— ———— ———————,— ———————————— * v—————= Die Elenden. Von pictor Hugr. Deutſch von L. von Alvenslehen. Fünfte Abtheilung: Jean Valijean. Zweiter Band. Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (S. Winckler.) Jean Baljean. Von Victor Hugo. Deutſch von L. von Aloenslehen. Zweiter Vand. (Fünfte Abtheilung der„Elenden“.) ——— Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (J. Winckler.) Jean Ualjean. Fünftes Buch. — ₰ — — — — S — — — —= = — — — S — — Px T Worin man den Baum mit dem Zinkpſlaſter wieder ſieht. Einige Zeit nach den Vorgängen, die wir ſoeben er⸗ zählten, gerieth hier Boulatruelle durch ein Ereigniß in leb⸗ hafte Aufregung. Boulatruelle iſt jener Wegearbeiter von Montfermeil, den man ſchon bei den dunkeln Theilen dieſes Buches erblickt hat. Boulatruelle war, wie man ſich erinnern wird, ein Menſch, den verſchiedene und verworrene Dinge beſchäftig⸗ ten. Er zerſchlug Steine, beläſtigte die Reiſenden auf der großen Landſtraße. Als Straßenarbeiter und Dieb hatte er einen Traum. Er glaubte an die in dem Walde von Montfermeil vergrabenen Schätze. Er hoffte eines Tages am Fuße eines Baumes Geld zu finden. In Er⸗ wartung deſſen ſuchte er es vorläufig gern in den Taſchen Vorübergehender. Indeß war er für den Augenblick klug. Er war glück⸗ lich entronnen. Er wurde, wie man weiß, in der Dach⸗ kammer Zondrette's mit den andern Banditen aufgehoben. Nützlichkeit eines Laſters: ſeine Trunkenheit hatte ihn gerettet. Man hat nie aufzuklären vermocht, ob er hier als Dieb oder als Beſtohlener war. Eine Erklärung des Nicht⸗ ſchuldig, geſtützt auf ſeinen Zuſtand der Trunkenheit, der an dem Abend des Ueberfalles vollkommen erwieſen war, hatte ihn in Freiheit geſetzt. Er kehrte zum Walde zurück. Er begann ſeine Arbeit, die Steinbewerfung des Weges von Gagnh nach Lagny, unter Aufſicht der Behörde für Rech⸗ nung des Staates wieder, ſah dabei etwas niedergeſchla⸗ gen, ſehr nachdenkend und etwas abgekühlt für den Raub aus, der ihn beinahe in das Verderben geſtürzt hätte; aber er wendete ſich dafür nur mit um ſo größerer Rührung dem Weine, der ihn gerettet hatte, zu. Was die lebhafte Aufregung betrifft, die er kurze Zeit nach ſeiner Rückkehr unter das Raſendach ſeiner Straßen⸗ arbeiterhütte hatte, ſo beſtand ſie in Folgendem: Eines Morgens, als Boulatruelle ſich wie gewöhnlich an ſeine Arbeit begab, und vielleicht auch auf ſeinen Lauer⸗ poſten, etwas vor Tagesanbruch, bemerkte er in dem Ge⸗ büſch einen Menſchen, von dem er nichts ſah als den Rücken, deſſen Umriſſe ihm aber trotz der Eutfernung und der Dämmerung nicht unbekannt zu ſein ſchienen. Boula⸗ truelle war zwar ein Trunkenbold, aber er hatte ein ſchar⸗ fes Gedüchtniß, eine unerläßliche Vertheidigungswaffe für Zeden, der mit der geſetzlichen Ordnung ein wenig im Kampfe iſt. „Wo Teufel habe ich Etwas von dieſem Menſchen geſehen?“ fragte er ſich. Aber er konnte ſich nichts antworten, außer daß dieſe Erſcheinung Jemandem glich, von dem er eine beſtimmte Erinnerung ſich bewahrt hatte. Außerhalb der Identität, die er nicht zu erfaſſen ver⸗ mochte, ſtellte Boulatruelle übrigens Vermuthungen und Be⸗ rechnungen an. Dieſer Menſch war nicht aus der Gegend. Er war hierher gekommen, zu Fuß augenſcheinlich. Kein 9 öffentlicher Wagen kommt um dieſe Stunde durch Montfermeil. Er mußte die ganze Nacht gegangen ſein. Wo kam er her? Nicht von weit, denn er hatte weder ein Ränzel, noch ein Päckchen. Aus Paris ohne Zweifel. Weshalb war er in dieſem Walde? Weshalb war er zu einer ſolchen Stunde hier? Was wollte er hier? Boulatruelle dachte an den Schatz. Indem er in ſei⸗ nen Erinnerungen nachſuchte, beſann er ſich nur undeutlich darauf, daß er ſchon einige Jahre zuvor eine ähnliche Auf⸗ regung durch einen Menſchen gehabt hatte, der ihm den Eindruck machte, als ob es wohl eben dieſer Menſch ſein könnte. Während er ſo nachſann, hatte er unter dem Gewicht eben dieſes Sinnens den Kopf gebeugt, eine Sache, die ſehr natürlich, aber nicht ſehr geſchickt iſt. Als er ſich wieder aufrichtete, war nichts mehr zu ſehen. Der Menſch war in dem Walde und in der Dämmerung verſchwunden. „Zum Teufel!“ murmelte Boulatruelle,„wenn ich ihn nicht wiederfände! Ich entdecke das Kirchſpiel dieſes Ge⸗ vatters. Dieſer Spaziergänger von Patron⸗Minette hat ein Warum? und ich werde es erfahren. Man darf in meinem Walde kein Geheimniß haben, ohne daß ich mich einmiſche.“ Er nahm ſeine Hacke, die ſehr ſpitz war. „Das,“ brummte er vor ſich hin,„iſt Etwas, um die Erde und einen Menſchen zu durchſuchen.“ Und wie man einen Faden an einen andern knüpft, richtete er ſeine Schritte ſo vorſichtig als möglich nach dem Wege, welchen jener Mann hatte einſchlagen müſſen, und ſetzte ſich durch das Dickicht in Marſch. Als er einige Hundert Schritt gethan hatte, unterſtützte ihn der zunehmende Weg. Fußtritte, die in dem Sande eingedrückt waren, hier und vort niedergetretenes Gras, zer⸗ knicktes Haidekraut, in dem Gebüſch niedergebogene Zweige, die ſich langſam wieder erhoben, deuteten ihm eine Art von Spur an. Er folgte ihr und verlor ſie dann. Die Zeit verfloß. Er ging weiter in den Wald hinein und gelangte zu einer Art von Anhöhe. Ein Jäger, der in der Ferne auf einem Fußpfade hinging und ein Liedchen pfiff, erweckte in ihm den Gedanken, auf einen Baum zu klettern. Wenn auch alt, war er doch gewandt. Es ſtand da eine hohe Buche. Boulatruelle kletterte an derſelben ſo hoch hinauf, als er vermochte. Der Gedanke war gut. Indem er ſeine Augen nach der Richtung ſchweifen ließ, wo das Holz durchaus verworren und wild iſt, bemerkte Boulatruelle plötzlich einen Mann. Kaum hatte er ihn geſehen, als er ihn auch ſchon wieder aus den Augen verlor. Der Mann trat oder ſchlüpfte vielmehr in eine ziemlich entfernte Lichtung, die durch große Bäume verdeckt wurde, die Boulatruelle aber ſehr genau kannte, weil er dort neben einem großen Haufen von Mühlſteinen einen kranken Kaſta⸗ nienbaum bemerkt hatte, der, mit einer auf die Rinde ge⸗ nagelten Zinkplatte, verbunden war. Dieſe Lichtung war eben die, welche man ſonſt den Grund Blaru nannte Der Haufen Steine, der zu irgend einem Bau beſtimmt war, welchen man vor dreißig Jahren beabſichtigt hatte, liegt ohne Zweifel noch dort. Mit der Uebereilung der Freude ließ Boulatruelle ſich von dem Baume beinahe mehr herabfallen als er von dem⸗ ſelben herunter kletterte. Das Lager war entdeckt. Es handelte ſich nur noch darum, das Thier zu fangen. Der berüchtigte Schatz, von dem er geträumt hatte, lag wahr⸗ ſcheinlich dort. Es war keine geringfügige Sache, zu jener Lichtung zu gelangen. Auf dem betretenen Fußpfade, der tauſend läſtige Zickzacks machte, war dazu eine gute Viertelſtunde erforder⸗ lich. In gerader Linie durch das Gebüſch, welches hier außerordentlich dicht und dornig iſt, braucht man eine gute 1 halbe Stunde. Boulatruelle beging die Thorheit, dies nicht zu begreifen. Er glaubte an die grade Linie. Eine achtungs⸗ werthe Illuſion der Optik, welche aber viele Menſchen in das Verderben ſtürzt. Das Dickicht, ſo dornig es auch war, erſchien ihm als der nächſte Weg. Boulatruelle, der ſonſt daran gewöhnt war, gewundene Wege zu gehen, beging diesmal den Fehler, den geraden Weg zu wählen. Er ſtürzte ſich entſchloſſen in das Dickicht des Ge⸗ büſches. Er hatte es mit Stechpalmen, mit Neſſeln, mit Dornen, mit Diſteln, mit dichtverwachſenen Wurzeln zu thun, die ihn beim Gehen ſehr hinderten. Am Fuße der Anhöhe fand er Waſſer, das er durch⸗ ſchreiten mußte. Endlich gelangte er nach Verlauf von vierzig Minu⸗ ten nach der Lichtung. Niemand war daſelbſt zu ſehen. Boulatruelle lief zu dem Steinhaufen. Er lag an ſeiner Stelle. Man hatte ihn nicht fortgetragen. Was dem Menſchen betrifft, ſo war er in dem Walde verſchwunden. Er hatte ſich geflüchtet. Wohin? Nach welcher Seite? In welches Gebüſch? Das war unmöglich zu errathen. Und eine beſonders ärgerliche Sache: hinter dem Stein⸗ haufen vor dem Baume mit der Zinkplatte war die Erde friſch aufgewühlt und neben dem Loch lag eine vergeſſene Schaufel. Das Loch war leer. „Räuber!“ ſchrie Boulatruelle, indem er mit beiden Fäuſten gegen den Himmel drohte. —— — 12 II. Marius, der aus dem Bürgerkrieg kommt, bereitet ſich auf den häuslichen Krieg vor. Marius war längere Zeit weder todt noch lebendig. Mehrere Wochen lang litt er an einem Fieber, begleitet von Delirium und ziemlich gefährlichen Symptomen, welche noch mehr durch die Erſchütterungen der Wunde am Kopfe her⸗ vorgebracht worden waren, als durch die Wunden ſelbſt. Er wiederholte den Namen Coſette ganze Nächte lang mit der finſtern Geſchwätzigkeit des Fiebers und der dumpfen Hartnäckigkeit des Todeskampfes: die Größe einiger Ver⸗ letzungen war eine ernſte Gefahr. Die Eiterung der größeren Wunden konnte unter gewiſſen atmoſphäriſchen Einflüſſen den Kranken tödten; bei jeder Aenderung des Wetters, bei dem geringſten Gewitter war der Arzt beſorgt.„Beſonders darf der Verwundete keine Aufregung haben,“ wiederholte er beſtändig. Die Anlegung der Verbände war ſchwierig. Nicolette zerzupfte ein ganzes Betttuch zu Charpie. Nicht ohne Mühe gelang es den Chlorauflöſungen und Höllen⸗ ſtein, den Krebs zu beſeitigen. So lange die Gefahr dauerte, war Gillenormand außer ſich vor Schmerz, an das Kopfende ſeines Enkels gebannt, ausharrend wie Marius, weder todt noch lebend. Täglich und zuweilen auch zweimal kam ein Herr mit weißem Haar, der ſehr gut gekleidet war— dieſes Signalement gab der Thürhüter— um ſich nach dem Ver⸗ wundeten zu erkundigen und ließ dabei ein großes Päckchen Charpie zurück. —— 13 Endlich am 7. September, Tag für Tag, vier Monate nach jener ſchmerzvollen Nacht, in welcher man ihn ſterbend zu ſeinem Großvater gebracht hatte, erklärte der Arzt, daß er für ihn einſtände. Die Geneſung begann. Marius mußte indeß noch länger als zwei Monate in Folge des Schlüſſelbeinbruches auf einem Ruhebett liegen bleiben. Es giebt immer ſo eine letzte Wunde, die ſich nicht ſchließen will und die zum großen Verdruß des Kranken die Ver⸗ bände bis in die Ewigkeit hinauszieht. Uebrigens ſchützte dieſe lange Krankheit und dieſe lange Geneſung ihn vor den Verfolgungen. In Frankreich giebt es ſelbſt öffentlich keinen Zorn, der nicht nach ſechs Monalen erlöſcht. Die Aufſtände ſind bei dem Zuſtande der Geſellſchaft ſo ſehr die Schuld Aller, daß ihnen ein gewiſſes Bedürfniß, die Augen zu ſchließen, folgt. Fügen wir hinzu, daß die nicht zu bezeichnende Ordo⸗ nanz Gisquets, welche den Aerzten befahl, die Verwundeten anzuzeigen, die öffentliche Meinung, und nicht dieſe allein, ſondern den König zunächſt empört hatte, und daß die Ver⸗ wundeten durch eben dieſe Empörung geſichert und geſchützt wurden; mit Ausnahme derer, welche während des Kampfes gefangen genommen worden waren, wagten die Kriegs⸗ gerichte nicht, einen Einzigen zu beläſtigen. Man ließ da⸗ her Marius in Ruhe. Herr Gillenormand duvchlebte Anfangs jede Qual und dann jedes Entzücken. Man hatte viel Mühe ihn ab⸗ zuhalten, alle Nächte bei dem Verwundeten zuzubringen. Er ließ ſeinen großen Armſtuhl neben das Bett des Ver⸗ wundeten tragen; er verlangte, daß ſeine Tochter die feinſte Leinewand des Hauſes in Compreſſe und Bandagen ver⸗ wandeln ſollte. Fräulein Gillenormand fand als bejahrte und verſtändige Perſon indeß das Mittel, die ſchöne Leinewand zu ſparen, während ſie dem Großvater glauben ließ, ſie gehorche ihm. Herr Gillenormand geſtattete nicht, ihm zu 14 erklären, daß zur Charpie der Batiſt nicht ſo gut ſei, wie grobe Leinwand und neue Leinwand nicht ſo gut wie alte. Er wohnte jedem Verbande bei, während Fräulein Gillenor⸗“ mand ſich ſchamhaft deſſen enthielt. Wenn man das todte Fleiſch mit der Scheere herausſchnitt, ſagte er:„oh weh! o weh!“ Nichts war rührender, Zeuge zu ſein, wenn er voll Zärtlichkeit dem Verwundeten einen Trank reichte. Er überhäufte den Arzt mit Fragen. Er bemerkte es nicht, daß er dabei täglich dieſelben wiederholte. An dem Tage, an welchem der Arzt ihm ſagte, daß Marius außer Gefahr ſei, gerieth der gute Alte in Wahn⸗ ſinn. Er gab ſeinem Portier drei Louisd'ors als Vergüti⸗ gung. Abends, als er in ſein Zimmer zurückkehrte, tanzte er eine Gavotte, indem er ſeinen Daumen und Zeige⸗ finger als Caſtagnetten benutzte und ſang ein luſtiges Liebesliedchen. Dann kniete er an einen Stuhl nieder und Basque, der ihn durch die halbgeöffnete Thür beobachtete, glaubte überzeugt zu ſein, daß er bete. Bisher hatte er nicht an Gott geglaubt. Bei jeder neuen Phaſe des Beſſerbefindens, das ſich mehr und mehr zeigte, beging der Großvater ſogar noch Ausſchwei⸗ fungen. Er ſtieg die Treppen hinauf und hinab, ohne zu wiſſen weshalb. Eine übrigens ganz hübſche Nachbarin war eines Morgens im höchſten Grade verwundert, als ſie ein großes Bouquet empfing, es war Herr Gillenormand, welcher es ihr ſchickte. Der Ehemann machte eine Eifer⸗ ſuchtsſcene. Herr Gillenormand verſuchte es, Nicolette auf ſeinen Schooß zu ziehen. Er nannte Marius Herr Baron. Er rief: es lebe die Republik! Jeden Augenblick fragte er den Arzt:„nicht wahr, es iſt keine Gefahr mehr?“ Er ſah Marius mit den Augen einer Großmutter an. Er ließ ihn nicht aus den Augen, wenn er aß. Er kannte ſich nicht mehr, und brüſtete ſich nicht mehr. 15 Marius war der Herr des Hauſes; es lag Abdankung in ſeiner Freude; er war der Enkel ſeines Enkels. In ſeiner lauten Freude war er das ehrwürdigſte der Kinder. Aus Furcht, den Geneſenden zu ermüden oder zu be⸗ läſtigen, ſtellte er ſich hinter ihm, um ihn zuzulächeln. Er war zufrieden, erfreut, entzückt, gerührt, vergnügt. Seine weißen Haare fügten dem heiteren Lichte, welches ſein Geſicht über⸗ ſtrahlte, eine milde Majeſtät hinzu. Wenn die Anmuth ſich mit den Runzeln miſcht, iſt ſie bewundernswürdig. Es liegt eine Morgenröthe in den freundeſtrahlenden Alten. Marius hatte, während er ſich verbinden und pflegen ließ, nur eine fixe Idee: Coſette! Seitdem das Fieber und das Delirium ihn verlaſſen hatte, ſprach er den Namen nicht mehr aus und man hätte glauben können, er dächte nicht mehr an ihn. Er ſchwieg, da ſeine ganze Seele mit dem Namen beſchäftigt war. Er wußte nicht, was aus Coſette geworden war; die ganze Angelegenheit der Rue de la Chanvrerie ſchwebte wie eine Wolke in ſeiner Erinnerung; beinahe unbeſtimmte Schatten ſchwammen in ſeinem Geiſte; Eponine, Gavroche, Mabeuf, die Thénardiers, alle ſeine Freunde auf finſtere Weiſe ge⸗ miſcht im Pulverdampf und Barrikaden; das ſonderbare Erſcheinen des Herrn Fauchelevent in dieſem blutigen Aben⸗ teuer machte auf ihn den Eindruck eines Räthſels in einem Sturme; er begriff nichts von ſeinem eigenen Leben; er wußte nicht, wie, noch durch wen er gerettet worden war, und ebenſo ſeine Umgebung. Alles, was man ihm zu ſagen vermocht hatte, war, daß er Nachts in einem Fia⸗ ker nach der Rue des Filles du Calvaire gebracht wor⸗ den ſei. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Alles war für ihn im Nebel eines unbeſtimmten Gedankens. Allein in dieſem Nebel gab es einen unwandelbaren Punkt, einen Willen, einen Entſchluß: Coſette wieder zu finden. Für ihn war der Gedanke des Lebens von dem Gedanken an Co⸗ 16 ſette nicht unterſchieden; er hatte in ſeinem Herzen beſtimmt, daß er das eine nicht ohne das andere annehmen wollte, und er war entſchloſſen, von Jedem, der ihn zwingen würde,. zu leben, von ſeinem Großvater, vom Schickſal, von der Hölle, die Wiederſtattung ſeines verlorenen Eden's zu verlangen. Die Hinderniſſe verhehlte er ſich nicht. Wir müſſen hier beſonders erwähnen, daß er durch alle die Sorgfalt und die Zärtlichkeit ſeines Großvaters nicht gewonnen und nur wenig gerührt wurde. Uebrigens kannte er auch nicht das Geheimniß Aller. Dann mißtraute er auch in ſeinen Träumereien, die vielleicht noch fieberhaft waren, der Sanft⸗ muth, wie etwas Befremdenden und Neuen, das vielleicht nur den Zweck hatte, ihn zu bändigen. Er blieb kalt dabei. Der Großvater verſchwendete vergebens ſein heiteres Lächeln. Marius dachte, das wäre gut, ſo lange er nicht ſpräche und er ihn gewähren ließ, aber wenn es ſich um Coſette han⸗ delt, dann würde er ein anderes Geſicht erblicken und die wahre Haltung ſeines Großvaters ſich ihm zeigen. Dann entſtanden wieder die Familienfragen, die Gegenüberſtellung der Lage, alle Spöttereien und Einwürfe zugleich, Fauche⸗ levent, Cougelevent, das Vermögen, die Armuth, das Elend, der Stein am Hals, die Zukunft; heftiger Widerſtand; Schluß: Weigerung. Marius war im Voraus entſchloſſen. Und in dem Grade, in welchem er zu dem Leben zurückkehrte, zeigten ſich auch ſeine alten Wunden und öff⸗ neten ſich wieder. Er dachte wieder an die Vergangenheit, der Oberſt Pontmerey ſtellte ſich zwiſchen Herrn Gillenor⸗ mand und ihn, und Marius ſagte ſich, er hätte keine wirk⸗ liche Güte von dem zu erwarten, der ſo ungerecht und ſo hart gegen ſeinen Vater geweſen wäre. Mit der Geſund⸗ heit kehrte auch eine Art von Erbitterung gegen ſeinen Großvater zurück. Herr Gillenormand bemerkte, ohne Etwas darüber zu 17 äußern, daß Marius, ſeitdem er zum Bewußtſein zurück⸗ gekehrt war, nicht ein einziges Mal„mein Vater“ zu ihm ge⸗ ſagt hatte. Freilich ſagte er auch nicht mein Herr, allein er wußte es möglich zu machen, durch gewiſſe Wendungen der Frage weder das eine noch das andere Wort zu ge⸗ brauchen. Offenbar nahte eine Kriſis. Wie es beinahe immer in ſolchen Fällen geſchieht, ver⸗ ſuchte Marius ein Scharmützel, ehe er die Schlacht wagte, das heißt, er recognoscirte das Terrain. Eines Morgens geſchah es, daß Herr Gillenormand bei Gelegenheit einer Zeitung, die ihm in die Hände gefallen war, auf leicht⸗ fertige Weiſe von dem Convent ſprach und einen rohaliſti⸗ ſchen Schimpf gegen Danton, Saint⸗Juſt und Robespierre äußerte. „Die Männer von 1793 waren Rieſen,“ ſagte Marius mit Strenge. Der Greis ſchwieg und ſprach den ganzen übrigen Tag kein Wort. Marius, vor deſſen Geiſte noch immer der unbengſame Großvater ſeiner erſten Jahre ſtand, ſah in dieſem Schweigen eine Anſammlung des Zornes. Ihm ahnte danach ein erbitterter Kampf und er ſteigerte in Ge⸗ danken deshalb die Vorbereitungen des Kampfes. Er beſchloß im Falle der Weigerung ſeine Verbände abzureißen, ſein Schlüſſelbein auszurenken, alle Wunden, die er noch hatte, zu öffnen uud alle Nahrung zurückzuweiſen. Seine Wunden waren ſeine Munition. Coſette haben oder ſterben. Er erwartete einen günſtigen Augenblick mit der mürri⸗ ſchen Geduld der Kranken.„ Dieſer Augenblick kam. bo Die Elenden. X III. Marius greift an. Eines Tages neigte ſich Herr Gillenormand, während feine Tochter die Arzneiflaſchen und die Taſſen auf der Marmorplatte der Kommode in Ordnung brachte, über Ma⸗ rius und ſagte ihm mit ſeinem zärtlichſten Tone: „Siehſt Du, mein lieber Marins, an Deiner Stelle würde ich jetzt lieber Fleiſch als Fiſch eſſen. Eine gebratene Scholle iſt ganz vortrefflich bei dem Anfang einer Geneſung; allein um den Kranken auf die Beine zu bringen, iſt ein gutes Cotelette nöthig.“ Marius, deſſen Kräfte beinahe vollſtändig zurückgekehrt waren, ſammelte ſie, ſetzte ſich auf ſeinem Lager in die Höhe, drückte beide Fäuſte geballt auf das Betttuch, ſah ſeinem Großvater feſt in das Geſicht und ſagte mit einem erſchreckenden Ton: „Das bringt mich dahin, Ihnen eines zu ſagen.“ „Was denn?“ „Daß ich mich verheirathen will.“ „Vorausgeſehen!“ ſagte der Großvater und brach in lautes Gelächter aus. „Wie! vorausgeſehen?“ „Ja, vorausgeſehen. Du ſollſt ſie haben, Dein Mädchen.“ 3 Marius war erſtarrt und betäubt durch die Verblen⸗ dung und zitterte an allen Gliedern. Herr Gillenormand fuhr fort: „Ja, Du ſollſt ſie baben, Dein ſchönes, kleines Mäd⸗ end der Ra⸗ elle tene ng ein chrt die ſe nem ein len⸗ ſn 19 chen. Sie kommt täglich in Geſtalt eines alten Herrn, um Nachrichten von Dir zu erhalten. Seitdem Du verwundet biſt, bringt ſie ihre Zeit damit hin, zu weinen und Charpie zu zupfen. Ich habe mich erkundigt, ſie wohnt Rue de Homme Armé Nr. 7. Ah, jetzt ſind wir bei der Sache. Du willſt ſie. Nun gut, Du ſollſt ſie haben. Das über⸗ raſcht Dich. Du hatteſt Deine kleine Verſchwörung ange⸗ zettelt; Du ſagteſt Dir: ich will das dieſem Großvater, dieſer Mumie der Regentſchaft und des Divectoriums, die⸗ ſem alten Stutzer gerade heraus ſagen: er hat auch ſeine Leichtfertigkeiten und ſeine Liebſchaften und ſeine Griſetten und ſeine Coſetten gehabt. Er muß ſich daran erinnern. O, Du faßt den Stier bei den Hörnern! Gut.— Zch bereite Dir ein Cotelette und Du antworteſt mir: Apropos, ich will mich verheirathen. Iſt das ein Uebergang! Du hatteſt auf einen Kampf gerechnet! Du wußteſt nicht, daß ich ein alter Mann bin. Was ſagſt Du dazu? Du ärgerſt Dich; Deinen Großvater noch einfältiger zu finden wie Du biſt, darauf warſt Du nicht gefaßt; Du büßeſt die Rede ein, die Du mir halten wollteſt, mein Herr Advocat, und das iſt verdrießlich. Nun gut, deſto ſchlimmer, wüthend. Ich thue, was Du willſt und das ſchneidet Dir Deine Rede ab, Dummkopf! Höre! Ich habe Erkundigungen ein⸗ gezogen; ſie iſt reizend, ſie iſt tugendhaft, der Offizier iſt nicht wahr; ſie hat Haufen Charpie gezupft, ſie iſt ein Edelſtein, ſie betet Dich an; wäreſt Du geſtorben, ſo würden wir unſerer Drei geweſen ſein. Ihr Sarg hätte den mei⸗ nigen begleitet. Sobald es beſſer mit Dir ging, hatte ich wohl den Gedanken, ſie ganz einfach an Dein Lager zu ſetzen. Allein nur in Romanen bringt man die jungen Mädchen geradeswegs an das Bett der jungen Verwun⸗ deten, die ſie intereſſiren. In Wirklichkeit geſchieht das nicht. Was hätte Deine Tante geſagt? Du wareſt drei Viertel der Zeit ganz entkleidet, mein Jnnge. Frage Nicolette, 2* 4 die Dich nicht eine Minute verlaſſen hat, ob ein Franuen⸗ zimmer wohl bei Dir ſein konnte. Und was hätte der Arzt geſagt? Ein junges Mädchen heilt das Fieber nicht. Uebri⸗ gens iſt es gut. Sprechen wir nicht weiter davon. Das iſt abgemacht, geſchehen, beſchioſſen: nimm ſie. So iſt meine Grauſamkeit. Siehſt Du, ich ſah, daß Du mich nicht lieb⸗ teſt und dachte: was könnte ich denn thun, daß dieſer Menſch mich liebt? Ich ſagte: ei, ich habe meine kleine Coſette zur Hand; ich will ſie ihm geben und dann muß er mich wohl ein wenig lieben oder ſagen, weshalb er es nicht will. Ach, Du glaubteſt alſo, der Alte würde ſtürmen, die Stimme erheben, nein ſchreien und ſeinen Stock gegen dieſe ganze Morgenröthe richten? Keineswegs. Coſette, ſei es; liebe, es ſei; ich verlange nichts weiter. Mein Herr, geben Sie ſich die Mühe, zu heirathen. Sei glücklich, mein geliebtes Kind.“ Als der Greis dies geſprochen hatte, brach er in Schluchzen aus. Er ergriff Marius' Kopf, preßte ihn mit ſeinen beiden Armen gegen ſeine alte Bruſt und Beide weinten. Das iſt eine von den Geſtalten des höchſten Glückes. „Mein Vater!“ rief Marius aus. „Ach, Du liebſt mich alſo doch!“ ſagte der Greis. Es entſtand ein unausſprechlicher Augenblick. Sie er⸗ ſtickten Beide und konnten nicht ſprechen. Endlich ſtammelte der Greis: „So! jetzt habe ich ihn entwaffnet. Er hat zu mir ge⸗ ſagt: mein Vater!“ Marius machte den Kopf aus den Armen des Groß⸗ vaters frei und ſagte:„Aber mein Vater, jetzt, wo ich mich wohl befinde, ſcheint es mir, als könnte ich ſie ſehen.“ „Auch vorausgeſehen. Du ſollſt ſie morgen ſehen.“ „Mein Vater!“ „Was?“ haſt we Di ſch der du g me tze be, ie es in en s. 21 „Weshalb nicht heute?“ „Nun gut, ja heute. Es mag für heute gehen. Du haſt zu mir geſagt mein Vater, und das iſt wohl ſo viel werth. Ich will mich damit befaſſen. Man wird ſie Dir zuführen. Vorausgeſehen, ſage ich Dir. Das iſt ſchon in Verſe gebracht worden. Das iſt die Entwickelung der Elegie des„jungen Kranken“ von André Chénier, der durch die Unge— durch die Rieſen von 1793 ermordet wurde.“ Herr Gillenormand glaubte ein leichtes Stirnrunzeln bei Marius zu bemerken, der in der That, wie wir ſagen müſſen, ihn nicht mehr hörte; da er ſich im Entzücken auf⸗ geſchwungen hatte und weit mehr an Coſette wie an 1793 dachte, der Großvater, der bei dem Gedanken zitterte, ſo zu ungelegener Zeit André Chénier erwähnt zu haben, fuhr haſtig fort: „Ermordet iſt nicht das richtige Wort. Die Sache iſt, daß die großen revolutionären Geiſter, welche nicht boshaft waren, das iſt unbeſtreitbar, welche Helden waren, fanden daß André Chénier ihnen ein wenig im Wege ſtand und daß ſie ihn deshalb quillot— das heißt dieſe großen Männer baten am 7 Thermidor im Intereſſe des öffentlichen Wohles, André Theénier, er möchte—“ Herr Gillenormand, der an ſeiner eigenen Rede zu erſticen drohte, konnte nicht weiter. Er vermochte ſeinen Satz weder auszuſprechen noch zurückzunehmen, und während ſeine Tochter hinter Marius die Kiſſen ord⸗ nete, verließ der Greis, durch ſo viel Aufregungen verwirrt, ſo ſchnell als es ſein Alter erlaubte, das Schlafzimmer, warf die Thür hinter ſich zu, und vor Wuth erſtickend, ſchäumend, die Augen zum Kopfe heraustretend, ſtand er dem rechtſchaffenen Basque gerade gegenüber, der im Vor⸗ zimmer die Stiefeln wichſte. Er faßte Basque beim Kragen und ſpie ihm voll Wuth in das Geſicht. 22 „Bei den hunderttauſend Locheiſen des Teufels, die Banditen haben ihn ermordet!“ „Wer denn, Herr?“ „André Chénier!“ „Ja Herr,“ ſagte Basque erſchrocken. IV. Fräulein Gillenormand nimmt es nicht mehr übel, daß Herr Fauchelevent mit einem Packet unter dem Arme gekommen iſt. Coſette und Marius ſahen ſich wieder. Was dieſes Wiederſehen war, das zu ſagen, darauf verzichten wir. Es giebt Dinge, deren Schilderung man nicht verſuchen darf; dahin gehört auch die Sonne. Die ganze Familie, mit Inbegriff Basque und Nico⸗ lettens, war in Marius' Zimmer verſammelt, als Coſette eintrat. Sie trat über die Schwelle; ſie ſchien von einem Nim⸗ bus umgeben zu ſein. In eben dieſem Augenblick wollte der Großvater ſich ſchnauben, er hielt kurz inne, behielt ſeine Naſe im Taſchentuch und ſah darüber weg Coſette an. „Anbetungswürdig!“ rief er aus. Dann ſchnaubte er ſich lärmend. Coſette war berauſcht, entzückt, erſchrocken, im Himmel. ie 23 Sie war ſo eingeſchüchtert, wie man es durch das Glück ſein kann. Sie ſtammelte, ganz blas, ganz roth, wollte ſich Marius in die Arme werfen und wagte es nicht. Sie ſchämte ſich, vor allen den Leuten zu lieben. Man iſt ohne Mitleid für glücklich Liebende, man bleibt zugegen, wenn ſie das größte Verlangen fühlen, allein zu ſein. Sie be⸗ dürfen indeß doch der Menſchen durchaus nicht. Mit Coſette und hinter ihr war ein Mann mit weißem Haar eingetreten, ernſt, dennoch lächelnd, aber ſein Lächeln war flüchtig und ſchmerzlich. Es war Fauchelevent; es war Jean Valjean. Er war ſehr gut gekleidet, wie der Portier geſagt hatte, völlig ſchwarz und nur mit weißer Halsbinde. Der Portier war tauſend Meilen weit davon entfernt, in dieſem achtungswerthen Bürger, dieſem wahrſcheinlichen Notar, den entſetzlichen Leichenträger wieder zu erkennen, der in der Nacht des 7. Juni vor ſeiner Thür erſchienen war, zer⸗ lumpt, kothig, entſetzlich, irre, das Geſicht mit Blut und Schmutz bedeckt und in ſeinen Armen den ohnmächtigen Marius tragend; dennoch war ſeine Witterung als Portier erweckt. Als Herr Fauchelevent mit Coſette gekommen war, konnte der Portier ſich nicht enthalten, ſeiner Frau im Ver⸗ trauen zuzuflüſtern:„ich weiß nicht, weshalb ich mir immer vorſtelle, als hätte ich das Geſicht ſchon geſehen.“ Herr Fauchelevent blieb in Marius Zimmer neben der Thür bei Seite ſtehen. Er trug unter dem Arme ein Päckchen, das einem Octavbande glich und in Papier ein⸗ gewickelt war. Das Papier der Umhüllung ſah grünlich aus und ſchien vermodert zu ſein. „Hat der Herr immer ſo Bücher unter dem Arme?“ fragte mit leiſer Stimme Nicolette das Fräulein Gillenor⸗ mand, welches die Bücher nicht liebte. „Ja wohl,“ entgegnete mit gleichem Tone Herr Gillenor⸗ mand, der ſie gehört hatte,„er iſt ein Gelehrter. Was 24 weiter? Iſt das ſeine Schuld? Herr Boulard, den ich gekannt habe, ging nie ohne Buch aus; auch er hatte immer ſo einen Band an das Herz gedrückt.“ Und grüßend ſagte er mit lauter Stimme: „Herr Tranchelevent—“ Der Vater Gillenormand ſagte dies nicht abſichtlich. Auch die Unaufmerkſamkeit auf die Eigennamen war bei ihm eine ariſtokratiſche Eigenthümlichkeit. „Herr Tranchelevent, ich habe die Ehre, Sie für mei⸗ nen Enkel, den Herrn Baron Marins von Pontmercy, um die Hand dieſes Fräuleins zu bitten.“ „Herr Tranchelevent“ verneigte ſich. „Es iſt abgemacht,“ ſagte der Großvater. Und ſich zu Marius und Coſette wendend, die Arme ausſtreckend und ſie ſegnend, rief er: „Erlaubt mir, Euch zu lieben!“ Sie ließen ſich das nicht wiederholentlich ſagen; das Ge⸗ flüſter begann. Sie ſprachen leiſe miteinander. Marius auf ſein Ruhebett geſtützt, Coſette neben ihm ſtehend. „O mein Gott,“ flüſterte Coſette,„ich ſehe Sie wie⸗ der! Du biſt es, Sie ſind es. Und ſich ſo zu ſchlagen! Aber weshalb denn? das iſt entſetzlich. Vier Monate lang bin ich todt geweſen. O, wie boshaft iſt es, bei dieſer Schlacht geweſen zu ſein! Was heatte ich Ihnen denn ge⸗ than? Ich verzeihe Ihnen, aber Sie werden es nicht wieder thun. Sveben, als man uns ſagte, daß wir hierher kommen ſollten, glaubte ich wieder, ich müßte ſterben, aber diesmal vor Freude. Ich war ſo traurig! Ich habe mir nicht die Zeit gelaſſen, mich anzukleiden; ich muß Furcht einflößen. Was werden Ihre Verwandten dazu ſagen, daß ich einen ganz zerdrückten Kragen habe? Aber ſo ſprechen Sie doch! Sie laſſen mich ganz allein reden. Wir ſind noch im⸗ mer in der Rue de lHomme⸗Armé. Es ſcheint, als ob Ihre Schulter noch ſehr leidend ſei. Man hat mir geſagt, man lin als das mel kan Et bir er 25 könnte den Daumen hineinlegen. Und da ſcheint es auch, als hätte man mit Scheeren in das Fleiſch geſchnitten. Ach, das iſt gräßlich! Ich habe geweint, ſo daß ich keine Angen mehr habe. Es iſt komiſch, daß man das Alles ſo ertragen kann. Ihr Großvater ſieht aus, als wäre er ſehr gut! Stützen Sie ſich nicht auf den Ellenbogen, nehmen Sie ſich in Acht, Sie werden ſich weh thun. Ach, wie glücklich ich bin! Es iſt alſo zu Ende mit dem Unglück? Ich bin ganz albern. Ich wollte Ihnen Dinge ſagen, von denen ich gar nichts mehr weiß. Lieben Sie mich noch immer? Ich wohne Rue de'Homme⸗Armé. Es iſt dort kein Garten. Ich habe die ganze Zeit Charpie gezupft. Sehen Sie, mein Herr, hier, das iſt Ihre Schuld; die Haut am Finger iſt ganz gehärtet.“ „Engel!“ ſagte Marius. Engel iſt das einzige Wort der Sprache, welches nicht abgenutzt werden kann. Ein anderes Wort würde dem un⸗ erbittlichen Gebrauch, welchen die Liebenden von ihm machen, widerſtehen. Als jetzt Zeugen zugegen waren, unterbrachen ſie ſich und ſprachen kein Wort weiter, indem ſie ſich damit begnüg⸗ ten, ſich leiſe die Hände zu drücken. Herr Gillenormand wendete ſich gegen Alle, welche im Zimmer waren und rief: „Sprecht doch laut, Ihr Andern! Macht Lärm. Nun zum Teufel, etwas Geräuſch, daß dieſe Kinder ruhig mit einander plaudern können.“ Und ſich Marius und Coſette nähernd, ſagte er leiſe: „Nennt Euch Du. Legt Euch keinen Zwang auf.“ Die Tante Gillenormand wohnte wie betäubt dieſem Ausbruche des Lichts in ihrem veralteten Zimmer bei. Dieſe Beläubung hatte nichts Angreifendes; es war nicht im Ge⸗ ringſten der zornige und neidiſche Blick einer Nachteule! Es war das einfältige Auge einer armen Unſchuld von 57 ———— 26 Jahren, es war das verfehlte Leben, welches den Triumph der Liebe betrachtete. „Fräulein Gillenormand die ältere“, ſagte ihr Vater, „ich hatte Dir wohl geſagt, daß Du das erleben würdeſt.“ Er ſchwieg einen Augenblick und fügte dann hinzu: „Sieh das Glück Anderer!“ Dann wendete er ſich zu Coſette: „Wie hübſch ſie iſt! Wie hübſch ſie iſt! Sie iſt wie ein Bild von Greuze! Du wiliſt alſo das für Dich allein ha⸗ ben, Schelm! ach, mein Spitzbube, Du kommſt mit mir gut davon, Du biſt glücklich; wäre ich nicht fünfzehn Jahre zu alt, ſo würden wir uns darum ſchlagen, wer ſie haben ſoll. Glauben Sie, ich bin verliebt in Sie, mein Fräulein. Das iſt ganz einfach. Es iſt Ihnen recht. Ach, die ſchöne, hübſche, reizende, kleine Hochzeit, die das geben wird! Saint⸗ Denis du Saint⸗Sacrement iſt unſer Kirchſpiel, aber ich werde einen Dispens beſorgen, daß Ihr Euch in Saint⸗Paul tranen laſſen dürft. Die Kirche iſt beſſer. Sie iſt durch die Jeſuiten erbaut worden. Sie ſieht freundlicher aus. Sie liegt dem Brunnen des Cardinal von Biragus gegenüber. Das jeſuitiſche Meiſterwerk der Architektur iſt in Namur. Es heißt Saint⸗Loup. Ihr müßt dahin gehen, wenn Ihr verheirathet ſeid. Es lohnt der Reiſe. Fräulein, ich bin ganz auf Ihrer Seite; ich will, daß die Mädchen ſich ver⸗ heirathen, Sie ſind dazu geſchaffen. Mädchen bleiben iſt ſchön, aber kalt. Die Bibel ſagt: vermehrt Euch. Um das Volk zu retten, bedarf es einer Jeanne dArc; allein um das Volk zu ſchaffen, iſt die Mutter Cigogne erforder⸗ lich. Verheirathet Euch alſo, Ihr Schönen. Ich ſehe wahrlich nicht ein, wozu es nützt, Mädchen zu bleiben. Ich weiß wohl, daß man in der Kirche eine beſondere Ka⸗ pelle hat und ſich auf die Schweſterſchaft der Jungfrau ſtützt, aber sapristi, einen hübſchen braven Jungen zum Mann und * nach ßet etwe Hor ſitz los 27 nach Verlauf eines Jahres einen blonden Säugling, der hübſche Fettfalten an den Schenkeln hat, das iſt doch wohl noch etwas Beſſeres, als bei dem Veſpergebet eine Kerze in der Hand zu halten und Turris Eburnea zu ſingen.“ Der Großvater machte auf ſeinen neunzigjährigen Ab⸗ ſätzen eine Pirouette und ſprang wie eine Sprungfeder, die losgelaſſen wird: „Apropos!“ „Was, mein Vater?“ „Hatteſt Du nicht einen vertrauten Freund?“ „Ja, Courfeyrac. Was iſt aus ihm geworden?“ „Er iſt todt.“ „Das iſt gut.“ Er ſetzte ſich neben die Beiden, ließ Coſette ſich neben ihn ſetzen, nahm die vier Hände in ſeine alten runzlichen Hände und ſagte: „Sie iſt ausgezeichnet, dieſe Kleine. Es iſt ein Meiſter⸗ werk, dieſe Coſette hier! Sie iſt ein kleines Mädchen und eine große Dame. Sie iſt nur Baronin, allein das iſt un⸗ paſſend; ſie iſt eine geborne Marquiſe; hat ſie Augenwim⸗ pern! Meine Kinder, liebt Euch; macht Euch dadurch glück⸗ lich! Die Liebe, das iſt das Glück der Menſchen und der Geiſt Gottes, betet Euch an. Nun,“ und plötzlich wurde er ernſt,„welch ein Unglück! Zetzt denke ich daran! Mehr als die Hälfte deſſen, was ich beſitze, iſt in Leibrenten an⸗ gelegt; ſo lange ich lebe, wird das noch gehen, allein nach meinem Tode, in einigen zwanzig Jahren, ach, meine armen Kinder, da werdet Ihr keinen Sou haben. Ihre ſchönen, weißen Hände, Frau Baronin, werden dem Teufel die Ehre erweiſen, ihn beim Schwanze zu ziehen.“ Hier hörte man eine ernſte und ruhige Stimme, welche ſagte: „Fräulein Euphroſine Fauchelevent hat ſechsmalhundert⸗ tauſend Francs.“ 28 Es war die Stimme Jean Valjeans. Er hatte noch kein Wort geſprochen. Es ſchien ſogar Niemand mehr zu wiſſen, daß er da war und er ſtand ruhig und regungslos hinter allen dieſen glücklichen Menſchen. „Wer iſt dieſes Fräulein Euphroſine?“ fragte der Groß⸗ vater erſchreckt. „Das bin ich!“ erwiderte Coſette. „Sechsmalhunderttauſend Francs!“ wiederholte Herr Gillenormand. „Weniger vierzehn tauſend oder fünfzehn Franes viel— leicht,“ ſagte Jean Valjean. Und er legte auf den Tiſch das Päckchen, welches die Tante Gillenormand für ein Buch gehalten hatte. Jean Valjean öffnete ſelbſt dies Päckchen; es war ein Packet Banknoten. Man durchblätterte, man zählte ſie. Es waren fünfhundert Blätter zu tauſend Franes und 168 zu fünfhundert, im Ganzen alſo 584,000 Francs. „Das iſt ein gutes Buch,“ meinte Herr Gillenormand. „584,000 Francs!“ murmelte die Tante. „Das bringt die Sache bald in Ordnung, nicht wahr, Fräulein Gillenormand, die ältere?“ fragte der Großvater. „Der verteufelte Marius hat in ſeinen Träumen eine Mil⸗ lionairin gefunden! Jetzt traue man noch den Liebſchaften der jungen Leute! Die Studenten finden Studentinnen von ſechsmalhunderttauſend Francs. Cherubin arbeitet beſ⸗ ſer als Rothſchild.“ „584,000 Francs!“ wiederholte halblaut Fräulein Gille⸗ normand; 584,000! Ebenſo gut kann man 600,000 Francs ſagen, wie?“ Marius und Coſette ſahen einander während deſſen an; ſie achteten kaum auf dieſe Nebenumſtände. i 29 V. Man vertraue lieber ſein Geld einem Wald, als einem Notar an. Man hat ohne Zweifel begriffen, ohne daß es nöthig iſt, es weitläufig auseinander zu ſetzen, daß Jean Valjean nach der Angelegenheit Champmathieu's es, Dank ſeiner erſten Flucht von einigen Tagen gelungen war, nach Paris zu gehen und hier zeitig genug von Laffitte die Summe zu erheben, die er unter dem Namen des Herrn Madelaine in M. am M. bei ihm niedergelegt hatte. Da er fürchtete, wieder ergriffen zu werden, was auch in der That kurze Zeit darauf geſchah, hatte er dieſe Summe in dem Walde von Monfermeil an dem bezeichneten Orte in der Lichtung Blaru vergraben. Dieſe Summe 630,000 Franes, ganz in Banknoten, hatte nur wenig Umfang und ging in ein kleines Käſtchen; um indeß das Käſtchen vor der Feuchtigkeit zu bewahren, hatte er es in eine Eiſenkiſte geſtellt, die mit Hobelſpänen gefüllt war. In eben dieſe Kiſte legte er auch noch ſeinen andern Schatz: die Arm⸗ leuchter des Biſchofs. Man erinnert ſich, daß er dieſe Armleuchter mitgenommen hatte, als er aus M— am M— entfloh. Der Menſch, den Boulatruelle eines Abends zum erſten Male bemerkt hatte, war Jean Valjean. Später kehrte Jean Valjean, ſo oft er Geld brauchte, nach der Lichtung Blaru zurück, es zu holen. Daher die Entfer⸗ nungen, deren wir erwähnten. Er hatte in dem Heidekraut ir⸗ gendwo in einem nur ihm allein bekannten Verſteck eine Schaufel verborgen. Als er Marius auf dem Wege der Geneſung wußte, 30 fühlte er, daß die Stunde nahte, wo dieſes Geld von Nutzen ſein könnte, und ging, es zu holen. Er war wieder der, den Boulatruelle in dem Holze bemerkte, diesmal aber Morgens und nicht Abends. Boulatruelle erbte die Schaufel. Die wirkliche Summe war 584,500 Francs. Jean Valjean behielt die 500 Francs für ſich. „Wir werden weiter ſehen,“ dachte er. Die Differenz dieſer Summe von den 630,000 Francs die er von Laffitte erhoben hatte, ſtellte die Ausgaben der zehn Jahre von 1823— 1833 dar. Die fünf Jahre des Aufenthaltes im Kloſter hatten nur 5000 Francs gekoſtet. Jean Valjean ſtellte die beiden ſilbernen Armleuchter auf den Kamin, wo ſie zur großen Bewunderung der Touſſaint glänzten. Uebrigens wußte Jean Valjean ſich von Javert befreit. Man hatte in ſeiner Gegenwart erzählt und er hatte die Thatſache durch den Moniteur beſtätigt gefunden, daß ein Polizei⸗Inſpector Namens Javert ertrunken unter einem Floß der Wäſcherinnen zwiſchen der Wechſelbrücke und der neuen Brücke gefunden worden wäre, und daß eine von dieſem Manne hinterlaſſenes Schriftſtück, der übrigens tadellos und von ſeinen Vorgeſetzten ſehr geachtet geweſen ſei, an einen Anfall geiſtiger Störung und einen Selbſtmord glauben ließe. „In der That,“ dachte Jean Valjean,„da er mich gefangen hatte und mich in Freiheit ließ, mußte er faſt wahn⸗ ſinnig ſein.“ — 31 VI. Die beiden Greiſe thun jeder auf ſeine Weiſe Alles, um Coſette glücklich zu machen. Man bereitete Alles zur Hochzeit vor. Der zu Rathe gezogene Arzt erklärte, daß ſie im Februar erfolgen könnte. Man war im Dezember. Einige köſtliche Wochen vollſtändigen Glückes verfloſſen. Der mindeſt Glückliche war nicht der Großvater. Er blieb Viertelſtunden lang betrachtend vor Coſette ſtehen. „Bewundernswürdig ſchönes Mädchen!“ rief er aus; „ſie ſieht ſo ſanft, ſo gut aus! Sie iſt das reizendſte Mäd⸗ chen, das ich je in meinem Leben geſehen habe. Später werden ihre Tugenden den Geruch des Veilchens haben. Sie iſt eine Grazie, wie? Mit einem ſolchen Geſchöpf kann man nur auf eine edle Weiſe leben. Marius, mein Junge, Du biſt Baron, Du biſt reich. Ich beſchwöre Dich, ad⸗ vocatiſire nicht.“ Coſette und Marius waren plötzlich aus dem Grabe in das Paradies verſetzt. Der Uebergang war etwas plötz⸗ lich erfolgt und ſie würden dadurch betäubt worden ſein, hätte er ſie nicht geblendet. „Begreifſt Du von alledem Etwas?“ ſagte Marius zu Coſette. „Nein,“ erwiderte Coſette;„aber mir ſcheint, als blickte der gute Gott auf uns.“ Jean Valjean that Alles, ebnete Alles, berieth Alles, machte Alles leicht. Er eilte dem Glücke Coſettens mit ſolcher Haſt und ſcheinbar mit ſolcher Freude entgegen, wie Coſette ſelbſt. Da er Maire geweſen war, verſtand er ein Problem zu löſen, deſſen Geheimniß er allein kannte: die Papiere Coſettens. Gerade zu ihrem Urſprunge zurückkehren, wer weiß, ob das nicht die Heirath gehindert hätte. Er befreite Coſette aus all dieſen Schwierigkeiten. Er ordnete für ſie eine Familie von Todten, ein ſicheres Mittel, keine Recla⸗ mation zu veranlaſſen. Coſette war Alles, was von einer ausgeſtorbenen Familie übrig blieb; Coſette war nicht ſeine Tochter, ſondern die Tochter eines andern Fauchelevent. Zwei Brüder Fauchelevent waren Gärtner in dem Kloſter Klein⸗Picpus geweſen. Man ging nach dieſem Kloſter; die beſten Nachrichten und die ehrenwertheſten Zeugniſſe fanden ſich in Menge; die guten Nonnen, wenig geeignet und wenig geneigt, die Fragen der Vaterſchaft zu ergründen, hatten nie genau gewußt, welcher der beiden Fauchelevent der Vater der kleinen Coſette war. Sie ſagten, was man verlangte und ſagten dies mit aller Aufrichtigkeit. Ein Protokoll wurde darüber aufgenommen? Coſette wurde vor dem Geſetz Fräulein Euphroſine Fauchelevent. Sie wurde für eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe erklärt. Jean Valjean wendete die Sache ſo, daß er unter dem Namen Fauchelevent zum Vormund Coſettens und Herr Gillenormaud zum Vormund⸗ Stellrertreter ernannt wurde. Was die 584,000 Francs betrifft, ſo war das ein Legat, welches eine Verſtorbene, die unbekannt zu bleiben wünſchte, Coſette vermacht hatte. Das urſprüngliche Legat hatte 594,000 Franes betragen; aber 10,000 Francs waren für die Erziehung des Fräulein Euphroſine ausgegeben wor⸗ den, davon 5000 Francs an das Kloſter ſelbſt bezahlt. Dieſes Legat, den Händen eines Dritten übergeben, ſollte Coſette bei ihrer Volljährigkeit oder bei ihrer Verheirathung ausgehändigt werden. Dieſe ganze Anordnung war ſehr und Le M mu wi da lich Si ſie fü ei d 33 annehmbar, wie man fagt, beſonders bei der Unterſtützung von mehr als einer halben Million. Wohl gab es hier und dort einige Sonderbarkeiten, aber man ſah ſie nicht. Dem Einen der Betheiligten waren die Augen durch die Liebe verbunden, dem Andern durch die 600,000 Francs. Coſette erfuhr, daß ſie nicht die Tochter des alten Mannes ſei, den ſie ſo lange Vater genannt hatte; er war nur ein Verwandter; ein anderer Fauchelevent war ihr wirklicher Vater. In jedem andern Augenblick würde fie das ſchmerzlich berührt haben. Aber bei dem unausſprech⸗ lichen Glück, welches ſie empfand, war es nur ein Schatten. Sie war ſo freudig geſtimmt, daß dieſe Wolke bald vor⸗ überging. Sie hatte Marius. Der junge Mann kam und der alte verſchwand; ſo iſt das Leben beſchaffen. Und dann war Coſette auch ſeit langen Jahren ſchon daran gewöhnt, ſich von Räthſeln umgeben zu ſehen; jedes Weſen, welches eine geheimnißvolle Kindheit hat, iſt ſtets zu gewiſſen Verzichtleiſtungen geneigt. Sie fuhr indeß fort, Jean Valjean„Vater“ zu nennen. Coſette, die ganz Engel war, wurde von dem Vater Gillenormand mit Enthuſiasmus betrachtet. Er überhäufte ſie mit Verſen und Geſchenken. Während Jean Valjean für Coſette in der Geſellſchaft eine Stellung begründete und einen unantaſtbaren Beſitz ſicherte, wachte Herr Gillenor⸗ mand über die Ausſtattung. Nichts unterhielt ihn ſo ſehr, als ſich prachtvoll zeigen zu können. Er gab Coſette ein Kleid von guipure de Binche, welches er von ſeiner eige⸗ nen Großmutter hatte.—„Dieſe Moden erſtehen wieder,“ ſagte er;„Alterthümer machen Furore und die jungen Frauen meines Alters kleiden ſich jetzt wie die alten Frauen meiner Kindheit.“ Er leerte ſeine ehrwürdigen Kommoden von Coroman⸗ delholz aus, welche ſeit Jahren nicht geöffnet worden waren. Die Elenden. X 3 6 ——— —— S S — —— 34 „Hören wir dieſe Wittwenbeichte,“ ſagte er,„ſehen wir, was ſie verbergen.“ Er plünderte lärmend die hohen Fächer, die mit den Toilettegegenſtänden aller ſeiner Frauen, aller ſeiner Geliebten, aller ſeiner Vorfahrinnen angefüllt waren; Pe⸗ kins, Damaſt, gemalte Moiré's, Kleider von geflammtem gros de Tours, indiſche mit Gold geſtickte und waſchbare Taſchentücher; Genueſer und Alengoner Spitzen, alter Gold⸗ ſchmuck, Bonbonidren von Elfenbein, geſchmückt mit mikro⸗ ſkopiſchen Bildern, Nippſachen, Bänder, Alles verſchwendete er an Coſette. Coſette, die erſtaunt in Liebe zu Marius verſunken und von Dankbarkeit für Herrn Gillenormand erfüllt war, träumte ein unbegrenztes Glück, in Sammet und Atlas gekleidet. Ihr Ausſtattungskorb ſchien ihr von Seraphinen getragen zu werden; ihre Seele flog mit Flügeln von Mechelner Spitzen zum Himmel empor. Die Trunkenheit der Liebenden kam, wie wir erwähn⸗ ten, nur dem Entzücken des Großvaters gleich. Sie ertönte wie eine Fanfare in der Rue des Filles du Calvaire. geden Morgen bot der Großvater Coſetten neue Ge⸗ ſchenke. Alle möglichen Falbalas reihten ſich glänzend um ſie herum. Der Großvater ſchöpfte aus dieſen Geſchenken eine weiſe Lehre! Die Liebe iſt gut; aber dies iſt dabei doch nöthig, das Glück bedarf des Nutzloſen, aber das Glück iſt nicht das Nothwendige. Man erwäge es nur gewaltig mit dem Ueberflüſſigen. Ein Haus und ein Herz. Sein Herz und der Louvre. Sein Herz und die großen Waſſerkünſte von Verſailles. Man gebe mir meine Schäferin und beeile ſich, ſie zur Herzogin zu machen. Man führe mir Philis mit Mohnblumen bekränzt entgegen und füge 100,000 Livres Renten hinzu. Man eröffne mir ein Hirtengedicht unter einer Colonade von Marmorſäulen. Das trockene Glück 8 e 35 gleicht dem trockenen Brode. Man ißt, aber man genießt nicht. Ich will Ueberflüſſiges, Nutzloſes, Ueberſchwengliches, zu Vieles— von dem Etwas, das zu nichts dient. Ich erinnere mich, in dem Dome von Straßburg eine Uhr ge⸗ ſehen zu haben, die ſo hoch war wie ein Haus von drei Stockwerken und welche die Güte hatte, die Stunden anzu⸗ zeigen, aber nicht ſo ausſah, als wäre ſie dazu gemacht, und welche, nachdem ſie Mittag oder Mitternacht, Mittag, die Stunde der Sonne, Mitternacht, die Stunde der Liebe, oder jede andere Stunde, die gleich gefällig iſt, geſchlagen hatte, Euch den Mond und die Sterne zeigte, die Eide, das Meer, die Vögel und die Fiſche, Phöbus und Phöbe und eine Menge von Dingen, die in einer kleinen Vertiefung lagen, und die zwölf Apoſtel und den Kaiſer Karl, und Eponine und Sabinus und ein Taſſe kleiner vergoldeter Alten, die zur Zugabe die Trompete blieſen, ungerechnet noch köſtliche Glockenſpiele, die ſie aller Angenblicke in die Luft ſtreut, ohne daß man wußte, weshalb! Iſt eine Uhr, die blos die Stunden andeutet, ſo viel werth? Ich bin der Anſicht der großen Uhr in Straßburg und ziehe ſie dem Kuckuck des Schwarzwaldes vor. Herr Gillenormand ſprach beſonders Unſinn in Be⸗ ziehung auf die Hochzeit und alle Ausſtattungen des 18. Jahr⸗ hunderts gingen in buntem Gemiſch in ſeinen ſchwungreichen Redensarten vorüber. „Ihr kennt die Kunſt, Feſte zu geben, gar nicht. Ihr verſteht es in dieſen Zeiten nicht, einen Tag der Freude zu ſchaffen,“ rief er aus.„Euer 19. Jahrhundert iſt ausge⸗ dörrt. Es mangelt ihm an Erfolg. Es kennt das Reiche, das Evle nicht. In jeder Beziehung iſt es etwas geſchoren. Euer Mittelſtund iſt einfältig, geſchmacklos, geruchlos, geſtalt⸗ los, Träumer. Die Träume Eurer Bürgerinnen, die ſich eta⸗ bliren, wie ſie ſagen, ſind ein ſchönes, friſch decorirtes Boudoir mit Poliſander und Kattun! Platz! Platz! Der Herr Knauſer 3* 1 — —— — 36 heirathet Fräulein Lump! Pracht und Glanz. Man hat einen Louisd'or auf eine Wachskerze geklebt. So iſt die Zeit. Ich will bis über die Sarmaten hinaus entfliehen. Ach, ſchon 1787 habe ich es vorausgeſagt, daß Alles verloren ſei, an dem Tage, an welchem ich den Herzog von Rohan, Prinzen von Léon, Herzog von Chabot, Herzog von Mon⸗ bazon, Marquis von Soubiſe, Vicomte von Thouars, Pair von Frankreich im Rumpelkaſten nach Longchamps fahren ſah! Das hat ſeine Früchte getragen. In dieſem Jahr⸗ hundert betreibt man ſeine Geſchäfte, ſpielt auf der Börſe, gewinnt Geld und iſt dabei ſchmierig. Man pflegt und putzt die Oberfläche. Man iſt ſtutzerhaft angezogen, ge⸗ waſchen, geſeift, raſirt, gekämmt, gewichſt, geſtrichelt, gebür⸗ ſtet, außerhalb gereinigt, vorwurfsfrei, glatt wie ein Kieſel, beſcheiden, ſauber, und zu gleicher Zeit hat man im Grunde das Gewiſſen der Miſthaufen und der Kloaken, ſo daß man eine Viehmagd zurücktreiben kann, die ſich in die Finger ſchneuzt. Ich octroyre für dieſe Wahl den Wahlſpruch: ſchmutzige Reinlichkeit, Marius werde nicht bös; gieb mir die Erlaubniß, zu ſprechen. Ich ſage nichts Schlechtes vom Volke, ſiehſt Du, ich habe den Mund voll von Deinem Volke, aber geſtatte mir, daß ich ein wenig auf die Spieß⸗ bürger ſchimpfe. Ich gehöre zu ihnen. Wer gut ſchmiert, der gut fährt. Ich ſage es gerade heraus; heutzutage ver⸗ heirathet man ſich, aber man verſteht es nicht mehr, ſich zu vermählen. Ja, es iſt wahr. Ich beklage die Endlich⸗ keit der alten Sitten; ich beklage Alles noch. Die Ele⸗ ganz, die Ritterlichkeit, das Höfiſche und feine Weſen, der erquickende Luxus, den Jeder hatte, die Muſik, einen Theil der Hochzeitsfeierlichkeiten bildend, Symphonien oben, Tam⸗ bourinsgeklingel unten, Tänze, heitere Geſichter am Tiſche, gekünſtelte Verſe, Geſänge, Feuerwerk, lautes Lachen, der Teufel und ſein Gefolge, große Bandſchleifen. Ich beklage das Strumpfband der Neuvermählten, das Strumpfband der * Nue nus. um de in je jeder einem war haupt nenne ſih e Stein aber zu t Eine ds der B hunde weil heit Pilt majeſ ſt ni ſo ſe ſo th dem der h bei ſ wirhe ihr welc Hm dn er ir om em eß⸗ t, er⸗ ſch ch⸗ der heil am⸗ e, der ege der 37 Neuvermählten iſt nahe verwandt mit dem Gürtel der Ve⸗ nus. Um was dreht ſich der trojaniſche Krieg? Parbleu, um das Strumpfband Helena's. Ach! wie lachte jeder Mund in jenen Zeiten! Die Jugend war ein Blumenbouquet, jeder junge Mann endete in einem Fliederzweige oder in einem Roſengebüſch; wäre man auch Krieger geweſen, man war doch Schäfer. Und wenn man zufällig Dragoner⸗ hauptmann war, fand man das Mittel, ſich Florian zu nennen. Man hielt darauf, hübſch zu ſein. Ein Bürger ſah aus wie eine Blume und ein Marquis wie ein Steinſchmuck. Man war heiter, luſtig, flatterhaft, kokett, aber das verhinderte nicht, den Degen an der Seite zu tragen. Das war die Zeit des galanten Indiens. Eine Seite des Jahrhunderts war das Zarte, die andere das Prachtvolle. Man amüſirte ſich. Jetzt iſt man ernſt, der Bürger iſt geizig, die Bürgerstochter prüde; Euer Jahr⸗ hundert iſt unglücklich. Man würde die Grazien vertreiben, weil ſie ausgeſchnitten gehen. Ach, man verbirgt die Schön⸗ heit wie eine Häßlichkeit! Seit der Revolution trägt alle Welt Beinkleider, ſelbſt die Tänzerinnen. Man ſoll jetzt majeſtätiſch ſein, und wißt Ihr, wohin man durch dieſe Majeſtät gelangt? Klein zu ſein. Merkt Euch, die Freude iſt nicht nur heiter, ſie iſt auch groß. Aber zum Teufel, ſo ſeid doch luſtig, verliebt! Wenn Ihr Euch verheirathet, ſo thut es doch mit dem Fieber und der Betäubung und dem Lärm und dem Getöſe des Glückes! Ernſthaftigkeit in der Kirche, das mag hingehen. Aber ſobald die Meſſe vor⸗ bei iſt, sarpejeu! muß man die junge Frau mit einem Traum⸗ wirbel umgeben. Spart nicht vor der Hochzeitsfeier, nagt ihr den Glanz nicht ab; knauſert nicht an dem Tage, an welchem Ihr vor Frende ſtrahlt; die Hochzeit iſt nicht die Hauswirthſchaft. Ach, wenn ich nach meiner Laune han⸗ deln dürfte, ſo ſollte das herrlich ſein; man müßte die Vio⸗ 38 linen in den Bäumen hören. Mein Programm wäre: himmelblaues Silber!“ Während der Großvater in ſeinen ſchwatzhaften Er⸗ gießen ſich ſelbſt hörte, berauſchten Coſette und Marius ſich dadurch, daß ſie ſich frei einander anblickten. Die Tante Gillenormand betrachtete das Alles mit ihrer unwandelbaren Gelaſſenheit. Sie hatte ſeit fünf oder ſechs Monaten eine gewiſſe Quantität von Aufregungen empfun⸗ den; Marius zurückgekehrt, Marius blutend zurückgebracht, Marius von den Barrikaden zurückgebracht, Marius todt, dann wieder lebend, Marius ausgeſöhnt, Marius verliebt, Marius ſich verheirathend, mit einem armen Mädchen; Ma⸗ rius ſich verheirathend, mit einer Millionairin. Die ſechs⸗ malhunderttauſend Franes waren ihre letzte Ueberraſchung geweſen. Dann kehrte ihre Gleichgiltigkeit einer zum erſten Mal Communicirenden zurück. Sie ging regelmäßig in die Kirche, betete ihren Roſenkranz ab, las ihre Kirchenagende, flüſterte in den Ecken des Hauſes ihre Ave's, während man in den anderen flüſterte: I love vou und erblickte Marius und Coſette undeutlich wie zwei Schatten. Der Schatten war ſie ſelbſt. Es giebt einen gewiſſen Zuſtand des trägen Ascetis⸗ mus, in welchem die Seele, neutraliſirt durch die Betäubung, dem fremd, was man die Angelegenheit des Lebens nennen könnte, nichts bemerkt, ausgenommen Erdbeben und Kata⸗ ſtrophen, aber keinen menſchlichen Eindruck empfängt, weder einen angenehmen, noch einen peinlichen. Eine ſolche Trau⸗ rigkeit, ſagte Vater Gillenormand zu ſeiner Tochter, gleicht dem Schnupfen. Du fühlſt nichts von dem Leben. Weder den üblen, noch den guten Geruch bemerkſt Du. Uebrigens hatten die 600,000 Franes die Unentſchloſſen⸗ heit der alten Jungfer beſeitigt. Ihr Vater hatte die Ge⸗ wohnheit angenommen, ſie ſo wenig zu beachten, daß er ſie nich p. von auc und doc gle die er Se 39 nicht einmal bei der Einwilligung zu Marius Heirath zu Rathe zog. Er handelte ſeiner Weiſe nach ungeſtüm und hatte, vom Despoten zum Sklaven geworden, nur einen Gedanken: Marius zu befriedigen. Daran, daß die Tante exiſtirte und auch eine Meinung haben könnte, dachte er nicht einmal, und ſo beſchränkt ſie auch war, fühlte ſie ſich dadurch doch verletzt, in ihrem Innern etwas empört, aber äußerlich gleichgültig ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„mein Vater beantwortet die Frage der Heirath ohne mich. Ich werde die Frage der Erbſchaft ohne ihn löſen.“ Sie war in der That reich und der Vater war es nicht. Sie hatte alſo darüber ihre Entſcheidung vorbehalten. Wahr iſt es, daß, wäre die Hei⸗ rath arm geweſen, ſie ſie arm gelaſſen hätte.„Um ſo ſchlimmer für meinen Neffen! Er heirathet eine Bettlerin, nun ſo ſei er ein Bettler!“ Aber die halbe Million Coſettens gefiel der Tante und änderte ihre innere Lage in Beziehung auf dieſes liebende Paar. Man iſt ſechsmalhunderttauſend Francs Rückſicht ſchuldig, und es war offenbar, daß ſie nicht anders konnte, als ihr Vermögen dieſen Leuten zu hinterlaſſen, da ſie deſſen nicht mehr bedurften. Es wurde beſtimmt, daß das junge Paar bei dem Großvater wohnen ſollte. Herr Gillenormand wollte ihnen durchaus ſein Zimmer überlaſſen, das ſchönſte in dem Hauſe.— Das wird mich wieder jung machen, er⸗ klärte er; das iſt ein alter Plan; ich hatte immer die Abſicht, in meinem Zimmer Hochzeit machen zu laſſen. Er möblirte das Zimmer mit einer Menge alter galanter Tändeleien. Er ließ die Wände mit einem ausgewählten Stoffe bekleiden, von denen er einige Stücke hatte, welche er für Utrechter Fabrikat hielt, Atlas⸗ grund mit goldenen Knöpfen und Sammetblumen. „Mit dieſem Stoffe,“ ſagte er,„war das Bett der Herzogin von Anville in Rocheguyon drappirt.“ 40 Auf dem Kamin ſtellte er eine Statuette von weißem Porzellan, die auf dem Bauche eine Muffe trug. Die Bibliothek des Herrn Gillenormand wurde das Advocatenkabinet, deſſen Marius bedurfte; ein ſolches Kabinet war vorſchriftsmäßig. VII. Die Wirkungen des Traumes und des Glückes. Die Liebenden ſahen ſich täglich. Coſette kam in Begleitung des Herrn Fauchelevent. „Das iſt die umgekehrte Ordnung,“ ſagte Fräulein Gillenormand,„daß die Braut in das Haus des Bräutigams kommt, da die Honneurs zu machen.“ Aber Marius Geneſung hatte dieſe Gewohnheit herbei⸗ geführt und die Armſeſſel der Rue des Filles du Calvaire eigneten ſich beſſer zu einem téte-Atéte als die Strohſtühle der Rue de PHomme Armé, und befeſtigten ſo dieſe Ge⸗ wohnheit. Marius und Herr Fauchelevent ſahen ſich, ſprachen aber nicht mit einander. Das ſchien unter ihnen ſo abgemacht zu ſein. Jedes Mädchen bedarf eines Führers. Coſette hätte nicht ohne Herrn Fauchelevent kommen können. Für Marins war Herr Fauchelevent die Bedingung Coſettens. nſ nil Ein gell ge mit Her Er viſ wie ſein blo g inn ſch ſil 41 Er nahm ſie an. Indem auf zufällige Weiſe politiſche Ge⸗ genſtände ſich in das Geſpräch miſchten, gelangte man all⸗ mälig dahin, ſich ein wenig mehr als ja und nein zu ſagen. Einmal waren ſie über den Unterricht, den Marius unent⸗ geltlich und obligatoriſch wollte, über das ganze Volk aus⸗ gegoſſen wie Luft und Sonne, einig und ſprachen beinahe mit einander. Marius bemerkte bei dieſer Gelegenheit, daß Herr Fauchelevent gut ſprach und ſelbſt mit einer gewiſſen Erhabenheit der Sprache. Es mangelte ihm indeß ein ge⸗ wiſſes Etwas. Herr Fauchelevent hatte etwas weniger wie ein Weltmann und etwas mehr. Marius umgab in ſeinem Innern und in der Tiefe ſeiner Gedanken dieſem Herrn Fauchelevent, der für ihn blos wohlwollend und kalt war, mit allen Arten ſtummer Fragen. Er hegte zuweilen Zweifel über ſeine eigenen Er⸗ innerungen. Er fand in ſeinem Gedächtniß ein Lücke, einen ſchwarzen Ort, einen Abgrund, der durch vier Monate der Todesqual gegraben war. Viele Dinge hatten ſich in dem⸗ ſelben verloren. Er war dahin gekommen, ſich zu fragen, ob es denn wirklich wahr ſei, daß er Herrn Fauchelevent, einem ſo ernſten und ruhigen Mann auf der Barrikade ge⸗ ſehen hätte? Dies war übrigens nicht das einzige Erſtaunen, welches die Erſcheinungen und die Lücken der Vergangen⸗ heit in ſeinem Geiſt hinterlaſſen hatte. Man darf nicht glauben, daß er von allen jenen läſtigen Stürmen des Ge⸗ dächtniſſes befreit wurde, die uns, ſelbſt wenn wir glücklich und zufrieden ſind, zwingen, trübe Blicke rückwärts zu rich⸗ ten. Der Kopf, welcher ſich nicht gegen die verſchwundene Horizonte zurückwendet, enthält weder Gedanken noch Liebe. Zuweilen nahm Marius ſein Geſicht in beide Hände und die ungeſtüme und unbeſtimmte Vergangenheit durchdrang daun die Dämmerung, die ihn umſchattete. Er ſah aber Mabeuf fallen, er hörte Gavroche mitten in dem 42 Kartätſchenhagel ſingen, er fühlte unter ſeinen Lippen die kalte Stirn Eponinens; Enjolras, Courfeyrac, Jean Prou⸗ vaire, Combeferre, Boſſuet, Grantaire, alle ſeine Freunde erhoben ſich vor ihm und verſchwanden dann. Alle dieſe theueren, ſchmerzlichen, tapfern, lieblichen oder tragiſchen Geſtalten, gehörten ſie nur ſeinen Träumen an? Haben ſie exiſtirt? Der Aufſtand hatte Alles in ſeinen Pulverdampf gehüllt. Solche große Fieberanfälle haben große Träume. Er befragte ſich; er betaſtete ſich; ihm ſchwindelte vor all dieſen verſchwundenen Wirklichkeiten. Wo waren ſie denn alle? War es wirklich wahr, daß ſie Alle getödtet waren? Ein Sturz in die Finſterniß hatte Alle fortgeriſſen, ausgenommen ihn. Das Alles ſchien ihm verſchwunden zu ſein, wie hinter einem Theatervorhange. Es giebt dergleichen Vor⸗ hänge, die ſich in dem Leben herablaſſen. Gott geht dann zu dem folgenden Akte über. War er ſelbſt denn noch derſelbe Menſch? Er, der Arme, war reich; er, der Verlaſſene, hatte eine Familie; er, der Verzweifelnde, heirathete Coſette. Es ſchien ihm, als wäre er durch ein Grab gegangen, als hätte er es ſchwarz betreten und weiß wieder verlaſſen. In dieſem Grabe waren die Andern zurückgeblieben. In gewiſſen Augenblicken kehrten alle dieſe Weſen der Vergangenheit zurück und bildeten um ihn her einen finſtern Kreis, dann dachte er an Coſette und wurde wieder heiter; aber es war nichts weniger als dieſe Glückſeligkeit nöthig, um jene Cataſtrophe zu verwiſchen. Herr Fauchelevent hatte beinahe einen Platz unter die⸗ ſen verſchwundenen Weſen. Marius zögerte, zu glauben, daß der Fauchelevent der Barrikade der Fauchelevent in Fleiſch und Bein ſei, der ſo ernſthaft neben Coſette ſaß. Der erſte war wahrſcheinlich einer jener Alpe, welche durch die Stunden des Deliriums herbeigeführt und wieder fort⸗ getragen werden. Uebrigens ſtanden ihre beiden Naturen einander ſchroff gegenüber, keine Frage von Marius an „ 43 Herrn Fauchelevent war möglich. Er hatte nicht einmal den Gedanken daran gehegt. Zwei Menſchen, welche ein gemeinſchaftliches Geheim⸗ niß haben und in Folge einer Art ſtillſchweigender Ueber⸗ einſtimmung kein Wort darüber wechſeln, das iſt minder ſelten, als man glaubt. Nur einmal wagte Marius einen Verſuch. Er miſchte in ſein Geſpräch die Rue de la Chan⸗ vrerie, und ſich dabei zu Herrn Fauchelevent wendend, ſagte er: „Sie kennen doch die Straße?“ „Welche Straße?“ „Die Rue de la Chanvrerie?“ „Ich habe keinen Begriff von dem Namen der Straße,“ erwiderte Herr Fauchelevent mit dem natürlichſten Tone von der Welt. Die Antwort, welche ſich auf den Namen der Straße und nicht auf die Straße ſelbſt bezog, ſchien Marius ent⸗ ſcheidender zu ſein, als dies in der That war. „Ganz gewiß,“ ſagte er,„habe ich geträumt. Ich hatte eine Hallucination. Es war Jemand, ver ihm gleicht. Herr Fauchelevent war nicht dort. vIII. Zwei Menſchen, welche nicht wieder zu finden ſind. So groß auch die Bezanberung war, verwiſchte ſie doch aus Marius' Geiſt andere Gedanken nicht ganz. Während die Hochzeit vorbereitet wurde und in Er⸗ wartung der feſtgeſetzten Zeit ließ er ſchwierige und ge⸗ wiſſenhafte Nachforſchungen anſtellen. Er war nach mehreren Richtungen hin zur Dankbarkeit verpflichtet; er war dies ſeinem Vater und ſich ſelbſt ſchuldig. Es gab Theénardier, es gab jenen Unbekannten, der ihn, Marius, zu Herrn Fauchelevent gebracht hatte. Marius beſtand darauf, dieſe beiden Männer wieder zu finden; er wollte nicht ſich verheirathen, glücklich ſein und ſie vergeſſen, und fürchtete, daß dieſe Schuld der Pflicht, welche nicht bezahlt wurde, einen Schatten auf ſein jetzt ſo hell ſtrahlendes Leben werfen möchte. Es war ihm unmög⸗ lich, das Alles leidend hinter ſich zu laſſen, und er wollte, ehe er voller Freuden in die Zukunft eintrat, die Vergan⸗ genheit bezahlt machen. Daß Theénardier ein Ungeheuer war, raubte der That⸗ ſache nichts, daß er den Oberſt Pontmerch rettete. Thé⸗ nardier war ein Bandit für alle Welt, ausgenommen für Marius. Und Marius, der den wahren Auftritt des Schlacht⸗ feldes von Waterloo nicht kannte, wußte nichts von der Eigenthümlichkeit, daß ſein Vater dieſem Thénardier gegen⸗ über ſich in der ſonderbaren Lage befand, ihm das Leben zu verdanken, ohne ihm zur Dankbarkeit verpflichtet zu ſein. —.— c c„ 8 — 45 Keiner der verſchiedenen Leute, welche Marius ver⸗ wendete, vermochte die Spur Thénardier's aufzufinden, das Verſchwinden ſchien in dieſer Richtung vollſtändig zu ſein. Die Thenardier war im Gefängniß während des Prozeſſes geſtorben. Thénardier und ſeine Tochter Azelma, die ein⸗ zigen Beiden, welche von dieſer kläglichen Gruppe übrig blieben, waren in Dunkelheit verſunken. Der Schlund des ſocialen Unbekannten hatte ſich ſchweigend über dieſe Weſen geſchloſſen. Da die Thénardier geſtorben, Boulatruelle außer Be⸗ tracht gekommen, Elaqueſous verſchwunden, die Hauptange⸗ klagten aus dem Gefängniß entſprungen waren, ſcheiterte der Prozeß des Ueberfalles in der Baracke Gorbeau ſo ziemlich. Die Angelegenheit war ziemlich dunkel geblieben. Die Aſſi⸗ ſen hatten ſich mit zwei ziemlich untergeordneten Perſonen begnügen müſſen, Panchaud, genannt Printanier, genannt Bigrenaille, und Demi⸗Liard, genannt zwei Milliarden, welche zu zehn Jahren Galeeren verurtheilt wurden. Lebens⸗ längliche Zwangsarbeit war gegen ihre entſprungenen und in contumaciam verurtheilten Mitſchuldigen ausgeſprochen. Thenardier, der Anführer und Anſtifter, war ebenfalls in contumaciam zum Tode verurtheilt worden, und dieſe Ver⸗ urtheilung war das Einzige, was von Thénardier übrig blieb und warf auf dieſen Namen ihr finſteres Licht, wie eine Kerze, die neben einem Sarge brennt. Dieſe Verurtheilung vergrößerte übrigens den dunkeln Schatten, welcher dieſem Menſch deckte, da ſie Thénardier durch die Furcht, wieder ergriffen zu werden, in die tiefſten Tiefen verſinken machte. Was dem Andern betrifft, dem Unbekannten, der Ma⸗ rius gerettet hatte, ſo führten die Nachſuchungen Anfangs zu einigen Reſultaten, endeten aber plötzlich. Es gelang ihm, den Fiaker aufzufinden, der ihn am Abend des 46 6. Juni nach der Rue de la Filles du Calvaire gebracht hatte. Der Kutſcher erklärte, daß er am 6. Juni auf Be⸗ fehl eines Polizeiagenten von drei Uhr Nachmittags an bis zur Anbruch der Nacht auf dem Quai de Champs Elyſée's über den Ausfluß des großen Kanals ſtationirt geweſen ſei; das gegen neun Uhr Abends das Gitter des Kanals, wel⸗ ches auf den Fluß führt, ſich geöffnet hatte, und daß ein Mann daraus hervorgekommen war, der einen andern Mann, welcher todt zu ſein ſchien, auf den Schultern trug; daß der Polizeiagent, welcher beobachtend auf dieſem Punkte ſtand, den lebenden Mann arretirt und den Todten ver⸗ haftet hätte, daß auf Befehl des Agenten er, der Kutſcher, alle dieſe Leute in ſeinen Fiaker genommen; daß man An⸗ fangs nach der Rue de la Filles du Calvaire gefahren und dort den Todten niedergelegt hätte; daß der todte Menſch Herr Mariue geweſen ſei und er, der Kutſcher, ihn wohl erkenne, obgleich er„diesmal“ lebend ſei; daß man dann wieder in ſeinen Wagen geſtiegen wäre, daß er die Pferde angetrieben hätte, daß man ihm einige Schritte vor dem Thore des Archives zugerufen hätte, anzuhalten, daß man ihn auf der Straße bezahlt und verlaſſen hätte, und daß er, der Polizeiagent, den andern Mann mit ſich genommen, daß er weiter nichts wüßte, daß die Nacht fürchterlich dunkel ge⸗ weſen ſei. Marius erinnerte ſich, wie wir erwähnten, an nichts. Er beſann ſich nur darauf, daß er durch eine kräftige Hand von hinten in eben dem Augenblick ergriffen wurde, in wel⸗ chem er auf der Barrikade niederſtürzte; dann verſchwand für ihn Alles. Er war erſt bei Herrn Gillenormand zum Be⸗ wußtſein zurückgekehrt. Er verlor ſich in Vermuthungen. Er konnte an ſeiner eigener Identität nicht zweifeln. Wie kam es aber, daß er in der Rue de la Chanvrerie gefallen, von dem Polizei⸗ agenten an dem Damme der Seine, nahe bei der Brücke der Vi unt 47 gnvaliden aufgegriffen wurde? Hatte ihn Jemand von dem Viertel der Hallen unter dem Champs Elhſée's getragen? und wie? Durch den Abzugskanal. Unerhörte Aufopferung! Jemand? wer? Dieſer Menſch war es, den Marius ſuchte. Von dieſem Menſchen, der ſein Retter war, ließ ſich nichts entdecken; keine Spur, nicht das geringſte Zeichen. Marius war zwar in dieſer Beziehung zu großer Zu⸗ rückhaltung gezwungen, ſetzte indeß ſeine Nachforſchungen bis zur Polizeipräfectur fort. Hier führten die Erkundi⸗ gungen ebenſowenig wie anderwärts zu irgend einer Auf⸗ klärung. Die Präfektur wußte davon weniger, als der Fiakerkutſcher. Man hatte dort keine Kenntniß von irgend einer am 6. Juni bei dem Gitter des großen Abzugskanals vorgenommenen Verhaftung. Man hatte keinen Rapport eines Agenten über dieſe Thatſache erhalten, welche in der Präfektur als eine Fabel betrachtet wurde. Man ſchrieb die Erfindung dieſer Fabel dem Kutſcher zu. Ein Kutſcher, der ein Trinkgeld haben will, iſt zu Allem fähig, ſelbſt zu der Einbildungskraft, die Thatſache war indeß gewiß und Ma⸗ rius konnte nicht daran zweifeln, er hätte denn an ſeiner eigenen Identität zweifeln müſſen. Alles war bei dieſem ſonderbaren Räthſel unerklärlich. Dieſer geheimnißvolle Menſch, den der Kutſcher aus dem Gitter des großen Abzugskanals mit dem ohnmächtigen Marius auf ſeinem Rücken hatte treten ſehen und den der auf der Lauer ſtehende Polizeiagent bei der Rettung eines Inſurgenten verhaftete— was war aus ihm geworden und was war aus dem Agenten ſelbſt geworden und weshalb hatte dieſer Agent das Schweigen bewahrt? War es dem Menſchen gelungen, zu entkommen? Hatte er den Agenten beſtochen? Weshalb gab dieſer Menſch Marius, der ihm Alles verdankte, kein Lebenszeichen? Die Uneigennützigkeit war nicht minder wunderbar wie die Aufopferung. Wes⸗ — 48 halb erſchien dieſer Menſch nicht wieder. Vielleicht war er über die Belohnung erhaben, aber Niemand darf ſich der Dank⸗ barkeit entziehen. War er todt? Was für ein Menſch war er? Was für ein Geſicht hatte er? Niemand konnte das ſagen. Der Kutſcher antwortete: die Nacht war zu dunkel. Basque und Nicblette hatten in der Verwirrung nur ihren jungen blut⸗ bedeckten Herrn geſehen. Der Portier, deſſen Licht das tragiſche Erſcheinen von Marius beleuchtete, war der Ein⸗ zige, welcher den fraglichen Menſchen bemerkt hatte, und er gab von ihm folgendes Signalement: der Menſch war ent⸗ ſetzlich anzuſehen! In der Hoffnung, daraus für ſeine Nachforſchungen Nutzen ziehen zu können, ließ Marius die blutigen Kleider, die er auf dem Leibe hatte, als man ihn zu ſeinem Groß⸗ vater zurückbrachte, aufbewahren. Indem man die Kleider genauer beſichtigte, ſah man, daß ein Zipfel des Rockes auf eigenthümliche Weiſe zerriſſen war. Es fehlte daran ein Stück. Eines Abends ſprach Marius in Gegenwart von Co⸗ ſette und Jean Valjean von dieſem eigenthümlichen Aben⸗ teuer, von den zahlloſen Erkundigungen, die er eingezogen und von der Nutzloſigkeit aller ſeiner Bemühungen. Das kalte Geſicht des Herrn Fauchelevent verdroß ihn. Er rief mit einer Heftigkeit, die beinahe den Klang des Zornes annahm: „Ja dieſer Menſch iſt erhaben, wer es auch ſein mag. Wiſſen Sie, was er gethan hat, mein Herr? Er iſt zu Hülfe gekommen wie der Erzengel. Er muß ſich in den Kampf geſtürzt, mich demſelben entriſſen, die Schleuſe ge⸗ öffnet, mich hineingeſchleppt, mich darin getragen haben! Er muß mehr als ein und eine halbe Meile in den abſcheulichen unterirdiſchen Gängen, gebückt, in der Dunkelheit, in dem Kothe, zurückgelegt haben, mehr als ein und eine halbe Meile, mein Herr, und mit einem Leichnam auf dem Rücken! Unt dieſ hat des den ein er Ei mi 49 Und in welcher Abſicht? In der alleinigen Abſicht, dieſen Leichnam zu retten! Und dieſe Leiche war ich! Er hat ſich geſagt: es liegt in ihm vielleicht noch ein Schimmer des Lebens; ich will meine Exiſtenz wagen, um dieſen elen⸗ den Funken zu erhalten! Und ſeine Exiſtenz hat er nicht einmal, ſondern zwanzig Mal gewagt! Bei jedem Schritt in Gefahr. Der Beweis iſt, daß er verhaftet wurde, als er ven Kanal verließ. Wiſſen Sie, mein Herr, daß dieſer Menſch das Alles gethan hat? Und keine Belohnung zu erwarten. Was war er? Ein Inſurgent. Was war ich? Ein Beſiegter. Ach, wenn die ſechsmalhunderttauſend Francs mir gehörten!“ „Sie gehören Ihnen,“ unterbrach ihn Jean Valjean. „Nun wohl,“ entgegnete Marius,„ſo würde ich ſie darum geben, dieſen Menſchen wieder zu finden.“ Jean Valjean bewahrte das Schweigen. Die Glenden. X. 4 Jean Valjean. — Sechstes Buch. Die ſchlafloſe Nacht. „ — geſe Es tri I. Der ſechszehnte Februar 1833. Die Nacht vom 16. zum 17. Februar 1833 war eine geſegnete. Unter ihrem Schleier war der Himmel geöffnet. Es war die Hochzeitsnacht von Marius und Coſette. Der Tag war wunderbar ſchön geweſen. Man hatte zwar nicht das von dem Großvater ge⸗ trãumte Feſt gefeiert, eine Feerie, mit der Verwirrung der Cherubim's und Cupido's unter dem Kopfe der Neuvermähl⸗ ten, eine Heirath, würdig, ein Thürſtück zu bilden, allein das Feſt war ſchön und heiter geweſen. Die Hochzeitsgebräuche waren im Jahre 1833 an⸗ dere wie jetzt. Frankreich hatte noch nicht England jenes übermäßige Zartgefühl entlehnt, ſeine Frau zu entführen, bei dem Austritt aus der Kirche zu enffliehen, voll Scheu ſein Glück zu verbergen und das Benehmen eines bankerot⸗ ten Kaufmanns mit dem Entzücken des hohen Liedes Salo⸗ monis zu vereinigen. Man hatte noch nicht begriffen, was Keuſches, Außerordentliches und Schamhaftes darin liegt, ſein Paradies in der Poſtchaiſe fortzurütteln, ſein Myſterium mit Peitſchengeknall zu vermiſchen, ein Gaſthofbett zum Hoch⸗ zeitslager zu nehmen und hinter ſich in dem banalen Al⸗ 54 koven die heiligſte der Erinnerungen in buntem Gemiſch mit dem téte- téte des Poſt⸗Conducteurs und der Gaſthofmagd zulaſſen. In dieſer zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, in welcher wir leben, genügen der Maire und ſeine Schärpe, der Prieſter und ſeine Stola, das Geſetz und Gott nicht mehr. Es bedarf zur Vervollſtändigung des Poſtillions von Lonjumeau, der weißen Jacke mit rothen Aufſchlägen und blanken Knöpfen, der Lederhoſe, der Flüche auf die Pferde, der falſchen Treſſen des gewichſten Hutes, der gepuderten Haare, der gewaltigen Peitſche und der ſteifen Stiefel. 1833, das ſind hundert Jahre, aber da vollzog man die Heirathen noch nicht im Trabe. Man bildete ſich in jener Zeit noch ſonderbarer Weiſe ein, eine Heirath müſſe ein inniges, geſellſchaftliches, ein patriarchaliſches Mahl bedürfen, nur eine häusliche Feier⸗ lichkeit, nicht die Luſtigkeit, und wäre ſie ſelbſt übermäßig, nur anſtändig, könnte dem Glücke nichts Böſes zufügen, und es wäre endlich ehrwürdig und gut, daß die Verſchmelzung zweier Geſchicke, aus der eine Familie entſpringen ſoll, in dem Hauſe begönne, und daß der Haushalt zum Zeugen künftig das Hochzeitsgemach habe. Man war damals ſo ſchamlos, ſich in ſeinem Hauſe zu heirathen. Die Hochzeit wurde daher nach jener jetzt veralteten Idee bei Herrn Gillenormand gefeiert. So natürlich und ſo gewöhnlich die Angelegenheit iſt, ſich zu verheirathen, ſo haben doch das Aufgebot, die auf⸗ zuſetzenden Verträge, die Mairie, die Kirche immer etwas Schwieriges. Man konnte nicht vor dem 16. Februar be⸗ reit ſein. Es war aber— wir führen dieſen Umſtand nur an⸗ um genau zu ſein— zufällig am 16. Februar ein Faſtnachts⸗ dienſtag. Daraus entſtanden Zögerungen und Gewiſſens⸗ biſ dien nag lle zun Wer ſoll — 55 biſſe, beſonders bei der Tante Gillenormand.„Ein Faſtnachts⸗ dienſtag!“ rief der Großvater,„deſto beſſer. Weiter! Es mag mit dem 16ten gehen! Willſt Du eine Verzögerung, Marius?“ „Nein, gewiß nicht!“ antwortete der Verliebte. „So heirathen wir uns denn!“ ſagte der Großvater. Die Heirath wurde alſo am 16ten geſchloſſen, ungeach⸗ tet der öffentlichen Luſtigkeit. Es regnete an dieſem Tage, allein es giebt am Himmel ſelbſt eine kleine Ecke Hellblaues zum Dienſte des Glückes, welches die Liebenden ſehen, ſelbſt wenn die übrige Schöpfung unter einem Regenſchirm ſein ſollte. Am Tage zuvor hatte Jean Valjean an Marius in Gegenwart des Herrn Gillenormand die 584,000 Franes übergeben. Da die Heirath in dem Kirchſpiele geſchloſſen wurde, waren die Verhanvlungen ganz einfach geweſen. Die Touſſaint war für Jean Valjean jetzt nutzlos; Coſette erbte ſie und hatte ſie zum Range einer Kammer⸗ frau befördert. Was Jean Valjean betraf, ſo war für ihn in dem Hauſe Gillenormand ein ſchönes für ihn ausdrücklich mö⸗ blirtes Zimmer bereitet, und Coſette hatte ihm ſo unwider⸗ ſtehlich geſagt:„Vater, ich bitte Dich,“ daß ſie ihm nach und nach das Verſprechen entlockt hatte, dies Zimmer zu be⸗ wohnen. Einige Tage vor dem zur Trauung feſtgeſetzten, hatte Jean Valjean einen Unfall. Er beſchädigte ſich ein wenig den Daumen der rechten Hand; es war nicht ernſtlich; er er⸗ laubte nicht, daß irgend Jemand ſich damit beſchäftigte noch ihn verband, ſelbſt nicht einmal ſeine Wunde ſah, ſogar nicht Coſette. Das hatte ihn indeß genöthigt, ſich die Hand mit Leinwand zu verbinden und den Arm in der Schärpe zu atragen, wodurch er am Schreiben verhindert wurde. S — — 56 Herr Gillenormand als zweiter Vormund Coſettens hatte ihn bei Unterzeichnung des Contracts vertreten. Wir werden den Leſer weder auf die Mairie, noch in die Kirche führen. Man folgt den Liebenden nicht ſo weit und man hat die Gewohnheit, dem Drama den Rücken zu kehren, ſobald es ein Hochzeitsbouquet in das Knopfloch ſteckt. Wir begnügen uns, ein Ereigniß zu erwähnen, wel⸗ ches übrigens von der Hochzeitsgeſellſchaft unbekannt, den Weg von der Rue des Filles du Calvaire nach der Kirche Saint⸗Paul bezeichnete. Man pflaſterte um dieſe Zeit das nördliche Ende der Rue Saint⸗Louis. Die Straße war von der Rue du Parc⸗Royal an verſperrt. Es war dem Hochzeitswagen unmöglich, gradewegs nach Saint⸗Paul zu fahren. Der Weg mußte daher verändert werden und das einfachſte war, ihn längs den Boulevard zu nehmen. Einer der Eingela⸗ denen machte bemerklich, daß es Faſtnachtsdienſtag ſei und daß hier eine Anhäufung von Wagen ſtattfinden würde. „Weshalb?“ fragte Herr Gillenormand. „Wegen der Masken.“ „Vortrefflich!“ ſagte der Großvater.„Machen wir den Weg. Die jungen Leute verheirathen ſich; ſie treten in den Ernſt des Lebens ein. Das wird ſie darauf vor⸗ bereiten, wenn ſie ein wenig die Maskerade ſehen.“ Man fuhr über den Boulevard. In der erſten Hoch⸗ zeitskutſche ſaß Coſette und die Tante Gillenormand, Herr Gillenormand und Herr Valjean. Marius, der noch von ſeiner Braut getrennt war, wie der Gebrauch es vorſchrieb, fuhr erſt in der Zweiten. Der Hochzeitszug ſchloß ſich bei dem Austritt aus der Rue des Filles du Calvaire dem langen Zuge von Wagen an, welcher eine endloſe Kette von der Madeleine bis zur Baſtille und von der Baſtille bis zur Madeleine bildete. Masken waren auf dem Boulevard in überreicher Menge. Wenn es auch zuweilen regnete, ſo ließen Paillaſſe und Pantalon und Gille ſich dadurch nicht ſtören. In der guten Laune des Winters von 1833 hatte Paris ſich als Venedig verkleidet. Dergleichen Faſtnachtsdienſtage ſieht man jetzt nicht mehr. Da Alles, was exiſtirt, ein weit ver⸗ breiteter Carneval iſt, giebt es keinen eigentlichen Carne⸗ val mehr. Die Nebenalleen waren gefüllt mit Vorübergehenden, die Fenſter mit Neugierigen. Die Teraſſen auf den Treppen der Theater waren mit Zuſchauern beſetzt. Außer den Masken betrachtete man auch den Wagenzug, der den Faſt⸗ nachtsdienſtag ebenſo wie Longchamps eigenthümlich iſt. Wagen aller Art, die in Ordnung fuhren, ſtreng geregelt durch die Polizei und wie auf einem Schienenwege gereiht. Wer in einem ſolchen Wagen fährt, iſt zugleich Zuſchauer und Schauſpieler. Stadtſergeanten hielten an beiden Seiten des Boulevard dieſe beiden unabſehbar unendlichen Reihen in Ordnung, die ſich in entgegengeſetzter Richtung bewegten, und wachten darüber, daß keiner der Wagen den andern zu überholen verſuchte. Die wappengeſchmückten Kutſchen der Pairs von Frankreich und der Geſandten fuhren in der Mitte der Straße und konnten ſich frei hin und her be⸗ wegen. Gewiſſe luſtige Züge, namentlich der Faſtnachts⸗ ochſe, hatte daſſelbe Privilegium. In der doppelten Reihe, an welcher hier Municipal⸗ garden wie Schäferhunde auf⸗ und niedergaloppirten, be⸗ merkte man rechtſchaffene Familien⸗Halbchaiſen, angefüllt mit Großtanten und Großmüttern und an ihren Thüren fröhliche Kindergruppen zeigend, die als Harlekins von ſieben Jahren und als Colombinen von ſechs Jahren verkleidet waren, reizende kleine Weſen, welche fühlten, daß ſie officiell einen Theil der öffentlichen Luſtbarkeit bildeten und von der Würde ihrer Harlekinade durchdrungen, den Ernſt von Beamten zeigten. Von Zeit zu Zeit entſtand eine Verlegenheit in einer 58 der Wagenprozeſſionen; die eine oder die andere der beiden Reihen mußten Halt machen, bis der Knoten gelöſt war; ein einbiegender Wagen genügte, um die ganze Reihe zu lähmen; dann ſetzte man ſich wieder in Bewegung. Die Hochzeitskutſchen waren in der Reihe, die nach der Baſtille fuhr und die rechte Seite des Boulevards ver⸗ folgte. Auf der Höhe der Rue du Pont⸗aux⸗Choux entſtand ein Aufenthalt. Beinahe in demſelben Augenblicke mußte die andere Reihe ebenfalls anhalten. Auf dieſem Punkte des Zuges war ein Wagen mik Masken. Dieſe Wagen oder richtiger geſagt, dieſe Karren mit Masken ſind den Pariſern wohl bekannt. Wenn ſie an einem Faſtnachtsdienſtage oder an einem halben Feſttage fehlten, ſo würde man darunter irgend etwas vermuthen und ſagen: darin liegt Etwas. Wahrſcheinlich wird ein Miniſterwechſel bevor⸗ ſtehen. Eine Anhäufung von Caſſandras, Harlekins und Colom⸗ binen, über den Vorübergehenden gerüttelt, alle möglichen komiſchen Masken, von dem Türken bis zum Wilden, dem Hercules, der einer Marquiſe den Arm giebt, den Fiſch⸗ weibern, den Elfenbeinperrücken, der großen Brille des Geſichterſchneiders, dem Gejauchze der Feſtzüge, auf die Hüften geſtützte Fäuſte, kecke Stellungen, entblößte Schultern, maskirte Geſichter, offene Schamloſigkeit; ein Chaos der Unverſchämtheit, gefahren von einem blumengeſchmückten Kutſcher— das iſt es, worin dieſe Inſtitution beſteht. Griechenland bedurfte des Thespiskarrens; Frankreich ift der Fiaker des Vadé eigenthümlich. Alles kann parodirt werden, ſelbſt die Parodie. Die Saturnalien, dieſe Grimaſſe der antiken Schönheit, gelangten von Stufe zu Stufe zu dem Faſtnachtsdienſtag. Die Tra⸗ dition am Maskenwagen geht zurück bis in die älteften Zeiten der Monarchie. Die Rechnungen Ludwig XI. gewährten dem Palaſtvoigt„20 Sous für drei Kutſchen zur 58 Straßenmaskerade.“ In unſern Tagen bedienen dieſe lär⸗ menden Haufen von Geſchöpfen ſich gewöhnlich zum Wagen eines alten Kukuks, und es ſahren ihrer zwanzig in einem Wagen für ſechs. Es ſind Masken auf dem Sitze, auf dem Verdeck, auf dem Kutſcherſitz, auf der Deichſel; ſie weilen ſelbſt auf den Laternen des Wagens. Sie ſtehen, liegen, ſitzen mit untergekreuzten oder herabhängenden Beinen. Die Frauenzimmer ſitzen auf dem Schvoße der Männer. Dieſe Wagen bilden Berge der Ausgelaſſenheit in der Mitte des Zuges. Man lacht, man ſchimpft, man flucht, man heult auf dieſen Wagen und ſchäumt vor Glück über. Die Luſtig⸗ keit heult hier, der Spott flammt, die Heiterkeit ſtrömt Purpur aus; zwei elende Mähren ſchleppen die zur Apo⸗ theoſe erblühte Poſſe; es iſt der Triumphwagen des Ge⸗ lächters. Ein zu eyniſches Gelächter, um wahr ſein zu können. Und in Wirklichkeit iſt dieſes Gelächter verdächtig. Es hat eine Sendung. Es iſt damit beauftragt, den Pariſern den Carneval zu beweiſen. Der Zufall wollte nun, wie wir erwähnten, daß einer dieſer mißgeſtalteten Haufen von maskirten Weibern und Männern, in einer geräumigen Caleſche übereinander gehäuft, auf der linken Seite des Boulevards anhielt, während der Hoch⸗ zeitszug auf der rechten Seite Halt machte. Von der einen Seite des Boulevards zur andern bemerkte der Wagen, auf dem die Masken ſich befanden, gerade gegenüber den Wagen der Braut. „Seht!“ ſagte eine Maske,„eine Hochzeit „Eine falſche Hochzeit,“ erwiderte ein Anderer.„Wir ſind zu nahe.“ Und zu weit entfernt, um die Hochzeit erreichen zu können, überdies die Stadtfergeanten fürchtend, blickten die beiden Masken anderwärts hin. Der ganze maskirte Wagen hatte noch einen Augenblick ————— 60 viel zu thun; denn die Menge höhnte ihn aus, was die Liebkoſungen der Menge gegen die Maskirten ſind, und die beiden Masken, die ſo eben geſprochen hatten, mußten mit ihren Kameraden aller Welt die Spitze bieten, und hatten nicht ſo viel an dem ganzen Vorrath der Geſchoſſe Antheil, um auf die Aeußerungen des Volkes zu antworten. Es entſtand zwiſchen den Masken und der Menge ein wilder Austauſch von Redensarten. Indeß hatten zwei andere Masken deſſelben Wagens, ein Spanier mit übermäßig langer Naſe und gewaltigem ſchwarzem Schnurrbart, und ein mageres Fiſchweib, ein ganz junges Mädchen mit einer Sammetmaske den Hochzeitszug ebenfalls bemerkt, und während ihre Gefährten und die Vorübergehenden ſich gegenſeitig ſchimpften, hielten ſie mit leiſer Stimme ein Zwiegeſpräch. Die Unterhaltung wurde durch den Tumult übertönt und verlor ſich in demſelben. Die Regengüſſe hatten den offenen Wagen durchnäßt; der Februarwind iſt nicht kalt, und indem das Fiſchweib dem Spanier antwortete, lachte ſie, huſtete und klapperte in ihrem ausgeſchnittenen Kleide vor Froſt. Hier das Geſpräch: „Sieh doch!“ „Was denn, Vater?“ „Siehſt Du den Alten?“ „Welchen Alten?“ „Der in dem erſten Wagen des Hochzeitszuges auf unſerer Seite.“ „Der den Arm in der ſchwarzen Binde trägt?“ „ä „Nun?“ Ich bin überzeugt, daß ich denſelben kenne. „Nun.“ „Ich will mir den Hals abſchneiden laſſen, und in d 61 meinem Leben nicht Sie, Du oder ich geſagt haben, wenn ich dieſen Pariſer da nicht kenne.“ „Heute iſt Alles Pariſer.“ „Kannſt Du die Braut ſehen, wenn Du Dich vor⸗ biegſt?“ „Nein.“ „Und den Bräutigam? „Es iſt kein Bräutigam in dem Karren da.“ „Da!“ „Es müßte denn der andere Alte ſein.“ „Sieh doch zu, daß Du die Braut erblickſt, wenn Du Dich vorbiegſt.“ „Ich kann nicht.“ „Gleichviel. Der Alte, der Etwas an der Pfote hat, den kenne ich, davon bin ich überzeugt.“ „Und wozu nützt es, daß Du ihn kennſt.“ „Man weiß nicht. Zuweilen!“ „Ich kümmere mich den Kukuk um den Alten.“ „Ich kenne ihn!“ „Nun, ſo kenne ihn nach Belieben!“ „Wie zum Teufel kommt er zu der Hochzeit!“ „Sind wir doch auch dabei!“ „Woher kommt dieſe Heirath?“ „Weiß ich es?“ „Höre.“ „Was?“ „Du ſollteſt Etwas thun.“ „Was denn?“ „Von unſerem Karren herunterſteigen um der Hochzeit zu folgen.“ „Wozu das?“ „Um zu wiſſen, wohin ſie geht und was es für eine iſt. Eile, abzuſteigen; lauf, meine Fee, Du biſt jung. „Ich kann den Wagen nicht verlaſſen.“ 62 „Weshalb nicht?“ „Ich bin vermiethet.“ „Ach, zum Henker!“ „Ich bin meinen Tag der Fiſchhändlerin auf der Prä⸗ fectur ſchuldig.“ „Das iſt wahr.“ „Wenn ich den Wagen verlaſſe, ſo arretirt mich der erſte beſte Polizeiinſpector; Du weißt ja.“ „Ja, ich weiß.“ „Heute bin ich von der Regierung gekauſt.“ „Gleichviel; der Alte macht mich dumm. Du biſt aber doch kein junges Mädchen?“ „Er iſt in dem erſten Wagen.“ „Nun? Was dann?“ „In dem Karren der Braut.“ „Was weiter!“ „Alſo iſt er der Vater?“ „Was klimmert mich das?“ „Ich ſage Dir, er iſt der Vater.“ „Es iſt weiter Keiner als der Vater da.“ „Höre.“ „Was?“ „Ich kann nur maskirt ausgehen. Hier bin ich ver⸗ borgen. Ja, man weiß nicht, daß ich hier bin. Aber mor⸗ gen giebt es keine Masken mehr. Morgen iſt Aſchermitt⸗ woch; ich riskire zu fallen(verhaftet zu werden). Ich muß wieder in mein Loch zurück. Du, Du biſt frei.“ „Nicht allzu ſehr. „Aber doch immer mehr als ich⸗“ „Nun, was weiter?“ „Du mußt zu erfahren ſuchen, wohin dieſe Hochzeit gegangen iſt.“ „Wohin ſie geht?“ „Ja.“ it 63 „Das weiß ich.“ „Wohin geht ſie denn?“ „Nach dem Cadran Bleu.“ „Das iſt nicht die Richtung.“ „Nun, nach der Rapée.“ „Oder anderwärts hin.“ „Sie iſt frei. Die Hochzeiten ſind frei.“ „Das iſt noch nicht Alles. Ich ſage Dir, Du mußt zu erfahren ſuchen, was das für eine Hochzeit iſt, zu was der Alte gehört und wo dieſe Hochzeit wohnt.“ „Weiter nichts? Das iſt närriſch. Es iſt bequem, acht Tage darauf eine Hochzeit wieder zu finden, die an einem Faſtnachtsdienſtag durch Paris zog. Eine Stecknadel in einem Heuboden! Iſt das etwa möglich?“ „Gleichviel, Du mußt es verſuchen. Hörſt Du, Azelma?“ Die beiden Wagenreihen ſetzten ſich auf beiden Seiten des Boulevards in entgegengeſetzter Richtung wieder in Bewegung und der Wagen mit den Masken verlor den „Karren“ der Braut aus den Augen. —— ———— =6— — 64 II. Jean Valjean hat noch immer den Arm in der Binde. Seine Träume zu verwirklichen. Wem iſt das ge⸗ geben? Es iſt hierzu eine Vorherbeſtimmung im Himmel nothwendig; wir ſind ſämmtlich Candidaten, ohne es zu wiſſen; die Engel ſind die Lenker. Coſette und Marius waren erwählt worden. Coſette zeigte ſich auf der Mairie und in der Kirche glänzend und bezaubernd. Die Touſſaint, unterſtützt durch Nicolette, hatte ſie geſchmückt. Coſette hatte über einem Unterkleide von weißem Taffet ihre Robe von guipure de Binche, einen Schleier von engliſchen Spitzen, ein Halsband von echten Perlen, einen Kranz von Orangenblüthen; Alles war weiß, von jener Weiße, die funkelt. Man hätte glauben können, eine Jung⸗ frau zu ſehen, die im Begriff ſtand, Göttin zu werden. Marius' ſchöne Haare waren glatt geſcheitelt und par⸗ fümirt; man ſah hier und dort zwiſchen den dichten Locken weiße Linien, welche die Narben der Barrikade waren. Der Großvater, ſtolz mit hocherhobenem Kopf, miſchte mehr als je in ſeinen Anzug und in ſein Weſen die ganze Eleganz aus den Zeiten von Barras, indem er Coſette führte. Er vertrat Jean Valjean, welcher wegen ſeines Armes in der Binde der Braut nicht die Hand reichen konnte. Jean Valjean folgte ſchwarz gekleidet und lächelnd. „Herr Fauchelevent,“ ſagte der Großvater zu ihm, 65 „das iſt ein ſchöner Tag. Ich ſtimme für das Ende aller Betrübniß und Kümmerniß. Es darf jetzt nirgends mehr Traurigkeit geben. Pardieu! Ich decretire die Freude! Das Böſe hat nicht das Recht, zu ſein. Daß es unglück⸗ liche Menſchen giebt, wahrlich, das iſt eine Schmach für das Blau des Himmels. Alles menſchliche Elend hat zur Reſidenz und zur Centralregierung die Hölle, auch die Tuilerien des Teufels genannt. Schön! jetzt ſpreche ich demagogiſche Worte! Was mich betrifft, ſo habe ich keine politiſche Meinung mehr. Daß alle Menſchen reich, das heißt glücklich ſeien, das iſt es, worauf ich mich beſchränke.“ Nach dem Schluß aller Ceremonien, nachdem ſie vor dem Maire und vor dem Prieſter jedes mögliche Ja geſprochen, nachdem ſie die Regiſter der Municipalität und die der Sakriſtei unterzeichnet, nachdem ſie ihre Ringe ausgetauſcht, nachdem ſie Knie an Knie unter dem Baldachin von Moirée in Wolken von Weihrauch gekniet hatten, gelangten ſie, ſich an der Hand haltend, bewundert und be⸗ neidet von Allen, Marius ſchwarz, ſie weiß gekleidet, vorn der Schweizer mit ſeinen großen Oberſten-Epauletten, mit ſeiner Hellebarde auf die Quadern ſtoßend, zwiſchen zwei Reihen bewundernder Zuſchauer unter das weit geöffnete Thor der Kirche, um in den Wagen zu ſteigen, worauf dann Alles geendet war. Voſette konnte noch nicht daran glauben. Sie ſah Marius an, blickte auf die Menge, ſah zum Himmel empor; es ſchien, als hätte ſie Furcht, zu er⸗ wachen. Ihr verwundertes und unruhiges Weſen verlieh ihr etwas Zauberhaftes. Bei dieſer Rückkehr ſtiegen Beide in den erſten Wagen; Marius neben Coſette; Herr Gille⸗ normand und Jean Valjean ſaßen ihnen gegenüber. Die Tante Gillenormand war nur eine Couliſſe zurückgewichen und ſaß in dem zweiten Wagen. „Meine Kinder,“ ſagte der Großvater,„jetzt ſeid Ihr der Herr Baron und die Frau Baronin mit 30,000 Livres Die Elenden X. 5 —— 66 Rente.“ Und Coſette, die ſich dicht an Marius ſchmiegte, liebkoſte ſein Ohr mit dem engelgleichen Geflüſter: „Iſt es denn wahr? Ich heiße Marius? Ich bin Deine Frau, Du?“ Die beiden Weſen ſtrahlten vor Freude. Sie waren für den Augenblick unwiderruflich und unauffindbar; die Verblendung hatte kein Warnungszeichen der Jugend und der Freude. Es war ein erhabener Anblick. Dieſe beiden Kinder glichen zwei Lilien. Sie ſahen ſich nicht, ſie betrachteten ſich. Coſette erblickte Marius mit Glorie umgeben; während dieſe beiden Apotheoſen ſich mit einander vermiſch⸗ ten, ſchwebte im Hintergrunde, hinter einer Wolke für Co⸗ ſette, in einem hellen Lichte für Marius, etwas Ideales, etwas Wirkliches, die Vereinigung eines Kuſſes und Trau⸗ mes, das Brautlager. In beiden Seelen herrſchte derſelbe Zauber. Bei Ma⸗ rius gefärbt durch Wolluſt, bei Coſette durch Keuſchheit. Sie ſagten ſich leiſe: wir werden unſern kleinen Garten der Rue Plumet wieder ſehen. Die Falten der Robe Coſettens ſtreiften Marius. Ein ſolcher Tag iſt ein unausſprechliches Gemiſch des Traumes mit der Wirklichkeit. Man beſitzt und man ahnet. Die Entzückungen dieſer beiden Herzen floſſen auf die Menge über und erfüllten die Zeugen mit Heiterkeit. Man blieb in der Rue St. Antoine vor St. Paul ſtehen, um durch die Thürſcheiben des Wagens die Orangen⸗ blüthen auf dem Kopfe Coſettens zittern zu ſehen. Dann kehrten ſie nach der Rue des Filles du Calvaire nach Hauſe zurück. Marius ſtieg neben Coſette triumphi⸗ rend und freudeſtrahlend jene Treppe hinauf, über die man ihn ſterbend geſchleppt hatte. Die Armen, die vor der Thür gedrängt ſtanden und ſich in ihre Börſen theilten, ſegneten ſie. Ueberall waren Blumen. Das Haus war nicht we⸗ 67 niger mit Wohlgerüchen erfüllt wie die Kirche. Dem Weih⸗ rauch folgten die Roſen. Sie glaubten die Stimmen der Engel ohne Unterlaß ſingen zu hören; ſie hatten Gott im Herzen; das Geſchick erſchien ihnen wie ein ſternenvoller Himmel, ſie erblickten über ihren Köpfen den Schein der aufgehenden Sonne. Plötzlich ſchlug die Uhr. Marius blickte auf den reizenden entblößten Arm Coſettens und auf die roſigen Räthſel, die man undeutlich durch die Spitzen ihres Leibchens ſchimmern ſah; und Coſettte, welche Marius' Blick bemerkte, erröthete bis in das Weiße der Augen. Viele alte Freunde der Familie Gillenormand waren eingeladen worden; man drängte ſich um Coſette; man wetteiferte darin, ſie Frau Baronin zu nennen. Der Offizier Theodolus Gillenormand, jetzt Capitain, war von Chartres, wo er in Garniſon ſtand, herübergekom⸗ men, um der Hochzeit ſeines Vetters Pontmerch beizuwohnen. Coſette erkannte ihn nicht. Er ſeinerſeits, gewöhnt daran, von den Weibern hübſch gefunden zu werden, erinnerte ſich Coſettens ebenſowenig wie einer Andern. „Wie ſehr hatte ich recht, an dieſe Uhlanengeſchichte nicht zu glauben!“ ſagte der Vater Gillenormand zu ſich ſelbſt.— Coſette war nie zärtlicher gegen Jean Valjean geweſen. Sie war in Uebereinſtimmung mit dem Vater Gillenormand, während er die Freude in einzelnen Sätzen und Grundſätzen erhob, hauchte ſie die Liebe und die Güte wie einen Wohl⸗ geruch aus. Sie ſagte: ich will alle Welt glücklich ſehen. Sie fand, um mit Jean Valjean zu ſprechen, jenen Klang der Stimme wieder, wie in der Zeit, als ſie noch ein kleines Mädchen war. Sie liebkoſte ihn mit ihrem Lächeln. Ein Banket war in dem Speiſeſaal hergerichtet worden. 5* 68 Tageshelle Beleuchtung iſt die nothwendige Würze großer Freude. Dämmerung und Dunkelheit werden von den Glücklichen nicht angenommen. Sie willigen nicht ein, ſchwarz auszuſehen. Die Nacht, ja; Dämmerung, nein. Wenn man keine Sonne hat, muß man ſich eine machen. Der Speiſeſaall war ein wahrer Bazar heiterer Dinge. Im Mittelpunkt über dem weißen und glänzenden Tiſch hing ein Kronleuchter von venetianiſchem Glas mit allen Arten von farbigen Vögeln geſchmückt, die zwiſchen den Kerzen ſaßen; an den Wänden Wandſpiegel mit drei⸗ fachen und vierfachen Armen, Spiegel, Kryſtall, Glas, Roſen, Porzellan, Gold⸗ und Silberdrähte, Alles funkelte und er⸗ freute. Die leeren Räume zwiſchen den Wandleuchtern waren durch Bouquets ausgefüllt, ſo daß da, wo kein Licht war, ſich Blumen zeigten. In dem Vorzimmer ſpielten drei Violinen und eine Flöte Quardette Haydn's. Jean Valjean ſaß in dem Salon auf einen Stuhl hinter der Thür, deren Flügel ſich auf ihn zurücklegte, ſo daß er ihn faſt verbarg. Einige Augenblicke, ehe man zu Tiſche ging, machte Coſette ihm in heiterer Laune einen leiſen Knix, indem ſie mit beiden Händen ihren Brautanzug auseinander breitete, und mit einem zärtlich ſchelmiſchen Blick fragte ſie: „Vater, biſt Du zufrieden?“ „Ja,“ ſagte Jean Valjean,„ich bin zufrieden.“ „Dann lache.“ Jean Valjean lachte. Einige Augenblicke darauf meldete Basque, das auf⸗ getragen ſei. Die Gäſte, voran Herr Gillenormand, Coſette den Arm gebend, traten in den Speiſeſaal und verbreiteten ſich in der vorgeſchriebenen Ordnung um den Tiſch. Zwei große Armſeſſel ſtanden hier rechts und links N 69 neben der Braut, der erſte für Herrn Gillenormand, der zweite für Jean Valjean. Herr Gillenormand ſetzte ſich. Der andere Armſeſſel blieb leer. Man ſuchte mit den Angen Herrn Fauchelevent. Er war nicht mehr zugegen. Herr Gillenormand rief Basque. „Weißt Du, wo Herr Fauchelevent iſt?“ „Mein Herr,“ erwiderte Basque,„Herr Fauchelevent hat mich beauftragt, dem Herrn zu ſagen, daß er ein wenig an ſeiner verwundeten Hand litt und deshalb nicht mit dem Herrn Baron und der Frau Baronin am Eſſen Theil nehmen könnte. Er bäte, ihn zu entſchuldigen. Er würde morgen Früh kommen. Er iſt ſo eben weggegangen.“ Der leere Armſeſſel dämpfte einen Augenblick die Freude des Hochzeitsmahles. Allein wenn Herr Fauchelevent fehlte, ſo war Herr Gillenormand da, und der Großvater war entzückt für Zwei. Er verſicherte, Herr Fauchelevent thut gut, früh zu Bett zu gehen, denn er wäre leidend; aber es hätte nichts zu ſagen. Dieſe Erklärung genügte. Was hat übrigens ein dunkler Punkt bei einer ſolchen Ueberfluthung der Freude zu ſagen? Coſette und Marius befanden ſich in einem jener egoiſtiſchen und geſegneten Augenblicke, in welchem man keine andere Fähigkeit beſitzt, als das Glück zu genießen. Und dann hatte auch Herr Gillenormand einen Einfall.„Der Armſeſſel iſt leer,“ ſagte er,„ſetze Du Dich hinein, Marius. Deine Tante hat zwar ein Recht auf ihn, aber ſie wird es Dir erlauben. Dieſer Armſeſſel iſt für Dich. Das iſt geſetzmäßig und paſſend. Fortunatus bei Fortunaten. Beifallszeichen des ganzen Tiſches. Marius nahm neben Coſette den Platz Jean Valjean's ein. Und die Sachen ordneten ſich ſo, daß Coſette, welche Anfangs betrübt über die Abweſenheit Jean Valjean's war, zuletzt damit zufrieden wurde. Sobald Marius der Stellvertreter war, hätte Coſette ſelbſt Gott nicht vermißt. Sie ſetzte 70 ihren weichen kleinen atlasbekleideten Fuß auf Marius Fuß. Als der Armſeſſel eingenommen war, wurde Herrn Fauche⸗ levent nicht mehr gedacht. Nichts mangelte. Fünf Minuten darauf lachte der ganze Tiſch von einem Ende zum andern mit der vollen Kraft des Vergeſſens. Beim Deſſert brachte Herr Gillenormand ſtehend, ein Glas Champagner in der Hand, halb gefüllt, damit das Zittern ſeiner 92 Jahre es nicht überlaufen ließ, die Ge⸗ ſundheit der Neuvermählten aus. „Ihr entgeht zwei Predigten nicht,“ ſagte er.„Ihr habt am Morgen die des Pfarrers gehabt, Ihr werdet am Abend die des Großvaters hören. Höret mich an. Ich will Euch einen Rath ertheilen: liebet Euch. Ich will kein unnützes Geſchwätz machen, ſondern ich komme gerade zum Ziele. Seid glücklich. Es giebt in der Schöpfung keine andere Weiſen als die Turteltauben. Die Philoſophen ſagen: Beſieget Eure Freude. Ich ſage: Laßt Eurer Freude den Zügel ſchießen. Seid von einander ergriffen wie der Teufel. Die Philoſophen ſchwatzen Unſinn. Kann es denn zu viel Wohlgeruch, zu viel geöffnete Roſenknoſpen, zu viel ſingende Nachtigallen, zu viel grüne Blätter, zu viel Mor⸗ genröthe in dem Leben geben? Kann man ſich zu ſehr lie⸗ ben? Kann man einander zu ſehr gefallen? Kann man zu glücklich ſein? Beſieget Eure Freude! Ach, ja doch! Nieder mit den Philoſophen! Die Weisheit, das iſt der Jubel! Jubeln wir Alle. Sind wir glücklich, weil wir gut ſind, oder ſind wir gut, weil wir glücklich ſind? Gehorchen wir blindlings der Sonne. Was iſt die Seele? Es iſt die Liebe. Wer ſagt die Liebe, der ſagt das Weib! Es giebt eine Allmacht, das iſt das Weib. Fragt nur den Dema⸗ gogen Marius, ob er nicht der Sclave dieſer kleinen Ty⸗ rannin Coſette iſt, und aus freiem Willen, der Feigking! Was iſt Adam? Er iſt das Königreich Eva. Für Eva —— — ——— e —— 71 giebt es kein 1789. Ja, die Liebe, das Weib, der Kuß, das iſt ein Kreis, aus dem Ihr Euch nicht befreien könnt, und was mich betrifft, ſo möchte ich gern wieder in den⸗ ſelben zurückkehren. Erſcheint ein Weib, ſo geht ein Stern auf; der Mann wirft ſich nieder! Marius ſchlug ſich vor ſechs Monaten; heute verheirathet er ſich. Das iſt wohl⸗ gelhan. Ja, Marius, ja Coſette, Ihr habt Recht. Exiſtirt kühn für einander, liebet Euch, macht, das wir vor Wuth berſten, es Euch nicht gleich thun zu können. Betet Euch an. Bildet Euch aber nicht ein, das erfunden zu haben. Auch ich habe geträumt, geſeufzt, geliebt; auch ich habe eine Mondſcheinſeele gehabt. Die Liebe iſt ein ſechstauſend Jahr altes Kind. Die Liebe hat Anſpruch auf einen langen wei⸗ ßen Bart. Methuſalem iſt ein Bürſchchen gegen Cupido. Macht es ſo, daß, wenn Ihr bei einander ſeid, Euch nichts mangelt und daß Coſette die Sonne für Marius iſt und Marius das Weltall für Coſette. Coſette, das ſchöne Wetter ſei das Lächeln Deines Mannes; Marius, der Regen ſeien die Thränen Deiner Frau, und möge es in Eurer Ehe nie regnen. Du haſt in der Lotterie das große Loos ge⸗ zogen; bewahre es Dir; ſchließe es ein, vergende es nicht; liebet Euch und kümmert Euch um alles Uebrige nicht. Glaubt, was ich Euch da ſage. Es hat geſunden Verſtand, und der kann nicht lügen. Seid für einander eine Religion. Jeder hat ſeinen Gott zu lieben und die beſte Weiſe Gott zu lie⸗ ben iſt, ſeine Frau zu lieben. Es iſt unmöglich, ſich einzubilden, daß Gott uns zu etwas Anderem geſchaffen hätte, als uns zu vergöttern, zu girren, Tauben zu ſein, Hahn zu ſein, vom Morgen bis zum Abend zu ſchnäbeln, ſich in ſeiner kleinen Frau zu ſpiegeln, ſtolz, triumphirend zu ſein, denn das iſt der Zweck des Lebens. Und nun, meine Kinder, empfanget den Segen des Alten!“ Der Abend war lebhaft, heiter, liebenswürdig. Die herrſchende gute Laune des Großvaters erfüllte das ganze ——— ——— 72 Feſt und jeder Einzelne richtete ſich nach der beinahe hun⸗ dertjährigen Herzlichkeit. Man tanzte ein wenig und lachte viel. Es war eine Freude ſpendende Hochzeit. Man hätte zu derſelben den guten alten„Ehemals“ einladen können. Uebri⸗ gens war er hier in der Perſon des Vater Gillenormand. Es herrſchte Tumult, dann Schweigen. Die Neuvermählten verſchwanden. Kurz nach Mitternacht wurde das Haus Gillenormand zum Tempel. Hier halten wir inne. Auf der Schwelle der Braut⸗ nacht ſteht ein Engel, lächelnd den Finger auf den Mund legend.* Die Seele geräth in Betrachtung vor dem Heiligthum, in welchem die Feier der Liebe vollzogen wird. Es muß ein heller Schein über ſolchen Häuſern ſchweben Das kleine Brautgemach hat zur Decke den ganzen Himmel. Wenn zwei innige Lippen, geheiligt durch die Liebe ſich ein⸗ ander nähern, um zu ſchaffen, dann iſt es unmöglich, daß nicht über dieſem unausſprechlichen Kuſſe in dem unendlichen Myſterium der Sterne ein Zittern entſtehe. Dieſe Glückſeligkeiten ſind die einzigen. Es giebt keine Freude außer dieſer. Die Liebe iſt die einzige Extaſe. Alles Uebrige weint. Zu lieben oder geliebt zu haben, das genügt. Weiter verlange man nichts. Man hat keine andere Perle in den dunklen Hallen des Lebens zu finden. Lieben iſt eine Vollendung. Ar 73 IMI. Der Unzertrennliche. Was war aus Jean Valjean geworden? Unmittelbar, nachdem er auf die liebliche Einladung Coſettens gelächelt hatte, achtete Niemand mehr auf ihn; Jean Valjean war aufgeſtanden und hatte unbemerkt das Vorzimmer erreicht. Es war eben das Gemach, in welches er acht Monate zuvor, ſchwarz durch Koth, Blut und Pulver den Enkel des Großvaters getragen hatte. Die alte Wandtäfelung war mit Guirlanden von Laubwerk und Blumen geſchmückt. Die Muſiker ſaßen auf dem Sopha, auf das man damals Marius legte. Basque in ſchwarzer Jacke, mit kurzen Beinkleidern, weißen Strümpfen und weißen Handſchuhen, legte Roſenkränze um jede der Schüſſeln, die man auftragen ſollte. Jean Valjean zeigte ihm ſeinen Arm in der Binde, beauftragte ihn, ſeine Abweſenheit zu erklären und ging. Die Fenſter des Speiſeſaales gingen nach der Straße. Jean Valjean blieb einige Minuten regungslos in der Dunkelheit unter dieſen ſtrahlenden Fenſtern ſtehen. Er lauſchte. Der verworrene Lärm des Bankets ertönte bis zu ihm. Er hörte die laute und gebieteriſche Stimme des Großvaters, die Violinen, das Klappern der Teller und der Gläſer, die Ausbrüche des Gelächters und in dem ganzen heitern Gewirre unterſchied er die ſanfte Stimme der freud⸗ erfüllten Coſette. Er verließ die Rue des Filles du Calvaire und kehrte nach der Rue de[Homme Armé zurück. —— — — — 74 Jean Valjean kam nach Hauſe. Er zündete ſein Licht an und ging hinauf. Die Wohnung war leer. Selbſt die Touſſaint war nicht mehr darin. Der Schritt Jean Valjeans machte in dem Zimmer mehr Geräuſch wie ge⸗ wöhnlich. Alle Fächer ſtanden offen. Er trat in das Zim⸗ mer Coſettens. Es waren keine Betttücher auf dem Bett, das Kopfkiſſen Coſettens lag unüberzogen auf dem Haufen der am Bettende zuſammengelegten Matrazen, deren Leinwand man ſah und auf denen Niemand mehr ſchlafen ſollte. Alle kleinen weiblichen Gegenſtände, auf welche Coſette hielt, waren fortgetragen worden. Es blieb nichts mehr zurick als die großen Möbel und die vier Wände. Auch das Bett der Touſſaint war unüberzogen. Ein einziges Bett war gemacht und ſchien Jemand zu erwarten. Es war das Jean Valjeans. Jean Valjean blickte auf die Wände, ſchob einige Fächer der Schränke zu und ging aus einem Zimmer in vas andere. Dann befand er ſich wieder in ſeinem Zimmer und ſtellte ſein Licht auf einen Tiſch. Er hatte ſeinen Arm aus der Binde genommen und bediente ſich ſeiner rechten Hand, wie früher. Er näherte ſich dem Bette und ſeine Augen richteten ſich— war es Zufall oder war es Abſicht?— auf den „Unzertrennlichen,“ auf welchen Coſette eiferſüchtig ge⸗ weſen war, auf den kleinen Koffer, der ihn nie verließ. Am 4. Juni, als er nach der Rue de l'Homme Armé zog, hatte er ihn auf einen kleinen Tiſch neben das Kopfende ſeines Bettes geſtellt. Er ſchritt mit einer Art von Leb⸗ haftigkeit auf dieſen Tiſch zu, zog einen Schlüſſel aus der Taſche und öffnete den Koffer. Langſam zog er daraus die Kleidungsſtücke hervor, in denen Coſette zehn Jahre zuvor Montfermeil verlaſſen hatte; zuerſt das kleine ſchwarze Kleid, dann das ſchwarze Tuch, 2 cht bſt an ge⸗ im⸗ ett, fen nd llle elt, ic das var ean ige und rm ſen ten den ge⸗ An zo⸗ nde geb⸗ der tte; uch, 75 dann die derben Kinderſchuhe, die Coſette beinahe noch jetzt hätte anziehen können, ſo klein war ihr Fuß, dann das Barchentjäckchen, den geſtrickten Unterrock, die Taſchenſchürze, die wollenen Strümpfe, dieſe Strümpfe, in denen noch auf anmuthige Weiſe die Geſtalt eines kleinen Fußes ſich ab⸗ zeichnete, und nicht länger waren als die Hand Jean Valjeans. Das Alles war ſchwarz. Er hatte dieſe Kleider für ſie nach Montfermeil mit gebracht. Wie er ſie nach und nach aus dem Koffer nahm, legte er ſie auf das Bett. Er be⸗ ſann ſich. Es war im Winter, in einem ſehr kalten De⸗ zember; ſie klapperte halb nackt in ihren Lumpen vor Froſt, ihre armen Füßchen waren ganz roth von den Holzſchuhen. Er, Jean Valjean, hatte ſie die Lumpen ablegen und dieſe Tranerkleidung anziehen laſſen. Die Mutter mußte in ihrem Grabe zufrieden geweſen ſein, ihre Tochter um ſie trauern zu ſehen, und beſonders zu ſehen, daß ſie gut und warm gekleidet war. Er dachte an jenen Wald von Mont⸗ fermeil; ſie hatten ihn zuſammen durchſchritten, Coſette und er. Er dachte an das Wetter von damals; an die Bäume ohne Blätter, an den Wald ohne Vögel, an den Himmel ohne Sonne; gleichviel, es war doch lieblich. Er ordnete die kleinen Gegenſtände auf dem Bett. Er legte das Tuch neben den Rock, die Strümpfe neben die Schuhe, das Jäckchen neben das Kleid und ſah eines nach dem andern an. Sie war nicht größer als dieſe. Sie hatte ihre große Puppe im Arme, ſie hatte ihren Louisd'or in die Schürzen⸗ taſche geſteckt; ſie lachte; ſie gingen beide Hand in Hand. Sie hatte nur ihn auf der Welt. Dann ſank ſein ehrwürdiger Kopf auf das Bett herab, das alte ſtoiſche Herz brach; ſein Geſicht verſenkte ſich, ſo zu ſagen, in dieſe Kleider Coſettens, und wenn in dieſem Augenblicke Jemand über vie Treppe gegangen wäre, ſo würde er ein lautes Schluchzen gehört haben. 76 W. Nenuer Kampf. Der alte furchtbare Kampf, von welchem wir ſchon öfters Zeugen waren, begann auf's Neue. Jakob kämpfte mit dem Engel nur eine Nacht. Ach, wie oft ſahen wir Jean Valjean ſo in der Dunkelheit gegen ſein Gewiſſen kämpfen! Unerhörter Kampf! In einzelnen Angen⸗ blicken gleitet ein Fuß aus; in anderen bricht der Boden zuſammen. Wie oft hatte dieſes Gewiſſen, zum Guten ge⸗ zwungen, ihn umſchlungen und niedergeworfen! Wie oft hatte die unerbittliche Wahrheit ſeine Bruſt zerriſſen! Wie oft hatte es ihm, niedergeſchmettert durch das Licht, Gnade zugerufen! Wie oft hatte jenes unerwartete Licht, in ihm und über ihm durch den Biſchof entzündet, ihn gewaltſam geblendet, wenn er blind zu ſein wünſchte! Wie oft hatte er ſich in dem Kampfe aufgeopfert und an den Fels angeklammert, an die Sophismen gelehnt, in den Staub geworfen, bald ſein Gewiſſen bezwingend, bald von ihm bezwungen. Wie oft hatte er nach einer Zweideutig⸗ keit, nach einem verrätheriſchen Urtheil des Egoismus ſein zorniges Gewiſſen ſich zurufen hören: Betrüger! Elender! Wie oft hatten ſeine widerſpenſtigen Gedanken ſich krampfhaft dagegen aufgelehnt! Wie viele geheimen Wunden trug er davon, die nur er allein bluten fühlte! Wie viele Narben hatte ſeine beklagenswerthe Exiſtenz! Wie oft hatte er ſich blutend, verletzt, gebrochen, erleuchtet erhoben, Verzweiflung im Herzen, Heiterkeit in der Seele! Unbeſiegt fühlte er ſich Eie ein jen aft ben ſch ng i 77 Sieger: Und nach ſolchen Kämpfen ſagte dann ſein Ge⸗ wiſſen leuchtend, ruhig: jetzt gehe in Frieden! Allein nach einem ſo finſtern Kampfe, was dann für ein finſterer Frieden! Dieſe Nacht indeß fürchtete Jean Val⸗ jean, daß er ſeinen letzten Kampf kämpfe. Eine brennende Frage drängte ſich ihm auf. Die vom Schickſal Auserſehenen haben nicht immer eine gerade Linie vor ſich. Sie haben Windungen, dunkle Schlingungen, Kreuzwege, die mehrere Straßen bilden. Jean Valjean machte in dieſem Augenblicke an dem gefährlichſten dieſer Kreuzwege Halt. Er war auf den äußerſten Punkt gelangt, wo das Böſe ſich mit dem Guten begegnete. Wie ſchon mehrmals in ſeinem Leben, zeigten ſich ihm zwei ſchmerz⸗ liche Möglichkeiten; zwei Wege öffneten ſich vor ihm: der eine verſuchend, verführeriſch, der andere entſetzlich. Wel⸗ chen ſollte er einſchlagen? Jean Valjean hatte wieder einmal die Wahl zwiſchen dem furchtbaren Hafen und dem lächelnden Hinterhalt. Iſt denn das wahr? Die Seele kann geneſen. Das Schickſal nicht. Entſetzlich! Ein unheilbares Geſchick! Die Frage, welche ſich ihm aufdrängte, war folgende: Wie ſollte Jean Valjean ſich gegen das Glück Co⸗ ſettens und Marius benehmen? Er war es, der dies Glück gewollt, der es geſchaffen hatte; er ſelbſt hatte es ſich in das Innere gebohrt und in dieſer Stunde, wo er es be⸗ trachtete, konnte er die Art von Befriedigung genießen, die ein Waffenſchmied empfindet, wenn er ſein Probirzeichen an einem Meſſer erkennt, das er ſich rauchend aus der Bruſt zieht. Coſette hatte Marius, Marius beſaß Coſette. Sie hatten Alles, ſelbſt den Reichthum, und das war ſein Werk. Allein was ſollte er, Jean Valjean mit dieſem Glück, nun es beſtand, anfangen? Sollte er ſich dieſes Glück auf⸗ erlegen? Sollte er es behandeln, als gehörte es ihm auch ——— 78 mit an? Ohne Zweifel war Coſette eine Andere, allein ſollte Jean Valjean von ihr Alles zurückbehalten, was er zurückzubehalten vermochte? Sollte er die Art von Vater bleiben, die er bisher geweſen war? Sollte er ſich ruhig in das Haus Coſettens eindrängen? Sollte er ohne ein Wort zu ſprechen, ſeine Vergangenheit mit dieſer Zukunft verbinden? Sollte er hier erſcheinen, wie dazu berechtigt? Sollte er ſich verſchleiert an dieſen ſtrahlenden häuslichen Heerd ſetzen? Sollte er ihnen zulächeln, die Hand dieſer Unſchuldigen in ſeine beiden beſudelten Hände nehmen? Sollte er auf den friedlichen Kamingitter im Salon Gille⸗ normands ſeine Füße ſetzen, die hinter ſich den beſchimpfen⸗ den Schatten des Geſetzes ſchleppten? Sollte er die Dunkel⸗ heit über ſeiner Stirn und die Wolke über der ihrigen ver⸗ dichten? Sollte er fortfahren zu ſchweigen? Mit einem Worte, ſollle er an der Seite dieſer beiden glücklichen Weſen der finſtere Stumme des Schickſals ſein? Man muß an das Verhängniß und an das Zuſammen⸗ treffen mit demſelben gewöhnt ſein, um es zu wagen, die Augen zu erheben, wenn gewiſſe Fragen ſich in ihrer ent⸗ ſetzlichen Nacktheit bieten. Das Gute oder das Böſe ſtehen hinter dieſem ſtrengen Fragezeichen. Was wirſt Du thun, fragt die Sphynx. Dieſe Gewohnheit der Selbſtprüfung be⸗ ſaß Jean Vallean. Er ſah die Sphynx feſt an. Er prüfte das unerbitttiche Problem von allen Seiten. Coſette, dieſe reizende Exiſtenz, war das reizende Floß vieſes Schiffbrüchigen. Was ſollte er thun? Sich daran anklammern oder es losmachen? Klammerte er ſich daran feſt, ſo rettete er ſich vor dem Untergange, erhob ſich zur Sonne, ließ von ſeinen Kleidern und ſeinen Haaren das bittere Salzwaſſer herabrieſeln, war gerettet, lebte! Lies er los? Dann ſank er in den Abgrund. ichti Iun Reug hatt war der i gen faß bo — ein er ler hig ein nft gt hen ſer el⸗ en⸗ die nt⸗ hen un, he⸗ ſen. loß tn em w — So hielt er ſchmerzlich Rath mit ſeinen Gedanken, oder richtiger geſagt, er kämpfte; er ſchäumte wüthend in ſeinem Innern, bald gegen ſeinen Willen, bald gegen ſeine Ueber⸗ zeugung.„i Es war ein Glück für Jean Valjean geweſen, daß er hatte weinen können. Das gab ihm vielleicht Licht. Indeß war er erſt im Anfang des Kampfes. Ein Sturm, wüthen⸗ der wie der, welcher ihn ehemals nach Arras trieb, entfeſſelte ſich in ihm. Die Vergangenheit kehrte im Angeſicht der Ge⸗ genwart zurück. Er verglich und ſchluchzte. Als die Schleuſen der Thränen einmal geöffnet waren, faßte ſich der Verzweifelnde. Er fühlte ſich zurückgehalten. Ach, in dem äußerſten Fauſtkampfe unſeres Egoismus gegen unſere Pflicht und wenn wir ſo Schritt für Schritt vor unſerem Jveal zurückweichen, erbittert, außer uns, ver⸗ zweifelnd darüber, nachzugeben, jeden Schritt breit verthei⸗ digend, eine unmögliche Flucht hoffend, einen Ausgang ſuchend, welch ein finſterer und geheimer Widerſtand iſt dann der Fuß der Mauer hinter uns. Den heiligſten Schatten zu fühlen, der uns ein Hinder⸗ niß entgegenſtellt! Wer könnte Jean Valjean tadeln, wenn er zu ſich ge⸗ ſagt hätte: es iſt genug. Indeß gewann Jean Valjean endlich die Ruhe der Erſchöpfung. Er überdachte, er erwägte, er prüfte die Wechſelfälle, die geheimnißvollen Kämpfe zwiſchen Licht und Schatten. Seinen Bagno den beiden glücklichen Kindern auf⸗ zwingen oder ſelbſt ſeine unerbittliche Vernichtung vollziehen. Auf der einen Seite das Opfer Coſettens, auf der anderen ſein eigenes. Bei welcher Löſung blieb er ſtehen? Welchen Ent⸗ ſchluß faßte er. 2——————— —— —— — — 80 Seine ſchwindelhaften Träume währten die ganze Nacht hindurch. Er blieb da bis zum Anbruch des Tages, in derſelben Haltung, zuſammengebrochen auf dem Bett, niedergeworfen unter der ungeheuren Gewalt des Schickſals, zerſchmettert vielleicht mit geballten Fäuſten, die Arme weit ausgeſtreckt, wie ein Gekreuzigter, der vom Cruzifix genommen und mit dem Geſicht gegen den Boden geworfen iſt. So blieb er zwölf Stunden, zwölf Stunden einer langen Mitternacht, eiſigkalt, ohne den Kopf zu erheben, ohne ein Wort zu ſprechen. Er war regungslos, wie eine Leiche, während ſeine Gedanken am Boden hafteten oder ſich in die Lüfte erhoben, bald wie eine Hydra, bald wie ein Adler. Sah man ihn ſo regungslos, ſo hätte man glauben können, er ſei todt. Plötzlich erbebte er krampfhaft und ſein Mund, der auf den Kleidern Coſettens gepreßt war, küßte dieſe; jetzt ſah man, daß er lebte. Man? Wer? Zean Valjean war allein; Niemand ſah ihn. Jenes„Man“, das nur ſichtbar in der Luft ſchwebt. acht lben rfen ttert reckt, mit ber acht, rend üfte Sah „er und, eſe; nand Luft Zean Daljean. Siebentes Buch. Der letzte Trunk aus dem PBecher. Die Elenden. X. 6 ſ 3 ——— ——————— — — Die ſiebente Sphäre und der achte Himmel. Der erſte Tag nach der Hochzeit iſt einſam. Man ehrt die Sammlung der Glücklichen und auch ein wenig ihren ſpäten Schlaf. Das Lärmen der Beſuche und der Glückwünſche beginnt erſt ſpäter wieder. Am 17. Februar war es etwas über Mittag, als Basque, die Serviette und den Federwedel unter dem Arm, damit beſchäftigt war, ſein Vorzimmer in Ordnung zu bringen. Da hörte er leiſe an die Thür klopfen. Man hatte nicht geklingelt, was einem ſolchen Tage gewiß angemeſſen war. Basque öffnete und ſah Herrn Fauchelevent. Er führte ihn in den Salon, der noch in wilder Unordnung war und ausſah, wie das Schlacht⸗ feld der Luſtbarkeit des vergangenen Tages. „Ei, mein Herr,“ bemerkte Basque,„wir ſind heut ſpät aufgewacht.“ „Iſt Ihr Herr ſchon auf?“ fragte Jean Valjean. „Wie geht es mit dem Arm des Herrn?“ fragte Basque. „Beſſer. Iſt Ihr Herr aufgeſtanden?“ „Welcher? der alte oder der neue?“ „Herr Pontmerch.“ 3 — ————— —————— 84 „Der Herr Baron?“ ſagte Basque, indem er ſich ſtolz aufrichtete. Man iſt beſonders Baron für ſeine Dienſtboten. Es fällt davon Elwas für ſie ab; ſie haben Etwas von dem, was ein Philoſoph„die Beſpritzung mit dem Titel“ nennen würde, und das ſchmeichelt ihnen. Marius, der, im Vor⸗ übergehen geſagt, ein kämpfender Republikaner war und dies bewieſen hatte, war jetzt gegen ſeinen Willen Baron. Eine kleine Revolution war in der Familie wider dieſen Titel entſtanden: jetzt hielt Herr Gillenormand darauf und Maͤrius verwarf ihn. Aber der Oberſt Pontmerch hatte geſchrieben: mein Sohn wird meinen Titel führen. Marius gehorchte. Und dann war auch Coſette, bei welcher die Frau hervorzutreten anfing, entzückt darüber, Baronin zu ſein. „Der Herr Baron?“ wiederholte Basque.„Ich will nachſehen. Ich werde ihm ſagen, daß Herr Fauchelevent da iſt.“ „Nein. Sagen Sie ihm nicht, daß ich da bin. Sagen Sie ihm, es wünſchte ihn Jemand insgeheim zu ſprechen und nennen Sie keinen Namen.“ „So!“ ſagte Basque. „Ich will ihm eine Ueberraſchung bereiten.“ „So!“ entgegnete Basque, indem er ſich durch dieſes zweite„ſo“ gewiſſermaßen ſelbſt eine Erklärung des erſten zu geben verſuchte. Er ging. Jean Valjean blieb allein. Der Salon war, wie erwähnt, ganz in Unordnung. Es ſchien, als könnte man in demſelben noch den unbe⸗ ſtimmten Lärm des Hochzeitsfeſtes vernehmen, wenn man aufmerkſam lauſchte. Am Boden lagen alle Arten von Blumen, die aus den Kränzen und den Kopſputzen gefallen waren. Die bis zum letzten Ende herabgebrannten Kerzen ſt n n 6 85 ſetzten dem Kryſtall der Kronleuchter Wachskryſtalle hinzu. Kein Möbel ſtand an ſeiner Stelle. In der Ecke ſchienen drei oder vier Armſeſſel, die aneinander gerückt im Kreiſe ſtanden, ein Geplauder fortzuſetzen. Das Ganze war lachend. Es liegt noch eine gewiſſe Anmuth in einem er⸗ ſtorbenen Feſte. Es heißt das Glück. Auf dieſen unor⸗ dentlich umherſtehenden Stühlen, zwiſchen dieſen welkenden Blumen, unter dieſen erlöſchenden Kerzen hat man an die Freude gedacht. Die Sonne folgte dem Kronleuchter und drang heiter in den Salon ein.* Einige Minuten verfloſſen. Jean Valjean ſtand regungs⸗ los auf eben der Stelle, wo Basque ihn verlaſſen hatte. Er ſah ſehr blaß aus. Seine Augen waren durch die Schlaf⸗ loſigkeit ſo eingeſunken, daß ſie beinahe ganz verſchwanden. Sein ſchwarzer Anzug zeigte die Falten eines Kleidungs⸗ ſtückes, das die Nacht durchgemacht hat. Jean Valjean blickte zu ſeinen Füßen auf die Schatten, welche die Sonne auf dem Parquet abzeichnete. Ein Geräuſch entſtand an der Thür; er erhob die Augen. Marius trat ein, den Kopf hoch, den Mund lächelnd, mit einem unbeſtimmten Lichtſchein über das ganze Geſicht gebreitet, mit heiterer Stirn, triumphirendem Auge. Auch er hatte nicht geſchlafen. „Sie ſind es, Vater?“ rief er, indem er Jean Valjean erblickte.„Der Dummkopf von Basque machte eine geheim⸗ nißvolle Miene. Aber Sie kommen zu früh. Es iſt noch nicht halb ein Uhr. Coſette ſchläft noch.“ Das Wort Vater, welches Marius zu Herrn Fauche⸗ levent ſagte, bedeutete: höchſtes Glück. Es hatte, wie man weiß, ſtets eine gewiſſe ſchroffe und gezwungene Kälte zwiſchen ihnen geherrſcht; eine Eisrinde, die zu brechen oder zu ſchmelzen war. Marius ſtand auf dem Punkte des Entzückens, daß die Trennung verſchwand, 86 das Eis ſchmolz und Herr Fauchelevent war deshalb für ihn wie für Coſette ein Vater. Er fuhr fort; die Worte entſtrömten ihm, wie dies dem göttlichen Paroxismen der Freude eigenthümlich iſt. „Wie froh bin ich, Sie zu ſehen! Wenn Sie wüßten, wie ſehr Sie uns geſtern gefehlt haben! Guten Morgen, Vater. Wie geht es mit Ihrer Hand? Beſſer, nicht wahr?“ und befriedigt durch die Antwort, die er ſich ſelbſt gab⸗ fuhr er fort: „Wir haben alle Beide viel von Ihnen geſprochen. Coſette liebt Sie ſo ſehr. Sie werden doch nicht vergeſſen, daß Sie hier Ihr Zimmer haben? Wir wollen nichts mehr von der Rue de'Homme Armé wiſſen; wir wollen gar nichts mehr von ihr wiſſen. Wie haben Sie nur in einer ſolchen Straße wohnen können, die krank iſt, mürriſch, häß⸗ lich, an einem Ende verſperrt, wo man fexirt und wo man nicht hinein kann? Sie ziehen hier ein, gleich heute, oder Sie haben es mit Coſette zu thun. Ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß ſie daran denkt, uns Alle an der Naſe herum⸗ zuführen. Sie haben Ihr Zimmer geſehen. Es liegt dicht neben dem unſrigen. Es geht nach dem Garten; das Schloß iſt reparirt; das Bett ſteht bereit; Sie brauchen nur zu kommen. Coſette hat neben Ihr Bett einen großen alten Ruheſeſſel von Utrechter Sammet geſtellt, indem ſie zu dem⸗ ſelben ſagte: ſtrecke ihm Deine Arme entgegen. Jedes Früh⸗ jahr niſtet in dem Acaziengebüſch, Ihrem Fenſter gerade gegenüber, eine Nachtigall. In zwei Monaten haben Sie ſie. Sie haben ihr Neſt zu Ihrer Linken und unſeres zu Ihrer Rechten. In der Nacht ſingt ſie und am Tage plau⸗ dert Coſette. Ihr Zimmer liegt grade gegen Mittag. Co⸗ ſette wird Ihnen Ihre Bücher ordnen; Ihre Reiſe des Kapitain Cook und die andere, die des Vancouver; alle Ihre Sachen. Ich glaube, es giebt einen kleinen Koffer, ven Sie werth halten; für den habe ich einen beſonderen Ehren⸗ ten ie er, 87 platz zurecht gemacht. Sie haben meinen Großvater erobert. Sie gefallen ihm. Wir werden zuſammenleben. Spielen Sie Whiſt? Sie würden meinen Großvater entzücken, wenn Sie Whiſt ſpielten. Sie müſſen Coſetten ſpazieren führen, wenn meine Gerichtstage ſind; Sie geben ihr den Arm; Sie wiſſen wohl, wie ehemals im Luxembourg. Wir ſind durch⸗ aus entſchloſſen, ſehr glücklich zu ſein und Sie werden mit zu unſerem Glück gehören. Verſtehen Sie wohl, Vater? Sie frühſtücken doch heute bei uns!“ „Mein Herr,“ ſagte Jean Valjean,„ich habe Ihnen Etwas mitzutheilen. Ich bin ein ehemaliger Galeeren⸗ züchtling.“ Die Grenze der vernehmbaren ſcharfen Töne kann ebenſo gut für den Geiſt wie für das Ohr überſchritten werden. Die Worte: ich bin ein ehemaliger Galee⸗ renzüchtling, welche aus dem Munde des Herrn Fauche⸗ levent kamen und an das Ohr Marius drangen, gingen über die Möglichkeit hinaus. Marius hörte nicht. Es ſchien ihm, als wäre ihm irgend Etwas geſagt worden, aber er wußte nicht was. Er blieb mit offenem Munde ſtehen. Er bemerkte jetzt, daß der Menſch, der mit ihm ſprach, entſetzlich war. In ſeinem Entzücken hatte er bis zu dieſem Augenblick deſſen fürchterliche Bläſſe nicht bemerkt. Jean Valjean nahm das ſchwarze Tuch, welches ſeinen rechten Arm ſtützte, ab, wickelte die Leinwand von ſeiner Hand und zeigte Marius ſeinen Daumen. „Ich habe nichts an der Hand,“ ſagte er. Marius betrachtete den Daumen. „Ich habe nichts daran gehabt,“ fuhr Jean Valjean fort. Es war in der That keine Spur einer Wunde zu ſehen. Jean Valjean fuhr fort: „Ich mußte von Zhrer Hochzeit fern bleiben. Ich 88 mußte ſo viel als möglich von derſelben abweſend ſein. Ich habe dieſe Wunde erſonnen, um keine Fälſchung zu be⸗ gehen, um nicht den Heirathsvertrag der Nichtigkeit— ſetzen, um nicht unterzeichnen zu müſſen.“ Marius ſtammelte: „Was ſoll das ſagen?“ „Das ſoll ſagen,“ erwiderte Jean Valjean,„daß ich auf den Galeeren geweſen bin.“ „Sie machen mich wahnſinnig!“ rief Marius enſſetzt. „Herr Pontmercy,“ ſagte Jean Valjean,„ich bin neun⸗ zehn Jahre auf den Galeeren geweſen. Wegen Diebſtahl. Dann bin ich auf Lebenszeit verurtheilt worden. Für Dieb⸗ ſtahl. Wegen Rückfälligkeit. In dieſem Augenblicke bin ich bannbrüchig.“ Marius hätte vor der Wirklichkeit zurückweichen, die Thatſache verleugnen, dem Augenſchein Widerſtand leiſten mögen, aber er mußte ſich darin ergeben. Er begann zu begreifen, und wie das immer in ſolchen Fällen zu geſchehen pflegt, gingen ſeine Begriffe über die Wahrheit hinaus. Er fühlte das Beben eines fürchterlichen innern Blitzes: Ein Gedanke, vor dem er erzitterte, durchzuckte ihn. Er erblickte in der Zukunft für ſich ſelbſt ein mißgeſtaltetes Geſchick. „Sagen Sie Alles! Sagen Sie Alles!“ rief er.„Sie ſind Coſettens Vater!“ Und er that zwei Schritte rückwärts mit einer Bewegung unausſprechlichen Abſcheues. Jean Valjean erhob den Kopf mit einer ſolchen Ma⸗ jeſtät der Haltung, daß er bis zur Decke emporzuwachſen ſchien. „Es iſt nothwendig, daß Sie mir glauben, mein Herr. Obgleich unſer Eid nicht vor Gericht angenommen wird—“ Hier ſchwieg er. Mit einer Art erhabener und finſte⸗ rer Autorität fügte er dann, indem er langſam jede Silbe einzeln betonte, hinzu: „Sie werden mir glauben. Ich, der Vater Coſettens! bei von das b k0 in. ⸗ Un⸗ hl. ich die en en 1, in te ie rts rt. ⸗ be 6! 89 bei Gott, nein! Herr Baron Pontmerch, ich bin ein Bauer von Faverolles. Ich gewann meinen Lebensunterhalt durch das Verſchneiden der Bäume. Ich heiße nicht Fauche⸗ levent, ſondern Jean Valjean. Ich bin für Coſette nichts. Beruhigen Sie ſich.“ Marius ſtammelte: „Was beweiſt mir—“ „Ich. Weil ich es ſage.“ Marius ſah den Mann ſcharf an. Er ſah finſter und ruhig aus. Eine ſolche Ruhe konnte keine Lüge ausſprechen. Was wahr iſt, muß auch aufrichtig ſein. Man fühlt die Wahrheit in dieſer Grabeskälte. „Ich glaube Ihnen,“ ſagte Marius. Zean Valjean nickte mit dem Kopfe wie zur Beſtäti⸗ gung und fuhr fort: „Was ich für Coſette bin? Ein Vorübergehender. Vor zehn Jahren wußte ich noch nicht, daß ſie lebte. Ich liebe ſie, das iſt wahr. Ein Kind, das man ganz klein kannte, als man ſelbſt ſchon alt war, das liebt man. Wenn man alt iſt, fühlt man ſich als Großvater aller kleiner Kinder. Sie dürfen, wie es mir ſcheint, annehmen, daß ich ſo Etwas hatte, das einem Herzen gleicht. Sie war eine Waiſe; ohne Vater und Mrtter. Sie bedurfte meiner. Deshalb habe ich es angefangen, ſie zu lieben. Die Kinder ſind ſo ſchwach, daß der erſte Beſte, ſelbſt ein Menſch wie ich, ihr Be⸗ ſchützer werden kann. Ich habe dieſe Pflicht Coſetten gegen⸗ über erfüllt. Ich glaube nicht, daß man mit Wahrheit eiwas ſo Geringes eine gnute Handlung nennen kann. Iſt es aber eine gute Handlung, nun wohl, dann nehmen Sie an, daß ich ſie vollbrachte. Tragen Sie dieſen mildernden Umſtand in das Regiſter ein. Heute tritt Coſette aus mei⸗ nem Leben; unſere beiden Wege trennen ſich. Von jetzt an kann ich nichts mehr für ſie thun; ſie iſt Frau von Pont⸗ merch. Ihre Vorſehung hat gewechſelt und Coſette gewinnt ——— —— —— —— —— 90 bei dem Wechſel. Alles iſt gut. Was die ſechsmalhundert⸗ tauſend Francs betrifft, ſo ſagen Sie mir davon nichts, aber ich komme Zhren Gedanken entgegen; ſie ſind ein Pfand. Wie kam dieſes Pfand in meine Hände? Was kommt darauf an? Ich gebe es zurück. Man hat von mir nichts mehr zu fordern. Ich vervollſtändige die Ausſtat⸗ tung, indem ich meinen wahren Namen nenne. Das geht wieder nur mich an. Ich halte meinerſeits darauf, daß Sie wiſſen, wer ich bin.“ Und Jean Valjean ſah Marius gerade in das Geſicht. Alles, was Marius empfand, war tumultuariſch und unzuſammenhängend, gewiſſe Windſtöße des Geſchickes thür⸗ men Wolken in unſerer Seele auf. Marius war betäubt durch die neue Lage, die ſich ihm zeigte; in ſolchem Grade betäubt, daß er zu dieſem Menſchen beinahe wie Jemand ſprach, der ihm für dieſes Geſtändniß gezürnt hätte. „Aber,“ rief er,„weshalb ſagen Sie mir denn das Alles? Was zwingt Sie denn dazu? Sie konnten das Ge⸗ heimniß für ſich ſelbſt bewahren! Sie ſind weder angeklagt noch verfolgt. Sie müſſen einen Grund haben, um eine ſolche Offenbarung freiwillig zu machen. Kommen Sie zu Ende. Es liegt darin noch etwas Anderes verborgen. In welcher Abſicht legen Sie dieſes Geſtändniß ab? aus welchem Grunde?“ „Aus welchem Grunde?“ erwiderte Jean Valjean mit ſo leiſer, ſo dumpfer Stimme, daß es ſchien, als ſpräche er mehr zu ſich ſelbſt wie zu Marius.„Aus welchem Grunde ich das that, ſagte dieſer Züchtling? Fch bin ein Züchtling! Nun gut, ja. Der Grund iſt eigenthümlich. Es geſchieht aus Rechtſchaffenheit. Sehen Sie, das Unglück iſt, daß ich hier in dem Herzen einen Faden habe, der mich gefeſſelt hält. Beſonders wenn man alt iſt, halten dieſe Faden feſt. Das ganze Leben verfällt rings um ſie her, ſe Kno vorl! ſie di ſiſt De ert⸗ hts, Bas mit tut⸗ eht Sie icht. und ür⸗ ihm chen niß das Ge⸗ lagt eine en. aus ſie widerſtehen. Hätte ich dieſen Faden auszureißen, den Knoten zu löſen oder zu durchſchneiden, weit fort zu gehen vermocht, ſo wäre ich gerettet geweſen; ich brauchte nur zu gehen. Es giebt Diligencen in der Rue du Bouloh; ſie waren glücklich und ich ging. Ich habe es verſucht, dieſen Faden zu zerreißen, ich habe daran gezogen; er hielt feſt und riß nicht und ich riß nur das Herz damit heraus. Dann ſagte ich zu mir: ich kann anderwärts nicht leben; ich muß bleiben. Nun gut; ja. Aber Sie haben Recht, ich bin ein Narr: weshalb nicht ganz einfach bleiben? Sie bieten mir ein Zimmer in dem Hauſe an, Frau von Ponmerch liebt mich; ſie ſagte zu dem Ruheſeſſel: ſtrec' ihm die Arme entgegen.— Ihr Großvater wünſcht mich bei ſich zu ſehen; ich ſage ihm zu; wir werden Alle bei einander wohnen, gemeinſchaftliche Mahlzeiten haben; ich gebe Coſetten den Arm— der Frau von Pontmercy, verzeihen Sie, es iſt Gewohnheitsſache— vir haben nur ein Dach, einen Tiſch, ein Feuer, dieſelbe Ecke am Kamin im Winter, denſelben Spaziergang im Sommer. Das Alles iſt Freude, iſt Glück, iſt Alles. Ich werde in der Familie leben. In der Familie!“ Bei dieſen Worten wurde Jean Valjean wild. Er kreuzte die Arme; betrachtete den Boden zu ſeinen Füßen, als hätte er einen Abgrund hineinbohren wollen, und ſeine Stimme wurde plötzlich ſchmetternd. „In der Familie! Nein. Ich gehöre zu keiner Familie. Ich gehöre nicht zu der Ihrigen. Ich gehöre nicht zu der der Menſchen. In den Häuſern, in denen man unter ſich iſt, bin ich überflüſſig. Es giebt Familien, doch nicht für mich. Ich bin der Unglückliche; ich ſtamme von Außerhalb, habe ich einen Vater und eine Mutter gehabt? Ich zweifle bei⸗ nahe daran. Mit dem Tage, an welchem ich dieſes Kind verheirathete, war Alles zu Ende; ich war ſo glücklich, ſah, daß ſie bei dem Manne war, den ſie liebte, daß hier ein — 92 guter Greis lebt, die Ehe zweier Engel, Alles Freude in dieſem Hauſe und es war gut, ich ſagte zu mir: du, tritt nicht hinein. Ich konnte lügen, das iſt wahr. Ich konnte ſie Alle betrügen und Herr Fauchelevent bleiben. So lange es für ſie geſchah, konnte ich lügen. Jetzt geſchah es für mich und ich that es nicht mehr. Es genügte zu ſchweigen, das iſt wahr, und Alles blieb wie ſonſt. Sie fragen mich, was mich zwingt zu ſprechen? Eine närriſche Sache; mein Gewiſſen. Zu ſchweigen war gleichwohl ſehr leicht. Ich habe die Nacht damit hingebracht, mich davon zu überreden; Sie hörten meinen Bericht und was ich Ihnen ſagen will, iſt ſo außerordentlich, daß Sie das Recht dazu haben. Nun gut, ich gehe. Ich habe die Nacht damit hingebracht, Gründe zu ſuchen und ich habe nur ſehr gute Gründe ge⸗ funden; ich that, was ich vermochte. Allein zwei Dinge gelangen mir nicht; ich konnte weder den Faden zerreißen, der mich mit dem Herzen hier feſthält, noch eine Stimme zum Schweigen bringen, die leiſe zu mir ſpricht, wenn ich allein bin. Deshalb bin ich an dieſem Morgen gekommen, Ihnen Alles zu geſtehen. Alles oder nur ziemlich Alles. Es giebt Nutzloſes zu ſagen, was nur mich betrifft; ich be⸗ wahre es für mich. Das Weſentliche wiſſen Sie. Ich nahm daher mein Geheimniß und überbrachte es Ihnen. Ich offenbarte es vor Ihren Augen. Der Entſchluß war nicht leicht zu faſſen. Die ganze Nacht habe ich gekämpft. Sie glauben wohl, ich hätte mir nicht geſagt, das wäre nicht wie bei dem Prozeſſe Champmathieu's, daß ich, wenn ich gegen Alle meinen Namen verhehlte, keinem Menſchen etwas Böſes zu⸗ fügte, daß der Name Fauchelevent mir nur durch Fauchelevent ſelbſt aus Dankbarkeit für einen ihm geleiſteten Dienſt bei⸗ gelegt wurde, daß ich ihn wohl behalten könnte, und daß ich in dem Zimmer ſein würde, das Sie mir bieten, daß ich hier Niemand im Wege wäre, daß ich hier ein kleines Winkelchen hätte, und während Sie Coſette hätten, ich denken e in trit nnte ange für igen, nich, mein 39 den; will Nun acht, ge⸗ inge ßen, nme ich nen, lles. he⸗ nen. wat pft. icht gen zu⸗ vent hei⸗ daf duß nes ten 93 könnte, in demſelben Hauſe mit ihr zu leben. Jeder hätte ſein verhältnißmäßiges Glück gehabt. Fortzu⸗ fahren, Herr Fauchelevent zu ſein, das befriedigte Alle. Ja, ausgenommen meine Seele. Es gab für mich überall Freude, doch die Tiefe meiner Seele blieb ſchwarz. Es iſt nicht genug, glücklich zu ſein; man muß anch zu⸗ frieden ſein. So wäre ich hier Fauchelevent geblieben, ſo hätte ich mein wahres Geſicht verborgen, hätte ich Ihren offenen Freuden gegenüber ein Räthſel in mir getragen, ſo wäre ich bei Ihrem hellen Tageslicht in Dunkelheit geweſen, ſo hätte ich ohne zu rufen: vorgeſehen! ganz einfach den Bagno an ihren Heerd geſetzt, ich hätte an Ihrem Tiſche mit dem Gedanken Platz genommen, daß, wenn Sie wüßten, wer ich wäre, Sie mich von demſelben vertreiben würden. Ich hätte mich von Ihren Leuten bedienen laſſen, welche, wenn ſie es gewußt hätten, geſagt haben würden: welch ein Abſcheu. Ich hätte Sie berührt mit meinem Arme, den Sie das Recht haben, zurückzuſtoßen; ich hätte Ihnen Ihren Händedruck geſtohlen! In Ihrem Hauſe wäre den ehr⸗ würdigen und den beſchimpften weißen Haaren Ehrfurcht erzeigt worden; in den vertraulichſten Stunden, wenn alle Herzen ſich bis zum tiefſten Grunde gegen einander geöff⸗ net zu haben geglaubt hätten, wenn wir Vier beiſammen geweſen wären, Ihr Großvater, Sie Beide und ich, dann wäre ein Unbekannter unter uns geweſen! Ich hätte an Zhrer Seite gelehnt und meine beſtändige Sorge hätte ſein müſſen, den Deckel meines Sarges nicht zu heben. Ich, ein Todter, hätte mich Ihnen, den Lebenden aufgedrängt. Coſette hätte ich für immer zu mir verurtheilt. Sie, Co⸗ ſette und ich, wir wären dann prei Köpfe in der grünen Mütze geweſen! Erbeben Sie nicht? Ich bin jetzt nur der Un⸗ glücklichſte der Menſchen, dann wäre ich ver Verabſcheuungswür⸗ digſte derſelben geweſen. Und dieſes Verbrechen hätte ich täglich begangen! und vieſe Lüge hätte ich täglich wiederholt! Dieſe — 94 Maske hätte ich täglich über mein Geſicht gebreitet! Von meiner Beſchimpfung hätte ich Ihnen täglich meinen An⸗ theil gegeben! Täglich! Ihnen, meinen Geliebten, Ihnen meinen Kindern, Ihnen, den Unſchuldigen! Zu ſchweigen, iſt nichts? Das Schweigen zu bewahren iſt einfach: Nein, es iſt nicht einfach. Es giebt ein Schweigen, das lügt, und meine Lüge, mein Betrug, meine Unwürdigkeit, meine Feigheit, mein Verrath, mein Verbrechen, hätte ich Tropfen bei Tropfen eingeſogen; ich hätte damit um Mitternacht ge⸗ endet und um Mittag wieder angefangen; mein guter Mor⸗ gen hätte gelogen, meine gute Nacht hätte gelogen und ich wäre darüͤber eingeſchlafen und hätte das auf jeden Biſſen Brod genoſſen, und wenn ich Coſette angeſehen, ſo hätte ich dem Lächeln des Engels durch das Lächeln des Ver⸗ dammten geantwortet und wäre ein verabſcheuungswürdiger Betrüger geweſen. Weshalb? Um glücklich zu ſein! Zch! Habe ich denn das Recht, glücklich zu ſein? Ich ſtehe außer⸗ halb des Lebens, mein Herr.“ Jean Valjean hielt inne. Marius hörte. Dergleichen Verſchlingungen von Gedanken und Qualen laſſen ſich nicht unterbrechen. Jean Valjean ſenkte auf's Neue die Stimme, allein es war nicht mehr eine dumpfe, ſondern es war eine finſtere Stimme: „Sie fragen mich, weshalb ich ſpreche? Sie ſagen, ich bin weder angeklagt noch verfolgt. Ja, ich bin ange⸗ klagt! Ja, ich werde verfolgt! Ja, ich werde gehetzt! Durch wen? Durch mich! Ich bin es, der mir den Weg ſelbſt verſperrt und ich ſchleppe mich, ich ſtoße mich, ich halte mich, ich richte mich hin, und man hält ſich gut, wenn man ſich ſelbſt hält. Und er erfaßte ſeinen eigenen Rock mit der Fauſt und zog ihn gegen Marius hin. „Sehen Sie dieſe Fauſt hier,“ fuhr er fort,„finden Sie nicht, daß man den, welchen man ſo beim Kragen hält, nicht losläßt? Nun wohl! Das Gewiſſen iſt auch ſo eine Fu nur ſſt bß de S au Von An⸗ hnen gen, Rein, lügt, ſeine ſfen ge⸗ Mot⸗ ich iſſen tte Ver⸗ iger hl er⸗ ichen nicht ume, eine gen, nge⸗ urch elbſt halte man nit inden hilt eine 95 Fauſt. Wenn man glücklich ſein will, mein Herr, darf man nur die Pflicht begreifen, denn ſobald man ſie begriffen hat, iſt ſie unerbittlich. Man könnte ſagen, daß ſie uns dafür beſtraft, ſie zu begreifen; doch nein, ſie belohnt uns dafür, denn ſie wirft uns in eine Hölle, in der wir Gott an unſerer Seite fühlen. Man fühlt ſich kaum zerriſſen, ſo iſt man auch ſchon im Frieden mit ſich ſelbſt.“ Und mit einem unausſprechlichen Tone fügte er hinzu: „Herr Pontmercy, es hat keinen geſunden Sinn, wenn ich ſage, daß ich ein rechtſchaffener Menſch bin. Indem ich mich in Ihren Augen erniedrige, erhebe ich mich in den meinigen. Das iſt mir ſchon einmal begegnet, aber es war weniger ſchmerzhaft, es war nichts. Ja, ein rechtſchaffener Menſch. Ich wäre es nicht, wenn Sie durch meine Schuld fortgefahren hätten, mich zu achten. Zetzt, da Sie mich verachten, bin ich es. Auf mir laſtet das Verhängniß, daß ich nur eine geſtohlene Achtung genießen kann. Dieſe Ach⸗ tung aber demüthigt und vernichtet mich in meinem Innern, und damit ich mich ſelbſt achten kann, muß man mich ver⸗ achten. Dann richte ich mich wieder auf. Ich bin ein Galeerenzüchtling, der ſeinem Gewiſſen gehorcht. Ich weiß wohl, daß das nicht ehrlich iſt. Allein was ſoll ich dabei thun? Es iſt ſo! Ich bin Verpflichtungen gegen mich ſelbſt eingegangen; ich halte ſie. Es giebt Zufälle, die uns zu den Pflichten fortreißen. Sehen Sie, Herr Pontmerch, es ſind mir in meinem Leben manche Dinge begegnet.“ Jean Valjean machte eine Pauſe, ſchluckte, als ob ſeine Worte einen bittern Beigeſchmack hätten, und ſagte dann: „Wenn man einen ſolchen Abſcheu vor ſich ſelbſt fühlt, dann hat man nicht das Recht, ihn die Andern unwiſſent⸗ lich theilen zu laſſen; man hat nicht das Recht, ihnen ſeinen Ausſatz mitzutheilen; man hat nicht das Recht, ſie in ſeinen Abgrund gleiten zu laſſen, ohne daß ſie es bemerken; man hat nicht das Recht, ſeine rothe Jacke über ſie zu breiten; —— 96 man hat nicht das Recht, das Glück Anverer tückiſch durch ſein Elend zu trüben, denen, welche heilig ſind, ſich zu nahen und ſie im Dunkel mit ſeinem unſichtbaren Krebs zu be⸗ rühren; das iſt nichtswürdig. Fauchelevent mag immerhin mir ſeinen Namen gegeben haben; ich habe nicht das Recht, mich deſſelben zu bedienen; er durfte ihn mir geben, ich durfte ihn nicht nehmen. Ein Name, das iſt ein Ich. Sehen Sie, mein Herr, ich habe ein wenig nachgedacht, ich habe ein wenig geleſen, obgleich ich nur ein Bauer bin. Sie ſehen, daß ich mich paſſend ausdrücke. Zch lege mir Rechen⸗ ſchaft von den Dingen ab. Ich habe mir ſelbſt eine Er⸗ ziehung gegeben. Nun gut, ja. Einen Namen rauben und ſich darunter verbergen, das iſt Unredlichteit. Buchſtaben des Alphabets laſſen ſich ſtehlen wie eine Börſe oder eine Uhr. Eine falſche Unterſchrift, das iſt Fleiſch und Bein, ein lebender falſcher Schlüſſel, um mich bei rechtſchaffenen Leuten einzuſchleichen, nie mehr offen aufblicken zu können, ſchielen zu müſſen, in meinem Innern nichtswürdig zu ſein! Nein! nein! nein! Beſſer iſt es, zu leiden, zu bluten, zu weinen, ſich die Haut mit den Nägeln herabzureißen, die Nächte händeringend zuzubringen. Deshalb bin ich gekom⸗ men, Ihnen das Alles zu erzählen, freiwillig, wie Sie ſagten. Er athmete ſchwer und warf die letzten Worte hin: „Um zu leben, habe ich einſt ein Brod geſtohlen; jetzt will ich, um zu leben, nicht einen Namen ſtehlen.“ „Um zu leben?“ rief Marius.„Sie bedürfen dieſes Namens nicht, um zu leben!“ „O, ich kenne mich!“ entgegnete Jean Valjean, in⸗ dem er mehrmals hintereinander langſam den Kopf erhob und ſenkte. Es entſtand ein tiefes Schweigen. Beide verſtummten, Jeder verſunken in einen Abgrund von Gedanken. Marius hatte ſich an einen Tiſch geſetzt und ſtützte ſein Kinn urch hen be⸗ chin cht, ich hen abe Sie Er⸗ nd ben eine ein, nen en, in! die m⸗ Sie 97 auf einen ſeiner gekrümmten Finger. Jean Valijean ging auf und nieder. Er trat vor den Spiegel und blieb regungslos ſtehen. Dann ſagte er, indem er in den Spiegel blickte, ohne ſich zu ſehen und als ob er auf einen innern Gedanken antwortete: „Während ich mich jetzt erleichtert fühle!“ Er ſchritt weiter und ging an das andere Ende des Salons. In dem Augenblick, als er ſich umdrehte, be⸗ merkte ery daß Marius ihn beim Gehen beobachtete. Da ſagte er mit einem unbeſchreiblichen Klange: „Ich ſchleppe den Fuß ein wenig. Sie begreifen jetzt, weshalb.“ Darauf endete er, indem er ſich zu Marius wendete: „Und jetzt, mein Herr, malen Sie ſich aus: ich habe nichts geſagt, ich bin Herr Fauchelevent geblieben, ich habe meinen Platz bei Ihnen eingenommen, ich gehöre zu den Ihrigen, ich wohne in meinem Zimmer, ich komme Morgens zum Frühſtück in Pantoffeln, Abends gehen wir alle Drei in's Theater, ich begleite Frau von Pontmercy in die Tuilerien und auf den Königsplatz, wir ſind beiſammen, Sie halten mich für Ihresgleichen; eines Tages nun bin ich da, wir plaudern, wir lachen, da hören Sie eine Stimme den Na⸗ men rufen: Jean Valjean! und die furchtbare Hand der Polizei taucht aus der Dunkelheit auf und reißt mir plötz⸗ lich meine Larve ab!“ Er ſchwieg wieder. Marius war bebend aufgeſtanden. Jean Valjean fuhr fort: „Was ſagen Sie dazu?“ Marius' Schweigen antwortete. Jean Valjean ſprach weiter: „Sie ſehen wohl, daß ich Recht hatte, nicht zu ſchwei⸗ gen. Seien Sie glücklich. Seien Sie im Himmel, ſeien Sie der Engel eines Engels und begnügen Sie ſich damit; be⸗ umuhigen Sie ſich nicht über die Art und Weiſe, wie ein Die Elenden. X. 7 98 armer Verurtheilter ſich dabei benimmt, ſich die Bruſt zu öffnen und ſeine Pflicht zu thun; Sie haben einen elenden Menſchen vor ſich.“ Marius ſchritt langſam durch den Salon und als er vor Jean Valjean ſtand, reichte er ihm die Hand. Marius mußte dieſe Hand nehmen, die ſich ihm nicht bot. Jean Valjean ließ ihn gewähren, und es ſchien Ma⸗ rius, als drückte er eine Hand von Marmor. „Mein Großvater hat Freunde,“ ſagte Marius.„Ich werde Ihre Begnadigung erwirken.“ „Das iſt nutzlos,“ erwiederte Jean Valjean.„Man hält mich für todt und das genügt. Die Todten werden keiner Aufſicht unterworfen. Man vermuthet, daß ſie ruhig verweſen. Der Tod iſt daſſelbe, wie die Begnadigung.“ Und ſeine Hand losmachend, die Marius noch hielt, fügte er mit einer Art von unerbittlicher Würde hinzu: „Uebrigens meine Pflicht zu thun, das iſt der Freund, zu dem ich meine Zuflucht nehme. Ich bedarf nur einer Gnade, das iſt die meines Gewiſſens.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich an der andern Seite des Salons leiſe eine Thür und durch dieſelbe ſteckte Co⸗ ſette den Kopf herein; man bemerkte nichts als ihr ſanftes Geſicht; ſie ſah reizend aus in bloßem Kopfe. Ihre Augenlider waren noch vom Schlaf wie geſchwollen. Sie machte die Bewegung eines Vogels, der den Kopf zum Neſte heraus⸗ ſteckt, ſah zuerſt ihren Mann an, dann Jean Valjean und rief ihnen lachend zu: „Ich wette, daß Ihr von Politik ſprecht. Wie unga⸗ lant iſt das, ſtatt bei mir zu ſein. Jean Valjean erbebte. „Coſette—“ ſtammelte Marins. Er hielt inne. Man hätte glauben können, zwei Ver⸗ brecher zu ſehen. Coſette fuhr freudeſtrahlend fort ſie Beide anzuſehen. unge Ler⸗ ſehen· 99 Es lag in ihren Augen Etwas, wie Funken aus dem Paradieſe. „Ich überraſche Euch bei der That,“ ſagte Coſette. „Ich habe durch die Thür meinen Vater Fauchelevent ſagen hören: das Gewiſſen— ſeine Fflicht thun.— Das iſt Politik. Ich will davon nichts wiſſen. Man darf nicht gleich am Tage nach der Hochzeit von Politik ſprechen. Das iſt nicht recht.“ „Du täuſcheſt Dich, Coſette,“ erwiderte Marius.„Wir ſprachen von Geſchäften. Wir ſprachen davon, wie Deine ſechs malhunderttauſend Francs am beſten anzulegen ſind.“ „Das iſt Alles nichts,“ unterbrach ihn Coſette.„Ich komme; will man hier Etwas von mir wiſſen.“ Und entſchloſſen die Thür öffnend, trat ſie in den Salon. Sie trug einen großen weiten Pudermantel mit tauſend Fältchen und weiten langen Aermeln, die bis auf die Füße herabfielen. Sie betrachtete ſich vom Kopf bis zu den Füßen in einem großen Spiegel und rief dann mit einem Ausbruch unausſprechlichen Entzückens: „Es war einmal ein König und eine Königin! O, wie glücklich ich bin—“ Nachdem ſie dies geſagt hatte, verneigte ſie ſich gegen Marius und Jean Valjean. „So,“ ſagte ſie,„jetzt werde ich mich bei Euch auf einen Armſeſſel niederlaſſen. Wir frühſtücken in einer halben Stunde und Ihr könnt Alles ſagen, was Ihr wollt. Ich weiß wohl, daß die Männer ſprechen müſſen. Zch werde verſtändig ſein. Marius ergriff ihren Arm und ſagte verliebt:„wir ſprechen von Geſchäften.“ „Apropos,“ entgegnete Coſette,„ich habe mein Fenſter geöffnet; es ſind eine Menge Pierrots im Garten. Vögel, 7. 100 teine Masken. Es iſt heute Aſchermittwoch, aber nicht für die Vögel.“ „Ich ſage Dir, daß wir von Geſchäften ſprechen, meine kleine Coſette. Laß uns einen Augenblick allein. Wir ſprechen von Zahlen. Das würde Dich langweilen.“ „Du haſt dieſen Morgen eine reizende Halsbinde, Marius. Sie ſind ſehr kokett, Herr Baron. Nun, das würde mich nicht langweilen.“ „Ich gebe Dir die Verſicherung, daß es Dich lang⸗ weilen würde.“ „Nein, weil Du dabei biſt. Ich werde Euch nicht verſtehen, aber ich werde Euch hören. Wenn man die Stimme hört, die man liebt, ſo braucht man die Worte nicht zu verſtehen, die ſie ſagen. Ihr Beiſammenſein, das iſt Alles, was man will. Ich bleibe bei Euch. „Du biſt meine geliebte Coſette! Unmöglich!“ „Unmöglich?“ „Es iſt gut,“ entgegnete Coſette. Ich hätte Euch etwas Neues erzählt. Ich hätte Euch geſagt, daß der Großvater noch ſchläft, daß die Tante in der Meſſe iſt, daß die Eſſe in dem Zimmer meines Vaters Fauchelevent raucht, daß Nikolette den Eſſenkehrer beſtellt hat, daß die Touſſaint und Nikolette ſich ſchon gezankt haben, daß Nikolette ſich über das Stottern der Touſſaint luſtig macht. Nun gut, Ihr ſollt nichts erfahren! So! es iſt unmöglich! Ich werde Sie meinerſeits auch ſchmachten ſehen, mein Herr, und dann ſagen: es iſt unmöglich! Wer wird dann angeführt ſein? Ich bitte Dich mein lieber Marius, laß mich hier bei Euch bleiben.“ „Ich ſchwöre Dir, daß wir allein ſein müſſen.“ „Nun gut, bin ich denn Jemand?“ Zean Valjean ſprach kein Wort. Coſette wendete ſich zu ihm. „Zunächſt Vater, will ich, daß Du mich küſſeſt. Was ——— für hen de, rde ng⸗ icht die rte das was ater Eſe daß und über ſolt Sie 1 es Dich Pas 101 machſt Du da, nichts zu ſagen, ſtatt meine Partei zu nehmen? Wer hat mir denn einen ſolchen Vater gegeben? Du ſiehſt wohl, daß ich in der Ehe ſehr unglücklich bin. Mein Mann ſchlägt mich. Nun, umarme mich ſogleich.“ Jean Valjean näherte ſich ihr. Coſette wendete ſich zu Marius. „Ich ſchneide Ihnen ein Geſicht.“ Sie bot ihre Stirn Jean Valjean. Jean Valjean that einen Schritt auf ſie zu. Coſette wich zurück. „Vater, Du biſt ſo blaß. Thut Dir Dein Arm noch weh?“ „Er iſt geheilt,“ ſagte Jean Valjean. „Haſt Du ſchlecht geſchlafen?“ „Nein.“ „Biſt Du traurig?“ „Nein.“ „Umarme mich. Wenn Du wohl biſt, wenn Du gut geſchlafen haſt, wenn Du zufrieden biſt, ſo will ich nicht mit Dir zanken.“ Und auf's Neue bot ſie ihm ihre Stirn. Jean Valjean drückte einen Kuß auf dieſe Stirn, auf welcher ein himmliſcher Strahl zu ruhen ſchien. „Lache.“ Jean Valjean gehorchte. Es war das Lachen eines Geſpenſtes. „Jetzt vertheidige mich gegen meinen Mann.“ „Coſette!“ ſagte Marius. „Zürne ihm, Vater. Sage ihm, daß ich bleiben muß. Man kann wohl in meiner Gegenwart ſprechen. Du findeſt mich alſo wohl ſehr albern? Iſt denn das, was Du zu ſagen haſt, ſo erſtaunlich? Geſchäft, Geldanlegenheiten, das iſt auch etwas Großes. Die Männer ſpielen um nichts die — —— — Geheimnißvollen. Ich will bleiben. Ich bin dieſen Morgen ſehr hübſch. Sieh mich an, Marius.“ Und mit einem lieblichen Achſelzucken und mit einer reizenden Schmollmiene ſah ſie Marius an. Es zuckte wie ein Blitz zwiſchen dieſen beiden Weſen. Es verhinderte ſie wenig, daß Jemand zugegen war. „Ich liebe Dich!“ ſagte Marius. „Ich bete Dich an!“ ſagte Coſette. Und ſie ſanken einander unwiderſtehlich in die Arme. „Jetzt,“ ſagte Coſette, indem ſie eine Falte ihres Kleides mit einer triumphirenden Miene ordnete,„jetzt bleibe ich.“ „Was das betrifft, nein,“ erwiderte Marius mit bit⸗ tendem Tone.„Wir haben Etwas abzumachen.“ „Noch immer nein?“ Marius nahm eine ernſte Stimme an und ſagte: „Ich gebe Dir die Verſicherung, Coſette, daß es un⸗ möglich iſt.“ „So, Sie nehmen jetzt Ihre männliche Stimme an, mein Herr. Es iſt gut. Man geht. Du, Vater, haſt mich nicht unterſtützt. Mein Herr Gemahl, mein Herr Papa, Sie ſind Tyrannen. Ich werde das dem Großvater ſagen. Wenn Sie glauben, daß ich zurückkommen werde, um Ihnen Albernheiten zu fagen, ſo irren Sie ſich. Zch bin ſtolz. Ich erwarte Sie jetzt. Sie werden ſehen, daß Sie es ſind, die ſich bei mir langweilen. Ich gehe! das iſt wohlgethan.“ Und ſie ging. Zwei Sekunden darauf öffnete die Thür ſich wieder, ihr friſcher, roſiger Kopf erſchien wieder in dem Spalt der beiden Thüren und ſie rief ihnen zu: „Ich bin ſehr im Zorn!“ Die Thür ſchloß ſich und es wurde dunkel. Es war, als hätte ein Sonnenſtrahl, ohne es zu ah⸗ nen, plötzlich die Nacht durchzuckt. Marius überzeugte ſich, daß die Thür geſchloſſen war. wird dern. ſage nicht ht Sie, ligſt denn es n, a, en. en die er, det 103 „Arme Coſette““ murmelte er;„wenn ſie erfahren wird—“ Bei dieſen Worten zitterte Jean Valjean an allen Glie⸗ dern. Er richtete ſeine irren Blicke anf Marius. „Coſette! Ach ja, es iſt wahr; Sie werden das Coſette ſagen. Das iſt in der Ordnung. Siehe, daran hatte ich nicht gedacht. Man hat Kraft zu einer Sache, aber man hat ſie nicht zu einer andern. Mein Herr, ich beſchwöre Sie, ich flehe Sie an, mein Herr, geben Sie mir Ihr hei⸗ ligſtes Ehrenwort dafür, ihr nichts zu ſagen. Genügt es denn nicht, daß Sie Alles wiſſen? Ich konnte es Ihnen von ſelbſt ſagen, ohne dazu gezwungen zu ſein; ich hätte es dem Weltall geſagt, das wäre mir gleich geweſen. Aber ſie, ſie weiß nicht, was es zu bedeuten hat und würde erſchrecken. Ein Züchtling! Man wäre gezwungen, es ihr zu erklären und ihr zu ſagen, das iſt ein Menſch, der auf den Galeeren war. Sie ſah eines Tages einen Transport vorüberziehen. O mein Gott!“ Er ſank auf einen Armſeſſel und verbarg das Geſicht in beiden Händen. Man hörte ihn nicht, aber an dem Zittern ſeiner Achſeln ſah man, daß er weinte. Schweigende Thrä⸗ nen, fürchterliche Thränen. In ſeinem Schluchzen lag Etwas wie Erſtickung, eine Art von Krampf erfaßte ihn. Er warf ſich zurück gegen die Lehne des Seſſels, wie um zu athmen, ließ die Arme herabſinken und zeigte Marius ſein mit Thränen überſtröm⸗ tes Geſicht. Und Marius hörte ihn ſo leiſe, daß ſeine Stimme aus einer endloſen Tiefe heraufzutönen ſchien, ſagen: „Ach, ich möchte ſterben!“ „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte Marius.„Ich werde Ihr Geheimniß für mich allein bewahren.“ Marius war weniger gerührt, als er es vielleicht hätte ſein ſollen. Aber ſeit einer Stunde dazu gezwungen, ſich —— —— mit einem entſetzlichen Unerwarteten vertraut zu machen, indem er ſah, wie ſtufenweiſe ein Züchtling über Herrn Fauchelevent emporſtieg, allmälig ergriffen durch dieſe fin⸗ ſtere Wirklichkeit und durch die natürliche Richtung der Lage dahin gebracht, die Kluft zu erkennen, die zwiſchen dieſem Mann und ihm entſtanden war, fügte Marius hinzu: „Es iſt unmöglich, daß ich Ihnen nicht ein Wort über das Pfand ſage, das Sie ſo treu und ſo rechtſchaffen über⸗ gaben. Das iſt eine Handlung der Redlichkeit. Es iſt ge⸗ recht, daß Ihnen dafür ein Lohn werde. Beſtimmen Sie die Summe ſelbſt; ſie ſoll Ihnen ausgezahlt werden. Fürch⸗ ten Sie nicht, ſie zu hoch zu beſtimmen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte Jean Valjean ſanft. Er blieb einen Augenblick nachdenkend, fuhr unwill⸗ kürlich mit der Spitze des Fingers über den Nagel ſeines Daumens und ſagte mit erhobener Stimme: „Alles iſt beinahe beendet. Es bleibt mir nur noch eine letzte Sache—“ „Welche?“ Jean Valjean zögerte, und ohne Stimme, beinahe ohne Athem ſtammelte er mehr als er ſprach: „Und jetzt, nun Sie Alles wiſſen, glauben Sie mir, mein Herr, da Sie hier der Herx ſind, daß ich Coſette nicht mehr ſehen darf?“ „Ich glaube, es wäre das Beſte,“ erwiederte Marius kalt. „So werde ich ſie nicht mehr ſehen,“ murmelte Jean Valjean. Und er ſchritt auf die Thür zu. Er legte die Hand auf den Griff der Klinke, die Thür öffnete ſich, Jean Valjean machte ſie weit genug auf, um hindurch zu können, blieb eine Sekunde regungslos ſtehen, ſchloß dann die Thür wieder und wendete ſich zu Marius. Er war nicht mehr blaß, er war leichenblaß. Es waren keine ner ß gewo es er wng geſo ſtänd ich a fahre ſoge Etwe neun wohr dem zum blau vier Plu aus Wi Mo Ich aber We Zei mer en, n⸗ ge em 105 keine Thränen mehr; in ſeinen Augen war eine Art finſte⸗ rer Flamme. Seine Stimme war wieder auffallend ruhig geworden.„Sehen Sie, mein Herr,“ ſagte er,„wenn Sie es erlauben, werde ich ſie ſehen. Ich gebe Ihnen die Verſiche⸗ rung, daß ich dies lebhaft wünſche. Wenn ich nicht darauf geſonnen hätte, Coſette zu ſehen, würde ich Ihnen das Ge⸗ ſtändniß nicht abgelegt haben; ich wäre abgereiſt. Aber da ich an dieſem Orte bleiben wollte, wo Coſette iſt, und fort⸗ fahren, ſie zu ſehen, mußte ich Ihnen rechtſchaffen Alles ſagen. Sie folgen meinem Urtheil, nicht wahr? Das iſt Etwas, das ſich begreifen läßt. Sehen Sie, länger als neun Jahre habe ich ſie an meiner Seite gehabt. Wir wohnten zuerſt in jener Baracke des Boulevard, dann in dem Kloſter, dann bei dem Luxembourg; dort haben Sie ſie zum erſten Male geſehen. Sie erinnern ſich noch an ihren blauen Plüſchhut? Wir ſind dann in das Invaliden⸗ viertel gezogen, wo ein Gitter vor dem Garten war, Rue Plumet. Ich wohnte auf einem kleinen Hinterhofe, von wo aus ich ihr Piano hören konnte. Das war mein Leben. Wir verließen uns nie. Das dauerte neun Jahre und einige Monate. Ich war wie ihr Vater und ſie war mein Kind. Ich weiß nicht, ob Sie mich begreifen, Herr Pontmerch, aber jetzt zu gehen, ſie nicht mehr zu ſehen, nicht mehr mit ihr zu ſprechen, nichts von ihr zu haben, das wäre ſchwer. Wenn Sie es nicht übel nehmen wollten, ſo würde ich von Zeit zu Zeit Coſette beſuchen. Ich würde nicht zu oft kom⸗ men; ich würde nicht lange bleiben. Sie würden ſagen, daß man mich in dem kleinen untern Saale empfängt, im Erdgeſchoß. Ich würde durch die Hinterthür eintreten, die für die Dienſtboten beſtimmt iſt, aber das machte vielleicht Aufſehen. Es iſt beſſer, glaube ich, daß ich durch die Thür für alle Welt eintrete. Wirklich, mein Herr, ich möchte wohl Coſette noch ein wenig ſehen, ſo ſelten, als es Ihnen ge⸗ fällig wäre. Stellen Sie ſich an meinen Platz; ich habe —— — S— —— S.= weiter nichts mehr, und dann muß man auch vorſichtig ſein. Wenn ich gar nicht mehr käme, ſo würde das eine üble Wirkung machen. Man würde es ſonderbar finden. Was ich thun kann, iſt, Abends zu kommen, wenn es anfängt, dunkel zu werden.“ „Sie werden jeden Abend kommen,“ ſagte Marins, „und Coſette wird Sie erwarten.“ „Sie ſind gut, mein Herr,“ ſagte Jean Valjean. Marius grüßte Jean Valjean. Das Glück führte die Verzweiflung bis zur Thür, und dieſe beiden Männer führ⸗ ten ſich. I. Die Dunkelheit kann keine Aufklärung bringen. Marius war verwirrt. Die Art von Entfremdung, die er immer für den Mann empfunden hatte, neben welchem er Coſette ſah, war ihm jetzt erklärt. Es lag in dieſem Menſchen etwas Räthſel⸗ haftes, von dem ſein Inſtinkt ihm eine Ahnung gegeben hatte. Dieſes Räthſel war die abſcheulich größte Schande, das Bagno. Dieſer Herr Fauchelevent war der Züchtling Jean Valjean. Plötzlich ein ſolches Geheimniß inmitten ſeines Glückes zu finden, das glich der Entdeckung eines Skorpions in einem Neſte von Turteltauben. W kunſt zu vollende einen T nichts geheirat q W wenn n einathn ſolche jücken V Mtz keinen ſinn ſih f hinrei ſes hinei eine ſſt, zes Und eine habe bei Ruu ſich den bei ger Sc nic wo ſein. üble Was ingt, ius, die ihr⸗ ann ihm ſel⸗ ben nde, ling des in 107 War das Glück von Marius und Coſette für die Zu⸗ kunft zu dieſer Nachbarſchaft verurtheilt? War das eine vollendete Thatſache? Machte die Annahme dieſes Mannes einen Theil der vollzogenen Verbindung aus? War dabei nichts mehr zu thun? Hatte Marius auch den Züchtling geheirathet? Wenn man auch mit Licht und Freude gekrönt iſt und wenn man auch die große purpurgefärbte Stunde des Lebens einathmet, die Stunde der glücklichen Liebe, ſo würden doch ſolche Erſchütterungen ſelbſt einen Erzengel in ſeinem Ent⸗ zücken beſiegen, in ſeinem Ruhm erbeben machen. Wie es immer bei wechſelnden Betrachtungen ſolcher Art zu geſchehen pflegt, fragte Marius ſich, ob er ſich ſelbſt keinen Vorwurf zu machen hätte. Hatte es ihm an Scharf⸗ ſinn gemangelt? Hatte er die Klugheit verletzt? Hatte er ſich freiwillig betäubt? Ein wenig vielleicht. Hatte er ohne hinreichende Vorſicht die Umgebungen zu erforſchen, ſich in die⸗ ſes Liebesabenteuer, das ihn zu ſeiner Heirath mit Coſette führte, hineingeſtürzt? Er erkannte die chimäriſche Seite ſeiner Natur, eine Art von innerer Wolke, welche dieſen Organiſationen eigen iſt, die in den Paroxismen der Leidenſchaft und des Schmer⸗ zes ſich ausdehnt, die Stimmung der Seele verändert und den ganzen Menſchen einnimmt, ſo daß ſie ihn zu einem in einem Nebel verſunkenen Gewiſſen macht. Wir haben bereits mehrmals auf dieſes charakteriſtiſche Element bei Marius hingedeutet. Er erinnerte ſich, daß er in dem Rauſche ſeiner Liebe, Rue Plumet, während der ſechs oder ſieben Wochen des Entzückens zu Coſette nicht einmal von dem Drama in der Baracke Gorbeau geſprochen hatte, wo⸗ bei das Opfer während des Kampfes und der darauf fol⸗ genden Flucht auf eine ſo eigenthümliche Weiſe das Schweigen bewahrt hatte. Wie kam es, daß er mit Coſette nicht davon geſprochen hatte? Es lag doch ſo nahe und war ſo entſetzlich! Wie kam es, daß er ihr nicht einmal —— 3 108 die Thenardiers genannt hatte, und beſonders an dem Tage, an welchem er Eponine begegnete? Es wurde ihm jetzt bei⸗ nahe ſchwer, ſich ſein Schweigen von damals zu erklären. Er gab ſich dennoch davon Rechenſchaft. Er erinnerte ſich an ſeine Betäubung, an ſeine Trunkenheit, bei welcher die Liebe alles Andere vergeſſen ließ. An dieſe Erhebung, an das Ideelle und vielleicht bewog ihn auch ein unbeſtimmter Inſtinct, jenes fürchterliche Abentener in ſeinem Gedächtniß zu verbergen und zu unterdrücken, denn er fürchtete die Be⸗ rührung deſſelben, er wollte dabei keine Rolle ſpielen und entzog ſich demſelben, da er weder Erzähler noch Zenge ſein konnte, ohne zugleich Ankläger zu werden. Ueberdies waren dieſe Wochen wie ein Blitz geweſen. Man hatte zu nichts Zeit gehabt als ſich zu lieben. Wenn er aber end⸗ lich Alles abgewogen, Alles geprüft hätte, wenn er den Ueberfall Coſette erzählt, wenn er ihr die Thénardiers nannte, welches wären dann die Folgen geweſen, ſelbſt wenn er entdeckt hätte, daß Jean Valjean ein Züchtling geweſen wäre? Hätte das ihn verwandelt, ihn, Marins, oder ſie, Coſette? Wäre er zurückgewichen? Hätte er ſie minder an⸗ gebetet? Hätte er ſie minder geheirathet? Nein. Hätte das irgend etwas an dem geändert, was geſchehen? Nein. Es ließ ſich dabei nichts bereuen, nichts zum Vorwurf machen. Alles war gut. Es giebt einen Gott für die Trunkenbolde, die man die Verliebten nennt. Blind hatte Marius eben die Straße gewählt, die er ſehend gewählt haben würde. Die Liebe hatte ihm die Augen verdunkelt, um ihn wohin zu führen? In das Paradies! Aber dieſes Paradies hing jetzt mit einer hölliſchen Nachbarſchaft zuſammen. Die ehemalige Entfremdung, welche Marius für dieſen Menſchen, für dieſen Fauchelevent, der Jean Valjean ge⸗ worden war, empfunden hatte, war jetzt mit Entſetzen ge⸗ miſcht. — gepiſ — ausge tauſe Pfin geben veryf wußt mehr die 2 Mas auf cher der ſcha wide ſc Lo en An ſen Ge nie Tage, t bei⸗ lären. te ſich er die , an nmter chtniß eBe⸗ nund Zenge rdies te zu end⸗ den diers wenn weſen ſie, an⸗ das 66 chen. olde, eben ürde. ohin ſchen ieſen he 109 In dieſem Entſetzen lag einiges Mitleid und ſelbſt ein gewiſſes Staunen. Dieſer Dieb, dieſer rückfällige Dieb, hatte ein Pfand ausgeliefert, und was für ein Pfand? Sechsmalhundert⸗ tauſend Francs. Er allein kannte das Geheimniß dieſes Pfandes. Er konnte es behalten und hatte Alles zurückge⸗ geben. Außerdem hatte er ſelbſt ſeine Lage offenbart, Nichts verpflichtete ihn dazu. Wenn man wußte, wer er war, ſo wußte man es durch ihn. Es lag in dieſem Geſtändniß mehr als die Annahme der Demüthigung. Es lag darin die Annahme der Gefahr. Für einen Verurtheilten iſt eine Maske keine Masle, ſondern eine Zufluchtsſtätte. Er hatte auf dieſes Aſyl verzichtet. Ein falſcher Name iſt eine Si⸗ cherheit; er hatte dieſen falſchen Namen abgeworfen. Er, der Galeerenzüchtling, konnte ſich für immer in einer recht⸗ ſchaffenen Familie verbergen. Er hatte dieſer Verſuchung widerſtanden. Und aus welchem Grunde? Aus Gewiſſens⸗ ſerupeln. Er hatte dies ſelbſt mit dem unwiderſtehlichen Tone der Wahrheit erklärt. Alles erwogen, war dieſer Jean Valjean unbeſtreitbar ein erwachendes Gewiſſen. Es lag in ihm eine geheimnißvolle Ehrenrettung; und allem Anſchein nach war ſchon ſeit längerer Zeit der Gewiſſens⸗ ſcrupel Herr dieſes Menſchen. Dergleichen Anfälle des Gerechten und des Guten ſind den gewöhnlichen Naturen nicht eigen. Erwachendes Gewiſſen, das iſt Größe der Seele. Zean Valjean war aufrichtig. Die ſichtbare, laſtbare, unwiderſtreitbare Aufrichtigkeit, augenſcheinlich ſelbſt durch den Schmerz in ſeinem Bekenntniß, machte weitere Erklärun⸗ gen nutzlos und verlieh Allem, was dieſer Menſch ſagte, Autorität. Für Marius erſtand eine eigenthümliche Verſchwörung der Lage. Was erweckte Herr Fauchelevent? Mißtrauen. Was erweckte Jean Valjean? Vertrauen. F—— — —— == Während der geheimnißvollen Abwägung dieſes Jean Valjean, die Marius in ſeinem Nachdenken anſtellte, wobei er die Activa und die Paſſiva prüfte, glaubte er zu der Beſtimmung des Gleichgewichts zu gelangen. Aber Alles war wie in einem Sturme. Marius, der ſich anſtrengte, ſich einen deutlichen Begriff von dem Menſchen zu machen, und der ſo zu ſagen Jean Valjean bis in den tiefſten Hin⸗ tergrund ſeines Gedankens verfolgte, verlor ihn beſtändig in einem verhängnißvollen Nebel und fand ihn wieder. Das rechtſchaffen zurückgegebene Pfand, die Redlichkeit des Geſtändniſſes, das war gut. Dies ſchien wie eine lichte Stelle in der Wolke zu ſein, aber die Wolke wurde wieder ſchwarz. So verworren auch die Erinnerungen Marius' waren, kehrte doch ein Schatten davon zurück. Was war denn nun eigentlich das Abenteuer in der Dachkammer des Jondrette? Weshalb war dieſer Menſch bei der Ankunft der Polizei, ſtatt ſich zu beklagen, entflohen? Hier fand Marius die Antwort. Weil dieſer Menſch ein Verbrecher war, der ſeinen Bann gebrochen hatte. Eine andere Frage: weshalb war dieſer Menſch in die Barrikade gekommen? denn jetzt erblickte Marius dieſe Er⸗ innerung deutlich; die Aufregungen zeigten ſich wieder wie die ſympathetiſche Liebe im Feuer. Dieſer Menſch war in der Barrikade geweſen. Er kämpfte dort nicht. Was wollte er da? Vor dieſer Frage erhob ſich ein Geſpenſt und gab die Antwort: Javert. Marius erinnerte ſich in dieſem Augenblick deutlich an die finſtere Viſion, wie Jean Valjean den gebundenen Javert über die Barrikade hinauszog und er hörte noch deutlich hinter der Ecke der Rue Mondétour den verhängnißvollen Piſtolenſchuß. Es beſtand wahr⸗ ſcheinlich ein Haß zwiſchen dieſem Spion und dieſem Ga⸗ leerenzüchtling; Einer ſtand dem Andern im Wege. Jean Valjean war nach der Barrikade gekommen, um ſich zu rächen. 6 Zean wobei zu der Alles trengte, machen, nHin⸗ dig in lichkeit e lichte wieder wareh, n der Rnſch ohen? ſch ein in die e Er⸗ rwie ar in Was und ieſem glieun und 6tour wahr⸗ Gu⸗ Ran chen⸗ Er war ſpät hingekommen. Er wußte wahrſcheinlich, daß Javert dort als Gefangener war. Die corſiſche Blutrache dringt in gewiſſe Tiefen ein und wird hier zum Geſetz. Sie iſt ſo einfach, daß ſie die Seelen nicht in Verwunderung ſetzt, die halb zum Guten zurückgekehrt ſind. Die Herzen ſind ſo geſchaffen, daß ein Verbrecher auf dem Wege zur Reue vielleicht gewiſſenhaft in Beziehung für den Diebſtahl ſein kann, aber nicht in Beziehung für die Rache. Jean Valjean hatte Javert getödtet. Wenigſtens ſchien das offenbar zu ſein. Eine letzte Frage endlich; aber auf dieſe keine Antwort. Die Frage fühlte Marius wie einen Zwang. Wie kam es, daß die Exiſtenz dieſes Jean Valjean ſo lange an Coſetten hinlief? Was war das für ein finſteres Spiel der Vor⸗ ſehung, welche dieſes Kind in Berührung mit dieſem Manne gebracht hatte? Giebt es denn dort oben auch Ketten, welche an zwei Weſen feſtgeſchmiedet ſind, und findet Gott ein Gefallen daran, ſo den Engel mit dem Dämon zu⸗ ſammenzuketten? Können denn eine Unſchuld und ein Ver⸗ brechen Zimmergenoſſen in dem geheimnißvollen Lager des Elends ſein? Was hatte zu dieſer unerklärlichen Verbindung geführt? Auf welche Weiſe, durch welch ein Wunder hätte vie Gemeinſchaft des Lebens zwiſchen dieſer himmliſchen Kleinen und dieſem verurtheilten Alten entſtehen können? Wer hatte es vermocht, das Lamm an den Wolf zu ketten, und noch unbegreiflicher, den Wolf dem Lamme geneigt zu machen? denn der Wolf liebte das Lamm; denn das grau⸗ ſame Weſen betete dieſes ſchwache Weſen an; denn neun Jahre lang hatte der Engel zur Stütze dieſes Ungeheuer gehabt. Die Kindheit und die Jugend Coſettens, ihr jung⸗ freuliches Entgegenwachſen dem Leben und dem Lichte waren durch dieſe mißgeſtaltete Ergebenheit geſchützt worden⸗ Hier vertheilten ſich die Fragen in zahlloſe Räthſel; Abgründe öffneten ſich auf Boden von Abgründen und Marius konnte ſich nicht mehr ohne Schwindel über Zean Valjean beugen. Wer war denn dieſer Menſch im Abgrunde? Wer war dieſer Jean Valjean, der über die Erziehung Coſettens wachte? Wer war dieſe Geſtalt der Finſterniß, deren einzige Sorge darin beſtand, das Aufgehen eines Geſtirnes vor jedem Schatten, vor jeder Wolke zu bewahren? Da lag das Ge⸗ heimniß Jean Valjeans, da lag auch das Geheimniß Co⸗ ſettens. Vor dieſem doppelten Geheimniß wich Marius zu⸗ rück. Das eine beruhigte ihm in gewiſſer Beziehung über das andere. Gott war bei dieſem Abenteuer ebenſo ſichtbar wie Jean Valjean. Gott hat ſeine Werkzeuge. Er bedient ſich des Geräthes, das er will. Er iſt dem Menſchen gegenüber nicht verantwortlich. Jean Valjean war das Werkzeug für die Bildung Coſettens geweſen. Das Werk⸗ zeug war entſetzlich; aber das Werk war bewundernswerth. Gott bewirkt ſeine Wunder, wie es ihm gut dünkt. Er hatte dieſe reizende Coſette gebildet und ſich dazu Zean Valjeans bedient. Marius ertheilte ſich ſelbſt dieſe Antworten und fand ſie gut. Ueber alle die Punkte, welche wir ſo eben an⸗ deuteten, hatte er es nicht gewagt, in Zean Valjean zu dringen, ohne ſich ſelbſt zu geſtehen, daß er es nicht wagte. Er betete Coſette an. Er beſaß Coſette, Coſette war glän⸗ zend rein. Das genügte ihm. Welcher Aufklärung bedurfte er noch? Cofette ſelbſt war ein Licht. Bedarf das Licht der Beleuchtung? Er hatte Alles, was konnte er noch wün⸗ ſchen? Alles, war das nicht genug? Die perſönlichen An⸗ gelegenheiten Jean Valjeans kümmerten ihn nicht. Indem er ſich über den geheimnißvollen Schatten dieſes Menſchen beugte, klammerte er ſich an die feierliche Erklärung dieſes Elenden an: ich bin nichts für Coſette. Vor zehn Jahren wußte ich noch nicht, daß ſie lebte. Jean Valjean war ein Vorübergehender. Er hatte dies ſelbſt geſagt. Nun wohl, ſeine Rolle war beendet, wer er —— auch Volſ mels Inde ſie h Ran bewe ſcheu keich etw auch doch züch men ſe der ling den. gerc rine glei gebl gan noc es 6o den nic üb zu aut hen ſul eugen. dieſer achte? Sorge jedem 6 Ge⸗ Cv⸗ s zu⸗ übet chtbar edient ſchen das Werk⸗ verth. Er Jem fund ⸗ m zl agte. gän⸗ urſte ſicht wün⸗ An⸗ ndem ſchen ieſes ehn dies net 113 auch ſein mochte. Jetzt kam es Marius zu, für Coſette die Vorſehung zu ſein. Coſette hatte in dem Blau des Him⸗ mels ihres Gleichen gefunden, ihren Geliebten, ihren Gatten. Indem Coſette geflügelt und verwandelt emporſchwebte, ließ ſie hinter ſich auf dem Boden leer und häßlich ihre Puppe Jean Valjean. In welchem Kreiſe von Gedanken Marius ſich auch bewegen mochte, kehrte er doch ſtets zu einem gewiſſen Ab⸗ ſcheu gegen Jean Valjean zurück. Der Abſcheu hatte viel⸗ leicht etwas Heiliges, denn wie wir es andeuteten, fühlte er etwas Göttliches in dieſem Menſchen. Aber was er auch that, welche Milderung er auch ſuchen wollte, kam er doch immer wieder auf den Gedanken: er war ein Galeeren⸗ züchtling! Das heißt, Einer der Geſchöpfe, welche auf der menſchlichen Stufenleiter nicht einmal einen Platz haben, da ſie unter der letzten Sproſſe ſtehen. Nach dem Niedrigſten der Menſchen kommen die Galeerenzüchtlinge. Der Zücht⸗ ling iſt ſo zu ſagen, nicht mehr ein Nebenmenſch der Leben⸗ den. Das Geſetz hat ihm die ganze Quantität Menſchheit geraubt, die es einem Menſchen zu nehmen vermag. Ma⸗ rius war in Beziehung auf die Frage des Strafcodex, ob⸗ gleich Demokrat, noch bei dem unerbittlichen Syſtem ſtehen geblieben und hatte von Denen, welche das Geſetz traf, die ganzen Begriffe des Geſetzes. Er hatte, ſagen wir es offen, noch nicht den ganzen Fortſchritt vollbracht. Er vermochte es noch nicht zu unterſcheiden, was der Menſch und was Gott geſchrieben hat. Er konnte keinen Unterſchied zwiſchen dem Geſetz und dem Rechte machen. Er hatte das Recht nicht geprüft und abgewogen, das der Menſch ſich zueignet, über das Unwiderrufliche und nicht wieder gut zu machende zu verfügen. Er war noch nicht über das Wort vindiete hin⸗ ausgekommen. Er fand es ganz einfach, daß gewiſſe Verletzun⸗ gen des geſchriebenen Geſetzes durch ewig dauernde Strafen ver⸗ folgt wurden, und er nahm als einen Fortſchritt der Civiliſation Die Elenden. 1 8 ——————— — 114 die geſellſchaftliche Verurtheilung an. Auf dieſem Punkte ſtand er noch, um ſpäter unfehlbar, da er von Natur gut war und ganz dem langſamen Fortſchritte zugethan, weiter zu kommen. Inmitten ſolcher Begriffe erſchien Jean Valjean ihm mißgeſtaltet und abſtoßend. Er war der Verworfene. Er war der Züchtling. Dieſes Wort glich für ihn dem Po⸗ ſaunenſtoß des jüngſten Gerichts, und nachdem er längere Zeit Jean Valjean betrachtet hatte, war ſeine letzte Regung, den Kopf von ihm abzuwenden. Vade retro.— Weiche zurück. Marius hatte, wie wir dies erkennen und worauf wir ſogar beſtehen müſſen, während er Jean Valjean befragte, als dieſer ihm ſagte: Sie hören meinen Bericht, den⸗ noch zwei oder drei entſcheidende Fragen nicht an ihn ge⸗ richtet. Nicht etwa, daß ſie ſich ſeinem Geiſte nicht geboten hätten, aber ſie flößten ihm Furcht ein. Die Dachkammer Jondrette's? Die Barrikade Javert? Wer weiß, bis wo⸗ hin die Enthüllungen geführt hätten. Jean Valjean ſchien nicht der Mann zu ſein, zurückzuweichen, und wer weiß, ob Marius, nachdem er ihn vorwärts getrieben, nicht gewünſcht haben würde, ihn zurückzuhalten? Iſt es nicht uns Allen ſchon in gewiſſen außerordentlichen Lagen geſchehen, daß wir, nachdem wir eine Frage gethan hatten, uns die Ohren hätten zuhalten mögen, um die Antwort nicht zu hören? Beſonders wenn man liebt, begeht man ſolche Feigheiten. Es iſt nicht weiſe, finſtere Lagen bis auf das Aeußerſte zu erforſchen, beſonders wenn unſer eigenes Leben dabei auf eine verhängnißvolle Weiſe betheiligt iſt. Aus den verzwei⸗ flungsvollen Aeußerungen Jean Valjean's konnte irgend ein entſetzliches Licht entſpringen, und wer weiß, ob dieſe fürch⸗ terliche Klarheit nicht bis auf Coſette zurückfiel; wer weiß, ob nicht eine Art hölliſchen Schimmers auf der Stirn dieſes Engels ruhen geblieben wäre? Mit oder ohne Grund fürch⸗ tete 2 wußte aufzul fort liche verſu befta peini einer Frag habe ſich zu ſich hitt Val ihm geth won Me ni 4 beſ eine N ſta unkte gut Niter ihm Er Po⸗ gere ung, eiche wir agte, den⸗ nge⸗ oten nmer wo⸗ chien ß, ob nſcht Allen wir, hren zren? eiten. te zu wei d ein irch⸗ weiß ieſes irch⸗ 115 tete Marius ſich alſo doch vor dieſen Offenbarungen. Er wußte ſchon zu viel. Er ſuchte mehr ſich zu betäuben, als aufzuklären. Außer ſich trug er Coſette auf ſeinen Armen fort und ſchloß die Augen über Jean Valjean. Dieſer Menſch war die Nacht, die lebende und fürchter⸗ liche Nacht. Wie durfte er wagen, ihre Ergründung zu verſuchen? Es iſt etwas Schreckliches die Finſterniß zu befragen. Wer weiß, was ſie antworten wird? Bei dieſer Gemüthsſtimmung war es für Marius ein peinigender Gedanke, daß dieſer Menſch künftig in irgend einer Beziehung zu Coſette ſtehen ſollte. Dieſe entſetzlichen Fragen, vor denen er zurückgewichen war, nicht gethan zu haben, machte er ſich jetzt beinahe zum Vorwurf. Er fand ſich zu gut, zu ſanft, zu ſchwach, dieſe Schwäche hatte ihn zu einem unbeſonnenen Zugeſtändniß getrieben. Er hatte ſich rühren laſſen. Er beging dadurch ein Unrecht. Er hätte Jean Valjean kurz und einfach verwerfen ſollen, Jean Valjean war eine Brandfackel und er hätte ſein Haus von ihm befreien ſollen. Er zürnte ſich darüber, daß er es nicht gethan; er war unzufrieden mit ſich ſelbſt. Was war jetzt zu thun? Die Beſuche Jean Valjean's waren ihm im höchſten Grade zuwider. Wozu war dieſer Menſch bei ihm etwas nütze? Was ſollte er beginnen? Das war es, worüber er ſich betäubte; er wollte ſich nicht ſelbſt erforſchen. Er hatte verſprochen, Jean Valjean beſaß ſein Verſprechen, und ſelbſt einem Züchtling, beſonders einem Züchtling, muß man ſein Wort halten. Seine erſte Pflicht indeß bezog ſich auf Coſette. Alles in Allem ent⸗ ſtand in ihm ein Widerwillen, der Alles beherrſchte. Marius regte alle dieſe Gedanken in ſeinem Geiſte auf und wurde durch alle aufgeregt. Daraus entſprang pein⸗ liche Unruhe, dieſe vor Coſette zu verbergen, wurde ihn nicht leicht. Aber die Liebe iſt ein Talent und es gelang Marius. 8* Uebrigens richtete er ohne augenſcheinlichen Zweck Fra⸗ gen an Coſette, die unſchuldig und weiß wie eine Taube nichts ahnte, er ſprach mit ihr von ihrer Kindheit, ihrer Jugend, und überzeugte ſich mehr und mehr, daß Alles, was ein Menſch Gutes, Natürliches und Achtungswerthes haben kann, dieſer Galeerenzüchtling für Coſette gehabt hatte. Alles, was Marius vermuthet und angenommen hatte, war wirklich. Dieſe finſtere Neſſel hatte dieſe Lilie geliebt und be⸗ ſchützt. Fra⸗ ube ihrer Alles, rlhes hatte. hatte, be⸗ ZJean Valjean. ——— Achtes Buch. Rbnahme der Dämmerung. I. Das untere Zimmer. Am nächſten Tage mit Anbruch der Dunkelheit klopfte Fean Valjean an den Thorweg des Hauſes Gillenormand. Es war Basque, der ihn empfing. Basque befand ſich zu beſtimmter Zeit auf dem Hofe, als ob er Befehl empfangen gehabt hätte. Es geſchieht zuweilen, daß man zu einem Bedienten ſagt: Du paßt auf den oder den Herrn auf, wenn er kommt. Ohne zu erwarten, daß Jean Valjean ihn anredete, nahm Basque das Wort: „Der Herr Baron hat mich beauftragt, den Herrn zu fragen, ob er hinauf zugehen oder unten zu bleiben wünſcht.“ „Unten zu bleiben,“ erwiderte Jean Valjean. Basque, welcher übrigens vollkommen ehrerbietig war, öffnete die Thür des unteren Zimmers und ſagte:„ich werde die gnädige Frau benachrichtigen.“ Das Zimmer, in welches Jean Valjean eintrat, war ein gewölbtes und feuchtes Gemach, welches zuweilen als Vorrathskammer diente, nach der Straße hinausging und durch ein mit einem Gitter verwahrtes Fenſter nur mangel⸗ haft beleuchtet wurde. —— 6 0 1 Dies Zimmer gehörte nicht zu denen, welche der Staub⸗ beſen, die Kehrſchaufel, und der Beſen beläſtigte. Der Staub wurde hier in Ruhe gelaſſen. Die Verfolgung der Spinnen war nicht organiſirt. Eine ſchöne Leinewand, weit aufge⸗ hangen, ſchwarz und mit todten Fliegen geſchmückt, hing vor einer der Scheiben des Fenſters. Das Gemach, klein und niedrig, war möblirt mit einem Haufen leerer Flaſchen, die im Winkel lagen, die Mauer gelb angeſtrichen, war hier und dort der Wandbekleidung beraubt. Im Hintergrund befand ſich ein Kamin, in welchem ein Feuer brannte, was bewies, daß man auf Jean Valjean's Antwort gezählt hatte: unten bleiben. Zwei Armſeſſel ſtanden zu beiden Seiten des Kamins. Zwiſchen den Armſeſſeln lag als Teppich eine alte Bett⸗ decke, die mehr Faden als Wolle zeigte. Das Zimmer hatte zur Erleuchtung das Feuer des Kamins und die Dämmerung des Fenſters. Jean Valjean war ermüdet. Seit mehreren Tagen aß und ſchlief er nicht. Er ließ ſich auf einen der Armſeſſel niederſinken. Basque kehrte zurück, ſtellte auf den Kamin ein bren⸗ nendes Licht und entfernte ſich wieder. Jean Valjean, deſſen Kopf auf die Bruſt herabgeſunken war, bemerkte weder Basque, noch das Licht. Plötzlich fuhr er in die Höhe. Coſette ſtand hinter ihm. Er hatte ſie nicht eintreten ſehen, aber er hatte es ge⸗ fühlt, daß ſie eintrat. Er wandte ſich um. Er betrachtete ſie. Sie war bewunderungswürdig ſchön. Allein was er mit den tiefen Blicken betrachtete, das war nicht die Schönheit, das war die Seele. „Nun, Vater!“ rief Coſette,„ich wußte wohl, daß Du Deine Sonderbarkeiten haſt, aber nimmermehr wäre ich auf dieſe gefaßt geweſen! Iſt das ein Einfall. Marius ſagt pfan Dir mit ein ſus iſt ſei taub⸗ ötaub nnen ufge⸗ vor und die hier rund was atte: ſins. hett⸗ des naß iſi ren⸗ nlen ſchr ge⸗ war efen war irt jus 421 ſagte mir, Du biſt es, der es will, daß ich Dich hier em⸗ pfangen ſoll.“ „Ja, ich bin es.“ „Ich war auf die Antwort gefaßt. Gut. Ich ſage Dir, daß ich Dir eine Scene machen werde. Fangen wir mit dem Anfang an. Vater, umarme mich.“ Und ſie reichte ihm die Wange. Jean Valjean blieb regungslos. „Du rührſt Dich nicht? Ich conſtatire die Haltung eines Strafbaren. Doch gleichviel. Ich verzeihe Dir. Je⸗ ſus Chriſtus hat geſagt: Biete die andere Wange. Hier iſt ſie. Und ſie reichte ihm ihre andere Wange. Jean Valjean rührte ſich nicht. Es ſchien, als wären ſeine Füße an dem Boden feſtgenagelt. „Das wird eryſthaft,“ ſagte Coſette.„Was habe ich Dir gethan? Ich erkläre mich verletzt. Du biſt mir Ge⸗ nugthuung ſchuldig. Du wirſt mit uns eſſen.“ „Ich habe ſchon gegeſſen.“ „Das iſt nicht wahr. Ich werde Dich durch Herrn Gillenormand auszanken laſſen, die Großväter ſind dazu gemacht, die Väter zu ſchelten. Verwärts. Komm mit mir hinauf in den Salon. Sogleich.“ „Unmöglich.“ Coſette verlor hier etwas Boden. Sie hörte auf zu befehlen und ging zu Fragen über. „Aber weshalb? Und Du wählſt, mich zu ſehen, das häßlichſte Gemach des ganzen Hauſes. Es iſt hier ab⸗ ſcheulich.“ „Du weißt—“ Jean Valjean unterbrach ſich. „Sie wiſſen, gnädige Frau, daß ich eigenthümlich bin und meine Einfälle habe.“ Coſette klatſchte in ihre kleinen Hände. 122 „Gnädige Frau!— Sie wiſſen!— Das iſt wieder etwas Neues. Was ſoll denn das heißen?“ Jean Valjean richtete auf ſie jenes herzzerreißende Lächeln, zu dem er zuweilen ſeine Zuflucht nahm. „Sie haben gnädige Frau ſein wollen. Sie ſind es.“ „Nicht für Dich, Vater.“ „Nennen Sie mich nicht mehr Vater.“ „Wie?“ „Nennen Sie mich Herr Jean. Jean kurzweg, wenn Sie wollen.“ „Sie ſind nicht mehr Vater? Ich bin nicht mehr Coſette? Herr Jean? Was bedeutet denn das? Aber das iſt eine Revolution! Was iſt denn geſchehen? Sehen Sie mir doch ein wenig in das Geſicht? Und Sie wollen nicht bei uns bleiben. Sie wollen mein Zimmer nicht haben? Was habe ich denn gethan? Es giebt alſo irgend Etwas?“ „Nichts.“ „Was denn aber?“ „Alles iſt wie gewöbnlich?“ „Weshalb ändern Sie Ihren Namen?“ „Sie haben ja auch den Ihrigen geändert?“ Er lächelte wieder auf dieſelbe Weiſe und fügte hinzu: „Da ſie Frau von Pontmerch ſind, kann ich wohl Herr ZJean ſein.“ „Ich begreife davon nichts. Das Alles iſt einfältig. Ich werde von meinem Manne die Erlaubniß verlangen, daß Sie Herr Zean ſind. Ich hoffe, er wird nicht ein⸗ willigen. Sie bereiten mir viel Schmerz. Man hat wohl Einfälle, aber man macht ſeiner kleinen Coſette keinen Kummer. Das iſt ſchlecht. Sie haben nicht das Recht, boshaft zu ſein, Sie, der Sie ſo gut ſind.“ Er antwortete nicht. Sie ergriff lebhaft ſeine beiden Hände und mit einer unn und weg hie bei laſ ſei ſei ieder ende es venn mehr Aber ehen ollen nicht gend nzu herr ällig. gen, ein⸗ wohl inen echt, iner 123 unwiderſtehlichen Bewegung erhob ſie ſie zu ihrem Geſicht und preßte ſie unter dem Kinn an den Hals, als Be⸗ wegung der höchſten Zärtlichkeit. „Ach,“ ſagte ſie,„ſei gut.“ Und ſie fuhr fort. „Höre, was ich gut ſein nenne. Freundlich ſein, hier wohnen; es giebt hier Vögel wie in der Rue Plumet, bei uns leben, das Loch in der Rue de[Homme Armé ver⸗ laſſen, und keine Räthſel zu löſen aufgeben, wie Allewelt ſein, mit uns eſſen, mit uns frühſtücken, mein Vater ſein Er machte ſeine Hände los. „Sie bedürfen keines Vaters mehr. Sie haben einen Gatten.“ Coſette ereiferte ſich. „Ich bedarf keines Vaters mehr! Bei ſolchen Dingen, die keine Stunde und Menſchenverſtand haben, weiß man wirklich nicht, was man ſagen ſoll!“ „Wenn die Touſſaint hier wäre,“ entgegnete Jean Valjean, „wie Jemand, der nach irgend einem Grunde ſucht und jeden Zweig erfaßt, ſo würde ſie die Erſte ſein, einzugeſtehen, daß ich immer wirklich mein eigenes Weſen gehabt habe. Es liegt darin nichts Neues. Ich habe immer meine finſtern Winkel geliebt.“ „Aber es iſt hier kalt. Man ſieht hier nicht hell. Es iſt abſcheulich, Herr Zean ſein zu wollen. Ich will nicht, daß Du Sie zu mir ſagſt.“ eben als ich hierher kam,“ erwiderte Jean Val⸗ jean,„ſah ich in der Rue Saint Louis bei einem Tiſchler ein Möbel ſtehen. Wenn ich eine hübſche Frau wäre, würde ich mir dies Möbel verſchaffen. Eine ſehr ſchöne Toilette nach jetziger Mode. Das was ſie Roſenholz nennen, glaube ich. Es war eingelegt. Ein ziemlich großer Spiegel. Es ſind Fächer darin. Es war ſehr hübſch.“ 124 „Hu! der häßliche Bär!“ erwiderte Coſette. Und mit der lieblichſten Art biß ſie die Zähne auf⸗ einander, zog die Lippen zurück und blies gegen Jean Valjean. Das war die Anmuth, welche einer Katze nach⸗ ahmte. „Ich bin wüthend,“ fuhr ſie fort.„Seit geſtern machſt Du, daß ich ganz toll bin. Ich bin ärgerlich. Ich begreife nichts. Du vertheidigeſt mich nicht gegen Marius. Marius unterſtützt mich nicht gegen Dich. Ich ſtehe ganz allein. Ich richte ein Zimmer recht hübſch ein. Wenn ich den guten Gott hätte hineinbringen können, ſo hätte ich es ge⸗ than. Man läßt mir mein Zimmer auf dem Halſe. Mein Miethsmann macht mich bankerott. Ich beſtelle bei Nikolette ein gutes kleines Mittagseſſen. Man will nichts von Ihrem Eſſen wiſſen, Madame. Und mein Vater Fauchelevent will, daß ich ihn Herr Jean nennen ſoll, daß ich ihn in einem abſcheulichen alten häßlichen feuchten Keller empfange, wo die Mauern einen Bart haben und wo leere Flaſchen die Kryſtalle bilden und Spinneweben die Fenſtervorhänge. Du biſt ſonderbar, das gebe ich zu; das iſt Deine Art ſo. Allein man gewährt Leuten, die ſich verheirathen, einen Waffen⸗ ſtillſtand. Du hätteſt nicht ſogleich wieder ſonderbar werden ſollen. Du wirſt alſo ſehr zufrieden in Deiner abſcheu⸗ lichen Rue de'Homme Armé ſein? Ich bin dort in Ver⸗ zweiflung geweſen! Was haſt Du denn gegen mich? Du bereiteſt mir viele Leiden. Pfui!“ Und plötzlich ernſt werdend, ſah ſie Jean Valjean feſt an und fügte hinzu:„Du zürnſt mir alſo darüber, daß ich glücklich bin?“ Die Unbefangenheit dringt unbewußt zuweilen tief ein. Dieſe Frage, ganz einfach für Coſette, war tief bedeutend für Jean Valjean. Coſette wollte ritzen; ſie zerriß. Jean Valjean erblaßte. Er blieb einen Augenblick, ohne zu 4 Klan kann glüc an wie Er auf⸗ ean ach⸗ chſt eife ius ein. ſein fen⸗ den eu⸗ zet⸗ Du fet ein⸗ tend 125 zu antworten. Dann ſagte er mit einem unausſprechlichen Klange und indem er zu ſich ſelbſt ſprach: „Dein Glück! das war das Ziel meines Lebens. Jetzt kann Golt meinen Austritt unterzeichnen. Cofette, Du biſt glücklich; meine Zeit iſt zu Ende.“ „Ach, Du haſt wieder Du geſagt!“ rief Coſette. Und ſie fiel ihm um den Hals. Jean Valjean drückte ſie außer ſich und wie verwirrt an die Bruſt. Es ſchien ihm faſt, als gewönne er ſie wieder. „Ich danke, Vater,“ ſagte Coſette. Das Entzücken wurde ſchmerzhaft für Jean Valjean. Er bog ſanft Coſettens Arm zurück und nahm ſeinen Hut. „Nun?“ ſagte Coſette. Jean Valjean entgegnete:. „Ich verlaſſe Sie, gnädige Frau. Man erwartet Sie.“ Und auf der Schwelle der Thür fügte er hinzu:„Ich habe Du zu Bhnen geſagt. Sagen Sie Ihrem Manne, daß mir das nicht wieder begegnen ſollte. Verzeihen Sie mir.“ Zean Valjean ging und ließ Coſette ganz betäubt durch dieſes räthſelhafte Lebewohl zurück. — 126 II. Weitere Schritte rückwärts. Am nächſten Tage zu derſelben Stunde kam ZJean Valjean wieder. Coſette richtete keine Fragen an ihn, wun⸗ derte ſich nicht mehr, rief nicht mehr, daß ſie fröre, ſprach nicht mehr von dem Salon; ſie vermied es, Vater oder Herr Zean zu ſagen, überhaupt ihn direkt anzureden. Sie ließ ſich Sie nennen. Sie ließ ſich gnädige Frau nennen. Nur hatte ihre Freude ſich vermindert. Sie würde traurig geweſen ſein, wäre Trauer ihr möglich geweſen. Wahrſcheinlich hatte ſie mit Marius eine jener Unter⸗ haltungen gehabt, bei denen der Geliebte ihr ſagt, was er will, nichts erklärt und doch die geliebte Frau befriedigt. Die Neugier der Liebenden geht nicht ſehr weit über ihre Liebe hinaus. Das untere Zimmer hatte ein wenig Toilette gemacht. Basque hatte die Flaſchen und Nikolette die Spinneweben fortgeſchafft. Alle Tage, welche folgten, führten Jean Valjean zu derſelben Stunde zurück. Er kam täglich; denn er hatte nicht die Kraft, die Worte Marius' anders als buchſtäblich zu nehmen. Marius wußte es ſo einzurichten, daß er zu den Stunden, wo Jean Valjean kam, abweſend war. Das Haus gewöhnte ſich an das neue Weſen des Herrn Fauche⸗ levent. Die Touſſaint half dabei. Der Herriſt immer ſo geweſen, wiederholte ſie. Der Großvater that den Ausſpruch: er iſt ein Original! Damit war Alles geſagt. Uebrigens iſt mit neunzig Jahren kein vertrauter Umgang meh ziebt nom Fan hin alle für mel nen We kön 127 mehr möglich; ein neu Angekommener iſt im Wege. Es giebt für ihn keinen Platz. Alle Gewohnheiten ſind ange⸗ nommen. Der Großvater verlangte nichts weiter, als des Fauchelevent oder Tranchelevent entledigt zu ſein. Er fügte hinzu: nichts iſt gemeiner als dieſe Originale. Sie lieben alle Arten von Verſchrobenheiten. Beweggründe giebt es für ſie nicht. Der Marquis von Canaples war noch ſchlim⸗ mer. Er kaufte einen Palaſt, um auf dem Boden zu woh⸗ nen. Dieſe Leute haben etwas Phantaſtiſches. Niemand bemerkte das Finſtere, was unter dieſem Weſen lag. Wer hätte auch übrigens ſo etwas errathen können. Mehrere Wochen verfloſſen ſo. Ein neues Leben be⸗ mächtigte ſich nach und nach Coſettens; die Verbindungen, welche die Heirath herbeigeführt, die Beſuche, die Sorgen des Hausweſens, die Vergnügungen Coſettens waren nicht koſtſpielig. Sie beſtanden in einem einzigen: Bei Marius zu ſein, mit ihm auszugehen, mit ihm zu Hauſe zu bleiben, das war die große Beſchäftigung ihres Lebens. Es war für ſie eine ſtets neue Freude, Arm in Arm auszugehen, im Angeſicht der Sonne, auf offener Straße, ohne ſich zu verbergen, vor aller Welt, ſie Beide ganz allein. Coſette hatte einen Verdruß: Die Touſſaint konnte ſich nicht mit Nikolette vertragen. Die Verſtändigung zwiſchen zwei alten Mädchen iſt unmöglich; ſie ging. Der Großvater befand ſich wohl. Marius führte dann und wann einige Prozeſſe; die Tante Gillenormand lebte friedlich in der neuen Wirthſchaft ihr unbedeutendes Leben, das ihr genügte. Jean Valjean kam täglich. Das verſchwundene Du, das Sie, die gnädige Frau, der Herr Jean, das Alles veränderte ihn für Coſette. Die Sorge, die er ſelbſt getroffen hatte, ſie von ſich loszureißen, gelang ihm. Sie wurde mehr und mehr luſtig und weniger und weniger zärtlich. Gleichwohl liebte ſie ihn noch immer ſehr und er fühlte dies. Eines Tages ſagte ſie plötzlich zu ihm:„Sie waren mein Vater; Sie ſind nicht mehr mein Vater. Sie waren mein Onkel und ſind nicht mehr mein Onkel; Sie waren Herr Fauchelevent und ſind jetzt Jean. Wer ſind Sie denn? Ich liebe das Alles nicht. Wenn ich nicht wüßte, daß Sie ſo gut ſind, ſo'würde ich mich vor Ihnen fürchten.“ Er wohnte noch immer in der Rue de'Homme Armé. Er konnte ſich nicht entſchließen, das Stadtviertel zu verlaſſen, in welchem Coſette wohnte. In der erſten Zeit blieb er bei Coſette nur einige Mi⸗ nuten und ging dann wieder. Allmählig nahm er die Gewohnheit an, ſie minder kurz zu machen. Man hätte glauben können, er benutzte die Voll⸗ macht der länger werdenden Tage. Er kam früher und ging ſpäter. Eines Tages widerfuhr es Coſette, daß ſie zu ihm ſagte: Vater. Ein Blitz der Frende erleuchtete das alte fin⸗ ſtere Geſicht Jean Valjeans. Er verbeſſerte ſie:„Sagen Sie Jean.“ „Ach, es iſt wahr,“ erwiederte ſie mit lautem Geläch⸗ ter,„Herr Zean!“ „So iſt es gut,“ ſagle er. Und er wendete ſich um, damit ſie nicht ſehen ſollte, daß er ſich die Augen trocknete. St lich mel auf na da ga de h zu nein kel; Wet nicht hnen nne ertel Mi⸗ kurz zoll⸗ hin ihm fin⸗ gen ich⸗ llte, — 129 IIM. Sie erinnern ſich des Gartens der Rue Plnumet. Dies war das letzte Mal. Nach dieſem letzten hellen Strahle entſtand vollkommene Finſterniß. Keine Vertrau⸗ lichkeit mehr. Kein„Guten Tag“ mit einem Kuſſe; nie mehr das unendlich ſüße Wort„mein Vater!“ Er wurde auf ſein eigenes Verlangen und durch ſeine eigene Mitſchuld nach und nach aus all' dem Glücke vertrieben. Er empfand das Elend, daß, nachdem er Coſette an einem einzigen Tage ganz verloren hatte, er ſie nun auch noch nach und nach verlieren müßte. Das Auge gewöhnt ſich endlich an die Dunkelheit des Kellers. Es genügte Jean Valjean, täglich den Anblick Co⸗ ſettens zu haben. Sein ganzes Leben beſchränkte ſich auf dieſe Stunde. Er ſetzte ſich an ihre Seite, betrachtete ſie ſchweigend, er ſprach mit ihr von vergangenen Jahren, von ihrer Kindheit, von dem Kloſter, von ihren damaligen kleinen Freundinnen. Es war an einem der erſten Tage des April, ſchön, warm, doch noch friſch. Die Gärten, welche die Fenſter von Marius' und Coſetten's Zimmer umgaben, verriethen das Erwachen. Der Weißdorn war der Blüthe nahe; ein Schmuck von Nachtviolen breitete ſich an den alten Mauern aus; kleine Moosblüthen blickten aus den Riſſen der Steine hervor; in dem Graſe bemerkte man einen reizen⸗ den Anfang von Gänſeblümchen und gelben Köpfen. Die weißen Schmetterlinge hatten ihr erſtes Auftreten. Der Wind, dieſer Gehülfe der ewigen Befruchtung, verſuchte in Die Elenden. RK. 9 130 den Bäumen die erſten Noten der großen Symphonie, welche die alten Dichter das Wiedererwachen des Lebens nannten. An einem ſolchen Nachmittag ſagte Marius zu Coſette: „Wir ſagten, daß wir unſeren Garten der Rue Plumet wieder ſehen wollten. Laß uns hingehen. Man muß nicht undankbar ſein.“ Und ſie flogen davon, wie zwei Schwal⸗ ben dem Frühling entgegen. Der Garten der Rue Plumet machte auf ſie den Eindruck der Morgenröthe. Sie hatten in dem Leben ſchon Etwas hinter ſich, was wie der Früh⸗ ling der Liebe war. Das Haus der Rue Plumet, welches für längere Zeit gemiethet war, gehörte Coſette noch. Sie gingen nach jenem Garten und nach jenem Hauſe. Sie vergaßen ſich dort. Am Abend zu der gewöhnlichen Stunde kam Jean Valjean nach der Rue des Filles du Calvaire. „Die gnädige Frau iſt mit dem Herrn ausgegangen und noch nicht zurückgekehrt,“ ſagte Basque. Er ſetzte ſich ſchweigend und wartete eine Stunde. Coſette kam nicht nach Hauſe. Er ſenkte den Kopf und ging. Coſette war entzückt durch den Spaziergang in„ihrem Garten“ und ſo erfreut darüber, einen ganzen Tag in ihrer Vergangenheit gelebt zu haben, daß ſie am nächſten Tage von nichts Anderem ſprach. Sie hatte nicht einmal bemerkt, daß ſie Jean Valjean nicht ſah. „Auf welche Weiſe ſind Sie hingekommen?“ fragte Jean Valjean. „Zu Fuß.“ „Und wie kehrten Sie zurück?“ „Im Fiaker.“ Seit einiger Zeit bemerkte Jean Valjean das zurück⸗ gezogene Leben, welches das junge Paar führte. Er wurde dadurch beläſtigt. Marius' Sparſamkeit war ſtreng, und das Wort hatte für Jean Valjean einen beſtimmten Sinn. Er wagte eine Frage: ſches mon jean ihre Di keil Re velche nten. ſette: lumet nicht wal⸗ umet atten rüh⸗ lches Sie Sie tunde ire. ngen und ihrem ihret Tuge nerk, Jean uric⸗ wurde und Sinn⸗ 131 „Weshalb haben Sie keine eigene Equipage? Ein hüb⸗ ſches Coupé würde Sie nicht mehr als fünfhundert Francs monatlich koſten. Sie ſind reich.“ „Ich weiß nicht,“ erwiderte Coſette. „Das iſt wie mit der Touſſaint,“ erwiederte Jean Val⸗ jean.„Sie iſt fort. Weshalb haben Sie keine Andere an ihre Stelle genommen?“ „Nikolette reicht hin.“ „Aber Sie bedürfen für ſich einer Kammerfrau.“ „Habe ich nicht Marius?“ „Sie ſollten ein eigenes Haus für ſich haben, eigene Dienſtboten, eine eigene Equipage, eine Loge im Theater. Es giebt nichts zu Schönes für Sie. Weshalb wollen Sie keinen Vortheil daraus ziehen, daß Sie reich ſind? Der Reichthum erhöht das Glück.“ Coſette antwortete nicht. Die Beſuche Jean Valjean's wurden nicht kürzer. Weit entfernt. Wenn es das Herz iſt, welches ausgleitet, hält man ſich nicht auf dem Abhange. Wenn Jean Valjean ſeine Beſuche verlängern und die Stunde vergeſſen machen wollte, lobte er Marius; er fand ihn ſchön, edel, muthig, geiſtreich, beredt, gut. Coſette über⸗ bot ihn. Jean Valjean fing von vorn an. Man wurde nicht fertig. Marius, das Wort war unerſchöpflich; es lagen ganze Bände in dieſen ſechs Buchſtaben. Auf ſolche Weiſe gelang es Jean Valjean, lange zu bleiben. Coſette zu ſehen, an ihrer Seite zu vergeſſen, das war ſo ſüß! Das war der Verband ſeiner Wunde. Es geſchah mehr⸗ mals, daß Basque wiederholt kam, um zu ſagen:„Herr Gillenormand ſchickt mich, um der Frau Baronin zu melden, daß das Eſſen aufgetragen iſt.“ An ſolchen Tagen kehrte Jean Valjean ſehr nachdenk⸗ lich nach Hauſe zurück. Es lag alſo etwas Wahres in dem Vergleich mit der 9* 132 Puppe, welcher ſich dem Geiſte Marius geboten hatte? Sollte Jean Valjean in der That eine Puppe ſein, die hartnäckig dabei blieb, ihrem Schmetterlinge Beſuche zu machen? Einen Tag blieb er noch länger als gewöhnlich. Am nächſten Tag bemerkte er, daß kein Feuer in dem Kamin war.— Ei, dachte er, kein Feuer?— Er gab ſich ſelbſt die Erklärung:„Das iſt ganz einfach. Wir ſind im April. Die Kälte hat aufgehört.“ „Gott, wie kalt es hier iſt!“ ſchrie Coſette, als ſie eintrat. „O nein,“ entgegnete Jean Valjean. „Sie haben alſo Basque geſagt, daß er kein Feuer machen ſollte?“ „Ja. Wir haben bald Mai.“ „Aber man macht Feuer bis zum Monat Juni. In dieſem Keller hier muß man das ganze Jahr heizen.“ „Ich glaubte, das Feuer ſei nutzlos.“ „Das iſt wieder einer Ihrer Einfälle!“ entgegnete Co⸗ ſette. Den Tag darauf brannte wieder Feuer. Allein die beiden Armſeſſel ſtanden am andern Ende des Gemaches, neben der Thür.„Was ſoll das heißen?“ dachte Jean Valjean. Er holte die Armſeſſel und ſtellte ſie an ihrem gewöhn⸗ lichen Platz neben dem Kamin. Das wiederangezündete Feuer ermuthigte ihn indeß. Er ließ das Geplauder noch länger dauern als gewöhnlich. Als er aufſtand, um zu gehen, ſagte Coſette zu ihm: „Mein Mann hat mir geſtern etwas Komiſches geſagt.“ „Was denn?“ „Er ſagte mir: Coſette, wir haben 30,000 Livres Ren⸗ ten. Siebenundzwanzig, die Du haſt, und drei, die mir mein Großvater giebt. Ich antwortete: Das macht dreißig. Er fuhr fort: Würdeſt Du wohl den Muth haben, mit den Sollte mnückig An Kamin ſelbſt Ayril. als ſie Feuer ete Co⸗ in die naches, e Jean ewöhr⸗ indeß. hnlich. eſtht“ 6 Nen⸗ ie mir reißig it den 133 Dreitauſend zu leben? Ich antwortete: Ja, mit Nichts, vorausgeſetzt, daß es mit Dir ſei. Und dann fragte ich: Weshalb ſagſt Du mir das? Er antwortete: Um es zu wiſſen.“ Jean Valjean fand kein Wort. Coſette erwartete wahr⸗ ſcheinlich von ihm irgend eine Erklärung; er ſah ſie mit dumpfem Schweigen an. Er kehrte in die Rue de[Homme Armé zurück. Er war ſo tief in Gedanken verſunken, daß er ſich in der Thür irrte und ſtatt in ſein Haus, in das benachbarte trat. Erſt nachdem er beinahe zwei Stockwerke hinauf gegangen, bemerkte er ſeinen Irrthum und ging wie⸗ der hinab. Sein Geiſt war durch Vermuthungen verwirrt. Offenbar hatte Marius Zweifel über den Urſprung dieſer 600,000 Franes, fürchtete, daß ſie aus einer unveinen Quelle kommen, wer weiß? Vielleicht hatte er ſogar entdeckt, daß das Geld von ihm, Jean Valjean, herrührte, daß er vor dieſem verdächtigen Vermögen zögernd ſtand, und daß es ihm widerſtrebte, es als das ſeinige anzunehmen und lieber mit Coſetten arm bleiben, als einen verdächtigen Reichthum genießen wollte. Außerdem fühlte Jean Valjean undeutlich, daß er ver⸗ ſtoßen würde. Am nächſten Tag hatte er, als er in das untere Ge⸗ mach trat, eine Erſchütterung. Die Armſeſſel waren ver⸗ ſchwunden. Es ſtand nicht einmal ein Stuhl hier. „Ei,“ rief Coſette,„indem ſie eintrat, keinen Armſeſſel? Wo ſind denn die Armſtühle?“ „Sie ſind nicht mehr hier!“ antwortete Jean Valjean. „Das iſt ſtark!“ Jean Valjean antwortete: „Ich habe Basque geſagt, daß er ſie wegnehmen follte.“ „Und aus welchem Grunde?“ „Ich bleibe heute nur wenige Minuten.“ 134 „Kurze Zeit zu bleiben, iſt kein Grund, um ſtehen zu bleiben.“ „Ich glaubte, daß Basque die Armſeſſel für den Sa⸗ lon bedürfe.“ „Weshalb?“ „Sie haben ohne Zweifel dieſen Abend Geſellſchaft.“ „Wir haben Niemand.“ Jean Valjean konnte kein Wort weiter ſagen. Coſette zuckte die Achſeln. „Die Stühle wegnehmen zu laſſen! Neulich ließen Sie das Feuer auslöſchen. Wie ſonderbar Sie ſind!“ „Leben Sie wohl,“ murmelte Zean Valjean. Er ſagte nicht:„leben Sie wohl, Coſette.“ Aber er hatte nicht die Kraft, zu ſagen:„leben Sie wohl, gnädige Frau.“ Er ging niedergeſchlagen fort. Diesmal hatte er begriffen. Am nächſten Tage kam er nicht. Coſette bemerkte dies erſt am Abend. „Ei,“ ſagte ſie,„Herr Jean iſt heute nicht gekommen.“ Sie empfand ein leiſes Herzdrücken, aber ſie bemerkte es kaum, da ſie ſogleich durch einen Kuß von Marius zer⸗ ſtreut wurde. Den Tag darauf kam er wieder nicht. Coſette achtete nicht darauf, verbrachte ihren Abend und ſchlief die Nacht wie gewöhnlich und dachte nur daran als ſie aufwachte. Sie war ſo glücklich! Sie ſchickte ſchnell Nikolette zu Herrn Jean, um zu wiſſen, ob er krank ſei, und weshalb er den Tag zuvor nicht gekommen wäre. Nikolette brachte die Antwort des Herrn Jean zurück. Er war nicht krank. Er war beſchäftigt. Er würde bald kommen, ſobald er könnte. Uebrigens würde er eine kleine Reiſe machen. Die gnädige Frau möchte ſich erinnern, daß unte eige ſchi nich Pa die 135 hen zu es ſeine Gewohnheit wäre, von Zeit zu Zeit Reiſen zu unternehmen. Man ſollte nicht an ihn denken. Sa⸗ Als Nikolette zu Herrn Zean eintrat, hatte ſie die eigenen Worte ihrer Herrin wieverholt. Daß Madame ſie ſchicke, um zu erfahren, weshalb Herr Jean den Tag zuvor ft“ nicht gekommen wäre. „Ich bin zwei Tage nicht gekommen,“ ſagte Jean Valjeen ſanft. Allein die Bemerkung glitt an Nikolette ab, die Coſetten davon nichts berichtete. ließen ber er— nädige e dies W. men“ Anziehung und Verlöſchung. nerkte zer⸗ Während der letzten Monate des Frühlings und den erſten Monaten des Sommers 1838 bemerkten die wenigen Vorübergehenden im Marais, die Kaufleute in den Gewölben, d und die Müßiggänger auf den Thürſchwellen, einen reinlich in nals Schwarz gekleideten Greis, der täglich gegen dieſelbe Stunde, ſchnell mit Anbruch der Dunkelheit, die Rue de Homme Armé ſei, verließ und durch die Rue Culture Sainte Catherine nach wäre. der Rue Saint Louis ging. Er Hier ging er mit langſamen Schritten, den Kopf vor⸗ hald gebengt, nichts ſehend, nichts hörend, die Augen unwandel⸗ ſleine bar auf einen und venſelben Punkt gerichtet, der für ihn daß mit Sternen beſäet zu ſein ſchien und nichts Anderes war, 136 als die Ecke der Rue des Filles du Calvaire. ge mehr er ſich dieſer Straßenecke näherte, deſto mehr klärte ſein Auge ſich auf, eine Art von Freude erleuchtete es, als ob eine innere Morgenröthe aufging; er ſah bezaubert und gerührt aus, ſeine Lippen bewegten ſich, als ob er mit Jemand ſpräche, den er nicht ſehe, er lächelte und ging ſo langſam er konnte. Man mußte glauben, indem er an das Ziel zu gelangen wünſchte, fürchte er doch den Augenblick, wo er es erreicht haben würde. Wenn nur noch wenige Häuſer zwiſchen ihm und jener Straße lagen, die ihn anzuziehen ſchien, dann wurde ſein Schritt ſo langſam, daß man zu⸗ weilen glauben konnte, er ginge gar nicht mehr. Das Beben ſeines Kopfes und die Starrheit ſeines Blickes er⸗ innerten an die Magnetnadel, die den Pol ſucht. Wie viel Zeit er auch verwendete, um an das Ziel zu gelangen, mußte dies doch endlich geſchehen; er erreichte die Rue des Filles du Calvaire; dann blieb er ſtehen, zitterte, duckte den Kopf mit einer Art finſtern Schüchternheit um die Ecke des letzten Hauſes, blickte in die Straße hinein, und es lag in dieſem trüben Blick etwas, das der Verblendung durch das Unmögliche und dem Widerſchein eines geſchloſſenen Para⸗ dieſes glich. Eine Thräne, die ſich allmählig in der Ecke ſeiner Augen angeſammelt hatte und groß genug geworden war, um zu fallen, glitt dann über ſeine Wange und rann zu⸗ weilen in ſeinen Mund. Der Greis fühlte den bittern Geſchmack. So blieb er einige Minuten ſtehen, als ob er aus Stein gehauen wäre; dann kehrte er auf demſelben Weg und in demſelben Schritte zurück, und, in dem Grade, wie er ſich entfernte, erloſch ſein Blick. Nach und nach hörte dieſer Greis auf, bis zu der Rue des Filles du Calvaire zu gehen; er blieb auf halbem Wege in der Rue Saint Louis ſtehen; bald ein wenig weiter, bald ein wenig näher. Eines Tages blieb er an der fer erſ ver hr er Auge eine erührt mand igſam el zu er es üuſer ziehen nzu⸗ Das er⸗ e viel gen, des eden e des ag in hdas Para⸗ ſeiner war, n zu⸗ iitern ob er elben rade der albem wenig 1 137 der Ecke der Rue Culture Sainte Catherine und ſah von fern nach der Rue des Filles du Calvaire. Dann ſchüttelte er ſchweigend mit dem Kopf, als ob er ſich irgend Etwas verweigerte und kehrte um. Bald ging er ſelbſt nicht mehr bis zu der Rue Saint Louis. Er ging bis zu der Rue Pavée, ſchüttelte den Kopf und kehrte um. So verkürzte er ſeinen Weg allmählig mehr und mehr. Man hätte glauben können, den Pendel einer Uhr zu ſehen, die man nicht mehr aufzog und deſſen Schwingungen kürzer wurden, um endlich ganz aufzu⸗ hören. Täglich verließ er ſeine Wohnung zu derſelben Stunde, trat denſelben Weg an, aber er vollbrachte ihn nicht und, vielleicht ohne es ſelbſt zu wiſſen, kürzte er ihn beſtändig. Sein ganzes Geſicht drückte den einzigen Gedanken aus: Wozu? Sein Auge war erloſchen; es lag kein Freudeſtrahl mehr darin. Auch die Thräne war vertrocknet; ſie ſammelte ſich nicht mehr in dem Winkel ſeiner Augenlider; das nach⸗ denkende Auge war trocken. Der Kopf des Greiſes war beſtändig vorgebeugt; das Kinn zitterte zuweilen; die Runzeln ſeines magern Halſes machten einen peinlichen Eindruck. Zuweilen, wenn das Wetter ſchlecht war, trug er unter dem Arme einen Regenſchirm, den er nicht öffnete. Die alten Weiber des Stadtviertels ſagten:„Das iſt ein Narr.“ Die Kinder folgten ihm lachend. 3 3 ZJean Valjean. Neuntes Buch. Reußerſte Dunkelheit, äußerſte Norgen- röthe. I. Mitleid für die Unglücklichen, aber Nachſicht für die Glücklichen. Es iſt etwas Fürchterliches glücklich zu ſein! Wie be⸗ friedigt iſt man dadurch! Wie ſehr findet man, daß das genügt! Im Beſitz des falſchen Lebenszweckes, des Glückes, vergißt man des Wahren, vergißt man die Pflicht! Wir müſſen indeß ſagen, daß man Unrecht haben würde, Marius anzuklagen. Wir erklärten es, daß Marius vor ſeiner Heirath keine Frage an Herrn Fauchelevent richtete und, daß er ſeitdem es ſcheute, ſie an Jean Valjean zu richten. Er bereute das Verſprechen, zu dem er ſich hatte hinreißen laſſen. Er hatte ſich vielmals geſagt, daß er ein Unrecht begangen, der Verzweiflung dieſes Zugeſtändniß zu machen. Er hatte ſich varauf beſchränkt, allmählig Jean Valjean aus ſeinem Hanſe zu entfernen, um ihn ſo viel als möglich in dem Geiſte Coſettens zu verwiſchen. Er hatte ſich in einiger Beziehung ſtets zwiſchen Coſette und Jean Valjean geſtellt, überzeugt, daß ſie ihn auf dieſe Weiſe nicht mehr bemerken und nicht an ihn denken würde. Das war mehr als Verwiſchung, das war Verdunkelung. 142 Marius that, was er für nothwendig und gerecht hielt. Er glaubte, zur Entfernung Jean Valjean's, ohne Härte, aber auch ohne Schwäche, ernſte Gründe zu haben, die man ſchon ſah und andere, die man ſpäter ſehen wird. Der Zufall ließ ihn bei einem Prozeſſe, den er führte, einen ehemaligen Commis des Hauſes Lafitte finden. Er hatte, ohne ſie zu ſuchen, geheimnißvolle Mittheilungen empfangen, die er frei⸗ lich nicht zu ergründen vermochte, aus Achtung für das Geheimniß, welches er zu bewahren verſprochen und aus Schonung für die gefährliche Lage Jean Valjean's. Er glaubte in dieſem Augenblick eine ernſte Pflicht erfüllen zu müſſen: die Wiedererſtattung der 600,000 Francs, an Je⸗ mand, den er ſo verſchwiegen als möglich ſuchte. In Er⸗ wartung deſſen enthielt er ſich der Benutzung dieſes Geldes. Coſette war in keines dieſer Geheimniſſe eingeweiht; allein es wäre hart, auch ſie zu verurtheilen. Es beſtand zwiſchen Marius und ihr ein allmächtiger Magnetismus, der ſie aus Inſtinkt und beinahe maſchinen⸗ mäßig Alles thun ließ, was Marius wünſchte. Sie fühlte in Beziehung auf Herrn„Jean“ einen Willen von Marius; ſie fügte ſich demſelben. Ihr Mann hatte ihr Nichts zu ſagen gehabt; ſie erlitt den unbeſtimmten, aber kenntlichen Druck ſeiner ſchweigenden Abſichten und gehorchte blind. Ihr Gehorſam beſtand darin, ſich an das nicht mehr zu erinnern, was Marins vergaß. Sie brauchte dazu keine Anſtrengung zu machen. Ohne daß ſie es ſelbſt wußte weshalb, und ohne daß er deshalb anzuklagen geweſen wäre, war ihre Seele ſo ganz die ihres Mannes geworden, daß das, was die Gedanken von Marius verfinſterte, auch die ihrigen verdunkelte. Gehen wir indeß nicht zu weit, in dem, was Jean Val⸗ jean betraf, waren dies Vergeſſen und dies Verwiſchen nur oberflächlich. Sie war eher betäubt, als vergeßlich. Iin Grunde liebte ſie den ſehr, den ſie ſo lange ihren Vater gen Due nach ſpre riu et wo od Ar Re nu 1 hielt. „aber ſchon Zufall aligen ſie zu frei⸗ das aus Er en zu n Je⸗ n Er⸗ eldes. weiht; hliger hinen⸗ fühle grius; is zu lichen hlind. hr jl leine wußte wäre, „daß ch die Vul⸗ n nur mn Vater S genannt hatte. Aber ſie liebte ihren Mann noch mehr. Das hatte die Wagſchale ihres Herzens etwas gefälſcht und nach einer Seite niedergedrückt. Es geſchah zuweilen, daß Coſette von Jean Valjean ſprach und ſich darüber wunderte. Dann beruhigte ſie Ma⸗ rius:„Er iſt abweſend, glaube ich, hat er nicht geſagt, daß er verreiſen wollte?“ „Das iſt wahr,“ dachte Coſette.„Er hatte die Ge⸗ wohnheit, ſo zu verſchwinden, aber nicht ſo lange.“ Zwei oder drei Mal ſchickte ſie Nikolette nach der Rue de'Homme Arme, ſich erkundigen zu laſſen, ob Herr Jean von ſeiner Reiſe zurückgekehrt wäre. Jean Valjean ließ antworten: „Nein.“ Coſette fragte nicht weiter, denn ſie hatte auf Erden nur ein Bedürfuiß: Marius. Wir müſſen noch ſagen, daß Marius und Coſette ihrerſeits verreiſt geweſen waren. Sie waren nach Vernon gegangen. Marius hatte Coſette an das Grab ſeines Vaters geführt. Marius hatte Coſette nach und nach Jean Valjean ent⸗ zogen. Ceſette ließ ihn gewähren. Uebrigens iſt das, was man viel zu hart in gewiſſen Fällen die Unrvanlbarkeit der Kinder nennt, nicht immer ſo tadelnswerth, wie man es glaubt. Es iſt die Undankbar⸗ keit der Natur. Die Natur theilt die lebenden Weſen in Gehende und Kemmende. Die Gehenden ſind der Dunkel⸗ heit zugewendet, die Kommenden dem Lichte. Daher eine Entfernung, welche auf Seiten der Alten unangenehm iſt, auf Seiten der Jugend aber unwillkührlich. Dieſe Ent⸗ fernung, welche Anfangs unmerklich iſt, ſteigert ſich all⸗ mählig. Ohne ſich von dem Stamme zu trennen, entfer⸗ nen die Aeſte ſich von ihm, indem ſie wachſen. Das iſt nicht ihre Schuld. Die Jugend geht der Freude entgegen, den Feſten, dem hellen Lichte, der Liebe. Das Alter nähert 144 ſich ſeinem Ende. Man verliert ſich aus dem Auge, aber es findet keine Umarmung mehr ſtatt. Die jungen Leule empfinden die Abkühlung des Lebens, die Greiſe die Kälte des Grabes. Klagen wir dieſe armen Kinder nicht an. I. Letztes Aufflackern der Lampe ohne Oel. Eines Tages ging Jean Valjean ſeine Treppe herab, machte drei Schritte auf der Straße, ſetzte ſich auf einen Eckſtein, auf eben denſelben, auf welchem Gavroche ihm in der Nacht vom 5. zum 6. Juui nachdenkend gefunden; hier plieb er einige Minuten und ging dann wieder hinauf. Es war der letzte Pendelſchlag der Uhr. Am nächſten Tag ging er nicht aus. Am zweitnächſten verließ er ſein Bett nicht. Seine Thürhüterin, welche ihm ſeine geringe Mahlzeit bereitete, etwas Kohl oder einige Erdäpfel mit ein wenig Speck, ſah auf den braunen, irdenen Teller und rief: „Aber Sie haben ja geſtern nicht gegeſſen, armer, alter Mann!“ „Doch!“ erwiderte Jean Valjean. „Der Teller iſt ganz voll.“ „Sehen Sie in den Waſſerkrug. Er iſt leer.“ „Das beweiſt, daß Sie getrunken haben, aber nicht, daß Sie eſſen.“ S G Leule Kälte hetab, f einen ihn in nz hier f. 6t g bins tnicht ſahlheit 1 wenig r alter nich, „Nun,“ entgegnete Jean Valiean,„wenn ich nur nach Waſſer Hunger gehabt habe?“ „Das nennt man Durſt, und wenn man nicht zu gleicher Zeit ißt, ſo nennt man das Fieber.“ „Ich werde morgen eſſen.“ „Oder am Dreifaltigkeitstage? Weshalb nicht heute. Sagt man etwa: Ich werde morgen eſſen! Meinen ganzen Teller voll zu laſſen, ohne ihn zu berühren! Mein Eſſen war ſo gut!“ Jean Valjean ergriff die Hand der alten Frau. „Ich verſpreche Ihnen, es zu eſſen,“ ſagte er mit leiſer, wohlwollender Stimme. „Ich bin mit Ihnen nicht zufrieden,“ ſagte die Thür⸗ hüterin. Jean Valjean ſah kein anderes menſchliches Geſchöpf mehr, als dieſe gute Frau. Es giebt in Paris Straßen, in die Niemand geht, und Häuſer, in welche Niemand kömmt. Er befand ſich in einer dieſer Straßen und in einem dieſer Häuſer. In der Zeit, als er noch ausging, hatte er bei einem Kupferſchmied für einige Sous ein kleines kupfernes Cru⸗ cifir gekauft und daſſelbe ſeinem Bette gegenüber an einen Nagel gehangen. Es iſt ſtets gut, dieſes Hochgericht an⸗ zuſehen! Eine Woche verfloß, ohne daß Jean Valjean einen Schritt in ſeinem Zimmer that. Er blieb ſtets zu Bette. Die Thürhüterin ſagte zu ihrem Mann:„Der gute Mann dort oben ſteht nicht mehr auf, er ißt nicht mehr, er wird es nicht mehr lange machen. Der hat Kummer. Man wird es mir nicht aus dem Kopfe bringen, daß ſeine Tochter ſchlecht verheirathet iſt.“ Der Portier antwortete mit dem Ton ehelicher Ober⸗ herrlichkeit: „Wenn er reich iſt, nehme er einen Arzt. Wenn er Die Clenden. X. 10 ——— 146 nicht reich iſt, hat er keinen. Hat er keinen Arzt, ſo wird er ſterben.“ „Und wenn er einen hat?“ „Wird er ſterben,“ entgegnete der Portier. Die Thürhüterin kratzte mit einem alten Meſſer das Gras zwiſchen den Steinen hervor, die ſie ihr Pflaſter nannte und indem ſie dieſe Arbeit verrichtete, brummte ſie vor ſich hin: „Das iſt ſchade. Ein Greis, der ſo reinlich iſt! Er iſt weiß wie ein Hühnchen.“ Sie bemerkte am Ende der Straße einen Arzt des Stadtviertels, der vorüberging; ſie nahm es auf ſich, ihn zu bilten, hinauf zu gehen. „Es iſt im zweiten Stock,“ ſagte ſie.„Sie brauchen nur einzutreten. Da der gute Menſch ſich nicht aus dem Bette rührt, ſteckt der Schlüſſel beſtändig an der Thür.“ Der Arzt ſah Jean Valjean und ſprach mit ihm. Als er herabkam, rief die Thürhüterin ihn an: „Nun, Doctor?“ „Ihr Kranker iſt ſehr krank.“ „Was fehlt ihm denn?“ „Alles und Nichts. Es iſt ein Menſch, der allem Anſchein nach eine theure Perſon verloren hat. Man ſtirbt an dergleichen.“ „Was hat er Ihnen geſagt?“ „Daß er ſich wohl befände.“ „Werden Sie wiederkommen, Doctor?“ „Ja,“ erwiderte der Doctor.„Aber ein Anderer, wie ich, muß auch wiederkommen.“ wird das annte vor allem ſürbt wie 147 III. Eine Feder iſt ſchwer für den, der den Karren Fauchelevents aufhob. Eines Abends hatte Jean Valjean Mühe, ſich auf ſei⸗ nen Ellenbogen zu ſtützen; er faßte ſeine Hände, er fühlte den Puls nicht; ſein Athem war kurz und ſtockte zuweilen; er erkannte, daß er ſchwächer ſei, als er es je geweſen. Ohne Zweifel unter dem Druck irgend eines entſcheidenden Gevanken ſtrengte er ſich an, um ſich in die Höhe zu richten und kleidete ſich an. Er zog ſeinen alten Arbeiter⸗ anzug an. Da er nicht mehr ausging, war er zu dem⸗ ſelben zurückgekehrt und zog ihn vor; er mußte ſich mehr⸗ mals unterbrechen, indem er ſich ankleidete; als er nur die Arme in die Jacke ſteckte, rann ihm der Schweiß von der Stirn. Seitdem er allein war, hatte er ſein Bett in das Vor⸗ gemach geſtellt, um dieſe verödeten Zimmer ſo wenig als möglich zu bewohnen. Er öffnete den Koffer und zog die Kleider Coſettens heraus. Er breitete ſie auf ſeinem Bette aus. Die Armleuchter des Biſchofs ſtanden auf ihrem Platz, auf den Kaminſims. Er nahm aus einem Fache zwei Wachskerzen und ſteckte ſie auf die Leuchter. Dann zündete er ſie an, obgleich es noch heller Tag war, denn es war im Sommer. Man ſieht ſo zuweilen angezündete Kerzen am hellen Tage in den Zimmern, in welchen Todte liegen. Bei jedem Schritte, den er machte, indem er von einem 10* 148 Möbel zum andern ging, fühlte er ſich ſo erſchöpft, daß er ſich ſetzen mußte. Es war nicht die gewöhnliche Ermüdung, welche ihre Kräfte aufreibt, um ſie zu erneuen; es waren die letzten möglichen Bewegungen; es war das erſchöpfte Leben, welches tropfenweiſe unter der Anſtrengung enfflieht; die man nicht mehr erneuen kann. Einer der Stühle, auf dem er ſich niederſinken ließ, ſtand dem Spiegel gegenüber, der ſo verhängnißvoll für ihn, ſo vorſehungsvoll für Marius geweſen war, und wo er auf dem Löſchblatte die verkehrte Schrift Coſettens geleſen hatte. Er ſah ſich in dieſem Spiegel und erkannte ſich nicht mehr. Er war achtzig Jahr alt; vor Marius Hochzeit hatte man ihm kaum fünfzig Jahre gegeben; dieſes eine Jahr zählte für dreißig. Was er auf der Stirn hatte, war nicht mehr die Runzel des Alters, es war das geheimnißvolle Zeichen des Todes. Man fühlte hier den Eindruck des Unerbittlichen nagen. Seine Wangen hingen herab; die Haut ſeines Ge⸗ ſichts hatte jene Farbe, welche glauben machen könnte, es läge ſchon die Erde darüber; die beiden Winkel ſeines Mundes ſenkten ſich, wie auf den Masken, welche die Alten auf ihre Gräber meißelten; er blickte in die Leere mit einem Ausvruck des Vorwurfs; man hätte glauben können, eines jener großen, tragiſchen Weſen zu erblicken, die ſich Jemand zu beklagen haben. Er befand ſich in jener Lage der letzten Stufe der Niedergeſchlagenheit, wo der Schmerz, ſo zu ſagen, geronnen iſt; es breitete ſich über die Seele etwas wie ein Alp der Verzweiflung. Die Nacht war angebrochen. Er ſchleppte mühſam einen Tiſch und den alten Armſtuhl zu dem Kamin und legte auf den Tiſch eine Feder, Tinte und Papier. Als dies geſchehen war, fiel er in Ohnmacht. Als er zum Bewußtſein zurückkehrte, fühlte er Durſt. Da er er aren öpfte ieht; ließ, ihn, dem Er Er ihm füt die des chen Ge⸗ ines Ulten inem ines über der nen der inen auf A6 149 den Waſſerkrug nicht aufheben konnte, bog er ihn mühſam gegen ſeinen Mund herab und trank einen Schluck. Dann wendete er ſich nach dem Bett, und ſitzend, denn er konnte nicht ſtehen bleiben, betrachtete er das kleine ſchwarze Kleid und alle die theuren Gegenſtände. Dieſe Beſchauungen währten Stunden, die Minuten zu ſein ſchienen; plötzlich hatte er ein Fröſteln, er fühlte, daß die Kälte ihn erfaßte; er ſtätzte ſich mit dem Ellenbogen auf den Tiſch, den die Leuchter des Biſchofs erhellten und nahm die Feder. Da Feder und Tinte lange nicht benutzt worden waren, hatte der Schnabel der Feder ſich umgebogen, die Tinte war eingetrocknet, und er mußte aufſtehen und einige Tropfen Waſſer in das Tintenfaß gießen, was er nicht zu vollbringen vermochte, ohne ſich zwei oder drei Mal niederzuſetzen. Er maßte mit dem Rücken der Feder ſchreiben. Von Zeit zu Zeit trocknete er ſich die Stirn. Seine Hand zitterte. Er ſchrieb langſam die wenigen folgenden Zeilen: „Coſette, ich ſegne Dich. Ich will Dir Alles erklären. Dein Mann hat Recht gehabt, daß er mir zu verſtehen gab, ich müßte gehen. Gleichwohl liegt ein wenig Irrthum in dem, was er geglaubt hat, aber er hatte recht. Er iſt vor⸗ trefflich. Liebe ihn ſtets recht ſehr, wenn ich todt ſein werde. Herr Pontmerch, lieben Sie immer mein vielge⸗ liebtes Kind. Coſette, man wird hier dies Papier finden; hier, was ich Dir ſagen will; Du wirſt die Zahlen ſehen, wenn ich die Kraft habe, ſie mir zurückzurufen. Höre wohl auf: Dieſes Geld iſt ganz gewiß Dein. Hier die Sache: Das weiße Schmelzglas kommt von Norwegen, das ſchwarze von England. Das ſchwarze Glaswerk kommt aus Deutſch⸗ land, der Schmelz iſt leichter, werthvoller, theurer. Man kann davon in Frankreich Nachahmungen machen, wie in Deutſchland. Man braucht einen kleinen Ambos von zwei 150 Quadratzoll und eine Lampe mit Weingeiſt, um Schmelz⸗ glas zu erweichen. Der Schmelz wurde ehedem mit Holz und Ruß gemacht und koſtete vier Franes das Pfund. Ich bin auf den Gedanken gekommen, ihn mit Lackgummi und Terpentin zu machen. Er koſtet dann nur noch dreißig Sous und iſt viel beſſer. Die Schnallen werden mit einem veil⸗ chenblauen Glas gemacht, das man auf ein kleines Blättchen von ſchwarzem Eiſen klebt. Das Glas muß violett für eiſerne und ſchwarz für goldene Schmuckſachen ſein. Spa⸗ nien kauft viel dergleichen. Es iſt das Land des Schmelzes—“ Hier unterbrach er ſich, die Feder ſank ihm aus den Händen, und er hatte einen Anfall jenes verzweiflungsvollen Schluchzens, welches zuweilen aus der Tiefe ſeines Weſens heraufſtieg. Der arme Mann nahm ſeinen Kopf in ſeine beiden Hände und dachte nach. „Ach,“ rief es in ſeinem Innern(ein Schmerzſchrei, den Gott allein hörte)„es iſt aus. Ich werde ſie nicht mehr wiederſehen. Es iſt ein Lächeln, das an mir vorüber⸗ glitt. Ich werde in die Nacht eintreten, ohne ſie wiederzu⸗ ſehen. O! eine Minute, einen Augenblick, ihren Athem zu hören, ſie anzuſehen, ſie, den Engel! und dann ſterben! Zu ſterben iſt nichts, entſetzlich iſt es nur, zu ſterben, ohne ſie zu ſehen. Sie würde mir zulächeln. Sie würde mir ein Wort ſagen. Thäte das denn irgend Jemand böſes? Nein, es iſt zu Ende, für immer. Ich bin ganz allein. Mein Gott! Mein Gott! Ich werde ſie nicht mehr wiever⸗ ſehen.“ In dieſem Augenblick wurde an ſeine Thür geklopft. meß⸗ Holz 3 ſi und Sous veil⸗ ichen tt füt Spa⸗ des s den zvollen Beſens ſeine ſchrei, nicht rüber⸗ ederzl⸗ em zu n! Zu ne ſie nir ein Nein, Mein wieder⸗ opft. ——— 151 W. Eine Tintenflaſche, die nur weißt. An eben dieſem Tage, oder richtiger geſagt, an eben dieſem Abende, als Marius vom Tiſche kam und ſich eben in ſein Kabinet zurückgezogen hatte, da er ein Aectenheft durchſehen mußte, übergab Basque ihm einen Brief und ſagte: „Der, welcher den Brief geſchrieben hat, iſt im Vor⸗ zimmer.“ Coſette hatte den Arm des Großvaters genommen und machte einen Gang durch den Garten. Ein Brief kann, gleich einem Menſchen, ein ſchlechtes Ausſehen haben. Grobes Papier, ſchlecht gefaltet, ſchon der bloße Anblick mancher Briefſchaften mißfällt. Der Brief, welchen Basque überbracht hatte, war von dieſer Art. Marius nahm ihn. Er roch nach Tabak. Nichts er⸗ weckt ſo eine Erinnerung, wie ein Geruch. Marius er⸗ kannte dieſen Tabak. Er betrachtete die Aufſchrift: An den Herrn Baron Pommerci. In ſeinem Hotel. Die Erinnerung des Tabaks ließ ihn auch die Schrift erkennen. Man könnte ſagen, das Staunen hätte ſeine Blitze. Marius wurde wie beleuchtet durch einen dieſer Blite⸗ Der Geruch, dieſer geheimnißvolle Gevächtnißhelfer, hatte in ihm eine ganze Welt neu belebt. Das war das Papier, die Art zu falten, die blaſſe Farbe der Tinte; das war die bekannte Schrift, beſonders aber war es der Tabak. Die Dachtammer Zondrettes zeigte ſich ihm. Sonderbare Laune des Zufalls! Eine der beiden Spuren, die er ſo eifrig geſucht hatte, die, für welche er noch kürzlich ſo viele Anſtrengungen machte, und die er für immer verloren geglaubt hatte; bot ſich ihm von ſelbſt. Er entſiegelte heftig den Brief und las: „Mein Herr Baron! Wenn das höchſte Weſen mir die Talente verliehen hätte, ſo hätte ich der Baron Thenard, Mitglied des Inſtituts(Akademie der Wiſſenſchaften) ſein können, aber ich bin es nicht. Ich führe nur denſelben Namen wie er. Glücklich, wenn dieſe Erinnerung mich der Vortrefflichkeit Ihrer Güte empfiehlt. Die Wohlthat, durch die Sie mich beehren werden, ſoll gegenſeitig ſein. Ich bin im Beſitz eines Geheimniſſes, welches ein Individuum betrifft. Dies Individuum geht Sie an. Ich halte das Geheim⸗ niß zu Ihrer Verfügung, indem ich die Ehre zu haben wünſche, Ihnen nützlich zu ſein. Ich werde Ihnen das einfache Mittel angeben, aus Ihrer ehrenwerthen Familie dieſes Individunm zu verjagen, welches kein Recht dazu hat, da die Frau Baronin von hoher Geburt iſt. Das Heiligthum der Tugend kann nicht länger von dem Laſter bewohnt bleiben. Ich erwarte in dem Vorzimmer die Befehle des Herrn Baron. Mit Ehrerbietung unterzeichnet Thenard.“ Dieſe Unterſchrift war nicht falſch, ſie war nur ein Wenig abgekürzt. Uebrigens vervollſtändigte die Schreibart und die Ortho⸗ graphie die Aufklärung. Das Urſprungszeugniß war voll⸗ ſtändig. Ein Zweifel blieb nicht möglich. Marius Aufregung war tief. Nach der erſten Regung der Ueberraſchung hatte er eine Regung des Glückes. Fand er che qu S — che er er für liehen des „aber ie er. ichkeit Sie in im triff. heim⸗ haben das milie dazu Das Laſter errn ein nho⸗ voll⸗ gung Fond 6 er jetzt auch den andern Menſchen, den er ſuchte, der, wel⸗ cher ihn, Marius, gerettet hatte, dann blieb ihm nichts mehr zu wünſchen. Er öffnete ein Fach ſeines Schreibtiſches, nahm dar⸗ aus einige Bankbillets, ſteckte ſie in die Taſche, ſchloß den Schreibtiſch wieder und klingelte. Basque öffnete die Thür. „Laſſen Sie den Herrn eintreten,“ ſagte Marius. Basque meldete: „Herr Thenard.“ Ein Mann trat ein. Eine Ueberraſchung für Marius. Der Mann, welcher eintrat, war ihm durchaus unbekannt. Dieſer Mann, der übrigens alt war, hotte eine dicke Naſe, das Kinn in der Halsbinde, eine grüne Brille mit Klappen von grünem Tafft und die Haare glatt anliegend auf der Stirn, wie die Perrücke der engliſchen Kutſcher des High üfe. Seine Haare waren grau. Er war vom Kopf bis zu den Füßen ſchwarz gekleidet, ſehr abgetragen, aber ſauber; Berloques, die aus ſeiner Uhrtaſche hervorhingen, ließen in derſelben eine Uhr vermuthen. In der Hand trug er einen alten Hut. Er ging gebückt, und die Biegung ſeines Rückens vermehrte die Tiefe ſeines Grußes. Was gleich auf den erſten Blick auffiel, war, daß der Anzug dieſes Menſchen, der zu weit war, obgleich ſorgfältig zugeknöpft, nicht für ihn gemacht zu ſchien ſchien. Hier iſt eine Abſchweifung nothwendig. Es gab um jene Zeit in Paris, in einer dunklen Woh⸗ nung, in der Rue Beautreillis, in der Nähe des Arſenals einen ſinnreichen Juden, deſſen Geſchäft darin beſtand, einen Schelm in einen rechtſchaffenen Menſchen zu verwandeln. Nicht für lange Zeit, denn das wäre eine Verlegenheit für den Schelm geweſen. Die Umwandlung fand augenblicklich ſtatt. Für einen oder zwei Tage, gegen dreißig Sous täglich, 154 mittelſt einer Kleidung, welche ſo viel als möglich der Recht⸗ ſchaffenheit aller Welt glich. Dieſer Kleidervermiether nannte ſich der Tauſcher. Die pariſer Schelme hatten ihn den Namen gegeben und kannten keinen anderen von ihm. Er hatte ein ziemlich vollſtändiges Kleidermagazin. Die Fetzen, in welche er die Leute hüllte, waren ſo ungefähr wöglich. Er hatte beſondere Specialitäten und Kategorien; an jedem Nagel ſeines Magazins hing abgetragen und zerdrückt eine geſellſchaftliche Stellung; hier das Gewand des Beamten, dort die Kleidung des Pfarrers, da der Stock des Ban⸗ quiers; in einer Ecke die Uniform eines verabſchiedeten Militairs; anderwärts wieder die Kleidung eines Literaten und weiterhin die eines Staatsmannes. Dieſes Geſchöpf war der Coſtumier des ungeheuren Drama's, welches das Vagabundenthum in Paris ſpielt. Sein Loch war die Cou⸗ liſſe, aus welcher der Diebſtahl hervortrat, und in welche die Betrügerei zurückkehrte. Ein zerlumpter Schuft kam nach dieſem Kleidermagazin, zahlte dreißig Sous und wählte, je nach der Rolle, die er an dieſem Tage ſpielen wollte, die ihm zuſagende Kleidung, und wenn der Schuft die Treppe hinabſtieg, war er zu Jemand geworden. Am nächſten Tag wurden die Sachen getreulich zurückgebracht. Aber der Tauſcher, welcher Alles den Dieben anvertraute, ſah ſich niemals beſtohlen. Dieſe Kleider hatten den Uebelſtand: „ſie paßten nicht,“ da ſie nicht für die gemacht waren, die ſie trugen; ſie waren eng anliegend für dieſen, ſchlotternd für jenen, und paßten Niemand. Jeder Schelm, der die mittlere Menſchengröße an Kleinheit oder Größe überſchritt, befand ſich unbehaglich in den Kleidern des Tauſchers. Man durfte weder zu dick, noch zu mager ſein. Der Tauſcher hatte nur gewöhnliche Menſchen vor Augen gehabt. Er hatte das Maaß nach dem erſten beſten zu ihm gekommenen Schuft genommen, der weder groß noch klein, weder dick noch mager war. Daraus entſtanden für die Kunden des M —— Ta wie An Recht⸗ nannte ihn den m. Er Fetzen, wöglich. jedem ict eine eumten, Ban⸗ hiedeten iteraten eſcpf bes das ie Cou⸗ welche m nach hie, lle, die Treppe en Tag er der h ſich elſtand: n, die otternd er die ſchritt Man mchet t. ér nmenkn et dic en des 155 Tauſchers zuweilen Schwierigkeiten, aus denen ſie ſich zogen, wie ſie konnten. Deſto ſchlimmer für die Ausnahmen! Der Anzug des Staatsmannes z. B., ſchwarz von oben bis unten und folglich paſſend, wäre für Pitt zu weit und für Caſtel⸗ cicala zu eng geweſen. Dieſe Kleidung des Staats⸗ mannes war, wie folgt, in dem Katalog des Tauſchers bezeichnet. Wir copiren getreu:„Ein Rock von ſchwarzem Tuch, ein Beinkleid von ſchwarzem Wollenleder, eine ſeidene Weſte, Stiefel und Wäſche“ am Rande ſtand: ehemali⸗ ger Geſandter, und eine Anmerkung, die wir ebenfalls hier abſchreiben:„In einem beſonderen Käſtchen eine gut friſirte Perrücke, grüne Brille, Berloques und zwei kleine, einen Zoll lauge und mit Baumwolle umwickelte Feder⸗ ſpulen.“ Dies Alles rührte von dem Staatsmann, dem ehe⸗ maligen Geſandten her. Das ganze Coſtüm war, wenn man ſo ſagen darf, erſchöpft; die Nähte wurden weiß, ein unbe⸗ ſtimmtes Loch öffnete ſich an einem der Ellenbogen, außer⸗ dem fehlte auf der Bruſt ein Knopf; aber das war eine Nebenſache. Die Hand des Staatsmannes mußte ſtets in dem Rock und auf dem Herzen liegen und hatte ſo die Aufgabe, den abweſenden Knopf zu verdecken. Wenn Marius mit den geheimen Inſtitutionen von Paris vertraut geweſen wäre, ſo würde er ſogleich auf dem Rücken des Beſuchers, den Basque bei ihm eingeführt hatte, das von dem Haken des Tauſchers entlehnte Gewand des Staatsmannes erkannt haben. Die Täuſchung, die Marius empfand, als er einen andern Menſchen, als den Erwarteten, eintreten ſah, wurde zum Unwillen für den Beſucher. Er prüfte ihn vom Kopf bis zu den Füßen, während die Perſon ſich übermäßig ver⸗ neigte und fragte ihn mit kurzem Ton: „Was wollen Sie von mir?“ Der Menſch antwortete mit einem liebenswürdigen 156 Weſen, von welchem das liebkoſende Lächeln eines Krokodils einen Begriff geben würde: „Es kommt mir unmöglich vor, daß ich nicht ſchon die Ehre gehabt haben ſollte, den Herrn Baron in der Welt zu ſehen. Ich glaube, denſelben beſonders vor einigen Jahren bei der Frau Prinzeß Bagration und in dem Sa⸗ lon des Herrn Vicomte Dambray, Pair von Frankreich, bemerkt zu haben.“ Es iſt immer eine gute Taktik der Schufte, das Weſen anzunehmen, als erkenne man Jemand, den man nicht kennt. Marius war aufmerkſam auf die Rede dieſes Menſchen. Er lauſchte dem Ton und beobachtete die Bewegungen, allein ſeine Täuſchung wuchs; er hatte einen Naſenton gehört, durchaus verſchieden von dem ſcharfen und trocknen Klang der Stimme, den er erwartete. Er war ganz und gar aus der Bahn gebracht. „Ich kenne weder die Prinzeß Bagration, noch den Vicomte Dambray,“ ſagte er.„Ich habe in meinem Leben weder zu der Einen, noch dem Andern einen Fuß geſetzt.“ Die Antwort war mürriſch. Die freundliche Perſon aber fuhr fort: „So wird es bei Herrn von Chateaubriand geweſen ſein, daß ich den Herrn Baron ſah! Zch kenne Chateau⸗ briand ſehr genau. Er iſt ſehr zugänglich. Er ſagt zu⸗ weilen zu mir: Thénard, lieber Freund, trinken Sie nicht ein Gläschen mit mir?“ Marius' Stirn wurde immer ſtrenger und ſtrenger; er ſagte: „Ich habe nie die Ehre gehabt, bei Herrn von Cha⸗ teaubriand empfangen zu werden. Machen wir die Sache kurz. Was wollen Sie?“ Der Mann verneigte ſich vor der härteren Stimme nur noch tiefer. „ hören von Pe ſes D viereck ſteinen des P gegen eine 2 der T nition abet Terra von d nern dern Leite tern ſchm am wohr Wei ange wun Liu Diy de. odils ndie Welt igen Su⸗ eich, das man chen. llein ört, lang aus den eben rſon ſſen eau⸗ jl⸗ ſicht er he⸗ che me 157 „Mein Herr Baron, haben Sie die Güte, mich anzu⸗ hören. In Amerika, in einem Lande, welches an der Seite von Panama liegt, giebt es ein Dorf, Namens Joya. Die⸗ ſes Dorf beſteht aus einem einzigen Hauſe. Ein großes, viereckiges Haus von drei Stockwerken Höhe, von Ziegel⸗ ſteinen, die in der Sonne gehärtet ſind, erbaut; jede Seite des Vierecks, fünfzig Fuß lang, jedes Stockwerk zwölf Fuß gegen den unteren Stock zurückgezogen, ſo daß es vor ſich eine Terraſſe hat, welche um das ganze Gebäude läuft; in der Mitte ein innerer Hof, auf welchem Vorrath und Mu⸗ nition liegen; kein Fenſter, aber Schießſcharten, keine Thür, aber Leitern, Leitern, um von dem Boden nach der erſten Terraſſe hinaufzuſteigen, von der erſten nach der zweiten, von der zweiten nach der dritten; Leitern, um auf den in⸗ nern Hof zu gelangen, keine Thüren in den Zimmern, ſon⸗ dern Fallthüren, keine Treppen zu den Stuben, ſondern Leitern; am Abend ſchließt man die Fallthür, zieht die Lei⸗ tern zurück und legt Büchſen und Gewehre in die Schieß⸗ ſcharten; keine Möglichkeit, hinein zu gelangen. Ein Haus am Tage, eine Citadelle in der Nacht. Achthundert Ein⸗ wohner. So iſt das Dorf. Weshalb ſo viel Vorſicht? Weil das Land gefährlich iſt; es iſt von Menſchenfreſſern angefüllt. Weshalb geht man denn hin? Weil das Land wunderbar iſt; man findet dort Gold.“ „Wohin wollen Sie damit?“ unterbrach Marius, deſſen Täuſchung in Ungeduld überging. „Dahin, mein Herr Baron. Ich bin ein alter, müder Diplomat. Die alte Civiliſation iſt mir überdrüſſig gewor⸗ den. Ich will es mit den Wilden verſuchen.“ „Weiter?“ „Herr Baron, der Egoismus iſt das Geſetz der Welt. Die Proletarier⸗Bäuerin, welche auf Tagelohn arbeitet, wendet ſich um, wenn die Diligence vorüberfährt, die Eigen⸗ thümer⸗Bäuerin, die auf ihrem eigenen Felde arbeitet, wen⸗ 158 det ſich nicht um. Der Hund des Armen bellt den Reichen an, der Hund des Reichen den Armen. Zeder für ſich. Das Intereſſe, das iſt das Ziel der Menſchen. Das Gold, das iſt der Magnet.“ „Nun? kommen Sie zu Ende.“ „Ich möchte mich in Joya niederlaſſen. Wir find un⸗ ſerer Drei. Ich habe meine Gattin und meine Tochter; ein Mädchen, das ſehr ſchön iſt. Die Reiſe iſt lang und theuer. Ich brauche dazu ein wenig Geld.“ „Inwiefern geht mich das an?“ fragte Marius. Der Unbckannte zog den Hals aus der Halsbinde her⸗ vor, eine Bewegung, welche dem Geier eigenthümlich iſt, und entgegnete mit verdoppeltem Lächeln: „Hat der Herr Baron meinen Brief nicht geleſen?“ Das war ſo ziemlich wahr. Die Sache iſt, daß der Inhalt der Epiſtel an Marius abgeglitten war. Er hatte mehr die Schrift geſehen, als den Brief geleſen, er erinnerte ſich derſelben kaum. Seit einem Augenblick war ihm ein neuer Gedanke gekommen. Er hatte die Worte bemerkt: meine Gattin und meine Tochter. Er richtete auf den Un⸗ bekannten einen durchdringenden Blick. Ein Unterſuchungs⸗ richter hätte nicht ſchärfer ſehen können. „Sprechen Sie ſich deutlicher aus.“ Der Unbekannte ſteckte ſeine beiden Hände in ſeine beiden Taſchen, erhob den Kopf, ohne das Rückgrad zu er⸗ heben, allein indem er ſeinerſeits Marius mit dem Blicke durch ſeine grüne Brille maß. „Es ſei, mein Herr Baron. Ich ſpreche mich deut⸗ licher aus. Ich habe Ihnen ein Geheimniß zu verkaufen“ „Ein Geheimniß?“ „Ein Geheimniß⸗“ „Das mich hetrifft?“ „Ein wenig.“ „Worin beſteht das Geheimniß?“ dem e ſollen einen nen wn, Lha rung Lha noch in faſſ ren S w ni hatte nerte ein erkt: Un⸗ ngs⸗ ſein u er⸗ lide deut⸗ ℳ ſen⸗ Marius erforſchte den Menſchen mehr und mehr, in⸗ dem er auf ihn hörte. „Ich beginne ſofort,“ ſagte der Unbekannte.„Sie ſollen ſehen, daß ich intereſſant bin.“ „Sprechen Sie.“ „Herr Baron, Sie haben bei ſich einen Dieb und einen Mörder.“ Marius erbebte. „Bei mir? Nein,“ ſagte er. Der Unbekannte, der unerſchütterlich blieb, wiſchte ſei⸗ nen Hut mit dem Aermel und fuhr fort: „Mörder und Dieb. Bemerken Sie, mein Herr Ba⸗ ron, daß ich hier nicht von früheren, veralteten, verfallenen Thatſachen ſpreche, welche vor dem Geſetz durch Verjäh⸗ rung und vor Gott durch Reue ausgelöſcht ſein können. Ich ſpreche von kürzlichen Thatſachen, von gegenwärtigen Thatſachen, von Thatſachen, welche die Juſtiz augenblicklich noch nicht kennt. Ich fahre fort. Dieſer Menſch hat ſich in Ihr Vertrauen und beinahe in Ihre Familie unter einem falſchen Namen eingeſchlichen. Ich will Ihnen ſeinen wah⸗ ren Namen ſagen. Ich ſage Ihnen denſelben umſonſt.“ „Ich höre.“ „Er nennt ſich Jean Valjean.“ „Ich weiß es.“ „Zch will auch ebenfalls umſonſt ſagen, wer er iſt.“ „Sagen Sie es.“ „Ein ehemaliger Galeerenſträfling.“ „Ich weiß es.“ „Sie wiſſen es, ſeitdem ich die Ehre gehabt habe, es Ihnen zu ſagen.“ „Nein, ich wußte es vorher.“ Der kalte Ton Marius, die voppelte Antwort: Ich weiß es, ſein gegen das Geſpräch ſich auflehnender Lako⸗ nismus, bewirkte in dem Unbekannten einen dumpfen Zorn. 160 Er ſchleuderte verſtohlen auf Marius einen wüthenden Blick, der ſogleich wieder erloſch. So flüchtig dieſer Blick auch war, gehörte er dennoch zu denen, die man wieder erkennt, wenn man ſie nur ein einziges Mal geſehen hat; er ent⸗ ging Marius nicht. Gewiſſes Aufblitzen kann nur von ge⸗ wiſſen Seelen herrühren: das Auge, dieſes Luftloch des Gedankens, wird davon erfüllt; die Brille verbirgt Nichts. Der Unbekannte fuhr lachend fort: „Ich erlaube mir nicht, dem Herrn Baron zu wider⸗ ſprechen. Auf jeden Fall müſſen Sie ſehen, daß ich gut unterrichtet bin. Das, was ich Ihnen jetzt mittheilen will, iſt nur mir allein bekannt. Es betrifft das Vermögen der Frau Baronin. Es iſt ein außergewöhnliches Geheimniß. Es iſt zu verkaufen. Ihnen biete ich es zunächſt an. Ein guter Handel. Zwanzigtauſend Francs.“ „Ich kenne dies Geheimniß, wie die Uebrigen,“ ſagte Marius. Die Perſon fühlte das Bedürfniß, den Preis etwas herabzuſetzen. „Herr Baron, geben Sie zehntauſend Franecs, und ich ſpreche.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß Sie mir Nichts mitzuthei⸗ len haben. Ich weiß, was Sie mir ſagen wollen.“ Es zuckte aus dem Auge des Menſchen ein neuer Blitz. „Ich muß aber doch heute zu Mittag eſſen. Es iſt ein außerordentliches Geheimniß, ſage ich Ihnen. Herr Baron, ich werde ſprechen. Ich ſpreche. Geben Sie mir zwanzig Francs.“ Marius ſah ihn feſt an und ſagte: „Ich kenne Ihr anßerordentlich Geheimniß; ebenſo wie ich den Namen Jean Valjean wußte, weiß ich auch Ihren Namen.“. „Meinen Namen?“ Jr Ehre The — lich auch nnt, ent⸗ ge⸗ des hts. ider⸗ gut will, der niß. Ein ſagte lwas dich hei⸗ Blitz⸗ s iſ Herr mr wie hrel 161 „Das iſt nicht ſchwer, Herr Baron. Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen denſelben zu ſchreiben und zu nennen: Thenard.“ „Dikr. „Wie?“ „Thénardier.“ „Wer iſt das?“ In der Gefahr ſträubt das Stachelſchwein ſeine Stacheln, der Käfer ſtellt ſich todt, die alte Garde bildet ein Carré, dieſer Menſch lachte. Dann ſtaubte er mit einem Schnippchen den Aermel ſeines Rockes ab. Marius fuhr fort: „Sie ſind auch der Arbeiter Jondrette, der Schauſpieler Fabanton, der Dichter Genflot, der Spanier Don Alvares und die Frau Balizard.“ „Die Frau wer?“ „Und Sie haben eine Kneipe in Montfermeil gehabt.“ „Eine Kneipe! Niemals.“ „Und ich ſage Ihnen, daß Sie Thénardier heißen.“ „Ich leugne es.“ „Und daß Sie ein Schuft ſind. Nehmen Sie.“ Marius zog aus der Taſche eine Banknote und warf ſie ihm in das Geſicht. „Ich danke! Verzeihung! Fünfhundert Francs! Mein Herr Baron!“ Und ganz verwirrt grüßend, ergriff der Menſch den Bankzettel und beſichtigte ihn. „Fünfhundert Francgs!“ fuhr er ganz verdutzt fort. Dann ſtammelte er halblaut:„echte Fetzen!“ Dann rief er plötzlich aus: „Nun gut, es ſei. Machen wir es uns bequem.“ Und mit der Schnelligkeit eines Affen warf er ſeine Haare zurück, riß ſeine Brille herunter, zog aus ſeiner Naſe Die Elenden. X 11 162 die beiden Federſpulen, von denen oben die Rede war, und die man überdies ſchon auf einem andern Blatte dieſes Buches geſehen hat und nahm ſein Geſicht ab, wie man ſeinen Hut abzunehmen pflegt. Das Auge erhellte ſich; die ungleiche, runzliche, an vielen Stellen erhöhte Stirn glättete ſich, die Naſe wurde wieder ſpitz, wie ein Schnabel, das milde und lauernde Profil des blutgierigen Menſchen zeigte ſich. „Der Herr Baron ſind unfehlbar,“ ſagte er mit einer klaren Stimme, aus welcher jeder Naſenton verſchwunden war,„ich bin Thénardier.“ Und er richtete ſeinen gekrümmten Rücken empor. Thénardier, denn er war es wirklich, fühlte ſich ſonder⸗ bar überraſcht; er würde verwirrt geweſen ſein, hätte er es werden können. Er war gekommen, um Staunen zu er⸗ regen, und er war es, der es empfand. Dieſe Demüthi⸗ gung wurde mit fünfhundert Francs bezahlt, und er nahm dieſe an, aber er war deshalb nicht minder betäubt. Er ſah zum erſten Male dieſen Baron Pontmerch, und ungeachtet ſeiner Verkleidung hatte der Baron ihn erkannt, ihn gründlich erkannt. Nicht nur war dieſer Baron über Thenardier im Klaren, ſondern er ſchien auch über Jean Valjean im Klaren zu ſein. Wer war denn dieſer junge, beinahe unbärtige Menſch, ſo eiskalt und ſo großmüthig, der die Namen der Leute kannte, alle ihre Namen und ihnen ſeine Börſe öffnete, der die Vagabunden wie ein Richter abführte und ſie bezahlte, wie ein Betrogener? Thenardier war, wie man ſich erinnern wird, zwar Marius' Nachbar geweſen, hatte ihn aber nie geſehen, wie dies in Paris ſehr häufig iſt. Er hatte früher ſeine Toch⸗ ter oberflächlich von einem jungen, ſehr armen Mann ſpre⸗ chen hören, der Marius hieß und in ihrem Hauſe wohnte. Er hatte ihm, ohne ihn zu kennen, den bewußten Brief ge⸗ ſch die eſes man an urde nde iner nden der⸗ es er⸗ thi⸗ ahm und mnt, über ean nge, thig, hnen chter 153 ſchrieben. In ſeinem Geiſte war keine Annäherung zwiſchen dieſem Marius und dem Baron von Pontmerch möglich. Uebrigens war es ihm durch ſeine Tochter Azelmg, die er am 16. Februar den Neuvermählten nachſchickte und durch ſeine perſönlichen Nachforſchungen gelungen, viele Dinge zu erfahren, und er hatte in dieſem dunklen Hinter⸗ grunde mehr als einen geheimnißvollen Faden erfaßt. Er hatte durch Induſtrie entdeckt oder wenigſtens durch Ver⸗ muthungen errathen, wer der Menſch war, dem er an einem gewiſſen Tage in dem großen Abzugskanal begegnete. Von dem Mann war er leicht zu dem Namen gelangt. Er wußte, daß die Frau Baronin Pontmerch Coſette war. Aber auf dieſer Seite dachte er verſchwiegen zu ſein. Wer war Coſette? Er wußte es ſelbſt nicht genau. Er vermu⸗ thete irgend einen Baſtard; die Geſchichte Fantinens war ihm ſtets verdächtig vorgekommen; aber wozu nützt es, davon zu ſprechen? Um ſich ſein Schweigen bezahlen zu laſſen? Er hatte etwas Beſſeres zu verkaufen, oder glaubte es wenigſtens zu haben. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hätte, auch ohne Beweiſe, die dem Baron Pontmerch gemachte Mittheilung: Ihre Frau iſt ein Baſtard, zu Nichts geführt, als den Rock des Ehemannes mit dem Rücken des Elenden in Berührung zu bringen. Nach der Anſicht Thénardiers hatte die Unterredung mit Marius noch nicht begonnen. Er mußte zurückweichen, ſeine Strategie ändern, eine Stellung aufgeben, die Fronte verändern; aber noch war nichts Weſentliches gefördert, und er hatte fünfhundert Francs in der Taſche. Außerdem hatte er etwas Entſcheidendes zu ſagen, und ſelbſt gegen dieſen Baron Pontmercy, der ſo gut unterrichtet und ſo gerüſtet war, fühlte er ſich ſtark. Für Menſchen von der Natur Thenardiers iſt jedes Zwiegeſpräch ein Kampf. Wie war ſeine Lage bei dem, welches beginnen ſollte? Er wußte nicht, mit wem er ſprach, aber er wußte, von was er ſprach. 11* 164 Er nahm raſch eine innere Ueberſicht ſeiner Kräfte vor und nachdem er gefagt hatte: Ich bin Thénardier, war⸗ tete er. Marius war nachdenkend geblieben. Er hatte alſo endlich Thénardier gefunden. Der Menſch, den er wieder zu finden ſo fehr gewünſcht hatte. Er konnte alſo der Er⸗ mahnung des Oberſten Pontmerch Ehre machen. Er fühlte ſich gedemüthigt, daß dieſer Held dieſem Banditen irgend Etwas ſchuldig war, und daß der Wechſel, den ſein Vater aus dem Grabe auf ihn, Marius, gezogen, bisher proteſtirt blieb. Es ſchien ihm auch in der eigenthümlichen Lage, in welcher ſein Geiſt ſich Thénardier gegenüber erblickte, daß er Urſache hätte, den Oberſten für das Unglück zu rächen, durch einen ſolchen Schuft gerettet worden zu ſein. Wie dem aber auch ſein mochte, fühlte er ſich zufrieden. Er ſollte endlich den Schatten des Oberſten von dieſem unwür⸗ digen Gläubiger befreien, und es ſchien ihm, als könnte er jetzt das Andenken ſeines Vaters aus dem Schuldgefäng⸗ niß erlöſen. Ueber dieſer Pflicht hatte er noch eine andere, wo mög⸗ lich die Quelle von dem Vermögen Coſettens zu entdecken. Die Gelegenheit dazu ſchien ſich zu bieten. Thénardier wußte vielleicht Etwas. Es konnte nützlich ſein, dieſen Menſchen zu ergründen. Damit beganm er. Thénardier hatte den„echten Fetzen“ in ſeiner Taſche verſchwinden laſſen und ſah Marius mit einer beinahe zärt⸗ lichen Sanftmuth an. Marius brach das Schweigen. „Thenardier, ich habe Ihnen Ihren Namen geſagt. Wollen Sie, daß ich Ihnen jetzt auch das Geheimniß ſagen ſoll, das Sie mir mitzutheilen kamen? Ich habe auch meine Erkundigungen eingezogen. Sie ſollen ſehen, daß ich mehr weiß wie Sie. Zean Valjean iſt, wie Sie ſagen, ein Mör⸗ der und Dieb. Ein Dieb, weil er einen reichen Fabrikanten be loi er und ar⸗ alſo der Fr⸗ hlte end atet ftürt daß hen, Wie Er ür⸗ eer ing⸗ nög⸗ cken. dier ſen ſche zit⸗ ſagt. ugel neine mehr mnten 165 beraubte, deſſen Untergang er herbeiführte, Herrn Made⸗ laine. Ein Mörder, weil er den Polizeiagenten Javert ermordet hat.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Baron,“ ſagte Thé⸗ nardier. „Ich will mich verſtändlich machen. Es gab in dem Arrondiſſement des Pas de Calais im Jahre 1822 einen Menſchen, der einen alten Handel mit der Gerechtigkeit ge⸗ habt hatte und der ſich unter dem Namen eines Herrn Madelaine erhoben und zu Ehren gebracht hatte. Dieſer Menſch war in der ganzen Bedeutung des Wortes ein Ge⸗ rechter. Durch eine Induſtrie, die Fabrikation ſchwarzer Glaswaaren, hatte er das Glück einer ganzen Stadt be⸗ gründet. Sein eigenes Glück hatte er dabei auch gemacht, aber, ſo zu ſagen, nebenher und gewiſſermaßen nur gelegent⸗ lich. Er war der Pflegevater der Armen. Er begründete Hospitäler, eröffnete Schulen, beſuchte die Kranken, ſtattete die Mädchen aus, unterſtützte die Wittwen, nahm die Waiſen auf; er war wie ein Vormund des Landes. Er hatte das Kreuz abgelehnt und man hatte ihn zum Maire ernannt. Ein entlaſſener Galeerenſträfling kannte das Geheimniß der Strafe, welche dieſer Menſch ehemals erlitten; er zeigte ihn an, ließ ihn verhaften und benutzte ſeine Verhaftung, um nach Paris zu gehen und ſich durch den Bankier Laffitte— ich habe dieſe Umſtände von dem Caſſirer ſelbſt— mittelſt einer falſchen Unterſchrift eine Summe von mehr als einer halben Million ausliefern zu laſſen, die Herrn Madelaine gehörte. Dieſer Züchtling, welcher Herrn Madelaine be⸗ ſtohlen hatte, iſt Jean Valjean. Was die andere Thatſache betrifft, ſo haben Sie mir darüber auch nichts Neues mit⸗ zutheilen. Jean Valjean hat den Agenten Javert getödtet; er hat ihn durch einen Piſtolenſchuß getödtet. Ich, der ich mit Ihnen ſpreche, war zugegen.“ Thenardier warf auf Marius den ſtolzen Blick eines 166 Menſchen, der geſchlagen iſt, den Sieg wieder in die Hand bekömmt und in einer Minute den ganzen verlorenen Boden wieder gewinnt. Aber ſein Lächeln kehrte augenblicklich zu⸗ rück; der Untergebene muß dem Höheren gegenüber den Triumpf eines Hundes haben, und Theénardier beſchränkte ſich darauf, zu Marius zu ſagen: „Mein Herr Baron, wir ſind auf falſcher Fährte.“ Er bezeichnete dieſe Worte beſonders dadurch, daß er ſeine Berloques einen ausdrucksvollen Kreis beſchreiben ließ. „Wie,“ entgegnete Marius,„beſtreiten Sie das? Es ſind Thatſachen.“ „Es ſind Chimären. Das Vertrauen, mit dem der Herr Baron mich beehren, macht es mir zur Pflicht, Ihnen dies zu ſagen. Vor allen Wahrheit und Gerechtigkeit. Ich liebe es nicht, die Menſchen ungerecht anklagen zu ſehen. Herr Baron, Jean Valjean hat Herrn Madelaine nicht be⸗ raubt, und Jean Valjean hat Javert nicht getödtet.“ „Das iſt ſtark! Woher?“ „Aus zwei Gründen.“ „Aus welchen? Sprechen Sie.“ „Hier iſt der erſte Grund: Er hat Herrn Madelaine nicht beſtohlen, denn Jean Valjean iſt ſelbſt dieſer Herr Madelaine.“ „Was ſagen Sie mir da?“ „Und hier der zweite Grund: Er hat Javert nicht er⸗ mordet, denn der, welcher Javert tödtete, iſt Javert ſelbſt geweſen.“ „Was wollen Sie ſagen?“ „Javert hat einen Selbſtmord begangen.“ „Beweiſen Sie! Beweiſen Sie!“ rief Marius außer ſich. Thénardier entgegnete, indem er ſeine Worte betonte, wie wenn einen Alexandriner ſcandirte: and den zu⸗ den nkte er iben Es aine err te⸗ elbſt rius onte 167 „Der— Po— li— zei— agent— Ja— vert— iſt— unter— der— Wech— ſel— brü— cke— er— trun— ken— ge— fun— den.“ „Aber beweiſen Sie!“ Thenardier zog aus der Seitentaſche ein großes graues Papier, welches mehrere zuſammengefaltete Blätter von ver⸗ ſchiedenen Größen zu enthalten ſchien. „Ich habe meine Acten!“ ſagte er mit größter Ruhe. Dann fügte er hinzu: „Mein Herr Baron, in Ihrem Intereſſe habe ich Jean Valjean gründlich kennen lernen wollen. Ich ſage, daß Jean Valjean und Madelaine ein und derſelbe Menſch ſind, und ſage, daß Javert teinen anderen Mörder hatte, als Javert, und wenn ich ſpreche, ſo geſchieht das, weil ich Beweiſe habe. Nicht geſchriebene Beweiſe, denn die Schrift iſt verdächtig, die Schrift iſt gefällig, ſondern gevruckte Be⸗ weiſe.“ Indem Thénardier ſo ſprach, nahm er aus einem Papier zwei Nummern einer alten, vergelbten, zerknitterten und ſtark nach Tabak riechenden Zeitung. Die eine dieſer Nummer, welche in dem Brüchen durchrieben war und in viereckige Stücke auseinanverfiel, ſchien viel älter zu ſein als die andere. „Zwei Thatſachen, zwei Beweiſe,“ ſagte Thénardier. Und er hielt Marius die beiden Zeitungsblätter entfal⸗ tet hin. Dieſe beiden Zeitungsblätter kennt der Leſer. Das eine, das älteſte, eine Nummer des Drapeau blanc, vom 25. Juli 1823, deſſen Text in dem dritten Bande dieſes Buches angegeben wurde, bewieß die Iventität Herrn Ma⸗ delaine's mit Jean Valjean. Das andere Blatt, ein Moni⸗ teur vom 15. Juni 1832, verkündete den Selbſtmord Javerts und fügte hinzu, daß, in Folge eines Berichts, den Javert dem Polizeipräfecten erſtattete, derſelbe in einer Barrikade ——— ———— 168 der Rue de la Chanvrerie zum Gefangenen gemacht worden wäre, und ſein Leben der Großmuth eines Inſurgenten ver⸗ dankt hätte, der ihn vor der Mündung ſeiner Piſtole hatte, ſtatt ihm aber den Kopf zu zerſchmettern, in die Luft ſchoß. Marius las. Das war ein unwiderleglicher Beweis, die beiden Zeitungen waren nicht gedruckt worden, um die Ausſage Thénardiers zu beſtätigen. Die Nachricht des Moniteurs war eine Bekanntmachung der Polizeipräfectur. Marius konnte nicht zweifeln. Die Mittheilungen des Kaſſirers waren falſch, und er ſelbſt hatte ſich getäuſcht. Jean Valjean wurde plötzlich groß, indem er aus der Dunkelheit hervortrat. Marius konnte einen Freudenſchrei nicht unterdrücken, dann rief er aus: „Iſt dieſer Unglückliche ein bewundernswürdiger Menſch? Das Vermögen gehörte wirklich ihm! Er iſt Madelaine, die Vorſehung einer ganzen Provinz! Er iſt Zean Valjean, der Retter Faverts! Er iſt ein Held! Er iſt ein Hei⸗ liger!“ „Er iſt nicht ein Heiliger, er iſt nicht ein Held,“ ſagte Theénardier.„Er iſt ein Mörder und ein Dieb.“ Und er fügte mit dem Tone eines Menſchen hinzu, der fühlt, daß er einige Autorität gewährt:„Beruhigen wir uns.“ Dieb, Mörder, dieſe Worte, welche Marius verſchwun⸗ den glaubte und die zurückkehrten, trafen ihn wie ein kaltes Sturzbad. „Noch!“ ſagte er. „Immer,“ entgegnete Thénardier.„Jean Valjean hat Madelaine nicht beſtohlen, aber er iſt ein Dieb. Er hat Javert nicht getödtet, aber er iſt ein Mörder.“ „Wollen Sie von dem elenden Diebſtahl ſprechen, ent⸗ gegnete Marins, den er vor vierzig Zahren verübte und büßte, und wie dies aus Ihren Zeitungen ſelbſt hervorgeht, hu hat ent⸗ und ehe — durch ein ganzes Leben der Reue, durch Selbſtverleugnung und Tugend büßte?“ „Ich ſage, Mord und Diebſtahl, Herr Baron. Ich wiederhole dabei, daß ich von neuen Thatſachen ſpreche. Was ich Ihnen zu offenbaren habe, iſt durchaus unbekannt. Es iſt noch nicht herausgegeben. Vielleicht finden Sie darin die Quelle des Reichthums, welchen Jean Valjean ſo ge⸗ ſchickt der Frau Baronin angeboten hat. Ich ſage geſchickt, denn durch ein Geſchenk dieſer Art, ſich in ein ehrenwerthes Haus einzuſchleichen, deſſen Wohlſtand man theilt, und zu gleicher Zeit ſein Verbrechen zu verbergen, ſeines Diebſtahls zu genießen, ſeinen Namen zu verhehlen, ſich eine Familie zu bilden, das iſt aber nicht ſehr ungeſchickt.“ „Ich könnte Sie hier unterbrechen, bemerkte Marius, doch fahren Sie fort.“ „Herr Baron, ich will Alles ſagen und überlaſſe dann die Belohnung Ihrer Großmuth. Dieſes Geheimniß iſt Maſſen Goldes werth. Sie werden mir ſagen: Weshalb haſt Du Dich nicht an Jean Valjean gewendet? Aus einer ganz einfachen Urſache: Ich weiß, daß er ſich ſeines Reich⸗ thums entledigt hat, entledigt zu Ihrem Gunſten, und ich finde das ſehr ſinnreich; aber er hat keinen Sou mehr, er würde mir ſeine leeren Hände zeigen, und da ich einigen Geldes bedarf, um eine Reiſe nach Joha zu machen, ziehe ich Sie, der Alles hat, dem vor, der Nichts hat. Ich bin ein wenig ermüdet, geſtatten Sie mir einen Stuhl zu nehmen.“ Marius ſetzte ſich und gab ihm ein Zeichen ſich eben⸗ falls zu ſetzen. Thenardier nahm Platz auf einem Stuhle, ergriff die beiden Zeitungsblätter, legte ſie wieder in die Hülle und murmelte, indem er mit dem Nagel auf den Drapeau blane zeigte:„Das hat mir viel Mühe gemacht, es zu bekommen.“ Als er dies gethan hatte, kreuzte er die Beine, lehnte ſich 1 170 zurück, eine Haltung, welche den Menſchen eigen iſt, die deſſen gewiß ſind, was ſie zu ſagen haben, und begann dann, jedes ſeiner Worte beſonders betonend. „Herr Baron, am 6. Juni 1832, an einem Tage des Aufſtandes, befand ſich ein Menſch in dem großen Abzugs⸗ kanal von Paris, an der Stelle, wo der Kanal ſich in die Seine ergießt, zwiſchen der Brücke der Invaliden und der Brücke von Jena.“ Marius rückte haſtig ſeinen Stuhl dem Thénardier näher. Thénardier benutzte dieſe Bewegung und fuhr mit der Langſamkeit eines Redners fort, der ſeinem Zuhörer gefeſſelt ſieht und die ängſtlichen Athemzüge ſeines Gegners unter ſeinen Worten fühlt. „Dieſer Menſch, welcher aus Gründen, die der Politik fremd ſind, gezwungen war, ſich zu verbergen, hatte den Kanal zur Wohnung gewählt und einen Schlüſſel zu dem⸗ ſelben. Es war, ich wiederhole es, am 6. Juni. Es mochte 8 Uhr Abends ſein. Der Menſch hörte Geräuſch in dem Kanale. Sehr überraſcht, verſteckte er ſich und lauerte. Es war das Geräuſch von Schritten; man ging in der Dunkelheit, man kam nach einer Seite. Sonderbar; es gab in dem Kanale noch einen andern Menſchen, wie ihn. Das Ausgangsgitter war nicht weit. Ein wenig Licht, welches durch daſſelbe hereinfiel, geſtattete ihm, den Ankommenden zu erkennen und zu ſehen, daß derſelbe Etwas auf dem Rücken trug. Der Menſch, welcher ſo gebückt ging, war ein ehemaliger Galeerenſträfling, und was er auf dem Rücken trug, war eine Leiche. Ertappung bei der That eines Mordes, wenn es je einen gab. Was den Raub be⸗ trifft, ſo verſteht ſich der von ſelbſt; man tödtet einen Men⸗ ſchen nicht umſonſt. Dieſer Züchtling wollte die Leiche in den Fluß werfen. Eine Thatſache iſt hier zu erwähnen, nämlich, daß dieſer Züchtling, ehe er zu dem Ausgangs⸗ gitter kam, durch einen furchtbaren Erdſturz den Weg hatte neh ln L — 171 4 die nehmen müſſen, wo er die Leiche leicht hätte hineinwerfen gann können; aber gleich am nächſten Tag würden die Schleuſen⸗ räumer, indem ſie an dem Erdſturz arbeiteten, den Ermor⸗ des deten darin gefunden haben und das ſagte dem Mörder zugs⸗ nicht zu. Er hatte es vorgezogen, mit ſeiner Laſt auf dem ndie Rücken, durch den Erdſturz zu gehen und ſeine Anſtrengun⸗ der gen dabei müſſen furchtbar geweſen ſein, denn es iſt un⸗ möglich, ſein Leben größerer Gefahr auszuſetzen; ich begreife mie es nicht, daß er lebend herausgekommen iſt.“ mit Marius Stuhl wurde noch näher gerückt. Thénardier hörer benutzte dies, um einen langen Athemzug zu thun. Dann ners fuhr er fort: „Herr Baron, ein Abzugskanal iſt nicht das Marsfeld. olitik Man leidet drinnen Mangel an Allem und ſelbſt an Platz. den Wenn zwei Menſchen darinnen ſind, müſſen ſie einander be⸗ dem⸗ gegnenn Das iſt es, was geſchah. Der Anſäßige und der ochte Durchgehende waren gezwungen, ſich einander guten Tag dem zu ſagen, mit gegenſeitigem Bedauern. Der Durchgehende uert. ſagte zu den Anſäßigen: Du ſiehſt, was ich auf dem der Rücken habe, ich muß hinaus, Duhhaſt den Schlüſ⸗ gub ſel, gieb ihn mir.— Dieſer Züchtling war ein Menſch Das von ungeheurer Kraft. Sein Verlangen ließ ſich nicht ab⸗ ces ſchlagen. Indeß unterhandelte der, welcher den Schlüſſel den beſaß, nur um Zeit zu gewinnen. Er unterſuchte den Tod⸗ den ten, aber er konnte nichts ſehen, als daß er jung, gut ge⸗ vor kleidet, ſcheinbar reich und ganz von Blut entſtellt war. den Indem er plauderte, fand er die Mittel, von hinten und Lha ohne das der Mörder es bemerkte, ein Stück von dem Rock pte⸗ des Ermordeten abzureißen. Ein Ueberführungsſtück, wie ſie wohl begreifen; ein Mittel, die Spur der Dinge aufzu⸗ finden und dem Verbrecher ſein Verbrechen zu beweiſen. Er ſteckte das Ueberführungsſtück in die Taſche, dann öff⸗ n nete er das Gitter, ließ den Menſchen mit ſeiner Verlegen⸗ angs⸗ heit auf dem Rücken hinaus, ſchloß das Gitter wieder und hate 172 rettete ſich, indem er keine Luft hatte in das weitere Aben⸗ teuer gemiſcht zu werden und beſonders, da er nicht zu⸗ gegen ſein wollte, wenn der Mörder den Ermordeten in den Fluß werfen würde. Sie begreifen jetzt, der, welcher die Leiche trug, war Jean Valjean; der, welcher den Schlüſ⸗ ſel hatte, ſpricht in dieſem Augenblick mit ihnen; und das Stück von dem Rock—“ Theénardier endete ſeinen Satz, indem er aus ſeiner Taſche ein ſchwarzes, zerriſſenes Tuch zog, das ganz mit dunklen Flecken bedeckt war und es zwiſchen Daumen und Zeigefinger in die Höhe hob. Marius war aufgeſtanden, bleich, kaum noch athmend, die Augen ſtarr auf das Stückchen Tuch gerichtet, und, ohne eine Wort zu ſprechen, ohne den Blick von dieſem Fetzen abzuwenden, taumelte er gegen die Mauer zurück, ſtreckte die rechte Hand hinter ſich aus und ſuchte taſtend nach einem Schlüſſel, der in dem Schloſſe eines Schrankes neben dem Kamin ſtak. Er fand den Schlüſſel, öffnetete den Schrank, fuhr mit dem Arm hinein, ohne ſich umzuſehen, und ohne daß ſein entſetztes Auge ſich von dieſem Fetzen abwendete, den Thénardier in die Höhe hielt. Indeß fuhr Thénardier fort: „Herr Baron, ich habe die trifftigſte Urſache zu glau⸗ ben, daß der verwundete junge Mann ein reicher Fremder war, den Jean Valjean in irgend eine Schlinge gelockt hatte und der eine ungeheure Summe bei ſich trug.“ „Der junge Mann war ich und hier iſt der Rock!“ ſchrie Marius, indem er einen alten, ganz blutigen, ſchwarzen Rock auf den Boden ſchleuderte. Dann riß er den Fetzen aus Thénardiers Händen, kniete neben den Rock nieder und näherte das abgeriſſene Stück dem zerriſſenen Schooß. Die beiden Riſſe paßten genau zu einander und der Fetzen vervollſtändigte den bluti⸗ gen Rock. gebl Uq i Aben⸗ zu⸗ en in elcher chlüſ⸗ das ſeiner mit n und mend, „ohne Feten ſreckte nach neben e den ſehen, Fetzen gal⸗ emnder ſoc“ atzen änden, riſſene paßlen hlun⸗ 173 Thénardier war erſtarrt. Er dachte:„Ich bin ab⸗ geblitzt.“ Marius erhob ſich bebend, außer ſich, freudeſtrahlend. Er griff in die Taſche und ging wüthend auf Thé⸗ nardier zu und zeigte ihm die Fauſt, beinahe auf ſein Ge⸗ ſicht drückend und angefüllt mit Fünfhundert⸗ und Tauſend⸗ francsbillets. „Sie ſind ein Nichtswürdiger!“ ſchrie er„Sie ſind ein Lügner, ein Verleumder, ein Ungeheuer. Sie kamen, dieſen Menſchen anzuklagen und haben ihn gerechtfertigt, Sie wollen ihn in das Verderben ſtürzen und es gelang Ihnen nur, ihn zu preiſen. Sie ſind es, der ein Dieb iſt! Sie ſind es, der ein Mörder iſt! Ich habe Sie ge⸗ ſehen, Thénardier Jondrette, in der Dachkammer des Boulevards de['Hospital. Ich weiß genug über Sie, um Sie in das Bagno zu ſchicken und ſelbſt noch weiter, wenn ich wollte. Nehmen Sie, hier ſind tauſend Francs, Sie Schuft, der Sie ſind.“ Und er warf Thénardier eine Banknote von Tauſend Francs hin. „Ha! Jondrette Thénardier; gemeiner Schuft! Das diene Ihnen zur Lehre, Sie Geheimnißverkäufer, Sie Myſte⸗ rienhändler, Sie Dunkelheitsdurchſucher, Sie Elender! Waterloo beſchütze Sie.“ „Waterloo!“ brummte Thénardier, indem er die Fünf⸗ hundert Franecs mit den Tauſend Franecs einſteckte. „Ja, Mörder! Sie haben dort einen Oberſten das Leben gerettet—“ „Einem General,“ ſagte Thöénardier, indem er den Kopf erhob.“ „Einem Oberſten!“ entgegnete Marius heftig. Ich würde keinen Liard geben, für einen General. Und Sie kommen hierher, um Nichtswürdigkeiten zu begehen! Ich ſage Ihnen, daß Sie alle dieſe Verbrechen begangen haben. 174 Gehen Sie! Verſchwinden Sie! Seien Sie glücklich! Das iſt Alles, was ich wünſche. Ha, Ungeheuer! Da ſind noch drei Tauſendfrancsbillets. Nehmen Sie ſie. Sie werden gleich morgen mit Ihrer Tochter nach Amerika reiſen, denn Ihre Frau iſt todt, abſcheulicher Lügner. Ich werde über Ihre Abreiſe wachen, Bandit und Ihnen in dem Angenblick derſelben zwanzig Tauſend Franes auszahlen. Gehen Sie, um ſich anderwärts hängen zu laſſen.“ „Herr Baron,“ erwiderte Thénardier, indem er bis zur Erde grüßte,„ewige Dankbarkeit!“ Thénardier ging; er begriff nichts, er war verdutzt und entzückt über dieſe ſanfte milde Vernichtung durch einen Sack Goldes und über dieſen Blitz, der in Banknoten auf ſeinen Kopf herabzuckte. Niedergeſchmettert war er, aber zufrieden auch; und er würde ſehr böſe geweſen ſein, hätte er einen Blitzableiter gegen dieſen Blitz benutzen wollen. Kommen wir ſogleich mit dieſem Menſchen zu Ende. Zwei Tage nach den ſo eben erzählten Ereigniſſen reiſte er auf Marius Veranſtaltung, unter einem fremden Namen mit ſeiner Tochter Azelma nach Amerika, verſehen mit einer Tradde auf zwanzigtauſend Francs auf New⸗York. Das moraliſche Elend Thénardiers, des verfehlten Bürgers, war unverbeſſerlich; er war in Amerika das, was er in Europa geweſen. Die Berührung eines ſchlechten Menſchen genügt zuweilen, um eine gute Handlung zu verderben und etwas Schlechtes daraus entſpringen zu laſſen. Mit dem Gelde, das Thénardier von Marius erhalten hatte, machte er ſich zum Negerhändler. Sobald Thénardier hinaus war, lief Marius nach dem Garten, in welchem Coſette noch ſpazieren ging. „Coſette! Coſette!“ rief er,„komm! komm ſchnell. Laß uns eilen. Basque, einen Fiaker! Coſette, komm. Ach, me kein Das noch erden den über nhlic Sie, 6 zur dutzt einen auf nd er leiter Ende. ſte er amen einer Das wa uroha enigt was helde, ſih deln 175 mein Gott! Er iſt es, der mir das Leben rettete! Laß uns keine Minute verlieren! Nimm Deinen Shawl um.“ Coſette glaubte, er wäre verrückt geworden und ge⸗ horchte ihm. Er athmete kaum noch, er preßte die Hand auf das Herz, um deſſen heftigen Schlag zu mildern. Er ging mit großen Schritten auf und nieder und umarmte Coſette. „Ach, Coſette!“ ſagte er,„ich bin ein Unglück⸗ ſeliger!“ Marius war außer ſich. Er begann in dieſem Jean Valjean ein erhabenes, finſteres Weſen zu erblicken. Eine unerhörte Tugend, göttlich, mild, demüthig in ihrer Größe, zeigte ſich ihm. Der Galeerenſträfling verwandelte ſich in Chriſtus. Marius war durch dieſes Wunder geblendet. Er wußte nicht genau, was er ſah, aber es war etwas Großes! Binnen einem Angenblick hielt ein Fiaker vor der Thür. Marius hob Coſette hinein und ſprang ihr nach. „Kutſcher,“ ſagte er,„Rue de PHomme Armé Nr. 7.“ Der Fiaker fuhr davon. „Ach, welch ein Glück!“ ſagte Coſette,„Rue de['Homme Armé! Ich wagte es nicht mehr, mit Dir davon zu ſprechen. Wir werden Herrn Jean wiederſehen.“ „Deinen Vater! Coſette, Deinen Vater mehr als je. Coſette, ich errathe. Du ſagteſt mir, daß Du nie den Brief empfangen hätteſt, den ich durch Gavroche Dir ſchickte. Er wird in ſeine Hände gefallen ſein. Coſette, er iſt in die Barrikade gekommen, um mich zu retten. Da es ſein Bedürfniß iſt, ein Engel zu ſein, hat er im Vorbeigehen auch noch Andere gerettet; er rettete Javert. Er zog mich aus dieſem Abgrund um mich Dir zu geben. Er hat mich auf ſeinem Rücken durch den entſetzlichen Abzugskanal ge⸗ tragen. Ha, ich bin ein undankbares Ungeheuer. Coſette, 176 nachdem er Deine Vorſehung geweſen war, iſt er auch die meinige geworden. Stelle Dir einen entſetzlichen Erdſturz vor, indem man hundert Mal ertrinken könnte, ertrinken in dem Kothe, Coſette! Er hat mich hindurch getragen. Ich war ohnmächtig, ich ſah nichts, hörte nichts, konnte nichts von meinem eigenen Abenteuer wiſſen. Wir führen ihn zu⸗ rück, wir nehmen ihn mit uns, er mag wollen oder nicht, er darf uns nicht mehr verlaſſen. Wenn er nur zu Hauſe iſt! Wenn wir ihn nur finden! Ich will mein ganzes übri⸗ ges Leben darauf verwenden, ihn zu verehren. Ja, das muß es ſein, ſiehſt Du, Coſette? Ihm wird Gavroche den Brief übergeben haben. Alles erklärt ſich dadurch. Du begreifſt.“ Coſette begriff kein Wort. „Du haſt Recht“ ſagte ſie.„Ich begreife es.“ Indeß fuhr der Fiaker weiter. 1% Letzte Nacht, hinter welcher es Tag wird. Als Jean Valjean an die Thür klopfen hörte, drehte er ſich um. „Herein,“ ſagte er matt. Die Thür öffnete ſich, Coſette und Marius erſchienen⸗ Coſette ſtürzte ſich in das Zimmer. h die ſturz en in 3 nichts n zu⸗ nicht, Hauſe übri⸗ das e den Du drehte hiene 177 Marius blieb auf der Schwelle ſtehen und lehnte ſich an den Kranz der Thür. „Coſette“ ſagte Zean Valjean und richtete ſich auf ſeinem Stuhle empor, die Arme geöffnet und zitternd, bleich, finſter, mit einer unendlichen Freude in den Augen. Coſette, welche vor Rührung erſtickte, ſank an die Bruſt Jean Valjeans. „Vater!“ ſagte ſie. Jean Valjean ſtammelte verwirrt: „Coſette! Sie! Sie, gnädige Frau! Du biſt es! O, mein Gott! Und, von den Armen Coſettens umſchlungen, rief er: „Du biſt es! Du biſt hier! Du verzeihſt mir alſo!“ Marius ſenkte die Augenlider, um ſeinen Thränen zu verhindern, zu fließen, that einen Schritt vorwärts und flüſterte, mit zuſammengezogenen Lippen, um ſein Schluchzen zu unterdrücken: „Mein Vater!“ „Und auch Sie verzeihen mir?“ ſagte Jean Valjean. Marius vermochte kein Wort zu flnden, und Jean Valjean fügte hinzu: „Ich danke!“ Coſette riß ihren Shawl ab und warf ihren Hut auf das Bett. „Er iſt mir im Weg,“ ſagte ſie. Sie ſetzte ſich auf die Kniee des Greiſes, ſchob mit einer bewundernswürdigen Bewegung ſeine weißen Haare auseinander und küßte ihn auf die Stirn. Jean Valjean ließ, wie verwirrt, Alles mit ſich ge⸗ ſchehen. Coſette, die nur ſehr undeutlich begriff, verdoppelte ihre Liebkoſungen, als ob ſie Marius Schuld hätte bezahlen wollen. Jean Valjean ſtammelte: Die Elenden. X. 178 „Wie einfältig man iſt! Ich glaubte, Sie nicht mehr wieder zu ſehen. Denken Sie ſich, Herr Pontmercy, daß ich in dem Augenblick, wo Sie eintraten, zu mir ſagte: Es iſt aus! Da iſt Ihr kleines Kleid; ich bin ein elender Menſch, ich werde Coſette nicht wiederſehen, ich ſagte das in eben dem Augenblick, als Sie die Treppe herauf kamen. War ich dumm! So dumm kann man ſein! Aber man rechnet ohne den lieben Gott. Der liebe Gott ſagt: Du bildeſt Dir ein, daß man Dich verlaſſen wird, Einfalts⸗ pinſel! Nein, nein, ſo ſoll das nicht ſein. Es iſt da ein armer Alter, der eines Engels bedarf. Und der Engel kommt; und man ſieht ſeine Coſette wieder! Man ſieht ſeine theure Coſette wieder! Ach ich war ſehr unglücklich.“ Er vermochte einen Augenblick nicht zu ſprechen, dann fuhr er fort: „Es war mir wirklich ein Bedürfniß, Coſette von Zeit zu Zeit ein wenig zu ſehen. Ein Herz verlangt einen Knochen, an dem es nagen kann. Indeß fühlte ich wohl, daß ich überflüſſig war. Ich gab mir darauf Gründe an: ſie bedürfen Deiner nicht, bleib in Deinem Winkel; man hat kein Recht, ſich ewig zu machen. Ach, geſegneter Gott, ich ſehe ſie wieder! Weißt Du, Coſette, daß Dein Mann ſehr ſchön iſt? Ei, Du haſt einen hübſchen geſtickten Kragen! Das Muſter gefällt mir. Dein Mann hat es gewählt, nicht wahr? Und dann mußt Du einen Caſchemirſhawl haben. Herr Pontmercy, erlauben Sie mir, ſie Du zu nennen. Es ſſt nicht mehr für lange Zeit.“ Und Coſette ſagte: „Welche Bosheit, uns ſo zu verlaſſen! Wohin ſind Sie denn gegangen? Weshalb ſind Sie ſo lange fortge⸗ blieben? Sonſt dauerte Ihre Reiſe immer nur drei oder vier Tage. Ich habe Nikolette geſchickt und man antwortete immer: Er wäre abweſend. Seit wann ſind Sie zurück? Weshalb haben Sie es uns nicht wiſſen laſſen? Wiſſen Sie hr aß Es der en. an du s⸗ gel eht ann eit nen ohl, an: hat i ſehr genl ihl, ben⸗ 6s ſu nige oder ortete ri Sie 1* 179 wohl, daß Sie ſehr verändert ausſehen? Ach, der häßliche Vater! Er iſt krank geworden, und wir haben es nicht ge⸗ wußt! Sieh nur, Marius, fühle ſeine Hand an, wie kalt ſie iſt.“ „So ſind Sie alſo da, Herr Pontmerch! Sie verzeihen mir,“ wiederholte Jean Valjean. Bei dieſen Worten, die Jean Valjean zum Zweitenmal ſagte, fand Alles das, was ſich in dem Herzen angehäuft hatte, einen Ausweg, und er rief: „Coſette, hörſt Du? So ſteht es mit ihm! Er bit⸗ tet mich um Verzeihung, und weißt Du, was er mir gethan hat, Coſette? Er hat mir das Leben gerettet. Er that mehr. Er hat Dich mir gegeben. Und nachdem er mich gerettet und Dich mir gegeben hatte, Coſette, was hat er da mit ſich ſelbſt gemacht? Er hat ſich geopfert. So iſt dieſer Mann. Und mir, dem Undankbaren, mir, dem Ver⸗ geßlichen, mir, dem Unbarmherzigen, mir, dem Strafbaren, ſagt er: Ich danke! Coſette, brächte ich mein ganzes Leben zu den Füßen dieſes Menſchen hin, ſo wäre das noch zu wenig. Dieſe Barrikade, dieſer Abzugskanal, dieſe Kloake, das Alles hat er durchgemacht für mich, Coſette! Er hat mich durch alle dieſe Tode getragen, die er von mir abwen⸗ dete und die er für ſich annahm. Allen Muth, alle Tugen⸗ den, allen Heldenmuth, alle Heiligkeit beſitzt er. Coſette, dieſer Mann iſt der Engel ſelbſt!“ „Still, ſtill!“ ſagte Jean Valjean leiſe.„Weshalb ſagen Sie das Alles?“ „Aber Sie!“ rief Marius mit einem Zorn, bei welchem die Verehrung durchklang,„weshalb haben Sie das nicht geſagt? Es iſt auch Ihre Schuld. Sie retten den Leuten das Leben und verbergen es ihnen! Sie thun noch mehr: Unter dem Vorwande, ſich zu enthüllen, verläumden Sie ſich. Das iſt abſcheulich.“ 12* 180 „Ich habe die Wahrheit geſagt,“ erwiderte Jean Valjean. „Nein,“ entgegnete Marius,„die Wahrheit, das iſt die ganze Wahrheit, und die haben Sie nicht geſagt. Sie waren Herr Madeleine; weshalb haben Sie das nicht ge⸗ ſagt? Ich verdanke Ihnen mein Leben, weshalb haben Sie das nicht geſagt?“ „Weil ich ebenſo dachte, wie Sie. Ich fand, daß Sie Recht hatten, ich mußte fort. Hätten Sie die Angelegenheit mit der Kloake gewußt, ſo würden Sie mich haben bei ſich behalten wollen. Ich mußte daher ſchweigen; hätte ich da⸗ von geſprochen, ſo würde das Alle in Verlegenheit geſetzt haben.“ „Wen ſollte es in Verlegenheit geſetzt haben?“ entgeg⸗ nete Marius.„Glauben Sie etwa, daß Sie hier bleiben dürfen? Wir nehmen Sie mit uns. O, mein Gott! wenn ich daran denke, daß ich nur durch Zufall das Alles erfah⸗ ren habe! Wir nehmen Sie mit uns. Sie bilden einen Theil von uns ſelbſt. Sie ſind Coſette's Vater und der meinige. Sie werden in dieſem abſcheulichen Hauſe keinen Tag länger zubringen. Bilden Sie ſich nicht ein, daß Sie morgen noch hier ſein werden.“ „Morgen,“ ſagte Jean Valjean,„werde ich nicht hier ſein, aber ich werde auch nicht bei Ihnen ſein.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ entgegnete Marius. „O, wir erlauben keine Reiſe mehr. Sie dürfen uns nicht wieder verlaſſen, Sie gehören uns. Wir laſſen Sie nicht los.“ „Diesmal iſt es ganz gewiß ſo,“ fügte Coſette hinzu. „Wir haben unten einen Wagen. Ich entführe Sie. Muß es ſein, ſo wende ich Gewalt an.“ Und lachend machte ſie eine Bewegung, als wollte ſie den Greis auf ihre Arme nehmen. „Ihr Zimmer iſt noch immer in unſerem Hauſe für n 6. t ht E 1 181 Sie bereit, fuhr ſie fort. Wenn Sie wüßten, wie hübſch der Garten jetzt iſt! Die Azaleen kommen ſehr ſchön. Die Alleen ſind mit Flußſand beſtreut. Sie werden meine Erd⸗ beeren eſſen. Zch begieße ſie ſelbſt. Und dann nichts mehr von gnädiger Frau, nichts mehr von Herr Jean, wir ſind in der Republik, wo alle Welt Du zu einander ſagt, nicht wahr, Marius? Das Programm iſt geändert. Wenn Du wüßteſt, Vater, ich habe einen Kummer gehabt; ein Roth⸗ kehlchen hatte ſein Neſt in ein Mauerloch gebaut; eine abſcheuliche Katze hat es gefreſſen. Mein armes, hüb⸗ ſches, kleines Rothkehlchen, das den Kopf in mein Fenſter ſteckte und mich anſah! Ich habe darlber geweint, ich hätte die Katze todt ſchlagen mögen! Aber jetzt weint Niemand mehr. Alle Welt lacht. Alle Welt iſt glücklich. Du kommſt mit uns. Wie zufrieden wird der Großvater ſein! Du ſollſt Dein Beet in dem Garten haben. Du beſtellſt es und wir wollen ſehen, ob Deine Erdbeeren ſo ſchön ſind, wie meine. Und dann werde ich Alles thun, was Du willſt, und dann wirſt Du mir gehorchen.“ Jean Valjean hörte ſie an, ohne ſie zu verſtehen. Er vernahm mehr den Wohllaut ihrer Stimme, als den Sinn ihrer Worte. Eine jener großen Thränen, welche die fin⸗ ſteren Perlen der Seele ſind, ſammelte ſich in ſei⸗ nem Auge. Er murmelte: „Gott iſt gut, der Beweis dafür iſt, daß ich ſie ſehe.“ „Mein Vater,“ ſagte Coſette. Jean Valjean fuhr fort: „Es iſt wohl wahr, daß es reizend ſein müßte, beiſam⸗ men zu leben. Ihre Bäume ſind mit Vögeln angefüllt. Ich würde mit Coſette luſtwandeln. Zu den Menſchen gehören, welche leben, welche ſich guten Tag ſagen, welche ſich in dem Garten rufen, das iſt ſüß. Man ſieht ſich vom Morgen an. Wir würden Zeder ein kleines Fleckchen bebauen. Sie 182 ließe mich von ihren Erdbeeren eſſen, ich pflückte ihr von meinen Roſen. Das wäre reizend. Nur—“ Er unterbrach ſich und ſagte dann ſanft: „Es iſt ſchade!“ Die Thräne fiel nicht; ſie trat zurück und Jean Val⸗ jean erſetzte ſie durch ein Lächeln. Coſette nahm die beiden Hände des Greiſes in die ihrigen. „Mein Gott,“ ſagte ſie, Deine Hände ſind noch kälter. „Biſt Du krank? Leideſt Du?“ „Ich? Nein,“ erwiderte Jean Valjean;„ich fühle mich ſehr wohl. Nur—“ Er hielt inne. „Nur—“ „Was?“ „Nur werde ich ſogleich ſterben.“ Coſette und Marius erbebten. „Sterben!“ rief Marius. „Ja, aber das iſt Nichts,“ ſagte Jean Valjean. Er athmete, lächelte und fuhr fort: „Coſette, Du ſprichſt zu mir, fahre fort, ſprich weiter, Dein kleines Rothkelchen iſt alſo todt, ſprich, daß ich Deine Stimme höre!“ Marius blickte erſchrocken den Greis an. Coſette ſtieß einen Schmerzensſchrei aus. „Vater! Mein Vater! Du wirſt leben. Du mußt leben. Ich will, daß Du lebſt, hörſt Du wohl!“ Zean Valjean erhob mit dem Ausdruck der Anbetung den Kopf zu ihr. „Ach, ja, verbiete mir zu ſterben. Wer weiß? Viel⸗ leicht gehorche ich. Ich war im Begriff zu ſterben, als Ihr kamet. Das hat mich gehindert. Es war mir, als wecke ich wieder auf.“ „Sie ſind voll Kraft und Leben,“ rief Marius.„Bil⸗ on l⸗ ine ßt ng el⸗ hr de 183 den Sie ſich ein, man ſtürbe ſo? Sie haben Kummer ge⸗ habt, aber Sie werden keinen mehr haben. Ich bitte Sie um Verzeihung und auf meinen Knieen! Sie werden leben und leben mit uns, noch lange leben. Wir nehmen Sie zurück. Wir ſind hier Zwei, die künftig nur den einen Ge⸗ danken haben werden: Ihr Glück.“ „Du ſiehſt wohl,“ ſagte Coſette, in Thränen aufgelöſt, „daß Marius ſagt: Sie dürfen nicht ſterben.“ Jean Valjean fuhr fort, zu lächeln. „Wenn Sie mich zu ſich nähmen, Herr von Pontmercy, würde das nicht machen, daß ich der nicht wäre, der ich bin. Nein, Gett hat ſo gedacht wie Sie und ich, und er ändert ſeine Anſicht nicht; es iſt nützlich, daß ich gehe. Der Tod iſt ein gutes Auskunftsmittel. Gott weiß beſſer, wie wir, was uns frommt. Seien Sie glücklich, Herr von Pontmerch hat Coſette, die Tugend heirathet den Morgen, ſeid Ihr, meine Kinder, von Lilien und Nachtigallen um⸗ geben, Euer Leben ſei ein ſchöner Raſen, von Sonne be⸗ ſchienen, aller Zauber des Himmels möge Eure Seele er⸗ füllen, und ich, der ich zu Nichts nütze bin, ich ſterbe; ganz gewiß iſt das Alles gut. Seien Sie vernünftig; es iſt jetzt Nichts mehr möglich, und ich fühle vollkommen, daß es zu Ende iſt. Vor einer Stunde hatte ich eine Ohnmacht. Und dann dieſe Nacht habe ich den ganzen Waſſerkrug dort aus⸗ getrunken. Wie gut Dein Mann iſt, Coſette! Du haſt es bei ihm viel beſſer wie bei mir.“ Ein Geräuſch entſtand an der Thür. Es war der Arzt, der eintrat. „Guten Tag und lebe wohl, Doctor,“ ſagte Jean Val⸗ jean.„Hier ſind meine armen Kinder.“ Marius näherte ſich dem Arzt. Er richtete an ihn nur die Worte:„Mein Herr?“— aber in der Art und Weiſe, wie er ſie ausſprach, lag eine vollſtändige Sprache. Der Arzt antwortete durch einen ausdrucksvollen Blick. 184 „Weil die Dinge uns nicht gefallen,“ ſagte Jean Val⸗ jean,„iſt das kein Grund, um ungerecht gegen Gott zu ſein.“ Es entſtand ein Schweigen. Alle fühlten ihre Bruſt edrückt. Jean Valjean wendete ſich zu Coſette. Er betrachtete ſie, als wollte er für die Ewigkeit ſie in ſich aufnehmen. In der Tiefe des Schattens, zu der er ſchon hinabgeſtiegen war, wurde das Entzücken ihm noch möglich, indem er Co⸗ ſetten anſah. Der Widerſchein dieſes milden Geſichts be⸗ leuchtete ſeine blaſſen Züge. Auch das Grab kann noch ſeinen Glanz haben. Der Arzt befühlte ſeinen Puls. „Ach, Sie ſind es, die er bedurfte!“ flüſterte er, indem er Coſette und Marius anſah. Dann neigte er ſich zu Marius' Ohr und fügte ſehr leiſe hinzu: „Zu ſpät!“ Beinahe ohne aufzuhören, Coſette anzuſehen, blickte Jean Valjean voll Heiterkeit auf Marius und den Arzt. Man hörte die kaum verſtändlichen Worte flüſtern: „Es iſt Nichts, zu ſterben; es iſt entſetzlich, nicht zu leben.“ Plötzlich ſtand er auf. Dieſe wiederkehrende Kraft iſt zuweilen ein Zeichen des Todeskampfes. Er ging mit feſtem Schritt zu der Wand, ſchob Marius und den Arzt, die ihn unterſtützen wollten, bei Seite, nahm von der Mauer das kleine kupferne Crucifix, das an derſelben hing und ſetzte ſich dann wieder mit der ganzen Freiheit der Bewegung und ſagte mit lauter Stimme, indem er das Crucifix auf den Tiſch legte: „Das iſt der große Märtyrer.“ Dann ſank ſeine Bruſt ein, wie wenn die Trunkenheit des Grabes ihn erfaßte, und ſeine beiden Hände, die auf ve — ——„—— ⸗ zu ſt —— 185 ſeinen Knieen lagen, bohrten ſich mit den Nägeln in den Stoff ſeines Beinkleides. Coſette hielt ihm die Schultern, ſchluchzte und bemühte ſich, zu ihm zu ſprechen, ohne daß es ihr gelingen wollte. Man hörte nur undeutlich und unter Thränen die Worte:„Mein Vater! verlaſſe uns nicht. Iſt es denn möglich, daß wir Dich nur wiederfinden, um Dich zu verlieren?“ Man könnte ſagen, daß der Todeskampf ſich windet. Er geht, kommt, ſchreitet dem Grabe entgegen und kehrt wieder zu dem Leben zurück. Es liegt Etwas wie ein Ver⸗ ſuch in der Handlung des Sterbens. Nach dieſer halben Betäubung wurde Jean Valjean wieder kräftiger; er ſchüttelte die Stirn, als wollte er die Nebel von derſelben verbannen und wurde beinahe wieder kräftig. Er ergriff den Zipfel von dem Aermel Coſettens und küßte ihn. „Er erholt ſich! Doctor, er erholt ſich!“ rief Marius. „Ihr ſeid alle Beide gut,“ ſagte Jean Valjean.„Ich will Euch ſagen, was mir Schmerz bereitet hat. Was mich betrübte, Herr von Pontmercy, war, daß Sie das Geld nicht anrühren wollten. Das Geld gehört mit Recht Ihrer Frau. Ich will es Euch erklären, meine Kinder, und ich bin ſogar deshalb zufrieden, Euch zu ſehen. Das ſchwarze Schmelzglas kommt aus Eugland, das weiße aus Norwegen. Das Alles ſteht auf dem Papier hier, das Ihr leſen werdet. Ich habe für die Armbänder eine Erfindung gemacht, wodurch ſie hübſcher, wohlfeiler und beſſer werden. Ihr begreift, wie viel Geld man dadurch gewinnen kann. Das Vermögen Coſettens iſt alſo rechtmäßig erworben. Ich ſage Euch das, damit Euer Gewiſſen ſich beruhigt.“ Die Thürhüterin war heraufgekommen und blickte durch die halbgebffnete Thür. Der Arzt ſchickte ſie fort, aber er 186 konnte es nicht verhindern, daß die gute Frau, ehe ſie ver⸗ ſchwand, in ihrem Eifer dem Sterbenden zurief: „Wollen Sie einen Prieſter?“ „Ich habe einen,“ erwiderte Jean Valjean, und mit dem Finger ſchien er über ſeinem Kopf auf einen Punkt zu deuten, als erblickte er dort Jemand. Es iſt wahrſcheinlich, daß der Biſchof in der That dieſem Todeskampfe beiwohnte. Coſette ſchob ihm ſanft ein Kiſſen unter die Hüften. Jean Valjean fuhr fort: „Herr von Pontmerch, ich beſchwöre Sie, fürchten Sie Nichts. Die ſechshunderttauſend Franes gehören von Rechts⸗ wegen Coſette. Ich hätte mein ganzes Leben verloren, wenn Sie des Geldes nicht genießen wollten! Es war uns ge⸗ lungen, dieſe Glasarbeiten ſehr gnt zu machen. Wir wett⸗ eiferten mit dem, was man den Berliner Schmuck nennt. Aber man kann dem deutſchen ſchwarzen Glas nicht gleich⸗ kommen. Ein Groß, welches zwölfhundert ſehr gut ge⸗ ſchnittene Gläſer enthält, koſtet nur drei Francs.“ Wenn ein Weſen, das uns theuer iſt, ſterben ſoll, ſieht man es mit einem Blick an, der ſich an daſſelbe klaminert, als wollte er es zurückhalten. Coſette und Marius, beide ſtumm in ihrer Qual, wußten nicht, was ſie dem Todten ſagen ſollten und ſtanden aufrecht vor ihm, verzweiflungsvoll, zitternd, einander bei der Hand haltend. Jean Valſean ſchwand von Augenblick zu Augenblick mehr dahin. Sein Athem war ſtockend geworden; er fing en zu röcheln. Nur mühſam bewegte er den Vorderarm; ſeine Füße hatten jede Bewegung verloren, und während ſein Körper hinſank, zeigte ſich die ganze Majeſtät ſeiner Seele auf ſeiner Stirn. Das Licht einer unbekannten Welt war ſchon in ſeinen Augen ſichtbar. Sein Geſicht wurde bleicher, und zu gleicher Zeit lächelte er. Es lag etwas Anderes, als das Leben in ſeinen — ———— — „—) ver⸗ nit tzu hat Sie hts⸗ enn ge⸗ vett⸗ nnt. ich⸗ ſieht nert, eide dien voll, blic en ſeine ſein Stele wyr Zeit einen 187 Zügen. Sein Athem ſtockte, ſein Blut erhob ſich. Er ſchien eine Leiche zu ſein, an der man Flügel fühlt. Er gab Coſette ein Zeichen, ſich zu nähern, dann Marius; es war offenbar die letzte Minute, und er ſprach ſo leiſe, daß es ſchien, als töne ſeine Stimme aus der Ferne, als ſei eine Mauer zwiſchen ihm und ihnen auf⸗ geführt. „Tritt näher, tretet beide näher. Ich liebe Euch ſehr. Oh, es iſt gut, ſo zu ſterben! Du liebſt mich auch, meine Coſette. Ich wußte wohl, daß Du immer Freundſchaft für Deinen guten Alten fühlteſt. Wie freundlich es von Dir iſt, daß Du mir das Kiſſen untergeſchoben haſt! Du wirſt mich ein wenig beweinen, nicht wahr? Nicht zu ſehr. Ich will nicht, daß Du wirklich Kummer haſt. Ihr müßt Euch gut unterhalten, meine Kinder.“ „Ich habe vergeſſen, Euch zu ſagen, daß man an den Schnallen ohne Dornen noch mehr gewinnt, als an allen übrigen. Das Groß, zwölf Dutzend, koſtet zehn Francs und wurde für ſechzig verkauft. Es iſt wirklich ein guter Handel. Sie dürfen ſich daher nicht über die ſechshundert⸗ tanſend Francs wundern, Herr von Pontmerch. Es iſt red⸗ lich verdientes Geld. Sie können mit Ruhe reich ſein. Sie müſſen eine Equipage haben, von Zeit zu Zeit eine Loge im Theater, ſchöne Balltoiletten, meine Coſette, und dann Ihren Freunden gute Mahlzeiten geben und ſehr glücklich ſein. Ich ſchrieb ſo eben an Coſette. Ihr werdet meinen Brief finden. Euch hinterlaſſe ich die beiden Leuchter, die auf dem Kamine ſtehen. Sie ſind von Silber; aber für mich ſind ſie von Gold, von Diamanten; ſie verwandeln die Lichter, die man darauf ſteckt, in Altarkerzen. Ich weiß nicht, ob der, welcher ſie mir gab, dort oben zufrieden mit mir iſt. Ich that, was ich vermochte. Meine Kinder, Ihr werdet nicht vergeſſen, daß ich ein Armer bin; Ihr werdet mich in dem erſten beſten Erdwinkel begraben laſſen, unter einem 188 Steine, um den Ort zu bezeichnen. Das iſt mein Wille. Keinen Namen auf den Stein. Will Coſette zuweilen ein wenig hingehen, ſo wird mir das Freude machen. Sie auch Herr von Pontmerch. Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich Sie nicht immer geliebt habe; ich bitte Sie deshalb um Verzeihung. Jetzt ſind Sie beide nur noch eins für mich. Ich bin Ihnen ſehr dankbar. Ich fühle, daß Sie Coſetten glücklich machen. Wenn Sie wüßten, Herr von Pontmercy, Ihre ſchönen roſigen Wangen, das war meine Freude; wenn ich ſie etwas blaß ſah, war ich traurig. In der Kom⸗ mode liegt eine Banknote von fünfhundert Francs. Ich habe ſie nicht angerührt. Sie iſt für die Armen. Coſette, ſiehſt Du Dein kleines Kleid dort auf dem Bette? Erkennſt Du es? Es ſind doch ſeitdem erſt zehn Jahre. Wie die Zeit vergeht! Wir ſind ſehr glücklich geweſen. Es iſt zu Ende. Meine Kinder weint nicht; ich gehe nicht weit, ich werde Euch von dort ſehen. Coſette, erinnerſt Du Dich denn an Montfermeil? Du warſt in dem Walde und fürch⸗ teteſt Dich ſehr. Erinnerſt Du Dich noch daran, als ich den Henkel des Waſſereimers nahm? Das war das erſte Mal, als ich Deine armen kleinen Hände berührte. Sie waren ſo kalt! Ach, mein Fräulein, Sie hatten damals rothe Hände, aber jetzt ſind ſie ſehr weiß. Und die große Puppe! Erinnerſt Du Dich an die? Du nannteſt ſie Katharine. Du beklagteſt, ſie nicht in das Kloſter mitgenommen zu haben! Wie habe ich manchmal über Dich lachen müſſen, mein ſüßer Engel! Wenn es geregnet hatte, ſchiffteſt Du auf den Rinnſteinen Strohhalme ein und ſahſt ſie fortſchwimmen. Eines Tages ſchenkte ich Dir einen Ballſchlegel und einen Federball mit gelben, blauen und grünen Federn. Du haſt das vergeſſen. Du warſt ſo ſchelmiſch, als Du klein warſt! Du ſpielteſt. Du hingſt Dir Kirſchen an die Ohren. Das ſfind Dinge der Vergangenheit. Die Wälrer, durch die man mit ————, — — ille. ein uch ich nich. tten uch, venn om⸗ ette, nnſt die ich dich ch⸗ ich erſte Sie olhe e rine⸗ men inen haſt anſt find 189 ſeinem Kinde, die Bäume, unter denen man luſtwandelte, die Klöſter, in denen man ſich verbarg, die Spiele, das gute, kindliche Lachen, das iſt Finſterniß. Ich hatte mir eingebildet, das Alles gehörte mir. Darin lag meine Dumm⸗ heit. Die Thénardiers ſind boshaft geweſen. Man muß ihnen verzeihen. Coſette, jetzt iſt der Augenblick gekommen, Dir den Namen Deiner Mutter zu ſagen. Sie nannte ſich Fantine. Behalte den Namen: Fantine. Kniee nieder, ſo oft Du ihn ausſprichſt. Sie hat viel gelitten. Sie hat Dich ſehr geliebt. Sie hat Alles an Unglück gehabt, was Du an Glück haſt. Das ſind die Fügungen Gottes. Er iſt dort oben, er ſieht uns Alle, und er weiß, was er in der Mitte ſeiner großen Sterne thut. Ich werde alſo gehen, meine Kinder. Liebt Euch immer recht ſehr. Es giebt nichts Anderes auf der Welt, als ſich zu lieben. Ihr wer⸗ det zuweilen an den armen Alten denken, der hier geſtorben iſt. Ach, meine Coſette, es iſt nicht meine Schuld, wenn ich Dich dieſe ganze Zeit her nicht geſehen habe. Das zerriß mir das Herz. Ich ging bis zu der Ecke der Straße; ich muß einen komiſchen Eindruck auf die Menſchen gemacht haben, die mich vorbeigehen ſahen; ich war wie ein Narr. Einmal bin ich ohne Hut ausgegangen. Meine Kinder, ich ſehe jetzt nicht mehr deutlich; ich hatte Euch noch Manches zu ſagen, aber das iſt gleich. Denkt ein wenig an mich. Bhr ſeid geſegnete Geſchöpfe. Ich weiß nicht, was mir iſt; ich ſehe Licht. Tretet noch näher. Ich ſterbe gern. Gebt mir Eure theuren, geliebten Köpfe, daß ich meine Hände darauf lege.“ Coſette und Marius ſanken auf die Kniee, außer ſich, in Thränen erftickt, und Jedes von ihnen erfaßte eine der Hände Zean Valjean's. Dieſe Hände rührten ſich jetzt nicht mehr. Er hatte ſich zurückgelehnt. Das Licht der beiden Leuchter beſchien ihn; ſein weißes Geſicht blickte zum Himmel 190 auf, er ließ Coſette und Marius ſeine Hände mit Küſſen bedecken; er war todt. Die Nacht war ſternenlos und vollkommen dunkel. Ohne Zweifel wartete in dieſer Dunkelheit ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln auf die Seele. VI. Das Gras deckt, die Wunde vernarbt. Auf dem Kirchhofe des Pbre⸗Lachaiſe, in der Nähe des allgemeinen Grabes, weit von dem eleganten Viertel dieſer Gräberſtadt entfernt, weit entfernt von allen den Denkmälern, welche der Ewigkeit gegenüber die abſcheu⸗ lichen Moden des Todes entfalten, in einer öden Ecke, an einer alten Mauer, unter einem Taxusbaum, an den ſich Schlingpflanzen in die Höhe ranken, liegt ein Stein. Dieſer Stein iſt ebenſo wenig, wie alle Uebrigen, gegen die Wir⸗ kungen des Wetters, wie gegen das Moos und den Unrath der Vögel geſchützt. Das Waſſer macht ihn grün, die Luft macht ihn ſchwarz. Er liegt neben keinem Gange, und man geht nicht gern zu ihm hin, weil das Gras hier ſehr hoch iſt und man ſich darin die Füße naß macht. Scheint ein wenig Sonne, ſo kommen die Eidechſen zu dieſem Stein. Ringsumher rauſcht der wilde Hafer. Im Frühjahr ſingen die Grasmücken in dem Baume. —— ſſen nel. mit Nihe jiertel den ſchel⸗ , an ſich Dieſer Wir⸗ urath e luft d man nhech nt ein Stein. ſngen —— —— 191 Dieſer Stein iſt ganz nackt. Indem man ihn behaute, hat man nur an die Nothwendigkeit des Grabes gedacht und keine andere Sorge getragen, als den Stein lang und breit genug zu machen, um einen Menſchen zu bedecken. Man lieſt darauf keinen Namen. Ende. Druck von R. Genſch in Berlin. GCoſour& Grey Control Chart M Cyan Green NVellow Red Magenta