Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Giehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Veſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe kinterleheſ⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: au 1 Monat:— Pf 1 M 5 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 6„ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ß der Bücher auf ihre 5 Koſten und Gefahr 4 6 Fi i„verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der n.„beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 prſuhdtre darauf aufmerkſa cht, d beſege ir ere auf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden bh indem bi 2 ejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſelbſt zu ſorgen, —————— Romane von Theodor Mügge. Zweiter Band. Der goppelgänger. gerlin, 1857. Verlag von Otto Janke. Der Doppelgänger. Roman von Theodor Mügge. Berlin, 1857.* Verlag von Otto Janke. — — — . Vor zwei Jahren, es war im Herbſte, ſtand ein alter Herr ſtill vor ſich hin ſchauend an dem Eiſengitter, das den Vorplatz der Börſe umſchließt, und betrachtete neu⸗ gierig das Gedränge der Kommenden und Gehenden auf der Treppe. Man fonnte es dem alten Herrn gleich anſehen, daß er ein Fremder hier ſei, denn ſein langer blauer Rock, ſein Hut mit der breiten Krämpe, ſeine Stiefel, die hoch bis ans Knie hinauf gingen, und der „gonze Mann in ſeiner ſteifen Ehrbarkeit und Schwer⸗ fälligkeit kündeten in jeder Falte den ehrſamen Bürger aus der Provinz an. Als er eine Zeit lang ſeinen ſchweren Körper auf das mächtige Bambusrohr mit Elfenbeinknopf geſtützt und mehrere Male bedenklich mit dem Kopfe geſchüttelt hatte, begann er ein leiſe gemur⸗ meltes Selbſtgeſpräch, deſſen Endreſultat war, daß er Th. Mügge, Romane I. 1 ————— 2 plötzlich die Hand an ſeinen Hut legte und zu einem eben an ihm hinſtreifenden Herrn höflich ſagte: Um Vergebung, mein Herr, was iſt das für ein Gebäude? Es iſt die Börſe, antwortete dieſer, indem er einen ſchnellen Blick auf den Frager warf und weiter ging. Vielen Dank! rief der alte Herr ihm nach, und mit derſelben lauten Stimme ſetzte er hinzu: Iſt mir lieb, daß ich es weiß. Der Andere ſah noch einmal zurück, dann wendete er ſich um, und ſagte verbindlich: Haben Sie vielleicht ein Geſchäft an der Börſe? Ich? rief der alte Herr erſtaunt und faſt erzürnt, nein! Gott ſei Dank, ich habe nichts zu ſchaffen mit dem Raubneſte. Ein ſonderbares ſpöttiſches Lächeln lief durch das Geſicht des kleinen Mannes, der vor dem fremden Herrn ſtand. Seine Augen kniffen ſich unter der gol⸗ denen Brille zuſammen, die auf einer langen gebogenen Naſe ſaß; er ſchien mit ſich zu Rathe zu gehen, ob er den groben alten Menſcheu verlaſſen und auslachèn oder ob er ſich noch ein wenig mit ihm beluſtigen ſolle. In⸗ zwiſchen trat er einen halben Schritt näher und ſagte mit einer Art Katzenfreundlichkeit: Sie ſind jedenfalls eig Fremder, mein Herr? „5 — —= 00 — — derte der Kleine; aber Sie h 8 Zu dienen, erwiderte der alte Herr. Ich bin aus Weſtpreußen und ſeit manchem Jahr nicht in der Haupt⸗ ſtadt geweſen, die wie Sodoma und Gomorrha gewor⸗ den iſt. Sie haben ſehr ſtrenge Anſichten mitgebracht! erwi⸗ aben wohl Recht, Lug und Trug nimmt überhand in der Welt. Und die es hemmen ſollten, fördern es! fiel der alte Herr eifrig ein. Was haben wir nicht ſchon Schreckliches gehört von dem Unheile, das aus dieſem wo man Hab und Gut, Ehre und und wo eine Rotte heilloſer Gauner Mitbürger betrügt und Hauſe hervorgeht, Gewiſſen verliert, und Spitzbuben ungeſtraft ihre beraubt! Es iſt in der That ein entſetzliches Unglück, ſagte der Andere, aber es iſt doch ein wunderlich ſeltſames Schauſpiel, dieſe Rotte zu betrachten. Sie ſollten es Sich in der Nähe anſehen. Schönen Dank! ſagte der a habe allan Reſpect vor dem Wespenſchwarme, der da drinnen ſteckt. Es iſt unendlich wahr, was Sie ſagen! ſprach der Kleine; hört man aber den Leuten zu, die dort hauſen, ſo haben ſis viele Entſchuldigungsgründe. Sie zwingen 3. lte Herr trotzig. Ich 4 Niemanden, an ihrem Treiben Theil zu nehmen. Dem Glücke, dem Gewinne, ſagen ſie, jagt die ganze Welt nach; an der Börſe aber herrſcht die vollſte Freiheit, ſie iſt ein Kampfplatz des feinſten Wettens aller geiſtigen Thätigkeiten. Alle Wetter! was ſagen Sie da? ſchrie der alte Herr. Jedes Wort iſt eine Lüge! Ich glaube es auch nicht, fuhr Jener ſchmeichelnd fort, aber ich kann es ſehr wohl begreifen. Heut zu Tage will Jeder reich werden, Gold iſt das höchſte Gut dieſer Welt, und wie ſchwer iſt es zu erwerben! Ein kühner Schlag, ein Tag, eine Stunde kann aus dem Bettler einen Kröſus machen, und es iſt eine leichte Arbeit obenein, man rührt keine Hand dabei. Müßiggang iſt aller Laſter Anfang! rief der alte Herr. Wenn ich Macht hätte, ich wollte ſie ſchon curiren, die Nichtsthuer da! wollte ſie mitnehmen nach Weſtpreußen, ſollten graben und hacken lernen, ſollte ihnen ſchon bekommen! Das iſt ein vortrefflicher Plan, erwiderte der kleine Mann, heftig lachend, ſchade nur, daß er nicht aus⸗ zuführen iſt. Sie ſind alſo jedenfalls Gutsbeſitzer in Weſtpreußen? Beſitze da ein Gut, ſagte der alte Herr, und könnte — ——— 5 die ganze Geſellſchaft nützlich verwenden in Ställen, Scheunen, Aeckern, Wieſen und Feldern. Ein köſtlicher Gedanke, wenn ich mir die Schaar verſinnliche! Ich muß Ihren Namen wiſſen, mein ver⸗ ehrter Herr. Ich heiße Burgau, verſetzte der alte Herr, bin ſo ein Mann aus der alten Zeit, ohne Flitter und Schminke, freue mich, daß Sie auch ſo denken, wie es ſcheint. Der Kleine machte einen tiefen Diener, aber er that ſich großen Zwang an, um ernſthaft zu bleiben; als er jedoch nach einigem Hin- und Herreden ſeinen Namen nannte, ſchien der alte Herr Mißtrauen zu faſſen. Kaufmann Korn, ſagte er; habe allen Reſpect vor dem Stande und bin gewiß, daß von gutem Schrot und Korn iſt, was Sie ſagen; danke jedoch nochmals beſtens für Ihr Anerbieten, mich in das Haus zu führen, das ich von ganzem Herzen verachte und verabſcheue. Mein theurer Herr von Burgau, entgegnete der Kaufmann achſelzuckend, Niemand kann Ihnen mehr beiſtimmen, als ich, allein die Umſtände verlangen manche Opfer, der Handel iſt ein großes Lotto, wo man ſpielt, um zu gewinnen. Sie ſpielen doch gewiß auch in der Lotterie? 6 Freilich ſpiele ich, ſagte der Gutsbeſitzer, aber.. Kein Aber, mein gnädiger Herr. Sie ſpielen und glauben eine erlaubte Handlung zu thun, weil der Staat nichts dagegen hat, der ſeine lieben Staatsbürger in Gottes Namen ſpielen und die Meiſten verlieren läßt, dabei aber jährlich einen hübſchen Gewinn einſtreicht. Es iſt Blutgeld, Sündengeld! brummte der alte Herr. Aber Sie helfen ihm ja ſelbſt dazu, ſagte Herr Korn boshaft lachend; und was thut man nun an der Börſe? Man ſpielt ein Börſenſpiel, ein Lotto, bei dem der verſtändige Spieler eine bei Weitem größere Aus⸗ ſicht auf Gewinn hat als in der das Volk demorali⸗ ſirenden Lotterie, welche der Staat ſelbſt herruft und beſchützt und ſie feſthält trotz aller Stimmen, die ſich dagegen erheben.* Der ehrliche alte Herr wußte im Augenblicke nichts darauf zu antworten. Er war verlegen durch dieſen Einwurf, und ſein Gegner benutzte dies, indem er triumphirend ſagte: Ackerbauer und Hirten haben wohl die erſten Staaten gegründet, aber Handel und Wandel“ hat dieſe erſt groß machen können, hat die Menſchen erzogen und gebildet, hat alles hervorgerufen, was wir beſitzen, und wird erfinden und ſchaffen, was geſchaffen „ 7 werden kann. Gold baut jetzt Throne und ſtürzt ſie ) um; ohne Gold ſind die mächtigſten Herren nichts; gibt der Rothſchild kein Gold, ſo können ſie keine Kriege führen. So erhalten die Banquiers und die Börſe den Frieden auf Erden und führen das goldene Zeitalter herbei, wonach die Menſchen nun ſchon ſeit Jahrtau⸗ ſenden ſchmachten. Darin ruht die Weisheit, das Leben und aller Segen, und nur Narren und Dummköpfe können die beſeelende Kraft verachten, welche darin liegt, Gold zu machen. Gold mit Verſtand und Glück in die Hand zu bekommen, iſt das höchſte Ziel der Men⸗ ſchenkinder, denn mit Gold kann ich Alles. Kann ich bezahlen, bin ich Herr, und der Bettler, der Lump, der Habenichts iſt mit Recht ein Taugenichts; denn taugte er etwas, ſo würde er wiſſen, wie er Gold erwirbt. Nur wer Gold hat, kann Segen verbreiten, Gutes thun, Gutes wirken, ein guter Menſch ſein. Wer arm iſt, iſt auch ſchlecht; das weiß die hohe Obrigkeit am beſten, denn der Arme und der Schlechte ſtehen bei ihr auf einer Stufe. Der alte Herr ſperrte den Mund vor Verwunde⸗ rung bei dieſer Sprache auf und ſah mit ſeltſamen Blicken den Sprecher an, der ſeine blitzenden ſchlauen Augen auf ihn heftete, plötzlich aber abbrach und nach 8 dieſer Abſchiedsrede lachend ſagte: Ich muß in dieſes Sodoma und Gomorrha jetzt hinein, mein werther Herr. Wollen Sie mich begleiten, ſo will ich Ihnen manche Männer, beſonders aber Einen zeigen, der Ihren Bei⸗ fall vielleicht gewinnen und einige ungerechte Vorurtheile, welche Sie gegen alle Geldmänner hegen, zerſtören wird. Wollen Sie? Eine ſonderbare Neugierde faßte in dieſem Augen⸗ blicke den alten Herrn. Gut, ich will, ſagte er. So kommen Sie, fuhr der Kaufmann fort. Ich bin überzeugt, es wird Sie nicht gereuen. Lächelnd über den wunderlichen Zufall, der ihn in das Gedränge von Leuten führte, welche er als das verruchteſte Geſindel zu betrachten ſich gewöhnt hatte, ſtieg Herr von Burgau neben ſeinem gefälligen Führer die Vortreppe hinauf und befand ſich plötzlich im dichteſten Getümmel der Börſenmänner, die ihn fortſchoben, ſtießen, drückten und keineswegs freundlichere Empfindungen für ſich bei ihm erweckten. Er ſah ſich, wie mit einem Zauberſchlage, in eine fremde, unbekannte Welt verſetzt, belebt von Weſen, deren Sprache er nicht kannte und deren Geberden und Geſichtszüge ihm Widerwillen ein⸗ flößten. Die großen Säle waren vollgepfropft von Menſchen, die in tauſend Schlangenlinien ſich um und durc Bli Beu Ande ſchn kan Bed Vor 30h tiön Vi —.— 9 durch einander wanden. Ihre geſchwinden ſuchenden Blicke ſchienen, wie die der Raubvögel, irgend eine Beute zu erſpähen, auf welche ſie losſtürzten, ohne auf Anderes Bedacht zu nehmen. Der ganze Haufe, ſchreiend, lachend, finſter blickend und wild geſticulirend, kam ihm vor wie ein Schwarm von Hottentotten oder Beduinen, der auf irgend einem Jahrmarkt⸗Theater eine Vorſtellung ſeiner ſchrecklichen Nationalſitten geben will. Zahlen, fremde Namen, Procente, Achtel, Viertel, Tan⸗ tiemen, Agio, Speſen und manche andere unbekannte Wörter ſchwirrten dem alten Herrn dabei um den Kopf, und alle Augenblicke hätte er ſich die Ohren zuhalten mögen vor dem heiſeren vielſtimmigen Geſchrei der kleinen Agenten und Pfuſchmäkler, die überall umher⸗ zogen, Actien der zahlloſen Eiſenbahnen ausboten oder ſie zum Kauf ſuchten. Er wurde im Bemühen, den Eiligen auszuweichen, geſtoßen, ſein Hut verbogen und zerdrückt, auf ſeine Füße getreten, und während er ſelbſt ein wenig ängſtlich in dieſer unbekannten Welt ſich überall doppelt höflich entſchuldigte, nahm kein Menſch darauf Bedacht, ihm Aehnliches zu erweiſen. Dagegen erregte die ungewohnte Erſcheinung nach und nach eine gefährliche Aufmerkſamkeit, welche ſich immer mehr zu ſteigern ſchien, je länger der alte Herr blieb und je ängſtlicher und fremder er ſich benahm. Man witzelte in frecher Weiſe über ſein Aeußeres, betrachtete ihn durch Brillen und Lorgnetten, ſchrie ſich ungezogene Bemer⸗ kungen zu über den Pachter, der vermuthlich den Ge⸗ treide⸗ oder Viehmarkt ſuche, und als der alte Herr einige ſehr ernſte und zornerfüllte Blicke unter ſeinen grauen Wimpern auf die Rotte ſchoß, welche eine Art Kreis um ihn zu bilden begann und ihn immer merklicher verhöhnte, entſtand ein allgemeines Gelächter, das überall wiederhallte. Der Aerger kochte ihm ge waltig in der Bruſt auf, und heimlich überlegte er, was am beſten ſei: ſtill und ſo ſchnell wie möglich da von zu gehen oder gegen dieſe kläffende ſchaamloſe Schaar den Platz zu behaupten. Sein Führer und Begleiter war verſchwunden, nachdem er ihn erſucht hatte, ihn an der Stelle zu erwarten, wo er ihn ge⸗ laſſen, und trotz alles Umherblickens konnte ihn der alte Herr nicht entdecken. Er wußte nicht, daß eben dieſer freundliche Führer ihm den ganzen höhnenden Schwarm auf den Hals ſchickte, um ſeine Blasphemieen gegen die Börſe damit rachſüchtig zu ſtrafen. Er ſtand wie ein Lamm in ſeiner Unſchuld und fand es endlich doch gar nicht unbeluſtigend, dem tollen Treiben zuzuſchauen und nebenher Geſichterſtudien zu machen. Nach und nach Her vorde dem 11 richteten ſich ſeine Blicke faſt ausſchließlich auf einen Herrn, der ihm gegenüber an dem Bogenpfeiler des vorderen Saales lehnte und deſſen Geſtalt und Weſen dem Gutsherrn aus Weſtpreußen ein ganz beſonderes Intereſſe abnöthigten. Es war ein ſchöner junger Mann, ſchlank von Wuchs, mit großen blitzenden Augen und edel geformtem Geſichte, deſſen natürliche Bläſſe von der Hitze und dem Gewühl eine leichte Färbung ange⸗ nommen hatte. Dunkles, ein wenig gekräuſeltes und glänzendes Haar fiel auf ſeine hohe Stirn, und mitten zwiſchen den abgefeimten und gemeinen Phyſiognomieen dieſes Haufens gieriger Spieler ſah er faſt wie eine höhere Erſcheinung aus, denn eine ſolche Folie mußte ihm doppelt zu Statten kommen. Nachläſſig lehnte er an dem Pfeiler, und ſeine Hand, mit einem funkelnden Ringe geſchmückt, hielt eine Schreibtafel, in welcher er von Zeit zu Zeit etwas eintrug. Ein ganzer Schwarm von Mäklern und Agenten umringte dieſen jungen Mann, weßer⸗ wie der alte Herr zu bemerken glaubte, von ihnen mit einer Art Bewun⸗ derung und Ehrfurcht betrachtet wurde, die ſich deutlich in ihren Blicken und Höflichkeitsbezeugungen kund gab. Er dagegen betrachtete dieſe Menſchen mit Gleich⸗ gültigkeit oder Geringſchätzung, flüſterte hier dem Einen ein paar Worte zu, winkte ihnen Gewährung oder lehnte „ N . 8 12 ihre Anträge ab, doch Alles ohne einen Zug ſeines Ge⸗ ſim ſichtes zu verändern, ohne aus ſeiner Stellung zu weichen, ohne irgend eine Bewegung zu machen, die einen Antheil ſe oder eine Erregung verrathen hätte. nein Wenn das auch eines von dieſen Kindern des Satans. derſch iſt, ſagte der alte Herr zu ſich ſelbſt, ſo iſt er dem ge⸗ i fallenen Engel zu vergleichen, der zu etwas Anderem nie beſtimmt war. Aber ich glaube es nicht, es kann nicht veiln ſo ſein. L In dieſem Augenblicke bemerkte er ſeinen kleinen den Freund und Führer dicht neben dem Unbekannten, dem hut, er mit der Hand auf die Schulter ſchlug und lebhafte mich Worte an ihn richtete, wobei er laut lachend herüber Spi ſah, und es war dem alten Herrn, als ſage ihm Jemand, ſie j daß von ihm zwiſchen den Beiden die Rede ſei. Wäh⸗. 4 rend jene Beiden ſprachen, wurde er ſelbſt immer ſtärker ſe de gedrängt, geſtoßen, unverſchämt angepackt und verhöhnt. aus Er wand ſich und bog ſich, wich zurück und war im nich Begriffe, ſeinen Stock mit dem Elfenbeingriff feſter zu nir faſſen und eine drohende Stellung einzunehmen, als er ns bemerkte, daß der Unbekannte langſam ein ſchwarzes Stra Glas an einer ſchwarzen Schnur aus der Weſte zog, nien ihn einen Angenblick betrachtete, dann aber plötzlich ſich aufrichtete und mit ſchnellen Schritten durch den Haufen lihe 8 „. 6 13 ſeiner Bedränger ihm nahte. In der nächſten Minute war er neben ihm, und indem er ihm die Hand bot, ſagte er mit wohlklingend männlicher Stimme: Einer meiner Freunde hat mir die Ehre Ihrer Bekanntſchaft verſchaffen wollen, Herr von Burgau. Meine Geſchäfte ſind noch nicht beendet, aber es wird mir zum Ver⸗ gnügen gereichen, wenn Sie eine kurze Zeit bei mir ver⸗ weilen wollen. Ohne eine Antwort abzuwarten, zog er den alten Herrn mit ſich fort an den Platz, welchen er verlaſſen hatte, und gewiß war der Schutz, den er gewährte, ein mächtiger; denn plötzlich war der Lärm geſtillt, die Spötter ſchwiegen und bildeten eine Gaſſe, durch welche ſie ihr Opfer ruhig abziehen ließen. Ich danke Ihnen ſehr, ſagte der Gutsbeſitzer, als ſie den Pfeiler erreicht hatten; denn er erkannte, daß er aus einer fatalen Lage befreit worden ſei. Man hat mich Spießruthen laufen laſſen und ſicher Schlimmes mit mir im Sinne gehabt. Obwohl ich nun nicht begreife, was ich verſchuldet, will ich es demüthig hinnehmen als Strafe für meine unzeitige Neugier, und mich hüten, je wieder darein zu verfallen. Wenn man den Bären neckt, erwiderte ſein Beſchützer lächelnd, ſoll man nicht in ſeine Höhle laufen. 3 14* O, freilich! rief der alte Herr, und wer nicht zu den wilden Thieren gehört, hat hier nichts zu ſuchen. Gewiß nicht, oder er muß es verſtehen, ſie zu zähmen. Sie verſtehen es alſo ohne Zweifel? Der alte Herr erhielt keine Antwort, denn ſein Be⸗ ſchützer hatte mit Leuten zu rechnen und zu ſprechen, die ſich um ihn drängten, allerlei Namen nannten, Zahlen, Preiſe und Procente. Es handelte ſich um hohe Summen, von denen Burgau der Kopf ſchwirrte, und ein innerer Schauder ergriff ihn, wenn er daran dachte, wie dieſe Menſchen hier ſich viele Tauſend und Hundert⸗ tauſend Thaler zum Kauf und Verkauf anboten, wäh⸗ rend zehn Schritt von ihnen auf der Straße halbver⸗ hungerte Bettler in Lumpen ſtanden, die durch ein paar Groſchen glücklich gemacht werden konnten. Ich verſtehe es allerdings, ſagte der Unbekannte endlich, indem er das Geſpräch wieder aufnahm. Und ich habe die Proben davon, verſetzte Burgau. Sie ſcheinen als König hier zu gebieten. Sie haben Recht, ich bin einer der Herrſcher dieſes Reiches, entgegnete er mit ſtolzem Nachdruck. Indem er dies ſagte, lächelte er, wie ein Held, der aus vielen Schlachten als Sieger hervorgegangen iſt und d in ſic unde erhri ſinht ich die p in 6 rif und belri ſiege linte weine ½ 15 cht zu und die Ueberzeugung ſeines Glückes und ſeines Ruhmes in. in ſich trägt. Der alte Herr ſah ihn mit Theilnahme ſie zu und einer n an, die faſt unwill. ihn * — n, die zohlen, vor, als liefe ein trüber Schatten durch hohe die großen Augen des jungen Herrn; doch ſchnell, wie 3 ein Gedanke, var er wieder verſchwunden. Mein Reich,* rief er, ftoh gelun auf die Frage eingehend, ſteht feſter und ſicherer, als die meiſten Reiche unſerer Tage. Ich vih bekriege meine Gegner durch geſchickte Operationen, be⸗ zlbrer ſiege ſie, ohne ſie zu erzürnen, beglücke tagtäglich meine npanr Unterthanen und Anhänger, die dafür mit Ergebenheit meinen Thron umringen, keine Theilung der Rechte von nle mir verlangen, ſondern zufrieden mit dem ſind, was ich 4 ihnen gewähre, und mir und meiner Einſicht vertrauen, die ſie noch nie getäuſcht hat. Sehen Sie, Herr von Burgau, ſo regiere ich, immer im Kriege begriffen und dieſes doch geliebt und geachtet, und gebe denen, die meine Freunde ſind, Gelegenheit, Wünſche und Hoffnungen zu erfüllen, welche ihnen ſonſt unerreichbar und unmöglich itt wären. 16 Der alte Herr war ſichtlich bewegt. Seine Blicke richteten ſich ſchnell und ungewiß auf den Mann, der ſo kühn von ſeiner Macht redete. Die geheimen Ge⸗ danken ſeiner Seele ſpiegelten ſich in ſeinen Augen wieder; wie ein Seufzer klang es, als er ingſan ſigte: Ich begreife, daß Sie viele Freunde en üſſen. Gewiß, war die Antwort, aber chn wenn Sie mich zu den Ihrigen zählen woll en. 5 Ich bin Ihnen ſehr verbunden, erniberte ve alt Herr verlegen, allein meine Freundſchaft Niemanden beglücken. Die Freundſchaft eines redlieh Mannes beglückt immer, und wenigſtens glaube ich, daß Sie Wohlwollen für mich empfinden. Ein warmes, wahres Wohlwollen! ſagte Herr von Burgau mit Herzlichkeit, indem er ihm die Hand reichte. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich habe es vom erſten Augenblicke an empfunden, als ich Sie ſah. Nicht weniger als ich, entgegnete ſein Nachbar, und meine Freundſchaft für Sie gibt mir ein Recht auf Ihr Vertrauen. Sie haben etwas in Ihren Mienen und Blicken, was mich betrübt. Ich? fragte der alte Herr lächelnd. me . Li na — 4 w ſ 3 ſt 1 w ——— 17 Sie ſind von einer Sorge bedrückt, von einem Kum⸗ mer geängſtigt. Ich weiß nicht, was Sie da alles in meinem Ge⸗ ſichte leſen können! verſetzte der alte Herr, und das Lächeln ſtarb auf ſeinen Lippen. 3ch will es Ihnen ſagen, fuhr der junge Mann fort. Meine Worte haben Ihre Wünſche angeregt, und dieſe fremde Welt, welche Sie umgiebt, bringt das Verlangen nach Erfüllung derſelben in Ihr Herz. Sie ſehen hier einen Strom von Gold fließen, und man ſagt Ihnen, wie leicht es ſei, aus ſeinen Wellen zu ſchöpfen. Die Begier, dies zu thun, ſchimmert in Ihren Blicken. In meinen Blicken! rief der alte Herr erſchrocken, — ſeine Augen mit der Hand bedeckend, o, nein, nein! Ich weiß, mit welcher Verachtung Sie darüber ſprechen, und dennoch iſt es ſo. Sie bedürfen noth⸗ wendig Geld... Nicht für mich, gewiß nicht für mich! verſicherte Burgau in größter Verlegenheit. Ich bin ein alter Mann mit geringen Wünſchen, lebe ſtill auf meinem Gütchen, das mir ſo viel giebt, als ich brauche. Ich bin überzeugt, daß keinerlei eigene Schuld und keine Habgier Ihnen jene Wünſche einflößt. Der alte Herr warf einen dankbaren Blick auf ſeinen Th. Mügge, Romane II. 2 6 „ 18 Freund, der mit dem Tone beſtimmter Ueberzeugung ſprach. Sie haben Recht, ſagte er; aber mag es auch fremde Schuld ſein, ich fühle es eben ſo tief und will Ihnen nicht länger läugnen, daß ich eine Summe Geldes ſuche. Ich habe die Reiſe hierher gemacht in meiner Herzensangſt, um vielleicht hier Hülfe zu finden. Es handelt ſich um eine Familien-Geſchichte, die mir vielen Kummer macht. Mein Gütchen iſt verſchuldet genug. Die Zeiten ſind ſchwer, Geld nicht zu bekommen; mein — älteſter Freund, den ich heute noch aufſuchen will, iſt meine letzte Hoffnung. Bei Ihrem jüngſten Freunde wollen Sie vorüber gehen! ſagte der Nachbar vorwurfsvoll. O, wenn ich hoffen dürfte! erwiederte Burgau ver⸗ legen niederblickend; wenn es Ihnen möglich wäre— wenn Sie auf Hypothek mir 2000 Thaler leihen wollten, ich würde den Himmel ſegnen, der mich hierher geführt hat. Sie haben in dem Documente wirklich Sicherheit, denn mein Gut iſt weit mehr werth, als was ich dar⸗ auf ſchulde; überdies ſollen die Zinſen redlich bezahlt werden, und meinen innigſten Dank, meinen herzlichſten Bank Er ſchwieg, denn der junge Freund ſchüttelte ernſt den Kopf. Ich bin kein Capitaliſt, Herr von Burgau, — 19 entgegnete er, kein Mann, der von Zinſen lebt und Hypotheken gebrauchen kann. Ich bin Speculant, Börſenmann, Banquier, der jeden Tag ſein Geld nöthig hat. Dann freilich... ja, dann haben Sie Recht, ſagte der alte Herr kalt. Allein, fuhr Jener fort, dieſe Eigenſchaften ſchließen nicht aus, daß ich gern helfe, wie ich kann, und Ihnen Ralh und Beiſtand ertheile, wie ich es vermag. Sie ſind hier an einem Orte, wo man kühn das Glück ver⸗ ſuchen muß. Wohlan denn, machen Sie die Probe. Ich? rief Burgau erſchrocken. Was muthen Sie mir zu?! Eine Theilnahme an der großen Zeitbewegung, ſprach der Speculant lächelnd, einen raſchen Griff in die Speichen des Rades der Frau Fortuna. Ich habe hier hunderttauſend Thaler Actien⸗Quittungsbogen einer ſehr beliebten Bahn gekauft, zum Preiſe von einhundert und neun Procent. Ich will ſie Ihnen zu demſelben Preiſe überlaſſen. Morgen iſt der Erſte, der Tag der Ab⸗ rechnung. 2 Wollen Sie mich verſtotten? fragte der alte Herr erzürnt. Was kann mir das helfen? Ich— hundert⸗ tauſend Thaler! ich beſitze dermalen nicht ſo viele Dreier. Sie haben auch dieſe nicht nöthig, fuhr der Freund lächelnd fort; Sie haben nichts zu thun, als mein An⸗ erbieten anzunehmen. Aber ich verſtehe keine Sylbe von dem ganzen Handel. Sie haben nichts zu thun, als bis morgen einen Käufer für Ihren Kauf zu ſuchen, der Ihnen vielleicht einen Vortheil gewährt. Ich gebe einhundert eilf, rief eine Stimme hinter dem Pfeiler hervor, wenn Sie mir den Poſten über⸗ laſſen, Herr von Burgau! Der alte Herr ſah ſich verwundert um und erblickte den kleinen behenden M hatte. Er kniff unter ſeiner goldenen Brille die Augen voll Spott und Schelmerei zuſammen und ſchrie im krähenden Tone: Sagte ich Ihnen nicht, daß es gut ſein würde, wenn Sie mich begleiteten? Machen ein brillantes Geſchäft, gleich zum Anfange, und kommen dazu, wie der Prophet zur Offenbarung. Wenn das kein Glück iſt, gibt es keines in der Welt. Nun, wollen Sie einhundert und eilf? Ich begreife nichts, begreife wahrhaftig nichts! ſagte Burgau, der ſeinen Kopf ſchwindeln fühlte; und wenn Sie ſich einen Spaß, ein Spiel mit mir erlauben, ſo ann, der ihn hierher geführt „ ℳ 2 4 1 ſollten Sie bedenken, daß es kein großer Ruhm iſt, einen fremden, unerfahrenen alten Mann zu verſpotten. Davon bin ich weit entfernt, verſicherte der Banquier. Und ich noch viel mehr! ſchrie Korn. Die Sache iſt verteufelt ernſt. Sie haben von mir Actien gekauft, im Werthe von hunderttauſend Thalern. Ich muß recht ſehr bitten, nein! rief der alte Herr erſchrocken. Sie haben gekauft zu hundert und neun, hier werden Ihnen nun ſofort hundert und eilf dafür wieder geboten. Es fragt ſich, ob Sie den Handel eingehen wollen, Herr von Burgau. Ein plötzliches Verſtehen kam über den alten Herrn. Er ſah ſeinen jungen Freund mit Ueberraſchung, Ver⸗ legenheit und Rührung an. Schaam und Stolz rangen in ſeinem Geſichte, er wußte nicht, was er antworten ſollte. Er ſchüttelte den Kopf und legte ſeine Hand in die ſeines großmüthigen Beſchützers. Mein Herr, ſagte er mit gepreßter Stimme, ja, ich weiß nicht einmal Ihren Namen. Nennen Sie mich Hermann, antwortete dieſer. Nun wohl, Herr Hermann, ich verſtehe, was Sie beabſichtigen, allein es iſt mir unmöglich... 22 Was iſt Ihnen unmöglich? fragte der Speculant. Ich rathe Ihnen, abzuſchließen, der Vortheil iſt nicht gering; Sie haben in Wahrheit Glück, Herr von Burgau. Aber ich kann es nicht annehmen, ſagte der alte Herr mit Anſtrengung. Ich ſehe nicht ein, was Sie daran hindern ſollte, verſetzte Hermann kalt. Wäre der Cours geſunken, ich würde unnachſichtlich von Ihnen die Differenz erhoben haben. Sagen Sie daher mit Einem Worte, ob Sie verkaufen wollen.— Gut, ich ſehe, Sie wollen; ſo er⸗ lauben Sie, daß ich das Geſchäft mache. Du kaufſt alſo von Herrn von Burgau den Poſten? Ja, und nehme ihn morgen ab, erwiderte Korn. Von mir, der ich mich zum Verkaufe bekenne, fuhr der Andere fort; allein da Herr von Burgau wahr⸗ ſcheinlich morgen nicht mehr hier iſt, ſo zahlſt Du ſofort die Differenz. Auf der Stelle, ſagte der Banquier, ſein Portefeuille ziehend. Er nahm vier Bankſcheine heraus und hielt ſie dem alten Herrn hin. Nehmen Sie, ſagte er, hier iſt die Differenz. Aber, mein Gott, nehmen Sie doch! fuhr er fort, ſich an der ſtaunenden Beſtürzung Burgau's weidend. Es iſt kein Traum und kein Spaß, oder wenn es ein Spaß iſt, ſo muß es jedenfalls ein koſtbarer — 23 Spaß genannt werden, denn es ſind richtige zweitauſend Thaler. Burgau ſtreckte mechaniſch die Hand aus, ein Zit⸗ tern lief durch ſeinen Arm— er ſchien noch immer unſchlüſſig. Stecken Sie die Scheine in Ihre Brieftafel und laſſen Sie uns gehen, ſagte Hermann. Ich denke, Sie erzeigen mir die Ehre, mit mir zu Mittag zu ſpeiſen. Er führte den alten Herrn hinaus, der kein Wort ſagte. Herr Korn folgte den Beiden und ließ einen verächtlichen Blick über ſie hingleiten. Draußen ſetzten ſich die Drei in einen Wagen und fuhren in eines der erſten Hotels, wo ein prächtiges Mahl ſie erwartete. II. Erſt als der Abend dämmerte, war ihr Diner be⸗ endet und das letzte Glas auf das Wohl des alten Herpn geleert. Sein treuherziges, offenes Weſen hatte die beiden Speculanten in ſehr verſchiedener Weiſe er⸗ götzt. Der eine hatte ihn durch verſtelltes Eingehen in ſeine Gedanken und Anſichten angereizt, derb auszu⸗ „ — 24 ſprechen, was er dachte, und ihn heimlich ausgelacht, der andere ſeine Erzählungen und Ermahnungen mit Theilnahme und Wohlwollen angehört. Denn Herr von Burgau war, obwohl er ſelbſt ein Börſengeſchäft gemacht und zweitauſend Thaler in der Taſche hatte, doch keineswegs dadurch bekehrt und ein Lobredner der Speculation geworden. Von Champagner angeregt, hielt er zuletzt noch eine Rede an die beiden Herren, bei der ihm die Thränen in den Augen ſtanden und ſeine Stimme vor Rührung zitterte. Meine lieben jungen Freunde, ſagte er am Schluſſe, ich muß jetzt von Ihnen ſcheiden und werde Sie vielleicht nie wieder ſehen. Meinen Dank haben Sie abgewehrt, auch wird es mir ſauer, von einer Sache zu ſprechen, bei der ich mein Gewiſſen nicht rein fühle. Wenn es nicht ſein müßte, wenn ich anders könnte, ich würde... ich möchte... Jeden Tag ein ſolches Geſchäft machen! rief Herr Korn lachend dazwiſchen. Nie— niemals in meinem Leben, ſagte der alte Herr feierlich; aber da mein Dank ſchweigen muß, ſo hören Sie meinen letzten guten Rath. Er wandte ſich an Hermann und drückte ihm die Hand. Sie, fuhr er fort, Sie haben ein Geſicht, das nicht zu dem Gewerbe gemacht iſt, welches Sie treiben. Menſchenliebe und ein „ edl —— 25 edler Geiſt iſt in Ihren Augen zu leſen, die aber einen Abglanz des Widerwillens Ihrer Seele, einen Zug der Schwermuth und Verachtung die darinnen ſitzen, ange⸗ nommen haben. Sie ſind ein junger Mann, der zu etwas Beſſerem geboren wurde, als Tag für Tag an dem Pfeiler zu ſtehen, gierig zu ſinnen, wie man Pro⸗ cente verdient, und dem gänzen gierigen Haufen als Vorbild zu dienen, der kein Herz im Leibe hat, keine Seele in der Bruſt und keine Gedanlen im Kopfe, als den Einen: wie Geld erworben wird. Vielleicht nehmen Sie uns mit nach Weſtpreußen, ſprach Herr Korn ſcheinbar demüthig. Kaiſer und Könige, erwiderte der alte Herr ſtolz, haben die Laſt ihrer Krone von ſich geſchlendert und ſind beim Hacken und Graben geſund geworden. Aber es fehlt uns nicht an Geſundheit und Wohl⸗ ergehen, mein theurer Herr! rief der kleine Mann; auch ſind wir äußerſt genügſam, wie Sie bemerkt haben wer⸗ den, denn wir haben weder dieſen köſtlichen Faſan ver⸗ zehrt, noch den vortrefflichen Champagner ausgetrunken. Endlich kann ich Ihnen verſichern, daß Männer von hohen Würden und Geburtsvorzügen ſich ſehr geehrt fühlen, in unſerer Nähe zu ſein. Der alte Herr hatte eine Antwort auf der Zunge, 26 die er nicht ausſprach, aber er faßte mit ſonderbarem Lächeln an ſeine Taſche, wo er die vier Bankſcheine trug, und warf einen Blick über die reich beſetzte Tafel. Werden Sie auch immer Freunde haben, immer Ge⸗ ſundheit und frohen Muth, auch ohne Champagner, Faſanen und Gold? fragte er. Sterne und Ordens⸗ bänder thun es nicht; die Achtung der guten Menſchen, oder deren Verachtung, das innere Bewußtſein, der Friede im Herzen, das Gute. Merke dir die Moral, rief Herr Korn ſeinem Nachbar zu, und denke immer daran, dein gutes Geld nicht leichtſinnig zu verſchleudern. Dabei fällt mir ein, daß ich Sie verlaſſen muß, ſagte der alte Herr, indem er aufſtand. Ich will einen alten Freund aufſuchen, der, wäre er hier, Ihnen gewiß noch weit weniger gefallen würde mit ſeinen ernſten Le⸗ bensanſichten. Wir würden ungemein erfreut ſein, ihn kennen zu lernen, entgegnete Korn höflich. Von Jugend auf war er ein Muſter ſtrenger Sitte aber auch von Treue und Biederkeit. Alſo Ihr Ebenbild, Herr von Burgau! rief der Speculant ſpöttiſch. ohr 1 27 Ich wollte es, verſetzte der alte Herr, dann— wäre ich ſicherlich nicht hier— murmelte er für ſich. Aber wollen Sie uns nicht den Namen dieſes Mannes ohne Furcht und Tadel nennen? Recht gern. Vielleicht können Sie mir ſagen, wo er wohnt. Er iſt Capitän außer Dienſt und heißt Georg Wernher. Wernher? fragte Korn. Nein, ich kenne ihn nicht. Weißt du etwas von einem ſolchen Tugendmuſter, Her⸗ mann? Der Gefragte verneinte es. Seine Wohnung wird jedoch in dem Adreßbuche zu finden ſein, ſetzte er hinzu. Korn rief nach dem Adreßbuche, ſchlug es auf, ſuchte und ſagte lachend: Wahrhaftig, da ſteht er; dachte ich mir's doch; draußen, wo die letzten Häuſer ſind— Wernher, Capitän a. D., Müllerſtraße, und hier das lateiniſche E. bedeutet Eigenthümer... Eigen⸗ thümer in der Müllerſtraße. Das muß ein Palaſt ſein! Er wohnt ſicher auch allein darin. Er iſt von jeher eine Art Einſiedler geweſen, ſagte der alte Herr; daran erkenne ich ihn. Es iſt wohl weit nach der Müllerſtraße? Am äußerſten Ende der Welt liegt ſie, das iſt das 28 Einzige, was ich Ihnen zu ſagen vermag, gab Korn zur Antwort. Es iſt das eine romantiſche Wildniß, wohin Philoſophen, verfolgte Unſchuld, gemißhandelte Tugend, verſpottete Edle aller Art und die Mühſeligen und Be⸗ ladenen dieſes Lebens ſich retten. Die Menſchen leben paradieſiſch dort, ſogar zuweilen als Trogloditen. Wun⸗ dern Sie Sich daher nicht, wenn der würdige Capitän Sie in einem unterirdiſchen Schloſſe empfängt. Burgau ſah ihn mißmuthig an, ohne ihn recht zu verſtehen. Es iſt in der That ſehr weit, ſagte Hermann, und es dämmert ſchon. Ich will Sie begleiten und Ihnen den Weg andeuten. Er nahm ſeinen Hut, gab Korn einen Wink, ihn zu erwarten, und führte den alten Herrn hinaus, der rüſtig und lebhaft ſprechend neben ihm herſchritt, bis er be⸗ merkte, daß ſein Gefährte wahrſcheinlich wenig davon gehört hatte; denn die Hände auf den Rücken gelegt und den Kopſ tief geſenkt, ſchien er mit ſeinen Gedanken ganz wo anders zu ſein. Burgau rührte ſeinen Arm an und ſagte theil⸗ nehmend: Was fehlt Ihnen, lieber Herr Hermann? Sie ſehen blaß und verſtört aus. Sie ſind krank. Krank? O, nein, antwortete der Angeredete mit —„0) u il 17 it 29 einem ſchwachen Lächeln, nur ermüdet, bedrückt, im Kampfe mit meinem böſen Stern.— Er richtete ſich auf und reichte dem Gutsbeſitzer die Hand. Wir müſſen ſcheiden, ſagte er, Ihr Weg führt dort hinunter. Nehmen Sie einen der Wagen da, er wird Sie zu Ihrem Freunde bringen; mein Weg trennt ſich hier von dem Ihren. Doch nicht für immer? ſagte der alte Herr herz⸗ lich. Nicht für immer, ich will es hoffen; aber hören Sie meine letzte Bitte. Wo es auch ſein mag, daß wir uns jemals wieder finden, denken Sie nicht mehr an dieſe kurzen Stunden unſerer Bekanntſchaft. Verſprechen Sie mir, mich zu vergeſſen; ja, geloben Sie mir, daß keine Erinnerung an mich und an die Erlebniſſe dieſes Tages in Ihnen zurück bleibt. Laſſen Sie Alles ein Traum ſein, der am Morgen verblaßt und verſchwindet. Er ſprach mit einer Aufregung, die ſein blaſſes Geſicht färbte. Ich verſtehe Sie, ſagte Burgau. Sie wollen, daß ich gegen Jedermann von der edlen Hülfe ſchweigen ſoll, die Sie mir leiſteten. Was Sie be⸗ gehren, ſoll geſchehen, ſoweit ich es vermag. Ich nehme Ihr Wort an, entgegnete Hermann, in⸗ dem er ihm die Hand zum Abſchiede drückte. So ſinkt denn der Schleier der Vergeſſenheit zwiſchen uns von 30 dieſem Augenblicke an. Dort ſtehen die Wagen, mein Herr. Leben Sie wohl! k Ein vortrefflicher junger Mann, ſagte der alte Herr tief gerührt, als er im Wagen ſaß. Großmüthige Seele. Er will nichts wiſſen von dem, was er gethan hat, will mich ſelbſt nicht mehr kennen, und verlangt, daß ich nie von ihm und ſeinem Thun rede. Das iſt freilich auch das Beſte, was geſchehen kann, fuhr er nach einer Pauſe fort, denn wenn ich die Sache erzähle, wie ſie iſt, werden es die Einen nicht glauben, die Anderen aber allerlei ſchlechte Deutungen daran knüpfen und Ruf und Ehre in Gefahr bringen. Darum mag es ſo ge⸗ ſchehen, wie er es will; meine ewige Dankbarkeit wird ihm bleiben. Unter ſolchen Selbſtbetrachtungen des alten Herrn rollte der Wagen zum Thore hinaus und hielt endlich an einem Orte ſtill, wo die Straße ſich mit einer an⸗ deren kreuzte, welche breit, dunkel und mit hohen Bäu⸗ men beſetzt, ſich zu beiden Seiten ausdehnte. Niedrige Häuſer und ſchlechte Hütten lagen in Zwiſchenräumen, die mit Hecken geſchloſſen oder mit Feld⸗ und Acker⸗ ſtücken geſüllt waren, welche der blaſſe Schimmer des aufgehenden Mondes und das lette Dämmerlicht des Tages kenntlich machten. Der Kutſcher trat an den — den den ſen 2 — 31 Schlag und bat den alten Herrn, hier auszuſteigen, weil der tiefe Sand und ſein ermüdetes Pferd ihm nicht weiter zu fahren erlaubten. Sie können gar nicht fehlen, ſagte er. Die Häuſernummern laufen dort hin⸗ auf; es kann nicht weit ſein. So getröſtet, begann der alte Herr ſeine Wande⸗ rung; doch nach den erſten hundert Schritten ſchon konnte er ſich einer trüben Empfindung nicht erwehren. Die kleinen Häuſer ſahen kläglich und düſter aus. Mit ihren blinden Scheiben und niederen, ſchiefen Thüren, Schmutz und Unrath vor ihren Schwellen und überall Kennzeichen ihres Verfalls und der Nachläſſigkeit der Armuth, die keinen Sinn für Ordnung hat, blickten ſie ihn an wie Leichenſtätten der Freude, von welcher ihre Bewohner nichts mehr wußten. Der eben aufgehende Mond ließ ſein falbes, kaltes Licht über die zerbröckelten Wände ſtreifen und über die ſchwarzen Büſche, aus denen die dürren Blätter, vom Nachtwinde abgeſtreift, in die Lüfte wirbelten. Ein Gefühl der Furcht ergriff den alten Herrn, der ſcheu umherblickte und mit leng⸗ ſamen Schritten weiter ging. In welcher dieſer trau⸗ rigen Hütten ſollte er ſeinen Freund ſuchen? Er wußte es nicht und fand niemanden, den er fragen konnte. Seltſame Gedanken ſchlichen ſich in ſeinen Kopf. So 32 dicht bei der großen, lebenvollen, glänzenden Hauptſtadt, befand er ſich in einer öden, wilden Gegend, wo die Menſchen zerſtreut zwiſchen Sand und Föhren wohnten, wie Beduinen der Wüſte. Seine Augen durchforſchten die weite Ebene, welche todt und unermeßlich ſich in ferne Wälder verlief, deren ſchwarze Säume den Hori⸗ zont einfaßten. Und hier ſollte Georg Wernher wohnen und leben, hier in dieſer Stadt des Elendes, der Bettler, der Laſter und des Unglücks? Ein ſchneidender Schmerz lief durch ſein Herz; denn was mußte ihn getroffen haben, welch fürchterliches Geſchick hatte ſein Leben ver⸗ giftet, um ihn hier wieder zu finden! Er durchlief, wäh⸗ rend er zögernd weiter ging und unruhig ſtill ſtand und ſich bedachte, alle Erinnerungen ſeiner früheren Tage. Wernher hatte ein hübſches Vermögen beſeſſen, er war, was man von guter Familie nennt, und der ein⸗ zige Sohn ſeiner Eltern. Als Knabe ſchon galt er für ein merkwürdiges, frühreifes und hochbefähigtes Kind. Wie ein Löwe ſtark und muthig, war er auch im Lernen und Begreifen allen ſeinen Spielgefährten weit über⸗ legen, aber nie mißbrauchte er ſeine Kraft; ein ſtrenges Rechtsgefühl und ein eiſerner Wille machten ihn zum Freunde und Schirmherrn aller Unterdrückten. Das — 33 6 war es auch, was ihn früh in ein ſtürmiſches, aben⸗ 6 teuerliches Leben warf. Von der Univerſität entwich er, 6 um mit Schill's tapferer Schaar jenen ruhmvollen trau⸗ rigen Kampf zu beſtehen. Nur ein glücklicher Zufall 1 rettete ihn vor dem Looſe, erſchoſſen zu werden wie ein Verbrecher, gleich ſo vielen wackeren Gefährten. Er 6 floh übers Meer, kämpfte in Spanien, kam zurück, um B an dem großen Kriege und an Schlachten Theil zu eri nehmen, in denen das edelſte Blut des Vaterlandes ſe verſpritzte für den Freiheitstraum und Lebensfrühling Deutſchlands, der aus dem rothgedüngten Boden er⸗ h⸗ blühen ſollte. Als er ſeine Hoffnungen getäuſcht ſah, and zog er ſich zurück, nicht ohne den Zorn der Mächtigen ren auf ſein Haupt zu laden. Weder Auszeichnung noch Penſion war ihm zu Theil geworden. Mit ſolchem er Sinne und ſolchem Muthe nußte er Vielen wie ein ein⸗ Narr erſcheinen, und ſeine rauhe Wahrheitsliebe, ſein fir Stolz und ſeine Unbeugſamkeit vermehrten die Zahl derer, ind. die ihn verſpotteten oder haßten. nen Als Burgau ihn nach Jahren wiederſah, kam er in ber⸗ die Heimath, um alles zu verkaufen, was er beſaß, nges und die Erbſchaft einer Tante in Empfang zu neh⸗ 3 zun men. Er war damals in der Blüthe des Lebens und Dab der Kraft, und bezauberte alle Herzen durch Geſtalt, Th. Mügge, Romane II. 8 34 Würde und Sitte; aber er ſtieß die Meiſten bald wie⸗ der zurück durch ſeine ſonderbaren Grundſätze und durch die Kühnheit ſeiner Reden, die den Meiſten wie die Eingebungen eines Tollhäuslers klangen. Nur Einer von Allen hielt zuletzt noch an ihm feſt, dieſer Eine war Burgau, in deſſen geheimſten Herzensfalten ſich ein ähnliches Bewußtſein regte, ohne daß er die Kraft ge⸗ habt hätte, es offen auszuſprechen. Als Wernher ab⸗ reiſte, führte er lange Zeit noch einen Briefwechſel mit ihm, bis auch dieſer zuletzt einſchlief. Er wußte aus dieſen Briefen, daß Wernher geheirathet hatte und Witwer geworden ſei, daß er ein Kind beſaß, an dem er mit großer Zärtlichkeit hing, daß er in der Haupt⸗ ſtadt lebe, und daß es ihm wohl gehe, aber auch, daß er mehr als je ſeinen ſchroffen Sonderbarkeiten anhänge, die ihn zum Geſpötte gemacht und endlich ſelbſt Burgau zu toll und thöricht erſchienen waren. In ſeinem letzten Briefe hatte Wernher geſchrieben: Hat die Welt einmal dir einen rechten Kummer ange— than, und brauchſt du Hülfe, ſo erinnere dich, daß du einen Bruder haſt,— und an dieſen Brief dachte Burgau jetzt, als wiederum eine Reihe von Jahren vergangen, in denen er nichts mehr von dem Capitän gehört hatte. In äußerſter Bedrängniß fiel es ihm ein, bei dem Jugendfreunde Hülfe zu ſuchen, den er mit einer ge⸗ wiſſen Furcht in ſeinem Herzen verehrte, wie die Völker des Alterthums den zornigen und eifrigen Gott ihrer Väter, vor deſſen ſtrafendem Grimme ſie ſich demüthigten. Auf der ganzen Reiſe nach der Hauptſtadt hatte der alte Herr mit Bangen an den Augenblick gedacht, wo er dem Freunde ſeine Bitte geſtehen würde. Er ſah ihn vor ſich, wie er ihn oft geſehen, den ſtolzen, eiſernen Blick auf ihn gerichtet, und eine heiße Röthe ſtieg in ſein faltiges Geſicht. Welch ein Glück alſo, als er, umherirrend zwiſchen dem Verlangen, Wernher aufzuſuchen, und dem Wider⸗ willen, ihm geſtehen zu müſſen, was ihn dazu getrieben, durch eine ſeltſame Schickſalsfügung in Beſitz der Summe gelangte, welche ihm nöthig war! Das Entzücken dar⸗ über hatte alle ſeine Bedenklichkeiten gehoben, und mit Hülfe des Glaubens aller guten Chriſten hatte er ſich überzeugt, daß es Gottes Wille alſo geweſen ſei, der in höchſter Noth ſeine rettenden Engel ſende, gleichviel, in welcher Geſtalt, ſelbſt als ein Paar gierige Börſen⸗ ſpeculanten; denn wunderbar ſind die Wege, die der Herr weiß, um durch Böſes Gutes zu ſchaffen. Jetzt konnte er dem edlen Freundſchaftstriebe folgen und ſich ohne Rückhalt an des alten Freundes Briſt 36 werfen, wozu die größte Sehnſucht in ihm war; als er ti jedoch dieſe öde Steppe und dieſe trübſeligen Hütten be⸗ ih trachtete, wurde jeder Schritt, den er that, ihm ſchwerer t und ſchwerer. Ein fürchterliches Gewicht hängte ſich an. ſeine Füße, und leiſe fühlte er an ſeine Taſche nach den H Bankſcheinen; denn es ward ihm immer gewiſſer, daß, N wer gekommen, hier etwas zu holen, ſehr wahrſcheinlich he nicht wieder gehen würde, ohne gegeben zu haben, und ſi dazu war er in ſeinem edlen Kummer ſogleich feſt ent⸗ u ſchloſſen, obſchon ein Seufzer bei dem Gedanken ihm die Bruſt zuſammenzog. n Dieſer Seufzer verhallte jedoch nicht ganz ungehört, e obwohl der alte Herr nicht vermuthen konnte, daß er ein menſchliches Ohr erreiche; denn einſam und gänzlich verlaſſen bog ſich die Straße um eine ſcharfe, dunkle Ecke und verengte ſich zwiſchen Weißdorn-Hecken, aus deren wildem Gewirr hohe, weißglänzende Birken auf⸗ ſtiegen, die ihre rauſchenden Kronen ſcharf in der klaren f ſ Luft abſpiegelten. Von dem letzten Hauſe war Burgau ſ ein Stück entfernt, und es kam ihm jetzt vor, als ſei ſ kein weiteres mehr hier vorhanden. Er hatte Licht in t einer der Hütten bemerkt und fragen wollen, allein miß⸗ trauiſch zog er ſich davon zurück, denn drinnen am Tiſche ſaßen vier oder fünf ſtämmige Geſellen bei einer mäch⸗ d lich nkle aus uf⸗ ren g au t in niß⸗ ſche ch⸗ 285 36 tigen Schüſſel Kartoffeln. Der Lampenſchein fiel auf ihre lang herabfallenden Haare und auf ihre rohen, trotzigen Geſichter. Ihre rauhen Stimmen ſchallten zankend und ſtreitend in die Nacht hinaus, und der alte Herr ging weiter, denn es ſchien ihm nicht gerathen, Menſchen zu ſtören, welche Meſſer in den Händen hatten und denen er den beſten Willen zutraute, ihm für die kleinſte Bemühung wenigſtens als zudringliche und kühne Bettler ſo viel abzupreſſen wie möglich. An der Biegung der Straße blieb er ſtehen; denn nicht allein irrten ſeine Blicke vergebens ſuchend nach einer menſchlichen Wohnung umher; plötzlich kam es ihm auch vor, als rege es ſich unter den Gebüſchen und zwei dunkle Geſtalten ſtänden dort, die leiſe Worte wechſelten, welche als unverſtändliches Gemurmel ſein Ohr erreichten. Je länger er hinſah, um ſo gewiſſer war er, ſich nicht zu täuſchen, und kein geringes Er⸗ ſchrecken ergriff den alten Herrn, als er die beiden Ge⸗ ſtalten ſich bewegen und langſam auf ihn zuſchreiten ſah. Er war unentſchloſſen, ob er fliehen oder ſie er⸗ warten ſollte. Die öde, einſame Gegend, die Armuth ihrer Bewohner, die Entfernung von jeder Hülfe paßte zu einem räuberiſchen Beginnen, und Burgau fiel es in dieſem Augenblicke ein, was Herr Korn ſpottend von „— 38 dieſem Aſyle der verfolgten Unſchuld geſagt hatte. In⸗ deß hatte er weder Zeit noch Luſt, umzukehren. Er war ein beherzter Mann, der ſo leicht nicht in Furcht ge⸗ rieth und trotz ſeiner Jahre ſich auf ſeine Kraft, ſeine Geiſtesgegenwart und ſein dickes Bambusrohr verlaſſen konnte. Er knöpfte daher ſeinen Rock feſt zu, entſchloſſen, jeder Gefahr die Stirn zu bieten, und ging den nächt⸗ lichen Wanderern entgegen, die noch immer ihr leiſes Geſpräch fortſetzten. Hätte er hören können, was ſie ſagten, ſo würde alle ſeine Sorge ſchnell geendet haben, oder wäre es heller Tag geweſen, ſo hätte er nie dergleichen empfunden. Es waren zwei jugendliche Männer, beide in Mäntel gewickelt und die Mützen, welche ihre Kopfbedeckung bildeten, tief ins Geſicht gezogen. Der alte Herr drückte ſich, als er in ihre Nähe kam, dicht an die Hecke, der Weg war jedoch ſo ſchmal, daß er an ihnen vorüber⸗ ſtreifen mußte, was ſchweigend und eilig geſchah, ohne daß von beiden Seiten ein Wort gewechſelt wurde. Burgau kam es vor, als höre er unter den Mänteln Waffen klirren, und aufathmend murmelte er: Es ſind Soldaten, Officiere, wie es ſcheint; nun, wahrhaftig, da hätte ich mir alle Noth ſparen können.— Im Augen⸗ blicke hörte er auch einen der Herren ziemlich laut ſagen: In⸗ war eine hne 39 Er iſt es nicht! was ſeinen Gefährten zu einem Lachen bewog, welches die letzte Spur der Beſorgniß bei dem alten Herrn fortnahm. Nach einigen Schritten ſtand er ſtill und bemerkte, daß die beiden Herren es eben ſo machten. Was, zum Henker! ſagte er ſich, ſoll ich thun? Ich laufe hier in der Irre umher, Gott weiß, wohin, vielleicht in Sumpf und Haide ſcheid hier als ich, was iſt alſo vernünftiger, als ſie zu Die Beiden dort wiſſen ſicher beſſer Be⸗ fragen? Mit dieſem Entſchluſſe wendete er um und bot den Unbekannten einen Gruß, der höflich erwiedert wurde. Meine werthen Herren, fuhr er dann fort, ich bin gänzlich fremd hier und ſuche die Wohnung eines ge⸗ wiſſen Capitän Wernher, könnten Sie mir vielleicht Nachricht darüber geben? O, antwortete einer der Herren mit luſtigem Tone, Sie konnten ſich an keine beſſere Quelle wenden. Hier iſt ein Mann, der mit verbundenen Augen Sie führen onn. Sage lieber, dem eine blinde Gottheit ſelvfr zun Führer dient, fiel der Andere ein. Nun, wie dem auch ſein mag, rief Burgau erfreut, jedenfalls bin ich Ihnen äußerſt dankbar für jede Mit theilung. 40 Sobald Sie noch fünfzig oder hundert Schritte ge⸗ P gangen ſind, ſagte der eine der Herren, werden Sie J rechts am Wege einen Gartenzaun finden, von dem Sie un ſo hier nichts entdecken können, der Hecken wegen; eben ſo N wenig ſieht man etwas vom Hauſe, das drinnen zwiſchen alem den Bäumen liegt. An der Pforte iſt eine Klingel: lin a ziehen Sie dieſe, ſo wird man öffnen. U Wir können den Herrn ein wenig begleiten, fügte haben der Andere hinzu, indem er vorwärts ging. Sch Viel tauſend Dank, ſagte Burgau; ich war im Be⸗ zun griffe umzukehren, denn ich zweifelte daran, mich zurecht zu finden. wir Sie waren noch nie in dieſem verdammten Winkel? Mo fragte der Eine lachend. des Noch nie. Ich war überhaupt in meinem Leben ſeu nur zwei Mal in der Hauptſtadt. Ale Und da hat man Beſſeres zu thun, als hier umher⸗ ſirh zuſtreifen, wo die Welt mit Brettern vernagelt iſt. Allerdings, ſagte der alte Herr; aber der Capitän ſ iſt mein alter Freund, und wenn er auch am Ende der nh Welt wohnte, würde ich ihn aufſuchen. a Sie ſind alſo ein Fremder? fragte der Andere. zun Zu dienen, mein Herr. Aus Preußen. i. — . 2 N 41 Woher wiſſen Sie das? Ich höre es an der Sprache, ſagte der Herr, und um ſo leichter, da ich Ihr Landsmann bin. Nun, das freut mich wahrhaftig! rief Burgau mit allem Entzücken eines Mannes aus der Provinz. Ich bin aus R.— er nannte den Namen des Ortes. Und Sie heißen Burgau, Dietrich von Burgau, und haben ſich auf den Weg begeben, Ihrem Schweſter⸗ Sohne in der Hauptſtadt in eigener Perſon einen Beſuch zu machen. Wie?! rief der alte Herr zweifelnd und erſtaunt, wäre es möglich— es kann nicht anders ſein!— Der Mond fiel in dieſem Augenblicke hell auf das Geſicht des jungen Herrn. Du biſt es ſelbſt, Oskar! ſchrie er freudig und ſtreckte die Hand aus; will denn heute Alles mir den Kopf verwirren?! Wie kommſt du hierher? Der Offizier hielt den Onkel in ſeinen Armen und ſagte lachend und halb laut: Ich fürchte, daß ich ſchon mehr als einmal dazu beigetragen habe, Ihnen den Kopf wirr zu machen, theuerſter Onkel. Heute den ganzen Tag habe ich mit Sehnſucht an Sie gedacht. Ich glaube es, betheuerte der alte Herr, indeß war ich zwei Mal in deiner Wohnung, ohne dich zu finden. 42 Sie gingen langſam weiter. Der Neffe entſchuldigte ich durch Dienſtgeſchäfte und beantwortete die Frage 8 8 des alten Herrn, was ihn in Nacht und Nebel hierher geführt, mit einem leichtſinnigen Lachen, indem er zu⸗ gleich mit dem Finger auf das Gebäude deutete, das hinter der Gartenwand zwiſchen Fichten⸗ und Lerchen⸗ bäumen herſchimmerte. Was mich herführt? ſagte er, Sie ſollen es wiſſen. Das Haus dort. Wernher's Haus? Du kennſt den Capitän alſo? Nein, aber es iſt eine Fügung des Himmels, daß Sie ſein Freund ſind. Sie werden mich bei ihm ein⸗ führen, ich werde endlich in dieſen Dachsbau gelangen, der ſo undurchdringlich iſt, wie Turandot's Zauberſchloß, und alle Kunſt aufbieten, mir die Gunſt und den Bei⸗ fall ſeiner Bewohner zu erwerben.. Wie es ſcheint, wirſt du Kunſt nöthig haben, ent⸗ gegnete der alte Herr. O! rief der junge Offizier, wenn es allein des mür⸗ riſchen, düſteren Mannes geſchehen ſollte, der in dem ab⸗ gelegenen Landhauſe ein Leben voll Lächerlichkeiten führt, würde ich mir nicht die geringſte Mühe geben; aber er beſitzt einen Schatz, köſtlicher gibt es keinen, und er hütet ihn mit mehr Sorgfalt, als je ein Geizhalz es gethan hat. — — 6 V ine ein L Zufa ich n in C * die G tiri Ho 4. 05 „ Ich verſtehe, ſagte der alte Herr. Wernher hat eine Tochter, der du nachläufſt und ein Mittel ſuchſt, ein Verſtändniß mit ihr anzuknüpfen. Sie zürnen ohne Noth, erwiderte der Officier. Durch Zufall habe ich die junge Dame zuerſt geſehen, nie habe ich mich ihr genaht, nie ſie geſprochen. Ihr Vater iſt ein Cerberus, der kein fremdes Geſicht leiden mag, als etwa „die Geſichter ſeiner elenden, halbwilden Nachbarn Seit einigen Wochen bin ich hieher gewandert, habe dieſes Haus umkreiſ't und, unter den Büſchen verſteckt, den Geſang einer lieblichen Stimme gehört, die ſich nicht abſperren läßt durch Thüren und Mauern, oder ich habe mein Auge an eine Spalte gelehnt und dem flatternden weißen Gewande nachgeſchaut, das durch die Gänge zwiſchen den Blumen hinflog. Das iſt Alles. Sage dem guten Onkel nur immerhin die volle Wahrheit! lachte ſein Gefährte. Sage ihm, daß du ein paar Blumenſträußchen, ein paar ſchmeichelnde Verſe über die Mauern fliegen ließeſt, welche ohne alle Be⸗ achtung blieben, bis eines Tages ein Kopf über die Zinnen dieſer Feſtung ſchaute, nicht der Kopf des lieb⸗ lichſten aller Mädchen, ſondern ein ſehr finſter und faltig blickendes, ſtrenges Haupt, das in deutlicher Weiſe ſich erklärte, und dem neugierigen, unverſchämten Men⸗ „ 414 ſchen, welcher dieſe Mauer umſchlich, eine höchſt ſpaß⸗ hafte, aber höchſt ernſte und philoſophiſche Vorleſung hielt, die damit endete, daß er ihn, ohne ihn zu ſehen — denn Jener hielt ſich weislich verſteckt— in ge⸗ meſſener Weiſe aufforderte, ſich zum Teufel zu ſcheeren. Der junge Officier lachte laut. Ich läugne es nicht, ſagte er, es iſt die Wahrheit; aber was thut es? An Ihrer Hand, mein theurer Onkel, werde ich durch dieſe Pforte in Frieden eingehen. Sie ſtellen mich als Ihren Neffen vor; Niemand kennt mich, Niemand weiß, daß ich der Lauſcher war, dem die Strafpredigt gehalten wurde. Ich begleite Sie ſogleich. Das wirſt du bleiben laſſen! entgegnete der alte Herr, der an die Gitterthür trat und aufmerkſam durch die Stäbe blickte. Vor ihm lag ein ziemlich großer Garten mit ſchön geordneten Beeten. Er glaubte ein Gewächshaus zu bemerken, das ſich an das höhere be⸗ wohnte Gebäude lehnte, welches hinter dem Kranz der Bäume hervorblickte. Die Erzählung ſeines Neffen hatte ſchon die ſchwerſte Laſt von ihm genommen, jetzt ſchien es ihm gewiß, daß ſein Freund nicht ſo unglücklich ſei, wie er gedacht; denn allem Anſcheine nach war dieſe Beſitzung kein Aufenthalt der Armuth und des Elends; der alte Freund nicht in eine düſtere nackte Hütte ver⸗ wieſen, ſilſſt; inden Frihe ſchen und wor wih den Bi 45 wieſen, um die Philoſophie der Verzweiflung an ſich ſelbſt zu ſtudiren. Das wirſt du bleiben laſſen! ſagte er noch einmal, indem er die Klingel zog, deren lauter Schall durch das heftige Bellen eines großen Hundes beantwortet wurde. Geh nach Hauſe, Oskar, fuhr er fort, morgen in der Frühe werde ich Dich aufſuchen. Wir werden dann ſehen, was weiter zu thun iſt. Die Schritte eines Kommenden ließen ſich hören, und nach einigen raſch und leiſe gewechſelten Abſchieds⸗ worten zogen ſich die beiden jungen Männer zurück, während der alte Herr neugierig und erwartungsvoll dem Lichtſcheine entgegen ſah, der ſich zwiſchen den Büſchen zeigte. Es war ein altes, hinfälliges Mütterchen, die lang⸗ ſam näher kam und bei der Frage, wer da ſei, ihre Laterne gegen die Gitterſtäbe hielt, um den Fremden zu betrachten. Müſſen Sie heute noch den Herrn ſprechen? fragte ſie. Ja, heute noch, antwortete Burgau. Es iſt alſo wohl eine beſondere Angelegenheit? Sehr beſonders, verſetzt der alte Herr. Die Frau öffnete die Thür, ſcheuchte den großen —. Hund zurück, der knurrend um den Fremden ſchlich, und 46 nöthigte Burgau, ihr zu folgen, indem ſie ihm voran⸗ ſchritt. Als er hinter den Bäumen war, lag das Haus vor ihm, vom Scheine des Mondes matt überzittert. Es war ein ziemlich großes Land- oder Gartenhaus, nach der Bauart des vorigen Jahrhunderts. Nur aus Einem Stockwerke beſtehend, trug es ein gebrochenes Giebeldach mit Manſarden nach beiden Seiten. Die großen Fenſter gingen bis tief zur Erde nieder, und zwiſchen ihnen in der Mitte der Hauptlinie führte eine hohe Glasthür in einen Saal, aus welchem ein ſchwacher Lichtſchein ſchimmerte. Die Führerin öffnete dieſe Thür, und Burgau trat in ein weites Gemach, das überall die Spuren ver⸗ gangener Herrlichkeit zeigte. Ein Kamin von ſchwarzem Marmor bildete eine tiefe Niſche und theilte die Wand an der Längenſeite; Tapeten von jener alten gewirkten Art, Jagden und tropiſche Landſchaften darſtellend, voll Palmen, Kameelen, Karawanen⸗Zügen und Mohren und Türken in ſchrillenden Gewandungen füllten die großen Felder. Ein dunkles Paneelwerk, dunkler noch als dieſer vergilbte und verſtaubte Schmuck der Mauer, umzog ihren Fuß und fand ſeine norie in der ſchweren, vergrauten, aber ſchönen Decke von Stuck, die mit ihrer großen Roſen⸗Guirlande, mit poſaunenden Engeln und echobe vorſch ſein ſ uf bl ſtnten B Ding Sgal um Sei ide gun ſu auf pete 47 erhaben gearbeiteten Genien, welche aus den Ecken her⸗ vorſchwebten, eine eben ſo alttreffliche Meiſterarbeit zu ſein ſchien, wie die Malereien des Mittelſtücks, wo auf blauem Sternengrunde ein Kranz himmliſcher Ge⸗ ſtalten ſich mit Blumenwinden beſchäftigte. Burgau warf einen flüchtigen Blick auf alle dieſe Dinge und einen längeren auf die wenigen Geräthe des Saales. Ein großer Tafeltiſch ſtand in der Mitte, und um ihn lehnten eine Anzahl Holz⸗ und Binſenſtühle. Die Fenſter waren von breiten Blumengeſtellen einge⸗ faßt, auf denen zahlreiche Topfgewächſe ſtanden; aller übrige Raum war leer, nur an der Längenſeite bemerkte er in den Ecken zwei gewaltig große Schränke, einfach und roh gearbeitet, die eben nicht zum Ausputz dienten und in ihrer Armuth, verbunden mit dem wüſten Aus⸗ ſehen dieſes Hauptgemachs des Hauſes, ſeine geheimen Befürchtungen wieder aufweckten. Er folgte inzwiſchen der alten Frau weiter, die eine Seitenthür öffnete, aus der ein heller Lichtſtrahl in den öden, halbdunkeln Raum fiel, und mit lebhafter Bewe⸗ gung ſah er in demſelben Augenblicke ſich dem lange geſuchten Freunde gegenüber. Eine Aſtral⸗Lampe ſtand auf dem Tiſche in der Mitte eines mit ähnlichen Ta⸗ peten, wie die des Saales, geſchmückten Zimmers. Der 48 Tiſch war gedeckt, eine dampfende Schüſſel ſtand darauf, und in dem Lehnſeſſel der Thür gegenüber ſaß die hohe, ſtattliche Geſtalt des Hausherrn, bereit, wie es ſchien, die Abendmahlzeit zu beginnen. Hier iſt ein Herr, der Sie durchaus heute noch zu ſprechen wünſcht, ſagte die Frau, indem ſie herein trat.* Wo iſt er? fragte der Hausherr, ſich aufrichtend. Hier, antwortete Burgau, und er trat von der Schwelle in den hellen Schein des Lichtes. Mit einem ernſten und forſchenden Blicke betrachtete ihn der Capitän, dann ohne Ueberraſchung ſtreckte er di⸗ Hand nach ihm aus, und ſagte mit bewegt klingender 3 Stimme: Du biſt es, Dietrich! ich möchte ſagen, mein Herz erkannte dich eher, als mein Auge. Sei willkom⸗ men, mein alter Freund, ſei herzlich willkommen bei deneu, die dich lange ſchon erwartet haben! Die beiden alten Herren blieben vor einander ſtehen und betrachteten ſich. Ihre Hände hielten ⸗ als wollten ſie den Bund der Freundſchaft erneuern, den ſie in braunen Locken einſt geſchloſſen hatten. Und jetzt waren dieſe erblaßt und verſchwunden. Das Alter hatte ſeine Falten auf ihre kahlen Stirnen gelegt, die elaſtiſche Gliederung verändert, und den Stempel der 49 Vergänglichkeit ihren Zügen aufgedrückt. Sie ſuchten beide in ihren Erinnerungen nach dem Bilde der Ju⸗ gend, das ihnen vorſchwebte, und verglichen das Sonſt und Jetzt mit dem ſchwermüthigſten Ernſte gereifter Männer, vor denen der Wächter des großen Geheim⸗ niſſes des Lebens, der Tod, blaß und trqurig vorüber ſchwebt, und ihr ablaufendes Zeitmaß ſchüttelt Im nächſten Augenblicke glänzten jedoch. Blicke wieder in Freudigkeit. Der Capitän fand die Züge ſeines Jugendgenoſſen wieder und ſah ihn auch als Greis noch rüſtig und tüchtig vor ſich ſtehen; wie viel mehr aber war dies an ihm ſelbſt zu bewundern. Sein roßer Körper ſchien ungebeugt von der Laſt der Jahre; er trug das Haupt im Nacken, ſo ſtolz und frei, wie Bürgau es immer geſehen und eine ehrfurchtsvolle Liebe vor dieſer Kraft und Würde gefühlt hatte. Die glän⸗ zenden, dunklen Augen blickten ſo kühn, wie ſie es je gethan, doch noch ſtrenger und befehlender, und nur die Felten auf ſeiner Stirn, das ergraute dichte Haar und die Röthe des Geſichts hatten ſein Aeußeres verändert. Nach einer ſchweigenden Minute riß ſich der Ca⸗ pitän aus ſeinen Betrachtungen und überließ ſich der Freude des Wiederſehens. Einer herzlichen, langen und Th. Mügge, Romane II. 4 50 brüderlichen Umarmung folgten raſche Fragen und Antwg ten, welche zur erſten Verſtändigung h hinreichten, dann l er ſich um und ſagte: Laß mein Haus das deine ſein und theile mit uns, was wir haben. Mein größter Schatz iſt mein Kind, meine Tochter Sophie, der Troſt meines Lebens. Da iſt ſie, und neben ihr ſteht mein in egeſohn und unſer täglicher Geſellſchafter, die Hand drücken und ihn Freund nennen er verdient es. Er iſt aus beſſerem Stoffe ie meiſten Leute jetzt ſind. den Hints der Lampe matt erhellie und Burgau richtet jetzt ſeine Nufmerkſamkeit auf die beiden Perſonen, wel ſich ihm langſcm näherten. Ein junges Mädchen, ſchlan Sohn, m kannſt, d gemacht und zart gebaut, ein Lächeln der Freude in dem in⸗ muthigen Geſicht, deſſen große blaue Augen einen wun⸗ derbaren, ſchwärmeriſchen Glanz d dariber ausbreiteken, trat ihm zuerſt entgegen, Schöne dunkelblonde Locken fielen ihr auf Hals und Nacken nieder und ein ſchwarzes Band gehalten, das über ihrer n Sürn einen dunklen Streif zog. Der alte Herr war ergriffen von dieſer heiteren Erſcheinung, der das volle Gepräge der Jugend und der Unſchuld ſo ſichtlich aufgedrückt war. Er dachte in dieſem Augenblicke an den entzückten und des Zimmers, 5 — = Lon, jich fühlt 51¹ Ton, mit dem ſein Neffe von ihr geſprochen, und ver⸗ zieh ihm ſeine Narrheit, wie er es genannt, weil er fühlte, daß dieſe anſteckend ſei Nun, wahrlich, ſagte er, ihre Hand ergreifend und mit aller Galanterie, deren er fähig war, ich habe ein Recht, mich Ihnen vertraulich zu nahen und Ihr Freund im wahren Sinne zu heißen. Eine Stimme in meinem Herzen ruft mir in dieſem Augenblicke zu, daß dieſe Stunde von Wichtigkeit iſt für uns beide, denn ich., Er verlor den Faden und murmelte einige un⸗ 222 Worte, indem er ſeine Blicke voll Beſtür⸗ ad wachſender Verwirrung auf den welcher hinter Sophien ſtand und % 5 ein gerer war, ſein Beſchützer, ſein großmüthiger, unbekauter Helfer von der Börſe. Im erſten Efthrecken glaubte er ſich getäuſcht zu haben; denn ſtatt de eganten Anzuges trug der Fremde . ietzt eigen dunkſen Uebetock, den er bis an den Hals 5 gte Aber war ſein blaſſes Geſicht mit Augen, es war ſein glänzend 3 dieſem ſchönen Kopfe her⸗ erbare Lächeln, das von den 9 Mundwinkeln leiſe zuckend ausging und weich durch ſeine ct Züge lief, mit welchem er jetzt den alten Herrn anblickte. en Seine Augen ruhten dabei mit befehlendem Ernſt auf ihm und ſchienen ihn zu fragen, ob er vergeſſen habe, welches Abkommen ſie bei ihrer Trennung getroffen hätten. Nun, rief Wernher lachend, du kommſt aus dem Texte, Dietrich, und ſiehſt dafür meinen Hermann ſo eindringlich an, als wollteſt du die Fortſetzung deiner Liebesbetheurung an ihn richten. ſagie Su vor hin. Capitän fort. Sein Vater hat an fochten und iſt aus der Welt darin zurück zu laſſen. Ich habe ihi hat meine Liebe reich vergolten und vergilt ſie alle Tage. Herr Selbitz iſt— Kaufmann? indem er ihn ſtarr anſah. Kaufmann? rief der Capitän geräthſt du auf einen ſolche ſtudirt, er iſt ein paar Jahre dem Sohne eines großen geweſe Reiſen begleitete, bis er det atiſchen Staub von ſeinen Füßen geſchüttelt hat. So iſt er zu mir zurück gekehrt, treibt ſeine Studien weiter in aller Stille, und fragte der alte Herr, tül kal den ein inde und hl em abt un ——— 3 53 iſt mein lieber Freund und Sohn, bis wir ſehen, was weiter aus ihm wird. Da haſt du ſeinen Lebenslauf in aller Kürze. Aber du ſcheinſt ihn förmlich zu ana⸗ tomiren. Habt Ihr vielleicht Euch früher ſchon einmal begegnet? Ich wüßte nicht, daß ich jemals die Ehre gehabt hätte, antwortete der junge Mann. Der Ton dieſer Stimme erregte Burgau noch mehr. In der That, rief er aus, dieſe Aehnlichkeit iſt ſeltſam! Ich hätte ſchwören wollen, daß wir vor gar nicht langer Zeit uns erſt ſahen. Jedenfalls werden Sie durch eine Aehnlichkeit ge⸗ täuſcht, verſetzte Hermann, und wiederum ruhte ſein Blick kalt, prüfend und ohne merkliche Bewegung ſo feſt auf dem alten Herrn, daß dieſer zweifelnd und verwirrt eine Entſchuldigung ſtammelte, die Wernher unterbrach, indem er ihm beim Arme ergriff, an den Tiſch führte und mit einem gewiſſen Ungeſtüme auf einen der großen Seſſel ſchob. Unſere Vorfahren, ſagte er, haben es ſtets ſo ge⸗ halten, daß ſie mit Speiſe und Trank ihre Gäſte empfingen; von dieſer alten guten Sitte laß uns nicht abweichen. Iß mit uns, was der Herr beſcheert hat, und du, Sophie, bringe uns eine Flaſche und Gläſer, ₰ 54 mein Kind, wir wollen das Feſt begehen, ſo gut wir es vermögen. Burgau, der von dem glänzenden, ſpäten Diner, dem er beigewohnt, noch mehr als zu ſehr geſättigt war, wagte dennoch keine Entſchuldigung. Eine Eierſpeiſe, eine große Schüſſel vortrefflicher Erdäpfel, ſchwarzes kräftiges Brod und friſche Butter waren die Beſtand⸗ theile dieſes ländlichen Mahles; aber der alte Herr war kaum im Stande, wenigſtens dem Scheine nach, zuzu⸗ langen. Mit um ſo größerer Verwunderung bemerkte er, welche heroiſche Eßluſt ſein vn Beſchützer entwickelte, der es darin dem Capitän gun gleich that. Als die Flaſche kam und der alte Rheinwein ſeinen Duft aus den Schaumperlen der Gläſer verbreitete, hob Wernher das ſeine auf und ſtieß mit Burgau an. Auf die alten Zeiten und das alte briütderliche Leben! rief er ihm zu; damals aber ſchmeckten dir die einfachen Gerichte beſſer, als jetzt, wo du, wie es mir ſcheint,. auch ſchon zu den Verwöhnten gehörſt. Du mußt ein Weilchen mit uns leben— fuhr er f Herr ſich entſchuldigte—, um den verlorenen Appetit wieder zu bekommen, den wir in Arbeit und Einfachheit uns erhalten haben. Wir ſind von der alten guten Sorte. Von uns ſehnt ſich Niemand nach Champagner als der alte — Geſ getr etw ma tha zu wi 55 und Faſanen; wir wiſſen nicht, wie ſolche Leckerbiſſen ſchmecken, und verachten von ganzem Herzen die elenden Geſellen, welche darin ihr Glück finden. Der alte Herr fühlte ſich von den Faſanen ſehr getroffen und glaubte einen Augenblick, Wernher wiſſe etwas von ſeinem Abenteuer. Er ſah lächelnd zu Her⸗ mann hinüber, allein dieſer blieb durchaus ruhig und that ſo fremd, wie vorher. Er zwang ſich nun, ſo viel zu eſſen, als er vermochte, um den Vorwurf der Ver⸗ wöhntheit von ſich abzuwälzen, lobte die Einfachheit, ver⸗ dammte die Verfeinerung und brachte den Capitän bald dahin, einzugeſtehen, daß er noch immer der alte ehr⸗ liche, treue Dietrich ſei, der ſein reiches Gemüth ſich bewahrt habe. Die beiden Freunde vertieften ſich nun in mannig⸗ fache Geſpräche, die den Austauſch ihrer Schickſale bil⸗ deten, und Burgau hatte dabei am wenigſten zu er⸗ zählen. Er war unter verhinderten Entſchlüſſen, ſich zu verheirathen, und dem Widerſtreben ſeiner Neigungen gegen alle jungen Damen, die er kennen lernte, alt ge⸗ worden, bis er es am gerathenſten fand, nicht mehr daran zu denken. Das Schickſal hatte ihn gütig mit einem mäßigen Vermögen und einer vortrefflichen Haus⸗ hälterin bedacht, welche ſeine Lieblingsgerichte ausgezeichnet 56 zu bereiten verſtand. Sein kleines Haus war ein gaſt⸗ freies Haus, und der Eigenthümer ein viel zu geſelliger und angenehmer Mann, um nicht zahlreiche Bekannte zu beſitzen. Was ſein Gut abwarf, davon blieb regel⸗ mäßig beim Jahresſchluſſe auch kein Thaler übrig. Er hatte Bedürfniſſe mancherlei Art; zudem beſaß auch er einen Neffen, der, wie die Neffen es häufig thun, dem guten Onkel zuweilen höchſt luſtige und klägliche Briefe ſchrieb, die immer darauf hinaus liefen, es möge end⸗ lich einmal ein goldener Regen auf dieſen ſtets durſtigen Boden fallen. Dieſer Neffe, an welchen er auch jetzt dachte und ſeine Mittheilungen abbrach, war eben ſo wohl der bittere Tropfen in dem Kelche ſeiner Freuden, wie der Sonnenſtrahl, welcher wärmend und belebend in die Winterſchauer ſeines irdiſchen Daſeins drang. Was Du mir da ſagſt, rief der Capitän, ihm herz⸗ lich die Hand drückend, mahnt mich an alte, durchlebte Zeiten! Glück auf, Dietrich! du biſt in dem Kreiſe, den das Schickſal dir zugemeſſen, ein guter, treuer Menſch geblieben, haſt dir dein warmes Herz erhalten und Gutes gethan, ſo weit deine Hand reichte. So habe auch ich meine Tage gelebt, habe immer geſtrebt, glücklich zu ſein und glücklich zu machen. 7 L gezoge V Pl hobe don doch alte Se Hu wih gri und auf lin um hie 57 Du haſt dich aber, wie es mir ſcheint, ſehr zurück gezogen, entgegnete Burgau. Von dem großen Haufen, von der ſo genannten Welt! rief Wernher; ja, da haſt du Recht: aber ich habe mich nicht von ihr zurück gezogen, ſondern ſie ſich von mir. Sie verachtete mich, fuhr er lachend fort, doch bei Weitem nicht ſo ſehr, wie ich es ihr zurück gab. Und doch bliebſt du dicht in ihrer Nähe? fragte der alte Herr lächelnd. Dicht in ihrer Nähe, ja wohl, ſagte der Capitän. Seit meine Anna ſtarb, wohne ich in dieſem Winkel. Haſt du nie gehört, daß es Weſen giebt oben in den wilden Gebirgen der Erde, die bei den ſchrecklichſten Ab⸗ gründen ſich eine Hütte bauen und von dort durch Eis und Schnee alltäglich ausziehen, um verlorene Wanderer aufzuſuchen? Sie können die Abgründe nicht ausfüllen, können die Lavinen nicht aufhalten, können die Schreck⸗ niſſe nicht vermindern; aber ſie thun, was ſie können, um ein paar Unglückliche zu erretten. Das verſuche ich hier auch, Dietrich, und es glückt mir zuweilen. Du haſt noch immer deine alten Träume und Grillen, ſagte der alte Herr lächelnd. Wohl verſetzte der Capitän, die Grillen habe ich noch und will nimmer davon laſſen Ich haſſe Unrecht, mögen, mehr noch als früher, aber ich härme mich kein Jota darüber. Meine Welt habe ich für mich, freue mich daran, ſo viel ich kann, lebe darin, ſo lange es währen wird, und ſtoße die von mir, die keinen Theil daran haben können. Laß ſie mich immerhin einen Narren heißen,— jedem Narren gefällt ſeine Kappe! und die meine ſteht mir ganz vortrefflich; du ſollſt ſehen, ob ſie mir nicht paßt. Er hörte auf zu ſprechen, denn die alte Dienerin und noch eine andere, welche kaum weniger Jahre zählte, traten herein und räumten den Tiſch ab, was ſtill und geſchäftig geſchah. Silberglänzendes Haar fiel unter den Mützen der beiden Frauen hervor, deren Reinlichkeit und Freundlichkeit Burgau auffiel. Sophie that einige leiſe Fragen an ſie und lächelte ihnen zu; der Capitän er⸗ kundigte ſich nach einigen häuslichen Dingen, was ſie ohne Blödigkeit, aber doch in einer Art beantworteten, der man es anmerkte, ſie wollten gern dem Herrn ihre aufmerkſame Ergebenheit zeigen. Das blonde, ſchöne Kind des Capitäns lächelte ſo freundlich bei den Scherzen ihres Vaters und ihre blauen Augen nahmen einen himm⸗ liſchen Glanz an, wenn ſie ſich zu ihrem düſteren, „ Gewalt und Schlechtigkeit, welchen Namen ſie auch haben ſchweigenden Nachbar wendete; wenn aber dieſer ein par geben Zub ihn n ausſt 2 war 50 paar Worte redete, um auf eine Frage Antwort zu geben, ſchien der Klang ſeiner tiefen Stimme eine Art Zauber auf ſie zu üben, denn unverwandt betrachtete ſie ihn mit Blicken, in denen die Empfindungen ihrer Seele ausſtrömten. Als der alte Herr dies einige Male beobachtet hatte, war er überzeugt, daß hier zwei Weſen in Liebe ſich gefunden, deren Bande nicht leicht zu löſen ſeien, und ein Mißbehagen über dieſe Entdeckung ergriff ihn gegen ſeinen Willen. Wer konnte denn dieſer bevorzugte Menſch ſein, wenn er nicht der war, für den er ihn halten mußte? War er der Börſen⸗Speculant, ſo war er ein Taugenichts, der Vater und Tochter auf abſcheuliche Art betrog. War er es nicht, war er wirklich der arme Gelehrte, welche Ausſicht hatte er dann auf Erfüllung ſeiner Hoffnungen? Dieſes wüſte alte Haus, dieſer Garten und ſeine Hecken ſchienen die Trümmer des Glückes zu umſchließen, das Wernher einſt beſeſſen. Der Capitän hatte in Träumereien und phantaſtiſchen Einfüllen verſchleudert, was er einſt von ſeinen Vätern ererbt; denn ſo viel glaubte Burgau aus Allem zu er⸗ kennen und aus den Geſprächen heraus gehört zu haben, daß Zeder in dieſer Familie um das tägliche Brot ar⸗ beite, ſo viel er könne. Wernher hatte ihm mitgetheilt, ₰ 60 daß er Blumen, Früchte und Gemüſe aller Art auf den Markt in die Stadt ſchicke und dort verkaufen laſſe; er hatte ihm auch geſogt, daß er Ländereien unher ge⸗ pachtet habe, deren Anbau er betreibe und deren Ertrag er ebenfalls verhandle. Wollte etwa dieſer blaſſe Bücher⸗ menſch mit Schwieger-Papa und Frau gemeinſchaftlich den Kramhandel fortſetzen, oder was konnte das Ende ſein? Alles, was er dachte, verwirrte den alten Herrn immer mehr. Das ſchöne Mädchen machte einen faſt wehmüthigen, reizbaren Eindruck auf ihn. Er konnte ſich vorſtellen, wie ihre liebliche Erſcheinung den jungen Offizier entzückt hatte; zugleich aber ſagte er ſich, daß das keine Liebe und keine Frau für ſeinen Neffen wäre, weil dieſe ganz andere Eigenſchaften beſitzen müßte. Indem er dies alles ſtill durchſann und ſeine Augen auf die beiden jungen Leute heftete, welche ein wenig zurückgezogen vom Tiſche neben einander ſaßen, heimlich ſprechend und ſich zulächelnd, redete der Capitän man⸗ cherlei in ſeiner ernſten, belehrenden und doch immer ein wenig, wie Burgau ſich ſelbſt ſagte, phantaſtiſchen Weiſe, die von Jugend auf ihm eigen geweſen. Seine Tochter und Hermann wurden bald in das Geſpräch gezogen, das ſich über die verſchiedenſten Gegenſtände bewegte, und Burgau konnte nicht umhin, zu bemerken, daß 2 2 Soyhi köhrt die und i beſſer bemer Enyf fing unbe ſogle ſie er inde was Und ind R kein 61 Sophie, deren natürliche und kindliche Offenheit ſein lebhaftes Intereſſe erregte, über die Tages⸗Begebenheiten, die Lebensverhältniſſe und ſelbſt über Staatsereigniſſe und über geſellſchaftliche Ordnung und Einrichtungen beſſer unterrichtet ſei, als er je dies an einem Mädchen bemerkt. Ihre Urtheile waren raſch und beſtimmt, ihr Empfindungs⸗Vermögen aufs äußerſte lebhaft und em⸗ pfänglich, dabei ihr ganzes Weſen voll Güte, und ihr unbefangenes Vertrauen ſo groß, daß ſie den alten Herrn ſogleich Du nannte, ihm in naiver Art erklärte, wie lieb ſie ihn habe, und ſeine Zuneigung ſo hoch ſteigerte, daß er ſie endlich mit wahren Liebesblicken betrachtete. Du weißt es nicht, Dietrich, ſagte Wernher endlich, indem er ſeiner Tochter Hand ergriff, du weißt es nicht, was es heißt, ſo ein herziges Kind zu haben, deſſen Herz ein Tempel Gottes iſt, um ihn darin anzubeten. O, Vater! lachte das junge Mädchen, du, der beſte und wahrſte unter den Menſchen, biſt doch eben ſo blind in deiner Liebe, wie andere Väter. Weil ich wahr bin, kann ich nicht blind ſein, ent⸗ gegnete er. Sieh, Dietrich, das iſt keine Salon⸗Puppe, kein Mode⸗Dämchen, keine von unſeren noblen Fräulein, die Alles in der Welt können und verſtehen, nur nicht das, was ſie eigentlich verſtehen ſollten; aber frage ſie 62 nach mancherlei guten und nützlichen Dingen, frage ſie nach der Geſchichte der Menſchen, nach dem Leben der Natur, nach den Zuſtänden und Geſtaltungen der Völker, und ſie wird dir Antwort geben können. Hermann und ich, wir ſind ihre Lehrer geweſen, und ich glaube, wir dürfen ſtolz auf dieſe Schülerin ſein. Denke jedoch nicht — fuhr er nach einer Pauſe fort, in welcher er Sophien in ſeine Arme zog,— daß ſie nichts weiter thut, als aus Büchern Weisheit lernen. O, nein, ſie weiß, daß ſie arbeiten muß, und arbeitet mit Liebe und Luſt. Da iſt kein Pflänzchen und tein Körnchen, das ſie nicht beim rechten Namen zu nennen weiß. Darum iſt ſie auch mein Garten- und Blumenmeiſter, bindet die ſchönſten Sträußchen, welche wir auf den Markt ſchicken, giebt Lehre und Unterricht mit hoher Weisheit und ordnet und verkauft die Sämereien, welche wir ſammeln. Das giebt freilich keine Sammtfinger, die kleinen Hände ſind ihr hart und arbeitsrauh geworden, aber ſie ſind darum dennoch fein und appetitlich und wiſſen ſich zu regen und zu wenden, daß es eine Luſt iſt. Der alte Herr blickte mitleidig auf die Hände des jungen Mädchens, welche ihr Vater dem Freunde hin⸗ ſtreckte, was ſie ohne ſich zu ſperren geſchehen ließ. Arbeit iſt ein Geſetz der Natur, Georg, ſagte er, das 3 Peſ 63 wiſſen wir, doch jedes Ding in ſeiner Weiſe. Was dem Einen wohl anſteht, paßt nicht für Alle; wäre das der Fall, ſo könnte deine Tochter nicht allein Blumen binden und Samen ſortiren, ſie könnte auch mit ihren Körben ſelbſt zu Markte ziehen und ſie feil bieten. Und das hat ſie auch wirklich ſchon gethan! er⸗ widerte der Capitän. Wie! rief der alte Herr erſchrocken, auf dem Markte geſeſſen? So toll kannſt du nicht geweſen ſein! Auf dem Markte geſeſſen und Blumen und Früchte verkauft, fuhr Wernher ruhig fort, und bei alle dem alter Freund ſteht ſie da eben ſo gut und ohne Makel wie vorher; ja, ich habe ſie ſeit jener Zeit noch lieber, wenn es möglich iſt, das zu behaupten. Nun freilich, ſagte Burgau nach einer Pauſe faſt zornig, du haſt von jeher die Sitten der Menſchen ge⸗ ring geachtet, bedenkſt aber nicht, wie gefährlich ein ſolches Untevfangen iſt. Gefährlich, wenn man die Bande nicht zerbrechen kann, welche die Kaſten unterſcheiden, den Menſchen um⸗ klammern, verſetzte Wernher, ſonſt aber durchaus ohne Gefahr und Nachtheile. Die alte Eliſabeth, unſere Ver⸗ käuferin, war krank, ſo ging Sophie hin ſtatt ihrer, ver⸗ kaufte den ganzen Vorrath mit Glück und Vergnügen . 64 und kam mit gefüllter Taſche nach Hauſe, voller Freude, der treuen, guten Frau einen Tag der Ruhe geſchenkt zu haben. Alter Freund, fuhr er ernſter werdend fort, ich weiß, was du ſagen willſt, aber du kennſt uns nicht. Glaube mir, die Menſchen ſind beſſer, als ſie ſcheinen, und wenn ſie ſchlecht wurden, habt ihr ſie dazu gemacht. Reicht ihnen die Hand und richtet ſie auf, ſtatt ſie von euch zurückzuſtoßen, und wenn du haſſen und verachten willſt, Dietrich, dann haſſe die mit Unverſöhnlichkeit, die ihre Blutſauger und Peiniger ausmachen: die Wucherer, die Schwelger, die Drohnen der menſchlichen Geſellſchaft, die tief verdorbene Klaſſe derer, welche nach Gold und Genuß jagen, nicht aber die, deren Leben voll Arbeit, Elend und Entbehrungen iſt, und welche alſo die Laſt⸗ thiere dieſer Welt bilden. Es trat ein Schweigen ein, denn Burgau wünſchte dieſes Geſpräch zu enden, das ihm peinlich wurde. Er ſah mit Schrecken und Bedauern, wohin die ſonderbare Philoſophie ſeines Freundes dieſen geführt hatte und wie ſchroff und verderblich ſich ſeine Grundſätze be⸗ währten. Es war ihm unheimlich zu Muthe, er fühlte ſich verſtimmt und dachte daran, ſich zu entfernen. Plötzlich aber faßte Wernher ſeine Hand, und als er⸗ tenne er, was Burgau vorhatte, ſagte er: Du darfſt 65 uns nicht für Vandalen halten, Dietrich, nicht für Weſen, die in Rohheit und Stumpfſinn untergehen. Bleibe noch ein Weilchen bei uns, dann wird Hermann dich be⸗ gleiten; morgen aber komme, wann du willſt, und ſieh zu, wie wir es am Tage treiben. Laß uns unſere Abendandacht halten, Sophie! fuhr er fort, ſeiner Tochter zärtlich zuwinkend, nimm dein Inſtrument; und zu Her⸗ mann: Oeffne das Fenſter, mein Sohn. Der Abend iſt ſchön wie ein Sommerabend; laßt Luft und Licht herein, laßt mich den ewigen Himmel und ſeine Sternen⸗ decke ſehen. Schweigend thaten die Beiden, was er ihnen hieß. Hermann ſchlug die grünen ſchweren Vorhänge auf und öffnete die hohen Fenſter. Das Mondlicht lief glänzend über das ſtille Gemach. Die kleine Lampe ſchien davor zu erlöſchen. Draußen rauſchte es leiſe in den Tannen⸗ und Lerchenbäumen, und die Weinranken nickten zitternd herein. Während deſſen holte Sophie aus dem Neben⸗ gemach eine Harfe, die ſie ſorgſam bis in die Nähe des Fenſters trug, wohin ihr Vater einen der Seſſel ge⸗ ſtellt hatte. Dort nahm ſie Platz, und als ſie mit ihren Fingern raſch die Saiten durchfuhr und ihnen volle, ſchöne Accorde entlockte, vergaß Burgau ſeinen Unmuth, denn ſowohl das Inſtrument wie die Spielerin Th. Mügge, Romane I. 5 ———— 66 waren nicht von gewöhnlicher Art. Das dunkle Gemach, die ſchimmernde Geſtalt des jungen Mädchens im Mon⸗ desglanze, ihr zum Himmel erhobenes Geſicht, das ſo kindlich ſchön und fromm in den lichtvollen, ſtrahlenden Himmel blickte, und die leiſe verklingenden Töne der Harfe verſetzten ihn in eine höhere Stimmung. Er fühlte in ſeinem Herzen einen Strom von Empfindungen, der ihn ſanft und tief bewegte; er fühlte Gedanken ſich erheben, die den Regungen ſeiner Seele Inhalt gaben. Sein Auge wurde feucht, ſeine Hand legte ſich in die Hand des Freundes, er drückte dieſe voll Liebe und ſaß träumeriſch in Erinnerungen und Vorſtellungen von dem Glücke eines ſchönen, ſtillen Familienlebens an deſſen Seite, während die Harfe bald voller, bald leiſer klang und endlich eine ſüße Stimme ſie begleitete, der er mit Entzücken zuhörte. Sein einſames Alter trat endlich melancholiſch vor ihn hin und ſah ihn kopfſchüttelnd aus hohlen Angen an. Glücklicher Georg! murmelte er, du haſt eine Tochter, doch ich— ich— ich habe einen Neffen, der ſie liebt, ſagte eine leiſe Stimme in ihm, und wieder verlor er ſich in Träumen, bis er miß⸗ muthig Hermann anblickte, der im Schatten am Fenſter ſaß, die Arme über ſeine Bruſt gekreuzt und ſeine großen. Augen feſt auf die Sängerin gerichtet. 67 Er wendete ſich ab und ſah, wie die Thür leiſe ge⸗ öffnet wurde, durch welche zum Erſtaunen des alten Herrn die beiden Mägde, begleitet von dem Gärtner, hereinſchlüpften. Sie ſetzten ſich nieder und hörten an⸗ dächtig der Muſik zu, welche nach einiger Zeit lebendiger wurde; Sophie forderte Hermann auf, etwas mit ihr gemeinſam zu ſingen, und Beide begannen nun, Schiller's Hymnus an die Freude vorzutragen, dem ein paar andere Lieder folgten, in welchen die Stimmen bald ant⸗ worteten, bald ſich unterſtützten und trefflich zuſammen paßten. So war wohl eine Stunde hingegangen, als der Capitän, welcher ſtill in ſeinem Stuhle geſeſſen hatte, ſich erhob und beſtimmend ſagte: Laßt es genug ſein für heute, meine Kinder, denn es iſt ſpät geworden, und wenn der Tag graut, ruft er uns zur Thätigkeit. Willſt du morgen wieder kommen, Dietrich, und unſer Gaſt ſein? Ich komme gewiß, entgegnete der alte Herr; nur weiß ich nicht, wann es angeht, da ich ein Geſchäft mit meinem Neffen abzumachen habe. Wie! fragte Wernher, du haſt einen Neffen hier? Den Sohn meiner Schweſter. Er iſt Offizier. 5* ——————— 68 Der Capitän bedachte ſich einen Augenblick, dann ſagte er lächelnd: Du mußt es wiſſen, Dietrich, ob es für ihn paßt, in unſerer Geſellſchaft zu ſein, d. h. ob ihm unſere ſpartaniſche Suppe ſchmecken wird. Glanbſt du, daß er ſich hier gefallen könne, ſo bringe ihn mit, ich überlaſſe das dir und deinen Anſichten. Ich werde es bedenken, erwiderte der alte Herr, und in dieſem Augenblicke war er feſt entſchloſſen, ſeinen Neffen nicht hierher zu führen. Der Patriarch da mit ſeinen gewaltigen, ſtarrſinnigen Anſichten war kein Mann für den leichtfertigen Offizier, und was konnte er auch hier wollen bei der armen, arbeitſamen Gärtner⸗Familie, die in ihrer grünen Klauſe ein dürftiges, verſchloſſenes Pflanzerleben führte? Aber mit väterlicher Zuneigung nahm er von Sophien Abſchied. Mein liebes Kind, ſagte er, ich muß dich ſo nennen, mein Herz macht dich dazu, habe Dank für die Freude, welche du mir bereitet haſt.— Er küßte ſie auf die Stirn, kindlich ſchlang ſie die Arme um ſeinen Hals und erwiederte ſeine Liebkoſungen. Mein Vater hat mir ſo viel von dir erzählt, erwiederte ſie, daß ich dich kannte, lange, ehe du kamſt, und doch voll Sehn⸗ ſucht war, den Mann zu ſehen, der mir als liebes Bild vorſchwebte. 69 Und nun ſiehſt du dich in deinen Erwartungen ge⸗ täuſcht, ſagte er. O, nein! verſetzte ſie, ſein graues Haar ſtreichelnd. Du ſiehſt ſo gut und gerecht aus, daß ich dich gleich lieb hatte und immer lieb haben will. Der alte Herr ging ganz bewegt an ihrem Arme durch den Garten bis an die Pforte; es war ihm weich und warm im Herzen! Sie zeigte ihm die Beete und die Bäume und plauderte ohne Rückhalt aus, was ſie dachte. Komm morgen, ſo bald du kannſt, lieber Vater Burgau, ſagte ſie, ich bin gewiß, es gefällt dir bei uns trotz der Einſamkeit und Stille unſeres Lebens. Der Tag wird ſonnig und warm ſein, ſieh, wie die Räder des großen Wagens leuchtend über den Himmel fahren! Ich will dir die ſchönſten Georginen pflücken und dich bekränzen; du ſollſt inſeren Wein und unſere Birnen proben, es gibt keine beſſeren weit und breit. Hermann muß uns Nüſſe ſchlagen, und ich ſchäle ſie dir; dem Vater nehmen wir die beſte Flaſche aus dem Keller, und wenn du Lieder liebſt und meine arme kleine Harfe dir gefällt, ſinge ich dir, was ich weiß. Wir geben dir alles gern, was wir haben— iſt das nicht ſchön, kannſt du mehr von uns wollen? Beſſeres kann kein König geben! rief Burgau ent⸗ 70 zückt, und er verſprach, ſo bald als möglich ſich einzu⸗ finden. Hinter ihm ſchlug mit dem letzten Glückwunſche die Thür zu; er ging auf dem ſchmalen Stege vorwärts und ſah ſich nicht um, oder wollte ſich nicht umſehen, denn ſeinen weichen Empfindungen ſchnitt ſich ein unheimlicher Gedanke ein, ſobald er an ſeinen Begleiter dachte. Er wußte nicht recht, was er thun ſollte. Sollte er eine Erklärung von dem Manne fordern, der ihm wohlgethan und in deſſen Geheimniß ihn der Zufall wunderlich ge⸗ worfen, oder ſollte er ſchweigen und dieſes Geheimniß ehren, ſeines Wortes eingedenk, ihre erſte Begegnung als einen Traum zu begraben? Er war dazu bereit, doch ſein Gewiſſen ſträubte ſich heftig, und während er die Schritte des Mannes, den ex ausforſchen und zum Bekenntniß bringen wollte, hinter ich hörte, ſann er auf den Anfang eines entſcheidenden Geſpräches, ohne ihn finden zu können. Schweigend gingen ſie Beide längere Zeit neben einander her; denn auch Hermann ſprach kein Wort— er ſchien die Anrede zu erwarten, um danach handeln zu können. Es war eine peinliche Stille, während ſie durch die Stadt der Armuth wanderten und nur das dürre Laub, das ſich um ihre Füße wickelte, melancholiſch ein⸗ 71 tönig mit ihnen weiter rauſchte. Erſt als ſie die große Straße erreichten, machte der alte Herr einen Verſuch, dies Schweigen zu brechen. Der Schein der erſten Laterne beleuchtete das Geſicht ſeines Nachbars. Mit einem ſchnellen Blicke durchmuſterte er die Züge deſſelben und wäre beinahe gefallen, wenn ihn Hermann nicht ge⸗ halten hätte; denn er ſtolperte über einen abſchüſſigen Stein in der ſchlecht gepflaſterten Straße. So geht es, wenn man ſich auf üblen Wegen be⸗ findet, ſagte er ſcherzend. Und doch iſt es unmöglich, immer über eine geebnete Straße zu gehen, entgegnete der junge Mann. Aber der gerade Weg iſt doch ſtets der beſte! ant⸗ wortete der alte Herr mit Nachdruck und ſah ihn be⸗ deutſam an. So ſagt man, verſetzte Hermann lächelnd;doch man bedenkt nicht, daß geraden Wege nicht immer zu haben ſind. Es trat eine kleine Pauſe ein, und Burgau hatte eine gewichtige Frage auf der Zunge, als ſein Nachbar fortfuhr: Das Beſte, was geſchehen kann, iſt meines Erachtens, wenn Jeder den Weg geht, den er für den beſten hält oder, von Umſtänden gez un en, wählt. Sehe man dann zu, ob man zum Ziele und hüte ſich ie ihn betrogen hütten, denen er ſein ganzes Herz zuwandte! 72 Jeder, einen Stein darauf zu werfen, welcher Andere zum Straucheln und Fallen führen kann! Burgau war von dieſer Antwort betroffen und unter⸗ drückte, was er ſagen wollte. Sie gehen ohne Zweifel ſchon lange bei meinem Freunde Wernher ins Haus? ſagte er. Seit mehren Jahren, antwortete Hermann. Es iſt der einzige Ort auf Erden, wo ich froh bin; man muß es ſein im Kreiſe ſo vortrefflicher Menſchen. Der einzige Ort auf Erden, wo er froh ſein kann! murmelte Burgau vor ſich hin. Ach, der Unglückliche! Sie haben Wernher alſo ſehr lieb? fragte er weiter. Wer ſollte ihn nicht lieb haben! Er iſt der beſte, der edelſte aller Menſchen, trotz ſo mancher Vorurtheile, trotz ſeiner Heftigkeit und ſeiner Strenge im Verdammen derer, die ſeinen Grundſätzen wiberſtreben. Ich begreife es, erwiderte der alte Herr. Es iſt ein wunderlicher Heiliger, der von der Welt die Tugenden verlangt, welche er ſelbſt übt. Um ſo mehr ſollte jeder, der ihm nahe ſteht, ſich hüten, ihn zu täuſchen; denn welche Stunde des Schreckens und des Abſcheues müßte es für ihn ſein, wenn Wernher es einmal entdeckte, daß 5 ein W § 73 Als Burgau dieſes ſagte, hatte er unwillkürlich ſeine Hand auf Hermann's Arm gelegt, den er zuſammen⸗ preßte. Sie ſtanden auf einem kleinen, freien Platze, und ein mitleidiges Gefühl ergriff den alten Herrn, als er die Wirkungen ſeiner ſtrafenden Ermahnungen erblickte. Wie vernichtet ſtand dieſer vor ihm, den Kopf nieder⸗ gebeugt, die Arme ſchlaff an dem Körper herabgeſunken. Seine Hand war ſchwer und kalt, wie die Hand eines Todten; ein krampfhaftes Zittern lief darüber hin, wie ein ſchmerzhaftes Nervenzucken. Armer, junger Mann! ſagte Burgau, glauben und vertrauen Sie mir, der ich mit Liebe und Dankbarkeit Ihnen zugethan bin und Verpflichtungen gegen Sie habe, die mich auf immer zu Ihrem Schuldner machen. Welche doppelte und ſeltſame Rolle haben Sie ſich auf⸗ gelegt? Was haben Sie vor, was bewegt Sie dazu? Durch welche Mächte, durch welche Leidenſchaften wur⸗ den Sie in ſolche Bahnen geriſſen, und warum täuſchen Sie die, welche Sie lieben? Heffnen Sie Ihr Herz einem Freunde, vertrauen Sie mir, was Sie quält; ich will zu rathen und zu helfen ſuchen. Während dieſer Zuſprache hatte ſich Hermann auf⸗ gerichtet und blickte den alten Herrn ruhig an. Ich „ 74 verſtehe Sie nicht ganz, Herr von Burgau, ſagte er; doch wie es ſcheint, haben Sie irgend etwas erlebt, bei dem ein mir äußerlich ähnliches Weſen betheiligt ſein muß. Wie! rief der alte Herr erſtaunt und unwillig, Sie wollen läugnen, daß ich Sie vor wenigen Stunden erſt an der Börſe fand? Sie wollen läugnen, daß Sie dort ſich meiner in einer Weiſe annahmen, die zu edel⸗ müthig, zu großmüthig iſt, um ſie Ihnen jetzt und hier zu wiederholen? Ja, gewiß, verſetzte Hermann mit überzeugender Be⸗ ſtimmtheit, ich werde dies läugnen und muß es läugnen; denn nie habe ich Sie geſehen, nie Ihnen einen Dienſt geleiſtet, nie hat mein Fuß die Börſe betreten; was hätte ich dort auch thun ſollen? Jetzt erſt, fuhr er dann fort, während Burgau ihn ſtarr betrachtete, er⸗ kläre ich mir Ihre erſten ſeltſamen Begrüßungen im ⁰ ſt 3 Hauſe des Capitäns. Ich weiß nicht, in welchen Be⸗ k ziehungen zu Ihnen das Weſen ſteht, das mir als Doppelgänger dient; aber wie dieſe auch ſein mögen, ich Y muß Sie dringend bitten, ſich aller Umſtände genau zu erinnern, da ich in der That nicht weiß, was ich Ihnen 3 bekennen ſoll. 3 Sie werden mich aber dennoch nicht täuſchen, ſagte alb ju nel gte —— 05 Burgau hartnäckig. Zwar habe ich Ihnen mein Wort gegeben, unſere Bekanntſchaft zu vergeſſen oder doch auf ewig in meinem Herzen zu begraben, allein ich halte es für Pflicht, meinem Freunde den ganzen Vor⸗ gang nun mitzutheilen, um der Ehre und Wahrheit willen. Ich kann Ihnen nur Recht geben und werde morgen ſelbſt darum bitten, verſetzte Hermann. Unmöglich, unmöglich! ſchrie der alte Herr zornig, ich kann mich nicht irren, denn ich habe Sie zu lange und zu genau betrachtet. Noch in dem Gaſthofe, wo ich Ihnen gegenüber ſaß, als Sie den Faſan zerlegten und das Bruchſtück mit ſo vieler Kunſt herausſchnitten, als Sie den Champagner in hohen Bogen Perlen und Schaum ſchlagen ließen, ſagte ich mir: Dieſer junge Mann kann Alles und verſteht Alles mit der⸗ ſelben Meiſterſchaft, Alles an ihm iſt eigenthümlich, um ihn von jedem Anderen zu unterſcheiden. Faſanen, Champagner? ſagte Hermann lachend. Mein würdiger Herr von Burgau, in welcher frohen und übermüthigen Geſellſchaft ſind Sie denn geweſen? Ich— Champagner! Nun, wenn niemals der Himmel Ihre Augen geſtärkt hat, ſo mag er es in dieſem Augen⸗ blicke vielleicht ſteckt ein Reſtchen des Feſtes doch 5 76 noch in irgend einem Winkel Ihres Kopfes; morgen werden Sie klarer ſehen. Ich bin jetzt ganz beruhigt; hier iſt Ihr Gaſthof— ſchlafen Sie wohl, Herr von Burgau. Haben Sie denn auch keinen Bruder, keinen Zwil⸗ lingsbruder? fragte der alte Herr, halb verlegen, halb zweifelhaft ihn bei der Hand feſthaltend. Weder Bruder noch Schweſter! ſagte Hermann, noch immer lachend, ich bin der Einzige meines Stammes. Ich hoffe auf den lichten Morgen, Herr von Burgau, der meine Aehnlichkeit mit Ihrem unbekannten Freunde wohl merklich zerſtören wird. Sie werden gut ſchlafen, wie ich denke; wollen Sie aber mein einſames, ſtilles Stübchen aufſuchen, ſo bin ich ſo ziemlich in Ihrer Nähe zu finden, dort in jener Straße das dritte Haus im vierten Stockwerk. Sie werden weder Faſanen noch Champagner antreffen, nur Bücher und beſtaubtes Pa⸗ pier, aber einen herzlichen Empfang, und wir werden gemeinſam zu lachen haben. 6 II.* Herr von Burgau wachte am nächſten Morgen etwas ſpät und unmuthig auf. Er hatte noch lange über konn ware zende daten gen higt; bon wil⸗ noch mes. gal, unde afen, tilles hret aus noch 0 rden die Wahrheit, ſo iſt dieſe eben nicht gar fein für mich; 77 über die Erlebniſſe des geſtrigen Tages nachgedacht und konnte ſich noch immer nicht recht darein finden; indeß waren ſeine Ueberzeugungen über die Identität des glän⸗ zenden, reichen Börſenmannes und des armen Candi⸗ daten doch etwas wankend geworden. Er konnte durch⸗ aus keinen Zuſammenhang zwiſchen Beiden finden, und begriff allerdings nicht, wie und warum ſich der Eine in den Anderen verwandeln ſollte; aber die Aehnlichkeit Beider war zu ſeltſam. Ze mehr er im Gedächtniſſe ſie verglich, um ſo gewiſſer ward er ſeiner Sache; und wenn er die Blicke, Worte und verfänglichen Reden des Candidaten bedachte, dann beſtärkte er ſich immer wieder von Neuem darin, daß er ſich nicht irren könnte. Endlich ſchlief er ein, und als er aufſtand, war er mehr mit ſeiner Familienangelegenheit, als mit den Doppelgängern beſchäftigt, deren Erinnerung ihm fatal wurde. Habe ich nicht genug mit meinen eigenen An⸗ gelegenheiten zu thun, ſagte er verdrießlich, daß mir das auch noch paſſiren muß? Es kann ſein, daß ich mich wirklich getäuſcht habe, und dann iſt es nicht im Ge⸗ ringſten erwünſcht, wenn ich heute etwa dem Georg und ſeinem ganzen Hauſe meine Abentener und Schick⸗ ſale auftiſchen ſoll. Lügen mag ich nicht, und ſage ich 78 habe ich aber auch wirklich Recht, und bleibt der Burſche bei ſeinem Läugnen, ſo werde ich herunter capitelt von dem Alten und ausgelacht von den Jungen, wo nicht gar Knechten und Mägden als Beiſpiel aufgeſtellt, wie es alten Schwelgern und Trunkenbolden gehe, gerade ſo wie es einſt die Spartaner mit ihren Heloten machten. Meinetwegen alſo ſei es, wie es ſei, und komme es, wie es komme, ſo thue ich am beſten, mir die Finger nicht zu verbrennen. Ich will mit Klugheit verfahren, um ſo eher, da ich— hier hob er ſein Taſchenbuch auf— *dem jungen Manne jedenfalls tief verpflichtet bin und Verſchwiegenheit gelobt habe. Er kleidete ſich raſch an, denn es war ziemlich ſpät geworden, und er mußte fürchten, den Neffen wiederum zu verfehlen, der über die Schwere des Dienſtes, über das viele Exerciren und die Menge ſeiner Amtspflichten ſich geſtern ſchon beklagt hatte. In größter Eile rannte der alte Herr daher in die endloſen Straßen hinein, fragte rechts und links, um ſich zurecht zu finden, und kam im Schweiße ſeines Angeſichts endlich nach drei Viertelſtunden ſo weit, daß er keuchend die Treppen eines großen Hauſes hinanſtieg, wo Oskar im zweiten Stock⸗ werk wohnen ſollte. Die braun gebeizten Stufen, die Niſchen, in denen Biſ ene 79 Rji Büſten und Statuen ſtanden, die großen Fenſter, von farbigem Glaſe zuſammengeſetzt, welche vom Dache bis zur Erde reichten, vor Allem aber die tiefe Ruhe in dieſem palaſtartigen Hauſe waren für Burgau bemer kenswerthe, aber wohlthuende Zeichen, auf die er ſeine Schlüſſe baute. Er wohnt in einem ſchönen, ſtillen Hauſe, ſagte er, aus welchem aller Lärm verbannt iſt; das deutet auf Ordnung und Sinn für ein geregeltes Leben. Und dennoch doch wer weiß! Schein kann täuſchen, aber der ſolideſte junge Mann kann in Ver legenheiten verwickelt werden, die, wenn einmal die Bahn dazu gebrochen wurde, kein Ende nehmen; denn laßt den Teufel euch bei einem Haare faſſen, ſo hat er euch ganz. Hier hielt der alte Herr athemlos inne, denn er ſtand oben auf der Vorflur, und betrachtete die großen Flügelthüren, deren Meſſing Beſchläge ſie noch ſtattlicher machten. Er ſuchte mit den Augen umher und entdeckte an der Einen eine Karte, welche bei näherer Beſichti gung den Namen ſeines Neffen trug. Richtig bin ich alſo, rief er triumphirend, indem er ziemlich ſtark klopfte; aber es antwortete Niemand. Der arme Junge hat mich abermals vergebens erwartet! murmelte er bedauernd vor ſich hin. „ 80 Unter dem Drucke ſeiner Hand öffnete ſich jedoch die Thür, und Burgau blieb einen Augenblick überraſcht und unſchlüſſig an der Schwelle ſtehen. Dämmerndes Licht fiel durch die herabgelaſſenen Vorhänge auf das große Gemach, deſſen blaue Tapeten den Tagesſchein zurückwarfen, welcher deutlich genug die maleriſche Un⸗ ordnung kenntlich machte, welche aller Orten hier herrſchte. Auf dem Tiſche ſtanden die Reſte eines am Abend hier genoſſenen Mahles, dazwiſchen eine Anzahl leerer Fla⸗ ſchen ſammt ganzen und zerbrochenen Gläſern, halbver⸗ rauchten Cigarren, deren Aſche, umhergeſtreut, zwiſchen, angebrannten Fidibuſſen hervorſah und auf dem wein⸗ naſſen, befleckten Tiſchtuche das feſte Land und die In⸗ ſeln darſtellte. Eine Menge Toiletten⸗Gegenſtände der verſchiedenſten Art lagen auf den Seitentiſchen und dem Schreib⸗Bureau wild durch einander; die Schlüſſel ſtaken, die Kaſten waren halb geöffnet, auf den Stühlen lagen Kleidungsſtücke, über ihnen Sporenſtiefel, und der alte Herr ſchüttelte ſehr bedenklich den Kopf und ſchritt langſam bis in die Mitte des Zimmers, indem er fort⸗ geſetzt ſchweigend dieſes Wirrſal betrachtete. Eben ſo ſchweigend näherte er ſich einer Seitenthir, welche ein wenig geöffnet war, und ſein erſter Blick traf den theuren Neffen, der in tiefem Schlafe mitten 81 in einem großen Bette lag, neben welchem eine unge⸗ heuer lange Pfeife lehnte, deren Bernſteinſpitze noch jetzt einladend über den Lippen des Schlafenden hing. Der ſchöne lockige Kopf des jungen Mannes war vom Mor⸗ genlichte glänzend eingefaßt, ſeine männlich gebräunten Züge trugen den Stempel der Kraft und Geſundheit, und bei allem geheimen Aerger fühlte der Onkel doch ein ſo mächtiges Wohlwollen für den ausſchweifenden Neffen, daß er ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. Er ſetzte ſich auf den Stuhl neben das Bett und mur⸗ melte nach einer langen Betrachtung: Er iſt jung, voll Jugendluſt; wer fragt da nach der Vorſicht und Weis⸗ heit des Alters! Gebaut wie ein Athlet, hat er keine Sorgen, die den Schwächling drücken. Er ſtreckte die Hand aus und ſchüttelte den Schla⸗ fenden, der ſich auf die andere Seite warf, ohne die Augen zu öffnen, und verdrießlich ſagte: Laß mich ſchla⸗ fen, zum Teufel! Das war eine lange, ſchwere Sitzung! Wecke mich in einer Stunde. Dazu habe ich keine Zeit! antwortete Burgau. Steh auf, wenn du von deinem Schwelgen dich er⸗ holen kannſt. Beim Tone dieſer Stimme richtete ſich der junge Officier auf und erkannte den Beſuch. Sie ſind es, Th. Mügge, Romane I. 6 82 Onkel! rief er. S Verzeihung für meine Nach⸗ läſſigkeit! 3ch fürchte, Oskar, ſagte der alte Herr, daß wenn ich verzeihen ſoll, ich ſehr viel zu verzeihen haben werde. Zugeſtanden, theuerſter Onkel, verſetzte der junge Mann lachend; aber dieſes Mal bin ich weniger ſchuldig, als Sie denken. Mein unverhofftes Zuſammentreffen mit Ihnen hatte mich geſtern unbeſchreiblich glücklich gemacht; ein paar Cameraden beſuchten mich, und finden Sie es nicht in der Ordnung, daß wir ein Glas auf Ihr Wohl leerten, wie auf das Wohl einer oder einiger anderen Perſonen? Erzählen Sie mir, wie es Ihnen ging Wie hat man Sie aufgenommen? Was ſagte der alte grimmige Gärtner und meine Angebetete? Iſt ſie nicht ſchön wie ein Engel, Onkel, iſt ſie nicht ein himmliſches n Heute begleite ich Sie, Sie müſſen mich allen Hinderniſſen. O, Sie wiſſen nicht, wie ich nach dieſem Augenblick ſchmachte, und ſeit Wochen ohne Ruhe und Lebensluſt bin! Nun, ſagte der alte Herr, ironiſch umherblickend, ich habe die Beweiſe vor mir und denke in keinem Falle die Zahl deiner Thorheiten zu vermehren. Ueberhaupt muß ich Dir erklären, daß dein Leben mir Kummer 83 macht. Du haſt mir Briefe geſchrieben, die mich das Aergſte befürchten ließen. Du haſt Schulden gemacht, die du Ehrenſchulden nennſt; du haſt dir Verweiſe zu⸗ gezogen und ſogar merken laſſen, daß, wenn deine Fehler nicht ſchnell gut gemacht werden könnten, du den Ab⸗ ſchied nehmen müßteſt. In ſchwerer Sorge und Angſt um dich bin ich nun ſelbſt gekommen; doch ſtatt einen Reuigen zu finden, ſehe ich den alten Leichtſinn, und welche Schlüſſe ſoll ich daraus ziehen? In dieſer Weiſe fuhr der alte Herr fort, dem Neffen eine lange ſcharfe Strafpredigt zu halten, welche dieſer mit Faſſung anhörte, bis der Oheim ſich müde ge⸗ ſprochen hatte. Dann begannen ſeine Entſchuldigungen, die er ſo gewandt wie möglich vortrug, häufig ſich felhſt anklagte und ſeine Bekenntniſſe mit moraliſchen Be⸗ b wohl wiſſe, wo und wie er gefehlt habe. Vieles legte er auch den Verhältniſſen, in denen er lebte, und dem Zufalle zur Laſt. Sein Stand forderte von ihm manche Ausgaben und brachte koſtſpielige Gewohnheiten mit; er war umringt von reichen jungen Leuten, die noch weit mehr Schulden machten als er, und konnte ſich manchen ſogar als ein Muſter von Einſchränkungen und Mäßi⸗ gungen darſtellen. Glauben Sie, theurer Onkel, ſagte trachtungen würzte, welche erkennen ließen, daß er ſehr 84 er, daß ich den Kummer empfinde, den ich Ihnen ver⸗ urſache; ich ſehe und erkenne Alles, aber Einiges ver⸗ mag ich nicht zu ändern, und zu Anderem fehlt mir die Weisheit. Ich muß, wie man zu ſagen pflegt, mit den Wölfen heulen; man würde mich ſonſt verſpotten, mich zurückſetzen, würde mir ſagen, daß wenn ich die Mittel nicht hätte, um theure Pferde zu halten oder Feſte feiern zu helfen, ich beſſer thãte, in irgend einem dunklen Grenz⸗ ſtädtchen bei einem Linien⸗Regimente meinen Platz zu ſuchen. Das kann ich nicht und will ich nicht, aber denken Sie nicht böſe von mir. Ich bin kein Verſchwen⸗ der, kein Wüſtling, bin Ihrer Liebe und Sorge nicht unwürdig, und hoffe es Ihnen zu beweiſen. Der Oheim war halb erweicht; denn dieſe Betheu⸗ rungen wurden mit Energie ausgeſprochen, und die Er⸗ mahnungen des alten Herrn riefen neue löbliche Grund⸗ ſätze hervor. Als Oskar jedoch wieder auf Wernher und deſſen Familie zurück kam, erklärte ihm Burgau beſtimmt, daß er ihn dort nicht einführen würde, obwohl der Ca⸗ pitän es erlaubt habe. Wenn dieſes wirklich Ihr Ernſt ſein ſollte, Onkel, rief der junge Offizier, ſo würde ich mich eindrängen, ſelbſt gegen Ihren Willen. Und was willſt du da, unbeſonnener, junger Menſch? und 85 fragte Burgau, der innerlich erfreut von dieſer Heftigkeit war. Der Capitän iſt ohne Vermögen, und ſeine Tochter, ſelbſt wenn du den thörichten Gedanken hegen ſollteſt, um ihre Gunſt dich zu bewerben, liebt einen An⸗ deren. Ich fürchte Ihre Abſchreckungs⸗Theorie durchaus nicht, entgegnete Oskar lächelnd. Wenn aber Alles ſo iſt wie Sie ſagen— laſſen Sie mich mit eigenen Augen ſehen, was ich zu hoffen oder zu fürchten habe. Ich will deine Thorheiten nicht unterſtützen! rief der alte Herr. Dieſes Mädchen, ſo lieb ich ſie habe, ſo gut und ſchön ſie iſt, kann niemals dir angehören. Wiſſen Sie das ſo gewiß, fragte Oskar, daß Sie wie das Schickſal vor mich hintreten können, um über mein Heil oder Unheil zu entſcheiden? Halten Sie mich nicht für ſo verblendet von einer augenblicklichen Nei⸗ gung, daß ich mich nicht gefragt hätte, was möglich oder unmöglich ſei. Ich habe auch überlegt, weiß viel⸗ leicht Einiges, was Sie nicht wiſſen, kenne die Schwie⸗ rigkeiten, welche ſich meinen Wünſchen entgegen ſtellen, aber bin auch Mann genug, um mich nicht abſchrecken zu laſſen. Ich will ſelbſt ſehen und hören, und Sie müſſen mir dieſes geſtatten; denn was ſoll Ihr Freund glauben, wenn Sie mir verwehren, mich ihm vorzu⸗ 86 ſtellen? Welche Begriffe von Ihrem Neffen, ſeinem Leben und ſeiner Ehre ſoll er ſich machen? Der junge Mann hatte den rechten Ton und den rechten Punkt getroffen. Burgau ſann einen Augenblick nach, dann ſagte er: Darin kann ich dir nicht Unrecht geben, und obwohl es mir noch immer ſcheint, es wäre beſſer, du bliebeſt fort, ſo kann ich doch nicht länger widerſtehen. Komm alſo um zwölf Uhr zu mir, wenn es dir behagt, der Gaſt des Capitäns bei einem ein⸗ fachen Mittagsmahle zu ſein; oder komm ſpäter nach, ich werde dich ihm ankündigen. Ich werde Sie begleiten, erwiderte Oskar, und Theilnehmer aller Genüſſe ſein, die unſer warten. Er überhäufte den gefälligen Oheim mit Dankſagungen und Betheurungen, bis dieſer endlich ſein Taſchenbuch her⸗ vorzog, um ſeinen Beſuch auf belohnende Weiſe zu ſchließen. Hier iſt das Geld, das du nöthig haſt, ſagte er, indem er mit zitternder Hand die vier Bankſcheine her⸗ vorzog und langſam auf das Bett legte. Wenn du wüßteſt, Oskar, was es mir koſtet, dir es gehen zu können! Grundſätze, Gewiſſen, die ſtrenge Ehrenhaftig⸗ keit meines ganzen Lebens ſind dabei in Conflict ge⸗— rathen, und nie während meines Daſeins auf Erden m 87 habe ich mich ſo tief gedemüthigt gefühlt, als in dem Augenblicke, wo ich dieſe Scheine einſteckte, um dir zu helfen. Die tiefe Betrübniß des alten Herrn und der Aus⸗ druck des Grames in ſeinem faltigen, geſenkten Geſichte machten einen lebhaften Eindruck auf den ſanguiniſchen jungen Mann. Er ſchlang beide Arme um ſeinen Oheim und rief mit heftiger Empfindung: Ach, Onkel, ich bin nicht werth, daß Sie ſo viel leiden! Wenn es wahr iſt, daß Ehre und Gewiſſen dabei zu Schaden kommt, ſo nehmen Sie das Geld zurück, ich will es nicht, ich werde mir anders zu helfen ſuchen. Geben Sie es dem ſchändlichen Wucherer wieder, von dem Sie es unter ſchweren Opfern borgten; es brennt mir auf der Seele, ich kann es nicht nehmen. Du täuſcheſt dich, entgegnete der alte Herr. Das Opfer iſt gebracht und kann nicht wieder zurück ge⸗ nommen werden; auch iſt es von anderer Art, als du denkſt. Nimm das Geld, mein Kind, tilge deine Ver⸗ pflichtungen, aber verſprich mir feierlich, bei der Aſche deiner Mutter, die dich über Alles liebte, bei meiner Liebe und meiner Sorge um dich, einem beſſeren Genius zu folgen. Ich will, Onkel! antwortete der junge Mann ge⸗ 88 rührt. Nicht vergebens ſollen Sie mir meine arme Mutter ins Gedächtniß gerufen haben; ich will Ihnen folgen, theurer Onkel, und habe Energie genug, auch zu können, was ich will. Nach einer halben Stunde war der alte Herr über⸗ zeugt, daß dieſem feurigen jungen Menſchen nur eine leitende Freundeshand fehlte, um ihn in edlen Gedanken ſtark zu machen, und heimlich ſann er darüber nach, ob nicht Wernher's Bekanntſchaft und der Eintritt in dieſe Familie, wie es auch ſonſt kommen möchte, doch von Wirkung für ſeinen verwöhnten und irrenden Neffen ſein müßte. Endlich verließ er ihn, nachdem ſie ihre Verab⸗ redungen erneut hatten; doch draußen auf der Straße ſetzte er die Betrachtungen fort, welche ihn beſchäftigten. Oskar iſt von Grund aus gut und jeder edlen Regung zugänglich, ſagte er. In Wernher's Haus findet er die ſtrenge und einfache Tugend guter Menſchen, und leicht wird er den Kern von der Schale unterſcheiden. Er wird dadurch gebeſſert und geläutert werden; ſelbſt wenn Schmerz über ihn kommt, ein großer Lebensſchmerz, wenn einſieht, daß ſeine flüchtige Neigung zu Sophien der tiefen, edlen Liebe, welche ihm entgegen ſtrebt, weichen muß, wird es ihn beſſern und erheben. Hermann wird nn erz, ien hen 89 M werden, und welchen Einfluß kann dieſer ernſte Mann über ihn gewinnen! Ich will mit ihm ſprechen, ſagte er lebhaft, und will ihn bitten. In dieſem Augenblicke blieb der alte Herr plötzlich, wie vor Schreck erſtarrt, ſtehen uud ſah gerade vor ſich hin einem Wagen nach, der ſchnell an ihm vorüber rollte⸗ Zwei edle Pferde zogen einen eleganten Phaeton, den ein betreßter Kutſcher lenkte; auf den ſeidenen Polſtern aber lag, zurück gelehnt, ein junger, ſchwarz gekleideter Herr, und auf den erſten Blick erkannte Burgau in dieſem ſeinen Freund von der Börſe. Er ſtreckte die Hand aus, um an den Hut zu greifen, und es kam ihm vor, als ſähe er das leiſe lächelnde Zucken ſeiner blaſſen Lippen; doch im nächſten Augenblicke rollte der Wagen vor ihm hin, und wie lange er auch nachſah, der Herr blickte nicht zurück. Das war er! rief Burgau ſo laut, daß die Vor⸗ übergehenden ihn lachend anſtaunten; es war Hermann — Hermann Selbitz oder Hermann der Speculant— es iſt daſſelbe— bei Gott! Da iſt kein Zug, der anders wäre. Es iſt doch Tag: das iſt meine Hand, das ſind meine Augen, ich kann mich nicht änger täuſchen.— Er ging einige raſche Schritte, dann ſtand er ſtill. Wo wollte er wohnen, wo war es? fragte er 90 — ſich. Es war nicht weit von mir, ich kenne die Straße, das dritte Haus im vierten Stockwerke. Es iſt eine Lüge der frechſten Art! Er im vierten Stockwerke, er in einer Dachſtube! dieſer duftende Menſch, der ſich von engliſchen Rennern in ſeidenen Wagen ziehen läßt! Jetzt ſoll er mir nicht entkommen! Mit der größten Haſt trat er den Rückweg an und ſtand in kurzer Zeit vor dem bezeichneten Hauſe, deſſen Stockwerke er lächelnd mit den Augen maß. Es ſind wirklich vier, ſagte er, und die oberſten Dachſtuben ſcheinen mir ärmlich genug zu ſein.— Vorſichtig ſtieg er die Treppen hinauf, welche ſteil und gewunden auf⸗ wärts führten.— Ein paar trübe, kleine Fenſter ſtreuten ihr ſpärliches Licht über die ausgetretenen Stufen und führten in einen kleinen Hof, von hohen Mauern um⸗ geben, deren Feuchtigkeit von keinem Sonnenſtrahle ge⸗ trocknet wurde. Lieber Himmel, murmelte der alte Herr ſeufzend, welch ein Gefängniß iſt dieſes ſchwarze, wurmſtichige Haus, und wie viel Sorge muß darin wohnen!— Als er drei Treppen zurück gelegt hatte, wußte er nicht recht mehr, ob er am Ziele ſei. Er ging hin und her und faßte an eine Thür, an welcher ein kleines Schild deſſen Schrift er nicht erkennen konnte. —, aße, eine er von etzt end, hige Abs necht ind ebte, — 91 Nach einigem Warten hörte er einen Riegel zurück ſchieben, und plötzlich ſteckte eine alte Frau ihren Kopf durch die Thürſpalte und fragte, wer da ſei. Ich ſuche die Wohnung eines gewiſſen Candidaten Selbitz, ſagte Burgau. Noch eine Treppe höher, ſetzte die Frau. Er wohnt alſo wirklich hier? Iſt er zu H Sehr wahrſcheinlich, er die Thür gerade zu, ver⸗ auſe? geht ſelten bei Tage aus. So bin ich doch neugierig, wer dieſer Selbitz iſt, dachte Burgau bei ſich, indem er die ſteile Treppe hin⸗ aufſtieg. Oben fiel das Licht hell durch ein Dachfenſter, und er ſah ein Papier mit der großen Aufſchrift: Her⸗ mann Selbitz, an der Thür kleben. Einen Augenblick blieb er horchend ſtehen— Alles war ſtill,— dann klopfte er entſchloſſen an. Herein! rief eine tiefe Stimme, und ein unwillkür⸗ licher Schauder lief über den Rücken des alten Herrn. Mit einem krampfhaften Drucke riß er die Thür auf, und von dem hohen Schreibpulte, halb vergraben unter Folianten und aufgethürmten Büchern, hob ſich ein Kopf empor, der ſich ihm zuwandte und freundlich entgegen lächelte. Es war der Börſenmann, Zug um Zug. Der alte Herr war keines Wortes mächtig. — ℳ 1 92 Verzeihen Sie, Herr von Burgau, ſagte Hermann, ihm entgegen gehend, wenn ich Sie im Hausgewande empfange und mitten in die Unordnung eines Lebens führte, das zum guten Theile hinter Büchern und Papier verbracht wird. Verzeihen Sie ſelbſt, entgegnete der alte Herr ver⸗ wirrt, wenn ich Sie in Ihren Arbeiten ſtöre. Mir iſt es wahrlich lieb, wenn ich dann und wann herausgeriſſen werde, antwortete der Gelehrte, indem er eine Anzahl Folianten von dem kleinen Sopha warf und Platz machte. Setzen Sie ſich hier, Herr von Burgau, es iſt der einzige Ort, den ich Ihnen anbieten kann.„ Darf ich fragen, was Sie ſo anhaltend beſchäftigt? fragte Burgau. Sprach⸗ und Geſchichtsſtudien der ſublimſten Art, entgegnete Hermann. Ich bin ſeit Jahren mit einer Vorgeſchichte der Deutſchen und der Aufſuchung ihrer urſprünglichen indiſchen Heimat beſchäftigt und denke, ihre urſitze durch Vergleichungen der Wurzelwörter mit dem Perſiſchen, Griechiſchen, dem Sanskrit und der Kaiſachi⸗ und Wisma⸗Sprache zu beweiſen. Damit beſchäftigen Sie ſich?! rief der alte Herr im höchſten Erſtaunen; und er hörte mit ſtarren Blicken nann, vande bens apier ver⸗ wann m er wurf on bieten 93 den gelehrten Mittheilungen zu, welche Hermann ihm geläufig vortrug, der endlich ſagte: Es iſt ein mühe⸗ volles, ſchwieriges Studium, in welches ich heute, wie alle Tage, ſeit dem erſten Lichtſchein mich verſenkte; Sie dürfen mir daher um ſo eher glauben, daß ich mich herzlich freue, Sie bei mir zu ſehen. Wie können Sie aber ſolche Anſtrengungen und Ent⸗ behrungen ertragen? fuhr Burgau fort. Dieſes enge, dunſtige Stübchen, dieſer Bücherhaufe und die endloſen wunderbaren Charaktere auf ſo vielen vergilbten Blättern würden mich toll machen. Zudem— er warf einen langen Blick rund über die grauen Wände und über das ſchlechte Bett im tiefſten Winkel— zudem, ſagte er mitleidig und kopfſchüttelnd, ſcheinen Sie in keiner Weiſe ſich das Leben zu erheitern. Nicht durch Faſanen und Champagner, lieber Herr von Burgau, entgegnete Hermann lachend, während der alte Herr erröthete, davon weiß ich allerdings nichts; aber dennoch beſitze ich viele Lebensfreuden und glückliche Stunden, welche andere Sterbliche nicht kennen. Mit andächtiger Bewunderung hörte Burgau ihm zu, und wie er das große, dunkle Auge des jungen Mannes in edlem Feuer glänzen ſah, drang ein Strahl der Verehrung vor dieſer entſagenden Größe in ſeine Bruſt. Er ſtreckte die Hand nach ihm aus und drückte die ſeinige theilnehmend, indem er in der Tiefe ſeines Herzens ihm allen ungerechten Verdacht abbat. Ich fühle mit Ihnen, was Sie erhebt, ſagte er, und doch ergreift mich ein Kummer um Ihr blaſſes Geſicht und um dieſes ſtille, anſcheinend ſo thatenloſe und hinbrütende Leben. O, trauern Sie nicht darum! verſetzte Hermann. Im großen Weltgetriebe muß es auch blaſſe und farb⸗ loſe Lippen geben, und wenigſtens ſind die meinen weder von Krankheit noch von Elend ſo geworden, wie ſie ſind. Irren Sie ſich nicht in mir, fuhr er mit Blicken fort, deren ſonderbare Gewalt und ironiſcher Ausdruck Burgau in neues Erſtaunen ſetzte, ich bin ein wunderlich organi⸗ ſirtes Weſen. Ich kann dieſe fahle Schlangenhaut ab⸗ thun, um ſchnell in eine neue, bunte und glänzende zu ſchlüpfen, worin Sie mich kaum wieder erkennen würden. Wenn ich dieſen Rock ausziehe, dieſe Feder von mir werfe, denke ich nicht mehr an dieſe Bücher und ihren Staub. Glücklich, ihnen entronnen zu ſein, eile ich zu Wernher, bis ich wieder hierher zurück kehre und mit neuer Luſt zu meinen alten Büchern greife. Aber zu welchem Zwecke greifen Sie dazu? fiel Burgau ein, welche Abſichten haben Sie für Ihre Zukunft? ſchen thut, eben mn verda undt Gute Man Her ſon ſirti den es Erh Bi ſort Red Abſichten?! fragte Hermann. Daß doch die Men⸗ ſchen ſtets nach Abſichten fragen, bei allem, was einer thut, als könne man nicht einer Sache ſelbſt wegen, eben weil man nicht anders kann, ſie ausführen! Ließe man den menſchlichen Geiſt ſich frei entwickeln, hemmte, verdammte und unterdrückte man nicht, was man als bös und verderblich verſchreit, während man das ſo genannte Gute erhebt und preiſtt, ſo würde es anders mit der Menſchheit ſtehen. Das iſt eine ſonderbare Philoſophie, ſagte der alte Herr. Und doch die einzige ſtichhaltige, verſetzte Hermann. Fragen Sie unſere Weiſen, was ſie bis jetzt heraus geklügelt haben. Aber wenn ich Sie recht verſtehe, entgegnete Burgau, ſo nehmen Sie an, daß Gutes wie Böſes der Recht⸗ fertigung nicht bedürfe, Niemand auch das Recht habe, den Guten zu loben oder den Böſen zu ſtrafen. So iſt es, ſagte Hermann, oder vielmehr ſo ſollte es ſein; und wäre es ſo, führte Liebe und göttliches Erbarmen das Regiment auf Erden, ſo würde das Böſe von ſelbſt verſchwinden. Statt deſſen, fuhr er fort, indem er Burgau bedeutſam anblickte, bevormundet Jeder die menſchliche Freiheit, richtet über Bös und 96 Gut nach ſeinem Maßſtabe und verwirft die, welche nicht da hinein paſſen. Herr Selbitz, ſagte der alte Herr unruhig und ver⸗ legen, ich weiß nicht... aber ich muß glauben, daß die Anwendung Ihrer Worte auf mich Bezug haben ſoll. Ganz ohne Zweifel ſoll ſie das, antwortete Her⸗ mann lachend; denn haben Sie mir nicht ſelbſt bekannt, daß mein Doppelgänger Ihnen wohlgethan hat? und dennoch waren Sie voll Eifer, ihn oder vielmehr mich anzuklagen und zur Rechenſchaft zu ziehen! Iſt es ſo gemeint, ſo muß ich allerdings um Ver⸗ gebung bitten! Sie ſind alſo von Ihrem Irrthume zurück ge⸗ kommen? Ich muß wohl, denn es iſt unmöglich, daß Sie und er Ein Weſen ſein können. Aber Sie ſollen uns Ihr Abenteuer heute mittheilen, ich bin ſehr begierig darauf. Ich werde es nicht thun, ſagte Burgau verlegen; dringen Sie nicht in mich, ich kann es um ſo weniger, da auch mein Neffe ein Zuhörer ſein würde, was ich zu vermeiden wünſche. Die Erwähnung ſeines Neffen gab dem alten Herrn ich I in ſie nicht ver⸗ daß aben Her⸗ mnt, und mich Ver⸗ und ilen, genj iger, P ern 97 Gelegenheit, Hermann im Voraus mit ſeinen Wünſchen bekannt zu machen. Er ſchilderte Oskar als einen fähi⸗ gen, ſtrebſamen Kopf, der freilich manche Eigenſchaften beſäße, welche nicht zu dem ernſten, ſtrengen Sinne Hermann's paſſen möchten, aber wohl eines Freundes Hand werth wäre, die ihn bei guten Vorſätzen unter⸗ ſtützte, wozu er mit herzlicher Bitte den jungen Gelehrten aufforderte. Dieſer hörte aufmerkſam zu und entgegnete dann lächelnd: Freundſchaft, Herr von Burgau, läßt ſich we⸗ der erbitten noch erzwingen; ſie iſt eine ſo zarte Blume, wie die Liebe, die nur in verwandten Herzen aufblühen kann. Ich werde Ihren Neffen kennen lernen, und wenn das ſympathetiſche Gefühl in uns iſt, das zwei Menſchen einander näher führt, werden Ihre Wünſche erfüllt werden. Ich bin damit zufrieden, ſagte der alte Herr; aber ich muß Ihnen etwas vertrauen, was eben ſo wohl Ihre Theilnahme erregen, wie Ihre Unruhe erwecken kann. Oskar hat Wernher's Tochter geſehen; er findet ſie ſchön und liebenswerth. Ich ſtimme ihm durchaus bei. Aber, fuhr Burgau fort, werden Sie dieſes immer ſo ruhig ſagen, wenn mein Neffe Sophien zu gefallen ſtrebt? Th. Mügge, Romane II. 5 98 Eine leichte Röthe überzog Hermann's Geſicht. Sie ſcheinen mir einen Nebenbuhler ankündigen und mich be⸗ ruhigen zu wollen, ſagte er, aber ich bedarf deſſen nicht. Sie haben recht geſehen, Herr von Burgau, wenn Sie meinen Herzensantheil an Sophien entdeckt haben. Doch nie iſt zwiſchen uns beiden ein Wort darüber geſprochen worden. Sophie iſt frei, nichts bindet ſie. Iſt ihre Liebe die rechte, glaubt ſie an mich, wie ich an ſie glaube, ſo mag ihr nahen wer da will, ich habe nichts zu beſorgen; giebt ſie jedoch einem Anderen den Vorzug, ſo habe ich mich nicht zu beklagen oder irgend einen Anſpruch zu machen; auf keinen Fall aber würde ich deshalb mit eiferfüchtigem Haſſe einem Nebenbuhler zürnen, der werth iſt, mein Freund zu ſein. Ich würde ihm, ſagte er mit tiefer, trauriger Stimme, nur mehr Glück wünſchen, als mir zu Theil wurde. Nun, Gott ſei Dank! ſo bin ich ganz beruhigt, rief Burgau, Hermann beide Hände drückend. Trefflicher junger Mann, Sie haben das edelſte, reinſte Herz und nichts zu fürchten; aber es war mir peinlich, Ihnen jemanden empfehlen zu wollen, der, an meiner Hand eingefüthrt in jene Familie, Ihnen leicht Unmuth und Kummer verurſachen könnte. Laſſen Sie jetzt Ihre Ar⸗ beiten ruhen und begleiten Sie mich, fuhr er fort. Die 99 Mittagsſtunde iſt da, mein Neffe erwartet mich ſicher ſchon mit Sehnſucht, denn er iſt ganz erfüllt von dem Verlangen, die neuen Bekanntſchaften zu machen. Hermann lehnte dieſe Aufforderung ab. Ich will meinem unbekannten Nebenbuhler den Vorrang laſſen, ſagte er lächelnd, da ich bisher ſo viel vor ihm voraus hatte. Meine Arbeiten hindern mich, Sie zu begleiten; ich komme jedoch ſobald es mir möglich iſt. Als keine Widerſprüche halfen, empfahl ſich Burgau und kletterte vorſichtig die ſteilen Treppen hinunter, in⸗ dem er bei jeder Stufe den armen guten Hermann be⸗ dauerte, welcher in ſolcher Spelunke wohnen müſſe. Er verglich dieſes traurige Haus mit der ſchönen bequemen Wohnung ſeines Neffen, verglich die beiden jungen Männer überhaupt und ſagte dann vor ſich hin: Jeder iſt in ſeiner Weiſe bemerkenswerth; wenn ich aber ein Mädchen wäre, ſo nähme ich doch lieber den friſchen, wilden, kräftigen Oskar— und allzu ſicher darf der blaſſe Gelehrte da oben im Dachſtübchen doch nicht ſein, daß er nicht ausge⸗ ſtoßen wird von zwei rothen Lippen und einem blonden Schnurrbart. Ein Soldat iſt ein verführeriſches Weſen, welchem ſelbſt die kleine Gärtnerin ſo leicht nicht wider⸗ ſtehen wird. 73 100 IW. An der Thür ſeines Gaſthofes fand Burgau ſeinen Neffen ſchon auf⸗ und abgehend, und er war wirklich ein ſchöner junger Mann, der einem Nebenbuhler ge⸗ rechte Beſorgniß erregen konnte. Ohne Aufenthalt drängte er den Oheim in einen wartenden Wagen, und Beide fuhren den langen Weg zum Thore hinaus, unter Ge⸗ ſprächen, in welchen Burgau ſich bemühte, dem jungen Offiziere Verhaltungs⸗ und Klugheitsregeln zu ertheilen. Endlich, nachdem ſie die öde Straße durchwandelt hatten, wo jetzt das helle Sonnenlicht die kleinen ſchief⸗ hangenden Häuſer beſchien und alle ihre Mängel deutlich machte, während es den letzten Reſt nächtlicher Romantik davon abſtreifte, ſtanden ſie an dem Gartenthore des Capitäns und ließen die Hausglocke ſchallen. Dieſes Mal ſprang eine jugendliche Geſtalt durch die Fichten⸗ und Lerchenbäume, welche die Thür raſch öffnete und mit beiden gehobenen Armen Burgau um den Hals fallen wollte; nur waren ſie an den Unrechten gekommen, denn Oskar war der Nächſte, und ihre Hände ſanken von ſeiner Bruſt zurück, während ſie ein wenig beſtürzt, aber doch mit der Luſt, ihren Irrthum fröhlich zu belachen, vor Beiden ſtehen blieb. ſich wor bezi fre Au ſch nu da de u i fl 101 Da biſt du endlich, rief ſie Burgau zu, indem ſie ſich zu dem Greiſe wandte, wir haben dich längſt er⸗ wartet. Und dieſer iſt dein Neffe, deſſen Bekanntſchaft du uns verſprochen haſt? Mein Neffe, der die Zeit kaum erwarten konnte, ſo begierig war er, auch dich kennen zu lernen. Seien Sie uns willkommen, ſagte Sophie, und freundlich reichte ſie ihm die Hand, indem ihre ſtrahlenden Augen mit ſichtlichem Wohlgefallen den Offizier auf⸗ merkſam muſterten. Sie heißen Oskar, das iſt ein ſchöner Name, und wie ähnlich ſehen Sie dem Onkel! nur ſind Sie jung und ſchön, aber es ſind dieſelben Züge. O, wie wird mein Vater ſich freuen, wenn er das ſieht! Er hat mir oft geſagt: Burgau war einev der ſchönſten, kräftigſten Männer, die man ſehen konnte. Sie lief den Gang hinauf, den Namen ihres Vaters rufend; Burgau und Oskar folgten langſamer nach; aber ein ſolcher Empfang mußte natürlich das Blut des jungen Mannes heftiger erregen und ſeine Einbildungskraft be⸗ flügeln. Indem ſie zwiſchen den Bäumen hervortraten, kam ihnen der Capitän ſchon entgegen. Die hohe Geſtalt des Hausherrn, ſein mächtiger Körper, mit einem grünen Gartenrocke bekleidet, das ſtolze Geſicht von einem breiten 102 Strohhute beſchattet, unter welchem die dichten grauen Locken hervorquollen, machte einen eigenthümlichen Ein⸗ druck auf den jungen Herrn. Er würde Ehrfurcht da⸗ vor empfunden haben, wenn der Capitän nicht am Arme einen großen Gartenkorb getragen hätte, der bis obenan mit Blumentöpfen gefüllt war und welchen er auch nicht von ſich that, während er Burgau begrüßte und beide Gäſte willkommen hieß. Er ſchüttelte mit ſeiner großen, von der Erde, mit der er gewirthſchaftet, ſchwarz ge⸗ färbten Hand die weißbehandſchuhten Finger des Offiziers unmanierlich derb, betrachtete ihn ernſthaft, bis dieſer Ernſt ſich in zutrauliche Herzlichkeit verſchmolz, und ſagte mit ſeiner markigen Stimme: Das iſt ein Burgau, Sophie hat Recht, es iſt dein verjüngtes Ebenbild, Dietrich. Geht hinein, ihr lieben Freunde! Sophie, führe unſere Gäſte; an Geplauder wirſt du es nicht fehlen laſſe. Ich komme ſogleich, laßt mich nur erſt meine Blumen in den Vorrathsraum bringen. Sophie nahm Oskar's Hand und ſagte: 26 will Sie führen; der Onkel kann nachfolgen, er weiß hier Beſcheid. Sehen Sie, dieſes iſt unſer Blumenſaal, unſere Schule und unſer Verkaufs⸗ und Handelsgewölbe; dort aber wohnen wir, und der gedeckte Tiſch erwartet uns ſeit einer halben Stunde. dieſt Her grol Gil kein jie, cht rſt 103 Sie führte ihren Gaſt in das Nebenzimmer, und dieſer warf einen lächelnden Blick auf die Vorzeichen der Herrlichkeiten, welche ihn erwarteten. Die Teller von grobem Steingut, die Löffel von Zinn, die Meſſer und Gabeln in Hornſchalen ließen geringe Hoffnungen auf⸗ keimen; dennoch weckten ſie ein genugthuendes, einladendes Gefühl, denn Alles ſah ſo reinlich und ſauber aus, und das ganze Gemach mit ſeiner Holztäfelei und ſeinen grünen Weinvorhängen, durch welche die Sonne goldig herein glänzte, ſchien zur Ruhe und zum Wohlſein auf⸗ zufordern. Der junge Offizier konnte ſich nicht enthalten, ſeine Gedanken zu äußern. Sie wohnen da in einem alten, trefflichen Hauſe, ſagte er. Es iſt behaglich und heimiſch, ſo klöſterlich ſtill, und ſo voll ſinnender Einſamkeit, daß man in ein Heiligthum der ſchönen Blumengöttin zu treten glaubt. Er warf dabei einen feurigen Blick auf Sophien, die ihn freundlich betrachtete. Dieſes Haus, ſagte ſie, hat urſprünglich einem reichen Herrn gehört, dem das Land umher eigen war und welcher ſich mit Pracht und Genüſſen umringte. Jetzt hat es beſcheidene Inſaſſen, aber das alte Kleid iſt ihm geblieben. Keine Feſte werden mehr hier gefeiert, keine Damen und Herren in 104 ſeidenen Gewändern durchrauſchen mehr dieſe ſtillen Ge⸗ mächer; ich ſehe noch zuweilen in meinen Träumen die ſteifen, ernſthaften, bepuderten Geſtalten des vorigen Jahrhunderts kopfſchüttelnd an meinem Bette ſtehen, und ihre goldenen Fächer wehen kalt über mein Geſicht. Zu⸗ weilen kommt es mir vor, als winkten ſie mir, aber ich möchte um keinen Preis mich zu ihnen geſellen. Sie verachten alſo die Herrlichkeiten der Welt, ſagte Hskar. Ich verachte ſie nicht, das wäre unrecht; doch ich kenne ſie nicht und fühle keine Sehnſucht nach ihnen. Ich bin ſo glücklich und froh, daß ich nichts zu wünſchen habe. Der alte Herr ſtörte dieſes Geſpräch nicht. Er ging auf und ab, während die jungen Leute redeten, und beobachtete ſeinen Neffen, der ſich an den Plaudereien und Fragen Sophiens ergötzte und, ohne Zwang darauf eingehend, in einer Viertelſtunde ſo vertraut mit ihr war, wie kaum in Monaten mit einer jungen Dame, die in den Geſellſchaftsformen geſchult wurde. Er hatte ſich vorbereitet und den ganzen Morgen ſein Benehmen ſtudirt; aber Alles wurde von dieſer einfachen Natür⸗ lichkeit über den Haufen geworfen, deren Harmloſigkeit ihn überwältigte und fortriß. gte ich en. hen 105 Endlich kam der Capitän und brachte Gläſer und Flaſchen mit zur Ehre ſeiner Gäſte. Seit Jahren, ſagte er, iſt kein Wein auf meinem Tiſche geweſen, denn unſere Regel iſt Genügſamkeit und Entbehrung deſſen, was Ueberfluß ſcheint; aber wir wiſſen auch Ausnahmen zu machen an Tagen großer Freude. So ſollte man faſt meinen, du hätteſt wenige freudige Tage erlebt, erwiderte Burgau. Im Gegentheile! antwortete Wernher, jeder Tag brachte mir dieſelbe Luſt und Freudigkeit, ſo daß ich keine Ausnahmen fand. Unſer Waſſer iſt vortrefflich klar und kalt, Hermann und Sophie trinken kein anderes Getränk, und ich wie meine ganze Hausgenoſſenſchaft, wir verlangen nichts Weiteres. Wir bilden einen echten Mäßigkeits⸗Verein aus freiem Willen und Ueberzeugung, ohne jedoch irgend einen Eid zu leiſten; denn du ſollſt ſehen, daß uns auch Wein vortrefflich ſchmecken wird. Dem alten Herrn fiel bei Hermann's Erwähnung ein, daß dieſer noch immer fehle, und er theilte ſeinem Freunde mit, daß er ihn beſucht und ihn vergebens zur Begleitung aufgefordert habe. Er wird wahrſcheinlich nicht kommen, ſagte Wernher; denn alles Fremde iſt ihm ſtörend. Selten iſt er zu 106 bewegen, einen halben Tag müßig auszuhalten und ihn den geſellſchaftlichen Freuden zu widmen. Er iſt alſo menſchenſcheu, wie ein echter Gelehrter! lachte der junge Offizier. Es ſollte mir leid thun, ſeine Bekanntſchaft nicht zu machen, auf welche mein Onkel mich ſo begierig gemacht hat. Hermann, entgegnete der Capitän, ihn ſcharf an⸗ blickend, iſt ein Schatz für den, dem er Freund ſein will. Ich habe nie einen wahrhafteren Menſchen kennen gelernt. Seine Kenntniſſe ſind groß, ſeine Bildung voll⸗ kommen; aber weit höher noch ſteht mir ſein reines Ge⸗ müth, das Zeden zwingt, ihn eben ſo ſehr zu lieben, wie man ſeinen Verſtand achten muß. Dieſe Lobrede, welche einen geheimen Neid bei dem erweckte, an den ſie gerichtet war, wurde durch die Aeußerungen des alten Herrn vermehrt, der ſeine Be⸗ wunderung für Hermann nicht zurückhielt. Oskar hörte es gedankenvoll an; es war ihm lieb, daß Sophie ſich nicht im Zimmer befand, denn ohne“ Zweifel hätte auch ſie den Urtheilen beigeſtimmt und ſeine eiferſüchtigen Empfindungen erhöht. Wie es ſcheint, ſagte er zu ſich ſelbſt, ſind ſie alle von dieſem Phönir bezaubert, der ein Heiliger und Wunderthäter ſein muß, oder ein Lindwurm, mit dem St. ich Aug bſe hr ſeßzt in Kä ſal ein li w un un 107 St. Georg ſelbſt nicht kämpfen möchte. Dennoch will ich es verſuchen, der Preis iſt es werth, und bis zum Augenblicke leſe ich nichts in dieſen Blicken, was mich abſchrecken könnte. Sophie öffnete jetzt die Thür und erſchien mit dem großen Suppennapfe, den ſie vor ihren Vater nieder⸗ ſetzte. Dann faltete ſie andächtig die Hände und blieb inter ihrem Stuhle ſtehen. Der Capitän nahm das Käppchen von ſeinen grauen Locken, und der alte Herr ſah ſehr feierlich aus und zwang ſeinen Neffen dadurch, ein Gleiches zu thun, als Wernher mit erhobener Stimme ſagte: Ich danke dir, du Lenker des Weltalls, für die lieben Gäſte an meinem Tiſche und für die Speiſen, welche uns ſättigen. Gieb allen deinen Weſen Freude und Frieden, errette ſie endlich aus Noth und Elend, und laß ſie gut und froh werden. Der Lieutenant war ſehr geneigt, ſich über dieſe ſpießbürgerliche Frömmelei zu beluſtigen; aber der alte Mann mit ſeinem ſchönen greiſen Hanpte ſah wie der Oberprieſter des unſichtbaren Weſens aus, zu dem er betete, und der Ton ſeiner Worte hatte etwas, vor dem der Spott erſtarb. Nach wenigen Minuten waren die Gäſte auch in voller Eßthätigkeit, unbuls der Capitän die Gläſer 108 füllte und luſtig anſtieß, fand der junge Herr, daß trotz aller Frömmigkeit es doch gar nicht ſo übel hier ſei. Die einfachen Gerichte ſchmeckten vortrefflich, der Wein war ausgezeichnet gut, und der Reichthum an ſchönen Früchten aller Art, welche als Nachtiſch aufgeſetzt wur⸗ den, konnte das größte Gaſtmahl verherrlichen. Er ſtimmte daher auch mit Begeiſterung in die Preisreden ſeines Oheims ein und ſprach dem Backwerke um ſo tapferer zu, als Sophie ihm erklärte, daß ſie es ſelbſt bereitet habe. Sie führen alſo in eigener Perſon die Oberaufſicht im Hausweſen? ſagte er. Ich bin meines Vaters Haus⸗ und Hof⸗, Küchen⸗ und Kellermeiſter, entgegnete ſie. Finden Sie das nicht recht? Nichts iſt des Lobes würdiger. Ich leere mein Glas auf die häuslichen Tugenden unſerer ſchönen Wirthin. Der Capitän füllte es von Neuem und ſchien mit Vergnügen die muntere Offenheit ſeines Gaſtes zu be⸗ trachten. Er führte lange Geſpräche mit ihm über Heerweſen und Soldaten, über militäriſche Einrichtungen und Gebräuche, über Standes⸗Vorzüge und Vorurtheile, und aus dieſen Geſprächen entwickehkn ſich Streitpunkte, welche ſei. ein nen ur⸗ Er den 109 beide Theile lebhaft verfochten und welche der alte Herr, dem dabei etwas bänglich zu Muthe wurde, vergebens zu vermitteln ſuchte. Laß deinen Neffen offen ſagen, was ſeine Meinung iſt! rief Wernher. Frei und friſch muß jeder Mann ſeine Ueberzeugung ausſprechen, das iſt beſſer, als hinter dem Berge halten und heucheln, was man nicht glaubt. So ermuntert zum Widerſpruche, ſetzte Oskar den Streit fort und wurde offener, als er es wohl gewor⸗ den wäre, hätte der gute Rheinwein des Capitäns nicht auch dabei mitgeholfen. Er machte dieſem zuletzt Vor⸗ ſtellungen über ſeine einſame Lebensweiſe, erlaubte ſich Anſpielungen auf deſſen ſeltſame Grundſätze und ſchlug beim Schluſſe des Mahles vor, nach Hauſe zu eilen, ſeine Pferde anſpannen zu laſſen, und eine gemeinſame Spazierfahrt zu unternehmen, um den Nachmittag ange⸗ nehm an einem öffentlichen Vergnügungsorte zu ver⸗ leben. Wohl ausgeſonnen! mein junger Freund, entgegnete der Capitan; aber Ihr Vorſchlag widerſtreitet unſeren Gewohnheiten und Geſchäften. Geſchäften! rief Oskar. Laſſen Sie dieſe ruhen. Ich habe junge, ſchöne Pferde, einen bequemen eng⸗ 110 liſchen Wagen, und Fräulein Sophien macht es gewiß Vergnügen, einmal durch die Stadt zu fliegen. Wenn Sophie ſich dazu verſtehen will, antwortete Wernher, ſo iſt ihr Wille unbeſchränkt. Mein Vater weiß zu gut, erwiderte das junge Mädchen, daß ich am liebſten hier bin und heute überhaupt nicht gemißt werden kann. Was haben Sie denn ſo Großwichtiges zu thun? fragte Oskar lachend und gereizt. Stunden zu geben und gute Lehren zu ertheilen, ver⸗ ſetzte ſie. Sie unterrichten? ſagte er. Wer hat das Glück, Ihr Schüler zu ſein? Sie werden es ſehen; ich glaube ſogar, ſie ſind ſchon da. Sie ging nach der Thür zum Saale, öffnete dieſe und Oskar ſah an der großen Tafel wohl ein Dutzend Kinder leiſe plaudernd ſtehen, deren ärmlicher Anzug ihm einen leitenden Gedanken brachte. Bettelkinder! rief er; o, barmherzige Samariterin! Aber Sie könnten ſie für heute nach Hauſe ſchicken und ein ander Mal wieder kommen laſſen. Gewiß nicht, antwortete Sophie, indem ſie einen Blick auf ihn richtete, deſſen Vorwurf er verſtand, denn dieſe Hind D doch um über Lich — *— und Mi ſoll als pfl ſegt in leg pit alſe ſche viß n, ht r⸗ 111 dieſe Kinder haben weniger Zeit zu verlieren, als die Kinder des Glückes. Der junge Herr ſah ſie lächelnd an. So iſt es alſo doch wahr, ſagte er, was man ſich von Ihnen erzählt, um darüber zu lachen. Es iſt jedenfalls beſſer, man lacht, als man weint über uns, entgegnete Sophie; doch was hörten Sie ſo Lächerliches? Man wollte wiſſen, ſagte Oskar, daß dieſes Haus die Freiſtätte eines Haufens Vagabonden, Bettler, Krüppel und Auswurf aller Art ſei, welche hier zu würdigen Mitgliedern der menſchlichen Geſellſchaft gebildet werden ſollten, und daß dieſe tugendhaften Herren Verbrecher als verkannte Heilige von Ihnen verehrt, gehegt und ge⸗ pflegt würden. So verhöhnen die Menſchen, was ſie nicht verſtehen, ſagte das junge Mädchen, und ein edler Stolz ſchimmerte in ihren ſchönen Augen. Oskar ſchwieg, und zum erſten Male wurde er ver⸗ legen und erröthete unter den ſcharfen Blicken des Ca⸗ pitäns, der freundlich ſagte: Mit dem Ausfahren iſt es alſo nichts; aber einen Spaziergang wollen wir gemein⸗ ſchaftlich machen, und wie ich hoffe, ſoll er Ihnen auch Vergnügen gewähren. 12 Burgau, der bisher ſich wenig eingemiſcht hatte und ſeines Neffen Unterhaltungsgabe bewunderte, nahm die Einladung an, und Oskar konnte ſich nicht ausſchließen. Er verſprach ſich nichts vom Gehen, eben ſo wenig aber vom Bleiben; denn was ſollte er hier beginnen, da die einzige Perſon, für welche er Theilnahme empfand, ſich lieber mit ſchmutzigen Kindern als mit ihm beſchäftigte! Er war gekränkt, und doch fühlte er ſich angeregt von dem ſchönen Mädchen, die ſo ganz anders war, als alle übrigen. Während die alten Herren ſich zum Aufbruche rüſteten und das Zimmer leer ſtand, öffnete er eine Seitenthür und blickte in ein kleines Eckzimmer, das Sophien gehören mußte. Da ſtand ihre Harfe, da hing ihr Strohhut, und auf dem Tiſche lag eine ange⸗ fangene Näharbeit. Kleine Vögel zwitſcherten an dem offenen Fenſter, flogen ein und aus, und huſchten durch die Blumen und Rankengewächſe, welche ein laubiges Gitter davor ausſpannten. Es war ſo friedlich, ſo ſtill hier und ſo ſauber und duftig, daß Oskar plötzlich ſein Herz mit jener heimlichen Wonne ſchlagen fühlte, die das Verſinken in Hoffnungsträume der Zukunft hervor⸗ ruft. Einige Minuten blieb er ſtehen und heftete ſeine Augen auf alles, was von Sophiens Leben ein Zeichen gab; endlich trat er an die Bücherreihen, welche auf — lſch end ſuc glei gri ag ſch 113 und mehreren Brettchen an der Wand aufgeſtellt waren, und de mit einer gewiſſen Beſchämung geſtand er ſich, daß er ſn. viele davon auch nicht einmal dem Namen nach kenne. ber Es waren Dichterwerke, die Claſſiker unſeres Volkes, die Erzeugniſſe der neueſten Literatur, franzöſiſche und eng⸗ ſich liſche Bücher, poetiſchen oder naturhiſtoriſchen Inhalts, gtel endlich mehrere von philoſophiſcher Bedeutung, Unter⸗ von ſuchungen über die Zuſtände der Geſellſchaft und der⸗ alle gleichen mehr. Der junge Herr ſchüttelte den Kopf und uche griff nach einem, das aufgeſchlagen über den anderen eine lag. Es war Jeremias Bentham's Science de la das morale, auf deſſen Titelſeite mit zierlicher Handſchrift da geſchrieben ſtand:„Von meinem lieben Hermann zum nge⸗ Geburtstage erhalten.“ dem Mit Heftigkeit warf der junge Mann das Buch von urch ſich, und voll bitteren Unmuths über dieſe Entdeckung iges ſagte er: Ich hätte es denken können, daß dieſe abge⸗ ſill ſchmackte Verbildung von dem gelehrten Herrn aus dem ſein Dachſtübchen herrührt. Ein ſolches Buch als Geburts⸗ die tags⸗Geſchenk in der Hand eines jungen Mädchens, das vor⸗ iſt luſtig genug, aber auch traurig genug, denn wohin in hat er ſie gebracht! Ich haſſe dieſen Hermann, ehe ich te ihn kenne, und wenn ich ihn verderben könnte, ſollte uf mich keine Reue ergreifen. Rede mir Niemand von Th. Mügge, Romane II. 8 114 ** Freundſchaft zwiſchen uns! Er iſt mein Feind, und hier in dieſem heiligen Raume, der nie uns beiden ge⸗ hören kann, ſchwöre ich ihm Krieg und Verderben. Er ging leiſe zurück, denn er hörte die rufende Stimme ſeines Oheims. Und als er hinaus trat, fand er die Herren ſchon wartend. Wernher in ſeinem breiten Gartenhute und einen mächtigen Stock in der Hand, den Hemdkragen über den Rockkragen fallend und ſeine dichten grauen Locken mit ſeinem greiſen Bart vom Winde in einander gemiſcht, erregte dem Offizier ge⸗ heimen Schrecken und flößte ihm den ängſtlichen Wunſch ein, es möge ihm wenigſtens nicht gefallen, in ſolchem abenteuerlichem Aufzuge den Spaziergang auf irgend eine beſuchte Gegend auszudehnen, wo bekannte Per⸗ ſonen ſie erblicken könnten. Burgau, an größere Ein⸗, fachheit gewöhnt, kannte ſolche Bedenken nicht; er fand die tüchtige Tracht ſeines alten Freundes ſogar ſchön, denn ſie erinnerte ihn an alte Zeiten, und freudig legte er ſeinen Arm in den Wernher's und ſchritt mit ihm ins Feld hinaus, während der Neffe mit dem heim⸗ lichen Lachen der Jugend über Geſtalt, Tracht und Denkweiſe der beiden ehrenfeſten Greiſe ihnen nach⸗ folgte. Der Spaziergang erſtreckte ſich durch die einſame — — 115 und Straße, deren arme Bewohner zum Theil in ihren ge⸗ kleinen Gärten beſchäftigt waren, zum Theil neugierig die Köpfe aus Thüren und Fenſtern ſteckten, als ſie nde fremde Stimmen hörten. Aber durch alle dieſe harten, and verſchrumpften Geſichter ging ein Lächeln der Freude iten beim Anblicke des Capitäns. Sie ließen ihre Spaten den ruhen, erhoben ſich von ihrer Arbeit, rückten ihre Hüte eine und Kappen zum Gruße, und nickten dem wohlbekannten on Herrn freundlich zu, der da und dort ein„Wie geht's?“ g⸗ durch die Hecken rief und ähnliche Fragen that, die den ſſch armen Leuten Freude machten, weil ſie ſahen, daß es ten jemanden in der Welt gab, der ein Wort der Theilnahme . für ſie hatte. er Und daß es kein leeres Wort war, wurde der junge in, Offizier inne, als ſie hinaus in die Felder kamen, wo F. viele Menſchen ſich beſchäftigten, die Erdäpfel aus der n Erde zu nehmen. Sie gingen auf einem ſchmalen Rain 3 zwiſchen den Feldern hin, und nach allen Seiten rief 15 der Capitän den Leuten Grüße zu, die ſie mit auf⸗ i fallender Freudigkeit beantworteten. Die Entfernteren kamen näher und theilten dem Herrn mit, wie die Aernte lohne. Dankbarkeit glänzte in ihren Augen; ſie blickten 4 mit ſolcher Liebe und Verehrung ihn an, als ſei er der Engel der Fruchtbarkeit, welcher durch Edens Gärten ame 8* 116 wandle, und dieſe braune, dürre Haide, der nur durch raſtloſen Fleiß eine ſpärliche Aernte abgewonnen werden kann, erſcholl von ihrem Freudengeſchrei, bis die drei Wanderer endlich den Wald erreicht hatten. Hier auf einem Hügel am Rande ſtand Wernher ſtill und wandte ſich zu Oskar. Sehen Sie dort hin⸗ unter, ſagte er, alle dieſe Felder waren vor wenigen Jahren noch öde Sandſteppen, kaum im Stande, ein paar Kiefernſchößlinge zu nähren. Ich kaufte ſie, pachtete, was daran gränzte und nicht käuflich war, und wenn die Bewohner jener armen Hütten, welche damals in ſchrecklicher Verwilderung lebten, Hülfe ſuchten, wenn menſchliche Weſen, die man Bettler, Vagabonden, Krüppel oder Verbrecher nennt, in ihrem Leide zu mir kamen, ſuchte ich ſie zu tröſten und aufzurichten und reichte ihnen keine Gabe, die man Almoſen nennt, umſonſt, ſondern ich verſchaffte ihnen das Nothwendige und ſorgte für Arbeit auf mancherlei Weiſe. Dieſe Felder ſind grün geworden durch fleißige Hände; Ordnung iſt ein⸗ gekehrt und Friede, wo Bosheit und Verderben herrſchten, und wie manche meiner Beſtrebungen auch unbelohnt blieb, ich habe doch ſo viele Freude erlebt und dankbare Herzen gefunden, ſo viele gute Menſchen entdeckt, die meinen Glauben aufrichteten, daß ich nicht bereue, ihnen 117 Beiſtand geleiſtet zu haben. Sehen Sie nun, fuhr er lächelnd fort, was an den lächerlichen Geſchichten iſt, die man ſich erzählt. Dort arbeitet der Auswurf, mit dem 5 wir uns umringen, und das iſt unſer Verbrechen, daß wir lieber ihnen Hülfe leiſten, als an den Vergnü⸗ * gungen Behagen finden, welche den großen Haufen be⸗ glücken. . Burgau drückte ſeinem Freunde die Hand und ſagte gerührt: Das iſt alles gut und ſchön, du biſt der Wohl⸗ 2 thäter vieler Armen, die dich ſegnen; aber iſt es denn 6 nöthig, daß du ſelbſt dabei dich von der übrigen Welt i zurück ziehſt und allen Verkehr mit ihr abbrichſt, daß 2 du wie ein Gartenknecht arbeiteſt und dein ganzes Leben 3 danach einrichteſt? pe Meinſt du, entgegnete Wernher lächelnd, indem er weiter ging, daß es mir zieme, zwiſchen meinen Worten⸗ hte und Werken und mir ſelbſt einen Unterſchied zu machen? ſt. Soll ich lehren, was ich ſelbſt nicht übe, und habe ich ge nicht das Beiſpiel der größten und beſten unter den ind Menſchen vor Augen, die nicht in goldenen Sälen und in⸗ bei Feſten, ſondern in Arbeit und Mühen ihre Tage in en, den Hütten des Volkes verbrachten? Mein Leben iſt hut meinen Wünſchen und Grundſätzen angemeſſen, und die es mit mir theilen, befinden ſich glücklich dabei. 118 Welche Phantaſterei! ſagte Oskar zu ſich ſelbſt. Sie ſtecken in einer edelherzigen Narrheit, bei der man krank werden und vor Ekel ſterben kann. Könnte ich nur das rechte Mittel finden, ſie ihnen zu verleiden! Klar ſchwebt es mir vor, daß dieſer Hermann, der ſo großen Ein⸗ fluß auf alles hat, was hier geſchieht, die eigentliche Triebfeder der tollen Grillen ſein muß; könnte man dieſes Muſterbild ſtoiſcher Tugend ihnen entreißen, ſie würden abfallen und ſich bekehren! V. Nach einem langen Umherwandeln durch die Wald⸗ Reviere, welche zwiſchen ihren Höhen anmuthige kleine Seen verbargen, kehrten ſie endlich nach Wernher's Hauſe zurück, das ſchon von fern mit ſeinem hohen Dache wie ein Ritterſchloß unter ſeinen demüthigen Nachbarn hervor ſah. Oskar ging langſam hinter den beiden Alten her, deren Geſpräche nichts Anziehendes für ihn hatten; denn ſeine Gedanken verloren ſich in Be⸗ trachtungen und Wünſchen, deren Unerfüllbarkeit er empfand. Ich bin ein Fremder hier und werde es immer bleiben, ſagte er, darum ſind meine Empfindungen — ———8 119 Thorheiten, wie mein Oheim ſie ganz recht genannt hat. Theil an ihrem Leben nehmen kann ich nie, und weder ihre Achtung noch ihre Liebe erringen; ja, ſie würden ohne Zweifel Abſcheu vor mir empfinden, wenn ſie wüßten, wie ich es treibe, ſtärkeren Abſcheu und Ekel noch, als ich ihn vor ihrem Leben hege. Und warum, ſagte er nach einem Schweigen, habe ich denn dieſen Abſcheu? Ihr Leben iſt dem Wohlthun der Liebe, der Arbeit, der ſtillen Hüuslichkeit gewidmet, und iſt es nicht ein ſchuldloſes, freundiges Daſein, habe ich nicht geſehen, mit welcher Anbetung alle dieſe armen Menſchen an dem Manne hangen, der ſich der Verlaſſenen und Ausge⸗ ſtoßenen erbarmt? Wenn ich mein Kleid von mir werfen tönnte, fuhr er träumeriſch fort, indem er in die rothe Gluth der Sonne blickte, wenn ich meine Neigungen von mir würfe und zu ihnen hinträte und ſpräche: Nehmt mich auf, liebt mich, ich will euch lieben, will mit euch arbeiten und ſtreben— könnte ich nicht glücklich ſein wie ſie? In dem Augenblicke ſagte Wernher vor ihm: Die Macht der Vorurtheile iſt ſtärker als die Wahrheit, und wenn dieſe auf Augenblicke auch zu ſiegen ſcheint, bleibt ſie den Meiſten doch nur eine Empfindung, die wie ein Lichtblitz durch ſchwarze Wolken ſogleich wieder von der 120 alten Nacht ausgelöſcht wird; denn die Menſchen dienen ihren Leidenſchaften, und der Egoismus duldet keinen Märtyrer. Aber, fuhr er fort, indem er vor ſich hin wies, iſt das nicht Hermann, der dort über das Feld geht? Er muß es ſein, nach Gang und Geſtalt. Was läuft er dem Walde zu? Iſt er im Hauſe geweſen und ſucht uns nun auf? Aber er ſcheint nicht von dort her zu kommen.— Er rief mit lauter Stimme Hermann's Namen, doch der Wind ſchien den Schall nicht ſo weit zu tragen, oder der Angerufene wollte nicht hören. Er ging mit ſchnellen Schritten den Hügeln zu und ver⸗ ſchwand hinter den Spitzen derſelben, während Oskar's Blicke ſich mit Adlerſtärke an ihn hefteten, um ſeine Züge zu erkennen, was er jedoch nicht vermochte. Als er ſich erbot, ihm nachzueilen und ihn einzu⸗ holen, hinderte es Wernher. Laßt ihn gehen, ſagte er, Hermann bedarf oft des Alleinſeins, und wenn er nicht gefunden ſein will, würde die Mühe doch vergebens ſein. Du fragteſt mich, ſprach er dann zu Burgau, warum ich es dulde, daß dieſer junge Menſch, der mir ſo lieb iſt, ſich unter gelehrten Studien begrabe, warum ich ihn nicht in mein Haus nähme und ganz zu meinem Sohne mache? Ich laſſe ihn den Weg gehen, der dieſe Seele S le enen inen ucht uns weit ſeine 121 läutert und ſtärkt, und bin gewiß, es iſt der beſte. Ihm verdanke ich die Kenntniß aller neuen Forſchungen, er verſorgt uns mit den beſten Schriften, und ſeine Be⸗ lehrungen befeſtigen uns alle in unſerem Streben. Wenn er müde ſein wird, fuhr er dann lächelnd fort, allein in ſeiner Zelle zu leben und zu denken, wird er einſt ganz unſer Loos theilen und dann den liebſten Wunſch meines Lebens erfüllen, den ich dir nicht weiter auszulegen habe. Er iſt Sophiens Lehrer, ihr Freund und Bruder, bald wird er ihr Gatte und ihres Lebens beſte Stütze ſein. Dieſer Gedanke beglückt mich; denn wenn ich nicht mehr ſein werde, weiß ich, daß meine Kinder in Liebe und Treue verbunden zurück bleiben und mein Werk nicht untergeht. Oskar hörte nicht, was ſein Oheim antwortete, denn die Worte des Capitäns verwirrten ſeine Sinne. Einen Augenblick ſtand er ſtill, um einen anderen Weg einzu⸗ ſchlagen, und nur mit Mühe bezwang er ſich, noch einmal das Haus zu betreten. Er wollte ſchnell Abſchied neh⸗ men, denn er hatte alle Hoffnung verloren, und als er ruhiger überlegte, ſagte er ſich, es ſei das Beſte, jeden Verſuch und jeden Wunſch zu unterdrücken. So erreichten ſie die Gartenthür, welche Wernher mit einem Schlüſſel öffnete, und während er nun den ——— — ——— ————— 122 alten Herrn zur Seite führte, um ihm ſeltene Blumen zu zeigen, wie er früher verſprochen, ging Oskar durch die dunklen Nadelbäume weiter und ſtand plötzlich vor der offenen Saalthür, die ihm hinein zu blicken ge⸗ ſtattete. Da ſaß Sophie mitten unter ihren kleinen Zöglingen, welche Körbchen und Kränze von Stroh⸗ blumen und Moos flochten und denen ſie dabei zur Hand ging, ſie ermunterte, lobte, ihnen Fragen ſtellte, die ihr Gedächtniß übten, ihnen die Blumennamen nannte, ihre Natur erklärte und mit liebenswürdiger Milde und Güte die Aufmerkſamkeit der Kinder zu feſſeln wußte. Lange ſtand Oskar hinter den Zweigen verborgen und betrachtete das Bild, deſſen Lieblichkeit ihn immer mehr bewegte. Das ſchöne Mädchen, mit Blumen bekränzt, die ihr von den Kleinen aufgeſteckt waren, ſaß in der Mitte dieſer glücklichen Kinderſchaar, und über ſie hin warf die ſinkende Sonne ihren rothen Glanz und badete ſie im Himmelslichte. Wie eine der lieben Heiligen, die ein hoher Meiſter, gläubiger Be⸗ geiſterung voll, aus ſeiner entzückten Phantaſie in edlen Farben zum Leben rief, ſo ſaß die Jungfrau mit liebenden Blicken lehrend und ſegnend unter der zarten Kinder⸗ ſchaar, die wie Engel ſie umringten, und Oskar wagte es1 ſtan und ver tün d⁵ de an li U 123 es nicht, hervorzutreten, er lehnte ſich an den Baum⸗ ſtamm, verſunken im Anſchauen. Nach einiger Zeit kamen die beiden Herren zurück, und Sophie ſtand auf, als ſie die Stimmen hörte, und verkündete das Ende der Arbeit. Mitten in dem Ge⸗ tümmel reichte ſie den Eintretenden die Hände, und Oskar hörte, wie ſie nach ihm fragte. Iſt er nicht hier? fragte Wernher; ſo iſt er durch den Garten gewandert. Ich muß deinen Neffen loben, Dietrich: bei allem Jugendfeuer iſt er verſtändig, und ſein Kern ſcheint mir beſſer noch als die Schale. Aber ſieh hier, fuhr er fort, Sophiens kleine Schaar. Die armen Kinder werden drei Tage in jeder Woche von ihr verſchiedentlich mit kleinen Arbeiten beſchäftigt, dabei auch unterrichtet und zum Guten angehalten. Was ſie arbeiten, wird für ſie verkauft; dafür erhalten ſie rein⸗ liche Kleider, auch die Eltern wohl noch ein Stück Geld. Du kannſt nicht denken, wie herzlich dafür ihr Dank und ihre Freude iſt, und wie viel Segen dieſer Unter⸗ richt bringt. Oskar fand es gerathen, ſeinen Hinterhalt zu ver⸗ laſſen; denn die Kinder wollten ſich entfernen und mußten an ihm vorüber. Er trat zurück und ging durch den Garten, um ſich von der anderen Seite dem Hauſe zu 124 nähern. Sophiens Bild begleitete ihn, und vergebens machte er den Verſuch, über ihre Schule und ihre Auf⸗ opferung zu lachen. Was er Phantaſterei genannt hatte, kam ihm in dieſem Augenblicke ganz anders vor. Er nannte es jetzt ehrwürdig und heilig, und dieſes junge Mädchen in ihrem Erbarmen ſchien ihm ein himmliſcher Genius zu ſein, der hoch erhaben war über alles, was er kannte. Als er in den Saal trat, kam ihm Sophie entgegen und empfing ihn mit der unſchuldigen, bezaubernden Un⸗ befangenheit und Fröhlichkeit, welche nichts von Formen und Rückſichten weiß und doch in ihrer ſchönen Natur die Gränzen des Rechten und Schicklichen niemals über⸗ ſchreitet. Sie hatte viele Fragen an ihn zu richten, viel von dem Spazirgange zu hören, und knüpfte daran Bemerkungen über die Umgegend und ihre Bewohner, über deren Lage und den Widerſpruch ihres Lebens und ihrer Bildung zu dem, was den Leuten in der Stadt eigen, ſo daß Oskar ihre richtigen Urtheile und ihre Herzensmilde von Neuem bewundern mußte. Sind Sie noch böſe, ſagte ſie endlich lächelnd, daß ich Sie nicht begleitete? Wie könnte ich wohl zürnen! entgegnete er, indem ſie beide in den Garten hinaustraten und den Weg hin⸗ 3 di ebens 125 Alf⸗ abgingen. Weiß ich doch jetzt, daß alles, was Sie thun hatte, und was Sie wollen, in edlen Beweggründen wurzelt. Er Und woher wiſſen Sie das jetzt? fragte ſie, ihn junge zweifelhaft anblickend. iſcher Weil ich überzengt bin, daß Sie alle Handlungen, was die kleinſten ſelbſt nach beſtimmten Grundſätzen regeln. Da irren Sie gewaltig! rief das junge Mädchen. gegen Ich denke nie über das nach, was ich thue, ſondern ge⸗ Un⸗ horche dem, was mir die Stimme in mir befiehlt, und ven folge dem Augenblicke der Hingebung. Jemand, den ich Natur ſehr liebe und dem ich das Größte zutraue, hat mir über⸗ geſagt, daß die erſten Regungen der Seele bei guten 3, Menſchen ſtets die wahrſten und beſten ſind, und meine ichten,. ¹ eigenen Beobachtungen haben gefunden, daß er Recht hat. daran i ter Hermann? fragte Oskar halb laut. Sie haben es gerathen, antwortete ſie. Sie müſſen S ihn kennen lernen; er iſt mein liebſter Freund auf ir Erden. Leider flieht er vor mir, wie es ſcheint, verſetzte v Hokar; denn ich bin überzeugt, er mußte uns hören und wollte es nicht. Wer? fragte ſie. Hermann? War er nicht hier? erwiderte Oskar. Warum wollen. Sie es verhehlen? ndem 126 Er war nicht hier, und fliehen— warum ſollte er ſch fliehen? O, nein, das hat er nicht nöthig, er flieht nie⸗ Z mals! Der Ton, mit welchem ſie dies ſagte, und der Blick, welcher ihre Worte begleitete, hatten etwas De⸗. de müthigendes für Oskar. Es kam ihm vor, als ver⸗ ih gleiche ſie in dieſem Augenblicke ihn mit dem Ent⸗ d fernten, und der Triumph ihrer Seele klang wie Spott L in ſeinen Ohren. Sie ſind ſehr glücklich, Fräulein w Sophie, ſagte er gereizt, einen ſo trefflichen Freund ir und Führer gefunden zu haben, der nicht weniger zu 5 ſ beneiden iſt um eine ſo gelehrige und treu anhängliche Schülerin. Ich fühle, daß Sie Recht haben, verſetzte ſie unbe⸗ fangen und lächelnd; denn wenigſtens ich ſchätze dieſes Glück als das höchſte meines Lebens, und glaube auch i von Hermann, daß er durch mein Glück ſelbſt beglückt iſt. Alle ſeine freien Stunden lebt er mit mir. Wir haben einen Bund geſchloſſen, der, wie mein Vater ſagt, b Zeit und Raum überdauert, und wenn es wahr iſt, daß ſ 2 jenſeits aller der leuchtenden Welten, welche jetzt über 4 uns aus den feuchten Abendnebeln glänzen, das große„ d Land der Geiſter liegt, aus welchem die Seelen zur. d Erde niederſteigen, um hier in Menſchen⸗Gebilden ein Pilgerleben zu beginnen, ſo glaube ich, daß wir uns 127 ſchon jenſeits kannten und liebten und hier zu unſerem Troſte uns wiedergefunden haben. Die Schwärmerei in ihren Augen, welche ſie zu dem Himmelsgewölbe erhob, deſſen blaſſer Schimmer ihre Züge erhellte, verwandelte ſeinen Unmuth in Schmerz. Der Glückliche! rief er ſchwankend zwiſchen Spott und Wahrheit. Sie leben und träumen nur für ihn, doch wir anderen armen Seelen dürfen uns nicht ſchmeicheln, irgend einen Theil an dieſer himmliſchen Wa verwandt⸗ ſchaft zu beanſpruchen. Und warum nicht? fragte ſie, ihm die Hand reichend. Auch wir ſind uns verwandt, wie alle guten Menſchen auf dieſer Erde. Sehen Sie, lieber Herr Oskar, das iſt auch eine von Hermann's Lehren, und heute habe ich oft ſchon mit Freude daran gedacht, wie Sie unſeren kleinen Kreis vermehren werden und wir alle gemeinſam uns beſtreben wollen, in rechter Freundſchaft und Le⸗ benstreue unſer Glück zu erhöhen. Sie malte ihm die Bilder aus, welche ſie ſich von der Zukunft erſonnen, und ahnte nicht, wie tief ſie damit in Oskar's Empfin⸗ dungen einſchnitt; denn durch alles, was ſie ſagte und dachte, zog ſich wie ein rother Faden Hermann's Name, ſein Denken, ſeine Erinnerungen, ſeine Geſtalt ſelbſt und ſeine Eigenthümlichkeiten, welche ſie mit der Dar⸗ 128 ſtellungsmacht der Liebe beſchrieb. Immer tiefer ſenkte ſich das Haupt des jungen Mannes, immer ſchweig⸗ ſamer ging er neben Sophien her, bis er endlich ganz ſtumm war, und in ſteigender Unruhe das Ende dieſes peinlichen Geſpräches herbeiwünſchte. Der Reſt des Abends verging ihm allzu langſam; denn mit größerer Begier, als die war, welche ihn vor wenigen Stunden trieb, Alles aufzubieten, um endlich in dieſes einſame Haus zu gelangen, eilte er nun, um daraus zu entkommen. Er hörte Sophien ihre Lieder ſingen, und die greiſen Diener kamen wie geſtern, ſetzten ſich umher und hörten ihrer jungen Gebieterin zu. Sein Oheim war entzückt von allem, was hier geſchah, am entzückendſten von der ſchönen Sängerin ſelbſt, die er mit Blicken betrachtete wie ein Verliebter; der Capitän endlich ſaß da wie ein König, ſtolz und in Träumen ſeiner Hoheit verloren. Es war ein ſonderbares Bei⸗ ſammenſein in der milden Sternennacht. Geiſterhafte Nebelbilder flogen über den Garten hin und ſchienen die verklingenden Töne der Harfe fort zu tragen. Dann und wann ſchüttelten ſich die ſchwarzen Bäume, ſtreiften mit ihren ſchweren Schatten Sophiens Stirn und ver⸗ hüllten die bei ihr Sitzenden. Dann ſchien die Harfe ſtärker zu klingen, und die Stimme des jungen Mäd⸗ ſenke hweig⸗ gan dieſes gſam; n vot lich in „um Lieder ſetzten Sein , an die er gpitin umen Bei⸗ chafte hienen Dann reiften d ver⸗ hun Ni⸗ 129 chens ſcholl tiefer und ſehnſüchtiger durch die Nacht. Oskar glaubte ihren Augen folgen zu können, die den Geliebten zu erforſchen ſtrebten, der, wie eine geheime Ahnung ihm ſagte, vielleicht nicht weit von ihr, viel⸗ leicht dort im Schatten der Gebüſche lehnte und mit Luſt ihren Liebesruf einathmete. Schade, ſagte er endlich leiſe zu ihr, daß der nicht hier iſt, der zu dieſen ſüßen Klagen in ſeinem Herzen den Wiederhall findet! Freilich iſt es ſchade, ſagte ſie; doch es iſt ihm un⸗ möglich, ſonſt würde er hier ſein. Sie haben alſo keine Beſorgniß, kein Bangen um den Entfernten? Warum ſollte ich ſorgen? Was nothwendig iſt, muß geſchehen, und morgen, wenn er kommt, werde ich mich doppelt freuen. Aber, flüſterte er, wie von einem rachſüchtigen Wunſche, ihr wehe zu thun, getrieben, wenn er nie wiederkehrte? Unter ihren raſchen Griffen erklang ihre Harfe, und ohne eine andere Antwort drangen die frohen Melodieen iu die Weite, in welchen ſie ihre Zuverſicht ausſtrömte. Plötzlich riß eine Saite, und mit dem ſchallenden Tone miſchte ſich ein langtönender Schrei. Ein großer Nacht⸗ Th. Mügge, Romane II. 9 130 vogel flog ſchnell über ihren Kopf hin, und deckte ihn einen Augenblick mit dem Schatten ſeiner Flügel. Oskar ſprang erſchrocken auf, aber Sophie lachte laut und muthwillig. Der böſe Vogel! rief ſie, wir müſſen ihn von uns ſcheuchen, ehe er mehr Schaden anſtiftet. Der kleine Unfall gab Anlaß zum weiteren Scherze, aber auch zum Aufbruche, der mit der Einladung an Oskar ſchloß, ſeinen Beſuch bald zu erneuern. Kommen Sie oft, wenn es Ihnen bei uns gefallen hat, ſagte Sophie; ich werde daran ſehen, daß Sie mich nicht vergeſſen haben. Wenn es möglich iſt, murmelte der junge Mann vor ſich hin, indem er Burgau folgte, wenn ich es ver⸗ mag, ſo will ich dich vergeſſen bis auf den letzten Ge⸗ danken. Nie ſoll mein Fuß wieder dieſe Schwelle be⸗ rühren, nie mich ſelbſt bis in die Nähe dieſes Hauſes tragen; verflucht ſei die Stunde, wo ich meinen Schwur breche! Was ſagſt du da? frägte der alte Herr, der ſich umwandte, da er ſeinen Neffen ſprechen hörte. Ich ſagte, erwiderte dieſer, daß Sie ganz Recht hatten, mich einen Thoren zu ſchelten und mich zu warnen, dieſes Haus zu betreten. Du biſt alſo beim erſten Begegnen geheilt worden? —— herze, 9 au nmen ſige nicht auſes hwlr ſ6 Recht E ——————————ͤ— 131 Vollkommen, Onkel, vollkommen! Nun, das iſt mehr, als ich erwartete, fuhr Burgau fort. Du haſt dich ſchnell überzeugt, daß dieſes Mäd⸗ chen nicht für dich paßt; das iſt vernünftig und gut. Ihr Leben und das meine ſind durch eine Mauer von Erz geſchieden. Aber du mußt geſtehen, daß es treffliche Menſchen ſind, die viel Gutes thun. Nun ja, ich läugne es nicht, erwiderte der junge Mann, ſich gegen die Zumuthung ſträubend, aber ſie thun es verkehrt und bilden Zerrbilder einer Welt, die man zum Spotte jetzt auf die Theaterbretter bringt und Emancipations⸗ oder Communiſten⸗Komödien tauft. Rechne das alles ab, ſagte der alte Herr, ſo bleibt doch noch genug übrig, dir eine nähere Verbindung ganz zu widerrathen. Du kannſt keine Frau ohne Vermögen brauchen, und ich habe mich heute mehr noch als geſtern überzeugt, daß Wernher's Tochter auf wenig Mitgift zu rechnen hat. Da irren Sie, Onkel, erwiderte Oskar. Ich habe Erkundigungen eingezogen, ſchon ehe Sie kamen, und ich weiß, daß der Capitän mehr beſitzt, als Sie glauben. Das Haus iſt ſein Eigenthum ohne alle Schulden, ſein Landbeſitz iſt nicht gering; überdies hat er in Schleſien 132 ein bedeutendes Gut von Sophiens Mutter ererbt; end⸗ lich fehlt es ihm auch nicht an baaren Summen. Sein Handel mit Blumen, Früchten, Gemüſen und Garten⸗ gewächſen bringt weit mehr ein, als er bei ſeiner über⸗ mäßigen Mäßigkeit verbraucht; ſeine Wohlthaten aber koſten ihm eben nicht allzu viel, denn Almoſen giebt er nicht, er macht den Leuten nur Vorſchüſſe, die ſie ihm wieder erſtatten müſſen. Ich bin daher überzeugt, daß er be⸗ deutendes Vermögen beſitzt und dieſes immer mehr ver⸗ größert. Meinſt du? ſagte der alte Herr nachdenkend; dann freilich fielen meine Einwürfe fort. Die meinen aber bleiben ſtehen, erwiderte ſein Neffe. Mögen ſie Schätze häufen, mögen ſie, was ſie beſitzen, ihren Hirngeſpinnſten opfern, mir gilt es gleich. Ich danke Ihnen, Onkel, Sie haben mich glücklich geheilt. Er nahm von dem alten Herrn Abſchied, als dieſer in die Nähe ſeines Gaſthauſes gelangt war, und ent⸗ fernte ſich, indem er verſprach, am nächſten Morgen ihn aufzuſuchen, um ſein Führer bei den mancherlei Sehens⸗ würdigkeiten der Hauptſtadt zu ſein. Burgau aber ſchaute nachdenkend hinterher und ſagte endlich bedenk⸗ lich: Dieſe plötzliche Reſignation iſt durchaus kein gutes Zeichen. Er drängt ſeinen Zorn, ſeine gekränkte Eigen⸗ nd⸗ ein ten⸗ er⸗ ber er der be⸗ ver⸗ aun 133 liebe und Eitelkeit in ſein Inneres zurück, und glaubt das Feuer damit zu erſticken. Armes Kind! Dieſer Zuſtand trotziger Selbſtverſpottung iſt ſchlimmer, als jeder andere, denn er hindert die aufrichtige Bekehrung. VI. Mit langſamen Schritten begann Burgau ſeinem Neffen zu folgen, den er in der Ferne noch erkennen konnte, und wie er im Schatten der Häuſerreihe hin— ging, wußte er ſich ſelbſt kaum eine Rechenſchaft zu geben, warum er dieſen nächtlichen Spaziergang unter⸗ nähme. Ich wünſche nur zu wiſſen, ſagte er endlich zu ſeiner eigenen Beruhigung, welcher Art die Auf⸗ regung der Gefühle bei Oskar iſt; ob er ſeinen Frieden mit ſich ſelbſt in der Einſamkeit ſeiner Wohnung ſucht, oder umherirrend, grübelnd und zerfallen mit ſich ſelbſt eines Beiſtandes bedarf, den ich ihm vielleicht zu leiſten vermag.— Unter dieſen Vorſätzen blieb er in ſteter Aufmerkſamkeit hinter dem Gegenſtande ſeiner Sorge, der nichts um ſich her zu beachten ſchien und endlich, als er in eine der Hauptſtraßen gelangte, ſeinen Ver⸗ 134 folger ſo beruhigt hatte, daß dieſer überzeugt war, er könne ihn verlaſſen. Sein letzter Blick auf den jungen Mann machte ihn jedoch von Neuem aufmerkſam; denn Oskar war ſtehen geblieben, und ſprach mit einem Herrn, der ihm begegnet ſein mußte. Nach einigen Minuten kehrten Beide um, und kaum hatte Burgau Zeit, ſich zur Seite zu wenden, als ſein Neffe am Arme des Anderen vorüber ging. Sie müſſen mit, ich laſſe Sie nicht los, ſagte Hskar mit lauter Stimme. Aber, lieber Freund, es iſt wirklich faſt zu ſpät, entgegnete ſein Begleiter. Nicht doch! wir treffen Geſellſchaft, und wenn nicht, ſo ſind wir beiden uns auch genug, antwortete der Offizier. Ich trage heute etwas mit mir herum, was Thaten verlangt. Nun, ſo kommen Sie, ſagte der Andere, wenn es nicht anders ſein kann. Der alte Herr umklammerte mit beiden Händen den Knopf ſeines Stockes und ſah den Sprechenden nach. Er verſtand nicht Alles, aber die Stimme des Unbekannten, ſeine Geſtalt und die Umriſſe ſeines Ge⸗ ſichtes machten ihn beben. Mein Gott! ſagte er, kann es ſo ſeind iſt das wirklich mein hülfreicher Beſchützer, 4 3 r, er jungen denn einem „was enn es änden henden me des 135 oder bin ich bezaubert und toll geworden, daß mir alle Menſchen, welche irgend eine Aehnlichkeit mit ihm haben mögen, vorkommen, als ſei er es ſelbſt? Es war ſeine Stimme, war ſein Körper, ja, ich kann nicht anders, er war es ſelbſt! Doch wie iſt das möglich, daß er Oskar kennt, ihn Freund nennt und mit ihm jetzt— ich weiß nicht, wohin— geht? Raſch eilte er den Beiden nach, allein bald wurden ſeine Schritte langſamer. Ich kann mich ihnen nicht anſchließen, ſagte er; denn wenn er es wirllich ſein ſollte, in welche Lage ſetze ich dann meinen Neffen! Schlau, wie dieſer Mann iſt, muß er augenblicklich be⸗ greifen, daß meine Geldnoth von Oskar herrührte und ſein großmüthiges Geſchenk dieſem zu Gute gekommen iſt. Und dennoch, fuhr er fort, kann ich jetzt nicht gehen; wenigſtens muß ich wiſſen, wo ſie bleiben und was ſie beginnen wollen. Nach einiger Zeit ſah er die beiden Herren in ein großes Haus treten, deſſen erleuchtete Fenſterreihen ihm ein großes Gaſthaus anzukündigen ſchienen. Un⸗ ruhig wandelte er eine halbe Stunde lang auf und ab, wartend, ob ſie nicht zurück kehren würden. Aber ſie kamen nicht, und unſchlüſſig, ob er gehen oder bleiben ſolle, ſtand er in der finſtern Ecke am Thorwege, als 136 plötzlich ein Mann an ihm hinging und die Treppe hinauflief, in welchem er ſogleich den kleinen Herrn Korn erkannte. Nun kann ich mich nicht länger täuſchen, flüſterte Burgau. In dem Augenblicke aber hörte er eine Stimme, wahrſcheinlich die eines Aufwärters, ſagen: Die beiden Herren befinden ſich in dem hinteren Saale; Sie müſſen hier über die Galerie gehen, wenn Sie zu ihnen wollen. Ah, rief Herr Korn, ſo ſind ſie wohl bei guter Arbeit? Der Aufwärter lachte. Freilich, entgegnete er, ſehr gute Arbeit. Ich glaube aber, es geht heute dem Herrn Lieutenant ans Leben. Was iſt das? ſagte der alte Herr erſchrocken, als es eben ſtill war. Es geht ihm ans Leben? Wem? Oskar?! Eine düſtere Ahnung flog durch ſeinen Kopf. Mit leiſen Schritten ſtieg er die Stufen hinauf und blickte forſchend umher. Dort führte eine Thür in einen Cor⸗ 5 ridor und eine zweite auf die Galerie. Vorſichtig ging er über die Bleibedachung und beobachtete die Fenſter, welche mit langen Wettetvorhängen bedeckt waren. Plötz⸗ Treppe m horn flüſtette Stimme, e beiden e; Sie zu ihnen ei guter ſehr et, n Herrn en, gls 1m2 Wen! f. Mit d bldte nen 6on ig hin Fenſter, 137 lich ſah er Lichtſchein zwiſchen dieſen vordringen und hörte Stimmen, welche ihm bekannt waren. Er faßte mit ſeinen zitternden Fingern den Vorhang, drängte ſich hinter dieſen und warf einen Blick durch den Spalt der inneren, halb zuſammengezogenen Gardinen in das erleuchtete Zimmer. Dieſer Blick ſagte ihm Alles, und regungslos blieb er ſtehen, von Schmerz, Zorn, Theil⸗ nahme und Widerwillen ergriffen. Drei Schritte von ihm ſtand in dem Gemache ein Tiſch, mit Lichtern beſetzt an ſeinen Ecken, und zwiſchen dieſen ſich gegenüber ſaßen Oskar und Hermann, beide ihre volle Aufmerkſamkeit den Kartenblättern zuwendend, welche ſie in den Händen hielten. Vor jedem der Spieler lag ein Goldhaufe auf einem Tiſchchen, zur Seite ſtanden eine Flaſche Champagner und halb ge⸗ leerte Gläſer; auf der anderen Seite aber hatte ſich Herr Korn aufgepflanzt, die Arme gekreuzt, zwiſchen den Lippen eine dampfende Cigarre und in dem vorgebeugten Geſichte lauernde Erwartung und ſchadenfrohe Luſt. Der alte Herr ſtand lange da, ohne ſich zu regen. Er konnte genau ſehen, wie das Geſicht ſeines Neffen von Leidenſchaft glühte und zuckte, als ſein Gold ver⸗ ſchwand und endlich alles, was er beſeſſen, zu ſeinem Gegner hinüber floh. Und dieſer ſaß kalt, ſtill, mit der gleichgültigen Ruhe, welche dem echten Spieler eigen iſt, dem leidenſchaftlichen jungen Herrn gegenüber. Ruhig, wie die Hölle! ſagte der alte Herr zitternd zu ſich ſelbſt; nur zuweilen ſchien es, als würfe er einen Blick des Unwillens auf ſeinen Gegner, der die Karten immer wieder ergriff, als wolle er das Glück ertrotzen. Als der Tiſch leer vor Oskar war, ſchien ihn ein Nach⸗ denken zu ergreifen. Er ſtarrte vor ſich hin, legte die Hand an ſeine Brieftaſche, zog ſie ſchnell aber wieder zurück und machte einen Verſuch, aufzuſtehen. Dem Himmel ſei Dank, murmelte Burgau, er gehört noch nicht zu den ganz Verlorenen! Aber es war nur ein Augenblick des Schwankens geweſen, denn plötzlich hatte er ſein Taſchenbuch gezogen, und mit einem raſchen Griffe warf er die vier Bankſcheine, das theure Ge⸗ ſchenk ſeines Oheims, vor ſich hin. Die nächſte Partie um dieſen da! rief er und ſchob eines der Papiere in die Mitte. Herr Korn nahm den Schein, und indem er ihn betrachtete, öffneten ſich ſeine kleinen, liſtigen Augen mit einem Ausdrucke der Ueberraſchung, welcher ſelbſt Os⸗ kar'n nicht entging. Nun! fragte er, Sie ſtarren die Zeichen und Num⸗ mern auf dem Dinge da an, wie ein Hauptbuchhalter igen iſt, Ruhig, zu ſich en Blick immer der Staatscaſſe, dem ein nachgemachter Bankſchein prä⸗ ſentirt wird. Ich hoffe, Sie finden nichts Verdächtiges? Gott bewahre das ſchöne Papier, erwiderte Korn lachend, und erhalte es ſeinem rechtmäßigen Herrn ſammt den anderen, welche dazu gehören! Burgau war in fieberhafter Angſt. Er hob die Hand mehr als einmal auf, um eine der Scheiben zu zertrümmern und gewaltſam die Raſerei ſeines Neffen zu hindern; aber er ließ ſie wieder ſinken, denn das Gefühl der Schaam und Schande jenen beiden Männern gegenüber überwältigte ihn. Er konnte nicht daran zweifeln, daß Korn die Scheine an den Nummern et⸗ kannt hate, und mochten ſeine Gedanken ſein, welche ſie wollten, es war dem alten Herrn unmöglich, jetzt her⸗ vorzutreten, um ihm Aufklärung zu verſchaffen. Und während er ſeine ſtarren Blicke auf das Spiel heftete und ſchrecklich dabei litt, nahm dieſes den Aus⸗ gang, welchen er erwartete. Dem erſten verlorenen Scheine folgte der zweite, und durch die verzweiflungs⸗ volle Verdoppelung des hohen Satzes auch der dritte und vierte. Mit krampfhafter Gewalt faßte Oskar die Karten und ſchleuderte ſie auf den Tiſch, und indem er ſich zu bezwingen und ruhig ſein Ungſück zu belächeln ſuchte, trug jeder ſeiner Züge den ſchrecklichen Stempel ſeiner inneren Qualen. Korn betrachtete ihn mit Hohn, und ſeine Troſtesworte klangen wie erbarmungsloſe Lügen. Er reichte dem kahl Gerupften ein volles Glas Champagner und wollte durchaus auf beſſeres Glück an⸗ ſtoßen; aber er blieb derſelbe höfliche, freundliche Mann, als Oskar mit einem wilden Blicke das Glas ſo heftig zurückſtieß, daß es ihm aus der Hand flog und der Inhalt ins Geſicht ſpritzte. Plötzlich trat Oskar zu Hermann, der ruhig am Tiſche ſitzen geblieben war und mit der Hand ſeine Stirn bedeckte. Wollen Sie, ſagte er mit trotziger Haſt, mir Credit bis morgen geben, ſo laſſen Sie uns weiter ſpielen. Bis morgen? erwiderte Hermann langſam. Beim Teufel, ja! ſchrie Oskar. Was ich beſaß, haben Sie in der Taſche, und was ich verliere, ſollen Sie bekommen, auf Cavalier⸗Parole! Das große Auge des Banquiers ruhte feſt auf ihm. Sein bleiches Geſicht röthete ſich, und wie die Klapper⸗ ſchlange mit ihrem Blicke die Geſchöpfe, welche ſie tödten will, umgarnt, ſo ſah er ſein Opfer mit unbeſchreiblicher Ueberlegenheit an. Der alte Herr draußen ani Fenſter fühlte die Gewißheit, daß ſein Neffe verloren ſei; doch im nächſten Augenblicke bemerkte Burgau, wie er mit mungöleſe ſammenſcharrte. 141 demſelben einladenden Lächeln, das ihn genöthigt hatte, ſeine Großmuth zu benutzen, auch jetzt von Neuem zu den Karten griff. Sie haben Recht, ſagte er, daß Sie das Spiel nicht abbrechen, wo es Ihnen nur Verluſt gebracht hat. Laſſen Sie uns noch einmal verſuchen, vielleicht ſind Sie jetzt glücklicher. Glücklicher, murmelte Burgau aufathmend vor ſich hin, weil er es ſo will! Er hat beſchloſſen, Erbarmen zu üben!— Und ſo war es auch. In einer Viertelſtunde hatte der junge Offizier zu⸗ rückgewonnen, was er verloren, und eine ähnliche Summe darüber war ſein, als Hermann erklärte, daß es das letzte Spiel jetzt ſein müſſe. Wie um ihm zu zeigen, daß er in ſeiner Hand ſei, nahm er darin alle Vortheile wahr und gewann es ſchnell; dann legte er die Karten hin, reichte ſeinem Gegner die Hand und ſagte lächelnd: Für hente genug, und vielleicht für immer genug, wenig⸗ ſtens was mich betrifft; denn ich habe mir gelobt, kein hohes Spiel wieder zu wagen. Aber ich bin Ihnen Genugthuung ſchuldig, erwiderte Oskar, der vergnügt die gewonnenen Goldſtücke zu⸗ 142 So geben Sie mir dieſe in anderer Weiſe, indem Sie meinem Beiſpiele folgen. Es kam dem alten Herrn vor, als erkenne ſein Neffe jetzt erſt, was Hermann für ihn gethan und was er ihm zu danken habe. Oskar blieb einige Augenblicke nachdenkend und verwirrt ſtehen, dann reichte er ihm die Hand und ſagte mit Herzlichkeit: Sie haben Recht; laſſen Sie uns Freunde bleiben, ich will dieſen Tag und dieſe Stunde nie vergeſſen. Ich vertraue Ihrer Hand und Ihren Zuſicherungen, erwiderte Hermann. Herr Korn hatte den Hut aufgeſetzt und drehte ſich luſtig auf ſeinen Hacken herum. So iſt's recht! rief er lachend. IZch ſei, gewährt mir die Bitte, in dieſem Bunde der Dritte! Aber jetzt laßt uns gehen und nach dem glücklichen Ende ſelig ſchlafen. Er öffnete die Thür und trat heraus, Hermann folgte ihm, Oskar blieb zurück und rief nach dem Auf⸗ wärter. Nun, beim Himmel! ſagte Korn mit leiſer Stimme, du machſt dich zum Schutzpatron aller Narren und Tauge⸗ nichtſe. Ich begreife dich nicht. Du begreifſt Vieles nicht, verſetzte ſein Freund. Zum Beiſpiel nicht, wie dieſer Menſch in Beſitz der — e, indem ein Neffe was et ugenblice eer ihn en Recht; Tag und cherungen⸗ t! rief er in dieſen und nch Hemam den A⸗ Stimm⸗ nd Tauge reund⸗ Beſitz de 143 vier Bankſcheine kommen konnte, welche du in groß⸗ müthiger Laune geſtern verſchenkteſt und welche heute eine höhere Fügung wieder in deine Hände lieferte, ohne dich weiſer zu machen. Das kann ich dir unterwegs vielleicht erklären. Aber was hielt dich ab, dieſen übermüthigen Narren zu züchtigen, wie er es verdient? Du thuſt, als wäreſt du der Gott des Reichthums und geböteſt über alle Schätze der Tiefe. Nimm dich in Acht! du weißt, der Boden ſchwankt unter deinen Füßen. Dieſe paar armſeligen Thaler können ihn wahrlich nicht feſter machen, erwiderte der Banquier verächtlich. Aber du biſt ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr Der⸗ ſelbe, ſagte Korn. Du zögerſt, du ſchlägſt fehl, du ge⸗ räthſt in Verwirrung, und wer im Kleinen nicht richtig und ſtreng handelt, hat für das Große erſt recht den klaren Blick verloren. Schweig! antwortete Hermann ſtolz, indem er ſich abwendete. Für jetzt, ja, ſagte ſein Begleiter, aber— murmelte er, indem er an Burgau vorüberging— hüte dich! Ich gebe dich auf, und du biſt verloren. Sie ſtiegen die Treppe hinunter; Oskar eilte nach einigen Minuten ihnen nach, und der alte Herr ſchlüpfte 144 aus ſeinem Verſtecke und ſah ſie vor ſich die Straße hinabgehen, während er ſich zu ſammeln und das Er⸗ lebte zu überdenken verſuchte. An der nächſten Ecke trennten ſich die drei Herren. Oskar ſchlug den Weg nach ſeiner Wohnung ein, die beiden Anderen blieben vor einem der ſchönſten Häuſer ſtehen und ſprachen lange und eifrig, ohne daß Burgau ihnen zu nahen wagte. Endlich ging er quer über die Fahrſtraße hin und hörte Korn ſagen: Alſo morgen. Du haſt keine Zeit zu überlegen, die Sachen ſtehen ſchlecht; ich ver⸗ lange auf jeden Fall meine Deckung. Du ſollſt ſie haben, erwiderte Hermann. Gute Nacht. Er ſchloß das Haus auf und trat hinein. Burgau blieb ſtehen. Hier wohnt er alſo, ſagte er, in dieſem prächtigen Gebäude. O, welch ein Unterſchied zwiſchen dieſen hohen Spiegelfenſtern und den kleinen Scheiben des armen Dachſtübchens, in welchem ſein beſcheidener Doppelgänger hauſt! ₰ Er heftete die Augen auf die Zimmerreihe im erſten Stockwerk und blickte dem Lichtſcheine nach, der von einem Fenſter zum anderen die Schritte eines Gehenden begleitete. In ſeine Betrachtungen verſunken, verſtrich eine geraume Zeit, bis er endlich, als Alles„ —. die Straße d das E⸗ hſten Cüe den We en blieben ſprachen zu nahen ſtraße hin haſt kin . ich ver m. Gite Burga in dieſen d zwiſchen Scheiben eſcheiden ereihe m nuch, d eines ritte verſunl A 15 145 finſter war wie vorher, an ſeinen Gaſthof dachte und umkehrend den Weg einſchlug, den er für den richtigen hielt. Lange überlegte er, ob es beſſer ſei, Oskar morgen mit voller Strenge ſeinen Leichtſinn vorzuhalten oder zu ſchweigen und zu warten, und während dieſer Unter⸗ ſuchung ging er durch die öden Straßen, bis er zweifel⸗ haft war, ob er ſich noch auf dem rechten Wege befinde. Er ſtand ſtill und blickte forſchend um ſich. Die Straße war hell vom Monde beleuchtet, welcher die entgegen⸗ geſetzte Häuſerreihe beſchien, und in der Ferne hörte er die Schritte eines Mannes, der langſam ſich näherte. Den will ich fragen, ſagte der alte Herr, und ſchon wollte er den Fremden anrufen, als er zu ſeinem Er⸗ ſtaunen ihn erkannte. Es war Hermann— das glän⸗ zende Licht der Nacht fiel in ſein Geſicht und zeigte deutlich jeden Zug deſſelben. Der Wind ſchlug den Mantel zurück, in den er ſeinen Körper gehüllt hatte, und zeigte den forſchenden Blicken Burgau's den ele⸗ ganten Anzug und die blitzende Buſennadel an der Cra— vate. Aber Hermann bemerkte ihn nicht. Er blickte ſtarr vor ſich nieder, und Burgau ging im Schatten mit ihm weiter, bis jener drüben ſtill ſtand, eine Haus⸗ thür öffnete und drinnen verſchwand. Th. Mügge, Romane II. 10 146 Das iſt die Wohnung Hermann's des Gelehrten, ſagte Burgau nach einer langen Pauſe. Da iſt das Fenſter im vierten Stocke— und jetzt— es iſt Licht drinnen, er iſt hinauf geſtiegen. Und dieſer da und er — dieſe Beiden— ſind es Brüder, iſt es ein und derſelbe, kann er mich ſo täuſchen und die ganze Welt täuſchen— o, der Böſewicht!— ich möchte hinein, hinauf zu ihm, aber was würde es helfen? Er wäre. im Stande, mir zu beweiſen, daß ich mondſüchtig oder verrückt ſei, und was ſollte ich machen, wenn er mir kaltblütig riethe, mich nicht in ſeine Angelegenheiten zu miſchen, oder wenn ich Zwei da oben träfe, die— mir ſagten, daß ich ihnen zu Dank verpflichtet ſei? Ja, das bin ich, und dennoch— mein Kopf ſchmerzt mir, meine Gedanken verwirren ſich, ich weiß nicht, was ich thun ſoll und muß. Nach manchem Zögern und Bedenken ging der alte Herr in ſeinen Gaſthof; aber er hatte eine ſchlafloſe Nacht. Immer ſchwebten ihm die beiden räthſelhaften Menſchen vor, und je mehr er verſuchte, einen Verbin⸗ 6 dungsfaden zu finden, der das Verwirrte auflöſ'te, um ſo wilder drehten ſich Geſtalten und Verhältniſſe durch einander, bis er endlich am Morgen erſchöpft einſchlief und erſt erwachte, als eine Hand ihn rüttelte und eine Gelehrten, a iſt das ir, meine ich thun der lte ſchlofloſe ſelhaften ſte, um ſie duc uſchi eine und ei 147 luſtige Stimme ſprach: Heute mir, morgen dir! das iſt ein altes, gutes Sprüchwort. Geſtern holte mich der geſtrenge Onkel aus dem Bette, ſchalt mich Nacht⸗ ſchwärmer und Siebenſchläfer, und heute hätte ich große Luſt, ihm die ganze Moral ſeines tugendhaften Zornes wieder zu geben. Setze dich hierher, ſagte der alte Herr mit ſtrenger Stimme, ich träumte von dir und will dir meinen Traum mittheileu.— Er faßte den jungen Mann feſt ins Auge und begann ihm genau zu erzählen, was er geſehen und erlebt hatte. Er malte ihm die Leidenſchaften ſeines verzerrten Geſichtes am Spieltiſche, und wie er unter den Händen eines Mannes, durch deſſen Erbarmen er allein dem Bankerotte an Ehre und Geld entkommen ſei, ſich wie ein Wurm gekrümmt habe. Aber er hatte ſeine Geſchichte noch nicht halb beendet, als Oskar mit glühendem Geſicht aufſprang und in Schaam und Be⸗ ſtürzung ausrief: Hören Sie auf, Onkel! wer hat Ihnen dieſe Mittheilungen gemacht? Hat er es gethan oder der Zufall oder der böſe Feind, gleichviel! Ich kann die Wahrheit nicht läugnen, aber ſie bringt mich um. Er? ſagte der alte Herr, wer iſt dieſer Er? Wo⸗ her ich es habe, iſt bedeutungslos, aber was weißt du 10 148 von dieſem Manne, und wie kommſt du zu ſeiner ver⸗ derblichen Bekanntſchaft? Sie hat nichts Entehrendes, entgegnete Oskar. Er iſt reich, einer der Speculanten, die in unſeren Tagen ſchnell große Vermögen erwerben, dabei iſt er nobel in allem, was er thut. Uebrigens kenne ich ihn nicht näher, fuhr er ſtolzer fort, es iſt eine Bekanntſchaft wie ſi Die man am Spieltiſche macht, fiel Burgau ein. Aber ſeinen Namen wirſt du wiſſen? Er heißt Hermann, ſagte der Offizier. Mit ſeinem Vornamen, aber wie weiter? Hermann ſchlechtweg und ganz und gar, verſetzte Oskar. Dann weißt du nichts! fragte der alte Herr, und kannſt es auch nicht wiſſen; denn wie er mich täuſchte, ſo täuſcht er ſicher die ganze Welt, und ſelbſt die, welche ihm am nächſten ſtehen, dieſen Korn ſowohl, wie Wernher und ſelbſt das Mädchen, die ihn anbetet und für ihn wie für einen Heiligen ſchwärmt. Sie wiſſen nichts, ſie ahnen nicht, daß ihr Gott an Tugend und erhabener Würde nichts iſt, als ein gemeiner Komödiant, ein Spieler, ein Börſenwucherer, ein Elender, der ſie be⸗ trügt; der in Entbehrungen und Studien ein dem höchſten 8 — 149 ver⸗ Wiſſen geweihtes Leben lebt, doch heimlich in allen Ge— nüſſen des Reichthums ſchwelgt, während ſie ihn ſeiner Fr Entſagungen wegen als ein übermenſchliches, reines Weſen Er agen verehren. [in Onkel, ſagte der junge Mann, der ſtaunend und nict ſchweigend zugehört hatte, welchen Phantaſieen überliefern 3 Sie ſich?! 5 Keine Phantaſieen! fuhr Burgau fort, ich bin meiner Sache gewiß.— Er erzählte alles, was ihm geſchehen, 5 und bald gelang es ihm, den Zweifelnden zu über⸗ zeugen. Wenn es ſo iſt, rief Oskar, und ſeine Augen leuchteten vor Freude, dann iſt das Mittel gefunden, ſttt Ihren Freund von ſeinen krankhaften Ideen zu heilen. Dann haben wir auch den Faden, lieber Oheim, an den 6 mein eigenes Glück ſich heftet. Ja, das iſt der Weg,„ ſchte alle Irrthümer meiner Jugend für immer abzuſchwören. elcht Helfen Sie mir, Onkel, helfen Sie mir, das Herz und nher die Hand Sophiens zu gewinnen, und laſſen Sie uns t ihn gemeinſam überlegen, wie wir dieſen Gaukler entlarven. icht, Burgau drückte die dargebotene Hand ſeines Neffen benet und lächelte ihm zu; denn auch er empfand in dieſem „in Augenblicke den Wiederſchein der Zukunfts⸗Sonne, welche ie be⸗ ſeinem Neffen leuchtete. Recht, Pflicht, Ehre und Ge⸗ ————— 5 150 wiſſen flüſterten ihm mit beſtochener Stimme Beifall zu, und er erhob ſich von ſeinem Bette und ſagte: Wir müſſen ihn entlarven, denn dieſer Menſch hat zwar mancherlei achtungswerthe Eigenſchaften, doch wir müſſen den Muth haben, ihn trotz aller Nebendinge, welche uns ſelbſt berühren, in ſeinem böſen Treiben zu ſtören. VII. Am Nachmittage dieſes Tages trafen die beiden Herren zur feſtgeſetzten Zeit zuſammen, und Beide waren begierig auf ihre Mittheilungen. Nun! rief Burgau dem Eintretenden entgegen⸗ was haſt du erfahren. Im Grunde wenig, antwortete Oskar. Ich war bei ihm, nämlich bei dem Herrn Bangquier, traf ihn nicht, ging ſpäter noch einmal und fand ihn endlich von Geſchäftsleuten umringt, die kein vertrautes Geſpräch zuließen. Nur beim Abſchiede ſagte ich ihm, daß mein Oheim, der mich beſucht, heute noch abreiſen würde, und 1 trotz ſeiner Gewandtheit ſah ich in ſeinen Augen eine. Freude glänzen, die er nicht verbergen konnte. Ich bin feſt überzeugt, daß wir ihn ſorglos gemacht haben. „ ifall agle zwar üſſen uns eiden waren wat f ihn ch von ſprit mein „ Und e, 151 Du meinſt alſo, er wird kommen? fragte der alte Herr. Er wird kommen, und wir werden eine prachtvolle Erkennungs⸗Scene feiern. Aber wenn er es doch nicht iſt?! begann Burgau auf und ab gehend. Ich habe ihn heute Morgen wie⸗ der beſucht, den gelehrten Träumer, und Abſchied von ihm genommen. Da ſaß er unter ſeinen Büchern, und wie er mich herzlich empfing, wie er mir ſein Bedauern und ſeine Theilnahme an meiner Abreiſe ausdrückte,— ſeine Offenheit, ſein herzliches Weſen, alles, was er ſagte und was er that, ſchnürte mir die Kehle zu, wenn ich dachte, daß ich ihn täuſchte, um ihn zu ver⸗ derben! Mit einem ſpöttiſchen Lächeln erwiderte Oskar: Dieſer Menſch hat etwas Zauberhaftes, ich weiß das ſelbſt; allein man findet ſolche einſchmeichelnde Formen oft bei den ſchlimmſten Böſewichtern, ich hoffe, Sie haben nichts verrathen, Onkel? Ich hätte es vielleicht gethan, denn zehnmal wollte ich ihm gerade heraus erklären, was ich wußte, ſagte der alte Herr traurig; aber immer trateſt du und dein Streben dazwiſchen, und endlich bezwang ich mich und ging, weil es ſo ſein mußte. ——— 152 Sie haben wohl gethan, es muß ſo ſein! ſagte der junge Mann. Laſſen Sie uns gehen; ich ſchwöre Ihnen, Ihre Theilnahme auf keinen gefährlichen Platz zu ſtellen. Ich nehme die ganze Entwickelung auf mich, Sie werden nichts ſein, als Zeuge und leidender Zuſchauer. Er zog den alten Herrn fort. Beide nahmen den bekannten Weg zum Thore hinaus und ſtanden nach einer Stunde vor dem Garten, an deſſen geöffneter Thür die alte Dienerin ſie mit einem freundlichen Lächeln bewillkommte. Guten Abend, Mütterchen, ſagte Burgau; du ſtehſt ſo allein als Hüter an der Pforte. Treffen wir deinen Herrn nicht zu Hauſe? Ei freilich, erwiderte Eliſabeth, und wie wird er ſich freuen, Sie zu ſehen! Sie gehen alle dort unter den Bäumen auf und ab. Alle? fragte Oskar. Wer Alle? Der Herr und ſeine beiden Kinder. Ein böſes Lachen lief durch Oskar's Geſicht. Der Himmel erhalte ihm dieſen Segen! ſagte er; ich denke, er kann den Troſt brauchen. Sie gingen zwiſchen den Bäumen weiter und er⸗ blickten den Capitän, deſſen lautſchallende Stimme ihnen entgegen klang. Er kehrte ihnen den Rücken zu und 153 ſchlang den linken Arm um ſeine Tochter, den rechten um Hermann. Endlich iſt er da, der Tag der Freude! rief er. Nimm es hin, mein Sohn, das Herz, das dich liebt und für dich ſchlägt. Wohne mit uns in dieſer Woh⸗ nung des Friedens und ſei glücklich, wie wir es ſind. Ich wußte es, dieſe Stunde mußte kommen, und wenn meine Ungeduld ſie endlich herbeiführte, ſo verzeiht mir — ich habe keine Zeit mehr, auf Glück zu warten. Er preßte ſie beide an ſeine Bruſt. Burgau blieb hinter dem Gebüſche und wagte nicht, hervorzutreten; denn in dieſem Augenblicke fühlte er die Sichel der Vernichtung in ſeiner Hand. Der Mann, der ihm wohlgethan, ſtand ihm gegenüber, ſein Geſicht voll Auf⸗ regung, ſeine dunklen Augen von einem edlen Feuer glänzend. Mein Vater, ſagte er, du weißt nicht, wie ſelig du mich machſt und wie ich doch vor dieſer Stunde ge⸗ zittert habe. Gezittert? fragte Wernher. Liebſt Du nicht Sophien? Statt der Antwort richtete er einen unbeſchreiblich innigen Blick auf die Geliebte, die lächelnd und muthig zu ihm aufſah. Gezittert, antwortete Hermann, weil ich weiß, daß 154 ich ihrer nicht werth bin, und nie weniger, als in dieſem Augenblicke. Du haſt ſeltſame Grillen! lachte der Capitän. Da iſt die Prieſterin, welche dir Vergebung für alle deine Sünden verkündigt, und ich ſage dir: du biſt ihrer würdig. Er wendete bei dem Geräuſche, das er hörte, den Kopf und ſchrie freudig auf. Herbei, mein alter Dietrich! rief er, du kommſt zur ſchönſten Feier. Sieh dort die beiden umſchlungenen Menſchen— ſie ſagen dir Alles. Niemand kann innigeren Antheil an ihrem Heile und ihrer freudigen Zukunft nehmen, ſagte Oskar ſchnell⸗ und ehe ſein Oheim ihn zurückhalten konnte, trat er dicht an Sophien heran; aber voll Erſtaunen zurück, und indem er Hermann anblickte, ſto verwirrte und verlegene Worte, die eine Art Gr zu können, oder hat er ein ſo ſchreckliches W daß ſelbſt Wie davor te, den ietrich! ort die Alles. ile und ſchnell rat et pich et erte er Mation . Henn i m, den rirage n uf 155 fallende Aehnlichkeit mit einem meiner Freunde, ſagte Oskar, ſich ſammelnd, mit einem Banquier Hermann. Einem Banquier?! ſchrie der Capitän. Ihr Bur⸗ gau's leidet an einem anſteckenden Uebel, der Alte da hielt ihn für einen Kaufmanu, der Neffe aber geht noch einen Schritt weiter und macht einen Bangquier daraus. Es iſt wahr, wir täuſchen uns beide und geſtehen unſeren Irrthum, fuhr Oskar fort, denn mit jedem Augenblicke überzeuge ich mich mehr davon. Mein Freund iſt ein wenig größer und ſtärker, und obwohl die Aehnlichkeit wunderbar iſt, obwohl ſo Manches über⸗ einſtimmt, fehlt doch auch wieder Anderes, was ich ver⸗ miſſe. Iſt es nicht ſo, Onkel? rief er, ſich zu dem alten Herrn wendend; müſſen Sie mir nicht beipflichten? Allerdings— wirklich— ich ſollte meinen, ſagte dieſer in größter Verlegenheit. Du kennſt den Banguier alſo auch? fragte Wernher. Ich denke, erwiderte Burgau mit einem Seufzer, wir kennen ihn alle. Der Capitän betrachtete mit Mißtrauen die Ge⸗ ſichter, dann ruhte ſein Auge forſchend auf Hermann, der ſtolz und den Kopf wie herausfordernd aufgerichtet 8. 156 vor ihm ſtand. Alle kennen deinen Doppelgänger, ſagte er, kennſt du ihn etwa auch? Nach einem Augenblicke der Stille antwortete Her⸗ mann ein lautes, feſtes Ja. Ja? du kennſt ihn und haſt uns nie davon erzählt? fuhr der Fragende fort. Was haſt du, was geht in dir vor? Er legte die Hand auf Hermann's Arm, der den Blick zur Erde richtete und keine Antwort gab. Laß ihn los, ſagte Burgau ängſtlich, und denke, es giebt Fragen und Lebensverhältniſſe, welche kein Menſch ſelbſt denen, die ihm zunächſt in der Welt ſtehen, ver⸗ trauen kann. Nein, entgegnete Hermann, den Kopf erhebend und mit ſanfter Gewalt Sophien an ſich ziehend, ich bin es müde, zu lügen und Täuſchungen zu erſinnen, deren Qualen mich erdrücken. Ich bedarf der Anklage auch in dieſer Stunde eben ſo wenig mehr, wie des Mit⸗ leids, und waren Sie, meine Herren, nicht in dieſer Minute zwiſchen mich und mein Bekenntniß getreten, ſo würdeſt du, meine geliebte Sophie, und du, mein Vater, gehört haben, daß jener Banquier und ich Eine und dieſelbe Perſon ſind. Es iſt nicht wahr! rief Sophie, ſich aus ſeinen kur , ſagte 157 Armen erhebend und ihn betrachtend. Zetzt zum erſten Male lügſt du! Ich lüge nicht. Seit einem Jahre ſühre ich dieſes Doppelleben, laß mich mein Bekenntniß vollenden und kurz ſein. Ich ſaß in meiner einſamen Klauſe und quälte mich mit Studien und Gedanken, während rund um mich die Welt ihren bunten, wirren Lauf ging, unbekümmert um mein heißes Verlangen, ein Staubkorn darin zu ändern. Der Zufall machte mich mit einem Manne bekannt, der die Menſchen nur nach der Fähig⸗ keit ſchätzte, Gold zu gewinnen, um Genüſſe zu er⸗ kaufen. Seine Gedanken und ſein Treiben flößten mir Verachtung und Ekel ein; dennoch aber hatte das, was er ſagte und behauptete, Reiz für mich, und ſeine Philo⸗ ſophie einen Keim von Wahrheit, der, wie mir es ſchien, richtig angewandt eben ſo viel Gutes verbreiten konnte, wie er Böſes hervorgebracht hat. Gewinne Gold, rief er mir zu, und du kannſt Alles! Was hilft deine Weisheit, was nützt deine tugendhafte Schwär⸗ merei, die man verlacht, weil es leere Worte ſind? Du rufſt dein Wehe über eine Welt, die du nicht kennſt, und reichſt denen, welchen du helfen willſt, einen Stein, ver niemals Brot wird! Werde reich, wenn du helfen willſt, und haſt du Muth, ſo komm, ich will dir den 158 Weg dazu zeigen. Vor allen Dingen habe Glück, ver⸗ ſuche, ob die große Göttin, zu der die Menſchen gläu⸗ biger ihre Hände erheben, als zu allen Weisheitsgöttern, dir ihre Hand reicht. Stößt ſie dich von ſich, ſo bleibe ein Narr, vergrabe dich unter deinen Büchern, predige den Thoren Vernunft, ſo viel du willſt, gleichviel, ſie werden dich verſpotten. Du wirſt faſten, beten, darben, und ſie werden dich endlich begraben und vergeſſen, wie ſie tapferere Narren, als dich, ſchon begraben haben, deren Geduld und Leiden und Göttlichkeit ſie rühmen und doch nicht anders geworden ſind. Unglücklicher! ſagte Wernher, du gingſt? Ich ging, und die Göttin des Glückes reichte mir ihre Hand. Gold füllte meine Taſchen, verwegen prüfte ich die Gunſt des Zufalles, aber immer blieb er mir treu. Ich warf mich in den Strom des neuen Lebens und konnte ihm nicht mehr entkommen. Ich ſah die Habgier, den Neid, die giftigen, gemeinen Leidenſchaften, den hölliſchen Durſt nach Beſitz rund um mich her, und meine Verachtung wuchs, doch ich blieb. Werde reich! rief es in mir; ſpiele, wage, reiß, wenn du kannſt, dieſe rollenden Wellen des Glückes in deine Hände, vernichte dieſen gierigen Haufen, der ſie dir zuwirft, und wenn du Millionen einſt dein nennſt, da die ent hit ſpe mi un hm m 1hh 159 dann wende den großen Raub an zum Heile der Parias dieſer Erde. Und mit dieſem Troſte fandeſt du dich ab und ließeſt die Parias weiter darben! fiel der Capitän mit Bitterkeit ein. Ich ſah, fuhr Hermann fort, wie wenig die edlen Anſtrengungen der beſten Menſchen halfen, um das Loos hrer leidenden Mitbrüder zu beſſern. Kaum gelang es ihnen, eine kleine Zahl nothdürftig zu unterſtützen und in ihre verwilderte Verlaſſenheit einen Schimmer von Menſchenwürde und Erkenntniß zu bringen. Ich bedachte dieſes und erſchien mir wie ein Kämpfer der Menſchheit, beſtimmt dazu, mit einem ſeiner ſchrecklichſten Feinde zu ringen, um ihn zu überwinden. Und wo ſind nun die Schätze, fragte Wernher. Wo ſind deine Millionen, wo endeten deine Siege, Knabe, der du es wagſt, mit deiner Schande zu prahlen?! Sie endeten mit meiner Niederlage und Unterwerfung, mtgegnete Hermann ſanft. Ich wollte einſt vor euch ſintreten und ſprechen: Was Ihr thatet mit allen Euren Sorgen und Entbehrungen, hat nichts geholfen; man ſpottet, verlacht und betrügt Euch; hier iſt Gold, laßt nit dieſem mächtigen Hebel alles Guten und alles Böſen uns einen anderen Weg einſchlagen, und Ihr werdet 160 ſehen, daß ich Recht hatte, mich in Beſitz dieſes todten und doch ſo lebenbringenden Metalles zu ſetzen. Und nun? fragte Sophie, ihm die Hand reichend. Nun, ſagte er, ſich aufrichtend, komme ich arm, wie ich war, denn meine Mühen ſind vergebens geweſen. Was das Glück gab, hat es mir genommen. O, Gott ſei Dank! rief Sophie, ihn in ihre Arme ſchließend. Es war ein grauſames Spiel mit dir ſelbſt, ein ſchrecklicher Traum, mein armer Freund! Nun biſt du erwacht und geneſen. In dieſem Augenblicke trat Wernher zwiſchen Beide und trennte ſie. Ich zweifle nicht, ſagte er, daß du die Wayrheit geſprochen haſt, aber deine Bekenntniſſe öffnen einen Abgrund böſer Neigungen und innerer Verderbtheit vor meinen Blicken. Eitelkeit, Habſucht und kindiſche Verblendung haben dich zu den ſchwerſten Irrthümern verleitet, und ein Menſch, der ein Jahr lang die, welche ihn über Alles liebten, ſo betrügen konnte, wie du es thateſt, hat dieſe Liebe frevelhaft verſcherzt. Geh, fuhr er fort, und betritt dieſen Garten nie wieder. Denke dir, daß es das Paradies war, aus welchem deine Sünden dich vertrieben. Der Cherub mit dem Flammen⸗ ſchwerte, welcher an dieſer Pforte Wache hält, ſei 161 Gewiſſen; komm wieder, wenn es dir ſagt, du dürfeſt dich uns nahen. Er reichte ihm die Hand zum Abſchiede und wendete ſich von ihm. Sophie heftete einen ſtillen, ſinnenden Blick auf ihn, dann warf ſie ſich an ihres Vaters Bruſt und verbarg den Kopf an ſeinem Herzen. Eine ſchreckliche Stille folgte. Ich habe es er⸗ wartet, ſagte Hermann ruhig; Ihr thut recht, es muß ſo ſein.— Er wendete ſich um und ging den Weg hinab, ohne Lebewohl und ohne zurück zu blicken. Das iſt zu viel! rief Burgau bewegt. Laß ihn nicht gehen, Georg! Man ſtößt einen Reuigen nie ohne ewigen Vorwurf von ſich, und dieſer Irrende bleibt ſelbſt in ſeinen Fehlern und ſchwärmeriſchen Irrthümern ein Mann, den man ehren und achten kann. Laß uns zurück gehen, antwortete Wernher in einem Tone, der keinen Widerſpruch duldete. Die Sonne ſinkt, die Nacht wird kalt; ich muß mein Glashaus ſchließen laſſen, ſonſt geht es meinen Blumen ans Leben. Halt! rief der alte Herr zornmuthig, ſo ſollſt du mir nicht entkommen! Ich fürchte mich nicht vor dir; mag ſich deine Stirn auch in die finſterſten Falten ziehen, du ſollſt mich doch hören, denn ich will dir auch ein Th. Mügge, Romane II. 11 162 Bekenntniß ablegen.— Kurz und klar erzählte er jetzt, was ihm geſchehen, verſchwieg nichts dabei, ſchonte weder ſich noch ſeinen Neffen und hielt zu gleicher Zeit dem Verbannten eine Lobrede, welche in Anklage überging, als er zum Schluſſe kam. Und du, ſagte er, der du dieſen edelherzigen Schwärmer auf immer aus deinem Gedächtniſſe ſtreichen willſt, müßteſt ihn entzückt ans Herz drücken, denn er befolgte nur deine Lehren, aber kühner, größer und begeiſterter, als du. Du könnteſt an ihm lernen, wie nichtig ein vereinzeltes Streben iſt, das die Welt beſſern und bekehren will, und wie un⸗ glücklich, wenn nicht lächerlich, es ausfällt, wenn ein Menſch ſich anmaßt, die Grundlagen der Geſellſchaft umzukehren. Das iſt die Sprache derer, denen Alles wohlgemacht dünkt! erwiderte der Capitän heftig, die Sprache der ungerechten und Geſättigten, der Halben, Schwachen und Laſterhaften, deren vertrocknete und falſche Herzen und Hirne voll Hochmuth und Egoismus ſelbſt den Himmel und Gott zum Theilnehmer ihrer Schande machen, nach deſſen heiligem Willen alles geſchieht, was geſchieht, der alſo alles Elend und alles Unglück, alle Ungleichheit und alle Schmach dieſer Welt zu verantworten hat! Eitler, hochmüthiger Mann du ſelbſt, entgegnete der fönnteſt ben it, wie un ellſcheſt 5 gemacht alte Herr, der du dich unterfängſt, alle zu haſſen und zu verachten, die nicht ſo ſein wollen, wie du biſt! Du wirſt keinen Stein des Weltgebäudes verrücken, und mit aller deiner Weisheit biſt du nicht ſo weiſe, um einzu⸗ ſehen, daß es beſſer ſei, mild und gütig den Fehlenden zu verzeihen, als ſie thranniſch von deinem Herzen zu ſtoßen. Die beiden Greiſe ſtanden ſich gegenüber mit er⸗ hitzten Geſichtern und meſſenden zornigen Blicken, wäh⸗ rend Oskar und Sophie ſchweigende und theilnehmende Zuſchauer bildeten. Endlich, ſagte Wernher mit ſeiner ſtolzen Ruhe: Es thut mir leid, Dietrich, mich von dir ſo verkannt zu ſehen. Meinen Willen und meinen Glauben kann nichts in der Welt verrücken; meine Grundſätze ſind geprüft und ſtehen feſt auf Lehren und Ueberzeugungen, die älter ſind als du und ich und viele Menſchenleben; dennoch aber haben deine Worte mir Warnungen ertheilt, die ich nicht vergeſſen werde. Jetzt laß uns Frieden ſchließen und ſchweigen. Dann, ſagte Burgau, höre noch eine letzte War⸗ nung. Du fürchteſt die Winterkälte der Nacht, Georg, und willſt deine Glasthür ſchließen laſſen— fürchte noch weit mehr, daß die ſchönſte und edelſte Blume deines Gartens ihr Haupt neigen und welken wird, 164 wenn du ihr die Sonne entziehſt, die ihr bis jetzt Leben gegeben hat. Der Blick, welcher ſeine Worte begleitete, brachte ein gerührtes Lächeln in das ſtrenge Geſicht des Ca- pitäns. Ich danke dir für dieſe Warnung, mein alter getreuer Freund, ſagte er, aber ich fürchte nichts. Meine Blume hat ein ſtarkes Leben, ſie kann die Nachtfröſte ertragen, und wie die Roſe der Wiüſte, die wunderbare Roſe von Jericho, blüht ſie freudig und ſchön, wo alle anderen Blumen verſchmachten. Habe ich Recht, Sophie? Alles, was du thuſt, Vater, iſt recht und wohl ge⸗ than, verſetzte ſie. Du ſiehſt, wir ſind einig und unverbeſſerlich, fuhr Wernher fort. So laß uns nicht länger ſtreiten. Sophiens Harfe mag, wie einſt David's Harfe dem mißtrauiſchen Saul, auch dir Verſöhnung bringen. Aber dieſer Abend verging trübſelig. Der alte Herr blieb düſter und traurig; er dachte beſtändig an Hermann und wäre gern gegangen, um ihn aufzuſuchen und zu tröſten. Auch Oskar'n wollte es nicht gelingen, heiter zu ſein. Er konnte es nicht begreifen, wie Sophie ruhig und ſorglos wenigſtens ſcheinen konnte, wie ſie alle Geſchäfte des Hauſes abthat, ohne mit einem Blicke tzt Leben brachle obhiens — r auiſchen „ 165 zu verrathen, was in ihrem Herzen vorging, und er hielt endlich dieſes Herz ſelbſt für erſtarrt unter den kalten Händen ihres Vaters, der den Wachs geknetet hatte, bis er Eis geworden war in den Formen ſeiner ange⸗ klügelten Weisheit. Endlich gingen ſie. Wernher begleitete Beide bis an die Pforte. Die Nacht war dunkel, ein kalter Wind blies ihnen entgegen. Der Abſchied, den die beiden Freunde nahmeu, war noch kälter. Der Capitän ſprach nicht vom Wiederſehen auf morgen, er ſchlug die Thür ins Schloß, und der ernſte und dürre Ton ſeiner Stimme, die ihnen Lebewohl ſagte, drückte ſeine Ent⸗ ſagung aus. Das iſt ein ſchöner Abſchied! rief Oskar, als der alte Herr das Schweigen nicht brechen wollte; ich hoffe, Onkel, Sie werden dieſen ſtarrſinnigen, groben Freund ſo bald nicht wieder aufſuchen. Ich begreife uns ſelbſt nicht, entgegnete Burgau. Wir waren es, die mit dem Entſchluſſe herkamen, dieſen Hermann zu entlarven und aus dem Hauſe zu jagen; nun aber ſind wir ſeine Vertheidiger geworden, zanken uns für ihn und werden beinahe ſelbſt hinaus ge⸗ worfen! Der junge Offizier lachte laut. Meiner Treu! rief 166 er, Sie haben Recht, Onkel. Aber wie ich auf ihn zuging und ihn in ſeiner ganzen Schlechtigkeit zeigen wollte, ſah er mich mit einem Blicke an, der mir Schaam und Schande ins Geſicht trieb. Es war ein Blick ſo voll Vorwurf, Verachtung, Stolz und Mitleid, daß ich kein Wort finden konnte und einen Eid geleiſtet hätte, um ihn von allem Verdachte zu reinigen. Mir ging es nicht beſſer, brummte der alte Herr; und hat er uns denn nicht auch große, wahrhafte Dienſte geleiſtet, für die wir ihn verrathen wollten, wie Petrus den Herrn, noch ehe der Hahn krähte? O über die tiefe Schwäche in uns, über die Sünde, die unſer aller Erbtheil iſt! Dieſer Hermann iſt beſſer als wir, das empfanden wir in ſeiner Nähe. Was er da geſagt hat, iſt freilich Thorheit, aber es iſt die Thorheit einer edlen Seele, die erhabenen Gedanken ſich zum Opfer bringt. Nein, ich gebe es noch nicht auf, Wernher zu verſöhnen, und ſollte ich mich vor ihm ſo tief demüthigen, wie nie vor einem Menſchen. Laß uns den armen Verſtoßenen aufſuchen und ihm ſagen, daß er noch Freunde beſitzt. Burgau bemühte ſich jedoch vergebens, dieſe guten Vorſätze auszuführen. Es half ihm nichts, daß er unter Lebensgefahr die vier halsbrechenden Treppen nach dem guf ihn t zeigen Schaam Blick ſo t hätte, e N er uni ch den 167 Dachſtübchen hinaufkletterte; eben ſo vergebens klopfte er an der zweiten, prächtigen Wohnung des Speculanten. Oskar führte ihn endlich in ſeinen Gaſthof, nachdem ſie auch die eleganten Kaffeehäuſer ohne Erfolg durchſucht hatten, in denen Hermann ſonſt wohl zu ſein pflegte, und verſprach, in der Frühe wieder bei ihm zu ſein, um die Bemühungen gemeinſam fortzuſetzen. Aber ſchon mit dem erſten Morgenrothe war der alte Herr auf den Beinen und ſtieg von Neuem die vier Treppen des düſteren Hauſes hinauf, weil er überzeugt war, jetzt den unglücklichen jungen Mann zu finden. Ein Gefühl aufrichtiger Freude belebte ihn, als er den Schlüſſel in dem Schloſſe der Thür ſtecken ſah und drinnen Geräuſch hörte. Gott ſei Dank! rief er; es war mir ſo unheimlich zu Muthe, als müſſe ein Unglück vorgefallen ſein.— Er klopfte, öffnete, ohne eine Ant⸗ wort abzuwarten, und ſtürzte ſich mit einem Freudenrufe auf den Mann, der am Pulte ſaß und in den Kaſten und Büchern wühlte; aber mit unbeſchreiblicher Be⸗ ſtürzung prallte er zurück, als nicht Hermann, ſondern der kleine Herr Korn ihm ſein ſpitzes, pfiffiges Geſicht entgegen ſtreckte. Sehe ich Sie in Wahrheit, mein theurer Herr von Burgau, ſagte er, und meinen Sie etwa ein zweites 168 Geſchäftchen hier abſchließen zu können, ſo muß ich leider Ihnen die Nachricht mittheilen, daß Hermann dabei ganz aus dem Spiele bleiben wird. Wo iſt er? fragte der alte Herr. Ja, wo iſt er?! antwortete Korn. Auf und davon, verſchwunden, verſchollen, vielleicht— er machte die Pantomime des Kopfabſchneidens; vielleicht auch— er legte die Hand um ſeinen Hals— oder ins Waſſer geſprungen, oder ein Piſtolenſchuß, und Alles vorüber. Gerechter Gott! ſchrie Burgau auf! Was da, gerechter Gott! ſagte Korn, der hat nichts damit zu thun. Dieſer Narr, dieſer Dnmmkopf, dieſer Unſinnige! Es thut mir leid, mich je mit ihm einge⸗ laſſen zu haben; aber bei ſolcher Denkungsweiſe mußte er ſo enden und keine Hoffnung haben, je wieder herauf zu kommen. Was hat er denn gethan? fragte Burgau, gefaßt, Entſetzliches zu hören. Verloren, ungeheure Summen, nicht durch ſein Wagen, aber durch ſeine Unentſchloſſenheit, ſeine verdammte Groß⸗ muth und ſeine romantiſchen Ideen. Und Sie haben auch dabei eingebüßt? Ich? keinen Groſchen! wie überhaupt kein Menſch einen Groſchen. Aber darin liegt ja ſeine Thorheitl 5 ich leider abei ganz nd davon, — er Waſſer vorüber. pf, dieſer m einge ſe mfft or berabf 1* afüßt, gefaß liegen, wie es liegt, den Brief geben Sie mir. 169 Es haben Viele verloren, viel Geld verloren, die re⸗ ſpectabelſten Männer; aber ſie haben accordirt, haben ſich abgefunden, Vergleiche geſchloſſen unter der Hand und ihr gutes Geld in der Taſche behalten. Hätte er mich beauftragt, ich hätte die Sache arrangirt. Statt deſſen bezahlt er geſtern alles, was er zu bezahlen hat, tilgt ſeine Verpflichtungen, verkauft, was er beſitzt, bis er nichts mehr ſein nennt, und ſchreibt mir dann einen Brief, den ich heute Morgen erhalte, worin er mir ſagt, es ſei aus mit ihm für dieſe Welt, und mich auffordert, mich hierher zu begeben, ſeine armſeligen Bücher und ſeine ganze Habe zuſammen zu packen, zum Trödler zu bringen und damit den Reſt ſeiner Schulden zu decken. Wo iſt der Brief? fragte der alte Herr. Hier, ſagte Korn, leſen Sie ſelbſt; da iſt auch die Liſte ſeiner Schulden bis auf Heller und Pfennig.— Lumperei! es ſind kaum hundert Thaler; aber komiſch genug, daß er, der vor ein paar Tagen, wo er wiſſen mußte, wie es mit ihm ſtand, noch zehn Mal größere Summen hinwarf, um ſeinen großmüthigen Launen zu fröhnen, jetzt Rock und Wamms vertrödelt, um ſeine Schulden zu bezahlen. Die bezahle ich, fiel Burgau ein. Laſſen Sie Alles 5 170 Vortrefflich! erwiderte Korn, ſo bin ich den Kram los. Werden Sie ſein Teſtaments⸗Executor und ver⸗ wahren Sie dieſes letzte Document ſeiner Thorheiten als ein Zeichen dankbarer Erinnerung. Der alte Herr ſchwieg und ließ ſich nicht irren. Er ſchloß die Thür zu, ſteckte den Schlüſſel ein und drehte verächtlich dem Speculanten den Rücken, als dieſer eine neue Spötterei vorbrachte. Schmerz und Trauer im Herzen, nahm er einen Wagen und fuhr zu Wernher hinaus, voll Angſt vor den Enthüllungen, die er zu machen hatte, und voll Zorn über den ſtarrſinnigen Freund. Vielleicht, ſagte er ſich, iſt doch noch zu helfen. Vielleicht gelingt es, den Verzagenden zurückzurufen, wenn Wernher ihn öffentlich auffordort und ihm Verſöhnung und Verzeihung verſpricht. Er und Sophie, ſie müſſen beide helfen! Aber wenn es zu ſpät ſein ſollte, wenn der Unglückliche wirklich Hand an ſich gelegt, ach, wie furchtbar muß ihr Vorwurf, wie entſetzlich muß ihre Reue ſein!„ Mit zitternder Hand zog er den Ring an der Pforte. Der ferne Glockenton kam ihm wie Grabgeläute vor, und je länger er warten mußte, um ſo bänger wurde Endlich, nachdem er das Läuten es ihm im Herzen. „ den Kram und ver⸗ theiten als zu helfen ufen, vem zerſihun ſi miſſn ach, W muß ihl 171 noch zwei Mal wiederholt hatte, kam der alte Gärtner herbei, der bei den Beeten arbeitete. Wo iſt der Capitän? fragte Burgau, als der Mann ihn befremdet anblickte. Er iſt verreiſt, ſagte er. Wiſſen Sie es nicht, lieber Herr? Verreiſt? rief Burgau erſtaunt. Unmöglich! ich habe ihn geſtern Abend ſpät verlaſſen; er theilte mir nichts davon mit. Heute früh, es war noch Nacht, ſind ſie abgereiſt, ſagte der Gärtner. Der Herr, unſer Fräulein und die beiden alten Frauen, die im Hauſe waren. Das Haus iſt verſchloſſen, ich bin allein hier. Sie können ſich ſelbſt überzeugen. Und wann kommen ſie wieder? fragte Burgau. Ich weiß es nicht, ſie haben es mir nicht geſagt, erwiderte der Alte, die Achſeln zuckend. Der alte Herr kehrte niedergeſchlagen nach der Stadt zurück und irrte vergebens den ganzen Tag umher, um eine Spur von Hermann zu entdecken. Er fand nichts. — Am nächſten Morgen las er in den Zeitungen: Wieder hat das Börſenſpiel ein Opfer gsfordert. Ein unger Speculant, H., welcher ſich mit außerordentlichem Hlücke in die gewagteſten Unternehmungen ſtürzte und 172 ein großes Vermögen in kurzer Zeit erworben hatte, iſt in Folge der eingetretenen Kriſis eben ſo ſchnell um alles gekommen, was er beſaß. Da er ſeine Ver⸗ pflichtungen nicht erfüllen konnte, iſt er perſchwunden, hat aber Briefe zurückgelaſſen, welche ſeinen Selbſtmord außer Zweifel ſetzen. Der Körper des unglücklichen H. iſt geſtern mit zerſchmettertem Kopf in der Nähe gefun⸗ den worden.“ Burgau ließ das Blatt fallen. Zitternd drückte er die Hände in die Augen, bis dieſe überſtrömten, und mit wankenden Schritten eilte er in ſeinen Gaſthof, packte ſeine Habſeligkeiten zuſammen und verließ die Hauptſtadt, nachdem er ſeinen Neffen beauftragt hatte, Hermann's kleine Schulden zu bezahlen, die Bücher und was ſonſt geblieben, als Andenken, zugleich aber als eine ſchreckliche Lehre zu betrachten, wohin ein edler Menſch durch Spiel gerathen könne. Der traurige Vorgang hatte auch auf den jungen Offizier einen bleibenden tiefen Eindruck gemacht. Er verſprach nicht allein dem alten Herrn Umkehr von allem Leichtſinn, ſondern er hielt auch Wort, und einige Monate ſpäter empfing Burgau die Verſicherung, daß ein ernſteres Streben in ſeinem Reffen erwacht ſei, durch deſſen Entſchluß, ſich in die Kriegsſchule aufnehmen zu laſſen. Aber der ———— 173 Herbſt und der Winter vergingen Burgau traurig in ſeiner Einſamkeit. Er konnte ſeine Abenteuer nicht ver⸗ geſſen und die Geſtalten nicht los werden, welche ſich immer von Neuem aufdrangen. Vergebens hatte er Oekar'n angeſpornt, zu erforſchen, wohin Wernher und Sophie ſich begeben, und in jedem ſeiner Briefe gefragt, ob ſie noch nicht zurückgekehrt ſeien. Die beſtändige Antwort war, daß das Gartenhaus öde und der alte Gärtner der einzige Menſch ſei, der es bewohne. Da verlor der alte Herr den Muth, je wieder etwas von ſeinem wunderlichen Freunde und deſſen ſchöner Tochter zu hören, und als der Frühling kam, dachte er weniger an ihn und kehrte zu ſeinen früheren Freuden und Lebensgewohnheiten zurück. Eines Tages aber begab es ſich, daß inmitten einer kleinen Geſellſchaft, die in Burgau's Hauſe verſammelt war, plötzlich der Poſtbote eintrat und einen Brief brachte, veſſen Aufſchrift ein freudiges Gefühl im Herzen des lten Herrn hervorrief. Von Georg Wernher! rief er, und Alle horchten auf, denn Burgau hatte ihnen einen hten Theil von dem, was er erlebt, nicht verſchwiegen. Als er den Brief mit Haſt aufriß, hingen daher die Blicke der Geſellſchaft an dem Papiere, und als eine Karte heraus fiel, griffen zehn Hände danach und fingen ſie auf. 174 Was ſteht darauf? fragte der alte Herr.— Der Gefragte las: „Als Neuvermählte empfehlen ſich Stplie Selbitz und Hermann Selbitz.“ Und hier im Briefe, nehmt und leſ't g der alte Herr, ſich an dem Stuhle feſthaltend.„Mein alter Dietrich, komm zu uns nach Schleſien und ſei ein Zeuge meines Glückes und deß meiner Kinder. Hermann, von mir noch am Abende jenes Tages, den du kennſt, auf⸗ geſucht, hat uns hierher begleitet. Er mußte fort aus jenem Kreiſe; er mußte todt ſein für ſeine bisherige Welt, darum haben wir auch den Nachrichten über ſeinen Tod nicht widerſprochen und werden es nie thun. Aber er lebt in Sophiens Armen, er iſt glücklich, wir alle ſind es, und ich glaube faſt, wir haben uns gegenſeitig gebeſſert. Du wirſt mit uns zufrieden ſein; komm und laß uns nicht warten.“ Ich komme! rief Burgau in freudiger Begeiſterung; morgen reiſe ich, aber heute laßt das glückliche Paar hoch leben, ſo lange eine Flaſche im Keller iſt! Und am anderen Morgen fuhr der alte Herr gen Schleſien, in die grünen Berge, wo treue, glückliche Freunde ihn erwarteten. 6 Druck von W. Pormetter in Berlin 5 Kommandantenſtraße 66 Colour s Srey Gornſtrol Chart n Sreen Nllow Red Magenta