗ klaͤrte Favorite Ludwigs XV, und man kann nicht leugnen, daß dieſe Wahl um ſo emporen⸗ der erſchien, da Madame Duͤbarry fruͤher nicht bloß ein unterhaltenes, ſondern ein voollig oͤffentliches Maͤdchen war, deren Gunſtbezeigun⸗ gen jeder Bezahlende erhielt. In der That liegt in dieſer Wahl eine merkwuͤrdige Vereini⸗ nigung von Niedrigkeit und Gemeinheit, und es ſcheint faſt in dem Geſchick der Vauvernier*) zu liegen, daß ſie, trotz ihrer wahrhat außer⸗ ordentlichen Schoͤnheit, alles verunreinigte was ſich ihr nahte. Die erſten Familien wurden durch ſie mit Schmach bedeckt, theils indem ſie, um dem Koͤnig zu gefallen, ihren Umgang ſuchten, theils indem man ſie, dem Monarchen zu gefallen, nicht zuruckſtieß. *) Nachherige Duͤbarry⸗ 65 Ich ſchließe wie ich es verkundigte, mit ei⸗ ner Frau deren Leben ganz den Zeitraum aus⸗ fuͤllt den wir ſo eben durchblickten, und der von ihr ſogar weit uͤber die eigentliche Grenze deſſelben noch verlaͤngert wurde, da Frau von Luxembourg, die 1707 geboren ward, erſt 1787 ſtarb. Sie war hierin gluͤcklicher als die Her⸗ zogin von Berry, die den Wunſch hegte, ihr Leben moͤchte kurz aber angenehm ſeyn. Frau von Luxembourg war uͤbrigens die Tochter des Herzogs von Villerois.. Harmage. Jenes eitlen, faden und im Kriege ſo unglucklichen Marſchalls? jenes Men⸗ ſchen der ſo aufgeblaſen und doch wieder, wenn es ſein Intereſſe galt, ſo kriechend war? kurz jenes Menſchen den Saint⸗Simon: die Hof⸗ weide nannte, ein gutgewaͤhlter Ausdruck fuͤr die Schmiegſamkeit eines Hoͤflings. Der Chevalier. Nein, aber des Soh⸗ nes von dieſem, von dem, wie man im Scherz ſagte, außer in ſeiner Genealogie, wegen ſei⸗ ner ungeheuren Mittelmaͤßigkeit und voͤlligen Unbedeutenheit, nirgends die Rede ſey. In ihrem vierzehnten Jahre an den Herzog von IM. 5 66 Boufflers verheirathet, erſchien das Fräulein von Villerois 1721 zuerſt am Hofe, d. h. wah⸗ rend der Regentſchaft und zu einer Zeit, wo die Sitten im hochſten Grede verdorben waren. Sie war nach dem Ausſpruch der Memoiren jener Zeit, eine der liebenswuͤrdigſten, geiſt⸗ und anmuthreichſten Frauen, doch dabei außerordentlich launenhaft. Allem Anſcheine nach begann ſie gleich vom erſten Augenblicke ihres Auftrittes an, mit dem Strome zu ſchwimmen und den Beiſpielen zu folgen, die ſie vor Augen hatte, wenigſtens wird dieſe Vermuthung durch das von Treſſan auf ſie gedichtete Couplet beſtätigt: „Kaum war die ſchoͤne Frau am Hof' erſchienen, So hieß es: Seht der Liebe Koͤnigin! und Alle eilten ihr zu dienen, und Allen— gab ſie ſich auch hin.“ Ihre Schwiegermutter, die Marſchallin von Boufflers, bewachte ſie jedoch ziemlich ſtreng. Pruͤde wie Frau von Maintenon, in deren Ge⸗ ſellſchaft ſie haͤufig gelebt hatte, verſtand ſie im Punkte der Galanterie keinen Spaß, und je vielfacheren Nachſtellungen ihre Schwiegertoch⸗ 67 ter ausgeſetzt war, je ſchaͤrfer behielt ſie dieſelbe im Auge. Dieſe bot jedoch ihren ganzen Scharfſinn auf ſie zu hintergehen, und hielt ſich, da ſie ſich in ihrer Ausſicht getaͤuſcht ſah, die Ehre haben zu koͤnnen einen erklaͤrten Liebhaber ſich halten zu duͤrfen, einen heim⸗ lichen. Ich ſage, die Ehre, denn Sie ha⸗ ben bemerken muͤſſen, daß eine ordentliche Auf⸗ fuͤhrung zu jener Zeit lächerlich machte. Frau von Boufflers entſchaͤdigte ſich demnach mit dem Herrn von Fimarcon.„Da die Rendez⸗ vous mit jungen Frauen immer ſehr ſchwierig ſind*),“ ſo ließ ſich dieſer Liebhaber unter die Dienerſchaft der Marſchallin aufnehmen und brachte hier mehrere Tage in der Livree zu. Ich weiß nicht, ob er fortgeſchickt wurde oder ſelöſt den Dienſt verließ, doch erſchien er ſehr bald wieder in der Geſellſchaft und verkuͤndete hier ſein Abentheuer mit um ſo mehr Vergnuͤ⸗ gen, da er dadurch der Frau von Boufflers keinen Schaden zufuͤgte, die von jetzt an im Gegentheil eine Menge Bewerber erhielt, indem * Memviren von Bezenval B. I. S. 140. 5* es zum Ton gehoͤrte, daß jeder Mann von gutem Anſehn ſie auf der Liſte ſeiner Er⸗ oberungen mit auffuͤhren konnte. Herr von Riom*), der Liebhaber der Frau von Mouchi und der Herzogin von Berry, die er ſpäter ſelbſt im Geheim heirathete, ſpielte damals noch die Rolle eines Bildners. Er war es, der dem Herzog von Luxembourg die Frau von Boufflers verſchaffte, doch willigte ſie nur unter der Bedingung ein, daß der Herzog ſeiner damaligen Geliebten zu einem Kinde ver⸗ helfen ſollte. Nachdem dieſe Bedingung erfuͤllt war, geſtattete ſie ihm nun ihr daſſelbe zu thun *)„Dieſer Riom,“ ſagt die Mutter des Regenten in ihren Memoiren,„war weder anſehnlich noch gut gewachſen. Mit ſeinem gruͤnlich⸗gelben Teint glich er einem dem Waſſer entſtiegenen Geſpenſte; dabei hatte er Naſe und Augen wie ein Chineſe. Man mußte ihn eher fuͤr einen Affen als fuͤr einen Gascogner halten. Dieſer Kroͤtenkopf iſt indeß deswegen kein uͤbler Edelmann.“ Ein umſtand, der in den Augen der Herzogin von Orleans viel entſchuldigte. Sie ſtellt Riom und die Mou⸗ chi, wie ſie ſich ausdruͤckt, dar: als wenn ſie ei⸗ nen doppelten Schluͤſſel gehabt und das Herzog⸗ thum Berry verſchlungen haͤtten.„Waͤhrend man die Prinzeſſin nach St. Denys brachte,“ erzaͤhlt ſie weiterhin,„ſtand die Mouchi am Fenſter und blies die Floͤte.“. 60 und die beiden Schwangerſchaften wurden hier⸗ auf zugleich dem Publicum bekannt. Noch mehr: als ſich eines Tages, waͤhrend viel Geſellſchaft bei der Koͤnigin war, Herr von Luxembourg anmelden ließ, begann Frau von Buufflers lachend zu ſingen:„der Doppelpapal der Doppelpapa!“ und deutete dadurch ihre und der Frau von Nocé Schwangerſchaft von ihm ganz unverhohlen an. eie benutzte uͤbrigens ihre Gewalt öber den Marſchall dazu, ihn zu vermoͤgen ſechs Mal wochentlich eine von ihr gewählte Geſell⸗ ſchaft in einem ſogenannten Petit maison zu verſammeln, in welcher man ſich weder in Re⸗ den noch in Handlungen den geringſten Zwang auflegte. Die Frau des Herzogs von Luxem⸗ bourg ſelbſt, ſo wie die Herzogin von La Val⸗ liere gehoͤrten mit au dieſem Cirkel, in welchem man ſich zuweilen das Vergnuͤgen machte, ſich zu berauſchen, und wo dann immer Frau von Boufflers ihre Gefaͤhrtinnen uͤbertraf.„Man kann ſich,“ ſagt Bezenval„„keine Vorſtellung von der Zahl der Maͤnner machen, zu denen die Laune des Augenblicks ſie hinzog“ und er 70 nennt in dieſer Hinſicht nur unter anderen die Herren von Duͤrfac, Depons, Frisſe, de la Vaupalière, den Grafen von den Schau⸗ ſpieler Chaſſi u. ſ. w. Was ſie jedoch von anderen Frauen vieſe Art unterſcheidet, die oft ihre Verirrungen durch gute Eigenſchaften des Herzens aufwogen, das iſt eine haͤufig bei ihr hervorſpringende Bos⸗ heit. Einer der verhaßteſten Zuͤge in dieſer Hinſicht iſt die Haͤrte mit welcher ſie ſich ge⸗ gen die Prinzeſſin von Robecque, ihre Schwie⸗ gertochter, benahm. Die Prinzeſſin welche von allen Menſchen wegen ihrer vortrefflichen Ei⸗ genſchaften und ihrer wahren Liebenswuͤrdigkeit geſchaͤtzt wurde, ſtarb an einem Bruſtubel. unempfindlich gegen ihre Leiden, widerſprach Frau von Luxembourg ihr unaufhoͤrlich und 1 den Tag vor ihrem Tode hatte ſie die Grau⸗ 3 ſamkeit laut in deren Gegenwart zu ſagen: 1 man koͤnne es im Zimmer nicht aushalten, „da man ſchon den Leichengeruch zum Erſticken empfinde.“ So war Frau von Buufflers und ſo war ſie noch lange nachher, als ſie ſchon den Na⸗ 74 men des Marſchall von Luxembourg trug(1750). Rouſſeau lernte ſie einige Jahre ſpaͤter kennen (759), als ſie bereits dieſe Lebensart, von der ich hier nur eine leichte Skizze entwarf, aufge⸗ geben hatte. Er ſagt, indem er von ihr ſpricht, daß ſie fuͤr boshaft gegolten haͤtte, und daß„in den Abentheuern des Mylord Eduard, eine roͤmiſche Marquiſe von einem ſehr haͤßlichen Charakter vorkame, von welcher einige Zuge, ohne daß dieſelben auf ſie an⸗ wendbar wären, doch von jenen Perſonen auf ſie haͤtten angewendet werden koͤnnen, die ſie nur dem Rufe nach kannten.“ Dies heißt ſo viel als eingeſtehen, daß ſie einen boͤſen Ruf hatte. Es war gegen das Ende dieſer Epoche der Sittenloſigkeit, daß die neue Heloiſe er⸗ ſchien und Sie werden geſtehen, daß der Ver⸗ faſſer demnach nicht uͤbertrieb, als er ſagte: „Ich habe die Sitten meines Jahr⸗ hunderts geſehen und dieſe Briefe herausgegeben;“ und dennoch, was hat man nicht alles daruͤber geſchrien, daß Julie von Etanges einmal ſchwach dargeſtellt wurde um dann zur Tugend zuruͤckzukehren! In der 72 That muß einem dieſer Vorwurf ſehr komiſch vorkommen, wenn man die Sitten dieſes Jahrhunderts kennt! Schließen wir jetzt mit Frau von Luxem⸗ bourg indem wir nur noch hinzufuͤgen, daß ſie, Dank ihrem Namen, ihrem Vermögen, ihrem Range und der Aenderung in ihrer Lebensart, ein geehrtes Alter hatte und ſelbſt ihre Enkelin, Amalie von Buufflers, die ſpäter Herzogin von Lauzuͤn wurde, ſo trefflich erzog, daß dieſe Er⸗ ziehung als ein Muſter geprieſen wird 5). Die große Erfahrung welche Frau von Luxem⸗ bourg geſammelt hatte, konnte ihr freilich leh⸗ ren was man vermeiden muͤſſe um zu dieſem *) Bezenval und J. J. Ronſſeau ſtimmen in die⸗ ſem Punkte uͤberein; doch wurde unglücklicher Weiſe gerade derjenige der Gemahl der jungen Perſon, der Amalie von Buufflers mit andern Au⸗ gen anſah, denn noch ehe er ſie heirathete, fand der Herzog von Lauzuͤn die junge Dame hoͤchſt widerwaͤrtig. Frau von Genlis fagt in ihren Me⸗ moiren, indem ſie von der Marſchallin von Luxem⸗ bourg ſpricht,„daß ſie die Verirrungen ihrer Jugend durch eine aufrichtige Froͤmmigkeit und durch die Erziehung ihrer Enkelin wieder gut ge⸗ macht habe.“ Herr von Seguͤr ſpricht in ſeinen Souvenirs S. 167. von ihrer Reue und der Ach⸗ tung die man der Marſchallin ſchuldig waͤre. 73 Ziele zu gelangen und uͤbrigens beweiſen auch tauſend Beiſpiele, daß oft die ausſchweifend⸗ ſten Frauen ihre Toͤchter mit der groͤßten Strenge erziehen und die mehrſte Vorſicht anwenden dieſelben nicht ihrem Beiſpiele folgen zu laſſen. Die Sitten der Geſellſchaften einer etwas minderen Sphaͤre, wo man ein ziemlich luſtiges Leben fuͤhrte, darf ich hier nur andeuten. Zu dieſem Kreiſe gehoͤrten Frau von Epinay, die von Hrn. Francueil auf Hrn. Grimm uͤber⸗ ging, waͤhrend ihr Mann ſich mit den— herumtrieb; Madam La⸗Live de Juilly, welche wegen eines Muſikers allerlei Thorheiten be⸗ ging u. ſ. w. Dieſen Zuſtand der Dinge ſieht man um das Jahr 1760 ſich bedeutend veraͤndern und faſt verſchwinden. Nach dieſer Periode bemerkt man zwar noch einige auffallende Aben⸗ theuer, deren Helden, alte Libertins, wie der Marſchall von Richelieu, vielleicht weniger das Vergnuͤgen ſuchten als Aufſehn erregen woll⸗ ten*), aber aller Augen waren jetzt lediglich ic„ * Man weiß z. B. von Richelieu, daß er mehr als 74 nur auf den Hof gerichtet, der nach dem Zeug⸗ niſſe eines Hofmannes ſelbſt, welcher ſich fol⸗ gendermaßen hieruͤber ausſprach, alles in ſich vereinte was man ſich nur Unanſtaͤndiges und Laſterhaftes zu denken vermag:„Der Unwille hatte keine Grenzen mehr als man die Stelle der Frau von Pompadour durch die uneheliche Jochter eines Moͤnchs und einer Koͤchin er⸗ ſetzen ſah, die durch einen Gauner, Namens Duͤbarry, von einem Orte weggenommen wurde, an welchen ſie unter dem Namen Engel*) oder auch Mademoiſelle Vaubernier, erſt von ihm unterhalten und an einen Jeden der ſie haben wollte, verkauft wurde. Zu den Fuͤßen einer ſolchen Perſon legte der Koͤnig jetzt ſei⸗ nen Scepter nieder und vollendete dadurch ſich mit Schmach und Schande zu bedecken. Die⸗ ſes Geſchoͤpf brachte eine Menge ſittenloſes einmal, um eine Frau in das Gerede zu bringen, ſeinen Wagen die Nacht uͤber vor der Thuͤre von deren Haus halten ließ, waͤhrend er ſelbſt ruhig in ſeinem Bette lag. Siehe: Deſſen Memoiren. Leip⸗ zig, 1827. *)„Man nannte ſie,“ ſagt der Herzog von Lauzun in ſeinen Memoiren,„Engel, wegen ihrer himmliſchen Geſtalt.“ 75 Geſindel, Spione und Schelme aller Art an den Hof, die von jetzt an Verſailles gleichſam belagerten, ſo daß man zu gleicher Zeit von Angebereien, Frechheit, gemeinen Intriguen und Unterſchleifen umringt war*).“ Ich weiß nicht war es der Widerwille ge⸗ gen dieſen Hof, genug man wurde zuruͤckhal⸗ tender und zuͤchtiger und die Maͤnner gaben ſich wenigſtens nicht mehr wie fruͤher das Anſehn als billigten ſie die Ausſchweifungen ihrer Wei⸗ ber. Der den ſein Name, ſein Vermoͤgen und die Annehmlichkeiten ſeiner Perſon und ſeines Geiſtes am mehrſten in die Mode brachten, war der Herzog von Lauzuͤn, welcher in ſeinen Memoiren uns manchen unbeſcheidenen Auf⸗ ſchluß giebt. Dieſe Memoiren ſind eine leb⸗ haft gemalte Gallerie, in welcher wir Madame d'Esparbelle, die Prinzeſſin von Tingry⸗Mont⸗ morench, Frau von Stainville, geborne Cler⸗ mont⸗Raynel, die nachdem ſie Jaucourt und Lauzuͤn zu Verehrern gehabt hatte, ſich mit dem Schauſpieler Clerval einließ und dieſerhalb 6 Memoiren von Bezenval B. I. S. 360. 76 von ihrem Manne eingeſperrt wurde;*) die Vicomteſſe von C*x, eine Schweſter des Prinzen d'Henin, welche, nachdem Lauzun ſie verlaſſen hatte, noch denſelben Abend ſich dem Chevalier von Coignh ergab; die Vicomteſſe von Laval, die nachdem ſie mit dem Herzoge von Luxembourg in einem Verhaltniſſe geſtanden hatte, ſich Lauzuͤn nur deswegen in die Arme warf, weil er ſich fuͤr den Herzog von Choiſeul auf⸗ opferte; die Marquiſe von Fleury, die ihn ver⸗ folgte**) u. A. erblicken; alle dieſe Verhaͤlt⸗ *) In den Mémoires secreis lieſt man unter dem ſten Jan. 1767 folgendes hieruͤber:„Clerval, ein Schauſpieler des italieniſchen Theaters, lebte ſchon lange mit Frau von Stainville. Aufgebracht hieruͤber, wirkte ihr Gemahl einen Befehl von dem Koͤnige aus, zufolge welchem er ſie ſelbſt nach Nanch brachte. Man verſichert, daß am Abend vor ſeiner Abreiſe, Hr. von Stainville ſeine Maitreſſe, die Mademoiſelle Beaumeſail, eine Opernſaͤngerin, in den Armen eines jungen Tänzers fand; Andere ſagen in denen eines Gardeofficiers.“ **) Es war dies eine Fochter der Frau von Coigny. Lauzuͤn behauptet, daß Frau von Fleury ihn ver⸗ folgte und ihn zur Rede ſtellte. Frau von Genlis ſagt in ihren Memoiren von ihr, ſie ſey leichtfer⸗ tig und leichtſinnig geweſen, habe die ſeltſamſten Einfaͤlle und zuweilen eine Luſtigkeit gehabt, die an Narrheit grenzte. Walpole, der ſie in einem ſol⸗ chen Augenblicke ſah, aͤußerte:„Sie iſt ein naͤrri⸗ ſches Ding, aber was macht man mit ihr im Hauſe?“ —— 3 niſſe wurden jedoch mit vieler Vorſicht betrie⸗ ben um die Maͤnner zu hintergehen, eine Sache, die allein ſchon hinreicht dieſe Epoche von der fruͤheren zu unterſcheiden, wo man durchaus keine Ruͤckſicht hierauf nahm. Solche Ruͤancen koͤnnte man uͤberhaupt noch mehrere anfuͤhren, doch darf ich vorzuglich einer Sonderbarkeit nicht vergeſſen, die eine Verbeſſerung in dem beweiſt was dazu dient die Unordnung ordentlicher zu ma⸗ chen und dieſe Art von Verbindungen jetzt einer gewiſſen Schicklichkeit zu unterwerfen, von der man in der erſten Haͤlfte des Jahrhunderts keine Ahnung mehr hatte. Frau von Genlis, die alles beobachtete, alles ſah, aber nicht alles ſagt, was ſie ſah, fuͤhrt uns dieſen Zug an: „Viele Maͤnner, welche nicht Annehmlichkeiten genug beſaßen um Gluͤck bei den Frauen zu machen, uͤbernahmen damals die beſcheidene Rolle der Vertrauten. Man bedurfte hierzu keiner anderen Eigenſchaften als die der Milde und Verſchwiegenheit, und brauchte ſich nur das Anſehen zu geben, als hielte man alle dieſe Intriguen fuͤr reine platoniſche Lei⸗ denſchaften. Dieſe Rolle verlieh in der Geſellſchaft eine Art von Beachtung die meh⸗ reren von denen die ſie ſpielten nicht unnuͤtz war um ſich weiter zu helfen. Der bereits bejahrte Marquis von Eſtrehan war damals der vorzuͤglichſte Vertraute der Damen jener Zeit; er hatte ſich gleichſam ein Recht darauf zu erwerben gewußt, und die Unterlaſſung galt in ſeinen Augen fuͤr ein uͤbles Benehmen. Wie es hieß, ſo waren ſeine Rathſchlaͤge in dieſer Art vortrefflich und er wurde, ſo zu ſagen, ausſchließlich der Beichtvater der galan⸗ ten Frauen, waͤhrend der Marquis von Luſig⸗ nan der Vertraute Aller war*).“ Die Graͤfin. Dies iſt ja eine ganz neue Art von Despotie. 3 Der Chevalier. Sie glauben ich ſcherze, aber keinesweges. Wenn dieſe neue Art von Beichtvätern ihren Ausſpruch gegeben hatten, dann war die Verbindung gleichſam beſtaͤtigt und ſo zu ſagen, legitimirt Die Verlaͤum⸗ dung ſchwieg, der Neid mußte verſtummen. Herr von Eſtrehan, hieß es, hat die Wahl gut *) Mémoires de Mad. de Genlis. T. I. p. 373. gefunden, und da ließ ſich nichts mehr dage⸗ gen ſagen. Gegen dieſe Ausſpruͤche konnte man uͤbrigens nicht einmal appelliren, denn dieſe Herren bildeten mit einigen bejahrten Schoͤnen, die kraft ihrer Jahre auf das un⸗ fruchtbare Feld der platoniſchen Liebe verwieſen waren, eine Art von hoͤchſtem Tribunal, wel⸗ ches jedes junge Frauenzimmer um ſo mehr Ur⸗ ſache hatte zu reſpectiren, da hier ein guter und ſchlechter Ruf vertheilt wurde und keine wiſſen konnte wie bald ſie vielleicht die Nach⸗ ſicht dieſes Gerichtshofes in Anſpruch zu neh⸗ men hatte. Das Geſetzbuch dieſer Inſtanz be⸗ ſtand dabei aus Vorſchriften um auf eine moͤg⸗ lichſt gute Art das Schickliche mit dem Ver⸗ gnuͤgen und der Sicherheit der Maͤnner zu ver⸗ einen, und was die Strafen betraf, ſo beſtan⸗ den dieſe in der Drohung die Sache zu ver⸗ oͤffentlichen, ſtatt daß in der fruheren Periode, gerade ein ſolcher Eclat als das Vorzuͤglichſte betrachtet wurde. Noch gelang es den Mit⸗ gliedern dieſes ſeltſamen Tribunals in Folge ihres Einfluſſes haͤufig, wenn ſie wollten, einen befleckten Ruf wieder herzuſtellen. Man konnte hier in gewiſſer Beziehung das Wort der Frau von Nemours anwenden, die einmal aͤußerte: „Ich habe etwas Seltſames in dieſem Lande bemerkt: das iſt, daß die Ehre wieder waͤchſt wie die Haare.“ Hoͤren wir noch weiter eine Schriftſtellerin, die ebenfalls auf dem Welttheater glänzte. „In dieſer Epoche, d. h. 1770,“ ſagt ſie, „fand man in der Geſellſchaft mehrere Frauen und einige große Herren, welche Ludwig XIV. noch geſehen hatten und die man als die Ueberreſte eines ſchoͤnen Jahrhunderts ver⸗ ehrte. Durch ihre Gegenwart in Ehrfurcht verſetzt, benahm ſich die Jugend in ihrer Naͤhe beſcheiden, zuruͤckhaltend und aufmerkſam, und ſie galten fuͤr Orakel in allem was die Eti⸗ kette und die Sitten betraf.“ Frau von Genlis uͤberſieht indeß hierbei daß diejenigen welche Ludwig XIV. noch ſahen, die Regentſchaft und die Sitten der⸗ ſelben, die ſich weit uͤber dreißig Jahre uͤber dieſe hinaus verlaͤngerten, noch viel beſſer kannten und daß ſie dieſe Periode im Alter der Leidenſchaften durchlebt hatten. Die große Schiedsrichterin in allem was Etikette und Um⸗ gangston betraf, war uͤbrigens jetzt die Mar⸗ ſchallin von Luxembourg; und wir ſahen, daß ſie in ihrem bewegten und ereignißreichen Leben, Suruckhaltung und Decenz gerade nicht durch ihr Beiſpiel lehrte. ueberhaupt glaube ich daß die zweite Epo⸗ che ſo hinreichende Abweichungen bietet um von der erſten geſchieden und fuͤr ſich allein betrach⸗ tet werden zu koͤnnen, daß ich, da ich mich ohnedem etwas ermoͤdet fuͤhle, lieber dieſen Gegenſtand ein anderes Mal weiter fortfuͤh⸗ ren will, wenn Sie mir dies anders erlauben. * N Unter der Bedingung, daß er den Tag gleich beſtimme, an welchem dies geſchehen ſolle, damit diejenigen welche den erſten Theil ſeiner Erzählungen gehort hatten, ſich, falls ih⸗ nen dies genehm wäre, einfinden konnten um auch den zweiten zu horen, willigte man in dieſen Wunſch, worauf denn der Chevalier fortfuhr: Ehe wir uns trennen muß ich noch, indem ich dieſes argerliche Bild der fruͤheren Sitten ſchließe, eine Bemerkung hinzufuͤgen, auf welche II. 6 82 man nichts wird entgegnen koͤnnen; es iſt die: daß dieſe Sittenloſigkeit jenen philoſophiſchen Werken des achtzehnten Jahrhunderts voraus⸗ ging, denen man nicht verfehlte den Verfall der Moral zuzuſchreiben, waͤhrend es im Gegen⸗ theil gewiß iſt, daß, von dem Erſcheinen die⸗ ſer Schriften an, die Sitten ſich beſſerten. Den Zuͤgelloſigkeiten an dem Hofe des Regen⸗ ten gingen weder philoſophiſche Schriften vor⸗ aus, noch wurden ſie von denſelben begleitet, im Gegentheil folgten ſie den ſchoͤnen Geiſtes⸗ werken aus Ludwigs XIV. Jahrhundert, de⸗ nen dieſe Sittenloſigkeit zuzuſchreiben, aber eben ſo abgeſchmackt ſeyn wuͤrde als es iſt, wenn man die Philoſophie dieſerhalb anklagt. Alles was es Aergerliches und Scandaloͤſes in den Sitten des achtzehnten Jahrhunderts gab, gehoͤrt der erſten Haͤlfte deſſelben an, und erſt mit dem Schluß derſelben erſchienen die philo⸗ ſophiſchen Schriften von Voltaire, Diderot und den Enchklopaͤdiſten. Ich rechne Rouſſeau, der beſonders betrachtet werden muß, nicht mit un⸗ ter dieſe Zahl, obſchon Unwiſſenheit und Uebel⸗ wollen ihn darunter werfen um nicht allein ge⸗ 83 N gen ihn kaͤmpfen zu duͤrfen. Uebrigens wird man bei irgend einiger Bekanntſchaft mit jener Zeit leicht ſehen, daß die Phalaris, Parabert, Deprie, Mimi⸗Lapopelinisre und Villeny⸗Luxem⸗ bourg wenig mit den literariſchen Erſcheinungen irgend einer Art bekannt waren und daß, als die letztere(die Marſchallin von Luxembourg) ſich mit Jean Jacques befaßte, ſie bereits ihre Rolle geaͤndert hatte; daß ſie damals ſchon aus einer ausſchweifenden Frau eine Sitten⸗ richterin und gleichſam Vorſitzerin jenes Tribu⸗ nales wurde, von dem wir oben ſprachen und von welchem ſie ſelbſt furhten mußte gerichtet zu werden. 65 84 Zweites Kapitel. Memoiren von Coligny, Adjutanten des Prinzen von Condé, geſchrieben auf den Rand einer Bibel. „Ich hoffe,“ ſprach die Graͤfin, ſo wie ſie den Chevalier erblickte,„daß wir endlich heute einmal jene Denkwuͤrdigkeiten zu horen bekom⸗ men werden, auf die wir bereits ſo lange ſchon warten.“—„Sehr gern,“ antwortete der Maltheſer;„ihre Merkwuͤrdigkeit beſteht aber, einige Stellen abgerechnet, vorzuglich in dem Orte wo ſie ſich finden. Sie ſind auf den Rand einer Bibel geſchrieben, und wie es ſcheint, ſo glaubte der Verfaſſer die freiwillig uͤber⸗ nommene Verpflichtung: nichts als die Wahrheit zu ſagen,— gewiſſermaßen dadurch zu heiligenz doch haͤtte man glauben ſollen daß ihm der Ort wohin er ſeine Bemerkungen ſchrieb, noch mehrere 85 Pflichten als dieſe hätte auflegen ſollen, z. B⸗ das Vergeben der Beleidungen und vorzuglich Unpartheilichkeit; leider werden wir aber ſehen, daß unſer Geſchichtſchreiber ſich zuweilen mit Leidenſchaft, und ſelbſt mit Heftigkeit, ausdruͤckt.“ Die Graͤfin. So ſind dieſe Denkwuͤr⸗ digkeiten alſo doch authentiſch und verdienen in ſofern Glauben? 4 Der Chevalier. Sie ſind eigenhaͤndig von dem Verfaſſer, der mir ein glaubwuͤrdiger Mann zu ſeyn ſcheint, ſo daß ich wohl ver⸗ ſichern moͤchte, er habe nicht gelogen, doch will ich deswegen eben ſo wenig die Wahrheit der von ihm erzählten Umſtaͤnde behaupten, als die in anderen Memoiren mitgetheilten. Sie ken⸗ nen hieruͤber meine Anſichten, denen zufolge ich dafuͤr halte, daß es uͤberhaupt ſehr wenig Dinge giebt, deren Naͤheres man gewiß weiß. Der Tod des Kaiſers Alexander z. B. iſt zwar gewiß, wie dieſer Fuͤrſt aber ſein Leben beſchloß, we⸗ niger. Erinnern Sie ſich nur, wie viele Ver⸗ aͤnderungen dies Ereigniß bei der Wiedererzaͤh⸗ lung in den offentlichen Blaͤttern erfuhr! Schon 86 hieraus ſehen wir, daß in der Regel, ſelbſt fuͤr den Wohlunterrichtetſten, faſt ſtets bei jeder Sache noch etwas zweifelhaft und unbeſtimmt bleibt. Colignys Denkwuͤrdigkeiten betreffend, ſo gebe ich ſie hier nach einer ge⸗ nauen Copie welche durch den Grafen Garnier, Pair von Frankreich, verfertigt wurde, ganz ſo, wie ſie ſich auf den Rand einer Bibel nieder⸗ geſchrieben finden.*) Hat aber Coligny ſich nicht vielleicht getaͤuſcht? iſt er nicht in Irr⸗ thuͤmer gefallen? hat er genau beobachtet, rich⸗ tig geſehen und geurtheilt? Dies ſind eben ſo viele Fragen auf die man nicht beſtimmt zu *) Nachſtehende Note befindet ſich an der Spitze der von dieſem Liebhaber biographiſcher Curioſitaͤten, gemachten Copie: „Den 25ſten April 1813, wurde bei einer oͤf⸗ fentlichen Verſteigerung ein Manuſcript verkauft, welches den Titel hatte: Mémoires de Jean Co- ligny, mort en 1686. Der Auszug iſt von mir nach dem eigenhaͤndigen Manuſcripte gemacht, wel⸗ ches auf dem Rande einer in Quart und auf Ve⸗ linpapier gedruckten, zum Gebrauch der Capelle des Schloſſes de la Motte⸗Saint⸗FJean beſtimmten Bibel, geſchrieben war. Dieſes Buch wurde mir durch den Herrn Abbé von Saligny mitgetheilt, der es von ſeiner Familie erhielt, welcher die Ba⸗ ronie von La Motte⸗Saint-Jean nach dem Tode des Sohnes von Johann von Coligny, im J. 1654, zufiel.“ 2 — 87 antworten vermag: mir ſcheint er ein ehrlicher Mann geweſen zu ſeyn, ſelbſt wenn er in Ei⸗ fer gerieth; dies iſt alles was ich zu ſagen vermag. „Auszug aus dem Leben von Johann von Coligny; aufgeſetzt, geſchrieben und unterzeichnet von ihm, auf dem Rande einer fuͤr die Capelle von La Motte⸗ Saint⸗Jean angeſchafften Bibel.“ „Da ein ſo dickes Buch weniger dazu ge⸗ eignet iſt verloren zu gehen als einzelne Blät⸗ ter oder ein kleines Buͤchelchen, ſo habe ich mich entſchloſſen, da ich mich ohnedem an die⸗ ſem Orte La Motte⸗Saint⸗Jean, im Ruhe⸗ ſtande befinde, und von der Gicht heimgeſucht bin, die mich ſeit meinem dreißigſten Jahre peinigt, auch mir ſeitdem bis in mein ſechs und funfzigſtes Jahr und den heutigen Tag, den Vſten Januar 1673, treulich Geſellſchaft leiſtete, zu meiner eigenen Unterhaltung und zu der desjenigen, der einſt vielleicht ein Ver⸗ gnuͤgen daran finden wird die verſchiedenen Gluͤckswechſel zu vernehmen, welche mir, Jo⸗ hann von Coligny, geboren zu Saligny den „ 88 17ten Tag des Monats December 1617, be⸗ gegneten, Nachfolgendes hier niederzuſchreiben.“ „Zuerſt mein Portrait in wenigen Worten. Ich bin gut, wohl, ſehr groß und ſehr ſchoͤn gewachſen, dabei bin ich indeß außerordentlich linkiſch, ohne daß man mir dies jedoch jemals angerechnet haͤtte. deine Hand iſt fuͤr einen ſo großen Mann außeordentlich klein, meine Arme jedoch zu lang: moͤglich indeß, daß dies mir nur ſo ſcheint. Meine Beine ſind ſehr wohl gebaut, aber mein Geſicht ſehr unregel⸗ maͤßig; ich habe eine große, haͤßliche Naſe, ei⸗ nen weitgeſchlitzten Mund, ſchoͤne, herrliche Au⸗ gen und einen feinen Teint; in der Jugend war ich braun gelockt, wurde aber ſehr bald kahlköpfig; in manchen Korperuͤbungen war ich außerordentlich geſchickt, in anderen dagegen blieb ich ſtets eben ſo ungeſchickt. Ich konnte vorzuglich gut tanzen, obſchon ich den Tanz nie liebte, auch war ich ſehr gewandt mit dem Degen, wie man dies daraus abnehmen kann, daß ich alle diejenigen beſiegte, die ſich mit mir ſchlugen. So lange es mir die Gicht erlaubte, trieb ich das Waffenhandwerk, wie ich dies — 89 weiterhin etzählen werde. um indeß mit That⸗ ſachen zu beginnen die mich betreffen und die als Probierſtein von dem Muthe eines Mannes dienen koͤnnen, ſage ich, ohne den Aufſchneider zu machen, daß ich mich fuͤnfmal geſchlagen habe. Das erſte Mal als Soldat der Garde mit einem andern Soldaten von der Compagnie von Flavignac, mit Namen Carcie, den ich todt hinſtreckte: das zweite Mal mit einem Dragonerofficier vom Regimente Luzerne. Wir ſchlugen uns zu Pferde und man trennte uns; ſein Pferd war, als man uns auseinander brachte, verwundet und es hatte den Anſchein daß ich ihm uͤberlegen war. Das dritte Mal ſchlug ich mich mit dem Marquis von Equo; mir waren Beide Capitains der Cavallerie im Regimente Harcourt. Ich warf ihn zu Boden, ließ ihn aber aus Hoflichkeit wieder aufſtehen, obſchon ich ihn haͤtte toͤdten ſollen, da er mir einen Degenſtich in den Magen beibrachte und mich ohne meine Gewandtheit durch und durch geſtoßen haben wuͤrde. Aber er bekannte daß es nur von mir abgehangen haͤtte ihm das Le⸗ ben oder den Degen zu nehmen, und wir ſind 90 ſeitdem die beſten Freunde geworden. Er war ſehr brav, aber ein großer Narr.“ „Das vierte Mal ſchlug ich mich wegen der Frau von P. mit dem Hrn. von Seſ⸗ ſac im Garten des Kloſters das in der Vor⸗ ſtadt der Karthaͤuſer liegt. Wir fochten mit kurzen Klingen, wie dies immer meine Mode war, da ich ſehr gewandt bin und auf dieſe Art nicht leicht etwas wegkriegen konnte. Ich verſetzte ihm zwei Degenſtiche*), den einen in den Arm, den andern durch den Leib, woran er drei Tage darauf ſtarb!“ „Das fuͤnfte Mal ſchlug ich mich mit ei⸗ nem Gensd'armen des Koͤnigs, Namens Mar⸗ tillière, der noch lebt. Es geſchah wegen mei⸗ nem Vater, der ihn ecaſſiren ließ. Er wollte ſich an mir nach dem Tode meines Vaters rei⸗ ben; das Duell war im Holze von Boulogne. Ich nahm meinen Stallmeiſter Labroſſe zum Secundanten, er den Baron von Poncenet, der auch noch lebt. Dieſer Poncenet wurde von * Es waren eigentlich Hirſchfaͤnger, von denen Co⸗ ligny hier ſpricht. —.— —— —————— —.——— meinem Stallmeiſter entwaffnet und ich richtete meinen Gegner ſo zu, daß er das Weite ſuchte und nicht laͤnger Stand hielt. Zu dieſer Zeit war der Prinz(Condé) in deſſen Dienſten ich ſtand, ſehr ſchlecht bei Hofe angeſchrieben und ich alſo natuͤrlich auch. Der Cardinal Mazarin, welcher den Staat tegierte, ſagte zwar, es ſey nicht Recht daß ein Mann von meinem Stande ſich mit Leuten ſolcher Art ſchlagen muͤſſe und daß man dem Gensd'armen den Proceß machen ſolle; aber er hatte damals an andere Dinge zu denken als die Befehle des Koͤnigs auszufuͤhren; es kam darauf an, ob er den Prinzen oder dieſer ihn ſturzte; der Prinz zog ſich aber bald darauf nach Guyenne zuruͤck, und von da in die Niederlande unter die Spa⸗ nier, woſelbſt wir bis im Januar 1660 blie⸗ ben, um welche Zeit der Friede geſchloſſen wurde.“ „Den Krieg betreffend:“ „Ich war Soldat in der Garde, Mous⸗ quetair, Hauptmann in der Infanterie, Capitain bei den Drogonern, Rittmeiſter bei den Che⸗ veaux⸗Legers, Major, Obriſt bei der Cavalle⸗ 92 rie, Marechal de Bataille, Marechal de Camp, Generallieutenant und endlich General der Ar⸗ mee. Ich diente immer mit Eifer, Ehre und gutem Erfolg und erhielt bei verſchiedenen Ge⸗ legenheiten, vier bedeutende Wunden, nämlich: zu Lerida einen Mousquetenſchuß in den Schen⸗ kel und eine Piſtolenkugel durch den Unterleib; in der Schlacht von Lente in Artois, wurde mir, da ich mich im Zweikampf im Angeſicht der beiden Heere mit einem feindlichen Obri⸗ ſten ſchlug, den ich todt niederſtreckte, der linke Arm durch einen Piſtolenſchuß zerſchmettert. Endlich bekam ich noch einen Schuß in die rechte Seite, welche Wunde drei Jahre lang offen blieb und mir viele Schmerzen machte, da die Kugel in dem Knochen, den man Uium nennt, ſitzen blieb, und erſt nach Verlauf dieſer Zeit mittelſt eines angebrachten Fontenels, herauskam.“. „Ich habe im Laufe meines Lebens viele verſchiedenartige Abentheuer gehabt, jedoch mehr boͤſe als gute.“ „Gegen Große und Vornehme war ich im⸗ 93 mer ſtolz und hochfahrend*), gegen Geringere aber leutſelig. Ich habe mich nie dazu ernie⸗ drigen konnen den Miniſtern hoͤfiſch zu ſchmei⸗ cheln um mein Gluͤck zu machen, auch habe ich nie Jemand anderem den Hof gemacht, als meinen Herren, und ich hatte deren nur zwei, meinen Prinzen und den Koͤnig; uͤbrigens habe ich ſelbſt den Erſteren nie als meinen Herrn betrachtet, da ich mich jedoch in ſeinem Gluͤcke an ihn ſchloß, ſo glaubte ich es der Pflicht und Ehre gemaͤß ihm auch im Ungluͤck nicht zu verlaſſen. Er hat mich immer geſchaͤtzt, aber niemals geliebt, und doch ſpie er Feuer und Flammen gegen mich, als ich ihn verließ um dem Koͤnige zu dienen, und ſetzte ſo viele Ma⸗ ſchinen in Bewegung, daß es ihm gelang mich bei dem Koͤnige verhaßt zu machen, wobei ihm die Miniſter trefflich beiſtanden, da ſie furchte⸗ ten, der Koͤnig moͤchte mir zu gewogen werden. Es wuͤrde zu weitlaͤuftig ſeyn, wenn ich alle die Intriguen und Kabalen erzählen wollte, die man ſpielte um mich bei dem Koͤnige verhaßt *) Dieſe Denkwuͤrdigkeiten belegen dies hinreichend. 94 zu machen und man gebrauchte hierzu Porwaͤn⸗ de, von denen man nicht glauben ſollte, daß ſie haͤtten gelingen koͤnnen. Die Ehrlichkeit und Großmuth mit welcher ich verfuhr, indem ich mich an den Konig ſchloß, hätten wohl einen andern Lohn verdient, als den welchen ich em⸗ pfing*). Zwar iſt es wahr, daß ich nicht ohne Geſchenke von dem Koͤnige blieb, der mir bis viertauſend Thaler gab; aber er ſchenkte mir dann wenn ich es nicht verdiente und gab mir nichts wenn ich es verdient hatte. Die Reiſe nach Ungarn, wodurch ich ſeiner Armee einen ſo glorreichen Sieg verſchaffte, brachte mir durchaus nichts ein, im Gegentheil ge⸗ reichte mir die Sache durch die Bosheit mei⸗ ner Feinde, des Prinzen und der Miniſter, zum Schaden. Alles dies vereinte ſich dermaßen, daß ich nach ſieben und dreißig Jahren Dienſt⸗ *) Man muß hier billig fragen: was ein Edelmann der ſich dem Hofe anſchließt um ſeinen Ehr⸗ geiz und ſeinen Durſt nach Vermoͤgen zu befriedi⸗ gen, noch mehr verlangen kann, wenn er vom Gardeſoldaten bis zum General geſtiegen und dann von der Gicht gezwungen den Dienſt zu verlaſſen, Beneſicien und Penſion erhaͤlt? 95 zeit in Betreff meines Vermoͤgens ganz auf demſelben Punkte ſtehe, auf dem ich mich be⸗ fand als ich aus dem Collegium kam; ausge⸗ nommen, daß ich jetzt alt und gichtriſch bin und auf nichts mehr denken darf als den Tod.“ „Bei allen meinen Unfaͤllen bin ich indeß doch Gott vielen Dank ſchuldig: erſtens fuͤr die Standhaftigkeit die er mir verlieh, denn das Ungluck erſchuͤtterte mich faſt nie; zweitens dafuͤr, daß er mir eine ſehr brave, haͤusliche und tugendhafte Frau gegeben hat; drittens daß er mir recht niedliche Kinder verlieh; und viertens, Freunde, die im Ungluͤck bei mir aus⸗ hielten und endlich, ſo viel Vermoͤgen um le⸗ ben zu koͤnnen, ohne Jemand zur Laſt fallen zu duͤrfen, und um meine Kinder zu ehrlichen Leuten zu erziehen, ſo daß ſie einmal zuſehen konnen ob ihnen das Gluͤck nicht guͤnſtiger ſeyn wird als mir; und wenn mir Gott in ſeiner Gnade ein noch laͤngeres Leben verleiht, ſo hoffe ich meine Fumil in ziemlich guten Um⸗ ſtaͤnden und meine Angelegenheiten recht huͤbſch regulirt zu hinterlaſſen. Zwar wird dies nicht ohne große Muͤhe und Sorge von Seiten mei⸗ 96 ner und meiner Frau geſchehen koͤnnen, aber dennoch hoffe ich daß unſere Muͤhen nicht ver⸗ gebens ſeyn werden. Freilich, wenn ich mich bei meiner Ruͤckkehr aus den Niederlanden ganz ſtille vom Hofe zuruͤckgezogen haͤtte, ſo wuͤr⸗ den meine Angelegenheiten viel beſſer als jetzt ſtehen, indeß habe ich doch, wiewohl ein wenig ſpaͤt, eingeſehen, daß es am Hofe nicht gut iſt und die welche dies nicht glauben wollen moͤgen ſelbſt die Erfahrung machen.“ „Somit iſt es genug fuͤr heute, ein ander⸗ mal das Uebrige.“ „Ich nehme niemals die Feder zur Hand ohne daß mein erſter Gedanke noch viel ſchlim⸗ mer waͤre, als blos zu ſagen, der Herr Prinz von Condé, dem ich in der That nicht Uebles ge⸗ nug nachreden kann, muͤſſe gehenkt werden 5). Ich habe ihn während dreizehn Jahre, die ich um *) Der Verfaſſer zeigt igſtens Offenheit in ſei⸗ nem Haß und ſcheink gleich die Uebertreibung andeuten zu wollen, zu welcher dieſe Leidenſchaft ihn zu bringen vermag. Auch Frau von Genlis ſchreibt, wie man glauben muß, unter dem Ein⸗ fluſſe dieſer naͤmlichen Leidenſchaft, wenn ſie in ih⸗ ren 1825 herausgekommenen Memoiren(B. 1. Ce * „ ihn war, aufmerkſam beachtet, allein ich kann vor Gott, in deſſen Gegenwart ich dies in ein Buch ſchreibe das ihn zu ehren beſtimmt iſt, und in welches ich neben dem darin enthalte⸗ nen Evangelium, keine Unwahrheit verzeichnen moͤchte, behaupten: daß ich niemals eine ſo ir⸗ diſche und hinterliſtige Seele und ein ſo un⸗ dankbares Herz ſah, als das des Prinzen, noch ein ſo verraͤtheriſches und boshaftes. Denn ſo⸗ bald er irgend einem Menſchen eine Verbind⸗ S. 262.) von einem andern Prinzen von Cond⸗ folgendermaßen ſpricht:„Es lag etwas Falſches in ſeinen Zuͤgen und dieſe Phyſiognomie entſprach ſeinem Charakter, der außerordentlich verſteckt war. Er war ſehr ehrgeizig, jedoch mehr wie ein Hoͤfling, als wie ein Prinz, denn er wandte ewoͤhnlich um zu ſeine ecke zu gelangen, nur olche kleinliche Mittel Intriguen an, die er billig haͤtte verachten ſollen. Dabei war er außer⸗ ordentlich rachſuͤchtig und fand eine Art von Ver⸗ gnoͤgen in ſeinem Haß. Er iſt der einzige Menſch den ich ſtets laͤcheln rah, wenn man mit ihm von Perſonen ſprach die er haßte, oder wenn er ſolche Menſchen ſah, und dieſes Laͤcheln war ſchrecklich man kann ſich keinen iff davon machen.“ Fr. von Genlis fuͤgt Note hinzu:„Der Herzog, Vater des von Condé, wgr durch einen Unfall auf der einaͤugig geworden und alle ſeine Kinder, ſowohl die legitimen als außer⸗ ehelichen, kamen einaͤugig zur Welt, in der That eine ſchwer zu erklaͤrende Eigenheit.“ Nur fragt es ſich: ob ſie wahr iſt? H. 7 lichkeit ſchuldig iſt, läßt er es ſein erſtes Geſchaͤft ſeyn, irgend etwas Tadelnswerthes an ihm auf⸗ zuſuchen um dadurch von den Verpflichtungen loszukommen die er gegen ihn hat: was eine teufliſche Sache iſt, die vielleicht keiner außer der Prinz zu denken, und noch weniger auszu⸗ fuͤhren im Stande iſt. Auch ſucht er nichts mehr als die welche ihm nahe ſind, unter ein⸗ ander zu entzweien und er ſagte mir dieſerhalb in Bruͤſſel:„Coligny, wenn ich wieder in Pa⸗ ris werde angekommen ſeyn, wird es genug Menſchen geben, die behaupten werden große Anſpruͤche auf meine Dankbarkeit zu haben; aber es iſt keiner unter ihnen, dem ich nicht zur Antwort darauf vielerlei Dinge vorzuwerfen haͤtte, welche dieſe flichtungen, die ich ih⸗ rem Glanben nach gegen ſie habe, aufwiegen.“ Das heißt, ehrlich geſprochen, doch nichts An⸗ deres als: daß er ſchon vor ſeiner Abreiſe aus Bruͤſſel feſt entſchlo war keinem Menſchen Recht zu gewaͤhren ß er, ehe die Ver⸗ bindlichkeiten aufhor die er dieſen Leuten ſchuldig war, ſich ſchon vornahm, ſie mit Un⸗ dankbarkeit zu vergelten und ſich darauf vorzu⸗ 99 ——— bereiten, Niemanden mehr zu kennen. Ich moͤchte wohl wiſſen ob der ſchaͤndlichſte Teufel in der Holle, ſo etwas zu denken im Stande iſt; er aber hatte nie andere Gedanken und wird nie andere haben, denn dazu iſt er un⸗ fähig. Hr. von La Rochefoucault hat mir wohl hundert Mal geſagt, daß es keinen Men⸗ ſchen gaͤbe, der weniger geneigt ſey irgend Je⸗ mand etwas Gutes zu thun, und daß es ihm ſelbſt aͤrgere, etwas zu gewaͤhren was ihm nichts koſte, blos weil es Vergnuͤgen machen iehe der er iſt! und ich be⸗ haupte dies auf das Evangelium, das ich in den Haͤnden halte, daß er ein.... iſt; der ausgeſuchte, offenbare*) *)(Bougre) Dieſes dreimal vorkommende und ausgeſchriebene Wort, iſt mit der ganzen Phraſe in welcher es ſich findet, im Manuſcript mit gro⸗ ßen Buchſtaben geſchrieben. In den fragmenis historiques der Mutter des Regenten, Ausgabe . 1822 in 8., lieſt man S. 205:„Zur Zeit ſeiner Liebſchaft mit M wiſelle d'Epernon hatte ſich der große Condé zur begeben, hier aber ſeinen Geſchmack geaͤnder daß er bei ſeiner Ruͤckkehr 8 die Frauenzimmer nicht mehr leiden konnte. Nach⸗ dem Mademoiſelle d'Epernon von der wahren Ur⸗ ſache der Gleichguͤltigkeit ihres Liebhabers unter⸗ richtet worden war, verfiel ſie in ſolche Verzweif⸗ 7* . 10 hat nur zwei gute Eigenſchaften, naͤmlich Verſtand und Muth; der einen bediente er ſich aber ſchlecht und der anderen wollte er ſich dazu bedienen, um dem Koͤnige die Krone vom Haupte zu rauben; denn ich weiß recht gut was er mir mehrmals dieſerhalb ſagte und worauf er ſeine nichtswuͤrdigen Pläne baute; doch dies ſind Dinge, die ich viel lieber ver⸗ geſſen, als hier niederſchreiben will.“ „Ich muß noch ein Wort ſagen, wäre es auch nur um Gott dafur zu danken, daß er mich bis auf heutigen Tag, da wir ſihrn den 18ten Maͤrz 1682, auf der Welt ließ, und lung, daß ſie der Welt entſagte und Nonne im großen Carmeliterinnenkoſter wurde.“ In den Memoiren der Zeitgenoſſen wird der Prinz von Condé nicht geſchmeichelt und die Herzogin von Nemours nannte ihn in den ihrigen einen Undank⸗ baren und Treuloſen; Alle ſtellen dabei ſein Ver⸗ haͤltniß mit ſeiner Schmeſter, der Herzogin von Longueville in einem ſehr zweideutigen Lichte dar, doch ſtimmen ſie ſaͤm in das Lob ſeiner gro⸗ ßen militaͤriſchen Tale Adjutanten wuͤrde uͤbrigens durch die deren Ge⸗ genſtand ſeine Schweſter iſt, als aufgehoben er⸗ ſcheinen, wenn nicht die Mutter des Regenten zwei Epochen unterſchiede durch welche man ſich alles zu erklaͤren vermag. . Die Anklage ſeines 1401 dies hier iſt angefangen den Bſten Januar 1673. „Ich ſage demnach, nachdem ich das was ich zu Anfange des Jahres 1673 niederſchrieb, wieder uͤberleſen habe, hat es mir geſchienen, daß die von meiner Familie welche zufaͤllig die Augen darauf werfen, nach dem Worte: in ungnade gefallen, glauben und vermu⸗ then koͤnnten, es ſey mir wirklich begegnet; aber ich will dies nicht mit dieſem Ausdrucke geſagt haben, da ich niemals bei Hofe in Un⸗ gnade kam. Im Gegentheil, der Koͤnig hat mir immer ein gutes Geſicht gemacht und mir bei ſeinen Reiſen in das Feldlager einige Male die Ehre erwieſen, mich an ſeiner Tafel ſpeiſen zu laſſen; ich wollte damit blos andeuten: daß, da der Konig nichts weder fuͤr mein Vermoͤgen noch fuͤr meine weitere Befoͤrderung that, man mich nothwendig bei ihm angeſchwaͤrzt haben mußte; denn gewiß iſt, daß er mir gewogen war und mir manche Beweiſe davon gab; ſo hat er mir ſeit dem Jahre 1673, da ich dies anfing zu ſchreiben, zwei bedeutende Abteien geſchenkt, die eine von funfzehntauſend Livres Einkuͤnften, „ — welche man die Abtei von Rheims nennt, und die andere von achttauſend Livres Einkuͤnften, nämlich die Abtei von Jöle⸗Chauvel in Poi⸗ tou, ungerechnet die Beſchluͤſſe, in Folge wel⸗ cher ich mehr als neunzigtauſend Livres er⸗ hielt, von denen ich nimmer ohne die Gnade von Sr. Majeſtaͤt einen Sous bekommen ha⸗ ben wuͤrde. Ich habe demnach nicht ſo viele urſache mich zu beklagen als man vielleicht glauben koͤnnte, und wenn der Koͤnig mich nicht mit ſeinem Wohlwollen beehrt hätte, ſo wuͤrde er gewiß nicht einen Burſchen von dreizehn bis vierzehn Jahren, drei und zwanzig⸗ tauſend Livres Einkuͤnfte in Beneficien gewaͤhrt haben. Aber an dieſen Wohlthaten haben die Miniſter nicht ſo vielen Theil als an den Ge⸗ ſchenken und Befoͤrderungen welche die Hof⸗ leute erhalten, da ſie Niemanden gerne am Hofe dulden wollen der nicht ihr Sklave, oder we⸗ nigſtens ihre Creatur z⸗ ich aber zu keiner Zeit Luſt hatte der Sklave oder die Creatur irgend eines Menſchen zu ſeyn als des Koͤnigs meines Herrn, an den ich mich immer in allen meinen Angelegenheiten wendete und die Quelle 103 ſeiner Guͤte fuͤr mich niemals bei ihm vertrock⸗ net fand, und es iſt auch der Koͤnig ſicher einer der zuverlaͤßigſten und aufrichtigſten Menſchen von der Welt, der diejenigen niemals denen er einmal wohl wollte.“ 40 „Dies iſt das was ich glaubte noch, zu dem was ich geſchrieben hatte, hinzufuͤgen zu muͤſſen, damit die welche nach mir kommen, wiſſen, daß ich den Hof nicht wegen irgend einer Ungnade verließ und daß ich mich ledig⸗ lich wegen meiner ſchlechten Geſundheitsum⸗ ſtaͤnde und der Gicht, die mich dermaßen pei⸗ nigt daß ich ſeit beinahe drei Jaheen nicht mehr gehen kann, in mein Haus zuruͤckzog. Zwar iſt es wahr, daß ich recht gut einſah, daß da ich nicht der ergebene Diener von den Herren Miniſtern ſehn wollte, fuͤr mich nichts mehr, ſchon auch wegen dem Herrn Prinzen, am Hofe zu thun war; denn obſchon der... nicht den Einfluß hat etwas Gutes thun zu koͤnnen, ſo iſt er doch wie der Teufel, der indem er nie⸗ mals Gutes auszuuͤben vermag, es doch nicht unterlaͤßt Boͤſes zu ſtiften. Uuebrigens glaube ich, daß er bei dem Koͤnige nicht beſſer ſteht als irgend ein Anderer und daß er mehr als ſonſt Jemand am Hofe es noͤthig hat ſich gut außzufuͤhren, denn er hat hier mit einem Manne zu thun der ihm nichts durchgehen laſſen wird, und der es recht gut weiß aus was fuͤr Holz er gezimmert iſt, und daß es nicht an ihm ge⸗ legen hat, daß er dem Koͤnige nicht die Krone vom Haupte nahm und ſie auf ſeinen Kopf ſetzte. Aber Gott hat Frankreich zu lieb um ihm einen ſolchen Herrn zu geben, denn dann wuͤrde man ſehr ungluͤcklich und in der höchſten Vorzweiflung geweſen ſeyn, da es außerdem daß er entſetzlich argwohniſch und boshaft iſt, keine ſo geizige Seele Poi in Welt 8 kann als die von dieſem. Mir 1664 „So bin ch denn zu einem h Alter gelangt als ich die Hoffnung hatte zu erreichen, da ich mich jetzt im Jahre 1684 und folglich am Ende meines ſieben und ſechzigſten Lebens⸗ jahres befinde; dennoch bin ich deswegen we⸗ der vernuͤnftiger noch klaͤger, noch froͤmmer ge⸗ worden; aber dies ſind Gnaden die nur von . Gott kommen und um die ich von S Herzen bitte.“ „Zu Anfang dieſes Jahres habe ich vun die Verfolgungen welche der Requetenmeiſter Berci mir wegen meiner Rente von ſechstau⸗ ſend Livres jährlich auf das Stadthaus machte, und wegen der er von einer Unzahl von Jahren her eine Wiedererſtattung von mir verlangte, mehr Kummer und Verdruß gehabt, als in meinem ganzen uͤbrigen Leben; nachdem ich mich aber an den Koͤnig wandte, hat er mir einen Befehl ausgefertigt ganz ſo wie ich ihn nur wuͤnſchen konnte und wodurch die Verfol⸗ gungen des genannten Berci aufhörten, der ein Narr iſt, und der wenig Achtung in der Welt genießt, der aber viel Vermoͤgen und viele Bekanntſchaften unter den Gerichtsperſo⸗ nen und ſelbſt unter dem Adel und Militair hat, und deſſen Richte, die Frau des Herrn Seignelai iſt, welcher mich trotz dem gegen dieſen Hanswurſt von Berci in Schutz nahm. Er hat vielleicht dabei mehr den Willen des Koͤnigs als den ſeinigen befolgt; ſey dem je⸗ doch wie ihm wolle, ich fuͤhle mich ihm ver⸗ 106 pflichtet; vielleicht iſt es auch moͤglich, daß er Ruͤckſicht auf die Guͤte nahm, die Herr Col⸗ bert, ſein Bruder*) fuͤr mich hegte und auf den Schutz, den er mir in derſelben Angelegen⸗ heit, die ihm von dem Koͤnige ſeit dem Tode ſeines Bruders**) uͤbertragen wurde, ge⸗ waͤhrte. Dennoch bin ich dieſen Winter nicht ohne Unruhe geweſen als ich ſah, daß die großte, bedeutendſte und einzige Angelegenheit die ich habe, und zugleich auch die gefähr⸗ lichſte in die Haͤnde eines Mannes ſiel, der meine***) Lochter eines Geſchwiſterkindes des groͤßten Feindes, den ich in der Welt habe, naͤmlich den genannten Berci, geheirathet hatte. Aber Gottes Beiſtand und die Gnade des Konigs haben mich gluͤcklich aus allen die⸗ ſen Verlegenheiten gezogen, wenigſtens auf drei Jahre vom Wſten März 1684 an gerechnet. Iſt dieſe Friſt voruͤber, dann muß ich oder die ——— Ge un heißen Fatert obſchon das Wort Bru⸗ der im Manuſcript ſteht. Auch hier muß es Vater heißen. *) Es muß hier offenbar die heißen. 107 welche nach mir kommen, ſehen, wie wir uns ſo gut als moͤglich durchwickeln; bin ich todt, ſo mag im ſchlimmſten Falle ſich ein Ande⸗ rer die Finger verbrennen, denn Jeder hat ſein Päckchen Noth und wenn ich bei dieſer Sache meinen Nachfolgern vielleicht einige Un⸗ annehmlichkeiten hinterlaſſe, ſo erhalten ſie auf der andern Seite auch wieder Anderes was ſie wohl bewegen kann Gott fuͤr mich zu bit⸗ ten, falls ihnen dies ihr Herz eingiebt; doch muß man ſich hierin nicht zu ſehr auf die Kinder verlaſſen, denn ſie ſind heutiges Tages nicht ſehr dankbar und lieben es zwar recht ſehr die Fruͤchte der Arbeiten ihrer Vaͤter zu genießen, ohne ſich jedoch deswegen ſonderlich um die Ruhe von deren Seele zu bekuͤmmern. Es iſt daher wohlgethan hieran zu denken, ſo lange man noch lebt, und ſeine Angelegenheiten mit dem Himmel zu ordnen: aber ach! die Zeit verrinnt und wir laufen dem Tode in die Arme ohne die noͤthigen uetrelegungen ju machen.“ „Geſchrieben den Sten Oetober 468 zu La Mothe⸗Saint⸗Jean.“ 108 „Vielleicht iſt dies das letzte Mal, daß ich in dieſes Buch ſchreibe, denn da ich auf dem Punkt ſtehe nach Paris zu reiſen um meine Kinder zu ſehen, und da ich ſeit drei Monaten von der Gicht ſo arg geplagt worden bin, daß ich faſt keine Kraͤfte mehr habe, ſo hat es wenig Anſchein als wuͤrde ich jemals hieher zuruͤckkehren, hinzugerechnet noch, daß wenn ich es ſelbſt wollte, ich es nicht konnte, da ich kein Heu hier mehr fuͤr meine Pferde auftrei⸗ ben kann und die außerdem, durch meinen laͤn⸗ ger als ſechsmonatlichen Aufenthalt hier, meine Dienſtleute ſo anſtrengen mußten, um mir mein Holz, meinen Wein, mein Getraide und andere Sachen herbeizuſchaffen, daß ſie nun nichts mehr zu leiſten vermoͤgen. Ich muß ſie aus⸗ ruhen laſſen, denn in dieſem bergigen Lande, iſt das Ziehen viel ſchlimmer fuͤr das arme Vieh als anderwaͤrts; hierzu koͤmmt noch, daß das große Waſſer, welches das ganze Jahr uͤber war, mich verhinderte die Dienſte meiner zahl⸗ reichen Unterthanen jenſeits der Loire in An⸗ ſpruch zu nehmen. Genug, ich erwarte nur etwas milderes Wetter, einen etwas beſſeren Weg und ein wenig Geſundheit, um mich von hier wegzubegeben; aber dies ſind drei ſehr ſchwierige Dinge in einer Jahreszeit wie die jetzige wo wir ſcheben den Sten Januar 1683. Unterz. 6. „Noch n ich drei große inßne erʒh⸗ len, die mir— Ind deren 8 gedachte.“ F Der erſte iſt der mgllcihe Tod des armen Hrn. Heinrich de Maupas dà Tour*), Biſchofs von Coreut, einem Onkel von mei⸗ ner Frau, der 1680 am Tage des heil. Lau⸗ rentius, als er eben die Meſſe zu St. Laurent im Kirchſpiele von Evreux geleſen hatte, ums Leben fam. Seine jungen raſchen Pferde wurden ſcheu, gingen durch und brachen den Wagen in Stuͤcken, der, indem er umſchmiß, ihn zerſchmetterte und ſo heftig verwundete, daß er zwei Lage darauf ſtarb ohne daß er vermochte ein Wort zu ſprechen und Jeman⸗ *) Es iſt dies verſatte, der das Leben der Frau von S ſchrieb. den wieder zu erkennen, außer mich, der ich denſelben Tag nach Evreux kam um Zeuge ei⸗ nes ſo elendiglichen Todes zu ſeyn.“ „Das zweite mir begegnete ungluͤck, iſt der Tod meines juͤngſten Sohnes, eines Knaben der große Hoffnungen erweckte und zu Paris in der Nacht vom 29ſten zum 30ſten July 1682 ſtarb. Ich hatte auf ihn die Hoff⸗ nung geſetzt er wuͤrde mein Haus wieder he⸗ ben, denn mein aͤlteſter Sohn hat den geiſt⸗ lichen Stand ergriffen und ſcheint darin verhar⸗ ren zu wollen, worin ich ihn auch nicht zu hindern gedenke, da dies mehr ſeine als meine Angelegenheit iſt ²). 4. „Das dritte und groͤßte unglück welches mich betroffen hat, iſt der Verluſt von Anna de Maupas du Tour, meiner Frau, die zu La Mothe⸗Saint⸗ Jean am 16ten Mai 1683, nach einer langen Krankheit ſtarb. Es iſt dies ein ſo großer Verluſt fur mich und meine Fa⸗ milie, daß wir ſie ſo lange wir leben mit blu⸗ *) Dieſer Sohn verheirathete ſich dennoch ſpäter, ſtarb jedoch 1694 ohne Nachkommenſchaft zu hin⸗ terlaſſen. 14 tigen Thraänen beweinen muͤſſen. Da ich zu wenig geſchickt bin um ihr Lob auðſprechen zu konnen, ſo will ich hier nur drei Worte ſagen: ſie war klug, geſchickt und tugendhaft. Eine gute Hausfrau, hat ſie nie gewußt was Zorn und Rache iſt, noch hat ſie niemals boͤſe von irgend einem Menſchen in der Welt geſprochen. Mein Troſt iſt, daß ich ſie, wenn es Gott ge⸗ faͤllt, bald im Paradieſe wiederſehen werde.“ „Geſchrieben an demſelben Tage, des Sten Januar 1685.“ „Unterz. C.“ „ebt wohl aörbe, die Weinleſe iſt voe 6 Nachſchrift des Herrn Garnier. „Johann, Graf von Coligny, Baron la Mothe⸗Saint⸗Jean, ſtarb den 16ten April 1686. „Alexander Caspar von Sohn von Johann, ſtarb den 14ten Wai 1694 Nach⸗ kommenſchaft.“ „Marie, Tochter von Johann, heirathete 112 Ludwig von Mailli, Marquis von Hesle. Sie ſtarb den 17ten Auguſt 1693. Zu dieſer Note des Herrn Garnier hat man auf der von mir beſitzenden Copie noch die beiden folgenden hinzugefuͤgt: 1)„Dangeau gedenkt des Todes des Gra⸗ fen von Coligny in folgenden Worten:„Ich vernahm daß der Graf von Coligny zu Paris geſtorben ſey. Es iſt der welcher die Truppen commandirte, die der Koͤnig dem Kaiſer zu Huͤlfe ſchickte und dies einer der ſchoͤnſten Auf⸗ traͤge welche ein Edelmann ſeit lange empfing.“ (Lagebuch von Dangeau Aſten April 1683.) 2„Dieſe Copie hat einen hohen Grad von Authenticität, da ſie Herr Garnier unter ſeinen Augen nach dem auf den Rand einer Bibel von Velinpapier, die in das Schloß La⸗Mo⸗ the⸗„Saint⸗Jean gehoͤrt, befindlichen Sn⸗ manuſeript anfertigen ließ.“ „Was denken Sie nun,“ ſprach der chev⸗ lier als er dies vorgeleſen hatte,„von dem Helden dieſer Memoiren? Deſormes. Daß er ein wunderlicher ſchwer zu befriedigender Kauz war. Die Art 113 indeß wie er von ſeiner Frau ſpricht und der Ausruf mit welchem er ſeine Denkwuͤrdigkeiten ſchließt; verſohnen mich wieder mit ihm; dies Wort war wahrhaft philoſophiſch. Mit dem Ausrufe:„Lebt wohl Koͤrbe! die Wein⸗ leſe iſt vorbei!“ ſich auf die große Reiſe vorbereiten, dies zeigt eine Verachtung der Guͤ⸗ ter dieſer Welt, die man ziemlich ſelten, ſelbſt bei den ſtaͤrkſten Geiſtern, findet.“ II. 8 114 Drittes Kapitel. Das Fruͤhlings⸗Aequinoctium*). Die Verſammlung war nicht ſonderlich zahl⸗ reich, die Unterhaltung dagegen bereits ſehr leb⸗ haft, als wir, Hr. Deſormes und ich, ein⸗ traten. So wie dies geſchah, wandte ſich die Graͤfin mit den Worten zu den Sprechenden: „Horen wir was dieſe beiden Herren ſagen werden,“ und hierauf Deſormes anblickend *) Da Frau v. Genlis ſo oft geſagt und noch ofter es hat drucken laſſen: daß ſie niemals die Kritiken läſe, die man uͤber ſie oder uͤber ihre Werke ſchriebe, und daß ſie in Folge der Maßregeln welche ſie er⸗ griffen, ſich ſelbſt in die unmöglichkeit verſetzt hätte ſie zu Geſichte zu bekommen, ſo haben wir hier geglaubt ohne Bedenklichkeit uns ausſprechen zu können; denn dieſes Buch wird fuͤr Frau von Genlis ſo gut als nicht vorhanden ſeyn, wenn naͤmlich Frau v. Genlis die Wahrheit ſprach, wo⸗ ran zu zweifeln wir nicht ungalant genug ſind. 11⁵ fuhr ſie fort:„Es iſt hier die Rede von derje⸗ nigen deren Memoiren Sie alle laſen. Man urtheilt ſehr ſtreng uͤber die Dame; zwar ſuche ich ſie nach meinen beſten Kraͤften zu verthei⸗ digen, aber ich fuͤhle daß ich Ihrer Huͤlfe bedarf.“ Deſormes. Handelt es ſich von dem Buche oder von der Verfaſſerin? Die Graͤfin. Wie es mir ſcheint, ſo iſt es ſchwer eines von dem anderen zu trennen, wenn das Buch die Geſchichte ſeines Verfaſſers enthaͤlt. Deſormes. Das iſt wahr; aber wenn der Verfaſſer dem Publicum die wahre oder erdichtete Erzaͤhlung ſeines Lebens, ſeiner Hand⸗ lungen, ſeiner Anſichten und Geſinnungen giebt, ſo verleiht er auch zugleich einem Jeden das Recht uͤber ſeine Perſoͤnlichkeit, mit anderen Worten, uͤber ihn als Menſch zu urthei⸗ len, da er den Leſer von ſich unterhaͤlt; und dieſe Erlaubniß wird ſich um ſo mehr zu ei⸗ nem Rechte erheben, das man mit Strenge ausuͤben muß, wenn der Autor bekannte Per⸗ ſonen auffuhrt und ſie entweder ſchonungslos 116 angreift, oder ſie mit ungeſchickten Lobpreiſun⸗ gen uͤberſchoͤttet; kurz, wenn er auf einer Seite ſchaamlos lobhudelt und auf der anderen ſchnei⸗ dend und abſprechend urtheilt; wenn er.... Die Graͤfin(unterbrechend). O ſtill! ſtil! ich ſehe daß ich nicht auf Sie rech⸗ nen darf. Deſormes. Und warum nicht? Uebri⸗ gens erlanben Sie mir zu bemerken, daß Sie durch dieſe Aeußerung ſelbſt diejenige angrei⸗ fen, die Sie vertheidigen wollen. Die Graͤfin. Wie das? wenn ich bitten darf. Deſormes. Weil Sie einen allgemeinen Satz auf ſie anwenden. Der Chevalier. Wir alle haben bereits dieſe Anwendung gemacht; ſie war unvermeid⸗ lich, und Sie hätten alle Ihre Vorausſetzun⸗ gen als gewiſſe Thatſachen darlegen koͤnnen. Die Graͤfin. Ich frage Sie, iſt dies nicht die Sprache der Leidenſchaft?— Der Chevalier. Spricht ſie nicht ſelbſt dieſe Sprache? Die Gräfin. Warum wollen Sie ſich dann deſſelben Fehlers ſchuldig machen„ den Sie an ihr tadeln? Deſormes. Ich konnte mich zwar aller⸗ dings auf ihr Beiſpiel ſtuͤtzen, doch verſichere ich, daß mich die Leidenſchaft nicht gegen ſie ſprechen oder handeln laͤßt. Zwar, ich geſtehe es, empfand ich oft wenn ich ihre Memoiren las, ein tiefes Gefuͤhl von Unwillen..... Die Graͤfin. In dieſem Falle muß ich Sie als Schiedörichter verwerfen. Deſormes. Daruͤber bin ich durchaus nicht boͤſe. Der Chevalier. Erinnern Sie ſich Ma⸗ dame, daß Sie die freie der Mei⸗ nungen verbuͤrgten.. Die Graͤfin. 30 halte Hrn. Deſormes nicht ab die ſeinige zu ſagen; doch, da ich ihn gewiſſermaßen zum Schiedsrichter waͤhlte, ſo nehme ich jetzt die Verbindlichkeit, welche ich mir gleichſam dadurch auflegte mich ſeiner Entſcheidung zu unterwerfen, zuruͤck Der Chevalier. Es iſt in der That ſehr ſchwer bei kaltem Blute zu bleiben, wenn man 118 dieſe angeblichen Memoiren lieſt, und Geduld bewaffnet ſeyn. Ich ſage dieſe an⸗ geblichen Memoiren, und bediene mich nicht ohne Grund dieſes Ausdrucks. Bisher war man gewohnt den Namen Memoiren Wer⸗ ken zu geben, an welche man Forderungen machte deren Befriedigung man umſonſt in den hier in Rede ſtehenden ſucht. Dieſe Bedingungen ſind: eine Erzählung, eine chronologiſche Auf⸗ fuͤhrung von Thatſachen welche durch Beweiſe unterſtuͤt“ werden. Zu dieſen erſten Bedingun⸗ gen kann man noch die hinzufuͤgen: daß aus den Gegenſtanden ſelbſt gezogene Bemerkungen damit verknuͤpft ſind, wie dies z. B. der Car⸗ dinal Retz mit eben ſo viel Gluͤck als Talent, in ſeinen Denkwuͤrdigkeiten gethan hat, denn hierdurch erhalten Schriften dieſer Art nur um ſo mehr Werth und Vollkommenheit, indem ſie dann mit der Hanptſache noch intereſſante Nebenſachen vereinigen. In dieſen hier beachtet die Verfaſſerin aber weder die Haupt⸗ noch die Nebenſache. Die Zeitfolge iſt in den⸗ ſelben verkehrt, die Wahrheit beleidigt, und die man muß hierzu mit einer ſtarken Doſis von 1¹⁰ Erzaͤhlung jeden Augenblick durch einen Sermon oder die Verſicherung einer inwohnenden Frdoͤm⸗ migkeit unterbrochen, die ſich um ſo mehr in Zwei⸗ fel ziehen läßt, je dfter ſie vorkommt und je unge⸗ ſchickter und unpaſſender ſie erſcheint; ferner durch immerwaͤhrende gegen die Philoſophie gerichtete Declamationen, durch das nicht motivirte Auf⸗ ſtellen von unbekannten und hochſt gleichguͤltigen Perſonen, die nur einmal in dieſer laterna magica voruͤbergehen; durch boshafte Bemerkungen gegen Andere, durch Lobeserhebungen der Verfaſſerin die eben ſo fade als ſorgſam geſammelt und unaufhoͤrlich wieder aufgetiſcht werden; durch gaͤnzlich ungehoͤrige Nebenſachen und endlich durch Auszuͤge aus anderen Werken der Ver⸗ faſſerinen, welche hier ohne alles Motiv, ohne alle Ruͤckſicht und Entſchuldigung„ ſich einge⸗ webt finden. Gewiß, ſie wuͤrve beſſer gethan haben die Auseinanderſetzung ihrer Verhaͤltniſſe mit der Mutter des gegenwaͤrtigen Herzogs von Orleans, ganz zu uͤbergehen, als daß ſie eine durch und durch tadelnswerthe Thatſache, die Trennung der Kinder von der Mutter und die 120 . uebergebung der erſteren an eine Fremde, zu rechtfertigen ſucht; denn die Rechte einer Mut⸗ ter bleiben ewig ſo heilig, daß keine Etikette der Welt ſie ihr zu rauben vermag, vorzuͤglich wenn dieſe Mutter ſo war wie die welche die Frau Gouvernante um einen Theil ihrer Rechte brachte. Die wahren Beziehungen uͤbrigens, welche zwiſchen dem Prinzen und dem von ihm erwaͤhlten Erzieher*) ſtatt fanden, ſchimmern ſehr deutlich durch den Be⸗ richt hindurch, den die Dame giebt, denn die Wahrheit hat das Eigene, daß ſie ſich immer, trotz aller Muͤhe die man auch anwenden mag ſie zu verbergen, dennoch Bahn bricht und ſich ſichtbar macht. Man merkt ſehr leicht die Art von Einfluß welchen dieſer Erzieher im Weiberrock auf den Prinzen hatte, und nicht ohne einen geheimen Schauder vermag man den Gedanken zuruͤckzuweiſen, daß man beiden ihren Antheil an den Vorwuͤrfen zu⸗ zuerkennen hat, die den Einen trafen, und *) S nennt ſich die froͤmmelnde Frau Graͤfin nehm⸗ lich ſelbſt. ———— —„——— an den Vergehen, die Philipp— allein bußte. Wie kann man wohl an die unaus⸗ ſprechliche Freude glauben, die Frau von Genlis bei der Ruͤckkehr der koniglichen Fa⸗ milie empfunden haben will*), wenn man durch ſie ſelbſt weiß, wie ſie mit Napoleon ſtand und welche Wohlthaten ſie von ihm empfing; wenn man durch ſie ſelbſt die Ver⸗ bindungen erfaͤhrt, die ſie mit den Feinden die⸗ ſer Familie hatte! ꝛc. ꝛc. Welche ungeſchickte n gehoͤrt da⸗ zu, an die Opfer im Tempel**) zu erinnern, nachdem ſie nichtswuͤrdig genug ſelbſt gegen eines dieſer Opfer ſchrieb.... Die Graͤfin. Wie das? Ich bitte, keine Verleumdungen; erklaͤren Sie ſich naͤher. Der Chevalier. Sehr gern. Das erſte Capitel des dritten Bandes von der erſten Auf⸗ lage der„Chevaliers du Cygne,“ die 1797 in Duodez im Hamburg herauskamen, hat zur *) Mémoires de Mad. de Genlis T. p. 63. *) Ibid. p. 64. * 122 ucberſchriſt:„Eine ſchlecht berathene Koͤnigin ohne Geiſt.“ Da dieſes Capitel durchaus keinen Zuſammenhang weder mit dem was im Werke vorgeht, noch nachfolgt, hat, ſo erregte es zu jener Zeit den allgemeinſten Un⸗ willen*). Mit dieſen Worten ging der Maltheſer in das Bibliothekzimmer und holte den dritten Band der Chevaliers du Cygne. Der Inhalt dieſes Capitels ließ keinen Zwei⸗ fel uͤber das was ſo eben daruͤber geſagt worden war, und deſſen Unzuſammenhang mit dem ganzen Werke, aus dem es nicht nur ohne alle Unterbrechung herausgenommen werden konnte, ſondern es auch mußte, wenn man nicht dem Fortgang det Erzählung ſchaden wollte, zeigte hinreichend die Abſicht und die gefliſſentliche Bosheit mit welcher es eingeſchoben war. Die Graͤfin las dieſes Capitel ſtill durch, dann *) In der Correspondence secrète T. I. p. 161. lieſt man unter dem 11ten Jan. 1775:„Man hat Frau v. Genlis aus der Liſte der Damen geſtri⸗ chen, welche zu den Bällen der Koͤnigin kommen duͤrfen, weil ſie ſich bei dem letzten Balle unanſtaͤndig auffuͤhrte.“ Indeé irae⸗ 123 ſetzte ſie das Buch mit einer unverkennbaren Traurigkeit wieder weg.„Ich geſtehe,“ ſprach ſie nach einem kurzen Schweigen,„daß wenn mir jemals die Wahrheit Schmerz machte, dies in dieſem Augenblick iſt. Doch fahren Sie fort Chevalier; ich hoffe Sie werden uns nichts Schlimmetes mehr zu ſagen haben.“ Der Chevalier. Eher fuͤrchte ich das Gegentheil; indes ſollen Sie ſehen, daß ich derjenigen von welcher wir ſprechen„ auch gern Gerechtigkeit widerfahren laſſe. Sie iſt ohne allen Zweifel eine der bemerkenswertheſten Frauen; nie war ein Leben ſo ausgefuͤllt wie das ihrige, und wenn man alles das uͤber⸗ rechnet was ſie that und, was ſie ſchrieb, ſo muß man geſtehen, daß es ſchwer iſt einen un⸗ beſchaͤftigten Augenblick in dieſem Daſeyhn auf⸗ zufinden. In dieſer Hinſicht iſt ſie in der That ein wahres Phaͤnomen. Da draͤngen ſich Har⸗ fen⸗ und Comddienſpiel, Feſte, Unterricht, Schrei⸗ ben, Leitung der prinzlichen Kinder, hundert und zwanzig herausgegebene Baͤnde, eine große Zahl theils verloren gegangener, theils zuruͤck⸗ gelegter Manuſcripte, philoſophiſche Ausarbei⸗ 20 rt tungen die umgeſchmolzen, verkuͤrzt und wieder umgeſchmolzen wurden; Spazierfahrten, Rei⸗ ſen.... Beim Himmel! die Einbildungskraft erſchrickt vor dieſer nichts weniger als vollſtaͤn⸗ digen, Aufzaͤhlung*), und wenn die Meinung derer, welche die Verfaſſerin beſchuldigen ſich mit Anſpinnung vieler Intriguen abgegeben zu haben, gegruͤndet iſt,(eine Meinung die ich uͤbrigens nicht theile) ſo uͤberlaſſe ich ihnen gern die Sorge auszumitteln, wo in einem ſo bewegten Leben noch Zeit hierzu hat herkom⸗ men koͤnnen. Gewiß, ich bewundere aufrichtig dieſe Frau, aber ich bin weit entfernt ſie zu lieben, weil, wenn ihr Talent uns auch zu der erſten. Empfindung zwingt, der Gebrauch, oder der Mißbrauch vielmehr, den ſie davon machte, das andere Gefuͤhl erſtickt, da man deutlich ſieht wie ſie, waͤhrend ſie auf jeder Seite von einer Religion ſpricht welche die Vergebung der Be⸗ leidigungen gebietet, Keinem verzeiht; da man *) Es iſt hierbei z. B. nicht der zweimaligen volligen Durchleſung der ganzen Encyklopaͤdie gedacht, was wohl Erwaͤhnung verdient. 125 deutlich ſieht, daß ſie im hoͤchſten Grade unto⸗ lerant iſt und uͤberall gegen die Wahcheit kaͤmpft, die aus ihrer Naͤhe entweicht und deren Flucht man ſo zu ſagen, deutlich ſieht*). Harmage. A Propos! wegen der Ver⸗ gebung der Beleidigungen; ich erinnere mich eines Zuges von ihr, den ich ihr nur mit Muͤhe verzeihen kann und durch welchen man deutlich ſieht, wie ſie im Punkte der Liebe war. Nachdem ſie ihren Leſern verſichert hat: „daß ſie nicht den geringſten Wider⸗ willen gegen die Menſchen hege von denen ſie ſprechen wolle**),“ beginnt Madame damit(nach Rouſſeaus Beiſpiel, der in ſeinen Confessions das ewige Weſen zum Zeugen nimmt,) den„hoͤchſten Richter“ anzurufen und demſelben zu ſagen, daß ſie „ohne Vorbehalt vergeben habe“ und ihn bitte,„daß nicht ein Wort des Haſ⸗ ſes ihrer Feder entſchluͤpfen moͤge....“ *) Wie Galathee: et se cupit ante videri. **) Bd. II. S. 4 und 5. 25 Deſormes. Ohne Zweifel ein ſchon er⸗ hoͤrtes Gebet! Harmage. Sie moͤgen ſelbſt daruͤber ur⸗ theilen. Unter den„Leuten,“ von denen Frau von Genlis ſprechen will(und deren Zahl iſt ſehr anſehnlich), befindet ſich der Vicomte von Cuͤſtine, ein Bruder des Generals dieſes Namens; dieſer arme Vicomte begeht, leiden⸗ ſchaftlich verliebt in die Verfaſſerin, ihretwe⸗ gen tauſend Thorheiten. Er ſchifft ſich nach Corſica ein, weil Frau von Genlis einmal aͤußerte, daß ſie in denen die nach dieſer Inſel gehen,„etwas ritterliches faͤnde, welches den Frauen gefielez“ er will ſich ums Leben bringen, ſperrt ſich vier Mo⸗ nate in eine Einſiedelei ein und kehrt endlich, vernuͤnftig geworden, wieder zuruͤck. Weit ent⸗ fernt von ſo vieler Liebe geruͤhrt zu werden, nennt ihn die unerbittliche Schoͤne aber einen Narren und druͤckt ſich folgendermaßen uͤber ihn aus:„Ich bin feſt uͤberzeugt, daß er ſich in ſeiner Einſiedelei vortrefflich divertirte, denn es lag eine ſolche Zweideutigkeit in ſeinem Charakter, daß er ſich, ſelbſt ohne Zweck —,— und Intereſſe, an der Heuchelei er⸗ gotzte“*). Iſt hierin ein einziges Wort von Bitterkeit? Der Chevalier. Nein. Harmage. Deſto ſchlimmer! Deſormes. Nicht doch! der Chevalier hat Recht. In dem Anrufe an den hochſten Richter vergiebt ſie zwar ihren Feinden, aber es iſt dabei nicht ihrer Liebhaber gedacht. Die⸗ ſen vergiebt ſie nicht, und ich gebe ihr darin Recht. Aber ſehen wir wie ſie ihre Freundin⸗ nen behandelt. Sie hatte der Graͤfin von Cuͤ⸗ ſtine, der Schwaͤgerin des Vicomte,„einer in jeder Hinſicht vollkommenen Frau“ eine innige und aufrichtige Freundſchaft zuge⸗ ſchworen. Dieſe ſtirbt; ihr Mann findet ein Kaͤſtchen mit doppeltem Boden, laͤßt es offnen und erblickt darin eine Maſſe von Briefen von ſeinem Bruder, dem Vicomte„der ſterblich in die Graͤfin verliebt war. Was ſagte nun die Memoirenſchreiberin?„Man muß ſich wun⸗ dern, daß die reinſte, die religidſeſte Frau, ſolche *) B. II. S. 236. 128 verbrecheriſche Briefe annehmen konnte; aber unerklaͤrlich bleibt es daß ſie dieſelben nicht vor ihrem Ende verbrannte.“ Ich denke es iſt noch weit unerklaͤrlicher, daß die Freundin uns ſo etwas zu berichten vermag, denn dergleichen„verbrecheriſche Briefe“ aufzubewahren, beweiſt nicht daß man den der ſie ſchrieb, mit ſo vieler Strenge behandelte, wie dies die Verfaſſerin ihrerſeits gethan zu haben verſichert. Der Chevalier. Genug! genug! wir kommen ſonſt in's Laͤſtern... W Der Praͤſident. O die edle Seele! Es iſt beim Himmel Zeit es wahrzunehmen! Deſormes. Nur noch ein Wort uͤber den vollſtaͤndigſten, beſtconditionirteſten Anachronis⸗ mus der jemals gemacht wurde. Er iſt ein dreifacher und wird von der Verfaſſerin began⸗ gen indem ſie Rechenſchaft von ihrem Aufent⸗ halte in Rom giebt. Sie reiſte mit der Her⸗ zogin von Chartres dahin, und obgleich die Geſchichtſchreiberin nicht erwaͤhnt, wenn dies geſchah, ſo wiſſen wir doch, da die Reiſen der furſtlichen Perſonen zu jener Zeit nicht etwas ſo gewoͤhnliches waren wie heutzutage, und demnach noch bemerkt wurden, daß dies im J. 1776 geſchah. unſere Heldin ſieht nun hier zugleich Winkelmann und den Cardinal von Bernis; der Erſtere zeigt ihr das ſchone Cabinet und der Zweite,„der damals 66 Jahre alt war und noch ſehr friſch ausſah,“ machte auf eine bewundernswuͤrdige Art die Honneurs in Rom. Nun aber iſt Winkelmann den8. Juny 1768 zu Trieſt ermordet worden, und der Cardi⸗ nal Bernis konnte nie dieſen beruͤhmten Mann ſehen, da er erſt ein Jahr nach deſſen Tode, alſo 1769, zum Geſandten in Rom ernannt wurde. Endlich, wenn dieſer Cardinal, der 1715 gebo⸗ ren wurde, zu der Zeit als ihn die Verfaſſe⸗ rin in Rom ſprach, 66 Jahre war, ſo verſetzt uns dies auf einmal in das Jahr 1781. Sehr luſtig ſind auch die Details die ſie uͤber Win⸗ kelmann giebt, der derjenigen die ſo ſtark auf unſere Leichtglaͤubigkeit rechnet, einen weiblichen Sathyr zeigte. Und wenn es auch nicht hiſtoriſch erwieſen wäre daß die Reiſe der Herzogin von Orleans, da⸗ mals Herzogin von Chartres, erſt 1776 ſtatt 0 130 fand, ſo koͤnnte man ſie„ſelbſt wenn man ſie fruͤ⸗ her annehmen wollte, nicht bis zu der Zeit zurͤckverlegen, wo Winkelmann noch in Rom lebte, da im J. 1768 die Tochter des Herzogs von Penthisvre noch nicht Herzogin von Char⸗ tres war und dies erſt 1769 wurde. Herzlich muß ich bedauern daß uns die Frau Graͤfin nicht ein Portrait von Winkelmann gegeben hat, eine Sache, die ſie eben ſo gut haͤtte thun konnen, als von der Satyrin ſprechen die er ihr gezeigt haben ſoll und aus dem einfachen Grunde nicht gezeigt haben kann, weil es uͤber⸗ haupt dergleichen Dinge nicht giebt. Geſtehen Sie, daß man wenigſtens glauben ſollte es muͤſſe Jemand der von bekannten Perſonen ſpricht, mindeſtens vermeiden, ſie noch acht Jahre nach ihrem Tode lebend aufzufuͤhren. Harmage. Sie thut dergleichen gefliſ⸗ ſentlich und weiß alles was man dagegen be⸗ merken kann, ſo gut als mir. Es iſt eine Kriegsliſt, der zufolge ſie oͤfters mit Wiſſen und Willen eine ſchwache Seite blos giebt, damit man das Andere daruber vergeſſen oder es nicht unterſuchen ſoll, und ich bin feſt uͤberzeugt, daß ſie ſich aus Berechnung zuwei⸗ len ſelbſt verleumdet. Der Präſident. Wie! auch Sie Hert von Harmage?.. Deſormes. O! der iſt nicht beſſet wie wir Anderen und wenn er weniger Bosheiten ſagt, ſo geſchieht dies nur, weil er von Natur weniger ſpricht als wir. Der Praͤſident Worauf gruͤndet 65 denn aber Ihre Muwßuns„Hr. von Har⸗ mage? Harmage. Sehen Sie her: da ſ auf die Achtung der Menſchen den gehorigen Werth legt; da ſie weiß, daß die Welt dieſen Tribut niemals ohne Vorbehalt und gleichſam wider Willen zollt; kurz, daß man dem Neide immer etwas abgeben muß, ſo hat Frau von Genlis geſucht denſelben gewiſſermaßen irre zu leiten und ihn auf Dinge zu lenken, die ſie ſelbſt philoſophiſcher betrachtet und die ihr nicht ſö ſehr als Anderes am Herzen liegen. Sie hat ſich dieſerhalb ſelbſt uͤber die Maßen gelobt, ſie laßt uns eine Koͤnigin ſehen, die ihr die 1 kußt, damit man ſie fuͤr ſtolz und eitel 9* 132 halten ſoll, eine Sache, die ihr gleichguͤltig iſt. Sie ſtellt ſich ſelbſt als leichtſinnig dar, indem ſie uns erzaͤhlt; daß ſie lachend und weinend zugleich in Rom eingezogen ſey, damit man nur nicht glauben ſoll, ſie ſey einer Verſtellung durch acht Baͤnde hindurch faͤhig. Der Praͤſident. Nein, der iſt noch boshafter als die Anderen! Wer ſah das die⸗ ſem ſtillen friedlichen Geſichte an!„ Deſormes. Hho! wenn Harmage erſt im Zug iſt, dann geht es ue er ſtol⸗ pert nicht. Die Gräfin. Meine ſi S. erinnere an unſer Reglement. Herr Deſormes, der Chevalier und Herr von Harmage belieben ſich auf die Strafliſte zu ſchreiben, weil ſie Boͤſes von ihrem Naͤchſten geſprochen haben. Deſormes. Da Sie uns gleich beim erſten Wort aufhalten, ſo ſcheint es mir daß Sie unſere Mitſchuldige ſind und in Folge des Sprichwortes:„Wer nichts ſagt, wil⸗ ligt ein,“ koͤnnte ſich die ganze ehrenwerthe Geſellſchaft,(er verbeugte ſich indem er dies ſprach) ohne Unrecht in das Strafbuch ein⸗ 133 ſchreiben, ausgenommen etwa Ihr Herr Onkel, der ſich als der einzige Widerſpenſtige zeigte. Der Praͤſident. Das macht weil ich das Recht liebe. Die Graͤfin. O mein Himmel lieber Onkel, Sie werden gewiß eben ſo thun wie wir wenn Sie hoͤren, daß Laura ſich verhei⸗ rathen will und daß wir ſie auszuſtatten ge⸗ denken. Der Präſident. Sie ſuchen doch ſtetè die Sache ſo einzuleiten, daß der Unſchuldige mit dem Schuldigen vermengt wird. Meinet⸗ wegen! ſetzen Sie nur meinen Namen zu de⸗ nen dieſer Herren. Deſormes. Er wird da nicht in der beſten Geſellſchaft ſeyn, aber Laura gewinnt dadurch.— Der Präſident. Sie wuͤrden beſſer thun wenn Sie uns ſtatt aller dieſer Spoͤtte⸗ reien, irgend eine Geſchichte mittheilten... Deſormes. Wohlan, um jene vergeſ⸗ ſen zu machen, will ich Ihnen.... Der Praͤſident. Vielleicht andere er⸗ zaͤhlen?— 134 Deſormes. Nein mein Herr Praͤſident; urtheilen Sie nach dem Titel meiner Geſchichtez ſie heißt: die Aequinoctialſtuͤrme. Der Praͤſident. Die Aequinoctial⸗ ſtuͤrme! gut; allein ich habe dennoch kein gro⸗ ßes Vertrauen in dieſelbe.. Indeß fangen Sie nur an: ſollten auch einige Seitenhiebe mit unterlaufen, ich bin darauf vorbereitet. Deſormes. Deſto beſſer; ich werde Ihre guͤnſtige Stimmung benutzen. „Welch ein verdammter Weg iſt das!“ rief der Baron von Roc⸗en⸗Tuͤfz indem er an der Hoͤhe von Meudon etwas oberhalb von Moulinos, bei dem ſchmutzigen Fußſteige von Fleury und der ſchoͤnen Villa des Hrn. Breſ⸗ ſon faſt gegenuͤber, tief im Kothe ſtak.— „Daran iſt der Regen ſchuld,“ entgegnete der Abbé.—„Sagen Sie lieber die Aequinoc⸗ tialſturme,“ erwiederte verdrießlich die Baronin, indem ſie ihre von Erde ſchweren Schuhe ſchuͤt⸗ telte;„die bringen Regen und der Regen ver⸗ dirbt die Wege. Nicht wahr Chevalier?“— „Pm,“ antwortete dieſer und nahm mit der einen Hand eine Prieſe waͤhrend er die andere 135 ausſtreckte,„ſehen Sie dieſen ſchwarzen, uͤbel⸗ riechenden Bach da; der iſt die wahre Urſache Madame und da man uns jetzt die Induſtrie ſo ruͤhmt, ſo koͤnnen Sie ſogleich hier deren Wirkungen bewundern. Dies Waſſer kommt aus der Färberei des Hrn. Gonin.“—„Wie abſcheulich!“ ſprach die Baronin, und nun ſich zu einer ihrer Frauen wendend, die ein kleines Kind trug, rief ſie:„Gehen Sie geſchwind Mademoiſell, Baronet koͤnnte ein Fieber bekommen.“— In dieſem Augenblicke ſties Baronet, gequält von einem jener Anfäͤlle von Leibſchmerzen die bei Kindern dieſes Alters ohne Unterſchied des Standes ſo haͤufig ſind, ein durchdringendes Geſchrei aus, deſſen Ur⸗ ſache alsbald ohne Weiteres einſtimmig der Färberei des armen Hrn. Gonin zugeſchrieben wurde, der bis dieſem Augenblick noch nichts von ſeinem Vergehen ahnen mag.—„Es iſt doch,“ murmelte der Abbé,„eine eigene Ma⸗ nie hier auf ſchlechtem Wege zu Fuße zu ge⸗ hen, wenn man einen guten Wagen hat.“— „Da haben Sie ſehr recht,“ verſetzte die Ba⸗ ronin. 6„Seit zwanzig Jahren habe ich nicht 46 aufgehoͤrt dies dem Baron zu ſagen, aber, ſo groß auch mein Anſehen bei ihm iſt, ſtets vergebens. Man muß hier immer ausſteigen um die Pferde zu ſchonen.“—„Ja Ma⸗ dame, und ſo ſoll es auch bleiben. Aber es iſt Ihre Schuld; warum beladen Sie mei⸗ nen Wagen mit ſo vielen Packereien? Sie wiſſen doch daß wir immer nur einen Monat in Villebon bleiben.“—„Und warum wählen Sie dazu ſtets einen ſo kalten und regnigten Monat?“ fragte Hr. Dumontel.—„Darum mein Herr, weil Leute von Stande um dieſe Zeit nicht in Paris bleiben; verſtehen Sie? Nur Buͤrgervolk iſt dann noch da“— Dieſe Worte wurden mit einem Tone ausge⸗ ſprochen der den ganzen Beifall der Frau Ba⸗ ronin erhielt.—„Vielen Dank in deren und meinen Namen,“ entgegnete Hr. Monteille; „aber mit Ihren regelmäßigen Gebraͤuchen, die nach Ihnen eine alte Abſtammung bezeugen, mit Ihrer Beſtimmung Ihres Aufenthaltes bald hier bald dort zu gewiſſen Zeiten, mochte ich doch lieber...“—„O mein Beſter, warum wollen Sie doch die Vertheidigung je⸗ 137 ner Buͤrgersleute uͤbernehmen zu denen Sie nicht mehr gehoren, ſeit Sie mit uns leben. Sie ſind jetzt auf den Adel gepfropft.“ Angekommen auf die Hoͤhe des Huͤgels, ſtiegen unſere athemloſen und beſchmutzten Rei⸗ ſenden wieder in den Wagen, nachdem ſie noch vorher des lieblichen Anblickes genoſſen, den die Terraſſe von Meudon bietet. Bald war man in Villebon, wo der Baron und ſeine Fa⸗ milie immer die Zeit zuzubringen pflegen in wel⸗ cher die Fruͤhjahröſtüͤrme wehen, denn Sie muͤſ⸗ ſen wiſſen, daß dieſe bei uns ſo uͤbelberuͤchtigte SZeit*) ſowohl dem Herrn als der Frau Ba⸗ ronin einen ſolchen Schrecken einfloßte, daß ſie waͤhrend ihrer ganzen Dauer in einer ununter⸗ brochenen todtlichen Angſt lebten, indem ſie ſich feſt uͤberzeugt hielten, daß dann immer ir⸗ gend eine unheilbringende Kataſtrophe einzu⸗ treten pflege und daß alle Unfaͤlle, alle Revolu⸗ *) Man nennt in Frankreich die Zeit der rauhen Winde, welche im Fruͤhjahr in den letzten Tagen des März bis in die Arſten des Mai haͤufig zu wehen pflegen! und⸗ dier den Gaͤrtnern des Schadens wegen, inei ie oͤfters den jungen Knospen ſo unangenthifind: la lune rousse. 138 — tionen, alle großen Erſchuͤtterungen deren An⸗ denken die Geſchichte aufbewahrt, in dieſer kur⸗ zen Periode ſich ereigneten oder, falls das Da⸗ tum das Gegentheil nachweiſet, daß ſie doch wenigſtens ihre Quelle und ihren Urſprung in dieſen Monaten genommen haben. So war z. B. nach den Ideen der Frau Baronin, die, nebenbei bemerkt, die Tochter eines Lieferanten war und die ihr Gemahl nur nahm, um ſich mit ihrem Vermoͤgen aus ſeinen Schulden zu ziehen, das ſchrecklichſte Ungluck fuͤr das Men⸗ ſchengeſchlecht, die Aufhebung der Adelstitel ge⸗ weſen; nun hatte zwar dieſe Aufhebung an einem 4ten Auguſt ſtattgefunden und dies haͤtte allerdings einen Strich durch die weiſen Cal⸗ cuͤls der Anklaͤger der Fruͤhlingsſtuͤrme machen koͤnnen, allein man wußte ſich zu helfen und ſchrieb dennoch dieſen gefuͤrchteten Winden das Unheil zu, indem man verſicherte: die Idee zu dieſer abſcheuligen Handlung ſey wenigſtens während der Zeit derſelben gefaßt worden. Die uͤbrigens eilf Monate des Jahres ziem⸗ lich friedlich mit einander lebende Familie, brachte den zwoͤlften n deshalb beſonders 139 außerhalb Paris zu, weil man den Glauben hegte, es koͤnne ſich waͤhrend dieſer Zeit ein Erdbeben oder ſonſt eine Calamitaͤt in der Hauptſtadt ereignen, vor der man ſich auf dem Lande fuͤr ſicherer hielt. i Kaum war der Abbé jetzt in einem der ſten Zimmer des Schloſſes eingerichtet, als er mit Schrecken wahrnahm, daß er ſein Brevier vergeſſen hatte. Zwar verſprach man ihm es den naͤchſten Tag aus Paris holen zu laſſen, aber dies genuͤgte dem frommen Manne nicht; es mußte auf der Stelle ein anderes herbeige⸗ ſchafft werden und ſo wie dies kam, legte er es auf eine Commode hin. Unbemerkt zog Duͤmontel vier Striche mit Kreide darum um⸗ her, und beſuchte nun einige Tage ſpäter in Begleitung der Baronin, der er die Sache mit⸗ getheilt hatte, den Abbé auf ſeinem Zimmer. „Ei, mein Herr Abbé,“ ſprach laͤchelnd jetzt die Baronin;„erſt vergeſſen Sie Ihr Brevier mitzunehmen und wenn Sie eines haben, dann vergeſſen Sie darin zu leſen.“—„Wie meinen Sie das Madame?“ entgegnete er uberraſcht.— Man zeigte ihm nun den Be⸗ 1 140 weis, daß nämlich das Buch noch unangeruͤhrt zwiſchen den Kreideſtrichen lag.„Das iſt ein Streich von Ihnen, Herr Duͤmontel! ich bin dergleichen ſchon gewohnt.“—„Sie muͤſſen daruber nicht boͤſe werden mein lieber Abbé; zwiſchen Freunden und Verwandten....— „Madame, in einer ſo ernſthaften Sache wie dieſe, giebt es weder Freundſchaft noch Ver⸗ wandtſchaft. Erfahren Sie mein Herr Duͤ⸗ montel,“ fuhr er mit einem trockenen Tone zu dieſem gewendet fort,„das Leſen des Breviers iſt an ſich zwar eine unbedeutende Sache, aber das Weſentliche iſt, daß man glaubt ich darin.— Der ganze Monat verging, wegen der Angſt in welcher die Baronin um dieſe Zeit zu leben pfiegte, ziemlich traurig. Daͤmontel war zur Betreibung einiger Geſchaͤfte in die Stadt zu⸗ ruͤckgekehrt und kam erſt den Tag vorher wie⸗ der nach Pillebon, wo man ſich zum Aufbruch nach Paris ruͤſtete. Er fand die ganze Fami⸗ lie im Salon verſammelt, und rief gleich beim Eintreten:„Eine große Neuigkeit! eine Unbe⸗ ſonnenheit, und zwar eine der Koͤnige oder der 141 Prinzen!“—„Was giebt es denn? geſchwind! geſchwind!“ riefen der Baron und ſeine Ge⸗ mahlin zugleich.—„Wieder eine Albernheit,“ murmelte der Abbé zwiſchen den Zaͤhnen.— „Dieſer Leufel von Duͤmontel! der niedrige Urſprung verleugnet ſich doch bei ihm nicht,“ ſprach der Baron vor ſich hin.— Man ſam⸗ melte ſich jetzt um den Angekommenen, der ein Zeitungsblatt aus der Taſche zog und nun das —— des von— mite Der Barop. und man nennt die alu Unbeſonnenheit? 86 Der Abbé. Mit Recht; haͤtte die Sache einen guten Fortgang gehabt, ſo waͤr' es ein Staatsſtreich geweſen; da ſie dieſen aber nicht hatte, ſo iſt ſie nichts weiter als eine ſchlecht angelegte, verwegene, ungluͤckliche Unternehmung, eine nenheit. Der Baron. Wie e mir aber— *) Des Don Miguel, der in Folge deſſelben die be⸗ — Reiſe ins Ausland antreten mußte* 142 ſo erholt hier die Legitimität einen tochtigen Stoß. Es iſt eine offenbare vrtetung ihrer Grundſaͤtze. 0 Der Abbe. O Stumfſm w Sachen ſind von einer viel zu bh Natur als daß man. 6 Der—— mi Wehlan mein Hert abe, ſo haben Sie die Guͤte ſich bis zu uns herab⸗ zulaſſen und uns zu erklären, wie ein Sohn der ſeinen Vater vom Throne ſtoßen will, da⸗ bei zugleich im S⸗ der Legitimität han⸗ deln kann. Der Abbé. Wenn nur die Grundſaͤtze nicht verletzt werden, ſo iſt... Der Baron. Wie mein Herr! die Grundſätze waͤren bei dieſer Sache ver⸗ letzt worden? Der Abbé. Ich ſage nein, und Sie werden bald ſelbſt hiervon uͤberzeugt ſeyn. Was iſt Legitimität ohne Macht und Anſehn? Nichts, eine leere Idee, ein Wort ohne Sinn. Bei den Goͤttern der Erde ſind aber hoͤchſte Gewalt und Legitimität gleichbedeutende Klaͤnge. Die Legitimität iſt die Art von Macht, die Macht ſelbſt die ſich Legitimitaͤt nennt. Die Hauptſache bei alle dem bleibt die Be⸗ wahrung dieſer Macht. Alles anzuwenden fuͤr dieſe Bewahrung, alles ins Werk zu ſetzen fuͤr dieſe Erhaltung: Gewalt, Liſt, Feuer, Blut, Gensd'armen, Prieſter, heißt nur die Mittel und gleichſam die Stuͤtzen des Principes anwenden; wenn aber der Beſitzer der konig⸗ lichen Macht dieſelbe nicht nach dieſem Princip verwaltet, ſo kann ſein Sohn ſehr gut ſeine Stelle einnehmen, ohne daß hierdurch das Syſtem oder die Lehre von der— ei⸗ nen Stoß erlitte. Der Baron. Wenn ich ſutglich meine Guͤter ſchlecht verwaltete, ſo koͤnnte mein Sohn zu mir ſagen:„Lieber— belieben Sie ſich fortzuſcheren?“ Der Abbé! Wer wird denn ſtets ſolche unpaſſende Vergleiche machen! Durch Ihre Nachlaßigkeit leidet das Ganze nicht, waͤhrend Vernachläßigungen vom Throne herab, Land⸗ plagen und die Quelle der Revolutionen ſind. Der Baron. Wenn nun aber ein Con⸗ tract, Grundgeſetze, eine Verfaſſung beſtehen? 144 Der Abbé. Mein Herr, Sie muͤſſen nicht vergeſſen daß ein Fuͤrſt zu nichts Anderem ver⸗ bunden iſt als zur Ergreifung aller Maßregeln die nicht allein dazu dienen ſeine Macht zu er⸗ halten, ſondern ſie auch zu vermehren. Da Sie die Vergleiche lieben, ſo will ich mich des Ihrigen hier bedienen um Ihnen die Sache naͤher zu erklaͤren. Richt wahr, glles was zur Vermehrung des Ertrages Ihrer Guͤter beiträgt wuͤrde Ihnen zuſagen? Wohlan! die Macht muß ſo viele Handlungen als moͤglich thun durch welche ſich ihr Vorhandenſeyn, ihre Kraft und Staͤrke beweiſen; mit anderen Worten: ſie muß ſich ſtets fuͤhlbar machen. Sie ſehen hier⸗ aus welch' eine falſche Idee Sie ſich von der Legitimitat machens dieſe iſt nichts als die Vor⸗ ſchrift der Uebertragung der Macht, und der⸗ jenige welcher dieſe Macht im Hnden hat, iſt immer legitim. Der Baron. Alſo wuͤrde der Infant, wenn die Sache nur gelungen waͤre, legi⸗ tim ſeyn? l 20 2 Der Abbé. Ohne Zweifel. Der Baron. Und ſein Vater? 145 Der Abbé. Sein Vater war es dann ſo lange als er herrſchte. Noch einmal, er hatte die Macht in den Haͤnden und folglich auch die Verpflichtung dieſelbe zu vermehren und ihre Dauer zu ſichern; da er dies nicht ver⸗ ſtand und auch Niemand um ſi ich hatte, der fur ihn handelte, ſo entſchlupfte die Macht ſei⸗ nen Haͤnden... ſie ging in die ſeines Soh⸗ nes uͤber; kann es etwas Natuͤrlicheres geben? Es beruht hier alles Biamis mein Herr. Duͤmontel. Wie es mir cheint mein Herr Abbé, ſo liegt in dieſem Raiſonnement etwas viel. wie ſoll ich ſagen? jeſui⸗ tiſches. i Der Abbé. Jeſuitiſch! Jeſuitiſch! heißt es doch immer ſo, wenn man weiter nichts zu ſagen weiß und nichts von der Sache verſteht. Duͤmontel und der Baron wollten auffah⸗ ren, als die Baronin ſie mit einem ernſten und ſelbſt betruͤbten Anſehen unterbrach:„Ach meine Herren! Sie beachten nicht das Be⸗ merkenswertheſte bei der ganzen Sache. Ver⸗ II. 10 * 146 geſſen Sie denn gaͤnzlich, daß wir die Zeit der Fruͤhlingsſtuͤrme haben? Ich bitte Sie ſtrei⸗ ten Sie nicht und ſuchen Sie ſich lieber vor dem unheilvollen Einfluſſe dieſer Winde zu ſchuͤtzen.“ Nach dieſen Worten fiel ihr ein, daß man bereits zu Tiſche gerufen hatte und ſie erſuchte nun die Andern ihr zu folgen. Bei dem Deſſert kam man auf die Vergan⸗ genheit. Der Baron prieß ſein Geſchick, den Stuͤrmen der Revolution ſo gluͤcklich entronnen zu ſeyn. i ſnaen Sie dies an?“ fragte der Abbé. „Der Baron. ei. daß man in den Zeiten von Revolutionen in großen Fa⸗ milien ein Mittel ge⸗ ſegt welches gewoͤhnlich gelingt. Der Abbé. Was iſt das fuͤr ein Mittel? Der Baron. Es beſteht darin, ein Mit⸗ glied der Familie in jeder Parthei zu haben. Der Sieger rettet dann die Anderen. Wir begnuͤgten uns hiermit nicht; wir rechneten noch ſchlauer. unſer Grundſatz war zu lavi⸗ ren: wir warteten ab, horchten, und tra⸗ ten erſt dann auf, wenn die Frage entſchieden 147 war. Dann konnte man mit um ſo mehr Kenntniß von der Sache ſprechen, um ſo ge⸗ wiſſer urtheilen. Ueberdem kauften wir nulgůter aller Art. Der Abbé. Wie ſoll ich dies zerſthen 2 Der Baron. Es gab Guͤter, welche fruͤ⸗ her dem Adel gehoͤrten, andere ruͤhrten von der Geiſtlichkeit her. Der Abbé. Ach ſ Sie kauften von beiden Sorten? n Der Baron. Ja, aber das war noch nicht alles: ich wollte auch noch eine Domaine des Koͤnigs an mich bringen. Es war dies ein Zeichen von Andenken, ein Beweis von Anhaͤnglichkeit von meiner Seite. Der Abbe. Ich zweifle nicht daran, daß Sr. Majeſtaͤt dies wird zu wuͤrdigen gewußt haben, vorzuglich wenn er bemerkte in welchem guten Zuſtande Sie 8 das Grundſiůͤck n ruͤckgaben. Der Baron. Suenn Sie ſcher⸗ zen wohl? Der Abbé. ber Sie gelten 4 einen guten Royaliſten. 8 10* * 148 Der Baron. Ich gelte! Ich gelte! Wahrhaftig, ich bin ich gelte 8 blos dafuͤr. Der Abbé. Verzeihen Sie mein liter Baron, ich bekenne daß ich Sie noch nicht durchaus verſtehe. Fahren Sie daher fortz ich bin ganz Ohr. Der Baron. Sie haben, wenn ich mich recht erinnere, ſelbſt nicht ohne Mißfallen be⸗ merkt, wie ſehr der Koͤnig mit Geſuchen von ſeinen treuen Dienern iſt geplagt worden. Da war Keiner, der nicht etwas zu fordern hatte und das Etwas war oft ſehr viel.... ſehr viel! Wohlan! ich habe um t ich behielt.. Der bs. Vortrefflich! nun verſtehe ich... Doch mochte ich wohl wiſſen, ob Sie dieſe Erwerbung waͤhrend der Fruͤhlings⸗ ſtuͤrme machten.„—„Sie ſpotten uͤber uns,“ rief die Baronin,„und leugnen den Einfluß dieſer Zeit. Hoͤren Sie ſelbſt: Den 15ten April 1791: allgemeine Aufhebung der Feudalgeſetze, der Erſtgeburtsrechte und der Mannlehne.“ 149 „Den 19ten April: Abſchaffung der Jagd⸗ Huth⸗ und Weidegerechtigkeiten c. Dieſe bei⸗ den großen Ereigniſſe traten zur Zeit der Fruͤh⸗ lingsſtuͤrme ein. Die hundert Tage begannen ebenfalls in denſelben...“— Während die Geſellſchaft noch alle Unfälle aufzählte, die in dieſem unheilvollen Jahresabſchnitte eingetreten waren, langte Jemand von Paris mit der Nach⸗ richt an, daß das Finanz⸗ und das Drei⸗ Procentgeſetz am Morgen dieſes Tages, dem letzten in der unheilvollen Aera, die ſich nach der Rechnung des Herrn und der Frau Baro⸗ nin mit dem uͤbek beruͤchtigten Pancratiustage ſchließt, angenommen worden ſey. Die Baro⸗ nin triumphirte ohne etwas von dem Geſetze ſelbſt zu verſtehen, indem ſie ganz feſt voraus⸗ ſetzte, es koͤnne vermoge der Zeit in welcher es gegeben worden war, nur Ungluͤck bringend ſeyn, und den nächſten Tag kehrte ſie und ihr Gemahl, befreit auf ohngefaͤhr eilf Monate von der Angſt vor dem boͤſen Einftuſſe der Frühlingoſonnen⸗ nach Paris zurck. ———— Viertes Kapitel. Hiſtoriſcher Ueberblick der literariſchen Vereinigungen des achtzehnten Jahrhunderts. Herr Deſormes begann ohne weitere Einlei⸗ tung den verſprochenen Ueberblick zu geben. Vorzuͤglich im achtzehnten Jahrhundert laͤßt ſich eine entſchiedene Neigung zur W und Literatur bemerken. Nicht minder nimmt man in dieſe Zeit eine große Begierde nach Unterricht in einer Claſſe wahr, die bis dahin mehr Verachtung als Neigung zu den Wifenſhaſten gezeigt Hi. Die in dieſem Jahrhundert heraus gegebenen Werke, beweiſen auf eine unwiderſprechliche Art dieſe Anregung der Geiſter. Sie ſind zu beruͤhmt geworden als daß man ihrer hier noch 15¹ erwaͤhnen durfte; was jedoch nicht minder als ſie zu der Verbreitung der Aufklaͤrung beitrug, das waren die verſchiedenen einzelnen Vereine die ſich in Folge des Beduͤrfniſſes bildeten, ſich einander die erworbenen Kenntniſſe mitzu⸗ theilen und ſich neue hierdurch zu verſchaffen. Ein geſchichtlicher Ueberblick dieſer Geſellſchaften wuͤrde, wenn man ihn vollſtaͤndig zu geben vermochte, eben ſo intereſſant als unterhaltend an ſich als durch Nachweiſung des Einftuſſes ſeyn, den dieſe Geſellſchaften auf die Sitten hervorbrachten, die durch dieſelben weſentlich veraͤndert wurden, denn von dem Augenblick an wo die Perſonen welche den Ton angaben, ſich zu dieſen Vereinigungen zuſammenfanden, war auch eine merkliche Umaͤnderung ſowohl in den Gebräuchen als in der Art des Um⸗ ganglebens zu ſpuͤren. Die Vereinigung im Tempel, die durch den Großprior von Vendöme geſtiftet wurde, einen liebenswuͤrdigen Luͤſtling der es fuhlte, daß un⸗ ter die Vergnuͤgungen auch die des Geiſtes auf⸗ genommen und ſelbſt an die Spitze geſtellt wer⸗ den muͤßten, ſammelte die geiſtreichſten Men⸗ 152 1 ſchen des Hofes und der Stadt um ihn; wie La Fare, Chaulieu u. A.— Voltaire, den man damals noch Monſieur Arouet nannte, ge⸗ horte gleichfalls zu dieſer Geſellſchaft. Da der Großprior jedoch 1727 ſtarb, ſo loͤſte ſich der Verein auf, deſſen Mitgliedern man den Namen Templer gegeben hatte, eine Benennung die ſchon darum nicht unpaſſend war, weil dieſe Herren die Mäßigkeit nicht zu ihrer Haupt⸗ tugend machten. Eine Aſſociation derſelben Zeit, die aber viel ernſter war, iſt der Clubb des Entreſol, wegen dem Locale in welchem er ſich verſam⸗ melte, ſo genannt. Die Geſellſchaft beſtand von 1724 an bis 1731 und d'Argenſon giebt uns eine Geſchichte derſelben. Stifter dieſes Clubbs war der Abbé Alarh, welcher ſeine Freunde in einem kleinen Zimmer empfing das er, im Zwiſchenſtock des Hotels des Praſidenten Henault auf dem Platze Ven⸗ döme, inne hatte. Folgende ſind die Namen der Mitglieder: de La Cour, Marquis von Belleroy; Fran⸗ quetot, Marſchall und Herzog von Coigny; Goyon von Matignon, Graf von Gacé; Le⸗ vesque de Champeaux, abwechſelnd Reſident zu Genf und Hamburg; Verteillao, Gouver⸗ neur von Dourdan; Goujon de Thuiſy, Graf von Autrh; Brehant, Graf von Plelo, Geſand⸗ ter in Copenhagen; Palluͤ, Intendant von Lyon und Staatsrath; Riquet, Graf von Ca⸗ raman; Ramſay, ein Schottlaͤnder und Ver⸗ faſſer der Reiſen des Cyrus; Barberie de Saint⸗ Conteſt, bevollmaͤchtigter Miniſter; der Abbé von Bragelone, von der Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften; Madaillon de Lesparre, Marquis von Laſſay; de la Trémoville, Herzog von Noir⸗ moutiers und Royan; de la Fautrisre, Parla⸗ mentsrath; Blouet de Camilly, Maltheſer⸗Rit⸗ ter und Geſandter; Perelle, Mitglied des Staatsrathes*); der Abbé Arnauld de Pom⸗ ponne, Geſandter in Venedig; der Abbé Saint⸗ *) Im J. 1720 widerſetzte ſich Perelle im Staats⸗ rathe ſehr lebhaft der Annahme der Bulle Unigeni⸗ tus. Der Canzler d'Agueſſeau fragte ihn: woher er ſeine Grundſaͤtze genommen habe?„Aus den Gerichtsreden des ſeel. Hrn. von Agueſſeau,“ ant⸗ wortete Perelle, indem er hiermit guf die Sinnes⸗ aͤnderung des Canzlers anſpielte⸗ * 154 Pierre; d'Oby, Generaladvocat beim Staats⸗ rathe; der Marquis Miniſter unter Ludwig XV. Fremde waren von dieſer Geſellſchaft aus⸗ geſchloſſen und mehrere bedeutende Auslaͤnder ſuchten vergebens um Aufnahme nach. Die Gegenſtaͤnde mit welchen man ſich hier beſchaftigte, verdienen ſummariſch aufgefuͤhrt zu werden. Der Abbé Alary war mit dem ßach der deutſchen Geſchichte beauftragt; d' Argenſon mit dem franzoͤſiſchen Kirchenrecht, auch hatte 3 die Obliegenheit die wichtigſten Neuigkeiten aus den hollaͤndiſchen Zeitungen zu ziehen. Champeaux gab kurze anekdotiſche Zuͤge aus den Friedensſchluͤſſen von dem von Vervin an gerechnet, wobei ihm Balleroy behuͤlflich war. Hr. von Verteillac arbeitete Abhandlungen uͤber die gemiſchten Regierungsformen aus; d'Autry uͤber die von Italien; Plelo ebenfalls uͤber Re⸗ gierungen, vorzuͤglich gab die Geſchichte unſerer Finanzen.. Madame Delwins. Hr. von Liuele konnte dieſe fortſetzen. 55 Harmage. Es zweifelt auch Riemand daran, daß er ſie zu Ende bringt. Deſormes. Ich blieb bei den Finanzen ſtehen. Hr. von Caraman unternahm eine Geſchichte des Handels, doch bringt uns d'Ar⸗ genſon einen ſehr geringen Begriff von derſel⸗ ben bei. Der Generaladvoeat d'Obh ſtarb ehe er ſeinen Plan, eine Geſchichte der General⸗ ſtaaten und der Parlamente zu ſchreiben, aus⸗ fuͤhren konnte. Hr. von Saint⸗Conteſt bekam den Auftrag zu einer Univerſalgeſchichte vom Ryswicker Frieden an. Man hoffte von ihm viele politiſche Anecdoten zu erfahren die ſein Vater wußte, aber der Sohn war zu traͤge, vielleicht auch zu klug, um dieſem Wunſche zu entſprechen. 5i Der Abbe Bragelone hatte verſprochen viele piquante Anekdoten uͤber die regierenden Haͤuſer und deren Genealogie dazu zu geben. Die Gräfin. Schade daß er nicht Wort hielt. Deſormes Und vß tein ament ihn erſetzte. Ich kenne eine geſchichtliche Particu⸗ 156 larität die ſich recht gut in dieſer Sammlung ausgenommen haben wurde. Mad. Delwins. Der Chevalier und Hr. von Argenſon werden uns wohl erlauben ſie zu hoͤren. ⁰ Der Chevalier. Ich ſtehe fuͤr mich: aber die Miniſter.. 5 Mad. Delwins. Es war damals nicht ſo wie jetzt; dazu war Hr. von Argenſon der beſte Mann von der Welt, der es nicht uͤbel nahm, wenn man ihn einmal unterbrach. Deſormes. Sie Alle kennen dem Namen nach Hrn. Sonnini, den Naturforſcher und Rei⸗ ſenden, welcher die Werke von Buͤffon, Rozier u. A. herausgab... Er war aus Läneville und ein unterrichteter Mann mit ſchätzbaren Eigenſchaften, aber auch den menſchlichen Schwaͤchen unterworfen. In Lothringen beſaß er ein Landguth; ſein Gärtner hatte eine aller⸗ liebſte Tochter und unſer Naturforſcher verliebte ſich in dieſelbe. Dies geſchah ubrigens zu einer Zeit wo den Leuten Muße blieb ſich zu verlieben, d. h. im J. 1793. Sonnini wan⸗ derte aus, und ging mit der jungen Perſon 134 nach Italien, wo er ſie fuͤr ſeine Tochter aus⸗ gab und ſich mit ihr einige Zeit in Rom auf⸗ hielt. Ein ſehr bekannter Mann, d. h⸗ darum bekannt weil er ein ſouverainer Fuͤrſt war, befand ſich ebenfalls in jener Hauptſtadt, ſah das Mädchen, wurde von ihrem Reiz er⸗ griffen, machte ihr den Hof.. Mad. Delwins. Und heitathete ſie? Deſormes. Wenn Sie ſo wollen Ma⸗ dame. Nad. Siiis und Sonnini wil⸗ ligte ein. 16 Deſormes. Ach ja! und die Frau Fuͤr⸗ ſtin genießt heutiges Tages noch alle der Legitimität. Der Chevalier. Wie heißt 53 dieſe Fuͤrſtin? 1 7 Mad. Delwins. Wie ich ſehe ſo iſt der Hr. Baron noch neugieriger als eine Frau! Was mich betrifft, ſo will ich den Namen des Prinzen nicht wiſſen und begnuͤge niß mit dem ſeiner Gemahlin. Der Chevalier. Sie werden aber auch den nicht einmal erfahren. * 4 Deſormes. um den Streit zu enden, kehre ich zu dem Entreſol zuruͤck. Sie ſehen daß ſich dieſe Herren mit ſehr wichtigen Din⸗ gen beſchaͤftigten. Hr. de la Fautriere bekam die Fortſetzung der von Pallu angefangenen Geſchichte der Finanzen, da dieſer nach Lyon mußte. Er entwarf die Einleitung dazu, die d'Argenſon ein Meiſterwerk nennt und ſie voll tiefer und ſcharfer Anſichten uͤber das oͤffentliche Recht und die Regierungswiſſenſchaften findet. Der gute Abbé Saint Pierre uͤbertraf aber durch ſeine Fruchtbarkeit alle Mitglieder des Entreſols und hier es war wo er alle ſeine Träumereien vorlas. ueberzeugt ſie wuͤrden einſt angenommen werden, ſat er in dieſem gluͤcklichen Wahne. Der Clubb verſammelte ſi i rgelmißio des Sonnabends von fuͤnf bis acht Uhr Abends; die erſte Stunde widmete man der Vorleſung von Auszuͤgen aus den Zeitungen und daher den politiſchen Erdrterungen und Beſprechungen der durch die fremden Geſandten eingereichten No⸗ ten u. ſ. w.; die zweite Stunde war der Dis⸗ cuſion literariſcher Neuigkeiten gewidmet, die auf irgend eine Art die Aufmerkſamkeit des Publikums erregten. Man gab hier wieder was man die Woche uͤber gehoͤrt hatte, und da alle Mitglieder der Geſellſchaft viel in den Cir⸗ keln der großen Welt lebten, ſo vermochten auch alle mancherlei zu liefern; diejenigen aber die ſich aus beſonderen Gruͤnden nicht dazu zu entſchließen vermochten ſelbſt kleine Abhandlun⸗ gen auszuarbeiten, waren um ſo fleißiger darin ihren Tribut durch ſolche Mittheilungen abzu⸗ tragen. Ein Vertrauen ohne Grenzen, gegen⸗ ſeitige Innigkeit und die großte Selbſtſtändig⸗ keit in den Anſichten, verlieh dieſen Unterhal⸗ tungen einen doppelten Werth. Waͤhrend der dritten Stunde, die faſt immer ſchon in die vierte ſiel, las man die Werke uͤber die aufge⸗ gebenen Materien, doch war dies Geſetz nicht ſo beſtimmt um die Freiheit auszuſchließen, auch einmal etwas Zufaͤlligkommendes hierzu zu nehmen und ſo geſchah es z. B. daß man haͤufig Briefe von beſonderem Intereſſe, Manuſcripte welche der Abbé Alary von der koͤnigl. Bibliothek, wo er eine Anſtellung hatte, mitbrachte, u. dgl. mehr las. * — um, oder bald nach acht uhr im Winter, ging dann Jeder ſeiner Wege, indem man ſich dabei ſtets auf den naͤchſten Sonnabend freute; im Sommer dagegen ſpazierte man noch zu⸗ ſammen nach den Thuilerien wo man ſich uͤber zufällige Gegenſtaͤnde unterhielt, d. h. mit Dingen die ſich gerade darboten, immer aber in dieſer gewaͤhlten Geſellſchaft Stoff zu einer geiſtreichen Unterhaltung gaben. Der Chevalier. Wie es mir ſcheint mein lieber Deſormes, ſo dient Ihnen unſere Verſammlung einigermaßen zum Vorbilde der Schilderung jener damaligen. Mad. Delwins. Chevalier, Sie ſind ein Schmeichler und verdienten auf die Liſte geſetzt zu werden. Der Chevalier. Keinesweges! Mit Aus⸗ nahme des Entreſols, haben wir einen ſehr huͤbſchen Salon und was guht iſt, ins ſo lie⸗ benswuͤrdige Wirthin.. Mad. Delwins.— Buße! zur Buße! und das vn wegen Ruͤckfall in Schmei⸗ chelei Alle ſtimmten bei und der Chevalier mußte zahlen. Deſormes. Hier iſt uͤbrigens der Be⸗ weis fuͤr meine Wahrhaftigkeit;(er zeigte die Memoiren des Marquis d'Argenſon vor) ich kuͤrze nur ab, das iſt alles. Der Chevalier. Es ſey fern von mir an der Wahrheit zu zweifeln, aber Ihr Clubb hatte einen ſo langen Beſtand, daß ich billig frage: gab es denn damals keine Polizei, keine Mouchards? mit einem Worte: kein ſpioniren⸗ des, dienſtfertiges Geſindel wie heutzutage? Deſormes. Dm, nein! Es gab deren entweder damals nicht oder die Zahl derſelben war außerordentlich beſchraͤnkt; doch herrſcht in unſerm Lande ein Fehler welcher das Spiona⸗ geſyſtem ſo hinreichend erſetzt, daß ich daruͤber erſtaunen wuͤrde daß der Hr. Polizeivorſteher von Paris ſich nicht damit begnuͤgt, wenn mir nicht einfiele, wie die Nothwendigkeit eine jähr⸗ liche Staatsausgabe von einigen Millionen zu rechtfertigen, das Ganze hinreichend erklart. Dieſer Fehler iſt die Indiscretion. Beſon⸗ ders merkwuͤrdig iſt mir bei dem Clubb im II. 11 * 162 Entreſol, daß bei der Menge von Mitgliedern aus denen derſelbe beſtand,(indem der Mini⸗ ſter, obſchon er die Zahl derſelben nur auf zwei und zwanzig angiebt, doch ſelbſt ſagt, daß ſie bei weitem ſtärker war) nur ein Einziger ſich findet, der indiscret war, naͤmlich... Mad. Delwins. Halt! laſſen Sie ihn uns errathen..... Man ging jetzt das Namenregiſter von Neuem durch und machte den Verſuch aus den Aem⸗ tern mit denen die Mehrzahl jener Mitglieder bekleidet war, den Schluß zu ziehen.„Un⸗ moͤglich kann es ein Geſandter ſeyn,“ ſprach der Eine.—„Sie koͤnnten ſich doch vielleicht irren,“ entgegnete der Chevalier.—„Gewiß iſt es kein Abbé,“ meinte ein Anderer.— „Wie, wenn auch Sie ſich irrten?“ antwortete abermals der Maltheſer;—„Ein Staatörath kann es auch nicht ſeyn.“—„Ein Kanzler noch weniger.“—„Ein Almoſenier des Koͤnigs am wenigſten.“—„und dennoch,“ erwiederte ſtets der Chevalier,„iſt es moͤglich daß dieſe Muthmaßungen, die allerdings, ich geſtehe es, wenn man die Eigenſchaften betrachtet welche die angegebnen Wuͤrden erfordern, nicht ohne Wahr⸗ ſcheinlichkeit ſind, dennoch falſch ſeyn koͤnnen.“— Mad. Delwins. Ach, Sie ſcherzen! Deſormes. Nein Madame. Mad. Delwins. Wie! der Indiscrete wäre 2 ter, Almoſenier des Koͤnigs, Staatsrath, Kanz⸗ ler, ja noch mehr, auch Mitglied der Akademie der Inſchriften und ſchoͤnen Wiſſenſchaften, mit einem Worte, der Neffe des discreteſten aller Menſchen, des großen Arnauld, der Abbé von Pomponne. Dieſer Abbé wurde mißvergnuͤgt uͤber den Vorſchlag, den Abbé St. Pierre in die Ge⸗ ſellſchaft aufzunehmen und noch mißvergnůg⸗ ter, als er ſah daß ſeine Pppoſition zu nichts fruchtete. Er ſchwor keinen Fuß mehr in die Geſellſchaft zu ſetzen, kam aber dennoch wieder und ließ ſich nichts von ſeinem Aerger merken. St. Pierres milder Charakter erlaubte uͤbrigens nicht anzunehmen, daß er die Schuld einer Zwiſtigkeit trug, die ſich zwiſchen Beiden ein⸗ mal im Hötel de Torch entſpann und deren 11* * urſachen und naͤhere umſtaͤnde, man nicht kennt. Richt lange, ſo begann man jetzt die Her⸗ ren im Entreſol laͤcherlich zu machen: man be⸗ ſchuldigte ſie den Staat reguliren zu wollen, Neuigkeitskrämer zu ſeyn und die Regierung zu bekriteln. Hr. von Argenſon ſpricht ſich hieruͤber auf eine Art aus, die, betrachtet man den hohen Poſten in welchem er ſtand, ſehr bemerkenswerth iſt.„Ich nahm,“ ſagte er, „mehrere Urſachen wahr die fruͤher oder ſpäter unſere Ungnade herbeifuͤhren mußten. Unter einer ſo argwoͤhniſchen Regierung wie die unſrige, waren mehrere unſerer Schritte wirkliche Fehler.“ Mit Recht tadelt er den Abbé Alary, der als Haupt und Stifter dieſer ſchätzenswerthen Geſellſchaft, ſich darin gefiel berall von derſelben zu ſprechen.„Oft,“ ſagt der Miniſter,„erzurnte ich mich, wenn ich ſah daß wir unſere Vergnuͤgungen ſo wenig ver⸗ bargen; ich ſchaͤrfte meinen Collegen häufig Diseretion ſelbſt in Betreff des Namens unſt⸗ rer Geſellſchaft, ein, und ſagte ihnen voraus, daß wir gewiß unerwartet einmal den Befehl 165 von Seiten des Koͤnigs erhalten wuͤrden, unſere Verſammlungen einzuſtellen.“ Der Abbé Alary welcher einige Zimmer in der koͤniglichen Bibliothek inne hatte, ließ, wie ich bereits ſagte, ein recht huͤbſches Local zur Aufnahme der Geſellſchaft im Entreſol vorrich⸗ ten und man fuͤhlte ſich gleichſam durch den Gedanken geſchmeichelt, gleich den andern Aka⸗ demikern ſeine Zuſammenkuͤnfte in einem koͤnig⸗ lichen Gebaͤude halten zu konnen. Die Ver⸗ ſammlungen des Clubbs im Entreſol waren ſeit der Bildung der anderen Akademien, von denen eine politiſche im Louvre zu jener Zeit von dem Hrn. von Torcy gegruͤndet wurde, ziemlich vergeſſen worden. Auch dieſer ihr Ende wurde durch Indiscretion herbeigefuͤhrt, wozu noch kam, daß die Mitglieder derſelben ihr Hauptaugenmerk darauf richteten einander fort⸗ zuhelfen, waͤhrend die Mitglieder des Entreſols dies, als ſchon gemachte Leute, nicht mehr ſo noͤthig hatten zu bezwecken. Der Cardinal Fleury nahm uͤbrigens eine Zeitlang vielen Antheil an dem Entreſol und bezeigte deſſen Mitgliedern mitunter große Aufmerkſamkeit. —— Mehrere derſelben, die ſich durch ihre Talente ausgezeichnet hatten, verdankten dem Rufe den ſie ſich in dieſer Geſellſchaft erwarben, wichtige Stellen. So wurde z. B. Hr. von Plelo zum außerordentlichen Bothſchafter nach Daänemark, und der Abbé Alary zum Lehrer der Kinder von Frankreich ernannt, wobei der Cardinal ihn ausdrucklich aufforderte den Entreſol des⸗ wegen nicht zu vernachlaͤßigen und ihm dazu einen Tag in der Woche frei gab. Aber ge⸗ rade dieſe Beguͤnſtigung ſchadete ſowohl dem Clubb als dem Abbé,„denn die Hofleute mach⸗ ten ihn wegen dem Entreſol und dieſen wieder wegen ihm verdaͤchtig.“ Man behauptete: daß er ſeinen Mitbraͤdern alles mittheilte was in Verſailles vorginge. Die Weigerung einen der Angeberei verdaͤchtigen Rathöherrn aufzunehmen, der ein Guͤnſtling des Miniſters war, trug noch mehr dazu bei den Clubb in ein uͤbles Licht zu bringen. Endlich kommt Hr. von Ar⸗ genſon auf den Hauptgrund der Aufloͤſung die⸗ ſer Geſellſchaft und ich glaube um ſo mehr ihn hier ſelbſt ſprechen laſſen zu muͤſſen, da er meiner Anſicht nach nicht alles ſagt was ——— 167 er wohl haͤtte ſagen koͤnnen, wie Sie dies auch finden werden.„Ich kann,“ ſpricht er,„das unkluge Benehmen eines meiner Collegen hier nicht mit Stillſchweigen uͤbergehen, der, wie es ſcheint, ſeitdem er ſeinen Geſandtſchaftspoſten beendet hatte, dem Worte Verſchwiegen⸗ heit den Krieg erklaͤrte. Der Abbé von Pom⸗ ponne iſt wohl unterrichtet und hat vielen Geiſt, allein er vermag ſeine Ideen nicht zu beherr⸗ ſchen und hat nicht mehr Verſtand als ein Haͤnfling. Oft vertraute er uns Dinge die nach ſeiner Anſicht das tiefſte Geheimniß erfor⸗ derten, und plauderten ſie gleich darauf an Jeden, wer ihn nur anhoren wollte, aus. Bald erhob er uns bis zu den Wolken, bald waren wir wieder nichts in ſeinen Augen und alles dieſes Schwanken und dieſe Launenhaf⸗ tigkeit entſprang bei ihm nur aus Eigenliebe und je nachdem er bei unſeren Zuſammenkuͤnf⸗ ten geglaͤnzt oder im Schatten geſtanden hatte. Der Abbe iſt ſeit vielen Jahre mit dem Car⸗ dinal genau bekannt; er hat freien Zutritt bei ihm und ich zweifle nicht daran, daß er in den Augenblicken ſeiner Extaſe unſerer nach ſeiner * 168 Gewohnheit haͤufig gedacht hat; dieſes Erwaͤh⸗ nen konnte aber nothwendig nicht immer ge⸗ fallen, da wir allerdings zuweilen ziemlich offen gegen den Hof ſprachen. Gewiß darf hierbei dem Verrathe nichts zur Laſt gelegt werden, aber ſicher iſt es, daß die Indiscretion alles bewirkte.“ Mad. Delwins. Dieſe Sprache erinnert an das:„Ich ſage dies nicht“ von Al⸗ ceſt, der es doch in der That dachte und be⸗ reit war es zu ſagen. Der Chevalier. Sie haben Recht und die Sorgfalt und Vorſicht welche d'Argenſon anwendet eine Idee zuruͤckzuweiſen„die ſo na⸗ tuͤrlich iſt, bringt gerade die entgegengeſetzte Wirkung hervor. Mad. Delwins. Auch hatte der Abbe von Pomponne jedenfalls zu viel Geiſt um nicht zu fuͤhlen, daß er ſeinen Collegen ſchadete wenn er bei dem Premierminiſter Vorurtheile erregte, die ihnen unguͤnſtig waren, und ſicher war es nicht ſeine Abſicht ihnen nuͤtzlich zu werden, wenn er glaubte urſache zu haben ſich uͤber ſie beklagen zu muͤſſen. —— 169 — Deſormes. Sehr richtig. Waͤhrend er aber ſo auf einer Seite ſeinen Gefährten ſcha⸗ dete, unterließ er auf der anderen auch nicht gegen die Regierung den Frondeur zu ſpielen. „Der Abbé,“ ſagt d'Argenſon,„hatte die Ge⸗ wohnheit bei unſern Zuſammenkuͤnften ſich mit einem ſo heftigen Ungeſtuͤm zu aͤußern, daß dadurch die Freiheit und Milde unſerer Mit⸗ theilungen litt. Vorzuglich war es bei Gele⸗ genheit der pragmatiſchen Sanction*) wo er ganz außer ſich gerieth, indem er finden wollte, daß der Koͤnig von Frankreich nicht hinreichend ſchnelle Maßregeln dieſerhalb ergriffen habe. Er ergoß ſich in tauſend Schmaͤhungen gegen die Fremden und man ermangelte nicht dies wieder zu erfahren Die fremden Miniſter eil⸗ ten jetzt zu dem Cardinal und zu dem Großſie⸗ *) Wie man weiß, ſo machte Kaiſer Carl VI. dieſe Akte um dadurch ſeiner Tochter ſeine Staaten zu ſichern und die Nachfolge im Oeſterreichiſchen Hauſe zu ordnen. Die pragmatiſche Sanction wurde am 19ten April 1713 zu Stande gebracht, 1720 in des Kaiſers eigenen Staaten angenommen und 1731 von England, Holland und Rußland garantirt. Von dieſer Garantie, deren Datum mit dem der Unterdruͤckung des Clubbs im Entreſol zuſammen⸗ faͤllt, iſt hier die Rede. 2 170 gelbewahrer und riefen:„Was iſt denn das mit dieſem Entreſol der es wagt Ihr Beneh⸗ men ſo laut zu tadeln? In was miſchen ſich dieſe Menſchen?“ Am letzten Sonnabend wo der Clubb in der königl. Bibliothek gehalten wurde, kam der Abbe Alarh von Verſailles zu uns und ſprach:„Ich bin ganz außer mir; der Hr. Cardinal ſagte geſtern:„Machen Sie Ihren Herren im Entreſol bekannt, daß ſie ſich mit ihren Reden in Acht zu nehmen haben und daß die Fremden ſich uber ſie bei mir be⸗ ſchwerten.“ Man kam jetzt uͤberein die Zuſammenkuͤnfte aufzuheben und die Vacanzen hierzu als Vor⸗ wand zu benutzen, aber der Abbé St. Pierre wuͤnſchte dies nicht und ſchlug vor: ſich hin⸗ fort nicht mehr mit den Zeitereigniſſen zu be⸗ faſſen; auch ſuchte er fuͤr dieſes Project die Billigung des Cardinals zu erhalten, der in einer ernſten Antwort mit Verachtung„von den Verſammlungen ſeines Entreſols ſprach, wo man ſich ſo uͤbel benaͤhme,“ in einer zweiten vom 11ten Auguſt 1731, abet aͤußerte:„Ich ſehe daß Sie ſich in Ihren ———— ——— 17¹ Verſammlungen vorſetzen uber politiſche Werke zu verhandeln. Da dieſe Art von Unterhal⸗ tungen aber gewoͤhnlich weiter fuͤhren als man anfaͤnglich ſelbſt bezweckte, ſo wird es gut ſeyn wenn Sie dieſelben ganz aufgeben.“ So geſchah es daß der gute Abbé die Verſammlungen vol⸗ lends zu Grunde richtete, waͤhrend er ein ganz anderes Reſultat herbeizufuͤhren gedachte. Der ganze Hof erfuhr dieſes Mißgeſchick und es regnete nun Spottereien uͤber die Mitglieder herab, ſo daß d'Argenſon ſelbſt fuchtete, man wuͤrde ihnen noch ein Brevet zum Orden der Narrenkappe geben. Mad. Delwins. ueber den urſprung dieſes Scherzes iſt man nicht einig; einige be⸗ haupten dieſer Orden waͤre erſonnen worden um diejenigen laͤcherlich zu machen, die in ihren Unternehmungen ſcheiterten: Andere meinen fuͤr diejenigen, welche ſich durch irgend eine Thor⸗ heit auszeichneten. Der Chevalier. Ich glaube daß die welche von einem von beiden Proben nachzuweiſen vermochten, in den Orden kamen. Im Theater de la Foire wurde ehemals haͤu⸗ * 172 ſig ein einaktiges Stuͤck geſpielt, das den Titel fuhrte: le Regiment de la calotte;„es iſt dies,“ ſagt der Verfaſſer in der Ankuͤndigung, „ein metaphyſiſches Regiment das durch einige den Scherz liebende Perſonen, welche ſich ſelbſt zuerſt zu Hauptwuͤrdentraͤgern des Ordens machten, errichtet wurde. Sie nahmen alle diejenigen in ihren Orden auf, die, wes Standes ſie auch ſeyn mochten, ſich durch ir⸗ gend eine Thorheit oder Lächerlichkeit auszeich⸗ neten und dieſe Aufnahme fand durch Brevets ſtatt, welche man in den Geſellſchaften austheilte und ſo an die Addreſſe gelangen ließ.“ Die Graͤfin. Wie es mir ſcheint, ſo gleicht dieſer Narrenorden*) dem der Flie⸗ *) Dieſes Wort(calotte) wurde noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts folgendermaßen angewendet: „Es gab,“ erzählt der Graf von Seguͤr,„einen ſeltſamen Mißbrauch bei unſerem Militaͤr; dies war eine Verbindung von jungen Officieren, die ſich ſelbſt„la calotte“ nannten. Dieſe Geſellſchaſt hatte ihre Zuſammenkuͤnſte, ihre Vorſteher, ihren General und eine ſtrenge, wiewohl laͤcherliche, Po⸗ lizei; dabei galt in derſelben kein Unterſchied des Standes. Dieſe zugleich unruhige, laͤcherliche und furchtbare Macht, gehorchte nur wenn ſie nnter den Waffen ſtand und belegte alle diejenigen mit — genſchnaͤpper(gobe-mouches) des Hrn. Jourgnac de Saint-Meard. Der Chevalier. Sehr viel: der geiſt⸗ reiche Schoͤpfer dieſes neuen Ordens ließ auf die ungeheuren Einladungskarten einen großen Bienenkorb und Fliegen ſtechen. Man hatte in dieſem Orden verſchiedene Grade fuͤr welche die Brevets mehr oder minder verziert waren, doch glaube ich daß Hr. von Saint-Meard gleich von Anfang dem Gedanken entſagte, alle diejenigen zu decoriren, die ein Recht zu dieſer Ehrenbezeugung hatten, denn die Ausfertigung der Brevets wuͤrde in dieſem Falle eine Armee von Angeſtellten erfordert ha⸗ ben. Die Werber zu dem Regiment der Ca⸗ lotte begnugten ſich mit bloßen ſchriftlichen Zufertigungen, ohne dabei die Kuͤnſte in An⸗ ſpruch zu nehmen. Um die Aufnahme in ihren Kreis zu bezeichnen, ſchuf man das Wort: calottiniser, welches mit dem Orden wieder ſtarb. In dem Luſtſpiele von welchem ich komiſchen Strafen, die ſie eines Vergehens gegen ihre Gebraͤuche, Hoͤflichkeiten oder ihre wunderlich eigenwilligen Geſetze, fur ſchuldig erkannte. 174 ſprach, koͤmmt es oͤfters vor. Ludwig XIV., der den Scherz duldete, ließ in Betreff des Regi⸗ mentes der Calotte einen paſſiren den ich kuͤhn finde. Als er naͤmlich eines Tages einen ſeiner Hofleute, einen Officier in dieſem Regimente, fragte: wenn er einmal ſeine Truppen vor ihm wuͤrde voruberdefiliren laſſen? antwortete dieſer: „Sire, wollte ich dies thun, ſo wuͤrde es Nie⸗ mand geben, der zuſehen koͤnnte.“ Mad. Delwins. Aber wir ſind recht weit vom Hrn. von Argenſon abgekommen. Deſormes. Nicht zu ſehr, da er fuͤrch⸗ tete ein Brevet zur Calotte zu erhalten; doch bekam er es in der That nicht. Da er jedoch auf ſeinen theuren Entreſol nicht verzichten wollte, ſo beſchloß er Vereinigungen bei denen zu veranſtalten, denen man keinen Wink zur Aufhebung der Geſellſchaft gegeben hatte, und ſich mit ihnen ſo zu verſtaͤndigen, daß ſie auch nicht Gefahr liefen einen ſolchen Wink zu be⸗ kommen, eine Sache die recht gut gemacht werden konnte wenn man ſich nur den Augen des Cardinals und des Großſi iegelbewahrers moͤglichſt entzog. Man kam demnach uͤberein, 175⁵ alle die von der Geſellſchaft auszuſchließen, auf deren Discretion nicht feſt zu bauen war, und indem nun die Geſellſchaft hierdurch auf eine kleinere Zahl zuruͤckgefuͤhrt wurde, veraͤnderte man ſowohl die Tage als den Ort der Zuſam⸗ menkuͤnfte und verſammelte ſich bald bei dieſem bald bei jenem von dem Vereine. Demohnge⸗ achtet fanden indeß doch nur noch drei Ver⸗ ſammlungen ſtatt; die erſte bei dem Hrn. vovn Argenſon ſelbſt, die zweite bei dem Abbé von Bragelone und die dritte bei dem Hrn. de la Fautriére. Das Haus des Letztern wurde we⸗ gen eines großen Laͤrmens, den es im Parla⸗ mente gegeben hatte, genau beobachtet und d'Argenſon konnte jetzt nicht umhin dem Groß⸗ ſiegelbewahrer das Verſprechen zu geben„daß man ſich weder direet noch indirect mehr ver⸗ ſammeln wollte, indem der Miniſter hinzuſetzte: „Sie verſtehen mich doch was ich da⸗ mit ſagen will?“ ein Ausdruck der wie d'Argenſon bemerkt:„hinreichend bewies, daß man von allem unterrichtet war und daß es nutzlos geweſen ſeyn wůrde noch ferner Aus⸗ wege zu ſuchen.“ * Folgendes ſind noch die Bemerkungen wel⸗ che er in Betreff jenes Clubbs machte:„Man kann ſich von der Nuͤtzlichkeit einer ſolchen Ge⸗ ſellſchaft durch das uͤberzeugen, was ich von 5 den verſchiedenen Zweigen die ein Jeder bear⸗ beitete, ſagte, und wenn man nur etwas nach⸗ denkt, ſo wird man leicht die Trefflichkeit der Gegenſtäͤnde finden. Merkwuͤrdig iſt es jedoch, waß waͤhrend ſo viele Wiſſenſchaften in Europa cultivirt werden, das oͤffentliche Recht noch keine eigentliche Schule hat. Warum findet keine Theorie in Betreff der Geſellſchaften im Allgemeinen, ſo wie in Betreff der Vortheile der beſonderen Geſellſchaften, ſtatt? Man will oͤffentliche Anſtellungen und kann ſich dazu bis jetzt nur auf dem Wege der Praktik bilden, denn dies iſt die Methode die heutiges Tages, wenigſtens in Frankreich, herrſcht: man ſagt: wenn ich erſt werde Geſandter oder Miniſter ſeyn, dann werde ich auch die ſchon verſtehen.“ Der 6hevalier. In unſern Tagen geht das noch weiter; man treibt das Geſchaft Jahre ———— und t es de vicen*w⸗ etwas dapon begriffen zu haben.„ Mad. Delwins. Sceint es döch* mein lieber Baron, als ſuchten Sie gefliſſent⸗ lich jede Gelegenheit um auf die Strafliſte zu kommen. Der Chevalier.(Mit Erſtaunen.) 6, Madame? Es iſt verboten Sie zu, zum Gluͤck aber. Mad. Delwins. Nichts dat Sie muͤſſen Strafe geben. Es iſt verboten von den Mi⸗ niſtern zu ſprechen, mein Herr! Der Chevalier. Moͤchte man doch faſt glauben, Sie waͤren miniſteriell geworden... uebrigens ſagte ich nicht ein Wort... Mad. Delwins. Wie? wollten Sie nicht ſagen: daß die Herren V... und P... nichts gelernt hätten? Der Chevalier. Das Reglement ſpricht nicht von dem was man ſagen wollte, ſon⸗ dern von dem was man geſagt hat, und wenn eines von uns Strafe geben muß, ſo.. Mad. Delwins(achelnd). Ich verſtehe II. 12 * und füge mich...(zu Hrn. Deſormes) Ihr Entreſol hat alſo aufgehoͤrt? Deſormes. Ach ja! zum großen Schmerz des Hrn. von Argenſon; doch verſicherte er, daß die Sammlung der im Entreſol vorgeleſenen Manuſcripte nicht zerſtreut wurde und daß der Abbeé Alary der Aufbewahrer derſelben geweſen. Dieſer Abbé, ein Mitglied der Akademie, war, wie Sie ſehen, den Wiſſenſchaften nuͤtzlich. Zwar hinterließ er ſelbſt keine Werke, aber bei alle dem zeigte er einen Eifer fuͤr die Fort⸗ ſchritte der Wiſſenſchaften und der Literatur, der es verdient daß ſein Name nicht in Vergeſſenheit verſinkt, und daß ich es Hrn. d'Argenſon Dank weiß, ihn uns kennen ge⸗ lehrt zu haben. Bwei Frauen von einem hi verſchiedenen Charakter, hatten ebenfalls, die Eine ſpater, die Andere zu derſelben Zeit, Vereinigungen in ih⸗ rem Hauſe, deren Andenken aufbewahrt blieb. Es waren dies Madame Lambert*) und *) Anne Thereſe de Marguenat de Couralles, Mar⸗ quiſe von Lambert. Sie ſtarb 1733„86 Jahre alt. 179 Madame Tencin; die Erſtere, ſchatzenswerther und auch geachteter als die Andere, ließ ſich keinen Fehltritt in ihrem Benehmen zu Schul⸗ den kommen. Erzogen von Bachaumont, liebte ſie die Wiſſenſchaften, oͤffnete ihr Haus denen welche dieſelben mit Erfolg trieben, nahm einen ehrenvollen Rang unter dieſen Perſonen ein und hinterließ einige ſie uͤberlebende Werke*). Mad. Delwins. Wiſſen Sie die Epoche in welcher jene Geſellſchaften bei ihr begannen? Deſormes. Dieſe Vereinigung iſt uns nur durch die Tradition und das Zeugniß von Fontenelle und d'Argenſon bekannt. Traditio⸗ nen geben aber ſelten die Chronologie an und Fontenelles Leben war ſo lang und ſo einfoͤr⸗ mig, daß man aus demſelben nichts uͤber den Zeitpunkt der Entſtehung der Geſellſchaft bei Frau von Lambert erfahren kann. Dieſe Dame blieb ubrigens, nachdem ſie vier und zwanzig einer Mutter an ihre Toch⸗ an ihren Sohn; eine Abhand⸗ uͤber die Freundſchaft; uͤber das Alter, und einige andere mehrmuts aufgelegte Schriften. 12* * 180 Jahre verheirathet geweſen war, Wittwe und hatte lange, unangenehme Proceſſe wegen der Hinterlaſſenſchaft ihres Mannes zu fuͤhren, der Gouverneur von Luxembourg war. Da ſie 1647 geboren wurde, ſo fuͤhrt uns dies an das Ende jenes Jahrhunderts und ich vermuthe daß ſie ſchwerlich die glänzende Geſellſchaft die ſich bei ihr verſammelte, fruͤher bildete, ehe ſie in Ruhe und ihr Vermoͤgen geſichert war. Daher glaube ich, daß ſich dieſe Verſammlun⸗ gen bei ihr vom Anfang des achtzehnten Jahr⸗ hunderts an ſchreiben. D'Argenſon hat Frau von Lambert in ſeinen Memoiren nicht vergeſ⸗ ſen. Er wurde um das Jahr 1718 einer ih⸗ rer vorzuͤglichſten Freunde und ſpeiſte regelmaͤ⸗ ßig bis 1733 jede Mittewoche bei ihr zu Mit⸗ tag.„Des Abends war Cirkel im Hauſe; man plauderte da ohne daß hier, mehr als in dem beruͤchtigten Hötel Ronnbouillet, die Rede von Karten geweſen ware Sie war reich und machte einen guten und achtungswerthen Ge⸗ brauch von ihrem Vermoͤgen, zum Beſten ihrer Freunde und vorzuglich der Ungluͤcklichen... Alle Blicke wandten ſich bei dieſen Worten, 181 wie unwillkurlich, nach Madame Delwins hin, während ſie erröthend die Augen niederſchlug und aͤmſig zu arbeiten ſchien. „Meine Herren,“ ſprach Deſormes,„Sie Alle konnten ſich in die Strafliſte einſchreiben“ und da Keiner etwas dagegen einwendete 0 fuhr er nun fort: Der Einfluß, welchen Frau von hatte, war ſo groß, daß in ihrem Salon die Wahlen zur Akademie beſprochen wurden und daß man keine Aufnahme in dieſem Verein erhielt, wenn man nicht bei ihr und durch ſie vorgeſtellt ward. Als ſie ſtarb, ergab es ſich daß die Hälfte der Mitglieder der Akademie auf dieſem Wege zu ihren Stellen gelangt waren. Der Salon der Mad. Lambert fullte ſich uͤbrigens, zweimal wochentlich, mit den Schoͤngeiſtern und den Leuten der großen Welt; man fand hier St. Aulaire, der ſich durch ein Impromptu unſterblich machte; Lamotte, Sach, Fontenelle und Fenelon ſelbſt, wenn er nach Paris kam. Fontenelle ſagt:„daß das Haus der Madame Lambert das einzige geweſen waͤre, wo man ſich getroffen hätte, um vernuͤnftig, 182 und gelegentlich auch geiſtreich, mit einander zu ſprechen.“ Ich komme jetzt auf die Grafin von Verrue, die vielleicht einiges Recht haͤtte in der Gal⸗ lerie der galanten Damen des achtzehnten Jahr⸗ hunderts zu figuriren und die man neben Frau von Tencin ſiellen koͤnnte, wenn ſie Keckheit genug beſeſſen hätte, ſo wie dieſe, Galanterie und Intrigue Hand in Hand gehen zu laſſen; aber hierzu war ſie zu beſcheiden und leiſtete ſelbſt ihrem Liebhaber lange Widerſtand, ob⸗ ſchon dieſer einen Thron in der Perſpective hatte. Ihre Geſchichte verdient einige Er⸗ waͤhnung. Sie war die Tochter des Herzogs von Luhnes und von einer außerordentlichen Schoͤn⸗ heit. Verheirathet an den Grafen von Verrue, deſſen Mutter Ehrendame bei der Prinzeſſin von Savoyen war, eroberte ſie das Herz des Prinzen, der ihr zu Ehren mannigfache Feſte veranſtaltete. Ihre Schwiegermutter und ihr Mann ſelbſt, er⸗ mangelten zwar keinesweges ſie zu ermuntern den Fuͤrſten nicht zuruckzuweiſen, aber dies ſowohl als die offene Erklärung des Prinzen, erſchut⸗ —— terten ſie nicht; im Gegentheil faßte ſie den Entſchluß, in Begleitung eines alten Abbés, eines Onkels von ihrem Manne, zu ihrem Va⸗ ter nach Frankreich zuruͤckzukehren. Dieſer Abbé, bei dem ſie ſich oollig in Sicherheit glaubte, quälte ſie jedoch nun mit einer, fuͤr ſeine Jahre und ſeinen Stand, ſehr unſinnigen Leidenſchaft, und ſie fand bei denen, die ſie eigentlich ſchuͤtzen ſollten, ſo wenig Schutz, daß ihr zuletzt nichts anderes brig blieb, als ſich ſelbſt dem Prinzen auszuliefern, uͤber den ſie ſchnell eine unumſchraͤnkte Herrſchaft gewann, ſo daß am Sardiniſchen Hofe bald alles von ihr abhing. Als ſie indeß einſt⸗ mals mit einem Verwandten ihres Mannes ſpeiſte, wurde ſie vergiftet. Dieſer Ver⸗ wandte wollte ſich nicht von ihr entfernen und beſtand darauf, daß man ihr zur Ader ließ; der ſpaniſche Geſandte gab ihr aber ein Gegengift, durch welches ſie gerettet ward. Denjenigen, dem ſie das Verbrechen zuſchrieb, nannte ſie nie. Spaͤter bekam ſie die Blattern, wobei der Prinz ſie treulich ab⸗ wartete, und obſchon ihre Schonheit durch dieſe * Krankheit bedeutend litt, ſo liebte er ſie doch deswegen nicht minder; allein ſeine Liebe war etwas ſehr thranniſcher Art, denn immerwaͤh⸗ rend hielt er ſie eingeſchloſſen und arbeitete nur in ihrem Zimmer mit ſeinen Miniſtern. Muͤde dieſes Zwanges, forderte Frau von Verrue endlich ihren Bruder, den Chevalier de Luhnes, auf, ſie, waͤhrend der König in Chambery war, zu ent⸗ fuͤhren. Das Rendezvous war in einer Capelle, vier Stunden von Lurin beſtimmt. Der Che⸗ valier, der in der Marine diente, ſollte ſich da ebenfalls einfinden. Sie hatte einen klei⸗ nen Papagay, den ſie außerordentlich liebte. Ihr Bruder kam an, eilfertig fuhr man ab; aber kaum hatte ſie fuͤnf oder ſechs Stunden zuruͤckgelegt, ſo fiel ihr ein, daß ſie ihren Pa⸗ pagah vergeſſen hatte und trotz der Gefahr, der ſie ſich ſelbſt ſowohl als ihren Bruder hier⸗ durch ausſetzte, wollte ſie nun ohne ihren ge⸗ liebten Vogel durchaus nicht weiter; es half nichts man mußte zuruͤckſenden und ihn holen laſſen. Ohne Unfall, und ſelbſt ehe man noch ihre Flucht am Luriner Hofe erfuhr, langte ſie in Frankreich an, wo ſie ſich ſogleich in ein 4 Kloſter begab. Sie hatte alle Diamanten die ihr der Koͤnig von Sardinien ſchenkte, und mehr als dreihundert und zwanzig goldene Me⸗ daillen, die er ihr nicht geſchenkt hatte, mit aus Piemont gebracht, von welchen letzteren die Mutter des Regenten ihr einen Theil ab⸗ taufte.„Ich habe,“ ſagt dieſe in ihren Me⸗ moiren mit vieler Offenherzigkeit,„ihren Dieb⸗ ſtahl benutzt: ſie hat mir hundert und ſechzig goldene Medaillen verkauft; es war dies die Haͤlfte von denen die ſie dem Koͤnig von Sar⸗ dinien ſtahl Auch hatte ſie mehrere Kaͤſtchen mit ſilbernen Medaillen, die alle nach England verkauft wurden.“ Die Graͤfin von Verrue vn; eizens das Kloſter bald wieder. Da ſie viel Geiſt, Anmuth und Weltton beſaß und ein gutes Haus machte, ſo wurde es ihr nicht ſchwer eine ausgeſuchte Geſellſchaft um ſich her zu verſammeln. Sie liebte die Gelehrten und ſuchte ſie an ſich zu ziehen. Vertraut mit dem Dichter La Faye, nuͤtzte ſie ihm. Ihr Ge⸗ ſchmack fuͤr Kuͤnſte und Vergnuͤgungen ver⸗ ſchaffte ihr den Namen: Dame Wolluſt, * und ſie ſelbſt ſich nachſtehendes Epi⸗ taphium: Gi-git dans une paix profonde Cette dame de volupié. Oui, pour plus grande süreté Fit son paradis dans ce monde. Madame Guérin de Tencin, deren bereits in dem Gemaͤlde der Sitten des vorigen Jahr⸗ hunderts gedacht wurde, nahm in einem Non⸗ nenkloſter vom Orden des heil. Dominique den Schleier, ließ ſich dieſen Schritt aber bald reuen, und voll des Wunſches in die Welt zu⸗ ruͤckzukehren, fuͤr die ſie allerdings mehr wie fuͤr das Kloſter geſchaffen war, begann ſie da⸗ mit, ihr heiliges Gefaͤngniß zu verlaſſen ohne die Frau Superiorin vorher um Erlaubniß dazu zu bitten; denn als kluge Frau wußte ſie wohl, daß man leichter Vergebung fuͤr einen began⸗ gegenen Fehler als die Erlaubniß ihn zu be⸗ gehen, erhaͤlt. um aber das Recht zu bekom⸗ men, ferner eine Freiheit genießen zu duͤrfen die ſie, der That nach, bereits wieder erworben hatte, trug ſie Fontenelle auf ihr eine Suplik an den Papſt zu machen, um Freiſprechung von ihrem — Geluͤbde zu erhalten. Hierzu bedurfte es je⸗ doch, wollte man ſeine Abſicht erreichen, be⸗ deutender Beweggruͤnde welche ſelbſt das Ganze intereſſiren mußten, ſo daß es dem heil. Vater ſchwerer wurde die Sache abzuſchlagen als ſie zu genehmigen. Eine Schwangerſchaft war hierzu ein gutes Mittel, denn wenn ſie auch tadelnswerth war, ſo bot ſie doch den Vor⸗ theil dar, allen Einwuͤrfen zu begegnen. In der That wendete auch Fontenelle dies Mittel an und die Dispenſation wurde gewaͤhrt. Da es ſich jedoch ſpäter zeigte, daß das Vorgeben keinen Grund hatte, ſo wurden die Formalitaͤ⸗ ten nicht erfuͤllt und das Breve blieb ohne Ausfuͤhrung. Uebrigens vermuthe ich, jedoch ver⸗ mag ich es nicht zu beweiſen und es iſt dies nur, wie geſagt, eine Muthmaßung: daß Frau von Tencin gewiſſenhaft alles mogliche that, was in ihren Kräften ſtand, um Fontenelles Vorgeben nicht fuͤr immer Luͤgen zu ſtrafen, und daß man dieſer Gewiſſenhaftigkeit d'Alemberts Geburt zu⸗ ſchreiben darf. Auf der andern Seite macht jedoch die Gleichgaͤltigkeit welche ſie gegen die⸗ ſes Kind bewies, dieſe Muthmaßung auch wie⸗ 188 der zu Schande. Sey dem jedoch wie ihm wolle, der Verfaſſer des falſchen Berichtes galt lange Zeit fuͤr den Vater des Kindes und erſt viele Jahre nachher erfuhr man, daß nicht dem Akademiker, ſondern dem Provinzialcommiſſaͤr Destouches dieſe Ehre gebuͤhrte. Frau von Tencin vertraute das Geheimniß ihrer Schwangerſchaft und ihrer Niederkunft, dem Einzigen an deſſen Zeugniß bei dem rͤmiſchen Hofe, zur Berich⸗ tigung des Vorgebens, angenommen werden konnte; ſo daß man ſie hinfort in Ruhe ließ ohne jedoch das Breve zu publiciren, welches die Freiheit legitimirte die ſie jetzt genoß. Die Strenge war nutz⸗ und zwecklos geworden, da ſie die weſentliche Formalität beobachtet hatte. Ihr Haus wurde anfaͤnglich der Sammel⸗ platz von Intriguanten auf deren Umtriebe ſich das Anſehn des Cardinal von Lencin gruͤn⸗ dete; dann der der ſchoͤnen Geiſter des Jahr⸗ hunderts. Auf die Vorfechter der Janſeniſti⸗ ſchen Streitigkeiten, folgten die Gelehrten. In der erſten Periode hatte ſie einen ſo unermeß⸗ lichen Einfluß, daß man ſich ihn nicht wuͤrde erkläͤren koͤnnen, wenn der Geiſt der Intrigue 189 nicht alles erklaͤrte. Sie trug weſentlich dazu bei daß ihr Bruder Cardinal und ſpäter Staats⸗ miniſter wurde; auch erwarb ſie ſich ſelbſt viel Herrſchaft uͤber den Cardinal Fleury und der Con⸗ traſt welcher zwiſchen dem Charakter dieſes ſtreng⸗ tugendhaften Mannes und dem einer Frau herrſchte, die uͤber die Tugend ſpottete, macht dieſen Einfluß nur noch merkwuͤrdiger. Die Art aber wie ſie La Popeliniere zwang, eine Comoͤdiantin zu heirathen, beweiſt daß ſie es ſelbſt vortrefflich verſtand Comddie zu ſpielen. Sie mandverirte ſo geſchickt, daß der Cardinal Mimi⸗Dancourt fuͤr ein Opfer der Verfuͤhrung hielt und ihr zum Heirathsgut das Brevet der Generalpachtung gab, welche jener Financier inne hatte und das bei der Erneuerung der Pachtzeit verfallen war. So glaubte der dop⸗ pelt hintergangene alte Miniſter, einen einge⸗ bildeten Skandal zu beſeitigen und veranlaßte nur noch einen weit groͤßeren wirklichen, da das Betragen der Frau von Popelinière, deren Abentheuer mit dem Marſchall von Richelieu keinen Laͤrm gemacht haben wuͤrde, wenn ſich nicht der Cardinal in die Geſchichte der Mimi⸗ Dancourt gemiſcht hätte, nun erſt recht auffiel. Als der Mißeredit des Cardinal Tencin und ſein Tod, ſeine Schweſter zwangen dem Ehr⸗ geize zu entſagen, erſetzte ſie, wie bereits er⸗ wähnt, die Jeſuiten in ihrem Salon durch Ge⸗ lehrte. Die wunderlichen Geſchenke welche ſie dieſen machte, warfen indeß ein Ridicuͤl ſowohl auf die Beſchenkten als auf die Geberin. Sie pflegte naͤmlich Sammethoſen auszutheilen und man behauptet, daß ſie deren an viertau⸗ ſend vergab. Fontenelle, Montesquieu, Mai⸗ ran, Aſtruc, Mariveaux, Helvetius, Mably und Marmontel zierten ihren Salon.„Man kam,“ ſagt Marmontel,„darauf vorbereitet hin, hier eine Rolle zu ſpielen und die Begierde ſich be⸗ merklich zu machen, ließ der Unterhaltung nicht immer die Freiheit eines leichten und natur⸗ lichen Ganges. Es kam hier vorzuglich darauf an, wer es am Beſten verſtand den Augenblick gleichſam im Fluge zu ergreifen, um ſein Wort, ſeine Erzählung, ſeine Anecdote, ſeinen Schetz oder ſeinen Witz anzubringen, und um dies zu koͤnnen, wurde oft die Gelegenheit ziemlich weit herbeigeholt. Bei Marivaux leuchtete ſtets die ungeduld eine Probe ſeiner Feinheit zu geben, hervor; ruhiger als er, wartete Montesquieu bis die Reihe an ihn kam, aber er wartete doch darauf*); Mairan zog dagegen die Gelegen⸗ heit mit Haaren herbei; Aſtruc gab ſich nicht die Muͤhe ſie zu erwarten, und Fontenelle war der Einzige der ſie, ohne ſie zu ſuchen, ruhig kommen ließ: Helvetius, aufmerkſam und be⸗ ſcheiden, ſammelte dagegen ein, um einſt deſto reichlicher ausſaen zu koͤnnen.“ Madame Geoffrin kam oft zu Frau von Tencin, welche die Behauptung aufſtellte: jene erſchiene nur bei ihr um ſie zu beerben. In der That warb ſie auch ſchon bei ihrem Lebzei⸗ ten heimliche Rekruten im Salon der Madame Tenein und als dieſe ſtarb, da ſchloſſen ſich die mehreſten der Mitglieder ihrer Geſellſchaft an *) Da Frau von Tenein 1749 ſtarb, ſo iſt es ziem⸗ lich lange nachher daß Marmontel ſeine kritiſchen Bemerkungen niederſchrieb. Mag aber Montes⸗ quien die Gelegenheit zu ſprechen abgewartet ha⸗ ben oder nicht, ſo iſt es doch gewiß, daß er ſie ſehr geſchickt ergriff, ſich weit uͤber diejenigen zu erheben, welche Marmontel uns kennen lehrt, ihn ſelbſt nicht ausgenommen. 192 den Cirkel der Madam Geofftin an, die zwei⸗ mal woͤchentlich große Mittagstafel gab. Des Montags verſammelten ſich nämlich die Kuͤnſt⸗ ler, des Mittewochs die Gelehrten bei ihr, und dAlembert, Mairan, Marivaur, Chaſtellux, Morellet, Saint⸗Lambert, Helvetius, Thomas, Raynal, Galiani, der Graf von Creutz, Carrae⸗ cioli, Marmontel und Caylus konnte man hier beſtändig ſehen. Das Fräulein von Lespinaſſe war dagegen das einzige Frauenzimmer welches man in dieſem Eirkel fand, wo uͤbrigens wenig Geiſtesfreiheit herrſchte. Ohne ſchon von Madame Geoffrin Abſchied zu nehmen, muß ich doch hier zweier Vereini⸗ gungen gedenken, die, bei ihrem Beginn, einige Zeit mit der ihrigen rivaliſirten. Die Erſtere war die bei dem Generalpächter Pelletier. Er pflegte eine Geſellſchaft von zehn Bonvivants um ſich her zu verſammeln, unter denen ſich Crebillon der Sohn, Collé, Marmontel und Ber⸗ nard befanden. Da Pelletier jedoch eine Aben⸗ theurerin heirathete, ſo zogen ſich ſeine Gäſte von ihm zuruͤck und dies ſowohl, als die Lei⸗ den ſeiner Ehe, ging dem ehrlichen Tropf der⸗ 193 maßen zu Herzen, daß er zum Narren wurde und in Charenton ſtarb. Die Zweite fand bei Falconet, einem Mit⸗ gliede der Inſchriften und zweitem Arzte des Konigs, ſtatt, der mit vier und achtzig Jahren noch voll Feuer, Geiſt und Lebhaftigkeit war. Die Gelehrten ehrten ihn wie ihren Vater. Gewoͤhnlich verſammelte man ſich des Sonn⸗ tags bei ihm und der unerſchrockene Marmon⸗ tel gehoͤrte auch hier zu der Zahl der Gaͤſte. Da man in der Regel ſehr fruͤh zuſammen⸗ kam, ſo wurde dieſe Verſammlung nur ſcherz⸗ weiſe:„die Meſſe der Gelehrten“ genannt und man kann ſagen, daß der Abbé Terraſſon dieſen Meſſen beizuwohnen, nicht verfehlte. Dieſer Geſchmack fuͤr literariſche Vereini⸗ gungen erſtreckte ſich ſelbſt bis auf das milita⸗ riſche Feldlager, denn waͤhrend dem Laufe des Feldzuges von 1757, ſtiſteten mehrere hoͤhere Officiere, die theils ſelbſt wiſſenſchaftlich ge⸗ bildet, theils Freunde der Literatur waren, eine Art von literariſchem Clubb zu Drewenich, wo ſie in Winterquaktieren ſtanden. Bei die⸗ ſem Vereine war es Geſetz, daß jedes Mitglied 13 194 ſeinen Beitrag an Verſen und Proſa liefern mußte und ich glaube nicht erſt verſichern zu duͤrfen, daß die kriegeriſchen Dilettanten ſich gewiſſenhaft in dieſer Pflichterfuͤllung zeigten. Doch ich vergeſſe daß ich mich nicht aus Paris entfernen ſollte und kehre dahin zuruͤck, indem ich nur noch ein paar Worte uͤber de Quesnay ſage, der ſich gewoͤhnlich in Verſailles aufhielt. Dieſer Oekonom hatte auch ſeine gelehrten Verſammlungen und Dinérs. Er wohnte in einem Entreſol und man beſchaͤftigte ſich bei ihm in der Regel nur mit Gegenſtänden der Landwirthſchaft und anderen praktiſchen Din⸗ gen; zuweilen war die Unterhaltung jedoch auch minder eintoͤnig und ernſthaft und dies fand vorzuglich ſtatt, wenn Diderot, d'Alem⸗ bert, Buͤffon, Duͤclos, Helvetius und Turgot Theil nahmen. Madame Marchais iei chenfalls ausgezeichnete Gelehrte um ſich, doch waren dabei auch immer ſtets ſo viele andere Perſo⸗ nen vom Hofe und aus der Stadt, daß die Vereinigung keinen beſtimmten Charakter hatte⸗ Madame Marchais ſpielte fruͤher haͤuſig eine 495 ——— Rolle in den kleinen Schauſpielen welche Frau von Pompadour dem Koͤnige gab um dieſen wo moͤglich noch ein Vergnuͤgen zu gewaͤhren; ſpaͤter heirathete dieſe Dame den Hrn. von An⸗ gevillers und wurde noch lange ſowohl wegen ihrer Schoͤnheit, als ihrem Geiſte, gefeiert. Zu derſelben Zeit gab Mademoiſelle Qui⸗ nault ihre beruͤhmten Soupérs, bei denen man nach und nach Voltaire, Destouches, Duͤclos, Marivaux, Pont⸗de⸗Vesle, Caylus, d'Argenſon, Saint⸗Lambert, J. J. Rouſſeau ꝛc. erblickte. Anfaͤnglich hatte dieſe Verſammlung den Namen der Société du Bont du Banc, weil bei dem Urſprunge derſelben eine unge⸗ meine Frugalitat bei dem Mahle ſtatt fand. In der Mitte auf dem Tiſche ſtand ſtets ein vollſtaͤndiges Schreibzeug, deſſen ſich Jeder in ſeiner Reihe bediente. Hier entſtanden die: Etrennes de la Saint Jean und die: Recueil des ces messieurs. Statt aber dieſe ange⸗ nehmen Erzählungen in dem Salon der Made⸗ moiſelle Quinault ſelbſt zu verfaſſen, brachte ein Jeder die ſeinige mit, und um dieſer Ver⸗ vindlichkeit zu genoͤgen, ſchrieb Rouſſeau ſeine 13* —— Reine fantasque. Frau von Epinay ſagt in ihren Denkwuͤrdigkeiten:„daß man, einmal bei Mademoiſelle Quinault aufgenommen, dann das Recht gehabt habe ohne weitere Einladung wiederkommen zu konnen, obſchon die Geſell⸗ ſchaft anfaͤnglich nur auf acht Perſonen berech⸗ net geweſen waͤre; daß Jeder ſeinen Spott⸗ namen gehabt habe nc.z“ doch darf man auf dergleichen Berichte, wenn ſie ſathriſch ſind, nicht zu ſehr bauen, denn offenbar fuͤhrte Grimm damals die der S von Epinah. 6 Auch Madame Důpin ſuh eine bite Geſellſchaft bei ſich, zu deren Stamm der Abbé Saint⸗Pierre und Fontenelle gehoͤrten. Den Erſteren pflegte ſie nur ihr verzogenes Kind zu nennen. Man ſah hier die beruͤhm⸗ teſten Maͤnner des Jahrhunderts, wie Montes⸗ quieu, Voltaire, Buͤffon und Rouſſeau. Die⸗ ſer Letztere war uͤbrigens damals noch nicht aus der Dunkelheit hervorgetreten und machte noch den Secretair der Dame vom Hauſe. Die Mittagseſſen bei dem Praͤſidenten He⸗ nault ſind bekannt und ſelbſt beruͤhmt durch die N 197 feine Auswahl der Gerichte; ſpater erlangten die bei Helvetius Ruf. David Hume ging bei dem Letzteren aus und ein. Der Haushofmei⸗ ſter des modernen Apicius, welcher immer von dem Geiſt und Genie des engliſchen Hiſtorikers reden hoͤrte, ſagte eines Tages mit beluſtigen⸗ der Naivetaͤt: daß er nicht begriffe wie man einen Menſchen geiſtreich nennen konne, der die jungen Erbſen mit dem Meſſer aͤße.— Horen wir jetzt einen Zeitgenoſſen uͤber die Art wie Helvetius und Holbach ihre Geſellſchaften zu⸗ ſammenſetzten: „Das Haus des Baron von Holbach, und ſeit einiger Zeit auch das von Helvetius, wa⸗ ren der Sammelplatz einer groͤßtentheils aus der Bluͤthe der Geſellſchaften der Madame Geoffrin zuſammengeſetzten Verſammlung, wo⸗ zu noch einige Einzelne kamen welche Madame Geoffrin fuͤr zu keck in ihren urtheilen hielt, um ſie in ihrem Hauſe zu ſehen. Allerdings ſchaͤtzte ſie Holbach und liebte Diderot, aber nur gleichſam im Geheim und mit dem Beſtre⸗ ven, ſich ihretwegen nicht zu compromittiren. Zwat iſt es wahr, daß ſie Helvetius bei ſich 198 ſah und ihn gleichſam adoptirte, allein damals war er noch jung und hatte ſich nicht ſehr bekannt gemacht.“ J. J. Rouſſeau und Buͤffon beſuchten einige 80 dieſe Geſellſchaft, zogen ſich jedoch bald wieder zuruͤck, der Erſtere, indem er ſeine Woh⸗ nung in die Eremitage verlegte, der Andere aus Gruͤnden, die er zwar nicht ſagte, welche man aber errieth. D'Alembert und Marmontel, die ihn laͤcherlich zu machen ſuchten, als Schrift⸗ ſteller und Naturforſcher uͤberlegen, gefiel es ihm nicht mit ihnen zuſammenzukommen; dazu hatte die Art ſeiner Studien keine Analogie mit den ihrigen und ſeine Stelle erlaubte es ihm um ſo weniger mit Jemand umzugehen, der den Atheismus offen bekannte, als die Laufbahn welche er ſich erwaͤhlt hatte um ſo mehr Vorſicht von ſeiner Seite erheiſchte, da man die Naturforſcher ohnedem immer gern in Verdacht hat, nicht ſonderlich religids nach den gewohnlichen Begriffen zu ſehn. uebrigens beſtanden dieſe Geſelſſchaften meh⸗ rentheils ohne gegenſeitige Sivaliit und die⸗ ſelben Gaͤſte brachten in die eine wie die an⸗ dere, ihren Geiſt und ihren guten Appetit mit. Horen wir noch die Schilderung der Ver⸗ ſammlungen bei einer durch ihre Schriften be⸗ kannten Dame, an. „Der Cirkel bei Mademoiſelle Lespinaſſe, beſtand aus Menſchen, die keine weitere Be⸗ ruhrung mit einander hatten. Sie waren von ihr hier und da in den Geſellſchaften zuſam⸗ mengeleſen worden, aber ihre Wahl war da⸗ bei ſo gut getroffen, daß, wenn ſie ſich bei⸗ ſammen befanden, ſie wie die Saiten eines gutgeſtimmten Inſtrumentes zuſammenklangen. Blos d'Alemberts Freunde waren unter einan⸗ der verbunden: es waren dies Saint⸗Lam⸗ bert, Marmontel, der Abbs Morellet und der Chevalier von Chaſtellux. Mademoiſelle Lespi⸗ naſſe kannte den Geiſt und den Charakter eines Jeden ſo genau, daß es nur ein Wort von ihr bedurſte, um Alle anzuregen. Nirgends war die unterhaltung lebhafter, glänzender und beſſer geregelt als bei ihr. Die ungemeine Thätigkeit ihres Geiſtes theilte ſich Allen mit und man kann ſagen, daß ſie zugleich der Hebel und 200 ——— doch wieder Ordner dieſes geiſtigen Conflietes war, wobei nicht uͤberſehen werden darf, daß ihre Beſucher weder zu den Schwachen noch zu den Leichtzuregierenden gehoͤrten, wie man dies ſchon daraus ſehen wird wenn man ver⸗ nimmt, daß Condillac und Tuͤrgot zu der Zahl derſelben gehoͤrten. D'Alembert war bei ihr wie ein einfaches, fugſames Kind, und man muß in der That geſtehen, daß ſie das Talent in einem hohen Grade beſaß, einen geiſtreichen Gedanken hinzuwerfen und gleichſam zur Eror⸗ terung aufzuſtellen, und dabei eben ſo gut neue Ideen zu entwickeln, als das Geſpraͤch zu be⸗ leben und immer friſch und mannigfach zu er⸗ halten Harmage. Auf welche deuten Sie hier eigentlich hin, Sie, der Sie immer der Strafe ſo gut zu entgehen wiſſen? Deſormes.(ͤberraſcht.) Wie! ich deute? Was meinen Sie damit? Harmage. Sie ſprechen von einer Dame deren Unterhaltung immer glaͤnzend war und die das Talent beſaß, das Geſpraͤch zu bele⸗ 20¹ ben.. Iſt es Madam Delwins oder die Gräfin welche Sie meinen? n Deſormes. Weder die Eine die Andere, mein lieber Harmage, und wenn Sie zugehoͤrt haͤtten, ſo wuͤrden Sie dieſe Frage gar nicht aufgeworfen haben. Da dieſelbe aber einen Lobſpruch enthaͤlt, ſo will ich mir die Gelegenheit nicht entgehen laſſen Ihnen bemerklich zu machen, daß Sie der Strafe verfallen ſind. Die Graͤfin. Es bleibt nur zu ærmi⸗ teln, ob es uͤberhaupt ſo ſchmeichelhaft fuͤr uns iſt mit Mademoiſelle Leöpinaſſe verglichen zu werden, daß er dieſerhalb eine Strafe verdient. Die doppelte Leidenſchaft welche ſie zugleich fuͤr Hrn. von Guibert und Hrn. von Moria Deſormes. Ihre Thrannei gegen den armen dAlembert, der nur einmal in ſeinem Leben und zwar in ſie verliebt war, und die Grauſamkeit mit welcher ſie ihn zwang, der Vertrauke einer ihrer Liebſchaften(der mit Moria) zu werden, und die Briefe von ihm ſelbſt von der Poſt zu holen... geſtehen wir, * 202 daß dies kein glaͤnzendes Vorbild iſt. Indeß man muß hier ſeine Abſicht beurtheilen. Der Chevalier. Sehr richtig; ſein Sſl war, ein Compliment zu machen. Die Graͤfin. Das gomplintnt eines Zer⸗ ſeuten, der an alles Andere dabei denkt!.... Deſormes. Nun meinetwegen! Aber ich ſage doch, er dachte daran ehe er es machte. Fahren wir indeß in unſeren Noten fort und hoͤren wir wie ein Geſchichtſchreiber den Tod derjenigen von wir eben ſprachen: „Mademoiſelle Lespinaſſe, ſehr bekannt in der Welt durch dAlembert und ihre Leidenſchaft fuͤr die Enchklopadie ſo wie fuͤr alle Oekono⸗ miſten, iſt geſtorben. Die Coryphaͤen dieſer beiden Cliquen bedauern ſie. Sie hielt eines jener philoſophiſchen Buͤreauxs, die heutzutage an die Stelle der ſchoͤnwiſſenſchaftlichen getre⸗ ten ſind. La Harpe gehorte zu ihren Zoglin⸗ gen: durch ihren Einfluß auf den Seeretär der Akademie verſchaffte ſie ſeit einiger Zeit den Zutritt in dieſen Verein, und dieſer Dichter iſt der letzte dem ſie zu einem Sitz in der Akade⸗ 203 ——— mie verhalf. Der Fiscus hatte ihre Kuhlaſſen ſchaft in Beſchlag genommen*).“ Madame Geoffrin ſtarb zu derſelben geit Der naͤmliche Verfaſſer ſagt hieruͤber: „Da Madame Geoffrin ſeit lange ſchon ſo kraͤnklich und ſchwaͤchlich war, daß ſie ſich nicht im Stande ſah ihre philoſophiſchen Geſellſchaf⸗ ten fortzuſetzen, ſo ſammelte Madame Necker die zerſtreuten Genoſſen derſelben um ſich her. Die neue Wuͤrde von deren Gemahl kann die⸗ ſen Cirkel nur um ſo glänzender machen und die Damen Saurin, Suard und La Harpe, ſitzen hier unter dieſer Virtuoſin vor und prä⸗ ſidiren abwechſelnd in deren Abweſenheit.“ Unter dem 12ten October 1777 wurde der Tod der Madame Geoffrin mit folgenden Wor⸗ ten angekuͤndigt:„Die beruͤhmte Madame Geoffrin hat endlich der Natur den Tribut be⸗ zahlt; da ſie jedoch ſeit einiger Zeit ſchon gleichſam in die Kindheit zuruͤckſank, ſo hat dies Ereigniß wenig Eindruck— Der , ſie weder S noch gitine gu atte vhiloſophiſche Verein welcher ſich bei ihr zu verſammeln pflegte, hat ſich, fruher ſchon zer⸗ ſtreut, in andere Geſellſchaften, vorzuglich in die bei Madame Necker, vertheilt, deren einzi⸗ ger Zweck dahin geht, durch dieſe Geſellſchaften ihrem Gemahle Unterhaltung und Erholung zu verſchaffen. Ohne Geſchmack in ihrem Anzuge, ohne Anmuth in ihrer Haltung und ihrem Be⸗ nehmen, iſt der Geiſt dieſer Frau zu befangen um Grazie zu haben.. Zwar ſieht man ſie ſtets bemuͤht ſich ihn Gißen angenehm zu machen, ſie gut aufzunehmen und Jedem etwas Schmeichelhaftes zu ſagen; aber alles iſt vor⸗ ausberechnet, nichts iſt natuͤrlich, nichts taͤuſcht. Man ſieht daß ſie ſich weder fur uns noch fuͤr ſich ſelbſt, ſondern blos fuͤr ihren Mann ſo viele Muͤhe giebt. Seinen Ruf zu gruͤn⸗ den, dies iſt der Hauptzweck den ſie bei der Bildung der Geſellſchaft in ihrem Hauſe im Auge hatte und alle ihre Sorgfalt, all ihr Be⸗ ſtreben uns zu gefallen, vermag nicht das un⸗ angenehme Gefuͤhl zu uͤberwinden das ſich bei dem Gedanken aufdringt: man iſt nur da um ihren Mann zu untethalten. 4. 205 Der welcher ſo ſpricht heißt uͤbrigens Mar⸗ montel uhd ich bemerke nur noch: daß Mada⸗ me Necker in ihrem Hauſe die Truͤmmern der Geſellſchaften der Madame Geoffrin, des Ba⸗ rons von Holbach und von Helvetius vereinte. Gehen wir jetzt zu der uͤber die weder Di⸗ nors noch Soupérs gab und ſich lange Zeit der Autorität gleichſam geſchloſſener Geſell⸗ ſchaften, widerſetztes es iſt dies Madame Dou⸗ blet, die eine kleine Erwaͤhnung verdient. Madame Doublet iſt weniger beruͤhmt als Frau von Tenein, weil ſie ſich weniger als dieſe theils durch eigne ſchriftſtelleriſche Arbei⸗ ten, theils durch Intriguen und galante Aben⸗ theuer auszeichnete. Sie hieß fruͤher Legendre, und war durch ihre Mutter, eine geborne Cro⸗ zat, die Tante der Herzogin von Choiſeul, der Gemahlin des erſten Miniſters. An den Han⸗ delsintendanten Hrn. Doublet de Perſan ver⸗ mählt, der ſeinen Namen von einem ſchoͤnen Gute bei Beaumont⸗fuͤr-Oiſe hatte, verlor ſie nach dem Fode ihres Mannes ihr Vermogen und ſah ſich gezwungen ſich in das Kloſter der Tochter des heil. Thomas zuruͤckzuziehen. Hier, —— oft bedroht ein Logis in der Baſtille zu be⸗ kommen, ging ſie während vierzig Jahren nicht ein einziges Mal aus den Zimmern, welche ihr die Nonnen im aͤußeren Umkreiſe ihres Kloſters angewieſen hatten. Wie es ſcheint, ſo war Neugierde die einzige Leidenſchaft dieſer Dame und obſchon ſie nur Maͤnner bei ſich ſah, ſo hat doch die Läſterchronik, die ſonſt nicht leicht Jemand uͤberſieht, ihren Namen nicht in ihre Regiſter eingeſchrieben. Das Leben welches Madame Doublet während dieſer vierzig Jahre fuhrte, iſt bemerkenswerth. Alle Tage ohne Ausnahme, verſammelte man ſich bei ihr zu einer und derſelben Stunde, und nachdem Jeder ſeinen feſtbeſtimmten Platz eingenommen hatte, packte nun auch Jeder die mitgebrachten Neuig⸗ keiten aus, die dann der Stoff der Unterhal⸗ tung wurden und die man mit Beweiſen pro und contra erorterte. Alle Nachrichten welche auf dieſe Art hier einliefen, wurden alsdann in ein paar Regiſter eingetragen, von denen das eine fuͤr diejenigen beſtimmt war, die man nach gehoͤriger Pruͤfung fuͤr gewiß hielt, das andere aber fuͤr die, deren Wahrheit noch in —2 Zweifel gezogen ward. Petit de⸗Bachaumont, der das aͤmſigſte Mitglied dieſer Geſellſchaft war, fuͤhrte hier lange die Feder und redigirte die fuͤnf erſten Baͤnde der, unter ſeinem Namen bekannt gewordenen, Mémoires secrets, die im W 6 und Bände Wen Die ebigleiun— ſ.—— er⸗ ſchienen anfangs unter dem Titel: Mouvelles A la main, und gingen ſo in den Geſellſchaf⸗ ten umher, aber ſowohl der Stoff dieſer Neuig⸗ keiten als die Art wie ſie wieder erzaͤhlt wur⸗ den, begannen die Regierung zu beunruhigen. Die Mitglieder dieſes Clubbs, oder dieſer Ge⸗ ſellſchaft vielmehr, waren ſehr zahlreich und man ſah unter anderen: Piron, Sainte⸗Palaye, Mairan, PVoiſenon, Falconet, Foncemagne, Per⸗ rin, Devaur Firmin, d'Argental, Mayrobert und der Chevalier Mouchi. Mayrobert war bei Madame Doublet erzogen worden und ei⸗ ner der Redacteure dieſer Memoiren, auch ſetzte er das bei dieſer Dame gehaltene Tagebuch fort, verſaͤumte dabei keine erſte Vorſtellung um gehoͤrig daruͤber berichten zu konnen, und hatte wegen dieſes—— Strei⸗ n Die Sicherheit diſtr Geſuſhaſt v6 von der Discretion abz man hatte deswegen an⸗ fangs das weibliche Geſchlecht ausgeſchloſ⸗ ſen, doch wich man bald von dieſer Regel zu Gunſten der Damen Duͤbocage, Bezenval, Vil⸗ leneuve, Rondet und Argental ab. Es wäre ſeltſam geweſen wenn unter ſo vielen Perſonen nicht ein Verraͤther oder Indiscreter mindeſtens, ſich hätte finden ſollen und zur Schmach der Männer muß man ſagen, daß es hier eine Perſon von unſerem Geſchlechte, der Chevalier Carl de Fieux de Mouchi war, der ſich zum Spion der Regieruug machte und— bemerken Sie wohl— die oben genannten Damen als Frondeuſen angab. Sey es indeß daß er waͤhrend der erſten Jahre des Beſtehens der Geſellſchaft, keinen Zutritt zu derſelben hatte oder erſt ſpaͤter zum Zwiſchentraͤger wurde, genug von 1746 bis 1753 forſchte der Polizeidirector Berryer vergebens nach etwas Verdaͤchtigem. Aber am 6ten October 1753 ſchrieb ihm der Miniſter d'Argenſon: daß der Koͤnig wiſſe 209 daß Madame Doublet Perſonen bei ſich ſehe, die allerlei gewagte Nenigkeiten erzaͤhl⸗ ten und daß ſie, ſtatt denſelben Schweigen zu gebieten, vielmehr ein Regiſter von dieſen Redereien halte, deſſen Blaͤtter nachher in der Welt circulirten.„Der Koͤnig,“ ſetzte der Mi⸗ niſter hinzu,„will, daß der Polizeidirector zu der Dame gehen und mit ihr ſprechen ſoll“— Seltſam iſt es, daß Ludwig XV. eher von dieſem allen unterrichtet war als der Beamte der ihn eigentlich davon haͤtte benach⸗ richtigen ſollen. Berryer begab ſich zu Mada⸗ me Doublet die auch verſprach ſich zu beſſern, doch hierin nicht Wort hielt, ſo daß der Her⸗ zog von Choiſeul, ihr Reffe, ihr unter dem Mſten Maͤrz 1762 einen Brief ſchreiben mußte, in welchem er ſie zwar: meine theuerſte Tante nannte, ihr aber auch zugleich drohte: daß er ſie wuͤrde muͤſſen in ein entferntes Klo⸗ ſter ſperren laſſen, da der Koͤnig uͤber die un⸗ ſtatthaften unkkugheiten die bei ihr getrieben wuͤrden, hoͤchſt aufgebracht ſey. Auch dieſe Warnung beruckſichtigte indeß Madame Doublet nicht weiter als daß ſie ein klein we⸗ 14 210 nig vorſichtiger wurde und die fernere Publica⸗ tion ihrer Nouvelles etwas vorſchob, ſo daß dieſe nicht mehr ſo regelmaͤßig als bisher er⸗ ſchienen. Zwar bemaͤchtigte ſich die Regierung ihres Copiſten, der zugleich ihr Kammerdiener war, und ſetzte ihn in die Baſtille, doch gab man ihm ſchon drei Sn ſi Vrah wieder. Wenn ich ℳ Brieſen die i6 ven tze, auf die Organiſation des Etabliſſements der Madame Doublet(denn man kann dieſen Namen wohl ihrer Neuigkeitsfabrik beilegen) ſchließen darf, ſo muß ich bekennen daß es mit vielem Geiſte eingerichtet war. So hatte ſie z. B. Correſpondenten in den Provinzen die ihr von daher Noten und Rachweiſungen ſchickten. Clemens von Boiſſy ſchrieb von Onzain, einem bei Blois gelegenen Guthe, aus*); der Pra⸗ ſident Meynière von Ferté⸗Milon; Hr. von Etang von Bourges u. ſ. w. Eine Menge an⸗ derer Briefe ſind anonym und haben Bezug auf die Verweiſungen des Parlamentes, die * Es gehort jetzt dem Buchhändler Pankoucke. 21¹¹ Bulle Unigenitus, die Verweigerung der Sa⸗ cramente ꝛc. Zwei andere Schreiben, das eine von Rom das andere von Corſica, ſprechen von der Pabſtwahl und Beſetzung dieſer Inſel durch die Franzoſen. Alle ſind uͤbrigens an Madame Doublet:„wohnhaft im Hofe und der Straße der Toͤchter des heiligen Tho⸗ mas,“ uͤberſchrieben. Da keiner dieſer Briefe einen Poſtſtempel hat, ſo glaube ſch, daß ſie ihr nicht direct, ſondern als Beiſchlag an ir⸗ gend ein Mitglied ihrer Geſellſchaft zukamen, zu welchem Vereine uͤbrigens in der letzten Zeit auch noch der Chevaliet von Choiſeul, der Mar⸗ ſchall von Richelieu, der Präſident de la Mar⸗ che, Rouguot, Chauvelin und einige Andere ge⸗ hoͤrten. Wenn man bei dem allen bedenkt, daß es der Regierung nie gelang ſich ihrer Correſpondenz zu bemaͤchtigen, ſo muß man geſtehen, daß die Dame ihre Maßregeln gut nahm und eben ſo gut bedient wurde. Die Mehrzahl der in dieſer Correſpondenz behandel⸗ ten Gegenſtaͤnde, bringt uͤbrigens auf den Ge⸗ danken, daß der menſchliche Geiſt iu gewiſſen Zeiten von einer Art von unheilbarer Krank⸗ 14* 212 heit befallen wird, die um jeden Preis Befrie⸗ digung ihres Geluͤſtes verlangt. So hatte man in der Mitte des vorigen Jahrhunderts z. B. die grauſame Manie arme Sterbende zu quaͤlen, blos um, ehe man ihnen den Troſt der Religion gewaͤhrte, zu erfahren, was und wie ſie uͤber eine Streitigkeit dachten, um die ſie ſich vielleicht waͤhrend—— 306 nie bekuͤmmert hatten*). uoni Um auf Madame Donblet ſueiinn bemerke ich nur noch, daß in den Memoiren der Geſellſchaft die ſie gruͤndete, der Redacteur, indem er ihren Tod mit einer faſt empoͤrenden Gleichguͤltigkeit ankuͤndigte, ganz und gar zu vergeſſen ſchien, was er der Wohlthaͤterin des Etabliſſements ſchuldig war. Hoͤren Sie— wie er ſich ausdruͤckt: g „Madame Doublet“ ſtarb et vier ni neunzig Jahre alt; ſie war eine Virtuoſin in ihrer Art, von der Madame Geoffrin nur ein ſchwaches iſt. Seit— v „ Es ſnd hier die gugen— u. den und nänien 2¹3 verſammelte ſie die beſte Geſellſchaft vom Hofe und aus der Stadt in ihrem Hauſe und brachte ihr Leben damit hin, ein Journal zu gruͤnden das dem Btoile und anderen Werken die⸗ ſer Art, weit uͤberlegen war. Politik, ſchoͤne Wiſſenſchaften, Kuͤnſte, geſellſchaftliches Leben, alles gehoͤrte in ihrem Bereich. Alle Tage wurden bei ihr die Tagesneuigkeiten ausgear⸗ beitet; man ſammelte die Facta dazu, wog den Grad von deren Wahrſcheinlichkeit ab und brachte ſie ſo gleichſam auf den Probierſtein der geſunden Vernunft; dann wurden ſie aus⸗ gefertigt und erlangten einen ſo großen Cha⸗ rakter von Wahrhaftigkeit und Zuverlaͤßigkeit, daß wenn man die Gewißheit irgend einer Erzaͤhlung wiſſen wollte, faſt immer die Frage aufgeworfen wurde:„„ruͤhrt dies von Madame Doublet her?““ uebrigens hat ihr Ruf in dieſer Art die letzte Zeit etwas ab⸗ genommen; ſie verlor in ſpateren Jahren viele ihrer vorzuͤglichſten Freunde durch den Tod und uͤberlebte gewiſſermaßen ihre ganze Geſellſchaft. Hr. von Bachaumont war der Letzte den ſie ſterben ſah. Es war faſt unmoglich daß ſich * 214 die gute Frau F in dieſem gelehrten Wir⸗ bel nicht etwas zum Deismus und ſelbſt et⸗ was zum Atheismus haͤtte hinneigen ſollen. Bis faſt zu ihrem Ende trotzte ſie hierin der dffentlichen Meinung und dem Geſchrei der Froͤmmler; ſeit den letzten Faſten aber und ſeit der Kopf der Madame Doublet etwas ſchwach wurde, hielt der Hr. Pfarrer von St. Euſtache es fur Zeit, ſein Kirchſpielkind zu bekehren und da ſie nicht mehr im Stande war mit ihm zu dibputiren/ ſo glaubte der gute Mann auch durch die gottliche Gnade zu ſeinem SZiele ge⸗ langt zu ſeyn. In der That empfing ſie das Abendmahl in der heiligen Woche, eine reli⸗ gioͤſe nebung die ſich kein Menſch zu erinnern vermag jemals fruͤher von ihr geſehen zu ha⸗ ben. Man begreift leicht, daß ſie mit ſolchen Vorbereitungen nur einen erbaulichen Hintritt haben und in dem Herrn entſchlafen konnte.“ Der dies ſchrieb, war, wohl zu— von ihrer Geſellſchaft. Die Geſellſchaft die ſich uprůnglich bei Madame Doublet verſammelte und die Mou- velles à la main publieirte, welche ſeitdem ſo 2¹5 fleißig ausgebaut worden ſind um Memoiren daraus zu machen, mußte nothwendig jede Concurrenʒ fuͤrchten und ſich allen Vereinigungen oder Unternehmungen aͤhnlicher Art widerſetzen Auch iſt es nicht ſchwer die uble Laune zu be⸗ merken, welche der Herausgeber dieſer Nou⸗ velles unter dem 19ten Juny 1778 zeigt. „Nichts iſt luſtiger,“ ſagt er,„als die Wich⸗ tigkeit welche unſere Speculanten hier auf ihre kleinen Projecte legen. So hat ein Hr. de la Blancherie den Einfall gehabt eine allgemeine wiſſenſchaftliche Corteſpondenz uͤber Literatur, Kunſt und das Leben der Gelehrten und Fuͤnſt⸗ ler aller Laͤnder, zu beginnen, indem er ſich da⸗ bei vornimmt, alle Details zu Dutzenden unter dem Titel: Mouvelles de la républitus des leltres, zu geben. Er hält auch wochentliche Verſammlungen die den Namen: Renden vous de la répubkique des lettres tragen. Dieſer Generalagent der Gelehrten empfaͤngt ſeine Geſellſchaft auf einem Boden im Colle⸗ gium de Bayeux in der Straße La Harpe, wo man nicht einmal Stuͤhle zum Sitzen hat und bis zehn uhr Abendè wie eine Bildſäule da „ 24 ſtehen muß. Trotz der Billigung welche die Akademie der Wiſſenſchaften, warum? weiß man ſo eigentlich nicht, dem ebenerwaͤhnten Plane gegeben hat, ſo kann man doch auf den Bericht der Herren Franklin, Le Roi, des Mar⸗ quis von Condorcet und Lalandes, vom 20ſten Mai, die auf Erfahrung begruͤndete Verſiche⸗ rung geben: daß dies bis jetzt die platteſte Cotterie und die fadeſte Correſpondenz iſt welche jemals exiſtirten“ Trotz dieſer Sprache iſt es aber darum nicht minder wahr, daß jenes Journal am 2ſten Januar 1779 zum erſten Male erſchien und ſich zehn Jahre lang erhielt doch fin⸗ det man keine Nachweiſung von den Perſonen darin welche dazu beitrugen. Der Zweck des Unternehmens bei der Herausgabe war, die verſchiedenen Productionen der Induſtrie durch ganz Europa bekannt zu machen; eine nutzliche Idee, die ſeitdem wieder aufgenommen und mit einem lobenswerthen Eifer ausgefuͤhrt worden — 7 Die Sammlung bildek 3 Bände in Quart, welche jetzt uͤbrigens ſehr ſelten geworden ſind. 36 iſt; leider machte ſich nur damals der erſte An⸗ reger derſelben dadurch laͤcherlich, daß er ſich den Titel eines„allgemeinen Agenten der Literatur“ beilegte. 16 Der Chevalier. Ich lernte im J. 1810 dieſen La Blancherie in London kennen, deſſen Familienname eigentlich Pahin war*). Ehe er die Vereinigung ſtiftete von der hiet die Rede iſt, war er in Amerika gereiſt. Zu An⸗ fang der Revolution wanderte er aus und waͤhlte ſich London zu ſeinem Wohnort. Hier, in einem ſchlecht ausſehenden Hauſe, deſſen Gemaͤcher halb verfallen waren, ſich einquar⸗ tierend, entdeckte er zufaͤllig, daß dies alte Ge⸗ maͤuer einſt von Rewton bewohnt worden war. Seine Ankuͤndigung, daß er die Abſicht habe, das Gebaͤude wieder herzuſtellen, verſchaffte ihm außer einer Penſion vom Hofe, auch noch die *) Manimes Claude Pahin de la Blancherie. Er wurde zu Langres 1752 geboren. Trotz dem ge⸗ gruͤndeten Vorwurf, den man ihm uͤber ſeinen i⸗ rel machte, verdient er doch die Vergeſſenheit nicht, in die er geſunken ſeyn wuͤrde wenn ihm der be⸗ ſcheidene Weiß nicht einen biographiſchen Artitel gewidmet haͤtte. zhin Sit „ 2¹18 Erlaubniß den Namen Newton ſeinem Namen hinzufuͤgen zu duͤrfen. Pahin de la eh Rewton ſtarb im J 1811. Deſormes. Dieſe Verſammlungen konn⸗ ten natuͤrlich nicht ſo leicht dem Geſpotte ent⸗ gehen wie die guten Dinérs bei dem Praͤſiden⸗ ten Henault, bei Holbach, Mademoiſelle Qui⸗ nault ꝛe. denn in einem Lande von Gutſchmek⸗ kern haͤlt man ſich nicht leicht uͤber Gaſtmahle auf, wenn ſie nicht etwa nach Art von dem ſind welches uns Boileau beſchreibt. In einer Geſellſchaft wo man ſpeiſt, ſcheint immer das Mahl die Hauptſache und die—ꝛ nur die Nebenſache zu ſeyn. Es erſchien demnach 1776 ein Luſipil das den Titel fuͤhrte: le Bureau d' Esprit, und gegen die gerichtet war welche bei Madame Geoffrin aus⸗ und ein gingen. Der Verfaſſer griff in demſelben ihr Thun und Treiben, ihre Lächerlichkeiten, ihre offenen und geheimen Ca⸗ balen, ihren Desbotismus, um ſi ich allein zu Geiſtesrichtern zu machen, ihr Genie, ihr Ta⸗ lent, ihren Ruf und ihren Ruhm an. Das Stuͤck iſt uͤbrigens nicht ſo hart wie das unter 2¹⁰9 dem Titel: die Philoſophen bekannte; es iſt weder ungerecht noch uͤbertrieben und naͤhert ſich mehr dem Luſtſpiele: les femmes sava- tes, nach deſſen Intrigue es gemodelt iſt. Da⸗ bei zeichnet es ſich durch einen lebhaften glän⸗ zenden, witzigen und friſchen Dialog, vorzuglich aber durch die ſo wahr und richtig gezeichneten Charaktere aus, daß man augenblicklich unter dem fremden Namen die eigentlichen Perſonen erkennt. Die Herren dAlembert, Marmontel, La Harpe, Thomas, der Abbé Arnaud, Cadet, Voltaire, der Marquis Condorcet u. A. figuri⸗ ren beſonders hier, und der Letztere iſt der Ein⸗ zige, gegen welchen ſich der Verfaſſer einige Perſonalitaͤten erlaubte, indem er ihn als einen veraͤchtlichen, haͤßlichen und widerwaͤrtigen Men⸗ ſchen darſtellt, was der Verfaſſer der Bsquisse d'un tableau historique des pro- groès de[Esprit Humain, in keiner Hinſicht verdient, und wodurch es ſich offenbar zeigt, daß der Dichter von einem perſoͤnlichen Haß gegen ihn beſeelt war. Das Stuͤck machte da⸗ mals viel Aufſehen, nur war das Uebelſte da⸗ bei daß es zu einer Zeit erſchien wo die Hel⸗ 20 din deſſelben bereits in die Kindheit zuruͤckge⸗ ſunken war und nur— ein Mitleids ſeyn konnte. 2m nd Dieſes blos auf—— Stick mußte nothwendig mit denſelben ver⸗ ſchwinden; dazu hatte es den Fehler eine Ster⸗ bende laͤcherlich zu machen, auch hoͤrten uͤber⸗ dem die kleinlichen Intriguen welche es zur Schau ſtellte, ſehr kurz nach ſeinem Erſcheinen auf, denn da wenige Tage ſpäter den L9ſten Novbr. 1776) Madame Geoffrin in Geiſtes⸗ ſchwachheit verfiel und nun ihre Tochter, Ma⸗ dame de la Ferté⸗Imbault, an ihre Stelle trat, welche dAlembert bat, nicht mehr in ihr Haus zu kommen um die Ruhe ihrer Mutter bei ihrer Ruͤckkehrzu Gott nicht zu ſto⸗ ren, ſo war dies gleichſom das Signal zur der Philoſophen. Su der Zahl der Verſummungen die pier erwaͤhnt zu werden verdienen, gehoͤrt auch noch die welche in den Jahren 1776 und 1777 bei Madame Bůffaut ſtattfand. Dieſe Dame erregte Auffehn durch ihre Mb doch ſtand ihr der umſtand ſchr im V Wen„ daß ſie 22¹ die Tochter einer Koͤchin und die Gattin eines Kaufmannes war und ſie hatte deshalb einmal eine heftige Aergerniß; indeß nahm ſie bald ihre Parthie und voll der Ueberzeugung, daß einer huͤbſchen Frau in einem galanten Lande nichts mißlingen koͤnne, nahm ſie ihre Zuflucht zu der die ein lebender Beweis hiervon war, d. h. zur Madame Duͤbarry, die ſie fuͤr ſich zu intereſſiren wußte und durch deren Huͤlfe ſie ihren Mann vom Kraͤmer zum Stallmeiſter, Generaleinnehmer der Domainen, Oberaufſeher der Abgaben und Gefaͤlle von Paris, und end⸗ lich zum Rath des Koͤnigs machen ließ. um ſich einen Relief zu geben und ihren Urſprung vergeſſen zu machen, ſammelte ſie ein Heer von Gelehrten, geiſtreichen Menſchen,(denn wie man weiß iſt Beides nicht immer vereint) und Kuͤnſtler um ſich her, aber eine Blattern⸗ ſeuche ſetzte plotzlich dieſen Verſammlungen ein Ziel, indem ſie am 16ten Oetbr. 1777 die ſchoͤne und noch junge Madame Buͤffaut wegraffte, ſo daß jetzt mehrere ehemalige Gaͤſte von Madame Geoffrin ſich abermals gendoͤthigt—„ ein neues ₰ zu ſuchen.. 222 Unter dem Lten Maͤrz 1778 iſt einer Ma⸗ dame de Fourqueux gedacht, die mit dem Na⸗ men Virtuose, président un bureau de pel esprit bezeichnet wird; doch giebt man keine naͤheren Details uͤber dieſe Verſammlungen und erzaͤhlt lediglich die Art, wie ſie durch den Schmarozer Muͤſſon myſtificirt wurde, den man als Frauenzimmer anzog und ihn fuͤr den Rit⸗ ter Eon ausgab, deſſen Geſchlecht Frau von Fourqueux und ihre Freunde zu unterſuchen wuͤnſchten. Dieſe Poſſe laͤßt uͤbrigens vermu⸗ then, daß die Geſellſchaft der Dame nicht beſonders gut gewaͤhlt war. In der Reihe dieſer Verſammlungen darf man ebenfalls mehrere nicht uͤberſehen, von. denen man zwar nur wenig Naͤheres weiß und faſt nur ihr Daſehn kennt. die aber doch durch die daſelbſt ſiattgefundenen ee be⸗ ruͤhmt wurden. Es waren dies: 1) die auf dem Mont xane bei dem Grafen Choiſeul⸗Guuffier gehaltenen, wo ſich Boufflers, Delille, Ruͤlhiere, St. Lambert, Chamfort, La Harpe, Marmontel, Panchaud, Raynal, der Abbé Perigord(ſpäter Fuͤrſt Talleyrand) die beiden Legér, der Prinz von Ligne, den man mit den Ritter Grammont verglichen hat, und der Herzog von— einfanden. 6 3 6hoii 2) Die bei der grimefſn von mi wo ſich die beſte und feinſte Geſellſchaft vom Hoſe Ludwig XV. verſammelte. 0nlt 3) Die bei Madame de Lavalisre und Frau von Deffand, welche der Sammelplatz ber 1, ruͤhmteſten Fremden waren; 4) die bei Frau von Teſſö, und enich 5) die bei Madame Duͤ Bocage, deren Sa⸗ lon ſich zuletzt im achtzehnten Jahrhundert ſchloß. Der Verfaſſer der, mit einem ſeltenen Ta⸗ lent und mit einer noch ſelteneren Unparthei⸗ lichkeit geſchriebenen Mémoires sur la Ré- volution, der Marquis von Ferrières wurde durch den Hrn. von Breguigny bei Madame Duͤ Bocage eingefuͤhrt, von der er in ſeinen unter der Jahreszahl 1791 geſchriebenen unge⸗ druckten Briefen, die ich beſitze,—— Bild entwirft: „Ich ging am Sonntag zu Madame Du * 224 Bocage und erwartete hier eine kleine runzliche, verſchrumpfte Figur zu finden, fand aber dage⸗ gen eine große wohlgewachſene Frau, die ſelbſt noch Spuren von ehemaliger Schoͤnheit und Embonpoint hat. In der That, das heißt mit achtzig Jahren gut von der Natur behandelt werden! Madame Du Bocage ſcheint keine Unbequemlichkeiten des Alters zu fuͤhlen und hoͤrt und ſieht noch vollkommen gut. Sie hat eine Nichte bei ſich, die Graͤfin Blanchelli, die ſehr liebenswuͤrdig zu ſeyn ſcheint. Ich glaube dies wird ein Haus fuͤr mich ſeyn.“ Ich gehe fleißig zu Madame Du Vocage und ſah geſtern den großen Aſtronom Lalande da; er iſt ein kleines Maͤnnchen von uͤblem Ausſehen. Die Geſellſchaft iſt hier aus vielen Mitgliedern der Akademie iuſammen⸗ geſetzt.“ Sie ninmti von fuͤnf Uhr bis neun uyr an. Man findet immer viel Ge⸗ ſellſchaft; es iſ ein liebenswuͤrdiges Haus, das mir vielen Genuß verſchafft.“ Fuͤnftes Kapitel. Von den Hoͤfen. „ Haben Sie unſern Auftrag ausgerichtet Chevalier?“ fragten die beiden Schweſtern den Maltheſer, ſo wie er eintrat.—„Ja, meine Damen, und hier iſt der Beweis. Da es Ihr Wunſch iſt, daß dieſe Angelegenheit im Geheim abgemacht werden ſoll, ſo bin ich fruͤ⸗ her als unſere Freunde gekommen.“— Mit dieſen Worten breitete der Chevalier eine Rolle von Skizzen auf dem Liſch aus. Sie ruͤhrten von einem Dilettanten her, der das was er einſt talentvoll blos fur ſich in der Malerei geleiſtet hatte, ſpaͤter, durch truͤbe Verhältniße ſich gezwungen ſah zu verkaufen. In Folge der politiſchen Ereigniſſe um ſein ganzes Ver⸗ II. 15 226 mogen gebracht, hatte ihn bereits die Noth ge⸗ zwungen den groͤßten Theil ſeines Mobiliares zu veraͤußern. Sein Vater, welcher einen ein⸗ traͤglichen Poſten am Hofe bekleidete, verwei⸗ gerte ihm dabei mit Haͤrte jede Art von Unter⸗ ſtuͤzung. Schmerzlich ergriffen durch dieſe Bar⸗ barei und nichts als das Elend mit ſeinem ganzen traurigen Gefolge vor Augen habend, verſank der junge Mann in eine finſtere Me⸗ lancholie und ſtarb indem er eine Frau und drei noch unerzogene Kinder, hinterließ. Vorzuͤglich ſolcher Art von Ungluͤcklichen, ſolchen Schickſalswechſeln, ſuchten die beiden Schweſtern im Geheim beizuſtehen. Sie hat⸗ ten Hrn. M.„gekannt, der fruͤher in ihrem Hauſe aus⸗ und einging ſich aber zur Zeit ſei⸗ nes Ruins aus ihren Geſellſchaften zuruͤckzog. Dieſen Ruin erfuhren ſie uͤbrigens erſt nachdem er den hoͤchſten Gipfel erreicht hatte und ſelbſt erſt nach dem Tode des Unglucklichen, und die traurige Lage der Wittwe vernehmen und ihr zu Huͤlfe eilen, war nun das Werk eines Au⸗ genblickes; doch mußte man dabei das Zart⸗ gefuͤhl mit der Wohlthaͤtigkeit verbinden und 27 um dies ganz zu bewerkſtelligen, die letztere wo moͤglich durchaus nicht ſichtbar werden laſſen. Die Wittwe ſah ſich genoͤthigt abermals etwas zu verkaufen und der Chevalier erhielt jetzt von den beiden Damen den Auftrag, mehrere Sa⸗ chen, namentlich die Gemaͤlde, ſo hoch als moͤglich hinaufzutreiben. Dieſer Rolle entle⸗ digte er ſich auf eine ſehr geſchickte Art; er ſpielte den Kenner und zog den Auctionator mit in das Geheimniß, der ihm nun half die Sachen bis zu einer beſtimmten Hoͤhe zu trei⸗ ben und um ſo lieber ſeine Hand hierzu bot, da ſich ſeine Gebuͤhren dadurch vermehrten. Außerdem fuͤhrte ſich auch der Chevalier noch bei der Wittwe ſelbſt ein und fragte ſie: ob ihr Mann keine Skizzen hinterlaſſen habe? und als die junge Frau hierauf mit Ja ant⸗ wortete, bat er ſie dieſe Sachen nicht zu ver⸗ ſteigern, indem er mehrere ſehr reiche Fremde, Kunſtliebhaber, kenne, die ihr dieſe Dinge beſ⸗ ſer bezahlen wuͤrden als wenn ſie dieſelben in einer Auction zerſplittern wollte. Dabei nahm er einige von den Skizzen mit, ließ eine an⸗ ſehnliche Summe dafuͤr zuruͤck, und empfahl 15* ſich mit der Verſicherung, bald wieder zu kommen. Ueberzeugt die Hoffnung wieder in das Herz der Wittwe gebracht und jene ſchreckliche unruhe bei ihr beſeitigt zu haben, welche die Bruſt einer Mutter erfullt wenn ſie, beraubt aller Huͤlfsquellen, auf ihre Kinder blickt, be⸗ ſchaͤftigten ſich jetzt die beiden Schweſtern mit dieſen Letzteren und ſannen auf Mittel, ihnen eine gute Erziehung zu verſchaffen; die Ankunft der Uebrigen von der Geſellſchaft unterbrach ſie jedoch jetzt hierin und noͤthigte ſie dieſe Ueber⸗ legung mit dem Chevalier bis auf den naͤchſten Tag zu verſchieben. Da mehrere von den Gä⸗ ſten Hrn. M. ebenfalls gekannt hatten, ſo theilte man ihnen ſeinen Tod und die Lage mit, in welcher ſich ſeine Familie befand.— „Da giebt es eine ſchoͤne Gelegenheit ſich auf die Strafliſte ſetzen zu laſſen,“ ſprach Hr. De⸗ ſormes;„auch will ich ſuchen mich heute durch meine ſogenannten Spoͤttereien moͤglichſt be⸗ merklich zu machen.“—„Wie Sie wollenz ich hoffe, daß wir heute Alle unſere Namen dort ſehen werden,“ entgegnete der Chevalier; 229 einſtweilen aber um mir das Geld dazu zu ver⸗ dienen, will ich Ihnen den alten Geizhals von..., den Großvater dieſer drei Kinder uͤberlaſſen, der vom Hofe eine bekannte Pen⸗ ſion von zwanzigtauſend Franken zieht,(ich ſage bekannte und dies aus Gruͤnden) und der, obſchon er Niemand in der Welt mehr zu verſorgen hat, dennoch den Kindern ſeines ein⸗ zigen im Elend geſtorbenen Sohnes nicht einen Sous giebt.“—„Sachte, ſachte, Chevalier,“ rief Deſormes;„ich kenne den Mann; den duͤrfen Sie nicht laͤſtern. Er geht viel oͤfter als Sie in die Meſſe und zum Abendmahl; Niemand betet inbruͤnſtiger als er, Niemand weiß ſo zur gelegenen Zeit die Augen nieder⸗ zuſchlagen, Niemand ſo andaͤchtig die Hände zu falten, ſo erbaulich zu ſeufzen... Mein Freund mit einem ſolchen Benehmen iſt man heutzutage unangreifbar.“—„Auch wenn man ſeine Enkel Hungers ſterben laͤßt?“— „Warum nicht? man kann wohl nöch andere Dinge thun. uebrigens ſind dies weltliche Angelegenheiten um die ſich ein wahrer From⸗ mer nicht bekuͤmmert. Die Familie? was iſt 230 das die Familie? Der alte M.... ſieht wei⸗ ter, hoͤher, und um dahin zu gelangen, bedarf man maͤchtiger Gonner; auch ſucht er ſich de⸗ ren auf alle Weiſe zu verſchaffen, und ich weiß daß ſeine Muͤhe nicht vergebens iſt?“ Die Graͤfin. Sie ſagen dies alles mit einer ſo bewundernswuͤrdigen Ruhe als wenn nichts natuͤrlicher waͤre!... ohne den gering⸗ ſten Unwillen!.... Deſormes. Ich ſpreche wie ein Mann, der nicht Luſt hat gegen die Nothwendigkeit anzukaͤmpfen. Der Chevalier. Gegen die Nothwen⸗ digkeit! Sie betrachten alſo den Sieg der Heuchelei als gewiß. Deſormes. Nur als local und ephe⸗ mer. Er wird nur auf einem Schau⸗ platze Dauer haben. Die Graͤfin. und dieſer iſt? Deſormes. Am Hofe. Die Hoͤfe ſind es, durch welche die Staaten ſinken und die Koͤnige zu Grunde gehen. Der Chevalier. Nichts iſt gewiſſer. Ich kenne nur ein Land wo⸗ man zweimal durch den Hof in's Verderben ge⸗ ſturzt worden war, Maßregeln ergriffen wur⸗ den um einer dritten Cataſtrophe zuvorzukom⸗ men; Maßregeln, die ſo weiſe ſind, daß da⸗ durch dem verderblichen Einfluſſe der Hoflinge vorgebeugt und ihr Daſeyn, ihre Laſter und ihre Unmoralitaͤt, fuͤr das Intereſſe des Volkes moglichſt unſchaͤdlich gemacht worden ſind. Die Graͤfin. O nennen Sie uns dies Land! Iſt es weit von hier? Der Chevalier. Sehr weit und ſo wie Sie mich Unwuͤrdigen hier ſehen, ſo war ich ſo gluͤcklich waͤhrend drei ganzer Monate der Fuͤnſtling des maͤchtigen, an ſeinem Hofe ab⸗ ſoluten, Fuͤrſten zu ſeyn. Deſormes. Der unbeſtechliche Guͤnſtling? Der Chevalier. Das will ich gerade nicht ſagen. Deſormes. O! o! der Günſüing, der nur an das Wohl der Menſchen dachte? Der Chevalier. Ich behaupte dies auch nicht. Deſormes. Der unberauſcht von dem * 232 Glanz der Groͤße und den Weihrauch der Schmeichelei, blieb? Der Chevalier. Wer behauptet denn das? Die Graͤfin. Nun ſo haben Ew. Gna⸗ den die Gewogenheit uns die Geſchichte Ihrer Hofgunſt mitzutheilen. Der Chevalier(mit einem wichtigen Anſehn). Mit Vergnuͤgen, da Ihr Wunſch in einem ſchicklichen Tone abgefaßt iſt, doch kann ich heute nicht ſogleich das Verlangen erfullen und will Ihnen vorlaͤufig blos die erwaͤhnten Maßregeln mittheilen, die man uͤberall im In⸗ tereſſe des Volkes und ſelbſt in dem der Koͤ⸗ nige, welche die unbegranzteſte Macht lieben, anwenden ſollte. Es herrſcht naͤmlich in jenem Lande ein merkwuͤrdiger, in alten Zeiten unbe⸗ kannter, Gebrauch, von dem die Neueren, trotz ihrer Aufklaͤrung, ebenfalls keinen Begriff haben. Eigentlich iſt es jedoch mehr ein Ge⸗ ſetz als ein Gebrauch und zwar ein ſehr durch⸗ dachtes Geſetz, dem ich ohne Anſtand ſogleich dieſen Namen gegeben haben wuͤrde, wenn das Reſultat deſſelben nicht eigentlich eine Aufhe⸗ bung aller Geſetze ware. S 233 Dieſes Land hatte wie alle Koͤnigreiche der Erde, mehrere Revolutionen erfahren: der Des⸗ potis mus, die Republik, die Oligarchie hatten ſich hier gefolgt und waren, wie gewoͤhnlich, von der Anarchie begleitet worden die bei jeder neuen Veraͤnderung einzutreten pflegt. Als endlich die Ruhe wiederkam, da wuͤnſch⸗ ten die Alten, deren Jugend unter Stuͤrmen verfloſſen war, ihre Kinder vor dieſem ungluͤck zu bewahren und ſtellten deshalb erhaltende und ſchuͤtzende Geſetze auf. Nachdenken und Erfahrung hatten ihnen gelehrt, daß die Re⸗ gierung eines Einzelnen die wenigſten Nach⸗ theile hat wenn dieſelbe Geſetzen unterworfen iſt, und ſie wandten nun ihre ganze Sorgfalt darauf, ſolche Geſetze zu geben. Indeß wußten ſie auch, daß Geſetze fuͤr den Starken nur Spinnengewebe ſind die ein Hauch zu zerreißen vermag; ihr Nachdenken hatte ſie gelehrt, daß man den Leidenſchaften der Menſchen etwas einraͤumen muß: endlich waren ſie uͤberzeugt, daß der Hof der Koͤnige, immer aus den Tiefverdorbenſten beſtehend, die ſtets damit beſchaͤftigt ſind, wieder zu verderben, die erſte * 234 und Haupturſache aller Uebel und aller Ka⸗ taſtrophen iſt welche die Reiche ſtuͤrzen. Nach dieſen ſehr gewiſſen und ſehr feſtſtehenden That⸗ ſachen, ſuchten ſie nun fuͤr das große Problem der Kunſt zu regieren, die beſte Loͤſung ſo⸗ wohl fuͤr den Souverain, als die wenigſt un⸗ heilvollſte, fuͤr das Volk. Wie wollte man aber dem Erſteren zugeſtehen alle ſeine Leiden⸗ ſchaften befriedigen zu konnen, ohne daß das Zweite dadurch litt?(und die Leidenſchaften der Koͤnige gleichen den Pflanzen auf wohl geduͤngtem Boden!) Hoͤren Sie jetzt das Mittel zu welchem ſie ihre Zuflucht nahmen: Man weiß daß man bei einer Feuersbrunſt, um zu verhindern daß nicht Alles ein Raub der Flammen wird, dem verheerenden Elemente dadurch Grenzen zu ſetzen ſucht, daß man et⸗ was aufopfert und ihm einen Theil uͤberlaͤßt an welchem es ſich ſättigen kann, und den es verzehrt ohne daruͤber hinauskommen zu koͤn⸗ nen. Wohlan! dieſe Greiſe handelten ſo. Sie verordneten daß der Hof des Souverains einzig ſeinem Willen unterworfen ſeyn ſollte, der fuͤr die Mitglieder dieſes Hofes, die Kraft der Geſetze hat, ſo daß fuͤr dieſe eigentlich keine Geſetze beſtehen und daß alle Vergehen und Verbrechen die von ihnen, durch ſie und unter ſich begangen werden, kei⸗ ner andern Strafe unterliegen als die welche der Souverain nach reiner Willkuͤhr daruͤber zu erkennen beliebt, falls nicht die Hoͤflinge es vorziehen, ſich ſelbſt einander ihr Recht anzu⸗ thun. Mit einem Worte: der Pallaſt des Souverains wurde bevorrechtet, ſo daß in die⸗ ſem Umkreiſe die fuͤr das Volk gegebenen Ge⸗ ſetze keine Anwendung fanden. Hier konnte das Verbrechen unbeſtraft bleiben, denn es hing allein von dem Willen des Regenten ab, ob und wie er die Sache ſchlichten wollte. Dieſer Wille aber, welcher ohne Widerſpruch uͤber das Leben und das Schickſal der Hofmenſchen zu entſcheiden vermochte, wurde jenſeits der Grenzen des Pallaſtes ohnmaͤchtig. So konnte z. B. ein Hofmann einen anderen berauben, mißhandeln, entehren, ihm ſein Weib verfuͤh⸗ ren, ihn ſelbſt toͤdten, ohne daß die Tribunale ſich hineinzumiſchen hatten, allein er verfiel ih⸗ nen ſo wie derjenige den er angriff nicht' zum * Hofe gehoͤrte, mochte er auch wes Standes er wollte, ſeyn. Der Hoͤfling trat demnach in allen ſeinen Beziehungen mit nicht in ſeinen Kreis gehoͤrigen Perſonen, folglich mit der gan⸗ zen Maſſe des Volkes, unter das allgemeine Recht. ni Wer alſo um eine Anſtellung bei Hofe nachſuchte, wußte im Voraus daß er dadurch ſeine Freiheit und ſein Leben der Laune des Fuͤrſten und der Herrſchaft der Willkuͤhr unter⸗ warf; daß dieſer Fuͤrſt ein Recht uͤber ſein Leben und Tod dermaßen hatte, daß der allerunter⸗ thaͤnigſte Gehorſam und die volligſte Reſigna⸗ tion nur noch ſeine einzigen Tugenden ſeyn konnten, da, mochte auch die Behandlung welche man ihm erdulden ließ, noch ſo furcht⸗ bar ſeyn, ihm keine Reclamation ſelbſt gegen die nicht freiſtand, die wie er unter dieſen Aus⸗ nahmegeſetzen ſtanden. Ehe er in dieſen Kreis trat, wußte er, daß es fuͤr ihn keine Gerech⸗ tigkeit und nur noch Gnade gab. Die Greiſe hatten uͤbrigens viele Muͤhe dieſe ſeltſame Maßregel durchzuſetzen, doch ge⸗ lang es ihnen; allein was ſie eigentlich damit bezweckten, des ch naͤmlich, das gelang ihnen nicht; indeß erhielten ſie an⸗ dere nuͤtzliche Reſultate. Das erſte war daß die Verderbniß v⸗ ſam eingegrenzt wurde und ſo ſich gendthigt ſah ihr Spiel unter ſich zu treiben, da ſie au⸗ ßerhalb ihren Grenzen nichts zu verfuͤhren ver⸗ mochte. Sie konnte zwar an ſich ziehen und obſchon große und ſchreckliche Beiſpiele billig haͤtten abſchrecken ſollen, ſo fehlte es doch nie⸗ mals an Bewerbern und Anhaͤngern; zwar blieben mehrere nicht lange in dieſem morali⸗ ſchen Lazareth und die Liebe zur Unabhaͤngig⸗ keit ließ Manchen wieder heraustreten; indeß war dies doch immer nur die kleine Zahl und fuͤr einen Heraustretenden zeigten. ch ſets hundert Aspiranten. Außerhalb dieſer privilegirten Sphire galt dagegen die Herrſchaft derGeſetze und Niemand vermochte ſich ihnen ungeſtraft zu entziehen. Die Delegirten der Macht oder vielmehr die Bewahrer derſelben, d. h. diejenigen denen der Juͤrſt ſeine Gewalt uͤbertrug, blieben, wie der Geringſte im Staate, dieſen Geſetzen unter⸗ * 238 ———— worfen. Der Furſt ernannte zu allen hohen Aemtern, aber ſo wichtig ſie auch ſeyn moch⸗ ten, ſo hoch auch der, dem ſie uͤbertragen wur⸗ den, uͤber ſeinen Mitbuͤrgern ſtehen mochte, er blieb dennoch immer den Geſetzen fuͤr ſein Benehmen, ſeine Handlungen, fuͤr die Aus⸗ uͤbung ſeiner Obliegenheiten verantwortlich, da er, indem er dieſe Obliegenheiten uͤbernahm, aus dem privilegirten Umkreiſe trat, indem der Hof nicht zum Aſhl gegen, außer ſeinen Gren⸗ zen begangene, willkuͤhrliche Handlungen diente. So geſchah es, daß aus dieſer Ordnung der Dinge ein Zuſtand entſprang, in welchem ſich die unumſchraͤnkte Souveraͤnitaͤt mit dem Rechte vereinte. Hatte der Fuͤrſt eine ſchlechte Wahl getroffen, ſo war es an dem Erwaͤhlten ſich gut aufzufuͤhren. Strenge, aber heilſame Beiſpieke, ſchaͤrften ihm dies ein; doch wurden dieſe bald nur ſelten nothig, und die welche ohne dieſe Beiſpiele ſich durch nichts als Un⸗ gerechtigkeit und Launenhaftigkeit wuͤrden aus⸗ gezeichnet haben, machten ſich nun haͤufig durch eine weiſe Verwaltung bemerklich. Sie ſehen daß der eigenwilligſte, der despotiſchſte Fuͤrſt 239 durch dieſes Syſtem ein freies Feld erhalt um ſeine wunderlichſten Einfaͤlle zu befriedigen, und daß, falls er heftig und grauſam iſt, ein niederer Haufe von Hoͤflingen da ſteht um ihm als Opfer zu dienen, von denen Jeder wie der Fuchs in der Fabel ſagen wuͤrde: „Vous lenr faites, seigneur, En les oroquant, beaucoup d'honneur.““ Deſormes. Wie es mir ſcheint, ſo war England einige Zeit in einer Lage, die der des Landes gleich iſt von welchem Sie ſprechen. Wenigſtens las ich ohnlaͤngſt hieruͤber in kuͤrz⸗ lich erſchienenen Memoiren:„Nirgends tritt das Volk mit in die Scene: es iſt eine Hof⸗ regierung zur Seite einer freien Ration die ſich wenig um Jene bekuͤmmert und denen, die ſich an ſie anſchließen, die vollige Freiheit geſtattet ſich unter einander ihren Leidenſchaften, ihren Anmaßungen und ihren Intriguen hinzugeben, mit der Bedingung jedoch, daß in allem was das Volk ſelbſt wahrhaft beruͤhrt, es auch ſelbſt die Muͤhe uͤber ſich nimmt, fuͤr ſich zu ſorgen*).“ *) Mémoires du comte de Waldegrave, sous Geor- 0 Der Chevalier. In der That waltet hier einige Analogie; aber auf der Seite des Fuͤrſten iſt das Problem nicht ganz gelſt; mit anderen Worten, er kann nicht wie der mei⸗ nige, alles was er will. Deſormes. Es iſt auch nicht noͤthig, daß ein Menſch alles kann was er will. Der Chevalier. Da ſtimme ich bei; aber in den Laͤndern wo dieſer Gebrauch ſo angenommen wurde, daß er Geſetzeskraft er⸗ hielt, iſt das Problem zu loͤſen, die Lauen des Fuͤrſten mit dem Wohle des Volkes zu verei⸗ nen und die einzig moͤgliche Loͤſung liegt— in der Iſolirung des Hofes. ges II. Ein Publiciſt bemerkte in der Zeitſchrift: le Globe, daß„dieſe vollkommene Gleichgultigkeit gegen die Regierung, wirklich der herrſchende Cha⸗ rakter des oͤffentlichen Geiſtes in England von der Revolution von 1740 an, bis zu dem Amerikani⸗ ſchen Kriege, geweſen zu ſeyn ſchiene.“ Sechstes Kapitel. Ein Blick auf die Einſetzung des regierenden Hauſes in Spanien. Hr. von Harmage theilte der Geſellſchaft einen Brief mit, den er aus Spanien empfangen hatte, und der Präſident erkundigte ſich nun ſo⸗ gleich: ob die koͤnigl. Familie noch von Ge⸗ fahren bedroht ſey? worauf man ihm erwie⸗ derte: daß ſich ein bemerkenswerther Umſtand in den Unruhen auf der Halbinſel wahrnehmen laſſe, der naͤmlich, daß nicht allein alle Par⸗ theien welche dieſes Reich theilen, die koͤnig⸗ liche Familie achteten, ſondern auch behaupte⸗ ten fuͤr dieſelbe zu kaͤmpfen. Der Praäſident ſchien jetzt beruhigt zu ſehn. Die Unterhaltung uͤber dieſes Land dauerte fort: Jeder druͤckte ſein Mitleiden oder ſeine IMI. 16 242 Befuͤrchtungen aus. Deſormes allein ſchwieg, ein Umſtand den der Chevalier nicht unbemerkt ließ.—„Sollte dieſer Menſch,“ ſprach er, „ſo hartherzig ſeyn, daß ihm das Elend jen⸗ ſeits der Pyrenaͤen kein Mitleid einzufloßen vermoͤchte?“—„Woraus ſchließen Sie dies?“ —„Weil Sie nicht ein Wort ſagen.“— „Ich dächte man ſpräche ohnedem wohl genug uͤber dieſe traurige Sache, ohne daß ich noch nothig haͤtte mein Wort dazu zu geben; aber glauben Sie denn daß man deswegen fuͤhllos iſt, wenn man ſchweigt?—„Nein, gewiß nicht, denn ich weiß recht gut, daß man gerade im tiefſten Leide am wenigſten ſpricht und daß wahrer Schmerz, ſtumm iſt: indeß vermuthe ich doch nicht daß Spaniens Lage Ihnen ein Gefuͤhl dieſer Art einfloßt, die uͤbri⸗ gens allerdings ſo beunruhigend iſt, daß ich die Zuverſicht derer nicht zu theilen vermag, welche die Meinung hegen, der T Thron ſey gegenwaͤrtig außer aller Gefahr.“—„Da ſeyn Sie ruhig; er ging aus weit härteren Stuͤrmen gluͤcklich hervvr.“—„So wahr dies iſt, ſo iſt doch die Verſicherung leichter zu geben als der Be⸗ ——————— 243 weis.“— Das Eine iſt nicht ſchwerer als das Andere, und dieſe Damen hier mögen die Richterinnen ſeyn.“ I†ch hoffe Sie werden zugeben— fuhr Deſor⸗ mes fort— daß eine neue Dynaſtie mehr Schwierigkeiten zu uͤberwinden hat, um ſich auf einem Throne zu erhalten, als eine alte, vorzuglich wenn ſie dabei gegen einen Mitbe⸗ werber und mehrere bewaffnete Maͤchte kam⸗ pfen muß; wenn das Volk in ſeinen Meinun⸗ gen getrennt iſt; wenn dieſe neue Dynaſtie mit neuen Sitten und Gebrauchen auch eine fremde Sprache mitbringt; wenn ſie aus dem Schooße eines maͤchtigen Volkes hervorging, auf das man eiferſuͤchtig iſt, und gegen welches man bald, durch Erweckung religioſer Unruhen, einen geheimen, bald einen oͤffentlichen Krieg an⸗ ſpinnt? Wohlan! das regierende Haus in Spanien befand ſich mehrere Jahre hindurch in dieſer Lage, und die Kriſis war ſo groß daß vielleicht zwolf entſchloſſene Maͤnner hingereicht haͤtten um den Thron und die Familie zu ſtuͤr⸗ zen. Jett will ich Ihnen zeigen daß dieſer Thron gegen Sturm und Wellen bloß durch * 16* 244 die Gegenwart des Fuͤrſten(was beweiſt, daß man niemals die Parthie aufgeben muß) und ſo zu ſagen, dieſem zum Trotz, erhalten wurde, da derſelbe ſtatt die Hinderniſſe zu bekämpfen, ſie im Gegentheil noch vermehren half. Die Verpflanzung des gegenwaͤrtigen regie⸗ renden Hauſes auf den Thron von Spanien, war eines jener großen Ereigniſſe die zu einer reichen Quelle von Lehren und philoſophiſchen Beobachtungen werden koͤnnten. Die Lehren wuͤrden dem Volke und den Koͤnigen viel nuͤtzen, wenn die Konige es verſtunden und die Voͤlker es vermoͤchten, Nutzen aus ihnen zu ziehen; dieſe Beobachtungen aber konnen denen dienlich ſeyn, die es lieben uͤber Dinge von Wichtigkeit nachzudenken an welchen ſelbſt Theil zu nehmen ihnen nicht geſtastet iſt. Bei dem Ereigniſſe von welchem wir hier ſprechen, iſt alles der Beachtung werth; ſo⸗ wohl das was vorausging, als nicht minder die Art, wie es inmitten einer Menge Hinder⸗ niſſe, durch welche es unmöglich zu werden ſchien, ausgefuͤhrt wurde. Kein Fuͤrſt in Eu⸗ ropa vermochte die Sache mit gleichgultigen S —— Augen anzuſehen: unterſuchen wir jetzt, was dieſelben in ihrem Intereſſe thaten. Der Herrſcher von huͤndert Konigreichen*) und der großten Monarchie der neueren Zeit, hatte keine Erben und ſah in einer Zukunft, die der ſchlechte Zuſtand ſeiner Geſundheit ihm immerwaͤhrend vor Augen roͤckte, ſeine Staaten getheilt und ſeine Macht in fremde Haͤnde uͤber⸗ gehen. um dieſem Ungluͤcke, wenigſtens zum Theil, zu begegnen, machte er ein Teſtament und wählte den zu ſeinem Nachfolger der das mehrſte Recht hatte es zu ſehn, den Enkelſohn von Ludwig XIV., den Herzog Philipp von Anjou. Die Wahl wuͤrde ſeiner Klugheit Ehre gemacht haben, wenn macht nicht gewußt haͤtte, daß er fruͤher bereits zwei andere Teſtamente machte, bei deren Entwerfung ſelbſt ein Cardinal und mehrere Theologen behuͤlflich geweſen waren. *) Die Provinzen Spaniens und die ſeiner Colonien fuͤhrten den Titel: Koͤnigreiche. Im Allgemei⸗ nen waren ſie viel bedeutender in Hinſicht ihrer Ausdehnung als die Provinzen anderer Staaten, aber dieſen dagegen wieder in jeder andern Be⸗ ziehung nachſtehend, und die Veranlaſſung hierzu die, daß dieſes weite Reich ſeit lange ſchon eigent⸗ lich gar nicht mehr regiert wurde. 246 Waͤhrend aber Carl I. noch teſtirte, theil⸗ ten ſich bereits die Hauptmaͤchte Europas in ſeine Staaten und es gab demnach, wie Sie ſehen werden, drei Teſtamente und zwei Thei⸗ lungsvertraͤge in Betreff Spaniens. Ludwig XIV. und der Kaiſer Leopold ſtan⸗ den als Erben in gleicher Linie, denn Beide ſtammten von Philipps III. Frau, aber der Letztere war nur der Sohn einer juͤngeren Toch⸗ ter und dazu war der Dauphin ein Enkel Philipps IW., von welchem Leopolds Nach⸗ kommen nicht abſtammten. Leopolds Rechte und Anſpruͤche beruhten hauptſůͤchlich auf der offenen Entſagung von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. auf den Spaniſchen Thron; in der Vereinigung der beiden Oeſterreichiſchen Zweige und ihren Haß gegen das Franzoſiſche Haus; in dem der Spanier gegen die Franzoſen und endlich, wie Voltaire ſagt,„in den Huͤlfsmitteln einer Po⸗ litit, die im Beſitz von Europas Herrſchaft iſt. Die Entſagung ausgenommen, die nur als eine nutzloſe Formel betrachtet werden kann„wenn — 247 der zu deſſen Gunſten ſie geſchah, nicht der Staͤrkere iſt, waren es weniger die Rechte als die Mittel und Umſtaͤnde, welche das Haus Oeſterreich beguͤnſtigten. Die Mutter von Carl II., obſchon aus die⸗ ſem Hauſe entſprungen, ließ ihrem Sohne aber ein Teſtament machen, durch welches der Chur⸗ prinz von Baiern, welcher damals erſt vier Jahre zaͤhlte, zum Erben der ganzen Spani⸗ ſchen Monarchie eingeſetzt wurde. Dieſe Wahl ermangelte der Klugheit, weil, wenn ſelbſt der Prinz kein Kind mehr geweſen waͤre, Baiern ſeine Anſpruche nicht gegen die der anderen mächtigeren Concurrenten vertheidigen konnte. Als Carls Mutter ſtarb, ließ die Frau dieſes Koͤnigs, trotz dem daß ſie aus dem Baierſchen Hauſe ſtammte, in ihrer Ergebenheit gegen Oeſterreich, dieſes Teſtament vernichten um an die Stelle des Baierſchen Kindes, einen Sohn vom Kaiſer Leopold zu ſetzen: woraus man ſicht, daß dieſe beiden Furſtinnen bei dieſer wichtigen Angelegenheit gegen das Intereſſe ih⸗ rer Stammhaͤuſer handelten. Der Koͤnig von Spanien ſelbſt, der nie einen eignen⸗ Willen * 248 hatte, neigte ſich ſeinerſeits dagegen mehr zu dem Erzherzog Carl, dem zweiten Sohn des Kaiſers, hin. Alle dieſe Entſchließungen wur⸗ den jedoch durch die Intriguen des Cardinal Portocarrero zu Schanden gemacht, der an der Spitze der franzoͤſiſchen Parthei ſtand. Das Mittel welches Portocarrero anwendete um den Konig zu ſeinen Zwecken zu ſtimmen, kann uns einen Begriff von der ungeheuren Geiſtesſchwäche dieſes Fuͤrſten geben. Man beredete Carl nam⸗ lich, er ſey behext, und muͤſſe ſich exorciren laſſen*), und daß es hierbei nicht ſchwer war ihm ein drittes Teſtament zu entlocken, laͤßt ſich denken. Es war dies dasjenige, durch welches Philipp von Anjou zu ſeinem Erben eingeſetzt wurde. Carl ſtarb aͤbrigens einen Monat darauf. Sehen wir jetzt welche Anordnungen die europäiſchen Maͤchte ihrerſeits trafen. Sie *) Die Geſchichte dieſer Vorgaͤnge unter Carl H. und der ganzen damaligen Verhaͤltniſſe in Spa⸗ nien, findet man in Mortonvals Roman: Fray⸗Eugenio oder das Auto⸗ da⸗F6 von 1680, deutſch von Fr. Gleich, umſtaͤndlich erzaͤhlt. — 240 ſicherten Spanien und die weſtindiſchen Be⸗ ſitzungen dem Baierſchen Prinzen zu, welcher im erſten Teſtamente zu Carls Nachfolger er⸗ nannt worden war; der Dauphin, Ludwigs XIV. Sohn, bekam Reapel und Sicilien, die Pro⸗ vinz Guipuscoa und einige Staͤdte; der Erz⸗ herzog Carl, Leopolds zweiter Sohn, das Mai⸗ laͤndiſche Gebiet, und Ludwig XIV. und der Dauphin unterzeichneten eine Entſagung auf die Spaniſche Erbſchaft. Da jedoch das prinzliche Kind ſtarb ſo entwarf man im F. 1700 einen neuen Thei⸗ lungsvertrag, und wie das erſte Mal, ſo waren es auch diesmal Ludwig KIV., Koͤnig Wilhelm von England, und Holland, welche dieſen Entwurf durchſetzten, ohne daß die beiden Letzteren dabei ein anderes Intereſſe hatten, als zu verhindern daß die ganze Erbſchaft der Spaniſchen Staa⸗ ten in Europa weder an Oteſterreich, noch Frankreich ſiel. Durch dieſen Vertrag trat der Erzherzog Carl an die Stelle des Baierſchen Prinzen; Ludwigs XIV. Sohn behielt die ihm fruͤher ſchon zugeſprochenen Laͤnder; der Herzog von Lothringen ſollte das Mailändiſche haben und Lothringen dagegen mit Frankreich verei⸗ nigt werden. Aber der Kaiſer, dem nach dem ganzen Erbe geluͤſtete, weigerte ſich dieſes Ue⸗ bereinkommen zu genehmigen. Dieſe Umſtaͤnde, deren Zuruͤckrufung noͤthig iſt, gaben zu folgenden beiden Fragen Veran⸗ laſſung: 1) Hatte Carl II. das Recht uͤber den Spaniſchen Thron zu verfuͤgen? 2) Hat⸗ ten die Maͤchte Europas es, dieſes zu theilen? Die erſte Frage fuͤhrte nothwendig wieder auf die: Ob ein Fuͤrſt welcher an Behexung glaubt, welcher Leichname ausgraben läͤßt 2) um ſich bei ihnen Raths zu erholen; deſſen ganzes Benehmen die offenbarſte Verſtandesab⸗ weſenheit und volligſte Geiſtesunfaͤhigkeit zeigt: einen gerichtlichen Act rechtsguͤltig vollziehen kann, zu welchem geiſtiges Bewußtſehn unum⸗ gaͤnglich nothwendig iſt? Waͤre Carl II. ein Privatmann geweſen, ſo wuͤrde ihm ſeine Fa⸗ milie jedenfalls fur ſchwachſinnig haben erklaͤ⸗ ren laſſen. Nimmt man nun an, was jedoch S. Fray⸗Eugenio ꝛc. 8* noch ſehr werden kann, daß ein Fuͤrſt das Recht hat uͤber ſeine Krone, wie ein Pri⸗ vatmann z. B. uͤber ſein Haus, zu verfuͤgen, ſo konnte Carl wegen ſeiner Schwachſinnigkeit auf keinen Fall dies Recht uͤben. Was aber die Frage in Betreff des Rechtes der anderen theilnehmenden Hoͤfe anlangt, ſo beſchraͤnkt ſich der Rechtsanſpruch dieſer hierin blos auf das Recht des Stärkeren, des beſten und einzigen in der Politik, wie ſie iſt. Indeß iſt nicht minder wahr, daß, indem Philipp auf den Spaniſchen Thron gerufen wurde, Carl hierdurch das that was ein Fuͤrſt in ſeiner Lage bei geſunder Vernunft nur thun konnte; dadurch aber daß Ludwig XIV. das Teſtament annahm und den erſt ſelbſt entwor⸗ fenen Vertrag bei Seite warf, erhalten wir ein Beiſpiel von dem Werth der Verſprechun⸗ gen der Koͤnige, wenn dieſe es ihrem Vortheil angemeſſen finden dieſelben, trotz ihrer Unter⸗ ſchrift, vielleicht ſelbſt— die Welt hat Bei⸗ ſpiele erlebt— trotz geleiſteter Eide, zu brechen. Sehen wir jetzt welche Hinderniſſe Philipp zu uͤberwinden hatte, welches Benehmen er be⸗ 252 ——— obachtete um ſie zu beſiegen, und in welchem Zuſtande ſich ſowohl dieſer von ſo vielen Fuͤr⸗ ſten gewuͤnſchte Thron, als jenes Reich be⸗ fanden, in welches das Geſchick eine neue Dy⸗ nnaſtie rief. Wir wollen hieruͤber einen Augen⸗ zeugen hoͤren, der ſich im Gefolge des neuen Koͤnigs befand: „Da war,“ ſagt derſelbe,„kein Heer, kein Geld, keine Gerechtigkeit, keine Polizei, keine Freiheit, kein Zuͤgel und keine Finanzen, ſondern nichts als ein verodeter Pallaſt, in welchem eine ſteife Etiquette herrſchte, eine furchtbare Ingquiſition und Tauſende unter ein⸗ ander ſtreitender Moͤnche in zahlloſen Kloſtern.“ „Spanien hatte nicht ſechstauſend Krieger, die in gutem Stande waren. Carl II. und die Konigin konnten nicht mehr ausgehen, ohne von Troßbuben beleidigt und von den Kindern auf der Gaſſe, er mit dem Spottnamen Nik⸗ kopf, ſie mit den ſchmutzigſten Beiwoͤrtern, belegt zu werden, ohne daß es irgend Jemand gab der dieſe Gemeinheiten beſtrafte. Die Ge⸗ ſetze waren in vollige Vergeſſenheit gerathen; die Kirchen und die Haͤuſer der Großen dienten 5 Verbrechern aller Art zur Zuflucht; bei dem geringſten Steigen des Brodpreiſes war Rie⸗ mand ſeines Lebens mehr ſicher und ganz kurz⸗ lich erſt waren, bei einem dieſerhalb entſtande⸗ nen Auflaufe, alle in Madrid wohnende Fran⸗ zoſen ermordet worden. Ausgenommen den Koͤnig, war Jedermann in der Hauptſtadt be⸗ waffnet; jeder Vornehme hatte mindeſtens hun⸗ dert Beutelſchneider und Raufbolde in ſeinem Solde, und auf hundert und funfzigtauſend Einwohner konnte man funfzigtauſend rechnen, die von dieſem ſchoͤnen Handwerke lebten. Die wenigen treugebliebenen Soldaten waren in Lumpen gehuͤllt, ohne Sold und ohne Brod, das ihnen der Beherrſcher beider Indien nicht mehr zu geben vermochte. Die feſten Plätze boten den traurigſten Anblick dar, und Litel, Orden und Wuͤrden, wurden gleichſam ffent⸗ lich verſteigert*).“ Dies war die Lage Spaniens waͤhrend der letzten Jahre von Carls IH. Regierung. Am 4ten Dechr. 1700 reiſte Philipp von 8 Memoires secreis de Louville T. I. Verſailles ab, um ſich nach Madrid zu begeben. Ludwig XIV. begleitete ihn bis Sceaux, wo er zu ihm, indem er ihn noch einmal umarmte ſagte:„er wolle wuͤnſchen ihn nicht wieder zu ſehen.“ Die Trennung wurde Beiden ſchwer und ihr Abſchied von einander war ſehr ſchmerzlich. Der ganze Hofſtaat des neuen Koͤnigs be⸗ ſtand nur aus hundert Perſonen, weil man in * Furcht, die Großen zu erzurnen, ihnen auf jede Art Vertrauen zeigen wollte. Den⸗ noch verhinderte dies nicht, daß man ſich in Madrid uͤber das zahlreiche Gefolge von Fremden aufhielt, die der Koͤnig mitgebracht haͤtte. Jenſeits der Grenze hatte Philipp anfaͤng⸗ lich niemand Anderes um ſich als einige Hel⸗ lebardiere und ein Dutzend alte Domeſtiken in abgenutzten dſterreichiſchen Livreen. Dies konnte ihm als Probe des Enthuſiasmus dienen, von dem man ihm vor ſeiner Abreiſe vor⸗ geredet hatte; als ihn jedoch der Pater Dau⸗ benton, ſein Beichtvater und ein Jeſuit, in Vittoria hatte communiciren laſſen, wurden die Spanier auf einmal entzuckt von ihm und von — da an ſeine Reiſe bis Madrid gleichſam ein Ttiumphzug. Die aͤußere Anmuth des Koͤnigs verfehlte ebenfalls nicht das Volk zu electriſi⸗ renz man hoͤrte von allen Seiten das Geſchrei: Nuestro hermoso Señor! auch nahm man ſich vor, ihn bei ſeiner Ankunft in der Haupt⸗ ſtadt durch das erhebende Schauſpiel eines Auto⸗da⸗Feé zu erfreuen*); doch brachten es die Franzoſen dahin daß dieſe ruͤhrende Feier⸗ lichkeit nicht in ſeiner Gegenwart vollzogen wurde. Philipp hatte von Natur eine dauerhafte Conſtitution erhalten, doch war er haͤuſigen Nervenzufaͤllen, die ihn ſchwermuͤthig und trau⸗ rig machten und ſeine Geiſteskraft zuweilen gleichſam verhuͤllten, unterworfen. Kurze Zeit nach ſeiner Abreiſe aus Frankreich hatte ſich eine ſchwarze Melancholie ſeiner bemächtigt und das Uebel nahm noch an Staͤrke zu, nachdem er in den Eheſtand getreten war; die Art aber wie ihn die Konigin behandelte, war auch in *) Wie man hierdurch in Spanien neuankommende Fuͤrſten und Fuͤrſtinnen zu entzuͤcken ſucht, iſt in: Fray⸗Eugenio ausfuͤhrlich zu leſen⸗ 256 der That nicht dazu geeignet, ihn zu heilen⸗ „Eines Nachts ſtieß ſie ihn aus ihrem Bette hinaus; der arme Fuͤrſt, ganz beſtuͤrzt uͤber dieſes Abentheuer, ſchlich betruͤbt ſort und ſetzte ſich am andern Ende des Zimmers im Hemde traurig auf einen Stuhl nieder, wo er auch vier Stunden ohne ein Wort zu ſagen, zu⸗ brachte. Endlich fuͤhlte ſich die kleine Koͤnigin von dieſer aͤcht eheherrlichen Ergebung geruhrt, ſtand auf, nahm ihn bei der Hand, fuͤhrte ihn in das Bett zuruͤck, und Beide ſchliefen nun ohne weiter ein Wort mit einander zu re⸗ den, ein*).“ Das Innere ſeines Pallaſtes bot ihm keine Entſchaͤdigung dar;„es war eine Oede und *) In den Memoiren von Eliſabeth Charlotte, der Mutter des Regenten,(Ausgabe 1823) lieſt man S. 223;„Die Koͤnigin hatse ein ſicheres Mittel alles von ihrem Gemahl zu erhalten was ſie wollte⸗ Der gute Tropf ſchlief außerordentlich gern bei ihr und dies war das Leitband wodurch ſie ihn zu allem Moͤglichen bringen konnte. Sie hatte in ihrem Schlafzimmer ein Bett mit Raͤdern; hatte er ihren Willen nicht befolgt, dann mußte er in dieſem liegen; war ſie dagegen zufrieden mit ihm, dann durfte er in ihr Bette kommen und dann war der gute Koͤnig auf dem Gipfel ſeines Gluͤcks. Gewiß, er wuͤrde geglaubt haben verdammt zu werden wenn er mit einer anderen Frau, als der ſeinigen, haͤtte zu Bette gehen follen.“ * 257 3 die Etikette machte ein Gefängniß daraus.“ Wenn der Koͤnig ausgehen wollte, mußte er ſo lange warten bis der, welcher allein das Recht beſaß ihm die Thuͤre zu offnen, ſich ein⸗ zuſtellen beliebte. Ueberhaupt behandelte man ihn ſo ziemlich auf dieſelbe Art wie den Sancho Panſa auf ſeiner Inſel. Bedurfte er Geld, ſo war das in ſeiner Caſſe befindliche ſtets zu etwas Ande⸗ rem beſtimmt; wollte er ſpielen, ſo horte man nicht auf, ihm zu Gemuͤthe zu fuͤhren daß Philipp III. ſich durch Spiel ruinirt habe; be⸗ ſtand er darauf, ſo nahm man ihm die Tiſche weg. Er liebte die Jagd ſehr, aber man ſchreckte ihn durch die Erzaͤhlung der Unfälle die ſchon oft Jaͤgern begegnet waren; bekam er Luſt eine Parthie Schach zu ziehen, ſo ſtellte man ihm vor: dies ſey zu angreifend. Im⸗ merwaͤhrend, auf Betrieb ſeiner Gemahlin, mit Aerzten und Kammerdienern umringt, wurde ihm die Zeit fuͤrchterlich lang und oft weinte er bitterlich und bat, man moͤchte ihn wieder zum Herzog von Anjou machen. Der Jeſuit Daubenton mußte ihm Liebes⸗ II. 17 briefe an die Koͤnigin ſchreiben, die dann des Morgens auf die Toilette dieſer Furſtin gelegt wurden.„Dieſer Jeſuit miſchte ſich uͤberhaupt in alles, in Politik, Krieg, Finanzen und Aem⸗ terbeſetungen. Er war bei der Konigin vom Morgen bis zum Abend und verließ ſie nur um zum Koͤnig zu gehen.“ „Philipp begab ſich in ſeinen Stuatsrath wie man in eine Claſſe geht und benahm ſich hier wie ein Schuͤler. Es las keine Bittſchrift, ſteckte die an ihn eingelaufenen Briefe uneroff⸗ net in die Taſche und ſprach mit keinem Men⸗ ſchen ein Wort.“ „Die Grandes und Generale haſchten be⸗ gierig nach Stellen; hatten ſie dieſen Wunſch erreicht, dann hegten ſie blos noch einen, den nämlich ihr Amt nicht verwalten zu dur⸗ fen. Ein Grand deſſen Sohn man zu ſeinem Corps geſchickt hatte um es zu befehligen, erfuͤllte den ganzen Hof mit ſeinem Geſchrei, weil man ihm, wie er ſagte, ſein Kind töd⸗ ten wollte. Der Herzog von Veraguas verlangte eine große Belohnung dafuͤr daß er den Heroismus gehabt hatte, das Com⸗ 259 mando uͤber das Regiment der Konigin unter der Bedingung anzunehmen, niemals in's Feld ruͤcken zu duͤrfen.“ Es haͤtte Feſtigkeit und einen kräͤftigen Wil⸗ len bedurft um ſolchen Mißbräuchen zu ſteuern, aber Beides kannte der Koͤnig, der niemals im Stande war einen Entſchluß zu faſſen, nicht, und die groͤßte Schwierigkeit, ſagt Lou⸗ ville, war, ihn gegen ſeinen Willen zum Re⸗ gieren zu bringen. Man verfiel dieſerhalb auf den Gedanken, ihn im Zimmer der Koͤnigin arbeiten zu laſſen;„aber dies hatte keinen weiteren Erfolg als daß er nun hier eben ſo gut nichts that wie in ſeinem Zimmer. Die Leidenſchaften welche einen Mann zu beleben pflegen, kannte Philipp nicht; er hatte nicht einmal die gluͤckliche Schwaͤche von Ludwig XIII, ſich nur einem Fuͤhrer hinzugeben, die, verbun⸗ den mit dem LTalent gut in dieſer Hinſicht zu waͤhlen, fuͤr einen Koͤnig faſt ſo gut als Staͤrke iſt.“ Hier nur einen Beweis von dem kindiſchen Aberglauben der in dieſem Lande, ſelbſt in den hoͤchſten Claſſen herrſchte. Die Herzogin von 17* 260 Alba hatte einen an Skrofeln leidenden Sohnz ſtatt ſich an einen Arzt zu wenden, bat ſie die Moͤnche um eine wunderthaͤtige Reliquie. Man gab ihr den Finger von irgend einem Heiligen; dieſer Finger wurde in einem Moͤrſer zerſtoßen und hierauf gleichzeitig als Pulver dem Kinde, halb in einem Trank, halb durch ein Lavement beigebracht,„um ſo das Mittel allſeitig wirken zu laſſen*).“ Einmal war die Rede davon, das Conſeil der Leibaͤrzte neu zu organiſiren, welche den Koͤnig„nach Mehrheit der Stimmen“ vomiren und laxiren ſollten. „Der Canzler Benavente kam eines Tages mit Thraͤnen in den Augen,“ erzählt Louville, „um uns zu warnen, daß wir uns fuͤr eine Berline huͤten ſollten, welche die verwittwete Koͤnigin an Philipp geſchenkt haͤtte, und die ſich durch Zauberei in einen Pomeranzenka⸗ ſten verwandeln wuͤrde, wäͤhrend der Koͤnig dann zur Pomeranze im Kaſten *) S. Fray⸗Eugeniv. 261 werden muͤßte. Man urtheile hiernach ob Benavente, einer der Aufgeklaͤrteſten am Hofe, an Zauberei glaubte!“* Aus allem dieſen ſieht man, daß Philipp mit Hinderniſſen jeder Art in Spanien zu kämpfen hatte, und daß es ihm durchaus an Charakter fehlte; indeß beſaß er doch, trotz die⸗ ſer ungeheuten Schwäche, perſoͤnlichen Muth und als man ihn einſt fragte: welche Stelle er bei ſeinem Heere einnehmen wolle? erwie⸗ derte er ſtolz:„Die vorderſte, wie an meinem Hofe.“ Dieſe Worte freuten Lud⸗ wig XIV., doch benahm ſich Philipp in dem Feldzuge von 1701, kindiſch wie gewoͤhnlich. „Unter den Kanonen des Prinzen Eugen, ſpielte er mit den jungen franzoſiſchen Herren allerlei laͤppiſche Spiele, was dem Herzog von Ven⸗ döme einen wahren Ekel erregte.“ Die am Madrider Hofe gleichſam durch ein altes Spruchwort gerechtfertigten Miß⸗ braͤuche*), fuͤhrten bald eine Zerruͤttung her⸗ *) Uhi nullus S9i et sempiternus noror in- habitat. 262 bei, von deren Groͤße man ſich einen Begriff aus nachſtehendem Fragment eines Briefes von dem Oberhofmeiſter des koͤniglichen Hauſes, machen kann:„Der Konig hat nicht einen Maravedi mehr und iſt ganz arm; ich aber kann ſagen, daß ich ein geſchickter Mann bin, da ich die Mittel noch aufzufinden wußte, eine neue Kellerthuͤre machen zu laſſen und⸗ einige Servietten zu kaufen, an deren Stelle man ſich bisher der Hemden der Kuͤchenjungen be⸗ diente. Die Lakaien gehen in der Stadt um⸗ her und betteln Almoſen und ſind dabei faſt ganz nackend; am ſchlimmſten haben es die Pferde, denn dieſe armen Creaturen et nicht betteln gehen.“ Frotz dieſem allen koſtete Sſttü dennoch jahrlich Frankreich hundert M' llionen, doch iſt es freilich auch wahr, daß ein Theil dieſer un⸗ geheuren Summe in die Beutel des Miniſter Orrh und deſſen Lieferanten fiel. Die Sache ging ſo weit, daß man dem Heere Stiefeln von Pappe ſchickte.„Es hat ſich bewieſen, daß der Zuſtand der Magazine, der Munition, der Stroh⸗, Pulver⸗ und Fugel⸗ 263 lieferungen, der Rame der Fuhrleute, die Zahl der Artillerieofficiere, kurz alles falſch war. Als man an den angezeigten Ort kam, fand man von allem was da ſeyn ſollte, nichts.“ Geſtehen wir daß Ouvrard, gegen dieſe braven Leute gehalten, ein wahrer Schuͤler iſt! Was aber allenfalls noch den Klauen dieſer Harpyen entging, fiel in die S. der W von Urſini. Unter der Herrſchaft dieſes Weibes, die ei⸗ gentlich in der That regierte, ſah man am Hofe„eine fortwaͤhrende Kette von verdienter Ungnade, und grauſamen, mit elenden Klat⸗ ſchereien und Zwiſchentraͤgereien untermiſchten, Widerſpruchen, aus denen ſich die franzoſiſchen Miniſter nicht zu finden vermochten, ſo daß ſie zuletzt nichts mehr von einer ungluͤcklichen Re⸗ gierung wiſſen wollten, die nicht regierte und nur Kraft zu haben ſchien um ſich jedem ver⸗ nuͤnftigen Rathſchlage zu widerſetzen..“ Der Marquis von Torcy antwortete einſt auf aber⸗ malige Reclamationen:„Was wollt Ihr denn von uns Ihr abſcheulichen Menſchen, die Ihr ſeyd? Truppen um Euch ſelbſt zu bewachen! 264 Wie! iſt es noch nicht genug, daß wir uns Eure Feinde auf den Hals gezogen haben? und was fur Feinde! Nach zwei Jahren muſ⸗ ſen wir noch bei Euch Schildwache ſtehen! und weshalb? weil Ihr nichts zu benutzen ver⸗ ſteht und mit einer Schwachköpfigkeit und ei⸗ ner Unvernunft alles verzettelt, die man eben ſo wenig begreifen als vergeben kann! Geht, fahrt fort uns mit Euren Intriguen zu beläſti⸗ gen, aber huͤtet Euch vor einer Zeit, die mit der Ermuͤdung große Veränderungen herbeifuͤh⸗ ren kann. Welch eine abſcheuiiche Nation ſeyd Ihr doch! Es giebt keine aͤhnliche in der Welt mehr. Wenn man Euch eine Wohlthat er⸗ zeigt, ſo betrachtet Ihr dies als eine Schuldig⸗ keit und bauet darauf die Pfücht, Euch neue erweiſen zu muͤſſen.“ „Die ganze Zeit von drei Jahren die wir nun hier ſind,“ ſchreibt Louville,„war verlo⸗ ren. Der große Irrthum des franzoſiſchen Miniſteriums beſtand darin, zu glauben, daß der Eifer der Spanier fuͤr einen franzoſiſchen Prinzen, in der Abſicht dadurch die Erſchuͤtte⸗ rungen zu vermeiden welche ihrer Monarchie 265 bevorſtanden, zu einer vollkommenen Ueberein⸗ ſtimmung der Anſichten und der Intereſſen fuhren wuͤrden, und aus dieſer Annahme zu ſchließen, daß ſie(die Miniſter) faͤhig ſehn wuͤrden dies Land zu leiten. Das Wahre aber iſt, daß die Großen in Spanien in der Erhebung des franzoſiſchen Prinzen nur ein Mittel ſahen, um ihre Macht im Inneren zu vergroßern und ſich nach Außen hin fur einen leichten Preis die Kraͤfte Frankreichs dienſtbar zu machen. Ein zweiter Irrthum beſtand darin, zu glauben, die ganze ſpaniſche Nation ſey nach dem Muſter der Grandes dieſes Landes gemacht, während dieſe im Gegentheil ein eig⸗ nes Volk fuͤr ſich ſind, und drittens: die Mei⸗ nung zu hegen, dieſe Grandes waͤren ſtark, während ſie nichts als eine unter faullenzeri⸗ ſchen Koͤnigen an ſich geriſſene Macht beſitzen. Alle Grandes ſind Menſchen ohne Kraft und eben ſo unfaͤhig dem Koͤnig zu dienen als ihn zu ſtuͤrzen. Dieſen Punkt muß man wohl im Auge halten, denn aus ihm entſpringt das ganze Unheil dieſes Landes. Man denkt hier nie daran die Regierung zu unterſtuͤtzen, fondern nur wie man ſie benuben will, und die ſiets mißvergnügten Großen, ſind jeden Augenblick bereit ſich der Oppoſition„ von welcher Seite ſie auch kommen mag, anzuſchließen. Braucht man Truppen? ſo heißt es Frankreich muß ſie liefern, verſteht ſich, unter der Bedingung daß ſpaniſche Generale ſie befehligen; braucht man Geld? Frankreich muß es geben, ohne daß man an Wiedererſtattung denkt.“ Frau von Maintenon uͤbte einen traurigen Einfluß auf die ſpaniſchen Angelegenheiten aus, indem ſie den unfähigen Villeroi an Catinats Stelle brachte und die Prinzeſſin von Urſini hielt, da ſie ſich einbildete, dieſe wöge einen guten Miniſter auf; endlich daß ſie den Ma⸗ drider Hof zwang, ihren Neffen Aubigny auf⸗ zunehmen, der die Unverſchämtheit hatte ſich in ein Zimmer dicht neben der Koͤnigin ein⸗ zuquartieren*). „d»Aubigny iſt der Liebhaber der Prinzeſſin von Urſini, welche Sitten wie eine Hoͤkerin hat: er ſchlaͤft in den an ſeine Zimmer ſtoßenden Frauengemaͤchern. Mémoires de Louyille. T. II. P. 73. —— Die Lage der neuen Dynaſtie in Spanien wurde durch alles dieſes ſo mißlich, daß ein einziger kuͤhner Streich hingereicht haben wuͤrde ſie zu verjagen, und Sie koͤnnen nach den bit⸗ tern Klagen mit welchen ich dieſen Ueberblick ſchließe, ermeſſen, wie ſchlimm dieſe Verhaͤlt⸗ niſſe waren. Auch dieſe Klagen ruͤhren von dem her, der zugleich Augenzeuge und handelnde Perſon bei dieſen Ereigniſſen war. Unter dem 19ten Mai 1703 ſchreibt der Marquis von Louville an den Herzog von Beauvilliers: „Die Gefahr draͤngt. Wenn Sie wuͤßten bis zu welchem Punkt der katholiſche Koͤnig ver⸗ achtet iſt, welche Unordnung im Heere, im Con⸗ ſeil und in der Verwaltung herrſcht, ſo wuͤr⸗ den Sie ſagen: das Uebel kann nicht größer werden und zehn Reiter reichen hin um die ganze Geſchichte zu Ende zu brin⸗ gen. Man koͤnnte mit ihnen die Regierung aus Madrid jagen und den Koͤnig und die Ko⸗ nigin gefangen nehmen..... Die Herzen ent⸗ fernen ſich ſichtbar von uns. Wir haben nur noch zwei Anhaͤnger im Conſeil: der Erſtere will den Koͤnig ohne die Franzoſen, und der 268 Zweite will weder die Franzoſen 19 den Koͤnig. Ohngeachtet aller dieſer, den Abſichten Lud⸗ wigs XIV. ſo ſehr widerſprechenden, Umſtände, und wirklich aller Wahrſcheinlichkeit zum Trotz, hielt ſich dennoch Philipp auf dem Thron und wurde ſpater durch Vendömes ſiegreiche Waffen darauf befeſtigt; aber zu der Zeit die wir hier uͤberblicken, grenzt ſeine Erhaltung als Koͤnig an das Wunderbare, denn er blieb es in der That gegen ſeinen eigenen Willen. Nie begann eine neue Dynaſtie unter ſo boͤſen Auſpicien, nie war eine ſo leicht ſchon in der Wiege zu erſticken, und wenn man bedenkt, daß von ei⸗ ner Seite alle Maͤchte gegen dieſen Thron be⸗ waffnet waren und daß von der anderen die einzige welche ihn hielt, von ihren eigenen Agen⸗ ten hintergangen und ihr von dem Fuͤrſten fuͤr den ſie ſich aufopferte, in Allem entgegengear⸗ beitet wurde: daß es endlich nur einer Handvoll entſchloſſener Maͤnner bedurfte, um dieſen Schat⸗ tenkonig gefangen zu nehmen, dieſen Thron um⸗ zuſturzen und ſomit den ganzen Streit zu en⸗ digen; ſo muß man geſtehen, daß es ſich zu⸗ —— — 269 ———— weilen zuträgt, daß bei den wichtigſten Ereig⸗ niſſen das Hauptreſultat den angewandten Mit⸗ teln vollig widerſpricht. Die Graͤfin. Erlauben Sie mir eine Frage, die mein Geſchlecht entſchuldigen wird: ich mochte wohl wiſſen, ob Philipp das ſpaniſche Coſtuͤm anlegte.: Der Chevalier. Wie es ſcheint, ſo wollte man am Spaniſchen Hofe die Tracht von Ludwigs XIV. Hofe einfuͤhren; wenig⸗ ſtens ſchließe ich dies aus einem Briefe der Frau von Beauvilliers, die zum Theil mit der Toilette des Koͤnigs beauftragt war.„Hervé,“ ſchreibt ſie an Louville,„hat mir die Probe von einer blonden Peroͤque fuͤr den Konig ge⸗ ſendet. Wie er ſagt, braucht er fuͤr achthun⸗ dert Franken Haare dazu. Sorgen Sie daß der Koͤnig mit gekraͤuſeltem Haupte erſcheint, bis ſeine Haare wieder gewachſen ſindz dies ſieht viel beſſer aus.“ Sie ſehen hieraus, daß der Koͤnig von Spanien einige Zeit lang ſo coiffirt ging wie man heutzutage ſich traͤgt, und daß dieſe Toilette den Beifall einer Hofdame erhielt, welche ſich auf dergleichen Dinge ver⸗ II. 16 * 270 ſtand. Vielleicht hätte dieſe Dame ſogar die unge⸗ heuren Peruͤquen aus der Mode gebracht, wenn der Furſt der dieſelben in die Mode brachte, nicht eine fleiſchige Geſchwulſt auf dem Kopfe ge⸗ habt haͤtte, die er dadurch zu verbergen ſuchte. Der Chevalier. Dieſe großen Peruͤquen mißſielen mir nicht, und ſcheinen mir vorzuglicher als die zu ſeyn, welche auf ſie folgten und die ſo hart, ſo feſt, ſo lächerlich ausſahen.. Die Gräͤfin. Doch nicht ſo lsherlich als die Kopfputze auf den Portraits die wir in Beauregard fanden und von denen uns, im Vor⸗ beigehen bemerkt, Hr. Deſormes die Geſchichte verſprochen hat. In dieſem Augenblicke traten Almire und Dulude herein. Der Erſtere ſchien ſehr be⸗ wegt, der Andere ſehr verſtimmt zu ſeyn; man drang mit Fragen in ſie.„Ihre Neugierde ſoll befriedigt werden,“ ſagte Dulude.„Ich kam zu dem Herzog von.. und fand Al⸗ mire da, der mich leiſe bat, meinen Beſuch zu verlaͤngern und mir ſagte, daß er auf Befehl ſeines Vaters hieher gekommen ſey. Hr. R.. ſchien hier das große Wort zu fuͤhren. Ich 2 ſah dieſen Mann bereits in England; er hat Geiſt, iſt aber von einem heftigen Charakter und ein wuthender Anhaͤnger des Abſolutismus. Seit lange ſchon trachtet er nach dem Porte⸗ feuille der Finanzen; zum Gluͤck iſt dieſes aber in Händen, die nicht leicht etwas wieder fahren laſſen was ſie einmal halten.“ „Man ſprach von dem Buche des Hrn. von Montloſier*). Was dieſer Autor, meinte Hr. R. als ein Uebel und als eine Ge⸗ fahr darſtellt, die uns bedroht, iſt nicht allein wirklich da, ſondern auch ohne daß es ein Mittel dagegen giebt. Die Congregation iſt ge⸗ genwaͤrtig auf eine Art organiſirt, daß ſie nichts zu furchten hat und ihr Triumph gewiß iſt. Die Koͤnige werden fuͤhlen, daß ſie nur durch ſie beſtehen koͤnnen, indem ſie ſich durch ſie leiten laſſen. Glauben Sie denn wirklich, daß wenn uns der Kaiſer Alexander nicht aus Ruß⸗ land fortgeſchickt haͤtte, ſich dann in ſeinem Reiche das wuͤrde zugetragen haben was ohnlaͤngſt vorging?“ Man antwortete nicht *) Ueber die Jeſuiten.%. 18* 272 hierauf; er aber fuhr mit einem unerſchůtterlich kalten Blute fort: „Der Hauptort des Ordens iſt Montrouge und man hat da, was Alles in der Welt ge⸗ lingen läßt, hinreichende Summen. Von die⸗ ſem Mittelpunkte gehen die Anordner nach den Provinzen aus, um hier Seminarien, Pflanzſchulen, Verbindungen u. ſ. w. zu gruͤn⸗ den. Die Biſchoͤfe ſind entweder Agenten oder werden fern gehalten: alles geſchieht mit oder ohne ihre Bewilligung. Gewiſſermaßen ſieht man es ſogar gern, wenn ſie ſich nicht anſchließen, weil ſi ich die mehrſten von ihnen nicht zu Inſtrumenten hergeben wollen, wir aber eben ſo wenig Haͤuptlinge, als eine Thei⸗ lung der Macht und eine Rangordnung wuͤnſchen. Alles fließt von einem Mittelpunkt aus und dieſer Mittelpunkt hat keinen Chef. Es iſt blos eine kleine, in ihren Entwuͤrfen und Ver⸗ fahren tief verhuͤllte, Committée, die von Wol⸗ ken und Geheimniß umgeben, vollig unſi ichtbar bleibt. Was daraus hervorgeht, hat Geſetzes⸗ kraft, ohne daß man je erfaͤhrt wer der Geſetz⸗ geber iſt, und dieſe Geſetze durchlaufen den 23— ganzen Umkreis ohne Erorterungen, ohne Be⸗ merkungen, ohne Verbeſſerungen, und weit ent⸗ fernt ſich durch ihre Ausbreitung zu ſchwächen, behalten ſie ihre ganze Kraft, und verdienen mehr den Ausſpruch: Vires acquirit eundo, als das von welchem man dies geſagt hat. Sie, mein Herr Herzog, werden gendthigt ſeyn ſich an uns zu wenden, wenn Sie Ihre Kin⸗ der verſorgen wollen, denn wir allein beſitzen die Mittel um Ihnen das nachweiſen zu kon⸗ nen, was fuͤr dieſelben paßt, und welche Ver⸗ bindungen Sie in Ihrem Intereſſe zur Vermeh⸗ rung Ihres Vermoͤgens, Ihres Anſehens und Ihres Einfluſſes zu ſchließen haben. Wenn Sie uns aber jetzt uͤbergehen, dann werden Sie grauſam dafuͤr beſtraft werden, weil dann, ohne uns zu vermeiden,(was eine Unmoͤglich⸗ keit ſeyn wird) die Verſorgungen die Sie nach⸗ ſuchen werden, von unſerer Willkuͤhr abhaͤngen, und Sie nur das zu bewerkſtelligen vermoͤgen werden, was wir Ihnen ſelbſt, ohne Ihr Wiſ⸗ ſen, geſtatten. Wir haben Belohnungen und Strafen im Hinterhalte und auch Feinde, die uns dienen, d. h. von den Unſrigen, 224 deren Rolle darin beſteht: bei jeder Gelegenheit und ſo oft es moͤglich iſt, unter der Maske der Feindſchaft, gegen uns und die Unſrigen zu handeln. Dieſe Leute wurden uns verdaͤchtig werden, wenn ſie uns vertheidigen wollten wenn man uns angreift, und unſer Lob in ih⸗ rem Munde wuͤrde ein Verrath ſehn, den wir ihnen nie vergaͤben.“— Indem er ſo ſprach war ſein Ausdruck fiſt und beſtimmt und er ſelbſt ſo ruhig, als wenn er Dinge von der hoͤchſten Gewißheit erzaͤhlte. Als ihn aber Je⸗ mand, den ich nicht kenne, aufmerkſam darauf machte, daß es Inſtitutionen gäbe die ſich den Fortſchritten der Geſellſchaft, die er fuͤr ſo feſt⸗ begruͤndet ausgab, widerſetzten; wiederholte R.„das Wort„Inſtitutionen“ mehr⸗ mals mit Verachtung und ſagte dann mit ei⸗ nem prophetiſchen Tone: daß, ehe zwei Jahre vergängen, die welche wir jetzt hätten nicht mehr beſtehen, und die Charte dann eben ſo gut dem Gebiete der Geſchichte verfallen ſehn wuͤrde, wie die kaiſerliche Verfaſſung. Deſormes. und dies alles kann Sie ver⸗ ſtimmen? — — Dulude. Schr. Deſormes. Wie! Sie ſehen nict die Un⸗ moͤglichkeit des Gelingens ein? Der Strom geht unaufhaltſam ſeinen Laufz wuͤrden Sie den Tho⸗ ren nicht auslachen der es vergebens verſuchte, ihm eine entgegengeſetzte Richtung zu geben? Dulude. Aber haben Sie denn ganz ver⸗ geſſen, was Montaigne ſagt?„Man ergraut an Jahren ohne deswegen um ein Haar weiſer zu werden: man geht immer vorwaͤrts, aber nach Art der Krebſe: der Gang des Alters iſt der eines ſchwankenden, ſchwindelichen Trunkenen*).“ Deſormes. Montaigne ſpricht von Ein⸗ zelnen, die Maſſe aber altert nie.„ Mad. Delwins. Lieber Onkel, wir wol⸗ len lieber an Ihre Anpflanzungen in Beaure⸗ gard denken. Dulude. Du haſt Recht; wenn reiſen wir ab? Mad. Delwins. uebermorgen. Dulude. Wir muͤſſen Almire mitnehmen; er kann da bis zum Ablauf ſeines Urlaubs bleiben. *) Essai de Montaigne L. III. — Die Gräfin. Und wer von den Herren wird uns begleiten? Wer uns beſuchen? Der Chevalier, Deſormes und Harmage, erboten ſich zum Erſteren, die Anderen verſpra⸗ chen Beſuche, deren Dauer von ihren uͤbrigen Geſchaͤften abhaͤngen wuͤrde. „Zu Beauregard,“ fuhr die Graͤfin fort, „wollen wir dann auch unſere Rechnung abſchlie⸗ ßen; der Chevalier iſt uns noch den Schluß ſeines Gemaͤldes der Sitten des achtzehnten Jahrhun⸗ derts und die Erzaͤhlung ſeines Aufenthaltes bei einem Fuͤrſten, den wir nicht kennen und den er uns hoffentlich noch ſchildern wird, ſchuldig. Hr. Deſormes. Deſormes. O! was den anlangt, ſo liebt er es nicht ſeine Mittheilungen vor ſo Vielen zu machen, ohne die Gewißheit zu haben, daß ſie gefallen. Die Graͤfin. Dies werden wir hoͤren, wenn wir in die Stadt zuruͤckkehren und das Buch geleſen ſehn wird. Ende des zweiten Theils. K —— —— fnſſiſ 12 1 6 2 8 9 10 11 3