Leihbibliothek utſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † SEdnard Ottmann in Gießen, chloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß und Teſebedingungen. er Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ckgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 e Rückgahe eines geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Cauti te Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 es Buches, m Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. nhchenttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 141 Wet.— P1 50 Pf. 2 Mf.— Pf. 3 uswürtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung 2 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und vdefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — e — che Erzihlungen aus den Pariſer Salons von V. D. Musset⸗Pathay. Deutſch bearbeitet von Friedrich Gleich⸗ Erſter Theil. nxm——— Leipz 132 Verlag von Carl Focke. —. Hiſtoriſche Erzählungen. Multa incredibilia vera, multa credibilia falsa. Vorwort. 8 1 Ehe man den Titel verwirft, muß man vorher wiſſen, ob er Bezug auf das Werk hat und ob es moͤglich war demſelben einen andern zu geben⸗ Deswegen iſt es noͤthig das Vorwort zu leſen das ihn erklaͤrt und begruͤndet. Man hatte ſo eben das Kind der Frau von Montrieux getauft, und wie gewoͤhnlich, folgte ein glaͤnzendes Fruͤhſtuͤck dieſer Ceremo⸗ nie. Wir ſaßen um eine wohlbeſetzte Tafel und da die eigentliche Fruhſtuͤckſtunde bereits längſt voruͤber war, ſo zeigten wir ſaͤmmt⸗ lich einen bemerkenswerthen Appetit; allein NT —— obſchon, in Folge dieſes Appetites, anfaͤnglich ein tiefes Schweigen unter uns herrſchte, ſo dauerte es doch nicht lange, daß die Unterhal⸗ tung von neuem in Gang kam. Die Werke des Tages wurden der Gegenſtand derſelben. Der Amphitrio, Herr Delwins, ein großer Liebhaber von Neuigkeiten, verlangte von ſei⸗ nem Buchhaͤndler die Zuſendung von allem was erſchien und in dieſem Punkte ſgleicht nichts der Aufmerkſamkeit dieſer guten Leute. Die erſten Exemplare der beiden Werke die an demſelben Morgen erſchienen waren, wurden dem Herrn des Hauſes uͤbergeben; es waren dies: die Contes nouveaux der Frau von Guizot, und die von Adrian von Sarrazin, ein paar allerliebſte Werke voll Geiſt und Leben, uͤber die man jetzt einige Bemerkungen machte. — Wir haben, ſprach ich, moraliſche, freie, heitere, drollige Erzaͤhlungen, kurz, Erzählungen von aller Art, aber hiſtoriſche fehlen uns noch. —— 7 VI** Delwins. Hiſtoriſche Erzaͤhlungen! es liegt ein Widerſpruch in der Sache. — Das iſt nur ein Vorurtheil; aus jener als Autoritaͤt angenommenen Definition des Abbé Girard,*)„Erzaͤhlung kann man auch von wahren oder erdichteten Geſchichten ſagen, die in der Unterhaltung vorgetragen wer⸗ den,“ ſehen Sie, daß eine Erzaͤhlung guch wahr ſeyn kann, und wenn man gewiſſe Unterhal⸗ tungen aufſchriebe, ſo wuͤrde man dadurch hi⸗ ſtoriſche Erzaͤhlungen erhalten. Delwins. Und die hiſtoriſchen Romane der Frau von Genlis, des. 2 — Der Unterſchied zwiſchen hiſtoriſchen Romanen und Erzählungen iſt groß. In erſteren iſt ſtets die Rede von Liebe und Krieg; . *) Dieſe Definition iſt eigentlich von d'Alembert, doch macht ſie einen Theil der Synonimen: Er⸗ zahlung, Fabel, Roman vom Abbé Girard aus(S. Encyclop. method: grammaire et lit- terature T. I. p. 506.) ſie ſind eine Zuſammenſetzung und Folge mehrerer angenommenen Aben⸗ theuer, während ein einziges gewohnlich der Gegenſtand einer Erzählung iſt. Delwins. und die Geſchichte? wie kommt die dabei zu rechte? 440 n1n — Die Geſchichte! Sie iſt voller ange⸗ nommenen Abentheuer, Fabeln... Delwins. Glauben Sie? — Ja. und Sie auch, aber man will dies nur nicht eingeſtehen. Es giebt keine hiſtoriſche Thatſache, ſey ſie ſo beſtimmt als ſie wolle, die nicht etwas Fabelhaftes an ſich traͤgt: und eben ſo auch keine Erzaͤhlung, ſo fabelhaft ſie auch ſeyn mag, die nicht etwas Wahres enthaͤlt. Hieraus folgt denn, daß es keine hiſtoriſche Wahrheit in Hinſicht der Um⸗ ſtaͤnde der Thatſachen giebt, und was unter un⸗ ſern Augen vorgeht, macht dieſe beiden Behaup⸗ tungen unleugbar. Eine Sache wobei wir ſelbſt IX handelten und die wir wiedererzaͤhlen, wird von uns nie ganz genau mitgetheilt, ſo ehrlich wir auch ſeyn moͤgen. Unſere Augen haben uns ge⸗ taͤuſcht, unſer Gedaͤchtniß iſt uns untreu, wir hoͤrten und handelten unter dem Einfluß der Lei⸗ denſchaften, oder wenn wir ſo glucklich waren demſelben zu entgehen, unter dem der Einbil⸗ dungskraft. Zwei Monate nach dem Ereigniſſe erzaͤhlen wir daſſelbe ſchon nicht mehr ſo, wie wir es anfangs berichteten; ſechs Monate ſpaͤ⸗ ter iſt die Verſchiedenheit noch groͤßer. Kurz, es iſt unmoͤglich zu verſichern, daß ſich eine Sache genau ſo zugetragen hat, wie man ſie mittheilt und wenn Sie ſich z. B. der Ereigniſſe Ihres Lebens erinnern wollen, die Ihr Gedächtniß aufbewahrte.... Die Unterredung wurde hier durch den Ein⸗ tritt eines Chorknaben unterbrochen, der den Auszug aus dem Taufregiſter brachte, den Hr. Delwins von dem Prieſter verlangt hatte, und den er nun neben mir auf den Tiſch legte. Hr. von Montrieux. Ich verſtehe Sie. Wohlan! das Ereigniß deſſen mein Gedaͤchtniß in dieſem Augenblicke am allergewiſſeſten ſich erinnert, iſt die Taufe von Maria Joſeph Alphons. — Verſtaͤndigen wir uns: wenn ich ſage, eine Thatſache, ſo verſtehe ich nicht darunter ei⸗ nen Datum von dem die Rede iſt, ſondern Um⸗ ſtaͤnde die dieſe Thatſache begleiten.. Uebri⸗ gens diente Ihnen der Zufall ſchlecht und Sie waren nicht gluͤcklich in Ihrer Wahl. Hr. von Montrieux.(lebhaft.) Wie! ich wäre nicht gewiß, daß mir vorgeſtern ein Knabe geboren worden iſt? — Und wie koͤnnen Sie, hiſtoriſch 5 reden, es beweiſen, daß dieſes Kind in Knabe iſt? Hr. von Montrieux. Nichts iſt leichter. — Ich ſage, nichts iſt es weniger. Hr. von Montrieux. Zuerſt, ſein Ge⸗ ſchlecht iſt durchaus nicht zweifelhaft. K1 — Das gebe ich zu; aber es handelt ſich hier darum, es fuͤr Abweſende zu beweiſen. Hr. von Montrieup. Dazu dient ja das Taufzeugniß, welches man ſo eben brachte. — Schoͤn; aber was beweiſt es? er von Wontrieut. Es beweiſt, daß. — Daß Ihr Knabe ein Madchen iſt: leſen Sie ſelbſt. In der That, der Prieſter, getaͤuſcht durch den erſten Vornamen des Kindes, hatte das weibliche Geſchlecht angedeutet.*) Ganz *) Nach der von den katholiſchen Prieſtern in Frank⸗ reich angenommenen Formel, haͤngt die Beſtim⸗ mung des Geſchlechtes von der Zuſetzung oder Weg⸗ laſſung eines einzigen Buchſtabens ab. In dem Auszuge aus dem Taufregiſter von Charlotte Ge⸗ noveva Luiſe Auguſte André Th himother d'Eon de Beaumont, las man die Worte:„n6 d'hier, a 6t6 paptis nous;“ ſo daß es ſchien, als haͤtte man von der Geburt dieſes beruͤhmten Men⸗ ſchen an, einen Zweifel uͤber das Geſchlecht deſſel⸗ ben begruͤnden wollen. In den Civilregiſtern iſt dagegen die Bezeichnung des Geſchlechtes beſtimmt und hier kein Irrthum durch einen orthographi⸗ ſchen Fehler moͤglich. beſturzt ſah Hr. von Montrieux ſchon im Geiſte das Heer von unangenehmen Schritten voraus, die er wuͤrde thun muͤſſen um ſeinem Sohne geſetzlich das Geſchlecht zu verſchaffen, wel⸗ ches die Natur demſelben gewaͤhrt hatte; zum Gluͤck kam er jedoch diesmal mit der Furcht davon, da der Irrthum nicht auch in den Ci⸗ vilregiſtern begangen worden und es daher leicht hielt, ihn in dem Kirchenbuche zu berich⸗ tigen. Hr. Delwins griff mich jedoch von neuem an. Ich ſehe, ſprach er zu mir, daß Sie nichts Wahres in der Geſchichte finden als die Zeit⸗ beſtimmungen und das Reſultat der Hand⸗ lungen. — Es gibt auch nichts Wahres und Unbe⸗ ſtreitbares als dies. Aber dieſes Reſultat wuͤrde mißfallen und ohne Nutzen und Annehmlichkeit ſeyn; beides erhaͤlt man nur durch das Mittel des Berichtes oder der Erzählung. Delwins. Nehmen wir, um uns beſſer XIII zu verſtaͤndigen, ein Beiſpiel an. Die beruͤhmte Schlacht am 2ten Decbr. 1805, die man die Schlacht der drei Kaiſer nennt; was ſehen Sie hier Gewiſſes 2 6 Zuerſt daß hier zwei Kaiſer waren die vollſtaͤndig geſchlagen wurden; dann den Da⸗ tum des Ereigniſſes, die Invaſion des Landes, die Wegnehmung der feſten Plaͤtze Dies iſt ſo ziemlich Alles. 5. Delwins. Und die Umſtaͤnde? — Sind zweifelhaft, falſch, gemuthmaßt, nach dem Ereigniſſe geordnet. Wurde dies wichtige Ereigniß lange vorbereitet? Gingen ihm tiefſinnige Berechnungen voraus? wal⸗ teten vielleicht auf einer Seite Unbedachtſam⸗ keit und auf der anderen, große Fehler? Wer unterrichtet uns davon? wer mißt dem Gluͤcke, wer dem Genie ſeinen richtigen Antheil zu? Und die näheren Angaben! Vergleichen Sie einmal die Berichte des Siegers mit denen der Beſiegten! Uebrigens, was ich hiſtoriſche Wahr⸗ heit nenne, iſt nicht ſowohl die Genauigkeit in der Etzaͤhlung ſelbſt, als die großen Lehren die daraus hervorgehen. Es iſt dies die morali⸗ ſche Wahrheit, die einzige die einigen Nutzen gewahrt. Ein Hiſtoriker ſollte, doch dieſer Wunſch iſt kahn, wie ein geſchickter Architect ſeyn. Sie zeigen dieſem das kaum noch ſicht⸗ bare Fundament eines alten, gaͤnzlich verwuͤſte⸗ ten Denkmales, von dem nichts mehr vorhan⸗ den iſt, und durch die Huͤlfe der Regeln ſeiner Kunſt, macht er den Plan, das Profil, die Zeichnung dieſes Monumentes, und faͤhrt es, wenn es ſehn muß, wieder auf. Kehren wir indeß zu Ihrem Beiſpiele zuruͤck. Ohne uns ſo weit zu verſteigen, ohne bis nach Maͤhren zu gehet ohne uͤber den Rhein zu ſetzen, ja ohne die Hauptſtadt und ſelbſt nicht einmal Ihren Saal zu verlaſſen, ſage ich Ihnen, daß wenn wit uns, Sie und ich, der Scenen aus dem ge⸗ woͤhnlichen Leben erinnern die unter unſeren Augen vorgehen, das, was Sie am gewiſſeſten —— zu wiſſen glauben, in das Gebiet der S ſchen Erzaͤhlungen gehoͤrt. pid Delwins. Ein ſeltſames und der Beweis?. — Er ſoll unumſtoͤßlich en doch bwarf ich Zeit dazu, weil er aus dem Bericht oder der Schilderung von Ihren M beſtehen wird.. Delwins. Und Sie werden da genau ayn — Gewiſſenhaft ſelbſt, und Sie gezwungen dies einzugeſtehen, ſelbſt wenn Sie Einzelnes nicht wollten gelten laſſen. Delwins. Das Uuebelſte bei hiſtoriſchen Romanen iſt, daß ſie Wahrheit und Dichtung un⸗ ter einander verſchmelzen und beide dermaßen in dem Gedaͤchtniſſe zuſammenwerfen, daß man ſich vergebens bemuͤht eine von der andern zu unterſcheiden, daher Gefahr laͤuft, das Falſche fuͤr das Wahre zu nehmen und folglich, auf dieſe Art, nie deſſen gewiß iſt was man ſagt. Wie werden Sie dieſen Einwand beſeitigen? RV — Indem ich Ihnen darauf erwiedere, daß dieſer uebelſtand ſich nicht in meinen Erzaͤh⸗ lungen finden wird; daß, wenn es mir nicht ganz mißgluͤckt, man die Wahrheit darin un⸗ terſcheiden, ſie fuͤhlen, wenn ſie moraliſch, ſie ſehen ſoll, wenn ſie hiſtoriſch iſt. Wort. Ach! ich beging die Thorheit dies Wort nicht zuruͤckzunehmen, und der Leſer erhaͤlt nun hier die Loͤſung meiner Aufgabe. 3½ * Delwins. Gut, ich nehme ſe bein ——— Erſtes Kapitel. Eine romantiſche Wittwe. Die Graͤfin von Camarina, gefeiert in Italien durch ihren Geiſt und ihre Schoͤnheit, war im fuͤnfunddreißigſten Jahre Wittwe und Herrin ihrer Handlungen und ihres Vermoͤgens gewor⸗ den. Franzoͤſin von Geburt, ſeit ihrer zarte⸗ ſten Jugend aber aus dem Vaterlande entfernt, und ein Opfer des Ehrgeizes, hatte ſie dennoch nicht aufgehoͤrt ſich für daſſelbe zu intereſſiren. Ein gutes Geſetz, eine nuͤtzliche Einrichtung, ein Sieg, kurz alles was das Gluͤck und den tuhm des Heimathlandes zu vermehren ver⸗ mochte, hob auch ihr Herz. Leidenſchaftlich fuͤr die Freiheit eingenom⸗ men, waren die Huldigungen die ſie derſelben brachte, um ſo reiner, je mehr ſie von der Wahrheit uͤberzeugt war: daß Freiheit unter I. 1 allen geſetzlichen Regierungen beſtehen kann, wenn nur Niemand in denſelben uͤber dem Geſetze ſteht. Nachdem ſie geraume Zeit die Bewunde⸗ rung mehrerer Hoͤfe geweſen, bei welchen ihr Gemahl als Geſandter angeſtellt war, hatte ſie den richtigen Tact der unangenehmen Epoche zuvorzukommen, in der die Herrſchaft der Schoͤnheit aufhoͤrt. Zwei furchtbare Uebel fuͤr eine Frau ſtellten ſich ihrem Geiſte dar: Alter und Langeweile. Dieſer gab es eine Moͤg⸗ lichkeit zu entgehen, jenes aber blieb un⸗ vermeidlich. Sie fuͤhlte daß man ſich dem ſchmerzlichen Geſetz der Nothwendigkeit unter⸗ werfen mußte, ſann nach und nahm dann ihre Parthie, indem ſie zu ſich ſprach:„Wenn ich es verſtehe mich vor der Langenweile zu ſchuͤ⸗ tzen, dann werde ich das Alter nicht gewahr werden.“— Nachdem ſie hierauf einen Theil ihres großen Vermoͤgens eingezogen hatte, wechſelte ſie den Namen und begann die vor⸗ nehmſten Laͤnder Europas zu bereiſen und ſich deren Hauptſtädte zu beſehen, um ſo ſich den Ort auswaͤhlen zu konnen, der ihr die mehr⸗ 3 ſten Mittel ſich vor der Langenweile zu ſchutzen, bieten wuͤrde. In Venedig, Florenz, Rom, Mailand, Wien, Berlin, London und Bruͤſ⸗ ſel, glaubte ſie nur einen Theil von dem zu finden was ſie ſuchte; Paris allein ſchien ihr dagegen alle Vortheile zu und ſie ließ ſich hier nieder. Waͤhrend ihres Aufenthaltes in Bruͤſſel, ſtand ſie auf dem Punkt ihre Unabhaͤngigkeit zu verlieren. Sie machte in dieſer Stadt die Bekanntſchaft eines franzoͤſiſchen Officiers, Na⸗ mens Delwins, der mit dem anziehendſten Aeußeren„ ein großes Vermoͤgen, Liebe zu den Wiſſenſchaften, feinen Weltton und eine Menge mannigfaltiger Kenntniſſe und liebenswuͤrdiger Eigenſchaften verband. Von fruͤher Jugend an verwaiſt, war er gekommen Herrn Duͤluͤde, den Bruder ſeiner Mutter, ſeinen Vormund oder Freund vielmehr, der ihm die zaͤrtlichſte Sorgfalt erwies, zu beſuchen. Delwins ſah die Graͤfin von Camarina nicht mit Gleichguͤltigkeit, und ſie ihrerſeits empfand bei ſeinem Anblick ebenfalls einige Un⸗ ruhe. Ihre Gewohnheit, alles zu erwaͤgen und 1* 4 zu bedenken, ließ ihr bald die Gefahr bemer⸗ ken, der ſie ſich bloß ſtellte. Beide ſahen ſich alle Tage und Delwins war oft ſtill und in ſich gekehrt; zu erklaͤren wagte er ſich jedoch nicht. Die Graͤfin traf jetzt in geheim Anſtal⸗ ten zu ihrer Abreiſe, und in dem Augenblick wo ſie ſich auf dem Weg nach Paris begab, ſandte ſie ihm nachſtehendes Billet: „Ich habe Sie errathen: Sie ſind juͤnger „als ich; wir taugen daher nicht fuͤr einander. „Um den Irrthum zu vermeiden der uns das „Gegentheil einreden könnte, reiſe ich ab, doch „wuͤnſche ich Ihrem Gluͤcke nicht fremd zu blei⸗ „ben, und, wenn Sie es wollen und es ver⸗ „dienen, wird es nur von Ihnen abhaͤngen „reichlich fuͤr den Verluſt den Sie jetzt viel⸗ „leicht zu erleiden glauben, entſchädigt zu „werden.“ Nicht ohne Erſtaunen las Delwins einen Brief, welcher ſo ſehr von den gewoͤhnlichen Gebraͤuchen abwich. Sie war eine Frau und ſchrieb zuerſt; ſie nahm an, daß er ſie liebte, oder doch im Begriff ſtaͤnde ſie zu lieben, und ſie konnte hierbei Gefahr 5 laufen auf einen jener Eingebildeten zu treffen, die ſich ſo gern der Siege raͤhmen, die ſie nicht erhalten haben.— Doch die Weiber taͤuſchen ſich ſelten in der Liebe.— Indeß lag doch in dem Billet der Graͤfin etwas Geheimnißvolles was Delwins be⸗ ſchaͤftigte. Wie konnte ſie zu ſeinem Gluͤcke beitragen?— Wir werden nicht anſtehen die Loſung des Raͤthſels zu geben. Die Graͤfin hatte eine Schweſter welche ſie zaͤrtlich liebte, obſchon dieſe zuͤnger und ſchoner als ſie ſelbſt, noch in dem gluͤck⸗ lichen Alter war, das uns eine ſchoͤne und glanzende Zukunft verſpricht: ein Fehler, den ſelten diejenigen verzeihen, denen die Aus⸗ ſicht auf dieſe Zukunft bereits verſchwand⸗ Dieſe Schweſter allein war es geweſen welche einige Annehmlichkeiten uber die Tage der Grä⸗ fin verbreitete, waͤhrend deren Gemahl, der eiferſuͤchtigſte und unumgaͤnglichſte Mann am Hofe zu Palermo, noch lebte. Die einzige Zuvorkommenheit welche er ſeiner Gemahlin erwies, war die, ihr zu erlauben Sophien bei ſich zu ſehen, und da dieſe verſprach einſt ſehr 6 ſchoͤn zu werden, ſo war dieſe Gefälligkeit viel⸗ leicht nicht einmal frei von allem Intereſſe. Nacheinander Geſandter an zwei Hoͤfen, hatte der Graf die beiden Schweſtern mit dahin ge⸗ nommen; er liebte es ſeine Frau zu zeigen, die immer alle Blicke auf ſich zog, zugleich machte aber ſeine außerordentliche Eiferſucht ihm das zur fortwaͤhrenden Qual, was ſeiner Eitelkeit ſchmeichelte. In einem Anfall jener Leidenſchaft war er in einen Streit mit dem Herzog von Cherasco gerathen, von dem er eine todtliche Wunde erhielt, die ſeine Frau endlich von einem täglich unerträglicher werdenden Joche befreite. Die Graͤfin hatte ihre Schweſter in Pa⸗ lermo zuruͤckgelaſſen. Es war ihr Wille ſie auszuſtatten und ihr einen Gemahl zu ſuchen; Delwins ſchien alle Forderungen zu erfuͤl⸗ len die ſie machte; noch war er nicht drei⸗ ßig Jahre, und Sophie trat eben ihr achtzehn⸗ tes an.— Dieß ſind die Aufklärungen, die das Billet welches die Gräfin bei ihrer Abreiſe hinterließ, erheiſcht um verſtanden zu wer⸗ den.— Kehren wir jetzt zu ihr ſelbſt zuruͤck. Sie kam nach Paris. Ihre Mutter war 7 in dieſer Stadt geboren worden und ſie fand Verwandte hier, von denen ſie um ſo zuvor⸗ kommender aufgenommen wurde, da ſie nichts von ihnen zu bitten hatte. Es war dieß um die Zeit des Conſulates und des zweiten Jahres dieſer Verwaltung, die ſo wenig Dauer haben ſollte. Das Ver⸗ ttauen welches der Krieger einfloßte, der dieſe Wuͤrde bekleidete, war damals um ſo unge⸗ meſſener, da man noch keinen Hof und keine Schmeichler um ihn her erblickte. In einer Hauptſtadt die durch alle Umſtände begunſtigt wird, um ſie zu dem Mittelpunkt der Kuͤnſte, der Wiſſenſchaften, des Geſchmacks und der Vergnuͤgungen zu machen, bedarf es, wenn Exeigniſſe ihr Gluͤck unterbrochen haben, nur einer Gelegenheit um daſſelbe mit deſto mehr Glanz wieder hervorzurufen, und dieſe Gelegenheit war jetzt gekommen. Bald wett⸗ eiferten die Kuͤnſte unter einander und man ſah den guten Ton, die Geſchliffenheit der Sit⸗ ten und die Eleganz des Benehmens wieder erſcheinen, die waͤhrend einiger Jahre gleichſam Proſcriptionstitel geweſen waren. Die geſell⸗ ſchaftlichen Verbindungen ſtellten ſich wieder her, und Paris zeigte ſich wieder wie ehemals. Die Graͤfin koſtete alle Vergnuͤgungen, die ſich einer Frau von ihrem Stande in einer Stadt darbieten, welche ſie alle vereint; es war ihre Abſicht eine Wahl unter denſelben zu treffen, um bei denen zu verweilen die ſie fur laͤngere Zeit bewahren konnte. Eingefuͤhrt in die große Geſellſchaft, war ſie bei allen Verſammlungen derſelben eingela⸗ den, wuͤnſchte aber auch ſie einladen zu koͤnnen. In dem Lande welches ſie verlaſſen hatte, hätte ſie dieß ohne Anſtand zu thun vermocht; aber ſie fuͤhlte daß in dem welches ſie jetzt be⸗ wohnte, Ruckſichten zu nehmen waren die ſie ehren mußte, wenn ſie ſich Achtung bewah⸗ ren wollte. Zwar wußte ſie wohl auf was ſich dieſe, zuweilen ſo gebrechliche, Achtung zu⸗ ruͤckfuͤhren ließ, doch wollte ſie nichts thun um dieſelbe durch ihre Schuld zu verſcherzen; ſie war noch zu jung, und vorzuglich zu ſchoͤn, um unbemerkt zu bleiben. Ihre Mutter und ihre Schweſter hatten ihr 9 bei ihrer Abreiſe aus Palermo verſprochen, zu ihr zu kommen ſobald ſie ſich den Ort wuͤrde ausgeſucht haben, der alle von ihr gewuͤnſch⸗ ten Bedingungen in ſich vereinte. Entſchloſſen jetzt ſich in Paris niederzulaſſen, ſchrieb ſie ih⸗ nen; doch gehoͤrten mehrere Monate dazu, ehe dieſer Plan in Ausfaͤhrung kommen konnte und Frau von Camarina wollte nicht den Winter voruͤberlaſſen, ohne ihr Haus zu eroffnen, was ſie doch, nach den bereits gegebenen Anſichten, nicht fuͤglich konnte. um dies auszugleichen, bat ſie die Schwe⸗ ſter ihrer Mutter, ihr behuͤlflich zu ſein und nahm dieſelbe zu ſich um die Honneurs bei ihr zu machen. Frau von St. Juſt zog daher im Monat Januar 1803, mit ihrer Tochter bei der Graͤfin ein, deren Plan es war, die ver⸗ ſchiedenen Geſellſchaften in Paris gleichſam zu muſtern und ſich aus der großen Zahl von Perſonen welche dieſelbe bildeten, eine Art von Elite auszuwaͤhlen. Die erſten Verſammlungen bei ihr waren demzufolge ſehr zahlreich, weil die Grä⸗ fin, ſich nach der herrſchenden Mode rich⸗ 10 tend, alles bei ſich zu ſehen wuͤnſchte, was ſie bei Anderen geſehen hatte. Die Bouillote herrſchte damals in den Geſellſchaften eben ſo wie jetzt das Ecarté, und ſiegte nicht ſelten uber die geiſtige Unterhaltung, die Baͤlle und Concerte. In dem Beſtreben ſeinen Gaſten Vergnuͤgen zu verſchaffen, nahm man ebenfalls zuweilen zu dem Mittel ſeine Zuflucht, litera⸗ riſche Einzelnheiten, ſowohl in Proſa als in Verſen, vorzuleſen, und ſo kam es, daß wäh⸗ rend eines Theiles der Nacht die Geſelſchaft manchmal einer Sitzung der Akademie glich. Voll Ungeduld ſeufzten dabei die jungen Leute nach dem Ball; aber die Bouillote taͤuſchte immer von neuem ihre Hoffnungen. Bei einer dieſer erſten Soirées erſchien Delwins; kaum war es ihm jedoch moͤglich der Frau vom Hauſe einige Worte zu ſagen, die, ſo wie ihn erblickte, ihn bat, am folgenden Tage bei ihr zu Mittag zu ſpeiſen. Als er jetzt dieſen Haufen von Menſchen hier ſah, fuhlte er ſich ſchmerzlich in ſeinen Erwartungen getaͤuſcht und ſchon fuͤrch⸗ tete er, ſich in Betreff der Graͤfin geirrt zu zaten Da er wußte, daß verſchiedene, durch ihre nine oder minder begruͤndeten Anſpruͤche, bekannte Frauen, ſo viel Perſonen wie nur moͤglich bei ſich zu verſammeln ſuchten um ſich ſehen zu laſſen, ſo glaubte er jetzt gezwun⸗ gen zu ſeyn, die Gräfin in die Zahl der⸗ ſelben reihen zu muͤſſen. Deswegen von ſich ſprechen zu laſſen, weil man eine Maſſe groͤß⸗ tentheils unbekannter Perſonen bei ſich empfing, iſt ein ſehr kleines Verdienſt, es iſt das der Mittelmaͤßigkeit. Nachdenkend und bekuͤmmert, kehrte Delwins in ſeine Wohnung zuruͤck und wurde erſt den folgenden Tag aus ſeinem Irr⸗ thum gezogen. Anfaͤnglich ſtand er an, der empfangenen Einladung Folge zu leiſten und nur mit dem Vorſatz, ſeine Abreiſe nach Bruͤſ⸗ ſel zu beſchleunigen, falls er ſeine Befurchtun⸗ gen gegruͤndet ſehen ſollte, entſchloß er ſich hinzugehen; aber er fuͤhlte ſich angenehm ent⸗ taͤuſcht, als er von der Graͤfin ſelbſt den Zweck vernahm, den ſie ſich bei dieſen Geſell⸗ ſchaften vorgeſetzt hatte, und wie ſehr dieſes Wogen und Treiben ſie ermoͤdete. unterdeß vergaß er den Inhalt des geheim⸗ 12 nißvollen Billetts nicht, welches er in Bruͤſ⸗ ſel empfangen hatte, und da er muthmaßete, es ſey die Abſicht ſeiner Freundin ihn zu ver⸗ heirathen— die einzige Auslegung, deren das Billet ihm faͤhig ſchien— ſo ſuchte er in die⸗ ſen Geſellſchaften diejenige, die ſie ihm beſtimmt haben koͤnnte, ohne ſie jedoch zu finden. So. oft er im Geſpräch dieſen Gegenſtand beruͤhrte, wich die Gräfin ihm mit Gewandtheit aus, und wenn er zuweilen dringender wurde, dann brach ſie die Unterhaltung lächelnd mit der emerkung ab: ihr doch Zeit zu laſſen, ſich ſelbſt finden und die Umgebung in 5 ſ e „kennen zu lernen. Drei Monate vergingen auf dieſe Art, da langten die Mutter und die Schweſter der Frau von Camarina an. Man befand ſich mitten in den Faſten; die großen Geſellſchaf⸗ ten hatten aufgehoͤrt, aber des Abends an den Tagen wo ſie ſonſt ſtatt fanden, verſammelte ſich immer noch ein kleiner Cirkel. Die Grafin war begierig zu erfahren, welchen Ein⸗ druck ihre Schweſter auf Delwins machen wuͤrde; um dies beſſer beobachten zu koͤnnen, „— ————————————— —,———— 13 hatte ſie ihm nichts von deren Ankunſt geſagt. Sie ſandte jetzt Sophie zu ihrer Tante und bat mehrere Perſonen zu einem Thee. Sophie und ihre Mutter ſollten gegen Abend wie zu ei⸗ nem Beſuche kommen. Es hatte ſich mehr Geſell⸗ ſchaft verſammelt als man erwartete. In dem Augenblicke als die Damen angemeldet wur⸗ den, war Delwins in einer ſehr lebhaf⸗ ten Unterhaltung uͤber das Geruͤcht begriffen, das ſich daruͤber verbreitet hatte: der erſte Mann der Republik wolle ſeine conſulariſche Toga mit dem Kaiſermantel vertauſchen. Del⸗ wins tadelte laut dieſen Plan und verwarf ihn als dem Intereſſe ſowohl des Landes, als deſſen entgegen der daſſelbe regierte, und als eine Veranlaſſung zu Untergang und Vernich⸗ tung. Eben wie er ſich mit dem mehrſten Feuer ausſprach, erſchienen Mutter und Toch⸗ ter; bei dem Anblick der letzteren verſtummte er plotzlich; ein noch nie gekanntes Gefuͤhl er⸗ griff ihn; ſeine Blicke verließen nur Sophie um die Graͤfin außzuſuchen, aber ſorgfaͤltig vermied dieſe, die nicht ohne geheimes Vergnoͤ⸗ gen den Eindruck bemerkte den Sophiens Reize 23. auf ihn machten, den ſeinigen zu begegnen. Sophie begab ſich bald mit ihrer Mutter nach ihrem Zimmer; voll Ungeduld wartete Del⸗ wins jetzt den Augenblick ab, wo die Grafin allein war, dann rief er mit erſchutterter Stimme aus: „Ach Madame! wie ungluͤcklich wurde ich ſeyn, wenn dieſes junge Mädchen nicht naher von Ihnen gekannt waͤre, und nicht hinrei⸗ chend, als daß es Ihnen moͤglich iſt zu mei⸗ nem Gluͤcke beizutragen.“— Frau von Cama⸗ rina wollte ihn ein bischen außiehen, da ſie aber einen tiefen Schmerz in ſeinen Zuͤgen ſah, ſo hielt ſie inne und beſtellte ihn auf den nächſten Tag wieder, um ſich naͤher mit ihm zu beſprechen. Die Graͤfin hatte eine etwas romanhafte Einbildungskraft; ſie wuͤnſchte nicht allein den Eindruck kennen zu lernen, den ihre Schweſter auf Delwins gemacht hatte, als auch den, den dieſer auf jene hervorgebracht habe Sophie war von ihr benachrichtigt worden, daß ſie unter den jungen Maͤnnern, die dieſen Abend in der Geſellſchaft waͤren, den ſehen wuͤrde, — den ſie gern einmal ihren Schwager nennen mochte; doch verſicherte ſie ihr auch zugleich dabei, daß ſie ihr auf keine Weiſe in ihrer Wahl hinderlich ſeyn wolle und daß ſie ſelbſt die Freiheit zu hoch achte, um ihr die ihrige zu beſchränken. In der That hatte ſie auch bei der Wahl der jungen Maͤnner die ſie die⸗ ſen Abend zu ſich bat, loyal gehandelt; ſie hatte alle diejenigen verſammelt, die man am mehrſten in der Geſellſchaft auszeichnete und außerdem noch einige andere, die nach ihrer Anſicht dies eben ſo verdienten. An der Spitze dieſer letzteren ſtand Delwins, der in Paris, wohin er nur ſelten kam, wenig bekannt war. Sophie hatte ſo ziemlich eine gleiche Wir⸗ kung auf alle dieſe jungen Herren hervorge⸗ bracht; zwar bemerkte ſie kaum, daß es bei Delwins mehr als Neugierde war, was deſſen Blicke an ſie feſſelte, aber ſie ſah es doch, denn nichts entgeht leicht den Frauen, wenn ihre Aufmerkſamkeit rege iſt. Die Eroͤffnung ihrer Schweſter hatte ſie jedoch aͤngſtlich gemacht; ſie furchtete den Vorzug je⸗ dem Anderen eher als dem zu geben, den die Graͤfin meinte und dieſe Befuͤrchtung veran⸗ laßte, daß ſie aͤußerſt zuruckhaltend war. Den andern Morgen geſtand ſie der Graͤfin das beengende der Lage, in welcher ſie ſich befunden hatte und bat ſie, ihrer Verlegenheit ein Ende zu machen, indem ſie hinzuſetzte, daß ſie ſich in Betreff der Wahl eines Gatten ganz der Zärtlichkeit und Erfahrung der Schweſter hingaͤbe. Voll Naivetät ſchloß ſie damit zu geſtehen: daß Delwins Verlegenheit ſie er⸗ griffen habe, und daß, wenn er nicht der waͤre, den ſie ihr beſtimmt hätte, ſie ihn nicht wieder zu ſehen wuͤnſche. Delwins kam den Vormittag wieder um die Gräfin mit Fragen zu beſtuͤrmen und ſie zu bitten, ihm zu ſagen, ob es ihm geſtat⸗ tet ſey der ſchoͤnen Unbekannten ſeine Huldi⸗ gungen zu bringen, und vorzuͤglich ob ſie ſich ſeiner Sache annehmen wolle. Da er gewohnt war alle Angelegenheiten mit Offenheit und Freimuth zu betreiben, ſo fugte er dieſen Worten eine Auseinanderſetzung ſeiner Vermo⸗ gensumſtaͤnde hinzu, die bedeutend genug wa⸗ Scchtecthiht „ ⸗ 17 ren um keinen Wunſch in dieſem Punkte uͤbrig zu laſſen. Zuletzt ſchloß er damit zu erklaͤren, daß er, falls ihm keine Hoffnung laͤchle, nach Bruͤſſel zuruͤckzukehren gedenke. Statt aller Antwort, bat ihn die Graͤfin dieſen Mittag bei ihr zu ſpeiſen, indem ſie ihm zugleich ver⸗ ſprach, ihn nicht laͤnger in Ungewißheit zu laſſen. Frau von Camarina hatte einige Perſonen eingeladen, da ſie wuͤnſchte, daß dieſe Zuſam⸗ menkunft nicht in zu kleiner Geſellſchaft ſtatt finden moͤchte. Als man ſich zu Tiſche begab, war ihre Schweſter noch nicht aus ihrem Zimmer gekommen und nahm erſt das fuͤr ſie offene Couvert ein, als bereits Alle ſaßen; es war dies zur Linken der Frau vom Hauſe, die Delwins an ihre rechte Seite genom⸗ men hatte. Man kann ſich ſein Erſtaunen denken als er jetzt vernahm, daß die junge Perſon, die geſtern einen ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, die Schweſter ſeiner Freundin ſey!„Ich ſchmeichle mir,“ ſprach die Graͤfin zu ihm,„daß die Antwort die ich Ihnen ſchuldig bin, jetzt verſtandlich iſt.“— 2 18 „Sie erhebt mich auf den Gipfel meiner Wuͤn⸗ ſche,“ antwortete Delwins.— Befreit von einer großen Laſt und voll Hoffnung und Freude, nahm er Theil an der Unterhaltung und erſchien allen Gaͤſten liebenswuͤrdig, am mehrſten aber Sophien. Es war Grundſatz der Gräfin, die cntmit kelung zu beſchleunigen, wenn ſie ihrer Sache erſt gewiß war. Nach dem durchaus noͤthigen Verzug, während welchem ſie ſich uͤberzeugte, daß Delwins und ihre Schweſter alles beſaßen, was in dieſer Welt, wenn es nur irgend moͤglich iſt, glaͤcklich machen kann, be⸗ eilte ſie deren Verbindung, die ohne beſondere Feierlichkeiten ſtatt fand, da alle Dreie die Ue⸗ berzeugung hegten, man koͤnne nicht Samm⸗ lung genug bei einer Handlung von ſolcher Wichtigkeit haben, und alle Zerſtreuung dabei als ein boͤſes Zeichen betrachteten. Riemand war bei der Feier gegenwaͤrtig, als die Perſo⸗ nen von der Familie, d. h. Frau von St. Juſt, deren Tochter und deren Sohn, Officier in der Artillerie, der ſchwer verwundet bei der Bela⸗ gerung von Genua, nach Paris gekommen —,— S 49 war um hier ſeine Wiederherſtellung abzuwar⸗ ten. Er war einer der Trauungszeugen und obſchon er nur einmal in dieſer Geſchichte vor⸗ koͤmmt, ſo iſt es doch noͤthig hier ein Wort uͤber ihn zu ſagen, da er die unwillkohrliche Veranlaſſung zu einem traurigen Ereigniſſe wurde, von dem ſpaͤter die Rede ſeyn wird. Carl von St. Juſt hatte damals achtundzwan⸗ zig Jahre und beſaß ein angenehmes Aeußere, und einige Aehnlichkeit in den Zuͤgen mit So⸗ phien. Ein braver Militär, liebte er ſeinen Stand und ſehnte ſich nach dem Augenblick, um ſich wieder zu ſeinem Corps begeben zu kon⸗ nen, was ſechs Monate nach der Verheira⸗ thung ſeiner Couſine geſchah. Frau von Ca⸗ marina erinnerte ſich uͤbrigens bei dieſer Gele⸗ genheit des Pompes, mit welchem man ſie an den Altar gefuͤhrt hatte, um einem Manne ihre Hand zu geben, den ſie nicht liebte; eine Menge truͤber Betrachtungen ſtiegen in ihr auf, und nicht den Muth in ſich fuͤhlend, Zeugin eines Gluͤckes ſeyn zu konnen, das ſie verdient hatte zu erhalten, verlangte ſie von den jun⸗ gen Eheleuten, daß ſie ſich auf acht Tage nach 20 einem Landhauſe, in der Naͤhe von Paris, zu⸗ ruͤckziehen moͤchten, welches ſie ihnen zum Ge⸗ ſchenk gemacht hatte. Den dritten Tag fuhr ſie jedoch mit t ihrer Mutter zu ihnen hinaus. Die Geſundheit die⸗ ſer Letzteren war ſeit langer Zeit erſchuͤttert und die Aerzte hatten den Ausſpruch gethan: nur die Baͤder von Bagnöres vermoͤchten ſie wieder herzuſtellen. Immer ſchnell geneigt einen Entſchluß zu faſſen, traf die Grafin ſogleich alle noͤthigen Vorkehrungen, um ihre Mutter auf die moͤglichſt bequemſte Art ins Bad zu bringen und den Tag vor dem, an welchem Herrn und Madame Delwins Ruͤckkehr be⸗ ſtimmt war, begab ſie ſich mit derſelben auf den Weg. Da die jungen Eheleute nicht hier⸗ von unterrichtet waren, ſo empfanden ſie eine mit Unruhe gemiſchte Ueberraſchung, als ſie die Schweſter nicht antrafen. Sie vermochten ſich dieſe ſchnelle und geheimnißvolle Abreiſe durchaus nicht zu erklaren und uͤberließen ſich dieſerhalb, wiewohl vergebens, tauſenderlei Muthmaßungen. Nachſtehender klaͤrte ſie endlich anf: 6 „Ihr liebt mich Beide, daran zweifle ich „nicht und meine Abweſenheit hat Euch viel⸗ „leicht einigen Kummer gemacht. Sie wurde „durch mehrere Urſachen bedingt, deren vorzug⸗ „lichſte, das Uebelbefinden unſerer Mutter iſt. „Die zweite betrifft Euch. Es giebt kein un⸗ „getruͤbtes Gluͤck und das Eurige wuͤrde mich „aͤngſtigen, wenn ich nicht wuͤßte, daß Ihr „mich bei Euch zu ſehen wuͤnſcht und uͤber⸗ „eugt waͤre, daß Euch meine Abweſenheit ei⸗ „nigen Kummer macht. Dazu iſt es bei einer „ſo wohl getroffenen Vereinigung wie die Eu⸗ „rige, Beduͤrfniß die erſten Monate allein „zu ſeyn. Genießet alle Annehmlichkeiten; „denkt daß Ihr in dieſem Augenblicke die „Dauer derſelben ſichern muͤßt und daß „alles vom Anfang abhaͤngt. Sucht Euch „Beide kennen zu lernen; moͤchte Euer gegen⸗ „ſeitiges Zutrauen eben ſo grenzenlos ſeyn, „wie es jetzt Eure Liebe iſt. Vergeßt nicht, „daß ein peinliches Geſtaͤndniß immer noch „beſſer iſt, als eine ſträfliche Zuraͤckhaltung. „Von dem erſten Geheimniſſe was Eines von „Euch gegen das Andere hegt, wird ſich das —— — —— —— —— ————— 22 vungtie Beider herſchreiben. Lebe wohl, „Schweſter, die ich liebe wie eine Mutter ihre „Tochter nur zu lieben vermag; leben Sie „wohl, Sie, dem ich ihr Geſchick anvertraue. „Ihr Beide muͤßt mich fuͤr das meinige ent⸗ „ſchädigen und Ihr allein vermoͤgt es noch, „es mir zu verſchoͤnern.“ Dieſer Brief brachte die Wirkung hervor die ſie erwartete. In dem folgenden bat ſie Del⸗ wins, fortzufahren Geſellſchaft bei ſich zu ſehen, um ſie dadurch in der Ausfuͤhrung ihres Pla⸗ nes zu unterſtuͤtzen, den ſie hatte, ſich einen zuverlaͤſſigen, gewaͤhlten und angenehmen Kreis zu bilden.„Es iſt dies,“ ſchrieb ſie,„nach „dem Wohlthun die angenehmſte Zerſtreuung „der Reichen. Sie haben, wie alle andere „Menſchen, das nicht leichte Problem der An⸗ „wendung der Zeit zu loͤſen, und es iſt „nur gerecht, daß dieſes Problem, trotz dem „daß man dies anders glaubt, fur ſie mehr „Schwierigkeiten hat.“ ₰ Die jungen Ehegatten liebten die Graͤfin zu ſehr, um nicht punktlich zu erfͤlen was ſie wuͤnſchte. Sie unterhielten demnach ſorg⸗ 23 faͤltig alle fruͤhere Verbindungen, nicht ohne ſich zuweilen dadurch gelangweilt zu fuͤhlen; aber der Gedanke ihrer Wohlthaͤterin zu ge⸗ fallen, verlieh ihnen Muth. Frau von Cama⸗ rina ſah das Reſultat dieſer Gefaͤlligkeit fuͤr ſie voraus. Es war das was ſie bezweckte, da ſie nichts mehr fuͤr deren Gluͤck fuͤrchtete, als Ruhe und Ueberſättigung. Weit entfernt ihre Geſundheit im Bade wieder zu erlangen, beſchloß die Mutter der Graͤfin daſelbſt ihre Tage. Sie war eine Frau von beſchraͤnktem Geiſte und ohne Charakter ge⸗ weſen, die ihre Tochter ihrem Ehrgeize opferte. Dennoch war die Trauer der Graͤfin um ſie, nicht minder aufrichtig. Frau von Camarina benutzte uͤbrigens jetzt ihren Aufenthalt in den ſuͤdlichen Provinzen, um eine bedeutende Be⸗ ſitzung zu beſichtigen, die ſeit langer Zeit ver⸗ nachläſſigt worden war und die jetzt ihr und ihrer Schweſter zufiel. Nachdem ſie die noͤthi⸗ gen Einrichtungen getroffen hatte, kehrte ſie aber nach Paris zuruͤck, wo ſie nun ihr Werk hätte genießen koͤnnen, da ſie aus der zuvor⸗ kommenden Sorgfalt welche Herr und Ma⸗ 3 1 3 3 1 1 1 2½ dame Delwins fuͤr ſie hegten, ſah, daß ſie ſo geliebt wurde, wie ſie es verdiente. Man befand ſich in der Mitte des Herbſtes. Delwins, der ſich ſeit dem Frie⸗ den von Amiens, aus dem Dienſt zutuckgezo⸗ gen hatte, ſollte ſich zur Beſeitigung einiger Angelegenheiten nach Bruͤſſel begeben. Wegen der Schwangerſchaft ſeiner Frau hatte er je⸗ doch dieſe Reiſe bisher immer aufgeſchoben; die Ankunſt ſeiner Schwägerin geſtattete ihm endlich, ſie zu unternehmen. Waͤhrend ſeiner Abweſenheit ſuchte Frau von Camarina, mit ſeiner Bewilligung, ein Gut in einer Entfer⸗ nung von zwanzig bis dreißig Stunden von der Hauptſtadt auf, deſſen Verwaltung vft die Gegenwart des Herrn nothig machte. Sie fand ein ſolches in der Beſitzung Beauregard, die ſeit langer Zeit unbewohnt war, da meh⸗ rere Erben ſich darum geſtritten hatten. Die Gräfin kaufte das Grundſtuͤck fuͤr Delwins. Es war ihr Wunſch, daß er Beſchaͤftigung haben ſollte. Sb Das alte gothiſche Schloß war von einer ſo ſeltſamen Bauart, daß man es weder be⸗ ee 25 wohnen, noch bewohnbar machen konnte, ohne bedeutende Reparaturen damit vorzunehmen. Voll weiter Gemaͤcher von ungehenrer Hoͤhe, deren dicke Mauern mit alten Tapeten bedeckt waren, fand man hier noch den Schmuck von Familienportraits, die mit den Bildniſſen der Miniſter damaliger Zeiten und amderer mit Aemtern und Wuͤrden bekleideter Perſo⸗ nen, in bunter Reihe umherhingen. Verwil⸗ derte Waldungen, ſchlecht bebaute Aecker, Haiden und verfallene Meierhoͤfe, dies war die Beſitzung von Beauregard. Alles mußte hier neugeſchaffen werden und Frau von Ca⸗ marina konnte keinen ihren Zwecken entſpre⸗ chenderen Ort waͤhlen. Uebrigens ſtand der Preis dieſes Grundſtuͤckes in Verhaͤltniß mit ſeinem jetzigen Ertrage; es konnte eine vortreff⸗ liche Erwerbung werden, wenn man, zum Theil wenigſtens, die Verbeſſerungen de⸗ ren das Ganze Zweites Kapitel. Eine neidiſche Frau und ein eiferſüchtiger Mann. Delwins, deſſen Gattin und Schwaͤgerin, beſaßen ein bedeutendes Vermoͤgen; ſie wollten es genießen und vorzuͤglich auch, es genießen laſſen. Da ſie bemerkt hat⸗ ten, daß die reichſten Leute in der Regel die wenigſt glucklichen ſind, ſo unterſuchten ſie mit Sorgfalt die Urſachen welche ſie verhindern es zu ſeyn, um dieſelben vermeiden zu koͤnnen. Sie ſahen hierbei, daß bei dem Einen ueber⸗ druß, bei dem Andern unerſättliche Wuͤnſche, die das Gluͤck nicht zu befriedigen vermag; bei Dieſem eine Neigung nach Macht, die das Schickſal nicht immer gewaͤhrt, bei Jenem eine ſchwankende Geſundheit, die kein Gold befeſti⸗ geu kann; bei Allen, oder wenigſtens beinahe bei Allen, Langeweile, jene todtliche Pein —— 27 die alle diejenigen raͤcht, welche das blinde Gluͤck bei der Austheilung ſeiner Gaben uͤber⸗ ſehen hat, die Veranlaſſungen zu dieſem Miß⸗ behagen waren. Einige Andere, aber nur ſehr Wenige, die dieſen Urſnchen entgingen, fuͤhrten wegen dem Verluſt eines Kindes oder ſonſt eines theuren Weſens, ein reizberaubtes Daſeyn; mit einem Worte, Keiner aus dieſer beneideten Klaſſe die alles im Ueberfluß beſitt, und in der die Wuͤnſche faſt eben ſo ſchnell befriedigt werden zu koͤnnen ſcheinen, als ſie entſtehen, war mit ſeinem Looſe zufrieden. In ihren Beobachtungen uͤber die mannig⸗ faltigen Scenen welche ihnen der Anblick der Welt bot, ſahen die beiden Schwe⸗ ſtern und Delwins, mit einer Art von Schrecken, wie vielen Klippen der Menſch zu entfliehen hat; und in einer uͤbereinſtimmend freiwilligen Bewegung riefen das Wohl⸗ thun zu Huͤlfe. Der Anblick des Innern vieſer Familie wird uͤbrigens beweiſen, daß es ein gewiſſes Gluͤck giebt, dem man immer nachtrachten muß, waͤre es ſelbſt auch chimaͤriſch. Die der Austauſch der Ideen weder durch kleinliche 28 Hoffnung, der Wunſch, die Beſtrebung, ver⸗ ſchaffen, indem man ihnen nachlebt, wahre Genuͤſſe, und man gelangt mit ihnen an das Ende ſeiner Bahn, indem man das vorgeſetzte Ziel zu erreichen glaubt. Ich ſehe mich gezwungen ſchnell uͤber die Zeit wegzugleiten, welche der Epoche voran⸗ ging, in der ich in dieſe Geſellſchaft aufgenom⸗ men wurde. Che dieſelbe das wurde, was ſie war als ich in ſie trat, hatte ſie dem Neide und der Eiferſucht den gewöhnlichen Tribut gezollt; bloßgeſtellt uͤbelwollenden Ver⸗ muthungen und boshaften Klatſchereien und Geruͤchten, hatte ſie mehrere Male ihr Anſehn veraͤndert und merkwuͤrdige Revolutionen er⸗ fahren. Doch hatte man Nutzen aus dieſem allen gezogen, um ſich fur die Folge davor zu ſichern. Eine der erſten Veranlaſſungen zu die⸗ ſen Unannehmlichkeiten, war die Leichtigkeit geweſen, mit welcher man von Anfang Jeden aufnahm; was jedoch nothwendig war, um zu dem gewuͤnſchten Reſultate zu kommen, d. h. zu einer ausgewaͤhlten Geſellſchaft, in welcher 29 Ruͤckſichten noch Furcht gehemmt wird. Die Polizei hatte alles was in den erſten Ver⸗ ſammlungen vorging, faſt wider ihrem Willen erfahren. Sie brauchte ſich gar nicht hinein⸗ zumiſchen; doch war dies nicht derſelbe Fall, als dieſe Verſammlungen nach und nach min⸗ der zahlreich und regelmaͤßiger wurden. Aber jetzt erweckten ſie Aufmerkſamkeit, und da man auf keinem geſetzlichen Wege dahin gelangen konnte, zu erfahren was darinnen vorging, ſo ſuchte man dies auf Schleichwegen zu erreichen. Mittelſt ihrer verborgenen und geheimen Um⸗ triebe, ſaͤete die Polizei erſt Mißtrauen, dann Unruhe in dieſe Vereinigungen, und gelangte ſo dahin, ſie außuloͤſen. So wurde ſie ab⸗ wechſelnd zu verſchiedenen Perioden zerſtreut und von neuem gebildet, bis ſie ſich endlich auf unerſchuͤtterlichen Grundlagen aufſtellte, weil die jetzt ſie bildenden Mitglieder gelaͤutert aus den Proben hervorgegangen waren, denen die verſchiedenen Umſtaͤnde ſie unterworfen hatten. 6 ie Ein anderes ſtoͤrendes Element hatte von Anfang an beſtanden. Wie wir bereits ſag⸗ 30 ten, war Frau von St. Juſt auf die Einla⸗ dung der Graͤfin, nebſt ihrer Tochter zu dieſer gezogen. Aufgewachſen mit ihrer Couſine„die keine Urſache hatte ihr zu mißtrauen, gewann die Letztere ſchnell die Zuneigung der Frau von Camarina, und in der Folge auch die von Sophien. Hortenſie von St. Juſt war von der Natur nicht ſo guͤnſtig behandelt wor⸗ den wie die beiden Schweſtern, und beſaß eben ſo wenig deren Reize als deren gute Eigen⸗ ſchaften. Von Haus aus mißguͤnſtig, benei⸗ dete ſie alles und glaubte niemals an das Gute. Ihre Blicke entdeckten ſogleich an dem Menſchen den kleinſten Fehler, ſahen nichts als dieſen Fehler, verweilten nur darauf und kehrten immer wieder, getrieben durch jene ungluͤckliche Neigung die uͤberall nur das Ue⸗ ble ſehen will, darauf zuruͤck. Der Anblick von Sophiens Gluͤck war r unertaglich, und ſie ſchwor es ſich zu, es zu ſtören.„Eiferſucht,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, „iſt immer unzertrennlich von der Liebe; ſie muß daher in Delwins Herzen ſeyn; ſie ſchlum⸗ mert jetzt noch, aber ich will ſie erwecken.“ 31 Dieſer Gedanke ſagte ihr zuz ſie hing ihm den Tag uͤber nach und traͤumte des Rachts davon. Ein wenig Rache miſchte ſich zugleich dieſem Gefuͤhle mit bei, denn ſie ſelbſt hatte fruͤher Anſpruͤche auf Delwins Hand gemacht und die Schnelligkeit, mit welcher dieſe Verbindung geſchloſſen wurde, ihr Erſtaunen und ihren Aerger erregt. Um das Nachfolgende richtig zu verſtehen, iſt es nothig hier in einige nahere Auseinan⸗ gen einzugehen; man wird daraus ſehen, daß die ſchrecklichſten Ereigniſſe oft von den— ſten Urſachen abhaͤngen. Als die Graͤfin den Entſchluß gefaßt ʒate in Paris zu wohnen, kaufte ſie in der Straße Lille ein bequemes, geraͤumiges und durch ei⸗ nen Garten von dem Quai getrenntes Haus. Die Zimmer welche Herr und Madame Del⸗ wins fuͤr ſich wählten, hatten einen beſonde⸗ ren Ausgang nach einer verborgenen Treppe hin, die zur Bequemlichkeit des haͤuslichen Verkehres angelegt worden war. Einige Zeit ſtand man an, ob man dieſen Ausgang ver⸗ 32 mauern laſſen ſollte; er bot jedoch einige Vor⸗ theile dar; man konnte unbemerkt durch denſel— ben aus, und wieder in das Haus kommen; eben ſo vermochte man durch dieſe Thuͤre in die Gemaͤcher der zweiten Etage zu gelangen, ohne vorher durch alle Zimmer des erſten Stockwerks nach der Haupttreppe zu gehen. Die Zimmer des zweiten Stockwerks waren in der Regel nicht bewohnt und wurden nur von Carl von St. Juſt die Zeit uͤber benutzt, wo er ſich bei ſeiner Couſine aufhielt. Man ſieht, daß durch Beibehaltung der Thuͤre die Communication im Hauſe leicht und ſchnell war. Statt ſie vermauern zu laſſen, zog es Sophie daher vor, lieber einen Wandſchrank daſelbſt anzubringen. Man nagelte deshalb die Thuͤre von außen zu und verklebte ſie hier⸗ auf von beiden Seiten mit Papier. Als man dies Geſchaͤft betrieb, ſahen aber Del⸗ wins und deſſen Onkel, daß die Thuͤre nicht ganz anpaßte und wollten nun den Zwiſchen⸗ raum mit Papier verſtopfen. Sie hatten zu⸗ fallig ein altes Blatt vom Moniteur vom ieeee 33 Wſten Germinal, Jahr VI.*) bei ſich, welches ſie, nachdem ſie vorher gemeinſchaftlich einen darin beſindlichen Artikel geleſen hatten, der ihnen in die Augen fiel und ſie einen Augen⸗ blick anſtehen ließ, ob ſie das Blatt dazu ver⸗ wenden ſollten, hierauf zuſammenbrachen und in die Ritze zwiſchen der Mauer und der Thuͤre ſtopften.— In der That, man wird von ei⸗ nem geheimen Schrecken ergriffen, wenn man denkt, daß das Loos einer Familie, das Schickſal zweier liebenswuͤrdigen Frauen und eines wackeren Mannes, von einem ſieben Jahre hindurch vergeſſenen Papierſtreifen ab⸗ hing, deſſen Vernichtung den geringſten Zufaͤl⸗ len preisgegeben war, waͤhrend ſeine Erhaltung — *) Es war ein Brief, welcher ſeitdem Aufſehen er⸗ regte und von neuem gedruckt worden iſt. Rouſ⸗ * ſeau, der Verfaſſer deſſelben, publicirte zugleich mehrere Stuͤcke,„die,“ wie ſich ein vernuͤnftiger, geiſtreicher und unterrichteter Beurtheiler in der Biog. univ. t. 39. p. 158. unter dem Art. S. J. Rouſſeau, daruͤber ausdruckt:„heut zu Tage zuweilen noch durch Geſchichtſchreiber auf eine ſchreckliche Art citirt werden.“ I. 3 34 einen faſt wunderbaren W von Umſtaͤnden erforderte! Die Gruͤnde weswegen gegen das Ende des vierten Jahres das Haus verkauft wurde, um ſich dagegen ein anderes, in derſelben Straße gelegenes, anzuſchaffen, ſin nd mir un⸗ bekannt. Auf die Kenntniß des Locales und den Aufenthalt ihres Bruders bei der Frau von Camarina, war es nun worauf Hortenſie von St. Juſt ihren nichtswuͤrdigen Plan baute. Sophie und deren Schweſter hatten ihrem Vetter Carl die großte Sorgfalt erwieſen; ſeine ehrenvollen Wunden floͤßten ihnen Theilnahme und Mitleid ein und ſie beobachteten um ſo weniger Ruͤckſichten bei dieſen Beweiſen von Wohlwollen, die ſie ihm gaben, da er ſelbſt nicht leicht im Stande war Empfindungen anderer Art zu erwecken. Ohne Weltton, ohne Geiſt und voll einer widerwaͤrtigen Eitelkeit, hatte er kein anderes Verdienſt als das des Muthes, ein ſehr gewoͤhnliches in unſern Ta⸗ gen. Auch waren die beiden Damen weit entfernt, ſich uͤber ſeine endliche Ahreiſe zu be⸗ „——— „—————— 35 truͤben und beſchleunigten ſie im Gegentheile vielmehr. Carl liebte das Feldlager, und die⸗ ſer Geſchmack konnte zu jener Zeit leicht befrie⸗ digt werden; er machte ſich daher, ſo wie es ſeine Geſundheit ihm nur geſtattete, auf den Weg dahin. Gegen das Ende des erſten Jahres ſeiner Verheirathung, wurde Delwins Voater ei⸗ ner Tochter, die in der Taufe den Namen Fla⸗ via, nach der Graͤfin, erhielt. Im nachſten Jahre hatte Sophie eine unzeitige Niederkunft; im dritten gebar ſie einen Knaben, der aber ſogleich wieder ſtarb. Delwins wuͤnſchte ſich ſehr einen Sohn, doch troͤſtete er ſich leicht uͤber den erlittenen Verluſt und beſchaͤftigte ſich nur mit ſeiner Frau, deren Geſundheit ihm Sorge machte. Waͤhrend ihrer Wieder⸗ herſtellung ſah man nur die Familie und ei⸗ nige vertrautere Freunde bei ſich. Hortenſie kam alle Tage, und da ihre Zuneigungsver⸗ ſicherungen um ſo gefliſſentlicher waren, je weniger ſie vom Herzen gingen, ſo hegte man Freundſchaft fuͤr ſie, obſchon Frau von Cama⸗ rina hierin weniger that als ihre Schweſter 3* 36 und deren Mann, weil ſie in dieſer Hinſicht mehr Takt und Erfahrung beſaß. Sie fuͤhlte, ohne eigentlich zu wiſſen warum, ſtets eine gewiſſe Abneigung gegen Hortenſien; da ſie je⸗ doch fuͤrchtete ungerecht gegen dieſelbe zu ſeyn, und nichts dieſen geheimen Widerwillen bis jetzt rechtfertigte, ſo gab ſie ſich die moͤglichſte Muͤhe ihn zu verbergen. Uebrigens lag es in ihtem Syſteme, auf dieſe geheime innere Stimme, von der man ſich ſelbſt keine Re⸗ chenſchaft zu geben vermag, zu achten, und da ſie ſich mehrmal im Leben gut dabei befun⸗ den hatte, ſo glaubte ſie, daß es beſſer ſeh eine nutzloſe Vorſicht gegen eine eingebildete Gefahr zu beobachten, als ſchutzlos gegen eine wirkliche zu ſeyn. Sie wies demnach zwar — die Zuvorkommenheiten ihrer Couſine nicht zu⸗ ruͤck, aber da ſie ſich nicht verſtellen konnte und wollte, ſo blieb ſie immer ziemlich kuͤhl gegen deren freundſchaftliche Verſicherungen. An einem der erſten Winterabende, wo die ganze Familie, Hortenſie mit inbegriffen, um das Kamin herumſaß, brachte man einen an Delwins addreſſirten Brief. Er war mit ——— ——— 37 der Fußpoſt gekommen und die Hand der Ue⸗ berſchrift unbekannt. Delwins brach ihn auf, blickte nach der Unterſchrift, ſah keine, durch⸗ lief ſchnell die Zeilen und warf dann das Pa⸗ pier veraͤchtlich auf einen kleinen Tiſch, neben welchem Frau von Camarina mit ihrer Arbeit ſaß, die, nachdem ſie ihren Schwager durch einen Blick gefragt hatte, jetzt den Brief nahm und ihn ebenfalls durchlas. Doch reuete ſie dies den Augenblick, da es ſchwer war, den Inhalt Sophien zu verſchweigen. Man hatte dieſer jedoch ebenfalls gleichzeitig ein anony⸗ mes Billet gebracht, das ſie, nachdem ſie es geleſen, ſogleich ihrem Manne hinreichte. Jetzt nahm Delwins auch den an ihn gerich⸗ teten Brief, und gab ihn ſeiner Frau. In beiden Schreiben ſuchte man die Eiferſucht der Gatten gegen einander zu entflammen. An Sophie ſchrieb man: daß ſie nicht mehr das Herz ihres Gemahles beſaͤße; an Delwins: daß er einen Nebenbuhler häͤtte und nicht der Va⸗ ter ſeiner Tochter ſey. Uebereinſtimmend war⸗ fen Sophie und die Graͤfin die Briefe in das Feuer; zwar machte Delwins eine Bewegung ——— 38 ———— als wollte er den ſeinigen wieder herausreißen doch hielt er ſich, von einem beſſeren Gefuͤhle ergriffen, plotzlich zuruͤck. Jeder bezeugte uͤbri⸗ gens ſeinen Unwillen, und es wird nicht nd⸗ thig ſeyn zu ſagen, daß Hortenſi ie am lauteſten ausſprach. Nicht ohne geheime Freude ſah ſie stigen die beiden Briefe in Rauch aufgehen; der Ge⸗ danke die Handſchriften zu vergleichen, kam als es zu ſpät war. Mit vieler Aufmerkſamkeit beobachtete Hortenſie den Eindruck welchen dieſe Briefe auf ihre Empfänger machten, und ſie konnte ſich nicht uͤber das täuſchen, was Sophie empfand; es war dies die vollkom⸗ menſte Verachtung und Gleichgultigkeit. Del⸗ wins dagegen errothete bei Leſung des ſeinigen und wenn man ihn genau beobachtete, ſo mußte man ſehen, daß er ſich anſtrengte um ſeine Bewegung zu unterdruͤcken. Mit geheimer Freude nahm Hortenſte wahr, daß er ver⸗ wundbar ſey und troſtete ſich uͤber den dies⸗ maligen ſchlechten Erfolg mit dem ſtillen Ver⸗ ſprechen: ihre Maßregeln in Zukunft beſſer zu nehmen und ſich mit einem Opfer zu begnuͤgen, 39 da ſie wohl wußte, daß dieſes eine,— machen wuͤrde. Einige Zeit darauf ließ ſie einen zweiten Brief an Delwins ſchreiben, indem ſie dabei mit Sorgfalt die Stunde berechnete, wo er ihm ohne Zeugen uͤbergeben werden konnte. Zugleich brachte ſie den Tag im Hauſe zu; da ſie jedoch ſah, daß von dem Inhalte des Brie⸗ fes durchaus nicht die Rede war, ſo ſchloß ſie, Delwins habe ihn entweder Niemanden mitge⸗ theilt, oder man habe ihm demſelben nicht in die Haͤnde kommen laſſen. um ſich hieruͤber Aufklaͤrung zu verſchaffen, ließ ſie noch einen dritten zu einer Stunde ankommen, wo die Familie vereinigt war. Delwins nahm ihn⸗ warf einen Blick darauf, ſteckte ihn dann ſchnell in die Taſche und ſagte dabei: daß die⸗ ſes Schreiben von ſeinem Pachter aus Beau⸗ regard komme. Jetzt triumphirte Hortenſie uͤber dieſe ihr allein bekannte Luͤge. In beiden Brieſen klagte man von neuem Sophiens Auffuͤhrung an und gab dabei meh⸗ rere Auseinanderſetzungen, von einet ſchrecklichen Genauigkeit, uͤber das Zimmer und die Thuͤre von denen wir oben ſprachen. Die abſcheuliche Hortenſie ſetzte ihren Bruder ſelbſt dem Ver⸗ dachte der Eiferſucht aus, und dieſe ſchreckliche Leidenſchaft belebte jetzt bei Delwins das An⸗ denken aller Umſtände von Carls Aufenthalte in ſeinem Hauſe, und ließen ihm daſſelbe auf eine eben ſo verhaßte als ungerechte Art fur Sophien deuten. Wechſelsweiſe angezogen und abgeſtoßen von ſeiner Tochter, je nachdem er das Kind als das ſeinige oder nicht als das ſeinige betrachtete, wachten immer die Gefuͤhle der Zaͤrtlichkeit wieder in ihm auf und wurden eben ſo wieder ſtets von neuem vergiftet. Die⸗ ſer ſchreckliche Zweifel beherrſchte ihn endlich gaͤnzlich, und war die SG, ſeines Lebens. Sein Herz war jetzt die Beute der ſchreck⸗ lichſten Kaͤmpfe; ein Wurm nagte ununterbro⸗ chen an ſeiner Ruhe; ein kalter Schweiß be⸗ deckte ſeinen ganzen Korper, ſein Haar ſtraͤubte ſich auf dem Haupte; ſeine, von Natur ſanften, Blicke, wurden wild und däſterz muͤhſam zu⸗ ruͤckgehaltene Seufzer beengten ſeine Bruſt; er ſprach nur in abgebrochenen Saͤtzen, ſtand oft 41 unbeweglich vor ſich hinſtarrend da, und ging dann wieder mit weiten Schritten im Zimmer umher. Dieſe Criſis endigte ſich gewoͤhnlich mit einem Strom von Thraͤnen. Erleichtert hierdurch, kam er dann wieder zu ſich ſelbſt und ſeine natuͤrliche Gutmuͤthigkeit und Sanft⸗ muth gewannen von neuem die Oberhand. Wenn aber keine Thraͤnen ihn erleichtert hat⸗ ten, dann blieb er lange Zeit duͤſter, traurig und theilnahmlos an Allem was um ihn her vorging. Fand ihn ſein Onkel,(derſelbe dem er ſo viele Verbindlichkeiten ſchuldig war und von dem ich dieſe naͤheren Angaben habe) in ſolchen Augenblicken, dann floh er ihn und gebot ihm mit Heftigkeit, ihm nicht zu folgen⸗ Eines Tages ſuchte derſelbe ſein Vertrauen zu erhalten und beſchwor ihn im Namen ihrer alten Freundſchaft darum.„Ich habe,“ erwie⸗ derte ihm Delwins,„nur dieſes eine Geheim⸗ niß vor Ihnen und nie werden Sie es erfah⸗ ren.“ Der Blick, mit welchem er dieſe Worte begleitete, der Ton mit welchem er ſie aus⸗ ſprach, geboten Stillſchweigen, der Onkel ſagte nichts weiter und ſeufzte; er beklagte Del⸗ 42 — wins, ein Geheimniß zu haben, das er ver⸗ urtheilt ſey zu bewahren und das ihm zur Strafe wurde. Sollte er ein Verbrechen began⸗ gen haben? fragte er ſich voll Schrecken. Ach! ihn quaͤlte die ſchrecklichſte der Leidenſchaften; ſie vergiftete ſein Daſeyn, verwirrte ſeine Ver⸗ nunft und wenn dieſe in Zwiſchenraͤumen ihre Herrſchaft wiedergewann, dann bemaͤchtigte ſich ſeiner ein Schaamgefuͤhl, das ihn von neuem ungluͤcklich machte. So glich er einem Schuldigen und litt die Strafe deſſelben, ohne ein Unrecht begangen zu haben. iz6 Es reicht dies hin ſeinen Zuſtand zu ſchildern und es wuͤrde nur peinlich ſeyn, wollte ich von dem ſeiner Gattin und deren Schweſter, ihren Thraͤnen, ihren Schmerz und der Unruhe ſprechen, die ihnen Delwins Zuſtand, den ſie ſich nicht erklaren konnten, machte, und der ſich gegen ſie fuͤr krank ausgab, die Einſam⸗ keit ſuchte und in dieſer nur Verdoppelung ſei⸗ nes Kummers fand. 13 2 Hortenſiens Beſuche wurden um dieſe Zeit ſeltener. Die Rolle welche ſie ſpielte, war ſchwierig; es lag etwas Gezwungenes und ——— 43 Gemachtes in dem Antheil welchen ſie an dem Schmerz der Familie zu nehmen ſchien, und in der That iſt es auch ſehr ſchwer traurig zu ſcheinen, wenn man triumphirt. Frau von Camarina bemerkte zuweilen etwas hiervon, da ſie jedoch die Urſache des uebels ihres Schwa⸗ gers durchaus nicht kannte, ſo vermochte ſie auch aus dieſen voruͤbergehenden Beobachtun⸗ gen kein Licht zu ſchdpfen. Die Erſchuͤtterung von Delwins Geſundheit wurde uͤbrigens bald ſichtbar. Bleich, matt, unſtäͤt, des Schlafes beraubt, zeigte er ſich gegen alles theilnahm⸗ los; Ruhe und Bewegung waren ihm auf gleiche Weiſe zuwider und die Sorgfalt die er anwendete ſein Uebel zu verbergen, vergroͤßerte daſſelbe nur noch. So verheimlichte er ſeinen ſchwarzen Kummer fuͤnf bis ſechs Monate lang. Ein abermaliger Brief brachte denſelben endlich auf den Gipfel. Man ſagte ihm darin: er muͤſſe ſehr blind ſeyn, wenn er nicht zwi⸗ ſchen ſeiner Tochter und St. Juſt eine Aehn⸗ lichkeit entdecke, die ihn vollkommen aufklären konne. Der ungluͤckliche mußte dies zugeſte⸗ hen. Da dieſe Aehnlichkeit zwiſchen St. Juſt 44 und Sophien wirklich beſtand, ſo darf man ſich daruͤber nicht wundern, daß ſie ſich auch bei der kleinen Flavia zeigte, doch war ſie hier ſo gering, daß man ſie kaum anders als mit dem Vorſatz, ſie ſehen zu wollen, ent⸗ deckte. 4 Eines Morgens kam man zu der gewoͤhn⸗ lichen Stunde in Delwins Zimmer um ihn zu weckenz er war nicht da und ſein Bett noch gemacht. Zwei angezuͤndete Wachs⸗ kerzen und mehrere auf ſeinem Schreibtiſche liegende Briefe, zeigten, daß er die Nacht mit ſchreiben zugebracht hatte. Der eine dieſer Briefe war an Frau von Camarina gerichtet, der zweite an Sophie, ein dritter an den Banquier des Hauſes. Auf einem verſiegelten Packete ſtanden die Worte: Mein Teſta⸗ ment welches ich nach einem Monate erſt zu eroͤffnen bitte. Sogleich benachrichtigte man jetzt die Graͤfin von Delwins Verſchwinden. Schrecken ergriff ſie; die Regelmäßigkeit des Lebens ihres Schwagers, erlaubte ihr nicht einer unguͤnſti⸗ gen Vermuthung Raum zu geben. Sie oͤffnete ——, 45 den an ſie gerichteten Brief; welchen die beim Schreiben deſſelben vergoſſenen faſt unleſerlich machten. „Ich reiſe;“ ſchrieb ihr ungluͤcklicher Schwa⸗ get,„vielleicht ſehen wir uns nicht wieder. „Sophie!.. ihr Gluͤck, das Ihrige, unſere „ganze Zukunft, ſind an meine Flucht gebun⸗ „den; ich durfte nicht anſtehen. Um einen „anderen Weg einzuſchlagen, haͤtte es einer „Charakterfeſtigkeit erfordert, die ich nicht be⸗ „ſitze, eines Vertrauens, das ich nicht mehr „habe. Grauſame Sophie! ich war nur „eines großen Opfers faͤhig und ich habe es „gebracht. Leben Sie wohl! ein Wort mehr, „und ich wuͤrde mich erweichen.... Eilfertig erhob ſich die Graͤfin, verſchloß die Briefe und das Packet, gebot: ihrer Schwe⸗ ſter nichts von allem zu ſagen und ging nach dem Zimmer des Herrn Duͤluͤde. Ueberraſcht die Thuͤre deſſelben offen zu finden, tritt ſie ein: er war nicht da. Jetzt ſteigt die Vermuthung bei ihr auf, daß er ſeinen Neffen begleitet habe und dieſer Gedanke beruhigte ſie etwas. Richt lange wurde ſie jedoch durch ein an 46 ſie gerichtetes Billet aus dieſem Irrthume gezo⸗ gen, welches ſie auf dem Simſe des Kamines erblickte. Sie las folgendes:„Mein Kam⸗ „merdiener, unterrichtet von dem unſers Del⸗ „wins, weckte mich mitten in der Nacht mit der „Nachricht: daß etwas Außerordentliches im „Hauſe vorgehe. Ich beobachtete und nahm „meine Maßregeln. Es wuͤrde nutzlos ſeyn, „Ihnen anzuempfehlen, keine Beſorgniſſe zu „hegen, doch hoffe ich daß Sie ſich nicht ganz „davon werden hinreißen laſſen, Sie, die Sie „ſchon ſo viele Beweiſe Ihres Muthes gaben. „Nur fuͤr die zu gefuͤhlvolle Sophie fuͤrchte „ich.„ Mein Neffe reiſt ab; ich folge „ihm; leben Sie erhalten „richt von mir.“ In der That ſolz er der Spur Del⸗ wins, der zu Fuß und blos von ſeinem Kam⸗ merdiener begleitet, das Haus verließ. Da er nicht wahrgenommen zu werden wuͤnſchte, ſo hielt ſich Duͤluͤde ebenfalls, gefolgt von ſeinem Diener, ſtets in einiger Entfernung. Er ſah jetzt ſeinen Neffen in der Straße der univerſität in einen Wagen ſteigen, den er als 47 den aus dem Hauſe erkannte, und hoͤrte dem Kutſcher den Befehl geben: den Weg nach der Bartiére von Fontainebleau einzuſchlagen. Ei⸗ lig kehrte er nun zuruͤck, ſteckte das nothige Geld zu ſich, begab ſich auf die Poſt, beſei⸗ tigte hier alle Schwierigkeiten, die man ihm machte, warf ſich in eine Poſtchaiſe und war bald auf demſelben Wege. Der Tag begann anzubrechen und es wurde nach und nach moͤglich die Gegenſtaͤnde umher zu erkennen. Der im Voraus reichlich bezahlte Poſtillion, trieb ſeine Pferde unablaͤſſig an. Plotzlich ruft er ihm zu, langſamer zu fah⸗ ren; er hatte den Wagen ſeines Neffen erblickt; und wuͤnſchte ihm weder zuvor noch zu nahe zu kommen. Im Hofe von Frankreich nahm Delwins Poſtpferde und ſandte die ſeinigen zuruͤck. Duͤluͤde befragte jetzt den Kutſcher, konnte je⸗ doch von dieſem keinen weiteren Aufſchluß erhalten, als daß er in der Straße der Uni⸗ verſitaͤt die halbe Nacht auf ſeinen Herrn habe warten muͤſſen. Duͤluͤde gab nun, nach⸗ dem er ſeinen alten Poſtillion abgefertigt hatte, dem neuen ſeine Befehle, die darin beſtanden: dem vorausgefahrnen Wagen immer in einer ſolchen Entfernung zu folgen, daß man ihn weder aus den Augen verloͤre noch zu nähe kaͤme. Dieſen Anordnungen nach hielt man Duͤluͤde fuͤr einen Polizeiagenten, der einer verdaͤchtig gewordenen Perſon von Wich⸗ tigkeit folgte, und dieſer Irrthum war ihm nicht unnuͤtzlich, da man damals auf dergleichen Expeditionen ziemlich eingerichtet war; nur fand man im Ganzen ſein Betragen zartſihni⸗ ger als das wuihe⸗ ſeiner Bi Collegen. In Moret ſtieg Delwins in einem Gaſ⸗ hofe ab; Duͤluͤdes Poſtillion trat jetzt un⸗ gerufen, waͤhrend ſein Reiſender noch mit ſich uͤberlegte was er thun ſollte und einſt⸗ weilen ſein Quartier in einem gegen⸗ uͤber gelegnen Gaſthof genommen halte, in deſſen Zimmer, und hier wär es, wo Duͤluͤde vernahm, fuͤr wen man ihn eigentlich hielt. um ſich wichtig zu machen, ſagte ihm der Poſtillion mit einem vertraulichen Tone, . —— daß er ſich auf den Herrn des Hauſes verlaſ⸗ ſen koͤnne, der nicht ermangeln wuͤrde ihm Beiſtand zu leiſten, wenn er deſſen beduͤrfe, und einen gewandten Agenten zu ſeinem Be⸗ fehle zu ſtellen. Nach einigen naͤheren Er⸗ klaͤrungen, beſchloß Duͤloͤde, ſehr zufrieden mit einem Irrthume der die Ausfuͤhrung ſei⸗ nes Planes unterſtuͤtzte, denſelben zu benutzen. Sicher daß ſein Gefangener ihm nicht mehr entgehen konnte, legte er ſich ein wenig nieder und ſtellte ſeinen Kammerdiener einſtweilen auf die Wache. Bis zum naͤchſten Morgen ereignete ſich nichts Neues; Delwins blieb in ſeinem Zim⸗ mer eingeſchloſſen und nahm nur wenige Nah⸗ rung zu ſich. Zu den Qualen die ſein Inneres beſtuͤrmten, geſellte ſich eine neue, die er bisher noch nicht gekannt hatte: die Reue. Seine Frau, ſeine Tochter, die Graͤ⸗ fin und ſein Wohlthater Duͤlude, ſtellten ſich nach und nach ſeinen inneren Blicken dar. Er hatte ſie verlaſſen, ſie in Schmerz und Betruͤb⸗ niß geſtuͤrtzt und dies vielleicht alles eines Wahnes wegen! Dieſe Betrachtungen ergrif⸗ . 1 3 fen ihn; er empfand einen Augenblick eine Verzweiflung, der ſich hinzugeben ihn allein das Ehrgefuhl hinderte. Ohne dies wuͤrde er ſeinem Leben ein Ziel geſetzt haben. Um ſich etwas zu erholen und ſeinen Gedanken wo moͤglich eine andere Richtung zu geben, oͤffnete er das Fenſter und lehnte ſich hinaus. So ſah ihn Duͤluͤde, ohne von ihm geſehen zu werden, und erſchrack uͤber ſeine Blaͤſſe und die Zerſtoͤrtheit ſeiner Zuͤge. In dieſem Augenblick fuhr eine Poſtchaiſe vor dem Gaſt⸗ hofe vor, in welchem ſich Delwins befand. Dieſer hatte ſchnell ſein Fenſter geſchloſſen, waͤhrend noch der ankommende Reiſende fragte: ob er nicht bereits hier erwartet worden ſey? worauf man ihn denn nach Delwins Zimmer fuͤhrte. Es war Carl von St. Juſt. Bei dem Anblick deſſelben gewann Sophiens Ge⸗ mahl alle ſeine Kraft wieder und Zorn blitzte ſeinen Augen.„Gehen wir mein Herr!“ rief er dem Eintretenden mit drohenden Blicken entgegen. Beide begaben ſich jetzt durch eine Hinterthuͤre nach einem nahen Gehoͤlze. Duͤluͤde war weit davon entfernt zu 51 ahnen, daß eine Beziehung zwiſchen ſeinem Neffen und dem angekommenen Fremden ſtatt fande, doch benachrichtigte man ihn jetzt ſo⸗ gleich davon, daß ſich Beide zuſammen wegbe⸗ geben haͤtten. Schnell kleidete er ſich nun an und ließ ſich den Weg den ſie eingeſchlagen hatten, zeigen; aber am Eingange des Waldes verlor er ihre Spur und wußte nun nicht, nach welcher Seite er ſich hinwenden ſolltte. Zwei ſchnell nach einander fallende Schuͤſſe, riſſen ihn jedoch bald aus ſeiner Ungewißheit; er ſturzte dem Orte zu und ſah hier Carl auf dem Boden liegen und ſeinen Neffen am Arm verwundet. Indem St. Juſt ſank, hatte er ausgerufen:„Ich ſterbe ſchuldlos!“ Del⸗ wins vergaß ſeine Wunde um ſich nur mit der des Gegners zu beſchäftigen; aber Carl lag in Ohnmacht, er glaubt ihn nun todt und will eine zweite Piſtole auf ſich ſelbſt ab⸗ ſchießen. Duͤluͤde faͤllt ihm jedoch in den Arm und ruft ihm zu:„ungluͤcklicher, was willſt Du thun!“ Hierauf ſendet er ſeinen Diener fort um einen Chirurgus aus Moret zu holen. Bei der Sorgfalt welche man an⸗ 52 wendete, gab Carl noch einige Lebenszeichen von ſich und nun ſchaffte man ihn nach dem Gaſthofe hin, wo er abgeſtiegen war. Hier wurde auch Delwins Arm verbunden und der Chirurgus erklaͤrte, daß er unter vierund⸗ zwanzig Stunden nichts Gewiſſes uͤber St. Juſts Zuſtand zu ſagen vermoͤge. Duaͤluͤde gab hierauf zu deſſen Verpflegung die noͤthigen Befehle, ließ eine mehr als hinreichende Summe dazu zuruͤck, gebot dann friſche Poſtpferde vor Delwins Wagen zu ſpannen und kehrte mit dieſem, nachdem er noch vorher geſagt hatte, daß er in einigen Tagen wiederkommen wuͤrde, nach Paris zuruͤck. Die Umſtaͤnde hatten Duͤluͤde jetzt eine Ueberlegenheit gegeben, die er nur zu Delwins Portheil benutzen wollte, der durch ſeine Be⸗ ſtuͤrzung und ſeine Reue aͤußerſt nachgebend geworden war. Er zeigte ſich dabei ſtill und leidend, und jemehr man ſich Paris naͤherte, jemehr Unruhe ließ er blicken. Sein Onkel errieth den Beweggrund hierzu; auf die geeig⸗ netſte Art ſuchte derſelbe ſein Vertrauen zu erhalten, da er ſich die urſache dieſes Duells 53 immer noch nicht gehorig zu erklaͤren vermochte. Delwins erzaͤhlte endlich was vorgegangen war, und da er ſich durch dieſes Geſtaͤndniß erleich⸗ tert fuͤhlte, ſo verſchwieg er ihm nun nichts mehr. Man kam an. Ich will den Zuſtand nicht ſchildern in welchem ſich die beiden Schweſtern befanden. Delwins Ruͤckkehr gab ihnen das Leben wieder; ohne ſeine Verwundung, wuͤr⸗ den ſie von dem tieſſten Schmerz zu dem Gipfel der Freude uͤbergegangen ſeyn. Duͤläde, der mit einer philoſophiſchen Ruhe die Vorgänge des Lebens zu betrachten ge⸗ wohnt war und das menſchliche Herz kannte, errieth leicht den Zuſtand ſeines Reffen. Die Eiferſucht iſt mißtrauiſch: es bedarf unwiderſprechlicher Beweiſe um ſie zum Schwei⸗ gen zu bringen. Duͤluͤde fuͤrchtete nicht ohne Grund, daß Delwins fortwährend Zweifel uͤber ſeine Gattin und die Furcht, einen Mord begangen zu haben, hegen wuͤrde, und da er glaubte daß es beſſer ſey, ihn quäle das Ge⸗ fuͤhl der Reue als das des Argwohns, ſo ließ er es ſich angelegen ſeyn, wo mdalich dieſen 54 —— letzteren zu zerſtreuen. In dieſer Abſicht begab er ſich nach dem Hauſe, welches die Familie in den erſten Jahren nach Sophiens Verhei⸗ rathung, bewohnt hatte,„Wenn die außer Gebrauch geſetzte Thuͤre,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, „noch in demſelben Zuſtande iſt, dann muß der ſchlagende Beweiß der Unmoͤglichkeit des Ver⸗ gehens, in die Augen ſpringen.“ Nicht ohne Beangſtigung betrat er das Haus; zwar zwei⸗ felte er keinen Augenblick an Sophiens Tugend, aber er fuͤrchtete, die Mittel nicht zu finden, ſie beweiſen zu koͤnnen. Der Beſitzer des Hauſes befand ſich mit der Armee im Auslande; Duͤluͤde wandte ſich demnach an den Haushofmeiſter, der ihm ſehr gern die Bitte zugeſtand, die nach der gehei⸗ men Treppe hinfuͤhrende Thuͤre unterfuchen zu duͤrfen, und ihm dabei die Verſicherung gab, daß ſie ſich noch ganz in demſelben Stande befinde, wie man ſie ihm vor ſieben Jahren uͤbergeben haͤtte. Voller Freude kehrte Duͤluͤde nun zu ſeinem Reffen zuruͤck, den er aber noch immer beſchaͤmt und niedergeſchlagen fand.„Sie ſind 55 mir,“ ſprach er mit einem ernſthaften Geſichte zu ihm,„eine Verguͤtung für meine Muͤhe ſchuldig: geben Sie mir Ihr Wort, alles zu thun, was ich Ihnen vorſchreiben werde.“ Nachdem er dies Verſprechen nebſt vielen Dankver⸗ ſicherungen empfangen hatte, nahm er den Arm ſeines Neffen und fuͤhrte ihn dem Hauſe zu, das er ſo eben erſt ſelbſt beſucht hatte. Ue⸗ berraſcht trat Delwins ein, ohne den Grund zu dieſem Schritte zu wiſſen; der Anblick der chuͤre ließ ihn denſelben endlich ahnen. Er errdthete und ſein Auge belebte ſichz ein Aus⸗ druck von Freude und Beſchaͤmung malte ſich in ſeinen Zuͤgen; zufrieden geſtellt, will er nicht weitet unterſuchen, aber ſein Onkel erin⸗ nerte ihn an das gegebene Verſprechen.„Nein,“ ſagte er zu ihm,„Du mußt beſtraft werden; reiße das Papier ab und ziehe ſelbſt jenes Blatt vom Moniteur, deſſen Du Dich noch erinnern wirſt, aus der Spalte, in welche wir es gemeinſchaftlich ſtopften.“ Delwins gehotchte; als er damit fertig war, fuhr Duͤluͤde fort: „Wie vielen Schmerz wuͤrdeſt Du Dir und uns Allen erſpart haben, wenn Du ſelbſt eine Un⸗ terſuchung angeſtellt hätteſt, die Dir die Un⸗ moͤglichkeit des gemuthmaßten Vergehens zeigen mußte. Lerne in Zukunft beſſer den Werth ei⸗ nes braven Weibes ſchaͤtzen, die nur fuͤr Dich lebt; errdthe uͤber Deine Schwäche, doch ſey verſichert, daß ich nur der einzige Zeuge, der der einzig darum Wiſſende ſeyn will. Es iſt unumgaͤnglich noͤthig, daß die beiden Schwe⸗ ſtern nie etwas davon erfahren.“ Bei dieſen Worten ſtuͤrzte ſich Delwins mit Thraͤnen in den Augen in ſeine Arme. Dieſes Mittel hatte uͤbrigens eine vollkom⸗ mene Wirkung. Bei ſeiner Ruͤckkehr zu So⸗ phien, wurde Delwins zuvorkommend gegen ſic, ſchenkte ihr ſein ganzes Vertrauen wieder und ſchien ſie durch erneuerte Liebe, fuͤr den ihr gemachten Kummer entſchaͤdigen zu wollen. Beſorgt um Carl, reiſte Duͤluͤde den naͤch⸗ ſten Tag nach Moret und blieb bei ihm bis er ſich außer aller Gefahr befand. Endlich war er im Stande ſeinen Neffen durch die Nach⸗ richt von St. Juſi's voͤlliger Wiederherſtel⸗ ung gänzlich zu beruhigen. Aber wenn auch Carls Leben geſichert war, ſo verhinderte ihn — —— 57 doch ſeine Wunde fernerhin zu dienen und fuͤr einen noch jungen Militair iſt der Gedanke, einem Stande den er liebt und einer glaͤnzen⸗ den Laufbahn entſagen zu muͤſſen, unertraͤglich. Zum Gluck konnte man ihn jedoch fuͤr dieſes Opfer entſchädigen. Dulude, der ſich ſein Ver⸗ trauen erworben hatte, vernahm von ihm, daß er ein junges Maͤdchen aus Beſangon liebte, der er ebenfalls nicht gleichgultig war, deren Hand ihm aber von ihren Verwandten verwei⸗ gert wurde, weil er nicht genug Vermoͤgen be⸗ ſaß. Delwins war auf dem Gipfel der Freude, als er ſo die Moglichkeit ſah einen Theil ſei⸗ nes Unrechtes wieder gut machen zu koͤnnen; alle Hinderniſſe wurden ſchnell gehoben, und St. Juſt genoß ein Gluͤck, auf welches er nicht mehr gerechnet hatte. Ich ſetze voraus, daß man, ohne daß ich es nothig habe noch beſonders zu ſagen, es errathen hat, daß Delwins, durch Eiferſucht auf das Aeußerſte gebracht, Carl von St. Juſt forderte und daß dieſer nachdem er, um ſeine Pflicht mit dem point d'honneur zu vereinigen, von ſeinem General Urlaub erhal⸗ 58 ten, ſich mit Extrapoſt nach Moret, den ihm von Delwins angewieſenen Ort, begab. Jetzt wollen wir in den Salon der beiden Schweſtern treten und denſelben mehr verlaſſen. .——— Drittes Kapitel. Die Salons von Paris. Nach einigen Stuͤrmen und mehreren Erſchut⸗ terungen, die ich nur anzudeuten vermochte, waren die beiden Schweſtern beinahe dahin gelangt, die Loͤſung des Problems einer Ge⸗ ſellſchaft wo Einigkeit bei allen ihren Mitglie⸗ dern herrſcht, aufzuſtellen; ich ſage beinahe⸗ und man wird weiterhin die Gruͤnde dieſes Vorbehaltes ſehen. Das Leben des Hauſes iſt das des Ueber⸗ fluſſes, aber ohne Pomp und ohne Luxus. Alles iſt mehr elegant und bequem, als reich⸗ Es herrſcht eine bewundernswuͤrdige Ordnung die man indeß kaum bemerkt, ſo ungezwungen iſt ſie. Die Scenen denen wir beiwohnen wollen, werden hinreichen um einen Begriff X 60 von den Vereinigungen ſelbſt, und den Vergnu⸗ gungen die man in demſelben genießt, zu geben. Uebrigens iſt es leichter ſich der Annehmlichkei⸗ ten derſelben zu erfteuen, als ſie zu beſchrei⸗ ben. Dieſe Annehmlichkeiten beſtehen in der Uebereinſtimmung der Beziehungen unter den Mitgliedern der Geſellſchaft zu einander, und dieſer wieder, zu den Bewohnern des Hauſes; in der mit den Forderungen der Convenienz verein⸗ barten Unabhaͤngigkeit jedes Einelnen; in der Duldung aller Anſichten, einer Duldung, die ein Feind des Streites, aber nicht einer leb⸗ haften, Theilnahme erregenden, zuweilen ſelbſt harknaͤckigen, aber ſtets ohne Bitterkeit gefuͤhr⸗ ten Discuſſion iſt, die immer mit einer heite⸗ ren Wendung ſchließt; in der abwechſelnden und geiſtreichen Unterhaltung; in der ſanften Hingebung, wo Geiſt und Herz vereint, ſich ohne Sorge, ohne Unruhe und ohne daß man es bereut, oͤffnen und ausſprechen; in jenen fluͤchtig hingeworfenen Worten, in jenen tau⸗ ſend Kleinigkeiten, die man nicht feſthalten und nennen kann, die aber ihren Werth haben, weil Jeder einen Werth in einer Verſammlung darein legt, wo Einer auf den Andern feſt rechnen kann. Obſchon die Hauptperſonen ſi ſich von ſuſt werden kennen lernen, ſo wird es doch gut ſeyn hier ein Wort uͤber Einige, ſo wie uͤber das Locale, zu ſagen. Der Aelteſte, ein Onkel der beiden Schwe⸗ ſtern, iſt ein ehemaliger Praͤſident des Parla⸗ mentes von Pau. Noch heute hofft er auf die Wiederherſtellung der Parlamente. Dies iſt genug geſagt, um ſeine Anſichten zu be⸗ zeichnen; da dieſelben aber durch einen ſanften und nachſichtigen Charakter gemildert werden⸗ ſo fugt er ſich denen ſeiner wie dieſe ſich den ſeinigen. Herr von Alguerbe, ehemals Maltheſer⸗ ritter, der, nachdem er mit Auszeichnung auf den Schiffen des Ordens gedient, ſich ſeiner Neigung zum Reiſen uͤberlaſſen und beide He⸗ misphaͤren durchlaufen hatte. Seit mehreren Jahren brachte er ſein Leben bei Delwins zu, jedoch ohne ſich dadurch in ſeiner Unabhaͤngig⸗ keit zu beſchränken, die er zuweilen plotzlich benutzt, theils um die Gebirge der Schweiz zu unterſuchen, theils um ſich auf einige Zeit wie ein Einſiedler auf ein Gut zuruͤckzuziehen, das er in der Gegend von Nemours beſitzt. Herr von Hermange, ein unterrichteter Mann, von einem liebenswuͤrdigen Charakter und reich gebildeten Geiſt, der jedoch zuweilen den ſeltſamſten Zerſtreuungen unterworfen iſt. Herr Deſormes, ein offener, heftiger, et⸗ was ſtreitſuͤchtiger und cauſtiſcher Charakter, der ſtets geradezu auf eine Sache loszugehen pflegt, und dabei immer nur ſo viel Ruͤckſicht nimmt, um nicht gaͤnzlich zu verſtoßen. Einige junge Leute, unter denen man Al⸗ mire von Tivrac auszeichnen muß, und den man ſtarken Verfuͤhrungen wird widerſtehen ſehen; aber mit Ausnahme von dieſem, erſchei⸗ nen die Anderen ſelten des Dienſtags, dem beſonders dem Ausſchuß der Zwoͤlfe gewid⸗ meten Tage, einer Zahl die ſelten uͤbertreten wird und die ſelbſt ſelten vollſtaͤndig iſt. Frau von Camarina kennt man, wir wollen daher von ihrer Schweſter ſprechen. Madame Del⸗ wins verbirgt ihr Alter nicht: ſie zaͤhlt jetzt zweiunddreißig Jahre und wuͤrde ohné einen ——————————— Ausdruck von Melancholie, der ſich zuweilen in ihren Zuͤgen malt, juͤnger erſcheinen als ſie iſt. Die Zierlichkeit ihres Wuchſes; die Beweglich⸗ keit ihrer Zuͤge, die abwechſelnd oder vielmehr zugleich lebhaft, ſanft, geiſtreich und wohlwol⸗ lend ſind; die Friſche ihres Teints; die Anmuth und der Adel ihres Benehmens; der milde Aus⸗ druck ihrer Stimme: machen ſie zu einem jener bevorrechteten Weſen, zu denen man ſich un⸗ willkuͤhrlich hingezogen fuͤhlt. Ihr Charakter iſt der eines Engels; die Gleichheit ihrer Laune iſt vollkommen, ihre Unterhaltung anmuthig. Wie ihre Schweſter, beſitzt ſie in einem hohen Grade die Geſchicklichkeit, die Vorzuͤge Anderer herauszuheben und man beginnt ſie liebens⸗ wuͤrdig zu finden, ehe man noch wahrnimmt, wie huͤbſch ſie iſt. Sie hat nur eine Tochter, der einſt das ganze Vermoͤgen der beiden Fa⸗ milien zufallen wird. Ein Gegenſtand der Zaͤrtlichkeit und der Beſorgniß, ſtoͤrt Flavia oft wider ihrem Willen, die Ruhe ihrer Ver⸗ wandten. Das durch die beiden Schweſtern bewohnte Haus, liegt zwiſchen dem Hof und dem Gar⸗ ten und hat zwei Eingaͤnge, von denen der eine von der Straße hereinfuͤhrt, der andere hingegen von dem Quai. Der fuͤr die Zwoͤlfe beſtimmte Platz, iſt von denen der anderen abgeſondert; dem Salon zur Seite, wo man ſich verſammelt, befindet ſich ein an⸗ derer etwas kleinerer fuͤr diejenigen, die eine Parthie Schach oder Piquet ſpielen wollen, was ziemlich regelmaͤßig von dem Praͤſidenten geſchieht, den man liebt, verehrt und der das haben muß, was er ſelbſt ſcherzweiſe„ein Opfer“ nennt. Er iſt uͤbrigens ſtets gegen⸗ waͤrtig, denn dieſer Greis iſt froͤhlich und da⸗ bei ein großer Anecdotenerzaͤhler; mehrmals ſah ich ihn hier ſeine Parthie unterbrechen und in den Salon gehen, wenn man daſelbſt ir⸗ gend etwas beſprach was ſeine Neugierde zu reizen vermochte; dabei pflegte er dann mit einem komiſchen Verdruß zu ſagen:„Es iſt nicht moglich! man kann bei meinen Nichten nicht ſpielen.“ Auf der anderen Seite des Salons beſin⸗ det ſich eine wohleingerichtete Bibliothek, deren Thuͤren waͤhrend der Verſammlung Keoͤffnet 65 ſind. In der Mitte liegen auf einem Liſche die periodiſchen Blätter und Reuigkeiten des Tages, welche Aufmerkſamkeit verdienen: man erneuert dieſe Letzteren alle Monate; mehrere verſchwinden ſogleich wieder, andere bleiben uͤber den geſetzten Termin liegen, aber dies seichieht nicht aus Vergeſſenheit. Die Mitglieder dieſes Kreiſes konnen ſich wenn ſie wollen; nach einer unter ihnen getroffenen Uebereinkunft, ſind ſie aber des Dienſtags dazu verpflichtet. Sonnabends geben die beiden Schweſtern große Geſellſchaft, um, wie ſie ſagen, den Werth der kleinen deſto mehr ſchaͤtzen zu lernen. Dazu iſt Flavia jetzt funfzehn Jahre, und ſie muß in die Welt eingefuͤhrt werden, um ſie kennen, wuͤrdigen, beurtheilen, und die Gefahren derſelben ver⸗ meiden zu lernen. Es iſt dies gleichſam ein praktiſcher Curſus den man ihr, ohne daß ſie es ſelbſt weiß, machen laßt, und ohne daß ſie einen Augenblick von den vier Perſonen, deren Idol ſie iſt, aus den Augen verloren wird; denn Duͤluͤde gehoͤrt mit zur Familie. Die Contraſte im Leben gleichen den Schat⸗ I. 5 ten im Gemälde, die dazu beitragen den Gegen⸗ ſtand mehr hervorzuheben auf welchen man die Blicke lenken will. Wenn man die anderen Salons in's Auge faßt, dann witd man ſich einen um ſo richtigeren Begriff von dem der beiden Schweſtern machen. Ich will dieſerhalb eine Unterredung hier mittheilen, von der ich Zeuge war. Verſchiedene xn der Gegenſtand derſelben⸗ Dor Praͤſident.„eheneis war — Geſellſchaftston mit Recht beruhmt und man kam weit her, um ihn zu lernen. Die unterhaltung war unterrichtend und angenehm zugleich; es war ein wohlwollender Austauſch von Gefuͤhlen und Geſinnungen und wenn das Herz mit in das Spiel gezogen wurde, ſo ent⸗ ſtand dadurch keine Stoͤrung. Mehrere Cirkel hatten eine große Beruͤhmtheit. Dies aͤnderte ſich jedoch alles bald, und verſchwand gaͤnzlich in den erſten Tagen der Revolution, und als ſich nach einer langen Unterbrechung die Sa⸗ lons wieder bevoͤlkerten, da bemaͤchtigte ſich die Politik aller Geiſter; aber dieſe iſt mehr ein Gegenſtand der Discuſſion als der untethal⸗ ———————— ———— ————— ⸗ 67 ——— tung. Man dachte weniger daran, dein ſein Ohr zu leihen welcher ſprach, als ſicho darauf vorzubereiten, ſelbſt zu ſprechen. Oft niſchte ſich noch Bitterkeit ein, und die Politit wurde der Apfel der Eris. Dies ſowohl, als noch manche andere Urſachen, machten daß man ſie envlich aus der Geſellſchaft verbannte, aber ſie mußte durch etwas erſetzt werden und es war nicht mehr moͤglich die Geiſter von dem Au⸗ genblick an zu beſchäftigen, wo man ſich ge⸗ noͤthigt glaubte, ihnen die einzige Nahrung entziehen zu muͤſſen, die ihnen behagte. Von da an begann man die Augen mit allen dem zu blenden, was der Luxus nur Glänzendes hat und gab ſomit det Eitelkeit eine neue Rich⸗ tung. Eine der Seltſamkeiten welche die jetzge Geſellſchaft darbietet, und die die groͤßte Auf⸗ werkſamkeit verdient, iſt: daß man faſt immer das Gegentheil von dem was wirklich exiſtirt, findet; d. h. daß man, wenn man einen ent⸗ gegengeſetzten Schluß von dem Gegebenen zieht, ſich der Wahrheit nähert. Es iſt wie ein Rechenexempel, bei welchem die im Wineſitu mit dem Produrte ſteht.“ 5* . „Alle Salons weichen zwar untereinander ſnnetwas ab, haben aber dennoch eine Seite, wo ſie ſich durchgaͤngig gleichen, einen Beruͤh⸗ rungspuukt, kurz einen Hebel, der alles in Bewegung ſetzt. Dieſer Hebel iſt die Eitelkeit. Aber durch eine Verirrung des Geiſtes, iſt dies eine am haͤufigſten uͤbelverſtandene Eitelkeit, die falſche Berechnungen macht, weil wir weniger Werth auf das legen, was wir beſitzen, als auf das was uns fehlt. Ein faſt Allen ge⸗ meinſchaftliches Beſtreben iſt das: reich erſchei⸗ nen zu wollen, wenn wir nur wohlhabend ſindʒ wohlhabend, wenn wir unſer Auskommen be⸗ ſitzen; zufrieden, wenn wir es nicht ſindz un⸗ in dem wir am wenigſten ver⸗ 8 3— haben ſehr deht, doch vergeſſen Sie eine Verirrung die immer bedeutender wird und bemerkt zu wer⸗ den verdient. Mancher legt einen ungemeſſe⸗ nen Werth auf Portheile die er beſitzt, die er ſich aber nicht errungen hat und, da er derent⸗ willen ſich keine Muͤhe geben durſte, er folg⸗ lich auch eigentlich ſich kein Verdienſt daraus 69 machen kann und ſolltez wie z. B. die Geburt⸗ Ein Anderer dagegen, dem dieſer Vortheil ab⸗ geht, uſurpirt ihn haͤufig mit unverſchaͤmtheit.“ „Es giebt in einer gewiſſen Vorſtadt einen Salon, der nicht ſowohl durch den Lurus ſei⸗ ner Einrichtung, als durch den Charakter des Hausherrn, aͤußerſt merkwuͤrdig iſt. Der Mann traͤgt eineu Litel, welchen er im Jahre 1814, der Epoche wo zum zweiten Male dir Titel der Pluͤnderung preisgegeben wurden⸗ angenommen hat. Es iſt der eines Baron 5 weil er glaubt, es ſey dies der aͤlteſte unter den modernen. Durch oͤfteres Wiederholen hat er ſich ſelbſt uberredet⸗ daß er von einem der älteſten Geſchlechter der Chriſtenheit abſtamme Allen ſeinen Leuten iſt es ſireng geboten, wenn man von ihrem Herrn mit ihnen ſpricht, ſeiner nicht anders zu erwaͤhnen als mit Vor⸗ ſetzung dieſes Titels vor ſeinen Namen, auch muͤſſen ſie ihn ſiets:„Herr Baron“ nennen, und ſo ſieht es, wenn man bei ihm iſt, wirk⸗ lich aus, als gäbe es nur einen Baron in der Welt. um dieſe Wuͤrde zu unterhalten, ſind aber manche Opfer nothig geweſen. Es 5 * 70 mußten mehrere Bediente angeſchafft werden; eine Livree war unumgaͤnglich; denn wie konnte ein Baron ohne Livree beſtehen! Dieſe Die⸗ nerſchaft und dieſe Livree erhalten zu konnen, führt nun der Herr Baron einen knappen Tiſch; es fehlt ihm an Waͤſche, es fehlt ihm an Hemden, aber an Jabots und Spitzen fehlt es ihm nicht. Alle Wochen einmal, ſieht er Geſellſchaft bei ſich und die uͤbrigen Tage herrſcht dagegen die vollkommenſte Dunkelheit in ſeinen vier Pfaͤhlenz man moͤchte glauben, es wohne gar Niemand da. An dem Geſell⸗ ſchaftstage wird man dagegen durch den Glanz der Lichter geblendet. In dieſem Heiligthume werden uͤbrigens nur Perſonen von Stande empfangen. Eines Abends koͤmmt unerwartet ein Vetter aus der Provinz an und läßt ſich melden. Der Herr Baron ſturzt ihm entgegen, zieht ihn in das Vorzimmer und ruft, indem er ſich an den Lakay wendet, mit gebieteriſcher Stimme:„Schurke, melde dieſen Herrn als den Herrn Grafen von**, und niemals an⸗ ders!“ Ganz beſchaͤmt macht der Vetter hier⸗ . Ee ——— auf ſein Entré zum zweiten Male und als er mir ſpäter dieſe Anecdote ſelbſt erzaͤhlte, nannte er ſich: Graf von det Fabrik des Herrn Ba⸗ rons. Begierig zu erfahren, ob mein Verdacht gegruͤndet war, zog ich Erkundigungen uͤber die Abkunft dieſes Eiteln ein und uͤberzeugte mich, daß ſein Vater, ſehr oft fehlgreifend in ſeinen Berechnungen, ſich den Adelstitel kurze Zeit vorher gekauft hatte che man denſelben abſchaffte. So iſt demnach dieſer Baron von dem neueſten Datum, und dieſer Menſch, det als Buͤrgerlichet in einer gewiſſen Behaglichkeit leben konnte, ſtirbt faſt vor Hunger um einen uſurpirten Litel zu fuͤhrenz eine Sache dit alle wiſſen die ihn kennen und auch kein Geheim⸗ niß datuus machen. Giebt es wohl eine är⸗ gere Thorheit? und wenn man nur einiges Vergnügen bei ihm hätte! aber von allen Sa⸗ lons in Paris, iſt ſeiner der langweiligſte und geſchmackloſeſte.“ 0 Der Chevalier„Sie entſcheiden ſehr ſchnell.“ n uia Herr Deſormes.„Ach Chebalier, Sit wurden ſehr undankber ſehn, wenn Sit be⸗ 72 ——— haupten wollten, daß die großen Verſammlun⸗ gen bei Madame**, wo Sie ſonſt zuweilen hingingen, denen des Barons den Banh ſtrei⸗ tig machen koͤnnten.“ Der Chevalier.„s giebt veechen noch mehrere; doch nannten Sie und der Prä⸗ ſident vorher die Eitelkeit als den Haupthebel dieſer Art von Geſellſchaften; aus einer ſolchen urſache kann nur Langeweile entſtehen. Es iſt die Meinung der man gleichſam den Hof macht; man ſucht mehr gluͤcklich zu ſ. cheinen als es wieklich zu ſeyn, und die Huldigun⸗ gen Anderer entbehren zu koͤnnen. Von dem Augenblick an, wo man dieſe Huldigung ſucht, iſt es aber aus mit Gluͤck und Ruhe. um dieſe Meinung der man hoͤfelt, auf ihren wah⸗ ren Werth zuruͤckzufuͤhren, laſſen Sie uns den Salon der Madame*½ betrachten, deſſen Sie ſo eben gedachten. Gleich an dem vergoldeten Gitter, welches die Stelle des Thorweges ver⸗ tritt, ſieht man, das man hier in dem Aufent⸗ halt eines Guͤnſtlings des Gluͤckes tritt. Der Hof und die dem Eingang gegenůberliegende Fapade des Hintergebaͤudes, ſind reich verziert. —————— ————. 73 Einige Stufen von Marmor fuͤhren in ein Vorhaus, in welchem ſich auf der einen Seite eine Treppe von neuer Fagon befindet. Man moͤchte ſagen, ſie ſey in die Luft gehangen, ſo leicht ſchwebt ſie empor. Das Gelaͤnder, ganz von Acajon, umkreiſt einen prachtvollen Kron⸗ leuchter, der an einer vergoldeten Kette haͤnst deſſen oberſtes Glied ein Adler haͤlt, welcher in Wolken/ die den Plafond bilden, eingehuͤllt zu ſchweben ſcheint. Auf der andern Seite des Vorhauſes befinden ſich zwei weite Säle, in welchen man in Ueberfluß, obſchon geſchmack⸗ voll, alles aufgeſtellt findet, was Kunſt und Induſtrie am vollkommenſten lieferten. Alle Jahre wird hier eine Art von Revuͤe gehalten um die Meiſterwerke durch neue Meiſterwerke zu erſetzen. Doch laſſen wir dieſe Candelaber, Girandolen, Verzierungen und uhren und ge⸗ hen wir in das Simmer der Madame. Reiche Behaͤnge von Seidenzeug ſind hier ringsumher drappirt und bilden durch zierliche Anordnun⸗ gen, Saͤulen in gleichweiter Entfernung von einander. Ein ungeheurer hinten angebrachter Spiegel, vergroßert den Raum und wirft das 74 Bild der Meublen und der Geſellſchaft zuruͤck. Was dieſe Geſellſchaft anlangt, daruͤber nicht ein Wort. Beſchaͤftigen wir uns dagegen blos mit Madame**. Noch huͤbſch, kann ſie den äußeren Schmuck verachten. Sie traͤgt keine Diamanten und außer einem prachtvollen Ca⸗ chemir, ſieht man nichts Reiches in ihrer Toi⸗ lette. Die Diamanten wuͤrden, wenn ſie be⸗ merkt werden, ihrer Schonheit nur ſchaden; bemerkt man ſie nicht, ſo ſind ſie unnuͤtz. Ihre Rivalinnen ſind dagegen damit uͤberladen und empfinden einen tödtlichen Verdruß, indem ſie ſehen muͤſſen, daß ſie immer die Blicke auf ſich zieht, da ſie zierlich gewachſen, voll und doch leicht iſt, und von der Natur eine Anmuth empfing, die keine Kunſt zu erſetzen vermag. Getadelt daruͤber, immer zu einfach zu gehen, legte Madame* eines Tages ein Perlenhalsband um, aber nun wurde es noch ſchlimmer! Da ſie nur drei⸗ hunderttauſend Livres Renten beſitzt und man dieſen Schmuck wenigſtens zu fuͤnfhunderttau⸗ ſend Franken ſchaͤtzte, ſo fand man, daß ſie doch einen zu bedeutenden Werth um ——————— ————— ———————— den Hals geſchlungen habe. Benachrichtigt davon, daß eine der Damen, die den mehtrſten Neid gegen ſie hegte, am lauteſten ſich daruͤ⸗ ber aufhielt, ſandte ſie ihr das Halsband nebſt der Rechnung u: es waren falſche Perlen und dieſer Schmuck koſtete. olt ich es ſagen? zweiundvierzig Franken! aber um fünfhunderttauſend zu gelten, mußte er ſich um den ſchonen Hals der Madame 5 ſchlingen; an einem andeten als dem ihrigen, wuͤrde er nicht bemerkt worden ſehn, und Sie ſchen hieraus, was die Meinung thut. Ma⸗ dame** fehlt niemals bei einer erſten Vor⸗ ſtellung im Theater, und ihte Loge iſt ſtets die wo mein am mehrſten geſehen wird. Ss ſiegt ſie äͤber alle ihre Rebenbuhletinnen; ſie ver⸗ nichtet ſie faſt. Alle beneiden ihr Loos. Und iſt ſie denn wirklich gläͤcklich? Die Thraͤnen welche ſie im Stillen vergießt, die Seufſer welche ſie mähſam unterdruͤckt; ein alter, brum⸗ miger Mann, beuntwotten dieſe Frage hinrei⸗ wend. Die Feinde und Neider der Madame— ſind nur zu ſehr on ihr gerächt, aber ſie wiſ⸗ ſen es nicht und dies reicht hin für eine vom Gluͤck uͤberſchuͤttete ran die nicht ſeyn kann.“ „In dieſen cue Salons, erſcheint die Eitelkeit unter allen Geſtalten und bekaͤmpft ſich ſelbſt. Herr B. den ſie bei dieſen Damen ſahen, ſchien das Gluͤck gefeſſelt zu haben, aber unter den Dingen die daſſelbe nicht giebt und nicht geben kann, ſteht die Er⸗ ziehung oben an und Herr B. keine. Er iſt von einer vollkommenen unwißtnheit will aber demungeachtet unterrichtet erſcheinen und nichts iſt in der That komiſcher als die Proben ſeiner Gelehrſamkeit. Seiner Frau iſt es endlich nach vielen Bemühungen gelungen, ihn zum Schweigen zu bewegen, indem ſie ihm eingeredet hat, daß, je mehr man weiß⸗ je weniger man ſpricht. um ſich ſchadlos zu halten, wirft er ſich in gewagte Speculationen Bald vermehrt ſich ſein Luxus: man ſieht bei ihm prachtvolle Gaſtmahle, hohes Spiel bis tief in die Nacht hinein, und glänzende Bälle, Es waren dies die Anzeichen eines dahin⸗ ſchwindenden Reichthumes. Ein Thor ließ ſich indeß davon fangen; er heirathete die Tochter —— —,————— ————— ——————— des angeblichen Millionaͤrs und wenige Tage nach der Hochzeit, vernahin er mit Schrecken, daß der Pater ſeiner Frau, Mittel vrgriffen hatte, um ſich auf immer von ſeinen Glaubi⸗ 3** gern zu trennen.“ unne Herr Deſormes.„Ich kannte ſo wie Sie wahrſcheinlich auch, und ich mochte faſt ſagen die ganze Welt, ein Haus, in welchem die Geſellſchaften zahlreich und beruͤhmt ſindt aber Verſchwendung und Knauſerei die Hand und man fuͤhlt, daß d Gebietern deſſelben eigenthuͤmlich hier betechnet und unter den zwei odet drei⸗ hundert Gaͤſten, iſt nicht einer, der nicht eine Rolle fur den Hausherrn oder deſſen“ Gemah⸗ lin, den unumwundenſten Egoiſten des Jahr⸗ hunderts, zu ſpielen hat! Niemals hat die Idee einer guten Handlung ihre Ruhe geſtort, noch ſie beſchaͤftigt, und wenn ſie einen Dienſt erweiſen, ſo geſchieht dies nur in ihrem eige⸗ nen Intereſſe. Bedurfen ſie Ihrer, ſo nehmen ſie Sie auf die zuvorkommenſte Art auf und die wohlwollendſten Verſicherungen werden an Sie verſchwendet. Fällt das Motiv weg, ſo 78 ——— find Sie ihnen aber wieder völig gleichguͤltig; eine eiſige Kaͤlte folgt den Hänbedruͤcken, den Freundſchaftsverſicherungen, den ſanften, zuge⸗ fiöteten Worten. Man erkennt ſie kaum wie⸗ der und Sie kommen in Verſuchung, die freundſchaftlichen Beziehungen die Sie mit die⸗ ſen Menſchen hatten, fuͤr einen Traum zu hal⸗ tenz ſo groß iſt das vollige Vergeſſen derſelben iihnn, er wenigſtens das, welches ſie zu haben; denn, ich wiederhole es, em uſe iſt alles Berechuung.“ „s giebt ein anderes, wo Stol; und Prachtliebe uber die Knickerei ſiegen. Koſtbare Meublen, maſſive Vergoldungen, eine Aus⸗ ſtellung von Luxus auf die man nicht unter⸗ laßt Sie aufmerkſam zu machen, und bei der der Reichthum auf Koſten der Ekeganz und des guten Geſchmackes, glaͤnzt: dies ſind zugleich die Gegenſtaͤnde welche Ihre Augen treffen und die Unterhaltung bilden, wenn dieſe einmal uͤber das muͤhſam erſtickte Gaͤhnen, das Im⸗ perial und das Ecarté ſiegen. In dem vor⸗ her erwähnten Hauſe, ſucht man die Lange⸗ weile zu verbannen, aber die Wohlthatigkeit „ 29 iſt nicht dem Namen nach befannt, wahrend daß in dieſem, Dunk der Eitelkeit! dieſelbe immer das zweite Wort iſt. Erſt nachdem ich mich in dieſen beiden Cirkeln hinreichend gelangweilt hatte, wurde ich bei Madame Delwins ein⸗ gefuͤhrt, wo ich bald die Luſt verlor, anderswo hinzugehen. Die Urſache werden Sie errathen, ohne daß ich ſie zu nennen noͤthig hätte. Ich liebe es nicht Complimente zu machen und will mich uͤberdem nicht heute auf die liſte ſetzen laſſen“ 5 m Um dieſes Wort zu verſtehen m man wiſſen, daß es eines der Grundgeſetze dieſer Geſellſchaft war, daß derjenige welcher ſich einer Mediſance ſchuldig machen, oder die Herrſchaften des Hauſes Jobräuchern wuͤrde, eine Geldbuße zu entrichten haͤtte. Beging man eines dieſer beiden Vergehen, dann ſchrieb man ſeinen Namen in die Bußliſte ein⸗ Alle zwei Monate, zuweilen auch noch oͤfter, wurde dieſe Rechnung in Ordnung gebracht und die daraus eytſpringende Summe, zu ei⸗ ner guten Handlung verwendet. Man unter⸗ ſtutzte damit eine Familie die vielleicht von 680 einem Unfall betroffen worden war, eine Waiſe, um deren Erziehung zu vollenden u. ſ. w. Zuweilen ſuchten die beiden Schweſtern die Spottſucht aufzureizen um den Unterſtutzungs⸗ fond zu vergroßern, oͤſter jedoch entrichteten ſie freiwillig ſelbſt einen Beitrag, ohne die Be⸗ dingungen dazu verſchuldet zu Thaben. Mit dem Schuldigen ſetzten ſie, uͤbereinſtinimend und nach den Vermoͤgensumſtaͤnden deſſelben, die Strafe feſt, und man hat ſie ſogar einige Male in Verdacht gehabt, den Betrag fuͤr ihn ausgeglichen zu habenz doch nahmen ſie ſtets dabei ihre Maßregeln ſo b W man— nen nie beweiſen konnte. Wenn aber auch einige auf bieſe Art ſ ch juen der Sucht zu ſpotten hingaben, ſo war ſie dafuͤr wieder Anderen natuͤrlich, und dieſe fluͤchteten ſich dann gern hinter den Vor⸗ wand der Abſichtlichkeit, ſo daß man glau⸗ ben mußte, als thaͤten ſie es blos um die Kaſſe zu fuͤllen. Von Deſormes Hang zur Perſiflage war man jedoch allgemein ſo uͤber⸗ zeugt, daß man bei ihm nicht mehr an dieſe Ausflucht glaubte. Eines Tages band er mit 81 allen Uebrigen an und behauptete: nicht aus Nachſicht geſchaͤhe es daß ſie nichts Uebles von ihren Naͤchſten redeten, ſondern aus Geiz. Er hielt dabri hieruͤber eine halb etnſthafte, halb komiſche Rede, um zu beweiſen, daß man ohne die Furcht vor der Sbſitain nicht S als er ſeyn wuͤrde. Es bleibt jetzt nur noch wenig iber vieſe Geſellſchaft zu ſagen, die wir am beſten durch Beiwohnung einiger ihrer Verſammlungen wer⸗ den kennen lernen. Wir werden da ſehen, wie ſie alles in ihren Vereich zog; die Politif, die Sitten, die offentliche Meinung, die Lite⸗ ratur, der Geiſt des Jahrhunderts, die Fort⸗ ſchritte der Civiliſation: alles gehoͤrt dahin⸗ Zuweilen giebt die Grafin ein Thema auf und bezeichnet den Gegenſtand des Geſpraͤchs fuͤr die naͤchſte Unterhaltung, ſo daß, wenn nicht etwa Reuigkeiten oder Ereigniſſe mitzu⸗ theilen ſind, man verbunden iſt, ſich mit dem aufgegebenen Gegenſtande zu beſchaͤftigen. Ge⸗ woͤhnlich iſt dieſe Vorſorge jedoch uͤberfluſſig und das Vorgeſchlagene koͤmmt gar nicht in An⸗ regung. Waͤhrend einem Zeitraume von ſechs I. 6 82 Monaten, ſah man ſich nur ein einziges Mal gezwungen zu dieſem Mittel ſeine Zuflucht zu nehmen. Uebrigens wird es ohne Zweifel un⸗ noͤthig ſeyn zu bemerken, daß die beiden Schweſtern nicht immer Theil an den Ver⸗ ſammlungen nehmen, und wenn man in dem Nachfolgenden zufaͤllig etwas finden ſollte, was nicht fuͤglich vor ihnen hätte erzaͤhlt werden konnen, ſo kann man verſichert ſeyn, daß dies wirklich nur in ihrer Abweſenheit zur Sprache kam. Was Flavia anlangt, ſo zog ſich dieſe bei 32 Zeit zuruck. Duͤluͤde fuͤhrte zuweilen einen Engländet, mit dem er in vertraulicher Verbindung war, in die Geſellſchaft ein. Dieſer Mann brachte regelmäßig jährlich drei Wintermonate in Paris zu und erſchien dann waͤhrend dieſes Aufent⸗ haltes in dem Hauſe der Graäfin. Er liebte die Unabhangigkeit und die Otte wo man die⸗ ſelbe genoß. In der Verſammlung, wo ſein Erſcheinen durchaus keine Stoͤrung veranlaßte und wo er von einem Mitgliede eingefuͤhrt ward, das einen großen Einfluß auf die Ge⸗ ſelſchaft uͤbte, empfing man ihn ſtets mit Vergnuͤgen, und Sir Coopet wurde gewiß noch dfter gekommen ſeyn, wenn der Geſchmack fuͤr das Schauſpiel nicht ſehr vorherrſchend bei ihm geweſen waͤre. N * 1 2 2 it⸗. W„½1 3n n — 1 I* 965 „ * 15 1 1 6* e 5 1¹ Viertes Kapitel. 13 0 3* 5 3† Die Allee der Wittwen „Es iſt mir,“ ſprach Deſormes, als man verſammelt war,„ein Abentheuer begegnet, das ich große Luſt habe wieder zu erzaͤhlen; doch muß ich vorher meine Bedingungen machen.“ „Vor Allem, darf ich die Sache mit an⸗ hoͤren?“ fragte die Graͤfin. „Hm, ja; aber auch nur Sie allein,“ erwiederte nach kurzem Bedenken Deſormes. „Iſt dies ein Compliment oder ein Epi⸗ gramm?“ „Weder das eine noch das andere. Hoͤren Sie ſelbſt und urtheilen Sie dann. Ich werde meine Geſchichte von hinten anfangen.“ „Nicht doch, ich muß um den Anfang bitten.“ — — — ou„Aich das; bet ſi e kann t nicht bor m Mann und v Fiui ſzlech iht werden Sin* He biletumne m„Meine Schweſter und deren vhb wer⸗ den dieſen Abend nicht kommen,“ bemerkte die Gräfin, und Delwins fragte: ob es nöthiß ſey daß er ſich ebenfalls entferne? „Keinesweges,“ antwortete Deſormes: „doch weiden Sie geſtehen, daß Niemand als Frau von hier iſt, die Men fnnte. * bin wuzu e, fiel ein nein!“ ſprach Deſorne„es iſt wichtig daß Sie bleiben, da ſicher alle dieſe Herren hier mich anklagen werden und ich nur auf Sie um. F ver⸗ hedigen M „Aber ich ſage es Sin vorher,“ verſetzte die Grafin,„daß ich nichts 1 als nach⸗ ſichtig ſehn werde.“ „Das iſt das was ich wuͤnſche. um keine Einzeluheit des Ereiguiſſes zu vergeſſen, habe ich daſſelbe zu Papier gebracht. Der Cheva⸗ lier hot ſich des Blattes aher bemächtigt und da er ſich mit der Lithographie abgiebt, ſo hat er, vermuthlich weil er nichts Beſſeres zu die Erzählung, die er ührigens corrigitte, qb⸗ zudrucken. Ich werde ſie demnach vorleſen. „Nichts iſt ſo nöthig in Paris als ein Arzt, da es ſich hier immer darum handelt⸗ Ftweder die Geſundheit zu bewahren, oder wenn ſie verloren gegangen iſt, ſie wieder her⸗ zuſtellen. Es giebt nichts Drittes und in mei⸗ ner tiefen Einſicht, habe ich das Menſchenge⸗ ſchlecht in zwei Claſſen getheilt: die eine trach⸗ tet die Geſundheit zu erhalten, die andere ſie wieder zuerlangen. Ein ehrlicher Mann kayn ſich demnach nicht ohne Arzt behelfen. Der meinige beſitzt uͤbrigens zwei Mittel fuͤr die erſtere Claſſe; ſie ſindt Bäder und Spa⸗ ziergaͤnge. Seine Methode in Betreff der zweiten Claſſe, kenne ich nicht, denn noch be⸗ fand ich mich nicht in derſelben.“ S In Folge ſeiner Pertdnungen erging ich mich vergangenen Donnerſtag in den eliſäiſchen⸗ „ † 1 * 87 Feldern“*), einem köſtlichen Spaziergange des Motgens bei Sonnenaufgang und dem Erwa⸗ chen der Natur⸗ der jedoch gegen die Mitte des Tages hin einen andern Anblick annimmt und ſich in ein Jahrmarktöfeld verwandelt. Es ſchlug neun Uhr und das Geraſſel eines im Gallopp herbeieilenden Wagens⸗ riß mich aus meinen Traumereien. Plotzlich hielt das t *) Dies war ehemals der der Maria von Medicis zu⸗ gehoͤrige Cöurs la Reine; auf welchem ſie 1616 drei Baumalleen anlegen ließ, die an ihrem Aus⸗ gange verſchloſſen und. blos zum Gebrauch dieſer Fürſtin beſtimmt waren. Im J. 1670 wurde dieſer Spaziergang erweitert und erhielt den Na⸗ men: Champs Elisces. 1723 ließ der Herzog von Antin, die von Maria von Medicis angelegten Baumpflanzungen durch andere erſetzen, welche 3 Herr von Marigny, 1764, abermals wegſchaffen ließ, um diejenige dafuͤr machen zu laſſen welche man noch heutigen Tages daſelbſt ſieht. Der Theil * welcher noch jetzt Cours 14 Beins heißt, hat die Symmetrie behalten welche ihm der Herzog von Antin 1723 gab. Die Ville de Frangois I. die man ſeit mehreren Jahren begonnen hat zu er⸗ bauen, wird nothwendig Veraͤnderungen in den Champs Elisées herbeifüͤhren, die ſich erſt dann werden angeben laſſen, wenn dieſe ſogenannte Stadt wird vollendet ſeyn. 8⁸ Fuhrwerk an, ich wende mich um und ſehe eine Dame die ſchnell ausſteigt, dem Kutſcher zu warten befiehlt, ſich nach meiner Seite hin⸗ wendet und an mir voruͤberſtreifend, in die Allee der Wittwen tritt. Sie war ſichtbar bewegt; ihr Buſen flog, ihr Athem ſtockte; dies und ihr ungewiſſer Schritt, ihr vorwaͤrts gebeugtes Haupt und ihre Eilfertigkeit ließen mir den Schluß machen, daß ſich bei ihr mit dem Verlangen, zur rechten Zeit zu fommen, die Furcht geſehen. zu werden, vereinte. Der Wind drappirte maleriſch ein leichtes indiſches Gewebe um ſie her und zeichnete die Umriſſe ihrer Taille indem er zugleich einen nachlaͤſſig uͤber ihre Schultern geworfenen Shwal ſchwellte und ihre blonden Locken bewegend, durch ei⸗ nen Gazeſchleier Zuͤge zeigte, die ein großer Strohhut mir kaum wahrzunehmen etläubte. Sie war ſchlank, wohlgewachſen und ſchien mir jung und huͤbſch zu ſeyn. 36 richtete meine Schritte jetzt ſo ein, um ohne daß es den Anſchein hatte als folgte ich ihr, in ihre Nähe zu kommen; dabei bemerkte ich, daß ſie ſichen blieb, nach ihrer Uhr ſah, einen unruhi⸗ 89 gen Blic un ſih herwatf, eine Bewegung der ungeduld machte, den Fopf nach mit zu wendete und mich ins Auge faßte. Feſt hielt ich die meinigen aber auf ein Buch gtheftet, und ſchritt, jedoch etwas langſa⸗ mer, weiter ohne daß mir deswegen eine ihrer Bewegungen entging. utberraſchung, Neugietde und heilnahme hielten meine Auf⸗ merkſamkeit gefeſſelt und im Stillen pries ich den Doctor und ſeine Verordnung, und ſchaͤmte mich nebenbei ein Bischen, indem ich daran dachte, wie leicht einen die Hoffnung in den Champs Elistes beſchleichen und wie ſchnell man daſelbſt Pläne machen kann! Die meinigen zerſtäubten indeß ſchnell bei der An⸗ kunft eines eleganten Phaeton, aus welchen ein junger Mann ſprang, der die Thuͤre eines Gartens oͤffnend, die Dame am Arm nahm und mit ihr verſchwand, nachdem er vorher ſeinen Wagen zuruͤckgeſendet hatte. Maſchi⸗ nenmäßig kehrte ich zu dem zuruͤck, welcher den Befehl hatte, die Heldin der Geſchichte zu erwarten. Eben wollte ich mich dabei meinen Muthmaßungen uͤber den Vorgang uͤberlaffen, als ich uber alles durch eine Scene auſgeklärt wurde, die lauter als die war der ich ſo eben beiwohnte. Die handelnden Perſonen derſelben wgren ein dicker, kurzer, unterſetzter, kahlkoͤ⸗ pfiger Mann, der ganz außer Athem zu ſeyn ſchien und wie ein Zahnbrecher ſchrie, und der Kutſcher, der ſein unverwuͤſtliches kaltes Blut treulich bewahrte. Folgendes Gerih⸗ miſhen Beiden, hörte ch mit an“ un Der Mann. Ich wiedethole es vu. iſt meine Frau; verſtehſt Du? Der Kutſcher. Das widerſteite nicht, aber was geht das mir an? Der Mann.(voll Sorn) Ich verlange daß Du mir ſagſt, wo ſie hingegangen iſt. 3 Der Kutſcher. Weiß ich das? Sie muß ſchon weit ſeyn, wenn ſie ſo fort gelaufen iſt. Der Mann. Schurke! die Polizei. Der Kutſcher. Seyn Sie nicht wun⸗ derlich mit Ihrer Polizei! Miſcht die ſich wohl in dergleichen Dinge? Die hat anders zu thun! Wenn ich ihr werde geſagt— haben: eine Dame hat fuͤr den ganzen Tag gemiethet.. Der Mann. Fuͤr den ganien. Tag? Der Kutſcher. Ja mein Hert, fuͤr den ganzen Tag, und dabei hat ſie mir diefen Ort hier beheichnet um ſie zu etwarten. 6 iſt huͤbſch hier, wie Sie ſchen! ſchone Bäume, Schatten; ich wuͤrde um keinen Preis der Welt mich von hier entfernen und⸗ die Polizei wiwe mir ſagen:„Du haſt recht ge⸗ than, mein Freundz ein Kutſcher iſt wie ein Soldat; er ethlt ſeinen Poſten und darf ſich nicht davon entfernen, bis die Perſon in ab⸗ loſt, die ihn hingeſtellt hat.“ Der Mann.(ſſich i aber wenn nun die Dame nicht wieder zuruͤcktömmt und Dich nicht bezahlt? 32 Der Kutſcher. Ich dachte 36 Hünmn Sie mein Herr, beleidigen Sie mir meine Kunden nichtz in dieſem Punkte verſtehe ich keinen Spaß. Sie muſſen wiſſen, daß ich mit einer braven Frau zu thun habe, Der Mann.(zwiſchen den Zaͤhnen brum⸗ mend) Verdammter Schurke!(etwas milder) Wohlan! ich halte Dich fuͤr einen ehrlichen 4— Kerl; nm her, laß mich in Deinen Wagen et, ich will Dich gut dafuͤr bezahlen. Der Kutſcher und wenn Sie mie die Euſe von Montrouge ²) gaͤben, ſo icße nit nicht zu; verſtehen Sie mich? Ber Kutſcher begann hier ein halbes Du⸗ tzend Hiſthrchen zur unterſtüzung ſeiner unbe⸗ ſiechlichkeit vorzubringen. Von Einem hatte er zwanzig Franken ausgeſchlagenz von einem Anderen dreißig; von noch einem Anderen ſo⸗ gar vierzig⸗ Vieſt leztre Summe ſchien jedoch das non plus ultra der Verfuͤhrungen zu ſehn, di er jemals ausgeſetzt war. Der Mann.(mit einem ſchmeichenden 2 Wohlan, ich gebe Dir funßig, wenn Du mich in Beinch Wogen läßt. Der Kutſcher Ach was fünßig! Sie tnttin ohne e ſigen: ſhit Schen Sie nur n Der Mann Nun ich zue ihihe 2 4. 3 Der et Sig der eſuiten, ten es, wie die neueſten Ereigniſſe beweiſen„ nicht an Geld fehlt. Anmerk. d. Ueb. 93 Der Kutſcher.(mit ſchwankender Stimme) Rein nein mein in⸗ ich thue es i 315 6t Der Mann.(men er ihn ſunf goh⸗ ſtuͤcke hinhaͤlt) Da, zum Leufel! da ſind hun⸗ dert Frankenz ich dente d das iſt doch wohlei ein Tagelohn!— Der Sſ(nen er die at ſind niſich ieil⸗ Nun ſo Sie nur ein, damit ich nur Ruhe bekomme.— Mit dieſen Worten half er dem Dicken in den Wa⸗ gen, indem er zugleich dafuͤr ſorgte, den In⸗ halt von deſſen Hand in die ſeinige zu be⸗ kommen. u66 1 „Der dicke Herr ſchrodete 6 in Hin⸗ tergrund des Wagens; uͤberzeugt, daß er ſich hier nicht dem Schlafe uberlaſſen wuͤrde, ſchickte ich mich an mich zu entfernen, zuftieden, er⸗ fahren zu haben, was ich wollte, und wie hoch der Larif eines Lohnkutſcher⸗Gewiſſens iſt. Ich erinnerte mich dabei, daß der Abbé Teraſſon das ſeinige fuͤr eine Milliyn wuͤrde hingegeben haben und daß er doch der recht⸗ lichſte Mann am Hofe war! Ich dachte an den beruͤhmten Walpole, der bis auf Heller und Pfennig wußte, was ihm jedes parla⸗ mentariſche Gewiſſen koſtete und ich weiß in der That nicht, warum ich in dieſem Augen⸗ genblick darauf gewettet haͤtte, daß Herr von V. ll. e— alles nach Maßgabe— zugegeben haben wuͤrde, daß der Kutſcher— ein braver Mann ſey.— Armes Menſchenherz!.. Ich vlickte, gleichſam ihm ein letztes Lebewohl zu ſagen, noch einmal nach dem dicken Manne hinz ſehen konnte ich ihn nicht, aber das durch ſein ungeduldiges Strampeln bewirkte Schaukeln des Wagens, bezeugte ſeine Gegen⸗ wart. Er biß in ſeinen Zaum. Armer Mann!.... Es giebt wahrlich Augenblick, wo man ſi ich recht glücklich ein S5 der Strenge meiner Grunſite, mußte ich doch zugeben, daß das Paar in der Allee der Wittwen, beſſer zu einander paßte„ Sie mußten mehr Beziehungspunkte, meht Uebereinſtimmung mit einander haben. Grauſamẽ Macht der Convenienz! barbariſchet ——— 95 Gebrauch, der die Liebe entfliehen macht und mit eiſernen Feſſeln zwei Weſen zuſammenbin⸗ det, welche die Natur nicht fuͤr einander ſchuf!.... Dieſe Reftexion iſt ohne Sweifel ſehr ſchon„ aber auf der andern Seite iſt die Liebe auch wieder ſo wunderlich... tauſend Beiſpiele beweiſen ihre gebrechlichtu „Unmoglich konnte ich mich von dem Ott der Scene entfernen, ſondern ging in der Ale der Wittwen auf und ab, ohne etwas Ande⸗ res zu ſehen, als eine ſehr kleine Thuͤre. Bald wollte es mir jedoch ſcheinen, als wurde ich durch etwas Anderes noch als Neugierde, hier feſtge⸗ halten. Eine Menge Gedanken die ich kaum feſtzuhalten vermochte, eine Menge widerſpre⸗ chender Empfindungen, von denen ich mir keine Rechenſchaft geben konnte, drängten ſich in mir. Es war mir als ſeh ich zu irgend einer wichtigen Entwickelung gerufen; ich konnte vielleicht einer blutigen Kataſtrophe, einem Duell, einem aͤrgerlichen Auftritte, zuvorkommen; verhindern daß eine Frau nicht verloren ging, nicht entehrt wurde, daß ſie nicht mit ſchmerz⸗ lichen Thranen die Schwäche eines Augenblik⸗ 96 kes den Reſt ihres Lebens uͤber bezahlen mußte.. Jal aber betrachte auch— rief ich mir zu— die Rolle welche Du ſpielen wilſt, aus einem an⸗ dern Geſi ichtspunkte; die beleidigtet Moral, der durch Deine Sorge unbeſtrafte, von Dir echt⸗ und daher von Dir getheilte, Verrath!. „Zuletzt endete ich dieſen inneren gaupf damit, daß ich mir ſagte, daß man zwiſchen zwei Uebeln das kleinſte waͤhlen muͤſſe. Ein hintergangenet Mann kann ſehr glůͤcklich ſeynz tauſend Zuvorkommenheiten, tauſend kleine Aufmerkſamkeiten, koͤnnen ihn entſchädigen. Man wuͤrde ſie ihm nicht erweiſen, wenn man ihn nicht hintergangen hätte. Es wuͤrde grau⸗ ſam ſeyn, wenn ich ſeine Ruhe ſtoͤren wollte und es iſt dagegen menſchlich, zu ſuchen ſie ihm wieder zu geben, wenn er ſie verloren hat. Kurz, ich ſetze meine großen moraliſchen Principien bei Seite und meine Wahl iſt ge⸗ troſen.— Ich blieb demnach, wartete und ging in der Nähe der kleinen Thuͤre, die ſich gar nicht wieder offnen wollte, auf und nieder; dabei lenkte ich meine Schritte ſo, daß ich den Wagen nicht aus den Augen verlor. Auf ſeinen Sitz hingelehnt ſchlief der Kutſcher, und erſtaunt uͤber eine ſo lange Ruhe, ſchienen ſeine Pferde, wäͤhrend ihre Koͤpfe in den Fut⸗ terſaͤcken ſtaken, die ganze Annehmlichkeit der⸗ ſelben zu ſchmecken. Was den Mann an⸗ langte, ſo litt dieſer einſtweilen die furcht⸗ barſte aller Qualen, die, ruhig warten zu muͤſſen wenn man am aller bewegte⸗ ſten iſt, und gezwungen zu ſeyn unthaͤtig das Uebelſte nahen zu ſehen Dieſer Marter fugte ſich noch die der Eiferſucht hinzu⸗ Mich dauerte in Wahrheit der arme Tropf, aber mein Entſchluß wurde dadurch nur noch feſter. Wie langſam floſſen die Stunden dahin! den⸗ noch entfernte ich mich nicht einen Augenblick; der Hunger draͤngte mich, aber ich widerſtand und blieb.“ „Endlich, gegen vier Uhr Nachmittags, hore ich die kleine Thuͤre langſam in ihren ver⸗ roſteten Angeln knarren und ſehe den Kopf ei⸗ nes jungen Mannes, welcher ſich unruhig nach allen Seiten hin umſieht. Trotz ſeinem Er⸗ ſtaunen, drange ich mich zur Thuͤr hineinz durch den Schrecken welchen mein Anblick der I. 7 98 Madame** macht, erfahre ich, daß ſie mich wieder erkennt; aͤngſtlich ſchmiegt ſie ſich an ihren Liebhaber und ruft ſchmerzlich aus: „Das iſt der Herr, der dieſen Mor⸗ gen...“ Der Verehrer, dem Sitte und vielleicht ſein boͤſes Gewiſſen kaum zuruͤckzu⸗ halten vermochten, druͤckte ſeinen Zorn gegen mich nur durch flammende Blicke und durch die Bewegung ſeiner Zuͤge aus.„Sie ſind nicht der Gemahl dieſer Dame?“ ſprach ich zu ihm. Dieſe etwas unbedacht von mir hinge⸗ worfene Frage, brachte ihn außer ſich.„Was ſoll das heißen?“ antwortete er mir mit Hef⸗ tigkeit.„In was miſchen Sie ſich? Sie ſind ein Unverſchaͤmter und ſollen mir Rede dafuͤr ſtehen“—„Ich habe nur ein Wort zu ſagen....“— Nicht eine Sylbe mein Herr; dieſen Abend, in einer Stunde, ſprechen wir uns.“—„Hoͤren Sie mich,“ entgegnete ich feſt,„oder Madame iſt verloren. Der Gemahl derſelben ſitzt in dem Wagen in wel⸗ chem ſie gekommen iſt, und erwartet ſie da. Sehen Sie jetzt zu, was Sie zu thun ha⸗ ben.“— Dieſe Worte brachten eine magi⸗ 99 ſche Wirkung hervor; der Zorn verſchwand; man bat mich naͤher zu kommen und fragte mich jetzt mit jener Zuvorkommenheit um Rath, die ſich an dem Ton der Stimme nicht verkennen läßt. Die junge Frau wurde bald roth bald blaß und war nahe daran in Ohn⸗ macht zu ſinken.„Ich bin verloren!“ rief ſie ſchluchzend aus.—„NRicht doch Madame,“ erwiederte ich;„nur Muth und Geiſtesgegen⸗ wart, und alles kann noch wieder gut werden, Laſſen Sie ſich ſchnell nach Hauſe bringen; dieſer Herr hier und ich, werden fuͤr das Ue⸗ brige ſorgen. Wir muaͤſſen,“ fuhr ich hierauf mich an den jungen Mann wendend, fort, „damit beginnen, ein Frauenzimmer aufzutrei⸗ ben, das ungefaͤhr den Wuchs von Madame hat. Dieſe wird derſelben dann ihren Schleier und Shawl leihen, damit der Kutſcher ge⸗ taͤuſcht wird.“— Wir gingen jetzt durch den Garten; der junge Herr verließ uns, um eine Perſon außzuſuchen welche geneigt war die Rolle der Dame zu uͤbernehmen. Ich befand mich jetzt allein mit dieſer und hatte Muße ſie zu betrachten; wie huͤbſch war ſie! wie mach⸗ 7* 00 ten der Schmerz, die Unruhe, das Schaam⸗ gefuͤhl ſelbſt, ſie ſo intereſſant! Wie ſchade! dachte ich bei mir ſelbſt.“ „Es dauerte nicht lange, ſo hielt ein Lohn⸗ wagen vor der Thuͤre und ein Frauenzimmer ſtieg aus, an deren Stelle ſich jetzt Madame** in den Wagen ſetzte, nachdem ſie vorher, mehr todt wie lebendig, ihren Shwal und ihren Schleier abgelegt hatte, was hinreichend war um der Anderen ziemlich ihr Anſehn zu geben, um ſo mehr, da dieſe einen Hut von faſt ganz gleicher Form trug. Jetzt gab ich der Perſon meinen Arm und ging mit ihr durch die Allee der Wittwen dem Wagen zu. Mit gebieteriſcher Stimme befahl ich dem Kutſcher den Schlag zu offnen. Der dicke Mann im Wagen, warf einen wuͤthenden Blick auf meine Begleiterin und polterte mit einer Don⸗ nerſtimme:„Ah! da ſind Sie ja Madame!“ Das Frauenzimuer ſchlug den Schleier zuruͤck und fragte ſpottiſch: was dem Herrn beliebe und was er in ihrem Wagen mache? Nein, das Haupt der Meduſe kann keine groͤßere Wirkung hervorbringen. Beſtuͤrzt, den Mund 101 offen, die Augen ſtarr vor Erſtaunen, ſtieg der dicke Herr unter tauſend hergeſtotterten Ent⸗ ſchuldigungen aus, und der Kutſcher peitſchte auf ſeine Pferde los, wie ein Menſch der in der Furcht lebt Erſatz leiſten zu ſollen.“ „Die wenig ſchickliche Munterkeit des Frau⸗ enzimmers welche ich begleitete, contraſtirte ſo auffallend mit der Lage dieſes armen, hinter⸗ gangenen Mannes, mit der meinigen ſelbſt, daß ich mich aͤrgerte und ungeduldig wurde. Dazu quaͤlte mich die Perſon mit ihren Fra⸗ gen, denn das Wunderlichſte bei der ganzen Sache war, daß ſie die Rolle nicht kannte die die ſie ſpielen mußte, und daß ſie glaubte am Anfang eines Abentheuers zu ſtehen, waͤhrend man ſich ihrer nur zur Loͤſung eines anderen bediente. Dieſer Irrthum dauerte jedoch nicht lange; wir kamen an dem uns von dem Lieb⸗ haber der Madame beſtimmten Ort an. Der junge Mann war bereits hier und nachdem er meiner Gefaͤhrtin einige Worte in's Ohr ge⸗ floſtert hatte, ſo ſah ich wie ſie ziemlich ver⸗ droͤßlich ihrer Wege ging, obſchon ſie in dem Shwal einen kleinen Troſtgrund mit ſich nahm.“ 102 „Liebende ſind der Dankbarkeit faͤhig. Mein neuer Freund druͤckte mir die ſeinige mit Be⸗ geiſterung aus. Wir ſpeiſten zuſammen, den Namen der jungen Frau nannte er mir nicht, und ich ſchatzte ihn darum nur mehr. Er war uͤbrigens beſorgt und niedergeſchlagen und er⸗ wartete mit Unruhe den naͤchſten Tag. Mit dem Verſprechen uns wiederzuſehen, trennten wir uns, und uͤberzeugt etwas Gutes gethan zu haben legte ich mich nieder. Dieſe Illu⸗ ſion aber, wenn es eine iſt, zu vernichten, wuͤrde eben ſo grauſam ſehn, als wollte man den Mann, der ohne Zweifel ſehr vergnuͤgt daruͤber nach Hauſe eilte ſich geirrt zu haben, aus ſeinem gluͤcklichen Wahn reißen.“ Der Praſident.„Erlauben Sie mir mein lieber Deſormes, Ihnen zu ſagen, daß Sie bei dieſer angeblichen guten Handlung, eine etwas ſeltſame Rolle ſpielten.“ Die Graͤfin.„Nicht doch, lieber Onkel; Sie wiſſen daß ich Deſormes nicht das Wort zu reden pflege, aber ich geſtehe, daß ich hier ſein Benehmen nur billigen kann. Doch ſagen Sie mir, ich bitte Sie, wie woll⸗ —— 103 ————————— ten Sie es anfangen um Hir Ihre Geſchichte in umgekehrter Folge zu etzäͤhlen? Herr Deſormes. Das waͤre recht gut gegangen, da ſie eine Fortſetzung hat. Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß der Chevalier ſie aufſchrieb und lithographirte. Wir gingen Beide zu der Frau von 5 man ſprach von Neuigkeiten; der Chevalier gab ihr das Blatt. Sie las es.„Kann man dergleichen Dinge erzaͤhlen!“ rief ſie voll Unwillen aus. „Geh mein Kind, geh mit Deiner Schweſter auf deren Zimmer.“ Dieſe Worte richtete ſie an ihre aͤlteſte Tochter, die ſeit ein paar Monaten verheirathet war und gleich darauf gab ſie ihrem Sohne, deſſen Verlobung man den naͤchſten Tag feiern wollte, einen Auftrag um ihn aus dem Zimmer zu ſchaffen; dann weiter leſend, rief ſie von Zeit zu Zeit aus: „Das iſt abſcheulich! das iſt unbegreiflich!“ „Aber was haben Sie denn heute meine Liebe?“ ſtagte ihr Mann und beugte ſich uber die Stullehne um mit Huͤlfe einer Lorgnete zu erkennen, was ſeine Frau las. * 10 ½ „Was ich h Sie werden es bald hoͤren.“ „Das muß ja etwas ſehr Wichtiges ſeyn, da weder unſer erwachſener Sohn, noch unſere verheirathete Tochter es wiſſen duͤrfen.“ Dieſe Bemerkung erweckte die Neugierde der uͤbrigen Geſellſchaft; man näherte ſich dem Tiſche; Jeder druckte ſein Verlangen aus, die Sache zu erfahren. Madame lief das Blatt vollends durch und warf es dann weg; ſogleich bemaͤchtigte ſich der Mann deſſelben, und las es mit lauter und vernehmlicher Stimme vor; dann ſprach er: „Wenn ich dieſen Erzahler haͤtte, ich wollte ihm lehren ſich um die Angelegenheiten Anderer zu bekümmern. Wie! ſich zum Mitſchuldigen eines ſolchen abſcheulichen Verrathes zu ma⸗ chen! Einen ehrlichen Mann zu verhindern. „Mein Herr,“ fiel ſeine Frau ein,„das iſt das Einzige was lobenswerth an der Ge⸗ ſchichte iſt; alles Uebrige iſt abſcheulich. Aber ſo ſehen Sie immer die Sachen an.“ „Wie meine Beſte! Sie konnen ein ſol⸗ ches impertinentes Benehmen billigen?“ — ——————————— 105 —————————— „Ich ſage Ihnen, es iſt ſehr lobenswerth.“ „Und ein ſolcher entſetzlicher Treubruch... „Wollen Sie etwa lieber ein Duell oder einen Skandal? Denken Sie an die Zerrut⸗ tung einer Familie, an die Kinder 4 „Ich denke an nichts als an das unrecht.“ „Sie reden wie ein Ehemann, mein Beſter“ „Und woher koͤmmt denn Ihr Zorn?“ „Von der unſchicklichkeit der Geſchichte, die eine Begebenheit erwaͤhnt, welche keine Frau anhoͤren kann.“ „und auch kein Ehemann?“ „So iſt es; auch kein Ehemann, ſo wenig wie die, welche es bald werden wollen.“ „Das iſt ungefaͤhr als wenn Sie erklärten, es duͤrfe kein Menſch dieſe Anecdote leſen.“ „Dies iſt auch ſo ziemlich meine Meinung.“ „Aber was ſagen Sie dazu?“ fuhr Frau von. zu einem jungen Mann gewendet fort, der jetzt das Blatt durchlaufen hatte und mit einem Anderen leiſe ſprach. „Ich denke, meine Gnädige, es giebt eine gute komiſche Oper, und bin geſonnen mir 1 106 einen Componiſten aufzuſuchen, der die Muſik dazu machen ſoll.“ „Verwuͤnſcht waͤren Sie mit Ihrer komi⸗ ſchen Oper! warum nicht lieber ein moraliſches Schauſpiel?“ „Das iſt ein göttlicher Gedanke! gnädige Frau, und Sie werden mir erlauben ihn zu benutzen,“ ſprach eine Figur, die ich bisher noch nicht bemerkt hatte. „Ich glaube in der That, alle Koͤpfe ſind wirbelich geworden. Da werden Sie wahr— ſcheinlich den Titel von Sheridans Comodie: die Läſterſchule borgen?“ „Es iſt hier keine Läſterung weder in dem Titel, noch in dem Stuͤcke ſelbſt.“ „Ich habe vergeſſen Ihnen zu ſagen daß der Chevalier, Frau von.. noch zu uͤberbieten ſuchte und waͤhrend man das Abentheuer vor⸗ las, alle Augenblicke Ausrufungen wie:„Das iſt abſcheulich! das iſt entſetzlich! das iſt ſchrecklich!“ u. ſ. w. hoͤren ließ, die mir die groͤßte Luſt zum Lachen erweckten. Dabei befuͤrchtete ich jedoch daß Frau von.. mich ebenfalls um meine Meinung fragen wuͤrde, ————————————————— 107 doch kam ich diesmal mit der bloſen Beſorg⸗ niß los. Was wuͤrde man erſt geſagt haben, wenn man das Ende des ganzen Abentheuers gewußt hätte!“ Die Graͤfin.„Wie! es iſt noch nicht zu Ende?“ Herr Deſormes.„Noch nicht ganz, und wenn Sie mir verſprechen, keine Bemerkungen daruͤber machen zu wollen, ſo will es Ihnen mittheilen“ Die Graͤfin.„Durch dieſe Bedingung verurtheilen Sie ſich ſelbſt.“ Herr Deſormes.„Keinesweges; meine Rolle iſt geendet: ich bin fur nichts mehr ver⸗ antwortlich.“ Die Gräͤfin.„Gut, wir wollen kein Wort ſagen; fahren Sie fort5 Herr Deſormes.„(mit etwas leiſerer Stimme) Der Mann, entzuͤckt uͤber ſeinen Irrthum, hat, um ſeinen Fehler gut zu ma⸗ chen, ſeiner Frau einen ſchoͤnen Cachemir ge⸗ ſchenkt und auf dieſe Art Verzeihung erhalten.“ Der Praͤſident.„In der That, ein gluͤck⸗ licher Tag fuͤr ihn! Erſt acht bis neun Stun⸗ 1⁰⁸ den warten wie ein Narr, einem Fiacker fuͤr dieſes angenehme Vergnuͤgen hundert Franken bezahlen, und zuletzt noch ſeiner Frau einen. Shawl kaufen!“ Herr Deſormes.„Faͤnden Sie es beſ⸗ ſer daß er alles wuͤßte? daß er ſich verfluchte, daß er auf Scheidung klagte, daß er ſich zum Gelaͤchter des Publicums machte? Statt al⸗ len dieſen iſt er jetzt zufrieden und einer der gluͤcklichſten Sterblichen.“ Der Praͤſident.„Et semper bene. 30 meines Theils bin dies um einen wihhelet Preis.“ Sir Cooper.„Das iſt eine delicate F Frage: Sie werden mir erlauben dies zu bemerken, ohne es weiter auszufuͤhren; aber ich konnte mich nicht enthalten, hier eine Reflexion zu machen.“ Erſtaunt uͤber die Stille welche der Ton ſeiner Stimme entſtehen ließ, hielt der Eng⸗ länder inne. Er kam nur ſelten in dieſe Ge⸗ ſellſchaft und niemals fuͤhrte er das Wort darin. Man hoͤrte ihn daher, wenn er ja einmal etwas ſagte, aufmerkſam zu und er⸗ ——————— ——————,—————————— —————————— ——, —,— 100 munterte ihn jetzt fortzufahren, da man glaubte, es ſey Schuͤchternheit was ihn innehalten ließz aber dies Zaudern hatte noch einen andern Grund; es war der Gedanker das, was er ſa⸗ gen wolle konne Mißfallen erregen. Zuletzt faßte et jedoch den Muth eine Vergleichung der Sitten ſeines Landes mit denen in Frank⸗ reich außzuſtellen und mit mancher gegen uns gerichteten beißenden Bemerkung, den erſteren immer den Vorzug zu geben. ungeduldig uͤber dieſe Partheilichkeit, ging Duͤluͤde end⸗ lich in die Bibliothek und holte einen Band von Hamiltons Werken, dann aber ſich zu dem Englaͤnder wendend, las er folgende Stelle aus dem 6ten Capitel der Memoiren von Grammon:„Waͤhrend man ſich in Sathy⸗ ren auf Koſten der Graͤfin von Caſtelmaine er⸗ goß, ſchlug man ſich alle Tage um die Gunſt⸗ bezeigungen einer Schoͤnheit, die nicht zuruͤck haltender war als jene: es war dies die Graͤfin von Shrewsbury, die an demſelben Abend den Herzog von Buckingham begluͤckte, wo dieſer ihren Mann im Duell getoͤdtet hatte. Als Page verkleidet, hatte ſie waͤhrend 110 ——— dem Kampfe das Pferd ihres Lieb⸗ habers gehalten.“ Duͤluͤde betonte dieſe letzten Worte und der Englaͤnder außer Faſ⸗ ſung durch dieſe Widerlegung gebracht, ſah ſich genothigt zu geſtehen, daß die Annalen der franzoͤſiſchen Galanterie nichts aufzuweiſen hätten, was der Graͤfin von Shrewöbury ver⸗ glichen werden koͤnne. * ¹ Fuͤnftes Kapitel. Das Geheimniß der Miniſter oder die Kunſt zu regieren, Den naͤchſten Dienſtag kam die Rede auf die Politik. Dieſer Gegenſtund war wegen dem Praͤſidenten etwas ſchwierig zu behandeln⸗ „Was ſoll man mit einem Menſchen anfan⸗ gen?“ ſprach Deſormes, der ſeit vierzig Jahren nicht um ein Haar breit weder vor noch zuruckgewichen iſt? Er iſt allerdings der bravſte Mann von der Welt, aber ſein Sta- tusquo bringt mich noch zur Verzweiflung. Mit ſeiner Redensart:„Zu meiner Zeit,“ blickt er auf alles was in der unſtigen ge⸗ ſchieht, nur mit Mitleiden herab.“—„Wir duͤrfen nicht vergeſſen,“ antwortete Duͤläde, „daß die Franzoſen von Natur Frondeurs ſind; ſie haben dies zu allen Zeiten bewieſen. Alle Arten von Regierungsformen ſind von ih⸗ 112 nen verſucht worden und eine jede wurde mch ein Gegenſtand ihrer Spoͤttereien. Wohlan! wir konnen unſere gegenwaͤrtige Regierung nur loben, doch gewaͤhrt ſie uns, Gott ſey Dank! auch manchen Anlaß zur Klage, und wenn wir ſie unter den verſchiedenen Beziehungen in welchen ſie ſich unſerer Kritik preis giebt, be⸗ trachten, ſo werden wir dem Praͤſidenten ge⸗ wiß nicht mißfallen.“—„Recht wohl; aber wenn wir dieſe Kritik erſchoͤpft haben, dann wird es doch gut ſehn unſere Wuͤnſche frei ausſprechen zu koͤnnen. Es reicht nicht hin nur zu vernichten, man muß auch aufbauen, und wenn wir in dieſer Hinſicht etwas wuͤn⸗ ſchen, ſo tritt uns der Praͤſident ſtets mit ſei⸗ nen Parlamenten in den Weg.“—„Man laßt ihn reden und geht ſeinen Gang.“— „Das kann ich nicht ſo leicht, da ich mich immer ſcheue ihm zu widerſprechen.“—„Aber bedenken Sie doch, daß er ſeit vierzig Jahren an Widerſpruch gewoͤhnt iſt; denn ſeit der er⸗ ſten Verſammlung der Notablen iſt nichts nach ſeinem Willen gegangen.“ In dieſem Augenblick traten der Praͤſident ——— 113 —————— und deſſen beide Nichten in den Saal.„Meine lieben Freunde,“ ſprach der Erſtere zu Frau von Camarina gewendet,„Sie moͤgen ſagen was Sie wollen, zu meiner Zeit gingen doch die Sachen beſſer; ich glaube der Kopf muß jetzt den mehrſten Souverainen verdreht ſeyn.“ —„Aber lieber Onkel, zu Ihrer Zeit da ließ man die Miniſter ſchalten und walten.“— „Das iſt freilich wahr.“—„Nun, ſomit war es alſo damals wie jetzt.“—„Keines⸗ weges; das ſind jetzt keine Miniſter nach al⸗ tem Schrot und Korn. Sehen Sie einmal die Liſte davon durch: ſie muß hier ſeyn; wenn ich nicht irre, ſo hatte ſie Herr Deſormes neu⸗ lich in Haͤnden.““ Deſormes. Sie iſt aus einem ohn⸗ längſt erſchienenen Werke gezogen: aber ein gluͤcklicher Zufall hat mir ſeitdem das Ge⸗ heimniß aller dieſer Herren entdecken laſſen. Mad. Delwins. Sie werden es uns doch mittheilen? Deſormes. Scehr gern. Die Graͤfin. Ich wuͤnſchte mir vorher eine richtige Idee von einem Miniſter machen zu konnen. I. 8 1¹4 Deſormes. Vernehmen Sie was ich davon weiß: Ein Miniſter iſt im Allgemei⸗ nen und nach der gegebenen Definition, ein Menſch der Gott, dem Publicum oder einem Einzelnen, falls dieſer Einzelne ein Koͤnig iſt, dient; dies iſt uͤbrigens die Art von Dienſten die am meiſten geſucht werden. Ein Staatsmi⸗ niſter iſt aber derjenige den der Konig zur Ab⸗ machung der Staatsgeſchaͤfte braucht, von de⸗ nen er ihm einen mehr oder mindern Theil zu verwalten giebt, indem er ihm dabei zugleich mit der dazu benoͤthigten Gewalt verſieht. In dieſer doppelten Theilung haben die Miniſter faſt ſtets die erſtere Verléhung(die Arbeit) wieder weiter uͤbertragen und— laſſen An⸗ dere fuͤr ſich arbeiten. Was die zweite (die Gewalt) anbetrifft, ſo haben ſie dagegen dieſelbe treulich bewahrt und dabei noch ge⸗ ſucht dieſes ihnen anvertraute koſtbare Gut, moͤglichſt zu vermehren, damit ihre Herren einſtweilen ruhig auf ihrem Kiſſen liegen kön⸗ nen. Unter den beiden erſten Geſchlechten, nahmen die Miniſter mehrere Litel an, von denen der bemerkungswertheſte der eines Sub- 115 regulus iſt, der dem Koͤnige beſſer zugekommen waͤre. Die Obernotarien, geheimen Re⸗ ferendarien, Geheimſchreiber und Kanz⸗ ler, waren eben ſo viele wirkliche Miniſter. Sie folgten ſich unter verſchiedenen Benennun⸗ gen bis zur Zeit Ludwig XI, der ſeinen Rath in vier Departements, das des Krieges, der Staatsangelegenheiten, der Finanzen und der Juſtiz theilte und ſo einen Unterſchied zwiſchen den Miniſtern des Staates und denen des Kö⸗ nigs bildete.. Der Praͤſident. Kommen wir auf die unſtigen und fangen wir mit der Liſte die Sie uns verſprochen haben. Deſormes. Ich werde Sie Ihnen nebſt den Bemerkungen des Verfaſſers mittheilen, die ich uͤbrigens weder billige noch tadle, ſon⸗ dern mich mit dem erhaltnen Geheimniß be⸗ gnuͤge. Er nimmt ſeit der Reſtauration, acht Miniſterien an und charakteriſirt ſie folgender⸗ geſtalt: 1.) Miniſterium der Reſtaurationz; vom 13ten Mai 1814. Dauer: 10 Monate. Gang und Lendenz: retrograd. 445 Marine: Jaucourt. Juſtiz: Dambray, Kanzler Auswärtige Angelegenheiten: Talleyrand⸗. Inneres: Abbé von Montesquiou. Krieg: Duͤpont, Soult, Clarke. Marine: Malouet, Beugnet. Finanzen: Abbé Louis. Handlungen und Vorgaͤnge. Friede von Paris; die Charte,(hier ſtieß der Präſident einen tiefen Seufzer aus); Wiedererſtattung an die Emigranten. Schwaͤchung der Armee; Heilighaltung des Sonntages; Cenſur; Unter⸗ druͤckung der Waiſen der Ehrenlegion. Wie⸗ derherſtellung der Militaitſchule, Ehrenrettung von Pichegruͤ; Verherrlichung von Georges; Monument von Quiberon; 20ſten März 1845. ſ 2.) Miniſterium der Ruͤckkehr; vom oten July 1815. Dauer: 2½ Monat. Muß F vor der Reaction zuruͤckweichen und fallen. Juſtiz: Pasquler, Großſiegelbewahrer. Auswaͤrtige Angelegenheiten: Talleyrand. Präſident. Inneres: Vacant. Krieg: Gouvion Saint⸗ chr —— * 117 Finanzen: Abbé Louis. Polizei: Fouché. Handlungen 1. Bericht von Fouché an den Koͤnig in Betreff der zu beobachtenden Maͤßigung, Gnade und Garantien; Entlaſſung der alten Armee; Verurtheilung von achtzehn bedeutenden Perſonen; Verbannung von acht⸗ unddreißig Anderen; Mordthaten im Suͤden; außerordentliche Bewegung; allgemeine locale Reactionen; das Miniſterium weicht urck und loͤßt ſich auf. 3.) Miniſterium der Occupation und der Räumung⸗ 26ſte Septbr. 1815. Dauer: drei Jahrk. Es wirft die Reaetion zuruͤck und wird wieder geworfen. FJuſtiz: Barbé⸗Marbois. Pasquier. Auswaͤrtige Angelegenheiten: Richelieu. Praͤſident. Inneres: Vaublanc, Lainé. Krieg: Clarke. Gduvion Saint⸗Cyr. Marine: Duͤ Bouchage. Gouvion Saint⸗Eyr. Molé. Finanzen: Corvetto, Roy. Polizei: Decazes. Handlungen ꝛc. Friede mit den Alirten; Hinrichtung von Ney ꝛc. Die achtunddreißig und die Koͤnigsmoͤrder werden verbannt; Prä⸗ votalgerichte; das Miniſterium ſucht das un⸗ findbare, Einigkeit und Vergeſſen; Wahl⸗ geſetz. Recrutirungsgeſetz; geheime Note; Aachen; die rechte Seite ſteht im Begriff ſich durch das Miniſterium wieder zu heben, wenn dieſes nicht ſelbſt geſturzt wuͤrde. 4.) Miniſterium mit liberalem An⸗ ſtrich. 29ſte Dechr. 1818. Dauer: 11 Mo⸗ nnate; ſeine Neigung nach der linken Seite wird ſogleich aufgehalten. Juſtiz: De Sertes.* Auswaͤrtige Angelegenheiten: Deſſoles, Praͤſident.* Inneres: Decazes. Krieg: Gouvion Saint⸗Cyr. Marine: Portal. Finanzen: Abbé Louis. Handlungen ꝛc. Ernennung von ſechszig Pairs; abgeſchaffte Cenſur; die Vergehen der Preſſe an die Jury gewieſen; Verfolgung der Ausſchweifungen der Ruͤckwärtstreibenden; Mi⸗ 119 nerva; Conſervateur; Vermehrung der liberalen Wahlen; Vorſchlag von Barthelemy; das zu⸗ ruckweichende Miniſterium iſt getheilt und fällt unter dem Druck der beiden entggenſtehenden Partheien. 5.) Miniſterium des Schwankens: 19te Novbr. 1819. Dauer: 15 Monate. Es lavirt mit Huͤlfe des Centrums. Juſtiz: De Serres. Auswaͤrtige Angelegenheiten: Pasquier- Inneres: Decazes. Präſident. grieg: Latour⸗Maubourgh. Marine: Portal. Finanzen: Roy. Handlungen ꝛ. Zuruͤckberufung von acht Pairs von 1815; desgl. der achtunddreißig Verbannten; Ausſchließung von Gregoire; Plan zu einem neuen Wahlgeſetz; von der Fuͤnf⸗ jährigkeit c.; Verlegenheit des neuen laviren⸗ den Miniſteriums; die beiden äußerſten Par⸗ theien greifen es gemeinſchaftlich an und die Kataſtrophe des Herzogs von Berry ſtuͤrzt den Chef. 6.) Miniſterium des neuen Wahl⸗ 120 geſetzes: R0ſie Februar 1820. Dauer: 22 Monate. Ruckkehr zu der rechten Seite, die es ſturzt. Juſtiz: De Serres. Auswaͤrtige Angelegenheiten: Pasquier. Inneres: Simeon. Krieg: Latour⸗Maubourg. Marine: Portal. 8 Finanzen: Roh. Haus des Koͤnigs: Lauriſton. Richelieu, Praͤſident ohne Departement vom 21ſten Dechr. 1820. Lainé, Villele und Corbiere, Miniſter ohne Portefeuille. Handlungen ꝛc. Ausnahmegeſetze; Cenſur; neues Wahlgeſetz; Unruhen welche daſſelbe er⸗ regt; Vertreibung der Doctrinairs; Boͤndniß mit der rechten Seite; zwei von deren Mit⸗ gliedern kommen in das Miniſterium; Mili⸗ taircomplott; Petarden; Geſundheitscordon; das Miniſterium faͤllt unter den vereinten Streichen der beiden Oppoſitionen. 7.) Miniſterium der rechten Seite: iate Decbr. 1821. Dauer: laͤnger als 2 Jahre. umſichgreifen der rechten Seite. 124 Juſtiz: Pehronnet. Auswaͤrtige Angelegenheiten: Montmo⸗ rency, Chateaubriand. Inneres: Corbiere. Krieg: Victor. Damas. Marine: Clermont-⸗Tonnerre. Finanzen: Villele. Praͤſident. Haus des Konigs: Lauriſton. Handlungen r. Die Mißvergnuͤgten wer⸗ den in Beford, Saumuͤr, Toulon und La Rochelle vernichtet und beſtraft; die Expedition nach Spanien feſſelt die Armee; ſtufenweiſe Reformen und Abſetzungen uͤberall. Erkaufung der Journale; Wahlverordnung; Verſchwin⸗ den der Linken. Siebenjaͤhrigkeit. 8.) Miniſterium der einfachen Be⸗ wegung oder der Wiederauflebung: Auguſt 1824. Noch beſtehend. Siegreicher Marſch der rechten Seite. Juſtiz: Peyronnet. Auswärtige Angelegenheiten: D ang s. Inneres: Corbiere. Krieg: Clermont⸗Tonnerre. Marine: Chabrol. 122 Finanzen: Villele. Präſident. Haus des Königs: Doudeauville. Cultus und Unterricht: Biſchof von Hermopolis. Handlungen c. Tod Ludwigs XVIII; neue Regierung; feierliche Verſicherung einer conſtitutionellen Regierungsweiſe; Aufhebung der Cenſurz allgemeine Dankbarkeit und Zu⸗ friedenheit; Reformen der alten Generale; Sa⸗ crilegiengeſetz; Geſetze wegen Seeraub; reli⸗ gioſe Vereinigungen und Imdemnitäten; Renten⸗ reductionen. Ueberblick. Zwei unvereinbare Par⸗ theien koͤnnen durch Gewalt und Genie, die jeder ihren Theil gewähren und ſie zuͤgeln, beherrſcht werden, aber behaupten, die eine durch die andere halten zu wollen, indem man beide vor den Kopf ſtoßt und keine zufrie⸗ den ſtellt, iſt ein wahrer Unſinn. Ein Far⸗ benreiber, der ohne Unterlaß Schwarz und Weiß durch einander miſchen wollte, wuͤrde ſich vergebens bemuͤhen denen zu gefallen, die nichts als Schwarz oder Weiß verlangen und verlangen koͤnnen, und dennoch iſt dies ein — ———,—————— — 123 treues Bild faſt aller Miniſterien die wir ſeit der Reſtauration ſahen*). „Bravo!“ rief der Praͤſident;„ich wette taini das iſt ein Mann von altem Schrot und Korn der dies ſagte; er verdiente Mit⸗ glied des Parlamentes von Pau zu ſeyn. Aber woruͤber lachen Sie denn? Die Graͤfin. Ueber den Schluß den Sie ſo eben machten; vorzuͤglich in den erſten Mi⸗ niſterien gab es eine huͤbſche Zahl von Namen aus der alten Zeit, und doch wuͤrden Sie die⸗ ſelben nicht in Ihrem Parlamente haben wollen. Der Praͤſident. O, ſie wuͤrden da ge⸗ wiß keine ſonderliche Rolle geſpielt haben.... Aber ich finde, daß das ſiebente und achte Miniſterium eigentlich nur eines bilden. Muͤſ⸗ ſen Sie das nicht auch ſagen? Der gute Mann fuͤhlte ſi ch ſehr geſchmei⸗ chelt uͤber die allgemeine Zuſtimmung; es war dies eine die ihm nicht oft *) Dieſes Fragment iſt aus dem Atlas historique von Le Sage, d. h. vom Grafen Las⸗ S ent⸗ nommen. 124 Die Graͤfin. Ich ſehe in der That auch keinen hinreichenden Grund warum man zweie daraus machen wollte. Aber Herr Deſormes behauptet, das Geheimniß aller dieſer Herren zu beſitzen: wir Frauen ſind neugierig... Deſormes. Nicht allein das Geheimniß dieſer Herren, ſondern mit wenigen Ausnah⸗ men, das der Miniſter der ganzen Welt. Die Graͤfin. Werden Sie uns dabei vorher, wie gewoͤhnlich, einige Bedingungen machen? Deſormes. O nein! auf mein Wort, ich will Ihnen ganz offen erzählen was mir begegnete; es iſt ein ſehr einfaches Abentheuer, und obſchon nicht ein Wort von meiner Erfin⸗ dung dabei iſt, ſo wird Sie dies doch nicht abhalten zu ſagen, daß es unglaublich iſt. „In einem der Haͤuſer, welche das linke ufer der Seine verſchoͤnern, iſt an der Ecke des Gartens auf dem Quai, ein Pavillon und in dieſem Pavillon ein großes Cabinet oder vielmehr ein kleiner Salon, der mit einer be⸗ merkenswerthen Sorgfalt gebaut, meublirt, tapezirt und erhellt iſt. Alles iſt hier fur den 125 Gebrauch zu welchem er dient, vorausgeſehen und berechnet. Die Exleuchtung iſt nach dem jedesmaligen Beduͤrfniſſe von dem ſchwaͤchſten Helldunkel bis zum blendendſten Glanze ab⸗ geſtuft. Bald erblickt man das Licht nur von oben; dann rollt ſich der Plafond mittelſt einer Vorrichtung auf und laͤßt ein ſanftes, mildes Licht hereinfallen⸗ Auf dieſem Plafond, der nur aus gemalter Leinewand beſteht, iſt nit Berechnung der heilige Geiſt abgebildet. Die Mauern ſind durch vier ungeheuer große Fenſter durchbrochen, die durch Rouleaux's ver⸗ deckt werden, welche bei der geringſten Be⸗ ruͤhrung mit einer bewundernswuͤrdigen Schnelle verſchwinden. Man kann ſich daher leicht denken, daß hier durch eine ſehr einfache und leichte Muͤhe, der Tag gans wie man es wuͤnſcht, eingelaſſen und verdunkelt werden kann.“ „Dieſer Salon wird nur gebraucht wenn das Miniſterium entweder ganz oder theilweiſe erneuert wird. Waͤhrend einem halben Du⸗ tzend Jahre ſeit 1815, iſt er wenigſtens einmal im FJahre geoͤffnet worden⸗ Zu Ende des Decembers 1818 ward er es dreimal innerhalb zwoͤlf Tagen: wegen dem Abgang des Herrn Corvetto, der Ankunft des Herrn Royh und dem Eintritt des Herrn Louis. Damals hatte das Portefeuille der Finanzen noch nicht die Stabilitaͤt erlangt, die man Ta⸗ ges daran bewundert.“ „Es iſt dieſer Salon uͤbrigens ein Hei⸗ ligthum und er hat in ſeiner Beſtimmung einige Analogie mit jenen unterirdiſchen Gemächern, wo man in die Myſterien der Iſis einweihte. Kein Profaner kann hier ſeine neugierigen Blicke hineinwerfen; man muß Miniſter oder ein gewiſſer Buͤreaumenſch ſeyn, um das Recht zu haben hier eintreten zu können: da iſt kein dritter Weg, und dieſer Buͤreaumenſch iſt noch immer derſelbe, obſchon dreiundachtzig Winter uͤber ſeinem Haupte wegzogen. Der gute Mann hat eine ſehr huͤbſche Tochter und ſie allein beſitzt das Recht, zuweilen die Stelle ihres Vaters ver⸗ treten zu duͤrfen. Dieſer war gerade krank, als er den.... des letzten... den Befehl erhielt, den Salon vorzubereiten. Er gab die Schluͤſſel an Roſalie. Zufällig war ich gegenwärtig, 127 folgte ihr und wir betraten das miniſterielle Boudoir. In jeder Ecke befand ſich eine mit gruͤnen Vorhängen verhuͤllte Niſche und in je⸗ der dieſer Niſchen, eine Statue; ferner ſah man hier einen runden Liſch, einige Armſtuhle und Spiegel die ſo angebracht waren, daß man ſich vom Kopf bis zu den Fuͤßen und in ſeiner ganzen großen Kleinheit oder kleinen Groͤße, ſehen konnte. Buͤcher und Papiere fin⸗ det man nicht an dieſem Orte; ein Blick um⸗ her reichte hin, mir das ganze Inventarium zu zeigen. Am Eingange war die Statue des Harpocrates der, ohne den Muth zu verlieren, ſeit drei Jahrtauſenden ſich die unnuͤtze Muͤhe giebt den Finger auf die Lippen zu draͤcken, um den Menſchen Verſchwiegenheit anzuem⸗ pfehlen. ueber einem nicht ſo hoch als die anderen haͤngenden Spiegel, erblickte ich ein vorſpringendes Simswerk das mit einem Por⸗ hange von dickem, faltig gelegtem Taffet, ver⸗ hangen war. Hier iſt ein Geheimniß das ich aufzuklären ſuchen muß. Ich forſche, ich be⸗ taſte; vergebens! um ſich zu belehren darf man nichts verſaͤumen; ich mache Bekannt⸗ ——— 1 1428 ſchaft mit dem ehrlichen Vincent, Roſaliens Vater. Der iſt zwar ein wenig kurz ange⸗ bunden aber fuͤr etwas wird er ſchon zugaͤng⸗ lich ſeyn und wenn er auch in den Styr ge⸗ taucht wäre wie ſeine ſiebzehn Luſtra ahnen laſſen, ſo muß er dennoch verwundbar ſeyn⸗ Ich naͤhere mich ihm; ſeine mit Rubinen reich⸗ lich beſetzte Naſe, ſchreckt mich trotz ihrem Glanz und ihrer Groͤße, nicht zuruͤck. Ich er⸗ ſtaune uͤber die Jugendlichkeit und Kraft dieſes Greiſes und fange an die ſchwache Seite zu beruͤhren. Er beginnt Geſchichten zu erzaͤhlen; gefaͤllig hoͤre ich zu: von den Geſchichten kommt man zu vertraulichen Eroffnungen„ denn der gute Mann war beſorgt ich moͤchte die friſche Erhaltung ſeiner Lebenskraͤfte nicht ſeiner Weis⸗ heit zuſchreiben. Der Vorhang den ich nicht aus den Augen verlor, verlieh mir eine be⸗ wundernswuͤrdige Geduld; endlich kommt Va⸗ ter Vincent in den Salon. Er wußte nicht daß ich ihn bereits kannte, denn er baute hierin ganz auf ſeine Tochter. Ich hielt ihn hier feſt und befragte ihn um einiges Naͤhere uͤber dieſen Salon.—„Was den betrifft, gehor⸗ ſamer Diener mein Herr,“ antwortete er mir mit einer wichtigen Miene.—„Hm,“ erwie⸗ derte ich gleichguͤltig,„ich kenne recht gut was dahinterſteckt; dergleichen Salons giebt es an allen europaͤiſchen Hoͤfen, und ich ſelbſt ſah die zu Wien und Berlin; ſie gleichen ſich ein⸗ ander auf ein Haar.“— Ich entwarf ihm jetzt eine genaue Beſchreibung des ſeinigen, ohne des Vorhanges zu vergeſſen der ein Gegenſtand meiner gluͤhenden Neugierde war. Bei dieſem Punkte beginne ich nun ebenfalls den Geheim⸗ nißvollen zu ſpielen und der alte Vincent, uͤber⸗ zeugt daß ich von allem unterrichtet bin, wird nun neugierig und will wiſſen, ob man das was man ſo ſorgfaltig in Paris verbirgt, auch in Berlin und Wien profanen Augen zu ent⸗ ziehen ſucht. Er nimmt daher, da er mir da⸗ durch nichts zu verrathen glaubt, ein Schluͤſ⸗ ſelchen aus ſeinem Schreibſchranke und geht mit mir in den Salon. Hier beruͤhrt er einen Knopf der auf eine Feder druckt; ein Läfelchen ſchiebt ſich weg und läßt ein Schloß ſehen; Vincent oͤffnet daſſelbe, der Vorhang rollt mit Sſ zuruͤck und ich ſehe nachſtehende, 9 130 mit goldenen Lettern ſehr leſerlich riten Inſchrift:“ „Der welcher es nicht verſteht⸗ auf die unbedeutenheit der Ueberſchrei⸗ tung der Geſetze zu rechnen, verſteht auch nichts von der Kunſt zu regieren“ „Ich frage Sie, ob dies der Muͤhe lohnt?“ ſprach ich zu Vincent.—„O es iſt eine wahre Atrappe.“—„Sehr richtig, eine aͤchte Myſtification.“— n wenn man das nicht ſchon längſt wuͤßte! ueberſchreitung! ue⸗ berſchreitung! Das iſt nichts als ein Ge⸗ waͤſch.“—„Ja, Freund Vincent.“—„Aber die Erklaͤrung koͤnnte wohl von einem derjeni⸗ gen gegeben werden, die hierher kommen?“— „Ohne Zweifel; fragen Sie ſie darum. Seit zwanzig Jahren, die ich hier bin und dieſen Schluͤſſel bewahre, habe ich viele Miniſter her⸗ kommen ſehen.. doch niemals vernahm ich ein Wort von dem was in Salon ge⸗ ſprochen wurde.“ g05 Waährend dieſer Rede fuhr ein Wagen vor und faſt in demſelben Augenblick ertoͤnte eine Klingel.—„Ich bin verloren!“ rief Vintent; „da kommt ein Miniſter, den man ein- oder abſetzt... eilen Sie ſchnell von hier fort.“ Der ehrliche Mann gab ſeiner Tochter einen Wink, Roſolie offnete eine verborgene Thuͤre in der Mauer und ich trat in einen großen Schrank.„Gottlob!“ rief Vater Vintent, indem er hinabſtieg;„ich athme wieder auf.“ —„Und ich erſticke.“— Roſalie oͤffnete die Heitzungsroͤhren; ich ſtak in einer Art von Ofen und konnte hier ſehr gut ſehen ohne geſehen zu werden. Mir gegenuͤber befand ſi ich die Statue des Harpoerates; mit den Fingern auf dem Mund, ſchien mir der Gott Schweigen zu ge⸗ bieten: ich hatte nur zu viel uſ es zu beobachten.“ „Mit leichten Schritten nchil man ſi 3 der Fuß des Ehrgeizigen iſt ſo ſchnell! Vater Vincent kam langſam und ſchwerfaͤllig hinter drein: man begann ſich zu becomplimentiren; die beiden Perſonen welche den Miniſter beglei⸗ teten, wollten ihn zuerſt eintreten laſſen, aber er beſtand auf dem Gegentheil und ließ ſie vorangehen. Waͤhrend ſie heraufſtiegen, ver⸗ nahm ich folgendes Geſpräch: 132 Der Miniſter. Guten Tag, Vater Vin⸗ cent. 335 Vincent. Es iſt ſehr lange her daß ich nicht die Ehre hatte, gnaͤdigen Herrn iu ſehen. „Der Miniſter. Liegr ſheint e es mir geſtern geweſen zu ſehn! Vineent. Es iſt beinahe drei Jahre. Der——— lich? Vi itn Fa agnbi Herr; zwei. ſ eben Monate und ſechszehn Tage*). Der Miniſter. Seltſam! ghnt Die Zeit verrinnt— wenn an Miniſter iſt! (—„Wie langſam ſchleicht ſie dagegen, wenn man es werden will!“ ſprach einer der Candidaten in dem Glauben zu werden.) iri *) Den 14ten Dezbr. 1821. Dies iſt wahrſcheinlich der Zeitpunkt den Vicent annimmt, wenn man vorausſetzt, daß die von der Niſche aus beobachtete Scene 1824 vorging, was uns, der Beobach⸗ ter nicht ſagt. Der Miniſter. Ach Vincent.... Ihr ſehd ein guter Rechner... Vincent. Gnaͤdiger Herr, Sie ſind der der dreiundfunfzigſte ohne dieſe Herren da, denn bis jetzt iſt ja noch keiner ohne Portefeuille von hier weggegangen. „Waͤhrend dieſem Zweigeſpraͤch waren die Candidaten eingetreten und der Eine ſtellte ſich gerade vor die Oeffnung durch welche ich blickte, was mir ſehr verdrießlich geweſen ſeyn wuͤrde, wenn er groͤßer geweſen waͤre; ſo aber reichte ſein Scheitel kaum bis zu meinem Niveau; uͤbri⸗ gens verharrte er auch nicht lange auf dieſem Punkte.“ „Der Miniſter ließ Beide ndlich mit dem Ruͤcken nach mir zugekehrt, an den iſch ſetzen, er ſelbſt ging dann einige Male ernſt⸗ haft auf und ab, ergriff hierauf den kleinen Schluͤſſel des Vater Vincent, verabſchiedete dieſen mit einer miniſteriellen Bewegung, ſchob ſodann den Vorhang welcher die Inſchrift ver⸗ deckte, zuruͤck und ſetzte ſich hierauf den beiden Candidaten gegenuͤber. Aufmerkſam betrachte⸗ ten und laſen dieſe die Inſchrift, indem ſie je⸗ 134 doch dabei eine merkliche Verſchiedenheit in ihrem Tone vernehmen ließen. Der Miniſter hatte ſeine Augen auf ſie gerichtet und ſah heiter aus: es war als ſprächen ſeine Blicke:„ Seht da unſer ganzes Geheimniß. Dieſe Art es Euch zu eroffnen uͤberhebt mich unangenehmen Erklärungen. Unſere ganze Theorie iſt hier in dem einfachſten Ausdrucke dargelegt.“ Der eine der Candidaten verſtand dieſe Sprache, billigte ſie ſowohl als die Maxime, und äu⸗ ßerte ſich auf eine Art, die hinreichend zeigte daß er die letztere ohne Vorbehalt annehme.“ „Mit dem Andern war es jedoch nicht der⸗ ſelbe Fall: ſeine Augenbraunen waren ſeit der Vorhang zuͤruͤckſchwebte und den Grundſatz an's Licht hatte treten laſſen, gerunzelt; er ſchwieg und blieb duͤſter; dabei hatte er den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, die Lippen feſtgeſchloſſen, das Kinn hervorſpringend und die Augen ſtarr vor ſich hinblickend. Der Miniſter nahm dies wahr und ſein laͤchelndes Anſehen wurde erſt ernſt, dann duͤſter.—„Nun Herr*, ſprach er;„Sie allein ſchweigen; was iſt denn der Gegenſtand Ihrer Betrachtungen?“— Herr ſchien ihn, indem er den Blick nach der Inſchrift erhob, anzudeuten. Der Miniſter(voll Erſtaunen). Wie! dies iſt es? dies koͤnnte Sie abhalten? Herr**. Ew. Excellenz behandeln mit ei⸗ ner unerklaͤrlichen Leichtigkeit... Der Miniſter(mit einem verachtlichen Blick). Ich erſtaune in der That.. Hr.*x. Und mein Erſtaunen gleicht dem Ihrigen; doch ſcheint es mir gerechter zu ſeyn oder vielmehr aus einer Urſache zu entſpringen.. Der Miniſter(ihn unterbrechend zu ſich ſelbſt). Welche ſchreibermaͤßige Anſicht! Hr. M.(der Candidat welche bis jetzt noch nicht geredet hatte, indem er mit dem Finger nach der Inſchrift zeigt, die er laut herlieſt.) „Der welcher es nicht verſteht auf die unbedeutenheit der Ueberſchreitung der Geſetze zu rechnen, verſteht auch nichts von der Kunſt zu regieren.“ „Das iſt ein tiefſinniger Gedanke,“ ſetzte er dann hinzu;„ein Gedanke, der viele andere erweckt und der zu allen Zeiten, an allen Or⸗ ten und unter allen Regierungsformen ſeine An⸗ 136 wendung findet. Er verdient mit der groͤßten Aufmerkſamkeit.. Hr.**(ethaſtj Er giett zu erkennen, daß die Ueberſchreitung der Geſetze eine natuͤrli⸗ che, nothwendige ſelbſt nutzliche Sache iſt, wenn nur daraus ein vortheilhaftes Reſultat fuͤr die welche regieren, hervorgeht; daß es wich⸗ tig iſt auf den Unwerth zu rechnen und daß der, der dies, was man fuͤr weſentlich hält, nicht thut, nichts von der Kunſt zu regieren verſteht. Mit einem Worte, er berechtigt zu dem Schluß, daß die Kunſt zu regieren weit weniger in der Kunſt beſteht, die Geſetze aus⸗ fuͤhren zu laſſen, als in der, ſie mit Gewand⸗ heit, Unbeſtraftheit, und vorzuͤglich zum eige⸗ nen Nutzen zu buihen Ein niederſchlagender Schluß! Hr. M. Aber ein wahrer; denn er iſt durch die Erfahrung, d. h. durch die Geſchichte und die taͤglichen Ereigniſſe, beſtätigt. Hr.**. Deswegen jedoch nicht weniger ein Irrthum, weil er durch die blindeſten Lei⸗ denſchaften, den Ehrgeiz, und die Habſucht, hervorgerufen iſt. uebrigens mit Ausnahme 137 der letzteren, wuͤrden die beiden erſtern auch ohne dieſen traurigen Grundſatz, auf den man ſich hier ſtutzt, zu ihrem Ziele gelangen. Wenn man, nachdem man die moͤglichen Schwankun⸗ gen berechnet hat, uͤber die Ausfuͤhrung der Geſetze wacht, ſtatt ſie ſelbſt zu brechen, ſo macht man den Fuͤrſten beliebt, deſſen Mini⸗ ſter man iſt; man fuͤgt ſeiner Macht jene Liebe bei, die dieſer erſt Unerſchuͤtterlichkeit verleihtz man macht ſich ſelbſt geliebt und behaͤlt das Portefeuille, auf das man ſo vielen Werth legt, weit laͤnger. So erhalten demnach Ehrgeiz und Herrſchſucht ihre Befricdigung. Freilich die Hobſucht, ich geſtehe es, findet bei dieſen Mitteln ihre Rechnung nicht und ſie allein er⸗ klaͤrt es, warum man an jener verhaßten Maxime feſthäͤlt; da ſie jedoch von Natur un⸗ erſättlich iſt, ſo ſtuͤrzt ſie ſich immer ſelbſt, weil ſie bald auf ihre erſten Erfolge, bald auf die Niedrigkeit der Hoͤflinge rechnend, es verſaͤumt, den wenigen Nutzen der Ue⸗ berſchreitungen der Geſetze zu erwägen— Wenn derjenige der von dieſer Habſucht heim⸗ geſucht wird, im Stande waͤre nur einen ein⸗ —88 zigen Augenblick vernuͤnſtig nachzudenken, ſo muͤßte er ſehen, daß er, indem er dem entge⸗ gengeſetzten Syſteme folgte, durch die Dauer der Ausubung ſeiner Macht, mehr gewonne als ihm dieſe Habgier in kurzer Zeit zu ver⸗ ſchaffen vermag: und dazu wuͤrde er dann noch das erringen, was nicht durch Gold aufge⸗ wogen werden kann, die Hochachtung und die Huldigung der Welt; er wuͤrde bedenken, daß er dann ein ehrenvolles Andenken zuruck⸗ laͤßt.“ „Der Miniſter welcher waͤhrend dieſer Unterredung den Vorhang hatte wieder fallen laſſen um die Inſchrift zu bedecken„ die heut zum erſten Male profanen Augen enthuͤllt wor⸗ den war, rief jetzt:„Meine Herrn, wir ſind nicht hierhergekommen um einen Curſus der Moral zu machen; die Sitzung iſt aufgeho⸗ ben.“ Auf dieſen Ausſpruch erhob man ſich ſtill und Ihro Ecellenz ſagten noch dem der ihre Meinung theilte, einige Worte in's Ohr, die ich jedoch nicht zu verſtehen vermochte.“ „Kaum waren ſie fort, als Roſalie kam um mich aus meinem Gefaͤngniſſe zu erloͤſen. Ihr ——————* 139 Vater eilte ganz außer Athem herbei.„Ach!“ rief er,„ich habe wie auf Dornen geſtan⸗ den!“—„Ich wuͤrde eher auf meinem Poſten umgekommen ſeyn,“ erwiederte ich,„als Sie eompromittirt haben. Uebrigens kann man es da ſchon aushalten.“—„Sie wuͤrden nicht ſo ſprechen, wenn die Sitzung diesmal ſo lange gedauert hätte, als dies gewohnlich der Fall iſt.“— Vergebens gab ich mir alle Muͤhe den Vater Vincent zu uͤberreden, daß nichts in der Welt meiner Geduld und Ausdauer gliche, denn es war mein Wunſch noch einet zweiten ſolchen Einfuͤhrnng beiwohnen zu koͤnnen, aber der alte Knabe blieb harthdrig in dieſem Punkte; die Erfahrung hatte ihn vorſichtig gemacht. Ich wagte es demnach nicht weiter in ihn zu drin⸗ gen, auch ehrte ich ſein graues Haupt und verſtand mich dagegen mit ſeiner Tochter.“ „Einige Monate darauf vernahm ich dem zufol⸗ ge von dieſer, daß die Miniſter wieder in den Pa⸗ villon gekommen waͤren und daß eine neue Su⸗ ſammenkunft daſelbſt beſtimmt worden ſey, weil ſie ſich daſelbſt von Ueberläſtigen befreit ſaͤhen, hier mehr ohne Zwang ſeyn koͤnnten und Nie⸗ 140 mand wiſſe daß ſie ſich verſammelten. Jetzt beredete ich Vincents Tochter mich noch einmal Seuge einer ſolchen Zuſammenkunft ſeyn zu laſſen; ſie willigte ein und benachrichtigte mich hierauf eines Tages, daß ihr Vater den Be⸗ fehl erhalten habe, den Salon zu einer beſtimm⸗ ten Stunde in Bereitſchaft zu ſetzen. Schnell begab ich mich nun in meinen Beobachtungs⸗ winkel und ich durfte hier nicht lange warten. Zuerſt ſah ich Hrn. C dann Hrn. V. eintre⸗ ten. Der Erſtere blieb ſchweigend, auf das Fen⸗ ſtergeſims gelehnt, ſtehen; der Andere ging, die Haͤnde auf den Ruͤcken gelegt, wie es ſchien in tiefes Nachdenken verſenkt, auf und nieder. Hr. C. folgte ihm fluͤchtig mit den Blicken; ſein von Natur gelber Teint glich jetzt der Farbe jener herbſtlichen vertrockneten Blaͤtter, die im Begriff ſtehen vom Stamme abzufallen. Mit Angſt ſchien er das Ende dieſes langen Schwei⸗ gens zu erwarten. Hr. V. unterbrach daſſelbe nur mit einzelnen unzuſammenhaͤngenden Aus⸗ rufen:„Nach ſo vielen Opfern im Angeſichte des Hafens zu ſcheitern 1.... Wie ſoll ich meine Verpflichtungen erfuͤllen 2.... Ich kann wohl ———— ————— den Lieferanten zum Schweigen bringen, aber man muß ihn dafuͤr bezahlen!.. Verdamm⸗ ter Ch...! immerwaͤhrend ſtehſt Du mir im Wege, aber Du ſollſt meiner Rache nicht ent⸗ gehen!“— Bei dieſen Worten machte Hr. C. eine Bewegung des Schreckens; es ſchien als wolle er ſagen:„Gnaͤdiger Herr, ich will alles was Sie wollen, alles was Sie wuͤnſchen; winken Sie und ich gehorche; reden Sie, und fuͤr Sie, fuͤr Sie allein gebe ich alle. der Welt preis.“— Hr. V. ſchien dieſe Ge⸗ danken zu errathen und geruͤhrt von der Groͤße und Wichtigkeit des Opfers, wußte er— Dank und näherte ſich ihm.“ V. Ich darf Veigſen auf Sie rechnen? C. Ach gnädiger geirt im Leben im Fodel v. Ich zweifle nicht daran... aber ich muß bleiben, ich muß leiten, i* ſi iegen, ich muß regieren. C. Gewiß! gewiß 6366 V. koͤnnen Sie mir izenn ein wit C. Ach gnädiger Herr! Sie haben in den Journalen ſagen laſſen, ich wäre mit— telmäßigkeit ausgeſtattet...... gꝛ V. Welcher Teufel hat denn alle unſere Geheimniſſe verrathen? Sie werden ſehen daß dies wieder der Ch.... O h haſe dieſen Bretagner! C. Ich erſtaune nur—— vaß Sie ihm ſowohl wie ſeinen Mitbruͤdern, es zuließen, ſich auf unſere Koſten luſtig machen zu durfen. V. Und was wuͤrden Sie denn an meiner Stelle gethan haben? C. Ich wuͤrde Himmel und Söur in Be⸗ wegung geſetzt haben, um die Erſcheinung al⸗ ler dieſer Journale zu verhindern. V.(im Provinzialdialect). das weiß ich eben ſo gut als Sie. C. Viel beſſer noch gnädiger Herr, viel beſ⸗ ſer noch! aber in großen Angelegenheiten.... die kleinen gehoren nicht in Ihren Kreis, und zuweilen ſind es doch die kleinen welche die großen retten. V. Immer nichs als Maximen. C. Gnädiger Herr, in Holland...(hier 143 blieb Hr. V. uͤberraſcht ſtehen, wendete ſich um, blickte Hrn. C. an und ſchien ihm mit Aufmerkſamkeit— In es Hollaͤnder.. V. Das i eine—— Ci genheit. C. Ich will damit nur ſagen, S. Herr, Arbeiter.... Ew. Excellenz ſind im⸗ mer ſo lezhaftl Es giebt alſo daſelbſt Arbeiter, die den Auftrag haben alle Tage die Daͤmme zu unterſuchen und ſogleich den klein⸗ ſten Schaden auszubeſſern den das Meer an⸗ gerichtet hat. Ohne dieſe weiſe Vorſorge wuͤr⸗ den die Daͤmme bald das Land uͤberſchwemmt.. V. Und die Splandee ertrunken ſen denn es giebt Hollaͤnder.. C. Principiis— V. Sie behalten doch ſtets einen alten Anſtrich von Ihren Juriſten oder Medicinern. In der That, Sie hätten ſollen Procurator, Ad⸗ vocat oder Arzt werden.(Hr. C. zog hier den Kopf ein und die Achſeln in die Hoͤhe.) Das Wort was Sie ſo eben citirten, wird von den wahren Staatsmaͤnnern anders als von Ihnen. C.(giebt ſich ein nſchen von Verwui⸗ S O theilen Sie mir dies doch mit... V. Principiis obstal.. Rathen Sie es noch uicht? Man„ den prnpin C. Ah, ich⸗ veeſhe!. und die charte iſt ein Princip. Aber, gnaͤdiger Herr, Sie ſind Ihrem Grundſatze ſelbſt nicht treu geblieben, in⸗ dem Sie die Maßregel nicht annahmen die Pe. und ich, vorſchlugen. V. Wegen der Journale? C. Ja, gnaädiger Herr, wir wollten ſie ſtumm machen oder vernichten. O wenn Sie damals gewollt haͤtten, dann wuͤrde ich nicht vollgeſtopft von Mittelmäßigkeit ſeyn*) oder man wuͤrde dies wenigſtens nicht auf eine ſo poſitive Art darzulegen geſucht haben. Man wuͤrde nicht geſagt haben, Ew. Excellenz wären ein(Hr von V. warf bei dieſen Wor⸗ *) Dies behauptete nämlich das miniſterielle Journal des Pebats von dieſem Hrn. C. 145 ten einen Blick nach dem Sprecher, der ſogleich verſtanden wurde); kurz, gnaͤdiger Herr, es iſt moͤglich daß ich mich taͤuſche, aber ich bitte um die Erlaubniß Ew. Excellenz geſtehen zu duͤrfen, daß ich es vorziehe lieber keine Wun⸗ den zu erhalten, als ſie mir durch die milde⸗ ſten Pflaſter von der Welt heilen zu laſſen. Sie haben geſehen wie ſorgfaͤltig ich durch ad⸗ miniſtrative Maßregeln die neuen Blätter, ſo wie ſie nur erſchienen, zu unterdrucken ſuchte. Ohne mich hätten Sie Bouſſolen, Neme⸗ ſis, Monde u. ſ. w. Zum Ungluͤck ließen Sie mich nicht forthandeln und Sie haben jetzt Pandoren, Corſaren und hinkende Teu⸗ fel. * V. Aber die politiſchen Journale? C. Ich haͤtte ſie demſelben Zwange unter⸗ worfen. V. Man wuͤrde— bei den Kammern belangt haben. 6C. Bilden unſere Freunde nicht die vehr Sb PV. Man haͤtte uns vor die Shhr gezogen. 10 146 C. Rechnen Sie doch auf unſern Beutd unſern Collegen, den wuͤrdigen P.. V. Sie ſahen doch wohl, daß ſein Ein⸗ fluß nicht alle die Reſultate hatte welche Sie erwarteten. Gehen Sie, Sie verſtehen nichts davon; man muß die Sachen aus einem hoͤhern Standpuntte anſehen. Mit Ihrem Syſteme wuͤrde ich Perſonen bedeutend gemacht haben, die es kaum waren, es nicht mehr ſind und es niemals werden ſollen. Man mußte damit anfangen ſie gering geachtet zu machen; ich ge⸗ langte dahin indem ich ſie erkaufte. Geld und die Verachtung des Publicums: viel Geld und viel Verachtung; das iſt es was ich ihnen verſchaffte. Zweie allein widerſtanden, dies geſchah aber vielleicht nur weil wir zu geizig waren. Der Eine rechnete auf ein anderes Mi⸗ niſterium und eine reichlichere Entſchaͤdigung, der Andere auf die oͤffentliche Achtung, aber man iſt muͤde ſie Leuten zu zollen die ſie nicht verdienen; dazu iſt das Publicum ein Spiel der Schelmen. Ich bin ſo ziemlich zu meinem Zwecke gelangt, doch habe ich auch eingeſehen, daß die Verachtung keine Pille von —— ſchlechtem Geſchmack mehr iſt, wenn man die⸗ ſelbe nur gehoͤrig verſilbert, und daß ſie die Leute unter ſolchen Umſtaͤnden, ohne große Grimaſſen hinunterſchlucken. Einmal aber ver⸗ ſchluckt, dann iſt der Weg fuͤr eine zweite ge⸗ bahnt, die der dritten den. leich ter macht.“ „Die einzige ſo geruͤhmte Waffe der Op⸗ poſition, iſt die Freiheit der Preſſe; ich gebe ſie und bemaͤchtige mich ihrer zugleich, denn ſie dient aller Welt. Die Licenz der Preſſe wird durch die Menge widerſprechender Reſultate zu denen ſie fuͤhrt, damit enden, weit weniger Gefahr zu zeigen als man fuͤrchtete. Das Recht alles ſagen zu koͤnnen, wird das Recht alles zu leſen null machen indem es die Neugierde uͤberſaͤttigt und die Luſt zum Leſen ſtillt. Man wird die Sache bald zum Ekel bekommen weil man wahrnehmen muß, daß alle Gewißheit erſchuͤttert wird, und zuletzt wird man nicht mehr wiſſen was man noch glauben ſoll.“ „Ein Miniſter der dieſe Freiheit gewaͤhrt und ſich, wie Mazarin, nicht darum kuͤmmert was man gegen ihn ſchreiben oder ſagen mag, 10* 148 wenn man nur bezahlt, iſt in der gegen⸗ waͤrtigen Zeit und bei einer repraͤſentativen Verſaſſung, wo man die oͤffentliche Meinung fuͤr den Haupttraͤger halt, ein bemerkenswerthes Phaͤnomen. Dieſer Miniſter, ſtark durch die Gunſt des Fuͤrſten, kaͤmpft gegen dieſe Mei⸗ nung und bleibt dennoch unentwurzelt ſtehen; iſt aber der Sturm einmal voruͤber„dann giebt es nichts mehr was ihn zu erſchuͤttern vermag. Was will man dann noch ſagen? alles iſt er⸗ ſchoͤpft; Lob und Tadel wiegen fuͤr ihn gleich in ſeiner Waage; indem er nur ſorgt per fas et nefas die Majorität fuͤr ſich zu haben; iſt er unerſchuͤtterlich, ſo lange ihm ſein Herr treu bleibt. Ein ſolcher Miniſter hat geſehen daß das herrſchende Laſter die Habſucht iſt; dies iſt ſo ziemlich das Laſter aller Zeiten mit fol⸗ genden Abanderungen: bald verbirgt ſie ſich und zieht die Ehre mit einigem Gewinn den Reichthuͤmern vor; dann iſt der Haupthebel um ſie zu packen und zu regieren, die Eitel⸗ keit. Bald(und dies iſt jetzt der Fall) nimmt ſie keine Maske vor, dann iſt die Verderbniß auf dem hochſten Gipfel. Dies iſt die Idee die „ — 149 man von den Menſchen und den Dingen im neunzehnten Jahrhundert haben muß; das iſt mein Geheimniß und„. gche„ meinem Jahr⸗ hundert. C. Nach einigen Worten die Ew. cptelenz entſchluͤpften, ſcheint es mir indeß als wenn nicht alles ſo gaͤnge wie Sie es wuͤnſchten.. „Das Geraͤuſch eines vorfahrenden Wagens unterbrach hier die beiden Sprechenden. Sie ſahen ihren Collegen ankommen, der das Trium⸗ virat vervollſtaͤndigte. Man trug ihm drei Buͤ⸗ ſten nach, die er eben erſt gekauft hatte um den Salon damit zu ſchmuͤcken, und die Traͤger derſelben mußten ſogleich eine jede auf das fuͤr ſie beſtimmte Pideſtal ſtellen. Macchiavel kam zur Rechten des Simſes, von dem wir ſpra⸗ chen; Fimenes zur Linken und ihm gegenuͤber das unedle Geſicht des Kanzlers Maupeou. Herr von V. machte einige Scherze gegen ſeinen Col⸗ legen uͤber dieſen Einkauf und ſchloß dieſelben damit, zu ſagen: daß er nicht noͤthig habe die Portraits dieſer mehr beruͤchtigten als be⸗ ruͤhmten Menſchen zu ſehen, um ſich ihrer Maximen zu erinnern.“„Was den Letztern be⸗ trifft,“ ſetzte er hinzu,„ſo muß man ſich hů⸗ ten es einzugeſtehen, wenn man ihm nach⸗ P. Er war frei von Vorurtheilen und 1. V. Und ſelbſt von Grundſaͤtzen, ſo wie von allem Gefuͤhl. Man kennt von ihm nicht einen einzigen edlen Zug, keinen der eine Em⸗ pfindung des Herzens verräth; auch weiß man nicht daß er jemals einen Freund hatte. Er beſaß einige Verbindungen, die er ohne Be⸗ denklichkeit opferte; Diener, die er unbelohnt entließ, und Wohlthäter, die er ſchaamlos ver⸗ rieth*). Sie werden zugeben, daß man ſich mit einem ſolchen Patron nicht ſehr bruͤſten darf. *) In dem Artikel Maupevn in der Biographie Vniverselle, B.. S 516. heißt es:„Die Na⸗ tur hatte ihm die aͤußeren Vorzuͤge ſeines Vaters verſagt; ſein Wuchs war klein, ſein Blick ſtechend und hart; dicke ſchwarze Augenbraunen und ein gallicher Teint, gaben ſeinen Zuͤgen etwas ſehr Zuruͤckſtoſendes. Er beſaß nichts als die Faͤhigkei⸗ ten eines gewoͤhnlichen Rechtsgelehrten, aber viel Gewandtheit und Talent zur Intrigue. Seine Moral und die Mittel welche er anwendete, ſtan⸗ den in einem vollkommenen Einklang mit ſeinem ungemeſſenen Ehrgeiz. 151 P. So viel als Sie wollen, aber geſtehen Sie auch dagegen, daß Riemand das Hand⸗ haben der koͤniglichen Macht ſowohl als der Juſtizverwaltung, ſo gut verſtand als er. Mit welcher bewunderungswuͤrdigen Beharrlichkeit hat er an der Aufloſung des Parlamentes ge⸗ arbeitet! Mit welch' einem unverwuͤſtlich kalten Blute verfolgte er alle Mitglieder deſſelben! Wie viele Berechnung und umſicht wußte er in ſeine Rache zu legen! Er verbannte diejenigen Rä⸗ the, deren Familien im Suͤden wohnten, nach dem Nordenz fuͤr ſeinen Feind, den Präſiden⸗ ten Lamoignon, wählte er den Felſen von Fiſi, zu deſſen Gipfel man kaum auf dem Ruͤcken eines Maulthieres hinaufzuklimmen vermagz fuͤr Clement de Feuillet, Crocq en Combrail⸗ les*), wo man nur Haferbrod zu eſſen ber koͤmmt, und deſſen, bisher allen Geogranhen unbekanntes, Daſeyn man dadurch erſt erfuhr, Crocq en Combrailles! Es gehort Genie dazu um dieſen Winkel aufzufinden und einen ſolchen Verbannungsort zu waͤhlen. Geſtehen *) Im Departement der Creuſe. 152 Sie, man findet bei ihm den großen Mann in den kleinſten Zugen... Uebrigens koͤmmt kein Fremder hierher, und Niemand kann daher wiſſen daß wir Maupeou zum Porbilde waͤhlen. n V. und gimenes? 6. aAch ximenes! welch' ein Mann! p. Das iſt der Cardinal der die Kunſt ver⸗ ſtand die Menſchen zu regieren; er bedurfte fuͤr das Volk nichts als ſeiner Sandalen und ſeines Strickes; mit Recht ſagte er: daß die Menſchen die Geſetze nicht achteten und daß man ihnen daher auch keine geben muͤſſe.„Ei⸗ ner ſeiner Grundſätze,“ ſagt ſein Geſchicht⸗ ſchreiber*),„ war: daß die Menſchen ſich nur durch Zwang Andern unterwuͤrfen; und er hatte die Gewohnheit zu aͤußern, daß nie ein Fuͤrſt ſich weder geachtet von ſeinen Untertha⸗ nen, noch gefuͤrchtet von den Fremden machen könne, als wenn er die Gewalt in den Han⸗ den habe.“ ———— * Flechier, Histoire du cardinal de Kimenes. ¹5⁸ „Doch wandte er ti vielen Gelegenheiten grße Feinheit an, indem er dachte, daß wenn man noch keine Gewalt brauchen wolle, man doch viel Eifer zeigen, und wenn man einmal angefangen haͤtte eine Secte zu ſchwaͤchen, man dieſelbe nothwendig gsanz vernichten muͤſſe, weil, bemerken Sie wohl, weil bie geſchwaͤchten Partheien ſich nur enger an ein⸗ ander zu ſchließen pflegen, um ſch⸗ gegenſeitig zu unterſtuͤtzen.“ „Als er einſt erfuhr, daß neher⸗ Große ſich anſchickten, ihm nicht mehr zu gehorchen, da ließ er ſie zu ſich kommen und in ihrer Ge⸗ genwart Kanonen abfeuern.„Sehen Sie da meine Herren,“ ſprach er,„die Macht welche mir der katholiſche Koͤnig anvertraute und mit wel⸗ cher ich Spanien regiere.“ Sie ließen ſi ch das geſagt ſeyn und ſcheuten hinfuͤhro eine ſolche Macht. Ein andermal fragte er einen dieſer, durch ihren Einfluß und ihre Reichthuͤmer furcht⸗ baren, Herren: ob er es wohl fur weiſe hielte, dem zu widerſtehen der oft den Koͤnig zu ſeinen Fuͤßen, und Gott taͤglich in ſei⸗ nen Händen ſähe?— Er beſtrebte ſich die 15⁴ ———— Granden mit ſeinem Strick in ihrer Pflicht zu erhalten und Fm Swlz unter 65 eine San⸗ dalen zu treten. V.(mit einem— In dieſer vu w Zeit gab es keine C Charte! Und wenn es eine gegeben haͤtte, 6 wütde er dennoch mit ſeinem Strick, ſeinen Sandalen und ſeinen Kanonen, ſein Ziel er⸗ reicht haben, denn er wußte, daß man mit einem feſten Willen immer ſein Ziel erteicht. Er wollte herrſchen und er herrſchte. Ange⸗ klagt ſeine Gewalt überſcheitten zu haben, ant⸗ wortete er darauf mit der Forderung, um eine n ungemeſſenere, und echielt ſie. ſes —— Einziges Beiſpiel der Lereinhung der iithi und ſnichen N und die iber Ihre Se ſie⸗ gen und uns ſtuͤrzen wird, wenn. V. Ware ich Cardinal und gurſ 5 Kir⸗ che, oder waͤren Sie es, ſo wuͤrde und koͤnnte ich mir dieſe Vorliebe fuͤr die Congregation er⸗ klaͤren; aber Sie und ich koͤnnen nur deren In⸗ ———— —* 1⁵⁵ ſtrumente ſehn: eine— Rolle— ei⸗ nen Miniſter. C. und P.(halb ut und immer ſ dieſe noch beſer als das——. geben. s. Es wird müt chie nicht nh ge⸗ ſichert. P. Darin irren Sie ſich eben! Was will dieſe geheime Macht? ueber alles verfuͤgen! Sie wird trotz Ihnen und trotz uns, dahingelangen⸗ Wenn Ihre Grundſätze nicht immer, die dieſer Macht ſind, ſo ſind ſie es doch groͤßtentheils. Ohngeachtet Ihrer und ohngeachtet unſerer, läßt ſich der geheime Einfluß uͤberall verſpůren· Man fuͤhlt das Joch deſſelben ohne es ſich ſelbſt einzugeſtechen; man ruͤhmt ſich ſeiner Unab⸗ haͤngigkeit, und eh' mam es ſich verſieht, iſt ſie verloren. Sie ſelbſt konnen nicht alles was Sie wollen. Es iſt ein Kampf der ſich alle Augenblicke erneuert; ein Kampf, in welchem die Kraͤfte des Feindes, weit entfernt ſich zu erſchoͤpfen, im Gegentheil nur ſtärker werden. Da iſt es hundertmal beſſer einen Frieden zu ſchließen, durch welchen die beiden einander 156 nothwendigen Gewalten, ſich gegenſeitig unter⸗ und damit enden, nur eine zu bilden. V. Das iſt gerade das, was ich nicht — weil dann die unſrige Null werden wuͤr⸗ de. Sie wuͤrde dann nichts mehr ſeyn als ein in einem Glaſe Waſſer aufgeloͤſtes Karmin⸗ ſtäubchen. P. Nun gut, und von dieſem Stüubchen wuͤrde das Waſſer immer noch eine Farbe er⸗ — die es von anderen unterſcheidbar macht. V. Wir Dreie ſind in Betreff des Beſitzes der Macht uͤbereinſtimmender Meinung und wei⸗ chen nur untereinander uͤber die Mittel ab, dieſe Macht vollſtändiger und feſtſtehender zu machen. Sie vereinigt, nach Ihnen, dieſe beiden Eigen⸗ ſchaften wenn man das theokratiſche Princip darin aufnimmt. Ich geſtehe dies zuz aber es iſt dann nur der Fall fur die Leiter dieſer Handlung und dies ſind weder Sie noch ich, und weder Sie noch ich, koͤnnen es werden.“ „Wenn wir das Amalgama, das Sie vor⸗ ſchlagen, machen wollten, dann wuͤrden wir zugleich ein Saamenkorn der Trennung unter uns bringen. Wir koͤnnen weder das Vertrauen derer erhalten die Sie fuͤrchten, noch es— dieſe hegen. P. und C. Aber wenn ſie trotz Synen un uns ſiegen? V. Unmoͤglich! C. und P. Man iſt dennoch auf gha Wege dazu, wenn wir Herrn von Montloſie ier glauben ſollen, der unlaͤngſt(Drapeau planc ste October 1825.) die merkwuͤrdigen Worte ſprach:„Hier offenbart ſich bei dem Miniſte⸗ rium und uͤber dem Miniſterium, das Daſehn einer geheimnißvollen Macht, die immer wir⸗ kend, und nur dann ſich zeigend wenn ſie es fuͤr rathſam haͤlt, bald einen Koͤrper annimmt, bald wieder einem Schatten gleicht, jenachdem es ihren Abſichten zuſagt. Dieſer Macht ge⸗ genuͤber, welche, wie einige Perſonen verſichern, gar nicht exiſtiren ſoll, und die ſich dennoch durch ganz Frankreich zeigt, kann das Miniſterium, das ihr unterworfen zu ſeyn ſcheint, nur eine untergeordnete Stellung haben. Beherrſcht von einem uͤberlegenen Geſtirn, erſcheint das wos es an Licht und Waͤrme beſitzt, nur geliehen. Auf dieſe Art erwirbt es ſich keine Beachtung 158 und verliert nach und nach ſowohl das Anſehen als das Vertrauen, und alle ſeine Vortheile.“ V. Derſelbe ſagt auch, daß das Miniſte⸗ rium nicht ultramontan ſey. Wäre nun dieſe geheimnißvolle Macht als wir, ſo wuͤrde ſie uns ſtuͤrzen. C. und P. Geduld! Geduld! V. Deren bedarf man allerdings ſehr viel, bei verſchiedenen Gelegenheiten.... Das Ge⸗ heimniß, in welches ſich dieſe angebliche Macht beweiſt allein ſchon deren Schwäche. P. Vielleicht iſt daſſelbe gerade deren s Wenn ſie ſich offen zeigte, dann wuͤßte man den Fleck wo man ſie angreifen koͤnnte, aber ſo kann man nur im Dunkel nach ihr greifen. Sie verſtrickt uns und es iſt daher beſſer, ſich mit ihr zu verſtehen. Ohne ſie, wandeln wir auf einer duͤnnen Eisdecke die ſie unaufhoͤrlich unter uns aushoͤhlt und die bei jedem Schritte einzubrechen droht. Da⸗ durch wird unſer Gang unſicher und unſere An⸗ ſtrengungen uns zu halten, läͤcherlich. Mit ihr, befeſtigt ſich der Boden unter uns wir koͤnnen allen Sturmen trotzen. V. Das iſt uebertreibung. Ich geſtehe gern ein, daß dieſe verborgene Macht nicht ohne Gefahr iſt, aber machen wir einmal eine Vorausſetzung, die ich fuͤr gar nicht unwahr⸗ ſcheinlich halte; ſehen wir die Sachen an wie ſie wirklich ſind. Die Herrſchaft der Macht von der Sie ſprechen, kann ſich nur auf die Baſis der Religion gruͤnden; dies iſt aber eine Sache des Gefuͤhls, und eine Hingebung wie diejenige welche dieſe Macht verlangt, kann zur feſten Grundlage nichts anders haben als vie ueberredung. z. P. Und das Interreſſe? und die— die ihr zu Huͤlfe koͤmmt? V. Dann iſt die Hingebung nicht mehr wirklich, weil man bei Ihrer Hypotheſe gegen das innere— ocgen das Ge⸗ wiſſen. ſen gehandelt wird? V. Ich widerſtreite dies nicht, gewiß nicht; aber laſſen Sie mich ausreden; ſprechen wir offen: es iſt hier die Rede von Prieſtern. Ich P. Wind man nicht ſagen, daß nicht blos bei dieſer verborgenen Macht gegen das Gewiſ⸗ —0 ſetze voraus, daß man damit endet ſie auf die Ausuͤbung ihrer Obliegenheiten zu beſchraͤnken. Sie koͤnnen nicht verneinen, daß dies das Ziel der Maſſe der aufgeklaͤrten Geiſter iſt; daß man die Nothwendigkeit hiervon fuͤhlt. Sie zuerſt, der Sie ſich ihrer nur darum annehmen, weil Sie nicht gewiß ſind ſie jetzt mit Vortheil be⸗ kaͤmpfen zu koͤnnen. Wohlan, ich meines Thei⸗ les bin feſt uberzeugt, daß man zu dieſem Siele gelangen wird: ich bin es feſt uberzeugt, ohne jedoch zu wiſſen ob dieſe Epoche nahe iſt. Aber ſie kann es ſeyn und mehr als Sie es denkenz und Sie koͤnnten wollen das ich mich in dieſer feſten Ueberzeugung auf eine Macht ſtuͤtzen ſollte, die bei dem Eintritt dieſer Vorausſetzung zer⸗ ſtaͤubt und von denen ſelbſt wird verlaſſen wer⸗ den, welche jetzt am lauteſten ihre Ergebenheit gegen dieſelbe verkuͤnden! P. Wenn man auch Ihre Vorausſet ungen als wahr annehmen und ſelbſt die Epoche von der Sie ſprechen, als nahe betrachten will, ſo werden Sie doch geſtehen muͤſſen, daß dieſe Macht ſich jetzt im Fortſchreiten und im Wach⸗ ſen befindet; daß ſie alles uberzieht, uͤberall 161 hindringt und daß ſie Ihnen binnen Kurzem keine andere Wahl laſſen wird, als ſie aufzu⸗ nehmen oder die Parthie aufzugeben. V. Sie werden dagegen Ihrerſeits gezwun⸗ gen ſeyn zu geſtehen, daß andere Gefahren uns bedrohen und daß das Portefeuille uns, trotz aller unſerer Anſtrengungen, entwiſchen kann, ſelbſt wenn wir auch den Einfluß der geheimen Macht ganz bei Seite laſſen. Wohlan! es iſt tauſendmal beſſer, daß man unſern Stutz un⸗ ſerm Widerſtande, als allen andern Dingen zuſchreibt. Auf dieſe Art wird er uns Ehre machen und man wird uns bedauren. Und wenn Sie mich noch uͤberzeugen koͤnnten daß dieſe Macht uns ſicherte; aber ſie wird alle unſere Vorſchlaͤge mit dem foͤrmlichen Vorbe⸗ halt annehmen, keine der eingegangenen Ver⸗ pflichtungen zu halten, und mit ihrem in peito ernannten Miniſterium, unverſehens vorruͤcken. Kurz, ſie kann nicht anders als mit einem ihr ganz angehdrigen Miniſterium ſiegen; es iſt mir aber klar, daß wir dieſes Miniſteri⸗ um nicht ſeyn koͤnnen. Jetzt braucht ſie uns um zur Herrſchaft zu gelangen und an dem⸗ I. 11 Morgen des Tages ſturzt ſie uns, wo ſie ſich erſt neben uns geſetzt hat. Sie umarmt uns nur, um uns zu erſticken. P. Ich vermag Ihre Meinung nicht zu theilen. Leiten wir die Sachen ſo ein, daß es ihr Intereſſe erheiſcht uns zu erhalten.. V. Das iſt in der That das zu tn Problem. P. Mir ſcheint* nicht unloͤsbar zu. V. Laſſen Sie doch dieſe leichte. bine. P. Da es das erſte Mal iſt daß Sie es erlauben uͤber dieſes Capitel zu ſprechen, ſo bin ich jetzt nicht ſogleich darauf vorbereitet; doch glaube ich genug Thatſachen zu kennen, um im Stande zu ſeyn Ihnen einen Plan vor⸗ zuſchlagen der mir alle Intereſſen zu verſoͤhnen ſcheint; auch will ich Sie damit nicht hinhal⸗ ten, da uns die Zeit draͤngt. V. Nun meinetwegen; nur zweifle ich, daß Ihre Gruͤnde nicht unwiderlegbar ſeyn werden. „Hier endete das Geſpraͤch und die drei Her⸗ ren erhoben ſich. Beim Umwenden fiel der — 103.— Blick des Hrn. von V. noch einmal auf die Buͤſte von Maupeou.„In der That,“ ſprach er,„ich begreife nicht, was ein Koͤnig, der ſchoͤnſte Mann ſeines Reiches, mit dieſem haͤß⸗ lichen Geſichte hat machen koͤnnen*).“ P. Das koͤmmt daher, weil er mit den Augen der Dubarry ſah, welcher der Praͤſident die Gewandheit hatte zu gefallen, um dadurch das Siegel zu erhalten. Aber welch' ein Mann iſt er, der ſeinen Herrn ganz nach Belieben leitete, ihm die bekannte Rede dietirte, die dieſer vor dem erſten freien Gerichtshof hielt, und ihn *) Folgender Anerdote nach zu urtheilen, muß Mau⸗ peou allerdings ſehr haͤßlich geweſen ſeyn. Den 17ten Aprill 1777 begab ſich der Kaiſer Joſeph nach dem Pallaſt und nach der Chambre des comptes. Als er ſich in den erſten Sälen und in einer Gallerie befand, in welcher die Portraits aller Chefs der Compagnie find, wuͤnſchte er das des Canzlers, Hrn. von Maupeon, zu ſehen. Nachdem er daſſelbe aufmerkſam betrachtet und gefragt hatte, ob es aͤhnlich ſey! worauf man ihm mit Ja antwortete, rief er voll Unwil⸗ len aus:„Er thut wohl daran nicht hier zu ſeyn!“(Memoires secrettes a la Pate indiques.) Der Kaiſer hatte wahrſcheinlich genug an der Copie. 11* 164 mit einer männlichen Kraft die Worte ſagen ließ: Ich werde niemals aͤndern! Wor⸗ te, die durch ganz Frankreich wiederhalten das daruͤber erſtaunt war, bei einem Fuͤrſten einen Willen zu ſehen, den man bisher beſchuldigte, keinen zu haben! Welch' ein Mann, der es wagt einen Parlamentsbeſchluß zu nehmen und ihn zu zerreißen!) Ach, welche ohuhe S6 ten waren damals noch! Pr Ja, fuͤr einen Canzler. Aber nerſebe Mann der ſeinem Konige hatte ſagen laſſen, daß er die Krone nur von Gott empfangen ha⸗ be, ſandte, ſtatt dieſe Krone zu vertheidigen, als ſie in Gefahr war, 1792, achthunderttau⸗ ſend Franken an diejenigen, die ſie ſturzen wollten. Semper bens, nicht wahr? „Mit dieſen Worten entfernte ſich Hr. von „ gefolgt von ſeinen Collegen und ich eilte 4. meinem Käͤſig heraus, in welchem ich mich nach und nach anfing ſehr uͤbel zu befinden. beſah mir jetzt die Boͤſte von Maupeou, „ In der Sitzung vom 3ten Seytbr. 1770. Es war der Beſchluß gegen den Herzog von Aiguillon. ——— — —55 den ich noch nicht kannte. Er hätte ſollen den Rath annehmen den der Affe dem Baͤren giebt: „Wenn er mir glaubt, wird er ſich nie⸗ mals malen laſſen*). Vater Vincent, dem ſeine Lochter nichts von unſerm Geheim⸗ niſſe geſagt hatte und deſſen Gegenwart ich nicht vermeiden konnte, war eben ſo er⸗ ſtaunt als unangenehm uͤberraſcht, mich hier zu ſehen und ſchalt ſeine Tochter tuͤchtig aus; doch erhielt ich zuletzt vermittelſt einiger Bou⸗ teillen Vin de TFremitage, der die Eigen⸗ ſchaft beſaß ſeinen Zorn zu entwaffnen, Ver⸗ zeihung von ihm. In Betreff der Bitte, mir zu erlauben noch einmal in mein Obſervatori⸗ um zuruckkehren zu duͤrfen, blieb der gute Mann jedoch hart wie ein Felſen; er erklaͤrte mir, daß er einen Arbeiter wuͤrde kommen laſ⸗ ſen um den Kaͤfig zuzumauern; und wirklich horte ich vor einigen Tagen, daß er Wort ge⸗ halten hat.“ 4 6 0 Der Chevalier. Wie es mir ſcheint, mein lieber Deſormes, ſo haben Sie das Co⸗ *) La Beſace. L. I. Tab. 7, 166 X ſtum nicht gut beobachtet. Hr. von C., von von dem Sie ſprachen, gleicht jenem Hrn. von C, der Advocat zu Rennes und Deputirter war, und den ich kannte, nicht. Deſormes. Sie kannten ihn? zu wel⸗ cher Zeit? Der Chevalier. Im Laufe des Winters welcher der Bewilligung des Portefeuilles vor⸗ ausging, nach dem er mit ſo vielem Eifer haſchte. Ich ging damals zuweilen zu der Grafin von Desnanatz, einer Bretagnerin, die in der Straße Verneuilles wohnte, alle Sonn⸗ tage Dinér gab und des Abends zahlreiche Ge⸗ ſellſchaft bei ſich ſah. Hr. von C. befand ſich ſtets bei dieſen Dinérs. Gewoͤhnlich nach dem Caffee, placirte er ſich mitten vor das Camin hin, mit dem Ruͤcken nach dem Feuer, indem er die Schoͤße ſeines Kleides vor ſich hielt und ſich ſo recht nach Bequemlichkeit wärmte, wo⸗ bei er uns dann immer mit einer jetzt kaum glaublichen Heiterkeit, Dinge aus der anderen Welt erzaͤhlte. Deſormes. Sie werden ſicher eben ſo gut als ich gehört haben, daß Hr. C. ſich nicht mehr 464 gleicht. Wie Sie wiſſen, glaube ich, daß es teinen irgend bedeutenden Mann giebt, der nicht zweierlei Reputationen hat; und die Miniſter haben oft noch mehr als zweie. Nichts bringt eine großere Verwandlung hervor, als ein Portefeuille... Heutzutage iſt eine Ver⸗ waltung aus einer andern Welt als die des Hrn. von C... Die Gräfin. Hat er ſeine Art ſich am Camin zu waͤrmen, beibehalten? Der Chevalier. Ich vermuthe es, denn das laͤßt ſich mit der Große wohl vereinigen. Sie iſt ſogar gewiſſermaßen ein Vorſchmack derſelben und nicht laͤngſt verſicherte mir einer jener Propheten, die, wenn die Ereigniſſe ein⸗ getreten ſind, immer alles vorausgewußt ha⸗ ben, daß er, indem er den Bretagner ſich waͤrmen ſah, deſſen nahe Erhebung vorher verkuͤndet haͤtte. — Sechstes Kapitel. Die Rotunde und das Cabrivlet. Gang und Taktik der Congregation. Ergebenheit ihrer Anhaͤnger. Die Geſellſchaft war beinahe verſammelt, nur Almire und der Präſident ſehlten noch. Schuͤch⸗ ternheit machte den Erſteren oft unpuͤnktlich, in⸗ dem ſie ihm die Furcht einfloßte unbeſcheiden zu erſcheinen, und weitere Gruͤnde, die man bald erfahren wird, verhinderten ihn zuweilen dahin zu kommen wo er ſich am liebſten ein⸗ fand. Den Zweiten hielt eine Unpäßlichkeit zu Hauſe. Er fieng an von jenem ſchweren, un⸗ heilbaren Uebel befallen zu werden, welches Rabelais in ſeinen Prognoſticis mit den Worten ſchildert:„Das Alter wird dieſes Jahr wegen der vorhergehenden Jahre, eine todtliche Krankheit ſeyn.“ „Sie ſind uns,“ ſprach die Graͤfin zu dem Chevalier,„noch den Bericht Ihrer Reiſe ſchul⸗ 169 dig, die Sie dieſen Herbſt nach Chartres mach⸗ ten.“—„ Ach Madame!“ erwiederte der Rit⸗ ter,„ich bitte Sie, mich meines Verſprechens zu entlaſſen.“—„Und warum das?“— „Weil dieſe Erzählung Ihnen eine erſchreckliche Furcht einjagen wird.“—„Deſto beſſer; wir Frauen ſind hierin wie die Kinder, wir lieben es uns zu fuͤrchten. Doch vor allen Dingen, iſt es ein Maͤrchen?“—„Es wird die Rede von Geſpenſtern ſeyn.“—„Das iſt alles ge⸗ ſagt.“—„Keinesweges.“—„Wie! ſie ſoll⸗ ten exiſtiren?“—„Ja, Madame und Sie wer⸗ den es nicht leugnen konnen.“—„Was! Ihre Geſpenſtergeſchichte enthielte Wahrheiten?“— „Sehr viel; aber man ſollte ſie vielleicht nicht ſagen.“—„Sind es allgemeine oder ſatyri⸗ ſche?“—„Ach es ſind allgemeine. Ich er⸗ laube mir nie eine Satyre.“—„Nun wohl⸗ an, ſo beginnen Sie nur.“—„Die Haupt⸗ fäden mißfallen mir ſelbſt; ſie verletzen alle Wahrſcheinlichkeit.“—„So werden wir nur deſto mehr Stoff zur Kritik finden.“—„Sie ſind zu gutig; uͤbrigens iſt in meiner Geſchichte alles wahr, ausgenommen der Ort der Scene, 170 den ich veraͤndern zu muͤßen glaubte.“— „Nur friſch, wir hoͤren.“—„Einen einzigen Augenblick noch Geduld.“. Der Chevalier erhob ſich bei dieſen Worten und ging durch den ganzen Saal, gleich als ſuche er Jemand.„Ich zittere ſchon im Vor⸗ aus, ſprach Deſormes, als er in ſeine Naͤhe kam. Indem ſich der Chevalier wieder an ſei⸗ nen Platz verfuͤgte, aͤußerte er, daß er nur habe nachſehen wollen, ob auch wirklich Je⸗ mand fehle, vor welchem er ſeine Geſchichte nicht haͤtte erzählen koͤnnen: man glaubte er meine den Präſidenten, und um allen weitern Fragen zu entgehen, eilte er anzufangen. „Wir haben,“ ſprach er,„ſeit fuͤnf⸗ und dreißig Jahren ſo viele Umwandelungen geſehen, daß es wohl erlaubt iſt daran zu zweifeln, daß jetzt noch etwas exiſtirt was ſeine ehemalige Geſtalt noch beſitzt, d. h. die von 1790. Nichts iſt unbeweglich, aber die Beweglichkeit iſt das was dieſe Peri⸗ ode charakteriſirt. Dies ſoll uͤbrigens kein Epi⸗ gram ſeyn, denn ich ſpreche nur von Erfin⸗ dungen. Zu den Dingen, welche die mehr⸗ ——ꝛ ——— —————— —,— ——————— 17 ſten Veraͤnderungen erlitten und die jedenfalls⸗ am mehrſten verbeſſert wurden, gehoͤrt unſtrei⸗ tig das, was man gewoͤhnlich, jedoch nicht beſonders richtig, die Diligence nennt. An⸗ fänglich gemacht fur ſechs Reiſende, wurde ſie vergrößert und vorne noch ein Sitz fur drei Perſonen hinzugefuͤgt, die durch ein hartes, ſchmutziges und uͤbelriechendes Leder weder vor Wind noch Regen noch Staub geſchuͤtzt wur⸗ den, und das durch die Sonne noch unerträg⸗ licher ward.“ „Jetzt iſt dieſes Fuhrwerk in drei große, luftige Abtheilungen getheilt; die erſtere heißt das Cabriolet, weil ſie die Geſtalt der un⸗ ter dieſem Namen bekannten Wagen hat: die dritte heißt die Rotunde; ſie iſt von der erſtern durch den ehemaligen Wagenkaſten ge⸗ trennt, der wenig Veränderungen erlitt. In dieſem war es wo ich meinen Platz nahm; das Cabriolet war mit drei jungen Leuten be⸗ ſetzt; in die Rotunde ſtiegen zwei Reiſende. Der aͤlteſte von dieſen beiden bezeigte einige Un⸗ zufriedenheit, als er Jemand in dem Wagen ſelbſt ſah, und da er mit ſeinem Begleiter n allein zu ſeyn wuͤnſchte, ſo hielt er ihn zuruck und bezahlte die anderen plätze. „Ich habe die Gewohnheit mir den Ort an welchem ich mich befinde, genau zu beſehen, und ich bemerkte nun hier, daß man durch ei⸗ ne Oeffnung, die mittelſt eines beweglichen Kiſſens verſchloſſen iſt, ſowohl mit der Rotunde als mit dem Cabrivlet verkehren kann.“ „Die Fenſter der Rotunde waren breit und nach einer Seite zu hingeneigt. Der Mond verbreitete im Innern ein ſanftes und glänzen⸗ des Licht. Ein junger Menſch der darinnen ſaß, wurde auf dieſe Art von den Strahlen ſo hell beſchienen, daß ich alle ſeine Zuge ge⸗ nau zu unterſcheiden vermochte und in ſeiner Phyſiognomie leſen konnte. Spaͤter erfuhr ich dnß er ſich Amire von Tivrac nannte und daß ſein Vater und er, ſich auf ein, zwiſchen Dourdan und Chartres gelegenes, Gut bege⸗ ben wollten, welches der Vatet ohnlaͤngſt erſt gekauft hatte. Da dieſer Letztere auf meiner Seite mit ſaß, ſo befand er ſich im Dunkeln und meine Bemuͤhungen ihn zu ſehen, blieben vergebens, doch konnte ich alles vernehmen was —— — — S —— ———, 173 er ſprach, wenn der Wagen anhielt. Mein Wunſch war, dies mochte einige Zeit geſchehen, um ungeſtoͤrt eine Unterredung hoͤren zu koͤn⸗ nen, die mir bei unſerer Abfahrt von Palah⸗ ſeau, ſehr lebhaft zu ſeyn ſchien.“ „Meine Wuͤnſche wurden zwiſchen dieſem Dorfe und Orſah erhoͤrt, als wir eben in ei⸗ ner Schlucht uͤber eine kleine ſchlechte Bruͤcke wegfuhrem Der Abhang des Berges war ſteil geweſen; man hatte vergeſſen einzuhemmen, der dadurch in Schuß gebrachte Wagen konnte von den Pferden nicht mehr aufgehalten werden; ein Vorderrad brach entzwei und die Maſchine lag da. Die jungen Leute kletterten heraus und benachrichtigten den Conducteur, daß ſie den Wagen in Orſay erwarten wollten, von wo aus man einen Stellmacher herbei⸗ ſchaffen mußte. So war ich denn nach Wun⸗ ſche bedient, doch fuͤrchtete ich in Betreff des Unfalles es zu gut, und im Punkte deſſen was ich wuͤnſchte, es zu ſchlecht geworden zu ſeyn, denn Vater und Sohn ſchienen auf einmal gaͤnzlich verſtummen zu wollen. Endlich bra⸗ chen ſie jedoch das Stillſchweigen und ich theile — hier ihre Unterredung mit, die ich mir ſogleich nach unſerer— in Chartres, nete.“ urWer Marznis Das Leben, mein Sohn, iſt uns in dem Stande in welchem Du geboren biſt, darum gegeben, um die Menſchen und die Dinge zu benutzen. Man muß ſich daher an die Werkſtatt anſchließen, wo am beſten zu dieſem Zweck gearbeitet wird. Almire(mit Erſtaunen). Welches iſt denn dieſe Werkſtatt, mein Vater, und wo befin⸗ det ſie ſich? Der Marquis. Ueberall wo man einge⸗ weiht iſt; wenn ich Dich erſt aufgelegter dazu ſehen werde mich zu horen und meinen Rath⸗ ſchlägen zu folgen, dann will ich Dir andeu⸗ ten was Du zu thun haſt. Almire. Mein Vater, verlangen Sie nichts von mir was meinem Gewiſſen wider⸗ ſpricht, und Sie werden dann keinen ergebe⸗ nern Sohn finden können. Der Marquis. undankbarer! doch es iſt mein Fehler. Warum gab ich Dir eine Erziehung, die... 8 175 Almire. Dieß iſt eine Wohlthat deren gan⸗ zen Werth ich erkenne, und fuͤr die ich meine Dankbarkeit nicht genug r W55 aber. Wer„Marquis(befig). Aber die nich vor Kummer in's Grab ſtuͤrzen wird. Almire(mit Schmerz). Mein Vater!... Der Marquis. Schweig! „Es trat hier eine Pauſe von einigen Au⸗ genblicken ein; dann nahm der Vater wieder das Wort:„Uebrigens geht alles auf die Al⸗ ternative hinaus, ob Du das Gluͤck Deiner Fa⸗ milie und die Erhebung Deines Vaters oder ſei⸗ nen Untergang und ſeine Schande, willſt?“ Almire. Großer Gott! welche Frage? Der Marquis. Die Maßregeln ſind mit einer ſolchen Geſchicklichkeit ergriffen, daß wir keine andere Wahl haben. Ich habe mich zu weit eingelaſſen um noch ſtille ſtehen, ja um Dich nur zuruͤcklaſſen zu konnen, wenn ich Dich nicht ihrer grauſamen Gerechtigkeit preisgeben will. ungluͤcklicher! bedenke, ich muß entwe⸗ der mit Dir als Opfer fallen, oder der ver⸗ derber meines Sohnes werden. 176 „Der Lon ſeiner Stimme hatte etwas Ener⸗ giſches und Ruͤhrendes zugleich, indem er dieſe Worte ſprach. Der Ausdruck derſelben ſtand nicht mit dem Uebrigen im Einklang; es war wie der Schrei der Natur, der aber bald wie⸗ der erſtickt wurde.„Hore mich,“ fuhr er fortz „ich werde nicht noͤthig haben D Dich zur Ver⸗ ſchwiegenheit zu ermahnen; Dein eigenes In⸗ terrſſen geetet ſie. 31 113 1 5 „Eine zugleich geheime bfentſche Ge⸗ ſeuſchaft hat ſich ſeit längerer Zeit gebildet; ſie ſetzte ſich nur einen einzigen Zweck, und alle Mitglieder aus denen ſie beſteht, ſtreben ohne Unterlaß dieſem einen und einzigen Siele zu. Jeder denkt fuͤr ſich beſonders daraufz es iſt ſein Dichten und Trachten bei Tage, ſein Fraum des Nachts. Wie die Faͤden eines Netzes breitet ſich dieſe Geſellſchaft uͤber alle Staͤnde aus und die Jetztwelt wird von ihr in drei Caſſ en geſchieden: in Handelnde, in Werk⸗ zeuge und in Opfer. Die erſte Claſſe wirkt auf die zweite und dieſe weiter, jedoch ohne die Gruͤnde ihres Thuns zu kennen, weil ſie nicht in dem Geheimniß iſt; dadurch aber, da 177 ſie in Gewiſſensruhe und in dem Glauben, voll⸗ kommen recht zu thun, handelt, und minder verdorben als die andere iſt, nun als ſelbſt uͤberredet, wieder uͤberredend um ſo gefaͤhrli⸗ cher wird. Die erſtere bearbeitet unmittelbar die zweite, und durch dieſe die dritte.“ Durch eine unwillkuhrliche Bewegung nahte ſich Almire bei dieſen Worten dem Mranis, ſeine Blaͤſſe und ſein ſtarr auf den Vater ge⸗ hefteter Blick, druͤckten die Empfindungen des Schreckens aus. Wie es ſchien, ſo entging dem Marquis dieſe Bewegung nicht, und gleich als freue er ſich uͤber die Unruhe ſeines Soh⸗ nes, ſchwieg er einige Augenblicke; dann 5 er weiter: „Stelle Dir, mein Sohn, ein Netz vor, das uͤber alle Einwohner unſeres Vaterlandes geſpannt iſt, hier leicht und loſe, dort ſtraffer und enger, und da wieder endlich ſchwer und niederbeugend, ſo daß die Koͤpfe bald frei und kuͤhner, bald beengter in ihren Bewegungen oder gaͤnzlich gebeugt ſind, jenachdem der Druck mehr oder minder auf ihnen laſtet. Aber Kei⸗ ner entgeht dieſem Drucke und jemehr man ſich 3 12 178 —.———— ihm unterwirft, je weniger fuͤhlt man ihn. Dies iſt die Arbeit der Obern. Alle Tage wer⸗ den die Maſchen des Netzes dichter und zahl⸗ reicher; man kann jetzt weder mehr deſſen Daſehn leugnen, noch deſſen beengendem Ein⸗ fluſſe entgehen; denen aber die das Ganze hal⸗ ten und tragen, ſind die Ehren, die Wuͤrden und die Reichthuͤmer der Erde vorbehalten.“ Schweigend duͤſter und niedergeſchlagen hoͤrte Almire zu; es war als wenn ein Ge⸗ wicht ſeine Bruſt druckte. „Ungluͤcklicher!“ nahm der Vater wieder das Wort,„willſt Du Deinen Nacken unter dieſes Joch beugen? willſt Du nicht mehr Dich der geiſtigen Eigenſchaften erfreuen, auf die Du ſo vielen Werth legſt? der Dei⸗ ner Gedanken?“ Almire(ebhaft). Im Gegentheil, mein Vater. um mir dies alles zu erhalten will ich frei bleiben und weiſe deswegen ale Verbin⸗ dungen zuruͤck. Der Marquis. Du wirſt Sklave wenn Du nicht in die Aſſociation eintrittſt. Sie er⸗ laubt ihren Mitgliedern alle Freiheit des Ge⸗ 179 dankens und der Handlungen; das Verbrechen ſelbſt, wenn es nur in ihrem Intereſſe began⸗ gen wird, iſt ſicher unbeſtraft zu bleiben. Was ſage ich? es empfaͤngt Belohnungen. Almire. Mein Vater! Sie koͤnnten. und ich ſollte.. 6 Der Marquis(etwas milder). Mein Sohn, brave Leute beduͤrfen dieſer Ausnahme nicht. Was ich Dir ſage, hat blos den Zweck Dir einen Begriff von unſerer Macht zu ge⸗ ben... Du wirſt einſehen, daß es beſſer iſt in einer Claſſe zu ſeyn wo man befiehlt, als in einer wo man gehorchen muß; beſſer reich als arm, beſſer Herr als Knecht. Almire. Wie! wenn man nicht in Ihrer Verbindung iſt, ſo verloͤre— Ver⸗ moͤgen? Der Marquis. Das nicht, e zu—. hilft es einem, da man nicht den Gebrauch davon machen kann, den man machen moͤchte, da es den der es beſitzt, zum Gegenſtand einer immerwährenden Aufſicht macht; da, ſo groß es auch ſeyn mag, man dennoch nie am Hofe erſcheinen, nie dem Koͤnige ſich nahen kann. 125 180 Almire. Aber mein Vater, wie macht es Ihre Aſſociation mit einem Fuͤrſten, der loyal, offen und ein Freund der Geſetze iſt? Der Marquis. Sie umringt ihn mit ihren Eingeweihten und ihren Werkzeugen und die Aufgabe dieſer Menſchen iſt, ihm einzure⸗ den, daß die Maßregeln welche man ihm vor⸗ ſchlaͤgt, weder der Gerechtigkeit noch ſeinem Willen entgegenlaufen. Sie muͤſſen zwiſchen dem Fuͤrſten und der Wahrheit, eine eherne Mauer bilden, damit dieſe Wahrheit, die un⸗ ſern Intereſſen ſchaden koͤnnte, nicht bis zu ihm gelangt. Almire. Wenn aber dieſer gůrſt ſie durchaus kennen lernen will? Der Marquis. Dann ſtellt man ſeinen Augen ein verfaͤlſchtes Bild derſelben dar, in⸗ dem man zugleich unfehlbare Mittel anwendet, damit dieſe Entſtellungen ſeiner Unterſuchung entgehen: dies iſt dann der wahre Triumph der Sache; denn iſt es einmal gelungen, ihm das fuͤr Wahrheit zu geben, was es nicht iſt, dann wird er ſie als eine Taͤuſchung verwerfen, wenn ſie ſich wirklich einmal ſeinen Augen darſtellt; — 18¹ eine Sache, die mir uͤbrigens außer den Gren⸗ zen der—— zu liegen ſcheint. Almire.—— Sirſ⸗ der wſt; Kei⸗ ne Hellebarden! Der Marquis. Sie verſchwinden und indem ſie linksum machen, zeigen— was ſie verbargen. Almire. Und das iſt?„ 5 Der Marquis. Die unſrigen, die dem Fuͤrſten wie ſein Schatten folgen. Wohin er blickt, vor ſich, neben ſich, hinter ſich, da ſtehen wir.... und wenn er zufallig allein iſt, ſo iſt ihm ein Eindruck geblieben, der ihn gegen ſein Wiſſen dahin bringt zu glau⸗ ben, daß er noch bei uns iſt. Die Mehrzahl der ihn Umgebenden iſt aus der zweiten Claſſe, aus der Zahl der ueberredeten, da dieſe ihre Aufrichtigkeit und ihr guter Glaube uͤber jeden Verdacht erhebt. Sie ſelbſt ſind dagegen nie ohne einen aus der erſten Claſſe, der als Beobachter, als unſichtbarer Dirigent, wirkt und auf der Stelle die Mißgriffe und ungeſchicklichkeiten wieder gut macht, die ſie in ihrer Unbefan genheit begangen we koͤnnen. ——— 182 Es folgt hieraus, daß der Fuͤrſt gleichſam in einer beſondern Atmoſphaͤre lebt, waͤhrend er nur glaubt, in der allgemeinen zu leben. „Unabläßig umgeben von uns und den unſrigen, ahnet er es nicht, weil die Letzte⸗ ren es ſelbſt nicht wiſſen, daß ſie die Unſrigen ſind, und wenn man nun aufmerkſam auf uns macht, ſo ruͤhmt er ſich demzufolge gegen uns ſrlbſt, die wir ihn umgeben, daß er uns weit von ſich entfernt halt. Wer konnte auch ohne ein Gott zu ſehn, ſolchen Schlingen ent⸗ gehen?— Geduld iſt die Tugend die uns cha⸗ takteriſirt, und uns alle Pinderniſſe beſiegen laßt. Sie macht die Läuſchung vollſtndiger und undurchdringlicher und verleiht ihr das was nothig iſt, um ſie ganz fuͤr„. helt ſelbſt zu halten.“ 1 „Ich glaube, es war der helt. nn, der von Gott ſagte: patiens quia Aetennus. um ewig zu ſehn iſt unſere Verbindung gedul⸗ dig, und weil ſie es nicht war, ſo hoͤrte ſie auf es zu ſeyn oder vielmehr, es zu ſchei⸗ nen, den eigentlich endete ſie nie; ihrer Ge⸗ duld wird ſie noch die Herrſchaft der Welt ver⸗ ——— 183 danken. Ihre unempfindlichkeit gegen die Be⸗ lewdigungen die ſie ertragen muß, iſt die große Tugend die ihr ſtatt aller anderen dient und ſie ſiegreich macht. Zur rechten Zeit zuſchla⸗ gen, das iſt ihr Grundſatz*). Bedenke, ich wiederhole es Dir, daß Du ihr Werkzeug odet ihr Opfer ſeyn mußt; daß Du ihrer Herr⸗ ſchaft, ihrer Wirkſamkeit, ihrem Einfluße nicht zu entgehen vermagſt, und daß es daher Dein Intereſſe erheiſcht, daß Du einer ihrer freiwil⸗ ligen Agenten wirſt, wodurch Du allein dahin zu kommen vermagſt... Almire. Ach mein Vater! ich bin nicht ehrgeizig... Die Ruhe.. F Der Marquis(veraͤchtlich). Elender! In Deinem Alter Ruhe!.. un *) Bezenval erzahlt in ſeinen Memoiren Bd. 1. S. 243. Ausg. v. 1821., daß die Jeſuiten den Herzog von Chviſeul wegen eines heftigen Wor⸗ tes, das er gegen Einen von ihnen ausſprach, in ihr ſchwarzes oder Todesbuch einſchrieben⸗ „Dieſes Buch war ein Proſcriptionsregiſter, wel⸗ ches die Jeſuiten hielten, und in welches ſie die Namen aller derer eintrugen, die ihnen entgegen waren und auf deren Verderben ſie ohne Unterlaß hinarbeiteten.“ 5 ——— 184 Almire. Ruhe des Gewiſſens und Thaͤ⸗ tigkeit des Lebens, das iſt es was ich meine. Der Marquis. Du haſt keinen Ehr⸗ geiz! was weiſt Du davon? Dieſe Leidenſchaft gehoͤrt nicht Deinem Alter an, ſie koͤmmt erſt um das dreißigſte Jahr; dann wacht ſie plotz⸗ lich auf und wenn man nicht auf ihr Erſchei⸗ nen vorbereitet iſt, dann wird ſie von Schmerz und bitterer Reue begleitet und vergiftet das Leben. Sie zeigt dann, was man haͤtte thun ſollen um das zu erhalten wonach ſie ſtrebt, und was dann je mehr flieht, je mehr man danach ringt. Sie nimmt die Sprache der Liebe, der Zuneigung fuͤr die Seinigen, anz ſie wird aus Deinem Weibe, Deinen Kindern, aus dem Gefuͤhle der Ehre ſprechen... ver⸗ gebliche Tone! es iſt dann nicht mehr Zeit. Aber Du wirſt das nicht beherzigen, Deine Poffnungen werden Dich verfuͤhren; Du wirſt Deinen Chimaͤren nachrennen; Du wirſt mit Verdruß von einer zur andern uͤbergehen und nichts als die ſchmerzliche Erinnerung davon haben, was Du haͤtteſt thun ſollen und kon⸗ nen, um Dir das zu ſichern was Du dann 185 wuͤnſchen wirſt, und ſo wirſt Du gebeugt dem Alter nahen, umringt von Kindern und Enkeln, die Dir ihre Dunkelheit verdanken. Almite. Sagen Sie, die Ehte! Der Marzuits(pötiſch) Die Ehte! Eine ſchöne Sache in einem Jahrhundert, wo das Gold Alles iſt und wo man alles thut um es zu erhalten. Die Ehre! armer Thor; Almire. Ja, die Ehre, mein Pater! und dieſer Name errinnert mich an den lohalen Furſten.— Der Marquis. Du koͤmmſt immer wie⸗ der mit Deinem loyalen und offenen Fuͤrſten⸗ Wohlan! er wird deswegen nicht aufhoͤren es zu ſeyn, indem er das thut was wir wollen. t relht hin ihm die Motive und das Reſul⸗ tat zu verbergen und ihn zu uͤberreden, daß er recht handelt. Tauſend Mittel ſtehen uns zu S Gedote.. Ich ſage uns, denn wiſſe, daß ich zu der erſten der drei Klaſſen gehoͤre, von denen ich Dir ſagte, und daß man in dieſer Claſſe weder Weib, noch Kind, noch Freund —————— 186 hat.... Noch einmal: es iſt unmoglich daß uns der Fuͤrſt entgeht. 0 finnhue Almire. Aber ſeine erſten Schritte. Der Marquis. Wir wiſſen es, und es war nothwendig daß er ſo handelte; daß er Brgſchaften gab. Wie föſlich ſcien ihm der Wohlgeruch der Volksthämlichkeit zu ſeyn! aber dies lag eben in inſtrm Plan; er ſollte ſich erſt geliebt machen; er wird ſich gefurchtet ma⸗ ſhen wenn wir es wollen. eie Almire. Aber er verſteht allein zu gehen Der Marquis. Wenn es Zeit ſehn wird, dann wetden ihm die Unſrigen ſchon in. den Weg zu treten wiſſen. tiac Almire. und ſein Sohn? Der Marquis. Auch dieſen halten wir wenn wir wollen. So thaͤtig auch ein Prin ſeyn mag, er iſt immer genothigt durch die Augen Anderer zu ſehen und wir werden ihm die unſrigen ſchon vorſchieben.— Verſtehſt Du mich? Wir ſtehen da, ſtill und immer ſtill, bei ihm, bei ſeinem Vater, und wenn uns die Popularitaͤt, die Beide ſich erwarben, ge⸗ 1 — 18½— fährlich zu werden ſcheint, dann wollen wir ſie ihm ſchon. verhaßt machen; zverſt durch Be⸗ richte uͤber Aeußerungen die nicht ſtatt gefunden habenz dann durch Libelle, die wir unſern Feinden zuſchreiben. Sey verſichert, man wird uns glauben; man wird ſie onklagen und ge⸗ richtlich verfolgen, und wenn auch die Beweiſe den Tribunalen zweifelhaft erſcheinen, ſo wer⸗ den ſie es doch den Fuͤrſten nicht ſeyn. Wir gewinnen hierdurch den doppelten Vortheil⸗ ihnen Mißtrauen gegen die richterlichen Behor⸗ den, die uns nicht zuſagen⸗ einzufloßen und ſie zugleich von einer uns verhaßten Parthei abzu⸗ wenden. Wir werden die Völker verlaͤumden wenn wir wollen und wenn es Zeit ſeyn wird⸗ Nichts iſt auch in der That leichter⸗ Wenn Einer ein beleidigendes Wort ausſtoßt, dann ſagen wir: Alle waren es.„Wie viel Nar⸗ ren braucht man um ein Publicum zu machen?“ ſprach Champfort; wie viel Stimmen bedarf man um die des Volkes zu bilden? Das iſt unſere Sache und da wir immer zwiſchen dem⸗ ſelben und dem Fuͤrſten ſtehen, ſo kann es nichts anderes geſagt haben als was wir woll⸗ 188 ten. Aber iſts denn uͤberhaupt nöthig, daß es ſpricht? es kann in Gottes Namen ſchweigen, wir werden es ſchon ſprechen laſſen. ü chie Doch erſchoͤpfen wir dieſen Gegenſtand, damit Du nicht wieder darauf zuruͤckfoͤmmſt. Wir wollen wohl daß der Monarch gefaͤllt, denn die Popularität ſelbſt iſt ein Mittel das: unſern Abſichten entſpricht, wenn wir nur uͤber die Fruͤchte die ſie bringt, verfuͤgen koͤnnen. Daher iſt es uns gar nicht zuwider, wenn ein Prinz der, ehe er zum Throne gelangt, durch ſeine Offenheit, Herablaſſung und durch ſein edles, zuvorkommendes und huldreiches Benehmen befannt iſt, dieſe Vortheile mit auf den Thron nimmt; es iſt dies nur eine Va⸗ rietät, aus der wir mindeſtens eben ſo viel Vortheil ziehen, als aus dem reinen Gegen⸗ ſatze, d. h. als wenn er falſch, hinterliſtig un von einem duͤſteren Charakter waͤre.“ Der Thron iſt ein Neſt das wir immer belagern; er iſt das Gebiet eines Adlers, deſ⸗ ſen Junge wir in ihrem Fluge leiten, ſobald ſie nur die Fittige zu regen beginnen. Keine Handlung eines prinzlichen Kindes entgeht un⸗ ——— 189 ſerer Aufmerkſamkeit; wir kennen deſſen gute und boͤſe Eigenſchaften und deſſen Charakter, und legen unſere Batterien danach bei Zeiten an. „Man muß uͤbrigens weniger das beachten, was ein Fuͤrſt ſagt, als das was er thut... Iſt jener Miniſter, gegen welchen man ſo ſehr declamirt, etwa deswegen abgeſetzt worden? Nein, er wird es auch nicht werden. Maza⸗ rin mußte ganz andere Angriffe erleiden und ſtarb dennoch als Miniſter. Geſchickter als der gegenwaͤrtige erſte Miniſter, weil er mit Men⸗ ſchen von einem ganz anderen Stoff zu thun hatte als diejenigen ſind, welche der heutige Miniſter bekriegt, hielt er ſich dennoch, und dieſer wird ſich auch halten, weil dieſelben Verhaͤltniſſe beobachtet ſind⸗ Der Italiener, ein Mann von uͤberlegenem Geiſt, hatte mit Maͤnnern von ſeiner Art zu thun, denen aber jener hohe Grad von Feinheit fehlte in welchem er ſich auszeichnete; und der Gascogner hat dieſelbe Ueberlegenheit in der Mittelmaͤßig⸗ keit unſerer Zeit: Obſchon die Staats⸗ maͤnner das Einzelne zu vernachläßigen pflegen, 190 ſo vergißt man doch nicht, daß, eben ſo wie in der Moral, die kleinen Vorſorgen die gro⸗ ßen Tugenden retten, gerade ſo wie in der Politik, das kleinſte Verſehen die geſchickteſten Combinationen, durch einen unvorhergeſehenen Zufall, zu zerſtoren vermag. Alles voraus⸗ zuſehen iſt demnach die Deviſe unſerer Aſſo⸗ ciation, die es ſich immer erinnern wird, daß ſie nur ein einziges Mal dieſelbe aus den Augen verlor.... Aber dieſe Lehre wird nicht fuͤr ſie verloren gehen.“ 6 Almire. Da die periodiſche Preſſe frei iſt, ſo kann man den Fuͤrſten aufklaͤren.... Dee Marquis. Nimmermehr!(dieſes Wort wurde mit jener Lebhaftigkeit und jenem Tone ausgeſprochen, den man anzunehmen pflegt, wenn man einer Frage ausweichen will, wenn man die Wahrheit fuͤrchtet, kurz wenn man den Einwurf kommen ſieht, der uns qualt und den man ſich mehr im Stande fuͤhlt uͤber die Seite zu werfen, als ihn zu bekaͤmpfen und zu loͤſen.) „Nimmermehr!“ wiederholte der Marquis Almire. Ich nehme den Fall an: daß man einen Artikel in ein Journal von der ch ⸗ tionsparthei ruͤckt.. Der Marduis⸗ n wuͤrde der ʒůrſi dennoch etwas Anderes zu leſen bekommen. Almire. Wie koͤnnte das ſeyn? Der Marquis. Man laͤßt ein Blatt von demſelben Journale drucken, in welchem der Artikel dann entweder ganz oder zum Theil ge⸗ ändert, oder auch durch einen anderen erſetzt iſt. Dies abgerechnet gleicht das Blatt voll⸗ kommen demjenigen, welches im Publicum eir⸗ culirt, und hieraus entſpringen abermals zwei Vortheile fuͤr uns. Der erſte iſt: daß der Furſt nicht erfaͤhrt was wir nicht wollen das er wiſſen ſoll; der zweite: daß das Publi⸗ cum den Glauben hegt, er wiſſe das was wir nicht wollen das er erfahren ſoll, und daher entweder den Schluß macht, er beachte es nicht, oder ihn tadelt uns im Stillen zu be⸗ guͤnſtigen. Eine andere Wirkung die daraus in der Folge entſteht, und die wir beabſichtigen, die wir mit allen Kraͤften herbeizufuͤhren ſu⸗ chen, iſt die Abkuͤhlung des Volkes von deſ⸗ 192 ſen erſtem Enthuſiasmus„da hiernach das Volk in den Wahn gerathen muß, daß ſein Fuͤrſt wie die iſt, die darauf hinausgehen es zu tau⸗ ſchen, oder daß er ſelbſt die Abſicht hat, es zu hintergehen.... Denn wenn wir auch aus der Popularität eines Fuͤrſten Nutzen zu ziehen verſtehen, ſo ſagt uns die Tyrannei eines zu uns gehdrigen Fuͤrſten doch noch mehr zu, ⸗ indem wir dann weniger Umſicht und Ge⸗ ſchicklichkeit beduͤrfen und dann eigentlich erſt unſere Herrſchaft vollſtaͤndig wird.* Almire. Sie erklaͤren mir zwar recht gut, wie ein Fuͤrſt in Betreff der Journale ein Mal, ein paar Male, verſchiedentlich ſelbſt, hintergangen werden kann„allein Der Marquis. Ach Du glaubſt, daß die woͤchentlichen Declamationen in allen Journalen von beiden Partheien gegen das Miniſterium, uns Unruhe verurſachen! Wiſſe daß ihr Schweigen uns ſchaͤdlich war, ihre Beleidigungen uns aber nuͤtzen. Ich moͤchte faſt ſagen, ſie werden von uns diktirt. Noch ſehe ich eine Art von Demagogen, der ſich fuͤr einen Mann von 193 Wichtigkeit haͤlt, weil er zuweilen in einer ſehr kleinen Sphaͤre, eine Erſchuͤtterung hervorbringt die derjenigen gleicht, welche eine Fliege in dem Netz einer Spinne macht, in das ſie ſich ver⸗ wickelte; nun, dieſer Demagag hatte ſich bei einem der Unſrigen befragt und dieſer ihm hier⸗ auf den Rath gegeben, er muͤſſe ſich nur ſtär⸗ ker ausdruͤcken und ſoviel als moͤglich perſoͤn⸗ lich werden. Dies verfehlte er nicht zu thun und wir dagegen nicht die Aufmerkſamkeit des Fuͤrſten auf dieſen Artikel zu lenken und ihm ſo mit Huͤlfe von noch einigen anderen derſel⸗ ben Art, zu zeigen, was hierbei zu machen war und ihm ſo den Impuls zum Handeln zu geben. Das reichte hin; der Fuͤrſt ſah die Gefahr die wir ihm ſehen laſſen woll⸗ ten: er ſah, daß wenn man das Mini⸗ ſterium aͤndern wolle, man dadurch nur noch mehr Stoff zu Declamationen geben wuͤrde und ſeitdem iſt keine Rede mehr von der Sache. Almire. Aber man kann doch wohl an⸗ nehmen, daß bei einem der beiden Förſe min⸗ deſtens ein ehrlicher Mann. Der Marquis. Haſt Du denn die Ant⸗ I. 5 —— wort vergeſſen die der ehrlichſte Mann an Ludwig XV. Hofe, Maria Leszinska gab**) Wohlan! wenn ſelbſt derjenige der das Ver⸗ trauen des Fuͤrſten beſitzt, noch ſchwerer zu erkaufen waͤre, als der Abbé Terraſſon.. Almire. Aber nehmen Sie einmal mit mir an, daß ein rechtſchaffener Mann exiſtirt. ein einziger, der unzugaͤng⸗ Der Marquis. Es ſey: aber er wird dann ohne es zu wiſſen, Inſtrument und folglich der unfrige ſeyn. Welche Hypotheſe Du auch aufſtellen magſt mein Sohn, ſie muß im Reich der Moglichkeiten liegen. Auch der * Der Abbé Terraſſon ſprach ſich einſt laut uͤber ein ungerechtes urkheil aus, zu dem man, wie er behanptete, die Richter beſtochen habe, und die Ko⸗ nigin machte ſich den Spaß ihm darauf zu erwie⸗ dern, daß er es nicht beſſer gemacht haben wurde wie die, ſo er anklagte, indem ſie dabei annahm, die Stimme des Abbes wuͤrde, wenn er Richter wäre, vielleicht eine halbe Million Franken koſten. Der Abbé verwarf dieſe Summe mit Unwillen; als die Koͤnigin aber im Scherz das Gebot hoͤher ſteigerte und endlich bis zu einer ganzen Million kam, da rief der Abbé:„Ew. Majeſtät fagen mir ſopiel, daß ich nichts mehr darauf zuerwiedern weiß!“ 195 tugendhafteſte Menſch hat ſeine Schwaͤchen und iſt von irgend einer Seite angreifbar. Den unſrigen liegt es ob, ihn zu ſtudieren, alle Zugaͤnge zu ihm auszukundſchaften, und— glaube mir— unſern beobachtenden Augen ent⸗ geht nichts.. Die Tugend ſelbſt vermag nicht, weder unſere Plaͤne noch unſere Abſichten zu er⸗ rathen ſie wuͤrde dann nicht mehr Tugend ſeyn Nimm aber auch das Schlimmſte an, ſetze die uͤbelſten Fälle voraus, die Sache bleibt doch nur eine verzweifelte. Vermagſt Du zu berechnen was eine Geduld kann, die nimmer muͤde wird? Es iſt das Gewicht einer Maſſe die immer unmerklich und ohne einen andern Hebel als dieſes Gewicht ſelbſt, wirkt: es iſt der Waſſertropfen, der einem andern folgt und langſam aber unablaͤßig, den Stein aushoͤhlt. Haſt Du wohl dieſe Kraft und jene noch viel maͤchtigere einer Sprache berechnet, die ohne Unterlaß unter allen Formen wieder⸗ fehrt und die da trifft, wenn es Zeit iſt; die ſich durch eine Gebehrde, durch ein Zeichen, durch einen Sweifel, durch ein leiſes Zucken er⸗ 13* 1⁰96 ſetzen läßt?... Wer vermöchte wohl dieſem allen zu widerſtehen? Almire(mit Schmerz). O unglůcklicher Fuͤrſt! Der Marquis. Und warum dies, ich bitte Dich! Was will er? Macht? Wir verſchaffen ihm Unumſchraͤnktheit; iſt er da zu beklagen? S Almire. Wenn aber durch Gehorſam ge⸗ gen die Geſetze, dieſe Macht ebenfalls unum⸗ ſchraͤnkt wird: wenn, wie es nicht zweifelhaft iſt, die unbegrenzte Macht ſich mit dieſem Ge⸗ horſam vereinigen kann.... Der Marquis(mit einem feierlichen Tonch. Halt an Profaner! Das iſt das was wir nicht wollen. Der Fuͤrſt mag dieſe Macht haben; recht wohl; aber wir muͤſſen ſie theilen, wir muͤſſen Bewahrer derſelben ſeyn; es iſt damit wie mit dem Lichtſtrahl der unermeßliche Raͤume durch⸗ dringk ohne dadurch ſchwäͤcher zu werden.. Wiſſe, es giebt eine unfehlbare Grundlage auf welche man ſeine Berechnungen mit Sicherheit bauen kann: das Intereſſe. Was will derje⸗ nige, der ſich der Macht erfreut? nichts als ——— —— ℳ————— ℳ—— daß dieſe Macht ſo ausgedehnt als moͤglich, folglich unumſchräͤnkt ſeyn ſoll. Almire. Schdn. Mit der Charte kann ſie es in der That ſeyn; und der Fuͤrſt vermag dann mit dem Intereſſe, welches Sie meinen, einen glanzenden Ruhm zu vereinigen; ſeine Macht ruht alsdann auf unerſchuͤtterlichen Grundlagen, auf der Liebe des Volkes. Der Marquis(veraͤchtlich). Philoſophie! alte Ideen, gut in Buͤchern. Du nimmſt die Menſchen wie ſie ſeyn ſollten, wie ſie nie und zu keiner Zeit waren und wie ſie weder ſind noch ſeyn koͤnnen. Die Verbindung in welche ich Dich einfuͤhren will, nimmt ſie wie ſie ſind. Hoͤre und laß Deinen Vater reden: be⸗ greife endlich einmal, daß dieſe Verbindung uber jede andere Macht erhaben iſt. Sie weiß daß der Fuͤrſt den ſie regiert, im Allgemeinen eher denen mißtraut, die ſich ihm nahern, wenn ſie nicht in ſeinem Vertrauen ſind, denen die fern von ihm leben; daß wenn dieſe Letz⸗ teren dahin gelangen Einfluß bei ihm zu er⸗ halten, dieſer Einfluß um ſo wirkſamer iſt, je weniger er vorher geſehen, vorher geahnet wurde, 198 ————— je langſamer er kam und je feſter er ſich dieſer⸗ halb gruͤndete. Sie beſchutzt ihn, nachdem ſie ſich vorher jedoch der grenzenloſen Ergebung desjenigen fuͤr ſie verſichert hat, der dieſen Ein⸗ fluß uͤbt.“ itic „Nachdenken und Erfahrung haben ſie da⸗ hin gebracht das Capitel der großen Ereig⸗ niſſe die aus kleinen urſachen ent⸗ ſpringen, kennen zu lernen. Sie vernach⸗ laͤßigt demnach, wie ich Dir bereits ſagte, nichts; ſie vergißt nicht, daß ein beruͤhmter Mann des Alterthums„ſeinem Hunde den Schwanz abhauen ließ, um der Aufmerkſam⸗ keit des Publikums eine andere Richtung zu geben.““ 5 23 „Der menſchliche Geiſt liebt das Geheim⸗ nißvolle, das Wunderbare: es iſt dies ein Tri⸗ but den ſeine Schwaͤche in den aufgeklaͤrteſten Zeiten zahlen mußte; und je hoͤher man ſteht, je groͤßer pflegt dieſe Schwaͤche zu ſeyn. um Nutzen daraus zu ziehen, knupft ſie an das Daſeyn der Großen des Jahrhunderts, etwas Wunderbares das ihnen gefaͤllt. So vergoͤt⸗ terte die Schmeichelei die roͤmiſchen Kaiſer und ——— —— 199 brachte ſie dahin ſich anbeten zu laſſen. In Zeiten wie die heutigen und bei einer Religion wie die unſrige, ſind dieſe Mittel zwar nicht mehr anwendbar, aber es bleibt uns dieſe Re⸗ ligion zu unſerer Verfuͤgung fuͤr einen großen Theil der nicht aufgeklaͤrten Maſſe, und fuͤr die Anderen das Geheimniß, die Verfuͤhrung, der Schrecken, der Ehrgeiz und die Leiden⸗ ſchaften.“ „Der Carbonarismus, ein allgemeines Wort, das alles in ſich begreift, was nicht be⸗ ſtimmt iſt, ward fuͤr uns zu einer reichen Mine⸗ die man bearbeitete und die mit Geſchicklichkeit immerwaͤhrend gebaut werden kann. Nach einer Revolution welche alle Throne bedrohte, iſt es leicht die Beſitzer dieſer Throne zu uberreden, daß ſie noch immer Feinde haben, daß dieſe Feinde ſich verbergen und ohne unterlaß ver⸗ ſchwoͤren. Je weniger man zu entdecken ver⸗ mag, je geſchickter ſind ſie; jemehr ſie ſich der Beobachtung entziehen, jemehr ſind ſie zu fuͤrch⸗ ten. So haͤlt ſie die Koͤnige hin, die nicht wiſſen koͤnnen, ob man ſie hintergeht oder nicht, weil ſie, um deren Unruhe zu erhalten, Mit⸗ 200 tel hat, die ſie ſelbſt macht. Die Beweiſe von dem Daſehn einer Claſſe gefaͤhrlicher, geheim verbundener Menſchen, liegen— brreit⸗. Almire. Aber wie will man dieſe einge⸗ bildete C Claſſe von Menſchen finden? Zu E dient uberhaupt dieſes Truggebilde? Der Marquis. um dem Fuͤrſten das Unſtatthafte eines Syſtems zu zeigen„in wel⸗ chem man die Herrſchaft der Geſetze will, weil man dieſe ſelbſt nicht anzugreifen vermag. ue⸗ brigens macht man ſeine Verſuche. Doch jetzt ſollſt Du hoͤren wie, Dank uns! La⸗ ſter die Ehre der Tugend zu erhalten vermag. Du biſt bei Frau von** geweſen? Was halſt Du von ihr? Almire. Sie iſt und es iſ recht angenehm in ihrem Hauſe. Die Ge⸗ ſelſchaft iſt die Baͤlle herrlich, die Lafel gut. Der maraie So giebſt Du denn zu, di ſie geehrt iſt? Almire. und — — 201 Der Marquis. Weißt Du, woher ſich ihr Vermogen ſchreibt? Almire. Ich vermuthe, daß es worben iſt. Der Marquis. Gewiß. Ihren gegen⸗ waͤrtigen Ruf verdankt ſie ihrem Eifer fuͤr uns; ihr Vermoͤgen, den Dienſten die ſie uns durch heilſame Winke, Nachrichten und Zufuͤhrung zahlreicher Rekruten, erwies. Fruͤher begann ſie damit ein Spielhaus zu halten. Sie ge⸗ wann, verlor, gewann wieder und verlor von neuem. Wir hoͤrten daß ſie Geiſt, und vor⸗ zuglich jenen Geiſt der Intrigue beſaß, der mit Klugheit zu warten und zu handeln verſteht, wie es eben Zeit iſt, und wir ſagten uns, daß hier eine vortreffliche Acquiſition fuͤr uns zu machen ſey. Ihr Ruf war verloren; wir zeig⸗ ten ihr ihre Lage und wieſen ihr dabei in der Ferne Vermoͤgen, Anſehen und Ehre.. Sie ergab ſich uns und iſt jetzt reich und von gutem Rufe. Almire. Aber auf ihre greue duͤrfen Sie nicht bauen. Der Marquis. Fuͤr die tw uns ihr 202 —.— Intereſſe und uͤberdem weiß ſie, daß man uns nicht ungeſtraft verlaſſen darf... Dazu haben wir die Mittel ihre geheimſten Geſin⸗ nungen zu erfahren: alle ihre Leute gehoͤren uns an. Derſelbe Fall findet in jedem Hauſe ſtatt, das uns beachtenswerth iſt. Jeder der Einfluß, ſowohl durch ſein Vermoͤgen, als durch ſeinen Rang, oder die Achtung die er genießt, hat, gehoͤrt uns von Rechtswegen an. Wir umgeben ihn wie den Fuͤrſten; wir wiſſen was er thut, was es ſpricht, was er beabſichtigt: wir kennen Alle die ſich ihm nahen, den Gegenſtand ſeiner Neigungen.... alles dies ſind Mittel um zu unſerm Zweck zu gelangen. 6 Almire. Sie machen mich ſchaudernd. Der Marquis(mit dem Ton tieſſter Verachtung). und Du floͤßeſt mir Mitleid ein. So krieche denn, da Du.... Pier machte der Larm welchen die Hand⸗ werksleute erregten, die ein neues Rad an den Wagen ſchoben, der Unterredung ein Ende. Vater und Sohn druͤckten ſich jeder in ſeine Ecke und ſchwiegen. Ich vergaß zu erwaͤhnen daß, — —— 6 vor dem Unfalle, der Conducteur mehrmals von ſeinem Sitze herabſtieg um leiſe und geheim⸗ nißvoll mit dem Marquis zu reden; auch be⸗ merkte ich, daß er den Wagen ſtets wenn meh⸗ rere Wege kamen anhalten ließ und daß er dann ebenfalls immer zu dem Marquis hin⸗ gings doch konnte ich mir dies alles nicht er⸗ klaͤren und verlor mich daruͤber in Muthma⸗ ßungen. Getrieben aber von Reugierde be⸗ nutzte ich den erſten guͤnſtigen Augenblick der ſich mir darbot, um mir Aufklaͤrung zu ver⸗ ſchaffen. Es geſchah dies jenſeits Orſay⸗ Ohngefaͤhr zwei Stunden von dieſem Dorfe, befindet ſich das auf einem Huͤgel gelegene Dorf Saint Caire. Der Weg war ſteil und die Pferde hatten Muͤhe das ſchwere Fuhrwerk den Berg hinaufzuziehen. Um es ihnen zu erleichtern, wurden die Reiſenden er⸗ ſucht auszuſteigen; der Conducteur ließ demzu⸗ folge den Wagen halten und offnete den Schlag, doch ging er nicht an die Rotunde hin und da ich glaubte es geſchahe aus Vergeſſenheit, ſo machte ich ihn darauf aufmerkſam, indem ich hinwies und die Fremden die ſich darin befan⸗ 204 den, zu erwarten ſchien. Der Mann verſtand mich:„O!“ ſprach er,„die werden nicht aus⸗ ſteigen.“ Jetzt reute es mich meinen Platz ver⸗ laſſen zu haben, doch war es nicht mehr Zeit zuruͤckzukehren und ich ergriff nun die Parthie, mit dem Conducteur zu plaudern. um ſein Vertrauen zu gewinnen, begann ich damit ihn zu beklagen und von ſeinem muͤhſeligen Leben und der geringen Belohnung dafuͤr zu ſprechen. Ich fand die Taxe ſeiner Trinkgelder viel zu gering, und ſetzte hinzu, daß ich hoffe die Rei⸗ ſenden wuͤrden ſich hierin nicht an den Buch⸗ ſtaben halten.—„O, nur zu ſehr!“ erwie⸗ derte er mir mit den Achſeln zuckend. Ich ent⸗ gegnete darauf, daß ich dies gar nicht gerecht faͤnde und dies reichte hin ihm zu verſtehen zu geben, daß ich meine Verbindlichkeiten weit uͤbertreffen wuͤrde. Alles dies geſchah nur von meiner Seite um mir den Weg zur Rotunde zu bahnen.„Warum ſind die da nicht aus⸗ geſtiegen?“ fragte ich in einem Augenblick, wo es den Pferden am ſauerſten zu werden ſchien den Wagen den Berg hinanzuſchleppen.— „Das kommt daher,“ erwiederte er mir„weil — —— ————— dieſe da die Herren ſind.“—„So! gehoͤren ſie zu Ihren unternehmern oder Verwaltern?“ —„Viel ſchlimmer als dies.“—„Wie das erklaͤren Sie ſich.“—„Mein Hert! im Grunde weiß ich nicht mehr als Sie und alles was ich Ihnen ſagen kann, iſt, daß ich den Befehl habe alles zu thun was dieſe dort mir gebieten werden, bei Strafe auf der Stelle abgeſetzt zu werden. Gott gebe nur, daß mir nichts begegnet, aber unangenehm iſt es und bleibt es doch, links gehen zu muͤſſen wenn man rechts will und ſein Geſchäft nicht nach ſeiner Art treiben zu koͤnnen. Mein Ge⸗ ſchäft! worin beſteht das? ich beſorge meinen Wagen, meine Pferde und meine Reiſenden, ohne mich weiter darum zu kuͤmmern ob die letzteren getauft worden ſind oder nicht, oder ob ſie die Meſſe fleißig beſuͤchen. „Sie haben Recht; wenn ſie nur ordentlich ſpinio„So iſt's. Und was kuͤmmert es mich auch z. B. die eine Nacht, die wir zu⸗ ſammen ſind, zu wiſſen ob Sie verheirathet ſind oder nicht? Seit zwanzig Jahren fahre ich jetzt auf dieſer Landſtraße umher und alle meine Reiſenden waren meine guten Freunde.“ —„Da haben Sie ein huͤbſches Suͤmmchen Freunde.“—„Ja wohl! und wenn unſere Freundſchaft auch immer nur zwei Tage aus⸗ haͤlt, ſo iſt ſie deswegen nicht minder aufrich⸗ tig. Die Reiſenden brauchen mich und ich brauche ſie; ſo iſt alles in der Ordnung und Sie koͤnnen mir glauben, daß die Freund⸗ ſchaften unter Ihres Gleichen nicht immer ſo ſind.“—„Sehr wahr; doch die Freunde da in der Rotunde?“—„Ach! das ſind die Herren. Ich bin genothigt ihnen den Paſſa⸗ gierzettel zu geben: ſie ſehen die Namen, den Stand, die Orte wohin die Reiſenden gehen, nach, und hiermit noch nicht zufrieden, richten ſie noch tauſenderlei Fragen dieſerhalb an mich, befehlen mir zu horchen, die Leute zum plau⸗ dern zu reizen was weiß ich alles? als wenn mich die Angelegenheiten Anderer etwas kuͤmmerten!“—„Wenn ſie Sie nun befragen werden was wir mit einander ſpra⸗ chen?“—„O ſie ſehen uns ja jetzt nicht mit einander ſprechen und dann wuͤrde ich ihnen ſagen, daß Sie ſtumm ſind wie ein Fiſch. Verrathen Sie mich nur nicht.“—„Sehn Sie ohne Furcht lieber Freund; ich denke in dieſem Punkte wie Sie und haſſe die Klat⸗ ſchereien; aber ſagen Sie mir doch, warum Sie verſchiedentlich abſtiegen um mit den Rei⸗ ſenden da in der Rotunde einige Worte zu floͤſtern?“—„Ach das iſt eben das was mich am mehrſten aͤrgert! Stellen Sie ſich vor, man hat es mir ausdruͤcklich geboten bei jeder Stelle wo ſich der Weg theilt, dieſe Men⸗ ſchen zu fragen welchen ich einſchlagen ſoll? gleich alskwuͤßte ich, der ich dieſen Weg tau⸗ ſendmal gemacht habe, dies nicht ſelbſt am Beſten.“—„um den Weg zu weiſen, ſind die Herren aber ziemlich ſchlecht placirt.“— „So iſt es; ſie ſehen nichts aus ihrer Ro⸗ tunde; ja wenn ſie noch im Cabriolet ſaͤßen, dann koͤnnten ſie allenfalls ihre Meinung dar⸗ uͤber abgeben und ich waͤrde ihnen dann die meinige mittheilen; aber ſo... Doch, kren⸗ nen wir uns jetzt, mein Herr; der Wagen hält anz man darf nicht ſehen daß wir mit einan⸗ der ſprechen.“— Mit dieſen Worten ging der 208 Conducteur auf die andere Seite des Weges und die Uebrigen ſtiegen wieder in den Wagen. Die Beiden in der Rotunde ſchliefen oder ſnigen wenigſtens; daſſelbe war nicht der Fall mit denen im 368bt Sn hier Dinlog: 6 ioh A. Wie es mir ein ſo„ en übel⸗ uut 14 B. Man nit nite meense A. Was haben Sie denn ſnt einen Grund zum Mißvergnuͤgen? ñ nzch B. Einen? es giebt tauſend! A. Noch einmal, ich wuͤnſchte nur i einen tuͤchtigen zu hoͤren. B.(lebhaft.) Wohlan! Die genſur. Sie laſſen den S und 0 A. Nicht w hirhei nichtz zu Spe wire weil die Sache doch zwei Seiten hat. Swei. Seiten? was konnte man dafuͤr 4 — 129 A.(jogernd.)„ umſtünde⸗ 6n deutende Umſtaͤnde. B. Was gilt's, Sie wollen das midir⸗ holen was die drei Miniſter, die Herren V.. C.... und P.... im vorigen Jahre ſagten als ſie den Vefehl unterzeichneten? Es reichte fuͤr dieſe Herren nicht hin, einen Koͤnig zu ha⸗ ben der nur noch durch ihre Augen ſehen, durch ihre Ohren hoͤren konnte, und der kein anderes Mittel beſaß die Wahrheit zu erfahren als ſich an diejenigen zu wenden, welche das mehrſte Intereſſe hatten ſie ihm zu verbergenz einen kran⸗ ken, hinfalligen Fuͤrſten, den ſeine koͤrperliche Schwaͤche außer Stand ſetzte das Geringſte ſelbſt zu thun! Sie mußten auch die, aus dem Kreiſe des Hofes verbannte, Wahrheit verhin⸗ dern in der Welt aufzutreten... Pfui! ſie ſoll⸗ ten vor Schaam errdthen! Was mich aber betrifft, ſo wird mir bei dem bloßen Worte Cenſur ſchon uͤbel. A. Aber ſie iſt ja nicht wieder hergeſteſlt worden. B. Doch werden Sie ſich erinnern, daß bei unſerer Abreiſe das Geruͤcht ging, es wuͤrde nicht lange dauern. A. Dies Geruͤcht wurde bereits verſchier I. 14 1 210 dentlich verbreitet.... Lieber Freund, man muß ſich nicht krank machen aus bloßer Furcht es zu werden, und kann uͤbrigens dieſe Cenſur f die Sie ſo erſchreckt, nicht ehrlichen Leuten uͤbergeben werden? B. Ehrlichen Leuten! die dann gleich auf⸗ hoͤren es zu ſeyn. A. Warum das? B. Weil man ſchwerlich ein ſolcher blei⸗ ben kann, wenn man ſich in eine Lage ſetzt wo das Intereſſe mit der Pflicht in Wider⸗ ſpruch geräth. Hat ſich ein braver Mann wohl jemals damit abgegeben, die Voruͤbergehenden aufzuhalten und die Reiſenden in ihrem Wege zu hemmen? A. Schwerlich. B. Und doch iſt mir ein Straßenraͤuber 4 noch hundertmal lieber als ſolche Cenſoren wie die vom vorigen Jahre. Jene pluͤndern den Reiſenden zuweilen, toͤdten ihn ſelten und ver⸗ ſtuͤmmeln ihn nie, und der ſeines Gepaͤckes be⸗ raubte Wanderer kann wenigſtens ſeinen Weg * fortſetzen und ſich neue Huͤlfsquellen ſuchen. Aber dieſe Cenſoren! ſie verſtuͤmmeln, zerflei⸗ ſchen, entehren, toͤdten, und keine Hoffnung bleibt, ihren Klauen zu entgehen: jetzt, mor⸗ gen, immer, findet man ſie auf ſeinen Wegen. Räuber giebt es nicht uͤberall und die welche es giebt, fuͤrchten ſich wenigſtens vor den Gens⸗ darmen, waͤhrend den Cenſoren Ungeſtraftheit zugeſichert iſt. Ein Polizeiſpion iſt mir weni⸗ ger verhaßt und weniger verächtlich: er hat keine Gewalt uber die Gedanken und man kann allenfalls annehmen, daß er eingeſetzt wurde um verwerfliche Handlungen anzugeben; aber ein Cenſor iſt nur da, um die Wahrheit zu ver⸗ hindern vor dem Throne zu erſcheinen. Man ſollte denjenigen welche ein ſo verhaßtes Amt annehmen, ein Zeichen an die Stirne druͤcken, und die ſchmachvollſte Beleidigung mußte es ſeyn wenn man ſagte: er war Cenſor im Jahre 1824! Vier oder Fuͤnfe ſind bereits der oͤf⸗ fentlichen Meinung in dieſer Hinſicht verfallen, und was der menſchlichen Natur zur doppelten Schande gereicht, iſt, daß die Art ihrer Be⸗ ſchäftigung glaublich macht, ſie beſaͤßen, trotz 14* ihrer Rittelmäͤßigkeit, Adel der Geſinnungen. Ein Sechſter dieſer Herren iſt ein Bruder von einem ehemaligen Mitgliede des beruchtigten Revolutionstribunales; geſtehen wir: eine paſ⸗ ſende Wahl! Man ernennt auch Gelehrte; mit Ausnahme des Bruders und Freun⸗ des muͤßte man die Einen bei ihrer Verſefa⸗ bricatur, die Anderen bei ihrer Proſa laſſen um da nach dem Perpetuum mobile, oder der Quadratur des Cirkels zu ſtreben* Hier wurde das Geſpraͤch plotzlich durch ei⸗ nen Streit zwiſchen dem Poſtillon und dem in der Rotunde ſi itzenden Marquis unterbrochen, denn waͤhrend einer der Reiſenden der Cenſur den Prozeß machte, hatte ſich S zu⸗ getragen: Der Conducteur war, als wir aus Saint Arnould hinausfuhren, abgeſtiegen und hatte den Herrn Marquis gefragt, welchen Weg, ob rechts oder links, man fahren ſolle?—„Links! links!“ rief dieſer heftig.—„Aber das iſt ja der Weg nach Dourdan.“— Das Schweigen hierauf ließ glauben, man habe ſich dieſer Be⸗ 243 merkung gefuͤgt; wir fuhren weiter. Der Tag begann ſich zu neigen, doch dort oben ſtand es geſchrieben, daß wir in unſerem Wagen die Sonne nicht wieder aufgehen ſehen ſollten. Zwei Wege zeigten ſich und obſchon der Con⸗ ducteur recht gut wußte, welchen er einzu⸗ ſchlagen hatte, ſo kam er doch, treu ſeinen Be⸗ fehlen, abermals zur Rotunde, um ſich hier Raths zu erholen.—„Den alten Weg!“ rief der Marquis gebietriſch.—„Aber er iſt ſo ſchlecht, daß wir nicht durchkommen wer⸗ den.“—„Thut was ich Euch ſage.“— Die Poſtillione riefen:„Es iſt unmoͤglich, wir bleiben ſtecken!“ ein Streit entſpann ſich, der damit endete, daß der Conducteur befahl, zu gehorchen. Voll Unwillen trieben ſie die Pferde an und fuhren fluchend den alten Weg, wo ſie uns nicht lange darauf umwarfen. Zum Gluͤck hinderte ein ſtarker Baum an der Seite, den Wagen gaͤnzlich umzuſtuͤrzen, die Raͤder aber ſtaken dermaßen im Koth, daß alle Anſtrengungen der Pferde nicht im Stande waren das Fuhrwerk von der Stelle zu bringen.* 214⁴ Wir ſtiegen aus. Der Marquis druͤckte ſich; ſein Sohn wollte uns helfen den Wagen wieder in Gang zu bringen, aber der Vater rief ihm mit gebieteriſcher Stimme, und der Sohn gehorchte. Der Conducteur erklaͤrte jetzt, alle Muͤhe ſey vergebens, man muͤſſe erſt Vor⸗ ſpann aus Dourdan holen.„Mit ſeinem al⸗ ten Weg!“ rief er voll Aerger aus;„da ſitzen wir nun!“— Helfen konnten wir ihm zu nichts; es war kalt und wir entſchloſſen uns daher, den Weg vollends zu gehen. Kaum waren wir wieder auf der großen Straße, ſo begegnete uns die Chaiſe des Marquis, die man ihm entgegengeſendet hatte; eine Strecke weiterhin fanden wir die Schwalbe, einen Wagen, der nicht den alten Weg genommen hatte. Es war noch ein Platz in demſelben leer; ich bemachtigte mich deſſelben und kam ſo ohne weitere Unfälle nach Chartres.“ Die Gräfin. Wiſſen Sie wohl Che⸗ . daß Ihre abſcheuliche Erzaͤhlung mehr erſchreckt als eine wirkliche Geſpenſtergeſchichte? Der Chevalier. Das glaube ich wohl; aber es ſind auch wahrhafte Geſpenſter, die alle Mittel anwenden um nicht zum zweiten Male noͤthig zu haben wiederzukommen. Die Graͤfin. Sie ſind wie die Daͤmo⸗ nen, von denen man umringt iſt ohne es zu ahnen. Der Chevalier. Und die uͤberall hin⸗ dringen. Mad. Delwins. Glauben Sie wohl, daß ſich auch in unſerer Sihut welche finden? Der Chevalier. Daran zweifle ich kei⸗ neswegs; zwar glaube ich nicht in der des Dienſtags, aber in den anderen, und ſicher unter Ihren Leuten; denn Sie wiſſen daß wenn es unſeren Geſpenſtern nicht mit der Herrſchaft gelingen will, ſie ſich an die Diener wenden. Ich will Ihnen nur noch einen Vor⸗ gang mittheilen, der mich ſelbſt betrifft und denn ich verbuͤrgen kann; Sie werden dadurch einen Begriff erhalten mit welcher blinden Er⸗ gebung man dieſer Geſellſchaft gehorcht und welche Opfer man ihr bringt. 2¹6 Ich brachte fruͤher drei Jahre meines Le⸗ bens im Collegium mit einem jungen Manne aus der Franche-Comté zu, der ſeitdem Mit⸗ glied dieſer Geſellſchaft geworden iſt. Ein lie⸗ benswuͤrdiger, ſanfter, offener Charakter und mehrere gute Eigenſchaften, machten ihn uns Allen werth, und daß er dieſe Eigenſchaften behalten hat, bezweifle ich nicht.— Er war ſehr fromm mitten unter uns, die wir es da⸗ mals nicht ſonderlich waren, ihn aber herz⸗ lich lieb hatten, da wir Alle ſeine Aufrichtig⸗ keit und Duldſamkeit kannten. Ueberraſcht hat es mich nicht, als ich hoͤrte daß er Mitglied jener Geſellſchaſt geworden iſt, und daß die Oberhaͤupter derſelben ihn ſchaͤtzen und ehren. Dieſe Herren kennen ihre Leute und ich wage es zu behaupten, daß ſie in Herrn von St. M. einen Mann beſitzen, der die Gabe Poſelyten zu machen, in einem hohen Grade hat. Zu Ende des vorigen Sommers begegnete ich ihm einmal: ſein Anſehn war heiter, ſein Mund lächelnd; er erzaͤhlte mir, daß er auf vierzehn Tage Urlaub erhalten haͤtte um ſeinen alten, 2 beinahe neunzigjaͤhrigen Vater beſuchen zu koͤn⸗ nen, der ſeine Kinder und Enkel noch einmal vor ſeinem Ende um ſich ſehen wollte. Schon hatte einer von ſeinen in Bordeaux wohnenden Soͤhnen ſich bei Lons⸗le⸗Saulnier, wo der Greis auf einem Landgute lebte, eingefunden. Es war das erſte Mal daß ſich die ganze Familie verſammelte. Man erwartete nur noch den Abbé, der in der Nacht abreiſen wollte und mit Entzuͤcken an das Vergnuͤgen dachte, das ihm bevorſtand und einen großen Werth dar⸗ auf legte, den Segen ſeines Vaters noch ein⸗ mal zu empfangen. Ich nahm Theil an ſei⸗ nem Gluͤck und wir trennten uns. Ohngefaͤhr drei Monate darauf begegnete ich ihm aber⸗ mals und begann mit ihm von ſeinem Vater zu reden. Er erzaͤhlte mir, daß er ſo eben von Rom zuruckkaͤme, und daß ihm denſelben Abend, wo wir uns zum letzten Male ſahen, der Pa⸗ ter Provinzial, oder ſonſt einer der Matadore des Ordens, angekuͤndigt haͤtte, daß er ſogleich mit ihm nach Italien muͤſſe und daher nichts aus der Reiſe in die Franche-Comté werden toͤnne. Der Abbé hatte ſich in dies Opfer er⸗ * lieber Ritter, Sie zu fragen, warum Sie vor⸗ geben das ihm um ſo ſchwerer wurde, da er die groͤßte Anhaͤnglichkeit an ſeine Familie beſaß, und das dadurch noch ſchmerzlicher fuͤr ihn ward, da ſein Vater unter dieſer Zeit ſtarb. Aus ſeiner, ſehr lakoniſchen Erzaͤhlung, leuch⸗ tete eine Miſchung von Schmerz und Erge⸗ bung hervor; er bemerkte daß ich dies wahr⸗ nahm und ging nun ſchnell auf mein Seelen⸗ heil uͤber, von dem er immer, ſo oft wir uns ſahen, einige Worte ſprach. Ich konnte mich hier nicht enthalten ihm zu entgegnen, daß ich mich durchaus nicht zu einem ſolchen heroiſchen Opfer geneigt fuͤhle, weil ich glaube, daß man Pflichten gegen diejeni⸗ gen haͤtte denen man Bas—Ltben verdanke; Pflichten von denen nichts freiſpraͤche, und daß es die Religion verläumden hieße, wenn man annehmen wolle, ſie konne das Opfer dieſer Pflichten begehren. Er machte mir ein finſte⸗ res Geſicht und-elch ſah ſeit dieſer Zeit nicht wieder. ℳ Mad. Delwins. Crlauben Sie mir —— — — her die Geſellſchaft erſt durchmuſterten ehe Sie uns Ihre Erzaͤhlung mittheilten? Der Chevalier. Weil ich ſie Ihnen nicht in Gegenwart des jungen Fivrac mit⸗ theilen konnte, da die Rede darin von ſeinem Vater iſt. Mad. Delwins. Wie! ſo waͤre Ihre Erzaͤhlung wahr? Der Chevalier. Gewiß; nur die Na⸗ men der Orte ſind verändert. Es iſt Al⸗ mire von dem die Rede iſt; dieſer brave junge Mann hat biöher allen Verſuchen ſeines Va⸗ ters widerſtanden und, uͤberſehen Sie nicht da⸗ bei, daß er dadurch gegen ſein Intereſſe han⸗ delte, denn der Marquis iſt der Mann dazu ihn zu enterben. Ich kenne ihn und zweifle nicht daran. Flavia erroͤthete hier; ſie hatte mit großer Aufmerkſamkeit zugehoͤrt und ihre Arbeit unter⸗ brechend den Chevalier, waͤhrend derſelbe von Almire ſprach, mehrmals verſtohlen angeblickt: Die Gräfin und Duͤlude bemerkten dies; die“ erſtere mit Erſtaunen, der andere wie ein Mann dem nichts entgeht und der hier nicht 220 zum erſien Male ſeine Beobachtungen macht. Laͤngſt ſchon hatte er den Unterſchied bemerkt der ſich in Flaviens Benehmen zeigte, je nach⸗ dem Almire des Dienſtags gegenwaͤrtig war oder fehlte, und den Schluß daraus gezogen, daß die Anweſenheit dieſes jungen Mannes nicht ohne Einfluß auf ſie ſey. Ende des erſten Theiles. —— * ſſſi 7 8 9 1 3 14 15 16 17