Theodor Mügge. pierter Band. Gefungen und befreit. — ——— Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. geſangen und heſreit. Roman von Theodor Mügge. Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. — . 1 3 Der Freiherr von Polenz hielt in jeder Hand eine Wachskerze und betrachtete ſich in dem großen Spiegel. Fehlt irgend noch Etwas, Franziskus? fragte er. Nicht das Geringſte, gnädiger Herr, erwiderte der Diener. Sie ſehen aus, wie ein Gott! Pfui! ſagte Herr von Polenz ſtrafend, was iſt das für eine unpaſſende Antwort. Einen Menſchen mit Gott zu vergleichen. Es iſt nur ſo eine Redensart, verſetzte Franziskus demüthig, die Einem immer auf die Zunge kommt, wenn man Etwas ſo recht bewundern will. Wie ſitzt der Rock? fragte der gnädige Herr. Ausgezeichnet, Ew. Gnaden. Es iſt keine Falte zu ſehen. Der Schneider hat ein Meiſterſtück gemacht; aber wie kleidet Sie auch die ſchöne Uniform! Es iſt eine Luſt, den weißen Kaſimir zu betrachten, blau und Th. Mügge, Romane IV. 2 roth dazu, und die Goldſtickerei. Sie werden Alles zu Schanden machen. Der Freiherr ſtrich den kleinen röthlichen Knebelbart mit einem Lächeln des Wohlgefallens nach beiden Seiten, ordnete das dünne, blonde Haar mit Hülfe des Taſchen⸗ kamms, während Franziskus die Lichte hielt, und wendete ſich dann zum Tiſch, wo Hut, Degen und Handſchuh bereit lagen. Sieh, ob der Wagen gekommen iſt, ſagte er zu dem Diener. Als Franziskus hinaus war, ſtand Herr von Polenz gedankenvoll ſtill. Heut oder nie, murmelte er, es muß entſchieden ſein. Ich habe Alles gethan, was ein Menſch thun kann. Auf Ehre und Gewiſſen! ich habe mich förmlich innerlich umgewendet und bin ein anderes Weſen geworden. Blut habe ich dabei geſchwitzt und Dornen⸗ kronen getragen— ich halte es nicht länger aus. Ein Klopfen an der Thür ließ ihn abbrechen. Herein! rief er laut, und in das Zimmer trat ein ſchlanker junger Mann, dicht in einen Oberrock geknöpft und den Hut auf dem Kopf. Einen Augenblick blieb er regungslos ſtehen und ſchien zu erwarten, ob er erkannt werde, dann ſtreckte er langſam die Hand aus, als Polenz ſich ihm näherte. Guſtav! rief dieſer, Du hier? welche Ueberraſchung! 3 6 1 2 ——— 3 Du biſt ganz blaß davon geworden, erwiderte der Fremde lächelnd. Ich könnte es werden, ſagte der Freiherr, denn Du trittſt wie ein Geſpenſt in unſere Mitte. Seit einem Jahre faſt haben wir nichts von Dir gehört. Bald ſollteſt Du in Paris ſein, bald in Wien, oder am Rhein. Und nun bin ich plötzlich in dem Urſitze aller Ver⸗ ſtändigkeit, Weisheit, Frömmigkeit und Tugend, rief der junge Mann mit einem ſpöttiſchen Zucken ſeiner Lippen. Er warf den Hut auf den Tiſch und ſah erſtaunt auf Polenz. Wie ſiehſt Du denn aus, fuhr er fort. Welche Uniform trägſt Du da? Ich bin nicht mehr Soldat; ich habe ein Gut ge⸗ kauft. Du haſt ein Gut gekauft! Ja, dies iſt die Uniform der Landſtände. uniform der Landſtände! So iſt heut ein großes Feſt? Ein Ball, ſagte Herr von Polenz. Du warſt immer ein flotter Tänzer. Die Zeiten ſind vorbei, Guſtnv, und aufrichtig— ich bliebe gern zu Haus. Er machte ein ſo ernſtes mißbilligendes Geſicht, daß der Freund laut lachte. 4 Wo iſt der Ball, Du Böſewicht? fragte er. Bei Deiner Tante, der Präſidentin. Weiß ſie von Deiner Ankunft? Guſtav bewegte verneinend den Kopf. Meine Tante giebt einen Ball? Das iſt ein zweites Wunder. Sie hat vielen dringenden Bitten nachgegeben und heut— Du denkſt nicht daran, heut iſt Aureliens Ge⸗ burtstag. Eine Pauſe folgte. Wahrlich, ja, Du haſt Recht, ſagte der junge Mann endlich, ich habe es vergeſſen, aber dieſer Zufall iſt ſeltſam. Aurelie befindet ſich wohl? Sehr wohl. Und in Nichts verändert? So ſchön und ſpröde, wie ſonſt? Ganz dieſelbe, ſagte Polenz lächelnd. Der Diener öffnete die Thür. Der Wagen iſt da, gnädiger Herr, meldete er. So nimm Degen und Mantel, Franziskus, und trage ſie hinunter. Nimm auch das Buch hier— er gab ihm ein Buch in Papier eingeſchlagen— ich werde folgen. Warum in aller Welt, fragte Guſtav lachend, haſt Du den Franz in ſeinen alten Tagen zum Franziskus gemacht? —— — — — Ss iſt alſo ein Herzengeheimniß! — 5 Weil es beſſer klingt, erwiderte der Gutsbeſitzer ein wenig verlegen, und— doch, lieber Guſtav, wie ſehr ich auch betrübt bin, Dich verlaſſen zu müſſen, und wie neugierig ich bin, heut noch von Dir und Deinen Reiſen und Abenteuern etwas zu erfahren, wirſt Du es doch nicht übel nehmen, wenn ich Alles auf Morgen ſpare. Der, dem dieſe Abſchiedsworte galten, hatte inzwiſchen ſeinen Anzug gemuſtert, und ſichtlich zum geringen Ver⸗ gnügen ſeines Freundes, ſagte er: Ich werde Dich be⸗ gleiten. Sie ſollen es durch mich ſelbſt erfahren, daß ich heimgekehrt bin. Eine Stunde will ich bleiben, länger nicht; vielleicht iſt es gut ſo, und ich finde Gelegenheit, mein Herz auszuſchütten. Dein Herz? fragte Polenz, ihn ſcharf und lächelnd beobachtend. Es laſtet Etwas darauf, erwiderte Guſtav, ihm die Hand drückend. Ein Geheimniß, doch Du ſollſt es bald erfahren. Ob's Glück ob Unglück iſt, ich weiß es nicht, aber es iſt unauflöslich mit meiner Zukunft ver⸗ bunden. Und wer hat dieſe je erforſcht! Wer kann ſagen, er blickte in den magiſchen Spiegel, der ihm ſein Schick⸗ ſal zeigte? 6 Ja, mein Freund, doch komm, ich könnte es ſonſt auf der Stelle verrathen. Du verſtehſt es neugierig zu machen, erwiderte der Gutsbeſitzer, doch leiſe zu ſich ſelbſt ſagte er: Ich weiß, was er will, und wenn ich je an der Macht des böſen Feindes gezweifelt habe, der auf Erden in allerlei Geſtalt umherſchweift, ſuchend wen er verſchlinge, ſo glaube ich nun an ihn; denn welcher ſchadenfrohe Dämon wirft dieſen Menſchen mir jetzt, heut, zu dieſer Stunde in den Weg, ihn, den Einzigen, den ich fürchten muß. Welcher Teufel giebt ihm den Gedanken ein, mich be⸗ gleiten zu wollen, um vielleicht in einem Augenblick Alles, was ich aufbaute, einzureißen? Der Wagen rollte durch die langen, regennaſſen Straßen, und Polenz ſann noch immer, ob es kein Mittel gebe, den Läſtigen zu entfernen. Es wird eine große Geſellſchaft ſein? fragte Guſtav. Eine ſehr große, ſehr glänzende Geſellſchaft. Ich werde in meinem ſchwarzen Röckchen höchſt be⸗ fremdlich dazu abſtechen. Wahrhaftig, das wirſt Du. Glanz und Pracht haben in den letzten Jahren außerordentlich bei uns zu⸗ genommen. Man verlangt auf Bällen die ausgeſuchteſte Toilette und verſpottet den, der dagegen ſündigt. — 7 So mag man mich verſpotten, ich kann es ertragen. Aurelie hatte von jeher eine große Schwäche für Putz und Tand aller Art. Sie liebt den feinen Comfort des Lebens, die Creme des Genuſſes, erwiderte der Herr von Polenz, aber Du weißt, ſie kämpft dabei mit der Mama. O! die würdige Tante, rief der junge Mann lachend, ſie war immer ſtreng gegen ſich und jedermann, doch allzu nachſichtig gegen die Launen und Thorheiten ihrer Tochter. Launen, Schwächen, Putzſucht, Thorheit, murmelte Polenz vor ſich hin, das iſt eine hübſche Muſterkarte von Beleidigungen. Aber Aurelie iſt dennoch ein edles, ſchönes Weſen, das nur der leitenden Hand bedurfte, um, wie ein Stern des Himmels, rein von jeder Fehl zu ſein, fuhr Guſtav inzwiſchen fort. Es wurde dem Herrn von Polenz heiß vor der Stirn; er machte eine letzte Anſtrengung, ſich zu befreien. Wenn ich Dir rathen ſollte, ſagte er, ſo wäre es doch wohl das Beſte, Du führſt nach Haus, kleideteſt Dich um und kämſt nach. Weshalb? erwiderte Guſtav. Will ich gefallen, 8 Eroberungen machen? Nein, Waldemar, was ich er⸗ reichen kann, iſt mir gewiß. Biſt Du ſo ſicher? fragte der Andere mit geheimen Zorn. Vollkommen ſicher, und wenn ich Dich zum Ver⸗ trauten machte, würdeſt Du mir beiſtimmen. Wir ſind zur Stelle, erwiderte Polenz ſchnell. Ein andermal alſo. Der Wagen hielt vor einem großen Hauſe, deſſen erſtes Stockwerk glänzend erleuchtet war. Equipagen fuh⸗ ren ab und zu, und junge mit Blumen und goldgeſchmückte Geſtalten ſchlüpften durch eine zuſchauende Menge die Stufen hinauf und entzogen ſich den nacheilenden Blicken. Oben öffnete ſich eine weite Zimmerreihe. Gewirkte Tapeten bekleideten die Wände, ſchwere Armſeſſel und Lehnſtühle, mit Seidendamaſt überzogen, ſtanden umher. Die Glaskronen des vorigen Jahrhunderts überblitzten n zahlreichen Kerzen dieſe alterthümliche Pracht.— Nur drei Gemächer, durch welche die beiden Herren gingen, machten davon eine Ausnahme. Sie waren auch, wie aus alter Zeit anzuſchauen, aber es war der modernſte Rococogeſchmack. Die Mobilien gewunden, gedreht und ſeltſam geformt, aus dunklem Poliſander⸗ und Ceder⸗Holz mit eingelegten Arbeiten; die Stühle — — ——— ihm nachblickten. 9 mit hohen geſchnörkelten Lehnen, Aufſätze mit überladenen Verzierungen; Kronen von Bronce mit Flügelköpfen und zahlloſen Spitzen und Zacken, prismatiſche, ſchwere Glas⸗ ſtücke daran befeſtigt; Porzellanfiguren und Nippes in langen Reihen aufmarſchirt auf die Marmorgeſimſe der Kamine, über denen gewaltige Spiegel in ſchweren Gold⸗ rahmen prangten; Bergeren, Fauteuils, Polſterkiſſen überall. Die Deckengemälde, die Wände mit groß⸗ blumigen Seidenſtoffen bedeckt und die Fußböden in wunderlichen Arabesken ausgelegt, Alles ſtimmte überein und Guſtav ſagte lächelnd: Hier wohnt Aurelie, das ſind ihre Zimmer; es weht ihre Luſt zum modernen Unge⸗ ſchmack darin und zur ſybaritiſchen Verweichligung der Zeit. Und dort iſt ſie ſelbſt, erwiderte Polenz, indem er vor ſich hin durch die geöffneten Thüren nach dem Tanz⸗ ſaale zeigte, aus dem ſo eben einer jener Alles belebenden Walzer erſcholl, die Strauß, und Lanner erfunden haben. Man drängte ſich in den Saal, wo der Tanz begonnen hatte; Damen und Herren eilten vorüber, Manche leicht grüßend, Andere begierig nichts beachtend, und Polenz zog ſeinen Freund mit ſich fort an den Reihen der Gäſte hin, von denen ihn Wenige erkannten, die ſeinen Namen nannten und mit Zeichen des Erſtaunens aufſtanden und 2 10 Wer iſt es? fragte ein dicker Herr, der ſein ſchwarzes Glas ins Auge klemmte. Er iſt es wirklich! erwiderte der Gefragte lebhaft, indem er ſich auf den Zehen hob. Der Neffe der Präſidentin, Guſtav Randau, der ſeit langer Zeit auf Reiſen war. War er nicht Aſſeſſor oder dergleichen? fragte der Herr mit dem Glaſe. Er war Aſſeſſor, aber er zog den Rock aus, oder vielmehr er wurde ihm ausgezogen, erwiderte der ältliche Herr lachend. Ach richtig, ſagte der Andere, er hatte zu freie Meinungen, ſchrieb Dinge, die ihn in Unterſuchung brachten. Der Staat darf dergleichen nicht von ſeinen Beamten dulden in einer Zeit wo Alles raiſonirt, Jeder beſſer wiſſen will, was geſchehen ſoll. Iſt's nicht ſo, Profeſſor? Getroffen, verſetzte der Profeſſor, und damit es ihm nicht noch einmal ſo gehe, nahm der junge Menſch da mit ſeinem Kopf voll ſchlechten Ideen über Recht und Unrecht, den Abſchied, und ging um zu ſehen, ob anderswo die Sonne heller ſcheine. Glücklicher Weiſe hat er Geld genug dazu. Geld macht nicht klug, erwiderte der dicke Herr. nen 11 Sie ſind ein Mann von Erfahrung, Baron, rief der Profeſſor, und ſein langes, bleiches Geſicht mit den tauſend Falten und Ecken verzog ſich zu einem Grinſen. Ich urtheile, wie ich es auffaſſe, ſagte der Baron. Da fällt mir ein, daß der junge Menſch Ausſicht hatte, ſich mit ſeiner Couſine zu vermählen. Statt Dumm⸗ heiten zu begehen und endlich in die Welt zu laufen, hätte er ſich hinſetzen, Examina machen und heirathen ſollen. O weiſer Salomo! entgegnete der alte Herr. Ich hatt's ihm auch prophezeiht. Sie wiſſen vielleicht, ich habe den Sauſewind erziehen helfen.— Guſtav, ſagte ich, ſei kein Narr, kriech zu Kreuze, ſprich pater pec- cavi wie's fünfzig und hundert Andere gethan haben und Alles iſt gut, denn an Vermittelungen fehlt es nicht. Deine Familie iſt angeſehen genug, giebt Diners genug, um gute Freunde zu haben. Bleib Aſſeſſor, werde Rath, werde Geheimrath, es kann Dir nicht fehlen und Deine hübſche Muhme bekommſt Du über kurz oder lang dazu, mit allem ihrem Gelde. Was denken Sie, was er ſagte? Nun? fragte der Baron. Er ſagte nichts als: Ich will nicht! und eine Woche darauf war er fort. 12 Es iſt horribel, rief der Baron empört, daß ſo etwas geſchehen kann; daß man ſolchem Narren nicht ſagen kann, Du haſt keinen Willen. Ihn gegen ſeinen Willen zum Geheimen Rath macht und in die Ehe mit reichen Erbinnen ſteckt, ſagte der Profeſſor eifrig und ernſthaft; ja, es iſt horribel! Mir ſollte es nicht ſo geboten werden, fuhr der dicke Herr fort, ich würde es beſſer benutzen, aber ſehen Sie— Die Tanzordnnng war aufgelöſt, denn an der andern Seite des Saales gab es einen feſtlichen Fami⸗ lien⸗Empfang. Die Präſidentin hielt ihren Neffen um⸗ armt und ließ ihrer Freude vollen Lauf.— Die große Frau, Roth und Weiß auf dem hagern Geſicht, das von langen falſchen Locken und Flechten begrenzt wurde, hatte ihre Sorge, nichts in Unordnurg zu bringen, was mit ſo vieler Kunſt geordnet war. Sie hielt den jun⸗ gen Herrn daher ein Wenig von ſich ab und über⸗ ſchüttete ihn mit Fragen. Guſtav iſt es denn möglich? WMein liebes Kind, warum haſt Du ſo lange nicht ge⸗ ſchrieben? Wo kommſt Du her? Wie lange biſt Du hier? Und daß Du heut kommſt, wie prächtig iſt das von Dir. Du willſt uns überraſchen; Aurelien? Wo iſt Aurelie? Friedrich, lieber Baron— ſie ſah ſich — as n, en ni⸗ m⸗ oße das vas 13 nach allen Seiten um— ſie wird entzückt ſein. Wo iſt Aurelie? Hier bin ich, rief eine helle Stimme und eine Dame trat an der Hand ihres Tänzers in den Kreis. Ihre großen blitzenden Augen richteten ſich ſogleich auf den unerwarteten Beſuch. Couſin Guſtav, rief ſie, ihm die Hand bietend, ich habe Sie geſehen, wie Sie herein traten, dann hat es mir Polenz beſtätigt. Gut, daß Sie wieder hier ſind, Couſin, und wie es ſcheint, vor⸗ trefflich geſund.— Sie nickte ihm zu und um ihre Lippen flog ein ſpöttiſches Lächeln. Tanzen Sie, Couſin, die Zeit iſt koſtbar, die Muſik göttlich. Herr von Polenz, wenn es Ihnen gefällig iſt. Sie reichte dem Beglückten den Arm und flog mit ihm den Saal hinab, während Guſtav ſich zu der ſchel⸗ tenden Präſidentin wandte, die ihn in ein Nebenzimmer führte, wo er von ihr in ein weitläuftiges Verhör ge⸗ nommen wurde. Aus allem ging hervor, daß ihr Neffe längere Zeit in Frankreich und der Schtbeiz verweilte, daß er dann nach Deutſchland zurückgelehrt war und eines ziemlich unſtätten Wanderlebens während des Sommers ſich be⸗ fleißigt hatte. Und während Du nichts von Dir hören ließeſt, ſagte die Präſidentin, haben wir hier ängſtlich auf Nachrichten gewartet. Ich habe mich geängſtigt um 1 Dein Körper⸗ und Seelenheil und Aurelie war nicht we⸗ 1 14 niger beſorgt. Wirklich erwiderte Randau, dann habe ich ſchwerer gefehlt, als ich vermuthen durfte.. Die Präſidentin ſah ihn lächelnd an. Du weißt ja, ſagte ſie, Aurelie hat ihre eigene Art und Weiſe, wie* ſie ihre Empfindungen ausdrückt, und wenn Du aus dem Empfang ſchließen willſt— Dann habe ich das Beſte zu erwarten, liebe Tante, fiel er ein. Wir haben uns immer gezankt, und als kriegführende Mächte Verträge geſchloſſen; zuweilen ſo⸗ gar ewigen Frieden, allein es ging damit wie es immer 1 geht. Ich werde mit ihr tanzen und mit ihr ſprechen, das Uebrige wird ſich finden. Doch ſagen Sie mir, wie es Ihnen gegangen iſt im Lauf der Zeit. Wie es einer Frau gehen kann, die in der Welt nicht mehr viel zu ſchaffen hat, verſetzte ſie ſeufzend. Nun Tantchen, lachte Randau, ich ſehe doch, daß die Welt noch Reize für Sie hat. Glaubſt Du denn, ſagte die Präſidentin, daß dies bunte Geguike und Gepfeife mir noch irgend Vergnügen machen kann?— Nein mein Kind, mein Sinn iſt ernſt⸗ auf um we⸗ erer E„ 15 haft und auf Beſſeres gerichtet, als auf ſolchen Tand. Es macht mir manche trübe Stunde, daß Aurelie ſo viel Gefallen an dergleichen Narretheien findet, und wenn ich nicht von allen Seiten beſtürmt worden wäre, von allen Freunden und Freundinnen, auch von Polenz und von Profeſſor Sydow— haſt Du den Profeſſor noch nicht geſehen?— ſo würde ich auf keinen Fall hier tanzen laſſen. Es iſt das unſchuldigſte Vergnügen, das ich kenne, erwiderte der Neffe. So habe ich auch einmal geſagt, ſprach die Dame kopfſchüttelnd, aber glaube mir, Tanz iſt die wahre Pflanz⸗ ſchule aller Uebel. Du haſt nie gern getanzt. Wenigſtens nicht gern viel. Es iſt ein ſchönes Zeichen, fuhr die Präſidentin fort, daß jetzt ſo viele junge Männer frühzeitig eine Averſion gegen dies tolle Geſpringe bekommen. Ich bin leider zu einer Zeit jung geweſen, wo die ganze Welt von der Tarantel geſtochen war, und Menſchen in grauen Haaren ſich nicht ſchämten, wie die Böcke um⸗ herzuhüpfen. Dazu war mein ſeliger Herr ein echter Lebemann aus der alten Zeit; immer luſtig, immer nur bedacht der weltlichen Freude nachzujagen. Lieber Him⸗ mel! ich habe es auch nicht beſſer gewußt und davon 4 16 muß es Aurelie haben, deren Sinn ſo flatterhaft auf Zerſtreuung gerichtet iſt.* 9 Dem jungen Randau kamen dieſe Stoßſeufzer ſeiner Tante doch gar zu komiſch vor, wenn er bedachte, daß ſie mitten unter dem Lärm eines glänzenden Balles er⸗ ſchallten und im Rauſchen der üppigen Tanzmuſik ver⸗ loren gingen. Er lachte laut, aber die Schattenſeite dieſes drolligen Zwieſpalts blieb ihm nicht verborgen. Die Präſidentin war zu ihrer Zeit eben ſo verliebt in die Weltluſt geweſen, als ſie jetzt gegen dieſelbe war, und als ſie ſeine Hand ergriff und vertrauensvoll ſagte: „Es iſt mir lieb, Guſtav, daß Du wieder hier biſt, denn mag man ſagen was man will, Du biſt doch der Einzige der Einfluß auf Aurelien ausüben kann,“ fühlte er eine Unruhe, die ſich immer mehr ſeiner bemeiſterte und den Scherz verdrängte. Ich muß Dir ſagen, fuhr die Tante fort, daß ſich eigentlich wenig ſeit Deiner Abreiſe verändert hat; Du verſtehſt mich, Guſtav! Aurelie hat ſich zu nichts ent⸗ ſchließen können; ſie hat ein ungenügſames Herz. Von vielen Seiten wird das als Stolz ausgelegt und De⸗ muth iſt es auch leider nicht. Sie macht Anſprüche, vielleicht zu viel Anſprüche; ſie iſt herrſchſüchtig, ſie hat Launen, das iſt mir Alles tauſendmal geſagt worden ſich Du nt⸗ bon d⸗ iche, hat rden 17 uud ich kann es nicht ändern. Es iſt ein ſo eigen⸗ williges Kind, daß Niemand etwas dagegen ausrichtet. Ich ſehe, erwiderte der Neffe, es iſt wirklich Alles noch ſo wie es war. Aurelie legt in Feſſeln und Ban⸗ den was ihr naht; auch den wilden Polenz hat ſie zahm gemacht. Ol der gute Polenz, rief die Präſidentin. Er iſt mir ein wahrer Troſt, dieſer würdige, beſcheidene junge Mann, der ganz und gar ein anderer geworden iſt, ſeit er die Huſarenjacke ausgezogen hat. Von Lehnsvettern iſt ein Gut auf ihn übergegangen, das hat er billig ge⸗ kauft und beſchäftigt ſich jetzt eifrig mit Landwirthſchaft; daneben beſucht er uns fleißig, hört, was vernünftige Leute denken, bringt mir Bücher und lieſt mir vor. Da hat er mir ſo eben ein neues Werk gebracht. Sie nahm vom Tiſch das Buch, welches Randau in der Hand ſeines Freundes geſehen hatte. Es war in dunklen Maroquin gebunden mit dickem Goldſchnitt verziert, auf dem Titelblatt ſtand mit großen Buch⸗ ſtaben: Das Roſengärtlein der Liebe. Wie Tantchen, rief Randau beluſtigt, mit dem Roſengärtlein der Liebe beſchäftigen Sie ſich? Pfui! ſagte die Dame, Herr behüte uns vor den Spöttern! Chriſtliche Liebe ſoll in uns ſein, wahre Liebe Th. Mügge, Romane IV. 2 18 und das iſt ein Schatzkäſtlein der Erbauung und Er⸗ leuchtung von unſerem Freunde, dem würdigen Paſtor Bernauer, dringend empfohlen. Und Polenz lieſt und bringt Ihnen das? Es iſt ein erhabenes Beiſpiel, was gute Vorſätze vermögen, die ich Dir auch dringend empfehle, ſagte die Präſidentin, nur jammerſchade daß er bis jetzt ſo wenig auf Aurelien einwirken konnte. Wie hat er ſich dem Balle widerſetzt, bis er endlich auch überwunden war und ſich ſeufzend auf die Seite der Verführung wandte. Der Profeſſor— Was ſoll der Profeſſor? fragte eine ſcharf klingende Stimme hinter ihnen. Randau hatte nachſinnend die Mittheilungen ſeiner Tante gehört und über das Verſtändniß des Vernom⸗ menen nachgedacht, jetzt ſprang er auf und umarmte den alten Herrn, der unter ſeinen funkelnden Brillengläſern die Augen zuſammenkniff. Mein theurer Freund, ſagte Randau freudig nach den erſten Begrüßungen, Sie wenigſtens ſind der Alte geblieben. Ich denke auch, erwiderte der Profeſſor, es verlangt Niemand von mir, daß ich wieder jung werden ſoll. Es iſt jedoch einerlei, jung oder alt, die Thorheit der — — d Er⸗ Paſtor orſütze gte die wenig h den n war andte. gende ſeiner nom⸗ te den liſern nach Alte rlangt 1 ſoll. it der 10 Menſchen bleibt ſich immer gleich. Da haſt Du zum Empfang eine Sentenz des alten Burſchen Seneca, der ſelbſt einer der größten Narren war, die jemals gelebt haben. Und was ſitzt der junge Menſch hier und blättert in Gebetbüchern? Biſt Du deswegen etwa hergekommen? Wie? Auch etwa modern geworden?! Komm morgen, morgen Abend punkt ſieben in die Erbauungsſtunde, es ſoll uns Freude machen, Dich dem edlen Kreiſe vorzu⸗ ſtellen. Die Präſidentin hatte das Buch genommen, und war raſch aufgeſtanden und damit fortgegangen. Sie zieht ab, ſagte er achſelzuckend und hört nicht einmal das Ende meiner Ermahnung. Das thut mir leid. Aber erklären Sie mir, ſagte Randau, indem er die Hand des Profeſſors ergriff, erklären Sie mir dieſe ſeltſame Umwandlung meiner Tante. Was iſt dabei zu erklären, rief der alte Herr. Die Miutter iſt bußfertig, die Tochter unbußfertig. Die Mutter denlt zurück, die Tochter vorwärts. Die Mutter wandelt dem Lichte zu, die Tochter dem Glanze. Die Mutter wird bearbeitet für die Gnade, die Tochter ge⸗ währt ſie den armen Sterblichen. Im Uebrigen wird ſich Alles finden, denn endlich biſt Du wieder hier und daß Du heut gekommen, iſt ein Werk des Himmels oder 2* 20 wie Du es ſonſt nennen willſt, aber irgend ein Gott iſt im Spiel. Ich verſtehe Sie nicht, ſagte Randau. Dann biſt Du ſo blind wie der Gott den ich meine; verſetzte der Profeſſor lachend. Was ſagſt Du zu Deinem frommen Vetter Polenz? Daß er ein Narr geworden iſt. Auch in der Unbeſonnenheit haſt Du Dich nicht ge⸗ ändert, Freund. Polenz iſt aus einem Narren ein Weiſer geworden. Er tanzt mit der liebenswürdigen Couſine und betet mit der Mutter; wahrhaftig, das iſt weiſe. Ich beneide ihn um Keines von Beiden, erwidertꝰ der junge Mann. Hand auf's Herz, ſagte der Profeſſor mit einem ſeiner ſarkaſtiſchen Blicke, ob es nicht jetzt drei Schläge mehr macht. Nicht? Nun meinetwegen, die Gefahr wird ſtets von Helden verachtet und das Guc iſt mit den Muthigen. So viel iſt gewiß, Polenz S ſteht ſchlecht ſeit ein gewiſſer junger Abenteurer, wie aus den Wolken plötzlich in dieſen Saal fiel. Haben Se geſehen, wie dieſer glückliche Abenteurer empfangen wurde? fragte Randau lächelnd. Mit Nadelſtichen und Verachtung, rief der Profeſſor, 3 au de vo ze Gott meine; Deinem en ein irdigen das iſ einem Schläge hr wird nit den ſchleht Wollte entenet rftſo 21 aber was iſt die Moral der Komödie? Man kehre reuig zu den Füßen der Gekränkten zurück, die vergeben und vergeſſen wird:— Armer Polenz! Nein, nein! erwiderte Randau und eine dunkle Röthe trat plötzlich über ſein Geſicht, er hat nichts von mir zu fürchten. Freundchen, Freundchen bedenkt als ein verſtändiger Mann, was Ihr ſprecht, ſagte der alte Herr ſpottend. Die hübſche Couſine, die alte Leidenſchaft, die Macht der Verhältniſſe, der Wunſch der Eltern von Jugend auf gehegt, das bedeutende Vermögen; es müßte ja einen Stein erbarmen, wenn es nicht ſo ſein ſolite. Und doch kann es niemals geſchehen, ſagte Randau, die Arme kreuzend und den Blick ſenkend. Nicht, und warum nicht? Weil, erwiderte Randau, weil— er neigte ſich zu dem alten Herrn und flüſterte ihm ein paar Worte zu, vor denen dieſer erſtaunt zurückprallte. Ach, Narrenspoſſen! ſchrie er ſo laut, daß die Tan⸗ zenden im Saale ſich umſahen. Die volle Wahrheit, erwiderte der junge Mann lächelnd, doch— er drückte den Finger auf den Mund. Ich erwarte Sie morgen, mein väterlicher Freund, dann ſollen Sie Alles erfahren, Alles was ich Ihnen ſagen 22 kann. Ich muß fort; Sie wiſſen nun weshalb ich nicht bleibe und warum dies Treiben, dieſe Pläne, Entwürfe und Hoffnungen keinen Werth für mich haben können. Ich begreife es ſehr wohl, verſetzte der Profeſſor, aber ich glaube es noch immer nicht. Hat der Seneca nicht recht? Iſt die Tollheit, die Thorheit der Menſchen nicht immer dieſelbe und wenn dies keine Thorheit iſt, keine gränzenloſe Thorheit, die— Randau drückte dem eifernden Mann ſchweigend die Hand und eilte davon, ehe dieſer ihn feſthalten konnte. Er ſchlüpfte durch den Tanzſaal, durch Nebenzimmer, wo man die Tiſche ſervirte, machte Umwege um un⸗ beachtet zu bleiben, weil er die Stimme der Tante hörte, welche ihre Befehle dort ertheilte, ging zurück und vorwärts, und näherte ſich ſo endlich der Zimmerreihe im anderen Flügel des Gebäudes, weil es ihm einfiel, daß von dort eine Thür auf einen Corridor führe, der mit einer Treppe in Verbindung ſtand. Mit leiſen eiligen Schritten ging er durch die deckenbelegten Gemächer, als er plötzlich in einem Kabinet, deſſen geöffnete Thüren ihn verbargen, ein lautes Lachen hörte. Es war Aurelie. Er kannte ihre Stimme und ſtand verlegen ſtill. Einen Schritt vorwärts und man nußte ihn ſehen, kehrte er um, war d nicht würfe nnen. feſſor, eneca uſchen eit iſt, nd die konnte. mmer, m un hörte, rwörts, anderen n dort t einer chritten litich hargel⸗ lann Scit m vu 23 der Ausweg ihm verſperrt; ſo ward er der unfreiwillige Zeuge eines Geſpräches, das ihn nahe anging. Stehen Sie auf, Polenz, ſagte Aurelie offenbar ſpottend, es paßt ſich nicht zu Ihrer Würde, vor einem irdiſchen Weſen zu knieen. Was würde die Mama ſagen, wenn man Sie fände? Sie ſind grauſam, erwiderte Polenz kläglich. Ich habe Ihnen Alles bekannt, Ihnen Alles geſtanden, was ich gethan, um Ihre Gunſt zu erwerben. Ich habe mich gedemüthigt, kaſteit, gelangweilt, himmliſche Aurelie. Sie werden mir nicht zumuthen, daß ich es in anderer Abſicht that, als einzig in der, ſo oft und ſo lange als möglich in Ihrer bezaubernden Nähe ſein zu dürfen. Damit ſagen Sie mir nichts Neues, erwiderte das Fräulein. Sie mußten es wiſſen, fuhr Polenz fort, und wie oft glaubte ich gütigen Blicken zu begegnen, wenn ich kam; wie oft durfte ich hoffen, daß mein Bleiben Ihnen nicht zuwider war. Und weiter? fragte ſie. Weiter? Ich hoffte, Aurelie, iſt das nicht genug? Sie ahnten, wie theuer Sie mir waren. Ich las in Ihren Augen eine Begünſtigung vor Vielen, die in Ihrer Nähe erſchienen. In der That, mein würdiger Herr, rief das Fräulein mit ſtolzem Tone, ſo viel Eigenliebe hätte ich nicht bei Ihnen erwartet. Sie thun freilich Alles um dieſe zu zerſtören, er⸗ widerte Polenz aufgeregt, aber mein Schickſal, mein böſer Stern iſt es, der mir den tückiſchen Streich ſpielt. Die Vergangenheit wird zur Gegenwart, die Todten ſteigen gleichſam dazu aus ihren Gräbern. Sie werden romantiſch, ſagte Aurelie lachend, aber ich verſtehe jetzt ſehr wohl den Sinn Ihrer Worte. Mein Couſin Guſtav macht Ihnen Sorge. Ich wollte, verſetzte Polenz, daß dieſer Couſin, der mein ſehr guter Freund iſt, von meiner Hand in ein Schiff geſetzt und nach irgend einer glücklichen Inſel deportirt werden könnte. Ein frommer Wunſch! fiel das Fräulein ein, aber beruhigen Sie ſich. Wie kann ich das, wie iſt es möglich mit dem was ich weiß. Und was wiſſen Sie denn? fragte ſie ſchnell. Polenz beſann ſich. Weiß ich nicht, daß es eine Zeit gab, wo nichts gewiſſer ſchien, als daß dieſem Undankbaren das ſchönſte Glück der Erde blühte? ſagte er, —„— — ulein t bei „er⸗ mein ſpielt. odten aber orte. der in ein Inſel aber was te er, n, als r hrde — 25 Mich zur Frau zu nehmen, rief Aurelie. Es war kein ſo großes Glück. Er wenigſtens hat ſich deſſen nicht würdig gemacht. Es ſind vergeſſene Kindesträume, ſagte das Fräulein ſpöttiſch; wer denkt noch daran? Wenn er aber daran dächte? Wer kann es hindern? Ich, rief Polenz heftig, bei Gott! ich würde es ihm nicht geſtatten. Und ich, ſagte das Fräulein in derſelben Weiſe, auf Ehre! ich duldete es nicht. Bei dem letzten Worte ſtand Randau auf der Schwelle des Kabinets. Er fand es unwürdig und unklug, länger ein Geſpräch zu behorchen, das jeden Augenblick eine Wendung nehmen konnte, die ihn in eine peinliche Lage brachte, ſo zog er es vor hereinzutreten und nach Um⸗ ſtänden ſich einzumiſchen. Mit einer ſchnellen Bewegung wendete ſich das Fräulein bei dem Geräuſch um und überraſcht wie ſie war, doch ohne den Ton des Scherzes zu verlieren, ſagte ſie haſtig: Verräther! Du haſt uns behorcht. Ich muß es bekennen, erwiderte Randau, und bitte um Verzeihung. Eine kleine Pauſe entſtand. Plötzlich hob Aurelie den ſchönen Kopf ſtolz in den Nacken und 4 große Haufen der Menſchen iſt immer dumm und gemein; 26 ſagte gebietend: So befehle ich Ihnen denn, mein liebens⸗ würdiger Couſin, bei harter Strafe, nie ein Wort von dem laut werden zu laſſen, was Sie hier erlauſcht haben. Ich unterwerfe mich bereitwillig, ſagte der Bedrohte, und näher an Aurelie tretend, ergriff er ihre Hand, welche ſie zuckend in der ſeinen ließ. Warum willſt Du mir zürnen? fuhr er fort. Du empfängſt mich fremd und ſpöttiſch, entziehſt mir das vertrauliche Du, das von unſerer Kindheit an uns nahe befreundete. Waren es Kinderträume, die einſt uns einwiegten, ſo laß die ſchönen Erinnerungen daran nicht vergeſſen ſein. Ich denke, verſetzte ſie mit Nachdruck und einem ſchnellen ſtolzen Blick, daß mein Gedächtniß keine An⸗ 4 ſchuldigung verdient. So betrachte mich als einen Schuldigen und Reuigen. Ich habe Dir Vieles zu ſagen. Es wird mir Vergnügen machen, meinen weltfahrenden Couſin erzählen zu hören. Und was er Dir ſagen wird, entgegnete dieſer, in⸗ dem er ſein großes klares Auge ſo mãchtig zu ihr aufſchlug, daß ein leiſes Zittern durch ihr Herz lief, was er Dir vertrauen will, bedarf Deiner ganzen Theilnahme. Der bens⸗ von uſcht ohte, Hand, ſt Du fremd 6 von en es hönen einem e An⸗ euigen⸗ renden et, in⸗ ſſchlug e Di Der d genin 27 jeder daraus dient dem Götzen ſeiner Begierden und Vorurtheile. Selten vermag ſich Einer darüber zu er⸗ heben. Morgen will ich Dir das erklären, Couſine Aurelie. Gute Nacht! Tanze, Polenz, Du haſt keine Urſach Stirnfalten zu ziehen. Gute Nacht! Als die Thür hinter ihm zufiel, hörte er das Fräu⸗ lein rufen: Verſtehen Sie das, Polenz? Was will er morgen erklären?— Sie lachte, aber dies Lachen ge⸗ fiel dem Herrn von Polenz ganz und gar nicht. dl. Am nächſten Vormittag ſaß der Freiherr im groß⸗ blumigen Schlafrock, die lange türkiſche Pfeife vor ſich ausgeſtreckt, am Kaffeetiſch. Er ſchrieb Notizen in ſein Tagebuch, welche folgendermaßen lauteten: Daß ich es nicht vergeſſe, heut noch Brief an den verdammten Juden Behrens. Er muß ſich gedulden. Wechſel hin, Wechſel her; habe kein Geld jetzt, werde aber Alles bezahlen, wenn— hier warf Herr von Polenz den Silberſtift fort und ballte ärgerlich die Hand. Auf dem Stuhl ihm gegenüber lag die neue Landſtandsuniform, ſammt Federhut, Degen und dem ganzen Ballſtaat. Erb⸗, Lehn⸗ 28 und Gerichtsherr auf Seefelde, murmelte er, Freiherr von Polenz dazu, und es will doch nicht ziehen. Alter Eſel, der Franz— Franziskus— meinte, ich würde Alles ausſtechen, und der lumpigſte ſchwarze Frack, der da war, hat mich auf den Sand geſetzt. Ich müßte blind ſein, wenn ich zweifeln könnte. Sie war verändert von dem Augenblick an, wo er uns verlaſſen hatte; tanzte nicht mehr, war zerſtreut; ich wagte nicht weiter von mir zu ſprechen. Und was ſoll nun werden? fuhr er lauter fort.— Alles verloren! Umſonſt geſtrebt und gehofft; ich könnte toll werden! Herr von Polenz ſtand erregt auf und begann mit großen Schritten auf und abzugehen, als Franziscus herein trat und den Profeſſor Sydow meldete, der dem Diener auf dem Fuß folgte. Der unausſtehliche alte Menſch, ſagte der Gutsbe⸗ ſitzer leiſe, dann machte er ein freundliches Geſicht und rief dem Profeſſor einen herzlichen guten Morgen zu, indem er ihm die Hand ſchüttelte. Kun, begann der alte Herr, wie iſt der Ball bekommen, Herr Landſtand? Alle Wetter, wie ſahen Sie aus. Die Bewundrung über die Taille nahm tein Ende. gleidete Sie ganz ausgezeichnet, die neue Uniform. Müſſen ſich hübſch darin ausnehmen in der Erbauungsſtunde heute Abend. F — „der nüfte indert tanzte n mir lauter chofft erregt gehen, S ydol utsbe⸗ ht und en zu, mmel, „ as. Ende⸗ Müſſen gſundt Ach, laſſen Sie mich zufrieden, erwiderte Polenz, der nicht recht wußte, ob er mit Ernſt oder Scherz die Sarkasmen des Profeſſors abweiſen ſollte. Ich bin eben nicht aufgelegt zur luſtigen Unterhaltung. So wollen wir ernſthaft ſein, ſagte der alte Herr, denn allerdings hat die Geſchichte ihre Schattenſeite. Ich komme ſo eben von dem vagabondirenden Aſſeſſor. So? erwiderte Polenz.— Nun? Er hat das alte Haus ſeines Vaters gleich geſtern in Beſitz genommen. Es ſieht wüſt darin aus; leere Räume genug; ich rieth ihm auf einige Zeit zur Tante zu ziehen. Ich wollte Du hätteſt die Zunge dafür zerbrochen, ſagte Polenz zu ſich ſelbſt. Nun, nun, rief der Profeſſor, als hätte er die Ge⸗ danken errathen, ich fürchte eben nichts; aber er will nicht, und dafür giebt es allerdings Gründe genug. Ich will nicht, ſagte er, ſchon der klatſchſüchtigen Menge wegen, die nicht ruhen würde alberne Märchen auszu⸗ hecken, obwohl ich mit Freuden in Aureliens Nähe wäre. Aber was iſt Ihnen denn, lieber Herr von Polenz? Sie ſehen wirklich ganz miſerabel aus. Ich will es Ihnen ſagen, erwiderte der Gutsbeſitzer, um dieſe Unterredung abzuſchneiden und Ihrer Unbarm⸗ 30 herzigkeit ein Ende zu machen. Es kann kein Geheimniß ſein, daß ich lange ſchon um Aureliens Hand werbe. Es iſt wahr, fiel der alte Herr nachdenklich ein, Sie haben ſich die außerordentlichſte Mühe gegeben. Und umſonſt, ſagte Polenz mit unterdrückter Wuth. Ich muß dem weichen, der mit einem Worte, mit ſeinem bloßen Erſcheinen mein ganzes Glück vernichtet. Laſſen wir das dahin geſtellt ſein, verſetzte Sydow, wir wollen einen andern Fall berathen. Geſetzt, Sie erreichten Ihr Ziel, glauben Sie denn, daß es Ihr Glück wäre? Was könnte mich glücklicher machen! fiel der Frei⸗ herr leidenſchaftlich ein. Manches Andere, entgegnete der Profeſſor ruhig, indem er den jungen Mann forſchend betrachtete. Ich will Ihnen Ihr Horoskop ſtellen, ohne die Sterne zu befragen, ſuhr er fort, denn ich verſtehe etwas von ma⸗ giſchen Kunſtſtücken. Sie ſind in der Lage, eine Frau mit Vermögen brauchen zu können. Sie wünſchen, daß dieſe auch jung, ſchön, liebenswürdig ſein möge, und finden durch Aureliens Befitz alle ihre Anſprüche erfüllt. Herr Profeſſor, rief Polenz aufſpringend, dieſe Frei⸗ müthigkeit geht zu weit. ausz ſo ſt dann der ſort hir Un das hn ber dige ein Im miß th nit tet. ig, h zu d 31 Sie haben ein Gut, ſagte der alte Herr ruhig ſitzen⸗ bleibend, aber es geht Ihnen wie vielen Gutsbeſitzern, es gehört Ihnen blutwenig davon. Sie ſind jung, le⸗ bensluſtig. Sie hoffen, daß Aurelie, die auch Ver⸗ gnügen und Zerſtreuungen liebt, nichts dagegen haben wird, wenn eine recht bunte, luſtige Zukunft ſich auf⸗ bauen läßt. Um die Mutter geneigt zu machen, haben Sie Ihre langen weltlichen Locken abgeſchnitten und ſich angewöhnt, ſo beſcheiden und ſittſam, wie möglich, auszuſehen, aber Sie werden dies ſtille unbequeme Kleid, ſo ſchnell es ſich irgend thun läßt, abwerfen, und was dann? Sie ſcheinen mich gänzlich zu verkennen, erwiderte der Freiherr, verlegen lächelnd. Ich ſage Ihnen, Sie ſpeculiren falſch, fuhr Sydow fort, und das thut mir wahrhaft leid um Euch Alle. Hören Sie an, Herr von Polenz, was Ihnen ein alter Mann ſagt: Sie ſind ein junges, leichtfertiges Blut, das auf die Dauer nicht heucheln, noch ſich verſtellen kann. Sie brauchen eine Frau die Vermögen beſitzt, aber neben dem Vermögen Liebe, Treue, ein verſtän⸗ diges, ernſtes Weſen. Sie müſſen durch ſolche Dinge ein wenig, was man ſo nennt, unter den häuslichen Pantoffel gerathen, ver thut Ihnen gut und iſt noth⸗ 32 wendig, wenn aber Aurelie Ihre Frau würde, wären Sie verloren. Nun wahrhaftig, lachte der junge Edelmann ärgerlich, Sie verdienten im Delphiſchen Tempel auf den Dreifuß geſetzt zu werden. Nehmen Sie ſich in Acht, ſagte der Profeſſor, daß Sie nicht ganz anders wo hingeſetzt werden, wo Neſſeln Sie brennen. Aurelie iſt eben ſo leichtſinnig wie Sie, doch in ganz anderer Weiſe. Sie liebt Pracht, Glanz und Feſte nur, damit man ſie ſelbſt umſomehr bewun⸗ dere. Es iſt eine Unruhe in dieſem Mädchen, ein böſer Geiſt ehrgeiziger Eigenliebe, die Sie nicht kennen; ein Feuer der Leidenſchaften, ein Uebergreifen des Aeußer⸗ ſten, das Sie nicht verſtehen. Aurelie iſt in ihrer Art unge⸗ wöhnlicher überſpannter Entſchlüſſe fähig; ſie überſieht den ganzen Troß der Männer, der ſie umwedelt, und hat eine ſonveraine Verachtung gegen die meiſten. Solch Weſen, wenn es aus ſeiner innern Unordnung heraus gebracht werden ſoll, bedarf einer überwältigenden geiſti⸗ gen Kraft, die es verehren muß. Und dieſe Kraft fehlt mir, meinen Sie? fragte Polenz. Die fehlt Ihnen, ſagte der Profeſſor trocken. Sie ären rlich, daß ſſeln Sie, lanz wun⸗ böſer 6 ein eußer⸗ unge⸗ ht den d hat Solch eraus geiſt⸗ fragte ſind ein Mann für ſechs Dutzend hübſche Mädchen, aber nicht für Aurelien. Ohne Zweifel hat Randau alle nöthigen Eigenſchaften dazu, rief der Freiherr erbittert. Wenigſtens zehnmal mehr wie Sie, verſetzte der alte Herr; wenn's Einer wäre, dem es glückte, müßte es der ſein. Sie aber, laſſen Sie ſich den Appetit danach ver⸗ gehen. Es iſt ein Gericht, wie das, was König Midas nicht vertragen konnte; ein Schaugericht, Gold, doch ein gewöhnlicher Magen geht daran zu Grunde. Ueberhaupt aber, fuhr er lächelnd fort, laſſen Sie es ſich geſagt ſein, König Midas Geſchichte hat viel Warnendes für Sie. Flehen Sie zum Bachus, daß er Sie vom unge⸗ nießbaren Golde rette, und nehmen Sie lieber an, was er Ihnen ſonſt bieten mag. Herr Profeſſor, ſagte Polenz mit höflichem Spott, nehmen Sie meine ewige Dankbarkeit für Ihren guten Rath; ich bedaure aufrichtig, daß meine Zeit mir nicht erlaubt, mehr davon hören zu können. Das paßt ſich vortrefflich, erwiderte der alte Herr mit der größten Gleichgültigkeit, ich wüßte auch nicht, was ich Ihnen ſonſt noch rathen ſollte. Er nahm Hut und Stock und hielt dem Freiherrn ſeine Doſe hin. Th. Mügge, Romane W. 6 34 Nehmen Sie eine Prieſe, ſagte er, das kühlt das Blut und ſtärkt das Nachdenken. Nun weiß ich doch, erwiderte dieſer, das Zumuthen ablehnend und rachſüchtig geſtimmt, woher alle Ihre tiefen Gedanken ſtammen. Der Profeſſor grinſte ihn an. Und Sie, ſagte er, Sie ſchnupfen nie, das ſieht man; es iſt Jammer und Schade Bald aber hätte ich etwas vergeſſen. Randau will um elf Uhr ſeiner Tante und Couſine Beſuch machen. Wenn Sie dabei ſein wollen, ſo müſſen Sie eilen. Es könnte intereſſant für Sie werden. Als er fort war, befand ſich Herr von Polenz in einem ſchwer zu ſchildernden Zuſtand der Aufregung. Er konnte zu keiner überlegenden Ruhe kommen, denn immer traten ſeine zerſchmetterten Entwürfe dazwiſchen und die Bruchſtücke flogen um ſeinen Kopf, ohne daß er im Stande war, ſie feſtzuhalten und ein neues Ganzes daraus zuſammenzukitten. Von den Reden des alten ⸗ groben Profeſſors war obenein ſo viel hängen geblieben, daß er bei aller möglichen Eigenliebe doch ein paar Na⸗ delſpitzen im Fleiſche empfand, und je mehr er daran zog und zerrte, um ſo widerwärtiger ward ihm die Empfindung.— In meinem Leben, ſagte er endlich, iſt mir kein Menſch vorgekommen, der mit größerer Seelen⸗ Blut uthen Ihre rund ndal chen. 35 ruhe ſo unübertrefflich unverſchämt ſein kann. Ich habe den zudringlichen Patron niemals leiden können, jetzt ſoll er mir nie wieder zu nahe kommen. Wer hat ihn mir auf den Hals gehetzt? Er dachte nach und plötzlich wurde es in ſeinem Kopfe Licht. Ich Thor, rief er ſich ſelbſt zu, daß ich nicht im Augenblick die Abſicht durchſchaut habe. Guſtav hat ihn abgeſchickt; es iſt ein Complott, eine erbärm⸗ liche Intrigue verabredet zwiſchen ihm und ſeinem Hel⸗ fershelfer. Man will mir beweiſen, daß ich in keinem Falle befähigt bin mein Auge zu Aurelien aufzuheben; man will mich abſchrecken, mich veranlaſſen, ſofort de⸗ müthig in den Hintergrund zu treten, damit der geiſt⸗ reiche Vetter vollen Raum habe.— Nein! nein! rief er energiſch, ich will nicht weichen, wenigſtens nicht ſo mit Spott und Hohn vor aller Welt. Er hatte ſo laut geſprochen, daß der alte Diener be⸗ ſorgt den Kopf zur Thür hereinſteckte. Franziscus, ſagte Polenz, ſchnell meinen Anzug, ich will ausgehen; und höre, Franz, wenn etwa Leute kommen, die mich ſprechen wollen— Der Schneider war hier, fiel der Diener ein. So? Beſtelle ſie Alle ſpäter wieder her; die alberne Uniform wird theuer genug ſein und höchſt wahrſchein⸗ 36 lich, ſagte er mit einem Seufzer, iſt ſie ganz umſonſt gemacht. Aber Franz, oder Franziscus— Wenn Sie ſich den Kuß ſparen wollten, mein gnä⸗ diger Herr, meinte der alte Mann die Achſeln zuckend, ſo wäre es mir recht lieb. Höre, Franz, lachte der Freiherr, halt's noch eine kleine Weile aus, wenn es dann nicht anders iſt, taufen wir uns Beide um, und werden die Alten. Gott gebe es, ſagte Franz andächtig. Für jetzt gebe er uns Geduld und Faſſung, ſprach Polenz, indem er die Treppe hinabſtieg und ſeinen Weg nach dem Hauſe der Präſidentin nahm. Die Nachwehen des geſtrigen Feſtes zeigten ſich dort in mancherlei Geſtalt. Das Hausgeſinde war ge⸗ ſchäftig, die alte Ordnung herzuſtellen; die Präſidentin ging ſeufzend umher und betrachtete was fleckig, beſchä⸗ digt und zerbrochen worden war. Mit einem ſtrengen und vorwurfsvollen Blicke muſterte ſie den eintretenden Vertrauten, dem ſie heut nicht wenig Schuld beimaß, daß ſie geſtern ſchwach geweſen war. Ich wollte nur, daß es erſt überwunden wäre, ſagte ſie, wiedergeſchehen ſoll es nimmermehr. Den Schaden hat man zu der Schande. Es koſtet ſo viel, daß ich — —— — —„—— gte wen manche hülfreiche, wohlgefällige Werke dafür thun könnte, und ſo eben iſt der würdige Bernauer von mir ge⸗ gangen, deſſen gerechter Zorn nicht leicht zu beſänfti⸗ gen war. Polenz verſuchte einige begütigende Worte, die Prä⸗ ſidentin aber war nicht geneigt, ſich ſelbſt zu entſchul⸗ digen. Schweigen wir davon, ſagte ſie, Geſchehenes iſt nicht zu ändern; wenn man ſich beſſern will, ſo muß man mit Ernſt und Strenge an das Kommende denken, ſo ſagt Bernauer. Aurelie iſt in ihrem Zimmer, ich habe meine Noth mit ihr und fühle es immer mehr, wir paſſen nicht länger zuſammen, denn unſere Lebens⸗ anſichten ſind zu verſchieden. Haben Sie Randau heut geſehen? Nein, ſagte Polenz. Der hat ſich auch verändert, fuhr die Dame fort, er hat mir geſtern ganz und gar nicht gefallen. Streit⸗ ſüchtig, rechthaberiſch und ein Freigeiſt war er immer; heut habe ich jedoch von Bernauer erfahren, daß eine Schrift von ihm herrühren ſoll, die gegen das Chriſten⸗ thum gerichtet iſt, und daß er ſchon vor Jahren allerlei Auffätze für gottloſe Journale ſchrieb, die man, Gott ſei Dank! jetzt verboten hat. Bernauer ſagte das in Aureliens Gegenwart; er kennt Guſtav, denn er hat mit 38 ihm ſtudirt, da hätten Sie hören ſollen, wie ſie ſich ſeiner annahm. Es war ein förmlicher Streit, ich ging zuletzt davon; ſo etwas muß man in ſeiner Fa⸗ milie erleben; aber ſtill;— ja wirklich er iſt noch hier. Sie waren Beide durch die Wohnung gegangen, und jetzt öffnete Polenz die Thür und trat mit der Präſidentin in Aureliens Zimmer, aus dem ihnen der tiefe volle Klang einer männlichen Stimme entgegen ſcholl. Aurelie ſaß mit lebhaft erregtem Geſicht auf einem der großen Sammetſtühle, an deſſen Lehne ein grauer Papagei auf⸗ und abkletterte und auf ihre ausgeſtreckte Hand ſtieg. Vor ihr ſtand ein Tiſchchen mit Chocolate und Bisquit bedeckt, und jenſeit deſſelben ſtützte ſich ein ſchwarz gekleideter Herr auf den Conſol des Spiegels. Sein ernſtes Geſicht hatte nichts bemerkungswerthes als das leiſe Lächeln, das dann und wann von den ge⸗ kniffenen Mundwinkeln über die ſchmalen Lippen zu laufen ſchien, wenn er ſprach, und doch ſchnell wieder dem Ernſte wich, wenn er ſeine geſenkten Augen aufhob, 3 die groß, dunkel und feurig waren. Als die Thür geöffnet wurde, drehte er ſich ein wenig und machte gegen die Eintretenden eine kleine ein ine Verbeugung, welche ſehr gegen die Lebendigkeit abſtach, mit der Aurelie lachend rief: Ich bitte Sie, Herr Ber⸗ nauer, dieſen ſündenvollen Herrn da mit friſchen Ruthen zu züchtigen. Er hat geſtern getanzt, wie ein Bachant, und ſeine Verblendung ſo weit getrieben, mich mit Schmeicheleien und Verlockungen aller Art bis zum Entſetzen zu quälen. Mein guädiges Fräulein, erwiderte der Geiſtliche, in ſeiner geheimnißvollen Art lächelnd, aber mit welt⸗ männiſcher Höflichkeit, dieſe Anklage zeugt gegen Sie. Wer konnte ſolche Verlockungen hervorrufen, und meinen ſonſt ſo einſichtsvollen und ruhigen Freund in dieſe Auf⸗ regung des Bluts verſetzen? Allerdings, ſagte Aurelie, dieſe Schuld muß ich mir beimeſſen. Ich will ihm nie wieder Gelegenheit dazu geben. Iſt das nicht ein eitles Verſprechen? fragte Ber⸗ nauer. Ein Verſprechen, das wenigſtens ſchon jetzt das Gegentheil bewirkt, fiel Polenz ein, weil es kränkend für einen Freund iſt. Der Antheil, den wir erwecken, regt die Herzen auf, daß ſie ſchneller ſchlagen, und wenn ich geſtern Sie wirklich quälte, ſo war es nur dem Antheil zuzuſchreiben, den mein Herz empfand, das in dem Ge⸗ 40 danken lebte, Ihr Glück und Ihre Frende erhöhen zu helfen. Mehr Zucker, mehr Zucker! rief der Papagei, ſeinen Kopf an Aureliens Geſicht ſtreichelnd. O du kluges Thier, ſagte dieſe; aber wirklich, Herr von Polenz, ich habe Urſach Ihnen dankbar zu ſein. Sie haben mich vortrefflich unterhalten. Polenz glühte und der Blick des ſchwarzen Herrn ſtreifte fragend über ſeine Geſtalt. So ſind die Frauen unſerer Tage, begann er dann. Aller Antheil, alle Er⸗ regung der Herzen iſt ihnen nichts als Unterhaltung, und mit dieſem einzigen kleinen Worte bezeichnen ſich in ſchrecklicher Weiſe die Zuſtände der Gegenwart, der die Innigkeit des Gemüths und der Empfindungen leerer todter Schall geworden ſind. Ach, wie wahr iſt das! rief die Präſidentin da⸗ zwiſchen. Die gute alte Zeit iſt ganz und gar vor⸗ über. Die Einfachheit und die Sitte der Väter und Mütter, fuhr Bernauer fort, die Treue und die Kraft, die De⸗ muth und der Gehorſam, das ſchöne Familienleben in der Stille, davon weiß Niemand etwas mehr. Es muß ſehr langweilig geweſen ſein, ſagte Aurelie. Nicht wahr, Lorchen?— Dummer Menſch, dummer das krſ gen un Un un nen errn uen ung, i erer 41 Menſch! rief der Vogel und ſchlug mit den Flügeln, indem er den Kopf ſchlangenhaft um ſeinen Hals bog. Thue doch das alberne Thier fort, befahl die Prä⸗ ſidentin ärgerlich. Laſſen Sie den klugen Vogel immer gewähren, ſagte der Geiſtliche; auch er gehört zur Repräſentation der 3 Gegenwart. Langeweile, Unterhaltung! Da haben wir die beiden gewaltigen Hebel des ganzen Getriebes. Und warum Langeweile? Weil die innere Leerheit ſo fürch⸗ terlich iſt. Darum der wüſte Drang nach Genuß, nach Zerſtreuung, nach Allem was die unendlichen Stunden aüsfüllen kann. Darum iſt auch jedes Mittel recht, jeder Sinnenkitzel, jede Luſt, wenn ſie nur über die Lange⸗ weile des Lebens, über die Langeweile der Moral und Tugend hilft. Ach wäre nur der Profeſſor hier, ſpottete Aurelie, das wäre ein Capitel für ihn. Hat er mir doch neulich 6 erſt mit tauſend Gründen erklärt, daß es immer beſſer geworden ſei in der Welt von den älteſten Zeiten an, und was wußte er an Geſchichten von der Rechtsloſigkeit und Unſittlichkeit vergangener Tage, von den argen Vor⸗ urtheilen und Lächerlichkeiten der Menſchen in jener guten alten Zeit zu erzählen. Berufen Sie ſich auf ſolche Beweiſe erwiderte Ber⸗ 42 nauer lächelnd, dann könnten Sie mit demſelben Rechte auch Ihren Couſin anführen. An ihm finden Sie den wahren Vertreter alles modernen Fortſchritts, den wahren Verächter aller ſogenannten Vorurtheile. Der arme Couſin! lachte Aurelie. Er tanzt nicht, predigte immer Moral, lachte von Kindesbeinen an wenig oder nie; war ſtets ſo ſtill, ſo verſchloſſen, ſo tugendhaft geſinnt, wie ein Heiliger, und hat dennoch von je an allerlei Feindſchaft der Gutgefinnten zn beſtehen gehabt. Nun iſt er kaum zurückgekehrt und ſchon wieder fällt man über ihn her, ſchmäht ihn, verketzert und verdammt ihn. Iſt das nicht ſeltſam? Ein allgemeines Urtheil muß ſtets doch einige be⸗ gründete Urſach haben, ſagte der Geiſtliche lächelnd. Und wer ſind die Richter? fragte das Fräulein, den ſchwarzen Herrn betrachtend. Unſer Geſpräch nimmt eine ernſthaftere Wendung als nöthig, erwiderte dieſer, mögen wir es daher ab⸗ brechen.— Sie nehmen an Ihrem Verwandten leben⸗ digen Antheil, auch mir iſt er einſt ein Freund geweſen. Ein Richteramt maße ich mir nicht an, unſre Wege liegen zu weit getrennt; was ich jedoch von ſeinem Wandel weiß, läßt mich bechten, daß er, der ſtets die Verhältniſſe mißachtete und init vagem Denken über jede Stt dint ſinn wohl beleid den wohl beſte ſin, ige Lid übe Ver echte Satzung ſchweifte, die feurige Lobrede nicht ganz ver⸗ den dient, welche ſie ihm widmeten. hrn Aurelie fühlte ihr Geſicht erglühen, während Ber⸗ nauer ſprach, deſſen Blick und Ton der Rede überein⸗ icht, ſtimmend einen Ausdruck erhielten, als verſtände er ſehr enig wohl, weshalb ſie Randau vertheidige. Sie fand es heft beleidigend und ihr Stolz regte ſich. Da Niemand für an den Abweſenden zeugen will, ſagte ſie, ſo muß ich es abt. wohl thun, und wie ich glaube kenne ich ihn auch am ält beſten. Im Uebrigen ſollte meine Rede keine Lobrede umt ſein, aber ich will nicht hören, daß man dieſen Pre⸗ diger ſtrenger Sitte, dieſen pedantiſchen Hofmeiſter aller i Leidenſchaften, ihn der um Alles in der Welt keinen un⸗ überlegten Streich verübte, für einen Helden moderner Verirrungen ausgiebt. Der ſchwarze Herr machte eine lächelnde Verbeugung 8 und ſchien ſich empfehlen zu wollen, als plötzlich draußen ab⸗ ein Geräuſch entſtand und Aurelie lebhaft aufſtehend 5 ſagte: Bleiben Sie, ich müßte mich irren, oder es iſt Guſtav ſelbſt. Sie ſollen auf der Stelle ihr Urtheil ändern. Im Augenblick wurde die Thür geöffnet und über⸗ raſcht blieb das Fräulein ſtehen. Es war der Erwar⸗ tete allerdings, aber er kam nicht allein; denn an der 44 Hand führte er eine Dame, ſo jung, ſo fremd, das liebliche Geſicht ſo voll ſchaamhafter Verwirrung, daß die ſchöne ſtolze Aurelie eine Regung des Schreckens, eine eiferſüchtige Regung, empfand. Die ruhige Kälte, mit welcher Randau ſie begrüßte, das Lächeln in ſeinem Geſicht, zerdrückte dieſe Empfin⸗ dung ſchnell. Meine theure Tante, ſagte Randau, in⸗ dem er auf die Präſidentin zuging und ihre Hand küßte, geſtern ward ich durch einen Zufall hergeführt, als ich kaum aus dem Wagen geſtiegen war. Ich mußte allein kommen und fand keine Gelegenheit Ihnen zu vertrauen, warum ich Sie ſo ſchnell wieder verließ. Die Urſach ſteht vor Ihnen, hier haben Sie ſie. Die Präſidentin ſah ihn ganz verwirrt an, indem ſie vor der fremden Dame eine anſtandvolle Verbeugung verſuchte. Sie errathen es alſo nicht? fuhr ihr Neffe fort, ſo muß ich mich denn erklären: Hier haben Sie meine ge⸗ liebte Marie— meine Frau!— Hätte Randau in dieſem Augenblick Aurelien angeblickt, er würde ſie todtenbleich und zitternd von einem jähen Entſetzen ge⸗ ſehen haben, in der nächſten Minute trat eine blutige Röthe auf ihre Stirn. Unglauben, Zorn, Verachtung, ein rachſüchtiger Schmerz ſchimmerte in ihren Augen. das daß ckens, rüßte, npfin⸗ , in⸗ küßte, ls ich allein auen, rſach mſie gung t, ſo e ge⸗ m in ſie e lutige tung, lugel 45 Es iſt nicht wahr! rief eine Stimme in ihrem Herzen, es iſt unmöglich! Er lügt, er will dich betrügen! und mit gierigen Blicken prüfte ſie das unbekannte Weib, das Haß, Neid, Spott und wegwerfenden Hohn in ihr erregte.— Die Fremde war von zierlicher Geſtalt. Ein rundes volles Geſicht ruhte zwiſchen dunkelblonden Flechten, ein paar hellſchimmernde blaue Augen blickten wie lichte Sterne daraus hervor. Kindlich verwirrt hatte ihre Aengſtlichkeit etwas Rührendes. Sie hielt die Hände feſt zuſammengepreßt und ſchmiegte ſich an ihren Beſchützer, als wüßte ſie, daß er ganz allein ihr Hort und Schirm hier ſei. Ein Lächeln ſchwebte in ihren Zügen, die weder ausdrucksvoll noch ſchön, aber voll natürlicher Güte und Milde, um Nachſicht und freundliche Aufnahme zu flehen ſchienen. Und einfach wie dieſe Erſcheinung waren ihr Gewand und ihr Schmuck. Ein Hütchen, keinesweges von der modernſten und eleganteſten Art, ein Kleid, dem man es anſah, der Schnitt ſei jetzt erſt in die Provinz gedrungen, woher es ſtammte, ein Shawl der gewöhnlichſten Sorte, kurz ganz und gar ein Aus⸗ putz, der die Gefühle des Mitleids bei jeder Dame von gutem Ton erregen mußte, und dennoch hatte dies ſcheue, verwilderte, geſchmackloſe Weſen, einen Mann 46 bethören können, der Aureliens eiferſüchtigen Schmerz erregte. Während Randau ſprach, überlegte ſie das Alles, und immer glühender wurde ihr verächtlicher Grimm, während ihre Mienen ſich freundlich glätteten, und ein Lächeln auf ihre Lippen trat. Erzählen will ich Ihnen mit wenigen Worten Alles, ſagte Randau. Ich kehrte aus der Schweiz zurück, wurde in Erfurt krank, lernte Marie kennen, ging als ich wieder geſund ward mit ihr ſpazieren; fragte mitten in ihrem Geplauder einmal, ob ſie mich liebe?— Ja! — Ob ſie mich heirathen wolle? Ja!— Hierauf hei⸗ rathete ich ſie und bin nun zurückgekehrt, um meinem Glück und meiner Liebe zu leben. Die Präſidentin war in großer Verlegenheit. Sie hätte gern ausgeſprochen, was ſie dachte; ſich beklagt, deutungen belohnt, aber ſie war ſo verwirrt, daß ſie mechaniſch die Arme ausbreitete und in zärtlichem Tone rief: Welche freudige Ueberraſchung, das muß ich ſagen! Aber ſeien Sie mir herzlich gegrüßt, Gott ſegne Sie, meine liebe, liebe Nichte!— Aurelie— ſie ſah ſich mit großen erſtaunten Augen nach ihrer Tochter um und hmerz ie S llagt, An⸗ ß ſie Tone agenl Sie, ch nit nund ie ni 47 der holdeſten Freundlichkeit die junge Frau küßte und wieder küßte, ſie lächelnd betrachtete, und dann den Kopf mit ſiegender Stärke zu ihrem Couſin aufhebend ſagte: Ja welche glückliche, welche ſchöne Ueberraſchung be⸗ reiteſt Du uns, Guſtav. Das war alſo Dein Ge⸗ heimniß? Darum dieſe Unruhe, darum Dein unerklär⸗ liches Davoneilen! Nun erſt habe ich Dir Alles ver⸗ ziehen, Alles! und mit wahrer Freude heiße ich Dich willkommen. Liebe Aurelie, ſagte Randau, Du entzückſt mich, aber Du überraſchſt mich nicht. So habe ich es mir gedacht, ſo habe ich Marien den Empfang geſchildert, und ihr eine Freundin, eine Schweſter verheißen, die ſie lieben und in Manchem belehren würde. Wir wollen Beide lernen, erwiderte das ſchöne Mädchen mit neuen Liebkoſungen, ich leſe in dieſen Vergißmeinnichtaugen, daß ich zur Schülerin werden muß. Aber wir wollen uns lieben und ehren, meine theure, liebe Couſine, und wenn Sie Freundſchaft brauchen wie ich dieſe geben kann, ſo ſollen Sie Alles haben, was ich davon beſitze. Wenn Sie mir nur ein klein wenig gut ſein wollen, flüſterte die junge Frau ſchüchtern, und ihre Augen erhielten einen feuchten Glanz, ſo habe ich nichts mehr zu wünſchen. ——— —— —— — 48 Aber ich vieles, ſehr vieles! rief die Tochter der Präſidentin mit Heftigkeit und ſie umarmten ſich von neuem. Plötzlich aber wendete ſich Aurelie zu Randau, und indem ſie die flatternden gelöſten Locken von ihrer Stirne ſtrich, ſagte ſie: Du glaubſt, ich könnte Dich nicht überraſchen, Guſtav, doch eben das, was Dich über⸗ raſchen ſoll, erregt dieſe glückliche Zufriedenheit in mir. Du haſt Dich vermählt, ohne uns ein Wort zu berichten. Seit wie lange haſt Du Deine kleine Frau? Seit zwei Monaten. Undankbarer, verſetzte ſie ſchnell, ich will Dich be⸗ ſchämen. Wiſſe denn, daß auch ich in den heiligen Stand der Ehe zu treten denke, und ſeit geſtern Abend mich verlobt habe mit— Mit Polenz! Aurelie ſtreckte die Hand uach dem Freiherrn aus. Ja, mein Freund, ſagte ſie, geſtern war der Tag der Entſcheidung, aber ein längſt vorbereiteter, längſt von Wünſchen und Hoffnungen erſehnter Tag. Liebe Mama, Sie wiſſen es; lieber Waldemar, was ſollen wir es länger verhehlen. Wir liebten uns längſt, wir wußten, daß unſere Seelen ſich gehörten und freudetrunken, freude⸗ rtrunken— Polenz hielt die ſchöne ſtolze Braut in ſeinen 1 der von ndau, ihrer Dich über⸗ mir. kleine ligen lbend aus. der von m, ir es ußten, reude⸗ ſeine 49 Armen, ſeine Küſſe ſchloſſen ihren Mund— gehöre ich ihm an! rief Aurelie endlich. Die zahlreichen und verſchiedenen Ausrufungen, welche die nächſten Minuten füllten, reichten hin, Aureliens heftige Aufregung zu beſänftigen. Ein tiefes geſättigtes Gefühl des Stolzes füllte ihr Herz, das freudig ſchlug, weil ihre Augen in Guſtavs Geſicht Zeichen der Be⸗ ſtürzung und ſelbſt ein ſchnelles Erblaſſen wahrgenommen hatten. Er iſt ſo angegriffen, daß er kaum eine äußere Freundlichkeit heucheln kann, flüſterte ſie ſich zu, als Randau ihr Glück gewünſcht, und wie er zu Polenz be⸗ deutungsvoll ſagte: Biſt Du nun zufrieden, Waldemar? Sei es immer,“ da empfand ſie einen Triumph, der ihr den Muth gab, der Präſidentin um den Hals zu fallen und mit glühendem Geſicht zu rufen: Meine geliebte Mama, ich bin glücklich. O! Verzeihung, wenn ich Dich je betrübte. Deinen Segen für Dein Kind, für eine Zu⸗ kunft, die freudenvoll mich erwartet.— Wenn Aurelie kindlich bat, war ſie unwiderſtehlich für die Präſidentin. Einen Augenblick vorher ſchien dieſe erſchrocken und er⸗ zürnt über Alles, was gleichſam zauberhaft hier vor⸗ ging. Sie wollte Einwürfe machen gegen die raſchen Entſchlüſſe ihrer Tochter, jetzt war ſie gänzlich verſöhnt. Sie faltete die Hände und weinte. Mein himmliſcher Th. Mügge, Romane W. 4 — —— ——— S— S —— 50 Vater, ſagte ſie, wie fügſt Du Alles gut und weiſe nach Deinem höchſten Willen. Wie manchmal habe ich heimlich gebetet und gewacht, und mich gegrämt, daß ich ſterben könnte und mein einziges Kind dann einſam auf der Welt zurückließe; denn Aurelie ſchien Herz und Augen geſchloſſen zu haben vor den Wünſchen aller, die ihr zu gefallen ſuchten. Nun hat der Himmel ihr Herz geöffnet, und ich will es preiſen und ſegnen. Lieber Polenz, ich lege Aureliens Hand in die Ihre. Führt Beide ein ſchönes, ein frommes und liebereiches Leben; ihr ſeid ein paſſendes Paar und werdet Freude und Glück auf Erden genießen. Amen! ſprach der Hülfsprediger, der mit gefalteten Händen daneben ſtand und über deſſen blaſſes Geſicht das ſtille Lächeln lief. Aurelie begegnete ſeinem Blick, es war ein einziger ſcharfer und vielſagender. Wer hatte Recht? ſchien er zu fragen. Ich, der ich dieſen Menſchen kannte, welcher alle Satzungen der Welt ver⸗ höhnt, oder Du, die ihn als Tugendmuſter pries? Und leiſe nickte ſie ihm zu und ſenkte ihr Auge tief nieder, denn dieſem Beobachter war nichts entgangen; ſie wußte es, er hatte ſie durchſchaut. Randau hatte jetzt den ſchwarzen Herrn als ſeinen alten Univerſitätsfreund erkannt und vertraulich ange⸗ 1 — 51 redet. Die Unterhaltung wurde lebhaft und allgemein, ſie verbreitete ſich über Vergangenheit und Zukunft, über die Verhältniſſe der einzelnen Glieder dieſes Kreiſes zum Leben der Geſellſchaft, und während deſſen führte Aurelie ihre neue Freundin in der prächtig geſchmückten Wohnung umher, und ergötzte ſich an den Ausrufungen ihrer Bewunderung über die vielen ſchönen und theuren Gegenſtände. Wie glücklich ſind Sie! rief Marie mehrere Male entzückt von dem, was ſie ſah. Sie haben alſo dieſe Herrlichkeiten nicht in ſo reicher Fülle beſeſſen? fragte Aurelie. O nein, erwiderte ſie ſchüchtern. Meine Eltern hatten kein Vermögen; ich wurde ſehr ſtill und einfach erzogen. Und nennen Sie es kein Glück, liebe Marie, den Tand und Flitter des Lebens nicht kennen zu lernen, nicht lieben und vermiſſen zu lernen? Macht dieſe Ver⸗ wöhnung glücklich? Ich möchte mit Ihnen tauſchen. Die hellen Augen der jungen Frau glänzten in dank⸗ barer Freude. Wie gut Sie ſind, ſagte ſie leiſe. Sehen Sie, wie ich roth werde vor Schaam, lachte Aurelie, weil ich Ihre Anerkennung gar nicht verdiene. Ich bin nicht gut. In der großen Welt kann man 4* 52 nicht gut ſein, wenigſtens nicht ſo, wie Sie es verſtehen. Man ſicht dort, wie ein Soldat, alle Tage für ſein Leben, für ſeinen Ruhm, für die Bewunderung, die uns gezollt wird, und muß mit allen Waffen kämpfen lernen; denn die Menſchen ſind nicht gut, die meiſten ſind böſe. Glauben Sie das? fragte Marie. Gewiß, aber— Aurelie lachte heftig. Sie entzücken mich mit dieſer Naivität, meine liebe kleine Freundin; hüten Sie ſich vor böſen Erfahrungen, Sie ſehen gar zu lieb und unſchuldig aus. Sehen Sie, das iſt mein Bild. O! wie ſchön ſind Sie, rief Marie, das große Ge⸗ mälde im koſtbaren Rahmen betrachtend; ich begreife nicht, wie Guſtav— Was ſie ſagen wollte, blieb ihr auf der Zunge, aber eine dunkle Röthe überlief Kopf und Nacken, und ganz verlegen wagte ſie kein Wort, doch Aurelie errieth, was ſie verſchwieg. Sie begreift es nicht, wie Guſtav ſie vorziehen konnte, ſagte ſie ſich ſelbſt mit Gedankenſchnelle. Er hat ihr erzählt von früheren Tagen, ſich gerühmt viel⸗ leicht und ſelbſtgefällig erklärt, was ihn von mir getrennt. Guſtav und ich, ſagte ſie lächelnd, wir waren von jeher ð 53 entſchiedene Widerſacher. Meine Neigungen trafen auf ſeine Abneigungen, und namentlich was den feinen Ge⸗ ſchmack des Lebens angeht, ſo habe ich nie einen größeren Barbaren geſehen. Er würde ſich in Sackleinen kleiden, wenn es irgend anginge und die ganze Welt in ſolche Tracht ſtecken. Er liebt die Einfachheit, erwiderte die junge Frau⸗ Man bemerkt es, daß er ſich nicht geändert hat, ver⸗ ſetzte Aurelie mit einem lächelnden Blick auf Marie, den dieſe verſtand; denn ſie erröthete von neuem und ſagte verwirrt: Finden Sie, daß ich— ach ja, ich glaube es wohl, meine Garderobe iſt nicht nach der neueſten Mode. Aber was thut es, ſagte ſie muthiger, Guſtav findet mich hübſch in dieſem Kleide. Und damit iſt Alles erreicht, was Sie wünſchen, liebe Marie, ſchmeichelte die Freundin. Der Himmel erhalte Sie dabei, ſo wird der geſtrenge Herr viel Geld ſparen. Das ſoll er auch, verſetzte ſie fröhlich. Ich will ihm wenig koſten. So? Aber Guſtav iſt reich. Das hat er mir geſagt. Was ſoll er denn mit ſeinem Vermögen thun? Ich denke er kann damit gar viel Gutes thun. 54 Ol rief Aurelie, Sie ſind ein köſtlicher Erwerb für i alle Armen Suppen⸗ und Kinder⸗Bewahranſtalten, liebe o Marie; laſſen Sie das geringſte Wörtchen davon zu k den Gehörwerkzeugen des heiligen Bernauer kommen und n Sie ſind verloren. Die Welt will ihre Freude haben, v mein ſüßes Herz, und wenn ich auch gerne Gutes thun mag, ſo viel ich kann, ſo iſt doch vor allen Dingen v nöthig mich ſelbſt nicht zu vergeſſen. Wir wollen das weiter überlegen und ich hoffe, wir haben Zeit dazu. ſt ₰ Meine Hochzeit denke ich bald zu feiern, ſobald nämlich d die Einrichtungen dazu getroffen ſein können. Die Mama ſt wird uns jedenfalls die Wohnung räumen und hinunter⸗ ziehen, dann will ich dies Haus einrichten nach meinem 4 Geſchmack und wir wollen, alle Einfachheit in Ehren, Feſte feiern, die Ihnen gefallen ſollen. Guſtav will den Reſt des Winters hier bleiben und 6 im Frühjahr ſein Gut bewohnen, erwiderte die junge ſi Frau. Das alte finſtere Haus und das alte Gut im Walde, b ſo einſam wie mitten in einer Sahara. Wir müſſen uns dagegen verſchwören. Ich bin ja immer bei ihm, ſagte Marie lächelnd, da iſt es nicht einſam und ich freue mich darauf jeden 51 Morgen. Wenn Sie wüßten wie wir leben und uns 55 lieben. Guſtav ſitzt bei mir, er lieſt, er trinkt Kaffee oder Thee und raucht; ich höre was er ſpricht, was er erzählt; nähe, ſtricke, arbeite, das und das, und ſteche mir die Finger wund, weil ich nicht Acht gebe und weil— Nun weil? rief Aurelie mit einer zitternden Be⸗ wegung, die ſie vergeblich ganz zu beherrſchen meinte. Weil er mir das Blut dann fortküßt, ſagte ſie ſchelmiſch leiſe, und weil er ſchmält und lacht und lobt, daß ich ſo fleißig bin, wie er ſagt, und meine Finger⸗ ſpitzen ſo rauh durchſtochen ſind. Mit einem Blick voll ſchneidendem Hohn ſah Aurelie auf die Finger der jungen Frau, dann lachte ſie laut und rief: Wirklich, o! wie allerliebſt. Er küßt das Blut von dieſen zerſtochenen Fingern. Liebe kann Alles! Sie ſind ſehr glücklich, theure Marie; es iſt verführeriſch ſich das auszumalen. Die Finger mag man ſich zer⸗ ſtechen, nur nicht das Herz. Davor wollen wir uns behüten! II. Die Rückkehr des jungen Randau in die Hauptſtadt war auf einige Zeit Gegenſtand der Unterhaltung in 56 vielen Kreiſen, die nicht wenig durch die beigefügte Nach⸗ Fr richt, der Verlobung Aureliens mit dem Freiherrn von ſi Polenz belebt wurde. Neugier und Scharfſinn übten i6 ſich in Combinationen zur Erforſchung der wahren Gründe in dieſes ſchnell gethanenen Schrittes, der Aureliens Freunde hor überraſchen mußte, weil manche ihrer früheren Aeußerungen z über den Bräutigam nicht damit übereinſtimmten. Man pn fand jedoch im Allgemeinen, daß ſie Recht gethan habe. He Polenz war ein feiner zur Geſellſchaft gehöriger Herr ſtn von höflichen Sitten, untadelhafter Geburt und dem Fr Weſen eines Mannes vom Stande. Man ſpöttelte über ve ſeine Bekehrung zur Andacht und prophezeite einen Ab⸗ us fall, ſobald er im erwünſchten Beſitz ſei; man unterſuchte die Gründe, welche Aurelie zu dieſer Heirath beſtimmten, je und fand, daß es Zeit für ſie geweſen an Entſchlüſſe zu g denken, die allerdings eine ſchnelle Reife erhalten haben jn mochten durch die Ankunft Randau's in Begleitung einer jungen Frau. Und dieſe junge Frau, dieſer ernſte, ſtolze, ſchweig⸗ ſame Mann waren die Zielpunkte aller Blicke und Beobachtungen. Selten zeigten ſich Beide, kaum anders als in dem Kreiſe ſeiner Verwandten, wo man alles aufbot, ſie freundlich zu empfangen und dies zur Schau zu ſtellen. Aurelie ſchien von der Abſicht erfüllt ihren 57 Freunden zu beweiſen, daß Marie ihr unendlich theuer ſei; ſie behandelte ſie mit der Aufmerkſamkeit und Zärt⸗ lichkeit, die man einem geliebten Kinde widmet, das nicht einen Augenblick ohne Pflege und Schmeichelwort ſein darf; zu gleicher Zeit aber war ſie unbefangen freundlich gegen Randau und voll glücklicher Vertraulichkeit für Polenz, der verloren in dieſen Beweiſen einer wahren Herzensneigung auf dem Gipfelpunkt ſeiner Hoffnungen ſtand, und im Gefühl ſeiner Dankbarkeit Randau mit Freundſchafts⸗ und Dankbarkeitsbeweiſen überhäufte, welche dieſer jedoch thunlichſt ablehnte und ſich ſo viel als möglich zurückzog. Ich muß dieſe Menſchen überzeugen, ſagte Aurelie jeden Abend leiſe, wenn ſie allein war. Man darf nicht glauben, daß ich je die Abſicht hegen konnte mich um jenen Thoren zu betrüben, zu übereilen, mich ſelbſt zu verrathen. Und in Wahrheit, es wäre thöricht; denn Polenz iſt mir theuer, er wird es in immer höherem Grade werden. Er liebt mich und warum ſollte ich dieſe Empfindungen nicht theilen? Warum etwa an ein eigenſinniges, verrätheriſches Weſen meine Gedanken, meine Zukunft klammern, die nichts mehr davon zu hoffen hat?— Muß ich an ihn denken? Ich will ihn ver⸗ 58 geſſen und dann— Er wird unglücklich ſein! ſagte ſie mit einem leiſen Lächeln. Man hatte viele Verſuche gemacht dies junge Paar in einen größern Kreis von Geſellſchaften zu ziehen und ſomit die Thüren des Hauſes zu öffnen, in welchem ſie zurückgezogen lebten, allein alle Anſtrengungen ſcheiterten. Randau hatte zwar in aller Schnelle ſeine Wohnung einrichten laſſen und mehr dafür gethan, als Aurelie vermuthete; denn er hatte nichts geſpart, um alles be⸗ quem und vieles ſelbſt glänzend herzuſtellen, doch nichts konnte ihn bewegen, ſeine Säle für die gewöhnlichen Freuden der großen Welt zu erleuchten. Sein Umgang beſchränkte ſich auf wenige Freunde, auf den Profeſſor 4 Sydow, auf ein paar ſtille kaum bekannte Familien und auf die Verbindung, welche er mit ſeiner Tante unter⸗ hielt. Es konnte nicht fehlen, daß die Präſidentin ſich öfter bei ihm ſehen ließ und abwechſelnd bald eben ſo lautes Lob und frohe Hoffnungen, wie Klagen und ſcheltende Worte über Aurelien mitbrachte. Nach dem Teſtament ihres Vaters war dieſe mündig zu erklären, ſobald ſie ſich verheiratete, ihr ganzes reiche Erbe, das durch den Tod einer Verwandtin anſehnlich vermehrt war, fiel ihr zum freien Schalten zu; ſo folgte ſie denn ungeſtört ihren Eingebungen und ihren Launen, und ſchien 59 Gefallen daran zu finden, durch Aufwendung des mög⸗ lichſten Glanzes bis in die Creme der Creme der Ge⸗ ſellſchaft ein eiferſüchtiges Gefühl der Bewunderung zu erregen. Mehrere Monate vergingen in dieſen Bemühungen. Das Haus war umgekehrt und ſtand nun ſtrahlend im modernſten Geſchmack, während die Präſidentin mit ihren altväterlichen Schätzen ſich in das untere Geſchoß gerettet hatte, und dort das Eine auf das Andere häufte, um nichts davon aufzugeben. Es war ihr größter Schmerz, zu ſehen, wie die ſchweren Mobilien, welche zehnmal mehr gekoſtet, als alle der Flitterkram, wie ſie ihn nannte, ſo verächtlich behandelt wurden, und ſie ſchüttete ihren Kummer über dies Treiben endlich einige Tage vor dem Hochzeitsfeſte ihrer Tochter vor ihrem Neffen aus, den ſie beſuchte. Ich bin den Kindern gern gewichen, ſagte ſie, und hatte an dem würdigen Herrn Bernauer einen redlichen Beiſtand, wenn mein Gemüth beſchwert war. Wie er in allen Dingen Frieden, Eintracht und Liebe predigt, ſo hat er mich auch ſtets ermahnt, es wohl zu beachten, daß ich nirgend ein Aergerniß geben und was nicht zu ändern, geſchehen laſſen möge. Aurelie iſt zu weltlich geſinnt und zu eigenwillig, ſie iſt aber Herrin in dem 60 was ſie thut, und bis ein höheres Licht ihre Angen öffnet, wird ſie den Pfad der Sinnenluſt wandeln. Nun Gott gebe ihr Glück und Erkenntniß. Sie wird beides haben, erwiderte Randau beruhigend. Sie liebt Polenz und dieſer kann wohlthätig auf ſie ein⸗ wirken. Ob ſie ihn liebt! rief die Präſidentin, wer kann das bei dieſem wankelmüthigen Mädchen wiſſen? Geſtern traf ich ſie in Thränen. Mit ganz roth geweinten Augen ſaß ſie in dem Zimmer, das ſo neumodiſch ab⸗ ſcheulich an den Wänden mit Tapeten von Schmelz und ausländiſchen theuren Stickereien bedeckt iſt. Um des Himmelswillen, Aurelie, rief ich erſchrocken, was ſoll das bedeuten? Was fehlt Dir? Haſt Du Schmerzen, mein liebes Kind?* Hier, ſagte ſie, und drückte die Hand auf's Herz. Wie iſt das möglich? fragte ich ängſtlich, Du haſt ja Alles was Dein Herz begehrt. Du biſt wie eine Fürſtin, wie eine Königin eingerichtet mit aller Pracht der Erde, und reichſt Deine Hand einem Manne, der Dich liebt und den Du Dir gewählt haſt. O! Mutter ich bitte Dich, rief ſie mit größter Heftigkeit, was Du ſagſt, höre ich täglich, ſtündlich, ich ſage es mir ſelbſt; aus jedem Winkel ſchreit es mir eine lh 6 wied von ihre E übe rah obe das au abe mit fnet, Gott end. ein⸗ das ſtem nten ab⸗ und des das mein erz⸗ haſt eine racht der ößiter 61 eine Stimme zu und doch— ſie trocknete plötzlich die Thränen ab, fiel mir um den Hals und fing an zu lachen. Mir wurde wirklich bange um ihren Verſtand. Da kam endlich Polenz, fuhr die Präſidentin fort, als Randau nichts erwiderte, und nun wurde Aurelie wieder, wie ſie immer iſt. Sie ordnete, befahl, plauderte von der Zukunft, ſcherzte und der gute Polenz ertrug ihre kleinen Neckereien mit muſterhafter Liebe und Güte. Er iſt herzensgut, Bernauer lobt ihn auch ſehr und iſt überzeugt, es wird mit der Zeit Alles vortrefflich ge⸗ rathen, weil es ſo leicht kein ſo paſſendes Paar gebe, aber— Sie ſprach ihre letzte Beſorgniß nicht aus, denn durch das Fenſter blickend ſah ſie Aurelien mit einer Freundin aus dem haltenden Wagen ſteigen, zu ihrem Erſtaunen aber waren beide Damen von Bernauer begleitet, der mit ihnen in's Haus trat. Randau empfing die Eintretenden mit gaſtlicher Freundlichkeit. Aurelie aber rief ihm lebhaft zu: Wo iſt Marie? Wo haſt Du meine kleine Schweſter? Ich habe Wichtiges mit ihr zu überlegen, ihren Rath in Anſpruch zu nehmen. Es handelt ſich um die Löſung eines höchſt ſchwierigen Staatsgeheimniſſes. In dem Augenblick trat die Geforderte herein; Aurelie 62 flog ihr entgegen und prallte zurück. Marie im Haus⸗ kleide, ein Schürzchen darüber, am blanken Haken ein Schlüſſelbund und in der Hand ein Kaffeebrettchen mit Taſſen, kam ihr vor, wie eine aufwartende Haus⸗ hälterin. Allerliebſt! rief ſie. Wo kommſt Du denn her? Aus der Küche, liebe Mnelie, ſagte die junge Frau. Ich habe ſelbſt für Deine Mutter den Kaffee bereitet. Das nenne ich eine Häuslichkeit, rief das Fräulein ſie betrachtend, von der man etwas lernen kann; doch jetzt haben wir höhere Intereſſen zu berathen, darum fort mit dem abſcheulichen Kaffeegeräth. Sie führte ſie an den Tiſch, deckte einen Carton auf, den der Bediente hereingetragen, und zeigte ihr drei Spitzenſchleier von hohem Werth, welche darin lagen. Es frägt ſich, welchen ich zu meinem Brautſchleier wählen ſoll, ſagte ſie. Sidonie und ich, wir ſind nicht derſelben Anſicht; wähle Du Einen für mich, entſcheide Dich für dieſen oder jenen, ich will es als eine Art Gottesurtheil betrachten. O! wie ſchön, wie herrlich, rief die junge Frau be⸗ wundernd, es iſt ſchwer darüber zu urtheilen. Plötzlich ſagte Aurelie: Und Du, was haſt Du denn an Deinem Hochzeitstage getragen? 63 Ich! erwiderte Marie verlegen, ich trug keinen Schleier. Alſo die unſchuldsvolle Myrthenkrone nach guter alter Sitte, fiel Aurelie ſpöttiſch ein. Nein, liebe Aurelie, auch keine Mhrthe, ausgenommen einen kleinen Zweig, den ich von einer Freundin erhielt. Sie erröthete vor den durchdringenden Blicken der beiden Damen und ſagte dann haſtig: Es war Sommer, Guſtav pflückte im Garten zwei Roſenknospen und zwei Veilchen, die ſich verſpätet hatten. Er ſteckte ſie mir ins Haar und ſagte: Das ſind Deine Lippen und Deine Angen, Marie, Dein Herz aber ſoll der kleine Myrthen⸗ zweig bedeuten, der ſo hoffnungsvoll und klar aus Deinen Locken ſchimmert. Augen, Lippen und Herz ſollen ewig mir gehören, nun komm.— So gingen wir in die Kirche, aber den kleinen Strauß habe ich nech; er iſt freilich welk, doch ich liebe ihn ſehr. Aurelie und Fräulein Sidonie ſahen ſich an und lachten dann ausgelaſſen, bis Aurelie nach manchen ſcherzenden Fragen und Liebkoſungen wieder auf die Spitzenangelegenheit zurückkam, und Marie endlich für ſie einen Schleier wählte, der der einfachſte, aber der theuerſte war. Randau hatte indeß mit dem Hülfsprediger und der — — — —— 64 Tante eine ernſthaftere Unterredung geführt, denn Ber⸗ nauer erklärte ihm zuvörderſt, wie es gekommen, daß er bei ihm ſo unerwartet erſchienen ſei. In einem ent⸗ fernten Theile der Stadt war er dem Wagen der Damen begegnet, man hatte ſich gegrüßt, gehört daß er die Präſidentin zu beſuchen gedenke und er war nun eingeladen worden, Aurelien zurück zu begleiten. Was der Zufall mir günſtig heut zuwendete, ſagte der Hausherr höflich, hoffe ich ſpäter von unſerer alten Freundſchaft. Wir haben Manches was zu Anknüpfungs⸗ punkten dienen kann und Stoff zum Gedanken⸗Austauſch giebt. Der Hülfsprediger machte eine Verbeugung und ſprach einige leiſe Worte über die Menge ſeiner Berufs⸗ geſchäfte. Sie leben, wie ich höre, ſehv einſam und häuslich, ſagte er dann. Vielleicht erinnern Sie ſich, erwiderte Randau, daß ich nie lärmender Geſellſchaft Geſchmack abgewinnen konnte und dieſe weit mehr floh, als ſuchte. Aber jetzt, fragte Bernauer lächelnd, wo eine junge Frau Zerſtreuung fordert. Sie irren ſich, fiel der Hausherr ein. Marie denkt wie ich; ihre einfachen Gewohnheiten ſind nicht für das laute Welttreiben geſchaffen. 65 Ber Welch ein Glück, ſagte der Prediger, wenn in unſerer aß er Zeit edle Häuslichkeit hoch gehalten wird. Es gehört ent⸗ dazu eine Erziehung, wie man ſie ſelten findet. Ihre der Frau Gemahlin iſt in Erfurt geboren? dß Ja. nun Es leben in dieſen altgermaniſchen, waldigen Bergen Thüringens noch viele kernfeſte Nachkommen unſerer ſagte Väter. Wenn ich nicht irre, hörte ich, daß Ihre Frau 3 alten Gemahlin eine geborne Neuhaus ſei. 3 ngs⸗ So iſt es, Herr Bernauer. uſch Neuhaus, ſagte der Hülfsprediger, iſt mir ein wohl⸗ i bekannter Name. Es iſt ein alter Familienname, der 1 und ſeine hiſtoriſche Bedeutſamkeit hat. uft⸗ In Bezug auf meine Frau irren Sie gänzlich, er⸗ und widerte Randau und mit einem ſpöttiſchen Lächeln fügte 1 er hinzu: Sie haben ohne Zweifel auch gehört, daß ihr 1 daß Adel nur in ihr ſelbſt ruht. 6 men Herr Bernauer hob ein wenig den Kopf mit einer gewiſſen beiſtimmenden Bewegung. Ich erinnere mich, nge verſetzte er dann, der Vater war Geheimrath. Beamter, ja, doch iſt er todt und gleichviel was wir ent geweſen, wenn über alle menſchliche Thorheit ſich der das grüne Raſen deckt. Der junge Mann ſtund auf, die Adern auf ſeiner Stirn waren angeſchwollen; er ärgerte Th. Mügge, Romane IV. 5 ——— 2—— 66 ſich über die Fragen des ſpionirenden Predigers und ſchien ungeduldig zu ſein, ihnen zu entgehen. Zu ſeiner Hülfe erſchienen ſo eben die Damen, und über den erwählten Brautſchleier und über das Hoch⸗ zeitsfeſt, wie über viele andere naheliegende Dinge ent⸗ ſpannen ſich lebhafte Geſpräche, die alle Zeit ausfüllten. Erſt als Aurelie mit ihrer Freundin nach Haus fuhr, konnten ſie ungeſtört über die naiven Aeußerungen der kleinen Couſine lachen und ſpotten. Aber glaubſt Du, ſagte Fräulein Sidonie, daß dieſe köſtliche Natureinfalt wirklich Natur hei ihr iſt? Durch und durch Natur, erwiderte die Braut. Heut zu Tage wird es zuweilen als Mode mitge⸗ macht, ſeine Gefühle unumwunden auszuſprechen, ein altes Kind zu ſein und alle Weltſitte zu verachten. Was man nicht kennt, kann man nicht verachten, liebe Sidonie. Wo iſt ſie denn erzogen worden? fragte das Fräulein. Ich weiß es nicht, aber ich vermuthe, ſie iſt gar uicht erzogen worden. Fräulein Sidonie lachte ſehr über dieſe Bemerkung. Weißt Du denn gar nichts über ſie? fuhr ſie dann fort. Nichts, als ſehr Allgemeines. —— — 67 Das iſt doch ſonderbar. Ich würde ſehr neugierig ſein. nd Warum? erwiderte Aurelie nachläſſig, es lohnt ſich h⸗ wenig der Mühe. Was nützt es mir zu wiſſen, wie t⸗ ein unbedeutendes Leben ſich geſtaltete. n Ich denke, ſagte Sidonie ein wenig verwundert, Du hr, nimmſt beſonders großen Antheil an ihr. er Gewiß, o gewiß, rief Aurelie lebhaft, und eben des⸗ wegen thue ich, wie ich ſoll. Sie hat eine vortreffliche ſe Erziehung genoſſen in Allem, was man in beſchränkten Kreiſen verlangt. Sie kocht und bratet, ſie iſt erhoben durch das Gefühl, eigen geſtrickte Strümpfe zu tragen ⸗ und den feinſten Stich mit der Nähnadel zu thun.— in Meinetwegen. Mein Coufin mag ſich die Geſchichte dieſer langweiligen Virtuoſität erzählen laſſen und die Götter 3 n, dafür preiſen, ich ſchaudere davor und ſchlage mein Kreuz. 6 Die Präſidentin, welche bis jetzt ruhig zugehört, er⸗ 6 hob jetzt ihre Stimme: Es iſt nicht recht, mein Kind, ſagte ſie, die gute Marie deswegen zu verſpotten. Mag es auch wahr ſein, daß ſie ihrem Stande nach nicht ganz zu Randau paßt, vor Gott aber ſind wir Alle g. gleich. Gott betrachtet das Herz, und das hat ſie von t. oben erhalten. Wer zweifelt denn daran, Mama? verſetzte Aurelie. 5* 68 Das treue Herz, die veilchenblauen Augen, die Roſen⸗ knospen von Lippen, dazu die kleinen dicken Hände, die rothen runden Bäckchen, kurz Alles, Alles iſt ihr von oben gegeben, und wer kann denn ſagen, daß ſie nicht zu dem cher cousin paßte? Nie hat es ein paßlicheres Paar gegeben, nie ein häuslicheres innigeres Glück auf Erden. Es iſt ſündlich unrecht über ſeine Mitmenſchen zu witzeln, ſagte die Präſidentin mit einem ſtrafenden Seiten⸗ blick auf Fräulein Sidonie, vielweniger darf ein Ver⸗ wandter die Zielſcheibe ſein. Sie ſah den Hülfsprediger an, der aus ſeiner Wagenecke lächelnd erwiderte, daß dies der Lauf der Welt ſei, die im Argen liege. Und jeden Scherz legt dieſe arge Welt übel aus, erwiderte die Tochter der Präſidentin. Ich kann kein Unrecht dulden, ſagte die alte Dame eifrig. Marie verſteht nicht zu malen und italieniſch zu ſingen, oder neue Romane zu leſen; aber ſie lieſt dafür gute Bücher. Die Bibel lag in ihrem Zimmer, als ein theures Vermächtniß ihres ſeligen Vaters, wie ſie mir erzählte. Es muß ein frommer und gerechter Mann geweſen ſein, und muſikaliſch iſt ſie auch, ſehr n verſteht ſie zu ſpielen und zu ſingen. 69 Hat ſie Dir etwas vorgeſpielt? fragte Aurelie. Was denn? Einen Choral von Sebaſtian Bach, ſagte die Präſi⸗ dentin. Im Augenblick hielt der Wagen und die jungen lachenden Mädchen entſchlüpften einer Strafrede, welche ohne Zweifel erfolgt wäre. Die Präſidentin entfernte ſich unwillig mit ihrem Freunde, dem Geiſtlichen, und Aurelie konnte in ihrer Wohnung ungeſtört weiter ſpotten und lachen. So brach die Dämmerung des Abends herein, die Freundin hatte ſich entfernt und Aurelie war einſam zurückgeblieben. Sie ſchmiegte ſich in eine tiefe Ecke des rothen Sammetdivans und ſtarrte in die Nacht des weiten prächtigen Salons, deſſen goldenes Geräth matt und geſpenſtiſch das Dunkel durchblitzte. Von Zeit zu Zeit ſtieg ein leiſes Murmeln durch das Getäfel des Fußbodens herauf, oder das Rollen eines Wagens zitterte durch die tiefe Stille. Sie hörte dem Geräuſch nach und ihre Gedanken wendeten ſich dann wieder zu dem Gegenſtande, der einen fieberhaften Reiz für ſie hatte. Je feſter ſie die Augen ſchloß, um ſo klarer glaubte ſie in die Ferne zu ſehen. Da ſtand ein Tiſch, daneben ein Stuhl auf dem der dunkle Schatten eines Mannes 70 lehnte, dort ſchwebte eine Geſtalt leicht, flüchtig, die blonden Locken ſchüttelnd und die Arme zärtlich aus⸗ breitend. Aurelie ſtieß einen Seufzer aus, aber erſchrocken fuhr ſie empor, denn es war ihr, als verdoppelte ihn ein geiſterhaftes Echo. Wer iſt da? fragte ſie, indem ſie nach der Thür ſah, welche leiſe knarrte, und bei der Antwort einer männlichen Stimme, die ihren Namen ausſprach, drangen Freude und Entſetzen zugleich in ihre Bruſt. Ich bin es, Aurelie, ſagte Randau, indem er näher trat. Ich war an der Thür Deiner Mutter, allein ſie iſt in Andachtsübung mit ihrem frommen Beiſtand Ber⸗ nauer und Anderen. Im Vorzimmer fand ich Niemand, ſo bin ich denn unbemerkt zu Dir gelangt und freue mich darüber, denn es giebt mir Gelegenheit Dich ge⸗ heim zu ſprechen. Man ſoll Licht bringen, ſagte ſie und griff nach der Klingelſchnur, doch Randau zog ihre Hand zurück, undindem er ſie in der ſeinen feſthielt, ſetzte er ſich an ihre Seite. Warte einige wenige Minuten, ſprach er beſtimmend. Was wir uns zu ſagen haben, ſoll durch Nichts geſtört werden. Nacht deckt unſere Lippen und Augen zu, und ſtill verflüchtigen ſich die Worte. Es iſt mir als müßte es ſo ſein, damit kein Lichtſtrahl ſie entdeckt. die ken ihn hür iner gen iher ſie ger⸗ and, reue und üßte 71 Du beginnſt ſehr feierlich und romantiſch, erwiderte ſie. In dieſer Weiſe ſollſt Du nicht zu mir ſprechen, verſetzte er ſtrafend. Die Sprache der Welt fährt leicht und flüchtig über alles hin, die Sprache der Herzen verlangt eine andere Weiſe. Die Sprache der Herzen, entgegnete die Braut. Was hat Dein Herz meinem Herzen zu ſagen? Gar vieles, gar manches, murmelte er.— Ein minutenlanges Schweigen folgte, Randau fühlte die Hand zittern, welche in der ſeinen lag, er glaubte das ſchnelle Athmen Aureliens zu hören. Morgen, begann er leiſe, iſt der letzte Tag eines Lebens, daß ſich für Dich ab⸗ ſchließt, um ein neues beginnen zu laſſen; laß uns einen Augenblick zurückdenken an die Vergangenheit. Nein, erwiderte ſie mit erhöhter Stimme indem ſie raſch ihre Finger aus den ſeinen zog; ich habe nichts damit zu ſchaffen. Du biſt ein Mann des Vorwärts, ein Mann der That, was ſollen wir beide mit den Er⸗ innerungen an die Vergangenheit thun, die als todtes, nebelbedecktes Feld hinter uns liegt. Die Gegenwart, die Zukunft, ſie ſind es, die wir ergreifen müſſen. So haſt Du oft geſagt; ich habe ein gutes Gedächtniß. Und Deine Gegenwart, Deine Zukunft? fragte Randau. Haſt Du ſte begriffen und wohl geprüft? 72 Du biſt der alte Schulmeiſter, der Du immer warſt, erwiderte Aurelie, und wenn ich, ja— wenn ich nun zurückfragen wollte: Haſt Du ſelbſt über Dich eine ſo genaue Prüfung angeſtellt? Randau ſchwieg. Aurelie, ſagte er dann, es hieße Worte verſchwenden, wenn ich Dir betheuern wollte, daß ich die innigſte Theilnahme für Dich empfände. Ich habe Dir Glück gewünſcht, als ich von Dir hörte, daß Waldemar der Mann Deiner Wahl ſei, doch heut hat ſich meine Anſicht verändert. Ich nehme dieſen Glückwunſch zurück, bis Du mir geſagt haſt, daß Du wirklich aus inniger Ueberzeugung die Hoffnung auf Glück ihm als Brautſchatz mitbringſt. Welche Frage? rief die Braut erregt. Was bewegt Dich dazu? Mit welchem Recht darfſt Du ſie ſtellen? Mit dem Recht meiner Freundſchaft, entgegnete er ruhig. Iſt dieſe Freundſchaft ſo ſtark, ſo begehrlich, fuhr ſie fort, warum kommt ſie denn ſo ſpät?— Doch Frage um Frage. Antworte, was Dich ſo ſehr um 5 mich beſorgt macht? Hörſt Du das leiſe Gemurmel, das bis zu uns dringt? erwiderte Randau. Es kommt aus dem Zimmer Deiner Mutter. Könnten wir dies Getäfel öffnen, wir würden Polenz dort ſitzen ſehen, andächtig hörend, was ße lte, te, eut ſen u uf in nel wir das Leben Dich 73 erbaulich gelehrt und geleſen wird. Iſt das der Mann Deiner Zukunft und Deines Glücks? O! Thorheit, verſetzte ſie. Waldemar wünſcht meine Mutter zu beruhigen, im Uebrigen hat dieſe Frömmigkeit wenig zu bedeuten. Um ſo ſchlimmer dann. Um ſo ſchlimmer, wann der Schein abfällt und die alte Frivolität doppelt widrig daraus hervortritt. Frivolität! Was nennt ein Mann der ſtrengen Sitte und Einfachheit nicht ſo, erwiderte ſie. Du freilich haſt Dir ein anderes Glück der Znkunft gegründet, eine edle Einfachheit, eine entzückende Abgeſchloſſenheit, die von einer mit allen Reizen geſchmückten Gottheit genügend beſeelt wird. Du ſpotteſt, Du frevelſt! ſagte Randau und ſeine Stimme nahm eine zürnende Stärke an, Du weißt nicht was Du thuſt, wenn Du die Hand nach einem Weſen ausſtreckſt, deſſen himmliſche Macht Du nicht begreifſt. Höre mich an, Aurelie, höre meine Abſchiedsworte. Ich war allein, vereinſamt und mein Herz voll Sehnſucht nach einem Weſen, daß ich lieben möchte, weil es mich als ſeines Daſeins Heiland erkoren. Da fand ich Marien. Ich fragte nicht, wer biſt Du, wohin hat welche Netze ſpann es für 74 Dich? Ich faßte ſie in meine Arme, legte ſie an mein Herz, zerriß alle Fäden mit einem einzigen Ruck und ſo war ſie mein, ganz mein. Ihr Leben floß in das meine über, ihr ganzes Daſein gehörte nur mir, ihr letztes Flüſtern im Schlaf, ihr erſter Gedanke war ich, bin ich. Sie würde, wie die Paſſionsblume ihr Haupt ſenken und ſterben, wenn ich mich von ihr wendete, der ich ihres Lebens Licht und Sonne bin. Du kennſt dieſe ſchöne, tiefe Menſchenliebe nicht, Du kennſt den Born nicht, aus dem ſie quillt, Du wirſt ihn nie auffinden in ſeinem tiefen Schacht, denn Du kannſt nicht hinan⸗ ſteigen, es liegt ein Schatten darauf, und ein Geſpenſt ſchwebt darüber, ein Spiegelbild Deiner ſelbſt. Es ſcheint, ſagte ſie, heftig ringend mit widerſtre⸗ benden Gefühlen, Du willſt mich beleidigen, Guſtav, und was habe ich Dir gethan? Ich will Dich nicht kränken, ich möchte Dich erheben, ſagte er ſanft; ich möchte Dich ſo gut, ſo liebend und ſchön machen, wie Marie iſt. Dieſe Worte vernichteten den Eindruck und warfen einen neuen Strom der bitterſten Empfindungen in ihre Bruſt. Verglichen mit dieſem ärmlichen Geſchöpf, herab⸗ geſetzt, um zu ihr ſich zu erheben, das war zu viel für dies ſtolze 75 Es iſt ein altes gutes Wort, erwiderte ſie ſo kalt mein als möglich, daß tauſend Wege nach Rom führen, und das eben ſo gewiß, daß jeder Pilger den ſeinen für den beſten ihr hält. Vielen Dank für Deine Freundſchaft, mein glück⸗ , licher Coufin, allein offen geſtanden, ſollte ich meinen, ayt der beſte Rath wäre in ſo gefährlichen Dingen doch der ſtets der eigene. Ich fühle mich ergriffen von den tiſe Schilderungen Deines Glücks, das meine hat jedoch eine zi andere Farbe. Ich will keines Mannes Sclavin ſein, i oder meihen Erlöſer in ihm erkennen, was nebenbei 3 n geſagt, durchaus unchriſtlich iſt, laß es daher ja nicht 3 en meine Muutter hören. Ich werde mit Waldemar ein ganz anderes Syſtem verſuchen. Wir werden uns mög⸗ ſ lichſt frei und unabhängig bewegen, uns zu gefallen, zu 3 vergnügen trachten, Feſte feiern, Reiſen machen, uns 1 nicht einſiedleriſch abſperren und ich denke, mein theurer 3 Freund, wir werden eine Ehe führen, welche in ihrer z Weiſe der Deinen nichts nachgeben ſoll. n Und was ſoll, was kann das Ende dieſer glänzenden Oberfläche ſein? ſagte Randau. Haſt Du es bedacht, Aurelie, daß unter ihr eine gräßliche Leere liegt, die in Dich verſchlingen kann, ja endlich verſchlingen muß? u Sei unbeſorgt, erwiderte ſie. Wenn es ſich ergeben ſollte, daß Du nicht zu früh an der Endloſigkeit Deines 76 Glückes ſtirbſt, und ich auf irgend einem Balle oder Feſte elendiglich in Schaden gerathe, ſo hoffe ich, werden wir lange genug beiſammen wohnen, um uns einmal wieder fragen zu können, wer der Glücklichſte von uns ſei? Ich hoffe, ich, denn ich werde mich bemühen ſo tugendvoll wie möglich zu werden. Mit ſolchen Grundſätzen hat man nicht Laſter zu ſcheuen, erwiderte Randau kalt. So lebe wohl, Aurelie, ich habe Dir nichts mehr zu ſagen. Lebe wohl, mein aufrichtiger Freund und hier, nimm meine Hand— wie ſchade, daß es dunkel iſt, ich möchte gern, daß Du ſäheſt, wie unbeſorgt ich bin. Glaube mir, Guſtav, und wenn Du nie mir geglaubt haſt, ſo glaube mir jetzt, auch in meiner Bruſt ſchlägt ein Herz, fähig tief und ſtark zu lieben, ewig zu lieben, wie man zu ſagen pſtegt. Ewig!— Das iſt ein Wort mit einem furchtbaren Klang; aber hörſt Du, ewig! und Polenz— In dieſem Augenblick wurde die Thür geöffnet und ein blendender Lichtſtrahl fiel herein auf Aureliens Ge⸗ ſicht. Es war bleich, ihr Auge groß und funkelnd, in ihren Zügen ein Kampf, der jetzt ſchnell ſich beruhigte und ein unmuthiges ſpöttiſches Erſtaunen zurückließ, als ſie den Hülfsprediger mit einem Lichte in der Hand am Ei ſit lie, mmn hte ube ſo ez, nan mit und 6 Eingange erblickte, hinter dem der Kopf ihres Bräutigams ſichtbar wurde. Der Freiherr warf einen finſteren, argwöhniſchen Blick auf die beiden Einſamen, aber Aurelie ſtreckte ihm die Hände entgegen, und rief in ihrer liebenswürdigen, ſchalkhaften und bitfenden Weiſe, die alle Herzen be⸗ zaubern konnte: Mein Geliebter, Du nahſt und Alles iſt gut! Ich habe Dich lange erwartet, Waldemar, und darüber faſt vergeſſen, daß ich mit Guſtav im Dunkeln plauderte. IV. Aureliens Hochzeit wurde mit aller Pracht gefeiert, und glänzende Feſte reihten ſich daran, von deren Ge⸗ ſchmack und Köſtlichkeit die erwählte Geſellſchaft viel zu erzählen wußte. Es ſchien eine Lebensaufgabe für das junge Paar, jeden Tag etwas Neues zu erſinnen und an keinem ſich ſelbſt zu gehören. Der Winter mit ſeinen geſelligen Freuden war ſo recht in der vollſten Blüthe, die Kreiſe des Vergnügens überall geordnet, und der Wunſch, den höchſten Preis darin zu erringen, von vielen Seiten erregt. 78 So kam es denn, daß ein Monat verging, ehe Aurelie Athem ſchöpfen und ſich beſinnen konnte, und ehe eine tief verborgene Unruhe ihres Herzens Zeit ge⸗ wann, bewältigend auf ihre Erinnerungen zu wirken. Während der erſten Wochen ihrer Ehe hatte ſie oft mit freudiger Genugthuung an Randau gedacht, denn ſie träumte einen ſtolzen Traum, den ſie ſelbſt hervorge⸗ rufen, wenn ſie von Huldigungen und Bewunderungen umringt, mitten im ſchwelgeriſchen Genuß aller Freuden den bleichen Schatten, der dann und wann vor ſie hin trat, mit einem Lächeln verbannte. Randau erſchien ſeltener als je, und Marie hatte ſie nur einmal beſucht, um den Neuvermählten ihre Wünſche zu bringen, die mit der natürlichen Einfalt ihres We⸗ ſens ausgedrückt, durch den Contraſt zur gewöhnten Ge⸗ ſellſchaftsſitte ſich auszeichneten. Nun erſt, ſagte ſie, wirſt Du mir recht nahe ſtehen, und mein innerſtes Herz kann ſich Dir aufthun. Eine Frau zur Frau, das paßt ſich ganz anders als früher; das Vertrauen wächſt, und wie ſehr will ich mich freuen, wenn es Sommer iſt und wir dann ſo nahe auf dem Lande wohnen. Wir wohnen in der Stadt uns viel näher, erwiderte Au we met mir lobt mi 79 Aurelie, darum ſoll Deine Freundſchaft ſich bethätigen, wenn Du recht oft meine Geſellſchaft ſuchſt. 5 Gewiß, erwiderte die junge Frau, ich würde kom⸗ men, aber— ich finde Dich ſelten nur allein und Du i weißt, Guſtav hat keinen Sinn für das, was er todten Lärm nennt. Komm Du recht oft in unſer ſtilles Haus, 86 und bringe Dein ſchönes, freundliches Geſicht mit. Du weißt es nicht, wie ſehr Guſtav Dich liebt, wie oft er nen mir von früherer Zeit etwas erzählt, und wie er Dich Nach einiger Zeit war im Hauſe des Freiherrn eine glänzende Soirée, zu der auf dringende Einladungen ie ſt auch Randau und Marie ſich eingeſtellt hatten. Es uſche war ein Kreis von Menſchen zugegen, die durch Ge⸗ Ve⸗ burt, Talent und Geiſt ausgezeichnet waren. Einige E Künſtler ließen ſich hören, nach langem Bitten folgten eſi⸗ mehrere Dilettanten und endlich Aurelie ſelbſt, deren erſts volle ſchöne Altſtimme und meiſterhafte Fertigkeit auf Fru, dem Inſtrument das lauteſte Lob erwarb. Beſtürmt rauen von Bitten mußte ſie es gewähren, eine zweite Arie und. un mit einem der erſten Künſtler ein Duett zu ſingen, das Ad⸗ die Anerkennung auf den höchſten Gipfel brachte, aber ii während man ſie mit gewählten Schmeicheleien über⸗ ſchüttete, ſah ſie Randau allein, ſtumm und ernſt an 80 eine der Säulen des Salons lehnen, nachdenkend und, wie es ſchien, finſter vor ſich hinſtarrend. Es war ein Triumph für ſie, der in ihrem Herzen widerhallte. Sie trat ihm näher und redete ihn an. Ein Einziger hat kein freundliches Wort für mich, ſagte ſie, und dieſer Einzige biſt Du. Es ſcheint, daß ich bei meinem kunſtverſtändigen Couſin mir keinen Beifall er⸗ werben kann. Thun es denn Worte, erwiderte er, indem er ſie anblickte. Du haſt mich ſo ſehr entzückt, daß ich ſchwei⸗ gen mußte, denn in Deiner Stimme liegt ein Zauber der zum Nachdenken zwingt. Die Art, wie er dies ſagte, machte einen tiefen Eindruck; ſie ſchwieg, ihre Augen begegneten ſich und wendeten ſich ab. Auch Marie war gekommen und mit zärtlichen Blicken küßte ſie Aurelien und rief: Du biſt ganz und gar wie ein Engel, ſo ſchön und ſo herrlich begabt. Guſtav hat mir geſagt, daß Du von den erſten Meiſtern Unterricht gehabt haſt; wie beneidenswerth iſt es doch, ſo kunſtvoll zu ſein. Und Du, erwiderte Aurelie lächelnd, Du fingſt ja auch. nennt ihn ſo, dennoch hat er ihn gern. Es iſt ein wilder Waldgeſang, verſetzte ſie, Guſtas 81 Du mußt uns etwas vortragen, rief Aurelie laut 6 und der ganze Kreis, der ſich geſammelt hatte, begann rn papagahenartig nach zu bitten und die verlegene ängſt⸗ liche Frau zu beſtürmen. Vergebens richtete ſich ihr gte liebliches Geſicht und ihre Augen Hülfe ſuchend auf ihren hbei Gatten. G Guſtav darf ſeine Autorität hier nicht ausüben, ſagte Aurelie in ihrer anregenden Weiſe; er wird ſeine Bitten mit den unſeren vereinen.. . Singe, liebe Marie, erwiderte Randau. Singe ein 65 paar Deiner kleinen Hirten⸗ und Bergmannslieder aus n den Bergen, die ich ſo gern höre. Er nickte ihr zu und n es ſchien, als ob ſein Blick genüge, ihr Muth einzu⸗ 1 0 hauchen. Sie ließ ſich willig an das Inſtrument führen, fuhr mit leichten Fingern über die Taſten, und ſang 1 m dann mit ihrer ſüßen Stimme ein paar Volkslieder, die einen allgemein günſtigen Eindruck machten. Eben weil . die kunſtvollen Arien der Opern großer Meiſter mit nit künſtleriſcher Fertigkeit hier nur geſungen waren, wieder⸗ ſul hallten die einfachen Melodieen nicht ohne Anklang. 1 Aller Augen richteten ſich auf die junge ſchöne Frau, ſt ſ alle Blicke folgten ihren Blicken, welche frendig den ſuchten, dem ſie allein Freude zu machen wünſchte, und ſ ſ als ſie endlich von Beifall begleitet ſchüchtern zurüc⸗ Th. Mügge, Romane IV. 6 82 kehrte, war ſie der Gegenſtand zahlloſer Fragen und Bemerkungen. Was Aurelie auch beabſichtigt haben mochte, ihren Triumph gegen die Unbedeutendheit ihrer Nachfolgerin anſchaulicher zu machen, oder den Glanz ihres edlen Talents gegen dieſe rohe Natürlichkeit hervorzuheben, es war jedes Falls verunglückt. Sie mußte es hören, daß einer der anweſenden Kunſtkenner ein Urtheil fällte, das ihre Eitelkeit nicht wenig verletzte, denn er pries dieſe ſchöne ſilberhelle Stimme über Gebühr, und vermaß ſich, daß Herz und Seele darin wohne, wie er es ſelten gehört habe. Dieſer kleine Vorfall gab Anlaß zu einer wichtigen ihm nachfolgenden Begebenheit. Aurelie war am näch⸗ ſten Tage unmuthig, und keine Bitten konnten ſie be⸗ wegen, einer Einladung Folge zu leiſten. Polenz ging endlich allein, nachdem die erſte kleine häusliche Scene zwiſchen den Vermählten erfolgt war. Er hatte alle ſeine Schmeichelworte erſchöpft und fühlte ſich ſehr ver⸗ ſucht, ſein männliches Anſehn geltend zu machen, aber er unterdrückte nach den erſten gewechſelten Reden ſeine Erregtheit, wendete ſich gegen das Fenſter und ſagte für ſich: Es iſt auch vielleicht gar nicht ſo übel, wenn man ſie ihren Launen überläßt. Denkt ſie etwa, daß ich darunter leiden ſoll, ſo irrt ſie gewaltig, und je eher ich ihr das beweiſe, um ſo leichter wird ſie davon befreit. So empfahl er ſich denn, und ging allein. Aurelie ließ ihn gehen, deckte die Hand auf ihre Stirn und blieb verſtimmt in ihrer Stellung, bis ihre Mutter herein trat, der ihr Beiſtand, Herr Bernauer folgte. Man ſah es der alten Dame an, daß irgend ein wichtiger Gegenſtand ihr Gemüth beſchwerte. Ihr Schritt war ungewöhnlich ſchnell und beweglich, und ihr Geſicht geröthet. Ich bin ſehr aufgeregt, ſagte ſie ſchon von weitem; wer konnte das aber denken. Alles ſtürmt auf mich ein, mein Leben zu verbittern und meinen Jammer zu erhöhen. Liebe Mama, erwiderte Aurelie, was es auch ſein mag, ich bitte Dich, verſchone mich heut mit Deinen Vorwürfen. O! rief die Präſidentin, wenn es das wäre, ach ja, ich hätte wohl Grund dazu, denn auch von Euch bin ich in meinen Erwartungen bitterlich getäuſcht. Polenz iſt ganz in die alte böſe Weltluſt zurückgefallen, und alle Tage giebt es hier ſündige Freude genug, die mich tief betrübt; aber was kann ich anders thun, als beten und hoffen, daß der Herr es beſſern möge, wie unſer würdiger Freund, Herr Bernauer, es auch ver⸗ 6* heißt; allein heute hat ein anderer Schlag mich ge troffen. Es iſt eine Schmach und eine Schande für uns. Doch Jeſus Sirach ſagt:„Draue nicht den un ſchuldigen Blicken, es lauert Verſtellung und Bosheit dahinter.“ Das ſagt er, aber man verſteht ihn nicht. Es geht mir durchaus eben ſo, Mama, wie dem armen Jeſus Sirach, ſagte Auvelie. Du wirſt mich aber ſogleich verſtehen. Denke Dir, es iſt eine ſaubere Geſchichte mit Randan und ſeiner Heirath. Aurelie richtete ſich überraſcht auf. Was iſt damit? fragte ſie. Es iſt Alles erlogen, ſagte die Präſidentin er ſchöpft. Himmliſcher Vater, lauter Schande und Ent ſetzen! Eine Beamten⸗Tochter, ich dachte es mir wohl, er ſagte nie etwas Beſtimmtes und hatte eine Art ſeine Rede abzubrechen, daß Einein das Fragen verging; aber es war zu merken, es müßte etwas vahinter ſtecken. Nun iſt es heraus. Sie iſt eines Küſters Tochter. Ein gewöhnlicher alter Küſter mit dem Klingelbeutel, der endlich von ſeinem Poſten lam, weil er dumme Streiche gemacht hatte, das war der Vater, und ob ſie wirklich verheirathet ſind, Gott m ir, ſer t* 85 verzeihe es mir! ich weiß nicht einmal, ob es zu wünſchen iſt— das ſteht noch ſehr dahin. Liebe Mama, erwiderte Aurelie, woher weißt Du das? Erzählen Sie es ihr, fuhr die Präſidentin fort, indem ſie ſich zu dem Prediger wandte, ich bin zu ſchwach dazu. Bernauer ſah die junge Dame bedeutſam an und zog einen Brief heraus, den er ihr reichte. Man ſchreibt mir aus Erfurt, ſagte er; es war ein Zufall, daß ich einem Freunde dort von der Heirath Ihres Herrn Couſins etwas mittheilte, ſo bin ich zu dieſer allerdings nicht allzuerfreulichen Nachricht gelangt. Aurelie hatte das Papier durchflogen, und ſchien den lebendigſten Antheil zu nehmen. Neuhaus, Küſter an der St. Sebaldus⸗Kirche, las ſie, hat allerlei Wider⸗ ſetzlichkeiten gegen ſeine Vorgeſetzten, vielleicht auch Ver⸗ untreuungen begangen— wurde mit einer kleinen Penſion entlaſſen und ſtarb zuletzt in tiefſter Armuth. Seine Tochter Marie war ein hübſches Mädchen, auch nach Möglichkeit gut erzogen, ſchneiderte, nähte und der⸗ gleichen, ſein Sohn war Tapezier und wanderte aus, — das Mädchen ſoll von einem Fremden, der ſich in ſie verliebte, geheirathet oder doch mit fortgenommen worden ſein. 86 Da haben wir es, ſagte die Präſidentin. Mit fort⸗ genommen. Es iſt empörend! Mit offenen Armen haben wir ſie empfangen, und auf Du und Du iſt die Freund⸗ ſchaft geſchloſſen. Sind dieſe Nachrichten gewiß? fragte Aurelie. Sie ſind durchaus begründet, erwiderte der Hülfs⸗ prediger mit einem Seufzer. Dann müſſen wir ſie geheim halten, fuhr die Dame fort, und Sie als ein Freund unſeres Hauſes werden gewiß dieſe Bitte erfüllen. Ich ſtimme Ihnen bei, ſagte Bernauer nach einer kleinen Pauſe, und indem er die Hand der Präſidentin beruhigend drückte, fügte er hinzu: Die gnädige Frau hat Recht, Niemand ſoll gegen ſein eigen Fleiſch und Blut zu Gericht ſitzen. Aber ich will den Menſchen und die— die Perſon, ich weiß nicht, wie ich ſie nennen ſoll; ich will ſie nicht wieder ſehen, denn ich könnte meine Verachtung nicht zurückhalten. Aber Mama, ſagte die Tochter, Du biſt eine ſo vortreffliche Chriſtin, und willſt ſo unverſöhnlich han⸗ deln? Wäre ihr Vater ein Rath oder meinetwegen ein Künſtler, oder wäre er, wenn es nicht anders ſein me en n, cht cht al 87 könnte, ein bloßer Handwerker, rief die Präſidentin kläglich, ich wollte es überwinden und denken, die ver⸗ derbte Zeit bringt es ſo mit ſich; es muß ſo kommen, wenn die Weiſſagnngen Johannes ſich erfüllen ſollen; aber ein abgeſetzter, ſpitbübiſcher Küſter und ſie eine Schneidermamſell, die mit ihm in die Welt läuft, die er uns mit der größten Frechheit präſentirt und als ein Wunder von Tugend vorſtellt, das iſt zu viel, das kann die beſte Chriſtin nicht vertragen. Ueber Etwas, erwiderte Aurelie, kann ich Dich be⸗ ruhigen, denn verheirathet iſt er, daran darf kein Zweifel ſein. Ich kenne Guſtav zu gut; er iſt ſeinen ſonder⸗ baren Gedanken über das gleiche Recht aller Menſchen gefolgt und hat einer augenblicklichen Neigung ſich zum Experiment überliefert. Was daraus erwächſt, iſt ſeine Sache, allein ich kann mir nun vieles erklären. Darum alſo ſeine gänzliche Zurückgezogenheit, darum dieſe fort⸗ geſetzte Beſchäftigung mit Büchern, der Unterricht, den er ihr ertheilt; ihre Schüchternheit, ihre Ausflüchte über ihr früheres Leben und die ſeinen, ihre Nähnadel und die Küchenkünſte. Es kann nicht anders ſein. H! armer Guſtav, das iſt eine lange, harte Prüfung. Das fehlte noch, daß Du ihn bedauerſt, ſagte die Mama vorwurfsvoll. S 88 Ich bedaure ihn allerdings, verſetzte die Tochter nachdenkend. Was willſt Du nun thun? Nichts, Mama. Was wir erfahren haben, kann durchaus keine Aenderung bewirken; ich werde Marien eben ſo freundlich und herzlich empfangen, wie es bis jetzt geſchehen iſt. Die Präſidentin ſtand voller Eifer auf. So iſt denn Alles hier verwirrt, oder ich habe meine geſunden Sinne verloren, rief ſie. Wer ſich wegwirft, darf ſich nicht wundern, wenn er unter dem Kehricht ſeinen Platz erhält, und Du, die Du ſtets ſo viele Anforde⸗ rungen machſt, was bewegt Dich, hierbei gar keine machen zu wollen? Mama, ſagte Aurelie, bedenke, daß Guſtav unſer naher Verwandter iſt, und, um in der Sprache der Bibel mit Dir zu reden, bedenke auch, daß wer ſeine Hand in Pech taucht, ſich ſelbſt beſudelt. Genug davon. Lieber Herr Bernauer, beruhigen Sie die Mama, und zeigen Sie ihr, was eine Chriſtin und eine Präſidentin thun muß. Der Hülfsprediger trat mit ſeinem ſanften Lächeln näher, allein die alte Dame hielt auch ſeiner Bered⸗ ſamkeit keinen Stand, als ſie ſah, daß er wirklich „ ochter kann grien s bis o iſt unden ſich einen orde⸗ keine unſer der ſeine won. und entin cheln ered⸗ rlich 89 Aurelie beipflichte, wendete ſie ſich nach der Thür und ſagte: Wenn ich Sie hören muß, ſo ſoll es jetzt we⸗ nigſtens nicht ſein, ſondern wenn ich mich geſammelt habe. Kommen Sie nachher zu mir herunter. In welche ſchlimme Lage haben Ihre Nachrichten uns geſetzt, ſagte Aurelie, als ſie mit Bernauer allein war. Und dennoch, erwiderte er, glaube ich, daß ſie Ihnen willkommen waren. Bei dem ſcharfen Blick des Geiſtlichen erröthete Aurelie unwillkürlich. Sie empfand von je an gegen ihn ein Gefühl der Abneigung oder der Furcht, das ſich unerklärlich in ihr feſtgeſetzt hatte. Bernauer war jung, groß und wohlgebildet; ſeine feinen Geſichtszüge hätten ohne den ſtarren Blick ſeiner dunklen Augen und die Gemeſſenheit aller ſeiner Bewegungen für ausdrucksvoll und ſchön gelten können. Die unerſchütterliche Ruhe und Kälte darin gab ihnen das Gepräge einer weltent⸗ ſagenden Strenge, und weder das ſtille Lächeln noch die gefällige Schmiegſamkeit ſeiner Sitten konnten den Ein⸗ druck ganz überwinden, den er als ein Weſen beſonderer Art machte. Gute Werke und Handlungen der Wohl⸗ thätigkeit waren in Fülle von ihm bekannt; er war, ob⸗ wohl ſelbſt arm, doch ein thätiges Rüſtzeug frommer 90 Stiftungen und Vereine, und in Verbindung mit vielen angeſehenen Männern und Frauen, deren Vertrauen er im hohen Grade beſaß. Aurelie hatte ſich ihm nie genähert, und doch fand zwiſchen ihnen eine Vereinbarung ſtatt. Sie hinderte ihn nicht, der Rathgeber ihrer Mutter zu ſein, denn was er that, war ihren Abſichten bisher nir⸗ gend entgegen geweſen; ja er hatte ihr häufig weſentlich. gedient, indem er die Beſorgniſſe der Präſidentin zu zer⸗ ſtreuen, ihre Klagen zu beſchwichtigen wußte. Auch ihrer Verbindung mit Polenz war er günſtig geſinnt, und der Freiherr erfreute ſich der beſondern 1 6 Theilnahme des Geiſtlichen, obwohl Aurelie keinen Au⸗ genblick gezweifelt hatte, daß er ſehr wohl wußte, wie er den Schein dieſer Frömmigkeit zu deuten habe. Ber⸗ nauer flößte ihr Furcht und Vertrauen zu gleicher Zeit ein. Furcht, weil ſie ihm die ſchärfſte Beobachtungs⸗ gabe zutraute. Vertrauen, weil er jene nie zu ihrem Nachtheil angewendet, und ſo ſtand ſie jetzt vor ihm, ungewiß, was ſie erwidern ſollte, als er leiſe zu ſprechen fortfuhr, und mit ſeiner ausdrucksvollen Stimme ſagte: Willkommen, ſo ſollte ich meinen, müßte Ihnen eine Nachricht ſein, welche Ihnen beweiſen kann, wie ver⸗ wildert die ſittlichen Grundſätze eines Mannes ſind, dem Sie einſt Ihr Herz geſchenkt hatten. elen ner hert, tatt. zu nir⸗ tlich zer⸗ nſtig dern Au⸗ ie er Ber⸗ Zeit ngs⸗ rem chen ge eine ver⸗ dem 91 Sie haben recht, erwiderte Aurelie; doch ſtarke Ge⸗ müther laſſen ſich leicht zu Thaten verleiten, welche die Verdammniß der Welt nach ſich ziehen. In ſolche Irr⸗ thümer können die Edelſten verfallen, während die Andern, die Schwächlinge, den Stab über ſie brechen und doch ſelbſt im Schlamm des Lebens untergehen. Ein bitteres Lächeln, das auf ihren Lippen ſchwebte, wußte Bernauer wohl zu deuten. Er ſchwieg und ſagte erſt nach einer Pauſe: Wir haben über Randau ſchon früher geſprochen, Sie werden mir jetzt mehr beiſtimmen, als damals. Ich will nicht läugnen, daß ein edler und ſtolzer Geiſt in ihm wohnt, doch einer der ſich weit über⸗ ſchätzt. Glauben Sie mir, er iſt der Mann nicht, der ſo unangefochten alle Verhältniſſe der Welt zerbricht und ſehr müßte ich mich täuſchen, wenn— Nun, wenn? fragte Aurelie erwartungsvoll. Bernauer blickte ſie bedeutſam an: Wenn nicht ein Gefühl der Reue auch in dieſen verhärteten Kopf ge⸗ drungen wäre. Beide ſchwiegen. Endlich ſagte der Geiſtliche: Ich habe Ihnen noch etwas mitzutheilen. Sie laſen in dem Briefe, daß Frau von Randau noch einen Bruder hat. Der Tapezier. Wo iſt er? Er befindet ſich hier. 1 92 Hier! Ja, hier, ohne daß er bis jetzt weiß, wo und wer ſeine Schweſter iſt. Er iſt zwei Jahre lang in Paris geweſen. Als er zurückkehrte, wußte ihm Niemand Nach⸗ richt zu geben, was aus ihr geworden ſei. Seit acht Tagen iſt er nun hier. Woher wiſſen Sie das Alles? fragte Aurelie er⸗ ſtaunt. Er brachte einen Brief an mich mit und durch meine Bemühungen erhielt er Arbeit. Die Baronin ſah den Geiſtlichen an, der ſein Auge feſt und klar auf ſie richtete. Ich bin entfernt davon den Zorn meiner Mutter zu theilen, ſagte ſie endlich; aber die Umſtände geſtalten ſich ſo dringend, ſo bedenklich, daß es räthlich ſcheint, wenigſtens zu beweiſen, es finde keine Täuſchung mehr für uns ſtatt. Will Randau dann ſeinem Verhängniß folgen, ſo— i ſehe kein Mittel. — Meinen Sie nicht? Und will er umkehren, ſo if ſich dem Reuigen ein Weg des Erbarmens, ſagte Bernauer mit ſeinem geheimnißvollen Lächeln. Aurelie zitterte leiſe. Ich will den Menſchen ſehen, der ja auch mein Verwandter iſt. Der Geiſtliche bewegte beiſtimmend den Kopf. Ich werde Ihnen den jungen Neuhaus zuſenden, ſagte er, und mit einer ſeiner langſamen tiefen Ver⸗ beugungen empfahl er ſich. d wer Am nächſten Tage fuhr die Baronin zu Randau Pms und lud ihn ſelbſt zu einem kleinen Feſte auf den nächſten Nn⸗ Abend ein. Sie war ſo liebenswürdig und geiſtvoll, it acht daß der ernſthafte Couſin von ihrem Frohſinn angeſteckt ſchien, und die Einladung mit ſichtlichem Gefallen an⸗ lie er⸗ nahm. Iſt es Recht, ſagte Aurelie vorwurfsvoll, daß Du meine Deine ſchöne, liebliche Frau verſteckſt, als wäre es die Eiferſucht, die ſie Dich alſo bewachen heißt. Da ſitzen Auge die beiden Menſchen allein und abgeſperrt hinter finſteren davon Mauern, dicke Bücher auf dem Tiſch, und höchſtens lich ſteckt der würdige Profeſſor Sydow die rothe Naſe mit enklich der Brille zur Thür hinein und macht ſeinen ſarkaſtiſchen finde Launen Luft. Fort mit allen Grillen und aller Flitter— dann wochenzärtlichkeit! Nehmt Theil an der bunten Beweg⸗ Rittel lichkeit des Lebens und kämpft ein wenig mit gegen die große Strömung. euigen Das iſt ſo übel nicht, erwiderte Randau, aber wir ſeinem wollen uns vielmehr von der Strömung treiben laſſen, liebe Marie, und unſer Schiffchen danach einrichten. mein Der Winter iſt im Abzug, einige Bälle, Concerte, nd den Theater, Geſellſchaften würden nicht ſchaden; endlich leben ſenden, 94 wir uns doch wieder ſelbſt, und warum ſollen wir unſere Talente und unſern Witz nicht eben ſo gut glänzen laſſen, wie jeder Andere. Köſtlich! rief Aurelie, ich finde Dich auf dem beſten Wege zur innern Reform Deiner ſelbſt und werde Dir Polenz zuſchicken, um Dich darin zu verſtärken. Da haſt Du das Vorbild des Mannes nach der Mode. Seit einigen Tagen habe ich ihn kaum auf Augenblicke geſehen; er ſchwärmt von Blume zu Blume und melt Honig. Das Lächeln ihrer Lippen wurde zum lauten Lachen, s Marie ſich an Guſtav ſchmiegte, beide Arme um Hals ſchlang und, ihn küſſetd, rief: O! das iſt abſcheulich, ich würde mich todt grämen um ſolchen treu⸗ loſen Schmetterling. Du gutes Herz, ſagte Aurelie, laß ihn los und hindre nichts. Auch Schmetterlinge haben ihre Lieb⸗ lingsblume zu der ſie zurückkehren, wenn ſie des Gaukelns müde ſind, wer aber von ihnen verlangt ſie ſollen dieſe allein immer umſchweben, der muß fürchten, daß es ihnen eintönig und langweilig wird und ſie für immer verſcheucht. Alle Männer ſind Schmetterlinge, ſie lieben alle den bunten Wechſel, auch die ernſthafteſten, und die ſtrengen Moraliſten, das ſind die ſchlimmſten. Sie runſere nlaſſen, n beſten rde Dir n. Da Mode. genblide nd ſam⸗ Lachen, me um das iſt en trel⸗ os und aukelus en diſe imme ie liben d die un 95 drohte mit dem Finger ſchalkhaft zu Guſtav hin, der zur Abwehr in die dunkelblauen, vertrauungsvollen Augen ſeiner Frau blickte und ſagte dann: Gott behüt' Euch! morgen kommt hübſch zeitig; wir wollen auf Mittel ſinnen die Schmetterlinge zu bändigen. N Am nächſten Abend fuhr Randau mit ſeiner Frau wirklich ſchon früh zu Aurelien, welche ſie mit freudiger Genugthuung empfing. Sie warf einen ihrer ſtrahlenden, ſiegenden Blicke auf Guſtav, der in der eleganteſten Mode⸗ tracht vor ihr ſtand und über ſeine Metamorphoſe lächelte, während er ſelbſt mit Wohlgefallen die reizende Couſine betrachtete. Die ſchöne edle Geſtalt in der vollendetſten und prachtvollſten Gewandung, mit Allem geſchmückt, was die Kunſt der Toilette und die Erfindung des Lurus zu geben hatten, ſchwebte gebietend, vom geiſtigen Zauber höher beſeelt, vor ihm auf und ab. Jedem hatte ſie etwas Treffendes zu ſagen, Jeder hatte zu bewundern und ſich glücklich zu preiſen, in allen Blicken malte ſich eine Anbetung ſo vieler Reize, und als nun die ſchöne Frau mit Marieen lebhaft ſprechend Randau Arm in 96 Arm entgegenkam, lief eine wunderbare Glut durch ſein Herz, die ein nie gefühltes Bangen darin erweckte. Du ſollſt mit uns gehen, Guſtav, ſagte Aurelie, ich will Dir etwas zeigen, was ich zum Schlußfeſte für dieſen Winter vorbereite. Nämlich ein Theater, fiel eine Stimme ein, das drüben im großen Saale ſo eben in voller Arbeit iſt. Aurelie erblickte hinter ſich den Profeſſor und rief zürnend: Sie ſind der ewige Ueberall und Nirgend, dafür ſollen ſie jetzt nicht allein uns begleiten und noch⸗ mals ſehen, was ſie ſchon geſehen haben, ſondern ſie ſollen auch in der Comödie mitſpielen. Gut, rief der alte Herr, ich bin dabei und werde meine Rolle nicht verderben. Wir können gleich an⸗ fangen und Probe halten; ich denke wir bekommen ein hübſches Intriguenſtück fertig, und wenn es etwa noch an einer nöthigen Ueberraſchung fehlen ſollte, an einer Cataſtrophe des Stückes— Marie ſtieß einen plötzlichen, lauten Schrei aus, denn in dem Augenblick richtete ſich dicht vor ihr ein Arbeiter auf, der am Boden ſitzend etwas nähte und nun ſtand er in ſeiner weißen Jacke und Schürze bild⸗ ſäulenartig vor den beiden Damen. Da haben wir gleich eine hübſche Scene, rief der 97 Profeſſor, aber Marie ließ den Arm der Baronin los und ſagte zitternd: Jakob! Wäre es wahr, Jakob! Der junge Menſch warf Alles von ſich was er hielt, und faßte mit ſeinen rauhen Händen ungeſtüm die ge⸗ putzte Dame an, die er an ſeine Bruſt drückte und küßte. Marie! rief er, Schweſter Marie, o mein Gott! welche Freude. Du biſt hier! Mein Kopf iſt ganz ver⸗ wirrt,— ich kann es noch nicht faſſen, denn— er be⸗ trachtete ſie und die Baronin, dann die Herren und ſein Geſicht wurde ernſthaft. Er ließ die Hände ſinken, es antwortete ihm Niemand. Aurelie wendete ſich langſam zu Randau und zum erſtenmale erblickte ſie dieſen in einem Zuſtande, der den äußerſten Grad der Verwirrung und einer Schaam aus⸗ drückte, die ihre tödtliche Bläſſe über ſein Geſicht deckte. Seine Lippen zuckten krampfhaft und ſeine Augen nahmen einen verzweiflungsvollen Glanz an, als er Aureliens leiſe Stimme neben ſich hörte, die gegen den Profeſſor gewendet dieſem zuflüſterte: Dieſe Scene muß dramatiſch heißen, aber ſie gehört nur in ein Luſtſpiel, wenn ein Irrthum dabei obwaltet und ein ſolcher muß es ſein, denn ich kann nicht denken, daß es Wahrheit ſein könnte. Mein Bruder, ſagte Marie freudig, die Hände des Th. Mügge, Romane W. 7. Arbeiters faſſend; mein lieber, guter Jakob, hier iſt mein Mann, ich bin verheirathet, Guſtav— ſie wendete ſich mit Lebendigkeit zu Randau und verſtummte vor ſeinem drohenden, ſtarren Blick. In dem großen Raume brannte nur ein Licht, das ſeinen ungewiſſen Schein über dieſe Gruppe warf. Im Nebenſaale polterten und lärmten die Kameraden des Tapeziers, unbekümmert um das, was ſich in ihrer Nähe zutrug, und zwiſchen den Geſellſchaftszimmern und dieſem öden Raume lag eine ganze Reihe ſtiller dunkler Gemächer. Aurelie ſchien zuerſt einen Entſchluß zu faſſen. Es iſt alſo wirklich Dein Bruder, liebe Marie? fragte ſie. Mein Bruder Jakob, erwiderte dieſe. O! er war immer brav und ich liebte ihn ſehr. So iſt es gut, daß wir allein ſind, fuhr Aurelie beruhigend fort. Der junge Mann wird über dies zu⸗ fällige Zuſammentreffen gewiß ſchweigen, und morgen laſſen ſich ohne Zweifel Mittel und Wege finden, um dieſe Familienangelegenheit zur allſeitigen Zufriedenheit auszugleichen. Iſt es nicht ſo am beſten, Guſtav? Morgen, ja, erwiderte dieſer noch immer verwirrt und mit abſtoßender Heftigkeit. Ich werde zu ihm ſchicken, wir wollen ſehen, doch heut— es iſt am beſten und ſche i ier iſt vendete te vot t, dos In en des ihrer n und dunkler n. 6 ge ſie er wor Auele dies norgen en, m iederhei oo virt hm vel zu n beſten 99 wir verlaſſen dieſen Ort. Er nahm Mariens Hand und als wollte er ſie von dem Gegenſtande ſeines Ab⸗ ſcheu's für immer trennen, trat er mit verletzendem Stolz zwiſchen ſie und den Arbeiter. O! Guſtav, ſagte die zagende, junge Frau ſchmerzlich, Du thuſt mir weh. Gute Nacht, Jakob, morgen— ſie wagte es nicht zu vollenden, was ſie ſagen wollte und ſie konnte auch nicht, denn plötzlich ſchien der Hoch⸗ muth, welcher Randau ergriffen hatte, auf den armen Bruder überzugehen. Er trat einen halben Schritt näher an den vornehmen Mann, der ſeine Schweſter fortführte. Der Schimmer des Lichts fiel auf ſeine trotzige Stirn und zeigte ſeine zürnenden Augen. Halt! ſagte er, indem er Randau's Arm berührte, einen Augen⸗ blick halt, mein Herr. Wer Sie auch ſein mögen; haben Sie Marien geheirathet, ſo iſt es kein gutes Zeugniß für das Glück und die Zukunft meiner Schweſter, daß Sie mich mit Schaam von ſich ſtoßen. Gerade ſo kann es Marien auch gehen, wenn Sie finden werden, daß der reiche Herr ſich ſchämen muß, ein Mädchen aus dem Volk genommen zu haben. Sein Sie ohne Sorge, ich werde ſchweigen und Sie niemals beläſtigen, denn ich kann arbeiten. Du aber, Schweſter, wenn's Unglück 75 100 über Dich kommt, dann rufe Deinen Bruder Jakob, der bleibt Dir treu in jeder Noth. Er drehte ſich um, nahm ſeine Arbeit von der Erde auf und ſetzte ſich das Licht zurecht. Randau erwiderte kein Wort. Aurelie führte ihn hinaus, Marie folgte mit dem Profeſſor, und während die Baronin leiſe ihrem Couſin verſicherte, ſie ſei überzeugt, Niemand werde ein Wort von dem was vorgefallen erfahren, Alles aber ſei mit Klugheit und Geld raſch abzuthun, drückte Sydow den Arm der traurigen jungen Frau und ſagte in ſeiner Weiſe: Aufgepaßt, liebes Kind, nicht geweint und ge⸗ klagt, ſondern Kopf in die Höh'. Laß den Hochmuths⸗ teufel nur ſein Spiel treiben, zuletzt kommt die Be⸗ ſchwörung von ſelbſt und das Tüchtige arbeitet ſich durch. Aurelie ſchien dafür ſorgen zu wollen, den geheimen Kummer ihrer Gäſte zu zerſtreuen. Den ganzen Abend über beſchäftigte ſie ſich faſt ausſchließlich mit Randau, und wußte die Unterhaltung ſo lebendig und wechſelnd zu geſtalten, daß wenig Zwang dazu gehörte, die innere Erregtheit hinter dem Anſchein einer äußern Glätte ge⸗ ſellſchaftlicher Theilnahme zu verſtecken. Als Randau in ſeine Wohnung zurückkehrte, hatte er ſeine Entſchlüſſe gefaßt und war völlig beruhigt. b, der Erde iderte folgte ihren de ein ber ſei Sydo ſeiner nd ge miths⸗ ie Be⸗ et ſih heimen Abend andal⸗ chſend innete itte g nda in ſchſe 101 Er hatte den Profeſſor gebeten, ihn zu begleiten, um, da es noch nicht ſo ſpät ſei, ein Stündchen mit ihm zu plaudern. Von Marien ſich trennend, hatte er ſie zärtlich geküßt und ihr ſüße Worte zugeflüſtert, daß ſie ruhig ſchlafen und träumen möge. Der Profeſſor ſetzte ſich dann in dem Zimmer ſeines Schülers und Freundes zurecht, brannte eine Zigarre an, lehnte ſich in die Kiſſen des Sophas und verfolgte mit halbgeſchloſſenen Augen die heftigen Schritte, mit welchen Randau auf und ab ging, die Arme gekreuzt und den Kopf tief niedergeſenkt. Endlich ſah der Profeſſor nach der Uhr, ließ ſie repetiren, indem er ſie an ein Glas hielt, daß die Schläge hell klangen und ſagte dann: In einer halben Stunde geh ich nach Haus. Was Du mir zu ſagen haſt, wäre gut, wenn es bald geſagt würde. Was ich Ihnen ſagen kann, mein väterlicher Freund, erwiderte Randau, haben Sie längſt errathen. Die dumme Geſchichte mit dem plötzlich aufgetauchten Schwager, ſagte der Profeſſor, ja das iſt der Fluch der böſen Thaten unſerer Zeit, die alle Ehrfurcht und alle Scheu aus den Herzen ausgeriſſen hat. Im vorigen Jahrhundert machte wohl auch dann und wann ein vor⸗ nehmer Mann einen dummen Streich, wie man es nannte, und der Liebesgott ging mit allen Grundſätzen 102 nobler Geſinnung davon; ja es hat Könige und Fürſten gegeben, die arme Baderstöchter und dergleichen hei⸗ ratheten, was auch nicht viel was Beſſeres iſt, als eine Küſtertochter, aber die Sippſchaft wagte darum nicht ſich hochmüthig vorzudrängen, ſie nahm demuthsvoll mit den zugeworfenen Brocken vorlieb. Ich bin nicht hochmüthig, erwiderte Randau, ich habe es bewieſen. Richtig, ſagte der alte Herr, aber wer kann auch ſo etwas erwarten? Fällt da plötzlich ſo ein Schwager vom Himmel und was für ein Schwager?! Ein Kerl, der in dem Heidenneſte Paris geſteckt hat, unter Com⸗ muniſten und Sozialiſten, mitten unter den gräulichen Lehren von Volksgleichheit, von gleichen Anſprüchen aller Menſchen an den Gütern dieſer Erde, von Arbeiter⸗ aſſociationen und Coalitionen, von Gedanken über Orga⸗ niſation der Arbeit, Gedanken über gleiches Recht aller Weſen am Glück, kurz mitten in den Grundſätzen, die ich häufig genug gehört in früherer Zeit ſowohl, wie zuweilen noch jetzt. Von mir, rief der junge Mann erröthend, es iſt wahr, aber nennen Sie es Lüge, Täuſchung, Vorurtheil, ich kann nicht anders. Es iſt mir ein unerträglicher Gedanke— 103 ürſten Dieſem Menſchen in der leinenen Schürze die grobe nhei⸗ Hand zu drücken, lachte der Profeſſor, ich glaub' es s eine wohl; es iſt keine Kleinigkeit und gegen alle Sitte und icht Gebrauch. l mit Verſpotten Sie mich, ja, verlachen Sie mich, fuhr Randau erregter fort, ich verdiene es vielleicht. Gott u, ich iſt mein Zeuge, ich liebe Marien und werde ſie immer lieben, aber es giebt eine Grenze, die man nicht unge⸗ uch ſo ſtraft überſchreiten darf; und ich— ich!— Er voll⸗ wager endete nicht, was er ſagen wollte, aber er faßte Sydow's Kerl, beide Hände und ſagte dringend: Helfen Sie mir. Er Com⸗ ſoll fort, er ſoll nach Paris, wohin er will; ich werde 1 ulichen Geld geben, ſo viel er fordert, aber er ſoll morgen fort; aller ſchnell und für immer. Sachte, lieber Freund, verſetzte der alte Herr, Dein beiter⸗ 4 6 Geld hilft hier nichts, denn ich ſage Dir, es iſt mit t aller dem trotzigen Burſchen nichts anzufangen. Alles was n, die Du mir jetzt vertrauſt, habe ich mir ſelbſt gedacht, und nie wie ihr vergnügt zuſammen waret, ſchlich ich mich leiſe wieder in den Theaterſaal und tippte den Jakob an. 6s it Element! was iſt das für ein Starrkopf. Ich machte nlhül ihm die Sache ſüß wie Zuckerbrei, zeigte ihm Deine gihn Großmuth und volle Börſe im ſchönſten Lichte, es rührte ihn aber nicht im Geringſten. Hier will ich bleiben, 104 ſagte er, und nichts ſoll mich forttreiben, denn ich muß wiſſen, was aus meiner Schweſter wird. Mein kleines Erſpartes reicht hin mich hier niederzulaſſen; auch habe ich eine Braut, ein liebes gutes Kind, mit einigem Ver⸗ mögen, die kommt und ich heirathe ſie nächſtens; das Uebrige wird unſer Fleiß fügen und das Glück. Was iſt nun zu thun? fragte Randau heftig. Ich weiß es nicht, verſetzte der alte Herr. Das Einzige wäre, Du ſprächſt ſelbſt mit ihm. Es iſt nicht zu läugnen, fuhr er dann nach einer langen Pauſe fort, dieſer junge Menſch hat etwas, was Achtung abnöthigen kann. Er hat die Energie eines muthigen Mannes, der ſein Herz unter dem groben Hemd ſtolz ſchlagen fühlt. Er iſt ein Narr, das iſt wahr; er könnte Dein Geld nehmen und verſchwinden; denn das ſogenannte Glück der Erde wohnt überall, aber er iſt fanatiſch genug, das nicht zu wollen. Du hätteſt hören ſollen, wie er ſagte: Ich will nicht! aber er kann ſicher ſein, ich werde mich ihm nie aufdrängen. Wenn Dir das genügt, ſo laß ihn laufen; ich glaube wahrhaftig, der Kerl hält Wort und verhungert lieber, ehe er ein Almoſen nimmt. Randau ging mit düſtern Mienen auf und ab, dann ſchlug er beide Hände vor ſeine Stirn, die ſich röthete. 105 mß Endlich ſagte er: So will ich fort, ſobald als möglich, ſeines weit, verſteckt— ich muß mich verſtecken. hebe Als ob Du das Licht zu ſcheuen hätteſt, verſetzte Ver⸗ der alte Herr. Nur der wagt ſein Auge nicht zu er⸗ dus heben und muß die Menſchen fliehen, den das Gewiſſen drückt. Hören Sie mich an, erwiderte Guſtav, indem er Das ſich in einen Stuhl warf, und einen ſcheuen Blick durch ſicht das Zimmer ſchickte, ja, mein Gewiſſen, meine Ruhe, machen es mir zur Pflicht. Ich war glücklich; wäre fort ich nie hierher zurückgekehrt, ich wäre es noch. Marie der iſt ein Engel an Liebe, ihr Herz ein Juwel, der mir ſiht ganz gehört. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie oft ich Geld Betrachtungen und Vergleiche anſtellte, und wie ich mich Glit ſelig pries. Eines Tages aber— eines Abends— uh Aurelie ſang und ihr Blick ruhte auf mir, dieſer Blick 1 e hatte etwas Bezanberndes. In irgend einem finſtern ere Winkel meines Kopfes ſprang ein Geſpenſt auf und igt glitt durch meine Adern. Ein Schauer lief über mich gal hin, ein Gedanke, heiß und glühend, jagte durch mein nſe Gehirn und zerſtach es. Ich wollte ihn ausreißen und vermochte es nicht; eine ſchreckliche Macht, der ich nicht mehr entrinnen konnte, zwang mich immer wieder in tur jene Augen zu ſehen, und was ich darin las, brannte, 3 thee 106 wie Feuer in mein Herz. Ich mußte etwas denken, was ich nicht wollte; ich mußte Vergleiche ziehen, vor denen ich zitterte. Ich mußte mich darin verſenken, von einem Glück träumen, das ich von mir geſtoßen, und ſo träufelte ein Tropfen ſchwarzer Reue nach dem andern giftig in meine Bruſt. Verſtehen Sie das, verſtehen Sie mich ganz, mein Freund? Der alte Herr richtete die funkelnden großen Gläſer ſeiner Brille auf den Verſtummenden. Nur zu gut ver⸗ ſtehe ich Dich, ſagte er dann. Das iſt es alſo? Armes Kind, ich habe es wohl gefürchtet. Die Sünde haſt Du in Deiner Bruſt aufgeweckt oder vielmehr: Die hat ſie aufgeweckt, welche von jeher wußte, daß in ihren ſchwarzen Augen ein Klapperſchlangenzauber ruht. Sie ſind ungerecht, erwiderte Randau. Aurelie trägt nicht die geringſte Schuld. An dieſen elenden Men⸗ ſchen gefeſſelt, der ihrer ſo wenig würdig iſt, wird mit jedem Tage die Gewißheit ihres Unglück lebendiger her⸗ vortreten. Dieſe Empfindung liegt in ihren Blicken; ich habe ſie verſtanden, es iſt meine Schuld, ich habe ſie dahin gebracht. O! wenn Sie wüßten, wie tief verſtändig ſie iſt, und wie ſehr ſie mich gerührt hat mit ihren Bitten für Marie und ihrer zarten Sorge für Erhaltung unſeres Glücks; wenn Sie das Alles wüßten! enken, „vot „von nd ſo ndern ſtchen liſer t vet⸗ lmes haſt e hat ihren trigt Men⸗ mit her⸗ icken habe e tef t het Sorge ſtn! 107 Der Profeſſor ſtand auf und ſagte: Bis morgen wolleu wir es bedenken, aber ſchon heut ſteht es feſt, daß Du Recht haſt, wenn Du fort willſt und fort mußt, je eher je lieber. Mag der Jakob bleiben oder nicht bleiben, es iſt gleichgültig. So groß und ſo nahe habe ich die Gefahr nicht vermuthet, und ſo ſchwach einen Mann nicht geglaubt, den ich für eine Art Auser⸗ wählten hielt. Es iſt aber alles eitel Bruch⸗ und Flickwerk an dem ganzen Menſchenplunder. Du wache und ſei ſtandhaft, ſonſt hält Dich der böſe Feind beim Haar feſt, und wen er da hat, der iſt nach alter und neuer Sage ganz und gar verloren. Es gingen einige Tage vorüber, in denen ſich nichts änderte. Die demüthige Marie wagte es nicht, von ihrem Bruder zu ſprechen, und Randau ſchien ſich vor⸗ genommen zu haben, durch ſo viel Güte und Liebe, wie er immer für ſie ſammeln konnte, ihr ſein Schweigen darüber zu vergüten. Zuweilen nur verfiel er in Trau⸗ rigkeit und eine heftige Unruhe trieb ihn umher, aus der er ſich gewaltſam zu befreien ſuchte. Aurelie kam nicht, doch ſie ſchrieb, daß ſie unwohl ſei, und bat um Beſuch, einen Wunſch, den Marie erfüllte, aber entſetzt zurücktam, denn ſie war Zeuge eines ſehr traurigen und ernſten Vorfalls geweſen. 108 Als ſie das Zimmer Aureliens kaum betreten hatte, erſchien die Präſidentin, in der Hand mehrere Papiere, welche ſie mit vieler Heftigkeit zuſammengedrückt auf den Tiſch warf, und ohne Mariens Gegenwart zu beachten im größten Zorne ſagte: Ich will fort aus dieſem Hauſe. Was man auch ſagen mag, ich will fort von hier, denn in Sodom und Gomorra konnte es nicht ärger hergehen. Liebe Mama, ſagte die Tochter, was hat man Dir wieder gethan? O! ſpotte nur, rief die alte Dame. Es ſoll Alles vergolten werden, ſo ſteht es geſchrieben. Hier lies dieſe Papiere und dann ſpotte weiter. Was enthalten denn dieſe wichtigen Schriften? fragte Aurelie ruhig. Was ſie enthalten? Schulden! Es ſind unbezahlte Rechnungen; Briefe von Leuten, die ſich an mich wen⸗ den; ſogar ein Schneider iſt dabei, der eine Landſtands⸗ Uniform bezahlt haben will; und wie Polenz lebt, wie Du lebſt, jeder in den Tag hinein, jeder nur gierig nach der Luſt, der Eine ſündiger wie der Andere; ich kann und will es nicht länger dulden. Liebe Mama, verſetzte Aurelie, bedenke wenigſtens, daß hier in meiner Wohnung noch eine dritte Perſon zugegen iſt, der wir Achtung ſchuldig ſind. 3 chten auſe. nn in ehen. Dir Alles lies ragle wel⸗ ands⸗ , wie ch nach kann gſens Perſon 109 Ah, ſagte die Praſidentin mit einer ſpöttiſchen tiefen Verbeugung, unſere gnädige Couſine aus Erfurt. Ja, allerdings, das hätte ich beinahe vergeſſen. Das Eine paßt zum Zweiten; die Sünde zur Schlechtigkeit, das Laſter zur Schande. Geht ihr nur hin, der Tag der Abrechnung wird ſchon kommen. Lüge und Leichtſinn werden ihren Lohn erhalten. Um Gotteswillen, rief⸗Marie erblaſſend, was habe ich Ihnen gethan. Mamſell oder Madame, erwiderte die alte Dame, merken Sie ſich, aller Betrug dauert nur kurze Zeit, und wer ſich in eine Geſellſchaft drängt, wohin er nicht gehört, wer ſich anmaßt, was ihm nicht gebührt, wer herein kömmt und hat kein hochzeitlich Kleid an, der ſoll in die Finſterniß geworfen werden, da wird ſein Heulen und Zähnklappen. So kann es Ihnen auch gehen, wenn etwa Ihr Herr Gemahl von ſeiner Toll⸗ heit aufwacht. Aurelie hatte dieſe dornige Rede nicht gehindert; erſt als Marie zitternd mit todtenbleichem Geſicht und ſchwankend einige Schritte nach der Thür thot, eilte ſie ihr nach und ſchloß ſie beruhigend lächelnd in ihre Arme. Du ſollſt nicht gehen, ſagte ſie, Du darfſt mich nicht verlaſſen. Die Schmähungen werden uns gemeinſam 110 zugetheilt; ich bitte Dich, mir zur Liebe, ſie anzuhören und Dich nicht zu kränken. Der Zorn der Präſidentin wuchs durch dieſe Nicht⸗ achtung, er ward jedoch zum höchſten Grad angefacht, als jetzt plötzlich Polenz in's Zimmer trat, der in der glücklichſten Laune zu ſein ſchien. Er tanzte gleichſam durch die Thür, und breitete die Arme gegen Aurelien aus, indem er aus einer Opernarie einige zärtliche Worte ſang. Als er die Präſidentin erblickte, ließ er die Arme zwar ſinken und verſuchte ein ernſthaftes Geſicht zu machen; allein es glückte ihm ſchlecht. Er war in zu luſtiger Geſellſchaft geweſen; der Champagner glühte in ihm; der Zwang kam ihm unerträglich vor. Er faßte daher die Hand ſeiner Schwiegermutter und ſagte mit der größten Freundlichkeit: Theuerſte Mama, Sie ſehen entſetzlich angegriffen aus. Das ſind die Folgen der ſtrengen Andacht, gegen welche man ſehr auf ſeiner Huth ſein muß. Sie— Sie! rief die Dame. O! warum bin ich nicht mehr auf meiner Huth geweſen. Leſen Sie das da!— Sie reichte ihm die Papiere, welche Polenz mit größter Seelenruhe las, zuſammenfaltete und ein⸗ ſteckte. Es ſind Rechnungen, allerdings unbezahlte, ſagte er, aber ſie ſollen bezahlt werden, die Eſel. Was iſt —= ichſam urelien Worte Arme in zu hte in füßte te mit ſchen n del uth — in ich e dus Polenz d ein⸗ 111 da weiter, theure Mama? Auf Cavalier⸗Parole! ich ſehe nichts dabei. Schulden, nun ja, ich habe Schulden, allein wir haben ja Vermögen. Er neigte ſein weiner⸗ hitztes Geſicht zu der Präſidentin und lachte ausgelaſſen. Verzeihung, rief er, ich bin mit einem paar alter Kame⸗ raden zuſammen geweſen, und teufelmäßig luſtig iſt es zugegangen. Was ſoll auch das Betſchweſterweſen? Man hat mich genug damit gehänſelt. Das Leben muß man genießen, der Wein muß goldig fließen. Es lebe die Liebe, es lebe der Wein! Ungeheuer! rief die Präſidentin außer ſich. Ein Trunkenbold, ein Heuchler— o, mein Gott! Sie ſank in den Stuhl zurück und ihre ausgeſtreckte Hand fiel langſam nieder, ihre Lippen bewegten ſich, aber nur un⸗ verſtändliche Laute drangen hervor. Aurelie flog mit einem Schrei des Schreckens zur Hülfe. Ein Arzt wurde gerufen, er erklärte die Erkrankung für einen Schlaganfall, verordnete Aderlaß und Ruhe, und machte ein bedenkliches Geſicht. Mit dieſen Nachrichten war Marie nach Haus ge⸗ kehrt. Sie hatte in der Theilnahme für das Unglück der Präſidentin ihren Schmerz über die eigenen Krän⸗ kungen vergeſſen, und rechnete dieſe faſt ganz der krank⸗ haften Gemüthsſtimmung der Präſidentin zu, aber es 112 war ihr unmöglich, ihrem Manne die Anſchuldigungen zu wiederholen, welche ſie erfahren hatte. Es lag zum erſten Male eine Entfremdung zwiſchen ihr und dem Geliebten, zum erſten Male fiel ein finſterer Schatten auf ihre Seele, die betäubt und ängſtlich auf Verſöh⸗ nung hoffte. Sie dachte darüber nach und ſtand an einer Kluft, aus der ein kalter Hauch ſie ſchaudernd berührte; denn getragen von ihrer Liebe und deren gläu⸗ biger Kraft war es ihr nie eingefallen, daß die Welt, in welche ſie Randau geführt, etwas anders ſein könne, als eine Vervollkommnung ihres Glücks, das ihr ein großes Loos zugeworfen. Sie hatte ſich fremd, ſchüch⸗ tern, unheimlich in den neuen Verhältniſſen gefühlt, aber durch Lehre und Beiſpiel das Peinliche darin überwun⸗ den. Jetzt dachte ſie darüber nach, was Randau be⸗ wogen hatte, ihre Abkunft zu verheimlichen; ſie fügte ſeine harte Abweiſung ihres armen Bruders hinzu, dann die giftigen Worte der Präſidentin und eine ſchreckliche Ahndung ihrer Verachtung glitt durch ſie hin; jener Verachtung, die ſeit den Zeiten des Paradieſes den Herrn vom Knecht, den Braminen vom Paria ſchied. In tiefen Gedanken ſaß ſie allein, als ein Mann unter dem Fenſter ſtill ſtand, der zu ihr empor blickend langſam ſeinen Hut zog. Sie ſah herab, es war ihr 113 Bruder Jakob. Ihr Herz ſchlug laut. Sie fühlte eine igungen jähe Angſt; Furcht und Schrecken kämpften mit den ag zun heiligen Rechten der Natur, dann aber winkte ſie ihm id dem zu und eilte ſelbſt hinaus, um ihn an der äußern Thür öchatten zu empfangen. Mit zitternder Hand zog ſie den Wider⸗ Verſüh⸗ ſtrebenden in ein kleines Vorzimmer, und ſah bittend in and an ſein ernſthaftes, finſter blickendes Auge. adend Schweſter Marie, ſagte der junge Arbeiter. Verzeihe n glü⸗ mir; ich konnt's jedoch nicht laſſen, einmal mußte ich eVel, Dich ſehen und ſprechen. lönne, Ach, Jakob, erwiderte ſie freudig, wie herzlich habe ihr ein ich mich danach geſehnt. Aber ſprich leiſe, man könnte ſchich uns hören. ober Man könnte uns hören, verſetzte Jakob, indem er 3 berwn⸗ den Hut in ſeiner Hand um die gebrochenen Krempen dau be⸗ drehte, und man darf mich nicht hören. e fügte Sie hielt ſeine Hand feſt, die er zurückziehen wollte, u dun plötzlich ſchlang ſie beide Arme um ſeinen Hals und redliche küßte ihn unter Thränen. Mein lieber, lieber Jakob! jur rief ſie, ſieh nicht ſo finſter vor Dich hin, ich habe Dich hen ja ſo lieb. Der Arbeiter hatte den Hut fallen laſſen und hielt Mn die Schweſter in ſeinen Armen. Sein Geſicht hatte gilen ſich verklärt, ſeine Augen leuchteten, wie Sterne, darin. hr Th. Mügge, Romane IV. 8 wut ih 114 Haſt Du mich denn wirklich noch lieb, meine kleine Marie, ſprach er bewegt. Gott lohne es Dir in Ewig⸗ keit! Es thut gar zu wehe, wenn man denken ſoll, der Hochmuth kann Schweſter und Bruder trennen. O! ſprich nicht ſo, denke nicht ſo von mir, rief Marie. Aber er, Dein Mann, fragte Jakob langſam. Biſt Du glücklich, Marie? Sehr glücklich, unausſprechlich glücklich, erwiderte ſie, während ein helles Roth über ihr Geſicht lief, denn das bange Klopfen ihres Herzens mahnte furchtſam an Alles, was ſie in den letzten Stunden gedacht und erlebt. 3 Die Geſchwiſter überließen ſich nun in einem langen Geſpräch einen Austauſch ihrer Schickſale, das endlich aus der Vergangenheit zur Gegenwart und Zukunft überging, und eben hatte der junge Mann ſeiner Schweſter erklärt, daß es ſeine Abſicht ſei, ſich in der Reſidenz anſäſſig zu machen, weil er ſich tüchtig fühle, in ſeinem Geſchäft gut zu beſtehen und keinem zu weichen, als im Nebenzimmer ſich Randau's feſter Schritt hören ließ. Es iſt mein Mann, ſagte Marie bebend und haſtig aufſtehend. Lebe wohl! Jakob. Dort hinaus, kleine Epig⸗ ll, det ir, rif n Biſt erte ſie, , den ſam an ht und n langen endlich ʒiluft ſeiner in der gſihl, weichen it hörn dm n hnu⸗ 115 die Thür nach dem Flur. Lebe wohl. Sie wollte ihn verlaſſen.— Nein, Schweſter, erwiderte der Arbeiter mit lauter Stimme, ich will nicht wie ein Dieb fortſchleichen, wo ich ein Recht habe frei und offen zu handeln. In dem Augenblick öffnete Randau die Thür. Jakob hielt ſeine Schweſter an der Hand und machte eine an⸗ ſtandsvolle Verbeugung, dann hob er furchtlos ſeine Stirn auf und ſah den Mann, der ſich ſeiner ſo tief geſchämt, feſt und fragend an. Randau war überraſcht, aber die finſtere Falte ver⸗ ſchwand ſogleich und mit einer Art freundlicher Herab⸗ laſſung reichte er Jakob die Hand. Es iſt mir lieb, ſagte er, Sie hier zu finden, denn ſchon wollte ich ſelbſt Sie aufſuchen, um mit Ihnen aufrichtig über unſere Verhältniſſe zu ſprechen, die, wie ich wünſche, ſich zum Beſten zwiſchen uns ordnen und geſtalten ſollen. Er küßte Marien, welche ſich dankbar an ihn ſchmiegte, ſtreichelte ihr Haar, that ein paar zärtliche, ſcherzende Fragen und ſetzte ſich dann in einen Lehn⸗ ſtuhl, die jnnge Frau auſ ſein Knie zieherd, während er ihren Bruder einlud, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Nach Manchem fragend und das Geſpräch über viele Dinge leicht fortleitend, kam Randau endlich auf das 8* Weſentliche; allein alle ſeine freundlichen Anforderungen und Anerbietungen, dem jungen Handwerker es ange⸗ nehm zu machen, einen andern Ort für Begründung ſeines bürgerlichen Wohls zu ſuchen, blieben ohne Er⸗ folg. Man merkte es wohl, daß die Gereiztheit über dieſe Weigerung ſich in Randau's Antworten miſchte, doch wußte er das nuig Aeußere zu dipahren. Es thut mir leid, jagte er enlich kalt, ſo wenig Uebereinſtimmung bei uns zu finden, denn⸗was ich Ihnen vorgeſchlagen, dünkt mich für uns Beide das Vernünf⸗ tigſte und Beſte. Ich bin nicht ſtolz, nicht von An⸗ maßungen befongen, ich denke, daß ich das bewieſen habe; allein ich überlaſſe es Ihnen, zu beurtheilen, ob nicht in unſerer Zeit doch zwiſchen den verſchiedenen Klaſſen der Geſellſchaft eine Grenze liegt, die wir be⸗ achten müſſen, weil ſie mit Sitten, Gewohnheiten und Geſetzen nicht allein, ſondern tiefer liegend mit allen Lebensverhältniſſen, mit Bildungszuſtänden, mit der ganzen geiſtigen Verkettung der Menſchen eng zuſam⸗ menhängt. Ich verſtehe, fagte der Handwerker gelaſſen. Es kann keine Gemeinſchaft zwiſchen uns ſein, denn meine Hände, mein grober Rock ſowohl, wie meine Sprache und mein Umgang ſind dagegen. — orderungen es onge⸗ egründung ohne Er⸗ ztheit über n niſchte, en. ſo wenig ich Ihnen Venün⸗ von W⸗ bewieſen theilen, ob nſinen e wir be heiten und nit alen mit der n9 jan 6 laſen 6 tan nen 117 Behüte mich Gott, daß ich das verachte! fiel Ran⸗ dau ein. Das Ehrenwerthe, wo es ſein mag, ſoll nicht von mir verkannt werden, und doch, ſo fatal es klingen mag, doch kann ſich nur das Paſſende zuſammenfinden. Sie haben Recht, verſetzte Jakob, indem er auf⸗ ſtand und ſein großes klares Auge mit Ueberlegenheit auf den unmuthigen Schwager richtete, das Paſſende ſollte ſich ſtets zuſammenfinden. Sie jedoch haben das nicht bedacht, und ich will nicht darunter leiden. Laſſen Sie mich meinen Weg gehen und gehen Sie den Ihren; hier haben Sie die Hand eines Arbeiters darauf, wir werden uns nicht begegnen, ſo lange— er wandte den Blick auf ſeine Schweſter— es nicht nöthig iſt. Randau ſchlug ein und Beide betrachteten ſich einen Augenblick mit freundſchaftlicher Empfindung. Sie ſind ein wackerer Mann, ſagte Randau, und in allen Fällen, wo Sie Hülfe brauchen, wird dieſe Ihnen nie fehlen. So ſchließen wir einen gegenſeitigen Vertrag, er⸗ widerte Jakob lächelnd. Kann ich helfen, wo und wie es ſei, ſoll's revlich geſchehen. Keine Mühe wird mir zu groß, kein Weg zu weit und keine Arbeit zu ſchwer ſein. Gottes Segen mit Dir, Schweſter Marie. Er reichte ihr die Hand und küßte die Thränen von 118 ihrem Geſicht, welche leiſe daran niederfloſſen. Marie flüſterte ihm ein leiſes Lebewohl zu; als er aber hinaus war, ſagte ſie erregt: Iſt es nicht ein tüchtiger Mann, beſſer, verſtändiger als viele? O, Guſtav! es verwirrt ſich in meinem Kopfe, ich werde irre an Manchem was ich erlebt habe. Nur nicht irre an mir, erwiderte er lächelnd, in⸗ dem er ſie in ſeine Arme zog. Laß uns dieſem wüſten engen Treiben entfliehen, meine geliebte Marie. Der Frühling erwacht, wir wollen zu ihm hinaus. Laß uns ſehen wie er den alten Winter beſiegt, neuer Lebensmuth wird in unſere Herzen dringen. NA So geſchah es, daß eine Woche ſpäter Randau mit 3 ſeiner Gattin auf ſein Gnt reiſte, das acht Meilen von der Hauptſtadt, mitten in Waldgehegen und zwiſchen ſeeumſpülten Hügeln lag. Die Präſidentin war noch immer ſchwer erkrankt. Trauer und Mißbehagen wo e in dem großen geſchmückten Hauſe, deſſen Bewohner ganz ohne Kenntniß blieben, daß Randau die Reſidenz ver⸗ . Mnrie ber hinaus er Mann, verwirrt ſchem was chelnd in em wiſten wie Der Laß uns ebensmth anda nit Reilen von wor noch wohnen 0 laſſen hatte, bis eine formenvolle Abſchiedskarte ſie damit bekannt machte. Ich will von ihnen für immer ſcheiden, für immer dieſen Umgang abbrechen, ſagte Randau zu ſich ſelbſt, als er im Wagen ſaß und froher athmete, als das neu grünende Land ſich aufthat, von dem die Märzſonne den letzten Schnee ſchmolz. Am Abend war das Herrenhaus erreicht. Es war wohnlich eingerichtet, und obwohl der Raum nicht groß, das Gut ſelbſt nicht bedeutend war, ſo bot es doch alle Annehmlichkeiten, die ein einſamer, von der Natur be⸗ günſtigter, und von Kunſt und Geſchmack verſchönter ländlicher Beſitz bieten kann. Ein Inſtrument, eine kleine Bibliothek und mancherlei zierlicher Schmuck der Zimmer und Schränke beſchäftigte mit Aufſtellen und Ordnen die erſten Tage. Es gab zu berathen, zu über⸗ legen, zu verändern, und in heiterer Geſchäftigkeit flog die junge Frau nach allen Orten, Treppe auf, Treppe ab. Ihre helle Stimme klang durch das Haus, lange war ſie nicht ſo unbefangen glücklich geweſen. Dann wurde der Garten unterſucht, der Verwilderung entgegen gewirkt, zu Blumenpflanzungen und edlem Obſtbau neue Einrichtungen getroffen. Randau entwarf Zeichnungen zu einem neuen Gewächshauſe, während es draußen 120 heftig regnete und Marie über ſeine Schulter da und dort auf die Blätter tippte und Verbeſſerungen machte. Abends ſtanden die Dienſtleute horchend unter den Fenſtern, denn innen klangen Lieder und ſchöne Melodien, und leiſe bewunderten die friedlichen einfältigen Menſchen, was ſo ein hochgebornes, beſſeres Weſen alles lernen und treiben könne; leiſe ſprachen ſie auch davon, wie ſchön, wie gut und lieb die Dame ſei, und wie ernſt, und doch freundlich und verſtändig, der junge Gutsherr. Zuweilen kam Beſuch. Der alte Pfarrer fand ſich ein. Sonntags war er ein gewiſſer Gaſt; der rüſtige Ver⸗ walter trat dann einer Whiſtparthie bei, und wenn die Sonne heiter ſchien, pilgerte Marie in's Dorf hinab, wo bald alle Kinder ſie kannten, die Eltern mit milden Worten ſie begrüßten, ihr dankbar nachblickten und ſich davon erzählten, wie doch gar kein Stolz in der ſchönen gnädigen Frau zu finden wäre. Hätten ſie gewußt, daß eines armen Küſters Tochter ihnen ſo lächelnd zunickte, ihre Kinder liebkoſte und ſie beſchenkte, o! ſie würden kaum weniger üble Urtheile gefüllt haben, als die Leute in der Stadt. Je weiter der Frühling vorrückte, um ſo mehr dehnten ſich die Spaziergänge aus. Aus dem Garten in den Park, aus dem Park in den Wald, wo in hohen * S — da und machte. ter den elodien, enſchen, s lernen on, wie je ernſt, utshert. ſich ein. ge Ver⸗ enn die hinb. milden und ſih ſchönen ſit, di zunict⸗ winden ie Leute nehr Garten n hohen 0 . 121 glänzenden Buchenkronen die Finken ſchlugen, wo Käfer ſummten und Schmetterlinge, und am Fuße der Hügel blaue Seewellen die Schilfwälder bogen, über welche Kibitze und Rohrſperlinge mit luſtigem Geſchrei flatterten. Die Blüthen brachen auf und das junge Geblätter, Nachtigallen ſchlugen im Hollunder, der jährliche Wonne⸗ traum der Natur kam und verrann; er weckte Leben und Liebe überall und richtete betrübte Herzen hoffnungsvoll wieder auf. Marie war noch glücklicher, liebender und ſehnſüchtiger nach Glück und Liebe. Ihr Gedanke war Er, für den ſie lebte. Immer ſann ſie darauf, wie ſie ihm gefallen möchte, wie ſie ſeinen Beifall erringen könnte. War er fern, ſo ging ſie ihm entgegen und erwartete ihn an irgend einer Stelle verſteckt, wo er es nicht ver⸗ muthete; kam er nicht, ſo faßte ſie eine Angſt um ihn, die nicht eher verſchwand, bis ſie ihn wieder ſah. Ein Schleier um ſeine klaren Augen, eine kleine Wolke auf ſeiner Stirn, ein einziger ernſter Blick ſetzte ſie in Schrecken. Sie durchforſchte jeden kleinen Zug in ſeinem Geſicht, ſie hatte es ſtudirt, es entging ihr nichts; ſie erkannte jede Stimmung und Regung, die ihn bewegte. Zuweilen wurde dieſe ängſtliche Sorge Randau un⸗ bequem, und einige Male wies er kurz Mariens theil⸗ nehmende Fragen und Bitten zurück; aber bald ergriffen 122 von ihrer ſtillen Trauer, geſchah es nur, um inniger zu empfinden, daß er mit überſchwenglicher Liebe geliebt ſei. Und doch lagerten ſich zuweilen Schatten auf ſeinem Herzen, eine Unruhe, ein Unmuth, eine zehrende Glut, die er vergebens zu verbergen ſtrebte. Randau war ein Landmann geworden. Er nahm ſich der Aufſicht des Gutes nnd deſſen Verbeſſerungen leb⸗ haft an, doch dieſe Thätigkeit genügte ihm nicht. Nach⸗ dem die Zeit vorüber gegangen, wo ihm die Beſchäftigung neu war, empfand er eine Leere, die niederdrückend auf ihn wirkte. Einſam ſchweifte er, das Gewehr in der Hand, durch die Waldgehege und ſah vom Saume der⸗ ſelben auf die Felder nieder, wo die Saaten reiften. Zuweilen, wenn er zurückkehrte, hörte er dann Mariens Stimme im Park. Sie ſuchte ihn. Er hörte ſie das ſchöne Lied Hoffmanns von Fallersleben ſingen, ſein Lieblingslied:„Und auch ſogar die Eichen und Reben werden grün. O Herz, das ſei dein Zeichen, o, Herz, ſei ſtolz und kühn!“— aber ſein Herz ſchlug muthlos, ein ſonderbares Gefühl, das Widerſtreben gegen jedes Be⸗ gegnen ergriff ihn, und er kehrte um, ſie fand ihn nicht. Aus der Hauptſtadt hatte Randau zeither wenige Nachrichten erhalten; denn ſeine Verbindungen waren 3 ſiget zu geliebt ſeinem e Glut, hn ſich en lel⸗ Nach⸗ iftigung end uf in der ne del⸗ reiften⸗ Nmien ſie das n, ſein Reben erz, ſü os, in es Be⸗ d ihn werige waren 123 im Grunde gering, und Sydow, faſt der Einzige, der dann und wann Briefe ſandte, ließ doch niemals eine Nachricht über das einfließen, was er am liebſten ge⸗ hört hätte und nach dem zu fragen er ſich doch ſcheute. So gingen Wochen und Monate hin. Der Hochſommer kam heran, die Felder wurden leer und die wechſelnden Gemüthsſtimmungen des jungen Gutsherrn traten greller, als je, hervor. Bald war er mild und weich und lebte einen ſchönen Tag voll Zufriedenheit und Liebe, allein der nächſte ſchon warf ihn in ein ſchwermüthiges Ver⸗ ſtummen, das er dann gewöhnlich mit körperlichem Un— behagen zu verdecken ſtrebte. Karie litt in dieſem oft jähen Umſchlagen die Angſt und Freude eines Weſens, das in den Wogen eines unendlichen Meeres bei jeder nahenden Welle Todesfurcht, bei jedem Sonnenblick neue Lebenshoffnungen empfindet. Sie war ſo abhängig, ſo furchtſam, ſo dienſtfertig lachend und ernſthaft, wie ein Kind, und ertrug die Tyrannei der Launen eines unzufriedenen Gebielers, wie eine Sklavin, welche knieend um Gunſt ringt. Sie wußte nicht, daß einem ſtolzen Willen gegen⸗ über, man nicht ungeſtraft keinen Willen haben darf. Eines Abends war Randau weit durch den Forſt gegangen, wo dieſer von den letzten Hügeln in fremde Feldmarken abfiel, und eine Ebene beſetzt mit Dörfern 124 und Menſchenwohnungen, bis an den Rand des Geſichts⸗ kreiſes, hinlief. Er ſetzte ſich unter eine mächtige Buche und blickte lange nach einer goldig funkelnden Thurm⸗ ſpitze, die in weiteſter Ferne im Schimmer der ſcheidenden Sonne ſichtbar ward. Endlich zog er ein kleines Fern⸗ rohr aus der Taſche und nun traten die weißleuchtenden Mauern eines großen Gebäudes näher, das auf einem grünen Abhange gebaut war. Er ſah die Fenſterreihen, das ſchwarze Dach von Schiefer, den Balkon in der Mitte, deſſen Flügelthüren geöffnet waren. Lange und oftmals ſah er hin und ſchien ſich zu bemühen, mehr zu erkennen, bis er zuletzt das Glas in das Gras warf, und, die Arme kreuzend, mit einem tiefen Seufzer den Kopf ſenkte. Plötzlich hörte er den Gallop eines Pferdes. Im Hohlwege zu ſeinen Füßen zwiſchen den Haſelnuß⸗ büſchen flatterte ein Schleier; eine Dame auf großem, ſchwarzem Roß ſprengte kühn und leicht hervor. Ihr ſchwarzes Reitkleid, der ſchwarze Hut, unter dem hervor dunkle, windbewegte Locken flatterten, Alles gab ihr das Anſehn einer Erſcheinung, vor der er ein geheimnißvolles Grauen und doch ein ſinnbetäubendes Entzücken empfand. Einen Augenblick war er gelähmt unter dem Eindruck, dann ſprang er auf. Ein Zweig brach, den er ergriffen ichts⸗ Buche um⸗ enden Fern⸗ enden einem eihen, der nd mehr warf, den des. mj⸗ en, Ir ror das olles fand. uch 125 hatte, und als er Aurelie rufen wollte, blickte ſie auf und ſah ihn oben an der Buche ſtehen. Die Reiterin hob den Arm grüßend und winkend auf. Ihre Augen ruhten forſchend auf ihm, die ſeinen durchirrten ihr blaſſes, von einem leichten, friſchen Hauch belebtes Geſicht, das im dämmernden Schein des Abends einen Zug des Schmerzes und ein Lächeln geſtillter Sehnſucht enthielt. Guſtav, rief ſie hinauf, willkommen! daß ich Dir begegnen würde. Seit drei Tagen wohne ich in Langenau. Ich hielt es nicht mehr aus, ich mußte Dich— Euch Alle ſehen. Ich komme zu Dir hinunter, erwiderte jähen Abhang prüfend, wo es am leichteſten geſchehen Es ahnte mir, Randau, den könnte. Bleib! erwiderte ſie, ein Abgrund trennt ins und noch fehlt die Brücke, welche Dich ſicher zu mir bringt. O! mein Freund, vieles hal ſich geändert, und was iſt übrig geblieben? Allzuviel das der Aenderung be⸗ darf. Und was doch keines Menſchen Macht zu ändern vermag, erwiderte Randau. Alles, Alles kann eines Menſchen feſter Wille, ant⸗ wortete Aurelie; nur die Schwächlinge fürchten ſich und 126 wiſſen nicht, was Wille heißt. Lebe wohl, Guſtav. Komm zu mir, ich habe Dir vieles zu ſagen. Drüben am See liegt meine Meierei. Ich bin morgen dort in der Frühe, wenn Du willſt, kannſt Du mich finden. Lebe wohl. Sie winkte ihm den Abſchiedsgruß und das edle Pferd flog mit ſeiner leichten Laſt davon. Bald ſah der Nachſchauende die ſchwebende Geſtalt zwiſchen den Hebungen des Bodens verſinken, bald wurde ſie durch ſonnige Luft getragen und hinter ihr ſchwamm der lange weiße Schleier, wie der geſpenſtiſche Silberſtreif, welcher der Bahn des Kometen nachzieht. Das ganze plötzliche Erſcheinen der ſchwarzen Reiterin war ſo wunderbar, ſo ſchnell gekommen und verſchwunden, daß es blitzartig wirkend in Randau's Kopf tauſend wild zerknickte Ge⸗ danken, ein Chaos unermeßlicher wüſter Qual, und jähe Schattenbilder eines neuen Paradieſes hervorrief. Er ſah ihr nach, bis ſeine durſtigen Augen ſie ver⸗ loren, und aus dem Duft des Abends, aus jenen weichen Nebellinien, die nach und nach alle Ferne zudeckten, glaubte er noch immer den Hufſchlag und das Schnauben des Renners zu hören. Die blaſſe, hohe Stirn Aureliens war ihm zugewendet. Er ſah zwei glänzende Augen, die immer heller, immer freudiger funkelten und alles Du lu geh ſih ſn m Ru öde g omm mam nder Lebe edle ſch den durch lange lcher bar, mnig Ge⸗ ver⸗ ichen ten, uben liens 17 Dunkel durchbrechend ihm entgegen zogen. Sterne der Nacht, glühende Welten des Himmels ſchienen ſie ihm die Augen einer Gottheit zu ſein, die mit irdiſch ſinnlichem Be⸗ gehren ihn folterten. Als er endlich aus dieſen Träumen ſich aufrüttelte, ſeufzte er tief über die Wahrheit, welche ſtrafend vor ihn hin trat. Es war ſpät, als er endlich zurückkehrte, und Marie empfing ihn mit zaghafter Freude, hinter der ſie ihren Kummer verbarg. Eintöniger war es noch nie in dem öden Hauſe geweſen. Die beiden Gatten ſaßen ſich gegenüber ohne zu ſprechen. Randau ſtützte den Kopf in ſeine Hand; er hatte nicht das Herz Marien freundlich anzublicken. Ein ſchuldiges Gefühl bedrängte ihn, aber er konnte und wollte ihr nichts davon geſtehen. Es war ihm unmöglich von Aurelien und ihrem Begegnen ein Wort zu ſprechen. Sinnend verglich er, was er beſaß mit dem was er miſſen mußte Wie anders, wenn die ſchöne, ſtolze Frau hier geboten hätte! Welch andres Leben dann, welche Luſt, welcher Reiz!— Eine bittre, vernichtende Empfindung zuckte um ſeiue Lippen, er ballte die Hand und griff in's Haar, daß es ſchmerzte. O! Guſtav, bat Marie leiſe, ſage mir nur das Eine, ſage mir, ob Du krank biſt? Krank? antwortete er im rauhen Tone, wie quälſt 128 Du mich wieder! Es iſt nicht mehr zu ertragen. nun ja, mir iſt nicht wohl. Aber ich bitte Dich, es bringt mich um, wenn ich jeden Tag dieſe Inquiſition be⸗ ſtehen muß. Sie wagte nicht weiter zu fragen, und eine Stunde verging nach der anderen, endlich erfolgte eine Art Aus⸗ ſöhnung. Randau nahm ihre Hand und küßte ſie. Laß uns Frieden ſchließen, ſagte er, es thut mir weh, wenn ich Dich betrübt ſehe. Ich weiß, wie lieb Du mich haſt, doch mußt Du durch ängſtliche Gebehrden und Worte nicht meine Mißſtimmungen zu erhöhen ſuchen. Du kannſt nicht denken, wie ſehr mich das peinigt. Ich möchte Dich ſo gern heiter und froh ſehen, er⸗ widerte ſie leiſe, und weiß doch nicht, wie ich es an⸗ fangen ſoll. Gutes Kind, ſagte er, ich glaube Du läßt es am beſten gehen, wie es geht.»Die Schatten des Lebens ziehen vorüber. Es iſt kein Tag ohne Wolken, man muß ſie ausregnen und ſtürmen laſſen, wenn die Sonne wieberkommen ſoll. Eine unruhige und ſchlafloſe Nacht ging vorüber, in welcher Randau Beſchlüſſe faßte, die er immer von neuem verwarf, und kämpfend mit geheimen Wünſchen und Neigungen den Morgen hereinbrechen ſah, ohne zu Krank! ich, es tion be⸗ Stunde lrt Aus⸗ ie Loß h, wenn u mich en und ſuchen. peitigt. hen, er⸗ es al⸗ e6 am geben an miß Sonne iber, in er von inſchen 129 einem Siege gelangt zu ſein. Der Schimmer des jungen Tages fiel auf das Geſicht ſeiner ſchlafenden Frau. Er konnte ihre freundlichen Züge erkennen, die zu lächeln ſchienen; ihr blondes, ringelndes Haar floß über die weißen Kiſſen, ihre Hände lagen ſtill auf der Bruſt ge⸗ faltet, er hörte kein Athmen, er ſah keine Bewegung, der tiefe Friede, welcher über der Schlafenden ausgebreitet lag, war ein Gottesfriede der Vollendung.— Plötzlich faßte ihn ein entſetzlicher Gedanke. Es kam ihm vor, als ſei ſie geſtorben, und eine ſchreckliche Angſt trieb ihn auf; die wilden Schläge ſeines Herzens wollten ſeine Bruſt zerſprengen. Zitternd beugte er ſich über Mariens Beit und lauſchte. Er wagte es nicht, ſie zu berühren, aber wie er die Augen auf ihr Geſicht heftete, bewegten ſich ihre geſchloſſenen Lippen und flüſterten ſeinen Namen. Sie träumt von mir, ſagte er gerührt, o! mein Gott, und ich— ich! Er dekkte die Hände vor die erhitzte Stirn. Leiſe verließ er das Zimmer und trat in den ſchönen, kühlen Morgen.— Der Thau hing in Mil⸗ lionen funkelnden Tropfen an allen Blumen und Blät⸗ tern, ein Strom kühler gewürziger Luft kam ihm ent⸗ gegen und beſänftigte ſeine Empfindungen, daß er, durch die Gänge weiter gehend, endlich ſich einem ruhigen Nachdenken überließ. Th. Mügge, Romane IV. 9 130 Wohin, ſagte er zu ſich ſelbſt, ſoll dieſe Zerfallenheit führen, die nicht allein mich mit ihren zerrüttenden Folgen bedroht, ſondern ein zweites Weſen namenlos elend machen muß? Sagte ſie nicht geſtern, daß eine Kluft zwiſchen uns liege, über welche noch keine Brücke ge⸗ worfen wäre? Dieſe Kluft zu füllen iſt unmöglich! Warum alſo verderbliche, frevelhafte Verſuche machen, warum ſich dem Abgrunde nahen, der uns verſchlingen muß? 6 Er ging weiter und weiter durch den Park in den Wald, bis er an derſelben Stelle ſtand, wo ihm geſtern Aurelie begegnet war. Noch lag der friſch gebrochene Zweig auf dem Sand, den der Huf ihres ungeduldigen Roſſes aufgewühlt hatte. Träumeriſch ſtarrte er darauf hin. Das Gefühl banger Unruhe kehrte in ſeine Bruſt zurück. Er blickte über die Landſchaft; da lag in der Ferne der Meierhof unter grünendem Gebüſch und vorwärts zog es ihn, und wieder zurück. Zweimal ſetzte er den Fuß auf den fremden Boden, ohne ſich entſchließen zu können, bis er zuletzt doch weiter ging, mit jeder Minute haſtiger, als fliehe er vor einem unſichtbaren Verfolger. Endlich ſchritt er auf ſchmalen Stegen über Moor⸗ gründe am Seeufer fort und ſprang über den Graben, der die Gartengehege des Meierhofes einfriedigte. Son⸗ 1 ſnſ ih lſen pin lenheit Folgen elend e Alft ſcke ge⸗ nöglich! machen, chlingen Wald, Aurelie Zweig oſſs f hin zuric. me der rts zo n Fi könner, oſtigel⸗ Mool⸗ Frabel, Sol⸗ 13¹ nenſchein lief über die Wieſen, auf denen bunte, große Kühe brüllend umher ſprangen; ein Hirt blies den kunſt⸗ loſen Reigen auf der Rohrſchalmei und überall ſchwärmte die Thierwelt ſingend und brummend durch die üppigen grünen Felder. Unter den hohen alten Bäumen in der Nähe des Hauſes war es dagegen dunkel und ſtumm. Oben ver⸗ gitterte ſich das zahlloſe Geäſt und ſtreute kühlen Schatten und Ruhe über einen Raum, der völlig verlaſſen ſchien. Zur Seite lag der Meierhof verſteckt hinter Schwarz⸗ tannen, die eine Mauer darum zu ziehen ſchienen, und langſam näherte ſich Randan den Gebäuden, als er in einer Rotunde von Lindengebüſch Aurelien erblickte, die, als erwarte ſie ihn, am Eingange ſtand. Sie reichte ihm ſchweigend die Hand. Du kommſt früh, ſagte ſie, und doch habe ich ſchon ach Dir aus⸗ geſehen. Ich komme, erwiderte er, weil es mir iſt, als müßten wir ſo ſchnell als möglich uns zu verſtändigen ſuchen. Aurelie blickte ihn fragend an.— Meine Mutter iſt todt, begann ſie nach einem kurzen Schweigen, ich bin allein hier; Niemand wird uns ſtören. Darum alſo dies ſchwarze Kleid? erwiderte Randau. Arme Aurelie! 9* 6 132 Sie iſt todt, wiederholte ſie, indem ſie mit dem Gaſt den Baumweg hinab ging, wohl ihr, ſie hat viel ge⸗ litten. Seit jenem Tage, wo der Schlaganfall ſie niederwarf, iſt ſie nicht wieder aufgeſtanden. Nun bin ich vereinſamt. Du warſt an ihrem Todtenbett? Nein. O! Gyuſtav, das iſt eine lange, ſchmerzliche Geſchichte. Sie wollte mich nicht ſehen, wollte Nie⸗ manden ſehen, und wenn Bernauer nicht geweſen wäre, hätte ſie mich enterbt und ihr ganzes Vermögen frommen Stiftungen vermacht. Durch die Fürſorge dieſes ſelt⸗ ſamen Menſchen bin ich den Verluſten entgangen, aber kann mich das tröſten um Leiden, die ihre Spuren tief und deutlich genug in mein⸗Geſicht gegraben haben? Randau ſchlug den Blick zu ihr auf, und war es der Schatten der Bäume, oder die Regungen ihrer Seele, er fand beſtätigt, was ſie ſagte. Ihre großen Augen lagen tief in bläulichen Ringen; ihr ſonſt ſo ſtolzes, ruhiges Blitzen hatte jetzt einen leidenſchaftlichen Ausdruck angenommen, alle Züge ihres ſchönen Geſichts waren ſchärfer ausgeprägt. Bewegt von dieſen Be⸗ merkungen, ſtand Randau ſtill, und aus tiefer Bruſt hervor ſagte er leiſe: Du biſt unglücklich, Aureliel Biſt Du denn glückich? erwiederte ſie. Anworte 5 ſich nd jin bezu Abe in dieſ wie bed ſei Gaſt el ge⸗ ul ſi in bin lche e Nie⸗ wäre, mmen ſelt aber en tief en var e ihrer grfeu nſt ſ ichen eſichts nBe Buſt iel wor 133 nicht, Guſtav, ich ſehe tief und genau. Aber kann es anders ſein? Es mußte ſo geſchehen. Randau ſenkte den Kopf ſchweigend nieder und Beide gingen nebeneinander weiter, bis Aurelie ſagte: So bezahlen wir arme Menſchen die Irrthümer unſeres Lebens immer mit unſerer beſten Habe; wir bezahlen ſie mit dem Recht auf Glück, das ein Gott in unſere Wiege legte, bis endlich nichts davon übrig bleibt, nicht einmal ſo viel, um eine Leichenrede daraus zu machen. Und wer, fragte Randau gepreßt, wer warf uns in dieſe Kümmerniſſe, aus denen nur die Leichenrede hilft? Still, ſagte ſie, was hilft es uns, das zu bedenken? Was hilft es dem Schiffbrüchigen, darüber nachzugrübeln, wie es kam, daß ſein Fahrzeug unterſank? Er ſoll nur bedacht ſein, rüſtig ſchwimmend Land zu erreichen, ehe ſeine Kräfte ganz erlahmen. Du haſt Recht, erwiderde der junge Mann, indem ſein Geſicht ſich röthete und ein Entſchluß ſich darin emporrang; ſehe Jeder, wie er ſich aus der Brandung rette, ehe er auf immer hinabgezogen wird. Die Vergangenheit wollen wir nicht aufwecken, Aurelie, laß uns denn an die Zukunft denken, laß uns Gefahren vermeiden, denen wir nicht trotzen können, ohne zu verderben; wenigſtens ich nicht, ich vermag es nicht! 134 Das heißt, ſagte ſie lächelnd und ihn forſchend be⸗ trachtend, Du möchteſt, wie der kluge Vogel Strauß, den Kopf verſtecken, um den Blitz nicht zu ſehen. Es hilft nichts, Guſtav, dieſe Vorſicht ändert nichts. Und doch muß es ſo ſein, verſetzte Randau, ich will und darf Dir nichts verhehlen. Du kannſt mir nichts ſagen, mein Freund, was ich nicht längſt wüßte, fiel ſie ein, und ich will Dich nicht hören, ehe Du mich nicht gehört haſt. Wiſſe denn, ſagte ſie, indem ſie ſeine Hand ergriff und ihn feſt be⸗ trachtete, daß ich im Begriff bin, die unwürdigen Ketten zu zerbrechen, welche ich mir ſelbſt angelegt habe. Polenz, der Himmel gebe, daß ich dieſen Namen bald verlerne! hat, wie Du vorausſagteſt, bald genug ſeine Maske ab⸗ gelegt, die er, ſeiner Behauptung nach nur aus Liebe zu mir umgebunden. Aber welch eine Abnahme! Roh⸗ heit, Gemeinheit, alle Laſter eines verdumpften Gehirns brachen daraus hervor. Er lebte nur, um im wüſten Taumel zu genießen, und ſo entfloh, was ich an Nach⸗ ſicht, Achtung oder Hingebung beſaß, und an die Stelle der Gleichgültigkeit traten Ekel und Abſcheu, bis endlich— Endlich? fragte Raudau, als ſie ſchwieg. Bis ich mich von ihm trennte, und jetzt— das Ende meiner Scheidungsklage erwarte. rni de nd be⸗ trauß Es ill nicht denn, ſt be⸗ Ketten ßolenz, rleme! Liebe Roh⸗ jehirns wiſten Nach⸗ Stele lich— das — 135 Sie ließ ſeine Hand los und trat ſchnell ein paar Schritte zurück. So ſteht es nun, fuhr ſie fort. Ich habe den Muth gehabt, mich frei zu machen, das be⸗ denke, Guſtav. Eine Scheidung macht frei! So löſen ſich Unglücksketten, die Leichtſinn und unbedachte Neigung knüpften, ſo trennt ſich, was ſich nie verbinden ſollte. Geh jetzt. Laß mich allein, geh, mein Freund, ich ſehe Dich bald wieder. Bedenke Alles, überlege Alles, dann ſage mir, was Du thun willſt. Sie ſchritt den Gang hinauf dem Hauſe zu. Aurelie! rief Randau ihr nach indem er ihr folgte. Sie ſchüttelte den Kopf verneinend und eilte raſcher davon. VII. Erſt nach langem vergeblichem Warten, ob ſie nicht zurückkehre, entfernte er ſich. Was er gehört, warf einen neuen Brand in ſein erregtes Blut. Eine Scheidung macht frei! Er murmelte das ſchreckliche Wort langſam vor ſich hin, es erſtarrte in ſeinem Herzen, und wachte dort wieder auf, um krank machend in ſeinen Kopf zu ſchleichen. Aurelie frei, er ſelbſt entledigt von jener 136 Haft, die ſich vermeſſen will, zwei Weſen auf ewig zu verbinden, und Marie—„ Er ſchauderte zuſammen vor einem Rauſchen im Gebüſch und ſah beſtürzt am Baume vor ſich einen Mann lehnen, der, die Arme gekreuzt und den Hut in die Stirn gedrückt, ihn zu erwarten ſchien. Polenz! ſagte er, ihn anſtarrend. Du kennſt mich gut, erwiderte der Freiherr mit böſer Miene. Ich habe Dein rendez-vous nicht ſtören wollen, allein jetzt ein paar Worte zwiſchen uns, wenn es ge⸗ fällig iſt. Sprich, entgegnete Randau, indem er ihm näher trat. So kalt, ſo klar und ſo kurz wie möglich, fuhr jener fort. Noch bin ich nicht geſchieden, noch habe ich Rechte auf dieſe Frau und werde nicht dulden, daß ein Zweiter, ein Mann, der heilige Pflichten bricht, die ihn fern halten ſollten, mit einem Worte: daß Du Dich Aurelien näherſt, um Euren Verrath zu vollenden. Wenn es der Mühe werth wäre, Dich eines Anderen zu überzeugen, erwiderte Randau, ſo würde meine Recht⸗ fertigung nicht ſchwer werden. Ich bin Dein Neben⸗ buhler nicht. Aber Du willſt mein Nachfolger werden, rief Polenz einen ut in böſer vollen, 6 ge⸗ niher jenet Rechte weitel, fern relien nderen cht Neben⸗ polus 137 höhnend, und ich beneide Dich nicht darum. Wie mir Unglück prophezeit wurde, ſo will ich es Dir verkündigen. Es iſt wahr, ich habe leichtſinnig gehandelt. Ich dachte an ein heiteres Leben voll Freuden, und im Anfange ſchien ſich Alles vortrefflich zu geſtalten; doch Aurelie liebt den Glanz des Lebens nur aus Eitelkeit, und ſtatt der Feſte und Freuden kamen bald die Tage der Reue. Ermüdung folgte der Zerſtreuung, Launen verbitterten allen Genuß, die Welt verlor jeden Reiz für ſie, im Grunde iſt dies thörichte, leidenſchaftliche, eigenſinnige Der heuchleriſche Rathgeber und Weib weit ärger, als ihre Mutter. Pfaffe Bernauer iſt im noch höheren Grade und Gehülfe bei ihr, als bei jener. Wenn Du ſo über Aurelie und die Trennung Deiner Ehe denkſt, erwiderte Randau, ſo iſt es arge Thorheit, Dich um ihr Thun und Laſſen zu kümmern. Meine Ehre erfordert, daß ich dieſe bewahre, ſagte der Freiherr. Und was habe ich mit Deiner bedrohten Ehre zu ſchaffen? Ich ſtelle das Verlangen an Dich, keine geheimen Zuſammenkünfte zu halten, bis wir getrennt ſind, und fordere Dein Wort darauf. 138 Das wirſt Du nicht erhalten, erwiderte Randau, obwohl ich es geben könnte. Nimm Dich in Acht! rief Polenz drohend;— Du ſollſt mir Rechenſchaft geben für Alles, was Du thuſt. Randau maß ihn mit einem ſtolzen Blick. Fordere ſie, wenn es Zeit iſt, ſagte er, jetzt habe ich keine Ge⸗ duld, Tiraden anzuhören. Er ſprang über den Graben und ging langſam den Weg am Seeufer hin. Der Freiherr blieb ſtehen und blickte ihm zornig nach. Wenn es Zeit iſt, ſchrie er hinterher, ja wohl, die Zeit wird kommen, und bei Gottes Thron! ihr ſollt nicht über mich lachen. Als er dies ſagte, war er nicht mehr allein, denn wenige Schritte hinter ihm trat Bernauer aus einem Seitenwege und machte eiue tiefe Verbeugung, als Polenz ſich umwandte und ihn erblickte. Ich will Ihnen die Frage ſparen, wo ich herkomme, polterte er dem Geiſtlichen entgegen. Ich komme von Langenau, um Zeuge eines zärtlichen Stelldicheins zu ſein, das mir die Hoffnung nimmt, einen letzten Verſuch zu einer Wiedervereinigung zu machen. Sie haben von einem ſolchen Verſuche auch nichts zu erwarten, mein gnädiger Herr, erwiderte der Geiſtliche ernſthaft. Ihre Ehe iſt ſo gut wie getrennt, zudem haben 1 Si ſi ic get ndau, Du thuſt. odere Ge⸗ nden und ie et ottes denn inem olen nme, von 8 3u rſuch zu liche abel 139 Sie ſelbſt erkannt, daß dies für beide Theile das Beſte ſei und damit die Löſung eines Bandes erleichtert, das nicht länger zu halten war. Ich habe es leider auf Ihren überredenden Rath gethan, erwiderte Polenz finſter. Und hoffentlich bereuen Sie es nicht, verſetzte Ber⸗ nauer. Sie haben durch dieſe Einwilligung Vortheile erreicht, welche Ihnen ſchwerlich ſonſt geworden wären; ich ſollte daher denken, daß nichts Sie beunruhigte. Jener Mann dort— Mein glücklicher Vetter, fiel Polenz höhniſch ein, ich werde ihm den Weg zu verlegen wiſſen. Glücklich nennen Sie ihn? ſagte Bernauer mit einem leiſen Achſelzuckeu. Ich glaube kaum, daß er ſich ſelbſt ſo heißt. Was wollen Sie thun? Wollen Sie etwa der Welt das ſchreckliche Schauſpiel eines Zweikampfes zwiſchen Verwandten geben? Weshalb? Um eine Frau, die ſich von Ihnen getrennt hat, unüberwindlicher Ab⸗ neigung wegen, welche auch Sie zu empfinden vorgegeben haben. Was aber kann der Erfolg ſein, mein gnädiger Herr? Ihr Tod! denn ich müßte mich ſehr täuſchen, oder Ihr Gegner hat eine ſichere Hand und ein Herz ohne Furcht. Giebt es alſo keinen andern Weg der Ausgleichung, als dieſen? 140 Welchen? ſagte Polenz erwartungsvoll. Wege der Milde und einer ſüßen menſchlichen Rache, wenn man es Rache nennen kann, erwiderte Bernauer lächelnd. Ich ſetzte den Fall, es ſollte wirklich ge⸗ ſchehen, daß Randau ſich mit Ihrer Gattin verbände, ſo iſt doch eine zweite Scheidung nöthig. Wie, wenn es Ihnen mun gelänge, dort gleichſam das Vergeltungsrecht zu üben. Es iſt eine liebliche Erſcheinung, die ſchüch⸗ terne junge Frau Ihres Vetters; ein Herz voil Liebe, Nachſicht und Güte, wie es nicht leicht gefunden werden kann. Glücklich fühlt ſie ſich nicht in dieſer Ehe, oder wenn man— In Polenz Augen flammte ein rache⸗ dürſtiges Feuer. Wahr, unterbrach er ihn, ja, bei Gott! Sie haben Recht. Sie wecken einen Gedanken in meiuer Seele auf, der mir nie eingefallen wäre. k 5 Ich aber habe ihn längſt gedacht, verſetze Bernauer. Haben Sie nur Muth, Vertrauen. Ich bin Ihr Freund, Herr von Polenz; bei allem was ich that, war und bleibe ich das. Hören Sie weiter, was ich Ihnen zu ſagen habe. Er zog den aufhorchenden und nachdenkenden Frei⸗ herrn mit ſich fort, und Beide verloren ſich in die dichten Gehege. un Rache, nauer hge⸗ hünde, nn es Srecht chich⸗ Liebe, erden oder ache⸗ haben 2 auf, auel⸗ eund, und nzu Fri⸗ chten 141 Randau war inzwiſchen heimgekehrt und der erſte Menſch, den er erblickte, war der Profeſſor Sydow, der im Garten umherlief und alle Blumen betrachtete. Er eilte ihm entgegen und rief ſchon von weitem: Heil und Segen über den früh aufſtehenden Gutsherrn, der da mit der Sonne hinausſchreitet, um ſeine Garben reifen zu ſehen! Und Heil und Segen über den treuen Freund, der endlich ſeine Verſprechungen erfüllt, erwiderte Randau, ihn herzlich begrüßend. Beide gingen nun Arm in Arm dem Hauſe zu, leb haft ſprechend, denn der Profeſſor hatte viel zu er⸗ zählen, und er hörte nicht auf, bis er an der Thür war, und Mariens Kleid ranſchte. Nun, Sie kleine ſchreck hafte Frau, rief er ihr entgegen, da iſt er ja und voll kommen heil und ganz, weder vom Wolf gefreſſen, noch in einen Abgrund geſtürzt, wovor man in dieſem ge⸗ ſegneten Lande hinlänglich bewahrt bleibt. Randau entſchuldigte ſeine frühe Entfernung mit einem Geſchäft in der Heide, aber er konnte doch nicht ganz ſeine Verlegenheit unterdrücken, als der Profeſſor plötzlich ſagte: Ihr klagt über Einſamkeit, aber es wird bald hier lebendig werden, wie ich denke. Die Präſi⸗ dentin, Deine Tante, iſt todt, ſie hat die Scheidung 142 ihrer Tochter von dem frommen Polenz nicht mehr er⸗ ine lebt. Geſtern hat ſie das Gericht ausgeſprochen, und wie ſc ich hörte, iſt Mrelie ſeit einigen Tagen ſchon auf ihrem Gute dicht in der Nähe. Haſt Du ſie noch nicht hit geſehen? ſent Das Nein, welches Randau erwiderte, war ein Sie ſchnell herausgeſtoßenes, und das Geſpräch, welches nun deſſ folgte, ein entſetzlich peinigendes für ihn. Er ſollte da Verwunderung und Theilnahme für Etwas zeigen was gen er ſchon kannte, und verbergen, was ſich an dieſe Be⸗ gebniſſe für ihn knüpfte. So ſehr er nun auch bemüht In war, unbefangen zu ſcheinen, kam es ihm doch vor, als beh ruhten die Blicke des Profeſſors beobachtend auf ihm, ſich ja ſelbſt die argloſeſte aller Frauen nährte vielleicht einen 3 geheimen Verdacht, denn mit auffallender Lebendigkeit ge rief ſie aus: Was kann Aurelien abhalten zu uns zu kommen? Es wäre doch wunderbar, wenn ſie in unſerer Nähe ſein ſollte, ohne ein Verlangen zu haben, Dich zu ſehen. Zu ſtolz zu einem Gewebe von Lügen, wußte Ran⸗ dau keine Antwort zu geben, als die, daß unter den waltenden Umſtänden es erklärlich ſei, wenn Aurelie die Einſamkeit vorzöge; dann brach er das Geſpräch ab, und wußte es zu vermeiden, ſo wenig wie möglich auf ehr er⸗ ud wie on auf h nicht ar ein es nun r ſolle n, was ſe Be⸗ bemüht or, als f ihn, t einen ndigkeit uns zl unſerer dih eMan⸗ ter den reli di ic u — 143 einen Gegenſtand zurückzukommen, deſſen Nennen ihn ſchon unruhig machte. Er war froh, daß der alte Herr ſo viele Gelegen⸗ heit fand, ſich mit Marien zu beſchäftigen, die ihm tau⸗ ſend Dinge zu zeigen und gar vieles zu erzählen hatte. Sie führte ihn durch das Haus und alle Baulichkeiten deſſelben; er mußte Alles ſehen und bewundern, bis unter das Dach und in die Keller ſteigen, und da Randau gern und willig an dieſen luſtigen Promenaden Theil nahm, und bei den Scherzen des Profeſſors und der Freude ſeiner Gattin ſich ſein Herz erleichterte, kam ein behagliches Verhältniß zu Stande, das am Mittagstiſch ſich vervollſtändigte und Marien beglückte, denn ſeit langer Zeit hatte ſie Randau nicht ſo angeregt und geſprächig geſehen. Nur von Zeit zu Zeit ſchien dieſer vor ſich ſelbſt zu erſchrecken. Ein plötzlicher Ernſt verdrängte die fröh⸗ liche Miene, und ſein Auge ſenkte ſich verlegen, als ſuche es etwas zu verbergeu. Ich finde aber, ſagte der Profeſſor endlich, daß das Landleben Dir noch nicht allzugut bekommt, und der alte Schelm, der Horatius, mit ſeinem beatus ille, qui procul negotiis und den nachfolgenden ſchönen Redensarten nicht immer Recht hat. Du biſt mager 144 geworden, biſt blaß, zerſtreut. Was haſt Du denn nöthig mager zu werden? Iſt die Küche ſo ſchlecht? Es iſt Hausmannskoſt, erwiderte Randau. Aber vortrefflich, über die Maßen appetitlich, rief der alte Herr, und alles ſo wohl bereitet, daß man immer wieder hungrig wird, wenn man hinblickt. So geht es aber den verwöhnten Leuten, fuhr er nach einem ſcharfen Blicke fort, ſie bedürfen ganz beſonderer Reizmittel, um Genuß zu finden, und wählen das Unverdaulichſte, das Gefährlichſte, das Allerunpaſſendſte, blos weil es neu und ſonderbar iſt. Ich hoffe, ſagte Marie mit einem traurig freund⸗ lichen Lächeln, Guſtav wird ſich wohler fühlen, wenn wir mehr Geſellſchaſt haben. O, Liebe, verſetzte Randau, ſeine Emfpfindlichkeit be⸗ zwingend, welche Grillen haſt Du wieder? Das ſind die Reizmittel, mich immer magerer zu machen; aber trinken Sie Ihr Glas aus, und laſſen Sie uns hinaus in's Grüne, in's Freie, es weht erquickend durch die Bäume draußen. Er ſtand auf und die beiden Männer gingen allein durch den Park. Der Profeſſor blies den Rauch ſeiner Cigarre in großen blauen Wolken weit vor ſich hin, und neben ihm ſchritt ſein junger Freund, die Hände auf Mu den echt? rief der nimmer geht ſcharfen ittel, un hſte, das 7 es nel freund n, wem Dus ſid en; abu hins durh ge llin uh ſinn hin, umd ine uñ 145 dem Rücken zuſammengelegt. Keiner ſprach, bis end⸗ lich, als ſie auf einen freien Platz gelangten, wo rieſige Eichen ihre ungeheuren Kronen dicht ineinander flochten, Sydow ſich umwandte und ſeine Hand auf Randau's Arm legte. Hier, ſagte er, iſt der rechte Ort; da iſt auch die Bank noch, wo ich oft mit Dir geſeſſen habe, als Du ein Knabe warſt und Deine jugendlichen Bekenntniſſe vor mir ausſchütteteſt. Hier haſt Du mir Deinen Zorn, Deine Schmerzen, Deine Hoffnungen mitgetheilt und feierlich gelobt, als ein Mann durch die Welt zu ſchreiten, der Wahrheit und Recht höher achten will, als der Menſchen Wohlgefallen. Und was iſt es nun, das Dich wider Dich ſelbſt treibt? Ich ſehe einen leifen Zug geheimen Grams um die freundlichen Augen Deiner Frau und auf Deiner Stirn ſteht es geſchrieben, daß Du die Urſach davon biſt. Wenn eine Schuld hier iſt, ſo müſſen wir ſie wechſelſeitig tragen, erwiderte Randau, und doch haben Sie Recht. Sie iſt gut, ſie iſt ſchön, ſie iſt die Liebe ſelbſt; ich wollte es wäre anders. Bemäntle nichts mit Selbſtanklagen, ſagte Sydow; es giebt nichts Traurigeres. Es ſind die Aushülfsmittel aller nnverbeſſerlichen Schwächlinge. Th. Mügge, Romane IW. 10 146 Sie beurtheilen mich hart, bei Gott! ich verdiene das nicht, rief Randau erröthend. Ich kämpfe einen harten Kampf; täglich, ſtündlich kämpfe ich ihn. Welchen Kampf? Den meines Gewiſſens gegen mein Verlangen, mur⸗ melte der junge Mann. Gewiſſen! fiel der alte Herr höhniſch ein, jagſt Du Dich mit ſolchen Narrenspoſſen umher? Iſt Dein Ge⸗ wiſſen noch nicht auf dem Reibeiſen der Gedanken zer⸗ rieben worden und ein Reſt von dem Dinge übrig ge⸗ blieben, das nur den Weſen gehört, die ohne ein voll⸗ endetes Bewußtſein ihrer Göttlichkeit ſich den Launen des Augenblicks überlaſſen? Ach! ſagte Randau ſchmerzlich, wie tief ſchneiden Ihre Worte in mein Herz. Sie haben Recht, ſo ſollte es ſein. Die Kraft des Geiſtes, die Macht der Ge⸗ danken ſollte uns über jede Gewiſſenspein erheben; wir ſollten beſchließen und ohne Wanken handeln können. Aber wer ſteht ſo hoch, wer iſt ſo kalt und ſicher, daß das Leben mit ſeinem Glück und Leid ihn nicht in ein Gewühl widerſtreitender Empfindungen ziehen lönnte; daß es nicht glühende Stacheln in ſein Herz drückte, ihm verwegene, verbrecheriſche Wünſche einhauchte und dieſe ihn erkennen ließe, um den Kampf der Pflichten mit erdiene einen „mur⸗ gſt Du ein Ge⸗ en zel⸗ rig g n voll Launen chneiden o ſolle er Ge⸗ en; wir können⸗ er, deß in ein te; deß t, ihm nd diſe ſen nt 147 der Gier nach Erfüllung deſſen, was die Leidenſchaften begehren, ſo entſetzlich wie möglich zu machen? Pflichten? verſetzte der alte Herr ſtrafend. Es giebt keine Pflichten für den freien Mann. Nenne es mit einem beſſeren Namen, nenne es den Kampf der Nei⸗ gungen, welcher in jedes Menſchen Bruſt ſeiuen Kriegs⸗ Schauplatz hat und dort ſeine Schlachten ſchlägt. Das Gute ſtreitet da mit dem Schlechten, das Gerechte mit dem Ungerechten, die niederen, unedlen Gelüſte mit den edelſten und erhabenſten Forderungen ſchöner Seelen. Und wer geht aus dieſem Kampf hervor ohne tief ſchmerzliche Wunden! rief Randau mit banger Stimme. Alles wägt ſich ab nach der ſittlichen Kraft, die in uns wohnt, erwiderte der alte Herr. Kannſt Du Dich auf dieſe geſtützt erheben, kannſt Du ſiegen über böſe Geiſter, ſo können die Wunden keine ſo gefährlichen ſein. Was aber ein Menſch auch thun mag, das thue er ganz. Er folge den Neigungen, denen er nicht widerſtehen kann, er gebe denen den Sieg, die ihn erringen, allein er blicke nicht ſchmerzlich, nicht mit Reue auf das zurück, was er von ſich ſtößt. Wähle was Du willſt, doch ſei fertig mit Dir ſelbſt; ehe Du das nicht ſein kannſt, biſt Dn nicht zum Manne gereift. Du ſpielſt mit Deinen Ent⸗ ſchlüſſen, mit Deinem Glück und Leben wie ein Kind 10* 148 mit Seifenblaſen. Unwahr, unklar iſt ein ſolches Trei⸗ ben. Ein ewiges Schwanken zwiſchen Gut und Böſe, zwiſchen dem Schaum der Empfindungen und der bittern Reue einer täglich reifenden Erkenntniß. So wird Alles loſe um uns; Glück und Unglück, glatt wie Schlangen, wechſeln ihre Farbe und verwandeln ſich, ſo ſteht man endlich am Grabe und fällt hinein mit einem letzten Seufzer um ein leidenvolles verlornes Daſein. Der Profeſſor war aufgeſtanden; er that einige Schritte und kehrte zurück, indem er ſich vor Randau ſtellte, und ſeine alte, abgemagerte Hand auf deſſen Schulter legte. Sieh' mich an, ſagte er: Siebenzig Jahre habe ich gelebt und manchen Kampf beſtanden, manchen Wurf nach dem Glückstempel gethan und fehl⸗ geworfen, manche Widerwärtigkeit ertragen, und meine Schmerzen in eine Bruſt verſchloſſen, wo es auch ein⸗ mal glühte und ſtürmte. Aber Reue habe ich nicht ge⸗ kannt. Weißt Du warum nicht? Weil ich mir vornahm, nie etwas zu bereuen, was aus den Folgen meiner Ent⸗ ſchlüſſe entſprang. Dann kennen Sie freilich die Foltern nicht, die ein Schwankender hat, ſagte Randau. Sie wiſſen nichts von dem Streit. O Himmel! nennen Sie es Neigungen, Trei Böſe, bittern angen, t man letzten einige iandal deſſen ebenzig tarden, dſch meine ch ein⸗ icht ge⸗ mahn⸗ er Ert⸗ nichts gungen 149 nennen Sie es Pflichten— mit welchen ſchwächere Weſen ringen. Der Wille thut es! rief der alte Herr. Die Macht, die Hoheit des Willens, daran mußt Du glauben. Wolle das, was Du für das Beſte, für das Sitt⸗ lichſte erkennſt, und Du biſt gerechtfertigt zu aller Zeit. Wollen Sie mich hören, meine Bekenntniſſe hören und mir Ihren Rath ertheilen? fragte Randau. Nein, erwiderte der Profeſſor, das werde ich bleiben laſſen. Ich will von der innern Geſchichte Deines Streit's nichts wiſſen. Handle, wie ein Mann handeln muß, ich übernehme nicht die geringſte Verantwortung dafür, und wenn Du mir ſagteſt: heut will ich die ermorden, der ich Glück und Liebe geſchworen, und morgen mich ſelbſt, ich würde antworten: Thue es, wenn es Dein Wille iſt, doch thue es ſchnell und mit feſter Hand, wenn Du ein Mann biſt. Stimmen im Garten bewirkten, daß der Profeſſor ſich umblickte und durch das Laub der Bäume zwei weibliche Geſtalten entdeckte. So wahr ich lebe! rief er, da iſt ſie ja, da iſt Aurelie, und Marie hängt wie eine Roſe an dieſem ſchwarzen Dornbuſch. Auf, Guſtav! hüte Dich vor den Stacheln, Du Mann des Gewiſſens. 150 Die beiden jungen Damen kamen näher, und ſchon von weitem rief Marie mit freudiger Stimme: Hier iſt ſie, Guſtav, hier haſt Du ſie endlich, und ſie iſt ſchöner und liebenswürdiger als ſie je geweſen. Ich hoffe, erwiderte Aurelie, indem ſie ihre Hand in die ihres Verwandten legte, daß Du dies Urtheil be⸗ ſtätigſt, wie wenig auch die Meiſten einſtimmen mögen; denn verbergen will ich es Euch nicht, daß nach deren Ermeſſen ich gänzlich umgewandelt ſein ſoll. Meine Schönheit iſt dahin. Ich mußte es anſehen und anhören, wie man unbarmherzig gewiſſe Fältchen in meinem Ge⸗ ſicht kritiſirte, und ſeit ich aufhörte ein Mittelpunkt der guten Geſellſchaft zu ſein, ſeit meine Säle ſich ſchloſſen, und der Flitterkram, wie meine gute Mama es nannte, mich anwiderte, ſeit dieſer Zeit iſt es auch um meinen Ruf und um mein Geiſtreichſein geſchehen. Der arme Polenz! fuhr ſie mit einem verächtlichen Zucken ihrer Lippen fort, wie hat man ihn bedauert. Wie ſehr wurde er ſeiner bittern Täuſchungen wegen beklagt, als ich mit Hülfe und Rath meines bewährten Freundes Bernauer ſeinen Verſchwendungen entgegentrat, die mein Vermögen bedrohten, und als ich nun gar der Stadt den Scandal einer Scheidung gab, o! wie war man da zu meiner Verdammung thätig. Welche Hiſtörchen w hr ſchon Hiet 8 ſie it Hond eil be⸗ nögen; deren Meine hören, nGe⸗ t der naunte, meinen arme ihrer e ſchr t, als eundes e mein Stodt r man törchen 151 wurden erſonnen, welche köſtlichen Geſchichten ver⸗ breitet. So bleibe nun bei uns, ſagte Marie tröſtend; ach! wie viel mußt Du gelitten haben. Die Menſchen ſind böſe! riefſt Du wir einſt zu, allein nicht alle Menſchen ſind es. Wir wollen Dich lieben, Dich vertheidigen, und da wir einſam ſind, und Guſtav— o! Du weißt nicht, wie oft er an Dich dachte und ſich betrübte— da Guſtav Dich ſo lieb hat, ſo werden wir gewiß Deinen Kummer lindern und tragen helfen, bis die Freude wiederkehrt. Die herzlich geſprochenen Worte ſchienen auf Aurelien einen tief empfundenen Eindruck zu machen. Sie ſchlug beide Arme um die junge Frau und ihre Augen er⸗ hielten einen feuchten Glanz, als ſie ſie küßte und dann mit leiſer ſchneller Stimme ſagte: Du guter Engel! ſprich nicht ſo zu mir. Wir müſſen Alle ſtandhaft ſein, und ich vor Allen, wenn ich leben will. Ich darf nicht fragen, was die Menſchen, die guten und ſchlechten von mir ſagen. Die kleine Geſellſchaft ging nun ſprechend durch die Wege des Park's und kehrte dann nach dem Hauſe zurück. Das Geſpräch wurde lebendiger und heiterer, und erſtreckte ſich über Vieles was aus der Vergan⸗ genheit Erinnerungen gab. Aurelie wußte durch Geiſt und freundliche Anregung die ſtockenden Fäden immer re von neuem anzuknüpfen, und Niemand ſah es ihr an, ze daß ſie mit einer großen inneren Unruhe kämpfte, welche die eigentliche Triebfeder dieſer lebhaften Theilnahme d war. Nur in wenigen unbewachten Augenblicken hef⸗ teten ſich ihre Blicke feſt und fragend auf Randau, der, wie es ſchien, gewaltſam die ſeinen ablenkte, und faſt in ähnlicher Weiſe, wie Aurelie ſelbſt, gezwungen war, fröhlich zu ſein und zu ſcherzen, während ſein Blut in u der heftigſten Aufregung durch alle Adern klopfte. Ver⸗ d gebens dachte er daran, was der Profeſſor von den Mahnungen des Gewiſſens geſagt hatte; er konnte es nicht überwinden. Es gab ein Gewiſſen für ihn, das ſeine grauſamen Finger, glühend und kalt, ihm um Kopf und Herz preßte, und er wagte es nicht, den alten Freund anzuſehen, welcher, als der Schweigſamſte und Gleichgültigſte von Allen, ruhig ihm gegenüber ſaß, und Aurelien mit ſeiner Gegenwart die meiſte Beſorgniß einflößte. Nach einiger Zeit ſtanden die beiden Damen auf und entfernten ſich. Aurelie hatte von baldiger Rückkehr geſprochen und Marie noch Manches auf ihrem Herzen, was ſie ihr gerne vertrauen wollte. Geiſt immet hr an, welche nahme he⸗ der, d füſt 1 War, lut in Ver⸗ den nte es dus m um „dn ſanſt rſaß⸗ orgniß nuf etzel, Sie gingen auf und ab unter den Bäumen, wäh⸗ rend Randau häusliche Geſchäfte mit dem eben herein⸗ getretenen Verwalter des Gutes beſprach. Wir froh bin ich, ſagte die junge Frau, daß Du Du hier und bei mir biſt. Du darfſt uns ſobald nicht verlaſſen. Und doch wird mein Aufenthalt, wie ich denke, nicht lange währen, erwiderte die Freundin. Nicht, fragte Marie erſchrocken; ach! das zerſtört alle meine Pläne, die ich mit Dir hatte. Wohin willſt Du denn? Fort in die Welt, ſagte Aurelie. Wohin, iſt gleich⸗ gültig; aber fliehen, weit fliehen wird nöthig ſein. Ich bin jetzt frei. Iſt das recht? fuhr Marie fort. Kaum einem Strudel des Lebens entronnen, willſt Du Dich von Neuem hineinſtürzen? Glaubſt Du, ſagte Aurelie raſch, daß ich das könnte? Nein. O! wie beglückt iſt es, einſam zu wohnen in ſchönen Gebirgen, an einem großen ſtrahlen⸗ den See, in einem Landhauſe von Myrthen und Orangen umringt, durch deren duftendes Geblätter keine Sonne dringt, oder am Meere, über welchem der Mond groß und leuchtend hängt, wenn unten die Wellen klingen. 154 Du ſchwärmſt! rief die junge Frau lächelnd und ſtaunend. Beide ſchwiegen,— die Worte hallten in Mariens Seele wieder. Ja, das iſt ſchön, ſagte ſie endlich leiſe, aber— ein Paradies iſt eine Einöde, wenn man es allein bewohnen ſoll; die Einöde wird zum Paradies, wenn der, den wir lieben, mit uns dort wohnt. Geh nicht allein, liebe Aurelie, fuhr ſie ängſtlich fort; es iſt ſo fürchterlich, allein und voll Schmerzen der Verlaſſenheit zu ſein. Du biſt reich, jung und ſchön; Du kannſt noch glücklich werden. Es giebt gewiß ein Herz, das Deiner werth iſt; Du wirſt es finden. Dann nimm es und liebe es treu, und wohne mit ihm, wohin Gott Dich führt. Kann das geſchehen? fragte Aurelie. Es muß geſchehen, fiel die junge Frau ein. O! wollte doch der Himmel, daß ich dazu beitragen könnte. Vielleicht! antwortete Aurelie, indem ſie einen langen feſten Blick auf ſie richtete, aber plötzlich wandte ſie ſich ab und preßte die Hand auf die Stirn— Vielleicht legt ein Gott mein Schickſal in Deinen Willen, ſagte ſie leiſe, doch Glück und Leid verſchwiſtern ſich und ſpielen mit den Sterblichen ihr grauſames Spiel. Man muß nicht zu viel erwarten, erwiderte Marie lächelnd; man muß gefaßt und ſtark ſein. Sieh auf mich ju ſ de ha de A ha 155 dend zum Beiſpiel, ich habe auch meinen Kummer und meine ten in ſchweren, bangen Tage. ge ſie Aurelie blieb ſtehen und ſah ſie fragend an. „wenn Glaube nur, flüſterte Marie, ich habe Stunden, in d zum denen ich recht traurig bin. Wenn Guſtav ſo ernſt iſt, 8 dort ſo ſchwermüthig, kalt, dann denke ich wohl, ſein Herz ngſtich hat ſich von mir abgewendet. Ich leſe ſein Unglück in zen der den umflorten Augen. ſchönz Haſt Du nie daran gedacht, ihn zu verlieren? fragte iß ein Aurelie. Dann Verlieren? Wie meinſt Du das? Todt! Zuweilen wohin habe ich es gedacht, doch es iſt zu entſetzlich, ich konnte es nie ausdenken. Und doch muß was ſich liebt, ſich laſſen, fuhr die 1 O Freundin fort. Wir müſſen das Theuerſte begraben, und zurückbleiben, um es zu beweinen. Das iſt das lömte⸗ ngen Loos der Menſchen. ſi ſih Du haſt Recht, ſagte die junge Frau beruhigt; wir cht legt müſſen ergeben ſein und geduldig. ſe liſ Wenn nun aber, wie Du ſagſt, Guſtavs Herz ſich en nit von Dir wendete. Wenn das wirklich geſchähe, Marie, wenn er eine Andere einſt liebte, fuhr Aurelie mit ge⸗ Nor ſteigerter Stimme fort, wenn er Dich verließe. Haſt Du das ſchon bedacht? uf ni 156 Die junge Frau ſah die Freundin mit Erſtaunen an. Das iſt ja unmöglich, rief ſie; o! wie kannſt Du das ausſprechen. Tauſendmal iſt es in der Welt geſchehen, ſprach Aurelie, und wird immer wieder ſich begeben. Männer von Geiſt und ſtarkem Willen ſchließen oft Herzens⸗ bündniſſe, die keine guten Früchte tragen. Alles Neue wird alt, jeder Reiz wird reizlos, und die Zeit löſt auf, was ohne geiſtigen Zuſammenhang ſich durch Laune oder Sinnenluſt verband. Höheren Naturen genügt die bloße Natürlichkeit nicht; ihnen genügt keine Herzensgüte, keine Einfachheit der Sitten und die löblichen Eigenſchaften einer liebenswürdigen Kindlichkeit der Empfindungen. Sie wollen an eine ebenbürtige Seele ihre Seele lehnen, die das Echo ihrer inneren Welt iſt; die ergänzt, was ihnen fehlt. Wenn ſie das vermiſſen, tritt die Leere ihres Lebens ſchmerzlich vor ſie hin; ihre Täuſchungen brechen zuſammen, und mit Reue erkennen ſie, was ſie unglücklich machte. Marie hatte aufmerkſam zugehört, ſie athmete heftig. Die Bläſſe ihres Geſichts bezeugte, welche Wirkung dieſe gefährlichen Worte auf ſie gemacht hatten. Unglücklich! rief ſie dann, o nein! Wenn ich das wüßte, wenn ich zum Ertragen ſolches Elends beſtimmt wäre, unglücklich Ke ha pe de be k men an. Du das 4 ſpruch Mämer derzens⸗ es Neue liſt uf, une oder ie bloße te, keine ſchoftn ndungen. elehne ßt, wus ie Len ſchungen nas ſi e hefig ng vie ich von i0 nl 157 ſollte Guſtav nicht ſein. Aber wohin haſt Du meinen Kopf geführt; wie grauſam biſt Du gegen mich! Du haſt einen Gedanken aufgeweckt, der mich lange qualvoll peinigen wird. Liebes Kind, erwiderte Aurelie, wir müſſen uns Alles denken können, und je mehr wir uns mit Verhängniſſen bekannt machen, die uns, heut oder morgen, treffen können; um ſo beſſer für uns, wir werden es dann ge⸗ faßt ertragen. Du mit Deinem ſtillen, ſanften Herzen wirſt Thränen haben, die Dich tröſten, und den Glauben der Ergebung, der zur Ruhe hilft. Doch laß uns ab⸗ brechen, ich will Dir etwas Freudigeres erzählen. Dein Bruder— Mein armer Jakob! fiel Marie ein, wie geht es ihm? Er iſt dort drüben auf meinem Gute mit einem halben Dutzend Arbeitern beſchäftigt, die Zimmer neu auszuſchmücken. Ja, liebe Marie! das iſt ein tüchtiger Mann, an dem Du in aller Noth eine feſte Stütze haben wirſt. Er iſt verheirathet, ſein Wohlſtand mehrt ſich ſichtlich, denn die Reichſten und Erſten wenden ſich an ihn. Dabei iſt er höflich und doch nicht demüthig, verſtändig und geſchickt. Jeder muß das achten und loben. 158 Dankbar drückte Marie Aureliens Hand. Es that ihr wohl, aus dieſem Munde das Lob ihres Bru⸗ ders zu hören. Sie dachte an Guſtav und wünſchte, daß er es gehört haben möchte, denn er kam ſo eben mit dem alten Herrn von dem Perron ihnen entgegen. Aurelie aber ſagte: In einigen Tagen ſollſt Du ihn ſehen und ſprechen, jetzt ſchweige davon und laß uns ſcheiden. Ich muß zurückkehren. Trotz aller Bitten blieb ſie dieſem Vorſatz treu. Ihr Wagen war bald bereit, und erſt als ſie ſchon Abſchied genommen hatte, fand ſie einen günſtigen Au⸗ genblick, mit Randau einige Worte zu ſprechen. Marie ſuchte nach einem Handſchuh, den Aurelie nicht finden konute, und der Profeſſor war aus dem Zimmer ge⸗ gangen, als wollte er nichts ſehen und hören. Morgen Abend, ſagte ſie, geht der Mond um neun Uhr auf. Ich liebe es, ſeinen blaſſen Glanz durch die ſchwarzen Tannen auf den See fallen zu ſehen. Sie ſah Randau lächelnd an und reichte ihm die Hand. So lebe wohl, fuhr ſie leiſer fort, Du weißt— Marie kam herbei, ſie hatte nichts gefunden. Nun wohl, ſcherzte Aurelie, ich laſſe ihn zum Pfande hier für den Ritter, der ihn aufheben und mir wiederbringen wird. 5 — Es that 6 Bru⸗ inſche ſo eben ntgegen. n ſchen ſcheiden⸗ tz teu. ie ſchon en A⸗ Marie finden ner R m nel urch die Slie d. So 159 Sie ſtieg in den Wagen und winkte ihre Abſchieds⸗ grüße, als das Gefährt um die Biegung der Straße rollte, indem ſie den andern Handſchuh hoch emporhielt. Die drei Zurückbleibenden hatten am Abend viel von ihr zu ſprechen, mehr noch hatte jeder geheim zu denken. VIII. Am nächſten Tage war Sonntag, und als die Glocken in der Frühe läuteten, ſtand die junge Haus⸗ frau mit dem Geſangbuch bereit zum Kirchgange, und erwartete den Profeſſor, der endlich munter die Treppe herunter kam. Da bin ich, ſagte er, ich habe geſchlafen wie ein Dachs, und die ganze Predigt ſchon fir und fertig ge⸗ träumt, dennoch will ich ſie gern noch einmal hören. Aber wo iſt der geſtrenge Herr? Der geht nicht mit, erwiderte Marie. Er geht gar ſelten in's Gotteshaus. Und könnte es doch recht ſehr brauchen, verſetzte Sydow, denn die Moral ſchadet Niemanden, hilft aber ſehr oft in allerhand Nöthen. 160 Sie gingen durch's Dorf in die kleine Kirche von Holz, welche mitten in dem ärmlichen Friedhofe ſtand, wo auf den niedern Hügeln die Gemeinde fich verſam⸗ melt hatte, und die Jugend luſtig und lachend umher⸗ ſprang. Ein paar Schafe fraßen in einer Ecke das Gras ab, in einem andern Winkel ſpazierten Ziegen umher, und zwiſchen ihnen gingen rothwangige Mäd⸗ chen in faltigen bunten Röcken, und blonde Burſchen im Sonntagsſtaat mit Liebesſcherz und Worten auf und ab. Aha, ſagte der alte Herr, das iſt ein hübſches Bild vom Dies⸗ und ZJenſeits, jeder kann ſich's hinter die Ohren ſchreiben. Luſt und Liebe in der Jugend, ſehe jeder, daß er ſein Theil davon erhalte; Ernſt und Hin⸗ fälligkeit im Alter, und zuletzt ein Grab, auf dem das liebe Vieh ſich ſättigt. Die Dorfbewohner knixten und zogen die Hüte vor der gnädigen Herrſchaft, die Ge⸗ ſpräche ſtockten, die lachenden Jungen bekamen Püffe, die meckernden Ziegen Fußtritte. Dann kam der alte Prediger aus dem Hauſe des Küſters, welcher ehrer⸗ bietig folgte. Hans führte die Grethe ernſthaft auf ihren Sitz, pflanzte ſich neben ſie und der Geſang be⸗ gann. Während deſſen war Randau allein, ungeſtört konnte che von ſtnd, verſam umher cke das Ziegen eMid⸗ urſchen ten auf es Bild ler die d, ſehe ud hin den da ten und ti Ge⸗ Piffe der alte rehrr haft auf ſug le nlont 161 er ſich dieſer Einſamkeit überlaſſen. Er ſchlug das Buch ſeines Lebens auf und blätterte Blatt für Blatt durch. Es war eine Selbſtprüfung, die ihn der Gegen wart entziehen und Muth für die Zukunft geben ſollte. Und was, fragte er ſich endlich, was iſt es jetzt, das mich verlockend zu einem Weibe zieht, das früher mir in einem ſo ungünſtigen Lichte erſchien? Herrſchſüchtig, launenvoll, eitel habe ich ſie gekannt, und nun reißt mich ein Zauber fort, der ſie hoch über alle Frauen ſtellt. Er ſprang von der Bank empor, auf der er ſaß, und ſagte mit Heftigkeit: So ſoll es nicht mit mir enden. Sydow hat Recht! Mit feſtem Willen ſein Schickſal wählen, muß jeder Mann, und wer ein Schurke ſein will, der ſei es ganz, er gebe ſich nicht den Anſtrich der Ehrlichkeit, um ſeinen guten Namen vor den Men ſchen zu erhalten. So ging er ſinnend den Weg hinab, als plötzlich ſein Auge auf einen aus einem Baumſtamm gehauenen Sitz fiel, in deſſen Ecke ein Gegenſtand lag, den er nicht ſo ſchuell erblickte, als er haſtig darauf zueilte und ihn aufhob. Es war Aureliens verlorner Hand⸗ ſchuh. Mit zitternder Empfindung der Freude und der Hoffnungsloſigkeit betrachtete er ihn. Es fiel ihm ein, Th. Mügge, Romane IV. 11 162 daß ſie geſagt hatte, es ſei das Pfand, das ihrem Ritter gehöre, der es zurückbringen werde, und trüb⸗ ſinnig lächelnd ſchüttelte er den Kopf. Dann nahm er die Finger und legte ſie in die ſeinen, bis er endlich den Handſchuh in die Ecke ſchleuderte, wo er gelegen, und einige Schritte that, um ſich zu entfernen. Aber es waren nur wenige Schritte, dann kehrte er um. Es iſt kein Zweifel, ſagte er, Aurelie liebt mich. Sie liebt mich! dies Bewußtſein iſt der Donner, der mich betäubt, der Blitz, in deſſen Flammen ich mein ganzes vergan⸗ genes Leben betrachte. Und ich, fuhr er mit ſinkender Stimme fort, was habe ich ihr zu bieten, wenn ich dem Wahnſinnfolge, der mich treibt. Ein Herz?— viel⸗ leicht; doch nein, kein ganzes Herz. Nie könnte ich ſelbſt in ihren Armen vergeſſen, daß ich ſchon einmal lebte und liebte, und Marie. Guſtav! rief eine helle klingende Stimme in der Ferne und er ſchrak zuſammen. Durch die Bäume ſchimmerte das lichte Kleid Mariens; Randau eilte fort, ihr entgegen; dann ſtand er fiill, er kehrte zurück. Mit brennendem Auge betrachtete er den Handſchuh, und plötzlich ergriff und verbarg er ihn auf ſeiner Briſt. So ging er, ſeine Gattin zu umarmen, die dem Pro⸗ feſſor voraneilte. F 7 ihrem rüb⸗ hm er endlich legen, Aber Es e liebt etinbt, ergan⸗ kender h dem viel⸗ ſelbſt te und nder äume eilte uric. , und Briſt⸗ pw — 163 Das Geſicht der jungen Frau ſtrahlte in ſchöner Freude, als ſie Randau beide Hände reichte und ſein mildes Lächeln ſah. Heut, ſagte ſie, kommſt Du mir ganz wunderbar verklärt vor, mein lieber, theurer Freund. Mag es ſein, weil es Sonntag iſt, oder weil ich in der Kirche alle meine Vorſätze geſtärkt fühlte und ſo recht aus dem Herzen beten konnte: Lieber Gott mache mich gut, und gieb, daß mein geliebter Guſtav recht glücklich werde. Und nun ſehe ich Dich heiter und froh ge⸗ ſtimmt, und denke, mein Gebet hat ſchon angefangen zu wirken. Wer weiß, ob Du nicht Recht haſt, erwiderte er und unwillkührlich legte er den Arm um ſie. Ihr Auge voll unendlicher Liebe ſchlug ſich zärtlich zu ihm empor; ſie hob ſich auf den Zehen und ſchlang die Hände um ſeinen Hals: Mein Guſtav, flüſterte ſie, ich möchte Dir etwas vertrauen. In dem Augenblick fühlte er einen heftigen Schmerz in ſeiner Bruſt. Der Knopf des Handſchuhes preßte ſich darauf, und mit einer jähen Bewegung machte er ſich los. Was iſt Dir? fragte Marie erſchreckt. Nichts, erwiderte er. Ein plötzlicher Stich, vielleicht 1 — eine Nadel; aber da kommt unſer Freund, laß uns hören, ob er ſich erbaut hat. Der Profeſſor nickte ihm zu und antwortete dann: Du hätteſt dabei ſein ſollen; der alte Pfarrer iſt ein ganzer Mann, der verſteht es, die Herzen ſeiner Beicht⸗ tinder anzufaſſen. Alle Wetter, wie hielt er ihnen den langen Sündenzettel vor und jeder bekam ſein Theil davon. So muß die Sache gehandhabt werden, wenn ſie Nutzen bringen ſoll, aber wenn Du auch nicht zu⸗ gegen warſt, es gab doch allerlei, was offenbar auf Dich Bezug hatte. Was gab es denn? fragte der Gutsherr lächelnd. Er ſprach von den Blinden, die da meinten, ſie wandelten im Licht, ſagte der Profeſſor; von denen, die ſtolz ſeien auf ihr Wiſſen und wüßten doch nichts von dem, was ſelig macht; von Leuten, deren Saaten grünten und verdorrten ohne Pflege, die da riefen: Herr, ſegne mich! und jagten doch den Segen von ihrer Thür. Dabei ſah der würdige Mann feſt auf Deinen leeren Stuhl und ich konnte deutlich bemerken, wie er ſich an dieſen wandte.— Der Scherz, zu dem der alte Herr, wie gewöhnlich, ſpöttiſch huſtete und grinzte, ſchien für Randau empfindlich. Er antwortete mit einiger Erregtheit darauf, und als der Pfarrer bald darauf erſchien, kehrte hören, dann ſſt ein Beicht⸗ ten den Feil wenn icht j f Dich ächelnd. ten, ſe nin, die chts von grinten r ſchne Tiir n le eren ſch m e dem in fir glhei n knt — 165 ſeine frühere Verſtimmung zurück. Schweigſam und zer⸗ ſtreut beobachtete er mit Mühe die Formen der Höf⸗ lichkeit; er ſah auch nicht, wie Marie ihn von Zeit zu Zeit traurig beobachtete, und ſo verging der Tag, deſſen Stunden ſich für den Gutsherrn zur unerträglichen Ewigkeit ausdehnten. Mit jedem Glockenſchlag vermehrte ſich ſeine innere Unruhe, und als es Abend geworden und die Sterne durch den Wald zu leuchten begannen, war er der Ge⸗ ſellſchaft entſchlüpft. Man ſuchte und rief vergebens nach ihm. Der gnädige Herr, ſagte endlich ſein Diener, macht, wie es ſcheint, einen ſpäten Spaziergang. Ich habe ihn geſehen, wie er an den Hügeln, jenſeits des Dorfs, hin⸗ aufſtieg. Vergebens aber wartete man auf ſeine Rückkehr. Der Pfarrer empfahl ſich und mit jeder Minute wuchs Mariens Angſt, die am Arme des Profeſſors endlich durch den Park ging, um wo möglich ihn aufzufinden. Sein Sie doch ruhig, ſagte der alte Herr, als Alles vergebens war, und wenn Sie es über ſich gewinnen können, ſo laſſen Sie ihn laufen, bis er von ſelbſt wieder kommt. Solchen widerhagrigen Naturen gegen⸗ über muß man gelaſſen bleiben. 166 O! wie könnte ich es wohl, antwortete ſie klagend. Sie empfinden nicht, Sie denken nur; aber was nützt es die Gedanken zu befragen, wenn das Herz nicht ge⸗ horchen kann. Ich war ſo froh heut, fuhr ſie in ſteigender Bewegung fort, ich hatte Vertrauen gewonnen, neue Hoff⸗ nungen, und plötzlich iſt Alles wieder vernichtet. Das macht, ſagte der alte Herr, weil Sie Ihr Ver⸗ trauen immer auf einen Zweiten, nicht aber auf und in ſich ſelbſt begründen. Dieſer Zweite, verſetzte Marie, iſt aber mein beſſeres Selbſt. Ich kann nichts empfinden, ohne für und durch ihn zu empfinden. Sie werden mich nicht verſtehen; Sie finden mein Leid vielleicht unwürdig, weil ich ſo ſchwach bin, es nicht beherrſchen zu können; ach! und doch iſt es ſo groß und ſeit kurzer Zeit ſo unermeßlich gewachſen, daß ich darunter erliegen werde. Hören Sie mich an, ſagte der Profeſſor, und be⸗ urtheilen Sie, ob ich Ihren Schmerz verſtehe. Ihr Glück und Ihr Frieden haben ſich getrübt. Warum? — Weil in Randau's Seele ein ſchwarzes Saamenkorn gefallen iſt, das ſeinen Boden dort gefunden hat. Sie wollen es ausreißen, aber Sie verfehlen die Mittel. Ich kenne Guſtav genau, und ich will Ihnen einen guten Rath geben, was ſonſt nicht meine Sache iſt. Wenn 167 lagend. ein ſolcher ſtarker in ſeinen Wurzeln tüchtiger Baum nützt wilde Aeſte treibt, ſo müſſen ſie abgehauen werden. cht ge Man heilt nicht mit weißer Salbe und Roſenpomade eine Krankheit, die Mark und Leben erſchüttert, ſondern igender Hoff mit Axt und Säge. Vor allen Dingen muß man aber den Grund des Uebels lennen. Oeffnen Sie die Angen, Ver⸗ liebe Marie, fragen Sie ſich, was hat Randau's Ver ind in änderung hervorgerufen? Ein Geiſt, wie der ſeine, will Nahrung haben, Anregung; er will im Sonnenglanz eſſres wandeln; er iſt, wie ein edles Roß, das gegen die Zügel durch knirſcht. Ich möchte Ihnen zurufen, wie der Schmied ſichen in Thüringen dem eiſernen Landgrafen: Werde hart! ſ Zeigen Sie ihm Ihre Ebenbürtigkeit, den gerechten Stolz m der Kränkung, damit er weiß, auch in der hingebendſten „— nflich Liebe wohnt menſchlicher Muth und Seelenadel, nicht die Unterwürfigkeit eines willenloſen Weſens, und wenn er dann nicht zurückkehrt, wenn er noch dem ſchwarzen d be⸗ hr Schatten nachläuft, der ſeinen Handſchuh ihm zum Pfande mm! gelaſſen hat, wenn die ſittliche Macht ihn dann nicht aus den unn Netzen der Sünde reißt, dann gewinnen Sie ſo viel Kraft, g Ihren inneren Frieden ohne ihn zu finden. 106 Der alte Herr ging ſchnell davon, Marie blieb allein. „ Sie hielt ſich wankend an einem Baume feſt; ihr Herz wollte zerſpringen, es ſchlug mit furchtbaren Schlägen, 168 während ihre Augen ſich zum Himmel aufhoben, der ſo klar und ſtill war. Ihre Gedanken drängten ſich auf einen Punkt zuſammen, auf Aurelien. Eine entſetzliche Ahnung rang mit der Gewißheit; es wurde Licht um ſie, und doch war dies Licht ſo tödtend, daß ſie die Augen davor ſchloß und die Hände verzweiflungsvoll ringend vor ihrer Stirn wand, um die Geſpenſter des Schreckens zu verzagen. Plötzlich hörte ſie Schritte vor ſich, die Schritte eines Mannes, der langſam ſich ihr näherte, und deſſen ſchwarze, hohe Geſtalt an den Bäumen hinglitt. Guſtav! rief ſie mit halberſtickter Stimme, die Arme ausbreitend. Nein, erwiderte ein fremder Ton, Guſtav iſt es nicht. Eine Hand faßte die ihre, ein Geſicht beugte ſich zu ihr nieder, das ſie nicht kannte. Da fiel ein Licht⸗ ſtrahl aus dem Fenſter des Profeſſors herab und flog über den Mann hin. Herr von Polenz, ſagte Marie erſchrocken, was führt Sie hierher?. Der Wunſch, Sie zu ſehen, erwiderte der Freiherr, der äufrichtige Wunſch, Ihnen nützlich zu ſein. Er ſchwieg einen Augenblick als Marie jedoch ihre Hand zurückziehen wollte, hielt er dieſe feſt und bat ſie, — der ſo ch uf ſetliche ht um ſie die ngsvol ter des tte vot ſich ihr äumen eArme ſt es n Licht d flog och ihre 169 ſtill zu ſein.— Sie kennen mein Schickſal, begann er, ich will Sie weder damit unterhalten, noch mich ent⸗ ſchuldigen, denn mir iſt nur das geworden, was ich ver diente. Aurelie hat mich getäuſcht, ich ſie, unſere Rech⸗ nung iſt quittirt und zerriſſen; Sie jedoch, arme Frau! Sie ſind das traurige Opfer einer berechneten Bosheit, die mitleidslos Sie vernichtet. Ich— ich!— erwiderte Marie bebend. Wiſſen Sie, wo ſich Randau in dieſem Augenblick befindet? fragte Polenz. Er iſt fort, ſagte ſie mit erlöſchender Stimme. Er liegt zu Aureliens Füßen, in ihren Armen, ant⸗ wortete der Freiherr. Ein ſchwacher Schrei war ihre Antwort; plötzlich aber richtete ſie ſich auf und ihre Augen glänzten im Zorn. Es iſt nicht wahr, ſagte ſie ſtolz: Sie haben dieſe ſchändliche Lüge erfunden. Ich antworte darauf nur das Eine, verſetzte Polenz: Wollen Sie ſich ſelbſt von der Wahrheit überzeugen, ſo ſteht dort am Ausgange des Park's ein Wagen. In einer halben Stunde ſind wir an Ort und Stelle, dann mögen Sie Ihre Anſchuldigung wiederholen. Er nahm Mariens Hand und führte ſie fort; ſie folgte ohne Wiverſtreben. Der Wagen war bald er⸗ 170 reicht, er hob ſie hinein und im vollen Lauf der Pferde ging es durch den Wald und über die Ebeue bis in die Nähe des Meierhofes, wo Polenz anhielt und auf einem Umwege, im Schatten der Weidenbüſche unbemerkt der Hegung nahte. Der Mond glänzte über den Fluthen des großen Sees und bedeckte die hohen krauſen Blatt⸗ gewölbe der alten Bäume mit ſeiner Silberdecke; unter ihnen aber war es ſchwarz und ſtill, nur in Spalten rieſelten die leuchtenden Quellen des Lichts am Boden hin und blendeten mit ſcharfen Begrenzungen das Ange. Sein Sie ſtill, ſagte Polenz flüſternd zu der ſchweigenden Frau. Gehen Sie langſam von Baum zu Baum bis an den letzten. Die Linden mit ihren breiten Auswüchſen werden Sie bedecken. Gehen Sie. Er führte Marie einige Schritte, dann ließ er ſie los und blieb ſtehen. Sie entfernte ſich langſam. Ihr Herz zitterte, als ſie Stimmen zu hören glaubte, doch ging ſie weiter an Gebüſchen vorüber, wo ein anderer Mann mit verſchränkten Armen ſtand, der ihr auf⸗ merkſam nachblickte. Nach einigen Augenblicken trat er aus ſeinem Ver⸗ ſteck hervor und traf mit Polenz zuſammen. Es iſt ge⸗ lungen, ſagte dieſer leiſe; ich hoffe auf eine erſchütternde Scene. 2. in die f einem erkt der Fluthen Blatt⸗ untet Spalten Bodel 8 Age⸗ zu der Baum it ihren en Sie ß er ſe Auch ich, erwiderte der Andere; die tragiſche Kata⸗ ſtrophe iſt nahe. Und ich denke, lieber Bernauer, fiel der Freiherr ein, dieſe wird Alles erfüllen, was wir hoffen. Sie ſcheint entſchloſſen zu ſein, wie ein Verzweifelnder, und mehr Stärke zu beſitzen, als ich ihr zutraute. Das iſt es, was ich erwartete, ſagte der Geiſtliche. Nur ſo wird, was ich gehofft, ſich erfüllen. Still! Sie gingen leiſe zurück, denn im Wege vor ihnen wurden die Stimmen lauter. Randau und Aurelie, Hand in Hand, ſtanden im Schimmer des Mondes kaum drei Schritte von dem dicht bebuſchten Stamm, hinter welchem Marie ſich verborgen hatte. Ich wußte es wohl, ſagte die ſtolze Frau lächelnd, Du würdeſt kommen, um mir mein Pfand zu bringen. Ich habe Dich erwartet. Dann, erwiderte er, hatteſt mir, als ich ſelbſt. Aurelie legte die Hand auf ſeine Schulter, mit der Du mehr Glauben zu anderen ſtrich ſie das tief fallende Haar von ſeiner Stirn. Ich leſe Unruhe und Zerfallenheit in Deinem Geſicht, ſagte ſie. Du ſollteſt klar um Dich ſchauen. Es darf nicht ſo bleiben mit uns, Aurelie, erwiderte er ſeufzend, indem er ſeinen Kopf an den ihren ſenkte 172 und der flüſternde Ton ſeiner Stimme wiederhallte in Mariens Bruſt. Die beiden leuchtenden Geſtalten ſtanden regungslos vor ihr. Plötzlich richtete Aurelie ſich auf und ſagte leidenſchaftlich bewegt: Wähle, Guſtav, zwiſchen mir und ihr, laß uns nach langer qualvoller Verdammniß zur Erlöſung gelangen. Was hilft es, ſich zu kreuzigen, wenn der Opfertod weder hier noch dort Verſöhnung bringt? Wähle, hier bin ich und an Deinem Herzen höre meine Schwüre ewiger Liebe. Du liebſt mich, Du kannſt es nicht läugnen. Ich leſe es in jedem Deiner Blicke, daß Du unglücklich und elend biſt. Dein Wahn hat Dich dazu gemacht, auch ich bin es geweſen, und ich wäre verzweifelt, wenn die Hoffnung auf Dich, auf eine endliche Vereinigung mit Dir, mich nicht aufrecht gehalten hätte. Aurelie!— rief Randau. Großer Gott! welche Be⸗ kenntniſſe. Du mußt es wiſſen, fuhr ſie fort, denn alle Schranken müſſen fallen. So wiſſe denn, daß von dem Tage an, wo ich Dich in ihren Armen ſah, nur ein einziger Ge⸗ danke mich beherrſchte, der Gedanke, Dich empfinden zu laſſen, was Du verloren, bis die Stunde ſchlüge, wo das Bewußtſein Deines Unglücks über Dich gekommen —„„— hollte in ungölos nd ſagte hen mir ammniß reuigen, rſöhnung Herzen ich, Du Deiner n Wahn en, und ich, auf uftech ſche Be⸗ 173 ſei. Dieſe Stunde mußte erſcheinen, denn mir gehörſt Du an. Mein Eigenthum biſt Du früher geweſen, als das ihre, ich habe ein heiliges Recht an Dich, das nie erlöſchen konnte; jetzt fordere ich Dich zurück. Und wie vermöchte ich den Abgrund auszufüllen, der uns trennt, ſagte er erſchüttert. Durch den Muth Deiner Liebe, durch einen einzigen tühnen Entſchluß, der Deine Banden ſprengt, erwiderte ſie. Alles habe ich vorbereitet, es bedarf nur Deines Willens.— Ich bin frei. Der größte Theil meines Vermögens iſt in baaren Summen in meinen Händen, das Uebrige geſichert. Ich bin vorbereitet, eine weite Reiſe zu machen mit Dir, mein Geliebter. Führe mich, wohin Du willſt, ich folge Dir. Und Marie! murmelte Randau kaum hörbar. Sie wird weinen, klagen und ſich tröſten, ſagte Aurelie. Unglücklich will ſie Dich nicht ſehen; wiſſe, daß ich ſie vorbereitet habe. Das thateſt Du? fragte er erſchrocken. Noch mehr, fuhr ſie fort. Ingihrer Begeiſterung für Dein Glück ſchwor ſie mir zu, ſie würde entſagen und dulden können, wenn ſie wüßte, daß ſie die Urſache Deines Kummers ſei. Sie wird ſich in Unvermeidliches zu finden wiſſen; zärtliche Sorgfalt wollen wir tragen, 174 daß das, was ihr Leben irgend verſüßen kann, ihr in Fülle bleibe. O! Alles, Alles für ſie, nur das Eine nicht und vielleicht— Ich kann es nicht denken, rief Randau, indem er die Hände vor ſeine Stirn ſchlug, ich kann es nicht faſſen, es vernichtet mich. Laß mich allein, laß mich gehen. Lebe wohl, Aurelie. Ihr Bild, ihr blaſſes trauriges Bild; ich ſehe es dort, überall, da am Baume, in meinem Herzen. Lebe wohl!— Noch einen Augenblick, dann geh, ſagte ſie. Du willſt Ruhe finden und ich kenne Dich. Dein ſtarker Kopf wird über die Schwäche eines edlen Herzens ſich erheben. Es giebt keinen Ausweg, Guſtav, ſprach ſie mit ſtarker Stimme, indem ſie ihre Arme um ſeinen Nacken legte, nur dieſer eine führt zum Frieden mit Dir ſelbſt. In meinen Armen ſollſt Du ihn finden. Selig⸗ keit und Glück des Lebens— ſie drückte brennende Küſſe auf ſeine Lippen— iſt nur bei Dir und mir allein! So lebe wohl, rief ſie, ſich losreißend, und morgen ſei be⸗. reit. Morgen umg dieſe Stunde ſei hier, und dann keine Trennung mehr, keine, ſo lange ein irdiſches Da⸗ ſein reicht. F Randau verſchwand in der Tiefe des Ganges und Aurelie blickte ihm nach, bis ein Rauſchen an den ihr in s Eine dem er s nicht ß mich blaſſes Baume, rach ſie — ——— 175 Bäumen ſie aufmerkſam machte. Sie blickte hin, und der Ton der Frage erſtarb auf ihre Lippen. Geſpenſtiſch langſam trat Marie vor ſie hin. Du haſt gehört, was hier vorging? fragte Aurelie, erſchrocken zurück⸗ weichend. Alles, erwiderte ſie. Und wer— wer führte Dich hierher? fuhr die Nebenbuhlerin heftiger fort. Polenz, ſagte Marie, ich danke es ihm. Nun wohl— vielleicht iſt es Fügung zu nennen, wenn er Antheil an Dir nimmt. Böſes verwandelt ſich oft in Gutes. Sie trat gefaßt näher. Du weißt nun Alles, ſagte ſie. Jetzt ſegne oder verdamme die, welche dieſe Qual über Dich bringt, aber ſprich, was Du thun willſt. Guſtav liebt mich, willſt Du ihn frei geben? Ich will, erwiderte die blaſſe Frau. O! Marie, rief Aurelie, wie edel und ſchön iſt Deine Seele! Ich könnte vor Dir niederfallen in den Staub, um zu Dir zu beten. 5 Frevle nicht! erwiderte Marie, ihre Hände abwehrend; nicht Du, er allein empfängt dies Opfer. O! Himmel, für ihn nimm mein Leben, nimm Alles, was ich geben kann.— Sie trat von Aurelie zurück und ſagte mit Feſtigkeit: Fürchte nichts, ich werde tragen können, was ich tragen muß; ich weiß es wohl, daß auch ich einen Theil der Schuld zu büßen habe. Halte mich nicht zurück; aber erfülle eine Bitte. Sende mir morgen meinen Bruder Jakob, alles Andere wird ſich nach Deinen Wünſchen geſtalten. So iſt es beendet! ſagte Aurelie tief athmend, als ſie mit Bernauer an der Grenze des Geheges ſtand und den Wagen, der Marie und Polenz trug, raſch davon⸗ rollen ſah. Morgen öffnet ſich eine neue Welt für mich, deren ahndungsvolle Wonne mich berauſcht. Es öffnet ſich vor Ihnen ein edleres beſſeres Leben, antwortete der Geiſtliche, das, wie ich hoffe, Sie be⸗ glücken wird. Und Sie ſtimmen mir bei, mein theurer Freund, daß ich ohne Vorwurf bin für das Leid, das mein Glück hervorruft? Jeder Menſch, erwiderte Bernauer mit ſtrengem Ernſt, ſtrebt zu erreichen, was er begehrt. Saamen⸗ körner ſtreut der Säemann aus; was des Allgewaltigen Wille gedeihen läßt, ſei es gut oder böſe, es hat ſeinen Zweck und dieſer muß ſich erfüllen. ſen, was ich einen ich nicht norgen ch nach end, als and und dao⸗ ir mich, s Leben, Sie be⸗ Freund, in Glc ſrengen amen waltigel ſenen Am nächſten Morgen war Marie geſchäftig einige Kiſten und Kaſten mit Kleidern, Wäſche und was ihr beſcheidenes Eigenthum war, zu füllen, als der Proſeſſor ſie bei dieſer Arbeit überraſchte. Was iſt denn das, ſagte er, erſtaunt ſich um⸗ ſchauend. Es ſieht ja aus, als wollten Sie eine Reiſe machen. Das will ich auch, verſetzte ſie mit Ruhe, ich will in die Stadt zurückkehren. Und Guſtav? fragte der alte Herr. Ich kann nicht ſagen, was aus ihm geworden ſein mag. Er iſt nicht nach Haus gekommen, vielleicht hat er bei einem Nachbar Obdach gefunden. Und das berichten Sie ſo gelaſſen! rief Sydow er⸗ ſtaunt. Das freut mich; ſo iſt es recht. Fort mit aller Empfindelei und ſelbſt mit der wahren Empfindung für jetzt, wenn es beſſer werden ſoll. Dieſe Nacht ſcheint Sie zur Erkenntniß geführt zu haben. So iſt es wirllich, antwortete die junge Frau, ihre Bewegung unterdrückend; ich weiß jetzt beſtimmt, was ich thun muß, und bitte Sie, mich nicht daran zu hindern. Th. Mügge, Romane IV. 12 178 Das fällt mir auch gar nicht ein, lachte der alte Herr. Zeigen Sie ihm Ihren Willen; laſſen Sie ſich nicht von der Reiſe abhalten. Eine Reiſe, eine Ent⸗ fernung iſt eine vortreffliche Erfindung, um in unzu⸗ friedenen Eheherren die Liebesſehnſucht wieder anzublaſen. Aber wer kommt da Fremdes, fuhr er fort und blickte durch's Fenſter. Da iſt er ja. Guſtav! ſagte ſie, ſich zitternd an einen Stuhl hal⸗ tend. Mein Gott! gieb mir Stärke.— In dieſem Augen⸗ blick trat Randau herein und blieb an der Schwelle ſtehen. Er war blaß und, wie es ſchien, ſehr ermüdet, aber ein freundliches Lächeln erhellte ſein Geſicht. Was geht hier vor? fragte er, verwundert umherblickend. Denke Dir, begann der Profeſſor, Deine Frau hat ſich vorgenommen, keinen Tag länger in dieſer ver⸗ wünſchten Einſamkeit zu bleiben. Sie will fort. Iſt das Dein Wille, meine liebe Marie? ſagte Randau ſanft, indem er ihre Stirn küßte. Sie nickte ihm zu, ohne zu ſprechen, dann deutete ſie mit dem Finger auf die kleinen Koffer und ſagte leiſe und mit Anſtrengung: Weniges iſt darin, was mein iſt, dies und hier dieſer kleine welke Strauß, drei Blnmen, Guſtav, die Du mir am Hochzeitsmorgen gabſt, ſie ſollen mich begleiten. 8 „ ql Un 309 Und mich, rief er in heftigſter Bewegung, mich wollteſt Du zurücklaſſen? Du biſt frei! ſagte ſie mit Anſtrengung ihre Hand — auf ihr Herz drückend. Ich weiß Alles, Du ſollſt nicht unglücklich ſein. Unglücklich, elend, namenlos elend wäre ich nur ohne Dich! ſchrie Randau auf, und mit liebender Gewalt K preßte er ſie an ſein Herz. Wenn Du Alles weißt, ſo u wiſſe auch das, daß ich in dieſer traurigen Nacht büßend mich wieder fand und erlöſt zu Dir zurückkehre. Ja, r wir wollen fort, heute noch, aber ich mit Dir; es iſt unmöglich, daß es anders ſein könnte. h Er hielt ſie in ſeiuen Armen lange und feſt, und immer lächelnder und ſanfter wurden ihre Blicke, bis ſie endlich zitternd und in Thränen ſagte: Ich kann Dich ſgt nicht aufgeben. Sterben will ich für Dich, aber— ach! hätteſt Du geſtern mich nicht von Dir gewieſen, e vielleicht— denn, Guſtav, ein zweites Weſen fordert age Deine Liebe, es würde ſeinen Vater von mir fordern. vs 12 Mit einem Schrei des Entzückens ſank Randau zu ihren w Füßen, ein unnennbares Gefühl des Glucks überkam ihn. abſt Thränen tropften heiß auf ihre Hände, die er mit ſeinen Küſſen bedeckte.— Da trat ein Mann herein, den im erſten Augenblick Niemand bemerkte, bis Marie ihn ſtehen ſah. 1 180 Jakob, rief ſie, mein Bruder! und ihr bittender Blick wandte ſich auf Randau, als ſie leiſe hinzufügte: Aurelie hat ihn mir zugeſandt. Du haſt mich fordern laſſen, Schweſter, begann der Tapezier, und die Frau Baronin hat es ſo eilig ge⸗ macht, daß ich ſogleich fortgelaufen bin, weil ich dachte, es ſei irgend ein Unglück geſchehen, bei dem ich helfen könnte. Randau reichte ihm die Hand. Nur um Zeuge unſeres Glücks zu ſein, erwiderte er freundlich, und da⸗ mit ich Gelegenheit habe, alles Unrecht offen zu be⸗ kennen, ſind Sie zu uns gekommen. Laſſen Sie uns wahre Freunde ſein, Jakob, und glauben Sie mir, der letzte Reſt vom alten böſen Sauerteig des Hochmuths iſt in mir verarbeitet und vernichtet. Es iſt eine rauhe harte Hand, die ich Ihnen reiche, er⸗ widerte der Arbeiter ſtolz und froh lachend, aber lieber Herr, mein lieber Freund, wenn ich Sie ſo nennen darf, Jakob Neuhaus hat einmal keine andere, und gerade heraus er glaubt, daß ſie in ihrer Art mehr werth iſt, w man zarte und weiche. ℳ Und ich ſchlage ein und ſage ja, rief Randau. Ich will dieſe Hand in Ehren halten und den tüchtigen Mann dazu, dem ſie gehört. 5 181 Der Profeſſor drängte ſich an ſeinen Schüler, und in ſeiner Freude verlor er die Brille, die er von den Augen warf, als er Randau heftig an's Kleid faßte und ſchüttelte. Wer hat nun geſiegt, ſchrie er, die Pflichten oder die Neigungen? Das bloße alberne Gewiſſen, die von ihm gebotene Reue oder der ſittliche Wille?! Ol fort mit allen Abſtractionen, rief Randau, in⸗ dem er die beglückte Frau in ſeine Arme ſchloß. Dieſe hat geſiegt! Ihr Bild lebte tief in meiner Bruſt, und als die rechte Stunde gekommen war, durchbrach es alle Nebel und Geſpinnſte. In wahrer Liebe lebt die höchſte Sittlichkeit. In Frohſinn verging der Tag, bis am Abend Randau, Marie und der alte Herr in den Wagen ſtiegen, der ſie auf die nächſte Poſtſtation führen ſollte, von wo aus ſie in die Reſidenz zurückkehrten. Die Vorbereitungen dazu waren in aller Eile getroffen wor⸗ den. Dem Verwalter wurde die Nachſendung alles Benöthigten übertragen. Der Gutsherr war entſchloſſen, eine Zeit lang in der Hauptſtadt zu verweilen, dann aber eine Reiſe anzutreten, und bei der Rückkehr mit friſcher Kraft ſich in die Bewegung des Lebens zu werfen, um zu nützen und zu fördern, ſo viel er vermöge. Marie 182 ſtimmte mit allem überein, und der Profeſſor fand es recht und wohlgethan, daß ein Mann von Muth und Willensſtärke und obenein ein Mann von Vermögen, die Hände nicht in den Schooß lege, ſondern tüchtig ſtrebe um für Förderung des Wahren und Rechten, für das Wohl Aller ſich zu bemühen. Du, rief er endlich, Du mit Deinem zähen Geiſt des Widerſtrebens, mit Deinem Rechtsgefühl und der Geſetzkenntniß, die Du beſitzeſt, biſt ganz gemacht für den Kampf unſerer Zeit. Was würde daraus geworden ſein, wenn Du mit der tollen Frau davongelaufen wärſt, um in irgend einem Thale bei Mandeln und Eitronen zu wohnen? In Reue und Gewiſſenspein hätteſt Du kümmerlich geendet. Randau drückte ihm die Hand. Seine Gedanken flogen zurück nach dem einſamen Meierhofe am See, wo Aurelie ihn mit ſtolzer Gewißheit erwartete. Im Mondenglanze hörte er Pferde ſchnauben; ein Reiſe⸗ wagen, hoch bepackt, ſtand halb im Schatten der Schwarz⸗ tannen verborgen. Aurelie ging mit großen unruhigen Schritten auf und ab. Aufhorchend, ungeduldig die Hände ballend und ihre großen heißen Augen über die hellglänzenden Felder ausſchickend, um den Geliebten zu entdecken, eilte ſie durch die Gänge und endlich ſtieß ſie einen Laut der Freude aus, denn vom See herauf kam 183 ein Mann, an deſſen leichtem elaſtiſchem Gange ſie Guſtav erkannte. Laut und zärtlich ſeinen Namen rufend, trat ſie mit offenen Armen ihm entgegen, und — ſtand vor Jakob Neuhaus, der raſch durch das Gebüſch ſprang und Aurelien ſchweigend ein Blatt über⸗ reichte, das ſie ohne Frage nahm und im Meierhofe verſchwand. Gewaltſam riß ſich Randau von dieſen träume⸗ riſchen Gebilden los, aber ſie hatten ihm Wahrheit gezeigt. Jakob hatte der unruhig Wartenden faſt in jener Weiſe einen Brief übergeben, und jetzt ſtand Aurelie, bleich wie eine Todte, und ſtarrte auf die Buchſtaben der Schrift. Dieſe war von Mariens Hand. „Ich habe Dir,“ ſo lautete ſie,„zwar mein Wort gegeben, Guſtav's Banden zu löſen, und willig zu dulden und zu leiden, aber nur in der Voraus⸗ ſetzung, daß ſein Herz mir nicht mehr gehörte. Von dieſer ſchrecklichen Täuſchung bin ich befreit. Seine Schwüre ewiger Liebe wiederholen ſich in dieſem Augen⸗ blick. In ſeinen Armen, die mich nmſchlingen, ſchreibe ich dieſe Zeilen an Dich; nichts kann und wird nns trennen. Lebe wohl, Aurelie! Du wirſt nach dieſer Mittheilung meinen Frieden nicht mehr trüben wollen, denn Du kannſt es nicht. Lebe wohl!“ 184 Lebe wohl! rief Aurelie mit hohler Stimme aus tiefſter Bruſt, indem ſie den Brief fallen ließ und mit einer heftigen Bewegung den Hut von ihrem Kopfe riß. Ihre Augen erhielten den Glanz des Wahnſinns; ſie zitterte und wankte; ein convulſiviſches Zucken lief durch ihre Züge. In dieſem Augenblick trat Bernauer durch eine Nebenthür herein, wo er unentveckt ſchon lange geſtanden hatte. Langſam näherte er ſich Aurelien und hielt ſie aufrecht, indem er ſie zu einem Lehnſtuhl führte. Tröſten Sie ſich, Frau Baronin, ſagte er, hören Sie auf den höchſten Troſt. Es giebt keinen Troſt für mich, murmelte ſie, die Hände ringend. Verloren! verloren! ich habe nichts mehr zu hoffen, und Sie, o! Sie ſelbſt— ich folgte Ihrem Rath! Gott züchtigt die Sünder, erwiderte der Geiſtliche ernſt und ſtark; Gott erlaubt uns auch der Sünde zu dienen, damit ſie offenbar werde. Er ruft die Fin⸗ ſterniß hervor, damit das Licht leuchte; er prüft die Herzen in Verſuchungen und erbarmt ſich ihrer in tiefſter Noth. Schmach, Schande, Sünde über mich! rief Aurelie ſchwer athmend. O, meine Mutter! Du haſt es vor⸗ eine nden 185 hergeſagt. Ich erſticke! Helfen Sie mir— retten Sie mich— verlaſſen Sie mich nicht! Einen nur giebt es im Himmel und auf Erden, ſagte Bernauer feierlich, der ſich aller Verlaſſenen an nimmt. Zu ihm fliehen die Mühſeligen und Beladenen, zu ihm die Sünder und Verlornen. Fliehen Sie in ſeine Arme, dort allein iſt Troſt und Ruhe auch für Sie. Und war es nicht eitle Luſt, ſchwere Sünde, fluchwürdige Verdammniß, die Sie trieb, an den heili⸗ gen Geboten Gottes zu freveln? fuhr er drohend fort; ſteht das Gewiſſen nicht mahnend jetzt vor Ihnen? Nagen nicht Qualen der Hölle nun an Ihrer Seele? Retten Sie dieſe, retten Sie dieſe ſchuldbelaſtete Seele von ewiger Pein; nur Reue, wahre Reue, Gebet und Buße, nur die allliebende Mutter, die heilige chriſtliche Kirche, deren Schooß allen Sündern geöffnet iſt, die da kommen und ihre Knie umfaſſen, nur dieſe hat Ret⸗ tung für Sie. Außer ihr iſt ewige Verdammniß! Aurelie lag in tiefer Ohnmacht; Bernauer beugte ſich über ſie hin. Das geheimnißvolle zuckende Lächeln lief über ſein Geſicht, als er ſie betrachtete. Sie iſt gerettet, murmelte er, weiche von ihrem Haupte! Und mit ſeiner Rechten zog er die heiligen Zeichen des Kreuzes 186 ihr über Geſicht und Bruſt; dann ſank er auf ſein Knie und betete lange.— Die Baronin von Polenz lebt jetzt in Rom, zuh⸗ fertigen Uebungen hingegeben unter der leitenden Aufſicht ihres Beichtigers, des Paters Bernauer vom Orden des heiligen Ignaz von Loyola. Druck von W. Pormetter in Berlin, Kommandantenſtraße 7. Oſour& Grey Control Chart Cyan Sreen NVellow Red Magenta Grey 2