7 — 5 0„ Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von ²* Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und ef ebedingungen. 1 6flensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird*1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme F eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ——— ** Graf Mirabenu. Graf Wirabeau. 00 n⸗ Von Theodor Mundt. Erſter Theil. 1£ Zweite, verbeſſerte Auflage. ———— Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Erſtes Buch. Nie Frennde in Antenil.. . Das Lundhaus der Madame Helvttius. Am Eingang des Gehölzes von Boulogne, kaum eine Meile von Paris, liegt das anmuthige Auteuil, mit dem berühmten Landhauſe, welches einſt der Dich⸗ ter Boileau beſeſſen, und in dem auch unter ſeinen ſpäteren Eigenthümern, zu denen namentlich der Arzt Gendron gehörte, ſtets die bedeutendſten und glänzend⸗ ſten Geiſter Frankreichs gelebt hatten. Jetzt bewohnte es, bereits ſeit dreizehn Jahren, eine der liebenswürdigſten Frauen Frankreichs, Ma⸗ dame Helvétius, die nach dem Tode ihres Gatten, des berühmten Philoſophen und Freidenkers, dieſen Landſitz gekauft und dort mit einem Zauber, der gleich anziehend und bedeutend war, einen geſellſchaftlichen Vereinigungspunkt für ihre Freunde, ſowie für Alles, was es damals in einer gewiſſen Richtung Bedeutendes und Hervorragendes in Paris gab, begründet hatte. Es war in dieſer äußerlich wenig glänzenden und durchaus ländlich gehaltenen Villa, unter dem leichten und anmuthigen Scepter einer Frau, die ihre Herr⸗ ſchaft nur in der Kunſt bewies, die Geiſter bei ſich heimiſch und vertraut werden zu laſſen, der intereſſan⸗ 48 teſte, lebensvollſte und in den Augen der Regierung ſogar gefährlichſte Geſellſchaftskreis entſtanden. Seit dem Salon der Madame Geoffrin in Paris, der faſt ein halbes Jahrhundert hindurch alle einhei⸗ miſchen und fremden Größen in ſich geſammelt und gepflegt hatte, war in Frankreich kein geſellſchaftlicher Zirkel von ſolcher Bedeutung, wie ihn Madame Hel⸗ détius in Auteuil um ſich ſah, gebildet worden. Es ſtand darin noch der Altar der Ideen, die Claude Adrien Helvétius in ſeinem berühmten, von Geiſtlichkeit und Parlament gleich ſtark angefochtenen und von der Hand des Henkers öffentlich verbrannten Buche„vom Geiſt“ ausgeſtreut hatte. Und ſeine Freunde, die, wie Di⸗ derot und der Baron von Holbach, zum Theil Mitarbei⸗ ter an dieſem Werke geweſen, waren auch dieſem Hauſe, in dem ſeine Witwe als treue und liebevolle Pflege⸗ rin ſeines Andenkens und ſeines Wirkens waltete, treu geblieben. Dazu hatten ſich jüngere Kräfte geſellt, wie der Marquis Condorcet, der liebenswürdige, geiſt⸗ und witzſprühende Chamfort, ferner der Arzt und Philoſoph Cabanis, der ſeit einiger Zeit in Autenil ſelbſt ſeinen Wohnſitz genommen, und ſeit Kurzem auch der Graf Gabriel Riquetti von Mirabeau, eine neue, durch Chamfort in dieſem Kreiſe eingeführte Perſön⸗ lichkeit, auf welche die freidenkenden Bewegungsmänner im Landhauſe von Autenilgroße Hoffnungen ſetzenwollten. Dieſer ländliche Salon, in dem oft himmelſtür⸗ mende und in Verſailles bereits ſehr beargwöhnte Dinge verhandelt wurden, empfing durch die Perſön⸗ lichkeit der Madame Helvétius gewiſſermaßen eine Weihe der Unſchuld. Heiterkeit, Grazie und Geiſt vereinigten ſich in ihr mit einer kindlichen Herzens⸗ güte, die ſich bei jeder Gelegenheit geltend machte, und'einen mildernden, verſöhnenden Einfluß auf Alles, was in ihrer Umgebung geſchah, ausübte. Die außer⸗ —ℳ ordentliche Schönheit ihrer Jugend war auch den vor⸗ gerückten Jahren noch nicht gewichen. Die großen, ſeelenvollen Augen hatten für Jeden, auf dem ſie lä⸗ chelnd ruhten, etwas Hinreißendes, und wenn Eliſe Helvétius, in der anregenden und leitenden Theilnahme an den Geſprächen ihres Salons, als der ſinnige Ge⸗ nius erſchien, der es Allen offenbarte und beſtätigte, daß bald etwas Neues und Großes geſchehen müſſe, um die franzöſiſche Nation zu retten und aus verkom⸗ menen und entarteten Zuſtänden zu befreien: ſo war ſie bald darauf auch wieder der ſchalkhafte und neckende Geiſt ihres Kreiſes, und ihre beflügelten Scherze und Einfälle bannten ſofort wieder die zu große Schwere und jeden allzu bittern Stachel der Unterhaltung. Madame Helvétius war eine große und erhabene Geſtalt, die in ihrer äußern Bildung wie in allen ihren Manieren ihre vornehme ariſtokratiſche Geburt keineswegs vergeſſen ließ. Aber das Weſen der Ariſto⸗ kratin, welches noch jeden Augenblick daran erinnerte, daß ſie die Tochter des Grafen von Ligneville geweſen, hatte ſich zugleich auf eine eigenthümliche Weiſe mit einer idylliſchen Natürlichkeit, die ihr eigen war und die zugleich mit ihrer Vorneigung für das Landleben und für ländliche Beſchäftigungen zuſammenhing, ver⸗ ſchmolzen. Madame Helvétius hatte auf ihrem Landhauſe in Auteuil dem philoſophiſchen Salon zugleich einen länd⸗ lichen Hintergrund an der Meierei gegeben, welche ſie dort angelegt und die von ihr mit dem größten Eifer und einer unabläſſigen Geſchäftigkeit unterhalten wurde. Beſonders war es aber ihr Hühnerhof, dem ſie die ausgeſuchteſte Sorgfalt widmete, und auf dem ſie täglich mehrere Stunden mit der Pflege ihrer Hühner, Enten und Gänſe und einer zahlloſen Menge von Vögeln aller Art hinbrachte. Unter ihren Vögeln waren es beſonders die Zeiſige, die bei ihr eine außer⸗ ordentlich einſchlagende Wartung und zugleich eine Abrichtung gefunden hatten, welche mannichfach bewun⸗ dert wurde. Koſtbare Singvögel hingen in ſchön ge⸗ ſchmückten Käfigen an den Außenwänden des Hauſes umher, und ließen oft ihre ſchmetternden Weiſen rück⸗ ſichtslos in die Unterhaltung der Freunde hineindrin⸗ gen. Auch an Katzen und Hunden war kein Mangel auf dieſem eigenthümlichen Landſitz, und neben ihren Vögeln gehörten namentlich die Katzen zu den eigent⸗ lichen Lieblingen der Madame Helvétius, welche ſich ſtets mit den außerordentlichſten Spielarten zu um⸗ geben verſtand. Die vollendete Harmonie und Eintracht, welche ungeachtet dieſer verſchiedenen Thierarten gleichwohl in dem Reich der Madame Helvétius herrſchte, war dann noch um ſo mehr zu bewundern, als ſie von ihren Verehrern zugleich einem magiſchen Zauber zu⸗ geſchrieben wurde, mit dem die liebenswürdige Frau ihre Herrſchaft über Alles, was zu ihr gehörte, ausübe. Madame Helvétius hatte ſich heut der Lieblings⸗ beſchäftigung mit ihren Thieren, denen ſie ſonſt einen Theil ihres Morgens widmete, raſcher als gewöhnlich entzogen. Denn es waren mancherlei Vorbereitungen zu dem Empfang von Gäſten zu treffen, die heut auf dem Landhauſe in Auteuil zum Diner erwartet wur⸗ den. Und es waren zwei beſonders feſtliche Veran⸗ laſſungen, welche Madame Helvétius heut zu dieſer Einladung bewogen hatten. Einmal war es der berühmte Doctor Benjamin Franklin, der heut bei ſeiner alten Freundin, mit der er ſeit langer Zeit in der innigſten Verbindung ſtand, das Diner einnehmen wollte, worauf der ganze Kreis ſich um ſo mehr gefreut hatte, da die geräuſchvollen Huldigungen und Aufmerkſamkeiten, mit denen Frauk⸗ lin ſeit ſeinem erneuerten Aufenthalt in Paris über⸗ häuft wurde, es zu einer Seltenheit gemacht hatten, ſeiner auch einmal im vertrauten Freundeszirkel hab⸗ haft zu werden. Der große Freiheits⸗ und Unabhän⸗ gigkeits⸗Vertrag, welcher die Selbſtſtändigkeit der Ver⸗ einigten Staaten von Nordamerika begründete, und zu dem Franklin im vergangenen Jahre 1783 als bevoll⸗ mächtigter Miniſter ſeines Vaterlandes, zugleich mit den Vertretern Englands, die Präliminarien in Paris unter⸗ zeichnet hatte, war wie ein zündender Funke in das Leben von Paris gefahren. Auf allen Seiten gaben ſich die lebhafteſten und bedeutſamſten Wirkungen da⸗ von kund, und es war zu einer Mode des Tages ge⸗ worden, den alten ehrwürdigen Franklin mit Auszeich⸗ nungen und Verehrungen zu überſchütten. Madame Helvétius hatte ſich daher ſeiner mit vieler Mühe für den heutigen Tag zu verſichern ge⸗ ſtrebt, und daß gerade dieſer Tag dazu auserſehen worden, hatte noch ſeinen beſonderen Grund, der nicht ſowohl aus der Politik, als vielmehr aus einer ſehr gemüthlichen und liebenswürdigen Koketterie bei ihr hervorging. Sie feierte heute ihren fünfundſechszigſten Na⸗ menstag, und wollte dieſe vorgerückte Zahl ihrer Jahre beſonders gegen ihren Freund Franklin, der ſeine Freundſchaft für ſie bis zu Anſprüchen auf den Beſitz ihrer Hand geſteigert hatte, zum Bewußtſein bringen, indem ſie ihn liſtig veranlaßte, einen Tag mitzufeiern, der ihr Alter und ihren für eine neue Heirath ſchlecht geeigneten Matronenſtand unzweifelhaft und förmlich genug erklärte. Doctor Franklin, der bereits ſelbſt in ſein acht⸗ und ſiebenzigſtes Jahr getreten war, hatte ſchon vor acht Jahren, als er ſich zum erſten Mal in Paris befand, um als Unterhändler die Anerkennung Frank⸗ reichs für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu gewinnen, um die Hand der liebenswürdigen Witwe des Helvétius geworben. Aber Eliſe hatte ihm ſchon damals mit ihrer natürlichen Treuherzigkeit verſichert, daß ſie ihn durchaus nicht mehr heirathen würde, und ſie hatte dieſe Erklärung, ob⸗ wohl ſeitdem ihre gegenſeitige Freundſchaft und Zu⸗ neigung nur gewachſen war, auch jetzt bei ſeinen er⸗ neuerten Anträgen mit derſelben Feſtigkeit wiederholt. Damals warb Franklin zugleich mit Turgot, dem ehemaligen Miniſter Ludwigs XVI., in edler Neben⸗ buhlerſchaft um dieſen koſtbaren Beſitz, und jetzt, wo der Tod ſeinen großen Mitbewerber vor einigen Jah⸗ ren von der Bahn entfernt, war er, der lebensfriſche, heitere Greis, in Paris von Neuem auf dem Kampf⸗ platz ſeiner Liebe erſchienen. Madame Helvétius, obwohl ſie es heut beſonders darauf abgeſehen hatte, mit ihrem fünfundſechszigſten Jahre mächtig ins Gewicht zu fallen, hatte jedoch hinſichtlich ihrer Toilette, mit der ſie ſich jetzt ernſtlich zu beſchäftigen anfing, einer ſehr intereſſanten Ver⸗ ſuchung nicht widerſtehen können. Sie war nämlich in demſelben Augenblick, wo ſie ihren alten Anbeter ab⸗ ſchrecken zu müſſen glaubte, auf den faſt boshaften Ein⸗ fall gerathen, ſich durch Aneignung des neuen Kopſfputzes, der durch die junge Königin Marie Antvinette ſeit Kurzem in Mode gekommen war, einen neuen Reiz beizulegen. Madame Helvétius hatte bisher noch den Moden der Regentſchaft treu gehuldigt, und da ſie in die⸗ ſen ſchön und liebreizend geweſen war, ſo hatte ſie kein Bedenken getragen, dieſelben auch in ihr ſpäteres Alter mit hinüberzunehmen. Beſonders hatte ſie mit dem Goldpuder in ihren ſchönen blonden Haaren einen unwiderſtehlichen Eindruck gemacht, und den Aus⸗ —— ſchweifungen des Reifrocks war von ihr ſelten eine mäßigere Gränze geſteckt worden, wie ſie auch den mit kleinen Diamantenſpitzen beſetzten Schönpfläſterchen keineswegs immer widerſtanden hatte. Heut legte ſie aber, wie in einem Anflug von übermüthiger Laune, einen ganz veränderten Kopfputz an, nach welchem ſie auch die übrigen Theile ihres Anzuges weſentlich anders geſtalten mußte. Es war dies die Coiffüre à la jardinière, welche Monſieur Léonard, der berühmte Coiffeur der Königin, in ſo wunderbarer und eigenthümlicher Art erfunden und aufgebaut hatte. Dies war ein ſich hoch emporthür⸗ mender Aufſatz, der aus einer künſtlich gefalteten und aufgewundenen Serviette beſtand, die mit Gemüſen aller Art, mit einer kleinen Artiſchocke, mit einem Kopf Grünkohl, einer hübſchen Moorrübe und andern kleinen Rübchen, äußerſt maleriſch umſchlungen und ausgefüllt war. Nachdem Madame Helvétius mit Hülfe ihrer Kammerfrau dieſe modiſche Neuerung ihrer Toilette vollzogen, ſtellte ſie ſich laut lachend vor den Spiegel, und prüfte die mit ihr vorgegangene Veränderung, über welche ſie auch keineswegs Urſache fand, ſich zu erzürnen. Die neue Mode ſchien ihr vielmehr ſo glücklich zu ihr zu paſſen, daß ſie noch mit eigner er⸗ finderiſcher Hand Verbeſſerungen daran vorzunehmen begann, als in dieſem Augenblick der Diener eintrat und meldete, daß bereits einige der erwarteten Gäſt im Vorzimmer eingetroffen ſeien. k Es waren Cabanis und Chamfort, welche ſich be⸗ eifert hatten, die Erſten im Salon der Freundin zu ſein, und die jetzt Beide mit beſonderer Angelegent⸗ lichkeit von ihr empfangen wurden. Wir machen das Recht der guten Nachbarſchaft geltend, unverſchämt pünktlich zu ſein! begann Cham⸗ fort, indem er ſich ihr näherte, und auf ihre weiße kleine Hand, die ſie ihm entgegenreichte, einen ehrer⸗. bietigen Kuß drückte. Ganz im Gegentheil, meine Herren, erwiderte Madame Helvétius mit ihrem bezaubernden Lächeln, ich finde gar nicht, daß Ihr wie gute Nachbarn und getreue Freunde hier in Autenil bei mir lebt. Ich bildete mir immer ein, Ihr hättet Euch beide hier in unſerm Auteuil niedergelaſſen, damit man von Euerer liebenswürdigen Geſellſchaft etwas hätte, und um täglich und ſtündlich mit Euerer alten Freundin zu⸗ ſammen zu ſein. Aber wenn ich Euch feierlich zum Diner einlade, wie heut, glaubt Ihr dafür zu unſerm freundſchaftlichen Dejeuner ausbleiben zu müſſen? Iſt das Recht? Freilich, unſer guter Doctor Cabanis da iſt zu entſchuldigen, denn ſeitdem er hier in Auteuil praktizirt, kann er ſich kanm retten vor Kranken. Aber † er ſollte doch bedenken, daß ich auch zu ſeinen Kranken gehöre, da ich ihn zu meinem Leibarzt angenommen habe. Und warum haben Sie mir heut Morgen noch gar nicht Ihre Viſite gemacht, Herr Doctor Cabanis? Sie näherte ſich dabei dem jungen Mann, der im Hintergrunde des Zimmers in einer träumeriſchen nachläſſigen Haltung ſtehen geblieben war, und zog ihn an der Hand zu einem Lehnſeſſel fort, indem ſie ihm gegenüber Platz nahm, und Chamfort auf einen Seſſel zu ihrer Seite hinwinkte. Cabanis war ein junger Mann von kaum ſieben⸗ undzwanzig Jahren, der durch ſeinen feinen und ſchlan— ken Körperban, wie durch den zarten, faſt durchſichti⸗ gen Ausdruck ſeines Geſichts, ein noch jugendlicheres Ausſehen zu haben ſchien. Doch hatte er zugleich in ſeinem ganzen Weſen den Ausdruck eines Leidens, das theils die übermäßig angeſtrengten Studien verrieth, — denen er ſich in der letzten Zeit hingegeben hatte, theils aber auch mit einem in Grübeleien ſich verlie⸗ renden Naturell zuſammenzuhängen ſchien. Einen eigenthümlichen Gegenſatz zu ihm bildete die Erſcheinung ſeines Freundes Chamfort, eines Mannes, der das zweiundvierzigſte Lebensjahr zurückgelegt hatte, und in einer ungleich derberen und kräftigeren Geſtalt ſich darſtellte. Sein Geſicht war überraſchend ſchön, in den regelmäßigen und feinen Zügen drückte ſich eben ſo viel Geiſt als Liebenswürdigkeit und zugleich als Grundcharakter eine anziehende Milde und Sanſt⸗ muth aus. Doch ſpielten dieſe Züge ebenſo leicht in eine beißende Schärfe des Ausdrucks hinüber, und zeigten die wetterlenchtende Laune und den witzigen Einfall heimiſch auf dieſem Antlitz. In ſeinem Anzuge erſchien Chamfort wie gewöhn⸗ lich etwas vernachläſſigt, und ſelbſt ſeine Wäſche ließ einigermaßen die Sauberkeit vermiſſen. Auch die Ein⸗ ladung zu dem heutigen, ausdrücklich als feſtlich an⸗ gekündigten Diner hatte an dieſer übeln Gewohnheit, die er ſelbſt ſeinem Mangel an Gefallſucht und ſeiner eingetretenen Gleichgültigkeit gegen die Geſellſchaft zu⸗ ſchreiben wollte, nichts geändert, wogegen Cabanis, der die ſorgfältigſte Toilette zu machen pflegte, ſich heut beſonders beeifert zu haben ſchien, die Einladung der Freundin durch ein elegantes Auftreten zu ehren. In der That, entgegnete Doctor Cabanis mit ſeinem feinen, etwas ſchwermüthigen Lächeln, ich war heut den ganzen Morgen durch einen Kranken in An⸗ ſpruch genommen. Ein Anfänger wie ich, der in dem kleinen Autenil ſeine Praxis beginnt, ſchlägt es ſchon hoch an, wenn eine arme Frau eine Entzündung be⸗ kommt, und er ſich dann mit ihr abmühen und zu⸗ gleich ihren hungernden Kindern, die nach Brot ſchreien, Etwas zu eſſen ſchaffen kann. ———————————— Ja, es iſt wahr, mit lauter entzündeten armen Leuten muß unſer Freund Cabanis hier ſeine Praxis beginnen, warf Chamfort in ſeiner ſarkaſtiſchen Weiſe dazwiſchen. Er iſt auch darin ein ächtes Kind ſeiner Zeit, denn die Praxis mit den entzündeten armen Leuten wird bald die Hauptbeſchäftigung in der gan⸗ zen Welt und namentlich in unſerm volkshungrigen Frankreich werden. Sagt mir lieber, Chamfort, wo Ihr heut geblieben ſeid? verſetzte Madame Helvétins, indem ſie ihn mit freundlichem Wohlgefallen betrachtete. Denn wenn Ihr keine genügende Entſchuldigung vorbringen könnt, ſo muß angenommen werden, daß Ihr einen feierlich abgeſchloſſenen Vertrag mit mir brechen wollt. Denn Ihr ſeid nach Autenil gekommen, um mein Gaſt zu ſein und Euch ganz und gar als meinen Penſionnair zu betrachten, was Ihr mir mit allen Eiden der Freundſchaft gelobtet. Nur Quartier konnte ich Euch hier in meiner engen Villa nicht geben, und das iſt gut für Euch, ſonſt würde ich Euch am Ende wie meinen Gefangenen halten, denn ich bin neidiſch auf jede Stunde, die Ihr anderswo zubringt als bei mir. Aus Chamforts Augen blitzte ein Strahl tiefer Erkenntlichkeit zu ihr hinüber, und ſeine Züge nahmen einen Augenblick lang einen weichen und innigen Aus⸗ druck an. Dann aber ſagte er plötzlich mit leichtfer⸗ tiger Stimme: Ich konnte ja heut nicht kommen, denn ich hatte mit Intereſſen des Hofes zu thun, nicht des Hofes, den ich Euch ſtets zu machen wünſchte, meine theuerſte Gebieterin, ſondern des Hofes von Verſailles, ja, ja, des glänzenden Hofes ihrer allerchriſtlichſten Majeſtäten, des Königs Louis XVI. und der Königin Marie Antvinette. Wie Freund Cabanis für die ent⸗ zündeten armen Leute gearbeitet hat, ſo habe ich den ganzen Morgen für den Hof gearbeitet, denn Etienne ₰ —5 Montgolfier war bei mir, und ich half ihm an den Vorbereitungen für ſeinen Luftballon, die neue Wun⸗ der⸗Erfindung, welche er heut auf beſonderen Befehl der Majeſtäten hier in Auteuil emporſteigen laſſen will. Der ganze Hof wird heut Nachmittag hierher kommen, um zum dritten Mal das glorreiche Schau⸗ ſpiel zu bewundern, denn er kann ſich nicht ſatt daran ſehen, daß es ein Ding geben kann, welches durch ſich ſelbſt emporzuſteigen vermag. Bei Hofe kann man nicht ſteigen, wenn man nicht mit Ahnen und mit Intriguen gefüllt iſt, und Montgolfiers Luftma⸗ ſchine beweiſt ihnen nun ganz einfach, daß man nur mit Luft gefüllt zu ſein braucht, um noch viel höher zu ſteigen, nämlich bis in die Wolken. Dieſer gute ſchauluſtige Hof von Verſailles ahnt aber nicht, daß die Montgolfiöre nur der Vorläufer eines Dinges iſt, welches einſt ganz durch ſich ſelbſt und aus ſeiner eigenen Kraft himmelhoch ſteigen und ſeine Herrſchaft über die unter ihm liegende Erde beanſpruchen wird. Ich meine das Volk. Greicht es nicht jetzt ſchon dem gefüllten Ballon, der in ſeiner eigenen Bewe⸗ gungskraft zu erzittern anfängt, und der den Flug ausſpannen wird, ſobald ihm nur das Signal dazu ertönt? In dieſe Gedanken verlor ich mich, als ich heut Morgen meinem Freunde Montgolfier behülflich war, ſeine Maſchine für die neue Luftreiſe in den Stand zu ſetzen. Man ſagt, daß auch der Herzog von Chartres heut die Gnade haben wird, mit in die Luft emporzuſteigen. Habe ich nun nicht Recht, ge⸗ liebte Freundin, wenn ich mich damit entſchuldige, daß ich heut für die Intereſſen des Hofes gearbeitet habe? Freund Montgolfier wird auch noch herkommen, um Euch ſeine Aufwartung zu machen, und Euch und Eurer ganzen Geſellſchaft Plätze für das Schauſpiel anzubieten. Iſt es möglich? rief Madame Helvétius verwun⸗ dert, indem ſie mit naivem Erſtaunen die Hände in⸗ einander ſchlug. Was erfahre ich da Alles für uner⸗ hörte Neuigkeiten in Einem Athem von Euch? Und das Alles kann in dieſem kleinen, gleich einer Laterne durchſichtigen Auteuil vorgehn, ohne daß ich auch nur das Geringſte davon weiß? Wahrhaftig, ich komme mir hier auf meiner Villa ſchon wie ein Einſiedler in einer Waldhütte vor, und ich fühle mich ganz ſchauerlich verlaſſen und abgeſchnitten! Eigentlich hatte ich beim Anblick dieſer neuen mo⸗ diſchen Coiffüre das Gegentheil zu vermuthen ge⸗ wagt, rief Chamfort, indem er mit einer galanten Handbewegung auf den Kopfputz der Madame Hel⸗ vétius hindeutete, und ſich dabei huldigend verneigte. Ich glaubte, unſere liebenswürdige Freundin habe auch bereits ihre Vorbereitungen getroffen, um unſer Auteuil heut bei dem Beſuche des Hofes feſtlich zu repräſen⸗ tiren. Denn dieſe Toilette, welche heut die ſchöne Witwe unſres großen und freigeiſtigen Helvétius trägt, iſt doch nichts mehr und nichts weniger als ein Zu⸗ geſtändniß an die Moden des Hofes. Aber ich muß mein Compliment machen, Madame, denn dieſer Auf⸗ ſatz ſteht Ihnen vortrefflich, und hilft allen Zauber Ihrer Natürlichkeit und Ihrer ewig friſchen Anmuth auf die graciöſeſte Weiſe an Ihnen ſymboliſiren. Ma⸗ dame Helvétius darf es wagen, Grünkohl und Moor⸗ rüben auf ihrem ſchönen Kopf zu tragen, denn Ma⸗ dame Helvétius iſt die Repräſentantin der reinen und edeln Natur, und ihr Mann hat„über den Geiſt“ geſchrieben. Denn Geiſt muß es doch auch immer als Gegenhalt gegen die Natur geben. Am Hofe von Verſailles giebt es aber jetzt weder Natur noch Geiſt, und die Gemüſe, mit denen man dort jetzt auf ſtol⸗ zen Häuptern kokettirt, wirken blähend und fahren ee —— — mit dieſer Eigenſchaft dem Volke bereits ganz tüchtig in den Magen! Ihr ſeid ein gar zu bösartiger Spötter, Chamfort, entgegnete Madame Helvétius mit einigem Eifer. Wie kanu man Alles gleich in die Politik hereinziehen wol⸗ len, ſelbſt die unſchuldige Toilette der Frauen? Da lobe ich mir meinen ſanften Freund Cabanis. Der hat mich noch nie meines Kopfputzes wegen ausge⸗ zankt, und findet es gewiß auch ganz recht und ange⸗ meſſen, daß eine Landfrau, wie ich es geworden bin, ſich lieber mit dem friſchen Gemüſe ihres Gartens als mit den gewaltigen Puderlocken ſchmückt? Ich bin geneigt, den neuen Kopfputz unſerer Freun⸗ din in ſeiner höchſten Bedeutung anzuerkennen! rief Cabanis, deſſen blaſſe Wangen ſich auf einen Augen⸗ blick durch ein Lächeln belebken. Ich ſehe das Sym⸗ bol einer neuen beſſeren Zeit, der Zeit der Freiheit und Gleichheit, darin, wenn die Moden in dem philo⸗ ſophiſchen Landhauſe von Autenil ſich mit den Moden von Verſailles auszugleichen anfangen. Denn ſchon, daß der Hof heut hierher nach Auteuil kommen will, beweiſt, daß ganz außerordentliche Zeichen der Zeit geſchehen. Wann wäre es wohl erhört, daß der König und die Königin in Auteuil erſchienen ſind, einem Orte, der die Weihe der Etiquette noch niemals empfangen hat, und der, ſeitdem wir Leute der Aufklärung hier hauſen, nur in dem allerübelſten Verruf bei unſern Beherrſchern da oben ſteht? Und wie zur Bekräfti⸗ gung dieſes neuen Bündniſſes zwiſchen Autenil und Verſailles hat nun auch noch die Präſidentin unſeres Zirkels die neue Coiffüre der Königin Marie Antovinette angenommen. Dies deutet ganz gewiß auf ſehr ge⸗ heimnißvolle Vorgänge hin, und wenn die ſchönen treuen Augen der Madame Helvetius nicht wären, ſo würde ich glauben, daß es auf eine Verrätherei abge⸗ Mirabeau. 2 ſehen iſt, und daß die„freie Geſellſchaft der Egoiſten,“ wie man unſern Freundeskreis hier in Anteuil be⸗ nennt,*) in die Gewalt unſerer Feinde geſpielt wer⸗ den ſoll! Madame Helvétius, auf deren natürliche Heiter⸗ keit leicht mit jedem Scherz zu wirken war, brach bei dieſen Worten in ein herzliches Gelächter aus, in wel⸗ ches die beiden Freunde fröhlich einſtimmten. Es war ſchwer, dem Lachen der Madame Helvétius zu wider⸗ ſtehen, in welchem ſich dann die ganze jugendliche Munterkeit ihres Weſens ausſchüttete, und das ſie in allem Reiz eines ausgelaſſenen jungen Mädchens er⸗ ſcheinen ließ. Das iſt ja ein außerordentlich vergnüglicher Ein⸗ fall! rief ſie, immer noch lachend. Die entſetzliche Hy⸗ pochondrie, mit der Herr Cabanis hier in Autenil anlangte, ſcheint alſo bereits unſerer geſunden Luft gewichen zu ſein, und ſich in einen ſo ſpaßhaften Charakter umgeſetzt zu haben! Aber ich muß in der That bekennen, fuhr ſie mit wiedergewonnenem Ernſt fort, daß ich von Tag zu Tag mehr und aufrichtiger eine Freundin der Köni⸗ gin Marie Antoinette geworden bin. Mich zieht der große Liebreiz der Natürlichkeit an, der aus Allem ſpricht, was man von ihr vernimmt. Sie iſt gewiß eine edle ſchöne Seele, die überall das Beſte will, und wenn ihr Einfluß den König ganz und gar be⸗ herrſcht, ſo wird ihn dies nur auf die Bahn des Heils vorwärts treiben und ihn in die Arme ſeines Volkes führen. Und iſt Marie Antvinette nicht ſelbſt die Vorkämpferin einer neuen Zeit, da ſie den Kampf ge⸗ gen den Drachen der alten Etiquette am Hofe unter⸗ nommen hat? Mit ihrer friſchen Jngend und ihrer )„la société libre des égoistes.“ natürlichen Liebenswürdigkeit hat ſie die alte tyran⸗ niſche Hofetiquette durchbrochen. Und was will dies anders ſagen, als daß ſie damit den erſten Schlag ge⸗ gen jenen Hofadel Frankreichs geführt hat, in dem das eigentliche Verderben der Geſellſchaft von jeher ge⸗ wurzelt? Selbſt daß der Hof heut nach einem Ort wie Auteuil kommt, wird in der That als ein neuer Sieg zu betrachten ſein, welchen die Königin über die alte Hofpartei davongetragen. Die Königin will dem Hof eine freiere, zwangloſere Bewegung geben, ſie will ihn allmählig losketten von den Vorurtheilen, in denen er erſtarrt war, und die ihn von jeder Berührung mit dem Volke und mit dem nationalen Leben ſtreng ab⸗ ſchieden. Auch iſt ſie wohlthätig, gut und hüffreich gegen Jedermann, allen neueren Beſtrebungen möchte ſie förderlich werden, und auch Herr Etienne Mout⸗ golfier hat die Penſion, die er vom Hofe für ſeine neue Erfindung empfangen, nur der Verwendung der Königin zu verdanken. Und ein ganz friſches Beiſpiel von der Liebens⸗ würdigkeit der Königin gegen die ſtrebenden Geiſter der Zeit bin ich! nahm Chamfort mit einem ſeltſa⸗ men Ausdruck das Wort. Meine Tragödie: Muſta⸗ pha und Zöéangir, die vor einigen Wochen auf dem Theater des Hofes in Fontainebleau geſpielt worden, hat der Königin einen ſo großen Beifall abgewonnen, daß ſie dem Verfaſſer eine Penſion von zwölfhundert Franes jährlich dafür ausgeſetzt hat. Ich habe nicht darum nachgeſucht, aber ich glaubte dieſe Gnadenbe⸗ zeugung der ſchönen Königin auch nicht ablehnen zu dürfen. Mir ſelbſt iſt die Anzeige von dieſem ganz unerwarteten Glück erſt heut früh gemacht worden, aber in Paris war es ſchon geſtern allgemein bekannt, und hat auf der andern Seite mein Unglück entſchie⸗ den. Ich habe es Euch verſchwiegen, daß mein Trauer⸗ 2* ſpiel geſtern auf dem Theätre frangais zum Erſtenmal für das größere Publikum in Scene gegangen iſt. Denn Ihr würdet mir ſonſt keine Ruhe gelaſſen haben, mit Euch nach Paris zu fahren. Und wie richtig mein Inſtinkt der Beſorgniß geweſen, wird Euch daraus hervor⸗ gehn daß mein Stück im Théätre frangais geſtern auf das PVollſtändigſte durchgefallen iſt. Am Schluß wurde ge⸗ trommelt und gepfiffen, als wenn das jüngſte Gericht über den armen Autor hereinbrechen ſollte: welche Trauer⸗ kunde ich bereits heut früh durch einen Expreſſen em⸗ pfing. Man meint, daß Muſtapha und Zéangir nicht durchgefallen ſein würde, wenn es nicht vorher am Hofe ein ſo ungewöhnliches Glück gemacht hätte. In Paris ſtrafte man den Autor und ſein Stück für die Gunſt ab, welche ihnen bei der Königin zu Theil geworden. Denn die oppoſitionnelle Stimmung namentlich gegen die letztere wird immer ſtärker und allgemeiner in Pa⸗ ris, und was Marie Antoinette ausgezeichnet hat, glaubt das Publikum ſchon deshalb verdammen zu müſſen. Da ſitze ich nun mit meiner Penſion von zwölfhundert Franes auf den Trümmern meiner einzigen Tragödie, die meine erſte und meine letzte geweſen. Und doch taugte ſie mehr als meine Komödien, beſonders die junge Indianerin und der Kaufmann von Smyrna, die ſich ihrer geringen Verdienſte ungeachtet auf dem Theater erhalten zu wollen ſcheinen. Aber in meinem Muſtapha und Zéangir wollte ich eine erhabene Pracht⸗ ſchöpfung im Stil Racine's geben, und das war eine heuchleriſche Frivolität von mir, mit der ich ganz von Rechtswegen geſcheitert bin. Denn man muß anch keine Maske tragen, die man innerlich nicht verant⸗ worten kann. Der Hof hat dieſe Maske belohnt, weil ſie ihm die behagliche Täuſchung gewährte, es ſei die Zeit der pathetiſchen Hoftragödie noch nicht vorüber, und die Dichter der Nation könnten von Neuem wieder — ſo künſtlich gelehrt zu zwitſchern anfangen, wie ſie an der abſoluten Hofhaltung Ludwigs XIV. gezwitſchert haben. Aber das Volk, das jetzt klug wie der Teufel wird, riß mir die Maske ab, warf ſie mir in's Ge⸗ ſicht, und ließ mir nur die einzige Genugthuung, mit meinen zwölfhundert Franes in der Taſche zu klap⸗ pern. Und iſt mir da nicht Recht geſchehen? In dieſem Angenblick wurde das Geſpräch unter⸗ brochen, indem draußen ein Wagen vorfuhr, und Madame Helvétius in lebhafter Erwartung an das Fenſter eilte, um zu ſehen, welche von ihren Gäſten angekommen ſeien. In der That, da ſitzt mein alter Franklin im Wagen! rief Madame Helvétius jubelnd. Und der neben ihm ſitzt, das iſt der Marquis von Condorcet, unſer ſchneebedeckter Vulkan, wie ihn unſer Freund dAlembert immer nannte. Beiden gegenüber, das iſt Graf Mirabean. Er ſpringt heraus, und hilft mit der zärtlichen Beſorglichkeit eines Sohnes dem Doctor Franklin beim Ausſteigen. Der Alte aber weiſt eigen⸗ ſinnig jede Hülfe zurück, und trotzt wahrhaftig noch auf die Jugend ſeiner ſiebenundſiebzigjährigen Beine, mit denen er wie ein ausgelaſſener amerikaniſcher Büffel die Erde von Auteuil ſtampft. Seht nur, wie kerzengrade und feſt er einherſchreitet, mein alter Benjamin! Sie eilte jetzt, ihre Ungeduld nicht länger zügelnd, auf den Hausflur, um die Angekommenen zu begrüßen, während Chamfort und Cabanis ihr beeifert folgten. Mit einem muntern Jubelruf war Franklin in's Haus getreten, indem er zugleich ſeiner Freundin an⸗ ſichtig wurde, die er zur Begrüßung auf das Herzlichſte in ſeine Arme ſchloß. Die Umarmung dauerte aber ſo lange, daß Madame Helvétius ſich mit ſcherzhaftem Unwillen von ihm losriß und ihn mit ihrer Hand etwas gewaltſam von ſich zurückwies, um auch Con⸗ dorcet und Mirabeau ihren verbindlichen und lieblichen Gruß zu ſpenden. Es ſcheint, daß ich bei meiner alten Freundin Eliſe nicht mehr ſo willkommen bin, als ſonſt, ſagte Franklin lachend, indem die Geſellſchaft in den Salon eintrat. Ich darf nicht einmal zur Feier des Wieder⸗ ſehens zwei Minuten lang an ihrem Herzen ruhn, ohne gewaltſam zurückgeſtoßen zu werden. Am Ende muß ich auch noch um Entſchuldigung bitten, daß ich in meinem amerikaniſchen Bauernkittel zum Diner ge⸗ kommen bin, aber da der Hof von Verſailles mich in dieſer Tracht, die nun einmal zu mir gehört, empfan⸗ gen hat, ſo hoffte ich auch bei Madame Helvétius in Auteuil darin willkommen zu ſein. Franklin deutete dabei mit einiger Selbſtgefälligkeit auf das Koſtüm, in dem er erſchienen war, und in welchem er überall in Paris aufzutreten pflegte. Es beſtand aus ſeinem einfachen braunen Tuchrock, der in der Pariſer Geſellſchaft bereits eine gewiſſe Berühmt⸗ heit erlangt hatte, und zu dem die glatt anliegenden ſilberweißen Haare, die keinen Puder in ſich aufge⸗ nommen hatten, nebſt dem runden, breitkrämpigen Filzhut, den eigenthümlichſten Ausdruck hinzufügten. Es war dies die Tracht eines amerikaniſchen Pflanzers, die in den Salons von Paris plötzlich ein ganz neues und fremdartiges Bild hingezeichnet hatte und nament⸗ lich am Hofe einen wunderähnlichen Contraſt zu den geſtickten und goldſchimmernden Kleidern, wie zu den gepuderten und von Salben duftenden Coiffüren der Hofleute abgab. Es war dies aber eine Neuheit, die außerordentlich viel Glück machte und namentlich einen ſeltſamen Reiz den Pariſer Damen gewährte, die über⸗ haupt bei den glänzenden Feſten, welche man dem amerikaniſchen Philoſophen und Freiheitsapoſtel gab, — mit den auffallendſten und koketteſten Bemühungen um ihn hervortraten. Madame Helvétins ſah ihn jedoch mit ihren ſchönen, ſeelenvollen Augen ſo lange an, bis ſich Franklin über⸗ zeugen mußte, daß er im Herzen ſeiner Freundin noch immer den alten feſten Platz einnahm. Sie hatte ſich beeifert, ihm ſelbſt den Hut abzunehmen, und ihm das lederne Käppchen, das er beſtändig zu tragen pflegte, unter ſchmeichleriſchen Liebkoſungen auf dem Kopf zu⸗ rechtzurücken. Dann geleitete ſie ihn zu einem präch⸗ tigen Lehnſeſſel am Kamin, der vorzugsweiſe zu ſeinem feſtlichen Empfang beſtimmt zu ſein ſchien, denn ſeine Lehne war mit friſchen Roſen und Lorbeerkränzen umhangen. Franklin war ein ſchöner Greis, von einer Regel⸗ mäßigkeit und Reinheit der Phyſiognomie, wie man ſie ſelten erblickte, und die zugleich von der wunder⸗ barſten natürlichen Friſche und Heiterkeit durchzogen war. Die Einfachheit, in der er ſich darſtellte, war von einer ſo rührenden Erhabenheit, daß ſie bei ſeinem Anblick Thränen in die Augen zu locken vermochte. Der anziehende plaſtiſche Ausdruck ſeines Kopfes wurde nur durch die großen Brillengläſer, die Franklin nie⸗ mals ablegte, einigermaßen in ſeiner Harmonie geſtört. Doch vermehrte die Brille zugleich auf eine abſonder⸗ liche Weiſe den Ausdruck der ſinnigen Nachdenklichkeit, welche den edlen Greis charakteriſirte. Kaum iſt mir irgendwo in der Welt ſo wohl, wie hier in Auteuil, bei Euch, meine theure Freundin Eliſe! nahm Franklin das Wort, indem er ſich mit Behagen umſchante. Hier iſt Frieden, Heiterkeit und Freiheit, und fürwahr, wenn ich nicht wieder nach Philadelphia müßte, wo die Staatsgeſchäfte des wiedergeborenen Vaterlandes mich verlangen, ſo möchte ich gern hier in Auteuil bleiben, und in der Idylle der Madame Helvetius angeſtellt werden, wäre es auch nur als Hühnerjunge oder als Zeiſig⸗Verwalter, um die be⸗ rühmten Vögel der Madame Helvétius zu füttern. Was meinen Sie, liebenswürdige Freundin, würden Sie mich wohl wenigſtens mit einer ſolchen Anſtellung hier bei ſich behalten wollen? Es entſtand ein allgemeines Gelächter über die Drolligkeit, mit welcher Franklin dieſe Frage an die würdige Herrin des Hauſes gerichtet, indem er dabei ihre Hand ergriff und dieſelbe mit einer zärtlichen Bewegung an ſeinen Buſen drückte. Wie bald würdet Ihr Euch hier entſetzlich gelang⸗ weilt fühlen! entgegnete Madame Helvétius erröthend. Ihr ſeid noch bei weitem zu jung für dies zurückge⸗ zogene Leben, das ich hier mit meinen Hühnern und Zeiſigen führe, und es würde Euch binnen Kurzem wieder hinauslocken auf den Schauplatz, auf dem Ihr ſo Großes vollbracht habt und noch lange nicht fertig geworden ſeid. Und meine Geſellſchaft würde Euch auch bald keine Freude mehr gewähren, denn bin ich nicht eine alte Frau geworden, die gerade heut ihren fünfundſechzigjährigen Namenstag feiert? Heut? heut? rief Franklin, indem er mit jugend⸗ licher Beweglichkeit aufſprang, und Miene machte, ſeine Freundin von Neuem zu umarmen. Dieſe wurde aber jetzt von allen Seiten mit Glückwünſchen umdrängt, welche ſie mit ihrer bezanbernden Freundlichkeit ent⸗ gegennahm. Mit beſonderer Gunſt ſchien ſie dabei auch die verbindlichen Aeußerungen des Grafen Mi⸗ rabeau anzuhören, der erſt ſeit Kurzem in dieſem Kreiſe Aufnahme gefunden, und ſich gleichwohl die feinberechnetſten Vorwürfe machte, dieſen feſtlichen Tag nicht gekannt zu haben, indem er behauptete, daß man den Namenstag einer liebenswürdigen Frau ebenſo genau inne haben müſſe, wie die Kalendertage der ——— — — Heiligen, bei denen auch die kurze Bekanntſchaft, die man vielleicht erſt mit ihnen habe, nicht entſchuldigen dürfe. Das iſt ein Franzoſe, der hat die Zunge auf dem rechten Flecke! ſagte Franklin, indem er zu Mirabeau herantrat und in der naiven Zutraulichkeit, die ſich der Amerikaner einmal überall verſtattete, demſelben mit ſeiner Hand durch den dichten Wald von Locken fuhr, die ſein Haupt in genialer Wildheit umſchatteten. Graf Mirabeau ſah ihn erſt mit einiger Betroffen⸗ heit an, faßte ſich aber dann ſogleich, und ſein leicht zu einem ſcharfen und düſtern Ausdruck geneigtes Geſicht ging in die rückſichtsvollſte Freundlichkeit für den Greis über. Eigentlich haftet auf mir die meiſte Schuld, daß ich den ſchönen Namenstag unſerer Freundin nicht ſo⸗ gleich erkannte und begrüßte, ſagte der Marquis von Condorcet, ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, aus deſſen Angen der Ausdruck der entſchiedenſten Güte ſtrahlte, während ſeine hohe, gewölbte Stirn und ſeine ſcharf markirte Adlernaſe, wie auch der leiſe zu⸗ ſammengekniffene Mund, den berühmten mhemati⸗ ſchen Denker verriethen. Ich meine, fuhr er in ſeiner gutmüthigen Selbſt⸗ anklage fort, da ich in dieſem Kreiſe der Rechenmeiſter und Mathematiker par excellence bin, und Tag und Nacht mit allen möglichen Calcüls mich beſchäftige, ſo hätte ich am allerwenigſten in dem Calcül des Herzens fehlen dürfen, und alle meine andern Berech⸗ nungen hätten an dieſem Tage, der die Formel alles Glückes für uns ausſpricht, wie von ſelbſt ſtill ſtehen müſſen. Nun, nehmt darum nicht minder freundlich die Wünſche Eures alten Freundes Condorcet auf! Es war von Euch Allen galant, daß Ihr nicht mit mir rechnen wolltet! ſagte Madame Helvétius. Welch ein Glück iſt es überhaupt für mich, daß Ihr es Alle ſo gut mit mir meint. Selbſt unſer Freund Condorcet, der in ſeiner hohen Ruhe ſonſt wie ein prachtvoller Eispalaſt mir gegenüberſteht, hat mir einen warmen Hauch aus ſeiner heimlich liebenden Seele heraufgeſchickt. Aber nun ſprechen wir von etwas Au⸗ derem. Doktor Franklin iſt mir noch einen Bericht über ſeine letzten Triumphe in Paris ſchuldig. Denn daß die Pariſer in dieſem Augenblick von der ameri⸗ kaniſchen Freiheit wie berauſcht ſind, und ſich dabei ſelbſt wie neue Menſchen zu gebärden anfangen, das haben ſie nur der hinreißenden Perſönlichkeit Benjamin Franklins zu danken! Es iſt mir allerdings wieder recht gut in dieſem wunderbaren Paris ergangen! entgegnete Franklin, indem er ſich behaglich und ſchmunzelnd in ſeinem Seſſel ausſtreckte. Die Damen von Paris gaben mir geſtern ein Feſt im Stadthauſe, welches das glänzendſte und rührendſte war, dem ich bisher beigewohnt habe. Nachdem ich mich wie ein Seliger im Paradieſe Ma⸗ homets befunden hatte, wurde endlich aus dreihundert Damen die anerkannt ſchönſte auserwählt, welche den Antheil der franzöſiſchen Frauen an der errungenen Freiheit Amerika's zu erkennen geben ſollte. Es war die Gräfin Diana von Polignac, eine der geiſtreichſten Damen des Hofes, die jetzt mit einem Lorbeerkranz auf mich zutrat, und ſich nicht nur damit begnügte, mir denſelben auf meine weißen Locken zu drücken, ſondern auch noch zwei Küſſe auf meine Wangen hin⸗ zufügte, hier auf die rechte einen und hier auf die linke einen, während die ganze Verſammlung feierlich und athemlos auf den herrlichen Klang dieſer Küſſe lanſchte. So hatte es das Feſtprogramm vorgeſchrieben, und Ihr könnt Euch denken, mit welcher Andacht ich in meiner Eigenſchaft als Abgeſandter der unabhängig — gewordenen Amerikaner unter dieſen Küſſen ſtillhielt, die mehr waren als eine bloße Depeſche, die von Paris nach Amerika zu befördern geweſen wäre.*) Und was machte der Hof für Geſichter dazu? fragte Chamfort mit dem beißenden Anflug, den alle ſeine Bemerkungen hatten. Man ſagt, daß Gräfin Diana darüber eine ſtarke Zurechtweiſung von dem König empfing. Oder vielmehr ſoll er ihr ein ge⸗ wiſſes, zum Nachtgebrauch beſtimmtes Gefäß zum Geſchenk überſandt haben, welches er für die ſchöne, enthuſiaſtiſche Gräfin auf der Porzellan Manufactur zu Sévres beſonders anfertigen ließ. Auf dem Boden dieſes intereſſanten Gefäßes aber befand ſich Euer Medaillon angebracht, und auch die berühmte latei⸗ niſche Inſchrift darunter, die einſt unſer dAlembert auf Euch gedichtet, fehlte nicht: „Er entriß dem Himmel den Blitz, den Tyrannen das Scepter.“**) Die Geſchichte ſoll ſich in der That ſo zugetragen haben, erwiderte Benjamin Franklin, aus vollem Halſe lachend, indem er ſich, wie dies in ſeiner beſtändigen Gewohnheit lag, vergnügt die Hände rieb. Dann pflegte er auch die Worte: ca ira! ca ira! hinzuzu⸗ fügen, mit denen er gern ſeine Sätze ſchloß, auch wo es nicht gerade der Sinn ſeiner Aeußerungen zu er⸗ fordern ſchien. Oa ira? wiederholte Chamfort. Wollt Ihr damit die Abſicht Seiner Majeſtät bekräftigen, die Euern Kopf in ein ſo zartes Verhältniß zur Gräfin Diana rückte, und Euch, dem berühmten Phyſiker, der die Erfindung des Blitzableiters gemacht, die Kraſt zutraute, auch Mémoires de Madame Campan I. 233. )„Pripuit coelo fulmen Sccptrumqne tyrannis.“ Vgl. Condorcet Mémoires I. 166. einem ſolchen Blitzſtrahl, bei dem jedem Andern Hö⸗ ren und Sehen vergehen würde, ſiegreich die Stirn bieten zu können? Es iſt wahrlich genug davon, lieber Chamfort! fiel Madame Helvétius jetzt heftig dazwiſchen, indem ihre liebliche, faſt mädchenhafte Stimme einen ernſtlich er⸗ zürnten Ausdruck annahm. Dieſe Richtung der Ge⸗ ſpräche haben wir doch ſonſt immer den Hofkreiſen und den Ariſtokraten, welche den Ton der Regentſchaft nicht vergeſſen können, überlaſſen. Ich wollte ja auch nur den Hof damit charakteri⸗ ſiren! verſetzte Chamfort lebhaft, indem er mit ſeinen ſchönen, ausdrucksvollen Angen die Verzeihung der Freundin anflehte. Die Geſchichte, die für unſeren allverehrten Franklin ja blos ſchmeichelhaft ſein kann, beweiſt am Ende doch nur, daß der König ſeine Op⸗ poſition gegen den amerikaniſchen Enthuſiasmus, in welchem die franzöſiſche Nation ſelbſt zum Erſtenmal freie Luft holt, nicht offen hervortreten zu laſſen wagt, ſondern in geheime Symbole, von denen eigentlich nicht geſprochen werden darf, verkleidet. Die Königin iſt auch darin weit offenherziger, und wie ſie ihre Liebenswürdigkeit und muntere Laune ſelbſt da walten läßt, wo ſie damit gegen alle Etikette verſtößt, ſo ſtellt ſie auch den Sympathicen für die Freiheit Amerikas ihren Verdruß hinlänglich gegenüber. Es wird einmal wohl nicht zu leugnen ſein, nahm Franklin jetzt mit einiger Feierlichkeit das Wort, daß wir Amerikaner Euch Franzoſen jetzt etwas auf die Beine zu bringen anfangen. Wir haben durch unſern ſiegreichen Freiheitskampf der Tyrannei aller Länder und Völker gegen den Kopf geſtoßen, und dieſer Kopf hat danach beträchtlich zu wackeln begonnen. Wir verdanken es Gott und unſerem hochherzigen Waſhing⸗ ton, daß wir aus der Sklaverei, in welche der egviſii⸗ — 29— ſche Uebermuth der Britten ein freigebornes Volk ge⸗ ſchlagen, uns erheben konnten, um wieder Menſchen und Männer zu werden. Aber dann verdankten wir es auch Euch Franzoſen, daß wir vorwärts und an's Ziel kamen, denn bei unſerer Erhebung reichtet Ihr uns Euere Freundeshand, und beweglich und elektriſch, wie Ihr ſeid, gabt Ihr der Volksmeinung in ganz Europa einen Schwung zu unſeren Gunſten, ſo daß der Muth Englands gegen uns ſchon dadurch flügel⸗ lahm wurde. Ja, Ihr waret die erſte Macht, die nach unſerer glorreichen Revolution ein Schutzbündniß und einen Handelsvertrag mit dem neuen Freiſtaat abſchloß. Und für die Fortſetzung unſeres Kampfes ſahen wir Euere beſten und edelſten Söhne unter un⸗ ſeren Mitſtreitern. Rochambean und der herrliche Heldenjüngling Lafayette, wurden ſie uns nicht durch Ench geſandt, um uns die Palme der Freiheit erobern zu helfen? Und nun iſt es an uns, dankbar gegen Euch zu ſein, Ihr lieben Franzoſen. Und womit könnten wir Euch unſere Dankbarkeit beſſer beweiſen. als dadurch, daß wir Euch jetzt mit unſerer amerika⸗ niſchen Freiheit in Leib und Seele hineinkriechen, und Euch mit der Luſt, frei zu werden und frei zu ſein, in allen Euern Gliedern prickeln? Ja, Franzmänner, es amerikanert ſchon in Euch, und bald wird es im Schooße der ganzen Menſchheit amerikanern. Gebt Acht, was Euch der alte Franklin geſagt hat, das iſt eine neue Zeit! Ca iral ca ira! Ja, ga ira! rief Graf Mirabeau, indem er ſich ſtürmiſch erhob und mit lebhafter Geberde vor Frank⸗ lin hintrat. Es wird gehen, denn es wird kommen! Amerika hat zu uns geſagt: ea ira! und dieſes Euer Lieblingswort, edler Franklin, das wir als bedeutungs⸗ vollen Ruf von Euch aufnehmen, wird einſt auch in die franzöſiſche Freiheit hereintönen und die Maſſen 5 unſeres Volkes durchrauſchen. Wir wiſſen genau, was wir Euch verdanken, aber wir wiſſen auch, was Frank⸗ reich einſt ſich ſerbſt ſchuldig ſein wird. In Amerika haben die Glocken der Freiheit ſchon geläutet, aber Frankreich, dieſen Wunderton der Ferne vernehmend, braucht ſich nur auf ſich ſelbſt zu beſinnen, um aus dem Traum ſeiner Knechtſchaft emporzufahren. Ja, es war ein langer, ſchwerer Traum, dieſe Knechtſchaft Frankreichs unter ſeinen Königen, aber die Knechtſchaft iſt die eigentliche Schule der Freiheit, und Paris iſt ohne Zweifel der Hauptſitz dieſer Schule für die moderne Welt geworden. In Amerika hat ein großes, zukunft⸗ volles Volk ſich auf ſeine eigene bürgerliche Kraft ge⸗ ſtellt, und wir ſehen ihm einſtweilen noch mit Neid und Bewunderung nach. Aber in Frankreich, in Pa⸗ ris hat die Philoſophie ſich ſchon lange zur Lehrmeiſte⸗ rin der Freiheit gemacht, und hat zuerſt die Geiſter bewaffnet, um die Feſſeln der Knechtſchaft an den Ge⸗ lenken der Menſchheit durchfeilen zu laſſen. Oh, ich erinnere mich noch des ungehenren Eindrucks, mit dem die Mähr von Euern Unabhängigkeitskämpfen, ihr glorreichen Amerikaner, zu mir in mein dunkles Ge⸗ fängniß drang! Es war mir, als wenn der ganze Schloßthurm von Vincennes, in dem ich damals ſaß, ſich bei dieſen Nachrichten über meinem Haupte ſpal⸗ tete und in einem Strom von Licht und Feuer ans⸗ einander ging. Denkt Euch einen armen gefangenen Menſchen, wie ich es ſeit Jahren geweſen, im Kerker gehalten durch die Tyrannei eines Vaters, der alle ſeine Kinder und Angehörigen wie Sklaven behandelte. Und in dieſem unſäglichen Drangſal von einem gan⸗ zen Volke zu hören, das ſeine Ketten zerbrochen hat! Ihr könnt Euch denken, welches Glück und welche Qual mich damit zu gleicher Zeit beſtürmen mußten. Ich glaubte es nun hinter meinen feuchten Kerker⸗ wänden nicht mehr aushalten zu können. Ich dachte es mir ſchön, Soldat zu ſein in dem Kampfe, in dem die neue Welt das Joch der alten abſchütteln wollte, und ich ſchrieb an den Grafen von Mahrepas, daß man mir die Erlaubniß geben möchte, nach Amerika zu ziehen und Kriegsdienſte zu nehmen. Ich verſprach, dort am liebſten ſterben zu wollen, und bat zugleich im Namen der Geſellſchaft, zwiſchen einen unnatürlich erzürnten Vater und ſeinen Sohn die verſöhnende Weite des Meeres treten zu laſſen. Aber meine Kla⸗ gen und Bitten verhallten unerhört, wie ſo viele an⸗ dere, und ich blieb einſam in meinem Kerker zurück. Da faßte ich in bangen Nächten Entſchlüſſe, die über mein ganzes Leben reichen werden, und ich nahm mir vor, einſt für Frankreich zu kämpfen, wie ich es in Amerika gewollt hatte. Ich dachte an Montesquien, an Voltaire, an Mably, an Rouſſcan, die den Fran⸗ zoſen das Licht geſchaffen haben, und ich gelobte mir, den Franzoſen die Bewegung zu ſchaffen, und damit das Werk jener großen Geißer zu ſeiner letzten Aus⸗ führung zu bringen.*) Franklin hatte ſich bei dieſen Worten von ſeinem Sitz erhoben und ſtand, auf ſeinen Stock geſtützt, den er niemals aus der Hand zu legen pflegte, in einer nachdenklich zuhörenden Stellung da. Nachdem Mi⸗ rabeau geendet, betrachtete er ihn lange mit ernſten, durchdringenden Blicken und ſchien ſein ganzes Aus⸗ ſehen in allen Einzelnheiten zu muſtern. Die gewal⸗ tige Stirn Mirabeau's glühte noch von den Gedanken, denen er ſo eben in leidenſchaftlicher Erregung Worte gegeben hatte, und in ſeinen Haaren, die ſich flatternd 0) Montigny Mémoires sur Mirabenu II. 267. Peuchet Mémoires sur Mirabeau II. 295. Cadet de Gassicourt Essai sur la Vie de Mirabenu.(Oeuyres de Mirabenn Vl. MRII.) wie eine Mähne über ſeinen Kopf legten, ſchien es wie kniſternde Funken zu ſprühen. Franklin rückte wie zum Zeichen ſeiner Achtung, die er nicht vorenthalten zu dürfen glaubte, an ſeinem ſchwarzen Käppchen, und ſagte dann mit einer herz⸗ lichen Betonung: Junger Mann, Ihr gefallt mir aus⸗ nehmend, und ich möchte Euch gern ſo recht von Her⸗ zen meine Liebeserklärung machen. Trügt mich nicht Alles, ſo werdet Ihr einſt der Mann der That für die Ideen dieſes Jahrhunderts ſein und die junge amerikaniſche Freiheit wird durch Euch in Frankreich ihre Blüthe erleben. Wir werfen uns darum nicht eitel in die Bruſt, wenn wir daß die junge amerikaniſche Freiheit der neue Moſt der Völker iſt, der jetzt in Euch Franzoſen treiben wird, um Euch den ächten Feuerwein der Zukunft gewinnen zu laſſen. Aber die Amerikaner haben ihr Blut vergoſſen für die Freiheit und Unabhängigkeit, und Blut iſt immer ein großes Beiſpiel und ein großer Segen, wodurch Herzen getränkt werden und alle Eniſchlüſſe reifen. Was ich ſelbſt dabei gethan habe, iſt gering geweſen. Habe ich doch kaum andere Verdienſte, als daß ich mir in meiner ſchlichten Herzenseinfalt die Geſellſchaft am beſten aus Liebe, Brüderlichkeit und Arbeitſamkeit und aus der darauf begründeten Harmonie des Ein⸗ zelnen mit dem Ganzen zuſammengeſetzt dachte. Wenn meine Landsleute dieſe Geſinnung in mir ſo reichlich anerkannt haben, daß ſie den armen Buchdrucker mit den wichtigſten Anfträgen und Stellen im Staate zu bekleiden anfingen, ſo habe ich dies der Glorie zu danken, in der Jeder erſcheint, der ſeine Zeit ſo recht in ihrem innerſten Grunde verſteht. Aber wenn ich ſolche Gaben ſehe, wie ſie Euch, Graf Mirabeau, klei⸗ den, und wie ſie an ſo vielen bedeutenden Männern in Lieſem Kreiſe hervorſtrahlen, ſo meine ich, daß die 5 — 3— Bewegung in Frankreich, ſobald einſt ihre Stunde ge⸗ ſchlagen hat, ein glänzendes Feſt der ganzen Menſch⸗ heit ſein wird! Hört! hört! rief Chamfort mit dem bellen, trom⸗ petenartigen Klang ſeiner Stimme. Der große Ame⸗ rikaner lockt uns, daß uns die Seele im Leibe lachen muß, und wahrhaftig, der Mann, der den Blitzableiter und den elektriſchen Drachen erfunden und das Nord⸗ licht zu erklären geſucht hat, der iſt auch der Mann dazu, um die ungeheure elektriſche Materie Frankreichs ausſtrömen zu machen. Wir haben auch hier in der letzten Zeit Verſuche mancherlei Art in Phyſik und Chemie getrieben, denn wenn man daran denkt, den Geiſt einer ganzen Nation zu erneuern, und das Reich der Freiheit in ihr aufzubauen, ſo ſchlägt man zuerſt das Buch der Natur vor ſich auf, und ſucht aus den Geſetzen derſelben zu ergründen, wie jedes Ding um ſeiner ſelbſt willen vorhanden iſt, und wie es durch ſich ſelbſt zu beſtehen, durch ſich ſelbſt zu leben, zu jubeln und zu genießen vermag. Aber als wir zuerſt von Euch hörten, Vater Franklin, daß Ihr den elek⸗ triſchen Drachen erfunden hättet, da geriethen wir hier außer uns vor Frende, und glaubten damit die wahre Maſchine der Zeit hergeſtellt zu ſehen. Wie Ihr Euern Drachen habt in die Höhe ſteigen laſſen, um die elektriſche Kraft aus den Wolken ſelbſt herabzu⸗ ziehen, ſo entdeckten wir ſeitdem, daß auch die Fran⸗ zoſen in ihrer eigenen Nationalkraft einen ſolchen elek⸗ triſchen Drachen beſitzen, den ſie bald werden ſteigen laſſen müſſen, um die Luft ihrer höheren Regionen zu unterſuchen, und ſich daraus vermittelſt dieſes Lei⸗ ters herabzulangen, was der Nation gehört. Ihr ſeht, wir laſſen Euch gern als unſern Lehrmeiſter gelten, und mein Freund Mirabeau, wenn er auch den ſtol⸗ zen Franzoſen ſpielen zu müſſen glaubt, gehört doch Mirabean J. 3 zu den Erſten, die ſolche elektriſche Drachen in Frank⸗ reich haben ſteigen laſſen, wie zum Beiſpiel ſeine göttliche Schrift über den Despotismus. Hat er mit dieſer nicht ſchon die ungeheure Elektricität des Ge⸗ witters bewieſen, das über Frankreich heraufzieht und ſich wohl bald, bald über unſerm Haupte entladen wird?— In dieſem Augenblick wurde durch den Diener Herr Etienne Montgolfier gemeldet. Die Nennung dieſes Namens brachte in der Geſellſchaft eine leb⸗ hafte Bewegung hervor, und man erinnerte ſich der Neuigkeit des Tages, welche durch die zuletzt aus Paris angekommenen Gäſte beſtätigt wurde. Inzwiſchen trat Etienne Montgolfier ein, welcher dem größeren Theil der Anweſenden ſchon perſönlich bekannt war, und von Madame Helvétius mit zuvor⸗ kommender Freundlichkeit empfangen wurde. Er war ein noch ziemlich junger Mann von einigen dreißig Jahren, der auf ſeinem intereſſanten, bleichen Geſicht die Spuren der großen Anſtrengungen und Kämpfe verrieth, die er bisher an ſein mit ſo wunderbarem Erfolg gekröntes Streben geſetzt hatte. Zugleich machte er in ſeinem ganzen ungemein einfachen Auftreten den Eindruck der liebenswürdigſten Beſcheidenheit und Schüchternheit, die ſich auch in der Anſpruchsloſigkeit ausgedrückt hatte, mit der er die Erfindung des Luft⸗ ballons größtentheils von ſich abzulehnen ſuchte, um ſie vorzugsweiſe ſeinem Bruder Joſeph, mit dem er alle Arbeiten gemeinſchaftlich gemacht, zuzuſprechen. Doch war es anerkannt, daß die Idee der neuen Er⸗ findung zuerſt von Etienne ausgegangen, dem auch die Aufgabe zugefallen war, die neue Maſchine zuerſt in Paris und Verſailles zu erläutern und ſie dort die entſcheidenden Proben ihrer Kraft beſtehen zu laſſen. Montgolfier, den jetzt alle Anweſenden mit ſicht⸗ — lichem Iutereſſe umringten, beſtätigte auf ihr Befra⸗ gen, daß er heut in Auteuil eine neue Aufſteigung ſeines Ballons vor dem geſammten Hofe zu zeigen haben werde. Er lud die ganze Geſellſchaft ein, dem Schanſpiel beizuwohnen und dazu eine Tribüne, die er für ſie vorbehalten hatte, zu benutzen, indem er hinzufügte, daß er einen um ſo größern Werth darauf lege, als er noch einige Verbeſſerungen mit dem Ballon vorgenommen, die er am liebſten von dem Urtheil ſo berühmter und ſachkundiger Männer geprüft zu ſehen wünſche. Die Zeit unſeres Diners iſt freilich noch nicht herangerückt, ſagte Madame Helvétins ungewiß und zögernd, und ich kann nichts dagegen haben, wenn Sie mir meine Gäſte, mit iupu derſelben, auf eine Stunde entführen. Vorausgeſetzt, daß Ihr Schau⸗ ſpiel nicht länger dauert, denn ſonſt würde ich ernſt⸗ lich dagegen V weil dann mein ganzes Diner in Grund und Boden verderben müßte. Und ich habe heut einige ungewöhnliche Novitäten außzutiſchen, beſonders einen amerikaniſchen Schinken, den mir Ge⸗ neral von Lafayette zum Geſchenk übermacht hat, und welchen er in einer direkten Sendung des Generals Waſhington aus ſ eigener landwirthſchaftlicher Fabrit empfing. hr könnt Euch denken, daß man einen ſolchen Schinten nun auch in ſeiner vollendet⸗ ſten und in ſeinem zarteſten Gelingen erſcheinen zu laſſen wünſcht. Auch wird unſer lie⸗ benswürdiger Freund, der Marquis von Lafayette, noch ſelbſt zu unſerm Diner eintreffen. Nicht minder erwarte ich Diderot, der, obwohl er ſeit einigen Ta⸗ gen recht betrübend kränkelt, mir doch verſprochen hat, zu kommen. Ich werde daher hier bleiben müſſen, bis auch dieſe eingetroffen ſind, damit ſie nicht mein ganzes Haus ausgeflogen finden⸗— 3* Montgolfier ſchien zwar von dieſer Auskunft be⸗ friedigt zu ſein, hatte aber ſichtlich noch einen Wunſch auf ſeinem Herzen, den er auszuſprechen zögerte. End⸗ lich trat er damit hervor, daß es ihm darum zu thun ſei, einige Vögel und Hausthiere auf ſeiner diesmali⸗ gen Luſtreiſe mitzunehmen, und er wandte ſich an Madame Helvétius mit der Bitte, ihm zu dieſem Zweck einige Bewohner ihres Hofes zu überlaſſen. Er verſprach, daß den Thieren durchaus kein Leid geſchehen würde, denn der ſchon neulich angeſtellte Verſuch mit ihnen ſei vollſtändig glücklich ausgefallen und ſolle auf den Wunſch des Herzogs von Chartres, der heut mit aufſteigen werde, wiederholt werden. Der Herzog, welcher der Entdeckung der neuen Kraft ein beſonderes Intereſſe bewieſen, habe ſich auch die Begleitung der verſchiedenartigſten Thiere ausbedungen, um die Wirkungen der Atmoſphäre auf dieſelben zu beobachten. Montgolfier fügte hinzu, daß es ihm deshalb um einige ausgezeichnet ſchöne Eremplare zu thun ſei, wie er ſie nur bei Madame Helvétins fin⸗ den könne. Madame Helvétius ſchüttelte lächelnd mit dem Kopf und ſagte dann mit einigem Eifer: Nein, mein lieber Montgolfier, von meinen Thieren, die mir ſämmtlich an's Herz gewachſen ſind, kann ich kein ein⸗ ziges dazu verabfolgen laſſen. Denn ich würde es Euch und mir nie vergeben, wenn auch das ſchlechteſte meiner Geſchöpfe ſich bei dieſer Gelegenheit das Ge nict bräche. Und von meinen Vögeln könnte ich Euch auch nicht eine lahme Meiſe hergeben, denn um dieſe Zeit iſt Alles bei mir ausgeflogen. Ich halte mein Vogelhaus auf dem Hofe den Tag über nie ver⸗ ſchloſſen, was dann fliegen will, fliegt weit über die Felder und Gärten hinaus, und mit Einbruch der Nacht kommen ſie alle regelmäßig und treu wieder hereingeflattert. Es iſt meine Familie, die zu mir gehört, ich kenne und liebe jedes einzelne darunter, und keines möchte ich zum Experiment ſür den Herzog von Chartres hergeben. Ihr ſeht auch, die ganze Volière draußen iſt leer. In dem faſt heftigen Eifer, der ſie ergriffen, ſtieß Madame Helvétius einen Fenſterflügel auf, der nach dem Hof hinausging, und man erblickte dort das große und prächtige Vogelhaus, welches in der Mitte des Hofes aufgebaut war, und deſſen Thurm und Drahtfenſter ſich ſämmtlich und nach allen Seiten hin geöffnet zeigten. Montgolfier ſchwieg erröthend und gab durch eine Verbengung zu erkennen, daß er alsdann auf dieſen Wunſch verzichten werde. Graf Mirabeau aber näherte ſich ihm, indem er ihm frenndlich auf die Schulter klopfte und mit der vornehmen Miene eines Beſchützers zu ihm ſagte: Vielleicht kann ich Ihnen einigermaßen aus der Verlegenheit helfen, Herr Montgolfier. Unſere Freundin, Madame Helvétins, hat ein zu empfind⸗ ſames Herz für ihre Thiere, auch fürchtet ſie ohne Zweifel eine ſittliche und phyſiſche Anſteckung derſelben, wenn ſie in der Geſellſchaft des Herzogs von Chartres auch nur einige Minuten zubringen ſollen. Aber ich habe einen Hund, Miß Sarah genannt, an den mich zwar auch eine ſchon lange beſtehende Neigung feſſelt, der mich aber ſeit einiger Zeit durch tauſend Unarten ärgert, die ich ihm nicht wieder abgewöhnen kann. Ich habe ihm daher ſchon lange eine außerordentliche Strafe zugedacht, und Miß Sarah kann dieſelbe jetzt am beſten in Empfang nehmen, indem ich ſie zur Ge⸗ ſellſchaft eines Prinzen des königlichen Hauſes, wie der Herzog von Chartres iſt, verurtheile. Ich bin auch begierig zu ſehn, welchen Einfluß nicht die obere Luft⸗ atmoſphäre, ſondern die vertraute Nähe eines ſo hohen privilegirten Herrn auf die Hundenatur meines Lieb⸗ lings äußern wird. Mein Hund iſt draußen auf dem Hofe, und iſt Euch mit ſeiner Perſon gedient, Herr Montgolfier, die, beilänfig geſagt, von ſehr ſeltener Schönheit iſt, ſo werde ich Euch Miß Sarah nachher zuführen, ſobald wir uns zu Euerem Schauſpiel be⸗ geben werden. Dieſe Worte ſchienen bei der Geſellſchaft einen merkwürdigen Beifall zu finden, der in leiſem Ge⸗ murmel und dann in einem allgemeinen Gelächter geäußert wurde. Montgolfier jedoch ſäumte nicht, das ihm gemachte Anerbieten dankbar anzunehmen. Ich möchte aber noch eine Fürbitte bei Madame Helvétius wagen! rief Chamfort mit launigem Aus⸗ druck. Sollte es nicht doch angemeſſen ſein, auch aus dem philoſophiſchen Landhauſe von Auteuil einen klei⸗ nen Beitrag zur Geſellſchaft des Herzogs von Char⸗ tres zu liefern? Ich würde dazu die alte ſchwarze Katze vorſchlagen, welche uns Alle durch ihr bösartig gravitätiſches Weſen ſchon oft genug geärgert, und die erſt neulich die ſchönen Hände unſerer Freundin zer⸗ kratzte. Ich weiß zwar, dieſe Katze ſtammt noch von dem großen Helvétius, Eurem Gemahl, her, der ſie liebte, und unter deſſen Schreibtiſch ſie immer ſitzen mußte, wenn er an ſeinen philoſophiſchen Werken arbeitete. Der Heros des Materialismus ſetzte dann oft, indem er ſchrieb, ſeine Füße auf den elektriſchen Rücken dieſer Katze, und ſeine gewaltige Lehre, wonach er das ganze Weſen des Menſchen nur für phyſiſche Senſibilität erklärte, wurde gewiſſermaßen auf dieſem funkenſprühenden Katzenfell ergründet. Die Katze Tamtam iſt dadurch ohne Zweifel eine welthiſtoriſche Katze geworden, und wenn ſie daraus ihr Recht her⸗ leitet, kratzig und biſſig gegen ihre alten Freunde zu ſein, ſo wollen wir ſie dafür jetzt etwas abſtrafen. Außerdem würde es doch die größte Genugthuung für uns ſein, dieſe vielbedeutſame Katze des Helvétius, in der gewiß einer der Urdämonen ſteckt, mit dem lie⸗ benswürdigen Herzog von Chartres zuſammen in die Luft zu ſchicken. Sie, die das neue Syſtem des Jahr⸗ hunderts hat entſtehen ſehn und vielleicht erſchaffen helfen, würde das intereſſanteſte vis-àvis für einen Prinzen ſein, der uns den Sündengipfel einer alten, von uns verworfenen Zeit in erſtaunlicher Größe darſtellt. Sehr raffinirt und ſehr paradox, wie immer, aber auch nicht übel, wie immer! erwiderte Madame Hel⸗ vetius. Nun, meinetwegen, Tamtam ſoll Euch mit Vergnügen zu Dienſten ſtehen, Herr Montgolfier. Ich werde Auftrag geben, Euch die ſchwarze Reiſegefährtin ſogleich herbeirufen zu laſſen. In dieſem Augenblick hörte man ein leiſes Knarren an der einen, nach Hof und Garten hinausgehenden Flügelthür des Salons. Dieſelbe war nicht eingeklinkt geweſen und öffnete ſich jett wie von ſelbſt zu einer Spalte, durch welche eine große ſchwarze Katze herein⸗ trat. Ihr Erſcheinen in dieſem Moment brachte eine unwillkürliche Ueberraſchung bei den Anweſenden her⸗ vor, von der auch Madame Helvétius ſich ſo betroffen fühlte, daß ſie die Katze ungehindert durch den Salon auf ſich zuſchreiten ließ. Die Katze ſetzte ſich wie hülfeflehend zu den Füßen ihrer Herrin nieder und ſchmiegte ſich an den Kleidern derſelben feſt, indem ſie mit pathetiſchem Schnurren ihren langen Schweif emporringelte. Fort mit Dir, alte Tamtam! rief Madame Hel⸗ vétius zürnend. Du biſt wieder ſo zudringlich, weil Du auf Deine Vergangenheit trotzen zu können glaubſt. Der Salon hatte ſich aber plötzlich noch mit einer Menge anderer Thiere gefüllt, welche durch die offen gebliebene Spalte der Thür eingedrungen waren. Darunter befanden ſich nicht nur mehrere der größeren Bewohner des Hauſes, ſelbſt eine Ziege, welche bart⸗ ſchüttelnd und mit einer fragenden Bewegung ihres Kopfes am Eingange ſtehen blieb, ſondert es flatterte auch eine ganze Schaar Vögel herein, die von ihrem Ausfluge auf die benachbarten Felder früher als ſonſt zurückgekehrt zu ſein ſchienen und in auffallender, ängſtlicher Unruhe ihre Herrin ſuchten, welche ſie dies⸗ mal nicht, wie ſonſt, körnerſtreuend und mit freund⸗ lichen Worten lockend, am Vogelhauſe empfangen hatte. Madame Helvétius ſah mit dem höchſten Ausdruck des Erſtaunens dieſem ihr unerklärlichen Treiben ihrer Lieblinge zu, die ſich ihr auf Hals und Schultern ſetzten, und, mit den kleinen Flügeln unaufhörlich an⸗ ſchlagend, ihre Schnäbel öffneten, um die Küſſe, welche ſie ſich gewöhnlich von den Lippen ihrer gütigen Ge⸗ bieterin holen durften, zu erwarten. Zwei Zeiſige hatten ſich ſogar auf den neuen Kopfputz der Madame Helvetius zu ſetzen gewagt und pickten luſtig an den Kräutern und Blättern, welche den neumodiſchen Auf⸗ ſatz zierten. Es muß etwas zu bedeuten haben, daß ihr heut ſo früh zurückkehrt! ſagte Madame Helvétius, die un⸗ verſchämten Zeiſige mit der Hand fortjagend. Ihr ſchwärmt ſonſt bis zur ſinkenden Abendſonne umher, ihr Wildfänge, ehe es euch einfällt, wieder zur Vo⸗ liere heimzufliegen und eurer alten Freundin den Abend⸗ gruß zu bringen. Und jetzt ſtört ihr mich im Salon und unter meinen Gäſten. Was in aller Welt wollt ihr denn? Hat euch etwas Ungswöhnliches draußen verſcheucht und geängſtigt? Die Antwort auf dieſe Frage wurde in demſelben Angenblick durch ein donnerähnliches Getöſe gegeben, welches ſich aus der Ferne her vernehmen ließ und bald erkennbar näher kam. Es ſind die Equipagen des Hofes, welche ſoeben in Auteuil einfahren! ſagte Chamfort, indem er lachend auls Fenſter eilte. Das Thierparadies unſerer Freun⸗ din, in dem ſie ſelbſt als Engel waltet, hat die Schlange des Hofes in ſeiner Nähe verſpürt und iſt darüber vor Eutſetzen auseinandergeſtoben. In der That, das iſt ein Höllenlärm, der ganze Hof mit ſeinem Gefolge, zehn, zwölf Wagen, und daneben und dahinter noch eine Reihe glänzender Reiter, Herren und Diener. In dem ſtillen Auteuil hat man nie den Hof geſehen und gehört, und was Wunder, daß die Thiere auf den Feldern und Wegen aufſchrecken und ängſtlich nach Hauſe eilen. Herr Montgolfier empfahl ſich jetzt, da die pünkt⸗ liche Ankunft des Hofes ihn ſchleunigſt abrief, um ſeine Vorbereitungen für die Aufſteigung ſeines Ballons zu vollenden. Er nahm noch die Verſicherung mit, daß die Thiere zur rechten Zeit an Ort und Stelle ſein würden. Die Geſellſchaft ſchickte ſich jetzt ebenfalls an, das Haus zu verlaſſen, um dem Schauſpiel beizuwohnen, nachdem die Verabredung erneuert worden, daß Ma⸗ dame Helvétius mit den ſpäter eintreffenden Freunden nachkommen werde. II. Der Jund des Klirabeau und die Katze des Hrlvttius. Auf dem großen und geräumigen Flatze, welcher in der Mitte von Auteuil lag, waren die Tribünen für Hof und Publikum, welche dem dritten Experiment Montgolfiers mit ſeinem Ballon beiwohnen wollten, aufgeſchlagen worden. Schon vor Ankunft des Hofes hatten ſich die dem größeren Publikum beſtimmten Tribünen mit Zu⸗ ſchauern aller Art, die aus Paris und der Umgegend herzugeſtrömt waren, überfüllt, und es drückte ſich in der buntgemiſchten, dichtgedrängten Menge bereits die lebhafteſte und ungeduldigſte Erwartung aus, die ſich auch mit mancherlei ſcharfen und vückſichtskoſen Aeußerun⸗ gen über den Herzog von Chartres färbte, deſſen Abſicht, heut mit dem Ballon in die Luft zu ſteigen, bereits allgemein bekannt war.*) Die Geſellſchaft aus dem Landhauſe der Madame Helvétius langte auf den ihr vorbehaltenen Plätzen an, nachdem ſich der Hof bereits vollſtändig in den zu ſeiner Aufnahme eingerichteten, mit Sammet und Gold prächtig ausgeſchlagenen Logen verſammelt hatte. In der gerade in der Mitte liegenden Loge erblickte man den König und die Königin und neben derſelben die Prinzeſſin von Lamballe, die ſeit Kurzem durch die ungewöhnliche und zärtliche Liebe, welche ihr Marie Antvinette widmete, auch zur Intendantin des Haus⸗ halts der Königin ernannt worden war. In zwei andern Logen rechts und links hatten die Brüder des Königs, Monſienr, der Graf von Pro⸗ vence, und der Graf von Artois, mit ihren Ge⸗ mahlinnen und ihrem Hoſſtaat Platz genommen. In einer dritten Loge ſah man den Herzog Louis Philipp von Orléans, den Vater des Herzogs von Chartres, zu ſeiner Seite die ſchöne Frau von Monteſſon, mit der er ſeit Kurzem in heimlicher Ehe verbunden war. *²) Vgl. Soulavie Mémoires du règne de Louis XVI. T. II. 109. Auch erblickte man unter den Würdenträgern des Hofes den neuen Finanzminiſter Herrn von LTalonne, der erſt im vorigen Jahre zu der von Tag zu Tag ſchwieriger werdenden Aufhülfe der zerrütteten Finanzen Frankreichs berufen worden. Als der Hof eingetreten war, hatte ſich zuerſt auf allen Tribünen ein tiefes, lautloſes Stillſchweigen, das nicht ſowohl einen gleichgültigen als vielmehr einen peinlichen und unheimlichen Charakler zu haben ſchien, wahrnehmen laſſen. Die Zeit ſchien vorüber, wo der junge König ſich von den jauchzenden Zurufungen der Nation, die ihn vor zehn Jahren bei ſeiner Thronbeſteigung empfangen hatten, bei ſeinem öffentlichen Erſcheinen umgeben ſah. Damals, wo Frankreich nach dem Tode des laſter⸗ haften und verbrecheriſchen Ludwigs XV. einen Augen⸗ blick aufathmete, war ihm der jubelnde Beinamen des Erſehuten(e Pesiré) entgegengeflogen, aber der da⸗ mals neunzehnjährige König hatte an dieſem Namen ſelbſt keinen Geſchmack gefunden. Er wollte ſich durch ſeine Thaten den Namen eines Wohlthäters des Volks verdienen. Seitdem aber ſchien die Nation nur ſtumm, mürriſch und voll Mißtrauen gegen ihn zu ſein, wo und wie ſich auch Ludwig XVI. in der Oeffentlichkeit zeigen mochte. Das Schweigen, welches man heut dem Hofſe bei ſeinem Erſcheinen entgegenſtellte, charakteriſirte ſich je⸗ doch auf eine bedenklichere Weiſe als je durch den Gegenſatz, in welchen das Publikum beim Anblick Franklins verfiel, der kaum an die Brüſtung der Tri⸗ büne vorgetreten war, um ſeinen Platz einzunehmen, als man ſich auch ſchon von allen Seiten ſtürmiſch erhob, und unzählige, nicht enden wollende Lebehochs für Franklin, die von den geſchwungenen Tüchern der Damen begleitet wurden, den Raum durchflogen. Franklin begnügte ſich, mit ſeinem eigenthümlichen, herzgewinnenden Lächeln an ſeinem ſchwarzen Käppchen zu rücken, um ſeinen Dank zu erkennen zu geben. Dann ließ er ſich zwiſchen Mirabeau und Condorcet nieder, an deren Arm er eingetreten war, und krenzte ſeine Arme über ſeinem Stock, auf welchen er ſich nachdenklich, und mit einem drollig beſorgten Blick auf die ihnen gegenüberliegenden Logen des Hofes ſtützte. Hinter ihnen in der zweiten Reihe hatten Chamfort und Cabanis neben einander Platz genommen. Das Publikum ſchien ein großes Intereſſe an der Beobachtung dieſer ganzen Geſellſchaft zu nehmen, welche ſich mit Franklin eingefunden hatte. Nament⸗ lich waren auch Mirabeau und Condorcet der Gegen⸗ ſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit. Man kannte— den Antheil, welchen auch dieſe Männer mehr oder weniger an dem in Paris berathenen Verfaſſungswerk für die freigewordenen Amerikaner genommen haben ſollten, und die Ideen der Freiheit und Gleichheit und der Menſchenrechte hatten ſich zuerſt an den Namen Franklin, Condorcet und Mirabeau in Umlauf zu ſetzen begonnen.*) 3 Ueber das Geſicht des Königs hatte ſich bei die⸗ ſem Vorgang, durch welchen Franklin von neuem öffentliche Huldigungszeichen des franzöſiſchen Volkes empfing, eine ihn trübe beſchattende Wolke gebreitet. Die edeln, die innerſte Redlichkeit und Gewiſſenhaftig⸗ keit abſpiegelnden Züge ſeines Antlitzes hatten ohnehin leicht einen melancholiſchen Anſtrich, und es trat dann in Momenten, die ihn verſtimmt zeigten, leicht eine gewiſſe unglückliche Haltung ſeines Weſens hervor, welche durch mancherlei Nachläſſigkeiten, in denen ſich ſeine perſönliche Erſcheinung gefiel, beſonders aber ) Mémoires de Matlame Campan. 1. 236. durch die beſtändige Unordnung ſeiner Haare, noch auffallender hervorgehoben wurde. Während der König Ludwig XVI. beim Anblick des Publikums in ein trübes Nachſinnen zu verfallen ſchien, hob die Königin Marie Antvinette in dieſem Augenblick nur um ſo ſtolzer und ſiegesgewiſſer ihr ſchönes Haupt empor. Sie ließ ſogar ihre Blicke mit einem entſchiedenen ſpöttiſchen Ausdruck im Publikum umherſchweifen und betrachtete daſſelbe, ſich übermü⸗ thig zurücklehnend, mit einer halb mitleidigen, halb geringſchätzigen Miene. Der Enthuſiasmus der Franzoſen für Franklin war der Königin nicht nur perfönlich zuwider, ſondern ſie erkannte auch darin, mit weit ſchärferem Taktgefühl als Ludwig XVI. ſelbſt, die Neigung des Volkes, den Vertreter einer Republik in dem alten Amerikaner zu feiern, und damit der Monarchie und dem Königsthron eine beleidigende Grimaſſe zu ſchneiden. Marie An⸗ toinette war zu ſtolz und zu ehrlich, um ihre eigene Herzensmeinung zu verbergen oder der Maſſe gegenüber auch nur einen Augenblick lang in einen duldfameren und verſöhnlicheren Schein zu verkleiden. Sie hatte dadurch die Zahl ihrer Feinde bereits auf allen Sei⸗ ten gemehrt und eine Mißſtimmung gegen ſich hervor— gerufen, die ſich täglich an ihrem Muthwillen, an ih⸗ rem Spott und an ihrem freimüthigen Widerſpruch gegen Alles, was ihr nicht angenehm und entſprechend war, ſteigerte. Man erkannte es aber auch jetzt an dem reinen, harmoniſchen Ausdruck ihrer Schönheit und an der glänzenden Heiterkeit und Sicherheit ihres Auftretens, daß Marie Antvinette ſich durchaus in keinem ernſten Mißverhältniß zum Publikum und zur Nation befan⸗ gen fühlte. Auf ihren in wunderbarer Regelmäßig⸗ keit geſtalteten Zügen lag zugleich eine anmuthig ſtrahlende Gewißheit ihrer ſelbſt, die ſich überall in friſcher jugendkräftiger Bewegung gehen ließ, und, ſo⸗ bald ſie wollte, auch der Andern gewiß ſein zu können glaubte. Aber man ſah es grade in dieſem Angenblick, wo das Publikum bei der harmloſeſten Veranlaſſung ihr gegenüber war, daß keine Neigung dafür herrſchte, die Königin zu bewundern und, wozu man ſo leicht und dringend aufgefordert ſein konnte, ihrer wahrhaft be⸗ zaubernden Erſcheinung Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Die Königin ſtand erſt in ihrem neunund⸗ zwanzigſten Jahre, und machte noch einen um Vieles jüngeren Eindruck, wozu beſonders die unendliche Weiße und Zartheit ihres Teints, die friſchen lebhaf⸗ ten Geſichtsfarben, und das wunderbar reine und ächte Blond ihrer Haare beitrugen. Die Gegnerſchaft, welche ſich im Publikum ſchon früh gegen Marie Antvinette gebildet hatte, ſchien je⸗ doch ebenſo blind für die Reize ihrer ſeltenen Schön⸗ heit, als unerkenntlich gegen ihre Bemühungen, die Leiden des Volkes durch Wohlthaten und Zuwendun⸗ gen aller Art zu mildern. Man hatte ſich daran ge⸗ wöhnt, in ihr die Gegnerin der Nation zu ſehen, was ſie auch immer thun oder beabſichtigen mochte, und jede ihre Handlungen zog einen Schweif von Ver⸗ läumdungen und gehäſſigen Chanſons hinter ſich her, die jede andere Auffaſſung ihres Weſens verdunkelten. Bald verbreitete ſich auch jetzt ein unangenehmes Geflüſter und Gemurmel auf mehreren Seiten des Zuſchauerraumes, als die Königin fortfuhr, das Pu⸗ blikum mit ſtechenden Blicken gewiſſermaßen herans⸗ fordernd zu muſtern. Marie Antoinette ſchien dieſe ihr entgegengekehrte Stimmung ſogleich herauszuempfin⸗ den, aber ſie ſcherzte und lachte nur darüber, indem ſie, ſogar etwas etiquettenwidrig ihre ſchlanke Geſtalt in die Höhe hebend, ſich zur Prinzeſſin von Lamballe hinüberbog und derſelben die anſcheinend muthwilligſten Dinge ins Ohr flüſterte. Wir befinden uns ſchon wieder in einer charakte⸗ riſtiſchen Sitnation! ſagte Chamfort, der hinter Mi⸗ rabeau ſaß und demſelben von hinten die Hand auf die Schulter legte, um ihn aufmerkſam zu machen. Die Königin vergnügt ſich auch hier auf ihre eigene Hand, worin ſie bekanntlich ſo ſtark iſt. Die nächt⸗ lichen Promenaden auf der Terraſſe fallen ſchon lange nicht mehr vor, eine ganze Sturmfluth von ſatiriſchen Couplets hat dies unſchuldige Vergnügen wegge⸗ ſchwemmt, und nun ſchafft ſich der Muthwillen der geiſtreichen Königin aus dem Publikum ſelbſt ſeinen Zeitvertreib und macht ſich über die Geſichter des guten franzöſiſchen Volkes luſtig. Seht nur, wie die Adlernaſe der ſchönen Frau, die doch faſt eine zu ſcharf gebogene Spitze hat, in dieſem Augenblick den feinſten, durchdringendſten Spott ausdrückt, und die ſette, öſterreichiſche Hängelippe macht ſo eben ein neues Bonmot, ich wette, ein ſehr uſtiges, aber auch ſehr ſchneidendes.. Gegen Alles mögt ihr ſprechen, aber nur nicht gegen die Schönheit der Königin! entgegnete Mirabeau, indem er ſich mit ſeinen Augen und Gedanken ganz und gar in die Betrachtung der Königin zu verlieren ſchien. Ich glaube doch einigermaßen Kenner zu ſein, aber etwas Vollendeteres und Schöneres, als dies wunderbare Oval ihres Geſichtes, habe ich nie geſehn. Faſt wäre ſie mir etwas zu mager, aber auch darüber liegt ein Reiz und eine unbeſchreibliche Grazie aus⸗ gegoſſen. Der herrliche Bau der ganzen Geſtalt iſt ohne Tadel, wie kaum je ein Werk aus den Händen der Schöpfung hervorgegangen. In allen Bewegun⸗ gen ihrer Glieder lacht und dehnt ſich ſo unbefangen und üppig die ächte Iugend, die nichts von König⸗ thum und Standesprivilegien weiß! Ich dächte, Chamfort, dies engelgleiche Geſicht müßte ſich auch in unſere neue Zeit mit hinübernehmen laſſen! Um Gotteswillen, was ſoll man von Euern Grund⸗ ſätzen denken, Graf Mirabeau? lachte Chamfort. Ihr ſeid auf dem Wege, Euch in die Königin zu verlieben, und dann iſt es vorbei mit unſerer neuen Zeit, die auf Euch als auf ihren Anführer wartet. Und wie, für die neben der Königin ſitzende Prinzeſſin von Lamballe ſcheint Ihr gar kein Intereſſe mehr zu haben? Iſt dieſe Prinzeſſin nicht auch blond und ſchön, und noch vor langer Zeit waret Ihr ſtolz darauf, der heimlich begünſtigte Freund zu ſein, der ſich der zärt⸗ lichſten Abentener mit einer Prinzeſfin von Geblüt rühmen durfte. Ihr kennt meine Anſichten von den Frauen, Cham⸗ fort, entgegnete Mirabean, indem er einen langen, glühenden Blick auf die Prinzeſſin von Lamballe hin⸗ überwarf. Ich weiß, daß wir darüber uneinig bleiben werden, denn Ihr, obwohl der größte Satiriker, den dieſe Zeit hat hervorgehen laſſen, ſeht doch in den Frauen eine höhere Sſſenbarung des Genius, und glaubt, daß man einen Bund auf Tod und Leben mit einem Unterrock ſchließen kann. Meine Anſicht von den Frauen iſt bei weitem heiterer. Eine Frau iſt ein warmer Blüthentag, den man heut genießen muß, weil man morgen ſeiner nicht mehr gewiß ſein kann. Jede Blüthe iſt immer eine Sache von Tag und Nacht, mein Freund, und ſie iſt heut nur ſo ſchön und vielgewährend für uns. Morgen können ihr ſchon Sonnenſchein, Beleuchtung und Wetter nicht mehr günſtig ſein, und wenn ſie nicht hingewelkt und zerflattert iſt, ſieht ſie Euch doch bereits als eine ganz andere, fremdgewordene an. Da haſt Du die Ge⸗ — 45 ſchichte meines Verhältniſſes mit der Prinzeſſin von Lamballe. Etwas länger, als Tag und Nacht, muß es doch mit Euch gedauert haben, bemerkte Chamfort. Denn ſie begünſtigte Dich ſchon, als Du noch auf dem Schlößthurm von Vincennes ſaßeſt, und Du verdank⸗ teſt ihr manchen heimlichen Ausflug nach Paris, den Du zu einem Rendezvous mit der ſchönen Prinzeſſin benutzen konnteſt.*) In der That, ſie iſt ſchön, ſchön durch ihr wundervolles, mildſtrahlendes Antlitz, und faſt ſchöner noch durch ihr Unglück, das ihrer ganzen Geſtalt dieſe innere Weichheit und Wehmuth gegeben zu haben ſcheint. Denn ich halte es für das größte Unglück, das einem edeln, reinen Geſchöpf begegnen kann, mit einem Prinzen aus dem Hauſe Bourbon vermählt worden zu ſein. Sie war ja nur funfzehn Monate an dieſen Prin⸗ zen Lamballe gefeſſelt, bemerkte Mirabeau. Ihre ein⸗ zige Empfindung in dieſer abſcheulichen Ehe war ein ſehr geſunder Ekel, durch welchen ſie ſich ihr überaus köſtliches Naturell bewahrte. Sie ſah neben ſich einen Prinzen, der, ungeachtet ſeiner zwanzig Jahre, ſchon von allen Lüſten und nichtswürdigen Krankheiten zer⸗ freſſen und aufgelöſt war. Sie geſtand mir oft, daß ſie am Sterbelager dieſes erlauchten Elenden gewünſcht habe, eine einfache Tochter aus dem Volke geboren zu ſein, und niemals den Peſthauch des franzöſiſchen Hofes kennen gelernt zu haben. Ah, erwiderte Chamfort lachend, Ihr wollt mir damit nur andeuten, wie meiſterlich Ihr Euch darauf verſteht, auch die Prinzeſſinnen von Geblüt demokra⸗ tiſch zu machen, und wie wir Euch darum getroſt je⸗ *) Cadet de Gassicourt Essai sur la vie de Mirabeau. (Oeuyres de Mirabeau. T. VI. p. XVIII.) Mirabeau. I. 4 dem anderen Verhältniß ſolcher Art überlaſſen könnten. Nun, Frankreich verläßt ſich gewiß in jedem Betracht auf Euere Talente, Graf Mirabean! Aber gebt Acht, der edele Herzog von Chartres zeigt ſich da eben un⸗ ten im Raum, und ſpricht mit Meiſter Montgolfier, wahrſcheinlich über die Sicherheit des Ballons, der doch nun hoffentlich bald ſeine Luftreiſe wird beginnen können. Ja, ja, es iſt nichts Geringes, einen Prinzen des Königlichen Hauſes in die Wolken zu befördern, und wenn er auch Muth hat, ſo muß doch mit aller und jeder Sicherheit für dies koſtbare Haupt vorge⸗ beugt werden. Aber Montgolfier hat ſich offenbar verſpätet, die hellen Schweißtropfen perlen ihm von ſeiner klugen Stirn, und er arbeitet noch an der Fül⸗ lung und Aufſtellung ſeiner Maſchine, die ihm im letzten Augenblick allerlei Bedenken einzuflößen ſcheint. Unſer Herzog von Chartres wird darüber ungeduldig und kehrt ihm den Rücken. Dann begiebt ſich ſeine Königliche Hoheit tänzelnd und ſich ſpreizend wieder hinter den rothen Sammet⸗Vorhang zurück, der da unten die für ihn vorbehaltene Tribüne bedeckt. Es iſt ein recht intereſſantes Ungehener, dieſer Her⸗ zog von Chartres! ſagte Mirabeau. Wenn er nicht gleichzeitig ſo ſehr Geck wäre, könnte er für einen ganz tüchtigen Verbrecher gelten, aber ſeine Schand⸗ thaten miſchen ſich noch immer zu ſehr mit ſeinen Narrheiten, und ich geſtehe, daß er es bei mir nicht viel weiter, als bis zum Eindruck einer komiſchen Fi⸗ gur gebracht hat. Vielleicht wächſt er uns recht bald zur Figur einer Tragödie in die Hände, ſetzte Chamfort leiſer hinzu. Einige Anlagen hat er ſchon durch die verhängnißvolle Rolle bewieſen, welche er als Schwager des unglück⸗ ſeligen Prinzen von Lamballe geſpielt. Er verführte denſelben nicht nur nach einem teufliſch angelegten Plan — zu dem laſterhaften und ſchändlichen Leben, das ihn tödtete, ſondern er war auch ſein Giftmiſcher, der ihn mit toll machenden Getränken berauſchte und ihn dann durch gemiethete Creaturen mit jener fürchterlichen An⸗ ſteckung beglücken ließ. Wäre der Prinz von Lam⸗ balle nicht der einzige Sohn und Erbe des reichen Herzogs von Penthièvre geweſen, ſo würde ihn der Herzog von Chartres vielleicht nicht zum Opfer ſeiner ſataniſchen Gaukeleien auserſehen haben. Denn er wollte von dem großen Vermögen, das dem Prinzen einſt zufallen mußte, einen Theil zu ſich hinüberlenken. War dies nun eine komiſche oder eine tragiſche Cha⸗ rakter⸗Rolle, Freund Mirabeau? Ich muß dabei bleiben, verſetzte Mirabeau, daß der Eindruck davon für mich wieder ein komiſcher ge⸗ weſen. Denn hätte der Orgien⸗Herzog, Herr von Chartres, den Prinzen von Lamballe nicht verführt, und das ekelhafte Präparat unſerer Hofſittlichkeit aus ihm gemacht, ſo würde die Prinzeſſin vielleicht Ge⸗ ſchmack an ihrem jungen Gemahl gefunden haben, und ſie lebten noch heut in der idylliſchen Ehe zweier Tur⸗ teltauben miteinander. Dann wäre ich der ſchönen blonden Prinzeſſin vielleicht nicht in Vincennes be⸗ gegnet, wo ſie ſich zufällig befand, als ich dort in meinen Freiſtunden auf den Feſtungswällen ſpazieren ging. Ich wäre ihr nicht durch ihren Begleiter, den Grafen d'Entraigues, meinen alten Freund, vorgeſtellt worden, und ſie hätte ihr liebevolles Intereſſe an mei⸗ nem Schickſal nicht auf meine Perſon übertragen. Dieſe Vielleichts, Chamfort, ſind die wahre Komödie des Lebens, und Ihr ſeht, Herr Philoſoph, ich verdanke eine ganze Mannigfaltigkeit davon den ſchlechten Strei⸗ chen des Herzogs von Chartres. So ſeid Ihr ihm alſo obenein noch Dank dafür ſchuldig! verſetzte Chamfort mit einer ſpöttiſchen Hei⸗ 4* — 52— terkeit. Aber ſeht, jetzt tritt er wieder da unten her⸗ aus und treibt den armen Montgolfier, doch endlich Alles zur Abfahrt fertig zu machen. Die Ungeduld, ſich bei dieſer Gelegenheit auszuzeichnen, kribbelt ihm in allen ſeinen erlauchten Gliedern. Er hat ſich heut zu dieſem Schauſpiel ganz und gar engliſch angezogen. Ja, er iſt jetzt der Anführer der Anglomanen in Pa⸗ ris geworden und bildet damit ein Stückchen Oppo⸗ ſition gegen den übrigen Hof. Was meint Ihr zu dieſem engliſchen Frack des Herzogs von Chartres, Graf Mirabeau? Wie maleriſch nimmt ſich doch dies Individuum von Geblüt im Frack aus, mit einem ſolchen Schwalbenſchwauz von rothem Scharlachtuch. mit den großen vergoldeten Knöpfen, darunter die ſchöne Weſte von Mouſſeline, das Beinkleid von ſchwar⸗ zer Seide, und die blau und weiß geflammten Strümpfe! In der Hand hält er höchſt zierlich die Badine, das kleine Stöckchen, das er beſtändig auf und nieder ſchwingt, und das nicht viel anders ſich ausnimmt, als der friedliche Stab, mit dem mein Stiefelputzer mir alle Morgen die Röcke ausklopft. Ich bin ſchon froh, daß der Hetzog von Chartres bei dieſer Gelegenheit überhaupt etwas auf dem Leibe hat, bemerkte Graf Mirabeau. Es iſt ja noch nicht lange her, daß er, um eine Wette zu gewinnen, ganz nackt, wie ihn Mutter Natur, oder vielmehr Mutter Sünde geſchaffen, von Verſailles nach ſeinem Palais Royal ritt. Ueber die Anglomanie ſcheint man aber bereits am Hofe von Verſailles hinlänglich getröſtet. Man weiß recht gut, daß er aus London nichts weiter als den Frack und ſeine Rennpferde herüberkommen laſſen wird. Denn daß er am engliſchen Parlaments⸗ weſen keinen Geſchmack bekommen wird, hat er ſchon durch ſeinen kindiſchen Haß gegen unſere unſchuldigen franzöſiſchen Parlamente bewieſen. Wäre er nur erſt recht weit in die Luft hinaufbefördert, damit wir end⸗ lich zu unſerm Diner gelangen könnten.— Jetzt wurde die Aufmerkſamkeit auf eine bisher leer gebliebene Loge hingelenkt, die ſich ihnen zur Seite und der Tribüne des Hofes ſchräg gegenüber befand. Die dort Eintretenden zogen plötzlich die Blicke der ganzen Verſammlung auf ſich, und ein ungeheurer Ju⸗ bel, mit einem nicht enden wollenden Beifallklatſchen, brach auf der Seite des Publicums los. Es war der General von Lafayette, deſſen Er⸗ ſcheinen in derſelben enthuſiaſtiſchen Weiſe ausgezeich⸗ net wurde, als es vorher bei dem Eintreten Franklins der Fall geweſen war. Der junge General, der ſeit ſeiner Rückkehr aus Amerika der erklärte Liebling des Tages geworden war, nahm dieſe ihm dargebrachte Huldigung mit einer lei⸗ ſen, dieſelbe faſt von ſich ablehnenden Kopfneigung ent⸗ gegen. Er führte an ſeinem Arm Madame Helvétius herein, die in ihrer heitern und anmuthvollen Haltung neben ihm Platz nahm. Auf der andern Seite La⸗ fayette's war mit ihm der Graf d'Eſtaing erſchienen, der berühmte und tapfere Admiral Frankreichs, der in dem amerikaniſchen Freiheitskampfe die franzöſiſchen Hülfsgeſchwader befehligt hatte, und ſeit dem Abſchlu des Friedens ſich wieder in Paris befand. Er ſowohl, als ſein Freund Lafayette, trugen auf ihrer Bruſt den Adler des Cincinnatus⸗Ordens, jener neuen, zum An⸗ denken an die glorreiche Revolution begründeten De⸗ coration, welche in den Vereinigten Staaten von Ame⸗ rika zugleich einen eigenthümlich geſchloſſenen Geſell⸗ ſchaftsbund zu bezeichnen angefangen hatte. Der Marquis von Lafayette, ein junger Mann von erſt ſiebenundzwanzig Jahren, machte mehr durch den romantiſchen und abenteuerlichen Kriegsruhm, der ſo glänzend an ſeiner Perſon haftete, als durch ſeine —5 äußere Erſcheinung, der eine gewiſſe Freiheit und Sicherheit des Auftretens fehlte, einen hervorragenden Eindruck. Er hatte in allen ſeinen Bewegungen leicht etwas Linkiſches und Ungeſchicktes, und dieſer Mangel an äußerer Grazie wurde durch eine ungemein kurze Taille, die ſeiner Geſtalt einen ungünſtigen Ausdruck gab, noch mehr hervorgehoben. Dies erſetzte ſich jedoch bei ihm vollkommen durch den Ausdruck natürlicher Milde und Herzensgüte, der in den gewinnendſten und unwiderſtehlichſten Zügen über ſeinem ganzen Weſen lag, und ihm, in dieſer Miſchung kindlicher Sanft⸗ muth und charaktervollſter Entſchiedenheit, zugleich jenen volksthümlichen Zauber lieh, welcher der Geſtalt La⸗ fayette's ſtets eigen geblieben. Das ſtarke Roth ſeiner Haare ſtörte dieſe anziehende Freundlichkeit ſeiner Phy⸗ ſiognomie nicht, ſondern färbte nur den Ausdruck der⸗ ſelben etwas pikanter und ſchärfer. Während Lafayette dem ihm entgegenjnbelnden Publikum mit einiger Zurückhaltung gedankt hatte, wandte er ſich, Franklin gewahrend, jetzt mit großer Angelegentlichkeit der Begrüßung deſſelben zu, was von Franklin, der ſich mit jugendlicher Lebhaftigkeit ℳ von ſeinem Sitz erhob, um ihm zu danken, mit nicht geringer Beeiferung, und zugleich mit der ganzen Feierlichkeit, die er ſich dabei als Repräſentant des amerikaniſchen Volkes geben zu müſſen glaubte, erwi⸗ dert wurde. Als das Publikum ſah, wie ſich beide Männer mit eeiner ſolchen Innigkeit und nicht enden wollenden Küſ⸗ ſen, welche ſie ſich durch die Luft zuwinkten, einander begrüßten, brach es in ein ſtürmiſches Beifallsrufen und Händeklatſchen darüber aus. Lafayette, der mit ſeinem leicht hingeriſſenen Ge⸗ fühl dieſem Moment nicht widerſtehen zu können ſchien, ſchlug, zum Zeichen, daß er die Abſichten der Ver⸗ . „ — ſammlung verſtanden habe, an den koſtbaren Degen, welcher ſeine Seite zierte. Dann zog er denſelben raſch und mit einer bedeutſamen Handbewegung aus dem Gefäß und entblößte ihn vor dem Publikum, in⸗ dem er, jetzt auf beiden Händen den Degen in die Höhe hebend, ihn nach allen Seiten hin dem Publikum entgegenſtreckte. Es war dies der goldene Degen, welchen der Congreß der Vereinigten Staaten dem General La⸗ fayette überſandt hatte, und der ihm durch Franklin im Namen der amerikaniſchen Unabhängigkeit und zu⸗ gleich als Symbol des zwiſchen Frankreich und Ame⸗ rika begründeten Freundſchaftsverhältniſſes überreicht worden war.* ½ Bei dieſem Anblick erhob ſich ein don fall, der von allen Seiten her die Luft er Auf den Tribünen des Hofes herrſchte genblick lang ein bewegungsloſes Schweigen. D Geſicht des Königs ſah mehr betroffen als erzürnt über dieſe ſo rückſichtslos in ſeiner Gegenwart darge⸗ brachte Huldigung aus, aber die Königin, leidenſchaft⸗ licher und offener in Allem, was in ihr vorging, ſchien kaum noch ihre ruhige Haltung bewahren zu können. Doch die Worte, welche ſie dem König jetzt haſtig zu⸗ flüſterte und die ohne Zweifel darauf gerichtet waren, den plötzlichen Aufbruch des Hofes zu veranlaſſen, wurden von dem Herrſcher Frankreichs mit ernſter Entſchiedenheit abgelehnt. In der Loge dagegen, in welcher die Brüder des Königs mit ihren jungen Gemahlinnen ſaßen, wurde eine luſtige und faſt geräuſchvolle Heiterkeit affectirt. Wenigſtens mußte das Publikum denken, daß dort über den Vorgang gelacht und geſcherzt wurde, da man ²) Condorcet Mémoires II. 53. ſich unmittelbar nach demſelben einer ſo auffallenden Lebhaftigkeit überließ. Das geiſtvolle Geſicht des Grafen von Provence, der ſich ſonſt ſelten öffentlich zeigte, blitzte in ſcharfen ſathriſchen Lichtern auf. Monſieur hatte ſich gerade in der letzten Zeit, wo ſein offener und geheimer Widerſtand gegen die Wiederherſtellung der alten Parlamente viel von ſeinen politiſchen Grund⸗ ſätzen hatte reden machen, durchaus als ein Gegner des Volkes hingeſtellt, und dies Verhältniß war öffentlich bekannt genug, um nicht ſein Benehmen in dieſem Angenblick ebenfalls auf das Ungünſtigſte zu deuten. Sein Bruder, r Graf von Artvis, der neben ihm ſaß, ließ ſich in den Ausbrüchen ſeines leichtfertigen und muthwilligen Charakters noch lebhafter gehn, und verächtliche Handbewegungen, die im ne Zweifel verſtanden wurden. te hat Recht mit ſeinem neulichen Ausſpruch; 8 amerikaniſche Aera in Frankreich! bemerkte der Marquis von Condorcet, indem er ſich zu Frank⸗ lin wandte, mit dem er ſich zuvor in einem anhalten⸗ den Geſpräch über die Conſtrnetion der neuen Luft⸗ maſchine und ihren möglichen Nutzen für die Zukunft unterhalten hatte. Franklin zupfte ſich lächelnd an ſeiner Halskrauſe, deren ausnehmende Weiße zu den wenigen Eitelkeiten gehörte, denen ſich der berühmte Vertreter ſeines Va⸗ terlandes in ſeinem Koſtüm zu überlaſſen pflegte. Dit amerikaniſche Aera iſt ſchön und verheißungs⸗ voll für unſere Zukunft! bemerkte hinter ihnen Cabanis, der ſich bisher, nach ſeiner Gewohnheit, einem ſinnigen und der Gegenwart ſcheinbar abgewandten Schweigen hingegeben hatte. Aber, fügte Cabanis ſchneidend hinzu, die ameri⸗ kaniſche Aera ſollte nicht mit den trügeriſch funkelnden — Ordensſternen der alten Welt ihre republikaniſche Bruſt ſchmücken wollen! Ihr meint die Medaillen des Cincinnatus⸗Ordens dort? entgegnete Franklin, indem er ſeine großen Au⸗ gengläſer in die Höhe ſchob, und ſich mit einem ernſten forſchenden Blick zu Cabanis umwandte. Ei, ich dächte, dieſer Orden nähme ſich da ganz artig und ſternenhell auf der Bruſt des jungen Generals Lafayette und des Grafen dEſtaing aus. Dieſe im Bilde eines Adlers geſtaltete goldene Medaille, beweiſt ſie nicht an der Bruſt dieſer würdigen und tapfern Männer, daß ſich Franzoſen um die Sache der amerikaniſchen Freiheit wohl verdient gemacht haben, und auch noch ferner dieſer Sache ſich zu weihen gedenken? Und dies weiß geränderte blaue Band, an welchem der Adler des Cincinnatus getragen wird, iſt es nicht das Symbol des neuen Bundes zwiſchen Frankreich und Amerika? Erlaubt mir, daß ich mich auch in dies Geſpräch miſche, aber mit meinem innigſten und bitterſten Haß gegen dieſen Euren amerikaniſchen Cincinnatus⸗Orden! nahm Graf Mirabeau das Wort. Die Lächerlichkeit, daß ein junger Staat der Freiheit ſogleich unter ſeinen erſten Lebenszeichen einen Orden ſtiftet, liegt auf der Hand, aber es drohen auch Gefahren darin, die von Euch, würdiger Franklin, gewiß am allerwenigſten verkannt und gering geachtet werden. Es iſt gewiß eine große Schwäche von Lafayette, daß er ſich zum Commiſſionnair für Eure amerikaniſchen Adler hier in Frankreich gemacht hat, und dieſelben nicht nur nach Herzensluſt an jeden franzöſiſchen Offizier vertheilt, der nur irgend in einer Eurer Schlachten mitgefochten, ſondern auch ſelbſt uns alle Augenblicke mit dieſem neuen Orden vor der Naſe herumgaukelt. Aber ich habe es längſt geſagt, dieſer Lafayette iſt nichts als ein liebenswürdiger Dilettant der Freiheit, und wird es — 5— auch nie zu etwas Weiterem bringen. Er wird ſtets ein Werkzeug in den Händen ſeiner eigenen Eitelkeit bleiben, und dieſe wird jede beliebige Geſtalt aus ihm ſchnitzen können. Unſern Cincinnatus⸗Orden will ich Euch gern preisgeben, wenn Ihr wollt, entgegnete Franklin mit mildem Lächeln, aber Euern Lafahette nicht, den wir doch auch ein wenig den Unſern nennen können. Ihr mögt Recht haben, daß ein ſolcher Orden leicht gefähr⸗ liche Folgen für unſere junge Republik haben kann, und ich bin bereit, Euch darüber ein anderes Mal Rede zu ſtehen, aber ſagt mir nur, was Ihr an dem herrlichen Heldenjüngling Lafahette auszuſetzen habt? Mirabeau warf einen düſter grollenden Blick zu der Loge hinüber, in welcher Lafayette ſaß, und nach⸗ dem er ihn eine Zeitlang forſchend betrachtet, ſagte er zu Franklin: Wenn ich in einer müßigen Nachmittags⸗ ſtunde einen Roman geleſen hätte, deſſen Held La⸗ fayette iſt, ſo würde ich mich vielleicht ganz gut mit demſelben unterhalten haben. Aber als einen Mann der politiſchen Geſinnung würde ich ihn nicht gerade mit meinem Vertrauen beehren. Ich werde nie ver⸗ geſſen, daß bei den Carnevalsſpäßen, welche ſich die Prinzen am Hofe mit der Wiedereinſetzung der alten Parlamente erlaubten, Lafayette nicht ermangelt hat, in einer jener theatraliſchen Mummereien, womit man Parlamentsſitzungen nachäffte, mitzuwirken. Er ſoll dabei ein beſonderes Talent der Parodie entwickelt haben, und zwar mit dem Herzog von Chartres um die Wette, der den Parlaments⸗Präſidenten machte, während Lafahette den General⸗Prokurator als luſtige Perſon vorſtellte. Dem guten Willen des Königs gegenüber, welcher der Nation wohl gern entgegen⸗ kommen möchte, konnte ein Lafayette auf ſolche Späße der Reactivn eingehen, was ihn in meinen Augen für jede künftige politiſche Bewegung unſicher ge⸗ macht hat.*) 3 Ihr vergeßt vielleicht ſeine große Jugend dabei in Anſchlag zu bringen, Graf Mirabeau! nahm Cabanis das Wort. An ſeiner redlichen Geſinnung für die künftige Freiheit der Nation wird nicht zu zweifeln ſein, wenn auch in ſeiner Natur, wie es ſcheint, Cato und Alcibiades ſich miſchen. Aber daß es blos ſeine ſtarke Begeiſterung für die Freiheit geweſen, welche ihn auf die Schlachtfelder von Amerika getrieben, iſt gewiß. Ließ nicht der König den jungen Helden bei ſeiner Rückkehr zuerſt, ſtatt jedes andern Empfanges, auf vierundzwanzig Stunden in Arreſt ſetzen, weik er damals ohne die königliche Erlaubniß in den Frei⸗ heitskampf nach Amerika abgegangen war? Ich habe mich ſchon früher bemüht, die Abneigung, welche zwiſchen Mirabean und Lafayette herrſcht, zu beſiegen, und ich gebe es nicht auf, daß es mir doch noch end⸗ lich gelingen ſoll. Die bleichen Wangen des jungen, ſchönen Mannes hatten ſich bei dieſen Worten mit einer tiefen Röthe bedeckt, und in ſeinen Augen blitzte ein edles, ſchwär⸗ meriſches Feuer. Ihr ſeid, wie immer, liebenswürdig, Cabanis! ver⸗ ſetzte Mirabeau. Doch laſſen wir den Marquis von Lafayette im Genuß ſeiner Volksgunſt und im trans⸗ atlantiſchen Glanz ſeines Cincinnatus⸗Ordens auf ſich beruhen. Aber ich habe in dieſem Augenblick einen Vorſchlag zu machen, dem ich beſonders die günſtige Aufnahme unſeres verehrten Doctors Franklin wünſche. Ich habe nämlich vor, eine Schrift gegen den Cincin⸗ natus⸗Orden herauszugeben, und Ihr Alle ſollt mir darin mit Euren Gedanken und Einfällen beiſtehen. ) Ségur Mémoires I. 43. Ihr, Franklin, Condorcet, Chamfort, Cabanis, jeder von Euch liefert mir einen Beitrag dazu, und wir laſſen es als ein Manifeſt in die Welt gehen, wie ſich die Freunde der ächten Freiheit darüber gekränkt, em⸗ pört und beunruhigt zeigen, daß die kaum erſtandene Republik, die allen andern Völkern mit ihrem reinen Beiſpiel voranleuchten ſollte, ſtatt deſſen ihr erſtes Augenaufſchlagen mit einer neuen Marke der Ungleich⸗ heit, mit einem neuen Hebel der Tyrannei, mit einem Orden bezeichnet. Und welch ein Triumph für die gute Sache, von Franklin ſelbſt, dem großen Hort der amerikaniſchen und europäiſchen Freiheit, einen Bei⸗ trag für eine ſolche Schrift empfangen zu können. Bin ich zu kühn in meinen Vorausſetzungen, Vater Franklin, oder kenne ich Euer Herz, Euer großes, edles Herz, das nur für die Freiheit und nur für das Volk ſchlägt? Ihr kennt wahrlich mein Herz, entgegnete Benjamin Franklin lächelnd. Und ich muß Euch immerhin ge⸗ ſtehen, es könnte nichts ſchaden, wenn in einer Schrift in guter Weiſe, und ohne die Achtung vor unſerem nenen Verfaſſungswerk außer Angen zu laſſen, aus⸗ einandergeſetzt würde, daß ein Orden für die Grund⸗ ſätze der wahren Demokratie auch höchſt verderblich ausſchlagen könne. Denn wenn Ihr mir hinſichtlich meiner eigenen Meinung näher zu Leibe gehen wollt, ſo muß ich allerdings bekennen, wie auch ich gegen dieſen Cincinnatus⸗Orden in manchem Betracht in Oppoſition geſtanden habe. Beſonders glaubte ich mich dagegen erklären zu müſſen, daß aus dieſem Ehrenzeichen eine erbliche Würde entſtehen ſollte, und auch mein edler und hochherziger Freund, der General Waſhington, hat meine Bedenken darin getheilt.*) *) Auf beſonderen Vetrieb Waſhingtons verzichteten die — 61— Nun wohlan, ſo gebt mir Eure Hand darauf, rief Mirabeau mit ſeinem leidenſchaftlichen Eifer, gebt mir Eure Hand, daß Ihr zu einer Schrift mitwirken wollt, die wir Alle gemeinſchaftlich abfaſſen werden, und in der wir einen Orden bekämpfen wollen, welcher ſchon ſo früh die neuen Freiheitserwartungen Europas, die ſich an Amerika entzündet haben, zu verdunkeln be⸗ ginnt. Dieſer Cincinnatus⸗Orden ſchafft Euch, ehe Ihr Euch deſſen verſehen werdet, ein Patriciat und einen Militairadel über den Hals, denn wie iſt der moderne Adel von Europa überhaupt entſtanden, dieſe ganze Schaar von Grafen, Herzögen und Marquis, die Europa überſchwemmt und verwüſtet haben, wie anders, als durch eine Anmaßung von Militairtiteln und Würden, die, gerade wie es Euer Cincinnatus⸗ Orden macht, in einer beſtimmten Sippſchaft für erb⸗ lich erklärt wurden?6) Denn jener Orden ſoll bei Euch zugleich eine Aſſociation der Offiziere ſein, die zwar für die amerikauiſche Freiheit gefochten, aber ſich aus dieſem Verdienſt zugleich eigenthümliche Rechte ableiten wollen. Alſo ſchlagt ein, und gerade in die⸗ ſem Angenblick, gerade hier, wo wir in einer merk⸗ würdigen Situation dem verſammelten Hofe Frank⸗ reichs gegenüberſitzen, und wo Ihr zu Eurer Rechten und Linken von franzöſiſchen Grafen und Marquis umgeben ſeid, welche jetzt die Oppoſition gegen die eingeroſtete Feudalwelt als einen höheren Vorzug ſich erſehen, wie alle ihre alten Geburtstitel! Ich ſchlage mit Euch ein, Graf Mirabeau! ver⸗ ſetzte Franklin. Ich habe einmal gehört, daß Eure Familie zu den älteſten Adelsgeſchlechtern der Provence Mitglieder des Cincinnatus-Ordens ſpäter auf die Erblichkeit deſſelben. Vgl. Mémoires du Gönéral Lafayette II. 88. *) Aus Mirabeau's Schrift über den Cincinnatns⸗Orden. gehört, und unter der Aegide eines ſolchen Mannes, der wiſſen muß, was der Adel iſt, gegen den, freilich noch ungebornen Adel unſerer Republik zu kämpfen, muß mir eine beſondere Ehre und eine vollſtändige Garantie ſein.— Aber ſeht, jetzt iſt Freund Montgolfier da unten endlich mit allen ſeinen Vorbereitungen fertig, der Prinz ſteht zum Einſteigen in die Gondel bereit, und auch der Hund des Mirabeau und die Katze des Helvétius werden ſoeben herbeigeſchafft, um mit ein⸗ geſchifft zu werden. Das Publikum, welches längſt ungeduldig geworden war, begrüßte mit lebhaftem Händeklatſchen den nun⸗ mehr herbeigekommenen Moment, wo das Schauſpiel ſeinen eigentlichen Anfang nehmen ſollte. Die Span⸗ nung auf daſſelbe war um ſo mehr gereizt worden, da ſich in den Zuſchauerräumen überall das Gerücht verbreitet hatte, daß der Herzog von Chartres noch im letzten Augenblick Bedenken gegen die Fahrt ge⸗ äußert und den Ballon ſeiner ganzen Einrichtung und Bauart nach nicht für hinlänglich ſicher erklärt habe. In der That war dadurch der bisher entſtandene Aufenthalt verurſacht worden, indem der Prinz, der beim nähern Anblick des gebrechlichen und noch ſo wenig erprobten Luftfahrzenges irre geworden zu ſein ſchien, nicht aufgehört hatte, alle möglichen Wünſche für ſeine Sicherheit geltend zu machen. Die aeroſtatiſche Maſchine, welche Etienne Mont⸗ golfier für die erſten, von ihm und ſeinem Bruder unternommenen Luftreiſen gebant, war aus einer ſtarken, mit Papier gefütterten Leinwand zuſammengeſetzt und hatte hundertundzehn Fuß im Umfange, während das Gewicht derſelben auf fünfhundert Pfund beſtimmt war. Dieſen kugelförmig geſtalteten Ballon hatte er durch die Verdünnung der Luft in die Höhe zu heben gewußt, und die bisherigen Verſuche und Proben — 63— hatten ſowohl der Bauart der Maſchine als auch ihrer Leichtbeweglichkeit und Sicherheit das günſtigſte Zeug⸗ niß gewonnen. Um ſo mehr erſtaunte Montgolfier, als der Herzog von Chartres ihm plötzlich ſagte, daß er der Maſchine mißtraue, und daß er ſich einen eige⸗ nen Ballon, ungefähr von der Hälfte dieſes Umfanges, und in einer cylinderförmigen Geſtalt, was er für bei weitem zweckmäßiger und ſicherer halte, anfertigen laſſen werde. Es war bekannt, daß der Herzog von Chartres ſich allerdings mit eigenen Verſuchen dieſer Art be⸗ ſchäftigte, aber Montgolfier konnte nicht zugeben, daß gerade in dieſem Augenblick ſeine Erfindung und ihre bisherigen Formen in ein zweifelhaftes Licht geſtellt würden. Alßerdem ſchien ihm unverkennbar, daß nicht etwa eine höhere Einſicht des Prinzen, ſondern viel⸗ mehr der im entſcheidenden Moment ihm mangelnde Muth dieſe Bedenken hervorgetrieben. Die ſeit einiger Zeit erbleichten Wangen des Herzogs von Chartres, und ſeine unaufhörlich zitternden und ſchlotternden Glieder, ſprachen nur allzu deutlich für dieſe An⸗ nahme. Montgolfier beſchwor ihn daher, doch nur Ver⸗ trauen zur Sache zu haben, und, nachdem er ſich zu⸗ erſt ſelbſt zum Theilnehmer der Luftfahrt erboten, die⸗ ſelbe jetzt vor dem ganzen verſammelten Hofe und dem ſ Publikum nicht lächerlich werden zu laſſen. Der Prinz zögerte indeß noch, die Gondel zu be⸗ ſteigen, obwohl ſich ausreichende Gründe, das Steigen des Luftballons noch länger aufzuhalten, nicht mehr auffinden ließen. Er hat Furcht! Er hat Furcht! begann es bereits auf den Zuſchauer⸗Tribünen zu flüſtern, und die ſaty⸗ riſche Laune der Pariſer begann ſich in Bewegung zu ſetzen. Alte und nene Bonmots gegen den Herzog von Chartres jagten ſich auf den Lippen der Spott⸗ luſtigen, und auch auf den Tribünen des Hofes zeigten ſich bedenkliche Geſichter. Endlich ertönte die Glocke, durch welche das Zei⸗ chen der Abfahrt gegeben wurde, und das unheimliche Flüſtern und Murren des Publikums verwandelte ſich bei dieſem Signal plötzlich in ein lautes jubelndes Ah! mit welchem das Einſteigen des Herzogs in die Gondel begrüßt wurde. Jetzt geht es wahrhaftig los! rief der übermüthige Chamfort. Der Herzog von Chartres ſteigt nunmehr in all ſeiner Herrlichkeit in die Lüfte empor. Für eine Luftſchlacht, ſcheint es, hat er immer noch mehr Muth in ſich auftreiben können, als damals in der Seeſchlacht von Oueſſant glorreichen Angedenkens, wo er ſich taub⸗ ſtumm und blind gegen alle ertheilten Signale an⸗ ſtellte, um das Schiff, welches er befehligte, nicht mitten in den Kampf führen zu müſſen. Und die Weltgeſchichte erzählt, daß ein Prinz vom königlichen Geblüt Frankreichs ſich zuletzt in einer Bucht am Ufer des Meeres verkroch, als die Wirbel der Schlacht ihn dennoch in ihre Mitte ziehen wollten. Sein Por⸗ trait erſchien damals im Koſtüm eines Seemanns und mit der Unterſchrift jenes herrlichen Verſes aus den Pſalmen:„Und er erblickte das Meer und floh von dannen!“*) Und jetzt erblickt er die Luft und ſteigt wahrhaftig in ihre reinſten Regionen empor, und denkt nicht daran zu fliehen, obwohl die Luft doch auch ein Element iſt, ſo gut wie das Waſſer, und ein Herzog von Chartres mit allen Elementen der Natur auf ge⸗ ſpanntem Fuße leben muß! Vielleicht hat ihm die ſchwarze Katze des Helvétius ²) Souvenirs de la Marquise de Créquy. T. V. pag. 123. durch ihren wahrhaft herviſchen Anblick Muth einge⸗ flößt! rief Mirabeau lachend. Aber ſeht nur, wie dieſe Katze, indem der Ballon ſich in die Höhe zu heben beginnt, eine wunderbare Würde und Hoheit in ihrem ganzen Weſen entfaltet. Sie ſteht neben dem Herzog, als wenn ſie die Hauptperſon wäre, auf die eigentlich Alles ankommt, und ſchon ſieht ſie in meinen Angen größer und impoſanter aus, als der ganze Herzog von Chartres. Oder iſt es eine phantaſtiſche Einbildung von mir, daß ſich die Katze eben auf ihren Hinter⸗ füßen ganz gerade emporrichtet, und daß ihre Augen wie zwei große Feuerkugeln auf uns niederleuchten? Vielleicht wird ſie uns noch, wenn ſie über unſern Häuptern ſchwebt, einige Geheimniſſe des Philoſophen Helvétius enthüllen wollen. Sagte man nicht einſt von dem großen Helvétius: er habe ſich darum ſo viele Feinde gemacht, weil er das Geheimniß Aller enthüllt habe? Aber gewiß hat er auch noch manche Geheimniſſe enthüllt, die wir nicht erfahren haben, und die er nur ſeiner vertrauten Katze, der beſtändigen Gefährtin ſeiner Gedanken, in die Ohren geflüſtert hat. Sprich es jetzt aus, das letzte Geheimniß des Helvétius, Du teufliſch ſchwarze Tamtam, ſprich es aus von den Lüften herunter, was Helvétius mit ſei⸗ ner Lehre gewollt hat, indem er den Organismus des Menſchen als ein großes, untheilbares und in ſich ſelbſt vollendetes Ganzes darſtellte, das aus der Selbſt⸗ empfindung ſeiner Sinne ſeinen Geiſt, ſeinen Genuß und ſeine Glückſeligkeit zu ſchöpfen hat! Sprich und ſpinne es da oben aus, daß dies das Geheimniß der Befreiung des Menſchengeſchlechts von allen ſeinen Sklavenketten iſt! Schnurre es Deinem Nachbar, dem bleichen Herzog von Chartres, ins Ohr, da⸗ mit er es nachher beim Diner dem ganzen Hof wieder⸗ erzählt, daß es nur freie Völker geben kann und darf, Mirabeau. I. 5 weil der Menſch, wie Helvétius gelehrt hat, eine Natur iſt, die alle ihre Geſetze vollſtändig in ſich trägt, und die nur ihr Vergnügen zu fragen braucht, um ihre Rechte dadurch zu beſtimmen!— Dieſe halb pathetiſche, halb drollige Anrede, in welche Mirabeau ſeinen ganzen deklamatoriſchen Feuer⸗ eifer gelegt, machte in dieſem Augenblick einen ſo ko⸗ miſchen Eindruck, das der ganze geſinnungsverwandte darüber in ein fröhliches Gelächter aus⸗ brach. Vergeſſen wir aber auch neben der Katze des Hel⸗ vétius den Hund des Mirabeau nicht! nahm Chamfort wieder das Wort. Seht doch nur auch Euern Hund an, die herrliche Miß Sarah, die in majeſtätiſcher Unerſchrockenheit in die Luft emporſteigt, und den Herzog von Chartres, bei dem mir auch die Luft⸗Cou⸗ rage noch immer zweifelhaft ſcheint, ganz verächtlich neben ſich ſtehen läßt. Der Hund des Mirabeau iſt mir noch bei weitem wichtiger in dieſem Enſemble, als die Katze des Helvétius. Tamtam ſoll das Sym⸗ bol der neuen Erkenntniß ſein, die über unſern Häup⸗ tern aufgegangen. Aber der Hund des Mirabeau deutet auf die neue That des Jahrhunderts hin, die aus dieſer Erkenntniß gemacht werden ſoll. Mich dünkt, ich höre Euere herrliche Bulldogge ſchon über unſern Häuptern bellen, Graf Mirabeau. Sein Bellen verkündet uns das nahe Hereinbrechen einer thatkräfti⸗ gen Zukunft, in der an der Freiheit und dem Wohl Frankreichs, und jedes Einzelnen in dieſem Lande, ge⸗ arbeitet werden ſoll! O Wunder über dieſe neue Arche Noäh, welche da oben die Luft durchſchneidet, und in der Katze des Helvétius die Erkenntniß, und im Hund des Mirabeau die That an Bord genommen hat, und mit dieſen beiden Thieren der Apokalypſe einen Herzog von Chartres, den beſten Repräſentanten der nichts⸗ würdigen alten Zeit, umgiebt. Seht, das iſt die Arche der Zukunft! Seht, wie ſie noch ächzt und ſchwankt in ihrem Fluge, und wie es jetzt nur noch eines Mo⸗ ments bedürfen wird, dann faßt ſie ſich in ihrer ganzen neuen Bewegungskraft zuſammen, und ſteigt ſiegreich durch die Wolken bis in die ſchönen, ewigen, freien Himmelszelte empor!— Während ſo die Geſellſchaft auf dieſer Tribüne ſich in ihrer lebhaften und zum Theil ausgelaſſenen Unterhaltung erging, ſchien ſich in dem emporſchwe benden Ballon ſelbſt, der ſoeben über die Häupter der Verſammlung dahinflog, ein Hinderniß eigenthümlicher Art geltend gemacht zu haben. Heftige Geſticulationen ſchienen eben zwiſchen dem Herzog von Chartres und Herrn Montgolfier ſtattzufinden. Das größere Pu⸗ blikum war bereits darauf aufmerkſam geworden, und zeigte unter lauten Ausrufungen auf den neuen Vor⸗ gang hin, der ſich in der Luft auf eine immer auffälli— ger werdende Weiſe entwickelte. Es verbreitete ſich das Gerücht, daß der Prinz obermals den Muth ver⸗ loren, und wie er nur mit denr größten Widerſtre⸗ ben den Ballon beſtiegen, es ſchon jetzt nicht mehr auszuhalten vermöge, ſondern darauf beſtehe, wieder auf den feſten Boden hernntergelaſſen zu werden. Dies beſtätigte ſich in der That durch die fernere Beobachtung der Scene. Ein furchtbares, die Luſt erſchütterndes Gelächter erſcholl auf allen Tribünen, man begann Spott⸗Chanſons anzuſtimmen, und Lieder und Witze zum Beſten zu geben, die ſchon einen volks⸗ thümlichen Klang in Frankreich hatten und mancherlei Begebenheiten aus dem Leben des Herzogs von Char⸗ tres betrafen. Jetzt ſah man Montgolfier deutlich und mit der größ⸗ ten Anſtrengung beſchäftigt, den Ballon, der nur eben in die erſten Luftſchichten eingetreten war, wieder auf die 5* Erde herabſteigen zu laſſen. Zu dieſer Umkehr hatte das beſtändige und zuletzt nicht mehr abzuweiſende An⸗ dringen des Prinzen um ſo mehr genöthigt, als der⸗ ſelbe nicht nur die mangelhafte Sicherheit dieſer Ma⸗ ſchine für das Mitfahren von Perſonen vorſchützte, ſondern auch durch ſein eigenes klägliches Ausſehen bewies, daß ſchon der Beginn der Reiſe ihn ernſtlich krank gemacht hatte.*) Wahrhaftigl rief Chamfort, als ſich der Ballon jetzt wieder dem Zuſchauer⸗Raum näherte, aus dem er vor einigen Minuten emporgeſtiegen war. Der Mann ſieht übel aus, und er ſcheint es in der Luft ebenſo wenig als auf dem Salzwaſſer bei Oueſſant aushalten zu können. Die Worte des Pſalmiſten hei⸗ ßen jetzt;„Und er erblickte die Luft, und floh von dannen!“ Es giebt alſo bereits zwei Elemente, wo man vor einem königlichen Prinzen von Frankreich ſicher ſein kann, nämlich Luft und Waſſer. Bliebe darum nur noch Erde und Feuer für ſie übrig, und da die Erde, nach Jean Jacques Rouſſecau, dem Volke ge⸗ hört, ſo wäre es möglich, daß bald einmal der Tag käme, wo man für unſere dynaſtiſchen Herren nur noch ein Plätzchen im Feuer vorräthig hätte. Still, Chamfort, ſtill! ſagte Mirabean zu dem Freunde, den Finger auf den Mund legend. Eure witzige Zunge iſt die Signalglocke der Zukunft, ich habe es Euch oft zugeſtanden, aber iſt es denn ſchon Zeit, ſo hell zu länten? Bewundern wir einſtweilen noch' den Heldenjüngling Chartres, der geruht hat, die Wolkenregionen ſeiner nicht für würdig zu halten, und der auch durch ſeine ungenirte Umkehr aus den Lüften zeigt, wie wenig ihm an der öffentlichen Mei⸗ *) Die unglückliche Luftfahrt des Herzogs von Chartres er⸗ zählt Laurentie, Histoire des Dues d'Orléans IV. 20. — 65 nung gelegen. Jetzt ſtößt Montgolfier's Maſchine auf die Erde zurück und wird wieder an ihren Seilen be⸗ feſtigt. Miß Sarah, mein wackerer Hund, ſpringt zuerſt heraus, und giebt ſeinen Groll über die ver fehlte Luftfahrt kund, indem er ſich hinſtellt; und nach allen Seiten hin aus Leibeskräften bellt. Die Katze des Helvétius ſchleicht langſam hinter ihm her, und ſcheint durch das dämoniſche Emporringeln ihres Schwanzes anzudeuten, daß ſie ihre Gedanken über dies Ereigniß ganz für ſich hat. Aber jetzt, jetzt ſteigt unſer Herzog von Chartres aus! Der Prinz ſchien ſich in einem ſo leidenden Zu⸗ ſtande zu befinden, daß Montgolfier ihn aus dem Bal⸗ lon heben mußte, und ihn an ſeinem Arm langſam fortgeleitete. Die Verſammlung nahm aber die Rück⸗ kehr des Prinzen keineswegs mit der Nachſicht auf, die er durch ſein Befinden beanſpruchen zu können ſchien. Als das Publikum den Prinzen wieder in ſei⸗ ner Mitte erblickte, gab es ſein Mißfallen pfeifend und ziſchend, und durch eine Flutn von Ausrufungen und Verwünſchungen aller Art, mit denen man gegen ihn losbrach, zu erkennen. Dieſem Sturm wurde aber der Herzog von Char⸗ tres ſogleich durch Möntgolfier entzogen, der mit ihm hinter den Vorhang zurücktrat.— Die Logen des Hofes hatten ſich ſchon früher ge⸗ leert, da der König und die Königin, ſobald ſie die unglückliche Wendung des Schauſpiels und die gegen den Herzog von Chartres von Reuem losgebrochene Mißſtimmung des Publikums wahrnahmen, ſofort auf⸗ gebrochen, und, gefolgt von den übrigen Prinzen und dem ganzen Hoſſtaat, ſich in der größten Eile zu ihren Wagen zurückbegeben hatten. Es war ihnen gelungen, dieſelben zu erreichen, noch ehe die jetzt in einem all⸗ gemeinen Tumult ſich auflöſende Verſammlung ihre Plätze verlaſſen hatte. Die Geſellſchaft der Madame Helvétius fand ſich beim Heraustreten aus den Tribünen in der heiterſten Stimmung wieder zuſammen. Der ſeltſame Vorfall hatte die gute Lanne Aller erhöht, und ſelbſt Graf Mirabeau und der Marquis von Lafayette, zwiſchen denen ſonſt ein ziemlich kühles Verhältniß zu beſtehen ſchien, begrüßten ſich in dieſem Augenblick, einander zulächelnd, mit einer größeren Herzlichkeit. Madame Helvétius hatte den Arm Benjamin Frank⸗ lins angenommen, und beide ſchritten der übrigen Ge⸗ ſellſchaft rüſtig voran, um den Rückweg zu dem nur wenige Minuten entfernten Landhauſe anzutreten. Es iſt doch kein ganz gutes Zeichen, bemerkte Frank⸗ lin unterwegs, daß das Publikum ſich ſo rückſichtslos gegen einen Prinzen bewies, dem der Muth abhanden gekommen. Wäre ein Kunſtreiter plötzlich von einem Schwindel befallen worden, ſo würde das ganze Publikum ihn mit der größten Theilnahme von ſeinem Pferd haben herunterſteigen ſehen, und man hätte ihn durch tauſend mitleidige Bravo's für ſein Unglück entſchädigt. Aber das Publikum wurde heut ſo wüthend, weil der Mann ein Prinz war, und weil man bei Euch Franzoſen noch immer vorherrſchend der Meinung iſt, daß ein Prinz ſich nicht anders als muthvoll und erhaben beweiſen dürfe. Ihr haltet alſo einen Prinzen an ſich ſchon für ein höheres Weſen, als jeden Kunſtreiter, und das zeigt mir, wie weit entfernt Ihr noch immer von un⸗ ſerer amerikaniſchen Freiheit ſeid! Der junge General Lafayette, der dieſe Worte ge⸗ hört, begab ſich jetzt an die Seite Franklins hervor, und ſagte: Ihr hättet alſo gewünſcht, verehrter Freund und Landsmann, daß wir dem Herzog von Chartres ſeinen Mangel an Courage durch unſer Händeklatſchen Lerſüßt hätten. Nun gut, Ihr mögt in gewiſſem Sinne wohl Recht haben. Aber Frankreich wird in ſeinen Anſchauungen wie in ſeinen Handlungen nur langſam dem großen Anſtoß folgen können, den unſer Amerika der ganzen Welt gegeben! Es ſchmeichelt meinen Ohren wie Sirenengeſang, erwiederte Franklin, daß der General Lafahette ſich auch in Frankreich noch den Landsmann der Amerika⸗ ner nennt. Könnte ich mit demſelben Recht unſer Frankreich ſagen, mit dem Ihr von Euerem Amerika ſprecht! Ihr habt dies Recht für immer durch Euern tapfern Arm erworben, mit dem Ihr für die ameri⸗ kaniſche Freiheit gekämpft. Ich betrachte mich fortwährend nicht anders als im Dienſt der Vereinigten Staaten, mein theuerer Landsmann! entgegnete Lafayette mit ſeiner herzlichen Heiterkeit. Indeß müſſen alle guten Freundſchaften und Huldigungen von Zeit zu Zeit immer wieder er⸗ neuert werden, und ſo ſeht Ihr mich im Begriff, ſchon wieder Vorbereitungen zu einer neuen Reiſe nach Amerika zu treffen. Es treibt mich dorthin und will mir keine Ruhe mehr auf dem Boden Frankreichs laſſen. Ihr ſeht daraus, daß ich auch der Meinung bin, wie es noch immer Zeit mit Frankreich hat. Aber Euerem Senat wollte ich mich vorſtellen als Einen, der wieder einmal die amerikaniſche Sache grüßt und derſelben immer und immer Arm und Herz zur Verfügung ſtellen möchte. Darnm freute ich mich noch ganz beſonders darauf, Euch heut Mittag bei unſerer Freundin zu ſehn. Ihr habt mir gewiß recht Viel an Waſhington aufzutragen.*) Ja, entgegnete Franklin lebhaft, ſagt ihm vor ) Lafayette trat im Frühling des Jahres 1784 eine neue Reiſe nach Amerika an. Mémoires du Général Lafayette II. 81. 87. allen Dingen, daß wir ihn doch wieder aus dem Schatten ſeines Weinſtocks und ſeines Feigenbaumes heraus haben möchten in den Tumult des öffentlichen Lebens. Er iſt der edelſte, größte und vollkommenſte aller Menſchen in dieſer Zeit, und es war gewiß einer der erhabenſten Züge ſeines Characters, daß er, gleich dem großen römiſchen Helden Cincinnatus, ſich in den Frieden des Landlebens zurückzog, nachdem er ſeine Aufgabe als Führer unſerer glorreichen Revolution vollendet. Ganz Europa hat es bewundert, daß Wa⸗ ſhington wieder der einfache Bürger an den Ufern des Potomac werden konnte. Aber die Welt braucht Waſhington noch, und das unſterbliche Haupt der mo⸗ dernen Revolution muß als ein leuchtendes Beiſpiel mitten im bewegten Leben ſtehen bleiben. Es darf ſeine alle Völker erweckende Glorie nicht an den Kohl⸗ bau und die Viehzucht abtreten. Ich glaube, rief der hinter ihnen gehende Chamfort fröhlich dazwiſchen, Vater Franklin grollt über unſer verſpätetes Diner, und ſpricht darum wegwerfend von den Producten der Waſhington'ſchen Landwirthſchaft, obwohl uns ausdrücklich von unſerer liebenswürdigen Gönnerin angekündigt worden, daß wir heut Mittag unter anderen Herrlichkeiten auch einen Waſhington'ſchen Schinken zu erwarten haben. Verderben wir uns doch jas dieſe Quelle nicht, welche durch die mittheilſame Güte des Generals Lafayette offen gehalten wird. Denn wenn der große Wafhington erſt erfährt, daß wir ſeine geniale Landökonomie geringſchätzig anſehen, ſo darf Madame Waſhington keine Schinken mehr an Frau von Lafayette ſchicken, und wir Schmarotzer im Landhauſe der Madame Helvétius haben das Mund⸗ abwiſchen danach. Und ich habe gerade ungeheueren Appetit, nicht blos heut, wo wir auf unnatürliche Weiſe ausgehungert worden, ſondern immerdar, auf einen ſolchen Schinken, der uns aus Amerika kommt, und in dem wir den ächten Freiheitsſchinken der Zu⸗ kunft anzubeten und zu verzehren haben. Dazu gehört dann auch noch ein Gläschen von jenem merkwürdigen Pfirſich⸗Liquör, der ebenfalls aus Waſhington's Fabrik durch unſern General Lafayette zu beziehen iſt, und durch den ich auch heut hoffe, den amerikaniſchen Cul⸗ tus bei uns vervollſtändigt zu ſehen. Sind das nicht Alles Gründe, welche für die fernere Zurückgezogenheit Waſhingtons von den Staatsgeſchäften ſprechen? Man war in ein allgemeines Gelächter über dieſe Drolligkeit Chamfort's ausgebrochen. In der That, bemerkte Madame Helvétius mit ihrem bezaubernden Lächeln, der amerikaniſche Cultus dürfte heut auf unſerm kleinen Diner ſchon deshalb vorherrſchen, weil er die Einfachheit für ſich hat, und am meiſten in den Geleiſen deſſen bleibt, was die Natur uns zuführt. Es verſteht ſich darum, daß ich nebenher auch das Lieblingsgericht unſeres Frank⸗ lin, die Eier mit Senf, nicht vergeſſen habe, die zu⸗ erſt durch ihn in Paris eingeführt worden ſind, und längſt nicht mehr für eine Barbarei, ſondern für eine beliebte Mode gelten. Benjamin Franklin ſtieß vor Vergnügen mit ſeinem Stock auf die Erde, und ſagte ſchmunzelnd: Ihr macht das Maaß Enerer Güte gegen mich voll und übervoll, obwohl dieſelbe mir auf der andern Seite auch wieder den Schmerz erneuert, nicht immer bei Euch ſein zu dürfen, und unter dem Segen Eueres Genius nicht einſt mein Leben beſchließen zu können!— Sie ſtanden jetzt vor dem freundlichen Landhauſe, deſſen Pforten von dem Diener geöffnet wurden, um die Gäſte wieder eintreten zu laſſen. Franklin, den Madame Helvétius auf ſeine letzte Bemerkung ohne Antwort gelaſſen hatte, ſtellte ſich, ehe er eintrat, mit verſchränkten Armen vor das Haus hin, und betrachtete ſinnend eine Stelle über der Thür, auf der allem Anſchein nach ſich früher eine Marmor⸗ platte befunden hatte. Ich bemerke erſt jetzt, liebe Freundin, ſagte er mit einem etwas zürnenden Ausdruck, daß Ihr die Tafel habt herunternehmen laſſen, welche ſonſt das Frontiſpice Eueres Hauſes zierte. Es befand ſich dort eine Inſchrift, die ich ſehr liebte, denn ſie feierte Boileau und Gendron, die vor Euch hier wohnten, und war von dem göttlichen Voltaire verfaßt. Ich muß Euch wirklich darum tadeln, denn von Voltaire darf kein Wort umkommen, auch das geringfügigſte nicht, das in der Blitze ſchmiedenden Werkſtatt ſeines Geiſtes jemals hervorgegaugen war. Denn auf Vol⸗ taire's Geiſt wird doch Alles dankbar zurückzuführen ſein, was für die Freiheit und Gleichheit in dieſer neuen Epoche gewirkt werden kann. Er iſt der Ur⸗ genius der nenen Zeit, und auch der Amerikaner Ben⸗ jamin Franklin wird nie aufhören, ſich als ſein Schü⸗ ler und Anbeter vor dem Andenken dieſes Unſterb⸗ lichen in den Staub zu neigen! Die Inſchrift war ſchadhaft geworden, entgegnete Madame Helvétius, und da mir die Platte über der Thür nicht recht feſt eingefügt zu ſein ſchien, ſo ließ ich ſie herunternehmen, und gab ihr im Bosquet mei⸗ nes Gartens eine recht paſſende Stelle der Erinnerung. Die Inſchrift lautete ja auch nur auf meine Vorgän⸗ ger in dieſem kleinen Hausbeſitz,*) und wir müſſen doch heut unter unſerer eigenen Fahne fechten. Nicht wahr, Graf Mirabeau? MG'est ici le vrai Parnasse des vrais enfans d'Apollon. Sous le nom de Boileauces lieux virent Horace: Esculape y Parait sous celui de Gendron.“ Ja, rief Mirabeau ſtürmiſch, und auf dieſe Fahne wird uns einſt die ſchöne Hand der Madame Helvs⸗ tius den Namen der Freiheit ſticken! Der Name Vol⸗ taire's wird aber immer die mächtigſte Parole ſein, unter der die Geiſter Frankreichs ſich finden und ver⸗ einigen, und in ſeinem Cultus für Voltaire hat unſer großer Franklin gewiß den richtigen Blick in die heu⸗ tige Lage der Menſchheit gehabt. Darum die ewig rührende Geſchichte, deren ich nie ohne Thränen ge⸗ denken konnte, daß Franklin einſt ſeinen vierjährigen Enkel zu Voltaire brachte, und ihn bat, demſelben ſei⸗ nen Segen zu ertheilen. Und es war in der That ein Augenblick, der mir unvergeßlich bleiben wird! ſagte Franklin, die Hände faltend. Mit einem wahrhaft heiligen Ansdruck ſeines Geſichts legte Voltaire ſeine beiden Hände auf den kleinen Kopf des Knaben, und ſagte dann mit einer gewaltigen, donnernden Stimme, die mir durch Mark und Bein ging: Freiheit! Toleranz und Ehrlichkeit!“) Aber gehen wir jetzt zuerſt in den Garten, ſetzte Franklin mit einem Ausdrug leiſer Wehmnth hinzu, ich möchte die Marmortafel wiederſehn, die mit den Worten Voltaire's mir immer einen ſo angenehmen und herzerweckenden Eindruck gemacht hat! Und ich ſtelle unartiger Weiſe den Antrag, dieſe Ceremonie bis nach dem Schluß unſeres Diners zu verſchieben, ſagte Chamfort mit komiſcher Dringlich⸗ keit. Kann dieſer Antrag nicht ſofort einſtimmig an⸗ genommen werden, ſo ſchlage ich vor, unſere hungri⸗ gen Magen zu einer Volksverſammlung zu berufen, und unter freiem Himmel, wie einſt die alten roth⸗ haarigen Germanen es machten, abſtimmen zu laſſen. Wenn meine angelegentliche Bitte etwas helfen Sonvenirs de la Marquise de Créquy V. 3. — 65 kann, entgegnete Madame Helvétius, ſo wird zuerſt die Volksverſammlung der hungrigen Magen abgehal⸗ ten, aber nicht unter freiem Himmel, ſondern in mei⸗ nem Eß⸗Salon, der ſonſt leicht nichts als verdorbene Speiſen darzubieten haben würde. Dieſer Einladung war nicht zu widerſtehen, und die Geſellſchaft folgte ihrer liebenswürdigen Wirthin, die jetzt eilig voran in das Haus trat. Im Salon wurde der Madame Helvétius durch den Diener ein Brief übergeben, den ſie raſch und be⸗ gierig entfaltete und, nachdem ſie ihn geleſen, mit einem Zug der tiefſten Traurigkeit im Geſicht auf den Tiſch zurücklegte. Diderot hat mir abgeſchrieben, ſagte ſie nach einer Pauſe, indem eine Thräne in ihren Augen glänzte. Er wird nicht kommen, und wer weiß, ob wir ihn jemals wiederſehen. Ich habe eine trübe Ahnung. Sein Befinden iſt abermals ſchlimm, und der Marquis von Holbach, ängſtlich beſorgt um ihn, hat die Fahrt nach Auteuil nicht zugeben wollen, ſondern den kranken Freund unter ſeiner Obhut zurückbehalten. Wie trau⸗ rig, daß ein Genins, wie Diderot, den Menſchen, die er beglückte, auch wieder genommen werden kann! Ich habe Diderot geſtern in Paris geſehen, ſagte Lafayette, und rieth ihm, ſich mit ſeinen Leiden dem deutſchen Doctor Mesmer anzuvertrauen, deſſen neue magnetiſche Curen jetzt ganz Paris in Bewegung brin⸗ gen. Aber er lachte mich aus, und ſagte: er könne ſich nicht mehr entſchließen, an die magnetiſche Kraft der Finger zu glauben, nachdem er geſehen, wie wenig die magnetiſche Kraft der Geiſter in der Welt vermöge. Und dies war dem General Lafayette, der ſich zum Schüler Mesmer's gemacht hat, eine recht geſunde Lection! rief Mirabeau mit einem höhniſchen Ausdruck. Magnetiſche Kraft trägt jeder anſtändige Menſch in — ſich, ſobald er will. Was bedarf es dazu erſt eines deutſchen Charlatans? Es kommt darauf an, wieviel Kraft des Willens Jeder bei ſich aufzutreiben vermag, und das iſt der ganze Magnetismus. Wenn ich Kraft des Willens genng beſitze, ſo kann ich morgen gegen das ſchönſte Mädchen der Welt die Hand aufheben und zu ihr ſagen; folge mir! Ich bin es! Und ſie wird der geheimnißvollen Kraft meines Willens Folge leiſten, ohne weder rechts noch links zu blicken, noch an Vater und Mutter und ſämmtliche Tanten zu denken! Dieſe Erklärung ward mit einem allgemeinen Ge⸗ lächter hingenommen. Wenn das iſt, ſo war Mirabeau allerdings von jeher der Meiſter aller magnetiſchen Curen! rief Chamfort. Ich bitte, meine Herren, Ihre philoſophiſchen Streitigkeiten jetzt beendigt ſein zu laſſen! rief Ma⸗ dame Helvétius mit ſehr dringlicher Stimme dazwiſchen, indem ſie einlud, ſich nach Gefallen um den Tiſch zu gruppiren. S 7 EE Henriette van Haren. In einem Kloſter, welches in der Nähe der alten Kirche Saint⸗Germain des Pres in Paris gelegen war, lebte ſeit einigen Jahren ein junges Mädchen als Penſionairin, die durch ihre ungewöhnliche Schönheit ebenſo ſehr wie durch ihre Liebenswürdigkeit und Grazie die Wenigen, welche ſie zu ſehen Gelegenheit hatten, für ſich einnahm. Sie war eine Holländerin von Geburt und hieß 76 Henriette Amélie van Haren, welchen Namen ſie als natürliche Tochter des berühmten holländiſchen Dich⸗ ters Onno Zwier van Haren trug, der als nieder⸗ ländiſcher Freiheitsſänger beſonders durch ſein großes Gedicht„die Geuſen“ geglänzt, aber auch als Staats⸗ mann wie als thätiger Anhänger des Prinzen von Oranien eine bedentende Wirkſamkeit entfaltet hatte. Nach dem Tode des Dichters, der im Jahre 1779 erfolgte, war Henriette, die damals erſt vierzehn Jahre zählte, dem Kloſter in Paris übergeben worden, um dort ihre Erziehung zu vollenden, und zugleich, bis ſich weitere Lebensbeſtimmungen für das reizende Kind gefunden hätten, ihren Aufenthalt zu nehmen. So war Henriette, welche für ihren Lebensunterhalt nur auf eine kleine Rente angewieſen war, die von ihrem Vater für ſie ausgeſetzt worden, in dieſer klö⸗ ſterlichen Verborgenheit aufgewachſen, in der ſie bisher faſt von Niemanden gekannt war. Sie hatte jetzt— im Frühling des Jahres 1784— ihr neunzehntes Jahr erreicht, und an Körper und Geiſt eine ſo blü⸗ hende Entwickelung genommen, daß zu dieſen außer⸗ ordentlichen und reichen Vorzügen die Vereinſamung und Abgeſchnittenheit ihres bisherigen Lebens nur einen wehmüthigen Contraſt hervorrufen konnte. Henriette hatte weder Freunde noch Angehörige in Paris, Niemand bekümmerte ſich um ſie, und die eigen⸗ thümlichen Fortſchritte ihres Geiſtes, wie alle ihre Schönheit und Anmuth, ſchienen von Niemanden be⸗ merkt und beachtet zu werden. Die Kloſterfrauen und übrigen Penſionnairinnen, auf deren Umgang ſie ange⸗ wieſen war, behandelten ſie ohne jede Bevorzugung wie Ihresgleichen, und Henriette hatte ſich daran ge⸗ wöhnt, in ihrem düſtern und einſörmigen Leben einen Tag wie den andern hinzubringen, ohne daß die friſche — — Schwungkraft ihres Geiſtes und die Fröhlichkeit ihres Weſens dabei gelitten hätten. Ihre einzige Zerſtreuung beſtand in dem Beſuch des beim Kloſter gelegenen Gartens und in den kleinen Landpartieen, welche im Sommer von Zeit zu Zeit nach Autenil und andern Nachbarorten von Paris in Gemeinſchaft aller Bewohnerinnen des Kloſters und unter dem Schutz der würdigen Priorin deſſelben, einer Gräfin von Monteſſuy, veranſtaltet wurden. Der letzte Ausflug dieſer Art ſchien in Henrietten einen beſonderen Stachel der Erinnerungen zurückge⸗ laſſen zu haben. Sie war in Auteuil, während ſie mit einigen ihrer Gefährtinnen einen Spaziergang in das Feld unternommen, auf eine ſehr auffällige Art durch die Aufmerkſamkeit eines Herrn beläſtigt worden, der nach der erſten Begegnung, bei der er ſie erblickt, umgekehrt und ihren Schritten nnabläſſig gefolgt war. Er war in ihrer Nähe geblieben, bis ſie den Wagen zur Rückfahrt beſtiegen, und in dieſem Moment hatten ſich ſeine großen mächtigen Augen mit denen er ſie bis dahin verfolgt und gewiſſermaßen unter ſeinem Bann gehalten hatte, flammend und mit einem wunderbaren, nie empfundenen Ausdruck in ihre Seele gebohrt. Henriette war zu abſichtlich zum Gegenſtand dieſer zndringlichen Aufmerkſamkeit gemacht worden, als daß ſie nicht dieſes ganzen Vorganges wegen den beißenden Spott ihrer zum Theil eiferſüchtigen Genoſſinnen und eine ernſte Vermahnung der Priorin zu hören be⸗ kommen hätte. Am andern Tage war der Fremde plötzlich an der Hinterpforte des Kloſters erſchienen, und der merk⸗ würdigſte Zufall hatte ſie gerade an dieſer Stelle vorübergeführt, wo er ſpähend und lauſchend zu ver⸗ weilen ſchien. Dann hatte ſein Gruß ſie auf's Tiefſte erſchreckt und Henriette war, an allen Gliedern zit⸗ — ternd, in die dunklen Gänge des Gartens hinein ent⸗ flohen. Aber ſie hatte ſich die ganze Nacht hindurch in ihrer einſamen Zelle mit dieſer Erſcheinung beſchäf⸗ tigt, die ſie nicht wieder aus ihren Gedanken verlieren konnte, obwohl der Eindruck, den die hohe, faſt herviſche Geſtalt des fremden Mannes auf ſie gemacht, mehr ein widerſtrebender und erſchreckender war, und ihr Herz mit einer gränzenloſen Bangigkeit erfüllte. Dieſer Zuſtand einer nnendlichen Beängſtigung und Unruhe hatte ſich in ihr geſteigert, ſeitdem ſie geſtern Abend, als ſie ſich noch in einer ſpäteren Stunde im Garten befand, den Fremden plötzlich hinter den Linden an ihrem Lieblingsſitze hervortreten geſehn. Mit einer unwiderſtehlichen Bewegung, der ſie ſich gar nicht zu entziehen gewußt, hatte er ſie anzureden ge⸗ wagt, und ſie hatte nicht umhin gekonnt, ihm zuzu⸗ hören. Sie glaubte noch nie einen Menſchen ſo reden gehört zu haben. Indem er ſprach, ſchien ihr eine Flamme über ſeinem Hanpte aufzugehen, welche den vor ihr liegenden abenddunklen Garten weithin mit Licht überflog. Zugleich aber fiel es ihr wie eine ſchreck⸗ liche Gefahr auf's Herz, daß ſie ſich allein mit ihm befand, denn ihre Gefährtinnen hatten bereits ſämmt⸗ lich den Garten verlaſſen. Henriette fand ſo viel Kraft, ihre Hand aus der ſeinigen loszureißen, und ſich mit einigen abgebrochenen, kaum verſtändlichen Sylben von ihm beurlaubend, hatte ſie den Rückweg zum Kloſtergebäude gewonnen, noch ehe der Fremde, ob⸗ wohl er ihr kühn und rückſichtslos auf dem Fuße gefolgt war, ſie wieder zu erreichen vermochte. Heut ſaß Henriette um dieſelbe Stunde, theils träumeriſchen Gedanken hingegeben, theils ſich ängſti⸗ gend, in ihrem kleinen Gemach. Den ſchönen blond⸗ gelockten Kopf in die Hand geſtützt, dachte ſie ernſtlich und eifrig Allem nach, was ihr in der letzten Zeit be⸗ — 3 gegnet war, und ſie fand mit der ihr eigenen Ehrlich⸗ keit, daß ſie ſich doch wohl Einiges vorzuwerfen haben möchte. Das Bild des räthſelhaften Fremden drängte ſich wieder ihren Vorſtellungen auf, und ſie begann zugleich alle widrigen Empfindungen, von denen ſie ſich zuerſt bei ſeinem Anblick erregt gefühlt, in ſich aufzurufen und wie zur Hülfe gegen ihn zu entbieten. Sie geſtand ſich, daß ſein Eindruck eigentlich ein fürch⸗ terlicher geweſen, und wenn ſie ſich jetzt die gewaltige muskelkräftige Geſtalt, die ihr ſo wunderbar begegnet war, wieder vergegenwärtigte, wollte ihr ſcheinen, als habe ſie es eher mit einem böſen Dämon zu thun ge⸗ habt, der mit düſtern und verderblichen Lockungen an ſie herangetreten. Sein Geſicht, wie es ihr zuletzt vor Augen geſtanden, war ihr mit zurückſchreckenden, harten und wilden Zügen in der Erinnerung geblieben. Doch mußte ſie ſich geſtehen, daß im Feuer ſeiner Rede, als er ihr geſtern die Beweggründe ſeines Er⸗ ſcheinens ſo hinreißend geſchildert, ſein Antlitz ganz und gar wie von einer ſtrahlenden Schönheit über⸗ goſſen geweſen, und daß ſie ihn in dieſem Augenblick lieber mit einem Gott als mit einem Dämon ver⸗ glichen hätte. Aber Henriette beſchloß, fortan die Erinnerung an ihn zu haſſen und jede Beſchäftigung ihrer Gedanken mit ihm weit von ſich zurückzuweiſen. Zu dieſem Zweck nahm ſie ſich vor, in der nächſten Zeit gar nicht mehr in den Garten hinunterzugehen, und im Hauſe eine Unpäßlichkeit vorzuſchützen, durch welche ſie ſich auf mehrere Wochen an ihr Zimmer gefeſſelt ſehen wollte. Das gute Kind war ſo aufrichtig und nachdrücklich bei dieſen Entſchlüſſen, daß ſie zur Be⸗ kräftigung derſelben vor dem über ihrem Bett aufge⸗ hangenen Bilde der Madonna niederſank und mit frommen Lippen ein inbrünſtiges Gebet dazu flüſterte. Mirabeau. I. 6 In dieſem Augenblicke klopfte es leiſe an ihre Zelle, und Henriette ſprang mit einem lauten Ausruf des Erſchreckens von ihren Knieen empor. Sie athmete erſt wieder beruhigt auf, als die Thür ſich öffnete und, ſtatt des Unbekannten, den die erregte Phantaſie der jungen Penſionnairin erwarten zu müſſen geglaubt, eine der Kloſterfrauen des Hauſes in Henriettens Zimmer trat. Es war die fromme Schweſter Ange⸗ lique, die Henrietten ſeit einiger Zeit eine beſondere Aufmerkſamkeit bewieſen, obwohl dabei zugleich ſo viel Schneidendes und Lauerndes in dem Weſen der alten Nonne ſich ausdrückte, daß Henriette nur mit einer gewiſſen Bangigkeit dieſe Bemühungen ihrer Freundin um ſie aufnehmen konnte. Schweſter Angelique näherte ſich jetzt mit einer trippelnden Freundlichkeit, indem ſie Henriettens Stirn küßte, und ihr dabei mit einem ſo durchbohrenden Seitenblick forſchend in die Augen ſah, daß Henriette unwillkürlich erbebte, und wie in ängſtlicher Erwar⸗ tung irgend einer ſchlimmen Nachricht einen Schritt von ihr zurücktrat. Ich ſuchte Dich unten im Garten, Schweſter Hen⸗ riette, begann die Nonne, und glaubte Dich dort um ſo eher wieder anzutreffen, da Du geſtern um dieſelbe Stunde bei dem Lindenplatz verweilteſt und Dich ſehr gut zu unterhalten ſchienſt. Was hat es zu bedeuten, mein unſchuldiges Kind, daß Du heute nicht wieder dort erſchienen biſt? Was es zu bedeuten hat? fragte Henriette mit zit⸗ ternder Haſt, indem ihre ausbrechende Verwirrung und Verlegenheit die ſprechendſten Bekenntniſſe ablegte. Nun, ich will Dich nicht martern, Du biſt ein gutes, liebes Mädchen, aber Du befindeſt Dich in einer ſchrecklichen Gefahr! ſagte die Schweſter mit einem tiefen feierlichen Ernſt. Sie ergriff darauf Henriettens Arm, und zog die⸗ ſelbe neben ſich auf das Kanapee, was das erſchreckte Mädchen willenlos, und kaum noch athmend vor Angſt und Erregung, geſchehen ließ. Der Lindenplatz im Garten iſt heut Abend wieder wunderſchön, die Linden ſtrömen ſo herrliche Düfte aus, und Feinsliebchen hat ihren Ritter vergeblich da unten harren und harren laſſen, ſagte Angelique mit einer geheimnißvoll flüſternden Stimme. Du weißt Alles, erwiderte Henriette mit hervor⸗ ſtürzenden Thränen, und ſo wirſt Du auch wiſſen, wie unſchuldig ich bei dieſer Begegnung mit einem Unbekannten bin, deſſen Verfolgungen ich verabſcheue, und den ich niemals wiederſehen werde. Denn ich habe mir gelobt, dies Zimmer nicht wieder zu ver⸗ laſſen, bis ſich jede Spur von dieſem widerwärtigen Menſchen für mich verloren hat! Die heilige Jungfrau ſegne Deine Gelübde, meine Tochter! verſetzte die Kloſterfrau, indem ſie ihre Hände faltete und, gegen das Bild der Madonna ſich ver⸗ neigend, ein keiſes Gebet flüſterte. Dann fuhr ſie mit ihrem Lächeln, das ſo viel Argliſtiges haite, fort: Und ich habe mir gelobt, Dir in Deinen Anfechtungen chriſtlich und getreulich beizuſtehen. Darum war ich geſtern in Deiner Nähe, als der Verſucher Dich an— trat, und nachdem ich die ganze Nacht hindurch in meinex Zelle für Dich gebetet, ſtellte ich mich heut wieder pünktlich auf demſelben Platze ein, um die fer⸗ neren Werke des Satans gegen Dich zu beobachten. Aber der weltberühmte Verführer fand heut ſein Opfer nicht auf der Stelle, und ich weidete mich daran, ihn aus meinem Verſteck zu betrachten, ihn, vor dem alle Frauen in ganz Frankreich zittern, und dem keine Familie, kein Haus, kein Kloſter und kein Tempel heilig iſt! 6* — Von wem ſprichſt Du, Schweſter Angelique, um Gotteswillen? fragte Henriette, die Hände der Nonne ergreifend und ſich ängſtlich an ſie ſchmiegend. Und Du ſollteſt wirklich ſeinen Namen nicht ge⸗ wußt haben? fragte die Nonne mit einem bedentſamen Lächeln. Du ſollteſt nicht gewußt haben, daß der Mann, welcher Dir nachſtellt und der ſchon ſeine ver⸗ derblichen Hände nach Dir ausgeſtreckt hat, daß der Allberücker, der auch in Deine Nähe gedrungen, Nie⸗ mand anders als der Graf Mirabeau iſt? Nein, bei Gott, das wußte ich nicht, das ahnte ich nicht! rief Henriette an allen Gliedern zuſammen⸗ ſchreckend. Ein tiefes Purpurroth flammte auf ihren Wangen auf. Dann verſank ſie, den Kopf vornüber auf die Bruſt gebengt, in ein träumeriſches Nachſinnen, in dem ſie ganz die Anweſenheit der frommen Schweſter Angelique zu vergeſſen ſchien. Ja, Graf Mirabeau, wiederholte die Schweſter, ein Kreuz ſchlagend, mit einem halb feierlichen halb beſorgnißvollen Ausdruck. Ich habe ihn deutlich er⸗ kannt, als er uns zuerſt in Auteuil begegnete, und geſtern Abend, wo der Strahl des Mondes gerade in ſein Geſicht fiel, beſtätigte ſich mir meine Ent⸗ deckung über allen Zweifel. Armes Kind, es iſt der Graf Gabriel Riquetti von Mirabeau, deſſen Blicke durch den Satan jelbſt auf Dich gelenkt worden, und der Dich mit ſeinen hölliſchen Liſten zu umgarnen gedenkt. Seine Macht iſt groß, und ich fürchte, Du wirſt ihr mit Deinen ſchwachen Kräften keinen Wider⸗ ſtand leiſten können! Seid meinetwegen nicht beſorgt, Schweſter Ange⸗ lique! erwiderte Henriette, aus ihrem träumeriſchen Hinſtarren emporfahrend. Der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts hatte ſich plötzlich verändert, ein ſinniges ſtrah⸗ lendes Lächeln hatte auf demſelben Platz genommen. Und woher wußteſt Du, daß es Graf Mirabeau iſt? ſetzte ſie mit einer leiſen Frage hinzu. Oh, erwiderte die alte Nonne, habe ich ihn denn nicht im Kloſter der heiligen Clariſſinerinnen zu Gien geſehen, wo er zweimal den Verſuch machte, die edle ſchöne Sophie von Monnier aus unſerem Kloſter zu entführen! Du weißt, daß ich in Gien war, ehe ich hierher zu Euch gekommen, von wo ein unſeliger Zwiſt mit der Aebtiſſin, der mir einen Austritt aus dieſem Kloſter wünſchenswerth machte, mich vertrieb. Und ich wohnte damals mit dieſer Sophie Zelle an Zelle, und durfte mich rühmen, die Vertraute ihrer Schmerzen und ihrer Geheimniſſe zu ſein. Ach, ſie ließ mich Tag und Nacht in ihrer zermarterten Seele leſen, was es heißt, von Mirabeau verführt und berückt zu werden! Die Aufmerkſamkeit Henriettens wurde durch dieſe Mittheilung auf das Aeußerſte erregt. Wie, rief ſie mit einem aufflammenden Blick, Du biſt eine Ge⸗ fährtin jener unglücklichen Sophie geweſen, deren Leiden und Abenteuer ganz Frankreich kennt? In welchem gefühlvollen Herzen haben ſich nicht die Namen Sophie und Mirabeau zu einem wunderſamen Gedicht der Zärtlichkeit und der Liebesſchmerzen ineinander geſchlungen! O, erzähle mir Alles von ihr und von ihm, was Du weißt, denn meine ganze Seele dürſtet nach dieſen Geſchichten, und nichts hat mich je ſo in⸗ tereſſirt, wie die Schickſale von Sophie und Mirabeau! Es iſt das eine ſehr gefährliche Neugierde, mein Kind, bemerkte Angelique mit einer ſtrengen Geberde. Die ächten Werke des Teufels erkennt man daran, daß ſie ſich zunächſt ſo ausnehmend reizend darſtellen. Wir Kloſterfrauen bei den heiligen Clariſſinerinnen in Gien waren jeden Tag in Schrecken, daß Graf Mirabean kommen und uns überfallen möchte! Wir fürchteten Alle nichts Geringeres, sls5 zihni ent⸗ führt und weggeſchleppt, und in das Schickfal unſerer ſo bitter heimgeſuchten Sophie hineingezogen zu werden. Henriette, die oft in den ernſteſten Momenten den Ausbrüchen ihrer natürlichen Heiterkeit nicht wider⸗ ſtehen konnte, ließ plötzlich ein lautes herzliches Ge⸗ lächter erſchallen. Aber er kam niemals, um Euch würdige Häupter zu entführen und wegzuſchleppen? fragte ſie mit einem neckenden Ton. Er kam, er kam! antwortete Angelique haſtig und bedentungsvol. Graf Mirabeau kam zwei Mal, um den Frieden bei den heiligen Clariſſinerinnen auf das Frevelhafteſte zu ſtören, und unſere heiligen Regeln und Ordnungen mit räuberiſcher Hand umzuſtoßen. Denn er kam, um Sophiens ſchwer errungene Ruhe wieder zu trüben, ſie mit ihrem Herzen von neuem zu überwerfen, und das arme, ſeinem Zauber noch immer unterliegende Geſchöpf zur Flucht mit ihm zu drängen. Dieſe Heimſuchungen des Böſen mußten namentlich mich, der ich Sophien ſo nahe ſtand, auf das Tiefſte er ſchüttern, und meine Bruſtleiden, die wohl bald Se meinen Tod herbeiführen werden, ſtammen aus dieſer Zeit! Und wie benahm ſich Sophie bei dieſen Bemü⸗ hungen ihres Geliebten, ſie, deren Schönheit, Helden⸗ muth und Märtyrerſinn in den Erzählungen gleich ſehr gerühmt werden? Henriette mit einem ſchwärmeriſchen Blitzen ihrer ſchönen Augen. Ich will Dir Alles erzählen, wie es ſich zugetragen, mein Kind! erwiderte die Nonne. Du weißt, daß Sophie von Monnier die große Sünde auf ihr Haupt geladen hatte, ſich von dem Grafen Mirabeau ihrem Gatten entführen zu laſſen. Bei meinem Schutz⸗ patron, eine große Sünde war es immer, aber 6. Sophie zählte ja damals erſt neunzehn Jahre, —— der alte Marquis von Monnier, mit welchem der Zwang ihrer Mutter ſie verheirathet, hatte ſchon faſt achtzig Jahre. Das heißt, mit aller Gewalt die An⸗ fechtungen des Fleiſches hervorrufen, und der Teufel ſandte einen ſeiner glänzendſten Lieblinge dazu aus in der Geſtalt des Grafen Mirabeau, der auf das Schloß Joux bei Pontarlier als Gefangener gebracht worden. Das weiß jedes Kind in Frankreich, gute Schweſter Angelique, rief Henriette, ſie ungeduldig unterbrechend. Wer hat ſich nicht von dieſer wunderbaren Mähr er⸗ zählt, wie Sophie und Mirabeau ſich fanden und liebten, und wie Graf Mirabeau, der einem despoti⸗ ſchen Vater durch das Geſetz in die Gewalt geliefert worden, an ihr den Engel ſich gewann, der für lange und grauſame Kerkerleiden ihm lohnen ſollte? Er entführte ſie, ſie und ſich ſelbſt von unwürdigen Feſſeln befreiend, und lebte mit ſeiner Freundin ein idylliſches Liebeleben in Amſterdam, bis die ihnen nachgeſandten Häſcher ſie dort ereilten, und Mirabeau in den Don⸗ jon von Vincennes geſchleppt wurde und die unglück⸗ liche Sophie, auf Betrieb des rachedürſtenden Marquis von Monnier, ihre Einſchließung in dem Kloſter zu Gien erhält! Wie gut Du Dir das Alles gemerkt haſt, meine arme Tochter! ſeufzte Angeligue. Und es iſt gefähr⸗ lich, ſehr gefährlich, ſich das zu merken, glaube mir! Aber Graf Mirabeau hat freilich genug dazu gethan, alle dieſe Dinge öffentlich zu machen, und in Me⸗ moires und Druckſchriften aller Art, die er über ſeine Händel herausgegeben, ſeine Verführungskünſte und Schliche noch vor aller Welt auszupoſaunen. Verzeih', ich glaube, daß Du ihm darin Unrecht thuſt! perſetzte Henriette raſch und eifrig. Er gab Bieſe Memoires ja nur heraus, nachdem er, durch den endlich nachlaſſenden Zorn ſeines Vaters aus Vin⸗ — cennes befreit, ſich in Pontarlier von Neuem als Gefangener geſtellt hatte, um ſeinen Prozeß und das wider ihn ergangene Urtheil nochmals von den Rich⸗ tern gerecht prüfen zu laſſen. Da ſandte er jene ſeine Vertheidigungen in die Welt, die mir erſt neu⸗ lich unſer Arzt zum Leſen gegeben, und die ſo ſchön geſchrieben ſind, als wenn es lauter Melodien wären, die der Hand eines großen Muſikers entfloſſen. Und haben nicht die Richter, die ihn erſt verdammt, zuletzt ſelbſt daraus einſehen müſſen, daß das Todesurtheil, welches man wegen der Entführung Sophiens gegen ihn gefällt, ein durchaus nicht berechtigtes und ganz und gar zu widerrufendes war? Und war nicht der Hauptzweck Mirabeau' dabei eigentlich der geweſen, durch ſeine eigenen Rechtfertigungsſchriften auf die Befreiung Sophiens hinzuwirken und von ihrer Schuld⸗ loſigkeit alle Ankläger zu überzeugen? Nein, entgegnete Schweſter Angelique mit hitziger Betonung, nein, das war nur ſcheinbar ſein Zweck geweſen, denn wenn er ſein Verhältniß zur Sophie als ein ſchuldloſes darzuſtellen ſuchte, ſo kam es ihm dabei lediglich auf die Freiſprechung ſeiner eigenen Perſon an. Dieſe wollte er erlangen, weil er dann hoffte, ſeine Frau, Emilie von Marignane, die ſich wegen ſeiner abſcheulichen Streiche von ihm zurück⸗ gezogen, und ihn nicht wieder aufnehmen wollte, zur Wiedervereinigung mit ihm bewegen zu können. Er wollte dieſe Fran oder vielmehr ihr Vermögen wieder haben, um mit den bedeutenden Hülfsmitteln deſſelben ſich jetzt eine neue Laufbahn in der Welt zu eröffnen. Aber dieſe Berechnungen ſchlugen fehl, und obwohl ſein Prozeß in Pontarlier niedergeſchlagen wurde, ſo kam doch nichts Vortheilhaftes für den Grafen Mira⸗ beau dabei heraus. Ja, im vorigen Jahre gewan auch ſeine Frau die Scheidung, die rechtskräftig und richterlich zwiſchen ihnen ausgeſprochen wurde. Es iſt wahr, verſetzte Henriette kleinlaut und er⸗ röthend, ich hatte es vergeſſen, daß Graf Mirabeau ſchon vermählt geweſen, und daß er mit ſeiner Frau um ihren Beſitz geſtritten. Es iſt dies zugleich ein Beweis, ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, daß er ſich von ſeiner Sophie wieder abgewandt, und daß das, wie es ſchien, für die Ewigkeit angelegte Verhältniß doch wieder zwiſchen ibnen gebrochen wurde. Aber Du wollteſt mir von Sophien erzählen, und von den Beſuchen, die Euch Graf Mirabeau in Eurem Kloſter zu Gien abge⸗ ſtattet? Ja, dieſe ſchreckensvollen Beſuche werden mir nie wieder aus dem Gedächtniß entſchwinden! ſeufzte die Kloſterfrau, indem ſie ſich noch durch einen frommen Hinblick zum Bilde der Madonna Muth und Troſt gewinnen zu wollen ſchien. Mirabeau und Sophie hatten ſich während ihrer beiderſeitigen Gefangenſchaft ſtets die herrlichſten Briefe geſchrieben, und Sophie, die mir ihr unbedingtes Vertrauen zugewandt, ließ mich Manches davon leſen. Auch war es meine Hand, durch welche ihre Briefe an den Gefangenen von Vincennes befördert wurden. Da wurde Graf Mira⸗ beau plötzlich in Freiheit geſetzt, und der Briefwechſel zwiſchen Beiden, der einſt ſo herzinnig und leiden⸗ ſchaftlich geweſen, in der letzten Zeit aber ſchon öfter verſtimmt zu werden ſchien, nahm nun auf Einmal einen ganz anderen Charalter an. Graf Mirabeau chrieb ihr die heftigſten Briefe, die voll Gereiztheit Eiferfucht gegen ſie waren, und Frau von Malle⸗ — denn dieſen Namen hatte Sophie aus Haß den ihres Gatten im Kloſter angenommen— e ihm darauf mit nicht minder bitteren Er⸗ widerungen. Mirabeau machte ihr Vorwürfe, daß ſie ihm untreu geworden. Bald ſollte ſie mit ihrem Beichtvater Le Tellier, bald mit andern Perſonen, de⸗ ren Beſuche ſie in ihrer Zelle empfing, in eine uner⸗ laubte Verbindung getreten ſein. Es iſt wahr, die bedeutendſten Perſonen der Stadt Gien, welche ſich von ihrer Liebenswürdigkeit und Sanftmuth angezogen fühlten, beeiferten ſich täglich, ſie zu beſuchen und ihr Aufmerkſamkeiten und Huldigungen aller Art darzu⸗ bringen, aber Niemand war darunter, ich kann es verſichern, der Mirabeau's Anklagen gegen Sophie be⸗ gründet erſcheinen laſſen konnte. Sophie erklärte, daß Mirabeau nur die Rolle des Eiferſüchtigen ſpiele, um dadurch den Vorwand zu einem Bruch mit ihr zu gewinnen. Ein gemeinſchaftlicher Freund Beider war der Arzt unſeres Kloſters, der Doctor Yſabeau, der es ſich angelegen ſein laſſen wollte, eine Ausſöhnung zwiſchen Sophie und Mirabeau zu Stande zu bringen. Er ſuchte eine Zuſammenkunft zwiſchen Beiden zu vermitteln, und Sophie entſchloß ſich dazu, obwohl ich ihr die nachdrücklichſten Gegenvorſtellungen zu machen wagte. Aber der Doetor Yſabeau ſetzte Alles durch, er reiſte ſelbſt dem Grafen Mirabeau bis No⸗ gent⸗ſur⸗Verniſſon entgegen, beſorgte ihm dort die Verkleidung und den Kramkaſten eines Hauſirers, und führte ihn unter dieſer Maske in die Zelle Sophiens ein. Sophie hatte mich als ihre einzige Vertraute zur Zeugin dieſer Unterredung beſtimmt, damit ſie ſpäter nicht beſchuldigt werden könnte, zu einer Unſchicklich⸗ keit im Kloſter Veranlaſſung gegeben zu haben. Die beiden Liebenden gingen nach einer kurzen einſylbigen Begrüßung ſofort zu den ſtürmiſchſten Erörteru gen über. Mirabeau behauptete mit ungeheurem G t eine Anklage, für die er durchaus keine Bewei bringen konnte. Sophie vertheidigte ſich — 1— ihrer himmliſchen Sanftmuth, dann ging ſie ſelbſt zu einer immer größeren Energie über, und gab ihm endlich ſeine Beſchuldigungen mit einer gleichen An⸗ klage zurück, für die es aber nicht an unwiderleglichen Beweiſen mangelte. Selbſt in der Zeit, wo Mira⸗ beau aus dem Schloßthurme von Vincennes die glühendſten Briefe an ſeine Sophie ſchrieb, hatte er mit zwei andern Frauen, denen er den Kopf zu ver⸗ rücken gewußt, Einverſtändniſſe unterhalten. Die eine war die Frau des Gouverneurs von Vincennes ge⸗ weſen, die andere aber eine Prinzeſſin von Frankreich, deren Namen ich hier nicht auszuſprechen wage. Die Prinzeſſin, die ſich ſo leidenſchaftlich für ihn intereſſirte, wüßte ihm bald die größten Erleichterungen zu ver⸗ ſchaffen. Sie bewirkte durch ihren Einfluß, daß er ſogar zuweilen ausgehen und ſich nach Paris begeben durfte, und es wurde vornehmlich ihrer Verwendung zugeſchrieben, daß Graf Mirabeau bald darauf auch wieder völlig in Freiheit geſetzt ward. Dieſe That⸗ ſachen, von denen Jedermann ſprach, hielt ihm So⸗ phie in jener Unterredung mir rückſichtsloſer Offenheit vor. Mirabeau ſchäumte vor Wuth, ſeine Stimme wurde die eines donnernden Löwen, und das ganze Kloſter wurde aufgeſchreckt durch ſeine entſetzlichen Töne. Die Kloſterfrauen lagen in ihren Zellen auf den Knieen und beteten, weil ſie wähnten, der Ver⸗ ſucher ſelbſt ſei in den Schaaſſtall eingebrochen. Nie⸗ mand wagte es, ihm entgegenzutreten. So trennten ſich endlich Beide in gegenſeitiger Erbitterung und ſchieden von einander, ohne das Verſtändniß ihrer Herzen wiedergefunden zu haben.*) O wie traurig iſt das! rief Henriette, indem ihr Buſen in einem empfindungsſchweren Seufzer ſich S Montigny Mémoires de Mirabeau III. 288. hob. Und haben ſich Mirabeau und Sophie ſeitdem niemals in Liebe wiedergeſehen? ſetzte ſie leiſe hinzu, indem ihre Stimme vor Erwartung bebte. Im Kloſter zu Gien zitterten wir damals alle Tage, daß er wiederkommen möchte! verſetzte Schweſter Angelique. Aber es verging einige Zeit, ehe die gute Marquiſe wieder etwas von Mirabeau erfuhr. Poch plötzlich ſchien derſelbe eine Anwandlung von Rene empfunden zu haben. Er ſchlug Sophien in einem Briefe eine Ausſöhnung und Entführung vor, und Sophie war ſchwach und liebeerfüllt genüg, um ihre Zuſtimmung zu dem von ihm entworfenen Plane zu geben. Als ſie ſah, daß ich, um ihres ewigen Heiles willen, gegen dieſen Entſchluß bei ihr ankämpfte, zog ſie ſich in ein hartnäckiges Schweigen gegen mich zurück. Aber ich verdoppelte nur meine Wachſamkeit, um Sophie zu retten. Bald hatte ich Alles ausge⸗ ſpäht, wie es zwiſchen ihnen verabredet worden. Mirabeau hatte ſich einen Abdruck unſerer Kloſter⸗ ſchlüſſel zu verſchaffen gewußt, und Sophie empfing von ihm die Schlüſſel, mit denen ſie ſich zur Nacht⸗ zeit die Pforte öffnen ſollte. Tag und Stunde ihrer Flucht waren beſtimmt. Mirabeau ſtänd unter den Mauern des Kloſters, um ſeinen ſchönen Flüchtling zu empfangen. Aber ich hatte, nachdem ich mich im Gebet dazu gekräftigt, unſerer Aebtiſſin Alles ver⸗ rathen. In demſelben Angenblick, wo Sophie ſich die Kloſterpforten erſchließen wollte, ward ſie durch den Arm der Aebtiſſin ſelbſt an ihrer Flucht gehindert. Graf Mirabeau fand eben nur noch Zeit, ſich vor den gegen ihn aufgebotenen Kloſterknechten zurückzuziehen. Ich genoß in der Stille den Triumph der Gerechten, daß ich Sophie vor der verderblichen Wiedervereini⸗ gung mit Mirabeau gerettet hatte.*) 0) Cadet de Gassicourt. Essai sur la vie de Mirabeau. — Und Graf Mirabeau hat ſeitdem alle Verſuche auf⸗ gegeben, ſich ſeiner Sophie wieder zu bemächtigen? fragte Henriette, in ein träumeriſches Nachſinnen ſich verlierend. Mirabeau und Sophie ſind getrennt für immer, erwiederte die Nonne mit einem pathetiſchen Ernſt. Auch nachdem Sophie vor einigen Monaten ihre voll⸗ ſtändige Freiheit wieder erlangt, ſoll ſich Graf Mira⸗ beau ihr nicht wieder angenähert, noch ſich im Geringſten um ſie bekümmert haben. Wie, die Marquiſe von Monnier iſt jetzt aus dem Kloſter von Gien entlaſſen? fragte Henriette mit einem Ausdruck von Unruhe und Traurigkeit. Der Tod ihres Gatten, des Marquis von Mon⸗ nier, befreite ſie endlich aus dem Kloſter, ſagte Schweſter Angelique. Sie hatte bei dem Abkommen, durch wel⸗ ches Mirabeau ſeinen Prozeß in Pontarlier geſchlich⸗ tet, die Erklärung unterzeichnen müſſen, daß ſie das Kloſter, in dem ſie eingeſchloſſen war, nicht eher wie⸗ der verlaſſen wolle, als nach dem Tode ihres Gatten. Nachdem dies Ereigniß vor Kurzem eingetreten, mie⸗ thete Sophie ein kieines Haus in Gien, welches un⸗ mittelbar an das Kloſter ſtieß, in dem ſie ſo lange Troſt und Zuflucht gefunden, und das ſogar durch einen Gang mit dem Kloſter zuſammenhing. Sie gab ſich bei den frommen Clariſſinerinnen in Koſt, deren Nähe und Umgang ſie nicht mehr entbehren wollte. Denn mit ihrer Familie ſich wieder zu ver⸗ einigen, widerſtrebte ihr, nachdem ſie ſo viel von den Vorwürfen und dem Unwillen derſelben gelitten. So hat ſie jetzt, die liebliche Dulderin, dort an den freund⸗ lichen Ufern der Loire ihre Heimath und ihren Frie⸗ den gefunden, und Gott ſegne ſie immerdar, wenn ſie auch ſeit jenem Vorgange meine Feindin geworden. Die Schweſter Angelique verrichtete jetzt ein ſtil⸗ —————- ———— 9— les Gebet, und auch Henriette ſah ſich durch ihre ſtrengen Blicke aufgefordert, daſſelbe andächtig zu theilen. Jetzt habe ich auch für Dich gebetet, daß der Himmel Dich vor dem Grafen Mirabeau ſchützen und behüten möge! ſagte Angelique, indem ſie ſich erhob. Du biſt von dem gefährlichſten und ruchloſeſten aller Männer umſchlichen und ich habe es darum für meine Pflicht gehalten, Dich zu warnen und Dir zur Seite zu ſtehen. Ich danke Dir, erwiederte Henriette, indem ſich ihre Wangen von Neuem mit einem flammenden Pur⸗ pur überzogen. Deine Abſicht iſt ſchön und ich werde ihr zu entſprechen wiſſen, wenn auch die Gefahr nicht ſo groß für mich iſt, als Du wohl meinſt. Du glaubſt, weil Graf Mirabeau ein häßlicher Mann iſt? verſetzte die alte Nonne eifrig. Das iſt ſchon der Anfang der Sünde mit ihm, wenn man ſich ſicher glaubt. Es iſt wahr, wenn man zuerſt ſeiner anſichtig wird, macht ſein pockennarbig zerfetztes und wildes Geſicht faſt einen fürchterlichen Eindruck, und vor der breitſchulterigen gewaltigen Figur meint man zuſammenſinken zu müſſen. Aber dieſer Schauder, welchen er einflößt, iſt das eigentliche Zaubermittel des Satanas, welches ihm derſelbe auf die Welt mit⸗ gegeben, um Alle, die er will, ſicher verderben zu können. Denn nachdem ich ihn einige Male angeſehen, begann ich es ſchon ſelbſt zu empfinden, wie ſich Einem dieſer Schauder im Herzen gerade in ſein helles Gegentheil zu verkehren anfängt. Und nun gute Nacht, Schweſter Henriette! Es iſt ſchon ſpät ge⸗ worden. Damit entfernte ſie ſich jetzt eilig, und ließ Hen⸗ riette in den aufgeregteſten Empfindungen in ihrer Zelle zurück. IV. Wlrabean und Henriette. Henriette ſaß noch immer auf demſelben Platze in ihrem Zimmer, und ließ die Bilder, welche die Er⸗ zählungen der Schweſter Angelique in ihr erweckt, nochmals an ihrer Phantaſie vorüberziehen. Die Nacht war hereingebrochen, und eine tiefe Stille umgab das in ihre Gedanken verlorene Kind. Von dem Kloſter⸗ garten, in den ihr Fenſter hinausging, wehten die Bäume ſchauerliche Melodieen zu ihr herauf. Hen⸗ riette ſchreckte plötzlich aus ihrem träumeriſchen Nach⸗ ſinren empor, und begann aufmerkſam und ängſtlich zu werden, ohne daß ſie ſich den Grund dazu erklären konnte. Ein unheimliches Flüſtern und Bewegen ſchien ihr durch die geſchnittenen Heckenwände des Gartens ſich hinzuziehen. Henriette ſprang von ihrem Sitz empor und eilte zuerſt an das offenſtehende Fenſter, um daſſelbe ſorg⸗ fältig zu ſchließen. Dann zündete ſie mit einer Haſt, als wenn etwas dabei auf dem Spiele ſtände, ihr Licht an, und leuchtete damit ängſtlich in allen Ecken des Zimmers umher. Sie mußte ſich aber überzengen, daß alles Geräuſch, welches ſie plötzlich beargwöhnt und gefürchtet, nur eine Täuſchung ihrer Einbildungs⸗ kraft geweſen, wie ſie auch, nachdem ſie lange am Fenſter geſtanden und gehorcht hatte, erkennen mußte, daß unten im Garten nur der ſtärker gewordene Nacht⸗ wind in den Gängen deſſelben geflüſtert habe. Lächelnd über ihre eigene Thorheit, ſetzte ſich Hen⸗ riette jetzt nieder, und nahm ein Buch, deſſen Lectüre ſie vor einiger Zeit begonnen. Aber es wollte ihr nicht gelingen, ihre Aufmerkſamkeit an dieſe Blätter zu feſſeln. Sie warf das Buch wieder von ſich, und trat von Neuem lauſchend an das Fenſter. Mit dem ſcharfen Gehör, das ihr eigenthümlich war, glaubte ſie ganz deutlich eine flüſternde Stimme aus dem Garken herauf zu vernehmen⸗ In dieſem Augenblicke hörte ſie auch ein leiſes Geräuſch an ihrer Thür, ſie erbebte und ein Angſt⸗ ſchrei entfuhr ihren Lippen. Sie wollte raſch die Thür von innen verſchließen, und doch hielt ſie wieder ein Gefühl, das dunkel in ihrer Seele blitzte, davon urück. Die Thür öffnete ſich, und in den dunkeln Hinter⸗ grund des Zimmers trat die Geſtalt eines Mannes, den Henriette, ihrer Sinne kaum noch mächtig und faſt zuſammenſinkend vor dieſer Erſcheinung, ſogleich erkannte. Er iſt es! Graf Mirabeau! flüſterte ſie leiſe, ihm die Hand wie zur Abwehr entgegen ſtreckend. Sie wiſſen meinen Namen, Henriette! rief er mit triumphirender Stimme, indem er ſich ihr jetzt mit einer raſchen ſtürmiſchen Bewegung näherte und ihre Hände ergriff. Henriette ſtand wie vernichtet da, und überließ ihm willenlos ihre Hände, die er an ſeine Lippen und ſeine Bruſt gezogen. Das Bewußtſein, ſich durch den ihr in der Ueberraſchung entfahrenen Ausruf ſeines Namens verrathen zu haben, hatte ihre Verwirrung zu einer grenzenloſen geſteigert. Es war ihr, als hätte ſie damit jede Kraft des Widerſtandes in ihrem Herzen gegen ihn zverloren. Henriette, begann Graf Mirabeau wieder, ſie lei⸗ denſchaftlich anblickend, ich bin der Glücklichſte aller Menſchen, denn Sie haben ſich in der Zwiſchenzeit mit mir beſchäftigt, und ich will nicht nachforſchen, wer Ihnen hier den Namen Mirabeau's verrathen konnte. Was liegt auch an einem Namen, der bisher —5 nur den Ruhm der Verfolgungen und der Schmerzen aufzuweiſen gehabt, und der zu ſeinem Glanz und zu ſeiner Bedeutung nur auferſtehen kann in einem neuen Leben, deſſen Beginn ſich für Mirabeau nur durch Deine Gunſt, Henriette, entſcheiden wird! Man wird Dir geſagt haben, was ganz Frankreich weiß, nämlich wie gequält, gefoltert und umhergehetzt bisher Graf Mirabeau war, und nun iſt plötzlich mein Schickſal in Deine Hand gelegt worden, Henriette, damit Du die Stürme, die bisher mein Leben durchwühlt, ſänf⸗ tigen und mit Deinem Gnadenmunde den ewigen Frieden der Liebe darüber ſprechen ſollſt!„ Henriette antwortete nicht, ſondern ſtand, den Kopf vornüber auf die Bruſt geſenkt, und ihm zuhörend, mit der Unbeweglichkeit einer Statue da. Es ſchien, als fürchtete ſie, ſich zu bewegen, um die Gewalt, der ſie ſich unterthan fühlte, nicht zu einer raſcheren Ent⸗ ſcheidung über ſich zu rufen. Aber wenn ſie jede Be⸗ wegung ängſtlich vermied, ſo konnte ſie doch das un⸗ geſtüme und laute Treiben ihrer Pulſe nicht zurück⸗ halten, die in ihren von ihm feſtgehaltenen Händen zitterten, und beredter als jedes Wort ihm den Zu⸗ ſtand ihrer Seele verriethen und preisgaben. Wiederhole mir noch einmal das Wort, womit Du mich bei meinem Eintritt begrüßteſt, Henriette! rief Mirabeau, ſie näher in ſeine Arme ziehend⸗ Sprich noch einmal: Er iſt es! und ich will darin das be⸗ ſeligende Geſtändniß leſen, daß Du Dich mit Deinem ganzen Herzen meiner annehmen und mir folgen willſt, um mich nie wieder zu verlaſſen, um bei mir zu bleiben in Liebeseinigkeit und Treue, noch heut, noch in dieſer Stunde! Henriette ſchüttelte langſam mit dem Kopf, ohne ſich ihm zu entziehen, und ohne ein Wort von ihren Lippen zu bringen. Nur ein irres, ahnungsvolles Mirabegu. I. 7 Lächeln flog über ihr Geſicht, das mehr ein beginnen⸗ des Glück als einen heftigen Kampf ausdrückte. Du willſt mir nicht Rede ſtehen, begann Mira⸗ beau wieder mit dem ſchmeichelndſten Laut ſeiner tiefen volltönenden Stimme. Und doch liegt Dein Herz offen vor mir da, und wenn Dein Mund ſich weigert, mir das: Er iſt es! noch einmal zuzurufen, ſo wird es Dein Herz, wenn ich es frage, mir ſtillſchweigend bekräftigen. Ja, Er iſt es, der, nachdem er Dich einmal geſehen, Dich nicht wieder aus dem Sinn zu verlieren vermochte, und bis in dieſe Kloſtermauern zu Dir hereinzudringen wagte, um Dich zu rufen und Dich zu fordern! Er iſt es, der, von Deiner Schön⸗ heit und Deiner Jugend begeiſtert, bei Dir angeklopft hat, um Dich dem blühenden ſonnigen Leben wieder⸗ zugewinnen, dem Du angehörſt mit allen Deinen Sinnen, Deinen Reizen und Deinen Vorzügen. Er iſt es, der Dich auf ſeinen ſtarken und ſichern Armen aus dem Kerker dieſes Kloſters hinaustragen will, um Dir die Pforten des Lebens zu eröffnen! So komm, und folge ihm, Deinem Freunde, der Dich liebt, denn Alles iſt vorbereitet, und Deine Kerkermeiſter, die ich gewonnen, werden uns ziehen laſſen, als gewahrten ſie uns nicht! Henriette ſah ihm ſtill und forſchend ins Geſicht, um den Ernſt und die Treue ſeiner Abſichten in dem⸗ ſelben zu erkennen. Und ſie glaubte darin einem leuch⸗ tenden Zug von Wahrheit und Liebe zu begegnen, der ihr Alles beſtätigte, was ſie heimlich wünſchte, und dem ſie felſenfeſt vertrauen zu können meinte. Die Wildheit ſeines Ausdrucks, vor dem ſie ſonſt zurück⸗ gebebt, hatte ſich in die innigſte Milde und Zartheit verwandelt, und wenn er noch das Anſehn eines Löwen für ſie hatte, der ihr in ſeiner unberechnenbaren Ge⸗ walt gegenüber ſtand, ſo ſah ſie doch zugleich mit einer ihr ganzes Weſen hinreißenden Gewißheit, daß der Löwe ſich ihren Blicken und Winken gebengt und von ihrer Hand geleitet ſein wolle. Mirabeau blickte ihr noch einmal feſt und lange in die Augen und ſagte dann: So komm, Henriette, denn es iſt Zeit, dieſen Ort zu verlaſſen. Komm, draußen iſt Freiheit, Luft, Zukunft und Glück für Dich! Du ſollſt mich nur wie Deinen Diener betrachten, der Dich tren geleiten wird, um Dir Dein junges Lebens⸗ glück wieder einzuholen, das man Dir bisher wider⸗ rechtlich vorenthalten und verſchloſſen hatte. Noch einige Stunden wird es dauern, und die Nacht, die uns umgiebt, ſteigt von ihren ſchwarzen Roſſen her⸗ unter, um der neu aufgehenden Morgenröthe zu hul⸗ digen. Dann wirſt Du beim erſten Strahl der Sonne, der Dich morgen beleuchtet, Dich in einem roſigen Schimmer der Freiheit erkennen, wie Du ihn nie an Dir wahrgenommen haſt, Du wirſt anders athmen, denken und fühlen wie ſonſt, und Du wirſt Mirabeau zugeſtehen müſſen, daß er Dir, dem übervortheilten und vereinſamten Mädchen, das Recht Deiner Exiſtenz wiedererobert und Dir das voſtbare Kleinod Deiner Jugend gerettet hat!— Henriette zögerte aber noch immer, ſich zu ent⸗ ſchließen, oder vielmehr, ſie wagte es nicht, ihrem Ent⸗ ſchluß, über den ſie kaum noch ſelbſtſtändig gebieten zu können ſchien, irgend einen Ausdruck zu geben. Und zuerſt nimm Shawl und Mantel, und hülle Dich recht feſt und ſorgfältig ein, denn die Nacht draußen geht kühl! ſagte Mirabeau dann, indem er ihr mit ſeinen Blicken, gegen welche ſie keinen Wider⸗ ſtand zu leiſten wußte, faſt gebietend anzudeuten ſchien, was ſie thun ſolle. Henriette folgte dieſen Blicken, welche nach einem Wandſchrank hindenteten, in dem Shawl und Mantel für ſie lagen, wie in einer mechaniſchen Bewegung. 7* — 100— Gerade aufrecht, die zierlichen ſchlanken Glieder kaum bewegend, wie eine Nachtwandlerin, die einen geheim⸗ nißvoll in ihr wirkenden Willen gehorſam vollführt, ſchritt ſie nach der Wand hin. Sie nahm Shawl und Mautel aus dem Schrank, und hielt dieſelben noch eine Secunde lang mit zö⸗ gernden Händen, als wolle ſie ſich erſt auf Etwas be⸗ ſinnen, hoch empor. Mirabeau aber trat raſch zu ihr heran, und warf ihr, die liebliche Geſtalt dabei in ſeinen Armen zuſammenfaſſend, die verhüllende Beklei⸗ dung über ihre Schultern. Henriette blieb bewegungslos ſtehen. Ihre Augen ſchienen ſich tief in ſich geſchloſſen zu haben. Die langen Augenwimpern hatten ſich ganz darüber hinab⸗ geſenkt, und verſchleierten ihre Blicke. Und nun nimm Hut und Schleier, mein einziges liebes Kind, und bedecke Dir damit Deine ſchönen blonden Locken, denn die Nachtlüfte wehen draußen unſanft! fuhr Mirabeau mit dem wunderbar mächtigen Klang ſeiner Stimme fort. Henriette leiſtete auch dieſem Befehl Mirabeau's auf der Stelle Gehorſam. Dann zog ſie mit einer raſchen fliegenden Handbewegung den Schleier über ihr Geſicht herab. So ſtand ſie, tief verhüllt, und ſchien nur einer weiteren gebietenden Aeußerung aus ſeinem Munde entgegenzuharren. Mirabeau betrachtete ſie mit leidenſchaftlichem Ent⸗ zücken, und ſie fühlte es durch den Schleier hindurch, wie ſeine Flammenblicke ſie mit einem verzehrenden Feuer durchbohrten. Ihre ganze Geſtalt begann plötz⸗ lich, wie von einem elektriſchen Strahl getrieben, in ſich zu erſchauern. Aber vergiß auch nicht, Henriette, begann Mira⸗ beau wieder, Alles mit Dir fortzunehmen, was Dir — hier von Deinem kleinen Beſitz noch irgend am Herzen liegen mag. Henriette ſeufzte bei dieſen Worten laut auf, und eine haſtige Beweglichkeit theilte ſich plötzlich ihren bis dahin wie erſtarrt geſchienenen Gliedern mit. Sie begab ſich nun raſch zu einem mit alterthümlichem Schnitzwerk verſehenen Schrank und zog aus dem⸗ ſelben in geſchäftiger Eile mehrere Schubfächer hervor, welche ſie eifrig durchſuchte. Zuerſt nahm ſie daraus ein goldenes, mit Perlen beſetztes Medaillon, welches das Bildniß ihres berühmten Vaters enthielt. Sie drückte einen feierlichen Kuß auf das Bild und verbarg es dann mit einem freudeſtrahlenden Ausdruck in ihrem Buſen. Sie erſchien ſeit dieſem Moment ſicherer und zuverſichtlicher geworden, die tief erblaßten Wangen hatten ſich wieder mit der friſchen lebendigen Röthe bedeckt, und ſie ſchlug jetzt zum Erſtenmal ihre Augen mit einem vollen Strahl Mirabeau entgegen. Sie betrachtete ihn wie verwundert, ſie ſchien wie aus einem Traum emporzufliegen, und leiſe nickend, ſchien ſie ihr Glück und ihre Beſeligung darüber auszudrücken, daß das Erwachen den Traum nicht zerſtört, ſondern ihn als eine Wahrheit vor ihre Blicke hingezaubert hatte. Sie eilte aber jetzt noch einmal mit flüchtigem Gazellenſchritt zu dem Schnitzſchrank hin, und zog einen Kaſten aus demſelben hervor, den ſie öffnete und dann einen Augenblick lang lächelnd betrachtete. Nachdem ſie ihn wieder verſchloſſen, begab ſie ſich mit einer raſchen, faſt munteren Bewegung, in welche ihre frühere Starrheit übergegangen, zu Mirabeau hin, der ihr mit erſtauntem Lächeln entgegenblickte. Sie legte das Käſtchen, das ſie trug, in ſeine Hände und gab ihm dabei mit einem bedeutſamen Ausdruck zu ver⸗ ſtehen, daß ſie den Inhalt deſſelben von ihm. aufbe wahrt zu ſehen wünſchte. Ihre Geberde hatte dabei — 102— etwas ſo Rührendes und Demüthiges, daß Graf Mi⸗ rabeau zu ihren Füßen niederſank und dann mit ſtür⸗ miſchen Liebkoſungen ihre Hände und Kleider küßte. Aber Henriette hatte, ſeit den erſten Worten, welche ihr bei ſeinem Eintritt in ihr Zimmer eutfahren, noch nicht wieder zu ihm geſprochen. Und doch ſchien es Henrietten, als hätte eine lange Verhandlung über ihr ganzes Leben ſtattgefunden, und als ſei dabei Alles, was in ihr lebte und drängte, ſo ſehr von ihr aus⸗ geſprochen worden, daß ſie nichts weiter mehr hinzu⸗ fügen dürfe, ſondern ihm gegenüber nur noch dem Glück des Schweigens ſich hingeben könne. Mirabean wünſchte aber noch das Wort aus ihrem Munde zu hören, um das er ſie zuvor vergeblich ge⸗ beten und beſtürmt hatte. Er nahm ſie in ſeine Arme, und ſich an ihre Wangen lehnend, fragte er ſie ſanft: Und biſt Du nun bereit, mir zu ſolgen, und Dich mir zu vertrauen, ſo daß der Eine von uns im Andern lebt und wir, von einem und demſelben Lebensathem exiſtirend, uns nicht mehr trennen, ſondern uns ewig gehören werden? Henriette ſchwieg, aber in ihren Augen begannen Thränen zu ſchimmern, die immer voller ſich hervor⸗ drängten. Und bin ich es, der den Schatz Deines Herzens zuerſt zu heben kommt? fragte Mirabeau weiter mit empfindſamer Dringlichkeit. Iſt es Mirabeau, dem Du Dich in Deinem Herzen verlobt und gebunden haſt? Iſt Er es, mit dem Du gern ziehen willſt durch die ganze Welt, iſt Er es, der Deiner Verzeihung, Deiner Liebe und Güte gewiß ſein kann? Er iſt es! flüſterte Henriette leiſe und kaum hör⸗ bar vor ſich nieder, und wandte ſich dann, von Neuem zuſammenſchreckend, von ihm ab. Du haſt das Wort geſprochen! jubelte Mirabeau — 103— in ſeiner ſtürmiſchen Weiſe. Du haſt es geſagt, Hen⸗ riette, und damit haben wir unſern ſüßen Bund feſt geſchloſſen. Und jetzt laß uns aufbrechen! Möchten alle Kerkerthüren in Frankreich ſo der Liebe und der Freiheit weichen, wie ich jetzt Dir die Deinige eröffne, durch welche Du nie wieder zurückkehren in e⸗ Gefangenſchaft des Leibes und der Seele! Er ſtieß bei dieſen Worten die Thür weit vor ihr auf, und ließ ſie vor ſich her ſchreiten, indem er, wie zum Zeichen ſeiner ſichern Geleitſchaft, ſeine Hand hoch über ihrem Haupte emporhielt und die Spitze ſeiner Finger auf ihren Scheitel hinabſenkte. Henriette, die ſich ermuthigt zu fühlen ſchien durch den über ihr ruhenden Schutz ſeiter Hand, ſchritt jetzt ohne Zügern und Zagen durch den langen Cor⸗ ridor des Kloſters hin, der zur großen Haupttreppe führte. Obwohl die Tritte der Fliehenden einen leiſen Widerhall in dem Gemäuer fanden, ſo wurden doch die Schläferinnen in den ringsumher liegenden Zellen dadurch nicht geweckt. Alles blieb ruhig und Mi⸗ rabeau und Henriette langten ohne Aufenthalt unten an der Kloſterpforte an. Dieſelbe ſtand offen und die alte Pförtnerin war nicht zu ſehn. Beide traten eilig auf die Straße hinaus. In einer kleinen Nebengaſſe, die in einigen Secunden er⸗ reicht wurde, ſtand ein Wagen zu ihrer Aufnahme bereit. Der Diener des Grafen Mirabeau hielt den Schlag geöffnet. Mirabeau hob Henriette in den Wagen, der jetzt eilends durch die Nacht davonflog.— Das grheimnißvolle Kind. Der Wagen hielt in der Rue de la Roquette, in der Nähe des Baſtille⸗Platzes, ſtill, wo Graf Mira⸗ bean ſeit einiger Zeit ſeine Wohnung genommen hatte. Die erſten Strahlen der Frühſonne hatten eben den dämmernden Horizont durchbrochen und beleuchteten ein kleines ſchmales Haus, in welches Henriette jetzt, am Arme Mirabeaus, mit einigem Zögern eintrat. Die Erwartungen ihrer aufgeregten Phantaſie, die ſich unwillkürlich ein glänzendes Grafenſchloß verſprochen hatten, ſchienen einen Angenblick durch den düſtern und dürftigen Charakter des Hauſes, welches ſie be⸗ traten, ſich verletzt zu fühlen. Aber ein Blick auf Mirabeau, der ſie mit Sorgfalt die ausgeglätteten ſteinernen Stufen einer engen Treppe hinaufgeleitete, ließ ihr wieder Alles ringsumher in einem leuchtenden und feſtlichen Schimmer eeſcheinen, und mit klopfen⸗ dem Herzen beſchritt ſie die Gemächer im erſten Stock⸗ werk des Hauſes, welche der Diener Mirabeau's ihnen öffnete. Obwohl zwei nebeneinander ſtoßende Zimmer, die ſich zuerſt darboten, ziemlich geräumig waren, ſo machten ſie doch durch ihre auffallende Leere, welche ſelbſt die nothwendigſten Möbel und Gegenſtände eines Wohn⸗ gemachs vermiſſen ließ oder dieſelben nur auf die ſpär⸗ lichſte Weiſe vertreten zeigte, einen faſt unheimlichen Ein⸗ druck Bei dem Mangel an Sachen, der in dieſen Räumen des Grafen Mirabean auf die ſonderbarſte Weiſe ſich geltend machte, konnte daher von einer Unordnung in denſelben eigentlich nicht die Rede ſein, und doch war auch dieſer Charakter ein hervorſtechender, wenn man ſah, wie die wenigen Tiſche und Stühle mit Büchern, — — 105— Papieren und Gegenſtänden aller Art überladen waren, und ſelbſt der Fußboden, über den Schriften und ſo⸗ gar Kleidungsſtücke zerſtreut lagen, die wenig regel⸗ rechten Manieren des Bewohners verrieth. Graf Mirabeau war, ſeitdem er die unglücklichen Irrfahrten ſeines vergangenen Lebens wieder mit dem Aufenthalt in Paris vertauſcht hatte, noch nicht wieder zu einer regelmäßigen und ſeinem Stande angemeſſe⸗ nen Einrichtung gelangt. Die gänzliche Ungewißheit ſeiner Zukunft, die er ſich jetzt von Neuem begründen wollte, noch mehr aber die tiefe Zerrüttung ſeiner Finanzverhältniſſe, hatten ihn zu einem Bivonac der Exiſtenz genöthigt, welche den Sprößling eines der älteſten und berühmteſten Adelsgeſchlechter der Provence in keineswegs würdigen Zuſtänden erſcheinen ließ. Doch hatte Mirabeau auch mitten in ſeinen un⸗ gemein beſchränkten häuslichen Einrichtungen, die der Anblick ſeiner Wohnung ſofort erkennen ließ, den Glanz der ariſtokratiſchen Formen noch in einiger Hin⸗ ſicht aufrecht zu erhalten verſtanden. Er hielt ſich nicht nur einen Bedienten, ſondern er hatte denſelben auch mit einer ſo ſtattlichen und reichen Livrée verſehen, daß die Dürftigkeit des Herrn wenigſtens nicht in der Erſcheinung des Dieners erſichtlich ſein konnte. Auch hatte Mirabeau einen Secretair in ſeine Dienſte ge⸗ nommen, den er bei ſeinen literariſchen Arbeiten, welche er ſeit Kurzem in einem weitausſehenden Maaßſtabe unternommen, zu verwenden gedachte, und der ein Hinterſtübchen, das unmittelbar an die Wohnung Mi⸗ rabeau's anſtieß, bewohnte. In dieſem Augenblick öffnete ſich auch die Thür des Nebengemachs, und der mit einem rothen turbanartigen Tuch umwundene Kopf eines jungen Mannes ſah neugierig und lächelnd zu der geöffneten Spalte herein. Sie ſind nicht erforderlich, Monſieur Hardy, rief ihm Mirabeau zu, indem er mit einer zurückweiſen⸗ den Handbewegung ſeinen Secretair wieder verab⸗ ſchiedete. Henriette ſah blaß und angegriffen aus, und Mi⸗ rabeau bat ſie, in ein anſtoßendes Cabinet einzutreten, in dem ſie Alles, was zur Erholung für ſie dienen könne, bereit finden werde. Aber Henriette bat, ihn jetzt nicht verlaſſen zu dürfen. Sie ließ ſich dann mit allen Zeichen der Erſchöpfung auf einem Divan nieder, der zu den wenigen Bequemlichkeiten gehörte, welche das Zimmer darbot. Dann ſah ſie ihn mit ihren ſanften, leuchtenden Augen unverwandt an, und ein Ausdruck ſchwärmeriſcher Verklärung ergoß ſich über das feine anmuthige Geſicht, das aus der tiefſten Bläſſe plötzlich wieder in eine roſige Gluth überging. In der Mitte des Zimmers ſaß Mirabeau vor dem Frühſtückstiſch, welchen der Diener inzwiſchen hergerichtet hatte. Henriette hatte die mehrmals er⸗ neuerte Aufforderung, an ſeinem Frühmahl Theil zu nehmen, abgelehnt, und blieb in der Entfernung ihm gegenüber ſitzen. Aber mit ihren Augen, die ſchwär⸗ meriſch ihm folgten, hatte ſie ſich unverwandt an ihn feſtgehangen, indem ſie jeder ſeiner Bewegungen wie mit frohem Erſtaunen über ihn zublickte. Nachdem Mirabeau mit dem ſorgloſen Sichgehen⸗ laſſen, das ihm eigen war, ſein Frühſtück beendet, ſetzte er ſich wieder zu ihr nieder, indem er ihre Hand zärtlich ergriff und ihr forſchend in die Angen ſah. Ich bin Ihnen hierher gefolgt, begann ſie mit kaum hörbarer Stimme zu ihm zu reden. Und ich frage nicht, was aus mir werden ſoll, denn es iſt meine freie Wahl, welche mein Schickſal in Ihre Hand gegeben. Aber ich fühle es daß Alles, was ich bin, jetzt in Ihrer Hand ſteht. Ich wollte es nicht anders, denn ich fand mich dazu durch eine unüberwindliche . ———————————— —— ———————————— — 107— Nothwendigkeit getrieben. Werden Sie mir aber auch niemals Ihre Achtung deshalb entziehen, Graf Mi⸗ rabeau? Werden Sie mich nicht heimlich geringer achten, weil ich, alle meine Pflichten und Gebote ver⸗ geſſend, nur Ihren Worten nachdenkend, die mich mit Ihnen gehen hießen, unweigerlich gefeſſelt an Ihrer Seite blieb? Es war das erſte Mal, daß ſie in zuſammenhän⸗ genden Worten zu ihm ſprach. Bis dahin hatte ſie nur in abgebrochenen Lauten anzudeuten gewagt, was in ihrem Innern vorging, und was, ihm gegenüber, in ihr mächtiger geworden war, als alle Regungen ihrer ſonſt unwandelbar ſtrengen Gewiſſenhaftigkeit. Ach, rief Mirabeau leidenſchaftlich, Henriette, Du beglückſt mich auch durch dieſen Zweifel, der nur ein anderer Ausdruck Deines Liebesgeſtändniſſes iſt. Da⸗ durch, daß Du mir vertrauensvoll gefolgt biſt, haſt Du mich auf ewig zu Deinem Schuldner und Sklaven gemacht, und mein Dank wird nie aufhören, ſich Dir entgegenzudrängen und Dir zu Füßen zu liegen, in welche Lagen uns auch jemals das wankelmüthige Leben mit einander bringen mag. Was iſt Achtung, Henriette? Ein vergiftetes Inſtrument des geſellſchaft⸗ lichen Aberglaubens. Die Despoten und die Privi⸗ legirten verlangen Achtung für ihre Ausnahmeſtellun⸗ gen, weil ſie in ihrer Gottverlaſſenheit nicht im Stande ſind, dieſe Ausnahmeſtellungen auf die Liebe und auf die Freiheit zu begründen. Was ich aber gezwungen werde zu achten, kann ich auch verachten. Wir, meine theuerſte Freundin, ſind neue Menſchen der Liebe und der Freiheit, und wenn wir uns in Freiheit lieben, nach Gottes und der Natur Gebot, ſind wir ehrwür⸗ dig Einer dem Andern und tief unter unſerm Him⸗ melsthron zappelt ſich die Achtung und Verachtung der Menge im Sande ab. — 108— Henriette hatte ihm beglückt und träumeriſch zuge⸗ hört, und ſie wollte eben etwas erwiedern, als ſich in dieſem Augenblick das Schreien eines Kindes in deut⸗ † lichen hellen Lauten aus nächſter Nähe vernehmen ließ. Mit einem wahren Schrecken fuhr Henriette empor, und ſah den Grafen Mirabeau mit einem ſo eigen⸗ thümlichen Ausdruck von Betroffenheit an, daß dieſer laut zu lachen begann. Es iſt mein kleiner Lucas, der drüben ſchreit, ſagte Mirabeau. Wenn es Dir gefällig iſt, Henriette, wollen wir ihm einen Beſuch abſtatten, denn ich wünſche ſehr, Dir auch dieſen kleinen Hausgenoſſen vorſtellen zu dürfen. Der Junge entwickelt ſchon einen gewaltigen Bruſtton, daß man ihn bis hierher vernehmen kann. Er erhob ſich bei dieſen Worten, und führte Hen⸗ riette raſch zur Thür, indem er ſie durch einen kleinen Corridor in ein hinteres Gemach der Wohnung geleitete. Dort ſtand eine Wiege, in der ein ungefähr zwei⸗ jähriger, blühender Knabe lag, der, obwohl er in die⸗ ſem Augenblick gerade mit ſeiner Wärterin in einem unangenehmen Zwieſpalt ſich zu befinden ſchien, doch ſonſt alle Veranlaſſung darbot, ihn wegen ſeiner au⸗ ßerordentlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit zu bewundern. Henriette war zögernden Fußes eingetreten, und näherte ſich dann mit lächelndem Erſtaunen, aber in⸗ dem zugleich ein tiefes Erröthen auf ihrer Wange hervortrat, der Wiege des Kleinen. Dann blickte ſie ſich nach Mirabeau um, der ihr auf dem Fuße folgte, und auf deſſen Geſicht plötzlich eine wunderbare Rührung und Zärtlichkeit ſich zeigte, deren man die leidenſchaftlichen Züge ſonſt kaum für fähig zu halten geneigt war. Die Wärterin, ein junges, in der provengaliſchen Tracht gekleidetes Landmädchen, hob das Kind auf — 109— den Wink Mirabeau's empor und hielt es ihm zur Begrüßung entgegen, die mit ſo lebhaften und necki⸗ ſchen Liebkoſungen begleitet wurde, daß der Knabe ſich nicht nur ſogleich beruhigte, ſondern auch bald in ein fröhliches und ausgelaſſenes Jauchzen überging. Es iſt mein kleiner allerliebſter Coco, den ich Dir hiermit vorzuſtellen die Ehre habe, ſagte Mirabeau zu Henriette, indem er mit Mühe die kleinen, ſein Haar zerzauſenden Hände des Knaben von ſich losmachte. Ich habe ihn adoptirt, obwohl ich ihm nicht mei⸗ nen Namen gegeben habe, fuhr Mirabeau fort, den Knaben unaufhörlich ſtreichelnd und küſſend. Er heißt Lucas Montigny, und iſt ein überaus luſtiger Vogel, aber zugleich auch ein höchſt ehrlicher Kerl. Er kann ebenſo ergötzlich zappeln, als er mit dem ernſthafteſten Geſicht von der Welt zuhört, wenn man ihm aus⸗ einanderſetzt, wie er nun bald vernünftig werden muß, und wie das von ſeinen Tyrannen mißhandelte Frank⸗ reich hofft, dereinſt an ihm ſeinen Retter und Rächer zu finden. Der Scherz Mirabeau's goß einen ſo eigenthüm⸗ lichen Zauber über ſein ganzes Weſen aus, daß Hen⸗ riette, die das Kind mit einer lebhaft aufwallenden Empfindung an ſich zog, ſich nicht enthalten konnte, dabei zugleich die von ihr geſtreifte Hand Mirabeau's mit zärtlicher Innigkeit zu drücken. Dann hob ſie den muthwilligen Knaben, der ſich ſogleich mit ihr zu ſchaffen machte, auf ihren Arm, und begann ihn mit einer Theilnahme, die ſich bis zum Entzücken zu ſteigern ſchien, nach ſeinem ganzen Ausſehen zu betrachten und, wie es ſchien, heimlich mit Mirabeau ſelbſt zu vergleichen. Ihre Augen glänzten vor Freude über die Schönheit dieſes Kindes, und ſie drückte es zu wiederholten Malen mit einer wahren Inbrunſt an ihren Buſen. Darauf legte ſie — 110— den Knaben plötzlich in ſeine Wiege zurück und eine tiefe Traurigkeit ſchien ſie zu befallen. Sie ließ den Kopf auf die Bruſt herabſinken, und verharrte ſo einige Minuten lang in ſchweigendem Nachſinnen. Mi⸗ rabeau weckte ſie lächelnd aus dieſem Traum, indem er drohend den Zeigefinger aufhob und ſie damit er⸗ mahnte, von den abſchweifenden Gedanken, denen ſie ſich überlaſſen zu wollen ſchien, wieder zu ihm ſelbſt und zur Gegenwart zurückzukehren. Henriette ſeufzte erſchrocken auf, und ergriff ſeinen Arm, den er ihr darbot, um ſie wieder zurückzuführen. Lucas Montigny wird nun wieder ruhig einſchla⸗ fen, ſagte er mit dem gemüthlichen Aecent, der ſeiner ſonſt ſo ſtürmiſchen Sprache ſeit Kurzem einen neuen Reiz für Henriettens Ohr gegeben hatte. Wir wollen ihn dabei ſich ſelbſt überlaſſen, und wieder zu uns zurückkehren. Doch habe ich den Troſt gewonuen, daß wir Drei, Mirabeau, Henriette und Coco, fortan einen ſeligen und beglückenden Haushalt zuſammen führen werden. Nicht wehr, Henriette, Du wirſt dem kleinen Schelm, den ich nun einmal ſo über die Maßen liebe, eine himmliſche Vorſehung ſein, unter deren Flügeln er gedeihen wird, um ein ächter und wahrer Menſch zu werden? Denn Du und ich, werden wir nicht fortan unauflöslich aneinander gebunden ſein? Und den kleinen ſchönen Knaben, über deſſen Geburt ein Geheimniß ruht, nimmſt Du zu den übrigen Liebesgöttern unſres Bundes mit in den Kauf. Soll es ſo ſein, Henriette? Sie nickte ihm bedeutſam zu. Dann, als ſie wie⸗ der in dem Wohnzimmer angelangt waren, ſtürzte ſie ihm mit einem überſchwänglichen Ausdruck ihres Ge⸗ müths in die Arme, und hielt ihn lange umfaßt. Und es iſt Dein Sohn, Mirabeau? fragte ſie leiſe, indem ſie ſchüchtern und verſchämt an ihm hinaufſah. 3. — 111— Der ganze kleine Menſch iſt ein Geheimniß, wie ich Dir geſagt habe, Henriette! entgegnete Mirabeau ausweichend. Er iſt der Sohn Sophiens von Monnier, oder der Frau Gräfin von Mirabeau? fragte Henriette weiter, faſt bittend, denn ihr Herz ſchien plötzlich die Qual der peinigendſten Ungewißheit zu empfinden, und ſie glaubte um ihrer eigenen Ruhe willen die räthſelhafte Erſcheinung dieſes Kindes erforſchen zu müſſen. Ach, mein unſchuldiges Kind, erwiederte Mirabeau lächelnd, ich ſehe, die wunderſamen Paſſionsgeſchichten Mirabeau's waren auch ſchon in Dein Kloſter ge⸗ drungen? Und wo wären ſie nicht hingedrungen? Du weißt alſo, wie ſehr Sophie und Mirabeau ſich einſt geliebt. Es war die Liebe zweier Märtyrer der Ge⸗ ſellſchaft, die ſich in der Angſt des Lebens ſchmerzhaft zu einander gefunden und, den ſtürmiſchen Wogen zum Untergang preisgegeben, Einer das Herz des Andern als Rettungsanker ergriffen. Sie war durch die Tyrannei ihrer Familie an einen hinfälligen und widerwärtigen Greis gefeſſelt, der ihr zum Gemahl aufgedrungen worden, und ich, den ein unnatürliches und fluchwürdiges Geſetz der Gewalt ſeines Vaters preisgegeben hatte, war ſeit Jahren von Kerker zu Kerker geſchleppt worden, und in Pontarlier, wo ich zuletzt gefangen ſaß, ſah ich Sophie, und wir liebten uns. Wir liebten Jeder an dem Andern die Freiheit, das Glück, die verlorene Jugend, und in dieſem drang⸗ vollen Moment floſſen unſere Schickſale ineinander über, wie hätte es anders ſein können? Wir flohen erſt Jeder vereinzelt, und trafen uns dann an der Schweizer Gränze als glücklich Vereinte wieder zu⸗ ſammen. Aber unſer Bund wurde für uns Beide die Quelle der bitterſten Leiden und Verfolgungen, glaube es mir! Wir lebten dann wohl in Holland ein un⸗ — 112 vergleichliches Liebeleben miteinander, aber es lag doch manche künſtliche Fietion in dieſem Verhältniß, und wir wurden den heimlichen Stachel nie aus unſerer Seele los, daß unſere Liebe nur ein neuer Schlag des Schickſals für uns Beide ſei. Mitten in dieſem Glück und Leid ereilte uns der Arm der Polizeigewalt, die man ihr und mir nachgeſandt hatte, und wie ich nach Vincennes, ſo ward Sophie nach dem Kloſter von Gien geſchleppt, wo ſie bald nach ihrer Ankunft eine kleine Tochter, den einzigen Sprößling unſerer Liebe, gebar. Aber das Kind blieb nicht am Leben, ſchon nach einigen Monaten ſtarb es wieder, und von unſerer ſchmerzenreichen Liebe, die jetzt mehr und mehr in Traum und Idee zerflatterte, blieb nichts übrig, als ein Gewebe poetiſcher Gedanken, das wir in unſern Briefen von Kloſter zu Gefängniß mitein⸗ ander ausſpannen, und das vielleicht einſt unter den Dichtungen zärtlicher Herzen eine klaſſiſche Stelle ein⸗ nehmen wird! Aber mein innerſtes Herz, Henriette, war jungfräulich geblieben für eine neue, ächte Liebe, für die Liebe zu Bir, in welcher mein ganzes Daſein ſich verjüngen und erneuern wird! Der kleine Schreier Lucas Montigny ſoll uns darin nicht ſtören.— Henriette hing bei dieſer Erzählung mit der lei⸗ denſchaftlichſten Hingebung an ſeinem Munde. Jedes ſeiner Worte war ihr ſo wichtig und inhaltsvoll, daß ſie es ſeinen Lippen gewiſſermaßen mit ihren Angen abnahm, und dann in ihr innerſtes Herz verſchloß. Ueber ihr Geſicht hatte ſich, indem ſie ihm zuhörte und ihn betrachtete, ein Glanz inbrünſtiger Andacht und Verehrung ausgegoſſen. Sie faltete die Hände über der Bruſt zuſammen und ſtand lächelnd und er⸗ wartungsvoll da, um ſeinen Ausſprüchen zu folgen und die höchſten Entſcheidungen über ſich ſelbſt daraus zu entnehmen. — 113— Mirabeau ſtand zwar an der Gränze ſeiner Ju⸗ gend, denn er hatte vor Kurzem bereits ſein fünfund⸗ dreißigſtes Jahr zurückgelegt, aber es lag noch immer eine gewiſſe jugendliche Ueberſchwänglichkeit in ſeinem ganzen Weſen ausgedrückt, die mit einer majeſtätiſchen Kraft und zugleich mit einer flatternden Grazie ſich verband, wodurch jeder Eindruck ſeiner berühmten Häßlichkeit weit zurückgedrängt wurde. Henriette un⸗ terlag in dieſem Angenblick mehr als je dieſer Magie ſeiner Perſönlichkeit und ſchmiegte ſich derſelben zitternd und wie ein widerſtandsloſes Kind entgegen. Aber die Zweifel, von denen ſie bewegt wurde, ſchienen noch nicht vollſtändig gelöſt. Nach einer Pauſe, in der ſie von Neuem nachzugrübeln ſchien, ſah ſie ihn wieder mit ihren bittenden und fragenden Blicken an, und ſagte endlich ganz leiſe: Und die Gräfin von Mirabeau? Die Gräfin von Mirabeau, wiederholte er mit einer zuckenden Gebärde, dieſe ſchöne Gräfin ſteht durchaus in keinem Verhältniß mehr zu mir, ebenſo wenig als ſie die geringſte Beziehung zu unſerem Haus⸗ genoſſen, dem kleinen Lucas, hat. Emilie von Mari⸗ gnane hat mich nie geliebt, und in den Zeiten, wo ich ihrer bedurfte und wo ihre milde und tröſtende Frauenhand in mein ganz umnachtetes Schickſal hätte eingreifen können, hat ſie mir nur die ſtählerne Härte ihres Charakters gezeigt. Meine Heirath mit ihr war eine meiner Jugendthorheiten geweſen. Aber ich war erſt einundzwanzig Jahre alt, als ich dieſe Thor⸗ heit beging, und kam von einem umherſchweifenden und abenteuerlichen Leben her, um den drängenden Wünſchen meines Vaters nachzugeben und mich zum Landmann in der Provence, zu einem frommen Be⸗ bauer der Mutter Erde auf unſern Familiengütern, zu machen. Vielleicht wäre ich ein guter Soldat ge⸗ Mirabeau. J. 8 — 114 weſen, denn in meinem ſiebzehnten Jahre war ich ſchon Officier geworden und hatte den Feldzug auf Corſica mitgemacht, aber von dem Geiz und der Miß⸗ gunſt meines Vaters konnte ich es nicht erlangen, daß er mir ein Regiment kaufte. So wollte ich es mit dem Landleben und an der Seite einer reichen und ſchönen Frau verſuchen, und Emilie von Marignane wurde meine Gattin. Aber der Frieden dieſes neuen Lebens erwies ſich als eine ebenſo trügeriſche Illuſion, wie die Vermögensſchätze meiner Frau, die der Zu⸗ kunft angehörten und vor der Hand nur aus einer Rente von jährlichen ſechstauſend Francs beſtanden. Aber dies traurige Liebeleben mit ihr dauerte nur zwei Jahre, während deren ich, bei meinem unglücklichen Talent Schulden zu machen, mir eine Schaar von Gläubigern, die mehr als hunderttauſend Francs von mir zurückhaben wollten, auf meine Ferſen hetzte. Dies wurde für meinen grauſamen Vater eine neue Ver⸗ anlaſſung, die furchtbare Geißel der lettres de cachet, durch welche die perſönliche Freiheit in Frankreich auch im Schooße der Familie gelödtet wird, von Neuem über mich zu ſchwingen. Er erwirkte einen neuen Verhaftsbefehl gegen mich, und ließ mich nun wieder in Kerkern und Feſtungen aller Art einſperren, je nach⸗ dem ihm dieſelben quäleriſch und ſicher genug für mich erſchienen. Von dieſem Augenblick an zog ſich auch Emilie von mir zurück, und verweigerte in jeder Art, ſich wieder an mein Schickſal zu feſſeln. Ich habe ſie ſeitdem nicht wiedergeſehen. Der Knabe, welchen ſie mir nach dem erſten Jahre unſerer Verbindung geboren, ſtarb auch dahin, und mit ihm ein Unter⸗ pfand der Verſöhnung mit meiner Gattin und meiner Familie, worauf ich ſo lange gehofft hatte. Emilie und ich blieben nnwiederbringlich getrennt, und wenn Du ſeitdem ohne Zweifel durch das Gerücht vernom⸗ . men, daß ich nach meiner Befreiung aus Vincennes um die Wiedervereinigung mit ihr mich beworben, ſo war dies nur geſchehen, weil ich in dieſem Augen⸗ blick ernſtlich an eine regelmäßige Wiederherſtellung aller meiner perſönlichen Verhältniſſe dachte. Ich wollte aus allen Ausnahmeſtellungen meiner Jugend endlich heraustreten, ich wollte in einem ganz geordneten ſocialen Zuſtande wieder vor der Welt daſtehn, um nun mit meiner ganzen Kraft arbeiten und ein höheres würdigeres Ziel meines Lebens erreichen zu können. Zugleich geſtehe ich offen, daß die großen Mittel ihres Vermögens, in deſſen Beſitz Emilie ſeitdem gekommen war, mir geeignet ſchienen, unſerer entarteten Geſell⸗ ſchaft die Vortheile abzugewinnen, die man ihr, wenn man mit leeren Händen und Taſchen in ſie eintritt, ſo ſchwer entreißt. Ich würde dann zu den Höhen und Gipfeln der Stellung, die mir Frankreich einſt wird einräumen müſſen, um ſo leichter emporgeſtiegen ſein und ſie dazu mit mir hinaufgetragen haben. Aber Emilie, verblendet und von ihrem Vater ſchlecht be⸗ rathen, willigte nicht ein, zu mir zurückzukehren, und wir kämpften nicht blos vor den Gerichten, ſondern vor ganz Frankreich, einen heftigen und leidenſchaft⸗ lichen Kampf miteinander. Sie ſelbſt ließ ein Mémoire gegen mich im Druck erſcheinen, das die letzten Ge⸗ lenkbänder unſeres Verhältniſſes zerriß. Und als end⸗ lich die Scheidung zwiſchen uns ausgeſprochen wurde, jauchzte mein Herz in ſeinem Innerſten doch nur über dieſen neuen Act ſeiner Befreiung! Aber der ſüßeſte Lohn für alle meine Leiden iſt gekommen, ich ſah Dich, Henriette, und dieſe himmliſche Milde, Sanſt⸗ muth, Güte und Schönheit Deines Weſens, die mich ſogleich zu Deinem Gefangenen gemacht, will ſich zu einem dauernden Bunde zu mir neigen, der neues Glück, nenes Leben, eine neue mit dem heutigen 8* M — 116— Tag beginnende große Epoche meines Daſeins, mir verbürgt! Henriette ſah ihn mit glänzenden, dankerfüllten Blicken an, und ſchmiegte ſich zärtlich an ſeine Seite. Auf ihrem lieblichen, von Unſchuld und Verſchämtheit ſtrahlenden Geſicht trat jetzt zugleich ein Ausdruck frohen Muthes hervor, der die Entſchlüſſe, welche ſie für Mirabeau gefaßt hatte, von Neuem zu bekräftigen und an den Tag zu legen ſchien. Mirabeau nahm ſie bei der Hand, und führte ſie zu dem Divan hin, auf dem ſie wieder neben ihm Platz nahm. Und nicht wahr? wir haben einen ewi⸗ gen Bund mit einander geſchloſſen, Henriette? fragte er ſie, ſeine Hand auf ihre Schulter legend. Wir werden uns treue Lebensgefährten ſein, und Du wirſt mich nicht wieder verlaſſen, ſondern Du wirſt mein Schickfal unter dem Schutz Deiner ſchönen Augen be⸗ halten, die das göttliche Wahrzeichen meiner neuen Exiſtenz geworden ſind? Und dann wirſt Du alle die Ecken und Härten, welche das Verhältniß zu einem unnatürlichen Vater an mir geriſſen hat, mit Deiner heilkräftigen milden Hand berühren, und zu ebenſo vielen Vollkommenheiten und Tugenden werden laſſen? Ja, was ein beiſpielloſer Despotismus der väterlichen Gewalt an mir verbrochen, ich fühle es, das wird erſt durch Deinen köſtlichen Beſitz mir ausgeglichen und vergolten werden! Und wie konnteſt Du, ſo wie ich Dich hier ſehe, einen Vater haben, der Dich haßte und Dich ſo ver⸗ folgte? fragte Henriette, mit naiver Innigkeit. O, entgegnete Mirabeau mit einer bitteren Rück⸗ erinnerung, dieſer Haß war unſerm Verhältniß ein⸗ geboren, er verdunkelte ſchon die erſten ſonnigen Pfade meiner Kindheit! Mein Vater, der Marquis von Mi⸗ rabeau, haßte mich zuerſt, weil ich häßlicher war als 0 — 117— meine übrigen Geſchwiſter, dann haßte er mich und wurde von meiner Kindheit bis zu meinem jetzigen Mannesalter mir der ingrimmigſte Todfeind, weil ich einſt im ſtolzen Selbſtbewußtſein der Jugend ausge⸗ rufen: daß mein Vater, wenn er nur einige Eigenliebe hätte, mich doch frei gewähren laſſen möchte, weil mein Ruhm und meine Erfolge ſtets auch die des Vaters ſein würden.*) Dies hatte mein ſtolzer hartſinniger Vater mir nie vergeben können, und er faßte den Ent⸗ ſchluß mich lieber zu verderben. Er, der Ami des hommes, wie er eines ſeiner berühmteſten Werke be⸗ titelte, mit dem er den Intereſſen der Menſchheit und des Volkes dienen wollte, wurde der Wolf in ſeiner eigenen Familie, die er anfiel, zerriß, verjagte, wo er ihr nur irgend beikommen konnte. Durch ſeine hof⸗ männiſchen Freundſchaften, die er mit den Miniſtern des Königs zu unterhalten wußte, gelang es ihm, nach⸗ einander vierundfunfzig Verhaftsbefehle gegen ſeine Fa⸗ milie zu erwirken, von denen nicht nur ich und meine Geſchwiſter, ſondern auch ſeine eigene Gattin, meine theure Mutter, ſo ſchwer betroffen worden. Aber nicht nur in Gefängniſſe aller Art ließ uns der väterliche Menſchenfreund einſperren, ſondern er ermüdete auch die Tribnnale Frankreichs durch die ſcandalöſen Pro⸗ zeſſe, die er alle Augenblicke gegen uns anſtellte. Und dies that ein Mann, der in ſeinem Innerſten gewiß von guten und trefflichen Gedanken und von einem überlegenen Geiſt geleitet worden, und der unter die Führer einer neuen Schule ſich geſtellt hatte, welche den Menſchen und die Geſellſchaft patriarchaliſch auf den Landbau zurückführen und mit idylliſcher Politik die Verwerthung der Erde und des Bodens zum Maaß⸗ ſtab aller Rechte und FPflichten im Staat machen wollte. 8) Montiguy, Memoires sur Mrabeau I. 234, 241. — 118— Daß dieſe Idylle der Phyſiokraten und Oekonomiſten in Frankreich nur eine philanthropiſche Charlatanerie war, hat der Marquis von Mirabeau bewieſen, denn wenn dieſe Anſichten auf einer ächten Idee und einer wahren menſchlichen Grundlage auferbant geweſen wären, hätte einer ihrer Hauptbekenner, wie mein Vater, nicht zugleich ein Herz in ſeinem Buſen tragen können, das ſo viel Haß und Wuth gegen die Seinen zu kehren fähig war. Aber ich lernte durch ihn in allen meinen Gliedern kennen, was ein Despot iſt, und dieſe bittere Erkenntniß, wenn ich ſie auch mit dem beſten Theil meiner Jugend bezahlen mußte, wird doch einſt nicht nur mir, ſondern Frankreich zugutkommen! Ja, der Marquis von Mirabeau hat es mir in alle meine Adern eingeätzt, daß der Kampf gegen die Tyrannei der Au⸗ toritäten der eigentliche Lebenskampf der Zeit iſt, zu dem bald Alle ſich werden erheben müſſen, denen In⸗ dividuum und Geſellſchaft, denen Ehre, Freiheit und Glück nicht blos für eine Chimäre gelten! Und durch meine verhängnißvollen Händel mit dem väterlichen Despoten that ich zugleich einen Blick in alle inneren Schäden dieſer franzöſiſchen Monarchie, in die gänzlich verrotteten und entarteten Verhältniſſe der Gerichte, und in alle die käuflichen, Recht und Gerechtigkeit beu⸗ genden Obrigkeiten und Gewalten, denen ich preis⸗ gegeben worden! Ich habe meine Jugend in Kerkern und Feſtungen vertrauern und verderben müſſen, aber in dieſer langen Gefangenſchaft habe ich den Cultus der Freiheit gelernt, und habe, meine eigene Ingend verlierend, zur ewigen Jugend der Nation und des Volkes zu beten angefangen! Mirabeau ſprang bei dieſen Worten empor und ſtand einen Augenblick, wie hingeriſſen von den Ge⸗ danken der Zukunft, nachſinnend und hinſtarrend in der Mitte des Zimmers da. Die Morgenſonne, die W — 119— jetzt mit ihren vollen Strahlen am Horizont ſtand, warf in dieſem Augenblick einen blitzenden Schein durch die Fenſter. Eine flammende Glorie bedeckte den Scheitel Mirabeau's. Henpiette, die ihn lange aus der Ferne bewundernd betrachtet, war ihm dann leiſe und wie auf den Fußſpitzen nachgeſchlichen, und ſchien ihn aus ſeinem träumeriſchen Verſtummet wie⸗ der zur Gegenwart zurückrufen zu wollen. Aber in⸗ dem ſie jetzt dicht zu ihm hintrat und ſich der ganzen überwältigenden Macht ſeiner Erſcheinung wieder nahe gegenüberſah, ſchien ihr aller Muth zu entſinken. Er war in einem leiſen Selbſtgeſpräch mit ſich begriffen, ſeine Arme durchkreuzten in heftigen Bewe⸗ gungen die Luft, und Henriette ließ zitternd die Hand wieder ſinken, mit der ſie ihn eben leiſe zu berühren gedachte. t Endlich bemerkte Mirabeau ſie wieder, wie ſie, mit andächtig gefalteten Händen ihm zuſchauend, dicht neben ihm ſtand, und in banger Erwartung ihm zulächelte. Du biſt es, mein holdes, gutes Kind! ſagte er, ihre Hand ſtreichelnd und liebkoſend. Verzeih, daß meine Gedanken ſich einen Angenblick von Dir ent⸗ fernen konnten. Aber ich dachte nach, was der Des⸗ potismus denn eigentlich ſei, und wie dies, alles Leben ausſaugende Geſpenſt ſich in die freigeborenen Seelen der Menſchheit einzuſchleichen vermocht hat. Was in aller Welt iſt der Despotismus? Er entſteht, wenn der Eine den Andern in die Feſſeln ſeines Egoismus ſchlägt, wenn der Eine den Andern nur als Stoff betrachtet, in dem er ſeine eigenen Abſichten und Be⸗ dürfniſſe kneten und zu jeder ihm beliebigen Geſtalt zurechtformen könne. Aber der Despotismus iſt nicht der ſchaffende Künſtler, der ſeinen Stoff liebt, indem er ſeine Gedanken mit ihm vermählt, und der aus ſeinem Willen in harmoniſch ſchöner Vollbringung die Statue ſeiner Idee macht. Der Despotismus iſt der zerſtörende Haß, der überall Unſache findet, ſich gel⸗ tend zu machen, und der ſeinen Gegenſtand zu ſich heranzieht, wie die Schlange den unſchuldigen Vogel, der ſo lange geängſtigt in ihrem Dunſtkreiſe flattert, bis er ſich endlich von ſelbſt zu ihr niederlaſſen und widerſtandlos in ihren Giftrachen hineinkriechen muß. So wollte mich mein Vater verderben, um auf dieſe Weiſe ſeinen Eigenwillen und ſeine Ueberlegenheit an mir zu beweiſen, und vergaß darüber, daß ich mein eigener Stoff und mein eigener Geiſt bin, der aus ſich ſelbſt ſich geſtalten ſoll, um eines eigenen Daſeins fähig und würdig zu ſein! Das iſt der Herrſcher, deſſen Thron auf Selavenköpfen balancirt, weil es ihm gefährlich dünkt, ein freies Volk anzuerkennen, mit dem er in ein Verhältniß der Liebe und des Rechts treten müßte! Und da fällt mir eine Kindergeſchichte ein, welche einſt die Kluft zwiſchen mir und meinem Vater noch tiefer geriſſen. Mein Vater überraſchte mich einmal, als ich in meinem Zimmer mit der hef⸗ tigſten Leidenſchaftlichkeit deklamirte. In ſeiner mich ſtets verhöhnenden Weiſe ſagte er zu mir: Ah, Du übſt Dich wohl ſchon, um künftig einmal den Demoſthe⸗ nes von Frankreich ſpielen zu können?— Und warum nicht, mein Vater? antwortete ich ihm mit dem frohen Muth des Knaben. Vielleicht werden eines Tages die Reichsſtände in Frankreich zuſammenberufen wer⸗ den, und dann will ich ſprechen! Mein Vater erbleichte und kehrte mir den Rücken. Mehrere Tage lang ver⸗ mied er es, irgend ein Wort an mich zu richten. Nicht lange darauf aber erwirkte er ſich den erſten Verhafts⸗ brief gegen mich, indem er wegen einer Liebesintrigue, die damals viel Aufſehen machte und in der ich aller⸗ dings mit dem Leichtſinn eines ſiebzehnjährigen Lieu⸗ tenants gehandelt, mich auf dem Fort der Inſel Rhé — 121— einſperren ließ. Ja, er ging ſogar damit um, mich auf die holländiſchen Colonieen nach Indien zu entſen⸗ den, wo ein mörderiſches Klima faſt alle Europäer erlegt, welche dort den Kampf mit demſelben wagen. Nur die dringendſten Vorſtellungen ſeiner Freunde konnten den Marquis von Mirabeau von der Aus⸗ führung dieſes Mordanſchlages gegen ſeinen Sohn ab⸗ halten. Aber er glaubte mich dafür auf die langſamer tödtende Folter zu ſpannen, indem er jeden neuen, wenn auch nur ſcheinbaren Anlaß ergriff, den kaum aus einem Kerker Erlöſten von Neuem der Freiheit zu berauben. Ja ſelbſt jetzt, wo ich am Ende dieſer Leiden zu ſtehen glaubte, iſt ſeine Verſöhnung mit mir nur eine trügeriſche, und ſchließt den bitterſten Stachel in ſich. Denn nicht nur, daß er mir die Summe vor⸗ enthält, die er mir zu meiner Wiedereinrichtung in der Welt nach unſerm Uebereinkommen jöährlich zu zahlen verſprochen, und durch deren Entziehung er mich den widerwärtigſten Verlegenheiten preisgegeben hat. Er hat mich zugleich mit einem gerichtlichen Interdict belegen laſſen, indem er bekannt machen ließ, daß er und das Vermögen meiner Familie nicht für meine Schulden aufkommen würden. So rächt er ſich noch in dieſem Augenblick an dem Knaben, der von der Freiheit Frankreichs und von einer künftigen Zuſam⸗ menberufung der Reichsſtände zu ſchwärmen wagte.— In dieſem Augenblick vernahm man von draußen ein ziemlich ſtarkes Pochen an der Thür, das einen erſchreckenden Eindruck auf Mirabeau zu machen ſchien. Er hatte mit plötzlicher Beſtürzung in ſeiner Rede innegehalten und ſtarrte betroffen vor ſich hin. Das Klopfen erneuerte ſich abermals, und begleitete ſich mit der Ungeduld einer Männerſtimme, die das Begehr um Einlaß nachdrücklich und rückſichtslos unterſtützte. Henriette, welche dieſe Unterbrechung erſt ganz — 122— arglos betrachtete und ſchon im Begriff ſtand, ſich zur Thür zu begeben und dieſelbe zu öffnen, ſah ſich jetzt durch die dringlichen Zeichen, welche ihr Mirabeau machte, davon zurückgehalten. Mit einer ängſtlichen, faſt zagenden Gebärde, die ungemein auffallend gegen den noch eben herausgetretenen herviſchen Charakter an ihm abſtach, legte er den Finger auf den Mund, und bedeutete ihr damit die Nothwendigkeit zu ſchwei⸗ gen und ſich ſtill zu verhalten. Henriette fühlte ſich jetzt auf's Aeußerſte beunruhigt. Es fiel ihr plötzlich ein, daß es ſich um eine Nach⸗ forſchung hinſichtlich ihrer eigenen Perſon handeln könne, und Schrecken und Angſt, von denen ſie bisher in ihrer wunderbar vertrauensvollen Hingebung an Mirabeau keine Anwandlung geſpürt, traten auf ihrem erbleichenden Geſicht hervor. Jetzt öffnete ſich auf der andern Seite der Woh⸗ nung eine Thür; und der Bediente ſtürzte haſtig herein, dem bald darauf auch Hardy, der Secretair Mirabeau's, folgte. Sie näherten ſich dem Grafen, dem ſie leiſe flüſternd eine Mittheilung machten, welche dieſer mit bedenklichem Kopſſchütteln anzuhören ſchien. Ich meinte, es wären einige meiner ungeſtümen Gläubiger, die in der letzten Zeit ſchon öfter in mei⸗ nen Morgenſchlummer hereingeplatzt ſind! ſagte Mira⸗ beau nach einigem Beſinnen. Aber Ihr habt erlanſcht, daß zwei Polizeibeamte draußen ſtehn, und dies macht mich ſtutzig. Schleiche ſich Einer von Euch über die Hoftreppe hinunter, und begebe ſich dann nach vorn, um ſich mit den verehrenswerthen Herrn Sergents in eine zufällige Unterredung einzulaſſen, und darin un⸗ gefähr ihr Begehren an mich auszukundſchaften. Es iſt auch möglich, daß mein Herr Vater wieder nach mir ſchickt, denn die ſettres de cachet fallen in Frank⸗ reich jeden Augenblick aus den Wolken herab. —.— — 123— Der Secretair übernahm dieſen Auftrag und ent⸗ fernte ſich. Als Mirabeau ſah, wie Henrietke zagend und zitternd auf dem Divan in ſich zuſammengeſunken war, ſchien ihn noch ein anderer Gedanke zu durch⸗ fliegen. Auch für Dich ſoll geſorgt werden, meine holde Henriette! ſagte er, indem er ſich ihr eilig näherte und ſie bei der Hand mit ſich fortzog. Er führte ſie an einen Wandſchrank, der raſch geöffnet wurde, und in ſeinem Innern noch eine ver⸗ borgene Thür hatte, welche Mirabeau durch den Druck einer Feder aufſpringen ließ. Hier iſt der Eingang in ein kleines Cabinet, das für Jedermann unauffindbar iſt! flüſterte Mirabeau. Und Du wirſt Dich auf einige Minuten verbergen, mein Schatz, bis wir ſicher geworden ſind, was dieſe Nachforſchung der Polizei zu bedeuten hat. Tritt muthig und getroſt ein, Henriette, denn ſeitdem Du Dich dem Grafen Mirabeau geſellt, hat ſich auch für Dich das Reich der Aventüre aufgethan! Aber alle Deine guten Engel werden Dir Leib und Seele be⸗ hüten.— Hardy kehrte mit der Nachricht zurück, daß die Polizeibeamten draußen erſchienen ſeien, um nach einer jungen Dame zu forſchen, die in der vergangenen Nacht aus einem Kloſter von Paris entführt worden ſei und die man Urſache habe, in der Wohnung des Grafen Mirabeau verborgen zu glauben. Mirabeau befahl, ihnen ſofort die Thür zu öffnen. Nachdem die Sergents der Polizei alle Räume genau durchſucht und ſich von der Vergeblichkeit ihrer Nach⸗ forſchungen überzeugt hatten, entfernten ſie ſich wieder mit einem höflichen Gruß.— ——— Zweites Buch.. Pie Borhzeit des Zigar. Frau von Uehra. Die Nachforſchungen der Polizei nach Henriette van Haren hatten ſich in den nächſten Tagen auf eine ungeſtümere Weiſe wiederholt, und Mirabean bemerkte zugleich, daß ſeine Wohnung der Gegenſtand einer un⸗ ausgeſetzten polizeilichen Beobachtung geworden ſei. Die Priorin des Kloſters, die Gräfin von Mon⸗ teſſuy, die ihren beſtimmten Verdacht gegen den Gra⸗ fen Mirabean überall laut äußerte, ſchien alle ihre einflußreichen Verbindungen in Paris aufzubieten, um ſich wieder in den Beſitz ihres entflohenen Schützlings zu bringen, den ſie, nach den ihr von Schweſter An⸗ gelika gemachten Mittheilungen, einem ſo verderblichen und ihr ganzes Seelenheil zerſtörenden Verhältniß ausgeſetzt wußte. Sie begann einen ſo heftigen Lärm mit dieſer Angelegenheit zu erregen, daß die öffentliche Aufmerk⸗ ſamkeit darauf gerichtet wurde, und Mirabeau kaum noch längere Sicherheit für ſich ſelbſt wie für die Perſon ſeiner neuen Freundin erſah. Es ſchien ihm um ſo dringender nöthig, einen Eutſchluß zu faſſen, als die arme Henriette nun ſchon ſeit mehreren Ta⸗ gen wie eine Gefangene bei ihm lebte, und in dem „ — 125— verborgenen Cabinet, deſſen Unzugänglichkeit ſich be⸗ währt hatte, verſteckt bleiben mußte. Wir müſſen dieſer peinigenden Situation entfliehen! ſagte Mirabeau eines Morgens zu ihr, indem ihn Hen⸗ riette verwundert und mit einem glücklichen Lächeln anſah. Ich weiß, fuhr Mirabeau fort, Du haſt in un⸗ ſerem bisherigen Leben von Deiner Freiheit nichts vermißt, Du gutes, liebliches Kind! Deine Augen ſind nur noch friſcher und glänzender geworden, obwohl Du Dich bis jetzt wie hinter Kerkermauern bei mir verkriechen mußteſt. Aber warte nur, kleiner gefange⸗ ner Vogel, die Stunde der Freiheit ſoll für Dich ſchlagen, und ich werde Dich noch weiter entführen, um Dich ganz glücklich zu ſehen! Bin ich es nicht ſchon? fragte ihn Henriette, in⸗ dem ſie mit ſchelmiſchen Bewegungen um ihn herum⸗ tänzelte, und ihn durch ihre Drolligkeiten zum Lachen zu bewegen ſuchte. Und iſt denn das ein Gefängniß hier bei Mirabeau? In meiner Kloſterzelle, dünkt mich, war es viel enger, und ich finde hier ſo viel Raum, daß ich mich vor Luſt zu Tode ſpringen könnte. Und im Kloſtergarten war nicht ſo ſchöne und freie Luft wie hier, wo ich von Deinem Athem lebe, mein Freund; und die Vögel in den ernſten ſchauerlichen Bäumen vor meinem Fenſter zwitſcherten dort lange nicht ſo ergötzlich, als Dein kleiner Nicolas, wenn er über uns Alle in's Lachen geräth. Dein liebenswürdiger Sinn iſt zufrieden, erwie⸗ derte Mirabeau, aber ich bin es nicht für Dich! Ich bin es müde, hier der Kerkermeiſter eines Schmetter⸗ lings zu ſein, der, wie Du, den Frühlingslüften ver⸗ wandt iſt und mit dieſen gaukeln und ſchwelgen könnte. Ich werde mit Dir auf einige Zeit nach London gehn. Inzwiſchen wird ſich hier Alles verblutet haben, und Du kehrſt als eine andere Perſon mit fremdem Namen — 126— wieder hierher mit mir zurück. Wir geben Dich für eine Engländerin aus, blond und weiß und roſig biſt Du genug dazu, mein Schatz, und wenn wir Dir einen auf dieſe Nationalität lautenden Paß verſchaffen können, ſo werden wir dann vor jeder weiteren Be⸗ helligung hier ſicher ſein. Warten wir hier noch län⸗ ger, unter der Belagerung der Polizei, dieſe unerträg⸗ liche und unwürdige Sitnation ab, ſo wirft uns Deine erhabene Priorin, noch ehe wir uns Deſſen verſehn, eine lettre de cachet über den Hals und wir können das Vergnügen haben, in irgend ein Gefängniß zu ſpazieren, wo es noch ſchlimmer iſt, als hinter Deinen friedſamen Kloſtermauern. Und man würde uns dann trennen? fragte Hen⸗ riette angſtvoll, indem ſie ſich an ſeine Schulter klam⸗ merte. Ja, Mirabeau, dann laß uns nach London reiſen, hent, ſogleich, noch in dieſer Stunde. Den kleinen Nicolas nehmen wir aber doch mit? Sicherlich, verſetzte Mirabeau lächelnd, ohne ihn reiſen wir nicht. Benn ich habe es einſt mit einem feierlichen Eide gelobt, mich niemals von dem kleinen luſtigen Mann zu trennen. Aber leider ſind wir noch nicht ſo weit, um an unſere ſofortige Abreiſe zu den⸗ ken, und das iſt es, was mich heut ſchon auf's Aeu⸗ ßerſte verſtimmt hat. Ich habe nämlich, um offen mit Dir zu reden, wie es zwiſchen Freund und Freundin ſich geziemt, ich habe kein Geld. Und auch ſonſt bin ich noch nicht recht klar darüber, wie ich Dich auf eine ſichere Weiſe von hier aus dem Hauſe wegbringen ſoll. Ich erwarte heut Morgen noch meinen Freund Chamfort bei mir, der mir plötzlich ongekündigt hat, daß er wieder in Paris ſei, und miz ſeinen Beſuch machen werde. Mit ihm, der alle melne Verhältniſſe genan kennt, will ich mich berathen, über den einen wie über den andern Punct, und ich hoffe, mein kluger — liſtiger Auvergnat wird mir wieder die beſten Mittel und Wege anzugeben wiſſen.„ Berathe Dich doch lieber gleich mit mir, mein Freund! rief Henriette, indem ſie ſich ſchmeichleriſch an ihn drängte. Bin ich denn nicht auch Dein Freund? Vielleicht fällt mir etwas ungeheuer Kluges ein, wenn ich auch nicht in der Auvergne geboren bin, wie Dein Freund Chamfort. Und nun laß mich zuerſt von dem Geldpunct anfangen. Iſt es denn möglich, daß wir ſchon wieder kein Geld haben, da— da— Da, fiel Mirabeau mit einem lauten Gelächter ein, da wir erſt vor einigen Tagen eine ganze Menge Geld hatten, und da Du nicht blos die Schwalbe ge⸗ weſen, die den Frühling hierher in die Wohnung Mi⸗ rabeau's getragen, ſondern auch die Schwalbe aus dem Märchen, die goldene Eier bei mir hingeworfen hat. Ja, mein Kind, Deine mitgebrachten Schätze, die Du uns großmüthig zur Verfügung geſtellt, ſind bereits alle geſchwunden. Der ganze Inhalt des Käſt⸗ chens, welches Du mir zur Aufbewahrung gegeben, iſt verflogen. Ich legte auf Dein Geheiß, und weil Du es nicht anders wollteſt, meine tempelräuberiſche Hand an die in dem Käſtchen enthaltenen Ringe, Arm⸗ bänder und Juwelen, und veräußerte Alles. Es ſind dies gewiß theure Wahrzeichen einer Dir freundlich geſinnten Hand geweſen. Auch eine nicht unbeträcht⸗ liche Baarſchaft, die Du mir nachher einhändigteſt, gewiß die Erſparniſſe Deines Taſchengeldes, mein armes Kind, habe ich auf dieſelbe Straße des Ver⸗ derbens, die alle Gelder Mirabeau's wandeln müſſen, hinausgeſtoßen. Iſt das nicht fürchterlich? Henriette ſeufzze einen Augenblick laut auf, und ſah ihm mit ernf after Verwunderung in die Angen. Dann aber brach ſie plötzlich in ein herzliches Ge⸗ lächter aus. 5 — — 128— Es iſt wahr, fuhr Mirabeau mit einer tragikomi⸗ ſchen Gebärde Fort, das Geld kann ſich bei mir durch⸗ aus nicht halten, und es iſt dies eine Krankheit, an der ich Zeit meines Lebens gelitten habe. Das Geld nimmt bei mir die Eigenſchaft an, ſofort in alle Winde zu zerfahren, ſobald ich es nur berühre. Ich habe ſchlechterdings nie und niemals Geld, und werde anch nie und niemals Geld haben, und wenn Du mir goldene Berge unter meine Füße zauberteſt. Ich bin in dieſem Betracht ein wahrhaft unglücklicher Menſch. Ein Geſellſchaftszuſtand tangt entſchieden nichts, in dem noch eine gewiſſe Klaſſe von Menſchen exiſtirt, die man mit jenem fatalen Kunſtausdruck Gläubiger nennt. Durch das Treiben dieſer Gläubiger verflüch⸗ tigen ſich alle Werthe in der Geſellſchaft, und die Börſe des Cavaliers erfcheint beſtändig als ein leerer Wahn. Die dreitauſend Franes, welche mir meine Familie nach unſerem letzten Uebereinkommen jährlich zu zahlen verſprochen, werden mir von meinem Vater auch aus dieſem Grunde vorenthalten. Denn mein Vater, der Marquis von Mirabeau, behauptet, auf dieſe Penſion abrechnen zu müſſen, was er früher an meine heißhungrigen Gläubiger für mich bezahlt hat. So befinde ich mich mit meinen Ausgaben völlig wie der Froſch unter der Luftpumpe, und werde bald nicht mehr wiſſen, wo ich den Stoff zum Athmen her⸗ nehmen ſoll.— Es lag in der Gewohnheit des Grafen Mirabeau, beſtändig über ſeine Geldverhältniſſe zu klagen, womit kein einziger ſeiner Freunde verſchont zu werden pflegte. Aber der tief und wahrhaft melancholiſche Unmuth, der ſich dann in ſeinem ganzen Weſen ausprägte, trug zugleich ſo viel komiſche Färbung an ſich, daß man dadurch ſehr leicht über die Peinlichkeit des Gegen⸗ ſtandes mit ihm hinauskam und ſeine Freunde ge⸗ — 129— wöhnlich gern den heitern Uebergang zu einer kleinen Anleihe ſich gefallen ließen. Auch Henriette hatte in dieſem Augenblick das Gefühl, daß von ihrer Seite noch etwas geſchehen müſſe, um die unangenehme Verlegenheit, über welche ihr Freund ganz ſeiner ſonſtigen Würde und Größe entgegen ſich zu beklagen hatte, zu mindern. Das arme Kind hatte freilich in die Untiefen dieſes wun⸗ derlichen Haushaltes, dem ſie ſeit Kurzem angehörte, ſchon Alles, was ſie irgend an geldwerthen Dingen beſeſſen, hinabgeworfen. Aber ihre Luſt, etwas beizu⸗ ſteuern, ſchien ſo groß, daß ſie in dieſem Augenblick ſogar auf eine Aushülfe verfiel, die ihr bis dahin als unmöglich vorgekommen ſein würde. Henriette zog nämlich jetzt das goldene, mit Per⸗ len beſetzte Medaillon hervor, welches ſie ſtets in ihrem Buſen verwahrte, und in dem das Bildniß ihres Vaters enthalten war. Sie gab das Medaillon, ohne noch einen Blick darauf zu richten, an Mirabeau hin, und nickte ihm dabei mit bedeutſamen Blicken zu. Aber ſo ſehr Mirabean auch ſonſt bereit war, jedes ihm dargebrachte Opfer ſeiner Freunde ohne Weiteres hinzunehmen, und kaum einen ſichtlichen Werth dar⸗ auf zu legen, ſo nahm er doch das Medaillon nur, um es ihr unter lebhaften Vorwürfen über ihren un⸗ bedachten Sinn wieder um den Hals zu hängen und in ihren Buſen zurückzuſchieben. Darauf ſagte er, ſie küſſend: Wohl Dem, der das Andenken ſeines Vaters an ſeinem Herzen bewahren kann. Um keinen Preis möchte ich Dich darum bringen. Der berühmte van Haren war ein hoher Ehrenmann, und ſein Gedächt⸗ niß wollen wir auch in unſerm Bunde würdig feiern! So fällt mir zu guter Zeit etwas Anderes ein! rief Henriette, frendig aufathmend und in ihre Hände klatſchend. Ich habe ja noch eine Erbſchaft in Brüſſel Mirabeau. I. 9 — 130— zu erheben, und was bin ich für eine Närrin, daß ich erſt jetzt daran denke. Ein Verwandter meines Vaters, der dort lebte, hat mir in ſeinem Teſtament ein Legat ausgeſetzt. Es ſind aber nur viertauſend Franes, Mirabeau, und wir müſſen damit zufrieden ſein. Die gerichtliche Aufforderung, das Geld zu erheben, empfing ich erſt vor einigen Tagen, und Du wirſt begreifen, daß ich es vergeſſen habe, da ſeitdem ſo Wunderbares mit mir vorging. Aber das Papier darüber muß in dem Käſtchen geſteckt haben, in dem ich Dir meine andern kleinen Habſeligkeiten übergab. Dann iſt es möglich, daß ich es in meiner Nach⸗ läſſigkeit weggeworfen habe, ſagte Mirabeau, begab ſich aber ſchnell an ſeinen Schreibtiſch, um das darin aufbewahrte Käſtchen von neuem zu durchſuchen. Das Papier fand ſich darin noch vor, und Mirabeau ent⸗ faltete es begierig, während Henriette, ſich über ſeine Schulter lehnend und ihn unverwandt betrachtend, den Ausdruck ſeiner Zufriedenheit auf ſeinem Geſicht zu erwarten ſchien. Es iſt gut, ſagte Mirabeau kühl, das Geld iſt Dir gewiß, und kann augenblicklich erhoben werden. Wir werden es Dir beſorgen, ſobald wir jetzt nach Brüſſel kommen. Denn wir werden ohnehin unſere Reiſe nach London über Brüſſel machen. Zwar wird uns dies hindern, die Reiſe ſo raſch zurückzulegen, als wir es Deinetwegen, mein holder Flüchtling, eigentlich genöthigt wären zu thun. Aber ich werde Dir Deine Geſchäfte nichtsdeſtoweniger pünktlich beſorgen, verlaß Dich nur auf mich. Wir werden daher einſtweilen nur nöthig haben, auf unſere nothwendigſten Reiſe⸗ mittel von Paris nach Brüſſel Bedacht zu nehmen, und das iſt eine Kleinigkeit. Sobald Chamfort kommt, wird es ſich zeigen, wie. Ich ſpeculire durch ihn auf den Geldbeutel der Madame Helvétius, die ihre ſtets ——————— ——— — 131— gefüllte Kaſſe gern und überreichlich zum Beſten ihrer Freunde verwendet. Henriette ſchien mit der Art und Weiſe, wie Mi⸗ rabeau die Nachricht von ihrem kleinen Glücksfall auf⸗ genommen, nicht ganz zufrieden zu ſein, und um ihren lieblichen Mund trat ein leichtes ſchmerzliches Zucken. Eine Minute darauf war ſie aber ſchon wieder das fröhliche, ſorgloſe Kind, das keinen andern Willen und keine andere Empfindung mehr kannte, als die, ihm unterthan zu ſein, und jede Beſtimmung über ſich von ihm anzunehmen.— Es klopfte zweimal hintereinander mit einem flüch⸗ tigen Schlag an die Thür, und Mirabeau, die Manier ſeines Freundes erkennend, rief ſtürmiſch: Herein, Chamfort! Willkommen, Chamfort! Chamfort trat jetzt raſch herein, und beide Freunde begrüßten ſich mit der aufrichtigen Herzlichkeit, die zwiſchen ihnen waltete. Und wir werden jetzt wieder in Paris miteinander ſein, mein Freund und Meiſter? fragte Mirabeau, ihn mit einer Zärtlichkeit nmarmend, die er ſonſt kaum irgend einem andern ſeiner Freunde bewies. Ich dachte es mir, mit Deiner göttlichen Unruhe und Beweglich⸗ keit würdeſt Du nicht lange in der philoſophiſchen Idylle von Autenil ſitzen bleiben. Chamfort wurde jetzt die Anweſenheit Henriettens gewahr, die erröthend ausweichen wollte, als Mirabeau ſie ſeinem Freunde vorſtellte. Das iſt Henriette, ſagte Mirabeau feierlich, die den himmliſchen Muth hat, ſich zur Gefährtin meines Lebens und meiner Schickſale machen zu wollen! Du ſiehſt, wie ſchön ſie iſt, und Du wirſt finden, daß die Schilderungen, die ich Dir in meinen Briefen von ihr gegeben, weit hinter der holden Wahrheit zurück⸗ geblieben ſind. Durch ihre Schönheit allein müßte ſie 9* ſich einen Platz auf einem Königsthron haben gewin⸗ nen können, wenn ſie es nicht vorziehen wollte, das unberechnenbare Lvos des unſtäten Mirabeau zu theilen. Henriette iſt aber auch die Güte, die Milde, die Sanft⸗ muth ſelbſt, ſie iſt eine jener hohen, rechtſchaffenen Seelen, bei denen man ſich wohlbehütet und wie in ſeiner Heimath fühlt, und ich ſchwöre es Dir, daß ich ſie nicht verdiene, aber mich ihres Beſitzes werth zu machen gedenke.*) Henriette war auf ihn zugeeilt, und hielt ihm ihre Hand vor den Mund, indem ſie ihn ängſtlich bat, mit ſeinen Lobſprüchen über ſie innezuhalten. Dann entfernte ſie ſich eilig in das Nebenzimmer, nachdem ſie ſich mit Chamfort, der ihr die verbindlichſten Dinge ſagte, herzlich begrüßt hatte. Du biſt zu beneiden um Dein Talent, Dir Glück zu ſchaffen, und Dir Alles ſo einzurichten, wie es gerade für Dich paßt! ſagte Chamfort, indem er der in der Thür verſchwindenden Geſtalt Henriettens lange nachblickte. Mein Leben dagegen iſt aus lauter Contraſten und Widerſprüchen zuſammengeſetzt, fuhr Chamfort fort, indem ein wehmüthiger, faſt bitterer Zug auf ſeinem ſonſt ſo heitern, männlich ſchönen Geſicht aufblitzte. Und ein ſolcher Widerſpruch hat mich jetzt auch wieder nach Paris getrieben, und in neue Verhältniſſe, für die ich eigenklich nicht tauge, und wie ſie mir immer wieder durch die ſeltſame Ironie meines Schickſals um den Hals gebunden werden. Du ſiehſt mich wieder hier in Paris, weil der Marquis von Vaudreuil mich eingeladen hat, in ſeinem Hauſe zu leben, wo er mir, blos aus ſeiner bekannten großmüthigen Laune für *) Die eigenen Worte Mirabeau's über Henriette. Lettres de Mirabeau à Chamfort p. 76, 87, 92. 5 — 133— Kunſt und Literatur, eine glänzende Zufluchtsſtätte, die durchaus frei von jeder Bedingung iſt, ange⸗ boten hat. Alſo in der Rue de Bourbon, in dem prächtigen Hötel Vaudreuil, iſt mein Meiſter Chamfort von jetzt an zu finden? ſagte Mirabeau lächelnd. Nun, da biſt Du allerdings wieder in die vornehmſte und ſtrah⸗ lendſte Welt eingetreten, und wirſt es auch kaum ver⸗ meiden können, mit dem Hofe und ſeinen Leuten von neuem in Berührung zu kommen. Denn der gute Marquis von Vaudreuil iſt nicht nur Beſchützer der ſchönen Künſte, ſondern er gehört auch zu dem ver⸗ trauten Hofeirkel der Königin. Er iſt ja der genaueſte Freund der Gräfinnen Biana und Julie von Po⸗ lignac, und durch dieſe in den allerintimſten Kreis eingetreten, der ſich um die Königin Marie Antoinette zu bilden angefangen. Chamfort wird alſo neue Hof⸗ ſtudien machen, und die Ergebniſſe werden der ganzen Epoche zugutkommen. Ich frene mich darauf, denn Du weißt, daß ich mich recht eigentlich für Deinen Schüler anſehe, Chamfort, und von Deiner lachenden Weisheit und Deinem unbeſtechlichen Witz ſtets zu lernen denke. Es empört mich aber nachgerade, daß mein Lebens⸗ faden beſtändig aus ſolchen offenbaren Widerſprüchen mit meinen Principien ſich weiterweben ſoll! ent⸗ gegnete Chamfort mit einem in der That mißmuthi⸗ gen Ausdruck. Ich liebe durchaus die hohen und vor⸗ nehmen Leute nicht, und werde unaufhörlich in Be⸗ ziehungen zu ihnen gebracht. Die einzige Religion, die ich in meiner Bruſt aufzutreiben vermocht, war von jeher der Glaube an die Freiheit, und doch bringt mich mein Schickſal immer wieder mit Prinzen, Prin⸗ zeſſinnen und eingefleiſchten Ariſtokraten in Verbindung, in deren parfümirtem Dunſtkreis ich meine republika⸗ — 13 niſche Seele verſchmachten laſſen ſoll. So liebe ich auch von Herzen die freierwählte Armuth, und muß doch immer von den reichen Leuten auf mich Jagd machen laſſen, die mich in ihre Mitte ziehen, und meine Perſon benutzen wollen, um auch mit dem Geiſt eine Art von Luxus zu treiben. Und ich war ſchwach genug, dem Andringen des Marquis von Vaudreuil nicht widerſtehen zu können. Jedenfalls werde ich mich aber in ſeinem Hötel, wo er mir eine ſehr behagliche Wohnung aufgedrungen hat, beſſer befinden, als da⸗ mals bei dem Prinzen von Condé, der mir ſogar die glorreiche Stelle eines Secretairs bei ſich übertragen hatte. Dieſe Sklavenkette riß ich aber entzwei, ſobald ich nur ihr erſtes Scheuern an meinen Gelenken ſpürte. Es war noch ein anderes Motiv, das Dich dabei beſtimmte, mein edler Freund, ſagte Mirabeau, indem er ihm innig die Hand darreichte. Es jammerte Dich, daß ein junger Mann, der eine arme Mutter zu er⸗ nähren hatte, die eigentlichen Geſchäfte Deiner Stelle für ein geringes Geld verſehen mußte, und Du be⸗ ſchworeſt den Prinzen, Beine Entlaſſung anzunehmen, und die Stelle nebſt ihrem Titel und ihren vollen Einkünften Demjenigen zu übertragen, der dafür ar⸗ beiten und darben mußte. Solche Züge muß man in Erz und Marmor feſthalten, um den Leuten, die uns Atheiſten nennen, und unſer Streben nach der Freiheit moraliſch verdächtigen möchten, zu beweiſen, daß wir die wahren Menſchen und die ächten Herzen in dieſer Epoche ſind! Achten wir uns nicht zu hoch, Mirabeau! entgeg⸗ nete Chamfort, indem wieder alle Streiflichter ſeines ſatiriſchen Geiſtes auf ſeinem Geſicht hervortraten. Meiſtentheils iſt es gerade unſer ſtärkſter Egvismus, der ſich hinter unſere ſogenannten edlen Motive ſteckt, und ſich daraus ein herrliches, ſtolzes Feſttags⸗Koſtüm — 135— macht. Wer weiß denn, ob ich ſo edel geweſen wäre, meiner Stelle zu Gunſten eines armen Menſchen zu entſagen, wenn mir das ſonſt ſo vortheilhafte Ver⸗ hältniß zum Prinzen Condé nicht in der That uner⸗ träglich geworden. Es trieb mich wieder fort von ihm, denn mich überkam wieder einmal die Luſt, arm und beſchränkt in der Einſamkeit zu leben. Und ſo wurde ich der Wohlthäter jenes jungen Mannes, weil ich mein eigener werden wollte. Ein hohes, unend⸗ liches Glück ſchien ſich mir damals eröffnen zu wollen. Meine Freundin Lydie war durch den plötzlichen Tod ihres Gatten frei geworden, und ſie hatte eingewilligt, mit mir in der tiefſten Zurückgezogenheit von der Welt ein neues Leben zu beginnen. Lydie war nicht mehr jung, und von ihrer einſt ſo wunderbaren Schön⸗ heit war nur noch der himmliſche Seelenausdruck der Zügt und der unverlöſchliche Glanz ihrer Angen übrig geblieben. Aber ihr Herz und ihr Geiſt waren an⸗ betungswürdig jung, und die beredten Worte ihres Mundes feſſelten mich an ihrer Seite, ohne daß ich noch nach irgend etwas Anderem Verlangen in mir gehabt hätte. Wie viel Frauen hatte ich nicht in meinem Leben ſchon geliebt, aber noch keine einzige hatte ich bis dahin beſeſſen. Und nun beſaß ich Lydie, und liebte ſie glühend wie eine Geliebte, innig und zart wie eine Mutter, feſt und vertrauensvoll wie einen Freund. Hätte ich es jemals geglaubt, daß man ſchon drei Meilen von Paris, auf einem ſtillen verſteckten Dorfe, ſo glücklich wie im Paradieſe leben kann. Aber die Jronie des Schickſals traf mich mit⸗ ten in meinem Paradieſe, in dem ich nicht auf den Tod gerechnet hatte. Lydie ſtarb in meinen Armen, und das Paradies war plötzlich in eine Wilduiß ver⸗ wandelt. Nun konnte ich es wieder in der Oede die⸗ ſer Einſamkeit nicht länger aushalten. Selbſt die — Stille in Auteuil bei unſerer Freundin Helvétius, die mich dann ſo gaſtlich und tröſtlich bei ſich aufnahm, begann mich in der Seele zu ſchmerzen. Und während ich die Stelle beim Prinzen Condé verlaſſen, um mich in eine mir viel ſtrahlender winkende Einſiedelei der Liebe zu vergraben, ziehe ich jetzt wieder in die phan⸗ taſtiſchen Wirbel von Paris ein, und nehme eine Zu⸗ fluchtsſtätte in dem glänzenden Hauſe Vaudreuil's an, blos weil ich die Wunden, welche mir die Einſamkeit geſchlagen, nicht anders heilen zu können glaube, als an dem Getümmel der Welt. Und nun ſage mir, Freund Mirabeau, ob in dieſer elenden Geſellſchaft, der wir angehören, nicht Alles nur Maskenſpiel un⸗ ſeres Egoismus iſt? Chamfort brach bei dieſen Worten in ein lantes Gelächter aus, das er, mit heftigen Schritten im Zimmer auf⸗ und abgehend, in den mannigfachſten Abſtufungen wiederholte. Mirabeau aber drückte ihm mit den beredten, feurigen Worten, die ihm niemals fehlten, ſeine Theilnahme an dem Geſchick des Freun⸗ des aus. Aber faſt hätte ich vergeſſen, mich eines Auftrags zu entledigen, den mir der Marquis von Vaudrenil für Dich gegeben, begann Chamfort wieder. Der Marquis ſendet Dir durch mich dieſe Einladungskarte. Es wird morgen Abend in ſeinem Hötel die Hochzeit des Figaro von Beaumarchais aufgeführt, und er legt einen großen Werth darauf, daß Du unter der dazu eingeladenen Geſellſchaft nicht fehlen möchteſt. Es werden ſehr viele Perſonen aus der Hofgeſellſchaft zu⸗ gegen ſein, denn es iſt darauf abgeſe ehen, der neuen wunderbaren Comödie, die ſchon im Mainſeripte ſo eigenthümliche Schickfale erlebt hat, doch noch die Gunſt des Königs und der Königin zu gewinnen. Die Freunde des Autors, und dazu gehört bekanntlich — 137— der Marquis von Vaudreuil, hoffen durch eine Art von Handſtreich, der morgen beabſichtigt wird, dann auch noch immer die öffenkliche Aufführung des Stücks durchzuſetzen. Mirabeau nahm die Einladungskarte, betrachtete ſie lange ſtillſchweigend und nachdenklich, und ſchien noch über Etwas zu ſinnen. Dann ſagte er: Ich nehme die Einladung bei Herrn von Vaudreuil an, obwohl ich für die Comödie des Speculanten Beau⸗ marchais, wie Du weißt, nicht das geringſte Intereſſe habe. Auch bin ich nach Allem, was ich davon ver⸗ nommen, nicht einmal nengierig auf den Inhalt. Dieſer Beaumarchais mag ein geriebener Kopf ſein, und er mag auch das Talent beſitzen, die Leichenvögel der heutigen Zeit ſchon aus der Ferne ſchreien zu hö⸗ ren, und aus dieſem guten Gehör eine prophetiſch⸗ ſatyriſche Comödie zu machen, was dieſe Hochzeit des Figaro in der That ſein ſoll. Aber Beaumarchais thut Alles nur für's Geld, was er thut, und ich kann keine Sympathie für einen Menſchen haben, noch ihn zu den Unſrigen zählen, der mit der Freiheit und mit der Bewegung nur Geſchäfte machen will. So ließ er ſich Beaumarchais den Amerikaner nennen, und was hat er zum Beſten der amerikaniſchen Freiheit gethan und gewirkt? Nichts, als daß er in ſeiner commer⸗ ziellen Betriebſamkeit, die ſich auf Alles wirft, den neuen Republikanern Waffenlieferungen für ihre erſten Feldzüge machte. Er gewann ungeheure Summen dabei, indem er ſich ſeinen Eifer und ſeine Dienſte nicht nur zu den allerhöchſten Preiſen bezahlen ließ, ſondern für dieſelben nichts als alte unbrauchbare Flinten, ſchlechte Schuhe und ſchlechte Hüte lieferte. Außer dem Vortheil, für dieſen Ausſchuß und Trödel ſeine Taſchen gefüllt zu haben, hatte er dann noch das beſondere Vergnügen, ſich wegen heimlicher Waf⸗ fenlieferungen in Anklageſtand verſetzt zu ſehen, und dadurch in der öffentlichen Meinung als Märtyrer der Freiheit zu triumphiren. Oh, ich kenne dieſen Patron, und ein ſolcher Schacher mit der öffentlichen Meinung iſt auch nun dieſe Comödie. Wie kommt ein Beaumarchais dazu, die innere Verlorenheit des Zeitalters, die ganze Lüge der heutigen Geſellſchaft, zum Gegenſtand einer beluſtigenden Comödie zu ma⸗ chen? Wenn wir einſt, wie die Amerikaner, unſere Freiheitsſchlachten ſchlagen werden, daun wird dieſer Beaumarchais doch immer nur der Figaro unſerer Revolution, der über Alles ſich beluſtigende und Alles zu ſeinem Vortheil ausbeutende Schelm ſein! Ich weiß, daß Dich ein Haß gegen Beaumarchais bewegt, eütgegnete Chamfort, aber wenn Du auch nicht um der Comödie willen kommſt, ſo wirſt Du voch, ich verſichere Dich, diesmal viel Unterhaltung im Hötel Vaudreuil finden. Es hat ſich eine Art von äſthetiſcher Verſchwörung gegen den Hof gebildet, bei der die einflußreichſten Hofleute ſelbſt mitſpielen, denn es ſoll dem König nach dieſer Aufführung vorgeſpie⸗ gelt werden, Beaumarchais habe ſeine Comödie ganz und gar abgeändert, und es ſei nichts mehr von den Dingen darin geblieben, welche bei der Vorleſung, die ſich der König von dem Stück machen ließ, ſeinen Zorn in ſo hohem Grade erregt hatten. Der gute Marquis von Vaudreuil, der ſich einmal für die ſchönen Künſte in jedem Betracht opfern möchte, hat die Hände zu dieſer gefährlichen Intrigue geboten und dieſelbe zum Theil erſonnen. Welcher Teufel dieſe Leute eigentlich beim Ohrzipfel hält, weiß ich nicht, aber daß er ſie treibt und prickelt, geht ſicherlich bei dieſer Gelegenheit hervor. Dies Treiben wird Dich erheitern und beluſtigen, Mirabeau. Der König ſoll bei dem Monolog des Figaro, der gegen die franzö⸗ trigne ausführen will, und ich möchte bei derſelben — 139— ſiſche Staatsverwaltung gerichtet iſt, und beſonders bei der Tirade über die Staatsgefängniſſe, entſetzt aus⸗ gerufen haben:„Dieſer Menſch verſpottet und erſchüt⸗ tert Alles, was man an einem Gouvernement ehren muß, und ich werde nie zugeben, daß ſein Stück in Frankreich irgendwo geſpielt werde!“ Die angeſetzte Theater⸗Aufführung im Hötel des Menus⸗Plaiſirs war daher durch eine ausdrückliche Ordre des Königs verboten worden, und die Zuſchauer, die ſich ſchon im Saal verſammelt hatten, gingen mit Ausbrüchen des heftigſten Mißvergnügens wieder nach Hauſe. Es ſcheint, daß ein Theil der Hofgeſellſchaft und an zihrer Spitze Monſieur, der eigentliche Gönner des Beau⸗ marchais, Beſorgniſſe aus dieſem Sucha der, man mag ſagen was man will, ernſte Seiten ge⸗ nug darbot. Wurden nicht ſchon ſo ſchmeichelhafte Ausdrücke, wie„Tyrannei“ und„Gewaltthätigkeit“ ſelbſt auf der Straße gehört?“) Die Hofleute hiel ten es ſchon bei weitem nicht ſo gefährlich, das Stü aufzuführen, als wenn es dem Publikum vorenthalten bliebe. Da aber Beaumarchais, ſtarrſinnig und pfiffig wie er zugleich war, durchaus an dem Stücke nichts ändern wollte, ſo kam man auf dieſe Intrigue, die morgen Abend bei Vaudreuil ſpielen wird. Ich freue mich darauf, denn ich wittere ſchönes Unheil in der Luft. Was meinſt Du dazu, Mirabeau? Die Naſe iſt das weſentlichſte Inſtrument eines guten Politikers, entgegnete Mirabeau, und Du weißt, ich habe der Deinigen immer Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Aber wenn ich morgen in's Hötel Vaudreuil komme, ſo iſt es, weil ich meinerſeits dort eine In⸗ Deine Hülfe in Anſpruch nehmen, Chamfort. Du haſt ) Mémoires de Madame Campan I. 279. ſo eben meine hi Gczelle geſehen, die ſich nicht blos vor Deinen ſchönheitslüſternen Blicken, die ſie auf ſich brennen fühlte, ſondern auch vor der Polizei, die jeden Augenblick hier auf ſie fahnden kann, dort in jenes verborgene Kabinet geflüchtet hat. In mei⸗ nem letzten Briefe ſchrieb ich Dir ausführlich über Henriettens Schickſal. Aber ich habe ſeitdem eingeſehen, daß ich ſie auf einige Zeit von Paris fortſchaffen muß, um nachher in Sicherheit und Behagen hier mit ihr leben zu können. Ich will nach London mit ihr gehen und ſie von dort als naturaliſirte Engländerin wieder hierher zurückbringen. Aber ich ſehe nicht einmal die Möglichkeit, ſie hier aus dieſem Hauſe heraus zu führen. Denn unten auf der Straße gehen den gan⸗ zen Tag geheime Polizei⸗Agenten ſpazieren, welche das Haus beobachten, und mir mein liebes Kind ſogleich entreißen würden. Ich habe einen Plan gemacht, der mir in dem Augenblick klar wurde, wo ich Deine Ein⸗ ladung zu Vaudreuil empfing. Gewiß hat Dir der Marquis auch eine ſeiner Equipagen zur Verfügung geſtellt, wie es der Protektor aller Muſen gern den ſchönen Geiſtern gewährt, aus deren Beherbergung er ſich eine Ehre macht. Allerdings, erwiederte Chamfort, er läßt den Dich⸗ ter in der ſtolzen Carroſſe des Marquis fahren, und glaubt dann, daß auch der Marquis ein wenig Pichter geworden ſei. Nun gut, ſagte Mirabeau, ſo ſoll die Carroſſe des Marquis auch meiner jungen Liebe gute Dienſte leiſten. Höre meinen Plan. Ich begebe mich morgen Abend bei Zeiten in das Hötel des Marquis von Vaudreuil, nachdem ich hier alle Vorbereitungen zur Abreiſe ge⸗ troffen. Dann mußt Du mir das Opfer bringen, vielleicht einen Act von der Vorſtellung der Comödie zu verſäumen, indem Du Dich in einer ſpäteren — 141— Stunde im Wagen des Marquis hierher nach meiner Wohnung begiebſt. Henriette wird Dich in einer Ver⸗ kleidung erwarten, durch welche ſie den Augen der Polizeiſpione unkenntlich gemacht werden ſoll. Sie wird die Kleider des Landmädchens anlegen, das ich bei meinem kleinen Coco als Wärterin habe. Hen⸗ riette nimmt dann das Kind auf den Arm, das ich ohnehin mit nach London führen werde, und ſteigt mit Dir raſch in Deinen Wagen. Die Polizei wird das Alles beobachten, aber ſie wird entweder keinen Verdacht ſchöpfen, oder eine Equipage, welche das Wappen und die Livrée des Marquis von Vaudreuil trägt, nicht weiter zu unterſuchen wagen. Du langſt dann mit meiner Freundin und dem Kinde im Hötel Vandreuil an, und ſie bleiben im Wagen ſitzen, den Du einſtweilen ſicher in der Remiſe unterbringen läßt. Sobald ich die Gelegenheit wahrnehmen kann, entferne ich mich aus der Geſellſchaft, und Du mußt ſchon durch Deinen Einfluß im Hötel durchſetzen, daß ich dieſelbe Equipage zu unſerer Weiterbeförderung bis an den Fuß des Montmartre benutzen kann. Dort werden meine Leute mit dem Reiſewagen mich erwar⸗ ten, und die Straße nach Brüſſel, wohin ich mich zu⸗ nächſt begeben werde, wird dann hoffentlich ohne wei⸗ tere Fährlichkeit gewonnen ſein. Chamfort dachte einen Angenblick nach, und ſagte dann, ſeinem Freunde zunickend: Du kannſt Dich, wie immer, auf mich verlaſſen, Mirabeau! Richte Alles ein, und ich werde auf das Genaueſte jeder Deiner Beſtimmungen nachkommen. Oh, ich freue mich wahrhaft darauf, wieder einmal bei einer In⸗ trigue mitwirken zu können, und noch dazu bei einer, welche dieſer volksfeindlichen und unverſchämten Po⸗ lizei von Paris geſpielt wird. Aber um größerer Sicherheit willen, wollte ich Dir noch empfehlen, 6ð — 142— einen Paß auf fremden Namen für Henriette zu neh⸗ men, und gebiete über mich, wenn ich Dir dabei be⸗ hülflich ſein kann. Auch dieſen Wunſch wollte ich in Deine getreuen Hände legen, entgegnete Mirabeau. Es wäre uns ſehr nützlich, wenn ich vielleicht ſchon hier in Paris einen engliſchen Paß für Henriette erlangen könnte, durch den ſie als geborne Engländerin beglaubigt wird. Bei Deinen vielen Verbindungen in Paris und Deinem Verkehr mit vornehmen und mächtigen Perſonen würde es Dir ein Leichtes ſein, meiner Freundin einen ſol— chen Paß zu beſorgen. Mich dünkt, Du gehſt auch im Hötel des engliſchen Geſandten, des Herzogs von Dorſet, aus und ein. Du biſt ein Mann von gewal⸗ tigem Einfluß, mein Chamfort, und wir ſind glücklich, daß wir einen ſolchen Beſchützer unſerer Liebe an Dir gefunden haben. Chamfort iſt Protektor der Liebenden geworden! rief Chamfort mit wehmüthig lachendem Munde. Aber für die Erlangunn eines ſolchen Paſſes glanbe ich mich allerdings verbürgen zu können. Im Hauſe des Marquis Vandreuil befinden ſich mehrere engliſche Bonnen, und es wird nicht auffallen, wenn ich für eine derſelben zur Rückkehr nach London durch den Haushofmeiſter des Marquis einen Paß fordern laſſe. Ich werde ſchon in der engliſchen Kanzlei bewirken, daß der Paß ohne weitere Schwierigkeit auf irgend einen beliebigen Namen ausgeſtellt werden ſoll. Du brauchſt blos zu beſtimmen, wie Deine ſchöne Henriette von jetzt an heißen wird. Wir werden ſie darüber ſelbſt befragen müſſen, erwiederte Mirabeau, indem er zu dem Kabinet hin⸗ eilte, in welchem ſich Henriette bis jetzt verborgen ge⸗ ten. Auf ſein ungeſtümes Pochen und Rufen an der — 143— Thür trat Henriette ſogleich mit einem Ansdruck des Schreckens auf ihrem lieblichen Geſicht heraus. Aber Mirabeau beruhigte ſie durch die Verſicherung, daß ſich durchaus nichts Schlimmes zugetragen habe. Es komme nur darauf an, ihr, an der ſonſt Alles ächt und wahr ſei, einen falſchen Namen zu geben, um unter demſelben künftig vor allen Verfolgungen ge⸗ ſchützt zu ſein. Henriette ſah ihn mit bangem und zweifelhaftem Lächeln an. Dann bedeckte ſich ihr heiteres Antlitz einen Augenblick lang mit einem trüben Ernſt, und ſie ſchüttelte langſam den Kopf. Ich verſtehe Dich, rief Mirabeau, Du willſt und kannſt nicht lügen, denn Du biſt eine große, ehrliche Seele! Aber Du mußt es nicht zu ernſthaft nehmen, denn was iſt der Name eines Menſchen Anderes, als ein Domino, in welchem er in dem Redonten-Saal zugelaſſen worden iſt. Zuweilen trifft es ſich, daß man, um ſich Spaß zu machen, auch einmal den Do⸗ mino umkehrt und ihn auf der unrechten Seite trägt. Den alten Freunden, die uns immer und ewig er⸗ kennen, gereicht das neue Geheimniß nur zu einer grö⸗ ßeren Luſt an uns. Nun, wenn Du meinen Namen umkehren willſt, ſo lautet er Nehra! rief Henriette, deren heiteres Na⸗ turell ſich ſofort wieder geltend machte, indem ihre Augen ihm von Neuem freundlich und glücklich zu⸗ winkten. Wenn wir als Kinder unſere Namen ver⸗ ſtellten und umdrehten, nannte ich mich häufig ſchon Henriette von Nehra. Bravo! rief Mirabeau, ihre Hände küſſend. Du ſollſt von jetzt an Frau von Nehra heißen,*) Hen⸗ riette van Haren iſt verſchwunden, und dies Anagramm 0 Montigny, Mémoires de Mirabeau IV 145. — 144— Eurer Kinderneckereien ſoll das glückliche Wahrzeichen unſeres Bundes und unſerer Zukunft bleiben! Freund Chamfort wird einen engliſchen Paß auf dieſen Namen beſorgen. Ich bitte Frau von Nehra, meine beſten Glück⸗ wünſche zu dieſer Namenstaufe genehmigen zu wollen, ſagte Chamfort, indem er ſich mit angelegentlicher Beeiferung ihr näherte und ihr die Hand reichte, die ſie in ihrer freundlichen Weiſe annahm. In der That, fügte Chamfort in ſeinem lächelnden Sinnen hinzu, es erweckt mir die freudigſten Vorge⸗ fühle für Ihren Bund mit Mirabeau, daß Sie Ihren neuen Namen aus der Umkehrung des alten gewonnen haben. Denn Sie gehorchen dadurch dem wahren Naturgeſetz der Zeit. Nur wenn man Alles auf den Kopf ſtellt, kann heute noch ein neues und ſchöneres Leben hervorgehen. Setzt aus den alten Buchſtaben neue zuſammen, aber ja in der entgegengeſetzten Rich⸗ tung, in der ſie bisher gegolten haben, das alte Wort in dem neuen auflöſend, und Ihr werdet den richtigen Namen bekommen, der glückbedeutend die Zukunft umfaßt. Aus der verfolgten Henriette van Haren wird die freie und ſiegesgewiſſe Henriette von Nehra erſtanden ſein! Henriette mußte über die drollige Manier Cham⸗ fort's jetzt in ein lautes Lachen ausbrechen. Dann ſchüttelte ſie ihm treuherzig die Hand und ſagte; Hen⸗ riette von Nehra kann nichts Anderes ſein, als was Henriette van Haren geweſen: ein einfach einfältig Ding, das nur ihrem Herzen unterthan iſt und ewig bleiben wird! So weit hätten wir uns nun ſchon mit unſerm Freunde Chamfort trefflich berathen, begann Mira⸗ bean wieder. Jetzt aber haben wir ſeine Hülfe noch auf einem andern höchſt kitzlichen Punct in Anſpruch — 145— zu nehmen. Chamfort weiß ſchon, was ich will, denn er betrachtet mich mit jenem ſchadenfrohen, ſataniſchen Lächeln, das immer um ſeine Lippe ſchwebt, wenn er ein armes Menſchenherz in ſeiner Schwäche be⸗ lauſcht hat. Ja, ich weiß was Du willſt, oder vielmehr, was Du nicht haſt, entgegnete Chamfort lachend. Der Beichtiger Deines Herzens bin ich wohl ſchon manch⸗ mal geweſen, und war ſtets glücklicher damit, als mit der Berathung Deines Geldbeutels, auf deſſen herz⸗ liche Schwäche Du ohne Zweifel in dieſem Augen⸗ blick anſpielſt. Richtig, ſagte Mirabeau, Du haſt den Vogel ge⸗ rade vorn in der Bruſt getroffen. Ich ſtehe ſchon wieder einmal auf dem Punct, wo der Menſch ſeine ganze Exiſtenz in dem Geſtändniß zuſammenpreßt: ich habe kein Geld! Henriette begann bei dieſen Aeußerungen in eine ſichtliche Unruhe zu gerathen. Ihre Wangen erglühten wie in der tiefſten Beſchämung, und ſie ſah mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen auf den Boden nieder. Sie kann es nicht aushalten, von Geldverlegen⸗ heiten zu hören, das liebe Kind, ſagte Mirabeau, in⸗ dem er ſich an ihrem Anblick ergötzte. Sie erröthet, als wenn es eine Schande für uns Alle und für die ganze Welt wäre, daß ich kein Geld habe. Im Gegentheil, es iſt eine große Ehre für ihn, daß er kein Geld hat, Frau von Nehra! ſagte Cham⸗ fort, ihr nahe tretend. Graf Mirabean iſt auch darin der Normalmenſch ſeines Zeitalters, daß ſich ſeine Finanzen in einer beſtändigen Unordnung befinden. Er macht die Finanzkriſen ebenſo in ſeiner Perſon durch, wie ſie Frankreich jetzt in allen ſeinen Gliedern durchmacht. Wenn man kein Geld hat, kommt man auf die ächten Gedanken des Heils, denn man lernt Mirabeau. I. 10 — 146— die Gebrechlichkeit ſeiner ganzen Lage, die Krankheit ſeines ganzen Organismus, einſehn, und man faßt leichter Entſchlüſſe, die zum Guten führen. Schon darum hoffen wir, daß Mirabeau einſt als der Retter Frankreichs erſcheinen wird, weil Mirabeau, wie Frank⸗ reich, kein Geld hat, und er bei beſtändig leeren Taſchen am beſten auf die ſchönere Zukunft ſtudiren konnte⸗ Es ſcheint mir bedenklich, Chamfort, daß Du Dich heut ſo lange mit der Philoſophie meines leeren Geld⸗ beutels beſchäftigſt, ſagte Mirabeau, mit einer ſchat⸗ tenden Wolke auf ſeiner hohen Stirn. Kannſt Du mir heut nicht rathen oder helfen, ſo ſage es ohne weitere Umſchweife. Wir brauchen übrigens nur bis Brüſſel Reiſegeld. Denn dort haben wir ſogar eine Erbſchaft zu erheben, durch die wir weiter kommen werden. Was ſagſt Du nun, Chamfort? Mit We⸗ nigem kann ich aber auch freilich bis Brüſſel nicht ausreichen. Denn Du weißt, ich kann ohne Bedienten und Secretair nicht fertig werden, und ich muß mir daher auch dieſe Leute ſogleich nachkommen laſſen. Biſt Du bei Kaſſe, Chamfort? Unſere gute Mutter Helvétius hatte mich beim Ab⸗ ſchiede von ihr wieder recht reichlich mit Geld ausge⸗ ſtattet, erwiederte Chamfort. Denn ſie meinte, da ich nun wieder in die vornehme Welt ginge und neue Be⸗ dürfniſſe haben würde, müßte ich doch auch ein anſtän⸗ diges Taſchengeld bei mir führen. In meinem Pult werden noch ungefähr achthundert Franes liegen, und es wird gut ſein, wenn Du ſie nimmſt, Mirabeau, denn mich ſtört das Geld in meinem träumeriſchen Be⸗ hagen, und ich denke nur an allerhand Trödel, den ich mir dafür kaufen könnte. Ich brauche in dem Hötel Vaudreuil kein Geld, lebe ganz auf Rechnung des Marquis, und zu manchen Kleinigkeiten, die ich neben⸗ her nöthig habe, reicht die Penſion aus, die ich der . 1 † —,—— — 147— ſchönen Königin Marie Antoinette verdanke. Auch werde ich nächſtens eine Sammlung meiner Theater⸗ ſtücke veranſtalten, und denke mir damit einen erkleck⸗ lichen Ehrenſold zu erzielen. Und nun Adien für heut, Kinder. Ich bringe Euch morgen früh den engliſchen Paß und das Geld. Und auch die übrige Verabre⸗ dung gilt auf das Unverbrüchlichſte. Mirabeau umarmte ſeinen Freund mit dem Aus⸗ druck der lebhafteſten Dankbarkeit. Chamfort wollte ſich entfernen, kehrte aber in der Thür noch einmal um, und ſagte, einige zuſammengefaltete Blätter aus der Taſche ziehend, zu Mirabeau: Faſt hätte ich ver⸗ geſſen, Dir dieſe Papiere zu übergeben. Es ſind die verſprochenen Beiträge zu Deiner Schriſt gegen den Cincinnatus⸗Orden, theils von mir, theils vom Doctor Benjamin Franklin, der Dir damit zugleich ſeine Grüße durch mich ſendet. Du mögeſt Alles benutzen oder nicht benutzen, gerade wie es Dir paßt. Condorcet und Cabanis laſſen ſich noch entſchuldigen. Sie ar⸗ beiten beide Mathematik und Phyſik, weik ſie noch nicht Politik machen könnten, und Cabanis ſchwitzt Blut, um den Zuſammenhang der phyſiſchen und moraliſchen Ge⸗ ſetze in der Welt zu entdecken.— Nachdem ſich Chamfort entfernt hatte, ſagte Mi⸗ rabeau zu ſeiner Freundin, die mit freudigem Lächeln an ſeiner Seite ſtand: Nun, Henriette, wir werden heut noch viel mit unſern Reiſevorbereitungen zu thun haben. So tummle Bich denn auch, mein Kind, denn wir werden Alles nach London mitnehmen, was nur irgend zu unſerer beweglichen Habe gehört. Vor allen Dingen müſſen wir auch darauf bedacht ſein, unſern kleinen Coco, von dem wir uns nun einmal nicht trennen können, gehörig einzupacken. Der kleine Mann macht ſeine erſte Seereiſe, und es fragt ſich, ob er zu derſelben auch gehörig ausgerüſtet jein wird. Da Du 10* — 148— einmal die Rolle der liebenswürdigen Vorſehung für ihn übernommen, ſo laß doch auch Alles genau nach⸗ ſehn, was dem Coco an Kopf und Kragen geht. Henriette nickte ihm beeifert zu, und wollte ſich eben entfernen, um ſeinen Aufträgen ſofort nachzukom⸗ men, als ihr unterwegs noch etwas einzufallen ſchien. Sie ſtand einen Augenblick in der Mitte des Zimmers ſinnend ſtill und kehrte dann mit einer haſtigen Be⸗ wegung wieder zu Mirabeau zurück. Darauf, ſich ſchmeichleriſch an ſeine Seite drän⸗ gend, ſagte ſie ganz leiſe: Du könnteſt gewiß eher ohne mich, als ohne den kleinen Nikolas leben. Nicht wahr, der iſt Dir mehr als alles Andere ans Herz gewachſen? Darum werde ich ihn aber auch ſtets wie meinen Aug⸗ apfel hüten. Und doch quält mich noch oft in meinen Gedanken das Geheimniß ſeiner Geburt. Du ver⸗ ſprachſt, mir dies Räthſel zu löſen, aber Du haſt nicht Wort gehalten, Mirabeau. So will ich es Dir jetzt ſagen, erwiederte Mira⸗ beau mit einem Anflug von feierlichem Ernſt. Die Prinzeſſin von Lamballe iſt die Mutter des kleinen Coco. Sie ſtellte das Kind, das ſie heimlich geboren, unter meinen Schutz und meine Pflege, und ich ge⸗ lobte ihr mit heiligen Eiden, es niemals und nirgends von mir zu laſſen. Dieſen Schwur, den ich ſtets ge⸗ treulich erfüllen will, leiſtete ich, weil ich der Prin⸗ zeſſin ſo großen Dank ſchuldig geworden, und ihr, die mir in den traurigſten Lagen meines Lebens beige⸗ ſtanden, gern meinen Dienſt weihen. wollte. Und blos darum hätteſt Du Dich des Cver an⸗ genommen? fragte Henriette langſam, indem ſie ihn zweifelhaft anblickte. Dich ſelbſt ginge das Kind wei⸗ ter gar nichts an? till! ſtill! rief Mirabeau, indem er ihr die Hand auf den Mund legte. Den Vater des Kindes werde — — 149— ich Dir niemals nennen, aber ſpäter erzähle ich Dir einmal eine ganze Geſchichte davon. Henriette ſchien von dieſer Auskunft nicht ganz befriedigt, aber ſie wagte nicht, die Frage, die ihr ei⸗ gentlich auf dem Herzen lag, beſtimmter zu erneuern. Nachdenklich und mit zögerndem Schritt begab ſie ſich jetzt zur Thür hinaus. Mirabeau blickte ihr lächelnd nach und betrachtete mit ſtummem Entzücken die zarte, jugendliche Geſtalt, die vor ihm dahinſchwebte und von Vorſtellungen beun⸗ ruhigt ſchien, die ihm gerade bewieſen, wie ſehr ihr daran gelegen war, ſich im Beſitz eines ausſchließlichen Anrechts auf ſein Herz zu wiſſen. E Die Bochzeit des Tigaro. Zu der Aufführung der Hochzeit des Figarv von Beaumarchais, die heut in dem Theaterſaal des Hötels Vaudreuil ſtattfinden ſollte, fuhren um die achte Abend⸗ ſtunde aus allen Stadttheilen von Paris die glän⸗ zendſten Equipagen herbei. Die ſtille, vornehme Rue de Bourbon erbebte von dem Geraſſel der zahlreichen Wagen, die im ſtürmiſchen Fluge angerollt kamen, und die auf das Schauſpiel begierige Geſellſchaft des Mar⸗ guis von Vaudreui zu ſeinem prächtigen Hötel heran⸗ führten. Die Geſellſchaft hatte ſich zuerſt in den kleinen Salons verſammelt, die in dem Hötel des Marquis von Vaudrenil eine eigenthümliche Einrichtung erhalten hatten. Der eine war vorzugsweiſe als Muſikzimmer ausgeſtattet, und vereinigte verſchiedenartige Inſtrn⸗ — 150— mente in ſich. In dem andern war Alles auf die Ausübung der Malerei berechnet, und wer ſein Talent dafür auch in der Geſellſchaft ſpielen laſſen wollte, fand Farben, Stifte und Pinſel bereit, um ſich nach Gefallen irgend einer Improviſation überlaſſen zu können. In einem dritten Salon waren die Tiſche mit koſtbaren Kupferſtichen und Bildwerken aller Art bedeckt, oder man trat in einen Raum, in dem auf die ergiebigſte und behaglichſte Weiſe für die Lectüre geſorgt war. Der kunſtfreundliche Marguis, der auf den Namen eines Beſchützers aller Muſen ſtolz war, hatte Geſellſchafts⸗Abende, an denen in allen dieſen Salons neben der bewegteſten Unterhaltung fleißig gearbeitet ward, und manches bedentende Werk wurde hier angeregt und entworfen, das ſpäter den Preis des Tages davontrug. Der Marguis ſelbſt, eine der glänzendſten Per⸗ ſönlichkeiten der damaligen Geſellſchaft, hatte ſein Talent für die ſchönen Künſte auf die Ausbildung einer vortrefflichen Geſangſtimme beſchränken müſſen, in der er aber Ausgezeichnetes und überall Bewun⸗ dertes leiſtete. Seine ſchöne Stimme hatte ihm zu⸗ erſt den Weg in die höchſten Hofkreiſe gebahnt, und er wußte zu dieſer angenehmen Eigenſchaft ſo viel vollendete Grazie ſeiner Formen hinzuzufügen, daß er, ohne gerade zu den bedeutenderen Geiſtern der Epoche zu zählen, doch blos durch ſeine äußern geſellſchaft⸗ lichen Vorzüge eine einflußreiche und überall geltende Stellung erlangt hatte⸗ Sein Anſehn war bei den Litteratoren und Künſtlern von Paris ebenſo groß geworden, als er am Hofe von Verſailles eine per⸗ ſönliche Beliebtheit erlangt hatte, die ihn in einem gewiſſen bevorzugten Kreiſe, der ſich in der letzten Zeit namentlich um die Perſon der Königin gruppirt, ——— — 151— Mittelpunkt und eigentlichen Beherrſcher deſſelben machte. Die Mitglieder dieſes vertranten Kreiſes der Kö⸗ nigin Marie Antoinette befanden ſich hent ſämmtlich in der Geſellſchaft, welche im Hötel Vaudrenil der Darſtellung der vielbeſprochenen Komödie beiwohnen wollte. Die ſchöne und liebenswürdige Gräfin Jules von Polignac, und ihre Schwägerin, die übermüthige und mit ihrer Genialität etwas kokettirende Gräfin Diane von Polignae, ſtanden an der Spitze dieſes Hofeirkels, und dem Einfluß beider Damen, die ein eigenthümliches Intereſſe für jene Komödie des Herrn von Beaumarchais gefaßt, war es vornehmlich zuzu⸗ ſchreiben, daß die Kunitin, und durch ſie auch der König, ſich einverſtanden erklärt, verſuchsweiſe eine Darſtellung des Stückes, nach einer angeblich von dem Dichter getroffenen Umarbeitung, vor einem eingela⸗ ie Publikum im Hötel Vaudreuil geſchehen zu laſſen. Die Gräfin Diane, die vor kurzem auch Ehren⸗ dame der Gräfin von Artois geworden war, hatte auch aus dieſem Kreiſe her für die Hochzeit des Fi⸗ garo zu wirken gewußt, um die tiefe Abneigung, welche der König gegen dieſe von ihm als regierungsfeindlich betrachtete Komödie gefaßt, allmählich ableiten und überwinden zu helfen. Es war plötzlich Parteiſache dieſes Theils der Hofgeſellſchaft geworden, in einer Angelegenheit, in welcher der König ſich offenbar zu engherzig und ſchwarzſehend bewieſen, ſich aus Oppo⸗ ſition gegen ihn freiſinnig zu zeigen und der öffent⸗ lichen Meinung eine Art von Zugeſtändniß zu machen. Die kecke und muthwillige Gräfin Diane, dieſelbe, welche ihre Sympathieen für Benjamin Franklin und die amerikaniſche Freiheit in ſo auffallender Weiſe hatte ſpielen laſſen, war nun auch für die Freiheits⸗ — 152— komödie des Beaumarchais in die Schranken getreten, und ihren liebenswürdigen Umtrieben war auf keiner Seite leicht zu widerſtehn. Vor Beginn der Aufführung ſtanden die beiden Gräfinnen von Polignac, umgeben von einem auserle⸗ ſenen Kreiſe ihrer Freunde und Bewunderer, in dem Muſikſaal, wo ſich eine eifrige Unterhaltung entſponnen hatte. Das vertrauliche Geſpräch wurde zum Theil leiſe geführt, denn es betraf die Angelegenheit des Tages, nämiſch die öffentliche Darſtellbarkeit der Hoch⸗ zeit des Figaro, in ihren geheimſten und gefährlichſten Beziehungen. Ich ſtehe für alle übeln Folgen ein, die ſich aus der heutigen Aufführung für Sie ergeben könnten, lieber Marquis, ſagte die ſchöne Gräfin Jules von Polignae, im ſtolzen Gefühl ihrer neuen bedeutſamen Stellung, welche ſie ſeit dem vergangenen Winter bei der Königin Marie Antvinette erlangt hatte. Ich bin nicht unruhig über die Folgen, ſagte der Marquis von Vaudreuil mit einer ſeiner zierlichſten und reſpectvollſten Vernelgungen gegen die Gräfin. Aber mir fängt doch bereits mein Gewiſſen etwas zu ſchlagen an, und ich meine, Herr von Beaumarchais hätte wenigſtens einige der Anſtößigkeiten entfernen ſollen, welche der König an ſeiner Komödie mit ſo entſchiedenem Unwillen bemerkt hat. Herr von Beaumarchais iſt eigenſinnig, er wollte nun einmal nicht, erwiederte die Gräfin Polignac, in⸗ dem ihr bezauberndes Lächeln die ganze Reihe ihrer blendend ſchönen Zähne ſehen ließ. Wenn das Stück aber hier einmal geſpielt worden, und ſo gewiegte und angeſehene Hofleute, wie Ihr, Herr von Vau⸗ dreuil, oder dort unſer liebenswürdiger Schweizer⸗ Oberſt, Herr von Beſenval, die jetzige Unverfänglich⸗ keit deſſelben bezeugen, ſo wird es dem König ange⸗ veei —— — 153— nehm ſein, von ſeinem früheren ſtrengen Urtheil zu⸗ rückkommen zu können. Er wird dann gewiß die Theater⸗Aufführung geſtatten, und die Mißſtimmung des größeren Publikums iſt überwunden. Wir Alle haben ein gutes Werk gethan, und Ihr, Herr Mar⸗ quis, erlebt von Neuem den Triumph, daß aus dem Hoͤtel Vandreuil eines der erſten Meiſterwerke der Nation ins Leben übergegangen. Herr von Vaudreuil küßte ihr mit der ganzen ausgeſuchten Feinheit der franzöſiſchen Hofmanier dank⸗ bar die Hand. Unter der Führung der Gräfin Inles können wir getroſt in dieſen Kampf ziehen, nahm der Baron von Beſenval mit einer feierlichen Galanterie das Wort. Der Oberſt der Schweizer Garden war ein Mann mit ſchneeweißen Haaren, der ſowohl durch dieſes ehrwürdige Zeichen ſeines Alters, wie durch die eigen⸗ thümliche Treuherzigkeit und Einfachheit, die ſich in ſeinem ganzen Weſen ausdrückte, den Vorzug genoß, namentlich von den Damen zum Vertrauten erwählt zu werden. Dieſe Vertrauten⸗Rolle hinderte ihn jedoch nicht, auch in das Gebiet der galanten Abenteuer hin⸗ überzuſchweifen, denen er ungeachtet ſeiner weißen Haare ſehr leidenſchaftlich ergeben war, und ſeine eifri⸗ gen Bemühungen bei der Gräfin Julie von Polignac ſchienen nicht minder dieſen äußerſt entzündlichen Cha⸗ rakter an ſich zu tragen. Es iſt wahr, wir ſind hier als Verſchworene ver⸗ ſammelt, begann die Gräfin Polignac wieder mit je⸗ ner reizenden natürlichen Heiterkeit, die ihrem Weſen ſo viel Unwiderſtehliches verlieh. Aber daß wir dabei den braven, guten Oberſt der Schweizer Garden unter unſern Fahnen haben, kann uns, dünkt mich, am meiſten mit der Moralität unſeres Unternehmens ausſöhnen. Der liebe Herr von Beſenval, hat er uns nicht neulich — 154— erſt den Kuhreigen ſeiner Heimath mit hellen Thränen in den Augen vorgeſungen? Und wenn er uns mit ſeinem großen Erzähler⸗Talent von den Bergen ſeines Geburtslandes vorplaudert, bricht nicht dann ſeine edle Seele ganz aus ihm hervor, und ſein Herz ſelbſt er⸗ ſcheint uns wie eine idylliſche Alpenwirthſchaft, in der Butter und Käſe und Gefühle auf die wunderbarſte Art ineinanderſchwimmen. Wenn ein ſolcher Bieder⸗ mann mit uns für die Hochzeit des Figaro conſpirirt, ſo können wir uns wohl ſelbſt für geborgen halten. Ein lautes Gelächter der Umſtehenden folgte die⸗ ſen drollig vorgebrachten Aenßerungen, in denen der Baron von Beſenval, wie immer, ohne den Spott zu ahnen, vielmehr einen ächten Ausdruck ihrer, ſeinen Huldigungen günſtigen Geſinnung zu erkennen ſchien. Er ſtellte ſich ihr deshalb mit einem entzückten Geſicht gegenüber, und betrachtete ſie lange mit ſtummen Seufzern, was die Heiterkeit, die in dieſer Gruppe der Geſellſchaft zu herrſchen anfing, immer lauter ſteigerte. Die Gräfin Jules von Polignac war keine Schön⸗ heit erſten Ranges, aber ſie übte die große Wirkung, welche ſie durch ihre Perſon machte, durch den Zauber ihrer natürlichen Anmuth und einer durch die wun⸗ derbarſte Einfachheit glänzenden Erſcheinung aus. Durch dieſe eigenthümliche Anziehungskraft hatte ſie auch das ganze Herz der Königin für ſich gewonnen, als ſie im letzten Winter, angezogen durch die glän⸗ zenden Ballfeſte des Hofes, zuerſt am Hofe von Ver⸗ ſailles erſchienen war, und ſie auf die verwunderte Frage der Königin, warum ſie nicht ſchon früher am Hoſe geſehen worden, ganz unbefangen und froh geant⸗ wortet hatte, ſie ſei arm, und habe ſich immer vor dem Aufwand dieſer Feſte gefürchtet. Aber als ſie darauf der Königin, die einen wahren Freundſchafts⸗ — † —— und Seelenbund mit ihr zu ſchließen anfing, unent⸗ behrlich geworden, und zu ihrer täglichen Geſellſchaft ſich auserkoren geſehn, war ſie noch immer dieſelbe einfache und natürliche Erſcheinung geblieben, die nur ſchmucklos ſich darzuſtellen liebte, und nur durch die Grazie ihres friſchen und heiteren Weſens wirkte. In dieſem Angenblick waren auch Mirabeau und Chamfort in den Saal getreten, und ſtanden am Ein⸗ gang deſſelben ſtill, um die Geſellſchaft, die ſich heut für das bevorſtehende Schauſpiel verſammelt hatte, erſt ihren allgemeinen Umriſſen nach zu prüfen. Wir ſind ſehr früh gekommen, bemerkte Mirabean, nachdem er ſeine unruhigen Blicken überall hatte um⸗ herfliegen laſſen. Erſt das geputzte Hoſgeſinde, das heut etwas Abſonderliches im Schilde führt, befindet ſich auf dem Platze. Und mich beherrſcht eine fürch⸗ terliche Ungeduld, die alle meine Glieder krampfhaft anſpannt. Ich wollte, dieſe verwünſchte Komödie nähme erſt ihren Anfang, damit auch wir unſere In⸗ trigue ſchürzen und ich Gewißheit über das glückliche Entkommen Henriettens habe. Dazu werden wir erſt einige Acte des Figaro von Beaumarchais mitanſehn müſſen, erwiederte Chamfort mit ſeiner ſpöttiſchen Ruhe. Aber ich bitte Dich, blicke doch noch ein wenig umher, und blättere mit Deinen ſcharfen Augen in dem Buch dieſer Geſichter, das hier vor uns aufgeſchlagen liegt. Sieh, die Lent⸗ chen dort ſind über die Maaßen luſtig, und lachen, als wenn ihnen die ganze Welt noch lange gehören würde. Huh, das iſt ein flatternder Bienenſchwarm von Höflingen, alle ſummen nur ſüßen Honig, und es iſt ordentlich eine Frende zu ſehn, wie ſie mit ihrem eigenen Verderben ſpielen und gaukeln. Deun dieſe Komödie des Beaumarchais, von der ich ſie eben ſprechen höre, mag nun viel oder wenig taugen, ſo — — 156— drückt ſie doch die ganze Verderbniß dieſes Völkchens wie in einem ſcharfen Spiegelbilde aus. Und nun betrachte Dir die Gräfin Jules von Polignac, und bewundere dieſen faſt tänſchenden Anſtrich von Unſchuld und Naivetät, den ſie ſich in ihrer ganz neuen Art von Koketterie zu geben weiß! Dieſe Frau iſt nicht ſo übel, entgegnete Mirabeau, flüchtig hinüberblickend. Aus ihren ſchönen brannen Augen ſpricht ein empfänglicheres Herz, als der erſte Stallmeiſter Seiner Majeſtät, Herr von Polignac, zu befriedigen im Stande ſein wird. Aber freilich liegt auch in ihrem ganzen Weſen die große Seichtigkeit ausgedrückt, welche in dieſem vertrauten Hofeirkel der Königin jetzt heimiſch geworden, und zu der die gute Gräfin Jukes den Ton angegeben hat. Der Geiſt iſt gänzlich verbannt aus dieſem Kreiſe, und man jagt ſich mit dem Bonmot des Tages, mit den kleinen, ſcandalöſen Anecdoten vom Hofe und aus der Stadt, oder mit der neueſten Chanſon, deren Refrains man auf das Muthwilligſte und Zweidentigſte anwendet, Tag für Tag herum. VPas iſt jetzt der vertrante Zirkel Marie Antvinette's, von dem ſich, wie ich höre, die geiſtreiche Prinzeſſin von Lamballe fern zu halten ſucht, zur großen Betrübniß der Königin, die gern eine Freundſchaft zwiſchen der Lamballe und der Po⸗ lignac hätte entſtehen ſehn. Was geht denn Dich, den Grafen Mirabeau, der Geiſt bei den Frauen an? erwiederte Chamfort, ihn neckend. Wie oft haben wir uns über dies Capitel geſtritten, und Du haſt mir nie zugeben wollen, daß auch der Geiſt einen eigenthümlichen Reiz an den Frauen bil⸗ den könne. Und nun genügen Dir plötzlich alle die ſchönen Körper in der Geſellſchaft der Königin nicht, und Du verlangſt Geiſt in der Umgebung der naiven Oeſterreicherin, die auf dem Throne Frankreichs ſitzt. — 157— Und nun ſieh' nur noch einmal hin, kann es etwas Ueppigeres geben, als dieſe Gräfin Jules von Polignac gerade in ihrer raffinirten Einfachheit, die bei ihr als der eigentliche Teufel der Koketterie wirkt. Du berührſt da eben den Grund, weshalb ich auf Geiſt bei ihr dringe, ſagte Mirabeau lachend. Denn kann es ein Mann mit einigermaßen lebhaften Sinnen aushalten, eine Frau vor ſich zu ſehen, die ſtets im Negligs einhergeht, wie es dieſe Frau von Polignae grundſätzlich thut? Betrachte ſie nur auch heut, wo alle andern Damen um ſie herum in dem prachtvoll⸗ ſten und künſtlichſten Putz daſtehen. Ihr Anzug iſt heut wieder nichts, als ein Negligs, geſchmackvoll, friſch, duftig, aber wie zufällig und abſichtslos um die reizenden Glieder geworfen, ja ohne jede Sorgfalt an ihr befeſtigt. Kannſt Du Dir denken, Freund, daß mich das wunderbar nachläſſige Gehänge einer ſolchen Toilette zur völligen Verzweiflung bringen kann? Eine Frau, welche die Courage hat, immer in einer Art von Negligé zu erſcheinen, fordert jeden Augenblick zu einem verliebten Angriff gegen ſich heraus. Nicht ein⸗ mal Diamanten trägt ſie, welche die Aufmerkſamkeit von dem ſchönen Körper ablenken könnten. Wäre ſie daher wenigſtens ſo geiſtreich und gelehrt, wie die fran⸗ ſiſche Akademie, deren Mitglied Du zu ſein die Ehre haſt, mein guter Chamfort, ſo würde man in der Un⸗ terhaltung mit ihr doch auf andere Gedanken kommen können, als dies Negligs, das der Mutter Natur ſo nahe ſteht, wenigſtens bei mir zuläßt. Chamfort brach in ein lautes Gelächter aus, in welches auch Mirabeau fröhlich einſtimmte, ſo daß Beide jetzt mit beſſerer Laune als zuvor weiterſchritten, um die in den anderen Salons verſammelte Geſell⸗ ſchaft zu betrachten. Wahrhaftig, da iſt auch Diderot! rief Chamfort 158— plötzlich, indem er auf eine Gruppe hindeutete, in deren Mitte eine hohe impoſante Mannesgeſtalt mit ſchönen anziehenden Geſichtszügen erblickt wurde. Ich wollte es dem Marquis nicht glauben, daß Diderot heut Abend bei ihm ſein würde, denn wir wiſſen, wie leidend er iſt, aber er hat den theueren Encyelopädiſten wirklich auf die Beine zu bringen gewußt. Es iſt doch zugleich ein Talent, das ein ſolcher Marquis beſitzt, die Leute in ſeinen Salons zuſammenzubringen. Und ſieh, da iſt auch der alte liebenswürdige Baron von Holbach, auf deſſen treuen Freundesarm Diderot ſich in dieſem Augenblick ſo herzlich lehnt. Sie ſchritten näher, und Diderot war kaum der beiden Freunde anſichtig geworden, als er ſich mit großer Beeiferung ihm entgegenwandte, und den ihn umringenden Kreis durchbrach, um ſie begrüßen zu können. Beſonders war es Chamfort, dem er mit ſichtlicher Vorneigung die Hand ſchüttelte. Ihr ſeht mich blos darum noch einmal vom Tode auferſtanden, um die Hochzeit des Figaro von Beau⸗ marchais kennen zu lernen, ſagte Biderot mit ſeinem wohlklingenden Organ, das durch Alter und Krank⸗ heit kanm etwas von ſeinem vollen mächtigen Orgel⸗ ton eingebüßt hatte. Diderot ſtand in ſeinem einundſiebzigſten Jahre, und wäre noch vollendet ſchön zu nennen geweſen, wenn nicht die vielfachen körperlichen Leiden, denen er in der letzten Zeit ausgeſetzt war, und die kaum noch Hoffnung zu ſeiner längeren Erhaltung übrig gelaſſen, die mächtige Geſtalt ſeit Kurzem bedeutend gebeugt und mit allen Zeichen der Hinfälligkeit bedeckt hätten. Doch brannte in den ſelten ſchönen großen Augen noch immer das ungeſchwächte Feuer ſeines Geiſtes, ſowie um ſeine anmuthigen feinen Lippen der Reiz der Be⸗ redtſamkeit ſpielte, die bei Diderot auch im gewöhn⸗ — — 159— lichen Geſpräch mit einer beiſpielloſen und unaufhalt⸗ ſamen Fülle ſich zu ergießen pflegte. Ich ſehe dort einen einſamen Winkel, wo wir uns ein wenig zuſammen niederlaſſen könnten, ſagte Di⸗ derot, indem er am Arme Holbachs zu einem in der Ecke des Salons befindlichen Divan hinſchritt. Mirabeau und Chamfort folgten ihm, von einem freundlichen Wink ſeiner milden, herzensguten Augen dazu eingeladen. Es iſt traurig und kränkend, ſagte Mirabeau leiſe zu Chamfort, den in ſich zuſammenfallenden Heros zu ſehn, den alle Stärke ſeines Geiſtes doch nicht vor dieſem Tribut an die Nichtigkeit ſchützt! Sieh, wie er wanken und ſchleichen muß, und das iſt Diderot, der große Kopf, der die Franzoſen gelehrt hat, daß Alles nur Materie in der Welt iſt, daß man ſich nur an die Natur halten kann, und daß Gott eine zähne⸗ fletſchende Erfindung der Pfaffen ſei. Und neben ihm der nicht minder berühmte Baron Holbach, der ſich zwar noch einigermaßen aufrecht hält, denn er iſt ſein Lebtage zugleich ein guter Gourmand geweſen, und man hat ihn ſehr bezeichnend den maftre d'hötel un⸗ ſerer philoſophiſchen Gottesleugner genannt. Und dieſe beiden Alten, die das Système de la Nature zu⸗ ſammen geſchrieben haben, zwei Rieſen des Geiſtes, wie ſchwanken ſie jetzt hinfällig und greiſenhaft vor uns her, und was haben wir Jüngeren wohl ſchon aufzuweiſen, Chamfort, um uns ihrer Nachfolge wür⸗ dig zu machen? Dieſen beiden Titanen werden wir ſchon allmäh⸗ lig und mit aller Grazie nachſchlittern, ſagte Chamfört luſtig. Der gute, liebenswürdige Diderot, ſeine Zeit iſt dahin, aber er hat doch Einiges von ſeinem Leben gehabt. Hätte er nicht den tollen Streich gemacht, die Kaiſerin Katharina von Rußland wie eine Gri⸗ — 160— ſette zu behandeln, die man in der vertraulichen Un⸗ terhaltung auch einmal in die Lenden kneifen darf, und der man ein zweideutiges Qnatrain in die Ohren flüſtert,*) ſo würde er ſich die glänzendſte Stellung in Petersburg geſchaffen haben. Mir hat dies immer ausnehmend von ihm gefallen, denn wenn er auch mit der Ungnade der Czarina wieder abziehen mußte, ſo war es doch immer eine höchſt tendenziöſe Schäkerei, die der Philoſoph mit der Kaiſerin ſich erlaubte, und die ein vortreffliches Titelblatt abgiebt zu dem Zeit⸗ alter der Freiheit und Gleichheit, das hoffentlich bald erſcheint. Diderot und Holbach hatten jetzt auf dem Divan Platz genommen, und Mirabeau und Chamfort ſetzten ſich auf den beiden zur Seite ſtehenden Lehnſtühlen neben ihnen nieder. O Du, den ich hier erblicke, und erſt jetzt recht erkenne, Du biſt ja Graf Mirabeau, der, wie ich einſt, auf dem Schloßthurm in Vincennes geſeſſen und dort über die Zukunft Frankreichs nachgedacht hat! nahm Diderot in ſeiner pathetiſchen und leicht zu Apoſtrophen geneigten Redeweiſe das Wort. Mirabeau verneigte ſich, und drückte die Hand, welche ihm Diderot dargereicht hatte, mit einer ehr⸗ furchtsvollen Innigkeit. Es war für mich ein verhängnißvoller Augenblick, fuhr Diderot nun redſelig fort, als man mich damals plötzlich nach Vincennes ſchleppte, wobei die Nachfor⸗ ſchung nach meinen neueſten Schriften, die ich theils eben vollendet, theils unter der Feder hatte, den Haupt⸗ grund abgab. Ich wurde zugleich mit einigen Correc⸗ turbogen unſerer Eneyclopädie verhaftet, die eben friſch auf meinem Tiſche lagen. Beſonders aber wollte man ²) Memoires de[Abbé Georgel I. 240. — 161— eine kleine Erzählung von mir heraus haben, welche ich damals unter dem Titel die weiße Tanbe ge⸗ ſchrieben und im Kreiſe meiner Freunde öfter vorge⸗ leſen hatte. Es iſt wahr, in dieſer poetiſchen Kleinig⸗ keit fehlte der Stachel nicht, und es konnte darin Man⸗ ches auf den König Ludwig XV., auf Frau von Pom⸗ padour und die Miniſter gedeutet werden. Aber das Manuſcript war bei mir nicht mehr zu finden, und ich erklärte dem Polizeiminiſter, daß ich mich dieſer Improviſation nicht mehr zu entſinnen wüßte. Den⸗ noch brachte ich gegen vier Monate in Vincennes zu, und ſchrieb dort mit einer Feder, die ich mir aus einem alten Zahnſtocher geſchnitzt, und mit einer Tinte, die ich mir aus einem in Wein aufgelöſten Schieferſtein gefertigt, Betrachtungen über meine Situation nieder. Ein Exemplar von Milton's Verlorenem Paradies, das ich zufällig in meiner Taſche getragen, mußte mir den Rand ſeiner weißen Blätter dazu hergeben, und mit meinen Reflexionen über meine Perſon, über Freiheit und Vaterland, verknüpfte ich zugleich meine kritiſchen Gloſſen über das Verlorene Paradies. Aber was ſind dieſe bunten Arabesken meiner Gefangenſchaft gegen die großartigen Werke, die mein geiſtesverwandter Nach⸗ folger in dieſem Kerker niedergeſchrieben hat. Euere dort entſtandene Schrift, Graf Mirabeau, über die Verhaftsbriefe und die Staatsgefängniſſe, iſt ein Meiſter⸗ werk ihrer Art, dem ich das eifrigſte Studium ge⸗ widmet habe. Beſonders hat es mich gefreut, daß Ihr dieſe ganze Angelegenheit nicht blos politiſch, ſon⸗ dern auch im Intereſſe der Geſellſchaft aufgefaßt habt. Glaubt mir, einem alten Wahrſager, der bald ſein letztes Wort ausgeſpielt haben wird, die Politik wird bald nur eine gleichgültige Nebenſache bei den neuen Ideen ſein, welche ſich jetzt durch die Welt hervor⸗ drängen. Es kommt bei Allem einzig und allein auf WMirabeau. I. 11 das ſociale Weſen der Menſchheit an, und das höchſte Gut, wonach die Völker ſtreben, wird in ſeiner blos politiſchen Verwirklichung immer nur zweifelhaft und trügeriſch erſcheinen. Die Frage der Könige wird an die Reihe kommen, aber ſie wird vielleicht nicht eher vollſtändig entſchieden werden, als bis die Frage über die Gemeinſchaft der Güter, die viel wichtiger iſt, ge⸗ löſt ſein wird.*) Denkt an mich, denkt an Diderot, der im letzten Abendſonnenſchein ſeines Lebens klarer und weiter in die Zukunft ausſchaut. Das Wort un⸗ ſeres großen Jean Jacques Rouſſeau: daß die Früchte der Erde Allen gehören, die Erde aber Niemanden, wird doch einſt den ganzen Völkerkampf der Zeiten entſcheiden. Darum intereſſirt mich Alles, was ich von dem neuen Stück des Herrn von Beaumarchais höre. Denn um zu zeigen, wie faul der Staat iſt, fängt er damit an, daß er in ſeiner Komödie der Ge⸗ ſellſchaft zu Leibe geht, und die allgemeine Lüge und Verderbtheit aufzeigt, in der ſich die Menſchen auf dem ſocialen Boden gegenüberſtehen. Ich bin darum in der That neugierig, wie der ehemalige Harfen⸗ und Guitarrenlehrer, der die Prinzeſſinnen⸗Töchter Seiner Majeſtät Louis XV. unterrichtete, dieſe erhabene und durchaus ſittliche Aufgabe zu löſen vermocht hat. Ich werde mit den Ohren der Vergangenheit und der Zu⸗ kunft zugleich zuhören, denn ſolche Leute, wie Beau⸗ marchais, ſind der prophetiſche Zehen der kranken Zeit, in dem es zuerſt juckt, wenn das Wetter ſich zu ver⸗ ändern beginnt oder wenn Regen und Stürme ſich in der Luft erheben wollen. Oh, es iſt ſtets eine Eigen⸗ heit meiner Natur geweſen, daß ich mich dann immer am wohlſten befunden, wenn draußen in der Nacht heftige Winde und Regengüſſe tobten, wenn der Sturm *) Mémoires de Condorcet. II. 12. 6 V⸗ 3 — 163— an die Fenſter ſchlug und die Bäume in meinem Gar⸗ ten krachend umdrehte. Dann vergrub ich mich mit ſüßer Zufriedenheit in den Kiſſen meines Bettes, und dachte oft bei mir: wartet nur, die ächten Stürme werden einſt noch kommen, Stürme, wie ſie noch kein Geſchlecht erlebt hat, aber Diderot wird ſich dann ihrer nicht mehr freuen können, ſondern er wird dann in ſeinem Todesſchlaf liegen, der ewiger iſt als das Firmament, und tiefer und feſter als Himmel und Erde! In dieſem Augenblick näherte ſich ein Mann von mittlerer Größe, der etwas auffallend Unruhiges und Bewegliches in ſeinem ganzen Ausſehen hatte, mit haſtigen Schritten der Gruppe, und unterbrach, indem er ſich vorſtellte und mit einigen verbindlichen Wor⸗ ten die Anweſenden begrüßte, den berühmten Rede⸗ fluß Diderot's. Es war der Verfaſſer der Komödie, Baron de Beaumarchais, ein Mann von einigen funfzig Jahren, in deſſen hellen, blitzenden Augen der Ausdruck einer überlegenen Klugheit und eines durchdringenden Ver⸗ ſtandes lag, während ſeine Phyſiognomie zugleich durch eine ſchelmiſche Verſchlagenheit charakteriſirt war, die beim erſten Anblick nicht gerade ein beſonderes Ver⸗ trauen erwecken konnte. Er war eben erſt in den Saal eingetreten, nachdem er ſich bisher hinter der Bühne beſunden zu haben ſchien, um die noch nöthig geweſenen Vorbereitungen der Aufführung zu leiten, deren Beginn er jetzt anzukündigen kam. Es iſt ein wahres Glück, ſagte Chamfort zu Mi⸗ rabeau, daß Beaumarchais gekommen iſt, denn ohne ſeine Dazwiſchenkunft würde Diderot nicht aufgehört haben zu ſprechen. Mir ſelbſt iſt es noch nie gelun⸗ gen, die„goldene Zunge Diderot's“ wie man ſie ſo ſchön genannt hat, durch eine geſchickt dazwiſchen ge⸗ worfene Bemerkung zu unterbrechen. Ich erinnere 1* — 164— mich noch, wie dies einſt den Abbé Raynal in einer Geſellſchaft bei Madame Geoffrin in Verzweiflung brachte. Der Abbé hatte auch den Kitzel fortwährend zu ſprechen, und als er den unaufhörlich wogenden Redeſtrom Diderot's nicht mehr aushalten konnte, ſagte er, mich bei Seite ziehend, mit pfiffiger Weh⸗ muth: Wenn er nur ein einziges Mal ſpeien, huſten oder ſchnauben muß, dann iſt er verloren, denn dann ergreife ich das Wort. Beaumarchais übernimmt alſo diesmal die Rolle des Speichels, durch den Diderot das Wort verloren hat, bemerkte Mirabeau, indem er mit ſichtlichem Unmuth auf den Verfaſſer der Hochzeit des Figaro hinblickte. Auf mich hat er beſtändig in dieſer Eigen⸗ ſchaft gewirkt.— Man brach indeß jetzt von allen Seiten auf, um in den prachtvollen und geränmigen Theaterſaal des Herrn von Vaudreuil ſich zu begeben. Die zahlreiche Geſellſchaft hatte bald ihre Plätze eingenommen, und ſah mit ſichtlicher Spannung dem Emporrollen des Vorhangs entgegen. Das Stück wurde von den Schanſpielern des Thoätre frangais geſpielt, an welche die Rollen ſchon bei der zuerſt beabſichtigten, aber durch das Verbot des Königs getroffenen Vorſtellung vertheilt geweſen waren. Die Komödie begann raſch mit dem halb drolligen, halb unheimlichen Geſpräch zwiſchen Suſanne und Figaro, die ſich im Hinblick auf ihre bevorſtehende Hochzeit mit dem Gedanken beunruhigen, daß von dem alten feudalen Recht des Grundherrn bei Hoch⸗ zeiten ſeiner eingeſeſſenen Gutsleute auch jetzt noch die Rede ſein könne, und daß Graf Almaviva das Her⸗ ren⸗Recht einer gewiſſen vorgängigen Nutznießung bei ₰ der Hochzeit Suſannens auszuüben beabſichtige. — 165— hat man geahnt, auf welchem unterhöhlten und ſchlüpfrigen Boden hier alle Verhältniſſe ſtehen, und daß das Schloß des Grafen Almaviva nur ein pris⸗ matiſch zuſammengedrängtes Rundbild aller faulen Schäden der Geſellſchaft iſt, ſo erſcheint der Page Chérubin, um Suſannen ſein Leid zu klagen, daß ihn der Graf aus dem Schloſſe zu jagen beabſichtige, theils aus Eiferſucht, weil der verliebte Knabe ſich in die Gunſt der Gräfin ſelbſt einzudrängen gewußt, theils auch gewiſſermaßen im Intereſſe der Schloßordnung, denn Monſieur Chérubin umſchwirrt wie ein muth⸗ williger Käfer alle Frauenzimmer des Schloſſes, und der Graf hat ihn erſt geſtern Abend bei der Gärtners⸗ tochter gefunden. Jetzt eben iſt er in Begriff, mit ſeinen ſchelmiſchen Artigkeiten gegen Suſanne hand⸗ greiflich zu werden, als Graf Almaviva ſich an der Thür hören läßt. Der Page wird ſchlennigſt hinter den Lehnſeſſel verſteckt und der Graf tritt bei Suſan⸗ nen ein, mit der er ſich kaum in eine zärtliche und jenes alte feudale Recht berührende Unterhaltung ein⸗ gelaſſen, als man Bezile's Stimme draußen vernimmt. Der Graf ſucht den Verſteck, welchen ſein Page ſchon inne hat, und Chérnbin kriecht, ohne geſehen zu wer⸗ den, in den Lehnſeſſel ſelbſt hinein, worin er ſich zu⸗ ſammenkauert, während ihn Suſanne mit einem ihrer Kleidungsſtücke zudeckt. Die jetzt folgende Scene, wo der Graf in ſeinem Verſteck von den Liebesfrechheiten Chérubins bei ſeiner Gemahlin erzählen hört, und vor Zorn und Ungeduld hervorſpringt, worauf er bald auch den Pagen im Lehnſtuhl entdeckt und ihn ziemlich unſanft auf ſeine Beine ſtellt, lockte der Verſammlung zuerſt durch die überraſchende Eigenthümlichkeit der Situation und den vieldentigen beziehungsreichen Hintergrund derſelben rauſchende Beifallszeichen ab. Viel Heiterkeit verbrei⸗ * — 166— tete dann der Zug der feierlich gekleideten Bauern, Bäuerinnen und Bienſtleute, an deren Spitze der um ſeine Hochzeitsnacht beſorgte Figaro erſcheint, um den Grafen in einer maſſenhaften Petition zur großmüthi⸗ gen Verzichtleiſtung auf jenes gutsherrliche Recht zu beſtimmen. Dadurch, daß auch die Gräfin ſelbſt er⸗ ſcheint und ſich dieſen Bitten anſchließt, ſpitzt ſich die ganze Scene in der wunderlichſten Pointe zu, und mit einer halb erſtaunten, halb aufgeregten Stimmung, wie man ſie kaum noch vor einer Komödie empfunden zu haben ſich erinnerte, ſah man den Vorhang am Actſchluß fallen.— Iſt das nicht eine ganz vermaledeite Sippſchaft, mit der uns der Dichter da bekannt macht? ſagte Chamfort während des Zwiſchenacts leiſe zu Mira⸗ beau. Sie hängen in ihren Sünden und Fehlern alle wie die Kletten zuſammen, Jeder will den Andern ausbenten und mißbrauchen, und es wird am Ende nur auf die Entſcheidung hinauskommen, wer von Allen der am meiſten Schuldige iſt, und ſomit der eigentlich Strafe verdienende Theil ſein wird? Danach wird ſich überhanpt die Moral in dem heutigen Ge⸗ ſellſchaftszuſtande abmeſſen. Im Grunde ſind Alle Schuld daran, daß es ſo weit gekommen iſt J, Mirabeau, dieſe Komödie regt in der That bereits die Frage an: wen wird man einſt verurtheilen? wen wird man freiſprechen? wen wird man laufen laſſen? Nun, mich dünkt, Figarv, dieſer Burſche aus dem Volke, iſt nicht nur der Klügſte, ſondern auch der Reinſte von Allen! erwiederte Mirabeau nachſinnend. Es iſt Tauſend gegen Eins zu wetten, daß dieſer friſche Burſch, wenn er nur ſo muthig und unterneh⸗ mend bleibt, doch zugnterletzt die Braut heimführen wird, und zwar als ſein wohlverdientes und unbe⸗ ſchädigtes Gut, dem man mit dem alten verrotteten —,—— — 167— Herrenrecht nicht mehr beizukommen vermocht hat. Figaro iſt jedenfalls der ehrlichſte Schelm, und dies iſt überhaupt die Situation des Volkes den Mächtigen und Gewalthabern gegenüber, die, was ihnen durch kein Geſetz der Natur zugeſprochen iſt, als ihr Eigen⸗ thum verwirthſchaften und dem rechtmäßigen Beſitzer vor der Naſe hinweggenießen wollen. Auf anderen Plätzen des Saals wurden verſchie⸗ denartige Bemerkungen gewechſelt. Sehr ſinnig hat der Dichter die Gräfin anzulegen verſtanden, äußerte die Gräfin Diane von Polignac, die am meiſten auf ein äſthetiſches Urtheil Anſpruch zu machen pflegte, zu ihrem Nachbar, dem Schweizer⸗Obriſten Herrn von Beſenval. Die Gräfin iſt ein ächt ariſtokratiſches Lichtbild auf dieſem dunkeln ſchlammigen Lebensgrunde. Sie iſt ganz offenbar die eigentlich Reine und Un⸗ ſchuldige in der Geſellſchaft, und obwohl ſie ſich von ihrem treuloſen, nach Cavalier⸗Manier ausſchweifenden Gatten verletzt und hintergangen ſieht, ſo bleibt ſie doch edel, gehalten, und nur nach Ernenerung ihres Liebesbundes mit ihm ſtrebend. Man wird ihr doch die unſchuldige Spielerei mit dem Knaben Chérubin nicht als etwas Arges auslegen wollen? Oh, wenn das Herz ſchwer und betrübt iſt, erfreut man ſich wohl plötzlich einmal eines gaukelnden Schmetterlings, der uns an der Schulter vorbeiflattert, und haſcht auf⸗ lächelnd nach ihm. Aber wahrlich, nichts iſt reiner, als dieſe graciöſe Spielerei eines unglücklichen Frauen⸗ herzens! Ich begreife nicht, wie man ſich für dieſe Gräfin nur irgend intereſſiren kann, nahm die Gräfin Jules von Polignac das Wort. Sie iſt zwar von nobler Abſtammung, aber man merkt ihr doch noch immer an, daß ſie die Mündel des Doctor Bartholo in Se⸗ villa geweſen und im Hauſe eines ſolchen Menſchen — 168— ihre Erziehung erhalten hat. Es war eine große Ehre für ſie, daß Graf Almaviva ſie aus dieſen ple⸗ bejen Verhältniſſen entführte, und ich habe deshalb den Barbier von Sevilla des Herrn von Beaumarchais ſtets mit der größten Genugthuung auf dem Théätre frangais ſpielen ſehen. Aber dieſe gute Gräfin ſollte ſich doch nun auch dankbarer beweiſen, und wenn ein ächter Edelmann, wie Graf Almaviva, einige Schwach⸗ heiten und noble Paſſionen hat, ſollte ſie nicht wieder die dumme Gans aus dem Bürgerhauſe ſpielen und ſich mit gemeinen Leuten gegen ihren Gemahl verbinden. Der Marquis von Vaudrenil, an welchen dieſe naiven Bemerkungen der Gräfin Jules gerichtet waren, küßte ihr vor Entzücken darüber die Hand, und zeigte dann mit wichtiger Gebärde auf den neu emporrollen⸗ den Vorhang hin, der den zweiten Akt des Dichters ankündigte. Dieſer Aet beginnt mit dem vertrauten Geſpräch zwiſchen der Gräfin und ihrer erſten Kammerzofe Suſanne, aus dem die Freunde der Gräfin im Par⸗ terre allerdings mit einiger Betroffenheit entnehmen konnten, daß die Spielerei mit dem ſchönen Pagen Chörubin ſich ihr bereits recht tief ins Herz gefreſſen hat, wobei ſie die Treuloſigkeiten, welche ihr eigener Gemahl gegen ſie begeht, gewiſſermaßen zu ihrer Ent⸗ ſchuldigung nur um ſo härter auffaßt. Figaro und Suſanne unterſtützen aus Intrigne gegen den Grafen dieſe ſchon mächtig emporwachſende Leidenſchaft ihrer Herrin, und man ſchafft ihr den noch aufdem Schloſſe verſteckt gebliebenen Pagen zu ihrer Unterhaltung während der Abweſenheit des Grafen herbei. Die junge hübſche Schauſpielerin, welche den Pagen dar⸗ ſtellte, ſang die Couplets der Romanze, die Chérubin zur Guitarre vortragen muß, mit aller verführeriſchen Koketterie, die dem Herzen der Gräfin den letzten Stoß — 169— geben muß. Dann beginnt die für die gute Gräfin ſchon ſehr auf der Spitze ſtehende Auskleidungsſcene, indem ſie mit Hülfe ihrer Kammerzofe dem ſchönen Pagen Frauenkleider anlegt, bei welchem ſchäkerhaften Zeitvertreib es nicht ausbleiben kann, daß der junge Menſch theilweiſe nackt geſetzt wird. Suſanne ver⸗ gleicht ſeine ſchönen weißen Arme mit ihren eigenen, was die Gräfin, ſchon in einem Anfluge von Eifer⸗ ſucht, ihr verweiſt. Dieſe bedenkliche Scene wird durch die unvermuthete Rückkehr des Grafen geſtört. Man verſteckt den Pagen über Hals und Kopf im Cabinet der Gräfin, und der die Situation ſchon beargwöh⸗ nende Graf wird nun nach langem Pochen raſch her⸗ eingelaſſen. Die eigenthümliche Wendung, welche nun die Scene nimmt, macht den unheimlichſten und ſelt⸗ ſamſten Effeet. Die Gräfin beginnt in ihrer Angſt ſchon Geſtändniſſe zu machen, und obwohl ſie erſt vorgegeben, daß Suſanne im Cabinet ſtecke, geht ſie jedoch vor der Drohung des Grafen, die Thür des Cabinets aufzuſprengen, zu Angaben der Wahrheit über, und verſucht die Anweſenheit des Pagen auf das Unſchuldigſte zu erklären. Als aber der Graf jetzt die Thür des Kabinets öffnet, iſt es Suſanne, die ihm daraus entgegentritt. Die Gräfin ahnt das Kunſtſtück, welches Suſanne ausgeführt, indem ſie einen freien Moment benutzt hat, um ſich in das Gemach einzuſchleichen, während Chérubin zum Fenſter hin⸗ ausgeklettert iſt. Der Graf glanbt ſich verhöhnt von der Gräfin, indem er ihre vorangegangene Erzählung von dem Pagen für eine Komödie häit, die ſie ihm geſpielt habe, um ſich an ſeiner Eiferſucht zu beluſtigen. Die Gräfin findet ſich jetzt ſchnell in dieſe ihr darge⸗ botene Rolle hinein. Die Flügel der Intrigue begin⸗ nen unn auch ihr plötzlich zu wachſen, und beim Akt⸗ ſchluß ſieht man ſie mit Vorbereitungen beſchäftigt, — 170— um bei dem Rendezvous, welches der Graf von Su⸗ ſannen im Garten begehrt hat, eine gefährliche Rolle zu übernehmen, indem ſie dort in den Kleidern Su⸗ ſannens ihrem Gemahl erſcheinen will. Mich dünkt, Euere ſchöne Gräfin Roſine ſchlägt bereits gewaltig um, nahm Baron von Beſenval bei dieſem Aktſchluß das Wort, indem er ſich zu ſeiner Nachbarin, der Gräfin Diane von Polignac, wandte. Sie legt doch nun auch ihre reinen weißen Hände mitten in die ſchlammige Intrigne hinein, und wird bald die Aergſte von Allen werden. Wenn es noch lange ſo fortgeht, wird ſie es ſein, gegen die ich den erſten Stein aufhebe. Ich kann mirwahrlich nicht helfen. Da würdet Ihr ſehr Unrecht thun, und Euch ſo⸗ wohl als ehrlicher Schweizer wie als anſtändiger franzöſiſcher Cavalier an ihr verſündigen, entgegnete die Gräfin Diane von Polignae mit liebenswürdigem Eifer. Ihr werdet doch zugeben müſſen, daß Gräfin Noſine blos in dieſe Intrigue eingeht, um ihren ge⸗ liebten Gemahl dadurch zu ſich zurückzuführen. Es ſind allerdings ſchlechte Mittel, aber ſie wählt ſie zu einem guten Zweck, und ich glaube, eine Frau darf und muß in dieſem Betracht Jeſuitin ſein, wenn es ſich um ihr Höchſtes, um den Beſitzſtand ihres Herzens, handelt. Ich muß Ihrem göttlichen Scharfſinn wieder mein unterthänigſtes Compliment machen, bemerkte Marquis von Vaudreuil zu ſeiner Nachbarin, der Gräfin Jules. Sie haben richtig vorausgeſehen, daß die ſchlechte Er⸗ ziehung ſich rächen wird, welche die gute Gräfin Ro⸗ ſine im Hauſe eines Doctors in Sevilla genoſſen. Sehen Sie wohl, erwiederte die Gräfin mit flat⸗ terhafter Koketterie, indem ſie mit ihrem Fächer die Hand berührte, dieſe Perſon ſchaudert nicht davor zu⸗ rück, ſich in die Kleider ihrer Kammerzofe zu ſtecken, um in dieſer gemeinen Verkleidung ihren Gemahl, — 171— einen ſpaniſchen Grand, einen Mann, der ſoeben zum Geſandten in London ernannt worden, zu beſchämen. Wie kann es ein Menſch, der die Ehre hat geboren zu ſein, auch nur einen Augenblick in den Kleidern eines Domeſtiken aushalten wollen. Ich habe jetzt wohl gegründete Urſache anzunehmen, daß dieſe Roſine keineswegs von Hauſe aus von nobler Abſtammung iſt, obwohl uns der Herr Verfaſſer dies im Barbier von Sevilla hat glauben machen wollen.— Nun, wie geht es Dir, Freund Mirabeau? ſagte Chamfort zu ſeinem träumeriſch hinſtarrenden Nachbar. Hat dieſe Komödie nicht etwas höchſt Seltſames, das wunderbar und ängſtlich anzieht und zum Nachdenken herausfordert? Ich werde nun auch bald mit mir einig ſein, wem ich die Schuld an dem ganzen Ver⸗ derben gebe. Meines Erachtens, concentriren ſich die Sünden Aller doch nur in der Sünde ihres Herrn. Wenn Graf Almaviva mehr taugte, und nicht ein ſo nichtsnutziger, in der Willkür ſeiner Leidenſchaften ganz zerlaſſener, vom Kopf bis zur Zehe egviſtiſcher, herz⸗ und ehrloſer, erbärmlicher Schuſt wäre, ſo würden auch die Seinigen um ihn herum nur anſtändige, wohldenkende, von Sünde und Intrigue freie Menſchen ſein. Ich glaube, Mirabeau, wir werden den Herrn für die Sünden und das Unglück ſeiner Diener ver⸗ antwortlich machen müſſen, und iſt das nicht ſchon eine ungemein praktiſche Lehre, welche dieſe Komödie für uns in ſich ſchließt? Du biſt ein Dichter, erwiederte Mirabeau, und natürlich mehr aufgelegt als ich, aus dieſer ſchalen Komödie ſymboliſche Bedeutungen herauszuklauben. Ich denke aber in dieſem Augenblick in der That nur an Henriette, an das liebe Mädchen, das ſich zu Hauſe ängſtigen wird, und mein Herz klopft gewaltig der Löſung dieſes Knotens entgegen. Vergiß nur nicht, . — 172— bei Zeiten aufzubrechen. Unſere Abrede iſt alſo, daß Du Dich unmittelbar nach dem Schluß des dritten Actes während der längern Pauſe entfernen willſt. Sobald Du wieder im Saal erſcheinſt, nehme ich an, daß Du glücklich zurückgekehrt biſt und der Wagen mit Henrietten und dem Kinde im Hofe des Hötels ſicher geborgen wurde. Dann entferne ich mich reiſe⸗ fertig, und nehme auf einige Zeit von Dir Abſchied, mein Chamfort! Chamfort nickte ihm zu, ihm mit ſeinen treuen ſchönen Angen ein Zeichen des ſichern Einverſtändniſſes gebend, als der Vorhang wieder emporrollte, um den dritten Act beginnen zu laſſen. Die witzigen Pointen dieſes Actes riefen oft einen enthufiaſtiſchen Beifall der Verſammlung hervor. Be⸗ ſonders wurden die Stellen, welche gegen die Ariſto⸗ kratie gerichtet waren, gerade von den vornehmſten Perſonen der Geſellſchaft mit einem wahrhaft ſtür⸗ miſchen Händeklatſchen ausgezeichnet. Entweder trat man damit dem Dichter bei, was auf eine Stimmung hindentete, die in den Kreiſen der franzöſiſchen Hof⸗ Geſellſchaft ſeit einiger Zeit ſich zu verbreiten ange⸗ fangen, oder man glaubte ſich gegen die ſchwere Wahr⸗ heit dieſer Anſpielungen im Vortheil zu befinden, wenn man an ihnen nur die gläntenbe Seite des Witzes auffaßte und ſich davon beluſtigt zeigte. So beklatſch⸗ ten auch die anweſenden Staatsmänner und Diplo⸗ maten vorzugsweiſe die Stelle, an welcher Figaro mit ſeinem geſunden Mutterwitz erklärt, was eigent⸗ lich Politik ſei, unter welchem Begriff er, im Hin⸗ blick auf die Zeit, die Ausübung der größten Nichts⸗ würdigkeiten zeichnet. Graf Almaviva ſelbſt ſchiebt die matte Bemerkung dazwiſchen:„das iſt nicht Po⸗ litik! das iſt Intrigne!“ aber dieſe naive Aeußerung eines Parteigängers des Verderbens rief im Audito⸗ — 173— rium einen neuen Ausbruch des Gelächters und eines nicht enden wollenden Beifalls herpor. Die Geſell⸗ ſchaft wurde dädurch in eine Stimmung hineingeriſſen, deren ſie ſich vielleicht ſelbſt kaum für fähig gehalten haben mochte, und in der ſie, von dem raſchen, pi⸗ kanten, nicht zu Athem kommen laſſenden Gang der Dichtung mehr und mehr beherrſcht, faſt wider ihren eigenen Willen ſich verleitet ſah, Politik zu machen. In dieſem Sinne wurde dann vornehmlich die Scene aufgenommen, in welcher Graf Almaviva als Gerichts⸗ herr in der Mitte ſeiner Vaſallen ſeinen Gerichtstag abhält, um den Prozeß, den Marcelline gegen Figaro wegen ihrer Anſprüche auf ſeine Hand angeſtrengt hat, zu entſcheiden. Die bodenloſen Schwächen und Nichts⸗ nutzigkeiten des alten Gerichtsweſens werden in dieſer Verhandlung auf die ſchneidenſte Weiſe verſpottet und auf den Kopf geſtellt. Dann nimmt die ganze Situa⸗ tion die über die Maaßen leichtſinnige Wendung, daß Figaro an einem Maal ſeines Armes plötzlich als na⸗ türlicher Sohn derſelben Marcelline, die ihn zu einer Heirath mit ihr zwingen wollte, erkannt wird. Mar⸗ ecelline macht ſich darauf noch in aller Geſchwindigkeit zum Anwalt der geſellſchaftlichen Unterdrückung der Frauen, und übernimmt die Rolle eines Chors in der Komödie. Auf den Flügeln des frivolſten Leichtſinns iſt die Situation zur Höhe einer Philoſophie empor⸗ gegipfelt worden. In dem Augenblick, wo der Vorhang fiel, hatte ſich Chamfort ſchon unvermerkt aus dem Saal zu ent⸗ fernen gewußt. Mirabeau begann jetzt unruhig zu werden, denn ſeine Ungeduld, mit welcher er der Rück⸗ kehr ſeines Freundes entgegenſah, ſteigerte ſich nun von Minute zu Minute, und die peinlichſten Gedanken beſchlichen ihn. Die Unterhaltung, in welche ihn jetzt der Marquis von Vaudreuil mit den Gräfinnen Po⸗ — lignac hereinzuziehen bemüht war, ſcheiterte vollkom⸗ men an der nnergiebigen Einſylbigkeit Mirabeau's, und der Ruf, welcher ſich von ſeinem Talent und ſeiner bedeutenden Perſönlichkeit ſchon in der Hofge⸗ ſellſchaft zu verbreiten begonnen, ſchien faſt auf dem Spiele zu ſtehen. So hatte der vierte Akt der Komödie begonnen, und Mirabeau befand ſich kaum noch in der Lage, dem Gang der Scenen aufmerkſam zu folgen. Sein Kopf kehrte ſich unwillkürlich immer wieder nach der Thür zurück, in welcher er Chamfort jeden Augen⸗ blick wieder erſcheinen zu ſehen hoffte. Aber dieſe Rückkehr verzögerte ſich, und Mirabeau gab ſich den quälendſten Vorſtellungen hin, indem er ſich mit der Möglichkeit beunruhigte, daß Henriette ungeachtet der getroffenen Veranſtaltungen von der Polizei entdeckt und angehalten worden ſei. Während Zorn und Schmerz ſich bei dieſem Gedanken auf eine unerträg⸗ liche Weiſe in ihm miſchten, fühlte er, wie ſehr ihm ſeine neue Freundin bereits ans Herz gewachſen ſei, und die Sehnſucht nach ihr ergriff ihn mit einer un⸗ widerſtehlichen Gewalt. Der vierte Akt der Hochzeit des Figaro konnte ihn unter dieſen Umſtänden gar nicht intereſſiren. Die Hochzeitsfeier für Figaro und Suſanne wird begangen. Die Gräfin wird durch die Verwickelungen, mit denen Zufall, Leidenſchaft und Schuld der Andern ſie um⸗ ſtellen, ſchon einen Schritt weiter fortgezogen, und iſt auf dem beſten Wege, ſelbſt zu einer Schuldigen zu werden. In dem Feſtzug der jungen Mädchen der Burg entdeckt ſie eine artige Schäferin, die ihr ganz beſonders gefällt, und ſie kann ſich nicht enthalten, die⸗ ſelbe zu küſſen. Man kommt dabei ſchon unwillkürlich auf den Gedanken, daß es ihr bewußt geweſen, wer in dieſer Verkleidung des Mädchens ſtecke, als Chéru⸗ — 175— bin bereits entdeckt und durch den Grafen ſehr un⸗ ſanft aus der Maske herausgeholt wird. Mitten in den Hochzeitsfeſtlichkeiten aber wird das verhängniß⸗ volle Rendezvous ſche dem Grafen Almaviva und Suſanne, der ſich die Gräfin unterſchieben will, auf die durchtriebenſte und intriguenhafteſte Weiſe feſtge⸗ ſtellt. Gegen den Grafen tritt die ſi immer mächtiger in die Schranken. Der tyranniſche Herr Aller fängt an der Hintergangene von Allen zu werden. Chamfort wollte noch immer nicht erſcheinen, und die ängſtliche Beſorgniß Mirabeau's begann beim Schluß des vierten Akts den äußerſten Grad zu er⸗ reichen. Die Ungeduld ließ ihn nicht mehr an ſeinem Platze, er ſtand auf und begab ſich in das Vorzimmer, durch welches Chamfort zurückkehren mußte. Schon nahm der fünfte Akt ſeinen Anfang, und Mirabeau blieb in der Thür des Saals ſtehn, unſchlüſſig, ob er noch bleiben oder zur Erkundigung über das Vorge⸗ fallene nach ſeiner Wohnung eilen ſolle. Die Ko⸗ mödie hatte eben die nächtliche Rendezvous⸗Scene enthüllt, in welcher das ganze aufgehäufte Unheil drol⸗ lig und ſchneidend genug zuſammenbricht, und die all⸗ gemeine Fopperei die den Schuldigen durch den Schuldigen ſtraft, und Jeden am Ende nur das erobern läßt, was'ihm wirklich zu eigen gehört und ihm nach Recht und Ordnung zukommt. Eben hatte Figaro, im Dunkel der Nachtſcene um⸗ herſchleichend und ſich wie in philoſophiſcher Schwer⸗ muth in ſeinen Mantel einhüllend, jenen merkwürdigen Monolog begonnen, in dem er ſeine Betrachtungen über Schickſal, Leben und Geſellſchaft anſtellt, welche er mit düſterer Stimme, aber ſehr lichtvollem Raiſon⸗ nement an den Geburtsrang und die exeluſive Stel⸗ lung des Grafen knüpft. Mit diaboliſcher Pfiffigkeit ſprach er die Stelle:„Adel, Vermögen, Rang, Ehren⸗ — 176— ſtellen, Alles das macht ſo ſtolz. Und was habt Ihr gethan für ſo viel Glücksgüter? Ihr habt Euch nur die Mühe genommen, geboren zu werden, und weiter nichts; außerdem ſeid Ihr ein ganz gewöhnlicher Menſch.“*) In dieſem Augenblick fühlte ſich Mirabeau von hinten leiſe an der Schulter berührt, und ſich umkeh⸗ rend, gewahrte er Chamfort, der ihm beſtätigend zu⸗ winkte und ihm zu erkennen gab, daß Alles nach Wunſch ausgeführt worden ſei. Der anhaltende Jubel, in welchen die Geſellſchaft durch den Monolog Figaro's verſetzt wurde, bot eine günſtige Gelegenheit dar, ſich unbemerkt zu entfernen. Mirabean folgte eilig ſeinem Freunde durch den Vor⸗ ſaal, und erſt als ſie auf der Treppe angelangt waren, wechſelten ſie einige leiſe flüſternde Worte miteinander. Faſt wäre die Sache verunglückt, ſagte Chamfort. Die Polizei, die Dein Haus mit der Wachſamkeit eines Cerberus umſtellt hält, ſchöpfte Verdacht gegen das allerliebſte provencaliſche Landmädchen, mit dem ich eben in den Wagen ſchlüpfen wollte. Man ver⸗ langte Auskunft über die Perſon und wohin unſere Reiſe ginge. Ich zeigte, wie Du mich gelehrt haſt, auf die Equipage mit dem Namen und Wappenzug des Marquis von Vaudreuil, erzählte eine lange und umſtändliche Geſchichte, wa.um Dein Kind mit ſeiner Wärterin zu der Marquiſe gebracht werden ſolle, und ſchob dann Deine Henriette raſch in den Wagen hin⸗ ein, indem ich bat, im Hötel Vaudreuil ſelbſt weitere Nachfrage zu halten. Die abſcheulichen Polizeinaſen hätten mich doch beinahe geängſtigt, denn Du weißt, mir vergeht die Luft, wenn ich mit der Polizei nur *) Le Mariage de Figaro Acte V. Sc. III.„Vous vous stes donné la peine de naftre, et rien de plus: du reste homme assez ordinaire.“ — 177— in die geringſte Berührung gerathe. Nun aber ſind wir wohlbehalten hier, und Henriette bangt Dir mit Sehnſucht entgegen.— Chamfort führte ſeinen Freund an den in der Re⸗ miſe verborgen gehaltenen Wagen, und Mirabeau ſchwang ſich raſch hinein, indem er Henriettens Lippen, die ſich eben zu einem Aufſchrei der Freude öffnen' wollten, mit ſeiner Hand verſchloß. Der kleine Coco lag auf ihrem Schooß, und ſchlummerte feſt. Chamfort ſtand noch einen Augenblick an dem Wagenſchlag und ſprach ſeine herzlichen Wünſche für die Reiſe aus. Dann machte er ſorgſam auf den engliſchen Paß aufmerkſam, den er in einem Porte⸗ feuille in die Hände Mirabeau's gegeben und empfahl Henrietten, ihre Umkleidung, zu der ſich Alles im Wagen niedergelegt finde, ſobald als möglich vorzu⸗ nehmen, weil ſie nun ihrem Paß gemäß für die eng⸗ liſche Bonne zu gelten habe. Henriette drückte ihm dankend die Hand, und ſchüttelte dieſelbe in ihrer in⸗ nigen und freimüthigen Weiſe recht lange und angele⸗ gentlich. Und nun Adieu, mein Freund Chamfort! ſagte WMirabeau, ihn umarmend. Grüße mir dort oben alle die Almaviva's im Saal, die ich nun auf eine Zeit⸗ lang verlaſſen muß. Ich fürchte, durch eine leichtſin⸗ nige Komödie beſſern ſich die Almaviva's nicht, und wir werden bald in Frankreich ein viel ernſteres Spiel daraufſetzen müſſen. Ich werde Dir ſchreiben, Freund, wie es damit in England ſteht. Denn wenn ich dort bin, werde ich natürlich auch etwas die engliſche Frei⸗ heit ſtudiren. Adieu, ich liebe und verehre Dich, Chamfort. Liebe mich auch ein wenig.— Der Wagen rollte fort. Binnen Kurzem hatte er ſein Ziel erreicht. Am Fuße des Montmartre hielt an der verabredeten Stelle der Reiſewagen, der jetzt WMirabeau. I. 12 — 178— mit der Equipage des Marquis von Vaudreuil ver⸗ tauſcht werden ſollte, und an deſſen Schlag ſchon der Secretair Hardy und der Kammerdiener zum Em⸗ pfange Mirabeau's bereit ſtanden. Auch Miß Sarah, die einen untrennbaren Beſtandtheil der Familie Mira⸗ beau's ausmachte, befand ſich unter den ſeiner harren⸗ den Reiſegefährten, und gab dies Glück jetzt durch ein fröhliches Bellen und Winſeln, mit dem ſie die An⸗ kunft ihres Herrn verkündigte, zu erkennen. Die Karawane ordnete ſich jetzt, um ſich dann un⸗ geſäumt in Bewegung zu ſetzen. Mirabeau hob Hen⸗ rietten in den Wagen, die alle Mühe hatte, den kleinen Coco, der durch das Bellen des Hundes erweckt worden, zu beruhigen. Neben dem Kutſcher hatte der Secretair ſeinen Platz eingenommen, und der Kammerdiener war hinten auf den Wagen geſtiegen. So ſchlug der wohlbeſetzte Reiſewagen nun die vom Mondſchein luſtig erhellte Landſtraße nach Brüſſel ein. M. Ein Speziergang durch London. Mirabeau befand ſich mit ſeiner Freundin Hen⸗ riette ſeit mehreren Tagen in London, und hatte ſeiner Gewohnheit gemäß eine ſehr geräumige und thenre Wohnung bezogen, die in einer der vornehmſten Stra⸗ ßen des Weſtend lag, und die Geldmittel, welche Mi⸗ rabeau aus der in Brüſſel erhobenen Erbſchaft Hen⸗ riettens beſaß, ſehr bedeutend in Anſpruch nahm. Es war ein ſchöner Sommertag, und Mirabeau, der einige Geſchäftsgänge durch die Stadt zurückgelegt hatte, war früh zurückgekehrt, um ſeine liebenswürdige — 179— Freundin, die ſeit ihrer Ankunft in London das Zim⸗ mer noch nicht verlaſſen, zu einem Spaziergang mit ihm zu beſtimmen. Er hoffte, daß das herrliche Wetter, welches draußen eine balſamiſche Luft über die Straßen und Plätze Londons verbreitete, der durch die Reiſe angegriffenen und ſehr leidenden Geſundheit Henriettens die förderlichſte Arznei bieten werde. Henriette nickte ihm freudig zu, indem auf ihre blaſſen Wangen, die den Ausdruck eines ernſten Un⸗ wohlſeins trugen, einen Augenblick ihre liebliche friſche Röthe zurückkehrte. Sie erhob ſich raſch von ihrem Sitz, auf dem ſie mit einer Handarbeit beſchäftigt geweſen, und wollte ſich beeilen, ihre Toilette für die Straße zu machen, aber wehmüthig lächelnd er⸗ kannte ſie, daß ſie in den Anſtrengungen, welche ſie machen wollte, behutſamer mit ſich zu Werke gehen müſſe. Ihr angegriffener Zuſtand rührte noch von den Mühſeligkeiten und Gefahren her, mit welchen die Seereiſe verbunden geweſen. Zweimal waren ſie auf der Ueberfahrt von Frankreich nach England im Be⸗ griff geweſen, ihren Untergang auf dem Meere zu finden. Zuerſt war auf offener See ein ſo heftiger Sturm ausgebrochen, daß das gebrechliche Packetboot, auf welchem ſie ſich befanden, faſt eine Beute der Winde und Wellen geworden wäre. Das zweite Mal wäre es faſt ein Schiffbruch im Hafen geworden, denn als ſie beinahe ſchon im Angeſicht von London ſtanden, war durch einen falſchen Stoß, den das Steuerruder aus Verſehen erhalten, und durch einen unter dem Waſſer verborgen geweſenen Ankertau, das Fahrzeug in eine ſo gefährliche Schwankung gerathen, daß es ſich ſchon mit Waſſer zu füllen begonnen. Zu dieſen erſchütternden Fährlichkeiten hatte ſich noch das unausgeſetzte Leiden der Seekrankheit geſellt, wodurch 12* — 180— Henriette ſich ſo angegriffen gefühlt, daß Mirabeau bei ihrer Ankunft in London ſogleich zu einem Arzt zu ſchicken genöthigt war. Armes Kind, ſagte Mirabeau, ihre Hinfälligkeit betrachtend, man ſieht, daß Du mit Mirabeau gereiſt biſt, denn wann hätte ich mich wohl jemals unter⸗ wegs befunden, ohne von irgend einem Unglück oder einer Gefahr heimgeſucht zu werden. Wenn ich auf der Landſtraße fahre, brechen mir die Räder entzwei, auf der See genügt meine Anweſenheit, um alle Or⸗ kane des Himmels gegen mein Fahrzeng herbeizurufen. Bei jeder Kleinigkeit geht es gleich auf Leben und Tod mit mir, und in das Schickſal eines ſolchen Menſchen biſt unn auch Du mit hineingezogen, meine holde un⸗ ſchuldige Henriette. Ich fürchte, die Schrecken dieſer Reiſe haben Deinem ſüßen, zarten Körper ernſtlich etwas angethan. Ich habe aber jetzt den Entſchluß gefaßt, wieder ganz geſund zu ſein, ſagte Henriette, denn mein bis⸗ heriger Zuſtand, der mich wahrhaft verdrießt, iſt für uns Alle gar nicht mehr auszuhalten. Anch ſind die Aerzte hier in London zu theuer, um krank ſein zu dürfen. Für jeden Beſuch eine Guinee, das iſt un⸗ ausſtehlich, und droht unſerer Kaſſe den baldigen Un⸗ tergang. Ah, daran erkenne ich meinen liebenswürdigen Geizhals, rief Mirabeau lachend. Mir liegt ja gar nichts an dem widerwärtigen Gelde, entgegnete Henriette, indem ſie ihn mit ihren offenen zutraulichen Augen ernſthaft anblickte. Aber es kränkt mich, wenn Du Dich beunruhigen mußt, und darum wünſchte ich, unſere Geldvorräthe könnten ewig reichen. Doch es ſieht nicht darnach ans, Mi⸗ rabeau, wir brauchen zu viel Geld, und ich haäbe ent⸗ ſetzliche Angſt, daß Du plötzlich einmal wieder ganz — 181— traurig fragen wirſt: Henriette, wo iſt das Geld ge⸗ blieben? Du kannſt diesmal vollkommen ruhig ſein, denn ich werde nächſtens viel Geld einnehmen, meine gute Gräfin Yet⸗Lie! ſagte Mirabeau zu ihr, indem er ſie, wie er gern that, mit den Endſylben ihrer beiden Vornamen Henriette Amélie anredete, und ihr zu⸗ gleich den Titel der Gräfin hinzufügte, mit welchem Titel ſie auch von ihrer Bedienung genannt werden mußte. Man kann doch nicht anders wie anſtändig leben, fügte Mirabeau nach einer Panſe hinzu, während Frau von Nehra jetzt raſch ihre Toilette zu beendigen ſuchte. Es iſt wahr, unſer Geld beginnt ſchon wieder dahin⸗ zuſchwinden, und das große Geheimniß der Ebbe, das man bei den Meeren ſchon immer unerklärlich ge⸗ funden hat, beherrſcht auf eine noch viel unerklärlichere Weiſe unſere Kaſſe. Aber gieb nur Acht, Yet⸗Lie, ich habe diesmal anch für die Fluth geſorgt, denn ich habe große literariſche Unternehmungen im Sinne, die mir durchaus einſchlagen müſſen. Ich bin heute den ganzen Vormittag in London umhergelaufen, und habe das Heer der Buchhändler unter die Fahne meines Genius gerufen. Und es wird wirken, Gräfin Yet⸗ Lie, Du kannſt Dich vollkommen darauf verlaſſen. Meine Schrift gegen den Eineinnatus⸗Orden habe ich ſchon untergebracht, und ſie wird in einigen Monaten hier in London im Druck erſcheinen. Es wird zu⸗ gleich meine erſte Schrift ſein, bei der ich mit offenem Viſir, unter Nennung meines vollſtändigen Namens, vor das Publikum hintreten werde. Denn es wird nun bald der Moment herangerückt ſein, wo es gilt, Mann gegen Mann, Zahn gegen Zahn in dieſer Zeit dazuſtehen. Der Verleger will mir zwar nur einſt⸗ weilen ein Honorar von zehn Guineen dafür erlegen, aber bei jeden hundert Exemplaren, die verkauft ſind, erhalte ich eine bedentende Nachzahlung, und das kann nicht fehlen, daß das Buch im Publikum einen reißen⸗ den Abgang findet. Dann habe ich einem anderen Buchhändler verſprochen, Etwas über die Freiheit der Schelde⸗Schifffahrt zu ſchreiben, worüber die Holländer mit dem öſterreichiſchen Kaiſer Joſeph in einen Streit gerathen ſind, der leicht einen europäiſchen Krieg zur Folge haben könnte. Ich werde freilich zu Gunſten der Holländer ſchreiben müſſen, welche den Zoll an der Mündung der Schelde nach ihrem alten hundert⸗ jährigen Vertragsrecht erheben, und dadurch die Be⸗ ſitzungen Oeſterreichs von dem freien Verkehr mit dem Meere abſchneiden. Aber was geht mich Oeſter⸗ reich an, das Oeſterreich der Königin Marie Antoi⸗ nette, dem wir Patrioten und Bewegungsmänner in Frankreich auch nicht das geringſte Zugeſtändniß zu ſeinem Gefallen machen dürfen. An Honorar wird es freilich auch hier nur einige Louisd'or geben, aber ich werde mir dafür ſehr viele Freunde in Lon⸗ don und Paris durch meine Auseinanderſetzung er⸗ werben. Und auch ſonſt, Yet⸗Lie, blüht es in meinem Kopfe auf von literariſchen Projecten, die ihre golde⸗ nen Früchte tragen werden und müſſen. Es wird mir ziemlich gleich ſein, was ich arbeite, aber arbeiten will ich, und ſollte es eine Geographie oder chineſiſche Grammatik ſein, das wäre mir ganz gleichgültig. Mein Secretair Hardy ſitzt dort in ſeinem Cabinet, und muß mir den ganzen Tag Auszüge aus Büchern und Journalen machen, die ich zu einem beſonderen Zweck zu verwenden gedenke. Du ſiehſt, es kann uns nicht fehlen, und die Buchhändler werden ſich bald mit den glänzendſten Anerbietungen um mich drängen. Henriette hatte inzwiſchen ihre Toilette vollendet, und ſtellte ſich nun, ſeinen letzten Worten durch ihr — 183— freudiges Zunicken beiſtimmend, nahe vor ihn hin, um ſich von ihm betrachten zu laſſen und ſich ſeiner Be⸗ fehle gewärtig zu zeigen. Nun komm, ſagte er, ihr die Hände küſſend und ſie lange anblickend. Unter ſeinen Blicken ſchien ihre Schönheit und Anmuth von Neuem friſcher zu er⸗ blühen, und ihre Wangen bedeckten ſich mit einer lieb⸗ lichen Röthe. Sie hing ſich an ſeinen Arm, und ſchien bald ihrer Kräfte von Neuem gewiß geworden zu ſein. Der Spaziergang erſtreckte ſich zuerſt durch einige Hauptſtraßen Londons, über deren Treiben und Cha⸗ rakter Mirabeau ſeine Bewunderung in lebhafteſter Weiſe ausdrückte, während Henriette eine Vergleichung mit Paris und Amſterdam verſuchte. Mir wird hier außerordentlich wohl zu Muthe, ſagte Mirabeau, denn überall, wo mein Auge hinblickt, treffen ſie auf wohlbehäbige, reinliche und menſchen⸗ würdige Zuſtände. Man hat hier ſogleich auf der Straße die erhebende Empfindung, daß man ſich in einem Lande befindet, in welchem das Volk Etwas bedeutet, und daß hier jeder Menſch die freie Entwick⸗ lung und Ausübung ſeiner Fähigkeiten genießt. Sieh nur allein die herrlichen Trottoirs an, auf denen wir hier ſo gemächlich und unbehindert einher ſpazieren, und die uns beweiſen, daß man ſich in dieſem Lande auch mit den Leuten beſchäftigt, die zu Fuße gehen. Dann durchfliege mit Deinen Blicken ſtaunend dieſe ungeheuren Räume, die größer ſind, als irgend eine Stadt der akten Welt ſie aufzuweiſen hatte. Es iſt wahr, auch London beſteht, wie jede andere große Stadt, aus dieſem rechts und links ſich hinbreitenden Gewinde von engen und breiten Straßen, und iſt nicht mehr und nicht weniger, wie Paris oder Babylon, dieſe infame Kloake der menſchlichen Zuſtände, in der . — 184— die Menſchen maſſenweiſe zuſammengepfercht und durch ihren eigenen Athem ſich verpeſtend da ſitzen, und in welcher der ewige Kampf der Armen und Reichen, der privilegirten Canaille und der Volks⸗Canaille, der Verwahrloſten und Geſchändeten mit Denen, durch welche ſie verwahrloſt und geſchändet worden ſind, ge⸗ kämpft wird. Aber es iſt denn doch auch wieder der einzige Zauber dieſer bewunderungswürdigen Reinlich⸗ keit, die über London ausgegoſſen kiegt, und faſt gleiche Anziehungskraft für das Alge wie für den Geiſt hat. Dies iſt das ächte Zeichen, daß ſich das Volk wohl befindet, und daß es frei iſt, denn ſeine Verhältniſſe gönnen ihm Zeit und Raum, für ſich zu ſorgen und ſeine Exiſtenz mit Genauigkeit wahrzunehmen. Ja, dies London iſt eine ſouveraine Stadt, in der jeder Dachziegel uns davon zu- erzählen ſcheint, daß hier eine Menſchenmenge lebt, die ſich durch ihre eigene Willenskraft regiert. Zwar ſieht man in der aus Backſteinen aufgerichteten Stadt wenig glänzende und in einem vornehmen Stil erbaute Häuſer, aber die Herrlichkeit der Stadt liegt zugleich in der Idee der Nationalität, die ihren Glorienſchein darüber aus⸗ gegoſſen hat und Alles ſo wohnlich und heimlich, ſo ſicher und ſelbſtſtändig erſcheinen läßt. Und als das Symbol dieſer Herrlichkeit wallt die ſtolze prächtige Themſe dahin, die Huldigung von Jedem anzunehmen ſcheint, der ſie betrachtet, und die zu fragen ſcheint: womit könnt Ihr es wohl wagen, mich zu vergleichen, mich, dem der Ocean und alle Welten täglich ihren Tribut darbringen*³) Ich werde nun bald anfangen müſſen, eiferſüchtig auf dies London zu werden, ſagte Henriette, ſeinen *) Nach einem Brief Mirabeau's in den Lettres à Cham- fort p. 52. — 185— Arm drückend. Ich mag es durchaus nicht leiden, wenn Du irgend ein Ding in der Welt ſo ungeheuer herausſtreichſt, und wäre es auch nur eine Stadt von Stein und Mauern. Man hat Dich ja ſelbſt in Paris für eine Eng⸗ länderin gehalten, entgegnete Mirabeau lachend, und als wir zuſammen über die Boulevards gingen, hörte ich oft hinter uns her:„ah, ſeht die ſchöne blonde Engländerin!“ Und auch an mir wirſt Du bald Deine Freude erleben, denn wenn ich fortfahre, mich hier ſo wohl zu befinden, wird bald aus mir ſtatt des Ho⸗ noré⸗Gabriel Riquetti Graf von Mirabean ein höchſt ſtattlicher Jacques Rosbeef geworden ſein! Dann bin ich freilich für Frankreich verloren, und es fragt ſich ohnehin, ob ich dieſem an ſeinen Hof verkauften Lande jemals werde nützen können. Etwas ſo Schönes wie die Boulevards in Paris wirſt Du mir doch in ganz London nicht zeigen kön⸗ nen, ſagte Henriette, indem ſie in die Colonnaden der Regent⸗Street einbogen, und in das großartige, einem Feſtzuge gleichende Leben dieſer Straße ſich verſetzt ſahen, die von Schaaren wallender Fußgänger und vielfachen neben einander her ſich bewegenden Wagen⸗ reihen überfüllt ſchien und doch keinen Angenblick eine wunderbare Ordnung und Ruhe verlor. Hier iſt mehr wie Pariſer Boulevards, erwiederte Mirabeau, indem er mit einem ſo heitern und befrie⸗ digten Lächeln, wie es ſeine Gefährtin lange nicht an ihm wahrgenommen, auf dies Treiben hinzeigte. Hier ſieht man Volk, hier ſieht man eine Nation, die in friſchen, ſichern Zügen einen gewaltigen Lebensaufwand beſtreitet und ſich in ihrer Maſſe dahin wälzt, wie ein Strom, der nur ſeinen eigenen Geſetzen der Be⸗ wegung gehorcht. In Paris, gute Gräfin Yet⸗Lie, giebt es noch kein Volk, und es wird erſt darauf an⸗ kommen, daß wir aus der trüben phyſiognomieloſen Maſſe, die ſich dort tief unten an den Stufen des abſoluten Thrones zuſammengeklumpt hat, erſt ein Volk machen, ein Volk, das ſeine Rechte kenut und durch dieſe Erkenntniß erſt ein lebendiges und lebens⸗ fähiges Weſen geworden iſt. Was Du auf den Bou⸗ levards ſiehſt, iſt kein Volk, ſondern nur die bunte Haut der Schlange, die auf der Lauer liegt, um Paris einſt mit einer einzigen Bewegung ſeines Schweifes umzuwerfen. Was treibt ſich freilich nicht Alles auf den Pariſer Boulevards umher, aber ſtatt der Nation ſiehſt Du Intrignants und Proſtituirte, Du ſiehſt uns mißvergnügte vornehme Herumtreiber, die wir in unſern Gedanken ſchon darauf ſpeculiren, daß Frankreich einmal ein Volk haben wird, und die mein Freund Chamfort die philoſophiſchen Marquis der Epoche genannt hat.— Das Volk ſieht mich aber hier oft ſo höhniſch und wild an, bemerkte Frau von Nehra nach einer Pauſe, indem ſie ſich mit einiger Aengſtlichkeit an den Arm Mirabeau's anklammerte. Es war eben ein Haufen gemeiner Leute, unter de⸗ nen ſich einige betrunkene Matroſen befanden, an ihnen vorübergezogen, und Henriette wollte an ihren Mienen und Gebärden wahrgenommen haben, daß man gerade auf ſie ein Augenmerk richtete und in irgend einer Weiſe Anſtoß an ihrer Erſcheinung zu nehmen ſchien. Es ſcheint, daß man mich in London nicht für eine ſo gute Engländerin halten will, als man dies noch vor Kurzem auf den Pariſer Bonlevards gethan, ſagte Henriette, indem ſie ihren Freund auf dieſen Vor⸗ gang aufmerkſam machte. Ich vermuthe, daß es meine fremdartige Toilette iſt, an welcher die Leute hier ihren Anſtoß nehmen, denn ich bin allerdings noch ganz als Pariſerin gekleidet, und ſcheine namentlich durch mei⸗ — ——— ———— — 187— nen ungeheuer großen Federhut außzufallen, den ich noch aus Paris mitgebracht habe. Laß uns unbekümmert weitergehen, ſagte Mirabean. Deine Toilette werden wir noch heut auf das Beſte und Schönſte ändern. Darin iſt das Volk hier frei⸗ lich dumm. Ueber alles Fremdartige lacht es einfältig heraus, und glaubt darüber ſpotten zu können, weil es ſich in ſeiner eigenen Haut ſo ſicher und abge⸗ ſchloſſen fühlt. Der Pariſer zeigt aber blos darin etwas mehr Bildung, daß er ſich ſeine Albernheit nicht ſo leicht merken läßt. Sie ſchritten weiter und Mirabeau bemerkte nicht, daß ſich aus jener etwas tumultuariſchen Volksgruppe, die ſich über den Anblick Henriettens beluſtigen zu müſſen geglaubt, einzelne drollige Subjecte abgeſondert hatten, welche umgekehrt waren und unter allerhand poſſirlichen Gebärden und Ausrufungen, die das laute Gelächter der Uebrigen erregten, hinter ihnen herge⸗ ſchlichen kamen. Henriette, die immer ängſtlicher zu werden anfing, bat inſtändigſt, einen Fiaker zu beſteigen. Mirabeau, der jetzt auch den ſich mehrenden Trupp der Leute dicht hinter ihnen gewahrte, glaubte aber, daß es Feig⸗ heit beweiſen würde, wenn man durch eine plötzliche Fincht ausz zuweichen ſuchte. In dieſem hen ihnen ein Herr mit einer Dame, in welchen Mirabeau die Reiſege⸗ fährten erkannte, mit denen ſie auf demſelben Schiffe den Uebergang von Frankreich nach England gemacht hatten. Es war ein Irländer mit einer Pariſerin, welche von ihrem Begleiter allem Anſchein nach entführt worden zu ſein ſchien, jedoch auf der Reiſe ſo viel Anmuth und Geiſt in ihrem Weſen gezeigt hatte, daß Mirabeau einiges Gefallen an ihrer Unter⸗ — 188— haltung gefunden, und unterwegs ein ſehr lebhafter Verkehr zwiſchen ihnen entſtanden war. Indem man ſich ſehr angelegentlich begrüßte und zu gegenſeitigen Erkundigungen auf der Straße ſtill⸗ ſtand, ſchienen die wunderlichen Straßenfiguren, von denen ſich Mirabeau und Henriette begleitet geſehen, einen neuen und vergrößerten Anhalt für ihre Spott⸗ ſucht gefunden zu haben. Die Pariſer Dame trug denſelben gewaltigen Federbuſch auf ihrem Kopf, wel⸗ cher der herrſchenden Mode der franzöſiſchen Hanpt⸗ ſtadt entſprach, und war noch weit mehr, wie Hen⸗ riette, in einer dem engliſchen Straßenpublikum auf⸗ fälligen Toilette gekleidet. Der Haufen, der ſich angeſammelt und einen Kreis um die von ihm erſehenen Spfer gebildet hatte, begann ſeine gefährliche Laune zuerſt durch ein anhaltendes Murmeln und Flüſtern, das abwechſelnd in ein ſchreien⸗ des Lachen ausartete, kundzugeben. Dann trat ein Menſch von tollem und verwildertem Ausſehen, der eine große Trompete bei ſich hatte, aus dem Haufen hervor und ſtellte ſich mit einer taumelnden Gebärde dicht vor die beiden Damen hin, die ihn mit wahrem Entſetzen an ſich herankommen ſahen. Er machte aber dann ein ſehr drolliges Compliment vor ihnen, wodurch er ſich bereits den aufjauchzenden Beifall ſeiner Ge⸗ noſſen erwarb. Er ſchien ein bekannter Luſtigmacher aus einer der Volksſchenken zu ſein, die in den kleinen Neben⸗ gaſſen umherlagen, und man bezeichnete ihn von meh⸗ reren Seiten mit dem Namen des ehrenwerthen Lord Trumpeter, welches ſein Spitznamen unter dem ihn umjubelnden Volke zu ſein ſchien. Sein Ruf als Ko⸗ miker war auch ſichtlich ein ſo bedeutender, daß jetzt eine große Stille und Aufmerkſamkeit eintrat, um zu ſehen, was er beginnen würde. —————— — 189— Lord Trumpeter aber leitete die Rolle, die er ſich ausgedacht, zuerſt durch ein wahrhaft furchtbares Ge⸗ ſichterſchneiden ein, wobei er allerdings ſchon eine ſehr charakteriſtiſche Geſchicklichkeit zu entfalten ſuchte. Er beabſichtigte nämlich durch ſeine Grimaſſen und Ge⸗ bärden, die er den beiden Damen faſt ins Geſicht hinein machte, den grotesken Eindruck wiederzugeben, den ihre Toilette, und namentlich ihr Kopfputz hervorbrachte. Die Virtuoſität ſeines Mienenſpiels leiſtete darin das Bewundernswürdigſte und Lächerlichſte, denn ſeine Ge⸗ ſichtsmuskeln malten durch ihre bald luſtige, bald wi⸗ derwärtige Verzerrung ſo genau und charakteriſtiſch die auffallenden Koſtüme der Damen, daß denſelben durch dieſe Carikatur zugleich ihr Urtheil geſprochen wurde. Nachdem Lord Trumpeter zur allgemeinen Beluſti⸗ gung ein ſo ſatiriſches Mienenſpiel zum Beſten gegeben hatte, ſtieß er dann plötzlich in ſeine Trompete und ſchien in einem ſchmetternden Fanfare die gemachten Wahrnehmungen laut und fröhlich in die Straße hinaus⸗ blaſen zu wollen. Indem er ſich dies mehrmals zu wiederholen erlaubte, ſteigerte er den Beifall der Menge faſt zu einer tobenden Luſt, die ſich immer zügelloſer zu erkennen gab. Henriette hatte die klügſte Partie in dieſer Scene ergriffen, ſie begann nämlich von Herzen über die un⸗ verſchämten Tollheiten des Lord Trumpeter zu lachen, wobei ihr ihre eigene natürliche Heiterkeit und die un⸗ willkürliche Erinnerung an ihre Kinderzeit in Amſter⸗ dam, wo Straßenſcenen dieſer Art an der Tagesord⸗ nung zu ſein pflegen, zu Hülfe kam. Die Pariſerin dagegen konnte ihren Zorn, den ſie ſchon beim Beginn der Scene nur mit Mühe unter⸗ drückte, nicht länger zurückhalten. Sie begann dem⸗ ſelben vielmehr als ächte Pariſerin mit der größten Entſchiedenheit und ohne alle Rückſicht auf die Gefahr, die ſie lief, Luft zu machen, und ſchimpfte, freilich in einem ſehr unvollkommenen Engliſch, das ſchwerlich allgemein verſtanden wurde, den Lord Trumpeter weid⸗ lich aus, wie ſie auch keinen Anſtand nahm, unter dem zornſprühenden Feuer ihrer großen ſchwarzen Augen der umſtehenden Menge die beleidigendſten, für das eng⸗ liſche Nationalgefühl ſehr verletzenden Aeußerungen ins Geſicht zu ſchlendern. Faſt ſchien es ihr auch gelun⸗ gen, ihren irländiſchen Freund in dieſelbe ausbrechende Wuth zu verſetzen, denn auf ihre unwiderſtehlichen Winke hatte derſelbe bereits eine herausfordernde Boxer⸗ Stellung eingenommen, während Graf Mirabeau, mit übereinandergeſchlagenen Armen ruhig und kaltblütig um ſich her ſchauend, einen unerſchütterlichen Gleich⸗ muth behauptete, und nur mit einer gewiſſen Beſorg⸗ niß zu überlegen ſchien, wie der Ausweg aus dieſer unangenehmen Verwickelung zu finden ſein werde. Der nationale Humor des ehrenwerthen Lord Trum⸗ peter hatte aber noch keineswegs ſein Ende erreicht, denn nachdem er auf ſeiner Trompete ein vollſtändiges ſatyriſches Stückchen abgeblaſen, hielt er mit dieſer Kunſtfertigkeit inne, und begann nun ein engliſches Vollkslied zu ſingen, mit dem er ſich wieder vorzugs⸗ weiſe an die beiden Damen wand'e. Die ſehr wenig geiſt⸗ reichen Strophen enthielten aber zugleich die ſchmutzig⸗ ſten und zudringlichſten Anſpielungen, und riefen um ſo mehr den brüllenden Beifall der Menge hervor, als ſie nicht nur mit einer ungemein drolligen und faſt trenherzigen Komik vorgetragen, ſondern auch mit den ſeltſamſten Geſticulationen, die den Damen freilich auf die unverſchämteſte Weiſe nahe rückten, begleitet wurden.*) 3) Mirabeau ſchildert dieſen Vorgang ſelbſt in den lettres à Chamfort p. 54. — 191— Die ganze Scene begann aber bereits ein ſo gro⸗ ßes Aufſehen zu erregen, daß Equipagen und Reiter auf der Mitte der Straße ſtillhielten, um den Vorgang zu beobachten. Einige, dem Anſchein nach vornehme Engländer ſtiegen von den Pferden ab, und miſchten ſich unter den Volkshaufen, indem ſie mit der Reit⸗ peitſche hier und da einige Hiebe auf die Rücken der vorlauteſten Schreier, die ſich offenbar in einem trun⸗ kenen Zuſtande befanden, austheilten und ſich dann beſonders an Mirabean wandten, um ihren Rath, wie man ſich am beſten der Leute entledigen könne, zu er⸗ theilen. Mirabeau verſtand aber unglücklicher Weiſe dieſe Rathſchläge nicht, und war bereits im Begriff, ſeine bisher behauptete Ruhe zu verlieren indem er die Unverſchämtheiten des Lord Trumpeter, der ſich beſonders jetzt mit Frau von Nehra zu ſchaffen machte, nicht mehr anzuſehen vermochte. Er packte denſelben an der Bruſt, und ſchüttelte ihn mit einer einzigen Bewegung ſeiner ſtarken Hand ſo gewaltig, daß der Menſch entſetzt und mit einem lauten Schrei in ſeine Kniee ſank und die Beſinnung zu verlieren ſchien. Dies wäre ohne Zweifel das Signal zu einer ge⸗ fährlichen Verwickelung der Scene geworden, wenn nicht in dieſem Augenblick eine hohe, ſchlanke Männer⸗ geſtalt, welche ſich durch die jetzt in einem heftigen Tumult losbrechende Menge Bahn zu gewinnen ver⸗ ſtand, die Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hätte. Der Fremde trug eine ſchwarze bürgerliche Kleidung, und Mirabeau, der einen großen Scharfblick für Perſön⸗ lichkeiten beſaß, hielt ihn beim erſten Anblick für einen der reformirten Geiſtlichen aus Genf, die ſich, nebſt andern politiſchen Flüchtlingen dieſer Republik, ſeit ei⸗ niger Zeit in großer Anzahl in London befanden. Es war dem neu Angekommenen, einem noch ziem⸗ lich jungen Manne, der ſogleich ein ſehr kräftiges und entſchiedenes Auftreten zeigte, gelungen, durch eine ge⸗ wandte Anrede an den wüthend gewordenen Haufen denſelben ſofort zu beſchäftigen und für ſich einzuneh⸗ men. Es war ein ſehr geläufiges und ſogar gewiſſer Volksausdrücke mächtiges Engliſch, worin er, unter den ſchmeichelhafteſten Anſpielungen auf ein edles und hochherziges Brittenthum, ſeine Aufforderung ausſprach, auseinander zu gehen und ehrenwerthe Fremde, die ſich auf der ſchönen gaſtlichen Inſel Albions zum Beſuch befänden, unbehelligt ihrer Wege ziehen zu laſſen. Sein Engliſch hatte zwar den fremdartigen Accent, der den Schweizer verrieth, aber er wußte ſich darin vollkommen verſtändlich und eindringlich zu machen, wozu ein gewaltiges, an den Prediger⸗Ton erinnern⸗ des Organ und die impoſante Haltung ſeines ganzen Weſens nicht wenig beitrugen. Als er ſah, daß er mit ſeiner ſchwungvollen, zu⸗ gleich einen religiöſen Anſtrich nehmenden Rede ſchon einige Wirkung zu machen begann, vervollſtändigte er dieſelbe jetzt dadurch, daß er Geld auszutheilen begann und damit die ſchlimmſten unter den Rädelsführern auf andere Gedanken brachte. Lord Trumpeter ſelbſt, der ſich aus der löwenhaften Fauſt Mirabeau's wieder aufgerichtet hatte, fühlte zu ſeinem nicht geringen Er⸗ ſtaunen mehrere Sirpence⸗Stücke in ſeiner Hand, wie er ſie in derſelben ſeit längerer Zeit nicht auf einer Stelle gehalten hatte. Sodann ſah er ſich von dem Fremden mit einem tüchtigen Puff in den Rücken be⸗ gnadigt, indem derſelbe ihn mit gebieteriſcher Stimme aufforderte, unverzüglich nach dem nächſten Halteplatz der öffentlichen Fuhrwerke ſich zu begeben und für die fremden Herrſchaften, an denen er ſich ſo ſtark verſündigt habe, wenigſtens jetzt zwei Wagen herbei⸗ zuholen. — 193— Nachdem Lord Trumpeter, ohne etwas zu erwie⸗ dern, ſich ſpornſtreichs auf den Weg gemacht hatte, glückte es, die übrigen Hauptperſonen des Tumults ebenfalls mit Hülfe einiger Geldſtücke von dem Platze fortzuſchicken. Darauf wandte ſich der Fremde mit der verbindlichſten Anrede an den Grafen Mirabeau, und erſuchte ihn, mit ſeiner Geſellſchaft einſtweilen in ein nahegelegenes Caféhaus einzutreten nnd dort die Ankunft der Wagen zu erwarten. Er bot ſich dorthin als Führer an, und Mirabeau nahm dies unter den lebhafteſten Bezengungen ſeines Dankes an. In dem Café mußte eine nicht unbeträchtliche Zeit gewartet werden, während welcher der Fremde, der es ſich nicht nehmen laſſen zu wollen ſchien, ſeine Schütz⸗ linge noch bis in den ſichern Wagen zu geleiten, ſei⸗ nen Eifer auch durch ſeine angelegentliche Unterhal⸗ tungskunſt bewies. Er erklärte ſich auch mit großer Offenheit über ſeine eigenen perſönlichen Verhältniſſe, und erzählte, daß er Duval heiße, in Genf bis vor anderthalb Jahren die Stelle eines Predigers bekleidet habe, und durch die Genfer Revolution des Jahres 1782, in welcher er auf Seiten der unterliegenden Lih geſtanden, aus Heimath und Amt vertrie⸗ ben worden ſei. Mirabeau ſchien für die pe des Fremden ein Intereſſe zu faſſen, zögerte aber noch, ſich ſelbſt zu erkennen zu geben, wozu ihm Zeit und Ort nicht an⸗ gemeſſen dünkten. Der ſcharfſichtige Fremde errieth dieſe Erwägung, und ſagte, derſelben zuvorkommend: Ich weiß, daß es Graf Mirabeau iſt, dem ich die Ehre habe, bei dieſer Gelegenheit bekannt zu werden. Ich habe ſo vieles von Ihnen gehört, und im Kreiſe meiner politiſchen Freunde und Geſinnungsgenoſſen, die wir hier das bittere Brot der Verbannung eſſen, hat man ſich ſchon der Anweſenheit Mirabeau's in Mirabeau. I. 13 4 — 194— London herzlich gefreut. Wir Männer der Genfer Demokratie hegen den innigſten Wunſch, uns die Freundſchaft und Theilnahme des Grafen Mirabeau zu gewinnen. Vor einigen Tagen ſaßen wir in dem Café de Paris auf dem Haymarket, als Sie eintraten, Herr Graf, und uns von einem der Anweſenden ge⸗ nannt wurden. Man ſprach viel von Ihrer herrlichen Schrift über den Despotismus, die auch in allen Thä⸗ lern unſerer Schweiz verbreitet iſt, und wir geſtanden uns, daß es von großem Nutzen für uns und unſere Sache ſein könnte, wenn wir eines Tages mit Ihnen in eine geheime Berathung eintreten könnten. Die Lage unſeres Vaterlandes und die Hoffnungen der Demokratie in Europa möchten wir gerade mit Mira⸗ beau gern einmal überlegen. Und heut darf ich viel⸗ leicht dieſen Wunſch für begünſtigt anſehn, da der Zufall dieſe Begegnung herbeigeführt, und der humo⸗ viſtiſche Blödſinn dieſes engliſchen Pöbels mir die Gelegenheit verſchafft hat, mich Ihnen bemerkbar zu machen. WMirabeau drückte ihm mit Erkenntlichkeit die Hand, und überreichte ihm eine Karte, welche die Angabe ſeiner Wohnung enthielt, indem er ihn auörderte, ihn zu einer beſtimmten Zeit zu beſuchen, ünd den Dank, den er ſich um ihn verdient, in jeder Weiſe in Anſpruch zu nhu In dieſem Augenblick ſchien Lord Trumpeter drau⸗ zen. wieder zurückgekehrt zu ſein, was durch eig lautes Hurrahrufen der Menge, welche ſich auf besetraße noch immer nicht ganz verloren, verkündigt wurde. Duval eilte zuerſt hinaus, um nachzuſehen, ob die Wagen in Bereitſchaft wären, und kehrte nach einigen Minuten wieder mit der Nachricht zurück, daß der Narr, den er abgeſchickt, nur mit einem einzigen, für zwei Perſonen ausreichenden Fiaker wiedergekommen * V ——,— — P 195 ſei, weil ſich angeblich kein anderes Fuhrwerk mehr auf dem Platze befunden habe. Mirabeau, zu der Pariſer Dame ſich wendend, die in Folge des Schreckens und der Aufregung auf's Aeußerſte leidend ſchien, ſagte, daß kein Zweifel ſein könne, wer zuerſt und vorzugsweiſe des herbeigeholten Weis ſich zu bedienen habe. werde, bemerkte er, mit der Gräfin Nehra hier ſo lange zuüctlteiben, bis ſich ein anderer Wagen für uns gefunden hat, was bei der Protektion, die uns unſer neuer Freund Duval gewährt, vielleicht nicht lange dauern kann. Der ſich verſchlimmernde Zuſtand der Pariſerin erlaubte kaum noch eine Ablehnung dieſes Vorſchlags. Sie rang mit einer Ohnmacht, und Mirabeau ver⸗ einigte ſeine Bemühungen mit denen des Frländers, die Dame, die nicht mebr zu gehet vermochte, in den Wagen tragen zu helfen.—— Während Mirabeau ſich auf dieſe Weiſe behülf⸗ lich zeigte, bemerkte er nicht, daß in demſelben Au⸗ genblick eine vornehme Equipage auf der Mitte der Straße ſtillgehalten hatte, und ein darin ſitzender Herr, der von den Umſtehenden mit beſonderer Ehrerbietig⸗ keit begrüßt wurde, ſich durch ſeinen reichbetreßten und wohlgepuderten Livréebedienten nach allen Einzel⸗ heiten des Vorfalls erkundigen ließ. Bald d i trat der Bediente jedoch zu Mirabeau, und erſuchte ihn im Auftrage ſeines Herrn, des erſten Lords der Schatzkammer, Miniſters William Pitt, von dem Wagen deſſelben Gebrauch zu machen, indem ihn Seine Herrlichkeit bitten laſſe, mit ſeiner Dame zu ihm einſteigen zu wollen. Mirabeau blickte erſtaunt zu dem Wagen hinüber, aus welchem ihm der Miniſter einen freundlichen Gruß entgegen winkte. Seine Bekanntſchaft mit William Pitt ſchrieb ſich erſt ſeit dem geſtrigen Tage her, wo 13* — 196— ihm Mirabeau ſeinen erſten Beſuch gemacht hatte, um demſelben ein Schreiben des Grafen d'Entraigues, welches er aus Paris mitgebracht, zu überreichen. Mirabeau zögerte nicht, dies Anerbieten anzuneh⸗ men, und nachdem er eiligſt in das Caféhaus zurück⸗ getreten, um Frau von Nehra abzuholen, begab er ſich mit derſelben zu dem Wagen des Miniſters, der es mit der im Privatleben ihm eigenen Liebenswürdigkeit nicht anders zuließ, als daß ſeine von ihm eingelade⸗ nen Gäſte die Ehrenplätze ihm gegenüber einnahmen. William Pitt, der ſeit Kurzem an der Spitze des engliſchen Miniſteriums ſtand, obwohl er erſt in ſei⸗ nem fünfundzwanzigſten Jahre ſich befand, erſchien nur im Staatsamte und in den Geſchäften alt, über⸗ reif, und mit jener feierlichen und durchdringenden Kälte, die ſeine Gegner oft ſchon vor dem Kampf mit ihm niederwarf. Im Umgange trat oft alle Friſche und Lebhaftigkeit der Ingend an ihm hervor, und die feingeſchnittenen, die Fülle des Redetalents verra⸗ thenden Lippen umſpielte dann ein einnehmendes Lä⸗ cheln, welches den ſtrengen und unerbittlichen Denk⸗ falten, die auf ſeiner hohen Stirn thronten, gewiſſer⸗ maßen ſiegreich entgegenzutreten ſchien. 4 Mirabeau ſchien bezaubert, heut dieſe Wahrneh⸗ mung zu machen, während er bei dem geſtrigen Beſuch, auf den er eigentlich manche Hoffnung geſetzt hatte, nur dem kalten, jedes Wort abwägenden, mit mathe⸗ matiſcher Genauigkeit ihn behandelnden Staatsmann begegnet war. Pitt bemühte ſich jetzt namentlich um Frau von Nehra mit einer gemüthlichen Angelegentlich⸗ keit, und obwohl Henriette ihre liebenswürdige Heiterkeit und gute Laune keinen Augenblick verloren hatte, ſo glaubte er ſie doch wegen der unangenehmen Scene wiederholt tröſten und beruhigen zu müſſen. Der Wagen hatte die Richtung nach Mirabeau's —— „ — 197— Wohnung eingeſchlagen, da der Miniſter darauf be⸗ ſtand, ſeine Schützlinge nach Hauſe fahren zu wollen. Es war nur der Pöbel, bemerkte William Pitt wiederholt, der dieſe Ungebührlichkeit gegen ehrenwerthe Fremde ſich zu Schulden kommen ließ. Das engliſche Volk dürfen Sie danach nicht beurtheilen, Herr Graf. Unſer Volk iſt gut, ehrlich, reſpectvoll, und trägt die ſtraffen Zügel, die ihm eine feſte parlamentariſche Re⸗ gierung und ein großes nationales Königthum auf⸗ erlegt, mit eben ſo viel Würde als Gehorſam. An muthwilligem Pöbel aber fehlt es Ihnen in Paris auch nicht, und die heutige Scene, die allerdings die Straßen von London verunehrt hat, würde doch auch in Ihrem Paris, behaupte ich, möglich geweſen ſein. Der Pöbel iſt allerdings überall derſelbe, wie auch die Ariſtokratie überall dieſelbe iſt, entgegnete Mira⸗ beau. Man könnte auch hieraus erſehen, daß dieſe beiden excluſiven Sphären der Geſellſchaft, Pöbel und Ariſtokratie, im Grunde ganz dieſelbe Stellung zur Nation einnehmen und in vielem Betracht Eins und daſſelbe ſind. Pitt biß ſich bei dieſer Aeußerung mit einer hefti⸗ gen Zuckung auf die Unterlippe, ließ aber ſchnell wie⸗ der den freundlichen und ſogar beſcheidenen Ausdruck, der ihm bisher eigen geweſen, auf ſein Geſicht zurück⸗ kehren. In unſerm Lande iſt die Wiſtokratie noch ſehr vom Pöbel verſchieden, entgegnete er mit einem ſchein⸗ bar milden Lächeln, aber zugkeich mit einem ſtechenden Seitenblick ſeiner großen, in einer wunderbaren Ruhe glänzenden Augen. In andern Nachbarländern mag die Ariſtokratie bereits an einer pöbelhaften Auflöſung von Staat und Nation arbeiten, wir kennen das hier glücklicher Weiſe nicht. Wir ſind hier noch altmodiſch, wir haben Geſetze, die für Alle ausreichen, und wir 5. — 198— beſitzen Ariſtokratie ebenſo gut wie wir Königthum und Volk beſitzen. Frankreich iſt nicht ſo gut daran, verſetzte Mira⸗ beau, indem ſein lebhaft flammendes Antlitz ſich mit einem Zug ernſter Trauer bewölkte. In Frankreich iſt Alles im Begriff, Pöbel zu werden, wenn es uns nicht noch bei Zeiten gelingt, einen neuen geſunden Volkskörper aus dieſem allgemeinen Schmutz heraus⸗ zuarbeiten. Das Volk wird dann wiederentdeckt werden, wie die Marmorſtatue eines alten Gottes, der in einer zuſammengeſtürzten Stadt verloren gegangen war. Aber ich möchte doch, ſelbſt auf die Gefahr eines Wi⸗ derſpruchs mit Eurer Herrlichkeit, behaupten, daß der Pariſer Pöbel einen ſolchen bösartigen Auftritt gegen achtbare Fremde niemals herbeigeführt haben würde. Unſer Pöbel iſt zu leichtblütig und zu kindiſch, aber auch zu ſehr Weltmann, um ſich zum Begriff des Na⸗ tionalhaſſes verſteigen zu können. Aber heut haben wir an uns den Nationalhaß des engliſchen Pöbels gegen die Franzoſen erkebt. Ich hatte es nicht ge⸗ glaubt, Lord Schatzkanzler, daß man das Vermächtniß Ihres erhabenen Vaters, des Grafen Chatham, welcher der größte Haſſer Frankreichs war, ſchon auf den Straßen Londons ausgeführt ſehen würde. Dieſer Haß war kein Vermächtniß, ſondern ein Staatsprincip, entgegnete William Pitt mit würde⸗ voller Ruhe. Es gehörte in das politiſche Syſtem meines Vaters, und daſſelbe war ganz darauf begründet, daß Frankreich der natürliche Gegenſatz von England ſei, und daß England, um groß und mächtig zu werden, in ſeiner eigenſten Natur ſich abſchließen und zuſammen⸗ faſſen müſſe. Ja, und wenn es dabei auf den Preis angekommen wäre, Frankreich zu unterdrücken, um England zu der ihm gebührenden Höhe zu erheben, ſo würde Graf Chatham keinen Angenblick angeſtanden — ———————————————— „— haben, dieſen folgerichtigen Weg ſeines Syſtems mit ehernen Schritten zu wandeln. Aber ſonſt war er nicht Barbar genug, um einer ſo hochgebildeten und fein beſaiteten Nation, wie der franzöſiſchen, in jedem⸗ ihrer Individuen die ſchuldige Anerkennung zu ver⸗ ſagen. Und auch ich werde mich ſtets glücklich ſchätzen, der Freund Frankreichs und der Franzoſen zu ſein, denn davor will ich England ſchon ſicher ſtellen, daß es nicht durch einen unvorſichtigen Bund mit Euch in den Abgrund hinabgezogen werde. Aber ebenſo wenig werden wir ſo abgeſchloſſen ſein, um nicht von Euren Vorzügen zu lernen und uns von Eurer Größe er⸗ heben zu laſſen! Mirabeau verbeugte ſich mi Ausdruck, der jedoch zugleich Tag zu legen ſchien, wie viel er bei dieſer Aeußerung des engliſchen Miniſters der Diplomatie zuſchreiben zu müſſen glaube. Dann ſagte er bedeutſam: Ich bin ſelbſt kein ſo großer Freund Frankreichs, daß ich allen ſeinen Fehlern und Entartungen blind hingegeben ſein ſollte. Aber ich liebe es auch wieder ſo ſehr und ſo rückſichtslos, daß ich es gern mit Neſſeln und Ruthen peitſchen ſehen würde, wenn ich es dadurch an Seele, Leib und Glie⸗ dern wieder gefund und lebenskräftig machen könnte. Sollte eine Demüthigung Frankreichs durch England zu dieſem Ziel hinführen können, ſo würde ich jeder darauf gerichteten Politik gern meine Dienſte und Kräfte, meinen Kopf und meine Hände anbieten. Ich weiß ſehr wohl, daß Euer großer Vater, Graf Chatham, der nicht nur einen politiſchen, ſondern anch einen phy⸗ ſiſchen Haß gegen Frankreich empfand, und der ein elektriſches Zucken in allen Gliedern bekam, wenn er nur den Namen Franzoſe ausſprechen hörte, ſeine Po⸗ litik auf die Alternative zwiſchen Frankreich und Eng⸗ land in Europa begründet hatte. Es ſchien mir immer, m ehrerbietigen 200— als hätte er es für ein Naturgeſetz angeſehen, daß, wenn England groß und mächtig ſein ſollte, Frank⸗ reich zu Boden geſchlagen und vernichtet werden müßte. Wir nähern uns aber jetzt einer neuen Epoche der Völker, wo alle Staaten, die frei, ehrlich und lebens⸗ kräftig ſind, auf gleicher Stufe und in inniger Ver⸗ brüderung neben einander werden beſtehen können. Wir werden aber Frankreich ſelbſt mit Gewalt einſt zwingen müſſen, frei und glücklich zu ſein, und wer ihm dieſe Gewalt anthut, auf welche Weiſe es auch ſei, wird ſein Wohlthäter werden. Ja, Eure Herr⸗ lichkeit, England hat eine ſchönere Miſſion an Frank⸗ reich auszuüben, als es zu haſſen. Wir wollen Frank⸗ reich angreifen pfen, bis auf's Aeußerſte, und das freie e England bietet dazu den günſtigſten Punkt dar, von dem aus es geſchehen könnte. Aber der Kampf gegen Frankreich ſoll ein prineipielles Ziel haben, er ſoll das franzöſiſche Königthum zur Beſinnung bringen helfen, und es in die Nothwen⸗ digkeit treiben, zur Abwendung äußerer Gefahren ſich auf die Freigebung der innern Volkskraft, ja auf die Freiheit ſelbſt, zu ſtützen. In dieſem Gedanken bin ich, wie ich ſchon geſtern Eurer Herrlichkeit anzudeuten wagte, nach London gekommen, und wäre glücklich, wenn das Miniſterium Pitt es mit ſeiner Politik ver⸗ einbar fände, die Dienſte Mirabeau's zu gebrauchen.— Ein feines Lächeln ſchwebte in dieſem Augenblick um Pitt's Lippen, und der Miniſter, vor ſich nieder⸗ blickend, ſchien ſich in einem ironiſchen Schweigen zu wiegen, das aber zugleich den Ausdruck einer gewiſſen freundſeligen Verbindlichkeit anzunehmen wußte. Sein ſcharfgezeichnetes Geſicht, das leicht einen harten und abſtoßenden Charakter haben konnte, war jetzt von einer geiſtigen Anmuth überflogen, die ſeiner kalten — 201— Ueberlegenheit, mit der er die Aeußerungen Mirabeau's angehört, eine Beimiſchung von Milde und Rückſicht gab. Der Wagen war eben an St. James Palaſt vor⸗ übergekommen, und Pitt blickte noch mit ſpähenden Augen, als wolle er dort etwas erforſchen, zu den Fenſtern des königlichen Reſidenzſchloſſes empor. Dann ſagte er, ſich wieder zu Mirabeau wendend, der in der größten Spannung ſeinem Wort entgegenharrte, mit einem raſchen Fluge der Stimme: Die Politik des Miniſteriums Pitt, mein theurer Herr Graf, wird ſich immer gern der bedeutenden Geiſter zu ihrem Werkzeug bedienen, aber ſeine Rich⸗ tung wird doch nach allen Seiten hin eine conſervative ſein und bleiben müſſen. W den in England die Sache der Throne vertheid wie es auch kommen mag. Das Volk iſt doch im mr ein problema⸗ tiſcher Begriff, oder ein Phantom, über deſſen Exiſtenz die verſchiedenartigſten Vorſtellungen ſchweben. Man ſucht das Volk immer da, wo man es nicht fin⸗ det, und findet es, wo man es nicht ſucht. Wie ſchrecklich wäre es, auf einen ſo ſchillernden und ſchwan⸗ kenden Begriff, der uns nirgend ſtichhaltig in der Hand bleibt, die Politik eines Staates zu bauen! Obwohl England in ſeinem Schooße die Volksfreiheiten ſchützt und vertritt, ſo hat es doch ein Intereſſe daran, daß in Frankreich keine Volkspolitik aufkomme, denn das würde einen Schwindel geben, der ganz Europa zu Boden reißt! Wir wollen aber hier ganz gemächlich und ruhig weiterleben, wir ſind einmal keine Idealiſten, Herr Graf, wir ſind Engländer, und die Freiheit ſoll unſerer Nation nicht blos die Köpfe, ſondern auch die Taſchen füllen. Wir müſſen durchaus reich werden, das iſt unſere Beſtimmung, und davon hängt alles Uebrige bei uns ab. Dieſe ächte und ausſchließliche Grundlage unſerer Politik müſſen wir hier feſthalten, — wenn überhaupt etwas aus uns werden ſoll. Der Geiſt iſt es nicht allein, der die Blüthe der Nationen ausmacht. Der Reichthum iſt die andere und ſolidere Seite der Volkskraft. Die Politik Pitt wird dem Reichthum auf dieſer grünen Inſel Altäre bauen, und unſer Kampf mit den übrigen Völkern ſoll dann fortan nur ein Wettkampf ſein!— Mirabeau, der ſich abgewieſen fühlte, ſchwieg einen Angenblick und ſchien zu überlegen, ob er ſeinem Un⸗ muth freien Lauf laſſen ſolle. Dann ſagte er raſch: Euere Herrlichkeit werden mir ſchon vergeben miiſſen, daß ich ein Enthuſiaſt für die Freiheit der engliſchen Verfaſſung bin, und von derſelben gern eine heilende Kraft auch auf die Frankreichs übergehen ſehen möchte! Ich bin auf jeden Engländer, denn er iſt ohne Zwe freieſte Individuum, das es gegenwärtig auf der Erde giebt. Und dieſe Verfaſſung Enres Landes, das Meiſterſtück unter allen bisher be⸗ kannten Conſtitutivnen, muß ſie nicht eine wunderbare Lebenskraft in ſich tragen, wenn man ſieht, wie ein Volk, welches von Hauſe aus keineswegs das begabteſte und edelſte iſt, ſich allein durch ſeine Verfaſſung zu dem erſten Rang unter den Nationen erhoben hat? Das engliſche Volk taugt an ſich nicht viel, denn es iſt dumm, unwiſſend, abergläubiſch, verſeſſen auf Vor⸗ urtheile und Launen, unzuverlaſſig im Handel und Wandel, und ſeinen materiellen Begierden mehr als das franzöſiſche Volk unterworfen. Und ein ſo ver⸗ derbtes Volk ſieht ſich vor ſeiner eigenen Verderbniß geſchützt und bewahrt, blos weil man es würdig be⸗ funden hat, bürgerliche Freiheit zu genießen, und weil man ihm ein Vaterland gegeben hat, das wie ein klares und ſicheres Firmament über ſeinem Leben ausgeſpannt liegt. Und was würde noch aus England werden, wenn die ſchönen Grundſätze ſeiner Verſaſſung auch — 203— auf die Vewaltung ausgedehnt würden, und wenn die Uebel und Schäden, die bei Euch Engländern noch in Euerer verrotteten Adminiſtration ſtecken, einſt auch von dem belebenden Freiheitshauch Euerer Staats⸗ verfaſſung durchdrungen und hinweggeweht werden könnten?*) Welch ein Bollwerk aber die engliſche Verfaſſung gegen alle Zufälligkeiten und Schwächen der regierenden Perſonen iſt, kann uns die heutige Situation Englands mehr als je beweiſen. Die Ver⸗ faſſung iſt die Geſundheit Englands, und wenn auch ſein Oberhaupt an Geiſt und Körper krank dahin ſiechen ſollte. Man erzählt von Euerem König Georg II., daß ſein Geiſt ſich oft in Fin iß zu verhüllen be⸗ ginne, und daß vielleicht die tdes Wahnſinns einmal ganz den Thron Engla bedecken könne? Aber was würde das dem Lande, dem Volke, dem Wohlbefinden Aller ſchaden? Euere Verfaſſung lebt und arbeitet durch ſich ſelbſt auf das Beſte, ſie iſt klar und vernünftig, wenn auch auf dem Thron Alles dunkel und verſtandlos ſein ſollte, und ſie iſt und bleibt die ſegenſpendende Macht, wenn auch an der Spitze des Staats die Ohnmacht ſelbſt regierte. Dies iſt ein glücklicher Zuſtand, und wenn Georg III., wie Fama hinterbringt, beim Zeitungsleſen ſtets ſeine Auf⸗ merkſamkeit verliert und einſchläft, ſo iſt dies die wahre Staatsidylle und charakteriſirt Ener politiſches Paradies. Wohl dem Volke, deſſen König beim Zei⸗ tungsleſen ruhig einſchläft und dem es gleichgültig ſein kann, ob ſein Monarch den Welthändeln gegen⸗ über ſchläft oder wacht!— Das Geſicht des engliſchen Miniſters hatte ſich bei dieſen Worten Mirabeau's ſichtlich verfinſtert Ein 3) Lettres à Chamfort p. 69. und in der Schrift Mirabeau's über die lettres de cachet, wie auch in den Considérations sur l'ordre de Cincinnatus. — 204— gewiſſer unangenehmer Ausdruck, der in Pitt's Antlitz und Haltung oft typiſch hervortrat, kündigte ſich zuckend an, verſchwand aber ſogleich wieder hinter einer di⸗ plomatiſchen Wendung, die den Unwillen über die eben gehörten Aeußerungen verſchleierte. Seine Majeſtät der König Georg III. befindet ſich wohl, ſagte Pitt darauf in einem ernſten und nach⸗ drücklichen Ton. Seit langer Zeit iſt der Geſundheits⸗ zuſtand Seiner Majeſtät nicht ſo erfreulich geweſen, und Gott Lob, wir dürfen den edelſten und herrlich⸗ ſten Monarchen nun wohl für alle Zeit von dem Dä⸗ mon der Krankheit erlöſt halten. Das Gegentheil würde ein unwiederbringliches Unglück für England ſein. Denn oh endige und ganz perſönliche Mitwirkung des für das Wohl Englands, ohne ſeine Kraft und Kunſt zu regieren, würde der Nation der eigentliche Stifter ihres Glückes fehlen. Eine ſolche durch ſich ſelbſt arbeitende Maſchine, die ſchon durch das Gehen ihres Räderwerks allein Wohl⸗ ſtand und Freiheit verbreite, iſt die engliſche Verfaſſung nicht. Dies hat Euch Franzoſen Euer Montesquien aufgeſchwatzt, der in der engliſchen Verfaſſung ein Univerſalmittel ſah, gewiſſermaßen ein Allerweltspfla⸗ ſter, das nur auf jedes beliebige Volk aufgeklebt zu werden brauche, um es alle Blaſen des politiſchen Glücks ziehen zu laſſen. Nein, Graf Mirabeau, die engliſche Verfaſſung iſt keine politiſche Arbeitsmaſchine, ſie ſoll und darf es nicht ſein, und wenn der lebendige Athemzug eines weiſen Königs nicht in ihren Rädern fühlbar iſt, wird ſie nicht nützen und nicht arbeiten. Hütet Euch in Frankreich vor der Sucht, Univerſal⸗ mittel für die politiſche Freiheit finden zu wollen. Euer Montesquien hat ſchon einen ganzen philoſophi⸗ ſchen Schweif von Menſchheitsrettern hinter ſich her⸗ gezogen, die bei Euch alle darüber brüten, wie poli⸗ — tiſche Freiheit und ſoeiales Glück in einem Schema aufgefangen und feſtgehalten werden könnten. Es ſollte mir um Euch leid thun, wenn auch Ihr Euere ſchönen Kräfte dazu verwenden wolltet, das Faß der Danaiden auszuſchöpfen. In der Politik handelt es ſich um lebendige Perſonen, nicht um Syſteme. Wie ſollte ich wohl mit den mich hier umgebenden Parteien fertig werden, wenn ich in denſelben etwas Anderes ſehen wollte, als Perſonen, die menſchlich fühlen und han⸗ deln, und denen darum auch menſchlich beizukommen ſein muß. Selbſt meine gefährlichſten Oppoſitions⸗ männer, wie Fox, Burke und Andere, die im Parla⸗ ment gegen mich antoben, gebe ich noch niemals ver⸗ loren, und ſuche den Punkt herbeizuführen, auf dem ſie ſich einſt zum Wohl des Ganzen mit mir vereini⸗ nigen könnten. Es gilt, heutzutage den Bau von nenem zu verfeſtigen, und gleichviel, wo man die Bau⸗ ſteine dazu hernimmt. Auch Fox, der die India⸗Bill eingebracht hat, und der große demokratiſche Burke, der im amerikaniſchen Kriege das Volksprincip geltend zu machen gewagt? fragte Mirabeau kopfſchüttelnd. Pitt ſchien ſich aber auf Einzelheiten dieſer Art nicht mehr einlaſſen zu wollen. Er wandte ſich, die Frage Mirabeau's überhörend, an Frau von Nehra, indem er ſie um Entſchuldigung bat, daß die Unter⸗ haltung im Wagen unerwartet und ganz ungehörig einen ſo ſtreng politiſchen Verlauf genommen habe. Dann deutete er mit der Hand auf ein großes Mode⸗ Magazin hin, an dem ſie eben vorüberfuhren, und an deſſen Schaufenſtern eine Reihe der zierlichſten Damen⸗ Hüte aushing. Würden Sie mir wohl erlauben, Ihnen dort einen neuen Hut nach engliſcher Mode auszuſuchen? fragte er lächelnd, und machte ſchon Miene, den Wagen ſtill⸗ — 206— halten zu laſſen. Es ſchiene mir wohl paſſend, daß der Premierminiſter Englands die Genugthuung für den Frevel gebe, durch welchen Eine der liebenswür⸗ digſten Fremden auf den Straßen Londons erſchreckt und beleidigt worden. Dies wäre zugleich für mich ſelbſt die reizendſte Genugthuung von der Welt, denn ich könnte dann vor Ihnen beweiſen, daß ich nicht blos der langweilige und ſteif geharniſchte Politiker bin, ſondern mich auch ein wenig auf die Künſte des Ge⸗ ſchmacks verſtehe. Da aber der große franzöſiſche Hut der Frau Gräfin gewiß am meiſten dazu beige⸗ tragen hat, unſer dummes, abergläubiſches, unwiſſendes und verderbtes Volk, wie Graf Mirabeau das eng⸗ liſche bezeichnet, zu verblüffen und aufzuveizen, ſo ver⸗ gönnen Sie, daß iam Pitt einen kleinen engliſchen Hut, wie er jetzt hier die ſchönſten Häupter ziert, an die Stelle ſetzen darf. Es iſt doch einmal nicht anders, daß jedes Land ſeine eigene Kappe hat, der man nicht nur Rückſicht und Schonung, ſondern auch, ſo lange man im Lande ſelbſt verweilt, ſogar Nachahmung ſchuldig iſt. Henriette ſah betroffen vor ſich nieder, und ließ dann aus den langen Wimpern einen ſchnellen, fra⸗ genden Blick zu Mirabeau hinüberfliegen, der ſeiner⸗ ſeits noch mit den letzten vieldentigen Aeußerungen Pitt's beſchäftigt ſchien. Nachdem ſie einen zuſtimmenden Wink von ihm empfangen, verbeugte ſie ſich mit ihrer lieblichen Un⸗ befangenheit gegen den Miniſter, und erklärte, wie ſie mit vielem Bank ſein Anerbieten annehmen werde. Der Wagen hielt ſtill, und William Pitt, der plötzlich bemüht war, ſich als leichten Cavalier zu gebärden, reichte. der Frau von Nehra ſeinen Arm, indem er ſie dann mit aller Verbindlichkeit in das Magszin geleitete. Das Ausſuchen des Hutes, worin Pitt einen ziem⸗ lich ſichern Takt bewies, war in einigen Minuten vollbracht, und Henriette erfreute ſich mit ſichtlichem Wohlgefallen des ungemein zierlichen und modiſch ele⸗ ganten Exemplars, welches ſie an der Stelle ihres großen Pariſer Hutes eintauſchte und ihrem Kopfe anpaſſend fand. Mirabeau, mit welchem der Miniſter anſcheinend zu ſprechen vermied, hatte ſich inzwiſchen, ohne daß es der Miniſter gewahr wurde, beeilt, am Comtoir die Rechnung für den ausgeſuchten und von Pitt noch prüfend in Angenſchein genommenen Hut ſogleich zu berichtigen. Als Frau von Nehra jetzt ihre Zufrieden⸗ heit mit dem neuen Modeſtück ſchließlich zu erkennen gab, ſah ſich der Miniſter in ſeiner Anordnung, wo⸗ nach die Rechnung in ſein Hötel geſchickt werden ſollte, auf eine ihn unangenehm berührende Weiſe gekrenzt. Mit einiger Verſtimmung in ſeinem Geſicht lud er ein, den Rückweg zum Wagen anzutreten⸗ Mirabeau bat jedoch um die Erlaubniß, jetzt eines der nahebei haltenden öffentlichen Fuhrwerke beſteigen zu dürfen, weil ſeine Wohnung, wenn auch nicht mehr entfernt, doch zu ſehr in einer dem Miniſter⸗Hötel entgegengeſetzten Richtung abliege, um nicht einen Miß⸗ brauch der ihm bewieſenen Güte befürchten zu müſſen. Pitt warf ihm einen kalten forſchenden Blick zu, und willigte dann mit einer leichten Verneigung ein. Man trennte ſich in einer zuletzt ſehr bemerklich ge⸗ wordenen gegenſeitigen Mißſtimmung.— In ſeine Wohnung zurückgekehrt, warf ſich Mi⸗ rabeau mit ausbrechendem Unmuth auf den Sopha, und erging ſich plötzlich in heftigen Klagen und Ver⸗ „wünſchungen über ſein Mißgeſchick, das ihn überall verfolge. Henriette war zu ihm herangetreten, und legte ihre Hand wie begütigend auf ſeine heiße, gedanken⸗ —————————— volle Stirn. Warum biſt Du ſo unzufrieden, mein Freund? fragte ſie mit ihrer ſanften, zärtlichen Stimme. Ich ärgere mich über mich ſelbſt, erwiederte er ſeufend. Der Zufall führt mir die allergünſtigſte Sitnation herbei, in der ich mit dem erſten Staats⸗ mann Englands in die vertraulichſte Unterhaltung ge⸗ rathe. Und ſtatt dieſe Situation zu meinem Vortheil zu benutzen, wie ich gekonnt und gemußt hätte, verläßt mich jeder diplomatiſche Takt, und ich falle bei ihm gewiſſermaßen mit der Thür ins Haus. Leipenſchaft⸗ lich und unbeſonnen hat man mich von jeher genannt, aber daß ich als Tölpel der Wahrheit figuriren würde, da wo es auf nichts Anderes ankam, als klug, ver⸗ ſteckt und berechneßee ſein, das kann ich mir nicht vergeben. Ich habe mich mit William Pitt unter⸗ halten, wie ich zu Hauſe mit Chamfort oder Condorcet geſchwatzt hätte. Das war meiner vielleicht würdig, aber es war entſetzlich dumm für Jemand, der ſich eingebildet hatte, in London vielleicht eine Art von diplomatiſcher Verwendung finden zu können oder von dem Miniſterium Pitt zu heimlichen Aufträgen ge⸗ braucht zu werden. Ich hatte nicht gedacht, daß mir meine natürliche Offenheit einen ſolchen Streich ſpielen könnte. Statt dieſem Pitt zu ſagen, wie ich denke und was ich will, hätte ich eine Komödien⸗Scene mit ihm aufführen müſſen, in der ich mit einem Gemiſch von Treuherzigkeit und Perfidie mir den Anſtrich ge⸗ geben, als ob ich ſeine geheimſten Gedanken errathen und alle meine Kräfte nur zu einer melodienreichen Variation ſeines Thema's beſtimmt hätte. Statt deſſen blaſe ich mein eigenes Lied auf meinem eigenen In⸗ ſtrument ihm gerade vor der Naſe ab, und als er dies nicht vertragen kann, klopfe ich ihm faſt noch mit meinem Inſtrnment auf die Finger. Nun jetzt werde ich wirklich noch chineſiſche Grammatiken und 4— — geographiſche Handbücher ſchreiben können, wenn wir nicht hier in London im Elend verkommen wollen! Du darfſt Dich nicht ſo ärgern, Mirabeau, ver⸗ ſetzte Henriette, ihn mit ihrer liebkoſenden Hand ſtrei⸗ chelnd. Du biſt ſo viel, wie dieſer engliſche Miniſter, und ich habe es gern, wenn die Männer unter ein⸗ ander ſich tapfer über ihre Anſichten ſtreiten. Will er Dir keine Aufträge geben, ſo werden wir ſchon ohne ihn fertig werden, denn wir ſind nicht auf den Kopf gefallen, und eine große, große Zukunft gehört Dir, Mirabeau! Heut laß uns nur heiter und luſtig ſein, denn mir iſt wieder ſo recht von Herzen fröh⸗ lich zu Muthe. Ich bin wieder geſund geworden. Der Spaziergang mit Dir hat Wunder an mir ver⸗ richtet, und alle meine Kräfte fühle ich wie neubelebt. Und heiſa, habe ich denn nicht einen wundervollen neuen engliſchen Hut bei dem heutigen Abenteuer davon⸗ getragen, einen Hut, ſo zart und leicht, daß ihn Ti⸗ tania, die Elfenkönigin, tragen könnte, und den Seine Herrlichkeit der Miniſter William Pitt, mir ausge⸗ ſucht, mein Schatz aber redlich bezahlt hat. Ja, Mi⸗ rabeau, willſt Du Deinen alten Luſtigmacher wieder an mir haben?— Sie rannte bei dieſen Worten von ihm hinweg, und rief gebieteriſch Miß Sarah herbei, die zuerſt mit einigem Unwillen von dem Sopha heruntergeſprun⸗ gen kam, und den Sitz an den Füßen ihres Herrn verließ. Henriette aber holte jetzt den alten Pariſer Hut herbei, den ſie wieder mitgebracht hatte, und ſetzte denſelben dem Hunde in aller Form auf den Kopf, indem ſie ihm zugleich die Bänder an Hals und Pfoten befeſtigte und daran herunterflattern ließ. Während ſich das Thier nun ängſtlich und ſchwer⸗ fällig in dieſem Kopfputz umherbewegte und ſich da⸗ mit in einen Winkel des Zimmers zurückzog, ſtellte Mirabeau. 1. 14 — 210— ſich Henriette, die ihr Ausſehn plötzlich durch die ab⸗ ſcheulichſte und lächerlichſte Mimik verändert hatte, jetzt dicht vor den Hund hin, und begann die wunderbar⸗ ſten Capriolen zu ſchneiden. Es war erſichtlich, daß ſie den Lord Trumpeter nachmachen wollte, der durch den Schreckenseindruck des gewaltig großen franzöſiſchen Hutes ſich zu einem Attentat gegen eine ſchöne Pari⸗ ſerin hinreißen läßt. Sie wußte nicht nur die Geſtalt und Haltung mit der größten Virtuoſität nachzuäffen, ſondern ſie ſtieß auch, nachdem ſie ſich gegen Miß Sarah mit denſelben zudringlichen Witzworten und Handbewegungen vergangen, von Zeit zu Zeit denſel⸗ ben ſchmetternden Trompetenlaut durch ihre Finger aus. Dann ſang ſie mit einer krähenden und näſeln⸗ den Stimme, die genau an Lord Trumpeter erinnerte, und unter Begleitung ihrer allerliebſten Capriolen das engliſche Volkslied ab, von dem ſie in der That einige Worte und Wendungen behalten hatte. Mirabeau konnte dieſem poſſirlichen Eindruck nicht widerſtehen, und belohnte ſeine Freundin mit einem herzlichen Gelächter, mit dem er ſeine ſchwermüthige Stimmung unterbrechen mußte. Frendig ſprang ſie nun zu ihm hin, um ihm ihren Dank dafür durch einen langen Kuß auszudrücken. ——— 5 II. III. W II. 1II. Seite Das Landhaus der Madame Helvétius.. 5 Der Hund des Mirabean und die Katze des gelvetins 41 Henriette van Haren..... Mirabeau und Hentiete 95 Das geheimnißvolle Kind. 104 Zweites Buch. Die Hochzeit des Figarv. Fran von Nehra 124 Die Hochzeit des Figaro 149 Ein Spaziergang durch London. 178 Inhalts⸗Verzeichniß. Erſtes Buch. Die Freunde in Anteuil. ſſ ſſſ 8 9 10 11 1— 1 2 13 14 1 6