— Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 2 4 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: t für nchentlich 2 Bücher:— ücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr. Pf 1 Mr. 50 Pf 2 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mirabeau ſaß in ſeinem Arbeitszimmer und ſchien an ſeinem Schreibtiſch anhaltend beſchäftigt, aber wer ihn näher betrachtete, konnte bemerken, wie ſeine Angen beſtändig von dem Papier wieder hinwegflogen, und bald zum Fenſter hinaus zu dem düſtern, nebelbehan⸗ genen Himmel Londons emporſchweiften, bald mit einem traurigen Ausdruck auf ſeine Freundin Henriette ſich hefteten, die ihm gegenüber am Fenſter mit einer Hand⸗ arbeit beſchäftigt ſaß. Es iſt mir unmöglich, meine Gedanken heut zu⸗ ſammen zu halten, rief er jetzt heftig aus, indem er aufſprang und ſich an Henriettens Seite ſtellte, die ebenfalls mit ihrer Arbeit innehielt und ihn forſchend betrachtete. Dieſer Nebel draußen iſt gar zu abſcheulich, ſagte ſie, indem ſie ſeine Hand ergriff und einen Augenblick ihren ſchönen Kopf wie in einem Anfall von Müdig⸗ keit daran lehnte. Ich begreife nicht, wie man in einem Lande leben kann, wo ſolche Nebel den Tag zur Nacht verkehren, ſo daß man im Innerſten ſchau⸗ dert, und alle Geſpenſtermärchen der Kindheit vor ſeinen Augen verwirklicht zu ſehen glaubt. Hu, wie ſich das dort mit gleißneriſchem Neigen und Blinken auf und nieder ſchiebt und über die Häuſer und Dächer hinweg eine immer dichtere und dunklere Hülle webt. Sieh dieſe frazzenhafte Nebelgeſtalt, die jetzt dicht an unſerm Fenſter vorübergaukelt, und ſcheint ſie nicht eben die Hände über den Kopf zuſammenzuſchlagen? Mirabeau, das gilt uns, und dieſe Frazze lacht uns höhniſch aus, daß wir noch immer hier in London ſitzen, und unſere Zeit und unſer Geld hier nutzlos verlieren. Die Nebelfrazze hat Recht, entgegnete Mirabeau düſter und mißmuthig. Wir haben nun bereits viele Monate in London wie Narren verſeſſen. Wenn ich Stiefelwichsfabrikant wäre, ſo würde ich hier wahr⸗ ſcheinlich ſchon weiter gekommen ſein, wie mit mei⸗ nen literariſchen Arbeiten, mit denen ich die Londo⸗ ner Buchhändler vergeblich anzapfe. Ich häufe Ent⸗ würfe auf Entwürfe, greife mit meinen Vorarbeiten zu großen literariſchen Unternehmungen nach allen Welt⸗ gegenden umher, und begegne dann nur den armſeligen Mienen dieſer Schächer, die mich mit einem Achſel⸗ zucken abfertigen. Und bei dieſen vergeblichen Bemü⸗ hungen iſt auch ſchon wieder unſer ganzes Geld zum Schornſtein hinausgeflogen. Wir ſchränken uns ſchon ſeit mehreren Wochen auf das Allererbärmlichſte ein, kaum das Nothwendigſte haben wir uns anſchaffen können, und wenn nicht heut noch für uns Mannah vom Himmel regnet, werden wir morgen nicht mehr frühſtücken und zu Mittag eſſen können. Und damit der Zufall mich vollends verhöhnt, ſitze ich in dieſer Miſere und arbeite eine Predigt über die Unſterblich⸗ keit der menſchlichen Seele aus. Eine Predigt? fragte Henriette verwundert und brach in ein herzliches Gelächter aus, welches die Thränen, die eben ihren Augen entſtürzen wollten, wieder verwiſchte. Willſt Du Prediger werden, Mi⸗ rabeau, und kann man denn das hier in London ſo ohne Weiteres werden? Sie ſprang raſch an ſeinen Schreibtiſch, an dem er zuvor geſeſſen, und nahm die auf demſelben liegen⸗ den, noch friſch beſchriebenen Blätter, ihren Inhalt raſch und eifrig mit den Augen überfliegend. Wirklich, das iſt eine Predigt über die Unſterb⸗ lichkeit der menſchlichen Seele! rief Henriette, indem ſie vor Verwunderung die Blätter wieder aus ihren Händen gleiten ließ. Ihr Geſicht war ernſt und nach⸗ denklich geworden, und ſie warf ihm einen halb ſcheuen halb ehrerbietigen Seitenblick zu, der durch ſeine un⸗ widerſtehliche Komik Mirabeau's Gelächter erregte und ihn plötzlich wieder in den vollſtändigen Beſitz ſeiner guten Laune zu bringen ſchien. Es iſt blos eine Gefälligkeit von mir, die mich zum Prediger macht, aber auch nur mit dieſem ſchrift⸗ lichen Concept, erwiederte er, die Blätter in die Hand nehmend und mit einer gewiſſen Selbſtgefälligkeit be⸗ trachtend. Jener Duval, der uns damals bei unſerm Straßen⸗Abenteuer in Regent⸗Street ſo wichtige Dienſte leiſtete und uns eigentlich aus den Händen des eng⸗ liſchen Pöbels befreite, hat mich um eine Gegenge⸗ fälligkeit in Anſpruch genommen, die ich ihm nicht ab⸗ ſchlagen konnte. Du weißt, daß er zu den Genfer Flüchtlingen gehört, wel he durch die Revolution des Jahres 1782 aus ihrer Heimath vertrieben wurden, und hier in London gaſtliche Aufnahme und ſogar den auffallendſten Schutz der engliſchen Regierung gefun⸗ den haben. Es hat ihn indeſſen hier das ſpießbür⸗ gerlichſte Leiden der Menſchheit, nämlich das Heim⸗ weh, ereilt, und ſo iſt er in Unterhandlungen über ſeine Rückkehr nach Genf eingetreten, die ihm auch in — 8 Ausſicht geſtellt worden iſt. Die gnädigen Ariſto⸗ kraten, die jetzt in der Genfer Republik herrſchen, wollen ihn ſogar von neuem in ein geiſtliches Amt zulaſſen, aber unter der, wie mich dünkt, demüthigenden Bedin⸗ gung, daß er ſich mit neuen Probe⸗Arheiten darum bewerbe. Dazu gehört denn auch eine Predigt über die Unſterblichkeit der Seele, womit man ihm auf den Glaubenszahn fühlen will, denn es wäre ja möglich, daß ein Revolutionnair, der für die Erhebung des Volkes zur Herrſchaft gekämpft hat, dabei auch mit den Glaubens⸗Artikeln der Kirche in ein ſtarkes Hand⸗ gemenge gerathen wäre. Nun hat er ſich an mich ge⸗ wandt, ihm eine ſolche Predigt im ſchönſten und ele⸗ ganteſten Franzöſiſch auszuarbeiten, denn der gute Menſch hatte längſt Abſichten auf meinen Stil, von dem er manches nicht Unvortheilhafte gehört haben will, und ich vermuthe, daß er uns auch nur darum ſo energiſch aus den Händen Lord Trumpeters errettet hat, weil er ſich dafür meine oratoriſchen Gefällig⸗ keiten einzutauſchen gedachte. Nun hoffe ich ihn in der That gut durch das Examen zu bringen, denn es hat mir Vergnügen gemacht, mich einmal in die Rolle eines Predigers zu verſetzen, und Dinge, über die man leider ſehr in Ungewißheit iſt, mit einer pomphaften Freigebigkeit zu behaupten und damit um ſich zu werfen. Ich werde Dir meine Predigt heut Abend beim Thee vorleſen.*) Und Du glaubſt ſelbſt nicht an die Unſterblichkeit der Seele, Mirabeau? fragte Henriette leiſe, indem ſie ihm mit ihren zärtlichen forſchenden Blicken lange in die Augen ſah. Warte nur bis zur Theeſtunde, mein Kind, ent⸗ gegnete Mirabeau lächelnd, und Du wirſt aus meiner 0) Vgl. Montigny Mémoires de Mirabeau, IV. 174. — ——————— y * — Predigt erſehn, daß ich den Himmel der Zukunft mit vollen Händen an jede Seele vertheile. Wer davon Gebrauch machen will und ein Bedürfniß hat, unſterb⸗ lich zu ſein, wird eine vollſtändige Rüſtkammer von Beweisgründen in meiner Predigt finden. Die Un⸗ ſterblichkeit iſt allerdings eine Erbſchaft, zu der Jeder berechtigt wäre, der ſich als Seele und Geiſt legiti⸗ miren kann. Aber nicht alle Erbſchaften werden wirk⸗ lich ausgezahlt, und man weiß nicht, was bei einem ſolchen Erbſchaftsproceß, wie der Tod iſt, verloren gehen und verflüchtigt werden kann. Vor allen Din⸗ gen iſt Niemand da, der uns in dieſem Punkt etwas Beſtimmtes verſprochen hätte. Kann ich doch nicht einmal die Rente einziehn, die mir mein Herr Vater, der Marquis von Mirabeau, nicht blos verſprochen, ſondern auch durch eine rechtsgültige Uebereinkunft aus meinem Familien⸗Vermögen zugeſtanden hat. Er ver⸗ rechnet die Rente auf meine Schulden, die er früher für mich bezahlt habe, und ich proeeſſire deshalb mit ibm. Wie, wenn es uns einſt mit unſerer Unſterb⸗ lichkeits⸗Rente ſo erginge? Wenn man nachrechnete, daß wir von der urſprünglichen Mitgift unſerer Seele ſchon in dieſen Erbärmlichkeiten der Erde ſo viel ab⸗ genutzt und vergendet hätten, daß nichts mehr an uns auszuzahlen übrig geblieben iſt! Ich habe jetzt doch noch wenigſtens einen Advokaten gegen meinen Vater annehmen können. Den berühmten Advokaten Target habe ich mit der Wahrnehmung meiner Angelegenheiten in Paris beauftragt. Das iſt allerdings eine Hoffnung, wenn auch eine ſchwache. Aber welchen Advokaten ſolt ich annehmen, wenn einſt der Vater der Welten, wie man ein gewiſſes Etwas ſehr pfiffig genannt hat, der ankommenden Seele das Contobuch der Unſterblichkeit vor der Naſe zuklappt, und ihr erklärt, daß für ein Weiterleben nichts mehr zu hoffen ſei? Henriette hatte ſich ängſtlich an ſeine Seite ge⸗ ſchmiegt, und warf ihm flehende und begütigende Blicke zu, mit denen ſie immer wie ein frommes Kind zu ihm ſprach, wenn er ſich von ſeiner wilden und ſpöttiſchen Laune hinreißen zu laſſen im Begriff ſtand. Dann lächelte ſie ihn lange an, und fragte, ob er nicht wie⸗ der ein gutes Herz und ein braver Mann ſein wolle? Du haſt Recht, wenn Du mich heut ausſchiltſt, ſagte er nach einer Pauſe mit einer milden und trau⸗ rigen Stimme. Der Londoner Nebel draußen, und die Predigt, an der ich heut den ganzen Morgen als gutmüthiger dummer Teufel gearbeitet, haben mich in die jämmerlichſte Stimmung von der Welt verſetzt. Es wird allmählig zu einem vollſtändigen Fluch an mir, daß ich Alles, was ich denke und beurtheile, auf das Verhältniß zu meinem Vater zurückführen muß. Dies Verhältniß hat ſchon alle meine Anſchauungen vergiftet, es demoraliſirt jeden Nerv und jede Faſer an mir. Ich muß auch damit zu Ende kommen, es geſchehe wie es wolle. Target ſchrieb mir geſtern aus Paris, daß er wenig Ausſichten habe, meinen Prozeß gegen den Marquis von Mirabeau zu gewin⸗ nen. Ich würde jetzt nach Paris zurückgehen, um einen letzten Schritt zu wagen und durch eine perſön⸗ liche Unterredung mit meinem Vater noch eine Ein⸗ wirkung auf ihn zu verſuchen. Ich fürchte die Wuth nicht, die ihn von Neuem gegen mich eingenommen haben ſoll. Aber ich bin im Unklaren über die des⸗ potiſche Macht, welche ihm unſere Geſetze noch immer über mich beilegen dürften. Ich weiß nicht, wie es jetzt damit ſteht, und ob die Tyrannei der väterlichen Gewalt erloſchen iſt oder noch fortdauert, nach wel⸗ cher er mich früher in jeden Kerker ſtecken und mei⸗ nen Aufenthaltsort mir willkürlich ſetzen durfte. Kann er dies noch immer nach jener früheren Ordre des 8 G. — Königs, ſo würde ich mich hüten, dem von Neuem Gereizten wieder in den Weg zu treten. Im andern Falle würde ich den Kampf mit ihm nun perſönlich aufnehmen. Auch möchte ich wiſſen, was meine Bu⸗ ſenfreunde, die Herren Gläubiger, in Paris von mir denken, um danach über die Rathſamkeit meiner Rück⸗ kehr beſchließen zu können.— Henriette war in einer lebhaften Erregung aufge⸗ ſprungen, und ſchien über einen Entſchluß, den ſie faſſen wollte, nachzudenken. Mit geſenkten Augen ſtand ſie eine Zeitlang vor ihm da, und ihr Buſen arbeitete in einer tiefen, heftig auf⸗ und ab athmenden Bewe⸗ gung. Dann ſagte ſie mit einem freudig ſtrahlenden Geſicht: Schicke mich nach Paris, Mirabeau! Ich werde Dir Alles auskundſchaften und beſorgen, und Du ſollſt ſehen, daß Du keinen gewandteren und zu⸗ verläſſigeren Agenten finden kannſt, als Deine Yet⸗ Lie. Du bleibſt unterdeſſen ruhig in London, und warteſt meine Briefe und meine Rückkehr ab. Du glaubſt nicht, wie rührig und unternehmend ich bin, wenn es darauf ankommen wird, für Dich irgend etwas auszuführen und ſelbſt einige Gefahren um Dich zu beſtehen. Oh, ich werde zu den Miniſtern nach Verſailles gehn, und ſie mit flammender Beredt⸗ ſamkeit zu bitten und zu überzeugen ſuchen, daß jene alten abſcheulichen Ordonnanzen des Königs, welche Dich zur Verfügung Deines Vaters ſtellten, nicht mehr in Kraft ſein können. Dann werde ich zu den Kaufleuten gehn, denen Du noch Geld ſchuldig biſt, und werde mit ihnen einen Vergleich zu ſchließen ſuchen, daß Dir die böſen Menſchen noch eine Zeitlang Ruhe laſſen, bis Du Dich mit Deinen Verhältniſſen neu eingerichtet haben wirſt. Und alsdann werde ich mich zu den Buchhändlern von Paris begeben, um mit ihnen von Deinen literariſchen Plänen zu ſprechen und Dir einen recht reichen Unternehmer für das Journal zu gewinnen, das Du unter dem Titel le Conservateur gern unternehmen möchteſt.“) Mein Freund, ich werde mich in Paris nicht eher ſchlafen legen, als bis ich etwas für Dich erreicht habe. Du kannſt Dich ſicher auf mich verlaſſen. Mirabeau betrachtete ſie mit freudigem Erſtaunen und drückte ſie ungeſtüm und leidenſchaftlich an ſich. Deine Idee iſt ganz vortrefflich, rief er aus, und ich glaube in der That, daß Du uns durch einen ſolchen Streifzug nach Paris bedeutend nützen könnteſt. Mehr als ich es ſelbſt im Stande bin, der ich durch meine Heftigkeit immer Alles wieder verderbe, würdeſt Du, Henriette, durch die Dazwiſchenkunft Deiner engel⸗ gleichen Perſönlichkeit dort meine Verhältniſſe aus⸗ gleichen, ebenen und in eine neue beſſere Bahn füh⸗ ren helfen. Ja, es liegt etwas Magiſches und Rüh⸗ rendes zugleich in Deiner Perſönlichkeit, dem Nie⸗ mand widerſtehen kann, ſobald Du ihn anredeſt, und was kann ich Wirkſameres nach Paris ſenden, als Deine Schönheit, Deine Anmuth und Grazie, Dei⸗ nen unſchuldvollen, reinen, lächelnden Mund, der, wenn er ſich zum Reden für mich öffnet, ſelbſt nicht bei den Barbaren einer abſchläglichen Antwort be⸗ gegnen könnte! Henriette umſchlang mit lautem Jauchzen ſeinen Hals und ſprang dann wieder von ihm fort, indem ſie nun in ſichtlicher Aufregung im Zimmer auf⸗ und niederging, und, wie es ſchien, bereits mit den Ge⸗ danken an das Einpacken beſchäftigt, ihre umherlie⸗ genden Sachen zu muſtern begann. Und doch wird es nicht gehen, ſetzte Mirabeau nach einer Pauſe hinzu, indem ſeine Mienen einen ) Peuchet Mémoires sur Mirabeau et son époque II. 305. — betrübten Ausdruck zeigten. Nein, nein, es ſind da Gefahren und Verwickelungen möglich, denen ich Dich nicht ausſetzen kann und darf. Du biſt ſelbſt noch nicht ſicher in Paris, man wird den ehemaligen Klo⸗ ſterflüchtling in Dir erkennen, und Dich wieder unter die Botmäßigkeit Deiner erzürnten Priorin, die Dich bei der Polizei reclamirt hat, zurückführen wollen. Dann iſt es vollends um mich geſchehen, wenn ich auch noch Dich verlieren müßte. Wer wird ſo kleinmüthig und furchtſam ſein, Mi⸗ rabeau, erwiederte ſie, indem die ihr eigenthümliche Entſchloſſenheit in ihrem Geſicht aufleuchtete, und ihrem ganzen Weſen einen erhöhten Ausdruck gab. Man ſoll und wird mich nicht wiedererkennen, dafür laß mich nur ſorgen. Bin ich nicht eine vollſtändige Engländerin geworden und führe einen Paß als eng⸗ liſche Bonne, der in rechtsgültiger Form für mich ausgeſtellt iſt? Und außer mit meinem engliſchen Paß, komme ich mit einem noch weit ächteren engliſchen Hut wieder in Paris an, in dem man mich für eine Anglaiſe von unbeſtreitbarer Originalität anſehen wird. Was willſt Du, ich ſtreite es Jedem mit einer furcht⸗ baren Keckheit ab, daß ich die ehemalige Henriette van Haren bin. Und bin ich es denn noch? Bin ich nicht durch Deine Liebe in eine ganz andere Perſon ver⸗ wandelt worden, in eine Perſon, die kaum noch irgend eine Aehnlichkeit mit Dem hat, was ſie früher war, und die, während ſie ſich ſons vor einer Katze fürchten konnte, die ihr in den dunklen Gängen des Kloſter⸗ gartens begegnete, jetzt den Muth in ſich fühlt, ſich mit aller Welt für Dich herumzuſchlagen, und nicht blos nach Paris, ſondern ſelbſt bis in die Lande der Men⸗ ſchenfreſſer als Dein Bote und Agent auszuziehen. Mirabeau ſchien noch unſchlüſſig, wie er ſich da⸗ bei verhalten ſolle, aber Henriette fügte jetzt ſo inſtän⸗ — dige Bitten hinzu, und verband mit denſelben ſo dringliche und einleuchtende Vorſtellungen, daß Mira⸗ beau ſich ſchließlich damit einverſtanden erklären mußte. Er begann nun ſelbſt die Ausführung des Planes zu überlegen und ihr ſeine eigenen Wünſche und Anſich⸗ ten mitzutheilen. Zugleich ſchien es ihn zu beruhigen, daß ſich Chamfort noch in Paris befand, von dem er unter allen Umſtänden Schutz und Beiſtand für Hen⸗ riette erwarten durfte. Die Abreiſe wurde bereits auf den morgenden Tag feſtgeſetzt, obwohl Mirabeau ſich vorgenommen hatte, eine gedrängte Denkſchrift über den Stand ſei⸗ ner Angelegenheit auszuarbeiten, welche Henriette per⸗ ſönlich in die Hände des Miniſters Baron von Bre⸗ teuil übergeben ſollte. Bei der außerordentlichen Ge⸗ ſchwindigkeit, mit der er zu arbeiten pflegte, hoffte er jedoch in einer einzigen Nacht dieſe Schrift vollenden zu können. Er begann ſich daher nun auf das Ernſt⸗ lichſte mit den Vorbereitungen zu Henriettens Abreiſe zu beſchäftigen. In dieſem Augenblick aber ſchien ein Umſtand bei ihm ſehr ſchwer in's Gewicht zu fallen, den er bis dahin noch gar nicht der Berückſichtigung für werth gefunden hatte. Dieſer Umſtand betraf die Reiſekoſten, und als Henriette, die alles Andere ſehr verſtändig überlegt, aber an das Geld bisher noch gar nicht ge⸗ dacht hatte, dieſen Punkt nun ebenfalls mit einer leiſen Hindeutung erwähnte, ſchrak Mirabeau auf das Heftigſte zuſammen und ſchlug ſich mit einem wahrhaft entſetzten Ausdruck vor die Stirn. Geld? Geld? rief er aus, indem er mit ſtür⸗ miſchen Schritten im Zimmer auf und nieder ging. Wo ſoll das Geld zu Deiner Reiſe gefunden werden? Es iſt kein rother Sous mehr vorhanden, und ich weiß diesmal nicht, wo der Stab des Moſes herkommen ſoll, damit in dieſer Einöde meiner Kaſſe neue Quel⸗ len ſprudeln. Wahrhaftig, gute Gräfin Yet⸗Lie, es iſt kein Reiſegeld für Dich vorhanden, was iſt da zu thun? Kein Reiſegeld? wiederholte Henriette, beſchämt vor ſich niederblickend. Und wir haben wohl gar keinen Credit mehr, um uns neues Geld zu ver⸗ ſchaffen? Mir fällt etwas ein, entgegnete Mirabeau nach einigem Beſinnen. Was meinſt Du, ob wir uns an Elliot wenden? Du weißt, daß ich auf dem freund⸗ ſchaftlichſten Fuß mit ihm ſtehe, denn wir waren ja einſt Mitſchüler und Leidensgefährten in der Penſion des Abbé Chocquart. Auch hat er mir hier in Lon⸗ don die Fortdauer ſeiner brüderlichen Neigung ſchon zum Oefteren bewährt. Geh auf der Stelle zu ihm und ſage ihm, daß ich mich in einer peinigenden Ver⸗ legenheit befände. Er mich ſehr verbinden, wenn er mir hundert Guineen durch Dich ſchicken wollte. Die Sache wäre dringend, und Sir Gilbert Elliot wäre der einzige Rettungsanker meiner gänzlich ſchiffbrüchigen Kaſſe. Willſt Du? Ein flüchtiges Erröthen hatte ſich bei Nennung dieſes Namens auf Henriettens Wangen gezeigt. Sie zögerte, zu antworten, und ſchien ſich in einiger Ver⸗ legenheit zu befinden. Du kannſt getroſt zu ihm gehen, fuhr Mirabeau fort, denn er lebt in der Mitte ſeiner höchſt liebens⸗ würdigen Familie, die zu den angeſehenſten und vor⸗ nehmſten Londons gehört. Ich möchte am liebſten Dich damit bemühen, denn ich habe ja keinen zuver⸗ läſſigen Menſchen, dem ich eine ſolche Sendung an⸗ vertrauen könnte. Unſere Dienſtleute grollen mit mir, weil ich ihnen ſeit längerer Zeit den Lohn ſchuldig geblieben, und ſie überhaupt jetzt eine ſehr knappe — Prüfungszeit bei mir beſtehen müſſen. So geh' alſo ſelbſt, mein Schatz. Sir Gilbert Elliot iſt ja der liebenswürdigſte Cavalier, der außerdem ungemein viel von Dir hält, und dazu gehört er zu denjenigen Engländern, die in Geldſachen einen wahrhaft könig⸗ lichen Anſtand beobachten, und es ſich als eine Ehre anrechnen, wie es auch wirklich der Fall iſt, daß ſie einem Freunde mit einer Lumperei von einigen hun⸗ dert Guineen dienen können. Wenn Du meinſt, daß ich zu ihm gehen kann, ſo werde ich gehen, ſagte Henriette nach einer Pauſe. Dein Wille wird immer die einzige Richtſchnur meines Handelns ſein. Sie eilte jetzt, Hut und Shawl anzulegen, und reichte ihm dann, wie immer, den Mund zum Ab⸗ ied. 6 Du wirſt einen Fiaker nehmen, ſagte er, indem er ſie küßte. Der Nebel draußen webt ſo fürchterliche Schleier, daß ich beſorgt bin, Du möchteſt Dich nicht zu Belgrave⸗Square, wo unſer Freund wohnt, hin⸗ finden können. Ueberhaupt kannſt Du einen ſolchen Weg nicht zu Fuße zurücklegen. Und dennoch wird Gräfin Yet⸗Lie zu Fuße dahin⸗ ern, durch alle Nebel und alle Gefahren hindurch, Henriette mit einem fröhlichen Gelächter. Denn die Börſe des Grafen Mirabeau gehört einmal nicht zu denjenigen Börſen, die einen wahrhaft königlichen Anſtand entwickeln, und auf deren bodenloſem Grunde man noch die Lumperei von einigen Shillings zur Siſt eines öffentlichen Fuhrwerks herausfiſchen önnte. Damit ſprang ſie, einen zierlichen Knix machend, aus dem Zimmer und ließ Mirabeau allein zurück, der jetzt unruhig und gedankenvoll in der Stube auf und ab zu gehen begann. Dann ſetzte er ſich wieder 3 vor ſeinem Schreibtiſch nieder, und fing an, das Mé⸗ moire über das Verhältniß zu ſeinem Vater, welches er durch Henriette in die Hände des Miniſters Bre⸗ teuil in Paris bringen wollte, zu entwerfen. Die Predigt über die Unſterblichkeit der Seele wurde einſt⸗ weilen in den Tiſchkaſten gt. Als er ſich eben recht in den gekommen fühlte, und die Feder kaum raſch genug ſeinem Gedanken⸗ gange folgen konnte, klopfte es ſtark an der Thür, die ſich auf ſein ziemlich unwillig betontes Herein ſofort öffnete. Der Eintretende war ein Mann von mittleren Jahren, den eine kühne und verwegene Phhſiognomie charakteriſirte und der, klein aber energiſch von Ge⸗ ſtalt und Ausſehen, in ſeinem ganzen Weſen etwas Abentenerliches und Unternehmendes zur Schau trug. Auch in ſeiner Kleidung hatte er ſich einen etwas phantaſtiſchen Anſtrich zu geben gewußt, und der graue Hut, den er noch beim Eintreten auf dem Kopf hatte und erſt in der Mitte des Zimmers langſam abnahm, hatte ſowohl durch ſeine runde breitkrämpige Form wie durch das flammend rothe Band, mit dem er ein⸗ gefaßt war, etwas höchſt Auffälliges. Ah, willkommen Etienne Clavidrel rief Mirabeau, indem er von ſeinem Schreibtiſch aufſſprang und den Angekommenen herzlich umarmte. Sie kommen doch nicht, um Abſchied von mir zu nehmen? Man ſagt, daß Ihr Genfer, obwohl man Euch hier in England wahrhaft auf Roſen gebettet hat, doch nicht recht zu⸗ frieden ſeid mit der großbrittaniſchen Generoſität, und daran denkt, das Aſyl zu wechſeln und anderswo hin⸗ zugehen? Mehrere von uns wollen abreiſen, entgegnete der Fremde mit einem Ausdruck von Mißmuth. Siordet, Janot und Andere wollen nach Neufchätel gehen und Mirabeau. II. 2 6 dort ihr Heil mit einem Magiſtrat verſuchen, der, wie ich meine, revolutionnairen Flüchtlingen ſchwerlich Schutz gewähren wird. Grenus, Ringler und viele Andere wollen ſich nach Conſtanz unter die Botmäßig⸗ keit des guten abſoluten Kaiſers von Deutſchland und Oeſterreich zurückziehen. Eine große Anzahl von uns denkt ſich nach Brüſſel zu begeben. Sie ſehen, Graf Mirabeau, die flüchtigen Demokraten von Genf haben keine Ruhe mehr auf dem Boden Englands. Aber ich werde in London bleiben. Sie haben Recht, erwiederte Mirabeau lebhaft, und Ihre Landslente begehen einen großen politiſchen Fehler, daß ſie ſich wieder trennen und nach allen Weltgegenden auseinander ſtieben wollen. Es kam gerade darauf an, zuſammen zu bleiben und hier in London einen feſten revolutionnairen Körper zu bilden, der, wenn auch in ſeinem Beginnen klein, doch all⸗ mählig alle Freiheitselemente von Europa anziehen und zum Ausgangspunkt aller Erhebungen gegen die Tyrannei, namentlich aber gegen den inneren und äußeren Despotismus Frankreichs, werden möchte! Dieſe Hoffnung habe ich darum noch keineswegs aufgegeben, entgegnete Clavière mit einer feierlichen Gebärde und einem unheimlichen Aufleuchten ſeiner blitzenden Augen. Ich, Duroveray und d'Yvernois bleiben in London und werden hier ein eigenes revo⸗ lutionnaires Comité bilden, das ſich aber bald durch andere gleichgeſinnte Genfer, die wir in dieſen Tagen aus der Schweiz erwarten, verſtärken wird. Es ſind namentlich Dumont, Chauvet, Marat und Melly, welche zu uns ſtoßen werden, um die revolutionnaire Orga⸗ niſation, die zunächſt auf Euer Frankreich abzielen ſoll, vollenden zu helfen. Ich bin gekommen, um Euch dies anzukündigen, und mit Euch, dem glänzendſten Geiſt Frankreichs, der den Beruf hat, ſeinem Vater⸗ — lande die Freiheit zu erwerben, darüber von Neuem in eine Berathung einzutreten. Er ließ ſich bei dieſen Worten auf dem Sopha nieder und ſchien die Erwiederung Mirabeau's abzu⸗ warten, indem er ſpielend das rothe Band um ſeinen Hut mit dem Finger glättete. Ich werde Euch nicht fehlen, wo ich helfen kann, entgegnete Mirabeau, vor ihm ſtehen bleibend, aber zuerſt ſagt mir, warum ſo viele Eurer Landslente London verlaſſen wollen, wo ſie eine ſo gaſtliche und bevorzugte Anfnahme nicht nur bei dem Publikum, ſondern auch bei der Regierung ſelbſt gefunden haben? Die Genfer Demokraten, welche der Parteikampf des Jahres 1782 aus ihrem Vaterlande vertrieben, ſind bis jetzt die eigentlichen Favoriten des engliſchen Gou⸗ vernements geweſen, das, wie jetzt alle Welt weiß, dem Aufſtande ſelbſt damals heimlichen Vorſchub lei⸗ ſtete und Unterſtützung jeder Art verſprach. Ihr habt es mir damals ſelbſt angedeutet und gewiſſermaßen zugeſtanden, Clavière, als ich in jenem Jahre bei Euch in Genf auf Eurem Comtoir erſchien, und Ihr ein ſchnelles freundſchaftliches Vertrauen zu mir faßtet. Ihr waret damals der reiche Banquier Etienne Cla viere, und ich hatte einen Wechſel in Eurem Comtvir zu präſentiren, mit dem mich ein Schweizer Buch händler, an welchen ich damals ein Manuſeript ver⸗ kauft, beglückt hatte. Ihr ließet den Wechſel ſogleich bezahlen, obwohl er nicht zanz in Ordnnng ſchien, und wir geriethen in ein vertrautes politiſches Ge⸗ ſpräch, durch das wir uns als Geſinnungsgenoſſen er⸗ kannten und verbanden. Ein anderes Mal erfuhr ich ſchon von Euch, daß es auf den Ausbruch eines Kampfes abgeſehen ſei, um den ariſtokratiſchen Körper, der damals Eure ſchöne Republik zerfleiſchte, abzu⸗ werfen und an ſeiner Stelle eine ächte Herrſchaft der 2. Vertreter des Volkes zu begründen. Ihr führtet mich im Kreiſe der Patrioten von Genf ein, die nachher den revolutionnairen Kampf leiteten, an deſſen Spitze Ihr ſelbſt mit Duroveray und d'Yvernvis ſtandet. Ich lernte damals ſchon einen Theil der Männer kennen, die ich hier in London als Verbannte wieder⸗ fand, und mit denen wir auch die Zukunft Frankreichs, die für den Beſtand Eurer Republik wie für die Frei⸗ heit von ganz Europa das wichtigſte Element iſt, be⸗ riethen. Und warum trennen ſich dieſe Männer jetzt von Euch und unſerer Sache? Sind ſie im Princip abtrünnig geworden, und werden ſie nicht jetzt unſere Pläne verrathen und gefährden? Nein, entgegnete Clavière, ſie ſcheiden nicht als Abtrünnige von uns, ſondern ihre Unzufriedenheit mit der engliſchen Regierung treibt ſie aus London fort. Es iſt aber Kurzſichtigkeit, eine Poſition ſo ſchnell auf⸗ zugeben, von der man nicht ſogleich die perſönlichen Vortheile für ſich einernten kann. Wahr iſt es, wir Flüchtlinge treiben uns ſchon ſeit Jahr und Tag hier umher, und können die gebratenen Tauben nicht ein⸗ fangen, welche uns das engliſche Miniſterium und das Cabinet Georgs III. ſchon in Genf vor die Naſe ge⸗ halten hat. Man hat uns Ausgewanderten und der ganzen revolutionnairen Partei von Genf verſprochen, daß wir uns eine Stadt Genf in Irland begründen ſollten, um dort unſere ganze Manufactur und allen heimiſchen Verkehr und Kunfffleiß anzuſiedeln, und eine Freiſtatt für unſere politiſchen und religiöſen Grundſätze zu finden. Aber der Bau dieſes neuen Genfs, das uns als ein Zion der Völkerfreiheit in Ausſicht geſtellt worden, will ſich noch immer hinzö⸗ gern, und wir würden gern als Karrenſchieber dienen, um die Steine zur neuen Grundlegung aufzuführen, wenn man uns nur erſt einen Grund und Boden für —* die neue Colonie angewieſen hätte. Aber das neue Genf ſchwebt noch immer wie ein engliſches Nebelbild in den Lüften, und das hat Viele von uns kopfſcheu und mißmuthig gemacht, und ſie glauben an der Auf⸗ richtigkeit Englands verzweifeln zu müſſen. Pas iſt falſch, rief Mirabeau lebhaft, denn wenn England Geldmittel für eine Sache anweiſt, ſo iſt es ihm auch Ernſt damit, und hat es nicht einen Unter⸗ ſtützungsfonds von funfzigtauſend Pfund Sterling für Euch zuſammengebracht, die lediglich zum Beſten der erſten tauſend Emigranten aus Genf und für die erſten Häuſer⸗Anlagen der neuen Colonie verwendet werden ſollen? Ihr ſelbſt, Claviere, ſeid ja mit Lord Gren⸗ ville an die Spitze der Verwaltung dieſes Fonds ge⸗ ſtellt, womit man Euer Banquier⸗Talent ebenſo ſehr, wie Euren politiſchen Charakter geehrt hat. Ich ſollte meinen, darin hättet Ihr doch etwas ſehr Gewiſſes in Händen, um die Projecte, mit denen Euch die eng⸗ liſche Regierung gelockt, feſthalten zu können.*) Dieſer Fonds iſt allerdings vorhanden, verſetzte Claviere, und ich verbleibe auch in dem Comité, wel⸗ ches zur Verwaltung deſſelben niedergeſetzt worden. Aber dieſer Fonds wird erſt zur Verwendung kommen, wenn über den Aufbau des neuen Genf in Irland etwas Näheres beſtimmt worden iſt. Inzwiſchen fängt man an, Abzweigungen von dieſem Gelde zu anderen Zwecken zu machen, was namentlich durch den Ein⸗ fluß des engliſchen Staatsminiſters William Pitt ge⸗ ſchehen iſt. Die engliſchen Mitglieder des Verwal⸗ tungs⸗Comités, die überhaupt unſere Mehrzahl bilden, ²) Vgl. Soulavie Mémoires historiques et politiqnes. V. 284. wo die„Acte du Gouvernement d'Angleterre, qui accorde cinquante mille livres sterling de secours aux six commis- saires des bannis de Gensve et au parti revolutionnaire de cette républiqus“(vom 4. April 1783) vollſtändig mitgetheilt iſt. ð 22 haben ſich die Vorſchläge Pitt's ſofort angeeignet, und wir Genfer haben uns ein beſonderes Vergnügen daraus gemacht, denſelben zuzuſtimmen. Der erſte Lord der Schatzkammer wünſcht nämlich, daß die Zinſen jenes Geldes einſtweilen dazu gebraucht werden, Prä⸗ mien für ansgezeichnete Männer auszuſetzen, welche durch ihre Feder und ihren Einfluß ſowohl in der Preſſe wie im Leben darauf hinwirken können, Eng⸗ land als den wahren Hort der politiſchen Freiheit allen Völkern hinzuſtellen und den Haß gegen Frank⸗ reich, als den aller Unfreiheit und Tyrannei Vorſchub leiſtenden Staat, zu ſchüren. Der Miniſter hat dem Comité durch Lord Grenville eine Namensliſte zu⸗ gehen laſſen, an deren Spitze ſich Euer Namen, Graf Mirabean, mit einer beſonders ehrenvollen Erwähnung befand. Iſt es möglich? rief Mirabeau in einer frendigen Aufregung. Daran erkenne ich meinen Fuchs William Pitt. Neulich hatte ich bei einem zufälligen und höchſt abenteuerlichen Zuſammentreffen eine Unterredung mit ihm, worin er mich eigentlich mit allen meinen An⸗ deutungen, wie von hier aus jetzt auf die Zeit gewirkt werden müſſe, etwas ſchnöde ablaufen ließ. Nichts deſtoweniger aber iſt er ganz meiner Meinung geweſen, und während er mich ſcheinbar abweiſt, um ſich nicht durch mich zu compromittiren, ſteckt er ſich hinter das Genfer Comité, um meine Vorſchläge auf dieſem Wege wieder aufzunehmen, und über meine ihm dargebotenen Kräfte indirect zu verfügen. Und was hat Euer Co⸗ mité darauf beſchloſſen? Es hat mich abgeſandt, verſetzte Claviere mit em⸗ phatiſcher Feierlichkeit, und das iſt der eigentliche Zweck meines heutigen Erſcheinens bei Euch, um Euch in dieſem Portefeuille eine Banknote von hundert Pfund Sterling zu überreichen, mit der achtungsvollen Bitte, — darin den Dank des Genfer Comités für Eure Ver⸗ dienſte um die politiſche Freiheit und zugleich die Auf⸗ forderung anzunehmen, daß Ihr fortfahren möchtet, die Sache Genfs, der Ihr ſchon früher Euer herrliches Talent gewidmet, zu einer Sache der europäiſchen Freiheit zu machen. Ich glaube Alles, was von Euch kommt, in dem dargebotenen Sinne annehmen zu müſſen, ſagte Mira⸗ beau, indem er das ihm überreichte Portefeuille nicht ohne ſichtliche Genugthuung empfing, es aber dann zugleich mit dem größten Anſchein von Gleichgültigkeit auf ſeinen Schreibtiſch warf. Ihr ſeid immer der Protektor der Republik Genf geweſen, fuhr Clavière fort, und wie Ihr damals, als die unterdrückeriſche Ariſtokratie Genfs nur noch durch die herbeigezogenen Truppen Frankreichs von ihrem Verderben gerettet werden konnte, mit Eurer Feder für uns eintratet und an den franzöſiſchen Mihiſter Vergennes ein Memoire richtetet, worin Ihr mit Euren feurigen Worten die Abberufung der franzöſiſchen Ba⸗ jonnette als eine Ehrenſache Frankreichs und des fran⸗ zöſiſchen Namens entwickeltet:*) ſo wirket auch in Zukunft für Genf, und zwar jetzt für das Genf, an dem einſt die ganze europäiſche Freiheit ſich entzünden wird, und das zunächſt den Punkt abgeben ſoll, von dem aus die Revolution in den Schooß des verhaßten Frankreichs getragen werden kann! Ja, ich liebe Euer Geuf, rief Mirabeau enthu⸗ ſiaſtiſch, und ich werde ſtolz darauf ſein, Eurer Sache zu dienen, die zugleich die meinige und die aller wahren franzöſiſchen Patrioten iſt! Euer Genf liebe ich, und die braven, aufgeklärten, kunſtfleißigen Genfer, die *) Mitgetheilt bei Montigny Mémoires de Mirabeau IV. 114— 139. durch eine Betriebſamkeit ohne Gleichen die Cultur der kleinen Republik zur höchſten Blüthe gefördert! Eure Uhren, die durch ganz Europa geführt werden und den Sieg Eurer preiswürdigen Induſtrie überall ver⸗ breiten, ſollen allen Völkern nicht umſonſt die rechte Zeit verkündigen. Die Genfer Uhren, die ſchon in allen Ländern Europa's ſchlagen, werden zugleich an⸗ ſagen, daß die rechte Zeit, die kommen muß, die Zeit der Freiheit ſein wird! Schon unſer großer Voltaire ſchwärmte für Eure Uhren⸗Induſtrie und ertheilte der⸗ ſelben in ſeinem Ferney die Weihe des freien Geiſtes. Und ſeid Ihr nicht einer der erſten modernen Staaten geweſen, die, ſchon ſeit dem elften Jahrhundert, darin vorangegangen, Adel, Fürſt und Prieſter aus ihrem Schvoß zu vertreiben und die Freiheit in der Begrün⸗ dung der Volksherrſchaft zu erſtreben? Freilich habt Ihr ſeitdem Euer Leben nur in Umwälzungen und Erſchütterungen zugebracht. Eine Revolution nach der anderen habt Ihr gemacht, Ihr tapferen Genfer. Dieſes ganze Jahrhundert war ein fortwährender Kampf bei Euch zwiſchen Adel und Volk, zwiſchen Demokratie und Feudalismus, und dies Beiſpiel ging von Eurem herrlichen See aus erwecklich durch alle europäiſchen Länder. Die politiſchen Schriften und Flugblätter, die aus dieſen Euren Kämpfen von Genf her aufflogen, wetteiferten mit den Werken unſeres Montesquien, unſeres Mably, unſeres Voltaire, um in Frankreich und Europa den Nationalgeiſt zu bearbeiten, dem Ge⸗ nius des Volkes einen neuen Schwung zu geben, die alten monarchiſchen Sitten zu untergraben, und die Demokratie über den Horizont der Völker heraufzu⸗ führen. Ja, von Genf aus hat der revolutionnaire Hahn zuerſt durch Europa gekräht, und wie lange kann es noch dauern, ſo wird in Frankreich Alles, was krähen und ſich bewegen kann, darauf antworten, und die ganze Welt wird erwachen und ſich furchtbar rühren. Genf wird Frankreich auf die Beine bringen, glanbt es mir! Daſſelbe Frankreich, das in Eurer letzten Revolution die Ketten Genfs geſchmiedet, das bei Euch die Volkspartei mit ſeinen Bajonnetten nieder⸗ geſchlagen und die Häupter derſelben in die Ver⸗ bannung getrieben hat, daſſelbe Frankreich wird Euch ſeine Erhebung zu verdanken haben, und Ihr werdet damit Eure Rache an dem franzöſiſchen Königthum gewinnen! Frankreich iſt die größte Gefahr für die Freiheit Europa's! erwiederte Elaviere, indem ſich ſeine Mie⸗ nen zu einem ſchneidenden Hohn verzerrten. Mit Frankreich muß daher jetzt zuerſt angebunden werden, wenn es überhaupt der Demokratie gelingen ſoll, ihr neues Reich unter den Völkern zu begründen. Das monarchiſche und ariſtokratiſche Frankreich muß um⸗ geſtürzt und aus dem Schutt ſeines alten Regime wiedergeboren werden zu einem Lande der Volksfrei⸗ heit und der Volksherrſchaft! Dieſen großen Entſchluß, denn er betrifft die Zukunft von ganz Europa, faßte die Volkspartei in Genf ſchon im Jahre 1782, als Euer Ludwig XVI. ſeine Truppen gegen unſere mit ſich ſelbſt kämpfende Republik ſandte, um unſer ariſtokra⸗ tiſches Gouvernement, das wir in die Kerker der Re⸗ publik geworfen hatten, zu befreien und für ſeine heim⸗ liche Hingebung an Frankreich zu belohnen. Uns fielen damals zuerſt die Schuppen von den Augen, denn es beſtätigte ſich uns, daß die Genfer Ariſtokraten mit dem franzöſiſchen Hofe ſeit längerer Zeit in einer ge⸗ heimen Verbindung geſtanden und von demſelben ihre Parole zur Unterdrückung der Volkspartei empfangen hatten. um die Neugeſtaltung unſerer Geſetze waren damals Ariſtokratie und Demokratie bei uns mit ein⸗ ander in Kampf gerathen, und wir ſahen jetzt, daß der volksfeindliche Einfluß, der ſich in unſere Verfaſ⸗ ſungszuſtände eindrängen wollte, dem König von Frank⸗ reich und dem franzöſiſchen Miniſter Herrn von Ver⸗ gennes zuzuſchreiben geweſen. In der Nacht, in ver wir flüchtig die Thore Genfs hinter uns ließen, ſchwu⸗ ren wir einen fürchterlichen Eid, daß wir die Revolu⸗ tion einſt in den Schooß Frankreichs ſelbſt hinabtragen wollten. Durch dieſen Eid ſind wir Genfer Demo⸗ kraten Eure Mitbürger geworden, Graf Mirabeau, denn wir haben dieſelbe patriotiſche Arbeit miteinander zu theilen.*) Wir ſind Landsleute und Blutsverwandte im Reich der Freiheit, Etienne Clavière! rief Mirabeau mit mächtig aufleuchtenden Angen, indem er den Genfer herzlich nmarmte. Was den Herrn von Vergennes anbetrifft, ſo war er damals derjenige franzöſiſche Staatsmann, der die richtigſte Witterung von der ganzen Situation hatte, und der ſchon damals die Befürchtung ausſprach, daß die Kämpfe in Genf der Anfang zur Revolutionnirung von ganz Europa ſein würden! Er war es deshalb, der dazu trieb, die Volks⸗ partei in Genf mit bewaffneter Hand unterdrücken zu helfen, und ich glaubte darum gerade an ihn mein damaliges Mémoire in der Genfer Sache richten zu müſſen. Ich ſetzte ihm darin auseinander, wie es gerade die Aufgabe Frankreichs ſein müſſe, ſich Genf's anzunehmen, und die Parteien dieſer Republik zu ver⸗ ſöhnen, denn Frankreich, das ſoeben als Befreier Ame⸗ rika's aufgetreten, lönne nicht gleichzeitig der Unter⸗ drücker Genf's ſein! Ein ſolcher Wechſel der Rollen würde Frankreich in der öffentlichen Meinung Europa's herabſetzen und ſchwächen. Ich war der Erſte, der in dieſem Mémoire darauf hindeutete, von welcher Wich⸗ *) Soulavie Mémoires historiques et politiques. V. 251. tigkeit die Aufnahme der verbannten Genfer zu einer Colonie in Irland werden könnte. Ich malte dem Miniſter die große Zukunft einer ſolchen Colonie aus, die, in einem freien und faſt abgabenloſen Lande ſich entfaltend, gewiſſe Gattungen der Induſtrie vorzugs⸗ weiſe entwickeln und dem Handel Englands ein neues Uebergewicht ſchaffen würde. Ich ſetzte ihm ausein⸗ ander, wie auch mehrere deutſchen Fürſten, ſelbſt der König von Preußen Friedrich IHI., ſich bereits bemüht zeigten, die Genfer Demokraten wegen ihrer großen in⸗ duſtriellen und künſtleriſchen Talente als Coloniſten in ihr Land zu ziehen. Ebenſo wenig verſchwieg ich ihm, daß eine Genfer Colonie in einem fremden Staat zugleich eine Freiheitscolonie ſein würde, welche die Mißvergnügten aller Länder Europa's an ſich ziehen könnte. Aber Herr von Vergennes blieb feſt in ſeinen Anſichten, die, ich muß es geſtehen, von ſeinem Stand⸗ punkt aus ebenſo ſehr als von dem unſrigen die voll⸗ ſtändig richtigen waren. Als ich ihn perſönlich ſprach, äußerte er nichts, als daß die Revolution von Genf eine epidemiſche Krankheit ſei, die auch nach Frank⸗ reich eindringen könnte, und daß dies der einzige Ge⸗ ſichtspunkt ſei, aus welchem er dem König ſeinen Rath ertheilen dürfe und werde!*) Es wird für Frankreich ewig zu beklagen bleiben, entgegnete Clavière, daß es nicht einzuſehen vermocht hat, wie viel Genf für die franzöſiſchen Intereſſen werth iſt, und wäre es auch nur als Stapelplatz des Handels⸗ verkehrs zwiſchen Lyon und dem Süden Frankreichs mit der Schweiz, mit Italien, mit einem großen und weſentlichen Theil Deutſchlands! Frankreich hat Vor⸗ theile jeder Art von uns, von unſerer Thätigkeit, von unſerer Induſtrie, von unſern reichen Geldmitteln ge⸗ *) Soulavie Mémoires. V. 250. — 8 zogen. Hat es ſich nicht unter dem Miniſterium Necker hundert Millionen von unſerer Republik geborgt, durch die es ſchon ein hübſches Loch in ſeinen jämmerlichen Finanzen wenigſtens augenblicklich zuſtopfen konnte? Ich will gar nicht erwähnen, daß Genf zugleich der einzige militairiſche Punkt iſt, durch den Frankreich von der Rhone bis zum Mittelmeer gedeckt werden kann, und der den Uebergang des Fluſſes vertheidigt. Kann man es ſich mit einiger Vernunft anders denken, als daß Frankreich vor allen Dingen daran gelegen ſein müßte, Genf mächtig, bevölkert, blühend und be⸗ triebſam zu erhalten? Aber die Politik der franzöſiſchen Regierung hat dieſe Vernunft nicht bei ſich auftreiben können, denn ſie vermag nicht zu begreifen, daß ein Staat wie Genf, der nicht durch den Ackerbau, ſondern nur durch die Blüthe ſeiner Induſtrie groß und ge⸗ waltig ſein kann, zur Entwickelung dieſer Blüthe durchaus der politiſchen Freiheit und freier Inſtitu⸗ tionen bedarf! Und welche Thorheit, daß Frankreich uns gerade ſeinem natürlichen Nebenbuhler England überlaſſen will, um ſich durch uns mit ganz neuen Kräften der Induſtrie zu bereichern! Wie hoch oder gering auch die Abſichten der engliſchen Regierung mit uns anzuſchlagen ſein mögen, wir ſind ihr doch bereits großen Dank ſchuldig geworden und namentlich haben wir auch die Geſinnung William Pitt's gegen uns anerkennen müſſen, der, ſeitdem er ins Miniſterium getreten, die gaſtlichen Rückſichten für die Genfer Füchtlinge nur ſich verdoppeln ließ. Es wird daher die Pflicht Genf's ſein, ſich, wie es auch kommen möge, zur Verfügung Englands zu halten. Haltet es meinetwegen mit England, aber vertrauet ihm nicht! rief Mirabeau heftig. Wenn England re⸗ volutionnaire Flüchtlinge an ſeinem Heerd aufnimmt, ſo geſchieht es nur in der Abſicht, einſt mit denſelben irgend eine politiſche Demonſtration machen zu kön⸗ nen. Ihr Genfer ſeid jetzt die Geißel, mit der Eng⸗ land Frankreich ſchlagen will, und das iſt gut. Um Euch ſelbſt wird es ſich erſt handeln, wenn Frankreich im Bunde mit Euch frei wird. Dann werden wir zum Gegengeſchenk dafür, daß Genf uns unſern Jean Jacques Rouſſeau geboren hat, Euch eine Freiheit begründen und ſichern, durch welche Genf als der ſchönſte und reichſte Stern der Demokratie in Europa aufflammen wird. Ihr Genfer ſeid ideale Menſchen, und an das Ideale muß man wieder anknüpfen, wenn man ſich aus der Verlorenheit retten will, in der die heutige Epoche ſchmachtet. Jean Jacques Rouſſeau, der Bürger von Genf, hat uns durch ſein unſterbliches Buch über den Contrat social zuerſt die diamantenen Pforten des idealen Staats, der unſere wahre Heimath iſt, eröffnet. Dies iſt auch das Verdienſt Necker's, des zweiten Genfers, der nach Frankreich gekommen, um der todtkranken Monarchie die Lebenskeime neuer Ideen einzuimpfen. Mag Necker ſich in ſeiner Finanz⸗ verwaltung vergriffen haben, wie er will, und ich gehöre ſonſt nicht gerade zu ſeinen perſönlichen Be⸗ wunderern, ſo hat er doch ſchon für ein ideales Frank⸗ reich gearbeitet, das neu in's Leben gerufen werden ſoll, und dies war das Genferiſche an ihm, daß er auch als Finanzminiſter neuer Ideen zu bedürfen glaubte, um daraus neues Geld zu machen. Ja, Clavière, ich will auch ein Genfer ſein. Iſt in Genf nicht das erſte Wort von der Souverainetät des Volkes und von den Menſchenrechten erklungen?*) Und ſeht her, welchen Tribut ich noch meiner idealen Vaterſtadt ) Soulavie Mémoires historiques et politiques V. 249. 282. In den Briefen der Genfer Demokraten Duroveray und d'Yer⸗ nois(um 1783) werden zuerſt„les droits de[hoimmes citirt. — Genf darbringen werde. Ich habe angefangen, eine Geſchichte von Genf zu ſchreiben. Mirabeau nahm bei dieſen Worten ein ſchon ziem⸗ lich umfänglich gewordenes Heft von ſeinem Schreib⸗ tiſch, und reichte es ſeinem Freunde dar, der einen überraſchten Blick auf dieſe Blätter warf.— In dieſem Augenblick ließ ſich draußen von der Treppe her ein auffallendes Geränſch vernehmen, und Mirabeau, der ungemein leiſe hörte, glaubte die Stimme Henriettens zu erkennen, die ſtöhnend und mit einem ſchmerzlichen Klang an ſein Ohr traf. Mit dem hef⸗ tigſten Ungeſtüm ſtürzte er zur Thür und öffnete die⸗ ſelbe eben, als Henriette, von dem Secretair Hardy mehr getragen als geleitet, in das Zimmer hereinge⸗ führt werden ſollte. Mirabeau faßte ſie entſetzt in ſeine Arme und trug ſie, in ein lautes Wehklagen über ihren Anblick aus⸗ brechend, auf das Sopha, auf dem er die halb Ohn⸗ mächtige niederließ. Seine Nähe fühlend, ſchlug ſie jedoch in demſelben Moment die Augen auf, und bei ſeinem Anblick trat ſogleich wieder ein Anhauch von Röthe auf ihre Wangen, die mit einer todtenähnlichen Bläſſe bedeckt geweſen. Sie betrachtete ihn mit einem ſanften Lächeln, und verſicherte ihn, daß er um ihret⸗ willen ſich nicht zu beunruhigen habe. Ihre Kräfte ſchienen aber noch nicht ſo weit wiederhergeſtellt, um ſie erzählen zu laſſen, was ihr begegnet war. Von Hardy hatte Mirabeau nur ſoviel erfahren können, daß derſelbe, auf einem Geſchäftsgang durch die Stadt ſich befindend, und ſeinen Weg durch die Straße des Chriſt⸗Hospitals nehmend, in einem vor demſelben ſtattfindenden Auflauf von Menſchen auch Frau von Nehra geſehen, und zwar in demſelben Au⸗ genblick, wo ſie ohnmächtig zuſammengeſunken und auf das Straßenpflaſter niedergeſtürzt ſei. Mit Hülfe einiger Umſtehenden, habe er ſie ſofort in einen Wagen gebracht, der glücklicher Weiſe in der Nachbarſchaft bereit geſtanden. Unterwegs ſei ſie alsbald in eine tiefe Ohnmacht verfallen, und ſei erſt, als er ſie die Treppe hinaufgeführt, unter lauten Klagen über ein Schmerzgefühl an ihrem Kopf wieder zum Bewußtſein gekommen. Mirabean unterſuchte ſie ſofort, um zu ſehen, ob ſie vielleicht durch den Fall eine Wunde am Kopf er⸗ halten. Clavière erbot ſich einen Arzt herbeizurufen, und entfernte ſich ſogleich. Henriette erklärte, daß ſie ſich gänzlich unverletzt befinde und in dieſem Augenblick bereits alle Anwan⸗ delungen, von denen ſie betroffen worden, vollſtändig überwunden fühle. Und was war Dir begegnet, mein einziger Schatz? fragte Mirabeau, indem er noch vor ihr kniete und ihr mit leidenſchaftlicher Beſorgniß die Hände küßte. Ich hatte mich meines Auftrages bei Sir Gilbert Elliot ſehr gut entledigt, begann Henriette zu erzählen. Elliot gab mir auf der Stelle die hundert Guineen, die er Dir mit ſeinen beſten Grüßen ſendet. Zwar geſtattete er ſich wieder einige ſeiner allzugroßen Freund⸗ lichkeiten gegen mich, die mich faſt veranlaßt hätten, ihm das Geld zurückzugeben, wenn ich nicht des Zweckes eingedenk geweſen wäre, zu dem wir daſſelbe beſtimmt haben. So ſteckte ich die Börſe, in der er mir die Goldſtücke eingehändigt, in meinen Buſen. Wie mich eine glückliche Führung durch den Nebel hingeleitet, ſo ſchien ſie mich auch wieder zurückbringen zu wol⸗ len, bis ich in die Nähe des Chriſt⸗Hospitals gelangt war, wo ich mich plötzlich, ehe ich es noch in der Umfluthung des Nebels bemerkt hatte, mitten in einem dicht zuſammengedrängten Knäuel von Menſchen befand. Ihre Geſichter waren unheimlich verzerrt, ihre Aus⸗ rufungen deuteten auf lauter entſetzliche und ſchreckliche Dinge. Man erzählte von einer Frau, die auf der Straße umgefallen ſei und alle Symptome einer Peſt⸗ kranken an ſich getragen hatte. Die Frau war in das Hospital geſchafft worden, und die Menge hatte ſich vor demſelben zuſammengerottet, indem ſie mit unruhigem Toben Sicherheitsmaßregeln verlangte. Man ſprach davon, daß das Hospital durch Truppen beſetzt und abgeſperrt werden müſſe, man forderte, daß der Saal, in welchem ſich die Peſtkranke befand, zugemauert würde. Da verbreitete ſich plötzlich durch Neuherzuge⸗ kommene das Gerücht, daß in einem andern Stadt⸗ theil Londons bereits drei ähnliche Erkrankungen vor⸗ gekommen und daß das Gerücht, die Peſt ſei in Lon⸗ don, dadurch unumſtößlich bewahrheitet werde.*) Ein allgemeines Heulen erhob ſich jetzt in der Volksmaſſe, man ſchrie und tobte laut und ſtieß Verwünſchungen und Flüche aller Art aus. Ich hatte nie ſo etwas Schreckliches gehört und geſehen, eine unbeſchreibliche Angſt bemächtigte ſich meiner, wie aufgeſtiegene wilde Geſpenſter kamen mir die vom Nebel unfloſſenen, in den abenteuerlichſten Geſtalten erſcheinenden Menſchen vor. Meine Sinne begannen mir zu ſchwinden, ich fühlte, daß ich umſinken mußte, und als Hardy mich vom Boden aufhob, hörte ich, wie man rings um mich her ſchrie: ein neues Opfer der Peſt! Auch ſie hat die Peſt! Und ſchon als ich im Wagen ſaß, wo ich noch ſo viel Beſinnung hatte, die Börſe an Hardy zur Aufbewahrung zu übergeben, glaubte ich beſtändig hinter mir her ſchreien zu hören: Laßt ſie nicht fort, ſie hat die Peſt!— Henriette ſchien von dieſer Erzählung und von der *) Nach der ungedruckten Correſpondenz Mirabeau's mit Frau von Nehra. Vergl. Montigny Mémoires de Mirabeau IV. 151. ſchrecklichen Rückerinnerung von Neuem ſo erſchöpft, daß ſie mit dem Kopf wieder in das Sopha zurück⸗ ſank und einiger Momente zu ihrer Erholung bedurfte. Mirabeau trug ſeinem Seecretair auf, einige Riecheſſen⸗ zen herbeizuholen, und zugleich die Börſe mit den hundert Guineen abzulegen, welche ihm Frau von Nehra anvertraut habe. Hardy brachte das ihm Aufgetragene herbei, er⸗ klärte jedoch ganz lakoniſch, daß er von einer Börſe nichts wiſſe, da ihm Frau von Nehra eine ſolche kei⸗ neswegs übergeben habe. Mirabeau ſtutzte und ſchien im Augenblick nicht recht zu wiſſen, was er von der Sache zu denken habe. Henriette aber fuhr heftig auf und rief, indem der Zorn ihr plötzlich alle ihre Kräfte wiederzugeben ſchien: Wie? Ihr könnt es ableugnen, daß ich Euch die Börſe zur Aufbewahrung übergab? Mirabeau, ich habe ihn oft bei Dir zu vertheidigen geſucht, wenn Du ſchlimmen Verdacht gegen ſeine Redlichkeit hegteſt. Jetzt muß ich ihn auf das Härteſte anklagen, wenn er länger läugnet, die hundert Guineen von mir em⸗ pfangen zu haben. Hardy ſtieß ein lautes Hohngelächter aus, und betrachtete Frau von Nehra ſowohl wie Mirabeau mit einem herausfordernden Uebermuth, der ſich in ſeinen trotzigen Mienen auf die frechſte Weiſe aus⸗ drückte. Elender, rief Mirabeau, deſſen ganze Heftigkeit jetzt erregt zu werden begann, indem er ihn an der Bruſt packte und ſchüttelte. Du wagſt es, einem ſol⸗ chen Zeugniß gegenüber auch nur einen Augenblick noch im Läugnen fortzufahren, und Dich trotzig zu bezeigen? Knie in den Staub nieder, Du hündiſcher Geſell, und heule Dein Geſtändniß vor ihr her, wie Angeſichts eines Engels des Paradieſes die Verdamm⸗ Mirabeau. II. 3 ten heulen und ſich in ihrer Erbärmlichkeit umherwäl⸗ zen müſſen. Bekenne, wo haſt Du das Geld gelaſſen, oder vielmebr, gieb es ſogleich heraus! Denn hundert Guineen ſind für uns keine Kleinigkeit, mit der wir Verſteck ſpielen können. Ich verſichere, erwiederte der Secretair mit der widerlichſten Gebärde, ohne ſeine feſte Haltung zu verlieren, daß mir die Frau Gräfin nicht hundert Sous, vielweniger hundert Guineen zum Aufbewahren über⸗ geben hat. Ich wüßte auch nicht, wie ein ſolcher Segen hier in das Haus des Grafen Mirabeau kom⸗ men ſollte. Sie verlangen hundert Guineen von mir, Herr Graf, und ſind mir doch noch mein ganzes Ge⸗ halt für das laufende Jahr ſchuldig geblieben. Und iſt der Rock, den Sie da auf Ihrem Leibe tragen, und den ich Ihnen vor einigen Monaten aus meiner Gar⸗ derobe geliehen habe, weil Sie in Ihren eigenen zer⸗ riſſenen und verſchoſſenen Kleidern nicht mehr gehen konnten, und weil Sie kein Geld hatten, ſich einen neuen Anzug machen zu laſſen, iſt mein Rock mir etwa ſchon von Ihnen zugutgerechnet worden? Sie ſind mein Schuldner, Herr Graf, und ich, der ich Ihnen großmüthig borge, ſollte Ihnen, der Sie nichts, gar nichts, nicht einmal einen eigenen Rock beſitzen, hundert Guineen geſtohlen haben? Mirabeau befand ſich einen Augenblick in einer peinigenden Verlegenheit. Auf ſeinem Geſicht ſtand eine brennende Schamröthe, ein ſchmerzliches Zucken ſpielte um ſeine Lippen. Mit ſeinen Händen hatte er den Rock, von dem in ſo rückſichtsloſer Weiſe die Rede geweſen, krampfhaft zuſammengefaßt, und ſchien faſt vorzuziehen, ihn auf ſeinem Leibe in Stücke zu zerreißen, So werde ich Dich ohne Weiteres den Gerichten überliefern, fuhr er darauf mit einer donnernden Stimme los. Mit Spitzbuben Deiner Art macht man hier in England keine großen Umſtände, und den Strick haſt Du längſt an mir verdient. Wenn ſich die hun⸗ dert Guineen noch in Deinen Taſchen vorfinden ſollten, ſo werde ich mich damit begnügen, Dich ſchmählich fortzujagen. Haſt Du das Geld bereits bei Seite gebracht, ſo überliefere ich Dich dem Conſtabler, den ich von der Straße heraufholen laſſen werde. Da Hardy nur noch dringlicher betheuerte, daß er die Summe nicht habe, und von freien Stücken ſeine Taſchen umzukehren begann, ſchellte Mirabeau ſeinem Diener, der den Auftrag erhielt, einen Polizeimann herbeizuholen. Nach der Ankunft deſſelben wurde die unangenehme Angelegenheit ſchnell geordnet, da die Anzeige des Grafen Mirabeau gegen eine in ſeinem Dienſt befindliche Perſon vollkonimen genügte, um den eines Diebſtahls Angeſchuldigten ſofort in Haft zu nehmen. Nachdem Hardy abgeführt worden, wandte ſich Mirabeau mit erneuerter zärtlicher Fürſorge zu Frau von Nehra, die durch die neue Aufregung, welche der letzte Vorgang verurſacht, nur noch leidender geworden zu ſein ſchien. Der jetzt eintreffende Arzt, den Cla⸗ vière geſandt, erklärte jedoch, daß es keine Gefahr gebe, und daß Schonung und Ruhe den jungen ge⸗ ſunden Körper bald wieder vollkommen erkräftigt haben würden. Henriette mußte jedoch einwilligen, ſich zu Bett zu begeben. Sie ſchien nur darüber untröſtlich, daß für ihre Reiſe nach Paris die kaum gewonnenen Mittel nun wieder verloren ſeien, und ſie nicht wiſſe, wie das Geld erſetzt werden ſolle. Mirabeau eilte jetzt raſch und mit triumphirenden Schritten an ſeinen Schreibtiſch, und holte das Porte⸗ feuille mit den Banknoten herbei, welche er durch 3 3* — Clavidre empfangen. Er übergab ihr das Geld, und ſie zählte es mit erſtauntem Lächeln vor ſich auf ihrem Bett auf, indem er ihr dazu die Geſchichte dieſer neuen hundert Guineen erzählte. Jetzt bin ich wieder beruhigt, Mirabeau, ſagte ſie, frendig zu ihm aufblickend. Glaube mir, ich bin ſchon wieder geſund, und morgen kann ich reiſen, damit ich Dir die Stätte in Paris bereite, und Dich frei mache von den Feſſeln, die Dich bisher eingezwängt. Denn Mirabeau muß in Paris ſein, und ſeinen göttlichen Kräften dort das höchſte Ziel erobern! Für heut aber ſollſt Du ruhen und ſchlummern, rief Mirabeau, ſie küſſend. Du biſt mein liebes, herr⸗ liches Kind, und ſo zart und ſüß und gut, ſo reizend und ſo muthig zugleich, wie Du biſt, habe ich noch kein Weib geſehen. Deine Schönheit würde Dich zu den höchſten Stufen der Geſellſchaft hinaufheben, wenn Du es nicht vorgezogen hätteſt, an meiner Seite zu ſtehn, und mich im ranhen Kampf der Zeit und des Lebens mit Deiner Liebe und Deiner Hülfe zu begna⸗ digen! Schon deshalb müßte es einen Gott geben, damit er Dir das lohnen könnte. Nicht wahr, meine Henriette? Und nun, gute Nacht!—— I. Die Arkaden des Palais-Royal. Henriette hatte ſich nach ihrer Ankunft in Paris kaum ſo viel Zeit gegönnt, ihre Sachen in ein Hötel garni bringen zu laſſen und dort ein kleines Zimmer für ſich zu nehmen. Nachdem ſie in fliegender Eile, und nur mit den Gedanken an Mirabeau und ſeine Angelegenheiten beſchäftigt, ihre Reiſekleider verändert, begab ſie ſich, ohne ſich ein Ausruhen oder eine Er⸗ quickung zu gönnen, wieder auf die Straße hinaus, um zuerſt Chamfort aufzuſuchen und, wie ſie es mit Mirabeau verabredet hatte, den Beiſtand dieſes be⸗ währten Freundes in Anſpruch zu nehmen. Mit beflügelten Schritten legte Henriette den ziem⸗ lich entfernten Weg nach dem Hötel Vaudreuil in der Rue de Bourbon zurück. Nichts glich ihrem freudigen Muth, von dem ſie ſich getragen fühlte, und der ſie in den Stand geſetzt hätte, ganz allein und ohne jeden anderen Schutz, als die eigene Tapferkeit und Brav⸗ heit ihres Herzens ihr gewährte, in die größten Ge⸗ fahren ſich hineinzuſtürzen. Vor dem Hötel des Grafen von Vaudreuil ange⸗ langt, ſah ſich Henriette zum Erſtenmal auf dieſer Reiſe, auf der ihr bisher Alles geglückt war, in ihrer Erwartung gekreuzt. Der Portier des Hötels, der vor der Thür ſtand, wies ihre Nachfrage mit dem un⸗ freundlich ertheilten Beſcheid zurück, daß das Hötel in dem Beſitz einer andern Herrſchaft ſich befinde, an welche es der Graf von Vaudreuil unlängſt verkauft habe, und daß Herr Chamfort in eine kleine Wohnung in den Arkaden des Palais Royal gezogen ſei. Henriette drängte jedoch den augenblicklichen Seuf⸗ zer, den ihre Ermüdung ihr auspreßte, raſch wieder zurück, und entſchloß ſich, mit einem neuen fröhlichen Anlauf ihren Weg fortzuſetzen. Bald hatte ſie auch das Palais Royal erreicht, wo ſich in den neuerbauten Galerieen, mit welchen der Herzog von Chartres ſeit Kurzem den Garten ſeines Palais ringsumher hatte umgeben laſſen, die neue Wohnung des Freundes Chamfort befinden ſollte. Dieſe Arkaden, die vornehmlich der Gewinnſucht des Herzogs von Chartres ihre Entſtehung verdankten und von ihm zu Wohnungen, Läden, Vergnügungslo⸗ calen, Spielhäuſern, literariſchen Cabinets, und vielen anderen ſchlimmeren Zwecken vermiethet worden waren, hatten ſchon zu einem Prozeß gegen den habgierigen Prinzen Veranlaſſung gegeben. Die dem Garten des Palais Royal gegenüberliegenden Häuſer, welche ſonſt durch ihre freie Ausſicht auf den Garten und ihren Zugang zu demſelben einen weſentlichen Werth beſeſſen hatten, waren durch den Anbau der Arkaden ſo beein⸗ trächtigt worden, daß ihre Eigenthümer zuſammentraten und einen Prozeß gegen den Herzog von Chartres an⸗ ſtellten. Dieſer Prozeß, an dem ganz Frankreich Theil nahm, und an dem es ſeinen längſt begründeten Unwillen gegen den Prinzen zu lauten Ausbrüchen ſteigerte, war jedoch zu Gunſten des Letzteren entſchieden worden, und es konnte nun in dieſen neuen Gebänden, worauf ſie auch vorzugsweiſe berechnet waren, die eigentliche Central⸗ ſtelle aller Liederlichkeiten und Laſter von Paris un⸗ geſtört ſich entwickeln. Frau von Nehra mußte in dieſen weiten, von dichtgedrängten Spaziergängern aller Art gefüllten Ar⸗ kaden erſt lange auf⸗ und abgehn und die verſchiedenſten Nachfragen verſuchen, ehe ſie die Wohnung auffinden konnte. Endlich war es ihr gelungen, in einem Leſe⸗ cabinet, in dem Chamfort bekannt ſchien, ſich zurecht⸗ gewieſen zu ſehn, und nun erſt befiel ſie ein etwas ängſtliches Herzklopfen, als ſie die Treppe zu dem Entreſol emporſtieg, in welchem in der nach der Rue Richelien auslaufenden Galerie die Wohnung Cham⸗ forts lag. Das Herzklopfen Henriettens rührte von einer ge⸗ wiſſen Scheu her, die ſie bei jedem Zuſammentreffen mit Einem der Freunde Mirabeau's im erſten Angen⸗ blick empfand, und worin die Zeit noch immer keine Aenderung bewirkt hatte. Henriette, ſo frei und un⸗ — befangen ſie ſich auch ſonſt in der innerſten Unſchuld ihres Herzens fühlte, ſchien dann in ſolchen Momenten mit ſcharfem Bewußtſein den einzigen Fehltritt ihres Lebens zu empfinden, und ſie mußte erſt im Verlauf des Geſprächs erſehn, daß man ihr mit aufrichtiger Achtung begegnete, um ſich wieder ſicher und beruhigt zu fühlen. Dann aber konnte ſie mit einem Strom von Feuerworten über ihr eigenes Verhältniß zu Mi⸗ rabeau ſprechen, und ihrer Begeiſterung für den Ge⸗ genſtand ihrer Liebe offen und rückhaltlos Worte leihn. Schüchtern klopfte ſie jetzt an die Thür und war⸗ tete lauſchend das Herein ab, um erſt den Ton der ihr antwortenden Stimme zu prüfen. Chamfort öff⸗ nete aber ſelbſt die Thür, und ihr Auge fiel auf das milde, ruhige Geſicht des Freundes, deſſen feine, von einem leiſen Ausdruck der Melancholie überſchattete Züge ſich bei ihrem Anblick ſogleich mit einer blitzen⸗ den Heiterkeit und dem unverkennbarſten Wohlwollen bedeckten. Er führte ſie mit der herzlichſten Begrüßung in das Zimmer, und ſchien ſo überraſcht und ungewiß über ihre Ankunft, daß er, nachdem ſie im Lehnſeſſel ihm gegenüber Platz genommen, eine Zeitlang ſie ſchweigend betrachtete, obwohl mit dem liebenswürdigen und gutmüthigen Ausdruck ſeines Geſichts, der ſtets vertrauenerregend bei ihm wirkte. Henriette erkannte mit weiblichem Scharfblick ſo⸗ gleich, daß Chamfort zweifelhaft über die Fortdauer ihres Verhältniſſes zu Mirabeau ſchien, und ſich darum noch auf das Zurückhaltendſte mit ſeinen an ſie ge⸗ richteten Fragen bewegte. Dies hätte faſt auf ihre Lachluſt eingewirkt, wenn nicht zugleich der Ernſt der Aufträge, mit denen ſie nach Paris gekommen war, ſie dringlich gemahnt hätte. Sie eilte daher, Cham⸗ fort mit dem eigentlichen Zweck ihrer Sendung nach Paris bekannt zu machen, und ihm auseinanderzuſetzen, worauf es jetzt ankomme, um ihrem Freunde eine ehrenvolle und ſichere Rückkehr in ſeine Pariſer Ver⸗ hältniſſe zu verſchaffen. In einem Fluß von begeiſterten Worten ſchilderte Henriette den Plan, den ſie dabei zu verfolgen gedachte, und der zuerſt darauf berechnet war, daß ſie eine von ihr mitgebrachte Denkſchrift, die Mirabeau über ſein bisheriges Leben und den Stand ſeiner Angelegenheiten entworfen, perſönlich in die Hände des Miniſters des königlichen Hauſes, des Barons von Breteuil, bringen ſolle. Dann fügte ſie hinzu, daß Mirabeau ſie beauf⸗ tragt habe, ſeinen vielbewährten Freund Chamfort wegen Erlangung einer Audienz bei dem Miniſter um Rath zu fragen und ihn um ſeinen Beiſtand zu bitten, den er vielleicht bei ſeiner freundſchaftlichen Verbindung mit dem Grafen von Vaudreuil auf das Wirkſamſte zu gewähren vermöchte. Chamfort ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann: Es verſteht ſich, daß ich Sie zu einer Andienz bei dem Baron von Breteuil führen werde, und wir wollen deshalb morgen Vormittag die Reiſe nach Verſailles miteinander antreten, wenn es Ihnen gefällig iſt. Aber mit meinem guten Grafen von Vaudreuil werde ich aus verſchiedenen Gründen nicht dienen können. Mein gräflicher Freund iſt ja ſelbſt ſeitdem in Ungnade ge⸗ fallen. Die Aufführung der Hochzeit des Figaro in ſeinem Hötel hat ihm böſes Blut bei Hofe gemacht, und man hat es ihm in die Schuhe geſchohen, daß dieſe ſociale Höllen⸗Komödie, die er nach der Auffüh⸗ rung bei ſich als gänzlich unſchuldig und gereinigt ſchilderte, doch alles Gift in ſich behalten hatte und damit auch zur öffentlichen Darſtellung zugelaſſen wurde. Er hat darum auch die von ihm ſo ſehnlich erſtrebte Stelle als Gonverneur des Dauphins nicht erhalten, und dies hat ihn, obwohl er gar nicht nöthig hätte, ſich um ſolche Erbärmlichkeiten zu kümmern, in eine nicht geringe Verzweiflung geſetzt. Deshalb verkaufte er auch ſein ſchönes Hötel in der Rue de Bourbon, weil ihn der Anblick ſeiner Prachtſäle täglich an jene fatale Aufführung des Figaro erinnerte, und dies wurde zugleich Urſache, daß ich mir ein anderes Quar⸗ tier ſuchte. Denn der Graf hat ſich zwar ein viel glanzvolleres und großartigeres Hötel wiedergekauft, und mir auch mit ſeiner großen Liebenswürdigkeit eine neue Wohnung in demſelben angeboten, aber ich nahm doch die Gelegenheit wahr, mich wieder auf meine eigenen Füße zu ſtellen, und ihm unſere Trennung als eine nothwendige für die beſſere Fortdauer unſerer Freundſchaft zu ſchildern. So ſchieden wir, und fah⸗ ren fort uns wahrhaft zu lieben.*) Und dies iſt der Grund, weshalb Sie mich hier in den neuen Arkaden des Palais Royal finden, wo ich meine philoſophiſche Klauſe aufgeſchlagen habe. Henriette blickte bei dieſen Worten zuerſt in dem kleinen Zimmer umber, in dem ſie ſich befand, und bemerkte, daß Chamfort die Eigenthümlichkeit deſſelben richtig bezeichnet hatte. Die Einrichtung des Zimmers und eines anſtoßenden Cabinets war ſo einfach, als es nur die Berückſichtigung der nothwendigſten Be⸗ dürfniſſe geſtatten mochte. Vor einem alten, ziemlich baufälligen Kanavee ſtand ein kleiner Tiſch, der zu⸗ gleich zum Schreiben und zur Aufbewahrung einiger Bücher diente. Ungeachtet des Dämmerlichts, das die faſt ganz zugezogenen Vorhänge der niedrigen Fenſter nur hereinließen, glaubte Henriette doch ein gänzlich ausgetrocknetes Tintenfaß auf dem Schreibtiſch zu er⸗ *) Notice sur la Vie de Chamfort(Oeuvres de Cham- fort. I. XLIII).“ — kennen, und ſie mußte dabei lächelnd an den beſtän⸗ digen Jammer Mirabeau's über die Seltenheit eines Briefes von Chamfort und überhaupt an die Klagen denken, daß einer der ausgezeichnetſten Geiſter ſtets ſo wenig Gefallen an der Arbeit gefunden habe. Da⸗ gegen lagen eine Menge kleiner zerſtreuter Blätter auf dem Tiſch umher, die mit der Bleifeder beſchrieben waren, und auf denen Chamfort ſeine berühmten Ein⸗ fälle und Reflexionen zu verzeichnen pflegte, mit denen er oft in wunderbarer Kürze und Schlagkraft die ſchneidendſten Wahrheiten ſagte. Während dieſe Wohnung in ſich ſelbſt ganz abge⸗ ſchieden und in der That einem philoſophiſchen Ein⸗ ſiedler anzugehören ſchien, drang zugleich im Gegen⸗ ſatz zu dieſem Frieden des einſamen Denkers von der Galerie des Palais Royal herauf der ganze Lärm des chaotiſchen Freudengetümmels, das an dieſem Ort herrſchte, ein. Man vernahm die ſcharrenden Fuß⸗ tritte, das fröhliche und witzelnde Geſchwätz der Spazierengehenden, das Klappern der Dominoſteine in den unten gelegenen Cafs's, das ſchwere und regel⸗ mäßige Klingen des Geldes in den Spielſälen, die ſchreienden Stimmen der Ausrufer, welche die Sehens⸗ würdigkeiten und Vergnügungen der benachbarten Lo⸗ cale verkündeten. Oder die rauſchenden Gewänder der galanten Abenteurerinnen, die damals ſchon ſchaa⸗ renweiſe in den Arkaden dieſes Palais umherzogen, ſchlugen an das Ohr, und man hörte plötzlich einzelne ihrer zweidentigen Ausrufungen, oder ein ſchallendes Gelächter, durch das eine ganze Situation ſich zu charakteriſiren ſchien. Chamfort bemerkte, daß Henriette mit ihrem Ohr unwillkürlich dieſen ſich magiſch durcheinander wirren⸗ den Klängen nachhing, die von unten heraufdrangen — 3— und eine träumeriſche Sphäre um das Zimmer zu weben ſchienen. Ja, ſagte er, iſt es nicht ſehr drollig, daß der Zufall gerade mich hierher in die eigentliche Höhle des Drachen von Paris geführt hat? Aber ich befinde mich wohl hier, und je toller dieſer wilde und viel⸗ geſtaltige Lärm an mein Ohr dringt, deſto mehr be⸗ ſchleichen mich dabei meine Gedanken an die Zukunft Frankreichs. Auch ſchlägt, wenn ich hier an meinem Fenſter ſtehe, von unten manches Wort zu mir her⸗ auf, das mich wunderbar berührt und mir ſchon Pro⸗ ben davon giebt, wie eine ganz neue Stimmung unter dieſen Menſchen von Paris mächtig heranwächſt. Ganze Geſpräche belauſche ich in dem offen ſtehenden Cafsé, welches hier unter mir liegt, und da will es mir ſo vorkommen, als wenn manche Leute hier ſchon regel⸗ mäßig zu einer beſtimmten Stunde zuſammenträfen, um ihre Anſichten und namentlich ihre Beurtheilungen des Hofes und der Herren Miniſter auszutauſchen. Manches geſunde Wort vernehme ich dann hier von meiner philoſophiſchen Warte aus, und ich ſehe den Zeitpunkt nicht mehr fern, wo ich und meine Freunde, die wir bisher an unſerer Reflexion faſt erſtickten, als Praktiker in die Straße hinabſteigen und die Freiheit von jedem Laternenpfahl predigen werden! Und dies Alles werden wir dann dem allerliebſten Herzog von Chartres verdanken, der in dieſen Arkaden, welche er aus einer Geldſpeculation aufführen ließ, die ganze gährende Fäulniß von Paris zuſammengelockt und da⸗ durch die Einſicht in alle unſere Zuſtände weſentlich gereift hat. Man mißt dem edlen Prinzen die plan⸗ mäßige Abſicht bei, hier in dieſen Gebänden den Brenn⸗ punkt aller Proſtitution und Infamie von Paris zu gründen, und für Alles, was es Unreines und Laſter⸗ haftes in der Hauptſtadt giebt, hier eine glänzende — Markthalle zu errichten.*à) Während er in ſeinem Palais drüben ein geheimnißvolles Märchen⸗Reich der Orgien aufgeſchlagen, in dem er als Herr und Creatur zugleich hauſt, will er hier in der äußeren Peripherie ſeines Reichs einen offenen Tummelplatz aller Gemein⸗ heit walten laſſen. Seine berüchtigten Freundinnen, Mademoiſelle Duthé und Mademoiſelle Michelot, ſind die eigentlichen Heldinnen des Palais Royal gewor⸗ den, und man ſagt dem das Geld höher als alle Ehre ſchätzenden Prinzen nach, daß er von dem freien Erwerb dieſer Damen ſeine beſtimmten Abgaben von ihnen bezieht.— Chamfort war im Begriff, ſich in dem Erguß ſei⸗ ner ſatiriſchen Laune, in dem er dann leicht Alles um ſich her vergaß, noch weiter gehen zu laſſen, aber er bemerkte in dieſem Augenblick, daß Frau von Nehra mit allen Anzeichen einer tiefen Erſchöpfung ſich in den Lehnſtuhl zurücklegte und auf Stirn und Wangen die tiefe Bläſſe einer aufſteigenden Ohnmacht trug. Er eilte raſch zu ihr hin, um ihr Beiſtand zu leiſten, aber ſie hatte die Angen ſchon wieder aufge⸗ ſchlagen, die ihn mit matten Blicken anlächelten. Nach⸗ dem er die Vorhänge zurückgezogen und die Fenſter geöffnet, um einen friſchen Luftzug hereinzulaſſen, be⸗ gab er ſich wieder zu ihr, und ſuchte, ſie lange an⸗ blickend, ihren Zuſtand und die Hülfe, die er ihr ge⸗ währen könnte, zu erforſchen. Armes Kind, ſagte er dann zu ihr mit dem Ton der innigſten Theilnahme, ich verſtehe jetzt, warum Sie leidend und ermattet ſind. Was ich Ihnen nun anbieten muß, wird Ihnen lächerlich vorkommen, aber zugleich iſt es das Nothwendigſte, das geſchehen muß. ²) Soulavie Mémoires historiques et politiques II. 108. Nicht wahr, Sie haben vielleicht ſeit vierundzwanzig Stunden ſo gut wie nichts gegeſſen? Henriette nickte ihm lächelnd zu, und ein tiefes Erröthen trat wieder einen flüchtigen Augenblick auf die bleichen Wangen zurück. Ja, ſo iſt es, fuhr Chamfort fort. Ich weiß es ja, Sie gehören zu den edlen Seelen, die ſich in dem heiligen Drang für Andere zu Tode hungern könnten, und ſich nicht eher Raſt noch Ruhe gönnen, bis die Bemühungen ihrer Liebe ihr Ziel gefunden. Aber der menſchliche Organismus iſt nicht auf dies Herven⸗ thum des Herzens berechnet. Es giebt Lücken in die⸗ ſem Organismus, die man durch Speiſe und Trank ausfüllen muß, und wozu wohne ich in den Arkaden des Palais Royal, als um hier meine Dienſte anzu⸗ bieten? Oh, laſſen Sie mich nur machen. Ich habe hier eine Maſchinerie, wie ſie in einem Märchen nicht beſſer gedacht werden kann. Zwei ſtarke Züge mit dieſer Klingel, welche in die Küche des unten liegenden Café hinabreicht, und das Wunder des Tiſchchen decke Dich vollbringt ſich in dieſem Zimmer auf das Zu⸗ friedenſtellendſte. Ein munterer Garcon ſtürzt herauf, ſetzt Alles in Bereitſchaft, und mein kleines Diner wird ebenſo geſchwind als genügſam eingenommen. Heut werden nun noch die Grazien demſelben bei⸗ wohnen, wenn Frau von Nehra meine Einladung an⸗ nimmt, und zu einem ſolchen Feſt muß allerdings noch eine etwas würdigere Vorbereitung ſtattfinden. Erlanben Sie mir, mich auf zwei Minuten zu ent⸗ fernen? Henriette bat ihn dringend, ſich keine Bemühungen mit ihr zu machen, indem ſie hinzufügte, daß ſie ſich bereits wieder ganz wohl fühle, und in ihr Hötel zum Diner zurückkehren werde. Aber Chamfort, ihre Ein⸗ wendungen mit einer liebenswürdigen Gebärde zurück⸗ —— weiſend, war ſchon fortgeeilt, und kehrte bald darauf in Begleitung des Garcon wieder, der eine kleine Tafel, die in der Mitte des Zimmers ſtand, ſofort für das Diner einzurichten begann. Chamfort nahm einen Roſenſtock, der vor ſeinem Fenſter blühte, herunter und ſetzte ihn auf die Tafel, um derſelben bei ihrem Mangel an aller ſonſtigen Zierde einen blühenden Schmuck zu verleihen. Dann ſchnitt er eine der ſchönſten Roſen herunter und legte ſie auf das Cou⸗ vert, welches für Frau von Nehra beſtimmt war, und zu dem er ſie jetzt mit der ihm eigenen Courtoiſie hingeleitete. Eigentlich müßte ein Lorbeerzweig für Sie hinge⸗ legt werden, ſagte er dann, indem ſie einander gegen⸗ über Platz nahmen. Sie verdienen den Lorbeer der großen Seelen, der noch weit höheren Werth hat, als der Lorbeer des Genins. Sie ſind allein in all Ihrer Jugend und Schönheit über das weite Meer hinaus⸗ gepilgert, um hier in dem Abgrund von Paris für den geliebten Freund zu wirken, und dieſe Tapferkeit der Liebe, verdient ſie nicht mehr als alles Andere den Kranz? Aber die Lorbeeren haben ſich im Haus⸗ halt Chamforts nie recht halten wollen, und ich habe in der That kein einziges Blatt mehr vorräthig. Meine Dichter⸗Lorbeeren ſind bereits gewelkt, ſie haben die politiſche Galle, die bei mir alle Tage darauf träufelt, nicht vertragen können.— Das Diner wurde jetzt aufgetragen, und der Philoſoph begann in der liebenswürdigſten Weiſe den Wirth zu machen, indem er mit ſo viel feiner Anmuth ſeinen Gaſt bediente und ermunterte, daß Frau von Nehra ſich bald ganz behaglich und ſicher fühlte. Ihr Wohlbefinden und ihre natürliche Heiterkeit kehrten raſch zurück, und die ächt freundſchaftliche Zuneigung, die zwiſchen Beiden von dem Angenblick an geherrſcht, wo ihr Mira Chamfort vorgeſtellt hatte, drückte ſich erzlichſten und zutraulichſten Worten aus. Di aſt rührende Gutmüthigkeit, die in Chamfor ungeachtet aller beißenden Schärfe ſeiner Aeußerungen ſiets hervorſtechend war, konnte im Verkehr mit ihm leicht etwas Hinreißendes haben. Es trat dies in dieſem Augenblick um ſo mehr hervor, da Chamfort ſeine freundlichen Bemühungen um Henriette zugleich mit großem Takt abmaß, und dieſelben in dieſer Situation ſogar ehrerbietiger hielt, als es ſonſt Damen gegenüber gerade in ſeiner Ge⸗ wohnheit lag. Mit Vergnügen bemerkte er, daß namentlich die Aufmunterungen, welche er an Franu von Nehra rich⸗ tete, ſich die Stärkung ihrer Kräfte bei dem kleinen Diner angelegen ſein zu laſſen, mit Erfolg gekrönt waren. Auch die Weingläſer wurden zutraulich an⸗ einander geklungen, denn es galt, den entfernten Freund, der in London zurückgeblieben war, leben zu laſſen, eine von Chamfort mit großem Enthuſiasmus ausge⸗ brachte Geſundheit, der ſich Henriette natürlich nicht entziehen konnte. Aber wir dürfen unn auch nicht vergeſſen, was wir Mirabeau ſchuldig ſind, ſagte Henriette darauf, indem ſie ihre Augen ernſt und gewichtig zu Chamfort aufſchlug. Die Angelegenheit, in der er mich herge⸗ ſandt, duldet natürlich keinen Aufſchub. Und da es heut nichts mehr fruchten würde, nach Verſailles zu reiſen, ſo bin ich es zufrieden, daß dies bis morgen verſchoben werde. Aber welche Wege können wir dann wohl einſchlagen, und auf welchen Erfolg können wir rechnen? Sie ſehen, Chamfort, ich fange an dringlich zu werden und ungeſtüm zu mahnen. Ich habe noch keinen Augenblick aufgehört, daran zu denken, erwiederte Chamfort. Aber es ſcheint mir wichtiger, daß Frau von lang ruhig mit dieſen beſchäftige, und die Ergebniſſ ich ſchon bei Seite in meine edanken mit allen meinen Freunden und Gönnern am Hofe angeſtellt habe. Einer derſelben wird uns wohl den Dienſt leiſten, ein empfehlendes Wort an den Miniſter Bre⸗ tueil zu geben und eine Audienz bei demſelben zu ver⸗ ſchaffen. Aber ich geſtehe, daß mir die geeignete Per⸗ ſon noch nicht eingefallen iſt. Obwohl ich mit dieſen Leuten durch ein wunderliches Schickſal vielfach ver⸗ bunden und theilweiſe ſogar aufrichtig befreundet war, ſo habe ich es doch auch immer wieder regelmäßig mit ihnen verderben müſſen. Es iſt wahr, die An⸗ nehmlichkeiten ihrer liebenswürdigen Geſellſchaft habe ich ſehr oft empfunden, und doch konnte ich auch unter dieſen auserleſenen Reizen nie vergeſſen, daß ſie eigent⸗ lich die Leute ſind, denen die Verwilderung aller Dinge in Frankreich zuzuſchreiben iſt, und die durch ihre un⸗ ſäglichen Thorheiten und Verſchwendungen den Sturz des Despotismus und ihren eigenen Ruin herbeiführen werden. Ich trieb die Offenherzigkeit ſo weit, ihnen meine Rathſchläge zu geben, die natürlich nicht befolgt wurden, aber ſeitdem ich ihnen einmal, freilich mit einer entſetzlichen Naivetät meinerſeits, ihren bald be⸗ vorſtehenden Untergang vorausſagte, ſchien ihr Ver⸗ trauen zu mir gänzlich erſchüttert, und das Höchſte, das ich dann noch durch allen Aufwand meines Geiſtes von ihnen erlangen konnte, war doch nur, daß ſie mich nicht haßten. Dies iſt auch mit Einem Wort die Geſchichte meines ſonſt ſo intereſſanten Verkehrs im Hötel Vaudreuil geweſen. Ach, rief Henriette ſeufzend, wie ſteht es dann mit unſeren Hoffnungen, die wir auf Ench geſetzt haben. Mirabeau rechnete auf Euren Einfluß bei der Hof⸗ ung, wie er immer ſagt, e gemerkt, wie Ihr nur die ß an ihr machtet! Dieſe Ariſtokraten ſind in ihrer Art viel zu wohl erzogen, um ſich irgend etwas merken zu laſſen, er⸗ wiederte Chamfort lachend. Sie ſind im Stande, mit ihrem Todfeinde eine zierliche Menuett zu tanzen, ohne auch nur ein einziges Mal aus dem Takt zu kommen. Sie verſuchen, mit ihrem Gegner ſo lange zu ſpielen und zu tändeln, als es nur irgend gehen will, um ihn wo möglich und ſich ſelbſt zu überreden, daß er doch am Ende zu den Ihrigen gehört, und anch einſt zu ihren Schleppträgern gut genug ſein könnte. So ſpielte die vornehme Welt lange mit dem gefährlichen Buche des Helvétius über den Geiſt, das auf den Poilettentiſchen aller ariſtokratiſchen Damen lag, und man wollte die Schlange der Erkenntniß nicht be⸗ merken, die hinter dem grünen Laub der Helvétius'⸗ ſchen Schreibart ſich ringelte. Und wer machte ſich zum eigentlichen Colporteur der wahrhaft tenfeliſchen und wahrhaft demokratiſchen Witze unſeres Voltaire? Waren es nicht die Fürſten und Großen in Europa, die ihn zuerſt verherrlichten und berühmt machten? Der Tod des unvergeßlichen Diderot im vorigen Jahre wurde gerade in der ariſtokratiſchen Geſellſchaft von Paris am meiſten beklagt und mit einer aufrichtigen Todtenfeier begangen.*) Zuletzt ſah ich ihn im Hötel Vaudreuil als Zuſchauer der Hochzeit des Figaro, an demſelben verhängnißvollen Ahend, wo Frau von Nehra mitten durch die Komödie hindurch vom Grafen Mi⸗ rabeau aus demſelben Hötel des Herrn von Vaudreuil entführt wurde. Oh, das Hötel eines Grafen iſt heut zu allen Dingen gut. Durch die Ariſtokraten müſſen *) Diderot ſtarb am 31. Juli 1784. Mirabeau. I. wir uns ja in die Epoche de bugſiren, ſonſt geſchieht es nimmermeh Volk vernichten helfen, um d zu heben, ſo muß er, welcher der eigentlich vocatus diaboli der Geſellſchaft iſt, nun auch das Volk zuerſt heraus⸗ ziehen aus den ſpaniſchen Stiefeln der Monarchie, um den Thron in die Luft zu ſprengen.— Das Diner war beendigt, und Chamfort, der zu⸗ letzt, wie es ihm öfter geſchah, in ein ſinnendes Schwei⸗ gen verſunken geweſen, ſprang jetzt plötzlich von ſeinem Stuhl auf, und rief mit fröhlich lachendem Munde: Bin ich denn nicht wirklich ein Narr? Ich habe ja ganz und gar vergeſſen, daß ich ſeit zwei Tagen zu einer Art von Vorleſer oder Sekretair bei der Prin⸗ ziſſin Eliſabeth ernannt worden bin! Dieſe junge, inter⸗ eſſante Prinzeſſin hat eine förmliche Neigung zu mei⸗ nen geringen Poeſieen gefaßt und mich darum zu dieſer Ehrenſtelle bei ihrem Hofſtaat befördert, mit dem ſich hoffentlich nur ſelten Geſchäfte verbinden werden. Doch hat mir die liebenswürdige Prinzeſſin, die ich wahrhaft verehre, aufgetragen, ihr einen Com⸗ mentar über die Fabeln des La Fontaine zu ſchreiben, womit ich bereits den Anfang gemacht habe.*) Ich werde heut noch zu ihr gehen und mich bei der Prin⸗ zeſſin melden laſſen, um ihr meine Einleitung vorzu⸗ leſen, in der ich etwas beſonders Feines zu leiſten verſucht habe. Die Prinzeſſin iſt heut in der Stadt, in ihrem Hauſe, welches der König, ihr Bruder, in *) Der Commentar Chamforts über La Fontaine, eine ſeiner glänzendſten und feinſinnigſten Arbeiten, befand ſich in einem eingebundenen Manuſcripte in der Bibliothek der Prinzeſſin eiabeth⸗ und ging in den Revolutionsſtürmen, welche dieſe unglückliche Prinzeſſin ereilten, verloren. Doch iſt wohl nicht zu zweifeln, daß es noch irgendwo vorhanden ſein möchte. Vgl. Biographie universelle: Chamfort. — der Avenue von Paris vor Kurzem für ſie gekauft hat, und in dem ſie bis zu ihrem fünfundzwanzigſten Jahre reſidiren ſoll. Mein Gott, das ſind noch fünf Jahre, denn die Prirzeſſin iſt erſt zwanzig Jahre alt, und wer kann wiſſen, ob in Paris in fünf Jahren noch irgend ein Haus auf demſelben Flecke ſteht? Aber die Prinzeſſin werde ich bitten, bei dem König, der ſie ungemein liebt, ein gutes Wort für Mirabeau einzulegen, damit der alte Bann gelöſt werde, der noch immer drohend über dem Haupte unſeres Freun⸗ des ſchwebte. Und der erſte Kammerherr der Prin⸗ zeſſin Eliſabeth iſt zugleich der Schwager des Miniſters von Breteuil. Ich werde mir einige Zeilen von ihm geben laſſen, durch die Sie morgen in Verſailles ſo⸗ gleich Zulaſſung bei dem Miniſter finden werden. Das wird gehen, und ich hoffe das Beſte. Henriette drückte ihm auf das Lebhafteſte die Hand, und ihre ſchönen Angen leuchteten ihm mit dem in⸗ nigſten Dankgefühl entgegen. Es wurde nun die Stunde näher verabredet, in der Chamfort ſie morgen aus ihrem Hötel abholen wollte, um ſie auf der dann mit der Poſt anzutretenden Reiſe nach Verſailles zu geleiten. Henriette verabſchiedete ſich jetzt, um den Rückweg anzutreten, während Chamfort ſich beeilen wollte, noch zur rechten Zeit in dem Palais der Madame Eliſabeth ſich melden zu laſſen.— III. Die Diamanten der Königin. Chamfort hatte am andern Morgen Frau von Nehra zur beſtimmten Stunde abgeholt, um mit ihr 4* — 52 die Poſt⸗Chaiſe zu beſteigen, welche von Paris nach Verſailles fuhr. Chamfort war in der fröhlichſten Laune, und ſowohl die Zuſicherung, die er von der Prin⸗ zeſſin Eliſabeth empfangen, als auch der Empfehlungs⸗ brief, welchen er für Frau von Nehra an den Miniſter des Königlichen Hauſes Herrn von Breteuil ausgewirkt, ſchienen ihm das beſte Gelingen in Ausſicht zu ſtellen. Die vier Lieues wurden ziemlich raſch zurückgelegt, und die Reiſenden, nachdem ſie den Poſtwagen ver⸗ laſſen, ſtanden beiſammen auf dem großen Place d'Ar⸗ mes, der ſich vor dem, jetzt in ſeiner ungeheuren Aus⸗ dehnung vor ihnen liegenden Schloſſe der Könige von Frankreich ausbreitet. Henriette wurde bei dieſem An⸗ blick von einer zaghaften Aengſtlichkeit befallen, und bat Chamfort, an deſſen Arm ſie einherſchritt, noch einige Augenblicke zögern zu dürfen, ehe ſie dem Haupt⸗ portal ſich näherten und in das wunderbare Reich des Rieſenſchloſſes eintraten. Es vergeht Einem allerdings etwas die Luft, wenn man hier ſteht und dieſe gewaltige Königshöhle in ihrer merkwürdigen Perſpective vor ſich erblickt! ſagte Chamfort. Ja, meine liebe Reiſegefährtin, dies Ver⸗ ſailles iſt das achte Wunder der Welt, und bildet gegenwärtig, wie man ſagt, die Bewunderung des Univerſums, denn es wird für das größte und gewal⸗ tigſte Palais der ganzen Welt gehalten. Selbſt die großen orientaliſchen Despoten in Aſien ſollen es nie zu einem ſchöneren und gewaltigeren Quartier für ihre Herrlichkeit gebracht haben, und unſer Lonis XIVe, der dieſe Prachtſchöpfung zu dem gemacht, was ſie iſt, hat ſich auch darin als den Meiſter⸗Architekten des Despotismus erwieſen. Seine Nachfolger haben in dieſen Räumen ſeinem Princip Ehre zu machen ge⸗ ſucht, ſo gut ſie konnten, nur der jetzige Bewohner iſt etwas beſſer als ſeine Race, und das wird ihm viel⸗ leicht ſchlecht bekommen, denn die Geſchichte ſtraft die Sünden eines Geſchlechts immer am liebſten an Dem⸗ jenigen, der aus der Art ſchlagen möchte. Man kann dies Verſailles, wenn man es hier von dieſem Platz aus anſieht, für ein großes Spinnennetz oder auch für ein prächtiges Theater halten, und der Eindruck eines Schauſpielhanſes iſt eigentlich der entſcheidendſte. Schon in der Art, wie das Terrain ſich hebt, und wie die Höhe und Größe der Gebäude und die Breite der Höſe ſich in dem Maaße verringert, als ſie ſich von dem Eingange entfernen, liegt die theatraliſche Per⸗ ſpective ausgedrückt. Komödie iſt auch hier von jeher geſpielt worden mit Allem, was den Nationen heilig iſt. Und nun, theuerſte Freundin, dringen wir muthig vorwärts, und ziehen wir ein im ſtolzen Gefühl un⸗ ſerer Unſchuld in dieſe Pracht, die uns keinen Augen⸗ blick länger bange machen ſoll. Chamfort bot ſeiner Gefährtin von Neuem den Arm, und ſie gelangten nun durch das goldene Gitter, welches den äußeren Umkreis des Schloſſes abgrenzt, in den als Halbmond geſtalteten Vorhof, der ſich glacis⸗ förmig gegen das Schloß zu erhebt, und in deſſen vier Ecken ſie die vier großen Pavillons bemerkten, die von den Miniſtern und Staatsſecretairen eingenommen zu wer⸗ den pflegten. Von den Schweizern, welche in dieſem Hofe die Wache hatten, erfuhr Chamfort den Pavillon, in wel⸗ chem der Miniſter des königlichen Hauſes wohnte. Der Baron von Breteuil war aber nicht in ſeinen Ge⸗ mächern anweſend, und es wurde ihnen bemerkt, daß er in das Cabinet des Königs gerufen worden ſei. Man ertheilte ihnen den Rath, ſich in die Galerie des Schloſſes zu begeben, und dort, wie es oft geſchah, an den Miniſter bei ſeiner Rückkehr aus den könig⸗ lichen Appartements ſich zu wenden. Als ſie jetzt in das Innere des Schloſſes eintraten, nahmen ſie mit Erſtaunen wahr, daß in demſelben eine auffällige Bewegung zu herrſchen ſchien, und es ſich jedenfalls um ein außerordentliches Ereigniß han⸗ deln mußte, mit dem mehrere in den Corridors und Vorhallen zuſammenſtehende Gruppen der Diener⸗ ſchaften und Hoſbeamten leiſe flüſternd, oder von Zeit zu Zeit in laute Ausrufungen ausbrechend, ſich be⸗ ſchäftigten. Schon beim Eintritt in den großen Hof war ihnen eine Equipage aufgefallen, die dort hielt, und an deren Emblemen, wie an der Livrée der Dienerſchaft, der mit den vornehmen Geſellſchaftskreiſen vertraute Cham⸗ fort erkannte, daß dieſelbe Seiner Eminenz dem Car⸗ dinal Fürſten von Nohan gehören müſſe. Bei der Leichtigkeit, mit der Chamfort von jedem Vorüber⸗ gehenden etwas in Erfahrung zu bringen wußte, hörte er zugleich, daß der Cardinal ebenfalls zum König ge⸗ rufen worden ſei und bereits ſeit einer halben Stunde im Cabinet deſſelben verweile. In der Königshöhle geht heut etwas Abſonderliches vor, glauben Sie es mir, meine liebe Freundin, ſagte Chamfort, indem er mit ſeiner komiſchen Mimik die Naſe durch die Lüfte ſtreckte, als wenn er in denſelben etwas auswittern wollte. Wer die Luft von Verſailles zu riechen gewohnt iſt, muß es hier ſchon auf den Schloßhöfen gleich herausſchnoppern können, ob etwas in der Temperatur liegt, und ob die Miſchung viel⸗ leicht augenblicklich verdorben iſt. Ich ahne wenigſtens jetzt, daß man es ſo weit bringen kann, obwohl ich immer nur aus dritter Hand die Ehre gehabt habe, mit dem Hofe zu leben, und meine Riechwerkzeuge noch lange keine höfiſche Dreſſur gewonnen haben. Aber heut laſſe ich es mir nicht ausreden, daß etwas in der Luft liegt, und daß hier eine Munkelei, ein Mißwachs der königlichen Gnaden und Freuden, oder irgend eine von den geheimen Verlegenheiten der Herrſchaft, die dem Ausbruch eines Banquerotts vor⸗ angehen, eingetreten. Der Baron von Breteuil und der Cardinal Fürſt von Rohan ſind, wie ganz Paris weiß, geſchworene Todfeinde, und wenn dieſe Beiden zuſammen im Kabinet des Königs zur Audienz ſind, muß es ſich um eine ungemein häkelige und ſchwierige Affaire handeln, und ich vermuthe etwas abſonderlich Luſtiges. Könnte dies vielleicht ungünſtig und hinderlich für uns ſein? fragte Henriette mit erneuerter Aengſtlich⸗ keit, indem ſie jetzt, unbehindert von den Lakaien, deren Aufmerkſamkeit auf ganz andere Dinge gerichtet ſchien, die prächtige Reihe der Vorſäle durchſchritten. Durch den letzten derſelben, den Salon des Krieges, in deſſen Malereien Frankreich und Bellona mit Waffentrophäen und Kriegsſchmuck aller Art und auch einige Heldenthaten aus der Herrſchaftszeit Louis XIV. an den Wänden erſchienen, gelangten ſie nun in die große Galerie, die ſich in ihrer unabſehbaren Länge und in ihrer überraſchenden Schönheit vor ihnen aus⸗ breitete. Es wird darauf ankommen, wie die Sachen hier im Schloſſe von Verſailles eigentlich ſtehen, erwiederte Chamfort, am Eingang der ungeheuren Galerie ſtehen bleibend, und ſie mit ſeinen ruhig prüfenden Blicken überfliegend. Nach Allem, was ich gehört habe, iſt der Miniſter von Breteuil emſiger als je damit be⸗ ſchäftigt, den Cardinal Rohan zu ſtürzen oder ihm irgend eine lebensgefährliche Schlappe zu bereiten. Paris war heut und geſtern voll der abenteuerlichſten Gerüchte, die mir erſt in dieſem Angenblicke, wo ich die Equipage des Prinzen Rohan hier ſtehen ſah, wieder in's Gedächtniß gekommen ſind. Unterliegt —— der Cardinal in dieſem ganz infernaliſchen Handel, der ihm angezettelt ſein ſoll, ſo wird Breteuil ſicher⸗ lich vor Freuden außer ſich ſein, und wir werden dann in dieſer Stimmung Alles von ihm erlangen können. Man muß hier am Hofe jedesmal auf die herrſchende Glücksfarbe pointiren, um zu ſeinem Ziel zu kommen. Mit langſamen Schritten ſetzten ſie ihren Weg durch die bewundernswürdige Galerie fort, die, mit ſiebzehn großen Fenſtern und eben ſo vielen, mit ge⸗ waltigen Spiegelgläſern ausgefüllten Arkaden verſehen, einen magiſchen Effect von Lichtern und Bildern dar⸗ bot, indem das Verhältniß der Fenſter zu den Spie⸗ geln hier ſo ſinnreich angeordnet iſt, daß der hinter dem Schloſſe liegende Park, der von der Galerie aus in ſeiner ganzen Ausdehnung überſehen werden kann, mit ſeinen verſchiedenen Gegenſtänden in die Spiegel der Arkaden fällt und ſich in denſelben mit der rei⸗ zendſten Wirkung abbildet. Wir werden hier wohl eine Zeitlang verweilen müſſen, ſagte Chamfort zu ſeiner Gefährtin. Lehnen wir uns zu unſerm Ruhepunkt an dieſe beiden antiken Statuen, welche hier in dieſen Niſchen ſtehen, und von denen die eine ein Germanieus, die andere eine Venus iſt. Von hier aus haben wir zugleich den bequemſten Ueberblick über Alles, was in dieſer Galerie vorgehen mag, denn nach jener Seite dort liegen die Staats⸗ zimmer und das Kabinet des Königs, und dort tritt man aus den Gemächern der Königin heraus. Es kann uns alſo nichts entgehen, und wir dürfen uns einſtweilen in Muße der Betrachtung dieſer herrlichen Gemälde von Le Brun hingeben, in denen er einen Theil der Geſchichte des großen Louis XIV. in hervi⸗ ſcher Manier hingeſtellt hat. Es fragt ſich nur, ob wir die Ruhe dazu über uns gewinnen werden, uns — 5— in alle dieſe Herrlichkeiten zu vertiefen, denn ſo weit das Auge reicht, ſieht man es hier nur von Trophäen und Siegesgöttinnen, unter denen ich dort auch einige Satyrn bemerke, und von den Kronen Frankreichs, und von Sonnen und Hähnen und Lilien, und von den Ordenszeichen des heiligen Michel und des hei⸗ ligen Geiſtes wimmeln. Selbſt in dieſen Sammet⸗ Tapeten dort ſind die Trophäen der erſten jungen Feldzüge des großen Königs eingewirkt. Das war eine Pracht, auf ſolche Weiſe Geſchichte zu machen, aber die Pracht iſt dabei größer als die Geſchichte, und vor lauter Pomp iſt es doch eigentlich zu keiner einzigen hiſtoriſchen Wahrheit gekommen, denn das „l'état c'est moi“ iſt doch eigentlich in allen Stücken immer nur eine hohle Prahlerei geweſen. Es verhält ſich zum Staat und zur Geſchichte, wie eine farben⸗ ſtrotzende Dekoration zu einer lebendigen, blühenden Landſchaft! Und wie iſt Ihnen dabei zu Muthe, meine tiefſinnende Frau von Nehra? Ich kann hier kein Vertrauen faſſen, am aller⸗ wenigſten für unſere Sache, erwiederte Henriette, indem ſie mit einem Ausdruck von Traurigkeit ihre Blicke durch die weite glänzende Galerie hinſchweifen ließ. Ich kann mir nicht denken, daß wir an einem ſolchen Ort und in dieſen Umgebungen Sympathieen für einen Mann, wie Mirabeau, erwecken werden. Sympathieen? wiederholte Chamfort, faſt zu laut lachend. Wahrlich, Henriette, Sie ſind die erſte ſchöne Seele, die in der Galerie von Verſailles nach Sym⸗ pathieen ſeufzt. In dieſer Welt, in die wir hier ein⸗ getreten ſind, rechnet man nur auf den nichtswürdigen Zufall, den man zu benutzen und zu genießen ver⸗ ſtehen muß. Wenn das nicht wäre, würde ich mich mit der Angelegenheit unſeres Grafen Mirabeau gar nicht hierher gewagt haben. Denn er hat erſt jetzt wieder einen neuen gehäſſigen Verdacht gegen ſich rege gemacht, wie mir geſtern im Palais der Prinzeſſin Eliſabeth hinlänglich zu verſtehen gegeben wurde. Das Miniſterium beargwöhnt ihn, daß er jetzt in England gegen Frankreich zu operiren ſuche, und giebt ihm Schuld, ſowohl im geheimen Solde des engliſchen Kabinets als auch in einem revolutionnairen Einver⸗ ſtändniß mit den Genfer Flüchtlingen in London zu ſtehen. Unſere diplomatiſchen Spione, die dies aus⸗ gekundſchaftet haben wollen, haben es als etwas ganz Gewiſſes hierher berichtet. Aber Mirabeau hat auch Freunde am Hofe von Verſailles und Madame Eliſa⸗ beth gehört zu denſelben. Dieſe junge ſchöne Prin⸗ zeſſin hat gegen mich den vermaledeit klugen Gedanken ausgeſprochen, daß man Talente, wie den Grafen Mirabeau, für Frankreich zu gewinnen ſuchen müſſe. Darum ſind wir nun auch hierher gekommen, obwohl wir uns ſagen müſſen, daß wir dabei lediglich auf einen günſtigen Zufall Jagd zu machen haben. Stö⸗ bern wir dieſen nicht hier auf, ſo würden wir auf das ſchöne Princip der Madame Eliſabeth lange laufen können. Denn eigentlich iſt es ſchon ein verteufelt revolutionngirer Einfall in dem Kopfe dieſer kleinen Prinzeſſin, daß es der Mühe werth ſein könne, grade ein Talent für Frankreich zu gewinnen. Das verrot⸗ tete Frankreich, wie es jetzt iſt, bedarf keiner Talente, es müßte denn dazu ſein, durch dieſelben gänzlich um⸗ gewälzt und auf eine andere Stelle gebracht zu werden. Einen anderen Dienſt kann das Talent ſeinem Vater⸗ lande heute nicht mehr leiſten, und es gehört mir zu den wunderbarſten Zeichen der Zeit, daß ein ſolcher Gedanke gerade bei einer Prinzeſſin von Frankreich aufſteigen konnte. Frau von Nehra ſah ihn mit einer ängſtlichen Ge⸗ bärde an, während ſeine unvorſichtigen Worte an den glatten Marmorwänden der langen G und tief unten an den Gemächern d ner dumpfen Gemurmel zu verhallen ſchiet Chamfort bemerkte erſt jetzt, daß die mit der ihn Henriette zum Schweigen aufzufordern ſchien, zugleich eine ganz beſtimmte Veranlaſſung hatte. Denn er ſah, daß am Ende der Galerie einige Offi⸗ ziere der Garde du Corps ſtanden, die dort mit einer beſtimmten Abſicht aufgeſtellt zu ſein ſchienen. Er er⸗ tannte unter dieſen den Capitain der Garden, Herzog von Villervi, mit dem er im Hauſe des Grafen Vau⸗ dreuil häufig zuſammengetroffen war, und der ſtets ein beſonderes Intereſſe an den Tag gelegt hatte, ſich mit Chamfort zu unterhalten. Kaum war der Herzog ſeiner anſichtig geworden, ſo eilte er auch jetzt auf Chamfort zu, um ihn mit den verbindlichen Manieren der vornehmen Geſellſchaft zu begrüßen, und ſich zu erkundigen, ob er ihm viel⸗ leicht hier irgend zu Dienſten ſein könne. Eigentlich, fügte der junge Herzog lächelnd und mit einer galanten Verbeugung gegen Frau von Nehra hinzu, haben Sie es nur dem beneidenswerthen Um⸗ tande zu verdanken, Begleiter einer ſo ſchönen Dame zu ſein, daß ich Ihnen nicht ſogleich das fernere Ver⸗ weilen in dieſer Galerie ſtreitig mache. Denn ich bin ſpeben durch den Baron von Breteuil mit den ſtrengſten Befehlen hierher beordert worden. Sie tref⸗ ſen zu einer ſehr eigenthümlichen Situation hier im Schloſſe von Verſailles eir, Herr von Chamfort. Ich bin durchaus nicht neugierig, entgegnete Cham⸗ fort in ſeiner verſteckten Ruhe. Bie Geheimniſſe der großen Herren zu erfahren, iſt für kleine Leute ſehr gefährlich. Wir wünſchten nur den Miniſter von Breteuil in einer Angelegenheit dieſer Dame, der Frau von Nehra, zu ſprechen, und wenn uns der vi mit ſeiner bekannten Liebenswür⸗ ilflich ſein wollte, würden wir uns zu größtem verpflichtet fühlen. Wann dies geſchehen kann, läßt ſich in dieſem Angenblick gar nicht berechnen, antwortete der junge Capitain der Garden mit einem geheimnißvollen Ton. Pber ich werde Sie erſuchen, mit Frau von Nehra dort in den Salon einzutreten, der zur Seite der großen Gemächer des Königs läuft. Sobald es mög⸗ lich iſt, werde ich den Baron von Breteuil von Ihrer Anweſenheit benachrichtigen laſſen. Aber hier in der Galerie dürfte Ihr Verweilen ſchon deshalb nicht län⸗ ger thunlich ſein, weil meine Kameraden dort, wie ich, darauf angewieſen ſind, die erhaltenen Befehle auszuführen. ünd nur der Beſtürzung, die bei der geſammten Dienerſchaft im Palais herrſcht, haben Sie es zuzuſchreiben, daß Sie überhaupt dieſen für hent verbotenen Weg betreten konnten. Chamfort gab Frau von Nehra den Arm, um ſie zu dem ihnen bezeichneten Salon hinzuführen. In der Thür deſſelben blieb er mit ihr ſtehen, um von der Unterhaltung mit dem Herzog von Villeroi, der dazu bereitwillig in ihrer Nähe blieb, doch noch eini⸗ gen Vortheil zu ziehen. Sagen Sie mir doch, Herr Herzog, begann Cham⸗ fort, in welcher Eigenſchaft ſich der Cardinal jetzt im Cabinet des Königs befindet? Ohne Zweifel in ſeiner Eigenſchaft als Groß⸗Al⸗ moſenier, bemerkte der Herzog ausweichend. Ungefähr vor einer Stunde traf er in Verſailles ein, um, wie man glaubte, ſeinen amtlichen Functionen in jener Beziehung nachzukommen. Vor einer halben Stunde wurden wir, ich und mein Kamerad, der Graf d'Agout, nebſt einigen andern Offizieren, durch einen beſonderen Befehl des Miniſters von Breteuil hierher in die 2. Galerie beordert, um eine weitere Verfügung abzuwar⸗ ten. Der Cardinal ſcheint im Cabinet des Königs feſtgehalten worden zu ſein, und auch die Königin hat ſich vor Kurzem aus ihren Gemächern in das Cabinet Seiner Majeſtät begeben. Ah, erwiederte Chamfort, die Königin iſt ſicherlich ſehr nöthig bei dieſem Handel, denn die Geſchichte dreht ſich ganz gewiß um Diamanten, welche Marie Antoinette ſehr liebt, und die ihr in der letzten Zeit viel Kummer gemacht haben ſollen. Wie, Ihr wißt etwas davon? rief der Capitain der Garden mit dem größten Erſtaunen. Dann fügte er mit leiſer Stimme hinzu: Man flüſtert heut aller Orten im Schloſſe von Verſailles, daß der Cardinal von Rohan bei einem Diamantſchmuck, der mit der Perſon der Königin in Verbindung geſetzt wird, eine höchſt zweideutige Rolle geſpielt habe. Man hat den König nie ſo aufgebracht und zornig geſehen, als heut. Dies Geheimniß alſo bricht heut am Hofe von Verſailles auf, rief Chamfort, indem ein unheimliches Lächeln durch ſeine Züge blitzte. Die Gerüchte, welche ſeit geſtern die Stadt durchlaufen, werden Sie ebenſo gut kennen, als ich. Aber von dieſen Gerüchten wird auch die Königin keineswegs geſchont, und ich enthalte mich deshalb, an dieſem Ort noch irgend Etwas dar⸗ über hinzuzufügen. Es ſcheint, daß Euch in Paris darüber bei weitem mehr bekannt iſt, als uns, die wir hier in Verſailles ſcheinbar an der Quelle der Ereigniſſe leben, ſagte der Capitain der Garden, ihn ſcharf mit ſeinen Blicken fixirend. Dies verhält ſich ungefähr ſo, wie man in der unmittelbaren Nähe eines großen Waſſerfalls gar nicht hören kann, und erſt, wenn man weiter davon ent⸗ fernt ſteht, das Donnern und Brauſen und die ge⸗ — 62 ſchwätzigen Erzählungen der Waſſerſäule vernimmt, lachte Chamfort. In Paris hat man allerdings das feinſte und ſicherſte Gehör für Alles, was ſich in Ver⸗ ſailles zuträgt. Man hat dort bereits gehört, daß die Königin ſich ſeit einiger Zeit in großen Aengſten um einen Halsſchmuck befindet, welchen der Kron⸗Juwelier Böhmer aus Diamanten in einem Werthe von einer Million und ſechsmal hundert tauſend Franes ange⸗ fertigt hat. Die diamantenluſtige Königin ſoll aber gleichwohl den Ankauf dieſes koſtbaren Schmucks ſchon vor einigen Jahren abgelehnt und den König beſchwo⸗ ren haben, in einer Zeit, wo ſo viel Noth im Lande und Volke ſei, von dem Erwerb dieſer Juwelen für ſie abzuſtehen. Nichtsdeſtoweniger will man in Paris, wohlverſtanden, ich rede nur von dem ruchloſen und verberbten Paris, behanpten, daß das Diamanten⸗ Halsband heimlich in den Beſitz Marie Antoinette's gewandert ſei, indem ein unbekannter Freund der Kö⸗ nigin, wer weiß unter welchen Ausſichten auf zarten Lohn, für die Kaufſumme aufgekommen und auch Vor⸗ ſchußzahlungen auf Rechnung der Königin übernommen haben ſoll. Dieſer räthſethafte Freund ſoll aber ſtärker an Einbildung wie au Kaſſe geweſen ſein, oder er traute dem wunderſamen Handel nicht, in den er hin⸗ eingezogen worden. Genug, er ſcheint nicht ordentlich gezahlt zu haben, und Freund Böhmer begann nu Lärm zu ſchlagen, und ſich gegen verſchiedene Perſonen des Hofes zu beklagen. So viel weiß man in Paris, und man kann ſich denken, daß dieſen Gerüchten zu⸗ gleich giftige Nebeldünſte aller Art ſich anhängen, die namenklich das ſchöne liebenswürdige Bild der Kö⸗ nigin ſelbſt beflecken. Die eigentliche Intriguantin in dieſem Handel ſoll eine abenteuerliche Gräfin Lamotte ſein, und man beſchuldigt die Königin eines geheimen Einverſtändniſſes mit dieſer Dame, durch welche der 6 Cardinal Rohan— denn kein Anderer iſt der unbe⸗ kannte Brillantenſpender der Königin— zu dieſer hals⸗ brechenden Aventure verlockt worden. Laßt uns von dieſen Dingen ein anderes Mal ſprechen, ſagte der Herzog von Villeroi, indem er mit ängſtlichen Blicken die Thür, welche in das Cabinet des Königs führte, beobachtete. Im Uebrigen kennt Ihr meine Geſinnungen, ſetzte er mit einem verſtoh⸗ lenen Ausdruck hinzu, indem er Chamfort die Hand ſchüttelte und ſich auf ſeinen Poſten zurückbegab. Dieſer junge Adel bildet ſich ein, oppoſitionnell gegen die Hofwirthſchaft zu ſein, ſagte Chamfort zu ſeiner Gefährtin. Aber im Grunde wird ihnen doch angſt und bange bei jedem derberen Wort, mit dem man die wunde Haut dieſer Hofverhältniſſe ſtreiſt. Darum machte ich mir das Vergnügen, ihn gerade hier an Ort und Stelle ein wenig in Verlegenheit zu ſetzen. In dieſem Augenblick vernahm man ein auffallen⸗ des Getöſe in der Galerie. Die Thür der Gemächer des Königs wurde heftig aufgeriſſen, und die Stimmen einiger heraustretenden Perſonen wurden laut. Cham⸗ ſort war mit Frau von Nehra hinter die Thür des Seiten⸗Salons zurückgetreten, konnte aber von dort den ganzen Vorgang, der ſich in dieſem Moment zu⸗ tragen wollte, überſehen. Chamfort erkannte den Miniſter von Breteuil, der zuerſt in einer ſtürmiſchen Bewegung herausgetreten war, und die beiden Capitaine der Garden, den Her⸗ zog von Villeroi und den Grafen d'Agout, zu ſich herangewinkt hatte. In demſelben Augenblick aber er⸗ ſchien hinter dem Miniſter der Cardinal von Rohan, der in dem vollen Ornat ſeiner hohen kirchenfürſtlichen Würde gekleidet war, in ſeinem bleichen und verſtör⸗ ten aber die Spuren der größten Erſchütterung verrieth. Folgen Sie mir jetzt, wie es Se. Majeſtät der König über Sie beſchloſſen hat! rief der Baron von Breteuil mit einer barſchen Stimme dem Cardinal zu, der beim Anblick der Garden, die ſich ihm zu nähern anfingen, betroffen und rathlos ſtehen geblieben war, und ungewiſſe und fragende Blicke auf den Miniſter richtete. Die hohe ſchöne Geſtalt des Cardinals ſchwankte und zitterte. Die ungewöhnliche Lage, in der er ſich befand, ſchien ihn ſo beſtürmt und in ſich niederge⸗ worfen zu haben, daß er ſichtlich ſeiner Beſinnung nicht mehr mächtig war und, unfähig einen Entſchluß zu faſſen, ſich willenlos Allem, was über ihn verfügt wurde, überließ. Der Miniſter von Breteuil überwies den Cardinal den Hänven des Herzogs von Villervi, mit dem er zuvor einige leiſe Worte geflüſtert hatte. Dieſer aber führte den Cardinal, indem er ihn mit beſonderer Ehr⸗ erbietung am Arm geleitete, einige Schritte weiter, und übergab ihn dann an den Grafen d'Agont und einen Unter-Lieutenant der Dragoner, die ihn mit ſtrenger militairiſcher Haltung empfingen und in ihrer Mitte mit ſich fortnahmen. In die Baſtille! rief der Miniſter mit einem ſcharfen frohlockenden Klang ſeiner Stimme hinter ihnen her, indem er ihnen nachblickte und ein unend⸗ lich befriedigter Zug der Schadenfreude auf ſeinem Geſicht aufblitzte. In die Baſtille! wiederholte der Herzog von Vil⸗ lervi mit einem bangen Schreckensausruf, den das Echo am unterſten Ende der Galerie in unheimlichem Geflüſter nachbebte. Der Cardinal hob bei dieſen Worten, die plötzlich unabweislich in ſein Bewußtſein einzudringen ſchienen, ſeine beiden Arme mit einer entſetzten und flehentlichen Gebärde zum Himm lempor, und ſchien dem Zu⸗ ſammenſinken nahe zu ſein. Seine Begleiter aber hielten ihn aufrecht und verſchwanden ſchleunigſt mit ihm hinter der Thür, welche die große Galerie ſchloß. Wahrhaftig, da wird er fortgeführt, der Kirchen⸗ fürſt, unter militairiſcher Bedeckung! rief Chamfort, ſeinem Erſtaunen Ausdruck gebend. Der ſchöne Prinz Louis wird anf die Baſtille geſchleppt! Wie? Der Polizei⸗Arm des weltlichen Despotismus darf ſich auch nach dem Purpurmantel des Cardinals und nach ſei⸗ nem hübſchen rothen Käppchen ausſtrecken? Das ſind ja Zeichen und Wunder, die beim hellen lichten Tage geſchehn. Und iſt Seine Eminenz, der Prinz von Rohan⸗Guemené, nicht zugleich ein erlauchter Abkomme der einſtigen ſouverainen Herren der Bretagne? Wenn man auch ſolche Leute in die Baſtille ſchickt, da wird die Baſtille hald der Altar ſein, an dem man der Gleichheit vpfert, und an dem man lernt, alle Unter⸗ ſchiede und Rangſtufen aufzuheben. Dann wird es am Ende noch der Ruhm des Königs, den Cultus der Gleichheit in Frankreich begründet zu haben.— Chamfort war mit Frau von Nehra wieder in die Galerie hinausgetreten, in der Alles ſtill geworden war, und ſich Niemand mehr anweſend befand. Es währte aber nicht lange, ſo zeigte ſich der junge Her⸗ zog von Villervi wieder, der inzwiſchen mit dem Mi⸗ niſter von Breteuil in eines der Vorgemächer der königlichen Appartements eingetreten war. Eilen Sie jetzt, ſagte er mit einer verbindlichen Gebärde zu Frau von Nehra, denn der Miniſter iſt geneigt, Sie dort in jenem Zimmer zu empfangen, und erwartet Ihre Mittheilung, die ich ihm angekün⸗ digt habe. Sie haben den allergünſtigſten Moment Mirabeanu. I. 5 — 66 dazu getroffen. Der Baron von Breteuil iſt in einer ſo heitern und glücklichen Stimmung, wie man ihn kaum noch geſehen hat, und man darf überzengt ſein, daß er in dieſem Augenblick jede Bitte fördert, die nur irgend an ihn gebracht werden mag. Mit diefen Worten geleitete er Frau von Nehra raſch zu der Thür, in welche ſie zu dem Miniſter eintreten ſollte. Chamfort war zurückgeblieben, um ihre Wiederkehr zu erwarten. Der Capitain der Garden ſtand ihm gegenüber, und nickte ihm mit einer bedeutungsvollen und ernſten Miene zu. Hat der Cardinal Alles eingeſtanden? fragte Cham⸗ fort lebhaft. Iſt er in dieſem wunderſamen Handel der Betrüger oder der Betrogene? Darüber wird ſich wohl niemals ein Licht ver⸗ breiten, erwiederte der Herzog von Villeroi. Nach Allem, was ich ſpeben aus den Gemächern des Königs gehört, iſt die Verwirrung des Cardinals eine grän⸗ zenloſe geweſen. Der König und die Königin drangen Beide mit dem größten Ungeſtüm auf ihn ein. Der Cardinal geſtand offen, daß er einen Diamanten⸗ Schmuck von Böhmer gekauft, und ſich dazu durch einen Brief der Königin bewogen gefunden habe, den dieſelbe an die Gräfin Lamotte gerichtet. Dieſen Brief zeigte er ſogar aus ſeinem Portefeuille vor, aber der König und die Königin erkannten die Hand⸗ ſchrift ſogleich als nachgemacht an, und beſonders die Unterſchrift des Billets wurde dem Cardinal als eine unmögliche vorgehalten. Der König ſoll es ihm mit den heftigſten Worten zum Vorwurf gemacht haben, daß ein Prinz aus dem Hauſe Rohan und ein Groß⸗ Almoſenier von Frankreich eine Unterſchrift, die„Marie Antoinette von Frankreich“ lautet, für eine ächte habe halten können, da doch Jedermann bekannt ſein müſſe, wie die Königinnen von Frankreich ſtets nur ihren Taufnamen unterzeichneten. Der Cardinal ſoll aber ſtets nur ſtammelnd und zitternd wiederholt ha⸗ ben, daß ihm der Wunſch, der Königin zu gefallen, und die Meinung, ihr durch Uebernahme dieſer Com⸗ miſſion ſeine Huldigung darzubringen, die Augen ver⸗ blendet und den Sinn verwirrt habe. Dieſe Erklä⸗ rung erregte aber erſt den Zorn der Königin, deren perſönliche Abneigung gegen den Cardinal bekannt iſt. Die Scene ſoll nun einen ungemein peinlichen Grad erreicht haben, und da Seine Eminenz ſich kaum mehr auf den Füßen erhalten, noch weniger aber weitere Antworten ertheilen konnte, ſo ließ ihn der König in ein Nebenzimmer abtreten, um dort ſeine Rechtfertigung ſchriftlich aufzuſetzen. Die Schrift aber, mit welcher der Cardinal nach einer Viertelſtunde wieder vor den Majeſtäten erſchien, ſoll noch weniger zur Löſung aller dieſer Räthſel gedient haben, und der König befahl ihm nun mit trockenen Worten, zu gehen. Der Aus⸗ gang dieſes Verhörs muß ſchon vorher feſtgeſtellt ge⸗ weſen ſein, da Seine Eminenz ſofort beim Heraus⸗ treten von dem Baron von Breteuil in Empfang ge⸗ nommen wurde. Chamfort hatte dieſen Bericht aufmerkſam ange⸗ hört, und ſagte dann kopſfſchüttelnd: es wird ewig auffallend und unbegreiflich bleiben, daß man dieſen Handel ſo ſehr an die große Glocke ſchlagen will. Wenn ſich irgend eine Sache zum Vertuſchen eignet, ſo ſcheint es mir dieſe zu ſein. Und der Hof war ſonſt ſo ſtark gerade in dieſer Kunſt, und nun will er plötzlich Alles ausplaudern und ans Licht ziehen laſſen, was hinter ſeinen Couliſſen geſchieht. Der gute Car⸗ dinal hat, ungeachtet ſeiner funfzig Jahre, und unge⸗ achtet ſeines etwas veralteten Rufes als ſchöner Mann, die Abſicht gehabt, mit der ſchönen Königin einen 5* Liebeshandel anzufangen. Ob ſein Irrthum blos der geweſen, daß er, wie ein großer Theil des Publikums, die Königin für leichtfertig gehalten, oder ob er ein Opfer des Betruges iſt, welchen ihm beſtialiſche Unter⸗ händler in dieſer Sache, ſei es mit ſei es ohne Wiſſen der Königin, geſpielt, wer will jemals dahinter kom⸗ men können? Aber nur vorwärts, liebes Unheil, denn wenn dieſe Geſchichte einmal in die Oeffentlich⸗ keit gebracht wird, oder gar von den Gerichten ent⸗ ſchieden werden ſoll, dann wird das Unheil dabei ge⸗ deihen, man fange es an, wie man auch wolle. Und wie ſoll irgend ein Gerichtshof über ein Ding ent⸗ ſcheiden, das bis in die verborgenſten Winkel des Her⸗ zens einer Königin ſich entzieht, und bei dem die weibliche Leidenſchaft für Diamanten auf der einen Seite, und auf der anderen Seite die phantaſtiſche Galanterie eines verliebten Kirchenfürſten ſteht? Wie unvorſichtig von den Majeſtäten, daß ſie dies Paquet öffentlich aufmachen wollen, das ihnen der böſe Feind vor die Füße geworfen hat. Da können ja nur ſehr faule Fiſche darin eingewickelt ſein, und die Monarchie wird dadurch von neuem in einen übeln Geruch kom⸗ men. Aber da erſcheint Frau von Nehra wieder, und ihr heiteres Geſicht verkündet Gutes. Henriette kam in dieſem Angenblick mit einer freude⸗ ſtrahlenden Miene heraus und trat eiligſt auf Cham⸗ fort zu, um ihm mitzutheilen, wie ihre Unterredung mit dem Miniſter einen über alles Erwarten glückli⸗ chen Erfolg gehabt habe. Der Herr von Breteuil hatte ſie nicht nur mit der größten Zuvorkommenheit empfangen, ſondern ihr auch das Mémoire Mirabeau's, welches ſie zu überreichen gehabt, mit dem Verſprechen abgenommen, es noch heut zu leſen und im beſten Sinne würdigen zu wollen. Zugleich waren von ihm in dem Geſpräch, welches er mit ihr angeknüpft, ſehr — günſtig zu deutende Aeußerungen über Graf Mirabeau gefallen, und er hatte mit beſonderer Geneigtheit hin⸗ zugefügt, daß nach ſeiner Anſicht die früher erlaſſene Kabinets⸗Ordre des Königs, durch welche Mirabeau zur unumſchränkten Verfügung ſeines Vaters geſtellt worden, keine beſtehende und gültige Kraft mehr haben könne. Mit der Verſicherung, daß er dem König dar⸗ über am nächſten Tage Vortrag halten und den Ent⸗ ſcheid an die ihm zurückgelaſſene Adreſſe der Frau von Nehra ſogleich befördern werde, war Henriette von ihm entlaſſen worden. So waren wir denn allerdings zu einer glücklichen Stunde nach Verſailles gekommen, ſagte Chamfort, indem er Henriettens Arm nahm. In der Luftſchicht des Hofes herrſchen heut die merkwürdigſten Winde, die gleichzeitig einen Cardinal in die Bſſtille ſchicken und einen Mirabeau wieber flott machen. Denn daß Breteuil jetzt Alles beim König durchſetzt, wofür er ſich erklärt, kann kanm bezweifelt werden. So ſei denn die ganze Halsbandgeſchichte geſegnet, und Ihnen, Herr Herzog, unſer ſchönſter Dank dargebracht! Damit empfahlen ſie ſich dem Capitain der Gar⸗ den, der ſie in ſeiner verbindlichen Weiſe bis zum Aus⸗ gang der großen Galerie von Verſailles begleitete.— IV. Der Graf Caglioſtro und ſeine Frau. In der Rue St. Clande, im Stadtviertel des Marais, lag ein kleines Haus, das ſeit einiger Zeit ein eigen⸗ thümlicher Anziehungspunkt für die vornehme Geſell⸗ ſchaft von Paris geworden zu ſein ſchien. Faſt zu allen Tageszeiten hielten vor demſelben die glänzendſten Equipagen ſtill, aus denen die Nachbaren mit großer Verwunderung die namhafteſten Herren und Damen des Hofes und die berühmteſten Würdenträger des Adels, ja ſogar der Geiſtlichkeit ausſteigen ſahen. Man wußte, daß dieſe Beſuche, die nie aufhörten und ſtets längere Zeit verweilten, einem räthſelhaften Fremden galten, der ſeit einigen Monaten dies Haus gemiethet hatte, und daſſelbe mit ſeiner Frau und noch einigen anderen Perſonen bewohnte, die ebenfalls ein wunderbares und abenteuerliches Dunkel um ſich her verbreiteten. Aber auch ganze Schaaren von armen Leuten erſchienen zu einer beſtimmten Zeit an den Pforten dieſes Hauſes, und gingen mit den reichſten Geſchenken, die ihnen von einer prächtig gekleideten Dienerſchaft verabreicht wurden, unter lauten Segens⸗ wünſchen für den fremden Wohlthäter wieder von dannen. Mit einer Extrapoſt und einem zahlreichen, in die glänzendſte Livrée gekleideten Gefolge, das aus Läufern, Kammerdienern und Lakaien beſtand, war der Fremde mit ſeiner Gemahlin, einer jungen, ungewöhnlich ſchö⸗ nen Dame, angekommen, und hatte ſich in dem Hauſe unter den prunkvollſten und koſtbarſten Veranſtaltungen niedergelaſſen. Er nannte ſich Graf Caglioſtro, welchen Namen man bald auch mit anderen wunderbaren Titeln und Würden, die er ſich beilegen ließ, vertau⸗ ſchen hörte. Er erſchien als ein Mann von mittleren Jahren, der nicht mehr als das vierzigſte Jahr erreicht haben mochte, obwohl er ſich zuweilen in ſeiner Phyſiognomie und in ſeiner ganzen Haltung, die ſich auf eine erſtann⸗ liche Weiſe verändern zu können ſchienen, einen an ein fabelhaftes Uralter erinnernden Ausdruck beizulegen wußte. Seine Geſtalt ſtellte ſich äußerlich nicht gerade vortheilhaft dar, welcher Eindruck ſowohl durch ihr gebücktes, ſchwer bewegliches Weſen, als auch durch die abenteuerliche Kleidung, in der er ſich trug, hervor⸗ gerufen wurde. Sein Anzug beſtand aus einem blauen, mit Borden beſetzten Taffetrock, zu dem er golddurch⸗ wirkte Strümpfe und Sammetſchuhe mit blitzenden, von Edelſteinen eingefaßten Schnallen trug. Auf dem Kopfe ſaß ihm der mit weißen Federn gezierte Hut, den er ſelten und auch im Hauſe nicht abzulegen pflegte, und dem ſeine ſeltſame Coiffüre, die aus gepuderten und in gedrehten Zöpfen lang herunterhängenden Haar⸗ flechten beſtand, auf eine ebenſo bizarre als lächerliche Weiſe entſprach. Strahlende Diamanten trug der Graf Caglioſtro ſowohl an allen ſeinen Fingern, als auch an ſeinen Buſenſtreifen und den goldenen Hänge⸗ ketten ſeiner Uhr, was den geheimnißvollen Glanz, in dem er ſich darzuſtellen ſuchte, auf der andern Seite wieder durch den eiteln Anſtrich des Charlatans beein⸗ trächtigte. An Tagen, wo die Luft nur einigermaßen kühl ging, ſah man ihn auch über dieſer Kleidung noch einen bläulich ſchimmernden Fuchspelz tragen, der noch mit einer Kapuze von Pelzwerk in einer an eine my⸗ ſtiſche Figur erinnernden Form verſehen war. Die Einrichtung, die er ſeinem Hauſe gegeben, hatte nicht minder etwas Ungewöhnliches und Ge⸗ heimnißvolles. Es gab in demſelben Prunkgemächer, die mit einem fabelhaften Luxus ausgeſtattet waren, und in denen der Graf Caglioſtro ſeine Geſellſchaft empfing. Neben dieſen Salons lagen kleinere Cabinets umher, zu denen Niemand den Zutritt hatte, und die zum Theil mit räthſelhaften Figuren, Inſtrumenten und Werkzeugen aller Art angefüllt waren. In einem dieſer Cabinete ſaß Caglioſtro, mit Vor⸗ bereitungen und Studien beſchäftigt, die ſein ganzes Nachſinnen in Anſpruch zu nehmen ſchienen. Ein Buch, in dem er anhaltend las, ſchien ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit ausſchließlich zu feſſeln, und nur zuweilen ſchweiften ſeine Blicke auf einige ihn umgebende Schmelz⸗ tiegel hinüber, die auf Kohlenbecken ſtanden und durch ihren beſtändig brodelnden und kniſternden Inhalt die abgeſchiedene Stille des Gemachs unterbrachen. Caglioſtro hatte nicht bemerkt, daß ſchon ſeit einiger Zeit eine Dame hinter ihm ſtand, welche ihm lächelnd über die Schulter blickte und dieſelbe zuletzt leiſe mit ihrer Hand berührte, um ſeine Aufmerkfamkeit auf ſich zu lenken. Er ſah ſich um, und begrüßte mit einem kalten, flüchtigen Lächeln die Gräfin Caglioſtro, die ihn bat, ſie einen Augenblick anzuhören. Was willſt Du, Lorenza? fragte er, ſein Mißver⸗ gnügen über die Störung durchblicken laſſend, die rei⸗ zende Frau, deren üppige, etwas derbe Schönheit in dem leichten Negligs, das ſie trug, faſt feſſellos ſich darſtellte. Ich muß Dich ſchon etwas in die Gegenwart zurück⸗ rufen, auch auf die Gefahr hin, daß Du Dich in dieſem Augenblick in Aegypten befinden oder eben Deinen ten Platz an der Hochzeitstafel zu Cana wieder ein⸗ en ſollteſt, entgegnete die Gräfin mit einem halb ſpöttiſchen halb frivolen Ausdruck. Aber es iſt Etwas vorgefallen. Der Cardinal von Rohan iſt, wie man ſoeben in der ganzen Stadt hört, geſtern Nachmittag in die Baſtille gebracht worden, und wird daher heut, wo er zum Diner bei uns kommen wollte, ſchwerlich als unſer Gaſt erſcheinen können. Soll das Diner nun abbeſtellt und den übrigen Eingeladenen auch abgeſagt werden? Caglioſtro war von ſeinem Sitz aufgeſprungen, und hob mit Heftigkeit den Federhut von ſeinem Hanpt empor, indem er ihn, wie dies in ſeiner Gewohnheit lag, gleichzeitig wieder auf daſſelbe zurückſtülpte. Denkſt Du, daß ich es nicht gewußt habe? rief er, ſie mit ſeinen wunderbar funkelnden Augen, in denen ſeine ſtärkſte Anziehungskraft lag, lange betrachtend. Als ich geſtern gerade in der Mitternachtsſtunde von Fon⸗ tainebleau zurückkehrte und durch die Straßen von Paris wieder einfuhr, hatte ich plötzlich ein Geſicht, das mir den Cardinal in einem Gefängniß der Baſtille zeigte, und ich wußte nun, daß, was ich längſt vorausgeſehen, ihn ereilt habe. Hätte ich unſer Diner deshalb abgeändert ſehen wollen, ſo würde ich Ihnen, Frau Gräfin, gleich heut Morgen darüber das Nö⸗ thige haben zukommen laſſen. Aber ich ſehe, daß es Ihnen von Zeit zu Zeit immer wieder einfallen will, an mir zu zweifeln. Nein, gewiß nicht, erwiederte Lorenza mit verſtell⸗ tem Ernſt, indem ſie ſich anſcheinend mit der größten Feierlichkeit vor ihm verneigte. Seitdem Sie Groß⸗ Kophta geworden und Ihr mächtiger Geiſt uns in die Geheimniſſe der ägyptiſchen Maurerei eingeweiht hat, fühle ich mich noch gewaltiger als je von Ihrem Ein⸗ fluß gefeſſelt, und beuge mich demſelben wie die Blume dem ſie belebenden Hauch des Himmels. Aber auf die Geheimniſſe von Küche und Keller will ſich Ihre ägyp⸗ tiſche Maurerei noch immer nicht erſtrecken, Herr Graf Aleſſandro Caglioſtro. Ihre Geiſter erſcheinen zwar pünktlich, woher ſie auch von Ihnen gerufen werden, aber Braten, Paſteten, Fricaſſées und Alles, was ſonſt zu einem Diner gehört, bedarf einer weit ſchwierigeren Vorbereitung, und daher die Beſorgniß Ihrer noch in einem niedrigen Grad befangenen Dienerin, daß, wenn das angeſagte Diner hent wirklich um ſieben finden ſoll, irgend etwas dabei verſän Ich ſehe, die Gräfin Caglioſtr derſelbe luſtige Vogel, der ſie als L war, rief Caglioſtro lachend, indem er ſeine ſchöne Frau umarmte. Sein Geſicht, das ein regelmäßige — Wohlbildung hatte, zeigte ſich dabei einen Augenblick lang in einem heitern und unbefangenen Ausdruck. Dann aber hüllte er ſich plötzlich wieder in ſeine ganze pathetiſche Würde ein, und er ſagte mit einem myſte⸗ riöſen Ernſt: Ich hatte dem Cardinal verſprochen, ihn heut mit dem großen Richelieu bei mir zu Tiſche ſitzen zu laſſen, und dies hatte ihn ſchon ſeit lange mit dem wunder⸗ barſten Reiz der Erwartung erfüllt. Ich habe inzwiſchen alle mir gegebenen Kräfte daran geſetzt, mich mit dem Geiſt des großen Cardinals zu Lerſtändigen, und ich darf gewiß ſein, daß, wenn ich ihn heut rufe, er nicht nur erſcheinen, ſondern auch ſein Wort über die Zu⸗ kunft Frankreichs, das ich von ihm mächtig fordern werde, uns prophetiſch enthüllen wird. Wie die Tiſch⸗ geſellſchaft zuſammengeſetzt iſt, in welcher er dabei er⸗ ſcheint, wird dem Geiſt Richelieu's ziemlich gleichgültig ſein. Da ſich der Cardinal Rohan durch ſeine Thor⸗ heiten um dieſe Gunſt gebracht hat, ſo habe ich ſchon heut früh an ſeiner Stelle den Herrn Chamfort ein⸗ geladen, einen der feinſten und auserleſenſten Köpfe Frankreichs, der mich bereits mehrmals darum erſucht hat, einer Offenbarung der neuen ägyptiſchen Maurerei bei uns beiwohnen zu dürfen. Der Mann iſt mir wichtig, denn er iſt zugleich Mitglied der Akademie, und ich wünſche, daß in dem berühmten Schvoß der Vierzig ein Bericht über meine neue Wiſſenſchaft ab⸗ geſtattet werden möchte. Ich hoffe ſelbſt die Akademie zu der Anerkennung zu zwingen, daß es auch auf dieſer Erde ſchon eine Kraft des menſchlichen Geiſtes giebt, die weit über die Geſetze der Zeit und der Natur hinausreicht, und die von denen, welche ſie verſtanden und ſich zu eigen gemacht, als ein heiliges Wiſſen im Dienſt der ganzen Menſchheit geübt wird. Dieſer Aner⸗ —— kennung der franzöſiſchen Akademie bedarf ich nicht, aber ſie wird unſerer Sache bei den thörichten Men⸗ ſchen nützen. Herr Chamfort hat zugeſagt, und noch um die Erlaubniß gebeten, eine fremde Dame aus England mit einführen zu dürfen, was ich zugleich im Namen der Gräfin Caglioſtro gern angenommen habe. Dann werden wir zu unſerm heutigen Diner noch einen deutſchen Baron, einen Herrn von Hohenfeld, zu empfangen haben, der vor Kurzem noch Miniſter des Kurfürſten von Trier war. Er iſt ein Lebemann, der in Paris allen Damen den Hof macht, ſehr reich und ſehr verſchwenderiſch, und ich empfehle ihn Dir, denn Du haſt ſchon früher einmal gezeigt, daß Du Dich darauf verſtehſt, deutſche Gemüther zu behandeln. Der Miniſter von Hohenfeld wird uns durch meine Freundin, die Marquiſe von Barbeyrac, zugeführt werden, in deren Svirée neulich ein heftiger Kampf über die Theorie des Geiſterreichs geführt wurde. Die Marquiſe ſuchte wieder, wie immer, durch ihre Zweifel zu glänzen, und der deutſche Exminiſter, um ihr die Cour zu machen, ſtellte ſich faſt auf den Kopf, indem er ſeinen Unglanben mit einem fürchterlichen Heroismus gegen mich anrücken ließ. Da lud ich ſie zu Tiſch, um an ihrer Bekehrung heut ein herrliches Exempel zu ſtatuiren. Du biſt der Meiſter, Aleſſandro, und ich gehorche Dir, wie immer, ſagte Lorenza, indem ſie mit einem ſchelmiſchen Blick ſeine Hand an ihren— offenen Buſen drückte. Das Diner wird zu der Stunde bereit ſein, zu der Du eingeladen haſt. Aber ich ſehe erſt jetzt recht ein, wie ich zu Deinem Geiſt nicht hinanreiche, denn ich begreife Dein gleichgültiges Verhalten bei der Verhaftung des Cardinals von Rohan nicht. An Deiner Stelle würde ich, ſtatt heut ein Diner zu geben, auf das Schleunigſte Poſtpferde für uns beſtellt haben. Aber es trifft wohl wieder zu, daß ich die Dinge noch immer ſo gemein und alltäglich anſehe, als ob ich noch im Hanſe meines Vaters, des Kupferſchmiedemeiſters Feliciani, wäre, wie Du neulich mir vorgeworfen haſt. Du biſt zuweilen eine empfindſame Närrin, ſagte Caglioſtro mit abweiſender Gebärde. Was in aller Welt habe ich mit dem Cardinal zu ſchaffen? Ich hatte nicht die Macht, ihn vor der Baſtille zu bewahren, denn er ließ ſich von ſeinen Leidenſchaften jagen, wie ein Wild, das zuletzt ſeinen Ausweg vor dem Jäger verlieren muß. Ich aber bin der Mann der Idee, und die Leidenſchaften der Menſchen ſind für mich nur die Zügel, mit denen ich das Schickſal gängele. Wenn der Cardinal ſich einbildete, von der ſchönen Königin Marie Antoinette erhört werden zu können, ſo hat er damit ein wahres Prachtſtück ſeiner Thorheit geliefert, und ſolche Thorheiten ſind gut, denn ſie helfen oft dazu, große Ereigniſſe vorzubereiten und durch einander zu ſchütteln, und darum habe ich auch das Vertrauen, das er zu mir hatte, benutzt, um ihn auf dieſe Bahn zu treiben. Was folgt aber daraus? Nun, entgegnete Lorenza mit ihrem liſtigen Lächeln, er fragte Dich um Rath, ob er ſich mit dem Ankauf jenes beiſpiellos ſchönen Diamanten⸗Halsbandes ein⸗ laſſen ſolle und ob er darauf mit Erfolg ſeine Werbung bei der Königin werde begründen können. Und Du nahmſt die Sache mit großer Wichtigkeit, mein Freund. Du ließeſt eine ſogenannte Taube kommen, wie in Deiner Wiſſenſchaft die jungen Mädchen im Unſchulds⸗ zuſtande genannt werden, und nachdem Du ihr in Deiner Eigenſchaft als Groß⸗Kophta die Hände auf⸗ gelegt, und ihr dadurch die Kraft mitgetheilt hatteſt, mit den Geiſtern der Mittelregion zu verkehren, ſtellteſt Du ſie vor die Kryſtal⸗Vaſe, um in dem reinen Waſſer den Spiegel der Zukunſt zu ergründen. Und das — jungfräuliche Kind ſah in der Caraffe nur die höchſten Wonnen und Freuden für ſeine Eminenz, und damit wurde über den ganzen Handel die Weihe Deiner Wiſſenſchaft geſprochen, großer Caglioſtro. s iſt wahr, erwiederte Caglioſtro, in ein augen⸗ blickliches rohes Lachen ausbrechend, das er jedoch bald wieder meiſterte, dieſe Lente, die ſonſt gar nichts mehr glauben, glauben noch an eine reine Jungfrau, die ihnen aus einer Waſſer⸗Caraffe etwas prophezeit. Der Cardinal ging bald darauf recht muthig in's Zeug hinein, und ließ ſich auf der Stelle mit unſerer treff⸗ lichen Freundin Lamotte ein, die ihn noch dazu mit eigenhändigen Billets der Königin bearbeitete. Er kaufte das Halsband, und unſere gute Gräfin Lamotte em⸗ pfing es aus ſeinen Händen, um es in die der Kö⸗ nigin zu legen. Was kann man mir dabei nachſagen? Ich habe nur die Rolle des Wohlthäters an der Phan⸗ taſie eines chriſtlichen Cardinals geſpielt? Wie ich den erlauchten Prinzen Rohan in einem Bett mit Cleopatra und Semiramis habe ſchlafen laſſen, und wie er noch vor Kurzem bei uns mit Marc⸗Aurel und Henri IV. zuſammen ſoupirte, ſo hatte ich ihm auch das abſon⸗ derliche Vergnügen zugedacht, ſich ein Liebesſpiel mit der Königin Marie Antoinette zu träumen. Ich habe damit ebenſo wenig ein Verbrechen gegen die ſchöne Königin von Frankreich vollbracht, als ich zum Hoch⸗ verräther an der ſchönen Aegypterin Cleopatra geworden bin, in deren von Roſen und Salben duftendes Bett ich den Cardinal ſteigen ließ. Aber der Cardinal wird ſich auf uns berufen, daß wir ihn in dieſe Täuſchung eingeführt, ſagte Lorenza, auf deren Geſicht mehr und mehr ein beſorgnißvoller Ausdruck hervortrat. Ich fürchte in der That, mein Freund, man wird uns als Mitſchuldige in dieſem Handel anſehen. Der Cardinal iſt ein halbverrückter Träumer, und er wird alle Geſchäfte, die er mit uns gehabt, ohne alles Bedenken preisgeben. Du haſt ihn zwar die Kunſt gelehrt, Gold zu machen und den Stein der Weiſen zu fabriziren, und er hat für dies, und für alle die ſeltenen Geheimniſſe der Roſenkreuzer, hübſche Summen Lehrgeld bezahlt. Aber bei dieſer Goldmacherei iſt er nur immer ärmer geworden, ſo daß er ſogar die erſte Ratenzahlung für das Halsband nicht hat einhalten können, wodurch der ganzen Ge⸗ ſchichte der Knoten platzte. Ebenſo wenig hat ihn Dein Stein der Weiſen eurirt, denn er iſt nur immer thö⸗ richter geworden, und er hat nichts gemerkt, wie arg Ihr ihm auch mitſpieltet. Ihr habt es allerdings ſehr weit getrieben, und ich fürchte, wenn uns nichts dabei den Hals bricht, wird es doch das tolle Rendezvous ſein, das Ihr im Bosquet des Schloßgartens zu Verſailles veranſtaltet habt. Dieſe Mademvoiſelle Oliva, welche Ihr aus den berüchtigten Mädchen des Palais Royal aufgegriffen und als Königin verkleidet habt, mag eine meiſterliche Marie Antoinette geweſen ſein, die dem Kopf des armen Cardinals den Reſt gab, aber jetzt, wo es zum Proceß kommen muß, wird Euch dies Mädchen ganz gewiß als Anſtifter verrathen. Ich bitte Dich, Aleſſandro, ſei beſonnen, und laß uns noch in dieſer Stunde aus Paris entfliehn! Ich begreife nicht, woher die Gräfin Caglioſtro dieſen Kleinmuth ſchöpft, erwiederte Caglioſtro ärger⸗ lich. Muß ich Dich daran erinnern, welcher kühne und furchtloſe Geiſt ſonſt Deinen ſchönen Körper be⸗ wohnte, und wie es kaum eine Aventure gab, die für Dich gefährlich genug war? Und jetzt ſollten wir uns durch eine unüberlegte Flucht, die uns am meiſten ver⸗ dächtigen müßte, zugleich aller der Vortheile berauben, die wir in Paris bereits errungen haben? Nein, ich weiche nicht vom Platze, und wenn ich angeklagt wer⸗ den ſollte, werde ich mich mit allen mir zu Gebote ſtehenden Mitteln zu vertheidigen wiſſen. Mein Ein⸗ fluß, dem bereits auch die Prinzen des Königlichen Hauſes zu huldigen anfangen, ſtrebt nach einer Uni⸗ verſal⸗Herrſchaft über die Geiſter und Taſchen der Menſchen, und ich ſollte denſelben plötzlich in einer Anwandlung von thörichter Furcht im Stich laſſen? Ich bin nicht furchtſam, rief Lorenza, indem ihre ſchönen Augen in einem dunkeln Feuer aufblitzten, aber Du weißt, ich habe ſtets eine richtige Witterung der Gefahr gehabt. Du weißt, daß ich uns zweimal vor den Kerkern in London und Madrid bewahrte, weil ich Dich zur rechten Zeit von dannen trieb, wäh⸗ rend Du noch, ſelbſt mir gegenüber, behaupteteſt, es könne Dir nichts begegnen, weil Du ſchon vor der Sündfluth gelebt und mit Noah in den Kaſten ge⸗ gangen ſeieſt. Caglioſtro brach in ein übermäßiges Gelächter aus, und überließ ſich einen Augenblick lang der zärtlichen und bittenden Liebkoſung, mit der ſich Lorenza an ihn ſchmiegte. Dann ſagte er, wie zu ihrer Beſchwichti⸗ gung: Aller Verdacht wird auf unſere erlauchte Gräfin Lamvtte⸗Valois abgleiten, und ich habe ihr darum auch dringend zur Flucht gerathen. Sie hat heut ſchon vor Anbruch des Tages Paris verlaſſen und ſich nach Bar⸗ ſur⸗Aube begeben, wo ich ihr bei einem Todtengräber, mit dem ich in Verbindung ſtehe, einen ſichern Verſteck ermittelt habe. Darum ſuchte ich ſie auch heut vergebens im gan⸗ zen Hauſe, verſetzte Lorenza nachſinnend. Aber ihr Verſchwinden wird für uns kein Vortheil ſein, Giu⸗ ſeppe Balſamo, fügte ſie mit erneuerter Dringlichkeit hinzu. Da ſie bei uns gewohnt hat, wird man hier den eigentlichen Sitz ihrer Intriguen ſuchen, und die Nachforſchungen können nicht ausbleiben. Man wird das Halsband hier ſuchen, denn da ſich jetzt ergeben, daß es die Königin nicht empfangen hat, wird es doch irgendwo geblieben ſein müſſen. Man wird keine Spur mehr davon finden, erwie⸗ derte Caglioſtro. Hier im Hanſe iſt auch nicht ein einziger Stein mehr davon vorhanden. Du weißt, wir haben es in ſeine Theile aufgelöſt, und der Mann der Lamotte iſt damit längſt in London, um die ein⸗ zelnen Stücke zu Geld zu machen. Du hätteſt Dich mit dieſer abſcheulichen Fran nie⸗ mals einlaſſen ſollen, ſagte Lorenza mit einem ſchmol⸗ lenden Ausdruck. Sie hat mit ihrer teufliſchen Ge⸗ ſchicklichkeit den Cardinal zu bethören verſtanden, ſie wird aber auch Dein Unglück ſein, ſie wird Dich und mich in's Verderben ſtürzen. Ich kann Dir ſagen, ich habe auch nie an ihre erlauchte Abſtammung ge⸗ glaubt, die doch nur ein unverſchämt erſonnenes Mär⸗ chen ſein kann. Eine Perſon dieſer Art kann unmög⸗ lich von dem alten Königsgeſchlechte von Frankreich herſtammen. Warum nicht? lachte Caglioſtro mit einer höhni⸗ ſchen Grimaſſe. Ihr Frauen ſeid einmal nicht im Stande, einander Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Kann eine Intriguantin nicht recht gut aus altem kö⸗ niglichem Blut herſtammen? Mein Kind, es iſt durch die Genealogen hinlänglich feſtgeſtellt, daß die Gräfin Lamotte⸗Valvis ihren Urſprung von jenem Karl von Valvis, Baron von Saint⸗Remy, herzieht, der ein natürlicher Sohn des franzöſiſchen Königs Karl IX. geweſen. Ihr Geſchick hatte ſie zur Landſtreicherin und Bettlerin beſtimmt, und als ich ſie hier kennen lernte, lebte ſie kärglich von den Almoſen, welche ihr die Hofleute aus Pietät für den Namen Valvis zu⸗ warfen. Ich trieb einiges Unternehmungsfeuer in ihre Adern, und ſie hat es mir gedankt, indem ſie mir ein — nützliches und geſchicktes Werkzeug meiner Pläne ge⸗ worden. Und war es nicht eine wunderbar intereſſante Komödie, zu ſehen, wie der letzte Reſt des Hauſes Valvis ſich mit aller Luſt der Intrigne an die Tochter der Cäſaren drängt, die das Erbtheil der armen Ver⸗ ſtoßenen, eine der erſten Kronen der Welt, auf ihrer Stirn trägt? Und das Diamanten⸗Halsband wird zu⸗ gleich zum Inſtrument der Rache an der ſtolzen Tochter der Cäſaren werden. Lorenza ſchüttelte mißbilligend ihren Kopf, und be⸗ gab ſich jetzt, ohne ein Wort weiter hinzuzufügen, zur Thür. Triff jetzt ernſtlich alle Vorbereitungen zu unſerem heutigen Diner, rief er ihr nachdrücklich zu. Es muß Alles glänzend, auserleſen und pünktlich hergehen. Ich verlaſſe mich auf Dich, wie immer. Damit ſetzte er ſich wieder an ſeinen Arbeitstiſch, um die vorhin unterbrochenen Studien und Experi⸗ mente fortzuſetzen.— V. Das Geiſter-Piner. Die anberaumte Dinerſtunde des Grafen Caglioſtro war herangekommen, und die Eingeladenen hatten ſich kih gezeigt, zur rechten Zeit zu demſelben einzu⸗ treffen. Caglioſtro empfing ſeine Gäſte in ſeinem gewöhn⸗ lichen Koſtüme, das er niemals abzulegen pflegte, und an das man ſich in der vornehmen Geſellſchaft von Paris bereits vollſtändig gewöhnt hatte. Seine Frau aber hatte eine prächtige und verführeriſche Toilette Mirabeau. II. 6 angelegt, in der ſie ſich mit hinlänglich feinen und wirkſamen Manieren zu bewegen verſtand. Zuerſt war die Marquiſe von Barbeyrac mit ihrem Begleiter, dem deutſchen Exminiſter Baron von Hohen⸗ feld, erſchienen. Die Marquiſe war eine Dame von ungewöhnlicher Schönheit, die, obwohl ſie bereits im Anfang der Vierziger Jahre zu ſtehen ſchien, doch noch in einem ſehr wenig geſtörten Beſitz ihrer Reize ſich befand, und jedenfalls durch eine Fülle von Grazie und Geiſt die in dieſem Beſitzſtande etwa eingetretenen Lücken ergänzte. Die Marquiſe war eine vielgefeierte Perſönlichkeit der damaligen vornehmen Geſellſchaft,. und ihr geſuchter Umgang berührte nicht nur die Hof⸗ kreiſe, ſondern auch Alles was es in Paris Ausgezeich⸗ netes und durch Geiſt und Talent Glänzendes gab. In ihren liebenswürdigen Feſſeln lag jetzt der deutſche Baron von Hohenfeld, ein Mann von ſtattlichem und imponirendem Wuchs, der einige fünfzig Jahre zählen mochte, und in ſeinem heiteren und jovialen Weſen den ausgeprägten Charakter eines Lebemannes und eines auf das Behaglichſte in's Franzöſiſche ſich über⸗ ſetzenden deutſchen Cavaliers trug. Gleichzeitig mit ihnen waren Chamfort und Frau von Nehra im Hauſe eingetroffen, welche letztere auf die Aufforderung Chamforts, ihn bei dieſem Beſuche zu begleiten, um ſo bereitwilliger eingegangen war, als es ſich dabei zugleich um einen Wunſch Mirabeau's handelte. Denn das Leben und Treiben Caglioſtro's hatte auch die Aufmerkſamkeit Mirabeau's auf ſich ge⸗ zogen, und er kam in ſeinen Briefen an Chamfort ſeit einiger Zeit regelmäßig darauf zurück, daß ihm ein möglichſt vielſeitiger Bericht über den berühmten Wunderthäter aus mehrfachen Gründen ſehr erwünſcht ſein würde. Chamfort hatte ſich darum endlich ent⸗ ſchloſſen, die Bekanntſchaft des Grafen Caglioſtro zu — machen, und Henriette, welche ſich in allen Dingen gern als den eifrigſten Agenten Mirabeau's zeigen wollte, und die ſeit den glücklichen Ausſichten, die ſie für ihren Freund gewonnen, ſich ſo voll Lebensmuth und Fröhlichkeit fühlte, wie noch nie, war ihm zu dieſer Einladung in der unternehmendſten Stimmung efolgt. Caglioſtro hatte ſeine Gäſte am Fuße der inneren Treppe des Hauſes erwartet, an der zugleich eine Schaar von Dienern, welche diesmal in einer koſtbaren Trauerlivrée gekleidet erſchienen, in einer feierlichen Aufſtellung in Bereitſchaft ſtand. Die Gräfin war oben im Salon geblieben, und empfing dort die ihr von Caglioſtro zugeführten Gäſte mit dem taktvollſten Anſtande. Die Unterhaltung drehte ſich zu Anfang nur um ganz gleichgültige Ge⸗ genſtände, wobei Caglioſtro ſelbſt nur ſehr zurückhaltend und mit einer gewiſſen Feierlichkeit ſich äußerte. Die Tiſchgeſellſchaft war noch nicht ganz vollſtän⸗ dig erſchienen. Es wurde auf den General von La⸗ fayette gewartet, welcher die Einladung zu dieſem Di⸗ ner ebenfalls angenommen hatte, da er ſeit der Rück⸗ kehr von ſeiner zweiten Reiſe nach Amerika, die zu Anfang des Jahres 1785 erfolgt war, ſich von den in Paris in Mode gekommenen Richtungen des Mag⸗ netismus und der Magie immer lebhaſter angezogen gefühlt hatte. 2 Endlich war auch Lafayette erſchienen, und man zögerte nun nicht länger, in den Speiſeſaal einzutreten, deſſen Flügelthüren von dem Haushofmeiſter geöffnet wurden. Der Saal, in den man ſich begeben, war auf eine eigenthümliche Weiſe ausgeſchmückt. Er zeigte ſich ganz und gar mit ſchwarzen Sammettapeten aus⸗ geſchlagen, die auf ihrem dunkeln Trauergrunde mit funkelnden goldenen Sternen durchwebt waren. Alles 6 4 6— 84— ſchien in dem unheimlich weiten Gemache auf einen feierlichen Ausdruck von Trauer und Melancholie ab⸗ geſehen, mit dem nur die prächtigen Spiegel und Kronleuchter durch ihren Glanz und ihre Koſtbarkeit in einem merkwürdigen Contraſt ſtanden. Dazu kam die tiefe, wunderbare Stille, die in dieſem Saale herrſchte, um einen Eindruck hervorzurufen, der ſogleich von der ſichtbaren Gegenwart abzog, und den Beiſt zu den ungewöhnlichſten Anſchanungen und Erwartun⸗ gen zu ſtimmen ſchien. Ein in der Mitte des Saales befindlicher Tiſch, der mit dem ausgeſuchteſten Luxus geſchmückt war, ließ neun Converts zählen, obwohl die anweſende Ge⸗ ſellſchaft nur aus ſieben Perſonen beſtand. Caglioſtro entſchuldigte dieſen Umſtand mit der Bemerkung, daß einige der Eingeladenen zu erſcheinen verhindert ſeien. Er lud ein, die Plätze einzunehmen, ließ jedoch die überzähligen Converts nicht entfernen. Die eigenthümliche Spannung, mit der man in den prunkvollen Trauerſaal eingetreten war, wich einen Augenblick lang der Verwunderung, die über den Her⸗ gang des Diners ſelbſt ſich einſtellte. Die Dienerſchaft blieb gänzlich entfernt, und ihre Stelle erſetzten Ser⸗ vanten von Ebenholz, die mit einer bewundernswürdig genau arbeitenden Maſchinerie abwechſelnd dem Boden entſtiegen und wieder in denſelben hinabſanken, um entweder die Speiſen und ſonſtigen Tafelbedürfniſſe heraufzubringen oder auch nach geſchehenem Gebrauch wieder zu entfernen. Die Marquiſe von Barbeyrac, die allem Anſchein nach mit den keckſten und übermüthigſten Zweifeln in dieſem Bereich erſchienen war, zeigte ſich bei Betrach⸗ tung aller dieſer Dinge anfänglich ein wenig befrem⸗ det und verſank oft in ein ſtummes Nachſinnen. Die angelegentliche Unterhaltung, welche ſich bald zwiſchen Chamfort und dem Marquis von Lafayette eutſponnen, erregte jedoch ihre Aufmerkſamkeit wieder, und ſie wandte ſich dem Geſpräche mit der ihr eigenen glän⸗ zenden Lebhaftigkeit zu. In Amerika hat man wohl keine Zeit, Geiſter er⸗ ſcheinen zu ſehen? fragte Chamfort in ſeiner gewöhn⸗ lichen ſarkaſtiſchen Manier den Marquis von Lafayette. Alle Welt und alle Blätter haben von den großen Triumphen erzählt, die Euch bei Eurer neuen Reiſe durch den amerikaniſchen Freiſtaat überall entgegen⸗ geflogen ſind. Ihr habt dort den Tempel der ameri⸗ kaniſchen Freiheit nun vollends ausmauern helfen, edler General von Lafahette, und es mag dies ein wah⸗ res Geſchäft für Götter ſein, ein ſolches Stück Arbeit zu machen. Mit dem Titel und den vollſtändigen Rechten eines amerikaniſchen Bürgers wieder nach Frankreich zurückgekehrt, habt Ihr in Paris, wo es noch immer gar nichts für uns zu thun giebt, gewiß ſchon wieder die grimmigſte Langeweile empfinden müſſen. Und die thatenloſe Langeweile iſt die Mutter der Geſpenſter und der Wunderkuren. Ich erkläre mir“ daraus Eure fortdauernde Hinneigung zum Mesmeris⸗ mus, denn, wie ich höre, ſeid Jor noch immer ein enthuſiaſtiſcher Anhänger des deutſchen Doctor Mes⸗ mer geblieben, und ſeid in dem Hauſe auf Place Vendöme bei allen ſeinen magnetiſchen Kuren gegen⸗ wärtig. Chamfort hatte damit in ſeiner unbekümmerten Weiſe ein entſcheidendes Wort für die Situation, in der man ſich hier einander gegenüber befand, aus⸗ geſpielt. Lafayette, auf deſſen jngendlich anmuthigem Geſicht ſich plötzlich ein tiefer Ernſt gelagert, zögerte noch, auf dieſe Herausforderung zu antworten, wäh⸗ rend Graf Caglioſtro ſeine elektriſchen, wetterleuchten⸗ den Blicke im Kreiſe umherſchweifen ließ, und die 65— Phyſiognomie jedes Einzelnen ſeiner Gäſte mit der durchdringenden Kraft ſeiner Augen zu ergründen ſtrebte. Die Marquiſe von Barbehrac nahm zuerſt das Wort und ſagte, indem ihre ganze Spottſucht wieder auf das ſchöne liebenswürdige Antlitz zurückgekehrt war: Wenn Herr von Chamfort mit ſeiner geiſtreichen Bemerkung über die Langeweile Recht hat, ſo fürchte ich, was ich eigentlich von Anfang an hoffte, daß wir hier an der Tafel des Grafen Caglioſtrv ganz und gar keine Geſpenſter zu ſehen bekommen werden. Denn mich dünkt, wir fangen uns hier ſchon vortrefflich zu amüſiren an, und wenn nur die Langeweile die Mutter der Geſpenſter iſt, ſo dürfte es heute ſchwerlich noch zum Geiſterſehen kommen. Was meinen Sie dazu, Herr Graf? Caglioſtro lächelte und ließ dabei ſeine wunderbar ſchönen weißen Zähne, die ihm einen eigenthümlichen Ausdruck gaben, aus ſeinem Munde hervorleuchten. Dann ſagte er in ſeiner gebrochenen Sprache, deren fremdartigen Accent er noch künſtlich zu erhöhen ſchien: Die Geiſter fragen nicht nach unſerer Langeweile oder nach unſerem Vergnügen. Was fragt die Luft nach uns, die unſere Schläfe küßt? Aber ſie weht beſtändig und ſie berührt uns beſtändig, und es hängt von uns ab, ob wir ſie verſtehen wollen. Luft, Geiſter, Wahr⸗ heit, es iſt Alles daſſelbe, und es kommt nur auf uns an, ob wir ſie zu würdigen wiſſen. Durch unſer Ver⸗ ſtändniß exiſtiren ſie erſt, aber für den, der die Welt nicht verſteht, iſt Alles eitel Nebel, und die Vorhänge bleiben ihm geſchloſſen. Ich bitte Sie auch dringend, ziehen Sie die Vor⸗ hänge noch nicht auf, Herr Graf! ſagte die Marquiſe, indem ſie ſich zu einem graciöſen Lachen zwang. Ich bin zwar als enragirte Ungläubige hierher gekommen, um mich von Ihnen bekehren zu laſſen, aber je näher dieſer Moment heranrücken ſoll, deſto mehr befällt mich ein entſetzliches Unbehagen und Fröſteln. Viel⸗ leicht hat der Herr Marquis von Lafayette noch erſt die Güte, uns Etwas von Amerika zu erzählen. Es ſoll zum Beiſpiel in Amerika gar keine Eſel geben, warf Chamfort luſtig dazwiſchen, Darüber habe ich mir längſt eine zuverläſſige Auskunft ge⸗ wünſcht. Iſt es wahr, Herr General, daß man in Amerika früher das Geſchlecht der Eſel durchaus nicht kannte? Erſt durch die beſonderen Bemühungen des großen Waſhington, der jetzt ein eben ſo guter Land⸗ wirth ſein ſoll, als er Revolutionsheld geweſen, ſoll es gelungen ſein, Eſel nach Amerika zu ziehen, und es verſteht ſich, daß dieſelben gern und zahlreich aus Europa hinübergeſchickt wurden. Die Sache machte ſich doch nicht ganz ſo leicht, entgegnete der General von Lafayette mit ſeinem lie⸗ benswürdigen Lächeln. Es iſt wahr, mein Freund Waſhington vermißte plötzlich die Eſel auf ſeiner länd⸗ lichen Beſitzung in Mount⸗Vernon, und ich ſelbſt hatte ihm erzählt, welchen Ueberfluß wir an dieſen Thieren in Europa hätten. Er machte aber beſondere Anſprüche und wollte einen Eſel von einem gewiſſen hohen Leibeswuchs haben, wie man ihn nur in Spanien bei dieſem wunderlichen Geſchlecht findet. Wir be⸗ mühten uns nun durch Harriſon bei Seiner katholi⸗ ſchen Majeſtät ſelbſt darum, und der König von Spa⸗ nien befahl, zwei der ſchönſten Eſel in ſeinem Königreich aufzukaufen und dieſelben als ein Zeichen ſeiner be⸗ ſonderen Hochachtung an Waſhington zu überſenden. Waſhington zeigte ſich außerordentlich erfreut über ein ſo ſchmeichelhaftes Zeichen der Aufmerkſamkeit von Seiten eines gekrönten Hauptes, und er ſagte mir oft, daß er ſeitdem eine große Verpflichtung gegen den König von Spanien in ſich fühle.*) Gebe der Himmel, daß ihn dieſes gefährliche Ge⸗ ſchenk nicht noch von ſeinen republikaniſchen Grund⸗ ſätzen wieder abwendig mache! rief Chamfort mit einer komiſchen Gebärde. In der That, durch dieſe ſpani⸗ ſchen Eſel könnte am Ende noch das monarchiſche Princip in Amerika eingeführt werden, denn das Bei⸗ ſpiel des großen Waſhington iſt gewiß noch immer das entſcheidende in den Vereinigten Staaten, und wenn der amerikaniſche Freiheitsheld gerührt iſt über die Eſel eines Königs, ſo werden es bald alle Völker jenſeits des großen Sees ſein. Ich würde demnach glauben, daß die Einführung des Königthums in der amerikaniſchen Republik nicht mehr ſo fern ſtehe, wenn nicht die Nachrichten von der letzten Triumphreiſe, auf welcher General Lafayette Amerika durchzogen, mich noch wieder mit einigem Vertrauen auf das Freiheitsprincip der neuen Welt geſtärkt hätten. Man hat daraus ſicher vor Allem die freudige Gewißheit ſchöpfen können, daß die amerikaniſchen Völker ihren großen Kayewla, wie ſie Euch dort nennen, im Sinne der Freiheit von Neuem ſo hoch gefeiert haben, und daß der Bund Amerikas mit Lafahette den Freiheits⸗ bund der Zukunft für alle Völker eingeleitet hat und bedeutet. Die Augen der Amerikaner ſind allerdings jetzt vorzugsweiſe auf unſer Frankreich gerichtet! entgegnete Lafayette. Der Congreß hat mir ein Schreiben an den König von Frankreich mitgegeben, welchen die ameri⸗ ſchen Wilden den großen Ononthio nennen. In dieſem Schreiben iſt der Bank, welchen die Vereinigten Staa⸗ ten Frankreich für ihre Freiheit ſchuldig zu ſein be⸗ Memoires du Général Lafayette II. 127. 65— kennen, mit den feierlichſten Ausdrücken niedergelegt worden. Die Freiheit iſt der natürliche Lebensathem Amerika's geworden, und kann dieſem Volke durch einen künſtlichen monarchiſchen Athmungsprozeß nicht mehr erſetzt werden. Als ich jetzt mit meinen ameri⸗ kaniſchen Freunden die letzte Pfeife rauchte und ihnen beim Scheiden gute Geſundheit, glückliche Jagden, beſtändige Einheit und Freiheit und die Verwirklichung aller ihrer ſchönen Träume wünſchte, da überfiel mich der Gedanke an die große Zukunft dieſes Landes mit einer unnennbaren Gewalt. Es waren die bedeutungs⸗ vollſten Abſchiedsthränen, die man nur bei der Tren⸗ nung von einem Freunde weinen kann, in deſſen glück⸗ liche Hand man ſeine beſten Ideen, Träume und Hoffnungen niedergelegt hat. Denn die glückliche Hand iſt es auch, die wir den Amerikanern werden beneiden müſſen. Und künftig werden nicht nur die Eſel von Eurvpa freudige Aufnahme in Amerika finden, ſondern überhaupt alle Beladenen und Ueberbürdeten werden dort ein glückliches Aſyl und eine neue Heimath finden. So ſchrieb mir neulich erſt General Waſhington, daß Alle zu ihnen hinüberkommen möchten, die ihr Glück und ihren Frieden in der Bebanung der Mutter Erde ſuchten, denn ſie würden, wie in dem gelobten Lande, nur Milch und Honig finden.*) Es lebe Lafayette! rief Chamfort, indem er ſein Glas zum Anklingen erheben wollte. Der Graf Ca⸗ glioſtro aber machte in dieſem Augenblick eine geheim⸗ nißvolle Gebärde, indem er die Hand durch die Luft ausſtreckte und zugleich ſeinen Gäſten anzudeuten ſchien, daß ſie dem Ausbringen des angeregten Toaſtes noch einen Augenblick Einhalt thun möchten. Dann ſpran⸗ gen plötzlich zwei der Servanten aus dem Fußboden *) Mémoires du Général Lafayette IHI. 125. — 90— hervor, die eine Galerie neuer, mit köſtlich funkelndem Weine gefüllter Flaſchen auf ihren Präſentirtellern darboten. Caglioſtro nahm die Flaſchen, um ſie auf der Tafel zu vertheilen, und begann ſelbſt die Gläſer mit dem feuerblinkenden Wein zu füllen. Das iſt allerdings ein herrlicher Syrakuſer, ſagte Chamfort, nachdem er mit Kennermiene ſein Glas ge⸗ prüft hatte. Wir hoffen, daß ihn der Herr Graf auf dem gewöhnlichen Wege bezogen hat, denn obwohl ihm gewiß Geiſterquellen aller Art auch für ſeinen Wein⸗ keller zu Gebote ſtehen, ſo nehmen doch gewiß die furchtſamen Damen in der Geſellſchaft mit viel größe⸗ rem Dank ein Gewächs entgegen, in dem es noch nicht ſpukt und das wirklich von den braunen Händen eines italieniſchen Bauern gekeltert worden. Der Graf Caglioſtro zeigte mit einer leichten Hand⸗ bewegung auf die perlenden Weingläſer, und ſeine Miene, mit der er zum Trinken einlud, hatte in die⸗ ſem Augenblick faſt einen gutmüthigen und fröhlichen Ausdruck. Chamfort erhob jetzt ſein Glas, und ſagte: Und uun trinke ich in dieſem perlenden ächten Syrakuſer die Geſundheit des Generals von Lafayette! Nicht nur ſein tapferer Arm, der ſich der Freiheit der Völker gewidmet, ſondern auch ſein ſchönes Herz, das für die Emancipation der armen ſchwarzen Neger ſchlägt und wirkt, blühe und ſchaffe glorreich weiter. Wie den unglücklichen Schwarzen jenſeits des Meeres, ſo hat er auch den bedrückten Proteſtanten in Frankreich und Allem, was in ſeiner Menſchenwürde verkürzt und verkümmert iſt, einen heiligen Ritterdienſt geweiht. Es lebe Lafayette, und mit ihm Alles was ſchwarz iſt und was proteſtirt und was einſt noch hell und ſtrahlend werden ſoll und ſein Recht bekommen wird in der Freiheit Aller! Die Gläſer klangen mit einem feierlichen Ton, der in der Tiefe des Gemachs ſeltſam wiederhallte, zuſammen. Auch Caglioſtro leerte ſein Glas, obwohl es ſonſt in ſeiner Gewohnheit lag, an den Genüſſen ſeiner Tafel ſelbſt faſt gar keinen Theil zu nehmen, wie er bisher von allen aufgetragenen Speiſen nichts weiter als einige italieniſche Paſteten berührt hatte. Lafayette hatte ſich begnügt, dem ihm geſpendeten Toaſt mit einem lächelnden Verneigen nach allen Sei⸗ ten hin zu danken. Die Marguiſe aber, auf deren Geſicht ſich ein reizender Spott gelagert, ſagte, zu dem Grafen Ca⸗ glioſtro gewendet, in ihrer vollendeten Anmuth: Mit Vergnügen haben wir gewiß Alle einem ſo geiſtreichen Toaſt entſprochen, der auch der Schwarzen gedenkt, und den General Lafayette, der für die Sache der Neger ſchon ein eigenes Comité in Paris errichtete, gewiſſermaßen in die Reihe der mächtigſten Schwarz⸗ künſtler dieſer Zeit gerückt hat. Sie ſehen alſo, Herr Graf, daß in dieſem Kreiſe die ſchwarze Kunſt nicht anders als unter dem höchſten Geſichtspunkte aufgefaßt wird. Ein Schwarzkünſtler, wie Herr von Lafayette, will den Geiſt der ſchöneren Zukunft citiren, und dieſer flößt uns einſtweilen noch keine Geiſterſchrecken ein, denn er mag uns wohl noch ziemlich fern ſein. Nun ſagen Sie uns aber, Herr Graf, welchen Anſpruch Sie eigentlich für Ihre Kunſt erheben, von der Sie uns heut die entſcheidenden Proben geben wollen? Iſt es Idee, iſt es Magie, iſt es Wahrheit, iſt es Traum, deſſen wir uns von Ihnen zu verſehen haben werden? Caglioſtro blickte bei dieſer Frage zuerſt ruhig vor ſich nieder und ſchien nachdenklich in ſich ſelbſt zu ver⸗ ſinken. Dann ſchüttelten ſich die dichten, ſchwarzen — Locken auf ſeinem Haupt wie in einer elektriſchen Be⸗ wegung, und die Marquiſe wollte es ſich kaum geſtehn, daß ſie kniſternde Funken aus ſeinem Haar emporſtei⸗ gen ſah. Dann erhob er ſein Auge, und ließ es mit der räthſelhaften Allgewalt, die auch die Ungläubigſten dieſem Blick zuzugeſtehen pflegten, lange und unauf⸗ hörlich auf der Marquiſe ruhen. Frau von Barbeyrac gerieth dadurch bald in eine ſo eigenthümliche Empfindung, daß ihr der Schweiß in hellen Tropfen von der Stirn zu perlen begann und ſie, einer Ohnmacht nahe, an der Hand ihres Nachbarn, des Baron von Hohenfeld, ſich feſthalten mußte. Mein Gott, Sie werden immer bleicher, Frau Margquiſe! rief der deutſche Baron, der ſich bis dahin nur zu einem aufmerkſamen Beobachter alles um ihn her Vorgehenden gemacht. Dann ſuchte er der liebens⸗ würdigen Dame, der die Dienſte ſeiner Galanterie ge⸗ widmet waren, ſeinen Beiſtand zu leiſten, aber ſie wehrte, ſich raſch erholend, Alles zurück, und erklärte, daß ſie ſich vollkommen wohl befinde. Ich fühle ſchon jetzt, daß ich ein gläubiger Schüler des Grafen Caglioſtro werden könnte, ſagte Herr von Hohenfeld, mit einer der verbindlichen und hofmän⸗ niſchen Verbeugungen, die dem deutſchen Cavalier bei allen Gelegenheiten eigen waren. Und müch dünkt, wir wären jetzt Alle in der richtigen Stimmung, um uns unſerem eigentlichen Zweck zu nähern. Sind wir nicht eingeladen worden, an der Hand eines mächtigen Führers, dem die höhere Weihe auf ſeine Stirn ge⸗ ſchrieben ſteht, in das Innerſte des Geiſterreichs hinab⸗ zuſteigen? Nun wohlan, ſchon iſt es mir, als hörte ich die diamantenen Pforten rauſchen, die ſich uns öffnen wollen! Die Marquiſe ſah mit der größten Verwunderung — ihren Begleiter an, der, nachdem er ſich ſo lange ganz ſtill verhalten, plötzlich in einen ſo aufgeregten Enthu⸗ ſiasmus umgeſchlagen zu ſein ſchien. Faſt hätte dieſer Anblick auf die Lachluſt der übermüthigen Marquiſe gewirkt, wenn ſie nicht jetzt von Neuem die Augen Caglioſtro's auf ſich ruhen gefühlt, von denen ſie ſich ſo unwiderſtehlich angezogen fand, daß ſie ſich wider ihren Willen ihm zuwenden, ja jetzt ſogar ſich von ihrem Sitz erheben mußte, um ihm, der aufgeſtanden war, näher zu treten und zu folgen⸗ Caglioſtro aber deutete mit einer Handbewegung auf ihren Seſſel zurück, auf dem ſie ſich mit einem tiefen Seufzer niederließ. Caglioſtro ſagte darauf mit einem ernſten, faſt würdigen Ausdruck in ſeinem Geſicht: ich bitte nur, daß Jeder ſeinen Platz behalte, auf dem er ſich be⸗ findet. Wohl erinnere ich mich, was ich Ihnen ver⸗ heißen habe, Frau Marquiſe von Barbeyrac. Hier iſt von keiner Kunſt, der irgend eine irdiſche Farbe bei⸗ gelegt werden kann, die Rede. Nicht Schwarz nicht Weiß, nicht Blau nicht Roth dürfen die Erkenntniß bezeichnen, die uns fruchten ſoll. Das reine Wiſſen und Schauen nehme uns auf ſeine azurgewebten Flü⸗ gel, und laſſe uns miteinander die Schranken durch⸗ dringen, welche den blöden Geſichtskreis des gewöhn⸗ lichen Haufens hemmen! Ich erwarte nichts weiter von Ihnen, als daß Sie mir die Perſonen nennen, welche Sie vor ſich zu ſehen wünſchen. Die Marguiſe zuckte heftig zuſammen und ſchwieg. Sie ſchien den Muth zu einer beſtimmten Antwort nicht finden zu können. Die Stimmung der Geſell⸗ ſchaft begann in dieſem Augenblick eine ernſte und feierliche zu werden. Ich will verſuchen, in Ihrem Innerſten zu leſen, Fran Margquiſe, ſagte Caglioſtro, nachdem er ſie mit —= 5— einem ſiegesgewiſſen Lächeln betrachtet hatte. Den einen Namen, der in Ihrer Seele ſchlummert und ſich mir gewaltig entgegendrängt, glaube ich ſchon zu finden. Es iſt der Name des großen Cardinals von Richelieu. Ja, verſetzte Frau von Barbeyrac, lebhaft auf⸗ athmend, laſſen Sie uns den großen Cardinal von Richelien ſehen. Und dann wünſchte ich auch noch meine alte vielgeliebte Großmutter, die von der müt⸗ terlichen Seite her, wiederzuerblicken. Kaum hatte die Marquiſe dies Wort ausgeſprochen, als ſich Caglioſtro auch ſchon erhob, und mit einigen Schritten dem Spiegel ſich näherte, welcher der Mar⸗ guiſe gerade gegenüber an der Wand hing und inner⸗ halb ſeiner prachtvollen Einrahmung bisher nur das Bild der ſchönen eleganten Frau wiedergeſtrahlt hatte. Nachdem der Graf gegen den Spiegel hin eine tiefe und unendlich reſpectvolle Verbeugung gemacht hatte, ſchien es in der Fläche deſſelben plötzlich auf eine eigen⸗ thümliche Weiſe lebendig zu werden. Zuerſt dämmerten darin dunkle Schatten, feucht anlaufende Nebel auf und nieder, und gleich einer vom Winde bewegten Draperie begann es ſich in dem Glaſe hin und her zu ſchieben. Die an Schauder gränzende Spannung der Ge⸗ ſellſchaft hatte den höchſten Grad erreicht. In dem weiten Saal war kein Athemzug, nicht die leiſeſte Be⸗ wegung zu vernehmen. Dann trat auf Einmal, wie durch einen Geiſter⸗ hauch geſchwellt, eine Perſon in dem vollſtändigen Schmuck eines Cardinals aus dem Spiegel hervor. Die Geſtalt glich ganz genau und bis auf die leiſeſten Züge und zufälligſten Umſtände einem berühmten Bilde, welches im Hötel de Richelien von dem großen Staatsmann und Cardinal noch gezeigt wurde. Mit wachſendem Erſtaunen betrachteten die An⸗ weſenden die hohe, würdevoll auftretende Geſtalt, die — 2 ſich jetzt ganz nahe zur Tafel heranbewegte und der Geſellſchaft einen die abgeſchiedene Ruhe eines Geiſtes athmenden Gruß ſpendete. Die Marquiſe, die beim Anblick des Schattens durchaus nicht erſchreckt ſchien, ſondern jetzt im Ge⸗ gentheil ihre ganze Unbefangenheit und Laune wieder⸗ gewonnen hatte, erwiederte mit ihrer gewohnten Grazie und Liebenswürdigkeit den Gruß des Schattens. Ihr Begleiter aber, der dentſche Baron, ſchien jetzt von einem namenloſen Schrecken befallen zu ſein. Kaum wagte er, der Erſcheinung, die dicht an ihm vorüber⸗ geſtreift war und ihn mit ihrem Gewande berührt hatte, ſein ganzes Geſicht zuzuwenden. Chamfort und Henriette aber ſahen ſich einen Augenblick lang betroffen an. Der Erſtere verſuchte zu lächeln, aber die ernſten Blicke Henriettens ſchienen ihm einen Verweis zu geben und ihn um eine ruhige Beobachtung des Vor⸗ ganges zu bitten. Die Marquiſe von Barbeyrac aber gewann bereits eine ſolche Dreiſtigkeit über ſich, daß ſie mit einem völlig ſicheren Converſationston den Schatten anzu⸗ reden wagte, und mit allen Ausdrücken einer Frau von gutem Ton ſich bei ihm entſchuldigte, daß ſie, getrieben von einem unwiderſtehlichen Drang, ihn zu beläſtigen gewagt habe. Das Phantom lächelte und ſchien mit einigem In⸗ tereſſe ihren Aeußerungen zu lauſchen. Die Marquiſe aber ſchien in dem Eifer, der ſich ihrer bemächtigt, jetzt faſt geſchwätzig werden zu wollen. Die Politik des Herzogs von Richelien hat immer meine höchſte Bewunderung gehabt, rief ſie mit ihrer anmuthigen Salon⸗Sicherheit der Erſcheinung zu. Lei⸗ der ſind die heutigen Miniſter Frankreichs ſchon ſeit lange von den Traditionen des großen Meiſters der Staatskunſt ganz und gar abgewichen. Der Schatten ſchien jetzt ſelbſt das Wort nehmen zu wollen, und ſtreckte ſeine beiden Arme mit einer feierlichen Bewegung durch die Luft. Dann erhob er ſeine Stimme, die einen tiefen getihtiten Klage⸗ laut hatte, und ſagte langſam: Den Abfall der heu⸗ tigen Miniſter Frankreichs zu beklagen, kann ich eben⸗ falls nicht umhin. Denn ſchwer, ſchwer wird das arme Frankreich die Sünden meiner Nachfolger zu büßen haben. Ein Meer von Uebeln, das im An⸗ ſchwellen begriffen, wird Altar und Thron fortſpülen, und es wird ſich verwirklichen Pharamunds Traum, worauf aber eine zweite, noch ungleich ſchrecklichere Fluth herankommen wird, deren blutige Wogen durch Fenerwolken gepeitſcht ſein werden. Auch ich werde raſtlos gepeitſcht in dem mir angewieſenen Aufenthalt durch das Bewußtſein, daß meiner Thätigkeit eigent⸗ liches Ergebniß der Sieg der Feinde der Kirche ge⸗ weſen iſt. Es giebt doch ewig kein Heil für die Throne wie für die Völker anders, denn innerhalb der katho⸗ liſchen Kirche. Ich habe den Thron Frankreichs zuerſt groß gemacht, indem ich ihn unter dem Firmament der katholiſchen Kirche ſicher hinanwölbte, aber ich erachtete es für eine rechte Kunſt meiner Politik, die Sache der Proteſtanten in Deutſchland zu unterſtützen, um durch ſie das gefährliche Haus Oeſterreich demüthigen zu laſſen. Wehe mir, wehe, dadurch habe ich den Wind geſäet, dem Frankreich jetzt die Ernte ſeiner Stürme danken wird. Aber wenn Ihr gute Katholiken ſeid, werdet Ihr Euch noch retten können an Leib und Seele, und werdet übrig bleiben in der ſchlimmſten Stunde der Geſahr.*) *) Wörtlich nach den Angaben, die der Baron von Hohen⸗ feld ſelbſt in einer unter Familien⸗Papieren gefundenen Auf⸗ zeichnung von dieſem Diner bei Caglioſtro und den bei demſel⸗ — Ein unendlich edler Zug durchdrang bei dieſen Worten die ganze Phyſiognomie des vedenden Schat⸗ tens. Dann aber verwandelte ſich plötzlich der Aus⸗ druck ſeiner Mienen, eine bittere Ironie nahm in den⸗ ſelben Platz, und, einen Schritt weiter vortretend, ſtand er plötzlich in unmittelbarſter Nähe neben der Marquiſe von Barbeyrac. Sie ſelbſt werden den Tod der Miſſethäter ſterben, ſagte er, zu ihr gewandt, mit einem unheimlichen, düſtern Ton. Daß ich Ihnen dieſes mittheile, mögen Sie als die reichlich verdiente Strafe des Fürwitzes anſehn, der meine Ruhe ſtörte! Bei dieſen Worten war der Schatten verſchwun⸗ den, und ſein Bild ſchien plötzlich von der Luft auf⸗ geſogen worden zu ſein. Niemand hatte über die Art ſeines Verbleibens etwas bemerkt. Ein athemloſes Schweigen herrſchte in dem Sagl. Die Marquiſe war von Nenem bleich geworden und zitterte, während ſich der Baron von Hohenfeld ſogleich wieder um ſie be⸗ mühte, und ihr die höchſt ungalanten Aeußerungen, mit denen der Schatten des großen Cardinals ſich zu⸗ letzt bei ihr beurlaubt hatte, tröſtlich ſo auszulegen ſuchte, als wenn das Phantom in ber Eile der letzten Augenblicke, die ihm noch zu verweilen vergönnt ge⸗ weſen, in eine eigenthümliche Zerſtreung gerathen und darüber ſeine richtige Beurtheilungskraft eingebüßt habe. ben ſtattgefundenen Geiſter⸗Citationen gegeben.„Ich weiß nicht, was aus der Geſtalt geworden,“ ſagt Hohenfeld in dieſen Mit⸗ theilungen,„ſo mächtig hatte mich ergriffen die inhaltſchwere Rede; von der majeſtätiſchen Haltung des Phantoms aber iſt mir ein unauslöſchlicher Eindruck geblieben. Ich habe ſie wie⸗ der gefunden in den Zeiten der Prüfung, bei dem franzöſiſchen Episcopat überhaupt; die Heiligen, die Starken, die Schwachen, die jüngſt noch Sünder geweſen, ſie beſtanden alle in gleicher Weiſe auf der Goldwage.“ Vgl. Rheiniſcher Antiquarius, 2. Abthl. 2. Band 2.„Die von Hohenfeld.“ S. 776. Mirabeau. II. 7 Die Worte des Phantoms haben mich an unſern Freund Mirabeau erinnert, flüſterte Chamfort Hen⸗ rietten zu. Unſer Freund ſtellte die Anſicht auf, daß dieſer Caglioſtro im Solde der Jeſuiten ſtehe und nur für die Zwecke ihres Ordens ſein Weſen treibe. Die Rede Seiner ſchattenhaften Eminenz, die wir ſoeben vernommen, ſcheint mir dieſe Anſicht zu beſtätigen, denn ſie machte offenbar Propaganda für die katho⸗ liſche Kirche. Wir dürfen nicht vergeſſen, dies unſerm Freund Mirabeau in London zu melden.*) Henriette nickte ihm beipflichtend zu, verwies ihn aber zugleich mit dem lebhaften Eifer, den ſie bei dem ganzen Vorgang an den Tag gelegt, auf die weitere Entwickelung der Scene, die in dieſem Augenblick von Neuem die Aufmerkſamkeit auf ſich lenkte. Denn bereits wurde die zweite Erſcheinung ſicht⸗ bar, welche ſich auf dieſelbe Weiſe, wie die erſte, im Grunde des Spiegels zu bilden begann. Die kreiſenden Schatten, die das Glas bezogen, formten ſich diesmal mit einer ungemeinen Geſchwin⸗ digkeit und bald trat die neue Geſtalt herans. Man erblickte eine bejahrte Dame, in einem braunen, ſtof⸗ fenen, ganz und gar mit Spitzen überzogenen Nacht⸗ kleide von altväteriſchem Schnitt, die in freundlicher Anmuth und Würde auf die Tafel zuſchritt und ihrer Enkelin ſich näherte.. Die Marquiſe flog ihr mit der größten Lebhaf⸗ tigkeit entgegen und breitete die Arme aus, um die Großmutter, deren ganzes Bild ihr wieder vor Augen zu treten ſchien, mit zärtlichem Gruß zu umfaſſen. Berühre mich nicht, meine Tochter, flüſterte der Schatten, einige Schritte zurückweichend. *) Die ſpäter erſchienene Schrift Mirabeau's Lettre sur PCaglibstro et Lavater knüpft vornehmlich an dieſe Anſicht an. — Nachdem die Marquiſe ſich wieder niedergelaſſen, nahm die Großmutter ebenfalls auf einem Seſſel neben ihrer Enkelin Platz, und es entſpann ſich nun zwiſchen Beiden eine angelegentliche Unterhaltung, die zunächſt nur an die allergewöhnlichſten Familienver⸗ hältniſſe ſich anknüpfte, von Frau von Barbeyrac aber mit der ſichtlichſten und frendigſten Spannung fortge⸗ führt wurde. Ja, die lebhafte Marquiſe ſchien bald vergeſſen zu haben, auf welchem außerordentlichen Wege ihr wieder ein Geſpräch mit der vielgeliebten Aelter⸗ mutter vergönnt worden, und es war ihr, als ſäße ſie wieder daheim am Kamin in dem väterlichen Schloſſe, wo im vertraulichen Geplander Wohl und Wehe der ganzen Familie verhandelt worden. Die Großmama hatte auch gerade an dieſe früheſte Jugendzeit der Marquiſe zu erinnern angefangen, und dabei für alle die kleinen Lebenszüge jener Zeit ein Staunen erregendes Gedächtniß bewieſen. Faſt ſchien ſie mehr im Gedächtniß behalten zu haben, als der Marquiſe ſelbſt wünſchenswerth war, denn, einmal in den Zug gekommen, berührte ſie nicht minder die bedenklichſten Jugenderinnerungen ihrer Enkelin, und ſtreifte nicht gerade mit der Zartheit eines Geiſtes an alle die alten Geſchichten, die ſich einſt zugetragen, und die den Leichtſinn, die Wildheit und die Unbeug⸗ ſamkeit der Marquiſe, ihren Ungehorſam gegen die mancherlei Lehren, welche die beſorgte Großmutter ihr ertheilt, und die Unannehmlichkeiten und Gefahren, welche die Nichtbeachtung dieſer Lehren zur Folge ge⸗ habt, zum Theil in ein ſehr groteskes Licht rückten. Die Marquiſe konnte ſich bald nur hinter ein Lachen retten, das einem Schatten gegenüber faſt zu ſtark war. Die ſchwatzhafte Großmutter war aber jetzt un⸗ erbittlich auf einen Pagen gekommen, Namens Pery, welchen ſie einen kleinen allerliebſten Schelm nannte, 7 X* — 100— der damals ihrer ſchönen Enkelin gehörig den Kopf verdreht habe. Und weitere, wahrſcheinlich nicht ſehr delicate Offenbarungen ſollten eben folgen, als die Marquiſe in ihrem Schrecken, und um den Enthüllungen Einhalt zu thun, haſtig nach dem Arm der Groß⸗ mutter griff. In demſelben Augenblick aber ſchwand dieſer Arm wie ein Blitz in Nichts dahin, und die ganze Erſcheinung war gleich einem Hauch, von dem nichts Wahrnehmbares mehr zurückblieb, verflogen.*) Die Gräfin Caglioſtro ſchickte ſich jetzt an, die Tafel aufzuheben, indem ſie von ihrem Sitz aufſtand und ihre Gäſte einlud, mit ihr in das Beſuchzimmer einzutreten und dort den Café zu nehmen. Die Geſellſchaft kam dieſer Aufforderung nach, und man ſtand ſich einen Angenblick ſchweigend und in den verſchiedenartigſten Empfindungen gegenüber. Der ungewöhnlichen Aufregung ſchien eine bedeutende Ab⸗ ſpannung und ein dunkles Mißbehagen gefolgt, und um jede weitere Erörterung zu meiden, begann man ſich bei Wirth und Wirthin zu beurlauben. In demſelben Moment aber wurden draußen im Vorzimmer ſtarke Schritte hörbar, und man vernahm einige Stimmen, die in einem lauten und rückſichts⸗ loſen Ton nach dem Grafen Caglioſtro fragten. Bald wurden die Flügelthüren des Salons aufgeriſſen, und zwei Polizeibeamte traten ziemlich geränſchvoll ein, in⸗ dem ſie auf den Grafen Caglioſtro zuſchritten, und ihm einen Verhaftsbrief vorzeigten. Danach ging ihr Auftrag dahin, den Grafen und die Gräfin Caglivſtro auf der Stelle in die Baſtille abzuführen. Caglioſtro nahm mit unerſchütterlicher Ruhe, und ohne eine Miene zu verändern, dieſe Nachricht ent⸗ gegen. Iſt Ihnen etwas von der Veranlaſſung be⸗ *) Rheiniſcher Antiquarius 2. Abth. II. 2. S. 777. ——— — 101— kannt? fragte er mit gleichgültigem Ton, indem er dem Polizeibeamten nach einer flüchtigen Einſicht in den Verhaftsbrief denſelben wieder zurückgab. Der Beamte zuckte die Achſeln und erwiederte mit einem ſpöttiſchen Ausdruck, daß heut auch die Gräfin Lamotte⸗Valvis, welche man in Bar⸗ſur⸗Aube ergriffen, in der Baſtille eingebracht worden ſei. Und ſo liegt die Vermuthung wohl ſehr nahe, fügte er hinzu, daß dieſe Dame bereits Auslaſſungen gemacht hat, welche den Herrn Grafen Caglioſtro nebſt Frau Gemahlin ebenfalls in die Baſtille führen. Die Gräfin ſchrie bei dieſen Worten laut auf, und eilte zu Caglioſtro hin, indem ſie ſich mit ihren beiden Armen an ihm feſthielt und ihn, wie Hülfe bei ihm ſuchend, heftig umfaßte. Sei guten Muths, Lorenza, die Wolken kommen und gehen, und jedes Gewölk, in das wir treten, muß durch ſich ſelbſt wieder von uns abfließen! ſagte Ca⸗ glioſtro mit einer feierlichen Gebärde. Dann trat er zu ſeinen Gäſten heran, ſich bei ihnen entſchuldigend, daß er in die unfreiwillige Lage verſetzt worden, ſeine Pflichten als Wirth gegen ſie abkürzen zu müſſen. Er hoffe, auch durch dieſe Prüfung nur in der rechten Er⸗ kenntniß zu wachſen, und lediglich deshalb nehme er gern und willig an, was ihm auferlegt werde. Sein Geſicht zeigte bei dieſen Worten einen faſt triumphirenden Ausdruck, und mit einer gewiſſen Ho⸗ heit überlieferte er ſich den Händen der Polizeibeamten, die ſchon ungeduldig zum Aufbruch trieben. Der Gräfin wurde nicht ſo viel Zeit gelaſſen, ihre prächtige Ge⸗ ſellſchafts⸗Toilette, in der ſie ſich befand, zu ändern, und ſie mußte ſich ſo, wie ſie war, anſchicken, den Dienern der Polizei zu folgen. S Ein verdeckter Wagen, der unten vor der Thür wartete, nahm die beiden Gefangenen in Begleitung — 102— ihrer Wächter auf, um ſie raſch an den Ort ihrer Be⸗ ſtimmung zu tragen.— Die Tiſchgeſellſchaft war noch einen Augenblick lang in dem Salon des Grafen Caglioſtro zurückgeblieben, und befand ſich in der ſeltſamſten Stimmung einander gegenüber. Das Lächeln, mit dem ſich Alle unwill⸗ kürlich anſahen, führte jedoch bald zu einem überein⸗ ſtimmenden Austauſch der Gedanken hinüber. Es iſt gut, daß die Polizei uns erſt beim Café, und nicht mitten in der Geiſterwirthſchaft unſres Di⸗ ners, überraſcht hat! unterbrach Chamfort das einge⸗ trelene Stillſchweigen. Und doch hat ſie uns dabei gerade in dem wichtigen Moment geſtört, wo man zu verdauen pflegt, und die Verdauung der Caglioſtro'⸗ ſchen Geiſter war keine Kleinigkeit. Was hätte aber daraus werden ſollen, wenn die Racheboten der Baſtille noch Seine Eminenz den Cardinal von Richelien oder die verehrungswürdige Aeltermutter der Frau Marquiſe hier angetroffen hätten. Es wäre doch ein beſchämen⸗ der Anblick für den großen Cardinal geweſen, bei ſei⸗ nem Beſuch in Frankreich ſogleich die Polizei riechen zu müſſen, aber der Frau Großmama Geiſt würde vielleicht, wenn ſie ſich durch Polizeibeamte belauſcht gewußt, weniger ausgeplaudert und von der Leber weg geſchwatzt haben, namentlich was den höchſt liebens⸗ würdigen Pagen Pery anbetrifft. Ich lebe der Ueberzeugung, daß wir hier arg ge⸗ tänſcht worden ſind, nahm jetzt die Marquiſe von Bar⸗ beyrac, die ſich eben von allen Schreckniſſen wieder zu erholen begann, mit lebhaftem Eifer das Wort. Ich verſichere auf mein Ehrenwort, niemals etwas von einem Pagen Pery gehört zu haben. Und wer ſeinen Geiſtern ſolche Lügen durchgehen läßt, erſcheint jedes Vertrauens unwürdig, das man überhaupt zu ihm und ſeiner ſogenannten Wiſſenſchaft hegen könnte. — 103— Hätte ich ihn doch erſucht, mir meinen Vater zu citiren, rief Chamfort lachend. Denn ich habe nur eine Mutter gekannt, und obwohl mir ein Erzeuger nicht gänzlich abgegangen ſein kann, ſo habe ich doch niemals ſeinen Namen gehört, noch ſein Antlitz geſehen. Sollte der Graf Caglioſtro unter den Geheimniſſen in den Tempeln Aegyptens, in denen er ſo genau nach⸗ geforſcht hat, nicht auch meinen cidevant Vater ge⸗ funden haben? Wenn mir ſein Rang oder ſein Geſicht nicht angeſtanden, hätte ich es dann mit ihm noch immer machen können, wie man es mit dem ſchönen Pagen Pery gemacht hat. Ich würde ſeine Exiſtenz nicht anerkannt haben. Die Marquiſe nahm raſch den Arm ihres Beglei⸗ ters, weil die Fortſetzung dieſes Geſprächs ihr nicht wünſchenswerth zu ſein ſchien, und entfernte ſich unter den verbindlichen Aeußerungen, die einmal in ihrer Natur lagen. Der General von Lafayette, der die günſtigſte Anſicht über Caglioſtro beibehalten zu haben ſchien, folgte im Geſpräch mit Chamfort, indem er geltend machte, daß gegen einen Mann von ſo außer⸗ ordentlichen Gaben das Einſchreiten der Polizei am wenigſten etwas beweiſen könne. Denn ſei die Ba⸗ ſtille nicht bereits eine Heimath der Beſten und Edelſten Frankreichs geworden? Die Polizei ſcheint aber doch ſehr erpicht, gegen den Grafen Caglioſtro Beweiſe zu ſammeln, entgegnete Chamfort, als ſie unten auf den Hansflur gelangten, der noch mit einer Anzahl von Polizeimännern und Soldaten beſetzt war. Zugleich bemerkte man, daß in dieſem Augenblick eine genaue Hausſuchung vor⸗ genommen wurde. Spürt nur umher, ſagte Chamfort, es muß ſich doch Manches in der Weriſtatt des Zauberers finden. Einige Geiſter ſind jedenfalls noch in der Garderobe, — 104— in der ſie eben das Koſtüm wechſeln, zu erhaſchen. Vielleicht findet Ihr auch im Keller den großen Altho⸗ tas ſitzen, den univerſalen Urgreis, von dem Caglioſtro die Wiſſenſchaft des Orients hat, und den er überall mit ſich führen ſoll, um an ſeiner Bruſt die Weisheit der Wunder zu trinken.— Auf der Straße war das Haus von Bettlern und Kranken umlagert, welche um dieſe Zeit die Spenden und Heilmittel des Grafen Caglioſtro zu empfangen pflegten, und ihm jetzt bei ſeiner Abführung ihre lauten Klagen und Segenswünſche nachgerufen hatten.— —— Viertes Buch. Dir Schuindler. I Ein Morgen in Saint-Clond. Die Königin Marie Antvinette befand ſich ſeit einiger Zeit in dem Schloſſe zu Saint⸗Clond, welches aus dem Beſitz des Herzogs von Orleans durch Kauf und Tauſch in die Hände der Königin übergegangen und ausdrücklich zu einem Eigenthum ihrer Perſon erklärt worden war. Sämmtliche Beamte und Bediente des Schloſſes, ſowie die den Dienſt in demſelben verſehenden Schweizer, trugen daher die Livrée der Königin, und unter den Verordnungen, welche an den Pforten des Schloſſes oder in der Umgegend deſſelben angeheftet wurden, las man einfach die Unterſchrift:„Von der Königin,“ was, als unerhört in den Gebräuchen der franzöſiſchen Monarchie, das größte Aufſehen nicht nur im Volke, ſondern auch in den höheren Kreiſen der Geſellſchaft zu erregen begann. Namentlich in den letzteren vermehrten ſich ſeitdem die Anklagen gegen die Königin, daß ſie die Sitten der alten Monarchie zu untergraben trachte, und man war ſogar ſo weit gegangen, es als unpolitiſch und unmoraliſch zugleich zu verſchreien, daß Schlöſſer und Grundſtücke im ausſchließlichen Beſitz einer Königin von Frankreich ſich befinden ſollten.*) Und auch die unteren Klaſſen ſchöpften aus dieſem Umſtand eine neue Nahrung ihres Haſſes gegen die Königin, und es fehlte nicht an verunglimpfenden Deutungen aller Art, in welche Marie Antoinette bei dieſer Gelegenheit von Neuem verflochten wurde. Dies trug auch noch in der entſchiedenſten Weiſe dazu bei, die feindſelige Stimmung, welche der Proceß des Cardinals von Rohan gegen den Hof neu ange⸗ ſchürt hatte, zu verſtärken. Dieſer Proceß hatte ſeit der Gefangennehmung des Prinzen Cardinal und der⸗ jenigen Perſonen, welche als ſeine Mitſchuldigen ange⸗ ſehen wurden, ſeinen ſtrengen Verlauf genommen, und war im Begriff, von dem Parlament in Paris ab⸗ geurtheilt zu werden. Der König und die Königin ſahen dieſem Augenblick mit einer gewiſſen Bangigkeit entgegen, und verhehlten ſich keineswegs die Gefahr, in welcher das Anſehn des Throns bei dieſer Angelegen⸗ heit ſchwebte, denn Louis XVI. hatte wohl bald ein⸗ ſehen müſſen, welchen gewaltigen Fehler er dadurch begangen, daß er die in allen ihren Verzweigungen dunkle und unentwirrbare Halsbandgeſchichte nicht nur den Händen der Gerichte übergeben, ſondern dieſelbe auch in voller Sitzung des Parlaments verhandelt und zu dem entſcheidenden Spruch gebracht ſehen wollte. Dieſer Gedanke des Königs war in ſeinem Ur⸗ ſprunge ebenſo kühn als hochherzig geweſen, aber er konnte zugleich in ſeinem eigenen Intereſſe nicht ſchlechter und unglücklicher berechnet worden ſein. Die Parla⸗ mente waren ſo lange die hergebrachten Feinde und Nebenbuhler der königlichen Gewalt in Frankreich geweſen, daß auch für ihren Wiederherſteller, wofür 9) Campan. I. 274. Louis XVI. gelten mußte, keine Sympathie bei ihnen zu gewärtigen war, ſondern eher angenommen werden mußte, daß die Leidenſchaften, die dieſen politiſchen Körper von jeher bewegt, auch diesmal dazu treiben würden, die Autorität des Königs zu opfern und preis⸗ zugeben. Und je mehr bekannt geworden war, daß die Königin die Beſtrafung des Cardinals wünſche, um ſo mehr hatte ſich auf der andern Seite die Ueberzeu⸗ gung verbreitet, daß Marie Antoinette dies von ihr ſo lebhaft erſehnte Ziel nur dann erreicht haben würde, wenn ſie den Wunſch an den Tag gelegt, daß ſich das Parlament für die Unſchuld des Cardinals erklären möchte. Dieſer Situation war man ſich jetzt am Hofe vollkommen bewußt geworden, und die Beſorgniß, in der man ſchwebte, hatte ſich von Tag zu Tag pein⸗ licher gemehrt. Den König ſelbſt hatte man aber kaum bei einer andern Gelegenheit mit einer ſolchen Entſchiedenheit zu Werke gehen ſehen. Er glaubte dies aber gerade der Liebe und dem Vertrauen zu ſeiner Gemahlin ſchuldig zu ſein, daß er den Thatbeſtand, um den es ſich handelte, auf die rückſichtsloſeſte Weiſe unterſucht und gewiſſermaßen vor den Augen des ganzen Publi⸗ kums verhandelt ſehen wollte. Der ſchwarze Verdacht, welcher die Perſon der Kö⸗ nigin nah und fern unflüſterte, hatte ſich ſo weit verſtiegen, daß Marie Antoinette eines geheimen Ein⸗ verſtändniſſes mit der abenteuerlichen und verbrecheri⸗ ſchen Lamotte beſchuldigt wurde und man der Königin die eigentliche Erfindung der ganzen Intrigue beimaß, durch welche der Diamanten-Schmuck auf Koſten des un⸗ glücklichen Cardinals, und unter Benutzung ſeiner thörichten Leidenſchaft für die Königin, in ihre Hände geliefert werden ſollte. Von dieſer Meinung ſchienen ſelbſt viele unbefan⸗ — 108— gene Leute in Frankreich nicht abzubringen, und um ſo mehr war es für die Königin ein Kampf um ihre Ehre und Würde, und um das moraliſche Anſehn des Throns, den ſie bei dieſer Gelegenheit vollſtändig und offen auskämpfen zu müſſen glaubte. Die Königin ſah ſich dabei um ſo mehr bedroht, als Geiſtlichkeit und Adel ſich zu den heftigſten Ausbrüchen des Un⸗ willens über die Gefangenhaltung eines Kirchenfürſten vereinigten, und viele einflußreiche und hochgeſtellte Perſonen, wie der Prinz Condé, der eine Prinzeſſin aus dem Hauſe Rohan zur Gemahlin hatte, ihren Einſpruch immer lauter und auf die empfindlichſte Weiſe zu erkennen gaben. Die größere Stille und Abgeſchiedenheit des Aufent⸗ halts in Saint⸗Cloud hatte der Königin darum in dieſer beſorgten und ſchmerzlichen Stimmung, der ſie ſich von Tag zu Tag mehr hingegeben ſah, unendlich wohlgethan. Der König blieb ſeit einiger Zeit nicht ſelten in Verſailles zurück, wo noch die Miniſter und ihre Büreaux, wie auch verſchiedene Hofbeamten und ein Theil der königlichen Ställe ihren Sitz behalten hatten. Das Schloß von Verſailles ſelbſt bedurfte in mehrfacher Beziehung eines Neubaues, den ſowohl verſchiedene neue Einrichtungen des Hofhalts, als auch die Rückſichten auf die Schönheit und Solidität dieſer Reſidenz zu einer dringenden Nothwendigkeit gemacht zu haben ſchienen. Der König war mit den Plänen zu dieſen Verbeſſerungen und Umbauten bereits auf das Lebhafteſte beſchäftigt, und befand ſich deshalb auch heut wieder in Verſailles, um mit dem Bau⸗ meiſter Micque die näheren Veranſchlagungen für den Umfang und die Koſten dieſer Reſtauration zu be⸗ ſprechen. Die Koſten machten freilich bei dem ſo wenig ausgiebigen Zuſtand des königlichen Schatzes die größten Schwierigkeiten, und der König war des⸗ — 109— halb der Meinung geweſen, in i der Geldiittel den Neubau auf zehn Jahre zu berech⸗ nen, ſo daß ſeine Vollendung erſt gegen das Ende des Jahrhunderts zu gewärtigen wäre. Die Königin hatte hent ihrer Gewohnheit gemäß in der frühen Morgenſtunde einen Spaziergang durch den ſchattigen Park von Saint⸗Clond gemacht, um die peinliche Unruhe ihrer Erwartungen, die in der letzten Zeit ſogar ihren Schlummer verkürzte, ſowohl in der Stille des anmuthigen Gartens, als auch in der Geſellſchaft ihrer Liebtingsfreundin, der Herzogin Jules von Polignae, und deren Schwägerin, der Gräfin Diane von Polignac, zu vergeſſen. Es waren dies diejenigen Damen des Hofes, an welche ſich die Kö⸗ nigin in der letzten Zeit aus einem inuigen und auf⸗ richtigen Freundſchaſtsbedürfniß angeſchloſſen hatte, und die nach der Prinzeſſin von Lamballes, für welche die Königin ebenfalls eine wahrhaft zärtliche Neigung hegte, am meiſten Herz und Vertrauen Marie An⸗ toinette's eingenommen hatten. Die Herzogin Jules, welche von dem Liebeseifer der Königin ſeit Kurzem auch den Herzogstitel hatte annehmen miüſſen, war, um ſie in einer beſtimmten und bedentſamen Stellung an den Hof zu feſſeln, zur Gouvernante der Kinder von Frankreich ernaunt wor⸗ den, und Marie Antoinette ſah ſich dadurch in einem doppelten Intereſſe mit ihr verbunden, indem ſie da⸗ durch zugleich Gelegenheit erhielt, einem vertrauteren und ungezwungeneren Verkehr mit der erkorenen Freun⸗ din ſich hinzugeben und dabei nicht minder einen Ein⸗ fluß auf die Erziehung ihrer Kinder zu gewinnen. Am meiſten aber war es der ihr durchaus zuſa⸗ gende, natürliche und liebenswürdige Charakter der Herzogin, von dem ſich Marie Antoinette zu dem Wunſch beſtimmt geſehen, an ihr eine Freundin und — 110— vertraute Gefährtin für das ganze Leben zu beſitzen. Die Königin hatte, mitten in dem Pomp und den Intriguen des Hofes, die Schwärmerei gefaßt, einem ächten Freundſchaftsverhältniß zu leben, und es ſprach für ihr eigenes Herz, daß ſie ſich dazu ein Weſen von ſo großer Einfachheit und Anſpruchsloſigkeit auser⸗ ſehen, wie es die Herzogin von Polignac in ihrer ganzen Art und Weiſe war. Es war der harmloſeſte und gemüthlichſte Verkehr, der ſich zwiſchen der Köni⸗ gin und ihrer Favoritin entſponnen hatte, und in dem ſich Marie Antvinette oft mit ziemlicher Abſichtlichkeit die Illuſion eines glücklichen und friedlich zurückgezo⸗ genen Privatlebens erſchaffen zu wollen ſchien. Dieſe Freundſchaft war für die Königin beſonders in dieſer Zeit der Kümmerniſſe und Aengſte, die mit dem Prozeß des Cardinals Rohan begonnen hatten, eine wahre Quelle des Troſtes geworden. Marie Antoinette hatte ſich ſeitdem noch weniger als ſonſt von ihrer Freundin trennen können, in deren Buſen ſie ein Verſtändniß für alle ihre Leiden und für die geheimſten Regungen ihres Herzens fand, und die mit ihrer heiteren und frohen Grazie zugleich das Talent verband, den trüben Stunden ihr Recht zu entreißen und alle ſchweren und beſorgten Gedanken in ein luf⸗ tiges Nichts aufzulöſen. Um dieſe Aufgabe handelte es ſich mehr wie je am heutigen Tage, wo das Parlament in Paris in feierlicher und großer Sitzung ſeinen entſcheidenden Spruch über den Angeklagten fällen ſollte. Die Kö⸗ nigin hatte ſich an dieſem Morgen ſchon vor Sonnen⸗ aufgang von ihrem Lager erhoben, und nachdem ſie in ungeſtümer Haſt und faſt ohne Hülfe der Kammer⸗ frauen ihre erſte Morgentoilette vollendet, war ſie in den Park hinuntergeeilt, um mit der Herzogin Jules dort zu dem verabredeten Rendezvous zuſammenzutreffen. — 111— Die Herzogin war mit ihrer ſchönen Schwägerin, der Gräfin Diane von Polignac, die ſich ſeit einigen Ta⸗ gen bei ihr zum Beſuch in Saint⸗Cloud befand, und ebenfalls in das Vertrauen der Königin zugelaſſen war, ſchon auf der Terraſſe anweſend, um die Köni⸗ gin zu empfangen. Iſt es nicht recht grauſam von mir, ſagte die Königin zu ihren beiden Freundinnen, ſie herzlich um⸗ armend, daß ich ſo ſchöne Augen um ihr Recht ge⸗ bracht habe, den Morgenſchlummer auszuträumen? Aber dieſe Angen ſehen mich ſchon ſo heiter und tröſt⸗ lich an, wie immer, und das iſt es, was ich bei Euch ſuchte, Troſt und Stärkung, denn Euere Freundin Marie Antvinette verzehrt ſich jetzt faſt in Kümmer⸗ niſſen und Mißbehagen. Der Morgen iſt ſchön und duftig, Majeſtät, ent⸗ gegnete die Herzogin mit ihrer ſanften, melodienreichen Stimme, und die Bosquets des Gartens hauchen einen Frieden aus, vor dem alle Sorgen ſich flüchten müſſen, und auch die Enerer Majeſtät! Denn ſind die Sorgen, denen Ihr den Zutritt auf Euere hohe glänzende Stirn gönnen wollt, wohl ſo ſtark, um nicht von dieſen friſchen Morgenlüften umgeworfen zu wer⸗ den? Und wenn Ihr dann unſern Augen, die nur für Euere Majeſtät wachen und blicken, noch eine be⸗ ſondere Gunſt einräumen wollt, ſo iſt es die, daß Ihr auf deren Grunde die Bitten leſen wollet, die wir Beide nicht ganz auszuſprechen wagen. Dieſe Bitten heißen: ſeid ganz wieder Ihr ſelbſt, Königin, verachtet den blöden ünverſtand der Menge, und ſeid uner⸗ ſchütterlich überzeugt, daß der Segen, der Euere erha⸗ bene Perſon umfließt, auch in der Nation durchdrin⸗ gen und dankbar von derſelben erkannt werden wird. Nein, nein, entgegnete die Königin, indem ſie ihren ſonſt ſo ſiegreich thronenden Kopf in aufrichtiger Trau⸗ rigkeit ſenkte, dieſe ſtolze Zuverſicht habe ich ſchon längſt nicht mehr. Ich bin mit dieſer Zuverſicht nach Frankreich gekommen, und habe den redlichen Willen gehabt, mir die Liebe und Dankbarkeit der franzöſiſchen Nation zu gewinnen. Aber ich fühle endlich, daß der heimliche Mißklang, der von Anfang an zwiſchen mir und den Franzoſen obgewaltet, zu einer Macht heran⸗ wächſt, die mich jeden Tag mehr erſchreckt und ängſtigt. Und heut fürchte ich mich wahrhaft vor dem, was in Paris geſchehen wird. Die ganze Nacht habe ich auf meinem ſchlummerloſen Lager mit wahren Schreckge⸗ ſpenſtern gekämpft, denn ich bin verloren, wenn das Parlament den Cardinal Rohan freiſpricht! Die Königin ſchritt an dem Arm der beiden Da⸗ men, in deren Mitte ſie ſich, wie eines Anhalts be⸗ dürftig, geſchmiegt hatte, dem Pavillon zu, der von den erſten Strahlen der eben emporgehenden Sonne getroffen, ihnen roſig entgegenleuchtete. Dort nahm Marie Antvinette zwiſchen ihren Freundinnen Platz, um in Geſellſchaft derſelben in den mehr und mehr ſich entwickelnden Sonnen⸗Aufgang ſich zu vertiefen. Das wachſende Licht übergoß die wunderbare Weiße ihres Antlitzes und Halſes plötzlich mit einem flammenden Purpurſtrom, und die mazeſtätiſche Schönheit der Kö⸗ nigin hob ſich in dieſem Glanz zu einem hinreißenden Ausdruck, der von ihren beiden Gefährtinnen nicht blos aus höfiſcher Manier empfunden zu werden ſchien.— Wenn man Euere Majeſtät ſo anblickt, ſagte die lebhafte und geiſtreiche Gräfin Diane, ſo kann man in Euerem gnadenreichen und herrlichen Bilde nur das Glück und die Macht der Schönheit anbeten, und hält Den für einen Frevler, der noch an trübe Schat⸗ ten glauben kann. Ich bitte Ew. Majeſtät, ſo heiter und glücklich zu ſein, als Sie es Ihrem eigenen Ge⸗ nius ſchuldig find. — 113— Sie ſind liebenswürdig, wie immer, gute Gräfin Diane, erwiederte die Königin, ihr die ſchöne Stirn küſſend. Aber Sie ſind auch ein ſtärkerer Geiſt, wie wir Andern, denn Sie beſchäftigen ſich mit Literatur und Gelehrſamkeit, und ſtudiren Dinge, wovon wir uns nichts träumen laſſen können. Wie ſehr verbunden bin ich meiner Schwägerin, der Gräfin Artois, daß ſie Ihnen auf einige Tage Urlaub gegönnt, um hier bei uns in Saint⸗Cloud zu leben. Die Gräfin Artois iſt wahrlich zu beneiden, ſich einer ſolchen Geſellſchaft regelmäßig erfreuen zu dürfen. Wenn Ew. Majeſtät unſere Diane noch beſtärken wollen in ihren gelehrten Grillen, ſo ſind wir wahrlich verloren! rief die Herzogin Jules mit einem muth⸗ willig neckenden Ton. Schon jetzt hat ſie ſich, trotz ihrer Jugend und Schönheit, zu einer wandelnden Bibliothek gemacht, und ſie wird einſt noch aus alten Büchern, die nach grauen Jahrhunderten riechen, ihren Kopſputz arrangiren. Seht, Majeſtät, da kuckt ihr ſchon wieder ein Buch aus dem Fächer hervor, in dem ſie es doch noch mit einiger Verſchämtheit zu verbergen geſucht. So haben wir ſie ertappt, und wenn es eine ſchlimme und der Tugend gefährliche Lectüre iſt, ſo wollen wir ſie fürchterlich auslach.n, rief die Königin, die bei ihren Freundinnen alle ihre natürliche Mun⸗ terkeit wiederzugewinnen ſchien. Das Buch, welches Diane mitgebracht, und bis jetzt unter ihrem Fächer verborgen gehalten, wurde von der Königin raſch emporgenommen, und ſeinem Titel nach gemuſtert. Nachdem ſie denſelben geleſen, legte ſie aber mit einem gewiſſen unbehaglichen Fröſteln das Buch wieder auf den Tiſch zurück und deckte den Fächer der Gräfin Diane ſorgſam darüber. Es iſt eine franzöſiſche Ueberſetzung der Jliade Mirabeau. II. 8 — 114— des Homer, ſagte Gräfin Diane, indem ſie erröthend ihre ſchönen geiſtvollen Augen zu Boden ſenkte. Sollte Vater Homer, der größte und lieblichſte aller Dichter, nicht auch ſeine Gnade finden können vor dem Geiſt der erleuchtetſten Königin? Marie Antvinette erwiederte lachend und mit einer abwehrenden Bewegung ihrer graciöſen Hand: Nein, nein, um Gottes und aller Heiligen willen, laßt mich mit Euerem Vater Homer verſchont ſein, denn ich wittere die entſetzlichſte Langeweile, die ihm um ſeine gerade griechiſche Naſe weht. Nach Allem, was ich von ihm gehört, bin ich der weiſen Meinung geworden, daß uns dieſe großſprecheriſchen Helden von Troja hier in Frankreich gar nichts angehn. Sie können uns nicht mehr den Hof machen, wir haben keine Ausſicht zu einer nur erträglich amüſanten Contredanſe mit ihnen, und wir ſagen Fi done, wenn ſie ſich einen ganzen Ochſen am Feuer braten und darin ihre ſchönſte Aventure finden. Kenne ich Ihren Vater Homer, Gräfin Diane? Und ich will gleich ein Lied auf Vater Homer ſingen, um der Gräfin Diane zu beweiſen, wie genau auch ich ihren bemvoſten Alten bereits ſtudirt habe, rief die Herzogin Jules, indem Spott und Uebermuth aus ihren prächtigen braunen Augen lachten. Dann erhob ſie ſich von ihrem Sitz, und mit einer höchſt komiſchen und poſſenhaften Gebärde ſich in die Mitte des Pavillons ſtellend, ſang ſie in Bänkel⸗ ſängermanier mit lauter, ſchreiender Stimme: Homer war blind und ſpielte die Hobve, Und wer ihn hörte, machte immer ſo.*) Von der Herzogin von Polignac nach einem zeitgemäßen Lied: Lon poèré était aveugle et jounit du hautbois gemacht. Campan I. 147. — — — 115— Bei dieſen Worten ging ſie in einen traveſtirenden Tanz über, den ſie mit einem ſo ſchelmiſchen Ausdruck vor der Königin ausführte, daß Marie Antvinette in ein herzliches Gelächter darüber ausbrechen mußte, und ſich vor Vergnügen die ſchönen Hände rieb. Ja, Ihr habt Recht, wir wollen luſtig und aus⸗ gelaſſen ſein, rief die Königin jetzt, indem ſie ebenfalls aufſprang, und einige Tanzbewegungen der Herzogin Jules mitmachte. Dann beklatſchte ſie die Sonne, die jetzt eben in der Entfaltung ihrer vollen Strahlen⸗ glorie über dem Haupt der Königin ſchwebte. Nur in Frohſinn und dummes Zeug wollen wir uns jetzt noch ſtürzen, rief die Königin mit einem wun⸗ derbaren Leuchten ihrer ſchönen Augen. Die Traurig⸗ keit, die Reflexion und die Schöngeiſterei ſollen jetzt gleichmäßig vom Hofe von Frankreich verbannt ſein! Nicht wahr, meine theuren Freundinnen? Die junge Gräfin Diane ſtand jetzt ſo beſchämt und traurig da, daß die Herzogin Jules, deren gutes Herz Niemanden gekränkt ſehen konnte, wieder zu ihr hinſprang, ſie begütigend bei der Hand ergriff und ihr zu wiederholten Malen unter den zärtlichſten Be⸗ theuerungen die Wangen küßte. Dann ſagte ſie, mit der Gräfin Diane an der Hand zu der Königin tre⸗ tend: Verachtet mir aber auch weine Diane und ihre Gelehrſamkeit nicht ganz, erhabene Majeſtät! Sie iſt ein gutes, liebes, munteres Kind, und iſt ebenſo erfin⸗ dungsreich an tollen und dummen Streichen, wie wir Beide es nur immer ſein können. Aus ihrem Vater Homer wollte ſie uns heut zum Sonnenaufgang vor⸗ leſen, und ſie glaubte damit die Schmerzen Euerer Majeſtät um den einfältigen Cardinals⸗Proceß in Ver⸗ geſſenheit einlullen zu können. War dies nicht ſchon ein dummer Streich zum Kranklachen, wie er nur immer in dem Programm Enuerer Majeſtät verlangt 8* werden konnte? Sie hat aber auch noch mit einigen anderen alten Leuten unerlaubte Verhältniſſe, wie ich Euerer Majeſtät hiermit unterthänigſt verrathen will. So unterhält ſie eine höchſt zarte Liaiſon mit einem gewiſſen Virgil, der ſogenannte Eklogen und ſogar ein Gedicht über den Landbau verfaßt hat, worin es höchſt idylliſch und natürlich hergeht. Sie las mir neulich daraus vor, und ich verbrauchte zwei ganze Riech⸗ fläſchchen von meinem koſtbarſten Parfüm dabei, ſo vortrefflich und täuſchend fand ich den Geruch der Kuhſtälle, das liebe blökende Vieh und den Unrath der Aecker darin wiedergegeben. Die Königin lachte und ſagte dann, die Schulter der Gräfin Biane küſſend: Das ſollen Sie uns Alles vorleſen, wenn wir einmal wieder in meiner Meierei in Trianon zuſammenſitzen. Dann werde ich Ihre poetiſchen Schilderungen mit meiner Wirklichkeit ver⸗ gleichen. Ihr Virgil wird mir gewiß bei weitem beſſer gefallen, und ich freue mich, daß es auch ſchon alte Dichter giebt, die das Land und die Natur ver⸗ herrlichen. Ueberhaupt könnte man doch recht glück⸗ lich auf dieſer Welt ſein, denn iſt nicht Alles ſo ſchön und lieb, was aus den Händen der Natur hervorgeht? Ich habe es auch immer für ein gutes Zeichen der Zeit angeſehen, daß ſich die Menſchen heut wieder recht zur Natur zurückzuwenden anfangen, und die Feſſeln der Convention wieder mehr und mehr von ſich abſtreifen, um aus ihrem Leben von Neuem eine Idylle zu machen. Dann könnte ich auch faſt wieder Vertrauen und Zuverſicht zum Schickſal gewinnen, und denken, es werde noch Alles gut werden, welche trüben und unheilverkündenden Schatten auch ſonſt immer die Tage werfen mögen!— Die Königin war wieder ernſt geworden, und ihre milde ſüße Phyſiognomie umwölkte ſich abermals mit einem ſinnenden und ſchwermuthsvollen Zug. Sie ließ ſich auf der Raſenbank nieder und verſank, den Kopf in die üppig geformten weißen Arme geſtützt, in ein anhaltendes Stillſchweigen. Wenn ich nur wüßte, warum man mich in Frank⸗ reich ſo wenig liebt? rief ſie endlich mit einem aus⸗ brechenden Schmerz, indem ſie die Hände ineinander⸗ ſchlug, und einen lauten und langen Thränenſtrom aus ihren Augen ſtürzen ließ. Was habe ich denn gethan, daß ich überall nur Feinde und Verfolgungen gegen mich aufſtehen ſehe, und daß ich immer nur feurige Kohlen auf mein Haupt ſammele, wo ich mich mit einigen Blüthen der Dankbarkeit und der Anhäng⸗ lichkeit ſchmücken zu können glaubte! Die Nation haßt mich, ich fühle es von Tag zu Tag mehr, und ich hatte ihr doch mein ganzes Herz entgegengetragen. Ich glaubte, die Franzoſen wären eine Nation von Ehrenmännern und Cavalieren, die, wenn nicht der Königin, doch der Frau, Gerechtigkeit widerfahren laſſen würden. Aber ihre Schmähſucht, die ich un⸗ verdient auf mich zog, traf mich gerade in den hei⸗ ligſten Beziehungen des Weibes, und verbitterte mir dadurch auch die freudige Ausübung meiner Pflichten als Königin. Ach, ich bin oft trourig bis in den Tod, daß ich ein ſo unglückliches Liebesverhältniß zu der franzöſiſchen Nation habe! Nein, rief die Herzogin von Polignae mit feuri⸗ gem Enthuſiasmus, man liebt Sie, Königin! Ich er⸗ laube mir, Sie an das ſchöne Wort des Marſchalls von Briſſac zu erinnern, welches damals wie ein Lauffeuer durch das ganze Land ging und in den Herzen aller Franzoſen wiederklang. Es war am Tage Ihres öffentlichen Einzuges in die Hauptſtadt, nachdem Sie den Vermählungsbund mit dem Dauphin von Frankreich geſchloſſen. Auf das dichtgedrängte — 118— jubelnde Volk hindeutend, welches bei dem Stadthauſe zu den Füßen Euerer Majeſtät wogte, ſagte der Gon⸗ verneur von Paris in ſeiner ächt chevaleresken Rit⸗ terlichkeit zu Ihnen:„Madame, Sie erblicken dort auf dem Platze zweimalhunderttauſend Verliebte, die über Ihre Perſon entzückt ſind.“ Und ſolcher Scenen laſſen ſich unzählige anführen, wo das Volk mit einem wah⸗ ren Liebesfeuer Euerer Majeſtät entgegenflog, um einen Strahl von Ihrem bezaubernden Lächeln aufzufangen oder nur die Falten Ihres Kleides rauſchen zu hören. um ſo ſchlimmer für mich, wenn ich dieſer Gunſt wieder verluſtig gehen konnte, und zwar ohne zu wiſ⸗ ſen, wie und durch welche Schuldl ſeufzte die Köni⸗ gin, in immer trübere Gedanken ſich verlierend. Und an jenen Tag meines Lebens haben Sie mich nicht auf die glücklichſte Weiſe erinnert. Denn ging dem⸗ ſelben nicht jenes entſetzliche Mißgeſchick voran, daß die Volksmafſen bei dem Feuerwerk in ein verhäng⸗ nißvolles Gedränge geriethen, ſich in unentwirrbaren Knäueln aufeinander ſtürzten, und mehr als vierhun⸗ dert Todte und gräßlich Verwundete auf dem Platze blieben? Jetzt erſt verſtehe ich viele dieſer unheimli⸗ chen Wahrzeichen, die ſich mir bei meinem erſten Ein⸗ tritt in Frankreich in den Weg ſtellten, und die ſchon durch die Spottgedichte meiner Feinde ihre bittere Deutung erfahren haben.. Es giebt aber auch ſchöne und herrliche Gedichte, die auf Ew. Majeſtät hervorgegangen ſind, ſagte Gräfin Diane, indem ſie, um die ſchmerzbewegte Königin ſich bemühend, zu den Füßen derſelben niederkniete. Wer kennt nicht das Gedicht auswendig, welches der große Voltaire auf die Schönheit, Liebenswürdigkeit und Herzensmilde der beſten Königin gedichtet?*) Und *) Mémoires de Weber. I. 46. —,, — 119— das war zugleich jener fürchterliche Voltaire, für den es ſonſt nichts Heiliges auf Thron und Altar gab, und der gleichwohl dem Alle bannenden Zauber der Königin mit ſeinem ſtolzen Geiſt ſich hingeben mußte. Ihr wollt mich tröſten mit guten Erinnerungen, und ich danke Euch! rief die Königin, indem ſie jetzt haſtig aufſtand und die Gräfin mit ſich emporzog. Oſt ſind auch Erinnerungen ganz vortreffliche Balan⸗ cirſtäbe, mit denen man über die ſchlimme Gegenwart hinwegſetzen kann. Aber die Gefahr, der ich heut ent⸗ gegengehe, iſt zu groß, als daß ich mein unruhig ſchlagendes Herz mit einigen vertrockneten Bongquets der Vergangenheit beſchwichtigen könnte. Rathet mir, wie ich über dieſe angſtvolle Erwartung hent hinaus⸗ kommen ſoll. Was werden wir thun, bis die Nach⸗ richten aus Paris eingetroffen ſein können? Ich habe einen Einfall, Majeſtät, wir wollen Al⸗ lem zuvorkommen, und ſelbſt auf der Stelle nach Pa⸗ ris fahren! ſagte die Herzogin Jules, ihren Finger nachdenklich an die Naſe legend. Dort müſſen wir ſehen, ob wir nicht noch irgend Etwas thun können, um der Sache eine für uns günſtige Wendung zu geben. Wir werden jedenfalls noch lange vor Beginn der Parlamentsſitzung in Paris eintreffen, und haben Zeit, mit einigen der Herren Parlamentsräthe, unter denen ich wenigſtens drei meine guten Freunde nen⸗ nen kann, in eine vertraute Unterhandlung zu treten Sobald wir in den Tuilerien eingetroffen ſind, laſſen! wir dieſe Herren zu uns rufen, und legen ihnen die gerechten und unabweislichen Wünſche, welche Ew. Majeſtät hegen, ans Herz. Was meinen Ew. Majeſtät zu dieſem Vorſchlag? Er dünkt mich überaus vortrefflich! rief die Königin lebhaft. Ach, ich bin ſo rathlos und unſchlüſſig, daß es mir ſchon wie ein helles Licht in meiner Finſter⸗ — 120— niß vorkommt, wenn ſich mir nur eine Möglichkeit eröffnet, für mich zu handeln. Der König wird heut noch den ganzen Tag in Verſailles verweilen, er hat Geſchäfte. Und obwohl ich ohne ſein Wiſſen keinen erheblichen Schritt thun möchte in dieſer übeln Ange⸗ legenheit, ſo wird er mir doch nicht zürnen, wenn ich meine Herzensangſt etwas lindere und die Meinung des Parlaments im voraus zu erforſchen ſuche. Auf Meinungen läßt ſich einwirken, und da ich jetzt mit meiner Ehre und meinem Ruf von der Meinung des Pariſer Parlaments abhängig geworden bin, ſo wird man es mir nicht verdenken können, wenn ich dabei nicht die Hände in den Schvoß lege. Gewiß hätten wir uns längſt rühren ſollen, wenn nicht der König ſtets zu edel dachte und nur von Recht und Gewiſſen die beſte Entſcheidung erhoffen wollte. So werde ich in das Palais voraus eilen, um die ſofortigen Vorbereitungen für die Abreiſe Euerer Majeſtät treffen zu laſſen, ſagte die Gräfin Diane. Ja, eilen Sie, ich bitte und beſchwöre Sie darum! rief die Königin in fliegender Haſt. Die beſten und raſcheſten Pferde ſollen ſogleich vor den Wagen ge⸗ ſpannt werden, und ich will den Weg von Saint⸗Cloud nach Paris in ſo kurzer Zeit zurücklegen, wie er noch nie zurückgelegt worden iſt. Sie begleiten mich Beide, meine Freundinnen, denn nur in Ihrer Geſellſchaft iſt mir wohl, und an Ihrer Seite habe ich noch einiges Vertrauen, meinen Feinden gegenüber zu handeln. Die Gräfin Diane ließ ihre ſchlanke Geſtalt jetzt raſch dahinfliegen, um die Befehle der Königin in's Schloß zu tragen, während Marie Antoinette, auf den Arm der Herzogin Jules gelehnt, langſamer durch die große Allée des Parks nachfolgte. —,— — — 156 Das Parlament und die Königin. In Paris hatte den ganzen Tag über unter allen Klaſſen der Bevölkerung die größte Aufregung ge⸗ herrſcht. In einer faſt fieberhaften Spannung, die ſich auf allen Straßen und Plätzen kundgab, erwartete man den Urtheilsſpruch des Parkaments über den ange⸗ klagten Cardinal. Mehr als zehntanſend Perſonen ſtan⸗ den ſeit dem frühen Morgen in dichtgedrängten Schaa⸗ ren, und aus allen Ständen gemiſcht, vor dem Palais, in welchem das Pariſer Parlament ſeine große Ge⸗ richtsſitzung hielt, und belagerten die Zugänge zu dem⸗ ſelben. Ein Theil des Publikums war ſogar in die Hallen und Vorſäle des Gerichts⸗Palais ſelbſt ein⸗ gedrungen, um noch zeitiger und aus erſter Hand das gefällte Urtheil vernehmen zu können. Die Gefangenen der Baſtille waren ſchon in der vorangegangenen Nacht durch die Gerichtsboten des Parlaments in die Conciergerie gebracht worden. Der Cardinal Rohan aber war, wie man im ganzen Pu⸗ blikum mit beſonderer Befriedigung vernommen zu haben ſchien, unter allen Rückſichten für ſeine Geburt und ſeinen Stand, in das Cabinet des erſten Greffiers, unter Obhut des königlichen Lieutenants der Baſtille, geſetzt worden. Das Verhör dauerte ſchon ſeit der achten Morgenſtunde und war jetzt, wo der Abend heranzukommen begann, noch immer nicht beendet, was die immer ungeduldiger harrenden Volksgruppen mit einer geſteigerten Unruhe erfüllte. Von Zeit zu Zeit drangen einige Nachrichten aus dem Innern des Gerichtsſaals in die unabläſſig auf⸗ und niederwogende Menge. Man konnte dann ſehen, wie Alles, was die Perſon des Cardinals betraf, im — 122— Volke mit dem größten und eifrigſten Antheil aufge⸗ nommen wurde. Ber erſte Präſident des Parlaments, Herr von Aligre, hatte dem Cardinal verſtattet, ſich beim Verhör niederzuſetzen, weil derſelbe in der Be⸗ wegung, die ihn beim Beginn der Sitzung ergriffen, äußerſt bleich und angegriffen erſchienen war, und ſeine Kniee heftig unter ihm zu zittern begonnen hatten. Dann aber hatte der Cardinal mit edler Kraft und herzlicher Wärme faſt eine halbe Stunde lang unun⸗ terbrochen zu dem hohen Gerichtshof geredet, und auf alle Fragen, welche der Präſident an ihn gerichtet, mit einer unabweislich für ſeine Unſchuld zeugenden Würde und Klarheit geantwortet. Nachdem er geen⸗ det, hatte er die große Bank des Parlaments und alle übrigen Räthe gegrüßt, und das ganze Parlament hatte ſich bei dieſem Gruß erhoben, um ihn feierlich und chrerbietig zu erwiedern, was man ohne Beiſpiel im Verhältniß eines Angeklagten zu ſeinem Gerichts⸗ hof fand. Dieſe vorläufigen Nachrichten waren von der draußen umherſchweifenden Volksmaſſe mit einem lauten En⸗ thuſiasmus begrüßt und jubelnd weiter getragen wor⸗ den. Man vernahm Aeußerungen und Rufe, die auf die unzweifelhafteſte und merkwürdigſte Art an den Tag legten, welche Partei das Volk ergriffen, und aus welchen Gründen es wünſchte, den Cardinal für un⸗ ſchuldig erklärt und gänzlich freigeſprochen zu ſehn!— Ein Reiſewagen, der ſich in einer dem Parlaments⸗ Palais angränzenden Straße mühſam den Durchgang zu gewinnen juchte, mußte endlich den vergeblichen Kampf mit der ihn auf allen Seiten hemmenden Volks⸗ menge aufgeben. Er ſah ſich genöthigt, in einen ge⸗ rade offenſtehenden Thorweg einzufahren und dort Halt zu machen, während die Perſonen, die ſich in demſelben befunden, ausgeſtiegen waren und es vor⸗ — — 123— zogen, ſich durch den ſie umſtrickenden Menſchenknäuel ſelbſt weitere Bahn zu ſchaffen. Es war Mirabeau, der heut nach Paris heim⸗ kehrte, wohin ihn die überaus günſtigen Nachrichten, welche Frau von Nehra ihm als Reſultat ihrer Be⸗ mühungen in der letzten Zeit zugehen laſſen konnte, ſchleunigſt zurückgerufen hatten. Henriette war ihm in Begleitung des treuen Freundes Chamfort bis vor die Barriere entgegengegangen, um dort den Ein⸗ ziehenden zuerſt wieder zu kreffen und ihn gewiſſer⸗ maßen im Triumph der Liebe nach Paris einzuholen. Denn Henriette und Chamfort triumphirten nicht blos, den Freund wieder zu haben, ſondern ſie genoſſen zu⸗ gleich die Befriedigung, ihn durch ihre erfolgreichen Schritte von den alten Banden und Ketten, die ſein ganzes bisheriges Leben zerdrückt, losgerungen zu ha⸗ ben, und ihn ſomit jetzt als einen gänzlich Freigewor⸗ denen nach Paris zurückzuführen. Mirabeau hatte Henriettens Arm genommen, um ſie durch die unruhige Menge zu führen, die ſeit eini⸗ ger Zeit in beſtändigen Jubelrufen, aber auch in den heftigſten Ausrufen gegen den Hof und namentlich gegen die Perſon der Königin ſich erging. Chamfort foigte dicht hinter Beiden, um Henriette beſchützen zu helfen und jeden heftigen Andrang von ihrer zarten Geſtalt fern zu halten. Der kleine Coco, der unzer⸗ trennliche Reiſe⸗ und Lebensgefährte Mirabeau's, den er von London wohlbehalten wieder zurückgebracht, war bei ſeiner Wärterin in dem Wagen geblieben, um dort ſo lange bewahrt zu werden, bis die Straßen wieder fahrbarer geworden. Mit einer ſchöneren Muſik konnte ich meine Rück⸗ kehr nach Paris gar nicht gefeiert ſehen, als mit die⸗ ſen ſo wundervoll brüllenden und lärmenden Volks⸗ ſtimmen! ſagte Mirabean, indem er ſich behaglich von der Maſſe fortſchieben ließ, und nur beſorgt war, daß Henriette, die er auf das Innigſte an ſich gedrückt hielt, nicht berührt und geſtoßen würde. Er ſuchte unmittelbar die Richtung nach dem Parlamentshauſe zu gewinnen, um in die Nähe der Ereigniſſe zu kom⸗ men, die ihn, nachdem er durch Chamfort den eigent⸗ lichen Vorgang erfahren, in hohem Grade zu intereſſiren anfingen. Ich ſehe nicht nur das Volk, ſondern ich rieche es auch ſehr gern, ſagte Mirabeau, indem er ſich begie⸗ rig nach allen Seiten umſchaute, und ſeine Naſe ge⸗ wiſſermaßen mit einer recht tiefen Inbrunſt in die Maſſe hineinſchob. Ueber den Geruch einer aufgeregten Volksmaſſe geht mir nichts. Das Volk riecht immer nach Zukunft, wie ein friſch gedüngtes Feld, das, je mehr Miſt es hat, einen um ſo reicheren Segen ver⸗ ſpricht. Welch ein ariſtokratiſch⸗revolutionnaires Gleichniß! rief Chamfort mit ſeiner luſtig trompetenden Stimme. Ein Graf mit ſo hohen Ahnen wird doch immer eine andere Art von Volksfreund ſein als Unſereiner, der ſeine Exiſtenz einem dunkeln Vorfall in einer niedrigen Hütte verdankt. Aber Deine Gräfin Yet⸗Lie hat Dich jetzt frei gemacht von allem Uebermuth und Stolz Deines Vaters Marquis. Sie hat Dir durch ihre herrlichen Augen, denen ſelbſt ein Miniſter nichts ab⸗ ſchlagen konnte, die neue Ordre des Königs erwirkt, die Dir die freie Verfügung über Deine eigene Per⸗ ſon zurückgiebt, und Dich der tyranniſchen Obergewalt Deines Familienhauptes entzieht. Darum rieche nun auch recht tief dieſen ſtarken, beitzenden Athem des Volkes in Dich auf, und blaſe ihn aus Deiner Grafen⸗ bruſt wieder von Dir als eine veredelte Flamme, die Frankreich erleuchten und entzünden wird! Mirabean und Henriette brachen in ein herzliches — 125— Gelächter über dieſe, im Ton einer feierlichen Beſchwö⸗ rung gehaltene Anrede aus. Henriette hat ſchon ſo viel Gutes an mir gethan, ſagte Mirabeau dann mit einem zärtlichen Blick auf ſeine Freundin, und jetzt hat ſie ihren Wohlthaten, die ſie mir geſpendet, die Krone aufgeſetzt. Durch ihren Einfluß, der einem unbeſchreiblichen Etwas in ihrer Perſon angehört, iſt ſelbſt die harte und dürre Sinnesweiſe des Barons von Bretenil zu meinen Gunſten gewendet worden. Und ich bin dieſem Mi⸗ niſter in der That dankbar dafür. Aber dennoch kann ich heut nicht gleich als Parteigänger für ihn auf dem Platze erſcheinen. Denn auf wie viel Recht ſich auch immer dieſe Intrigne ſtützen mag, die er gegen den Cardinal Rohan eingefädelt hat, ſo wünſche ich doch nicht, daß der Cardinal Rohan verurtheilt werde. Obwohl ich natürlich gar keine Sympathie für dieſen verliebten und verſchwärmten Kirchenfürſten hege, ſo liegt mir doch daran, daß er heut auf das Glänzendſte von dieſem Parlament freigeſprochen werden möchte! Bravo! Bravo! rief ein in eine blaue Blouſe ge⸗ kleideter Mann, der ſeit einiger Zeit hinter ihnen ge⸗ gangen war und ſie aufmerkſam beobachtet hatte, in⸗ dem er Mirabeau mit vertraulicher Zuſtimmung auf die Schulter klopfte. Ihr ſcheint ein vornehmer Mann, und meint es doch ehrlich mit dem Volke. Denn das Volk wünſcht die Unſchuld des Cardinals erklärt zu ſehen, damit die Schuld der Königin an den Tag kommt! Und was habt Ihr denn für eine Intereſſe, die Königin ſchuldig zu finden? fragte Mirabeau, indem er den Gruß des Blonſenmanns mit einer freundlich zuvorkommenden Gebärde erwiederte. Die Königin iſt ſtolz und hochmüthig gegen das Volk, ſie verachtet uns als etwas Geringes und Schlech⸗ — 126— tes, und iſt doch ſelbſt eine verachtungswürdige Heuch⸗ lerin! rief der Mann mit einem zornigen und un⸗ heimlich drohenden Ausdruck in ſeinem Geſicht. Meine Frau iſt Wäſcherin für den Parkgärtner in Verſailles, und ſie befand ſich gerade zur Ablieferung dort, und hatte ſich mit Plaudereien und ähnlicher Handthierung der Weiber bis zur Nacht im Garten verſpätet. Da will ſie auf das Deutlichſte bemerkt haben, daß Nie⸗ mand anders als die Königin ſelbſt es war, welche dem Cardinal eine Zuſammenkunft im dunkeln Bosquet des Gartens verſtattete. Meine Frau hat noch niemals gelogen, und nimmt Alles auf einen körperlichen Eid. Wenn Euere Frau ſchön iſt, ſo wollen wir ihr gern den Eid ſo körperlich als möglich abnehmen, ſagte Chamfort mit einer drolligen Gebärde. Aber ich muß Euch ſagen, Freund, eine meiner ſchönen Nachbarinnen im Palais Royal, wo ich wohne, ſoll in einer ganz tollen und höchſt lasciven Mummerei die Perſon der Königin bei dieſem Rendezvous vor⸗ geſtellt haben. Es iſt dies die ſchöne Mademviſelle Hlva, die der Königin vom Kopf bis zur Zehe ſo täuſchend ähnlich ſehen ſoll, wie ein Ei dem andern. Die Colleginnen der Demoiſelle Oliva, die in den Arkaden des Palais Royal umherſchwärmen, belauſchte ich zuweilen von meinem Fenſter aus in ihren zar⸗ teſten Geſprächen. Daraus entnahm ich denn, wie es bei dieſen Mädchen für eine ausgémachte Sache gilt, daß Oliva dazu gedungen war, die Rolle der Königin zu ſpielen, um dem armen Cardinal vollends den Kopf zu verrücken. Dafür wird die talentvolle Dame in dieſem Angenblick wahrſcheinlich ſehr ſtark vor dem hohen Parlament zu ſchwitzen haben. Ihr ſcheint es mit dem Hof zu halten, entgegnete der Mann der Wäſcherin, indem er Chamfort verächt⸗ lich und drohend mit ſeinen Blicken maß. Ihr ſeid — 127— wohl auch Einer von Denen, die im Müßiggang praſſen, während das Volk bei ſeiner Arbeit hungert und darbt? Nein, guter Mann, erwiederte Chamfort lachend, ich arbeite auch, und wenn ich nicht gerade dabei hun⸗ gere, ſo geſchieht es blos, weil ich einen ſchlechteren und beſcheideneren Magen habe, wie Ihr. Aber ich beneide Euch um Euern guten Magen, und wünſche Euch den beſten Appetit, denn Ihr werdet bald, recht bald, denkt an mich, ungeheuer Viel zu verſchlingen bekommen.— Die Freunde wurden jetzt weiter gedrängt, und hatten die größte Mühe, in der ſich ſchiebenden und kreuzenden Maſſe bei einander zu bleiben. Auf einer andern Stelle begegnete ihnen der Graf d'Entraignes, der ſich durch eine Stoßwelle, die aus einer entgegen⸗ geſetzten Richtung der Volkshaufen ihren Urſprung hatte, mitten in die Arme Mirabeau's getrieben ſah und denſelben jetzt mit der größten Ueberraſchung er⸗ kannte. Ich nehme dieſe unerwartete Umarmung mit Euch zugleich als pünktliche Beantwortung meines Briefes an, den ich vor einigen Tagen an Euch nach London abgeſandt, Graf Mirabeau! ſagte der Neuangekommene, indem er Mirabeau und Chamfont mit angelegent⸗ lichem Händedruck begrüßte. Ich habe ihn nicht mehr erhalten, meine Abreiſe beſtimmte ſich plötzlich durch eine günſtige Nachricht, entgegnete Mirabeau. In dieſem Augenblick bin ich angekommen und ſchon begegnen wir uns, indem wir auf dieſem brauſenden Roß des Volkstumults beide reiten und uns anrennen? Was macht Ihre Schrift über die Privilegien, Graf d'Entraigues 2 ²) *)„Essai sur les Privilèges par le Comte d'Entraigues.“ Die Arbeit, von der ich Euch neulich ſchrieb, iſt wieder etwas in's Stocken gerathen, erwiederte der Andere, in dem ſich ein feiner ſchlanker Mann, mit einer ſehr ausgeprägten ariſtokratiſchen Perfönlichkeit, darſtellte. Ich werde ſie ſpäter wieder aufnehmen, ſobald ich noch mehr Materialien geſammelt habe. An einem Tage, wie heute, laſſen ſich ſchon Materia⸗ lien die Hülle und Fülle ſammeln! bemerkte Cham⸗ fort. Iſt nicht heut der Tag, wo das franzöſiſche Volk für ſein Leben gern eine ſchuldige Königin haben möchte? Damit iſt der Sturz aller Privilegien auf eine ſo ſchneidende Weiſe ausgeſprochen, wie noch nie. Denn ſonſt war es das Privilegium des Throns, daß es keine Schuld auf demſelben gab. Sobald man die Schuldigen auch auf den Thronen ermitteln will, hört auch für alle andern Privilegirten jedes Vorrecht auf, und man wird fortan Jeden nach dem Maaße des Andern meſſen. Niemand wird jetzt mehr auf Koſten ſeiner Mitmenſchen reich, glücklich und tugend⸗ haft ſein dürfen. Dieſe Bemerkung iſt in der That ſo fein und treffend, wie ſelten eine gemacht worden, ſagte Graf d'Entraigues mit verbindlicher Manier. Es ſteht heut viel auf dem Spiele für das Königthum und die ſo⸗ genannte bevorrechtete Geſellſchaft. Der Hof ſelbſt aber iſt diesmal mit einem ziemlich eyniſchen Angriff auf das anerkannte Vorrecht vorangegangen. Er hat einen Cardinal, einen geweihten Kirchenfürſten, der ſonſt nur ſeinen geiſtlichen Richtern Rede zu ſtehen brauchte, wie einen gemeinen Angeklagten und Ge⸗ fangenen vor ein weltliches Parlament geſtellt. Und das Parlament, ſeiner eingebornen Oppoſitionsluſt gegen das Königthum gehorchend, wird den Cardinal rächen, indem es ihn freiſpricht, und dadurch den Verdacht, der bei dieſem zweideutigen Handel über — 129— der Königin ruht, allerdings zu einer faſt ausgeſpro⸗ chenen Schuld ſteigert. Man nimmt alſo wohl auch in den Hofkreiſen an, daß das Parlament ſeinen Spruch zu Gunſten des Cardinals fällen wird? fragte Mirabeau. Die Königin ſelbſt muß auf das Tiefſte beſorgt ſein, entgegnete Graf d'Entraigues, denn ſie kam heut Morgen ſchon in der erſten Frühe von Saint⸗Clond hereingefahren, und beſchied mehrere der Herren Par⸗ lamentsräthe zu ſich in die Tuilerien. Dort ſoll eine lange Conferenz geflogen worden ſein, an der auch die Herzogin von Polignac und ihre ſchöne gelehrte Schwägerin Theil nahmen. Muthmaßlich ſind doch die Herren Parlamentsräthe durch den unwiderſtehlichen Zauber der Königin gewonnen worden. Aber ob ſie ihre übrigen Collegen noch beſtimmen werden, muß ſehr dahingeſtellt bleiben. Höchſtens wird die Frei⸗ ſprechung des Cardinals jetzt mit einer geringeren Majorität der Stimmen erfolgen, als ſonſt vorauszu⸗ ſehen war. Aber ſie wird erfolgen. In dieſem Augenblick ließ ſich von dem Parlaments⸗ gebäude her ein gewaltig lärmender Jubel, der einen tauſendſtimmigen Wiederhall fand, vernehmen. Der Spruch ſcheint bereits erfolgt zu ſein, ſagte Mirabeau, auf die in neue Bewegung gerathene Stelle hindeutend, zu der jetzt die Volksmaſſen von allen Seiten unaufhaltſam und mit äußerſter Gewalt hin⸗ drängten. Als die Freunde ſich nunmehr in die unmittelbare Nähe des Palais hingetrieben ſahen, fanden ſie es beſtätigt, daß der Urtheilsſpruch ſchon erfolgt war. Das dort zuſammengedrängte Publicum, dem die erſte Kunde aus dem Gerichtsſaal zugekommen, theilte ſich die Einzelnheiten des gefällten Spruches mit, und be⸗ gleitete dieſelben, bald mit immer neu ausbrechenden Mirabeau. I. 9 — Jubelrufen, bald mit kritiſchen und anzüglichen Be⸗ merkungen und Nutzanwendungen aller Art. Die Rufe: Es lebe der Cardinal Rohan! Der Gerichtshof hat auf ſeine Unſchuld erkannt! übertönten aber bald jede andere Stimme. Darein miſchten ſich aber noch Aus⸗ rufungen, mit denen der Name der Königin auf eine ſehr bedenkliche Weiſe ſich verband, und man hörte demſelben Ausdrücke des Grolls und der Verwün⸗ ſchung hinzufügen, die immer lauter und tobender wurden. Die näheren Angaben, welche ſich im Munde des Volkes verbreitet hakten, und die durch bekannte Per⸗ ſonen aus dem Innern des Gerichtsſaals beſtätigt wurden, waren folgende. Der Cardinal Prinz von Rohan war mit einer Majorität von drei Stimmen von jeder gegen ihn gerichteten Anklage entbunden worden. Die eigentliche Betrügerin aber, die Gräfin Lamotte⸗Valois, hatte der hohe Gerichtshof, ohne ſich näher darauf einzulaſſen, in weſſen Hand ſie dabei das Werkzeug geweſen ſein könnte, dazu verurtheilt, öffentlich ausgepeitſcht, auf beiden Schultern gebrand⸗ markt und auf Lebenszeit eingeſperrt zu werden. Gegen den Grafen Caglioſtro war auf vollſtändige Freiſpre⸗ chung erkannt worden. Die übrigen bei dem Proceß betheiligten Perſonen hatte eine größere oder geringere Strafe getroffen. Es lebe das Parlament von Paris! rief es in einem der Volkshaufen, in denen man ſich am lebhaf⸗ teſten mit dieſem Ausgang der Sache beſchäftigte. Das Volk wird vor Freuden genügſam, es läßt ſogar das Parlament von Paris leben! flüſterte Cham⸗ fort dem Grafen d'Entraigues in's Ohr. Wenn nur dieſe alten Parlamente beſſer wären, ſo wollten wir ihnen gern ihr bischen Leben gönnen. Wird das ſich heiſer ſchreiende, liebe Volk nicht bald eines ganz an⸗ — 131— deren Körpers zur Vertretung ſeines Rechts und ſei⸗ ner Anſprüche bedürfen? Dies alte Parlament, dem die Halbheit ſeiner eigenen Exiſtenz zuwider, rächt ſich an ſeinem Wiederherſteller Lonis XVI. dafür, daß er ihm keine Ruhe im Moder ſeiner fendalen Vergan⸗ genheit gelaſſen. Es rächt ſich an ihm, indem es ihm ſein ſchönes Weib ſchlägt, das Beſte, was der König ſein nennen kann neben ſeiner ſchwankenden Krone. Der gute Louis XVI. hätte dieſe Parlamente ſchlafen laſſen ſollen den ewigen Todesſchlaf! Die Generalſtände der Nation mußte er längſt zu ſich rufen, dann ſtand es beſſer um ihn ſelbſt, und ſein Biedermannsherz, das er für Frankreich hat, wäre dankbar erkannt worden. Es iſt wahr, heut hört man ſchon den ganzen Thronhimmel von Frankreich zittern! ſagte Mirabean, indem er den Kopf hoch emporſtreckte und mit ſeinem gedankenvoll blitzenden Adler⸗Auge den ganzen meu⸗ ſchenbewegenden Platz überflog. Warum wollen wir dies alte Parlament gering ſchätzen, wenn es ſich doch heut von Neuem ſeine Sporen gegen das Königthum verdient hat? Und es hat wahrlich tapfer gefochten und faſt mit Kolben dreingeſchlagen, denn dieſe Ver⸗ urtheilung der Lamotte⸗Valvis zu der entehrendſten und ſchimpflichſten Verbrecher⸗Strafe, iſt ſie nicht am Ende auch gegen das franzöſiſche Königshaus gerichtet? Ein letzter Sprößling des großen königlichen Hauſes Valois, dem die Stäupe und Brandmarkung zuerkannt wird, welch eine niederſchmetternde Demonſtration iſt das gegen alle Anbeter des königlich fließenden Bluts in Frankreich!— Jetzt theilte ſich die Menge vor dem Eingang des Parlamentsgebäudes, und man ſah einen verſchloſſenen Wagen herausfahren, der erſt langſam und dann, ſo⸗ bald es die Volkshaufen verſtatteten, in raſcherer Be⸗ wegung die Straße einſchlug, welche nach der Baſtille 9*. zurückführte. Man erkannte darin den Cardinal Prin⸗ zen Rohan und den Grafen Caglioſtro, und es ver⸗ breitete ſich unter der verwunderten Menge das Ge⸗ rücht, daß beide Angeklagte, obwohl vom Gerichtshof freigeſprochen, doch auf beſondere Veranlaſſung der Königin noch einmal in ihr Gefängniß zurückgebracht werden ſollten, um erſt am folgenden Tage ihrer Frei⸗ heit gänzlich wiedergegeben zu werden. Graf d'Entraigues beſtätigte aus Dem, was ihm in den Hofkreiſen zu Ohren gekommen war, daß die Königin, von ihrem Haß gegen den Cardinal getrie⸗ ben, in der That ſich zu einem Befehl dieſer Art hatte hinreißen laſſen, um dem Mann, dem ſie das demüthigendſte und kummervollſte Ereigniß ihres bis⸗ herigen Lebens beizumeſſen hatte, noch eine für ihn kränkende Abführung zu bereiten. Marie Antoinette hatte dies für den Fall ſeiner Freiſprechung im Vor⸗ aus zu bewirken gewußt, und war darin von den ihr offen und heimlich ergebenen Mitgliedern des Parla⸗ ments, wie ſich jetzt zeigte, ſehr gut unterſtützt wor⸗ den. Aber die Königin hatte in ihrer leidenſchaftlichen Erregung nicht bedacht, daß ſie dadurch nur den öffent⸗ lichen Triumph des Cardinals vermehren würde. Dies bewies ſich ſchon bei den erſten Schritten, welche der Wagen über den Platz zurückzulegen anfing, indem derſelbe von den ungehenren Beifallsrufen der Menge begleitet wurde, und man ſich anſchickte, in einem ſich vollſtändig ordnenden Triumphgeleit dem Wagen bis zur Baſtille zu folgen. Man erblickte den Cardinal an dem einen Fenſter des Wagens, zu dem er ſich von Zeit zu Zeit heraus⸗ lehnte, um für die ihm unaufhörlich geſpendeten enthu⸗ ſiaſtiſchen Zurufe durch Mienen und Grüße ſeinen Dank zu erkennen zu geben. Er befand ſich im vollen Foſtüm ſeiner kirchlichen Würden, aber ſein Kleid trug — die violette Farbe, in welcher die Cardinäle zu trauern pflegen. Seine Bruſt war mit allen ſeinen Orden geſchmückt. Aber ſein bleiches, obwohl von tiefer Freude durchblitztes Geſicht trug noch immer die Spuren der erlittenen Erſchütterung und Beängſtigung an ſich. Die Sache hätte immerhin recht ſchlimm für den ſchönen Prinzen Louis ablaufen können, bemerkte Cham⸗ fort, als ſich der Wagen jetzt an ihnen vorüberbewegte. Man ſieht doch, daß die Königin beinahe ihren Zweck bei den Herren Parlamentsräthen erreicht hätte, denn eine Freiſprechung mit drei Stimmen Majorität iſt noch immer geeignet, ſich dabei hinter die Ohren zu kratzen. Und dann haben ſie ihn mit dieſem Grafen Caglioſtro zuſammen in einen Wagen gethan, und laſſen den Prieſter in Geſellſchaft des Ganklers in die Baſtille zurückfahren, ſtatt ihn ſogleich mit glänzender Anerkennung ſeiner Unſchuld auf freien Fuß zu ſetzen. Und ſeht, wie Freund Caglioſtro den Vortheil ſeiner Situation zu benutzen verſteht. Er ſucht ſeinen Herrn Collegen, den Cardinal, wo möglich noch an Pathos und Würde zu übertreffen, und grüßt mit der Feier⸗ lichkeit eines triumphirenden Propheten zu der andern Seite des Wagens heraus, indem er ſo thut, als wenn auch ihm das Volk ſeine Huldigung darbrächte. Er lächelt fortwährend in ſeiner geheimnißvoll verzückten Manier, und ſeht, jetzt faßt er ſogar recht gnädig an ſeinen Federhut, und lüftet denſelben ein wenig, als wenn er ſich für die Lebehochs des Volkes noch ganz beſonders bedanken müßte. Und er hat in der That die Keckheit gehabt, in ſeiner verwünſchten Magier⸗ Tracht ſelbſt vor dem hohen Gerichtshof des Parla⸗ ments zu erſcheinen. Das iſt alſo der weltberühmte Wunderthäter Ca⸗ glioſtro! ſagte Mirabeau, den Magier, welchen er jetzt an ſeinem Wagenfenſter ſich unmittelbar gegenüber erblickte, mit ſcharfer Aufmerkſamkeit in's Auge faſſend. Ich ſehe, Henriette, Dein allerliebſter Brief, den Du mir über Ener Geiſter⸗Diner geſchrieben, hat mir dieſe wunderliche Perſon ſo treffend geſchildert, daß ich ihn jetzt ſchon an Deiner Beſchreibung wiedererkannt haben würde. Und der Anblick dieſes Menſchen beſtätigt mir jetzt auch meine eigene Anſicht über ihn. Da ſieht ja jeder Zug und jedes Glied an ihm nach einem Werk⸗ zeug der Jeſniten aus, und nun bin ich fertig mit ihm. Seine Augen gehen wie eine Mäuſefalle auf und nieder, und was er fängt, liefert er für ein gutes Douceur an die heilige römiſche Kirche ab. Etwas mehr hätte er aber doch für ſeinen Schüler Louis Rohan thun können, bemerkte Chamfort, als der Wagen jetzt langſam vorüber gefahren war und von dem jauchzenden Volke weiter begleitet wurde. Vermöge ſeiner tollen Zauberkünſte hat er den Car⸗ dinal mit allen Königinnen der alten und neuen Zeit zuſammen ſchlafen laſſen, aber den Haß der ſchönen Königin Marie Antoinette hat er doch nicht gegen ihn zu beſchwören gewußt. Was hat es dem guten Car⸗ dinal nun genützt, daß Eleopatra und Semiramis ihn ſo oft heimlich in verſchwiegenen Nächten beglückt haben? Marie Antoinette hat den funfzigjährigen Lieb⸗ haber verſchmäht, und das iſt Alles. An der Stelle Caglioſtro's hätte ich dem armen zappelnden Prälaten doch einige Tropfen Verjüngungs⸗Elixir eingeflößt, und ich giaube immer, das würde bei Marie Antoinette etwas geholfen haben. Man vernahm jetzt ſchon aus weiterer Ferne die jubelnden Volksſtimmen, welche den Wagen durch alle Straßen hindurch bis vor die Pforten der Baſtille geleiteten. Dort angelangt trennte ſich das Volk nicht eher, als bis der Cardinal zum letzten Mal ſeine Hände zum Segnen der Menge ausgeſtreckt hatte, und die Thüren des Gefüngniſſes wieder hinter ihm zuge⸗ fallen waxen.— Mirabean und Henriette beeilten ſich jetzt, ihren Wagen wiederzufinden, nachdem ſie ſich von Chamfort und d'Entraigues verabſchiedet und die Einladung des letzteren, morgen zum Diner bei ihm einzutreffen, hatten annehmen müſſen. Henriette hatte ſchon die größte Sehnſucht nach dem kleinen Coco empfunden, und eilte, ſobald ſie nur des Wagens anſichtig geworden, voran, um ſich ihres Lieblings wieder zu vergewiſſern. Dann wurde der Weg nach der neuen Wohnung, welche Frau von Nehra in der Rue de Vaugirard gemiethet und mit aller ihrer eigenen Sorgſamkeit eingerichtet hatte, dur die jetzt freigewordenenen Straßen raſch zurückgelegt. Pie Fran des Finanzminiſters. Mirabeau befand ſich ſeit einigen Wochen wieder in Paris, wohin er ſich beſonders in der Abſicht zurück⸗ begeben hatte, eine große hiſtoriſche und politiſche Arbeit zu vollenden und durch dieſelbe die Aufmerk⸗ ſamkeit des Miniſteriums und eine ihm angemeſſene Stellung ſich zu gewinnen. Zuerſt hatte er in ſeiner peinigenden Unruhe und unſchlüſſigkeit den Plan faſſen wollen, ſich nach der heimathlichen Provence und auf das von ſeiner Familie nicht mehr bewohnte Schloß Mirabeau zu begeben, und dort in dem Frieden einer ihm erſehnten Zurück⸗ gezogenheit ſeiner Arbeit ſich zu widmen. Dort hoffte er zugleich, mit der kleinen, ihm aus ſeinem Familien⸗ vermögen gebührenden Penſion auskommen zu können, über deren Feſtſtellung und Auszahlnng er ſich endlich mit ſeinem Vater auf dem Wege freundlicher Vermit⸗ telung geeinigt hatte. Aber erſt hatte ihn die Er⸗ krankung des kleinen Coco, der in ein langes und ge⸗ fährliches Leiden verfiel, an der Ausführung dieſes Plans verhindert. Und dann hatte Mirabeau einige neue Bekanntſchaften in Paris gemacht, die von einiger Bedeutung für ſeine Thätigkeit und ſeine Ausſichten geworden zu ſein ſchienen. Henriette ſaß am Bett des kranken Knaben und war mit den eifrigſten und ſorgenvollſten Bemühungen um ihn beſchäftigt, die ſie ſchon ſeit einigen Tagen ununterbrochen, und ohne ſich ſelbſt Ruhe zu gönnen, fortgeſetzt hatte. Mirabeau war ihr gerade in dieſer Zeit ſehr beſchäftigt und zerſtreut erſchienen, und hatte ſtets den größten Theil des Tages außer dem Hauſe zugebracht, indem er ſpät, zuweilen erſt gegen Anbruch des Morgens, wieder zu ihr zurückkehrte. Als er heut abermals nach einer kurzen obwohl herzlichen Unterredung ſich von ihr beurlauben wollte, und kaum noch Zeit zu haben ſchien, die fiebernde Stirn des kleinen Coco zu küſſen, ſagte Henriette mit kaum verhehlter Empfindlichkeit zu ihrem Freund: Wir Beide ſind jetzt kaum noch für Dich vorhanden, Mirabeau. Den ganzen Tag läſſeſt Du uns allein, kaum höre ich noch Deine Stimme, ohne die doch jeder Tag mir klanglos und leer erſcheint, und wenn ich Dich noch lange ſo ſchrecklich entbehren und miſſen muß, werde ich verzagen und recht unglücklich ſein. Mein liebes Kind, Du mußt jetzt etwas Nachſicht und Geduld mit mir haben, antwortete Mirabeau, ihre Hände zu ſeinem Munde ziehend. Ich bin aller⸗ dings in einen ganz neuen Strudel von Geſchäften und Beziehungen hineingerathen, die mich hierhin und — 137— dorthin treiben, aber Du weißt, daß es nur ein ein⸗ ziges wahres Glück für mich giebt, nämlich das, Deine Nähe zu genießen, und Deinen ſchönen blonden Kopf in meinen Händen zu halten. Du biſt auch nicht der Schlimmſte, entgegnete Henriette, ihn mit einem zärtlichen Schmollen anblickend. Und es wäre gewiß Alles wieder ganz gut zwiſchen uns, wenn dieſer Clavière nicht nach Paris gekommen wäre, der Dich jetzt ſo ganz und gar in Anſpruch nimmt. Ich weiß nicht, ſchon in London beſchlich mich immer eine gewiſſe Beſorgniß, ſo oft er in unſer Zimmer trat, und ich konnte heimlich vor ihm zittern. Jetzt erklärt ſich mir dies Gefühl, denn ſeitdem er hier iſt, gehſt und lebſt Du nur mit ihm, und er wird Dich noch ganz von mir hinwegziehen, Mirabeau! Nein, mein gutes Kind! rief Mirabeau lebhaft, aber mit ſichtbaren Zeichen der Eile, indem er zugleich nach ſeinem Hut griff. Kein Clavière, kein Engel und kein Teufel wird mich je meiner ſüßen Gräfin Bet⸗Lie abwendig machen können. Wir ſind ja beide mit Herz und Seele aneinander gekettet. Aber mein Freund Clavière verdient auch Dein Vertrauen voll⸗ kommen, glaube es mir. Er iſt eine gewaltige, mächtig anregende Natur, und ſeitdem wir hier in Paris wieder zuſammengetroffen ſind, haben ſich alle meine Ideen unendlich erweitert. Ich verdanke ihm ſehr Viel, und habe mit ihm eine nene Bahn betreten, auf der ich alle meine großen Ziele einſt herrlich erreichen werde. Clavière hat kein gutes Geſicht, erwiederte Hen⸗ riette leiſe, und mit niedergeſenkten Augen vor ſich hinblickend. Er zuckt beſtändig mit allen ſeinen Mie⸗ nen, und wenn ſein Auge unheimliche Flammen ſprüht, befallen mich immer wieder meine alten Manieren aus dem Kloſter, und ich muß ganz heimlich ein Kreuz —3 vor ihm ſchlagen. Glücklicher ſind wir auch noch durch den Umgang mit ihm nicht geworden, und— ſetzte ſie erröthend und kaum hörbar hinzu— auch reicher nicht! Wie, auch nicht reicher? erwiederte Mirabean eifrig, indem er ſeinen Hut wieder auf den Tiſch zurückſtellte, und aus ſeinem Schreibtiſch eine kleine Caſſette her⸗ vorholte, die mit funkelnden Goldſtücken angefüllt war. Sieh her, und laß Deine Blicke in dieſer goldenen Fluth untertauchen. Weißt Du, welche Summe dies iſt, die ſich durch die guten Rathſchläge unſeres Genfer Freundes ſeit einigen Wochen um mehr als das Zehn⸗ fache unter meinen Händen vermehrt hat Henriette ſchüttelte verneinend ihren Kopf, nachdem ſie einen flüchtigen und mißtrauiſchen Blick auf das Gold geworfen hatte. Erinnerſt Du Dich wohl der hundert Guineen in London, die uns ſo viel Unannehmlichkeiten und Aengſte bereiteten? fuhr Mirabeau fort. Du holteſt ſie damals von meinem Freunde Elliot, wobei Du unterwegs den eigenthümlichen Unfall erlitteſt, und der Schurke Hardy Dir das Geld aus der Taſche ſtahl. Nachdem ihn die engliſchen Gerichte wegen mangelnden Beweiſes wieder freigelaſſen, fand ich die ganze Summe gerade an dem Tage, wo ich von London abreiſen wollte, unter altem Gerümpel hinter einer Mauerſpalte verſteckt. Das Glück wollte, daß ich das Geld nicht ſogleich brauchte, und auch hier in Paris einige andere Einnahmen vorfand. Dadurch behielt ich, was mir ſonſt nie begegnet, die Summe ziemlich zuſammen in der Hand, und fing nun auf den Rath Clavidre's damit zu ſpeculiren an. Theils kaufte ich Actien der neu entſtandenen Handelsgeſell⸗ ſchaften ein, theils machte ich auch Geſchäfte auf Zeit⸗ kauf, wie man es jetzt nennt, und wo man ſich Actien — 139— verkauft, ohne ſie wirklich zu liefern, indem man das Geſchäft auf eine beſtimmte Zeit abſchließt, und ſich dann die Differenz des Courſes herauszahlt.*) Von dieſen Geſchäften verſtehe ich aber auch ganz und gar nichts, erwiederte Henriette. Und ich muß Dir ſagen, daß ich kein beſonderes Vertrauen zu dieſem Gelde habe. Ich glaube nicht, daß es ſich lange bei uns hält, und es mag wohl damit ſein, wie mit den Goldklumpen im Märchen. Wenn man eines Tages zufaßt, ſind es nur ſchwarze Kohlen, die man in der Hand behält, und man muß ſich dann nur ſeiner Thorheit ſchämen. Deine Kritik meiner neuen finanziellen Aventure iſt nicht ganz übel, mein Kind, erwiederte Mirabeau lachend. Aber man muß auch die Thorheiten ſeiner Zeit mitmachen, nicht blos wenn man ſelbſt zu etwas kommen will, ſondern auch wenn man der Zeit einſt zu ihrer wahren Weisheit verhelfen will. Und danach trachten wir, Clavière und ich, noch immer mit unſeren Kräften und Sinnen. Ganz Frankreich hat ſich jetzt kopfüber in dieſen Geldſchwindel hineingeſtürzt. Man ſpecnlirt auf die öffentlichen Fonds, auf die neuen An⸗ leihen der Regierung, auf die Aetien der Handels⸗ geſellſchaften, und die Agiotage ſcheint der einzige Lebensathem zu ſein, den die Geſellſchaft noch übrig behalten hat. Es iſt eine Krankheit, in der That, aber ich denke, die ganze Nation ſoll durch dieſe Krankheit einſt zu ihrer wahren Geſundheit geführt werden. Nebenbei werden die Männer des Fortſchrittes ſich dabei die Taſchen zu füllen ſuchen, und das iſt ihre Pflicht und Schuldigkeit. Die Agiotage iſt eine epide⸗ miſche Krankheit, welche durch die ganze Welt gehen wird. Wir hatten ſie von den Holländern und Eng⸗ ²) Peuchet Mémoires sur Mirabeau. II. 341. — 140— —. ländern überkommen, aber ſie tritt in Frankreich, wo ſie jetzt plötzlich unter allen Dächern heimiſch geworden, in ihrer größten Heftigkeit auf. Sie wird hier auch ihre wahren Früchte uns erzeugen. Das Rennen nach Geld und Gewinn, das jetzt alle Stände gleichmäßig fortreißt, wird zuletzt ein Rennen nach der Freiheit werden müſſen. Denn wenn alles Eigenthum des Volkes in die Kanäle der Speculation hineingejagt worden, und darin ſeine Verflüchtigung erhalten hat, ſo wird ſich die Nation ein neues Eigenthum erſchaffen müſſen, und das wird nur auf dem Boden der poli⸗ tiſchen und geſellſchaftlichen Freiheit möglich ſein. Die Agiotage, mein Kind, iſt immer nur der ſichere Vor⸗ bote eines gefährlichen Sturmes. Und was ſagt unſer Freund Chamfort dazu? ver⸗ ſetzte Henriette, indem ſie nachſinnend mit den Locken des kleinen Coco ſpielte. Chamfort iſt wieder auf einige Wochen nach Autenil zur Madame Helvstius gegangen, erwiederte Mirabeau. Seine Kränklichkeit hat ihn verhindert, Dir geſtern, wie er beabſichtigte, ſeinen Abſchiedsbeſuch zu machen. Und nun hätte ich doch faſt ſeine Grüße zu beſtellen vergeſſen. Mit der Agiotage hält er es nicht, er iſt ein zu bequemer und träumeriſcher Epikuräer dazu, und fürchtet in der ſcharfen Zugluft der Börſe ſich zu erkältene Aber er ſagte noch beim Abſchied zu mir und Clavidre: wir möchten nur redlich für den Finanz⸗ ſchwindel der Franzoſen ſorgen. Er ſelbſt wolle das arme Aſchenbrödel der Revolution bleiben, und am Heerd das heilige Feuer der Freiheitsidee hüten. Wir ſollten nur die banguerott gewordenen Franzoſen, nach⸗ dem wir ihnen alles Geld abgeſchwindelt, ſämmtlich an dieſen Heerd zu ihm hintreiben, er wolle ſie dann an demſelben ſpeiſen, tränken und wärmen!— Jetzt klopfte es an der Thür, und auf Mirabeau's — 141— erwartungsvolles Herein trat Etienne Clavière in das Zimmer, den Mirabeau mit der angelegentlichſten Herz⸗ lichkeit begrüßte, während Henriette nur flüchtig auf⸗ blickte und mit einem kaum verhehlten Groll den Gruß des Angekommenen nur obenhin erwiederte. Das Ausſehen Claviöre's hatte ſich ſeit ſeinem Aufenthalt in Paris auf eine ſehr in die Augen fal⸗ lende Weiſe verändert. Seine Manieren ſchienen ein⸗ nehmender und gefälliger geworden zu ſein, oder ver⸗ riethen wenigſtens die Abſicht, dieſen glätteren Ein⸗ druck hervorzubringen, um den die kleine dicke Geſtalt ſich jetzt mit einer gewiſſen Beweglichkeit bemühte. Aber die faſt wilde Energie ſeines Geſichtsausdruckes ſchien ſich jetzt nur hinter einer diplomatiſchen Maske verſteckt zu haben. Auch die demokratiſch⸗abenteuerliche Tracht, in der er als politiſcher Flüchtling in London erſchienen war, ſah man bei ihm durch eine ſehr gewählte und feine Toilette erſetzt, und der graue breitkrämpige Hut mit dem feuerrothen Bande hatte an einem durchaus geſellſchaftsfähigen nach der neueſten Pariſer Mode ſeinen Nachfolger erhalten. Clavière verfehlte auch nach ſeinem Eintritt nicht, der Frau von Nehra, obwohl ihm dieſelbe ſichtlich abgewandt zu bleiben wünſchte, ſeine Artigkeiten zu bezeugen, indem er ſich ihr raſch näherte und mit ſehr verbindlichen Worten ihre Verzeihung dafür einholen wollte, daß er abermals komme, um ihr Mirabeau zu entführen und denſelben in eine ſeiner harrende Ge⸗ ſellſchaft abzuholen. Henriette antwortete mit einem leiſen traurigen Kopfneigen, und ſagte dann, daß ſie an dieſe regel⸗ mäßigen Abſichten ſeines Beſuchs nun ſchon ſeit einigen Wochen gewöhnt ſei, und ihr eigentlich nur noch die MNeugierde übrig geblieben ſei, jedesmal zu fragen, wo⸗ hin es denn eigentlich gehe, und ob hent die Geſell⸗ ſchaft der Freunde der Schwarzen, der Club der Ameri⸗ kaner, ein Diner bei dem Herrn Banquier Panchaud, oder ein Rendezvous aller ſchwarzen, weißen, rothen und blonden Agiofreunde der ganzen Welt, an die Reihe gekommen ſei? Henriette betonte dieſe haſtig ausgeſtoßenen Fragen zugleich mit einer ſo drolligen Empfindlichkeit, daß beide Freunde darüber laut zu lachen anfingen, und Mirabeau liebkoſend ihre Hände ergriff, um die grol⸗ lende Freundin zu beſchwichtigen. Heut wird wohl Graf Mirabeau allerdings wieder recht ſpät zu Ihnen heimkehren, ſagte Claviere, indem in ſeinem freundlich lauernden Geſicht eine ſpöttiſche Grimaſſe aufblitzte. Es vereinigen ſich nämlich heut faſt alle die Elemente, welche Sie ſoeben in liebens⸗ würdig grollender Athemloſigkeit aufgezählt haben, zu einem einzigen Schmaus, und Graf Mirabeau ſoll den⸗ ſelben als der gefeiertſte Liebling Aller verherrlichen helfen. Die Geſellſchaft der Freunde der Schwarzen hat ſich heut mit dem Club der Amerikaner vereinigt, um in dem ſchönen Local deſſelben ein gemeinſchaft⸗ liches Feſteſſen abzuhalten. Es werden dabei ſehr viele und ſehr lange Redeu gehalten werden, und man rechnet auf einige herrliche Gewitter, die von den Lippen unſeres Freundes Mirabeau herabdonnern werden. Es wird ſich auch der Mühe verlohnen, denn Alles, was die Freunde der Schwarzen wollen, die Abſchaffung der Sklaverei und des Negerhandels, beab⸗ ſichtigt auch der neue Qlub des Américains jetzt mit allen ſeinen Mittel zu fördern. Die Mitglieder beider Geſellſchaften wollen auf dem heutigen Feſtmahl zu⸗ gleich eine große Geldſammlung zur gemeinſchaftlichen Förderung dieſer Zwecke veranſtalten. An Geld wird es auch nicht fehlen, denn unter den eingeladenen Ehrengäſten figuriren die glänzendſten und klingendſten — 143— Namen der Börſe. Sie haben ganz Recht, auch Herr Panchaud, mein kluger Landsmann aus Genf, wird mit uns ſein, und zwar an der Spitze der fetteſten Agiofreunde von Paris, mit denen ſich auch einige geiſtreiche Literatoren und einige philoſophiſche Marquis der Epoche, wie Chamfort ſie nenut, einſtellen werden. Nicht wahr, das iſt eine Geſellſchaft, für die man ſchon Frau und Kind auf einige Stunden im Stich laſſen kann? Henriette lächelte erröthend, und ſah zu Mirabeau mit ihrer völlig wiederhergeſtellten klaren Freundlich⸗ keit empor. Und weißt Du, daß auch Calonne erſcheinen wird? nahm Claviere wieder das Wort, indem er ſich mit einem bedeutungsvollen Blick zu Mirabeau wandte. Ich komme ſpeben aus dem Cabinet des Miniſters, und er hat mir ſein Erſcheinen im Club des Amé- ricains auf das Beſtimmteſte verſprochen. Ah, das iſt mir freilich ſehr erwünſcht, rief Mira⸗ beau lebhaft. Seine Freunde am Hofe und im Adel wird ſich der Herr Finanzminiſter durch dieſen Beſuch bei uns nicht vermehren. Aber es iſt doch Zeit, daß er allgemach nach dieſer Seite hin die Maske lüftet. Nachdem er die Staatsgelder bisher mit vollen Hän⸗ den, wie ein genialer Spieler, weggeworfen, wird er doch nun bald blicken laſſen müſſen, daß dies Geld auf eine dauernde und fruchtbringende Weiſe nur dann wiederzubekommen iſt, wenn man es aus einer radi⸗ calen Reform des ganzen Staats und aller ſeiner Ver⸗ hältniſſe zu gewinnen trachtet! Dahin bearbeite ich ihn ja täglich und ſtündlich, erwiederte Claviere grinſend. Und dieſe Schwenkung iſt vor der Thür, ſie kann gar nicht mehr lange aus⸗ bleiben, worüber ich Dir die beſtimmteſten Verſiche⸗ rungen geben kann. Wenn ſie vor der Thür iſt und kommt, wird es — 144— das Verdienſt eines unwiderſtehlichen Dämons ſein, der Etienne Clavière heißt! ſagte Mirabeau lächelnd. In der That, Clavière, unter allen Deinen diaboliſchen Ideen, von denen Du überfließeſt, wird es immer die glücklichſte geweſen ſein, daß Du Dich zum Ge⸗ heimſecretair des Finanzminiſters zu machen verſtanden. Du biſt dadurch auf dem entſcheidendſten und gefähr⸗ lichſten Punkt der geheime Werkmeiſter für die Staats⸗ umwälzung geworden, nach der wir bereits von Stunde zu Stunde ſchmachten, wie der Landmann für ſeine ausgedörrten Saaten nach Gewitter und Regen⸗ Aber warum haſt Du noch nicht die Uniform der Beamten des Miniſteriums angelegt, da Du doch jetzt definitiv als Geheimſecretair des Herrn von Calonne angeſtellt worden biſt?*) Es kann bei mir mit dem Beamten⸗Charakter nicht ſo genau genommen werden, entgegnete Clavière. Herr von Calonne bedarf meiner, und hat mich darum in einer gewiſſen Form, die gerade bequem war, an ſein Miniſterium feſſeln wollen. Calonne iſt. ein Lebemann, der vielleicht zu viel Geiſt hat, um ſich mit gründ⸗ licheren und umfaſſenderen Finanzarbeiten beſchäftigen zu können. Da mache ich ihm nun ſeit einiger Zeit alle ſeine finanziellen Ausarbeitungen, bei denen es auf zuſammenhängendere und langathmigere Raiſon⸗ nements ankommt. Er iſt ſehr zufrieden damit, und ich treibe ihn dadurch allmählig auf den Punkt, auf dem wir ihn haben wollen. Den neuen Finanz⸗ plan für Frankreich habe ich geſtern auch beendet, und ſogleich in Calonneis Hände gelegt. Von Deinen Ideen, Mirabeau, iſt Vieles darin übergefloſſen und beibehalten worden, und ich hoffe, Du wirſt zufrieden ſein mit dieſem gährenden Zaubertrank, den ich zurecht *) Condorcet Memoire. I. 227. ———— — 145— gebraut habe, und der durch ſeine ſtarken Wirkungen dies Frankreich auch politiſch auf einen ganz andern Fuß bringen muß. Ihr Franzoſen ſollt doch ſehen, wozu ein ehemaliger Genfer Banquier, wie ich, gut iſt, der das finanzielle Handwerk für ſich hat, und außerdem, daß ihm die Praris in Zahlen und Cal⸗ eüls zur Seite ſteht, auch noch von dem leibhaften Teufel der Revolution getrieben und geritten wird! Clavière ſtieß bei dieſen Worten wieder, ſeiner Gewohnheit gemäß, das ſchallende und ſchmetternde Gelächter aus, mit dem er ſich nach jeder Aeußerung am liebſten ſelbſt Beifall zu ſpenden pflegte. Dann lud er Mirabeau zum Aufbruch ein, indem er hinzu⸗ fügte, daß ſie heut wohl nicht auf ſich warten laſſen dürften, beſonders da er es übernommen habe, die Eröffnungsrede bei dem Feſt zu halten. Ich ſiecke ſo voll von Malice, fügte Claviére hin⸗ zu, daß ich mich kaum noch zu halten weiß. Meine Rede, wenn ich ſie noch länger bei mir behalten muß, wird mir bald in lichterlohen Flammen zum Halſe herausbrennen. Laß uns alſo ſchleunigſt gehen, Mira⸗ beau, und unterſtütze bei Frau von Nehra meine ſchon angebrachten Verſuche, mich entſchuldigen zu wollen und ihren hohen Zorn von meinem Haunpte abzuleiten. Die Beurlaubung bei der Freundin Mirabeau's geſchah jetzt raſch, und Henriette, nachdem ſie ſtill⸗ ſchweigend die Grüße erwiedert, ſetzte ſich ſogleich wieder vor das Bett des kleinen Coco, indem ſie ihre Trauer hinter der Bemühung für das kranke ſchreiende Kind verbarg. Mirabeau und Clavière ſchritten jetzt eiligſt über die Straßen hinweg und waren auf dem Boulevard Montmartre angelangt, um ſich von dort in den Fau⸗ bourg zu begeben, wo in einer entlegenen Straße das kleine, von einem Garten umgebene Haus lag, welches Mirabeau. II. 10 — der vor Kurzem erſt entſtandene Club des Ameri- cains für ſeine Verſammlungen gemiethet hatte. Unterwegs hatte Mirabean das Geſpräch, wie es ſchien, mit einiger Abſicht wieder auf den Finanz⸗ miniſter hingeführt, indem er mit einiger Beſtimmt⸗ heit von Clavière zu erfragen wünſchte, wann Herr von Calonne zu dem bevorſtehenden Feſtmahl einzu⸗ treffen gedächte und ob er demſelben wöhl bis zu Ende beiwohnen würde? Der Miniſter, erwiederte Claviere, hat mir ver⸗ ſprochen, meine Rede mitanzuhören, in der ich die bisher eingeſchlagenen Tendenzen auf eine Reform der Geſellſchaft einer Kritik unterwerfen will. Ich werde darin beſonders auseinanderzuſetzen ſuchen, daß die Beſtrebungen, der Geſellſchaft ihre Freiheit und Men⸗ ſchenwürde zurückzugeben, ganz auf einer Stufe mit den Beſtrebungen ſich befinden, den Menſchen die Taſchen mit Geld zu füllen und ſie ſammt und ſon⸗ ders zu reichen und wohlbemittelten Leuten zu machen. Es hat die Neugierde des Herrn Miniſters erregt, wie ich dies Thema durchführen würde, und obwohl er heut Morgen noch an den Folgen einer durchſchwärm⸗ ten Nacht litt, ſo wollte er ſich doch pünktlich um ſechs Uhr einſtellen. Auch hat er mir verſprechen müſſen, das ganze Feſtmahl conſequent mit durchzu⸗ machen, um ſich einmal eine Anſchauung von dem Treiben der Geiſter zu erwerben, die heutzutage grade für den Finanzminiſter lehrreich und dringend erfor⸗ derlich ſein muß. Denn es werden uns heut auch Cabanis, Condorcet, Holbach, Lafayette und andere ſolche Männer nicht fehlen. Das wird ein herrliches Treibjagen der neuen Ideen geben, und Herr von Calonne hat als Finanzminiſter beſonders die eine Tugend, neugierig zu ſein. Er will wiſſen, was auch in der Sphäre der Ideen getrieben wird, und ich habe es ihm zur Pflicht gemacht, indem ich ihm geſagt, daß ein Finanzminiſter doch immer nur aus Ideen werde neues Geld machen können. Ich habe daher Eva's Neugierde, die zur Erkenntniß ſühren ſoll, in ihm zu ſchüren geſucht.— Mirabeau ſah jetzt nach der Uhr, und erklärte, an einer Straßen⸗Ecke ſtehen bleibend, zur nicht geringen Verwunderung Clavisre's, daß er ſich noch auf einige Zeit von ihm benrlauben wolle, und wahrſcheinlich erſt gegen Ende des Feſtes auf demſelben wieder mit ihm zuſammentreffen werde. Alſo Du willſt meine Rede nicht einmal mit an⸗ hören? fragte Clavière gereizt. Und warum das ſo plötzliche und ſo wunderliche Abſpringen von einer Sache, für die Du Dich noch eben vollſtändig erklärt zu haben ſchienſt? Ich werde ganz gewiß zum Schluß des Feſtes erſcheinen, entgegnete Mirabean lächelnd, und werde dann noch Gelegenheit genng haben, die Wirkungen Deiner Rede zu beobachten. Es iſt nicht Gleichgültig⸗ keit gegen Dein großmächtiges Rednertalent, das Nie⸗ mand mehr bewundert als ich, noch Unempfindlichkeit gegen die großen Ideen, die Du auseinanderſetzen wirſt, und über die wir ein anderes Mal Bruſt an Bruſt und Hand in Hand mit einander verhandeln wollen. Aber ich muß jetzt fort, denn mich ruft die Stunde eines Rendezvous, die für mich heut ſchlägt, und die ich benutzen muß, es koſte was es wolle. Jetzt begreife ich Deine Erkundigungen über den Beſuch Calonne's im Club des Americains! rief Claviere, ihn mit ſeinen ſcharfen durchbohrenden Blicken fixirend. Du willſt der Frau von Calonne in Ab⸗ weſenheit ihres Eheherrn Deinen Beſuch machen? Aber ich beſchwöre Dich, Mirabeau, mache keine dummen Streiche, und gieb dieſe Thorheit auf, die Du Dir 10* aus reinem Uebermuth in den Kopf geſetzt haſt. Der Miniſter, obwohl ſelbſt der tollſte und gewiſſenloſeſte Lebemann von Paris, iſt doch eiferſüchtig auf ſeine Frau, und belauert das zarte, ſchöne Geſchöpf mit dem Argwohn eines Teufels. Wenn ihm erſt Ver⸗ dacht gegen Dich eutſteht, iſt Dein ganzes, kaum be⸗ ginnendes Verhältniß zu ihm auf's Spiel geſetzt, und ich kann ſein Intereſſe für Dich, das gewiß Früchte tragen wird, nicht wieder beleben! Ich bin nun einmal ſo, erwiederte Mirabeau, in⸗ dem er abermals nach der Uhr ſah, und dieſelbe ſei⸗ nem Freunde vorwies, um ihm zu zeigen, daß es ſo⸗ gleich Sechs ſchlagen werde. Geh', Claviöre, und halte Deine Nede über Freiheit, Menſchenwürde und volle Taſchen, oder über die Kunſt, den Banquerott der Ge⸗ ſellſchaft zu einer wahren Gold⸗ und Freiheitsgrube zu machen. Ich will unterdeſſen, weil es mich gerade reizt, zu der ſchönen, troſtbedürftigen Frau von Ca⸗ lonne gehen und ihr eine Vorleſung über die Berech⸗ tigung der Frauen halten, frei und glücklich zu ſein. Als ich ſie neulich auf einem Diner bei der Gräfin von Riancourt traf, und ihre Equipage ausgeblieben war, erlangte ich von ihr, daß ich ſie in meinem Wa⸗ gen nach ihrem Hötel fahren durfte. Nun weißt Du, daß jede Frau unbedingt verloren iſt, die nur ein ein⸗ ziges Mal mit mir in einem Wagen allein fährt.*) Bei unſerer zärtlichen Trennung geſtand mir Frau von Calonne zu, daß ich ſie an gewiſſen Tagen heſuchen dürfe, wann ſie ſich allein befände, und es würde mir gerade hent ein beſonderes Vergnügen machen, dieſe ſchöne Gelegenheit zu benutzen. Ich kann in ſolchen Sachen einmal nicht widerſtehen, und werde einer der⸗ artigen Veranlaſſung jederzeit folgen, auch wenn der *) Peuchet II. 320. — Verluſt meiner ewigen Seligkeit dabei auf dem Spiele ſtehen ſollte. Heut, wo Alles in Paris Agio macht, will ich auch der liebenswürdigen Frau des Finanz⸗ miniſters dazu verhelfen, noch einige Prozente Genuß aus ihrem verlaſſenen Leben herauszuſchlagen, denn Dir wird ſo gut wie mir bekannt ſein, ein wie ſchlim⸗ mes Verhältniß zwiſchen Frau von Calonne und ihrem Manne beſteht, obwohl ſie kaum vor zwei Monaten ihren Hochzeitstag gefeiert haben. Dieſer Hochzeitstag war freilich ein höchſt fataler! entgegnete Claviere mit einem lauten Lachen, indem er Mirabeau's Arm faßte und ſich anſchickte, denſelben noch einige Schritte zu begleiten, wahrſcheinlich in der Hoffnung, daß es ihm doch noch gelingen werde, Mirabeau zur Umkehr zu bringen, um gleichzeitig mit ihm in dem Saal des Club des Américains zu er⸗ ſcheinen. Die ſchone Frau iſt gewiß an dieſem Tage ſehr beleidigt worden von dem Herrn Finanzminiſter, nahm Claviere plaudernd wieder das Wort. Es mag einen verwünſchten Eindruck machen, wenn ein Ehemann gerade bei ſeinem Hochzeitsfeſt, und zwar in dem Angenblick, wo die Kutſche unten ſchon vorgefahren iſt, um ihn mit ſeiner glückharrenden Braut nach Hauſe zu fahren, ſich noch zu einer Partie Lhombre hinſetzt. Er ſpielt und ſpielt, mit der Leidenſchaft, die unſern luſtigen Finanzminiſter ganz und gar beherrſcht, ſobald er nur eine Karte in die Hand genommen hat. Die beſtürzten Mienen der Brauteltern, die ſchöne Braut ſelbſt, die vor Aerger, Zorn und Scham faſt vergeht, die Freunde, die ihn ängſtlich am Aermel zupfen, nichts vermag ihn in ſeiner Partie zu ſtören, die für den Herrn Miniſter gerade die intereſſanteſten Wen⸗ dungen darbietet. Endlich fordert die Mutter der Brant geradezu, daß er kommen möge, zerſtreut bittet er noch um einige Minuten Aufſchub, und erſucht end⸗ lich die Mutter, immer voran mit der Tochter in den Wagen zu ſteigen, er werde auf der Stelle nachkom⸗ men. Aber er vergißt es jetzt völlig, da ſie unten ſitzen, bis endlich alle Verwandten ſich vereinigen, um ihn mit Gewalt aus dem Zimmer zu jagen. Man trägt ihn ſogar hinunter und ſchiebt ihn in die Carroſſe hinein, wo er ſeine in Thränen aufgelöſte Braut findet.“) Ja, das iſt die Geſchichte, die mir bei Frau von Calonne zugutgekommen iſt! ſagte Mirabeau, wohlbe⸗ haglich lächelnd. Aber Du mußt geſtehen, Freund, daß ich eine heilige Miſſion bei ihr bekommen habe, denn ich will hier als Rächer einer von ihrem Ehe⸗ mann gekränkten Fran wirken, und ſie ſelbſt hat dieſe Rache, welche ſie ſich gewiß gleich in jener Nacht ge⸗ lobte, in meine Hände gelegt. Lebe wohl, Clavière, denn mich ruft mein Rächeramt von hinnen, und ich werde noch zeitig genug wiederkommen, um mit un⸗ ſerer Geſellſchaft der Freunde der Schwarzen die ganze Menſchheit erlöſen zu helfen! Ich laſſe Dich heute nicht hingehen, erwiederte Clavidre, ihn am Arme feſthaltend. Du mußt dieſes Verhältniß wieder abbrechen, denn es kann Dir für wichtige Dinge, auf die es jetzt ankommt, ungemein nachtheilig werden. Hat Calonne ſeine Frau am Hoch⸗ zeitstage gemißhandelt, ſo giebt Dir das kein Recht, Dir aus dieſem Verhältniß für Dein eigenes Conto Agio herauszuſchlagen. Claviere als Moraliſt iſt über alle Maaßen poſ⸗ ſirlich! rief Mirabeau, indem er ſeine Anſtrengung er⸗ neuerte, ſich von dem um ihn beſorgten Freunde los⸗ zumachen. Du, Etienne Clavidre, der Du der eigent⸗ liche Agiolehrer der Franzoſen geworden biſt, Du, der *) Condorcet Mémoires I. 230. „— A S —— „— — 151— Dämon der Börſe, der durch ſeine teufliſch ausgeklü⸗ gelten Operationen den Finanzſchwindel Frankreichs erſt ganz zu ſeiner Blüthe getrieben, Du willſt jetzt plötzlich den Ritter der Tugend und Solidität gegen mich ſpielen? Dir zu Gefallen, und weil ich von dem Miniſter etwas hoffte, habe ich gegen die Agiotage geſchrieben, aber Du weißt recht gut, daß ich es nur in Eurem Auftrage gethan habe, um dem Geſchäft mit den Effekten gewiſſer Handelsgeſellſchaften einen Stoß zu geben, und dadurch die ganze Spekulation der Börſe ausſchließlich auf Euere Staatspapiere und Euere Anleihen hinzutreiben. Und zum Dank dafür verlangſt Du nun, Du Tyranniſcher, daß ich auch für meine Perſon nicht mehr in Credit⸗Aktien ſpekuliren ſoll, und meine Courſe nicht einmal mehr bei der Frau Finanzminiſterin ſelbſt in die Höhe treiben und notiren darf. Ich hoffe aber im Gegentheil, daß die reizende Frau mir heut eine erkleckliche Dividende auf alle meine Bemühungen um ihre Gunſtherauszahlenſ oll! Wir wiſſen, Freund, was Du uns geleiſtet haſt, und was Deine geniale Feder gerade dem Finanzmi⸗ niſterium und allen unſeren Plänen noch zu leiſten vermöchte, erwiederte Claviöre mit einer ernſten und wichtigen Gebärde. Deine beiden Schriften gegen die Disconto⸗Kaſſe und gegen die Spaniſche Vank, die in der That ſeit einigen Wochen ein gewaltiges Auf⸗ ſehen erregen, ſind unſern neuen Finanzplänen unge⸗ mein dienlich geweſen, und haben ihnen bereits den größten Vorſchub geleiſtet.*) Dem Herrn Miniſter war es ebenſo bequem als angenehm, auf dieſem Wege einige Ideen, die er jetzt für beſonders einſchärfens⸗ *)„De la Cuisse d'Rscompte“(1785),„De la Banque dEs- pagne, dite de SaintCharles“(785).„Lettre du Gomte de Mirabeau à Mr. le Couteulx dé la Noraye, sur la Banque d'Espagne et sur la Caisse d'Escompte“(1785). werth hält, in das Publikum zu bringen, und Du haſt ſeine Aeußerungen, welche er Dir durch mich zu⸗ gehen ließ, auf eine wahrlich meiſterhafte Weiſe ver⸗ arbeitet. Du kannſt Dich verſichert halten, daß er Dir dafür auf eine durchgreifende Weiſe dankbar ſein wird, vorausgeſetzt, daß von Deiner Seite keine dum⸗ men Streiche à la Mirabeau dazwiſchen kommen. Mirabeau, ich ſelbſt habe Deine Ausführungen im höchſten Grade bewundert. Dein Kampf gegen die Diskonto⸗Kaſſe iſt ein Prachtſtück finanzieller Dialektik, welche ſich zugleich in die Toga einer hohen geſell⸗ ſchaftlichen Moral zu kleiden verſtanden. Dieſe einſt von Turgot gegründete Kaſſe hatte ſich früher aller⸗ dings die großartigſten Verdienſte um den Handel und den Geldmarkt Frankreichs erworben. Ihre Bank⸗ billets hatten die großen und kleinen Kapitalien aus allen Winkeln des Landes herbeigelockt, es mehrten ſich die Dividenden für dieſe Aktien auf eine unge⸗ heuerliche Weiſe, und die Hauſſe und Baiſſe arbeitete mit dieſen Effekten ſo wild und toll darauf los, daß bald die größten Gefahren für die Bank ſelbſt ent⸗ ſtehen mußten. Die entfeſſelte Wuth der Agiotage be⸗ gann namentlich die kleinen Kapitaliſten zu ruiniren, und Calonne, der ſich lange bemüht hatte, den Kredit der Diskonto⸗Kaſſe durch einige zu ihren Gunſten ge⸗ troffene Regierungsmaßregeln zu erhalten, hielt es jetzt für das Beſte, ihren Kredit vernichtet zu ſehen. In ſeinem Sinne, Freund, ſchriebſt Du Deine herrliche Schrift, durch welche Du die Aktien der Diskonto⸗ Kaſſe finanziell und moraliſch zu entwerthen ſuchteſt. Noch ſtärker trateſt Du in Deinem gleich darauf fol⸗ genden Manifeſt gegen die Saint⸗Charles⸗Bank auf, welche der famöſe Cabarrus vor drei Jahren in Ma⸗ drid begründete. Dieſe fabelhafte Bank, welche ſich auf Handelsnnternehmungen von Caracas und den — — —,— Philippinen ſtützen will, wie einſt Law die Miſſiſippi⸗ Spekulation und den Handelsverkehr von Louiſiana zu Geld zu machen ſuchte, hatte uns mit einer Sündfluth von Bank⸗Billets überſchüttet, in der unſere wirklichen Geldkräfte ſchon faſt weggeſchwemmt zu werden droh⸗ ten. Aus einem Lande wie Spanien, wo die Metalle der neuen Welt im goldigen Ueberfluſſe zuſammenge⸗ ſtrömt ſind, ſchickt man uns dieſes elende, aus Wind und Phantaſie zuſammengeblaſene Papier, das in Paris ſchon geſuchter iſt als in Madrid, und deſſen Courſe in Spanien nach denen von Paris feſtgeſtellt werden. Deine Simſon⸗Keule, Mirabeau, hat auch gegen dieſe Aktien der ſpaniſchen Bank vortrefflich dreingeſchlagen, und dabei haſt Du eine Zeichnung des Börſenſpiels überhaupt geliefert, die ein wunderbar zu nennendes Sittenbild der heutigen Epoche aufſtellt, und ganz im Sinne Calonne's iſt. Du haſt die gränzenloſe Charlatanerie und Thorheit geſchildert, mit der die Börſenſpieler ihr Geld und Gut für Billets umtauſchen, deren Werth und Entſtehung ihnen unklar iſt, und die für den Inhaber nur als Einlaßkarten zu Schuldgefängniß und Narrenthurm angeſehen wer⸗ den können. Die Regierung mußte ſich hier ins Mit⸗ tel legen, denn wenn ſich Alles, was große und kleine Kapitaliſten noch haben, in dieſen Bankzetteln ver⸗ flüchtigt, wo ſollen da endlich noch Gelder für die Staatsanleihen herkommen, deren Frankreich bei ſeiner Hoſwirthſchaft faſt täglich neue bedarf? Und die Aktien der ſpaniſchen Bank, deren Nominalwerth nur auf 500 Livres ſich beläuft, werden noch immer faſt um das Doppelte an der Börſe notirt. Mein thenerſter Clavière, entgegnete Mirabeau lachend, ich durchſchaue Deine edlen Abſichten wohl. Du willſt mich jetzt in ein finanzielles Geſpräch ver⸗ ſtricken, um mich auf andere Gedanken zu bringen. — 154— Ich kann Dir aber nicht helfen, ich habe heut nur noch Sinn für die Frau des Finanzminiſters, und die Baiſſe geht mich heut gar nichts mehr an. Ich habe Euch nun genng für die Baiffe gearbeitet, heut gebt mir Ferien und laßt mich auch einmal meiner eigenen Aventüre und der Hauſſe nachgehn. Ich ſoll Euch mit meinen finan⸗ ziellen Brochüren die Kaſtanien aus dem Feuer holen, denn Ihr mögt mir ſagen, was Ihr wollt, Clavière, Ihr zieht auch als Börſenſpeeulanten Eure erklecklichen Vortheile davon, daß Ihr mich auf die Baiſſe dieſer Papiere hinarbeiten laſſet. Ja, Du und Panchaud, und Ihr andern Genfer Finanzleute, die Ihr jetzt hier den revolutionnären Acker von Paris beſtellt, Ihr füttert Euere Hühner jetzt mit der Baiſſe auf, zu deren Kampfhahn Ihr mich gemacht habt. Ich bin überzeugt, daß auch Herr Calonne ſehr ſtark desgleichen thut, obwohl er mich in meinen Operationen zur Herabwürdigung der Disconto⸗Scheine durch ſeine eigenen Manveuvres weit übertrifft. Denn neulich hörte ich von einigen ſehr gefälligen Damen, die in den Arcaden des Palais Royal zu luſtwandeln pflegen, daß Herr von Calonne ihnen Piſtazien geſchenkt hat, welche in lauter Billets der Disconto⸗Kaſſe eingewickelt waren.*) In dieſem Augenblick fuhr auf der Straße eine Equipage vorüber, in welcher ein Herr ſaß, der von Clavière mit beſonderer Angelegentlichkeit gegrüßt wurde und gegen den auch Mirabeau ſeinen Hut lüftete. Der Herr Finanzminiſter! ſagte Clavière lachend. Er hört ungemein fein, und da er ſo nahe an uns vorüber fuhr, wäre es nicht unmöglich geweſen, daß er von Piſtazien und Disconto⸗Scheinen etwas ver⸗ nommen hätte. *) M. de Calonne tout entier, par M. C...(Carra) Bruxelles 1788. — — Ich werde ſeiner Frau dieſe Geſchichte erzählen, verſetzte Mirabeau. Und jetzt eile, mein Freund, daß Du in den Feſtſaal kommſt, denn Du ſiehſt, Dein Miniſter kommt ſchon ſehr pünktlich angefahren, und Du darfſt ihn auf den Beginn Deiner menſchheitbeglücken⸗ den Rede nicht warten laſſen. Ich treffe auch noch zeitig genug bei Euch ein, um das Wort nehmen zu können. Die Freunde trennten ſich jetzt nach verſchiedenen Seiten hin. W Das Banket im amerikaniſchen Club. Das Feſt, welches die Geſellſchaft der Freunde der Schwarzen im Verein mit dem amerikaniſchen Club veranſtaltét hatte, war ungemein zahlreich beſucht, und gewann durch die Theilnahme vieler ausgezeichneter Gäſte, auch aus den höheren Klaſſen der Geſellſchaft, einen ſehr eigenthümlichen und glänzenden Charakter. Beſonders hatte das Eintreten des Finanzminiſters in die Geſellſchaft eine große Bewegung bei allen An⸗ weſenden hervorgebracht. Viele drängten ſich mit Grüßen und Glückwünſchen um ihn, und ſuchten ihm unter ſchmeichelnder Hindeutung auf ſeine Erfolge, die man ſeinen letzten Finanzoperationen nachrühmen zu müſſen glaubte, zu huldigen. Andere hielten ſich mit bemerkbarer Scheu von ihm zurück, und vermieden es ſichtlich, in ſeine Nähe zu kommen, um ihm nicht vor⸗ geſtellt zu werden. Calonne bemühte ſich aber mit dem feinen und ſichern Takt, der ihm in ſeiner Perſönlichkeit eigen war, gerade denjenigen näher zu treten, die ſich, wie es ſchien, nicht ohne einige Abſicht von ihm fern zu halten ſuchten. Unter dieſer Gruppe, die im Hinter⸗ grunde des Saals zuſammen ſtand, befanden ſich auch Cabanis und Condorcet, auf welchen Letzteren der Mi⸗ niſter, nachdem er die übrigen Begrüßungen raſch er⸗ ledigt, mit beeiferter Lebhaftigkeit zuſchritt. Der Marquis von Condorcet empfing den Mi⸗ niſter in einer ziemlich kühlen und aufrecht bleibenden Haltung, indem er die Hand, welche ihm derſelbe zu⸗ vorkommend entgegenſtreckte, nur mit dem Ausdruck der nothwendigſten Höflichkeit berührte, was jedoch Herrn von Calonne in der freundlichen Unterhaltung, die er gerade nach dieſer Seite hin zu beabſichtigen ſchien, keinen Augenblick irre machte. Vielmehr begann er ſogleich mit ſeiner großen, Geiſt und Witz ſprühen⸗ den Gewandtheit ein Geſpräch, vor dem auch der heut mehr als je zurückhaltende und einſylbige Con⸗ dorcet ſein eiſiges Weſen mehr und mehr ſchmelzen laſſen mußte. Gerade darauf kam es mir an, ſolchen Freunden hier zu begegnen, wie der Marquis von Condorcet iſt! ſagte der Finanzminiſter in ſeiner tänzelnden Hof⸗ manns⸗Manier, die zugleich nicht ohne eine geniale Beimiſchung war. Sagen Sie mir, Herr Marquis, kann ein armer Finanzminiſter, der um ſo ärmer wird, je mehr er Geld machen muß, noch auf den Beifall ſo hoher Geiſter rechnen? Ihr Glücklichen, in Eurem Geiſterreich, wo nur die Gedanken Cours haben und alle Bedürfniſſe gegen Baar durch ſofortigen Umſatz der Idee befriedigt werden, da giebt es keine Deficits! Vielmehr ſeid Ihr Philoſophen die Rechnenmeiſter der Vorſehung, die jedes Deficit im Weltengange wegrech⸗ nen und zur Thür hinausdenken, und in ihren Syſte⸗ men dafür ſorgen, daß Alles genau auskommt und — 157— die Vernunft nicht etwa, wie ein Finanzminiſter von Frankreich, Schulden auf Schulden, Anleihen auf An⸗ leihen bei dem guten Glauben machen muß. Es war ſelbſt für den gemeſſenen und ſchroffen Condorcet ſchwer, einem ſo liebenswürdigen Andringen, das ſich mit Leichtigkeit ſelbſt preiszugeben ſchien, gänz⸗ lich zu widerſtehn. Auf ſeiner breitgewölbten, gedan⸗ kenvollen Stirn begannen ſich daher einige freund⸗ lichere Lichtſtrahlen zu ſammeln, und die ſcharf mar⸗ kirte Adlernaſe des Philoſophen hob ſich mit einer milderen Nüance als ſonſt empor. Wir Mathematiker und Philoſophen, entgegnete Condorcet mit einem leiſen, faſt gutmüthigen Lächeln, nehmen uns die Deficits auch nicht ſo zu Herzen, und das Volk verhungert nicht gleich, wenn wir uns in unſern Calcüls irren. Darin haben die Herren Finanzminiſter freilich ein ſchwereres Stück Arbeit als wir. Aber ein herrliches Sprüchwort ſagt, daß der Krug ſo lange zu Waſſer geht, bis er bricht. Es wird ſich⸗ dann zeigen, ob der Krug der ungeheure Goldtopf war, für den man ihn ausgeſchrieen, und aus dem man jetzt jedem Hofbedienten, der nur etwas nehmen will, die wunderbarſten Schätze an den Kopf wirft. Vielleicht ſieht man dann an den zerbrochenen Scherben das Pech und den Schwefel kleben, woraus das künſtliche Gold gemacht war, und aus der Höllen⸗ Manufactur dieſes Anleihe⸗Geldes ſteigt nun der leib⸗ haftige Teufel in die Geſellſchaft empor! Bravo! Bravo! rief Calonne, in die Hände klat⸗ ſchend. Werden wir es uns beſſer wünſchen können, mein Theuerſter? Sein feines, anmuthig charakteriſirtes Geſicht ſtrahlte bei dieſen Worten in einem Ausdruck der übermüthigſten Laune, die zugleich einen leiſen Stachel des Spottes in ſich trng. Dieſer Spott ſchien jedoch ſo zweideutig, — daß man nicht wußte, nach welcher Seite hin er galt. Es lag aber ein gewiſſer einnehmender Zauber über ſeiner ganzen Perſönlichkeit, von dem ſich Jeder leicht angeſprochen fühlte. Calonne ſtand in dieſer Zeit in ſeinem einund⸗ funfzigſten Jahre, aber ſein hoher ſchlanker Wuchs, ſeine bis zur größten Virtuoſität vollendeten feinen Manieren, und die graciöſe Beweglichkeit ſeiner Ge⸗ ſtalt ließen den Eindruck eines noch um Vieles jün⸗ geren Mannes entſtehen. Zugleich trat im Geſpräch häufig eine gewiſſe Gutmüthigkeit des Roué bei ihm hervor, die jedoch eben ſo ſehr aus vornehmer Gleich⸗ gültigkeit und Bequemlichkeit Anderen Alles zugeſtand, was ſich nur irgend zugeſtehen ließ. Der Miniſter ging jetzt raſch zu einer anderen Gruppe der Geſellſchaft über, nachdem er noch einige verbindliche Worte mit Cabanis gewechſelt und den⸗ ſelben mit einer ſchmeichelhaften Wendung nach dem Fortgang ſeiner ärztlichen Praxis, die derſelbe ſeit einiger Zeit von Auteuil nach der franzöſiſchen Hauptſtadt verlegt, gefragt hatte. In dem feſtlich erleuchteten und geſchmückten Saal begann es immer lebendiger zu werden. Cabanis betrachtete mit ſeinen ſinnenden, ſchwermüthigen Angen die Embleme und Fahnen, welche von der Decke des Saals und an den Wänden herunterhingen, und unter denen ſich Sinnbilder aller Art befanden, die den bei⸗ den an dem heutigen Abend vereinigten Geſellſchaften angehörten. Ein ſchönes großes Portrait Waſhingtons, das Lafayette geſchenkt hatte, bildete gewiſſermaßen den MWittelpunkt dieſer Verzierungen. Ueber demſelben breitete ſich in flatternder Schwingung die amerikaniſche Fahne aus, die in Noth und Weiß bedentungsvoll ſtrahlte und dreizehn Sterne zeigte, welche die zu dem — 159— Freiheitsbunde von Nordamerika vereinigten Staaten verſinnbildlichten. Zu beiden Seiten des Portraits von Waſhington ſah man eine Reihe von Bildern, auf denen Geſtalten ſchwarzer Menſchen vorſtellig gemacht waren, die in rührenden und qualvoll bittenden Stellungen ſich zeig⸗ ten, oder unter der Zuchtruthe ihrer wilden Peiniger dahin geſunken ſchienen. Jedes dieſer Bilder war von einer amerikaniſchen und franzöſiſchen Fahne umgeben, die in bedeutungsreichem Enſemble über demſelben zuſammenflatterten. Dieſe Wände erzählen ungeheure Geſchichten! ſagte Cabanis zu Condorcet, indem beide Freunde jetzt Arm in Arm durch den Saal zu ſpazieren anfingen. Dieſe Schwarzen dort ſehen mich wahrlich mit einer klagenden Allgewalt an, und fordern jeden Menſchen zur blutigſten Anſtrengung auf, den Geſellſchaftszuſtand überhanpt zu ändern, damit ſo ſchwarze Anklagen gegen die Menſchheit nicht mehr vorkommen können! Wenn wir aber Alles, was an der heutigen Geſellſchaft noch ſchwarz iſt, in ein reines und glückliches Weiß ver⸗ wandeln wollen, ſo werden wir nicht blos mit dieſen puristes libéraux, wie ſich dieſe Herren von dem ameri⸗ kaniſchen Club nennen,*) uns einlaſſen dürfen. Das liberale Purificiren heißt doch immer nur den Mohren weiß waſchen wollen, was bekanntlich das ſchlechteſte Geſchäft von der Welt iſt. Es iſt dies nicht viel beſſer, als den Leuten etwas weiß machen wollen, und dafür halte ich auch die ganze Finanzverwaltung dieſes liebenswürdigen Herrn von Calonne, der uns ſoeben mit ſeiner ungemein gnädigen Anſprache beehrte. Dieſe Weißmacher ſind die ſchlimmſten Schwarzmacher. Wir *) Challamel Histoire-Musée de la République franguise. (Paris 1842) 1. 28. aber, mein Freund Condorcet, nach welcher Farbe trachten wir denn eigentlich? Oh, entgegnete der Marquis mit ſeinem etwas ſteifen Ernſt, hinter dem aber immer das bewegliche Feuer der Gedanken blitzte, wir werden danach ſtreben, von keiner einzigen Farbe mehr tyranniſirt zu werden. Denn jede Farbe iſt doch eine Illuſion, und ſo lange die IFlluſionen uns beherrſchen, iſt Zwang, Unwahrheit und Unrecht dabei. Kehren wir zur Natur zurück, wie unſer Jean Jacques uns gerathen. Alle Fortent⸗ wickelung in der heutigen Zeit kann nur eine Rückkehr ſein, aber zur Natur. Bei ihr werden wir ausruhen von allen Täuſchungen der Farben und Formen, der Könige und der Götter. Die Natur iſt nie etwas Anderes als was ſie wirklich iſt, und was ſie uns giebt, können wir auch greifen und mit vollen Zügen genießen. Das unbegreifliche und ungreifbare Glück, womit die Gewalthaber und die Prieſter uns ſo lange hingehalten haben, iſt es denn je etwas Anderes ge⸗ weſen als eine Gaukelei? In der Welt iſt nichts wahr als das Eine, daß ſie ſich entwickelt, und dies kann nur in und mit der Natur geſchehen. Ich habe mich darum gefrent, Cabaniv, daß Du uns den Homer zu überſetzen angefangen. Du wirſt dadurch den Fran⸗ zoſen das Verſtändniß eines alten Dichters beleben, welcher jenes einige Naturdaſein gewoben und ver⸗ herrlicht hat, in dem König und Völker, Religion und Staat, Freiheit und Sitte urſprünglich nebeneinander ſtehn und aus einer Wurzel nebeneinander aufgewachſen ſind. Den Homer können wir jetzt brauchen, und neben ihm ſoll die Wiſſenſchaft, ſoll unſere Forſchung ihre Schuldigkeit thun. Und da iſt es mir die größte Genugthuung meines Lebens, daß wir jetzt Beide daſſelbe Thema zu bearbeiten angefangen haben, indem wir über den untrennbaren Zuſammenhang der phy⸗ — 161— ſiſchen und moraliſchen Natur des Menſchen ſchreiben wollen! Cabanis drückte ihm mit ſeinem melancholiſchen Lächeln die Hand und ſagte leiſe: Man kann ja einſt⸗ weilen nichts Beſſeres thun, als daß man das neue Evangelium, um das es ſich handelt, zu Papiere zu bringen beginnt. Es iſt eigentlich der verkehrte Weg, denn man ſollte es den Menſchen von den Dächern herab predigen, daß ſie die Natur und die Materie heilig halten und bewahren müſſen, wenn ſie den Zweck ihres Daſeins erreichen und ihres Lebens froh und ſatt werden wollen. Die Pietät für Das, was die Men⸗ ſchen bisher Gott und Geiſt genannt haben und das nirgend ſelbſtſtändig exiſtirt, hat ſie am meiſten um alles Glück betrogen. Spannen wir die Menſchheit erſt von dieſer ſchauerlich thörichten Kette los, und wir haben ſie in den Genuß aller Freiheit geſetzt, die es auf Erden und im Himmel giebt. Und da iſt es denn allerdings eine Demüthigung für uns, daß Leute, wie wir, einſtweilen nur ihre ätzende Tinte auf dieſe Kette ſchmieren können, um ſie durchzufeilen. Oft halte ich auch mitten in der Arbeit überdrüſſig inne, und beſuche lieber meine armen Kranken, denkend, daß doch mehr Reelles dabei herauskommt, eine Schuſter⸗ fran von ihrem Fieber zu befreien oder eines geſunden Knäbleins geneſen zu laſſen, als der an Gott kran⸗ kenden Geſellſchaft mit einer Schreibfeder Klyſtier zu geben!— Vortrefflich, Herr Doctor, vortrefflich! rief jetzt eine joviale Stimme hinter ihm, und Cabanis fühlte ſich zugleich durch einen freundſchaftlichen Schlag auf die Schulter an die Ankunft eines neuen Freundes gemahnt. Er blickte ſich um, und ſah den Baron von Holbach vor ſich ſtehen, der mit herzlichem Handſchlag ſeine Freunde und Genoſſen bewillkommte. Mirabeau. II. 11 — Ah, ſagte Cabanis lächelnd, auch der Baron von Holbach verſchmäht dies Feſt nicht? Dann gewinnt es ſchon eine Bedeutung, daß wir hier zuſammen ſind, und der Polizeilientenant wird eine gefährliche Tendenz darin wittern. Ihr guten Freunde, nahm Baron von Holbach in ſeinem heiteren Behagen das Wort, ich bin blos ge⸗ kommen, um auch mein Scherflein für die Schwarzen beizutragen, und nebenher vielleicht auch etwas Neues zu hören. Ihr wißt ja, daß ich mein Lebelang an Neuigkeiten Mangel leide. Die Welt wird immer langweiliger. Wißt Ihr nichts Neues, Kameraden? Die üſtig blitzenden Angen des alten Philoſophen funkelten dabei in einem ſeltſamen Ausdruck, der etwas Unheimliches hätte haben können, wenn nicht zugleich ſo viel ſeelenvolle Gutmüthigkeit darin gelegen hätte. Der Baron von Holbach hatte in ſeinem Aeußern etwas ungemein Einfaches und Schlichtes, das faſt an einen patriarchaliſchen Charakter hinanſtreifte. Nicht minder aber war, ohne daß ein Widerſpruch ſich darin bemerklich gemacht hätte, das Weſen des heitern und genußſüchtigen Lebemanns in ihm ausgedrückt, von dem auch ſein bedeutender, jedoch noch mit einer ge⸗ wiſſen Grazie getragener Embonpoint ein heiteres Symbol zu ſein ſchien. Den berühmten und gefürch⸗ teten Denker bezeichnete jedoch die hohe kryſtallklare Stirn, auf der ebenſo viel kühner Trotz wie eine ruhige und kalte Unerbittlichkeit lagerten. Etwas Neues findet man nur, wenn man denkt oder rechnet, antwortete der Marquis von Condorcet auf die Frage Holbach's. Denn das Neue, das ſich unter unſern Händen ereignet, iſt in der Regel doch nur alter Plunder. Eine größere Verſammlung denkt aber nie, und wird, je länger ſie beiſammen iſt, um ſo gedankenloſer und unbeſinnlicher. — 63 Etwas Neues erfährt man aber auch, wenn man ißt, erwiederte Holbach, indem er mit komiſchem Aus⸗ druck ſeine fleiſchigen Finger demonſtrirend an die Naſe legte. Und darum ſehe ich mit einigem Troſt für meinen Geiſt, daß man hier bereits Anſtalt macht, zu Tiſche zu gehn. Eſſen und Denken ſind geradezu dieſelben Verrichtungen der menſchlichen Natur, nur daß ſie auf den verſchiedenen Polen des Organismus vor ſich gehn, und den Lebensproceß der Maſchine nach zwei entgegengeſetzten Richtungen hin darſtellen. Wer ißt, erfährt etwas Neues, denn er bringt dadurch ſich ſekbſt immer wieder von Neuem hervor, und je beſſer er ſpeiſt, deſto angenehmer überraſcht er ſich und ſeine Lieben mit einer neuen Figuration ſeines holden Daſeins. Ja, man ißt ſich alle geiſtigen Be⸗ griffe, die man hat, allmählig an den Leib, und mein Embonpoint iſt das eigentliche Pantheon aller Ideen. Dieſe Nutzanwendung, welche Ihr von Eurem be⸗ rühmten Syſtem der Natur macht, hat mir ſchon wegen ihrer perſönlichen Liebenswürdigkeit immer ſehr gefallen, entgegnete Cabanis. Dies Euer Buch iſt doch dasjenige, welches am meiſten Epoche in der Zeit gemacht hat, und wir haben aus ihm unſere größten Anregungen, und hoffentlich bald auch unſere größten Thaten ge⸗ ſchöpft. In der That, Baron Holbach, wenn der geniale Abbs Galiani Euch den erſten maitre d'hötel der Philoſophie genannt hat, ſo iſt dies nicht blos wegen Euerer herrlichen Sonntags⸗Diners wahr, mit denen Ihr nun ſchon ſeit Jahren regelmäßig alle Euere denkenden und eſſenden Freunde bewirthet. Es iſt beſonders wegen Eueres Système de la nature und Eurer andern, gegen Gott und Chriſtus gerichteten Schriften wahr, denn durch Euer Syſtem iſt die ganze Welt ein angenehmer und höchſt gemüthlicher Gaſthof geworden, in welchem die Materie(und Alles iſt Ma⸗ 1* terie!) ſich ſelbſt ſpeiſt und tränkt, und ſich auch aus ihren eigenen Mitteln geiſtig füttert, wie und wo es ihr paßt. Denn die geiſtigen Begriffe ſind auch nur eine Verdauungsform der Materie, die ihre Säfte zu⸗ weilen in ſogenannten Ideen ausſchwitzt. Mit Alsnahme des Begriffes von Gott, mein thenerer Freund, erwiederte der Baron von Holbach mit einem ernſthaften und tiefſinnigen Anflug. Denn die ſich ſelbſt denkende Materie, und das iſt der Menſch, kaun nur durch einen Verdauungsfehler auf den Be⸗ griff Gottes kommen. In ihrem geſunden und natür⸗ lichen Zuſtande zieht die Materie niemals den Begriff Gottes aus ſich hervor. Der Begriff Gottes, den die argliſtigen Theologen erfunden haben, iſt eine krank⸗ hafte Richtung, die nur mit Gewalt in den Welt⸗ organismus hineingetrieben werden kann. Eſſen wir daher ſtets mit Vorſicht, meine Freunde, und ſo gut als möglich, um nur heitere und vernünftige Ideen davonzutragen. Hüten wir uns aber vor dem erſten Verdauungsfehler, denn er könnte uns leicht dazu bringen, die unglückliche Bekanntſchaft Gottes machen zu müſſen.*) Wir werden uns heute gewiß den Magen nicht verderben, bemerkte Cabanis trocken, indem er auf die Tafel hindeutete, die man ſo eben mit den Speiſen zu beſetzen anfing. Ich ſehe da ganz gewöhnliche Ge⸗ richte herantragen, und für einen höheren Geiſt, der an die leckeren Diners im Hötel Holbach gewöhnt iſt, ſcheint ſich darum wenig Ausſicht auch zu einem ideellen Aufſchwung darzubieten. Welcher Magen kann aus Sauerkohl und Cotelettes großartige Ideen erzeugen? Und ich wittere wahrhaftig dergleichen. Denn dieſe Feſteſſen auf Subſcription ſind hier in Paris immer eine ächte Stallfütterung. Das heißt aber, die Män⸗ *) Aus Holbach's Schriften. — 165— ner aus Holbachs Schule, deren ich hier viele im Saal verſammelt ſehe, zugleich ideell lähmen und in ihrem ganzen Gedankenprozeß verkürzen. Wenn für dieſe geiſtige Aushungerung, die uns bevorſteht, nur wenigſtens ein raſcher Anfang und ein raſches Ende gefunden würde. Ich habe gehört, daß man noch auf Etienne Cla⸗ viere wartet, erwiederte Condorcet. Dies iſt auch ein Philoſoph, und er ſoll die Eröffnungsrede des heutigen Feſtes halten. Er hat ſich gewiß noch an der Börſe verſpätet, denn er iſt der geheime Agent Calonne's, und beſorgt ihm ſeinen finanziellen wie manchen an⸗ dern Schwindel. Dem wunderlichen Manne ſind be⸗ deutende Geſichtspunkte nicht abzuſprechen, aber ſeine rauhe und trotzige Manier hat etwas Blutrünſtiges, und macht ſtets einen räthſelhaften Eindruck. Man ſagt, daß er für die Rolle, die er hier in Paris ſpielt, auch noch von dem engliſchen Miniſterium bezahlt wird. Dieſer Mann iſt eine Haupttriebfeder der Agiotage, die jetzt in Paris ihren Sitz aufgeſchlagen hat. Und er verbindet damit tiefer liegende Pläne, er will die Anarchie der ganzen Geſellſchaft heraufrufen. Aber ich traue ihm nicht, denn er iſt kein Franzoſe, und nur franzöſiſche Hände möchte ich bei der Miſchung unſerer Angelegenheiten im Spiele ſehn. Wenn er die Anarchie will, ſo ſoll er uns doch als Einer der Unſern willkommen ſein! ſagte der Ba⸗ ron von Holbach mit wohlgefälligem Lächeln. Ihr werdet Euch erinnern, daß die Anarchie das eigentliche Lebensprincip iſt, welches ich in meinem Syſtem der Natur aufgeſtellt und gepredigt habe. Denn die Anar⸗ chie iſt es allein, durch welche die phyſiſche und mo⸗ raliſche Welt lebendig und in ihrem Gleichgewicht er⸗ halten wird, da alle Geſetze ja nur dadurch beſtehen und gelten, daß gegen ſie angekämpft und an ihnen gerüttelt wird. Sollte dieſer Etienne Clavidre viel⸗ leicht auch ein Schüler Eueres alten Holbach ſein? Ich habe Euch ſchon öfter gebeten, Cabanis, ihn ein⸗ mal Sonntags mit zum Diner bei mir hinaus zu bringen. Er gehört zu den Leuten, deren man nie beſtimmt habhaft werden kann, antwortete Cabanis. Sonſt würden ihn Eure gaſtfreien Diners, die ſchon ſeit faſt dreißig Jahren regelmäßig jeden Sonntag zu einem Feſttag des Geiſtes in Paris machen, gewiß gereizt haben. Denn wenn er auch ein unheimlicher Patron ſein mag, ſo kennt er doch alle Ideen, die in der Zeit auf dem Stapel liegen, eben ſo genau, wie den Werth der Bankbillets, in die er ſich als treiben⸗ der Teufel hinein geſetzt hat. Solche dämoniſchen Menſchen ſind Niemandes Schüler, aber ſie brauchen Alles, wie man ſie auch zur rechten Zeit zu Allem brauchen kann, Auch den Grafen von Mirabeau ſehe ich noch nicht, bemerkte Holbach, indem er ſein Augenglas anſetzte und die übrige Geſellſchaft muſterte. Und doch hat er mich neulich beſtimmit verſichert, daß wir uns hier zuſammentreffen würden. Ich weiß, dieſer Freund iſt zugleich Euer Held, Cabanis, und Ihr liebt ihn nicht nur, ſondern Ihr ſtudirt ihn auch, und Eure neuen philoſophiſchen Unterſuchungen, von denen ich in der That einen großen Fortſchritt auch über mich hinaus erwarte, lehnen ſich vorzugsweiſe an einen ſolchen Heros der menſchlichen Natur an, wie man ihn in Mirabeau körperlich und geiſtig geſtaltet ſieht. Dieſer Mirabean iſt der Heros des Nervengeiſtes, und ich höre, daß Ihr den Satz aufgeſtellt habt, es ſei Alles nur Nerven und Sinne, alle Ideen kämen nur aus den Sinnen und ſeien ein Produkt derſelben, und der Gedanke bilde ſich nur deshalb im Gehirn, weil das Gehirn die Centralſtätte ſei, in der alle Nerven ihren Ausgangspunkt und ihren Vereinigungsknoten finden.*) Und ich begreife es, daß Euch ein Mirabeau zu dieſem Gemälde der menſchlichen Natur Modell ſtehen konnte. Ich ſelbſt habe einen ſo hochbegabten und wunderbar organiſirten Menſchen noch nie geſehen, und wenn dies höfiſch verſchlammte Frankreich einmal Thaten der Männer ſehen will, wird dieſer Mirabeau gewiß das Anßerordentlichſte leiſten. Ihr überſchätzt Mirabeau gewiß nicht, aber dafür meine eigenen beſcheidenen Beſtrebungen, entgegnete Cabanis mit einem feinen Erröthen, das ſeine ſonſt mit einer durchſichtigen Bläſſe bedeckten Wangen färbte. An eine ſo vollkommene Natur, wie Mirabeau, muß man freilich denken, wenn man ſich damit abgiebt, den Organismus des Menſchen erklären zu wollen. An dieſem Mann iſt Alles Nerv, und ich habe ihn beob⸗ achtet, wie er aus ſeinen Nerven in einer gewaltigen Wechſelwirkung mit ſeinen Ideen alle Beſtimmungen ſeines Lebens ſchöpft. Und inſofern muß ich aller⸗ dings zugeben, daß ich in meinen Arbeiten über den phyſiſchen und moraliſchen Zuſammenhang des Men⸗ ſchen oft an Mirabeau gedacht habe, obwohl ich mit dieſem Freund in der letzten Zeit nur wenig zuſammen⸗ getroffen bin. Es wird aber Alles darauf ankommen, lieben Freunde, was man Nerven und Gehirn nennt, nahm Baron von Holbach wieder das Wort. Ich komme wieder auf den Magen zurück, in dem man die eigent⸗ liche Wurzel meines Syſtems der Natur erkannt hat. Wenn Ihr Euch den Magen außer Funktion denkt, ſo würde er Euch auch die Nerden und das Gehirn *) Aus Cabanis Rapports du physidue et du moral de l'homme. nicht mehr ernähren können, und beide würden Euch dann auch keine Ideen mehr erzeugen. Der Magen wird daher immer die Univerſalſtätte des menſchlichen Geiſtes bleiben müſſen, und Eure Philoſophie, Caba⸗ nis, macht eigentlich nur eine höflichere Schwenkung, indem ſie alle Ideen aus den Nerven entſtehen laſſen will, ſtatt des gar zu materiell in's Gzwicht fallenden Magens. Aber der Materialismus iſt doch einmal die eigentliche Weisheit der Zeit, es iſt die Weisheit von Stoff und Kraft, die wir aus ihm ſchöpfen, und deren wir ſo hoffnungsfreudig Herr geworden ſind, nachdem wir gewagt haben, die Natur an die Stelle Gottes zu ſetzen. Was ſagt der Meiſter vom hohen Stuhl der Gedanken, der ernſt ſinnende Marquis von Condorcet, dazu? Ihr wißt, wie ich mit Euch in allen weſentlichen Stücken ſympathiſire, entgegnete Condorcet, aus der Hoheit ſeines ſinnenden Schweigens, in der er ſich zuweilen gern thronen ließ, erwachend. Magen, Ner⸗ ven und Gehirn laſſe ich als die vorzugsweiſen Fac⸗ toren des Daſeins gelten, und was man Geiſt und Gott nennt, beſteht nur im Magen, in den Nerven und im Gehirn, darüber kann man vernünftiger Weiſe gar nicht mehr ſtreiten. Aber Ihr vergeßt dabei ein Geſetz, das ich einmal beſonders einſchärfen möchte, und ohne das die Menſchheit mit Magen, Nerven und Gehirn doch keinen Schritt weit vorwärts kommen würde. Dies iſt das Geſetz der Eutwickelung. Ah, lachte Holbach mit behaglichſtem Schütteln ſeines Embonpoints, damit werdet Ihr uns nicht aus⸗ ſtechen, Marquis! Was Ihr Entwickelung nennen wollt, nenne ich ja eben Verdauung. Kann es etwas Klare⸗ res unter der Sonne geben? Ein jedes Ding ent⸗ wickelt ſich, indem es ſich verdaut. Wer nichts zu — 169— verdanen hat, kann ſich auch nicht entwickeln. Oder wollt Ihr der Maſchine von außen Flügel ankleben, und ſie vermittelſt derſelben in die Wolken kutſchiren laſſen? Und dieſer wächſerne Flügel, iſt das Condorcet's Geſetz der Entwickelung? Nein, entgegnete Condorcet mit etwas ſchroffem Accent, mein Geſetz der Eutwickelung, deſſen Theorie ich bald veröffentlichen werde, führt ganz wo anders hin, als in die Wolken. Es leitet die Menſchen von Goit zur Geſchichte zurück, nachdem Ihr ſie von Gott zur Natur zurückgeführt habt. Der Menſch kann am meiſten durch die Entwickelungskraft, die in ihm orga⸗ niſch gegeben liegt, Gott erſetzen. Die Entwickelung liegt im Willen, ohne den Eure Maſchine von Haut, Knochen, Magen, Nerven und Gehirn nur ein Popanz bleibt, der ſich nicht zu bewegen und weder Ja noch Nein zu ſagen vermag. Vekommt die Maſchine Willen, ſo hat ſie ihren Gott gefunden, und er ſchwingt ſich mit ihr auf die Sonnenroſſe Apollo's, die alle Bah⸗ nen der Welt durchfliegen, und die höchſten Ziele, die denkbar ſind dem Geſchlecht, gewinnen. Das Ent⸗ wickelungsgeſetz in den Gliedern der Menſchheit iſt ſo ſtark, daß, wenn die Menſchen nur erſt dieſe Kraft richtig erkannt haben, ſie damit Wunder verrichten und dann allerdings, aber ohne der wächſernen Flügel des Phaeton zu bedürfen, über Länder und Meere hinweg⸗ fliegen werden. Der Materialismus iſt ein großes Ding, wenn man ihn recht verſteht. Er wird die Menſchen einſt noch fliegen lehren, davon bin ich feſt überzeugt, und auf Tauſende von Meilen werden ſie ſich Briefe durch die Luft ſchreiben, und mit der Ge⸗ ſchwindigkeit des Vogelfluges, werden ſie ſich beſuchen, wie getrennt ſie auch von einander wohnen mögen. Ja, jeder Einzelne wird, ſobald er nur ſeine Entwicke⸗ lung richtig anfaßt, ſein Leben um mehrere hundert Jahre verlängern können, deſſen bin ich ganz gewiß.*) Die hohe Geſtalt des ernſten Mannes war bei dieſen Worten in eine ſo tiefinnerliche Bewegung ge⸗ rathen, daß ſie einen Augenblick zu ſchwanken ſchien. Eine flammende Röthe bebeckte das würdige, von Ge⸗ dankenblitzen durchzuckte Geſicht. Nun ſeht Ihr auch dort Herrn Etienne Clavière erſcheinen, bemerkte Cabanis, indem er auf den klei⸗ nen, corpulenten, aber ungemein beweglichen Mann aufmerkſam machte, der eben zur Hauptthür des Saals eingetreten war, und ſich unn raſch und mit ziemlicher Rückſichtsloſigkeit durch die dichtgedrängten Gruppen der Verſammlung durcharbeitete. Der Dämon der Agiotage hat es ungemein eilig, fuhr Cabanis fort. Man ſieht es ihm an, wie er aus allen ſeinen Poren Wichtigkeit ſchwitzt, und zugleich macht er in ſeinem furchtbaren Aplomb doch den Ein⸗ druck des Kasperle, der weiß, daß mit ſeinem Auf⸗ treten nun die Komödie ihren Anfang nimmt. Da ſeht Ihr den wahren Mann von Kraft und Stoff! Der Materialismus hat nicht nur den Atheismus ge⸗ boren, ſondern auch die Agiotage. Was ſagt Ihr dazu, Baron von Holbach? Wie Ihr wißt, freue ich mich jedesmal, wenn ich etwas Neues ſehe, erwiederte Holbach, die Phyſiogno⸗ mie Claviere's ſcharf in's Auge faſſend. Laufe ich nicht oft in allen Caféhäuſern von Paris herum, um nur irgend eine erträgliche Neuigkeit aufzuſchnappen? Kinder, wir haben Gott aus dem Magen und aus den Nerven entſtehen laſſen, und ſind deshalb von Pfaffen und Königsfreunden genug verketzert worden. Jetzt *) Aus Condorcet's Esduisse d'un tableau historique des progrès de esprit humain, ein Werk, das erſt nach dem Tode des Verfaſſers im Druck erſchien. kommt uns plötzlich eine Generation über den Hals, die den Geiſt nur im Gelde ſieht und ihren Gott als Agio anbetet. Es iſt möglich, daß dies nur ganz nichtswürdiges Geſindel iſt, welches die Cultur, mit der wir es doch noch gehalten haben, in ſeinem Geld⸗ beutel verkrümelt, und aus der Geſellſchaft zuletzt eine Bande von Gaunern und Tagedieben machen wird. Wir müſſen aber immerhin vorſichtig prüfen, und zu⸗ ſehen, was hinter dieſen neuen Leuten von Kraft und Stoff noch Beſonderes ſteckt, und ob ſie die Kraſt und den Stoff noch wo anders haben, als blos in der Unverſchämtheit und dem Bettelſtolz ihrer windi⸗ gen Speculation. Aber ſeht, dieſer Clavière nimmt ſich in der That bedentend aus. Wenn ich nicht zu alt wäre, um mich noch auf's Prophezeien legen zu können, würde ich ſagen: Dieſer Clavière kann noch einmal Finanzminiſter werden, wenn Frankreich ſeine Revolution gemacht hat.*) Aber nehmen wir jetzt unſere Plätze ein. Wir wollen uns zuſammen ſetzen, meine Herren, damit die Atheiſten hübſch beieinander ſind.— Die ganze Verſammlung, die aus einigen hundert Perſonen beſtand, hatte ſich jetzt um die Tafel nieder⸗ gelaſſen, und das Feſtdiner begann in einer ſehr be⸗ wegten Stimmung, welche durch die bald darauf er⸗ folgende Rede, mit der Elaviere die Bedeutung und die Zwecke der heutigen feierlichen Zuſammenkunft aus⸗ einanderzuſetzen begann, ſichtlich erhöht und auf allen Seiten des Saals mächtig angefeuert wurde. Elavière war ein glänzender Redner, den kühne und neue Gedanken, ſchlagende Bilder und eine gewiſſe gewaltſame Kunſt, mit der er ſich des Herzens und ) Etienne Clavidre wurde in der That im März 1792 durch die Partei Briſſot zum Finanzminiſter gemacht. —— der Ueberzeugung ſeiner Zuhörer zu bemeiſtern ver⸗ ſtand, auszeichneten. Er ſprach zuerſt mit dem An⸗ ſtrich eines vollendeten Biedermannes von den Noth⸗ zuſtänden, die ſeit längerer Zeit in Frankreich eingeriſſen und die Geſellſchaft in allen ihren Schichten auf eine gefährliche und zum Theil nnabſehbare Weiſe bedroht hätten. Dann hob er mit einem auf ſeinem Geſicht aufblitzenden eigenthümlichen Lächeln hervor, was es im Staat und in der Geſellſchaft heiße, Geld zu haben, weil die richtige und überall genügende Vertheilung des Geldes zugleich der Ausdruck der wahren Har⸗ monie der Geſellſchaft ſei. An die amerikaniſche Frei⸗ heit geſchickt und mit bedeutſamen Accenten anknüpfend, ſetzte er dann auseinander, wie die Freiheit in jenem Lande zugleich den Wohlſtand zu erzengen angefangen, und wie man dort Getreide, Brod und edle Metalle im Ueberfluß habe, während in Frankreich die Nah⸗ rungsmittel immer knapper und ſchlechter würden und die Ueberſchwemmung mit Papiergeld und Bankbillets eine Sündfluth hervorgerufen habe, in welcher die ganze Geſellſchaft längſt ertrunken ſein würde, wenn nicht ein edler ſchöpferiſcher Geiſt den Oelzweig ſeiner Einſicht und Erkenntniß über die Finanzen Frankreichs hinabgeſenkt hätte. Dieſe mit vieler Discretion angedentete Huldigung für den ihm gegenüberſitzenden Calonne wurde im Saal bereits mit einem beifälligen Gemurmel aufge⸗ nommen, was dem Finanzminiſter ein Lächeln des Vergnügens auf ſeine Wangen trieb, und ihm das be⸗ glückwünſchende Zunicken einiger in ſeiner Nähe ſitzen⸗ den Mitglieder der Hofgeſellſchaft verſchafſte. Auch der General von Lafayette, der mit dem Miniſter näher befreundet war, und auf der einen Seite deſſelben neben ihm ſeinen Platz hatte, ſchien ihm jetzt hinläng⸗ liche Verbindlichkeiten darüber in's Ohr zu flüſtern. — 173— Claviere ging jetzt mit einer neuen Schmeichelei, die auf Lafayette und mehrere anweſende, aus dem amerikaniſchen Kriege bekannt gewordene Offiziere be⸗ rechnet war, zu der Behauptung über, daß, nachdem Frankreich durch ſeine beſten und tapferſten Söhne einen ſo entſcheidenden Antheil an dem Befreiungs⸗ werk Amerika's genommen, es dies Werk auch noch im Namen der ganzen Menſchheit an ſich zu nehmen habe, um es zu einem allen Leidenden und Unter⸗ drückten zur Erlöſung dienenden Abſchluß zu führen. Die Comité's für die Freiheit und Menſchenwürde der armen ſchwarzen Sclaven, welche in Frankreich durch die glorreiche Thätigkeit des Marquis von La⸗ ſayette gebildet worden, hätten ſchon wie ein beginnen⸗ des Glockenläuten der Freiheit ihre Stimmen und ihr Wirken durch das Land erklingen laſſen. Leider ſei es auch hier wieder nur das Geld, durch das an letzter und entſcheidender Stelle geholfen werden könne. Große Summen ſeien noch erforderlich, um der beab⸗ ſichtigten Wirkſamkeit nur eine einigermaßen ent⸗ ſprechende Grundlage zu ſchaffen. Denn es käme dar⸗ auf an, die Agitation für die Abſchaffung der Sklaverei und für eine menſchenwürdige Erziehung der Schwar⸗ zen von Frankreich aus durch Schriften, Vereine und Unterſtützungsfonds aller Art zu nähren, und damit auf den amerikaniſchen Boden ſelbſt hinüberzuſpielen. Man müſſe Geld, recht viel Geld beiſteuern, um die⸗ ſem großen Ziele näher zu kommen, aber dies ſei, wenn auch nur ein kleiner, doch keineswegs ein ver⸗ ächtlicher Anfang der Thätigkeit. Nichts ſei charakte⸗ riſtiſcher für die Menſchen, als das, wofür ſie ihr Geld ausgäben, und wer für gute Zwecke zahle, ſei ſelbſt ſchon gut. Wer für die Sache der Freiheit Geld gebe, fange ſelbſt ſchon an, frei zu ſein. Denn die Gelder ſeien die Rerden des Lebens, und in den Nerven lebe — der Geiſt, lebe die Idee, lebe Gott ſelbſt, wie einer der bedeutendſten Geiſter Frankreichs, der heute auch dieſe Tafel beehre, kürzlich in einem philoſophiſchen Mémoire geſagt habe. Wie diaboliſch geſchickt dieſer Menſch iſt, ſagte Holbach zu ſeinen Nachbaren. Er ſcheint uns Alle nach der Reihe vornehmen zu wollen, Jedem von uns reicht er ein Stückchen Zuckerbrod, und dabei ſieht er doch nur aus, wie ein freundlich wedelnder Vampyr, der ſich Einem an die Bruſt ſetzen will, um das Blut auszuſaugen. Und wie wunderbar er ſeine Volte ſchlägt, indem er das Thema immer wieder auf das Geld und die Finanzen zurückführt, über die er ohne Zweifel die Lobpoſaune blaſen will, zu Ehren ſeines Miniſters und Kumpans, des Herrn von Calonne. Ich bin neugierig, wie er weiter ſaugen wird, der edle Vampyr! Claviere, indem er mit ſeinem ſtechenden Lächeln die Verſammlung durchflog, juhr fort, daran zu erin⸗ nern, daß es einen guten und glücklichen Geſellſchafts⸗ zuſtand am meiſten charakteriſire, wenn ſo viel Geld als möglich darin ausgegeben würde. Nur Geld⸗ ausgeben könne wieder Eeld erzeugen, und damit auch Ideen, die der ganzen Geſellſchaft zu gut kämen. Denn das ſchlechteſte Finanzſyſtem ſei das Syſtem der Sparſamkeit. Daran ſei ſein großer Genfer Lands⸗ mann Necker geſcheitert, als er die Zügel der Finanzen Frankreichs geführt. Necker habe ſich während der Zeit ſeines Miniſteriums als den großen und bedeu⸗ denden Geiſt bewieſen, den man unter allen Umſtänden in ihm werde anzuerkennen haben. Denn er habe die Finanzreform ſchon mit der Reform des Staats un⸗ trennbar verbinden, und dem ſteuerzahlenden Volk in ſeine leeren Taſchen wenigſtens politiſche Rechte legen wollen. Aber er habe zugleich geglaubt, die Spar⸗ ſamkeit als eine wirkſame Arznei in die finanziellen Wunden Frankreichs träufeln zu können, und dies habe ihm zu erſtallen Credit genommen. Einem ſpar⸗ ſamen Finanzminiſter könne kein Menſch trauen. Unter einem guten Finanzminiſter müſſe das Geld aus allen Wolken regnen, und dann würde immer wieder neues Geld danach wachſen. Das wunderthätige Genie der franzöſiſchen Finanzen nehme heute den Ehrenplatz an dieſer Feſttafel ein. Als Herr von Calonne das Finanz⸗ miniſterium angetreten, habe er den Staatsſchatz ge⸗ öffnet, und nichts als zwei Säcke mit zwölfhundert Livres darin gefunden. Was Herr von Calonne vor⸗ fand, habe ſich außerdem auf 604 Millionen fällige Schulden und ein jährliches Deficit von 80 Millionen belaufen. Da habe er ſeine Amtsthätigkeit ſogleich mit einer Anleihe von hundert Millionen begonnen, und das ſei eine weiſe und fruchtbringende That ge⸗ weſen. Allerdings haben ſich ſeitdem Anleihen auf Anleihen gehäuft, aber das Geld iſt dadurch auf eine wahrhaft wunderbare Weiſe unter die Leute gekommen, und das Vermögen der ganzen Nation iſt in eine elek⸗ triſche Bewegung gerathen. In dieſem Jahre 1785 ſind allein 136 Millionen in Schatzkammerſcheinen ausgegeben worden.*) Meine Herren, es ſprüht jetzt Gold an allen Ecken und Enden von Frankreich, Frank⸗ reich hat ſo viel auszugeben wie noch nie, und es wird darum auch ſo viel einnehmen wie noch nie. Frank⸗ reich wird reich werden, und das Volk des reichen Frankreichs wird auch ein freies und glückliches ſein! Bei dieſen Worten Clavière's brach ein ungeheurer Sturm des Beifalls in allen Theilen des Saals los. An einigen Stellen der Tafel rief man laut: Es lebe Calonnel während von anderer Seite her mit ſtrengen *) Louis Blanc Histoire de la Révolution frangaise I. ch. V. — Stimmen Stillſchweigen geboten wurde. Claviére hielt einen Augenblick inne, und betrachtete mit ſchadenfroh blitzenden Augen die ſteigende Aufregung der Ver⸗ ſammlung. Er hat es richtig ſchon jetzt zu einem Lebehoch für Calonne gebracht, bemerkte Cabanis leiſe. Der Herr Finanzminiſter ſchämt ſich auch gar nicht darüber, daß ſeine Verdienſte durch einen ſeiner geheimen Agen⸗ ten an die große Glocke geſchlagen werden. Ein Rous, wie er, nimmt jedes Plaiſir mit, woher es auch kommt. Und wie zweideutig iſt das Lob, daß das Geld unter Calonne's Verwaltung auf der Straße wächſt. Der helle Satanas kichert aus dieſem Lobe heraus. Es iſt wahr, dieſe lascive Geldwirthſchaft Calonne's ſucht das öffentliche Elend einſtweilen zu vergolden, indem man der Nation das Blendwerk vormacht, als wenn ungehener viel Geld in den Kaſſen vorhanden wäre. Da wird Alles ohne Unterſchied gekauft, um nur Geld zu zeigen. Güter, Schlöſſer, Inſeln, Wälder, Herzog⸗ thümer, alles Mögliche hat dieſer Calonne ſchon für den Staat angekauſt, ohne daß es im Geringſten nö⸗ thig geweſen wäre. Und wer in einer gewiſſen Zeit nur eine Penſion haben wollte, der brauchte ſich nur zu melden, und konnte gewiß ſein, daß er mit vffnen Armen aufgenommen wurde, und wer eine lebens⸗ längliche Penſion haben wollte, bekam ſie ganz ſicher, und wer ſchon eine lebenslängliche hatte, erhielt eine auf die ganze Ewigkeit ausgeſetzt. Selbſt die unver⸗ ſchämteſten Höflinge mußten erſtaunen, was ſie plötz⸗ lich Alles zu ſchlucken und zu beißen bekamen.*) Claviere erfah jetzt den geeigneten Moment, ſeine Rede, die nur durch ihre eigene Wirkung unterbrochen worden war, wieder aufzunehmen. *) Louis Blanc Histoire de la Révolution francaise I. ch. V. — 177— Die Sparſamkeit iſt keine Weisheit! begann er von Neuem wieder. Sparſam kann und darf man auf allen Punkten ſein, nur nicht in der Finanzwirth⸗ ſchaft. In einem guten Finanzſyſtem muß es wie ein natürlicher Quell, der aus unergründlichen Bergen hervorſtrömt, beſtändig ſprudeln und fließen. Meine Herren, das große und ſchöne Frankreich kann ſich Glück wünſchen, daß es heutzutage in allen Dingen auf dem Rückwege zur Natur begriffen iſt. Dies iſt die gewaltige Idee, welche mir die heutige Epoche Frankreichs nach allen Seiten hin zu bezeichnen ſcheint. Seht die Mütter Frankreichs an, die angefangen haben, ihren eigenen Buſen ihren Kindern zu öffnen, und ihnen aus ihren eigenen Säften die Nahrung zu rei⸗ chen, die ſonſt von den Ammen gemiethet wurde. Sind Euere Frauen nicht ſchöner, kräftiger und blühender dadurch geworden, daß ſie, die unnatürliche Sparſam⸗ keit ihres Leibes aufgebend, lieber die reichen Mittel ihrer eigenen Bruſt ſtrömen laſſen für ihre Kinder? Eine ſo hingebende und ſpendende Mutterliebe muß eine gute Regierung, wenn ſie zugleich eine ſtarke und große ſein will, ebenfalls an allen ihren Kindern und Bürgern üben! Claviere wurde bei dieſen Worten abermals von den lebhafteſten Beifallsbezeugungen der ganzen Ver⸗ ſammlung unterbrochen. Jetzt rührt er auch noch Rouſſeau's Rückkehr zur Natur und das Selbſtſtillen der Mütter in den Calonneſchen Finänzſchwindel hinein, ſagte Baron von Holbach. Was ſoll noch aus uns werden unter den Händen dieſes waghalſigen Men⸗ ſchen, der alle unſere Ueberzengungen nur dazu benutzt, uns feſtzuhalten, aber dann ſogleich Meilen weit über Feld mit uns davon zu laufen. Ich erlebe noch, daß er uns beweiſen wird, das eigentliche Glück Frank⸗ reichs beruhe im Deficit ſeiner Finanzen. Mirabeau. 1I. 12 Für Den, der immer richtig und reichlich zu ver⸗ ausgaben weiß, giebt es daher auch keine Deficits! begann Clavière in dieſem Augenblick wieder. Eine Finanzverwaltung ohne Deficit wäre ein Gemälde ohne Schatten. Die Malerei, meine Herren, iſt eigentlich die Kunſt des Schattens. Und die Finanzverwaltung iſt die Kunſt des Deſicits. Jetzt ſtempelt er ſeinen Calonne noch zum Raphael und Titian! rief Cabanis, ſich vor Ergötzen die Hände reibend. Das letzte Redekunſtſtück Claviére's ſchien aber in der Verſammlung doch auch einiger Verſtim⸗ mung zu begegnen. Man begann an einigen Stellen der Tafel ziemlich vernehmlich zu ziſchen, und es fie⸗ len hier und da Aeußerungen, die an den Tag leg⸗ ten, daß man es doch zu harlekinsartig fand, das vf⸗ fenkundige Elend gewiſſer Zuſtände Frankreichs mit einer ſo gaukelnden Hand zu berühren. In dieſem Augenblick trat Mirabeau in den Saal, deſſen Geſtalt überall, wo er eintrat, zuerſt ein eigen⸗ thümliches Aufſehn und eine gewiſſe Befremdung zu verbreiten pflegte. Dies war jetzt um ſo mehr der Fall, da Mirabeau in dieſem Moment, wo ſich die Blicke Aller auf den Eintretenden richteten, auf eine auffal⸗ lende Weiſe ernſt und bleich erſchien, und er zugleich eine ſeltſam höhniſche Grimaſſe, mit der er die noch vernommene Bemerkung Clavière's über das Deficit begleitete, nicht zu unterdrücken vermocht hatte. Er nahm jetzt ſeinen Platz ein, welcher ihm neben Clavière vorbehalten geblieben war. Clavisre eilte nunmehr mit ſeiner Rede raſch zum Schluß, den er mit einigen großen und glänzenden Zügen, welche ihm wieder vollkommen gelangen, her⸗ beizuführen ſuchte, ſo daß die getheilte Stimmung, die ſich bemerklich zu machen angefangen, ſich am Ende — 179— von Neuem für ihn günſtig und anerkennend zu ver⸗ einigen ſchien. Das Bankett nahm nun erſt ſeinen eigentlichen Fortgang, und wurde, da ſich nur noch einige Sprecher mit kürzeren Reden und Toafts vernehmen ließen, jetzt beſchleunigter ſeinem Ende zugeführt. Mirabeau hatte jede Aufforderung zu ſprechen abgelehnt, und war da⸗ durch mit ſeinem Nachbar Clavidre, der ihn beſtändig zu treiben ſuchte, in einen freundſchaftlich ſchmollenden Conflict gerathen. Wer ſo verſpätet wie ich zum Diner kommt, be⸗ merkte Mirabean, indem er ſich der vor ihm ſtehenden Schüſſeln eifrig bediente, hat mehr zu thun, als ſein Glück im Reden zu ſuchen. Auch haſt Du uns das Fahrwaſſer verdorben, Clavière, denn die himmliſche Glorie, die Du über das Deficit ausbreiten wollteſt, hat den Leuten doch nicht recht munden wollen, und Vielen im Saal ſcheint ganz wehe und übel davon ge⸗ worden zu ſein. Ich fürchte die Stimmung noch mehr gegen uns aufzuregen, wenn ich ſpreche, denn ich ſehe hier viele Gegner. Auch habe ich jetzt überhaupt mehr Feinde als je in Paris, welche ich mir durch meine Brochüre gegen die Diskontokaſſe auf den Hals ge⸗ hetzt habe. Weißt Du etwas Neues, Claviere? Meine beiden Schriften, ſowohl die gegen die Diskontokaſſe wie die andere über die ſpaniſche Bank, werden von der Polizei verboten werden, und zwar auf Anſuchen meines liebenswürdigen Gönners ſelbſt, des Herrn Finanzminiſters von Calonne? Wer hat Dir das geſagt? fragte Clavière heftig. Es ſollte Dir noch für einige Tage ein Geheimniß bleiben. Die Frau des Herrn Finanzminiſters hat es mir ſoeben anvertraut, um mir einen Beweis ihrer Freund⸗ ſchaft zu geben, erwiederte Mirabeau lächelnd. 12* 5 Wenn Du nicht noch andere Beweiſe der Freund⸗ ſchaft von ihr empfangen haſt, als blos dieſen, ſo biſt Du wahrlich zu bedauern! verſetzte Clavidre, ihn ſpöt⸗ tiſch anblickend. Armer Schlucker von Aventurier, bei einer ſchönen Frau muß man ſchon ſehr verſpielt ha⸗ ben, wenn man beim Rendezvous anfangen muß, von Staatsgeſchäften mit ihr zu reden. Dieſer Meinung bin ich ganz und gar nicht, ent⸗ gegnete Mirabeau. Ich bin ſehr zufrieden von mei⸗ nem Rendezvous zurückgekehrt. Wer die Frauen ge⸗ winnen will, muß ſie zu behandeln wiſſen. Ich habe ſchon mit einer Dame, die lange im Orient war, über die arabiſche Grammatik geſtritten, und zwar in demſelben Angenblick, wo ich ſie das erſte Mal zu umarmen wagte, ſo daß ſie im Eifer des Streits erſt gar nicht merkte, wie ihr geſchah. Als ſie ſah, welche Vortheile ich ſchon über ſie errungen hatte, war es zu ſpät, und ſie mußte ſich ganz und gar gefangen geben. Frau von Calonne iſt eine der liebenswür⸗ digſten und ſüßeſten Frauen, die es giebt. Ich be⸗ merkte aber bald, daß ſie noch eitler darauf iſt, alle Staatsgeheimniſſe zu wiſſen und beurtheilen zu können, als auf ihre Schönheit und ihren unvergleichlichen Fuß, der eine Hauptzierde ihrer Perſon iſt. Ich machte mir daher den Spaß, plötzlich ſo zu thun, als ob ſie ihr Mann wäre, und indem ich ihre ganze Geſtalt auf das Zärtlichſte berührte, fragte ich ſie zu⸗ gleich, was es im Finanzminiſterium Neues gebe, und ob meine beiden Brochüren über die Agiofrage wohl ihren für mich entſcheidenden Beifall gefunden hätten? Sie ſah mich anfangs erſtaunt an, brach dann in ein allerliebſtes Gelächter aus, durch das ich zuerſt in eine vertrauliche Tonart mit ihr übergehen konnte, und ſagte darauf, den Zeigefinger höchſt wichtig an ihre reizende Stumpfnaſe legend: Ich will Ihnen doch — 1 zeigen, Herr Graf, daß ich auch etwas Neues weiß. Ihre beiden Brochüren werden von der Polizei ver⸗ doten und confiseirt werden, und Herr von Calonne hat ſelbſt darauf angetragen. Ich hörte ihn zufällig vor einer Stunde mit dem Polizeilieutenant von Paris darüber ſprechen. Und cheilte Dir die ſchöne Frau von Calonne vielleicht anch die Gründe dieſer Maaßregel mit? fragte Clavière mit einem durchaus ärgerlichen Accent. Dezu ließ ich ſie nun nicht mehr kommen, erwie⸗ derte Mirabeau lächelnd. Denn Du kannſt Dir denken, daß mir die Sache an ſich, obwohl ſie mich eigentlich jetzt zu ärgern anfängt, doch in dieſer Sitnation höchſt gleichgültig war. Ich ſtellte mich aber ſogleich höchſt erſchrocken und betrübt darüber an, und Frau von Calonne, die gutmüthig iſt, hatte nun die Verpflich⸗ tung, mich zu tröſten und aufzuheitern, was ſie auch mit den größtmöglichſten Zugeſtändniſſen that. Ich ſchien noch immer in den Jammer über meine ſchönen beiden Brochüren verſenkt, als ſie mir ſchon die größten Vortheile gewährt hatte und ich zuletzt, ehe ſie es dachte, aus dem Klagenden der Jubelnde, aus dem Troſtbedürftigen der Segenſpendende wurde. Claviere mußte laut lachen, ſagte aber dann ſo⸗ gleich etwas ängſtlich: Sprich doch etwas leiſer, denn Calonne drüben hat fürchterlich feine Ohren, und ich beſorge, bei ſeinem Gehör möchte er doch noch etwas von unſerer ihn ſo nahe berührenden Unterhaltung aufſchnappen. Ich beſorge das gar nicht, erwiederte Mirabeau mit einer ſehr komiſchen Naivetät. Ich weiß nicht, ob dieſer Euer Feſtwein mich ſchon ſo berauſcht und meine Augen unklar macht, aber mich dünkt, ich ſehe noch etwas viel Größeres, als ſeine Ohren, an dem Kopf des Herrn von Calonne. Mir kommt es näm⸗ — 182— lich vor, als ob er auch noch Hörner hätte, die ſo weit aus ſeinem Kopf herauswachſen, daß ſie ihm die Ohren ſchon faſt bedecken, und ich mich darnm auch getröſte, Herr von Calonne werde nicht im Stande geweſen ſein, etwas von unſerm Geſpräch zu verneh⸗ men. Aber es geſchieht ihm Recht, warum benimmt er ſich ſo zweideutig gegen mich, daß er mich erſt zu meinen Finanzbrochüren veranlaßt, und ſie mir daun auf dieſe infame Weiſe zunichtmachen und verbieten läßt? Ich bewundere Dich, daß Du nicht ſofort einſiehſt, warum dies Verbot geſchehen ſoll? entgegnete Clavière gereizt. Der Miniſter bezweckt zweierlei damit, und ich habe ſelbſt dazu gerathen. Einmal ſoll die Börſe nicht denken, daß der Kampf gegen die Agiotage, den Du ſo wirkungsreich unternommen, mit ſeiner Billi⸗ gung und vielleicht ſogar unter ſeinem Einfluß geführt wird. Denn er hat Urſachen, ſich die Stimmung der Börſe geneigt zu erhalten. Dann aber glaubt er, daß Deine trefflichen Brochüren noch weit mehr bei dem Publikum einſchlagen und zünden werden, wenn ihnen noch der Reiz einer der Regierung mißfälligen Schrift nachgeſendet wird. In dieſem Augenblick war die Einſammlung der Beiträge, die ſeit einiger Zeit an der Tafel für die Zwecke der Geſellſchaft begonnen hatte, bis zu Mira⸗ beau gelangt, der raſch, und nicht ohne einige Oſten⸗ tation, ſeine ganze ziemlich ſtark angefüllte Börſe auf den Teller warf und durch den hellen Klang die Auf⸗ merkſamkeit des ihm gegenüberſitzenden Finanzminiſters auf ſich lenkte. Dieſer fragte ihn über den Tiſch herüber mit freundlichem Zunicken, wie es ihm ergangen ſei, und machte ihm verbindliche Vorwürfe, daß er ſich im Hötel des Finanzminiſteriums ſo lange nicht habe melden laſſen. — 183— Mirabeau entgegnete ohne Verlegenheit, daß er dies ſchon gewagt haben möchte, wenn er früher gewußt hätte, daß er dort ſo willkommen ſein würde. Mich dünkt, erwiederte Herr von Calonne, indem er ſich näher zu Mirabeau hinüberbeugte, ich hörte Sie mit Herrn Clavière eben von Ihren Schriften gegen die Disconto⸗Kaſſe und die ſpaniſche Bank reden? Stellen Sie ſich vor, Herr Graf, daß die Polizei ein Ver⸗ bot dagegen zu erlaſſen beabſichtigt.*) Daſſelbe wird wahrſcheinlich morgen ſchon zur Ausführung kommen, und ich habe zu meinem Bedauern nichts dagegen machen können. Ich danke Eurer Excellenz dafür, entgegnete Mi⸗ rabeau. Es wird dadurch für die weitere Wirkſamkeit dieſer kleinen Schriften nur recht gnädig geſorgt ſein. Denn die verbotenen Früchte ſind es doch einmal, welche am beſten ſchmecken. Thun ſie das? fragte Calonne mit einem leichten Anflug von Stirnrunzeln. In dieſem Augenblick ſchien der Miniſter einen Ring zu bemerken, deſſen eigenthümlich funkelndes Ge⸗ ſtein an Mirabeau's Finger ſpielte. Er heftete ſeine Blicke mit ſteigender Aufmerkſamkeit auf den Stein, und ſchien, obwohl das Gegenüber zu weit war, die in demſelben eingegrabenen Züge erforſchen zu wollen. Unwillkürlich zog Mirabeau jetzt mit einer haſtigen Bewegung die Hand unter den Tiſch, und ſah einen Augenblick lang mit ſichtlicher Betroffenheit vor ſich nieder. Der Miniſter wurde jedoch in dieſem Augenblick durch ſeinen Nachbar, den General von Lafayette, der ſich mit einer Bemerkung an ihn wandte, von der ²) Peuchet II. 377. — weitern Verfolgung einer Spur abgehalten, die ihn plötzlich ſeltſam zu beſchäftigen ſchien. Ich glaube, Du biſt ſehr unvorſichtig geweſen, ſagte Claviere, der mit ſeinem unruhigen Scharfblick Alles beobachtete, leiſe zu Mirabeau. Der Ring an Deinem Finger ſchien die Aufmerkſamkeit des Miniſters auf eine fatale Weiſe zu reizen. Er hat ihn wiedererkannt, entgegnete Mirabeau lächelnd. Der Ring gehörte ſeiner Frau, die ihn mir beim Abſchiede auf den Finger geſteckt hat. Alles noch, um Dich über das Verbot Deiner Brochüren zu tröſten? fragte Claviere. Und in Deiner coloſſalen Ungenirtheit behielteſt Du den Ring auch jetzt noch am Finger? Jetzt bitte ich Dich aber ernſt⸗ lich, Freund, zieh' den Ring ab, und verbirg ihn einſt⸗ weilen. Hier, nimm den meinen, und ſteck ihn unter dem Tiſch raſch auf. Wenn Dich der Miniſter nach⸗ her vielleicht genaner betrachten ſollte, wird er ſehen, daß er ſich geirrt hat. Mir liegt an Deinem guten Einvernehmen mit Calonne, denn Du mußt durch ihn endlich in die Dir gebührende Carrière hineingehoben werden. Mirabeau zuckte die Achſel, befolgte jedoch den ihm ſo dringend ertheilten Rath ſeines praktiſchen Frenndes. Jetzt ward die Tafel aufgehoben und man ſtand von allen Seiten auf, um ſich zu begrüßen. Calonne aber hatte ſich kaum von ſeinem Sitz erhoben, als er auch ſchon, durch die Menge der ihn Beglückwün⸗ ſchenden ſich haſtig hindurchwindend, auf die andere Seite der Tafel hinübereilte, von wo ihm auch Mi⸗ rabeau und Clavière bereits entgegen traten. Der Miniſter nahm mit großer Angelegentlichkeit die Begrüßung der beiden Herren entgegen, und reichte beſonders freundlich dem Grafen Mirabeau die Hand dar. Dann hielt er unter den verbindlichſten Aeuße⸗ rungen, die er machte, die Hand Mirabeau's eine Zeit⸗ lang in der ſeinigen feſt, und fühlte dabei merklich nach dem Ring, welchen dieſer am Finger trug, und den er jetzt mit einer blitzſchnellen Bewegung nahe vor ſeine Augen führte. Sichtlich befremdet, und wie einer, der ſich in ſeiner Erwartung getänſcht hat, ließ er dann die Hand Mirabeau's wieder los. Einige Minuten darauf war er aus dem Saal verſchwunden. So wie ich ihn kenne, zweifele ich, daß er ſich ganz überzengt hat, ſagte Claviere, dem Miniſter nachblickend. Sein Argwohn wird durch einen merkwürdigen In⸗ ſtinet unterſtützt, der ihn ſchon oft auch in den Ge⸗ ſchäften auf die verborgenſten Spuren geleitet hat. Ich wundere mich, daß ein Mann ſeines Schlages auf eine ſo ſtürmiſche Weiſe zur Eiferſucht neigt, erwie⸗ derte Mirabeau. Wer, wie er, ſelbſt Aventurier im vollendetſten Sinne des Wortes iſt, bekommt dadurch gewöhnlich einen allgemein menſchlichen Standpunkt, und verliert den Sinn für irgend eine einzelne Eifer⸗ ſucht. Es iſt um ſo merkwürdiger, da er ſich für Frau von Calonne gar nicht intereſſirt. Wenn ſich nun Andere die Mühe geben wollen, ihm ſein Gold⸗ ſtück umzuſchmelzen, und demſelben eine Präge zu geben, die ihn vielleicht noch einmal daran reizen kann, ſo ſollte er als wahrer Lebemann doch höchſt zufrieden damit ſein! Du ſpielſt ja auf unſere Finanzöperation mit der Umprägung der Louisd'ors an! lachte Clavière aus vollem Halſe. Man ſieht, Du biſt doch eigentlich ein finanzielles Genie, Mirabeau, denn die Gleichniſſe unſerer Finanz liegen Dir ſchon in den Gliedern. Ich kann Dir aber beiläufig ſagen, daß das Edict, welches die allgemeine Umprägung der Goldmütnzen in Frankreich befiehlt, ſchon binnen Kurzem erſcheinen — 186— wird, denn ich habe es bereits für den Miniſter aus⸗ gearbeitet, und die ganze Sache iſt meine Ider. In⸗ dem wir die alten Louisd'ors nach dem Maßſtabe einer gewiſſen Wertherhöhung der franzöſiſchen Mark Goldes umprägen laſſen, dürſen wir doch immer hoffen, auf dreißig Louisd'or zwei oder ein Funſzehntel zu gewinnen, und unſer liebes Publikum wird ſich ohne weitere Schwierigkeit einen kleinen Verluſt am Voll⸗ gehalte des Goldes gefallen laſſen, welcher Verluſt aber nichts Anderes ſein wird als der Grad ber Rein⸗ heit der Metalle. Eine Operation dieſer Art würde aber Herrn von Calonne bei ſeiner Frau ſchon bedenk⸗ lich erſcheinen. Denn unter Deiner Umprägung könnte die ſchöne Münze doch bald beträchtlich an ihrem Voll⸗ gehalte einbüßen, und der Grad der Reinheit des Me⸗ talles dürfte ſehr weſentlich leiden nuter Deinen Händen.*) Setzen wir unſere ſchlechten Witze ein anderes Mal weiter fort, Freund Clavisre! ſagte Mirabean, indem er ſich mit einem derben Handſchlag beurlaubte, um ſich der Unterhaltung mit einigen anderen Freunden zuzuwenden, unter denen Cabanis, Condorcet und Hol⸗ bach ſchon ſeit einiger Zeit ſeiner geharrt hatten.— S Uach Berlin. Einige Wochen ſpäter ſaß Mirabeau in Geſell⸗ ſchaft ſeiner Freundin Henriette, zu der er nach allen abenteuerlichen Abſchweifungen immer wieder mit er⸗ neuerter und wahrer Herzensneigung zurückkehrte, in *) Louis Blao 1I. ch. V. . — 187— ſeinem Zimmer, das er ganz gegen ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheil ſchon ſeit einigen Tagen nicht verlaſſen hatte. Mirabeau ſchien übeler Laune, und auf ſeiner ſonſt ſo leuchtenden und kühnen Stirn ſtanden dunkle Fal⸗ ten des Unmuths und der Verzagtheit, die man, ob⸗ wohl ſein Temperament wechſelnd und jedem Eindruck ausgeſetzt war, doch ſelten in dieſer Stärke bei ihm hervortreten ſah. Henriette, die in ihrer Lieblingsſtellung auf einem Tabouret zu ſeinen Füßen Platz genommen hatte und mit einer Stickerei zur Zierde des kleinen Coco be⸗ ſchäftigt war, ſah von Zeit zu Zeit mit beſorgten und ängſtlichen Blicken zu ihrem Freunde empor, der in ein träumeriſches Hinſtarren verſunken war, und ihre Gegenwart kaum mehr zu beachten ſchien. Mirabeau, ſagte ſie zu ihm, mit ihrer Arbeit inne⸗ haltend, und ſeinen Arm leiſe berührend, Mirabeau, warum biſt Du denn ſo ſtill und traurig geworden? Ich ängſtige mich ſehr, daß Dir irgend etwas ge⸗ ſchehen ſein möchte. Schilt mich lieber aus, grolle, tobe, wettere mit Deiner ſchönen Donnerſtimme, oder geh' etwas aus, beſuche ein Cafs, oder hole Einen Deiner Freunde zu einem Gang über die Boulevards ab, wenn Du mich nicht mitnehmen willſt. Auch in das Finanzminiſterium gehſt Du ſeit einigen Tagen nicht mehr. Mach' Dich doch auf. Einem ſo kräfti⸗ gen Mann, wie Du, iſt es gar nicht gut, ſo ſtillzuſitzen. Du haſt Recht, ſagte Mirabeau mit einem an ihm ſeltenen Anflug von Weichheit, ich verſitze mich ſeit einigen Tagen in lauter paſſiven Grübeleien, die doch zu nichts führen können. Ein Glück, daß ich Dich habe, Henriette, biſt Du nicht meine Frau, mein Kind und meine Mutter zugleich? Du ſorgſt für mich, und jetzt möchte mich Dein lieber Zuruf wieder ermuntern und zu mir ſelbſt bringen. Ich danke Dir, denn von „ — 188— Deinen friſchen Lippen angehaucht, beginnt meine Seele ſchon wieder ihre Flügel auszuſtrecken. Weißt Du, Mirabeau, daß ich eigentlich recht froh bin, wenn Du nicht mehr in das Finanzminiſterium gehſt? ſagte Henriette, die raſch wieder in ihr fröhli⸗ ches Plandern überzugehen pflegte. Ich glanbe, Deine gute Laune hat dort nichts gewonnen, und auch unſer Geldbeutel nicht. Zuweilen war ich ordentlich eifer⸗ ſüchtig auf dies fatale Finanzminiſterium, ich wußte ſelbſt nicht warum. Denn Du ſahſt immer ſo heiter und glücklich aus, wenn Du beim Weggehen zu mir ſagteſt: Henriette, ich gehe in das Finanzminiſterium! Dann tröſtete ich mich wieder mit dem Gedanken, Du würdeſt nun bald ein reicher Mann werden, durch alle Deine Verbindungen mit der hohen Finanzwelt. Aber davon iſt nun am allerwenigſten etwas wahr ge⸗ worden, Mirabeau, und Du ſcheinſt mir nur reicher an Verdruß und Sorgen zu ſein, mein lieber, ſchöner großer Freund! Es iſt wahr, entgegnete Mirabeau, ärgerlich auf⸗ ſpringend, ich habe jetzt weniger Geld als je, und dies verdanke ich dieſer elenden Finance, mit der ich mich eingelaſſen. Die entwertheten Diskonto⸗Scheine, die mir Claviere in großen Haufen zukommen ließ, und womit mir zugleich meine Wirkſamkeit bezahlt werden ſollte, haben ſich nicht wieder gehoben, ſondern ſind als reiner Plunder in meinen Händen zurückge⸗ blieben. Wahrhaftig, zuweilen kommt es mir jetzt ſo vor, als habe man mich blos gefoppt! Man läßt mich gegen die Credit-Speculanten und gegen die Börſe ſchreiben, und verſpricht mir goldene Berge, die man mir aber nur aus Papier vör die Naſe ſetzt, und zwar aus demſelben Papier, das ich erſt habe herunterbringen und entwerthen helfen müſſen. Dieſer Clavière behandelt es noch dazu wie eine recht diabo⸗ — 189— liſche Fineſſe, daß man gerade an den Dingen reich werden ſoll, die man erſt hat rniniren helfen. Es ſind dies die ägyptiſchen Geheimniſſe der Baiſſe, welche der Teufel holen möge! Ich, dem alle Agivmacherei in der innerſten Seele ein Gräuel iſt, der ich die in⸗ famſte Herabwürdigung des Menſchen und der Geſell⸗ ſchaft darin erkenne, ich muß gerade zum Narren der Baiſſe geſtempelt werden und unter dieſen Baiſſiers fechten in Reih und Glied mit Leuten, denen ich ſonſt kaum die Ehre meines Fußtritts zugedacht haben würde. Und warum bin ich in dieſe erbärmliche Si⸗ tuation hineingerathen? Weil ich doch irgend Etwas auf der Welt zu thun haben wollte, weil ich es vor mir ſelbſt nicht länger mitanſehen konnte, daß ich mit meinen Kräften, mit meinen das ganze Leben in ſich durchwühlenden Pulſen, ſo rein im Sande, im Nichts⸗ thun, in ſchmachvoller Wirkungsloſigkeit, mich abzap⸗ peln und verſchmachten laſſen muß. Es iſt mir aber doch Recht geſchehn, daß ich in meiner Rolle als Baiſſier mich nun erſt vollſtändig vor mir ſelbſt lächerlich gemacht habe. Und heut, mein Kind, können wir uns Disconto⸗Scheine und Bankbillets von Saint⸗ Charles zu Mittag kochen laſſen, denn ich weiß in der That nicht, womit wir hent unſer Diner bezahlen wollen? Darüber kannſt Du Dich noch bernhigen, mein Freund, verſetzte Henriette, indem ſie, ihn ſchmerzlich betrachtend, eine heimliche Thräne in ihren ſchönen Augen verwiſchte. Du weißt, ich bin eine gute Wirthin, und ich habe von dem letzten Gelde, das Du mir gabſt, noch einen ganzen Louisd'or geſpart. Ich wollte Dir einmal eine kleine Ueberraſchung damit bereiten, aber jetzt iſt es gut, daß mein lieber Louisd'or aus ſeinem Verſteck hervormarſchiren und vor ſeinem Herrn ünd — Gebieter, dem Grafen Mirabeau, in's Gewehr treten kann. Da iſt der letzte Ritter. Sie eilte bei dieſen Worten zu ihrem Nähtiſch und holte aus der Schublade deſſelben das Goldſtück bervor. Ein verborgener Freund, dem wir aber doch ſo⸗ gleich den Hals brechen müſſen! ſagte Mirabeau, in⸗ dem er mit einer tragikomiſchen Gebärde den Louisd'or raſch in ſeine Taſche ſchlüpfen ließ. Am Ende iſt heut noch ein Glückstag, denn wenn man etwas Unver⸗ hofftes findet, pflegt ſich auch gewöhnlich noch etwas anderes Angenehmes hinzuzugeſellen. Du ſiehſt, die Miſore hat mich ſchon ganz kleinlich und abergläubiſch gemacht. Und Claviére wollte heut Morgen zu mir kommen, um mir eine letzte Aeußerung des Herrn von Calonne über ſeine Abſichten mit mir zu hinterbringen. Ich erwarte ihn ſtündlich mit einer ſteigenden Unge⸗ duld. Ich habe dem Miniſter ſagen laſſen, daß er ſich beſtimmt und mit einem einzigen Wort über mich er⸗ klären möge, denn wenn er nichts für mich thun will, ſo bin ich es müde, mich für ihn und ſeine finanziellen Intriguen länger zu compromittiren. Nicht nur, daß ich dabei kein Geld habe, ſondern ich hetze mir auch durch meine Brochüren alle Welt auf den Hals, ge⸗ winne mir tauſend Feinde im Publikum, und auf der andern Seite keinen einzigen Freund im Miniſterium, der mir etwas hilft. Die Polemik gegen mich mehrt ſich hier in Paris ſchon wie Sand am Meer, in Zei⸗ tungen und Streitſchriften ſchleppt man meinen Namen und meine Perſon auf die allerunglimpflichſte Weiſe umher, und Pas mir das Unangenehmſte iſt, man reißt alle alten Schäden meines Lebens bei dieſer Ge⸗ legenheit wieder auf, und züchtigt mich mit meiner Vergangenheit, aus der man mir ſogar noch die Entfüh⸗ rung der Sophie von Monnier von Neuem zum Vor⸗ wurf macht. So habe ich mir jetzt wieder an dieſem — 191— Beaumarchais, dem Verfaſſer der Hochzeit des Figaro, einen wüthenden Gegner auf meine Ferſen gezogen. Du weißt, ich habe in der vorigen Woche wieder eine kleine Schrift ausgehen laſſen, welche ich gegen die neue Bewäſſerungs⸗Compagnie von Paris gerichtet habe. Es ſchien mir, als ob Herr von Calonne wünſchte, daß dem furchtbaren Zudrang des Publi⸗ kums zu den Actien dieſer Geſellſchaft ein Einhalt ge⸗ ſchehen möchte, weil die Capitalien dadurch ſchon ſehr empfindlich von dem Kauf der königlichen Effekten ab⸗ zulenken begannen. Der Preis dieſer Aktien war ſchon von 1200 Fres. auf 1500 Fres. und höher geſtiegen. Da legte ich mit gewaltigen Stößen meine Lanze ein, und ſuchte zu beweiſen, daß das Spiel mit dieſen Actien, durch welche die Waſſerleitungsgeſellſchaft ihr Unternehmungs⸗Capital zuſammenbringen will, eigent⸗ lich unter die verbotenen Börſenſpiele zu rechnen ſei, indem es durch den Miniſterialbeſchluß getroffen werde, welcher neulich die Geſchäfte in Zeitkäufen und den Handel mit blos projektirten Werthen unterſagte.*) Jetzt kommt dieſer Beaumarchais, dieſer mit allen Hunden gehetzte und mit allen Rennern kutſchirende Speculant, der zu dem Verwaltungsrath dieſer Be⸗ wäſſerungsgeſellſchaft gehört, und richtet eine ſo bos⸗ hafte und nichtswürdig ironiſche Entgegnungsſchrift wider mich, daß ich nicht weiß, ob ich ihm nicht dafür mit meinem Degen an den Kragen gehen ſoll. Und der Herr von Calonne? Seitdem ich für ihn, und für Niemand anders, dieſe Lanze gebrochen, läßt er mich gar nicht mehr vor ſich. Ich habe ihn nun ſchon ſeit acht Tagen nicht mehr ſprechen können, bis ich ihm endlich *)„Sur les Actions de la Compagnie des Paux de Paris.“ (Londres 1785. 36 Seiten.). — durch Clavière eine entſcheidende Erklärung abver⸗ langen ließ. Wie? fragte Henriette mit den lebhafteſten Zeichen des Erſtaunens, indem ſie dicht vor ihn hintrat, und ihm ängſtlich forſchend in die Augen ſah. Du haſt den Miniſter ſchon ſeit acht Tagen nicht geſprochen? Und doch gingſt Du noch zu Anfaug dieſer Woche mehrmals in das Finanzminiſterium, und erzählteſt mir nachher, daß Du lange Geſpräche in dem Hötel gehabt? Sollteſt Du noch Jemand anders dort ge⸗ ſprochen haben? Giebt es auch ſchöne Damen in dem Finanzminiſterium? Ich habe mich danach längſt er⸗ kundigt, und man hat mir geſagt, daß Frau von Ca⸗ lonne ſehr ſchön und ſehr liebenswürdig ſei. Du biſt wortbrüchig, mein Kind, entgegnete Mira⸗ beau, indem er ihr drohend den Mund zuhielt, und dann ihre Augen mit ſeinen Küſſen bedeckte. Du haſt mir erſt neulich mit allen heiligen Eiden der Welt geloben müſſen, nicht mehr eiferſüchtig zu ſein, und nun haſt Du doch wieder einen ſo entſetzlichen Rück⸗ fall. Wenn ich Dir ſagte, daß ich im Finanzminiſte⸗ rium geweſen, ſo kannſt Du Dich ſicher darauf ver⸗ laſſen, daß ich nirgend anders war, und wenn ich Unterhaltungen im Finanzminiſterium hatte, ſo waren ſie gewiß ſehr intereſſant und wichtig, wenn ſie auch nur mit einer Herrn von Calonne zunächſtſtehenden Perſon geführt wurden.— Henriette ſtellte ſich, ohne ein Wort zu erwiedern, an das Fenſter, und blickte nachdenklich und zweifel⸗ haft durch die Scheiben auf die Straße hinaus. Dann rief ſie plötzlich, als man unten einen Wagen vorfah⸗ ren hörte: Da ſteigt Herr Clavire heraus. Er kommt, um Dich zu beſuchen. Mir aber, mein Freund, er⸗ laubſt Du, mich unterdeſſen zu entfernen. Du weißt, ich verdiene es nicht, Herrn Claviére zu ſehn, denn — 193— ich bin nicht erkenntlich genug für ſeine Vorzüge. Auch habe ich noch einiges Nothwendige zu beſorgen, und werde ausgehn. Sie nahm ihren Hut, und nachdem Mirabeau ſie herzlich und wiederholt zum Abſchied geküßt hatte, entfernte ſie ſich ſo eilig als möglich durch eine andere Thür, um nicht mit dem jetzt raſch eintretenden Cla⸗ vière in Berührung zu gerathen. Endlich! Endlich! rief Mirabau ſeinem Freunde mit dringlichem Ungeſtüm zu. So lange haſt Du mich warten laſſen, Clavidre, und weißt doch, daß ich der ungeduldigſte Menſch unter der Sonne bin, und daß alle meine Fibern nach einer Entſcheidung zuſam⸗ menzucken! Eben darum zögerte ich, zu kommen! erwiederte Clavière mit ſichtlicher Verſtimmung, indem er ſich mißmüthig auf einen Seſſel niederwarf, und ſich einem grollenden Schweigen zu überlaſſen ſchien. Du ſiehſt nicht aus, wie ein Inhaber guter Nach⸗ richten, rief Mirabeau, indem ſich eine dunkle Wolke des Zorns und Aergers auf ſeiner Stirn abzuſchatten begann. Der Miniſter will alſo nichts für mich thun? Nun, ſo mag er meine Feindſchaft fürchten! Der Miniſter bietet Dir durch mich eine geheime Miſſion nach Berlin an, entgegnete Clavière, aber in ſeinem Miniſterium kann er Dich nicht anſtellen, und er will auch für Deine Verwendung auf hieſigem Platze nichts, durchaus nichts thun. Darin iſt er feſt — unbeugſam, denn er will Dich von Paris fort⸗ aben. Mirabeau ſtand einen Augenblick mit verſchränkten Armen in der Mitte des Zimmers ſtill, und ſchien über dieſe Aeußerungen ſeines Freundes nachzudenken. Dann ſagte er auffahrend: Erzähle mir noch etwas mehr, wie es ſteht, Clavière! Mirabeau. II. 13 — 194— Es ſteht ſchlecht, ſpottſchlecht, entgegnete dieſer, und Du biſt ſelbſt einzig und allein Schuld daran! Hat dem Miniſter meine Brochüre gegen die Actien der Waſſerleitungs⸗Geſellſchaft nicht gefallen? fragte Mirabeau nachſinnend. 6 Auch dieſe hat ihm nicht recht gefallen, erwiederte Claviere. Und mir auch nicht, Freund. Wir haben zwar die Druckkoſten dafür bezahlt, aber Herr von Calonne erachtet dieſelben für weggeworfen. Du biſt zu ſtark und heftig in's Geſchirr gegangen, und haſt den Gegnern dadurch bedeutende Blößen gegeben. Herr von Calonne wollte vor dem neuen Actienſchwin⸗ del gewarnt ſehen, aber es paßt ihm jetzt nicht mehr, daß die Unternehmer ſelbſt, namentlich die Herren Brüder Perrier, geradezu als Agioſchwindler und be⸗ trügeriſche Procentmacher in ihrer eigenen Perſon an⸗ gegriffen worden. Herr Conſtantin Perrier hat ſich ſelbſt an den Miniſter gewandt, und ihm, wie es ſcheint, eine andere Ueberzeugung beizubringen gewußt, denn das Finanzminiſterium ſoll jetzt plötzlich hundert Aetien der Geſellſchaft zur Beförderung ihres Unter⸗ nehmens ankaufen. Man hebt im Finanzminiſterium auf Einmal die nationale und patriotiſche Seite des Unternehmens hervor, und Calonne ſchwärmt für die Dampfpumpe, die bei dieſer Waſſerleitung zum erſten Mal praktiſch angewandt werden ſoll, und für welche die Herren Perrier bedentende und finnreiche Verbeſſe⸗ rungen angegeben haben.*) Es hole der Teufel Euer ganzes Finanzminiſterium! rief Mirabeau wüthend. Glaubt dieſer Calonne, daß ihm die Dampfpumpe ſogleich das Gold des Paktolus in die neuen Canäle von Paris hineintreiben wird, ſo hätte er es mir früher ſagen ſollen, und ich würde ) Peuchet II. 388. — 195— mit ihm für die Dampfpumpe geſchwärmt haben. Und weshalb will er mich nach Preußen, nach Berlin ſchicken? Iſt es möglich, daß ein Menſch eine geheime Miſſion nach einem Ort, wie Berlin, haben kann? Der König iſt ſeit einiger Zeit aufmerkſam auf Preußen geworden, entgegnete Claviere trocken. Man ſieht dort einem baldigen Thronwechſel entgegen, denn ein großer Monarch, der dieſem bisher ſo obſenren und kläglichen Staat eine glänzende und mächtige Stellung gegeben, der König Friedrich II., wird nicht mehr lange unter den Lebenden ſein. Man will wiſſen, weſſen man ſich wohl von ſeinem Nachfolger zu ver⸗ ſehen haben möchte, und man will die ganzen Zu⸗ ſtände dieſes ſo wunderbar emporgeſtiegenen Landes näher kennen lernen. Das franzöſiſche Gouvernement will ſeine Lage in Europa neu veranſchlagen. Nun hat Herr von Calonne Dich vorgeſchlagen, damit Dn hingehen und anthentiſche Berichte über Preußen, ſeinen Hof und ſeine Landes⸗ und Volksverhältniſſe einſenden ſollſt. Man wirft Dir einſtweilen für Einen Monat zweitauſend Franes aus, und das Uebrige ſoll ſich weiter finden. Nach Berlin zu reiſen, wäre mir gerade nicht un⸗ angenehm, erwiederte Mirabeau nach einigem Nach⸗ ſinnen. Der Aufenthalt in Paris ekelt mich an, und ich möchte gern wieder neue Menſchen, ein anderes Volk ſehn! Eine friſche Luftfächelung für meine heiße Stirn, und käme ſie ſelbſt aus der Mark Branden⸗ burg, würde mir wohlthun. Aber ehe ich mich weiter äußere, erkläre mir erſt das Räthſel, warum mich Calonne durchaus von Paris forthaben will? Daß Graf Mirabeau einſt auch noch im Genre des Naiven arbeiten würde, hätte ich nie von dem Heros der Zukunft gedacht, entgegnete Claviöre mit ſichtlichem Unmuth. Du treibſt aber die Naivetät zu 13* — weit, wenn Du noch immer Dein Verhältniß zu Frau von Calonne ganz außer Anſchlag laſſen willſt. Ich habe Dich oft genug gewarnt, und Dir geſagt, daß Calonne eiferſüchtig iſt und außerdem die Eigenſchaft hat, mit ſeinem beiſpielloſen Spürſinn Alles zu merken. Ich bin ſchon ſeit mehreren Tagen nicht mehr bei Frau von Calonne geweſen, erwiederte Mirabeau aus⸗ weichend. Weil ſie Dich nicht mehr angenommen hat, lieber Freund! rief Clavière mit ſpöttiſcher Heftigkeit. Ah, entgegnete Mirabeau, Herr Etienne Claviere ſcheint mir nicht nur im Bureau des Herrn Finanz⸗ miniſters, ſondern auch im Bondoir ſeiner Gemahlin ganz intim unterrichtet. Ich habe Deinen Leichtſinn in dieſem ganzen Han⸗ del nicht begreifen können, verſetzte Claviere. Bei einem Feſtbankett trägſt Du ganz offen an Deinem Finger einen Ring, welchen Du einige Augenblicke zu⸗ vor von einer Dame empfangen, deren Mann Dir gerade gegenüber ſitzt, und dem Du damit vor den Augen herumfigurirſt, ſo daß er. beinahe die ihm be⸗ kannte Chiffre in dem Stein des Ringes erkennen kann. Calonne hat ſich durch das Manveuvre, welches wir nachher mit dem Umtauſch der Ringe machten, nicht täuſchen laſſen. Sein Argwohn blieb aufgeregt, obwohl er ſeiner Gewohnheit gemäß ſich nichts merken ließ. Doch vermuthe ich, daß neulich heftige Scenen zwiſchen ihm und Frau von Calonne ſtattgefunden haben, denn ſie konnte den Ring nicht aufweiſen, den er von ihr zu ſehen begehrte, und den ſie einſt von ihm zum Geſchenk empfangen. Frau von Calonne fühlt ſich durch Dich auf's Aeußerſte compromittirt, und das iſt viel gefährlicher für Dich, als der Zorn des Miniſters Calonne, der, aus ſtaatsmänniſcher Klug⸗ heit jedes Aufſehen vermeidend, blos wünſcht Dich von — 197— hier fortzuſchaffen. Wir verlieren dadurch freilich Dein Talent, das wir höchſt wichtig hätten gebrauchen kön⸗ nen. Aber die Frau wird ſich an Dir rächen, ſie iſt eine geborne Italienerin, und Du wirſt Dich in der That vor ihr in Acht zu nehmen haben. Nun gut, entgegnete Mirabean ruhig, was man an⸗ gerichtet hat, muß man auch über ſich ergehen laſſen! Topp, ich nehme Deine Vorſchläge an, Claviére. Bringe nur Alles für mich in Ordnung, und ich werde Dir dankbar ſein. Ich gehe nach Berlin. Morgen, wenn Du willſt, werde ich mit meiner ganzen Sipp⸗ ſchaft reiſefertig ſein. Ja, morgen, verſetzte Claviere, denn wenn Du annimmſt, verlangt der Miniſter Deine ſofortige Ab⸗ reiſe. Ich beſorge Dir Alles, was für Dich nöthig iſt, noch heut. Lebe wohl, Mirabeau. Ich beklage, daß Du uns auf dieſe Weiſe verloren gehſt. Ja, ich bin ſo ärgerlich deshalb auf Dich, daß ich Dich auf Piſtolen fordern könnte. Wir treffen uns auf andere Weiſe im Herzen, als mit Pulver und Blei, entgegnete Mirabeau mit einem Anflug von Wehmuth. Wir haben zuſammen etwas Großes gewollt, und wahrhaftig, es iſt noch nicht aller Tage Abend. Meine Thorheit hat uns ausein⸗ ander geweht, aber der Sturm wird kommen, der uns wieder zuſammenweht. Dann preſſen wir uns dicht an einander, Clavière, und ſtehen Mann an Mann! Es wird nicht mehr lange ausbleiben, ſagte Cla⸗ viere, indem er mit größerer Herzlichkeit, als ihm ſonſt eigen zu ſein pflegte, Mirabeau in ſeine Arme ſchloß. Wir werden unterdeſſen tüchtig vorarbeiten, und wenn Du wiederkehrſt, ſtehſt Du doch als der Pe und Meiſter aller Bewegung an der Spitze! chon der nene Finanzplan, den ich für Calonne jetzt — fertig ausgearbeitet habe, wird Dir als politiſcher Bohrer, hoffe ich, Frende machen. Worauf laufen jetzt zunächſt die politiſchen Poin⸗ ten bei Euch hinaus? fragte Mirabean, ihn bedentſam anblickend. Es kommt ſo, daß wir dem König jetzt zuerſt eine Denkſchrift überreichen werden, durch welche der neue Finanzplan Calonne's vorbereitet werden ſoll, verſetzte Clavieère mit Feuereifer. Dieſe Denkſchrift ſoll nichts Geringeres als eine gänzliche Umgeſtaltung der fran⸗ zöſiſchen Monarchie fordern, und ich kann mir das erſtaunte Geſicht des guten Louis XVI. denken, wenn der bisherige leichtſinnige Verſchwender Calonne plötz⸗ lich die ſttenge Sprache Turgot's, Vauban's, und Necker's vor ihm reden wird. Ganz Frankreich, bis⸗ her in provinziellen und ſtändiſchen Gerechtſamen ge⸗ trennt und zerſplittert, ſoll in eine alle Unterſchiede in ſich aufhebende Einheit umgeſchaffen werden. Ganz Frankreich ſoll eine Nationalvertretung, wenn auch nur zunächſt mit berathender Stimme erhalten. Die Grundſteuer ſoll nicht blos von den Bürgerlichen ge⸗ tragen ſein, ſondern ſie ſoll ohne Ausnahme auf ſämmtliche Grundſtücke der Königs, der Adeligen und der Prieſter ausgedehnt werden. Die Steuern ſollen im ganzen Lande ermäßigt und der Preis des Salzes herabgeſetzt werden. Die Frohnden werden für ewige Zeiten in Frankreich abgeſchafft. Alle Steuerſchranken im Innern des Landes fallen. Es giebt dann nur noch Gerechtigkeit und Einheit in Frankreich, und alle Privilegien, alle Unterſchiede, alle Scheidewände ſtürzen. Wirſt Du damit zufrieden ſein, Mirabeau? Ich nehme vor Dir und Calonne den Hut ab, ſage dies auch dem Miniſter! rief Mirabeau mit einer ſtolzen Feierlichkeit. Zwar tretet Ihr noch ſehr ſanft auf, und umwickelt uns die Tatze mit feingeſponnener — 199— Baumwolle. Denn die Nationalvertretung mit einer blos berathenden Stimme iſt nichts als eine ſolche Baumwolle. Aber nicht wahr, Ihr werdet weiter gehn, und dann doch auch der Tatze ihr Recht wider⸗ fahren laſſen? Denn Unheil muß es erſt geben, Cla⸗ viere, ſonſt giebt es kein Heil. Auch das Unheil wird in den Zug kommen! er⸗ wiederte Clavidre. Aber wir wollen uns zum Ab⸗ ſchied nicht weich machen. Auch komme ich wohl noch ſelbſt, um Dir eine nähere Anweiſung zu bringen. Lebe wohl. Die beiden Freunde umarmten ſich nochmals, worauf ſich Clavière nun raſch entfernte. Wir reiſen morgen nach Berlin! rief Mirabeau der zurückkehrenden Frau von Nehra ſchon in der Thür entgegen. Seine Stimme hatte lange nicht ſo friſch und heiter geklungen, und von ſeiner Stirn waren die Falten des Unmuths und der Verſtimmung, die Henriette noch vor Kurzem vergeblich zu beſchwören geſucht, ganz und gar verſchwunden.. Nach Berlin? fragte Henriette, verwundert in der Thür ſtehen bleibend, indem ſie mit einem glücklichen Lächeln die ihrem Freunde widerfahrene Umwandelung betrachtete. Nach Berlin! wiederholte Mirabeau triumphirend. Setze nur Alles in Bereitſchaft. Meine ganze Horde, wie ich Ench immer nenne, kommt wieder mit. Gräfin Yet⸗Lie, der kleine Coco und Miß Sarah, alle wer⸗ den ſie mitgenommen.— —— II. III. IV. II. III. IW Inhalts⸗Verzeichniß. Drittes Buch. Geuf und Paris. Die Genfer Flüchtlinge in London. Die Arkaden des Palais⸗Royal. Die Diamanten der Königin 4 Der Graf Caglioſtro und S2 Das Geiſter⸗Diner Viertes Buch. Die Schwindler. Ein Morgen in Saint⸗Cloud. Das Parlament und die Königin Die Frau des Finanz⸗Miniſters Das Banket im titauſe Club Nach Berlin...„ Seite 36 51 69 81¹ 105 121 135 15⁵5 186 II. III. IV. VI. VI. II. 6 IV. „ Inhalts⸗Verzeichniß. Fünftes Buch. Mirabeau in Berlin. Von Paris nach Berlin. Die Botſchaft nach Sansſouci Der Beſuch Mirabeau's bei Friedrich e o Chineſiſches Schattenſpiel. Der Tod Friedrichs des Großen Preußen und Mirabeau. Eine Audienz bei Herrn von giſchoffswerdet Sechſtes Buch. 1789. Mirabeau's Tuchladen. Brot und Fleiſch.. Der Abgeordnete des priten Standes Die Prozeſſion der drei Stände 205 Seite 15 30 50 79 96 109 132 150 188 —— fffffſ 9 1 12 1 7 8 10 1 3 14 15 16