11 ———, Die Elenden. Von Virtor Hugv. Deutſch von L. von Aſpenslehen. Neunter Band. Fünfte Abtheilung: Jean Valjean. cErſter Band. Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (J. Winckler.) Jenn Valjenn. Von Viector Hugo. Deutſch von L. von Alenslehen. Erſter Band. (Fünſte Abtheilung der„Elenden. ²) ——— Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (J. Winckler.) Jean Valjean. Erſtes Buch. — — = 8 — — — * — — S S — — — — — — — *— — Waos ſoll man in dem Abgrund thun, als plaudern? Die Barrikade der Rue de la Chanvrerie im Juni 1832 war nur eine Art von Entwurf oder Emprio, im Vergleich zu den beiden rieſigen Barrikaden, welche der Juni 1848 erſtehen ſah. Unter der Leitung von Enjolras,— denn Marius ſah auf nichts mehr,— hatten die Inſurgenten die Nacht benutzt. Die Barrikade war nicht nur ausgebeſſert, ſondern auch vergrößert worden. Man hatte ſie um zwei Fuß erhöht. Eiſenſtangen, die zwiſchen die Fflaſterſteine ein⸗ geklemmt waren, glichen geſenkten Lanzen. Alle Arten von Trümmern, von allen Seiten herbeigetragen, machten die äußere Seite unzugänglich. Die Redoute war auf ſehr verſtändige Weiſe inwendig zur Mauer und außen zu einem Verhaue gemacht worden. Man hatte die Treppe von Fflaſterſteinen hergeſtellt, mittelſt der man die Barrikade von Innen erſteigen konnte, wie die Mauer einer Citadelle. Der runde Saal war geräumt, die Küche zum Lazareth gemacht, das Verbinden der Verwundeten beendigt worden; 8 man hatte das umhergeſtreute Pulver geſammelt, Kugeln gegoſſen, Cartouchen gemacht, Charpie gezupft, die Waffen der Gefallenen vertheilt, das Innere der Redoute geſäubert, die Leichen fortgetragen, die Trümmer beſeitigt. Man legte die Todten in dem Gäßchen Mondétour, über welches man noch immer Herr war, auf einander. Das Fflaſter iſt an dieſem Orte lange roth gefärbt geblieben. Unter den Todten befanden ſich einige Nationalgardiſten der Vorſtadt. Enjolras ließ ihre Uniformen bei Seite legen. Enjolras hatte zu zwei Stunden Schlaf gerathen. Ein Rath von Enjolras war ein Befehl. Indeß benutzten ihn nur Drei oder Vier. Feuilly verwendete dieſe zwei Stunden darauf, in der Mauer dem Cabaret gegenüber die Inſchrift einzugraben: „Es leben die Völker!“ Dieſe mit einem Nagel in den Abputz gekratzten vier Worte waren noch 1848 auf dieſer Mauer zu leſen. Die drei Weiber hatten die Ruhe benutzt, um ent⸗ ſchieden zu verſchwinden; dadurch athmeten die Inſurgen⸗ ten freier. Die Weiber hatten Mittel gefunden, in irgend ein benachbartes Haus zu flüchten. Die meiſten Verwundeten konnten und wollten noch kämpfen. Auf einem Lager von Matratzen und Strohſäcken in der Küche, die in ein Lazateth verwandelt worden war, lagen fünf Schwerverwundete, unter ihnen zwei Munizipal⸗ gardiſten. Dieſe wurden zuerſt verbunden. In dem unteren Saale blieben nur noch Mabeuf unter ſeinem ſchwarzen Tuche und der an den Pfahl gebundene Javert. „Dies iſt der Saal der Todten,“ ſagte Enjolras. Die Deichſel des Omnibus war zwar von Kugeln durchſchoſſen, aber es blieb davon noch immer genug aufrecht ſtehen, um eine Fahne daran befeſtigen zu können. ———— — 9 Enjolras, der als Chef nimmer ſelbſt thun durfte, was er ſagte, befeſtigte an dieſer Stange den durch⸗ löcherten und blutigen Rock des getödteten Greiſes. Eine Mahlzeit war nicht möglich. Es gab weder Brod noch Fleiſch. Die fünfzig Menſchen der Barrikade, welche ſeit ſechzehn Stunden hier waren, hatten ſchnell die geringen Vorräthe des Cabarets erſchöpft. In einem gegebenen Augenblicke wird jede Barrikade, die ſich hält, unvermeidlich dem Lvos der Meduſe verfallen. Man mußte ſich in den Hunger fügen. Man war in den erſten Stunden jenes ſpartaniſchen 6. Juni, an welchem auf der Barrikade von St. Merry Jeanne, umringt von Inſurgenten, die Brod verlangten und alle Kämpfer ihm zuriefen:„Zu eſſen!“ ſagte:„Weshalb? Es iſt drei Uhr. Um vier Uhr ſind wir todt.“ Da man nicht mehr eſſen konnte, verbot Enjolras das Trinken. Er verbot den Wein und vertheilte den Branntwein. Man hatte in dem Keller etwa fünfzehn hermetiſch verſchloſſene, gefüllte Flaſchen gefunden. Enjolras und Combeferre unterſuchten ſie. Indem Combeferre wieder hinaufkam, ſagte er:—„Das iſt von dem alten Vorrath des Vaters Houcheloup, der zuerſt Gewürzkrämer war.“— „Das muß echter Wein ſein,“ bemerkte Boſſuet.„Ein Glück, daß Grantaire ſchläft. Wäre er erwacht, ſo würde man Mühe haben, dieſe Flaſchen zu retten.“ Ungeachtet des Murrens legte Enjolras ſein Veto über dieſe fünfzehn Flaſchen ein und, damit Niemand ſie an⸗ rühre und ſie wie geheiligt wären, ließ er ſie unter den Tiſch ſtellen, auf welchem Vater Mabeuf lag. Gegen zwei Uhr Morgens fand ein Apell ſtatt und waren noch ſieben und dreißig Mann zur Stelle. Es begann zu tagen und man hatte die Fackel ausge⸗ löſcht. Das Innere der Barrikade war von Dunkelheit N 0 erfüllt und glich in der Dämmerung dem Verdeck eines entmaſteten Schiffes. Die darin umhergehenden Kämpfer bewegten ſich wie ſchwarze Geſtalten. Ueber dieſem ent⸗ ſetzlichen ſchwarzen Neſte zeigten ſich die ſtummen Häuſer in matter Beleuchtung; ganz oben färbten die Eſſen ſich weiß. Vögel umflatterten ſie mit luſtigem Geſchrei. Das hohe Haus, welches den Hintergrund der Barrikade bildete, war der aufgehenden Sonne zugewendet und ſein Dach roſig beſchienen. An dem Fenſter des dritten Stocks ſchankelte der Morgenwind das graue Haar des Todten. „Es freut mich, daß die Fackel ausgelöſcht iſt,“ ſagte Courfeyrac zu Feuilly.„Dieſe im Winde flackernde Fackel langweilte mich. Sie ſchien Furcht zu hegen. Das Licht der Fackel gleicht der Weisheit der Feigen; es beleuchtet ſchlecht, weil es zittert.“ Die Morgenröthe erweckt die Geiſter wie die Vögel; Alle plauderten. Jolly, der eine Katze in eine Dachrinne ſchleichen ſah, ſchöpfte daraus die Philoſophie: „Was iſt die Katze? Ein Heilmittel. Als der gute Gott die Maus geſchaffen hatte, ſagte er: Ei, da hab' ich eine Dummheit gemacht. Und nun ſchuf er die Katze. Die Katze iſt eine Ausradirung der Maus. Die Maus mit der Katze iſt ein Correcturabzug der Vorſehung. Combeferre, der von Studenten und Arbeitern um⸗ geben war, ſprach von den Todten, von Jean Prouvaire, Bahorel, Mabeuf, und ſelbſt von Cabuc und von der ſtrengen Traurigkeit Enjolras. 11 II. Aufklärung und Verfinſterung. Enjolras hatte eine Recognoscirung unternommen. Er war durch das Gäßchen Mondétour gegangen und ſchlich ſich an den Häuſern hin. Die Inſurgenten waren von Hoffnung erfüllt. Die Art und Weiſe, wie ſie den Angriff in der Nacht abgeſchlagen hatten, ließ ſie beinahe im Voraus den Angriff bei Tages⸗ anbruch verachten. Sie erwarteten ihn und lächelten darüber. Sie zweifelten ebenſo wenig an ihren Erfolgen, wie an ihrer Sache. Uebrigens mußten ſie offenbar Verſtärkung bekommen. Sie rechneten darauf Mit jener leichten, trium⸗ phirenden Prophetengabe, welche zu den Eigenſchaften des kämpfenden Franzoſen gehört, theilten ſie den Tag, der bevorſtand, in drei beſtimmte Abſchnitte:„Um ſechs Uhr Morgens ein Regiment, das man bearbeitet hatte, welches übertrat; um Mittag die Inſurrection in ganz Paris, bei Sonnenuntergang die Revolution.“ Man hörte die Sturmglocke von St. Merry, die ſeit dem vergangenen Tage nicht eine Minute geſchwiegen hatte. Ein Beweis, daß die andere Barrikade, die große, die von Jeanne, ſich noch immer hielt. Alle dieſe Hoffnungen wurden von einer Gruppe zur andern in einem theils heitern, theils furchtbaren Geflüſter aus⸗ getauſcht, welches dem Summen eines Bienenſchwarmes glich. Enjolras kehrte zurück. Er hörte einen Augenblick auf alle dieſe Luſtigkeit, mit gekreuzten Armen, eine Hand auf den Mund gelegt. Dann ſagte er friſch und roſig in 12 der zunehmenden Herrlichkeit des Morgens:„Die ganze Armee von Paris haut ein. Ein Drittel dieſer Armee liegt auf der Barrikade, in der ihr ſeid. Ueberdies die Nationalgarde. Ich habe die Tſchako des fünften Linien⸗ regiments und die Standarten der ſechſten Legion erkannt. Binnen einer Stunde werdet ihr angegriffen werden. Was das Volk betrifft, ſo war es geſtern im Aufruhr, aber heute Morgen rührt es ſich nicht. Ich erwarte ſo wenig eine Vorſtadt, wie ein Regiment. Ihr ſeid verloren. Dieſe Worte fielen in das Summen der Gruppen, und machten die Wirkung von den erſten Tropfen eines Regenguſſes. Alle blieben ſtumm. Es entſtand einen Augen⸗ blick ein unbeſchreibliches Schweigen, in welchem man den Tod hätte fliegen hören können. Dieſer Augenblick war kurz. Eine Stimme aus dem tiefſten Hintergrunde der Gruppe rief Enjolras zu: „Es ſei. Machen wir die Barrikade zwanzig Fuß hoch und bleiben wir Alle darin. Bürger, leiſten wir mit unſeren Leichen Proteſt. Zeigen wir, daß, wenn das Volk die Re⸗ publikaner verläßt, die Republikaner das Volk nicht ver⸗ laſſen.“ Dieſe Worte befreiten von der anfänglich mehr indi⸗ viduellen Beſorgniß die Gedanken Aller. Ein enthufiaſtiſcher Beifallsruf nahm ſie auf. Man hat nie den Namen deſſen erfahren, der ſo ſprach. Es war irgend ein unbekannter Blouſenträger, ein vergeſſener, ein vorübergegangener Held, der ganz unbekannt, der ſtets bei den menſchlichen Kriſen betheiligt iſt, der auf erhabene Weiſe das entſcheidende Wort ſprach, und der in der Dunkelheit verſchwand, nachdem er eine Minute in dem Lichte eines Blitzes das Volk und Gott vertreten hat. Dieſer unerbittliche Entſchluß lag ſo in der Luft des 6. Juni 1832, daß beinahe in derſelben Stunde auf der 4 13 Barrikade von St. Merry die Inſurgenten den Ruf er⸗ hoben, der hiſtoriſch geblieben iſt, und durch die Unter⸗ ſuchung bewieſen wurde:„Man unterſtütze uns, oder man unterſtütze uns nicht. Was thut das! Laſſen wir uns hier bis auf den Letzten tödten.“ Wie man ſieht, hingen die beiden Barrikaden, obgleich materiell von einander getrennt, geiſtig mit einander zu⸗ ſammen. III. Fünf weniger, Einer mehr. Nachdem der Mann, der den Proteſt der Leichen ver⸗ kündete, geſprochen, und der gemeinſchaftlichen Seele die Formel gegeben hatte, entrang ſich jedem Munde ein Schrei eigenthümlicher und fürchterlicher Befriedigung, finſter durch den Sinn und triumphirend durch den Ton: „Es lebe der Tod! Bleiben wir Alle hier.“ „Weshalb Alle?“ ſagte Enjolras. „Alle! Alle!“ Enjolras fuhr fort: „Die Lage iſt gut, die Barrikade ſchön. Dreißig Mann genügen. Weshalb wollen wir Vierzig opfern?“ Sie antworteten: „Weil Keiner würde gehen wollen.“ „Bürger,“ rief Enjolras, und es lag in ſeiner Stimme ein beinahe zorniger Ton;„die Republik iſt nicht reich 3 14 genug an Männern, um unnütze Ausgaben zu machen. Wenn für Einige die Pflicht herrſcht, zu gehen, ſo muß dieſe Pflicht ebenſo erfüllt werden wie jede andere.“ Enjolras, der zum Princip gewordene Menſch, hatte auf ſeine Geſinnungsgenoſſen jenen allmächtigen Einfluß, welcher aus dem Unbedingten entſpringt. Wie groß aber auch dieſe Allmacht ſein mochte, murrte man dennoch. Führer bis in die Nagelſpitzen, beharrte Enjolras um ſo mehr auf ſeinen Willen, als er ſah, daß man murrte. Er fuhr voll Stolz fort: „Die, welche ſich fürchten, nicht mehr als Dreißig zu ſein, mögen es ſagen.“ Das Murren verdoppelte ſich. „Uebrigens,“ bemerkte eine Stimme in der Menge, „zu gehen, das iſt leicht geſagt. Die Barrikade iſt um⸗ zingelt.“ „Nicht auf der Seite der Hallen,“ ſagte Enjolras. „Die Straße Mondétour iſt frei, und durch die Rue des Précheurs kann man den Markt des Innocents erreichen.“ „Und da,“ rief eine andere Stimme aus der Gruppe, „wird man ergriffen. Man fällt einem Wachtpoſten der Linie oder der Vorſtadt in die Hand. Sie ſehen einen Mann in der Blouſe und in der Mütze vorübergehen. Woher kommſt Du? Sollteſt Du nicht von der Barrikade tommen? und man ſieht in die Hände. Du riechſt nach Pulver. Erſchoſſen.“ Enjolras berührte, ohne zu antworten, Combeferres Schulter und Beide traten in den unteren Saal. Sie kehrten einen Augenblick darauf zurück, Enjolras hielt in den Händen die vier Uniformen, die er hatte zurück⸗ legen laſſen. Combeferre folgte ihm mit dem Lederzeug und den Tſchako's. „Mit dieſen Uniformen,“ ſagte Enjolras,„miſcht man ſich unter die Reihen und entkommt. Hier für Vier.“ æ=—„ — 15 Und er warf auf den entpflaſterten Boden die vier Uniformen. Keine Bewegung zeigte ſich unter den ſtoiſchen Zu⸗ hörern. Combeferre nahm das Wort: „Nun,“ ſagte er,„man muß etwas Mitleid haben. Wißt Ihr, wovon hier die Rede iſt? Es handelt ſich um die Weiber. Laßt hören. Giebt es Weiber? Ja oder Nein? Giebt es Kinder, Ja oder Nein? Giebt es, Ja oder Nein, Mütter, welche die Wiege mit dem Fuße ſtoßen und einen Haufen Kleiner um ſich herhaben? Der unter Euch, der nie den Buſen einer Mutter geſehen hat, erhebe die Hand. Ach! Ihr wollt Euch tödten laſſen, ich will es auch, ich, der ich zu Euch ſpreche. Aber ich will nicht das Geſpenſt der Weiber fühlen, die ihre Arme rings um mich legen. Sterbt, es ſei, aber tödtet nicht. Selbſtmorde, wie die, welche hier vollbracht werden ſollen, ſind erhaben; aber der Selbſtmord iſt beſchränkt und wird nicht ausgedehnt; ſobald er Eure Angehörigen trifft, heißt er Mord. Denkt an die kleinen blonden Köpfe und denkt an die gebleichten Haare. Fort! Enjolras, er ſagte es mir ſoeben, hat vor⸗ hin an der Ecke der Rue du Cygne ein erleuchtetes Fenſter geſehen, ein Licht an einem ärmlichen Fenſter im fünften Stock und an der Fenſterſcheibe den zitternden Schatten des Kopfes einer alten Frau, welche die Nacht wartend zu⸗ gebracht zu haben ſchien. Das iſt vielleicht die Mutter von Einem unter Euch. Nun wohl, er gehe, der, dieſer da und beeile ſich ſeiner Mutter zu ſagen: Mutter, hier bin ich! Er möge ſich beruhigen; man wird hier die Arbeit doch vollbringen. Wenn man die Seinigen mit ſeiner Arbeit er⸗ hält, dann hat man nicht mehr das Recht, ſich zu opfern, d. h., ſeine Familie zu verlaſſen. Und die, welche Töchter, die, welche Schweſtern haben! Denkt Ihr daran? Ihr laßt Euch tödten, Ihr ſeid todt, das iſt gut; und Morgen? junge Mädchen, die kein Brod haben, vas iſt fürchterlich. 16 Der Mann bettelt, das Weib verkauft ſich. Ach! vie lieblichen, anmuthigen, ſanften Weſen, die das Haus mit Keuſchheit erfüllen, die ſingen, plaudern, die ein lebender Wohlgeruch ſind, welche die Exiſtenz der Engel im Himmel durch die Reinheit der Jungfrau auf Erden beweiſen, dieſe Johanna, dieſe Louiſe, dieſe Mimi, die lieblichen und rechtſchaffenen Geſchöpfe, die Euer Segen und Euer Stolz ſind, ach, mein Gott, morgen werden ſie hungern! Was ſoll ich Euch ſagen? Es giebt einen Markt für Menſchenfleiſch, und mit Euren Schattenhänden werdet Ihr ſie nicht abhalten, ihn zu betreten! Denkt an die Straße, denkt an das Straßen⸗ pflaſter, welches von Vorübergehenden bedeckt iſt. Denkt an die Laden, vor denen Weiber mit ausgeſchnittenen Kleidern im Kothe auf⸗ und niedergehen. Auch dieſe Weiber ſind rein geweſen. Denkt an Eure Schweſtern, Ihr, die Ihr welche habt. Elend, urzüchtiges Leben. Stadtſer⸗ geanten, St. Lazare, das iſt es, was dieſe zarten, ſchönen Mädchen, die vergänglichen Wunder der Keuſchheit, der Lieblichkeit und Schönheit, herrlicher und lieblicher als der Monat Mai, erwartet. Ihr habt Euch tödten laſſen! Ihr ſeid nicht mehr da! Gut; Ihr habt das Volk dem Königthum entreißen wollen und überliefert Eure Töchter der Polizei. Freunde, ſeht Euch vor, habt Mitleid. Die, welche Familie haben, müſſen rechtſchaffen ſein und ſich die Hand ſchütteln und gehen und uns hier das Geſchäft allein vollbringen laſſen. Ich weiß wohl, daß Muth dazu ge⸗ hört, um zu gehen; aber je ſchwieriger es iſt, deſto ver⸗ dienſtvoller iſt es auch. Meine Freunde, bedenkt, daß es einen morgenden Tag giebt und daß Eure Familien dieſen erleben, wenn auch Ihr nicht. Und wie viel Leiden! Denkt Euch ein hübſches, kleines Kind, mit runden, friſchen Wangen, das lacht, plaudert; wißt Ihr, was aus dem wird, wenn man es verläßt? Ich habe ein ſolches Kind geſehen. Sein Vater war todt. Arme Leute hatten es . en, eit uch die na, nen ch, uch mit ihn en⸗ nkt nen ber die ſer nen der als ſen! dem chter Die, die lein ge ver⸗ ß es ieſen Dent ſchen del gind nes 1 aus Mitleid zu ſich genommen; aber ſie hatten nicht einmal für ſich ſelbſt Brod. Das Kind hungerte beſtändig. Es war im Winter. Es weinte nicht. Es athmete kurz. Sein Geſicht wurde bleich, ſeine Beine ſchwach, ſein Leib aufge⸗ trieben. Es ſagte Nichts. Man redete es an, doch es antwortete nicht. Es war todt. Man brachte es nach dem Hospital Necker, wo ich es ſah.— Wenn nun Väter unter Euch ſind, welche das Glück kennen am Sonntag ſpazieren zu gehen, in ihrer kräftigen Hand das kleine Händchen ihres Kindes, ſo ſtelle jeder dieſer Väter ſich vor, daß das Kind, von dem ich ſpreche, das ſeinige ſei. Ich wiederhole es, es handelt ſich hier um Weiber, es handelt ſich um Mütter, um junge Mädchen, um Kinder. Wer ſpricht von Euch? Ihr ſeid Alle tapfer und möchtet Euren Antheil an dem Triumphe haben. Ganz gut. Aber Ihr ſteht nicht allein auf der Welt. Es giebt auch noch andere Weſen, an die Ihr denken müßt. Ihr dürft nicht egoiſtiſch ſein.“ Alle ſenkten mit finſterem Weſen den Kopf. Sonderbarer Widerſpruch des menſchlichen Herzens in ſolchen Augenblicken! Combeferre, der ſo ſprach, war nicht verwaiſt. Er gedachte der Mütter der Anderen und vergaß ſeine eigene. Er wollte ſich tödten laſſen. Er war Egoiſt. Marius, der nüchtern, vom Fieber ergriffen, der alle ſeine Hoffnungen ſchwinden ſah, verſenkte ſich mehr und mehr in die Betäubung, welche immer der geheimniß⸗ vollen, freiwillig angenommenen Stunde vorangeht. Auch die Verzweiflung hat ihr Entzücken. Marius ſtand auf dieſem Punkt. Er ſah Alles, als ob es außer⸗ halb ihm vorging, was ſich in ſeiner Nähe zutrug, ſchien ihm in der Ferne zu liegen. Das Ganze überblickte er, aber die Einzelheiten bemerkte er nicht. Er ſah in einem flimmernden Licht die Gehenden und Kommenden, er hörte die Stimmen wie aus der Tiefe eines Abgrundes ſprechen. Dies jedoch regte ihn auf. Es lag in dem Auftritte Die Elenden. IX. 2 18 eine ſcharfe Spitze, die bis zu ihm drang und ihn erweckte. Er hatte nur noch den einen Gedanken, zu ſterben; er ſollte ſich dem Tod nicht entziehen, allein in ſeinem Somnambu⸗ lismus dachte er, daß es nicht verboten ſei, Jemand zu retten, wenn man ſich ſelbſt in das Verderben ſtürzt. Er erhob ſeine Stimme: „Enjolras und Combeferre haben Recht“, ſagte er, „ein nutzloſes Opfer. Ich ſchließe mich ihnen an und man muß ſich beeilen. Combeferre hat Euch entſcheidende Dinge geſagt. Es giebt unter Euch welche, die Familie, Mütter, Schweſtern, Frauen, Kinder haben. Dieſe mögen aus den Gliedern treten. Niemand rührte ſich. „Die verheiratheten Männer und die Ernährer ihrer Familie aus dem Glied!“ wiederholte Marius. Seine Autorität war groß. Enjolras war der Com⸗ mandant der Barrikade, aber Marius war der Retter der⸗ ſelben. „Ich befehle es!“ rief Enjolras. „Ich bitte Euch darum“, ſagte Marius. Ergriffen durch die Worte Combeferre's, erſchüttert durch den Befehl Enjolras, gerührt durch die Bitte Marius, fingen dieſe heldenmüthigen Männer jetzt an, Einer den Andern anzuzeigen.—„Es iſt wahr“, ſagte ein junger Mann zu einem älteren:„Du biſt Familienvater, gehe.“— „Du mußt folgen, gehe“ erwiderte der Mann,„Du haſt zwei Schweſtern, die Du ernährſt.“— Und es entſpann ſich ein unerhörter Kampf. Alle wetteiferten darin, ſich nicht vor die Thür des Todes werfen zu laſſen. „Beeilen wir uns“, ſagte Courfeyrac, in einer Viertel⸗ ſtunde iſt es zu ſpät.“ „Bürger“, fuhr Enjolras fort,„hier iſt die Republik, und die allgemeine Abſtimmung entſcheidet. Bezeichnet Ihr ſelbſt die, welche gehen ſollen.“ ret om⸗ er⸗ 19 Man gehorchte. Nach fünf Minuten waren einſtimmig fünf bezeichnet, die aus den Reihen traten. „Es ſind fünf“, rief Marius. Es waren nur vier Uniformen vorhanden. Und nun entſtand ein Wettkampf darüber, wer bleiben ſollte und wer für die Andern die beſten Gründe ausfindig macht, nicht zu bleiben. Der großmüthige Kampf begann auf's Neue. „Du haſt eine Frau, die Dich liebt.“—„Du haſt Deine alte Mutter.“—„Du haſt keinen Vater und keine Mutter mehr; was ſoll aus Deinen drei kleinen Brüdern werden?“—„Du biſt Vater von fünf Kindern.“—„Du haſt das Recht zu leben; Du biſt erſt ſiebzehn Jahre alt, und das iſt zu früh zum Sterben.“ Die großen Barrikaden der Revolntion waren Sammel— plätze des Heldenmuths. Das Unwahrſcheinliche iſt ganz einfach. Dieſe Männer verwunderten ſich nicht Einer über den Andern. „Macht ſchnell“ erwiderte Courfeyrac. „Entſcheiden Sie, wer bleiben ſoll.“ „Ja“, ſagten die Fünf, wählen Sie, wir wollen Ihnen gehorchen.“ Marius hielt eine Aufregung nicht mehr für möglich. Allein bei dem Gedanken: einen Menſchen für den Tod aus zuwählen, ſtrömte all ſein Blut zum Herzen zurück. Er wäre erblaßt, hätte er noch erblaſſen können. Er trat gegen die Fünf zu, die ihn anlächelten und Jeder rief ihm mit jenem triumphirenden Blick, den man aus der Geſchichte der Thermophlen leuchten ſieht: „Ich! Ich! Ich!“ Marius zählte ſie, wie betäubt; es waren immer noch fünf! Dann ſenkte ſich ſein Blick auf die vier Uniformen. In dieſem Augenblicke fiel eine fünfte Uniform wie vom Himmel auf die vier nieder. 9 4 — 20 Der fünfte Mann war gerettet. Marius erhob die Augen und erkannte Herrn Fauchelevent. Jean Valjean war ſoeben in die Barrikade getreten. Sei es, daß er ſich erkundigt hatte, ſei es Inſtinkt, ſei es Zufall, genug, er kam durch das Gäßchen Mondé⸗ tour. Wegen ſeiner Nationalgardenuniform war er leicht hindurch geſchlüpft. Die Vedette, welche die Inſurgenten in der Rue Mondétour aufgeſtellt hatten, vermochte wegen des einzigen Nationalgardiſten kein Allarmzeichen zu geben. Sie ließ ihn in das Gäßchen gehen und dachte: das iſt vielleicht eine Verſtärkung und im ſchlimmſten Falle ein Gefangener. Der Augenblick war zu ernſt, als daß die Schildwache ihrer Pflicht und ihrem Beobachtungspoſten ſich hätte entziehen können. In dem Augenblick, als Jean Valjean in die Vedette trat, hatte Niemand ihn bemerkt, denn Aller Augen waren auf die fünf Gewählten und auf die vier Uniformen ge⸗ richtet. Jean Valjean ſah und hörte Alles und ſchweigend zog er ſeine Uniform aus und warf ſie auf die vier Uebrigen. Die Aufregung war unbeſchreiblich. „Wer iſt der Mann?“ fragte Boſſuet. „Es iſt,“ antwortete Combeferre,„ein Mann, der die Andern rettet.“ Marius fügte mit ernſter Stimme hinzu: „Ich kenne ihn.“ Dieſe Bürgſchaft genügte Allen. Enjolras wandte ſich zu Jean Valjean. „Bürger, ſeien Sie willkommen.“ Dann fügte er hinzu: „Sie wiſſen, daß man ſterben wird.“ Jean Valjean half, ohne zu antworten, dem Inſur⸗ genten, den er rettete, ſeine Uniform anziehen. Rue gen ihn ine Der en. ette ren end gen. — — ſur⸗ W. Welchen Horizont man von der Spitze der Barrikade überblickt. Die Lage Aller in dieſer verhängnißvollen Stunde und an dieſem unerbittlichen Orte hatte als Ergebniß und als Schluß Enjolras erhabene Melancholie. Er ſtand aufrecht auf der Treppe von Fflaſterſteinen, einen Augenblick auf die Mündung ſeiner Büchſe geſtützt. Er dachte; er bebte wie unter dem Hauche von Windſtößen; die Orte, über denen der Tod ſchwebt, machen dergleichen Wirkungen. Aus ſeinen Augen blitzte eine Art unterdrücktes Feuer. Plötzlich erhob er den Kopf, ſeine blonden Haare fielen zurück, wie die Mähnen eines erſchreckten Löwen, und rief: „Bürger, ſtellt Ihr Euch die Zukunft vor? Die Straßen der Städte von Licht erfüllt, grüne Aeſte an den Schulen, die Nationen verſchwiſtert, die Menſchen gerecht, die Greiſe die Kinder ſegnend, die Vergangenheit die Zu⸗ kunft liebend, die Denker frei, die Gläubigen gleich, für die Religion der Himmel, Gott unmittelbar Prieſter, das menſchliche Gewiſſen zum Altar erhoben, kein Haß mehr, Brüderſchaft der Werkſtätte und der Schule, als Strafe und Belohnung die Oeffentlichkeit, für Alle die Arbeit, für Alle das Recht, für Alle der Friede; kein vergoſſenes Blut mehr, kein Krieg, die Mütter glücklich! Die Materie zu bezwingen iſt der erſte Schritt, das Ideal zu verwirklichen, der zweite. Denkt an das, was der Fortſchritt ſchon voll— bracht hat. Muth und Vorwärts! Bürger, wohin gehen 22 wir? Zur Wiſſenſchaft, welche Regierung, zur Gewalt der Dinge, welche die einzige öffentliche Gewalt geworden iſt, zu dem natürlichen Geſetz, welches ſeine Heiligung in ſich ſelbſt trägt, zu dem Lichte der Wahrheit, welches dem Leuchten des Tages entſpricht. Wir ſchreiten der Einigkeit der Völker entgegen. Das Wirkliche beherrſcht durch die Wahrheit, das iſt unſer Ziel. Die Civiliſation wird ihre Aſſiſen über Europa halten und ſpäter ein großes Parlament der Intelligenz. Etwas Aehnliches iſt ſchon dageweſen. Die Abgeordneten der griechiſchen Stände, die Amphictyonen, hielten jährlich zwei Sitzungen, vier in Delphi, dem Orte der Götter, die andern in den Thermopylen, dem Orte der Helden. Auch Europa wird ſeine Amphictyhonen haben. Frankreich trägt dieſe erhabene Zukunft in ſeinem Schvoße. Was Griechenland entworfen hatte, iſt würdig, durch Frank⸗ reich vollendet zu werden. Höre mich an, Du Feuilly, tapferer Arbeiter, Mann des Volkes, Mann der Völker. Ich verehre Dich. Ja, Du ſiehſt deutlich die zukünftigen Zeiten, ja, Du ſahſt recht. Du wirſt hier ſterben, d. h⸗ triumphiren. Bürger, was auch heute geſchehen möge, ſo werden wir voch durch unſere Niederlage ebenſo gut, wie durchs unſern Sieg, eine Revolution vollbringen. Wie ein Brand eine ganze Stadt erleuchtet, ſo erleuchten die Re⸗ volutionen das ganze Menſchengeſchlecht. Und was für eine Revolution werden wir vollbringen? Ich ſagte es ſchon, die Revolution des Wahren. Aus dem politiſchen Geſichtspunkte giebt es nur ein Prinzip, die Herrſchaft des Menſchen über ſich ſelbſt. Dieſe Herrſchaft des Ich über das Ich heißt Freiheit. Da, wo zwei oder mehrere dieſer Herrſchaften ſich vereinigen, beginnt der Staat. Aber in dieſer Verbindung liegt keine Verzichtleiſtung. Jede Herr⸗ ſchaft überträgt einen gewiſſen Theil ihrer ſelbſt, um das gemeinſchaftliche Recht zu bilden. Dieſer Theil iſt gleich für Alle. Dieſe Gleichheit, das Zugeſtändniß, das Jedem „ 23 walt gemacht wird, heißt Freiheit. Das gemeinſchaftliche Recht tden iſt nichts anderes, als der Schutz Aller für das Recht g in jedes Einzelnen. Dieſer Schutz Aller für Jeden heißt dem Brüderſchaft.“ gkeit„Verſtändigen wir uns über die Gleichheit, denn wenn die die Freiheit der Gipfel iſt, ſo iſt die Gleichheit die Grund⸗ ſiſen lage. Die Gleichheit, Bürger, iſt nicht die ganze Vegetation der in gleicher Höhe, eine Geſellſchaft großen Graſes und Die kleiner Eichen. Bürgerlich iſt ſie die Fähigkeit Aller, zu nen, demſelben Ziele zu gelangen; politiſch, das gleiche Gewicht Orte aller Stimmen; religiös, das gleiche Recht aller Gewiſſen. der Die Gleichheit hat ein Organ: der unentgeldliche und ben. pflichtgemäße Unterricht. Das Recht hat ein Alphabet und ooßt. bei dieſem muß man anfangen. Die Primairſchule iſt Pflicht ranl⸗ für Alle, die Secundairſchule Allen geboten. So iſt das tillh, Geſetz. Aus der identiſchen Schule entſpringt die geſell⸗ lter. ſchaftliche Gleichheit, ja, der Unterricht! Die Aufklärung. tigen Alles entſpringt dem Lichte und kehrt zu demſelben zurück. 5. Bürger, das neunzehnte Jahrhundert iſt groß, aber das ſp zwanzigſte wird glücklich ſein. Dann giebt es nichts wi der alten Geſchichte Aehnliches mehr; man wird dann ein nicht mehr wie heute eine Eroberung, eine Invaſion, ge eine Uſurpation, eine Nebenbuhlerſchaft der Nationen mit bewaffneter Hand zu fürchten haben, keinen Kampf 69 zwiſchen zwei Religionen, keine Hungersnoth, keine Aus⸗ ſce beutung, keine Unzüchtigkeit aus Noth, kein Blutgerüſte, des keine Schlachten, keine Räubereien in dem Walten der Ereig⸗ zber niſſe. Man könnte beinahe ſagen: es werde keine Ereigniſſe tiſer mehr geben. Man wird glücklich ſein. Das menſchliche n Geſchlecht wird ſeinem Geſetze folgen, wie der Erdball dem ſeinigen; die Uebereinſtimmung wird zwiſchen der Seele 2 und dem Geſtirn hergeſtellt werden; die Seele wird die Wahrheit umkreiſen, wie das Geſtirn das Licht. Freunde, die Stunde, in welcher wir leben und ich, der ich zu Euch zed „ 24 ſpreche, iſt eine finſtere Stunde. Allein dies furchtbaren Käufe der Zukunft. Eine Revolution iſt ein Zoll. Das menſchliche Geſchlecht wird davon befreit werden! Wir ſichern ihm dies auf dieſer Barrikade. Brüder, wer hier ſtirbt, der ſtirbt in dem Strahlenlichte der Zukunft und wir ſinken, von Morgenröthe umgeben, in das Grab.“ Cnjolras unterbrach ſich mehr, als daß er geſchwiegen hätte; ſeine Lippen bewegten ſich noch ſtumm, als ob er fortführe, mit ſich ſelbſt zu ſprechen, und aufmerkſam, als wollten ſie verſuchen, ihn noch zu hören, blickten Alle auf ihn. Es gab keinen Beifallsjubel, aber man flüſterte noch lange mit einander. Das Wort war zum Hauche geworden, das Rauſchen des Geiſtes glich dem Rauſchen der Blätter. V. Marius verſtört, Javert lakoniſch. Sagen wir, was in Marius Gedanken vorging. Man erinnere ſich der Stimmung ſeiner Seele. Wir erwähnen es nochmals, daß für ihn Alles nur Viſion war. Sein Urtheil war getrübt. Marius, wir wiederholen es, befand ſich unter dem Schatten der großen, dunklen Fittiche, welche über die Sterbenden ausgebreitet ſind. Er fühlte ſich in das Grab geſunken, es ſchien ihm, als ſtände er bereits auf der andern Seite der Mauer, und er ſah die Geſichter der Lebenden nur noch mit dem Auge des Todes. Wie kam Herr Fauchelevent hierher? Alle dieſe Fragen — nichte übrig eben vor, uſ geb . 25 richtete Marius nicht an ſich. Unſere Verzweiflung hat übrigens das Eigenthümliche an ſich, daß ſie alle andern ebenſo zu erfaſſen ſcheint und kam es ihm ganz logiſch vor, daß Alle ſterben wollten. Nur dachte er an Coſette mit gepreßtem Herzen. Uebrigens redete Herr Fauchelevent ihn nicht an, blickte ihn nicht an und ſchien ihn nicht einmal zu hören, als Marius die Stimme erhob, um zu ſagen:„Ich kenne ihn.“ Marius fühlte ſich durch dieſe Haltung des Herrn Fauchelevent erleichtert und, wenn man den Ausdruck für ſolche Eindrücke verwenden könnte, ſo würden wir ſagen, er gefiel ihm. Er hatte ſtets die gänzliche Unmöglichkeit gefühlt, das Wort an dieſen räthſelhaften Menſchen zu richten, der für ihn zugleich zweideutig und impoſant war. Außerdem hatte er ihn ſeit langer Zeit nicht geſehen, was für eine ſo ſchüchterne und zurückhaltende Natur, wie Marius, die Unmöglichkeit noch ſteigerte. Die fünf bezeichneten Männer verließen die Barrikade durch das Gäßchen Mondétour; ſie glichen vollkommen Nationalgardiſten. Einer von ihnen entfernte ſich weinend. Ehe ſie gingen, umarmten ſie die Bleibenden. Als die fünf in das Leben zurückgeſchickten Männer gegangen waren, dachte Enjolras an den zum Tode Verur⸗ theilten. Er trat in den untern Saal. Javert, an den Pfahl gebunden, dachte nach. „Brauchſt Du irgend Etwas?“ fragte Enjolras. Javert antwortete: „Wann werdet ihr mich tödten?“ „Warte! Wir bedürfen in dieſem Augenblicke aller unſerer Cartouchen.“ „Nun, dann gebt mir Etwas zu trinken,“ ſagte Javert. Enjolras reichte ihm ein Glas Waſſer und, da Javert gebunden war, half er ihm trinken. „Iſt das Alles?“ fuhr Enjolras fort. 26 „Ich befinde mich hier ſchlecht an dieſem Pfahl, erwiderte Javert.„Ihr ſeid nicht ſehr zärtlich, daß Ihr mich hier die Nacht zubringen lieſt. Bindet mich, wie Ihr wollt, aber Ihr könnt mich wohl auf den Tiſch legen, wie den Andern.“ Und mit einer Bewegung des Kopfes deutete er auf die Leiche des Herrn Mabeuf. Es ſtand, wie man ſich erinnern wird, im Hintergrunde des Saales ein großer langer Tiſch, auf welchem man Kugeln gegoſſen und Cartouche gemacht hatte. Da alle Cartouchen gemacht und alles Pulver verbraucht worden, wurde dieſer Tiſch frei. Auf Enjolras Befehl banden vier Inſurgenten Javert von dem Pfahle los. Während man dies that, hielt ein Fünfter ihm ein Bajonett auf die Bruſt gezückt. Man ließ ihm die Hände auf dem Rücken gebunden, band nun die Füße mit einer dünnen, aber feſten Peitſchenſchnur zuſammen und geſtattete ihm, Schritte von fünfzehn Zoll Länge zu machen, wie die, welche das Schaffot beſteigen; ſo führte man ihn zu dem Tiſche im Hintergrunde des Saales, auf welchem man ihn, in der Mitte des Körpers feſtgebunden, ausſtreckte. Zu größerer Sicherheit fügte man den Banden, die ihm jede Flucht unmöglich machten, noch jene Art von Feſſeln hinzu, die man in den Gefängniſſen Sprungriemen nennt. Sie beſtehen aus einem Strick, der am Halſe be⸗ feſtigt iſt, von dem Genick aus geht, ſich über den Bauch theilt und dann zwiſchen den Beinen hindurch wieder zu den Händen geht. Während man Javert ſo band, betrachtete ein Menſch, der auf der Schwelle der Thür ſtand, ihn mit beſonderer Aufmerkſamkeit. Der Schatten, welchen dieſer Menſch warf, machte, daß Javert den Kopf wendete. Er erhob die Augen und erkannte Jean Valjean. Er erbebte nicht einmal, ſenkte ſtolz die Augenlider und beſchränkte ſich damit, zu ſagen: „Das iſt ganz einfach.“ ſich nich Cho wir in Ga Ve nde ran alle en, ert ein ließ die nen zu rte auf del, den, von men be⸗ auch ſch, erer arf, gen enkte gen: V Die Lage wird ernſter. Der Tag nahm ſchnell zu, aber kein Fenſter öffnete ſich, keine Thür ging auf; es war die Morgenröthe, doch nicht das Erwachen. Das äußere Ende der Rue de la Chanvrerie, welches der Brücke gegenüber lag, war, wie wir erwähnten, von den Truppen verlaſſen worden; die Straße war frei und öffnete ſich den Vorübergehenden mit finſterer Ruhe. Die Rue Saint⸗Denis war ſtumm wie der Gang zu der Sphinx in Theben. Nicht ein lebendes Weſen zeigte ſich auf den Kreuzwegen, welche von der Sonne beſchienen wurden. Nichts iſt ſo grabartig, als dieſe Helligkeit der öden Straße. Man ſah Nichts, aber man hörte Etwas. Es fand in einer gewiſſen Enfernung eine geheimnißvolle Bewegung ſtatt. Offenbar nahte der kritiſche Augenblick. Wie am Abend zuvor, zogen die Schildwachen ſich zurück, diesmal aber alle. Die Barrikade war ſtärker wie beim erſten Angriff. Seit der Entfernung der Fünf hatte man ſie noch höher gemacht. Auf den Rath der Vedette, welche die Gegend der Hallen beobachtet hatte, faßte Enjolras, aus Furcht vor einem Ueberfall im Rücken, einen ernſten Entſchluß. Er ließ das kleine Gäßchen Mondétour, welches bisher frei geblieben war, verbarrikadiren. Es wurde zu dieſem Zweck an einigen Häuſern das Steinpflaſter aufgeriſſen. Auf dieſe Art war die Barrikade auf drei Seiten hin ge⸗ 28 ſchloſſen, vorwärts gegen die Rue de la Chanvrerie, links gegen die Rue du Cygne und die Rue de la Petite Truanderie und rechts gegen die Rue Mondétour, in der That beinahe uneinnehmbar; freilich fand man ſich auch auf verhängniß— volle Weiſe in derſelben eingeſperrt. Sie hatte drei Fronten, aber keinen Ausgang.„Eine Feſtung, aber eine Mauſefalle,“ ſagte Courfeyrac lachend. Enjolras ließ neben der Thür des Cabarets einige dreißig Pflaſterſteine aufhäufen,„die zu viel ausgeriſſen worden waren,“ wie Boſſuet ſagte. Das Schweigen war jetzt in der Richtung, wo der Angriff kommen mußte, ſo tief, daß Enjolras Jedem ſeinen Kampfpoſten einnehmen ließ. Es wurde an Alle eine Portion Branntwein vertheilt. Nichts iſt ſo merkwürdig, wie eine Barrikade, die ſich auf einen Sturm vorbereitet. Jeder wählt ſeinen Platz, wie im Theater. Man drängt, man lehnt ſich an einander. Einige machten ſich Logen von Fflaſterſteinen. Eine Mauerecke hindert und man entfernt ſich von ihr; ein Vorſprung kann Schutz gewähren und man tritt hinter denſelben. Die Linkhandigen ſind von beſonderem Werth. Sie nehmen die Plätze ein, welche für die Andern unbequem ſind. Viele trafen Anſtalten, ſitzend zu kämpfen. Man will behaglich ſein, um zu tödten und bequem, um zu ſterben. Bei dem verhängnißvollen Kampfe im Juni 1848 hatte ein Inſurgent, der ausgezeichnet ſchoß und ſich von einem Dache herunter ſchlug, ſich einen Armſtuhl bringen laſſen; ein Kartätſchen⸗ ſchuß traf ihn in demſelben. Sobald der Chef kommandirt hat: Fertig zum Gefecht, hören alle unordentlichen Bewegungen auf; Alles wendet ſich voll Aufmerkſamkeit dem Angriff zu. Eine Barxikade iſt vor der Gefahr ein Chaos, in der Gefahr Disciplin. Die Gefahr bringt die Ordnung hervor. Sobald Enjolras ſeine zweiläufige Büchſe genommen nd vorbe Gert Es 1 volle der wei welc Die Sich dem einer ſam S tr ertör dies Ein Ma hein naht Ein der wild wor An mit U 29 und ſich auf eine Art von Zinne geſtellt hatte, die er ſich vorbehielt, ſchwiegen Alle. Ein leiſes, eigenthümliches Geräuſch ertönte längs der Mauer von Fflaſterſteinen her. Es waren die Gewehre, deren Hahn man ſpannte. Uebrigens war die Haltung ſtolzer und vertrauungs⸗ voller wie je; das Uebermaß des Opfers iſt ein Mittel der Feſtigkeit; es gab keine Hoffnung mehr, aber die Ver⸗ zweiflung herrſchte. Die Verzweiflung iſt die letzte Waffe, welche zuweilen den Sieg verleiht. Virgil hat das geſagt. Die äußerſte Hülfe entſpringt aus den äußerſten Entſchlüſſen. Sich dem Tod in die Arme werfen iſt zuweilen das Mittel, dem Schiffbruch zu entrinnen. Der Sargdeckel wird zu einer Planke des Heils. Wie am Abend zuvor, war die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf das jetzt erleuchtete und ſichtbare Ende der Straße gerichtet. Die Erwartung währte nicht lange. Das Geräuſch ertönte deutlich von der Seite der Rue Saint⸗Leu, aber diesmal glich es nicht der Bewegung des erſten Angriffes. Ein Klirren von Ketten, das beunruhigende Raſſeln einer Maſſe, das Klirren des Erzes auf dem Pflaſter, eine Art heimlichen Getöſes verkündigte, daß ein finſteres Eiſenwerk nahte. Die alten friedlichen Straßen erbebten in ihren Eingeweiden, denn ſie ſind nicht dazu geſchaffen, das Rollen der Ungeheuer von Kriegsmaſchinen zu vernehmen. Die Augen aller Kämpfenden richteten ſich ſtier und wild auf das äußerſte Ende der Straße. Ein Geſchütz erſchien. Die Artilleriſten zogen die Kanonen; der Protzkaſten war abgeſpannt worden, zwei hielten die Lafette, die Andern griffen in die Räder. Wieder Andere folgten mit dem Munitionswagen. Man ſah die angezündeten Lunte dampfen. „Feuer!“ rief Enjolras. 30 Die ganze Barrikade gab Feuer; der Knall war ent⸗ ſetzlich; eine Rauchwolke bedeckte das Geſchütz und die Mannſchaft; nach einigen Sekunden verzogen ſich die Wolken und die Kanone und die Mannſchaft wurde wieder ſichtbar; die Bedienungsmannſchaft des Geſchützes fuhr fort, die Kanone langſam der Brücke gegenüber zu rollen, ohne ſich dabei zu beeilen. Nicht Einer war getroffen. Dann legte der Kommandant des Geſchützes ſich nieder, um mit dem Ernſt eines Aſtronomen gut zu zielen. „Bravo, Kanoniere!“ rief Boſſuet. Und die ganze Barrikade klatſchte in die Hände. Einen Augenblick darauf ſtand das Geſchütz auf der Straße über dem Rinnſtein. „Nur munter!“ rief Courfeyrac.„Das iſt das Rohr. Nach dem Naſenſtüber der Fauſtſchlag. Die Armee ſtreckt ihre große Tatze gegen uns aus. Die Barrikade wird ernſthaft geſchüttelt werden. Das Gewehrfeuer taſtet, die Kanone packt.“ „Es iſt ein Achtpfündner, neuer Art“, fügte Combe⸗ ferre hinzu.„Dieſe Geſchütze ſind dem Springen aus⸗ geſetzt, wenn man das richtige Verhältniß von zehn Theilen Zinn auf hundert Theile Kupfer verfehlt. Um der Gefahr vorzubeugen, und die Ladung verſtärken zu können, mußte man vielleicht zu dem Hülfsmittel des vierzehnten Jahrhunderts zurückkehren und das Rohr außerhalb mit Ringen umgeben.“ „Im 16. Jahrhundert,“ bemerkte Boſſuet,„hatte man gezogene Kanonen.“ „Ja,“ erwiederte Combeferre,„das vergrößert die Kraft des Schuſſes, vermindert aber die Richtigkeit des Zielens. Bei dem Schuſſe auf kurze Diſtanzen hat das Geſchoß nicht die ganze wünſchenswerthe Kraft und doch iſt dieſe nothwendig, denn die Wichtigkeit wächſt mit der Nähe des Feindes und der Schnelligkeit des Schuſſes.“ Alles Schn Stun Seku Nape die S er eckt ird die be⸗ us⸗ ilen ahr nan die des das doch der 31 Uebrigens kann das Geſchütz dieſer Despoten nicht Alles, was es will; die Kraft iſt zuweilen eine große Schwäche. Eine Kanonenkugel legt nur 600 Lieues in der Stunde zurück; das Licht durcheilt 60,000 Lieues in der Sekunde. So groß iſt die Ueberragung Jeſu Chriſti über Napoleon. „Ladet die Gewehre,“ gebot Enjolras. Während die Inſurgenten die Gewehre ladeten, ladeten die Artilleriſten die Kanone. Die Erwartung war groß in der Redoute. Der Schuß fiel, der Knall ertönte. „Ich melde mich!“ rief eine luſtige Stimme. Und in demſelben Augenblicke, in welchem die Kugel gegen die Barrikade ſchlug, ſprang Gavroche in dieſelbe hinab. Er kam von der Seite der Rue du Cygne und hatte rechtzeitig die Barrikade überklettert, welche der Rue de la Petite Truanderie gegenüber lag. Gavroche machte in der Barrikade mehr Eindruck, als die Kugel. Dieſe hatte ſich in der Brüſtung verloren. Höchſtens hatte ſie ein Rad des Omnibus zerſchmettert und den alten Kalkkarren vollends zertrümmert. Als die Barrikade dies ſah, lachte ſie laut auf. „Fortgefahren,“ rief Boſſuet den Artilleriſten zu. VII. Die Artilleriſten nehmen es ernſt. Man umringte Gavroche. Allein er hatte nicht die Zeit, Etwas zu erzählen. Marius zog ihn bebend bei Seite. „Was willſt Du hier?“ „Ei!“ ſagte das Kind.„Und Sie?“ Er ſah Marius mit ſeiner eigenthümlichen Keckheit ſtarr an. Seine beiden Augen vergrößerten ſich mit der Klarheit des Stolzes, die in ihnen lag. Mit ſtrengem Ton fuhr Marius fort: „Wer befahl Dir, zurückzukehren? Haſt Du wenigſtens meinen Brief an ſeine Adreſſe abgegeben?“ Gavroche war nicht ganz ohne Reue in Beziehung auf dieſen Brief. In ſeiner Haſt, nach der Barrikade zurückzukehren, hatte er ſich deſſelben mehr entledigt, als ihn übergeben. Er war gezwungen, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß er ihn etwas leichtfertig jenem Unbekannten anvertraut hatte, deſſen Geſicht er nicht einmal erkennen konnte. Frei⸗ lich war dieſer Menſch ohne Kopfbedeckung, aber das ge⸗ nügte nicht. Kurz, er machte ſich in dieſer Beziehung leichte, innere Vorwürfe, und fürchtete die, welche Marius ihm machen möchte. Er griff, um ſich aus der Verlegen⸗ heit zu ziehen, zu dem einfachſten Mittel; er log ganz ab⸗ ſcheulich. „Bürger,“ ſagte er,„ich habe den Brief dem Portier übergeben. Die Dame ſchlief. Sie wird den Brief bei ihrem Erwachen erhalten.“ zwei vroc er g des Gei Fau Vah er ben Erſ der bi m heit der ens ung kade als en, aut rei⸗ ung ius ab⸗ tiet bei 33 Marius hatte bei der Ueberſendung dieſes Briefes zwei Zwecke gehabt: Coſette Lebewohl zu ſagen und Ga⸗ vroche zu retten. Er mußte ſich mit der Hälfte deſſen, was er gewollt hatte, begnügen. Die Abſendung dieſes Briefes und die Anweſenheit des Herrn Fauchelevent in der Barrikade ſtand für ſeinen Geiſt im Zuſammenhange. Er zeigte Gavroche Herrn Fauchelevent. „Kennſt Du den Mann?“ „Nein,“ ſagte Gavroche. Gavroche hatte in der That, wie wir erwähnten, Jean Valjean nur in der Nacht geſehen. Die finſteren und krankhaften Vermuthungen, welche in Marius Geiſte entſtanden waren, verſchwanden. Kannte er die Meinung des Herrn Fauchelevent? Herr Fauchele⸗ vent war vielleicht ein Republikaner. Dadurch wurde ſein Erſcheinen bei dieſem Kampfe erklärt. Indeß befand ſich Gavroche ſchon am andern Ende der Barrikade und rief:„Mein Gewehr!“ Courfeyrac ließ es ihm zurückgehen. Gavroche benachrichtigte die„Kameraden“, wie er ſie nannte, daß die Barrikade cernirt ſei. Er hatte viel Mühe gehabt, zu derſelben zu gelangen. Ein Linienbataillon, das in der Rue de la Petite Truanderie ſtand, deckte die Seite gegen die Rue du Cygne; auf der entgegengeſetzten Seite hatte die Municipalgarde die Rue des Précheurs be⸗ ſetzt. Sich gegenüber hatte man das Gros der Armee. Nachdem Gavroche dieſe Mittheilung gemacht hatte, fügte er hinzu: „Ich ermächtige Euch, ihnen einige tüchtige Stöße zu verſetzen.“ Indeß horchte Enjolras, der auf ſeiner Zinne ſtand, mit geſpitztem Ohr. Die Angreifenden, welche ohne Zweifel mit ihrem Die Elenden. IX. 3 34 Kugelſchuß nicht zufrieden geweſen waren, hatten ihn nicht wiederholt. Eine Compagnie Linieninfanterie beſetzte das äußerſte Ende der Straße hinter dem Geſchütze. Die Soldaten riſſen die Pflaſterſteine auf und führten mit denſelben eine niedrige Mauer auf, ſo daß ſie eine Art Brüſtung bildete, die nicht höher als achtzehn Zoll war und der Barrikade gegenüber lag. An der linken Ecke dieſer Brüſtung ſah man die Spitze der Kolonne eines Bataillons der Vor⸗ ſtadt, welches in der Rue Saint⸗Denis aufgeſtellt war. Enjolras, welcher auf der Lauer ſtand, glaubte den eigenthümlichen Ton zu vernehmen, der durch das Heraus⸗ nehmen eines Kartätſchenſchuſſes aus dem Munitionskaſten verurſacht wird, und ſah, wie der Führer des Geſchützes die Richtungslinie veränderte und das Korn der Mündung ein Wenig ſenkte. Dann ladeten die Kanoniere das Geſchütz. Der Führer ergriff ſelbſt die Lunte und näherte ſie dem Zündloche. „Senkt die Köpfe!“ rief Enjolras.„Und nieder auf die Kniee, längs der Barrikade.“ Die Inſurgenten, welche vor dem Cabaret ſtanden und ihren Kampfplatz bei der Ankunft Gavroche's verlaſſen hatten, ſtürzten im bunten Gemenge gegen die Barrikade; aber ehe Enjolras' Befehl ausgeführt wurde, fiel der Schuß mit dem entſetzlichen Getöſe eines Kartätſchenregens. Es war in der That geſchehen. Der Schuß war gegen den Durchſchnitt der Redoute gerichtet, hatte an der Mauer ricochettirt und zwei Todte und drei Verwundete zur Folge. Wenn das fortdauerte, war die Barrikade nicht lange zu halten. Die Kartätſchenkugeln drangen in dieſelbe ein. Es entſtand eine Pauſe des Schreckens. „Hindern wir den zweiten Schuß“, ſagte Enjolras. Und ſeine Büchſe ſenkend, zielte er auf den Führer des Ge⸗ ——— ſchi um Art ver lich des jn ſind iel ſiel no lei icht rſte aten eine te, fade ſch or⸗ den us⸗ ſten es ung ütz. dem auf und ſſen de; huß Es oute odte mge in⸗ 6 ſchützes, der in dieſem Augenblick ſich niedergebeugt hatte, um die Richtung zu nehmen. Dieſer Geſchützführer war ein ſchöner Sergeant der Artillerie, jung, blond, mit ſanftem Geſicht und mit dem verſtändigen Ausdruck, der dieſer bevorzugten und fürchter⸗ lichen Waffe eigen iſt, welche durch die Vervollkommnung des Entſetzlichen den Krieg tödten muß. Combeferre, der neben Enjolras ſtand, betrachtete den jungen Mann. „Wie ſchade“, ſagte Combeferre.„Dieſe Schlächtereien ſind etwas Abſcheuliches! Nun, wenn es keinen König mehr giebt, wird es auch keinen Krieg mehr geben.“ „Enjolras, Du zielſt auf dieſen Sergeanten, aber Du ſiehſt ihn nicht an; er iſt unerſchrocken; man ſieht, daß er noch denkt. Dieſe jungen Leute der Artillerie ſind ſehr leichtſinnig; er hat einen Vater, eine Mutter, eine Familie; er liebt wahrſcheinlich; er iſt höchſtens fünfundzwanzig Jahr alt; er könnte Dein Bruder ſein.“ „Er iſt es“, ſagte Enjolras. „Ja“, entgegnete Combeferre,„und der meinige auch. Nun gut, tödten wir ihn nicht.“ 3 „Laß mich. Was ſein muß, muß ſein.“ Und eine Thräne rann langſam über die Marmorwange Enjolras'. In demſelben Augenblick drückte er den Abzug ſeiner Büchſe. Der Blitz zuckte. Der Artilleriſt drehte ſich zwei⸗ mal um ſich ſelbſt, die Arme vor ſich hingeſtreckt und den Kopf in die Höhe gehoben, als wollte er Luft einathmen. Dann fiel er auf das Geſchütz und blieb regungslos liegen. Man ſah ſeinen Rücken und mitten auf demſelben floß ein Blutſtrom. Die Kugel hatte ihm die Bruſt durchbohrt. Er war todt. Er mußte fortgetragen und erſetzt werden. Dadurch wurden in der That einige Minuten gewonnen. 3* 36 VIII. Anwendung des alten Wildſchützentalents und jenes unfehlbaren Schuſſes, welcher auf die Verurtheilung von 1796 Einfluß übte. Die Meinungen kreuzten ſich in der Barrikade. Das Feuern des Geſchützes mußte wieder beginnen. Man konnte nicht eine Viertelſtunde gegen dieſes Kartätſchenfeuer Stich halten. Es war durchaus nothwendig, die Schüſſe unſchädlich zu machen. Enjolras warf den Befehl hin: „Man muß da eine Matratze hinſchaffen.“ „Es giebt keine“, ſagte Combeferre.„Die Verwun⸗ deten liegen darauf.“ Jean Valjean, der ſeitwärts auf einem Eckſteine ſaß, dicht neben dem Cabaret, ſein Gewehr zwiſchen den Beinen, hatte bis zu dieſem Augenblick auf Nichts von dem, was vorging, geachtet. Er ſchien es nicht zu hören, daß die Kämpfer in ſeiner Nähe ſagten:„Das iſt ein Gewehr, welches Nichts thut.“ Bei dem Befehl, den Enjolras ertheilte, ſtand er auf. Man erinnert ſich, daß bei der Ankunft des Inſur⸗ gentenhaufens in der Rue de la Chanvrevrie eine alte Frau, welche die Kugel ahnte, ihre Matratze vor ihr Fenſter ge⸗ hangen hatte. Dieſes war ein Bodenfenſter auf einem Dache eines ſechsſtöckigen Hauſes, welches etwas vor der Barrikade ſtand. Die Matratze war mit dem unteren Ende auf zwei Stützen gelehnt, die dazu dienten, Wäſche zu trocknen, und wurd Näge fenſt Him frag ſie i ſchn nes ung as lan mer iſſe un⸗ nen, was die ehr, auf ſur⸗ rau, ge⸗ nem der wei und 37 wurde am obern Ende durch zwei Stricke gehalten, die an Nägeln befeſtigt waren, welche in der Brüſtung des Dach⸗ fenſters waren. Man konnte dieſe beiden ſich gegen den Himmel abhebenden Stricke deutlich ſehen. „Kann mir Jemand eine doppelläufige Büchſe leihen?“ fragte Jean Valjean. Enjolras, der die ſeinige wieder geladen hatte, reichte ſie ihm. Jean Valjean zielte auf die Manſarde und ſchoß. Einer der beiden Stricke der Matratze war durch⸗ ſchnitten. Die Matratze hing nur noch an einem Faden. Jean Valjean that den zweiten Schuß. Der zweite Strick ſchlug gegen die Scheibe der Manſarde, die Matratze glitt zwiſchen den beiden Stützen herab und fiel auf die Straße herunter. Die Barrikade klatſchte Beifall. Alle Stimmen riefen: D „Da iſt eine Matratze.“ „Ja,“ ſagte Combeferre,„aber wer holt ſie?“ Die Matratze war in der That außerhalb der Barri⸗ kade zwiſchen den Belagerten und Belagernden niederge⸗ fallen. Der Tod des Artillerieſergeanten hatte die Truppen erbittert; ſeit einigen Augenblicken hatten ſich die Soldaten hinter der Brüſtung von Fflaſterſteinen, die ſie errichteten, niedergelegt. Um das gezwungene Schweigen des Ge⸗ ſchützes, welches einen neuen Führer erwartete, zu erſetzen, hatten ſie das Feuer gegen die Barrikade eröffnet. Die Inſurgenten erwiderten das Feuer nicht, um ihre Munition zu ſchonen. Die Schüſſe brachen ſich nutzlos an der Bar⸗ rikade, aber die Straße, die ſie mit Kugeln erfüllten, war fürchterlich. Jean Valjean ging durch den Durchſchnitt, trat auf die Straße, ſchritt durch den Hagel von Kugeln hin zu der 38 Matratze, hob ſie auf, nahm ſie auf den Rücken und kehrte in die Barrikade zurück. Er ſelbſt ſtellte die Matratze in den Durchſchnitt und befeſtigte ſie an der Mauer auf eine Weiſe, daß die Artil⸗ leriſten ſie nicht ſehen konnten. Als dies geſchehen war, erwartete man den Kartätſchenſchuß. Er zögerte nicht. Die Kanone ſpie heulend ihren See aus. Aber es fand kein Ricochettiren ſtatt. Die Kartätſchenkugeln waren an der Matratze ermattet. Die vorausgeſehene Wir⸗ kung war erreicht. Die Barrikade war gerettet. „Bürger,“ ſagte Enjolras zu Jean Valjean,„die Re⸗ publik dankt Ihnen.“ Boſſuet bewunderte und lachte. Er rief: „Es iſt unmoraliſch, daß eine Matratze ſo viel Macht beſitzt. Triumph deſſen, was ſich biegt, über das, was nie⸗ derſchmettert. Doch gleich viel, Ruhm der Matratze, die eine Kanone unſchädlich macht.“ Morgenröthe. In dieſem Augenblicke erwachte Coſette. Ihr kleines, reinliches, beſcheidenes Zimmer hatte ein hohes Fenſter gegen Morgen auf dem Hinterhofe des Hauſes. Coſette wußte Nichts von dem, was in Paris vorging Sie war den Tag zuvor nicht hier geweſen und hatte ſich ſchon „Es Sie erſchi der( Fort riß, durc Rege Nicht off wüs ſche habe daß gelor dieſe ſtral frül em 6 S olh nüg gen gen ſetz Ne m J den der beſt 39 ſchon in ihr Zimmer zurückgezogen, als die Touſſaint ſagte: „Es ſcheint, als ob die Sache in Gang kömmt. Coſette hatte nur wenige Stunden, aber gut geſchlafen. Sie hatte ſüße Träume und Jemand, der Marius hieß, erſchien ihr im hellen Lichte. Sie erwachte mit dem Strahl der Sonne auf ihrem Geſicht, ſo daß ſie anfing, an eine Fortſetzung ihres Traumes zu glauben. Ihr erſter Gedanke, als ſie ſich dieſem Traume ent⸗ riß, war lachend. Coſette fühlte ſich ganz beruhigt. Sie durchſchritt, wie Jean Valjean einige Stunden zuvor, jene Reaction der Seele, welche durchaus von dem Unglück Nichts wiſſen will. Sie begann mit aller Kraft wieder zu hoffen, ohne zu wiſſen weshalb. Dann fühlte ſie ein Herz⸗ drücken.— Seit drei Tagen hatte ſie Marius nicht ge⸗ ſehen. Aber ſie ſagte ſich, er müßte ihren Brief erhalten haben, er wüßte wo ſie wäre und hätte ſo viel Verſtand, daß er ein Mittel ausfindig machen würde, bis zu ihr zu gelangen.— Und das gewiß noch heute, vielleicht ſelbſt dieſen Morgen.— Es war heller Tag, allein die Sonnen⸗ ſtrahlen fielen horizontal und ſie glaubte daher, es ſei noch früh, ſie müßte aber dennoch aufſtehen, um Marius zu empfangen. Sie fühlte, daß ſie ohne Marius nicht leben könnte, daß folglich Marius noch kommen würde und daß dieſes ge⸗ nügte. Kein Widerſpruch war anzunehmen. Alles das war gewiß. Drei Tage gelitten zu haben, war ſchon abſcheulich genug. Marius drei Tage abweſend zu laſſen, war ent⸗ ſetzlich von dem lieben Gott. Jetzt war dieſe grauſame Neckerei des Himmels eine überſtandene Prüfung; Marius mußte kommen und gute Nachrichten bringen. So iſt die Jugend beſchaffen; ſie trocknet ſchnell ihre Augen; ſie findet den Schmerz überflüſſig und nimmt ihn nicht an. Es iſt der Jugend natürlich, glücklich zu ſein. Es ſcheint ihr, als beſtehe ihr Athmen in Hoffnung. 40 Uebrigens konnte Coſette ſich nicht daran erinnern, was Marius ihr in Beziehung auf die Abweſenheit geſagt hatte, die nur einen Tag dauern ſollte und welche Erklärung er ihr darüber gegeben. Alle Welt hat bemerkt, mit welcher Geſchicklichkeit ein Geldſtück, das man fallen läßt, ſich zu verbergen weiß und welche Kunſt es beſitzt, ſich unfindbar zu machen. Es giebt Gedanken, die uns denſelben Streich ſpielen. Sie verbergen ſich in einer Ecke unſeres Hirns; ſie ſind verloren; es iſt unmöglich, das Gedächtniß wieder darauf zurück zu führen. Coſette ärgerte ſich über den geringen Erfolg der Anſtrengung, welche ihr Gedächtniß machte. Sie ſagte ſich, es ſei ſehr ſchlecht und ſehr ſtrafbar von ihr, die Worte vergeſſen zu haben, welche Marius ge⸗ ſprochen hatte! Sie verließ das Bett und nahm die beiden Abwaſchun⸗ gen des Körpers und der Seele vor, das Gebet und die Toilette. Man darf einen Leſer in ein Brautgemach führen, doch nicht in ein jungfräuliches Zimmer. Der Vers würde dies kaum wagen, die Proſa darf es nicht. Wir werden daher Nichts von dem ſagen, was nach dem Erwachen Coſettens folgte. Sie kleidete ſich ſchnell an, ordnete ihr Haar, öffnete dann das Fenſter und ließ die Augen umherſchweifen, indem ſie hoffte, etwas von der Straße zu erblicken, einen Winkel des Pflaſters, um Marius erſpähen zu können. Aber man ſah Nichts von dem Aeußeren. Der Hinterhof war mit einer hohen Mauer umgeben und wurde nur von einigen Gärten begrenzt. Coſette erklärte dieſe Gärten für ab⸗ ſcheulich; zum erſten Mal in ihrem Leben fand ſie Blumen häßlich. Das geringſte Stückchen des Rinnſteins würde ihr beſſer zugeſagt haben. Sie griff zu dem Auskunfts⸗ mittel, den Himmel zu betrachten, als ob ſie glaubte, daß Marius auch von dort kommen könnte. beſti für ſich vom meh eine her Por und muf iht M ent räu Ti We nd en, de ach ete em el nan mit gen b⸗ nen rde ſt⸗ daß 41 Plötzlich brach ſie in Thränen aus. Sie fühlte, un⸗ beſtimmt, etwas Gräßliches. Sie ſagte ſich, daß Nichts für ſie gewiß ſei; daß, ſich aus den Augen zu verlieren, ſich gänzlich verlieren hieße, und der Gedanke, daß Marius vom Himmel aus zu ihr kommen könnte, erſchien ihr nicht mehr reizend, ſondern ſchrecklich. Dann kehrte ihre Ruhe zurück und die Hoffnung und eine Art Lächeln, unbewußt, aber voll Vertrauen zu Gott. Im Hauſe ſchlief noch Alles. Tiefes Schweigen herrſchte. Kein Fenſterladen wurde geöffnet. Die Loge des Portiers war geöffnet. Die Touſſaint war noch nicht auf, und Coſette dachte natürlich, daß ihr Vater ſchliefe. Sie mußte ſehr gelitten haben und noch leiden, denn ſie ſagte ſich, ihr Vater ſei wie noch nie böſe geweſen; aber ſie rechnete auf Marius. Das Verſchwinden eines ſolchen Lichtes war ganz entſchieden unmöglich. In einzelnen goldenen Zwiſchen⸗ räumen hörte ſie in gewiſſer Entfernung eine Art dumpfes Tönen und dachte:„Es iſt ſonderbar, daß man die Thor⸗ wege ſo früh ſchon öffnet und ſchließt.“ Es waren die Kanonenſchüſſe gegen die Barrikade. Einige Fuß unter dem Fenſter Coſettens war in einer ganz ſchwarzen Mauerſpalte ein Neſt von Hausſchwalben. Das Neſt ſprang ein Wenig vor, ſo daß man von oben in dieſes kleine Paradies hinein ſehen konnte. Die Mutter ſaß darin und öffnete ihre Flügel fächerartig über der Brut. Der Vater flatterte umher, flog fort, kehrte zurück und brachte in ſeinem Schnabel Nahrung und Küſſe mit. Der anbrechende Tag vergoldete dieſes Bild des Glücks. Coſette, deren Haar von der Sonne beſchienen wurde und deren Seele ſich in Träumen badete, beleuchtet durch die Liebe im Innern und durch die Morgenröthe von Außen, neigte ſich unwill⸗ kürlich vor und ohne ſich zu geſtehen, daß ſie zugleich an Marius dachte, betrachtete ſie dieſe Vögel, dieſe Familie, 42 dieſes Männchen und dieſes Weibchen, dieſe Mutter und dieſe Kleinen mit der eigenthümlichen Verwirrung, welche der Anblick eines Reſtes einer Jungfrau verurſacht. X. Der Schuß, der nicht fehlt und Niemand tödtet. Das Feuer der Angreifenden währte fort. Das Mus⸗ keten⸗ und das Kartätſchenfeuer wechſelte mit einander, ohne großen Schaden anzurichten. Nur die obere Facade von Korinth litt allein; das Fenſter des erſten Stockes und die Dachfenſter wurden von Kugeln und Kartätſchen durch⸗ löchert und allmälig zuſammen geſchoſſen. Die Kämpfer, welche dort geſtanden hatten, mußten fort. Uebrigens iſt dies eine Taktik des Angriffs auf die Barrikaden, längere Zeit zu tirailliren, um die Munition der Inſurgenten zu er⸗ ſchöpfen, wenn ſie den Fehler begehen, das Feuer zu erwi⸗ dern. Wenn man an dem langſameren Schießen derſelben bemerkt, daß ſie keine Kugeln und kein Pulver mehr haben, ſtürmt man. Enjolras war nicht in dieſe Schlinge gefallen; die Barrikade erwiderte das Feuer nicht. Bei jeder Lage trieb Gavroche die Backen mit der Zunge auf, ein Zeichen der höchſten Geringſchätzung. „Das iſt gut“ ſagte er,„Zerreißt die Leinwand, wir brauchen Charpie.“ Courfehrac verſpottete den Kartätſchenhagel wegen ſeiner geringen Wirkung und ſagte zu der Kanone: Bell. die 2 Furch ſie d von hinte empf plötl barte hohen ſtche Enjt gebe und gug ſch und lche 43 „Du wirſt weitſchweifig, meine gute Alte.“ In der Schlacht ſpielt man Intriguen wie auf dem Ball. Es iſt wahrſcheinlich, daß die ſchweigende Redoute die Belagernden zu beunruhigen begann und in ihnen die Furcht irgend eines unerwarteten Ereigniſſes erweckte: daß ſie deshalb das Bedürfniß fühlten, deutlich in dieſen Haufen von Pflaſterſteinen hinein zu blicken, um zu erfahren, was hinter der regungsloſen Mauer vorging, welche die Schüſſe empfing, ohne ſie zu erwidern. Die Inſurgenten bemerkten plötzlich einen Helm, der in der Sonne auf einem benach⸗ barten Dache blitzte. Ein Pompier hatte ſich an einem hohen Schornſtein geſtützt, um hier als Schildwache zu ſtehen. Sein Blick fiel gerade in die Barrikade hinein. „Das iſt ein Beobachter, der uns im Wege iſt“, ſagte Enjolras. Jean Valjean hatte Engolras die Büchſe zurückge⸗ geben und wieder ſein Gewehr genommen. Ohne ein Wort zu ſagen, zielte er auf den Pompier, und eine Secunde darauf ſtürzte der Helm, von einer Kugel getroffen, klirrend auf die Straße. Der Soldat ver⸗ ſchwand eiligſt. Ein zweiter Beobachter nahm ſeinen Platz ein. Es war ein Offizier. Jean Valjean, der ſein Gewehr wieder geladen hatte, zielte auf's Neue und ſchickte den Helm des Offiziers zu dem des Soldaten. Der Offizier zog ſich ebenfalls ſehr ſchnell zurück. Der Rath war verſtanden worden. Es erſchien Niemand mehr auf dem Dache; man atte darauf verzichtet, die Barrikade zu erſpähen. „Weshalb haben Sie den Menſchen nicht getödtet?“ ſagte Boſſuet zu Jean Valjean. Jean Valjean aber antwortete nicht. 44 druc disc nem nach XI. ſc Die Unordnung als Anhänger der Ordnung. Boſſuet flüſterte Combeferre in das Ohr: 3 „Er hat auf meine Frage nicht geantwortet.“ ha „Das iſt ein Menſch, der mit Flintenſchilſſen Gutes J thut“, ſagte Combeferre. tei Die, welche eine Erinnerung an jene ſchon entfernte Zeit gewahrt haben, wiſſen, daß die Nationalgarde der hn Vorſtadt ſich tapfer gegen die Inſurgenten zeigte. Be⸗ ſonders erbittert und unerſchrocken war ſie in den Tagen in des Juni 1832. Ein Gaſtwirth von Pantin des Vertus I oder de la Cunette, deſſen„Anſtalt“ wegen des Aufſtands 6 feierte, wurde wild, als er ſeinen verödeten Tanzſaal ſah der und ließ ſich tödten, um die Ordnung zu retten, welche w durch die Schenke vertreten wurde. di In jenen zugleich bürgerlichen und heldenmüthigen Zeiten hatten die Ideen ihre Ritter und die Intereſſen ti ihre Kämpfer. Die Abnahme der Thalerrollen machte, daß 0 Banquiers die Marſeillaiſe ſangen. Man vergoß lyriſch d ſein Blut für das Comptoir und vertheidigte mit lacedä⸗ ſi moniſchem Enthuſiasmus das Kaufmannsgewölbe, dieſe un⸗ 1 endliche Verkleinerung des Vaterlandes. ei Uebrigens lag in dem Allen etwas ſehr Ernſtes. Es d waren die ſocialen Elemente, die mit einander in Kampf geriethen, den Tag erwartend, wo das Gleichgewicht zwiſchen ihnen hergeſtellt werden wird. Ein anderes Zeichen jener Zeit war, daß die Anarchie ſi ſich in dem„Gouvernementalismus“(ein barbariſcher Aus⸗ u ſe 45 druck der Regierungspartei), miſchte. Man war voll In⸗ disciplin für die Ordnung. Der Tambour ſchlug aus eige⸗ nem Antriebe den Generalmarſch und Jeder handelte mehr nach ſeinem Inſtinkt, als nach den Befehlen ſeiner Vorge⸗ ſetzten. In den Armeen der Ordnung gab es wahre Gue⸗ rillas. Die Civiliſation, welche unglücklicher Weiſe in jener Zeit mehr durch eine Anhäufung von Intereſſen, als durch eine Gruppe von Grundſätzen vertreten wurde, war oder glaubte ſich in Gefahr; ſie ſtieß den Alarmſchrei aus und Jeder eilte herbei, ſie auf Gefahr ſeines Kopfes zu ver⸗ theidigen. Der Eifer ging bis zur Vernichtung. Manche Abthei⸗ lung der Nationalgarde ernannte ſich aus eigner Machtvoll⸗ kommenheit zum Kriegsgericht und verurtheilte und richtete binnen fünf Minuten einen gefangenen Inſurgenten. Eine Improviſation der Art hatte Jean Prouvaire getödtet. Grauſames Lynchgeſetz, welches keine Partei das Recht hatte, der andern zum Vorwurf zu machen, denn es iſt in Amerika durch die Republik angewendet worden, wie in Europa durch die Monarchie. Am 6. Juni 1832 ließ ſich eine Compagnie der Na⸗ tionalgarde der Vorſtadt, welche der Capitän Fannicot commandirte, aus Laune und zum Vergnügen in der Rue de la Chanvrerie decimiren. Die Thatſache, ſo ſonderbar ſie auch war, wurde durch den in Folge des Aufſtandes von 1832 begonnenen Proceß erwieſen. Der Capitän Fannicot, ein ungeduldiger und kühner Bürger, eine Art Condottieri der Ordnung, ein phantaſtiſcher unterwürfiger Anhänger der Regierung, konnte dem Reiz nicht widerſtehen, vor der Zeit Feuer zu geben, ſowie dem Ehrgeize, für ſich allein, d. h. mit ſeiner Compagnie, die Barrikade zu nehmen. Außer ſich gebracht durch das auf einander folgende Erſcheinen der rothen Fahne und des alten Rockes, den er für eine ſchwarze Fahne hielt, tadelte er ganz laut die Generale 46 und die Corpsführer, welche ſich beriethen, den Augenblick zum entſcheidenden Sturme noch nicht für gekommen hielten und nach dem berühmt gewordenen Ausdruck eines derſelben die Inſurrection„in ihrer Brühe kochen ließen.“ Was ihn betraf, ſo fand er die Barrikade reif, und da das, was reif iſt, fallen muß, machte er den Verſuch. Er kommandirte entſchloſſene Leute, wie er war,„be⸗ hende,“ hat ein Zeuge geſagt. Seine Compagnie, eben die, welche den Dichter Jean Prouvaire erſchoß, war die erſte des Bataillons, welches an der Ecke der Straße ſtand. In dem Augenblick, als man es am wenigſten erwartete, führte der Kapitän ſeine Mannſchaft gegen die Barrikade. Dieſe Bewegung, welche mit mehr gutem Willen als ſtra⸗ tegiſcher Ordnung ausgeführt wurde, kam dem Kapitän Fannicot theuer zu ſtehen. Ehe ſie noch zwei Drittel der Straße zurückgelegt hatte, wurde ſie durch ein allgemeines Feuer der Barrikade begrüßt. Vier der kühnſten, welche vorangeeilt waren, wurden an dem Fuße der Redoute ſelbſt niedergeſchmettert, und der muthige Schwarm der National⸗ gardiſten, die ſehr tapfer waren, aber nicht die militäriſche Hartnäckigkeit beſaßen, mußten ſich nach einigem Zögern zurückziehen, fünfzehn Leichen auf dem Straßenpflaſter zurück⸗ laſſend. Der Augenblick des Zögerns gewährte den In⸗ ſurgenten die Zeit, ihre Gewehre wieder zu laden, und eine zweite, ſehr mörderiſche Lage erreichte die Compagnie, ehe ſie wieder zur Straßenecke, ihrem Schutze, gelangen konnte. Einen Augenblick gerieth ſie zwiſchen zwei Feuer und empfing die Lage des Geſchützes, welches ſein Feuer nicht unterbrochen hatte, da es dazu keinen Befehl empfing. Der unerſchrockene und unvorſichtige Fannicot war einer, der durch dieſes Kartätſchenfeuer getödtet wurde. Er fiel durch die Kanone, d. h. durch die Ordnung. Dieſer Angriff, mehr wüthend als ernſt, reizte En⸗ jolre Leut niti er! läm wel von Kär wer und ziht vie vie dah end mi Flo De F ſte blick lten lben und ch. „be⸗ eben die and. tete, ade. ſtra⸗ pitin der ines elche elbſt nal⸗ iſche 47 jolras.—„Die Dummköpfe!“ ſagte er.„Sie laſſen ihre Leute nutzlos tödten und vergeuden dadurch unſere Mu⸗ nition.“ Enjolras ſprach wie ein echter Inſurgentenführer, der er war. Die Inſurrection und die Unterdrückung derſelben kämpfen nicht mit gleichen Waffen. Die Inſurrection, welche leicht zu erſchöpfen iſt, hat nur eine gewiſſe Anzahl von Schüſſen abzufeuern und eine gewiſſe Anzahl von Kämpfern zu opfern. Eine geleerte Patrontaſche und ein getödteter Menſch werden nicht erſetzt. Die Unterdrückung hat ihre Armee und zählt ihre Menſchen nicht, ſie hat ihre Kaſernen und zählt ihre Schüſſe nicht. Die Unterdrückung hat eben ſo viel Regimenter, wie die Barrikade Menſchen und eben ſo viel Arſenale, wie die Barrikaden Cartouchen. Da ſind daher auch die Kämpfe von Einem gegen Hundert, und endigen ſtets mit der Vernichtung der Barrikaden; es müßte denn die Revolution plötzlich ſich erheben, und ihr Flammenſchwert des Erzengels in die Wagſchaale werfen. Das geſchieht zuweilen. Dann erhebt ſich Alles; die Pflaſterſteine gerathen in Aufregung, die Volksredouten ent⸗ ſtehen in Maſſe. Ein 10. Auguſt, ein 29. Juli ſchwebt in der Luft, ein wunderbares Licht erſcheint, der gähnende Schlund der Gewalt weicht zurück und die Armee, dieſer Löwe, erblickt vor ſich aufrecht und ruhig den Propheten, Frankreich. 48 XII. Ein vorübergehender Schein. In dem Chaos der Gefühle und Leidenſchaften, welche eine Barrikade vertheidigen, liegt etwas von Allen; es giebt hier Tapferkeit, Tugend, Ehrgefühl, Enthuſiasmus, Ueber⸗ zeugung, die Hartnäckigkeit des Spielers und beſondere An⸗ fälle der Hoffnung. Einer jener Anfüälle, ein ſolches unbewußtes Leben der Hoffnung durchzuckte plötzlich in dem unerwartetſten Augen⸗ blicke die Barrikade der Rue de la Chanvrerie. „Hört!“ rief plötzlich Enjolras, der ſtets auf Alles achtete,„mir ſcheint, Paris erwacht.“ Es iſt gewiß, daß die Inſurrection am Morgen des 6. Juni während einer oder zwei Stunden ein gewiſſes Wachsthum gewann. Die Ausdauer der Sturmglocke von St. Merry belebte einige erlöſchende Kräfte. In der Rue du Poirier und der Rue des Gravilliers erhoben ſich Barrikaden. Vor der Porte Saint⸗Martin griff ein junger Mann, der mit einer Büchſe bewaffnet war, einzeln eine Schwadron Kavallerie an. Offen, mitten auf dem Boule⸗ vard ſtehend, ſenkte er ein Knie zur Erde, ſetzte ſeine Waffe an die Schulter, tödtete den Eskadronchef und wandte ſich dann um, indem er ſagte:„Das iſt wieder Einer, der uns nichts Böſes mehr zufügen i wurde niedergehauen. In der Rue Saint⸗Denis ſchoß eine Frau hinter einer niedergelaſſenen Jalouſie auf die Municipalgarde. Man ſah bei jedem Schuſſe die Latten der Jalouſie erzittern. Ein Knabe von vierzehn Jahren wurde in der Rue de la Coſſonnerie verhaftet, die Taſchen nit C An( und d an d Int heru Wir dem der ſ verl geſt Vg hab gew ſich, M Fla Cho ihn des ſſes von der ſich nger eine oule⸗ ſeine mdte ner, Er ſchoß die otten ihren ſchen 49 mit Cartouchen gefüllt. Mehrere Poſten wurden angegriffen. Am Eingang der Rue Bertin⸗Poirée empfing ein lebhaftes und durchaus unvorhergeſehenes Feuer ein Küraſſierregiment, an deſſen Spitze der General Cavaignac de Baragne ritt. In der Rue Planche⸗Mibray warf man von den Dächern herunter auf die Truppen Scherben von Geſchirr und Wirthſchaftsgeräthe; ein ſchlechtes Zeichen; und als man dem Marſchall Soult dieſe Thatſache mittheilte, wurde der alte Lieutenant Napoleons nachdenkend und erinnerte ſich an die Aeußerung Suchet bei Saragoſſa:„Wir ſind verloren, wenn die alten Weiber uns ihre Nacht⸗ geſchirre auf die Köpfe ausgießen.“ Dieſe allgemeinen Symptome, welche ſich in eben dem Augenblicke zeigten, als man den Aufſtand lokaliſirt zu haben glaubte; dieſes Zornfieber, welches die Oberhand gewann, beunruhigte die militäriſchen Chefs. Man beeilte ſich, dieſen Anfang eines allgemeinen Brandes zu löſchen. Man verzögerte bis zur Erſtickung dieſer aufblitzenden Flammen den Angriff auf die Barrikaden Maubuée, de la Chanvrerie und Saint⸗Merry, um es zuletzt nur noch mit ihnen zu thun zu haben, und Alles mit einem Schlage be⸗ endigen zu können. Kolonnen wurden in die im Aufſtand begriffenen Straßen geworfen, ſäuberten die großen, durch⸗ zogen die kleinen, rechts, links, bald mit vorſichtigem und langſamen, bald im Sturmſchritt. Die Truppen ſtießen die Thüren der Häuſer ein, aus denen man geſchoſſen hatte; zu gleicher Zeit ſprengte die Kavallerie die auf dem Boule⸗ vards ſich bildenden Trupps auseinander. Dies Alles geſchah nicht ohne den wilden Lärm, der dem Zuſammen⸗ treffen der Truppen und des Volkes eigen iſt. Das war es, was Enjolras in den Zwiſchenräumen des Kanonen⸗ und des Musketenfeuers ergriff. Außerdem ſah er am Ende der Straße Verwundete vorübertragen, und ſagte zu Courfehrac: Die Slenden. IX. 4 50 „Dieſe Verwundeten kommen nicht von uns.“ Die Hoffnung währte nur kurze Zeit; der helle Schein derſelben verſchwand ſchnell. Binnen weniger als einer halben Stunde verſchwand das, was in der Luft lag wie ein Blitz ohne Donnerſchlag, und die Inſurgenten fühlten auf ſich jene bleierne Laſt herabſinken, welche die Gleich⸗ giltigkeit des Volkes auf die verlaſſenen Hartnäckigen wirft. Die allgemeine Bewegung, welche entſtehen zu wollen ſchien, war mißglückt, und die Aufmerkſamkeit des Kriegs⸗ miniſters, ſowie die Strategie der Generäle, konnte ſich jetzt auf die drei oder vier beſetzt gebliebenen Barrikaden richten. Die Sonne ſtieg höher an dem Horizont. Ein Inſurgent rief Enjolras zu: „Man hungert hier. Sollen wir wirklich ſo ohne zu eſſen ſterben?“ Enjolras, der noch immer auf ſeine Zinne gelehnt da⸗ ſtand, ohne die Augen von dem äußerſten Ende der Straße abzuwenden, machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe. XIII. Worin man den Namen der Geliebten von Enjolras leſen wird. Courfehrac, der auf einem Fflaſterſtein neben Enjolras ſaß, fuhr fort, die Kanone zu beſchimpfen, und ſo oft jener finſtere Lärm, jene dunkle Wolken von Geſchoſſen ertönte, die man einen Kartätſchenſchuß nennt, begrüßte er ſie mit einem Ausbruch des Hohnes. hein iner wie lten eich⸗ irft. llen egs⸗ jetzt en⸗ da⸗ raße pfe lras ener önte, nit 51 „Du kommſt außer Athem, mein armer Alter; Du machſt unnöthiger Weiſe Lärm. Das iſt kein Donnern, ſondern es iſt Huſten.“ Und man lachte rings um ihn her. Courfeyrac und Boſſuet, deren tapfere, heitere Laune in der Gefahr wuchs, erſetzten gleich Madame Srarron die Nahrung durch den Scherz, und da der Wein mangelte, ſchenkten ſie Allen Heiterkeit. „Ich bewundere Enjolras,“ ſagte Boſſuet.„Seine regungsloſe Verwegenheit ſetzt mich in Erſtaun en. Er lebt allein, was ihn vielleicht ein Wenig traurig macht. Enjol⸗ ras beklagt ſich über ſeine Größe, die ihn an den Wittwen⸗ ſtand feſſelt. Wir Andern haben mehr oder weniger Mai⸗ treſſen, die uns verrückt machen, d. h. tapfer. Wenn man verliebt iſt wie ein Tiger, ſo iſt es wohl das Wenigſte, daß man ſich ſchlägt wie ein Löwe. Das iſt eine Art, uns an den Streichen zu rächen, welche die Damen unſeren Gri⸗ ſetten ſpielen. All unſer Heldenmuth rührt von unſern Weibern her. Ein Mann ohne Frau iſt ein Piſtol ohne Hahn; das Weib macht, daß der Mann losgeht. Nun, Enjolras hat keine Frau. Er iſt nicht verliebt und macht es möglich, unerſchrocken zu ſein. Das iſt etwas ganz Unerhörtes, daß man kalt ſein kann wie Eis und kühn wie Feuer. Enjolras ſchien ihn nicht zu hören, allein Jemand, der in ſeiner Nähe geweſen wäre, hätte ihn leiſe können murmeln hören:„Patria!“ Boſſuet lachte noch, als Courfehrac ausrief: „Etwas Neues!“ Er nahm die Stimme eines meldenden Thürhüters an und ſagte: „Ich heiße Achtpfünder!“ In der That betrat eine neue Perſon den Schauplatz. Es war ein zweites Geſchütz. 4* 52 Die Artilleriſten pflanzten eine zweite Kanone neben die erſte. Dies deutete die Entwicklung an. Einige Augenblicke darauf feuerten die beiden raſch be⸗ dienten Geſchütze auf die Front der Redoute; das Ploton⸗ feuer der Linie und der Nationalgarde unterſtützte die Artillerie. Man hörte ein anderes Kanonenfeuer in einiger Ent⸗ fernung. Während zwei Geſchütze gegen die Redoute der Rue de la Chanvrerie ſchoſſen, überſtrömten zwei andere Feuerſchlünde, einer in der Rue Saint⸗Denis, der andere in der Rue Aubry⸗le⸗Boucher aufgeſtellt, die Barrikade Saint⸗Merry mit Kugeln. Die vier Kanonen bildeten gegenſeitig ein finſteres Echv. Das Gebell der finſteren Hunde des Krieges antwor⸗ tete einander. Von beiden Geſchützen, welche gegenwärtig auf die Barrikade der Rue de la Chanvrerie gerichtet waren, ſchoß das eine mit Kartätſchen, das andere mit Kugeln. Das Geſchütz, welches mit Kugeln ſchoß, wurde etwas hoch gerichtet, ſo daß die Kugeln den obern Rand der Barrikade trafen und die Splitter der Fflaſterſteine als Kartätſchen gegen die Inſurgenten ſchleuderten. Dieſe Art zu ſchießen hatte den Zweck, die Kämpfer von dem oberen Rande der Redoute zu entfernen und ſie zu zwingen, ſich in dem Inneren zu vertheilen, d. h. es ver⸗ kündigte den Sturm. Wenn die Commandanten von der Höhe der Barri⸗ kade durch die Kugeln und von den Fenſtern des Cabarets durch die Kartätſchen vertrieben waren, konnten die Angriffs⸗ kolonnen ſich in die Straße wagen, ohne geſchoſſen, vielleicht ſogar ohne bemerkt zu werden, plötzlich die Redoute be⸗ ſteigen, wie am Abend zuvor, und, wer weiß? vielleicht ſie * durch Ueberfall nehmen. en N⸗ ie ß 16 ls 53 Man muß durchaus die Unbequemlichkeit, welche dieſe Geſchütze uns bereiten, vermindern, ſagte Enjolras und rief: „Feuer auf die Artilleriſten!“ Alle waren bereit. Die Barrikade, welche ſeit ſo langer Zeit ſchwieg, gab das heftigſte Feuer; ſieben oder acht Lagen folgten einander mit einer Art von Muth und Freude; die Straßen füllten ſich mit Pulverdampf und nach einigen Minuten konnte man durch dieſen Nebel hindurch, bei dem Zucken der Flammen, undeutlich ſehen, daß zwei Drittel der Artilleriſten unter den Rädern ihrer Kanonen lagen. Die, welche am Leben geblieben waren, fuhren fort, ihre Geſchütze mit ſtrenger Ruhe zu bedienen, aber das Feuer war dadurch langſamer gemacht worden. „Das geht gut,“ ſagte Boſſuet zu Enjolras.„Erfolg Enjolras zuckte die Achſeln und antwortete: „Noch eine Viertelſtunde ſolche Erfolge, und es ſind nicht mehr zehn Cartouchen in der Barrikade.“ Es ſcheint, als hätte Gavroche dieſe Aeußerung gehört. * W. Gavroche draußen. Curfeyrac bemerkte plötzlich Jemand am Fuße der Barrikade, außerhalb, auf der Straße, im Bereich der Kugeln. Gavroche hatte einen Flaſchenkorb aus dem Cabaret geholt, war durch den Einſchnitt gegangen und beſchäftigte ſich ganz ruhig damit, in ſeinen Korb die mit Cartouchen 54 gefüllten Patrontaſchen der am Fuße der Redoute getödteten Nationalgardiſten zu leeren. „Was machſt Du da?“ rief Courfeyrac. Gavroche erhob die Naſe. „Bürger, ich fülle meinen Korb.“ „Siehſt Du denn nicht den Kartätſchenhagel?“ Gavroche antwortete: „Nun, es regnet. Was weiter?“ Courfeyrac ſchrie: „Komm zurück!“ „Sogleich“, ſagte Gavroche. Und mit einem Satze ſprang er in die Straße hinein. Man erinnert ſich, daß die Compagnie Fannicot, in⸗ dem ſie ſich zurückzog, eine Menge Leichen hinter ſich ge⸗ laſſen hatte. Einige zwanzig Todte lagen hier und dort in der ganzen Länge der Straße auf dem Fflaſter. Einige zwanzig Patrontaſchen für Gavroche. Ein Vorrath von Cartouchen für die Barrikade. Der Pulverdampf vergrößerte ſich in der Straße wie ein Nebel. Er erhob ſich langſam, aber er erneute ſich un⸗ abläſſig; daraus entſprang eine allmählige Dunkelheit, die ſelbſt am hellen Tage zunahm. Kaum konnten die Kämpfen⸗ den ſich von einem Ende zum andern der ſehr kurzen Straße erblicken. Dieſe Verdunkelung, welche wahrſcheinlich die Führer, die den Sturm der Barrikade beabſichtigten, verwünſchten, wurde für Gavroche nützlich. Unter den Falten dieſes Staubſchleiers, Dank ſeiner Kleinheit, konnte er ziemlich weit in die Straße hinein gelangen, ohne geſehen zu wer⸗ den. Er leerte die ſieben oder acht erſten Patrontaſchen ohne große Gefahr. Er kroch auf dem Bauche, galoppirte auf allen Vieren, nahm ſeinen Korb zwiſchen die Zähne, wendete ſich und glitt war kehr ihn er ) n 50 von einem Todten zu dem anderen, und leerte die Patron⸗ taſchen, wie ein Affe eine Nuß aufbeißt. Von der Barrikade aus, der er noch ziemlich nahe war, wagte man es nicht, ihm zuzurufen, daß er zurück⸗ kehren ſollte, weik man fürchtete, die Aufmerkſamkeit auf ihn zu lenken. An einer Leiche, der eines Korporals, fand er ein Pulverhorn. „Für den Durſt“, ſagte er, indem er es in die Taſche ſteckte. Indem er weiter ging, gelangte er zu einem Punkt, wo der Pulvernebel durchſichtig wurde. Den Tirailleurs der Linie, welche hinter dem aufge⸗ führten Bruſtwall von Pflaſterſteinen lagen, und den Ti⸗ railleurs der Nationalgarde, die hinter der Ecke der Straße ſtanden, zeigte ſich plötzlich etwas, das ſich in dem Dampf bewegte. In dem Augenblick, als Gavroche einem Sergeanten, der neben einem Eckſtein lag, ſeiner Cartouchen entledigte, traf eine Kugel den Todten. „Der Teufel!“ rief Gavroche,„man tödtet hier meine Todten.“ Eine zweite Kugel ſchlug Funken aus dem Pflaſter neben ihm. Eine dritte warf ſeinen Korb um. Gavroche blickte ſich um und ſah, daß das von der Nationalgarde herrührte. Er richtete ſich hoch in die Höhe und die Haare im Winde flatternd, die Hände auf die Hüften geſtützt, das Auge feſt auf die ſchießenden Nationalgardiſten gerichtet, ſang er: „Man iſt häßlich in Nanterre, Das iſt Voltaire's Schuld, Man iſt dumm in Palaiſean, Das iſt Rouſſeau's Schuld.“ Dann hob er ſeinen Korb auf, warf, ohne eine einzige 56 zu verlieren, die herausgefallenen Cartouchen wieder hinein, ſchritt dem Feuer entgegen und leerte eine andere Patron⸗ taſche. Eine vierte Kugel verfehlte ihn wieder. Gavroche ſang: „Ich bin nicht nur da, Das iſt Voltaire's Schuld, Ich bin ein kleiner Vogel, Das iſt Rouſſeau's Schuld. Eine fünfte Kugel entlockte ihm eine dritte Strophe. Das währte ſo einige Zeit fort. Das Schauſpiel war entſetzlich und reizend. Gavroche, auf den geſchoſſen wurde, verhöhnte das Schießen. Er ſchien ſich ſehr gut zu amüſiren. Er war der Sperling, der gegen die Jäger mit dem Schnabel pickte. Er ant⸗ wortete auf jeden Schuß mit einer Strophe. Man zielte be⸗ ſtändig nach ihm, aber man verfehlte ihn fortwährend. Die Nationalgardiſten und die Soldaten lachten, indem ſie auf ihn zielten. Er warf ſich nieder, ſprang wieder auf und verſchwand in der Vertiefung einer Thür, machte einen Satz, war nicht zu ſehen, zeigte ſich wieder, ſprang davon, kehrte zurück, antwortete auf die Schüſſe, indem er den Soldaten Naſen machte, lund während Alles deſſen plün⸗ derte er die Cartouchen, leerte er die Patrontaſchen, füllte er ſeinen Korb. Die Inſurgenten folgten ihm athemlos mit den Augen. Die Barrikade zitterte, er ſang. Das war kein Kind, das war kein Mann, das war ein feenhafter Gamin. Man hätte ihn für einen unüberwindbaren Gamin halten können. Die Kugeln liefen hinter ihm her, aber er war ſchneller wie ſie. Er ſpielte ein entſetzliches Verſtecken mit dem Tode; ſo oft das bleiche Geſicht des Geſpenſtes ſich ihm näherte, verſetzte der Gamin ihm einen Naſen⸗ ſtüber. Eine Kugel, die beſſer gezielt oder verrätheriſcher war als die übrigen, erreichte endlich das Irrlicht. Man ſah Gavroche taumeln und dann niederſtürzen. Die ganze Bur Anti rühr der eche über hlic und —= tein, ron⸗ ug e. che, Er ug, be⸗ Die auf nd nen on, 57 Barrikade ſtieß einen Schrei aus; allein es lag etwas von Antius in dieſem Pygmäen; für den Gamin war das Be⸗ rühren des Pflaſters ſo, wie für den Rieſen das Berühren der Erde; Gavroche war nur gefallen, um ſich wieder zu erheben; er blieb ſitzen und ein langer Blutſtreifen zog über ſein Geſicht. Er erhob beide Arme in die Luft, blickte nach der Seite, von wo der Schuß gekommen war, und ſang: „Ich ſank zur Erde nieder, Das iſt die Schuld von Voltaire wieder; Die Naſe in die Goſſe, Das iſt—“ Er vollendete nicht. Eine zweite Kugel deſſelben Schützen unterbrach ihn in ſeinem Geſange. Diesmal ſchlug er mit dem Geſicht auf vas Pflaſter nieder und rührte ſich nicht mehr. Die kleine, große Seele war entflohen. XV. Wie der Bruder zum Vater wird. In eben dieſem Augenblicke waren in dem Garten des Lurembourg,— denn der Blick des Drama's muß überall gegenwärtig ſein,— zwei Kinder, die einander an der Hand hielten. Das Eine mochte ſieben, das Andere fünf Jahre alt ſein. 58 Der Regen hatte die Knaben durchnäßt, und ſie gingen durch die Alleen der Sonne entgegen. Der Aeltere führte den Kleinen; ſie waren in Lumpen und blaß; ſie hatten das Ausſehen wilder Vögel. Der Kleine ſagte:„Mich hungert ſehr.“ Der Aeltere, der ſchon ein wenig Beſchützer war, führte ſeinen Bruder an der linken Hand und trug in der rechten ein Stöckchen. Sie waren allein in dem Garten. Dieſer war verödet; das Gitter hatte man auf Befehl der Polizei, wegen der Inſurrection geſchloſſen. Die Truppen, die in dem Garten bivouakirt hatten, waren hinaus gezogen, um den Bedürfniſſen des Kampfes zu genügen. Wie kamen die Kinder hier her? Vielleicht waren ſie aus irgend einer offen gelaſſenen Wachtſtube entflohen; vielleicht hatten ſie am Abend zuvor die Wachſamkeit der Garteninſpektoren bei der Schlußzeit getäuſcht und die Nacht in einem der Schilderhäuſer zugebracht! Gewiß iſt, daß ſie umherirrten und frei zu ſein ſchienen. Umherirren und frei ſcheinen, heißt verloren ſein. Die armen Kleinen waren in der That verloren. Die beiden Kinder waren eben die, deren Gavroche ſich angenommen hatte, und deren der Leſer ſich erinnern wird. Kinder der Thénardier, ver⸗ miethet an die Magnon, dem Herrn Gillenormand zu⸗ geſchrieben und gegenwärtig von allen dieſen Wurzelzweigen herabgefallene Blätter, durch den Wind auf das Pflaſter geworfen. Ihre Kleider, reinlich zur Zeit der Magnon, waren zerlumpt. Dieſe Geſchöpfe gehörten jetzt zu der Statiſtik der „verlaſſenen Kinder“, welche die Polizei auf dem Fflaſter von Paris aufhebt, verliert und wiederfindet. Es war die Verwirrung eines ſolchen Tages nöthig, daß die elenden Kleinen ſich in dem Garten befinden konnten. Hätten die Aufſeher ſie bemerkt, ſo würden ſie dieſe Lumpen erjugt Gürten als K tern. bliebe nicht Unrul Inne und wenig bede Gew Erde eines dem herſ Sie rim wele Di die mer hun ſit Vo mit Rro igen hrte tten Nich itzer trug dem auf ren zu ſie henz der die iſt, ren nen Wen igen ſtet wen der ſter hig, ten⸗ pen 59 verjagt haben. A Kleine dürfen nicht die öffentlichen Gärten betreten; dennoch ſollte man daran denken, daß ſie, als Kinder, ein Recht auf die Blumen haben. Dieſe befanden ſich hier, Dank den verſchloſſenen Git⸗ tern. Sie waren in den Garten geſchlüpft und darin ge⸗ blieben. Die geſchloſſenen Gitter hatten zwar die Aufſeher nicht verabſchiedet, aber dieſe waren von der allgemeinen Unruhe ergriffen und mehr mit dem Aeußeren als mit dem Inneren beſchäftigt; ſie ſahen daher nicht auf den Garten und hatten folglich die beiden Delinquenten nicht bemerkt. Es hatte am Tage zuvor und ſelbſt am Morgen ein wenig geregnet; aber im Juni hat der Regen Nichts zu bedeuten. Kaum bemerkt man noch eine Stunde nach einem Gewitter, daß der ſchöne, friſche Tag geweint habe. Die Erde trocknet dieſe Thränen ebenſo ſchnell wie die Wange eines Kindes. Die beiden kleinen Verlaſſenen kamen zu dem großen Baſſin und durch das helle Licht, welches hier herrſchte, ein wenig beunruhigt, ſuchten ſie ſich zu verbergen. Sie verſteckten ſich hinter dem Schwanenhauſe. Dann und wann hörte man in einzelnen Zwiſchen⸗ räumen, wenn der Wind von dort herüberſtrich, verworrenes Geſchrei, Tumult, Schießen, und jene dumpfen Schläge, welche Kanonenſchüſſe waren. Es ſtieg Rauch über den Dächern in der Richtung nach den Hallen auf. Eine Glocke, die zu rufen ſchien, ertönte in der Ferne. Die Kinder ſchienen allen dieſen Lärm nicht zu be⸗ merken. Der Kleine wiederholte von Zeit zu Zeit:„Mich hungert!“ Beinahe zu gleicher Zeit mit den beiden Kindern nahte ſich ein anderes Paar dem großen Baſſin. Es war ein Mann von funfzig Jahren, der einen Knaben von ſechs Jahren an der Hand führte. Ohne Zweifel ein Vater mit ſeinem Sohn. Der kleine Sechsjährige hielt einen großes Stück Kuchen in der Hand. In jener Zeit hatten gewiſſe Häuſer der Rue Madame und der Rue d'Enfer einen Schlüſſel zum Luxembvurggarten, und die Miethsbewohner benutzten denſelben, wenn die Gitter geſchloſſen waren, eine Nachſicht, die ſeitdem be⸗ ſeitigt iſt. Dieſer Vater und dieſer Sohn kamen ohne Zweifel aus einem jener Häuſer. Die beiden armen Kleinen ſahen dieſen Herrn kommen und verſteckten ſich ein wenig mehr. Er ſah gutmüthig und ſtolz aus und ſein Mund, der ſich nie ſchloß, lächelte fortwährend. Dieſes mechaniſche Lächeln, welches durch zu viel Knochen und zu wenig Haut hervorgebracht wird, zeigt mehr die Zähne als die Seele. Das Kind mit ſeinem angebiſſenen Kuchen, ven es nicht auf aß, war als Nationalgardiſt gekleidet, des Aufſtandes wegen, und der Vater war in bürgerlicher Kleidung ge⸗ blieben, der Klugheit wegen. Der Vater und der Sohn blieben nahe am Baſſin ſtehen, auf welchem die beiden Schwäne ſchwammen. Der Vater ſchien für die Schwäne eine beſondere Bewunderung zu hegen. Er glich ihnen in der Beziehung, daß er ſo ging wie ſie. Für den Augenblick ſchwammen die Schwäne, wozu ſie ein beſonderes Talent haben, und ſie ſahen ſo voll aus. Hätten die beiden kleinen Weſen hören können, und wären ſie in dem Alter geweſen, um begreifen zu können, ſo würden ſie die Worte eines ernſten Mannes vernommen haben. Der Vater ſagte zu dem Sohne: „Der Weiſe lebt mit Wenigem zufrieden. Sieh mich an. Ich liebe den Prunk nicht. Niemals ſieht man mich mit Kleidern, die mit Gold und Edelſteinen ausgeſchmückt ſind; ich überlaſſe dieſen falſchen Glanz den ſchwach or⸗ ganiſirten Seelen.“ dr Ha und de 2 Kinde ſtunde eſſen. melh ſche hal adame rten, n die m be⸗ ohne mmen der miſche Haut eele. nicht ondes ge⸗ Bafſin Der erung er ſo wozu racht⸗ nn en, mmen mich nich or⸗ 61 Hier ertönte das verworrene Geſchrei von der Seite der Hallen her mit einer Verdoppelung des Glockengeläutes und des Lärmens. „Was iſt das?“ fragte das Kind. Der Vater antwortete: „Das ſind die Saturnalien.“ Plötzlich bemerkte er die beiden kleinen, zerlumpten Kinder, die regungslos hinter dem grünen Schwanenhäuschen ſtanden. „Das iſt der Anfang,“ fragte er. Und nach einem kurzen Schweigen fügte er hinzu: „Die Anarchie betritt dieſen Garten.“ Indeß biß der Sohn in den Kuchen, ſpuckte ihn wieder aus und fing plötzlich an zu weinen. „Weshalb weinſt Du?“ fragte der Vater. „Ich habe keinen Hunger mehr,“ ſagte das Kind. Das Lachen des Vaters wurde bemerklicher. „Man bedarf des Hungers nicht, um Kuchen zu eſſen.“ „Mein Kuchen ſchmeckt mir nicht. Er iſt altbacken.“ „Willſt Du Nichts mehr?“ „Nein.“ Der Vater deutete auf die Schwäne. „Wirf ihn dieſen Plattfüßlern zu.“ Das Kind zögerte. Wenn man ſeinen Kuchen nicht mehr mag, ſo iſt das noch kein Grund, um ihn zu ver⸗ ſchenken. Der Vater fuhr fort: „Sei menſchlich, man muß Mitleid mit den Thieren haben. Und ſeinem Sohne den Kuchen nehmend, warf er ihn in das Baſſin. Der Kuchen fiel ziemlich nahe bei dem Rande nieder. Die Schwäne waren weit entfernt, im Mittelpunkt 62 des Baſſins und mit irgend einer Beute beſchäftigt. Sie hatten weder den Bürger noch den Kuchen geſehen. Der Bürger, der fühlte, daß der Kuchen verloren gehen könnte und den dieſe nutzloſe Wohlthat erregte, überließ ſich einer telegraphiſchen Bewegung, welche zuletzt die Auf⸗ merkſamkeit der Schwäne erweckte. Sie ſahen etwas Schwimmendes, legten um, wie Schiffe, und ſteuerten langſam auf den Kuchen zu mit der ruhigen Majeſtät, welche dieſen weißen Thieren geziemt. „Die Schwäne verſtehen die Zeichen,“ ſagte der Vater; „es iſt ein Glück, Geiſt zu haben.“ In dieſem Augenblicke vergrößerte ſich der ferne Tumult in der Stadt. Diesmal war es etwas finſterer. Es giebt Windſtöße, die deutlicher ſprechen, als andere. Die des gegenwärtigen Augenblicks trugen ſcharf den Wirbel der Trommeln, das Geſchrei, das Gewehrfeuer und die finſteren Antworten der Sturmglocke und der Kanonen. Das traf mit einer ſchwarzen Wolke zuſammen, die plötzlich die Sonne bedeckte. Die Schwäne waren bis zu dem Kuchen gelangt. „Gehen wir nach Hauſe, ſagte der Vater,„man greift die Tuilerien an.“ Er faßte wieder die Hand ſeines Sohnes, dann fuhr er fort: „Von den Tuilerien bis Luxembourg iſt nur die Ent⸗ fernung, welche das Königthum von der Pairie trennt. Das iſt nicht weit. Es wird Schüſſe regnen.“ Er ſah nach der Wolke. „Und vielleicht wird auch die Wolke ſelbſt regnen; der Himmel miſcht ſich hinein. Die jüngere Linie iſt ver⸗ urtheilt. Kehren wir ſchnell nach Hauſe zurück.“ „Ich möchte die Schwäne den Kuchen eſſen ſehen,“ ſagte das Kind. könn eime beid auf Gri von der Vl kla übe und Ku bee die de tr A h Uu hi de Sie gehen erließ Auf⸗ „wie it der mt. ater; mult giebt ie des der ſteren af mit Sonne 5 grif fuhr En⸗ Das egnen; t ver⸗ ehen⸗ 63 Der Vater antwortete: „Das wäre eine Unbeſonnenheit.“ Der Sohn bedauerte es, die Schwäne nicht ſehen zu können und wendete den Kopf nach dem Baſſin zurück, bis eine Biegung des Weges ihm daſſelbe verbarg. Indeß hatten ſich zugleich mit den Schwänen auch die beiden kleinen Verirrten dem Kuchen genähert. Er ſchwamm auf dem Waſſer. Der Kleinere ſah nach dem Kuchen, der Größere ſah nach dem ſich entfernenden Bürger. Der Vater und der Sohn traten in das Labyrinth von Gängen, welche zu der großen Treppe auf der Seite der Rue Madame führen. Sobald ſie nicht mehr zu ſehen waren, legte ſich der Aeltere raſch auf den Bauch nieder, am Rande des Baſſins, klammerte ſich mit der linken Hand daran feſt, beugte ſich über das Waſſer, ſo, daß er beinahe hineingefallen wäre, und ſtreckte die rechte Hand mit dem Stöckchen nach dem Kuchen aus. Die Schwäne, welche den Feind ſahen, beeilten ſich und brachten dadurch eine Bewegung hervor, die dem kleinen Fiſcher nützlich war; das Waſſer wich vor der Bruſt der Schwäne zurück und eine der kleinen Wellen trieb den Kuchen leiſe dem Stöckchen des Kindes entgegen. Als die Schwäne ankamen, berührte das Stöckchen den Kuchen. Das Kind machte einen lebhaften Ruck, zog den Kuchen an ſich, erſchreckte die Schwäne, ergriff den Kuchen und richtete ſich wieder auf. Der Kuchen war durchnäßt, aber die Kinder waren hungrig und durſtig. Der Aeltere machte zwei Theile aus dem Kuchen, einen großen und einen kleinen; den kleinen behielt er für ſich, den großen gab er ſeinem kleinen Bruder und ſagte: „Lade damit Dein Gewehr.“ 6 1 . 4 1 4½ „ 1 3 XVI. Mortuus pater filium moriturum expeetat. Marius war vor die Barrikade geſprungen. Combeferre folgte ihm. Es war zu ſpät. Gavroche war todt. Combeferr trug den Korb mit Cartouchen zurück, Marius das Kind. Ach! Er dachte, das, was der Vater für ſeinen Vater that, er dem Sohne vergelte; nur hatte Thénardier ſeinen Vater lebend fortgetragen; er trug das Kind todt. Als Marius mit Gavroche auf ſeinen Armen in die Redoute zurückkehrte, ſtrömte ihm, wie dem Kinde, das Blut über das Geſicht. In dem Augenblick, als er ſich gebückt hatte, um Ga⸗ vroche aufzuheben, ſtreifte ihm eine Kugel die Stirn, ohne daß er es bemerkte. Courfeyrac machte ſeine Halsbinde los und verband damit Marius Stirn. Man legte Gavroche auf den Tiſch zu Mabeuf und breitete über beide Leichen das ſchwarze Tuch. Es war hinreichend für den Greis und für das Kind. Combeferre vertheilte die Cartouchen des Korbes, den er mitgebracht hatte. Das gab jedem Manne fünfzehn Schüſſe. Jean Valjean war noch immer auf demſelben Platze regungslos auf ſeinen Eckſtein. Als Combeferre ihm die fünfzehn Cartouchen reichte, ſchüttelte er den Kopf. „Das iſt ein überſpannter Menſch!“ ſagte Combeferre leiſe zu Enjolras. rre err ter nen die lut hne and nd wor den atze die erre 65 „Er machte es möglich, ſich in dieſer Barrikade nicht zu ſchlagen, was ihn indeſſen nicht hinderte, ſie zu ver⸗ theidigen.“ „Der Heldenmuth hat ſeine Originale,“ entgegnete Combeferre. Und Courfeyrac, der ſie gehört hatte, fügte hinzu: „Das iſt eine andere Gattung wie der Vater Mabeuf.“ Es muß bemerkt werden, daß das Feuer, welches die Barrikade traf, das Innere derſelben kaum beunruhigte. Die, welche nie in dem Wirbel dieſer Art des Krieges ſich befunden haben, können ſich keinen Begriff von den eigen⸗ thümlichen Augenblicken der Ruhe machen, die ſich in der⸗ gleichen Kämpfe miſchen. Man geht und kommt, man plaudert und ſcherzt, man ſchlendert umher. Jemand, den wir kennen, hörte einen der Kämpfer mitten in dem Kar⸗ tätſchenfeuer zu einem Andern ſagen:„Wir ſind hier unter uns wie bei einem Junggeſellenfrühſtück.“ Die Redoute der Rue de la Chanvrerie, wir wieder⸗ holen dies, ſchien im Innern ſehr ruhig zu ſein. Alle Wechſelfälle waren erſchöpft oder ſollten es werden. Die Lage, welche kritiſch geweſen war, wurde drohend und mußte wahrſcheinlich verzweifelnd werden. Indem die Lage ſich verfinſterte, beleuchtete der Heldenmuth die Barrikade mehr und mehr mit ſeinem Purpurlicht. Enjolras beherrſchte ſie voll Ernſt, in der Haltung eines jungen Spartaners, der ſein nacktes Schwert dem finſteren Geiſte Epidotas weiht. Combeferre, mit einer Schürze um den Leib, ver⸗ band die Verwundeten; Boſſuet und Feuilly machten Cartouchen aus dem Pulverhorn, welches Gavroche dem todten Korporal abgenommen hatte, und Boſſuet ſagte zu Feuilly:„Wir werden bald die Diligence nach einem anderen Planeten nehmen.“ Courfeyrac ordnete auf den Pflaſterſteinen, die er ſich an Enjolras Seite vorbehalten hatte, ein großes Arſenal; Die Elenden. IX. 5 — —— 66 ſeinen Stockdegen, ſein Gewehr, zwei Sattelpiſtolen und einen Todtſchläger, mit der Sorgfalt eines jungen Mädchens, welches ihren Putz ordnet. Jean Valjean blickte ſtumm auf die gegenüberliegende Mauer. Ein Arbeiter befeſtigte mit einer Schnur den großen Strohhut der Mutter Hucheloup auf ſeinen Kopf, „aus Furcht vor dem Sonnenſtich“, wie er ſagte. Die jungen Leute der Cougourde d'Aix plauderten luſtig mit einander, als müßten ſie ſich beeilen, ein letztes Mal ihren Dialekt zu ſprechen. Jolzy, der den Spiegel der Wittwe Hucheloup von der Wand genommen hatte, beſah darin ſeine Zunge. Einige Kämpfer, die in einem Kaſten einige beinah verſchimmelte Brodkrumen entdeckt hatten, aßen ſie be⸗ gierig auf. Marius war beunruhigt durch das, was ſein Vater ihm ſagen würde.. XVI. Der Geier wird zur Bente. Erwähnen wir eine pſychologiſche Thatſache, welche den Barrikaden eigenthümlich iſt. Nichts, was dieſen überraſchenden Straßenkrieg charak⸗ teriſirt, darf vergeſſen werden. Wie groß auch die eigenthümliche innere Ruhe ſein mag, von welcher wir ſprechen, bleibt die Barrikade doch für die, welche darin ſind, deshalb nicht minder eine Viſion. nde den opf, ſtig Nal der nah ater den wal⸗ ſein doch ſion. 4 67 Es liegt etwas von der Apokalypſe in dem Bürger⸗ krieg. Alle Arten des Unbekannten miſchen ſich in dieſes wilde Aufklammern, die Revolutionen ſind Sphinxe, und wer durch eine Barrikade gegangen iſt, glaubt einen Traum gehabt zu haben. Was man an dieſen Orten fühlt, deuteten wir bereits an und werden die Folgen davon ſehen; es iſt mehr und iſt weniger als das Leben. Kommt man aus einer Barri⸗ kade, ſo weiß man nicht mehr, was man darin geſehen hat. Man iſt fürchterlich geweſen, aber man weiß es nicht. Es gab hier am Boden liegende Leichen und aufrecht ſtehende“ Phantome. Die Stunden waren drückend und ſchienen eine Ewigkeit zu ſein. Man hat um zu ſterben gelebt. Schatten ſind vorübergeglitten. Was war es? Man ſah Hände, die vom Blut gefärbt waren; es war eine entſetzliche Be⸗ täubung und auch ein gräßliches Schweigen; es gab manchen offenen Mund, der ſchrie und manchen, der ſchwieg; man war im Pulverdampf, in der Nacht vielleicht. Man glaubte das finſtere, naſſe Sickern unbekannter Tiefen berührt zu haben; man betrachtete etwas Rothes, das man unter dem Nagel hatte. Man erinnert ſich deſſen nicht mehr. Fahren wir nach der Rue de la Chanvrerie. Plötzlich hörte man zwiſchen zwei Salven den fernen Ton einer ſchlagenden Uhr. „Es iſt Mittag“, ſagte Combeferre. Die zwölf Schläge hatten noch nicht ausgetönt, als Enjolras ſich emporrichtete und vom Gipfel der Barrikade den donnernden Ruf erſchallen ließ: „Tragt Pflaſterſteine in die Häuſer hinauf, belegt da⸗ mit die Brüſtung der Fenſter und der Manſarden. Die Hälfte der Mannſchaft zu den Gewehren, die andere Hälfte zu den Fflaſterſteinen. Keine Minute zu verlieren.“ Eine Abtheilung Sappeurs, Beile auf den Schultern, erſchien am äußerſten Ende der Straße. 5* ₰ 68 Das konnte nur die Spitze einer Kolonne ſein, und welcher Kolonne? Der Angriffskolonne. Die Sappeurs, welche die Barrikade demoliren ſollten, mußten ſtets den Soldaten voran gehen, die ſie zu erſteigen beſtimmt waren. Man ſtand offenbar dem entſcheidenden Augenblick nahe. Enjolras' Befehle wurden mit der ordnungsvollen Haſt ausgeführt, welche den Schiffen und den Barrikaden eigenthümlich iſt, den beiden einzigen Orten, wo das Ent⸗ rinnen unmöglich iſt. Binnen weniger als einer Minute waren zwei Drittel der Pflaſterſteine, die Enjolras neben der Thür von Corinth hatte anhäufen laſſen, zu dem erſten Stockwerk und dem Boden hinaufgetragen, und, ehe eine zweite Minute verfloſſen war, verſperrten dieſe Pflaſter⸗ ſteine, künſtlich über einander gelegt, das Fenſter bis zur halben Höhe. Einige Zwiſchenräume, die Feuilly, der Hauptbaumeiſter, zwiſchen den Steinen gelaſſen hatte, konn⸗ ten dazu ienen, die Mündung der Gewehre hindurch zu ſtecken. Dieſe Verbarrikadirung der Fenſter konnte um ſo leichter vollzogen werden, da das Kartätſchenfeuer aufge⸗ hört hatte. Die beiden Geſchütze ſchoſſen jetzt mit Kugeln gegen den Mittelpunkt der Barrikade, um hier wo möglich ein Loch, eine Breſche zum Sturm zu bilden⸗ Als die Fflaſterſteine, zu der äußerſten Vertheidigung beſtimmt, an ihrem Platze waren, ließ Enjolras in das erſte Stockwerk hinauf die Flaſchen tragen, die er unter den Tiſch geſtellt hatte, auf welchem Mabeuf lag. „Wer ſoll denn das trinken“, fragte Boſſuet. „Sie“, antwortete Enjolras. Dann verbarrikadirte man die unteren Fenſter und hielt die eiſerne Stange bereit, die dazu diente, die Thür des Cabarets während der Nacht von Innen zu verſperren⸗ Die Feſtung war vollſtändig. Die Barrikade war der Wall und das Cabaret war der Donjon. man ſind die dau dem ſtet Bl zu ſolt ſei nd rs, den mt he. llen den nt⸗ mte ben ten ine ſter⸗ zur der n⸗ zu ſo fge⸗ geln glich n das den hiel des 69 Mit den übrig bleibenden Pflaſterſteinen verſperrte man die Ausfallsſpalte. Da die Vertheidiger einer Barrikade ſtets gezwungen ſind, ihre Munition zu ſparen, treffen die Belagernden, die dies wiſſen, ihre Anordnungen mit einer Art aus⸗ dauernder Langſamkeit und ſetzen ſich ſcheinbar vor der Zeit dem Feuer aus. Die Vorbereitungen zum Angriff erfolgen ſtets mit einer methodiſchen Langſamkeit; darauf zuckt der Blitz Dieſe Langſamkeit geſtattete Enjolras, Alles wieder zu überſehen und zu vervollkommnen, er fühlte, daß, da ſolche Menſchen ſterben ſollten, ihr Tod ein Meiſterſtück ſein mußte. Er ſagte zu Marius:„Wir ſind die beiden Chef. Ich will die letzten Befehle Innen geben, bleibe Du draußen und beobachte.“ Marius ſtellte ſich zur Beobachtung auf den Rand der Barrikade. Enjolras ließ die Thür der Küche, welche, wie man ſich erinnern wird, in ein Lazareth verwandelt worden war, zunageln. „Die Verwundeten dürfen nicht beſudelt werden“, ſagte er. Er ertheilte dieſe letzte Inſtruction in dem unteren Saale mit ſcharfer aber vollkommen ruhiger Stimme; Feuilly hörte und antwortete im Namen Aller. „Haltet im erſten Stock die Aexte bereit, um die Treppe niederzuhauen. Habt Ihr welche?“ „Ja“, ſagte Feuilly. „Wieviel?“ „Zwei Aexte und ein Beil.“ „Gut. Wir ſind noch ſechsundzwanzig Kamfffähige, wieviel Gewehre?“ „Vierunddreißig.“ „Acht zu viel. Haltet die acht Gewehre geladen, gleich —— —— — 70 den andern und zur Hand. In die Gürtel die Säbel und die Piſtolen. Zwanzig Mann auf die Barrikade. Sechs im Hinterhalt in den Dachfenſtern und an dem Fenſter des erſten Stocks, um durch die Schießſcharten der FPflaſter⸗ ſteine Feuer auf die Angreifenden zu geben. Es bleibe kein einziger nutzloſer Arbeiter hier. Sogleich, wenn der Tam⸗ bour zum Angriff ſchlägt, ſtürzen die Zwanzig auf die Barrikade. Die, welche zuerſt ankommen, haben die beſten Plätze.“ Als dieſe Anordnungen getroffen waren, wendete er ſich zu Javert und ſagte: „Ich vergeſſe Dich nicht.“ Und eine Piſtole auf den Tiſch legend, fügte er hinzu: Der Letzte, welcher hier heraus geht, ſchießt dieſem Spion eine Kugel durch den Kopf.“ „Hier?“ fragte eine Stimme. „Nein. Wir dürfen dieſe Leiche nicht unter die unſri⸗ gen miſchen. Man kann die kleine Barrikade nach dem Gäßchen Mondétour überklettern. Sie iſt nur vier Fuß hoch. Der Menſch iſt feſt gebunden. Man führe ihn dort⸗ hin und ſchieße ihn nieder.“ In dieſem Augenblick zeigte ein Menſch noch mehr Ruhe als Enjolras; das war Javert. Jetzt erſchien Jean Valjean. Er ſtand unter der Gruppe der Inſurgenten. Er trat daraus hervor und ſagte zu Enjolras: „Sie ſind der Kommandant?“ „Sie haben mir ſo eben gedankt.“ „Im Namen der Republik. Die Barrikade hat zwei Retter, Marius Pontmerch und Sie.“ „Glauben Sie, daß ich eine Belohnung verdiene?“ „Gewiß.“ „Nun wohl, ſo verlange ich eine.“ eine Ve nd es er⸗ in die en uß tt⸗ vei „Welche?“ „Die, dieſen Menſchen niederzuſchieß en.“ Javert erhob den Kopf, erblickte Jean Valjean, machte eine augenblickliche Bewegung und ſagte: „Das iſt in der Ordnung.“ Enjolras ladete ſeine Büchſe, ließ dab ei die Augen umherſchweifen und fragte: „Kein Einſpruch?“ Er wendete ſich darauf zu Jean Valjean und ſagte: „Nehmen Sie den Spion.“ Jean Valjean ergriff in der That Beſitz von Javert, zu dem er ſich auf das äußerſte Ende des Tiſches ſetzte. Er ergriff die Piſtole, und ein leiſer Ton verrieth, daß er den Hahn ſpannte. Faſt in demſelben Augenblicke ertönte ein Hornſignal. „Aufgepaßt, rief Marius von der Barrikade herab.“ Javert lachte auf ſeine eigenthümliche, geräuſchloſe Weiſe, ſah die Inſurgenten feſt an und ſagte: „Ihr findet Euch nicht in beſſerer Lage wie ich.“ „Alle hinaus!“ ſchrie Enjolras. Die Inſurgenten ſtürzten in wildem Tumult hinaus, und während ſie gingen, rief Javert ihnen nach: „Auf baldiges Wiederſehen.“ 72 XVII. Jean Valjean rächt ſich. Als Jean Valjean allein mit Javert war, band er den Strick los, der den Gefangenen um den Leib hielt und deſſen Knoten unter dem Tiſche war. Darauf gab er ihm ein Zeichen, ſich zu erheben. Javert gehorchte mit jenem unbeſchreiblichen Lächeln, in welchem ſich die Ueberlegenheit der gefeſſelten Autorität zeigte.— Jean Valjean faßte Javert bei den Sprungriemen, wie man ein Laſtthier beim Zaume faßt, und zog ihn ſich nach, verließ das Cabaret mit langſamen Schritten, denn Javert, deſſen Füße gebunden waren, konnte nur ſehr langſam folgen. Jean Valjean hielt die Piſtole in der Hand. So durchſchritten ſie das innere verſchobene Viereck der Barrikade. Die Inſurgenten, welche ganz dem drohenden Angriff zugewendet waren, kehrten ihnen den Rücken. Marius allein, der an dem äußerſten Ende auf der linken Seite der Sperrung ſtand, ſah ſie vorübergehen. Dieſe Gruppe des Verurtheilten und des Henkers wurde für ihn durch das finſtere Licht beſchienen, welches ſeine Seele erfüllte. Jean Valjean ließ mit einiger Mühe dem gebundenen Javert, ohne denſelben einen Augenblick loslaſſend, über die kleine Barrikade des Gäßchens Mondétour klettern. Als ſie auf der andern Seite der Verſperrung ſtanden, befanden ſie ſich allein in dem Gäßchen. Niemand ſah ſe h ſie d Leich Hau Geſ nack ſagt Pal Jo unt D 3 de ur es le der den det hen rde ine nen iber ern en, ſoh 73 ſie hier mehr. Die vorſpringende Ecke der Häuſer verbarg ſie den Inſurgenten. Die aus der Barrikade beſeitigten Leichen bildeten vier Schritte entfernt einen furchtbaren Haufen. Man unterſchied in dieſem Leichenhaufen ein bleiches Geſicht, ein entfeſſeltes Haar, eine durchbohrte Hand, einen nackten Buſen. Das war Eponine. Javert warf einen Seitenblick auf dieſe Todte und ſagte halblaut, mit vollkommen ruhiger Stimme: „Mir ſcheint, ich kenne dieſes Mädchen da.“ Dann wendete er ſich gegen Jean Valjean. Jean Valjean nahm die Piſtole unter den Arm und richtete auf Javert einen Blick, welcher der Worte nicht bedurfte, um zu ſagen:„Javert, ich bin es.“ Javert antwortete darauf: „Nimm Deine Rache.“ Jean Valjean zog aus der Taſche ein Klappmeſſer und ſchlug es auf: „Ein Dolch,“ rief Javert. Du haſt Recht, das ſagt Dir mehr zu.“ Jean Valjean durchſchnitt den Sprungriemen, den Javert am Halſe hatte, durchſchnitt dann die Stricke, welche ſeine beiden Hände feſſelten, bückte ſich, durchſchnitt den Strick an den Füßen, richtete ſich wieder in die Höhe und ſagte: „Sie ſind frei.“ Javert war nicht leicht in Staunen zu verſetzen. Indeß, ſo ſehr er auch Herr ſeiner ſelbſt war, konnte er ſich doch einer Erſchütterung nicht erwehren. Er blieb regungslos und mit offenem Munde ſtehen. Jean Valjean fuhr fort und ſagte: „Ich glaube nicht, daß ich von hier entrinne, ſollte es dennoch ſein, ſo wohne ich unter dem Namen Fauche⸗ levent Rue de[Homme Armé Nr. 7.“ 74 Javert hatte das Zucken eines Tigers, der einen Theil ſeiner Schnauze öffnet, und er murmelte zwiſchen den Zähnen: „Sieh Dich vor.“ „Gehen Sie,“ ſagte Jean Valjean. Javert fuhr fort: „Du ſagteſt, Fauchelevent, Rue de l'Homme Armé?“ „Nr⸗7 Javert wiederholte mit leiſer Stimme:„Nr. 7.“ Er knöpfte ſeinen Ueberrock wieder zu, nahm eine militäriſche Haltung an, machte eine halbe Wendung, kreuzte die Arme, ſtützte das Kinn in eine ſeiner Hände und ging in der Richtung nach den Hallen zu. Jean Valjean folgte ihn mit den Augen. Nach wenigen Schritten kehrte Javert ſich um und rief Jean Valjean zu: „Sie quälen mich. Tödten Sie mich vielmehr.“ Javert bemerkte ſelbſt nicht einmal, daß er Jean Valjean nicht mehr Du nannte. „Gehen Sie,“ ſagte Jean Valjean. Javert entfernte ſich mit langſamen Schritten. Einen Augenblick darauf bog er um die Ecke der Rue des Précheurs. Als Javert verſchwunden war, ſchoß Jean Valjean ſein Piſtol in die Luft. Darauf kehrte er nach der Barrikade zurück und ſagte: „Es iſt geſchehen!“ Sehen wir indeß, was vorgefallen war. Marius mehr mit dem Draußen als mit dem Drinnen beſchäftigt, hatte bisher den gebundenen Spion im Hinter⸗ grunde des unteren Saales nicht aufmerkſam angeſehen. Als er ihn am hellen Tageslichte erblickte, wie er die Barrikade überſtieg, um zu ſterben, erkannte er ihn. Eine plötzliche Erinnerung durchzuckte ſein Gedächtniß. Er be⸗ ſann ſich auf den Polizei⸗Inſpector der Rue de Pontviſe und auf die beiden Piſtolen, die ihm derſelbe eigenhandig ege bedie ſond wie ſtät ſich ſagt Me es Ur bl ine zte ing gte ert ean nen urs. ean nen ter⸗ die Fine iſe ndiß 75 gegeben und deren Marius ſich in eben dieſer Barrikade bedient hatte; er erinnerte ſich nicht nur an das Geſicht, ſondern auch an den Namen. Dieſe Erinnerung war indeß undeutlich und verworren, wie alle ſeine Gedanken. Es war nicht einmal eine Be⸗ ſtätigung, die er ſich gab, ſondern eine Frage, die er an ſich richtete. Iſt das nicht der Polizei⸗Inſpector, der mir ſagte, daß er Javert heiße? Vielleicht iſt es noch Zeit, ſich zu Gunſten dieſes Menſchen zu verwenden. Aber zuerſt mußte er wiſſen, ob es auch wirklich Javert ſei. Marius rief Enjolras, der ſich an das andere Ende ger Barrikade geſtellt hatte. „Enjolras!“ „Was?“ „Wie heißt der Menſch da?“ „Welcher?“ „Der Polizei⸗Agent. Weißt Du ſeinen Namen?“ „Ohne Zweifel. Er hat ihn uns genannt.“ „Wie heißt er?“ „Javert.“ Marius richtete ſich in die Höhe. In dieſem Augen⸗ blicke hörte man einen Piſtolenſchuß. Jean Valjean kehrte zurück und rief:„Es iſt ge⸗ ſchehen!“ Ein finſteres Fröſteln durchzuckte Marius Herz. XIX. Die Todten haben Recht und die Lebendigen nicht Unrecht. Der Todeskampf der Barrikade ſollte beginnen. Alles trug zu der tragiſchen Majeſtät dieſes äußerſten Augenblickes bei; tauſendfältiger, geheimnißvoller Lärm ertönte in der Luft; der Hauch der bewaffneten Maſſen, die in den Straßen, welche man nicht ſah, in Bewegung ge⸗ ſetzt wurden; der Galopp der Kavallerie, das dumpfe Raſſeln der Artillerie, das Ploton⸗ und Kanonenfeuer, die ſich in dem Straßengewirr von Paris kreuzten, der Pulverdampf, der vergoldet ſich über die Dächer erhob, ein fernes, un— deutliches, doch fürchterliches Geſchrei, drohende Blitze überall, die Sturmglocke von St. Merry, die milde Jahres⸗ zeit, der Glanz des ſonnerfüllten und wolkenloſen Himmels, die Schönheit des Tages und das entſetzliche Schweigen der Häuſer. Denn ſeit dem vorigen Tage waren die Häuſerreihen der Rue de la Chanvrerie zu zwei ſtummen, wild aus⸗ ſehenden Mauern geworden. Thüren, Fenſter, Fenſterladen waren geſchloſſen. In jenen Zeiten, die ſo verſchieden ſind von denen, in welchen wir leben, war, wenn die Stunde ſchlug, in welcher das Volk mit einer Situation, die ſchon allzulange ge⸗ dauert hatte, zu Ende kommen wollte, die Bürgerſchaft von dem Aufſtande durchdrungen, ſo zu ſagen der Verbündete der Kämpfenden geworden und das Haus fraterniſirte mit Ba als ſoll Di Ve ein m ſen, eln in pf, un⸗ lite res⸗ ls, gen hen us⸗ den en, ge⸗ von dete mit 77 der improviſirten Feſtung, die ſich an dieſelbe lehnt. Wenn die Lage noch nicht reif war, wenn die Maſſe die Bewe⸗ gung nicht billigte, war es um die Kämpfenden geſchehen; die Stadt verwandelte ſich dann ringsum dieſelben her in eine Wüſte; die Aſyle waren verſperrt und die Straße wurde zum Engpaſſe, um der Armee beizuſtehen, die Barrikade zu nehmen. Man kann ein Volk nicht zu ſchnellerem Gange zwingen, als es will. Wehe dem, der den Verſuch dazu machen ſollte! Das Volk überläßt dann die Inſurrection ſich ſelbſt. Die Inſurgenten werden Peſtkranke. Ein Haus iſt ein Wall, eine Thür eine Weigerung, die Facade eines Hauſes eine Mauer. Dieſe Mauer ſieht, hört und will nicht. Sie könnte ſich öffnen und Rettung gewähren. Nein! Dieſe Mauer iſt ein Richter. Sie ſieht den Inſurgenten an und verurtheilt ihn. Wie finſter ſind dieſe ſo geſchloſſenen Häuſer! Sie ſcheinen todt zu ſein und ſind lebendig. In dem Innern dieſes Felsblockes geht und kommt man, legt ſich ſchlafen, ſteht wieder auf, iſt in der Familie vereinigt, man ißt und trinkt; aber man hat entſetzliche Furcht und dieſe entſchuldigt die Ungaſtlichkeit. Zuweilen verwandelt ſogar die Furcht ſich in Leidenſchaft, der Schrecken in Muth, die Klugheit in Raſerei. Es ertönen die Zornesworte: Was wollen dieſe Menſchen? Sie ſind nie zufrieden. Sie bringen die friedlichſten Leute in Gefahr. Als wenn man noch nicht genug Revolutionen gehabt hätte! Uns geht das nichts an. Sie ſind ein Haufen von Taugenichtſen. Oeffnet ja nicht die Thür! Und das Haus nimmt das Ausſehen eines Grabes an. Der Inſurgent liegt vor dieſer Thür im Todeskampfe; er ſchreit, er weiß, daß man ihn hört, aber man kommt ihm nicht zu Hülfe, es ſind die Mauern, die ihn ſchützen, Menſchen, die ihn retten könnten; aber dieſe Mauern haben keine Ohren, dieſe Menſchen haben Herzen von Stein. 78 Wem ſoll man deshalb anklagen? Niemand und alle Welt. Der Fortſchritt iſt die Mode des Menſchen. Das allgemeine Leben des Menſchengeſchlechts nennt ſich Fort⸗ ſchritt; der gemeinſame Schritt des Menſchengeſchlechts nennt ſich Fortſchritt. Der Fortſchritt geht vorwärts, er macht die große menſchliche und irdiſche Reiſe zu dem Himmliſchen und Göttlichen, aber er hat ſeine Haltepunkte, in denen er überlegt, ſeine Nächte, in denen er ſchläft, und es iſt etwas Qualvolles, den ſo ſchlafenden Fortſchritt zu ſehen, ohne ihn erwecken zu können. „Gott iſt vielleicht todt,“ ſagte eines Tages zu dem, welcher dieſe Zeilen ſchreibt, Gerard de Nerval, welcher den Fortſchritt mit Gott verwechſelte und die Unter⸗ brechung der Bewegung für den Tod des höchſten Weſens hielt. Wer verzweifelt, hat Unrecht. Der Fortſchritt erwacht unfehlbar wieder, man könnte ſogar ſagen, daß er ſelbſt im Schlafe vorwärts ſchreitet. Was aber iſt der Fort⸗ ſchritt? Das ewige Leben der Völker. Es geſchieht aber zuweilen, daß das augenblickliche Leben der Individuen dem ewigen Leben des Menſchen⸗ geſchlechts Widerſtand leiſtet. Daraus entſpringt in ge⸗ wiſſen Stunden eine tiefe Erkaltung gegen die großherzigen Vorpoſten des Menſchengeſchlechts. Utopien verläßt übrigens, wie wir eingeſtehen müſſen, das ſtrahlende Licht, indem es den Krieg führt. Die Wahrheit von morgen entlehnt ihr Verfahren, die Schlacht, der Lüge von geſtern. Utopien, die Zukunft, handelt wie die Vergangenheit. Der reine Gedanke wird zur Thatſache. Sie verſchlingt ihren Heldenmuth mit einer Gewaltthat, für welches ſie Rechenſchaft geben muß, und die auf ver⸗ hängnißvolle Weiſe beſtraft wird. Das im Aufſtand begriffene Utopien führt das Schwert. Kein Schwert aber iſt einfach. Jedes iſt zweiſchneidig; vet ſolbſ lor nich ling Unt For lle nah wen St tat j die u Me be ei das ort⸗ chts et dem kte, und tzu ge⸗ igen ſſen, Die acht, wie ache. that, ver⸗ vert. idigi 79 wer mit einer Schneide verwundet, wird mit der andern ſelbſt verwundet. Dies zugeſtanden, iſt es uns indeß unmöglich, die glorreichen Kämpfer der Zukunft, die Bekenner Utopiens nicht zu bewundern. Selbſt wenn ihr Unternehmen miß⸗ lingt, ſind ſie ehrwürdig, und vielleicht erſcheinen ſie im Unterliegen um ſo majeſtätiſcher. Wenn der Sieg dem Fortſchritt entſpricht, verdient er den Beifall der Völker, allein eine heldenmüthige Niederlage verdient deren Theil⸗ nahme. Man iſt übrigens ungerecht gegen die Revolutionäre, wenn ihr Unternehmen mißlingt. Man beſchuldigt ſie, Schrecken zu verbreiten. Jede Barrikade ſcheint ein Atten⸗ tat zu ſein. Man tadelt ihre Theorien, verdächtigt ihre Ziele, fürchtet ihre Nebengedanken, klagt ihre Gewiſſen⸗ haftigkeit an. Ganz gewiß iſt das Beſte eine friedliche Löſung. Wir geſtehen es ein, daß man bei dem Fflaſterſteine an den Bären denkt, und, daß damit die Geſellſchaft ſich über den guten Willen, der den Stein erhebt, beunruhigt. Aber es hängt von der Geſellſchaft ab, ſich ſelbſt zu retten und an ihren guten Willen appelliren wir. Es iſt kein ge⸗ waltſames Mittel erforderlich. Das Böſe zu erforſchen, zu erkennen, und es dann zu heilen, das iſt es, was wir erſtreben. Uebrigens giebt es Aufſtände, die gebilligt werden und die man Revolutionen nennt; die zurückgewieſenen Revo⸗ lutionen dagegen heißen Aufſtände. Eine ausbrechende Re⸗ volution iſt ein Gedanke, der vor dem Volk ſeine Prüfung beſteht. Läßt das Volk ſeine ſchwarze Kugel fallen, ſo iſt der Gedanke eine unreife Frucht, und die Revolution iſt eine Unbeſonnenheit. Eine Revolution iſt eim Enthuſiasmus. Der Enthu⸗ ſiasmus kann in Zorn gerathen, daher die Ergreifung der — —— — 80 Waffen. Aber jede Inſurrection, die den Sturz einer Regie⸗ rung oder eines Regierungsſyſtems erſtrebt, zielt höher. So war z. B. das, was die Führer der Inſurrection von 1832 und beſonders die jungen Enthuſiaſten der Rue de la Chanvrerie bekämpften, nicht gerade Louis Philipp. Die Meiſten ließen den Eigenſchaften dieſes Königs, der ein Mittelding der Monarchie und der Revolution war, Ge⸗ rechtigkeit widerfahren; Keiner haßte ihn. Aber ſie griffen die jüngere Linie des göttlichen Rechtes in Louis Philipp an, wie ſie die ältere Linie in Karl X. angegriffen hatten. Und was ſie mit dem Königthume in Frankreich ſtürzen wollten, war die Uſurpation des Menſchen über den Men⸗ ſchen und des Privilegiums über das allgemeine Recht. Paris ohne König hat als Gegenſatz die Welt ohne Des⸗ poten. So urtheilten ſie. Ihr Ziel lag ohne Zweifel fern; es war vielleicht unbeſtimmt und wich vor der An⸗ ſtrengung zurück; aber es war groß. Das iſt ſo, man opfert ſich für dieſe Viſion, welche für die Geopferten bei⸗ nahe immer Illuſionen ſind, aber Illuſionen, mit denen die menſchliche Gewißheit ſich paart. Und wer weiß? Viel⸗ leicht gelingt der Verſuch dennoch! Man iſt zwar gering an Zahl und hat eine ganze Armee gegen ſich; aber man vertheidigt das Recht, das natürliche Geſetz, die Herrſchaft eines Jeden über ſich ſelbſt, die Gerechtigkeit, die Wahr⸗ heit und im Falle der Noth ſtirbt man wie die dreihundert Spartaner. Man denkt dabei nicht an Don Quichotte, ſondern an Leonidas. Dieſe Waffenthaten für den Fortſchritt ſcheitern häufig, weil die ſchwerfälligen Maſſen die Abenteuer fürchten und in allen Idealen etwas Abenteuer liegt. Ueberdies, das darf man nicht vergeſſen, ſind die In⸗ tereſſen betheiligt und nicht ſehr befreundet mit dem Idealen und dem Sentimentalen. Der Magen lähmt zuweilen das Herz. darit Es Dat von Ito miſ hin. Ey ergl fuh ſie ſei 1u 50 F ein Ge⸗ iffen ilip tten. irzen Men⸗ echt. Des⸗ weifel An⸗ man denen Piel⸗ ering man ſchft Lahr⸗ undert ute zufig⸗ und e ⸗ dealen weilen 81 Die Größe und die Schönheit Frankreichs beſtehen darin, daß es weniger Magen hat als die andern Völker. Es iſt zuerſt wach und ſchläft zuletzt ein. Es geht voran. Das rührt daher, daß es künſtleriſch iſt. Frankreich iſt von derſelben Gattung der Völker wie Griechenland und Italien. Es iſt athenienſiſch durch das Schöne und rö⸗ miſch durch das Große. Auch iſt es gut. Es giebt ſich hin. Es iſt öfter als die andern Völker in der Laune der Ergebung und des Opfers. Nur wird es von dieſer La une ergriffen und wieder verlaſſen. Darin liegt die große Ge⸗ fahr für die, welche laufen, wenn es nur gehen oder wenn ſie gehen, wenn es ſtill zu ſtehen Luſt hat. Frankreich hat ſeine Rückfälle des Materialismus; allein, was iſt damit zu thun. Die Rieſin ſpielt die Zwergin; das gewaltige Frankreich hat ſeine kleinlichen Launen. Das iſt Alles. Dagegen läßt ſich Nichts einwenden. Die Völker haben gleich den Geſtirnen das Recht der Finſterniſſe. Alles iſt gut, wenn nur das Licht zurückkehrt und die Finſterniß nicht in Nacht ausartet. Morgenröthe und Inſurrection ſind Synonyme. Der Tod auf der Barrikade oder das Grab in der Verbannung ſind für die Aufopferung ein annehmbarer Fall. Der wahre Name der Aufopferung iſt die Uneigennützigk eit. Die Verlaſſenen mögen ſich verlaſſen, die Verbannten ver⸗ bannen laſſen. Wenn die großen Völker zurückweichen, ſo flehen wir ſie an, nicht zu weit zurückzuweichen. Man darf nicht unter dem Vorwande der Rückkehr zur Ver nunft auf dem Abhange zu weit vorwärtsſchreiten. Die Materie beſteht, die Intereſſen beſtehen, der Magen beſteht; aber der Magen darf nicht die einzige Weis heit ſein. Das augenblickliche Leben hat ſein Recht, aber das dauernde Leben hat auch das ſeinige. Emporgeſtiegen zu ſein, verhindert nicht das Fallen. Man ſieht es in der Geſchichte öfter, als man möchte: eine Nation iſt berühmt; Die Elenden. M. 6 — 82— ſie erblickt das Ideale, erkennt darin das Gerechte und Gute. Fragt man ſie, weshalb ſie Sokrates um Fall⸗ ſtaff verläßt, ſo antwortet ſie:„weil ich die Staatsmänner liebe.“ Noch ein Wort, bevor wir uns wieder in das Gewühl ſtürzen. Eine Schlacht, wie die, welche wir hier ſchildern, iſt nichts als ein krampfhaftes Ringen nach dem Idealen. Der gehemmte Fortſchritt iſt kränklich; er hat ſeine tra⸗ giſchen Fieberanfälle. Die Krankheit des Fortſchritts, der Bürgerkrieg, war es, dem wir auf unſerem Wege begegnen mußten. Es iſt dies einer der verhängnißvollen Abſchnitte, zugleich Akt und Zwiſchenakt des Drama's, deſſen eigent⸗ licher Titel der Fortſchritt iſt. Der Fortſchritt! Dieſer Ruf, den wir ſo oft aus⸗ ſtoßen, bezeichnet unſeren ganzen Gedanken, und auf dem Punkte dieſes Drama's, bei welchem wir angelangt ſind, hat der Gedanke, den es enthält, noch mehr als eine Prüfung zu beſtehen; es iſt uns daher vielleicht erlaubt, wo nicht den Schleier zu lüften, doch wenigſtens das Licht deutlich durch denſelben ſchimmern zu laſſen. Das Buch, welches der Leſer in dieſem Augenblick vor Augen hat, iſt von einem Ende zum andern in ſeinem Ganzen, wie in ſeinen Einzelheiten, der Fortſchritt des Böſen zum Guten, des Ungerechten zum Gerechten, des Falſchen zum Wahren, der Nacht zum Tage, des Begehrens zum Gewiſſen, der Fäulniß zum Leben, der Beſtialität zur Pflicht, der Hölle zum Himmel, des Nichts zu Gott. Aus⸗ gangspunkt: die Materie; Zielpunkt: die Seele. Die Hydra bei dem Beginn, der Engel bei dem Ende. — S ₰ — und Fall mer aus⸗ hat fung icht tlich vor nem des des rens zur lus dra 83 XX. Die Helden. Plötzlich ſchlug der Tambour zum Angriff. Der Angriff war ein Sturm. Am Tage zuvor, in der Dunkelheit, hatte man ſich der Barrikade ſchweigend ge⸗ nähert, wie eine Boa, jetzt am hellen Tage war der Ueber⸗ fall in dieſer öden Straße durchaus unmöglich; die Gewalt hatte ſich überdies demaskirt; die Kanonen hatten das Ge⸗ brüll begonnen und die Armee ſtürzte ſich auf die Barri⸗ kade. Die Wuth war jetzt Gewandtheit. Eine gewaltige Colonne Linien⸗Infanterie, in beſtimmten Zwiſchenräumen durchſchnitten von Abtheilungen der Nationalgarde und der Munizipalgarde zu Fuß, rückte im Sturmſchritt unter dem Wirbel der Trommeln und dem Schmettern der Hörner, mit geſenkten Bajonetten, die Sappeurs an der Spitze, un⸗ gehindert durch die Geſchoſſe gerade auf die Barrikade zu, mit der Gewalt eines ehernen Balkens, der gegen eine Mauer gerannt wird. Die Mauer ſtand. Die Inſurgenten feuerten ungeſtüm. Die erſtiegene Barrikade hatte einen Saum von Blitzen. Der Sturm war ſo wüthend, daß die Barrikade einen Augenblick von Angreifenden überſchwemmt wurde; aber ſie ſchüttelte die Soldaten ab, wie der Löwe die Hunde und bedeckte ſich mit Angreifenden nur, wie die Brandung mit Schaum, um den Augenblick darauf wieder ſteil, ſchwarz und furchtbar zu erſcheinen. Die Colonne, welche zum Rückzug gezwungen wurde, 6 k 3 3 84 blieb auf der Straße ſtehen, ungedeckt aber fürchterlich und antwortete der Redoute durch ein entſetzliches Musketenfeuer. Auf beiden Seiten herrſchte gleiche Entſchloſſenheit. Die Tapferkeit war beinahe barbariſch und zeigte eine hel⸗ denmüthige Wildheit, die mit der Selbſtopferung begann. Es war die Zeit, in welcher ein Nationalgardiſt ſich ſchlug wie ein Zuave. Die Truppen wollten ein Ende machen, die Inſurrection wollte kämpfen. Die Annahme des Todes⸗ kampfes in vollſter Jugend und vollſter Geſundheit ver⸗ wandelt die Unerſchrockenheit zur Raſerei. Jeder wird in dieſem Gewirre zu der Größe der letzten Stunde erhoben. Die Straße bedeckte ſich mit Leichen. Die Barrikade hatte an ihrem einen Ende Enjolras, an dem anderen Marius. Enjolras, der die ganze Barri⸗ kade in ſeinem Kopfe trug, ſchützte ſich, um ſich zu erhalten; drei Soldaten fielen einer nach dem andern unter ſeiner Zinne, ohne ihn nur erblickt zu haben; Marius kämpfte offen. Er machte ſich zum Zielpunkt. Er ragte mit mehr als dem halben Körper über den Saum der Redoute empor. Es giebt kein gewaltigeres Wunder, als einen Geizhals, der das Gebiß zwiſchen die Zähne nimmt; es giebt keinen fürchterlichen Menſchen, als einen Träumer in der Handlung. Marius war entſetzlich und ſinnend. Er befand ſich in der Schlacht wie in einer Fieberfantaſie. Man hätte glauben können, ein Phantom zu ſehen, das feuerte. Die Cartouchen der Belagerten nahmen ab, ihre Spott⸗ reden nicht. In dem Wirbel des Grabes, in welchem ſie ſich befanden, lachten ſie. Courfeyrac war im bloßen Kopfe. „Was haſt Du denn mit Deinem Hute gemacht?“ fragte Boſſuet. Courfeyrac antwortete: „Sie haben ihn mir mit Kanonenſchüſſen entführt.“ Oder ſie ſprachen über erhabene Dinge. ſer M ſp un te und er. heit. hel⸗ mn. lug hen, des⸗ ver⸗ en. us, wri⸗ ten; iner pfte ehr s, nen ng⸗ der ben ott⸗ ſie 0 t 85 „Begreift man wohl“, rief Feuilly bitter,„dieſe Män⸗ ner(und er nannte die Namen bekannter, ſelbſt berühmter Männer, Einige der alten Armee angehörend),„welche ver⸗ ſprochen hatten, ſich uns anzuſchließen, die den Eid leiſteten, uns zu unterſtützen, die ſich mit ihrer Ehre dazu verpflich⸗ teten, die unſere Generale ſind und uns verlaſſen?“ Combeferre begnügte ſich, darauf mit ernſtem Lächeln zu antworten: „Es giebt Leute, welche die Regeln der Ehre beobach⸗ ten, wie man die Sterne beobachtet— aus großer Ferne.“ Das Innere der Barrikade war ſo mit zerriſſenen Cartouchen beſäet, daß man glauben konnte, es hätte ge⸗ ſchneit. Die Angreifenden hatten die Zahl, die Inſurgenten die Stellung für ſich. Sie ſtanden in der Höhe und ſchmet⸗ terten in naheſter Schußweite die Soldaten nieder, welche über die Todten und die Verwundeten ſtrauchelten. Dieſe Barrikade, die auf bewunderungswürdige Weiſe errichtet und geſchützt war, gehörte in der That zu jenen Poſten, auf denen eine Handvoll Menſchen eine ganze Legion im Schach halten können. Indeß näherten ſich die Angriffscolonnen, ſtets auf's Neue recrutirt und unter den Kugelregen ſich vergrößernd, unerbittlich. Und allmählig, Schritt für Schritt, aber mit voller Sicherheit, drückte die Armee auf die Barri— kade, wie die Schraube auf die Preſſe. Die Angriffe folgten einander. Das Entſetzen wuchs. Jetzt entſtand auf dieſem Haufen von Pflaſterſteinen, in dieſer Rue de la Chanvrerie, ein Kampf, würdig einer Mauer Troja's. Die bleichen, zerlumpten, erſchöpften Menſchen, welche ſeit vierundzwanzig Stunden nicht gegeſſen, nicht geſchlafen hatten, nur noch einige Schüſſe thun konn⸗ ten, ihre von Cartouchen ausgeleerten Taſchen unterſuchten, die beinahe ſämmtlich verwundet waren, Kopf oder Arm mit einer ſchmutzigen Leinwand verbunden trugen, die in 86 ihren Kleidern Löcher hatten, aus denen Blut floß, die kaum mit ſchlechten Gewehren oder alten Säbeln bewaffnet waren, wurden zu Titanen. Die Barrikade wurde zehn Mal angegriffen, erſtiegen, aber nie genommen. Um ſich einen Begriff von dieſem Kampfe zu machen, müßte man ſich vorſtellen, wie eine Zahl reißender Ströme ſich auf ein großes Flammenmeer ſtürzte. Das war kein Kampf; es war das Innere eines Glühofens. Aus dem Munde ſtrahlten Flammen; die Geſichter waren glühend. Die menſchlichen Geſtalten ſchienen hier unmög⸗ lich geworden zu ſein; die Kämpfer flammten und es war etwas Entſetzliches, dieſe Salamander des Kampfes in dem rothen Dampfe hin und her gehen zu ſehen. Wir ver⸗ zichten darauf, das aufeinanderfolgende und gleichzeitige Auftreten dieſer großartigen Schlächterei zu malen. Man ſchlug ſich Mann gegen Mann, Fuß gegen Fuß, mit Piſtolenſchüſſen, mit Säbelhieben, mit Fauſtſchlägen, aus der Ferne, in der Nähe, von Oben, von Unten, von Ueberall, von dem Dache des Hauſes, von den Fenſtern des Caba⸗ rets, von den Luftlöchern der Keller, in welchen Einige hin⸗ abgeglitten waren. Es ſtand Einer gegen Sechszig. Die Fagade Korinths, halb zerſtört, war furchtbar anzuſehen. Das Fenſter, von Kartätſchenkugeln zerſchoſſen, hatte Schei⸗ ben und Kreuz verloren und war nur noch eine formloſe Oeffnung im wilden Tumult, verſtopft mit FPflaſterſteinen. Boſſuet wurde getödtet; Feuilly wurde getödtet; Courfeyrac wurde getödtet; Joly wurde getödtet; Combeferre, von drei Bajonnettſtößen durchbohrt, in dem Augenblick, in welchem er einen verwundeten Soldaten aufhob, hatte nur ſo viel Zeit, zum Himmel emporzublicken und ſtarb. Marius, fortwährend kämpfend, war ſo mit Wunden bedeckt, beſonders am Kopfe, daß ſein Geſicht in dem Blut verſchwand und, daß man nichts ſah, als ein mit einem rothen Tuch bedecktes Antlitz. die net en, me ar ren ög⸗ 0r m ige ß, u6 il, a⸗ in⸗ Die ei⸗ oſe ſen⸗ roc rei iel den ut ſem 87 Enjolras allein war nicht verwundet. Wenn er keine Waffe mehr hatte, ſtreckte er die Hände nach rechts oder links aus, und ein Inſurgent reichte ihm irgend eine Waffe. Er hatte nichts mehr, als den Stumpf von vier Degen, einen mehr als Franz I. bei Marignan. XXI. Fuß bei Fuß. Als keine Führer mehr am Leben waren, außer Enjol⸗ ras und Marius an den beiden äußerſten Enden der Barri⸗ kade, brach das Centrum, welches ſo lange durch Courfeyrac, Joly, Boſſuet, Feuilly und Combeferre geſtützt worden war. Die Kanonen hatten zwar keine gangbare Breſche ge⸗ legt, aber doch die Mitte der Redoute ſtark beſchädigt; hier war die Spitze der Mauer unter den Kugeln verſchwunden und nievergeſtürzt. Und die, theils nach Innen, theils nach Außen niedergefallenen Trümmer hatten ſich, anhäufend, endlich zwei Dämme gebildet, von denen der nach Außen der Erſtürmung eine ſchiefe Fläche bot. Ein letzter Sturm wurde unternommen und dieſer ge⸗ lang. Die mit gefällten Bajonnetten vorgehende Colonne langte unwiderſtehlich an und ihre dichte Angriffsfront erſchien in dem Pulverdampfe, auf dem Gipfel der Brüſtung. Diesmal war es zu Ende. Die Gruppe der Inſurgenten, welche das Centrum vertheidigte, wich im bunten Gemenge zurück. Jetzt erwachte bei Einigen die finſtere Liebe zum 88 Leben. Als der Wald von Gewehren auf ſie anſchlug, wollten Mehrere nicht mehr ſterben. Das iſt ein Augenblick, in welchem der Inſtinkt der Selbſterhaltung Laute aus⸗ ſtößt, in welchen das Thier ſich in dem Menſchen wie⸗ derzeigt. Sie waren gegen das hohe ſechsſtöckige Haus zurückgedrängt, welches den Hintergrund der Redoute bildete. Dieſes Haus konnte ihr Heil ſein. Es war verbarrikadirt und von oben bis unten wie vermauert. Ehe die Linien⸗ truppen in dem Innern der Redoute waren, hatte eine Thür die Zeit, ſich zu öffnen und wieder zu ſchließen; es genügte dazu die Dauer eines Blitzes, und, dieſe plötzlich geöffnete und ſchnell wieder geſchloſſene Thür dieſes Hauſes, war für die Verzweifelnden das Leben. Hinter dieſem Hauſe lagen Straßen; die Flucht war möglich. Sie be⸗ gannen mit Kolbenſtößen und Fußtritten gegen die Thür zu ſchlagen; ſie riefen, ſie ſchrieen, ſie flehten mit erho⸗ benen Händen. Niemand öffnete. Aus dem Fenſter des dritten Stockwerks blickte der Kopf des Todten auf ſie herab. Aber Enjolras und Marius und ſieben oder acht, die ſich ihnen angeſchloſſen, waren vorwärts gedrungen und beſchützten ſie. Enjolras hatte den Soldaten zugerufen: „Nicht weiter!“ Einen Officier, der nicht gehorchte, hatte Enjolras getödtet. Er ſtand jetzt auf dem kleinen, inneren Hofe der Redoute, mit dem Rücken geſtützt gegen das Haus von Korinth, den Degen in der einen, die Büchſe in der andern Hand und hielt die Thür des Cabarets offen, die er den Angreifenden verſperrte. Er rief den Verzweifeln⸗ den zu:„Es iſt nur eine Thür offen. Dieſe hier.“ Und, ſie mit ſeinem Körper deckend, für ſich allein einem ganzen Bataillon die Spitze bietend, ließ er ſie hinter ſich durch. Alle ſtürzten ſich hinein. Enjolras, der ſich jetzt ſeiner Büchſe als eines Kampfſtockes bediente, mit dem er das Rad ſchlug, ſchmetterte die Bajonnette, die ſich ihm entgegen ſreckt brlic Fnſn einer die der das ſank krif er v inne wer hat eiſe lug, lick, aus⸗ wie⸗ aus dete. gdirt nien⸗ eine es zlich ſes, ſem be⸗ hür rho⸗ des ſle die und fen: atte eren aus 89 ſtreckten, zurück und trat zuletzt ein; es entſtand ein fürch terlicher Augenblick; die Soldaten wollten hineindringen, die Inſurgenten die Thür ſchließen. Und dies geſchah mit einer ſolchen Gewalt, daß ſie, als ſie in ihren Kranz fiel, die fünf abgequetſchten Finger eines Soldaten ſehen ließ, der ſich daran feſtgehalten hatte. Marius war draußen geblieben. Ein Schuß hatte ihm das Schlüſſelbein zerſchmettert. Er fühlte, daß er nieder ſank und ohnmächtig wurde. In dieſem Augenblick empfand er, ſchon mit geſchloſſenen Augen, die Berührung einer kräftigen Hand, die ihn ergriff, und die Ohnmacht, in die er verfiel, ließ ihm kaum ſoviel Zeit, neben der letzten Er⸗ innerung an Coſette, zu denken:„Ich bin gefangen. Ich werde erſchoſſen.“ Enjolras, welcher Marius nicht unter den in das Cabaret Geflüchteten ſah, hatte denſelben Gedanken. Allein ſie befanden ſich in der Lage, wo Jeder nur ſo viel Zeit hat, an ſeinen eigenen Tod zu denken. Enjolras warf die eiſerne Stange vor die Thür, befeſtigte ſie, drehte den Schlüſſel zwei Mal im Schloß herum, während von Außen die Soldaten mit Kolbenſtößen und die Sappeurs mit Art hieben wüthend dagegen ſchlugen. Die Angreifenden waren an dieſer Thür zuſammengedrängt. Jetzt begann die Be lagerung des Cabarets. Die Soldaten waren von Zorn erfüllt. Der Tod des Artillerieſergeanten hatte ſie gereizt. Und dann war während der Stunden, die dem Angriff vorausgingen, unter ihnen das Gerücht entſtanden, die In— ſurgenten verſtümmelten die Gefangenen und es liege in dem Cabaret die Leiche eines Soldaten ohne Kopf. Der⸗ gleichen verhängnißvolle Gerüchte ſind die gewöhnliche Be gleitung der Bürgerkriege, und es war ein falſches Gerücht der Art, welches ſpäter die Kataſtrophe der Rue Transno⸗ nain veranlaßte. 90 Als die Thür verbarrikadirt war, ſagte Enjolras zu den Andern: „Verkaufen wir unſer Leben ſo theuer wie möglich.“ Dann nahte er ſich dem Tiſche, auf welchem Mabeuf und Gavroche lag. Man ſah unter dem ſchwarzen Tuche zwei ſtarre Geſtalten, die eine groß, die andere klein und die Geſichter zeigten ſich undeutlich unter den kalten Falten des Leichentuchs. Eine Hand kam unter dem Tuch hervor und hing gegen den Boden. Es war die Hand des Greiſes. Enjolras bückte ſich und küßte dieſe ehrwürdige Hand, wie er an dem Tage zuvor die Stirn geküßt hatte. Es waren die beiden einzigen Küſſe, die er in ſeinem Leben gegeben. Wir wollen kurz ſein. Die Barrikade hatte gekämpft wie ein Thor von The⸗ ben; das Cabaret kämpfte wie ein Haus von Saragoſſa. Ein ſolcher Widerſtand iſt fürchterlich. Es wird kein Par⸗ don gegeben. Kein Parlamentiren iſt möglich. Man will ſterben, wenn man nur tödtet. Wenn Souchet ſagte:„Ca⸗ pitulirt“, da antwortete Palafox:„Nach dem Krieg mit Kanonen, der Krieg mit dem Meſſer!“— Nichts fehlte der Erſtürmung des Cabarets Hucheloups, weder die Pflaſter⸗ ſteine aus den Fenſtern des Daches auf die angreifenden und außer ſich gebrachten Soldaten, noch die Schüſſe aus den Kellern, aus den Dachfenſtern, noch die Wuth des Angriffs, noch die Raſerei der Vertheidigung, noch end⸗ lich, als die Thür fiel, der tolle Wahnſinn der Ver⸗ nichtung. Als die Angreifenden in das Cabaret ſtürmten und über die Trümmer der eingeſchlagenen und am Boden lie⸗ genden Fächer der Thür ſtrauchelten, fanden ſie nicht einen Kämpfer. Die Wendeltreppe war mit Arxthieben durch⸗ hauen, lag in der Mitte des unteren Saales, einige Ver⸗ wundete hauchten das Leben aus, und alles, was nicht ge⸗ hat tidt durc Tre war gehr Enj dieſ der waſ ſo, Da ſet 90 tödtet war, befand ſich im erſten Stocke, und von hier aus, durch das Loch in der Decke, welches die Oeffnung für die Treppe geweſen war, erfolgte ein furchtbares Feuer. Es waren die letzten Cartouchen. Als ſie verſchoſſen waren, als dieſe furchtbar Sterbenden kein Pulver und keine Ku⸗ geln mehr hatten, nahm Jeder zwei jener erwähnten, von Enjolras zurückgeſetzten Flaſchen in die Hand und mit dieſen, auf gefährliche Weiſe zerbrechlichen Kolben boten ſie der Erſteigung die Spitze. Es waren Flaſchen mit Scheide⸗ waſſer. Wir beſchreiben dieſe finſteren Dinge des Gemetzels ſo, wie ſie waren. Der Belagerte macht Alles zur Waffe. Das griechiſche Feuer hat Archimedes, das ſiedende Pech hat Bayard nicht entehrt. Der ganze Krieg iſt etwas Ent⸗ ſetzliches und es giebt dabei Nichts zu wählen. Das Feuer der Angreifenden war zwar durch die Richtung von unten nach oben gehindert, aber dennoch mörderiſch. Der Rand der Oeffnung in der Decke wurde wie von todten Köpfen eingefaßt, denen lange, rothe und dampfende Ströme ent⸗ rieſelten. Das Getöſe war unausſprechlich. Dichter, ein⸗ geſperrter und heißer Qualm ſenkte beinahe die Nacht auf dieſen Kampf herab. Die Worte mangeln, das Gräßliche auf ſolchen Grad getrieben, zu beſchreiben. Es gab keinen Menſchen mehr in dieſem jetzt hölliſchen Kampfe. Dämone griffen an, Geſpenſter widerſtanden. —— 92 XXII. Oreſt nüchtern und Piladeſt betrunken. Endlich brachen einige zwanzig der angreifenden Sol— daten, Nationalgarden, Municipalgarden, im bunten Ge⸗ miſch, die Meiſten durch Wunden im Geſichte, die ſie bei dieſer Gelegenheit empfingen, entſtellt, geblendet durch das Blut, wüthend, zu Wilden geworden, in den Saal des erſten Stockwerks ein, indem ſie ſich gegenſeitig unterſtützten, an den Trümmern der Treppe, an den Mauern hinauf⸗ kletterten und ſich an den Rand der Oeffnung anklammerten. Es war in dem Gemach nur noch ein einziger Mann auf⸗ recht: Enjolras. Ohne Cartouchen, ohne Degen, hielt er in der Hand nur noch den Lauf ſeiner Büchſe, deren Kolben er an den Köpfen der Eindringenden zerſchmettert hatte. Er hatte das Billard zwiſchen die Angreifenden und ſich geſtellt; er war in die Ecke des Saales zurückgewichen und hier zeigte er ſich mit ſtolzem Blick und hocherhobenen Kopfe, die Trümmer ſeiner Waffe ſchwingend, noch ſo drohend, daß ein langer Raum um ihn entſtand. Ein Schrei erhob ſich: „Das iſt der Führer. Er iſt es, der den Artilleriſten tödtete. Daß er ſich dahingeſtellt hat, iſt gut. Er bleibe dort. Schießen wir ihn auf der Stelle nieder.“ „Erſchießt mich!“ rief Enjolras. Und den Lauf der Büchſe fortwerfend und die Arme kreuzend zeigte er ſeine Bruſt. Die Kühnheit, muthig zu ſterben, ergreift ſtets die Menſchen. Sobald Enjolras die Arme gekreuzt hatte, das Ende Saal feierl Majt drüc ruhi gleic Zwa Sch erhö ermi nach war ein wü ſe n — G vo au Sol Ge⸗ ie bei das des ützten, inauf⸗ erten. 1 auj⸗ elt er olben hatte. n und benen ch ſo Schrei eriſten Amme t6 pie di 93 Ende erwartend, hörte das Toben des Kampfes in dem Saale auf, und das Chaos wurde plötzlich zu einer Art feierlicher Grabesſtille. Es ſchien, als ob die drohende Majeſtät des entwaffneten Enjolras den Tumult nieder⸗ drückte und daß dieſer junge Mann die Stürmenden, heißen, ruhigen Blickes, ohne Wunden, ſtolz, blühend, reizend, gleichgültig wie ein Unverwundbarer, den finſteren ſtarren Zwang, ihn mit Ehrerbietung zu tödten, unterwarf. Seine Schönheit, welche in dieſem Augenblick durch ſeinen Stolz erhöht wurde, war glänzend und, als ob er eben ſo wenig ermüdet, wie verwundet hätte werden können, erſchien er nach den entſetzlichen vierundzwanzig Stunden, die verfloſſen waren, friſch und roſig. Er war es vielleicht, von welchem ein Zeuge ſpäter vor dem Kriegsgericht ſagte: „Es war dort ein Inſurgent, den ich Apollo nennen würde.“ Ein Nationalgardiſt, der auf Enjolras anlegte, ſenkte ſeine Waffe und ſagte: „Es ſcheint mir, als wollte ich eine Blume erſchießen.“ Zwölf Mann bildeten ſich in der Enjolras entgegen⸗ geſetzten Ecke zum Peloton und ſetzten ſchweigend ihre Waffen in Bereitſchaft. Da rief ein Sergeant:„Schlagt an!“ Ein Offizier trat vermittelnd ein: „Wartet.“ Und ſich an Enjolras wendend: „Wollen Sie, daß man Ihnen die Augen verbinden ſoll?“ „Nein!“ „Sind Sie es, der den Artillerieſergeanten erſchoß?“ ü. F Seit einigen Augenblicken war Grantaire erwacht. Grantaire, man wird ſich deſſen erinnern, ſchlief ſeit dem vorhergehenden Tage in dem oberen Saale des Cabarets, auf einem Stuhle ſitzend, den Kopf auf den Tiſch gelehnt. 94 Er verwirklichte hier in der vollen Bedeutung des Wortes die Redensart: Toll und voll betrunken. Das obſcheuliche Gemiſch des Abſinth, Bier und Schnaps hatten ihn in Letargie verſetzt. Sein Tiſch war klein und konnte nicht zu der Barrikade benutzt werden und ſo hat man ihm denſelben gelaſſen. Er befand ſich noch immer in derſelben Stellung, die Bruſt auf den Tiſch herabgebeugt, den Kopf flach auf die Arme gelegt, umgeben von Gläſern, Flaſchen und Schoppen. Er ſchlief wie be⸗ täubt. Nichts hatte ihn erwecken können, weder das Schießen noch die Kanonenkugeln, noch der Kartätſchenhagel, welcher in den Saal drang, in dem er ſich befand, noch der furchtbare Lärm des Sturmes. Nur antwortete er zuweilen auf die Kanonenſchüſſe durch ſein Schnarchen. Er ſchien darauf zu warten, daß eine Kugel ihm die Mühe erſparte, zu erwachen. Mehrere Leichen lagen rings um ihn her; auf den erſten Blick unterſchied ihm Nichts von dieſen Schläfern, die den feſten Schlaf des Todes ſchliefen. Der Lärm erweckt einen Trunkenbold nicht; das Schwei⸗ gen thut es. Dieſe Sonderbarkeit iſt mehr als einmal be⸗ merkt worden. Der Sturz von Allem rings umher ver⸗ größerte die Betäubung Grantaire's; das Toben wiegte ihn ein.— Das Schweigen des Tumultes, welchen Enjolras verurſachte, war eine Erſchütterung für dieſen feſten Schlaf. Grantaire fuhr in die Höhe, ſtreckte die Arme aus, rieb ſich die Augen, blickte umher, gähnte und begriff. Die Trunkenkeit, welche endet, gleicht einem Vorhang, der zerreißt. Man ſieht mit einem einzigen Blick Alles, was er verbarg. Dem Gedächtniß wird jetzt plötzlich die Sache klar und der Trunkenbold, der nichts von dem weiß, was ſeit vierundzwanzig Stunden vorgegangen iſt, hat kaum die Augen geöffnet, ſo iſt er auch ſchon klar über das Geſchehene. Seine Gedanken kehren mit plötzlicher Deut⸗ chle velc licht gen die mal fehl rü verf p des rund h war n und noch Liſch geben ie be⸗ hießen elcher der weilen ſchien ſparte, her dieſen chwei⸗ nal be⸗ r ver⸗ te ihn jolras feſten Ame begrif rhang, Alles, ich die 1 weiß, * hat er das Deut⸗ 95 lichkeit zurück. Die Trunkenheit, eine Art von Wolke, welche das Gehirn verdunkelt, verſchwindet und macht dem Lichte und der Wirklichkeit Platz. In ſeiner Ecke verbor⸗ gen und durch das Billard gedeckt, hatten die Soldaten, die Augen feſt auf Enjolras gerichtet, Grantaire nicht ein⸗ mal bemerkt, und der Sergeant ſtand im Begriff, den Be⸗ fehl:„Schlagt an!“ zu wiederholen, als er plötzlich eine kräftige Stimme neben ſich rufen hörte: „Es lebe die Republik! Ich gehöre zu ihr.“ Grantaire war aufgeſtanden. Der ungeheure Lichtſchein des ganzen Kampfes, den er verfehlte, an dem er nicht Theil genommen hatte, erſchien plötzlich in dem Blicke des verwandelten Trunkenbolds. Er wiederholte:„Es lebe die Republik!“ ging mit feſtem Schritt durch den Saal und ſtellte ſich neben Enjol⸗ ras und den Gewehren gegenüber. „Tödtet Zwei mit einem Streiche!“ ſagte er. Dann wendete er ſich zu Enjolras und ſagte voll Sanftmuth: „Erlaubſt Du es?“ Enjolras drückte ihm lächelnd die Hand. Dieſes Lächeln war noch nicht beendet, als die Schüſſe fielen. Enjolras, der von acht Kugeln durchbohrt war, blieb, an die Mauer gelehnt, ſtehen, als ob die Schüſſe ihn gar an dieſelbe genagelt hätten, nur ließ er den Kopf ſinken. Grantaire ſtürzte zu ſeinen Füßen nieder. Einige Augenblicke darauf vertrieben die Soldaten die letzten Inſurgenten, welche ſich auf den Boden des Hauſes geflüchtet hatten. Man ſchoß hier durch die Oeffnungen eines hölzernen Gitters. Man warf die Körper zu den Fenſtern hinaus. Einige noch lebend. Zwei Voltigeure, die den umgeſtürzten Omnibus aufzuheben verſuchten, wur— den durch zwei aus den Dachfenſtern abgeſchoſſene Schüſſe 96 getödtet. Ein Mann in einer Blouſe wurde mit einem Bajonnettſtoß im Leibe von dort herunter geſtürzt und röchelte noch auf der Erde. Ein Soldat und ein Inſurgent glitten mit einander an den Ziegeln des Daches herunter, wollten ſich nicht loslaſſen und ſtürzten, einander wild um⸗ ſchlingend, herab. Ein ähnlicher Kampf fand in dem Keller ſtatt, Geſchrei, Schüſſe, wildes Stampfen der Füße. Dann folgte das Schweigen. Die Barrikade war genommen. Die Soldaten begannen die Durchſuchung der umlie⸗ genden Häuſer und die Verfolgung der Flüchtlinge. XXIII. Gefangen. Marius war in der That gefangen. Gefangen von Jean Valjean. Die Hand, die ihn von hinten in eben dem Augenblick faßte, in welchem er niederſank, und deren Berührung er noch fühlte, war die Jean Valjeans. Jean Valjean hatte an dem Kampfe keinen anderen Antheil genommen, als daß er ſich der Gefahr deſſelben ausſetzte. Ohne ihm würde in dieſem äußerſten Augenblicke des Todeskampfes Niemand an die Verwundeten gedacht haben. Dank ihm, der überall in dem Gemetzel wie eine Vorſehung gegenwärtig war, wurden die, welche fielen, aufgehoben, in den untern Saal getragen und verbunden. In Zwiſchen⸗ zeiten erſchien er wieder in der Barrikade. Aber nichts, uus erſt hin kmn Nich deſſ führ er hat Kn er nie kei ih inem und tgent mter, um⸗ deller Dann mlie⸗ deren elben e des aben⸗ in chen ichtö, 97 was einem Schuſſe, einem Angriff, oder ſelbſt nur ein er perſönlichen Vertheidigung gleichen konnte, vollbrachten ſeine Hände. Er ſchwieg und leiſtete Hülfe. Uebrigens hatte er kaum einige unbedeutende Schrammen. Die Kugeln wollten Nichts von ihm wiſſen. Wenn der Selbſtmord einen Theil deſſen bildete, was er träumte, und ihn nach dieſem Grabe führte, ſo gelang ihm derſelbe nicht. Aber wir zweifeln, daß er an den Selbſtmord, dieſe irreligiöſe Handlung, gedacht hatte. Jean Valjean ſchien in dem dichten Gedränge des Kampfes Marius nicht zu ſehen. In der That aber ließ er ihn nicht aus den Augen. Als ein Schuß Marius niederſchmetterte, ſprang Jean Valjean mit der Behendig⸗ teit eines Tigers hinzu, ergriff ihn wie eine Beute und trug ihn hinweg. Der Wirbel des Angriffs hatte ſich in dieſem Augenblick ſo heftig auf Enjolras und die Thür des Ca⸗ barets geworfen, daß Niemand Jean Valjean ſah, der den ohnmächtigen Marius auf ſeinen Armen trug, mit ihm den gepflaſterten Theil der Barrikade überſchritt und hinter der Ecke des Hauſes Korinth verſchwand. Man erinnert ſich der Ecke, welche einen Vorſprung in die Straße bildete; er ſchützte einige Quadratfuß des Terrains ſowohl gegen die Kugeln und die Kartätſchen als auch gegen die Blicke. Es giebt zuweilen bei einer Feuersbrunſt ein Fenſter, welches nicht brennt, und ſelbſt in dem wüthendſten Meer, hinter einem Vorgebirge eine Sackgaſſe der Klippe, ein ruhiges Winkelchen. In dieſem Winkel des innern ver⸗ ſchobenen Vierecks der Barrikade war Eponine geſtorben. Hier hielt Jean Valjean an, ließ Marius zu Boden gleiten, lehnte ſich gegen die Mauer und blickte umher. Die Lage war entſetzlich. Für einen Augenblick, für zwei oder drei Minuten viel⸗ Die Elenden. IX. 7 98 leicht war dieſer Mauerwinkel ein ſicherer Schutz; aber, wie war dem Gemetzel zu entrinnen? Jean Valjean erinnerte ſich der Todesangſt, die er empfand, als er ſich acht Jahre zuvor in der Rue Polonceau befand, und auf welche Weiſe es ihm damals gelungen war, zu entkommen; damals war es ſchwierig, jetzt unmöglich. Er hatte vor ſich das un⸗ erbittliche taube, ſechsſtöckige Haus, welches nur von dem Todten, der zum Fenſter hinauslehnte, bewohnt zu ſein ſchien; zu ſeiner Rechten lag die zwar niedere Barrikade, welche die Rue de la Petite Truanderie verſperrte; dies Hinderniß zu überſteigen, ſchien leicht zu ſein, allein man gewahrte über den oberen Rand deſſelben eine Reihe Ba⸗ jonettſpitzen. Das waren Linientruppen, welche jenſeits dieſer Barrikade ſtanden. Dieſe Barrikade zu überſchreiten, hieße daher offenbar einem Pelotonfeuer entgegen gehen, und jeder Kopf, der es wagte, über die Mauern von Pflaſterſteinen zu blicken, mußte für ſechszig Gewehrläufe als Zielſcheibe dienen. Zu ſeiner Linken hatte Jean Valjean den Schauplatz des Kampfes. Der Tod lauerte hinter dem Mauer⸗ vorſprung. Was war zu thun? Ein Vogel allein hätte ſich hier zu retten vermocht. Und er mußte ſich auf der Stelle entſcheiden, ein Hülfs⸗ mittel ausfindig machen, einen Entſchluß faſſen. Man ſchlug ſich wenige Schritte von ihm entfernt; zum Glück drängten Alle auf einen einzigen Punkt: auf die Thür des Cabarets; aber ein Soldat, nur ein einziger, brauchte auf den Gedanken zu kommen, um das Haus zu gehen, und Alles war verloren. Jean Valjean blickte auf das Haus, ſich gerade gegen⸗ über, er blickte auf die Barrikade neben ſich und dann ſah er zu Boden, außer ſich, in der höchſten Noth, und als ob e voll an, Ret von bar bed dem Qu er, wie innerte Johre Weiſe ls war as un on dem zu ſein rikade, dies n man e Ba⸗ enſeits heiten, gehen, n von hrläufe uplatz Nauer⸗ Hülfs⸗ ſtn üngten grets; danken wal 6. 99 ob er mit den Augen ein Loch hätte in die Erde bohren wollen. Indem er ſo vor ſich nieder ſah, zeigte ſich ihm plötz lich irgend ein Etwas und nahm zu ſeinen Füßen Geſtalt an, als hätte die Gewalt ſeines Blickes das gewünſchte Rettungsmittel hervorgebracht. Er bemerkte einige Schritte von ſich entfernt, am Fuße der kleinen, von außen ſo un⸗ barmherzig beſetzten und bewachten Barrikade unter einem Haufen zuſammengefallener Pflaſterſteine, die es zum Theil bedeckten, ein eiſernes Gitter, das in gleicher Linie mit dem Boden lag. Dieſes Gitter, welches aus ſtarken eiſernen Querſtäben beſtand, hatte ungefähr zwei Quadratfuß im Umfang. Die Einfaſſung von Fflaſterſteinen, die es hielt, war ausgeriſſen worden, und ſo lag es unbefeſtigt da. Durch die Stäbe gewahrte man eine finſtere Oeffnung, etwa wie einen Schornſtein, oder das Rohr einer Ciſterne. Jean Valjean ſprang darauf zu. Seine alte Erfahrenheit in den Ausbrüchen aus den Gefängniſſen ließen in ſeinem Gehirn ein Licht entſtehen. Die Fflaſterſteine fortwerfen, das Gitter aufheben, Marius, der regungslos wie eine Leiche war, auf die Schultern nehmen, mit dieſer Laſt, indem er ſich auf ſeine Kniee und Ellenbogen ſtützte, in das zum Glück nicht ſehr tiefe Brunnenloch hinabzuſteigen, das ſchwere Gitter über ſeinen Kopf fallen laſſen, auf einer mit Qua— dern gepflaſterten Oberfläche, ungefähr drei Klafter unter der Oberfläche des Bodens, feſten Fuß faſſen; das Alles wurde ausgeführt wie im Fieberwahnſinn mit der Kraft eines Rieſen und der Schnelligkeit eines Adlers; es dauerte kaum einige Minuten. Jean Valjean befand ſich mit dem immer noch ohn⸗ mächtigen Marius in einer Art von unterirdiſchem Gange. Hier herrſchte tiefer Frieden, unbedingtes Schweigen, Nacht. 7* 100 Der Eindruck, den er empfunden hatte, als er aus der Straße in dem Kloſtergarten fiel, kam ihm in das Gedächt⸗ niß. Nur war das, was er heute trug, nicht mehr Coſette; es war Marius. Kaum hörte er jetzt noch über ſich, wie eine Art dumpfen Gemurmels, den fürchterlichen Tumult des im Sturm eroberten Cabarets. us der dücht⸗ oſette; ne Art es im Jean Valjean. Zweites Buch. Dus Eingeweide des Tevinthun. I Die Erde durch das Meer beraubt. Paris wirft jährlich fünfundzwanzig Millionen in das Waſſer. Das iſt keine Redensart. Wie und auf welche Weiſe? Tag und Nacht. In welcher Abſicht? Ohne alle Abſicht. Mit welchen Gedanken? Ohne daran zu denken. Wozu? Zu nichts. Die Statiſtik berechnet, daß Frankreich allein jährlich dem atlantiſchen Meer durch ſeine Flußmündungen eine halbe Milliarde zuführt. Mit dieſen 500 Millionen würde man den vierten Theil von den Ausgaben des Budgets beſtreiten. Die Gewandtheit des Menſchen iſt ſo groß, daß er es vorzieht, ſich dieſer fünfhundert Millionen zu entledigen, indem er ſie in das Waſſer wirft. Es iſt die Nahrung des Volkes, welche hier Tropfen bei Tropfen, dort in Strömen durch unſere Abzugskanäle in die Flüſſe und durch unſere Flüſſe ſich in den Oecean ergießt. Jeder Athemzug unſerer Kloaken koſtet uns tauſend Francs. Daraus ent⸗ ſpringen zwei Reſultate: die Erde verarmt und das Waſſer verpeſtet. Der Hunger entſpringt aus den gezogenen Furchen, die Krankheit ſteigt aus dem Fluſſe empor. 104 Es iſt z. B. erwieſen, daß die Themſe London ver⸗ giftet. Was Paris betrifft, ſo hat man in der letzten Zeit die Mündungen der meiſten Abzugskanäle unter die letzte Brücke legen müſſen. Ein doppeltes Röhrenſyſtem mit Ventilen und Schleuſen verſehen, welche ein Drainirungsſyſtem bildet, einfach wie die Lunge des Menſchen und das ſchon in mehreren Ge⸗ meinden Englands eingeführt iſt, würde genügen, um unſere Städte mit dem reinen Waſſer des Landes zu verſehen und dem Lande das reiche Waſſer der Städte zurückzugeben. Und dieſes Hin- und Herziehen, das Einfachſte von der Welt, würde uns die fortgeworfenen fünfhundert Millionen erhalten. Man denkt an andere Dinge. Das gegenwärtige Verfahren bewirkt Böſes, indem es Gutes beabſichtigt. Ein Abzugskanal iſt ein Mißver⸗ ſtändniß. Wenn überall die Drainage mit ihrer doppelten Wirkſamkeit das zurückgiebt, was ſie nimmt und den Ab⸗ zug skanal erſetzt, dann wird der Ertrag der Erde verzehn⸗ facht und das Problem des Elends auf eine eigenthümliche Weiſe gelöſt werden. In Erwartung deſſen wird der öffentliche Reichthum durch den Fluß vernichtet. Europa richtet ſich auf ſolche Weiſe zu Grunde. Was Frankreich betrifft, ſo gaben wir ſeine Ziffer au. Da aber Paris, welches den fünfundzwanzigſten Theil der ganzen franzöſiſchen Bevölkerung enthält und der Pariſer Guano der reichſte von allen iſt, bleibt man noch hinter der Wahrheit zurück, indem man auf fünfundzwanzig Millionen den Theil des Verluſtes ſchätzt, den Paris alljährlich erleidet. Dieſe fünfundzwanzig Millionen auf Unterſtützungen und Genüſſe verwendet, würde die Pracht von Paris verdoppeln; die Stadt vergendet ſie in den Kloaken. So könnte man ſagen, daß die größte Verſchwendung von Paris ihre Orgie, ihr Lurus der Abzugskanal iſt. ſchl dieſ zu nu Li nber n Zeit letzte euſen ch wie n Ge⸗ unſere rſehen geben. nder ionen indem ißver⸗ pelten n M⸗ zehn nliche hthum ſolche r an⸗ il det ariſer hinter anzig ßoris 4 uf von valn dung 105 Auf dieſe Weiſe läßt man in der Kurzſichtigkeit eines ſchlechten, politiſchen Oekonomen das Wohl Aller durch dieſen Abgrund verſchlingen. Die Stadt, welche Paris nachahmen wollte, würde ſich zu Grunde richten. Ueberdies iſt Paris in dieſer unſinnigen Verſchwendung nur ſelbſt Nachahmerin. Die Alten handelten in dieſer Beziehung wie die Neuen.„Die Kloaken von Rom,“ ſagt Liebig,„hatten den ganzen Wohlſtand des römiſchen Bauers verſchlungen.“ Als die Umgegend von Rom durch die römiſchen Kloaken zu Grunde gerichtet war, erſchöpfte Rom Italien. Und als es Italien in ſeine Kloake geſchleudert hatte, warf es auch Sicilien, dann Sardinien, dann Afrika hinein. Die Kloake von Rom hat die ganze Welt verſchlungen. Die ewige Stadt war eine unergründliche Kloake. In dieſen Dingen, wie in vielen andern, giebt Rom das Beiſpiel. Dieſes Beiſpiel befolgt Paris mit der ganzen Be⸗ ſchränktheit, die geiſtreichen Städten eigen iſt. Zu den Bedürfniſſen der Operation, über welche wir uns ausſprechen, hat Paris unter ſich ein anderes Paris: ein Paris der Kloaken. Dieſes hat ſeine Straßen, ſeine Kreuzwege, ſeine Plätze, ſeine Adern, ſeine Circulation. Das untere Paris würde, wenn das Auge die Ober⸗ fläche durchdringen könnte, den Anblick einer rieſigen Stern⸗ koralle zeigen. Ein Schwamm hat nicht mehr Poren und Röhren wie die Scholle von ſechs Lieues Umfang, auf welcher die alte, große Stadt ruht. Der Abzugskanal allein bildet unter beiden Ufern ein wunderbares dunkles Netz, ein Labyrinth, welches zum Leitfaden ſein Gefülle hat. 106 II. Die alte Geſchichte der Abzugskanäle. Man denke ſich Paris weggenommen wie einen Deckel, ſo wird das unterirdiſche Netz der Abzugskanäle, aus der Vogelperſpektive geſehen, auf beiden Ufern der Seine eine Art großen Baumes darſtellen, der auf den Fluß gepfropft iſt. Der Gürtel des Abzugskanals iſt der Stamm des Aſtes, die Nebenkanäle ſind die Zweige und die Sackgaſſen die Adern. Die Kloaken und Abzugskanäle ſpielten im Mittelalter eine große Rolle. Die Peſt erwuchs aus ihnen, die Despoten ſtarben darin. Die Menge betrachtete beinahe mit religiöſer Furcht dieſe Stätte der Fäulniß, dieſe ungeheure Wiege des Todes. Die Geſchichte der Menſchen ſpiegelt ſich in der Ge⸗ ſchichte der Kloaken wieder. Die Abzugskanäle von Paris ſind etwas Furchtbares geweſen. Hier war ein Grab, hier war ein Aſyl. Das Verbrechen, die Intelligenz, der ſociale Proteſt, die Freiheit des Gewiſſens, der Gedanke, der Dieb⸗ ſtahl, Alles, was die menſchlichen Geſetze verfolgen oder verfolgt haben, verbarg ſich in dieſem Abgrund: die Mailloti⸗ naten(Streithämmer) im vierzehnten Jahrhundert, die Straßenräuber im fünfzehnten, die Hugenotten im ſechzehn⸗ ten, die Illuminaten Morins im ſiebzehnten und die Chauffeurs im achtzehnten Jahrhundert. Vor hundert Jahren ſtieg der nächtliche Dolchſtoß daraus hervor und der ſich in Gefahr befindende Dieb glitt hinein; der Wald hat ſeine Höhle, Paris hat ſeinen Abzugskanal. Die Land⸗ ſtreicherei nahm die Kloake als Filial des Wunderhofs an und begab ſich Abends an dieſen Ort, wie in ein Schlafgemach. Der alle Stat geger es ſeine Geſt nicht Unſt auße ſich Hie tün nae fill dan neh hei lic beſ tre do kel, der Art er tn. ine ten ſet ege e⸗ ris hier iale der oti⸗ die hn⸗ die ert und zald 107 Aus alledem entſpringt eine Menge von Erinnerungen. Der Abzugskanal des alten Paris iſt der Sammelplatz für alle Ausflüſſe und alle Verſuche. Er iſt das Gewiſſen der Stadt. Alles ſtrömt hier zuſammen und tritt einander gegenüber. An dieſem dunklen Ort herrſcht Finſterniß, aber es giebt hier kein Geheimniß mehr. Jedes Ding nimmt ſeine wahre Geſtalt an oder wenigſtens eine beſtimmte Geſtalt. Der Haufen Unrath hat das für ſich, daß er nicht lügt. Die Unbefangenheit flüchtet ſich zu ihm. Alle Unſauberkeiten der Civiliſation ſinken, wenn ſie einmal außer Dienſt ſind, in dieſe Grube der Wahrheit und breiten ſich darin aus. Dieſes bunte Gemenge iſt eine Beichte. Hier giebt es keinen falſchen Schein mehr, keine Ueber⸗ tünchung; der Schmutz legt ſein Hemd ab, wird unbedingt nackt, verbannt alle Illuſionen und zeigt ſich ſo, wie er in Wirklichkeit iſt. Dieſe Aufrichtigkeit des Unſaubern ge⸗ fällt uns und beruhigt die Seele. Hat man ſeine Zeit damit zugebracht, auf der Erde das Schauſpiel des vor⸗ nehmen Weſens zu erblicken, welches ſich für Staatsweis⸗ heit ausgiebt, den Eid, die politiſche Weisheit, die menſch⸗ liche Gerechtigkeit, die geprieſene Rechtſchaffenheit, die Un⸗ beſtechlichkeit, ſo erleichtert es in einen Abzugskanal zu treten und hier in den Koth zu ſehen, der es eingeſteht, das zu ſein, was er iſt. Das iſt zu gleicher Zeit eine Lehre. Die Geſchichte iſt durch dieſen Kanal gegangen. Der Beobachter der menſchlichen Geſellſchaft ſollte in dieſe Finſterniß eintreten, denn ſie bildet einen Theil ſeines Laboratoriums. Er findet hier Alles, was war und was geblieben iſt; das Gute, das Böſe, das Falſche, das Wahre, den Blutfleck des Palaſtes, den Dintenfleck der Höhle, den Talgfleck des Bordells, die erduldeten Prüfungen, die überſtandenen Verſuchungen, die ausgeſpieenen Orgien oder Spuren der Proſtitution in den Seelen. 108 III. Bruneſeau. Die Kloake von Paris hat im Mittelalter ihre Legende. Im ſechzehnten Jahrhundert verſuchte Heinrich II. ihre Ergründung, welche mißlang. Vor hundert Jahren wurden die Kanäle ſich ſelbſt überlaſſen und es wurde aus ihnen, was wollte. Das alte Paris blieb lange Zeit ziemlich einfültig. Später zeigte 1789, wie den Städten der Verſtand kommt. Aber in den guten alten Zeiten hatte die Hauptſtadt wenig Kopf; ſie verſtand ihre Angelegenheiten weder moraliſch noch materiell zu betreiben und den Koth ebenſo wenig fort⸗ zuſchaffen, wie die Mißbräuche. Alles war Hinderniß, Alles in Frage geſtellt. Der Abzugskanal z. B. wider⸗ ſetzte ſich jeder Erforſchung. Man fand ſich ebenſo wenig in der Kloake zurecht, wie in der Stadt; oben unverſtändlich, unten unentwirrbar; unter der Verwirrung der Straßen, lag die Verwirrung der Keller. Zuweilen ließ die Kloake von Paris es ſich einfallen, überzutreten, als ob dieſer verkannte Nil plötzlich in Zorn gerathen wäre. Es gab Kloakenüberſchwemmungen. Zu⸗ weilen verdaute dieſer Magen der Civiliſation ſchlecht, die Kloake trat in den Schlund der Stadt zurück und Paris hatte den Nachgeſchmack ſeines Kothes. Die Aehnlichkeiten der Kloaken mit der Reue hatten ihr Gutes; es waren Mahnungen. Die Stadt empörte ſich darüber, daß ihr Koth ſoviel Verwegenheit beſaß und gab nicht zu, daß der Schmutz zurückkehrte. Man vertrieb ihn beſſer. der wie bei Fl pin ver ni ka un feln kan gh ig 109 Die Ueberſchwemmung von 1802 iſt eine Erinnerung der jetzt achtzigjährigen Pariſer. Der Koth verbreitete ſich im Kreuz auf dem Siegesplatz, wo die Statue Lud⸗ wigs XIV. ſteht; er trat in die Rue St. Honoré durch beide Mündungen der Champs⸗Elyſées, in die Rue St. Florentin durch den Kanal der Sonnerie, in die Rue Po⸗ pincourt durch den Kanal du Chemin⸗Vert, in die Rue de la Roquette durch den Kanal der Rue de Lappe; er be⸗ deckte den Boden der Rue des Champs⸗Elyſées bis zu der Höhe von fünfunddreißig Centimetres. Auf ähnliche Weiſe verbreitete er ſich auch in anderen Straßen in einer Länge von 298 Metres. Zu Anfang dieſes Jahrhunderts waren die Abzugska⸗ näle von Paris noch ein geheimnißvoller Ort. Der Koth kann nie in gutem Geruche ſtehen, aber hier ging der ſchlechte Ruf bis zum Entſetzen. Paris wußte unbeſtimmt, daß es unter ſich einen furchtbaren Keller hatte. Die großen Stie⸗ feln der Schleuſenräumer wagten ſich nie über gewiſſe, be⸗ kannte Punkte hinaus. Die Wiſſenſchaft und der Aber⸗ glaube ſtimmen in dem Entſetzen dieſes Ortes überein. Das peſtartige Fieber von 1685 wurde den Ausdünſtungen der Kloake des Marais zugeſchrieben, welche bis 1833 in der Rue Saint⸗Louis geöffnet geblieben iſt. Die Kanalmün⸗ dung der Rue de la Mortellerie war berüchtigt durch dieſe Peſt, die ihr entſtrömte; mit ihrem Eiſengitter mit ſcharfen Spitzen, welche einer Reihe von Zähnen zu gleichen ſchie⸗ nen, lag ſie in dieſer verhängnißvollen Straße wie der Schlund eines Drachen, der auf die Menſchen die Hölle aushauchte. Die Einbildungskraft des Volkes verlieh dem Abzugskanal etwas Gräßliches, und der Gedanke, dieſe Re⸗ gionen zu erforſchen, kam ſelbſt nicht einmal der Polizei. Dennoch zeigte ſich Jemand zu dieſem Zweck. Die Kloake hatte ihren Criſtoph Columbus. 1805, bei einem jener ſeltenen Beſuche, welche der 110 Kaiſer Paris machte, kam der Miniſter des Innern eines Tages zu dem kleinen Lever des Gebieters. Man hörte auf dem Carouſſelplatze das Säbelklirren aller der tapfern Krieger der großen Republik und des großen Kaiſer⸗ reichs; es fand eine Anhäufung von Helden vor der Thür Napoleons ſtatt. Männer des Rheins, der Schelde, der Etſch und des Nil; Gefährten von Joubert, von De⸗ ſaix, von Marceau, von Hoche, von Kleber; Luftballlenker von Fleurus, Grenadiere von Mainz, Pontonniere von Genua, Huſaren, welche die Pyramiden erblickt hatten, Artilleriſten, welche die Kugeln Junots mit Koth beſpritz⸗ ten, Küraſſiere, welche die im Zuyderſee ankernde Flotte im Sturm genommen hatten; die Einen waren Bonaparte auf der Brücke von Lodi gefolgt; die Andern hatten Murat in die Tranchée von Mantua begleitet; wieder Andere waren Lannes in dem Hohlweg von Montebello vorangegangen. Die ganze damalige Armee war hier auf dem Hofe der Tuilerien vertreten durch eine Abtheilung oder ein Peloton und Napoleon in ſeiner Ruhe bewachend; es war die glän⸗ zende Zeit, wo die ganze Armee die Sonne Marengo hinter und Auſterlitz vor ſich hatte. „Sire!“ ſagte der Miniſter des Innern zu Napoleon, „ich habe geſtern den unerſchrockenſten Menſchen Ihres Reiches geſehen.“ „Wer iſt dieſer Menſch“, fragte der Kaiſer barſch, „und was hat er gethan?“ „Er will Etwas thun, Sire.“ „Was?“ „Die Kloake von Paris unterſuchen.“ Dieſer Menſch exiſtirte wirklich und hieß Bruneſeau. Fel Ueb dor ein ſei gle noc erſt vor dort waren die Mauern eingeſtürzt. IV. Unbekannte Einzelnheiten. Die Unterſuchung fand ſtatt. Es war ein furchtbarer Feldzug, eine mächtige Schlacht gegen Peſt und Erſtickung. Zu gleicher Zeit war es eine Entdeckungsreiſe. Einer der Ueberlebenden dieſer Erforſchungsfahrt, ein verſtändiger, damals ſehr junger Arbeiter, erzählte vor einigen Jahren einige merkwürdige nähere Umſtände, welche Bruneſeau in ſeinem Bericht an die Polizeipräfektur auslaſſen zu müſſen glaubte. Die Mittel, die Luft zu reinigen, waren damals noch ſehr in der Kindheit. Kaum hatte Bruneſeau die erſten Adern des unterirdiſchen Netzes durchſchritten, als von den zwanzig Arbeitern, die ihn begleiteten, acht ſich weigerten, weiter zu gehen. Die Operation war ziemlich verwickelt, denn man mußte alle Gitter, alle Mündungen, alle Verzweigungen aufnehmen, die Tiefe der Tümpel meſſen und ebenſo auch die Höhe des Gewölbes jeden Ganges, die Breite, den Urſprung und das Ende und genaue Nivelli⸗ rungen ſowohl der Kloake, als des Straßenbodens vornehmen. Man drang nur mühſam vorwärts. Nicht ſelten ſanken die Arbeiter drei Fuß tief in den angehäuften Koth und Schlamm ein. Die Laternen brannten nur dunkel in der dicken Luft. Von Zeit zu Zeit wurde einer der Schleuſenräumer ohn⸗ mächtig fortgetragen. An einzelnen Orten ſtieß man auf Abgründe. Ein Menſch verſchwand plötzlich, und es be⸗ durfte großer Mühe, ihn wieder hervorzuziehen. Hier und 112 Bruneſeau ſchritt dem Gefälle nach. An einer Stelle, wo die Kanalleitungen ſich theilten, erkannte er auf einem vorſpringenden Stein die Jahreszahl 1550; dieſer Stein deutete die Grenze an, bis zu welcher Philbert Delorme gekommen war, den Heinrich II. mit der Erforſchung der unterirdiſchen Kanäle beauftragt hatte. Dieſer Stein war die Bezeichnung für die Arbeiten des ſechszehnten Jahr⸗ hunderts; Bruneſeau fand die früheren Worte des ſieb⸗ zehnten Jahrhunderts in den Gewölben auf, die von 1600 bis 1650 gebaut wurden; die Arbeiten des achtzehnten Jahrhunderts lagen in der weſtlichen Abtheilung des Ka⸗ nals und wurden 1740 vollbracht. Dieſe letzteren Gewölbe waren mehr verfallen und geſprungen, als die Mauerwerke des Kanals, welcher den Gürtel bildete und von 1412 ſtammte. Man glaubte hier und dort, beſonders unter dem Juſtizpalaſt, die Oeffnungen alter Kerker zu entdecken, die in den Kanal ſelbſt gelegt waren. Ein Halseiſen hing in einer dieſer Zellen von der Mauer herab. Sie wurden ſämmtlich zugemauert. Man machte einige ſonderbare Ent⸗ deckungen; unter andern fand man das Skelett eines Orang⸗ Utang, der im Jahre 1808 aus dem botaniſchen Garten verſchwunden war, ein Verſchwinden, welches wahrſcheinlich mit der berüchtigten und unbeſtreitbaren Erſcheinung des Teufels in der Rue des Bernardins zuſammenhing. Der arme Teufel war zuletzt in der Kloake ertrunken. Ueberall enthielt der Schlamm, den die Schleuſen⸗ räumer zuletzt unerſchrocken aufwühlten, eine Menge werth⸗ voller Gegenſtände, Gold- und Silberſchmuckſachen, Evel⸗ ſteine, Münzen. Ein Rieſe, der dieſe Kloake filtrirt hätte, würde die Reichthümer von Jahrhunderten beſeſſen haben. In einer der Verzweigungen fand man eine ſonderbare hugenottiſche Kupfermedaille; ſie zeigte auf der einen Seite ein Schwein mit einem Kardinalshut und auf der andern einen Wolf mit der Tiara auf dem Kopfe. 2 gange Gitte die H hing dem word und Batti ii bie daf nac lle, em ein me war hr⸗ ieb⸗ 600 nten Ka⸗ be erke mie. dem die in den nt⸗ M rten ich des Der ſen⸗ rth⸗ del⸗ ätte, ben⸗ bart eite derm Den merkwürdigſten Fund machte man an dem Ein⸗ gange des großen Kanals. Dieſer war früher mit einem Gitter verſchloſſen geweſen, von dem indeß nichts mehr als die Haſpen übrig geblieben waren. An einem dieſer Haſpen hing eine Art ſchmutzigen Lappens, der wahrſcheinlich an dem Haken hängen geblieben und in der Dunkelheit zerriſſen worden war. Bruneſeau näherte ſich ihm mit ſeiner Laterne und beſichtigte den Lappen. Er beſtand aus ſehr feinem Battiſt, und in der einen Ecke erblickte man die Ueber⸗ bleibſel einer heraldiſchen Krone und darunter die ſieben Buchſtaben LAVBESP. Die Krone war die eines Mar⸗ quis, und die ſieben Buchſtaben bedeuteten Laubespine. Man erkannte, daß das, was man vor Augen hatte, ein Stück von dem Leichentuche Marats war. Dieſer hatte in ſeiner Jugend vornehme Liebſchaften. Es war in der Zeit, als er dem Hofſtaat des Grafen d'Artvis, in der Eigenſchaft als Arzt, angehörte. Von einer dieſer hiſtoriſch erwieſenen Liebſchaften mit einer hohen Dame war ihm dieſes Betttuch geblieben. Da es bei ſeinem Tode die einzige feine Leinwand war, die man bei ihm fand, verwendete man ſie als Leichentuch. Bruneſeau ging weiter und ließ den Lappen liegen, wo er war. War das Verachtung oder Ehrfurcht? Marat verdiente beides. Uebrigens muß man dem Grabe laſſen, was das Geſchick dem Grabe beſtimmt hat. Jedenfalls war die Reliquie eigenthümlich. Eine Marquiſe hatte darauf geſchlafen; Marat war darauf verweſt; ſie war durch das Pantheon zu den Ratten des Abzugskanals gelangt. Die vollſtändige Unterſuchung des ſchmutzigen unter⸗ irdiſchen Paris währte von 1805 bis 1812. Bruneſeau ließ während dieſer Zeit wichtige Arbeiten vollbringen und viele neue Kanäle anlegen, während er zu gleicher Zeit dafür ſorgte, daß alle dieſe Gänge der Geſundheit minder nachtheilig wurden. Die Elenden. K. 114 Gegenwärtiger Fortſchritt. Gegenwärtig ſind die Abzugskanäle reinlich, kalt, gerad⸗ linig. Sie verwirklichen beinahe das, was man in Eng⸗ land mit dem Worte„reſpectable“ bezeichnet. Man könnte beinahe ſagen, ſie ſehen zierlich aus. Sie gleichen einem Lieferanten, der Staatsrath geworden iſt. Man ſieht beinahe deutlich darin. Der Koth beträgt ſich an⸗ ſtändig. Auf den erſten Blick könnte man die Kanäle für jene unterirdiſchen, früher ſo häufigen Gänge halten, welche ſo nützlich für die Flucht der Monarchen und der Fürſten waren, in jener guten alten Zeit,„wo das Volk ſeine Könige liebte.“ Die gegenwärtige Kloake iſt eine ſchöne Kloake; ſie hat nichts mehr von ihrer urſprünglichen Wildheit. Der Regen, welcher die früheren Kanäle kothig machte, wäſcht die gegenwärtigen ab. Man darf ihnen indeß nicht zu ſehr trauen. Noch immer herrſcht in ihnen Stickluft. Sie ſind heuchleriſch. Die Polizeipräfectur und die Geſundheits⸗ commiſſion mögen dabei thun was ſie wollen. Trotz allen Verfahren hauchen die Kanäle dennoch einen ſehr verdäch⸗ tigen Geruch aus. Geſtehen wir indeß, daß Alles erwogen, die Säube⸗ rung dieſer Kanäle eine Huldigung iſt, welche die Kloake der Civiliſation darbringt und, das ganz entſchieden, die Abzugskanäle von Paris ſich verbeſſert haben. wand liegt nant llein dav nen Arn Km V den Ar we tad⸗ Eng⸗ miſt. an⸗ für elche rſten ſeine ie Det äſcht ſehr ſind eits⸗ allen dich⸗ zube⸗ locke die 115 Das iſt mehr als ein Fortſchritt, es iſt eine Um⸗ wandlung. Zwiſchen der ehemaligen und der jetzigen Kloake liegt eine Revolution. Wer hat dieſe Revolution vollbracht? Der Mann, den alle Welt vergißt, und den wir nannten: Brune ſeau. VI. Zukünftiger Fortſchritt. Die Anlegung der Abzugskanäle von Paris iſt keine kleine Sache geweſen. Die zehn letzten Jahrhunderte haben daran gearbeitet, ohne die Arbeit zu Ende bringen zu kön⸗ nen. Mit dem obern Paris wächſt auch das untere. So oft die Stadt eine Straße anlegt, ſtreckt der Kanal einen Arm aus. Die alte Monarchie hatte nur 23,300 Metres Kanäle angelegt; ſo fand der erſte Januar 1806 Paris. Von jener Zeit an iſt das Werk auf nützliche und kräftige Weiſe fortgeſetzt worden und gegenwärtig iſt die Strecke ſeit dem Beginn des Jahrhunderts mehr als verzehnfacht. Die Arbeiten waren um ſo ſchwieriger, da der Boden, auf welchem Paris ruht, nicht leicht zu bearbeiten iſt. Die Abzugskanäle von Paris waren 1832 weit davon entfernt, das zu ſein, was ſie gegenwärtig ſind. Bruneſeau hat den Anfang gemacht, aber es war die Cholera erforder⸗ lich, um die umfaſſenden Arbeiten herbeizuführen, die ſeit⸗ dem ſtattgefunden haben. 8* Vor dreißig Jahren, zur Zeit des Aufſtandes vom fünften und ſechſten Juni, waren die Kanäle an vielen Orten noch beinahe ganz in dem früheren Zuſtande. Eine große Menge von Straßen, die gegenwärtig gewölbt ſind, waren damals noch chauſſirt. Man ſah häufig an den niedrig gelegenen Punkten einer Straße oder eines Kreuz⸗ wegs große viereckige Gitter mit dicken Eiſenſtäben, welche durch die beſtändige Reibung der Darübergehenden glänzten und für die Wagen gefährlich und ſchlüpfrig waren, indem die Pferde hier ſtürzten. Die offizielle Sprache nennt dieſe Kanäle Caſſis. 1832 zeigte eine Menge von Straßen noch dieſe offenen Schlünde. Jean Valjean. Drittes Buch. Der Roth, aber die Seelr. —— S S — 555 S S 8 S 2 S 5 8 8 5 Die Kloake und ihre Ueberraſchungen. Jean Valjean befand ſich in dem Abzugskanal von Paris. Der Uebergang war unerhört. In der Mitte der Stadt ſelbſt war Jean Valjean aus der Stadt verſchwunden und in einem Nu, in der Zeit, welche erforderlich war, ein Gitter aufzuheben und wieder fallen zu laſſen, gerieth er aus dem hellen Tageslicht in die vollſtändige Finſterniß, vom Mittag in die Mitternacht, vom Toben in das Schwei⸗ gen, vom Wirbel des Donners in die Starrheit des Grabes und durch eine noch viel wunderbarere Fügung wie der Rue Polonceau aus der höchſten Gefahr in die unbedingteſte Sicherheit. Es war ein plötzlicher Fall in einen Keller; ein Ver⸗ ſchwinden in der Senkgrube von Paris; dieſe Straße zu verlaſſen, in welcher der Tod überall war, um in dieſes Grab zu ſinken, in welchem er das Leben fand, das war ein eigenthümlicher Augenblick. Er blieb einige Sekunden wie betäubt, lauſchend, erſtaunt. Die Fallthür der Rettung hatte ſich plötzlich unter ihm geöffnet. Die himmliſche Güte hatte ihn in gewiſſer Beziehung verrätheriſch erfaßt! Be⸗ wunderungswerther Hinterhalt der Vorſehung! Nur rührte der Verwundete ſich nicht, und Jean Val⸗ jean wußte nicht, ob das, was er ſo mit ſich in dieſes Grab nahm, ein Lebender oder ein Todter ſei. Sein erſtes Gefühl war die Blindheit. Plötzlich ſah er Nichts mehr. Es ſchien ihm auch, als ſei er in derſelben Minute taub geworden. Er hörte nichts mehr. Der raſende 120 Sturm des Mordes, der einige Fuß über ihm entfeſſelt war, gelangte nicht bis zu ihm, wie wir bereits erwähnten; Dank der Dicke der Ecke, die ihn von demſelben trennte, vernahm er ihn nur ganz erloſchen und undeutlich, wie aus weiter Ferne. Er fühlte, daß er feſten Boden unter den Füßen hatte, das war Alles; aber das genügte auch. Er ſtreckte einen Arm aus, dann den andern, berührte die Mauer zu beiden Seiten und erkannte, daß der Gang eng war, erkannte, daß die Quadern ſchlüpfrig waren. Er ſtreckte vorſichtig den Fuß vorwärts, indem er ein Loch, eine Vertiefung, einen Brunnen zu finden fürchtete; er über⸗ zeugte ſich, daß das Fflaſter ſich verlängerte. Ein ſtinken⸗ der Qualm ſagte ihm, an welchem Ort er ſich befand. Nach einigen Augenblicken war er nicht mehr blind. Etwas Licht fiel durch das Gitter hinein, und ſein Auge gewöhnte ſich an die Dunkelheit. Er fing an, Etwas unterſcheiden zu können. Der Gang, in dem er ſich befand, war hinter ihm geſchloſſen. Es war eine jener Sackgaſſen, deren wir er⸗ wähnten. Vor ihm lag eine andere Mauer, eine Mauer der Nacht. Die Helligkeit, die durch das Gitter hereinfiel, erloſch zehn oder zwölf Schritte von dem Punkt, auf wel⸗ chem Jean Valjean ſtand und beleuchtete mit einem matten Schein nur einige Klafter der feuchten Wand des Kanals. Darüber hinaus war Alles undurchdringliche Finſterniß. Man konnte indeß dieſe Mauer der Dunkelheit durchdringen und man mußte es. Man mußte ſich ſelbſt dabei beeilen. Jean Valjean dachte daran, daß das Gitter, welches er entdeckt hatte, auch von den Soldaten entdeckt werden könnte und daß Alles an dieſem Zufall hänge. Auch ſie konnten in den Brunnen hinabſteigen und ihn durchſuchen. Es war keine Minute zu verlieren. Er hatte Marius auf den Boden gelegt; er hob ihn wieder auf, nahm ihn auf die Schultern und machte ſich auf den Weg. Entſchloſſen trat er in die Finſterniß hinein. Vale mind ternd eines Jem gefa anh auf Veg geher Lobt Fod hei Hal folg He ein we vo Er wi Be D N 12¹ In Wirklichkeit waren ſie weniger gerettet, als Jean Valjean es glaubte. Gefahren anderer Art, aber nicht minder groß, erwarteten ſie vielleicht. Auf den niederſchmet⸗ ternden Wirbel des Kampfes folgte die verpeſtete Luft eines Labyrinths; nach dem Chaos kam er in die Kloake. Jean Valjean war aus einem eiſernen Ring in den andern gefallen. Als er fünfzig Schritte weit gegangen war, mußte er anhalten. Es zeigte ſich ihm eine Frage. Der Gang traf auf einen andern, der ihn durchſchnitt. Es boten ſich zwei Wege. Welchen ſollte er einſchlagen? Sollte er rechts gehen oder links? Wie konnte er ſich in dieſem ſchwarzen Labyrinth zurechtfinden? Dieſes Labyrinth hatte indeß einen Faden der Ariadne, das iſt ſein Gefälle. Dem Falle folgen, heißt in den Fluß gehen. Jean Valjean erkannte dies auch. Er ſagte ſich, daß er wahrſcheinlich in dem Kanale der Halle ſei; wenn er den Weg links wählte und dem Fall folgte, ſo gelangte er binnen einer Viertelſtunde zu irgend einer Oeffnung an der Seine, zu der Pont⸗au⸗Change und der Pont⸗Neuf, d. h. zu einer Erſcheinung am hellen Tag auf einem der belebteſten Punkte von Paris. Wie müßten die Vorübergehenden erſchrecken, wenn ſie zwei blutende Männer vor ihren Füßen aus der Erde her⸗ vorkommen ſehen. Dann Ankunft von Stadtſergeanten, Ergreifung der Waffen des nächſten Wachtpoſtens. Man wäre gefaßt worden, noch ehe man das Freie erreicht hätte. Beſſer war es, ſich in das Gewirr zu vertiefen, ſich der Dunkelheit anzuvertrauen und, in Beziehung auf den Aus⸗ gang, auf die Vorſehung zu bauen. Er ging rechts und dem Gefälle entgegen. Als er um die Ecke der Gallerie gebogen war, ver⸗ ſchwand der ferne Schimmer des Luftloches; der Vorhang der Finſterniß ſank wieder vor ihm herab, und er wurde auf's Neue blind. Dennoch ſchritt er vorwärts und ſo raſch er vermochte. Marius beide Arme hatte er um ſeinen Hals geſchlungen und deſſen Füße hingen hinter ihm herab. Er hielt die beiden Arme mit einer Hand und betaſtete die Mauer mit der andern. Marius Wange berührte die ſeine und klebte an derſelben durch das Blut feſt. Er fühlte einen lauwarmen Strom, der von Marius ausging, ſeine Kleider durchdringen. Indeß verrieth eine feuchte Wärme an ſeinem Ohre, das den Mund des Verwundeten be⸗ rührte, den Athem und folglich das Leben. Der Gang, in welchem Jean Valjean jetzt hinſchritt, war weniger eng als der frühere. Er ging darin ziemlich mühſam vor⸗ wärts. Der Regen des vorhergehenden Tages war noch nicht ganz abgefloſſen und bildete in der Mitte des Ganges einen kleinen Bach, ſo daß er gezwungen war, ſich an die Mauer zu ſchmiegen, um nicht mit den Füßen im Waſſer zu gehen. Allmählig fing er wieder an, Etwas zu ſehen, ſei es, daß die fernen Luftlöcher einen Schimmer verbreiteten, ſei es, daß ſein Auge ſich an die Dunkelheit gewöhnte, und er begann ſich undeutlich Rechenſchaft zu geben, bald von der Mauer, welche er berührte, bald von dem Gewölbe, unter dem er hinſchritt. Die Pupille erweitert ſich in der Nacht und findet darin endlich den Tag, ſo wie die Seele in dem Unglücke erweitert wird und zuletzt darin Gott findet. Sich zurecht zu finden, war nicht leicht. Die Kanäle folgen, ſo zu ſagen, den Linien der darüber befindlichen Straßen. Es gab damals in Paris 2200 Straßen. Man ſtelle ſich nun unter denſelben dieſes dunkle Netz der Abzugskanäle vor. Jean Valjean irrte ſich anfangs. Er glaubte unter der Rue Saint⸗Denis zu ſein, und leider war er hier nicht. Denn von dort würde es ihm leichter geweſen ſein, an ein rettendes Ziel zu gelangen. Jean Valjean befand nter cht in det. ber zen. der nter hier ein, and 123 ſich in dem Kanal von Montmatre, und dieſer gab vielfache Gelegenheit, ſich zu verirren; er iſt einer der verſchlungenſten Kanäle des alten Netzes. Er ſchritt voll Beſorgniß, aber ruhig vorwärts, geleitet vom Zufall, d. h. von der Vor⸗ ſehung. Allmählig ergriff ihn ein Gefühl des Entſetzens. Die Finſterniß, die ihn umgab, drang auch in ſeinen Geiſt. Er ſchritt dahin, wie in einem Räthſel. Dieſe Waſſerleitung der Kanäle iſt furchtbar, ſie kreuzt ſich ſchwindelnd. Jean Valjean mußte ſeinen Weg gewiſſermaßen erfinden, ohne es zu wiſſen. Jeder Schritt, den er wagte, konnte der letzte ſein. Wie ſollte er hier hinaus gelangen? Würde er einen Ausgang finden? Würde er ihn noch zu rechter Zeit finden? Würde er an das Unüberſchreitbare gelangen? Würde Marius an Verblutung und er vor Hunger ſterben? Sollten ſie Beide hier, in einem Winkel dieſer Nacht, als zwei Skelette gefunden werden? Er wußte es nicht. Er fragte ſich das Alles und konnte ſich darauf keine Antwort geben. Das Eingeweide von Paris iſt ein Abgrund. Gleich dem Propheten, befand er ſich in dem Bauch des Ungeheuers. Plötzlich fühlte er eine Ueberraſchung. Als er es am wenigſten erwartete und, ohne das er aufgehört hatte, in gerader Linie vorwärts zu gehen, bemerkte er, daß er nicht mehr aufwärts ſchritt; das Waſſer des Baches rieſelte ihm gegen die Hacken, ſtatt gegen die Zehen. Der Kanal ſenkte ſich jetzt. Weshalb? Sollte er denn plötzlich zu der Seine gelangt ſein. Dieſe Gefahr war groß, aber noch größer die Gefahr, zurückzuweichen. Er ging daher vorwärts. Er ſchritt nicht der Seine zu. Der Rücken, den der Boden von Paris auf dem rechten Ufer bildet, führt einen Abfluß in die Seine und den andern in den großen Kanal. Auf dieſem Rücken, gewiſſermaßen dieſer Bergſcheide, zwiſchen den Kanälen, befand ſich Jean Valjean. Er ſchritt dem Gürtelkanale zu; er befand ſich auf dem rechten Wege. Aber er wußte das nicht. So oft er auf einen Seitenkanal traf, betaſtete er die Ecken deſſelben, und wenn er die Oeffnung minder breit fand, als die des Ganges, in welchem er ſich befand, ſchritt er nicht hinein, ſondern verfolgte ſeinen Weg, indem er mit gutem Grund vermuthete, der engere Gang möchte zu einer Sackgaſſe führen; er aber durfte ſich von ſeinem Ziel, d. h. dem Ausgange nicht entfernen. In einem gewiſſen Augenblicke erkannte er, daß er das Paris, welches vom Aufſtande ergriffen war und in welchem die Barrikade den Verkehr unterdrückt hatte, ver⸗ ließ und unter das lebende und regelmäßig athmende Paris zurückkehrte. Er vernahm plötzlich über ſeinem Kopfe Etwas, wie das ferne, aber ununterbrochene Rollen des Donners. Es war das Wagengeraſſel. Er ging ſeit etwa einer halben Stunde, wenigſtens nach der Berechnung, die er bei ſich ſelbſt darüber anſtellte, und hatte noch nicht daran gedacht zu ruhen; nur hatte er die Hand, mit der er Marius hielt, gewechſelt. Die Finſter⸗ niß war dichter wie je, allein er fühlte ſich eben dadurch beruhigt. Plötzlich erblickte er ſeinen Schatten vor ſich. Er trat aus einer matten, beinahe undeutlich rothen Helligkeit her⸗ vor, die rechts und links an beiden Seiten der Mauer des Ganges hinglitt. Verwundert blickte er ſich um. Hinter ſich, in dem Theil des Ganges, den er ſo eben gekommen war, zeigte ſich ihm in einer ſcheinbar un⸗ geheuren Entfernung eine Art fürchterlichen Geſtirns, das auf ihn zu blicken ſchien. Es war der finſtere Stern der Polizei, welcher in dem Kanale aufging. Hinter dieſem Stern bewegten ſich verworren acht oder zehn ſchwarze, undeutliche, aber furchtbare Geſtalten. befo Poli ſuch Po Hy und Agi ſche rech imn unt ben Ri ha an M bege. die breit hritt ner te zu Ziel, ſ er d in ver⸗ ende opfe des tens Alte, eer ſter⸗ uch trat her⸗ des ſo un⸗ das 125 II. Erklärung. Am ſechſten Juni war eine Durchſuchung der Kanäle befohlen worden. Man fürchtete, ſie möchten von den Beſiegten als Zufluchtsſtätte aufgeſucht werden, und der Polizeipräfect Gisquet mußte das geheime Paris durch⸗ ſuchen, während der General Bugeaud das öffentliche Paris reinfegte. Das war eine zuſammenhängende do elte 9 5 9 Operation, welche eine doppelte Strategie der Polizei unten und der Armee oben verlangte. Drei Abtheilungen von Agenten und Schleuſenräumern durchſuchten die unterirdi ſchen Gänge von Paris, die erſte Abtheilung auf dem rechten Ufer, die zweite auf dem linken, die dritte in der innern Stadt. Die Agenten waren mit Büchſen, Todtſchlägern, Degen und Dolchen bewaffnet. Was ſich in dieſem Augenblicke gegen Jean Valjean bewegte, war die Laterne der Ronde des rechten Ufers. Dieſe Ronde hatte ſo eben die Nebengänge unter der Rue du Cadran durchſucht, und während ſie dies that, hatte Jean Valjean, der eben dieſe Nebengänge als ſolche an ihrer geringen Breite erkannte, den Hauptweg verfolgt. Als die Polizeiagenten den Kanal du Cadran ver⸗ ließen, glaubten ſie in der Richtung nach dem Gürtelkanale das Geräuſch von Schritten zu vernehmen. Es waren in der That die Schritte Jean Valjean's. Der Sergeant, welcher Wie Ronde führte, erhob ſeine Laterne und die Mannſchaft blickte in die Finſterniß hinein, nach der Rich⸗ 126 tung, von wo das Geräuſch ertönte. Das war für Jean Valjean eine fürchterliche Minute. Zum Glück ſah er wohl die Laterne, aber die Laterne ſah ihn nicht. Sie ſtand im Lichte, er ſtand in der Dunkelheit. Er war weit entfernt und in die Nacht des Ortes verſunken. Er lehnte ſich an die Mauer und blieb ſtehen. Uebrigens gab er ſich nicht Rechenſchaft von dem, was ſich hinter ihm bewegte. Die Schlafloſigkeit, der Mangel an Nahrung, die Aufregungen verſchiedener Art hatten ihn in einen Zuſtand der Betäubung verſetzt, in welchem er Alles rings um ſich her nur undeutlich und wie fratzenhaft erblickte. Was war das? Er begriff es nicht. Jean Valjean war ſtehen geblieben. Das Geräuſch hatte geendet. FR Die Mannſchaft der Ronde lauſchte und hörte Nichts; ſie blickte vor ſich hin und ſah Nichts. Sie berieth ſich. Jean Valjean ſah, wie dieſe Larven einen Kreis bildeten. Die dunklen Köpfe näherten ſich einander und flüſterten. Das Reſultat dieſer Berathung der Wachthunde war, daß man ſich getäuſcht hätte; daß man keine Schritte gehört, daß hier Niemand ſei, daß es Nichts nützen könnte, nach dem Gürtelkanale zu gehen, daß das verlorene Zeit wäre, daß man aber eilen müßte, gegen Saint⸗Merry zu kommen, daß, wenn irgendwo etwas zu entdecken wäre, das in jenem Stadtviertel ſein müßte. Der Sergeant gab daher den Befehl links, gegen die Seine hin, abzugehen. Wären ſie auf den Gedanken verfallen, ſich in zwei Haufen zu theilen und nach beiden Richtungen zu gehen, ſo war Jean Valjean verloren. Die Sache hing an dieſem Faden. Wahrſcheinlich hatten die In⸗ ſtruktionen der Polizeipräfectur die Möglichkeit eines Kampfes mit zahlreichen Inſurgenten vorausgeſehen und deshalb der Ronde verboten, ſich zu theilen. Sie ſetzte ſich daher wieder in Marſch und ließ Jean Valjean hinter ſich. Von alle dem der in wu ver eini ihm get int Jean h er Sie weit ehnte dem, der Art t, in d wie nicht. zuſch ichts; ſ6 eten. rten. daß hört, dem daß men, enem ndie llen, nen p. wfe der ieder l 127 dem erkannte Jean Valjean nichts, als das Verſchwinden der Laterne, die plötzlich umkehrte. Um ſein Polizeigewiſſen zu beruhigen, ſchoß der Sergeant, ehe er weiter ging, ſeine Büchſe in der Richtung, in welcher ſich Jean Valjean befand, ab. Der Schuß wurde von Echo zu Echo in dieſem titaniſchen Gewirre vervielfültigt. Und der fallende Kalk machte das Waſſer einige Schritte von Jean Valjean aufſpritzen und verrieth ihm ſo, daß die Kugel das Gewölbe über ſeinem Kopfe getroffen hatte. Langſame, abgemeſſene Schritte ertönten einige Zeit in dem Gange; ſie wurden ſchwächer und ſchwächer durch die Vergrößerung der Entfernung. Die ſchwarzen Geſtalten verſchwanden, der Lichtſchein erloſch, das tiefe Schweigen kehrte zurück, die Dunkelheit wurde wieder undurchdringlich, Blindheit und Taubheit nahmen auf's Neue Beſitz von Jean Valjean, der es noch nicht wagte, ſich zu rühren und einige Zeit an die Mauer gelehnt ſtehen blieb, mit ge⸗ ſpitztem Ohr und aus dem Kopfe tretenden Augen dem Verſchwinden der Patrouille von Phantomen nachblickend. III. Der Verfolgte. Man muß der Polizei jener Zeit die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie ſelbſt unter den ernſten Um⸗ ſtänden unwandelbar ihre Pflicht der Aufſicht und Ueber⸗ ——— 128 wachung verſah. Ein Aufſtand war in ihren Augen nicht ein Vorwand, um den Miſſethaten den Zügel auf den Hals zu legen und die Geſellſchaft deshalb zu vernachläſſigen, weil die Regierung ſich in Gefahr befand. Der gewöhnliche Dienſt wurde pünktlich neben dem außergewöhnlichen ver⸗ ſehen und durch dieſen nicht geſtört. Inmitten eines un⸗ berechenbaren politiſchen Ereigniſſes, das im Beginn ſtand, unter dem Druck einer möglichen Revolution, verfolgte ein Polizeiagent, ohne ſich durch die Inſurrection und die Barrikaden ſtören zu laſſen, einen Dieb. Etwas Aehnliches war es, was am Nachmittag des ſechſten Juni auf dem Ufer der Seine, an dem Damme des rechten Ufers, etwas jenſeits der Invalidenbrücke geſchah. Jetzt liegt dort kein Damm mehr, das Anſehen des Ortes hat ſich verändert. Auf dieſem Damme ſchienen zwei Menſchen, die durch eine gewiſſe Entfernung von einander getrennt wurden, ſich zu beobachten, indem der Eine den Andern zu vermeiden ſuchte. Der, welcher voranging, bemüht, ſich zu entfernen, der, welcher folgte, verſuchte, ſich dem Andern zu nähern. Es war wie eine Partie Schach, die aus der Ferne und ſchweigend geſpielt wurde. Weder der Eine noch der Andere ſchien ſich zu beeilen. Und beide gingen langſam, als ob jeder von ihnen fürchtete, durch zu große Haſt die Schritte ſeines Spielers zu beſchleunigen. Man hätte glauben können, ein Verlangen zu ſehen, daß eine Beute verfolgt ohne daß es ſcheinen ſollte, als geſchehe es abſichtlich. Die Beute war vorſichtig und wohl auf ihrer Hut. Die nothwendige Entfernung zwiſchen dem gejagten Mörder und dem verfolgenden Hund wurde beobachtet. Der, welcher zu entrinnen trachtete, war nicht groß und hatte ein ſchwächliches Ausſehen; der, welcher zu faſſen ſtrebte, war ein Menſch von hohem Wuchs und finſterem Ausſehen, und jutre Zwe zu e Aug Dr geh ein über dieſe hen vor wie bis wer ein die kle Bl ſſt nicht Hals igen, liche ver⸗ un⸗ tand, ein die des des h. des urch ſich iden nen, en. und der am, die hen, . 6 und gten atte bte, en, 129 und es mußte eine harte Sache ſein, mit ihm zuſammen⸗ zutveffen. Der Erſtere, der ſich ſchwächer fühlte, vermied den Zweiten, aber er gab dies auf eine durchaus wüthende Weiſe zu erkennen; wer ihn hätte beobachten können, würde in ſeinen Augen die finſtere Feindſeligkeit der Flucht und die ganze Drohung erkannt haben, die in der Furcht liegt. Der Damm war einſam; es zeigte ſich kein Vorüber⸗ gehender auf demſelben; nicht einmal ein Bootsmann oder ein Laſtträger der hier und dort angelegten Fahrzeuge. Man konnte dieſe beiden Menſchen nur von dem gegen überliegenden Quai deutlich ſehen und für den, der ſie aus dieſer Entfernung beobachtet hätte, erſchien der Vorange hende als ein zerriſſenes, zerlumptes Weſen, unruhig und vor Froſt klappernd, in einer zerfetzten Blouſe, der Andere wie eine offizielle Perſon, die den Ueberrock eines Beamten bis zum Kinn zugeknöpft trug. Der Leſer erkennt vielleicht dieſe beiden Menſchen, wenn er ſie mehr in der Nähe ſieht. Was war der Zweck des Letzteren? Wahrſcheinlich dahin zu gelangen, den Erſteren wärmer zu kleiden. Wenn ein Menſch, der durch den Staat gekleidet wird, einen in Lumpen gehenden Menſchen verfolgt, ſo geſchieht dies, um aus ihm ebenfalls einen durch den Staat Ge⸗ kleideten zu machen; nur liegt die ganze Frage in der Farbe. Blau gekleidet zu ſein, iſt ehrenvoll; grau gekleidet zu ſein, iſt unangenehm. Wahrſcheinlich ſuchte der Erſtere einer Unannehmlich⸗ keit dieſer Art zu entgehen. Wenn der Andere ihn vorangehen ließ und ihn noch nicht ergriff, ſo geſchah es allem Anſchein nach in der Hoffnung, ihn zu irgend einem bedeutungsvollen Sammel⸗ Die Elenden. IX. 9 0 platz, zu irgend einer Gruppe, die eine gute Beute bot, gelangen zu ſehen. Dieſe zarte Operation nennt man: „Die Spinnerei.“ Was dieſe Vermuthung durchaus wahrſcheinlich machte, iſt, daß der Zugeknöpfte, indem er von dem Damme aus auf dem Quai einen leer vorüberfahrenden Fiaker bemerkte, dem Kutſcher ein Zeichen gab. Der Kutſcher begriff daſſelbe, denn er erkannte offenbar, mit wem er es zu thun hatte, wendete um und folgte im Schritt den beiden Männern längs des Quai's. Dies wurde von der ſchäbigen und zerlumpten Perſon, die voranging, nicht bemerkt. Der Fiaker fuhr an den Bäumen der Champs⸗Elyſées hin. Ueber den Rand des Walles hinweg konnte man den Oberleib des Kutſchers, ſeine Peitſche in der Hand bemerken. Eine der geheimen Inſtructionen der Polizei für ihre Agenten enthält den Artikel: ſtets einen Wagen für den Nothfall zur Hand haben. Indem dieſe beiden Männer, Jeder ſeinerſeits mit tadelloſer Strategie verfuhren, näherten ſie ſich einer Rampe des Quai's, die bis zu dem Ufer hinabführte, ſo daß die Fiakerkutſcher, die von Paſſy kamen, damals ihre Pferde aus dem Fluß ſaufen laſſen konnten. Dieſe Rampe iſt ſeitdem, der Symmetrie wegen, verändert worden; die Pferde krepiren vor Durſt, aber das Auge iſt befriedigt. Wahrſcheinlich wollte der Menſch in der Blouſe dieſe Rampe hinaufgehen, um zu verſuchen, nach den Champs⸗ Elyſées zu entkommen, einem Orte, der mit Bäumen beſetzt iſt, aber dafür von Polizeiagenten ſtark durchkreuzt wird und an welchem der Andere leicht Unterſtützung finden konnte. Dieſer Punkt des Quai's iſt nicht weit von dem ſoge⸗ nannten Hauſe Franz I. entfernt und ganz in der Nähe befindet ſich ein Wachtpoſten. Zur großen Ueberraſchung ſeines Beobachters ginß der ſtür keine gonz Brü in e verli der Un ſich dur bor der zut nich Art des um ben E Loſ an me Verfolgte nicht die Rampe hinauf. Er ſchritt auf dem Damme längs des Quai's weiter vorwärts. Seine Lage wurde ſichtbar mißlich. Was wollte er thun, wenn er ſich nicht in die Seine ſtürzt? Es gab jetzt kein Mittel, auf dem Quai zurückzugehen; keine Rampe, keine Treppe, und man war jetzt dem Orte ganz nahe, der durch die Biegung der Seine gegen die Brücke von Jena bezeichnet wird und wo der Damm endlich in eine ſchmale Zunge ausläuft, die ſich in dem Waſſer verliert. Hier mußte der Menſch unvermeidlich zwiſchen der ſteilen Mauer zu ſeiner Rechten, dem Fluſſe zu ſeiner Linken und gerade aus und dem Beamten auf ſeinen Füßen ſich eingeſperrt befinden. Freilich wurde dieſes Ende des Dammes dem Blick durch einen ſechs bis ſieben Fuß hohen Schutthaufen ver⸗ borgen, der von irgend einer Zerſtörung herrührte. Hoffte der Menſch etwa, ſich hinter dem Schutthaufen verbergen zu können? Das wäre kindiſch geweſen. Er dachte ſicher nicht daran. Die Unſchuld der Spitzbuben geht nicht ſo weit. Der Schutthaufen bildete am Ufer des Waſſers eine Art Hügel, der ſich durch ein Vorgebirge bis zu der Mauer des Quai's erſtreckte. Der verfolgte Menſch gelangte zu dieſem kleinen Hügel, umſchritt ihn und wurde ſo von dem Andern nicht mehr bemerkt. Dieſer, welcher nicht ſah, wurde auch nicht geſehen. Er benutzte dies, um jede Verſtellung abzulegen und ſehr raſch zu gehen. Nach wenigen Augenblicken befand er ſich an dem Schutthaufen und umſchritt denſelben. Hier blieb er verdutzt ſtehen. Der Menſch, den er hetzte, war nicht mehr zu ſehen. Gänzliches Verſchwinden des Menſchen in der Blouſe. Der Damm hatte von dem Trümmerhaufen ab nur 9* 132 noch eine Länge von einigen dreißig Schritten und ſenkte ſich dann unter das Waſſer, welches die Mauer des Quai's beſpülte. Der Flüchtling hätte ſich weder in die Seine ſtürzen, noch den Quai erklettern können, ohne von dem, der ihm folgte, geſehen zu werden. Was war aus ihm geworden? Der Mann in dem zugeknöpften Ueberrock ging bis zu dem äußerſten Ende des Dammes und blieb hier einen Augenblick nachdenklich ſtehen, die Fäuſte krampfhaft geballt, die Augen umherſuchend. Plötzlich ſchlug er ſich vor die Stirn. Er bemerkte an dem Punkte, wo die Erde aufhörte und das Waſſer begann, ein großes, niedriges, eiſernes Gitter mit einem ſchweren Schloſſe und drei maſſiven Riegeln. Dieſes Gitter, eine Art von Thor, welches am unteren Ende des Quai's angebracht war, öffnete ſich ſowohl nach dem Fluſſe, wie nach dem Damme. Ein ſchwarzer Bach quoll darunter hervor. Dieſer Bach ergoß ſich in die Seine. Hinter dem ſchweren verroſteten Eiſengitter unterſchied man eine Art gewölbten dunklen Ganges. Der Menſch kreuzte die Arme und betrachtete das Gitter mit einem Ausdruck des Vorwurfs. Dieſer Blick genügte nicht, er verſuchte, es zu erſchüttern; er rüttelte daran, aber es widerſtand. Wahrſcheinlich war es ſpeben geöffnet worden, obgleich man kein Geräuſch gehört hatte. Etwas Sonderbares bei einem ſo verroſteten Gitter, ganz gewiß aber war es wieder verſchloſſen worden. Das deutete an, daß der, welchem dieſe Thür ſich öffnete, nicht nur einen Dietrich, ſondern einen Schlüſſel hatte. Dieſe Augenſcheinlichkeit zeigte ſich ſofort dem Geiſte des Mannes, der das Gitter zu erſchüttern ſuchte und ent⸗ riß ihm die unwillige Aeußerung: „Das iſt ſtark! Einen Schlüſſel der Regierung!“ Dann beruhigte er ſich augenblicklich und ſprach eine Velt nahe ſich, zurü Trü auf gun der Sta unte kan Je ein der den ſenkte ürzen, rihm rden 9 bis einen eballt, or die fhörte ernes ſſiven es m e ſich Ein eryoß ſchied das Blick üttelte ſoeben halie. ganz deutele tn Geiſte nd ent 0 . eine Welt innerer Gedanken durch die Wiederholung der bei⸗ nahe ironiſch betonten Sylben: „Sieh! ſieh! ſieh! ſieh!“ Nachdem er ſich hierdurch Luft gemacht hatte, ſtellte er ſich, man weiß nicht was hoffend, entweder den Menſchen zurückkehren oder Andere eintreten zu ſehen, hinter dem Trümmerhaufen mit der geduldigen Ruhe des Jagdhundes auf die Lauer. Der Fiaker ſeinerſeits, welcher ſich nach allen Bewe⸗ gungen des Mannes richtete, hatte über ihm in der Nähe der Brüſtung Halt gemacht. Der Kutſcher ſah eine lange Station voraus, ſteckte das Maul ſeiner Pferde in den unten feuchten Haferſack, der den Pariſern ſo wohl be⸗ kannt iſt. Die wenigen Menſchen, welche über die Brücke von Jena gingen, wendeten, ehe ſie ſich entfernten, den Kopf einen Augenblick um, die beiden regungsloſen Gegenſtände der Landſchaft zu betrachten: dem Menſchen auf dem Damm, den Fiaker auf dem Quai. W Auch er trägt ſein Krenz. Jean Valjean hatte ſich wieder in Marſch geſetzt und nicht mehr angehalten. Dieſer Marſch wurde mehr und mehr mühſamer. Die Höhe der Gewölbe wechſelte; die mittlere Höhe iſt 134 ungefähr fünf Fuß ſechs Zoll und iſt nach dem Wuchs eines Menſchen berechnet worden; Jean Valjean mußte ſich bücken, um hier nicht gegen das Gewölbe zu ſtoßen; jeden Augenblick mußte er ſich niederbeugen, wieder em⸗ porrichten und unabläſſig die Mauer betaſten. Die Feuchtigkeit der Steine und die Schlüpfrigkeit des Bo⸗ dens boten der Hand, wie dem Fuße ſchwache Stütz⸗ punkte. Er ſtrauchelte auf dieſem abſcheulichen Miſt⸗ haufen der Stadt. Die Helle durch die Luftlöcher zeigte ſich nur in langen Zwiſchenräumen und ſo matt, daß der volle Sonnenſchein hier zum ſchwachen Mondſchein wurde; alles Uebrige war Dunkelheit, Geſtank, Dichtigkeit, Schwärze. Jean Valjean empfand Hunger und Durſt; beſonders Durſt, und er war hier an einem Ort, der, wie das Meer, das Waſſer zeigt, ohne daß man trinken könnte. Seine Kraft, die wunderbar war, wie man weiß, und durch das Alter, in Folge ſeines keuſchen und nüchternen Lebens, nur wenig abgenommen hatte, begann dennoch zu weichen. Er fühlte ſich ermüdet und die abnehmenden Kräfte machten, daß das Gewicht der Laſt zunahm. Marius, der vielleicht todt war, wog ſo ſchwer, wie regungsloſe Körper zu wiegen pflegen. Jean Valjean trug ihn ſo, daß die Bruſt nicht beengt wurde, und der Athem ſo frei wie gewöhnlich blieb. Er fühlte zu ſeinen Füßen das ſchnelle Vorbeigleiten der Ratten; eine derſelben wurde ſo erſchreckt, daß ſie ihn biß. Zu⸗ weilen drang durch die Oeffnungen der Kanäle ein friſcher Lufthauch herein, der ihn neu belebte. Es konnte drei Uhr Nachmittags ſein, als er zum Gürtelkanal gelangte. Er war Anfangs überraſcht durch dieſe plötzliche Er⸗ weiterung. Er befand ſich unerwartet in einer Gallerie, deren beide Mauern ſeine ausgeſtreckten Hände nicht zu erreichen vermochten und unter einem Gewölbe, wrlches ſein Kopf nicht berührte. Der große Abzugskanal hatte 8 in de ſieben Kano die t einer mind Valj Allei und nißt ſich hin dur Nä war unt 6h Zu erſ Li ſei jen ſich loc die in he in zuchs nußte oßen; em Die Bo Stüt⸗ Miſt zeigte der unde; ärze. urſt, „das raft, Alter, wenig ühlte das war, egen. engt Er tten, z ſcher zum Er⸗ lerie, 1 ſches hatte 135 in der That eine Breite von acht und eine Höhe von ſieben Fuß. An dem Punkte, wo der Kanal Montmatre den großen Kanal berührt, bilden zwei andere unterirdiſche Gallerien, die der Rue de Provenge und die der Rue de l'Abattoir einen Kreuzweg. Zwiſchen dieſen vier Straßen würde ein minder ſcharfſinniger Menſch geſchwankt haben. Jean Valjean ſchlug die breiteſte ein, d. h. den Gürtelkanal. Allein hier wiederholte ſich die Frage: Hinabgehen oder Hinaufſteigen? Er dachte, daß die Verhältniſſe drängen und daß er auf jede Gefahr hin jetzt die Seine erreichen müßte. Mit anderen Worten: Hinabgehen. Er wandte ſich links. Er that wohl daran. Denn wäre er den Kanal hinaufgegangen, ſo würde er nach tauſend Anſtrengungen, durch Müdigkeit erſchöpft, halb ſterbend, in der finſteren Näſſe zu einer Mauer gelangt und ſo verloren geweſen ſein. Sein Inſtinkt führte ihn richtig. Hinabgehen, das war in der That die mögliche Rettung. Er ließ zu ſeiner Rechten die beiden Gänge, die ſich unter der Rue Laffitte und der Rue Saint⸗Georges zu der Chauſſee d'Antin hinſtreckten. Jenſeits eines Nebenkanals, welcher wahrſcheinlich der Zweig der Madeleine war, machte er Halt. Er war ſehr erſchöpft. Ein ziemlich großes Luftloch verbreitete ein helles Licht. Mit der ſanften Bewegung, welche ein Bruder für ſeinen kranken Bruder hätte haben können, legte Jean Val⸗ jean Marius auf den Boden nieder. Das blutende Ge⸗ ſicht Marius' erſchien unter dem weißen Schein des Luft⸗ loches wie in einem Grabe. Er hatte die Augen geſchloſſen; die Haare klebten an den Schläfen wie getrocknete Pinſel in einem Napf mit rother Farbe; die Hände hingen leblos herab; ſeine Glieder waren erkaltet, geronnenes Blut klebte in den Mundwinkeln. Eine Menge geronnenen Blutes hatte 136 ſich in der Schleife der Halsbinde geſammelt; das Hemd war in die Wunden eingedrungen, das Tuch des Rockes rieb die gähnenden Schnitte des Fleiſches. Jean Valjean ſchob mit den Fingerſpitzen behutſam die Kleider auseinander und legte ihm die Hand auf die Bruſt; das Herz ſchlug noch. Jean Valjean zerriß ſein Hemd, verband ſo gut als mög⸗ lich die Wunden und ſtillte ſo das Blut, das denſelben entquoll; dann beugte er ſich in dem Halbdunkel über Ma⸗ rius, der noch immer ohne Bewußtſein und beinahe ohne Athem war und betrachtete ihn mit einem unausſprech⸗ lichem Haſſe. Indem er Marius' Kleider auseinander geſchoben hatte, fand er in ſeinen Taſchen zweierlei Dinge, das Brod, das darin ſeit dem Tag zuvor vergeſſen war, und Marius' Brieftaſche. Er aß das Brod und öffnete die Brieftaſche. Auf dem erſten Blatt fand er die von Marius' Hand geſchriebenen Zeilen: „Ich heiße Marius Pontmercy. Man trage meine Leiche zu meinem Großvater Herrn Gillenormand, Rue des Filles du Calvaire Nr. 6 im Marais.“ Jean Valjean las bei dem Lichte des Luftloches dieſe vier Zeilen, blieb einen Augenblick in ſich ſelbſt verſunken und ſagte dann halblaut:„Rue des Filles du Calvaire Nr. 6, Herr Gillenormand. Er ſteckte die Brieftaſche wieder in Marius' Taſche; er hatte etwas gegeſſen und ſiene Kraft war wieder zurückgekehrt. Er nahm Marius wieder auf den Rücken, ſtützte ſorgfältig deſſen Kopf auf ſeine rechte Schulter und ging den Kanal weiter hinab. Der große Kanal, der ſich nach dem Thal von Menil⸗ montant wendete, hatte eine Länge von ungefähr zwei Lieues. Ein großer Theil ſeines Weges iſt gepflaſtert. Dieſes Licht, durch welches wir für den Leſer den un⸗ terirdiſchen Weg Jean Valjeans beleuchten, hatte Jean Valjean ſelbſt nicht. Nichts ſagte ihm, in welcher Gegend der Stadt er ſich befand. Nur verrieth ihm die abneh⸗ 4. Hemd s rieb ſchob rund noch. mög⸗ ſelben a⸗ ohne prech⸗ ander inge, war, ete die grius“ Leiche Filles dieſe ſunken vaire der in ſt war ücken, r und Menil⸗ zwel t. n un⸗ Jeon jegend bne 187 mende Helligkeit, die von Zeit zu Zeit durch die Luftlöcher hereinfiel, daß die Sonne ſich ſenkte und daß der Tag bald ſchwinden würde. Ebenſo verrieth ihm das Rollen der Wagen über ſeinem Kopfe, das Anfangs ununterbrochen ge⸗ weſen war, dann ſeltener wurde und jetzt beinahe ganz auf⸗ hörte, daß er ſich nicht mehr unter dem mittleren Paris be⸗ fand, ſondern irgend einer einſamen Gegend nahte, den äußeren Boulevards oder dem entfernteſten Quai benach⸗ bart. Da, wo wenig Häuſer und weniger Straßen ſind, hat der Abzugskanal weniger Luftlöcher. Die Dunkelheit nahm um Jean Valjean wieder zu. Dennoch ſchritt er immer vorwärts, ſich in der Finſterniß forttaſtend. Plötzlich wurde der Kanal zur entſetzlichen Höhle. V. Für den Sand, wie für die Frauen, giebt es eine tückiſche Feinheit. fühlte, daß er in Waſſer trat, und daß er unter ſeinen Füßen nicht mehr Pflaſter, ſondern Sumpf hatte. Es geſchieht zuweilen an gewiſſen Küſten der Bretagne oder Schottlands, daß ein Menſch, ein Reiſender oder ein Fiſcher, der bei der Ebbe, fern von dem Ufer, an der Küſte entlang geht, plötzlich bemerkt, daß er ſeit einigen Minuten nur mit Mühe fortſchrittt. Die Küſte iſt unter ſeinen Füßen wie Pech; die Schuhe haften daran; es iſt nicht 1 mehr Sand, ſondern Leim. Die Küſte iſt durchaus trocken, aber jede Fußſpur füllt ſich, ſobald man den Fuß erhebt, mit Waſſer. Das Ange hat dabei eine Veränderung wahr⸗ genommen; die ungeheure Küſte iſt eben und ruhig; der ganze Sand hat das gleiche Ausſehen, Nichts unterſcheidet den Boden, der feſt iſt, von dem, der es nicht mehr iſt. Der Menſch verfolgt ſeinen Weg, geht geradeaus, wendet ſich dem Lande zu. Er iſt nicht beſorgt. Worüber ſollte er auch beſorgt ſein? Nur fühlte er etwas, als ob die Schweere ſeiner Schritte mit jedem Tritt, den er thue, zu⸗ nähme. Plötzlich ſinkt er zwei bis drei Zoll tief ein. Sicher iſt er nicht auf dem rechten Wege, er bleibt ſtehen, um ſich zu orientiren. Da blickt er zufällig auf ſeine Füße; ſie ſind verſchwunden. Der Sand bedeckt ſie. Er zieht die Füße heraus, will umkehren, zurückgehen und ſinkt noch tiefer ein. Der Sand drängt ihm bis an die Knöchel; er reißt ſich los, wendet ſich links, und der Sand geht ihm bis an das halbe Bein; er macht ſich frei, geht nach rechts, und der Sand kommt ihm bis an die Kniee. Jetzt erkennt er mit unausſprechlichem Entſetzen, daß er in den Flugſand gerathen iſt, und, daß er unter ſich jenes fürchterliche Mittelding hat, in welchem der Menſch nicht gehen und der Fiſch nicht ſchwimmen kann. Er wirft ſeine Laſt ab, wenn er eine trägt und macht ſich leicht, wie ein Schiff in der höchſten Noth. Schon iſt es nicht mehr Zeit dazu; der Sand geht ihm bis über die Kniee. Er ſchreit, er ſchwenkt ſeinen Hut oder ſein Taſchen— tuch und verſinkt immer tiefer in den Sand. Iſt die Küſte öde, das Land zu weit entfernt, die Sandbank zu übel be rüchtigt und kein Helfer in der Nähe, ſo iſt es aus mit ihm, er iſt zum Verſinken verurtheilt. Dieſes finſtere Abenteuer, welches auf dieſer oder jener Küſte des Meeres immer möglich iſt, war vor dreißig Jahren auch in der Kloake von Paris möglich. wur licht Pfl ein gen Me unt wa ſeit her de doß ſich nſch ine ein zeit e mi nel ren 139 Vor den wichtigen Arbeiten, welche 1833 begonnen wurden, war das unterirdiſche Straßennetz von Paris plötz⸗ lichen Erdſtürzen unterworfen. Das Waſſer ſickerte in den lockeren Boden ein. Das Pflaſter wich und es entſtand ein Erdſturz; es öffnete ſich ein Schlund, der mit Koth ſich füllte, und wurde Fontis genannt. Dieſe Fontis waren der fliegende Sand des Meeres. Der durchweichte Boden war nicht mehr Sand und auch nicht Waſſer. Die Tiefe ſolcher Einſtürze war oft ſehr beträchtlich. Nichts konnte gefährlicher ſein, als auf einen ſolchen Ort zu ſtoßen. Herrſchte das Waſſer, ſo erfolgt der Tod plötzlich durch Ertrinken, herrſchte die Erde vor, ſo ſtirbt man langſam, indem man verſinkt. Man denke ſich einen ſolchen entſetzlichen Tod. VI. Die Fontis. Jean Valjean befand ſich in einem dieſer Fontis. Dieſe Art von Erdſtürzen waren damals häufig unter dem Boden der Champs⸗Elyſées. Als man im Jahre 1836 unter der Vorſtadt Saint⸗Honoré den alten Abzugskanal, in welchem wir in dieſem Augenblick Jean Valjean erblicken, einriß, um ihn neu zu bauen, ſetzte der Flugſand, der ſich unter den Champs⸗Elyſées bis zur Seine angehäuft hatte, 140 ein ſolches Hinderniß entgegen, daß die Arbeit beinahe ſechs Monate dauerte. Der Fontis, auf welchen Jean Valjean traf, hatte zur Urſache die Regengüſſe des vorhergehenden Tages. Das Pflaſter, durch den darunter liegenden aufgelockerten Sand nur ſchlecht noch getragen, war gewichen und der Einſturz darauf erfolgte. Das Pflaſter war in einem Schlamm verſunken. In welcher Länge? Das ließ ſich nicht ſagen. Die Finſterniß war hier dichter wie anderwärts. Es war ein Kothloch in einer Höhle der Nacht. Jean Valjean fühlte das Pflaſter unter ſeinen Füßen weichen. Er ſank in den Schlamm. Es war Waſſer an der Oberfläche, Schlamm auf dem Boden. Er mußte wohl hindurch. Umzukehren war unmöglich. Marius war ſter⸗ bend, Jean Valjean erſchöpft. Wohin hätte er auch gehen ſollen? Er ſchritt vorwärts. Uebrigens ſchien der Ein⸗ ſturz bei dem erſten Schritte nicht ſehr tief zu ſein. Aber je weiter er kam, deſto tiefer ſanken ſeine Füße ein. Bald ging ihm der Schlamm bis zur Wade und das Waſſer bis über die Kniee. Er ſchritt vorwärts, indem er mit beiden Armen Marius, ſo hoch er vermochte, über das Waſſer hielt. Der Schlamm ging ihm jetzt bis zu den Schenkeln und das Waſſer bis zum Gürtel. Er konnte ſchon nicht mehr zurück. Er ſank immer tiefer und tiefer ein. Dieſer Schlamm, wohl dicht genug für das Gewicht eines Menſchen, konnte offenbar nicht zwei tragen. Marius und Jean Valjean hätten Ausſicht gehabt, ſich einzeln daraus zu befreien. Jean Valjean ſchritt immer weiter voran, den Sterbenden ſchützend, der vielleicht ſchon eine Leiche war. Das Waſſer ging ihm bis zu den Achſelhöhlen; er fühlte ſich ertrinken; kaum konnte er ſich in der Tiefe des Kothes, in der er ſich befand, bewegen. Die Dicke des Schlammes, die ſeine Hülfe war, wurde auch ſein Hinder⸗ niß. Er hob Marius immer höher, und mit einem uner⸗ hört auc Arr übe we glo un lei Ar au fun nahe zur Das and ſturz amm gen. war üßen an wohl ſter⸗ ehen Ein⸗ Iber Bald bis eiden aſſer nleln nicht ieſer eines und us zu den ar. 5 er des des nder⸗ unel 141 hörten Aufgebot der Kraft ging er weiter; aber er ſank auch immer tiefer ein. Nur ſein Kopf und ſeine beiden Arme, welche Marius trugen, waren noch über dem Waſſer. Noch immer verſank er tiefer, er warf den Kopf hinten über, um dem Waſſer zu entrinnen und athmen zu können; wer ihn in dieſer Finſterniß hätte ſehen können, würde ge⸗ glaubt haben, eine Larve ſchwimmen zu ſehen; er erblickte undeutlich über ſich den herabhängenden Kopf und das leichenblaſſe Geſicht Marius' Er machte eine verzweifelte Anſtrengung und ſchleuderte den Fuß vorwärts. Er traf auf irgend etwas Feſtes. Er hatte einen Stützpunkt ge funden. Es war die höchſte Zeit. Er richtete ſich empor und ſtemmte ſich mit einer Art von Wuth auf dieſen Stützpunkt. Er machte auf ihn die Wirkung eines der erſten Stufen einer Treppe, auf der er zum Leben wieder emporſteigen konnte. Dieſer Stützpunkt, auf dem er im äußerſten Augenblick ſtieß, war der Anfang der anderen Seite des Erdſturzes. Das Fflaſter war hier zuſammenhängend geblieben und bildete eine wirkliche Rampe; ſobald Jean Valjean dieſelbe betreten hatte, war er ge⸗ rettet. Er gelangte wieder auf feſtem Boden. Indem er aus dem Waſſer trat, ſtieß er an einen Stein und fiel auf die Knie. Er fand, daß dies gerecht ſei, blieb auf den Knieen liegen und verſenkte ſeine Seele in einem Gebet zu Gott. Er richtete ſich wieder empor, bebend, eiskalt, unwohl, gebeugt unter der Laſt des Sterbenden, den er ſchleppte, triefend von Koth, die Seele erfüllt von einem eigenthüm⸗ lichen Lichte. 142 VM Das äußerſte Ende. Noch einmal machte er ſich wieder auf den Weg. Uebrigens, wenn er ſein Leben nicht in dem Fontis gelaſſen hatte, ſo ſchien er ſeine Kraft darin verloren zu haben. Die äußerſte Anſtrengung hatte ihn erſchöpft. Seine Mattigkeit war jetzt ſo groß, daß er alle drei oder vier Schritte ſtehen bleiben mußte, um Athem zu ſchöpfen, indem er ſich gegen die Mauer ſtützte. Und einmal war er gezwungen, ſich niederzuſetzen, um Marius' Lage zu ver⸗ ändern, und er glaubte, er würde hier bleiben müſſen. Aber wenn ſeine Kraft auch erlahmt war, ſo war ſeine Entſchloſſenheit es nicht. Er richtete ſich wieder empor. Voll Verzweiflung ging er weiter, beinahe raſch, und machte ſo etwa hundert Schritte, ohne den Kopf zu er⸗ heben, beinahe ohne zu athmen; plötzlich ſtieß er gegen die Mauer. Er war zu einer Biegung des Kanals gekommen und mit geſenktem Kopf gegen die Mauer gerannt. Er erhob die Augen und am äußerſten Ende des Ganges, weit ab von ſich, bemerkte er ein Licht. Diesmal war es nicht das fürchterliche Licht; es war das willkommene, helle Licht. Es war der Tag. Jean Valjean erblickte den Ausgang. Die Seele eines Verdammten, welche in Mitten des Höllenfeuers plötzlich den Ausgang der Hölle erblickte, würde das empfinden, was Valjean in dieſem Augenblicke fühlte. Sie würde, außer ſich, mit den Stumpfen ihrer verbrannten Flügel der ſtrahlenden Pforte entgegen fliegen. gi ontis nzu pft. oder pfen, war ver⸗ ſſen ſeine l. und er⸗ die men Er weit nicht cht. itten icke, blicke ihrer gel 143 Jean Valjean nahm die Ermüdung nicht mehr wahr; er fühlte nicht mehr das Gewicht Marius', er fand, daß ſeine Gelenke wieder von Stahl waren und lief mehr, als er ging. Je weiter er kam, deſto weiter zeigte ſich ihm der Aus gang. Es war ein gewölbter Bogen, nicht ſo hoch wie der Kanal und verengte ſich in eben dem Grade, in welchem die Decke niedriger wurde. Der Tunnel endete mit einer engern Mündung, wie die Schiebefenſter in den Kerkern; eine Einrichtung, die logiſch für ein Gefängniß, und unlo— giſch für einen Abzugskanal iſt, deshalb auch ſeitdem ver⸗ beſſert wurde. Jean Valjean gelangte zu dem Ausgang. Hier blieb er ſtehen. Es war wohl der Ausgang, aber man konnte nicht hinaus. Der Bogen war durch ein ſtarkes Gitter von innen verſchloſſen und dieſes drehte ſich allem Anſchein nach ſehr ſelten in ſeinen verroſteten Angeln. Es war am Rande mit einem großen, roſtigen Schloſſe befeſtigt. Man ſah das Schlüſſelloch, und augenſcheinlich war der Schlüſſel doppelt herumgedreht worden. Jenſeits des Gitters war freie Luft, der Fluß, das Tageslicht, der enge Damm, aber doch breit genug, um darauf zu gehen, die fernen Quai's, Paris, jener Schlund, in dem man ſich ſo leicht verbergen kann, der weite Hori zont, die Freiheit. Man erkannte rechts, ſtromaufwärts, die Brücke von Jena, und links ſtromabwärts, die Brücke der Invaliden. Der Ort wäre günſtig geweſen, um die Nacht zu erwarten und zu entkommen. Es war einer der einſamſten Punkte von Paris. Die Fliegen flogen durch die Eiſenſtäbe des Gitters hin und her. Es mochte S ½ Uhr Abends ſein. Der Tag ging zu Ende. Jean Valjean lehnte Marius auf dem trocknen Theil des Bodens gegen die Mauer, ſchritt dann zu dem Gitter und klammerte beide 144 Fäuſte an die Eiſenſtäbe; das Schütteln war raſend, die Erſchütterung Null. Das Gitter bewegte ſich nicht. Jean Valjean ergriff einen der Eiſenſtäbe nach dem andern, indem er hoffte, den mindeſt befeſtigten herausreißen und ihn als Hebel benutzen zu können, um die Thür zu ſprengen, oder das Schloß abzubrechen. Keine Stange ließ ſich bewegen. Das Hinderniß war unbeſieglich. Kein Mittel, die Thür zu öffnen. Sollte er denn hier endigen? Was war zu thun? Was ſollte aus ihnen werden? Zurückgehen? Den ent— ſetzlichen Weg, den er vollbracht hatte, noch einmal be— ginnen? Er hatte dazu die Kraft nicht. Wie konnte er überdies durch den Erdſturz gelangen, aus dem er ſich nur wie durch ein Wunder gerettet hatte? War nicht hinter dem Einſturz die Ronde der Polizei, der er ſicher nicht zum zweiten Mal entging? Und dann wohin auch gehen? Welche Richtung einſchlagen? Gelangte er zu einem an⸗ dern Ausgang, ſo fand er auch dieſen auf ähnliche Weiſe verſperrt. Ohne Zweifel waren alle andern Ausgänge durch ein Gitter verſchloſſen. Der Zufall hatte das Gitter, durch welches er in den Kanal gelangte, ausgebrochen. Allein offenbar waren alle andern Mündungen des Kanals feſt verſchloſſen. Es wäre nur gelungen, um in ein Ge⸗ fängniß zu entrinnen. Alles war vorbei. Was Jean Valjean gethan hatte, war nutzlos geweſen. Gott verweigerte ſeine Hülfe. Jean Valjean wendete dem Gitter den Rücken und ſank mehr auf das Pflaſter nieder als er ſich ſetzte, dicht neben Marius, der noch immer regungslos war; ſein Kopf ſank erſchöpft auf ſeine Kniee herab. Kein Ausgang. Es war der letzte Tropfen der tödtlichen Qual. An wen dachte er in dieſer gänzlichen Entmuthigung? Weder an ſich ſelbſt, noch an Marius. Er dachte an Coſette. ſei t „die Jean ndem nals oder egen Thir hun ent⸗ be e er ur inter nicht ehen? an⸗ Peiſe änge itter, ochel⸗ gnals Ge⸗ ljean igertt und dicht Kopf Es VII. Der abgeriſſene Rockzipfel. Mitten in dieſer Vernichtung legte eine Hand ſich auf ſeine Schulter und eine Stimme ſagte leiſe: „Halbpart!“ Jemand in dieſer Finſterniß? Nichts gleicht ſo dem Traume, wie die Verzweiflung; Jean Valjean glaubte zu träumen. Er hatte keine Schritte gehört. War es möglich? Er erhob die Augen. Ein Menſch ſtand vor ihm. Dieſer Menſch trug eine Blouſe; er war baarfuß; er hielt ſeine Schuhe in der linken Hand, und er hatte ſie offenbar ausgezogen, um geräuſchlos bis zu Jean Val⸗ jean gelangen zu können, ohne daß man ihn gehen hörte. Jean Valjean zögerte nicht einen Augenblick. So überraſchend auch das Zuſammentreffen ſein mochte, war dieſer Menſch ihm doch bekannt. Dieſer Menſch war Thénardier. Obgleich Jean Valjean, ſo zu ſagen, aus dem Schlaf aufgeſchreckt wurde, war er doch zu ſehr an unerwartete Ereigniſſe, denen man ſchnell ausweichen muß, gewöhnt und gewann ſogleich ſeine Selbſtbeherrſchung und Geiſtes⸗ gegenwart wieder. Ueberdies konnte die Lage ſich nicht verſchlimmern; ein gewiſſer Grad der Noth iſt einer Steige⸗ rung nicht möglich, und ſelbſt Thénardier konnte die Dunkelheit dieſer Nacht nicht erhöhen. Es entſtanden Augenblicke der Erwartung. Die Elenden. IX. 10 146 Thenardier erhob ſeine rechte Hand bis zur Höhe ſeiner Stirn, um ſich dadurch einen Lichtſchirm zu bilden und näherte ſich dann, mit den Augen blinzelnd und einem leiſen Zuſammenziehen des Mundes, welches die angeſtrengte Aufmerkſamkeit eines Menſchen bezeichnet, der einen andern zu erkennen ſucht. Es gelang ihm nicht. Jean Valjean wendete, wie geſagt, den Rücken dem Lichte zu, und war überdies ſo entſtellt, ſo kothig und ſo blutig, daß er ſelbſt im vollen Tageslichte unkenntlich geweſen ſein würde. Thénardier dagegen, der hell von dem durch das Gitter hereinfallenden Lichtſtrahl beſchienen wurde, ſprang, um den gewöhnlichen Ausdruck zu gebrauchen, Jean Valjean ſogleich in die Augen. Dieſe Ungleichheit der Stellungen genügte, um Jean Valjean bei dem geheimnißvollen Zwei⸗ kampf, der ſich zwiſchen dieſen beiden Menſchen entſpinnen ſollte, einigen Vortheil zu ſichern. Das Zuſammentreffen fand zwiſchen dem verhüllten Jean Valjean und dem de⸗ maskirten Thénardier ſtatt. Jean Valjean bemerkte ſogleich, daß Thenarhier ihn nicht erkannte. Sie ſahen einander in dem Halbdunkel an, als ob ſie ſich gegenſeitig meſſen wollten. Thénardier brach zuerſt das Schweigen. „Wie willſt Du es machen, um hinaus zu kommen?“ ſagte er. Jean Valjean antwortete nicht. Thénardier fuhr fort: „Es iſt unmöglich, die Thür zu ðffnen. Du mußt aber doch fort von hier.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Jean Valjean. „Nun gut, halbpart!“ „Was willſt Du ſagen?“ „Du haſt den Menſchen getödtet; das iſt gut. Ich habe den Schlüſſel.“ G0 Höhe bilden einem trengte andern aljean d war ſelbſt würde. Gitter um aljean ungen Zwei⸗ pinnen treffen m de ob ſie nen?“ muft 3ch Thénardier deutete mit dem Finger auf Marius. Dann ſagte er: „Ich kenne Dich nicht, aber ich will Dir helfen. Du mußt ein Kamerad ſein.“ Jean Valjean begann zu begreifen, Thénardier hielt ihn für einen Mörder. Thénardier fuhr fort: „Höre, Kamerad, Du haſt dieſen Menſchen nicht um⸗ gebracht, ohne zu ſehen, was er in ſeinen Taſchen hatte. Gieb mir meine Hälfte. Ich öffne Dir die Thür.“ Und unter ſeiner durchlöcherten Blouſe einen großen Schlüſſel halb hervorziehend, fügte er hinzu: Willſt Du wiſſen, wie der Schlüſſel zur Freiheit ausſieht? Hier.“ Jean Valjean war ſo verwundert, daß er zweifelte, ob das, was er ſah, wahr ſei. Es war die Vorſehung, die ſich ihm in grüßlicher Geſtalt zeigte, der gute Engel, der in der Hülle Thénardiers aus der Erde emporſtieg. Thenardier fuhr mit der Hand in eine unter ſeiner Blouſe verborgenen Taſche, zog daraus einen Strick hervor und reichte ihn Jean Valjean. „Nimm,“ ſagte er,„ich gebe Dir den Strick noch auf den Handel zu.“ „Was ſoll ich mit dem Strick machen?“ „Du brauchſt auch noch einen Stein, aber Du wirſt ihn draußen finden. Es liegt dort viel Schutt.“ „Was ſoll ich mit dem Stein machen?“ „Dummkopf! Da Du den Burſchen in den Fluß werfen mußt, brauchſt Du doch einen Stein und einen Strick, denn ſonſt ſchwimmt er auf dem Waſſer.“ Jean Valjean nahm den Strick. Thenardier ſchnippte mit dem Finger, als ob er plötzlich einen Einfall hätte. 10* — 148 „Ha, ha, Kamerad, wie haſt Du es denn angefangen, um Dich dort hinten aus dem Erdſturz zu ziehen? Ich habe mich nicht hinein gewagt. Puh, Du riechſt nicht beſonders.“ Nach einer Pauſe fügte er hinzu: „Ich richte Fragen an Dich, doch Du haſt Recht, mir nicht zu antworten. Das iſt eine Lehrzeit für die verfluchte Viertelſtunde des Unterſuchungsrichters und dann, wenn man gar nicht ſpricht, läuft man keine Gefahr, zu laut zu ſprechen. Gleichviel, wenn ich Dein Geſicht auch nicht ſehe und Deinen Namen nicht kenne, würdeſt Du dennoch Unrecht haben, zu glauben, ich wüßte nicht, wer Du biſt und was Du willſt. Bekannt. Du haſt ein Wenig dieſen Herrn erſchlagen; jetzt möchteſt Du ihn gern irgend wohin ſchaffen. Du brauchſt den Fluß, den ſichern Be⸗ wahrer aller Geheimniſſe. Ich will Dich aus der Ver⸗ legenheit ziehen. Einem rechtſchaffnen Burſchen beiſtehen, das ſagt mir zu.“ Während er es billigte, daß Jean Valjean ſchwieg, ſuchte er ihn doch ſichtlich zum Sprechen zu bringen. Er ſtieß ihm bei der Schulter, um wo möglich ſein Profil zu ſehen und rief, ohne daß er die gedämpfte Stimme ablegte: „Apropos vom Erdſturz, ſo biſt Du ein gewaltig dummes Thier. Weshalb haſt Du den Menſchen nicht hineingeworfen? Jean Valjean wahrte das Schweigen. Thénardier zog bis zum Adamsapfel den Lumpen in die Höhe, der ihm als Halsband diente, eine Bewegung, welche vollſtändig die Klugheit eines ernſten Menſchen verrieth. „In der That haſt Du vielleicht klug gehandelt. Wenn die Arbeiter morgen kommen, um das Loch zu verſtopfen, ſo hätten ſie ganz gewiß den dort vergeſſenen Pariſer gefunden und man hätte, die Spur verfolgend, bis zu Dir gelangen können. Es iſt Jemand durch den Kanal ge⸗ ngen, habe ets.“ Recht, r die dann, r, zu auch Du wer benig tgend Be⸗ Ver⸗ tehen, wieg, legte valtig nicht en in gu n, ſchen Wenn opfen, griſet Dir 1 he 149 gangen. Wer? Wo iſt er hinausgelangt? Hat man ihn hinausgehen ſehen? Die Polizei iſt voll Verſtand. Der Abzugskanal iſt verrätheriſch und klagt Euch an. Ein ſolcher Fund iſt eine Seltenheit, das erregt die Aufmerk⸗ ſamkeit. Wenig Leute bedienen ſich des Kanals zu ihren Angelegenheiten, während der Fluß für alle Welt da iſt. Der Fluß, das iſt das wahre Grab. Nach Verlauf eines Monats fiſcht man den Menſchen in den Netzen von Saint⸗Cloud auf. Nun, was hat man da? Eine ver⸗ weſte Leiche! Wer hat dieſen Menſchen getödtet? Paris. Und die Juſtiz zieht nicht einmal Erkundigungen ein. Du haſt Recht gethan.“ Jemehr Thénardier ſprach, deſto ſchweigſamer wurde Jean Valjean. Thénardier ſchüttelte ihn auf's Neue an der Schulter. „Jetzt mach' die Geſchichte ab. Laß uns theilen. Du haſt meinen Schlüſſel geſehen, zeige mir Dein Geld.“ Thenardier war wild, ſchielend, ein wenig drohend, aber dennoch freundſchaftlich. Es konnte auffallend ſein, daß Thénardier's Benehmen nicht ganz natürlich war; er ſchien ſich nicht behaglich zu fühlen. Obgleich er kein geheimnißvolles Weſen annahm, ſprach er leiſe; von Zeit zu Zeit legte er einen Finger auf den Mund und flüſterte:„Still!“ Es war ſchwer zu errathen, weshalb. Es gab hier Niemand, wie ſie Beide. Jean Valjean dachte, daß andere Banditen vielleicht in irgend einem Winkel verborgen wären, nicht ſehr weit entfernt und daß Theénardier mit denſelben nicht theilen wollte. Thénardier wiederholte: „Kommen wir zu Ende. Wie viel hatte der Menſch in ſeinen Taſchen?“ Jean Valjean durchſuchte ſich ſelbſt. Es war, wie man ſich erinnern wird, ſeine Gewohn⸗ 150 heit, ſtets Geld bei ſich zu tragen. Das finſtere Leben, zu dem er gezwungen geweſen war, hatte ihn dies zum Geſetz gemacht. Diesmal indeß war er überraſcht worden. Ind em er am Abend zuvor ſeine Nationalgarde⸗Uniform anzog, hatte er, in ſeine finſteren Gedanken verſunken, ver geſſen, ſeine Brieftaſche zu ſich zu ſtecken. Er wendete dieſe Taſche um, die ganz von Koth durchnäßt war und ſchüt telte einen Louisd'or, zwei Fünffranesſtücke und fünf oder ſechs Sous heraus. Thénardier ſtreckte die unterlippe mit einer vollen Bewegung des Halſes vor. „Du haſt ihn nicht theuer umgebracht,“ ſagte er. Er betaſtete mißtrauiſch die Taſchen Jean Val⸗ jean's und die Taſchen von Marius. Jean Valjean, der nur daran dachte, dem Lichte den Rücken zuzuwenden, ließ ihn gewähren. Während Thénardier Marius Kleider be⸗ fühlte, fand er mit der Geſchicklichkeit eines Taſchenſpielers das Mittel, ohne daß Jean Valjean es bemerkte, ein Stück von derſelben abzureißen, das er unter ſeiner Blouſe ver⸗ barg, indem er wahrſcheinlich dachte, daß dieſes Stückchen Zeug ihm ſpäter dazu dienen könnte, den ermordeten Men⸗ ſchen und den Mörder wiederzuerkennen. Uebrigens fand er weiter nichts, als die dreißig Francs. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„da Einer den Andern trug, habt ihr nichts weiter als das.“ Und, ſeine frühere Aeußerung: Halbpart vergeſſend, nahm er Alles. Vor den Sous zögerte er ein Wenig. Nach einiger Ueberlegung nahm er ſie indeß auch, indem er nur meinte: „Gleichviel! Das heißt die Menſchen zu wohlfeil umbringen!“ Nachdem er dies gethan hatte, zog er den Schlüſſel wieder unter der Blouſe hervor. „Jetzt, Freund,“ ſagte er,„mußt Du hinaus. Es iſt hier hoſt ben, zum den. orm ken, dete und fünf ngs⸗ end, iger te feil iſſl 151 hier wie auf der Meſſe, man bezahlt beim Austritt. Du haſt bezahlt, geh.“ Und er lachte. Hatte er, indem er ſo einen Unbekannten mit Hülfe dieſes Schlüſſels Beiſtand leiſtete und einen Andern zur Thür hinausließ, die reine und eigennützige Abſicht, einen Mörder zu retten? Daran zu zweifeln, iſt wohl erlaubt. Thénardier half Jean Valjean Marius wieder auf die Schulter nehmen, ſchritt dann auf den Spitzen der nackten Füße dem Gitter zu, gab Jean Valjean ein Zeichen, ihm zu folgen, blickte nach Außen, legte den Finger auf den Mund und blieb einige Sekunden wie in Erwartung ſtehen; nachdem er ſich überall umgeſehen hatte, ſteckte er den Schlüſſel in das Schloß. Die Thür öffnete ſich ohne Kreiſchen oder Knarren. Offenbar waren das Gitter und die Hespen ſorgfältig eingeölt und öffneten ſich wahrſcheinlich häufiger, als man geglaubt haben ſollte. Dieſes Schweigen hat etwas Finſteres; man ahnt darin verſchloſſenes Kommen und Gehen nächtlicher Menſchen, den Wolfſchritt des Ver brechens. Der Abzugskanal war offenbar der Mitſchuldige irgend einer geheimnißvollen Bande. Dieſes ſchweigende Gitter war ein Diebeshehler. Thénardier öffnete das Gitter zur Hälfte, ließ Jean Valjean hindurch, zog die Thür wieder an, drehte den Schlüſſel zweimal in dem Schloß um und verſchwand in der Dunkelheit, ohne das geringſte Geräuſch zu machen. Er ſchien auf den Sammtpfoten des Tigers zu gehen. Einen Augenblick darauf war dieſe abſchreckende Vor ſehung in die Unſichtbarkeit zurückgetreten. Jean Valjean ſtand im Freien. 152 Marius macht auf Jemand, der ſich darauf verſteht, den Eindruck eines Todten. Er ließ Marius auf dem Damme niedergleiten. Er war im Freien! Der Geſtank, die Finſterniß, das Entſetzen lag hinter ihm. Die geſunde, reine, lebende, heitere, treueinzuathmende Luft überfluthete ihn. Ringsumher herrſchte Schweigen, aber das wohlthuende Schweigen der am heitern Himmel untergehenden Sonne. Die Dämmerung war angebrochen, die Nacht nahte, die große Befreierin, die Freundin aller Derer, welche eines Mantels von Schatten bedürfen, um aus Todesangſt errettet zu werden. Der Himmel zeigte ringsumher eine erhabene Ruhe, der Fluß flüſterte zu ſeinen Füßen wie ein Kuß. Man hörte nur laut das Zwiegeſpräch der Neſter, welche ſich in den Ulmen der Champs⸗Elyſées gute Nacht zuriefen. Einige Sternenfunken mitten an dem bleichen Blau des Himmels. Der Abend breitete über dem Haupte Jean Valjean's die Süßigkeiten des Unendlichen aus. Es war jene unbeſtimmte Zeit, welche weder Ja noch Nein ſagt. Es war dunkel genug, um ſich in geringer Entfernung nicht zu ſehen und noch hell genug, um ſich in der Nähe erkennen zu können. Jean Valjean war einige Sekunden unwiderſtehlich beſiegt durch dieſe erhabene und ſchweigende Heiterkeit; es giebt dergleichen Minuten des Vergeſſens; die Leiden ver⸗ zichten darauf, den Elenden zu necken; Alles verſchwindet inter mende eigen, imnel ochen, aller rfen, mnel ſterte t dos nder unken lbend keiten noch inger ch in 153 in dem Gedanken; der Frieden breitet ſich über das Dunkel, wie die Nacht, und gleich dem Himmel, der ſich erhellt, wird auch die Seele mit Sternen geſchmückt. Jean Valjean konnte ſich nicht enthalten, die Unendlichkeit zu betrachten, die ſich über ihn ausbreitete; er nahm, ſo zu ſagen, in dem majeſtätiſchen Schweigen des ewigen Himmels ein Bad des Entzückens und des Gebetes. Dann erinnerte er ſich plötzlich ſeiner Pflicht, beugte ſich gegen Marius nieder, ſchöpfte Waſſer in der hohlen Hand und träufelte ihm davon einige Tropfen auf das Geſicht. Marius Augen⸗ lider erhoben ſich nicht. Indeß athmete ſein halbgeöffneter Mund. Jean Valjean wollte auf's Neue die Hand in den Fluß ſenken, als er ſich plötzlich durch irgend ein Hinderniß gehemmt fühlte, wie dies der Fall iſt, wenn man Jemand hinter ſich weiß, ohne ihn zu ſehen. Er wendete ſich um. Es ſtand in der That Jemand hinter ihm. Ein Mann von hohem Wuchs, in einen langen Ueber⸗ rock gekleidet, die Arme gekreuzt und in der rechten Hand einen Tovſchläger tragend, deſſen kleine Klugel man ſah, ſtand einige Schritte hinter Jean Valjean, der ſich über Marius niederbeugte. Bei dem Zwielicht war das eine Art von Erſcheinung. Ein gewöhnlicher Menſch wäre wegen der Dämmerung und ein beobachtender wegen des Todtſchlägers erſchrocken. Jean Valjean erkannte Javert. Der Leſer hat ohne Zweifel errathen, daß der Ver⸗ folger Thénardier's Niemand anders war, als Javert. Dieſer war nach ſeiner unerwarteten Befreiung aus der Barrikade auf die Polizei⸗Präfectur geeilt, hatte hier den Präfecten ſelbſt mündlich Bericht erſtattet und dann augen⸗ blicklich ſeinen Dienſt wieder angetreten, welcher nach der 154 bei ihm gefundenen Anweiſung eine gewiſſe Aufſicht über den Damm des rechten Ufers bei den Champs⸗Elyſées erforderte, der ſeit einiger Zeit die Aufmerkſamkeit der Polizei erregte. Hier hatte er Thénardier bemerkt und war ihm gefolgt. Das Uebrige weiß man. Man begreift auch, daß dieſes Gitter, welches von Jean Valjean ſo gefällig geöffnet wurde, eine Liſt Thé⸗ nardier's war. Thénardier fühlte Javert noch immer in der Nähe; der verfolgte Spitzbube hat eine Witterung, die nicht täuſcht; es mußte dem Spion ein Knochen hingeworfen werden. Ein Mörder, welche Beute! Das iſt ein Antheil, den man nie verweigern darf. Indem Thénardier Jean Valjean an ſeine Stelle hinausließ, gab er der Polizei eine Beute, brachte ſie von ſeiner Spur ab, machte, daß er über einem größeren Abenteuer vergeſſen wurde, belohnte Javert für ſeine Aufmerkſamkeit, was ſtets einen Spion ſchmeichelt, gewann dreißig Francs und rechnete darauf, ſeinerſeits mit Hülfe dieſer Diverſion zu entkommen. Jean Valjean war aus einer Gefahr in die andere gerathen. Dieſe beiden Bewegungen Schlag auf Schlag, von Thénardier auf Javert zu fallen, das war hart. Javert erkannte Jean Valjean nicht, der, wie wir erwähnten, ſich ſelbſt nicht mehr glich. Er kreuzte die Arme nicht auseinander, nahm mit einer unbemerklichen Bewegung ſeinen Todtſchläger feſt in die Fauſt und ſagte mit ſcharfer, ruhiger Stimme: „Wer ſind Sie?“ „Zch.“ „Ja, Sie?“ „Jean Valjean.“ Javert nahm den Todtſchläger zwiſchen die Zähne, beugte ſich nieder, legte ſeine beiden gewaltigen Hände auf die Schultern Jean Valjean's, ſah ihn genauer an und erkan Der Jove gefa Uebe Gef verſ gew ſtr ſcha wil ric vo dit über lyſées it der t und s von The ſer in erung, ochen Das ndem gob wob, geſſen was 8 und n zu athen. „von e wir te die lichen ſogle de auf nund 155 erkannte ihn. Ihre beiden Geſichter berührten ſich beinahe. Der Blick Javert's war fürchterlich. Jean Valjean blieb regungslos unter dem Griffe Javert's, wie ein Löwe, der ſich die Krallen eines Luchſes gefallen läßt. „Inſpector Javert,“ ſagte er,„Sie haben mich. Ueberdies betrachte ich mich ſeit dieſen Morgen als ihr Gefangener. Ich gab Ihnen meine Adreſſe nicht, um zu verſuchen, Ihnen zu entkommen. Nehmen Sie mich. Nur gewähren Sie mir eine Bitte.“ Javert ſchien ihn nicht zu hören. Er heftete ſein ſtarres Auge auf Jean Valjean. Sein gefurchtes Kinn ſchob ſeine Lippen bis zu der Naſe hinauf, ein Zeichen wilder Träumerei. Endlich ließ er Jean Valjean los, richtete ſich hoch empor, nahm den Todtſchläger in die volle Fauſt und wie in einem Traume murmelte er mehr die folgenden Worte, als daß er ſie ſprach: „Was machen Sie hier? Wer iſt dieſer Menſch?“ Er fuhr fort, Jean Valjean nicht mehr Du zu nennen. Jean Valjean antwortete und der Ton ſeiner Stimme ſchien Javert zu erwecken: „Eben von dieſem wollte ich mit Ihnen ſprechen. Verfügen Sie über mich, wie es Ihnen gefällig iſt; aber helfen Sie mir zunächſt, dieſen hier nach Hauſe zu bringen. Weiter verlange ich nichts von Ihnen.“ Das Geſicht Jovert's zog ſich zuſammen, wie dies jedes Mal der Fall war, wenn man ihn eines Zugeſtänd⸗ niſſes fähig hielt. Indeß ſagte er nicht Nein. Er beugte ſich auf's Neue nieder, zog aus der Taſche ein Tuch, feuchtete es in dem Waſſer und reinigte dann Marius blutende Stirn. „Dieſer Menſch war in der Barrikade„ſaßte er halblaut und als ob er zu ſich ſelbſt ſpräche.„Er war es, den man Marius nannte.“ 156 Javert Zeigte ſich hier als Spion erſten Ranges, der Alles beobachtet, Alles gehört, Alles geſehen und aufgefaßt hatte, indem ex glaubte, ſterben zu müſſen; der ſelbſt noch in der Todesangſt ſpionirte und auf der erſten Stufe zu dem Grabe ſeine Bemerkungen gemacht hatte. Er ergriff Marius' Hand und fühlte nach dem Puls. „Es iſt ein Verwundeter,“ ſagte Jean Valjean.“ „Es iſt ein Todter,“ ſagte Javert.“ Jean Valjean erwiderte: „Nein. Noch nicht.“ „Sie haben ihn alſo aus der Barrikade hierher ge⸗ bracht?“ fragte Javert. Er mußte ſehr in Gedanken vertieft ſein, daß er nicht mehr nach der verdächtigen Rettung durch den Abzugs⸗ kanal forſchte und nicht einmal das Schweigen Jean Val⸗ jean's auf ſeine Frage bemerkte. Jean Valjean ſeinerſeits ſchien nur einen einzigen Ge⸗ danken zu haben. Er ſagte: „Er wohnt im Marais, Rue des Filles du Calvaire, bei ſeinem Großvater.— Den Namen weiß ich nicht mehr.“ Jean Valjean durchſuchte Marius' Kleider, zog die Brieftaſche hervor, öffnete ſie bei dem Blatte, auf welches Marius geſchrieben hatte und reichte ſie Javert. Es war noch hell genug, um leſen zu können. Javert hatte überdies in ſeinen Augen die phosphorescirende Kraft der Nachtvögel. Er entzifferte die wenigen Zeilen, welche Marius geſchrieben hatte und murmelte:—„Gillenormand, Rue des Filles du Calvaire, Nr. 6.“ Dann rief er:„Kutſcher!“ Man erinnert ſich an den Fiaker, der, für den Fall des Bedürfniſſes, wartete. Javert behielt Marius' Brieftaſche. Einen Augenblick darauf war der Wagen auf der Rampe zur Tränke herabkommend, auf dem Damme, Ma⸗ —— rius Val und , der fgefaßt ſt noch tufe zu Puls. er ge⸗ t nicht bzugs⸗ n Val⸗ en Gl⸗ lvoire, mehr.“ 09 die welches Jovet e graft welce mand⸗ n ßul uf der Ma⸗ 157 rius lag auf dem Rückſitze und Javert ſaß neben Jean Valjean auf dem Vorderſitze. Die Thür ſchloß ſich, der Fiaker fuhr ſchnell davon und dem Quai hinauf in der Richtung nach der Baſtille. Sie verließen die Quai's und gelangten in die Straßen. Der Kutſcher, deſſen Geſtalt ſich auf ſeinem Sitze dunkel zeigte, peitſchte auf ſeine mageren Pferde. In dem Fiaker herrſchte eiſiges Schweigen. Marius, der regungslos, mit dem Körper in die Ecke des Wagens gelehnt, der Kopf auf die Bruſt herabgeſunken, die Arme herabhängend, die Beine ſteif, dalag, ſchien nur noch eines Sarges zu be dürfen; Jean Valjean war wie aus Schatten gebildet, Javert wie aus Stein. In dieſem von Nacht erfüllten Wagen, deſſen Inneres, ſo oft er vor einer Straßenlaterne vorüber fuhr, wie durch einen Blitz beleuchtet, ſich zeigte, hatte der Zufall die drei tragiſchen Regungsloſigkeiten vereinigt: Die Leiche, das Geſpenſt und die Natur. N Rücktehr des verlornen Sohnes in das Leben. Bei jedem Stoße auf dem Straßenpflaſter tröpfelte ein Bluttropfen aus Marius Haar. Es war vollkommen Nacht, als der Fiaker zu der Nr. 6 der Rue des Filles du Calvaire gelangte. 158 Javert ſtieg zuerſt aus, überzeugte ſich durch einen flüchtigen Blick von der Nummer über dem Thorwege, hob den ſchweren, eiſernen Hebel auf und that einen heftigen Schlag. Die Thür wurde halb geöffnet und Javert ſtieß ſie vollends auf. Der Thürhüter erſchien gähnend, halb⸗ wach, ein Licht in der Hand. Alles ſchlief in ſeinem Hauſe. Man geht im Marais früh ſchlafen, beſonders an Tagen des Aufſtands. Dieſes gute, alte Stadtviertel, welches durch die Revolution auf⸗ geſchreckt war, hatte ſich in den Schlaf geflüchtet, wie die Kinder, wenn ſie den Knecht Ruprecht kommen hören, unter die Decken fahren. Indeß hob Jean Valjean und der Kutſcher Marius aus dem Fiaker, indem Jean Valjean ihn bei den Achſeln hielt und der Kutſcher bei den Knöcheln. Während Jean Valjean Marius ſo trug, ließ er ſeine Hand unter deſſen zerriſſene Kleider gleiten, befühlte die Bruſt und überzeugte ſich, daß das Herz noch ſchlug. Es klopfte ſelbſt etwas weniger ſchwach, als ob die Bewegung des Wagens eine gewiſſe Rückkehr zum Leben zur Folge gehabt hätte. Javert befragte den Portier mit dem Tone, welcher einem Beamten gegen den Thürhüter eines Aufrührers geziemt: „Wohnt hier Jemand, der ſich Gillenormand nennt?“ „Das iſt hier. Was wollen ſie von ihm?“ „Man bringt ihm ſeinen Sohn zurück.“ „Seinen Sohn?“ fragte der Portier verdutzt. „Er iſt todt.“ Jean Valjean, der zerriſſen und zerlumpt hinter Javert ſtand und den der Portier mit einigem Entſetzen anſah, ſagte mit einem Kopfſchütteln: Nein! Der Portier ſchien weder die Worte Javert's, noch das Zeichen Jean Valjean's zu begreifen. h einen ge, hob heftigen rt ſtieß „halb Marais Dieſes on auf wie die „unter nd der en ihn cheln. er ſeine hlte die g. 66 wegung Folge welcher rihrers 9 ennt Juer mnſah⸗ , 159 Javert fuhr fort: „Er iſt auf die Barrikade gegangen und jetzt hier.“ „Auf die Barrikade!“ rief der Portier. „Er hat ſich tödten laſſen. Wecken ſie den Vater auf.“ Der Portier rührte ſich nicht. „Gehen Sie doch!“ wiederholte Javert. Dann fügte er hinzu: „Morgen wird es hier eine Beerdigung geben.“ Für Javert waren die gewöhnlichen Ereigniſſe des öffentlichen Lebens kategoriſch in Klaſſen abgetheilt, was der Beginn der Vorſicht und der Aufſicht iſt, und jede Möglichkeit hatte ihre Abtheilung; die möglichen Fälle waren gewiſſermaßen in Fächer abgetheilt, aus denen ſie gelegentlich hervorgezogen wurden. Der Portier begnügte ſich damit, Basque zu wecken. Basque weckte Nikolette. Nikolette weckte die Tante Gille⸗ normand. Den Großvater ließ man ſchlafen, indem man glaubte, er würde die Sache noch früh genug erfahren. Man trug Marius nach dem erſten Stockwerk hinauf, ohne daß irgend Jemand von den anderen Parteien des Hauſes es bemerkte und man legte ihn hier in dem Vor⸗ zimmer des Herrn Gillenormand auf ein altes Sopha. Während Basque einen Arzt holte und Nikolette die Leinen⸗ ſchränke öffnete, fühlte Jean Valjean, daß Javert ihn auf die Achſeln klopfte. Er verſtand, ging hinab und hörte hinter ſich die Schritte Javert's, der ihm folgte. Der Portier ſah ſie gehen, wie er ſie hatte kommen ſehen, mit einer voll Schreck erfüllten Schläfrigkeit. Sie beſtiegen wieder den Fiaker und der Kutſcher ſeinen Sitz. „Inſpector Javert,“ ſagte Jean Valjean,„gewähren Sie mir noch etwas.“ „Was?“ fragte Javert barſch. 160 „Laſſen Sie mich einen Augenblick bei mir eintreten. Dann mögen Sie mit mir anfangen, was Sie wollen.“ Javert blieb einige Augenblicke ſtumm, das Kinn in den Kragen ſeines Ueberrocks zurückgezogen; dann ließ er das Vorderfenſter herab. Er rief: „Kutſcher, Rue de[Homme Armé Nr. 7.“ XI. Erſchütterung des Unerſchütterlichen. Sie öffneten die Lippen den ganzen Weg nicht. Was wollte Jean Valjean? Das vollenden, was er begonnen hatte, Coſette benachrichtigen, ihr ſagen, wo Ma⸗ rius war, ihr vielleicht noch eine andere nützliche Andeutung machen und, wenn er könnte, gewiſſe äußerſte Anordnungen treffen. Was ihm perſönlich anging, ſo war Alles vorbei; Javert hatte ihn ergriffen und er ſträubte ſich nicht gegen ihn; ein Anderer, wie er, würde in ſolcher Lage vielleicht an den Strick gedacht haben, den Thénardier ihm gegeben und an die Eiſenſtäbe ſeines erſten Kerkers, in den er ge⸗ führt werden würde; allein ſeit dem Biſchof empfand Jean Valjean vor jedem Attentat, wäre es auch gegen ſich ſelbſt, einen tiefen, religiöſen Widerſtand. Der Selbſtmord, dieſe geheimnißvolle Bahn zu dem Unbekannten, welcher in gewiſſer Beziehung den Tod der Seele zur Folge haben kann, war für Jean Valjean un⸗ möglich. 6 treten. en.“ din in ließ er was er deutung dnungen vorbei; t gegen villecht zegeben er ge d Jean ſelbſt,. zu den o ben ean un Bei dem Eingange der Rue de[Homme Armé hielt der Fiaker an, denn die Straße war zu eng, als daß der Wagen hineinfahren konnte. Javert und Jean Valjean ſtiegen aus. Der Kutſcher machte den„Herrn Inſpector demüthig darauf aufmerkſam, daß der Utrechter Sammet ſeines Wagens durch das Blut des Ermordeten und durch den Koth des Mörders ganz beſchmutzt wäre. Das hatte er begriffen. Er fügte hinzu, es gebühre ihm eine Entſchädi⸗ gung; zu gleicher Zeit zog er ſein Buch aus der Taſche und bat den Herrn Inſpector, daß er die Güte haben möchte, ihm eine kleine Beſcheinigung hineinzuſchreiben.“ Javert wies das ihm gereichte Buch zurück und ſagte: „Wieviel verlangſt Du, Deinen Aufenthalt und Deine Fahrt hinzugerechnet?“ „Es ſind ſieben und eine Viertelſtunde,“ erwiderte der Kutſcher,„und mein Sammet war ganz neu. Achtzig Franes, Herr Inſpector.“ Javert zog aus der Taſche vier Napoleons und ver⸗ abſchiedete den Kutſcher. Jean Valjean glaubte, die Abſicht Javert's ſei, ihn zu Fuß nach dem nahe gelegenen Poſten des Archivs zu bringen. Sie betraten die Straße; ſie war, wie gewöhnlich, verödet. Javert folgte Jean Valjean. Sie gelangten zu Nr. 7. Jean Valjean klopfte. Die Thür öffnete ſich. „Es iſt gut“, ſagte Javert.„Gehen Sie hinauf.“ Und mit einem eigenthümlichen Ausdruck und, als ob er ſich Gewalt anthäte, indem er ſpreche, fügte er hinzu: „Ich erwarte Sie hier.“ Jean Valjean ſah Javert verwundert an. Dieſe Handlungsweiſe lag nicht in den Gewohnheiten Javert's. Daß indeß Javert jetzt eine Art hochmüthigen Vertrauens zeigte, das Vertrauen der Katze, welches der Maus im Die Elenden. X. 162 Bereiche ihrer Krallen die Freiheit geſtattet, konnte Jean Valjean, der entſchloſſen war, ſich verhaften zu laſſen und zu Ende zu kommen, nicht ſehr überraſchen. Er öffnete die Thür, trat in das Haus, rief den Portier, der im Bette lag und von ſeinem Lager aus vermittelſt eines Strickes aufgezogen hatte, zu:„Ich bin es!“ und ging die Treppe hinauf. Als er das erſte Stockwerk erreichte, machte er eine Pauſe. Alle Schmerzenswege haben ihre Haltepunkte. Das Fenſter des Treppenabſatzes ſtand offen. Wie in vielen alten Häuſern, wurde die Treppe von der Straße aus beleuchtet und gelüftet. Die Straßenlaterne, welche gerade gegenüber lag, warf einiges Licht auf die Stufen und ließ dadurch die Be⸗ leuchtung ſparen. Entweder, um zu athmen, oder unwillkührlich, ſteckte Jean Valjean den Kopf zu dieſem Fenſter hinaus. Er beugte ſich nach der Straße hinab. Sie iſt kurz und die Laterne beleuchtete ſie von einem Ende bis zum andern. Jean Valjean war wie betäubt; er ſah Niemand mehr. Javert hatte ſich entfernt. XII. Der Großvater. Basque und der Portier hatten Marius, der noch immer regungslos auf dem Sopha lag, auf welches man ihn Arzt geſte die ſage hin liche bis Aut weit wie Ca M de kei aut mit de le de ean und ete ette ckes pe eine as lten htet or Be⸗ eckte die ern. 163 ihn zuerſt gelegt hatte, nach den Salon getragen. Der Arzt war herbeigeeilt. Die Tante Gillenormand war auf⸗ geſtanden. Die Tante Gillenormand ging ab und zu, erſchreckt die Hände faltend und unfühig zu etwas Anderem, als zu ſagen:„Iſt das nur möglich!“— Zuweilen fügte ſie hinzu:„Alles wird blutig werden!“ Als das erſte Entſetz⸗ liche vorüber war, brach eine gewiſſe Philoſophie der Lage bis zu ihrem Geiſte durch und verrieth ſich durch den Ausdruck:„Das mußte ſo enden!“ Sie ging nicht ſo weit, zu ſagen:„Ich hatte es wohl vorausgeſa gt!“ wie dies bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlich iſt. Auf Befehl des Arztes war ein Feldbett neben dem Canapée aufgeſchlagen worden. Der Arzt unterſuchte Marius und, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß der Puls noch ging, daß der Verwundete in der Bruſt keine tiefe Wunde hatte, daß das Blut in den Mundwinkeln aus den Naſenlöchern herrührte, ließ er ihn flach auf das Bett legen, ohne Kopfliſſen, den Kopf in gleicher Höhe mit dem übrigen Körper und ſelbſt ein Wenig niedriger, den Oberkörper entblößt, um das Athmen zu erleichtern. Als Fräulein Gillenormand ſah, daß man Marius ent⸗ kleidete, zog ſie ſich zurück. Sie ging, um auf ihrem Zimmer den Roſenkranz zu beten. Der Oberkörper zeigte keine innere Verletzung; eine Kugel, geſchwächt durch die Brieftaſche, war ſeitwä rts gegangen und hatte um die Rippen einen fürchterlichen Riß gemacht, der aber ohne alle Tiefe war und folg lich auch ohne alle Gefahr. Der lange unterirdiſche Gang hatte das zerſchoſſene Schlüſſelbein vollends ausgerengt und hier eine große Störung angerichtet. Der Arm war von Säbelhieben getroffen. Keine Wunde entſtellte das Geſicht; der Kopf aber war von Wunden bedeckt. Was ſollte aus dieſen Kopfwunden werden; berührten ſie nur die haar⸗ 11* 164 bedeckte Haut? hatten ſie den Schädel verletzt? Das konnte man noch nicht ſagen. Ein ernſtes Symptom war, daß ſie die Ohnmacht herbeigeführt hatten, und man erwacht nicht immer aus dergleichen Ohnmachten. Der Blutverluſt hatte überdies den Verwundeten erſchöpft. Der Unterkörper war durch die Barrikade geſchützt geweſen. Basque und Nikolette machten Leinewand und Bandagen. Nikolette nähte ſie und Basque rollte ſie auf. Da es an Charpie mangelte, hatte der Arzt das Blut der Wunden einſtweilen durch Waſſer geſtillt. Neben dem Bett brannten drei Kerzen auf dem Tiſche, auf welchem die chirurgiſchen Werkzeuge ausgebreitet lagen. Der Arzt wuſch das Geſicht und die Haare Marius' mit kaltem Waſſer. Ein voller Napf wurde in einem Nu roth gefärbt. Der Portier leuchtete mit einem Lichte in der Hand. Der Arzt ſchien trübe Gedanken zu hegen. Von Zeit zu Zeit machte er mit dem Kopfe eine verneinende Bewegung, als ob er auf eine Frage antwortete, die er innerlich an ſich richtete. Dergleichen geheimnißvolle Zwiegeſpräche des Arztes mit ſich ſelbſt ſind ein ſchlimmes Zeichen für' den Kranken. In dem Augenblick, als der Arzt das Geſicht reinigte und leiſe mit dem Finger die noch immer geſchloſſenen Augenlider berührte, öffnete ſich im Hintergrunde des Salons eine Thür und eine lange, bleiche Geſtalt erſchien. Es war der Großvater. Der Aufſtand hatte ſeit zwei Tagen den Herrn Gille⸗ normand ſehr aufgeregt, erbittert und beſchäftigt. Er hatte die vorhergehende Nacht nicht ſchlafen können und den ganzen Tag über Fieber geklagt. Am Abend war er ſehr zeitig zu Bette gegangen, hatte befohlen, das Haus zu verſchließen und war dann aus Ermüdung eingeſchlafen. Greiſe haben einen leichten Schlaf; das Zimmer des Herrn Gillenormand ſtieß an den Salon, und wie vorſichtig auch man verfahren war, hatte das Geräuſch ihn dennoch as n, ht ſt er ete n9, ich tes gte nen lle⸗ tte zen itig ßen des htig och 165 erweckt. Ueberraſcht durch den Lichtſtrahl, den er durch einen Spalt ſeiner Thür hereinfallen ſah, war er aus dem Bette aufgeſtanden und hatte ſich haſtig angekleidet. Er ſtand auf der Schwelle, eine Hand an den Thür⸗ griff, den Kopf etwas vorgebeugt und zitternd, den Körper eingehüllt in einen weißen Schlafrock, gerade und ſtarr, wie in ein Leichentuch gewickelt und ganz verwundert; er ſah aus wie ein Phantom, das in ein Grab hinabblickt. Er bemerkte das Bett und auf der Matratze deſſelben den jungen, blutigen Mann, bleich wie Wachs, die Augen geſchloſſen, den Mund geöffnet, die Lippen blaß, nackt bis zum Gürtel, bedeckt mit blutigen Wunden, regungslos, hell beleuchtet. Den Großvater ergriff vom Kopf bis zu den Füßen ein heftiges Zittern, ſeine Augen, deren Weiß, des hohen Alters wegen, gelb war, verglaſten ſich, ſein ganzes Geſicht nahm einen Augenblick die erdfahle Farbe eines Todtenkopfes an, ſeine Arme ſanken herab, als wäre eine Feder in ihnen geſprungen, und ſein Schreck zeigte ſich vurch die Auseinanderſperrung der Finger ſeiner beiden alten, heftig zitternden Hände. Seine Kniee bildeten einen Winkel, ließen durch die Oeffnung des Schlafrocks ſeine abgemagerten, mit weißen Haaren bewachſenen Beine ſehen und er murmelte: „Marius!“ „Herr,“ ſagte Basque,„man hat den jungen Herrn ſoeben zurückgebracht. Er iſt auf der Barrikade geweſen und—“ „Er iſt todt!“ ſchrie der Greis mit fürchterlicher Stimme. „Ha, der Spitzbube!“ Da richtete eine Art von Umwandlung den faſt hundert⸗ jährigen Greis hoch in die Höhe wie einen jungen Mann. „Mein Herr,“ ſagte er,„Sie ſind der Arzt? Machen Sie den Anfang damit, mir Eines zu ſagen“: 166 „Er iſt todt, nicht wahr?“ Von der höchſten Beſorgniß ergriffen, bewahrte der Arzt das Schweigen. Herr Gillenormand rang mit entſetzlichem Lachen die Hände. „Er iſt todt! Er iſt todt! Er hat ſich auf der Barrikade tödten laſſen! Aus Haß gegen mich! Gegen mich hat er das gethan! Ha, Blutſauger! So kommt er zu mir zurück! Elend meines Lebens, er iſt todt!“ Er ging zu einem Fenſter, riß es auf, als ob er er⸗ ſticken wollte, und aufrecht vor der Dunkelheit ſtehend, rief er in der Nacht die Straße hinab: „Durchbohrt, niedergeſäbelt, erwürgt, vernichtet, zer⸗ riſſen, in Stücke gehauen! Man ſehe nur den Schuft! Er wußte wohl, daß ich ihn erwartete, daß ich ſein Zimmer hatte in Ordnung bringen laſſen und daß ich ſein Bild, aus der Zeit, wo er noch ein kleines Kind war, an das Kopfende meines Bettes hatte hängen laſſen! Er wußte wohl, daß er nur zurückzukehren brauchte, daß ich ihn ſeit Jahren rief, daß ich Abends an meinem Feuer ſaß, die Hände auf die Kniee geſtützt, ohne zu wiſſen, was ich an⸗ fangen ſollte und daß ich ganz närriſch wurde! Du wußteſt wohl, daß Du nur zurückzukommen und zu mir zu ſagen brauchteſt: Ich bin es!— Und daß Du dann der Herr des Hauſes ſein würdeſt, daß ich Dir gehorchte und daß Du Alles, was Du wollteſt, mit Deinem alten Narren von Großvater machen könnteſt! Du wußteſt das Alles und ſagteſt zu Dir: Nein, er iſt ein Royaliſt, ich gehe nicht zu ihm! Und Du biſt auf die Barrikade gegangen und haſt Dich aus Bosheit tödten laſſen! Um Dich für das zu rächen, was ich Dir von dem Herrn Herzog von Berry geſagt hatte! Das iſt nichtswürdig! Man gehe nur zu Bett und ſchlafe ruhig! Er iſt todt! Das iſt mein Erwachen.“ wer wa un die der gen er rief zer⸗ uft! mer das ßte ſeit an⸗ teſt gen Ner deß rren les he gen für von gehe nein Der Arzt, der nach beiden Richtungen hin beſorgt zu werden begann, verließ einen Augenblick Marius, trat zu Herrn Gillenormand und ergriff deſſen Arm. Der Greis wandte ſich um, ſah ihn mit weit aufgeriſſenen Augen an und ſagte ruhig: „Mein Herr, ich danke Ihnen. Ich bin gefaßt; ich bin ein Mann, ich habe den Tod Ludwig XVI. geſehen und weiß die Ereigniſſe zu tragen. Eine Sache iſt aber fürchterlich,— zu denken, daß es Ihre Zeitungen ſind, die das Böſe vollbringen. Sie haben Schreiber, Sprecher, Advokaten, Redner, Fortſchritt, Aufklärung, Menſchenrechte, Preßfreiheit, und ſo bringt man ihnen ihre Kinder in das Haus zurück! Ach, Marius, das iſt entſetzlich! Getödtet! Todt vor mir! Eine Barrikade!— Ha, der Bandit! Doctor, ſie wohnen in dieſem Stadtviertel, glaube ich? Oh, ich kenne Sie wohl, ich ſehe von meinem Fenſter aus Ihr Cabriolet vorüberfahren. Ich will Ihnen Etwas ſagen: Sie würden Unrecht haben, zu glauben, daß ich in Zorn gerathen könnte. Gegen den Todten geräth man nicht in Zorn. Das wäre einfüältig. Er iſt ein Kind, das ich erzogen habe. Ich war ſchon alt, als er noch klein war. Er ſpielte in den Tuilerien mit ſeinem kleinen Wagen und ſeinem Spaten und, damit die Aufſeher nicht zanken ſollten, warf ich mit meinem Stock die Löcher zu, die er in die Erde grub. Eines Tages rief er: Nieder mit Ludwig XVIII! und ging. Das iſt nicht meine Schuld. Er war ganz roſig und ganz blond. Seine Mutter iſt todt. Haben Sie bemerkt, daß alle kleine Kinder blond ſind? Woher kommt das? Er iſt der Sohn eines großen Banditen der Loire, allein die Kinder ſind unſchuldig an den Ver⸗ brechen ihrer Väter. Ich erinnere mich ſeiner, als er nur noch ſo hoch war. Es wollte ihm nicht gelingen, das D auszuſprechen. Er ſprach ſo ſanft, daß man glauben konnte, einen Vogel zu hören. Ich erinnere mich, daß 168 man eines Tages einen Kreis um ihn bildete, um ſich zu wundern und ihn zu bewundern, ſo ſchön war dies Kind. Es war ein Kopf, wie man ſie nur auf Gemälden ſieht. Ich redete ihn barſch an und flößte ihm Furcht ein mit meinem Stock, aber er wußte wohl, daß das nur zum Lachen war. Morgens, wenn er in mein Zimmer trat, brummte ich, aber er machte auf mich die Wirkung der aufgehenden Sonne. Man kann ſich gegen ſolche Kinder nicht vertheidigen. Sie packen einem und laſſen einem nicht wieder los. Die Wahrheit iſt, daß es keinen Amor geben kann, wie dieſes Kind da. Was ſagen Sie jetzt zu ihrem Lafayette, Ihrem Benjamin Conſtant, Ihrem Tirecuir de Corcelles, die ihn mir tödteten! Das kann nicht ſo hingehen.“ Er näherte ſich Marius, der noch immer bleich und regungslos da lag, zu dem auch der Arzt zurückgekehrt war, und er rang wieder die Hände. Die bleichen Lippen des Greiſes bewegten ſich unwillkürlich und ließen, wie fröſtelnd, die kaum verſtändlichen Worte hindurch:„Ha, Herzloſer! Ha, Clubiſt! Ha, Ungeheuer! Ha, Septem⸗ briſeur!“— Leiſe Vorwürfe eines Sterbenden an eine Leiche. Nach und nach kehrten die Worte, welche dem inneren Ausbruch entſprangen, im Zuſammenhange zurück, aber der Greis ſchien nicht mehr die Kraft zu haben, ſie auszu⸗ ſprechen; ſeine Stimme war ſo dumpf und erloſchen, daß es ſchien, als ertönten die Worte von dem entgegengeſetzten Rande eines Grabes: „Es iſt mir gleich; ich werde auch ſterben. Und zu ſagen, daß in Paris keine Griſette iſt, welche glücklich geweſen wäre, das Glück dieſes Elenden zu machen! Ein Narr, der, ſtatt ſich zu amüſiren und das Leben zu genießen, ſich geſchlagen hat und ſich erſchießen ließ, wie ein Thier! und für wen? Für die Republik! Statt in der Chaumiere zu tanzen, wie das die Fflicht der jungen Leut niſſe ſchö — das 5 lind. ieht. mit zum trat, der nder inem mor cuir tſo und ehrt pen wie Ha, em iche⸗ eren der szu⸗ doß tzen 3u lich Ein pie tin gen Leute iſt! Es lohnt auch wohl der Mühe, zwanzig Jahr alt zu ſein! Nun iſt er todt. Das macht zwei Begräb⸗ niſſe unter einem Thorwege. Du haſt Dich alſo wegen der ſchönen Augen des Generals Lamarque ſo zurichten laſſen! Was hat denn dieſer General Lamarque Dir gethan? Sich wegen eines Todten umbringen zu laſſen! Wenn das nicht iſt, um verrückt zu werden! Das begreife man! Mit zwanzig Jahren! Und, ohne den Kopf zu wenden, um zu ſehen, was er hinter ſich ließ! Jetzt müſſen die armen Alten ganz allein ſterben. Krepire in Deinem Winkel, Nachteule!— Nun, wirklich, deſto beſſer, ich hoffe, das wird mich tödten. Ich bin zu alt, ich bin hundert Jahr, hunderttauſend Jahr; ſchon ſeit langer Zeit habe ich das Recht, todt zu ſein. Durch dieſen Schlag iſt es aus. Welch ein Glück! Wozu nützt es ihm, Salmiak und alle dieſe Tropfen ihn einſchlürfen zu laſſen?— Sie verlieren Ihre Mühe, Dummkopf von einem Arzt! Gehen Sie, er iſt todt. Ich verſtehe mich darauf, ich, der ich auch todt bin. Er hat die Sache nicht halb gemacht! Ja, dieſe Zeit iſt ſo nichtswürdig, nichtswürdig, nichtswürdig!— Da Du ſo mitleidlos gegen mich geweſen biſt, indem Du Dich auf dieſe Weiſe tödten ließeſt, will ich nicht einmal Kummer um Deinen Tod haben, verſtehſt Du mich, Mörder!“ In dieſem Augenblicke öffnete Marius langſam die Augen und ſein Blick, der noch durch das letargiſche Staunen verſchleiert war, heftete ſich auf Herrn Gillenormand. „Marius!“ ſchrie der Greis. Marius! Mein lieber Marius! Mein Kind! Mein geliebter Sohn! Du öffneſt die Augen, Du ſiehſt mich an, Du lebſt, ich denke!“ Und ohmächtig ſank er nieder. Jean Valjean. Biertes Buch. Javert aus dem Geleiſt. Rue Kop den Hal Ent An ein und D der pla de ſte Un — Javert aus dem Geleiſe. Javert hatte ſich mit langſamen Schritten aus der Rue de l'Homme Armé entfernt. Er ging zum erſten Mal in ſeinem Leben mit geſenktem Kopf und ebenfalls zum erſten Mal in ſeinem Leben mit den Händen auf dem Rücken. Bis zu dieſem Tage hatte Javert von den beiden Haltungen Napoleon's nur die angenommen, welche die Entſchloſſenheit bezeichnet, die über der Bruſt gekreuzten Arme; die, welche die Unentſchiedenheit ausdrückt, die Hände auf dem Rücken, war ihm unbekannt. Jetzt hatte ein Wechſel ſtattgefunden, ſeine ganze Geſtalt trug langſam und finſter das Gepräge der Beſorgniß. Er vertiefte ſich in das Schweigen der Straßen.— Dennoch verfolgte er eine beſtimmte Richtung. Er ging auf dem nächſten Wege zur Seine, erreichte den Ulmenquai, ging auf demſelben hin nach dem Groève⸗ platz und blieb in einiger Entfernung von dem Wachtpoſten des Chateletsplatzes an der Ecke der Notre⸗Damebrücke ſtehen. Die Seine bildet hier zwiſchen der Notre⸗Damebrücke und der Wechſelbrücke einerſeits und dem Quai Meégiſſerie und dem Quai aux Fleurs andererſeits eine Art viereckigen See's, durch welche eine heftige Strömung geht. 174 Dieſer Punkt der Seine iſt von den Schiffern ge⸗ fürchtet. Nichts iſt gefährlicher, als dieſe Strömung, die damals durch die Räder der jetzt zerſtörten Mühle ver⸗ ſtärkt wurde. Die beiden einander ſo nahe liegenden Brücken vermehrten die Gefahr, das Waſſer ſtürmte rau⸗ ſchend unter den Brückenbogen hindurch. Die Menſchen, welche da hineinſtürzen, kommen nicht wieder zum Vorſchein; der beſte Schwimmer ertrinkt hier. Javert ſtützte ſeine beiden Ellenbogen auf die Brüſtung, das Kinn in beide Hände, und während ſeine Nägel ſich unwillkürlich in ſeinen dichten Backenbart vergruben, dachte er nach. Etwas Neues, eine Revolution, eine Kataſtrophe war in ſeinem tiefſten Innern vorgegangen; es gab da wohl Grund, ſich ſelbſt zu prüfen. Javert litt entſetzlich. Seit einigen Stunden hatte Javert aufgehört, einfach zu ſein. Er war verwirrt; dieſes Hirn, ſo klar in ſeiner Kurzſichtigkeit, hatte ſeine Durchſichtigkeit verloren; es ſchwebte eine Wolke in dieſem Kryſtall. Javert fühlte in ſeinem Gewiſſen ſeine Pflicht ſich ſpalten und konnte ſich dies nicht verhehlen. Als er ſo ganz unerwartet Jean Valjean auf dem Damme der Seine traf, lag in ihm etwas von dem Wolf, der ſeine Beute, und von dem Hunde, der ſeinen Herrn wiederfindet. Er erblickte vor ſich zwei Wege, die beide gleich gerade waren; aber er ſah zwei, und das erſchreckte ihn. Er, der in ſeinem ganzen Leben ſtets nur eine gerade Linie gekannt hatte. Und es war etwas Peinigendes— dieſe beiden Wege waren einander entgegengeſetzt. Die eine dieſer beiden geraden Linien ſchloß die andere aus. Welche mochte die wahre ſein? Seine Lage war unausſprechlich. anz gleie zu zu ihm Ber zu etw Geſ blei und nied ſel zu 175 ge⸗ Sein Leben einem Miſſethäter zu danken, dieſe Schuld „die anzunehmen und ſie zu erſtatten, gegen ſeinen Willen auf ver⸗ gleichem Fuß mit einem Ausgeſtoßenen der Gerechtigkeit nden zu ſein, um ihm einen Dienſt mit einem andern Dienſt rau⸗ zu bezahlen; ſich von ihm ſagen zu laſſen: Gehe!— Und ſchen, ihm dafür ſeinerſeits zu ſagen: Sei frei!— Perſönlichen hein; Beweggründen die Pflicht, dieſe allgemeine Verpflichtung, zu opfern und auch in dieſen perſönlichen Beweggründen tung, etwas Allgemeines, etwas Höheres vielleicht zu thun; die ſih Geſellſchaft zu verrathen, um ſeinem Gewiſſen treu zu achte bleiben; daß alle dieſe Eigenthümlichkeiten ſich verwirklichen und in ihm ſelbſt ſich anhäuften, das war es, was ihn wn niederſchmetterte. vohl Eines hatte ihn in Erſtaunen geſetzt: Daß Jean Valjean ihn begnadigte; und Eines hatte ihn erſtarren ge⸗ macht, daß er, Javert, Jean Valjean begnadigt hatte. nfoc Wohin war es mit ihm gekommen? Er ſuchte ſich einet und fand ſich nicht mehr. es Was ſollte er jetzt thun? Jean Valjean ausliefern, 3 u das war ſchlecht; Jean Valjean frei laſſen, das war auch ſich ſchlecht. In dem erſten Falle ſank der Mann der Autorität 5 tiefer, als der Mann des Bagno; in dem zweiten Fall vn ſtieg ein Flüchtling höher, als das Geſetz, und ſtellte den Bof Fuß auf dieſes. In beiden Fällen Entehrung für ihn, für Javert. Bei Allem, was er thun konnte, lag für ihn ein her Sturz. Das Schickſal zeigt in gewiſſen äußerſten Fällen eine ſteile Höhe über dem Unmöglichen, und jenſeits der⸗ e ſelben iſt das Leben nur im Abgrund. Javert ſtand auf dieſer ſteilen Höhe. n Eine ſeiner Qualen war, nachdenken zu müſſen. Die iden Gewalt aller dieſer ſich widerſprechenden Aufregungen ſelbſt dieſe zwang ihn dazu. Das Nachdenken war etwas für ihn oht Unmögliches und außerordentlich Schmerzhaftes. In dem Gedanken liegt ſtets eine gewiſſe Summe 176 inneren Aufſtandes; er zürnte ſich ſelbſt, das in ſich zu fühlen. Der Gedanke über irgend einen Gegenſtand außerhalb des engen Kreiſes ſeiner Amtspflichten würde für ihn unter allen Umſtänden etwas Nutzloſes und Anſtrengendes ge⸗ weſen ſein; aber der Gedanke über den ſo eben verfloſſenen Tag war eine Marter. Er mußte indeſſen wohl nach ſolchen Erſchütterungen in ſein Gewiſſen blicken und ſich ſelbſt über ſich ſelbſt Rechenſchaft geben. Er erbebte über das, was er ſo eben gethan hatte. Er, Javert, hatte gegen alle Verordnungen der Polizei, gegen die ganze ſociale und richterliche Organiſation, gegen das Strafgeſetzbuch, eine Freilaſſung entſchieden; er hatte ſeine eigenen Angelegenheiten untergeſchoben. War das nicht ganz unnennbar? So oft er ſich dieſer namenloſen Handlung, die er vollbracht hatte, gegenüberſtellte, erbebte er vom Kopf bis zu den Füßen. Wozu ſollte er ſich ent⸗ ſchließen? Es blieb ihm nur ein Hülfsmittel: Eiligſt nach der Rue de['Homme Armé zurückzukehren und Jean Val⸗ jean feſtzunehmen. Es war klar, das er das hätte thun ſollen. Er konnte es nicht. Irgend Etwas verſperrte ihm den Weg nach dieſer Richtung. Etwas? Was? Giebt es auf der Welt noch andere Dinge, als die Gerichtshöfe, die Verdicte, die Polizei und die Autorität? Javert war verwirrt. Ein geheiligter Galeerenſträfling! Ein für die Juſtiz ungreifbarer Züchtling! und das durch Javert's That! Daß Javert und Jean Valjean, der Mann der Strafe und der Mann der Erleidung der Strafe, daß dieſe beiden Männer, welche dem Geſetz unterworfen waren, ſich ſo Beide außerhalb des Geſetzes geſtellt hatten, war das nicht entſetzlich? Wie? ſo Unerhörtes ſollte geſchehen und Niemand ch zu ehalb unter s ge⸗ ſſenen nach d ſich hatte. olizei, gegen hatte das nloſen rbebte h ent⸗ nach Val⸗ chun dieſer ndere ei und zuſt t* Strafe beiden io ſ t do emnnd 177 dafür beſtraft werden? Jean Valjean, der für die ganze geſellſchaftliche Ordnung gefährliche Menſch, ſollte frei ſein, und er, Javert, fortfahren, das Brot der Regierung zu eſſen? Seine Träumerei wurde immer fürchterlicher und fürchterlicher. Er hätte ſich auch noch einen Vorwurf in Bezie hung auf den Inſurgenten machen können, den er nach der Rue des Filles du Calvaire ſchaffte; aber an dieſen dachte er nicht einmal. Die geringere Schuld verlor ſich vor der größeren. Ueberdies war dieſer Inſurgent offenbar ein todter Menſch, und geſetzlich ſelbſt endet der Tod die Verfolgung. Jean Valjean, das war die Laſt, die auf ſeinen Geiſt drückte. Jean Valjean verwirrte ihn. Alles, was im Leben ſeine Stützpunkte gebildet hatte, brach vor dieſem Men⸗ ſchen zuſammen. Die Großmuth Jean Valjean's gegen ihn, Javert, drückte ihn nieder. Andere Thatſachen, auf die er ſich beſann und die er ehemals als Lügen und Thorheiten betrachtet hatte, erſchienen ihm jetzt als Wirk⸗ lichkeiten. Herr Madeleine zeigte ſich hinter Jean Valjean, und die beiden Geſtalten traten ſo zu einander, daß ſie nur noch eine bildeten, welche Ehrfurcht verlangte. Javert fühlte etwas Entſetzliches in ſeine Seele eindringen: Die Bewunderung für einen Züchtling. Achtung eines Galeeren⸗ züchtlings, iſt die denn möglich? Er erbebte darüber und konnte ſich dennoch dieſem Gefühle nicht entziehen. Mochte er auch ſich dagegen ſträuben wie er wollte, er mußte dennoch ſich in ſeinem Innern die Erhabenheit dieſes Elenden eingeſtehen. Das war entſetzlich! Ein wohlthätiger Miſſethäter, ein mitleidiger Wohlthäter, ein barmherziger Züchtling, der Böſes mit Gutem ver⸗ Die Elenden. IX. 12 178 galt, der für den Haß die Verzeihung hatte, der das Mitleid dem Rechte vorzog, der lieber ſich ſelbſt, als ſeinen Feind in das Verderben ſtürzte, der den rettete, welcher ihn niedergeſchmettert hatte, knieete auf dem Gipfel der Tugend, näher dem Engel als dem Menſchen. Javert war gezwungen, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß dieſes Unge⸗ heuer exiſtire. Das konnte ſo nicht bleiben. Nicht ohne Widerſtand ergab er ſich dieſem Ungeheuer, dieſem nichtswürdigen Engel, dieſem entſetzlichen Helden, über den er beinahe ebenſo empört, wie verwundert war. Während er in dem Wagen neben Jean Valjean ſaß, hatte zwanzig Mal der geſetzmäßige Tiger in ihm gebrüllt; zwanzig Mal verſuchte er, ſich auf Jean Valjean zu werfen, ihn zu ergreifen und zu verſchlingen, d. h. zu arretiren. Was konnte in der That auch einfacher ſein? Dem erſten beſten Wachtpoſten, an dem er vorüberkam, zuzurufen: Hier iſt ein bannbrüchiger Verbrecher!— Die Gensdarmen herbeizuholen und ihnen zu ſagen: Dieſer Menſch iſt für Sie!— Dann fortzugehen, den Verurtheilten dazulaſſen, ſich um das Uebrige nicht zu bekümmern, ſich in Nichts mehr zu miſchen. Dieſer Menſch iſt für immer der Gefangene des Geſetzes; das Geſetz wird mit ihm machen, was es will. Was konnte gerechter ſein? Javert hatte ſich das Alles geſagt. Er hatte vorwärts ſchreiten, handeln, den Menſchen verhaften wollen, aber damals, wie jetzt, hatte er es nicht vermocht, und ſo oft ſeine Hand ſich krampf⸗ haft gegen den Kragen Jean Valjean's erhob, war ſie, wie durch ein gewaltiges Gewicht, niedergedrückt, herabgeſunken, und er hörte in ſeinem Innern eine mächtige Stimme, welche ihm zurief: Gut! Liefere Deinen Retter aus. Dann laß das Becken des Pontius Pilatus kommen und waſche Dir Deine Krallen. das ſeinen elcher l der zabert Unge⸗ heuer, olden, war. ſaß, rüllt; erfen, etiten. erſten nfen armen ſt für laſſen, Nicht angene as es h das n, den hatte ranpf⸗ e, wie ſunken, timme⸗ Donn waſche 179 Dann fielen ſeine Betrachtungen wieder auf ihn ſelbſt zurück und neben dem größer gewordenen Jean Valjean erblickte er ſich, Javert, herabgeſunken“ Ein Züchtling war ſein Wohlthäter! Weshalb hatte er aber dieſem Menſchen erlaubt, ihn leben zu laſſen? Er hatte in jener Barrikade das Recht, getödtet zu werden. Er hätte von dieſem Rechte Gebrauch machen ſollen. Die anderen Inſurgenten gegen Jean Val⸗ jean zu ſeinem Beiſtande herbeizurufen und ſich erſchießen zu laſſen, das wäre beſſer geweſen. Seine höchſte Qual war das Verſchwinden der Ge⸗ wißheit. Er fühlte ſich entwurzelt. Das Geſetzbuch war nur noch ein Stummel in ſeiner Hand. Er fühlte Ge wiſſensbiſſe einer unbekannten Art. Es entſtand in ihm eine gefühlvolle Offenbarung, welche durchaus verſchieden von der geſetzmäßigen Gewißheit, bisher ſeinem einzigen Maße, war. In der früheren Rechtſchaffenheit zu beharren, ge⸗ nügte nicht mehr. Eine ganze Reihe unerwarteter That⸗ ſachen erhoben ſich gegen ihn und beherrſchten ihn. Eine ganz neue Welt zeigte ſich ſeiner Seele. Die angenommene und vergoltene Wohlthat, die Ergebenheit, die Barmherzig⸗ keit, die Nachſicht, die Gewalt, durch das Mitleid der Strenge angethan, die Annahme der Perſonen, keine Verur⸗ theilung mehr, keine Verdammniß, die Möglichkeit einer Thräne in dem Auge des Geſetzes, eine Gerechtigkeit nach dem Willen Gottes in entgegengeſetzter Richtung zu der Gerechtigkeit nach dem Willen der Menſchen! Er erblickte in der entſetzlichen Finſterniß den Ausgang einer unbe kannten moraliſchen Sonne; er empfand darüber Abſcheu und war dadurch geblendet. Die Nachteule war zu den Blicken des Adlers gezwungen. Er ſagte ſich, daß es alſo wahr ſei, daß es Ausnahmen gäbe, daß die Autorität verwirrt, daß die Regel durch eine Ausnahme aufgehoben werden könnte, daß nicht Alles ſich E 180 in die Worte des Strafgeſetzbuches bringen ließe; daß das Unvorhergeſehene Gehorſam erzwingen könnte; daß die Tugend eines Züchtlings der Tugend eines Beamten eine Schlinge zu legen vermochte, daß der Verabſcheuungswerthe göttlich ſein könnte, daß das Geſchick ſolchen Hinterhalt legte, und er dachte mit Verzweiflung daran, daß er ſelbſt nicht gegen einen ſolchen Ueberfall geſichert geweſen war. Er war gezwungen, anzuerkennen, daß die Tugend be⸗ ſtand. Dieſer Züchtling war tugendhaft geweſen. Und er ſelbſt, etwas Unerhörtes, er war ſo eben weich geweſen. Er mißachtete ſich daher. Er fand ſich feig. Er flößte ſich Entſetzen ein. Das Ideal war für Javert nicht menſchlich, groß, erhaben zu ſein; es beſtand darin, vorwurfsfrei zu ſein. Er war aber ſo eben ſchwach geweſen. Wie war er dahin gekommen? Wie war Alles ge⸗ ſchehen? Er hätte es ſich ſelbſt nicht zu ſagen vermocht. Er nahm ſeinen Kopf in beide Hände, aber es gelang ihm nicht, ſich Alles zu erklären. Er hatte ganz gewiß immer die Abſicht gehabt, Jean Valjean dem Geſetz zu überliefern, deſſen Gefangener er, Jean Valjean, war, deſſen Sklave er, Javert, war. Er hatte ſich, während er ihn hielt, nicht einen einzigen Augenblick geſtanden, daß er den Ge⸗ danken hegte, ihn laufen zu laſſen. Gewiſſermaßen ohne ſein Wiſſen hatte ſeine Hand ſich geöffnet und ihn frei⸗ gelaſſen. Alle Arten neuer Räthſel zeigten ſich ſeinen Augen. Er richtete Fragen an ſich, er gab ſich Antworten und dieſe erſchreckten ihn. Er ſagte ſich: Dieſen Züchtling, dieſer Verzweifelte, den ich bis zur Erbitterung verfolgte und der mich unter ſeinem Fuße hatte, der ſich rächen konnte, der es mußte, ſo wohl aus Rache, als ſeiner Sicherheit wegen, was that er? Seine Pflicht. Nein. Etwas mehr. Und ich, indem ich meinerſeits begnadigte, was that ich? Meine als das eine rhe gte⸗ icht er ſen. toß, ein. cht. hm ner ern, lave ielt, Ge⸗ hne rei⸗ gen⸗ ieſe eſer der der 9 en, Und 181 Pflicht. Nein. Etwas mehr. Es giebt alſo etwas Höheres als die Pflicht? Hier erſchrak er. Seine Wagſchale kam aus dem Gleichgewicht; eine der Schalen ſank in den Ab⸗ grund, die andere erhob ſich zum Himmel; Jean Valjean empfand nicht weniger Schrecken von der, die ſtieg, als von der, die ſank. Ohne im Geringſten das zu ſein, was man Voltairianer oder Philoſoph oder Ungläubiger nennt⸗ voll Achtung, im Gegentheil, aus Inſtinkt für die eingeſetzte Kirche, kannte er ſie dennoch nur wie ein erhabenes Bruch⸗ ſtück des ſocialen Ganzen; die Ordnung war ſein Dogma und genügte ihm; ſeitdem er das Mannesalter erreicht und Beamter war, legte er in die Polizei ſo ziemlich ſeine ganze Religion, indem er, wie wir bereits ohne die geringſte Jronie bemerkten, Spion war, wie man Prieſter iſt. Er hatte einen Vorgeſetzten, Herrn Gisquet; bis zu dieſem Tage dachte er nicht einmal an jenen höheren Vorgeſetzten, an Gott! Dieſen neuen Vorgeſetzten fühlte er unvermuthet und wurde durch ihn beengt. Er kam durch dieſe unerwartete Erſcheinung aus ſeiner gewöhnlichen Richtung; er wußte nicht, was er aus dieſem Vorgeſetzten machen ſollte, er, dem es nicht unbekannt war, daß der Untergeordnete ſich ſtets fügen muß, daß er nicht das Recht habe, ungehorſam zu ſein, noch zu tadeln, noch zu überlegen, und daß der Untergebene dem Vorgeſetzten gegenüber, während er ihn in Verwunderung ſetzt, nichts Anderes zu thun hat, als ſich zu unterwerfen. Aber was ſollte er thun, um Gott ſeine Entlaſſung einzureichen? Was er auch denken mochte, kehrte er doch immer zu der alle übrigen beherrſchenden Thatſache zurück, daß er eine entſetzliche Pflichtverletzung begangen hatte. Er ſchloß die Augen vor einem einfältigen Verurtheilten, der den Bann gebrochen hatte. Er ließ einen Galeerenzüchtling 182 frei, er ſtiehlt den Geſetzen einen Menſchen, der ihnen angehörte. Das war es, was er gethan hatte. Er begriff ſich nicht mehr. Er war ſeiner ſelbſt nicht mehr ſicher. Selbſt die Beweggründe ſeiner Handlungen entgingen ihm; er empfand nur Schwindel darüber. Er hatte bis zu dieſem Augenblick in einem blinden Glauben gelebt, welchen die Rechtſchaffenheit erzeugt. Dieſer Glaube verließ ihn, dieſe Rechtſchaffenheit verſchwand. Alles, was er geglaubt hatte, floß auseinander. Wahrheiten, die er bisher nicht kannte, beſtürmten ihn unerbittlich. Er ſchien von jetzt ab ein anderer Menſch zu ſein. Er empfand die eigenthümlichen Schmerzen eines Gewiſſens, das plötzlich erwacht. Er ſah, was zu ſehen ihn widerſtrebte. Er fühlte ſich aus ſeinem vergangenen Leben vertrieben, abgeſetzt, aufgelöſt. Die Autorität war in ihm erſtorben. Er hatte nicht mehr das Recht, zu ſein. Fürchterliche Lage! Er war gerührt. Von Granit zu ſein und zu zweifeln! Die Bildſäule der Beſtrafung zu ſein, aus einem Stück in der Form des Geſetzes gegoſſen und dann plötzlich zu bemerken, daß man. in ſeiner ehernen Bruſt etwas Abgeſchmacktes und Unge⸗ horſames habe, das beinahe einem Herzen gleicht! Dahin zu kommen, Gutes mit Gutem zu vergelten, obgleich man ſich bis zu dieſem Tage geſagt hat, daß dieſes Gute das Böſe iſt! Der Wachthund zu ſein und zu lecken. Eiſen zu ſein und zu ſchmelzen! Die Zange zu ſein und Hand zu werden! Plötzlich zu fühlen, wie die Finger ſich öffnen und ihre Beute loslaſſen! Das war etwas Entſetzliches! Gezwungen zu ſein, ſich geſtehen zu müſſen: Die Un⸗ fehlbarkeit iſt nicht unfehlbar; es kann Irrthum in dem Dogma geben; es iſt noch nicht Alles geſagt, wie ein Ge⸗ ſetzbuch geſprochen hat; die Geſellſchaft iſt nicht vollkommen, die Autorität iſt dem Irrthum unterworfen; die Richter ſind Menſchen; das Geſetz kann ſich täuſchen; einen Sprung hnen egriff icher. ihm; eſem die dieſe atte, nnte, ein chen Er aus löſt. nehr in der ungeheuren blauen Scheibe des Firmaments zu erblicken. Was in Javert vorging, war eine Seele, die aus dem Geleiſe kam, die Vernichtung einer unwiderſtehlich in gerader Linie fortſtürmenden Rechtſchaffenheit, die gegen Gott zer⸗ trümmert. Wahrlich, das konnte als etwas Eigenthümliches gelten, daß der Heizer der Ordnung, der Mechaniker der Autorität auf dem blinden eiſernen Pferde reitend, durch einen Blitzſtrahl aus dem Sattel geworfen werden konnte! Daß Gott ſtets in dem Innern des Menſchen waltet, daß das wahre Gewiſſen dem falſchen entgegenſetzt, daß er dem Funken verbietet, zu erlöſchen, begriff Javert das Alles? Erkannte er es? Gab er ſich davon Rechenſchaft? Offenbar nein. Allein unter dem Drucke dieſes Unbeſtreitbaren und Unbegreiflichen fühlte er ſein Inneres ſich öffnen. Er war weniger der Verwandelte, als das Opfer dieſes Mundes. Er ergab ſich demſelben, außer ſich. Er erblickte in dem Allen nur eine unendliche Schwierigkeit, zu ſein. Es ſchien ihm, als müßte von jetzt an ſein Athem ewig beengt ſein. Auf ſeinem Haupt den Druck des Unbekannten zu fühlen, das war er nicht gewöhnt. Alles, was er bisher über ſich gefühlt hatte, war für ſeinen Blick eine glatte, einfache, durchſichtige Oberfläche geweſen; da gab es nichts Unbekanntes, nichts Dunkles, Alles war beſtimmt, geordnet, deutlich, genau, begrenzt, feſt, Alles vorausgeſehen; die Autorität war eine eherne Sache; kein Sturz in ihr, tein Schwindel vor ihr. Javert hatte nie etwas Unbekanntes geſehen, als von unten. Das Unregelmäßige, das Unerwartete, das Chaos, das mögliche Hinabgleiten in einen Abgrund, war die Sache der unteren Regionen der Rebellen und der Elenden. Jetzt warf Javert ſich zurück und er wurde entſetzt durch den uner⸗ hörten Anblick: ein Abgrund nach oben? 184 Sollte dann das Oberſte zu unterſt geſtürzt ſein? Auf was konnte er noch vertrauen? Das, was ihn Ge⸗ wißheit zu ſein geſchienen hatte, ſtürzte zuſammen! Ja, ſo war es! Und Jean Valjean ſah dies; er be⸗ rührte es! Er konnte es nicht nur nicht läugnen, ſondern er nahm ſogar ſelbſt Theil daran. Das waren Wirklich⸗ keiten. Es war gräßlich, daß die wirklichen Thatſachen bis zu einer ſolchen Mißgeſtalt gedeihen konnten. Wenn die Thatſachen ihre Pflicht thäten, ſo würden ſie ſich damit begnügen, die Beweiſe für das Geſetz zu ſein; die Thatſachen ſendet Gott. Sollte denn die Anarchie jetzt von oben kommen? So wären alſo die Gewalt der Geſetzgebung und die Urtheilsſprüche der höchſten Gerichtshöfe, die Regierung, Vorkehrung und Beſtrafung, die offizielle Weisheit, die geſetzliche Unfehlbarkeit, das Prinzip der Autorität, alle Dogmen, auf denen die politiſche und bürgerliche Sicher⸗ heit ruht, die Souverainität, die Juſtiz, die Logik, die aus dem Geſetze entſpringt, alles nichts als Trümmer, Schutt, Chaos; er ſelbſt, Javert, die Auflaurer der Ordnung, die Unbeſtechlichkeit ſelbſt im Dienſte der Polizei, die Wacht⸗ hundvorſehung der Geſellſchaft beſiegt und niedergeworfen, und über alle dieſe Trümmer erhebt ſich ein Menſch, die grüne Mütze auf dem Kopfe und den Heiligenſchein auf der Stirn.— Das war die geſetzliche Viſion, welche er in ſeiner Seele hatte. War das erträglich? Nein. Gab es je einen gewaltſamen Zuſtand, ſo war es der ſeine. Es gab nur zwei Arten, ſich demſelben zu ent⸗ reißen. Die eine beſtand darin, entſchloſſen auf Jean Valjean zuzuſchreiten und den Menſchen des Bagno dem Kerker zurückzugeben. Die andere— Javert verließ die Brüſtung und diesmal mit hocher⸗ hobenem Kopf ging er mit feſtem Schritt nach dem Wacht⸗ ſein? Ge r be⸗ ndern klich⸗ nbis ürden ſein; jetzt d die wung, „ die ale icher⸗ aus chutt, , die bacht orfen, die auf he er s der ent⸗ Jean den ocher⸗ bacht 185 poſten, den eine Laterne an der Ecke des Chateletplatzes bezeichnete. Zu demſelben gelangt, bemerkte er durch die Fenſter⸗ ſcheiben einen Stadtſergeanten und trat ein. Schon an der bloßen Art und Weiſe, wie die Männer der Polizei die Thür eines Wachtlokals öffnen, erkennen ſie ſich einander. Javert nannte ſich, zeigte dem Sergeanten ſeine Karte und ſetzte ſich an den Tiſch, auf welchem ein Licht brannte. Auf dem Tiſch lagen Feder, Tinte und Papier für den möglichen Fall, daß ein Protokoll aufgenommen werden müßte, ſo wie zu den Berichten der Nachtronde. Dieſer Tiſch, zu dem ein Strohſtuhl gehört, iſt eine Vorſchrift; er findet ſich in allen Wachtpoſten der Polizei; ſtets iſt er mit einem Schubfach verbunden, in welchem ſich eine Schachtel mit rothen Oblaten befindet. Bei dieſem Tiſch beginnt die Literatur des Staates. Javert nahm die Feder und einen Bogen Papier und begann zu ſchreiben. Hier, was er ſchrieb: Einige Bemerkungen zum Wohl des Dienſtes. Erſtens:„Ich bitte den Herrn Präfect, dieſe Blätter zu beachten.“ Zweitens:„Die Arreſtanten, welche zum Verhöre tommen, ziehen ihre Schuhe aus und bleiben barfuß auf den Quadern ſtehen, während man ſie durchſucht. Mehrere huſten, wenn ſie in das Gefängniß kommen. Das zieht Ausgaben für die Krankenſtuben nach ſich.“ Drittens:„Die„„Spinnerei““ iſt gut, mit Poſten von Strecke zu Strecke, allein bei wichtigen Angelegenheiten wäre es nöthig, daß mindeſtens zwei Agenten einander nicht aus dem Auge verlören, damit, wenn aus irgend einer Urſache ein Agent ſeine Fflicht bei dem Dienſte ver⸗ nachläſſigte, der Andere ihn übgrwacht und erſetzt.“ 186 Viertens:„Man kann ſich nicht erklären, weshalb das ſpezielle Reglement des Gefängniſſes des Madelonnettes dem Gefangenen unterſagt, einen Stuhl zu haben, ſelbſt wenn er ihn bezahlt.“ Fünftens:„In den Madelonnettes hat das Fenſter der Schenke nur zwei Eiſenſtangen, ſo daß die Wirthin ihre Hand durch die Gefangenen berühren laſſen kann.“ Dieſen Notizen fügte Javert noch einige andere in ähnlichem Sinne hinzu. Er ſchrieb dies Alles ruhig und correct nieder, vergaß kein Zeichen, keinen Punkt und unter⸗ ſchrieb dann: „Juvert, Inſpector erſter Klaſſe. Auf dem Poſten des Chateletplatzes. Am 7. Juni 1832, ungefähr ein Uhr Morgens.“ Javert ließ die Dinte auf dem Papier trocknen, faltete dies dann wie einen Brief zuſammen, ſiegelte ihn, ſchrieb auf die Adreſſe: Notizen für die Adminiſtration, ließ das Papier auf den Tiſch liegen und ging von dem Poſten fort. Die vergitterte Glasthür ſank hinter ihm zu. Er ſchritt auf's Neue quer über den Chateletplatz, erreichte wieder den Quai, kehrte mit automatiſcher Ge⸗ nauigkeit zu demſelben Punkte zurück, den er eine Viertel⸗ ſtunde zuvor verlaſſen hatte, lehnte ſich wieder auf die Brüſtung und ſtand ſo in derſelben Haltung auf demſelben Quader des Fflaſters. Er ſchien ſich nicht gerührt zu haben. Es herrſchte die tiefſte Finſterniß. Es war der grabartige Augenblick, der auf die Mitternacht folgt. Dichte Wolken verhüllten die Sterne. Der Himmel war nur eine ſchwarze Fläche, in den Häuſern der Cité brannte kein einziges Licht mehr; Niemand ging vorüber; Alles, was man von Straßen und Quai's bemerkte, war öde; die Notre⸗ S 8 d — — 187 Dame und die Thürme des Juſtiſtpalaſtes ſchienen Umriſſe der Nacht zu ſein. Eine Straßenlaterne röthete die Brüſtung des Quai's. Der Regen hatte den Fluß angeſchwellt. Der Ort, an welchem Javert ſich aufgeſtützt hatte, lag, wie man ſich erinnern wird, gerade über der heftigen Strömung der Seine und jenem furchtbaren Wirbel, der ſich fortwährend wie eine Schraube ohne Ende dreht. Javert bog den Kopf vor und blickte hinab. Alles war ſchwarz. Man konnte Nichts unterſcheiden. Man hörte das Rauſchen des Fluſſes, aber man ſah ihn nicht. Zuweilen erſchien in dieſer ſchwindelnden Tiefe ein ſich ſchlängelndes Licht, denn das Waſſer hat die eigen⸗ thümliche Macht, in der finſtern Nacht zu leuchten, ohne daß man weiß, woher es das Licht nimmt. Der Schimmer verſchwand wieder und Alles wurde undeutlich. Hier ſchien ſich die Unendlichkeit zu öffnen. Was man unter ſich hatte, war nicht das Waſſer, ſondern ein Abgrund. Die Mauer des Quai's, ſteil, verſchwindend in der Finſterniß und zu⸗ gleich dem Blick entzogen, machte die Wirkung, als führte ſie in eine endloſe Tiefe hinab. Man ſah Nichts, aber man fühlte die eiſige Kälte des Waſſers und den Dunſt der naſſen Steine. Ein wilder Hauch ſtieg aus dieſem Abgrund empor. Das Schwellen des Fluſſes, das man mehr errathen, als erkennen konnte, das finſtere Rauſchen der Wogen, die dunklen Geſtalten des Brückenbogens, der denkbare Sturz in dieſe finſtere Leere, alle dieſe Schatten waren von Schrecken erfüllt. Javert blieb einige Minuten regungslos, hinabblickend in die Oeffnung der Finſterniß; er betrachtete das Unſicht⸗ bare mit einer Feſtigkeit, welche der Aufmerkſamkeit glich. Das Waſſer rauſchte. Plötzlich nahm er den Hut ab und legte ihn auf die Brüſtung des Quai's. Einen Augenblick 188 darauf erſchien eine hohe und ſchwarze Geſtalt, die ein verſpäteter Vorübergehender für ein Geſpenſt hätte halten können, auf der Höhe der Brüſtung, neigte ſich gegen die Seine hinab, richtete ſich wieder empor und ſtürzte gerade in die Dunkelheit hinab. Es erfolgte ein dumpfer Schlag. Die Nacht allein war eingeweiht in das Geheimniß der Kämpfe, der finſteren, unter dem Waſſer verſchwundenen Geſtalt. Ende des neunten Bandes. — Druck von A. Paul& Co. in Berlin, Kronenſtraße 21. —iz zj———.—— i———————————— ——— F—— SGrey Control Chart Mk Green vellow Red Magenta