Leih engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Gktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und weſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesehreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus zbezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. S . 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 8 g S S Graf Mirabeau. Graf Mirabem. S2 Von Theodor Mundt. Pritter Theil. Zweite, verbeſſerte Auflage. — Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Fünftes Buch. MWirabeun in Perlin. I. hon Paris nach BZerlin. Es war an einem der letzten Decembertage des Jahres 1785, als ein Reiſewagen, der von einem Poſtillon geführt wurde, bei beginnender Nacht zwiſchen Toul und Verdun in langſamer Fahrt über die Land⸗ ſtraße hinfuhr. Der bedeutende Schneefall hinderte die raſchere Fortbewegung des Wagens, der auf ſeiner Bahn häufig Unterbrechungen fand, die nur mit großer Mühe beſeitigt werden konnten. Die Straße zog ſich an den Ufern der Maas vor⸗ über, auf deren feſtgefrorenen Eisflächen der Mond mit bleichen Strahlen hin⸗ und herzitterte. Die Mitter⸗ nachtsſtunde war herangekommen und der Reiſewagen bog eben in einen Wald eiß, durch welchen die Land⸗ ſtraße ſich fortſetzte. Eine lautloſe Stille herrſchte in der ganzen Ge⸗ gend, die nur durch das Knarren der Baumzweige im Froſt und durch ein hin und wieder anſchlagendes Geſchrei der Krähen unheimlich unterbrochen wurde. Die Geſellſchaft, welche ſich in dem Reiſewagen befand, war in den tiefſten Schlaf verſunken, und nur ein Hund, der zu den Füßen ſeines Herrn lag, hatte keine Ruhe finden können, ſondern erging ſich zuweilen in einem leiſen Winſeln, durch welches eine junge Dame, die in der einen Ecke des Wagens ſaß, immer von Neuem wieder aus dem Schlummer, der ſich kaum ihrer bemächtigt hatte, emporgeſchencht wurde. Sie faßte dann, wie es ſchien, den Entſchluß, den Schlaf gänzlich aufzugeben, und nachdem ſie mit ſorg⸗ fältig prüfenden Augen ihren in einen gewaltigen Pelz eingehüllten, tief ſchlummernden Nachbar und einen kleinen Knaben, der auf dem Rückſitz in den Armen einer Wärterin eingeſchlafen war, betrachtet hatte, lehnte ſie ſich zu dem Wagenfenſter hinaus, deſſen Glasſcheibe herabgelaſſen war. Ihr ſchönes Auge blickte klar und ſcharf in den weiß ſchimmernden Wald hinaus, der jetzt dicht an der Landſtraße hin ſich fortzog, und deſſen von Eis und Schnee zitternde Baumgruppen in dem ſpielenden Licht des Mondes allerhand wunderbare Geſtalten bildeten. Du biſt wahrhaft unausſtehlich, Sarah! flüſterte ſie dann, zu dem Hunde ſich niederbeugend, der ſeine leiſe wimmernden Klagetöne von Neuem erhob. Ich glaube, Du haſt Furcht in dem nächtlichen, ſchauer⸗ lichen, frierenden Wald. Witterſt Du etwa Geſpenſter, dumme Sarah? Henriette ſchien bei dieſen Worten ſelbſt in eine Art von Beunruhigung zu gerathen. Mit einer haſti⸗ gen Bewegung ſteckte ſie ihren Kopf weiter zum Wagen⸗ fenſter hinaus, zog ihn aber in demſelben Augenblicke wieder raſch zurück, und ſchien in der Berührung von Mirabeau's Hand, die ſich eben zufällig auf ihren Schooß hinabgeſenkt hatte, eine Erkräftigung zu ſuchen. Der Anblick ihres in tiefſter Ruhe und Zuverſicht neben ihr ſchlummernden Freundes ſchien ihre aufgeregten Beſorgniſſe wieder vollſtändig zu zerſtreuen. Sie beſchäftigte ſich von Neuem mit dem Betrachten der nächtlichen Winterlandſchaſt, die ſie jetzt ſo glän⸗ 3 zend und ſchön um ſich her fand, daß ſie ſich ſelbſt in ihren Gedanken auszuſchelten begann, wie ſie zuvor ſich hatte einfallen laſſen können, ſo ſeltſame und ab⸗ geſchmackte Erſcheinungen zu haben. Es war ihr näm⸗ lich geweſen, als wenn ſeit einiger Zeit dunkle Ge⸗ ſtalten den Wagen umſchlichen, die bald langſamer, bald raſcher mit ihm weiter zogen und ſich dann ſpur⸗ los wieder in dem Wald verbargen, plötzlich aber wieder hervortraten, und nahe an das Fenſter kom⸗ mend, mit furchtbaren Blicken in den Wagen herein⸗ ſpähten. Es ſind Baumzweige geweſen, ſo wie dieſer hier, dachte Henriette, indem ſie einen von Eis blinkenden Zweig, den der vorbeiſtreifende Wagen ſo eben in das Fenſter hereingedrückt hatte, mit der Hand abbrach, und wie zur Vergewiſſerung über die Täuſchungen ihrer Einbildungskraft ſorgfältig zu betrachten anfing. Ich werde aber wach bleiben und Alles um mich her genau beobachten, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie wieder mit erneuertem Muth in die Nacht hinaus⸗ blickte. Sie erſchien ſich in dieſem Angenblicke wie der behütende Genius der Uebrigen, und lächelte in dieſem Bewußtſein von Zeit zu Zeit ihrem Freunde Mirabeau und dem kleinen Coco zu, die mit dem regelmäßigen und eifrigen Athmen ihres Schlummers jetzt einzig und allein die rings herrſchende Stille unterbrachen. In dieſem Augenblicke fiel ein Piſtolenſchuß, der aus dem Gebüſche her in den Wagen drang, jedoch außer dem erſchreckenden Knall keine Spuren in dem⸗ ſelben zurückließ, da die Kugel zu dem entgegengeſetzten Fenſter wieder hinausgefahren war. Mein Freund, mein Freund, man ſchießt auf uns! rief Henriette mit einem hellen Angſtſchrei, indem ſie ſich an Mirabeau anklammerte und denſelben, der noch mit dem Schlafe rang, durch ihr heftiges Rütteln voll⸗ ſtändig zu wecken ſuchte. In demſelben Moment aber hörte man zwei andere Schüſſe losgehen, die faſt gleichzeitig fielen. Eine Ku⸗ gel blieb in dem Innern des Wagens haften, verur⸗ ſachte jedoch nur eine Beule an dem Kutſchenſchlag und fiel dahn an den Boden nieder. Die Bewegung, die Henriette machte, und mit der ſie auch den ſich erſt jetzt ermunternden Mirabeau emporriß, wurde wahrſcheinlich die Urſache, daß Keiner von ihnen ge⸗ troffen worden war. Der Hund brach jetzt in ein lautes Heulen aus, Henriette wehklagte leiſe in ſich hinein, und auch der kleine Coco fuhr mit ſchmetterndem Geſchrei von dem Schooß ſeiner Wärterin empor. Nachdem Mirabeau ſich einigermaßen von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, begann er zuerſt das Kind zu unterſuchen, um ſich von der Unverletztheit deſſelben zu überzeugen. Dann ſagte er zu ſeiner Freundin, nicht ohne eine Anwandlung von ſchauerlichem Gefühl: Das waren keine Diebe und Räuber, denn Leute dieſer Art ſind nicht ſo unerfahren in der Ausübung ihres Handwerks. Ein Räuber, der uns berauben wollte, würde nicht drei Schüſſe in den Wagen gethan haben und dann verſchwunden ſein. Er würde ſich noch weiter mit uns abgefunden haben, um die Koſten für Pulver und Kugeln wieder an uns herauszubrin⸗ gen. Aber dieſe Dilettanten, die plötzlich in den Wagen hineinſchießen und dann die ganze Sache auf ſich beruhen laſſen, ſind gedungene Mörder, doch ſie machten Pfuſcherarbeit, und ich möchte Tauſend gegen Eins wetten, daß ein Frauenzimmer ſie gedungen hat. Iſt es möglich? rief Henriette mit einem erneuer⸗ ten Angſtſchrei, indem ſie ſich in die Arme Mirabeau's ſchmiegte. Wirſt Du uns denn ſchützen und retten können, Mirabeau? Du haſt gewiß große und mäch⸗ tige Feinde in Paris zurückgelaſſen, aber ich kann nicht begreifen, warum gerade die Damen auf Dich ſollten ſchießen laſſen? Nein, mein Freund, das bildeſt Du Dir blos ein, daß ſie Dir auch noch auf dieſe Weiſe nachſtellen ſollten. Und leider hätten ſie es nicht ein⸗ mal nöthig, denn Du biſt gar nicht ſo ſchlimm gegen ſie, Mirabeau. Du weißt, wie oft ich deshalb mit Dir geſchmollt habe, mein Freund.— Sie bemerkten aber in dieſem Augenblick zu ihrer Verwunderung, daß der Wagen umgekehrt war und mit einer fürchterlichen Eile einen Feldweg einſchlug, der zu dem Orte, von dem ſie vor Kurzem ausge⸗ fahren waren, zurückzuführen ſchien. Mirabeau rief ſeinen Diener an, der aber nicht mehr neben dem Poſtillon auf dem Bocke ſaß, wo er bisher ſeinen Platz eingenommen hatte. Der Poſtillon gab an, daß er ohne Säumen und auf dem nächſten Wege zu ſeinem Poſthauſe zurück⸗ zukehren beabſichtige, weil er den Wald nicht mehr für ſicher halte. Der Diener Mirabeau's ſchien ſich u Schrecken und Angſt auf die Flücht begeben zu aben. Alle Ermahnungen und Scheltworte Mirabeau's vermochten nicht, den Poſtillon von ſeinem einmal ge⸗ faßten Entſchluß wieder abzubringen, und er jagte nur um ſo entſetzlicher von dannen, ſo daß die Beſorgniß entſtehen mußte, auf der ſchlechten Straße mit dem Wagen umgewotfen zu werden. Und Du haſt einen beſtimmten Argwohn, daß eine Dame einen Mörder gegen Dich gedungen haben könnte? fragte Henriette wieder, die von der neuen Gefahr nicht beunruhigt zu werden ſchien, weil ſie den ihr ſo auf⸗ fallend erſchienenen Worten Mirabeau's ſeitdem in ſichtlicher Bewegung nachgedacht hatte. Zugleich ver⸗ rieth ſich wieder der ihr eigenthümliche Scharfblick, indem ſie, während Mirabeau in einiger Verlegenheit noch mit der Antwort zögerte, ganz leiſe hinzuſetzte: Frau von Calonne ſoll eine ſehr ſchöne, aber auch ſehr böſe Frau ſein. Ich hörte, daß ſie eine geborene Italienerin iſt. Und was kann uns das ſchaden, mein Kind? er⸗ wiederte Mirabeau lachend, indem er bereuete, ſich vorher durch eine unvorſichtige Aeußerung verrathen zu haben. Ich habe oft geleſen, wie rachfüchtig die Italiene⸗ rinnen ſind, und daß ſie gleich mit Dolch und Gift um ſich werfen, wenn ſie ſich von Jemanden verletzt glauben, ſagte Henriette, indem ſie ſich nahe und ängſt⸗ lich zu Mirabeau hinüberbog. Könnten ſie nicht auch einmal mit Piſtolen ſchießen laſſen? Nein, mein Schatz, das glaube ich nicht, antwor⸗ tete Mirabeau trocken auf dieſe mit der drolligſten Naivetät ihm vorgelegte Frage, indem er, um ihr Schweigen aufzuerlegen, wiederholt ihren Mund küßte. Der Wagen wurde über die häufig durch Schnee⸗ maſſen unterbrochene Straße ſo heftig und raſch da⸗ vongeführt, daß der unaufhörlich ſchwankende und ſtoßende Wagen die Fortſetzung des Geſprächs er⸗ ſchwerte, obwohl Henriette, die immer noch grübelte, noch tauſend Fragen auf dem Herzen zu haben ſchien. Nein, mein Kind, begann Mirabeau nach einer Pauſe wieder, indem ihm ihre fortgeſetzte Bennuuhi⸗ ung leid zu thun anfing, es giebt keine ſchöne Frau in Paris, die zu einer ſolchen Rache gegen mich veran⸗ laßt ſein könnte, daß ſie bis hierher in den Wald bei Verdun mir mörderiſche Schüſſe nachſenden ließe. Und eine Häßliche kann es gar nicht geweſen ſein, denn dieſe Gattung bringe ich von ſelbſt nie in die Verſuchung, ſich an mir rächen zu müſſen. Und ich kann Dich verſichern, Frau von Calonne iſt durchaus nicht ſchön. Ihre Naſe iſt entſchieden zu lang, ihre Augen ſchimmern in's Graue, was, wie Du weißt, mir ſo unangenehm iſt, und auf ihren dicken, wulſtigen Lippen ſitzt mehr ein boshafter Teufel, als ein koſender Liebesgott. Ich begreife in der That nicht, wie Deine eängſtigt umherirrende Phantaſie in dieſem Augen⸗ hlic gerade auf Frau von Calonne kommen konnte. Ich kenne ſie faſt gar nicht, und habe ſie nur ein ein⸗ ziges Mal in einer Soirée geſehn. Aber weißt Du, wie das Frauenzimmer heißt, welches dieſe Mörder gegen mich gedungen haben kann? Es heißt Zufall, denn ich habe den Zufall, der mit Allen buhlt und gegen Alle ſich verſchwört, von jeher für ein ſchlechtes Frauenzimmer gehalten und immer nur als ein ſol⸗ ches bezeichnet. Es iſt ein Zufall, wie er mich noch auf allen meinen Reiſen verfolgt hat, denn wann wäre ich jemals ausgereiſt, ohne daß mich nicht unterwegs irgend eine Gefahr betroffen hätte? Denke nur an unſere Reiſe nach London, wo wir faſt noch im Ha⸗ fen durch den kleinlichſten und nichtswürdigſten Zufall Schiffbruch erlitten hätten?— Obwohl Henriette durch dieſe ruhige und würdige Auseinanderſetzung keineswegs ganz befriedigt ſchien, ſo wandten ſich doch ihre Gebanken jetzt wieder von dieſen Vorſtellungen ab, indem der Wagen in dieſem Augenblick vor der Poſtſtation anlangte, wo bereits eine große Aufregung über das, was geſchehen war, herrſchte. Der Diener Mirabeau's war in der Angſt, die ihn plötzlich ergriffen hatte, hierher vorausgeeilt und hatte in der That eher als der Wagen das Poſthaus erreicht, welches durch ſeine ſchreckensvollen Erzählun⸗ gen ſogleich in die größte Bewegung verſetzt worden war. Er ſtand jetzt am Schlage, um denſelben zu — öffnen und dem Grafen Mirabeau beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Mirabeau verlangte ſogleich mit ſeiner gewaltig ſich erhebenden Stimme nach dem Poſthalter, und als derſelbe zögernd und ängſtlich hervortrat, wurde ihm der Befehl zugedonnert, einen andern Poſtillon zu ſtellen, oder dieſen, der in feiger Flucht und wider den Willen der Reiſenden mit ihnen den Rückweg angetreten, zur ſofortigen Fortſetzung der Reiſe zu veranlaſſen. Der Poſtillon betheuerte mit herzhaften Flüchen, daß er denſelben Weg nicht wieder zurückfahren werde, da der Wald voll von Räubern und Mördern ſtecke, und er ſein Leben und ſeine Pferde nicht auf's Spiel ſetzen könne. Vergebens wurde ihm vorgeſtellt, daß ein weiterer Anfall unmöglich zu befürchten ſei, da die Räuber annehmen müßten, daß inzwiſchen eine An⸗ zeige geſchehen wäre, und ſich deshalb vor der ihnen drohenden Verfolgung zurückgezogen haben würden. Der Menſch aber verharrte bei ſeiner Weigerung, und der Poſthalter, der ihm nur mit ſehr gelinden Vorſtellungen entgegentrat, erklärte bald darauf, daß die Fortſetzung der Reiſe erſt in einigen Stunden geſchehen könne, weil der Wagen, der bei der Eile des letzten Weges an den Rädern beſchädigt worden, einer Ausbeſſerung dringend bedürfe, wenn nicht die Sicherheit der Reiſenden gefährdet werden ſolle. Mirabeau mußte ſich, obwohl unter den heftigſten Zornausbrüchen, in dieſes neue Hinderniß finden. Die Wärterin mit Coco wurde ſo lange in der Poſt⸗ ſtube untergebracht, die aber kaum noch für andere Perſonen einen ausreichenden Raum darzubieten ſchien. Mirabeau und Henriette zogen es daher vor, im Freien zu bleiben, und ungeachtet der ſchneidenden Mitternachtskälte in der Straße vor dem Poſthauſe mit einander auf und abzuwandeln. Am Nachthimmel war der feierliche Reigen der ſchönſten Sterne emporgegangen. Der Horizont ſchien eine wunderbare Saat von perlenden Feuerfunken zu ſein, und Henriette, die mit ſchwärmeriſchen Blicken in die unendliche Höhe hinaufſchaute, drängte ſich in⸗ niger an die Seite Mirabeau's, der ſeinen ſtattlichen Pelz, in den er eingehüllt war, zum Theil um die Schulter ſeiner zarten Freundin geſchlagen hatte. Sie begann heftig zu huſten, denn die Anſtrengungen der Reiſe, bei denen Mirabeau durchaus keine Rückſicht eintreten ließ, ſchienen ſich in ihrem ſeit einiger Zeit ſehr erſchütterten Geſundheitszuſtande bemerklich zu machen. Sage mir, Mirabeau, begann ſie nach einem Au⸗ genblick des Schweigens, warum Du ſo fürchterliche Eile mit dieſer Reiſe haſt? Ich für mein Theil be⸗ klage mich nicht, denn ich kann einen guten Puff ver⸗ tragen, und eine ſolche Minute, wie dieſe, wo ich mit Dir, mein einzig geliebter Freund, unter dem Sternenglanz des vollen Himmels, von der ganzen Welt abgeſchieden und nur Dir vereint, daſtehe, wiegt für mich alle Strapazen und Aengſte auf, die nur ir⸗ gend noch kommen mögen! Aber die Kälte iſt ſehr bedeutend, und ich fürchte, daß der kleine Coco von dieſen Nachtreiſen ernſtlich Schaden nehmen könnte. Er iſt ja bereits ein junger Mann von vier Jah⸗ ren, entgegnete Mirabeau leichthin, und er ſoll einmal ein tüchtiger Mann werden. Dies kann man nur, wenn man früh mit Mühſeligkeiten ſich herumſchlagen muß. Aber es wird ja wohl ſo ſchlimm mit ihm nicht werden, denn der Junge, dünkt mich, iſt gut eingepackt, und ſeine Wärterin, die ihn beſtändig in —— ihren Armen ſchützt, iſt eine provencaliſche Bäuerin, die ihre ſtarke Lebenswärme auf ihn ausathmet. Aber ich will Dir ſagen, warum ich ſo eile auf dieſer Reiſe, fuhr er nach einer Pauſe fort, in der ſeine Augen mit einem mächtigen, ernſten Aufblick zu den Sternen über ſeinem Haupte ſich wandten. Ich reiſe darum ſo raſch und unaufhaltſam, weil die großen Männer dieſer Erde den Sternen des Himmels gleichen. Jetzt glauben wir ſie noch zu ſehen, und neigen uns anbetend vor ihrem ſtrahlenden Sein in den Staub. Aber in demſelben Augenblick ſchwinden ſie ſchon über uns dahin mit all ihrer flammenden Größe, und ehe wir es denken, ſind ſie untergegangen, und wir ſehen ſie nicht mehr. Henriette lehnte ihren Kopf an ſeine Bruſt und ſah ihm aufmerkſam forſchend in die Augen. Du blickſt mich verwundert an, ſprach er weiter, und Du ahnſt nicht, daß ich von einem großen König im Norden ſpreche, zu deſſen Hauptſtadt wir jetzt dieſe Reiſe machen. Es iſt Friedrich der Große, und man glaubte in Paris ſchon bei unſerer Abreiſe, daß er im Sterben läge, und daß die Augenblicke ſeines Stun⸗ denglaſes gezählt ſein würden. Wir eilen jetzt Tag und Nacht zu ihm, denn mich verlangt, ihn vor ſei⸗ nem Hinſcheiden noch zu ſehn. Es bringt Segen, von den Augen großer Männer getroffen zu werden. Das wirft einen Sternenglanz in unſere Seele, der nie erliſcht. Die Lage Europas wird und muß ſich än⸗ dern, ſobald Friedrich ſeine Augen geſchloſſen hat. Vielleicht bedeutet ſchon dieſes Nordlicht, weiches ſich dort in der Ferne des Horizonts gebildet zu haben ſcheint, mit ſeinen dunkelrothen Flammen den Krieg und den Aufruhr, der ſich bald in ganz Europa ent⸗ zünden wird. Wir müſſen wiſſen, wie Frankreich ſteht, und darum eil wir nach Berlin. Unſer Gonverne⸗ en — ment kann ſeinem dortigen Geſandten nicht trauen, der ein unbeholfener Schwachkopf iſt. Es kommt darauf an, daß der Tod Friedrichs des Großen nicht blos ſogleich und auf der Stelle durch einen Courier nach Paris gemeldet wird, ſondern daß dieſer Nachricht auch ſofort die richtigen und entſcheidenden Bemerkungen über die Lage der Dinge in Preußen und Deutſchland beigegeben werden. Darum, meine ſüße Freundin, eilen wir in Geſchwindmärſchen durch Nacht und Wind, durch Kälte und Gefahr nach Berlin!— Henriette wollte ihm demüthig die Hand küſſen, aber er ſchloß ſie innig in ſeine Arme.—— Der Reiſewagen wurde endlich fertig, und da der Morgen ſchon heranzudämmern begann, wurden die Bedenken des Poſtillons, dem außerdem noch ein reichliches Trinkgeld in Ausſicht geſtellt ward, jetzt leichter überwunden.— Die Reiſe ging über Nanci, Frankfurt am Main und Leipzig nach Berlin, wo Graf Mirabeau mit ſeiner „Horde“ glücklich an einem ſchönen Januartage des neuen Jahres 1786 anlangte.— I. Die Botſchaft nach Sans ſouci. Graf Mirabeau hatte vorläufig in der Ville de Paris, einem der erſten Gaſthöfe in Berlin, ſeine Wohnung genommen. Der Gaſthof lag in der Brü⸗ derſtraße, und bot zwar den Anſprüchen, die Mira⸗ beau bei ſolcher Gelegenheit zu machen pflegte, keine ſehr genügende Einrichtung dar, aber es war ihm ge⸗ ſagt worden, daß er in der Hauptſtadt des Könße — von Preußen, in der ihm die äußere Eleganz noch ſehr zurückgeblieben zu ſein ſchien, auf nichts Beſſeres rechnen dürfe. Die Stadt hatte zuerſt einen ungemein öden und leeren Eindruck auf ihn und ſeine Gefährtin gemacht, doch wußte er Allem, was er ſah und hörte, bald einen viel günſtigeren und bedeutſameren Character abzugewinnen. Seiner Gewohnheit nach hatte er den erſten Tag, noch ehe er irgend etwas Anderes unternehmen wollte, faſt nur auf den Straßen von Berlin zugebracht, um die Phyſiognomie der Stadt in allen ihren einzelnen Theilen aufzufaſſen und das Leben in der gewöhnlichen Miſchung des Tages kennen zu lernen. Während Henriette zu Hauſe blieb, um den dunkeln und win⸗ keligen Zimmern, die ihnen in dem Hötel eingeräumt waren, mit der ihr eigenen Sorgſamkeit und Geſchick⸗ lichkeit den Anſtrich eines wohnlichen Behagens zu geben und ihre Sachen zu ordnen, hatte Mirabeau in ſeiner nie ermüdenden Beweglichkeit faſt die ganze Stadt durchlaufen und war an allen Ecken und Enden derſelben, ja ſelbſt vor einigen Thoren Berlins und im Thiergarten, geweſen. Er hatte ſich ſogar unter das Volk gemiſcht, ſoweit er die Gelegenheit dazu fand, und obwohl er bei ſeiner noch ſehr unvollkommenen Kenntniß des Deutſchen nur in gebrochener Redeweiſe ſich verſtändlich machen konnte, ſo erſetzte er dieſen Mangel doch durch die außerordentliche Kunſt des Fragens, die ihm von jeher zu Gebote geſtanden In ſeine Fragen wußte er Jeden, der ihm nur in den Wurf kam, ſo angelegentlich zu verſtricken, daß kein Entrinnen vor dieſer Wißbegierde möglich ſchien, die ſich ebenſo einſchmeichelnd als intereſſant zu gebärden wußte, und den Angeredeten zugleich auf die unwider⸗ — ſtehlichſte Weiſe an den ſtattlichen und merkwürdigen Frager feſſelte. Ein Handwerker, mit dem Mirabeau auf der Kur⸗ fürſten⸗Brücke vor der ehernen Reiterſtatue des großen Kurfürſten Bekanntſchaft gemacht, war eine Zeitlang ſein Führer und Begleiter geworden, und hatte ihn in ſeiner Weiſe, die aber für Mirabeau gerade die erwünſchteſte und lehrreichſte war, über Straßen und Plätze, und manches Andere, zu orientiren geſucht. Es war ein Schuhmacher, der eine ganze Galerie von Schuhen und Stiefeln an einem Stock über ſeiner Schulter trug, die er im Begriff war, ſeinen Kunden in der Stadt zu überbringen. Mirabeau, der ein be⸗ ſonderes Talent hatte, mit Handwerksleuten umzugehen, und auf eine ſie beredt und vertraut machende Weiſe mit ihnen zu verkehren, hatte den ehrſamen Meiſter, der ſeine Arbeitslaſt gerade über dem eiſernen Gitter des Denkmals ruhen ließ, ſehr ergiebig für politiſche und vaterländiſche Betrachtungen gefunden. Der Mann wußte ihm zwar nicht ganz genau zu ſagen, wer der große Kurfürſt geweſen, und Mirabeau dachte dabei mit Betroffenheit an die Leute aus dem Volk in Paris zurück, die in der Regel von jedem hiſtoriſchen Monu⸗ ment, das ſich in ihrer Stadt befindet, und das ihrer eigenen Geſchichte angehört, eine genaue Kunde haben. Aber der Schuhmacher von Berlin wußte wenigſtens ſo viel zu ſagen, daß der gewaltig auf ſeinem Pferde thronende Kurfürſt ein ſehr tapferer und gottesfürch⸗ tiger Herr geweſen ſei, der auch den Herren Fran⸗ zoſen ſeiner Zeit viel zu ſchaffen gemacht habe, obwohl Alles, was er gethan, doch nur ein reiner Spaß ſei gegen die Heldenthaten des alten Fritz, der den Fran⸗ zoſen bei Roßbach fürchterlich die Jacke ausgeklopft habe. Erfreut über dieſe Unumwundenheit, die in der Berliner Volksmanier ſich drollig genug ausnahm, Mirabeau. II. 2 — fragte ihn Mirabeau, ob er denn wiſſe, daß Er auch ein Franzoſe ſei, was aber den Schuhmacher nicht in die geringſte Verlegenheit verſetzte. Derſelbe lüftete mit einem ironiſchen Seitenblick ſeine Mütze, und ſagte dann, ziemlich gutmüthig lächelnd: die Fremden ſind hier faſt alle Franzoſen, und man kennt Euch ſchon an einem gewiſſen vornehmen Kehrmichnichtdaran, mit dem Ihr durch unſere Straßen ſchlendert, und ſo thut, als wenn Euch Alles ganz egal wäre. Und wenn ihr unſer liebes Deutſch radebrecht, ſo nehmt Ihr Euch beſonders kläglich und leidend aus, und zerbrecht Euch ſchier die Zunge, ſo daß man Euch zur Kur ſogleich in unſere Charité ſchaffen möchte. Euere Bemerkungen ſind nicht gerade ſehr ſchmei⸗ chelhaft, lieber Freund, aber ſie haben etwas ange⸗ nehm Erweckliches, verſetzte Mirabeau. Und wenn es Euch recht wäre, möchte ich in Eurer Begleitung wohl einen Theil dieſer guten und tüchtigen Stadt durchſchweifen. Ihr kehrt dann mit mir in mein Hötel zurück, um mir am Schluß unſerer Wanderung zu einem Paar neuer Stiefeln das Maaß zu nehmen, denn ich bin ziemlich abgeriſſen hier angekommen, und dies ſpitze berliner Pflaſter ſcheint mir einer ſtarken Sohle zu bedürfen. Der Meiſter willigte mit ſichtlicher Zufriedenheit ein, ſtellte jedoch die Bedingung, daß der Weg durch die Stadt nach den Wohnungen ſeiner Kunden, bei denen er noch mit der Arbeit vorzuſprechen habe, be⸗ ſtimmt werde, wobei er Mirabeau das Anſinnen ſtellte, jedesmal draußen ſo lange zu warten, bis er die Stiefel abgetragen habe. Mirabeau, der ſich in einer neuen Stadt zu Anfang ſtets in der heiterſten und angeregteſten Laune befand, nahm das Erbieten an, und fühlte ſich noch beſonders ergötzt, zu hören, daß ſein neuer Freund zuerſt im Mi⸗ niſter⸗Hötel der auswärtigen Angelegenheiten zu thun habe, weil er dem Miniſter von Hertzberg, für den er arbeite, ein Paar neuer Schuhe überbringen müſſe. Das iſt ja ein ungemein glückliches Zuſammen⸗ treffen, ſagte Mirabeau lachend, indem er ein Porte⸗ feuille aus ſeiner Bruſttaſche hervorzog, und ſich eines Briefes vergewiſſerte, an den er ſich in dieſem Au⸗ genblick erinnert gefühlt hatte. So erfahre ich doch bei dieſer Gelegenheit ſogleich, wo der Miniſter von Hertz⸗ berg wohnt, denn ich habe ein Empfehlungsſchreiben aus Paris an ihn mitgebracht, und will daßelbe vor⸗ läufig mit einer Karte von mir in ſeinem Hötel ab⸗ geben, um mich darauf zu einer gelegenen Audienz von dem Herrn Miniſter berufen zu laſſen. Es wäre mir ganz recht, wenn der Herr Miniſter von Hertzberg auch bei mir Etwas arbeiten laſſen wolſte, denn wenn ich auch leider kein Schuhmacher bin, ſondern nur der Graf Mirabeau, ſo weiß ich doch, wo die Staa⸗ ten in Europa und in Dentſchland der Schuh drückt, und ich könnte manchen guten Rath ertheilen, wie Preußen, wenn es nur auch einmal leichtere Stiefel anziehen wollte, ſich in der That zu den Höhen Eu⸗ ropa's hinaufſchwingen würde. Nicht wahr, Meiſter Cordonnier! Ich heiße Sommerbrodt, erwiederte der Schuh⸗ macher mit vollſtändigem Selbſtvertrauen. Ihr ſeid ein Graf und ich bin ein Schuſter. Iſt man das in Eurem Lande gewohnt, daß zwei ſolche Leute, wie wir, ſo ohne Weiteres zuſammen über die Straße ſpazieren? In Frankreich iſt man allerdings noch nicht ſo weit vorgeſchritten, erwiederte Mirabeau lächelnd, aber der Tag wird kommen, wo eine ſolche Geſellung des Grafen mit dem Schuhmacher erſt eine Weisheit, und dann ein Genuß ſein wird! Bei Euch in Deutſchland, 2* mein neuer Freund, iſt man in ſolchen Dingen ſchon viel weiter, glaube ich, und ſobald Ihr nur wolltet, würdet Ihr alle andern Völker in der Brüderlichkeit und Gleichheit weit überflügeln. Ich weiß nicht ganz, wie der Herr Graf Das meint, entgegnete Herr Cordonnier mit einem pfiffigen Lächeln. Ihr wollt uns alſo rathen leichtere Stiefel anzuziehen, um, Eurer Meinung nach, ein beſſeres Fortſchreiten zu bekommen? Euer franzöſiſches Schuh⸗ werk iſt in der That auch nicht ſchlecht, muß ich ſagen, ja es iſt, was dort gearbeitet wird, unſerem deutſchen Pechdraht in vielen Stücken gewiß vorzu⸗ ziehen. Ich habe auch einmal in Paris gearbeitet, als ich auf meiner Wanderſchaft war, und habe dort Manches gelernt. Aber Das, meine lieben Fran⸗ zöschens, habe ich doch nicht von Euch gelernt, wie man Siebenmeilenſtiefel verfertigt, denn mit dieſen würde man doch noch weiter kommen, als mit Euerem lackirten Kalbleder, wie trefflich Ihr auch darin zu arbeiten verſteht. Aber ich will Euch auch ſchon etwas Extra's machen, Herr Graf, wenn Ihr bei mir be⸗ ſtellen wollt. Nicht mit ſtarken Sohlen, wie Ihr meint, Gott bewahre, das würde ſich für Euch nicht ſchicken. Aber Ihr habt einen ſchönen kleinen Fuß, und den will ich ſchon ſo bedienen, daß er ſich nichts vergeben, noch Schaden nehmen ſoll, wenn er unſer ſchlechtes berliner Pflaſter tritt. Vortrefflich! Vortrefflich! rief Mirabeau, indem er ſich vor Vergnügen über ſeinen ihm ungemein zu⸗ ſagenden Gefährten die Hände rieb. An Eurer Seite und auf Euren Schuhen möchte ich wohl das ganze Deutſchland durchwandern. Ich bin im höchſten Grade begierig, Deutſchland kennen zu lernen. Ich kann Euch ſagen, Herr Sommerbrodt, daß dieſe Bekannt⸗ ſchaft mich von jeher gereizt hat. Dies Deutſchland iſt mir immer vorgekommen, wie das ſchöne Mähr⸗ chen von den zwölf ſchlafenden Jungfrauen, oder wie viel habt Ihr Staaten in Deutſchland? Ich glaube gar, es ſind deren noch mehr als zwölf, wenn man ſich die Mühe geben will, ſie alle zuſammenzurechnen. O ja, erwiederte der Schuhmacher lakoniſch, in⸗ dem er mit einer ſtolzen Handbewegung auf das Königliche Schloß hinzeigte, das jetzt in ſeiner Haupt⸗ front ſich vor ihren Blicken darſtellte. Graf Mirabeau blieb ſtehen, und ſtellte ſich mit verſchränkten Armen hin, um das preußiſche Königs⸗ ſchloß in ſeinem mächtigen und bedeutungsvollen Bau, der einen großen Eindruck auf ihn zu machen ſchien, zu überſchauen. Meiſter Sommerbrodt drückte über dies Intereſſe, welches Mirabeau an den Tag legte, ſein beſonderes Wohlgefallen aus, welches ihn ſo weit hinriß, daß er den Grafen vertraulich und belobigend auf die Schulter klopfte. Was die zwölf ſchlafenden Jungfranen anbetrifft, fuhr er dann mit ſeinem verſchmitzten und etwas bos⸗ haften Lächeln fort, ſo thut Ihr wohl Unrecht, wenn Ihr mit ihnen die Staaten Deutſchlands vergleicht. Es giebt wohl mehr als dreißig ſolcher ſchlafenden Jungfrauen, deren Schlafſtube man das Deutſche Reich nennt, aber für ihre Jungfraaſchaft möchte ich nicht gerade einſtehen, denn eine jede unter ihnen hat doch wohl ſchon irgendwie ihre Unſchuld verloren. Und Euer preußiſches Königsſchloß wäre wahrlich groß genug dazu, um alle die ſchlafenden Jungfrauen von Deutſchland, wie viele es auch ſein mögen, unter ſeinem einzigen Dach zu vereinigen! ſagte Mirabeau nachſinnend, und unaufhörlich in das Anſchauen des berliner Schloſſes verſunken. Und nicht wahr, mein Freund, das iſt die Spree, welche dort die andere Seite des Schloſſes umſpült, und über die wir her⸗ — 2— übergekommen ſind? Man hätte alſo hier das Spree⸗ waſſer nicht weit, um damit die andern deutſchen Jungfrauen, ſobald man ſie nur erſt in das preußiſche Schloß hereingelockt haben wird, zu taufen. Euere Spree ſcheint mir aber ein ſehr patriotiſcher Fluß zu ſein, denn ſie küßt ſo recht inbrünſtig die Füße Eueres Königsſchloſſes, und Ihr belohnt ſie dafür auch kö⸗ niglich, indem Ihr der Spree die Ehre anthut, ihr wehmüthiges Tintenwaſſer einen Strom zu nennen. Scheltet mir ja die Spree nicht, Herr Graf, denn ſie iſt unſer beſtes Kleinod, rief Meiſter Sommerbrodt mit einem komiſchen Eifer. Die Spree gehört zu unſerem Nationalcharacter, denn ſie fließt ſo ruhig und ohne Stürme, wie das berliner Gemüth, dahin. Auch ihre dicke Tintenfarbe iſt ja recht ſchön. Es kann ihr dadurch nicht Jeder gleich auf den Grund ſehen, während man in Euerer Seine ſo leicht man⸗ ches Schlimme ſieht, worin Euer Nationalcharacter ſich entblößt zu haben ſcheint. Ihr ſeid ein ſcharfer Beurtheiler der Nationen, Herr Sommerbrodt, erwiederte Mirabeau, laut la⸗ chend. Aber Euer König, der große Friedrich, um deſſen willen ich eigentlich hergekommen bin, wohnt niemals in dieſem ſchönen großen Schloſſe? Der Schuhmacher ſchüttelte verneinend mit dem Kopfe und ſagte dann: Da müßt Ihr nach Potsdam gehen und nach Sansſouci, wenn Ihr den alten Fritz ſchauen wollt. Dort iſt er zu Hauſe, denn ihm iſt hier nimmer recht wohl, wie ſehr wir ihn auch lieben und ſeiner begehren. Dem alten großen Herrn wird's überhaupt nicht mehr recht wohl werden in ſeiner Haut. Alle ſeine Feinde hat er beſiegen kön⸗ nen, nur das Alter nicht. Der General⸗Feldmarſchall Podagra ſoll ihn in dieſem Angenblick wieder fürch⸗ terlich beim Wickel haben. Sein Krückſtock wehrt ſich 3 dieſen grimmigen Feind nicht mehr ab. In der That, man hört ſeit einigen Tagen die ſchlimmſten Nach⸗ richten über das Befinden des Königs. So hätte ich wohl wenig Ausſicht, von ihm empfan⸗ gen zu werden, wenn ich mich zum Beſuch bei Euerem König melden ließe? fragte Mirabean, ſich zum Wei⸗ tergehen anſchickend, indem er ſeinen Gefährten durch Berührung ſeines Armes zur Fortſetzung des Weges veranlaßte. Er ſoll in der letzten Zeit faſt gar keine Fremden mehr vor ſich gelaſſen haben, erwiederte Meiſter Sommerbrodt. Aber da Ihr ein Franzoſe ſeid, ſo ſteht das Ding für Euch ganz anders. Ihr Franzo⸗ ſen ſeid immer vornehme Herren, und man fühlt ſich geſchmeichelt, wo Ihr einſprecht. Ihr müßt etwas Beſonderes an Euch haben, oder mit einer Zauber⸗ ſalbe beſtrichen ſein, durch die Ihr Jedem gut zuriecht, ſobald Ihr Euch nur wo blicken laſſet. Und ſo riecht Euch auch der alte Fritz noch immer gern, denn ich wette, einem Franzoſen würde er noch Audienz geben, ſelbſt wenn er auch ſchon im Sterben läge. Und in der That, flößt der Zuſtand ſeiner Ma⸗ jeſtät auch der berliner Bevölkerung bereits Beſorg⸗ niſſe ein? fragte Mirabeau geſpannt. Ich kann Euch ſagen, entgegnete der Meiſter mit einer geheimnißvollen Gebärde, daß es drüben in Sansſonci allerdings ſehr ſchlecht ſteht. Wenn Ihr nachher vor dem Hauſe des Miniſters von Hertzberg etwas auf mich warten wollt, ſo werde ich Euch die zuverläſſigſten Nachrichten darüber herunterbringen kön⸗ nen. Se. Excellenz befindet ſich heut in Berlin, und iſt immer ſehr gnädig gegen mich. Wir haben ſchon manchen politiſchen Diskurs miteinander geführt, und er ſagt mir Alles, was ich nur von ihm wiſſen will. Denn ein Anderer möchte nicht ſo leicht etwas Ge⸗ —— naueres erfahren, weil man die Sache am liebſten noch verheimlichen möchte, und noch nicht wiſſen laſſen will, wie ſie eigentlich ſteht. Ich werde Euch damit doch nicht mehr bemühen, Meiſter Sommerbrodt, erwiederte Mirabeau. Ich ſehe vielmehr, daß es die höchſte Zeit für mich ſein wird, mich bei dem König zur Andienz zu melden, und ich will deshalb ſogleich in mein Hötel zurück⸗ kehren, von dem ich jetzt noch nicht ſehr weit entfernt bin. Ich werde ſogleich ohne Weiteres einen Brief an Seine Majeſtät ſchreiben, und denſelben durch einen Expreſſen nach Sansſouci ſenden. Ihr aber, Meiſter Sommerbrodt, verfehlt nicht, auf dem Rück⸗ wege von dem Herrn Miniſter Euch ungeſäumt in Ville de Paris bei mir vorzuſtellen. Es wird mir nicht nur Euer belehrender Beſuch ſehr ſchätzenswerth ſein, ſondern ich werde Euch auch bitten, mir das Maaß zu neuen Schuhen zu nehmen, die aber ganz vorzüglich ausfallen müſſen, denn ich will ſie bei der Andienz in Sansſouci anziehen. Und nun, nachdem ich Euch ſchon mit ſo vielen Fragen beläſtigt habe, geſtattet mir für heute noch eine einzige. Warum gehen hier die Leute aus dem Bürgerſtande, die uns unterwegs begegnet ſind, faſt alle ohne Unterſchied in einem blauen Rock, wie auch Ihr ſelbſt, mein Freund, Euch eines ſolchen eigenthümlich blauen Exemplars an Eurem werthen Leibe erfreut? Nichts iſt leichter zu beantworten, als dieſe Frage, erwiederte Sommerbrodt, indem das bisherige irv⸗ niſche Lächeln auf ſeinem Geſicht ganz verſchwand und einem ernſten, faſt feierlichen Ausdruck Platz machte. Es iſt die Farbe der preußiſchen Armee, die auch wir Bürgers⸗ und Handwerksleute am liebſten an uns tra⸗ gen mögen. Wir glauben uns dann Alle eingekleidet für unſern König, mit dem wir jeden Augenblick —— bereit ſein wollen, in die Schlacht zu ziehen oder treu zu ſeinen Dienſten zu ſtehen, denn wie unſere blauen Röcke zeigen, daß auch der Bürger ſeinen eigentlichen Stand in der Armee des Königs hat, ſo iſt das Blau auch die Leibfarbe der Treue, mit der wir jeden Tag mnn jede Stunde an unſer Königshaus uns gefeſſelt ühlen. Vor dieſem Patriotismus nimmt ſelbſt Graf Mi⸗ rabeau ſeinen Hut ab! ſagte Mirabeau, indem er den Bürger freundlich grüßte und nun raſch den Rückweg zu ſeinem Hötel antrat, welches er in kurzer Zeit wieder erreicht hatte. Henriette empfing ihn freudig und fröhlich, und zeigte ihm mit einem triumphirenden Lächeln, wie weit ſie bereits in ihren Bemühungen vorgeſchritten, die ausgepackten Sachen zu ordnen und einiges Behagen in den düſtern und winkeligen Gaſthofszimmern zu verbreiten. Mirabeau ließ jedoch die Freundin diesmal nach einer kurzen Begrüßung ſtehen und ſtürzte an den Schreibtiſch. Dort nahm er einen ſchon bereit lie⸗ genden Briefbogen, auf den er ſtehend folgende Worte hinwarf: Sire! Gewiß iſt es eine zu vemeſſene Vorausſetzung, Ew. Mojeſtät um eine Andienz zu bitten, wenn man nicht in der Lage iſt, von einer Angelegenheit ſprechen zu können, die ein beſonderes Intereſſe dar⸗ zubieten vermag. Aber wenn Sie einem Franzoſen, der ſeit ſeiner Geburt die Welt erfüllt gefunden hat von Ihrem Namen, den Wunſch verzeihen, den größten Mann dieſes Jahrhunderts und vieler an⸗ deren näher zu ſehen, als man gewöhnlich die Kö⸗ nige ſieht, ſo geneigen Sie mir die Gunſt zu be⸗ willigen, daß i nach Potsdam kommen und Ihnen meine Huldigung darbringen darf. Ich bin mit tiefſter Ehrerbietung, Sire, Ew. Majeſtät ſehr demüthiger, ſehr gehorſamer und ſehr unterwürfiger Diener Der Graf von Mirabeau.*) Nachdem er ſeiner Freundin Henriette dies Schrei⸗ ben vorgeleſen, die es auch in den flüchtigen und ſtolzen Wendungen, welche es hatte, ganz des Grafen Mira⸗ beau würdig fand, convertirte er es raſch und klingelte nach dem Kellner, der beauftragt wurde, einen zuver⸗ läſſigen Mann ausfindig zu machen, der mit dem Briefe nach Sansſouci an den König abgeſandt wer⸗ den könnte. Eine ſolche Perſon wurde im Hötel ſelbſt nachge⸗ wieſen und der Kellner ſandte nach einiger Zeit einen Mann zu dem Grafen hinauf, der ſeinem Aeußern nach in einem ziemlich verkümmerten und bemitleidens⸗ würdigen Zuſtande zu ſein ſchien, und mit traurig ge⸗ ſenkten Blicken ſich vor Mirabeau darſtellte, um ſeine Befehle zu empfangen. Wer ſind Sie und wie heißen Sie? fragte ihn Mirabeau raſch, indem er mit prüfenden Blicken das abgehärmte bleiche Geſicht, und das zwar noch ſaubere, aber doch ungemein fadenſcheinige und bis an die äußerſte Grenze der Haltbarkeit vorgeſchrittene Kleid des Man⸗ nes betrachtete. Ich bin der Candidat Johann Ludwig Schmidt, entgegnete der ſchon ziemlich ältliche Mann mit einer furchtſamen Stimme. Auch bin ich Dichter und Kri⸗ tiker, fügte er mit einem leiſen Anflug von Selbſtge⸗ fühl hinzu. *) Wörtlich nach dem Original. Oeuvres de Frédéric le Grand XXV. 323. 3 Ah, erwiederte Mirabeau mit einem unwillkürlichen Lächeln, dann iſt es ein Irrthum, für den ich um Verzeihung bitten muß, denn unmöglich kann ich einen Mann des deutſchen Parnaſſes mit der Beſtellung eines Briefes nach Sansſonci beauftragen. Ich übernehme alle Beſtellungen in der Ville de Paris, die vorkommen, und der Beſitzer des Hötels bürgt für die Richtigkeit meiner Ausführungen, erwie⸗ derte der alte Candidat mit einer beſcheidenen aber ſehr ausdrücklichen Beſtimmtheit. Und warum hat man einen Mann von Ihren Ta⸗ lenten nicht an eine beſſere Stelle geſetzt? fragte Mi⸗ rabeau verwundert. Iſt es in Eurem Deutſchland üblich, daß die Geiſter Bedientendienſte verſehen müſſen? Oh, ich bitte, entgegnete der Candidat, indem einige brennend rothe Punkte auf ſeinen bleichen ausgehöhlten Wangen emporſtiegen. Ich bin ſehr zufrieden hier im Hauſe, obwohl es zuweilen beſſer ſein könnte. Ich war der Hauslehrer der Kinder ſeit einer Reihe von Jahren, und nachdem ich die Erziehung derſelben voll⸗ endet, blieb ich im Hauſe, führte die Bücher, ſchreibe die Speiſezettel und beſorge auch allerhand Commiſ⸗ ſionen, wobei mir noch Muße genug bleibt, einige Beiträge für die Berliniſche Monatsſchrift der Herren Bieſter und Gedike zu ſchreiben. Und Ihr ſeid zufrieden mit einem ſo kläglichen Looſe? fragte Mirabean. Wenn Eure Gedichte etwas taugen und Eure Kritiken dem guten Geſchmack förder⸗ lich ſind, warum nimmt ſich nicht Euer großer König, der gewiſſermaßen Euer College auf dem Parnaß iſt, Eurer an? Entſchuldigen Sie, entgegnete Johann Lndwig Schmidt, die deutſchen Muſen wagen nicht einmal, vor dem Thron des großen Königs zu betteln. Aber ſie werden ihn beſingen, wenn ſein Heldenauge ſich 56— bald geſchloſſen haben ſollte, und dann mit allem Feuer und aller Kraft, deren nur die deutſche Pveſie fähig iſt. Ich habe ſchon die Ode in ſapphiſchem Versmaße begonnen, und ſobald die erwarteten Trauer⸗ nachrichten aus Sansſouci herüber klingen werden, wird mein Gedicht in die Druckerei wandern und hoffentlich das erſte ſein, das in einem deutſchen Blatte erſcheint. Alſo ſo eilig habt Ihr es ſchon? rief Mirabeau überraſcht. Nun, dann iſt es auch die höchſte Zeit, daß Ihr Euch mit meinem Briefe auf den Weg macht, denn es iſt meine Abſicht, den König noch lebend zu ſehen. Eilet daher, und nehmt eine Extrapoſt auf meine Koſten, und zahlt an den Poſtillon ſo viel Trinkgelder, als Ihr wollt, damit er Euch im Fluge nach Potsdam bringe. In Sansſouci laßt Ihr Euch bei Einem der Adjutanten Seiner Majeſtät melden, und ſagt, daß Ihr von dem Grafen von Mirabeau aus Paris kommt, welcher bäte, dieſen Brief unmit⸗ telbar in die Hände des Königs niederlegen zu wollen. Ihr könnt auch hinzufügen, Freund, daß der Graf Mi⸗ rabeau ein Paquet mit Büchern aus Paris mitgebracht hat, welche dem Könige von ſeinen dortigen Freunden geſchickt würden. Ich bedarf zu dieſem Auftrag eines zuverläſſigen Mannes, der in Sansſonei Beſcheid weiß, da mein Diener, der kein Wort Deutſch verſteht, ſich auch ſonſt durch ſeine Ungeſchicklichkeit nicht dazu eignet. Und Eure gute Miene flößt mir in der That das größte Vertrauen ein. Unter tiefen Verbeugungen nahm der dienſtwillige Mann den Brief, verſprach die ungeſäumte Beförderung deſſelben, und wollte ſich entfernen, als Mirabeau ihn in der Thür noch einmal zurückrief. Ich wollte Euch noch einen Vorſchlag machen, Freund, ſagte der Graf, der ſich auf Eure Eigenſchaft — 5 als deutſcher Dichter und Kritiker bezieht. Ihr ſollt täglich eine Stunde mit mir Deutſch leſen und mich in den Feinheiten Eurer Sprache unterrichten. Denn ich fühle das Bedürfniß, mich in den vollſtändigen Beſitz dieſer Sprache zu ſetzen, und Du ſollſt auch an dieſen Lehrſtunden einigen Theil nehmen, Henriette. Ich habe zwar mit Cabanis zuſammen Deutſch getrieben, der auch ein Theaterſtück von Gvethe, ich glaube, es heißt Stella, in's Frarzöſiſche zu überſetzen angefangen. Aber ich habe doch hent auf der Straße gefunden, daß ich mich noch nicht einmal mit einem gebildeten Schuhmacher, denn in Berlin ſcheinen ſelbſt die Schuh⸗ macher gebildet zu ſein, ganz leicht und ohne Anſtoß unterhalten kann. So wollen wir die Hamburgiſche Dramaturgie von Gotthold Ephraim Leſſing mit einander leſen, Herr Grafi rief der Candidat mit glänzenden Augen. Ich ſehe ſchon, Ihr ſeid der rechte Mann für mich, und zugleich ein wahrer Teufelskerl! entgegnete Mira⸗ beau. Ihr wollt mir Euren Leſſing auf den Hals ſchicken, der, wie ich gehört habe, mit unſern großen Dichtern ſo tapfer angebunden und gegen das hohle Weſen der franzöſiſchen Hofpoeſie die Schleuder Da⸗ vid's erhoben hat. Aber Ihr müßt wiſſen, darin bin ich ein College Eures Leſſing, denn die alte Zeit zu bekämpfen in allen Stücken, das iſt das eigentliche Handwerk des Grafen Mirabeau. Aber nun macht Euch auch auf den Weg, lieber Freund, und je beſſere Nachrichten Ihr mir aus Potsdam zurückbringt, deſto angenehmer wird meine Erkenntlichkeit für Euch ſein. In der That, mir wird ganz eigenthümlich hier in Preußen zu Muthe, ſagte Mirabeau zu Henriette, als er ſich wieder allein mit ihr befand. Preußen iſt ein Land, das man ſtudiren und genau ergründen muß, und dies ſoll jetzt meine Aufgabe ſein, der ich alle — 35 meine Kräfte widmen werde. Ich werde ein umfaſſen⸗ des Werk über die Preußiſche Monarchie ſchreiben. Es weht hier eine ſcharfe geiſtgeſchwängerte Luft, von der ich unruhig in allen Gliedern zu werden anfange. Denke Dir, Ret⸗Lie, ein Schuſter, deſſen Bekanntſchaft ich unten auf der Straße machte, zeigte mehr Witz, Verſtand und Logik in ſeiner Unterhaltung, als man ſie je bei einem franzöſiſchen Parlamentsrath ange⸗ troffen hat. Heut Abend wollen wir zuſammen in die Komödie gehen. Wenn Du auch die Sprache noch nicht verſtehſt, ſo wird ſie Dir doch wie ein ſchöner rauſchender Wald an's Ohr ſchlagen, und Du wirſt viele kluge Geſichter um Dich herum ſitzen ſehen. ah Der Beſuch Mirabrau's bei Friedrich dem Großen. Der Brief, welchen Mirabeau an den König Frie⸗ drich gerichtet, hatte in Sansſouci die günſtigſte Auf⸗ nahme gefunden. Den Tag darauf gelangte ſchon die Antwort des Königs in die Hände Mirabeau's. Der König beſtimmte ihm in einem eigenhändigen Rückſchreiben und mit ſehr freundlichem Entgegenkom⸗ men ſogleich einen der nächſtfolgenden Tage, an welchem er den Grafen Mirabean in Sansſonci zu empfangen wünſchte.*) Mirabeau verbrachte in einer ſo großen Ungeduld, wie er ſie kaum je empfunden zu haben ſich erinnerte, die Zeit, welche bis zu dem feſtgeſetzten Tage verlaufen Oeuvres de Frédéric le Grand KXV. 323. 3— mußte. Er ſchob faſt alle andern Beſuche, die er ſich in Berlin zu machen vorgeſetzt, bis nach ſeiner Rück⸗ kehr aus Potsdam auf. Nach den Eindrücken und Hoffnungen, mit denen er von dieſem Beſuch bei Frie⸗ drich dem Großen zurückkehren würde, glaubte er dann erſt die Richtung, in welcher er in Berlin ſich weiter ausbreiten und fortbewegen wollte, ſich beſtimmter vor⸗ zeichnen zu können. Nur bei dem Miniſter von Hertz⸗ berg hatte er ſeinen Empfehlungsbrief abgegeben und war von dieſem vielverdienten und hochgebildeten Staatsmanne noch an demſelben Tage mit der ein⸗ fachen und ſchlichten, gewiſſermaßen patriarchaliſchen Liebenswürdigkeit, die in Hertzberg's Weſen lag, em⸗ pfangen worden. Jetzt aber war der glühend erſehnte Tag herange⸗ kommen, an dem Mirabeau in die Nähe Friedrichs des Großen treten, ſeine Stimme vernehmen, ſein Angeſicht ſich nahe gegenüber leuchten ſehen ſollte.— Henriette, die ihm, wie immer, bei ſeiner Toilette be⸗ hülflich war, glaubte dieſelbe heut beſonders feſtlich einrichten zu müſſen, aber Mirabeau beſtand darauf, daß ſeine Kleidung die gewöhnliche und einfache ſein müſſe, wie er ſie auch in der vornehmen Geſellſchaft von Paris nicht anders zu tragen pflegte. Es war dies der ſchwarze Frack im engliſchen Schnitt, welchen Mirabeau in der letzten Zeit ausſchließlich getragen, und zu dem weder Gold noch Silber noch irgend eine Stickerei hinzugefügt werden durfte. Dazu gehörten Schuhe und Strümpfe, und was die erſteren betraf, ſo hatte Meiſter Sommerbrodt nicht nur redlich Wort gehalten, indem er ſchon am frühen Morgen das bei ihm beſtellte Exemplar überbrachte, ſondern er hatte auch die feinſte und vollendetſte Arbeit geliefert, um, wie er ſagte, Berlin wenigſtens im Schuhzeug nicht hinter Paris zurückſtehen zu laſſen. Aber Henriette ſchmollte ſo lange mit Mirabeau, bis er ſich entſchließen mußte, auch das leicht gekrauſte, gepuderte Toupet nebſt Haarbeutel, welches er in Paris ſeit einigen Jahren nur noch ſelten und bei beſonderen Veranlaſſungen zu benutzen pflegte, zur feierlichſten Vollendung ſeiner Toilette anzulegen. Denn ſie meinte mit ihrer liebenswürdigen Schalkheit, einem König gegenüber, und noch dazu einem ſo großen und be⸗ rühmten, dürfe er doch nicht der mit der Mähne flatternde Wildfang ſein, ſondern müſſe ſich fein ehr⸗ bar und ordentlich darſtellen, wenn er es auch ganz und gar nicht ſei. Wabeun gab ſich mit einer gewiſſen Gutmüthig⸗ keit gefangen, obwohl er meinte, daß es ihm eigentlich darauf angekommen ſei, grade einem König gegenüber die freie Mähne zu zeigen. Dann hing ihm Henriette, nachdem ſie lächelnd ihre Zufriedenheit mit ſeiner Coiffüre erklärt, die Lorgnette um den Hals, die ſein unentbehrlicher Gefährte war und mit der er, wenn er ſie nicht vor den Augen hielt, in ſeiner Lebhaftigkeit unaufhörlich zu ſpielen und hin⸗ und herzudrehen pflegte, ſo daß ſie ein unveräußerliches Beſtandſtück ſeiner Ge⸗ wohnheiten und Manieren geworden war.*) Die Extrapoſt, welche ſich Graf Mirabeau für ſeine Reiſe nach Potsdam hatte beſtellen laſſen, wartete ſchon unten auf ihn, und ſeine Freundin, nachdem ſie ganz ſtolz ihr Werk an ihm vollendet hatte, geleitete ihn nun bis an den Wagen. Die Reiſe wurde mit ſo großer Eile zurückgelegt, als es die ſchlechte Fahrſtraße zwiſchen Berlin und Potsdam nur irgend zulaſſen wollte, doch ſah ſich Mirabeau gerade um die von dem ) Vgl. Rahel. Ein Buch des Andenkens II. 65. Rahel ſchilbert die Perſönlichkeit Mirabeau's, wie ſie ihn ſelbſt damals in Berlin geſehen. König feſtgeſetzte Stunde vor dem Schloſſe von Sans⸗ ſouci angelangt. Mirabeau trat ohne Säumen in das Schloß, vor deſſen Hauptthür er nur eine einzige Schildwacht fand, was ihm zuerſt einen ſo wenig feierlichen Eindruck verurſachte, daß er ſeinen Beſuch nicht einem König, ſondern irgend einem Oberſten oder Capitain der preußiſchen Armee zu machen glaubte. Nachdem Mirabeau nach dem General⸗Major Grafen von Görtz gefragt, wie ihm dies in dem Briefe des Königs ausdrücklich vorgeſchrieben worden war, ſah er ſich durch die Schildwacht in einen Corridor gewieſen, deſſen faſt ängſtlich ſtille und ſchweigende Räume er mit einem gewiſſen Zögern durchſchritt. Dann gelangte er in einen großen Saal, in welchem er vor dem Kamin einen preußiſchen Offizier, der ſich an der praſſelnden Flamme eifrig erwärmte, ſitzen ſah. Der Offizier ſtand bei ſeinem Eintritt auf und ging, nachdem er Mirabean forſchend betrachtet, ihm wenige Schritte entgegen, worauf er ſich in ſteifer Förmlichkeit, und die leichte Verbeugung Mirabeau's mit militairiſchem Gruß erwiedernd, ihm gegenüber aufſtellte. Auf die Frage Mirabeau's nach dem Grafen Görtz gab er ſich als ſolchen mit größerer Freund⸗ lichkeit zu erkennen, und die kalte Rinde, die mit zu ſeiner dienſtlichen Haltung zu gehören ſchien, ſchmolz ganz von ſeinem ehrlichen und braven Geſicht hinweg, als ſich Graf Mirabeau ihm jetzt mit einiger Form vorſtellte und ihm die üblichen Worte der Annähe⸗ rung ſagte. Er bemerkte, daß er ſogleich die Ehre haben würde, den König von der Ankunft des Grafen Mirabeau zu benachrichtigen, und verſchwand dann auf einige Au⸗ genblicke in einer am äußerſten Ende des Saals be⸗ findlichen Thür. Nachdem er wieder zurückgekehrt war Mirabeau. II. 3 3 und verkündigt hatte, daß der König höchſtens in einer Viertelſtunde dort in der Thür ſeines Cabinets er⸗ ſcheinen würde, fragte ihn Mirabeau, ob der Graf ein Paqguet mit Büchern, welches er geſtern an ihn auf die Poſt gegeben, richtig empfangen und die Bücher vielleicht bereits in die Hände Seiner Majeſtät nieder⸗ gelegt habe. Graf Görtz bejahte in der verbindlichſten Weiſe dieſe Frage und fügte hinzu, daß der König ihm be⸗ reits aufgetragen habe, dem Grafen Mirabeau den gewogentlichſten Dank dafür auszudrücken. Der König habe zugleich geäußert, daß er ungemein neugierig ſein werde, zu erfahren, welcher glückliche Zufall einen Reiſenden, wie den Grafen Mirabeau, Rerher nach Berlin verſchlagen habe 2*) Mirabeau vermochte jetzt vor Ungeduld und Er⸗ wartung nur eine ſehr ſpärliche Unterhaltung mit dem glücklicher Weiſe ziemlich einſylbigen Grafen Görtz fortzuführen. Auf ſeine leiſe ausgeſprochene Frage, ob die weitverbreiteten Gerüchte über den bedenklichen Geſundheitszuſtand des Königs begründet ſeien, hatte Görtz achſelzuckend geantwortet. Bann fügte er hinzu: Ein ſchlimmes Zeichen iſt der Beſchluß, welchen der König heut morgen gefaßt hat, und wonach er den in dieſem Jahre abzuhaltenden Militair⸗Revuen nicht mehr beiwohnen wolle. Es iſt dies das erſte Mal, und wenn dies bedeutſame Zugeſtändniß nicht wäre, wel⸗ ches der König jetzt ſelbſt an ſeine Krankheit macht, ſo giebt es wohl jeden Tag noch Sonnenblicke, wo man glauben ſollte, daß Krankheit und Alter ſich noch immer wieder vor dem göttlichen Geiſt des Königs beugen würden. Nach Verlauf einer Viertelſtunde öffnete ſich endlich MOeuvres de Frédéric le Grand XRV. 324. ———— die Thür des anſtoßenden Cabinets, und die Geſtalt des Königs erſchien auf einen Augenblick in derſelben. Mirabeau hatte das flüchtige Zeichen, welches der König durch eine Handbewegung gegeben, kaum bemerkt, aber Herr von Görtz bedeutete ihn leiſe, daß damit nun⸗ mehr der Befehl ausgedrückt worden ſei, zu Seiner Majeſtät einzutreten. Dann nahm er den Arm Mira⸗ beau's, um ihn in das Cabinet einzuführen. Mirabeau fühlte ſich faſt von der ſichern und ſelbſt⸗ gewiſſen Leichtigkeit, die ſein Auftreten ſonſt zu bezeich⸗ nen pflegte, verlaſſen, als er in dieſem Augenblick in der unmittelbaren Nähe des großen Monarchen ſtand, der ihm erſt einen blitzartig ſcharfen, prüfenden Blick zuwarf und dann erſt ſeinen in der That von Ehrfurcht bewegten Gruß mit einem langſamen, freundlichen Neigen ſeines Kopfes erwiederte. Die kleine zuſammengekrümmte Geſtalt Friedrich's, die nur mit Mühe auf dem in ſeinen Händen zittern⸗ den Krückſtock lehnte, machte gewiſſermaßen einen nie⸗ derſchlagenden und erhebenden Eindruck zugleich auf alle Vorſtellungen Mirabeau's. Mit einer träumeriſchen Befangenheit ſah er auf den König hin, auf deſſen von Alter und Krankheit gebeugtem Haupt ihm gleich⸗ wohl alle Glorien der Welt zu ſchweben ſchienen, denn er fühlte ſich von der Nähe des Königlichen Genins berührt und getroffen. Und während es ihm im erſten Moment unbequem und ſtörend geweſen war, den Kö⸗ nig in ſo kleiner Statur vor ſich zu ſehen, wodurch er ſich in die Verlegenheit geſetzt fühlte, von oben herab über ihn hinwegzublicken, ſo war es ihm gleich darauf, als müſſe er zu dem König hinaufſchauen und ſeine Herrſchergröße, die er zu bewundern gekommen, auch in dem Ausdruck ſeiner Züge, in der ſcharfen und ge⸗ waltigen Form ſeines Kopfes, ja ſelbſt in der märky⸗ eſen Hinfälligkeit ſeines Körpers, anerkennen. 3 — 3 Der König hatte unmittelbar nach dem Eintreten Mirabeau's und ſeines Begleiters dem Letzteren einen Wink gegeben, ſich wieder zu entfernen, worauf ſich Graf Görtz unmittelbar zurückgezogen und den König mit Mirabeau allein gelaſſen hatte. Mirabeau hatte ſchon in der Unterhaltung im Vorſaal erfahren, daß der König Denjenigen, welche er auszeichnen wolle, geſtatte, allein in ſeinem Cabinet mit ihm zu bleiben. Dies erhob die Zuverſicht Mirabeau's von Neuem, als ihn der König jetzt mit einem wohlwollenden Lächeln, das in ſeinen blauen Angen hervorſchimmerte, in die Mitte ſeines Cabinets hereinwinkte. In demſelben Augenblick aber ließ ſich der König plötzlich mit einem leiſen Seufzer in den Lehnſtuhl zurückgleiten, der zur Seite des Kamins ſtand. Dann deutete er mit der Hand auf ein ihm gegenüberſtehen⸗ des Tabouret hin, auf welchem Mirabeau, dieſer Wei⸗ ſung gemäß, Platz nahm. Ihr Beſuch, Herr Graf, findet mich als einen argen Patienten, begann der König jetzt mit einer Stimme, deren geſunder und voller Klang mit der hinfälligen Erſcheinung des Körpers in einem wunderbaren Con⸗ traſt zu ſtehen ſchien. Aber einem Gruß aus dem ſchönen Frankreich widerſteht man nicht ſo leicht, ſelbſt wenn man kaum noch in der Lage iſt, ihn genießen 3 zu können. Sie haben mir ſchöne Bücher aus Paris mitgebracht, ich danke Ihnen. Nur ein Buch habe ich darunter nicht angetroffen, welches ich mit Begierde 3 ſuchte. Mein Freund, der Marquis von Condorcet, ſchickt mir artige Sachen, aber ſein Leben Voltaire's fehlt, auf das ich begreiflicher Weiſe ſehr begierig bin. Neulich ſchrieb er mir, daß dieſe Arbeit vollendet ſei, und nun ſendet er ſie mir gleichwohl nicht. Wiſſen Sie etwas—— Ein heftiger Huſten⸗Anfall unterbrach jetzt dieſe 3 Worte des Königs, die er erſt mit ſicherem Ton be⸗ gonnen, bald aber durch die Beſchwerden ſeiner keuchen⸗ den Bruſt immer undeutlicher und ungewiſſer hatte werden laſſen. Mirabeau mußte, ſo lange der König huſtete und ächzte, ſeine Antwort zurückhalten, und hatte inzwiſchen Gelegenheit, den mit dem Dämon der Krankheit rin⸗ genden König und ſeine Umgebung genauer zu be⸗ trachten. In dem kleinen Cabinet, in dem er ſich befand, war Alles ſo einfach und prunklos eingerichtet, daß Mirabeau in dem Arbeitszimmer eines ſeiner litera⸗ riſchen Freunde in Paris zu ſitzen glaubte. Anſtatt der Möbel befanden ſich faſt nur Bücher in dichten Reihen an den Wänden umher. Ein kleiner Schreib⸗ tiſch war mit Papieren und Büchern überladen, und den einzigen Schmuck auf dem Sims des Marmor⸗ Kamins bildete eine goldene Pendule, die ihre gleich⸗ förmigen Takte hin⸗ und herbewegte. Nach dieſem raſchen Umherblick fühlten ſich aber Mirabeau's Augen immer wieder von dem ihn wun⸗ derbar bewegenden Bilde des Königs gefeſſelt. Er be⸗ trachtete jetzt die Kleidung, in welcher ſich der König darſtellte, und fand, daß der blaue Soldatenrock, wel⸗ chen Friedrich trug, ſo abgeſchubt und verſchoſſen als möglich ausſah und daß ſeine Weſte kaum noch ſanber genannt werden konnte, da ſie reichlich und auf allen Seiten mit Schnupftabak überſtrent war. Auch die langen Stiefel, welche der König bis über die Kniee hinübergezogen trug, gaben ihm ein etwas groteskes Anſehen und ſchienen der Würde der königlichen Er⸗ ſcheinung nicht gerade förderlich zu ſein. Aber Mira⸗ beau mußte ſich bei dieſer Betrachtung von Neuem ge⸗ ſtehn, daß er ſeine Erwartungen, die er von dem Anblick —— des großen Königs gehegt, auch dadurch nicht für ge⸗ täuſcht und widerlegt halten konnte. Durch dieſen bizarr und ſchmutzig gekleideten, eng⸗ brüſtig athmenden, mit ſeinen letzten Kräften ängſtlich haushaltenden Körper grüßte ihn abermals der Feuer⸗ ſtrahl der großen Seele, die darin noch keineswegs matter zu glühen ſchien. Mirabeau ſah, daß der König, deſſen ſchmerzlich hallender Huſten ſich ſeinem Ende zu⸗ zuneigen begann, jetzt wieder ſeinen wunderbar heraus⸗ fordernden und ſtechenden Blick zu ihm herüberſandte. Dieſer durchdringende Blick des blauen Königsauges, der Alles in den Andern ergründen zu können ſchien, vereinigte in ſeinem ſcharfen Licht ſo viel Güte und Bosheit, ſo viel wohlwollende Milde und beißende Jronie zu gleicher Zeit, daß ſeiner bezaubernden und beherrſchenden Macht Mirabeau ſich auf eine unwider⸗ ſtehliche Weiſe hingegeben fühlte. Der König ſchien jetzt einer Antwort von ihm ent⸗ gegenzuſehen, und Mirabeau ſagte mit einer ſo ehr⸗ furchtsvollen Verneigung, wie er ſie noch keinem Men⸗ ſchen bisher bewilligt hatte: Sire, ich bin glücklich, meinen großen Landsleuten, die hier zu den Füßen Eurer Majeſtät ſitzen und Ihre Stimme vernehmen durften, mich durch Ihre Gnade angereiht zu ſehen, wenn ich mir auch die Berechtigung dieſer beneidens⸗ werthen Männer, Ihnen unmittelbar Rede zu ſtehen, erſt zu erwerben haben werde. Condorcet hat ſein Leben Voltaire's vollendet, aber daſſelbe wird in die⸗ ſem Augenblick erſt in Genf gedruckt und ſcheint eine Verzögerung unter der Preſſe erfahren zu haben. Mein ſcharfſinniger Freund, der Alles vom höchſten Standpunkt mißt und zuſammenfaßt, ſchrieb dies Buch im ſteten Hinblick auf Ew. Majeſtät, denn wer könnte Voltaire behandeln, ohne dabei um die Gunſt — 3— und Zuſtimmung des Philoſophen von Sansſouci zu werben? Ach, erwiederte der König mit einem flüchtigen Lächeln, von dem ſogenannten Philoſophen von Sans⸗ ſouci wird bald nichts mehr übrig ſein. Die Philo⸗ ſophie beſteht zuletzt nur noch darin, ſich mit Gicht und Podagra abzufinden und vom Geiſt ſo viel übrig zu behalten, um bei allen entwürdigenden Leiden des Körpers ein frohes Geſicht zeigen zu können. Aber ich hoffe, daß unſer ſehr liebenswürdiger Freund Con⸗ dorcet den Schalk und Schuft Voltaire tüchtig ver⸗ arbeitet haben wird. Ich liebte Voltaire, es iſt wahr, aber ich haßte ihn zugleich, und mit der liebevollſten Theilnahme hätte ich ihn hängen ſehen können. Es würde mich intereſſirt haben, wie er ſich dabei be⸗ nommen hätte. Aus allen Lagen ſeines Lebens wußte er ein geiſtreiches Bonmot zu machen, mit dem er die ganze Menſchheit verhöhnte. Was hat er mich nicht zu lachen gemacht, und ich Undankbarer, nun bedaure ich doch, daß er nicht am Galgen geendet hat, wie ich am Krückſtock! Sire, das Buch Condorcet's wird auch nicht gerade der Galgen geworden ſein, an dem man den Herrn von Voltaire zappeln ſieht, entgegnete Mira beau, dem jetzt behaglicher zu werden anfing, mit freimüthigem Lächeln. Es kam doch auch darauf an, die Freiheit und Unabhängigkeit des Denkers in Vol⸗ taire zu verherrlichen, und dieſe Aufgabe ſtand der er⸗ habenen Unparteilichkeit, die von Condorcet's mathe⸗ matiſcher Stirn erglänzt, wohl an. In das Leben Voltaire's haben ſich Preußen und Frankreich getheilt, und beide Länder haben dadurch bewieſen, daß ſie an der Spitze Europa's ſtehen, und von der Vorſehung den Auftrag haben, die neue Aera der menſchlichen Geſellſchaft geſtalten zu helfen. In Frankreich iſt es — 40— die Nation, welche den Anſtoß aufnimmt, den ihr die neuen Ideen Voltaire's gegeben, und in dieſem wun⸗ derbaren, mächtig wachſenden Preußen iſt es der große König, der dieſe Ideen Voltaire's fördert, nährt, ja erzeugen hilft, und ſeine Wahlverwandtſchaft mit der franzöſiſchen Nation dadurch zu dem größten welt⸗ hiſtoriſchen Act ſtempelt! Das klingt ſchön, wie Alles, was man in Eurer Sprache ſagt, Herr Graf, entgegnete Friedrich, indem ſich ſein Kopf noch tiefer auf die Bruſt herabſenkte, und er einen Angenblick nachzuſinnen ſchien. Dann fuhr er mit einem eigenthümlichen Lächeln fort: Man erwärmt ſich nicht mehr recht an Ideen, wenn man alt geworden iſt, wie ich, und wißt Ihr, da ſucht man ſich ſeinen Heerd, an dem man ſich wärmen kann, auf einer ganz andern Seite. Die Philoſophie iſt gut, ſo lange man hofft. Wenn man nichts mehr zu hoffen hat, muß man anfangen, eminent praktiſch zu werden. Ich baue jetzt Chauſſcen durch mein Land, laſſe Sümpfe austrocknen, mache unbebaute Strecken urbar, laſſe den Engländern ihre künſtlichen Wieſen nach⸗ machen und bin froh, daß meine Manufacturen ge⸗ deihen, aus denen wir im vergangenen Jahre für ſechs Millionen Thaler Leinwand und für anderthalb Millionen Thaler Tuch an Ausländer verkauft haben. Und nun habe ich noch eine beſondere Lieblingsidee, die ich die Ehre haben will, Euch mitzutheilen. Ich habe mir dreihundert Schafe und Böcke aus Spanien beſtellt, um die Race in meinen Schäfereien zu ver⸗ beſſern. Könnt Ihr Euch denken, daß ich im höchſten Grade geſpannt auf den Beſuch dieſer Thiere bin, und nicht ruhig würde ſterben können, wenn ſie nicht noch rechtzeitig vor meinem Tode bei mir anlangen. Ja, ja, ich muß zuweilen ſelbſt darüber lachen, denn ſonſt erwartete ich mit derſelben Ungeduld den Beſuch der — 41— Philofophen und ſchönen Geiſter aus Frankreich, und jetzt iſt der Philoſoph von Sansſouei viel glücklicher, wenn die ſpaniſchen Schafe bei ihm zum Beſuch eintreffen.*) Mirabeau biß ſich bei dieſer Bemerkung des Kö⸗ nigs, die er in dem ſpöttiſchen Schimmer ſeiner Augen weiter ausgemalt zu finden glaubte, mit einem unwill⸗ kürlichen Zucken auf die Lippen, ſagte dann aber raſch und im möglichſt hofmänniſchen Ton; Gewiß iſt auch dieſe Richtung Eurer Majeſtät bewundernswürdig, aber die ſpaniſchen Schafe, Sire, werden eben nur die Race in Eürer Majeſtät Schäfereien veredeln können, wäh⸗ rend die franzöſiſchen Wölfe, wenn ich unſere Philo⸗ ſophen und Schöngeiſter mit dieſen vergleichen ſoll, auf die Veredlung der menſchlichen Race hingearbeitet haben, und dazu auch von Ihnen, Sire, in Ihren Landen reichlich benutzt worden ſind. Seit dem Atheismus unſerer Philoſophen hat es freilich manches Schaf weniger in der Welt gegeben, und dies mag für leidenſchaftliche Oekonomen beklagenswerth ſein. Einem großen und weiſen König iſt es aber gewiß nicht gleichgültig, über wen er herrſcht. Und Preußen iſt unter Ihrer Regierung, Sire, das Land des Vor⸗ angehens in Europa geworden. Schon vor mehreren Jahren habt Ihr damit begonnen, in einigen Eurer Provinzen die Leibeigenſchaft anfheben oder mildern zu laſſen, während unſere philoſophiſchen Wölfe in Frank⸗ reich bis jetzt noch keine einzige Sklavenkette gebrochen haben. Aber die Ketten werden auch in Frankreich fallen, Sire! Ich verbürge mich dafür. Und welches wird eigentlich der Zweck Ihres Auf⸗ enthaltes in meinen Staaten ſein, Herr Graf? fragte der König, das Geſpräch ablenkend. ) Hertzberg, Mémoire historique sur la dernière aunée de la vie de Frédérie IHI. Berlin 1787. Sire, erwiederte Mirabeau lebhaft, mein Zweck iſt mit meiner Bewunderung erreicht, welche ich den Zu⸗ ſtänden in Eurer Majeſtät Staaten widmen darf. Auch wollte ich mir hier ein Rendezvous mit meinem Bruder, dem Marquis von Mirabeau, geben, der um die Erlaubniß bitten will, Eurer Majeſtät Manövern in Berlin beiwohnen zu dürfen. Was mich ſelbſt an⸗ betrifft, ſo bin ich mit meinen perſönlichen Verhält⸗ niſſen in Frankreich ganz und gar überworfen, obwohl ich dem Departement der Finanzen die größten und wichtigſten Dienſte geleiſtet habe. Unſer Finanzminiſter, Herr von Calonne, begann mich zu haſſen, ja in meiner Sicherheit zu bedrohen, weil ich mich in ſeine letzte Anleihe nicht miſchen wollte, und ebenſo wenig Luſt zeigte, ſeine Operation, die auf die neue Umprä⸗ gung der Louisd'ors gerichtet iſt, zu vertheidigen. So faßte ich den Entſchluß, Frankreich ſo lange zu ver⸗ laſſen, bis es einmal meiner bedürfen, und mich zu ſich zurückrufen würde. Dieſe Erwartung iſt vielleicht ſehr thöricht, aber ſie entſpringt aus meiner ganzen Lage. Ich bin genöthigt, mich auf meine geiſtige Thätigkeit und mein ſchwaches Talent zu ſtützen, ſo lange mein Vater ſich noch am Leben befindet, der mir erſt nach ſeinem Tode den mir zuſtehenden An⸗ theil an einem großen Familienvermögen gönnen wird. Dies, Sire, ſind auch die Gründe, die mich eine paſſende Verwendung in einem fremden Lande mit Dank annehmen laſſen würden. Schon habe ich ge⸗ dacht, nach Rußland zu gehen, um einem unentwickelten und noch wilden Lande meine friſchen Kräfte und Dienſte anzubieten. Auf dieſen Gedanken würde ich nie gekommen ſein, wenn nicht Euer Gouvernement, Sire, ſchon in ſeiner Organiſation zu vollendet und abgeſchloſſen wäre, als daß ich die vermeſſene Hoff⸗ nung hegen dürfte, Eurer Majeſtät noch nützlich wer⸗ den zu können. Dies iſt zwar mein Lieblingsgedanke und mein früheſter Ehrgeiz geweſen, aber die Stürme meiner Jugend und die bitteren Geſchicke meines Vater⸗ landes hatten mich immer wieder von dieſem wunder⸗ vollen Plan entfernt.*) Der König hatte ihn mit großer Ruhe und Auf⸗ merkſamkeit angehört und ſchwieg, nachdem Mirabeau geendet, noch eine Zeit lang, ehe er eine Erwiederung gab. Dann ſagte er, indem ſeine Angen leuchtende Strahlen zu Mirabeau hinüberſchoſſen: Es iſt möglich, Herr Graf, daß Sie in Rußland ein gutes Fortkommen finden würden, und ich rathe Ihnen ernſtlich dazu. Meine gnte und ſchöne Muhme, die Kaiſerin Katha⸗ rina die Zweite, wird Eure Verdienſte und Talente gewiß zu würdigen im Stande ſein. Ich darf ihr keinen Franzoſen mehr entziehen. Sie ärgerte ſich ſchon genug, daß ihr Voltaire nicht ausſchließlich ge⸗ hörte, ſondern auch noch Etwas von ſeinem alten Freund, dem König von Preußen, hielt. Wenn ſie nun erführe, daß ich auch noch den Grafen Mirabeau abgehalten habe, nach Petersburg zu gehen, ſo würde ich vielleicht meines Lebens nicht mehr vor ihr ſicher ſein. Ihr ſcheint mir aber in jeder Hinſicht für die Czarina zu paſſen, Herr Graf, Ihr ſeid dem Anſehn nach ein gewaltiger und mus'elkräftiger Herr, und die Kaiſerin liebt ſtark gebaute Männer, die bei ihr leicht Carriere machen. Nur Eure Geſinnung würdet Ihr dann ebenfalls unter die Nachthanbe ſtecken müſſen. Nicht wahr? Graf Mirabeau begann heftig zu zittern, wie ihm in Augenblicken geſchah, wo er ſeiner Leidenſchaftlichkeit *) In einem Briefe an Friedrich den Großen(d. d. Berlin, 26. Januar 1786) führte Mirabeau dieſe vorgeblichen Aeußerun⸗ gen über den Zweck ſeines Aufenthalts in Preußen weiter aus. Vgl. Oeuvres de Frédéric le Grand. T. XXV. p. 325. nicht mehr gebieten zu könnnen glaubte. Man ſah ihm an, daß er einen heftigen und anſtrengenden Kampf mit ſich kämpfte, deſſen ſiegreiche Beendigung ſich durch eine heiter aufblitzende Miene auf ſeinem Geſicht ausdrückte. Dann ſagte er mit dem Anſchein der größten Harmloſigkeit: Was iſt Geſinnung, Sire? So lange es noch abſolute Staaten und einen tyranniſchen Re⸗ gierungsmechanismus in der Welt giebt, wird die Ge⸗ ſinnung immer zu einer Uniform herabgewürdigt wer⸗ den. Und hat Rußland Schlimmeres gethan, als die andern Staaten? Ich bin zum Beiſpiel ein aufrich⸗ tiger Freund der Polen, und liebe dieſe unglückliche Nation von ganzem Herzen. Aber ich bin dennoch weit entfernt, die Gründe für die Zerſtückelung und Zerſchneidung Polens nur aus der Barbarei Rußlands und aus ſeinen tyranniſchen Gelüſten herleiten zu wollen. Es giebt Ereigniſſe in der Geſchichte, die mehr eine Begebenheit Aller, als eine That Einzelner zu nennen ſind. Bei ſolchen Begebenheiten, die ihre Nothwendigkeit in ſich tragen, können die Würdigſten mit fortgeriſſen werden, das Unwürdigſte zu thun. Und ein gehöriges Stück Arbeit für Biedermänner iſt dieſe Theilung Polens, aber die Arbeit wurde gemacht, und bei wem könnte man ſich darüber beklagen, daß ſie zu Stande gekommen iſt? Der König runzelte die Stirn, und ſah mit einem ernſten, ſinnenden Ausdruck eine Zeit lang vor ſich hin. Dabei hob ſich ſeine ſchwer athmende Bruſt mit unruhigen Bewegungen auf und nieder. Mirabeau bereute faſt, daß er die Aeußerungen über Polen ge⸗ than, bei denen er ſich durch ſeine Empfindlichkeit über das, was ihm der König geſagt, doch mehr hatte fort⸗ reißen laſſen, als er ſich eigentlich in demſelben Augen⸗ blick vorgenommen. Das Ausſehn des Königs hatte ſich plötzlich auf eine erſchreckende Weiſe zu verändern begonnen. Er erſchien in dieſem Augenblick um Vieles älter und hinfälliger, als ihn Mirabeau zu Anfang der Unter⸗ redung geſehn. Mirabeau wünſchte faſt, aus dieſer Audienz, welche den unheimlichſten Eindruck auf ihn zu machen begann, jetzt baldigſt entlaſſen zu werden, als der König von Neuem ſeinen Mund zum Reden öffnete. Mirabeau ſah jetzt erſt dieſen vom Alter gänz⸗ lich zerſtörten Mund, dem alle Zähne ausgefallen waren, und der ihm beim Beginn des Geſprächs nur von den Lichtern des Genius und der Majeſtät um⸗ ſchwebt geſchienen. Es iſt wahrlich Schade um jede Nation, die durch ſich ſelbſt zu Grunde geht, ſagte der König, indem er mit ſichtlicher Anſtrengung ſeine Stimme wieder lauter und kräftiger zu erheben ſuchte. Denn auf andere Weiſe, als durch ſich ſelbſt, wird keine Nation ihren Untergang finden können. Wenn die Polen aus lauter Polinnen beſtänden, würde ihr Staat eine große Dauer und Feſtigkeit haben, denn die Frauen allein zeigen dort eine erſtaunliche Stärke des Charakters, dieſe Frauen ſind in der That die Männer in dieſem Lande.*) Was kann aber aus einem Lande werden, das ſich ein freies Land zu ſein rühmt, in dem aber die Nation nichts als eine Sklavin iſt? Ein in lauter Parteien und Sonderbündniſſe zerſpalteter Staat, der von einer regelloſen Freiheit ſo berauſcht iſt, daß auf ſeinen Reichs⸗ tagen das Veto eines einzigen Polen ausreicht, den allgemeinen Willen zu brechen, eine ſo chaotiſche National⸗Exiſtenz kann zuletzt nur zum Dünger werden, den die lebenskräftigeren Staaten zu ihrem eigenen *) Nach der wörtlichen Aeußerung Friedrichs des Großen Vgl. Ségur, Mémoires II. 136. Wachsthum benutzen müſſen. Auch ich, Herr Graf, bin ein Bewunderer der polniſchen Nation, aber nur ihrer Damen. Zu einer Unterdrückung und Theilung der Polinnen würde ich niemals meine Zuſtimmung gegeben haben. Dieſer ſcherzhafte Ton, in welchen Friedrich das Geſpräch hinüberlenken wollte, ſchien für Mirabeau einen zu herben und traurigen Anklang zu haben, als daß er die Heiterkeit deſſelben ſogleich zu würdigen vermocht hätte. Mirabeau ſchwieg, und nach einer Pauſe fuhr der König fort: Sagen Sie mir doch Etwas von dem Marquis von Lafayette, der mich im vorigen Jahr hier beſuchte und die angenehmſten Erinnerungen an ſich bei mir zurückgelaſſen hat. Iſt es denn wahr, daß er eine Pflanzung in Cayenne angekauft hat, blos in der Abſicht, um die auf derſelben lebenden Sklaven freizugeben. Mirabeau beſtätigte dieſen Umſtand mit einigen ihn näher bezeichnenden Worten. Das freut mich, das iſt mir außerordentlich ange⸗ nehm! rief der König mit einem lebhaften Ausdruck. Ihr Franzoſen ſeid doch eine geiſtreiche und liebens⸗ würdige Nation, und des Schönſten und Feinſten kann man ſich von Euch immer gewiß halten. Eine Herr⸗ ſchaft zu kaufen, blos um die Sklaven freizulaſſen, das iſt ſublime, das beweiſt ein großes und kluges Herz. Ja, ja, Sklaven zu ſeinen Untergebenen zu haben, das iſt nicht ſchön. Auch ich bin es müde, über Sklaven zu herrſchen, aber ſie ſind mir unter meinen Füßen aller Orten emporgewachſen, wo ich ſie weder gewollt noch geſucht habe. Die Sklaverei der Geiſter und der Charaktere in einem ſchon ſittlich ent⸗ wickelten Staat iſt ein noch viel freſſenderes Uebel, als die Sklaverei der Leiber, um deren Verminderung ſich der edle Lafayette in der neuen Welt bemüht. Grüßt mir ihn doch ſchönſtens, wenn Ihr in Paris einmal wieder mit ihm zuſammentrefft. Er war mit mir in Schleſien zur Revue meiner Truppen, und wir haben oft recht heiter zuſammen dinirt, ich, der Herzog von York und Lafayette. Sagt ihm dies. Mirabeau verneigte ſich, und ſah mit erneuerter Bewunderung auf den König, in deſſen Augen jetzt ein wunderbar ſchönes, mildes Feuer blitzte, das ſeiner ganzen Phyſiognomie einen herzlichen und innigen Aus⸗ druck lieh. Ich werde ſehr Viele in Paris glücklich machen durch meine Briefe, die ich dorthin richten werde, Sire! ſagte Mirabeau. Denn die Bewunderer Eurer Majeſtät werden von mir zugleich erfahren, daß Ihr Befinden bei weitem beſſer und befriedigender iſt, als man es in der letzten Zeit annehmen zu dürfen glaubte, denn das unverlöſchliche Feuer Ihres Königlichen Genius leuchtet noch immer friſch und jugendhell auf Eurer Majeſtät Stirn. Ach nein, entgegnete der König achſelzuckend, ent⸗ werfen Sie ja meinen Freunden in Paris kein Bild von mir, das nicht mehr Stich halten könnte. Meine Kräfte werden täglich geringer, und wie ich ſchon meine gichtgekrümmten Beine und Hände nach den Ufern des Cocytus habe vorausſchicken müſſen, ſo wird auch die Bagage meiner geiſtigen Kräfte immer kleiner und armſeliger. In früheren Zeiten habe ich wohl manchmal auch mit einer zerlumpten und er⸗ ſchöpften Armee noch einen ganz anſtändigen Sieg er⸗ fochten. Aber mit einer ſolchen Armee, wie ſie mir mein Körper noch darbietet, werde ich mich nicht mehr lange halten können, und der demüthigendſte Rückzug ſteht mir bevor. Denn in meinen Gliedern iſt offene Meuterei ausgebrochen; wenn der Fuß nicht mehr thun will, was der Kopf für das Beſte erachtet, ſo muß die ganze Armee ſo bald als möglich zum Teufel gejagt werden. Daß ich aber auf meinen entſcheidendſten Rückzug gefaßt bin, können Sie unſern Freunden in Paris ohne alle Géne anzeigen. Aber vielleicht würden Euere Majeſtät die guten Aerzte, die wir in Paris haben, nicht verſchmähen? verſetzte Mirabeau. Es ſind bei uns neuerdings aus⸗ gezeichnete Talente der Heilkunſt hervorgegangen, die Eurer Majeſtät gewiß die beſten Dienſte leiſten würden. Sire, ich wage meinen Freund Cabanis, den auch Voltaire liebte und auszeichnete, zu einer ſo ehrenvollen Miſſion zu empfehlen. Er iſt Philoſoph und Arzt zu⸗ gleich, und verbindet mit dem lieblichen Weſen eines Kindes einen Heldengeiſt, der die Krankheiten des Or⸗ ganismus ebenſo ſiegreich bekämpft, als er den prin⸗ cipiellen Schäden des Zeitalters auf dem Boden der Philoſophie wunderbar zu Leibe geht. Die deutſchen Aerzte ſind zu wenig Philoſophen, und darum werden ſie Ew. Majeſtät nicht ſo helfen können, wie es Ca⸗ banis vermag. Ich danke Ihnen, Herr Graf, erwiederte der König mit freundlichem Kopfneigen. Sie wiſſen alſo nicht, daß ich die ganze Arzneikunde nur für eitel Quack⸗ ſalberei anſehe? Meine Aerzte haben es von jeher ſehr übel bei mir gehabt, denn ich ſpiele ihnen oft die größten Poſſen. Auch war ich bis zum Jahre 1785 faſt immer ſo geſund, daß ich mir ohne Gefahr meines Leibes manchen Spaß mit ihnen machen konnte. Mit Rhabarber, Glauberſalz und Brechweinſtein hatte ich ſelbſt früher faſt alle meine Krankheiten aus dem Felde geſchlagen, während mich die Aerzte mit ihren Diät⸗ Vorſchlägen erzürnten und ſo durch den Aerger ſtets alle meine Krankheitsanfälle ſteigerten. Und was wären die Arzneiſtoffe, wenn ſie wirklich eine Kraft hätten, 15 für Pedanten, wollten ſie ſich daran ſtoßen, daß ich gleichzeitig Polenta oder Aalpaſtete in meinen Magen gefüllt habe. Ich erklärte daher ſchon deshalb jeden Arzt für einen Charlatan, der mir meine Lieblings⸗ ſpeiſen zu eſſen verbot. An philoſophiſchen Aerzten, die Ihr mir empfehlen wollt, hat es mir aber auch nicht gefehlt. Mein armer Schelm, der Lamettrie, empfahl mir einmal einen Syrnp von Nymphäa, der mir auch Anfangs bei allen möglichen Uebeln half. Lamettrie war auch ein Philoſoph, der die Natur⸗ geſchichte der Seele geſchrieben, und in einem übel verrufenen Buche auseinanderſetzte, daß der Menſch nichts als eine Maſchine ſei. Zuletzt aber half mir ſein Syrup nicht mehr, und Lamettrie ſtarb an einer ſchlechten Verdauung, weil er zuviel von meinen Aal⸗ paſteten gegeſſen, indem er geglaubt, der Philoſoph dürfe wie der König thun. Um Euch nun aber noch mehr zufriedenzuſtellen, Herr Graf, will ich Euch er⸗ zählen, daß ich mir auch den berühmten Ritter von Zimmermann herberufen habe, der gewiß ein philo⸗ ſophiſcher Arzt von ächtem Schrot und Korn iſt. Nun ſoll mich wundern, wie der Verfaſſer der Schrift„über die Einſamkeit“ den einſam gewordenen König behan⸗ deln wird. Ich bin alſo ein rechter Patient für den großen Ritter von Zimmermann, ich bin krank und einſam.—— Die Stimme des Königs verhallte bei dieſen Worten auf eine ſo eigenthümliche Weiſe in ſich ſelbſt, daß Mirabeau, da unmittelbar darauf ein anhaltendes Schweigen eintrat, erſchrocken aufſprang, und ſich dem Lehnſeſſel des Königs näherte. Der König war eingeſchlummert, wie ihm dies in der letzten Zeit ſehr häufig während des Tages und bei allen Gelegenheiten begegnete. Das Haupt war ihm tief auf die Bruſt herabgeſunken, und ſein Athem Mirabeau. III. 4 ging in ſchweren tiefen Zügen, die ihm auch während des Schlummers Schmerz zu bereiten ſchienen, in ihm auf und ab. Mirabeau ſchlich ſich leiſe und mit der größten Behutſamkeit aus dem Cabinet, um den kranken König nicht zu erwecken. Indem er die Thür hinter ſich anlehnen wollte, trieb es ihn, ſeine Angen noch einmal auf die machtlos in ſich zuſammengeſunkene Geſtalt des großen Monarchen zurückzuwenden. Es erſchüt⸗ terte ihn, daß der kleine Klumpen, der dort im Seſſel ineinandergekauert lag und ſo peinlich und ſchmerzvoll athmete, Friedrich der Große hieß, und mit bangen, unheimlichen Empfindungen ſtürzte er von dannen. Im Vorſaal benachrichtigte er raſch den Grafen von Görtz, welcher Zufall im Cabinet des Königs eingetreten ſei, was der Graf aber als eine gewöhn⸗ liche, leider zu den ungünſtigſten Vorzeichen gerechnete Erſcheinung bezeichnete. Mirabeau athmete erſt wieder leichter auf, als er ſich draußen in der ihn friſch anwehenden Winterluft befand, und ſeinen Wagen, der unten am Fuße des Schloſſes auf ihn geharrt hatte, beſtieg. Indem er den Poſtillon zur größten Eile verpflich⸗ tete, ſuchte er den Rückweg von Sansſouci nach Berlin ſo raſch, als es Pferde und Straße nur immer ge⸗ ſtatten wollten, zurückzulegen. Chineſiſches Schattenſpiel. Graf Mirabean hatte ſich ſeit einigen Wochen etwas häuslicher in Berlin einznrichten begonnen, und ſeine Zimmer in der Ville de Paris mit einer geräumigen Privatwohnung vertauſcht, die er ſich unter den Linden in einem ziemlich großartigen Maaßſtabe hatte ein⸗ richten laſſen. Er hatte ſich ſeitdem auch eine glän⸗ zende Equipage und mehrere Pferde angeſchafft, was ihm zu einer angemeſſenen Entfaltung ſeiner Stellung in dem geſellſchaftlichen Treiben der preußiſchen Haupt⸗ ſtadt durchaus nothwendig erſchien. Auch das ihn umgebende Dienſtperſonal hatte er wieder auf eine ſeinen Lebensgewohnheiten entſprechende Weiſe erhöht, und in ſeinem Cabinet arbeiteten täglich zwei Seere⸗ taire, die er in ſeinen Dienſt genommen, und die mit allen möglichen Ausarbeitungen, Abſchriften und Aus⸗ zügen vollauf für ihn beſchäftigt waren. Auch der Candidat Schmidt, mit dem er täglich Deutſch trieb, war ſeit einiger Zeit bei dieſen Arbeiten im Cabinet Mirabeau's verwandt worden, und nützte durch ſeine emſige Gewandtheit, mit der er ſich zum literariſchen Laufburſchen ſeines franzöſiſchen Gönners zu machen gewußt, dem er alles mögliche Material aus deutſchen Werken, deſſen Mirabeau bedurfte, herbeiſchaffte und zugänglich machte. Frau von Nehra, die jedesmal ängſtlich wurde, wenn Mirabeau einen neuen Anlauf zu einem ver⸗ ſchwenderiſchen Aufwand nahm. hatte ihn auch diesmal wieder auf ein beſcheideneres Maaß der äußeren Ein⸗ richtungen zurückzuführen verſucht, aber alle ihre Bitten und Vorſtellungen waren jetzt mehr als je geſcheitert. Mirabeau ſchien ſich für ſein Auftreten in Berlin einen ganz beſtimmten Plan vorgezeichnet zu haben und glaubte ſich demgemäß auch nicht anders als in einem gewiſſen Glanz zeigen zu müſſen, worüber Henriette, welche die Verſchwendungen ihres Freundes ſchon ſo oft von den traurigſten Folgen begleitet geſehen, bereits wieder manche heimliche Thrne zu weinen begann. 4* Aber Mirabeau führte auf der andern Seite auch wieder ein ſo thätiges und angeſtrengtes Leben in Berlin, wie es Henriette kaum noch von ihrem Freunde geſehen, und was ihr noch einen neuen Grund zur Beſorgniß gab. Denn nachdem er ſich den ganzen Tag über in Berlin oder Potsdam umherbewegt, die verſchiedenſten Bekanntſchaften unterhalten, Beſuche aller Art gemacht und dazwiſchen auch einige Stunden mit ſeinen Secretairen gearbeitet hatte, begab er ſich auch des Nachts jetzt ſelten zur Ruhe, ſondern ſaß gewöhnlich bis zum frühen Morgen in raſtloſem Eifer, und unaufhörlich ſchaffend und arbeitend, an ſeinem Schreibtiſch. Der Anbruch des Tages fand ihn noch oft mit der Feder in der Hand oder über einem Buch vertieft, und wenn Henriette, nachdem ſie ihn ſo oft vergebens gemahnt, dann zu ihm hereintrat, um ihn zu beſchwören, daß er ſich endlich Ruhe gönnen möchte, fühlte ihre Hand ſeine Stirn glühen, während rings um ihn her die ſchneidendſte Kälte in ſeinem Zimmer herrſchte. Mirabeau ſaß heut wieder in gewohnter Weiſe bei ſeinen nächtlichen Studien und Arbeiten, und hatte die ausdrücklichſten Befehle ertheilt, daß Niemand ihn ſtören dürfe. Er war erſt gegen Mitternacht aus einer Ge⸗ ſellſchaft nach Hauſe gekommen, in der er ſich bei dem Geheimen Rath von Dohm, einem der erſten und be⸗ deutendſten Beamten im Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten, befunden hatte, und nachdem er dann eine Stunde geſchlafen, war er vollkommen erfriſcht wieder aufgeſtanden, um ſich an ſeinen Schreibtiſch zu ſetzen. Es war eine der ſtrengſten Winternächte. Der Froſt zitterte an den Scheiben, durch deren eisbedeckte Fläche der Mond mit ſeinem bleichen ernſten Strahl hereinzudringen bemüht war. In dem Kamin war 1 das Feuer, welches der Bediente vor einer Stunde gemacht, erloſchen, und nur wenige glimmende Kohlen, die den Kampf gegen eine fürchterliche Kälte nicht mehr aufzunehmen vermochten, lagen noch kniſternd und im Erſterben begriffen darin umher. Mirabeau hatte dem Bedienten verboten, wieder aufzuſtehen und das Feuer zu erneuern, weil er es nicht liebte, daß den bei ihm im Dienſt ſtehenden Perſonen zu viel aufgebürdet würde. Er ſelbſt ſaß nur ſehr ſpärlich angekleidet da, wie das beim Arbeiten in ſeiner Gewohnheit lag, und nichts als ein einfacher Piqus Schlafrock, unter dem er weder eine Weſte noch Strümpfe trug, bedeckte ſeine Geſtalt. Er ſchien ſich aber dabei ſo behaglich zu fühlen, daß ihn nichts an der Fortſetzung ſeiner Arbeit hinderte und die Feder wie ein geflügelter Pfeil in ſeinen Fingern fortſchwebte.*) Da vernahm er plötzlich ein leiſes Geräuſch am Kamin des Zimmers, das er in ſeinem Arbeitseifer anfangs nicht beachten zu wollen ſchien, welches ihn aber jetzt, da es ſich regelmäßig wiederholte, aufmerk⸗ ſam machen mußte. Er blickte raſch und unwillig hinüber und bemerkte zu ſeinem Erſtaunen eine ſchnee⸗ weiße Geſtalt, die am Kamin niedergekauert ſaß. Mirabeau ſtürzte betroffen dorthin und ſtreckte ſeinen Arm nach dem weißen Gewande aus, welches zum Theil über den Fußboden hingebreitet lag. Mit dem mächtigen Griff ſeiner Fauſt, dem nicht leicht etwas widerſtand, zog er dann eine zitternde und ſeufzende Geſtalt zu ſich empor, in der er erſt zürnend, dann lachend Niemand anders als ſeine Freundin Henriette erkannte. Du biſt es, Yet⸗Lie? rief er dann mit vorwurfs⸗ *) Aus den ungedruckten Memoiren der Frau von Nehra. Vgl. Montigny IV. 343. vollem Ton, indem er ſie in ſeinen Armen zum Divan hintrug und dort leiſe niederließ. Gegen alle meine Wünſche und Bitten biſt Du doch aufgeſtanden und hätteſt mich beinahe erſchreckt als weißes Nachtgeſpenſt! Und mich haſt Du beinahe erdrückt mit Deinem fürchterlichen Daumen, Du böſer, ſtarker, keinem Menſchen Ruhe gönnender Mann! rief Henriette, noch vor Schreck und Aufregung zitternd. Ich wollte Dir ja nur ein wenig Feuer hier in Deinem Kamin machen. Der Diener wollte Deinen Zorn nicht wagen, weil Du es ihm ausdrücklich verboten. Darum ſtand ich auf und dachte, es wäre mir immer noch lieber, von Dir geſcholten zu werden, als Dich frieren zu laſſen. Außerdem hoffte ich, Du würdeſt mich in Deiner tiefen Arbeitswuth gar nicht bemerken, denn, da ich nun doch einmal geſtehen muß, ſo wiſſe es, daß ich Dir bereits ſeit fünf Nächten auf dieſe Weiſe Feuer gemacht habe. Aber heut iſt es Dir gelungen, mich zu ertappen, Du Abſcheulicher! Er nahm ſie in ſeine Arme und küßte ſie vielmals. Du frierſt ſelbſt in Deinem leichten durchſichtigen Nachtgewand, ſagte er, einen Augenblick lang mit ihr koſend. Dein Buſen iſt kalt, wie Marmor und Schnee, und mir willſt Du Feuer machen, dem an ſeinem Schreibtiſch alle Teufel der Politik in den Adern bren⸗ nen, und der im heißen Schweiß ſeines Angeſichts Alles, was er heut in der Geſellſchaft des Herrn von Dohm gehört hat, zu einer Chiffre⸗Depeſche an den Miniſter von Calonne verarbeitet, damit ſie morgen mit dem Früheſten nach Paris abgehen könne. Dabei wird man heiß, und ich ſehne mich vielmehr nach Kühle, die mich jetzt wonnig an Dir durchſchauert, meine ſchöne und ſüße Gräfin Herbie, indem ich meine Wange an Deine Schulter legen darf. Aber nun, mein Kind, begiebſt Du Dich ohne Widerſpruch in Dein Bett zurück, denn länger wirſt Du hier nicht gelitten. Ein geheimer Depeſchenſchreiber, und noch dazu einer in Chiffren, wie ich jetzt bin, iſt ein fürchterlicher Menſch, mit dem eine Dame von Herz und Gefühl ſich bei der Nacht durchaus nicht einlaſſen darf. Alſo marſch fort mit Dir, denn es wird hier kein Feuer heut gemacht. Du willſt in allen Dingen Deinen Willen haben, Despot! verſetzte Henriette, indem ſie ſich ſchmollend von ſeinem Knie wieder zurückzog. Aber ich erkläre Dir in allem Ernſt, daß ich nicht eher wieder von hinnen weiche, daß ich die ganze Nacht dort bei dem Kamin auf der Erde hocken bleiben werde, wenn Du mir nicht erlaubſt, das Kaminfeuer neu zu entzünden. Hätte ich gewußt, daß es ſo entſetzlich frieren könnte in dieſem nordiſchen Berlin, ſo würde ich Dir abge⸗ rathen haben, dieſe Reiſe zu machen. Das ganze Leben iſt hier nur ein von Langerweile durchbrochener Eiszapfen. Ich glaube, die viele Kälte kommt von den Geſichtern der Berliner her. Arme und Beine und Naſe erfriert man ſich ſchon, wenn man nur einen Berliner anſieht. Und an einem ſolchen Ort willſt Du noch die ganze Nacht hindurch in einer ungeheizten Stube arbeiten? Nein, mein Freund, es wird doch Feuer gemacht, aber ſo, wie ich ſchon vorhin es ange⸗ fangen und ohne Deine naſeweiſe Dazwiſchenkunft ſchon längſt zu Stande gebracht haben würde. Nun, ich will Dir etwas ſagen, entgegnete Mira⸗ beau lachend, da ich ſehe, daß Du doch nicht abzuweiſen biſt und ich ſobald als möglich wieder zu meiner De⸗ peſche muß, ſo wollen wir lieber Beide zuſammen Feuer machen, damit es um ſo raſcher geht. Ich werde Dir alſo helfen, Gräfin Met⸗Lie. Mirabeau begab ſich ſodann zum Kamin, während Henriette ihm eifrig folgte, und ihn dann muthwillig auslachte, als er jetzt weder Holz noch Kohlen zu finden wußte und rathlos umherblickte. Meine Scheite habe ich mir ſchon geſtern hier ver⸗ borgen, ſagte ſie wie ein frohlockendes Kind Siehſt Du, da liegen ſie hinter dem Schrank, und weil ich ſie nicht leiſe genug hervorziehen konnte, machte ich den täppiſchen Lärm, ſonſt hätteſt Du wieder ganz und gar nichts bemerken ſollen. Aber jetzt werde ich Dir ein Stück nach dem andern zureichen, und machen wir ſo wenig als möglich Geräuſch. Denn Freund Coco ſchläft in der Nebenſtube. Sie knieten jetzt zuſammen vor dem Kamin nieder, um das Werk zu beginnen, bei dem ſich Mirabeau jedoch ſo ungeſchickt anſtellte, daß ſeinem ungeduldigen Wunſch, raſch zu Stande zu kommen und wieder an ſeinen Schreibtiſch zurückkehren zu können, dadurch immer neue Hinderniſſe bereitet wurden. Henriette gerieth bald in eine ausgelaſſene fröhliche Stimmung, indem ſie ſah, wie ihr Freund nicht im Stande war, nur ein einziges Stück Holz richtig und paſſend über dem andern aufzubauen. Und nun erzähle mir doch auch bei dieſer Gele⸗ genheit, ſagte ſie, ihm mit luſtiger Miene ein neues Scheit darreichend, erzähle mir, was Du denn eigent⸗ lich von Berlin aus ſo viel nach Paris zu melden haben kannſt? Ich würde es wahrlich nicht der Mühe für werth halten, auch nur zwei Schreibſeiten voll über Alles, was hier vorgeht, zu Papiere zu bringen. Was in aller Welt kann Frankreich daran liegen, ob der alte König von Preußen noch lange lebt, und ob der Prinz von Preußen ſo und ſo viel Schulden hat und ob er ſeine neue Maitreſſe lieben wird, und ob der Prinz Heinrich neulich drei Mal hinter einander genieſt hat, und ob der Miniſter Hertzberg, dieſer langweilige und ſteife Herr, der Dich neulich eine ganze Stunde lang beſucht hat, ein Freund Frankreichs iſt oder nicht? Muß dies dem König von Frankreich nicht ebenſo gleichgültig ſein, wie es Deiner Yet⸗Lie iſt? Wenn Du Recht hätteſt, ſtände es viel beſſer mit der Welt, als es mit ihr ſteht, erwiederte Mirabeau, indem er eifrig an Holz und Kohlen weiterbaute. Aber in der heutigen Politik der Staaten ſind die erbärm⸗ lichſten Umſtände gerade die entſcheidendſten. Darum berichte ich an das Gouvernement in Frankreich faſt lauter nichtsnutziges Zeug, das ihnen jeder ſchwatzhafte Kammerdiener ebenſo gut von hier ſchreiben könnte. Das iſt aber gerade die Hauptſache, denn ein Kammer⸗ diener ſieht von ſeinem Standpunkte aus den Perſonen am meiſten durch die Rippen und weiß aus dem zu großen oder zu geringen Appetit, mit dem ſein Herr eine Aalpaſtete verzehrt hat, zu folgern, welche Be⸗ ſchlüſſe im Staatsrath gefaßt worden. Aber als Du damals von dem preußiſchen König aus Sansſouci zurückkamſt, warſt Du doch ſehr be⸗ wegt, und Du ſchriebſt nach Paris darüber in einer ſo ernſten und feierlichen Stimmung, wie ich Dich lange nicht geſehen hatte, bemerkte Henriette, ihm einen ihrer bewundernden und ſchwärmeriſchen Blicke, mit denen ſie ihn ſo oft ſeitwärts betrachtete, zuwendend. Damals war ich ergriffen, wie Einer, der einen Blick hinter die Couliſſen der Schöpfung gethan hat, entgegnete Mirabeau ernſt. Ich hatte die Menſchen⸗ größe in aller Erniedriguug der hinfälligen Creatur geſehen. Da war es mir, als wenn mich das Schickſal ſelbſt an meinen Locken gezupft hätte. Mein ausführ⸗ licher Brief, den ich über meinen Beſuch bei Friedrich dem Großen an die Herren von Vergennes und von Calonne richtete, ſoll auch bei dem König von Frank⸗ reich die größte Senſation gemacht haben, wie mir von Claviére geſchrieben worden iſt. Der König Louis XVI. ſoll namentlich von der Stelle betroffen worden ſein, an der ich auseinanderſetzte, daß in Preußen Alles für eine große Revolution reif ſei, und dieſer Gedanke iſt es, der mir aus meiner Unter⸗ redung mit dem todtkranken König unabweislich ent⸗ gegenleuchtete.*) Und warum muß das geſchehen? fragte Henriette aufmerkſam, indem ſie einen Augenblick kang mit der Arbeit innehielt. Es wird und muß geſchehen, erwiederte Mirabeau eifrig, denn dieſer Staat iſt dazu berufen, eine wich⸗ tige Rolle in den Geſchicken Europa's zu ſpielen. Er muß ein ächter Staat der Freiheit werden, oder er muß zu Grunde gehen und in ſeinem Sturz zugleich die Selbſtſtändigkeit und Wohlfahrt Deutſchlands be⸗ graben. Dieſer König Friedrich iſt ein großer Mann geweſen, er hat ſeinem Staat die Keime des freien Volksthums eingeflößt, die nothwendig darin empor⸗ gehen müſſen, wenn er ihnen auch ſelbſt die Saat⸗ ſpitzen wieder abgeſtumpft hat. Hätte dieſer König blos mit ſeinem Geiſt regiert, ſo würde er die Fahne der Freiheit, die ſeiner Nation gehört, längſt auf allen Spitzen des Staats aufgeſteckt haben. Aber er regierte zugleich mit ſeiner Menſchen⸗ und Deutſchen⸗ Verachtung, und dieſe führte ihn, zugleich aus Be⸗ quemlichkeit und übler Laune, dazu, ſeinem Staat dieſe harte Zwangsjacke des königlichen Willens anzu⸗ ziehen und ſeine Unterthanen blos zu Stiften einer todten und ſeelenloſen Regierungsmechanik zu machen. Aber nichtsdeſtoweniger iſt Er es geweſen, welcher dieſem Preußen das Geſetz der Freiheit in alle ſeine Glieder eingegraben hat, und nur er ſelbſt war mäch⸗ ) Dieſe Aeußerung Mirabeau's ging in das Buch De la Monarchie prussienne V. 357. über. 5 tig genug, das Aufgeben ſeiner eigenen Pflanzung noch zurückzuhalten. Nach ſeinem Tode wird es Stürme geben, die durch keine künſtliche Beſchwörung mehr zu beſchwichtigen ſein werden. Und für Frank⸗ reich iſt es von der größten Wichtigkeit, was aus Preußen wird. Nur allein durch Preußen kann Oeſter⸗ reich im Zaum gehalten werden, das verhaßte Oeſter⸗ reich, das den Franzoſen eine leichtſinnige und volks⸗ feindliche Königin gegeben, und das, wenn Preußen von ſeiner Stelle wankt, die Sättigung ſeiner Länder⸗ gier zuerſt an Deutſchland befriedigen und damit ſeinen herrſchſüchtigen Bauch gewaltig und dann kaum noch umſpannbar ausrunden wird! Du ſiehſt daraus, wie nöthig ich hier bin, um auf Alles zu achten, was in dieſem verhängnißvollen Augenblick in Preußen vorgehen kann. Die Lage Europa's erfordert ein inni⸗ ges Bündniß Preußens und Frankreichs, und dieſem die Wege zu bereiten, iſt die Aufgabe, die ich mir noch weit über die Abſichten meines Gouvernements hinaus hier geſtellt habe. Denn der König Louis XVI. ſoll ſich zwar über meine Aeußerung gefreut haben, wonach ich in Preußen Alles zu einer Revolution reif und vorbereitet ſehe, aber den wahren Sinn dieſer meiner Darſtellung hat er wohl nicht begriffen. Denn für ihn ſehe ich wenig Grund zur Freude dabei.*) Ich aber meine, daß, wenn in Preußen die Freiheit ihren erſten ſiegreichen Aufruf an die Menſchheit er⸗ laſſen haben wird, und wenn für Frankreich ein Bündniß mit Preußen durch die Lage Europa's eine Nothwendigkeit geworden iſt, dann ſoll ein freies Preußen, in dem ſich die Prinzipien der neuen Zeit ſchon entſchieden haben, auch das freie Frankreich un⸗ widerſtehlich nach ſich ziehen! ⸗ *) Vgl. Condorcet Mémoires II. 72. Mirabeau war bei dieſen Worten heftig aufgeſprun⸗ gen und ging mit mächtigen Schritten im Zimmer auf und ab, indem er es Henrietten jetzt allein überließ, das Feuer im Kamin zu beſorgen. Es will aber durchaus heut nicht brennen, rief Henriette nach einer Pauſe ärgerlich. Komm jetzt her, Mirabeau, und hilf mir die Flamme ein wenig an⸗ blaſen, denn Du haſt eine gute Lunge, die mehr Kraft hat, als alle Blaſebälge Berlins zuſammen⸗ genommen. Mirabeau mußte über ſeine Freundin lachen, und neigte ſich wieder zu ihr herunter, um die Anſtrengungen ihres lieblichen Athems, die ſich bereits erſchöpft hatten, zu unterſtützen. Es währte auch nicht lange, ſo war das Feuer in ſeinen vollen Zug getreten, und der helle Strahl der Flamme überflog gleichzeitig das Geſicht Beider mit rother Gluth. Und nun, mein Schatz, danke ich Dir für Dein liebenswürdiges Bemühen, ſagte Mirabeau, indem er die Freundin jetzt mit einem flüchtigen Händedruck verabſchieden wollte. Ich habe heut Nacht noch ſehr viel zu Ende zu bringen, denn nachdem ich meine Chiffre⸗Depeſche fertig geſchrieben, habe ich noch an meinem Flugblatt über Caglioſtrv und Lavater den Schlußſatz hinzuzufügen, denn ich beabſichtige das Manuſcript morgen in die Druckerei zu ſchicken. Und dann will ich ſehen, ob ich ſchon im Stande ſein werde, die Materialien, die ich zu einem großen Werk über die preußiſche Monarchie zu ſammeln angefangen habe, zu ſichten und nach einem gewiſſen planmäßigen Zuſammenhang zu ordnen. Ich will dies Werk von vorn herein in beſtimmte Rubriken theilen, und nach⸗ dem ich dieſe feſtgeſtellt, werde ich auch leichter über⸗ ſchlagen können, was mir noch fehlt, und auf welchem Punkt ich noch mehr zu ſammeln und in Erfahrung —— — zu bringen habe. Aber nun geh, Yet⸗Lie. Du mein Stern in der Nacht, ſonſt die Vertraute meiner Liebes⸗ ſchmerzen, die ich beſtändig zu Dir leide, heut kannſt Du nur die Vertraute meines Schreibtiſches ſein, und das iſt doch zu wenig für Dein göttliches Herz! Henriette warf ihm noch einen ſchmollenden Blick zu und entfernte ſich dann mit langſam zögerndem Schritt in das Nebenzimmer. Er blickte ihr mit zärt⸗ lichen Angen nach, und es ſchien ihm leid zu thun, ſie ſo ohne einen nachmaligen Liebesgruß von ſich zu laſſen. Sie kehrte aber eiligſt und mit beflügelter Bewegung wieder zu ihm zurück, nachdem er leiſe bittend ihren Namen gerufen hatte. Du mußt nicht denken, daß es immer ſo bleiben wird, ſagte Mirabeau, ihren Kopf zwiſchen ſeine Hände nehmend. Nein, Yet⸗Lie, in kurzer Zeit iſt ein großes Thier aus mir geworden, und dann faullenzen wir wieder zuſammen um die Wette in unſrem köſtlichen Beieinanderſein Tag und Nacht. Schon jetzt bin ich im Begriff, ein reicher Mann zu werden, ich verdiene ja Geld wie Heu vom frarzöſiſchen Miniſterium, denn je mehr ſie ſehen, daß ich ihnen etwas liefere, was ihnen ſonſt kein Menſch machen kann, deſto mehr Geld werden ſie mir anweiſen laſſen. Denn auf itſeit Punkt ſind Vergennes und Calonne anſtändige eute. Mein Freund, entgegnete Henriette mit geſenktem Kopf, Du verbrauchſt hier zehn Mal mehr, als Du aus Paris bekommſt, denn Du verſtehſt Dich einmal nicht einzurichten, und bald wirſt Du wieder borgen müſſen. Ich fürchte, Du biſt ſchon dabei. Waren nicht geſtern bereits drei Juden hier, mit denen Du in Deinem Cabinet ſo lange und ſo eifrig verhandelteſt? Gewiß wollteſt Du Dir Geld von ihnen borgen, und Du haſt geſehen, daß die berliner Inden ebenſo zähe 6 und unverſchämt ſind, als es die pariſer ſtets gegen Dich waren! Mirabeau mußte aus vollem Halſe lachen. Dies iſt ein allerliebſter Irrthum von Deiner Seite, mein Kind, ſagte er dann, und eine ſchreckliche Beleidigung für die Herren, die geſtern bei mir waren, und welche Du für Schacherjuden gehalten, mit denen ich wieder einmal Geldgeſchäfte machen wollte. Meine gute Gräfin Yet⸗Lie, das waren ja die angeſehenſten Män⸗ ner der hieſigen jüdiſchen Gemeinde, die als Deputa⸗ tion zu mir kamen, um meine Schreibfeder für die Sache der Juden und für die Verbeſſerung ihrer bür⸗ gerlichen Verhältniſſe in Anſpruch zu nehmen. Unter dieſen Männern befand ſich auch der würdige Doctor Hertz, ein Jude, aber eine feine und ausgezeichnete Per⸗ ſönlichkeit, ein Mann, den ich wahrhaſt liebgewonnen habe, und der Arzt und Philoſoph zugleich iſt, wie unſer Cabanis, und ein braves Herz in ſeinen Augen und auf ſeinen ſanft beredten Lippen hat. Ich würde glücklich ſein, wenn ich mich mit Männern dieſer Art für mein ganzes Leben verbrüdern könnte. Ueberhaupt beſteht dieſe jüdiſche Colonie in Berlin aus den aus⸗ gezeichnetſten Menſchen. Man begegnet in derſelben faſt lauter braven und energiſchen Charakteren und Geiſtern, die ihre hohe Begabung unter dem Druck der Verhältniſſe nur zu einem um ſo nachhaltigeren Feuer geſtählt und veredelt haben. Der Geiſt des ehrwürdigen Moſes Mendelsſohn, deſſen Schriften ich zu leſen angefangen, ruht auf dieſen berliner Juden und hat ihrer Gemeinde dieſe außerordentlich würdige und geiſtige Haltung gegeben, deren Beiſpiel mehr als irgendwo bewieſen hat, daß die Juden ganz und gar auf der Höhe des Menſchenthums ſtehen können, ſo⸗ bald die Souveraine ſich nur entſchließen wollen, ſie 6 als Menſchen zu behandeln.*) Die Hauptſtadt Preußens hat an dieſer jüdiſchen Colonie ein ſo bedeutendes und unwiderſtehliches Element der Bevölkerung in ſich auf⸗ genommen, daß ich prophezeihe, Berlin wird nicht als Königsſtadt, ſondern als Judenſtadt dereinſt ſeine höchſte Beſtimmung erreichen, und jeder anſtändige Menſch wird hier noch zuletzt Inde werden müſſen, wenn er ſeine richtige Stelle in der Geſellſchaft ein⸗ nehmen will! Und Du haſt ihnen verſprochen, für die Juden zu ſchreiben? fragte Henriette, ihren Freund mit einem zweifelhaften Lächeln anblickend. Ja wohl, entgegnete Mirabeau, indem er ſich an ihrer ſeltſamen Miene beluſtigte. Meine jüdiſchen Freunde in Berlin wollen einen großen Werth darauf legen, daß auch von einem Franzoſen etwas für ihre Sache geſchehe, denn Juden und Franzoſen werden immer eine gewiſſe Wahlverwandtſchaft mit einander haben, ſo daß ſich der Eine bei dem Andern einer Art von Unterſtützung verſieht. Nun habe ich allerdings nicht viel Zeit, jetzt etwas Neues und Umfaſſendes zu ſchreiben, aber ich werde eine Abhandlung compo⸗ niren, in der ich die vortrefftiche Schrift des Herrn von Dohm über die bürgerliche Verbeſſerung der Inden zum Grunde legen und theilweiſe übertragen werde.— Mirabeau hatte bei dieſen Worten ſeinen Sitz am Schreibtiſch wieder eingenommen und tauchte die Fe⸗ der jetzt mit einem ſo gewaltigen Nachdruck in das Tintenfaß, daß Henriette einen gewiſſen Ernſt daran erkannte, dem ſie dann nicht länger widerſtehen durfte. Die eigenen Worte Mirabeau's über die jüdiſche Ge⸗ meinde in Berlin. Vgl. Sur Moses Mendelssohn, sur la ré- forme politique des Juifs ete. und vie Lettres sur Cagliostro et Lavater in den Oeuvres de Mirabeau. T. W. — 64— Nachdem ſie ihn verlaſſen, fuhr Mirabeau nun mit nnaufhaltſamer Eile zu arbeiten fort. Die Feder glitt jetzt raſtlos und ſtürmiſch unter ſeinen Fingern auf dem Papier dahin und unterbrach durch ihr kritzelndes Geräuſch, mit dem zuweilen die praſſelnde Kamin⸗ flamme wetteiferte, einzig und allein die tiefe Stille der Winternacht. Einige Stunden lang ſah er nicht von den Blättern auf, die er in ſo fliegender Haſt be⸗ ſchrieb. Dann aber, nachdem er die Depeſche vollendet und noch einmal prüfend überleſen hatte, faltete er die Blätter zu einem Brief von großem Format zuſammen, ſiegelte ſie und ſchrieb den Namen ſeines Freundes Claviere, durch deſſen Vermittelung jetzt die Miniſter von Vergennes und Calonne ſeine Briefe empfingen, als Adreſſe darauf. Mirabeau ſah nach der Uhr und fand, daß die Morgenſtunde herangekommen war. Dies vermochte ihn aber nicht zu raſten, ſondern nachdem er die ver⸗ ſiegelte Depeſche auf den Abfertigungstiſch nieder⸗ gelegt, von dem ſie der Courier binnen Kurzem abzu⸗ holen hatte, ſchickte er ſich an, zu einer andern Aus⸗ arbeitung überzugehen, die er ſichtlich mit weit größe⸗ rem Behagen zur Hand nahm. In demſelben Augenblick aber vernahm er von unten ein ſtarkes Klopfen an der Hausthür, welches ſich bald mit einer größeren Dringlichkeit erneuerte, da ſich wegen der frühen Morgenſtunde noch Niemand eingeſtellt hatte, das Haus zu öffnen. Mirabean war ſogleich aufmerkſam geworden, und in der Meinung, daß es eine wichtige Botſchaft ſein könne, die für ihn beſtimmt ſei, begab er ſich jetzt zu ſeinem Kammer⸗ diener Boyer, um denſelben zu wecken und hinunter⸗ zuſenden. Boyer kam mit einem Manne zurück, in welchem Mirabeau ſogleich einen ihm zur Verfügung geſtellten — 65— Courier erkannte, der ſoeben wieder von Paris zurück⸗ gekehrt zu ſein ſchien. Der Courier übergab einen Brief, den er noch beſonders als ungemein eilig be⸗ zeichnete und deſſen Aufſchrift an Mirabeän von der Hand Clavière's war. Nachdem der Brief raſch geöffnet und geleſen wor⸗ den, erſah Mirabeau daraus mit einigem Befremden, daß ſein perſönliches Erſcheinen in Paris unmittelbar gewünſcht werde, und daß er bei der Beſtimmtheit und Dringlichkeit, mit der ihn die Miniſter, namentlich der auswärtige Miniſter Graf von Vergennes, in Paris zu ſprechen begehrten, ſeine Abreiſe jedenfalls noch an demſelben Tage werde feſtſetzen müſſen. Als Beweggrund hatte Clavière flüchtig angedeutet, daß die letzten Berichte Mirabeau's über den preußiſchen Hof und die politiſche Stimmung in Preußen und Deutſchland bei dem franzöſiſchen Miniſterium einen großen Eindruck gemacht, daß zwiſchen den Miniſtern und dem König Lonis XVI. darüber ein lebhafter Austauſch der Meinungen entſtanden ſei, und man über mehrere wichtige Punkte ihn noch perſönlich befragen und hören wolle, weil man den Weg der Chiffren dazu nicht geeignet finde. Mirabeau ſann einen Moment nach und dann blitzte eine lebhafte Freude in ſeinen Augen auf. Eine ungewöhnliche Heiterkeit, wie man ſie ſelten an ihm gewahrte, ſchien ſich ſeiner zu bemächtigen. Er fertigte den Courier ab, indem er ihm die neue Depeſche übertrug und ihm zugleich einſchärfte, da er in Paris vielleicht mehrere Stunden früher ein⸗ treffen dürfte, im Cabinet des Miniſters der auswär⸗ tigen Angelegenheiten die unmittelbar bevorſtehende Ankunft des Grafen Mirabeau anzuzeigen. Darauf begab ſich Mirabeau ſogleich unter die Mirabeau III. 5 Hände ſeines Kammerdieners, um zuerſt ſeine Toilette beſorgen zu laſſen. Frau von Nehra aber trat bald ebenfalls in voll⸗ ſtändig geordnetem Anzuge hervor, da ſie von der im Hauſe entſtandenen Unruhe erweckt worden war und mit ihrem feinen Gehör ſogar etwas von einer be⸗ vorſtehenden Abreiſe ihres Freundes vernommen hatte. Sie ſtürzte daher in größter Bewegung auf Mirabeau zu und klammerte ſich ängſtlich an ſeinen Arm, indem ſie ihn in einem Athem fragte: ob ſie wirklich recht gehört, ob er noch heut verreiſen wolle, ob und wann er wiederkommen werde, und ob ſie ihn nicht am liebſten auf dieſer Reiſe begleiten könne? Mirabeau beruhigte ſie in der freundlichſten Weiſe, indem er zugleich fortfuhr, ſich von ſeinem Kammer⸗ diener ankleiden zu laſſen. Er bedeutete ſie, daß ſie hier mit Freund Coco ruhig ſeine Rückkehr abzuwarten haben werde, denn er müſſe, da es ſich um die wich⸗ tigſten Staatsgeſchäfte handele, außerordentlich raſch reiſen, hoffe aber wohl in vier bis ſechs Wochen wieder zu ihr nach Berlin zurückgekehrt zu ſein. Henriette ſchwieg, aber Mirabeau ſah die Thrä⸗ nen, welche ihr heimlich über die Wangen liefen. Nachdem er vollſtändig und in einer beſonders feier⸗ lichen Toilette, die Henrietten auffiel, angekleidet war, entließ er Boyer mit einigen anderen Aufträgen, welche die Vorbereitungen zu ſeiner demnächſtigen Abreiſe zum Zweck hatten. Dann näherte er ſich ſeiner Freundin, die ſchwei⸗ gend am Fenſter ſtand und ihm den Rücken zugekehrt hatte, um ihre Thränen nicht ſehen zu laſſen. Er umarmte ſie und küßte ihr die Thränen von den ihn ernſthaft und verzagt anblickenden Angen hinweg. Habe nur guten Muth, Gräfin Yet⸗Lie! tröſtete er ſie mit zärtlicher Liebkoſung. Wir ſehen uns wie⸗ der, und dann wirſt Du mich vergnügter finden, als Du mich jemals geſehen. Denn dieſe Reiſe, zu der man mich veranlaßt, iſt mir das ſicherſte Zeichen, daß das franzöſiſche Miniſterium mich zu würdigen anfängt. Man hat endlich in Paris eingeſehen, was man an meiner Beobachtung, an meiner Feder, an meiner Kenntniß der Staats⸗ und Weltverhältniſſe, und an meiner Einſicht in die innerſten Nothwendig⸗ keiten der Politik hat und haben kann. Ich will dem franzöſiſchen Gouvernement jetzt gern jeden weiteren Auffchluß geben, den es von mir begehrt. Ich will ihm eine Birection vorzeichnen, wie es ſich in Preußen eine franzöſiſche Partei organiſiren kann, wie es ſich durch Preußen auf Deutſchland ſtützen und ganz Dentſchland zu einem Grundgeſtell ſeiner Machtpolitik gewinnen ſoll, und wie durch eine Allianz zwiſchen Frankreich, Prenßen und England eine neue und höchſt erfolgreiche Wendung der europäiſchen Politik zu ſchaf⸗ fen wäre. Und was wirſt Du wieder von allen Deinen großen Bemühungen haben, Mirabeau? fragte ihn Sieite indem ſie kangſam ihre Augen zu ihm erhob. Man wird jetzt einſehen, erwiderte Mirabeau ſtür⸗ miſch und mit dem Fuße ſtampfend, daß man gegen die erſten Vortheile Frankreichs gefehlt hat, wenn man mir bis jetzt noch keine bedeutende Stelle im Staats⸗ dienſt gab! Iſt es nicht eine Schande, daß ein Menſch, wie dieſer Graf Eſterno, hier Geſandter Frankreichs am Hofe des Königs von Preußen iſt? Dieſer leere und windige Graf Eſterno, der nichts weiß und nichts erfährt und der weder Herz noch Verſtand, weder Angen noch Ohren für die Inter⸗ eſſen Frankreichs hat, iſt hier unmöglich, ſobald meine Vorſchläge zu einer neuen auswärtigen Politik Frank⸗ 4 5* reichs in Paris Beachtung gefunden haben. Ich würde dieſe Geſandſchasftsſtelle ſehr gern hier über⸗ nehmen, ſobald man meinen politiſchen Anſchauungen zu folgen bereit iſt.*) Ich würde im Stande ſein, alles das wieder gut zu machen, was mein Vorgän⸗ ger verſäumt und ſchlecht gemacht hat. Ich bin aber auch feſt überzeugt, daß man dergleichen jetzt mit mir im Sinne hat. Ich bin hier der nothwendige Diplo⸗ mat geworden. Doch würde ich auch jeden andern diplomatiſchen Poſten in Deutſchland annehmen, auf dem ich in meinem Sinne für Frankreich wirken könnte. Henriette hatte ihre Augen wieder ſchmerzlich ge⸗ ſenkt und ſchüttelte zu den ſo bedeutend aufgeregten Hoffnungen ihres Freundes ganz leiſe das Haupt. Du kannſt Dich diesmal darauf verlaſſen, mein Kind, fuhr Mirabeau fort, denn hat das Gouverne⸗ ment nicht ſchon angefangen, ſich hinſichtlich der Geld⸗ mittel ziemlich glänzend gegen mich zu benehmen? Ich koſte dem Staate jetzt mehr, als er nachher für mich zu bezahlen haben würde, wenn er mir den regelmäßigen Geſandtſchaftspoſten hier überträgt. Die mir urſprünglich ausgeworfene Summe von tauſend Francs für den Monat hat man mir ſchon auf das Fünffache erhöht. Ich habe freilich auch viele Aus⸗ lagen davon zu beſtreiten gehabt, denn unſere Ein⸗ richtung hier in Berlin, der Kleiderluxus, der an den nordiſchen Höfen herrſcht, Equipage, die verſchiedenſten Arten von Pferden, deren ein Cavalier in Berlin gar nicht entbehren kann, dazu mancherlei geheime Ausgaben, Hin⸗ und Herreiſen im Innern von Beutſch⸗ land, die Herbeiſchaffung der Materialien für mein Werk über die preußiſche Monarchie, Alles das greift *) Peuchet III. 2. —— ——.— hier auf eine fürchterliche Weiſe ins Geld und wird dem König von Frankreich, der alle Zahlungen für mich jetzt auf ſeine Schatulle übernommen hat, bald noch bedeutendere Opfer auferlegen.*) Dafür mache ich ihnen aber auch den ganzen preußiſchen Staat ſo durchſichtig, daß man jeden Faden erkennen kann, der hier zieht, und an dem man künftig das ganze dentſche Geſpinnſt von Paris aus zu ziehen im Stande ſein wird.—. Henriette erkundigte ſich jetzt mit ſchwetem Herzen nach der Stunde, in welcher Mirabean reiſen würde, und als ſie erfuhr, daß er die Abreiſe jedenfalls auf den heutigen Abend feſtgeſetzt habe, vielleicht aber noch früher dazu gelangen werde, wenn er mit einigen vorher noch abzuſtattenden Beſuchen raſch und nach Wunſch zu Stande kommen könnte, entfernte ſie ſich wieder, um noch mancherlei häusliche Vorbereitungen für den Freund treffen zu laſſen. Nach einer halben Stunde, in welcher Mirabeau noch haſtig einige Briefe geſchrieben hatte, kehrte ſie wieder zu ihm zurück und lnd ihn ein, in dem Früh⸗ ſtückszimmer den Kaffee einzunehmen. Als er ihr an dem Frühſtückstiſch eine Zeitlang gegenüber geſeſſen hatte und mit der fröhlichſten und faſt ausgelaſſenen Laune ſich vemüht zeigte, den Kum⸗ mer ſeiner liebenswürdigen Freundin zu zerſtreuen, fragte ſie ihn, indem ihre Blicke forſchend auf ihm ruhten, warum er denn ſogleich für ſeine Frühtvilette ſich in einen ſeiner gewählteſten und feinſten Anzüge geworfen und ſo ausſehe, als ob er noch an den Hof gehen wolle? Nicht gerade an den Hof, entgegnete Mirabeau flüchtig, aber ich beabſichtige noch, zum Prinzen Montign) IV. 342. Heinrich, dem Bruder des Königs, zu fahren, denn ohne den Prinzen nochmals vertraulich geſprochen zu haben, halte ich es nicht für räthlich, nach Paris ab⸗ zugehen. Du weißt, der Prinz war für mich hier inſofern die Hauptperſon, als er meine Schritte auf dem hieſigen Terrain weſentlich leitete, und mir manche Fingerzeige gab, wie ich die Intereſſen Frank⸗ reichs in Preußen fördern und anknüpfen könnte. Aber wie ich mit ihm ſelbſt und ſeiner eigenen Perſon daran bin, iſt mir bis auf die jetzige Stunde noch unklar geblieben. Ich muß noch etwas Beſtimmtes von ihm zu erforſchen ſuchen, ehe ich reiſen kann, um für die Berathung, zu der ich in Paris zugezogen werden ſoll, noch etwas Neues und Weſentliches mit⸗ zubringen. Es iſt mir um ſo wichtiger, den Prinzen vor meiner Abreiſe noch einmal ſprechen zu können, da ich erſt geſtern in einer Geſellſchaft bei Herrn von Dohm aus ganz zuverläſſigem Munde gehört habe, daß der Prinz Heinrich in einer genauen perſönlichen Verbindung mit dem franzöſiſchen Cabinet und na⸗ mentlich mit Herrn von Calonne ſteht, und gewiſſer⸗ maßen Urſache geworden iſt, daß man mich ſelbſt hierher nach Berlin geſchickt hat.*) So iſt man freilich, wenn man Diplomat wird, auch zugleich im⸗ mer in Gefahr, Dupe zu ſein. Wie ſo, mein Freund, hat man Dich betrogen? fragte Henriette ängſtlich, ſich in ihrer gewohnten zärtlich um ihn beſorgten Weiſe an ſeine“ Schulter ſchmiegend. Nein, aber man hat mich doch an einem beſtimm⸗ ten Faden hier gelenkt, ohne daß ich es wußte, ent⸗ gegnete Mirabeau, denn Herr von Dohm, welcher der unterrichtetſte Mann in ganz Berlin iſt und das 0) Thiébault Frédérie le Grand on mes Souvenirs II. 194. —,— ,———————— Gras aller Geheimniſſe wachſen hört, erzählte mir geſtern im Vertrauen, daß Prinz Heinrich ſeit län⸗ gerer Zeit einen vertrauten Briefwechſel mit unſerm Miniſter von Calonne führt, und daß er dem fran⸗ zöſiſchen Gouvernement ſchon mehrmals den Rath ertheilt habe, den unfähigen Grafen Eſterno von dem hieſigen Geſandtſchaftspoſten zu entfernen und durch einen Mann von mehr Charakter und Energie zu er⸗ ſctzen. Da man hier in den politiſchen Kreiſen Ber⸗ lins bereits glanbt, daß mir die Geſandtſchaft am preußiſchen Hofe künftig zugedacht ſein könne, ſo will men auch daraus folgern, daß ich auf Betrieb des Prinzen Heinrich hierher gebracht worden ſei, um mich einſtweilen auf dem Platze zu orientiren. In demſelben Augenblick, als ich dies geſtern hörte, fuhr es mir wie ein Blitz durch meine Erinnerungen, daß ſchon Clavidre mir in Paris ſagte, es ſei der Prinz Heinrich von Preußen, der die Anweſenheit eines feinen und kundigen Beobachters in Berlin gewünſcht, um mit ihm hier zuſammen zu wirken und dem fran⸗ zöſiſchen Intereſſe zu dienen. Ich ſah mich auch durch eine ausdrückliche Empfehlung unſeres Cabinets vorzugsweiſe an den alten Herrn gewieſen, und habe hier ſtets den vertrauteſten Zutritt zu ihm gehabt. Aber da er ungeachtet mancher guten Rathſchläge doch nicht ſehr ergiebig gegen mich war, und mich in der letzten Zeit ziemlich kurz behandelte, ſo kam ich von dem Gedanken ab, in ihm einen Förderer meiner Perſon zu ſehen und ihn auch für meine per⸗ ſönliche Carriere benutzen zu können. Jetzt will ich zu ihm, um ihm durch ein lebhaftes Geſpräch noch einige Aeußerungen zu entlocken, wie weit das fran⸗ zöſiſche Syſtem, dein er allerdings aufrichtig hinge⸗ geben zu ſein ſcheint, bei der ausbrechenden Kriſis hier auf ſeine Unterſtützung werde rechnen können. Kann ich eine ſolche Aeußerung, die man mündlich viel beſtimmter ertheilen kann als ſchriftlich, mit nach Paris nehmen, ſo bringe ich ſchon einen recht greif⸗ baren Erfolg meiner hieſigen Miſſion mit. Und dann wollte ich ihn auch bitten, mir einige ſchriftliche Zeilen für Herrn von Calonne mitzugeben, und ihm darin zu ſagen, daß der Graf Eſterno bald einen Nachfolger haben müſſe, der mit den Männern, welche hier dem franzöſiſchen Syſtem anhängen, wirklich in Verbindung ſteht und des Vertrauens dieſer Partei ſich zu er⸗ freuen hat. Kann ich den alten Herrn raſch ſprechen und nach meinen Wünſchen bewegen, ſo reiſe ich noch vor Abend ab, denn der Stand der Angelegenheiten drängt. Nein, erwiderte Henriette lebhaft, vor Abend darfſt Du uns nun auf keinen Fall verlaſſen. Es kommt doch nicht blos auf Deine Politik Alles an, ſondern es wird auch ein wenig danach zu fragen ſein, was Coco und Deine Freundin Henriette ſagen. Heut Abend wird bei uns chineſiſches Schattenſpiel aufgeführt, was ich Dir ſchon geſtern angekündigt habe, und Du haſt, ein Mann von Wort, zugeſagt, dieſer Vorſtellung beizuwohnen. Wir ſpielen eine Komödie, in der ſich auch Alles um Politik dreht, und in welcher der väterlich geſinnte Kaiſer Toutce⸗ quevousvoudrez ſein ganzes Reich über ein Bambus⸗ rohr ſpringen läßt. In dieſer Komödie wird auch ein deutſches Liedchen geſungen, was Herr Coco, der erſte Hofſchauſpieler in der Horde des Grafen Mi⸗ rabeau, ſchon ſeit mehreren Tagen eifrig ſtudirt und gewiß mit unnachahmlicher Meiſterſchaft ausführen wird.*) Das ſind die Streiche meines Kammerdieners *) Montigny IV. 343. Boyer, die mich nun noch in meiner Abreiſe ver⸗ ſpäten werden, ſagte Mirabeau lächelnd. Der Tau⸗ genichts hat Euch dieſe Künſte beigebracht, und für einen berliner Winterabend mögen ſie anch ganz paſ⸗ ſend erſonnen ſein. Und um nicht noch beim Scheiden Dich zu betrüben, verſpreche ich Dir, heut Abend im Parterre Eures Drama's zu ſitzen und erſt, nachdem die Kataſtrophe eingetreten, mich von Ench Lieben zu beurlauben.. Henriette jubelte freudig, und Mirabeau, dem jetzt gemeldet wurde, daß ſein Wagen unten vorgefahren ſei, eilte hinweg, um erſt noch einige Geſchäfte in der Stadt zu beſorgen und dann vor dem Palais des Prinzen Heinrich von Preußen vorzufahren. Erſt gegen Abend kehrte Mirabeau mit allen An⸗ zeichen großer Verſtimmung wieder zurück, und theilte der Freundin, die er ſchon mit den Vorbereitungen zu der angekündigten Vorſtellung beſchäftigt fand, mit, daß ihm faſt Alles, was er den Tag über verſucht, fehlgeſchlagen ſei. Nicht einmal dieſer lumpige Graf Eſterno ließ ſich von mir ſprechen, ſagte Mirabean mit heftigem Aerger, ſondern ich wurde wegen der Ausfertigung meiner Päſſe an den Legationsſeeretair gewieſen. Der Miniſter Hertzberg, von dem ich gern noch einige Stichworte der hieſigen Situation aufgefangen hätte, iſt in Sausſouci bei dem kranken König, der ſeit einiger Zeit ſeiner Geſellſchaft ſo bedürfen ſoll, daß er ihn nicht mehr von ſich laſſen will. Doch hoffte man heute auf ſeine Rückkehr im auswärtigen Mi⸗ niſterium, und deshalb fuhr ich viermal zu verſchie⸗ denen Zeiten am Hötel vor, aber vergebens. Ich ſchämte mich hinlänglich vor mir ſelbſt, daß man in die Lage kommen kann, ſich ſo viel Mühe um einen politiſchen Commis zu geben, denn was iſt dieſer Hertzberg, was ſind alle dieſe preußiſchen Miniſter anders, als ganz gemeine Commis⸗Naturen? Eben ſo ſchlimm erging es mir im Palais des Prinzen Hein⸗ rich, wo ich mich erſt dreimal vergebens zu einer Audienz melden ließ, und dreimal die Antwort hören mußte, daß der Prinz noch nicht aufgeſtanden ſei und vielleicht wegen Unwohlſeins den Tag über das Bett hüten werde, bis ich endlich das vierte Mal hören mußte, daß die Königliche Hoheit ſoeben ausgefahren ſei. Dies widerſprach ſo ſehr meinem Abkommen mit dem Prinzen, wonach ich zu jeder Tageszeit ver⸗ trauten Zugang bei ihm haben ſollte, daß ich mich nicht enthalten konnte, ſeinem Adjutanten, dem ſoge⸗ nannten ſchönen Knyphauſen, meine ganze Verwun⸗ derung über dieſes Benehmen des Prinzen auf das Verdrießlichſte auszudrücken. Indeß denke ich mir, daß es nichts weiter war, als eine Aergerlichkeit des Prinzen, ſich von mir gerade heut überlaufen zu ſehen, denn ich entnahm erſt zuletzt aus einem gewiſſen lächelnden Zug um die Mundwinkel des ſchönen Knyp⸗ hauſen, daß der Prinz in ſeinem Cabinet nicht allein geweſen, ſondern einen Beſuch bei ſich hatte, der ihm zu manchen Zeiten nothwendig ſcheint! Es iſt dies der junge Tänzer Rollin, der ſeit einiger Zeit im Palais des Prinzen ſchönes oder ſchlechtes Wetter machen kann, je nachdem es ihm einfällt. tapfere Held von Hohenfriedberg und⸗ Prag glaubt jetzt in ſeinen alten Tagen wenigſtens noch ſolche Schlachten liefern zu müſſen.— Der Aerger, in den ſich Mirabeau jetzt immer tiefer hineinſprach, wurde durch die luſtigen Anſtren⸗ *) Mirabeau wurde wegen dieſer Verdächtigung der Sitten des Prinzen Heinrich von Preußen, der er ſich in der Histoire Secrète de la Cour de Berlin ganz offen überläßt, ſpäter auf das Heftigſte angegriffen. ———— — 5 gungen des kleinen Coco, dem es ganz unbemerkter Weiſe gelungen war, ſich auf ein Knie Mirabeau's hinaufzuſchwingen, auf eine ſchon faſt verſöhnlich wir⸗ kende Weiſe unterbrochen. Mirabeau nahm die Grüße und Liebkoſungen, mit denen ſein Liebling nicht müde wurde, ſich bei ihm zu melden, jetzt endlich mit freund⸗ licher Gewährung auf, und überließ ſich einige Minu⸗ ten lang dem Spiel mit dem aufgeweckten, anmuthig heranwachſenden Knaben. So mußte er ſich denn auch, obwohl er ſichtlich keine Ruhe mehr dazu hatte, und ihm noch einige dringende Anordnungen vor dem Antritt ſeiner Reiſe übrig waren, darein ergeben, daß das chineſiſche Schattenſpiel, zu dem er eingeladen war, zu ſeiner vollſtändigen Darſtellung vor ihm kommen ſollte. Es ſollte damit zugleich eine neue Erfindung ſeines anſchlägigen Kammerdieners zum Beſten gegeben wer⸗ den, und ſobald es vollſtändig dunkel geworden war, mußte ſich Mirabeau gefallen laſſen, daß man ihn in den für die chineſiſche Komödie ſchon vollſtändig vorbereiteten Salon führte. Der gemüthliche und oft durchaus kindliche Ton, in welchem Mirabeau mit den Seinigen zu verkehren pflegte, machte ihm zwar dies Opfer nicht gerade ſchwer, aber alle ſeine Gedanken waren ſchon unterwegs nach Paris, und, ſeiner Gewohnheit nach, hielt er in ſeinem Innern bereits donnernde Reden ab, mit denen er ſich an die Miniſter Vergennes und Calonne wandte. Ja, er hoffte, bei ſeiner diesmaligen Anweſenheit in Paris auch den König Louis XVI. zu ſprechen, viel⸗ leicht auch der ſchönen Königin Marie Antvinette ſeine Aufwartung machen zu dürfen. Während er ſich ſo immer kühneren Vorſtellungen ſeiner Phantaſie überließ, hatte er kaum gemerkt, daß er ſich ſchon mitten im Reich des Kaiſers Toutce⸗ quevvusvondrez befand und die Schatten an der Wand ſich zu einer fürchterlichen Intrigue gegen das Bam⸗ busrohr verſchworen hatten, welches die einzige Stütze in der Hand des gütigen Monarchen war. Die Ex⸗ poſitivn ſchien vortrefflich gelungen, die Figuren be⸗ wegten ſich mit der mimiſchen Feinheit großer Schau⸗ ſpieler, worin eben die geiſtreiche Erfindung Boyer's beſtand, Coco jubelte, und die leicht vergnügliche Hen⸗ riette war im beſten Zuge, ihren bevorſtehenden Ab⸗ ſchied von Mirabeau zu vergeſſen. Dies iſt eine wahrhaft diaboliſche Geſchichte, flüſterte Mirabeau, indem er ſeinen Arm um den Nacken der neben ihm ſitzenden Henriette legte. Es ſcheint, daß die Unterthanen dieſes chineſiſchen Kaiſers Toutceque⸗ vousvoudrez durchaus keinen Spaß mehr verſtehen wollen. Sein Volk ſcheint ihm dieſen vielverſprechenden Beinamen Toutcequevonsvoudrez ebenſo bereitwillig gegeben zu haben, als man unſerm Ludwig XVI. Anfangs den Volksfreund und den Rechterſehnten genannt hat. Dieſer Schatten⸗Kaiſer giebt Jedem allerdings nur, was er ſich wünſchen kann, aber Seine Kaiſerliche Majeſtät ſcheint der verteufelten Meinung aller Fürſten zu ſein, daß, was ſich das Volk am meiſten wünſcht, doch, beim Licht beſehen, eigentlich nur Prügel ſeien. Der weiſe väterliche Bambus ſucht daher das Volk unaufhörlich an einer gewiſſen Stelle zu kitzeln, bis ſich endlich ergiebt, daß auch an dieſer Stelle Vernunft wohnt, die auf eine fürchterliche Weiſe erwacht. Die Maitreſſe des Kaiſers, es iſt gewiß die Mademoiſelle Opinion publique, die wegen einer aus naſchhaften Gewohnheiten an ihm began⸗ genen Untreue auch den Bambus zu ſchmecken be⸗ kommen, und ſich wegen begreiflich leichter Verletz⸗ lichkeit auf ſo zarter Hant gar nicht zufrieden zu geben vermag, hat nun dieſe entſetzliche Verſchwörung unter dem Volke der Schatten angeſtiftet. Seht, dieſer Kampf iſt gut gemalt, das iſt mehr als Prügelei, das iſt die hiſtoriſche Wahrheit! Aber der Kaiſer Tont⸗ cequevousvondrez hat ſein Prinzip richtig erkannt, und er hält den Bambus hoch und feſt in ſeinen Händen. Nachdem er das Rohr vor den Augen Aller inbrünſtig geküßt hat, fängt er an zu weinen, was die Schatten ſämmtlich nicht aushalten zu können ſcheinen. Nun ſtreckt er ihnen nochmals den Bambus entgegen, und jetzt bieten ſie ihm alle von freien Stücken den patrio⸗ tiſchen Körpertheil dar, der ihnen noch vor Kurzem ſo wund geweſen, und den ſie nunmehr für den eigentlichen Altar des Vaterlandes erklären wollen, auf dem der Bambus für ewige Zeiten niedergelegt werden ſoll. Der Kaiſer Toutcequevonsvoudrez ſchließt nun groß⸗ müthig ſeinen Frieden, und geſteht ein neues Grund⸗ geſetz zu, das jetzt höchſt ceremoniell gefeiert wird, indem das ganze Reich mit einem ungehenern Freu⸗ denſchrei über das Bambusrohr ſpringt.— Mirabeau erhob ſich jetzt von ſeinem Platz und erklärte ſeine Zeit für abgelaufen, indem ihn plötzlich die frühere Ungeduld wieder beſchlich. Doch bewog ihn Henriette noch durch einen ihrer unwiderſtehlichen Blicke, das deutſche Lied Coco's mit anzuhören, wel⸗ ches unter den Jubelſtimmen des Verſöhnungsfeſtes im Reiche des Schattenkaiſers vernommen wurde und jetzt ohne Fehl und faſt rührend erklang. Der Bediente meldete, daß die Extrapoſt unten vor der Thür vorgefahren ſei, und während die Koffer aufgepackt wurden, nahm Mirabean noch einmal von ſeiner Freundin mit beredten Worten Abſchied. Mir wird auch recht traurig zu Muthe, daß ich von Dir gehen muß, ſagte er, ſie lange an ſich drückend. Wer weiß, ob es mir jemals wieder ſo friedlich und ſo wohl werden wird, als hier an Deinem reinen ſchönen Herzen, und bei Deinem luſtigen, von Coco's friſchem Jauchzen begleiteten Schattenſpiel. Euere allerliebſte Komödie iſt ein ſehr gutes Reiſegeſchenk für mich geweſen, denn Ihr habt mich noch recht gut an das chineſiſche Syſtem erinnert, während ich als Commis⸗Voyageur des franzöſiſchen Syſtems zwiſchen Berlin und Paris reiſe. Ja, ja, ihr einfachen ſtillen Herzen, ihr tragt doch immer die größte Weisheit in Euch. Ihr werdet wohl Recht haben mit Eurer Ko⸗ mödie, denn ſo lange es ſich noch um Syſteme und Conventionen für den Staat und die Völker handelt, wird das chineſiſche Syſtem immer das beſte und ſtärkſte ſein. Wenn ich vernünftiger wäre, bliebe ich bei Dir in Deiner warmen traulichen Stube, ſtatt mich wieder kopfüber in das chineſiſche Schattenſpiel von Paris hineinzuſtürzen, und darauf zu harren, daß die Schatten einmal wirkliches Lebensblut bekommen ſollen. Ich bin am Ende auch nur ein kläglicher Schattenſpieler, wie alle andern.—— Sie trennten ſich, nachdem Coco noch ſeinen Theil am Abſchied erhalten. Das Poſthorn unten rief mit ſchmetterndem Hallen, und Henriette begleitete ihren Freund noch bis an den Reiſewagen, der dann mit ihm raſch in die Nacht hinausfuhr, nachdem die zuletzt im⸗ mer ängſtlicher werdende Henriette ſich noch von Mi⸗ rabeau feierlich hatte ſchwören laſſen, daß er ihrer nicht vergeſſen und ſie jedenfalls, wie es auch kommen möge, wieder von Berlin abholen werde.— Der Tod Friedrichs des Großen. Graf Mirabeau war nach einem kurzen Aufent⸗ halt in Paris wieder in die preußiſche Hauptſtadt zurückgekehrt, wo er, einige Ausflüge ausgenommen, die er beſonders an die Höfe von Braunſchweig und Dresden unternommen, nun unausgeſetzt in eifriger Beobachtung aller Verhältniſſe und in Erwartung des Ereigniſſes, dem die ganze politiſche Welt mit der größten Spannung entgegenharrte, verweilte. Bereits war die Mitte des Sommers 1786 her⸗ angekommen, und der Todeskampf Friedrichs des Großen, der in allen Cabinetten Europas belanſcht wurde, hatte ſchon faſt ſeit fünf Monaten gedauert ohne daß die erwartete Entſcheidung eingetreten wäre. Zu Anfang des Anguſt hatten ſich ſogar weit beſſere Nachrichten zu verbreiten angefangen, und der kranke König ſelbſt ſchien ſich mit großer Zuverſicht an den Gedanken ſeiner Wiedergeneſung anzuklammern. Denn ſein Leibarzt in Potsdam, der Doctor Freſe, war faſt in Ungnade gefallen, weil er, auf ſein Gewiſſen über die Natur der Krankheit befragt, das unheimliche und den König verdrießende Wort der Waſſerſucht auszuſprechen gewagt hatte. Indeß wurde auf der andern Seite nur mit um ſo größerer Beſtimmtheit faſt jeden Tag und jede Stunde der entſcheidenden Auflöſung König Friedrichs entgegengeſehen. Von einer eigenthümlichen Ahnung getrieben, hatte ſich Mirabeau in der Nacht zum 17. Auguſt eines ſeiner beſten und ſtärkſten Pferde vorführen laſſen, um nach Potsdam hinüberzureiten und dort ſichere Nachrichten einzuholen. Schon ſeit einigen Wochen hatte er ſeine Reitpferde nicht anders 30 als im vollſtändigen Sattelzeng im Stall ſtehen, um, ſobald nur etwas vorfiele, ſich ungeſäumt ihrer be⸗ dienen zu können und ans der Nähe des großen Sterbenden die wichtige Kunde mit allen ihren Ein⸗ zelnheiten für ſeine Regierung zu ſchöpfen. Denn es lag ihm Alles daran, das franzöſiſche Gouvernement mit dieſer Todesnachricht ſo raſch und ausgiebig als möglich zu bedienen, und jedenfalls der Erſte zu ſein, durch den dieſelbe nach Paris gelangen ſollte.*) Als Mirabeau vor der Thür ſeines Hanſes eben ſein Pferd beſteigen wollte, ſah er einen ſeiner Freunde, mit dem er in der letzten Zeit in Berlin beſonders vertraut verkehrt hatte, den Baron Noldé, in großer Haſt von der Straße her auf ſich zueilen. Er hielt inne, um den Ankommenden zu begrüßen, von dem er vielleicht noch einiges Neue über die Lage der Dinge zu erfahren hoffte. Der Baron Noldé, ein junger eurländiſcher Edelmann, der ſeit einigen Monaten in Berlin lebte, hatte ſich auf eine ſo innige und faſt zärtliche Weiſe an Mirabeau angeſchloſſen, daß dar⸗ aus ein täglicher Freundſchaftsungang entſtanden war, der ſich nicht blos auf die Kreiſe des geſellſchaftlichen Verkehrs, ſondern auch auf die Häuslichkeit Mirabeau's erſtreckte. Noldé, der etwas Gemüthliches und Kindliches hatte, war zugleich ein Spielkamerad des kleinen Coco und ein aufmerkſamer Freund der Frau von Nehra geworden, und fing an, ſich zu Dem zu rechnen, was Graf Mirabeau gern mit einer gewiſſen Gemüth⸗ lichkeit ſeine„Horde“ zu nennen pflegte, ſo daß er ſchon faſt ein unentbehrliches Mitglied dieſer wan⸗ dernden Familie und zugleich eine nützliche Mittels⸗ ) Mirabeau Histoire secrète de la Cour de Berlin(1789). 5. 6. — perſon für alle möglichen Beſorgungen, die ihm zu⸗ fielen, geworden war. Mirabeau hatte ihn auch noch dadurch an ſich gefeſſelt, daß er ſich zu ſeinem Rath⸗ geber bei den Verwickelungen gemacht hatte, in die Polds mit ſeiner Familie, die zu den erſten Häuſern Curlands gehörte, gerathen war. Denn ſeine Familie begehrte dringend ſeine Rückkehr nach Curland, wo man ihm eine bedeutende Verwendung zugedacht hatte, während Noldé aus einem leidenſchaftlichen Haß gegen Rußland und aus Liebe zu Frankreich ſich ſeinen hei⸗ mathlichen Verhältniſſen zu entziehen trachtete, und durch Mirabeau nach Frankreich zu gelangen und ſeine Dienſte dem franzöſiſchen Gouvernement darbieten zu können hoffte. So hatte ſich Nolds auch jetzt auf eine faſt auf⸗ opfernde Weiſe thätig bewieſen, um ihm zuverläſſige und brauchbare Nachrichten aus Sansſouci zuzuführen, wozu er bei ſeiner großen perſönlichen Beweglichkeit und ſeinen Verbindungen im Kreiſe der Diplomatie ſich ganz beſonders in der Lage befand. In dieſem Augenblick, wo die Mitternachtsſtunde faſt herange⸗ rückt war, ſtürzte er noch athemlos herbei, um den Grafen Mirabeau in Kenntniß zu ſetzen, daß der ſächſiſche Geſandte ſoeben ſeinen Jäger nach Dresden abgeſandt habe, um ſeinem Hofe eine Meldung über das bereits ſo gut als gewiß erfolgte Ableben des Königs zu machen. Noldé fügte hinzu, daß der ſäch⸗ ſiſche Geſandte dies gewiß nicht gethan haben würde, wenn er ſich nicht dabei auf eine neue und zuverläſſige Kunde aus Sansſouci hätte ſtützen können. Mirabeau ſtutzte, indem er ſeine Hand nachdenkend auf den Hals des vor ihm ſtehenden, ungeduldig am Boden ſtampfenden Pferdes legte. In dieſer Art hät⸗ ten wir allerdings auch zu Werke gehen können, ſagte er dann nach einer Pauſe. Denn da man nach Allem, Mirabeau. III. 6 was feſtſteht, berechnen kann, daß der Todeskampf höchſtens noch einige Tage anzudauern vermag, ſo hätte ich allerdings meinen Courier ſchon nach Paris abſenden können. Denn in dem Augenblick, wo er mit der Nachricht von dem Tode in Paris ankommt, wäre dieſer ohne allen Zweifel bereits eingetreten. Wenn ich der regelmäßige Diplomat Frankreichs hier in Berlin wäre, würde ich auch auf der Stelle ſo handeln. Aber in meiner Lage muß ich beſonders vorſichtig und diseret ſein, und ich darf das Geld für einen Courier nicht ſo ohne Weiteres aus dem Fenſter werfen. Der Gedanke an dieſen Tod läßt mir aber heut Nacht keine Ruhe mehr und ich vermag nicht zu Hauſe zu bleiben. Es treibt mich noch um Mitter⸗ nacht zu einem Ritt nach Schloß Sansſonci auf, und Sie würden mich erfreuen, Baron Noldé, wenn Sie auch ein Pferd nehmen und mich dorthin begleiten wollten. Nolds nahm dieſe Aufforderung frendig an, und Beide blieben ſo lange auf der Straße nebeneinander ſtehen, bis das K für Noldé aus Mirabeau's Stall in Bereitſchaft geſetzt und vorgeführt war. Es war eine ſchöne warme Auguſtnacht, glänzende Sterne brannten durch den reinen hohen Aether, und durch die tiefe Stille der Straßen hallten die Schritte der im Geſpräch auf⸗ und niedergehenden Frennde feierlich wieder. Der Abgang des ſächſiſchen Couriers nach Dresden iſt mir allerdings höchſt verdrießlich, begann Mirabeau wieder mit ſichtlichem Unmuth. Wie leicht kann dann auf dieſe Weiſe von Dresden aus die Nachricht nach Paris gelangen, und wenn mein Courier mit der wirklichen Kunde beim franzöſiſchen Miniſterium an⸗ kommt, glaubt man ſchon Alles zu wiſſen, und ich habe meine eigentliche Wirkung verfehlt. Geſtern lief 3 ich darum auch den ganzen Tag nach unſerm Geſand⸗ ten umher, um mich ſeiner Meinung über die Sach⸗ lage zu vergewiſſern, und zu hören, wie weit er wohl ſelbſt unterrichtet ſein möchte. Wen man aber, wie immer, nirgends treffen konnte, war der Graf Eſternv. Erſt hieß es, daß er in Charlottenburg zum Diner ſei, und als ich ihm dorthin nachfahre, hat er ſchon längſt abgeſpeiſt und iſt zur Königin nach dem Schloß Schönhauſen gefahren. Ich kutſchire nach Berlin zu⸗ rück, werfe mich in meinen neuen Gala⸗Anzug und laſſe meine beſten Wagenpferde faſt todtpeitſchen, um ſo raſch als möglich in dieſem Schönhauſen einzu⸗ treffen. Ich trete auch faſt gleichzeitig mit Eſterno bei der Königin ein und finde bei derſelben einen kleinen Zirkel, in dem man ſich ganz vergnügt über die aller⸗ gewöhnlichſten Dinge unterhält. Niemand glaubt, daß der König in der That ſo krank ſei, am allerwenigſten will die Königin etwas Beunruhigendes wiſſen, man plaudert, man lacht, und die Königin ſpricht mit mir von meiner Buſennadel, die ſie wohlgefällig an mir zu bemerken die Gnade hat, ſie weiß, daß ich in der vorigen Woche auf Schloß Rheinsberg bei dem Prinzen Heinrich war, und ſie fragt mich, wie es auf Rheins⸗ berg noch ausſehe, und ſie erzählt mit feuchten Augen, wie glücklich ſie dort als Kronprinzeſſin geweſen. Wie wenig ich mich aber auf das Geſchwätz der Leute ver⸗ laſſen habe, könnt Ihr daraus erſehen, Noldé, daß ich ſeitdem vor Unruhe nicht mehr habe ſchlafen können, und daß mich die Ueberzeugung, es müſſe bereits etwas in Sansſouei geſchehen ſein, jetzt raſtlos auf die Landſtraße hinausjagt!*) Jetzt wurde das für Noldé beſtimmte Pferd durch ) Mirabenu Histoire secrète de la GCour de Berlin. Lettre XIV. 6* den Reitknecht herangeführt und beide Reiter ſchwangen ſich nun ohne längeres Säumen in den Sattel, indem ſie, von keinem Bedienten gefolgt, auf dem kürzeſten Wege zum Potsdamer Thor hinausritten. Dann ging es mit Ungeſtüm über die nächtlich verödete Landſtraße hin, an der die eilenden Hufe der Roſſe mit regel⸗ mäßigen Takten aufſchlugen. Der Weg wurde ſo raſtlos und nnaufhaltſam zu⸗ rückgelegt, daß auch das Geſpräch zwiſchen Beiden nur abgeriſſen und mit gelegentlich ausgetauſchten Bemer⸗ kungen geführt wurde. Daß es mit dem König im höchſten Grade ge⸗ fährlich ſteht, ſagte Mirabeau, erfuhr ich heut Abend auch ſchon durch meine Tauben, von denen ich in der That ſehr gut bedient werde. Es war ein glücklicher Einfall von Euch, Noldé, daß Ihr mir dieſe Tauben⸗ poſt zwiſchen Berlin und Potsdam eingerichtet habt, denn ſobald die Kataſtrophe eintritt, iſt zu erwarten, daß man die Stadt Potsdam ſchließt und nicht ſo⸗ gleich ein Bote aus derſelben herausgelaſſen werden möchte. Heut kamen aber meine Tauben mit einem Zettel zurück, auf den unſer Correſpondent in Potsdam die Worte geſetzt:„Heftiges Fieber und Aufſchwellung iſt eingetreten.“ Ich fürchte aber faſt, daß wir zu ſpät kommen werden und keinen Einlaß mehr in Pots⸗ dam finden. Denn man hat mir geſagt, daß die Brücken vor Potsdam aufgezogen würden, ſobald das Ableben des Monarchen erfolgt wäre. In dieſem Angenblick gelangten ſie durch ein Dorf, in dem ihnen eine eigenthümliche Bewegung vor dem Wirthshauſe auffiel. Ein ächzendes Pferd, das im Verſcheiden begriffen ſchien, lag vor der Thür, und der von demſelben abgeſtiegene Reiter war unabläſſig durch heftiges Pochen an Thür und Fenſter bemüht, den Wirth herauszuklopfen. Nachdem dies gelungen war, hörte man ihn im Namen des Königs auf der Stelle ein Pferd begehren, auf dem er die Reiſe nach Berlin fortſetzen könne. Mirabeau und Nolde waren abgeſtiegen, um ſich mit dem Manne, der ihnen ein Courier aus Potsdam zu ſein ſchien, in ein Geſpräch einzulaſſen und wo möglich ſchon etwas Näheres zu erfahren. Sie ver⸗ nahmen von ihm, daß der König ſich ſeit geſtern Mit⸗ tag in einem Zuſtand hinſchlummernder Bewußtloſig⸗ keit befinde und die größte Rathloſigkeit und Angſt in ſeiner Umgebung eingetreten ſei. Er ſei deshalb beordert worden, noch einige Aerzte aus Berlin her⸗ beizuholen und habe bereits ein Pferd unter ſich todtgejagt. Dieſe Erzählung hatte plötzlich eine ſo große Theil⸗ nahme in dem Wirthshauſe hervorgerufen, daß eine allgemeine Bewegung entſtand und man ſich beeilte, auch die Bewohner der Nachbarhäuſer aus dem Schlafe zu wecken. In dem nächtlichen Dorfe entſtand nun bald ein eigenthümliches Leben, überall wurden kla⸗ gende und bedauernde Stimmen auf die rührendſte Weiſe laut, und Jeder, der ein Pferd anzubieten hatte, beeiferte ſich, das ſeine als das ſtärkſte und vorzugs⸗ weiſe zu dieſem Zweck geeignete zu empfehlen. Der Courier hatte ſich auf das erſte Pferd, das ihm zugeführt worden, hinaufgeſchwungen und war in wilder Haſt weiter geritten. Mirabean und ſein Ge⸗ fährte ſetzten nun mit erhöhter Eile ihren Weg fort, auf dem ſie jetzt lange im tieſſten Schweigen neben einander hinritten. Ueber den Feldern lag bereits der hereindämmernde Morgen mit falbem Schein, und die Sterne, die ihnen bis dahin golden geleuchtet, began⸗ nen über den Häuptern der Reiſenden zu erbleichen. Ein kalter Luftzug der Frühe ſtrich um ſie her, und Mirabeau dehnte ſich fröſtelnd und ſchaudernd in ſei⸗ nem Sattel. — 86— Mir iſt es, als ſähe ich dort auf den hinſchwe⸗ benden Nebeln der Frühe den todten König von dannen reiten, ſagte Mirabeau in einem träumeriſchen Hinſtarren. Warum ſcheint der Moment größer und ſchauerlicher, wenn die Könige ſterben, als wenn ein armer Tagelöhner ſeine arbeitsmüden Augen ſchließt? Der Tod der Könige beweiſt am meiſten die Nichts⸗ nutzigkeit und Verlaſſenheit der Menſchen. Jeder König hätte ein Gott ſein können für ſein Volk, ſo⸗ bald er ſich nur hätte entſchließen wollen, mit und unter ihnen ein wahrer Menſch zu ſein. Aber wenn er ſtirbt, wird nur eine Täuſchung aufgehoben, die Alle an ihn feſſelte, und die halb mit Schmerz, halb mit Beſchämung in dem Herzen des Volkes zergeht. Man muß ſich auf eine neue Täuſchung gefaßt machen, und das erfüllt jedes Menſchenherz mit einem unwill⸗ kürlichen Grauen. Das Volk neigt immer von ſelbſt dazu, ſeinen König zu lieben, und dieſe Liebe wird ihm meiſt nur muthwillig und gewaltſam durch ſeinen Herrn ſelbſt aus dem Herzen gezogen. Das Volk ehrt im König auch die Möglichkeit alles Guten und Großen, das durch ihn geſchehen könnte, denn das Volk iſt großſinnig und langmüthig, wie die Vor⸗ ſehung ſelbſt. Auch darum ſchandert es, wenn ſeine Könige ſterben, denn es wittert den verlorenen Mo⸗ ment, der dadurch in der Geſchichte eingetreten iſt. Die armen Leute in jenem Dorfe ſchleppen ihr beſtes Pſerd, gewiß ihr größtes Beſitzthum, herbei, um es todtjagen zu laſſen, damit noch mehr Aerzte zur Hülfe des ſterbenden Königs herbeigeholt werden könnten. Sie werden durch dieſen Verluſt noch elender werden, aber der König liegt ja im Sterben. Und was iſt ihrem Elend jemals Friedrich der Große geweſen? Sie hungern, wenn er lebt, und ſie hungern, wenn er ſtirbt, und doch geben ſie ihr letztes Pferd hin, d wenn ihm geholfen werden könnte. Wenn die Könige wüßten, wie es in ihrer Todesſtunde oft im Herzen des armen Mannes ausſieht, ſo würden ſie erkennen, daß ſie ihre Beſtimmung verfehlt haben, weil ſie nicht die Könige der armen Leute geweſen!— Von der kurzen Raſt, welche die beiden Reiter ſich und ihren Thieren an einer Waldecke gegönnt, wurde jetzt wieder aufgebrochen, und ſie erreichten nun binnen kurzer Zeit die Thore Potsdams, durch welche ſie in vollem Galopp einritten. Im Fluge wurden die Straßen der Stadt durchjagt, die großen⸗ theils noch in nächtlicher Stille ruhte, obwohl man in einzelnen Hänſern Licht bemerkte und hier und da Menſchen in großer Eile und Bewegung heraustraten die ſich in einer beſtimmten Richtung hin fortbegaben Als die Reiter das Brandenburger Thor erreicht hatten und an dem ägyptiſchen Obelisk vorüber den Weg nach Sansſouci einſchlugen, bemerkten ſie, daß ein nicht geringer Theil der Bevölkerung bereits eine Wallfahrt nach dem Schloſſe hin angetreten hatte, um, fortgetrieben durch die traurigen Rachrichten, die ſich ſeit dem vergangenen Tage verbreitet und die ſich in der Nacht nur geſteigert hatten, die entſchei⸗ dende Kunde in der nächſten Umgebung des Schloſſes ſelbſt einzuholen. Mirabeau hielt mit ſeinem Gefährten zuerſt vor der Eingangspforte ſtill, welche von der Landſtraße her zu den Anhöhen des Schloſſes hinaufführt. Faſt ſämmtliche Fenſter des Schloſſes waren hell erleuchtet und man merkte die im Innern vorgehende Bewegung an dem haſtigen Auf⸗ und Niedertragen der Lichter durch die Säle und Zimmer, an dem unruhigen Hin⸗ und Hergehen vieler Perſonen, deren Geſtalten ſich an den Fenſtern abzeichneten, und an den Dienern mit Fackeln, die das Schloß bald mit ungeſtümer Eile verließen, bald wieder mit eben ſo großer Haſt in daſſelbe zurückkehrten. Die ſchweigend umher⸗ ſtehende Menge, die bis zu den oberſten Terraſſen hinaufgedrungen war und ohne Hinderung faſt un⸗ mittelbar bis an das Schloß hatte herantreken dürfen, lieferte einen ernſten und feierlichen Rahmen zu dieſem wunderbaren Bilde. Nur zuweilen entſtand ein un⸗ heimliches und dumpfes Geflüſter unter dem Volke, das aber bald wieder der tiefen und lautloſen Stille wich, die kaum durch einen Athemzug unterbrochen zu werden ſchien. Mirabeau und Noldé waren jetzt von ihren Pfer⸗ den abgeſtiegen, die ſie einem ihnen zuverläſſig er⸗ ſchienenen Mann zum Halten übergeben hatten. Darauf begaben ſie ſich mitten unter die Volksmenge, die, ſelbſt in ihrer Trauer noch reſpectvoll, vor der impo⸗ nirenden Geſtalt Mirabeau's zurückwich und die Frem⸗ den willig durch ihre Reihen hindurchſchreiten ließ. Auf dieſe Weiſe gelangten ſie ganz in die Nähe des Haupteinganges, durch welchen Mirabeau damals, als er ſeinen Beſuch bei dem großen König machte, mit ſo aufgeregter und faſt beklommener Erwartung eingetreten war. Die Erinnerung an dieſe merkwür⸗ dige Stunde war bei ihm nie zurückgetreten, obwohl ſie den eigentlichen Wünſchen Mirabeau's nichts ge⸗ währt, ſondern dieſelben eher auf eine ihn faſt be⸗ ſchämende Weiſe hatte abgleiten laſſen. Aber er hatte die Geſtalt Friedrichs des Großen in ihrer Glorie, wie in ihrer entſetzlichen Hinfälligkeit ſeitdem nie ver⸗ geſſen können, und dies erſchütternde Königsgeſicht mahnte ihn jetzt, wo er es ſich im Ausdruck ſeines letzten Kampfes dachte, mit einer hinreißenden Gewalt. Viele Equipagen fuhren vor, aus denen namhafte und hochgeſtellte Perſonen auszuſteigen ſchienen, die Eintritt in das Schloß Sansſonci begehrten und er⸗ hielten. Mirabeau beachtete ſie nicht, obwohl ſich mehrere ſeiner näheren Bekannten darunter zu befin⸗ den ſchienen, denn ſein Geiſt war ſo tief und gedan⸗ kenvoll in ſich ſelbſt verſenkt, daß er jede andere Be⸗ rührung, die ihn zerſtrenen konnte, ängſtlich vermied. Dies arme Volk rührt mich ſchon wieder, flüſterte Mirabeau leiſe ſeinem Begleiter zu, denn ſie ſtehen hier in ihrem ſtummen, feierlichen Schmerz wie aus Stein gehauene ägyptiſche Götterbilder umher. Dies Volk iſt weit ſchöner und ſauberer in ſeinem Schmerz, als der König da drinnen in ſeinem Leiden. Denkt man ſich den König in ſeinem übelriechenden Kranken⸗ zimmer, das den äußerſten Grad der Unreinlichkeit erreicht haben ſoll, in ſeinen von dem Eiter ſeiner Geſchwüre ganz durchzogenen Kleidungsſtücken, die er ſeit langer Zeit nicht mehr gewechſelt, in der ver⸗ peſteten Atmoſphäre ſeiner eigenen Krankheit, die an ſeinen letzten Fieberanfällen gewiß die meiſte Schuld trägt, ſo erhält das Trauerbild faſt einen unleidlichen Beigeſchmack, und ich muß, um meine Phantaſie zu retten, immer wieder auf dieſe Leute aus dem Volke hinblicken, die den Schmerz und den Verluſt, um den es ſich hier handelt, in ſo bewundernswürdig reiner und geiſtiger Weiſe darſtellen. Der König ſtirbt, aber ſeine eigentliche Herrlichkeit lebt im Volke! Mirabean fühlte ſich in dieſem Augenblick leiſe an ſeiner Hand berührt, und als er ſich erſchrocken um⸗ ſah, glaubte er in der grauen Morgendämmerung, welche die Umriſſe noch nicht ganz klar erkennen ließ, die Geſtalt des Prinzen Heinrich hinter ſich zu er⸗ blicken. Der Prinz war eben vor dem Schloſſe vorgefah⸗ ren und hatte unbemerkt, ohne daß die nur mit dem König beſchäftigte Menge auf ihn aufmerkſam gewor⸗ den wäre, ſeinen Wagen verlaſſen. Der Gang in das 5 Schloß ſchien ihm ſchwer zu werden und er war zögernd einen Aungenblick lang in der Nähe der Pforte ſtehen geblieben, um die umherſtehenden Leute, deren ſtilles leidtragendes Weſen ihn zu feſſeln ſchien, zu betrachten. In ſeiner Begleitung befand ſich ſein da⸗ maliger Adjutant, der Marquis von Luchet. Mirabeau ſäumte nicht, den Prinzen mit den ſei⸗ nem Range gebührenden Formen zu grüßen, aber dieſer erſuchte ihn mit einer dringenden Gebärde, ſich ganz ſtill zu verhalten und nicht die Aufmerkſainkeit auf ihn zu lenken. Mirabeau ſah, daß die etwas ſtrengen und harten Geſichtszüge des Prinzen, die ſonſt leicht über ſeine weicheren Gefühle in Zweifel laſſen konnten, ganz und gar zu einem tiefen ſchmerz⸗ lichen Ausdruck bewegt und mit einer unverkennbaren Spur der Thränen bezeichnet waren. Was macht der König? fragte der Prinz, indem er mit der liebenswürdigen Vertraulichkeit, welche gegen die ihm näher bekannten Perſonen leicht in ſeinem Weſen hervortrat, ſeinen Arm in den Mira⸗ beau's legte. Mirabeau erwiederte, daß er keinen näheren Zu⸗ tritt gehabt und ſich nur wie jeder Andere hier auf dem Platze befinde, um die ſchmerzlichſte Wißbegierde zu befriedigen. Es iſt jetzt das dritte Mal in dieſer Nacht, daß ich hergefahren komme, um ſelbſt nachzufragen, be⸗ merkte der Prinz leiſe. Ich bin ſo erſchüttert in die⸗ ſein Schmerz, daß ich mich niemals in das Cabinet Seiner Majeſtät hineingewagt habe. Doch habe ich an der Thür das beſtändige Röcheln vernommen, das furchtbarer ballt, als jeder Kanonendonner in der Schlacht. Mich dünkt, ſelbſt bis hierher glaube ich das entſetzliche Röcheln des Königs zu vernehmen. Man glaubt allerdings einen einzigen wimmernden — — Sterbelaut durch das ganze Schloß zu hören, ſagte Mirabeau, indem er lauſchend ſeinen Kopf niederſenkte. Treten Sie mit mir in eine der Seitenkammern des Schloſſes ein, verſetzte der Prinz. Wir werden dort den Miniſter von Hertzberg oder den Grafen Görtz finden, die uns ſagen werden, wie der letzte Athemzug des unerſetzlichſten Königs geht. Den Ge⸗ heimen Rath Selle ſprach ich ſchon, als ich um Ein Uhr hier anweſend war. Er fand damals das Geſicht ſchon ſtark verändert, das Auge matt und gebrochen. Der gute Selle weinte. Ueber die Hülfe der Aerzte iſt der König jedenfalls hinaus. Es iſt jetzt zwei Uhr zwölf Minuten, ſagte Mira⸗ beau, nach der Uhr ſehend. Der Morgen dämmert nur langſam herauf, denn es haben ſich einige Wolken am Horizont eingefunden. Wenn es Euerer König⸗ lichen Hoheit gefällig iſt, wage ich es, mit meinem Begleiter in das Schloß zu folgen. Der Prinz ſchritt jetzt voran, nachdem er mit einem tiefen Seufzer einen Entſchluß gefaßt hatte. Auf dem Corridor flüſterte er dem Grafen Mirabeau zu: Wenn das große Ereigniß hereinbricht, mein Freund, werden wir unſere politiſchen Operationen ganz von Neuem beginnen müſſen. Wie es aber auch kommen möge, ich bleibe de. leidenſchaftliche, treu er⸗ gebene Freund Frankreichs, und bitte Sie, dies Herrn von Calonne bei dieſer Gelegenheit ganz ausdrücklich zu verſichern. Ich werde unter allen Verhältniſſen dafür wirken und kämpfen, daß die franzöſiſche Politik der künftige Leitſtern Prenßens wird, denn Preußen kann nur als Glied des franzöſiſchen Syſtems ſeine Beſtimmung in Europa finden. Und was werden wir mit dem Miniſter von Hertzberg anfangen? ſragte Mirabeau leiſe. Sein Einfluß ſcheint auch bei dem neuen Thronfolger Preu⸗ — ßens ein ſehr bedentender werden zu wollen. Ich bin jetzt mehr als je überzeugt, daß man Hertzberg ſtürzen muß, wenn man noch dem franzöſiſchen Syſtem in Preußen Geltung verſchaffen will. Es iſt ſeinen Agitationen in der That bereits gelungen, eine engli⸗ ſche Partei in Preußen auf die Beine zu bringen, die unter ſeiner Aegide alle möglichen Anſtrengungen macht. Wird Preußen vorzugsweiſe der Bundesgenoſſe Englands, ſo haben wir unſer Oel hier umſonſt ver⸗ brannt. Die ganze europäiſche Politik ſteuert dann nach einer andern Windroſe, und wer weiß, was geſchieht. Was Hertzberg anbetrifft, ſo bin ich Ihrem Rath gefolgt und werde deſſelben auch noch ferner eingedenk ſein! entgegnete Prinz Heinrich mit einer noch ge- dämpfteren Stimme. Ihr gabt mir den Rath, mei- nen Haß gegen ihn zu verſtellen und eine Art von Verſöhnungs⸗Komödie mit ihm zu ſpielen, um ihn und meinen Neffen einſtweilen ſicher zu machen. Die⸗ ſen Euren Rath, Herr Graf, habe ich ſchon in den letzten Tagen als ſehr heilſam erkannt und danke Euch dafür.*) Es möchte dies jetzt auch der einzige Weg ſein, um meinen Neffen Friedrich Wilhelm unbefangen zu erhalten und ihn für meine Rathſchläge zugänglich bleiben zu ſehen. Auf dieſe Weiſe könnten wir doch noch hoffen, die Poſition zu retten und den neuen Herrſcher auf dem Thron Preußens allmählig, und ohne daß es gleich gemerkt wird, in die Intereſſen Frankreichs hinüberzuziehen. Unter dieſem raſch hingeflüſterten Geſpräch hatten ſie den Corridor durchſchritten und waren eben in einem der Vorzimmer angelangt, wo das dienende Perſonal des Königs in großer Unruhe und Bewe⸗ Mirabeuu Histoire secroète de la Cour de Berlin. I. 50. —— ——————— 55 gung ſich befand. Beim Eintreten des Prinzen und ſeiner Begleiter war eine ehrerbietige Stille einge⸗ treten, und der Prinz wollte eben einen der Diener herbeiwinken, um ihm einen Auftrag zu ertheilen, als eine Seitenthür ſich öffnete und der Miniſter von Hertzberg mit den Gebärden der höchſten Aufregung und Erſchütterung hervorſtürzte. Als er den Prinzen gewahrte, wandte er ſich unmittelbar an denſelben, konnte aber mit einer von Schluchzen erſtickten Stimme Das, was er ihm melden zu wollen ſchien, nicht hervorbringen. Das laute Wehklagen, das aber bald hinter ihm her aus allen Seitenkammern des Schloſſes hervorbrach und plötzlich wie ein anſchwellendes Meer von Klagen und Thränen durch alle Säle von Sans⸗ ſonci ſich ergoß, drückte verſtändlich genug ans, was der trauernde Miniſter noch nicht ſagen konnte. Prinz Heinrich fuhr ſich, von ſeinem Schmerz hingeriſſen, mit der Hand über die Augen, aber er konnte der unaufhaltſamen Thränenfluth, die daraus hervorſtürzte, nicht mehr wehren. Er lehnte ſich, einen Augenblick ſchwankend, an die Schulter des Miniſters von Hertzberg, deſſen gutes ehrliches Geſicht die tiefſte und natürlichſte Trauer ausdrückte. Dann ſchüttelte der Prinz dem Miniſter mit einer herzlichen Innigkeit die Hand, an deren Aechtheit man in dieſem Augen⸗ blick kaum hätte zweifeln kön⸗en. Jetzt hallte es von allen Seiten wieder: der König iſt todt! Friedrich der Große iſt nicht mehr!— Der aus dem Cabinet des Königs hervortretende Kammer⸗ diener Strützki, der dem verſcheidenden Monarchen die Angen zugedrückt hatte, theilte den Umſtehenden mit, daß die über dem Kopf des Königs hängende Uhr gerade zwei Uhr zwanzig Minuten gezeigt habe, als der Athem im Munde ausgeblieben ſei. Die Kunde war jetzt auch unter die vor dem Schloſſe Sansſouci verſammelte Menge hinausgedrun⸗ gen. Man vernahm von draußen her ein dumpfes wehevolles Getöſe, das bald höher anſchwoll, bald wieder unheimlich verſtummte, und das man bald von Neuem anwachſend über die Hügek und Terraſſen hinab bis zur Stadt ſich fortwälzen hörte. Der Prinz hatte nach ſeiner Equipage verlangt, um nach dem Palais, in welchem er in den letzten Tagen in Potsdam ſeinen Aufenthalt genommen, zu⸗ rückzufahren, da ſein Befinden ihm nicht länger zu verweilen geſtattete. Er verabſchiedete ſich von dem Miniſter von Hertzberg mit einem ernenerten herz⸗ lichen Händedruck, von Mirabeau aber mit einem Blick, in dem ebenſo viel geheimes Einverſtändniß, als eine abſichtliche Zurückhaltung, die er ſich wegen der Gegenwart des Miniſters auferlegte, ſich ausdrückte. Unmittelbar nach dem Prinzen Heinrich entfernte ſich auch der Miniſter von Hertzberg in größter Eile. Unter dem klagenden Zuruf des noch draußen ſtehen gebliebenen Volkes beſtieg er ſeinen Wagen, um nach Potsdam zu fahren und dem dort ſeiner harrenden Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem neuen König Preußens, die erſchütternde und vielbedentſame Bot⸗ ſchaft zu überbringen. Mirabean erſuchte jetzt ſeinen neben ihm ſtehenden Freund, den Baron Noldé, ſchleunigſt ſein Pferd zu beſteigen und im äußerſten Geſchwindritt ſich nach Berlin zurückzubegeben, wo die angefangene Depeſche, die auf Mirabeau's Tiſch lag, nur mit einigen Zu⸗ ſätzen, die ihm Mirabeau angab, vollendet zu werden brauchte. Der junge Noldé hatte ſich in der letzten Zeit ſchon als einen ſo anſtelligen Gehülfen bei dieſen Arbeiten gezeigt, daß ihm Mirabeau ſolche außeror⸗ dentliche Aufträge vollkommen anvertrauen und ihm —— die Beſorgung des Couriers nach Paris, der ſchon angewieſen war, überlaſſen konnte. Er ſelbſt wollte noch eine kurze Zeit an dieſer Stelle verweilen, um als Beobachter der nächſten Dinge, die ſich im Schloſſe von Sansſouci ereignen würden, zugegen zu ſein. Es währte aber kaum eine Viertelſtunde, als Mi⸗ rabeau den König Friedrich Wilhelm den Zweiten, in Begleitung des Miniſters von Hertzberg, auf dem Schloſſe erſcheinen ſah. Die ſchöne prächtige Geſtalt des Königs, die in dieſem Augenblick ebenſo viel Würde als Schmerz zeigte, wurde von den ſcharf prüfenden Blicken Mirabean's, der ſich in eine Niſche des Vorzimmers geſtellt hatte, nicht ohne Genug⸗ thuung beobachtet. Friedrich Wilhelm der Zweite begab ſich in das Cabinet, wo die eben erſt entſeelte Leiche ſeines großen Oheims lag, für welche er die erſten Anordnungen treffen zu wollen ſchien. Nach einiger Zeit kam der Miniſter von Hertzberg allein wieder heraus. Seine Bruſt war mit dem Orden des Schwarzen Adler geziert, welchen ihm der Thron⸗ folger Preußens, als Zeichen ſeiner dankbaren Zu⸗ friedenheit und Uebereinſtimmung mit ihm, ſocben umgehangen hatte. Mirabeau beeilte ſich jetzt, das Schloß Sansſouci wieder zu verlaſſen. Er fand unten vor der Thür ſein Pferd und beſtieg es mit einer ihn jetzt ſtürmiſch davontreibenden Haſt. Bald befand er ſich wieder auf der Landſtraße von Berlin, über die er ohne Raſt in unauſhaltſamer Eile dahin jagte. Ueber ſeinem Haupte gingen jetzt die erſten Schimmer der aufflammenden Morgenſonne empor. Dieſes Schauſpiel lud ihn zu einem augen⸗ blicklichen Verweilen ein, und er ließ ſein erſchöpftes Pferd mitten auf dem Wege ſtillhalten. Dann grüßte Mirabean die Sonne, die mit der ſtolzen Zuverſicht eines ewig neuen Lebens das erſte Lächeln nach dem Tode des großen Königs hatte. VI. Preußen und Mirabeau. Auf den Straßen Berlins fand heut ſchon in früher Morgenſtunde ein gewaltiges Volksgetümmel Statt. Der König Friedrich Wilhelm I. hatte ſich von Sansſpuci, nachdem er dort bereits die Regie⸗ rungsgeſchäfte angetreten, nach der Hauptſtadt hinüber⸗ begeben, und ritt in Begleitung ſeines älteſten Sohnes, des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, durch die Straßen. Das Volk hatte ihn in allen Theilen der Stadt mit lauten und enthuſiaſtiſchen Zurufungen begrüßt und folgte ihm in jubelnden Schaaren bis zu dem Platz vor dem Zeughauſe und den Linden, wo den dort aufgeſtellten Truppen der neue Eid der Treue abge⸗ nommen werden ſollte. Unter der dichtgedrängten Volksmenge befand ſich auch Graf Mirabeau, der ſich am Arm ſeines Freun⸗ des Nolds ſchon früh auf die Straße begeben hatte, um dieſe feierliche Ceremonie, die ihn ſehr zu intereſ⸗ ſiren ſchien, zu beobachten. Die einzelnen Truppen⸗ theile waren ſchon ſeit Anbruch des Morgens in den Straßen geſammelt worden, die dadurch den Anblick eines bewegten Kriegslagers gewährten. Jetzt hatten ſie ſich aber in der ebenſo glänzenden als zuverſicht⸗ lichen militairiſchen Haltung, die dem Heere Friedrichs des Großen eigen war, zu feſten Linien geordnet, und bald durchklang der zu leiſtende Eidſchwur ihre Reihen, der von den Soldaten Wort für Wort nachgeſprochen wurde und mit ſchwerem, einförmigem Gewicht lange Zeit hindurch über der Maſſe zu hängen ſchien. Dieſe Ceremonie hat allerdings etwas Großartiges, bemerkte Mirabeau zu ſeinem Begleiter, aber ſie würde noch einen weit bedeutenderen Eindruck machen, wenn der Eid nicht gar zu lang wäre. Dadurch dehnt ſich das Schauſpiel, das kurz und blitzartig wirken müßte, zu einer gefährlichen Dauer aus, in der man Zeit hat, politiſche Reflexionen anzuſtellen, und dieſe können ſelbſt vor einer Armee, die das hiſto⸗ riſche Siegesinſtrument eines großen Königs geweſen und von ihm zu dieſer Herrlichkeit erſchaffen worden, nicht günſtig ausfallen. Denn was will der König durch dieſen langen, ſo förmlich aushaltenden Eid anders zu erkennen geben, als daß er von ſich aus⸗ drücken läßt:„Ich bin ein König der Soldaten, und vertraue mich meiner Armee an, weil ich meines Königreichs nicht gewiß bin.“ Aber gleichwohl halte ich mich zu dem neuen König überzengt, daß unter ſeiner Regierung alle dieſe militairiſchen Formen eine bedeutende Ermäßigung erhalten werden.*) Ein militairiſches Element ſoll dem König ſelbſt nicht abzuſprechen ſein, erwiderte Baron Noldé, und wenn ihn gewiſſe Intriguanten, in deren Hände er ſich ſchon als Kronprinz begeben, nicht irre leiten und vollends in Finſterniß und Myſticismus einſpinnen, ſo dürfte er wohl noch kriegeriſchen Geiſt genug in ſich haben, um die Armee Friedrichs des Großen zu bewahren und einſt an ihrer Spitze thatkräftig handelnd zu erſcheinen. Ich glaube daher, daß es jetzt das Beſtreben der freiſinnigen Partei in Preußen *) Nach den eigenen Aeußerungen Mirabeau's. Histoire secrète de la Cour de Berlin I. 60. Mirabeau. III. 7 ſein muß, den König möglichſt zum Soldaten zu machen und ſtreng bei allen militairiſchen Traditionen Preußens zu erhalten, um ihn dadurch aus den Hän⸗ den der roſenkreuzeriſchen Schwindler und Geiſter⸗ ſeher, die an ihm zerren und arbeiten werden, zu erretten. Ah, entgegnete Mirabeau lachend, daran erkenne ich die Folgen, daß mein Freund Noldé ſeit Kurzem bei der ſchönen Rietz eingeführt worden iſt und zu den platoniſchen Gaſtmählern zugezogen wird, welche die würdige Maitreſſe auf ihrer Villa in Charlotten⸗ burg ſeit einiger Zeit für Gelehrte und Staats⸗ männer veranſtaltet. Ich weiß, daß man ſich dieſen Feldzugsplan in Charlottenburg ausgedacht hat, und mein Freund, der es natürlich ſchon aus Galanterie mit der Partei Rietz hält, ſcheint das Programm in der That zu billigen. Ich glaube es auch, man muß auf ganz neue Ideen kommen, wenn man das Gläck hat, der Hausfreund der liebenswürdigen Wilhelmine geworden zu ſein. Ihr neckt mich ſchon wieder, Mirabeau, entgegnete Nolds, faſt ärgerlich. Und doch wißt Ihr, daß ich es lediglich Euch zu Gefallen gethan habe, wenn ich mich bei der Circe Friedrich Wilhelms durch den engliſchen Geſandten Einführen ließ. Wir erfuhren dort aus erſter Hand oft die wichtigſten Nachrichten, und es würde für uns am allermeiſten zu beklagen ſein, wenn die roſenkreuzeriſche Partei, die durch den General von Biſchoffswerder ſo mächtig auf den König wirkt, die Entfernung der Rietz doch noch durchſetzen ſollte. Die neue Maitreſſe, welche der Hofadel dem König aufdrängen will, ſoll bereits die Bedingung geſtellt haben, daß die Rietz alsdann mit ihren beiden Kindern nach Litthauen in's Exil geſchickt werde. Der König wird aber niemals darein willigen, entgegnete Mirabeau lebhaft. Ich habe das Fräulein von Voß neulich geſehen, und Ihr könnt der Rietz meine für ſie gewiß tröſtlichen Anſichten über dies Fräulein mittheilen. Die Rietz braucht ſich gar nicht zu ängſtigen, denn wenn es dem Herrn von Biſchoffs⸗ werder auch gelingen ſollte, die kleine blonde Voß dem König definitiv aufzuſchwatzen, weil er viel⸗ leicht gedroht hat, der Majeſtät die Ungnade der Geiſter auf den Hals zu hetzen, ſo wird ſich eine derbe Schönheit, wie die der Rietz, dadurch höchſtens auf einige Monate aus dem Felde geſchlagen ſehen. Der König wird und muß immer wieder zu ihr zu⸗ rückkehren. Dies Fräulein von Voß iſt weder ſchön noch verführeriſch, und ſie kann dem König höchſtens den augenblicklichen Reiz darbieten, daß er einmal etwas durchaus Tugendhaftes und Anſtändiges in ſeinen Armen halten will. Die Voß iſt ſanft und kalt, ſie hat den Teufel der Milde und der Zimper⸗ lichkeit in ihren Gliedern, und dies wird den König vierzehn Tage lang in eine verliebte Verzweiflung ſetzen. Dann wird er zwei Monate lang zwiſchen Raſerei des Glücks und Langerweile in der Mitte ſchweben, und bald darauf wird die Voß die Schwind⸗ ſucht bekommen. Ich habe die Kennzeichen an dem Bau ihrer Bruſt deutlich wahrgenommen. Dann wird die Rietz noch immer in der alten wunderbaren Pracht ihrer Glieder ihn Locken, wie ein Schatzgräber⸗ mährchen aus der Jugend, das man nie vergeſſen kann. Denn ich kenne ſolche Weiber, man kehrt im⸗ mer und immer wieder zu ihnen zurück. Die Körper⸗ formen dieſer Rietz müſſen ohne Gleichen ſein. Ich ſah neulich, als ſie aus ihrer Equipage ſtieg, um in ein Kanfgewölbe einzutreten, nur ihren entblößten marmorweißen Arm und die Hälfte ihres Fußes. Ja, 7 4 7 — 100— da mußte ich mir ſagen, hier ſteckt ein ganzer Olymp von Schönheit und Genuß, und wenn man dazu bedenkt, daß ſie noch in das Göttergewühl ihrer Formen den ſtarken Pfeffer der Gemeinheit zu ſtreuen weiß, und daß ſie, wie mir ſcheint, eine gewiſſe diabo⸗ liſche Ehrlichkeit und Gründlichkeit der Liebe beſitzt, ſo kann der König ſich nur von ihr ausruhen, aber ſie kann niemals abgeſetzt werden. Sagt ihr das, Baron, mit dieſen Worten, wenn Ihr ſie wieder ſeht. Ich danke Euch für dieſe Veſtellung, verſetzte Noldé, über den drolligen Ton Mirabeau's lachend. Aber ich kann Euch auf mein Ehrenwort verſichern, daß ich niemals nach einer Vertranlichkeit mit der Rietz geſtrebt habe. Doch halte ich ſie bei ihrer eminenten und ſtaunenswürdigen Schönheit zugleich für eine gutmü⸗ thige und offene Natur, mit der ſich ſogar auf eine ganz anſtändige Weiſe plaudern läßt. Auch erhöht es jetzt mein Intereſſe für ſie, daß die Finſterlinge und Frömmler, die am Hofe Friedrich Wilhelms gewiß bald Alles beherrſchen werden, ſie zum erſten Gegenſtand ihres Angriffs erſehen. Sie thun das nicht etwa der lieben Tugend wegen, denn ſie werfen Seiner Majeſtät ſogleich ein anderes Futter dafür hin, aber ſie wittern in dieſer Fran eine freie und tüchtige Geſinnung, die den König am Ende noch zu einer ſeiner würdigen Thatkraft treiben könnte, und was ſollte dann aus dem General von Biſchoffswerder und Seinesgleichen hier werden?— Inzwiſchen nahm die militairiſche Ceremonie, bei der ſie als Zuſchauer umherſtanden, eine neue Wen⸗ dung, die ihre Aufmerkſamkeit wiederum feſſelte. In ihrer Nähe ſtand der General Möllendorf, der bei ſeiner Eidesleiſtung ſo erſchüttert ſchien, daß ihm die Thränen aus den Augen geſtürzt waren. Er weinte bitterlich, und rief dann mit einem ſchmerzlichen Wink — 101— die in ſeiner Nähe ſtehenden Offiziere herbei, indem er ſich in ihre Mitte ſtellte und ſie mit folgenden Worten anredete: Meine Freunde, Ihr habt den größten der Könige, den erſten der Helden, verloren. Und ich, wie ſoll ich es nennen? Ich habe meinen Herrn und Meiſter und ich darf wohl ſagen, meinen Freund verloren!*) Der tieftraurige Blick und die unaufhörlich fließen⸗ den Thränen, unter denen der in der Haltung eines verwundeten Helden ſich darſtellende alte General dieſe Worte ſprach, brachte einen mächtigen Eindruck auf die ganze Umgebung hervor. Man ſah plötzlich viele Angen feucht werden, und Mirabeau wollte ſelbſt auf der Tribüne der Diplomatie, in deren Nähe dieſe Scene vorging, eine auf Rührung deutende Bewegung wahrnehmen. Bisher habe ich mich gewundert über die kalten und gleichgültigen Geſichter, die man heut vorzugs⸗ weiſe auf den Straßen ſah, und ſchon ſtellte ich bei mir die ſchneidendſten und weltverächtlichſten Betrach⸗ tungen an, die mir ſämmtlich durch dieſen über ſeinen König weinenden General aus dem Felde geſchlagen werden, ſagte Mirabeau zu ſeinem Begleiter. In dieſen preußiſchen Officieren iſt viel ächter Charakter, viel menſchliche Natürlichkeit und Biederkeit, wie ich ſie anderswo noch nicht angeteoffen habe. Dieſer alte General weint wie ein Kind, weil ihm ſein großer König geſtorben iſt, und ſobald nur erſt Einer ange⸗ fangen hat zu weinen, öffnen ſich auch bei den Uebri⸗ gen die Schlenſen des Gefühls, und eine ganz andere Scene ſteht vor unſern Augen. Das Volk jubelte zwar bisher über ſeinen neuen Herrſcher, aber das war der handwerksmäßige Klang, der bei ſolchen Ge— Mirabenu Lettres à Mauvillon p. 13. — 102— legenheiten immer ertönt. Und ich geſtehe, daß ich heut Morgen ausgegangen war, um den Schmerz über Friedrich den Großen auf den Geſichtern des Volks und der Armee zu finden. Bisher begegneten wir wohl düſtern und niedergeſchlagenen Mienen, aber wir ſahen keinen Schmerz, wir hörten keinen einzigen aus ſchwerer Bruſt entſtandenen Seufzer. Nun fällt es mir ordentlich wie ein Stein vom Herzen, daß der tapfere Möllendorf, der das Signal zu ſo mancher Schlacht gegeben, nun auch das Signal der Thränen gegeben hat.— Als das Schauſpiel gänzlich beendet war, und die Regimenter zugleich mit den angeſammelten Volks⸗ maſſen ſich auf den Straßen wieder zu verlaufen be⸗ gonnen, reichte Mirabeau ſeinem Freunde Noldé die Hand zur Trennung, indem er ihm dringend an⸗ empfahl, ein Pferd zu nehmen und einen Ritt nach Charlottenburg zu machen, um auf der Villa der Rietz einen Beſuch abzuſtatten. Als ihn Noldé verwundert anſah, ſagte Mirabeau: Mein diplomatiſcher Freund begreift nicht, warum dieſer Beſuch gerade heut ſo eilig ſein kann? Aber geh' hin, mein Freund, denn es intereſſirt mich aus vielen Gründen zu wiſſen, wie es dort ſteht. Die ſchöne, üppige Rietz iſt mir in dieſem Augenblick das Zifferblatt, auf dem man nachſehen kann, welche Stunde es hier geſchlagen hat. Die neue Wendung der preußiſchen Politik hat ſich jetzt mit den Reizen Wilhelminens verſchmolzen. Gelingt es den Herren Biſchoffswerder und Wöllner, die alte Maitreſſe zu beſeitigen und die blonde Voß an ihre Stelle zu ſetzen, ſo kündigt ſich damit ſchon ein bedentender Sieg dieſer Partei, ſelbſt über die Neigungen des Königs, an, und wir können dann nach Paris berichten, daß die myſtiſche Dunkelpartei, die den Kronprinzen * — 103— ſchon umſponnen, auch in der Regierung des neuen Königs die entſcheidende Stimme haben wird. Denn wenn ſich der König von einer Favoritin trennt, die ſchon als vierzehnjähriges Mädchen ſein eigen wurde, die er ſich phyſiſch und geiſtig gebildet und zugezogen, mit der zuſammen er Rouſſeau und Shakſpeare in zärtlicher Privatſtunde geleſen, ſo muß jener gefährliche Einfluß ihm ſchon weit über den Kopf gewachſen ſein. Die ſchöne Zeit, wo er ſich mit ſeiner Wilhelmine an den Drolligkeiten des dicken Sir John Fallſtaff ergötzte und derſelbem das feierlich komiſche Gelübde ablegte, daß er auch dereinſt ein wahrer und ächter Fallſtaff werden wolle, und Wilhelmine ihn dann maaß, wie weit er ſchon zu dieſem Ziele unterwegs ſei, und dann dieſe gelehrten Studien ſich in einen zärtlichen Tumult auflöſten,*) ach, dieſe ſchöne Zeit wäre dann verloren, und Friedrich Wilhelm müßte ſich einſtweilen an eine andere Koſt gewöhnen. Noldé erklärte ſich bereit, den Auftrag Mirabeau's ſogleich zu vollführen, und mußte verſprechen, in einem Geſchwindritt ſogleich wieder zurückzukehren, ſobald er bemerkt, daß ſich auf der Villa in Charlottenburg etwas bedeutendes Neues zugetragen habe oder dem⸗ nächſt eine Veränderung mit den Verhältniſſen der Rietz in Ausſicht ſtehe. Denn ich mache davon noch einen Beſuch abhängig, den ich mir hent bei dem General von Biſchoffswerder vorgeſetzt hatte, fügte Mirabeau hinzu. Gelingt es den Roſenkreuzern, ſo⸗ gleich das hieſige Terrain zu beſetzen, und dies wird uns heut das Schickſal der Rietz lehren, ſo iſt es der Mühe werth, daß man mit dieſen Leuten ſogleich in eine Verbindung zu kommen ſucht, und ich würde dann unfehlbar noch heut dem General von Biſchoffs⸗ *) Nach den eigenen Erzählungen der Gräfin Lichtenau. — 104— werder meine Aufwartung machen. Ich höre, daß er den Tag über in Berlin bleiben und erſt gegen Abend mit dem König nach Sansſonci zurückkehren wird. Siegt die Rietz beim König, ſo ſind dieſe Herren einſt⸗ weilen nur noch Blaſen auf dem hieſigen Sumpf, bei denen es mir gleichgültig bleibt, aus welcher Gasart ſie ſich geformt haben. Wenn die Rietz bleibt, erwiederte Noldé lächelnd, ſo möchte ſie ſich am Ende auch noch bei Ihnen zu bedanken haben, Graf Mirabeau, denn es wäre dann möglich, daß das Sendſchreiben, welches Sie geſtern an den König nach Sansſouci geſchickt, und in wel⸗ chem Sie ihm eine liberale Reform ſeines Staats nach allen Richtungen hin empfohlen haben, ſchon im Sinne freier Entſchließungen auf Friedrich Wilhelm gewirkt hätte. Es iſt merkwürdig genug, daß es ſo ſteht, aber die Bewahrung der alten Ingendgeliebten hängt diesmal mit der Aufnahme der neuen Fort⸗ ſchrittsideen des Jahrhunderts wie ein und dieſelbe Sache zuſammen. Es mag ſein, wie es will, erwiederte Mirabean, gedankenvoll nachſinnend. Aber das Mémoire, das ich an den neuen König gerichtet habe,*) iſt gut, und ſchüttelt in ſich der fruchtbaren Keime viele durchein⸗ ander. Ich hatte ſchon in den letzten Tagen der Krankheit König Friedrichs eifrig daran gearbeitet, und ſchloß es an demſelben Morgen, wo er ſtarb, in der bewegteſten und feierlichſten Stimmung ab. Mit einem Begleitbriefe von mir iſt es dann geſtern in die Hände Friedrich Wilhelms gelegt worden, und ich bin überzengt, daß er es richtig bekommen hat. Wenn Lettre remise à Frédéric Guillaume II. roi régnant de Prusse le jour méme de son avènement an tréne, par le Comte de Mrabeau. Berlin 1787. die Rietz noch in der Lage iſt, etwas zu wiſſen, fra⸗ gen Sie doch zugleich bei ihr nach, ob der König ein Mannſeript von mir erhalten und ob er mir nicht vielleicht eine Zeile Antwort zugehen laſſen würde? Nach Dem, was Sie mir mitgetheilt haben, ent⸗ gegnete der Baron, ſind dieſe Ideen zu kühn und zu groß für den weichlichen Geiſt Friedrich Wilhelms des Zweiten. Eine Geiſtererſcheinung, die ihm Biſchoffs⸗ werder und Wöllner vorgaukeln, und aus der er ſich dann ſchaudernd und frierend in das warme Lager ſeiner Rietz rettet, iſt ſeinen Nerven viel verſtänd⸗ licher, als dieſe Erſcheinung der nenen Ideen, die Ihr mit machtvoller Beſchwörung vor ihn hingeſtellt habt. Und glaubt Ihr denn wirklich, Mirabeau, daß ein Staat, wie Preußen, ſchon einen ſo ſtarken Schvoß hat, um Ideen aufnehmen und austragen zu können, die ſelbſt für Frankreich noch nen ſind, und die Euer ſchöpferiſcher Genius doch nur aufgeſtellt haben kann, damit ſie einſt auf franzöſiſchem Boden wachſen und Frucht tragen ſollen? Mein Freund, erwiederte Mirabeau, habt Ihr nie von dem Punkt des Archimedes gehört? Dieſer ver⸗ langte nur einen Punkt außer der Erde, und vermaaß ſich dann, ſie zu drehen und umzuwenden, wie es ihm beliebe. Zu einem ſolchen Punkt iſt mir ſelbſt Preußen recht, wenn ich auf demſelben anfangen kann, meine Ideen zu begründen, die einſt der Hebel einer Bewegung und Umwälzung in Frankreich und ganz Europa werden müſſen. Und was habe ich denn dem König von Preußen in meiner Epiſtel vorgeſchlagen? Ich habe ihm zuerſt geſagt, daß er in der glücklichſten Zeitepoche auf den Thron gelangt, da wir in einem Jahrhundert lebten, welches ſich von Tag zu Tag mehr aufklärte in ſeinem eigenen Licht, und welches für uns Alle arbeitete mit heiligen und großen Ideen. — 106— Dann bat ich ihn, ſeinen Unterthanen die ganze Frei⸗ heit zu geben, die ſie nur irgend ertragen und brau⸗ chen könnten, denn ſeine königliche Autorität würde dadurch nur geſtärkt und wahrhaft geheiligt werden. Zuerſt aber möge er den Grundſatz, den ich ſo oft in meinen Schriften gepredigt, annehmen, nämlich den, daß man nicht zu viel regieren dürfe. Die Ab⸗ ſchaffung der Militair-Sklaverei in ſeinen Landen empfahl ich ihm dann als den erſten Schritt auf dem Wege zu den inneren Reformen. Denn das abſcheu⸗ liche und ganz barbariſche Geſetz, welches jedem Preußen die Verpflichtung auferlegt, von ſeinem acht⸗ zehnten Jahre bis zum ſechszigſten und noch länger zu dienen, entehrt die ganze Nation, und muß durch eine andere Recrutirung der preußiſchen Armee erſetzt werden, welche dem öffentlichen Volksgeiſt mehr ent⸗ ſpricht, und die Formen der Freiheit an ſich trägt. Ich ſchlage dem König darum die Einrichtung einer Nationalgarde vor, denn in ihr finde ich die heilige Idee der Freiheit einer Nation am meiſten geſichert und ausgedrückt. Dann verlange ich das Recht der Freizügigkeit für Jedermann im Staate, ferner die Freiheit für jeden Bürger, auch adelige Grundſtücke zu erwerben, wie auch die Abſchaffung der Vorrechte des Adels und die Beſchränkung jener garzen Ariſto⸗ kratie, welche für die monarchiſchen Staaten eine noch weit größere Geißel iſt als in den Republiken. So⸗ dann bekämpfe ich bei Seiner preußiſchen Majeſtät das Vorurtheil, welches bisher eine ſo große Kluft zwiſchen Militair und Bürgerſtand aufgerichtet hat, und wodurch das Heer eine exeluſive Stellung gewinnt, die dem Thron ſelbſt verderblich werden muß und ihn zuletzt mit der Anarchie der Prätorianer unabwendbar bedroht. Dann verlange ich die Unabſetzbarkeit des Richterſtandes, der nicht aus den Gerichtsſporteln, — 107— ſondern aus den öffentlichen Einkünften bezahlt werden muß. Nicht minder bitte ich den König von Preußen, öffentliche Arbeits⸗Ateliers zu ſchaffen, und der erſte Monarch zu ſein, in deſſen Staaten Jeder, der ar⸗ beiten will, Arbeit finde, denn dies iſt das erſte Ge⸗ ſetz der Natur, welches jeder geſellſchaftlichen Conven⸗ tion voranſteht, es iſt das eigentliche Band der Ge⸗ ſellſchaft, da jeder Menſch, der zur Deckung ſeiner Exiſtenz ſeine Arbeitskraft darbietet, und damit nur Zurückweiſung findet, der natürliche und rechtmäßige Feind aller andern Menſchen werden muß und das Recht zu einem Privatkriege gegen die ganze Geſell⸗ ſchaft gewinut. Ueberall, auf dem Lande wie in den Städten, müſſen ſolche Ateliers auf Koſten des Kö⸗ nigs eröffnet werden, und Jeder, woher er auch kom⸗ men möge, muß dort ſeinen Unterhalt finden können für den Preis ſeiner Arbeit, und die ganze Nation muß darin lernen, was Zeit und Thätigkeit werth ſind. Darauf erhebe ich mich in meinem Mémoire noch für den öffentlichen Unterricht und die Freiheit der Preſſe, für eine unbeſchränkte Toleranz in allen Dingen der Religion und des Glaubens, und gegen das ganze Syſtem der politiſchen Oekonomie, welches Friedrich der Große befolgt und hinterlaſſen. Ich ſchlage vor, die indirecten Abgaben zu verringern, die Steuern auf das Grundeigenthum zu erhöhen und keinem einzigen Grundbeſitz davon eine aus⸗ nahmsweiſe Befreiung zuzugeſtehn, den Durchgangs⸗ Verkehr zu begünſtigen, die Indnſtrie zu befreien, und den Handel, der nur im Schatten der Freiheit gedeihen kann, über alle Schranken hinaus zu heben und zu för⸗ dern. Denn der Handel verlangt von den Königen nichts weiter, als daß ſie ihm nichts Böſes zufügen ſollen.*) *) Sämmtliche Aeußerungen Mirabeau's ſind aus der Lettre à Frédérie Guillaume Il. entnommen. — 108— Ich habe mit der größten Andacht zugehört, ſagte Nolds. Dies iſt ein ganzes Zeughaus von neuen Waffen, das im Kopf des Grafen Mirabeau ſich auf⸗ gethürmt hat. Ich werde darüber noch während mei⸗ nes Rittes nach Charlottenburg meinen verwunderten und entzückten Gedanken nachzuhängen haben. Denn als gehorſamer Unterthan der Kaiſerin von Rußland muß ich immerhin ein leiſes Fröſteln empfinden, wenn die Freiheitsideen ſchon in ſolcher Fülle über mich hinwegſtreichen und mir wird wie dem jungen Maikater zu Muthe, der nicht ohne ſchreckliches Nieſen in die Sonne ſehen kann. Ihr wißt, daß ich es gern leiden mag, wenn Ihr Poſſen treibt, während ich als Idealiſt ſchwärme, ent⸗ gegnete Mirabeau, ihm die Hand reichend. Und doch habt Ihr Kurländer das revolutionnäre Fieber ſo gut in allen Gliedern, wie nur irgend ein anſtändiger Franzoſe heutzutage. Ja, ich bin überzeugt, daß Euere Familie Euch nur deshalb ſo dringend nach Kurland zurückbegehrt, weil ſie dort am beſten mit Euerer Hülfe eine Revolution machen zu können glaubt.*) Aber ich laſſe Euch nicht wieder von mir, denn Ihr werdet der Erhebung Frankreichs einſt beſſere Dienſte leiſten können, als es im Lande der Czaren und Cza⸗ rinnen für's Erſte möglich ſein wird. Die beiden Freunde trennten ſich jetzt in der hei⸗ terſten und herzlichſten Stimmung. Noldé ging, um ſich ſein Pferd zu beſorgen, während Mirabeau un⸗ mittelbar nach ſeiner Wohnung zurückkehren wollte, wohin ihn beſonders die Sorge für ſeine Freundin Henriette, die ſeit einigen Tagen wieder kränklich und leidend war, trieb. *) Vgl. die Andeutungen über den Baron Noldé in der Histoire secrète de la Cour de Berlin. Lettre LII.. „ ———— VII. Eine Audienz bei Herrn von Biſchoffswerder. Mirabeau war den Tag über zu Hauſe geblieben, da er nichts Neues unternehmen und Niemand ſehen wollte, bevor er nicht durch Noldé eine Nachricht aus Charlottenburg empfangen hatte. Zugleich feſſelte ihn die Sorge für die kranke Henriette, für die er ſeinen neuen jüdiſchen Freund, den Doctor Hertz, mit dem er in einen ſehr innigen Verkehr getreten war, hatte herbeiholen laſſen. Henriette litt, wie ſchon früher in London und zum Theil auch in Paris, an der Bruſt, und bei ihrer ungemein zarten Natur hatte der Arzt die ängſtlichſte Schonung zur Fflicht gemacht. Im Laufe des Vormittags hatte Mirabeau auch bereits das Antwortſchreiben Friedrich Wilhelms des Zweiten auf ſeine an den König gerichtete Denkſchrift empfangen. Ein königlicher Lakai überbrachte ihm folgenden, vom 20. Auguſt 1786 datirten Brief: „Herr Graf von Mirabean, Ihr mit einem Mé⸗ moire begleitetes Schreiben vom 17. d. M. iſt mir ſehr wohl übergeben worden; ich bin Ihnen ſehr verpflichtet für die Aufmerkſamkeit, mir das letztere zuzuſtellen, und für die verbindlichen Dinge, welche Sie die Güte haben, mir bei dieſer Gelegenheit zu ſagen; halten Sie ſich überzeugt, daß Alles, was von Ihnen kommt, mir Vergnügen macht, und ich bitte Gott, Sie in ſeinen gnädigen Schutz zu nehmen. Friedrich Wilhelm.*) Und das iſt Alles? ſagte Mirabean lachend, indem er den Brief vor ſich hin auf den Tiſch warf. Alles, *) Bei Montigny IV. 345. — 110— was von mir kommt, wird dem König Vergnügen machen! Das iſt ja recht ſchön, und beweiſt mir zu⸗ gleich, wie unverbeſſerlich dieſe Herren von Gottes Gnaden auf alten wie auf neuen Thronen ſind. Sie meſſen Alles nur danach ab, was ihnen Vergnügen macht, und an ihrem Vergnügen gehen ſie rettungs⸗ los zu Grunde. Das tel est mon pon plaisir iſt die theatraliſche Verſenkung der Könige. Die ganze Nation ſtürzt in dieſe Verſenkung hinunter, und zu— letzt die Herrſcher des Vergnügens ſelbſt. Und ſogar die Reformideen Mirabeau's haben dem König von Preußen Vergnügen gemacht. Das wäre herrlich, wenn es nicht ſchlimm' wäre. Ich hoffte, ſie würden ihm erſt Schmerzen und dann Ueberzengung geben. Da ſie ihm aber leider Vergnügen gemacht haben, iſt Hopfen und Malz daran wenigſtens für Preußen ver⸗ loren!— Jetzt hielt ein Reiter vor der Thür, den man in ungeſtümer Eile hatte heranſprengen hören. Baron Noldé ſtieg ab und trat mit einer Gebärde, die nicht das erwünſchte Ergebniß ſeiner Sendung anzukündigen ſchien, zu Mirabeau in das Zimmer. Ich bringe recht tolle Nachrichten aus Charlotten⸗ burg, rief Noldé dem ihm erwartungsvoll entgegen⸗ blickenden Mirabeau zu. Bei der Rietz geht Alles drunter und drüber, und ich verließ ſie eben unter Heulen und Zähneklappern. Biſchoffswerder und Wöllner haben ihre Entfernung beim König durchge⸗ ſetzt. Das neue Syſtem kündigt ſich in der That zuerſt durch den Sturz der bürgerlichen Maitreſſe an. Die Roſenkreuzer glauben mit ariſtokratiſchem Fleiſch beſſer operiren zu können. Das Fräulein von Voß tritt an die Stelle der Rietz und wird zur Gräfin von Ingenheim gemacht. Die neue Maitreſſe iſt aber, wie man denken kann, zugleich kirchlich, ſie ver⸗ ——— — 111— langt die Einſegnung des Prieſters, und die Königin iſt für die Intrigue gewonnen, denn ſie hat ihre Ein⸗ willigung erklärt, und bei dem Confiſtorium in Ber⸗ lin wird ein Gutachten nachgeſucht, um die Doppel⸗ heirath für zuläſſig zu erklären und das blonde Fräu⸗ lein an die linke Hand des Königs zu bringen. Der Königin ſoll dafür die Bezahlung ihrer Schulden und eine Erhöhung ihres Nadelgeldes verſprochen worden ſein. Für den Bruder der neuen Maitreſſe ſ Portefenille eines Staatsminiſters in Ausſicht geſtellt. So wiſſen wir, woran wir ſind, erwiederte Mira⸗ beau ruhig, und ich werde jetzt ſogleich Toilette machen, denn meinen Beſuch bei Herrn von Biſchoffswerder kann ich nun keine Minute länger auſſchieben. Er ſchellte ſeinem Kammerdiener und gab demſel⸗ ben beſtimmten Auftrag, ſich ungeſäumt mit ihm zu beſchäftigen. Und was macht das gute Thier, die Rietz? fragte Mirabeau, indem er ſich vor den Spiegel ſtellte und ſeinen Anzug muſterte. Haben Sie ihr meinen Troſt beſtellt? Ich glaube noch immer, daß ſie dem König unentbehrlich ſein wird, denn jeder Zoll und jedes Glied an ihr iſt das Ideal einer Maitreſſe, wie kein zweites mehr gefunden werden kann. Selbſt unſer franzöſiſches Sultanat hat nie eine ähnliche Koſt auf⸗ zuweiſen gehabt, und Louis Quatorze und Louis Quinze würden alle Maintenon's und Pompadour's im Stich gelaſſen haben, wenn ſie ein einziges Mal die univerſale Bedeutung einer Wilhelmine Rietz er⸗ kannt hätten. Um das zu beurtheilen, bin ich nicht Kenner und nicht Eingeweihter genug, erwiederte Baron Noldé lächelnd, aber ich kann verſichern, daß die Rietz mich in ihrem natürlichen Schmerz jammerte, der zuweilen auch durch eine allerliebſte Wuth abgelöſt wurde. Sie hat gewiß ihre großen Verdienſte um den König. Zuerſt hieß es, daß ſie Berlin wenigſtens auf zehn Meilen in der Runde verlaſſen müſſe, und nun be⸗ gann das arme Geſchöpf, ihre ſchönen Arme ver⸗ zweifelt ringend, ſich mit dem Einpacken ihrer Sachen zu beſchäftigen. Dann kam plötzlich eine Contreordre vom König, wonach ſie auf ihrer Villa in Charlotten⸗ burg bleiben ſolle, und nun hüpfte ſie ſchon wieder lachend und trällernd durch alle Zimmer umher und ich mußte raſch einen Walzer mit ihr verſuchen. Sie ſchiebt übrigens ihr ganzes Unglück auf Wöllner, und meint, daß der Streich keineswegs von Biſchoffswerder ausgegangen ſei. Das iſt leicht möglich, erwiederte Mirabeau, denn dieſer Wöllner war früher Landprediger und ſoll den theologiſchen Zopf noch ſo ſtark im Nacken hängen haben, daß er ſelbſt dem König mit dem Tugend⸗ begriff zu Leibe zu gehen wagt. Prinz Heinrich, der dieſen Wöllner zuerſt emporgebracht und ihn zum Rath bei ſeiner Rentkammer in Rheinsberg berief, erzählte neulich bei einem vertrauten Souper die wunderlichſten Geſchichten Jon ſeinem wahrhaft kanni⸗ baliſchen Tugendeifer. Das Streben dieſer Leute iſt, den Staat zur Kirche, das Leben zu einem mit Bibel und Geſangbuch verſehenen Gefängniß, den Menſchen zu einer polizeilich wohlgeölten Bet⸗Maſchine zu machen. Gelingt es ihm und Seinesgleichen wirklich, den preußiſchen Staat zu bearbeiten, ſo wird die Alternative, in welcher dieſer Staat beſtändig ſchwebt, nämlich entweder ſchmählich zu Grunde zu gehen oder der Muſterſtaat von Ordnung und Freiheit zu ſein, bald entſchieden werden. Wöllner iſt aber zugleich ein guter Landwirth und ſoll dem König ſchon als Kronprinzen Vorträge über Staatswirthſchaft gehalten — 113— haben. Eine geſunde Oekonomie ſcheint ihn denn auch zu der Anſicht bewogen zu haben, daß man den Acker der königlichen Leidenſchaften und Begierden nicht gleich gänzlich unbeſtellt und brach liegen laſſen darf, ſondern ihn zuerſt noch mit einiger Vorſicht be⸗ handeln muß. Eine neue ariſtokratiſche und kirchlich geſinnte Maitreſſe mag ihm darum ſchon als ein Fort⸗ ſchritt erſcheinen, und Biſchoffswerder, obwohl er ſelbſt Maitreſſen aller Art hat, wird nachgegeben haben, da ihm ſein Bundes⸗ und Ordensgenoſſe Wöllner wahr⸗ ſcheinlich das flammende Schwert der Roſenkreuzerei vorgehalten hat. Mirabeau hatte jetzt ſeine Toilette vollendet und trat an das Fenſter, um zu ſehen, ob ſein Wagen bereits vorgefahren wäre. Dann nahm er noch von ſeinem Schreibtiſch ein kleines gedrucktes Heft, wel⸗ ches er mit einem eigenthümlichen Lächeln zu ſich teckte. Es iſt meine Schrift über Caglioſtro und Lavater, welche ich dem Herrn General von Biſchoffswerder als hommage d'auteur überreichen will, ſagte Mira⸗ beau zu dem ihn neugierig anſehenden Noldés. Es ſoll mir eine bequeme Anknüpfung für meinen Beſuch bei ihm ſein, und ich denke ihn dadurch im Geſpräch ſogleich auf das Glatteis ſeiner eigenen Richtung zu führen. Denn was iſt dieſer Biſchoffswerder anders, als unſer Caglioſtro, wenn auch vielleicht in einem mehr ſpießbürgerlichen Stil und mit weniger Genia⸗ lität der Gaunerei, als ſie der italieniſche Abentenrer an ſich zum Beſten zu geben vermag. Mein Freund, es ſind jetzt überall dieſelben Blaſen, die aus denſel⸗ ben Urſachen dem mit Fäulniß geſchwängerten Boden entſteigen. Ich habe in Caglioſtro ein Werkzeug der Feſuiten geſehen, und was werden die preußtſſchen Caglioſtro's, dieſe Biſchoffswerder und Wöllner, hier Mirabeau. III. 8 anders ſein? Uebrigens höre ich, daß die Roſen⸗ kreuzerei, deren Obere ohne Zweifel Biſchoffswerder und Wöilner † für Preußen ſind, ſeit einiger Zeit hier bedeutend um ſich gegriffen hat. In Berlin und Potsdam ſoll es ſchon eine nicht unbedeutende Zahl von Anhängern dafür geben, und man ſpricht mir von Umtrieben der Roſenkreuzer, die ſogar im Volke ſichtlich geworden ſollen. Treiben Sie ſich doch ein wenig umher, Noldé, und erſtatten Sie mir einen Bericht, ob die Sache wirklich auch ſchon unter den gemeinen Leuten zu ſpuken anfängt. Denn bisher ſcheinen es bei Caglioſtro ſowohl wie bei dem from⸗ men Biſchoffswerder nur die vornehmen Kreiſe ge⸗ weſen zu ſein, die man mit der Geiſterſeherei und mit den geheimen Tincturen und Kräften zu gängeln geſucht hat. Das Verjüngungs⸗Elixir, welches Herr von Biſchoffswerder ſchüttelt, ſcheint vorzugsweiſe auf vornehme und regierendo Herren berechnet zu ſein, denen er die Potenz damit erleichtern will, und darin wird gewiß das größte Geheimniß ſ eines An⸗ theils an den Regierungsgeſchäften tiieſen Die Leute aus dem Volke haben dieſe politiſche Nachhülfe nicht nöthig, und auch ich habe mich in dieſer Be⸗ ziehung, wie in ſo mancher andern, immer zum Volke gerechnet. Ich will nun aber doch ſehen, was ich ſonſt von dem Herrn von Biſchoffswerder profitiren kann.— Unter dieſem Geſpräch war Mirabeau ſchon die Treppe hinabgeſchritten, und nahm dann von Noldé, der ihn bis an den Wagen geleitete, freundlichen Abſchied. Der General von Biſchoffswerder befand ſich im königlichen Schloſſe, wo er, während der Anweſenheit des Königs in Berlin, die ihm beſtimmten Gemächer einnahm. In ſeinem Vorzimmer fand Mirabeau eine — 115— Menge von Perſonen anweſend, die mit Begierde dem Moment entgegenzuharren ſchienen, wo der Mann, dem die einflußreichſte und mächtigſte Stellung in den neuen Verhältniſſen zugeſchrieben wurde, ſie zu einer flüchtigen Audienz annehmen möchte. Mirabeau hatte blos durch den dienſtthuenden Kammerdiener ſeine Karte zu dem General hinein⸗ tragen laſſen und ſah mit ruhiger Zuverſicht dem ihn erwartenden Beſcheid entgegen. Es danerte auch nicht lange, ſo erſchien der Kammerdiener wieder mit der höflichen Einladung, ſofort zu dem Herrn General ein⸗ zutreten, der den Beſuch des Herrn Grafen mit Ver gnügen empfangen werde. Mirabeau folgte mit raſchen Schritten durch die ihm geöffnete Thür des anſtoßenden Zimmers, und ſtand dem General von Biſchoffswerder gegeltüber, der, die beiden Händen über der Mitte ſeines Körpers gefaltet, mit einer Haltung, in der ein gewiſſes Wohl⸗ wollen ſich ausdrückte, dem Eintreten Mirabeau's ent⸗ gegenſah. Mirabeau, der leicht von Perſönlichkeiten überraſcht wurde, die er ſich anders gedacht, konnte bei dieſer Begegnung zuerſt eine Art von Betroffenheit nicht unterdrücken. Das Uebermaaß der Beleibtheit, das er ſich gegenüber wahrnahm, und welches der Geſtalt des Generals zuerſt den Anblick eines räthſelhaften und unheimlichen Klumpens gab, erregte im höchſten Grade das Erſtaunen Mirabeau's. Bald erheiterte ihn aber auch wieder dieſes Bild eines dicken Leibes, wie er ihn noch nie geſehen zu haben ſich erinnerte, und er ſagte ſich zu ſeinem Troſt, daß jede Situation ſich erleichtere, in der man es mit einem ſo unge⸗ heuerlich wohlbeleibten Manne zu thun habe, weil in dieſem Behagen des Fetts leicht jede bösartige Wſicht verſchwimmen ſ 8* Der General that aber jetzt einige Schritte ihm entgegen und entfaltete dabei eine Leichtigkeit und Zierlichkeit der Bewegung, die mit ſeinem ſtarken Körper in dem überraſchendſten Contraſt ſtand, und Mirabeau erinnerte ſich, wie er oft gehört habe, daß Herr von Biſchoffswerder nicht blos ein frommer und mit Geiſtern verkehrender Mann, ſondern auch ein ge⸗ wandter Jäger und einer der kühnſten Reiter und Pferdebändiger ſei. Der General nöthigte ihn mit einer verbindlichen Handbewegung, auf einem Divan Platz zu nehmen, während er ſelbſt einen weiten Lehnſeſſel, der dem Divan gegenüber ſtand, mit vieler Anmuth und Würde einnahm. Seine kleinen grauen Augen ruhten dann einen Augenblick lang blinzelnd und kauernd auf Mi⸗ rabeau. Erſt nach einer Pauſe fragte er ihn mit einer Stimme, die einen ungemein ſanften und har⸗ moniſch gezogenen Klang hatte, womit er denn dem Herrn Grafen dienen könne? Dieſe Anrede geſchah in franzöſiſcher Sprache, aber Mirabeau ſtutzte, als dieſer Accent ſein Ohr berührte. Er erinnerte ſich jedoch zugleich, davon gehört zu haben, daß Herr von Biſchoffswerder von Geburt ein Sachſe war, und man hatte ihm oft geſagt, daß es gerade dieſem Volksſtamme der Deutſchen am ſchwer⸗ ſten werde, das Franzöſiſche rein und verſtändlich aus⸗ zuſprechen. Ich wünſchte Euerer Excellenz eine Schrift über⸗ reichen zu dürfen, deren Druck ſpeben beendet iſt, nahm Mirabean mit dem größten Anſtrich der Unbe⸗ fangenheit das Wort. Es iſt meine Schrift über Caglioſtro und Lavater, und da es ſich dabei um ge⸗ wiſſe Umtriebe handelt, von denen in dieſem Augen⸗ blicke Frankreich und Deutſchland gleichmäßig heim⸗ geſucht zu werden ſcheinen, ſo glaubte ich der guten Sache der Menſchheit zu nützen, wenn ich meine An⸗ deutungen vorzugsweiſe in Ihre Hand zu legen wagte. Dieſe Ihre Hand ruht in der Hand des hoffnungs⸗ vollſten Königs, und wird der Politik Preußens gewiß bald ihren eigentlichen Nachdruck leihen. Biſchoffswerder empfing die Schrift mit einer zu⸗ vorkommenden Bewegung und legte ſie, nachdem er ihr Titelblatt flüchtig angeblickt, neben ſich auf den Tiſch nieder. Ich werde gewiß ſehr viel daraus lernen können, ſagte er dann mit dem Ausdruck einer faſt demüthi⸗ gen Beſcheidenheit. Denn ich geſtehe, daß mir beide Erſcheinungen eigentlich gänzlich fremd ſind. Dann ſank er wieder mit ſeiner gewichtigen Figur in die Tiefe des Lehnſtuhls zurück, ſchien jedoch jetzt einige Anzeichen innerer Unruhe an ſich blicken zu laſſen, die Mirabeau zu Anfang nicht an ihm bemerkt hatte. Mirabean fixirte ihn ſcharf, und bemerkte mit ſeinen Alles erſpähenden Angen, daß ein leiſer Ste auf der Stirn des Generals ſich anzuſetzen egann. Er wittert den Wolf, der in den Schaafſtall ein⸗ brechen will, dachte Mirabeau bei ſich ſelbſt. Es ſoll mich wundern, wie er meinen Stößen Stand halten wird. Uebrigens habe ich gar keinen Einfluß, nahm der General wieder mit einem frommen Aufſchlagen ſeiner Augen das Wort. Ich ſtrebe blos nach dem Verdienſt, der getreueſte Diener Seiner Majeſtät zu ſein, und das iſt Alles. Er ſchlug bei dieſen Worten mit der Hand auf die Bruſt und ließ die Ordenskreuze und Sterne zit⸗ tern, die an ſeiner militairiſchen Gala⸗Uniform, die er noch von der Ceremonie des heutigen Morgens her trug, befeſtigt waren. — 118— Ja, in keinem Lande der Welt findet man ſo viel Treue und Hingebung für das herrſchende Königs⸗ haus, als in Preußen, ſagte Mirabeau mit einem ge⸗ wiſſen enthufiaſtiſchen Autunf. Ich werde der preu⸗ ßiſchen Treue ein eigenes Kapitel widmen in meinem großen Werke über die preußiſche Monarchie, an dem ich hier arbeite. Ich habe von Ihren Vorarbeiten und Studien ungemein viel Rühmliches gehört, ſagte Biſchoffswer⸗ der mit einer von neuem entgegenkommenden Freund⸗ lichkeit. Dieſe kleine Schrift über die Herren Caglioſtro und Lavater iſt wohl ſchon eine Probe daraus? Mirabeau ſah ihn erſtaunt an, und bemühte ſic durch ein Erforſchen ſeiner Ge ſichtszüge den eigent lichen Sinn dieſer Frage zu enthüllen. Biſchoffswer⸗ der aber blickte mit der größten Unbefangenheit und Ruhe zu ihm herüber, und Mirabean erinnerte ſich, gehört zu haben, daß Fragen dieſer Art durchaus in der Manier des Generals lagen, indem er es liebte, ſich ganz unwiſſend und beſchränkt anzuſtellen und ſelbſt den Schein einer gewiſſen Einfalt nicht zu ver⸗ Oh, Herr Gene ral, erwiederte Mirabean darauf, die Abhandlung über Caglioſtro hat durchaus noch keine Beziehung auf Prenßen. Ich weiß es nicht, ob es auch ſchon preußiſche Caglioſtro's ſien wiewohl man allerdings S kaun, daß ſolche Hampel⸗ männer der Gaukelei und der Intrigne jetzt überall in der Welt auftauchen werden. Wo die Geiſter ver⸗ rathen werden, ſind immer zugleich die Geiſterbe⸗ ſchwörungen an der Tagesordnung. Der Caglioſtro, von dem ich in meiner Schrift handele, hat es aller⸗ dings in dieſer Kunſt ganz beſonders weit gebracht. Bei ihm kann man ſich die Geiſter aus allen Jahr⸗ hunderten beſtellen, und er hat den römiſchen Kaiſer — — — 119— Mare Aurel, die große Semiramis, Heinrich IW. und alle möglichen Herren und Potentaten erſcheinen laſſen. Nur dazu hat er es noch nicht gebracht, den deutſchen Philoſophen Leibnitz und den großen Kurfürſten von Brandenburg zu citiren.*) Biſchoffswerder zuckte einen Angenblick leiſe zu⸗ ſammen, ſah aber bald wieder eben ſo gleichgültig und friedlich aus, wie immer, und ſagte, indem er ſeine Hände feſter ineinander faltete: Es kommt Alles darauf an, ob man den rechten Glauben in ſich trägt. Für Den, der glaubt, iſt kein Ding unmöglich. Wer aber mit argem Herzen Wunder will, hat ſich ſelbſt ſein Gericht gegründet. Ich bin überzeugt, Herr Graf, daß Ihr in einem andern Sinne gewiß nicht über jenen Euren Caglioſtro geſprochen haben werdet. Und was meint Ihr denn von dem Herrn Diaconus Lavater? Haltet Ihr ihn für einen ächten Chriſten? Ich halte ihn blos für einen Neidhammel Caglio⸗ ſtro's, verſetzte Mirabeau raſch. Dieſer Lavater wäre für ſein Leben gern ein Caglioſtro geworden, für den er auch in ſeinen Schriften die größte Verehrung ausdrückt und den er bekanntlich gegen den Vorwurf des Betruges vertheidigt hat. Aber Lavater, wieviel Schönes auch in ihm iſt, würde doch viel bedeutender daſtehn, wenn er ſich hätte dazu entſchließen können, ein Betrüger im großen Stil zu werden. So aber ſchlägt ihm, und den Adepten ſeiner Art, die deutſche Ehrlichkeit jeden Augenblick in den Nacken, und er iſt nur ein ſüßlich verzückter Chriſt, wo er ein Ritter und Held der Gaunerei, wie Caglioſtro, ſein könnte. Darum glaube ich auch, daß er ſtets mehr ſich als *) In einer Geiſter⸗Soirée, welche Biſchoffswerder und Wöllner kurze Zeit vorher dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm veranſtalteten, ließen ſie auch Leibnitz und den großen Kurfürſten vor dem geängſtigten Prinzen auftreten. — 120— Andere betrogen hat, wenn er Wunder zu thun ver⸗ ſuchte. Lavater hat zum Oeftern dieſelbe Meinung ausgeſprochen, wie Ew. Excellenz, daß jeder wahre Chriſt Wunder zu verrichten vermag. Aber, da ihm dieſe ſtets ſehr ſchlecht gerathen ſein ſollen, ſo möchte ich in Ihrem Sinne Ihre Frage dahin beantworten, daß ich dieſen Lavater durchaus nicht für einen ächten Chriſten halten kann.*) Owie freut es mich, daß wir ſo übereinſtimmen, Herr Graf, rief Biſchoffswerder mit einem ſo innigen und faſt zärtlichen Ausdruck ſeiner Stimme, als ob noch die größte Annäherung zwiſchen ihm und Mira⸗ beau ſtattfinden könnte. Nicht wahr, Lavater iſt kein ächter Chriſt? Es fehlt ihm zum ächten Chriſten be⸗ ſonders auch dies, daß er kein Preuße iſt. Man muß Preuße ſein, und ganz beſonders muß man preußi⸗ ſcher Soldat ſein, um ſich im wahrſten Sinne des Wortes einen Chriſten nennen zu können. Denn nur im Dienſt Seiner Majeſtät des Königs kann man das reine Evangelium Chriſti bekennen und ausüben. Ich war bisher der Meinung, daß Eure Excellenz aus Sachſen ſtammen, ſagte Mirabeai mit einer tiefen Verneigung. Aus dem Sachſen kann ein Preuße werden, wie aus dem Saulus ein Paulus, und werden wir den Paulus nicht immerhin für einen ächten Paulus hal⸗ ten müſſen? verſetzte der General mit dem Anflug einer ſchwärmeriſchen Ertaſe. Bin ich kein alter Preuße, ſo ſetze ich mein Verdienſt darein, daß Gott geruht hat, den erſten Neu⸗Preußen aus mir machen zu wollen. Wenn Lavater ein ſchlechter Chriſt iſt, begann *) Mirabeau Lettre sur Cagliostro et Lavater(Oeuvres IV. 498). — 121— Mirabeau wieder, ſo iſt er jedenfalls ein guter Jeſnit, wie es alle dieſe Teufels Beſchwörer und Geiſter⸗ Citirer heutzutage ſind, welchen Namen ſie auch tragen mögen. Ew. Excellenz werden mich aber darin noch gnädigſt berichtigen oder beſtätigen können. Denn ich habe in meinem Brief über Caglioſtro und Lavater, der jetzt die Ehre hat, auf Ew. Excellenz Tiſch zu liegen, die Behauptung aufgeſtellt, daß Lavater eben⸗ falls ein Schüler Schrepferis geweſen. Mein Beſuch, den ich heute gewagt, Herr General, hat auch noch den Zweck, darüber aus Ihrem authentiſchen Munde eine Belehrung zu empfangen. Biſchoffswerder zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete. Dann ſagte er ſo harmlos als möglich: Woher glauben Sie, daß ich über das Verhältniß Lavater's zu Schrepfer eine Auskunft zu geben vermag? Weil Schrepfer auch in Sachſen gelebt hat, wo er die Verbindung des Roſenkreuzer⸗-Ordens mit der Freimaurerei bewerkſtelligt haben ſoll, erwiederte Mi⸗ rabeau ganz unbefangen. Es wäre ja auch möglich geweſen, daß Ew. Excellenz in Ihrer Jugend auch einmal in dem Cafshauſe verkehrt hätten, welches Georg Schrepfer in Leipzig hielt. Man nimmt wohl gern einmal ſeinen Café in einem öffentlichen Lveal ein, und unterhält ſich dabei auch mit Leuten, mit denen man ſonſt ganz und gar nichts zu thun hat. Denn das habe ich nie geglanbt, daß Ew. Excellenz auch zu den Schülern Schrepfer's gehören, wie hier und da wohl in einigen Zeitungen und Monatsſchrif⸗ ten geſagt worden iſt. Ich habe ihn einige Male in Leipzig geſehen, er⸗ wiederte Biſchoffswerder, in ein ernſtes Nachſinnen ſich verlierend. Es intereſſirte mich an ihm, daß er früher preußiſcher Huſar geweſen und den ſiebenjähri⸗ gen Krieg mitgemacht hat. Darum beſuchte ich auch — 122— ſein Caféhaus in Leipzig, denn ich ſchwärmte ſchon als junger Menſch für Alles, was mit dem Na⸗ men Preußens auch nur in der entfernteſten Verbin⸗ dung ſtand. Sein Café, den er reichte, ſoll ſchwächer geweſen ſein, als ſein Geiſterbeſchwörungs⸗Apparat, ſagte Mi⸗ rabeau. Denn als Cafétier ſoll er einen jämmer⸗ lichen Banguerott gemacht haben, während er im Reich der Geiſter und Geſpenſter einen lanfenden Credit hatte, und die Geſtorbenen ohne allen Rückhalt ihm ihre ehemaligen Leiber zu jeder beliebigen Benutzung borgten. Man ſagt, daß er nicht nur beſondere Hohl⸗ ſpiegel dabei angewandt, ſondern auch einen mit Milchflor beſpannten Rahmen erfunden habe, auf dem ſich die Geiſter bei ihm mit dem größten Vergnügen einfangen ließen. Der vornehme Herr, welcher Schrep⸗ fer's Apparat geerbt, ſoll damit bei weitem glänzen⸗ dere Geſchäfte gemacht haben, und wird gewiß nicht nöthig haben, ſich wegen ſeiner Schulden zu erſchießen, wie dies Freund Schrepfer im Leipziger Roſenthal gethan haben ſoll. Mirabean ſah zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen, daß auch dieſe Hindeutung die er ſelbſt einigermaßen unverſchämt finden mußte, nicht den geringſten Ein⸗ druck auf den Herrn von Biſchoffswerder zu machen ſchien. Derſelbe behauptete mit einer gewiſſen Mei⸗ ſterſchaft ſeine unbefangene und unveränderte Haltung, und ſchien ſich bei Allem, was Mirabeau berühren wollte, durchaus nicht perſönlich betheiligt zu finden. Nur zuweilen blickte er mit einer ſehr bemerkbaren Sehnſucht auf das Zifferblatt einer Pendeluhr hin, die über dem Marmorſims des Kamins ſtand. Und wann wird Ihr Buch über die Monarchie Preußens erſcheinen, Herr Graf? fragte Biſchoffs⸗ — 123— werder darauf, das Geſpräch ablenkend, mit einer gleichgültigen Stimme. Es bedarf noch erſt bedentender Vorarbeiten dazu, erwiederte Mirabeau. Ich bin zu dieſem Ende auch mit einem braunſchweigiſchen Major, Herrn von Mau⸗ villon, in Verbindung getreten, der mir bei der Re⸗ daction Hülfe leiſten wird. Ich lernte dieſen dazu ſehr geeigneten Mann am braunſchweigiſchen Hofe kennen, wo ich mich in der letzten Zeit öſter aufhielt. Aber es fehlt noch ſehr viel zur Vollendung dieſer Arbeit, die ich gern unter den beſondern Schutz des Herrn von Biſchoffswerder geſtellt ſehen möchte. Pielleicht finde ich dann auch nicht mehr ſo große Schwierigkeiten, die Königlichen Staatsarchive für meinen Zweck benutzen zu dürfen. Denken Sie Ihre Arbeit in demſelben Sinne zu halten, in dem Ihr Mémoire abgefaßt iſt, welches Sie vor einigen Tagen Seiner Mojeſtät dem Könige überſandten? fragte Biſchoffswerder mit einem ſtren⸗ geren und ſchärferen Ton ſeiner Stimme. Ah, Ew. Excellenz haben mein Mémoire geleſen? ſragte Mirabeau mit aufleuchtenden Angen, indem er ſich in ſeiner lebhaften und dann leicht zutraulichen Weiſe zu Biſchoffswerder hinüberbeugte. Es wurde mir von Seiner Majeſtät zugeſtellt, mit dem Allerhöchſten Auftrage, einen Bericht darüber zu erſtatten, erwiederte der General. Da ich nun aber den Vorzug genieße, mich perſönlich mit Ihnen zu unterhalten, Herr Graf, ſo darf ich mir wohl noch einige Fragen zu meiner richtigern Orientirung er⸗ lauben. Was verſtehen Sie eigentlich unter der Na⸗ tionalgarde, welche Sie für Preußen empfehlen, und durch die Sie die ſogenannten Mängel unſers bis⸗ herigen Recrutirungs⸗Syſtems beſeitigen zu können glauben? Was ich darunter verſtehe? rief Mirabeau ver⸗ wundert. Ich verſtehe darunter die Abſchaffung der Militair⸗Sklaverei, die Euer Königreich entvölkert und ausſaugt, und die erſetzt werden ſoll durch eine na⸗ tionale Bildung des Heeres, welche die Formen der Freiheit an ſich trägt. Iſt es denn nöthig, daß, wenn man ein Volk in den Krieg führen will, es wie eine verächtliche Heerde Vieh, das zur Schlachtbank ge⸗ ſchleppt wird, hingetrieben werded Es iſt ja bei wei⸗ tem leichter, den Kriegsdienſt des Volkes ſo einzurich⸗ ten, daß er als eine Sache des Nationalruhms und des Nationaleifers erſcheint, und Ihr werdet daran ein ungeheures Bollwerk für die Sicherheit des Staa⸗ tes gewinnen. Fangt damit an, daß Ihr Eure Bauern zuſammenkommen laßt, um in ihren Kirchſpielen ſolche nationale Compagnieen zu bilden, die ſich am Sonn⸗ tag in den Waffen üben können, und dieſe nationalen Compagnieen ernennen unter ſich mit Stimmenmehr⸗ heit die Grenadiere, deren Wahl dann eine Auszeich⸗ nung ihrer Mitbürger iſt. So beginnt Ihr die na⸗ tionale Kriegspyramide von unten auf zu gipfeln, und Ihr werdet einen kräftigen Wunderbau entſtehen ſehen, au den ſich alles Andere im Staat und in der Ge⸗ ſellſchaft anlehnen kann.*) Das würde man bet uns in Preußen nicht na⸗ tional nennen, erwiederte Biſchoffswerder mit ruhigem Ernſt. In Preußen kann nur dasjenige national ſein, was unmittelbar aus den Händen des Königs hervor⸗ geht und auf den ausdrücklichen Befehl der Obrigkeit gebildet wird. Wen der König recrutiren läßt, der iſt auch ſchon ein nationaler Soldat bei uns. Auf das Weſen der frei wählenden Compagnie⸗Verſamm⸗ lungen werden wir uns in Preußen nie einlaſſen kön⸗ „ Lettre à Frédérie Gujllaume II.(Berl. 1787.) p. 24. ———— eeeee — — 125— nen. Auf eine ſo frivole Weiſe beſchließt man bei uns nichts. Wie, rief Mirabean lebhaft, kann man denn beſſer und würdiger etwas beſchließen, als in weiner Ver⸗ ſammlung, in der Einer für Alle und Alle für Einen ſtehn? Im Gegentheil, mein Herr, jeder Beſchluß iſt frivol, der nur von einem Einzelnen im Staat ohne Mitwirkung Aller ausgeht. Erlauben Sie mir, Ihren erleuchteten Blick einen Moment auf unſer Frankreich hinüberzulenken. Ich weiß nicht, wer es einmal geſagt hat, daß Frankreich das ſchönſte der Königreiche ſei, nach dem des Himmels. Dies iſt gewiß wahr, aber dies ſchöne Königreich wird ſeit längerer Zeit von den tiefſten Leiden und Zerrüttun⸗ gen heimgeſucht. Die finanziellen Verlegenheiten, welche zugleich der Ausdruck der politiſchen Verwahr⸗ loſung ſind, ſteigen in unſerm Lande von Tag zu Tag höher. Nichts als eine Verſammlung, die in ihrem freien Schooße über die Lage Frankreichs berathſchlagt und entſcheidet, kann den Staat retten. Dies iſt meine und meiner Freunde Anſicht ſeit geranmer Zeit geweſen, und wir haben ſie in Paris ſchon vielfach geltend zu machen geſucht. Wenn man noch Beden⸗ ken trägt, eine National⸗Verſammlung aus den Gene⸗ ralſtänden des Landes zu berufen, ſo wird man wohl bei uns nicht mehr lange mit einer Verſammlung der Notabeln zögern dürfen, die aus gewiſſen bevorzugten Elementen des Landes, wiewohl immer auf einer freien nationalen Grundlage, zuſammengeſetzt werden müßte. Ich habe darüber erſt vor einigen Tagen die dringendſten Vorſtellungen an das franzöſiſche Mini⸗ ſterium von hier aus gerichtet, und wie ich an der Erweckung dieſer Idee einen großen Antheil gehabt, ſo habe ich jetzt auch den Plan im Einzelnen aus⸗ gearbeitet, und Herrn von Calonne bereits eine fer⸗ tige Vorlage für die Einberufung einer Notablen⸗Ver⸗ ſammlung unterbreitet. Preußen wird vielleicht alle dieſe Dinge nicht nöthig haben, wenm es ſich bei Zeiten in ſeinem Innern eine freie, das Civil wie das Mi⸗ litair neugeſtaltende Organiſation zu geben vermag. Ich danke Ihnen ſehr für dieſe ungemein inter⸗ eſſante Mittheilung, Herr Graf, ſagte der General mit einer leichten Verneigung. Für unſere Verhält⸗ niſſe iſt dieſe Mittheilung zugleich entſcheidend. Denn wir ſind hier Deutſche, und denken an franzöſiſche Sitten und Manieren kein Zngeſtändniß mehr zu machen. Wer ſich fortan noch bei uns Mühe geben will, Preußen mit Frankreich in eine innigere Allianz zu bringen, der driſcht wahrlich leeres Stroh, Herr Graf. Preußen muß jetzt deutſch werden und ſein, ſo deutſch, wie es noch nie geweſen iſt, und unſer jetziger allergnädigſter Herr, der König Friedrich Wil⸗ helm, kann und wird nur ein deutſcher Monarch ſein, eben weil er im eminenteſten Sinne des Wortes ein prenßiſcher König und Herr ſein wird. Die Affecta⸗ tion mit Frankreich hat ausgeſpielt, und der König übernimmt eine ſeiner würdige, ſelbſtſtändige Rolle. Er würde ja zu einem Lloßen Nachahmer des reli⸗ gionsloſen Friedrich herabſinken, wenn er ſtatt deutſch und national zu ſein, wieder nur galliſch und aus⸗ ländiſch ſein wollte. Da ſei Gott vor! Iſt es möglich, rief Mirabeau erſtaunt, daß das Andenken des großen Königs, dem kaum die Augen gebrochen ſind, ſchon zurücktritt und aufhören muß, die leitende Norm für den Staat und ſeine Zukunft zu ſein? Ueberleben doch ſelbſt einen mittelmäßigen Künſtler oft ſeine Werke, und Preußen ſollte weiter beſtehen können, ohne von dem Geiſt Friedrichs des Großen zu zengen? In der That, das iſt zum Er⸗ ſchrecken! Aber freilich, mir iſt in dieſen Tagen ſchon — 127— im Publikum und in der Geſellſchaft Manches auf⸗ gefallen. Es ſcheint hier plötzlich eine große Gleich⸗ gültigkeit und Abneigung gegen dieſen ausgezeichneten Monarchen hervorzutreten, und noch ehe ſeine Gruft ſich geſchloſſen hat, hört man hinter ihm her Raben⸗ gekrächze von Feinden, die plötzlich wie aus einer ſchwarzen Wolke herniedergefallen ſind. Schelten Sie dieſe wackeren Leute nicht, die Gott dem Herrn die Ehre geben wollen! rief Biſchoffs⸗ werder mit einer feierlichen Salbung. Es giebt ja doch nichts Höheres, als unſere geoffenbarte Chriſtus⸗ religion, und nur in ihr iſt König, wer König iſt, und Diener wer Diener iſt. Wer außerhalb der Chriſtusreligion geherrſcht hat, hat nicht geherrſcht, und wir gehen weiter zu dem, der uns im Glauben und in der Gnade halten wird, damit wir nicht ſtrau⸗ cheln, ſondern fein ſänberlich feſtſtehn und die chriſt⸗ liche Obrigkeit in allen unſern Gliedern ſchmecken. König Friedrich iſt todt, aber wir werden ſeine Früchte in uns erſticken, denn wir haben uns dem chriſtlichen Regiment verſchrieben. Dann hat mein Mémoire wohl auch in ſeinem religiöſen Theil nicht den Beifall Eurer Excellenz ge⸗ funden? fragte Mirabeau den General, deſſen Lippen in dieſem Augenblick ein ſtummes Gebet hin- und her zu bewegen ſchienen. Ihr ſeid ein Freund der Inden! entgegnete Bi⸗ ſchoffswerder mit einem bedauernden Achſelzucken. Ich habe leider nur aus Ihrem Mémoire erſehen müſſen, daß Sie keine andere Religion kennen, als die Toleranz, und Sie fordern, daß eine ſolche To⸗ leranz wo möglich in einem noch unbeſchränkteren Masßſtabe, als unter der Regierung des verſtorbenen önigs, in den Staaten Seiner Majeſtät eingeführt und ausgeſprochen werde. Sie verlangen dies ſofort durch ein Ediet beſtätigt zu ſehen, welches den Juden alle bürgerliche Freiheit und Rechte gewähre. Was haben Sie für Gründe dazu, unſern Erbfeinden Thür und Thor des chriſtlichen Staats öffnen zu wollen? Was ich für Gründe dazu habe? fragte Mirabeau mit einem ſehr ausdrucksvollen Lächeln. Keine an⸗ dern, als die ich in meiner Denkſchrift ſchon ausein⸗ andergeſetzt habe. Der Staat wird an den Juden gute und nützliche Bürger gewinnen, ſeine Bevölkerung und ſeine Capitalien werden durch die Hereinnahme der Inden in den Staatsverband ſteigen. Ich be⸗ ſchwöre Sie, Herr General, verwenden Sie, wenn es Ihnen möglich iſt, allen Ihren Einfluß bei dem Könige dahin, daß eine allgemeine Toleranz in ſeinen Staaten ausgeſprochen werde, denn nur auf ihrem Grunde wächſt Freiheit, Wohlſtand und Glück für Staat und Geſellſchaft! Möge der König Friedrich Wilhelm dadurch von vornherein den nachtheiligen Schein entkräften, den man auf ihn gebreitet hat, in⸗ dem man ihn mit der fanatiſchen Secte der Roſenkreu⸗ zer zuſammengeworfen und ihn als den Narren dieſer intoleranten Geiſterbeſchwörer betrachtet.*) Herr Graf von Mirabean, erwiederte Biſchoffs⸗ werder mit einer mühſamen, kaum noch Stich halten⸗ den Faſſung, Seine Majeſtät der König hat die Grund⸗ ſätze, nach denen er regieren wird, gewiß ſchon auf das Reiflichſte erwogen, denn er iſt ein gottesfürchtiger, für das Glück ſeiner Unterthanen beſorgter Herr. Aber unter dieſen ächt chriſtlichen Grundſätzen kann die Toleranz keine Stelle finden, denn Toleranz und jü⸗ diſcher Schacher ſind ganz Ein und daſſelbe. Wer Toleranz will, treibt Schacher mit ſeiner ewigen Seligkeit, denn dieſe iſt ihm feil für den Marktpreis *) Mirabeau Lettre à Frédéric Guillaume II. p. 52. — 129— des Tages. Wer ſelig werden will, der muß intole⸗ rant ſein, denn die Duldſamkeit gegen die Ungläubigen und Schlechten iſt das Böſe ſelbſt und darum unſelig. Die Toleranz iſt das erſte Daraufgeld, welches wir von den Juden empfangen, die ſich den chriſtlichen Staat kaufen wollen. Und ich dachte, die Grafen Mirabeau wären aus einem alten ariſtokratiſchen Ge⸗ ſchlecht? Kann ein alter Edelmann für die Inden kämpfen? Oh, erwiederte Mirabeau, laut lachend, ein alter Edelmann kann noch viel mehr, er kann auch gegen ſich ſelbſt kämpfen. Ich habe dies in Frankreich ge⸗ lernt, und ich kann es auch in Preußen nicht vergeſſen. Denn die ächte Ariſtokratie wird doch jetzt am Ende darin beſtehen müſſen, daß ſie aller ihrer Sondervor⸗ theile und Privilegien zum Beſten des Ganzen ent⸗ ſagt, und dem Volke zurückgiebt, was dem Volke ge⸗ hört. Ich habe darum auch in den Reformen des Stenerweſens, die ich für Preußen vorzuſchlagen ge⸗ wagt, darauf hingewieſen, daß die Grundſteuer erhöht werden müſſe, daß aber fortan kein Grundſtück irgend einer Art Steuerfreiheit und Ausnahmerechte genießen dürfe.*) Ich habe es bemerkt, entgegnete Biſchoffswerder. Die preußiſche Ritterſchaft wird es aber nicht dulden, daß der Staat ſeine Hände in ihre Taſchen ſteckt. Die Ritterſchaft ehrt den Staat dadurch, daß ſie ihm nichts zahlt. Ihr wollt hinſichtlich Gottes tolerant und hinſichtlich der Ritterſchaft intolerant ſein? Mein Herr, die Sache des Evangeliums und die Steuer⸗ freiheit der Rittergüter iſt eine und dieſelbe heilige Sache. Eines muß mit dem Andern ſtehen und fallen, denn vom privilegirten Ritterſtande fließt ein 0) Mirabeau Lettre à Frédérie Guillaume II. 5 72 Mirabeau. MI. b — 130— Segen aus durch das ganze Land, der alle Verhält⸗ niſſe veredelt und zum Beſten kehrt. Ich habe dies recht an meinem Freunde, dem jetzigen Geheimen Ober⸗Finanzrath und Intendanten des königlichen Bauweſens, Herrn Wöllner, geſehen. Denn was wäre wohl aus Wöllner geworden, wenn er nicht die Toch⸗ ter eines Rittergutsbeſitzers, des Herrn von Itzenplitz auf Groß⸗Behnitz, geheirathet hätte? Ich habe dieſen Segen ſichtlich an ihm heranwachſen ſehen. Denn nur durch die intime Verbindung mit dem Ritter⸗ ſtande, und dazu mit einer Familie, wie die der Itzen⸗ plitze, konnte er innerlich und äußerlich dieſe Weihe empfangen, die ihn vom niederen Landprediger bis unter die vertrauteſten Diener Seiner Majeſtät des Königs emporſteigen ließ. Dies iſt ein Beiſpiel, mein Herr, wie ſich ein Preuße bildet. Alles Andere wer⸗ den wir von uns abweiſen müſſen. Ich muß es zufrieden ſein, verſetzte Mirabeau, indem er mit einer ungeduldigen Bewegung von ſei⸗ nem Seſſel aufſprang, und ſich anſchickte, ſeinen Ab⸗ ſchied von Herrn von Biſchoffswerder zu nehmen. Während ſich dieſer zögernd erhob, fügte Mirabeau hinzu: Ein Staat kann ſeine Beſtimmung ebenſo leicht verfehlen, als ein einzelner Menſch. Zuweilen glaubt man, daß ein Staat ſeiner Größe entgegenreift, und wenn man eines Tages näher zuſieht, gewahrt man an ihm ſchon die Fäulniß, die vor der Reife einge⸗ treten iſt.“) Möchten die Lenker und Staatsmänner Preußens doch wenigſtens eingedenk bleiben, daß Preußen dazu berufen iſt, ein großer Staat zu ſein. Preußen hat gar nicht nöthig, groß zu ſein, er⸗ wiederte Herr von Biſchoffswerder, nachdem er ſeine *)„Pourriture avant maturité“ das berühmte Wort Mira⸗ beau's in Bezug auf Preußen. — 131— gewaltig beleibte Figur mit einiger Mühe wieder auf⸗ gerichtet hatte. Es ſoll groß vor dem Herrn werden, das iſt wahr, aber Preußen bedarf keiner weitern Ausdehnung ſeiner Macht, und es wird am glücklichſten und mächtigſten ſein, wenn es nichts beſitzt, als die Schaafſtälle ſeiner Mark Brandenburg. Leben Sie wohl, Herr Graf! Mit dieſen Worten ſah ſich Mirabeau von dem Herrn von Biſchoffswerder entlaſſen. Er ſtürzte in größter Eile durch den Vorſaal und die Treppe hin⸗ unter, um ſeinen in dem inneren Hofe des König⸗ lichen Schloſſes haltenden Wagen zu erreichen. Erſt im Wagen begann Mirabeau wieder Athem zu ſchöpfen. Indem er ſich halb lachend, halb ärgerlich in den Sitz zurückwarf, flüſterte er mit ſich ſelbſt: Der zu⸗ rechtgewieſene Narr bei dieſer Sache bin am Ende ich. Denn wer debattirt mit einem Herrn von Bi⸗ ſchoffswerder? Das thut nur ein politiſcher Schwär⸗ mer wie Mirabeau, dem immer wieder der politiſche Kamm ſchwillt, und der doch noch einmal an die Mohrenwäſche ſein ganzes Leben einſetzen wird.— Sechstes Buch. 1789. VI. Mirabrau's Tuchladen. Es war an einem kalten Febrnartage des Jahres 1789, als Mirabeau in großer Eile und mit ſicht⸗ licher Aufregung aus einem Hauſe hervortrat, welches in der alten provencaliſchen Stadt Aix, wo er ſich ſeit Anfang dieſes Jahres befand, am Marktplatz ge⸗ legen war. Er warf ſich den Mantel erſt über die Schulter, als er ſich ſchon draußen auf der Straße befand und ihn die emvfindliche Winterkälte daran erinnerte, daß er in dem leichten Frack, den er trug, einer Gefahr für ſeine Geſundheit ausgeſetzt ſein könnte. In ſeinem Geſicht aber ſtand eine brennende Gluth, und auf ſeiner hohen Stirn hatte der Zorn eine drohende Ader hingezeichnet. Wie, mein lieber Bruder, hat denn die Adelsver⸗ ſammlung ihre heutige Sitzung ſchon beendigt? fragte eine Dame, die Mirabeau im Vorüberſtürmen, ohne ſie zu bemerken, ziemlich unſanft am Arme geſtreift hatte, und die ihn jetzt mit fröhlichem Lachen am Mantel feſthielt. Mirabeau erkannte ſeine Schweſter, Frau von Saillant, die in Air lebte, und mit der er ſeit ſeinem — 133— Aufenthalt in dieſer Stadt das innige und vertraute Verhältniß, welches ihn ſtets an dieſe Schweſter ge⸗ feſſelt, auf eine faſt zärtliche Weiſe erneuert hatte. Die Sitzung iſt noch nicht beendigt, aber Mirabeau iſt für dieſe ſchöne Adelsverſammlung der Provence auf immer beendigt worden, entgegnete er mit einem tragikomiſchen Ausdruck. Du ſollſt erfahren, meine Schweſter, daß die vornehmen Herren vom Adel und der Geiſtlichkeit mich in dieſem Angenblick ſo gut wie hinausgeworfen haben, und Du kannſt nun an mir ſehen, wie ein Hinausgeworfener ſich ausnimmt, denn je mehr ein Solcher noch den Anſtand und allen ſei⸗ nen Stolz zu bewahren gewußt hat, was mir hoffent⸗ lich noch gelungen iſt, um ſo kläglicher muß er ſich eigentlich darſtellen. Es war wohl zu fürchten, daß es ein ſolches Ende nehmen würde, verſetzte Frau von Saillant mit der heiteren und nicht leicht zu trübenden Miene, welche für Mirabean ſtets etwas beſonders Tröſtliches gehabt. Ich habe gleich Deinen Muth bewundert, mit dem Du hier in Aix ankameſt, um in eine Verſammlung von Männern einzutreten, die Deine natürlichen Geg⸗ ner ſind, und denen Dein ganzes bisheriges Leben und Wirken ins Geſicht geſchlagen hat. Und nun haſt Du es wirklich dahin gebracht, daß ſie Dich hinaus⸗ geworfen haben? Aber es iſt kalt, Gabriel. Begleite mich nach Hauſe und erzähle mir dort bei einer Taſſe Chocolade den ganzen Hergang, der Dich betroffen hat. Nein, liebe Caroline, ich danke Dir, verſetzte Mi⸗ rabean. Einer, der von Adel und Geiſtlichkeit zur Thür hinausgeworfen worden, hat nicht Zeit, Choco⸗ lade zu trinken, ſondern muß auf ſeine Genugthnung bedacht ſein. Ich habe daher heut noch außerordent⸗ lich viel zu thun. So viel will ich Dir noch im Vor⸗ übergehen ſagen, daß es mein ehemaliger Schwieger⸗ . — 134— vater, der Marguis von Marignane, geweſen iſt, der dort oben auf meine Ausſchließung von der Verſamm⸗ lung angetragen hat. Er ſtand auf und entwickelte, daß ein Formfehler vorliege, durch welchen Graf Mi⸗ rabean verhindert werde, ferner Mitglied einer Ver⸗ ſammlung zu bleiben, die ſich neulich ausdrücklich zu einer Verſammlung der Beſitzer von Lehnsgütern er⸗ klärt habe und lediglich auf dieſer Grundlage ihre Berathungen fortſetzen wolle. Da dies eine abgekar⸗ tete Sache war, und man unter dieſem feigen, ein⸗ fältigen und geſetzwidrigen Vorwande meine Oppoſition aus dem Schvoß der Verſammlung los werden wollte, ſo war es natürlich, daß dieſer Antrag des Herrn von Marignane einſtimmig angenommen wurde, und mir blieb nichts übrig, als meinen Hut zu nebmen und den Saal zu verkaſſen. So bin ich nun glücklich hier vor der Thür angelangt, und ſchüttele hiermit den Staub des Adels von meinen Füßen. Für dieſe Herren von der Adels⸗Corporation ſoll damit eine gefährliche Wendung eintreten, denn ſobald ich es aufgegeben habe, mich von meinem Stande zum Ab⸗ geordneten für die Verſammlung der Reichsſtände wählen zu laſſen, gehöre ich ausſchließlich dem Volke und dem dritten Stande an, und bin gewiß, daß er mich im Triumphe als ſeinen Repräſentanten in den Sitzungsſaal zu Paris tragen wird, zu deſſen Eröff⸗ nung unn bald der große Tag herangekommen iſt! Und warum faßteſt Du nicht gleich den Entſchluß, Gabriel? fragte Frau von Saillant, indem ſie ihre geiſtvollen Blicke theilnahmsvoll auf dem bewegten Antlitz ihres Bruders ruhen ließ. Du hätteſt Dir damit hier in dieſem altmodiſchen Neſt, wo Alles von Vorurtheilen wimmelt und wo ſo viel perfönliche Ein⸗ genommenheit gegen Dich herrſcht, viele Unannehm⸗ lichkeiten erſparen können. Und auch mir einen großen — 135— Schmerz. Denn Du weißt, daß ich aus treuer Liebe zu Dir, und nicht minder zu Emilie von Marignane, Deiner geſchiedenen Gattin, nie aufgehört habe, an Euerer Wiedervereinigung zu arbeiten. Emilie liebt Dich noch, ihr ganzes Leben iſt nur ein Bangen und Trauern um Dich, und ſeitdem Du hier in Aix in ihrer Nähe erſchienen biſt, ſitzt ſie draußen auf Schloß Marignane und träumt in ewigen Gedanken an Dich den Traum der erſten Liebe mit glühenden Wangen und verweinten Angen. Anfangs erfüllte mich Dein Erſcheinen hier am Orte mit den glänzendſten Hoff⸗ nungen für meine Pläne. Nun aber iſt Alles wieder ſchlimm, und ſchl'mmer als bisber, gewerden. Du haſt durch Deine Oppoſition, mit der Du in dieſe Adelsverſammlung der Provence getreten, den Zorn des alten Herrn von Marignane wieder auf das Hef⸗ tigſte gegen Dich aufgereizt. Du weiß', daß er die eigentliche Urſache Deiner Scheidung von Emilie ge⸗ worden, als Du Dich damals in unverlöſchter Liebe zu ihr mit der Gattin wiedervereinigen wollteſt. Und jetzt, wo ſein Widerſtand endlich zu beſiegen geweſen wäre, hat ſich dieſer nene Zankapfel der Wahlen zwiſchen Euch geworfen, und ich fürchte, ich habe aber⸗ mals umſonſt für Euer Glück gearbeitet. Du biſt immer eine liebenswürdige Träumerin geweſen, Caroline, erwiederte Mirabean, die Hand ſeiner Schweſter zärtlich ſtreichelnd. Und Du weißt doch, daß ich von Deiner Güte, die mir Emilie von Marignane wieder zuführen will, jetzt weniger als je Gebrauch machen kann. Jetzt iſt die Zeit gekommen, wo die Männer handeln, entbehren, kämpfen und ſich opfern ſollen, wer denkt da an Freien und Heiratben, an alte und neue Frauen. Ich verſichere Dich, Ca⸗ roline, als ich den Entſchluß faßte, hierber nach Aix zu kommen, dachte ich mit keiner Sylbe daran, daß Schloß Marignane eine halbe Liene von hier entfernt liege. Ich bin einfach der Einladung gefolgt, welche die Staats⸗Syndici erließen, und durch die alle Eigen⸗ thümer in der Provence, zu denen ich doch unſerer Familiengüter wegen auch gehöre, zu der hier anbe⸗ raumten Adelsverſammlung einberufen wurden. Es handelt ſich ja um die Wahlen, um die Wahlen zu den Reichsſtänden, mit denen Louis XVI. jetzt ſein Heil verſuchen will, nachdem er die ſchwache Krücke der Notabeln⸗Verſammlungen wieder von ſich werfen mußte. Hätteſt Du mit Emilie von Marignane vereint bleiben können, erwiederte Frau von Saillant mit einem ſchmerzlichen Seufzer, ſo wäreſt Bu auch Be⸗ ſitzer von Lehnsgütern in der Provence geweſen, und dieſe höchſt fatale Unannehmlichkeit, daß man Dich aus der provencaliſchen Adelsverſammlung ausſchließt, hätte gar nicht vorkommen können. Ich bin über⸗ zeugt, daß meine thenre Freundin Emilie in Ver⸗ zweiflung gerathen wird über dieſe Nachricht. Die Herren Lehnsvettern ſind es ja von jeher ge⸗ weſen, welche ihre Wiedervereinigung mit mir gehin⸗ dert haben, entgegnete Mirebenu. Und was die Adels⸗ verſammlung anbetrifft, ſo bin ich froh, daß ich ſie jetzt von meinen Schultern geſchüttelt habe. Ich ge⸗ ſtehe, daß ich es einen Augenblick lang für das Ge⸗ eignetſte hielt, mich im Stande des Adels zum Abge⸗ ordneten für die Reichsſtände wählen zu laſſen. Ich habe den Adel immer nur für den eigentlichen An⸗ führer des Volks im Kampf um Freiheit und Recht gehalten. Denn ſo ſehr ich auch das Volk und den dritten Stand liebe und ſeine Sache ſtets zu der mei⸗ nigen machen werde, ſo finde ich doch auch Manches an ihm, was mich zurückſtößt. Die Thorheiten dieſes Standes haben mich oft verdroſſen. Er iſt ganz ohne — 137— Plan und Licht, er ereifert ſich oft mit der größten Wuth über kleine Dinge, in denen er Unrecht hat, und in den wichtigſten Sachen, in denen er Recht hat, giebt er mit einer feigherzigen Gemüthlichkeit nach. Aber ſeit einer Viertelſtunde iſt meine Stellung ganz und gar entſchieden. Inzwiſchen hatte ſich plötzlich ein ſtarker Schnee⸗ fall erhoben. Das Wetter begann nnangenehm zu werden, und da Mirabeau ſeinen Wagen, den er erſt um die gewöhnliche Schlußzeit der Verſammlung be⸗ ſtellt, noch nicht erwarten durfte, ſo ſchlug er ſeiner Schweſter vor, mit ihm in einen dem Ständehauſe gegenüber gelegenen Tuchladen einzutreten, mit deſſen Beſitzer Mirabeau ſeiner Gewohnheit nach ſeit einiger Zeit Bekanntſchaft geſchloſſen hatte. Es ſchien auch der Frau von Saillant, obwohl ſie anfangs einiges Bedenken zeigte, beqnem, dort das ſehr ſtürmiſch werdende Unwetter ſo lange abzuwarten, bis ein Wagen herbeigeſchafft ſein würde. Die vornehme Marquiſe von Saillant wird nun auch ſchon durch ihren Bruder, den demokratiſchen Grafen Mirabeau, encannillirt, und muß mit ihm in einem Tuchladen unterſtehen, ſagte Mirabean lachend, indem er ſie an ſeinem Arm in das Magazin geleitete. Aber Du biſt auch immer eine volksfreundliche Seele geweſen, meine Caroline. Schon im Hauſe unſeres Vaters vereinigte mich die tiefſte Sympathie mit Deinem edlen, heiteren Geiſt. Und ich glaube, Du haſt mich immer geliebt, wie und wo mich auch mein Schickſal ſeitdem umhergeſtoßen haben mag. Deinen Briefen, Deinem Rath verdanke ich ſo manche Auf⸗ richtung in ſchwerer Stunde. Nicht wahr, ich werde auch ferner auf Dich rechnen können, wenn ich jetzt mit dem Volke in den großen und inberechnenbaren Kampf ziehe? Frau von Saillant drückte ihm mit zärtlicher In⸗ nigkeit die Hand. Sie begaben ſich in den Hinter⸗ grund des Tuchladens, da am Eingang deſſelben wegen des heftig hereinwehenden Schnees nicht aus⸗ zudauern war. Der Beſitzer des Magazins, der in einem an den Laden ſtoßenden kleinen Zimmer mit ſeiner Familie zu Mittag aß, hatte das Eintreten der Fremden noch nicht bemerkt, und Mirabeau wollte ſeinem Freunde Le Tellier, mit dem er ſonſt im Vor⸗ beigehen ſchon manches vernünftige Wort über den Stand der Wahlen gewechſelt, keine Störung ver⸗ urſachen. Indem ſie miteinander durch das kleine, dürftig ausgeſtattete Gewölbe, das keinen ſehr blühenden Ver⸗ kehr in ſich zu tragen ſchien, auf und nieder ſchritten, begann Frau von Saillant von Neuem das Thema zu berühren, das ihr unaufhörlich am Herzen zu liegen ſchien. Sie erzählte von dem tiefen Seelenleiden ihrer Freundin Emilie, die, ſeitdem ſie ſich von Mirabeau getrennt habe, ihres Lebens nicht mehr froh geworden ſei, und nur noch in der Beſchäftigung mit Mirabeau und ſeinem Andenken ihre Tage ſchmerzlich ſelig hin⸗ friſte. Oft komme ſie zu ior von Marignane herein⸗ gefahren, um mit ihr über Mirabeau zu ſprechen und eine neue Briefzeile, die vielleicht von ihm angekom⸗ men ſei, mit ihren Lippen und ihren Thränen bedecken zu dürfen. Auch heut werde Emilie ſicherlich kommen. Dies pflege dann zwiſchen ſechs und ſieben Uhr Abends zu ſein. Frau von Saillant deutete leiſe und mit bewegter Stimme die Bitte an, daß Mirabeau ihr doch heut um dieſelbe Zeit ſeinen Beſuch ſchenken möchte. Nein, liebe Caroline, erwiederte Mirabean ernſt, laß uns davon nicht weiter reden. Was einmal ge⸗ trennt war, muß ſich nicht wieder zuſammenfügen — 139— wollen. Es ſind dann doch keine friſchen und feſten Organe mehr da, mit denen man ſich finden und hal⸗ ten kann. Was hätte ich vor ſechs Jahren darnum gegeben, wenn Frau von Mirabeau, nachdem die lettres de cachet meines Vaters mich von ihr ge⸗ riſſen, ſich verzeihend und mit neuem Herzen wieder zu mir geneigt hätte. Mir lag an ihr, auch um des⸗ willen, weil ich manches Unrecht an ihr wieder gut machen wollte. Aber der Marquis, ihr Herr Vater, und die lehngutbeſitzende Sippſchaft insgeſammt, er⸗ langten das Uebergewicht über alle ihre Herzensent⸗ ſchlüſſe, und Emilie trat ſogar feindlich gegen mich auf. Seitdem iſt ſie nur ein Relief von Stein an dem Aſchenkrug meiner Erinnerungen geworden. Wer kann wieder zum Leben erwärmen, was Stein ge⸗ worden iſt? Und ſeltſam, daß ihre Geſtalt jetzt ge⸗ rade an dem Hauptſcheidewege meines Daſeins ſich wieder vor mir aufſtellen will! Will ſie mich mit ihren Lehnsgütern hinweglocken von der hohen und großen Bahn, auf die mich mein Schickſal jetzt un⸗ widerſtehlich hinanzieht? Nein, dies fendale Liebchen küſſe ich nicht mehr. Mag ſie weinen um mich, denn jetzt gehe ich ihr erſt verloren. Meine rechtmäßige Gemahlin iſt das Volk, mit dem ich mich nun durch den heiligſten und feierlichſten Act der Welt trauen laſſen werde. Denn ich werde mich von dem Volke wählen laſſen. Könnte in der That ein ſolches Verhältniß, wie es Dich mit einer gewiſſen Frau von Nehra verbinden ſoll, ſtark genug ſein, um Dich einer Emilie, die ſo viel Schönheit und Liebenswürdigkeit, die Geiſt, Rang und Reichthum beſitzt, für immer abwendig zu machen? fragte Frau von Saillant. Mein theurer Bruder, ich kenne Deine Frau von Nehra nicht, ich habe ſie nie geſehen, aber ich ſetze voraus, daß alles Gute wahr iſt, was Du mir in Deinen Briefen von ihr erzählt haſt. Perſonen dieſer Art haben aber immer ihren Moment, wo die Männer mit ihnen fertig werden. Ein ſolches Mädchen, und wenn ſie eine Göttin ſelbſt wäre, iſt auf dieſe Weiſe zuletzt doch nichts mehr und nichts weniger, als eine Griſette. Der Bund mit der Gattin iſt aber die Allianz der ebenbürtigen Geiſter, die ſich gegenſeitig ihr Glück garantirt häben! Nein, meine gelehrte und geiſtreiche Schweſter, er⸗ wiederte Mirabean lebhaft, nein, da biſt Du in einem entſchiedenen Irrthum befangen. Caroline, Du haſt in Deinem Leben viel gedacht, Du biſt im Kloſter faſt wie eine Gelehrte erzogen worden und verſtehſt ſogar Latein*), Du magſt auch Deinen verſtorbenen Mann hinlänglich lieb gehabt haben, aber die Tiefe einer freien und feſſelloſen Liebe konnteſt Du in allen dieſen Verhältniſſen nicht ergründen lernen. Dieſe Frau von Nehra, dieſe Henriette, iſt ein unveräußer⸗ licher Beſtandtheil meines Selbſt, ja ſie iſt der beſſere und ewigere Zuſammenhang meines Weſens gewor⸗ den. Sie liebt mich nicht nur, ſondern ſie dient mir auch; ſie dient mir nicht nur, ſondern ſie beherrſcht mich auch. Sie iſt mein Freund und Bruder, denn wir ſchlagen uns zuſammen ritterlich durch die ganze Welt, ſie iſt mein Agent, denn ſie beſorgt mir alle meine Geſchäfte, ſie rennt für mich, wohin es auch ſein mag, mit der wunderbaren Schnelligkeit eines Rehs und mit der biedern Treue eines Pndels. Von London reiſte ſie allein und faſt krank über das Meer nach Paris, um die Kabinets⸗Ordre, die mich noch immer zur Verfügung meines Vaters geſtellt, beim Miniſterium zur Aufhebung zu bringen, und es gelang ihr. Als ich vor zwei Jahren von Berlin nach Paris *) Montigny) Mémoires I. 270. zurückkehrte, mußte ich die liebe Freundin in der preußiſchen Hauptſtadt zurücklaſſen, weil ein heftiges Bruſtleiden ſich von Neuem bei ihr entwickelt hatte, aber ich wußte gleich, daß mir das kein Glück bedeu⸗ ten würde und daß ich ohne ihren Genins an meiner Seite nur auf neue Beſchwerden und Ungemach in Paris zu rechnen hätte. Und ſo geſchah es. Ich hatte es gefühlt, daß meine politiſche Wirkſamkeit in Berlin zuletzt für mich unwürdig zu werden anfing, und glaubte, daß man mich in Paris endlich für eine ſolche Rolle belohnen würde, die dem Gouvernement doch jedenfalls manche nützliche Erkenntniß verſchafft. Ich glaubte auf die Stelle des Secretairs bei der bald zu eröffnenden Notabeln Verſammlung Anſpruch erheben zu können. Aber man lohnte mich auf die erbärmlichſte Weiſe ab, denn man hatte nie die Abſicht gehabt, mir gerecht zu werden. Die Notabeln Verſammlung hatte ſich nicht bewährt, ſie hatte nicht den Muth finden können, in den finanziellen Sturz des Landes mit einer ſtarken politiſchen Hand einzugreifen. Calonne verliert ſein Portefeuille und tänzelt auf die Flucht von dannen, weil ſeine Gläubiger ihm zugleich auf den Hacken ſitzen. Nun bekommen wir gar einen Geiſtlichen, den Erzbiſchof von Toulouſe, Herrn Lo⸗ ménie de Brienne, zum Finanzminiſter, einen Mann, der einigen Antheil an den philoſophiſchen Ideen des Jahrhunderts hat, der aber doch aus ſeinen Ideen keine Francs und aus ſeinen halb vergeſſenen Kirchen⸗ liedern keine Sous ſchlagen kann. Da laſſe ich meine kühne und alle Masken abreißende Schrift über die Agiotage, mit Winken für die Notabeln⸗Verſammlung*), erſcheinen, um zugleich einem neuen Miniſterium Recker, das ich mehr als den Teufel fürchtete, Thür und Thor * *) Pénonciation de l'agiotage, au roi et aux notables. — 142— bei der öffentlichen Meinung zu verſchließen. Aber meine Schrift iſt ſo ſtark gerathen, daß das Gouver⸗ nement meine perſönliche Sicherheit bedroht, und eine neue lettre de cachet, die ſiebzehnte meines Lebens, hinter mir herjagt. Ich ergreife die Flucht und be⸗ gebe mich nach Tongres, wo ich mich einſtweilen ver⸗ berge. Wer aber gelangt zu mir als mein Retter und Helfer? Es iſt meine Freundin Henriette, die auf die erſte Nachricht, welche ich ihr gegeben, aus ihrem Krankenbett in Berlin entſteigt, ſich plötzlich wieder für geſund und ſtark erklärt und mir die Dienſte ihrer Liebe anbietet. Sie eilt ohne Raſt von Tongres nach Paris, ſie niſtet ſich wieder im Vor⸗ zimmer des Miniſters von Breteuil ein, ſie nimmt alle möglichen Lente für mich in Anſpruch, und wankt und weicht nicht eher mit ihrer unwiderſtehlichen Lie⸗ benswürdigkeit, als bis ſie die lettre de cachet gegen mich rückgängig gemacht und mich wieder aus meinem Exil erlöſt hat! Und in dieſem Augenblick nimmt ſie unermüdlich alle meine Angelegenheiten in Paris wahr, indeß ich mich hier bemühte, den provencaliſchen Adet demokratiſch zu machen und mich von ihm zum Saal hinauswerfen zu laſſen. In dieſem Augenblick trat der Beſitzer des Tuch⸗ ladens, Herr Le Tellier, in das Magazin, um den Grafen Mirabeau, deſſen Stimme er jetzt vernommen hatte, zu begrüßen. Es war ein kleiner beweglicher Mann, mit den dunkeln pfiffigen Augen des Proven⸗ Lalen, der aber in ſeinem Ausſehen alle Anzeichen verkümmerter Verhältniſſe an ſich trug. Wir haben Euch wohl durch unſere laute Unter⸗ haltung in Eurem Familien⸗Diner geſtört, Meiſter Le Tellier? fragte Mirabeau, ſeinen ehrfurchtsvollen Gruß freundlich erwiedernd. Wir nehmen die Gaſtfreund⸗ — 143— ſchaft in Eurem Laden in Anſpruch, bis das Schnee⸗ geſtöber aufgehört hat. Mit dem Diner ſieht es nicht ſonderlich bei uns aus, erwiederte Herr Le Tellier mit trauriger Stimme. Fünf Kinder und keine Einnahmen im Geſchäft, da könnte man mich eben ſo gut Monſieur D ficit nennen, als man in Paris die ſchöne Königin Marie Antoi⸗ nette jetzt als Madame Deſicit feiert. Die Pariſer ſind witzig in ihrem Elend, erwiederte Mirabean lachend, aber man zeigt ſich in Paris we⸗ nigſtens bemüht, neues Brot zu backen, und die Er⸗ öffnung der großen Bäckerei, die unter der Firma der Reichsſtände arbeiten wird, iſt vor der Thür. Da müßt Ihr Euch tüchtig vertreten laſſen, Ihr Herren des dritten Standes, denn wenn dieſe Arbeit gelingt, ſoll in Frankreich hinfort Keiner mehr um ſein Diner beſorgt ſein, und wenn er auch noch einmal ſo viel Kinder an ſeinem Tiſche hätte, als hier mein Freund Deficit. Wir rechnen hier in der Provence auf den Grafen Mirabeau, verſetzte der Inhaber des Tuchmagazins. Zwar hat es uns leid gethan, daß Ihr da drüben mit dem Adel und Clerus tagt, da die Abſichten dieſer privilegirten Herren offenkundig dahin gehen, dem Volke ſchon bei den Wahlen ſeinen Platz ſtreitig zu machen und es nicht in der gehörigen Anzahl in der neuen Reichsverſammlung zuzulaſſen. Ihr ſeid freilich ſelbſt ein vornehmer Herr, aber man rühmt Euch doch immer nach, daß Ihr es mit dem Volke haltet, und daß Euer Herz nicht aus demſelben zähen Pergament iſt, wie Euer Adelstitel. Nein, darauf könnt Ihr, Du und Deine Freunde, Euch heilig verlaſſen, rief Mirabeau mit einer feier⸗ lichen Gebärde. Und wenn ich jener Verſammlung in dem Ständehauſe da drüben beiwohnte, ſo geſchah es nur, um im Intereſſe des dritten Standes und ſeiner unveräußerlichen Rechte gegen die Beſchlüſſe dieſer Clique mich aufzulehnen. Denn was wollen dieſe Leute? Sie wollen die Verordnung des Königs umſtoßen, der mit richtiger und taktvoller Erkenntniß der Situation in ſeinem Reglement angeordnet hat, daß der dritte Stand ſeine Deputirten zu der Reichs⸗ verſammlung in gleich ſtarker Zahl abordnen ſolle, wie die beiden andern Stände, Adel und Geiſtlichkeit, zuſammen genommen. Darum trat ich in ihre Mitte, um ſie aus ihrem eigenen Stande heraus ein freies Wort des erwachenden Volksgeiſtes hören zu laſſen. Es iſt aber noch leichter, tauben Ohren als böſen Herzen zu predigen. Ich ließ ſie endlich die Gerte meines Zornes empfinden, und da ich ſie bei ihrer Gerechtigkeit und Klugheit nicht faſſen konnte, ſuchte ich ihnen Furcht und Schrecken in die Adern zu trei⸗ ben. Aber der Stand iſt dieſen Leuten Alles, und ſie würden ſelbſt gegen den Himmel proteſtiren, wenn ſie dort nicht nach Ständen ſelig werden können. So werden ſie jetzt auch den Beſchluß faſſen, gegen jenes treffliche und wahrhaft volksfreundliche Reglement des Königs einen Proteſt auszudrücken, und damit ſie ſich durch mich nicht länger derin geſtört ſehen, haben ſie mir heut einfach die Thür gewieſen und den Grafen Mirabean an die Luft geſetzt. So ſeht Ihr mich nun hier, Meiſter Le Tellier, in Eurem Tuchladen. Aus⸗ geſtoßen von meinem eigenen Stande, muß ich mich jetzt nach etwas Beſſerem umſehen, und beneide Euch wahrlich darum, daß Ihr hier ein ſo hübſches Ge⸗ ſchäft habt und einem Magazin vorſteht. Ein ſolches Geſchäft muß ſehr angenehm zu halten ſein, man weiß doch, warum man lebt und ſieht die Reſultate vor ſich, wenn man jeden Tag ſo und ſo viel Ellen Tuch ausgeſchnitten hat. Wollt Ihr mich zu Euerem Compag⸗ non in dieſem Geſchäft annehmen, Herr Le Tellier? — Das würde Euch ſehr thener zu ſtehen kommen, Herr Graf, entgegnete Le Tellier mit einer ſchlauen Miene. Da müßtet Ihr einige Capitalien hineinſtecken, wenn wieder etwas aus dem Magazin werden ſoll. Ihr werdet ſchon längſt bemerkt baben, wie traurig und verlaſſen es hier ausſieht, die Vorräthe ſind nicht mehr recht vollſtändig, und wenn Ihr meine Ballen öffnet, werdet Ihr finden, daß wir die ſeineren und koſtbareren Tuche kaum noch führen. Mein Gott, der Abſatz iſt ſchlecht geweſen, unſere Provinz verarmt, und es fehlt an Mitteln, um zur rechten Zeit die Ein⸗ käufe zu machen. So trete ich vom heutigen Tage als Compagnon in Euer Geſchäft, Meiſter Le Tellier, ſagte Mirabeau, indem er ihm ganz ernſthaft die Hand reichte. Ueber meine Einlagen werden wir uns binnen Kurzem ver⸗ ſtändigen. Doch zahle ich heut gleich tauſend Franes baar, um eine neue Laden⸗Einrichtung zu beſtreiten. Denn etwas beſſer muß ſich unſer Geſchäft künftig auch von außen darſtellen, mein lieber Freund Le Tellier. Jetzt kommt die Zeit, wo Alles ernenert, alle Kiſten und Kaſten revidirt, alle Aushängeſchilder abgeputzt, alle Firmen nachgeſehen und berichtigt wer⸗ den müſſen. Auch unſere Firma müſſen wir ändern, Freund. Aber nehmt zuerſt das Geld. Mirabeau zog ſein Portefeuille heraus, ſuchte aber lange in demſelben nach und ſchien dann in einiger Verlegenheit bei ſich nachzuſinnen. Frau von Sail⸗ lant bemerkte lächelnd dieſe Pauſe, die bei Mirabeau eintrat, und reichte ihm dann, ohne die Aufforderung abzuwarten, deren ſie ſich in ſolchen Fällen von ihrem Bruder zu verſehen pflegte, ihre mit Goldſtücken ge⸗ füllte Börſe dar. Nachdem ſich Mirabeau derſelben ohne Weiteres bedient und dem ihn zweifelhaft anblickenden Le Tel⸗ Mirabeau. IMI. 10 lier die verheißene Summe eingehändigt hatte, ſagte er zu ihm: Unſere neue Firma ſoll„Graf Mirabeau und Le Tellier“ heißen. Ehe wir dieſe aber in einer ſchönen glänzenden Tafel aufſtellen laſſen, wollen wir heut ein Interims Placat anbringen, das aber auf der Stelle vor der Thür angeheftet werden muß. Habt Ihr vielleicht noch ein ſchwarzes Brett oder etwas Aehnliches, worauf man mit Kreide einige gut in die Augen fallende Worte ſetzen könnte? Le Tellier, der zu begreifen ſchien, um was es ſich handeln mochte, nickte ihm freudig zu, und beeilte ſich, aus einem Winkel des Magazins eine ſolche Tafel nebſt einem Stück Kreide herbeizuholen. Mirabeau nahm die Kreide und ſchrieb mit großen Buchſtaben auf die Tafel:„Hier verkauft Graf Mira⸗ beau Tuch, um alle Stände neu einzukleiden.“ Dieſe Tafel wollen wir draußen auf einer Stange unmittelbar vor dem Laden befeſtigen, ſagte er dann, ſie allen Vorübergehenden gleich in die Augen falle. Le Tellier jauchzte vor Vergnügen über dieſen koſt⸗ baren Streich, wie er es nannte, laut auf und ſprang mit der ihm eigenen Beweglichkeit nach allen Seiten umher, um Alles, was zu der Ausführung dieſes Auf⸗ trages nöthig war, ſofort herbeizuſchaffen. In einigen Minuten wurde vor der Thür eine Stange aufgerichtet, an welcher die Tafel mit der auffallenden Inſchrift feſtgenagelt wurde. Das iſt über alle Maaßen vortrefflich, Herr Graf, jubelte Le Tellier unaufhörlich. Wenn nun die Herren Grafen und Barone aus dem Ständehauſe hier vor⸗ beikommen, werden ſie die Inſchrift leſen, und vor Schrecken darüber mit allen ihren Stammbäumen wackeln, ſodaß wir uns vor Lachen den Bauch werden halten müſſen. Sie werden gleich verſtehen, was das —— ————————— — 147— heißen ſoll, von Mirabeau neu eingekleidet zu werden. Denn die Tuchjacke, die ihnen Graf Mirabeau an⸗ zieht, wird ihnen etwas eng ſchließen, und wird von der Volksjacke nicht mehr ſehr verſchieden ſein, nicht wahr, Herr Graf? Du biſt ein ganz ausgezeichneter Compagnon, ent⸗ gegnete Mirabean, ihm gemüthlich auf die Schulter klopfend. Du weißt ganz genan, worauf es ankommt, und wir werden gewiß gute Geſchäfte zuſammen machen. Allerdings wird es ſich zunächſt um eine Tuchjacke handeln, die für alle Stände gleich und aus demſelben Stoff zugeſchnitten werden ſoll. Und dieſe Jacke wird zunächſt nur aus grobem Tuch be⸗ ſtehen können, denn Mirabeau und Le Tellier werden ja fürerſt gar keine andere Sorte auf ihrem Lager haben. Das grobe Tuch iſt aber zu Anfang gut, denn zuerſt werden doch die höhern Stände, welche die eigentlichen Uebelthäter ſind, lernen müſſen, wie es thut, die harte Volksjacke auf dem Leibe zu tragen. Machen wir aber dann erſt flotte Geſchäfte, mein lieber Compagnon, ſo ſchaffen wir uns auch nicht minder die feinſten und koſtbarſten Stoffe an, denn das Volk ſoll dann auch empfinden, was es heißt, ein feines und zartes Tuch auf ſeinem vielgeguälten und wunden Leibe zu tragen. Dann machen wir alle Menſchen gleich fein, nachdem wir erſt alle gleich grob gemacht haben. Was meint der Herr Com⸗ pagnon dazu?— Die Marquiſe von Saillant mahnte aber jetzt an den Aufbruch, da ihr die fortgeſetzte Unterhaltung im Tuchladen nicht mehr behaglich zu ſein ſchien, und draußen das Schneegeſtöber ſpeben einem beſſern, faſt ſonnenklar werdenden Wetter gewichen war. Mi⸗ rabeau bot ihr ſeinen Arm, und ſagte beim Wegge⸗ hen zu Le Tellier: Verkündigt allen Euren Freunden, 10* und ich weiß, Ihr habt deren ſehr viele in den Cafés und Eſtaminets von Aix, daß ich Mitbeſitzer Eures Tuchladens geworden bin. Wer von den Herren aus dem Volke hier bei uns kaufen will, ſoll zwanzig Procent auf die Waare gutgerechnet bekommen. Bald wird das Volk noch bei weitem mehr Prozente auf ſich ſelbſt herausbekommen, denn wie lange wird es dauern, ſo iſt es das gewinnbringendſte Geſchäft, Volk zu ſein. Sagt aber Euren Freunden auch, daß ich hier im Geſchäft alle Morgen von zwölf bis zwei Uhr anweſend ſein werde. Wer dann kommt, dem will ich gern Rede ſtehn über jede Geſchäftsfrage, die er nur irgend an mich zu richten haben wird.— Als Mirabean ſeine Schweſter eben zu dem Ma⸗ gazin hinausführen wollte, erblickte er draußen auf der Straße verſchiedene Perſonen, die im Vorüber⸗ gehen vor dem Laden ſtillſtanden und bereits die an der Tafel ausgeſtellte Inſchrift mit der größten Ver⸗ wunderung zu leſen ſchienen. Wir wollen uns noch einen Augenblick an dieſen Geſichtern beluſtigen, ſagte Mirabeau leiſe, indem er mit Frau von Saillant wieder in den Laden zurück⸗ trat. Das ſind ja ſchon meine ehemaligen Kollegen aus der Adelsverſammlung. Die Sitzung iſt aus, und einige ſchlendern hier vorbei, wo ihnen meine Inſchrift wie Gift in alle ihre Eingeweide fährt. Sie verſuchen zu lachen und zu ſpötteln, aber eigent⸗ lich ſchüttelt ſie doch das Fieber dabei. Die edlen und hohen Herren haben nun gewiß ihren Proteſt gegen das großſinnige Wahlreglement des Königs beſchloſſen, und kommen, ſtolz auf die alten Privi⸗ legien des provengaliſchen Adels, heruntergeſchritten. Und ſieh, da kommt auch mein würdiger Schwieger⸗ vater, der Marquis von Marignane, heran. Eben als er in ſeine ſtolze, mit dem prächtigen Wappen⸗ „ — 149— ſchild gezierte Caroſſe ſteigen wollte, hat er den Auf⸗ lauf vor dem kleinen Tuchladen geſehn, und hat nun auch die Herablaſſung, von einer Tagesneuigkeit in Air Notiz zu nehmen. Ihm folgt ſogar der pomp⸗ hafte Erzbiſchof von Aix, Herr von Boisgelin, und ſetzt mit ſeinem unverwüſtlichen Wohlbehagen ſeine Brille auf, um die Tafel zu leſen.— In dieſem Augenblick bemerkte Mirabeau auch ſeinen Wagen, der um die gewöhnliche Zeit, wo der Schluß der Sitzungen ſtatifinden ſollte, ihn abzuholen kam. Mirabeau winkte ſeinen Bedienten herbei, und bedentete ihn, den Wagen vor dem Tuchmagazin vor⸗ fahren zu laſſen.— Jetzt iſt es Zeit, daß wir einſteigen, ſagte Mira⸗ beau, indem er ſeine Schweſter zum Wagen geleitete, und ſie mitten durch die Gruppe der vor der Thür umherſtehenden Perſonen führte. Frau von Saillant war tief erröthet, da die Begegnung mit mehreren Bekannten ihres Kreiſes, an denen ſie bei dieſer Ge⸗ legenheit vorüberſchreiten mußte, ſie in die größte Verlegenheit zu ſetzen ſchien. Auch der Marquis von Marignane ſtand noch in einer lebhaften Unterhaltung mit dem Erzbiſchof von Boisgelin an derſelben Stelle, und konnten vor Ver⸗ wunderung, nicht blos den Grafen Mirabeau, ſondern auch deſſen Schweſter plötzlich vor ſich zu erblicken, kaum zur Darbringung eines Grußes für die letztere gelangen. Indeß ſiegte jetzt die chevalereske Höflich⸗ keit über ſein Erſtaunen, während Mirabeau, ohne ſeinen Hut zu lüften und irgend Einem der Umher⸗ ſtehenden die geringſte Beachtung zu ſchenken, mit einer ſeiner ſouverainſten Mienen an ihnen vorüber⸗ ging.*) Der vielbeſtrittene Tuchladen Mirabeau's in Air wird jeden⸗ Brot und Zleiſch. Mirabeau befand ſich an der Table d'höte des Hötels, in welchem er in Aix wohnte, und an der in dieſer Zeit die Zahl der Beſucher, die durch die Anweſenheit Mirabeau's herbeigezogen wurden, ſich auf eine ſo außerordentliche Weiſe vermehrt hatte, daß zu dem gewöhnlichen Speiſeſaal noch mehrere andere Zimmer hatten geöffnet werden müſſen. Vor den Thüren des Hötels aber ſtand gewöhnlich um dieſe Zeit eine bewegte Volksmenge verſammelt, die nur anf den Augenblick wartete, wo Graf Mirabeau herauszutreten pflegte und ſich mit einigen Zurufen und Erkundigungen, die er nie an ſie zu richten unterließ, nicht ſelten auch mit einer förmlichen Anrede, ihnen zuwandte. Graf Mirabeau war in Aix, wie auch in den be⸗ nachbarten Städten der Provence, namentlich in Marſeille, wo er hin und wieder einen Tag zuzu⸗ bringen pflegte, bereits der gefeierte Liebling des Volks geworden. Sein Einfluß und ſeine Beliebtheit waren in den mittleren und untern Volkskreiſen in dem Maaße geſtiegen, als er mit den höheren Klaſſen falls ſeinen Theil hiſtoriſcher Wahrheit ſoweit behaupten können, als ihm in dieſer Darſtellung eingeräumt worden iſt. Chateau⸗ briand(Mémoires d'outre tomnbe II. 33.) die Mémoires de Con doreet(II. 318.) und die Anecdotes du rögne de Louis XVI. (VI. 267.) geben ſelbſt die genaueſten Einzelnheiten über dies Tuchgeſchäft Mirabeau's an, wonach er täglich für mehr als 300 Louisd'or Tuch ausgeſchnitten und am erſten Tage ſogar für 15000 Fres. Waare abgeſetzt habe. Dies mag allerdings ebenſo ſehr ins Reich der Fabeln gehören, als die Bezweiflung und Lächerlichmachung des Factums ſelbſt, worauf Montiguh und Andere ſich förmlich verſeſſen haben, durchaus ohne haltbare Gründe verſucht worden iſt. — 151— und ſeinen nächſten Standesgenoſſen in ein mehr und mehr offenes Zerwürfniß getreten war, und ſich zum Gegenſtand ihrer immer gehäſſiger werdenden Verfol⸗ gungen gemacht hatte. Sein Rath und ſein Zuſpruch wurden bei allen Gelegenheiten vom Volke eingeholt, man klagte ihm Noth und Verlegenheit aller Art, und Miräbeau wohnte jetzt nicht nur allen Bürger⸗ verſammlungen bei, in denen über die bevorſtehenden Wahlen berathſchlagt wurde, ſondern er ging auch in die Häuſer der armen Leute, mit denen er auf eine ſich ebenſo gleichſtellende als hülfreiche Weiſetzu ver⸗ kehren wußte.— Heut hatten ſich an der Table d'höte verſchiedene Gerüchte aus Marſeille verbreitet, die von einem dort ausgebrochenen Volksaufſtand, veranlaßt durch die ſteigende Theuerung in den nothwendigſten Nahrungs⸗ mitteln, erzählten. Einige Perſonen hatten auch auf eine bedenkliche Gährung hingedeutet, die in einem gewiſſen Stadttheil von Aix, der vorzugsweiſe von der ärmſten und leidendſten Volksklaſſe bewohnt wurde, ſeit Kurzem bemerkbar geworden ſei und vielleicht mit den in Marſeille entſtandenen Unruhen in einem Zu⸗ ſammenhang ſtehe. Als Mirabeau das vernahm, begab er ſich vor die Thür hinaus, wo er in der umherſtehenden Volks⸗ menge einige Leute aus jenem Quartier, die ihm per⸗ ſönlich ſehr wohl bekannt waren, bemerkt hatte. Er wurde draußen mit einem jubelnden Zuruf und mit unzähligen: Es lebe Graf Mirabean! empfangen, und wollte ſich eben mit einigen Arbeitern, die ihm längſt verdächtig erſchienen waren, in ein näheres Geſpräch einlaſſen, als der helle Ton einer Extrapoſt, welcher die Straße herunter erklang, ihn auf eine eigenthüm⸗ lich gemahnende Weiſe aufmerkſam machte. Der Wagen kam mit großer Eile herangefahren und machte ſich durch die vor dem Hötel angeſam⸗ melte Menge Bahn, indem er dann vor der Thür des Gaſthauſes und in der unmittelbaren Nähe Mi⸗ rabeau's ſtillhielt. Mirabeau hörte jetzt ſeinen Namen mit einer leiſen aber wohlbekannten Stimme rufen, und war äußerſt überraſcht, als er jetzt im Innern der Extrapoſt Frau von Nehra erblickte, welche ihm ihre Arme entgegenſtreckte, um von ihm bewillkommt und aus dem Wagen gehoben zu werden. Mirabeau begrüßte ſie herzlich, obwohl mit dem etwas beklommenen Gefübl, daß ihrer unerwarteten und in keiner Art verabredeten Ankunft in Aix irgend etwas Unwillkommenes oder Schlimmes zum Grunde liegen könne. Dann geleitete er ſie an ſeinem Arm eiligſt in das Hötel, um ſie in ſeine Zimmer hinauf⸗ zuführen, während die Freunde und Verehrer Mira⸗ beau's auf der Straße mit höchſt verwunderten Ge⸗ ſichtern zurückblieben. Dieſe ſchöne Dame wird ſeine Fran ſein, die ihm aus Paris nachgelaufen kommt, ſagte ein Arbeiter mit einem pfiffigen Ausdruck. Und dazu werden wir ihm heut Abend ein Ständchen bringen, nicht wahr, Meiſter Le Tellier? Wenn Ihr Eure Seide ſo ſchlecht wickelt, als dieſe Ahnung, die Euch beſchleichen will, ſchlecht und ſchief gewickelt iſt, ſo wird man Euch bald aus der Fabrik weiſen, erwiederte Herr Le Tellier, der ſeit einiger Zeit überall bemerkt wurde, wo nur irgend eine Anſammlung der untern Volksklaſſen auf den Straßen von Aix oder in gewiſſen Häuſern und Lo⸗ calen ſtattfand. Graf Mirabeau, fügte er mit ge⸗ wichtiger Sicherheit hinzu, hat gar keine Frau, außer einer geſchiedenen, die hier auf Schloß Marignane wohnt, und der wir nächſtens, mit allen unſern Freun⸗ den, einen recht ſchönen Beſuch abſtatten wollen. — 1¹153— Wie meint Ihr das, Meiſter Le Tellier? fragten Mehrere, die ihn mit lauernden und geheimnißvollen Mienen umringten. Ja, ja, Ihr habt Recht, bald wird die Zeit kommen, wo wir gegen die ſtolzen Schlöſſer der Umgegend losgehn, denn da kann man ſich doch noch beſſer ankleiden, als in Eurem Tuch⸗ laden, aus dem ſich jetzt Mancher von uns für Rech⸗ nung des Grafen Mirabeau ein Paar neue Hoſen geholt hat. Wenn ich Euch zu einer Wallfahrt nach Schl oß Marignane auffordern werde, Freunde, rief Le Tellier lächelnd, ſo wird es ſich für's Erſte noch um keinen Sturm auf das alte Schloß handeln, ſondern wir wollen blos in Maſſe hinziehn, und uns die ſchöne und ſtolze Gräfin von Mirabean auf den Altan des Schloſſes herausrufen. Erſcheint ſie dann, wie nicht anders zu erwarten ſteht, in Todesängſten vor uns, ſo wollen wir Schmach und Schande über ſie rufen, daß ſie ſich gegen einen Mann, wie den Grafen Mi⸗ rabeau, der ein Wohlthäter des Volkes und ein Er⸗ retter Frankreichs iſt, ſo abſcheulich vergehen konnte. Wir werden ſie vor uns niederknieen laſſen, und ſie ſoll uns mit einem heiligen Eid geloben, daß ſie ihn fußfällig um Verzeihung bitten, und ihm alle ihre Güter, die ſie jetzt beſitzt, und die ſie ihm durch die Scheidung entzogen hat, freiwillig herausgeben ſoll. Zu dieſer feſtlichen Ceremonie ſollt Ihr auch ganz neue Jacken aus dem Tuchladen von Mirabeau und Le Tellier haben. Eine brüllende Freude wurde bei dieſen Worten unter dem Trupp laut, der dann, mit ſeinem An⸗ führer Le Tellier an der Spitze, ſich in eine Neben⸗ gaſſe verlor. Inzwiſchen hatte Mirabeau, nachdem die erſten ärtlichen Begrüßungen mit Frau von Nehra beendet waren, den Zweck der Reiſe, welche ſie ſo plötzlich und ganz allein zu ihm unternommen, zu erforſchen geſucht. Es ſind in Paris neue Intriguen gegen Dich im Werke, erzählte Henriette in athemloſer Haſt. Man fürchtet die Rolle, die Du hier in der Provence zu ſpielen angefangen, und über welche die übertriebenſten Berichte beim Miniſterium ſowohl wie am Hofe vor⸗ lieen ſollen. Ich hörte von den unterrichtetſten Leu⸗ ten, daß das Gouvernement Alles daran ſetzen will, Deine Wahl zum Deputirten für die Nationalver⸗ ſammlung zu verhindern. Chamfort, der Alles er⸗ fährt, hat richtig herausgebracht, daß man Deine Ge⸗ heime Geſchichte des Berliner Hofes zu einer pein⸗ lichen Anklage gegen Deine Perſon benutzen will oder bereits benutzt hat, um Dir dann als einem Verur⸗ theilten und Beſtraften die Fähigkeit zu benehmen, Dich hier in der Provence wählen zu laſſen. Da glaubte ich zu Dir hereilen zu müſſen, mein Freund, um Dir dieſe drohende Gefahr anzuzeigen. Willſt Du mich nicht haben, ſo kehre ich heute gleich wieder nach Paris zurück, denn ich bin jetzt ungemein rüſtig und meine Bruſt geht wieder ganz geſund. Du ſollſt mir aber nur ſagen, welche Wege ich in dieſer Sache einſchlagen ſoll, denn geſchehen muß etwas, und zwar ſogleich, aber ich wagte ohne Deine Zuſtimmung nichts zu unternehmen. Mirabeau ging mit ſtürmiſchen Schritten im Zim⸗ mer auf und nieder. Auf ſeiner Stirn lagerte ein gewaltiger Zorn, der wie eine flammende Wetterwolke ſein Haupt umſchwebte. Alſo zu einer Unterſuchung wollen mich dieſe Schufte jetzt ziehen laſſen, rief er mit ſeinem heftigſten Ton, und zwar wegen eines Buches, das gar kein Buch von mir iſt, und welches das Miniſterium durch — 155— ſeine Agenten hat zuſammen ſtoppeln, und aus den Depeſchen, welche ich damals aus Berlin an Ver⸗ gennes und Calonne geſchrieben, hat zum Druck her⸗ richten laſſen, ohne daß ich gefragt und benachrichtigt worden wäre? Und noch mehr, dieſe ſpitzbübiſchen Intrignanten haben mir meine Depeſchen verfälſcht, indem ſie Stellen gegen den jetzigen König von Preußen hineingeſetzt haben, die gar nicht von meiner Hand herrühren, und die im höchſten Grade beleidi⸗ gend für dieſen Monarchen ſind. Ich ließ dies damals hingehen, weil mir die Sache ziemlich gleichgültig war, und weil dieſe Berichte über den preußiſchen Hof für mich wie ein Paar abgelegte Beinkleider waren, die man ſich nicht mehr vor Geſicht kommen läßt. Ich hätte gleich wittern können, daß es auf mich abgeſehen war, und daß man mir damit eine Falle bauen wollte, in der man ſich bei Gelegenheit einmal den Mirabeau einfangen zu können dachte. Und wie iſt man denn in der Sache eigentlich zu Werke gegangen? Was haſt Du gehört? Die Staatsanwaltſchaft hat das Buch dem Par⸗ lament von Paris förmlich denuncirt, ſagte Henriette, indem ihre ſchönen ehrlichen Angen von dem glühendſten Eifer für den Freund funkelten. Die Anklage lautet auf eine Verletzung des VPölkerrechts und anf eine, wie es ausgedrückt ſein ſoll, den franzöſiſchen Adel entehrende Beleidigung der erhabenſten Perſonen eines befreundeten Hofes. Das ſind ſehr gut ausgedachte Redensarten, rief Mirabeau, mit dem Fuße ſtampfend, und ſolche Fuß⸗ angeln glaubt man mir, den man damals mit einer Beſoldung des Königs nach Berlin geſchickt hat, legen zu können! Wenn man aber etwa behaupten wollte, daß der König Friedrich Wilhelm oder der Prinz Heinrich von Preußen eine Beſchwerde gegen mich am — 6 franzöſiſchen Hofe eingereicht hätten, ſo iſt dies gerade⸗ zu eine Lüge! Unſer alter Freund Noldé, der noch immer in Berlin verweilt und aus den beſten Quellen ſchöpft, ſchrieb mir erſt neulich, daß man ſich dort am Hofe mit ziemlicher Gelaſſenheit in Alles gefunden habe, was die Geheime Geſchichte des Berliner Hofes Verletzendes über jene Herren gebracht. Es iſt alſo eine rein franzöſiſche Hof-Intrigue, die gegen mich losgelaſſen werden ſoll, und die ohne Zweifel von dieſem provengaliſchen Adel hier angeſchürt worden. Das mag ſein, erwiederte Henriette, aber ich muß Dir zugleich ſagen, mein geliebter Freund, daß es die Königin Marie Antvinette iſt, die ſich bei dieſer Ge⸗ legenheit ganz beſonders als Deine Gegnerin erwieſen haben ſoll. Sie hat, wie mir der Herzog von Lauzun erzählte, jetzt mit allen Deinen Feinden in Paris ge⸗ meinſchaftliche Sache gemacht, um Deine Wahl zum Abgeordneten zu verhindern. Man nennt Dich am Hofe von Verſailles jetzt immer nur den„plebejiſchen Grafen,“ und das iſt doch ganz abſcheulich, Mirabeau! Es muß dagegen etwas gethan werden, und wir Alle, die wir in Paris zu Dir gehören, verlangen von Dir nur ein einziges Wort, um zu wiſſen, wie Du die Sache anſiehſt, und danach zu handeln. Meine Herren Ritter aus der Provence haben alſo hinter die Königin zu kommen gewußt, ſagte Mira⸗ beau. Denn den Ehrentitel des plebejiſchen Grafen habe ich mir wohl hier erſt in der Provence ganz vollſtändig verdient. Dieſer Titel iſt gut, denn er zeigt die Wege an, die mir das Schickſal in der nächſten Zeit zu wandeln befiehlt. Wein Umgang mit dem Pöbel von Aix und Marſeille hat alſo ſeinen ſcharfen Geruch ſchon bis in die Gemächer der Kö⸗ nigin verbreitet, und alle ihre Parfüms ſind dadurch der armen Marie Antoinette ſicherlich übertäubt wor⸗ — 157— den. Mein Gott, der Umgang mit dem Pöbel iſt doch nicht ſchlimmer, als der mit den Hofleuten. Die Herren aus dem Pöbel ſind doch einmal die Gladia⸗ toren der Freiheit, und wenn ſie nackt und ſchmutzig ſind, wird die Freiheit ſie einſt kleiden und putzen. Und was habe ich denn der Königin Marie Antoinette ſonſt gethan? Ich habe ſie im Stillen bewundert und bemitleidet, das iſt mein einziges Verhältniß zu der ſchönen Frau geweſen. Und nun liegt ihr daran, meine Wahl zu verhindern, während ich ihr vielleicht als Mitglied der National⸗Verſammlung einſt die größten Dienſte leiſten könnte! Es wird das Beſte ſein, daß Du ſogleich mit mir nach Paris kommſt, nahm Henriette wieder das Wort, indem ſie mit einer dringlich bittenden Gebärde ſeine Hand an ihr Herz zog. Glaube mir, Du wirſt durch Dein perſönliches Erſcheinen dort Alles am beſten löſen und zu unſern Gunſten wenden können. Denn wo man Dich ſieht, kann man Dir nicht widerſtehen, und Du kannſt Alle, die Du ſo recht mit Deinen beſten Augen anblickſt, nach Gefallen Dir zugethan und willfährig machen. Nein, Yet⸗Lie, in der Politik giebt es keine beſten Augen, ſondern da herrſcht immer und immer nur der böſe Blick, erwiederte Mirabeau lächelnd. Ich werde mit Dir nach Paris gehen, aber nicht um den Leuten dort gute Worte zu geben, denn dafür iſt die Zeit jetzt vorüber, ſondern ich werde ihnen ihre Fä⸗ den, die ſie gegen mich ſpinnen, zerreißen, und ihnen die Fetzen dieſer ganzen Intrigne ins Geſicht ſchleu⸗ dern. Ich werde ihnen drohen, öffentlich gegen ſie aufzutreten und das Miniſterium gewiſſermaßen als Mitverfaſſer des Buches über den preußiſchen Hof beim ganzen europäiſchen Publikum zu denuneiren, wenn ſie nicht meine Perſon bei ihren leichtſinnigen —— Anklagen aus dem Spiele laſſen wollen. Mit dem Buche ſelbſt mögen ſie machen, was ſie wollen, das iſt mir gleichgültig. So laß uns noch in dieſem Angenblick die Ab⸗ reiſe nach Paris beſtimmen, denn es iſt gewiß keine Zeit mehr zu verlieren, entgegnete Henriette, indem ſie ihren Reiſehut, den ſie beim Eintritt in das Zimmer abgelegt hatte, raſch ergriff, um ihn wieder über ihre blonden Locken zu ſtülpen. Mit ſolcher außerordentlichen Geſchwindigkeit wird es ſich nun freilich wohl nicht vollbringen laſſen, er⸗ wiederte er, indem er ſie mit Freude über ihren lie⸗ benswürdigen Eifer betrachtete. Die ſchöne Gräfin YMet⸗Lie wird gewiß recht müde ſein, und wird ſich erſt hier eine Nacht bei mir ausruhen müſſen. Auch muß ich erſt noch von meinen guten Freunden hier in Aix Abſchied nehmen und ihnen den beſtimmten Tag meiner Rückkehr verſprechen, damit ſie nicht etwa kopſſcheu wegen meiner plötzlichen Abreiſe werden und unſere Wahlmanvenvres hier inzwiſchen ihren ſichern Fortgang nehmen. Ich bin zwar herzlich müde, verſetzte Henriette, indem ſie ihre Sachen abzulegen begann, aber ich wünſchte doch, daß Du Dich auf der Stelle entſchließen könnteſt, wieder mit mir abzureiſen. Ich muß Dir geſtehen, ich mag gar nicht gern, daß Du hier in Air biſt, und ich bin die ganze Zeit über recht traurig in Paris geweſen. Wollteſt Du mir einen rechten Ge⸗ fallen thun, ſo kehrſt Du nicht wieder hierher zurück. Du kannſt Dich ja in Paris auch zum Abgeordneten wählen laſſen, denn wenn Du mit dem Adel nichts mehr zu thun haben willſt, ſo kannſt Du auf das Volk auch in Paris rechnen, eben ſo gut wie in Aix. Und was mißfällt Dir denn an Aix, meine Yet⸗ Lie? fragte er ſie, ihr forſchend ins Geſicht blickend. — 19— Die Stadt mag ganz gut ſein, aber die Gräfin von Mirabean wohnt hier! erwiederte Henriette mit dem leiſeſten Ton, indem plötzlich ein dunkles Roth auf ihren Wangen aufſtieg. Und in der Nacht, als Du von Paris abgereiſt warſt, träumte mir, daß ich Dich in einem großen Gedränge verloren hätte. Und als ich armes verirrtes Kind Dich wieder erblickte, ſah ich Dich auf einem goldenen Thron, an der Seite einer ſchönen, vornehmen, ſtolzen Dame, die Dein Haupt in ihrem Schvoße barg. Und ich konnte nicht mehr zu Dir hingelangen, denn ſo oſt ich mich nähern wollte, ſchreckten die gewaltig herrſchenden Blicke dieſer Dame mich wieder von Dir zurück. Bei dieſen Worten hielt Henriette ſchluchzend inne. Ein heftiger Strom von Thränen ſtürzte aus ihren Augen hervor. Auch bei Dir ſpukt das Märchen von meiner Frau? rief Mirabeau faſt unwillig. Es giebt alſo doch wahrhaftig Dinge, die in der Luft ſchweben, und den leeren Raum über unſerem Haupte bevölkern, die plötzlich da ſind und von uns bemerkt und erhört ſein wollen, ohne daß wir wiſſen, wie und warum! Ich kam nach Aix, ohne an etwas Anderes zu denken, als an die Wahlen, und ſeitdem ich hier bin, ſummt man mir beſtändig das Lied von meiner geſchiedenen Frau in die Ohren. Meine Schweſter ſingt davon, einige alte Freunde hier ſingen davon, und nun kommſt auch Du noch aus Paris und ſingſt davon. Es iſt aber Alles nur eitel Geſang, was ihr da ſingt und ſummt. Ich will Dir etwas ſagen, Yet⸗Lie. Die ſchöne ſtolze Dame, in deren Schooß Dul mein Haupt geſehen, war die Freiheit, denn ſie wird nun bald ihren goldenen Thron beſteigen, und wird mich mit ſſich erhöhen, wie Alle, deren Daſein bisher herabge⸗ drückt und entwürdigt geweſen. Nie aber werde ich — darüber meine Gefährtin, meinen theuren Liebes⸗ kameraden Yet⸗Lie, vergeſſen. Wir bleiben vereinigt, und die nene Zeit, welche kommt, wird uns nur feſter binden. Verſtoße Du mich nur nicht von Deinen ſchönen Angen, denn ihren Segen werde ich brauchen auch in den Zeiten der Unruhe und des Streits, die jetzt herannahen. Henriette küßte ihm mit einem dankbar lächelnden Blick die Hand. In dieſem Angenblick trat der Kam⸗ merdiener Mirabeau's ein, und übergab einen Brief, der ſo eben durch einen Expreſſen, welcher von dem Grafen von Caraman gekommen, abgegeben worden ſei. Mirabeau erbrach dies Schreiben in haſtiger Er⸗ wartung, und, nachdem er es durchgeleſen, begab er ſich zu Frau von Nehra, die in ängſtlicher Spannung am Fenſter geſtanden, und den in dem Brief etwa enthaltenen Nachrichten entgegengeſehen hatte. Ich werde in den nächſten Tagen noch nicht mit Dir nach Paris reiſen können, Henriette, ſagte Mira⸗ beau eilig. Dies Schreiben iſt von dem Comman⸗ danten der Provinz, dem Grafen von Cargman, an mich gekommen, der ſich in dieſem Augenblick in Mar⸗ ſeille befindet. Die dort ausgebrochenen Volksunruhen ſind von der bedeutendſten Art geworden. Das Volk hat ſich in großen Schaaren bewaffnet, um für Brot und Fleiſch eine Herabſetzung des Preiſes zu erlangen. Förmliche Gewaltthätigkeiten ſind bis jetzt nur gegen einzelne Bäcker⸗ und Schlächterläden vorgekommen, doch hat man den Wagen des Herrn von Caraman auf der Straße verfolgt, und den würdigen Mann mit Drohungen aller Art beläſtigt. Caraman hat mehrmals mit der ihm eigenen Feſtigkeit beſchwichti⸗ gende Anreden an die Volkshaufen gehalten, aber es gelang ihm nicht, die Stimmung zu beſſern. Der Maire hat ſich flüchten müſſen, und man ſieht mit — 6 großer Beſorgniß dem Schlimmſten entgegen. Am meiſten Beunruhigung und Gefahr iſt aber dadurch in die Stadt geworfen worden, daß einige Magiſtrats⸗ perſonen, um ſich vor dem Andrange der wüthenden Maſſen im Stadthauſe zu retten, eine Herabſetzung des Brotes auf zwei Sous das Pfund und des Fleiſches auf ſechs Sous verſprachen. Dies Ver— ſprechen mußte eingehalten werden, und wurde ſogleich durch die Trompeten der Stadt als eine in der That ſehr gefährliche Friedensnachricht in die aufgeregte Be⸗ völkerung hinausgeſchmettert. Da aber das Brot, welches das Volk jetzt für zwei Sous haben will, drei und einen halben Sous werth iſt, und das Fleiſch auch für einen Sous unter ſeinem eigentlichen Werth verkauft werden muß, ſo wird es baid an den noth⸗ wendigſten Nahrungsmitteln in Marſeille gebrechen, oder die Stadt muß aus ihren Mitteln den Ansfall an die Verkäufer decken, was ihr bei den ungeheuren Summen, die dabei herauskommen, nur auf ſehr kurze Zeit möglich ſein kann. Der Graf von Cara man fordert mich nun auf das Dringendſte auf, daß ich auf der Stelle nach Marſeille kommen möchte, um nicht nur meinen Rath zu geben, auf den er einigen Werth legen will, ſondern auch um meinen guten Einfluß bei dem Volke von Marſeille geltend zu machen. Es iſt wahr, das Volk vertraut mir dort, und hat mir, ſo oft ich in Marſeille erſchienen bin, die größten Zeichen ſeiner Anhänglichkeit gegeben. Ich werde alſo, noch ehe ich mit Dir nach Paris reiſe, nach Marſeille gehen, und Du wirſt mich hier ſo lange erwarten, Henriette. Henriette wagte einige Vorſtellungen dagegen zu machen, indem ſie ihm die Dringlichkeit ſeines Er⸗ ſcheinens in Paris, wo ſo Viel für ſeine Perſon auf dem Spiele ſtehe, ans Herz legte. Aber Mirabean Mirabeau. III. 11 — 162— ſagte, es ſei dringender, ſich dahin zu begeben, wo das Volk leide, und durch eine falſche Behandlung ſeiner Bevürfniſſe noch ſtärkeren Leiden ausgeſetzt werden könne. Wenn ich die Ordnung in Marſeille wieder hergeſtellt habe, fügte er hinzu, und das wird mir gelingen, dann will ich vor das Miniſterium in Paris hintreten, und es fragen, mit welchem Recht und in welchem Intereſſe es eine volksthümliche Wirkſamkeit, wie die meinige, zu hemmen und zu verfolgen meint? Ich will ihm zeigen, daß ich ein Volkstribun gewor⸗ den bin, daß ſich aber Staat und Geſellſchaft dabei wohlbefinden werden. Du aber, liebe Henriette, ſollſt unterdeſſen hier die Bekanntſchaft meiner Schweſter, der Marquiſe von Saillant, machen, und ich werde Dir einige Worte für ſie zurücklaſſen. Sie hat es längſt gewünſcht, Frau von Nehra zu ſehen, und Ihr werdet Euch Beide gewiß auf das Innigſte miteinan⸗ der befreunden, ich weiß es.— Mirabeau beeilte ſich dann, ſeinen Dienern ſogleich die nöthigen Aufträge zu den Reiſevorbereitungen zu geben, die auf der Stelle ausgeführt werden mußten. Schon in einer halben Stunde war Mirabeau reiſe— fertig, und legte die geringe Entfernung von Air nach Marſeille ſo raſch zurück, daß er noch vor Anbruch der Nacht den Geſtaden des mittelländiſchen Meeres ſich näherte und in die Straßen der noch keineswegs beruhigten und dem Frieden wiedergegebenen Stadt einfuhr. Schon beim erſten Anblick der nächtlichen Straßen, durch welche er ſich langſam hinfahren ließ, bemerkte Mirabeau, daß die Lage der Dinge noch keineswegs befriedigend ſei. Zahlreiche Bürger⸗Patrouillen be⸗ wegten ſich durch die Stadt auf und nieder, und ſchienen mit der größten Strenge die Ordnung der Straßen aufrecht erhalten zu wollen, was ihnen von — 163— Zeit zu Zeit durch einzelne Volkshaufen, die lärmend und ſingend einhergezogen kamen, ſtreitig gemacht wurde. Aus der Haltung dieſer letzteren entnahm Mirabeau, daß ſie noch in dieſer Nacht etwas im Schilde führten und ein jedenfalls gewaltthätiges Un⸗ ternehmen in der Stadt beabſichtigten. Die Bürger⸗ Patrouillen, die unbewaffnet erſchienen, verſuchten bei einer Begegnung mit dieſen Leuten, wie es ſchien, nur die Mittel ernſter und eifriger Ueberredung, der aber von den zuſammengerotteten Schaaren nur ſcheinbar nachgegeben wurde, indem ſie aus der einen Straße ſich zurückzogen, um bald in noch ſtärkerer Anſamm⸗ lung auf anderen Straßen und Plätzen wiederzuer⸗ ſcheinen. Mirabeau, der einen ſcharfen Sinn für Bewegungen dieſer Art hatte, erkannte bald, daß die Volkshaufen nach einem beſtimmten Plan zu Werke zu gehen ſchie⸗ nen. Mit ſeinem feinen Ohr für die Volksſtimmen, erlauſchte er, daß im Publikum die Beſorgniß ver⸗ breitet war, es möchten die eingetretenen Ermäßigun⸗ gen für Brot und Fleiſch wieder zurückgezogen werden, da die wohlhabenden Bürger ſich geweigert, ſo ſtarke Zuſchüſſe zu der Stadtkaſſe zu zahlen, als der Mehr⸗ aufwand zur Deckung des Preisunterſchiedes erfordert hatte. Die Aufregung drückte ſich aber bereits in ſehr heftiger und tumultuariſcher Weiſe gegen einzelne her⸗ vorragende Perſonen aus, unter denen Mirabeau den Namen des Herrn de la Tour, des Intendanten der Provinz und den eines gewiſſen Rebuffet, der ſich als Pächter der Stadtzölle einen beſonders verhaßten Namen gemacht haben mochte, häufig nennen hörte. Nachdem Mirabeau zuerſt in einem Gaſthofe ab⸗ geſtiegen war, und ſich kaum einige Minuten zu ſeiner Erholung gegönnt hatte, ließ er ſich ein Pferd beſor⸗ gen, auf dem er noch, ungeachtet der ſchon vorgerück⸗ 1* — 164— ten Nachtſtunde, einen Ritt durch die Stadt und durch gewiſſe ihm ſehr wohlbekannte, beſonders von Ma⸗ troſen und Arbeitern bewohnte Theile derſelben unter⸗ nehmen wollte. Bevor er aber in dieſe, jetzt gefähr⸗ lich wogende Reviere hinabſtieg, wollte er ſich bei dem Militair⸗Commandanten Grafen von Caraman melden, um denſelben zu überzeugen, wie eifrig ſeiner Auffor⸗ derung durch ihn entſprochen worden ſei. Mirabeau traf den alten würdigen Herrn, mit dem er ſchon in Aix geſellſchaftlich zuſammengeweſen war, ſehr verzagt und in der übelſten Laune. Zwar zeigte er ſich erfreut, daß Mirabeau ſogleich herübergekom⸗ men war, aber er verhehlte ſeine Angſt nicht, daß die Ereigniſſe dieſer Nacht, denen er mit der größten Beſorgniß entgegen zu ſehen ſchien, die ſchlimmſte Geſtalt zeigen möchten. Beſonders ſchien er darüber im Zweifel, wie weit die Anwendung der Truppen gegen das Volk ſchon jetzt gerathen ſein dürfte. Die in Marſeille ſtehenden Regimenter waren in ihren Kaſernen eingeſchloſſen, und harrten vorbereitet des Augenblicks, wo ſie in Thätigkeit geſetzt werden ſollten. Herr von Caraman begehrte in dieſen Zweifeln den unumwundenen Rath Mirabeau's, nachdem er ihm mit großer Klarheit und Schärfe die Lage der Dinge auseinandergeſetzt hatte. Laſſen Sie die Truppen in ihren Kaſernen bleiben, was auch in dieſer Nacht ſich ereignen möge, ich beſchwöre Sie darum! rief Mirabeau lebhaft und mit der dringlichſten Gebärde. Ich werde mich dieſe Nacht nicht zur Ruhe begeben, ſondern auf meinem Pferde in den Straßen bleiben. Es wird mir bald gelingen, meine alten Freunde in Marſeille, die am Hafen wohnen, wieder aufzufinden, und durch ſie werde ich an den eigentlichen Heerd des Aufſtandes gelangen. Durch das Einſchreiten der Truppen würde die Sache ———— — 165— ſogleich einen Umfang gewinnen, den ich von vornher⸗ ein abzuſchneiden bemüht ſein will. Die Militairge⸗ walt iſt das unglücklichſte Werkzeng gegen einen Volks⸗ aufſtand, beſonders wenn derſelbe erſt in ſeiner Ent⸗ wickelung begriffen iſt. Einen Volksaufſtand kann man mit wirklichem Erfolg nur bezwingen, wenn man ſich in ſeine inneren Gründe einläßt, und ihn mit Ge⸗ rechtigkeit und Offenheit auf ſeine Prinzipienfrage zu⸗ rückführt. Ich kenne das Volk von Marſeille, es ſind die bravſten und prächtigſten Jungen darunter, und mit manchem derſelben verbindet mich eine wahre Freundſchaft. Ich werde mir dieſe, die mich im Hafen ſo oft ſpazieren gefahren haben, wieder herauslangen, und auf offenem Marktplatze mit ihnen eine Dispu⸗ tation über die Lebensmittelpreiſe abhalten. Ich werde ihnen beweiſen, daß die niedrigen Preiſe nachtheiliger ſind wie die hohen, und daß, wenn ſie bei dem Brot zu drei und einem halben Sons ſich nicht haben ſatt eſſen können, ſie bei dem Brot zu zwei Sous Hungers ſterben werden. Denn wenn man eine Sache unter ihrem Werthe haben will, hört man zuletzt auf, ſie zu haben. Ich werde meinen Freunden ſagen, und das müßt Ihr mir ſchon geſtatten, Herr Commandant, daß das Brot erſt billig, groß und richtig werden kann durch die Verſammlung der neuen Reichsſtände in Paris, und daß das Volk ſeinen Vertretern, die es ſich frei und ſelbſtſtändig wählen wird, überlaſſen muß, auch die Angelegenheiten ſeines Magens in Ordnung zu bringen. Glaubt Ihr, daß dies etwas helfen wird, Herr Graf? Der Commandant zuckte die Achſeln, und ſagte dann nach einer Pauſe: Man muß Alles verſuchen, und wir haben auf Euch die größten Hoffnungen ge⸗ ſetzt, Herr Graf von Mirabeau. Man wird es in Paris zu würdigen wiſſen, was Ihr hier im Inter⸗ — 166— eſſe der Ordnung thut. Ich kann es Euch im Ver⸗ trauen ſagen, daß man in Paris von mir begehrt, auf alle Eure Schritte in der Provinz ein wachſames Auge zu haben. Ich bin nicht der Mann für ſolche Aufträge. Hättet Ihr aber meine Bitte abgelehnt, hier als unſer Vermittler und Helfer zu erſcheinen, wozu Eure Verbindungen mit dem Volke Euch ſo vorzugsweiſe befähigen, ſo würde mir das ſchon einige Bedenken eingeflößt haben. Jetzt aber danke ich Euch von ganzem Herzen, Herr Graf.— Mirabeau drängte die Empfindlichkeit zurück, welche ihn bei dieſer Aeußerung des Commandanten faſt be⸗ ſchleichen wollte. Zwar empfand er es mit einigem Unwillen, daß man ihn eigentlich auf die Probe habe ſtellen wollen, indem man ihn zur Beſchwichtigung und zur Verſöhnung der erregten Volksmaſſen herbe⸗ rufen, aber er hielt es ſeiner ſelbſt für angemeſſener, ſich in ſeinen Abſichten nicht beirren zu laſſen, ſondern in ſeinem Sinne zu handeln. Er ſtürzte fort, und verſprach, noch im Lauf dieſer Nacht Bericht über die eintretenden Vorgänge entwe⸗ der ſelbſt zu überbringen, oder durch eine vertraute Perſon einzuſenden. Nachdem er ſich wieder in den Sattel ſeines Pferdes geſchwungen, lenkte er die Schritte deſſelben auf dem kürzeſten Wege und im eiligſten Trabe dem Meeres⸗ hafen zu. Durch das Gewinde kleiner und dunkler Straßen das Meer zu finden, würde ihm auch ohne ſeine genaue Kenntniß des Ortes jetzt leicht geworden ſein, da er nur dem donnernden Getöſe, mit welchem das ſtürmende Meer in dieſer Nacht gegen ſeine Ufer ſchlug, entgegenzureiten brauchte. Als er am Hafen anlangte, bemerkte er bei dem dämmernden Licht, welches der Leuchtthurm verbreitete, anfangs nur wenige dunkle Geſtalten, die ſich hier in — 167— unruhiger Bewegung auf⸗ und niederſchlichen, und von den ſchwarzen Schatten der Schiffe kaum zu unter⸗ ſcheiden waren. Ein unaufhörliches Geflüſter von Stimmen ſchien ihn aber bald hier bald dort zu locken, und er vernahm einzelne Ausrufungen um ſich her, die ihm bemerkenswerth genng erſchienen, um ſein Ohr zu feſſeln. Da brach der Mond durch die über dem Meere zuſammengehäuften Sturmwolken mit einem ſiegreichen Licht hervor, und überſtrahlte den ganzen Hafenplatz. Mit Verwunderung ſah Mirabeau jetzt daß er mit ſeinem Pferd mitten in einem großen Volkshaufen hielt, der ſich wie ein Knäuel von allen Seiten zuſammengeſchoben hatte, und in deſſen innerſte Kreiſe der Reiter allmählig eingedrungen, vielleicht auch nicht ohne einige Abſicht von Seiten der ſtill und lauſchend umherſtehenden Menge eingelaſſen wor⸗ den war. Wenigſtens ſchienen ihm das die höhniſchen und frech herausfordernden Geſichter zu beweiſen, denen er ſich jetzt plötzlich ganz nahe gegenüber ſah, und die von allen Seiten dicht auf ihn einzudringen ſchienen. Es iſt doch nichts mit unſerm Fang! rief eine grobe, lachende Stimme aus dem Haufen. Der ſieht weder wie reitende Polizei, noch wie ein verſprengtes Mitglied der ehrſamen Bürger⸗Patrouille aus. Es könnte eher ein davongelaufener Hofcavalier aus Paris ſein, der hierher geritten kommt, um ſich in's Meer zu ſtürzen, weil er es wahrſcheinlich nicht überleben kann, daß die ganze Hofwirthſchaft nun bald kläglich zu Grunde gehen wird! Ein brüllender Beifall der Menge folgte dieſen Worten. Mirabean aber glaubte die Stimme, die ihm einen ſo ungünſtigen Empfang hier bereiten wollte, erkannt zu haben. Er blickte ſich noch einmal nach — 168— dem Sprecher um, und rief dann mit ſtarker, Alle übertönender Stimme: Laurent! Laurent, komm her zu mir! Der mit dieſem Namen Angerufene ſtürzte ſogleich mit einem lauten Freudenſchrei herbei, und indem er ſich mit einer blitzſchnellen Bewegung an den Hals des Pferdes hinaufſchwang, um Mirabeau's Geſicht genauer zu erkennen, rief er daun jubelnd: Ja, wahr⸗ haftig, der Ton dieſer Stimme hat mich nicht ge⸗ täuſcht. Geſellen, das iſt Graf Mirabeau, der hier angekommen iſt! Er iſt ein Freund des Volks, und ſtößt zu uns, um uns beizuſtehn und anzuführen. Hollah, jetzt können wir trinmphiren! Die kleine unanſehnliche Figur des Mannes, der alſo geſprochen, drehte ſich bei dieſen Ausrufungen mit den pfeilgeſchwinden Bewegungen einer Eidechſe unter ſeinen Genoſſen umher, denen er leiſe einige Worte zuflüſterte, die ſich raſch unter ihnen weiter verbreiteten. Sein Geſicht ſchien ganz und gar mit ſchwarzem Ruß gefärbt, wodurch ſich ſeine Beſchäfti⸗ gung als Auslader auf den Kohlenſchiffen des Hafens charakteriſirte. Doch ſchien das Anſehn, welches er in dieſer Verſammlung gen?ß, weit über Rang und Stellung Laurent's hinauszugehen, und ſein Wort gab in derſelben ſichtlich den Ausſchlag, wie ſich auch in dieſem Augenblick durch die Bereitwilligkeit zeigte, mit der man ſeiner geheimen Aufforderung nachkam, und ein donnerndes Lebehoch für Mirabeau, das weit in das Meer hinaushallte, ausbrachte. Mirabeau lüftete ſeinen Hut, und indem er ſich im Sattel ſeines Pferdes höher emporhob, ſagte er mit ſeiner klangvollen, bis in den entfernteſten Winkel ver⸗ nehmbaren Stimme: Meine Freunde, denn ſo nenne ich Euch von ganzem Herzen, indem ich mich von Ench willkommen geheißen ſehe! So oft ich nach — 169— Marſeille komme, zieht es mich ſogleich hierher, um mit meinen alten Freunden, den Herren Hafen⸗Arbei⸗ tern, ein gutes Wort über die öffentliche Lage der Dinge auszutanſchen. Ihr werdet aber leicht einen weit beſſern Anführer finden können, als mich, wenn es einſt darauf ankommt, gegen Eure Feinde, die auch die meinigen ſind, die offene Volksſchlacht zu ſchlagen. Aber dieſer Augenblick iſt jetzt noch nicht erſchienen, und ich beſuche Euch auch nicht, um Euch anzuführen, ſondern um Euch von jeder Unternehmung, die Ihr noch im Schilde führt, zurückzuhalten. Denn es be⸗ kümmert mich tief, zu ſehen, daß Ihr Euch im Un⸗ recht befindet mit Allem, was Ihr ſeit einigen Tagen hier in Marſeille gethan, und was Ihr, wie mir ſcheint, noch ferner zu thun gedenkt. Aber man täuſcht ſich oft über ſein eigenes Intereſſe, doch ich, der ich über Eure Intereſſen ſtets auf das Ernſtlichſte nach⸗ gedacht habe, weiß es ganz beſtimmt, daß Ihr Euch durch falſche Anſichten über die Preiſe von Brot und Fleiſch in die Irre habt verlocken laſſen. Und indem Ihr Unrecht habt, wollt Ihr noch dazu Unrecht thun, und bedroht die Sicherheit Euerer Stadt mit Ge⸗ waltthätigkeiten, durch die Euch Brot und Fleiſch bald noch theurer kommen werden, als Ihr ſie je be⸗ zahlt habt! Ein dumpfes Grollen, das ſich auf mehreren Sei⸗ ten dieſer Volksverſammlung zu erheben begann, war die erſte Antwort auf die Anrede Mirabeaufs. Dann riefen mehrere Stimmen mit unheimlichen Drohlauten: Wer giebt Euch das Recht, uns zu tadeln und zu ſchelten? Wenn Ihr Euch in unſere Angelegenheit mengen wollt, ſo müßt Ihr auch wiſſen, wie uns zu Muthe iſt. Was weiß ein Graf davon, wieviel Brot und Fleiſch dem armen Manne koſten! Stille! Stille! gebot Laurent mit der heftigſten — 170 Anſtrengung ſeiner Lunge, indem er auf einen Pfahl geſprungen war, um von dieſem aus mit größerem Nachdruck ſeine Genoſſen anreden zu können. Das iſt keiner von den Grafen, die nicht wiſſen, wie den armen Leuten zu Muthe iſt! Das iſt Graf Mirabeau, der ungeachtet ſeines vornehmen Geſchlechts gern mit dem Volke von einem und demſelben Tiſche ißt, und der Euch genau auseinanderſetzen wird, wie viel Brot und Fleiſch koſten müſſen. Hört ihm aufmerkſam zu, denn er iſt ein Freund aller Hafen⸗Arbeiter von Mar⸗ ſeille, und er weiß es uns ganz genau zu ſagen, was uns Noth thut. WMirabeau wollte eben wieder ſeine Stimme er⸗ heben, als ſich in dieſem Angenblick von den an den Hafen angränzenden Straßen her ein neues, wildes Getöſe, das einen ſich heranwälzenden Volkshaufen anzukündigen ſchien, vernehmen ließ. Darüber erhob ſich auch in der Menge, in deren Mitte Mirabeau auf ſeinem Pferde ſtand, eine jubelnde Bewegung, und man wandte ſich der nen herandringenden Schaar zu, deren jauchzende und tumultuariſche Ausrufungen zu erkennen gaben, daß von ihr ſpeben irgend ein beſonderes Unternehmen in Ler Stadt ausgeführt wor⸗ den ſei. Mirabeau rief ſeinen Freund Laurent zu ſich heran, um von ihm etwas Näheres zu erfahren. Laurent berichtete, daß dieſer Trupp von hier ausgeſchickt wor⸗ den ſei, um einige Magazine in der Straße Vive Neuve einzuſchlagen und zu zerſtören, und auch gegen das Haus des Zollpächters Rebuffet Gewaltthätigkeiten auszuüben. Es ſeien die verwegenſten Kerle der Stadt dazu auserſehen geweſen, die jetzt auch mit der Nach⸗ richt zurückgekehrt wären, daß Alles wohl gelungen ſei, und daß man dem verhaßten Rebuffet die Fenſter mit Steinen eingeworfen, ihm alle ſeine Meubles zer⸗ — 171— trümmert und ſein ganzes Haus ansgeräumt und ver⸗ wüſtet habe. Ein Gleiches ſei dem Hauſe des Inten⸗ danten de la Tour geſchehen. Mirabeau ſah mit Verdruß, daß er die Zügel, die er zur Meiſterung des wilden Volkshaufens ſchon in den Händen zu haben geglanbt, wieder verloren habe. Mißmuthig drückte er ſeinem Pferde, das in dem wachſenden Tumult jetzt unruhig zu werden begann, die Sporen in die Weichen, indem er es der Menge, die ſich jetzt mit einer auffallenden Bewegung weiter hinunter zu dem Hafen begab, nachzog, um dieſelbe nicht aus den Augen zu verlieren. Plötzlich ſah er zu ſeiner Verwunderung, daß in dem Haufen eine Menge brennender Fackeln emporge⸗ taucht waren, die ihr grelles, ſeltſam drohendes Licht über die ganze Gegend warfen. Raſch ſchien ſich auch die Zahl dieſer Fackeln noch zu vermehren, indem eine nach der andern angezündet und, wie es ſchien, nach einer gewiſſen Verabredung vertheilt wurde. Dann erſcholl ein leiſes Pfeifen und Rufen, und Mirabeau glaubte zu verſtehn, daß man Laurents begehrte, den ſeine Genoſſen bei allen ihren Unternehmungen an der Spitze zu ſehen gewohnt waren, und der noch bei Mirabean, das Roß deſſelben am Zügel geleitend, zurückgeblieben war. Laurent ſchien ſich durch einige Wohlthaten, die ihm Mirabeau früher erwieſen, an ſeinen Gönner ge⸗ feſſelt zu fühlen, und wollte daher auch nicht aus ſei⸗ ner Nähe weichen, obwohl er den ſich nach ihm ſtei⸗ gernden Ruf der übrigen Geſellen vernahm. Ihr habt wohl noch etwas ſehr Schlimmes vor, Ihr gefährlichen Kerle? fragte Mirabeau ſeinen Be⸗ gleiter, der ſtumm und in ſich gekehrt vor ihm her⸗ ſchritt. Freilich, entgegnete Lanrent, indem er mit ſeinen — i ſeltſam blitzenden Augen zu Mirabeau emporblickte, es iſt darauf abgeſehen, den Hafen in Brand zu ſtecken, und dazu kommen jetzt ſchon überall die Fackeln hervor. Das liebe Meer ſoll ſich auch einmal baden, aber in Flammen, und meint Ihr nicht, daß das einen prächtigen Anblick geben wird. Den Leuten in der Stadt, die ſo viel Geld haben, aber nichts zu unſerer Erleichterung geben wollen, ſoll Angſt werden, indem ſie ſehen, daß wir zum Aeußerſten entſchloſſen ſind. Es kann allerdings noch eine tolle Nacht wer⸗ den, Herr Graf. Mitten im Wirrwarr denken wir auch die Gefängniſſe der Stadt zu öffnen, in denen ſo viel brave Leute aus dem Volke ſchmachten. Welche Tollheit, Laurent! rief Mirabeau, indem er mit der größten Beſtürzung dieſe Abſichten ver⸗ nahm. Geh' hin, und ſuche Deine Genoſſen von dieſem Plan abzubringen, der ebenſo unglücklich als verbrecheriſch iſt, und Euch ſelbſt nur Schaden bringen kann. Du warſt doch ſonſt ein vernünftiger Menſch, mit dem ſich ein ordentliches Wort über die ganze Welt reden ließ, und wie häufig haben wir zuſammen philoſophirt, wenn ich Dich mit in das Meer hinaus⸗ nahm, und Du für den Kehn ſorgteſt, während ich unter Dir in der Welle ſaß und badete. Nun fordere ich von Dir, daß Du all Dein Anſehn bei Jenen auf⸗ bieteſt, und ſie zurückbringſt von dem wahnſinnigen Vorſatz, der zugleich ſo viel Leben und Eigenthum un⸗ ſchuldiger Leute gefährden kann! Ich vermag nichts, entgegnete Laurent kleinmüthig. Wenn Ihr aber noch einmal zu ihnen ſprechen wollt, ſo vergeßt nicht, daß wir wirklich Nothleidende ſind, und daß man uns wenigſtens einen Troſt für die Zukunft geben muß, wenn wir nicht offenen Krieg anfangen ſollen mit Allen, die uns jetzt drücken und übervortheilen! eeeee — 173— Mirabean gab jetzt ſeinem Pferde heftiger die Sporen und ritt dann mit einem ſtürmiſchen Anſatz mitten in den tobenden Haufen hinein, der ſeine un⸗ heilvollen Anſchläge eben genauer verabreden wollte. Löſcht Eure Fackeln wieder aus, meine theuren Freunde! rief er ihnen zu, indem er zugleich von ſeinem Pferde herunterſprang, und die Zügel deſſelben in die Hände eines der wildeſten Geſellen legte, der ſich in der Ueberraſchung, die ihm widerfuhr, ganz gutwillig in den ihm damit zuertheilten Auſtrag ſchickte. Dann ging Mirabeau unter ihnen umher, um die Geſichter zu muſtern und mit den Einzelnen, die ihm danach ausſahen, ſich in ein Geſpräch einzu⸗ laſſen, oder ihre Zuſtimmung für ſeine Anſicht, daß man den heiligen Streit für die Rechte des Volkes nicht ſo beginnen dürfe, unter herzlichem Schütteln der Hände zu gewinnen. Und darf ich Euch nun auseinanderſetzen, meine thenern Freunde, warum Ihr Euer Brot und Fleiſch nicht billiger erhalten könnt? fragte Mirabean, indem er ſich auf einen nahe am Ufer des Meeres liegenden Stein ſtellte und von dieſem aus die ihn mit ihren Fackeln umdrängende Menge überſchaute. Das nächtliche Meer begann in dieſem Angenblick mit einer gewaltigen Sturmfluth aufzurauſchen. Die Wogen warfen ſich mit branſendem und ziſchendem Ungeſtüm an das Geſtade, und ſchütteten ihren weißen Schaum auch über den Stein hin, den Mirabeau ſich zu ſeiner Rednertribüne genommen hatte. Die von den Winden gejagten Wolken thürmten ſich mit einer gleich einem ſchwarzen Rieſenſchleier dahinflatternden Maſſe über dem Horizont auf. Die Verſammlung ſtand jetzt im tiefſten Schweigen umher und lanſchte, was Graf Mirabeau ihr ſagen würde. Was das Brot anbetrifft, meine theuren Freunde, — 174— begann Mirabeau wieder, ſo giebt es für daſſelbe zwei Hauptpunkte, die man zuerſt in's Auge faſſen muß. Erſtens kommt es darauf an, daß es über⸗ haupt Brot giebt, und zweitens, daß es nicht zu theuer iſt. Ein ungeheures Beifallsgemurmel durchlief bei dieſen Worten die Menge. Bravo! Bravo! ſchrie es von allen Seiten. Graf Mirabeau hat Recht! Darauf allein kommt es an! Mirabeau mußte lächeln über dieſe Bereitwilligkeit der Gemüther, die ihm ſchon entgegenzufliegen began⸗ nen. Mit einer ernſten und feierlichen Miene aber fuhr er fort: Nicht wahr, meine Freunde? Schon bei dieſer Hauptſache, mit der ich anfangen mußte, nämlich, daß das Brot überhaupt vorhanden ſein muß, und daß es nicht zu theuer ſein darf, habt Ihr mir Recht gegeben. Aber auch darin, hoffe ich, wer⸗ det Ihr mir Recht zuertheilen, wenn ich Euch ſage, daß das Brot nicht billiger gegeſſen werden darf, als es koſtet. Und hier muß ich Euch mit der Offenheit eines aufrichtigen Freundes ſagen: Es kommt nicht blos darauf an, daß das Brot, welches Ihr eſſet, nicht zu theuer ſei, ſondern es kommt auch darauf an, daß das Getraide, aus welchem bekanntlich das Brot gemacht wird, billig ſei! Ja, das Getraide muß billig ſein! rief es in dem ſich immer dichter um den Redner drängenden Haufen. Es lebe Graf Mirabeau! Wie fein und treffend dieſe Bemerkung iſt! Er iſt ein wahrer Freund des Volkes, dieſer Mirabean! Das Getraide iſt aber jetzt nicht billig, meine Freunde! begann Mirabeau wieder mit ruhigem Ernſt. Ihr ſeid gerechte und vernünftige Männer; ſprechen wir uns ein wenig über dieſen Punkt miteinander aus. Das Getraide iſt jetzt überall thener, und wie⸗ ſollte es zugehn, daß es gerade in Marſeille wohlfeil wäre? Denn rings um uns her ſind die Ernten ſchlecht geweſen oder mittelmäßig, Gott hat es ſo ge⸗ wollt, und in einem andern Jahre wird er uns dafür den Ueberfluß ſchenken. Auch tragen die Kriegs⸗ ereigniſſe in fernen Gegenden eine Schuld an dem Mangel. Ihr wißt ja, meine würdigen Freunde, das Getraide, welches Ihr verſpeiſt, kommt nicht aus dieſer Eurer Gegend hier. Ein Weniges kommt aus andern Theilen Frankreichs, der größte Theil aber aus Ame⸗ rika und Afrika. Das Getraide Afrika's kaufen aber jetzt die Türken hinweg, die ſich in einem Kriege be⸗ finden, und ebenſo macht es der Krieg Nen Englands mit Algier, daß jetzt weniger Schiffe aus dieſen Ge⸗ genden zu Euch gelangen. Da aber das Korn in andern Ländern noch bei weitem theurer iſt, als bei uns, ſo kommen viele der Kauflente, die uns ſonſt ihr Getraide gebracht haben würden, gar nicht mehr hier⸗ her, und verkaufen es lieber da, wo es am theuerſten iſt. Wie aber wollt Ihr den, der theures Getraide kauft, nöthigen, daß er Euch billiges Brot daraus backe? Er würde ja lieber aufhören, überhaupt Ge⸗ traide zu kaufen, und wir könnten darüber vor Hun⸗ ger ſterben. Was meint Ihr dazu, meine Freunde? Habe ich den Gang Euerer eigenen Gedanken jetzt richtig wiedergegeben? Es erfolgte ein neuer, noch ſtärkerer Ausbruch des Beifalls. Der kleine Laurent hatte ſich auf das Pferd Mirabeau's geſchwungen und rief, auf dem Sattel ſtehend, mit einer kreiſchenden, weithin dringenden Stimme herunter: Das Getraide iſt jetzt theuer, weil es die Türken ſo theuer machen, und wir in Marſeille hier können nicht dafür. Graf Mirabeau lebe noch⸗ mals hoch, und abermals hoch, daß er uns dies ſo herrlich auseinandergeſetzt hat! — Kaum aber hatte er dieſe bei ſeinen Genoſſen höchſt einflußreichen Worte geſprochen, als er durch eine unruhige Bewegung, welche das Pferd machte, von dem Sattel heruntergeworfen wurde und mit einem lauten Seufzer des Schreckens einem ſeiner Freunde unten in die Arme fiel. Dieſer Vorfall riß die ganze Verſammlung zu einem nicht enden wollen⸗ den Gelächter hin, welches in ſeiner Ausgelaſſenheit ebenfalls darauf hindeutete, daß die aufgeregten und gewaltſamen Entſchlüſſe, gegen welche Mirabeau die ganze Kunſt ſeiner Rede aufwandte, ſchon zurückzu treten anfingen. Nachdem es wieder ſtiller geworden war, begann Mirabeau von Nenem: Jeder Menſch, der arbeitet, iſt ſeines Lohnes werth. Auch die Bäcker müſſen für ihre Mühe bezahlt werden, denn das Getraide ver⸗ wandelt ſich nicht von ſelbſt in Brot, es muß gebacken werden. Ihr ſeid Alle Arbeiter, und ich rechne mich zu Euch, denn kann es eine größere Ehre für uns geben, als daß wir arbeiten, Jeder nach ſeinen Kräſ⸗ ten? Und wollen wir gerade die Bäcker aus dem heiligen Stand der Arbeiter ausſtoßen, indem wir ſie nöthigen, weniger zu verdienen, als ihnen zukommt? Und irgend Einer wird doch den Verluſt tragen müſſen, der entſteht, wenn Ihr ein Brot, welches drei und einen halben Sous koſtet, für zwei eſſen wollt. Soll aber die Gemeinde den Ausfall decken, ſo frage ich Euch, wer iſt denn die Gemeinde? Die Gemeinde, das iſt nicht etwa ein fabelhafter Drache, der in einer Höhle wohnt und goldene Eier ausbrütet. Die Ge⸗ meinde, das ſeid Ihr ja ſelbſt, und wen man von Euch bisher noch nicht in die Gemeinde hineingerechnet hat, der ſoll künftig doch ein berechtigtes Glied der⸗ ſelben ſein. Dafür bürgt Euch Mirabean, der in Paris, ſobald die neuen Reichsſtände tagen, das Wort — 177— für Euch, für alle Eure Rechte, für Euer Brot und Fleiſch, nehmen wird. Denn mit dem Fleiſch iſt es gerade ſo, wie mit dem Brot. Muß ich Euch das auch noch auseinanderſetzen, oder wolkt Ihr mir jetzt glauben, und wollt Ihr Geduld haben, wie wir es Alle haben müſſen, bis die beſſere Zeit gekommen iſt, und bis der König und die ganze Nation ihre Wie⸗ dergeburt zur Freiheit vollbracht haben werden? Dann werden Brot und Fleiſch ſo billig ſein, als wenn Ihr ſie hier aus dem branſenden Meere Euch mit der Hand herausgeſchöpft hättet. Heut aber werft Eure Fackeln und Eure Pechkränze in das Meer hinab, denn Ihr wollt ja noch Geduld haben, wie ich aus Euren braven Mienen erſehe, Ihr wollt wieder die alten Preiſe zahlen, zu denen die Behörde zurückkehren muß, wenn nicht Alles drunter und drüber gehen ſoll, und Ihr wollt, mit Einem Wort, redlich in Eurer Armuth und groß und gut in Eurer Bedrängniß ſein! Nach dieſem Wort entriß Mirabeau einem der nächſtſtehenden Leute die Fackel und ſchleuderte dieſelbe mit mächtigem Arm weit in das Meer hinaus, ſo daß ſie mitten in den Wogen kniſternd und ziſchend verlöſchte. Der Erſte, welcher dieſem Beiſpiel folgte, war Laurent, und bald entſtand ein Wetteifer, mit dem ſich Alle ſcherzend und jubelnd bemühten, ihre Fackeln ſo geſchickt als möglich zu werfen, und damit eine beſtimmte Stelle im Meere, wo ein gemeinſames friedliches Grab für dieſe erſt ſo drohenden Brände gefunden werden ſollte, zu erzielen. Es währte kaum einige Minuten, ſo war wieder eine vollſtändige Dun⸗ kelheit am Strande eingetreten, und Mirabeau ver⸗ mochte die Geſtalten, mit denen er ſoeben noch ver⸗ kehrt hatte, nicht mehr deutlich zu erkennen. Er tappte ſich zu ſeinem Pferde hin, das längſt ungeduldig ſeines Reiters geharrt zu haben ſchien, Mirabeau II. 12 und die Annähernng deſſelben ſcharrend begrüßte. Indem er ſich nun eilig auf den Rücken des Thieres hinaufſchwang, war es ihm, als ſei es ſchon menſchen⸗ leer und einſam um ihn her geworden. In dem Au⸗ enblick aber, als das Pferd jetzt pfeilgeſchwind mit Miraheau davonjagte, vernahm er plötzlich wieder jubelnde Stimmen, die hinter ihm her ſeinen Namen riefen und ſich mit den Wogen des Meeres ranſchend vermiſchten. Mirabeau ritt in die Stadt zurück, um zuerſt dem würdigen Grafen von Caraman ſeinen Bericht zu er⸗ ſtatten. Der Commandant ſchlief aber, und Mirabeau wollte den alten Herrn nicht wecken laſſen, da er jetzt ſelbſt für die Ruhe von Marſeille bürgen zu können glaubte. Dann ſpornte er ſein Pferd weiter und be⸗ gab ſich auf die Präfectur der Stadt, um die Ge⸗ traidevorräthe, die noch in Marſeille lagerten, ermit⸗ teln zu laſſen. Mit der größten Mühe brachte er die dazu nöthigen Beamten zuſammen, aber das günſtige Ergebniß der von ihm angeſtellten Ermittelungen ſchien ihn für alle ſeine Anſtrengungen zu belohnen. Es fand ſich, daß die Getraide⸗Vorräthe noch anſehn⸗ lich genug waren, um arf drei Monate und länger keinen Ausfall der Lebensmittel befürchten zu dürfen. Mirabeau ritt in ſein Hötel zurück, nicht um ſich Ruhe zu gönnen, ſondern um einen Aufruf, den er in ſeinem Namen an das Volk von Marſeille richten wollte, niederzuſchreiben. Dann beſtieg er wieder ſein Pferd und ritt, mit dem Blatt in der Hand, in eine Druckerei, um ſeine Proclamation, die ſchon mit dem anbrechen⸗ den Licht des Tages an allen Straßenecken von Mar⸗ ſeille angeſchlagen ſein ſollte, drucken zu laſſen. Auch hier mußte er erſt das dazu nöthige Perſonal zuſam⸗ mentreiben, indem er ſich nach verſchiedenen Straßen zu begeben hatte, um die Setzer und Drucker, die — 179— noch ſchliefen, auf die Beine zu bringen. Mit der Unermüdlichkeit ſeines Eifers hielten ſeine rieſenhaften Körperkräfte ſo ſehr gleichen Schritt, daß er, nachdem auch dies Geſchäft vollendet, noch einen Spazierritt zum Hafen hinunter unternahm, um den erwachenden Morgen am Meeresſtrande zu begrüßen, und in der friſchen Luft ſeine einzige Erholung zu ſchöpfen. Einige Male im Hafen auf und ab reitend, bemerkte er zu⸗ gleich, daß die Hafen⸗Arbeiter, die ſeit einigen Tagen gefeiert hatten, ſich heut wieder in der größten Regel⸗ mäßigkeit und Ruhe an ihre Arbeiten begaben. Meh⸗ rere unter ihnen erinnerten ihn an die wilden Geſich⸗ ter der verwichenen Nacht, und er ſah an ihren theils lächelnden, theils beſchämten Grüßen, daß er ſich nicht getäuſcht. Andere ſtanden mit dem Ausdruck einer faſt abergläubiſchen Verwunderung ſtill, indem ſie es nicht begreifen zu können ſchienen, daß derſelbe Reiter auf ſchwarzem Roſſe, deſſen wunderbarem Einfluß ſie in der Nacht unterlegen waren, noch immer auf der⸗ ſelben Stelle an ihrem Strande verweile und ſie mit ſeinen Adlerblicken fortgeſetzt zu beaufſichtigen ſcheine. Mirabeau bemerkte lächelnd, daß ſie ſich bei ſeinem Anblick nur um ſo eiliger an ihre Arbeitsſtätten be⸗ gaben, um, wie es ſchien, ihren guten Willen vor ſeinen Augen zu beweiſen. Als Mirabeau jetzt an eine der Straßenecken ge⸗ langte, welche zunächſt am Hafen lagen, ſah er, daß ſein Aufruf an das Volk von Marfeille dort bereits angeſchlagen war. Die erſten Strahlen der aufgehen⸗ den Sonne, welche blitzend auf das ziemlich große und umfängliche Druckblatt fielen, hatten auch den vorbeiziehenden Arbeitern die Schrift gezeigt, die vor⸗ zugsweiſe zu ihrer Kunde beſtimmt war.*) Als Mi⸗ MAvis de Mirabeau au penple de Marseille“ bei Mon- tigny V. 411. 12 — 180— rabeau näher herzukam, war ſchon ein ganzer Trupp von Arbeitern beſchäftigt, den Anſchlag zu leſen und ſeine Gloſſen, die aber meiſt ſehr günſtig klangen, darüber laut werden zu laſſen. Seine Anweſenheit war bald bemerkt worden, und einer der Arbeiter trat, ehrerbietig grüßend, an ſeinen Steigbügel heran, und ſagte: Das habt Ihr gut ge⸗ macht, Herr Graf, und wir danken Euch Alle dafür! Es ſteht nun erſt recht Alles feſt, indem Ihr die gol⸗ denen Worte, die Ihr uns in dieſer Nacht geſagt, nun auch mit dieſen ſchönen großen Lettern für uns zum Andenken habt drucken laſſen. Mirabeau erkannte ſeinen Freund Laurent, der ihm mit ſeiner feinen trompetenden Stimme dieſe Aner⸗ kennung ſpendete. Als aber Mirabeau jetzt nach einigen herzlichen Worten, die er an die Arbeiter richtete, weiter reiten wollte, faßte Laurent noch einmal an den Zügel des Pferdes, und bat um ein Wort der Aufklärung ſür ſich und die Uebrigen. Iſt es Euer Ernſt, ſagte er dann, daß Ihr uns in Euerer Rede, die dort an der Mauer klebt, ſoviel vom König ſprecht, und uns noch ganz beſonders auffordert, dieſen guten Mann nicht zu betrüben, ſondern, wie es hier zum Schluß Eures Aufrufes heißt:„ſeiner Güte und Liebe für uns ein⸗ gedenk zu ſein, und ſchon bei dem Gedanken an die Freude, welche wir ihm durch unſere Ordnung und Folgſamkeit machten, Thränen des Entzückens zu vergießen.“ Auch in der Nacht erwähntet Ihr gegen uns den König, was Vielen von uns ſehr aufge⸗ fallen iſt. Wie konnte Euch das auffallen? ſagte Mirabeau mit einem ernſten und gewichtigen Ausdruck. Der König ſteht an der Spitze der Nation, wie das Haupt an der Spitze der Glieder. In dieſer ſtürmiſchen — 181— Nacht, als ich Euch Alle ſo vor mir herumwogen ſah mit Euern Fackeln, bin ich wieder etwas monarchiſch geworden. Das heißt, Ihr dürft nicht mißverſtehen, meine Kinder. Ich glaube, wenn König und Volt ſich lieben, ſo müſſe das ein ſehr gutes und nützliches Verhältniß geben. Zu einer ſolchen Liebe gehört aber Viel. Wenn das Volk den König in ſeine Mitte her⸗ einzieht, ſo kann es an ihm einen Freund haben, auf den es ſich oft mehr verlaſſen darf, als auf ſich ſelbſt. Denn haben wir es nicht oft ſchon als eine Wohlthat erkannt, unſere regellos umherſchweifenden Triebe durch den feſten Willen eines Freundes gebunden zu ſehen, eines Freundes, der eben darum unſer Freund iſt, weil er ein Theil unſrer ſelbſt iſt, und unſer Wille immer in dem ſeinigen aufblüht. Darum ſage ich Euch: liebt den König und ruft ihn unaufhörlich an in Euren Nöthen, denn er muß Euch lieben, wie ſich ſelbſt, und ſeine Intereſſen ſind mit den Eurigen un⸗ auflöslich verbunden!*) Nachdem dies ſchweigend mit angehört worden, ſetzte Mirabeau unter höflicher Begrüßung der Menge ſeinen Weg fort. Vereinzelte Ausrufungen: es lebe der König! klangen hinter ihm her. Nachdenklich ritt Mirabeau wieder in die Mitte der Stadt zurück. Er wollte jetzt ſeinen Beſuch bei dem Grafen von Caraman machen, den er nunmehr wachend zu finden hoffte, und ſtieg vor dem Hauſe des Commandanten ab. Der Graf trat ihm mit einem ſehr beſtürzten und ſorglichen Geſicht entgegen, während Mirabean einen frendigen Dank auf demſelben erwartet hatte. Sie wiſſen noch nicht, wie gut es in Ihrem Marſeille ſteht? fragte Mirabean mit einem etwas ge⸗ reizten Ton. * *) Aus der Proclamation Mirabeau's an vas Volk von Marſeille. — 182— Ich weiß Alles, erwiderte Graf Caraman. Sie haben ausgezeichnet gewirkt, Herr Graf, und wir ver⸗ danken Ihnen die Wiederherſtellung der Ruhe in un⸗ ſerer Stadt. Auch der Sinn, in dem Sie es thaten, wird gewiß in Paris mit Beifall und Anerkennung bemerkt werden, denn Sie haben bei dieſer Gelegen⸗ heit zugleich die Liebe des Volkes zu unſerm guten König zu ſtärken gewußt. Man wird Ihnen dies in Paris ſehr hoch anrechnen, und ich werde das Mei⸗ nige dabei nicht unterlaſſen. Aber es ſind neue ſehr betrübende Nachrichten eingelaufen, die mich wahrhaft in Schrecken ſetzen. In Aix iſt dieſelbe Kataſtrophe ausgebrochen, und es ſcheint dort nicht minder ſchlimm hergehen zu wollen als in Marſeille. Gleichzeitig wird aus Toulon gemeldet, daß die Truppen des Königs dort ſehr empfindlich vom Volke gemißhandelt worden ſind. Ich fürchte, wir gehen unglücklichen Zeiten entgegen. Nein, Herr Graf, erwiderte Mirabeau lebhaft und zuverſichtlich, die Zeiten, welche kommen, ſind nicht unglücklich, aber die Zeiten, welche gehen, werfen ihren unglücklichen und laſterhaften Schatten noch auf unſere Häupter! Nach Aix, wo ich lauter gute Freunde unter dem Volke habe, werde ich zur Stunde eilen, obwohl ich ſeit meiner Abreiſe von dort noch nicht geruht und ſeit meiner Ankunft in Marſeille buchſtäblich noch nicht vom Pferde heruntergekommen bin. Aber ich werde die Ruhe auch in Aix herſtellen, und zwar noch heut, Ihr könnt Euch ganz ſicher darauf verlaſſen. Man will aber gerade Euch eine Schuld an dem Aufſtande in Aix beimeſſen, ſagte der Commandant, indem er Mirabean mit einem halb mißtrauiſchen Blick von der Seite betrachtete. Mir wird aus Air angezeigt, daß Euer Verkehr, den Ihr dort mit dem Volke unterhaltet, ein ſehr aufregender geweſen, und — 183— daß die Leidenſchaften der Maſſe von Euch ange⸗ ſtachelt und nach einem beſtimmten Ziel hingelenkt worden ſeien. Das haben die Herren Lehngutsbeſitzer der Gegend angezeigt, ich glaube es! erwiderte Mirabeau lachend. Dieſe verblendeten und kurzſichtigen Herren haben mir ja die Rolle des Volkstribunen aufgenöthigt, aber wenn ich dieſe Rolle gegen ſie ſpiele, ſo geſchieht es erſt recht im Intereſſe der Wahrheit und Ordnung. Adieu, Herr Commandant, ich werde die Ehre haben, Ihnen heut Abend noch, ſpäteſtens morgen früh einen zufrie⸗ denſtellenden Bericht aus Air einzuſenden.— Nach dieſer Verabſchiedung eilte Mirabeau in ſein Hötel zurück und ließ ſich Poſtpferde beſtellen. Er wollte, um noch raſcher einzutreffen, den Weg von Marſeille nach Aix im Steigbügel zurücklegen, und flog bald auf einem guten und ſtarken Renner in ſtür⸗ miſcher Haſt über die Landſtraße dahin. Es war Markttag, und der Verkauf der Lebens⸗ mittel in den Hallen ſollte eben beginnen, als Mira⸗ beau in Aix anlangte. Bei Betrachtung der Volks⸗ haufen, die in den Straßen umherſtanden, erkannte Mirabeau mit ſeinem Scharfblick ſogleich, daß es auf einen Markttumult abgeſehen ſei, um den hohen Fleiſch⸗ und Brotpreiſen, die auch in Aix jetzt das höchſte Mißvergnügen erregt, den offenen Widerſtand des Volkes entgegenzuſtellen. Auch Truppen begegneten ihm in den Straßen, die an einzelnen Stellen mit einer beſtimmten Ordre aufgeſtellt zu ſein ſchienen. Mirabeau eilte zuerſt zu dem oberſten Befehlshaber der in Air ſtehenden Truppen, und wirkte bei dieſem durch ſeine nicht ruhende Ueberredungskraft aus, daß ſämmtliche Truppen von den öffentlichen Plätzen zurück⸗ gezogen wurden. Unter Hinweiſung auf das, was ſo glücklich in Marſeille vollbracht worden, gelang es — 54 ihm, daß man die Sicherheit der Stadt und des Marktes ihm anvertraute, und ihn an der Stelle aller Militairgewalt eine Bürgermiliz bilden ließ, die er mit einer bewundernswürdigen Schnelligkeit in den Straßen entſtehen zu laſſen wußte. Mirabeau begab ſich zu einigen der namhaſteſten Bürger, mit denen er vertraut geworden, in die Häu⸗ ſer, nahm mit ſeiner unwiderſtehlichen Beredſamkeit ihre Hülfe zur Bildung von Bürger⸗Piquets in An⸗ ſpruch, und nachdem er dieſe kleinen Schaaren veran⸗ laßt hatte, ſich ihre eigenen Anführer zu ernennen, vertheilte er ſie theils an den Thoren, theils im Innern der Stadt, und konnte ſich in kurzer Zeit ſchon als den Herrn von Aix betrachten. Nichtsdeſtoweniger be⸗ gannen an einzelnen Theilen der Stadt Unruhen aus⸗ zubrechen, weil das Volk die freie Zufuhr des Getrai⸗ des auf den Markt hindern und ſich im Voraus der damit herankommenden Wagen bemächtigen wollte. Mirabeau erſchien dort zu Fuß und miſchte ſich unter die am meiſten drohenden Volkshaufen, indem er ſich mit jedem Einzelnen in ein Geſpräch einließ, und ihnen das Verſprechen abnahm, vernünftig und gerecht ſein zu wollen. Donn redete er wieder ganze Schaaren an, und ließ ſich von ihnen, was einen be⸗ ſonders ſchmeichelhaften Eindruck auf ſie hervorzubrin⸗ gen ſchien, ihr Ehrenwort geben, daß ſie keinen Ver⸗ ſuch mehr machen wollten, den Frieden zu ſtören. Dann lief er von Poſten zu Poſten, um unaufhörlich ſeine Aufmunterungen und Anordnungen zu geben, und jeder ſich noch darbietenden Schwierigkeit entgegenzu⸗ wirken. Auf die Anzeige, daß mehrere Gemeinden der Umgegend den Einwohnern von Aix zur Hülfe herbei⸗ zögen, ſtürzte er auf die Landſtraße hinaus, ging ihnen entgegen, und zwang ſie blos durch ſein Wort, welches er an ſie richtete, auf der Stelle wieder umzukehren. — 185— Ebenſo ſehr als die unwiderſtehliche Gewalt, welche Mirabeau, man wußte nicht wie, ausübte, war es der faſt rührende Eindruck ſeiner perſönlichen Auf⸗ opferung und begeiſterten Hingebung, wodurch die Gemüther des Volkes zu ihm hingelenkt und an ſeine Winke und Worte gefeſſelt wurden. Man umſtand ihn zuletzt auf dem Markt in unabſehbaren Schaaren und hatte alles Andere, den Markt, die Preiſe von Fleiſch und Brot, den gewaltſamen Widerſtand, ver⸗ geſſen, nur ihn, den Freund des Volkes, ihren Vater, wie ihn viele Arbeiter heut treuherzig nannten, woll⸗ ten ſie noch ſehen und hören. Männer, Frauen und Kinder drängten ſich ſo dicht als möglich an ihn, und benetzten ſeine Hände und ſeine Kleider mit ihren Thränen, indem ſie allen ſeinen Schritten folgten und ihn nnaufhörlich ihren Gott, ihren Retter nannten, der, wenn er immer bei ihnen wäre, ihnen zu ihrem Recht verhelfen und ſie vor Gewalt und Hunger ſchützen würde.*) Während ſich dies auf den Straßen von Aix zu⸗ trug, kamen mehrere Herren vom Adel, mit Waffen verſehen, ſcheltend und lärmend herbei, indem ſie ſich den von der Bürgerſchaft gebildeten Piquets näherten, und das Verlangen ausſprachen, daß man ihnen die Offiziersſtellen in dieſer Bürgergarde einränmen ſolle, die ihrem Range und ihrer Würde gebührten. Unter dieſen befand ſich auch der Marquis von Marignane und einige andere Herren, die bei dem Ausſchluß Mirabeau's aus der Adels⸗Verſammlung der Provence ſich damals beſonders thätig bewieſen hatten. Mirabeau ordnete ſeinen Freund und Compagnon, den Tuchmacher Le Tellier, an ſie ab, und ließ ihnen Nach einer Schilderung, weſche Mirabeau ſelbſt von dieſer Scene entworfen. Momtiguy V. 305. agen, daß ſie ſich wieder dorthin begeben möchten, wo ſie die letzten vierundzwanzig Stunden der Unruhe und Gefahr verweilt, nämlich in den Verſteck ihrer Häuſer und in die Keller, wo ſie ihre Schätze in Sicherung gebracht hätten. Dann, nachdem Mirabeau ſein Werk für vollendet halten durfte, begab er ſich in ſein Hötel zurück, um ſeine Freundin Henriette, die er noch nicht wiederge⸗ ſehen, zu begrüßen. Sie trat ihm mit leuchtenden Augen entgegen, und neigte ſich in tiefer Verehrung vor ihm, indem ſie unaufhörlich ſeine Hände küßte. Das Gerücht hat es mir ſchon zugetragen, was Du Großes und Schönes vollführt, Mirabeau, ſagte ſie, und ich wollte mich eben auf die Straße hinunter begeben, um mich unter die Schaaren zu miſchen, welche Dir jauchzend danken und Dich bewundern. Aber nun biſt Du da, und ich möchte vor Dir nieder⸗ knieen dürfen! Nein, mein Schatz, erwiederte er, ſie in ſeinen Armen auffangend, jetzt kommt eine beſſere Zzit, wo kein Menſch mehr vor dem andern niederknieen darf, weil alle ſich gleich ſind durch das Maaß ihrer Liebe und ihrer Freiheit. Auch haben wir keine Zeit mit uns ſelbſt zu verlieren, Yet⸗Lie, denn jetzt, nachdem ich hier fertig bin, will ich auf der Stelle mit Dir nach Paris reiſen. Was ich hier gethan, wird mir vielleicht helfen, meine Angelegenheiten jetzt beſſer in Ordnung zu bringen. Wie, rief Henriette, Du willſt daran denken, ſo⸗ gleich wieder abzureiſen, und haſt Dir ſeit ſechsund⸗ dreißig Stunden keine Ruhe, vielleicht nicht einmal Nahrung gegönnt? Es iſt wahr, entgegnete Mirabeau, ich habe ſeit⸗ dem faſt immer zu Pferde geſeſſen, und meine Nahrung hat nur in einem zufällig erwiſchten Glaſe Rothwein — 187— und einem Weißbrot beſtanden. Aber ich fühle mich noch immer kräftig und unternehmungsluſtig wie ein junger Gott, und ſehe nicht ein, wozu man die koſt⸗ bare Zeit mit Ruhen und Schlafen vergeuden ſoll, während die Feinde in Paris mir den Weg zur Na⸗ tionalverſammlung abſchneiden wollen. Nein, im Gegentheil, Yet⸗Lie, wir haben jetzt die größte Eile, dorthin zu kommen. Die Extrapoſt muß in einer halben Stunde vor der Thür ſtehen. Daraus wird nichts, entgegnete Henriette mit der feſten und faſt herriſchen Entſchiedenheit, mit der ſie in gewiſſen Momenten Mirabeau gegenüber zu treten wußte. Du bleibſt hier, mein Freund, und morgen früh zur guten Stunde wird unſere Extrapoſt vor der Thür halten. Deine Kräfte ſind doch erſchöpft, Du magſt ſagen, was Du willſt, und wenn Du Dich nicht ſchonſt, wirſt Du krank werden, und kannſt im Bett liegen, während die National⸗Verſammlung, auf die Du all Dein Dichten und Trachten gerichtet haſt, ihre Sitzungen abhält. Mit Einem Wort, ich laſſe Dich heut nicht mehr abreiſen. Du gefällſt mir in dieſem Trotz, wie immer, ver⸗ ſetzte Mirabeau, indem er ſie mit zärtlichen Blicken betrachtete, und lediglich aus dieſem Grunde will ich noch die Nacht hier bleiben. Du wirſt aber ſehen, daß meine Kräfte keineswegs erſchöpft ſind. Da Du es jedoch nöthig findeſt, ſoll auch noch ein gutes Souper unſerer Nachtruhe vorangehen. Brot und Fleiſch der übrigen Menſchen haben mir allerdings ſeit ſechsunddreißig Stunden genug zu ſchaffen gemacht, und ich hätte es wohl verdient, nun auch an meine eigene Nahrung zu denken. Willſt Du mir Brot und Fleiſch geben, Yet⸗Lie, Du, deren Liebe mir ſtets ſtär⸗ kender geweſen, als alle Nahrung der Welt? Henriette erwiederte erröthend: Du bedarfſt wahr⸗ — 188— lich der Ruhe, mein Freund. Morgen, nicht allzu früh, werden wir nach Paris aufbrechen.—— Der Abgeordnete des dritten Standes. Mirabeau hatte nur einige Wochen in Paris zu⸗ gebracht. Es war ihm durch einige ſeiner Frennde gelungen, raſch eine Verſtändigung mit dem Miniſte⸗ rium zu Stande zu bringen. Das Buch über die geheime Geſchichte des berliner Hofes war zwar dem Urtheilsſpruch des Pariſer Parlaments erlegen, welches ſein Erkenntniß dahin ausgeſprochen, daß es öffentlich durch Henkershand verbrannt werden ſolle. Aber die Perſon des Verfaſſers war gänzlich aus dem Spiel gelaſſen worden, und Mirabeau konnte, ohne daß es weiter etwas für ihn zu fürchten gab, Paris wieder verlaſſen, um in die Provence, wo er jetzt für die National⸗Verſammlung gewählt zu werden hoffte, zurückzukehren. Henriette hatte den Freund mit Schmerz und Un⸗ ruhe von ſich ſcheiden ſehen, denn ihr war die Ver⸗ pflichtung auferlegt worden, in Paris bei dem kleinen Coco zu bleiben und dort die Rückkehr Mirabeau's zu erwarten. Mirabeau beſchleunigte ſeine Reiſe, die ihn zuerſt wieder nach Aix führen ſollte, mit einer außerordent⸗ lichen Haſt, denn der Tag der Wahlen war vor der Thür, und er hielt es für nöthig, vorher noch einmal zu den Wählern des dritten Standes zu ſprechen, um alle Intrignen, die während ſeiner Abweſenheit ein⸗ — 189— gegriffen haben konnten, durch ſein letztes Wort abzu⸗ ſchneiden. Ungefähr fünf Poſtſtationen vor Aix, an einem kleinen Ort, wo Mirabeau die Pferde zu wechſeln hatte, ſah er ſich durch eine plötzlich eintretende Er⸗ krankung ſeines Kammerdieners Boyer aufgehalten. Mirabeau liebte dieſen Kammerdiener zu ſehr, um ihn in einem hülfloſen Zuſtande zurückzulaſſen und er glaubte um ſo mehr bei dem gefährlich Erkrankten zurückbleiben zu müſſen, als der Zuſtand deſſelben ſich von Stunde zu Stunde verſchlimmerte. Während Mirabeau ſich in dem kleinen entlegenen Poſthauſe alle mögliche Mühe gab, für den Leidenden, der an einer Cholera darniederlag, Hülfe zu ſchaffen, belauſchte er, rathlos und verzweifelt vor der Thür ſtehend, ein Geſpräch, welches zwiſchen dem Poſtmeiſter und ſeiner Frau innerhalb des Zimmers unvorſichtig laut geführt wurde. Der Courier iſt nach Aix abgegangen, ſagte der Poſtmeiſter, um das Eintreffen des Grafen Mirabeau bei uns vorauszumelden. Sie haben ihm große Ehren zugedacht, mit denen man ihm entgegenkommen und ihn feierlich einholen will. Nun weiß ich aber wahr⸗ lich nicht, was ich thun ſoll, und habe mir ſchon lange den Kopf darüber zerbrochen. Man hat nämlich von mir verlangt, daß ich den Grafen unter irgend einem Vorwande hier aufhalten ſoll, damit man unterwegs Zeit gewinne, Alles zu ſeinem Empfang in Bereitſchaft zu ſetzen. Wie in aller Welt macht man es, um einen Grafen aufzuhalten? Du wirſt ewig ein ausgemachter Narr bleiben, entgegnete die Frau mit einem für ihren Eheherren ſo wenig ſchmeichelhaften Eifer. Siehſt Du nicht, daß die Krankheit des Dieners ſchon hinreichend iſt, um den Grafen Mirabeau hier aufzuhalten? Brauchſt Du da Deinen leeren Kopf, dem doch nie etwas einfällt, noch mit abſonderlichen Gedanken zu quälen? Wenn die Krankheit des Dieners den Herrn Gra⸗ fen aufhält, ſo bin ich es doch nicht geweſen, der den Herrn Grafen aufgehalten hat, ſagte der Poſtmeiſter Louis Martin mit einem einfältigen Geſicht. Und mir iſt von dem Ober⸗Poſtamt in Aix, welches mir vorgeſetzt iſt, ausdrücklich anbefohlen worden, daß ich den Grafen Mirabeau unter irgend einem Vorwande hier wenigſtens fünf bis ſechs Stunden lang aufhalten ſoll. Die Sache iſt alſo dienſtlich, denn man muß ſeinen Vorgeſetzten unbedingt gehorchen. Jetzt weiß ich aber nicht, ob ich den armen Grafen, den ſchon die Krankheit ſeines Dieners aufhält, nun auch noch dadurch aufhalten ſoll, daß ich Mangel an Pferden vorſchütze. Denn in Aix wollen ſie ihn heute noch zum Abgeordneten des dritten Standes wählen, und ich, ich ſoll dazu auserſehen ſein, einen ſolchen Mann ſo empfindlich zu quälen? Du übertriffſt Dich heut wieder ſelbſt, Louis, er⸗ wiederte die Frau mit einem ſchneidend verächtlichen Accent. Wenn man andere Männer anſieht, wie die⸗ ſen Grafen Mirabean, ſo weiß man doch, was es heißt, einen Mann zu ſeyen. Und ich, die ich wahr⸗ lich für etwas Beſſeres geboren bin, habe gerade an einen Dummkopf Deiner Art gerathen müſſen!— Mirabeau glaubte dieſe eheliche Scene, die eine noch ſchlimmere Wendung verſprach, auf ſich beruhen laſſen zu müſſen, und kehrte jetzt eilig und entſchloſſen in das Zimmer zurück, wo ſein kranker Diener lag. Du kannſt jetzt unbeſorgt ſein, Boyer, rief er dem mit einem qualvollen Zuſtande Ringenden zu, ich bleibe jetzt bei Dir, bis Dir geholfen iſt. Meine Wahl in Aix iſt geſichert, ich habe es ſoeben durch einen ſelt⸗ ſamen Zufall erfahren. — 191— Der treue Diener nickte ſeinem Herrn mit den Zeichen der freudigſten Zuſtimmung zu. Inzwiſchen war der Arzt aus der Nachbarſchaft herbeigeholt wor⸗ den, der ſich zwar mit dem Kranken ernſtlich zu be⸗ ſchäftigen anfing, aber von vornherein jede Hoffnung auf ſein Beſſerwerden abwies. Er erklärte, daß er kein Mittel gegen dies Leiden habe, welches ſeit Kur⸗ zem als ein ſo ſchreckensvolles Räthſel in der Bevöl⸗ kerung emporgetaucht ſei. Nach einigen Stunden war Boyer unter den fürch⸗ terlichſten Krämpfen geſtorben. Armer Schattenſpieler, ſagte Mirabeau, ihn be⸗ trachtend, Du wirſt uns nun keine chineſiſchen Komö⸗ dien mehr vorſpielen, worin Du ſo geſchickt und er⸗ finderiſch warſt. Und welche ſchaudervolle Krankheit dieſe Cholera! Iſt ſie das Symptom der alten, auf's Aeußerſte gekommenen Zerrüttung, oder iſt ſie der Vorbote der neuen Schrecken, die über der Geſellſchaft heraufziehen? Es iſt mir unheimlich, daß gerade auf meinem heutigen Wege mir dies fragwürdige Geſpenſt begegnet.*) Mirabeau ſchickte ſich jetzt an, ſeine Reiſe fortzu⸗ ſetzen. Als er ſich der Stadt Lambese näherte, ſah er ſich ſchon vor den Thoren der Stadt von einer feſtlichen Deputation begrüßt, die aus den erſten Ma⸗ giſtratsbeamten beſtand, und ihn erwartet hatte, um ihn im Namen der ganzen Gemeinde auf das Feier⸗ lichſte zu begrüßen. Man führte ihn in die Stadt, wo die Landſchaft zu ſeinem Empfang verſammelt war, und wo auf den Straßen Tauſende von Män⸗ nern und Frauen, Kindern, Prieſtern, Soldaten und Beamten umherſtanden, indem Alle mit ſtürmiſchem Enthuſiasmus ihm zuriefen:„Es lebe der Graf *) Vgl. Montign) Mémoires de Mirabenu V. 274. — 192— von Mirabeau! es lebe der Vater des Vaterlan⸗ des!“*) Bei dieſen Stimmen, denen das Geläute aller Glocken in der Stadt und der Donner der abgefeuer⸗ ten Böllerſchüſſe folgte, ſtieg eine Thräne in Mira⸗ beau's Augen hervor. Jetzt ſehe ich erſt recht, ſagte er bei ſich ſelbſt, in⸗ dem ihn ſein Wagen langſam durch die ihn umwogende Menge hintrug, jetzt ſehe ich, wie die Menſchen ganz und gar Skladen geworden ſind! Wenn die Tyran⸗ nei ſich auf nichts mehr zu ſtützen vermag, ſo wird ſie ſich noch auf das Gefühl der Dankbarkeit bei ihnen pfropfen können! Als er in der Mitte der Stadt auf dem Markt angelangt war, wollte die jauchzende Menge, die bei ſeinem imponirenden Anblick immer bewegter gewor⸗ den war, ihm die Pferde ausſpannen, um ihn ſelbſt weiter zu ziehen. Meine Freunde, ſagte er ernſt und mit einem faſt ſchmerzlichen Ausdruck zu der ſeinen Wagen anhalten⸗ den Maſſe, die Menſchen ſind nicht dazu gemacht, einen Menſchen zu tragen. Ihr habt ja ſchon allzu Viel zu tragen, und ich bin dazu da, um Euch die Laſt erleichtern zu helfen! Er war wieder auf die Landſtraße gekommen, und mußte eine Lieue von Lambese auf dem Dorfe Saint⸗ Cannat die Pferde wechſeln. Hier hatte ſich bereits aus der ganzen Umgegend eine unabſehbare Volks⸗ menge angeſammelt, um ihn mit einem nicht enden wollenden Jubel zu begrüßen. Hier fügte ſich zu den Rufen: es lebe der Graf Mirabeau! zugleich der Ruf: *) Wörtlich nach der Beſchreibung, welche die Schweſter Mirabeau's, die Marquiſe von Saillant, von dieſen Empfangs⸗ feſtlichkeiten gegeben. Montigny V. 274. — 193— es lebe der König! aus ſtark tönenden Kehlen hinzu, was Mirabeau, der auf dieſer ganzen Reiſe in ein keineswegs heiteres Nachſinnen verſunken blieb, noch ernſthafter zu ſtimmen ſchien. In dem Augenblicke aber, als er von Saint⸗Can⸗ nat wieder abfahren wollte, ſah er in einem eilig herankommenden Reiſewagen, der dem ſeinigen be⸗ gegnete, ſeine geliebte Schweſter, die Marquiſe von Saillant, ſitzen, die ihm zu ſeiner freudigſten Ueber⸗ raſchung hier entgegengefahren kam. Er ſtieg aus, um in ihrem Wagen und an ihrer Seite die Reiſe bis Aix zu vollenden, indem er ſeinen eigenen Wagen mit Dienerſchaft und Gepäck nachfolgen kieß. Du ſiehſt nicht heiter aus, mein Bruder, ſagte Caroline zu ihm, indem ſie ihn nach einer herzlichen Umarmung genauer betrachtet hatte. Und ich glaubte Dich auf der Höhe aller Deiner Wünſche, wo das Volk Dir als ſeinem erwählten Liebling zujauchzt, mit einem glücklichen Lächeln gekrönt zu ehen? Ich kann den Tod meines Lieblingsdieners noch nicht verwinden, der mir auf der Reiſe plötzlich ge⸗ ſtorben iſt, erwiederte Mirabeau in trübſinnigem Hin⸗ ſtarren. Aber es erheitert mich ſchon, daß Du mir entgegengekommen biſt, Caroline. Denn ich muß Dir nur geſtehn, daß dieſe ſo freudenvoll jauchzende Menge, die mich ſeit einigen Stunden umdrängt, mir im Ge⸗ heimen eine wahre Herzensangſt bereitet. Seit dem Augenblick, wo ich auf dieſer Purpurwolke der Volks⸗ gunſt ſchwebe und mich von ihr emporgetragen fühle, fange ich faſt zu bereuen an, daß ich ſo weit gekom⸗ men bin. Ich liebe das Volk, ſo wie man einen Unglücklichen liebt. Aber in dem Augenblick, wo man ſich an ſein Schickſal feſſelt, empfindet man doch das Verhängnißſchwere dieſes Bundes. Wie, wenn Mirabeau. IMI. 13 das Volk gerade diejenige verdorbene Maſſe der Menſchheit wäre, aus der nie etwas Gutes mehr zu machen iſt, und die gerade wegen der rettungsloſen Verderbtheit, die ſie in ſich trägt, ausgeſondert wor⸗ den iſt aus den Regionen des Glückes und der Frei⸗ heit? Ich hätte faſt gewünſcht, daß ich mit dem Mi⸗ niſterium in Paris nicht einig geworden wäre, und daß Herr Necker, ſtatt ſich mit mir zu verſöhnen, bei ſeinem Vorſatz beharrt wäre, mich durch eine Crimi⸗ nal⸗Unterſuchung von den Wahlen auszuſchließen, oder jede auf mich gefallene Wahl ungültig zu machen. Du biſt alſo eigentlich mit Deinen Ergebniſſen in Paris zufrieden, erwiederte Frau von Saillant, über ſeine Melancholie lächelnd. Und in Aix biſt Du zum Abgeordneten des dritten Standes von dem ganzen Wahlkörper einſtimmig gewählt worden. Sobald wir uns Aix nähern, wird es Dir das Volk ſelbſt durch ſeinen feſtlichen Jubelaufzug verkünden. Aber ich wollte gern die Erſte ſein, die dieſe Nachricht an Dein Ohr brächte. Denn ich weiß, Du haſt einmal Dein Herz an dieſe neue Wirkſamkeit gehängt, und obwohl ich noch, wenigſtens mit dem einen meiner Füße, in dem andern Lager ſtehe, ſo wollte ich Dir doch entgegen geſprungen kommen, um Deine Freude zu genießen, die immer auch die meinige iſt. Du haſt Recht, erwiederte Mirabeau, ihre Hand innig drückend, genau betrachtet, freue ich mich auch, denn es kommt die große Entſcheidung heran, auf die ich lange geharrt und gehungert habe! Die Men⸗ ſchen ſind am Ende alle beſſer, als ſie ſcheinen, und es wird jetzt darauf ankommen, an ihr eigentliches Sein anzuknüpfen, und eine feſtſtehende Wahrheit daraus zu machen. Auch Herr Necker hat ſich nicht ſo übel gegen mich bewieſen, als es anfangs ausſah. Denn wie heftig habe ich ihn nicht wegen ſeiner un⸗ — 195— glücklichen Papiergeld⸗Schöpfung angegriffen, durch welche er, wie mit der Volte eines Taſchenſpielers, den zuſammenſtürzenden Staatshaushalt Frankreichs noch unterbauen zu können glaubt. Und er hat doch dem Andringen meines Freundes, des Abbé Cerutti, nachgegeben, und läßt mich, ſeinen Gegner, der ich auch in der National⸗Verſammlung gegen ihn ſtehen werde, frei gewähren, ohne mich hindern zu wollen. Fürwahr, die Menſchen ſind alle beſſer, als ſie ſchei⸗ nen, und dieſer Gedanke macht mir heut merkwürdig zu ſchaffen. Sollte es wohl eine Einholungs⸗Melau⸗ cholie geben, liebe Caroline? Dann würde ich an⸗ nehmen, daß ich gerade hent, wo man ſo liebens⸗ würdige Anſtalten macht, mich feſtlich einzuholen, daran leide. In dieſem Augenblick ſahen ſie, ungefähr zwei Lienes vor Aix, einen großen Zug von Männern er⸗ ſcheinen, der ſich ihnen in einer feierlichen Ordnung entgegenbewegte, und an deſſen Fahnen, die hoch in der Luft flatterten, Mirabeau die Gewerke der Stadt erkannte, die ihm zu huldigen kamen. Als ſie ſich mit ſtürmiſchen Freudenrufen genähert hatten, flogen ihre Blumen und Kränze, die ſie ihm herantrugen, in den Wagen, und dann bildete ſich der Zug auf der Straße ſo, daß er die Wagen in die Mitte nahm und dieſelben unn als feſtliches Geleite von allen Seiten umſchloß. Als die Straße jetzt die Höhe des Gebirges er⸗ ſtiegen hatte, erblickten die Reiſenden plötzlich eine un⸗ gehenre Menſchenmaſſe vor ſich, die, aus der jetzt nahe vor ihnen liegenden Stadt Air herbeigeſtrömt, ſich dort aufgeſtellt hatten, um ihn zu erwarten und zu begrüßen. Viele Tauſende von Zurufungen und Lebehochs erſchallten in dem Augenblick, wo man Mi⸗ rabeau's anſichtig wurde. Glückwünſche, Dankſagungen, 13* — 196— Segensrufe, durchdrangen mit einem unendlichen Ge⸗ ſchwirre die Luft. Man hielt den Wagen an, um⸗ ringte ihn von allen Seiten, und wollte Mirabeau ſehen, den Laut ſeiner Stimme vernehmen, ſeine Hände oder ſeine Kleider berühren. Mirabean hielt eine Anrede an ſie, in der er ihnen ſeinen Dank ausſprach, daß ſie ihn zu ihrem Vertre⸗ ter, zum Vertreter des dritten Standes, gewählt und mit ihren Vollmachten in die National⸗ Verſammlung entſenden wollten. Auch habe ich Euch Grüße von Euren Freunden in Paris zu bringen, ſetzte er, ſeine Fingerſpitzen an ſeine Lippen drückend, hinzu. Viele ſchöne und wackere Grüße, denn in den Clubs, wo ich war, haben mich die Gleichgeſinnten nach Euch gefragt, und ich habe ihnen, mit der Hand auf dem Herzen, geantwortet, daß das lebhafte und herrliche Volk, deſſen Gefühle und Entſchlüſſe an der heißeren Sonne der Provence erglüht ſind, eine große Stütze der nationalen Frei⸗ heit in Frankreich ſein wird. Da haben ſie Euch durch mich dieſen Gruß der freien Brüderſchaft, der bald durch das ganze Land gehen wird, entboten. Aber ich muß Euch ſager, meine Freunde, daß ich ſonſt in Paris keine gute Luft angetroffen habe, und ich danke Gott, daß ich wieder bei Euch in den ſchö⸗ nen Thälern der Provence bin, wo der Frühling frü⸗ her aufbricht und mir ſchon die Märzveilchen entgegen⸗ lachen. Wißt Ihr, was in Paris noch nichts taugt, und was darum auch von Euch nicht länger gelitten werden darf? Dies iſt das Miniſterium, das nene Miniſterium, dem wir zwar die Berufung der Reichs⸗ ſtände zu verdanken haben, das aber doch, beim Lichte beſehen, keinen Schuß Pulver werth iſt. Daß wir dieſen Miniſter Necker wieder da oben als General⸗ Controleur unſerer Finanzen haben erſcheinen ſehen, — 197— wird von vielen wohldenkenden Leuten als ein gutes Zeichen betrachtet. Andere, die auch nicht minder wohldenkend ſind, halten dieſen Necker nur für eine flatternde Möwe, die den Sturm heraufbringt. Gott hat zwar die Welt aus Nichts geſchaffen, aber ich be⸗ haupte, daß er ſie aus Papier nicht hätte erſchaffen können. Necker will Glück und Credit Frankreichs aus Papiergeld erſchaffen, und ſein Papiergeld iſt noch weniger als Nichts, denn es iſt ein trügeriſches Phan⸗ tom, welches der erſte Strahl des aufgehenden Tages zerſtrenen muß. Meine Freunde, ich warne Euch vor dieſem Papiergeld, denn in ihm ſteckt der eigentliche Teufel der Tyrannei, die uns bei Bruſt und Schul⸗ tern packt. Das Papiergeld iſt der Heerd aller Chi⸗ mären und Lügen, welche von der Gewalt ausgehen, das Papiergeld iſt die wahre Orgie, welche die raſend gewordene Autorität über unſern Hänptern feiert.*) Aber das Papiergeld Necker's, mit dem er uns über⸗ ſchwemmt, iſt zugleich ein Taſchenſpielerkunſtſtück, wie Ihr es ſchon oft auf den Jahrmärkten geſehen haben werdet. Erinnert Ihr Euch wohl an das Becherſpiel ſolcher Gankler, bei denen die ganze Magie in der Geſchwindigkeit der Bewegung beruht? Plötzlich kommt aber aus ſolchen Bechern etwas herausgeflogen, das man gar nicht erwartet hatte. So wird auch das Papiergeld bald eine ganz andere Geſtalt anneh⸗ men, und Ihr werdet ſehen, wie es ſich unter den Händen des Taſchenſpielers plötzlich in eine neue Au⸗ leihe verwandelt hat. Alle freien Völker haben eine natürliche Abneigung gegen das Papiergeld, und dieſe Abneigung iſt der Lebensathem ihrer Freiheit ſelbſt. Die hochherzigen Amerikaner haben alle Schreckniſſe *) Aus der Correspondance entre M. C.(Cerutti) ot le Comte de Mirabeau(1789) p. 39. 55 des Krieges erduldet, um ihre Tyrannen zu verjagen, ſie haben jedes ſtürmiſche Ungemach ausgehalten, aber nur das Papiergeld haben ſie nicht aushalten können. Frankreich bedarf aber in der That eines neuen Cre⸗ dits, wenn es die beiſpielloſe Wirthſchaft, welche die Feinde des Volkes da oben getrieben haben, noch überleben ſoll. Da kann aber ein miniſterieller Credit, der eben nur ein neuer Papierſchwindel ſein würde, nicht mehr genügen. Es muß vielmehr ein nationaler Credit geſchaffen werden, und einen andern Sinn hat es nicht, wenn Euer guter König, denn das iſt er Euch und wird es Euch immer ſein, jetzt eine allge⸗ meine Ständeverſammlung nach Paris beruft. Wir wollen aber das Gouvernement zugleich in dem Sinne beim Wort nehmen, daß wir ihm unſere Vertreter nicht blos dazu ſchicken, ihm Stenern und Anleihen zu bewilligen, und dieſelben mit dem heiligen Nimbus des Volkswillens zu umgeben, ſondern daß wir die Bedingung einer neuen Verfaſſung für Frankreich daran knüpfen. Frankreich muß eine Conſtitution haben, meine Freunde, in der Freiheit und Recht der Nation ihr endlich mit baarer Münze ausgezahlt werden, und das wird eine Baarzahlung ſein, die allen andern Papierſchwindel im Lande überflüfſig machen wird. Weil ich durch Euch und für Euch in die National⸗ Verſammlung Frankreichs geſchickt werden ſoll, empfinde ich auch den Muth in mir, das Höchſte darin zu wol⸗ len und zu vollbringen. Es lebe der König und die Freiheit!*)— Nachdem dieſer Ruf tauſendſtimmig, und mit un⸗ zähligen Lebehochs für Mirabean vermiſcht, forter⸗ klungen und über Berg und Thal ſich weitergewälzt hatte, ließ Mirabeau ſeine Pferde antreiben, um nun⸗ *) Correspondance entre Cerutti et Mirabeau p. 33. ——————— — 199— mehr im ſchleunigſten Lauf die Thore der Stadt Aix zu gewinnen. Aber die ganze Menſchenmaſſe begann ſich jetzt ebenfalls auf das Eiligſte in Bewegung zu ſetzen, und rannte mit den Wagen um die Wette zur Stadt, wo Mirabeau, wie man in Erfahrung gebracht hatte, zuerſt in dem Hauſe der Marquiſe von Saillant abſteigen wollte. Dies Haus lag an der place des pröcheurs, in der Nähe des prächtigen, mit Bäumen beſetzten Spazier⸗ ganges, welcher die Stadt Aix durchſchneidet. Der Platz bedeckte ſich bald mit den wogenden Volksmaſſen, die in einem unaufhörlich erklingenden Jubel die Böller, die in großer Anzahl auf den Platz herangeſchafft wor⸗ den, abzufenern begannen. Mirabeau mußte endlich der jauchzenden Heraus⸗ forderung nachgeben, und ſich zu ihnen herunterbege⸗ ben, um in ihre Mitte zu treten und ſich in die Arme des Volks nehmen zu laſſen. Man hatte dort bald einen Tragſeſſel herbeigeſchleppt, den man mit Krän⸗ zen und Blumen zierte, und in welchem ſich Mirabeau, ohne daß er es hindern konnte, auf den ſtarken Schul⸗ tern ſeiner Verehrer emporgetragen ſah. Unter der Anſtimmung von Frendengeſängen, trug man ihn jetzt den ganzen Cours hinunter, indem Muſiker, Inſtru⸗ mente aller Art ſpielend, vor ihm herzogen, und zu beiden Seiten von ihm die dichtgedrängte Menge um ſeine Blicke und Worte buhlte. Als man ihn wieder auf die Promenade zurück⸗ führte, ſah Mirabeau, daß ihnen eine andere, nicht minder aufgeregte Volksſchaar von der entgegengeſetzten Seite her entgegen kam, die einen Wagen in ihrer Mitte führte, und denſelben mit auffallenden Ausrufun⸗ gen zu begleiten ſchien. In dem offenen Wagen ſaß eine Dame, die Mirabeau zu ſeiner größten Beſtürzung bald erkannte. Es war ihm nichts unerwünſchter, als — 200— ihr gerade in dieſem Augenblicke zu begegnen, und er verſuchte deshalb, die Männer, auf deren Schultern er ſich befand, zu einer Abbiegung von der Straße zu bewegen. Aber ſeine Wünſche, die er mit einem lei⸗ ſen Wort zu erkennen gab, ſchienen entweder nicht verſtanden zu werden, oder man folgte einer beſtimm⸗ ten Abſicht, indem man ihn mit beſchleunigten Schrit⸗ ten auf den Wagen zuführte, in welchem ſeine geſchiedene Gattin, die Gräfin Emilie von Mirabeau, ihm gegen⸗ über ſaß. Emilie ſtreckte mit einem durchdringenden Schrei die Arme nach ihm aus, und ſank dann, indem ihre Wangen mit einer Todesbläſſe ſich bedeckten, ohn⸗ mächtig in den Wagen zurück. Das Volk war in der wunderbaren Bewegung ſeines Gemüths auch auf den Gedanken gekommen, dieſe Wiederbegegnung der beiden getrennten Gatten zu veranſtalten. Es hatte ſich eine unternehmende Schaar, mit einer förmlich dazu erwählten Deputation an ihrer Spitze, vor einer Stunde zu dem Schloß Marignane hinausbegeben, und an die Gräfin Mira⸗ beau die Aufforderung gerichtet, mit ihnen in die Stadt hereinzukommen, und dem Grafen Mirabeau die Hand zur Verſöhnung und zur Wiedervereinigung mit ihm zu bieten, denn einen Feind Mirabeau's dürfe es in der Provence nicht mehr geben!*) Emilie hatte ſich faſt allein auf dem Schloſſe be⸗ funden, da ihr Vater, der Marquis von Marignane, wie überhaupt der ganze Adel von Aix, an dieſem Tage, der für die ſeierliche Einholung des Grafen Mirabean beſtimmt worden, es vorgezogen, ſich in die Nachbarſchaft zu entfernen, um nicht zum Zeugen und vielleicht zum widerwilligen und bedrohten Theil⸗ *) Montigny III. 425. — 201— nehmer eines ihnen verhaßten Schauſpiels gemacht zu werden. Emilie, in ſich ſelbſt ſchwaukend und zaghaft, wußte daher der ſie beſtürmenden Menge keinen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Vielleicht waren es auch die eige⸗ uen geheimen Wünſche ihres Herzens, die es ihr ſchwer machten, dem Volke mit der Entſchiedenheit entgegen zu treten, die ſonſt in ihrem Charakter ge⸗ legen hätte. Sie ſchien daher widerſpruchslos Alles zu dulden, was man über ſie beſtimmen wollte, und ſo beſtieg ſie den Wagen, den man ihr hatte anſpan⸗ nen laſſen und in welchem ſie nun, unter dem Geleit der ihr nachziehenden Menge, hier zu dieſer wunder⸗ baren Begegnung mit dem noch immer geliebten Maune eingetroffen war. Mirabeau war in der gränzenloſen Ueberraſchung, welche ihm dieſer Anblick bereitet, von dem über den Häuptern des Volkes ſchwebenden Seſſel herabge⸗ ſprungen. Faſt wider ſeinen Willen hatten ihn ſeine erſten Schritte zu dem Wagen hingezogen, in welchem Emilie bewußtlos zuſammengeſunken war. Ihr bleiches Geſicht, das noch immer alle Spuren der ehemaligen großen Schönheit an ſich trug, gemahnte ihn mit hin⸗ reißender Gewalt an die ſtürmiſchen und verworrenen Zeiten ſeiner Jugend. Er wollte zu dem Wagen hinaufſteigen, um ſie in ſeine Arme zu ſchließen und ſich um die Ohnmächtige zu bemühen. Da bemerkte er auf dem Kutſchbock des Wagens ſeinen Freund und Compagnon Le Tellier, der ihm mit ſeinen ſchlau lächelnden Blicken eifrig zunickte, und ihm damit zu erkennen zu geben ſchien, daß dieſe Expedition nach Schloß Marignane beſon⸗ ders ſein Werk geweſen. Von dieſer Wahrnehmung fühlte ſich Mirabeau plötzlich wie abgekühlt und ent⸗ nüchtert. Es fiel ihm ein, daß ſeine Schweſter in der letzten Zeit den zu allen Dienſten geſchickten Le Tellier zu ſich beſtellt habe, und der Argwohn beſchlich ihn, daß die unabläſſig verfolgten Abſichten der Frau von Saillant auf dieſes Begegniß den größten Einfluß geübt haben könnten. Seine Rührung über die hochherzige Bethätigung des Volksgemüths, die ihn anfangs am meiſten be⸗ wegt hatte, war ganz von ihm gewichen. Er winkte Le Tellier vom Wagen herunter und befahl ihm, zu der Marquiſe von Saillant hinüberzugehen, und die⸗ ſelbe um ihre perſönliche Hülfeleiſtung bei dem einge⸗ tretenen Unfall zu erſuchen. In demſelben Augenblick erſchien aber auch ſchon Frau von Saillant, die von ihrem Fenſter den ganzen Vorgang bemerkt hatte, auf der Straße, und eilte auf ihre Freundin zu, die noch immer in einer tiefen Ohnmacht lag. Man bemühte ſich jetzt, ſie in das Haus von Frau von Saillant zu ſchaffen, und es wurde dazu der noch mit den Feſtkränzen geſchmückte re Mira⸗ beau's, in welchen man jetzt ſeine Frau hineinhob, benutzt. Die Menge widmete dieſer Scene das ſichtlichſte Intereſſe. Seine jauchzenden Huldigungen für Mira⸗ beau waren für einen Augenblick verſtummt, und man beſchäftigte ſich theils aus Neugierde, theils aus Mit⸗ gefühl mit dem Leid der ſchönen, vornehmen Frau, die jetzt, unter den Küſſen und Thränen ihrer Schwä⸗ gerin, hinweggeführt wurde. Mirabeau glaubte dieſen Moment benutzen zu müſſen, um ſich dem weiteren Andrängen ſeiner Freunde und Wähler zu entziehen und unvermerkt in eine andere Straße hinüberzubiegen, wo er in dem Hauſe ſeines Freundes, des Advokaten Jaubert, zum Diner erwartet wurde. Dieſe Einladung war ſchon nach Paris für den Tag ſeines Eintreffens an ihn ergan⸗ 3 gen, und er wollte derſelben um ſo lieber folgen, als die Führer der Volkspartei bei Jaubert verſammelt waren. Arme Emilie, wir ſind getrennt und werden es bleiben müſſen, ſagte Mirabeau zu ſich ſelbſt, indem er eilig einige Nebengaſſen durchſchritt, um zu dem Hauſe ſeines Freundes zu gelangen. Deinen liebens⸗ würdigen Eigenſchaften habe ich nie widerſtanden, obwohl wir uns, Einer durch den Andern, nur un⸗ glückliche und rauhe Tage gemacht haben. Schön, gefühlvoll, zärtlich, ſanft und gefällig, wie Du warſt, hatteſt Du doch nicht den Frieden in unſere Herzen pflanzen können. Ja, als Du jetzt ſo ohnmächtig und bleich wieder vor mir lagſt, fiel mir ein, daß ich Dich ſogar einſt geſchlagen habe, als unſere Gemüther ſich gegen einander erbitterten, und ich Dich eines Fehl⸗ tritts, ich glaube gar einer Untreue gegen mich ſchul⸗ dig glaubte. Wie abſcheulich und beſchämend war das für mich, und heut hätte ich Gelegenheit gehabt, Alles wieder gut zu machen. Aber wie Du einſt zu ſchwach warſt, dem väterlichen und lehnsritterlichen Haß gegen Mirabeanu zu widerſtehen, und wie Du Deine Scheidung von mir zu einem Eclat vor ganz Frankreich machteſt, ſo hat auch mich jetzt ein kaltes Herz überwältigt, und ich habe es Dir vor dem gan⸗ zen Volke, vor allen meinen Wählern, zeigen müſſen. Ich wollte es kaum, aber ich vermochte es nicht anders. Ja, es iſt mehr Vergeltung in der Welt, als die Menſchen brauchen können.— Unter dieſen Gedanken war Mirabeau vor dem Hauſe ſeines Freundes Jaubert angelangt. Als er eben in daſſelbe eintreten wollte, ſah er einen Reiter die Straße herunterjagen, der ſein von Staub und Schweiß bedecktes Pferd zu einer dem Thier ſchon faſt verderblich gewordenen Eile anſpornte. Das Pferd, — 204— dem Zuſammenſinken nahe, vermochte ſeinen Reiter kaum mehr zu tragen, der jetzt, als er Mirabeau's an⸗ ſichtig wurde, plötzlich ſtillhielt und ſich zu demſelden hinüberwandte. Ein Schreiben der Wahlcommiſſarien des dritten Standes von Marſeille an den Herrn Grafen von Mirabeau! ſagte der Courier, indem er den Brief her⸗ vorzog und überreichte. Mirabean entfaltete raſch das Schreiben, durch welches ihm in den ehrenvollſten Ausdrucksformen an⸗ gezeigt wurde, daß die Wahlen des dritten Standes der Stadt Marſeille ſich auf ihn hingelenkt, und er zum Abgeordneten deſſelben für die Verſammlung der Reichsſtände ernannt worden ſei. Ihr ſeid wacker geritten, guter Mann, entgegnete Mirabeau lächelnd, aber Ihr ſeid dennoch zu ſpät ge⸗ kommen. Ich habe bereits Urſache, auf die Wahl der Männer von Aix ſtolz zu ſein, und jetzt wird mein Stolz nur durch die lebhafte Dankbarkeit gekrenzt, die ich den Herren des dritten Standes von Marſeille ſchuldig werde. Ich liebe Marſeille ebenſo ſehr, als ich dies Aix liebe, und ich möchte Bürger beider Städte ſein, wenn ich mir das glücklichſte Lovs wünſchen dürfte. Aber Aix hat mich zuerſt in ſeinen Dienſt ge⸗ nommen, und da muß ich als trener Mann folgen. Bringt dieſe Antwort einſtweilen mündlich an die Her⸗ ren Wahlcommiſſarien zurück. Ich werde ſelbſt nach Marſeille hinüberkommen, als der Herold meines tief⸗ verflichteten Dankes!— Nachdem Mirabeau den Boten entlaſſen, ſchritt er jetzt raſch zu ſeinen Freunden hinauf, die an der feſt⸗ lichen Tafel ſeiner harrten. — 205— IV. Die Prozeſſion der drei Ständr. Es war am 4. Mai 1789, an einem heitern und ſonnigen Frühlingsmorgen, als Chamfort vor der Thür eines Caféhauſes in Verſailles ſaß, und mit einem Freunde, dem Abbs Cerutti, mit dem er vor einigen Tagen von Paris hierher gekommen war, ſich in eine Schachpartie eingelaſſen hatte. Die beiden Freunde hatten ſich mit dem größten Ernſt in ihr Spiel vertieft, obwohl der Platz, auf dem ſie ſich befanden, keineswegs die günſtige Ruhe dazu gewährte, ſondern durch eine Menge von Men⸗ ſchen, die ſich auf demſelben verſammelt hatten, und dort in immer ſtärker anwachſenden Schaaren ſich auf⸗ zuſtellen begannen, wenig Raum mehr für die Alles um ſich her vergeſſenden Schachſpieler übrig zu laſſen ſchien. Sie behaupteten jedoch in unerſchütterlicher Ausdauer den kleinen Tiſch, mit dem ſie ſich in einer Ecke des Gitters, das an dem Kaffeehauſe entlang lief, eingeklemmt hatten, und ließen, unbekümmert um die herandrängenden Volkshaufen, der Bewegung ihrer Figuren freien Lauf. Bald hatte ſich aber auch ein engerer Kreis um die beiden Spielenden gebildet, der, da das heut er⸗ wartete Schauſpiel ſich auf den Straßen von Verſailles noch immer nicht zeigen wollte, einſtweilen ſeine Anf⸗ merkſamkeit darauf verwendete, den Zügen zuzublicken, in denen Chamfort und Cerntti ihren Scharfſinn ge⸗ geneinander wetteifern ließen. Als Chamfort einige Male zu den nahe bei ihm Stehenden emporgeblickt hatte, ſah er ſich veranlaßt, dieſen Perſonen freundlich zuzunicken, obwohl ihm nur die Geſichter derſelben bekannt waren. Es waren dies aber dieſelben, die er auch im Palais Royal in Paris, wenn er in dem dort neu entſtangenen Club politique Schach zu ſpielen pflegte, häufig an ſeiner Seite ſah, und mit deren theilnehmend geſpannten Mienen er dann oft ein ſtillſchweigendes Einverſtänd⸗ niß unterhalten hatte. Die Volksmaſſen, welche ſich heut über die ſonſt ſo feierlich ſtillen Straßen und Plätze von Verſailles zu ergießen angefangen, gehörten überhaupt zum größ⸗ ten Theil der Bevölkerung von Paris an, die ge⸗ kommen war, um den feierlichen Ceremonien und Aufzügen beizuwohnen, welche die auf den 5. Mai angeſetzte Eröffnung der Reichsſtände in Ausſicht ſtellte. Die ungeheuere Aufregung, welche dies Ereigniß in der letzten Zeit in der Frankreichs hervor⸗ gerufen, führte ſeit einigen Tagen ganze Schaaren des Volks nach Verſailles hinüber. Man erblickte darunter auch bereits viele der unheimlichen und wil⸗ den Geſtalten, die ſeit der Bewegung der Wahlen plötzlich auf den Straßen von Paris erſchienen waren, und deren Hervortreten dort ſo überraſcht hatte, als wenn ſie aus verborgenen Höhlen und Abgründen, in denen ſie früher Jahrhunderte lang gehanſt, ſtiegen wären. Dieſer Charakter der Hanptſtadt, der ſeit iger Zeit ſo unruhige und ſelbſt gefahrdrohende Wendun⸗ gen genommen, begann heut auch über das ſonſt ſo wohlgeſchulte und ſelbſt auf ſeinen Straßen und Plätzen an die Hofetikette gemahnende Verſailles ſich auszubreiten. Man fühlte ſich durch das Treiben tu⸗ multnariſch umherſchweif ender Maſſen ſogar an die Banden erinnert, die einige Tage vorher durch Auf⸗ läufe und Unfug aller Art ganz Paris in Schrecken geſetzt, und zu deren Bändigung der Commandant von Beſenval ſchon zwei Regimenter der Garden hatte aufbieten müſſen. Auf der andern Seite boten aber auch die Straßen von Verſailles heut einen ſo heiter belebten und frohen Anblick dar, wie man es in der alten ſteifen Stadt der franzöſiſchen Könige noch kaum geſehen. Die Straßen glänzten im Feſtprunk mit den Tapiſſe⸗ rien der Krone, die darüber ausgeſpannt waren, die Balcons der Häuſer waren mit den koſtbarſten Stoffen ausgeziert, und an den Fenſtern hatten ſich ſchon Zuſchauer aller Art, darunter die ſchönſten Damen im Schmuck und in der ausgeſuchteſten Toilette, in dichten Gruppen zuſammengedrängt. Hier ſah man auf allen Geſichtern eine heitere und zuverſichtliche Erwartung, und freudeſtrahlende Blicke richteten ſich unaufhörlich nach der Seite hin, von welcher der Feſt⸗ zug der Abgeordneten der drei Stände zuerſt geſehen werden mußte. Die Regimenter der franzöſiſchen Garden und der Schweizergarden waren ſchon aufmarſchirt, um von der Kirche Notre Dame bis zur Kirche Saint⸗Lonis, auf einer Strecke, welche die bedeutendſten Theile der Stadt durchſchnitt, eine Linie zu ziehen, und darin für die Proceſſion der drei Stände den feſten Rah⸗ men zu bilden. Dieſe Proeeſſion war dazu beſtimmt worden, den Tag vor der Eröffnung der Reichsver⸗ ſammlung ſelbſt durch eine nationale und religiöſe Feier zu bezeichnen, die als eine würdige Vorbereitung der Gemüther zu dem morgen zu beginnenden großen Werke angeſehen werden ſollte. Die Deputirten hat⸗ ten ſich in der Parochialkirche von Notre Dame ver⸗ ſammelt, und die ganze Stadt lanſchte auf den Klang der Glocken, die den Angenblick ankündigen ſollten, in welchem der Zug von Notre Dame ausgehen würde, — um ſich in dieſem feierlichen Aufzuge der drei Stände nach der Kirche Saint⸗Louis zu begeben. In dem Augenblick, wo ſie kommen, wird Euer König auch matt geworden ſein, ſagte Chamfort zu dem Abbé Cerutti, indem er demſelben plötzlich mit einer überraſchenden Wendung Schach geboten hatte. Dies Schach dem König! ſieht allerdings ſehr drohend aus, entgegnete Abbé Cerutti mit ſeinem feinſinnigen Lächeln. Aber man ſtellt die Königin davor, und erzeugt dadurch eine neue und pikante Situation, die Ihnen zu ſchaffen machen wird, mein Theuerer. Das iſt das Schlimmſte, was geſchehen kann, wenn ſich die Königin vor den König ſtellt, entgegnete Chamfort mit einer drolligen Gebärde. An dieſer Sitnation iſt das ſchöne Frankreich ſchon faſt zu Grunde gegangen, und Euer Spiel ſollte ſich dabei halten können, Abbé Cerutti? Die Königin, mein Freund, darf ſich nie vor den König ſtellen, weil ſie ſich ſonſt den Anſchein giebt, mitzuregieren und in den Staat ſelbſt hineinzupfuſchen, was ein ganz infames Stück Frauenzimmer⸗Arbeit iſt. Wie viel beſſer ſähe es um den König aus, wenn die Königin nicht aus Eitelkeit, und in dem ſtolzen Wahne, daß alle Politik ſich am beſten in ihren Händen befinde, ſich beſtändig zwiſchen den Thron und das Volk geſtellt hätte. Merket wohl, da ſchiebt ſich endlich der durch zwei Bauern geſchützte Thurm heran, durch welche Figuren ſich mir immer eine Volkspartei in aller ihrer Naturkraft und fittlichen Energie vorſtellig gemacht hat. Dieſe Volksgruppe von Thurm und Banern ſtellt ſich nun unmittelbar der ſchönen Königin gegenüber, und bedroht mit einem höchſt empfindlichen gardez für die Königin zugleich die regierende Majeſtät ſelbſt. Ein lautes Bravv erſcholl von Seiten einiger Um⸗ 20— ſtehenden bei dieſen Worten Chamfort's, worüber der⸗ ſelbe ſich ungemein zu beluſtigen ſchien. Die Sache iſt nicht ſo ſchlimm als ſie ausſieht, erwiederte der Abbé, indem er mit der größten Ruhe eine Figur zog. Man zieht einen Laufer vor, und überhebt dadurch König wie Königin jeder Bedrohung durch eine gemeine Figur. Die Laufer ſind nicht mehr im Stande, König und Königin zu retten, verſetzte Chamfort mit Nach⸗ druck. Denn die Laufer, das ſind doch wohl die ge⸗ treuen Hofleute, die den Majeſtäten von Hauſe aus zur Seite geſtellt ſind, und die nur immer in ſchräger Richtung ſich bewegen, wenn ſie im Dienſt ihrer Herr⸗ ſchaft ausrücken. Dieſe Hofleute ſind ja verloren, ſo⸗ bald nur der erſte beſte Springer auf ſie Jagd macht. Dieſer Euer Springer, entgegnete Cerutti mit eini⸗ ger Aergerlichkeit, kommt mir allerdings jetzt auf ſehr ungelegene Weiſe herangeſprungen. Der Springer, um in den Fußtapfen Euerer eigenen Gleichniſſe zu bleiben, iſt in der That eine höchſt demokratiſche und alles Beſtehende durchkreuzende Figur. Dieſe Sprin⸗ ger, ſind ſie nicht am Ende die philoſophiſchen Mar⸗ guis der Epoche? Ihre umher hüpfende Bewegung erinnert an die Trugſchlüſſe einer gewiſſen Spekula⸗ tion, und die Art, wie ſie den König in Schach ſetzen, und wie mit einer Schlangenwindung umgarnen, hat etwas ſo hinterliſtig Philoſophiſches, wie man es nur in Eurem Feldlager, Herr von Chamfort, finden kann. Ich greife aber Euern Springer, dieſen zerſtörenden Denker, durch einen Bauer an, denn Ihr ſollt nicht glauben, daß das Königthum ſchon ganz von den Bauern verlaſſen ſei. Ich kümmere mich aber ganz und gar nicht darum, ſondern nehme Euch mit meinem Springer den Laufer weg, erwiederte Chamfort eifrig. Euere Königin hat Mirabeau. III. 14 — 210— jetzt den philoſophiſchen Marquis unmittelbar vor ihrer Adlernaſe ſtehen, und ſie hat alle Urſache, ſich deshalb ein wenig auf die habsburgiſche Unterlippe zu beißen. Denn wenn die Königin jetzt den unange⸗ nehmen Marquis nehmen will, ſo fällt ſie dem unten ſtehenden Thurm unrettbar in den Rachen. Uebrigens beweiſt mir dies Euer reactionnäres Raiſonnement, Herr Abbé, daß wir noch immer nicht vollſtändige Geſinnungsgenoſſen ſind, und ſelbſt an dem Tage, welcher der Eröffnung der Reichsverſammlung voran⸗ geht, uns noch nicht einigen zu können ſcheinen. Etwas conſervativer, als Freund Chamfort, werde ich wohl immer ſein und bleiben müſſen, entgegnete Abbé Cerutti mit ſeiner liebenswürdigen Feinheit. Dieſer Standpunkt läßt mir zugleich die Freiheit, mich nach allen Seiten hin umzublicken, und ſo finde ich, daß Ihr unverſchämter Springer, der meiner Königin auf den Leib gehüpft iſt, eigentlich nur zum Schutz der königlichen Poſition beigetragen hat, denn ich kann nun meine Königin fortziehen, und ſage mit ihr Euerem König ein ebenſo ernſthaftes als nachdrück⸗ liches Schach. Das Blatt hat ſich alſo gewandt, verſetzte Cham⸗ fort lachend. Nun gut, mein reactionnairer Herr Abbé, ich ſehe, daß Ihre Freundſchaft mit dem Herrn Finanz⸗ miniſter Necker Ihnen ſchon Früchte getragen hat. Sie haben von ihm gelernt, ſich durch Theater⸗Coups aus der Affaire zu ziehen. Da man Sie aber zu⸗ gleich wegen Ihrer genialen Ehrlichkeit, mit der Sie auch auf andere Meinungen einzugehen wiſſen, lieb⸗ gewonnen hat, ſo wirken ſolche Coups etwas ſtörend an Ihnen, und man fühlt ſich zur Rache gegen Sie gereizt, die man auch ſogleich vollzieht, indem man den philoſophiſchen Marquis wegzieht und damit auf der Stelle Ihre Königin angreift, gleichzeitig aber da⸗ durch das Schach des Königs gegen den Thurm von neuem öffnet. Ihre Königin iſt jetzt verloren, mein Herr, denn Sie müſſen aus dem Schach treten, und der Thurm, dieſe ſchöne Volksfigur, rückt nun, ge⸗ ſchützt durch den Springer, ganz nahe zu Ihnen hin⸗ unter, und bringt Ihrem König abermals ein don⸗ nerndes Schach auf den Hals. Ich ſehe es wohl, Sie ſind ein gefährlicher Spie⸗ ler, rief der Abbé unwillig. Was bleibt mir da noch übrig, als mich Ihnen gefangen zu geben? Am Ende iſt Ihre demokratiſche Angriffsweiſe die richtige, und ich würde mich noch zu ihr bekennen, wenn ſie mit weniger Tumult auftreten könnte, und nicht einem ge⸗ wiſſen blutigen Zerſtörungstrieb ſich von vornherein zuzuneigen ſchiene. Sie ſpielen auf die blutigen Volksauftritte an, welche vor einigen Tagen in Paris ſtattgefunden ha⸗ ben? fragte Chamfort, indem ſeine Angen blitzend zu leuchten begannen. Glauben Sie mir, dieſe armen Arbeiter der Vorſtädte Saint⸗Antoine und Saint⸗ Marcean, die das Haus des Fabrikanten Réveillon in Brand geſteckt haben, ſind dabei nur als Werkzeng einer gewiſſen Intrigne gemißbraucht worden. Dieſer Réveillon mag nun mit Recht oder mit Unrecht als Ariſtokrat verſchrieen geweſen ſein, das Volk würde ſich ſchwerlich um ihn bekümmert haben, wenn es nicht durch die geldſpendenden Agenten des Herzogs von Orléans dazu aufgereizt worden wäre. Wie, entgegnete Cerutti lebhaft. Sie glauben in der That, daß der Herzog ein Intereſſe daran gefun⸗ den haben könnte, Aufſtände des Pöbels in der Haupt⸗ ſtadt organiſiren zu laſſen? Ich glaube es nicht nur, fondern ich weiß es, er⸗ wiederte Chamfort. Ich habe die Agenten des Her⸗ zogs geſehen, welche Geld unter jene Arbeiter⸗Be⸗ 14* — 212— völkerung vertheilten, und die ihren Auftraggeber gar nicht verſchweigen wollten, weil es ihm jetzt darauf ankommt, ſich einen Anhang im Volke zu machen. Sie wiſſen, wie ſehr es dem Herzog, der jetzt plötzlich den Luftballon der Volksgunſt beſteigen will, darauf ankam, zum Abgeordneten bei den Reichsſtänden er⸗ wählt zu werden. Er wollte damit ſeinem perfönlichen Bruch mit dem Hofe das Siegel des Schreckens auf⸗ drücken, und weiter nichts. Jenen wunderlichen oppo⸗ ſitionellen Hofadel hatte er ſchon unter ſeine Fahne geſammelt, als der Edle noch Herzog von Chartres war. Und nun hat er es richtig dahin gebracht, daß der Adel in Crespy ihn zum Deputirten gewählt, der durch einen königlichen Prinzen, welcher zugleich die pariſer Arbeitermaſſen commandiren kann, ſich am beſten vertreten glaubt. Jener Réveillon ſoll die Arbeiter durch ſeinen Uebermuth gereizt haben, entgegnete Cerutti. Er hat ihnen geſagt, daß ein Arbeiter nicht mehr als fünfzehn Sous täglich brauche, um, wie es ihm gebührt, leben zu köunen. Das hat die Leute, die jetzt ſchon ſo fürchterlich aufgeregt ſind, wüthend gemacht und ſie haben ihm Alles, was er beſaß, zerſchlagen und ver⸗ brannt. Dieſe Banden, von denen Paris plötzlich heimgeſucht wird, ſind doch ein bedenkliches Symptom, mein Freund. Ich begegnete ihnen, wie ſie mit einem furchtbaren Geſchrei durch die Straßen liefen, alle Wagen anhielten, und Alle, die ihnen verdächtig ſchienen, Adelige zu ſein, nöthigten auszuſteigen und durch den Schmutz weiter zu gehn. Dann forderten ſie von den Vorübergehenden Geld, um auf die Ge⸗ ſundheit des dritten Standes zu trinken. Mein guter Freund Chamfort, mich dünkt, Euer vielgeprieſener dritter Stand, an den Ihr ſo viel philoſophiſche — 213— Schwärmerei geknüpft habt, kommt unter ziemlichem Scandal zur Welt. Jede Geburt iſt ein Scandal, mein Freund, er⸗ wiederte Chamfort. Es ereignen ſich immer Dinge dabei, die nicht ganz ſauber ſind. Wenn das Kind nur geſund iſt, das zur Welt kommt, ſo wird man es ſchon reinigen können, und mit der Zeit ſteht es als ein allerliebſter Junge da. Mich dünkt, auch unſere Schachpartie hier, die wir in Erwartung der Drei⸗ Stände⸗Prozeſſion geſpielt haben, iſt ein ganz gehörjger Scandal geworden. Die Tagespolitik hat uns gerade in dem entſcheidendſten Augenblick von ihr abgezogen. Oder Freund Abbé hat mich mit ſeiner clerikaliſchen Schlauheit in dies Geſpräch verwickelt, um ſein Matt ſo lange als möglich zu vertuſchen. Denn gegen mei⸗ nen Thurm vermag ſich Euer König jetzt nicht mehr lange zu halten. Die Volkspartei hat geſiegt, Abbé Cerntti! Jedenfalls gebe ich die Partie, entgegnete der Abbé, indem er die Figuren durcheinander warf. Ob die Volkspartei wirklich geſiegt hat, wer kann es wiſſen. In dieſem Augenblick begann das Glockengelänte von der Parochiale Notre Dame, und verkündete, daß die Prozeſſion ſo eben ihren Aufbruch beginne und die Kirche verlaſſe. Dieſe feierlichen Klänge hatten ſo raſch und mächtig angeſchlagen, daß Chaifort faſt er⸗ ſchrocken zuſammenbebte. Er hatte das Schachbrett heruntergeſtellt und war auf den Tiſch geſprungen, um über die Köpfe der Volksmenge, welche die Straße bedeckte, hinwegblicken zu können. Der lange, hoch⸗ gewachſene Abbé ſtand neben ihm auf einem Stuhl, und verſicherte, daß er die Spitzen des Zuges bereits in der Ferne ſich heraubewegen ſehe. Das iſt das Glockengeläute von 1789, welches jetzt an unſer Ohr ſchlägt! ſagte Chamfort zu ſeinem Freunde. Dieſe Glocken werden über alle Länder und Völker klingen. Dieſe feſtlichen und bedentſamen Klänge ſagen es Ench ja ſchon an, Cerutti, daß die Volks⸗ partei geſiegt hat oder ſiegen will, denn das iſt daſ⸗ ſelbe. Der Wille des Volkes iſt immer auch ſeine That. Dieſe Glocken tönen nicht nur für alle Völker, ſondern auch für alle Zeiten, denn ſie werden die ganze Zukunft durchhallen! Jetzt begannen die Muſikchöre, die in gewiſſen Zwiſchenräumen aufgeſtellt waren, feierliche und an⸗ muthige Melodieen zu ſpielen. Gleichzeitig erklangen die Militair⸗Märſche, die Wirbel der Trommeln und der durchdringende Schall der Trompeten, in welche ſich die mit einem edlen und würdigen Aufſchwung emporſteigenden Geſänge der Prieſter miſchten. Die Prozeſſion näherte ſich jetzt. Der Clerus von Verſailles, der in ſeiner Mitte die Muſik der könig⸗ lichen Kapelle hatte, eröffnete den leicht und raſch da⸗ hinwandelnden Zug. Dann erſchienen zuerſt die Ab⸗ geordneten des dritten Standes, oder der Gemeinen, wie die Vorſichtigeren zu ſagen liebten. Man erblickte ſie ſämmtlich in einem ſchwarzen Anzug, mit einem darüber gebreiteten ſeidenen Mäntelchen von ſchwarzer Farbe und einer Battiſt⸗Cravatte. Schon durch ihre überwiegende Maſſe, welche auf die Zahl von ſechs⸗ hundert Männern ſich belief, ſtellten ſie ſich in der Prozeſſion als den überwiegenden Beſtandtheil dar, der durch das unterſchiedsloſe Schwarz, in dem er ſich färbte, einen eigenthümlich ernſten und faſt unheim⸗ lichen Eindruck machte. Aber dieſe Männer wandelten zugleich in einem ſo feſten Schritt, in einer ſo ruhigen und ſtarken Haltung einher, daß ſie die Bedeutung, welche auf ihnen, als dem Kern des Bürgerſtandes, an dieſem Tage ruhte, ſchon mit mächtiger Zuverſicht auszuſprechen und in's Bewußtſein zu rufen ſchienen. — 215— Bei dem Auftreten des dritten Standes war die ganze auf der Straße verſammelte Volksmaſſe in ſi ungeheuren Beifallsruf ausgebrochen. Man klatſcht in die Hände, warf die Hüte in die Höhe und 6 ſeine Freude durch alle möglichen Ausrufungen zu er⸗ kennen. Von den Fenſtern und den Balkonen wehten die Damen mit ihren weißen Tüchern, auf allen Geſichtern drückte ſich Stolz und Freude aus, und in vielen Augen ſah man Thränen des Entzückens ſchimmern. Das iſt der dritte Stand! ſagte Chamfort, indem er in freudiger Aufregung ſeinen Arm um den Hals des Abbé ſchlang. Bei jedem ihrer Schritte pocht mir mein Herz, wie es einem Bräutigam nur bei dem Anblick ſeiner Braut geſchehen kann. Dieſer dritte Stand repräſentirt keinen Stand, ſondern die ganze Nation. Merkt auf, Freund Abbé, das iſt der unge⸗ heuere, die ganze Zeit durchbebende Unterſchied. Aus einer Erdſpalte, die man offen gelaſſen, iſt dieſer Trog⸗ lodyt der Geſchichte plötzlich an das Tageslicht hervor⸗ gebrochen, aber kaum iſt er oben an der Oberfläche, ſo erkennt man ihn wieder, den Verſtoßenen, als das ächte Kind der Freiheit und als den Liebling der Sonne, und jetzt wird Keiner mehr glücklich ſein, ehe dieſer nicht ſein Glück gefunden! Ihr werdet noch von Eurem Schachtiſch herunter⸗ fallen, wenn Ihr Euch ſo ſtürmiſch hin⸗ und herbe⸗ wegt, Freund Chamfort! rief Abbé Ceérutti, den Be⸗ weglichen feſthaltend. Ich liebe, wie Ihr, den dritten Stand, wenn ich ihn auch nicht für die eigentliche Nation' halten kann. Aber ſagt mir, warum hat man ihm denn dieſes trübe und durftige Koſtüm gerade an ſeinem heutigen Ehrentage angelegt? Wie ich höre, ſollen viele Herren des dritten Standes ſich darüber — 216— ſehr empört und beleidigt fühlen, daß ihnen das Regle⸗ ment gerade eine ſolche Tracht aufgenöthigt hat. Das ſind gewiß nicht die Rechten, welche ſich dar⸗ über beleidigt fühlen können, erwiederte Chamfort in ſeinem lebhaften Eifer. Gerade darin beweiſt der dritte Stand, daß er die Nation iſt, indem er keine bunten Abzeichen und Schnörkel eines beſonderen Stan⸗ des mehr an ſich trägt. Seht dagegen den Adel, der dort hinter ihm herangezogen kommt, wie glänzend und ſchreiend er mit ſeinen Goldſtickereien, ſeinen wehenden Federbüſchen und dem ganzen Lurus ſeines Koſtüms ſchon aus der Ferne uns zuſchimmert. Das iſt ein Stand, das iſt der Adel! Das Kleider⸗Regle⸗ ment, über welches man am Hofe in Verſailles ſo lange geklügelt, hat für den dritten Stand gerade das Beſte und Bedeutſamſte getroffen, dünkt mich. Der Stand des Volkes iſt ſchwarz, und wahrlich, er hat genug gelitten, um über einen Staat, der ihm ſo viel zugemuthet, auch noch am hentigen Tage trauern zu können. Aber ſeine Tracht iſt zugleich die der Rechts⸗ gelehrten und Staatsräthe im Mittelalter, und darin liegt etwas ungeheuer Pfiffiges, mein lieber Freund. Denn der dritte Stand iß es, der jetzt berufen iſt, dem Staat zu rathen, und der jetzt kommt, Recht zu ſprechen zwiſchen dem König und der Nation, zwiſchen der Vergangenheit und der Znkunft. Ah, da entdecke ich nun endlich auch unſern Freund Mirabeau, wie er inmitten der Glieder des dritten Standes ſo ſtattlich und gewaltig einherſchreitet! rief Cerutti, indem er mit der Hand auf Mirabeau hin⸗ deutete. Aber ſieh, warum hat er denn nicht auch die Toilette des dritten Standes angelegt? Warum er⸗ blicken wir unſern genialen Freund in ſeinem gewöhn⸗ lichen Cavalier⸗Koſtüm unter den Schwarzmänteln, — 217— mit denen zuſammen er den dritten Stand zu ver⸗ treten die Ehre hat? Das ſchwarze Kleid iſt nur für die Bürgerlichen des dritten Standes vorgeſchrieben, entgegnete Cham⸗ fort, und Mirabeau liebt es einmal nicht, ſeine Toi⸗ lette zu ändern. Aber dafür ſchreitet er dort Arm in Arm mit jenem Gérard, dem herkuliſchen Bauer aus der Bretagne, welcher der Freiheits⸗Apoſtel ſeiner Ge⸗ gend geworden, und mit ſonnenverbrannter Stirn und ungeheurem Gliederbau ſich in ſeiner eigenen Kraft wiegt. Unſer Freund Mirabeau aber feiert heute zu⸗ gleich den Triumph aller ſeiner Seht, wie das Volk ſich von allen Seiten danach drängt, ihn, nur ihn zu ſehen. Man ihn ſchon von Weitem geſucht und erſpäht, das Volk zeigt ſich ihn mit den Fingern, es ſeinen Namen mit den Lippen. Bravo, Mirabeau, ſo biſt Du denn auf der Sonnen⸗ höhe angelangt, auf der wir Dich läugſt zu ſehen ge⸗ ſtrebt! Was haſt Du nicht Alles leiden müſſen, aber in allen Deinen Duldungen biſt Du zugleich der Lei⸗ densgefährte der Nation geweſen, und die Nation will nun aus dem Kameraden ihrer Schmerzen ihren Hel⸗ den machen. Glück zu, Mirabeau! Sein Name iſt ohne Zweifel der populairſte in Frankreich geworden, ſagte der Abbé, dem vorüber⸗ ſchreitenden Mirabeau nachblickend. Selbſt von allen perſönlichen Schickſalen ſeiner Jugend, von den Käm⸗ pfen mit ſeinem tyranniſchen Vater, von ſeinen Ge⸗ fangenſchaften und Kerkerqualen, von feinen Liebesaben⸗ teuern erzählt ſich das Volk ſo erbauliche Geſchichten, wie ſie in den Mährchen von den alten Heroen und Rittern ausgeſponnen werden. Mirabeau iſt bereits eine Geſtalt für die Nation geworden, man weiß ſelbſt nicht wie, und ſo werden ſich gewiß noch die grßten Thaten des Jahrhunderts an ihn knüpfen. Es kommt in der Welt ſehr viel auf den Namen an, erwiederte Chamfort nachſinnend. Mirabeau iſt ein geliebter und gehaßter Name geworden, und Beides wird ihm dazu helfen, Geſchichte zu machen. Vorgeſtern hat er ſich von Neuem bei den Ariſtokraten gründlich verhaßt gemacht. Vorgeſtern, als ſich die drei Stände vorſchriftsmäßig bei dem König auf dem Schloſſe zu präſentiren hatten, war es Mirabeau, der zuerſt dem Mißvergnügen des dritten Standes einen Ausdruck gab, weil bei dieſer Vorſtellung auf eine für das Volk durchaus beleidigende Weiſe der Rangunterſchied der Stände feſtgehalten wurde. Denn nachdem Adel und Clerus im Cabinet des Königs empfangen worden, die Abgeordneten der Gemeinen aber in einem beſonderen Saal, vor dem ſie erſt in einem dunkeln und engen Corridor lange auf Einlaß hatten harren müſſen, ſchlug Mirabeau gleich mit großer Heftigkeit vor, wegen dieſer kränkenden Nüance einen Einſpruch zu den Fü⸗ ßen des Thrones niederzulegen. Als der König dann in dem Saal erſchien, und ſich bei ſeiner Anrede an die Abgeordneten das Haupt bedeckte, war Mirabeau der Erſte, der ebenfalls ſeinen Hut aufſetzte und da⸗ durch allen Uebrigen das vielbedeutſame Signal gab, das eine neue Zeit der öffentlichen Freiheit ankün⸗ digte. Denn bisher war es nur ein Vorrecht der bei⸗ den erſten Stände geweſen, ſich vor dem König be⸗ decken zu dürfen.*) Ich habe davon reden hören, entgegnete Cerutti. Die Inſtruktionen, welche der dritte Stand von ſeinen Wählern mitgebracht, gehen allerdings dahin, daß ſie den beiden andern Ständen keinen Vorzug weder bei der Ceremonie noch bei der Etiquette zugeſtehen dürften. oulongeon: Histoire de France depuis la révolution de 1789. 1. 22 — 219— Aber der Muth, bei dieſer Gelegenheit den Anſang zu machen, mochte allerdings einen Mirabeau erfordern. Doch ſeht, jetzt flammt ſchon ganz nahe zu uns der Adel Das iſt eine förmliche Demarcationslinie, die ſich zwiſchen dem weiſſagungsvollen Schwarz des dritten Standes und dem goldfarbigen Adel hinzieht. Die hundertundfunfzig Adels⸗Abgeordneten ſchritten jetzt in ihrer prunkvoll ritterlichen Tracht heran, wäh⸗ rend der mächtige Ruf des Volkes: es lebe der dritte Stand! noch nicht verhallt war. Sobald ſich aber der Zug des Adels entwickelte, trat eine lautloſe Stille unter der Menge ein, und man ließ die vornehmen und geputzten Herren mit einem allgemeinen, faſt ängſt⸗ lichen Schweigen vorüberwandeln. Der Adel trug ebenfalls ein ſchwarzes Kleid, aber mit einer Unter⸗ weſte von Goldtuch, und mit Spitzen⸗Zierrathen und koſtbaren Stickereien aller Art, mit einem ſeidenen Mantel, einer Spitzen⸗Cravatte und manchen glän⸗ zenden Abzeichen beſonderer Art. Vornehmlich aber war es der aufgeſchlagene Federhut à la Henri quatre, mit den ſtolz einherflatternden weißen Büſchen, wo⸗ durch die prächtige Haltung dieſes Standes ſich am meiſten charakteriſirte, und einen alle Andern über⸗ treffenden und beſiegenden Eindruck anzuſtreben ſchien. Da wimmelt es von Marquis, Grafen, Vicomtes, Baronen, Marſchällen, Generälen, Präſidenten! ſagte Sanſor die ſtrahlenden Reihen! dieſes Standes mit lächelndem Auge überfliegend. Man ſieht es dem ruhi⸗ gen Aufzuge dieſes Standes gleich an, daß er nicht das prickelnde Advokaten-Blut in ſich trägt, welches den dritten Stand vorzugsweiſe durchrieſen wird. Die Mehrzahl ſind auch Advokaten unter jenen Ab⸗ geordneten des dritten Standes, und hier ſehen wir lanter geſättigtes und in ſich ſeibſt ruhendes Vollblut vor uns. Und an der Spitze des Adels, wen erblickt — man da in ſeiner eingebornen Herrlichkeit? Wahrhaftig, das iſt Lonis Philippe Joſeph von Bourbon, Herzog von Orléans, der Abgeordnete für den Wahlkreis Crespy in Valois, der erſte Anglomane des König⸗ reichs, der die Freiheit und die Elubs in London ſtü⸗ dirt hat und durch ſeine letzte Reiſe nach England dem Hofe ſo verdächtig geworden iſt. Er hat es vorgezo⸗ gen, hier in der Mitte der Prozeſſion unter ſeinen Mit⸗ erwählten zu erſcheinen, während ſein Platz eigentlich unter den Prinzen des königlichen Hofes geweſen wäre, welche hinten den Zug beſchließen. Das gehört zu den Wundern der Zeit, und könnte mich beinahe ſtutzig machen über dieſe rauhe Größe des ehemaligen Her⸗ zögs von Chartres. Die Worte Chamforts wurden aber jetzt übertönt von den gewaltigen Rufen, welche aus den Volks⸗ maſſen beim Anblick des Herzogs von Orléans her⸗ vorſtiegen. Es lebe Orlsans! Der Herzog von Or⸗ léans lebe hoch! ſchallte es von allen Seiten, was dem Herzog ein wohlgefälliges Lächeln, das er nicht unter⸗ drücken zu können ſchien, abnöthigte. Der Prinz hat die Freiheit mit ſolcher Inbrunſt ergriffen, als wenn es ein neues Laſter wäre, das er ſich im Palais Royal ausgeheckt hat! ſagte Chamfort, als dieſe enthufiaſtiſchen Rufe wieder nachließen. Mir ſchaudert wahrlich die Hant bei dieſem neuen Experi⸗ ment, welches der Orgien Prinz mit ſeinen Nerven macht. Die Volksfreiheit als neuer Wolluſtkitzel eines vornehmen Herrn, das iſt ein ganz nichtswürdiges Problem, bei dem mir angſt und bange wird, wenn ich es mir unter den ſymboliſchen Zeichen der nen aufgehenden Freiheit Frankreichs denke. Was iſt dieſer Herzog von Orléans anders, als ein moraliſch faulen⸗ der Cadaver, welcher ſich durch den elektriſchen Strom der Freiheit galvaniſiren laſſen will? Das Volk jauchzt — 221— dieſem galvaniſchen Kunſtſtück zu, meinetwegen. Wenn das Volk an ihn glaubt, ſo wird es ſchon zu irgend etwas nütze ſein. Denn das Volk iſt ein Thier, das von der gütigen Vorſehung wenigſtens den Inſtinct zu ſeiner Waffe erhalten hat. Seinen Nutzen hat das Volk ſchon davon gehabt, erwiederte Cerutti. Denn wer anders als der Herzog von Orléans iſt die Urſache, daß die doppelte Vertre⸗ tung des dritten Standes durchgeſetzt worden iſt? Ich kann Ihnen ſagen, Chamfort, daß dies der Haupt⸗ artikel des geheimen Bündniſſes geweſen iſt, welches der Herzog von Orléans und Necker mit einander abgeſchloſſen haben. Außerdem nennt mir doch irgend einen Maun, ſei es am Hofe oder in der Ariſtokratie, welcher ſich in der letzten Zeit ſo unausgeſetzt und hülfreich mit den Leiden des Volkes beſchäftigt hat, als der Herzog. Er hat ſeine Wohlthaten nicht blos auf die Stadt Paris beſchränkt, in der in gewiſſen Stadttheilen die Armen von ihm leben und durch ihn ſich kleiden, ſondern er ſorgt auch wie ein Vater für alle die Unglücklichen, die auf ſeinen Gütern ſind. Durch ſeine Beamten läßt er Getreide, Holz, Wein an die Nothleidenden vertheilen, und wenn man ihn ſpricht, findet man einen gütigen, milden, einfachen Herrn, der nur Liebe für die Freiheit und Intereſſe für das Volk athmet. Dem unaufhörlichen Andrin⸗ gen Necker's hat er nachgegeben, indem er ſich zum Abgeordneten des Adels erwählen ließ. In der That, Chamfort, ich wundere mich über Euch, daß gerade Ihr ein ſo engherziges Urtheil über Euren Nachbar im Palais Rohal, den Herzog von Orléans, fällt. Wie kommt der Philoſoph Chamfort dazu, den Maaß⸗ ſtab der Allerweltsmoral an einen Herrn anzulegen, der mitten in der Debauche, in welche ihn ſeine Zeit und ſein Stand hineingeriſſen, ſich plötzlich einer — 222— beſſern Aufgabe bewußt wird, und ſich an der Hand derſelben herauszuziehen ſtrebt aus ſeiner Verſun⸗ kenheit? Es iſt das erſte Mal, daß mir einer zu verſtehen giebt, ich ſei im Grunde ein Tugendeſel, erwiederte Chamfort mit ſeinem gutmüthigen Lächeln. Die Eſelspartieen hat aber eigentlich Euer Herzog von Orlsans eingeführt, und die reizende Königin Marie Antoinette hat bekanntlich einen ſo großen Geſchmack daran gefunden, daß ſie ſich ſogar durch das Herunter⸗ fallen vom Eſel auszuzeichnen wußte, und bei dieſer Gelegenheit das Studium des Nackten förderte, in⸗ dem ſie das Füllhorn ihrer verborgenſten Reize an die Erde ſchüttete. Woher ſeitdem der Haß des Herzogs gegen die Königin entſtanden, wird man wohl nimmer entdecken können., Der Herzog, der bekanntlich auf Alles ſpeculirt, ſoll, nachdem ihm ein⸗ mal der Anblick dieſer Reize vergönnt worden, von der Königin mehr erwartet haben, als nachher ein⸗ treffen wollte. Nun glaubte er ſich ſeitdem mit keinem wirkſameren Inſtrument rächen zu können, als mit dem der Freiheit, welches er mit beiden Händen er⸗ griff. So erklärt ſich Euer Tugendeſel Chamfort das Bündniß eines Herzogs von Orléans mit der Freiheit. Denn auch der Miniſter Necker, mit dem er ſich jetzt die Hand gereicht hat, iſt ein Feind der ſchönen Königin. Mein thenrer Abbé, wenn in Frankreich eine Revolution gemacht wird, ſo ſind es nur die Feinde der Königin, denen der gute Louis XVI. dieſelbe zu verdanken haben wird! Mögen ſich aber Orléans und Necker heimlich mit einander verbünden, was folgt daraus? Es folgt daraus, daß dies die richtige Poſition iſt, entgegnete Cerutti. Und Ihr würdet Euch ein Verdienſt um die ganze Nation erwerben, wenn Ihr — 223— auch unſern Freund Mirabean bewegen könntet, mit Orlsans und Necker zu gehn. Dieſe würden ihn mit offenen Armen aufnehmen, was Ihr aus meinem Munde als die beſtimmteſte Aeußerung aufnehmen und benutzen könnt. Ich glaube Euch zu verſtehn, entgegnete Chamfort, aber Ihr müßt wiſſen, daß ich viek zu bequem bin, um mir den Kuppelpelz der Parteien verdienen zu wollen. Aber ſeht, Abbs, jetzt kommt Euer Stand, jetzt kommt der Clerns in ſeinem ganzen pontifikali⸗ ſchen Schmuck herangeſchritten. Man erblickte jetzt die geiſtlichen Mitglieder, die, in feierlicher Prozeſſion ſich einherbewegend, das hei⸗ lige Sacrament an ihrer Spitze führten. Dieſer Zug war gewiſſermaßen in einer ſtandesmäßigen Gliedernng abgetheilt, indem die Biſchöfe, die in ihren violetten Prachtkleidern ſich zeigten, ſich von dem niedrigen Clerus, der im großen Mantel und mit der vier⸗ eckigen Mütze erſchien, geſondert hielten. Der König und die Königin begleiteten das heilige Sacrament, welches in den Händen des Erzbiſchofs von Paris unter einem prachtvollen Thronhimmel ſtrahlte, deſſen Schnüre die Grafen von Provence und Artvis auf der einen Seite, anf der andern die Herzöge von An⸗ goulème und Berri trugen. Beim Anblick des Königs, der ernſt und blaß, aber mit einer gelaſſenen und zuverſichtlichen Ruhe einherſchritt, waren die Volksmaſſen in lebhafte und aufrichtige Beifallsrufe ausgebrochen, die auf den Mo⸗ narchen einen frendig bewegenden Eindruck zu machen ſchienen. Den wiederholten Schreien: es lebe der König! klang jedoch kein einziger Ausruf für die Kö⸗ nigin zur Seite. Kein einziger Volksgruß, kein Ton der Liebe und Bewunderung, wie ihn Marie Antoinette — 224— in früheren Zeiten ſo oft bei ihrem öffentlichen Er⸗ ſcheinen vernommen, drang ihr heut entgegen. Marie Antoinette ſchien die ganze Schwere dieſes Moments auf das Tieſſte zu empfinden. Dies un⸗ heimliche Schweigen, welches ihr das Volk entgegen⸗ ſtellte, und aus dem ſich, ohne daß man wußte wie, eine ſchneidend feindſelige Stimmung herausfühlte, dünkte ihr ein Angriff auf ihre Perſon zu ſein, den ſie nicht ungeahndet hinnehmen zu dürfen glaubte. Die Königin verſuchte daher, ihrem Schmerz und ihrer Bewegung zu trotzen, indem ſie ſich, wie ſchon öfter bei früheren Gelegenheiten, in eine verachtungs⸗ volle Miene und ſpöttiſche Blicke, mit denen ſie das Volk muſterte, hineinrettete. Plötzlich aber begann ſie zu ſchwanken, ihr Geſicht erbleichte, und die hin⸗ und herzitternde Geſtalt ſchien ohnmächtig nieder⸗ ſinken zu wollen. Die Prinzeſſin von Lamballe, welche ſich der Königin zunächſt befand, bemühte ſich, ſie mit ihrem Arm zu ſtützen. Man glaubte einen Augenblick, daß die ganze Prozeſſion unterbrochen werden müſſe. Aber Marie Antoinette gewann bald wieder ſo viel Feſtigkeit, um den Weg fortfetzen zu können. Die neue Erſchütterung der Königin war beſon⸗ ders durch einige Frauen aus dem Volke hervorgerufen worden, welche ſich mit fürchterlichen Mienen und in der gehäſſigſten Abſicht der Königin von weitem be⸗ merklich zu machen geſucht, indem ſie ihr mit Lauten und Gebärden, die von der Königin nicht mißverſtan⸗ den werden konnten, zuſchrieen:„es lebe der Herzog von Orléans! die Orléans für immer!“ In den Augen der Herzogin von Orléans, mit denen ſich die Blicke der Königin gerade in dieſem Moment begegnet waren, blitzte ein triumphirendes Lächeln empor, von dem ſich Marie Antvinette noch tiefer verwundet gefühlt. — Die übrigen Perſonen des Hofes beſchloſſen in einem prachtvollen Cortége den Zug, der in dieſen koſtbar geſchmückten Cavalieren und Hofdamen einen leuchtenden, von Gold und Diamanten funkelnden Schweif hinter ſich herzuziehen ſchien. Chamfort ſprang von ſeinem S tiſch herunter und ſagte zum Abbé Cerutti: Jetzt, mein Freund, raſch hinterher, damit wir noch frühzeitig bei der Kirche Saint Louis anlangen, und unſere Plätze, zu denen Ihr uns behülflich geweſen ſeid, einnehmen können. Wenn wir mit unſern geſchwinden Beinen dort die kleine Nebengaſſe einſchlagen, kommen wir noch vor König und Ständen bei den Pforten von Saint⸗Lonis an.— Die beiden Freunde ſuchten ſich jetzt durch die dem Zuge nachdrängenden Volksmaſſen Bahn zu machen, was ihnen anfangs kaum gelingen wollte. An der kleinen Gaſſe, in welche ſie einbiegen wollten, wurden ſie durch das ſich von mehreren Seiten kreuzende Gedränge ſo aufgehalten, daß ſie ſich zum Stillſtehen entſchließen mußten. Chamfort war mit ſeinem Freunde dicht an das Eckhaus hinangetrieben worden und ſtand gegen einen Balkon gepreßt, der mit ſchönen und reich⸗ geſchmückten Damen beſetzt war. Ah, da haben wir es wunderbar getroffen, ſagte Chamfort, nachdem er die Damen näher betrachtet hatte. Iſt nicht die Eine die Tochter Neckers, die ſchöne und geiſtreiche Frau von Stasl⸗Holſtein, und in der Andern glaube ich die liebenswürdige Frau von Montmorin zu erkennen? Sie ſind beide in der lebhafteſten Unterhaltung mit einander begriffen, und wenn wir Horcher an der Wand ſein wollen, werden wir jedes Wort erlauſchen können. Ich weiß keinen Tag meines Lebens zu nennen; an dem ich mich ſo gefreut hätte wie heut, ſagte die Mirabeau. MI. 15 — 226— Tochter Neckers, in ihrer lebhaften Weiſe, indem ihre geiſtvollen Augen Flammen ſprühten. Es war ein großes, ſchönes, die erhabenſten Gedanken in ſich ſchließendes Schauſpiel! Nation und König, welche ſich an die Bruſt geſunken ſind, und zuſammen beten gehen wollen, um ihren Bund für die Wiedergeburt des Vatevlandes zu beſchwören, iſt das nicht ein An⸗ blick, durch welchen die Thräne des Entzückens ge⸗ bören werden muß? Sie drückt ſich immer etwas exaltirt aus, dieſe Tochter Neckers, ſagte Chamfort leiſe zu ſeinem Freunde. Auch in ihrer Schrift über Jean Jacques Rouſſeau ſind mir zu viel turbulente Stoßſeufzer, von denen ich mich halb gekitzelt und halb geprügelt fühle, und man weiß nicht, ſoll man der ſchönen Verfaſſerin dafür einen Kuß oder einen Naſenſtieber geben. Wenn Herr Necker morgen ſeinen Eröffnungs⸗Biscvurs hält, werden wir gewiß wieder einigen Ideen ſeiner ſuper⸗ klugen und angebeteten Tochter darin begegnen. Man ſagt, daß Necker unter dem Pantoffel ſeiner geiſtrei⸗ chen Tochter ſteht? Hören wir, was die ſchöne Frau von Montmorin ſagt, erwiederte Cerutti, ſeinen Freund bedeutend. Sie machte der Fran von Stasl Vorwürfe darüber, daß ſie ſich einer ſo großen Freude überlaſſen habe. Ich bitte Dich, hörte man jetzt Frau von Mont⸗ morin auf dem Balkon ſagen, wie kannſt Du wohl an den heutigen Tag ſo freudige Erwartungen knüpfen? Du haſt Unrecht, denn das größte Unheil für Frank⸗ reich und für uns wird aus dem folgen, was wir heut geſehen haben.*) *) Frau von Montmorin wurde ſpäter in die Revolutions⸗ ereigniſſe hineingezogen und endete ihr Leben auf dem Schaffot. Vgl. Madame de Stasl Considérations sur la Révolution fran- gaise p. 187. — 227— Man ſah Frau von Stasl bei dieſen Worten er⸗ bleichen und zittern. Sie ergriff die Hände der Frau von Montmorin und zog dieſelben unter heftig her⸗ vorſtürzenden Thränen an ihre Lippen. In dieſem Augenblick aber trieb die ſtoßende Volkswoge die bei⸗ den Freunde von dieſer Stelle hinweg. Die Muſik⸗ chöre und die Prieſtergeſänge, welche die Proceſſion der drei Stände begleiteten, tönten jetzt ſchon in einiger Ferne, und Chamfort und Cerutti, die nun von ſelbſt in die Seitengaſſe hineingedrängt wurden, beſtrebten ſich, auf dieſem Wege nunmehr in verdop⸗ pelter Eile die Kirche zu erreichen. Die drei Stände hatten, nachdem ſie in Saint⸗ Louis angelangt, bereits auf den Bänken, welche für ſie in dem Schiff der Kirche aufgeſtellt waren, ihre Plätze eingenommen. Der König und die Königin hatten ſich, umgeben von ihrem Hofſtaat, unter einem Thronhimmel von violettem Sammet, der mit golde⸗ nen Lilien durchſäet war, niedergelaſſen. Die Königin ſah blaß und verſtört aus, und der König, der in ſeiner unbefangenen und einfachen Haltung nur durch die Sorge um ſeine Gemahlin geſtört ſchien, war mit ſeinen Blicken und Mienen faſt ausſchließlich ihr zugewandt. Chamfort und Cerutti befanden ſich auf einer der Tribunen, welche mit vorbehaltenen Plätzen für die Zuſchauer aufgeſchlagen waren. Wir werden hier Alles vortrefflich ſehen, ſagte Chamfort. Und ich ſehe jetzt erſt recht ein, was Connexionen in der Welt werth ſind. Denn ohne Euere Verbindung mit dem Miniſter Necker, lieber Abbé, würden wir ſchwerlich dieſe guten Einlaßkarten erhalten haben. Und mir liegt ſehr daran, alle, auch die kleinſten Züge dieſer heutigen Feierlichkeiten zu erlauſchen. Ich habe unſerem Freunde Mirabeau einen Bericht verſprochen, den er 15* —— in ſeinem Journal benutzen will, welches er über die Sitzungen der Reichsſtände herauszugeben angefangen. Denn er glaubt, daß der Held der Zeit heut auch die Schreibfeder führen müſſe, um dem Jahrhundert in die Weichen zu dringen. Darum hat der Abge⸗ ordnete des dritten Standes zugleich auch als Jour⸗ naliſt debütiren zu müſſen geglaubt. Und nun kann ich der Königin hier gerade recht ins Antlitz ſehen, und die geheimen Falten eines Kummers, welcher der E angehört, auf dem ſchönſten Geſicht udiren. Die Königin ſieht in der That ſehr leidend aus, entgegnete Abbs Cerutti. Sie hat dieſen Tag ſchon lange gefürchtet, und ſich lange vor demſelben ge⸗ ſträubt. Ihr Mißverhältuiß zur Nation hat ſich heut auf die ſchlimmſte Weiſe entſchieden, und ich fürchte für ſie. Wäre ihre Anſicht im Staatsrathe durchgegan⸗ gen, ſo hätte man die Verſammlung der Reichsſtände auf vierzig bis ſechzig Meilen von der Hauptſtadt entfernt gelegt, und Marie Antvinette wäre ſchwerlich von dieſen Eindrücken berührt worden, die ihr heut ein wahres Grauen in das Herz geworfen haben. Aber die Meinung Necker's ſiegte für Verſailles, und meines Erachtens macht es dem Miniſter Ehre, daß er die Verſammlung in der Nähe von Paris haben wollte, um zu zeigen, daß er es nicht ſcheut, die Ab⸗ geordneten der Nation in einem gewiſſen Zuſammen⸗ hang mit dem Drang und Leben des Volkes zu ſehen. Dies Vertrauen zum Volke wird Herrn Necker hoch angerechnet werden müſſen. Aber den richtigen Inſtinct wird man der Königin dabei nicht abſprechen können, erwiederte Chamfort. Es ſtehen große Stürme bevor, und ihre ſchönen blonden Locken werden davon nothwendig in Unord⸗ nung gerathen müſſen. 3 1 — 229— In dieſem Augenblick begann ein Chor melodiſcher und ausdrucksvoller Stimmen die Hymne O salutaris hostia anzuſtimmen, und drang mit einer einfachen, hinreißenden Gewalt durch die Hallen der Kirche. Bald darauf erſchien der Biſchof von Nancy, Herr de la Farre, auf der Kanzel, um ſeine Rede zu be⸗ ginnen, der man von vielen Seiten mit einer ge⸗ ſpannten Erwartung entgegen geſehen hatte. Die Hofleute trauten ihren Ohren kaum, als der fromme Biſchof in einem ungemein ſchwungvollen Sermon über den Lurus und Despotismus der Höfe, über die Pflichten der Fürſten und die Rechte des Volks zu predigen anhub. Die Verſammlung wurde davon ſo hingeriſſen, daß plötzlich von allen Seiten ein lautes und ſtürmiſches Beifallklatſchen losbrach. Dies hieß der Etiquette ſo ſtark ins Geſicht ſchlagen, daß auf den Plätzen des Hofes eine unruhige Bewegung ent⸗ ſtand. Denn ſelbſt im Theater hatte bisher in Ge⸗ genwart des Monarchen kein Beifallsklatſchen erſchallen dürfen.*) Der König ſah aber auch bei dieſem Vorgange ruhig und unbewegt aus. Seine Blicke hingen nur an dem Geſicht der Königin, deren Marmorbläſſe ſich plötzlich in eine tiefe dunkle Purpurgluth verwan⸗ delt hatte. Kaum aber war die Predigt und die darauf folgende religiöſe Ceremonie beendigt, als auch der Hof ſchon aufgebrochen war, und die Verſamm⸗ lung, die zu dem Thronhimmel emporblickte, plötzlich nur die leergewordenen Plätze wahrnahm. Dann entſtand auf Einmal ein lebhaftes Durch⸗ einanderbewegen in der Kirche. Die Abgeordneten erhoben ſich von ihren Sitzen, in denen ſie bisher, in räumlicher Trennung des einen Standes von dem 3 *) Mirabeau Journal des Etats-Généraux No. 1. — 230— andern, niedergelaſſen geweſen. Man begrüßte ſich lebhaft von einem Stande zum andern, je nachdem man perſönliche Bekannte ſich gegenüber ſah. Nur die Mitglieder des Adels hatten ſich größtentheils in demſelben Augenblick zu entfernen angefangen, in welchem ſie den Aufbruch des Hofes wahrgenommen, und nur wenige Einzelne waren noch zurückgeblieben, um ſich mit einigen Mitgliedern des Clerus oder des dritten Standes zu unterhalten. In der Mitte der Kirche hatten ſich einige Grup⸗ pen gebildet, in denen man in lebhafter Unterhaltung zuſammenſtand, und zu denen allmählich auch ein⸗ zelne Perſonen von den Zuſchauerplätzen ſich heran⸗ fanden. Chamfort und Cerutti hatten ſich in die⸗ ſen Kreis begeben, um ſich mit Mirabeau zu be⸗ grüßen, der die Freunde herzlich empfing, bald aber wieder durch andere Begegnungen von ihnen abge⸗ zogen wurde. Mirabeau ſprach jetzt beſonders eifrig mit einigen Mitgliedern des Clerus, unter denen er mehrere per⸗ ſönliche Bekannte hatte, mit denen ihm eine perſön⸗ liche Wiederanknüpfung in dieſem Augenblick wichtig zu ſein ſchien. Darunter befand ſich namentlich Tal⸗ leyrand⸗Périgord, der ſeit Kurzem Biſchof von Autun geworden war, und auch von dieſer Stadt die Wahl zu den Reichsſtänden angenommen hatte. Mit dem geiſtreichen und liebenswürdigen Abbé von Périgord hatte Mirabeau früher in einem ſehr innigen Ver⸗ hältniß geſtanden, das nicht vertrauter und freund⸗ ſchaftlicher ſein konnte, und das auch ſeit der Erhe⸗ bung des jungen Abbé zum Biſchof noch in einer lebhaften Weiſe fortgedauert hatte. Nur plötzlich hatte dies Verhältniß durch eine beſtimmte Veranlaſſung einen Stoß erlitten, und Talleyrand, der es in der letzten Zeit in Paris abſichtlich vermieden, Mirabeau — 231— zu ſehen, ſchien auch jetzt die Erkennung und Begeg⸗ nung mit dem alten Freunde ſo lange als möglich hinausſchieben zu wollen. Mirabeau aber, der ihn lange ſcharf beobachtet, trat ihm jetzt ohne Weiteres in den Weg, und ſagte, ihm mit kräftiger Rückſichtsloſigkeit die Hand ſchüttelnd: An einem Tage, mit dem ſich die ganze Nation er⸗ neuert, laßt uns auch die alte Freundſchaft erneuern, Talleyrand⸗Périgord! Sollte denn wirklich mein un⸗ Luihe Buch über den preußiſchen Hof, an deſſen riſtenz ich doch ſo geringe Schuld trage, uns für immer auseinandergebracht haben? Talleyrand hatte mit ſeiner flüchtigen Grazie, die ihn auch in dem pomphaften Biſchofs⸗Ornat nicht verließ, die ihm dargereichte Hand Mirabeau's nur leiſe geſtreift, und ſagte dann, indem über ſein ernſtes, lauerndes Geſicht ein verbindliches Lächeln irrte: Iſt wohl die Zeit da, um an Bücher zu denken? Bücher kann man vergeſſen, aber ſeine ächten Freunde ver⸗ gißt man nie. Und jetzt braucht ja ein Freund den andern, wie dieſe Einberufung der Reichsſtände beweiſt. Die Regierung ruft die Stände als ihren Freund in der Noth, und ein Stand, denke ich, wird jetzt auch wieder an dem andern ſeinen Freund in der Noth haben. Und da liegen auch wir uns wieder in den Armen, Graf Mirabeau! Wenn Ihr dies ausſprecht, ſo bedeutet es Glück für das Gelingen dieſer ganzen Verſammlüng, erwie⸗ derte Mirabeau. Der dritte Stand, den ich hier zu vertreten habe, wird ſich beſonders gern mit dem Clerus zu einem einigen Wirken zuſammenſchließen. Große Hoffnungen erregte uns dazu ſchon die vor⸗ treffliche Predigt des Herrn Biſchofs von Nanchy. Was Herr de la Farre heut von der Karzel herab über die Verderbniß der Höfe und die Rechte des' Volkes geſagt, fordert den dritten Stand recht eigent⸗ lich auf, tie wahren Rettungsbund mit den Herren von der Geiſtlichkeit zu ſchließen. Im Uebrigen aber, Herr Biſchof, lagen Talleyrand⸗Périgord und Mira⸗ beau ſich einſtmals nicht blos als politiſche Reprä⸗ ſentanten in den Armen! Ich ſehe, Ihr glaubt noch immer, daß ich es eigentlich geweſen, der, gegen Euern Rath und Euern ausdrücklichen Wunſch, das Buch über den preußiſchen Hof in den Druck gehen ließ? Ei, mein lieber Graf von Mirabean, entgegnete der Biſchof mit einem ſtechenden Lächeln, es iſt dies ja ein ausnehmend hübſches Buch, und Ihr habt mir ja darin ſelbſt ein artiges Lob geſpendet, indem Ihr mich zu den hoffnungsvollſten Geiſtern der Epoche gerechnet. Aber dies Buch wurde für die Regierung freilich ſehr unangenehm, beſonders da in dem Angen⸗ blick, wo es erſchien, ſich gerade der Prinz Heinrich von Preußen in Paris befand, den Ihr auf eine ſo fürchterliche Weiſe mitgenommen habt. Und lediglich deshalb, weil ich den Prinzen kenne, und weil man zugleich in vielen Kreiſen glaubte, daß der erſte Ge⸗ danke zu Euerer Miſſion nach Preußen von mir aus⸗ gegangen ſei, wurde mir die Sache einen Augenblick lang recht unangenehm.*) Jetzt aber ſind wir hier auf dieſem glatten, ſehr glatten Eſtrich der neuen Reichsſtände, mein alter Freund! Der Clerus und der dritte Stand werden ganz gewiß zuſammengehen müſſen, wenn ich auch für die Rede meines ehrwür⸗ digen Collegen, des Biſchofs von Nancy, nicht ſo ſchwärmen kann, wie Ihr! Ja, ja, mein lieber Graf Mirabean, Ihr ſeid ſchon immer trotz Enerer andern Paſſionen ſehr parteiiſch für meine lieben Collegen Corréspondance entre le Comte de Mirabeau et le Comte de la Marck I. 344. — 233— vom Clerus geweſen. Ich will Euch aber aufrichtig ſagen, was mir an der Rede des Herrn de la Farre nicht gefallen hat. Sie war zu ſehr auf einen ge⸗ wiſſen Effect gearbeitet, und mußte daher nothwendig die Hände des Auditoriums in Bewegung ſetzen, was doch ein großer Verſtoß gegen die Etiquette war, den ich ſehr ungern durch ein hohes Mitglied des geiſt⸗ lichen Standes veranlaßt ſehe. Es iſt zwar wahr, was iſt alle Etiquette? Ihr lächelt, Graf Mirabeau. Ich glaube in Euren Augen zu leſen, was Ihr ſagen wollt. Ihr meint, der erſte Stoß gegen die Etiquette ſei ja von der Königin ſelbſt ausgegangen, und des⸗ halb dürfe man ſich nicht wundern, wenn das gefähr⸗ liche Feuer, das die Königin Marie Antoinette mit eigenen Händen anzündet, nun auch von unten herauf zu brennen anfange? Das wollt Ihr ganz gewiß ſagen, Graf Mirabeau, denn Ihr ſeid immer der Mann der verwegenſten Logik geweſen. Das feine geiſtvolle Geſicht des Biſchofs von Autun ſtrahlte bei dieſen Worten von jener Ironie, die ſich in ſeinem Antlitz in der Regel hinter den Zügen eines ſinnenden und aufmerkſamen Ernſtes barg, und nur in ſeltenen Momenten dieſe Verſtecke vereß um ſich offen in ihrer Uebermacht zu wiegen. Talleyrand⸗Périgord hatte erwartet, daß auch Mi⸗ rabeau lächeln würde, und als dies zu ſeinem ſichtli⸗ chen Erſtaunen nicht geſchah, wurde er ſelbſt plötzlich wieder ernſthaft, faſt abſtoßend, und richtete einen her⸗ ausfordernden und ſtechenden Blick auf Mirabeau. Nachdem ſich Beide in einer kurzen Pauſe ſchwei⸗ gend gegenüber geſtanden, ſagte Mirabeau: Ich ge⸗ ſtehe, daß der Anblick der Königin mir heut ein tiefes Mitgefühl eingeflößt hat, und ich fragte mich vor ihren in Leid dahinſchmelzenden Zügen: ob die ſchönſte Frau Frankreichs wirklich auch die unglücklichſte wer⸗ — 24— den ſolle? Vielleicht überwältigte mich zugleich das wunderbare Schönheitsbild der Königin, das mir noch nie ſo rein und vollendet erſchienen, als in die⸗ ſem Augenblick. Ihr wißt, ich habe einen demokrati⸗ ſchen Geiſt und ein monarchiſches Herz. Bei Euch iſt es immer umgekehrt geweſen, denn Ihr ſeid gerade in Eurem Herzen demokratiſch, Talleyrand, während Euer Geiſt ſtets einen Fußfall bereit hat für die Kö⸗ niglichen Herren dieſer Erde. Unſere politiſchen De⸗ batten, die wir früher mit einander führten, haben darum immer ſo viel Reiz für mich gehabt. Nur in Einem Ding ſtanden wir immer ganz gleich, nämlich in der Sympathie, die wir Beide unſern Gläubigern einzuflößen wußten. Mit den Generalſtänden werden wir ja, ſo Gott will, Alle ein neues Leben anfangen, ſagte der Biſchof von Autun, andächtig die Hände faltend. Oſt iſt es gut, Gläubiger zu haben; man gewinnt daran zugleich Gläubige. Denn wer uns vertraut, und immer nach⸗ läuft, den werden wir leicht zu allem Guten mit uns führen können. Aber ſeht, da ſind ja noch andere liebe Freunde, mit denen man ſich gern einmal wieder die Hände ſchüttelt. Er deutete bei dieſen Worten auf eine ihnen nahe getretene Gruppe, in der Chamfort und Cerutti mit einem dritten Herrn in geiſtlicher Kleidung zuſammen⸗ ſtanden, in welchem letztern Mirabeau mit großem Intereſſe den Abbe Sioyes wiedererkannte. Sieyes war eine kleine gedrungene Geſtalt, der Energie und Willenskraft gewiſſermaßen in jeder ihrer Muskeln eingeprägt zu ſein ſchienen. Aber ſein Weſen hatte zunächſt etwas Verſchloſſenes und Düſteres, ob⸗ wohl der bedeutende Kopf, der in einem ruhigen Nach⸗ ſinnen vornüber auf die Bruſt geſenkt lag, und die hinter langen Wimpern verſchleierten, nur zuweilen in — 235— ſcharfen Blitzen leuchtenden Augen nach einer Aeußerung von ihm begierig machten. Mirabeau war ihm jetzt mit der lebhafteſten Be⸗ grüßung entgegengeſtürzt und ſagte: Geprieſen ſeien die Pariſer Wahlen, die uns den Grafen Sieèyes ge⸗ ſandt haben! Ihr ſeid der einzige Geiſtliche, der als Vertreter des dritten Standes hier erſchienen iſt, und das wird und muß uns Glück bringen. Umarmen wir uns darauf! Sidyes erwiederte dieſen Gruß mit einer freund⸗ lichen, aber ſehr gemeſſenen Bewegung, und ſagte: Kann es einen natürlicheren Vertreter des dritten Standes geben, als den Geiſtlichen? Wenn der Geiſt⸗ liche nicht zugleich ein Mann des Volkes iſt, kann er nur ein Heuchter ſein. Ohne das Volk giebt es ebenſo wenig eine Kirche als einen Staat. Und unſer Sioyes iſt ja eigentlich das Orakel des dritten Standes geworden, rief der Abbé Cerutti, in⸗ dem er Sioyes auf die Schulter klopfte. Seine Schrift:„Was iſt der dritte Stand?“ iſt die Ori⸗ flamme der heutigen Nationalbewegung Frankreichs. Sie hat dem Volke den Weg gewieſen, um ſich ſelbſt zu finden, denn die Selbſterkenntniß iſt das Sacra⸗ ment, welches, wenn es dem Sterbenden gereicht wird, ihn wieder zu einem Lebenden macht. Nicht übel, Cerutti, ſagte Sièyes in ſeiner lakoni⸗ ſchen Kürze. Aber wenn Ihr doch von meiner kleinen Schrift über den dritten Stand redet, ſo ſteht hier der Mann, dem ich dabei Alles verdanke, nicht nur die Anregung, ſondern auch viele einzelne Stellen, die gerade die Hauptſache enthalten. Er deutete bei dieſen Worten auf Chamfort, der neben ihm ſtand und bei dieſer Erwähnung faſt er⸗ ſchrocken zuſammenfuhr.. Unſer Freund Chamfort erröthet, wie ein junges — 236— Mädchen, ſagte Mirabeau lachend. Ich habe ſchon einmal von ihm geſagt, daß er Schlangeneier legt, um ſie von Löwen ausbrüten zu laſſen. Und ich bin ſtolz auf dieſes Gleichniß, beſonders aber deshalb, weil es paßt. Er hat es ſchon öfter ſo gemacht. Ich finde, daß meine Freunde zu gütig gegen mich ſind, erwiederte Chamfort. Wenn mir meine Con⸗ ſtitution erlaubte, Schlangeneier zu legen, wollte ich die lieben jungen Schlangen ſchon ſelbſt aus der Schale bringen und in dem Garten Frankreichs ſpa⸗ zieren führen. Nein, ſagte Mirabeau, Du würdeſt zu faul zum Brüten ſein, ſowie Du zu faul geweſen biſt, um Dich zu den Reichsſtänden wählen zu laſſen. Und ich weiß noch nicht, wie wir ohne Deinen, immer das richtige Licht verbreitenden Geiſt werden tagen können. Die Zuſchauerbänke müſſen auch beſetzt ſein, wenn auf der Bühne gut geſpielt werden ſoll, verſetzte Cham⸗ fort. Auch bei der Schrift des Abbé Sieyes über den dritten Stand habe ich nur die guten Dienſte eines Zuſchauers verſehen, nichts weiter. Er ſetzt mir ſeine Ideen auseinander, ich mache natürlich ein ziem⸗ lich geſcheidtes Geſicht dazu, und aus meinen Mienen hat er ſich dann Einiges in ſeine Schrift entnommen, was weiß ich. So wird ein Held erſt durch das Volk, das ihm zujauchzt, zu dem, was er iſt. Mir aber, meine lieben Freunde, vergönnt es, immer nur Volk und nichts als Volk zu fein, denn zu etwas An⸗ derem tauge ich wahrlich Nichts! Man erfreute ſich dieſer liebenswürdigen Heiterkeit Chamforts, und lachte, indem man ihm herzlich die Hände ſchüttelte. Siéyes aber ſagte, indem ſeine dunkeln, verſchloſſenen Blicke aufflammten: Chamfort hat Recht. Ich habe heut auch ſchon daran gedacht. Am Ende gehöre auch ich gar nicht hierher, und hätte — 237— beſſer gethan, in meiner ſtillen Arbeitsklauſe daheim zu bleiben, und meine Bücher anzureden oder Muſik zu machen. Denn man muß das Talent eines Mira⸗ beau zum Sprechen und Schreiben haben, um hier etwas nütze zu werden. Macht Ihr noch immer ſo viel ſchöne Muſik? fragte ihn jetzt Talleyrand, der ſich bisher mit dem ihm in den Weg getretenen General von Lafayette unterhalten hatte. Ich weiß, daß Ihr neben Euren roßen philoſophiſchen Arbeiten Euch auch viel mit uſik beſchäftigt. Eure Schrift über den dritten Stand iſt freilich auch eine Oper, in der mit ſtarken Blaſeinſtrumenten gearbeitet wird. Aber wir find doch einmal auch Clerus, Herr Abbé. Werden wir nicht auch bei Gelegenheit für einige Friedens⸗Hymnen zu ſorgen haben? Ich bin nicht Componiſt für Alles, Herr Biſchof, erwiederte Sieyes trocken.— Die Glocken von Saint⸗Louis, welche bisher die ſtattgefundene Feierlichkeit ausgeläutet hatten, verhall⸗ ten in dieſem Augenblick in einem dumpfen, ſeufzer⸗ artig in ſich verlöſchenden Ton. Dies gemahnte die Abgeordneten, welche bisher noch in den Gängen der Kirche zurückgeblieben waren, zum Aufbruch. Man trennte ſich oder begab ſich gemeinſam zu den Wagen, die draußen an den Pforten von Saint⸗Louis harrten.— „ * — ſſſſ 8 9 10 13 14 15 16 5