Die Rönigin der flusspiraten Die Hyane des Urwaldes. 8 Raumantisches Bünbergemülde von Wilhelm Schröter. Womantiſche Seſebibliolhek. 24. Wand. Leipzig. Verlags⸗Contor. Die Känigin der flußpiraten. Hiſtoriſch⸗romantiſche Original⸗Novelle 4 von Wilhelm Schröter. 2. Band. Leipzig. Verlags⸗Conto r. 8 1 ¹ Ber Contraſt zwiſchen dieſen beiden Perſonen, Zamor tief ſchwarz und neben ihm das blendend weiß erſcheinende Geſicht Betty's, die ſich theils durch die männliche Schönheit und Jugend, theils durch die Gutmüthigkeit des Negers angezogen fühlte, war groß.— „Miſter Werner iſt mit der Gräfin fort!“ ſagte das Kammermädchen und ſah ihren Gelieb⸗ tten ſchelmiſch an, der mit ſeinen dunkeln Augen den flinken Fingerchen des Mädchens folgte. „Ja! Gräfin iſt meinem Freund gut; ſo wie ich Dir, Betty!“ entgegnete Zamor ruhig. „Woher weißt Du das?“ fragte Betty. „Ich habe es mit meinen Augen geſehen, wie ich Dich, mein Liebchen, ſehen— verſetzte der Neger zärtlich. 3 „Du biſt ein Schmeichler, Zamor!“ rief die Kleine. 6. ‚An Dir Aren ich nichts ſchmeicheln, Betty!“ „Ach ſchweig, Zamor!— Doch halt, ich be⸗ ſinne mich, ich habe ja Wein in das Zimmer der Gräfin zu tragen, willſt Du mir helfen?“— „Befiehl, Liebchen!“— Das Paar begab ſich in den Keller und holte einen Korb Wein herauf, den ſie in das Zimmer der Herrin trugen. Auf dem Wege dahin und dort gab es für Zamor nun viel zu bewundern und beſonders ein Pianoforte erregte ſeine unge⸗ theilte Aufmerkſamkeit. Der Deckel war zurückge⸗ ſchlagen und man konnte die Taſten ſehen.— Zamor ging hin und wußte noch nicht, daß dieſem ſchönen, polirten Kaſten Töne zu entlocken wären und griff neugierig auf die Taſten. Beſtürzt fuhr er zurück und beſah ſeine Hand, denn angenehme Klänge ſchlugen an ſein Ohr. Man weiß, daß die Neger einem beſonderen Sinn für Muſik haben und er konnte es nicht übers Herz bringen, noch einmal darauf zu drücken.— O, das kitzelte ſeinem Ohr, er gebrauchte die andere Hand und gleich einem Kinde, mit einem unbekannten Spielzeuge munivielend⸗ klimperte er auf den Taſten.— 3 7 „Du weißt wohl nicht, was das iſt?“— fragte Betty. „Ahaa! Ich weiß!— Ich weiß!— Das iſt eine große Violine, welche ſchreit, wenn man ſie angreift, mit weißen und ſchwarzen Zähnen und vier Beinen“— antwortete Zamor verſtändig lächelnd. Das Mädchen lachte herzlich über den komi⸗ ſchen Vergleich Zamor s. So ging es mit vielen Sachen und ſtets hatte Zamor einen eigenen⸗Begriff, mit denen er öfters der Civiliſation und Cultur ärgerliche Complimente machte.— Noch einmal, ehe ſie gingen, fuhr er mit der Hand über die Taſten, daß ſämmtliche Octaven aufrauſchten.— Es waren auf dem Hofe Werner und ſeine Herrin angekommen und kamen die Treppe hinauf.— Die Gräfin befahl, daß unter der Veranda für zwei Perſonen ſervirt werde. „Sie bat Wernern, mit ihr zu ſpeiſen und ohne Widerſtreben folgte er der Einladung.— Beim Eſſen ſprach er nun über Pläne, die er als Inden⸗ *⁴ 8 tant auf der Pflanzung ausführen wollte; von den Verbeſſerungen der Maſchinen und von ſeiner Kunſt. Wir wiſſen doch, daß er eine Akademie be⸗ ſucht hatte, und dort die Malerei ſtudiren ſollte. Mit Entzücken folgte die Gräfin den Worten Werners, welche ſo ungezwungen, ſo ſchön klan⸗ gen und jede Secunde vergrößerte ſich ihre Liebe zu dem jungen Manne, der blühend ſchön, ein beſcheidenes Benehmen mit freier Binreslicken verband.—— Mitten im ſchönſten Geſpräch ſy ſprang gutlöch ein Neger daher und rannte, während er nach der Gräfin fragte, beinahe Frederik um. Er wurde nach der Veranda gewieſen und er am herbeigerannt.— 3 „Miſſis Gräfin, mein Alter— mein Miſter Millner, wollt ich ſagen, läßt fragen, wann er kommen ſoll“— dabei drehte der Schwarze die rothbraune, wollene Mütze in ſeinen Händen herum. „Jetzt gleich!“ entgegnete die Gräfin. Wie der Blitz verſchwand der Schwarze, nach⸗ dem er noch Frederick, welcher am Hofthor ſtand, 4 3 * 9 eine Schelle gegeben hatte, nämlich: Beide waren 2 wegen einer Liebesgeſchichte Todfeinde, und beim — 2³ Zuſammentreffen gaben ſie ſich ſtets ihre Meinun⸗ gen zu verſtehen und zu dieſem Zwecke hatte ſich . auch Frederick am Hofthor aufgepflanzt, um ſei⸗ nem Nebenbuhler beim Fortgehen Eins auszu wiſchen.— Jener war ihm aber zuvorgekommen und es blieb ihm weiter nichts als hinterher zu ſchimpfen.— .„Sch werde Millner abzuhalten ſuchen“— ſagte Werner nachdenkend. „Thut das nicht, Werner, des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich!“— antwortete die Gräfin. „Aber mir ahnt Etwas,— ich weiß ſelbſt nicht—“, murmelte der junge Mann und eine gewiſſe Beſorgniß ſprach ſich auf ſeinem Ge⸗ ſicht aus. „Was können Sie für Millner fürchten?“— „Ich habe vom Flußpiraten gehört—=2 „Nichts als Gerüchte!“— unterbrach ihn die Gräfin mißmuthig. Werner ſchwieg. Nach einiger Zeit ſah er auf den Weg hinaus, auf dem ſich ein Reiter 10 zeigte und in welchem er den alten Millner er⸗ kannte.— „Dort kommt er ſchon! Seht, Gräfin—“ „So wird er vielleicht noch mit uns eſſen!“— „Vielleicht!— Ach ſeht doch, wie gut er noch reitet!“— 8 „Bei ſeinem Alter!“— ergänzte die Gräfin und nickte mit dem Kopfe dem Alten entgegen.— Dieſer ſpornte ſein Pferd an und ritt zu dem Thore herein. Er war im vollſtändigen Reiſe⸗ anzuge und eine doppelläufige Büchſe hing noch quer über ſeiner Bruſt. Er band ſein Pferd an das Gitter und eilte die Freitreppe hinauf.— Sein Ausſehen hatte ſich verändert, er ſah wieder kräftiger aus und ſeine Augen leuchteten wieder wie zuvor. Er drückte einem Jeden die Hand und ließ ſich ohne alle Umſtände nieder.— „Da bin ich!— Nun kanns fortgehen. Einige Dollars habe ich zu mir geſteckt, damit ich ja im Nothfall etwas draufgehen laſſen kann.“— Der Alte lachte und klimperte mit Geld in der Taſche. „Ich erwarte nur noch Herrn Smith, den Kaufmann, welcher mich vor der Abreiſe noch ein⸗ ——— — 11 mal beſuchen will.— Ach ſehen Sie, man braucht nur Jemandem zu erwähnen, da kommt er!“— Die Gräfin wies auf einen langen, langen, dürren Mann, welcher auf die Villa zugeſchlendert kam. Er hatte die Hände in den Taſchen, war aber ſonſt ganz als ein Gentleman gekleidet.—— Endlich war Herr Smith langſam herange⸗ ſchlichen und bewegte ſich ebenſo langſam die Treppe herauf. Aeh!“ ſagte er und ſeine Stimme klang wie ein leiſes Pfeifen“— ich dächte, wir führen?“— Alle drei ſtaunten über die Grobheit dieſes Mannes, der ohne zu grüßen unter ſie trat und der Alte Millner nahm es förmlich übel. „Jawohl, wir fahren dann, wenn wir uns begrüßt haben“— entgegnete der alte Farmer ruhig, ſchien aber dabei den Kaufmann mit den Augen zu durchbohren. „ Der Farmer Millner, welcher mit Euch am Bord gehen wird“— ſagte die Gräfin ſchnell, welche einen Streit befürchtete. „Aeh! Der! Wir werden uns ſchon kennen lernen!— Nichtwahr?“ bei den letzten Wor⸗ 12— ten ſpie der Kaufmann eine tüchtige Quantität Tabacksſaft gegen die Wand. „Verſteht ſich!“ verſetzte Millner und ver⸗ ſchluckte die Grobheit, die er auf der Zunge hatte. „Da wollen wir gehen! Aeh!?“ pfiff Herr Smith und blickte die Gräfin an, welche mit den Augen blinzelte. „Ich bin bereit! Adieu Herr Werner.— Auf Wiederſehen, Miſſis!“—— Der alte Millner ging und winkte mit der Hand.— Er ſchwang ſich aufs Pferd, welches er an ſeiner Farm, an welcher er vorüber mußte, um nach dem Strome zu gelangen, laſſen wollte. Er wechſelte kein einziges Wort mit dem Kaufmanne, welcher tabackkauend neben dem Reiter her ſchritt. Er ſtieg an der Farm ab und die beiden Männer ſchlugen den Weg ein, welchen die Entführer Eva's benutzt hatten, nm nach jener Bucht zu gelangen, welche ſchon von Pantherfuß bei der Aufſuchung Eva's gefunden worden war: Heute ſchaukelte ſich ein großes Boot mit Verdeck, Maſt und acht⸗ zehn Rudern auf dem ſtillen Waſſer der Bucht. Der Kaufmann und Millner wurden augenſchein⸗ 13 lich ungeduldig erwartet, deun die Matroſen fluch⸗ ten furchtbar über die Langſamkeit von den„Land⸗ bären“. Ein kleiner Kahn brachte Millner und Smith an Bord.— Das Commando ertönte! 1774 „Ruder ein! Und die achtzehn Ruder rauſchten in dem Waſſer, während das Boot auf dem Strome pfeilſchnell dahin ſchoß. Breizehntes Kapitel. Wie ſchon erzählt iſt, befindet ſich die Inſel der Piraten nahe dem Red River. Heute Abend herrſchte eine ungewöhnliche Luſt auf der Inſel, denn neue, werthvolle Beute war in die Falle ge⸗ gangen. In einem Blockhauſe kreiſchte eine Vio⸗ line zu den Tänzen der Räuber, welche wild den Boden ſtampften und wie Wahnſinnige herum⸗ ſprangen. Alle Racen ſah man unter dieſer Bande vertreten. Dort ſtand ein Neger, mit rothen Filz, weiter hin ein Indianer, dort ein Creole, dort ein Weißer. Einige Weiber im lüderlichen, nachläſſi⸗ gen Coſtume treiben ſich unter dieſer widerwärti⸗ gen Geſel ſchaft henzu und erwidern die rohen, frivolen Späße dieſer Schufte. Ein ungeheuerer Labaksqualm füllt das Zimmer. Hinter einem 1 .₰* Tiſche ſitzen mehrere Räuber, Rum aus Bier⸗ gläſern trinkend. Ihre rauhen Stimmen accom⸗ pagniren die Melodie der ſchrillenden Fiedel mit einem ſcheußlichen Text. „Bumbs!“ ſchreit der eine, welcher Jack heißt, „Bumbs! Komm alter Hund! Stoß an! Ich trink aufs Wohl Deines Kadavers! Hoch!“ „Ich ſage Dir, Jack, eine Katze mit einge⸗ klemmtem Ohr ſingt nicht ſo ſchön, wie Du! Hol mich der Leibhaftige—“ ſchrie ein anderer, mit dem Beinamen Hottentot und dieſer ſchmeißt ſeinen Krug auf die Erde, daß die Scherben hoch aufſpringen. Wenigſtens zehn Hände machen dieſes Stück⸗ chen nach und der Boden iſt mit ſcharfen Scherben bedeckt.— Jetzt klingt die Fiedel, Huſſah!„ſchwingt euch, dre uch!“ Die Hüte werden in die Höhe geworfen, die Balken des Hauſes ſtöhnen unter der heftigen Be⸗ wegung. HSHalt! Da hinten in der Ecke zankt ſich Daniel mit Peddy, es bilden ſich Parteien und beſchießen ſich mit Schimpfworten. 16 „Schäbiger Hund! Ich ſchlage Dich auf den Kopf, daß er Dir in den Magen fährt!“ ſchreit Peddy ſeinem Feind zu. „Was? Verdammter Rieſenaffe! Hier haſt Du was auf Deine Naſe;“ antwortete Daniel und ſchägt, ſtatt aller Worte, Peddy auf die Naſe, daß dieſer hinſtürzte. Jetzt beginnt die Schlägerei, die dröhnenden Schläge vor den Bruſtkaſten, den Magen, in den Rücken und auf den Kopf ſind die gewöhnlichen Hiebe dieſer Kerle, weil ſie wiſſen, daß durch ſolch einen wohlgetroffenen Schlag der Gegner unfähig gemacht wird. Die Stühle fliegen hin und wieder, die Krüge V und Becher fliegen in der Luft umher und werfen Löcher in den Kopf oder verwunden die Augen. Die gewöhnlichen, mit Nägeln beſchlagenen Schuhe ſind von den Füßen gezogen worden und werden als eine Waffe gebraucht, die gewöhnlich den Zielpunkt in dem Geſicht ſucht.— Wem ſo ein Schuh ins Geſicht trifft, dem hängt das Fleiſch in Striemen herunter und die Naſe iſt ihm zer quetſcht worden. Oder ſie beginnen einen Kampf, 17— bei welchem ſie ſich einander die Augen ausdrücken, und ſtets kommt weuigſtens ein halb Blinder davon. Jeetzt hat ſich die Geſellſchaft in einen Knäuel verwandelt, der ſich gleich einem Haufen Schlan⸗ gen durcheinander windet und bekämpft. Schon funkeln die Waffen es öffnet ſich die Thür und eine ſieben Fuß hohe Geſtalt, mit ge⸗ waltig breiten Schultern tritt ein. Die rechte Hand ſchwingt eine Knute und die linke hält zwei große Hunde, welche in dem ſchönſten Verhältniß zu dem Herrn ſtehen, an der Leine. Bei ſeinem Eintritt ſchweigt Alles, aber dieſer Mann läßt ſich durch dieſe Ruhe nicht beſtechen und ſeine Keule fällt mit weit ausgeholten Strei⸗ chen unter die verwickelten Kämpfer. Endlich löſt ſich der Knoten, die Räuber kommen wieder zur Ordnung und ſtarren einander mit blutenden Wunden an. „Ihr Hunde! Haltet Ruhe oder wollt Ihr „Euch einen verfluchten Kettengglaſt an den Hals hängen? Was? Glaubt Ihr, ſolches Gebrülle höre man auf dem Miſſiſſippi nicht? Seli elrih Euch Königin d der Flußpiraten. II. 18 triangeln!?“ zürnt der Rieſe, welcher Tim heißt und die Herrſchaft über die Leute in der Abweſen⸗ heit des Kapitains Hardy beſitzt. Letzterer regiert durch ſeine Worte und durch ſein Auge, Tim aber durch ſeinen gewaltigen Arm.— „Wollt Ihr nicht trinken?“ fragt Einer. „Nein, mein Söhnchen; wenn Du aber auch Crawall machſt, dreh ich Dir den Hals auf den Rücken,“ ſpaßt Tim und knallt mit der Knute, in⸗ dem er ſeinen Arm ausſtreckt, vor deſſen Anblick die Matroſen zittern. 4 „Hol mich der Satan! ich war nicht dabei!“ ſchreit der Angeredete, und er iſt gerade der Schlimmſte geweſen. „Ich ſage Dir, es war Dein Glück!“ brummt der Herrſcher und wendet ſich der Thüre zu. Als dieſe ſich hinter ihm geſchloſſen, beginnt nicht wie⸗ der, wie man denken ſollte, der Crawall, ſondern es tritt eine weniger geräuſchvolle Pauſe ein. Tim hat ſich einem andern Blockhaus zuge⸗ wendet und mußuport erſt die Thür von einem großen, eiſernen Querbalken befreien, was beweiſt, daß dieſes Haus ein Gefängniß ſein ſoll.— Er . 19 ſchließt die Thür wieder hinter ſich ſorgfältig und tritt ein. Man erwarte ja kein abſcheuliches Ge⸗ fängniß, ſondern ein mit Luxus ausgeſtattetes Zim⸗ mer, in deſſen Ecke ſich ein Lager auf den Dielen befindet. Auf der Matratze liegt eine weibliche Geſtalt, welche ſich in ein großes Tuch gehüllt hatte.— „Eva!“ flüſterte Tim,„Eva, bedürft Ihr Et⸗ was?— „Nein!“ ſtöhnt das Mädchen und blickt ſcheu auf den Rieſen, der noch immer ehrerbietig vor ihr ſtehen blieb. „Sagts nur, Miß! Was ich Euch helfen kann, das will ich thun! Was fehlt Euch? Sagt mirs!“ „Die Freiheit!“ entgegnete Eva. „Miß! Verlangt eher meinen Tod, als dieſe, ich habe geſchworen. Euch zu bewahren und ich muß meinen Schwur halten.— Erlaubt Ihr mir, daß ich mich ein wenig bei Euch aufhalte?— 8 „Meinetwegen!— Saget mir, warum und was ſoll ich hier? O mein lieber Vater! O mein lieber Werner!— Warum hat man mich den An⸗ 2 1* 20 gehörigen geraubt, und hierher gebracht? Wißt Ihr nicht, was ich hier ſoll?“ „Ich weiß es nicht, Miß!— Tröſtet Euch, ich meine es gut!“ „Tim?!“ „Was, Miß?“ „Weißt Du nicht, was auf das leere Blatt Papier geſchrieben wurde, das ich unterſchreiben mußte? Lüge nicht, Tim! „Bei Gott, ich weiß es nicht! Miſſis— ich wollte ſagen, Miſter Hardy hat Geheimniſſe vor mir, die ich vielleicht verrathen könnte!— Er hat auch Recht, Euch hätte ich ſchon Alles wieder er⸗ zählt. Nur das weiß ich— „Was weißt du, Tim?“ „Miß! Eval erſchreckt nicht— daß Ihr ſter⸗ ben ſo llt!/ „Sterben?!— Wer?“ „Ihr, und ich ſoll derjenige ſein, der Euch— morden ſoll.“ 7 „Das thuſt dußmicht, Tim—“ bat flehend Eva.— „Nein, bei Gott nicht Der Rieſe hob die Hand auf zum Schwure und blickte wehmüthig auf das Mädchen. „Ich werde Euch retten,“ fuhr er fort. „Ich denke, ein Schwur bindet dich?“ erwie⸗ derte Eva ängſtlich. „Nein!— Ich wollte es Euch nicht geradezu ſagen.— Werfet Eure Sachen über!“ fluſterte Tim, nich werde noch einmal hinausgehen, um nach dem Boot zu ſehen.“ Tim ging und Eva zog zitternd ihre Kleider an und warf eine dicke Decke über ſich. Nach eini⸗ gen Minuten erſchien Tim wieder, Eva mußte das Licht löſchen und Tim nahm ſie wie ein Kind auf die Arme, indem er ſie dem Strome zu trug. „Miß!“ ſagte er auf dem Wege, nihr habt mich gerührt und erſtaunt!— Eure Schmerzen und Eure Angſt— aber als ich Euch zum erſten Male ſah, wie Euch Hardy auf die Inſel brachte, in dieſer Stunde hatte ich es mir vorgenommen, Euch zu retten!“ „Ich bin Dir ſehr viel Dank ſchuldig, Timla „Nein, Miß; an mir iſts, Euch aus den Räu⸗ berhänden zu retten, das iſt ein Werk der Vorm⸗ 22 . herzigkeit und der allmächtige Gott möge mir da⸗ rum nur einige meiner Sünden vergeben.“ „Tim war mit ſeiner Bürde an dem Boote angelangt und ſetzte Eva, die mit Wonne die freie Luft genoß, in den Kahn. Die Nacht war her⸗ eingebrochen und die kräftigen Ruderſchläge des Rieſen trieben das Boot ſtromaufwärts dem Red River zu. Aber nur ein Stück fuhr er aufwärts, dann ließ er den Kahn auf dem Strome gehen und ſteuerte nur, um an dem rechten Ufer zu bleiben. Die Nacht war hell, die Sterne flimmerten am Himmel und leuchteten der Erde ſo friedlich. Stunden vergingen in bangem Schweigen und Eva ſchlief ein, trotz der Ungewißheit ihrer Zu⸗ kunft, denn ſie hatte bis jetzt von Tim noch micht verlangt, zu ihrem Vater geführt zu werden, da ſie klug genug war, anzunehmen, daß er ihr dies rundweg abſchlagen würde, und daß es beſſer ſei, die Neigung, die Tim zu ihr gefaßt hatte, zu be⸗ nutzen und vor allen Dingen erſt von der Inſel weg unter Menſchen zu kommen,— und die kun⸗ dige Hand Tims vermied mit dem Ruder jedes Geräuſch, um nicht das Mädchen aufzuwecken.— — 23 Tim war roh, aber ſeit dem erſten Aublicke Eva's war er es nicht mehr. Er fühlte ſich ge⸗ zähmt, er ſchrie und brüllte nicht mehr ſo wie früher, weil er fürchtete, Eva könnte es im Block⸗ haus hören und würde ihn verachten.—— Ihm wurde vom Kapitän Hardy aufgetragen das Mäd⸗ chen zu tödten, aber ſie zu morden, bei ſeiner ver⸗ änderten Sinnesart ſträubte ſich ſein ganzes 3 Weſen dagegen und er dachte ſtündlich nur an die Flucht. Jemehr überhaupt ſeine Gedanken bei Eva weil⸗ ten, jemehr der Zauber ihrer jungfräulichen Schön⸗ heit ſein leidenſchaftliches Herz entzückte, deſto mehr widerte ihn ſein bisheriges verbrecheriſches Thun und Treiben an, und ließ den Vorſatz in ihm lebendig werden, dieſem ſcheußlichen Leben zu entſagen und wieder ein guter Menſch zu werden, um die Liebe Eva's zu erringen und ihr würdig zu werden. Tim ruderte die ganze Nacht hindurch und wurde nicht müde. Als Eva erwacht, bietet ihr Retter ihr von dem mitgenommenen Proviant an, 8 ———ſ— 24. aber ſie bittet ihn nur, daß er mit ihr aus Land gehen ſoll. Er willfahret ihr und ſteuert an das Ufer, wo er mit Eva ausſteigt und den Kahn unter dem Gebüſche verbirgt. Er hat nur eine einzige Waffe und das iſt ſein zwölf Zoll langes Meſſer, welches er an einem Bande um den Hals trägt. Das Ru⸗ der nimmt er mit und trägt Eva erſt noch ein Stück durch das Geſtrüpp.— An einem Orte, der einen freien Umblick geſtattet, wird gelagert und Tim leert eine Taſche mit Lebensmitteln aus, und bringt aus einer Flaſche Rum, Brod und Fleiſch zum Vorſchein. Eva fühlt Hunger und nimmt von den dargebotenen Lebensmitteln, während ihr Tim vergnügt zuſchaut. Nach Verlauf von einer halben Stunde mahnt er zum Aufbruch.— Die Sonne ſteht hoch am Himmel und wirft glühende Strahlen herab, ſo daß die Beiden unter den dichteſten Bäumen Schatten und Kühle ſuchen müſſen. Tim hatte einen großen Baum auserſehen, und er eilte vor⸗ aus, um nachzuſehen, ob ſich darunter Schlangen im Graſe aufhielten, als plötzlich hinter dem Baume 2 aus den Büſchen ein mittelgroßer Bär brach und mit Brummen auf Tim zuſtürzte. Mit einem ge⸗ waltigen Schlage des Ruders empfing ihn der Rieſe, ſo daß das Thier zurückprallte aber nun nach einem Augenblicke mit erneuter Wuth griff er Tim wieder an.— Gliücklicherweiſe konnte Tim das Thier am Halſe mit ſeinen Fäuſten packen, welche ſich gleich zwei Schraubſtöcken um die Kehle des Thieres ſchloſſen. Dabei konnte es den Kopf und die Vordertatzen nicht in die Höhe bringen und Tim erwürgte den Bär.— Dann gebrauchte er das Meſſer und gab dem Thiere den Garaus.— Er trug nur einige kleine Wunden davon, welche er an einem kleinen Bache auswuſch. Die Schin⸗ kenkeulen nahm er nur mit, während er das Ueb⸗ rige liegen ließ.— Eva war mit Angſt und Bangen Zeuge dieſes Kampfes geweſen, und überwältigt von der Aufre⸗ gung und Anſtrengung war ſie nicht mehr im Stande, weiter zu gehen, und ließ ſich todmüde auf dem Boden nieder. 26 Es war Abend geworden. Tim trug Laub un⸗ ter einen gewaltigen Nußbaum, um daß hier Eva ſchlafen möge. Er ſelbſt legte ſich einige Schritte weiter in hohes, weiches Gras und ſteckte das Meſſer neben ſich in die Erde. Doch zuvor zündete er ein Feuer an, um irgend ein Thier, das ſich nahen wollte, abzuſchrecken, indem er beim Mar⸗ ſchieren einen Laut gehört hatte, welcher ſchon einer größeren Beſtie angehören mußte, die er aber trotz aller Aufmerkſamkeit nicht entdecken konnte.— Die Nacht war kühl und Eva entſchlief bald, während ihr Retter noch einige Zeit aufblieb, denn mehrmals war es ihm geweſen, als wenn es in den nächſten Büſchen rauſche. Doch der Bru⸗ der des Todes übermannte ihn und bald gaben ſeine regelmäßigen Athemzüge kund, daß er ſchlief. — Alles war ſtill. Zuweilen rauſchte es in den Kronen der Bäume, oder eine Nachteule erhob ihre Stimme, welche unheimlich durch den Wald er⸗ klang. Aber Beide ſchliefen trotz des Geräuſches ruhig fort. Eva träumt von der väterlichen, trau⸗ lichen Farm, in der ſie alles behaglich ordnet und ausſchmückt, denn ſie erwartet den Herzgeliebten, 27 den Werner; ſchon ſieht ſie ihn von der Villa her⸗ kommen, da wacht ſie auf und plötzlich wird ſie von langen, mit großen Nägeln verſehenen Händen ge⸗ faßt. Ein häßliches— ſo viel ſie bei dem Scheine der Sterne ſehen konnte— braunes Geſicht beugt ſich über ſie und eine Reihe glänzender Zähne zeigen ſich ihren Blicken. Sie ſtößt einen herzzer⸗ reißenden Schrei aus und die fürchterliche Perſon kichert, ſo daß es klingt wie verbiſſenes Lachen.— Tim iſt erwacht. Seine Hand fährt nach dem teſſer; er glaubt, er habe geträumt, aber ein zweiter Schrei überzeugt ihn bald von der ſchreck⸗ lichen Wahrheit. Schnell ſpringt er auf und ſieht eine lange, dürre Geſtalt, welche Eva angepackt hat und hüpfend und ſpringend davon trägt.— Wuthentbrannt will er ſich auf den vermeintlichen Räuber ſtürzen, als er plötzlich von zwei langen, haarigen Armen von hinten umklammert und zu⸗ rückgehalten wird. Mit athletiſcher Kraft wendet ſich Tim nach der Seite und erkennt in ſeinem An⸗ greifer einen großen Schimpanſeraffen. Tim umfaßt den Affen nun mit ſeinen beiden Armen und preßt ihn an ſeine breite Bruſt, aber 28. ſo, daß das Thier nicht beißen kann, und drängt ihn an einen Baum an. Hier preßt er den Affen mit furchtbarer Gewalt an denſelben und ſchob ſeine Fauſt unter die Kehle des Thieres, deſſen Knochen krachten und brachen unter der rieſigen Kraft Tims und das er förmlich zerquetſchte. Der Schimpans fiel todt nieder und Tim ſchleu⸗ derte ihn weit von ſich.— Jetzt dachte er an Eva, er nahm das Ruder und eilte in die Gegend, nach welcher ihr Verfolger hingeeilt war. Eine Vier⸗ telſtunde konnte er gelaufen ſein, als er ein dum⸗ pfes Rauſchen hörte, und er war überzeugt, daß er ſich dem Miſſiſſippi nähere.— Er wollte erſt nicht nach dem Strome gehen, aber eine gewiſſe Angſt zwang ihn, den Weg dahin einzuſchlagen und ſeine furchtbare Ahnung hatte ihn nicht betrogen— er hörte das Mädchen ſchreien. Je näher Tim dem Strome kam, deſto ſeltener ſtanden die Bäume, und deſto unebener wurde der Boden, welcher mit Leerbergen und großen Höhlungen abwechſelte. Der jährlich austretende Strom hatte hier in dem Lande förmlich Berg und Thal gebildet, und den 29 Beſtien des Urwaldes durch dieſe Keſſel und Höh⸗ len Schlupfwinkel geſchaffen. Tim ſprang mehr, als daß er lief und jetzt ge⸗ wahrte er auf einem hohen Hügel oder einer Kante den Affen mit dem Mädchen. „Huſſah!“ brüllte Tim und ſchwang das Ru⸗ der über dem Kopfe, während er ſeine Schritte noch mehr beflügelte. Eva ſchöpfte auch friſchen Muth. Jetzt nahete ſich Tim, welcher dem Thiere mit hochgeſchwungenem Ruder einen furchtbaren Schlag verſetzte, daß es hoch auf⸗ und zurückſprang. Ein gräßliches Gekreiſche ausſtoßend näherte er ſich kampfverlangend dem Rieſen und dieſer wollte es mit einem neuen Schlage empfangen. Doch er ſchlug daneben, es prallte auf die Erde, zerbrach und Tim hatte nur ein Stück Holz zur Vertheidi⸗ gung in der Hand, welches er weit hinein ſchleu⸗ derte in den Strom, welcher zu den Füßen des Hügels rollte, auf welchem er mit dem Affen kämpfen wollte. Der Affe ſprang auf Tim zu, umklammerte ihn mit ſeinen langen Armen und biß ihn i n die Schul⸗ 30 er. Das Thier hing an dem Rieſen, welcher es tvon ſich abdrängen wollte. Er lag auf den Knieen; da huſchten zwei Ge⸗ ſtalten über den Sand näher. „Huyh!“ ſchrie einer von den Näherkommenden. „Tim, es kommt Hülfe!“ rief Eva dem Rin⸗ genden zu, welcher ſich dem Abgrunde näherte, in welchem unten der Strom plätſcherte.— Zwei Männer kamen immer näher. „Haltet Euch noch einen Augenblick!“ ſchrie der Eine. „William!“ kreiſchte Eva dem Helfer zu. In dieſem Augenblicke taumelte Tim an dem Abgrunde.— Er verſchwand. Man hörte einen Fall ins Waſſer, dann rief noch des Rieſen Stimme Etwas und es war ſtille wie vorher. William und Pantherfuß beugten ſich über die ohnmächtige Eva und trugen ſie nach dem Walde zurück. Wir ſahen den alten Millner mit dem Kauf⸗ mann Smith am Bord des Bootes gehen, welcher erſteren, dem Briefe nach, nach Natchez— einer Stadt oberhalb des Red River— zu Eva, ſeiner Tochter bringen ſollte. Wir ſahen, daß Eva durch einen Verkappten, durch einen zum alten Manne maskirten Räuber entführt und auf die Inſel der Piraten gebracht wurde.— Dieſen Brief, den Millner erhalten hatte, war von dem Kapitän Hardy geſchrieben und Eva hatte ihn, unwiſſend über den Inhalt deſſelben, unterzeichnen müſſen. Der Kapitän war nach Natchez gereiſt, dort einen Boten mit dem Briefe an Millner abgeſandt, um entweder die Spur zu vereiteln oder er hatte einten 32 andern Plan geſchmiedet.— Die Abfahrt Mill⸗ ners fiel in den dritten Tag der Krankheit Wil⸗ liams, der draußen im Urwalde von dem Indianer gepflegt wurde, während Eva auf der Inſel ſchmachtete und dem Tode nahe war, wie wir aus Tims Munde gehört haben.— Doch zurück zu dem alten Millner, welcher freudig auf dem Verdeck des Bootes hin⸗ und herſchritt und ſich den Augenblick des Wieder⸗ ſehens mit den herrlichſten Farben malte.— Nie⸗ mand war auf dem Boote als Millner, Smith und achtzehn Bootsleute. Letztere machten gerade keinen empfehlenden Eindruck, denn obgleich ſie anſtändig gekleidet, ſo ſchallten doch ſtets Flüche und Zoten aus ihrem Munde. Dieſe Kerle be⸗ trachteten den Alten auf eine ſolche Art und Weiſe und er konnte dieſen Männern nur dann imponi⸗ niren, wenn er nach der Büchſe griff und drohte dem Nächſten eine Kugel durch den Kopf zu jagen, welcher es noch einmal wage, nur das kleinſte, höhnende oder ſpöttelnde Wort fallen zu laſſen. Von dieſer Stunde an waren die Matroſen ge⸗ fügiger, zumal der alte Farmer ſein Gewehr nicht 33 aus den Händen legte und es bekannt war, daß er mit der Büchſe tüchtig umzugehen wiſſe.— Smith ſaß auf einer Kiſte und behielt den ſteif⸗ ſten Stoicismus und die größte Ruhe bei. Beides unterbrach er nur manchmal durch das Anbrennen einer neuen Eigarre oder durch das Hineinſchieben eines Stück Tabacks in den Mund. Sonſt ſpie er den ganzen Tag die Planke mit ſeiner Tabacks⸗ jauche voll und baumelte mit ſeinen langen Beinen. Er rechtfertigte keineswegs den Ruf eines gebilde⸗ ten reichen Kaufmanns, im Gegentheil, wenn er den Mund öffnete, war es entweder ein„God dam“ oder ein anderer Fluch. Weite, gelbe Nan⸗ kinhoſen, ein ebenſo farbiger Rock und ein breiter, runder Strohhut machten ſein Ajuſtement aus.— Niemand befand ſich auf dem Verdeck als der Kaufmann und der Farmer.— Letzterer verſuchte mehrmals ein Geſpräch mit erſterem anzuknüpfen, aber ſtets antwortete Smith Unſinn oder gar nicht. Die Sonne brannte, daß dem Alten furchtbar heiß wurde, und er konute doch auch ſchon einige Grad Wärme vertragen, während der Kaufmann, gegen alles abgeſtumpft, auch die Hitzenicht zu fühlen ſchien. Künigin der Flußpiraten. II. 3 34 „Eine verdammte Hitze, das—“ ſagte jetzt der alte Millner und wartete auf eine Antwort von ſeinen Reiſegefährten. „Aeh!“ war die ſehnlichſt erwartete Antwort. „Wie lange werden wir wohl bis Natchez dieſe Hitze aushalten müſſen?“ „Heute Abend nicht mehr, erſt morgen am Tage wieder.“ „Ich frage wie lange wir wohl fahren werden?“ „Sie fahren blos einen Tag.“ —„SIch habe geglaubt: wenigſtens drei Tage?⸗ „Nä! Sie fahren blos einen Tag!“ Das Geſpräch war wieder beendigt.— Der Alte lehnte ſich an die Verdecksbarriere, indem er nach den Ufern ſchaute, auf welchem die üppigſte Vegetation mit immer noch ſchönerer abwechſelte. Die größten, ſtärkſten Bäume neigten ihre Aeſte, deren Stärke die manchen Baumes austrug, über den Strom, während an dem Stamme hinauf die verſchiedenſten Schlingpflanzen ihre Ranken ver⸗ flochten hatten und ihre röthlichen Blätter, die gel⸗ ben Blüthen und Blumen ſtachen freundlich von * — Der Bootsmann hatte ſich in die Sonne ge⸗ legt und blies dichte Rauchwolken gen Himmel, während er den Farmer von der Seite anſtarrte, der ſich mit dem Gewehr über Bord gelehnt hatte. „Wie könnte ich mich nur immer mit dem Feuerprügel rumſchleppen!“ ſagte der Bootsmann zum Farmer und wies mit der Spitze ſeiner Pfeife auf das Gewehr. „Das iſt Gewohnheit. Ich habe ſo und ſo lange in dem Walde gelebt und bin viele Jahre, tagein, tagaus mit dieſer Büchſe umherſpaziert. Vorſicht kann nichts ſchaden!“ antwortete Millner, indem er das Gewehr feſter an ſich zog. „Vorſicht? Mann, wie meint Ihr das? Ich verſtehe Euch nicht.— Wenn Ihr am Bord des Bootes der Gräfin von Woodeville ſeid, ſo habt Ihr keine Vorſicht nöthig! merkt Euch das, Mann!“ brummte der Matroſe. „Falſch verſtanden, Freund! Ich meine ſo, wenn eine Taube oder ſonſt etwas auf den Maſt fliegen ſollte, ſo würde ich ſie herunterholen. Auch habe ich Euch zu ſagen, daß ich mir nichts zu merken brauche, was Ihr mir ſagt. Seht dieſen 38 ſtalt vor, man ſpricht ſchon die Worte, welche man Arm, dieſes Meſſer und dieſe Büchſe, obgleich 2 beides ſchon vierzig Jahre von mir geſchwungen worden iſt, ſo verſtehe ich doch noch meinen Feind 3 aufs Korn zu nehmen. Alſo, beſter Freund, wir ſprechen kein Wort mehr mit einander.“ „Oho, wir werden doch noch einmal zuſam⸗ menreden!“ „Nicht gedroht, Freund, oder ich habe die Notion, Dir meinen ſechszölligen Stahl zu zei⸗ gen!“— Der Farmer wandt ſich entrüſtet ab und der Bootsmann ſchleuderte ihm einen furchbaren Blick nach. Er fürchtete den alten Millner, denn dieſer ſah noch ganz ſo aus, einen Kampf mit dem Stärk⸗ 8 ſten beſtehen zu können. Mancher kennt wohl die ſpannende Ungeduld, mit welcher man das Zuſammentreffen mit einer geliebten Perſon erwartet und zaubert ſich die Ge⸗ ſagen will, aber kommt man hin, erlaubt unſer überſtrömendes Herz weiter nichts als ſtumm zu grüßen und die Arme auszubreiten. Ebenſo der alte Millner, welcher voll freudiger Erwartung leiſe 37 vor ſich hin murmelte und ſeine Umgebung da⸗ rüber vergaß. „Wo biſt du, William?“ flüſterte er.„Wa⸗ rum warſt du nicht da, daß ich dir die Freuden⸗ botſchaft mittheilen konnte? Guter Junge, ich glaube, du könnteſt um deiner Schweſter willen den Himmel ſtürmen. Was wird er ſagen, wenn ich nicht mehr da bin? He! he? Er wird ſich wun⸗ dern, wenn ich in ein paar Tagen mit Eva und ihrem Bräutigam, der ſo einen dummen Streich gemacht, anmarſchiert komme!— Aber wie hat das Blitzmädel nur ſo ſchnell und ſo heimlich ſich einen Bräutigam anſchaffen köͤnnen! Das möchte ich wiſſen! Niemand hat es gemerkt, keine Seele! erſt dachte ich immer, der Landsmann Werner wäre ihr——“ „Hallopp! Alter!“ unterbrach ein Matroſe den im Selbſtgeſpräch begriffenen Farmer. „Was willſt Du?“ fragte Millner etwas barſch, weil er in der Erinnerung an ſeine Tochter geſtört wurde. „Erlaubt mir die Kiſte, auf der Ihr ſitzt; ſie 3⁸ muß aufs andere Ende vom Boote,“ entgegnete der Angeredete gefügiger. „So! So!l da nimm ſie!“ Millner ſtand auf und der Matroſe trug die Kiſte weg. Alle Ballen und Fäſſer waren auf das andere Ende des Bootes geſchafft worden, und der Platz um den Farmer herum war leer. Die Dämmerung war hereingebrochen. Die Sonne verſchwand hinter den Wolken, welche tie⸗ fer am Horizonte hingen. Jetzt brach die Sonne noch einmal hervor. Ringsum glühten die Wolken am Himmel und mitten darin ſchwamm ſie, ohne Strahlen wie ein brennender Feuerball. Unter ihrem Lichte brannten noch einmal die Wipfel der Bäume, die Gipfel der Berge und die Wellen des Stromes, dann verſchwand ſie hinter einer dunkeln Wolke. Der Farmer ging nach ſeinem Koffer, öffnete ihn und brachte eine große Blechbüchſe mit Victua⸗ lien heraus. Erſt wollte er Smith, welcher immer noch auf der Kiſte ſaß und mit den Beinen bau⸗ melte, zu ſeinem frugalen Mahle einladen, als er aber den Blick aufs Antlitz deſſelben warf, welches 0 39 einen häßlichen Stempel von Bosheit und Phlegma trug, unterließ er es. Es wurde immer dunkler und Millner beeilte ſich mit ſeiner Mahlzeit. Die Matroſen kamen, nachdem ſie das Boot mittelſt eines dreifingerſtar⸗ ten Seiles an einen kolloſſalen Baumwollenbaum am Ufer angebunden hatten, aufs Verdeck. Smith unterhielt ſich leiſe mit den Matroſen und Millner glaubte, daß ſie ſich ſtritten, denn er hörte mehrere Male einige drohende Worte, welche der Steuermann ausſtieß. Smith war von den Matroſen umringt und focht und ſtritt mit den Armen heftig in der Luft herum, während ſeine Sprache auch lebendiger aber gedämpft war. Manchmal ſtreckte er die rechte Hand weit aus, den Zeigefinger desgleichen und erklärte, während ſein Zeigefinger auf die Bruſt des Bootmannes fiel, ſeine Worte. „Fünf Dollars geb' ich Euch!“ ſchrie der Kauf⸗ mann und ſpreizte die Beine weit auseinander. „Fünf Dollars!“ „Legt noch Einen zu, Miſter!“ rief der Boots⸗ mann. 40 „Mit der Bedingung, daß Ihr für den ſechſten Dollar bei mir etwas für Euch ſehr Nothwendiges kauft.— Seht, Gentleman“— der Kaufmann mann verfiel in einen ſchnarrenden Verkäuferton— ich habe gute Bowiemeſſer, Theekannen, baum⸗ wollene Mützen und Decken und jedes Stück koſtet nur einen Dollar!“ Die Mannſchaft ließ ein leiſes Brummen hö⸗ ren, welches eher verneinend als bejahend war. „Ich höre das Beifallsgemurmel!“ Herr Smith wurde durch ein donnerndes Ge⸗ lächter unterbrochen, durch welches aber ſein Stoicismus keinen Stoß erlitt, im Gegentheil, er heiterte ſich noch mehr auf und ſchien die Matroſen in guter Laune erhalten zu wollen. „Alſo Ihr wollt bei mir kaufen, wenn ich Euch ſechſe gebe?“ „Zum Teufel! Ja doch, nur her damit!“ brüllte der Steuermann, ſo daß Millner hoch auf⸗ horchte. 3 „Ich bezahle auch meine Waare nicht eher! God dam, erſt muß ich ſie ſehen!“ entgegnete Smith und arbeitete ſich aus dem Haufen Matroſen. 41 „Auch gut!“ tobte der Bootsmann, erſt ſol⸗ len wir arbeiten und dann hat der Kerl kein Geld!“ „God dam! Hier genug!“ antwortete Herr Smith, welcher dieſe Worte gehört hatte. Er holte einen gefüllten Beutel aus der Taſche und hielt ihn hoch empor.„Aber erſt lebendig! verſteht Ihr? 1u— Keiner der Männer antwortete, ſie ſprachen leiſe mit einander, dis ſie plötzlich hinunter in den Raum gingen.— Die Dunkelheit bezeugte, daß es wenigſtens zehn Uhr ſein mußte. Millner unter⸗ ſuchte noch einmal ſein Gewehr und ſetzte ſich aufs Verdeck.— Smith hatte ſich hinten am Steuer hingelehnt und ſprach mit dem Stenermanne, wel⸗ cher dem Kaufmann heftig zuſetzte. Der alte Farmer blickte auf zu dem bewölkten Himmel und wiederum dachte er an Eva, aber mit andern, mit ſchmerzlichen Gedanken.— Wenn ſie nicht da wäre, wenn ſie fort wäre mit ihrem Ver⸗ führer und dieſer hätte blos einen Brief geſchrie⸗ ben, um die Verfolgung nach einer andern Seite hinzulenken?!— Er legte die Büchſe neben ſich und faltete die Hände. 3 42 Er drehte der Luke, welche nach dem unteren Raume zuführte, den Rücken zu und gewahrte darum nicht eine dunkle Geſtalt, welche von unten herauf⸗ ſtieg. Leiſe legte ſich dieſe auf den Bauch und wälzte ſich ſo den Farmer näher, welcher immer noch betete. Bis ganz nahe zu ihm war die Geſtalt gekommen, als plötzlich dieſe die Arme ausſtreckte, und beide Hände den Hals des alten Millner um⸗ klammerten. „Verrath!“ brüllte der gepackte Alte und ſuchte ſich loszumachen, aber bei dieſen Worten eilten mehrere Matroſen die Treppe herauf und fielen mit über ihn her, ſo daß er in kurzer Zeit mit Stricken gebunden am Boden lag!— Er ſchäumte vor Wuth, er ſchrie, um vielleicht ein vorüberfah⸗ rendes Boot aufmerkſam zu machen, aber auf den Befehl Smiths wurde ihm ein Knebel in den Mund geſteckt. Man trug ihn in den Kielraum zu den rudernden Matroſen, und hier war er den Späßen derſelben ausgeſetzt. Jetzt ſchoß das Boot wie ein Pfeil gegen den Miſſiſſippi. Die Matroſen legten ſich hinein, als gelte es eine Wettfahrt. Der alte Millner wurde 43 bald wahnſinnig vor Wuth, er wußte nicht was mit ihm werden ſollte und eben dieſe Ungewißheit war quälend für ihn. Die ganze Nacht lag er ohne Schlaf in ſeinen Banden und nur ein wenig Branntwein wurde ihm zu trinken gegeben.— Am Morgen faßten ihn mehrere Matroſen an und trugen ihn aufs Verdeck, wo ſchon der Kauf⸗ mann Smith mit einem Bogen Papier in der Hand wartete. Man fuhr in eine Bucht, um dort ein hölliſches Werk zu verrichten. „Ssmith trat auf Millner zu und befahl ihm, die Schrift zu leſen, welche er ihm unters Geſicht hielt.— Als der Farmer einige Zeilen geleſen hatte, ſtieß er einen Schrei aus und ſuchte ſich loszumachen. „Unterſchreibt! und Ihr ſeht Eure Tochter wieder!“ ſagte Smith ruhig. „Nein!“ murmelte der gefeſſelte Alte. „Nicht? God dam, ſo ſterbt. Euer Sohn ſowie Eure Tochter werden Euch umſonſt erwarten. Macht Euch bereit, Ihr müßt ſterben. He, Tick, gieb deinen Revolvex her!“ ſagte ruhig Smith. 44 „Gnade! Gnade!“ kreiſchte der ſonſt ſo feſte Mann. „Ich kenne keine Gnade.— Hier iſt eine Fe⸗ der und Tinte. Unterſchreibt oder ich ſchieße Euch das Gehirn aus!“ verſetzte der Kaufmann und hielt ihm die Mündung des Revolvers vor die Augen. „Nein!“ flüſterte Millner mit halber Stimme. „Gut; ich zähle noch bis drei. Beſinnt Euch und zieht das Leben dem Tode vor.“ „Ich bin ein alter Mann dem Grabe nahe, ich will ſterben.“. „Alſo!“ fuhr Smith ruhig fort,„Eins. Ihr ſeht Euern Sohn nicht wieder!“ er machte eine Paufe.„Zwei. Wie wird Eure Tochter ſich die Augen roth weinen— 20 „Meine Eva!“ ſchrie Millner.„Die Feder her!“ Seine rechte Hand wurde entfeſſelt, er erfaßte die Feder und unterſchrieb den Verkauf ſeiner Farm an Jacob Smith, Kaufmann in Louiſiana, in Gegenwart von zwei Zeugen, welche der Steuermann und der Bootsmann wa⸗ ren und die ſich zugleich mit unterzeichneten. 45 Milluer warf die Feder fort und ſank, ſein Geſicht mit der freien Hand bedeckend, in die Knie. — Smiths Zügen überflog ein leiſes Lächeln; er faltete ſorgfältig das Papier zuſammen und ſteckte es in die Taſche ſeines Rockes, aus welchem er einen Beutel holte, aus dem er jeden der Ma⸗ troſen ſechs Dollars verabreichte. „Wir ſind noch nicht fertig!“ ſagte der Kauf⸗ mann mit einem bedeutſamen Blicke. „Ich dächte aber ſo!“ rief des Steuermannes Stimme.— Ein Schuß krachte. Millner ſprang auf, das Blut ſtrömte über ſein Geſicht und die Augen hatten ſich weit geöffnet, ſo daß ſich ein weißer Ring um ſeine ſtieren Augäpfel bildete.— Er blieb einige Secunden ſtill ſtehen— dann fiel ein zweiter Schuß aus dem Revolver des Steuer⸗ mannes und der Farmer fiel ſteif und ſtumm auf das Verdeck. Seine Seele war entflohen und ſein letzter Seufzer war: „Eva!“— Die Matroſen fielen über ihn her und durch⸗ ſuchten ſeine Taſchen, in denen ſie gegen hundert Dollars fanden, welche ſie unter ſich theilten. 46 Dann nahmen ſie ein Stück Eiſen, banden es an den Körper Millners feſt und warfen ihn über Bord und der Leichnam verſchwand in den Wellen des Miſſiſſippi. Das Boot wurde losgebunden, die Ruder rauſchten und das Fahrzeug. fuhr den Strom hin⸗ auf.— Smith ſaß wieder auf der Kiſte, aber jetzt waren ſeine Mienen voller Befriedigung. Bünſzthules Kapit ſtel. f Nachdem William und Pantherfuß die durch die Strapazen und den Schreck über Tims unver⸗ hofften Tod ohnmächtig gewordene Eva nach dem Walde getragen hatten, zündeten ſie ein großes Feuer an und jetzt legte der Indianer wiederum eine Probe ſeines Wiſſens in der Heilkunde ab, in⸗ dem er einen Thee braute, welchen er dem Mäd⸗ chen einflößte, während William durch die Freude über das unverhoffte Zuſammentreffen mit ſeiner Schweſter wie ſtumm geworden war. Regungs⸗ los kniete er da, den Kopf Eva's auf ſeinem Schoße, küßte er den bleichen Mund ſeiner Schweſter und weinte faſt über die bleichen Wangen und die ein⸗ gefallenen Augen derſelben.— Sie erholte ſich jedoch wieder, ſo daß ſie ſchon am Morgen ihre 48 Leidensgeſchichte erzählen konnte.— Eva berich⸗ tete nun, wie ſie von dem alten Manne verlockt, dieſer ſie an den bewußten Baum geführt und dort von einigen Männern, unter denen Tim, ihr Retter, geweſen, angepackt und naͤch dem Strome geſchleppt worden ſei. Ihren alten Neger hatte ſie wohl auch bemerkt, wie er gefolgt, wie er dann verwun⸗ det und von da an die Flucht ihrer Räuber mit ihr beſchleunigt worden ſei. Man brachte ſie auf ein Boot, welches den Strom hinauf nach der Inſel der Piraten fuhr, auf der ſie mit dem Kapitän Hardy eine Unterredung hatte, in welcher er ſie zwingen wollte, die Liebe zu Wernern abzuſchwö⸗ ren. Nachdem ſie ſich deſſen geweigert, mußte ſie ein leeres Blatt Papier unterſchreiben, worauf ſie in ein Blockhaus geſperrt wurde. Wir wiſſen, daß Tim fie tödten ſollte, aber er rettete Eva und der Tod ſollte ſein Lohn ſein.— Nun erzählte Wil⸗ liam ſeine Gefahr und Krankheit, wie er dem Tode nahe geweſen und nur durch die Sorgfalt und Pflege des Indianers erhalten worden ſei. Fünf Tage hatte er krank gelegen und nach dieſer Zeit konnte er die Reiſe nach ſeinem Vater erſt antre⸗ 49 ten, welche aber durch das Auffinden Eva's unter⸗ brochen wurde. Die Geſchwiſter umarmten ſich, und Pantherfuß war bei dieſem Anblicke der Glück⸗ lichſte aller Sterblichen. Es wurde beſchloſſen, nach einiger Raſt den Weg fortzuſetzen und der Indianer freute ſich ſchon im Voraus den alten Millner bei dieſer Ueberraſchung zu ſehen, der ge⸗ wiß vor Freude weinen würde. O hätte er gewußt, daß dieſer brave Mann auf dem kühlen Grunde des Miſſiſſippi lag, daß er gewaltthätig ermordet worden war, er hätte wie ein Kind geweint. Zwanzig Meilen lagen noch zwiſchen den Kin⸗ dern und dem Vaterhaus und drei Tage nahm der mühſame Marſch in Anſpruch, bei dem ſie nur wenig ruhten, denn die Liebe des Kindes, die Freude des Wiederſehens ihres Vaters beflügelten ihre Schritte.— Pantherfuß war der Glücklichſte der Glücklichen, nur noch eine Wolke trübte ſeinen hei⸗ tern Himmel und das war die vermeinte Untreue Werners. Er hütete ſich, dem Mädchen zu erzäh⸗ len, wie ex dieſen bei der Gräfin gefunden, ob⸗ gleich ſie zu tanſendmalen nach dem Abgotte ihres Köunigin der Flußpiraten. II. 3 4 Herzens fragte, worauf er nur Gutes von ihm be⸗ richtete.— 5 Der Abend des vierten Tages führte die Dreie der väterlichen Wohnung nahe, und ſie traten freudetrunken aus dem Walde ins Freie, von wo aus ſie das Vaterhaus ſehen konnten. Sie ſahen, wie die Neger auf dem Felde arbeiteten, wie ein leichter Rauch aus den Eſſen aufſtieg und wie der alte verwundete Neger den Arm in der Binde tra⸗ gend, im Garten auf⸗ und abging. Eva konnte ſich nicht mehr halten, ſie eilte voraus, denn ihr war es geweſen, als wenn ſie am Fenſter eine männ⸗ liche Perſon geſehen hätte. Wer konnte es anders ſein als ihr Vater?!— Sie rannte an den arbeitenden Negern vor⸗ über, obgleich dieſe ihr etwas von dem Miſter Millner zuſchrieen und bald ſtand ſie vor der ge⸗ ſchloſſenen Thüre des Blockhauſes.— Sie öffnete letztere und ſtürzte dem entgegenkommenden Wer⸗ ner in die Arme. Nach einer Weile ſtummer Um⸗ armung hob Werner das Haupt und ſchaute auf das blaſſe Antlitz des Mädchens. Er ließ ſeine Arme ſinken und drängte ſie ſanft von ſich ab. 51 „Entſchuldigen Sie, Miß!“ ſagte er mit zit⸗ ternder Stimme, nich träumte noch von früherer Zeit—“ „Iſt es nicht mehr ſo, Werner?“ entgegnete Eva mit Schrecken, niſt es nicht mehr ſo?“ wie⸗ derholte ſie. „Nein.— Wenn uns Ihr Bräutigam über⸗ raſchte!?“ Eva ſetzte ſich auf die Bank vor dem Hauſe, denn ſie war dem Umſinken nahe. „Mein Bräutigam?“ ſtammelte ſie mit ton⸗ loſer Stimme. „Sie ließen ja durch ihn einen Bdief ſchreiben, in dem Sie ſich unterſchrieben hatten,“ antwortete Werner, welcher dieſe Verwirrung nicht begreifen konnte. „O Gott! ich weiß nun, was jenes Papier enthielt!“ flüſterte ſie und lehnte ſich an die Wand. „Wo iſt Ihr Vater?“ fragte Werner und beugte ſich zu ihr. „Ha! mein Vater?— Iſt der nicht hier?“ In dieſem Augenblicke trat William mit Pan⸗ therfuß ein. Letzterer ſtellte ſich ſogleich zwiſchen 4* ☚ — 52 Eva und Werner, während er letzteren mit ſtarren Blicken anſah. „William, der Vater iſt nicht hier?“ Der angerufene Bruder wurde noch bleicher und ſtützte ſich auf ſein Gewehr, indem Pantherfuß ſich krampfhaft mit der Hand an die Bruſt faßte. Auf die Frage Williams, wo er wäre, erzählte Werner, wie der Brief von Natchez angekommen, worauf er dorthin auf dem Boote der Gräfin ab⸗ gereiſt ſei. Er habe dieſer Tage die Wirthſchaft der Farm geführt und hätte mit Eva’n Niemand anders als den alten Millner erwartet.— Nun umarmte Werner William und auch Pantherfuß, obgleich er ſich die Kälte des letzteren nicht erklären konnte, ſuchte er dieſe doch in dem Charakter des Indianers.—— Eva erzählte nochmals ihre Entführung und in Werner wurde ſeine Liebe groß, indem er den ſchwachen Augenblick verfluchte, in welchem er die Gräfin geküßt hatte.— Williams Freundſchaft zu Wernern war wieder feſt und Pantherfuß war auch wieder der Alte, da der junge Mann die nöthigen Aufklärungen über den Verdacht der Untreue gab. 55 ſchrift ſeines Vaters.— Eva war gefaßt, aber ſie ſchüttelte ſich, denn ein leiſes Fröſteln überlief ihren Körper. „Eine Frage noch, Herr Smith,“ ſagte Wil⸗ liam mit zitternder Stimme,„wo iſt mein guter Vater?“ „In Natchez,“ antwortete Smith.„Ich glaube, wenigſtens ſagte er ſo, er wolle den Miſſiſſippi hinauf eine entflohene Tochter aufſuchen. Er hatte kein Geld!“ „Er hatte Geld! Das iſt eine Lüge!“ ſchrie William. „Zu mir ſagte er, er hätte keines und bot mir die Farm an. Ich kaufte einen Bogen Papier und in Gegenwart von zwei Zeugen unterſchrieb er dieſes Document, worauf er zwei und ein halbes Tauſend Dollar von mir erhielt.— God dam, ſo iſts!“ ſagte der Kaufmann und ſpie durch die Zähne. „Eine behielt er doch noch; jenes Grundſtück am Walde mit dem Blockhaus,“ ſagte Williai ruhig. „Wie?“ ſagte Smith,„gehört dieſes nicht zur Farm?“ 56 „Nein, es iſt ein Beſitz für ſich!“ war die Antwort. Smith fluchte und ſagte noch, daß binnen vier⸗ undzwanzig Stunden alles geräumt ſein müſſe.— William und Pantherfuß antworteten, daß es ge⸗ ſchehen würde und machten ſich gleich ans Ein⸗ packen.— Während der Zeit hatte die Gräfin ſtumm da⸗ geſtanden und die Lippen übereinander gebiſſen. Die ſchöne Gräfin fragte Werner, ob er mit⸗ komme, der es aber verneinte, indem er den Ge⸗ ſchwiſtern helfen wolle. Die Gräfin ging, ſchwang ſich aufs Roß und jagte der Villa zu.— In nicht weniger denn einigen Stunden war die Millner'⸗ ſche Familie aus der Farm und Smith war Be⸗ ſitzer aller Felder, Sclaven und Grundſtücke der Farm.— William und Eva richteten ſich ſo gut wie möglich für den Augenblick in dem Blockhauſe ein, welches einige hundert Schritte von der Farm lag und ſeit der Anſiedelung des alten Millner in die⸗ ſer Gegend nicht bewohnt worden war.— Die „ Geſchwiſter und alle andere hatten doch nun die Gewißheit, daß der Vater noch lebe und brachten ihre Stunden in freudiger Erwartung hin. Ein Tag um den andern verging; Werner und Zamor waren täglich in dem Blockhauſe und die Gräfin wurde eiferſüchtiger.— Letztere hatte ſchon in dem Gedanken geſchwelgt, daß Eva nie wieder kommen werde, und jetzt ſah ſie ſich von neuem ihrem Ziele entfernt. Sie that alles, um den jun⸗ gen Mann für ſich zu gewinnen, aber es war ver⸗ geblich, denn Werner liebte Eva, wie man nur ein Weib lieben kann. Bechzehntes Kapitel. William und Pantherfuß rüſteten ſich am ach⸗ ten Tage nach der Heimkunft zu einer Jagd und Zamor erbot ſich ſie zu begleiten. Eva blieb allein zurück; ſie verſah die kleine Wirthſchaft muſterhaft und oft ſchon hatte Werner den kleinen emſigen Händen bei der Arbeit zugeſchaut.— Werner hatte William gegen zweihundert Dollars geliehen, da⸗ mit dieſer Mais zum Säen, Mehl und andere Sachen anſchaffen konnte.—. 4 William ſchied, als er zur Jagd gehen wollte, von ſeiner Schweſter und ſchritt mit ſeinen beiden farbigen Gefährten, von einigen Hunden gefolgt, dem Urwalde zu.— Eva ſchaute ihnen nach. In dieſem Augenblicke ſehnte ſie ſich nach Wernern, welcher als Indentant auf der Villa der Gräfin * 59— beſchäftigt war.— Eva ging, wie gewöhnlich, an ihre Arbeit, welche in Nähen beſtand, und ſetzte ſich vor die Thür unter einen dichten Buſch. Dort im kühlen Schatten träumte ſie beim Nähen von der Zukunft, in welcher ſie als Werners Weib un⸗ ter der Obhut ihres Vaters leben würde— und ſo verging ein halber Tag. Die Sonne tauchte hinunter und flüchtete ſich vor der Nacht, welche ſchnell mit weit ausgeſpannten Flügeln im Oſten aufſtieg.— Wie ein ſilberner Kahn ſchwebte der Mond an dem blauen, großen Himmelsmeere und eine ſolche h ereindämmernde Nacht, durchduftet von den Blumen und Kräutern, hebt das Herz und man glaubt und träumt in ſolchen Augenblicken, man habe die Hülle, das Irdiſche von ſich geſtreift und ſchwebt leicht wie ein Elfe in dem Reiche ſeiner Phantaſie. So ging es Eva. Ihr ſinniges, tiefes Weſen ſchloß ſich auf und umfaßte ſeelenvoll das Herrliche, das Allmächtige des ewig großen Schöpfers.— Ueber den Wipfeln der Bäume flat⸗ terten noch einige Vögel und ſenkten ſich dann in das Buſchwerk herab.— Eva legte die Arbeit weg und blickte hinaus 60 auf die grünen Felder und ſah über dem Graſe die Elfen, von denen ihr Vater erzählt hatte. Millner war ein Deutſcher, etwas abergläubiſch, aber dabei hatte ſein Aberglaube Poeſie, wie überhaupt die deutſche Mährchenwelt es hat.— Des Deutſchen Poeſie iſt nicht die großartig indiſche mit koloſſalen hundertarmigen Göttern, Dämonen und Rieſen, mit ihren edelſteingeſchmückten Höhlen, Sälen und der üppigen Natur, welche unſere Sinne berauſcht, nein, es iſt gemüthliche Poeſie des wogenden Korn⸗ feldes, des flüſternden Baumes und des rauſchen⸗ den Baches. Die Poeſie des Deutſchen gewinnt das Herz, ſie erwärmt, aber verzehrt nicht in ihrer Gluth.— Millner hatte Evaen die Sagen und Mährchen Deutſchlands erzählt, und hier in Amerika träumte ſie von den epheuumrankten Ruinen der Ritterburgen und ihre helle Phan⸗ 1 taſie zauberte den biedern Ritter, den minniglichen Jüngling und das ſittfame Fräulein auf hohen Söller, umſtrahlt von der Sonne, die hinter den fernen Bergen untergeht.— Plötzlich fühlte ſie ſich angefaßt, eine Hand legte ſich auf ihren Mund 61 und ein Indianer beugte ſich mit gezücktem Meſſer über ſie.— 8 „Ein Wort!“ flüſterte der Mann,„und ich ſteche Dir das Meſſer in die Bruſt!“ „Laß mich los, ich erſticke!“ ächzte Eva. Der Indianer ließ los und drohte, ſie bei dem geringſten Laut zu ermorden. „Schwöre—“ ſagte er. Eva unterbrach ihn damit, daß ſie aufſprang und fliehen wollte. Aber der Indianer hielt ſie bei einem Arm, doch Eva war nicht ſo ſchwach und ſuchte ſich loszumachen. Der Indianer umfaßte ihren Leib, holte aus zum tödtlichen Stoße, aber Eva hielt ſeinen Arm auf und jetzt begann ein Ringen.— Die, Angſt verlieh dem Mädchen Kräfte, aber lange wäre es ihr unmöglich geweſen zu wider⸗ ſtehen. Sie rief und ſchrie.— Da ließ ſich ein ſchneller Schritt hören— noch einige Secunden und Werner ſtieß den Indianer weg.— Letzterer ſprang zurück, holte aus und der Stahl traf Wer⸗ ners Bruſt. Er taumelte zurück gegen das Block⸗ —ᷣ—ꝛ’:3õ———— haus, doch der Stahl war abgeglitten und hatte nur die Haut geritzt. „Werner!“ ſchrie Eva. Bei dieſem Rufe ſtutzte der Wilde, blieb einen Augenblick ſtehen, dann aber ſprang er dem Walde zu und verſchwand bald in der Finſterniß.— Werner machte nur der heftige Stoß wanken, ſonſt hatte er ihn nicht groß verwundet. „Wer war jener Mann, meine Eva?“ fragte Werner und drückte ſeine Hand auf den kleinen Hautriß. „Ich weiß es nicht, Werner!— Ich bin zum Tode erſchrocken. Ich ſaß hier, plötzlich ſtand er vor mir, wollte mich morden—“ „Morden!“ unterbrach der junge Mann das Mädchen und er drückte ſie an ſeine Bruſt. „Jal aber ich wehrte mich und dann kamſt Du, mein Werner.“ Eva ſchloß ihre Rede mit einem Kuß, den ſie ihrem Geliebten gab und dieſer ſetzte ſich neben ſie. Letzterer hatte den Tag über in der Villa mit Schreiben, Rechnen und dergleichen zugebracht und am Abend beſchloß er zu Eva zu gehen. Schon von ferne hörte Werner den Hülferuf derſelben und kam noch zur rechten Zeit, ſie vom Tode zu retten. Tauſendfältige Vermuthungen durchbrauſten ſeinen Kopf, wie der Indianer dazu⸗ komme, und welche Urſache ihn dazu treiben konnte, Eva ermorden zu wollen.— Später kamen die Dreie von der Jagd zurück, bei welcher ſie ſehr glücklich geweſen waren.— Es wurde ihnen der ſtattgehabte Vorfall erzählt, und William war der Erſte, welcher wieder vermuthete, daß der Kapitän der Piraten ſeine Hand im Spiele habe. Pantherfuß dagegen war in ein ſtilles Hin⸗ brüten verſunken, denn er grübelte weiter nach und es blieb ihm kein Zweifel mehr übrig, daß jener Indianer nur ein verkappter und angemalter Wei⸗ ßer geweſen ſei. Man weiß, daß der Indianer, welcher Eva ermorden wollte, keinen Grund offen⸗ barte, warum er ihr das Leben rauben wollte, daß er ihr jedoch zugerufen:„Schwöre—“ „Sprach jener Indianer gut engliſch?“ fragte Pantherfuß das Mädchen. „Wie ein geborner Engländer,“ antwortete „Eva, welche zwiſchen ihrem Bruder und Werner faß. 64 Eva trug ein kleines Mahl auf; es waren Maisbrode, geröſteter Speck und eine halbe Flaſche Wein, welche ſie aus der Farm, zugleich im Verein von noch elf Flaſchen, mitgenommen hatten.— Das Thema des Tiſchgeſpräches war und blieb immer ihr betrogener Vater, welcher jetzt— wer weiß wo— ſich aufhielt und nach Eva ſuche.— Sie überlegten, wie ſie Millner könnten Nachricht zukommen laſſen, doch da ſie ſeinen Aufenthalt nicht kannten, ſahen ſie ein, daß es das Beſte wäre, ſeine Rückkunft oder wenigſtens einen Brief an Wernern abzuwarten. Die aufgetragenen Speiſen gingen zu Ende und Zamor fing von den Piraten und deren Räube⸗ reien an. Es wurden noch zwei Flaſchen Wein aufgetragen. Die etwas ſtockende Unterhaltung gerieth wieder ins Gehen, und zuletzt verſchworen ſich die vier Männer, die Piraten zu entdecken. „Morgen ſei der Tag, an welchem wir anfan⸗ gen wollen, ſie aufzuſuchen. Stimmt Ihr bei?“ fragte William mit lauter Stimme. „Lawohl! William!“ ſchrie Werner, indem er 65 ſein Glas erhob und den Arm von Eva's Taille gleiten ließ.— Zamor jubelte laut, Pantherfuß reichte Wil⸗ liam die Hand über den Tiſch und der Entſchluß, welcher die Abfahrt auf den morgenden Vormittag feſtſetzte, wurde noch durch eine Flaſche beſiegelt.— Bis in die Nacht hinein waren ſie zuſammenge⸗ blieben, die Zeit der Trennung rückte heran und Werner und Zamor gingen. Eine Strecke Wegs wurden ſie von Pantherfuß gebracht, dann aber ſchritten ſie ſchneller durch die dunkle Nacht der Villa zu. Werner fühlte, daß er heute durch Eva's Ret⸗ tung wiederum ihr bedeutend näher getreten war, und er ſchwelgte in der Erinnerung an die ſittſame Eva.—. Die beiden Männer waren nun der Villa näher und ſie ſahen aus dem Zimmer der Gräfin Licht ſchimmern— ein Beweis, daß dieſe noch wach ſei. In dieſem Augenblicke nahm ſich Werner vor, heute Abend noch, wenn es möglich wäre, zu ihr zu gehen und ihr ſeine morgende Abreiſe zu der Aufſuchung der Räuber anzukündigen. Er hatte Königin der Flußpiraten. II. 5 66 ſich in den letzten Tagen ganz kalt und gemeſſen gegen ſie benommen und bald wollte er, nur noch Millners Heimkehr abwartend, ganz aus dem Hauſe der Gräfin ſcheiden. Zamor ging auf ſeine kleine Stube, welche ſich neben der des Verwalters Bill befand, und Wer⸗ ner ließ die Gräfin durch Betty bitten, ihm zu er⸗ lauben, bei ihr einzuſprechen, da er ihr etwas mit⸗ zutheilen habe, welches ſich nicht gut auf morgen verſchieben laſſe.— Die Gräfin kam ihm ſelbſt entgegen und führte ihn in ihr Zimmer. Er ſetzte ſich nicht, und in der Pauſe, welche eintrat, ſuchte Werner nach Worten ſein Vorhaben auszuſprechen, während dem die Gräfin ihn mit durchbohrenden Blicken beobachtete.— Um ihren Mund lag ein finſterer Zug, als er ihr ſein Vorhaben mittheilte, doch heiterte ſich ihr Antlitz ſchnell wieder auf.— Werner verabſchiedete ſich, küßte ihre Hand und ging.— Als er den Rücken gewendet hatte, rieb ſich die ſchöne Frau vor Freuden die Hände, ihre Augen leuchteten unheimlich und mit ſchnellen Schritten ging ſie in dem Zirmer auf und ab.— Sie ließ Bill rufen und eine halbe Stunde ſpäter ſprengte dieſer auf dem ſchnellſten Pferde dem Walde zu.— „So, ſo! ſo wäre es gut!“ ziſchte die Gräfin, als Betty ihre Locken aufwickelte und ihr den Nachtmantel umlegte.— Sie ging in ihr Schlaf⸗ cabinet, warf ſich aufs Bett und träumte vom Blut, Kampf, Mord und von Werner.— Am andern Morgen ſah man Werner auf dem Hofe ſtehen und nach Zamor rufen, welcher ſich aber nicht, wie Werner dachte, noch auf ſeiner Stube befand, ſondern im Garten ſchon längere Zeit mit ſeiner Betty auf⸗ und abgegangen war. Zamor kam herbei, er faßte Wernern luſtig unter den Arm und ſie ſchritten dem Thore zu.— Eine Stimme rief noch eine glückliche Reiſe nach, Werner drehte ſich um und erblickte an einem Fen⸗ ſter die Gräfin, ſie winkte mit einem Tuche und rief ſeinen Namen.— Er grüßte und dann ver⸗ ſchwand er hinter dem Gebüſch. „Ol wie ſtärkt ein heitrer Morgen! Es iſt als wäre der Himmelsthau mit auf uns gefallen und die Strahlen der aufgehenden Sonne friſchen und wärmen uns unſere Glieder und die Trägheit 5* * 68 flieht vor der Spannkraft.— Der Menſch iſt wie eine Blume, des Tages hebt ſie ihr Antlitz der Sonne zu, aber zur Nacht ſenkt ſie ihr Haupt, ſie ruht und der Morgen ſieht ihr erfriſchtes Leben!“ Werner und Zamor wurden erwartet. Die Bewohner des Blockhauſes waren ſchon lange wach und nachdem Eva getröſtet, ermahnt und der Panther zu ihrem Schutz zurückgelaſſen wurde, entfernten ſich die vier Männer, um nach der Bucht des Stromes zu gehen, wo Pantherfuß ein größeres Boot, da er das ſeinige verloren, hin⸗ geſchafft hatte. 4 Biebzehntes Kapitel. In der Bucht lag das Boot von Pantherfuß, welches für ſechs Perſonen gebaut war.— Die vier Männer luden ihre Gewehre, welche ſämmt⸗ lich doppelläufig waren, ergriffen die Ruder und das Boot dnrchſchnitt die Wellen wie ein Adler die Luft.— Pantherfuß ſteuerte und im Tacte ſenkten und hoben ſich die Ruder der Männer. Schon ſind ſie bis zur Mittagszeit gefahren und die hungrigen Magen verlangten ihren recht⸗ mäßigen Tribut. Der Indianer ſteuerte ans Ufer, welches eine kleine Landzunge bildete, dicht bebuſcht und mit hohen Bäumen beſetzt war. Da wo die Spitze der Landzunge ſich in den Strom ſenkte, lag ein ungeheures Stück Fels, welches vielleicht einſt ein kleiner Stein war. Die⸗ ſer Felſen bildete eine Steuer gegen das andrän⸗ gende Waſſer und diesſeits, wo ſie das Boot an⸗ gelegt hatten, war darum das Waſſer ruhiger.— Das Fahrzeug wurde angebunden und die Viere erſtiegen die Landzunge, wo ſie von den mitge⸗ brachten Victualien zehren wollten, aber doch wäre ihnen ein Stück geröſtetes Hirſchfleiſch lieber als dieſer Speck zu dem friſchgebackenen Maisbrode geweſen.— Sie fügten ſich alſo in die Befriedi⸗ gungsmittel ihres Appetites und ſchon wollten ſie ſich niederlaſſen, als plötzlich Werner mit der Hand Ruhe winkte und über den Buſch hin, hinter wel⸗ chem ſie ſtanden, nach einem Strauche wies, der vorwärts nach dem Waſſer lag und über welchem das hohe Geweih eines Hirſches ragte. Das Thier ſchien dort zu äſen, denn das Geweih beugte ſich nieder.— Die drei Freunde Werners ſahen mit lüſternen Blicken hin und wie mechaniſch und auf einen Befehl ſchlichen Panther⸗ fuß und Zamor dem Walde zu, um dem Thiere den Rückzug abzuſchneiden. Gebückt, die Büchſe ſchußfertig, ſchlich Werner auf den Hirſch zu.— Er hob die Büchſe und wollte nur den Augenblick abwarten, in welchem ſich das Thier en face drehen würde.— Jetzt hob das edle Wild den Kopf und ſchnüffelte mit weit⸗ geöffneten Nüſtern in der Luft herum, es ſchien ſeinen Feind zu wittern; da trat Werner auf einen Aſt— dieſer knackte und der Hirſch ſchnellte in die Höhe. Er machte einige Sätze dem Walde zu, als plötzlich von dorther ein Schuß krachte und das eine Geweih des Hirſches in Stücken zer⸗ ſplitterte. Mit einem pfeifenden Tone wandte ſich das Thier und ſtürzte dem Strome zu, um dieſen zu durchſchwimmen.— Pantherfuß und Zamor, welche zur unrichtigen Zeit geſchoſſen, ſprangen herbei, William packte die Lebensmittel wieder zuſammen und Werner ſolgte ſeinen Freunden in das Boot. Mit Mühe kamen ſie, gegen das anſtrömende Waſſer, um den Felſen und ſie gewahrten den Hirſch, welcher von dem ſchnellfließenden Waſſer zwar nicht gegen die Männer getrieben aber doch im Schwimmen gehemmt wurde. 3 „Hurrah!“ ſchrie William, riß die Büchſe an 72 den Backen, der Schuß zerriß die Luft und der Hirſch— in den Hals getroffen— tauchte, als wenn er ſpränge, hoch empor. „Schlecht geſchoſſen,— in den Hals!“ mur⸗ melte Pantherfuß und legte ſeine umgeſchnallte Decke ab, da er ſich ins Waſſer ſtürzen und dem Thiere durchs Meſſer den Garaus machen wollte. Der Hirſch war matt, ſie ruderten heran. Pan⸗ therfuß ſprang— das lange Meſſer zwiſchen den Zähnen— in das Waſſer nnd ſuchte ſich zu nä⸗ hern. Er ſtieß den Stahl dem Thiere in die Wei⸗ chen, plötzlich drehte ſich dieſes, ſenkte den Kopf und die Geweihe umfaßten Pantherfuß's Bruſt. Der Indianer ſuchte zu tauchen, aber die Spitze des Geweihes ſteckte in ſeinem Wammſe— Menſch und Thier geriethen in den Strom und wurden gegen die Landzunge getrieben. Dort an einen Weidenbaum, welcher halb im Waſſer ſtand, ge⸗ drängt, war Pantherfuß zwiſchen das Geweihe und dem Baum wie eingeſtrickt, und konnte nicht los⸗ kommen, obgleich er dem Hirſche mit dem Meſſer den Hals zerfleiſchte.— Dieſes Mannöver hatte aber nicht ſo lange gedauert, als man es erzählt. Werner legte ſeine Büchſe in den Kahn, ergriff ſein Meſſer, ſtürzte ſich in den Strom und ſchwamm dem in Todesgefahr ſchwebenden Indianer zu.— Werner tauchte hinter dem Hirſche unter— einige Secunden darnach erſchien Werner wieder, zugleich aber legte ſich der Hirſch auf die Seite.— Der junge Mann hatte ihm eine Sehne der Hinterfüße durch⸗ und faſt den ganzen Leib aufgeſchnitten. Ringsherum färbte ſich das Waſſer roth.— Pan⸗ therfuß war frei. Der Kahn näherte ſich und nahm die beiden Durchnäßten auf, während William den Hirſch beim Geweihe erfaßte. „Huſſah! Huſſah!“ ſchrie Zamor vor Freude und umarmte einmal Werner, das anderemal Pan⸗ therfuß.— Der Indianer dankte Wernern kurz, aber da⸗ bei waren ſeine Augen feucht, denn von einem Weißen hatte er ſeine Rettung nicht erwartet. Sie ſtießen ans Land, es wurde Feuer gemacht und nie hat wohl Jemandem eine Mahlzeit beſſer geſchmeckt als dieſe den vier Freunden. Während ſich dieſes alles zutrug, war der Abend herangekommen— ſie beſtiegen das Boot wieder, 74 denn Pantherfuß hatte ſie an den eigentlichen Zweck ihrer Fahrt erinnert.— Jede Inſel des Miſſiſſippi wurde unterſucht und zwar mit großer Vorſicht und Ausdauer. Die Nacht verſprach hell zu werden, denn ſchon ſchim⸗ merten die zahlloſen Sterne am Himmel und mach⸗ ten die Nacht nur zu einer Dämmerung von heute zu morgen.— Die Inſeln, an welchen ſie vorübergefahren, waren alle klein und geſtatteten vermöge ihrer kleinen Bäume und dem niederen Buſchwerk eine freie Ueberſicht; nur auf einer wurde etwas Ver⸗ dächtiges gefunden. Mehrere Stunden waren vergangen. Boote waren in dieſer Zeit vorübergefahren und wurden immer weniger. Auf einmal erhob ſich Pantherfuß und zeigte gerade vor ſich hin— der Fluß ging nämlich hier wenigſtens eine Stunde geradaus— auf einen ſchwarzen Punkt, in welchem die geübten, ſichert Augen der Männer ein Boot erkannten, welches hart an dem Ufer in den Schatten der Büſche fuhr.— 8 75 Der Indianer ſteuerte raſch in die Büſche.— Ein unbeſtimmtes Gefühl ſagte allen, daß eine Gefahr nahe und noch einmal wurden die Büchſen ſorgfältig unterſucht. Das Boot näherte ſich ſchnell, die Ruder hatten die Ruderer verbunden und es wollte vorbeiſchießen, als plötzlich ein Mann mit lauter Stimme Etwas rief. „Dort ſind ſie!“ ſchrie ein anderer und wies auf das Boot der vier Freunde, welches unter den Büſchen lag, aber doch geſehen worden war. Das fremde Boot näherte ſich dieſem, in wel⸗ chem die Männer mit der angelegten Büchſe, vor⸗ geſtrecktem Oberkörper und angehaltenem Athem ſaßen.— „Hallohi!“ brüllte einer von dem ſich nähern⸗ den Boote,„was macht ihr unter den Büſchen?“ „Zurück!“ rief Pantherfuß, nich ſchieße!“ „Ahoi!“ ſchrie wieder der Fremde,„da ſind die Bürſchchen!— Ihr wolltet uns aufſuchen— nicht wahr ihr ſeid diejenigen?— Alle Teufel, ſie ſind ihrer Viere und wir unſer Zwanzig!— vorwärts, Burſchen, alle Viere lebendig! Hardy will's!“—. 76 Ein lautes Gebrüll war die Antwort der Räu⸗ ber— denn niemand anders war es.— Werner war überraſcht, wie dieſe erfahren konnten, daß ſie gekommen waren, um die Räuber aufzuſuchen und jetzt— förmlich von ihnen erwartet wurden!“— Die Viere befanden ſich in einer mißlichen Lage— da befahl Pantherfuß: ſie ſollten ſchießen aber gut zielen und er wolle ſteuern.— Das Piratenboot war noch ungefähr fünfzig Schritt von ihnen— jeder hatte den andern be⸗ zeichnet, welchen er aufs Korn nehme. Werner kommandirte und— drei Räuber ſanken getroffen von den gutgezielten Kugeln der Jäger in das Boot.— Ein Wuthgeſchrei ertönte— eine Salve eines Revolver folgte ihm— aber glücklicherweiſe wurde Niemand verwundet. Nun ſteuerte und ruderte Zamor und Pan⸗ therfuß ſchnell unter dem Gebüſch vor, auf zwan⸗ zig Schritte den Räubern heran. In dieſem Mo⸗ ment der Nähe ſteuerten William und Werner und der Strom riß das kleine Boot mit ſich fort.— dieſes Mannöver war zu überraſchend für die Pi⸗ — 77 raten, denn ehe ſie ſich beſannen und ſchoſſen, war der Kahn ſchon über hundert Schritte davon.— Doch Werners Ruder war von einer Kugel zer⸗ ſchmettert worden und er nahm jetzt Pantherfuß's Büchſe, deren Kugeln er den Folgenden entgegen ſendete.— Wiederum war einer der Räuber verwundet worden und ihre Wuth ſteigerte ſich aufs Höchſte.— Das Boot raſ'te förmlich dem kleinen Kahne nach, von dem öfters ein helles Licht blitzte und ein Schuß zu den Piraten. krachte.— Lange konnte dieſe Jagd aber nicht ſo fortgehen, denn vierzehn Ruder bewegten das Boot und der Kahn konnte nur von Dreien geführt werden. „Habt ihr geladen?“ fragte Pantherfuß jetzt haſtig. Es wurde eine bejahende Antwort gegeben. „Gut, laßt ſie näher kommen!“ Das Boot näherte ſich auffallend ſchnell— es war noch vierzig Schritte davon. „Feuer!“ ſchrie der Indianer.— Ein kurzer Krach antwortete aus den Büchſen— welcher wie einer klang— und wieder brüllte, ſtöhnte und ächzte es unter den Piraten. 78 „Jetzt haben wir—“ ſchrie der Anführer der Piraten. Ein Schuß unterbrach ſeinen Ausruf— er taumelte und ſtürzte über Bord ins Waſſer.— Pantherfuß hatte geſchoſſen.— Jetzt ſteuerte Werner den Kahn ans Ufer.— Alle vier Männer ſprangen mit der Büchſe in der Hand ans Ufer— aber faſt in demſelben Augen⸗ blicke ſauſte auch das Boot auf. Ein Matroſe ſprang mit dem Meſſer ans s Ufer. — Plötzlich drehte ſich Werner herum, ſchwang die Büchſe und von einem Kolbenſchlag ſtürzte der Matroſe blitzſchnell auf den Boden. 1 Ddieſer That folgte von Seiten der vier Freunde ein Ausruf der Freude, während von der der Pi⸗ raten ein Wuthſchrei ertönte. Eine Minute verging.— Werner und Zamor hatten Revolver im Gürtel, William und Panther⸗ fuß hatten wieder geladen und in Zeit von einigen Secunden donnerten zehn Kugeln unter die Pi⸗ raten.— 1 Dieſe ſchoſſen jetzt auch und— Pantherfuß ward am Arme geſtreift, Werners Schenkel auch, — — und jetzt— da ſie doch der Uebernmacht erligen würden— ſpringen ſie dem Walde zu. Neun Männer lagen todt auf dem Piraten⸗ boot, während dreie verwundet waren. Mit Wuth ſchauten die Räuber den Fliehen⸗ den nach, welche, wie ſie glaubten, nicht einmal verwundet waren. Während dem war Eva im Hauſe beſchäftigt, ſie wagte ſich aber nicht wieder vor die Thür, ob⸗ gleich der Panther zu ihrem Schutze dageblieben, den ſie aber in des Indianers Abweſenheit fürch⸗ tete.— In derſelben Zeit wie geſtern, wo ſie überfallen wurde, wurde die Th üre aufgeſtoßenn und ein verlarvter Mann trat herein.— Wahr ſcheinlich hatte er den Panther nicht bemerkt, welcher unter einem Bette lag und fiel mit einem Dolche über Eva her. Er wollte ſie erſtechen, aber das Meſſer durchbohrte nur den Aermel voneihrem Kleide und ſaß feſt in der Wand, Uach welcher ſich Eva geflüchtet hatte.„ 2 Während der Vermummte verſuchte den Dolch herauszuziehen und Eva vor Angſt laut aufſchrie, 80 glitt der Panther unter dem Bette vor, er brüllte laut, der Unbekannte ſtieß einen Schrei aus, der Panther ſprang an ihm empor und zerfleiſchte eine Hand des Räubers. 4 Letzterer floh, warf die Thür hinter ſich zu und brummend blickte der Panther zuſammenge⸗ kauert dem Fliehenden nach. — —-— 5* ——— — —— 5 Achtzehntes Kapitel. Von dem Orte, wo die Viere von dem Pira⸗ ten ans Land getrieben wurden, hatten ſie noch eine halbe Tagereiſe zu der Heimath.— Daraus kann man ſchließen, mit welcher Schnelligkeit die Verfolgung vor ſich gegangen war und dabei leuch⸗ teten ſchon im Oſten die erſten Strahlen der auf⸗ gehenden Sonne.— Die Wunde des Indianers wurde verbunden, diejenige Werners war unbedeutend, indem die feindliche Kugel nur ein Stück Haut mitgenommen hatte, während bei Pantherfuß die Kugel wenig⸗ ſtens einen halben Zoll tief eingedrungen war.— Letzterer beklagte beſonders den Verluſt ſeines Bootes, welches wahrſcheinlich von den Räubern vernichtet worden war.— Königin der Flußpiraten. II. 6 82 Der Rückzug wurde angetreten.— Es war nach Werners Uhr ſchon gegen drei Uhr Morgens und unter ſechs Stunden war es unmöglich, ſelbſt bei dem angeſtrengteſten Marſche, das Blockhaus zu erreichen.— Ohne Ruhe und Raſt eilten die Männer vorwärts, indem ſie auch befürchten muß⸗ ten, von den Piraten verfolgt zu werden.— Die Sterne leuchteten glänzend hernieder, der Himmel war blutroth gefärbt und das Laub und Gras glänzten wie Diamanten im Thaue, in welchem ſich die Sonnenſtrahlen brechen.— Das befiederte Volk des Waldes war erwacht und ſeine Geſänge ertönten dem neuen Tage.— Wir wollen die Zeit des Marſches übergehen, da nichts Bedeutendes vorfiel und ohne alle Stö⸗ rung verlief.— Nach ſieben Stunden Wanderung traten ſie aus dem Walde und hatten endlich das Blockhaus in Sicht; wunderten ſich aber, nicht einen früh⸗ ſtückverſprechenden Rauch aus dem kleinen Hauſe aufſteigen zu ſehen.— 3 Mit einer trüben Ahnung eilte Werner voraus — er riß die Thuͤr auf, ſtürzte ins Zimmer und 83 ſein erſter Blick fiel auf Eva, welche auf dem Bette im vollen Anzuge lag. Er ſah Blut auf dem Boden.— In dieſem Augenblicke erwachte Eva— ſie lächelte und die beiden Liebenden ſchloſſen ſich in die Arme.— Die Andern kamen herein und zitternd erzählte Eva den nochmaligen Ueberfall eines Vermumm⸗ ten. Von den vier Männern hatte jeder Verdacht auf den Kapitän Hardy und mit Freuden hörten ſie, daß dieſer verwundet ſein müſſe, denn anders ſei das Blut auf dem Boden nicht zu deuten. Den Panther fand man an einem Wand⸗ ſchranke zuſammengekauert, indem er ein großes Stück Schweinefleiſch, welches er aus der Küche geſtohlen hatte, zerfleiſchte.— Eva hatte, wie ſie erzählte, den Aermel ihres Kleides zerreißen müſſen, um nur von der Wand loszukommen. Werner hätſchelte den Panther für die Ret⸗ tung Eva's und verſprach ihm eine lebenslängliche Penſion, welche aus lauter Schweinskeulen be⸗ ſtehen ſollte. 6* 84 Nach dem Frühſtück ging er nach der Villa und ließ Zamor zurück, weil er in Kurzem wiederkom⸗ men wolle.— Dort angekommen gewahrte er auf dem Hofe geſattelte Pferde und er dachte gleich, daß die Gräfin abreiſen würde. Dieſe kam jetzt die Treppe herab und ſtaunte Wernern wie einen Geiſt an. Sie zog ihn ſchnell mit auf ihr Zimmer. Dort mußte er ſeine Affaire erzählen und die Gräfin war über die beſcheidene Erzählung, in die er ſeine Tapferkeit nur leicht hin verwob, entzückt. „Wie viele denkt Ihr, Werner, ſind von jenen Männern gefallen?“ fragte die Gräfin und ſah auf ihre linke Hand, welche ſie in einer Binde trug. „Wenigſtens Zehne, denke ich, ſind todt!“ „Zehn?!— O Gott!“ ſeufzte die Gräfin. „Bedauern Sie denn jene Räuber noch?“ fragte Werner und ſtarrte der ſchönen Frau ſchar ins Geſicht. Hn „Nein! Nein! Werner! Meine Hand ſchmerzt mich nur!“ „Ihre Hand! Ach, jetzt ſehe ich mit Schrecken, daß S ie verwundet ſind! Was hat Sie beſchädigt?“ 5. „Ich habe mich verbrannt, Werner!“ „O wie ſchade um die ſchöne Hand!“ ſagte Werner mitleidig. „Laſſen Sie uns davon abbrechen!— Ich habe Ihre Hülfe ſehr nöthig, indem ich heute noch zum Kaufmann Smith reiſen werde, bei welcher Reiſe mir Ihre Gegenwart ſehr erwünſcht ſein würde, weil— weil ich mit jenem Kaufmanne ein ſehr nothwendiges Geſchäft abmachen muß. Ich warte auf Ihre Antwort, Werner.“ „Ich— ich ſoll mitreiſen?— Wenn denn?“ fragte Werner gedehnt, indem er bleicher wurde. „Nun?a fragte die Gräfin. Man hörte an ihrer Frage, daß ſie höchſt ge ſpannt auf die Antwort wartete. „Gräfin, ich bin Ihr Diener!“ entgegnete Werner beſonnen und xuhig.„Erlauben Sie mir aber erſt auf mein Zimmer zu gehen?“ „Thun Sie das— ich erwarte Sie in einer halben Stunde!“ äußerte die Gräfin,„er iſt mein!“ ſetzte ſie noch leiſe hinzu. Er entfernte ſich und in der von der Gräfin beſtimmten Zeit erſchien er in einem ſchwarzen, 86 eleganten Anzuge, welcher ihn trefflich kleidete.— Er warf noch einen Mantel um und gab Betty einen Brief an die Perſon zu übergeben, welche von der Farmersfamilie beauftragt wäre, nach ihm zu fragen. Er ging zu der Gräfin auf den Hof, welche ihn dort zu Pferde erwartete, beſtieg ein Roß und bald galloppirten beide hinaus auf den Weg, wel⸗ cher nach jener Bucht führte. Auf dem Wege ließ ſich Werner über die Na⸗ tur in ſchönen, tiefgefühlten Worten aus, an wel⸗ chen man hörte, daß ſie nicht die Producte eines verſchrobenen Phraſenſchneiders waren.— Die Gräfin muſterte ſeine ſchöne Geſtalt mit Wohlge⸗ fallen und ihr Blick heftete ſich an ſein ſchönes Geſicht, auf welchem das Licht der Begeiſterung glühte.— S ie lebte ſich in ſeine Ideen hinein, welche eine wahre Erquickung für ſie waren, da ſie nie mit einem Manne von ſolchem Herzen, wie Werner beſaß, zuſammengekommen war. So bieder, ſo treu waren ſeine Reden und da⸗ bei ſo aufrichtig, und das eben liebte die Gräfin. „ 87 Sein Charakter war ein klarer Bach, auf deſſen Grund man die Kieſel zählen konnte. Nach einer Meile mittelmäßigen nicht allzu⸗ ſchnellen Rittes gelangten ſie an die Bucht, in wel⸗ cher daſſelbe Boot lag, welches den Kaufmann Smith und den alten unglücklichen Millner trug. Scheu betrachteten die Matroſen die jugendliche Geſtalt Werners und bei der Abfahrt bewunderte dieſer die Kenntniſſe der Gräfin, welche komman⸗ dirte und den kleinſten Gegenſtand des Bootes bei ſeinem Seemannsausdrucke zu nennen wußte. Heute war auf dem Verdeck eine Art Zelt er⸗ richtet, unter welchem auf Polſtern die Gräfin lag, die von da aus ihre Befehle an ihre Matroſen richtete, welche ſie gehorſam mit einem Tact aus⸗ führten, den man bewundern mußte.— Die Fahrt ging ſchnell von Statten. Werner lehnte auf dem Verdeck und träumte von Eva, welche gewiß von ſeiner ſchnellen Abreiſe über⸗ raſcht ſein würde. Die köſtlichſten Speiſen und Weine wurden ihm geboten, um ihm das Leben auf dem Boote ſo⸗ angenehm wie möglich zu machen. 88 Zwei Tage vergingen in ihrem Einerlei. Der Abend des zweiten Tages brachte das Boot der Mündung des Red River nahe und die Dämmerung ſenkte ſich mit ihrer Kühle nach einem heißen Tage hernieder.— An einer der vielen Inſeln befahl die Gräfin zu landen, indem man die Nacht über zwar auf dem Boote, aber nicht inmitten des Stromes zu⸗ bringen wolle. Werner legte ſich unter das Zelt und da ihm die Fahrt von der Entdecknng der Piraten noch zu gut in Erinnerung geblieben war, ſo legte er ſeine zwei Piſtolen neben ſich.— Es mochte Mitternacht ſein, aber ein beengen⸗ des Gefühl ließ ihn nicht ſchlafen, da plötzlich hörte er ein leiſes Geflüſter vor ſeinem Zelte. Er horchte auf und hörte zwei Männerſtimmen. „Höre, Jack,“ ſagte der eine,„der Kerl ſieht verteufelt muthig aus!“ „Hm! hm!“ antwortete der andere,„ich will verflucht ſein, daß ſie etwas mit ihm vor hat— doch er ſchläft wohl, daß er nichts hört!“ Der Vorhang des Zeltes wurde in der näch⸗ ſten Secunde zurückgezogen und der Kopf eines der Matroſen ſah nach Werner hin, welcher ſich ſtellte als ſchlief er. ean „Jetzt wärs Zeit!“ murmelte er, nhole die Andern!“ Der Matroſe zog den Kopf zurück; Werner ſtand leiſe auf und nahm ſeine Piſtolen. Er ſtellte ſich ſo vor dem Eingang des Zeltes, daß Niemand herein konnte. Plötzlich hörte er Fußtritte. Der Vorhang wurde zurückgezogen und er ſah drei bis vier Matroſen mit Stricken, welche bei ſeiner An⸗ ſicht und vor ſeinen ausgeſtreckten, mit Piſtolen bewaffneten Armen zurückfuhren.— Werner verharrte ſtumm in ſeiner Stellung, erwartend, daß er von jenen angegriffen würde, welche aber Miene machten, ſich zurückzuziehen. „Halt!“ donnerte der junge Mann. Bei dieſem Ruf wurde er von vier Fäuſten gefaßt, welche ihn niederzuziehen ſuchten und zwei Matroſen angehörten, welche hinten unter dem Zelte hereingekrochen waren. Jetzt drangen auch die andern auf ihn ein.— Er verwundete zwar einige mit den Kugeln ſeiner Revolvers, aber dieſe wurden ihm entriſſen, ſo daß er nun ganz waffenlos war und ſich nur auf ſeine zwar ſtarken Arme verlaſſen mußte. Sie riſſen ihn nieder, indem ſie verſuchten, ihn zu binden, welches er aber durch Umſichſchlagen vereitelte.— Zwei ſchleudert er mit ſolcher Gewalt auf den Boden, daß dieſen die Knochen krachen, aber immer noch liegen zwei Kerle auf ihm, welche ſeine Arme feſthalten. Er hat die Arme wieder frei— er arheitet ſich ſo in die Höhe, daß er auf den Knieen liegt. Jetzt giebt er dem einen Kerl einen Schlag, und dem an⸗ dern ſtößt er mit den Ellenbogen ins Geſicht. Er iſt frei— er eilt nach der Galerie, um ins Waſſer zu ſpringen— da umarmt ihn jemand— es iſt die Gräfin. Er kann ſich nicht losmachen von ihr u und im Wahne, daß ſie ſeiner Rettung bedürfe, ruft er ihr zu, daß ſie ins Waſſer ſpringen ſolle, indem er mit ihr dann ans Ufer ſchwimmen würde. Aber ſie hört nicht, er will die Arme losmachen, die ihn umſchlingen, da packen ihn die Matroſen wieder 91 und er liegt in Zeit von einigen Minuten, nach verzweifeltem Ringen, gefeſſelt am Boden. Nachdem er gebunden iſt, packen ihn einige der ſtämmigſten Kerle an und tragen ihn auf die In⸗ ſel.— Es iſt die Inſel der Piraten. Hier wird er gleich in jenes Blockhaus ge⸗ ſchafft, welches Eva'n als Gefängniß diente. Die Stricke werden ihm losgebunden, ſo daß ihm er⸗ laubt iſt, in dem Hauſe umherzugehen, welches ſich noch ganz in demſelben Zuſtande befindet, in welchem es Eva bei ihrer Flucht verlaſſen hatte. Mit tiefem Sinnen ging er auf und nieder und bedauerte die Gräfin, welche wahrſcheinlich auch mit ihm gefangen genommen worden ſei und welche er zuletzt nicht geſehen hatte. Plötzlich blieb er ſtehen.— Lag nicht dort ein Kleid am Boden, dem ähnlich, welches Eva bei ihrer Ent⸗ führung trug? Er beſah es genauer, durchſuchte die Taſchen, wandte dieſe um und fand einen Brief, den er einſt an ſie, kurz nachdem er ſie kennen ge⸗ lernt, geſchrieben hatte.— Er wurde an ſie erin⸗ nert und küßte das Papier zu tauſendmalen.— Plötzlich wurde er durch einen Kerl unterbrochen, 92 welcher ihm Speiſen brachte.— Stumm kam er, ſtumm ging er und Werner fiel mit Heißhunger über das Eſſen her.— Als er fertig war, trat ein junger aber ſehr kräftiger Matroſe ein, welcher Wernern Hand⸗ ſchellen anlegte und ihm bekannt machte, daß er mit ihm zu dem Kapitän Hardy gehen ſolle. Werner konnte ſeine Freude nicht unterdrücken mit dieſem Schurken zuſammen zu kommen, den er als Entführer Eva's gern kennen lernen wollte.— Nachdem er gefeſſelt war, wurde er über einen Hof nach dem größeren Blockhauſe geführt, vor welchem zwei Piraten mit Schiffsſäbeln Wache hielten.— Die Thür wurde geöffnet.— Er befand ſich in einem großen, prächtig ausgeſchmückten Zim⸗ mer, in dem ſich eine Menge Piraten, lauter ver⸗ wogene, bärtige Geſichter, befanden. Mitten unter ihnen ſtand ein junger Mann in blauer Uniform mit vothen Aufſchlägen und Epauletten.— Die Geſtalt war ſchmächtig, die Schultern nicht breit, auf welchen ein ſchmales, ſchönes Geſicht ſaß. 93 Werner konnte daſſelbe nicht genau erkennen, da ein dreieckiger Hut mit wehendem Federbuſche das Geſicht verfinſterte, während es ſelbſt in dem Zimmer nicht hell war.— „Dies iſt der Gefangene!“ ſagte der junge Mann mit einer klaren Stimme, bei deren Klang Werner überraſcht zuſammenſchauerte, da er glaubte, dieſelbe ſchon mehreremale gehört zu haben.— „Das iſt er!“ entgegnete einer der Matroſen lakoniſch. „Und tapfer wie ein Löwe!“ bemerkte ein an⸗ derer.— „Wollt Ihr in unſere Reihen treten und Ihr werdet frei, reich und gefürchtet ſein!“ äußerte der Kapitän. „Und ein Schurke!“ ergänzte Werner, der faſt vor Wuth nicht ſprechen konnte. Ein dumpfes Murmeln durchflog den Saah, es klang mißbilligend und der Kapitän drohte Wernern mit der einen Hand, während er die an⸗ dere in einer Binde trug. Werner wurde hinausgeführt.— Nach einigen ——————————— 94 Minuten holte man ihn wieder herein, aber jetzt hatte ſich das Zimmer verändert. Kein einziger Menſch befand ſich hier.— Er ſah ſich neugierig um und in demſelben Augenblicke rauſchte ein Vorhang im Hintergrunde des Zim⸗ mers auf. Er war geblendet von dem Anblick, welcher ſich ihm darbot. Eine weibliche Geſtalt in durchſichtigen, leich⸗ ten, weißen Mouſſelin gekleidet lag auf einer Ottomane ausgeſtreckt. Sie war mit Goldketten, Spangen und Perlen geſchmückt, von ihrem Haupte fielen ſchwarze Locken hernieder und Werner er⸗ kannte in dieſem reizenden Weibe den Kapitän Hardy und— die Gräfin Woodville! „Werner, ſüßer Werner!“ ſeufzte die Gräfin und breitete ihre Arme ſchmachtend aus. Der junge Mann ſtürzte einige Schritte vor⸗ wärts, da erblickte er die verbundene Hand des Weibes und wie ein gereizter Löwe ſchrie er laut auf und blieb ſtehen. „Was zögerſt Du, Schöner? komm in meine Arme!“— „Weib!“ kreiſchte er und drückte ſich die Hände 9 vor die Augen,„Du biſt die Entführerin Eva's, Du, die ſie morden wollte—“ „Alles um Dich, Mann!“ rief die Gräfin. „Um mich?— Wollteſt Du morden!— Wo iſt Millner?“ Bei dieſer Frage erbleichte die Räuberin.— Werner war mit gefeſſelten Händen auf ſie zuge⸗ ſchritten und ſah ſie ſtarr an. „Ich weiß nicht—“ murmelte ſie. „Todt!“ rief Werner.— Er hatte das Er⸗ blaſſen der Gräfin bemerkt. „Werde mein Gemahl, theile die Macht mit mir!— Sieh, ich liebe Dich höher als mein Le⸗ ben!— Stoß mich nicht von Dir, ich wäre im Stande mich zu tödten um deinetwillen, hörſt Du, Werner!? In meinen Armen erwartet Dich—“ „Der Galgen!“ rief Werner und drehte ſich von ihr ab. Die Räuberin verhüllte ihr Geſicht. Ein lau⸗ tes Schluchzen bewies, daß ſie weinte, die Thränen drangen durch ihre Finger und ihr Buſen wogte wie die vom Orkane bewegte See.. „Werner!“ ſagte ſie plötzlich und trocknete ihre 96 Thränen, nich liebte Dich von dem Augenblick an, wo ich Dich ſah! Ich wollte Dich meiden ich konnte nicht und entführte Dir— Deine Eva!— Ich habe Millner morden laſſen, erſt mußte er die Farm verkaufen—“ „Teufel!“ ſchrie Werner. „Ich wollte die Familie aus der Gegend ver⸗ treiben, nur um Dich, Werner!— Vergieb!— Ich war jener Indianer— ich war der Ver⸗ mummte, welchen der Panther verwundete— Al⸗ les um Dich, Werner!— Ich entführe Dich und jetzt— lest— Du haſt mich in die Hölle ge⸗ ſchleudert— „Millners Blut komme über Dich!“ ſagte Werner dumpf. „Gnade! Gnade! O Gott!“ ſchrie und weinte die Unglückliche und eine peinliche lange Punſ trat ein.— Nach einer Weile richtete ſie ſich auf, mit ver⸗ weintem Geſicht unter den ſchwarzen, verwirrten und geſchmückten Haaren und mit dieſer Schönheit glich ſie einem gefallenen Engel.„Seht dieſe Per⸗ len, dieſes Gold und Edelſteine— dieſe Thränen!“ 97 Dann ſagte ſie mit tonloſer, gefaßter Stimme: „Werner! Ich muß Euch noch länger gefangen halten, ich muß meine Leute zu retten ſuchen. Ihr würdet die Inſel verrathen.— Geht in Euer Ge⸗ fängniß und denkt an Marie Keys! Lebt wohl!“ Der junge Maler erwiederte nichts.— Die Vorgänge dieſes Tages laſteten zu ſchwer auf ihm, er wandte ihr den Rücken und ging der Thüre zu. „Haſt Du kein Wort für mich?“ ſagte die Gräfin mit ſchmerzlichem Ausdruck. „An Dir klebt Blut!“ murmelte Werner und ging.— Vernichtet ſank die Gräfin in die Kiſſen zurück. Sie riß die Ketten von ſich, die Edelſteine, allen Schmuck und warf es auf die Erde. „Fort! Fort, Gold! Du haſt mich verleitet, um dich ward ich Mörderin!— Gold— du mach⸗ teſt mich zur Buhle!— Gold— du hießeſt mich meinen Vater verlaſſen und— das Verhängniß zahlt meinem Glücke das Gold— mit Blut zu⸗ rück!— Eine Verdammte bin ich— eine ewig Verfluchte!— Gott! ewiger Gott! Nur einen Gnadenblick wirf auf mich hernieder!“ Königin der Flußpiraten. II. Es folgte eine Pauſe. „Nein, nein! Laß mich untergehen in meinen Sünden— lieber ſtolz ein Sünder zu ſein— als gedemüthigt ein Begnadigter!“ — Weinend ſtürzte ſie in die Ecke der Ottomane und vergrub ihr Haupt in den Kiſſen. — Neunzehntes Kapitel. Als Zamor durch ſeine Betty den Brief er⸗ hielt, durch welchen bekannt wurde, daß Werner mit der Gräfin abgereiſt ſei, wurden ſeine Freunde wieder etwas verſtimmter, indem ſie glaubten, daß er in ſeiner Treue wankend geworden wäre. Eva weinte um ihren Vater und Werner, weil dieſe Beiden ſich jetzt in dieſer, für ſie ſo bedräng⸗ ten Zeitz entfernt hatten.— Ihr fiel es nun erſt auf, daß die Gräfin ſchön ſei und ſie dachte, daß Werner durch die Schönheit jener geblendet, das einfache, beſcheidene Mädchen zurückſetzen würde. Aber dann tröſtete ſie ſich wieder mit ſeiner un⸗ wandelbaren, verſicherten Treue und wünſchte, daß er ſobald wie möglich zurückkehren möge. 7* 100 Tagtäglich kam Zamor von der Villa und brachte ſtets die Nachricht, daß Werner immer noch nicht da ſei.— Endlich, eines Tages ganz früh, pochte Zamor an das Blockhaus und verkündete, daß die Gräfin eben angekommen ſei, aber ohne Werner, welchen ſie beim Kaufmann Smith in Natchez zurückgelaſ⸗ ſen hätte, indem es dort viel zu ordnen gäbe.— Eva warf ſogleich ihr Tuch um und bat Za⸗ mor, ſie nach der Villa zu bringen, ſie wolle die Gräfin fragen, wie es Wernern gehe.— Sie ließ ſich nicht halten und an des Negers Seite ſchritt ſie der Villa der Gräfin zu. Dort angekommen. wurde ſie ſogleich von der Gräfin, welche un⸗ gewöhnlich bleich war, empfangen.— Ihre Augen glühten unheimlich unter den ſchwarzen, verwirr⸗ ten Locken und mit einem matten Blicke ſah ſie Eva an. „Sie ſind es?“ ſagte ſie und ſtreckte der Far⸗ merstochter ihre Hand entgegen. „Was macht Werner?— Iſt er geſund?“ fragte Eva haſtig und drückte die dargebotene Hand, die plötzlich aus der ihrigen gezogen wurde. Das Geſicht der Gräfin wurde finſter und ihre Stimme ſchneidend. „Sehr geſund!“ entgegnete ſie kurz. Eva's Stolz erwachte und mit einem leiſen Gruß verließ ſie die Gräfin, die mit glühenden Blicken ihre Geſtalt verfolgte. Von der Gräfin weg ging Eva zu Zamor, der in dieſem Augenblicke wieder mit ſeiner Betty ſprach.— Das Paar hatte ſich vorgenommen, einander ſo ſchnell wie möglich zu heirathen und ſie ſtritten ſich gerade über einen gewiſſen Gegenſtand.— Auf Eva's Aufforderung ging Zamor ſogleich mit, denn ſeinen Freund Werner liebte er über Alles und Eva war deſſen Geliebte, folglich reſpec⸗ tirte er ſie ganz ſo wie Werner.— Nach einer Stunde gelangten ſie an das Block⸗ haus, wo William und Pantherfuß eifrig beſchäf⸗ tigt waren, eine Mahlzeit zu kochen. Es wurde ſchon dunkel, als Zamor plötzlich in das Blockhaus— das er auf einige Minuten ver⸗ laſſen hatte— losſtürzte und Pantherfuß etwas ins Ohr flüſterte. Dieſer ging mit hinaus— es knallte ein Schuß— und athemlos ſprangen die beiden Far⸗ bigen herein. „William!“ rief Pantherfuß,„wir werden überfallen, verrammle die Thür!“ William folgte dem Befehl, die großen Riegel wurden vorgeſchoben, ein Querbalken vorgelegt und nun eilte er nach ſeiner Büchſe. Eva nahm auch ein Gewehr zur Hand.— Beide— der Indianer und Zamor— ſtanden an den Luken mit fertigem Gewehr. William ſah durch eine Schießluke und ge⸗ wahrte über ein Dutzend Männer, welche man — ſo weit es die Dunkelheit erlaubte— als Be⸗ waffnete erkennen konnte. Die Fremden ſchlichen dem Hauſe näher. Wie mit einem Schlage krachten ihre Büchſen und die Kugeln ſchlugen zerſplitternd ins Blockhaus. „Wenn ſie ſo ſchießen, hören ſie es auf der . Villa!“ ſagte William. „Wenn die es nicht ſelbſt ſind!“ murmelte der Indianer. Jeder von den drei Männern nahm ſeinen Mann aufs Korn und bei dem Worte„Feuer“ hörte man es draußen ſtöhnen und fluchen. Zum Glück waren ſechs Büchſen da und Eva konnte immer laden. Der Feind draußen verhielt ſich ganz ruhig.— Plötzlich donnerten Axtſchläge gegen die Thüre und dem Belagerten blieb kein Zweifel übrig, daß Einige auf dem Bauche— die Finſterniß benutzend— herangekrochen wären. Schnell eilten die drei Männer an die Thür, welche ſchon wankte, als Pantherfuß in dieſem Moment an ſeinen Panther dachte.— Er rief ihn, das Thier kroch heran und kauerte ſich unten an die Thür. Die Männer ſtellten ſich ſchußfertig und— jetzt krachte das obere Stück der Thür ein. Sechs bis ſieben Männer ſah man draußen.— „Schießt!“ ſchrie William und drei Angreifer verſchwanden.— Doch das untere Stück der Thür brach auch — die Räuber jubelten laut— als plötzlich der zuſammengekauerte Panther aufſprang und dem erſten Eindringling die Bruſt zerfleiſchte. Dieſer brüllte und jammerte laut, ſeine Kameraden ſtutz⸗ ten; dieſen Augenblick benutzten die Dreie und ſtürmten mit einem wilden„Huſſah“ den Räubern entgegen.— Letztere wichen; denn die Kolbenſchläge und Schüſſe der Ausfallenden waren wohlgezielt.— Die Räuber waren geflohen und triumphirend kehrten jene zu Eva zurück.— Der Panther hielt noch ſein blutiges Mahl und zerfleiſchte ſeine Beute.— William, Pantherfuß und Zamor hatten einige kleine Wunden und verrammelten aus Vorſicht die Tbür wieder.— Die durchwachte Nacht verging ruhig. Am Morgen gingen ſie hinaus, fanden viele Leichen und Eva erkannte einige der Räuber, die ſie auf der Inſel geſehen hatte. . Wiederum dachten die drei Männer nach, wel⸗ chen Zweck nur die Piraten haben könnten, ſie auf ſolche Art und Weiſe zu verfolgen— doch war ihr Nachdenken fruchtlos.— Sie übten eine Chri⸗ ſtenpflicht aus und gruben ein Grab, in welche ſie die Leichname hineinlegten, und mit einem„Vater⸗ unſer“ die Gruft wieder ſchloſſen.——— 105 Eine neue Thür wurde wieder gezimmert und Zamor ging dann nach der Villa, weil ſein Herz nach Betty verlangte.— Als er auf den Hof wat, fand er Niemandem, ging die Treppe hinauf und ſchritt an die Kammer Bettys.— Er öffnete leiſe die Thür und gewahrte ſeine Geliebte, welche mit dem Ohr an der Wand lag und—— horchte. Sie winkte ihm ruhig zu ſein, er ging näher, horchte ebenfalls und hörte die Gräfin, dann wieder Männer ſprechen, welche ſich über einen Plan zur Flucht beſprachen. Er hörte noch mehr: über den verunglückten Ueberfall, über die Feſthal⸗ tung Werners, über Anſchaffung eines Dampf⸗ bootes, um den Miſſiſſippi hinab fliehen zu können. Zamor wollte ſich von Betty nicht mehr halten laſſen, und wollte zu William zurück.— Doch Betty hielt ihn zurück und erzählte, daß ſie noch mehr gehört, indem ſie ſchon länger gehorcht habe. Alles, was er von ihr vernahm, bekundete, daß die Gräfin das Haupt der Piraten ſein müſſe.— Das Nebenzimmer war nämlich der Speiſe⸗ ſaal, in welchem die Räuber— wahrſcheinlich ohne 106 Verdacht dort behorcht werden zu können— Be⸗ rathung unter Vorſitz der Gräfin hielten.— Zamor ſchlich ſich ebenſo leiſe wieder fort, als er gekommen war, und rannte eilends nach dem Blockhaus.— Mit pochender Bruſt und keuchendem Athem erzählte Zamor das Gehörte, er berichtete von der Feſthaltung Werners und überhaupt von Allem, was die Piraten betraf. Pantherfuß jubelte laut auf.— Endlich war ſein Mißtrauen begründet, welches er gegen die Gräfin längſt gehegt hatte— aber plötzlich wurde er wieder ernſter und fragte Zamor, ob er auch recht gehört habe. Dieſer betheuerte es, aber den⸗ noch entgegnete der Indianer, daß er ſich getäuſcht haben könne, und daß man erſt Beweiſe herſchaffen müſſe, um die Gerechtigkeit anrufen zu können. Eva weinte und fiel ihrem Bruder um den Hals, welcher ganz erſtaunt daſtand. Pantherfuß theilte jetzt ſeinen gefaßten Plan mit: er wolle in der bekannten Bucht lauern, um von dort aus, wenn die Gräfin das Boot be⸗ — 107 ſtiegen hätte, ihr zu folgen.— Eva uinarmte den Indianer, denn wollte er nicht ihren heißgeliebten Werner retten? Zamor erbot ſich zur Begleitung, aber Pan⸗ therfuß lehnte es ab, indem er lieber allein fah⸗ ren wollte- Auf William hatte dieſe Entdeckung über⸗ raſchend gewirkt, er hätte eher ſonſt etwas ge⸗ ahnt, als daß die Gräfin der Kapitän Hardy ſei. Eva machte für Pantherfuß Lebensmittel zu⸗ recht. Letzterer nahm Abſchied und verſprach mit Wernern wiederzukommen. „Und mit meinem Vater!“ rief ihm William noch nach.— Pantherfuß konnte es nicht mehr hören.— Bald verſchwand er den Augen ſeiner Freunde und mit rüſtigen Schritten eilte er der Bucht zu.— Schon von Weitem vernahm er Stimmen, er ſchlich dem Strome näher und ſah die Gräfin in männlicher Kleidung unter einem Haufen Män⸗ ner ſtehen. Die Piraten ſchifften ſich ein, ihr Boot fuhr auf dem Strome und der Indianer eilte ins Ge⸗ 108 büſch am Ufer, wo er einen kleinen Kahn verbor⸗ gen hatte. Er ſchaffte denſelben nach dem Waſſer und mit kräftigen Ruderſchlägen folgte er dem Räuberboote. —— Zwanzigſtes Kapitel. Pantherfuß fuhr immer hinter jenem Boote in einer Entfernung von dreihundert Schritt her, daß er nicht entdeckt werden konnte. Die Wikte⸗ rung war freundlich und ſchien ſeinem Unterneh⸗ men nicht hinderlich ſein zu wollen, denn es zeigte ſich kein Nebel. Bei der Verfolgung ſah er ſich immer mehr dem Red River näher kommen, und er bezweifelte ſchon, daß die Räuber an einer der Inſeln anlegen, ſondern vorbeifahren würden, als endlich das Pi⸗ ratenboot an einer der faſt letzten Inſeln vor der Mündung vor Anker ging.— 4 Niemand hatte ihn bemerkt und zufrieden mit dem Reſultat ſeiner Forſchung kehrte er wieder um, um in der Umgegend die Farmer aufzubieten, und von dem Fort Adims die Beſatzung zur Ver⸗ nichtung der Piraten zu holen.— Seine Fahrt hatte gegen zwei Tage in Anſpruch genommen, aber bei der Rückfahrt verſprach er ſich, wo er nicht gegen die Strömung zu fahren hatte, in kürzerer Zeit zurück zu ſein. Er konnte acht Stunden gefahren ſein, als er plötzlich Stimmen an dem rechten Ufer des Stromes hörte. Geſänge ſchallten zu ihm, er fuhr näher, um zu lauſchen.— Plötzlich glitt ihm das Ruder aus der Hand und um nicht vom Strome mit fort⸗ geriſſen zu werden, ergriff er einige Zweige und zog ſo ſeinen Kahn in die Büſche. Er befeſtigte ihn, ſprang ans Ufer und kauerte ſich hinter einen Buſch und unterſuchte ſeine Büchſe.— Nicht weit von ſich gewahrte er an die dreißig Männer, welche um ein Feuer ſaßen, tranken, lachten und ſangen. Er konnte ſchon eine Weile dagekauert haben, als er hörte, daß jene Männer Holzfäller waren. Einige Männer ſtanden auf und kamen au ihn zu— er trat vor, dis Büchſe ſenkend, ein Zei⸗ chen, daß er in Frieden komme.— Auch einer der 111 Männer trat vor und wir erkennen in ihm jenen Holzfäller Rob. „Wer biſt Du?“ fragte Rob. 2 „Pantherfuß!“ entgegnete der Indianer„und“, ſetzte er hinzu,„ich ſuche Schutz.“ „Da biſt Du an den rechten Ort gekommen! Kommt, Pantherfuß— nicht wahr, ſo heißt Ihr— ans Feuer!“ erwiederte Rob und ging freundlich auf den Indianer zu. Bald war Pantherfuß mit den Männern ver⸗ traut, welche keine andern waren, als jene Holz⸗ fäller, die Werner ein halbes Jahr vorher nahe der Mündung des Red River zu treffen verſprochen hatte.— Eben erwarteten dieſe Männer ihren Anführer, der jedoch auf der Pirateninſel gefangen ſaß. 4 Der Indianer erzählte kurz, warum er hierher gekommen ſei und wie er habe zurückfahren wollen um Hilfe zu holen, die Piraten zu vernichten. „Wie heißt der Mann, von dem Ihr vorhin ſpracht?“ fragte Rob. „Werner,“ entgegnete Pwucherfuß⸗ „Werner?!— Er iſt blond, lang und über⸗ haupt ein hübſcher Burſche!“ fiel ihm der Ge⸗ fragte ſchnell ins Wort. „Jawohl!“ „Hurrah! Unſer Anführer, Brüder!“ „Halt!“ unterbrach ihn Pantherfuß, denn der Gedanke durchzuckte ihn, daß vielleicht dieſe Män⸗ ner die Inſel nehmen könnten,„ich glaube, Euer ehemaliger Anführer iſt Gefangener auf der Inſel der Piraten!“ „Wo? Auf der Inſel!— God dam, Burſchen, macht Euch fertig, wir werden unſern Miſter Werner wiederholen, oder euch hole der Satan, wollt ihr? u Ein einſtimmiges„Hurrahn war die Antwort und in einer Stunde darauf war alles zuſammen⸗ geräumt.— Unter Anführung des Indianers, welcher glück⸗ lich war, ſeine Rache kühlen zu können, wurde der Marſch aufwärts angetreten;— nur wußzte man nicht, wie hinüber zu kommen. Plötzlich hörten ſie ein Dampfboot einher rau⸗ ſchen. Alle eilten an eine vorſpringende Landſpitze, um es anzurufen. 41 Pantherfuß rief es an. Auf dem Verdeck zeig⸗ ten ſich Uniformen— es war das Boot, welches die Beſatzung des Forts Adims an Bord führte, welche gewechſelt wurde.— Der Indianer machte dem Kapitän Alles bekannt,— nach einigen Zögern ſchickte er ein gut bemanntes Boot und in kurzer Zeit befanden ſich die Holzfäller am Bord. Der Keſſel wurdetüchtig geheizt und wie raſend peitſchten die Wellen das Boot. Der Indianer bezeichnete dem Kapitän die Inſel, welche man ſehen konnte.— Dieſer hatte zwei Kanonen am Bord, ſie wurden mit Kartät⸗ ſchen geladen und das Dampfboot befand ſich nur noch hundert Schritt von der Inſel. Man hörte auf einmal ein lautes Geſchrei von der Inſel her, das Boot war entdeckt.— Aus den Büſchen der Inſel erhob ſich ein leichter Rauch, es knatterte und— eine Menge Kugeln flogen um und in das Boot.— Man gewahrte keinen einzi⸗ n Räuber— ein Zeichen, daß dieſe hinter den verſteckt waren. Kapitän ließ die beiden Kanonen nach vem Gebüſſche richten, er kommandirte„Feuer“ und ein Königin der Flußpiraten. II. 8 Kartätſ lauter Schrei war die Antwort. Einige Dutzend Männer eilten nach dem Innern der Inſel und dieſen Augenblick benutzend wurden mehrere Boote mit Soldaten und den Holzfällern ausgeſetzt. Sie landeten undein geſchloſſener Colonne rück⸗ ten die vereinigten Soldaten und Holzfäller vor. Sie wurden mit ununterbrochenem Feuer empfan⸗ gen,— die Männer des Waldes ſchlüpften hinter das Gebüſch, während die Soldaten mit gefälltem Bajonnett vorgingen. Bis jetzt hatte ſich noch kein Pirat ſehen laſſen, aber plötzlich brachen ſie unter Anführung eines jungen Mannes hervor. Dieſer Anführer war die Gräfin, welche mit ge⸗ zogenem Säbel und mit einer Piſtole den Solda⸗ ten entgegenſtürzte.— Die Piraten waren gegen fünfzig Mann, alle gut bewaffnet und dabei Kerle, welche ſich vor dem Teufel nicht fürchteten.— Von den Soldaten wurden ſie tehenden Fußes empfangen; aus den nächſten Büſchen ſchoſſen die Holzfäller und ſie waren demnach in Doßs liener, 1¹5 aber dennoch ſtürzten ſie ſich den vorgeſtreckten Bajonnetten entgegen.— Die erſten Räuber, welche vor die Bajonnette kamen, wurden niedergeſtochen, aber die nachfol⸗ genden geriethen mit den Soldaten ins Handge⸗ menge.— 2 Immer voran war die Gräfin, welche muthig und unerſchrocken den Offizier angriff.— Plötzlich ſprangen die Holzfäller— lauter ver⸗ wegene, rüſtige Geſtalten— hinter den Büſchen und Bäumen hervor, das Gemetzel begann und was die Gräfin unter den Piraten, das war Pan⸗ therfuß unter den Soldaten.— Wie ein Raſender gebrauchte er den Kolben ſeiner Büchſe, das Meſ⸗ ſer und ſeine Fäuſte und Mehrere waren ſchon unter ſeinen Hieben geſunken. Er ſtürzte ſich in das Gedränge und ſuchte die Gräfin, welche immer noch mit dem Offizier kämpfte.— Da zeigte ſich noch eine Geſtalt, es war Wer⸗ ner, welcher von dem Blockhauſe herkam, und der ſich mit Gewalt aus ſeinem Gefängniſſe befreit hatte. Er war ohne Waffen, ergriff eine daliegende Art und mit lautem Jubel wurde er von ſeinen — 8* 116 Holzfällern empfangen. Mit geſchwungenem Beil ſprang er in den dichteſten Haufen, die Hirnſchalen ſeiner Feinde brachen unter den Schlägen, er ar⸗ beitete ſich zu Pantherfuß heran und rief dieſem Etwas zu.. „M llner— todt!“ ſchrie der Indianer und dadurch noch verzweifelter und wüthender gemacht, ſchlug er ſich wie ein Löwe. Da plötzlich gewahrte er die Gräfin, an einem Blockhauſe lehnend und ſich gegen mehrere Sol⸗ daten vertheidigend, ſprang hin und rief den Soldaten zu, ſie ſollten ihn allein mit ihr kämpfen laſſen.— Die Angerufenen wandten ſich zu ihren Kame⸗ raden, während Pantherfuß ſich der ermatteten Marie Keys gegenüberſtellt. „Hei! Du Verdammte!“ ſchrie er, nich waug Millner von Dir! Hörſt Du?“ Sie ſchwieg.— Die Kugeln des Revolver waren verſchoſſen, die Hand mit dem Säbel ließ ſie ſinken, es war als wäre ſie unter der Gewalt der zürnenden Augen des Indianers.— Doch ſie ermannt ſich, ſchwingt den Degen und ächzend 117 bricht Pantherfuß in die Knie.— Der Hieb iſt in ſeine Schultern gedrungen, aber er umklammert die Gräfin noch mit ſeinen Armen.— Sie will ſich losmachen, aber eine kräftigere Hand packt ſie — es iſt Werner. „Gefangen!“ ruft Werner. Die Gräfin dreht ſich um, umſchlingt ihn mit ihren Armen und küßt ſeine Lippen.——— Während der Zeit waren die Piraten vollſtän⸗ dig vernichtet worden und Werner fand noch den Kaufmann Smith, welcher zitternd und bebend um Gnade bat, indem er Werner ein Papier — welches der Verkauf der Farm war— über⸗ reichte.— Der junge Mann ſteckte es ein und ſchleppte den falſchen Kaufmann Smith zu den übrigen Ge⸗ fangenen. 4 3 Narie Keys— die Gräfin Woodeville— Ka⸗ pitän Hardy und wie ihre anderen Namen noch ſein mögen, wurde ſogleich an Bord des Bootes geſchafft, wo ſie von den Matroſen und Soldaten wie ein Wunder angeſtaunt wurde. 118 Alles ging an Bord.— Die Kanonen donner⸗ ten noch einmal als Siegeszeichen und das Dampf⸗ boot brauſte mit ſeinen Gefangenen den Strom hinaus. Sehen wir nach dieſen bewegten Scenen die Perſonen unſerer Erzählung ein halbes Jahr ſpä⸗ ter.— Wenden wir uns zuerſt in die heilige Stille des Urwaldes zu der freundlichen Farm des ſchänd⸗ lich hingemordeten alten guten Millner.— Eben verſchwindet mit einer ſanften Abendröthe im Weſten die Sonne und färbt mit magiſchem Lichte das Farmerhaus. Vor demſelben ſitzen, Werner, Eva, Zamor mit ſeinem Weibchen, William und Pantherfuß um einen Tiſch in gemüthlicher Unter⸗ haltung, die Männer dabei ihr Pfeifchen ſchmau⸗ chend und die Frauen nach deutſcher Sitte Strümpfe ſtrickend. Eva und Werner, Zamor und Betty ſind durch des Prieſters Segen ehelich verbunden und beide Paare ſelig und glücklich. Letztere haben ſich neben Werners Farm ein kleines Beſitz⸗ thum erworben, welches ſie fleißig bebauen und wohnlich machen. William und Pantherfuß woh⸗ tern Bilde ſeine Leſer an den Galgen und in den 119 nen in einem ſelbſt aufgebauten Blockhauſe neben Werners und verbringen ihre Tage mit Jagd⸗ und Streifzügen, deren lohnende Beute ſie in den näch⸗ ſten Städten verſilbern, um mit dem Geld ein Kapital zu ſammeln, welches ſie zur Anſchaffung eines großen Dampfbootes, auf welchem William als Kapitän und Pantherfuß als Steuermann fungiren werden, verwenden wollen. Die Beſtän⸗ digkeit ihres Willens wird ihnen ihr Ziel erreichen laſſen, und das Unternehmen ſelbſt wird dem auf dem Miſſiſſippi fahrenden Publieum zum Segen gereichen, da unſere beiden Freunde zugleich den Entſchluß gefaßt haben, ewig die geſchworenen Feinde betrügeriſcher Bootinhaber und die muthi⸗ gen Bekämpfer ſcheußlicher Flußpiraterei zu wer⸗ den. Von Werners Streben, die Farm immer in einem beſſern Zuſtand zu bringen, ſo daß ſie end⸗ lich einem deutſchen großen Edelhof gleichen wird, und von ſeiner heißen Liebe zu Eva, welche von derſelben ihn in gleichem Maaße vergolten wird, Weiteres zu erzählen findet der Autor unnöthig, dagegen ſieht er ſich gezwungen nach dieſem hei⸗ — Kerker zu führen. An dem e er en ſehen wir den — emnuhten Kaufmann Smith mit verzerrtem ſcheuß⸗ lichen Geſicht, die Zunge weit aus dem Munde herausgeſteckt, hängen und in dem zweiten düſtern feuchten Gewölbe kauert an einem Blocke ange⸗ ſchmiedet ein halb nacktes, abgemagertes Weib, deren Arme, welche früher mit goldenen Ketten eſchmückt waren, jetzt von eiſernen umſchloſſen ſind. Das Feuer ihrer Blicke iſt erloſchen, die anmuth ihres Geſichtes und ihrer Geſtalt ver⸗ ggen, dumpf brütet ſie vor ſich hin, hin und der einen ſchmerzlichen Schrei ausſtoßend. Es iſt die Hyäne des Urwaldes, Die Königin der Flußpiraten. Druck von Leopold Schnauß in Leipzig. — 9 3 4