Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher ſiſcher Literatur Cdnard Ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wr.— Pf 5. Auswärtige ponuenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflicſtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Die Elenden. „ Von Victor Hugo. Deutſch von L. von Alwenslehen. Achter Band. Vierte Abtheilung: Eine Idylle. Zweiter Band. —— Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (J. Winckler.) Line Pulle. Von Victor Hugo. Deutſch von L. von Alvenslehen. Zweiter Band. Pierte Abtheilung der„Elenden“) ——— Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (J. Winckler.) — —— Eine 3dylle. Siebentes Buch. Das Cntzüchen und die Verzweiflung. . Helles Licht. Der Leſer wird erkannt haben, daß Eponine, als ſie durch das Gitter die Bewohner der Rue Plumet erkannte, wohin Magnon ſie geſchickt hatte, damit den Anfang machte, die Banditen von der Rue Plumet zu entfernen und dann Marius hinführte; daß darauf Marius nach mehreren Tagen des Entzückens vor dem Gitter, fortgeriſſen durch jene ge⸗ heimnißvolle Kraft, die das Eiſen zu dem Magnet zieht und den Liebenden zu den Steinen, aus denen das Haus erbaut iſt, welches die Geliebte bewohnt, endlich in den Garten Coſettens getreten war, wie Romeo in den Garten Juliens. Das war ihm ſogar leichter geworden wie Romeo, denn dieſer mußte eine Mauer erklettern und Marius brauchte nur einen der Eiſenſtäbe des ſchadhaft gewordenen Gitters zu beſeitigen, welcher wackelig geworden war, wie die Zähne alter Leute. Marius war ſchlank und konnte leicht hindurch⸗ ſchlüpfen. Da niemals Zemand in der Straße war und Marius überdies nur während der Nacht in den Garten drang, lief er keine Gefahr, geſehen zu werden. 6 3 —————————— Von der geſegneten und heiligen Stunde an, in welcher ein Kuß die beiden Seelen mit einander verlobte, kam Ma⸗ rius jeden Abend. Wenn Coſette in dieſem Augenblick ihres Lebens der Liebe eines ausſchweifenden Mannes begeg⸗ net wäre, würde ſie verloren geweſen ſein; denn dies liegt in der Natur edler Seelen, ſich hinzugeben, und zu dieſen gehörte Coſette. Eine der Erhabenheiten des Weibes iſt: nachzugeben. Auf der Höhe, wo die Liebe unbedingt herrſcht, paart ſie ſich mit einer himmliſchen Verblendung der Schamhaftigkeit. Ach, wie viele Gefahren lauft ihr, ihr edlen Seelen! Oft gebt ihr eure Seele und wir nehmen den Körper. Euer Herz bleibt euch und ihr bleibt zitternd in der Finſterniß. Die Liebe kennt keinen Mittelweg; ſie ſtürzt in das Verderben oder ſie rettet. Das ganze menſch⸗ liche Geſchick liegt in dieſem Dilemma. Untergang oder Heil— kein Verhängniß ſtellt dieſes Dilemma unerbittlicher auf als die Liebe. Die Liebe iſt das Leben, wenn ſie nicht der Tod iſt. Gott wollte, daß die Liebe Coſettens zu der gehören ſollte, welche rettet. So lange der Monat Mai dieſes Jahres 1832 dauerte, gab es hier jede Nacht in dem ärmlichen, verwilderten Garten unter dem dichten Gebüſch, das jeden Tag wohl⸗ riechender und dichter wurde, zwei Weſen, die ganz aus Keuſchheit und Unſchuld beſtanden und ſich allen Entzückun⸗ gen des Himmels hingaben, die den Erzengeln näher ſtehen als den Menſchen, rein, edel, berauſcht, frendeſtrahlend, und die in der Dunlelheit hier einander erglänzen. Coſette ſchien es, als trüge Marius eine Krone, und Marius, als wäre Coſette mit einem Heiligenſchein umgeben. Sie berührten ſich, ſie ſahen ſich einander— ſie ergriffen ihre Hände, ſie drückten ſich aneinander; aber es gab eine Schranke, die ſie nie überſchritten! Nicht etwa, daß ſie derſelben achteten; ſie kannten ſie nicht. Marius fühlte eine Scheidewand, die Re ſch gen mit von ſet he au lie en ien äre rten ſie ſie ſie die 9 Reinheit Coſettens, und Coſette fühlte eine Stütze, die Recht⸗ ſchaffenheit Marius'. Der erſte Kuß war auch der letzte geweſen. Marius war ſeitdem nicht weiter gegangen, als mit ſeinen Lippen die Hand oder das Tuch oder eine Locke von dem Haar Coſettens zu ſtreifen. Coſette war für ihn ein Wohlgeruch und nicht ein Weib. Er athmete ſie ein. Sie verweigerte nichts und er verlangte nichts. Coſette war glücklich und Marius zufrieden. Sie lebten in dieſem göttlichen Zuſtande, den man die Verblendung einer Seele für eine andere Seele nennen könnte. In dieſer Stunde der Liebe, wo die Wolluſt gänzlich unter der Allmacht des Entzückens ſchwieg, wäre Marius, der reine und ſeraphiſche Marius, eher fähig geweſen, zu einem öffentlichen Mädchen zu gehen, als das Kleid Co⸗ ſettens nur bis zu ihrem Knöchel zu erheben. Einmal bei hellem Mondſchein bückte ſich Coſette, um Etwas vom Boden aufzuheben. Ihr Leibchen öffnete ſich dabei ein wenig und ließ ihren keuſchen Buſen ſehen; Marius wendete die Augen ab. Was ging zwiſchen dieſen beiden Weſen vor? Nichts. Sie beteten ſich an. Wenn ſie bei einander waren, in der Nacht, ſchien dieſer Garten ein lebendiger und heiliger Ort zu ſein. Alle Blumen öffneten rings umher ihre Kelche und ſendeten ihnen Wohlgerüche zu; ſie öffneten ihre Seelen und ergoſſen ſie in die Blumen. Die üppige und kräftige Vegetation bebte in Luſt und Trunkenheit um dieſe beiden unſchuldigen Ge⸗ ſchöpfe, und ſie ſprachen Worte der Liebe, über welche die Blumen erzitterten. Was waren dieſe Worte? Hauche. Nichts weiter. Dieſe Hauche genügten, um die Natur zu beunruhigen und aufzuregen. Man nehme dem Geflüſter der beiden Lieben⸗ den die Melodie, die aus der Seele quillt und ſie begleitet wie eine Leier, und was übrig bleibt, iſt nichts als Schatten. Wie, wird man ſagen, nichts weiter? O ja; Kindereien, 10 Wiederholungen, Gelächter um nichts, Unnützes, Kleinlich⸗ keiten, Alles, was es auf der Welt Erhabenes und Inniges giebt! Die einzigen Dinge, welche der Mühe lohnen, ge⸗ ſprochen und gehört zu werden. Der Menſch, welcher dieſe Kleinlichkeiten, dieſe Aerm⸗ lichkeiten nie vernommen, nie ausgeſprochen hat, iſt ein Ein⸗ fältiger und Boshafter. Coſette ſagte zu Marius: „Weißt Du?“ Bei alledem und bei der himmliſchen Jungfräulichkeit waren ſie dahin gekommen, ſich Du zu nennen, ohne ſelbſt zu wiſſen wie. „Weißt Du? ich heiße Euphroſine.“ „Euphroſine? O nein, Du heißt Coſette.“ „O, Coſette iſt ein ziemlich häßlicher Name, den man mir gegeben hat, als ich noch ganz klein war. Aber mein wahrer Nome iſt Euphroſine. Liebſt Du nicht den Namen Euphroſine?“ „Doch. Aber Coſette iſt nicht häßlich!“ „Liebſt Du ihn mehr wie Euphroſine?“ „Nun— ja.“ „Dann iſt er mir auch lieber. Es iſt aber wahr. Coſette, das klingt hübſch. Nenne mich Coſette.“ Und das Lächeln, welches ihre Worte begleitete, machte aus dieſem Zwiegeſpräch eine Idhlle, würdig eines Engels im Himmel. Ein andermal ſah ſie ihn feſt an und rief: „Mein Herr, Sie ſind ſchön, Sie ſind hübſch; Sie ha⸗ ben Geiſt, Sie ſind keineswegs einfältig, Sie ſind viel ge⸗ lehrter wie ich, aber ich fordere Sie doch heraus, beſſer die Worte zu ſprechen: ich liebe Dich!“ Und Marius glaubte eine Strophe von dem Geſange eines Sternes zu vernehmen. ſenf in daß veſt, luſ der Int gen ein wic nſ gen kom ſide keh ne den gen etw ihn m 11 Oder ſie verſetzte ihm einen leichten Schlag, weil er ſenfzte und ſagte dabei: „Huſten Sie nicht, mein Herr; ich will nicht, daß man in meiner Geſellſchaft ohne meine Erlaubniß huſte. Es iſt ſo häßlich zu huſten und mich zu bennruhigen. Ich will, daß Du Dich wohl befindeſt, denn wenn Du nicht wohl wä⸗ reſt, ſo würde ich darüber ſehr unglücklich ſein. Was ſollte ich dann wohl anfangen?“ Das war ganz einfach himmliſch! Einmal ſagte Marius zu Coſette: „Denke Dir, ich glaubte einmal einige Zeit, Du hießeſt Urſula.“ Darüber lachten ſie den ganzen Abend. Ein andermal rief er plötzlich mitten in dem Geplau⸗ der aus: „Ach, einmal hatte ich im Luxembourg große Luſt, einen Invaliden niederzuſchlagen!“ Aber er hielt plötzlich inne und ſprach nicht weiter. Er hätte Coſette Etwas von ihrem Strumpfband ſa⸗ gen müſſen und das war ihm unmöglich. Es lag darin eine unbekannte Berührung des Fleiſches, vor der er zurück⸗ wich, eine Art heiligen Schreckens, die ungeahnte Größe unſchuldiger Liebe. Marius dachte ſich das Leben mit Coſette ſo ohne ir⸗ gend etwas Anderes; jeden Abend nach der Rue Plumet zu kommen, die alte gefällige Eiſenſtange vom Gitter des Prä⸗ ſidenten bei Seite zu ſchieben, ſo Arm in Arm auf der Bank zu ſitzen, durch das Laubwerk der Bäume das Fun⸗ keln der beginnenden Nacht zu betrachten, mit dem Knie ſei⸗ nes Beinkleides das weite Gewand Coſettens zu berühren, den Nagel ihres Daumens zu liebkoſen, Du zu ihr zu ſa⸗ gen, nach einander an derſelben Blume zu riechen: das war etwas Unendliches. Während deſſen zogen die Wolken über ihren Köpfen dahin. So oft der Wind ſich regt, nimmt er 12 mehr Träume der Menſchen mit ſich hinweg als Wolken des Himmels. Daß dieſe keuſche, beinahe ſcheue Liebe ganz ohne Ga⸗ lanterie geweſen ſei— o nein. Der, die man liebt, Schmei⸗ cheleien zu ſagen, iſt die erſte Art der Liebkoſungen, eine halbe Kühnheit, die Verſuche macht. Eine Schmeichelei iſt ſo etwas wie ein Kuß durch einen Schleier. Die Wolluſt legt darin ihre Süßigkeit, indem ſie ſich dabei verbirgt. Vor der Wolluſt zieht das Herz ſich zurück, um deſto heißer zu lieben. Die Schmeicheleien Marius', ganz von Schwär⸗ merei geſüßigt, waren ſo zu ſagen himmelblau. Wenn die Vögel ſich in die Höhe ſchwingen, den Engeln zu, müſſen ſie ſolche Worte vernehmen. Dennoch miſchte ſich das Leben der Menſchheit, die ganze Menge des Poſitiven, deſſen Ma⸗ rius fähig war, hinein. „Ach,“ flüſterte Marius, wie ſchön Du biſt! Ich wage es nicht, Dich anzuſehen. Deshalb betrachte ich Dich. Du biſt einer Göttin gleich. Ich weiß nicht, was mir iſt. Wenn Dein Schuh unter Deinem Kleide hervorſieht, ſo werde ich ver⸗ wirrt. Und dann, welch ein himmliſcher Glanz, wenn Deine Gedanken ſich mir öffnen. Du ſprichſt zum Verwundern vernünftig. Es ſcheint mir zuweilen, als wäreſt Du ein Traum. Sprich, ich höre, ich bewundere Dich. O, Coſette, wie herrlich und reizend biſt Du? Ich bin wirklich wahn⸗ ſinnig. Sie ſind anbetungswürdig, mein Fräulein! Ich ſtudire Deine Füße mit dem Mikroskop und Deine Seele mit dem Telescop.“ Und Coſette antwortete: „Ich liebe Dich noch mehr und die ganze Zeit, die ſeit dieſem Morgen verfloſſen iſt.“ Fragen und Antworten kamen in dieſes Geſpräch, wie es eben gehen wollte, und wurden ſtets einig unter der Liebe. Die ganze Erſcheinung Coſettens war Verſchwiegenheit, gen Go fiel ihr Lie ſ de ner ein te, n⸗ ch ſeit wie der eit, 13 Ungezwungenheit, Durchſichtigkeit, Weiße, Aufrichtigkeit, Leich⸗ tigkeit. Man hätte von Coſette ſagen können, daß ſie leuch⸗ tend ſei. Auf Jeden, der ſie ſah, machte ſie den Eindruck des Mai's und des Tagesanbruchs. Es lag Thau in ihren Augen. Coſette war eine Verkörperung der Morgenröthe in der Geſtalt eines Weibes. Es war ganz einfach, daß Marius, indem er ſie anbe⸗ tete, ſie bewunderte. Die Wahrheit iſt, daß dieſe kleine Penſionairin, eben erſt aus dem Kloſter gekommen, mit Scharfſinn plauderte und oft die wahrſten und zarteſten Worte ſprach. Ihr Geſchwätz war eine ernſte Unterhaltung. Sie täuſchte ſich über nichts; ſie hatte einen richtigen Blick. Das Weib fühlt und ſpricht mit dem zärtlichen Inſtinkt des Herzens, dieſem unfehlbaren Richter. Niemand verſteht es ſo wie ein Weib, zugleich ſüße und tiefe Dinge zu ſagen. Bei dieſem ungetrübten Glücke traten ihnen jeden Au⸗ genblick Thränen in die Augen. Ein Geſchöpf des guten Gottes, das zertreten wurde, eine Feder, die aus einem Neſte fiel, ein Zweig, der zerbrach, erweckte ihr Mitleid, und ihr Entzücken, mild gepaart mit Melancholie, ſchien nichts zu verlangen als zu weinen. Das höchſte Symptom der Liebe iſt eine Rührung, die bisweilen unerträglich wird. Sie vergötterten ſich. Das Dauernde und Unwandelbare beſteht. Man liebt ſich, man lächelt ſich zu, man lacht, man ſchmollt ſich mit den Lippen; man verſchlingt die Finger der Hände, man nennt ſich Du, und das Alles hindert die Ewigkeit nicht. Zwei Liebende verbergen ſich am Abend in der Dämmerung, in der Unſichtbarkeit mit den Vögeln, den Roſen, ſie bezau⸗ bern ſich gegenſeitig in dem Schatten ihrer Herzen, die ſie in ihre Augen legen; ſie flüſtern, ſie plaudern und während deſſen erfüllen die ungeheuren Bewegungen der Sterne die Unendlichkeit. 14 IH. Die Betäubung des vollkommenen Glückes. Sie lebten betäubt durch ihr Glück. Sie bemerkten die Cholera nicht, welche Paris in eben dieſem Monate decimirte. Sie hatten ſich ſo viele vertraute Mittheilungen gemacht, wie ſie konnten, aber das ging nicht ſehr weit über die Nennung ihrer Namen hinaus. Marius hatte Coſette geſagt, daß er eine Waiſe ſei, daß er ſich Marius Pont⸗ merch nenne, daß er Advokat wäre, daß er davon lebe, für die Buchhändler zu ſchreiben, daß ſein Vater Oberſt geweſen wäre und ein Held, und daß er, Marius, ſich mit ſeinem Großvater, einem reichen Manne, entzweit hätte. Er hatte ihr auch ein wenig geſagt, daß er Baron ſei. Aber das machte gar keinen Eindruck auf Coſette. Marius, Baron? Sie verſtand ihn nicht. Sie wußte nicht, was dies Wort bedeutete. Marius war Marius. ghrerſeits hatte ſie ihm anvertraut, daß ſie im Kloſter des Klein⸗Picpus erzogen worden war, daß ihre Mutter ebenſo geſtorben wäre, wie ſeine; daß ihr Vater Herr Fauche⸗ levent heiße; daß er ſehr gut wäre, daß er den Armen viel ſchenke, daß er aber ſelbſt arm ſei und ſich Alles entzöge, ihr aber nichts. Sonderbar. Bei der Art von Symphonie, in welcher Marius lebte, ſeitdem er Coſette ſah, war die Vergangen⸗ heit, ſelbſt die nächſte, für ihn ſo verworren und fern ge⸗ worden, daß das, was Coſette ihm erzählte, ihn vollkommen befriedigte. Er dachte ſelbſt nicht einmal daran, ihr von dem nächtlichen Abenteuer in der Baracke Gor⸗ bea der Va Au was noch Ohi er Da er d llir So er tril iel Ver der meh her nich ſett lieb gon gene ſchei vac Eſt 15 beau, von den Thénardiers, von der Brandwunde und von der ſonderbaren Haltung und eigenthümlichen Flucht ihres Vaters zu erzählen. Marius hatte das Alles in manchen Augenblicken vergeſſen; er wußte ſelbſt jenen Abend nicht, was er am Morgen gemacht hatte, noch wo er frühſtückte, noch mit wem er geſprochen; ihm tönten Geſänge in den Ohren, die ihn für jeden andern Gedanken taub machten; er lebte nur in den Stunden, in welchen er Coſette ſah. Da er ſich im Himmel befand, war es ganz einfach, daß er die Erde vergaß. Beide trugen ſchmachtend das uner⸗ klärliche Gewicht der unkörperlichen Wolluſt. So leben die Somnambulen, welche man die Liebenden nennt. Ach, wer hat dergleichen nicht empfunden? Weshalb erſcheint eine Stunde, in welcher man aus dieſem Himmel tritt, und weshalb dauert das Leben danach noch fort? Liebe erſetzt beinahe das Denken. Die Liebe iſt ein völliges Vergeſſen alles Uebrigen. Man fordere keine Logik von der Leidenſchaft. Für Coſette und Marius gab es nichts mehr als Marius und Coſette. Das Weltall rings um ſie her war in den Abgrund gefallen. Es gab nichts vor, nichts hinter ihnen. Kaum dachte Marius daran, daß Co⸗ ſette einen Vater hatte. Wovon denn ſprachen ſie, dieſe Liebenden? Von Blumen, von Schwalben, von dem Unter⸗ gang der Sonne, von dem Aufgang des Mondes, von allen den gleichgültigen Dingen. Sie hatten ſich Alles geſagt, aus⸗ genommen Alles. Das Alles der Liebenden iſt Nichts. Aber der Vater, die Wirklichkeit, die Höhle, die Banditen, das Abenteuer, wozu aber? War es denn gewiß, daß dieſer Alp eriſtirt hatte? Man war zu Zweien, man betete ſich an, weiter exiſtirte nichts. Alles andere beſtand nicht. Dieſe beiden Weſen lebten mit der ganzen Unwahr⸗ ſcheinlichkeit, die in der Natur der Liebe liegt. Sie ſchliefen wachend in ihrem Entzücken. Zuweilen ſchloß Marius vor Coſette die Augen, ſo ſchön ſie auch war. Die Augen zu ſchließen iſt die beſte Art und Weiſe, die Seele zu be⸗ trachten. Marius und Coſette fragten ſich nicht, wohin ſie das führen würde. Sie glaubten ſchon am Ziele zu ſtehen. Es iſt eine ſonderbare Anmaßung der Menſchen, zu verlangen, daß die Liebe Argwohn fühlt! III. Anfang der Dunkelheit. Jean Valjean ahnete nichts. Coſette, die etwas weniger träumeriſch war wie Mn⸗ rius, zeigte ſich heiter, und das genügte Jean Valjean, um glücklich zu ſein. Die Gedanken, welche Coſette hegte, ihre zärtlichen Geſinnungen, das Bild Marius', welches ihre Seele erfüllte, raubte der unvergleichlichen Reinheit ihrer ſchönen keuſchen und ſtets lächelnden Stirn nichts. Sie ſtand in dem Alter, in welchem die Jungfrau ihre Liebe trägt, wie der Engel ſeine Lilie. Jean Valjean war daher ruhig. Und wenn zwei Liebende ſich verſtehen, ſo geht Alles gut. Der Dritte, welcher ihre Liebe trüben könnte, wird durch eine Menge kleiner Vorſichtsmaßregeln, welche immer bei allen Liebenden gleich ſind, in vollkommener Blindheit erhalten. So hatte Coſette nie einen Widerſpruch gegen Jean Valjean. Wollen wir ſpazieren gehen? Ja, mein ſcho m be⸗ e das E ngen, Ma⸗ „um ihre ihre ihrer Sie Liebe daher Alles wird immer ndheit gegen mein 17 Väterchen! Wollte er zu Hauſe bleiben? Ganz gut! Wollte er den Abend bei Coſette zubringen, war ſie entzückt darüber! Da er bis um zehn Uhr Abends blieb, kum Ma⸗ rius dann erſt nach dieſer Stunde in den Garten, wenn er von der Straße aus Coſette die Hausthür neben der Treppe öffnen hörte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß man Marius am Tage nie ſah. Jean Valjean dachte ſelbſt nicht einmal mehr daran, daß Marius nur exiſtirte. Nur einmal eines Morgens ge⸗ ſchah es, daß er zu Coſette ſagte:„Ei, wie weiß Du auf dem Rücken biſt!“ Am Abend zuvor hatte Marius in ſeinem Entzücken Coſette gegen die Mauer gedrückt. Die alte Touſſaint, welche früh zu Bett ging, dachte nur noch daran, zu ſchlafen, ſobald ihre Geſchäfte beendigt waren, und ihr war ebenſo Alles unbekannt wie Jean Valjean. Nie ſetzte Marius einen Fuß in das Haus. Wenn er bei Coſette war, verbargen ſie ſich in einer Vertiefung, nahe der Treppe, ohne von der Straße aus weder geſehen noch gehört werden zu können, und ſetzten ſich hier neben ein⸗ ander nieder, oft ſich damit begnügend, ſtatt aller Unter⸗ haltung ſich zwanzig Mal in der Minute die Hände zu drücken, indem ſie durch die Zweige der Bäume blickten. Wenn in ſolchen Augenblicken der Blitz dreißig Schritt von ihnen entfernt in die Erde gefahren wäre, ſo würden ſie es nicht bemerkt haben, ſo ſehr vertiefte die Träumerei des Einen ſich in die Träumerei des Andern. Der ganze Garten lag zwiſchen ihnen und der Straße. So oft Marius kam und ging, befeſtigte er ſorgfältig wie⸗ der die Eiſenſtange des Gitters, ſo daß keine Störung ſicht⸗ bar blieb. Er entfernte ſich gewöhnlich gegen Mitternacht und kehrte dann zu Courfeyrac zurück. Dieſer ſagte zu Bahorel: Die Elenden. VIII. 2 18 „Sollteſt Du es wohl glauben? Marius kommt jetzt erſt um ein Uhr Morgens nach Hauſe.“ Bahorel antwortete:„Was willſt Du? In einem Se⸗ minariſten liegt immer ein Nachtſchwärmer verborgen.“ Zuweilen kreuzte Courfeyrac die Arme über der Bruſt, nahm ein ernſtes Weſen an und ſagte zu Marius: „Sie werden unordentlich, junger Mann!“ Courfeyrac, der ein praktiſcher Menſch war, nahm den Wiederſchein eines unſichtbaren Paradieſes auf Marius' Ge⸗ ſicht nicht gut auf; er hatte wenig Bekanntſchaft mit unausge⸗ ſprochenen Leidenſchaften, er wurde darüber ungeduldig und forderte Marius öfter auf, zur Wirklichkeit zurückzukehren. Eines Morgens ermahnte er ihn auf folgende Weiſe: „Mein Lieber, Du machſt auf mich den Eindruck, als wäreſt Du im Monde, dem Königreich des Traumes, der Provinz der Illuſion, der Hauptſtadt Seifenblaſe. Nun ſo ſei ein guter Junge, wie heißt ſie?“ Nichts konnte Marius bewegen, zu ſprechen. Man hätte ihm eher die Nägel herausreißen können, als eine der drei Sylben, aus denen der unausſprechliche Name beſtand: Coſette. Die wahre Liebe iſt hellſtrahlend wie die Morgenröthe und verſchwiegen wie das Grab. Nur war für Courfeyrac bei Marius das anders, daß ſeine Schweigſamkeit jetzt ſich freudeſtrahlend zeigte. Während dieſes ſüßen Maimonats lernten Marius und Coſette das unendliche Glück kennen, ſich zu entzweien und ſich Sie zu nennen, nur um dann deſto beſſer wieder Du zu einander ſagen zu können. Coſette von Putz ſprechen zu hören;— Marius von Politik ſprechen zu hören;— Knie an Knie gelegt das Rollen der Wagen in der Rue Babylone zu vernehmen; in de ere liden ſinken biege . Er ſeitd ſie ſ Gedi barke Glie RKn wen lom erfa ſm ſent ande nine er dieſ ſih jett Se⸗ tuſt, den Ge⸗ ge⸗ und ren. als der dun Nan der nd: öthe rae ſich und und Du der 19 Denſelben Stern am Himmel oder denſelben Leuchtkäfer in demſelben Graſe zu betrachten; Mit einander zu ſchweigen,— das war ein noch grö⸗ ßeres Entzücken, als mit einander zu plaudern. Marius nahte ſich verſchiedenen Verwickelungen. Eines Abends, als er über den Boulevard der Inva⸗ liden zum Rendez⸗vous ging, wobei er gewöhnlich den Kopf ſinken ließ, hörte er, als er um die Ecke der Rue Plumet biegen wollte, dicht neben ſich ſagen: „Guten Abend, Herr Marius.“ Er erhob den Kopf und erkannte Eponine. Dieſe machte auf ihn einen eigenthümlichen Eindruck. Er hatte an dieſes Mädchen nicht ein einziges Mal gedacht, ſeitdem ſie ihn nach der Rue Plumet gebracht hatte; er ſah ſie ſeitdem nicht wieder und ſie war ihm gänzlich aus dem Gedächtniß verſchwunden. Er hatte nur Grund zur Dank⸗ barkeit für ſie, denn er verdankte ihr ſein gegenwärtiges Glück, und dennoch war es ihm unangenehm, ihr zu be⸗ gegnen. Es iſt ein Irrthum, zu glauben, daß die Leidenſchaft, wenn ſie glücklich und rein iſt, den Menſchen zu einem voll⸗ kommeneren Zuſtand führt. Sie bringt ihn nur, wie wir erfahren haben, zu einem Zuſtand des Vergeſſens. In die⸗ ſem Zuſtande vergißt der Menſch, ſchlecht zu ſein, und eben⸗ ſo auch, gut zu ſein. Die Dankbarkeit, die Pflicht, die we⸗ ſentlichen und läſtigen Erinnerungen verſchwinden. Zu jeder anderen Zeit würde Marius ſich ganz anders gegen Epo⸗ nine gezeigt haben. Durch Coſette allein beſchäftigt, hatte er ſich nicht einmal deutlich davon Rechenſchaft gegeben, daß dieſe Eponine Eponine Thénardier hieß und einen Namen führte, der in das Teſtament ſeines Vaters geſchrieben war, eben jenen Namen, für den er ſich einige Monate zuvor ſo gern geopfert haben würde. Wir zeichnen Marius ſo, wie —— ——— 2—— 20 er war. In dem Lichte ſeiner Liebe verſchwand ſelbſt ſein Vater ein wenig aus ſeiner Seele. Er antwortete mit einiger Verlegenheit: „Ha! Sie ſind es, Eponine?“ „Weshalb nennen Sie mich Sied Habe ich Ihnen Etwas zu Leide gethan?“ „Nein,“ antwortete er. Er hatte ſicher nichts gegen ſie. Weit entfernt. Nur fühlte er, daß es ihm nicht möglich ſei, ſie jetzt, wo er Du zu Coſette ſagte, zu Eponine anders als Sie zu ſagen. Da er ſchwieg, rief ſie aus: „Sagen Sie doch—“ Dann hielt ſie inne Es ſchien, als ob dieſer ehedem ſo ſorgloſen und ſo kecken Perſon die Worte mangelten. Sie verſuchte zu lächeln und vermochte es nicht. Sie fuhr fort: „Nun alſo!“ Dann ſchwieg ſie wieder und blieb mit geſenktem Blicke ſtehen. „Guten Abend, Herr Marius,“ ſagte ſie darauf plötz⸗ lich und entfernte ſich. . C Tage, Zeit nen rins zubor, zen, bemer wor z omd, uh met f ſch b leran nen ſuc ſah i Gart luch ſchbe ein en em ten. ihr cke 21 IV. Cab grollt im Engliſchen und bellt im Fran⸗ zöſiſchen. Am nächſten Tage, am dritten Juni 1832, an dem Tage, den man wegen der wichtigen Ereigniſſe, die um dieſe Zeit an dem Horizonte von Paris gleich dichten überlade⸗ nen Wolken ſchwebten, genauer bezeichnen muß, folgte Ma⸗ rius mit Anbruch der Nacht demſelben Wege, wie am Tage zuvor, und mit denſelben Gefühlen des Entzückens im Her⸗ zen, als er zwiſchen den Bäumen des Boulevard Eponine bemerkte, die auf ihn zukam. Zwei Tage hintereinander, das war zu viel. Er wendete ſich raſch ab, verließ den Boule⸗ vard, änderte den Weg und ging durch die Rue Monſieur nach der Rue Plumet. So kam es, daß Eponine ihm bis nach der Rue Plu⸗ met folgte, was ſie bisher noch nie gethan hatte. Sie hatte ſich bis dahin begnügt, ihn auf ſeinem Wege über den Bou⸗ levard zu bemerken, ohne nur zu verſuchen, ihm zu begeg⸗ nen. Blos am vorhergehenden Tage trachtete ſie ihn zu ſprechen. Eponine folgte ihm daher, ohne daß er es ahnte. Sie ſah ihn den Stab des Gitters zurückſchieben und in den Garten ſchlüpfen. „Ei,“ ſagte ſie,„er geht in das Haus!“ Sie ging zu dem Gitter, betaſtete eine der Eiſenſtangen nach der anderen und fand ſo leicht die, welche Marius ver⸗ ſchoben hatte. 22 Mit finſterem Tone murmelte ſie vor ſich hin:„Nichts davon, Liſette!“ Sie ſetzte ſich auf die Unterlage des Gitters, dicht ne⸗ ben die Eiſenſtange, als wollte ſie dieſe bewachen. Es war der Punkt, an welchem das Gitter die anſtoßende Mauer berührte. Eponine verſchwand hier ganz in einer dunkeln Ecke. So blieb ſie über eine Stunde ſitzen, beinahe ohne Athem zu holen, eine Beute ihrer Gedanken. Gegen zehn Uhr Abends hörte einer der zwei oder drei Leute, welche durch die Rue Plumet gingen, ein alter Mann, der ſich verſpätet hatte und machte, daß er dieſen öden und berüchtigten Ort verließ, indem er an dem Gitter des Gartens hinging und zu der Ecke gelangt war, die das Gitter mit der Mauer bildete, eine dumpfe und drohende Stimme, welche ſagte: „Ich wundre mich jetzt nicht mehr, daß er alle Abend hergeht!“ Der Wanderer ließ die Augen umherſchweifen, ſah Nie⸗ mand, wagte es nicht, um die ſchwarze Ecke zu blicken und fürchtete ſich gewaltig. Er verdoppelte ſeine Schritte. Der Vorübergehende hatte Urſache, ſich zu beeilen, denn wenige Augenblicke darauf betraten ſechs Männer, getrennt, in geringer Entfernung hinter einander hergehend, längs den Mauern ſchleichend, ſo daß man ſie für eine graue Pa⸗ trouille hätte halten können, die Rue Plumet. Der Erſte, der zu dem Gitter des Gartens kam, blieb ſtehen und erwartete die Anderen; eine Sekunde darauf wa⸗ ren alle Sechs beiſammen. Die Menſchen ſprachen mit leiſer Stimme. „Hierorts iſt es,“ ſagte Einer. „Iſt ein Cab*) im Garten?“ fragte ein Anderer. *) Hund. ( M hoben? „ rednerſ 6 „Dann nicht T nterſt ſaßte daran ben! Dun und e indem wart uiſh heun kend. gen fallen rei en des s de ie⸗ d nn nt, den za⸗ ieb va⸗ 23 „Ich weiß nicht. Jedenfalls habe ich einen Kuchen ge⸗ hoben*), den wir ihm zu ſchlucken**) geben werden.“ „Haſt Du Kitt, um das Glas zu trenſen***) 7“ „Ja.“ „Das Gitter iſt alt,“ ſagte ein Fünſter, der eine Bauch⸗ rednerſtimme hatte. „Deſto beſſer,“ bemerkte der Zweite, der ſchon ſprach. „Dann wird ſie unter dem Tanzf†) nicht kribbeln ††) und nicht ſo ſchwer zu mähen †f) ſeien.“ Der Sechſte, der den Mund noch nicht geöffnet hatte, unterſuchte das Gitter, wie Eponine eine Stunde zuvor, um⸗ faßte nach einander jeden Eiſenſtab und rüttelte vorſichtig daran. So kam er zu der Stange, welche Marius verſcho⸗ ben hatte. Als er auch dieſe erfaſſen wollte, fuhr ans der Dunkelheit plötzlich eine Hand, die ſich auf ſeinen Arm legte, und er fühlte ſich mitten auf der Bruſt heftig zurückgeſtoßen, indem eine heiſere Stimme ihm ohne zu ſchreien ſagte: „Es iſt hier ein Cab.“ Zugleich erblickte er ein bleiches Mädchen vor ſich. Der Menſch erbebte, wie dies jederzeit bei einer uner⸗ warteten Begegnung der Fall iſt. Er ſträubte ſich auf eine abſchreckende Weiſe; dies iſt ſo furchtbar anzuſehen, wie beunruhigte wilde Thiere; ihr Schreck wirkt ſelbſt erſchrek⸗ kend. Er wich zurück und ſtammelte:„Wer iſt die Vettel?“ „Eure Tochter.“ *) Mitgebracht. **) Zu freſſen. ***) Eine Scheibe mittelſt eines Pflaſters eindrücken, welches ge⸗ gen die Scheibe geklebt wird und die Glasſcheibe verhindert, herabzu⸗ fallen und Lärm zu machen. 7) Die Feile. †3†) Kreiſchen. ††) Durchſchneiden. 24 Es war in der That Eponine, welche zu Thénardier ſprach. Bei dem Erſcheinen Eponinens die fünf An⸗ deren, das heißt Claqueſous, Gueulemer, Babet, Montpar⸗ naſſe und Brujon geräuſchlos und langſam genähert, ohne ein Wort zu ſprechen, mit jener finſtern Langſamkeit, welche den Männern der Nacht eigen iſt. Man erblickte in ihren Händen garſtige Geräthſchaften. Gueulemer hielt eine jener gebogenen Zangen, welche die Herumſtreicher Fanchons nennen. „Was machſt Du hier? Was willſt Du von uns? Biſt Du verrückt?“ ſchrie Thénardier, ſo viel man zu ſchreien vermag, indem man leiſe ſpricht.„Weshalb hinderſt Du uns an der Arbeit?“ Eponine lachte und fiel ihm um den Hals. „Ich bin hier, mein lieber Vater,“ ſagte ſie, weil ich hier bin. Iſt es jetzt etwa nicht erlaubt, ſich auf die Steine zu ſetzen. Ihr ſeid es, die ihr nicht hier ſein ſolltet. Was wollt Ihr hier, da es ein Biscuit iſt? Ich hatte das der Magnon geſagt. Hier iſt nichts zu thun. Aber küſſe mich doch, mein guter lieber Vater! Wie lange habe ich Euch nicht geſehen! Ihr ſeid wieder heraus?“ Theénardier verſuchte ſich aus den Armen Eponinens frei zu machen und brummte:„Es iſt gut, Du haſt mich umarmt. Ja, ich bin heraus, ich bin nicht mehr darin. Nun geh!“ Aber Eponine ließ ihre Beute nicht los und verdop⸗ pelte ihre Liebkoſungen. „Mein guter lieber Vater, wie habt Ihr denn das ge⸗ macht? Ihr müßt viel Verſtand haben, daß Ihr Euch da herausgezogen habt. Erzählt mir das doch! Und meine Mutter? Wo iſt meine Mutter? Sagt mir doch Etwas von Mama.“ Thénardier antwortete: „ ſage D ( Schnoll obgleich jett kau Si „6 „ hommen ier An⸗ r⸗ ne he k en. ien — Du ich ne 25 „Es geht ihr gut. Ich weiß nicht. Laß mich. Ich ſage Dir, geh.“ „Ich will gerade nicht gehen,“ ſagte Eponine mit dem Schmollen eines verzogenen Kindes.„Ihr ſchickt mich fort, obgleich ich Euch ſeit vier Monaten nicht geſehen habe und jetzt kaum ſo viel Zeit hatte, Euch zu umarmen. Sie umhalſte ihren Vater auf's Neue. „Ei was, das iſt einfältig!“ ſagte Babet. „Raſch!“ rief Gueulemer.„Die Mitſpieler können kommen.“ Die Bauchrednerſtimme ſeandirte die Verſe: Wir haben nicht den Neujahrstag, Papa, Mama zu grüßen. Eponine wendete ſich gegen die fünf Banditen. „Ei,“ ſagte ſie,„das iſt Herr Brujon. Guten Tag, Herr Babet. Guten Tag, Herr Claqueſous.— Erkennen Sie mich nicht, Herr Gueulemer?— Wie geht es, Herr Montparnaſſe?“ „Doch man erkennt Dich!“ ſagte Thénardier.„Aber guten Tag, guten Abend und fort! Laß uns in Ruh!“ „Es iſt die Stunde des Fuchſes und nicht der Hühner.“ ſagte Montparnaſſe. „Du ſiehſt wohl, daß wir hier zu maſſematten haben*), fügte Babet hinzu. Eponine ergriff Montparnaſſe bei der Hand. „Sieh Dich vor!“ ſagte er,„Du wirſt Dich ſchneiden. Ich habe ein offenes Handling.**)“ „Mein lieber Montparnaſſe,“ erwiderte Eponine ſehr ſanft,„man muß Vertrauen zu den Leuten haben. Ich bin vielleicht die Tochter meines Vaters. Herr Babet, Herr *) Arbeiten. **) Meſſer. 26 Gueulemer, ich bin es, die man damit beauftragte, die Sache aufzuklären.“ Es iſt bemerkenswerth, daß Eponine nicht die Diebes⸗ ſprache redete. Seitdem ſie Marius kannte, war dieſe ent⸗ ſetzliche Sprache ihr unmöglich geworden. Sie drückte mit ihrer kleinen knochigen und ſchwachen Hand, wie die Hand eines Scelett's, die großen derben Fin⸗ ger Gueulemer's und fuhr fort: „Sie wiſſen wohl, daß ich nicht albern bin. Für ge⸗ wöhnlich glaubt man mir. Ich habe Ihnen bei Gelegenheit Dienſte geleiſtet. Nun wohl, ich zog Erkundigungen ein und Sie würden ſich nutzlos blosſtellen, ſehen Sie wohl; ich ſchwöre es Ihnen, daß in dieſem Hauſe nichts zu machen iſt.“ „Es ſind Weiber allein darin.“ „Nein, die Leute ſind ausgezogen.“ „Die Lichte ſind es aber nicht!“ bemerkte Babet. Und er zeigte Eponine durch die Wipfel der Bäume ein Licht, das in dem Dachzimmer des Pavillons hin und her ging. Touſſaint, welche gewacht hatte, um die Wäſche zum Trocknen aufzuhängen. Eponine machte einen letzten Verſuch. „Nun wohl,“ ſagte ſie,„es ſind ganz arme Leute, und eine Baracke, in der kein Sou zu finden iſt.“ „Geh zum Teufel!“ ſchrie Thénardier.„Wenn ich das Haus umgekehrt habe, den Keller nach oben und das Dach nach unten gebracht, dann werden wir Dir ſagen, was darin iſt, ob Kugeln oder Räder ohne Niete*)“ und er ſtieß ſie von ſich um vorbeizugehen. „Mein guter Freund Herr Montparnaſſe,“ ſagte Cponine,„Sie, der Sie ein guter Junge ſind, bitte ich gehen Sie nicht hinein.“ *) Francs, Sous oder Liards. — „S Montpa The „Be betreiben Cye etgriffen „ „6 Si bot den die M ſagte G licherte ich. Ihr wece und r Vrjo ie s⸗ t⸗ ne che nd 6 ach 06 gte ch 27 „Sieh Dich vor, Du wirſt Dich ſchneiden!“ erwiderte Montparnaſſe. Thenardier ſagte mit einem entſchiedenen Tone: „Verſchwinde Fee, und laß die Männer ihre Geſchäfte betreiben!“ Eponine ließ die Hand Montparnaſſe's, die ſie wieder ergriffen hatte, los und ſagte: „Ihr wollt alſo in das Haus eindringen?“ „Ein wenig,“ erwiderte der Bauchredner kichernd. Sie ſtützte ſich nun mit dem Rücken gegen ders Gitter, bot den ſechs bis an die Zehen bewaffneten Banditen, denen die Nacht Geſichter von Dämonen verlieh, die Stirn und ſagte mit feſter und leiſer Stimme: „Nun gut; ich will es nicht.“ Ganz verdutzt blieben ſie ſtehen. Der Bauchredner kicherte fort. Sie ſagte: „Freunde, hört mich an! das iſt nichts. Jetzt ſpreche ich. Zunächſt wenn Ihr in den Garten eindringt, wenn Ihr dies Gitter berührt, ſo ſchreie ich, belle an den Thüren, wecke alle Welt auf und laſſe Euch alle ſechs feſtnehmen und rufe die Stadtſergeanten.“ „Sie würde das thun,“ ſagte Theénardier leiſe zu Brujon und dem Bauchredner. Sie warf den Kopf zurück und fügte hinzu: „Angefangen mit meinem Vater!“ Thénardier näherte ſich ihr. „Nicht ſo nahe, guter Alter!“ ſagte ſie. Er wich zurück, indem er zwiſchen den Zähnen brummte: „Aber was hat ſie denn?“ Dann fügte er hinzu: „Hündin!“ Sie lachte auf eine furchtbare Weiſe und ſagte: „Wie Ihr wollt. Aber Ihr kommt nicht hinein. Ich bin nicht die Tochter eines Hundes, denn ich bin die Tochter 28 eines Wolfes. Ihr ſeid Eurer Sechs. Was kümmert mich das? Ihr ſeid Männer. Nun gut, ich bin ein Weib. Ihr flößt mir keine Furcht ein. Ich ſage Euch, daß Ihr nicht in dies Haus hineindringen ſollt, weil es mir nicht gefällig iſt. Kommt Ihr näher, ſo belle ich. Ich ſagte es Euch ſchon, der Cab, das bin ich. Ich kümmere mich nicht um Euch. Geht Eures Weges; Ihr langweilt mich. Geht wohin Ihr wollt, aber kehrt hierher nicht zurück, das ver⸗ biete ich Euch! Ihr habt Meſſer, ich habe Schlorren. Mir gleich. Kommt doch heran!“ Sie that einen Schritt gegen die Banditen vor, ſah entſetzlich aus und ſagte dann lachend: „Pardien! ich fürchte mich nicht. Dieſen Sommer werde ich hungern, dieſen Winter werde ich frieren. Sind das Narren; dieſe Dummköpfe von Männern! Sie denken, ſie könnten einem Mädchen Furcht einflößen! Furcht! vor was denn? Ach ja, recht ſchön! Weil Ihr Püppchen von Geliebten habt, die unter das Bett kriechen, wenn Ihr laut ſprecht, nicht wahr? SZch fürchte mich vor nichts!“ Sie richtete auf Thenardier ihren ſtarren Blick und ſagte: „Selbſt nicht vor Euch, mein Vater.“ Dann fuhr ſie fort, indem ſie ihre blutunterlaufenen geſpenſterhaften Angen über die Banditen gleiten ließ: „Was kümmert es mich, wenn man mich morgen auf dem Pflaſter der Rue Plumet aufhebt, getödtet durch die Meſſerſtiche meines Vaters? Oder ob man mich in einem Jahre in den Netzen von Saint⸗Cloud oder bei der Schwa⸗ neninſel mitten unter den verfaulten Stöpſeln und ertränkten Hunden findet?“ Sie mußte ſich unterbrechen; ein trockener Huſten ergriff ſie; ihr Athem rang röchelnd aus ihrer ſchmalen ſchwachen Bruſt. Nach einer kurzen Pauſe fuhr ſie fort: u Ihr ſeid Lhe „Ni Er! „Nu nicht ſo! der, zu Aben ſor Deinen „ V „ No Stitma in die den ßu el ſeh ſicht un und Ciz über v netden, ſich h S ſchle Mtüe mich Ihr nicht ilig uch eht ver⸗ Mir mer ind Sie ht! en hr und en uf ie m ten en —— 29 „Ich brauche nur zu ſchreien, ſo kommt man, Patatras. Ihr ſeid Euer Sechs. Ich bin die ganze Welt.“ Thénardier macht eine Bewegung gegen ſie hin. „Nicht näher!“ rief ſie. Er blieb ſtehen und ſagte ſanft: „Nun gut, nein, ich komme nicht näher. Aber ſprich nicht ſo laut. Meine Tochter, Du willſt uns alſo verhin⸗ dern, zu arbeiten? Wir müſſen aber gleichwohl für unſer Leben ſorgen. Haſt Du denn keine Freundſchaft mehr für Deinen Vater?“ „Ihr langweilt mich,“ ſagte Eponine. „Wir müſſen aber doch leben, wir müſſen eſſen.“ „Crepirt!“ Nachdem ſie dies geſagt hatte, ſetzte ſie ſich auf die Stützmauer des Gitters nieder und trällerte: Mein Arm ſo rund, Mein Fuß ſo fein— Soll da die Zeit verloren ſein? Sie hatte den Ellenbogen auf die Knie und das Kinn in die Hand geſtützt und ſchaukelte mit gleichgültigem Weſen den Fuß. Ihr durchlöchertes Kleid ließ ihre mageren Knö⸗ chel ſehen. Die nächſte Straßenlaterne beleuchtete ihr Ge⸗ ſicht und ihre Haltung. Man konnte nichts Entſchloſſeneres und Eigenthümlicheres ſehen. Die ſechs Schelme, welche ſprachlos und mürriſch dar⸗ über waren, durch ein Mädchen in Schach gehalten zu werden, traten unter den Schatten der Laterne und beriethen ſich achſelzuckend, gedemüthigt und wüthend mit einander. Sie blickte mit friedlichem, aber wildem Weſen auf ſie. „Sie hat Etwas,“ ſagte Babet.„Einen Grund. Iſt ſie verliebt in den Cab? Es iſt aber doch ſchade, das zu verfehlen. Zwei Weiber, ein Alter, der in dem Hinter⸗ gebäude wohnt, und nicht ſchlechte Vorhänge an den Fenſtern. 30 Der Alte muß ein Kaim*) ſein. Ich halte das Geſchäft für gut. „Nun gut, ſo geht hinein, Ihr Andern!“ rief Mont⸗ parnaſſe.„Thut Eure Arbeit. Ich bleibe hier bei dem Mädchen und wenn ſie ſich rührt—“ Er ließ in dem Schein der Laterne das Meſſer blitzen, das er offen in dem Aermel trug. Theénardier ſagte kein Wort; er ſchien bereit zu dem, was man wollte. Brujon, der ein wenig Orakel war und der, wie man weiß, das Geſchäft vermittelte, hatte noch nicht geſprochen. Er ſchien nachzudenken. Er galt dafür, vor nichts zurück⸗ zuweichen und man wußte, daß er bloß aus Großprahlerei einen Poſten in der Stadt geplündert hatte. Außerdem machte er Verſe und Lieder und das verlieh ihm eine große Autoritãt. „Du ſagſt nichts, Brujon?“ Brujon blieb noch einen Augenblick ſtill, bewegte dann den Kopf mehrmals auf verſchiedene Weiſe und entſchloß ſich endlich, die Stimme zu erheben: „Hört. Ich habe dieſen Morgen zwei Sperlinge ge⸗ ſehen, die ſich biſſen; dieſen Abend ſtieß ich an ein Weib, das ſich zankte. Das ſind üble Vorzeichen. Gehen wir davon.“ Und ſie gingen. Während ſie ſich entfernten, murmelte Montparnaſſe: „Gleichviel; hätte man gewollt, ſo würde ich ihr den Zinken geſtochen haben.“ Babet entgegnete: „Ich nicht. Ich taſte keine Dame an.“ An der Ecke der Straße blieben ſie ſtehen und führten mit leiſer Stimme das folgende räthſelhafte Geſpräch: *) Ein Jude. „L „ narier? „Fe Ghe den Wer ſund m ihnen ne trennten kelheit r ſchienen N Plumet ſicht Dandit bei Co 1 tit ont⸗ dem tzen, dem, man hen. rück⸗ lerei dem roße ann hloß e ge⸗ eib, wir den hrlen 31 „Wo ſchlafen wir heute Abend?“ „Unter Pantin*).“ „Haſt Du den Schlüſſel zum Gitter bei Dir, Thé⸗ nardier?“ „Pardi.“ Eponine, welche ſie nicht aus den Augen ließ, ſah ſie den Weg einſchlagen, auf dem ſie gekommen waren. Sie ſtand auf und ſchlich an den Mauern und Häuſern hin, ihnen nach. So folgte ſie ihnen bis zum Boulevard. Hier trennten ſie ſich und ſie ſah die ſechs Männer in der Dun⸗ kelheit verſchwinden, in der ſie auseinander zu fließen ſchienen. Nach der Entfernung der Banditen nahm die Rue Plumet ihr ruhiges nächtliches Ausſehen wieder an. V Marius giebt Coſette ſeine Adreſſe. Während dieſe Art von Hündin mit menſchlichem Ge⸗ ſicht an dem Gitter des Gartens Wache hielt und die ſechs Banditen vor dem Mädchen Reißaus nahmen, war Marius bei Coſette. *) Pantin, Paris. 32 Nie war der Himmel ſchöner geweſen, die Bäume rauſchender, der Duft der Pflanzen durchdringender, niemals waren die Vögel in dem Laubwerk mit ſüßerem Gezwitſcher eingeſchlafen; niemals hatten dieſe Harmonien des Weltalls den inneren Klängen der Liebe mehr entſprochen, nie war Marius verliebter, glücklicher, entzückter geweſen. Aber er hatte Coſette traurig gefunden. Coſette hatte geweint. Ihre Augen waren roth. Das war die erſte Wolke in dieſem herrlichen Traume. Das erſte Wort, welches Marius ſprach, lautete: „Was iſt das?“ Sie antwortete: „Höre.“ Tann ſetzte ſie ſich auf die Bank neben der Freitreppe und während er zitternd an ihrer Seite Platz nahm, fuhr ſie fort: „Mein Vater hat mir dieſen Morgen geſagt, ich ſollte mich bereit halten. Er hätte Geſchäfte und wir würden fortreiſen.“ Marius erbebte vom Kopf bis zu den Füßen. Wenn man am Ende des Lebens ſteht, ſo heißt ſterben, reiſen; wenn man am Anfange ſich befindet, heißt reiſen, ſterben. Seit ſechs Wochen nahm Marius nach und nach lang⸗ ſam und ſtufenweiſe jeden Tag mehr Beſitz von Coſette; einen ganz idealen, aber innigen Beſitz. Wie wir bereits erklärten, erfaßt man in der erſten Liebe die Seele lange vor dem Körper. Später nimmt man den Körper lange vor der Seele; zuweilen ergreift man auch die Seele gar nicht. Die Faublas und die Prudhomme's fügen hinzu: weil es keine giebt; aber Spott iſt für das Glück eine Gottes⸗ läſterung. Marius beſaß alſo Coſette, wie die Geiſter beſitzen; aber er umſchloß ſie mit ſeiner ganzen Seele und erfaßte ſie mit ſoß ihr Strahle er ihr ule ihr ohne bo heſaß a wunder Handſt Dinge, gehörte ſeines ésſt ſchmo htten meine die V dich von 6 Theil ſih in di „wir rauhe nicht wir e ii Han ſthen me her l6 ar re me. poe hr lite den hen, en, ng⸗ tte; eits nge nge gor weil les⸗ zen aßte 33 ſie mit unglaublicher Ueberzeugung voll Eiferſucht. Er be⸗ ſaß ihr Lächeln, ihren Athem, ihren Wohlgeruch, das tiefe Strahlen ihrer blauen Augen, die Weichheit ihrer Haut, wenn er ihre Hand berührte, das reizende Mal an ihrem Halſe, alle ihre Gedanken. Sie hatten verabredet, nie zu ſchlafen, ohne von einander zu träumen und hielten ſich Wort. Er beſaß auch alle Träume Coſettens. Er betrachtete und be⸗ wunderte die Dinge, die ſie trug; ihre Bandſchleife, ihre Handſchuhe, ihre Manſchetten, ihre Stiefelchen, die heiligen Dinge, deren Herr er war. Sie ſelbſt und Alles von ihr gehörte ihm. Neben Coſette fühlte er ſich an der Seite ſeines Gutes, wie der Herr an der Seite ſeines Sclaven. Es ſchien, als hätten ſie ihre Seelen mit einander ver⸗ ſchmolzen, daß ſie ſie nicht wieder erkannt haben würden, hätten ſie ſie von einander trennen wollen.— Dies iſt meine Seele.— Nein, es iſt die meine.— Ich gebe Dir die Verſicherung, daß Du Dich irrſt.— Was Du für Dich hälſt, bin ich.— Marius war Etwas, das einen Theil von Coſette bildete, und Coſette war Etwas, das einen Theil von Marius ausmachte. Marius fühlte Coſette in ſich leben. Mitten in dieſem Glauben, in dieſem Rauſche, in dieſem jungfräulichen Beſitze trafen nun die Worte: „wir werden reiſen“ wie ein Donnerſchlag, und die barſche, rauhe Stimme, die erklang, rief ihm zu: Coſette iſt nicht Dein. Marius erwachte. Seit ſechs Wochen lebte er, wie wir erwähnten, außerhalb des Lebens; das Wort: reiſen! rief ihn hart in das Leben zurück. Er fand kein Wort. Coſette fühlte nur, daß ſeine Hand ſehr kalt wurde. Zetzt ſagte ſie zu ihm: „Was haſt Du?“ Er anwortete ſehr leiſe, daß Coſette ihm kaum ver⸗ ſtehen konnte. „Ich verſtehe nicht, was Du geſagt haſt.“ Die Elenden. vIII. 3 — 34 Sie entgegnete:„dieſen Morgen ſagte mein Vater, daß ich alle meine kleinen Dinge in Stand ſetzen und mich be⸗ reit halten ſollte. Daß er eine Reiſe machen müßte und daß wir ſie antreten würden. Daß ein großer Koffer für mich und ein kleiner für ihn erforderlich wäre; daß Alles binnen hier und einer Woche bereit ſein müßte und daß wir vielleicht nach England gehen würden!“ „Das iſt ja abſcheulich!“ rief Marius. Es iſt gewiß, daß in dieſem Augenblick nach Marius Anſicht keine Gewaltthat der Grauſamkeit gleichkam, daß Herr Fauchelevent ſeine Tochter mit ſich nach England nehmen wollte, weil er dort Geſchäfte hatte. Er fragte mit matter Stimme: „Und wann wirſt Du reiſen?“ „Er hat nicht geſagt wann.“ „Und wann kehrſt Du zurück?“ „Er hat das nicht geſagt.“ Marius ſtand auf und ſagte kalt: „Coſette, wirſt Du gehen?“ Coſette wendete ihre ſchönen von Angſt erfüllten Augen auf ihn und antwortete mit einer Art von Irrſinn: „Wohin?“ „Nach England? Werden Sie gehen? „Weshalb ſagſt Du Sie zu mir?“ „Ich frage, ob Sie gehen werden?“ „Was ſoll ich denn thun?“ ſagte ſie, indem ſie die Hände faltete. „Alſo werden Sie gehen?“ „Aber wenn mein Vater hingeht.“ „Alſo werden Sie gehen?“ Coſette ergriff Marius Hand und drückte ſie, ohne zu antworten. „Es iſt gut,“ ſagte Marius.„Dann gehe ich ander⸗ wärts hin.“ C ſie ih ſeliſt i „ V Hinme 9 „. A zulüche T Schim Einja hin! Virlli nöthi bin ſchul Aber iſt e iſt ge fil j mehr Clen Den eine nicht Arm und ⸗ nd ür 6 16 d en ie 35 Coſette fühlte den Sinn dieſer Worte noch mehr als ſie ihn verſtand. Sie erblaßte ſo ſehr, daß ihr Geſicht ſelbſt in der Dunkelheit weiß wurde. Sie ſtammelte: „Was willſt Du damit ſagen?“ Marius ſah ſie an, erhob dann langſam die Augen gen Himmel und erwiderte: „Nichts!“ Als ſeine Augen ſich ſenkten, ſah er, wie Coſette ihm zulächelte. Das Lächeln eines Weibes, das man liebt, hat einen Schimmer, den man in der Nacht ſieht. „Wie dumm wir ſind!“ ſagte ſie.„Ich habe einen Einfall. „Was?“ „Reiſe, wenn wir reiſen! Ich werde Dir ſagen, wo⸗ hin! Komm da zu mir, wo ich ſein werde.“ 5 Marius war jetzt vollkommen wach. Er war in die Wirklichkeit zurückgefallen. Er rief Coſetten zu: „Mit Euch reiſen? Biſt Du verrückt? Dazu iſt Geld nöthig, und ich habe kein Geld! Nach England gehen? Ich bin jetzt, ich weiß nicht, an Courfeyrac über zehn Louisd'or ſchuldig, an einen meiner Freunde, den Du nicht kennſt. Aber ich habe einen alten Hut, der nicht drei Francs werth iſt, einen alten Rock, an dem die Knöpfe fehlen; mein Hemd iſt ganz zerriſſen, die Ellenbogen kommen durch, meine Stie⸗ fel ziehen Waſſer; ſeit ſechs Wochen denke ich daran nicht mehr und habe es Dir nicht geſagt. Coſette, ich bin ein Elender! Du ſiehſt mich nur in der Nacht und ſchenkſt mir Deine Liebe; ſäheſt Du mich am Tage, ſo würdeſt Du mir einen Sou ſchenken! Nach England gehen? Ach, ich habe nicht ſo viel, um einen Paß zu bezahlen!“ Er lehnte ſich an einen Baum, hoch aufgerichtet, beide Arme über dem Kopf, die Stirn gegen die Rinde preſſend, und fühlte weder das Holz, das ihm die Haut ritzte, noch 3* ——————— — 22 —— 36 das Fieber, das in ſeinen Schläfen hämmerte; er war re⸗ gungslos und auf dem Punkte, niederzuſtürzen, wie die Bild⸗ ſäule der Verzweiflung. So blieb er längere Zeit ſtehen. Endlich wendete er ſich um. Er hörte neben ſich ein leiſes erſtickendes Geräuſch. Es war Coſette, welche ſchluchzte. Sie weinte länger als zwei Stunden neben ihm, der nachdachte. Er trat zu ihr, fiel auf die Kniee, ſank langſam nie⸗ der und ergriff die Spitze ihres Fußes, der unter ihrem Kleide vorſah und küßte ſie. Sie ließ ihn ſchweigend gewähren. Es giebt Augen⸗ blicke, in denen das Weib gleich einer finſteren ergebungs⸗ vollen Göttin die Religion der Liebe annimmt. „Weine nicht,“ ſagte er. Sie flüſterte: „Weil ich fortgehen werde und Du nicht kommen kannſt!“ Er entgegnete: „Liebſt Dn mich?“ Sie antwortete ſchluchzend das Paradieſeswort, das nie bezaubernder iſt als unter Thränen: „Ewig!“ Er fuhr mit dem Tone der Stimme, der eine unaus⸗ ſprechliche Liebkoſung enthielt, fort: „Weine nicht. Willſt Du das für mich thun, daß Du nicht weinſt?“ „Liebſt Du mich?“ Er ergriff ihre Hand. „Coſette, ich habe mein Ehrenwort noch keinem Men⸗ ſchen gegeben, weil es mir Furcht einflößt. Ich fühle, daß mein Vater daneben ſteht. Nun wohl; ich gebe Dir mein heiligſtes Ehrenwort, daß ich ſterbe, wenn Du gehſt.“ Es lag in dem Tone, mit dem er dieſe Worte ſprach eine dai wein unmt u 9 ſich und die ſeine Adre woh Nr. her ſe en s ⸗ Du en daß ein ach eine ſo feierliche und ſo ruhige Melancholie, daß Coſette darüber erbebte. Vor Ergriffenheit hörte ſie auf zu weinen. „Jetzt höre,“ ſagte er.„Erwarte mich morgen nicht.“ „Weshalb nicht?“ „Erwarte mich erſt übermorgen!“ „Ach, weshalb denn?“ „Du wirſt es erfahren.“ „Einen Tag, ohne Dich zu ſehen! Aber das iſt ja unmöglich!“ „Opfere mir einen Tag, um vielleicht das ganze Leben zu gewinnen.“ Und Marius fügte mit leiſer Stimme hinzu, wie mit ſich ſelbſt redend: „Das iſt ein Menſch, der nie ſeine Gewohnheit ändert und der nur Abends Beſuche annimmt.“ „Von welchem Menſchen ſprichſt Du?“ fragte Coſette. „Ich? Ich habe nichts geſagt.“ „Was hoffſt Du denn?“ „Warte bis übermorgen.“ „Du willſt es?“ „Ja, Coſette.“ Sie nahm ſeinen Kopf in beide Hände, erhob ſich auf die Fußſpitzen, um ſich bis zu ihm zu erheben und ſuchte in ſeinen Augen ſeine Hoffnungen zu leſen. Marius fuhr fort:„Mir fällt eben ein, daß Du meine Adreſſe wiſſen mußt, denn es könnte Etwas geſchehen; ich wohne bei meinem Freunde Courfehrac, Rue de la Verrerie Nr. 16.“ Er ſuchte in ſeiner Taſche nach, zog ein Federmeſſer heraus und ſchrieb mit der Klinge in den Abputz der Mauer: 16. Rue de la Verrerie. Coſette hatte ihm während deſſen wieder in die Augen geſehen. ———— ——————— —— „Sag' mir Deine Gedanken, Marius, Du denkſt an Etwas. Sage es mir. Oh! ſage es mir, damit ich eine gute Nacht habe!“ „Mein Gedanke iſt, daß Gott uns unmöglich kann trennen wollen. Erwarte mich übermorgen.“ „Was ſoll ich bis dahin beginnen?“ fragte Coſette. „Du, Du biſt draußen, Du gehſt und kommſt. Wie glück⸗ lich doch die Männer ſind! Ich muß hier ganz allein blei⸗ ben! Ach, ich werde recht traurig ſein! Was machſt Du denn morgen, Marius, ſage?“ „Ich werde etwas verſuchen.“ „Dann werde ich zu Gott beten und mich bis dahin an ihn wenden, daß Dies gelingt. Ich frage Dich nicht mehr. Du biſt mein Gebieter. Ich werde morgen meinen Abend dazu verwenden, die Arie der Euryanthe zu ſingen, die Du ſo liebſt und die Du eines Abends hinter meinem Fenſter willſt gehört haben. Aber übermorgen kommſt Du bei guter Zeit. Ich werde Dich mit Anbruch der Dämme⸗ rung Punkt 9 Uhr erwarten, das ſage ich Dir. Mein Gott! wie traurig iſt es, daß die Tage ſo lang ſind! Hörſt Du wohl, Schlag 9 Uhr bin ich im Garten.“ „Und ich auch.“ Und bewegt durch denſelben Gedanken, hingeriſſen durch die elektriſche Strömung, welche zwei Liebende in eine un⸗ abläſſige Verbindung mit einander ſetzt, Beide von Wolluſt berauſcht ſelbſt in ihrem Schmerz, ſanken ſie einander in die Arme, ohne zu bemerken, daß ihre Lippen ſich vereinigt hatten, während ihre Blicke ſich erhoben, indem ſie von Entzücken überſtrömend und mit Thränen gefüllt die Sterne betrachteten. Als Marius ging, war die Straße öde. Eponine folgte in dieſem Augenblick den Banditen bis nach dem Boulevard. Während Marius mit dem Kopfe gegen den Baum gelehnt träumte, war ihm ein Gedanke durch den Kopf ge⸗ 1 fahre unmi gefa volle Gille wo Gr At Kun nem nich geg nat las — Sat or ne n in ſen n, m Du e⸗ ein ſt fahren; ein Gedanke, den er leider ſelbſt für unſinnig und unmöglich hielt. Er hatte einen gewaltſamen Entſchluß gefaßt. VII. Das alte und das junge Herz einander gegenüber. Der Vater Gillenormand hatte um dieſe Zeit ſeine vollen 91 Jahre. Er wohnte noch immer mit Fräulein Gillenormand zuſammen in der Rue des Filles⸗du⸗Calvaire Nr. 6, in jenem alten Hauſe, das ihm ſelbſt gehörte. Er war, wie man ſich erinnern wird, einer jener alterthümlichen Greiſe, welche den Tod in feſter Haltung erwarten, die das Alter bedrückt, ohne ſie zu krümmen und die ſelbſt der Kummer nicht beugt. Seit einiger Zeit ſagte indeß ſeine Tochter:„Mit mei⸗ nem Vater geht es abwärts.“ Er maulſchellirte die Mägde nicht mehr; er ſchlug nicht mehr ſo heftig mit ſeinem Stocke gegen das Treppengeländer, wenn Basque zögerte, ihm zu öffnen. Die Juli⸗Revolution hatte ihn kaum ſechs Mo⸗ nate lang außer ſich gebracht. Beinahe vollkommen ruhig las er in dem Moniteur die Zuſammenſtellung der Worte: Herr Humblot⸗Conté, Pair von Frankreich. Die Sache iſt, daß der Greis von Niedergeſchlagenheit erfüllt war. Er wankte nicht, er ergab ſich nicht; das lag ebenſo ——— —————— — — 40 wenig in ſeiner phyſiſchen, wie in ſeiner moraliſchen Natur; aber er fühlte ſich innerlich hinſchwinden. Seit vier Jahren erwartete er Marius feſten Fußes, mit der Ueberzeugung, daß der kleine Taugenichts den einen oder den andern Tag an ſeiner Thür klingeln würde; jetzt war er in gewiſſen trüben Stunden dahin gelangt, ſich zu ſagen:„Wenn Ma⸗ rius ſich noch länger erwarten ließe.“— Es war nicht der Tod, der ihm unerträglich ſchien, ſondern der Gedanke, daß er Marius vielleicht nicht wiederſehen werde. Marius nicht mehr zu ſehen, das war bis zu dieſem Tage ihm nicht in den Sinn gekommen; jetzt aber begann dieſer Gedanke ſich ihm zu zeigen und machte ihn erſtaunen. Die Abweſenheit hatte die Liebe des Großvaters für das undankbare Kind, das ihn ſo verließ, nur noch geſteigert, wie dies ſtets bei natürlichem und wahrem Gefühl der Fall zu ſein pflegt. Während der Decembernächte und bei zehn Grad Kälte denkt man häufig an die Sonne. Herr Gillenormand war überdies durchaus unfähig, einen Schritt gegen ſeinen Enkel zu thun, er, der Großvater, er glaubte dies wenigſtens.— Ehrwürdig krepiren, ſagte er. Er fand nicht, daß er Un⸗ recht gehabt hatte; allein er dachte an Marius nur mit einer tiefen Rührung und mit der ſtummen Verzweiflung eines redlichen Alten, der dahinſchwindet. Er fing an, ſeine Zähne zu verlieren, was ſeine Trau⸗ rigkeit noch ſteigerte. Herr Gillenormand hatte nie eine Geliebte ſo geliebt wie Marius, obgleich er dies ſich ſelbſt nicht geſtehen wollte, denn er war darüber wüthend und beſchämt. Er hatte in ſeinem Zimmer an dem Kopfende ſeines Bettes, um es als den erſten Gegenſtand zu erblicken, wenn er erwachte, ein Bild ſeiner andern Tochter hängen, der Verſtorbenen, der Madame Pontmerch, ein Bild, welches ſie in dem Alter von 18 Jahren darſtellte. Er betrachtete un⸗ ablöſ ſagte „u Auge da na nic die ebt lte, nes enn der ſie un⸗ 41 abläſſig dieſes Portrait. Eines Tages, als er es ſo anſah, ſagte er: „Ich finde, daß es ähnlich iſt.“ „Meiner Schweſter?“ fragte Fräulein Gillenormand. „Ja wohl.“ Und der Greis ſetzte hinzu. „Und ihm auch.“ Einſt, als er die Kniee aneinander gepreßt und die Augen beinahe geſchloſſen in niedergeſchlagener Haltung daſaß, wagte ſeine Tochter ihm zu fragen: „Mein Vater, zürnen Sie denn noch immer ſo ſehr?“ Sie hielt inne, indem ſie nicht weiter zu ſprechen wagte. „Wem?“ fragte er. „Dem armen Marius.“ Er erhob ſeinen alten Kopf, legte ſeine abgemagerten und runzeligen Hände auf den Tiſch und rief mit zorniger Stimme: „Dem armen Marius, ſagſt Du? Dieſer Herr iſt ein Schelm, ein Taugenichts, ein kleiner, undankbarer Geck, ohne Herz, ohne Seele, ein ſtolzer, boshafter Menſch!“ Und er wandte ſich ab, damit ſeine Tochter die Thräne nicht ſehen ſollte, die er im Auge hatte. Drei Tage darauf brach er ein Schweigen, welches ſeit vier Stunden dauerte und ſagte plötzlich zu ſeiner Tochter: „Ich hatte die Ehre gehabt, Fräulein Gillenormand zu bitten, nie von ihm zu ſprechen.“ Die Tante Gillenormand verzichtete auf jeden Verſuch und kam zu der tiefſinnigen Diagnoſe: Mein Vater hat meine Schweſter ſeit ihrer Erniedrigung nie ſehr geliebt. Es iſt offenbar, daß er Marius verabſcheut. Seit ihrer„Erniedrigung“ bedeutet: ſeit dem ſie den Oberſten heirathete. Uebrigens war es Fräuleins Gillenormand, wie —— —— 42 man dies vermuthen konnte, nicht gelungen, ihren Günſtling, den Ulanenoffizier für Marius unterzuſchieben. Die Stell⸗ vertretung durch Theodulus war nicht gelungen. Herr Gillenormand hatte den Tauſch nicht angenommen. Die Leere des Herzens fügt ſich nicht einem Lückenbüßer. Theo⸗ dulus widerſtrebte übrigens dem Frohndienſt, zu gefallen, obgleich er nach der Erbſchaft trachtete. Der Alte lang⸗ weilte den Lanzier, und der Lanzier ärgerte den Alten. Der Lieutenant Theodulus war zwar heiter, aber geſchwätzig; leichtfertig, aber gemein; ein Lebemann, aber ein ſchlechter Geſellſchafter; er hatte Maitreſſen, das iſt wahr, er ſprach viel von ihnen, das iſt auch wahr; aber er ſprach ſchlecht von ihnen. Herr Gillenormand war empört darüber, ihn von den Liebesabenteuern ſprechen zu hören, die er in der Nähe ſeiner Kaſerne, der Rue de Babhylone gehabt hatte. Dann kam auch der Lieutenant Gillenormand zuweilen in Uniform mi' der dreifarbigen Kokarde. Das machte ihn geradezu unmöglich. Der Vater Gillenormand ſagte zuletzt zu ſeiner Tochter:„ich habe von dem Theodulus genug. Mir gefallen die Kriegsleute in Friedenszeiten nicht. Em⸗ pfange Du ihn, wenn Du willſt. Ich weiß nicht, ob ich nicht die Säbler noch mehr liebe als die Säbelraſſler. Das Geklirr der Klinge in der Schlacht iſt weniger Elend als der Lärm der Scheiden auf dem Straßenpflaſter. Und dann iſt es auch doppelt lächerlich, ſich zu brüſten wie ein Prahl⸗ hans und zu ſchnüren wie ein Weib mit einem Schnürleib unter dem Küraß. Wenn man ein wahrer Mann iſt, hält man ſich gleichweit entfernt von Prahlerei, wie von Ziererei. Weder Großſprecher, noch Stutzer. Behalte Deinen Theo⸗ dulus für Dich.“ Mochte ſeine Tochter ihm auch ſagen:„es iſt aber doch Ihr Großneffe,“ ſo zeigte ſich gleichwohl, daß Herr Gille⸗ normand Großvater bis in die Fingerſpitzen, aber durchaus nicht Großonkel war. dulus entbel Vater gutes die in in ſei den( unte in ſ Bus an erra regt Pun zune ſch Ri wo ver erz „di em nich wöl Se ric un in , 45 Da er Geiſt beſaß und Vergleiche anſtellte, hatte Theo⸗ dulus im Grunde nur dazu gedient, ihm Marius noch mehr entbehren zu laſſen. Eines Abends, es war der 4. Juni, was indeß den Vater Gillenormand nicht hinderte in ſeinem Kamin ein gutes Feuer zu haben, hatte er ſeine Tochter verabſchiedet, die in dem nächſten Zimmer nähte. Er befand ſich allein in ſeinem Zimmer, die Füße auf das Kamingitter geſtützt, den Ellenbogen auf den Tiſch gelehnt, auf dem zwei Kerzen unter einem grünen Schirme brannten und war verſunken in ſeinen geſticten Armſeſſel; in der Hand hielt er ein Buch, aber er las nicht. Der Vater Gillenormand dachte an Marius voll Liebe und Bitterkeit und wie gewöhnlich errang die Bitterkeit den Sieg. Seine gereizte Zärtlichkeit regte zuletzt immer ſeinen Unwillen auf. Er ſtand auf dem Punkt, wo man einen Entſchluß zu faſſen ſucht und das an⸗ zunehmen im Begriff ſteht, was zerreißt. Er war im Zuge, ſich klar zu machen, daß jetzt gar tein Grund mehr zu Marius Rückkehr vorhanden ſei; daß, wenn er hätte zurückkommen wollen, er es ſchon gethan haben würde; daß er darauf verzichten müßte. Er verſuchte, ſich in den Gedanken zu ergeben, daß Alles aus ſei und daß er ſterben würde, ohne „dieſen Herrn“ wiederzuſehen. Aber ſeine ganze Natur empörte ſich dagegen; ſein altes Vatergefühl konnte darin nicht einwilligen.„Wie!“ ſagte er, und das war ſein ge⸗ wöhnlicher ſchmerzhafter Ausdruck,„er kehrt nicht zurück!“ Sein kahler Kopf war auf die Bruſt herabgeſunken, und er richtete auf die Aſche ſeines Kaminheerdes einen kläglichen und zornigen Blick. Während dieſes Träumens trat ſein alter Diener Basque herein und fragte: „Können Sie Herrn Marius empfangen?“ Der Greis fuhr auf ſeinem Sitze in die Höhe, bleich, einer Leiche ähnlich, die plötzlich unter einer vulkaniſchen 44 Erſchütterung ſich erhebt. Sein ganzes Blut war zu ſeinem Herzen zurückgeſtrömt. Er ſagte: „Welchen Herrn Marius?“ „Ich weiß nicht,“ erwiderte Basque, eingeſchüchtert und verwirrt durch das Ausſehen ſeines Herrn;„ich habe ihn nicht geſehen. Tricolette ſagte mir: Es iſt ein junger Mann, ſagte ſie; es ſei Herr Marius.“ Der Vater Gillenormand ſtammelte mit leiſer Stimme: „Laſſen Sie ihn eintreten.“ Er blieb in derſelben Haltung, den Kopf wackelnd und das Auge auf die Thür gerichtet. Dieſe öffnete ſich wie⸗ der. Ein junger Mann trat ein. Es war Marius. Marius blieb an der Thür ſtehen, als erwarte er, daß man ihn auffordere, näher zu treten. Seine beinahe erbärmliche Kleidung ließ ſich in der Dunkelheit, die durch den Lichtſchirm hervorgebracht wurde, nicht erkennen; man unterſchied nur ſein ruhiges, ernſtes, aber außerordentlich trauriges Geſicht. Der Vater Gillenormand war wie betäubt vor Staunen und Freude und blieb einige Augenblicke ſitzen, ohne etwas Anderes zu ſehen, als einen Schimmer, wie man eine Er⸗ ſcheinung vor ſich erblickt. Er war einer Ohnmacht nahe; er bemerkte Marius wie durch einen Schleier. Es war wirklich Marius! Endlich! Nach vier Jahren! Er erfaßte ihn ſo zu ſagen ganz mit ſeinem Blick. Er fand ihn ſchön, edel, ausgezeich⸗ net gewachſen, als einen vollkommenen Mann, in paſſender Haltung und von reizendem Weſen. Er fühlte das Ver⸗ langen, die Arme zu öffnen, ihn zu rufen, ſich auf ihn zu⸗ zuſtürzen; ſein Inneres erbebte von Entzücken, theil⸗ nahmsvolle Worte ſchwellten ſeine Bruſt; endlich machte dieſe ganze Zärtlichkeit ſich Luft und trat ihm auf die Lippen und durch einen Widerſpruch, der die Grundlage — ſeiner ſagte in di nit ſ kal. rtizen lich Muk Mo ſeine Sie „Hi die ere rief und m rt be e d 45 ſeiner Natur bildete, äußerte ſie ſich durch eine Härte. Er ſagte barſch: „Was wollen Sie hier?“ Marius antwortete verlegen: „Herr—“ Herr Gillenormand hätte gewünſcht, daß Marius ihm in die Arme fiele. Er war unzufrieden mit Marius und mit ſich ſelbſt. Er fühlte, daß er barſch war und Marius kalt. Es war für ihn, den Alten, eine unerträgliche und reizende Qual, zu fühlen, daß er in ſeinem Innern ſo zärt⸗ lich und ſo weich war und doch nach Außen nur hart ſein zu können. Seine Bitterkeit kehrte zurück. Er unterbrach Marius mit barſchem Ton: „Weshalb kommen Sie denn?“ Das„denn“ bedeutete: Wenn Sie mich nicht umarmen wollen. Marius blickte auf ſeinen Großvater, deſſen Geſicht, in ſeiner Bläſſe, von Marmor zu ſein ſchien. „Herr—“ Der Greis fuhr mit ſtrenger Stimme fort: „Kommen Sie, mich um Verzeihung zu bitten? Haben Sie Ihr Unrecht anerkannt?“ Er glaubte Marius auf den Weg zu bringen und das „Kind“ würde nachgeben. Marius erbebte; denn es war die Verlengnung ſeines Vaters, die man von ihm verlangte; er erhob die Angen und antwortete: „Nein, mein Herr.“ Voll Ungeſtüm und mit ſtechendem Zorn im Schmerz rief der Greis: „Was wollen Sie dann von mir?“ Marius faltete die Hände, that einen Schritt vorwärts und ſagte mit leiſer, zitternder Stimme: „Mein Herr, haben Sie Mitleid mit mir.“ Dieſe Worte regten Herrn Gillenormand auf; früher ——— —— — 46 geſprochen, würden ſie ihn gerührt haben, doch jetzt kamen ſie zu ſpät. Der Greis ſtand auf, er ſtützte ſich mit beiden Händen auf ſeinen Stock, ſeine Lippen waren blaß, ſeine Stirn zitterte, doch ſein hoher Wuchs überragte den ſich vor ihm niederbeugenden Marius. „Mitleid mit Ihnen, mein Herr! Der Jüngling iſt es, der den 91 jährigen Greis um Mitleid bittet! Sie treten ein in das Leben, ich verlaſſe es; Sie gehen in das Theater, auf den Ball, in das Kaffeehaus, Sie haben Geiſt, Sie ge⸗ fallen den Weibern, Sie ſind ein hübſcher Menſch; ich ſpucke mitten im Sommer in das Feuer; Sie ſind reich an dem einzigen Reichthum, den es giebt, ich beſitze die ganze Ar⸗ muth des Alters, die Kränklichkeit, das Alleinſtehen! Sie haben Ihre 32 Zähne, einen guten Magen, ein lebhaftes Auge, Kraft, Appetit, Geſundheit, Heiterkeit, einen Wald ſchwarzer Haare; ich habe nicht einmal mehr weißes Haar. Ich verliere meine Zähne, ich verliere meine Füße, ich ver⸗ liere mein Gedächtniß, ſo daß ich drei Straßennamen un⸗ abläſſig verwechſele. Dahin iſt es mit mir gekommen. Sie haben vor ſich die ganze Zukunft voll Sonnenſchein; ich fange an, nichts mehr zu ſehen, ſo vertiefe ich mich in die Nacht. Sie ſind verliebt, das verſteht ſich von ſelbſt. Mich liebt kein Menſch auf der Welt, und Sie verlangen Mitleid von mir! Wenn Sie ſo im Inſtizpalaſt Ihre Prozeſſe führen, mein Herr Advocat, dann mache ich Ihnen darüber aufrichtig mein Compliment. Sie ſind ein Narr.“ Und der Neunzigjährige ſagte noch einmal mit zorniger und ernſter Stimme: „Was wollen Sie von mir?“ „Mein Herr“, ſagte Marius,„ich weiß, daß mein Er⸗ ſcheinen Ihnen mißfällt, allein, ich komme nur, Sie um Eins zu bitten und kann ſogleich wieder gehen.“ „Sie ſind ein Dummkopf.“ ſagte der Greis.„Wer ſagt Ihnen, daß Sie gehen ſollen?“ die j doch Hal einige pfung ſich ſo d und wünſ Das gege wei jwei begu ſpielt mach habe iom zu bew man ſond erbit Sie Me Ben nch Ihi ſen en ine ſich es, ten ucke em Ar⸗ Sie ftes zald ar. ver⸗ un⸗ nen. ein; h in Abſt. ngen Ihre hnen iger 47 Das war die Ueberſetzung der zärtlichen Aeußerung, die im Grunde ſeines Herzens ſprach: Aber bitte mich doch um Verzeihung! Falle mir doch um den Hals! Herr Gillenormand fühlte, daß Marius ihn in einigen Augenblicken verlaſſen würde, daß ſein übler Em⸗ pfang ihn zurückſtieß, daß ſeine Härte ihn vertrieb; er ſagte ſich das Alles und ſeine Traurigkeit ſteigerte ſich dadurch, ſo daß ſein Schmerz ſich unmittelbar in Zorn verwandelte und ſeine Härte dadurch noch vermehrte. Er hatte ge⸗ wünſcht, daß Marius ihn begriff, und Marius that dies nicht. Das machte den Alten wüthend. Er fuhr fort: „Wie! Sie haben die Achtung gegen mich verletzt, gegen Ihren Großvater, Sie verlaſſen mein Haus, um wer weiß wohin zu gehen, Sie bringen Ihre Tante in Ver⸗ zweiflung, Sie haben, wie ſich vermuthen läßt und wie das bequemer iſt, ein Junggeſellenleben geführt, den Stutzer ge⸗ ſpielt, haben mir kein Lebenszeichen gegeben, Schulden ge⸗ macht, ohne von mir zu verlangen, ſie zu bezahlen, Sie haben Fenſterſcheiben eingeworfen, und nach vier Jahren kommen Sie endlich zu mir und haben mir weiter Nichts zu ſagen?“ „Dieſe heftige Art, den Enkel zur Zärtlichkeit zu treiben, bewirkte bei Marius nur Stillſchweigen. Herr Gillenor⸗ mand kreuzte die Arme, eine Bewegung, die bisher ganz be⸗ ſonders gebieteriſch war. Er ſagte bitter zu Marius: „Kommen wir zu Ende. Sie wollen Etwas von mir erbitten, ſagen Sie? Nun wohl! Was iſt es? Sprechen Sie raſch.“ „Mein Herr,“ ſagte Marius mit dem Blick eines Menſchen, der fühlt, daß er in einen Abgrund zu fallen im Begriff iſt,„ich komme, Sie um die Erlaubniß zu bitten, mich verheirathen zu dürfen.“ Herr Gillenormand klingelte. Basque öffnete die Thür. . ———— „Meine Tochter ſoll kommen.“ Eine Sekunde darauf öffnete ſich die Thür wieder, und Fräulein Gillenormand trat nicht ein, aber ſie zeigte ſich; Marius ſtand ſtumm da, die Arme herabhängend und mit der Miene eines Verbrechers; Herr Gillenormand ging der Länge und der Quere in den Zimmer auf und nieder. Er wandte ſich zu ſeiner Tochter und ſagte: „Nichts. Es iſt Herr Marius. Sagen Sie ihn guten Tag. Der Herr will ſich verheirathen. So. Gehen Sie.“ Der kurze und rauhe Ton des Greiſes verrieth eine auffallende Aufregung. Die Tante ſah Marius mit ver⸗ ſtörtem Weſen an, ſchien ihn kaum zu erkennen, machte keine Bewegung, ſprach keine Silbe und verſchwand vor dem Worte ihres Vaters ſchneller wie ein Stro halm vor dem Sturme. Indeß hatte der Vater Gillenormand ſich mit dem Rücken gegen den Kamin gelehnt. „Sich zu verheirathen! Mit 21 Jahren! Sie haben das ſo abgemacht! Sie brauchen blos um Erlaubniß zu bitten! Eine leere Förmlichkeit. Setzen Sie ſich, mein Herr. Nun, Sie haben alſo eine Revolution gehabt, ſeitdem ich nicht mehr die Ehre hatte, Sie zu ſehen. Die Jakobiner erlangten die Oberhand, Sie müſſen zufrieden geweſen ſein. Sind Sie nicht Republikaner, ſeitdem Sie Baron ſind? Sie wiſſen das zu vereinigen. Die Republik iſt eine Sauce für die Baronie. Sind Sie ein Julidecorirter? Haben Sie den Louvre ein Wenig mit eingenommen, mein Herr? Hier ganz nahe bei Rue St. Antoine iſt im dritten Stock⸗ werk eine Kugel in die Wand gemauert mit der Unterſchrift: 28. Juli 1830. Sehen Sie ſich das an. Das macht eine gute Wirkung. Oh, Ihre Freunde thun ſchöne Dinge!— Alſo Sie wollen ſich verheirathen. Mit wem denn? Kann man ohne Unbeſcheidenheit fragen, mit wem?“ ihm Vie und die fort: jih pe let be erle ſue nd cken ben i etr⸗ nich iner ſein. ind? aue aben err o⸗ eine Kann Er hielt inne und ehe Marius Zeit gewonnen hatte, ihm zu antworten, fügte er heftig hinzu: „Sie haben alſo eine Stellung? Ihr Glück iſt gemacht? Wie viel verdienen Sie durch Ihre Advokatur?“ „Nichts,“ ſagte Marius mit einer Art von Feſtigkeit und Entſchloſſenheit, die beinahe wild war. „Nichts? Sie haben zum Leben nur die 1200 Livres, die ich Ihnen gebe?“ Marius antwortete nicht. Herr Gillenormand fuhr fort: „Nun, ich begreife; dann iſt das Mädchen reich?“ „Wie ich.“ „Was? keine Mitgift?“ „Nein.“ „Wie heißt ſie?“ „Fräulein Fauchelevent.“ „Fauche—, was?“ „Fauchelevent.“ „Brr!“ ſagte der Greis. „Mein Herr,“ rief Marius. Herr Gillenormand unterbrach ihn mit dem Tone eines Menſchen, der mit ſich ſelbſt ſpricht. „So iſt es; 21 Jahre; keine Stellung; 1200 Livres jährlich; die Frau Baronin Pontmercy wird für zwei Sous Peterſilie bei der Höckerin kaufen.“ „Mein Herr,“ ſagte Marius in der Verwirrung ſeiner letzten dahinſchwindenden Hoffnung,„ich beſchwöre Sie! ich beſchwöre Sie im Namen des Himmels und mit gefalteten Händen! Mein Herr, ich werfe mich Ihnen zu Füßen— erlauben Sie mir, ſie zu heirathen.“ Der Greis ſtieß ein gellendes und finſteres Gelächter aus, während deſſen er huſtete und ſprach: Die Elenden. VIII. 4 S — —— 50 „Ha! ha! ha! Sie haben ſich geſagt: ich werde den alten Perrückenſtock, den albernen Dummkopf aufſuchen! Wie ſchade, daß ich noch nicht 25 Jahr alt bin! Wie würde ich mich ohne ihn behelfen! Doch gleich viel, ich werde zu ihm ſagen: alter Weißkopf, Du biſt zu glücklich, mich zu ſehen; ich habe Luſt, mich zu verheirathen; ich habe Luſt, Fräulein gleichviel weſche, zu heirathen, die Tochter gleichviel weſſen; ich habe keine Schuhe, ſie hat kein Hemd, doch das thut nichts; ich habe Luſt, meine Carrière, meine Zukunft, meine Jugend, mein Leben in das Waſſer zu werfen; ich habe Luſt, mich mit einer Frau am Halſe in das Elend zu ſtür⸗ zen und das iſt ſo mein Einfall, und Du mußt einwilligen! und der alte Narr wird einwilligen.— Nimmermehr, mein Herr! nimmermehr!“ „Mein Vater—“ „Nimmermehr!“ Bei dem Tone, mit dem dieſes„Nimmermehr“ ge⸗ ſprochen wurde, verlor Marius jede Hoffnung. Er ging mit langſamen Schritten durch das Zimmer, den Kopf ge⸗ ſenkt, taumelnd, mehr einem Sterbenden als einem ſich Entfernenden ähnlich. Herr Gillenormand folgte ihm mit den Augen, und in dem Augenblicke als die Thür ſich öffnete und Marius hinausgehen wollte, that er vier Schritte mit jenem lebhaften Ungeſtüm heftiger und verzogener Greiſe. Er ergriff Marius am Kragen, zog ihn kräftig in das Zimmer zurück, warf ihn auf den Seſſel und ſagte: „Erzähle mir das!“ Das Marius entſchlüpfte Wort, mein Vater, hatte dieſe Revolution hervorgebracht. Marius ſah ihn voll Verwirrung an. Das bewegliche Geſicht des Herrn Gillenormand drückte nur noch eine derbe, unausſprechliche Gutmüthigkeit aus. „Nun, laß hören, ſprich, erzähle mir Deine Liebſchaft; ſage mir Alles! Sapriſti! wen den wol don wie ihr reiſ ihr ih die kra heit Sie Jlu be ein ge⸗ ge⸗ ſch nit nete mit iſe. das „Mein Vater,“ nahm Marius wieder das Wort. Das ganze Geſicht des Greiſes leuchtete in einem un⸗ ausſprechlichen Entzücken. „Ja, das iſt recht, nenne mich Deinen Vater.“ Es lag jetzt etwas ſo Gutes, ſo Sanftes, ſo Offenes, ſo Väterliches in dieſem barſchen Weſen, daß Marius durch den plötzlichen Uebergang der Entmuthigung zur Hoffnung wie betäubt und beranuſcht war. Er ſaß neben dem Tiſch, das Kerzenlicht ließ den Zuſtand ſeiner Kleidung gewahren und der Vater Gillenormand betrachtete ihn voll Staunen. „Nun, mein Vater,“ ſagte Marius. „Wie,“ unterbrach ihn Herr Gillenormand,„Du haſt alſo wirklich keinen Sou? Du biſt angezogen wie ein Spitzbube.“ Er kramte in einen Kaſten, zog eine Börſe heraus, legte ſie auf den Tiſch und ſagte: „Nimm, da ſind 100 Louis'dor, kaufe Dir einen Hut.“ „Mein Vater,“ fuhr Marius fort,„mein guter Vater, wenn Sie wüßten! ich liebe ſie. Sie können ſich das nicht denken, das erſte Mal als ich ſie ſah, war es im Luxembourg, wohin ſie kam; anfangs achtete ich nicht ſehr auf ſie, allein, dann wurde ich, ich weiß ſelbſt nicht wie, verliebt. Ach, wie unglücklich mich das machte! jetzt ſehe ich ſie nun täglich, ihr Vater weiß es nicht. Denken Sie ſich, daß ſie ver⸗ reiſen wollen. In ihrem Garten ſahen wir uns Abends, ihr Vater will ſie nach England mitnehmen, und da ſagte ich zu mir: ich will meinen Großvater aufſuchen und ihm die Sache erzählen. Ich würde verrückt werden, ſterbens⸗ krank werden, mich in's Waſſer ſtürzen. Ich muß ſie doch heirathen, weil ich ſonſt verrückt werde. Das iſt die ganze Wahrheit, ich glaube nicht, daß ich Etwas vergeſſen habe. Sie wohnt in einem Garten, der ein Gitter hat, Rue Plumet. Es iſt in der Gegend der Invaliden. Der Vater Gillenormand hatte ſich Freude ſtrahlend . 4* =— —— 52 neben Marius geſetzt. Während er ihm zuhörte und mit Entzücken den Ton ſeiner Stimme einſog, ſchlürfte er zu gleicher Zeit eine große Priſe Tabak. Bei den Worten, Rue Plumet, ſtockte ſein Athem; er ließ den Reſt ſeines Tabaks auf das Knie fallen und rief: „Rue Plumet! Du ſagſt Rue Plumet?— Sprich ein⸗ mal!— Liegt da nicht eine Kaſerne?— Ja, richtig. Dein Vetter Theodulus hat davon geſprochen. Der Ulane, der Offizier.— Eine Dirne, mein guter Freund, eine Dirne!— Pardieu ja, Rue Plumet! Das iſt, was man ſonſt Rue Blomet nannte.— Ja, ich erinnere mich. Ich habe von der Kleinen hinter dem Gitter der Rue Plumet ſprechen hören. In einem Garten. Eine Pamela. Du haſt keinen ſchlechten Geſchmack. Man ſagt, ſie ſei ſauber. Unter uns, ich glaube, daß der einfältige Offizier ihr den Hof gemacht hat. Ich weiß nicht, bis wie weit das ge⸗ gangen iſt. Doch es thut nichts. Uebrigens mußt Du ihm nicht glauben. Er prahlt. Marius, ich finde es ſehr gut, daß ein junger Menſch wie Du, verliebt iſt. Das gehört zu Deinem Alter, Du gefällſt mir beſſer, wenn Du verliebt, als wenn Du Jakobiner biſt. Ich ſehe Dich lieber von einem Unterrock ergriffen, von zwanzig Unterröcken, als von Herrn Robespierre. Ich meines Theils laſſe mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich im Punkte der Sansculotten immer nur die Weiber geliebt habe. Junge Mädchen ſind junge Mädchen, zum Teufel! Dagegen läßt ſich nichts ſagen. Was die Kleine betrifft, ſo ſieht ſie Dich hinter dem Rücken des Vaters. Das iſt in der Ordnung. Ich habe auch ſolche Geſchichten gehabt. Mehr als eine. Weißt Du, was man macht? Man belreibt die Sache nicht mit Sturm; man ſtürzt ſich nicht in das Tragiſche; man kommt nicht zu der Heirath und dem Herrn Maire mit ſeiner Schärpe. Man iſt ganz einfach ein Innge von Geiſt. Man ſucht den Großvater auf d Rolle zu ih wortel das A virſt Eykel Mord gohen erſte ſchü den ſah ſicht was mit zu rten, ines ein⸗ chtg. lane, eine man Ich umet Du uber. den s ge⸗ Du ſehr Das wenn ſche von erre. hren, eibet zun ſeine ters. ichten t tſih iruth ganz vater auf, der im Grunde ein guter Kerl iſt und der immer eine Rolle Louisd'or in einem alten Kaſten liegen hat; man ſagt zu ihm: Großvater, hier bin ich. Und der Großvater ant⸗ wortet: das iſt ganz natürlich. Die Jugend muß ſpringen, das Alter muß klingen. Ich bin jung geweſen, und Du wirſt alt werden. Geh, mein Junge, gieb das Deinem Enkel wieder. Hier ſind 200 Piſtolen. Amüſire Dich, Mordi! Etwas Beſſeres giebt es nicht! So muß die Sache gehen. Man heirathet nicht, doch das thut nichts. Du verſtehſt doch?“ 1 Marius, der außer Stande war, ein Wort zu ſprechen, ſchüttelte mit dem Kopf. Der Alte brach in lautes Gelächter aus, blinzelte mit den Augen, gab ihm einen leichten Schlag auf das Knie, ſah ihm mit geheimnißvoller, munterer Weiſe in das Ge⸗ ſicht und ſagte, die Achſeln zuckend, mit dem väterlichſten Ton: „Dummkopf! mach ſie zu Deiner Maitreſſe!“ Marius erblaßte. Er hatte nichts von dem begriffen, was ſein Großvater ſagte. Das Geſchwätz über die Rue Blomet, die Pamela, die Caferne, den Lanzier war wie eine Fantasmagorie vor Marius Augen hingeglitten. Nichts von alledem konnte ſich auf Coſette beziehen, die eine Lilie war. Der Alte ſprach irre. Doch dieſes Jrrereden endete mit einem Worte, das Marius verſtand und das eine tödtliche Beſchimpfung Coſettens enthielt. Die Aeußerung mach ſie zu Deiner Maitreſſe, drang wie ein Schwert in das ſtrenge Herz des jungen Mannes. Er ſtand auf, ergriff ſeinen Hut, der zu Boden ge⸗ fallen war und ging mit feſtem ſicheren Schritt auf die Thür zu. Hier wandte er ſich um, verbeugte ſich tief vor ſeinem Großvater, erhob den Kopf und ſagte: „Vor fünf Jahren haben Sie meinen Vater beſchimpft, heute beſchimpfen ſie meine Verlobte. Ich verlange Nichts mehr von Ihnen, mein Herr. Leben Sie wohl.“ — —— ————— —————— ———— 54 Der Vater Gillenormand war betäubt, öffnete den Mund, breitete die Arme aus, verſuchte aufzuſtehen, und ehe er ein Wort zu ſprechen vermocht hatte, ſchloß ſich die Thür wieder und Marius war verſchwunden. Der Greis blieb einige Augenblicke regungslos und wie vom Blitz getroffen, ſitzen, ohne ſprechen, ohne athmen zu können, als ob eine Fauſt ihm die Kehle zudrücke. End⸗ lich entriß er ſich ſeinem Armſeſſel, eilte zur Thür, ſo raſch man mit 91 Jahren eilen kann, riß ſie auf und rief: „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ Seine Tochter kam, dann die Dienſtboten. Er ſagte mit einem kläglichen Röcheln: „Eilt ihm nach! holt ihn zurück! Was habe ich ihm denn gethan? Er iſt fort, er geht! Ach, mein Gott! ach, mein Gott! Diesmal wird er nicht wieder zurückkehren!“ Er eilte an das Fenſter, das auf die Straße ging, öffnete es mit ſeinen alten, zitternden Händen, beugte ſich mit dem halben Körper hinaus, während Basque und Ni⸗ colette ihn hielten und rief: „Marius! Marius! Marius! Marius!“ Aber Marius konnte ihn ſchon nicht mehr hören; er bog in dieſem Augenblicke um die Ecke der Rue St. Louis. Der Greis preßte die Hände zwei oder drei Mal mit dem Ausdruck der Todesangſt an die Schläfe, taumelte dann zurück und ſank in ſeinen Armſeſſel ohne Puls, ohne Stimme, ohne Thränen, den Kopf ſchüttelnd und mit bebenden Lippen, er hatte in den Augen, in dem Herzen nichts mehr, als etwas Finſteres, Dunkles, das der Nacht glich⸗ den nd ind ten nd⸗ ſch gte ihm ach, ng, ſich Ni⸗ er uis. mit ann nme, pel, als Eine 3dylle. Achtes Buch. Vohin gehen ſie? ——————— — —. Fean M zu Wer jede aus ang ſcht tens war 2 Bo Kle vol zeug Die gon u „ 1 Jean Valjean. An eben dieſem Tage gegen 4 Uhr Nachmittags ſaß Jean Valjean allein auf einem der einſamſten Hügel des Marsfeldes. Sei es Vorſicht, ſei es das Verlangen, ſich zu ſammeln, ſei es ganz einfach in Folge einer jener un⸗ merklichen Veränderungen der Gewohnheiten, welche allmählig in jedem Leben eintreten, genug, er ging jetzt ſelten mit Coſette aus. Er hatte ſeine Arbeiterjacke und graue Leinwandhoſen angezogen, ſeine Mütze mit großem Schirm verbarg ſein Ge⸗ ſicht. Er war jetzt rnhig und glücklich in Beziehung Coſet⸗ tens; was ihn einige Zeit erſchreckt und beunruhigt hatte, war verſchwunden; allein ſeit ein oder zwei Wochen hegte er Beſorgniſſe anderer Art. Eines Tages, als er über den Bonlevard ging, hatte er Thénardier bemerkt. Dank ſeiner Kleidung erkannte ihn dieſer nicht; aber ſeitdem hatte Jean Valjean ihn mehrmals wiedergeſehen, und jetzt war er über⸗ zeugt, daß Thénardier in dem Stadtviertel umherſuche. Dies genügte, um ihn zu einem großen Entſchluß zu brin— gen. Thénardier: das waren alle Arten von Gefahren zu⸗ gleich. Ueberdies war Paris nicht ruhig; die politiſchen 58 Aufregungen haben den Uebelſtand für Zeden, der in ſeinem Leben irgend Etwas zu verbergen hat, daß die Polizei ſehr beſorgt wird und daß ſie, wenn ſie einen Menſchen wie Pé⸗ pin oder Morey zu entdecken ſucht, ſehr leicht einen andern Menſchen wie Jean Valjean entdecken konnte; Jean Valjean hatte ſich alſo entſchloſſen, Paris zu verlaſſen, ia ſogar Frankreich, und nach England zu gehen. Er theilte Coſet⸗ ten dies mit. Ehe acht Tage vergingen, wollte er reiſen. Er ſetzte ſich auf einen Hügel des Marsfeldes und über⸗ dachte alles Mögliche: Thénardier, die Polizei, die Reiſe und die Schwierigkeit, ſich einen Paß zu verſchaffen. In jeder dieſer Beziehungen war er beſorgt. Endlich hatte noch eine unerklärliche Thatſache, die ihm aufgefallen und von der er noch ganz ergriffen war, ſeine Aufregung vergrößert. Am Morgen eben dieſes Tages, als er allein in dem Hauſe wach war und in dem Garten um⸗ herging, ehe die Fenſterladen Coſettens ſich geöffnet hatten, bemerkte er plötzlich an der Wand, die wahrſcheinlich mit einem Nagel eingekratzten Worte: 16, rue de la Verrerie. Das mußle ganz kürzlich erſt geſchehen ſein. Die Ein⸗ drücke waren weiß in dem alten ſchwarzen Mörtel, ein Buſch Brenneſſeln am Fuße der Mauer war mit feinem weißen Kalk beſtreut. Das war wahrſcheinlich in der Nacht ge⸗ ſchrieben worden. Was war es? Eine Adreſſe? Ein Zei⸗ chen für Andere? Eine Warnung für ihn? Jedenfalls war es klar, daß Unbekannte den Garten betreten. Er erinnerte ſich an die eigenthümlichen Umſtände, die das Haus ſchon beunruhigt hatten. Sein Geiſt überdachte das Alles. Er hütete ſich wohl, mit Coſette von der Schrift auf der Mauer zu ſprechen, weil er ſie dadurch zu erſchrecken fürchtete. Während er ſo ſann, bemerkte er an einem Schatten, den die Sonne warf, daß Jemand auf dem Gipfel der An⸗ höhe unmittelbar hinter ihm ſtehen geblieben war. Er wollte nen gen gw auf Geſ det wel M no hm ine als en, mit in⸗ ſch ßen ei⸗ war erte hon Er wer ten, An⸗ olle ſich umwenden, als ein zuſammengefaltetes Papier auf ſei⸗ nen Schooß fiel, als hätte eine Hand es über ſeinen Kopf geworfen. Er nahm das Papier, entfaltete es und las in großen Buchſtaben mit Bleiſtift geſchrieben: Ziehen Sie aus. Jean Valjean ſtand raſch auf; es war Niemand mehr auf dem Hügel, er blickte umher und gewahrte eine Art von Geſchöpf, größer als ein Kind, kleiner als ein Mann, geklei⸗ det in eine graue Blouſe und ſtaubfarbige Mancheſterhoſen, welches den Wall erkletterte und ſich in die Gruben des Marsfeldes hinabgleiten ließ. Jean Valjean kehrte ſogleich in Gedanken verſunken nach Hauſe zurück. II. Marius. Marius hatte Herrn Gillenormand voll Verzweiflung verlaſſen. Er war mit einer ſehr geringen Hoffnung bei ihm eingetreten, er ging mit einer ungeheuren Hoffnungs⸗ loſigkeit von ihm fort. Uebrigens hatte das ganze Geſchwätz von dem Lanzier, dem Offizier, vom Stutzer, dem Vetter Theodulus nicht den geringſten Schatten in ſeinem Geiſte zurückgelaſſen. Marius ſtand in jenem Alter, in welchem man in Beziehung auf 60 das Böſe nichts glaubt; ſpäter kommt das Alter, in welchem man Alles glaubt. Der Argwohn iſt nichts Anderes als Runzeln. Die erſte Jugend kennt dieſe nicht. Argwöhnung auf Coſette werfen? Es gab eine Menge Verbrechen, die Marius viel leichter begangen haben würde. Er durchſchritt die Straßen, ein Hülfsmittel Derer, welche leiden. Er dachte an nichts von dem, woran er ſich erinnern konnte. Um zwei Uhr Morgens kehrte er zu Cour⸗ feyrac zurück und warf ſich ganz angekleidet auf ſeine Ma⸗ tratze. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als er einſchlief, in jenem entſetzlichen Schlaf verfinkend, der die Gedanken in dem Hirne gehen und kommen läßt. Als er erwachte, erblickte er in dem Zimmer, den Hut auf dem Kopf, bereit auszugehen und ſehr geſchäftig, Courfeyrac, Enjolras, Feuilly und Combeferre. Courfeyrac ſagte zu ihm: „Kommſt Du mit zu der Beerdigung des Generals Lamarque?“ Es kam ihm vor, als ſpräche Courfeyrac chineſiſch. Er ging einige Zeit nach ihnen aus. Er hatte in die Taſche die Piſtolen geſteckt, die Javert ihm bei dem Aben⸗ tener vom 3. Februar anvertraut und in ſeinen Händen geblieben waren. Dieſe Piſtolen waren noch geladen. Es würde ſchwer ſein, zu ſagen, welchen finſteren Gedanken er hegte, als er ſie mit ſich nahm. Den ganzen Tag ſtreifte er umher, ohne zu wiſſen wo; es regnete zuweilen, doch er bemerkte es nicht; er kaufte zu ſeinem Mittageſſen bei einem Bäcker ein Brödchen für einen Sou, ſteckte es in die Taſche und vergaß es. Es ſchien, als hätte er ſich in der Seine gebadet, ohne ſich deſſen be⸗ wußt zu ſein. Es giebt Augenblicke, in denen man einen Vulkan im Gehirn zu haben vermeint. Marius befand ſich in einem dieſer Angenblicke. Er hoffte, er fürchtete nichts mehr; dahin war er ſeit dem vorhergehenden Tage gekommen. Er erw hatt Coj 9o iber hört aus Ru ſich hat ſid i Jo wi vor gen hol 61 erwartete den Abend mit einer fieberhaften Ungeduld und hatte nur noch einen klaren Gedanken: daß er um 9 Uhr Coſette ſehen werde. Dieſes letzte Glück war jetzt ſeine ganze Zukunft; dann folgte Finſterniß. Zuweilen, wenn er über die ödeſten Boulevards ging, kam es ihm vor, als hörte er in Paris eigenthümliches Geräuſch. Er erwachte aus ſeiner Träumerei und ſagte: Schlägt man ſich? Mit Anbruch der Nacht, punkt 9 Uhr war er in der Rue Plumet, wie er es Coſetten verſprochen hatte. Als er ſich dem Gitter näherte, vergaß er Alles. Seit 48 Stunden hatte er Coſette nicht geſehen und ſollte ſie wiederſehen; jeder andere Gedanke verſchwand, und er empfand nur noch eine innige unerhörte Freude. Die Minuten, in denen man Jahrhunderte durchlebt, haben ſtets das Erhabene und Be⸗ wundernswerthe, das ſie in dem Augenblick, in welchem ſie vorübereilen, das ganze Herz erfüllen. Marius ſchob den Gitterſtab bei Seite und ſtürzte in den Garten. Coſette war nicht an dem Orte, wo ſie ihn gewöhnlich erwartete. Er ging durch das Gebüſch und nach der Vertiefung neben der Treppe.—„Sie erwartet mich dort,“ ſagte er.— Coſette war auch hier nicht! Er erhob die Angen und ſah, daß die Fenſterladen geſchloſſen waren. Er ging durch den Garten; er war öde. Er kehrte hierauf nach dem Hauſe zurück und wahnſinnig, voll Liebe trunken, entſetzt, außer ſich vor Schmerz und Beſorgniß, klopfte er an die Laden. Er klopfte und klopfte wieder auf die Ge⸗ fahr hin, das Fenſter ſich öffnen und das finſtere Geſicht des Vaters erſcheinen zu ſehen, um ihn zu fragen:„Was wollen Sie?“ Doch das war nichts im Verhältniß zu dem, was er fürchtete. Als er geklopft hatte, erhob er die Stimme und rief:„Coſette! Coſette! Coſette!“ wieder⸗ holte er mit gebieteriſchem Tone. Man antwortete nicht. Alles war zu Ende. Niemand in dem Garten; Niemand in dem Haus. 3 — — ——— — 62 Marius richtete voll Verzweiflung die Augen auf das finſtere, ſchwarze, ſchweigende Haus, leer wie ein Grab. Er betrachtete den weißen Stein, auf welchem er ſo viele köſtliche Stunden an der Seite Coſette's verlebt hatte. Dann ſetzte er ſich auf die Stufen der Treppe, das Herz erfüllt von Milde und Entſchloſſenheit; er ſegnete ſeine Liebe in der Tiefe ſeiner Gedanken und ſagte ſich, da Coſette fort ſei, blieb ihm nichts mehr übrig, als zu ſterben. Plötzlich hörte er eine Stimme, welche von der Straße zu kommen ſchien und durch das Gebüſch rief: „Herr Marius!“ Er richtete ſich empor. „Was?“ ſagte er. „Herr Marius, ſind Sie da?“ „Herr Marius,“ fuhr die Stimme fort,„Ihre Freunde erwarten Sie auf der Barrikade der Rue de la Chanvrerie.“ Dieſe Stimme war ihm nicht ganz unbekannt. Sie glich der heiſeren, rauhen Stimme Eponinens. Marius eilte zu dem Gitter, ſchob den Stab bei Seite, ſteckte den Kopf hindurch und ſah Jemand, der ihm ein junger Menſch zu ſein ſchien, laufend in der Dunkelheit ver⸗ ſchwinden. nuthl Hen e Gr gef Pol Geg lore ford V Sl ebe geb me de E ie u8 en ger III. Herr Mabeuf. Der Geldbeutel Jean Valieans war Herrn Mabeuf nutzlos. In ſeiner ehrwürdigen kindlichen Strenge hatte Herr Mabeuf das Geſchenk der Sterne nicht angenommen; er gab nicht zu, daß ein Stern Louis'dors münzen könnte. Er hatte nicht errathen, daß das, was vom Himmel herab⸗ gefallen war, von Gavroche kam. Er hatte die Börſe dem Polizeikommiſſär ſeines Viertels gebracht als einen verlorenen Gegenſtand, den der Finder zur Verfügung deſſen ſtellte, der ihn beanſpruchen würde. Die Börſe war in der That ver⸗ loren. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Niemand ſie zurück⸗ forderte, und ſo war ſie keine Unterſtützung für Herrn Mabeuf. Uebrigens ſank Herr Mabeuf immer tiefer herab. Die Verſuche mit dem Indigo waren im botaniſchen Garten ebenſowenig gelungen wie in ſeinem Garten von Auſterlitz. Das vergangene Jahr war er ſeiner Magd den Lohn ſchuldig geblieben; jetzt war er ſeine Quartalmiethe ſchuldig. Das Leihhaus hatte nach Ablauf von dreizehn Monaten die Kupferplatten ſeiner Flora verkauft. Ein Kupferſchmied hatte daraus Caſſerolen gemacht. Da die Platten verloren waren, konnte er nicht einmal mehr die unvollſtändigen Exemplare ſeiner Flora, die er noch beſaß, komplettiren und überließ daher um einen geringen Preis an einen Antiquar die Kupfer und den Text als Defecte. Es war ihm von dem Werk, an das er ſein ganzes Leben geſetzt hatte, nichts mehr geblieben. Er verzehrte den Preis für ſeine Exem⸗ 64 plare. Als er ſah, daß dieſe geringe Hülfsquelle ſchwand, verzichtete er auf ſeinen Garten und ließ ihn unbebaut. Vorher und ſogar lange vorher hatte er auf ſeine beiden Eier und auf das Stück Rindfleiſch verzichtet, das er von Zeit zu Zeit aß. Er begnügte ſich mit Brod und Kar⸗ toffeln. Er hatte ſeine letzten Meubel verkauft und dann alles, was er an Kleidungsſtücken und Wäſche doppelt be⸗ ſaß; endlich ſeine Herbarien und ſeine Kupferſtiche; aber noch beſaß er ſeine werthvollſten Bücher, unter denen ſich mehrere ſehr ſeltene befanden, wie ein Florilegium rabbi- nicum von 1644, ein Tibulle von 1567 und mehrere an⸗ dere. Herr Mabeuf machte in ſeinem Zimmer niemals Feuer und ging mit dem Tage zu Bette, um kein Licht zu brennen. Es ſchien, als ob er keine Nachbarn mehr hätte, denn man wich ihm aus, wenn er ſich zeigte; er bemerkte dies. Das Elend eines Kindes erregt die Theilnahme einer Mutter; das Elend eines jungen Mannes erregt die Theilnahme eines jungen Mädchens; das Elend eines Greiſes erregt Niemandes Theilnahme. Es iſt von allen Elenden das Kälteſte. Indeß hatte der Vater Mabeuf ſeine kindliche Heiterkeit noch nicht ganz verloren. Sein Auge nahm einige Lebhaftigkeit an, wenn es ſich auf ſeine Bücher richtete und lächelte, wenn er den Diogenes Laertes anſah, der ein Uniquum war. Sein Bücherſchrank war das einzige Möbel, welches er außer dem unerläßlich Nöthigen behalten hatte. Eines Tages ſagte die Mutter Plutarch zu ihm: „Ich habe nichts, um Etwas zum Mittagseſſen zu kaufen.“ Was ſie das Mittagseſſen nannte war ein Brod und vier oder fünf Kartoffeln. „Auf Credit?“ ſagte Herr Mabeuf. „Sie wiſſen wohl, daß man ihn mir verweigert.“ Herr Mabeuf öffnete ſeinen Bücherſchrank, betrachtete lange Zeit alle ſeine Bücher eines nach dem andern wie ein PVat che Arn hatt dem ſi An auf ſug h fri in 6 vet R ſtr ka ſu un ber bi 65 Vater, der gezwungen iſt, ſeine Kinder zu opfern, ſie anſieht, ehe er unter ihnen wählt, nahm dann raſch Eins unter den Arm und ging aus. Nach zwei Stunden kehrte er zurück, hatte nichts mehr unter dem Arm und legte 30 Sous auf dem Tiſch, indem er ſagte: „Machen Sie ein Mittageſſen.“ Von dieſem Augenblick an ſah die Mutter Plutarch ſich über das offene Geſicht des Greiſes einen finſteren Schleier breiten, der nicht mehr verſchwand. Am nächſten Tage, am zweitnächſten und ſo jeden folgenden mußte wieder von vorn angefangen werden. Herr Mabeuf ging mit einem Buch aus und kehrte mit einem Geldſtück zurück. Da die Antiquare ihn gezwungen ſahen, zu verkaufen, zahlten ſie ihm 20 Sous für die Bücher, die er mit 20 Franes bezahlt hatte, und oft waren es dieſelben Antiquare, von denen er die Bücher gekauft hatte. Band auf Band, verſchwand ſo ſeine ganze Biblothek. Zuweilen ſagte er zu ſich:„Ich bin aber doch 80 Jahre alt,“ als hätte er dabei irgend einen Nebengedanken, die Hoffnung, früher an das Ende ſeiner Tage als an das Ende ſeiner Bücher zu gelangen. Seine Traurigkeit wuchs. Einmal indeß hatte er eine Freude. Er ging mit einem Robert Eſtienne fort, den er für 35 Sous auf dem Quai Malaquais verkaufte und kehrte mit einem Alde zurück, den er in der Rue des Gres für 40 Sous gekauft hatte. „Ich bin fünf Sous ſchuldig geblieben,“ ſagte er freude⸗ ſtrahlend zu der Mutter Plutarch. An dieſem Tage aß er nicht zu Mittag. Er war Mitglied der Gartenbaugeſellſchaft. Man kannte dort ſeine Noth. Der Präſident dieſer Geſellſchaft ſuchte ihn auf, verſprach ihm, mit dem Miniſter des Acker⸗ baues und des Handels zu ſprechen und that dies. Ei! rief der Miniſter, das will ich meinen! Ein alter Gelehrter! Ein Botaniker! Ein harmloſer Menſch! Für den Die Elenden. Vlll. 5 66 muß Etwas gethan werden! Am nächſten Tage erhielt Herr Mabeuf eine Einladung zum Eſſen bei dem Miniſter. Vor Freude zitternd, zeigte er den Brief der Mutter Plutarch. „Wir ſind gerettet!“ ſagte er. An dem beſtimmten Tage ging er zu dem Miniſter. Er bemerkte, daß ſeine zerdrückte Halsbinde, ſein abgetragener Rock und ſeine ge⸗ ſchmierten Schuhe die Bedienten in Verwunderung ſetzte. Niemand ſprach mit ihm, ſelbſt nicht der Miniſter. Gegen zehn Uhr Abends, als er noch immer auf ein Wort wartete, hörte er die Frau des Miniſters, eine ſchöne Dame in aus⸗ geſchnittenem Kleide, der er ſich nicht zu nahen gewagt hatte, fragen: Wer iſt denn der alte Herr? Zu Fuß kehrte er bei heftigem Regen um Mitternacht nach Hauſe zurück. Er hatte einen Elzevir verkauft, um einen Fiaker zum Hinfahren zu bezahlen. Er las gewöhnlich jeden Abend ehe er ſich zu Bette legte, einige Seiten in ſeinem Diogenes Laertes. Eine andere Freude kannte er jetzt nicht. So verfloſſen einige Wochen. Plötzlich wurde die Mutter Plutarch krank. Es giebt etwas noch Traurigeres, als kein Geld zu haben, um ein Brod bei dem Bäcker zu kaufen, das iſt, die Medizin bei dem Apotheker nicht bezahlen zu können. Eines Abends hatte der Arzt eine ſehr theure Arznei verordnet und dann verſchlimmerte ſich auch die Krankheit, und machte eine Wärterin erforderlich. Herr Mabeuf öffnete ſeinen Bücher⸗ ſchrank; es war nichts mehr darin. Der letzte Band war verſchwunden. Ihm blieb nur noch der Diogenes Laertes. Er nahm das Unicum unter den Arm und ging aus; es war am 4. Juni 1832. Er ging nach der Porte Saint⸗ Jacques zu dem Nachfolger Royols und kehrte mit 100 Francs zurück. Er legte ſeine Rolle mit Fünffrancsſtücken auf den Nachttiſch der alten Magd und ging nach ſeinem Zimmer, ohne ein Wort zu ſagen. Am nächſten Tage ſetzte er ſich mit der Morgenröthe auf die mit nch ſchie tin! Geſo Gär im 67 r auf den umgefallenen Eckſtein in ſeinem Garten und über or die Hecke konnte man ihn den ganzen Morgen regungslos mit geſenkter Stirn ſitzen ſehen, das Auge ſtier auf die ver⸗ en nachläſſigten Beete gerichtet. Es regnete zuweilen, der Greis ne ſchien es nicht zu bemerken. Am Nachmittage brach in Paris e⸗ ein ungewöhnlicher Lärm aus. Er glich Schüſſen und dem te. Geſchrei einer zahlreichen Menge. en Der Vater Mabeuf erhob den Kopf. Er ſah einen te, Gärtner vorübergehen und fragte: s⸗„Was giebt es denn?“ gt Der Gärtner, der ſeinen Spaten auf der Schulter trug, antwortete mit dem ruhigſten Tone von der Welt: t„Eine Emeute.“ m„Wie! Eine Emeute?“ „Ja. Man ſchlägt ſich.“ e„Weshalb denn?“ 5„Ei zum Henker!“ ſagte der Gärtner. n.„Wo?“ fragte Herr Mabeuf. bt„In der Gegend des Arſenals.“ in Der Vater Mabeuf ging in das Haus, nahm ſeinen z Hut, ſuchte maſchinenmäßig nach einem Buch, um es unter den Arm zu nehmen, fand aber keins. Er ſagte:„Ach ja! 5 es iſt wahr!“ und ging mit irrem Weſen fort. ine er⸗ ar 15; nt⸗ 00§ ken em 5⸗ Eine Idylle. —— Neuntes Buch. 5 ni 1832 . Eine Beerdigung: Veranlaſſung zur Wiedergeburt. Im Frühjahr 1832 war Paris ſeit langer Zeit ſchon bereit zu einer Erſchütterung, obgleich ſeit drei Monaten die Cholera die Gemüther erſtarren machte und der Aufregung eine finſtere Beſchwichtigung folgte. Die gewaltige Stadt gleicht einer Kanone; wenn ſie geladen iſt, genügt ein Funke, den Schuß abzufeuern. 1832 war der Funke der Tod des Ge⸗ nerals Lamarque. Lamarque war ein Mann von Ruf und Thatkraft. Er hatte nacheinander unter dem Kaiſerreich und unter der Re⸗ ſtauration den doppelten Heldenmuth gehabt, der für die beiden Zeitabſchnitte nöthig war, den Heldenmuth des Schlacht⸗ feldes und den Heldenmuth der Rednerbühne. Er war be⸗ redt, wie er tapfer geweſen war; man fühlte in ſeinen Wor⸗ ten ein Schwert. Gleich Foy, ſeinem Vorfahren, hielt er die Freiheit hoch, nachdem er das Kommando hochgehalten hatte. Er ſaß zwiſchen der Linken und der äußerſten Lin⸗ ken, war beliebt bei dem Volke, weil er die Ausſichten für die Zukunft vertheidigte, beliebt bei der Menge, weil er dem Kaiſer gedient hatte. Er war, mit den Grafen Gerard 72 und Drouet, Einer der Marſchälle in Petto Napoleons. Die Verträge von 1815 regten ihn auf wie eine perſönliche Be⸗ leidigung. Er haßte Wellington mit einem unmittelbären Haſſe, der der Menge gefiel, und ſeit ſiebzehn Jahren hatte er auf erhabene Weiſe die Trauer um Waterloo bewahrt, kaum die Zwiſchenereigniſſe beachtend. In ſeinem Todes⸗ kampf, in ſeiner letzten Stunde preßte er einen Degen an ſeine Bruſt, den die Offiziere der hundert Tage ihm ge⸗ widmet hatten. Napoleon war geſtorben, indem er das Wort Armee ausſprach, Lamarque ſtarb mit dem Worte auf den Lippen: Vaterland. Seinen Tod, der ſich vorausſehen ließ, fürchtete das Volk wie einen Verluſt und die Regierung wie eine Gelegen⸗ heit. Dieſer Tod war ein Trauerfall. Wie Alles, was bit⸗ ter, kann auch die Trauer zur Revolte führen. Das ge⸗ ſchah. Am Tage zuvor und am Morgen des 5. Juni, der zur Beerdigung Lamarque's beſtimmt war, nahm die Vor⸗ ſtadt St. Antoine, durch die der Leichenzug kommen ſollte, ein drohendes Ausſehen an. Das Straßennetz füllte ſich mit einer lärmenden Menge. Man bewaffnete ſich, wie man konnte. Tiſchler nahmen aus den Werkſtätten Geräthe mit, um die Thüren zu ſprengen. Einer von ihnen hatte ſich ſeinen Dolch aus einem Haken gemacht, indem er den Ha⸗ ken abbrach und den Stiel ſpitzte. Ein Anderer ſchlief, in ſeinem Fieber„anzugreifen“, ſeit drei Tagen angekleidet. Ein Zimmermann Namens Lombier begegnete einem Kame⸗ raden, der ihn fragte:„Wohin gehſt Du?“—„Nun, ich habe keine Waffen.“—„Und weiter?“—„Ich gehe nach meinem Zimmerplatz, um meinen Zirkel zu holen.“—„Wo⸗ zu?“—„Ich weiß es nicht,“ ſagte Lombier. Ein gewiſſer Jacqueline redete die erſten beſten Arbei⸗ ter, die vorübergingen, an:„Komm, Du!“— Er zahlte 10 Sous für Wein und ſagte:„Haſt Du Arbeit?“— „Nei Mor finde fen ſi li verſa bei G ernſt Dei „Ur auf des M W blie nit uf öd un D ſn — „Nein.“—„Geh' zu Filspierre zwiſchen der Barriere Montreuil und der Barriere Charonne, da wirſt Du Arbeit finden.“— Man fand bei Filspierre Cartouche und Waf⸗ fen. Gewiſſe bekannte Führer machten die Poſt, d. h. ſie liefen zu dem Einen und den Andern, um ihre Leute zu verſammeln. Bei Barthelemy, nahe der Barriere Du Tröne, bei Capel, im Petit⸗Chapeau redeten Trinker einander mit ernſtem Weſen an. Man hörte ſie ſagen:„Wo haſt Du Deine Piſtolen?“—„Unter meiner Blouſe.“— „Und Du?“—„Unter meinem Hemd.“ In der Rue Traverſiere vor dem Atelier Rolands und auf dem Hofe des abgebrannten Hauſes, vor der Werkſtätte des Zeugſchmieds Bernier flüſterten Gruppen mit einander. Man bemerkte unter dieſen als den Eifrigſten einen gewiſſen Mavot, der nie länger als eine Woche in einer Werkſtatt blieb, da die Meiſter ihn fortſchickten, weil man ſich täglich mit ihm ſtreiten mußte. Mavot wurde am nächſten Tag auf der Barrikade der berühmten Rue Meénilmontant ge⸗ tödtet. Pretot, der ebenfalls in dem Kampf fallen ſollte, unterſtützte Mavot, und auf die Frage:„Welchen Zweck haſt Du?“ antwortete er:„Die Inſurrection.“ Arbeiter, die an der Ecke der Rue de Berch beiſammen ſtanden, erwarteten einen gewiſſen Lemarin, einen revolutio⸗ nären Agenten für die Vorſtadt St. Marceau. Erkennungs⸗ worte wurden beinahe öffentlich ausgetauſcht. Am 5. Juni alſo, einem Tage, an welchem Regen und Sonnenſchein wechſelte, ging der Leichenzug des Generals Lamarque mit den officiellen, militairiſchen Prunk, der durch Vorſichtsmaßregeln noch ein Wenig vergrößert war, durch Paris. Zwei Bataillone mit verhüllten Trommeln und ge⸗ ſenkten Gewehren, 10,000 Nationalgardiſten, den Säbel an der Seite, die Batterien der Artillerie der Nationalgarde, begleiteten den Sarg. Der Leichenwagen wurde von jungen Leuten gezogen. Die Offiziere der Invaliden gingen un⸗ 74 mittelbar hinter demſelben her mit einem Lorbeerzweig in den Händen. Dann folgte eine zahlloſe Menge, aufgeregt und auf eine eigenthümliche Weiſe gemiſcht, die Anhänger der Freunde des Volkes, die Rechtsſchule, Medicinſchule, die Flüchtlinge aller Nationen, ſpaniſche, italieniſche, deutſche, polniſche Fahnen, dreifarbige, quergeſtreifte Fahnen, alle möglichen Banner, Kinder, grüne Zweige ſchwingend, Steinmetzen und Zimmerleute, welche in dem Augenblicke feierten, Drucker, kenntlich an ihren Papiermützen, zu Zwei und Zwei, zu Drei und Drei, lautes Geſchrei ausſtoßend, beinahe ſämmtlich Stöcke ſchwingend, einige Säbel ohne Ordnung und dennoch mit einer einzigen Seele, bald ein wilder Schwarm, bald eine Colonne. Einzelne Abtheilungen wählten ſich Führer; ein Menſch, der mit einem Paar vollkommen ſichtbaren Piſtolen bewaffnet war, ſchien Andere, deren Reihen vor ihm zurückwichen, die Revue paſſiren zu laſſen. In den Nebenalleen der Boulevards, auf den Aeſten der Bäume, auf den Balkons, an den Fenſtern, auf den Dächern, er⸗ blickte man eine Menge von Köpfen, Männer, Weiber, Kinder; die Augen waren von Beſorgniß erfüllt. Eine be⸗ waffnete Menge zog vorüber, eine erſchrockene Menge ſah ſie vovüberziehen. Die Regierung ihrerſeits beobachtete. Sie beobachtete die Hand am Griffe des Degens. Man konnte, zum Ab⸗ marſch bereit, mit gefüllten Patrontaſchen, mit geladenen Gewehren und Karabinern auf dem FPlatze Ludwigs XV. vier Schwadronen Karabiner im Sattel und mit dem Trom⸗ petern an der Spitze ſehen; im lateiniſchen Viertel und bei dem botaniſchen Garten war die Municipalgarde von Straße zu Straße aufgeſtellt; bei der Weinhalle ſtand eine Schwa⸗ dron Dragoner, auf dem Groveplatz die eine Hälfte und auf dem Baſtillenplatz die andere Hälfte des 12. leichten Regi⸗ ments; das 6. Dragonerregiment bei den Cöleſtinern; die Artillerie erfüllte den Hof des Louvre. Die übrigen Trup⸗ — pen Reg ſorg gere Sta kün en uf de ge che en zen er, rei it ch d t; en or ne, 75 pen waren in den Caſernen conſignirt, ungerechnet noch die Regimenter in der Umgegend von Paris. Die von Be⸗ ſorgniß erfüllte Regierung hielt über den Häuptern der auf⸗ geregten und drohenden Menge 24,000 Soldaten in der Stadt und 30,000 in der Umgegend. Verſchiedene Gerüchte liefen in dem Leichenzug um. Man ſprach von legitimiſtiſchen geheimen Unternehmungen; man ſprach von dem Herzog von Reichſtadt, den Gott in eben dieſer Minute für den Tod bezeichnete, in welcher die Menge ihn für ein Kaiſerreich beſtimmte. Ein Menſch, der unbekannt geblieben iſt, verkündete, daß zur feſtgeſetzten Stunde zwei beſtochene Aufſeher dem Volke die Thore einer Waoffenfabrik öffnen würden. Was auf den entblößten Stirnen der jetzt Anweſenden vorherrſchte, war der Enthu⸗ ſiasmus, gemiſcht mit Niedergeſchlagenheit. Hier und dort erblickte man in der Menge, welche die Beute heftiger Auf⸗ regung, aber edler Geſinnung war, auch wahre Galgen⸗ geſichter und unedle Mäuler, welche ſagten:„Laßt uns plündern!“ Der Leichenzug bewegte ſich mit fieberhafter Langſam⸗ keit von dem Sterbehauſe über die Boulevards bis zum Baſtilleplatz. Es regnete von Zeit zu Zeit, doch die Menge kümmerte ſich darum nicht. Mehrere Ereigniſſe— das Tragen des Sarges um die Vendomeſäule— Steine, die nach dem Herzog von Fitz⸗James geworfen wurden, welcher mit dem Hut auf dem Kopf auf einem Balcon ſtand,— der galliſche Hahn von einer Volksfahne heruntergeriſſen und in den Koth getreten— ein Stadtſergeant bei der Porte St. Martin durch einen Degenſtoß verwundet,— ein Offi⸗ zier des 12. leichten Regiments, der ganz laut ſagte:„Ich bin Republikaner!“— Die polhtechniſche Schule, welche mit dem Geſchrei begrüßt wurde:„Es lebe die polytechniſche Schule! Es lebe die Republik!“— bezeichnete den Weg des Leichenzuges. Auf dem Baſtilleplatz vereinigten ſich lange Reihen ge⸗ fahrdrohender Neugieriger, die aus der Vorſtadt Saint⸗ Antoine kamen, mit dem Leichengefolge und ein gewiſſes furchtbares Sieden begann ſich in der Menge bemerkbar zu machen. Man hörte einen Menſchen zu einem Andern ſagen: „Siehſt Du den da mit ſeinem rothen Barte? Er iſt es, welcher ſagen wird, wann geſchoſſen werden muß.“ Es ſcheint, als hätte eben dieſer rothe Bart ſich ſpäter in derſelben Beſchäftigung bei einer andern Emeute wieder gefunden; der Geſchichte Qusdniſſet. Der Leichenwagen ging über den Baſtilleplatz, folgte dem Kanal, kam über die kleine Brücke und erreichte die Esplanade der Auſterlitzbrücke. Hier machte er Halt. In dieſem Augenblicke würde die Menge, aus der Vogelper⸗ ſpeetive geſehen, das Ausſehen eines Kometen gehabt haben, deſſen Kopf auf der Esplanade war und deſſen Schweif ſich über den Quai Bourdon zog, den Baſtilleplatz bedeckte und ſich über den Boulevard bis zur Porte Saint⸗Martin verlängerte. Ein Kreis bildete ſich um den Leichenwagen. Die Menge ſchwieg. Lafayette ſprach und ſagte Lamarque Lebewohl. Es war ein rührender und erhabener Augenblick, wie alle die Köpfe ſich entblößten, alle Herzen klopften. Plötzlich erſchien ein ſchwarzgekleideter Menſch zu Pferde, mitten in der Gruppe mit einer rothen Fahne. Andere ſagen, mit einer rothen Mütze auf einer Pike. Lafayette wandte den Kopf ab. Excellmans verließ den Leichenzug. Dieſe rothe Fahne erregte einen Sturm und verſchwand in demſelben. Von dem Boulevard Bourdon bis nach der Auſterlitzbrücke regte ein Geſchrei, welches dem Sturm glich, die Menge auf. Zwei Rufe tönten daraus hervor:— Lamarque nach dem Pantheon!— Lafayette nach dem Stadthaus!— Junge Leute ſpannten ſich unter dem Beifallsgeſchrei der Menge vor den Leichenwagen und oge eine Bei Deu Joh nitz fe kav lech ſi der ch, 77 zogen Lamarque über die Auſterlitbrücke und Lafahette in einem Fiaker über den Quai Morland. Unter der Menge, welche Lafayette umgab und ihm Beifall zujauchzte, bemerkte und zeigte man ſich auch einen Deutſchen, Namens Ludwig Snyder, der ſeitdem hundert Jahre alt geworden iſt und der auch den Krieg von 1776 mitgemacht und unter Waſhington bei Trenton, ſowie unter Lafayette bei Brandywine gekämpft hatte. Indeß ſetzte ſich auf dem linken Ufer die Munieipal⸗ kavallerie in Bewegung und verließen die Brücke; auf dem rechten Ufer ſetzten ſich die Dragoner in Bewegung und ſtellten ſich links des Quai Morland auf. Das Volk, welches Lafayette zog, bemerkte ſie plötzlich an der Ecke des Quai und rief: Die Dragoner! Die Dragoner ritten im Schritt vorwärts, ſchweigend, die Piſtolen in den Halftern, die Säbel in den Scheiden, die Karabiner an den Haken, in finſterer Erwartung. Zweihundert Schritte von der kleinen Brücke entfernt machten ſie Halt. Der Fiaker, in welchem Lafayette ſaß, fuhr bis zu ihnen heran, ſie öffneten ihre Glieder, ſie ließen ihn hindurch und ſchloſſen ſich hinter ihm wieder. In dieſem Angenblick berührten ſich die Dragoner und die Volksmenge. Die Weiber entflohen vor Schrecken. Was geſchah in dieſer verhängnißvollen Minute? Nie⸗ mand vermochte es zu ſagen. Es iſt der finſtere Augen⸗ blick, in welchem zwei Wolken ſich miteinander vermiſchen. Die Einen erzählten, ein Angriffſignal wäre von der Seite des Arſenals ertönt, die Anderen, ein Kind hätte einem Dragoner einen Dolchſtoß verſetzt. Die Thatſache iſt, daß plötzlich drei Schüſſe fielen, deren erſter den Escadronchef Cholet tödtete, deren zweiter ein altes taubes Weib, welches ihr Fenſter in der Rue Contrescarpe ſchloß, deren dritter einen Officier das Epaulette verbrannte. Ein Weib ſchrie: Man fängt zu früh an! und plötzlich ſah man von der dem Quai Morland entgegengeſetzten Seite eine Schwadron 78 Dragoner, die in der Kaſerne geblieben war, im Galopp heranſprengen mit gezogenem Säbel und durch die Rue Baſſompierre und dem Boulevard Bourdon Alles vor ſich wegfegend. Zetzt war das Wort geſprochen; der Sturm entfeſſelte ſich, die Steine regneten, die Schüſſe knallten, Viele ſtürzten ſich die Brüſtung hinab und flohen über den kleinen Arm der Seine, der jetzt ausgefüllt iſt; die Zimmerwerkſtätten der Inſel Louviers, dieſer geräumigen umfaſſenden Citadelle, be⸗ ſetzten ſich mit Kämpfern, man riß Pfähle aus, man feuerte Piſtolenſchüſſe ab, eine Barrikade entſtand, junge, zurück⸗ getriebene Leute gingen wieder über die Anſterlitzbrücke mit dem Leichenwagen im Sturmſchritt auf die Municipalgarde los, die Karabiniers eilten herbei, die Dragoner hieben ein, die Menge zerſtreute ſich nach allen Richtungen, ein Kriegs⸗ ruf flog zu den vier Ecken von Paris und ſchrie: zu den Waffen! Man lief, man ſtürzte über einander, man floh, man widerſtand. Der Zorn riß die Emeute fort, wie der Wind das Feuer weiter trägt. II. Der Auſſtand. Nichts iſt außerordentlicher als das erſte Gewimmel einer Emeute. Alles bricht überall zugleich aus. Iſt das vorausgeſehen? Ja. Iſt es vorbereitet? Nein. Wo kommt es her? Von den Fflaſterſteinen. Wo fallen dieſe herab? —— Aus eines Beſt ſie werde dann ſße nigd eht ſcheh gen zwo Eſin mit eine der Dri det ein und den in wei od Ce we ſu bn oh, der nel a mt b 79 Aus den Wolken. Hier hat die Inſurrection den Charakter eines Complottes, dort den einer Improviſation. Der erſte Beſte bemächtigt ſich einer Strömung der Menge und leitet ſie wohin er will. Zuerſt hört man Geſchrei, die Läden werden geſchloſſen, die Auslagen der Kaufleute verſchwinden; dann ertönen einzelne Schüſſe, Menſchen fliehen; Kolben⸗ ſtöße geſchehen gegen die Thorwege; man hört die Dienſt⸗ mägde auf den Höfen der Häuſer lachen und ſagen: Es geht los! Noch war keine Viertelſtunde verfloſſen und ſchon ge⸗ ſchah auf zwanzig verſchiedenen Punkten von Paris fol⸗ gendes: In der Rue St. Croix de la Bretonnerie traten einige zwanzig junge Leute mit langen Haaren und Bärten in ein Eſtaminet und kehrten einen Augenblick ſpäter daraus zurück mnitit einer guergeſtreiften dreifarbigen Fahne, bedeckt mit einem Trauerflor; an ihrer Spitze waren drei Bewaffnete, der Eine trug einen Säbel, der Andere ein Gewehr, der Dritte eine Pike. In der Rue des Nonaindieres reichte ein wohlgeklei⸗ deter Bürger, der einen Bauch hatte, eine tiefe Stimme, einen kahlen Schädel, eine hohe Stirn, einen ſchwarzen Bart und einen ſtarken Schnurrbart, öffentlich den Vorübergehen⸗ den Cartouchen. In der Rue St. Pierre⸗Montmartre trugen Männer in bloßen Armen eine ſchwarze Fahne umher, auf der mit weißen Buchſtaben die Worte ſtanden: Die Republik oder der Tod. In der Rue des Jeuneurs, Rue du Cadran, Rue Montorgueil, Rue Mandar erſchienen Gruppen, welche Fahnen trugen, auf welchen man mit goldenen Buch⸗ ſtaben das Wort Section und eine Nummer las. Eine dieſer Fahnen war roth und blau mit einem kaum bemerk⸗ baren weißen Streifen dazwiſchen. Man plünderte eine Waffenfabrik auf dem Boulevard * 80 St. Martin und drei Läden von Waffenhändlern, den erſten Rue Beaubourg, den zweiten Michel-le⸗Comte, den dritten Rue du Temple. Binnen wenigen Minuten erfaßten die tauſend Hände der Menge zweihundertdreißig, beinahe ſämmt⸗ lich doppelläufige Gewehre, vierundſechzig Säbel, dreiund⸗ achtzig Piſtolen. Um mehr Menſchen bewaffnen zu können, nahm der Eine das Gewehr und der Andere das Bajonnet. Dem Quai de la Grove gegenüber drangen bewaffnete junge Leute bei Frauenzimmern ein, um zu ſchießen. Einer derſelben hatte eine Rädermuskete. Sie klingelten, traten ein und begannen Cartouchen zu machen. Eine dieſer Frauen hatte erzählt: Ich wußte nicht, was Cartouchen wa⸗ ren, mein Mann hat es mir geſagt. Ein Haufen erbrach einen Laden mit Alterthümern und Sehenswürdigkeiten in der Rue des Vieilles⸗Haudriettes und bemächtigte ſich der Yatagans und türkiſchen Waffen. Die Leiche eines Maurers, der durch einen Schuß ge⸗ tödtet worden war, lag in der Rue de la Perle. Auf dem rechten, auf dem linken Ufer, auf den Quai's, auf den Boulevards, in dem lateiniſchen Viertel, in dem Quartier der Hallen laſen aufgeregte Menſchen, Arbeiter, Studenten, Sectionsmitglieder, Proklomationen vor und rie⸗ fen: Zu den Waffen! Sie ſchlugen die Laternen ein, ſpann⸗ ten die Wagen ab, riſſen das Pflaſter auf, ſtießen die Thüren der Häuſer ein, riſſen die Bäume aus, durchſuchten die Keller, rollten Fäſſer zuſammen, häuften FPflaſterſteine, Bruchſteine, Meubel, Bretter aufeinander und bauten Bar⸗ rikaden. Man zwang die Bürger, dabei zu helfen. Man drang bei den Frauen ein, ließ ſich von ihnen den Säbel und das Gewehr der abweſenden Männer geben und ſchrieb mit Kreide auf die Thüren: Die Waffen ſind ausgeliefert. Einige unterzeichneten mit ihrem Namen den Empfang des Gewehrs und des Säbels und ſagten: Laſſen Sie ſie me de tie de vor ver ni — 81 morgen auf der Mairie holen. Man entwaffnete auf den Straßen die einzelſtehenden Schildwachen und die Na⸗ tionalgardiſten, die nach ihren Sammelplatz eilten. Man riß den Offizieren die Epaulettes ab. In die Rue du Cimetière St. Nikolas flüchtete ſich ein Offizier der Nationalgarde, der von einem mit Stöcken und Stoßrappieren bewaffneten Haufen verfolgt wurde, mit großer Mühe in ein Haus, das er erſt mit Anbruch der Nacht und verkleidet verlaſſen konnte. In dem Quartier St. Jacques verließen die Studenten in großen Schwärmen ihre Wohnungen, eilten die Rue St. Hyacinthe hinauf nach dem Kaffee du Progrès oder hinab nach dem Kaffee der Sept Billards, Rue de Ma⸗ thurins; hier vertheilten junge Leute, die auf den Eckſteinen ſtanden, Waffen. Man plünderte den Zimmerhof der Rue Transnonain, um Barrikaden zu bauen. Auf einem ein⸗ zigen Punkt leiſteten die Bewohner Widerſtand, an der Ecke der Rue St. Avoye et Simon le Franc, wo ſie ſelbſt die Barrikaden niederriſſen. Auf einem einzigen Punkt wichen die Inſurgenten zurück; ſie verließen eine Barrikade, die in der Rue du Temple erbaut worden war, und, nachdem ſie auf eine Abtheilung Nationalgardiſten Feuer gegeben hatten, ent⸗ flohen ſie in die Rue de la Corderie. Das Detachement fand auf der Barrikade eine rothe Fahne, ein Päckchen mit Cartouchen und dreihundert Piſtolenkugeln. Die National⸗ gardiſten zerriſſen die Fahne und trugen die Fetzen derſelben auf den Spitzen ihrer Bajonette fort. Alles, was wir hier langſam und nacheinander erzählen, geſchah zu gleicher Zeit auf allen Punkten der Stadt, mit einem wilden Tumult wie eine Maſſe von Blitzen bei einem einzigen Rollen des Donners. Binnen weniger als einer Stunde wuchſen 27 Barri⸗ kaden in dem einzigen Viertel der Hallen aus der Erde empor. Im Mittelpunkt ſtand ein berüchtigtes Haus Nr. 50, welches die Feſtung Jeannes und ſeiner 106 Gefährten war Die Elenden. VIII. 6 82 und die, rechts durch eine Barrikade in St. Merry und links durch eine andere in der Rue Maubuce gedeckt, drei Straßen beſtrich: die Rue des Arcis, Rue St. Martin und Rue Aubry le Boucher. Zwei im Winkel angelegte Barri⸗ kaden deckten die Rue Montorgueil, die Rue Grande Truan⸗ derie, die Rue Geoffroy Langevin und die Rue St. Avoye. Zahlloſe Barrikaden wurden auch in zwanzig andern Stadt⸗ vierteln von Paris errichtet, im Marais, auf dem Boulevard der heiligen Genoveba, Rue Ménilmontant, wo dazu ein Thorflügel aus den Angeln geriſſen worden war; eine andere wurde in der Nähe der kleinen Brücke des Hotel Dieu aus einem abgeſpannten und umgeſtürzen Wagen, hundert Schritte von der Polizeipräfectur, errichtet. An der Barrikade der Rue des Ménétriers vertheilte ein gutgekleideter Mann Geld an die Arbeiter. Bei der Barrikade der Rue Greénetat erſchien ein Reiter und über⸗ gab dem, der der Kommandant der Barrikade zu ſein ſchien, eine Rolle, die Silbergeld zu enthalten ſchien.— Hier, ſagte er, zur Bezahlung der Ausgaben, des Weinsc. Ein junger, blaſſer Menſch, ohne Halsbinde, ging von einer Barrikade zur andern und überbrachte Befehle. Ein Anderer, mit gezogenem Säbel und einer blauen Feldmütze auf dem Kopf, ſtellte Schildwachen aus. Im Innern, diesſeits der Barrikade wurden die Cabarets und die Logen der Thür⸗ hüter in Wachlokale verwandelt. Uebrigens benahm ſich die ganze Emeute mit der verſtändigſten, militäriſchen Taktik. Die engen. ungleichen, gewundenen, mit Ecken und Winkel verſehenen Straßen wurden mit wunderbarer Geſchicklichkeit gewählt, beſonders die Umgebungen der Hallen, ein Netz von Straßen, das verworrener iſt wie ein Wald. Die Geſellſchaft der Freunde des Volks hatte, wie man ſagte, die Leitung der Inſurrection in dem Stadtviertel St. Avoye übernommen, ein in der Rue du Ponceau getödteter Mann, den man durchſuchte, hatte einen Plan von Paris bei ſich. bel lib Ga hat p fll z dae nd rei und ri⸗ he. di⸗ urd ein ore oon ilte der er⸗ ien, er, net rer, em der it⸗ die füik. nlel eit Net Die gt ohe un, 83 Die wirkliche Leitung der Emeute hatte eine Art un⸗ bekanntes Ungeſtüm übernommen, das in der Luft ſchwebte. Die Inſurrection hatte plötzlich mit der einen Hand Barri⸗ kaden erbaut und mit der andern beinahe alle Poſten der Garniſon aufgehoben. Binnen weniger als drei Stunden hatten die Inſurgenten, ähnlich einem Pulverſtreifen, der ſich plötzlich entzündet, auf dem rechten Ufer das Arſenal über⸗ fallen und genommen, die Mairie des Königsplatzes, den ganzen Marais, die Waffenfabrik Popincourt, die Galiote, das Chateau d'Eau, alle Straßen in der Nähe der Hallen; auf dem linken Ufer die Kaſerne der Veteranen, St. Pelagie, den Platz Maubert, die Pulvermühle der Deux Moulins, alle Barrieren. Um fünf Uhr Abends waren ſie Herren des Baſtillenplatzes, desPlatzes de la Lingerie, des Blancs Manteaur; ihre Vorpoſten berührten den Platz des Victoires und be⸗ drohten die Bank, die Kaſerne der Petits Pores, das Poſt⸗ gebäude. Der dritte Theil von Paris gehörte der Emeute. Auf allen Punkten war der Kampf rieſenmäßig ent⸗ ſponnen, und in Folge der Entwaffnungen, der Hausſuchungen, den Plünderungen der Waffenhändler entſprang aus dem mit Steinwürfen begonnenem Kampf ein mit Gewehrſchüſſen fortgeſetztes Gefecht. Gegen ſechs Uhr Abends wurde der Durchgang du Saumon zum Schlachtfeld. Die Emeute ſtand auf dem einen Ende, die Truppen ſtanden auf dem entgegengeſetzten. Man ſchoß ſich von einem Gitter zum andern. Ein Beob⸗ achter, ein Träumer, der Verfaſſer dieſes Buches, der aus⸗ gegangen war, den Vulkan in der Nähe zu ſehen, befand ſich in dieſem Gange zwiſchen zwei Feuern. Er hatte zum Schutze gegen die Kugeln nichts, als die Vorſprünge der Halbſäulen, welche die Kaufmannsgewölbe von einander trennen; beinahe eine halbe Stunde befand er ſich in dieſer kitzlichen Lage. Indeß wurde Alarm geſchlagen, die Nationalgarde 6* 84 kleidete und waffnete ſich in aller Haſt, die Legionen ver⸗ ließen die Mairie, die Regimenter die Kaſerne. Dem Durch⸗ gang de LAncre gegenüber bekam ein Tambour einen Dolch⸗ ſtoß. Ein Anderer wurde in der Rue du Cygne von einigen dreißig jungen Leuten umzingelt, die ihm ſeine Trommel zerſtießen und ihm ſeinen Säbel nahmen. Wieder ein Anderer wurde in der Rue Grenier St. Lazare getödtet. In der Rue Michel⸗le⸗Comte fielen drei Offiziere nach einander todt nieder. Mehrere Municipalgardiſten, die in der Rue des Lombards verwundet wurden, zogen ſich zurück. Vor dem Cour⸗Batave fand ein Detachement der Na⸗ tionalgarde eine rothe Fahne mit der Inſchrift: Rep ubli⸗ kanifche Revolution Nr. 127. War es wirklich eine Revolution? Die Inſurrection hatte ſich im Mittelpunkt von Paris eine Art coloſſaler, eingedeckter, unnehmbarer Cidatelle ge⸗ macht. Hier war der Heerd, hier mußte offenbar die Frage entſchieden werden. Alles Uebrige war nur Scharmützel. Was bewieß, daß hier die Entſcheidung erfolgen würde, war, daß man ſich hier noch nicht ſchlug. In einigen Regimentern waren die Soldaten unent⸗ ſchloſſen, was die entſetzliche Dunkelheit der Kriſis nur ver⸗ mehrte. Sie erinnerten ſich an den triumphirenden Empfang, der im Juli 1830 die Neutralität des 53. Linienregiments begrüßt hatte. Zwei unerſchrockene und durch die großen Kriege geprüfte Männer, der Marſchall Lobau und der General Bugeaud kommandirten, Bugeaud unter Lobau. Gewaltige Patrouillen, gebildet aus Bataillonen der Linie, eingeſchloſſen in ganze Kompagnien der Nationalgarde und denen ein Polizeicommiſſar in der Schärpe voranging, recog⸗ noscirten die im Aufſtand begriffenen Straßen. Die Inſur⸗ genten ihrerſeits ſtellten an den Ecken der Kreuzwege Ve⸗ detten aus und ſchickten verwegene Patrouillen über die —— Ne Al age Gel. wal, 85 Barrikade hinaus. Man beobachtete fich von beiden Seiten. Die Regierung, welche eine Armee in der Hand hatte, zögerte; die Nacht war nahe und man hörte die Sturm⸗ glocke von St. Merry. Der damalige Kriegsminiſter, der Marſchall Soult, der Auſterlitz geſehen hatte, betrachtete das Alles mit finſterem Blick. Dergleichen alte Streiter, die an das regelrechte Ma⸗ növer gewöhnt ſind und keinen andern Führer kennen, als die Taktik, dieſen Compaß der Schlachten, werden durch den gewaltigen Sturm des öffentlichen Unwillens irre ge⸗ macht. Der Wind der Revolutionen läßt ſich nicht leiten. Die Nationalgarde der Vorſtädte eilte in Haſt und Unordnung herbei. Ein Bataillon des 12. leichten Regi⸗ ments kam im Sturmſchritt von St. Denis an, das 14. Linienregiment traf von Courbevoie ein, die Batterien der Militairſchule hatten Poſition auf dem Carouſſel⸗Platz ge⸗ nommen; Geſchütze kamen von Vincennes heran. In den Tuilerien wurde es einſam. Ludwig Philipp war ſehr ernſt. IMI. Originalität von Paris. Seit zwei Jahren hatte Paris, wie erwähnt, mehr als eine Inſurrection geſehen. Außer den inſurgirten Stadt⸗ vierteln iſt gewöhnlich Nichts auf eine eigenthümliche Weiſe ruhiger, als die Phyſiognomie von Paris während einer 86 Emeute. Paris gewöhnt ſich ſehr ſchnell an Alles,— es iſt nichts als eine Emeute,— und Paris hat ſo viel Ge⸗ ſchäfte, daß es ſich wegen einer ſolchen Kleinigkeit nicht irre machen läßt. Wenn die Inſurrection beginnt und man den Generalmarſch ſchlagen hört, begnügt ſich der Krämer damit, zu ſagen: Es ſcheint, als ob es Lärm gäbe; wo? Vorſtadt St. Antvine. Oft fügt er dann auch forglos hinzu: Irgendwo. Später, wenn man den vergrößerten Lärm und das Schießen vernimmt, ſagt der Krämer dann wohl: Sieh, ſieh, das wird ein ernſthafter Auftritt. Wenn dann die Emeute ſich naht, ſchließt er raſch ſei⸗ nen Laden, zieht ſeine Uniform an, bringt ſeine Waaren in Sicherheit und ſeine Perſon in Gefahr. Man ſchießt ſich auf einem Kreuzwege, in einem Durch⸗ gange, in einer Sackgaſſe; man nimmt die Barrikade, ver⸗ liert ſie und nimmt ſie wieder. Das Blut fließt, Kar⸗ tätſchenkugeln ſchmettern gegen die Häuſer, Flintenkugeln tödten die Menſchen in ihren Zimmern, Leichen bedecken das Pflaſter. Einige Straßen von dort entfernt hört man das Klappern der Billardkugeln. Die Theater öffnen ihre Thore und ſpielen Vaude⸗ villes; die Neugierigen plaudern und lachen, zwei Schritte von den Krieg erfüllten Straßen entfernt. Die Fiaker fah⸗ ren; die Fußgänger gehen zu ihrem Eſſen, zuweilen in eben dem Stadtviertel, in welchem man ſich ſchlägt. 1831 wurde das Feuer von beiden Seiten unterbrochen, um einen Hoch⸗ zeitszug hindurch zu laſſen. Während der Inſurrection vom 12. Mai 1839 ſah man in der Rue St. Martin einen kleinen, alten, kränklichen Men⸗ ſchen, der einen Wagen zog, welcher einen dreifarbigen Fetzen trug und mit Flaſchen verſchiedener Arten von Getränken 87 angefüllt war, von den Barrikaden zu den Truppen und von den Truppen zu den Barrikaden fahren, unpartheiiſch den Inhalt ſeiner Gläſer bald der Regierung, bald der Anarchie bietend. Nichts kann ſonderbarer ſein und dies iſt der eigent⸗ liche Charakter der Emeute von Paris, der ſich in keiner andern Hauptſtadt zeigt. Diesmal indeß, bei der Ergreifung der Waffen am 5. Juni 1832, fühlte die große Stadt Etwas, das vielleicht ſtärker war wie ſie ſelbſt. Sie empfand Furcht. Man ſah überall, ſelbſt in den entfernteſten Stadtvierteln, die Thüren, Fenſter und Fenſterladen ſich am hellen Tage ſchließen. Die Muthigen bewaffneten, die Feigen verſteckten ſich. Die ſorg⸗ loſen und geſchäftigen Leute verſchwanden. Viele Straßen waren verödet wie um vier Uhr Morgens. Man trug beunruhigende oder verhängnißvolle Neuigkeiten umher. Sie wären Herren der Bank;— blos bei dem Kloſter St. Merry allein wären ſie ihrer ſechshundert in der Kirche verſchanzt; — die Linientruppen wären nicht zuverläſſig;— Armand Carrel hätte den Marſchall Clauſel aufgeſucht und der Mar⸗ ſchall zu ihm geſagt: Sorgen Sie zunächſt für ein Regiment;— Lafayette wäre krank, hätte aber dennoch geſagt: Ich gehöre ihnen. Ich werde ihnen über⸗ all hin folgen, wo es Platz für einen Armſeſſel giebt;— man müßte auf ſeiner Hut ſein;— während der Nacht würden Menſchen die einſamen Häuſer auf den öden Punkten von Paris plündern;— eine Batterie wäre in der Rue Aubry⸗le⸗Boucher errichtet worden;— Lobau und Bugeaud beriethen ſich mit einander und um Mitternacht oder ſpäteſtens mit Anbruch des Tages würden vier Ko⸗ lonnen zugleich gegen den Mittelpunkt der Emeute vordrin⸗ gen; vielleicht würden auch die Truppen Paris räumen und ſich nach dem Marsfeld zurückziehen;— man wüßte nicht, was geſchehen könnte, aber diesmal wäre es ganz gewiß 88 Ernſt.— Man wunderte ſich über das Zögern des Mar⸗ ſchalls Soult.— Weshalb griff er nicht ſogleich an?— Gewiß war er in Gedanken verſunken. Der alte Löwe ſchien in der Dunkelheit ein unbekanntes Ungeheuer zu wittern. Der Abend kam, die Theater öffneten ſich nicht, die Patrouillen zogen mit aufgeregtem Weſen umher; man durch⸗ ſuchte die Vorübergehenden; man hielt die Verdächtigen an. um 9 Uhr Abends waren ſchon über 800 Perſonen ver⸗ haftet; die Polizeipräfektur, die Conciergerie, La Force waren überfüllt. In der Conciergerie beſonders war der ganze Gang, den man Rue de Paris nannte, mit Bunden Stroh bedeckt, auf denen Gefangene lagen. An anderen Orten ſchliefen die Gefangenen unter freiem Himmel dicht zuſam⸗ mengedrängt. Angſt und ein gewiſſes Beben, welche Paris nicht gewöhnlich waren, zeigten ſich überall. Man verbarrikadirte ſich in den Häuſern; Frauen und Mütter beunruhigten ſich; man hörte nichts als die Worte: Ach, mein Gottler iſt nicht nach Hauſe gekommen! Kaum hörte man in der Ferne dann und wann das Rollen eines Wagens. Man vernahm Geräuſch, Geſchrei, Tumult, undeutlichen Lärm und man ſagte: Es iſt die Kavalle⸗ rie, oder: Das ſind die Munitionswagen, die im Galopp vorüberfahren.— Trompeten, Trommeln, Feuern und beſonders der Klang der Sturmglocke von St. Merry ertönte. Man wartete auf den erſten Kanonen⸗ ſchuß. Menſchen wuchſen an den Ecken der Straßen aus dem Boden und verſchwanden wieder, indem ſie riefen: Geht nach euren Häuſern!— und man beeilte ſich, die Thüren zu verriegeln. Man fragte: Wie ſoll das enden? Von Augenblick zu Augenblick, und indem die Nacht vor⸗ rückte, ſchien Paris ſich durch das finſtere Aufflammen der Emeute zu beleuchten. nd n! en ult, im n, on us en: die en? o der Eine 3Idylle. Zehntes Buch. Das Rt Rtom fraterniſirt mit dem turm. Ei den Ar wa bel u aus der var üb Einige Auſtlärungen über den Urſprung der Poeſie Gavroche's.— Einfluß eines Akademikers auf dieſe Poeſie. In dem Augenblick, als die Inſurrection, welche aus dem Zuſammenſtoß des Volkes und der Truppen vor dem Arſenal entſtand, und in der Menge, welche dem Leichen⸗ wagen folgte, eine Bewegung von vorwärts nach rückwärts bewirkte, fand ein ungeheurer Rücklauf ſtatt. Der Zug wurve auseinandergeſprengt, Alle liefen, entrannen, brachen aus der Reihe, die Einen mit Angriffsgeſchrei, die Andern mit der Leichenbläſſe der Furcht. Der große Fluß, der die Boule⸗ vards bedeckte, theilte ſich im Nu, fluthete rechts und links über und verbreitete ſich ſtrömend durch zweihundert Straßen, zugleich mit dem Rauſchen einer geöffneten Schleuſe. In dieſem Augenblick bemerkte ein zerlumptes Kind, welches die Rue Menilmontant herabkam, vor dem Laden eines Trödlers eine alte Sattelpiſtole. Es warf einen Blüthenzweig, den es in der Hand gehalten hatte auf das Pflaſter und rief: „Mutter Dings, ich leihe mir dieſe Maſchine da.“ und er entfloh mit der Piſtole. 92 Zwei Minuten darauf begegnete ein Strom er⸗ ſchreckter Bürger, die durch die Rue Amelot und die Rue Baſſe flohen, dem Kind, welches ſeine Piſtole ſchwang und dazu ſang. 3 Es war der kleine Gavroche, der in den Krieg zog. Auf dem Bouleward bemerkte er, daß die Piſtole keinen Hahn hatte. Von wem waren die Verſe, mit denen er ſeinen Marſch begleitete und alle die andern Lieder, welche er bei Gelegen⸗ heit ſo gern ſang? Wir wiſſen es nicht. Vielleicht von ihm ſelbſt. Gavroche war übrigens bekannt mit allen Volks⸗ liedern, die im Umlauf waren und miſchte in dieſelben ſein eigenes Gezwitſcher. Es bildete ſich ein Potpourri aus der Stimme der Natur und den Stimmen von Paris. Er ſtellte das Repertoir der Vögel mit dem Repertoir der Werkſtätten zuſammen. Er kannte die Spitzbuben, einen Stand, der an ſeinen eigenen grenzte. Er war, wie es ſchien, drei Monate Druckerlehrling geweſen. Eines Tages hatte er einen Auftrag für Herrn Baour Lormian, einem der Vierzig der Akademie beſorgt. Gavroche war ein Gamin der Literatur. Gavroche wußte übrigens nicht, daß er in jener Regen⸗ nacht, in welcher er zwei kleinen Buben die Gaſtfreundſchaft ſeines Elephanten erwieß, für ſeine Brüder die Vorſehung geweſen war. Seine Brüder am Abend, ſeinen Vater am Morgen; das war ſeine Nacht geweſen. Als er die Rue des Ballets mit Tagesanbruch verließ, kehrte er eiligſt zu ſeinem Elephanten zurück, zog künſtlich die beiden kleinen Diebe aus demſelben heraus, theilte mit ihnen das Früh⸗ ſtück, das er erfunden hatte und ging, ſie der guten Mutter Straße anvertrauend, die ihn ſelbſt erzogen hatte. Indem er ſie verließ, hatte er für den Abend mit ihnen ein Zu⸗ ſammentreffen an demſelben Orte verabredet, indem er ihnen zum Lebewohl ſagte:„Jungens, wenn Ihr Papa und Mama nicht wiederfindet, ſo kommt heut Abend hierher zurück. Ich brin ( alſh wort gen nicht jene gelt hin R die ga ein tro ſei v er⸗ Rue und inen arſch egen⸗ von lks⸗ ſein aus der tand, drei erzig atur. egen⸗ ſchaft hung am Rue ſt zu einen rih⸗ utter ndem hnen am rüd. 93 Ich werde auch etwas zu Eſſen ſchaffen und Euch unter⸗ bringen.“ Die beiden Kinder waren entweder von einem Stadtſergeanten aufgegriffen und eingeſperrt, von einem Seiltänzer geſtohlen worden oder hatten ſich in dem pariſer Gewirre verirrt, genug, ſie waren nicht zurückgekehrt. Gavroche hatte ſie nicht wiedergeſehen. Zehn oder zwölf Wochen waren ſeit jener Nacht verfloſſen. Oefters hatte er ſich in den Kopf gekratzt und dazu geſagt:„Wo Teufel ſind meine beiden Kinder hingekommen.“ Indeß war er mit ſeiner Piſtole in der Hand nach der Rue du Pont aux Chour gekommen. Er bemerkte, daß in dieſer Straße nur noch ein Laden offen war, und, des Ueber⸗ ganges wohl werth— der Laden eines Paſtetenbäckers. Das war eine Gelegenheit, welche die Vorſehung ihm bot, noch einen Apfelſchnitt zu eſſen, ehe er in das Unbekannte ein⸗ trat. Er blieb ſtehen, betaſtete ſich die Seiten, durchſuchte ſeine Taſchen, fand nichts, nicht einen einzigen Sou und rief:„Zu Hülfe!“ Es iſt hart, Mangel an dem letzten Kuchen zu leiden! Gavroche ſetzte indeſſen ſeinen Weg fort. Zwei Minuten darauf war er in der Rue St. Louis. Als er durch die Rue du Parc Royal ging, fühlte er das Bedürfniß, ſich für ſeinen unmöglichen Apfelſchnitt zu ent⸗ ſchädigen und er gewährte ſich die unendliche Wolluſt, am hellen Tage die Theaterzettel abzureißen. Etwas weiter hin ſah er eine Gruppe von ein paar behäbigen Geſtalten vorübergehen, die ihm Hausbeſitzer zu ſein ſchienen; er zuckte die Achſel und ſpie die philoſophiſche Galle aus: „Wie dick dieſe Rentiers ſind! Das ſtopft ſich voll, das mäſtet ſich mit guten Mahlzeiten. Fragt ſie nur, was 94 fie mit ihrem Gelde machen. Sie wiſſen es nicht. Sie eſſen es auf! Ihr Bauch trägt es fort!“ H. Gavroche im Gange. Das Tragen einer Piſtole ohne Hahn, die man auf offener Straße in der Hand hält, iſt ein ſolches öffentliches Amt, daß Gavroche mit jedem Schritte ſeine Kraft wachſen fühlte. Er ſchrie unter den abgeriſſenen Stücken der Mar⸗ ſeillaiſe, die er ſang: „Alles geht gut. Ich leide ſehr an meiner linken Pfote, aber ich bin zufrieden, Bürger. Die Bürger brauchen ſich nur gut zu halten; ich werde ihnen Umſturzlieder vor⸗ nieſen. Was ſind die Polizeiſpione? Hunde ſind ſie. Sch komme vom Boulevard, meine Freunde; es wird heißer. Es iſt Zeit, den Topf abzuſchäumen. Vorwärts, Männer! Ein unreines Blut möge die Goſſen überſtrömen! Ich opfere meine Liebe für das Vaterland, ich werde meine Geliebte nicht mehr wiederſehen, meine Fini oder Nini! Doch gleich⸗ viel, es lebe die Freiheit! Schlagen wir uns! Ich habe genug von dem Despotismus!“ In dieſem Augenblick ſtürzte ein Nationalgardiſt der Lanziers, indem er neben Gavroche vorüberritt, mit dem Pferde; dieſer legte ſeine Piſtole auf das Fflaſter, hob den Mann auf und half dann das Pferd aufheben. Dann nahm er eine Piſtole wieder und ſetzte ſeinen Weg fort. gen. ſtuc vat biſch ren rin wel die dis gri de fett lie lic do de auf liches chſen Mar⸗ inken uchen vor⸗ 4 ißer. mer! pfere iebte eich⸗ habe der de; ann mer 95 In der Rue de Thorigny war Alles Friede und Schwei⸗ gen. Dieſe Apathie, welche dem Marais eigenthümlich iſt, ſtach grell gegen den Lärm in der Umgegend ab. Vier Ge⸗ vatterinnen klatſchten auf der Schwelle einer Thür. Sie beſchäftigten ſich mit ihren eigenen Angelegenheiten. Es wa⸗ ren drei Thürhüterinnen und eine Lumpenſammlerin mit ih⸗ rem Korb und ihrem Haken. Sie ſchienen auf den vier Ecken des Alters zu ſtehen, welches die Hinfälligkeit, die Kränklichkeit, das Elend und die Traurigkeit ſind. Die Lumpenſammlerin ſchien demüthig zu ſein. In dieſer winderfüllten Welt iſt es die Lumpenſammlerin, die grüßt, und die Thürhüterin, die beſchützt. Das rührt von dem Kothhaufen, der, je nachdem die Thürhüterin es will, fett oder mager iſt. Es kann in dem Beſen viel Gutes liegen. Dieſe Lumpenſammlerin war eine dankbare Perſon und lächelte den drei Thürhüterinnen zu. Es wurde unter ihnen dann geſprochen, wie: „Ihre Katze iſt alſo noch immer boshaft?“ „Mein Gott, die Katzen ſind die natürlichen Feinde der Hunde. Die Hunde beklagen ſich über ſie.“ „Und die Welt auch.“ „Katzen ſind nur eine Verlegenheit, Hunde ſind eine Gefahr. Ich erinnere mich, daß es in einem Jahre ſoviel Hunde gab, daß man ſie in die Zeitungen ſetzen mußte. Es war zu der Zeit, als in den Tuilerien große Schafe den kleinen Wagen des Königs von Rom zogen. Ihr erinnert Euch doch an den König von Rom?“ „Ich liebte den Herzog von Bordeaux.“ „Ich habe Ludwig XVII. gekannt und habe ihn lieber.“ „Iſt das Fleiſch theuer! Madame Patagon?“ „Ach, ſprecht mir davon nicht; die Fleiſcher ſind mein Abſcheu, mein Graus!“ 96 Es entſtand eine Pauſe und die Lumpenſammlerin, welche das Bedürfniß fühlte, ſich breit zu machen, ſagte dann: „Morgen, wenn ich nach Hauſe komme, ordne ich meine Lumpen in meinem Korb. Das Leinene in einen Kaſten, das Wollenzeug in eine Kommode, das alte Papier in eine Ecke des Fenſters, das, was zum Eſſen taugt, in meinen Küchenſchrank, die Glasſtücken in den Kamin und die Knochen unter mein Bett.“ Gavroche, der hinter ihnen ſtehen geblieben war, lauſchte. „Alte“, ſagte er,„was braucht Ihr denn von Politik zu ſprechen?“ Ein Sturmwind traf ihn. „Iſt das ein Ungeheuer.“ „Was hat er denn in ſeiner Tatze? Eine Piſtole?“ „Seht doch den Spitzbuben! Das iſt nicht zufrieden, wenn es nicht die Behörde ſtürzt.“ Die Lumpenſammlerin rief: „Nichtsnutziger Barfüßler!“ Die, welche dem Namen der Madame Pakagon ent⸗ ſprach, ſchlug in beide Hände und rief: „Es wird gewiß ein Unglück geben! Der Menſch hier ne⸗ benan, der täglich mit einer Jugend im Häubchen, mit Ro⸗ ſen am Arme ausging, hatte heute ein Gewehr im Arm. Es ſoll eine Revolution in— in— in— in Pontoiſe ge⸗ ben. Und dann, ſehe man doch den Schuft mit ſeiner Pi⸗ ſtole. Herr, mein Gott, die arme Königin, die ich auf ihrem Karren habe vorüberfahren ſehen!“ „Darüber wird der Tabak wieder theuer werden. Das iſt eine Nichtswürdigkeit! und gewiß gehe ich, um Dich guil⸗ lotiniren zu ſehen, Miſſethäter!“ „Du ſchnupfeſt, meine Alte,“ ſagte Gavroche.„Rei⸗ nige Dein Vorgebirge.“ Und er ging weiter. Lum geſp Mut eſſe. bores Jath den noh Erl det To velche meine aſten, eine einen tochen war, olitik le?“ ieden, 97 Als er nach der Rue Pavée gelangt war, fiel ihm die Lumpenſammlerin wieder ein und er hielt folgendes Selbſt⸗ geſpräch: „Du haſt Unrecht, die Revolutionäre zu beſchimpfen, Mutter Eckſtein. Dieſe Piſtole habe ich in Deinem Inter⸗ eſſe. Es geſchieht, damit Du in Deinem Korbe mehr Eß⸗ bares finden ſollſt.“ Plötzlich hörte er hinter ſich Geräuſch. Es war die Patagon, die ihm nachgelaufen war und ihm von Ferne, in⸗ dem ſie die Fauſt drohend emporhob, zurief: „Du biſt nur ein Baſtard!“ „Ei, darum kümmere ich mich nicht,“ ſagte Gavroche. Er ging an dem Hotel Lamoignon vorüber. Hier ver⸗ nahm er den Ruf: „Auf, zur Schlacht!“ Er wurde von einem Anfall der Melancholie ergriffen. Er betrachtete ſeine Piſtole mit dem Ausdruck des Vorwurfs, der ihn zu rühren ſchien und ſagte: „Ich gehe los, Du aber nicht.“ Ein magerer Hund lief an ihm vorüber. Gavroche empfand Mitleid mit demſelben. „Mein armer Kerl,“ ſagte er„haſt Du denn eine Tonne verſchluckt, daß man alle Reifen an Dir erkennt?“ Dann ging er nach der Orme Saint⸗Gervais. Die Elenden. VIII. 5 98 IHI. Gerechter Unwille eines Perückenmachers. Der würdige Perrückenmacher, welcher die beiden Kl inen verjagt hatte, denen Gavroche das väterliche gngeneee Elephanten öffnete, war in dieſem Augenblick damit beſchäf⸗ tigt, einen alten Soldaten, der unter dem Kaiſerreich gedient hatte, zu raſiren. Man plauderte. Der Friſeur hatte ganz natürlich mit dem Veteran von der Emeute geſprochen, dann von dem General Lamarque, und von Lamarque kam man auf den Kaiſer zu ſprechen. „Mein Herr,“ ſagte der Perückenmacher, wie ritt der Kaiſer?“ „Schlecht. Er fiel niemals herunter.“ „Hatte er ſchöne Pferde?“ „An dem Tage, an welchem er mir das Kreuz gab, bemerkte ich ſein Thier. Es war eine ganz weiße Stute. Sie hatte weit auseinanderſtehende Ohren, einen tiefen Rücken, einen feinen Kopf mit einem ſchwarzen Stern, einen langen Hals, kräftige Kniee, hervorſpringende Flanken, breite Schul⸗ tern und eine mächtige Croupe. Es war etwas über fünfzehn Fäuſte hoch.“ „Ein hübſches Pferd,“ ſagte der Barbier. „Es war das Thier ſeiner Majeſtät.“ Der Perückenmacher fühlte, das nach dieſer Aeußerung einiges Schweigen ziemlich ſei; er fügte ſich dem und fuhr dann fort: „Der Kaiſer iſt nur einmal verwundet worden, nicht wahr, mein Herr?“ 25 ſtol in war Wun inen es häf⸗ dient ganz dann man der gab, ötute. ücken, angen chul⸗ über erung führ nicht 99 Der alte Soldat antwortete mit dem ruhigen und ſtolzen Tone eines Menſchen, der dabei war: „An der Ferſe, bei Regensburg. Ich habe ihn nie in ſo guter Haltung geſehen, als an jenem Tage. Er war blank wie ein Sou.“ „Und Sie, mein Herr Veteran, ſind gewiß oft ver⸗ wundet worden?“ ſagte der Soldat,„oh, nicht ſehr. Ich bekam bei Marengo zwei Säbelhiebe in das Genick, bei uſis eine Kugel in den rechten Arm, bei Zena eine andere in die linke Hüfte, bei Friedland einen Bajonetſtich, da— an der Moskwa ſieben oder acht Lanzenſtiche, gleichviel wohin, und— bei Lützen wurde mir ein Finger durch einen Haubitzenſplitter abgeriſſen.— Ja, dann noch bei Waterloo eine Kartätſchenkugel in den Schenkel. Das iſt Alles.“ „Wie ſchön das iſt,“ rief der Perückenmacher mit dem Tone eines Pindar,„auf dem Schlachtfelde zu ſterben! Ich, auf Ehre, ich würde lieber eine Kanonenkugel in den Bauch bekommen wollen, als ſo auf dem Bette an Krank⸗ heit, langſam, täglich ein Wenig, mit Arzneien, Pflaſter und Spritzen, zu krepiren!“ „Sie haben keinen üblen Geſchmack“, ſagte der Soldat. Kaum hatte er ausgeſprochen, als ein gewaltiger Lärm den Laden erſchütterte. Eine Scheibe war eingeworfen. Der Perückenmacher wurde leichenblaß. „Ach, mein Gott, ſchrie er, das iſt inz „Was?“ „Eine Kanonenkugel.“ „Da haben Sie ſie,“ ſagte der Soldat. Und er hob Etwas auf, das am Boden hinrollte. Es war ein Kieſel. Der Perückenmacher eilte an fein zerbrochenes Fenſter und ſah Gavroche, der mit aller Haſt dem Markt St. Jean zulief. 7* 100 Indem Gavroche vor dem Laden des Perückenmachers vorüberging, fielen ihm die beiden kleinen Jungen auf das Herz, und er konnte dem Verlangen nicht widerſtehen, dem Barbier guten Tag zu ſagen; er warf ihm einen Stein in die Scheibe. Der Perückenmacher, der ſtatt weiß blau geworden war, ſagte:„Seh mir Einer, der thut das Böſe um des Böſen willen. Was hat man dem Gamin gethan?“ . W. Das Kind wundert ſich über den Greis. Als Gavroche nach dem Markte St. Jean gekommen, deſſen Poſten bereits entwaffnet war, vereinigte er ſich mit einem Haufen, den Enjolras, Courfeyrac, Combeferre und Feuilly führte. Sie waren ſo ziemlich bewaffnet. Bahorel und Jean Prouvaire hatten ſie wieder aufgefunden und ſo die Gruppe dergrößert. Enjolras hatte ein doppelläufiges Jagdgewehr, Combeferre das Gewehr eines Nationalgardiſten mit der Nummer der Legion, in dem Gürtel zwei Piſtolen, die ſein aufgeknöpfter Ueberrock ſehen ließ, Jean Prouvaire einen alten Cavalleriekarabiner, Bahorel eine Büchſe. Cour⸗ feyrac ſchwang die Klinge eines Stockdegens. Feuilly, der einen gezückten Säbel in der Fauſt trug, ging voran und rief:„Es lebe Polen!“ ohne den in Peſt ſchme der! den ich zu bi en wre hers dem nin rden des mmen, mit e und ohore und ſt ufiges diſten ſſlen⸗ uwoire Cour⸗ , der n und 101 Sie kamen von dem Quai Morland, ohne Halsbinde, ohne Hüte, athemlos, durchnäßt von dem Regen, Blitze in den Augen. Gavroche redete ſie ruhig an: „Wohin gehen wir?“ „Komm,“ ſagte Courfeyrac. Hinter Feuilly ging oder tanzte vielmehr Bahorel, wie ein Fiſch in dem Waſſer der Emeute. Er hatte ſeine rothe Weſte an und im Munde jene Worte, welche Alles zer⸗ ſchmettern. Seine Weſte entſetzte einen Vorübergehenden, der voll Schrecken rief: „Das ſind die Rothen!“ „Die Rothen! Die Rothen!“ entgegnete Bahorel. „Närriſche Furcht, Bürger. Was mich betrifft, ſo zittere ich nicht vor einer Mohnblüthe, und das kleine Rothkäppchen flößt mir keinen Schrecken ein. Bürger, folgen Sie meinem Worte, und laſſen Sie die Furcht vor der rothen Farbe dem Hornvieh!“ Er bemerkte eine Straßenecke, an welcher das fried⸗ lichſte Blatt Papier der Welt klebte, eine Erlaubniß Eier zu eſſen, eine Aufforderung zum Faſten, welche der Erz⸗ biſchof von Paris an ſeine„Schafheerde“ richtete. Bahorel rief aus: „Schafheerde, das iſt eine höfliche Art Gänſe zu ſagen.“ Und er riß die Aufforderung von der Mauer. Das gewann Gavroche. Von dieſem Augenblick an begann Ga⸗ vroche, Bahorel zu ſtudiren. „Bahorel,“ bemerkte Enjolras,„Du haſt Unrecht. Du hätteſt dieſe Aufforderung in Ruhe laſſen ſollen, denn nicht mit ihr haben wir es zu thun; Du verbrauchſt Deinen Zorn nutzlos. Bewahre Deinen Vorrath. Man giebt nicht außer der Reihe Feuer, ebenſowenig mit der Seele, wie mit dem Gewehr.“ „Jedes in ſeiner Art, Enjolras,“ entgegnete Bahorel. „Dieſe biſchöfliche Proſa verdrießt mich; ich will Eier eſſen, 102 ohne daß man mir es erlaubt. Du biſt von der hitzigen kalten Sorte. Ich unterhalte mich. Uebrigens vergende ich mich nicht, ſondern nehme nur meinen Anlauf. Und wenn ich dieſe Ermahnung zerriß, Hercle, ſo geſchah es, um mir Appetit zu machen.“ Das Wort Hercle fiel Gavroche auf. Er ſuchte jede Gelegenheit auf, ſich zu unterrichten, und dieſer Zettelabreißer beſaß ſeine Achtung. Er fragte ihn: „Was heißt das, Hercle?“ Bahorel antwortete: „Das heißt im Lateiniſchen ein Hundename.“ Hier erkannte Bahorel an einem Fenſter einen jungen, blaſſen Menſchen mit ſchwarzem Bart, der ſie vorübergehen ſah, wahrſcheinlich ein Freund des ABC. Er rief ihm zu: „Schnell Cartouchen!“ Ein lärmendes Gefolge begleitete ſie, Studenten, Hand⸗ werker, junge Leute, welche zu der Cougourde d'Aix gehörten, Arbeiter, Hafenarbeiter, Einige bewaffnet mit Stöcken und Bajonetten wie Combeferre, Andere mit Piſtolen in ihren Hoſen. Ein Greis, der ſehr alt zu ſein ſchien, ging in der Mitte dieſes Haufens. Er hatte keine Waffen und trachtete, nicht zurückzubleiben, obgleich er ſehr nachdenklich ausſah. Gavroche bemerkte ihn. „Wer iſt der?“ fragte er Courfehrac. „Das iſt ein Alter.“ Es war Herr Mabeuf. igen enn mir jede ißer gen, ſhen z and⸗ rten, und ihren nder hiete, ſah. 103 V. Der Greis. Sagen wir, was vorgegangen war. Enjolras und ſeine Freunde waren in dem Augenblick, als die Dragoner angriffen, auf dem Boulevard Bourdon in der Nähe der Vorrathsböden. Enjolras, Courfeyrac und Combeferre gehörten zu denen, welche durch die Rue Baſ⸗ ſompierre liefen, indem ſie ſchrieen:„Zu den Barrikaden!“ In der Rue Lesdiguidres begegneten ſie einem Greiſe. Was ihre Aufmerkſamkeit erregte, war, daß dieſer Alte im Zick⸗ zack ging, als ob er betrunken wäre. Außerdem hatte er den Hut in der Hand, obgleich es den ganzen Morgen reg⸗ nete und auch in dieſem Augenblick noch der Regen ziemlich heftig fiel. Courfeyrac erkannte den Vater Mabeuf. Er kannte ihn dadurch, daß er Marius öfter bis zu ſeiner Thür begleitet hatte. Die friedlichen und mehr als ſchüchternen Gewohnheiten des alten Kirchenvorſtehers und Blumengärt⸗ ners waren ihm vertraut, und ganz verwundert darüber, ihn mitten in dieſem Tumult zu erblicken, zwei Schritte entfernt von dem Angriff der Kavallerie, beinahe zwiſchen dem Schie⸗ ßen, ohne Hut in dem Regen, ruhig zwiſchen den Kugeln dahingehend, redete er ihn an, und der fünfundzwanzigjäh⸗ rige Aufruhrſtifter und der achtzigjährige Greis hielten das folgende Geſpräch: „Herr Mabeuf, gehen Sie nach Haus.“ „Weshalb?“ „Es wird Lärm geben.“ „Das iſt gut.“ 104 „Säbelhiebe, Flintenſchüſſe, Herr Mabeuf.“ „Das iſt gut.“ „Kanonenſchüſſe.“ „Das iſt gut. Wohin gehen Sie?“ „Wir gehen, die Regierung zu ſtürzen.“ iſ n Und er folgte ihnen. Seit jenem Augenblick hatte er kein Wort geſprochen. Sein Schritt war plötzlich feſt ge⸗ worden; Arbeiter boten ihm den Arm an, aber er wies ſie mit einem Kopfſchütteln zurück. Er trat beinahe in die erſte Reihe der Kolonne und hatte dabei zugleich das Weſen eines Menſchen, der geht, und das Geſicht eines Menſchen, der ſchläft. „Was für ein wüthender Alter!“ murmelten die Stu⸗ denten. Das Gerücht verbreitete ſich unter der Menge, es wäre ein ehemaliges Conventsmitglied— ein Königs⸗ mörder. Der Auflauf war durch die Rue de la Verrerie ge⸗ zogen. Der kleine Gavroche ſchritt voran und ſang mit einer lauten Stimme und vollen Kehle, ſo daß es beinahe klang wie eine Trompete. Sie ſchlugen die Richtung nach St. Merry ein. VI.„ Rekruten. Der Haufen vergrößerte ſich mit jedem Augenblick. Gegen die Rue des Billettes ſchloß ſich ein Mann von hohe ruh me pf Läd er ſie rſte ſen hen, Stu⸗ nge, ge⸗ iner lang 105 hohem Wuchs, mit grauwerdendem Haar, deſſen kühnes, ruhiges Weſen Courfeyrac, Enjolras und Combeferre be⸗ merkten, den aber Keiner von ihnen kannte, ihnen an. Gavroche, der damit beſchäftigt war, zu ſingen, zu pfeifen, voranzugehen, mit dem Kolben ſeiner Piſtole an die Läden der Gewölbe zu ſchlagen, achtete nicht auf dieſen Menſchen. In der Rue de la Verrerie kamen ſie an der Thür Courfehrac's vorüber. „Das trifft ſich gut,“ ſagte Courfeyrac;„ich habe meine Börſe vergeſſen und meinen Hut verloren!“ Er ver⸗ ließ den Haufen und eilte, vier Stufen überſpringend, die Treppe hinauf. Er nahm einen alten Hut und ſeine Börſe. Er ergriff auch einen ziemlich großen viereckigen Kaſten, der unter ſeiner ſchmutzigen Wäſche verborgen war. Als er die Treppe wieder hinablief, rief die Thürhüterin ihn an: „Herr von Courfeyrac!“ „Thürhüterin, wie heißen Sie?“ entgegnete Courfeyrac. Die Thürhüterin war ganz verdutzt. „Ei, Sie wiſſen es ja, daß ich die Aufwärterin bin und Mutter Veuvain heiße.“ „Nun gut, wenn Sie mich noch einmal Herr von Cour⸗ feyrac nennen, ſo nenne ich Sie Mutter von Veuvain. Jetzt ſprechen Sie, was giebt es? Was iſt?“ „Es iſt Jemand da, der Sie ſprechen will.“ „Wer das?“ „Ich weiß nicht.“ „Wo das?“ „In meiner Loge.“ „Zum Teufel!“ ſagte Courfeyrac. „Er wartet ſeit länger als einer Stunde auf Ihre Rück⸗ kehr,“ entgegnete die Thürhüterin. In dieſem Augenblick trat ein junger Arbeiter, mager, bleich, klein, mit rothen Flecken im Geſicht, gekleidet in eine 106 durchlöcherte Blouſe und eine abgeſchabte Mancheſterhoſe, ein Menſch, der mehr wie ein verkleidetes Mädchen als wie ein Mann ausſah, aus der Loge und ſagte mit einer Stimme, welche durchaus keine weibliche Stimme war: „Herr Marius?“ „Iſt nicht zu Hauſe.“ „Wird er dieſen Abend nach Hauſe kommen?“ „Ich weiß es nicht.“ Dann fügte Courfeyrac hinzu:„Was mich betrifft, ſo komme ich nicht nach Hauſe.“ Der junge Mann ſah ihn ſtier an und fragte: „Weshalb nicht?“ „Deshalb.“ „Wohin gehen Sie denn?“ „Was kümmert das Dich?“ „Soll ich Ihnen Ihr Käſtchen tragen?“ „Ich gehe zu den Barrikaden.“ „Soll ich mit Ihnen gehen?“ „Wenn Du willſt!“ entgegnete Courfehrac.„Die Straße iſt frei; das Pflaſter gehört aller Welt.“ Und er entfloh, indem er lief, um ſeine Freunde wieder einzuholen. Als er zu ihnen gekommen war, gab er Einen von ihnen das Käſtchen zu tragen. Erſt eine Biertelſtunde darauf bemerkte er, daß der junge Menſch ihm in der That gefolgt war. Ein Zuſammenlauf von Menſchen geht nicht gerade dahin, wohin er will. Wir erwähnten bereits, daß ein Windſtoß ihn fortführt. Sie gingen über St. Merry hinaus und befanden ſich, ohne ſelbſt zu wiſſen wie, in der Rue Saint Denis. hoſe, wie nne, ruße ieder inen unde That rade ein erch der Eine Idylle. Elftes Buch. Kovnhh. 3 F Geſchichte Korinths ſeit ſeiner Begründung. Die Pariſer, welche jetzt, wenn ſie die Rue Rambuteau von der Seite der Hallen betreten, zu ihrer Rechten, der Rue Mondetour gegenüber, den Laden eines Korbmachers bemerken, der zum Schild einen Korb hat, welcher den Kaiſer Napoleon den Großen mit der Unterſchrift darſtellt: Napoleon iſt gemacht ganz von Weidenruthen, ahnen die fürchterlichen Auftritte nicht, welche eben dieſer Ort kaum vor dreißig Jahren ſah. Hier lag die Rue de la Chanvrerie und das berühmte Cabaret Korinth. Man erinnert ſich an alles das, was über die Barri⸗ kade geſagt wurde, die an dieſem Ort errichtet und übrigens durch die Barrikade Saint Merry verdunkelt wurde. Auf dieſer berüchtigten Barrikade der Rue de la Chanvrerie, die jetzt in dunkle Nacht verſunken iſt, wollen wir etwas Licht werfen. Man geſtatte uns zur Deutlichkeit des Berichtes, zu dem einfachen Mittel zu greifen, welches wir bereits für Waterloo angewendet haben. Die, welche ſich auf eine deutliche Weiſe die Stellung der Häuſer denken wollen, die in jener Zeit bei Saint Euſtache an dem nordöſtlichen Winkel der pariſer Hallen lagen, wo jetzt die Rue Rambuteau mündet, brauchen ſich nur, die Rue Saint Denis durch die Spitze und die Hallen durch den Fuß berührend, ein N vor⸗ zuſtellen, deſſen beide vertikale Arme die Rue de la Grande Truanderie und die Rue de la Chanvrerie ſind, während die Rue de la Petite Truanderie den Querſtrich bildet. Die alte Rue Mondétour durchſchnitt die drei Linien in ſchiefen Winkeln, ſo, daß die labyrinthiſchen Verſchlingungen dieſer vier Straßen genügten, um auf einem Raum von dreißig Qua⸗ dratklaftern zwiſchen den Hallen und der Rue Saint Denis einerſeits, der Rue du Cygne und der Rue des Preécheurs anderſeits ſieben Häuſerinſeln zu bilden, eigenthümlich ge⸗ ſtaltet, von verſchiedener Größe und kaum dunch enge Gäßchen von einander getrennt, die wir beinahe Spalten nennen möchten, ja, daß wir keinen deutlicheren Begriff von dieſen künſtlichen, winkeligen, mit acht hohen Gebäuden begrenzten Gäßchen zu geben vermögen. Dieſe Gebäude waren ſo baufällig, daß in der Rue de la Chanvrerie und der Rue de la Petite Truanterie die Mauern mit Balken geſtützt werden mußten, welche von einem Haus zum andern gingen. Die Straßen waren eng und die Goſſen breit, ſo daß die Vorübergehenden ihren Weg auf dem ſtets naſſen Straßen⸗ pflaſter nehmen mußten, an die Buden anſtreifend, welche Kellern glichen und auf ihrem Wege gehindert wurden durch große, mit Eiſenvingen umgebene Eckſteine, übermäßige Haufen von Unrath und Thüren mit hundertjährigen, gewaltigen Gittern. Die Rue Rambuteau hat das alles vernichtet. Der Name Mondétour ſchildert vortrefflich das Ge⸗ wundene aller dieſer Wege. Etwas weiterhin findet man ſie beſſer bezeichnet durch die Rue Pirouette, die in die Rue Mondétour mündete. die ihm fun Rei Sac ſwei fon ene f eine en, die Winkel buteau ch die Wvor⸗ rande ährend Die chiefen r vier Qua⸗ Denis cheurs ch ge⸗ äßchen enen dieſen enzten en ſo r Rue ingen aß die raßen⸗ velche durch anfen altigen tet. e mul in die Lun Der Wanderer, weicher von der Rue Saint Denis in die Rue de la Chanvrerie trat, ſah dieſe ſich allmälig vor ihm verengern. Am Ende der Straße, die ſehr kurz war, fand er den Durchgang auf der Seite der Hallen durch eine Reihe von hohen Häuſern verſperrt und würde ſich in einer Sackgaſſe geglaubt haben, hätte er nicht rechts und links zwei ſchwarze Gänge bemerkt, durch die er entſchlüpfen konnte. Das war die Rue Mondétour, welche auf der einen Seite zu der Rue des Précheurs und auf der andern zu der Rue du Cygne und la Petite Truanterie führte. Im Hintergrunde dieſer Art von Soackgaſſe, an der Ecke des rechten Durchgangs, bemerkte man ein Haus, das minder hoch war als die übrigen und eine Art von Vorgebirge auf der Straße bildete. In dieſem nur zwei Stockwerk hohen Hauſe lag ſeit dreißig Jahren ein berühmtes Cabaret. Dieſes Cabaret verbreitete luſtigen Lärm und der Ort war dazu gut ge⸗ legen; die Wirthe folgten einander hier vom Vater auf den Sohn. Zur Zeit des Mathurin Régnier hieß dieſes Cabaret zum Roſenſtocke, und da die Rebuſſe damals in Mode waren, hatte es als Zeichen einen roſenrothen Stock(Pfahl). Im letzten Jahrhundert hatte der berühmte Natoire, einer der phantaſtiſchen Meiſter, welche von der ſtrengen Schule jetzt verachtet werden, ſich mehrmals in dieſem Cabaret, an eben dem Tiſche berauſcht, an welchem auch Regnier ſich betrunken hatte, und aus Dankbarkeit dafür auf den roſenrothen Pfahl eine Traube Korinther Roſen gemalt. Voll Freude darüber hatte der Wirth ſein Schild verändert und über der Traube in goldenen Buchſtaben die Inſchrift anbringen laſſen: Zu der korinther Traube. Daher der Name Korinth. Nichts iſt dem Trunkenbold natürlicher als Umſchreibung. Die Unſchreibung iſt der Zickzack der Rede. Korinth hatte nach und nach den Roſen⸗ 112 ſtock entthront. Der letzte Wirth der Dynaſtie, der Vater Hucheloup, kannte nicht einmal die Tradition und hatte den Pfahl blau anſtreichen laſſen. Ein Saal im untern Geſchoß, wo das Comtoir lag, ein Saal im erſten Stock, wo das Billard ſtand, eine höl⸗ zerne Wendeltreppe, welche durch die Decke ging, der Wein auf den Tiſchen, der Rauch an den Wänden, die Lichter am hellen Tage,— ſo war dieſes Cabaret. Eine Treppe mit einer Fallthür führte in dem unteren Saale zu dem Keller. Im zweiten Stock lag die Wohnung der Hucheloups. Man ging zu derſelben auf einer Treppe, die mehr Leiter als Treppe war. Unter den Dachetagen, zwei Manſarden⸗ fenſter, die Neſter der Dienſtboten. Die Küche theilte das Erdgeſchoß mit dem Comtoir. Der Vater Hucheloup war vielleicht als Chemiker ge⸗ boren; eine Thatſache iſt, daß er Koch war; man trank in ſeinem Cabaret nicht nur, ſondern man aß hier auch. Hucheloup hatte eine vortreffliche Speiſe erfunden, die man nur bei ihm bekam; das waren gefüllte Karpfen, die er Carpes au Gras nannte. Man genoß das bei dem Scheine eines Talglichtes oder einer Ziehlampe aus der Zeit Ludwig XVI. auf Tiſchen, welche ſtatt des Tiſchtuchs mit einer Wachsleinwand benagelt waren. Man kam von weit her nach dieſem Ort. Hucheloup hatte es eines ſchönen Morgens für zweckmäßig gefunden, die Vorübergehenden von ſeiner„Eigenthümlichkeit“ in Kenntniß zu ſetzen, ſeinen Pinſel in einen Topf mit ſchwarzer Farbe geſteckt, und, da er ebenſo wie er eine eigene Küche, auch eine eigene Orto⸗ graphie hatte, auf ſeiner Mauer die Inſchrift improviſirt: Carpes ho Gras. In einem Winter hatten die Regengüſſe in ihrer über⸗ müthigen Laune das s, welches das erſte Wort endete und das G, welches das dritte begann, ausgelöſcht, ſo daß nichts mehr blieb als: atet den lag, höl⸗ Wein ichter reppe dem oups. leiter wen⸗ das r ge⸗ nk in auch. man ie er dem der tuchs 1von hönen enden ſeinen d, da Orto⸗ ſirt: te und ichto 113 Carpe ho ras. Mit Hülfe der Zeit und des Regens war eine be⸗ ſcheidene gaſtronomiſche Ankündigung zu einem tiefen Räthſel geworden. Von alledem exiſtirt jetzt nichts mehr. Das Labyrinth Mondetour wurde ſeit 1847 geöffnet und erweitert und be⸗ ſteht wahrſcheinlich gegenwärtig gar nicht mehr. Die Rue de la Chanvrerie und Korinth ſind unter dem Straßen⸗ pflaſter der Rue Rambukeau verſchwunden. Wie wir erwähnten, war Korinth einer der Verſamm⸗ lungsörter für Courfeyrac und deſſen Freunde; Grantaire hatte es entdeckt. Er hatte Korinth wegen der Carpe Horas betreten und war wegen der Carpes au Gras dahin zurückgekehrt. Man trank hier, man aß, man ſchrie, man bezahlte wenig, man bezahlte ſchlecht oder auch gar nicht und war immer willkommen. Der Vater Houcheloup war ein guter Mann. Houcheloup war ein alter Schenkwirth mit einem Schnurrbart; eine unterhaltende Abart. Er hatte immer das Ausſehen übler Laune, ſchien ſeine Kunden einſchüchtern zu wollen und brummte die an, die bei ihm eintraten und ſchien mehr geneigt, Händel mit ihnen zu ſuchen, als ihnen die Suppe vorzuſetzen. Und dennoch, wir beſtätigen dies, war man jeder Zeit willkommen. Dieſe Eigenthümlichkeit hatte ſein Geſchäft mit Kunden verſorgt und ihm die jungen Leute zugeführt, welche zu ſich ſagten: Kommt, den Vater Houcheloup zu ärgern. Er war Fechtmeiſter geweſen. Plötzlich brach er in lautes Lachen aus. Er hatte eine tiefe Stimme und war ein guter Teufel. Im Grunde war er ein komiſcher Menſch mit tragiſchem Ausſehen; er ſtrebte danach, Furcht einzuflößen, ungefähr ſo wie die Tabaksdoſe, welche die Geſtalt einer Piſtole hat. Der Schuß iſt ein Nießen. 8 Die Elenden. VIII. 114 Zur Frau hatte er die Mutter Hucheloup, ein bärtiges ſehr häßliches Geſchöpf. Gegen 1830 ſtarb der Vater Huchelvup. Mit ihm verſchwand das Geheimniß der gefüllten Karpfen. Seine Wittwe ſetzte das Cabaret fort. Aber die Küche verfiel und wurde abſcheulich; der Wein, der immer ſchlecht ge⸗ weſen war, wurde entſetzlich. Courfeyrac und deſſen Freunde fuhren dennoch fort, nach Korinth zu gehen—„aus Mit⸗ leid,“ ſagte Boſſuet. Die Wittwe Hucheloup war athemlos und mißge⸗ ſtaltet. Dabei hatte ſie bäuerliche Erinnerungen, welche ihr durch die Ausſprache das Alberne benahmen. Sie hatte ein eigenthümliches Weſen, die Dinge zu nennen, die ihre länd⸗ lichen und frühlingsmäßigen Erinnerungen würzten, die ehe⸗ dem ihr Glück ausgemacht hatten. Der Saal des erſten Stockwerks, der für die Gäſte be⸗ ſtimmt, war ein großes, langes Gemach, angefüllt mit Schemeln, Stühlen, Bänken und Tiſchen und einem alten wackeligen Billard. Man gelangte hierher auf einer Wendeltreppe, welche aus der Ecke des unteren Saales durch ein viereckiges Loch führte, das der Luke eines Schiffes glich. Dieſer Saal, der durch ein einziges, ſchmales Fenſter und eine ſtets brennende Hängelampe beleuchtet wurde, hatte das Ausſehen einer Dachkammer. Alle Meubel mit vier Füßen betrugen ſich, als ob ſie nur drei hätten. Die mit Kalk geweißten Wände hatten als einzigen Schmuck nichts als einige vergilbte Bilder der Kaiſerzeit. Mama Hucheloup ging vom Morgen bis zum Abend mit vollkommener Ruhe zwiſchen ihren Gäſten auf und ab. Zwei Mägde, Madelotte und Gibelotte, und bei denen man nie andere Namen kannte, halfen der Mama Hucheloup auf die Tiſche die blauen Weinkrüge und die verſchiedenen Speiſen ſtellen, die man den Verhungerten in irdenen Näpfen vor⸗ ſetzte. Madelotte, dick, rund, roth und kreiſchend, die ehe⸗ tiges ihm Seine erfiel unde Mit⸗ ißge⸗ ihr e ein länd⸗ ehe⸗ e be⸗ neln, ligen elche Loch enſter hatte vier e mit ichts lbend zwei 1 n die eiſen vor⸗ ehe⸗ malige Favoritſultanin des verſtorbenen Hucheloup, war häß⸗ lich, mehr als irgend ein mythologiſches Ungeheuer. Den⸗ noch, und, da es paſſend iſt, daß die Magd ſtets hinter der Herrin zurückbleibe, war ſie weniger häßlich, wie Mama Hucheloup. Die Gibelotte, lang, zart, von durchſichtiger Weiße, mit Ringen um den Augen, herabhängenden Augen⸗ lidern, ſtets erſchöpft und ermüdet, ergriffen von dem, was man eine chroniſche Mattigkeit nennen könnte, ſtand zuerſt auf, ging zuletzt zu Bette, bediente alle Welt, ſelbſt die an⸗ dere Magd, ſchweigend und voll Sanftmuth und lächelte in ihrer Ermüdung mit einer Art eingeſchlafenen Lächelns. Ehe man in den Reſtaurantſaal trat, las man auf der Thür folgende, von Courfehrac mit Kreide geſchriebene, Zeile: „Genieße, wenn Du kannſt, und iß, wenn Du es wagſt.“ 8* II. Vorausgehende Luſtigkeit. Laigle de Meaux wohnte, wie man weiß, mehr bei Joly, wie anderwärts. Er hatte eine Wohnung, wie ein Vogel einen Zweig hat. Die beiden Freunde lebten zuſam⸗ men, aßen zuſammen, ſchliefen zuſammen. Alles war ihnen gemeinſchaftlich, ſelbſt Muſichetta ein wenig. Am Morgen des 5. Juni gingen ſie zum Frühſtück nach Korinth. Joly hatte einen Stockſchnupfen, den Laigle zu theilen begann. Laigle's Rock war abgetragen, Joly aber gut gekleidet. Es war ungefähr 9 Uhr Morgens, als ſie die Thür von Korinth öffneten. Sie gingen nach dem erſten Stockwerk hinauf. Madelotte und Gibelotte empfingen ſie. „Auſtern, Käſe und Schinken,“ ſagte Laigle. Sie ſetzten ſich an einen Tiſch. Das Cabaret war leer; nur ſie Beide befanden ſich darin. Gibelotte, welche Joly und Laigle kannte, ſetzte eine Flaſche Wein auf den Tiſch. Als ſie bei den erſten Auſtern waren, erſchien ein Kopf in dem Treppenloche und eine Stimme ſagte: „Ich ging vorüber! Ich ſpürte auf der Straße einen köſtlichen Geruch des Brier Käſes. Ich trat ein.“ Es war Grantaire. Grantaire nahm einen Schemel und ſetzte ſich. Als Gibelotte Grantaire ſah, ſtellte ſie zwei Flaſchen Wein auf den Tiſch. ſche giſ Gr wu hr bei vie ein uſam⸗ ihnen Norgen Jolh egann. . Thür en ſich te eine Kopf einen 117 Das machte zuſammen drei. „Willſt Du dieſe beiden Flaſchen Wein trinken?“ ſagte Laigle zu Grantaire. Grantaire antwortete: „Alles iſt verſtändig, nur Du biſt einfältig. Zwei Fla⸗ ſchen Wein haben noch nie einen Menſchen in Erſtaunen geſetzt.“ Die Andern hatten damit den Anfang gemacht, zu eſſen; Grantaire fing mit dem Trinken an. Eine halbe Flaſche wurde ſchnell verſchluckt. „Haſt Du denn ein Loch im Magen?“ fragte Laigle. „Du haſt doch eins am Ellenbogen,“ entgegnete Grantaire. Und nachdem er ſein Glas geleert hatte, fügte er hinzu: „Ach ja, Laigle, Leichenredner, Dein Rock iſt alt.“ „Ich hoffe es,“ erwiderte Laigle.„Deshalb vertragen wir' uns gut mit einander, mein Rock und ich. Er hat alle meine Falten angenommen, und ich genire mich in Nichts gegen ihn; er iſt auf meine Mißgeſtalt gemodelt und fügt ſich allen meinen Bewegungen; ich fühle ihn nur dadurch, daß er mich warm hält. Mit alten Kleidern iſt es ebenſo, wie mit alten Freunden.“ „Das iſt wahr,“ rief Joly, der ſich in das Geſpräch miſchte. Beſonders in dem Munde eines Enrhumirten, ſagte Grantaire. „Grantaire fragte Laigle:„Kommſt Du vom Boule⸗ vard?“ „Nein.“ „Wir haben die Spitze des Leichenzugs vorüberziehen ſehen, Joly und ich.“ „Das iſt ein wundervolles Schauſpiel,“ ſagte Jolh. „Wie ruhig dieſe Straße iſt!“ rief Laigle.„Wer ſollte hier ahnen, daß in Paris das Unterſte nach oben gekehrt iſt? 118 Daraus ſieht man, daß ſonſt Alles hier mit Klöſtern bedeckt war! Hier rings herum gab es wie Ameiſen, nur Beſchuhte und Unbeſchuhte, Geſchorene und Bärtige, Graue, Schwarze, Weiße, Franziskaner, Minimen, Kapuziner, Carmeliter, kleine, große und alte Auguſtiner.— Das wucherte!“ „Sprechen wir nicht von Mönchen,“ unterbrach ihn Grantaire,„das macht einem Luſt zum kratzen.“ Dann rief er aus: „Puh! ich habe eine ſchlechte Auſter verſchluckt. Die Hypochondrie erfaßt mich wieder. Die Auſtern ſind ver⸗ dorben und die Aufwärterinnen ſind häßlich. Ich bin ſo eben in der Rue Richelien an einer großen öffentlichen Bibliothek vorübergegangen. Der Haufen Auſternſchalen, den man eine Bibliothek nennt, ekelt mich an, wenn ich nur daran denke. Wie viel Papier! Wie viel Tinte! Wie viel Gekritzel! Das Alles hat man geſchrieben! Welcher Tölpel hat denn geſagt, daß der Menſch ein zweibeiniges Thier ohne Federn wäre? Und dann begegnete ich einem hübſchen Mädchen, das ich kenne, ſchön wie der Frühling, würdig, ſich Flora zu nennen und entzückt, außer ſich, glücklich, in dem Himmel verſetzt, die Elende, weil geſtern ein entſetzlicher Banquier, der von den Blattern zerriſſen iſt, ſie würdigte, Etwas von ihr wiſſen zu wollen! Ach, die Weiber ſuchen nach den Zahlen ebenſo ſehr, wie nach den Stutzern; die Katzen jagen nach den Mäuſen, wie nach den Vögeln. Dieſes Mädchen, das vor zwei Monaten noch in ihrem Dachſtübchen tugendhaft war, fleißig arbeitete und ſich zu⸗ frieden fühlte, iſt jetzt Banquierin. Die Umwandlung fand dieſe Nacht ſtatt. Ich begegnete dem Opfer heute Morgen ganz erfreut. Abſcheulich iſt es, daß die Schwärmerin heute eben ſo hübſch war, wie geſtern; ihr Finanzmenſch zeigt ſich nicht auf ihrem Geſicht. Die Roſen unterſcheiden ſich dadurch von den Weibern, daß die Spuren der Würmer, die ie do du e bedeckt ſchuhte hwatze, „kleine, ich ihn Die d ver⸗ bin ſo nlichen en, den ich nur bie viel Tölpel Thier übſchen würdig, ich, in etzlicher ürdigte, ſuchen rn; die Bögeln. ihrem ſich find Murgen heute . zeigt n ſih ürmel — die über ſie fortkriechen, auf ihnen ſichtbar bleiben. Ach, es giebt keine Moral mehr auf der Erde!“ Er reichte ſein Glas an Jolh, der es füllte, trank und fuhr dann fort in ſeinem Geſchwätz, beinahe ohne ſich durch das Trinken des Weines unterbrochen zu haben, bis er durch ein heftiges und wohlverdientes Huſten gezwungen wurde, zu ſchweigen, nachdem er eine Abhandlung über die Revolution beendigt hatte. „Apropos von Revolution,“ ſagte Jolh, ſo ſcheint es ganz entſchieden, daß Marius verliebt iſt.“ „Weiß man in wen?“ Laigle. „Nein.“ „Nein?“ „Nein, ſage ich Dir.“ „Marius ſeine Liebſchaft!“ rief Grantaire.„Das ſehe ich von hier aus. Marius iſt ein Nebel, und er wird auf einen Dunſt getroffen ſein. Marius iſt von poetiſchem Stamm. Wer Poet ſagt, ſagt Narr. Marius und ſeine Marie, oder ſeine Maria, oder ſeine Mariette, oder ſeine Marion, die muß närriſch verliebt ſein⸗ Ich gebe nur Rechenſchaft von dem, was das iſt. Entzückungen, über denen man den Kuß vergißt. Keuſch in Ehren, doch ſich in dem Unehrlichen badend. Das ſind Seelen, die Sinne haben. Sie ſchlafen mit einander in den Sternen. Grantaire begann ſeine zweite Flaſche und ſchien eine zweite Abhandlung halten zu wollen, als ein neues Weſen ſich in dem viereckigen Loch der Treppe zeigte. Es war ein Knabe von weniger als zehn Jahren, zerlumpt, ſehr klein, gelb, mit vorſpringendem Geſicht, lebhaften Augen, buſchigem Haar, von Regen durchnäßt und mit zufriedenem Weſen. Das Kind wählte, ohne zu zögern, unter den Dreien, obgleich es offenbar keinen derſelben kannte und wandte ſich an Laigle von Meaur. * 120 „Sind Sie Herr Boſſuet?“ fragte er ihn. „Das iſt mein Beiname,“ erwiderte Laigle.„Was willſt Du von mir?“ „Das. Ein großer Blonder auf dem Boulevard hat mir geſagt: Kennſt Du die Mutter Hucheloup? Ich ant⸗ wortete: Ja, Rue Chanvrerie, die Wittwe des Alten. Er ſagte zu mir: Geh' dahin, Du wirſt dort Herrn Boſſuet finden und ihm von mir ſagen: A— B— E.— Das iſt eine Poſſe, die man Ihnen ſpielt, nicht wahr? Er gab mir zehn Sous.“ „Jolh, borge mir zehn Sous,“ und ſich zu Grantaire wendend, ſagte er auch zu dieſem:„Grantaire, borge mir zehn Sous.“ Das machte zwanzig Sous, welche Laigle dem Kinde gab. „Ich danke, mein Herr,“ ſagte der kleine Knabe. „Wie heißt Du?“ fragte Laigle. „Navet, der Freund des Gavroche.“ „Bleibe bei uns,“ ſagte Laigle. „Frühſtücke mit uns,“ ſagte Grantaire. Das Kind antwortete: „Ich kann nicht; ich gehöre zum Leichenzuge; ich bin es, der ſchreit: Nieder mit Polignac!“ Und den Fuß weit von ſich zurückſetzend, was der ehr⸗ erbietigſte Gruß iſt, den man machen kann, entfernte er ſich. Als das Kind fort war, ergriff Grantaire wieder das Wort: „Das iſt der Vollblutgamin. Es giebt viele Varietäten in der Gattung der Gamins.“ Laigle unterbrach ihn, indem er ſinnend und halblaut ſagte: „A— B— C, d. h.: Beerdigung Lamarque's.“ „Der große Blonde,“ bemerkte Grantaire,„iſt Enjol⸗ ras, der Dich benachrichtigen läßt.“ „Gehen wir?“ fragte Boſſuet. ße Ua ſr „Was d hat ch ant⸗ n. Er Boſſuet Das iſt ab mir ntaire ge wir Ligle ch bin ehr⸗ ſich r das elüten blaut njol⸗ — 121 „Es regnet,“ ſagte Joly.„Ich habe geſchworen, in's Feuer zu gehen, nicht aber in's Waſſer. Ich will mich nicht naß machen.“ „Ich bleibe hier,“ ſagte Grantaire.„Ich ziehe ein Frühſtück einem Leichenwagen vor.“ „Schluß: Wir bleiben,“ ſagte Laigle.„Nun wohl, dann trinken wir! Ueberdies kann man die Beerdigung ver⸗ fehlen, ohne deshalb die Emeute zu verfehlen.“ „Ach, von der Emeute, bei der Emeute bin ich,“ rief Joly. Laigle rieb ſich die Hände: „Das friſcht die Revolution von 1830 auf. In der That iſt ſie dem Volk im Wege.“ „Eure Revolution iſt mir ſo ziemlich gleichgültig,“ ſagte Grantaire. Ich verwünſche die gegenwärtige Regierung nicht. Es iſt die durch die Schlafmütze gemäßigte Krone. Es iſt der Scepter, der in einem Regenſchirm ausläuft. In der That könnte Ludwig Philipp heute ſein doppeltes Königthum nutzbar machen und das Sccpterende gegen das Volk wenden, während er das Regenſchirmende gegen den Himmel aufſpannt.“ Das Gemach war düſter, große Wolken verdunkelten das Tageslicht. Ee war Niemand in dem Cabaret, noch auf der Straße, denn alle Welt war gegangen,„nach den Ereigniſſen zu ſehen.“ „Iſt es jetzt denn Mitternacht?“ fragte Boſſuet.„Man ſieht ja hier keine Hand vor den Augen. Gibelotte, Licht!“ Grantaire war traurig und trank. „Enjolras verſchmäht mich,“ murmelte er.„Enjolras hat geſagt: Joly iſt krank, Grantaire iſt betrunken. An Boſſuet hat er den kleinen Knaben geſchickt. Hätte er mich abgeholt, ſo würde ich ihm gefolgt ſein. Deſto ſchlimmer für Enjolras! Ich werde nicht zu ſeiner Beerdigung gehen.“ Als dieſer Entſchluß gefaßt war, verließen Boſſuet, Joly 122 und Grantaire nicht mehr das Cabaret. Gegen zwei Uhr Nachmittags war der Tiſch, an welchem ſie ſaßen, mit leeren Flaſchen bedeckt. Zwei Lichter brannten auf dem⸗ ſelben, eines auf einem ganz grünen kupfernen Leuchter, das andere in dem Halſe einer geſprungenen Flaſche. Grantaire hatte Jolh und Boſſuet zum Wein verlockt; Boſſuet und Joly hatten Grantaire der Freude wieder zurückgeführt. Was Grantcire betrifft, ſo war er ſeit dem Mittag über den Wein, einer mittelmäßigen Quelle der Träume, hinaus. Da er weder Opium, noch Haſchiſch zur Hand hatte und ſich doch das Hirn mit Vergeſſenheit anfüllen wollte, griff er zu dem entſetzlichen Hülfsmittel eines Gemiſches von Branntwein, Bier und Abſynth, welches ſo fürchterliche Betäubungen hervorbringt. Dieſe drei Dünſte bilden das Blei der Seele. In ihnen erdrückt der himmliſche Schmetter⸗ ling, und entſpringt aus ihnen eine dreifache ſtumme Furie, der Alp, die Nacht, der Tod, welche die ſchlummernde Pſyche umflattern. Grantaire war aber noch nicht ſo weit gekommen. Er zeigte ſich wunderbar luſtig und Boſſuet und Joly boten ihm die Spitze. Sie ſtießen mit einander an und Grantaire ſteigerte ſeine Worte durch würdevolle Stellungen. Die linke Fauſt auf das Knie geſtützt, den Arm über den Stuhl hängend, die Halsbinde gelöſt, reitend auf ſeinem Schemel, das gefüllte Glas in der rechten Hand haltend, richtete er an die Madelotte die feierlichen Worte: „Man öffne die Pforte des Palaſtes! Alle Welt ge⸗ höre der franzöſiſchen Akademie an und habe das Recht, Madame Hucheloup zu umarmen! Trinken wir!“ Und ſich zu Madame Hucheloup wendend, fügte er hinzu: „Weib des Alterthums und geweiht durch den Gebrauch, tritt näher, daß ich Dich betrachte!“ Joly rief: en zwei ſoßen, uf dem⸗ ter, das rantaire et und hrt. Mittag räume, r Hond gollte, wiſches terliche en das metter⸗ Fuie, mernde n. Er boten rautaire Dee Stuhl chenel tete er elt ge⸗ rauch, 123 „Madelotte und Gibelotte gebet Grantaire Nichts mehr zu trinken, er ſieht wie ein wahnſinniges Bild aus. Er hat dieſem Morgen ſchon über zwei Francs achtzig Centimes ver⸗ zehrt!“ Grantaire fuhr fort: „Wer hat denn ohne meine Erlaubniß die Sterne ab⸗ gehakt, um ſie hier als Lichter verkleidet auf den Tiſch zu ſtellen?“ Boſſuet, der ſehr betrunken war, hatte ſeine Ruhe bewährt. Er ſaß auf der Brüſtung des offenen Fenſters, ließ ſeinen Rücken von dem herabſtrömenden Regen durchnäſſen und betrachtete ſeine beiden Freunde. Plötzlich hörte er hinter ſich rufen, Lärm, eilige Schritte und das Geſchrei: Zu den Waffen!— Er wendete ſich um und bemerkte in der Rue Saint⸗Denis am Ende der Rue de la Chanvrerie Enjolras, der mit der Büchſe in der Hand vorübereilte und Gavroche mit ſeiner Piſtole, Feuilly mit ſeinem Säbel, Courfeyrac mit ſeinem Degen, Jean Prouvaire mit ſeinem Karabiner, Combeferre mit ſeinem Gewehre, Bahorel mit ſeiner Flinte und die ganze bewaff⸗ nete und ſtürmiſche Menge, die ihnen folgte. Die Rue de la Chanvrerie war nicht über einen Flinten⸗ ſchuß lang, Boſſuet improviſirte mit ſeinen beiden Händen ein Sprachrohr vor ſeinem Munde und ſchrie: „Courfeyrac! Courfeyrac! Heda!“ Courfeyrac hörte den Ruf, bemerkte Boſſuet, und in⸗ dem er einige Schritte in die Rue de la Chanvrerie that, rief er:„Was willſt Du?“— Seine Worte kreuzten ſich mit einem:„Wohin gehſt Du?“ „Eine Barrikade zu errichten,“ erwiederte Courfeyrac. „Nun gut, hier! Der Platz iſt gut! Mache ſie hier!“ „Das iſt wahr, Aigle,“ ſagte Courfeyrac. 124 Und auf ein Zeichen Courfeyrac's ſtürzte ſich der Haufe in die Rue de la Chanvrerie. II. — Die Nacht beginnt ſich auf Grantaire herabzuſenken. Der Platz war in der That bewunderungswürdig; der Eingang der abgelegenen Straße, ein Hintergrund einer Sackgaſſe, Korinth darin als Vorſprung, die Rue Mondétour leicht rechts und links zu verſperren; kein Angriff möglich, als durch die Rue Saint⸗Denis, die jetzt von vorn und hinten gedeckt war. Boſſuet hatte betrunken den Feldherrn⸗ blick des nüchternen Hannibal gehabt. Bei der Annäherung des Haufens hatte Schrecken die ganze Straße erfaßt. Kein Vorübergehender, der nicht ent⸗ flohen wäre. Während der Dauer eines Blitzes hatten ſich im Hintergrunde rechts und links die Läden, die Buden, die Thüren, die Fenſter, die Fenſterladen, die Dachzimmer, vom Erdgeſchoß bis zum Dache hinauf geſchloſſen. Ein altes, erſchrecktes Weib hatte vor ihrem Fenſter mit zwei Trocken⸗ leinen eine Matratze befeſtigt, um das Musketenfeuer zu dämpfen. Das Haus Korinth allein war offen geblieben und zwar aus einem guten Grunde, weil nämlich die Menge ſich in daſſelbe hineingeſtürzt hatte. Haufe enlen. 8; der einer étour öglich nund hertn⸗ en die t ent⸗ en ſich n die vom altes, oden⸗ er ju ſieben Nenge 195 „Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!“ rief Mama Hucheloup. Boſſuet war hinab und Courfeyrac entgegengegangen. Joly trat an das Fenſter und ſchrie: „Courfeyrac, Du hätteſt einen Regenſchirm nehmen ſollen. Du wirſt den Schnupfen bekommen!“ Während deſſen waren binnen wenigen Minuten zwan⸗ zig Eiſenſtäbe von dem Fenſtergitter des Cabarets ausge⸗ brochen und zehn Klaftern der Straße entpflaſtert worden. Gavroche und Bahorel hatten einen vorüberfahrenden Kalk⸗ wagen angehalten und umgeworfen. Dieſer Wagen enthielt drei Fäſſer mit Kalk, den ſie unter den Haufen der Pflaſter⸗ ſteine miſchten. Enjolras hob die Fallthür des Kellers auf und alle leeren Fäſſer der Wittwe Hucheloup wurden neben die Kalkfäſſer geſtellt. Feuilly hatte mit ſeinen Fingern, die nur daran gewöhnt waren, die zarten Blätter der Fächer zu illuminiren, die Fäſſer und Tonnen durch zwei maſſive Pfeiler von Bruchſteinen geſtützt, die, wie alles Uebrige im⸗ proviſirt wurden und herkamen, man wußte nicht von wo— Balken, die der Facade eines benachbarten Hauſes entriſſen waren, wurden über die Fäſſer gelegt. Als Boſſuet und Courfeyrac ſich umdrehten, war ſchon die halbe Straße in mehr als Mannshöhe durch einen feſten Wall geſperrt. Nichts iſt ſo wie die Hand des Volkes dazu geeignet, Alles zu erbauen, wozu es der Demolirung bedarf. Madelotte und Gibelotte hatten ſich unter die Arbeiter gemiſcht. Gibelotte ging und kam mit Schutt belaſtet. Ihre Ermattung half die Barrikade erbauen. Sie trug Pflaſterſteine auf, wie ſie Wein aufgetragen hätte, mit ſchläf⸗ rigem Weſen. Ein mit zwei Schimmeln beſpannter Omnibus fuhr am Ende der Straße vorüber. Boſſuet ſprang über die Pflaſterſteine fort, hielt den Kutſcher an, forderte die Paſſagiere auf, auszuſteigen, reichte 126 den Damen die Hand, verabſchiedete den Conducteur und führte den Wagen an den Zügeln der Pferde zurück. „Omnibus,“ ſagte er,„fahre nicht vor Korinth vorbei. Non licet omnibus adire Corynthum. Einen Augenblick darauf liefen die ausgeſpannten Pferde frei durch die Rue Mondétour, und der niedergelegte Omni⸗ bus vervollſtändigte die Verſperrung der Straße. Mama Hucheloup hatte ſich ganz erſchreckt in das erſte Stockwerk geflüchtet. Ihre Augen waren verwirrt, ſie ſah, ohne Etwas zu bemerken und ſchrie ganz leiſe. Ihre entſetzliches Geſchrei wagte nicht, die Kehle zu verlaſſen. „Das iſt das Ende der Welt,“ murmelte ſie. Joly drückte einen Kuß auf den dicken, rothen und runzeligen Hals der Mama Huchelvup und ſagte zu Gran⸗ taire:„Mein Lieber, ich habe von jeher den Hals einer Frau als etwas außerordentlich Zartes betrachtet.“ Grantaire aber erreichte die höchſten Regionen der Di⸗ thyrambe. Madelotte war wieder nach dem erſten Stock⸗ werk hinaufgeklommen, Grantaire hatte ſie umſchlungen und ſtieß am Fenſter lautes Gelächter aus. „Madelotte iſt häßlich!“ ſchrie er,„Madelotte iſt die geträumte Häßlichkeit! Madelotte iſt eine Chimaire. Seht ſie, Ihr Bürger. Die hat Haare von der Farbe der Ge⸗ liebten Titians und iſt ein gutes Mädchen. Ich ſtehe auch dafür, daß ſie ſich tapfer ſchlagen wird. Jedes gute Mäd⸗ chen iſt ein Held!— Madelotte, umarme mich!— Du biſt wollüſtig und ſchüchtern! Du haſt Wangen, welche zum Schweſterkuſſe auffordern und Lippen, welche den Kuß eines Geliebten herausfordern!“ „Schweig, Du Faß!“ ſagte Courfeyrac. Enjolras, der auf der Spitze der Barrikade ſtand, mit dem Gewehr in der Hand, erhob ſein ſchönes, ſtrenges Ge⸗ ſicht. Er hatte, wie man weiß, Etwas von einem Sparta⸗ ner br bl i hl i und bei. ferde mi⸗ erſte 6 zu chrei 127 ner und einem Puritaner. Er würde bei den Thermophlen mit Leonidas gefallen ſein und Drogheda mit Cromwell ver⸗ brannt haben. „Grantaire!“ rief er,„trinke Deinen Wein anderwärts. Hier iſt der Ort der Trunkenheit, doch nicht der Trunken⸗ bolde. Entehre nicht die Barrikade!“ Dieſe zornige Aeußerung machte auf Grantaire einen eigenthümlichen Eindruck. Es ſchien, als wäre ihm ein Glas kaltes Waſſer in das Geſicht gegoſſen worden. Er war plötzlich ernüchtert. Er ſetzte ſich, ſtützte die Ellenbogen auf einen Tiſch neben dem Fenſter, blickte Enjolras mit einer unausſprechlichen Sanftmuth an und ſagte: „Laß mich hier ſchlafen.“ „Gehe anderwärts ſchlafen,“ rief Enjolras. Aber Grantaire richtete ſeine zärtlichen und irren Augen noch immer auf ihn und antwortete: „Laß mich hier ſchlafen— bis ich hier ſterbe.“ Enjolras betrachtete ihn mit geringſchätzendem Blick. „Grantaire, ſagte er dann,„Du biſt unfähig, zu glau⸗ ben, zu denken, zu wollen, zu leben und zu ſterben.“ Grantaire erwiederte mit ernſter Stimme: „Du wirſt es ſehen.“ Er ſtammelte noch einige unverſtändliche Worte, dann ſank ſein Kopf ſchwer auf den Tiſch und einen Augenblick darauf war er eingeſchlafen. 128 W. Verſuch des Troſtes bei der Wittwe Hucheloup. Bahorel, der entzückt über die Barrikade war, rief: „Die Straße iſt geköpft! Wie ſchön das ausſieht!“ Courfehrac ſuchte die Wirthin zu tröſten, während er das Cabaret ein wenig demolirte. „Mutter Hucheloup, beklagtet Ihr Euch nicht neulich, daß man Euch zur Strafe verurtheilt hätte, weil Gibelotte einen Teppich zum Fenſter hinaus ausſchüttelte?“ „Ja, mein guter Herr Courfeyrac. Ach, mein Gott! Wollen Sie den Tiſch da auch in Bhre abſcheuliche Ge⸗ ſchichte nehmen? Ja, für den Teppich und für einen Blu⸗ mentopf, der aus dem Dachfenſter auf die Straße gefallen, hat die Regierung mir hundert Francs Strafe auferlegt. Das iſt eine Schändlichkeit!“ „Nun, Mutter Hucheloup, wir rächen Sie.“ Die Mutter Hucheloup ſchien bei der Genugthuung, die man ihr gewährte, ihren Vortheil nicht recht zu erkennen. Sie war ſo befriedigt, wie jenes arabiſche Weib, das von ihrem Manne eine Ohrfeige bekommen hatte und ſich darüber bei ihrem Vater beklagte, indem ſie Rache forderte und ſagte: Vater, Du biſt meinem Manne Schmach um Schmach ſchuldig.“ Der Vater fragte:„Auf welchen Backen haſt Du die Maulſchelle bekommen?“—„Auf die linke.“— Der Vater gab ihr nun eine Maulſchelle auf die rechte und ſagte:„Zetzt ſei zufrieden. Sage Deinem Manne, er hätte meine Tochter geſchlagen, ich dafür aber ſeine Frau.“ —— up. rief: ht!“ end er teulich, belotte Gott! e Ge⸗ 1 Blu⸗ fallen, ferleg. ng, die kennen⸗ as von grüber ſagte nc n hſ ℳ— te und rhätte 129 Der Regen hatte aufgehört. Rekruten waren einge⸗ troffen. Arbeiter hatten unter ihren Blouſen ein Faß Pulver gebracht, einen Korb mit Flaſchen voll Vitriol, zwei oder drei Karnevalsfackeln und einen Tragkorb voll Lampen, die von einem Namenstag des Königs übrig geblieben waren. Dieſes Feſt hatte erſt ganz lürzlich, d. h. am 1. Mai, ſtattgefunden. Man ſagte, dieſe Munition käme von einem Gewürzkrämer in der Vorſtadt St. Antoine Namens Pépin. Man zer⸗ trümmerte die einzige Straßenlaterne der Rue de la Chan⸗ vrerie und alle Laternen der umliegenden Straßen. Enjolras, Combeferre und Courfehrac leiteten Alles. Es wurden jetzt zwei Barrikaden zu gleicher Zeit errichtet, beide im Winkel, geſtützt gegen das Haus Korinth; die grö⸗ ßere ſchloß die Rue de la Chanvrerie, die andere die Rue Mondétour auf der Seite der Rue du Cygne. Dieſe letztere Barrikade, die ſehr ſchmal war, beſtand nur aus Fäſſern und Pflaſterſteinen. Es waren hier ungefähr fünfzig Ar⸗ beiter beſchäftigt, von denen einige dreißig mit Gewehren bewaffnet waren; denn während des Weges hatten ſie eine Anleihe bei einem Waffenhändler gemacht. Nichts konnte eigenthümlicher und bunter ſein als dieſe Truppe. Der Eine trug eine Jacke, einen Kavallerieſäbel und zwei Sattelpiſtolen; ein Anderer war in Hemdärmeln, mit einem runden Hut und einem Pulverhorn an der Seite hängend; ein Dritter war bekleidet mit neuen Bogen grauen Papiers und bewaffnet mit einem Sattlerpfriem. Einer ſchrie: Vernichten wir ſie bis auf den Letzten und ſterben wir an der Spitze unſeres Bajonetts! Dieſer aber hatte kein Bajonett. Ein Anderer trug über ſeinem Rock das Riemenzeug und die Patrontaſche eines Nationalgardiſten; der Ueberzug ſeiner Patrontaſche hatte in rother Wolle geſtickt die Inſchrift: Heffentliche Ord⸗ nung. Viele Gewehre hatten die Nummer der Legionen; wenige der Männer trugen Hüte, keiner Halsbinden, viele Die Elenden. VIII. 9 waren in bloßen Armen, einige hatten Piken. Dem füge man noch jedes Alter, jede Art des Geſichts, kleine, bleiche, junge Menſchen und gebräunte Hafenarbeiter hinzu, Alle haſteten ſich; indem ſie ſich unter einander halfen, plauderten ſie von den möglichen Ausſichten.— Man würde gegen 5 Uhr Morgens Unterſtützung bekommen— man wäre eines Regiments gewiß— ganz Paris würde aufſtehen. Fürchterliche Aeußerungen, in die ſich eine gewiſſe herzliche Luſtigkeit miſchte. Man glaubte Brüder zu ſehen und ſie kannten gegenſeitig ihren Namen nicht. Große Gefahren haben das Schöne, daß ſie die Brüderſchaft der Unbekannten an das Licht ziehen. In der Küche war ein Feuer angezündet worden und man ſchmolz hier zu Kugeln: Löffel, Gabeln und alles Zink⸗ zeug des Cabarets. Bei alledem trank man. Zündhütchen und Rehpoſten waren unter den Tiſchen bunt unter die Weingläfer gemiſcht. In dem Billard⸗Zimmer zerriſſen Mama Hucheloup, Madelotte und Gibelotte, die durch den Schrecken auf eigenthümliche Weiſe verwandelt worden wa⸗ ren, alte Lumpen und zupften Charpie; drei Inſurgenten halfen ihnen dabei, drei muntere bärtige Burſchen, welche die Leinwand mit ihren Fingern zerzupften, ſo daß ſie zitterten. Der hochgewachſene Mann, den Courfeyrac, Combe⸗ ferre und Enjolras bemerkt hatten, als ſie mit einem andern Haufen an der Ecke der Rue des Billettes zuſammentrafen, arbeitete an der kleinen Barrikade und machte ſich hier nütz⸗ lich. Gavroche arbeitete an der großen. Der junge Menſch, der Courfeyrac in ſeiner Wohnung erwartete und ihn nach Herrn Marius gefragt hatte, war ungefähr in dem Augen⸗ blick verſchwunden, als man den Omnibus umwarf. Gavroche, der munter und freudeſtrahlend war, hatte es übernommen, Alles in Gang zu bringen. Er ging, kam, lief Trepp auf, Trepp ab und ſchien zur Ermuthigung Aller in fige bliche, u, Alle auderten e gegen nwire fſtehen. herziche und ſi efahren ekannten den und es Zinl⸗ dhitche ntet die zertiſſen uch den den wa⸗ urgenten welhe deß ſi Combe⸗ n andern entrfen⸗ iet rit⸗ Menſch⸗ ihn noch Mgen⸗ hatt ng, lu ng Ale 131 hier zu ſein. Hatte er einen Sporn? Ja, gewiß; ſein Elend. Hatte er Flügel? Sicher: ſeine Freude. Gavroche war wie ein Wirbelwind. Man ſah ihn beſtändig, man hörte ihn immerwährend. Er erfüllte die Luft und war zugleich überall. Für ihn gab es keinen möglichen Halt. Die gewaltige Barrikade fühlte ihn auf ihrem Rücken. Er war den Müßiggängern im Wege, trieb die Trägen an, ermunterte die Ermüdeten, machte die Nachdenkenden unge⸗ duldig, die Einen luſtig, die Andern außer Athem; wieder Andere ſetzte er in Zorn, Alles in Bewegung, ſtach einen Studenten und biß einen Arbeiter; er ſtand ſtill, gerieth wieder in Bewegung, flog über den Tumult, über die An⸗ ſtrengung hinweg, ſprang von dieſem zu jenem, murmelte, prummte und neckte Alle. Er war eine Fliege der Re⸗ volution. Das perpetuum mobile lag in ſeinen kleinen Armen und das ununterbrochene Geſchrei in ſeinen kleinen Lungen. Munter! Noch mehr Pflaſterſteine! Noch mehr Fäſſer! Noch mehr Maſchinen! Wo giebt es welche? Kalk um dieſes Loch hier auszuſtopfen. Eure Barrikade iſt zu klein, das muß in die Höhe. Werft Alles hinaus. Brecht das Haus ent⸗ zwei. Eine Barrikade iſt der Thee der Mutter Gibou. Nehmt, da iſt eine Glasthür. Darüber riefen die Arbeiter: „Eine Glasthür! Was willſt Du, daß wir mit einer Glas⸗ thür machen ſollen, Dummkopf?“ „Dummkopf Ihr ſelbſt!“ erwiderte Gavroche.„Eine Glasthür an einer Barrikade iſt etwas ganz vortreffliches. Das hindert nicht, ſie anzugreifen, aber es macht es un⸗ bequem ſie zu nehmen, habt Ihr denn niemals Aepfel über einer Mauer gemaußt, die mit zerbrochenem Glaſe beklebt war? Eine Glasthür ſchneidet die Nationalgardiſten in die Füße, wenn ſie die Barrikade erſteigen wollen. Das Glas 9* 132 iſt verrätheriſch. Ei, Ihr habt keine ſtarke Einbildungskraft, Kameraden!“ Uebrigens war er wüthend auf ſeine Piſtole ohne Hahn. Er ging von Einem zum Andern und rief: „Ein Gewehr! Ich will ein Gewehr! Weshalb giebt man mir kein Gewehr?“ „Du, ein Gewehr!“ ſagte Combeferre. „Nun! Entgegnete Gavroche, weshalb nicht? Ich habe doch 1830 eins gehabt, als man ſich mit Karl X. zankte.“ Enjolras zuckte die Achſeln.„Wenn genug für die Männer da ſind, wird man auch den Kindern welche geben.“ Gavroche wandte ſich ſtolz um und erwiderte ihm: „Wenn Du vor mir getödtet wirſt, ſo nehme ich Deins.“ „Gamin!“ ſagte Enjolras. „Gelbſchnabel!“ erwiderte Gavroche. Ein Stutzer, der am Ende der Straße vorüberging, brachte Unterhaltung. Gavroche rief ihm zu: „Kommen Sie zu uns, junger Mann! Nun, thut man denn Nichts für das alte Vaterland?“ Der Stutzer entfloh. ngkraft, e Hahr. lb giebt ſch habe darl J. für die geben“ ihm: hne ich berging, hut man 133 v. Die Vorbereitungen. Die Zeitungen jener Zeit, welche ſagen, daß die Barri⸗ kade der Rue de la Chanvrerie, dieſer beinahe unein⸗ nehmbare Bau, wie ſie ihn nannten, die Höhe des erſten Stockwerks erreichte, haben ſich getäuſcht. Sie überſchritt eine mittlere Höhe von ſechs bis ſieben Fuß nicht. Sie war ſo erbaut, daß die Kämpfer, je nach ihrem Willen, entweder dahinter verſchwinden, oder die Brüſtung beherrſchen oder ſelbſt die Spitze mittelſt vier Reihen übereinander gelegter und im Innern als Stufen geordneter Pflaſterſteine erſteigen konnten. Nach außen bildete die Front der Barrikade, die aus Haufen von FPflaſterſteinen und Fäſſern beſtand, welche untereinander durch Balken und Bretter verbunden waren, die ſich in die Räder des Kalkkarrens und des umgewor⸗ fenen Omnibuſſes verſchlangen, ein unlösbares Gewirr. Ein Einſchnitt, der ſo groß war, daß ein Menſch hin⸗ durchkonnte, war zwiſchen der Mauer der Häuſer und dem äußerſten Ende der Barrikade, welches von dem Cabaret am entfernteſten lag, gelaſſen, ſo daß ein Ausfall möglich war. Die Deichſel des Omnibuſſes war aufgerichtet und mit Stricken befeſtigt worden, und eine rothe Fahne an der Spitze der Deichſel flatterte über der Barrikade. Die kleine Barrikade Mondetour, die hinter dem Hauſe des Cabarets verborgen, war nicht zu bemerken. Die beiden mit einander verbundenen Barrikaden bildeten eine vollſtän⸗ dige Redoute. Enjolras und Courfeyrac hatten es nicht für zweckmäßig gefunden, den andern Zweig der Rue Mondé⸗ 134 tour zu verbarrikadiren, welcher gegen die Rue des Précheurs einen Ausgang nach den Hallen bildete, ſie wollten ohne Zweiſel eine mögliche Verbindung mit dem Aeußeren be⸗ wahren und fürchteten nicht ſehr durch das gefährliche und ſchwer zu paſſirende Gäßchen des Präécheurs angegriffen zu werden. Bis auf dieſen freigelaſſenen Ausgang bildete das Innere der Barrikade der Rue de la Chanvrerie, in welcher das Cabaret ein vorſpringender Winkel wav, ein unregel⸗ mäßiges auf allen Seiten geſchloſſenes Viereck. Es lag ein Zwiſchenraum von einigen zwanzig Schritten zwiſchen der großen Abſperrung und den hohen Häuſern im Hintergrunde der Straße, ſo daß man ſagen konnte, die Barrikade war an dieſe Häuſer gelehnt, die ſämmtlich bewohnt, aber von unten bis oben geſchloſſen waren. Dieſe ganze Arbeit wurde ohne Hinderniſſe in weniger als einer Stunde vollbracht und ohne daß dieſe Handvoll kühner Männer eine Bävenmütze over einen Degen ſich zeigen ſah. Die nicht ſehr zahlreichen Bütger, welche ſich in dieſem Augenblicke der Emeute noch in die Rue Saint⸗Denis wagten und einen Blick in die Rue de la Chanvrerie warfen, be⸗ merkten vie Barrikade und verdoppelten ihre Schritte⸗ Als vie beiden Barrikaden beendigt und die Fahne auf⸗ gepflanzt war, ſchleppte man einen Tiſch aus dem Cabaret und Courfehrac beſtieg dieſen. Enjolras brachte das vier⸗ eckige Käſtchen und Courfeyrac öffnete es. Es war mit Cartouchen angefüllt. Als man die Cartouchen ſah, entſtand ein Leben unter den Tapferſten und ein Augenblick ves Schweigens. Courfehrac theilte lächelnd die Cartouchen aus. Jever empfing davon dreißig. Viele hatten Pulver und machten mit den Kugeln, die fortwährend gegoſfen wurden, neue Cartouchen. Das Fäßchen mit Pulver, welches ſeit⸗ wärts auf einem Tiſch neben der Thür ſtand, hielt man in Reſerve. Der Appell, welcher durch ganz Paris geſchlagen Wrt ein! eu fyſ lun Schi del du de wn fan vol das elcher iregel⸗ * cheurs ohne n be⸗ e und rifſen ein der nde e war von enige nvoll zeigen dieſem vagten t, be⸗ e auf⸗ ubart iet⸗ w nit tſtand 16 und urdon/ ſäi⸗ an in ege 135 wurde, tönte ununterbrochen, aber es war zuletzt nur noch ein monotoner Lärm, auf den Niemand mehr achtete. Bald entfernte ſich dieſer Lärm, bald kam er näher mit ſeinen finſtern Klängen. Man lud die Gewehre und die Karabiner ohne Ueber⸗ eilung und mit feierlichem Ernſt. Enjolras ſtellte drei Schildwachen außerhalb der Barrikade auf, eine in der Rue de la Chanvrerie, die zweite Rue des Précheurs und die dritte an der Ecke der Rue de la Petite Truanderie. Als ſo die Barrikaden aufgeführt, die Poſten beſtimmt, die Gewehre geladen, die Schildwachen ausgeſtellt waren, warteten alle die Leute, die allein ſich in dieſer Straße be⸗ fanden, durch die Niemand mehr zu gehen wagte, umgeben von den ſtummen Häuſern. VI. In Erwartung. Was machten diefe Leute während des Wartens? Wir müſſen es wohl ſagen, da es geſchichtlich iſt. Während die Männer Cartouchen bereiteten und die Weiber Charpie zupften, während ein großer Keſſel, ange⸗ füllt mit geſchmolzenem Zinn und Blei, das zu den Kugeln beſtimmt auf einem glühenden Kohlenbecken ſtand, während die Schildwachen mit dem Gewehr im Arm über die Barri⸗ 135 kaden wachten, nnd Enjolras, jeder Zerſtreuung unzugäng⸗ lich, auf die Schildwachen achtete, ſuchten Combeferre, Cour⸗ feyhrac, Jean Prouvaire, Feuilly, Boſſurt, Joly, Bahorel und noch einige Andere ſich auf und vereinigten ſich wie in den friedlichen Tagen ihrer Schülerplaudereien. Und in einer Ecke des in eine Kaſematte verwandelten Cabarets, zwei Schritte von der Redoute entfernt, die ſie erbaut hatten, ihre ge⸗ ladenen Gewehre an die Lehne ihrer Stühle geſtützt, ſangen dieſe ſchönen, jungen Männer, vielleicht ihrer letzten Stunde ſo nahe: Liebeslieder. Die Stunde, der Ort, die zurückgerufenen Erinnerungen der Jugend, einige Sterne, die am Himmel zu glänzen be⸗ gannen, die Grabesruhe der verödeten Straßen, die ungeheuren wie unerbittlichen Ereigniſſe, die ſich vorbereiteten, verliehen iedem Liede, welches in der Dämmerung ertönte, einen eigen⸗ thümlichen Zauber. Indeß hatte man eine Lampe auf der kleinen Barrikade angezündet und auf der großen eine jener Wachsfackeln, die am Faſtnachts⸗Dienſtag den mit Masken beſetzten Wagen, die nach der Courtille fahren, vorangetragen werden. Dieſe Fackeln kamen, wie wir ſagten, aus der Vorſtadt St. Antoine. Die Fackel war in eine Art von Käfig, aus Fflaſter⸗ ſteinen gebildet und auf drei Seiten gegen den Wind ge⸗ ſchützt, geſtellt worden und zwar ſo, daß das Licht auf die Fahne fiel. Die Straße und die Barrikade waren in Dämmerung gehüllt, und man ſah Nichts als die rothe Fahne, furchtbar beleuchtet, wie durch eine gewaltige Blendlaterne. Das Licht verlieh der rothen Fahne Etwas wie einen fürchterlichen Purpurſchein. geſc weil Fe da ſc gäng⸗ Cyur⸗ el und in den rEce chritte re ge⸗ ſangen tunde ungen n be⸗ Nuren liehen eigen⸗ rikade die agen, Dieſe toine. laſter⸗ d ge⸗ f die erung htbar einen 1 137 VII. Der in der Rue des Billettes aufgeleſene Mann. Die Nacht war vollſtändig hereingebrochen und Nichts geſchah. Man hörte nur verworrenes Geräuſch und zu⸗ weilen Schüſſe, aber ſelten, nicht anhaltend und in der Ferne. Dieſe Ruhe, welche ſich verlängerte, war ein Zeichen, daß die Regierung auf ihre Zeit wartete und ihre Kräfte ſammelte. Dieſe fünfzig Mann warteten auf ſechszigtauſend. Enjolras fühlte ſich von jener Ungeduld ergriffen, welche die kräftigen Seelen an der Schwelle furchtbarer Ereigniſſe erfaßt. Er ſuchte Gavroche auf, der damit beſchäftigt war, Cartouchen in dem unteren Saale zu machen, beleuchtet von dem zweifelhaften Schein von zwei Lichtern, die wegen des auf dem Tiſch zerſtreuten Pulvers auf das Comtoir geſtellt worden waren. Die Lichter warfen nach Außen keinen Schein. Die Inſurgenten hatten überdieß Sorge getragen, in den oberen Stockwerken kein Licht anzuzünden. Gavroche war in dieſem Augenblick mit ernſten Ge⸗ danken beſchäftigt, wenn er auch nicht gerade an ſeine Car⸗ touchen dachte. Der Mann aus der Rue des Billettes war in den Saal eingetreten und hatte ſich an den am mindeſt beleuch⸗ teten Tiſch geſetzt. Es war ihm ein Gewehr von ſtarkem Kaliber zugefallen, das er zwiſchen den Beinen hielt. Ga⸗ vroche hatte bis zu dieſem Angenblick, durch hundert unter⸗ haltende Dinge zerſtreut, dieſen Menſchen nicht einmal geſehen. Als er eintrat, erfaßte Gavroche ihn unwillkührlich mit 138 den Augen, indem er ſein Gewehr bewunderte. Dann ſtand der Gamin plötzlich auf, als der Mann ſich geſetzt. Die, welche dieſen Menſchen bisher beachtet hätten, würden ge⸗ ſehen haben, wie er Alles in der Barrikade und unter dem Haufen der Inſurgenten mit ſonderbarer Aufmerkſamkeit beobachtete; aber ſeitdem er in dem Saal eingetreten war, ſchien er von Allem, was vorging, nichts mehr zu bemerken. Der Gamin näherte ſich dieſem in Gedanken verſunkenen Menſchen, ſchlich auf den Fußſpitzen um ihn herum, wie um einen Menſchen, den man zu erwecken fürchtet. Dabei zeigte ſich auf ſeinem kindlichen, zugleich ſo kecken und ſo ernſten, ſo luſtigen und ſo ſinnigen, ſo heiteren und ſo trüben Geſicht alle jene Züge, welche zu bedeuten ſchienen:„Wie! — nicht möglich!— ich träume!— aber nein!“— ꝛ0. 2e Gavroche drehte ſich auf den Abfätzen, ſteckte die Fauſt in die Taſchen, bewegte den Hals wie ein Vogel und ließ die Unterlippe bis zu übermäßiger Länge hängen. Er war verdutzt, ungewiß, ungläubig, überzengt und geblendet. Er ſah aus wie der Obereunuch auf dem Sklavenmarkte, wenn er eine Venus entdeckt, oder wie ein Kunſtliebhaber, der einen Raphael unter einem Haufen von Schmierereien er⸗ kennt. Alles war bei ihm in Arbeit, der Inſtinkt, welcher wittert und der Verſtand, welcher zuſammenſetzt. Offenbar hatte ſich für Gavroche ein Ereigniß zugetragen. Während er in dieſen Gedanken vertieft war, trat Enjolras zu ihm. „Du biſt klein, man wird Dich nicht fehen. Verlaß die Barrikaden, ſchleiche an den Häuſern hin, gehe ein wenig überall durch die Straßen und komme zurück, mir zu ſagen, was vorgeht.“ Gavroche reckte ſich in die Höhe. „Die Kleinen ſind alfo zu Etwas gut! das iſt ein Glück! Zch gehe! einſtweilen vertrauen Sie dem Kleinen, aber mißtrauen Sie dem Großen.“— Dabei hob Gavroche den jipf ſchö ini hi bei ſtand Die, ge⸗ dem mkeit war, erken. kenen wie abei d ſo üben Viel . A Funſt ließ war weun der n et⸗ elchet enbar erloß ein ir t ein inen, woche * 139 den Kopf in die Höhe, ſenkte die Stimme und fügte auf den Mann aus der Rue des Billettes deutend hinzu: „Sehen Sie den Großen da?“ „Nun?“ „Das iſt ein Polizeiſpion.“ „Biſt Du deſſen gewiß?“ „Vor noch nicht vierzehn Tagen hat er mich am Ohr⸗ zipfel unter der Pont Royal hervorgezogen, wo ich Luft ſchbpfte.“ Enjolvas verließ raſch den Gamin und flüſterte leiſe einige Worte in das Ohr eines Hafenarbeiters, der ſich hier befand. Der Arbeiter verließ den Saal und kehrte beinah augenblicklich begleitet von drei Andern zurück. Die vier Männer, vier breitſchultrige Laſtträger, ſtellten ſich ohne durch irgend Etwas die Aufmerkfamkeit auf ſich zu lenken, hinter den Tiſch, auf den der Mann der Rue des Billettes ſich lehnte. Offenbar ſtanden ſie im Begriff, ſich auf ihn zu werfen. Enjolras näherte ſich jetzt dem Manne und fragte: „Wer ſind Sie?“ Bei vieſer barſchen Anrede machte der Mann einen Satz. Er ſenkte ſeinen Blick bis auf den Gyrund von Enjolras offenem Auge und ſchien darin deſſen Gedanken erforſchen zu wollen. Er lächelte auf die geringſchätzigſte Weiſe von der Welt und immer entſchiedener und entſchloſſener, antwortete er mit hochmüthigem Ernſt: „Ich ſehe, was es giebt— Nun gut, jal“ „Sie ſind ein Polizeiſpion?“ „Ich bin ein Beamter der Behörde.“ „Sie heißen?“ „Javert.“ Enjolras gab den vier Männern ein Zeichen, im Nu und ehe Jovert Zeit gefunden hatte, ſich umzuwenden, wurde er gepackt, niedergeriſſen, gebunden, durchſucht. 140 Man fand bei ihm eine kleine, runde Karte zwiſchen zwei Glasplatten, auf der einen Seite mit dem eingegrabenen Wappen Frankreichs und der Unſchrift: Aufſicht und Wachſamkeit und auf der andern: Javert, Polizeiinſpector, 52 Jahr alt, ſowie die Unterſchrift des damaligen Polizei⸗ präfecten des Herrn Gisquet. Außerdem hatte er ſeine Uhr und ſeine Börſe, die einige Goldſtücke enthielt. Börſe und Uhr ließ man ihm. Hinter der Uhr, in der Uhrtaſche, fand man ein Papier; Enjolras entfaltete es und las die folgenden fünf von der Hand des Polizeipräfecten ſelbſt geſchriebenen Zeilen: „Sobald die politiſche Sendung des Inſpektors Javert erfüllt iſt, wird er ſich durch eine beſondere Aufſicht über⸗ zeugen, ob es wahr iſt, daß Miſſethäter geheime Gänge an der Brüſtung des rechten Seineufers in der Nähe der Brücke von Zena haben.“ Als die Durchſuchung beendigt war, hob man Javert auf, band ihm die Arme auf den Rücken und befeſtigte ihn in der Mitte des Saales an den berühmten Pfahl, der einſt dem Cabaret ſeinen Namen gegeben hatte. Gavroche, der dem ganzen Auftritte beigewohnt und Alles durch ein ſchweigendes Kopfnicken gebilligt hatte, nä⸗ herte ſich Javert und ſagte: „Die Maus hat die Katze gefangen.“ Das Alles wurde ſo ſchnell ausgeführt, daß es ſchon beendigt war, als man es außerhalb des Cabarets bemerkte. Javert hatte keinen Schrei ausgeſtoßen. Als Courfeyrac, Boſſuet, Joly, Combeferre und die bei beiden Barrikaden vertheilten Leute Javert an den Pfahl gebunden ſahen, eilten ſie herbei. Javert, der an dem Pfahl ſtand und mit Stricken ſo umwunden war, daß er keine Bewegung machen konnte, er⸗ hob den Kopf mit jener unerſchrockenen Würde eines Men⸗ ſchen, der nie gelogen hat. gen ſic unt 38) ſhen benen etor, lizei⸗ die pier; der wert iber⸗ e an rüce vert einſt und nů⸗ ſchon erkte. yrac kaden ahen, en ſo un⸗ 141 „Es iſt ein Polizeiſpion,“ ſagte Enjolras. Und ſich dann zu Javert wendend, fügte er hinzu: „Sie werden zwei Minuten zuvor, ehe die Barrikade genommen iſt, erſchoſſen.“ Javert erwiderte mit gebieteriſchem Ton: „Weshalb nicht ſogleich?“ „Wir ſparen das Pulver.“ „Nun, dann machen Sie ein Ende mit einem Meſſer⸗ ſtich.“ „Spion,“ ſagte der ſchöne Enjolras,„wir ſind Richter und keine Mörder.“ Darauf rief er Gavroche. „Du, gehe Deinem Geſchäfte nach! Thue, was ich Dir ſagte.“ „Ich gehe,“ rief Gavroche. In dem Augenblicke, als er ſich entfernen wollte, blieb er ſtehen und ſagte: „Apropos, Sie werden mir ſein Gewehr geben!“ Dann fügte er hinzu:„Ich laſſe Ihnen den Muſikanten, aber ich will ſeine Clarinette haben.“ Der Gamin machte einen militäriſchen Gruß und ſprang luſtig durch die Oeffnung der großen Barrikade. 142 VII. Mehrere Fragen in Beziehung auf einen gewiſſen Le Cabuc, der vielleicht nicht Le Cabur hieß. Das tragiſche Gemälde, welches wir unternommen haben, würde nicht vollſtändig ſein, der Leſer würde nicht in ihrem richtigen und wirklichen Lichte die große Minute des vevolutionairen Zeugungsaktes ſehen, in welchen ſich Krampf und Anſtrengung miſchen, wenn wir in der Schil⸗ derung, die wir entworfen, ein Ereigniß von epiſchem und wildem Entſetzen ausließen, welches ſich beinahe augenblick⸗ lich nach der Entfernung Gavroche's zutrug. Die Aufläufe gleichen, wie man weiß, einem Schnee⸗ ball und ſetzen, indem ſie weiter rollen, eine Menge ſtürmi⸗ ſcher Menſchen an. Dieſe Menſchen fragen ſich untevein⸗ ander nicht, woher ſie kommen. Unter den Vorübergehen⸗ den, die ſich dem Haufen anſchloſſen, welcher durch Enjol⸗ ras, Combeferre und Courfeyrac geführt wurde, befand ſich auch ein Menſch in der Jacke eines Laſtträgers, an den Schultern abgeſchabt, der wie ein betrunkener Wilder geſti⸗ kulirte und ſchimpfte. Dieſer Menſch, ein gewiſſer oder ſogenannter Le Cabuc und übrigens denen vollkommen un⸗ bekannt, welche ihn zu kennen behaupteten, war ſehr be⸗ trunken oder ſtellte ſich wenigſtens ſo und ſaß mit einigen Andern an einem Tiſch, den ſie vor das Cabaret hinaus⸗ gezogen hatten. Dieſer Cabue ſchien, indem er die, welche ihm die Spitze boten, zu trinken aufforderte, mit beſonderer Aufmerkſamkeit das große Haus im Hintergrunde der Bar⸗ rikade zu betrachten, deſſen fünf Stockwerke die ganze Straße e ſſen ß. mmen nicht ſinute n ſich Schil⸗ n und nblic⸗ chnee⸗ tirmi⸗ terein⸗ gehen⸗ Frjl d ſich m den geſi⸗ oder nun⸗ einigel inaus⸗ welche ndere Bar⸗ Stroft — beherrſchten und das der Rue Saint⸗Denis gegenüber lag. Plötzlich rief er aus: „Kameraden, wißt Ihr wohl? von dieſem Hauſe aus müßte man ſchießen. Wenn wir da an den Fenſtern ſtän⸗ den, ſo müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn Jemand in der Straße vorwärts käme!“ „Ja, aber das Haus iſt verſchloſſen,“ ſagte einer der Trinker. „Klopfen wir an!“ „Man wird nicht öffnen.“ „Stoßen wir die Thür ein!“ Cabuc eilte zu der Thür, die einen ſchweren Hammer hatte und klopfte. Die Thür öffnete ſich nicht. Er klopfte zum zweiten Male. Niemand antwortete. Ein drittes Klopfen. Gleiches Schweigen. „Iſt Jemand hier?“ rief Cabuc. Nichts rührte ſich. Nun ergriff er ein Gewehr und führte Kolbenſtöße ge⸗ gen die Thür. Es war eine alte, niedrige, ſchmale aber feſte Thür, ganz von Eichenholz, inwendig mit einem Blech beſchlagen und mit eiſernen Nägeln beſetzt, eine wahre Feſtungsthür. Unter den Kolbenſtößen erzitterte das Haus, aber die Thür wurde nicht erſchüttert. Indeſſen wurden die Bewohner dadurch wahrſcheinlich aufgeregt, denn endlich erleuchtete und öffnele ſich ein kleines Fenſter im dritten Stock, und es erſchien an der Oeffnung ein Licht und der einzige und erſchrockene Kopf eines alten, grauen, gutmüthigen Menſchen, der der Portier war. Der Klopfende unterbrach ſich. „Meine Herren,“ fragte der Portier,„was wünſchen Sie?“ „Oeffne!“ ſagte Cabuc. „Meine Herren, das kann nicht ſein.“ „Oeffne dennoch!“ „Unmöglich, meine Herren!“ 144 Cabuc nahm ſein Gewehr und zielte auf den Portier; doch da er unten ſtand und es ſehr dunkel war, ſah der Portier dieſes nicht. „Ja oder Nein, willſt Du öffnen?“ „Nein, meine Herren!“ „Du ſagſt Nein?“ „Ich ſage Nein, meine gut—“ Der Portier ſprach nicht aus. Der Schuß wurde ab⸗ gefeuert, die Kugel fuhr ihm zum Kinn hinein und zum Ge⸗ nick wieder hinaus. Der Greis brach zuſammen, ohne einen Seufzer auszuſtoßen. Das Licht fiel und erloſch, und man ſah Nichts mehr als den regungsloſen Kopf am Rande des Fenſterſimſes und einen etwas bläulichen Pulverrauch, der zum Dache aufſtieg. „So!“ ſagte Cabuc, indem er den Kolben ſeines Ge⸗ wehrs auf das Fflaſter ſtieß. Kaum hatte er dieſes Wort ausgeſprochen, als er eine Hand fühlte, die ſich ihm mit der Schwere einer Adlerkralle auf die Schulter legte, und eine Stimme hörte, die zu ihm ſagte: „Nieder auf die Kniee!“ Der Mörder wendete ſich um und erblicte vor ſich das weiße, kalte Geſicht von Enjolras. Enjolras hielt eine Pi⸗ ſtole in der Hand. Auf den Schuß war er herangetreten. Er hatte mit ſeiner linken Hand den Kragen, die Blouſe, das Hemd und den Hoſenträger Cabues erfaßt. „Auf die Kniee!“ wiederholte er. Und mit herriſcher Bewegung drückte der ſchwächliche, zwanzigjährige junge Mann wie ein Rohr den vierſchrötigen, kräftigen Kerl nieder und ſo, daß er in dem Koth knieen mußte. Cabuc verſuchte zu widerſtehen; allein er ſchien durch eine übermenſchliche Hand gefaßt zu ſein. Bleich, mit nacktem Hals, mit wild umherhängendem Haa Aug ge Mel und thun Alle fühl ein ſtm ihn Ko lieſ wi de gel det F ie U un rtier; h der e ab⸗ Ge⸗ einen man e des „ der Ge⸗ eine ralle ihm n eſi⸗ louſe. hliche ligel, nieen chien ndem 145 Haar hatte Enjolras mit ſeinem weiblichen Geſicht in dem Augenblick Etwas von der Themis des Alterthums. Seine geöffneten Naſenlöcher, ſeine geſenkten Augen verliehen ſeinem unerbittlichen, griechiſchen Profil jenen Ausdruck des Zorns und der Keuſchheit, welche aus dem Geſichtspunkte des Alter⸗ thums der Gerechtigkeit geziemt. Die ganze Barrikade war herbeigeeilt; dann hatten ſich Alle in einiger Entfernung im Kreiſe aufgeſtellt, in dem ſie fühlten, daß es unmöglich ſei, vor dem, was ſie ſehen würden, ein Wort zu ſprechen. Cabuc, der ſich bezwungen ſah, verſuchte keinen Wider⸗ ſtand mehr und zitterte an allen Gliedern. Enjolras ließ ihn los und zog ſeine Uhr heraus. „Sanmle Dich, bete oder denke nach. Du haſt eine Minute Zeit.“ „Gnade!“ murmelte der Mörder. Dann ſenkte er den Kopf und ſtammelte einige unverſtändliche Flüche. Enjolras wendete die Augen nicht von der Uhr. Er ließ die Minute vorübergehen und ſteckte die Uhr dann wieder ein. Als dies geſchehen war, ergriff er Cabuc bei den Haaren und hielt ihm den Lauf ſeiner Piſtole an das Ohr. Viele der unerſchrockenen Menſchen, welche ſich ſo gelaſſen in das fürchterliche Abentener geſtürzt hatten, wen⸗ deten den Kopf ab. Man hörte den Schuß; der Mörder ſtürzte auf das Pflaſter nieder mit der Stirn nach vorn, und Enjolras richtete ſich empor und ließ den Blick mit dem Ausdruck der Ueberzeugung und der Strenge umherſchweifen. Dann ſtieß er mit dem Fuß die Leiche bei Seite und ſagte: „Werft das hinaus.“ Drei Leute hoben den Körper des Elenden auf, der unter den krampfhaften Zuckungen des endenden Lebens ſtarb und Die Elenden VI11 10 146 warfen ihn über die kleine Barrikade in das Gäßchen Mondétour. Enjolras blieb ſinnend ſtehen. Man weiß nicht, was für finſtere, doch großartige Gedanken ſich langſam ſeines furchtbaren Ernſtes bemächtigten. Plötzlich erhob er die Stimme. Alles ſchwieg. „Bürger,“ ſagte Enjolras,„was dieſer Menſch that, war entſetzlich, und was ich gethan habe, iſt furchtbar. Er hat getödtet, deshalb habe ich ihn getödtet. Ich mußte es thun, denn die Inſurrection verlangt ihre Disciplin. Der Mord iſt hier noch mehr ein Verbrechen, als ander⸗ wärts, wir ſtehen unter dem Blick der Revolution, wir ſind die Prieſter der Republik, wir ſind die Hoſtien der Pflicht, und man darf unſern Kampf nicht verläumden können. Ich habe deshalb dieſen Menſchen gerichtet und zum Tode ver⸗ urtheilt. Was mich betrifft, ſo war ich gezwungen, zu thun, was ich that, aber ich verabſcheue es und habe auch mich ſelbſt gerichtet, und Ihr werdet ſogleich ſehen, zu was ich mich verurtheilt habe. Die, welche ihn hörten, erbebten. „Wir theilen Dein Loos,“ rief Combeferre. „Es ſei,“ entgegnete Enjolras.„Nur noch ein Wort. Indem ich dieſen Menſchen hinrichtete, gehorchte ich der Nothwendigkeit; aber die Nothwendigkeit iſt ein Ungeheuer der alten Welt, und nennt ſich Verhängniß. Das Geſetz des Fortſchritts verlangt aber, daß die Ungeheuer vor den Engeln verſchwinden und, daß das Verhängniß der Brüder⸗ lichkeit weicht. Es iſt ein ſchlechter Augenblick, das Wort Liebe auszuſprechen. Gleichviel, ich ſpreche es aus, und ich preiſe es. Liebe, Dir gehört die Zukunft. Tod, ich be⸗ diene mich Deiner, aber ich haſſe Dich. Bürger, in der Zukunft wird es weder Grauſamkeit, Unwiſſenheit, noch blutige Vergeltung geben. Wie es keinen Satan mehr geben wird, ſo wird es auch keinen heiligen Michael mehr geben. ſchen was eines die that, bar. ußte plin. der⸗ ſind ſicht 90h er⸗ n z auch was 147 Er wird kommen, Bürger, jener Tag, an welchem Alles Einigkeit, Harmonie, Licht, Freude und Leben iſt, er wird kommen und damit er komme, wollen wir ſterben.“ Enjolras ſchwieg. Seine jungfräulichen Lippen ſchloſſen ſich; er blieb einige Zeit aufrecht an dem Orte ſtehen, an welchem er das Blut vergoſſen hatte, regungslos wie eine Bildſäule. Sein ſtarrer Blick machte, daß man rings um ihn her nur leiſe ſprach. Jean Prouvaire und Combeferre drückten ſich ſchwei⸗ gend die Hand, und in der Ecke der Barrikade, Einer auf den Andern geſtützt, betrachteten ſie voll Bewunderung, in welche Mitleid ſich miſchte, den ernſten jungen Mann, Henker und Prieſter, ſtrahlend wie Kryſtall und feſt wie ein Fels. Erwähnen wir hier gleich, daß ſpäter nach dem Gefecht, als die Leichen nach der Morgue gebracht und durchſucht wurden, man bei Cabue eine Karte als Polizeiagent fand. Der Verfaſſer dieſes Buchs hatte 1848 den Speeialbericht in Händen, der in dieſer Beziehung an den damaligen Polizei⸗ präfecten gerichtet wurde. Fügen wir hinzu, daß nach einer eigenthümlichen Tra⸗ dition der Polizei, die aber wahrſcheinlich begründet iſt, dieſer Cabuc kein anderer war als Claqueſous. Eine That⸗ ſache iſt, daß ſeit dem Tode Cabucs keine Rede mehr von Claqueſous war. Dieſer verſchwand ſpurlos. Sein Leben war Dunkelheit geweſen, ſein Ende war Nacht. Noch war die ganze Gruppe der Inſurgenten in Auf⸗ regung durch den tragiſchen Proceß, der ſo ſchnell unterſucht und beendigt wurde, als Courfeyrac in der Barrikade den jungen Menſchen ſah, der am Morgen bei ihm nach Marius gefragt hatte. Dieſer Burſche, der kühn und ſorglos ausſah, war mit der Nacht wieder zu den Inſurgenten zurückgekehrt. 10* Eine 3dylle. Zwölftes Buch. Narius tritt in den Schatten. ——————— ——————— — I. Von der Rue Plumet nach dem Viertel Saint Denis. Die Stimme, welche durch die Abenddämmerung Marius nach der Barrikade der Rue de la Chanvrerie rief, machte auf ihn die Wirkung der Stimme ves Geſchickes. Er wollte ſterben und die Gelegenheit dazu bot ſich. Er klopfte an die Thür des Grabes; eine Hand reichte ihin in der Dunkelheit den Schlüſſel dazu. Dieſe finſteren Oeffnungen, vie ſich in der Dunkelheit vor der Verzweiflung aufthun, ſind verlockend. Marius ſchob das Gitter bei Seite, das ihn ſo oft hindurchgelaſſen hatte, verließ den Garten und ſagte:„Vorwärts Wahnſinnig vor Schmerz, ohne noch irgend etwas Feſtes oder Beſtimmtes in ſeinem Hirn zu fühlen, unfähig nach dieſen beiden in dem Rauſch der Jugend und der Liebe verlebten Monaten von dem Schickſal noch irgend Etwas anzunehmen, hatte er nur noch ein Verlangen. Bald zu Ende zu kommen. Er ging raſch. Zufällig war er bewaffnet, da er die Piſtolen Javerts bei ſich trug. Der junge Menſch, den er zu ſehen geglaubt hatte, war ſeinen Augen in den Straßen entſchwunden. 152 Marius, der die Rue Plumet über den Boulevard ver⸗ ließ, ging über die Esplanade und die Brücke der Invaliden durch die elyſäiſchen Felder über den Platz Ludwig XV. und erreichte die Rue de Rivoli. Die Magazine waren hier geöffnet, das Gas brannte unter den Arkaden, Frauen und Mädchen kauften in den Läden, man aß Gefrorenes in dem Café Laitre und kleine Kuchen in der engliſchen Paſtetenbäckerei. Indeß fuhren einige Poſtwagen im Ga⸗ lopp von dem Hotel des Princes und dem Hotel Meurice ab. Marius trat durch den Durchgang Delorme in die Rue St. Honoré. Hier waren die Läden geſchloſſen, die Kaufleute ſprachen vor ihren halbgeöffneten Thüren mit ein⸗ ander. Die Straßenlaternen brannten, und vom erſten Stock an waren alle Fenſter beleuchtet, wie gewöhnlich. Caval⸗ lerie ſtand auf dem Platz des Palais⸗Royal. Marius verließ die Rue St. Honoré. In dem Maße, wie er ſich von dem Palais⸗Royal entfernte, waren weniger Fenſter beleuchtet, die Läden waren ſämmtlich geſchloſſen. Niemand ſprach auf den Thürſchwellen; die Straßen wurden in eben dem Grade finſterer, in welchem die Menge ſich mehrte, denn die Vorübergehenden waren jetzt eine zahlreiche Maſſe. Man ſah unter ihnen Niemanden ſprechen, und den⸗ noch ertönte aus ihr ein dumpfes Summen. Gegen den Brunnen des Arbre⸗Sec gab es Zuſammen⸗ rottungen. Hoffnungsloſe und finſtere Gruppen, welche zwiſchen den Gehenden und Kommenden ſtanden, wie Steine in der Strömung des Waſſers. Am Eingang der Rue des Prouvaires ging die Maſſe nicht mehr vorwärts. Es war ein feſter, geſchloſſener, bei⸗ nahe undurchdringlicher Haufen von Menſchen, die leiſe mit einander ſprachen. Es gab hier beinahe keine ſchwarzen Fracks und keine runden Hüte mehr. Kittel, Blouſen⸗ Mützen, ſtruppige, ſchmutzige Köpfe. Dieſe Menge wogte verworren in der nächtlichen Dunkelheit. Ihr Geflüſter hatte Eine dieſ vair lin qn Stre glich Sch hutte denſ Tu end die d ber⸗ validen W. waren Frauen orenes liſchen n Ga⸗ ice ab. n die „die tein⸗ Stock Caval⸗ Maße, eniger oſſen. vden e ſich teiche den⸗ men⸗ welche teine ſuſſe hei⸗ arjen uſen⸗ ogte iſter 153 hatte den rauhen Klang eines brauſenden Waſſers. Obgleich nicht Einer ging, hörte man doch die Fußtritte in dem Kothe. Jenſeits dieſer dichten Maſſe in der Rue du Roule, Rue des Prou⸗ vaires und der Verlängerung der Rue St. Honoré gab es lein einziges Fenſter mehr, hinter welchem Licht ſchimmerte. In dieſen Straßen ſah man die einſamen Reihen der Straßenlaternen, welche in jener Zeit roſenrothen Sternen glichen, die an Stricken hingen und auf das Pflaſter einen Schatten warfen, welcher die Geſtalt einer großen Spinne hatte. Dieſe Straßen waren nicht öde. Man erblickte in denſelben zuſammengeſtellte Gewehre und bivouakirende Truppen, kein Neugieriger überſchritt dieſe Grenze. Hier endete die Cirkulation. Hier hörte die Menge auf und fing die Armee an. Marius hatte den Willen eines Menſchen, der Nichts mehr hofft. Man hatte ihn gerufen, er mußte gehen. Er machte es möglich, die Menge und den Bivouac der Truppen zu durchſchleichen; er entzog ſich den Patrouillen, er vermied die Schildwachen. Er machte einen Umweg, erreichte die Rue de Bethiſy und ging nach den Hallen. An der Ecke der Rue des Bourdonnais brannte keine Laterne mehr. Nachdem er über die Zone der Menge hinaus war, hatte er die Grenze der Truppen überſchritten; er befand ſich in etwas Entſetzlichem. Kein Vorübergehender, kein Soldat mehr. Einſamkeit, Schweigen, Nacht; eine er⸗ ſchreckende Kälte. In eine Straße treten, hieß in einen Keller gehen. Er ſchritt immer weiter. Er that einige Schritte. Jemand lief an ihm vorüber. War es ein Mann? ein Weib? Waren es Mehrere? er hätte es nicht zu ſagen vermocht. Es war vorübergekommen und verſchwunden. Von Umweg zu Umweg gelangte er in ein Gäßchen, welches er für die Rue de la Poterie hielt. Gegen die 54 Mitte dieſes Gäßchens ſtieß er an ein Hinderniß. Er ſtreckte die Hand aus. Es war ein umgeworfener Wagen. Sein Fuß trat in Waſſertümpel, Vertiefungen, ſtieß an ausgeriſſene und aufgehäufte Pflaſterſteine. Es lag hier eine angef angene und verlaſſene Barrikade. Er überkletterte ſie und befand ſich auf der andern Seite ver Sperrung. Er taſtete ſich an der Mauer der Häuſer hin. Ein Wenig jenſeits der Barrikade ſchien er vor ſich etwas Weißes zu ſehen. Er nahte ſich, es nahm Geſtalt an. Es waren zwei Schimmel, die des Omnibus, welche Boſſuet am Morgen ausgeſpannt hatte, die von Straße zu Straße umhergeirrt und envlich hier mit jener Geduld der Thiere ſtehen geblieben waren, die nichts von den Handlungen der Menſchen begreifen, wie der Menſch nichts von den Handlungen der Vorſehung. Marins ließ vie Pferde hinter ſich. Als er eine Straße erreicht, welche er für die Rue du Contrat hielt, fiel ein Schuß, in der Dunkelheit ohne Ziel abgefeuert; die Kugel pfiff vicht an ihm vorüber und durchbohrte über ſeinem Kopfe ein kupfernes Barbierbecken. Noch 1846 konnte man dies durchlöcherte Becken hier ſehen. Dieſer Schuß war doch noch etwas vom Leben. Von dem Augenblick an traf er auf Nichts mehr. Seine ganze Wanderung glich einer Reihe abwärts fallender, ſchwarzer Stufen. Marius ſchritt nichts deſtoweniger vorwärts. wau ſüſ dur un ung den ein hie hit St r ſtrecte Sein getiſſeſe efangene hefand ſtete ſich eits der en. Er chimmel, geſpantt endlich rit, die wie der er eine utt; die r ſeinem nte man . Von abwitts 155 IH. Paris aus der Vogelperſpective. Wer in dieſem Augenblicke mit ven Flügeln der Fleder⸗ maus oder der Nachteule über Paris geſchwebt, würde ein ſinſteres Schauſpiel vor Augen gehabt haben. Das ganze alte Viertel der Hallen, welches eine Stadt in der Stadt iſt und von tauſend Straßen und Gäßchen vurchſchnitten wird, welche die Inſurgenten zu ihrer Feſtung und ihrem Waffenplatz gewählt hatten, würde ihm wie ein ungeheurer ſchwarzer Abgrund erſchienen ſein, der ſich in dem Mittelpunkt von Paris befand. Hier ſank der Blick in ein Chaos. Die unſichtbare Polizei der Emeute wachte chier überall und hielt die Ordnung aufrecht, d. h. die Nacht. Das Auge, welches von oben in dieſes finſtere Gewirr hinab geblickt hätte, würde vielleicht hier und dort, von Straße zu Straße den undeutlichen Schein gewahrt haben, der gebrochene, eigenthümliche Linien erkennen ließ, zwiſchen venen ſich Geſtalten bewegten; hier waren die Barrikaven. Alles Uebrige verſank in Finſterniß, und überdieß erhoben ſich die Thürme von St.⸗Jacques, St. Merry und zwei oder drei andere jener großen Gebäude, aus venen die Men⸗ ſchen Rieſen und die Nacht Fantome macht. Rings um dieſes Labyrinth, in den Stadttheilen, wo das pariſer Leben noch nicht ganz vernichtet war und ein⸗ zelne Straßenlaternen brannten, hätte der in der Luft ſchwe⸗ bende Beobachter das Blitzen von Säbeln und Bajonetten, vas dumpfe Rollen der Artillerie, den ſchweigenden Marſch 156 der Bataillone vernehmen können, einen furchtbaren Gürtel, der ſich langſam um den Aufſtand legte. Unſichtbare Kämpfer waren an jeder Straßenecke auf⸗ geſtellt. Das Grab gähnte in der dunkeln Nacht. Kein anderes Licht war jetzt mehr zu hoffen, als das Blitzen der Schüſſe, kein anderes Begegnen, als das des Todes. Wo? Wie? Wann? man wußte es nicht, aber es war gewiß und unvermeidlich für die Einen, wie für die Andern. Auf beiden Seiten herrſchte gleiche Wuth, gleiche Erbitte⸗ rung, gleiche Entſchloſſenheit. Für die Einen hieß Vor⸗ wärtsdrängen Sterben, und Niemand dachte daran, zurück⸗ zuweichen; für die Andern hieß Bleiben Sterben, und Nie⸗ mand dachte daran, zu fliehen. Es war nothwendig, daß am nächſten— Alles be⸗ endet wurde und der Triumpf hier oder dort entſchieden ſei. Die Regierung erkannte dies ebenſo wie die Parteien. Daraus entſtand der beängſtigende Gedanke, der ſich in die undurchdringliche Finſterniß dieſes Stadtviertels miſchte, wo Alles entſchieden werden mußte. Man hörte nur ein Geräuſch, ein klagendes, wie das Röcheln des Todes und drohend wie ein Fluch: die Sturm⸗ glocke von St. Merrh. Wie das häufig geſchieht, ſchien die Natur im Ein⸗ klang mit dem Geſetz zu ſein, was die Menſchen thun wollten. Nichts ſtörte dieſe verhängnißvolle Harmonie. Die Sterne waren verſchwunden, dichte, ſchwere Wolken hüllten ven ganzen Horizont in ihre finſtern Falten. Es lag ein ſchwarzes Dunkel über den todten Straßen, als ob ein gewaltiges Leichentuch ſich über das Grab ge⸗ breitet hätte. *. loſer, brei nGürtel, necke auf⸗ ht. Kein litzen der Todes. r es war e Andern. e Erbitte⸗ Vo⸗ n zurück⸗ und Ni⸗ Alles be⸗ niſchieden Parteien. ch in die ſchte, wo wie das e Sturm⸗ in kin⸗ hen thin nie Die n hillen lag ein 3 ob in Grab g 157 III. Die äußerſte Grerze. Marius war zu den Hallen gelangt. Hier war Alles noch ruhiger, noch dunkler, noch regungs⸗ loſer, wie in den angrenzenden Straßen. Man hätte glau⸗ ben können, der eiſige Frieden des Grabes ſei aus der Erde heraufgeſtiegen und hätte ſich unter dem Himmel ausge⸗ breitet. Ein rother Schein bezeichnete indeß auf dem ſchwarzen Hintergrunde die hohen Dächer der Häuſer, welche die Rue de la Chanvrerie auf der Seite von St. Euſtache verſperr⸗ ten. Es war der Widerſchein der Fackel, welche auf der Barrikade von Korinth brannte. Marius wendete ſich gegen dieſen rothen Schein. Er führte ihn zu dem Marché aur⸗ Poirées und er gewahrte die finſtere Oeffnung der Rue des Precheurs. Er trat hinein. Die Schildwache der In⸗ ſurgenten, die am andern Ende ſtand, bemerkte ihn nicht. Er fühlte ſich dem, was er zu ſuchen gekommen war, ganz nahe und ging auf den Fußſpitzen weiter. So gelangte er zu der Ecke des Gäßchens Mondétour, welches, wie man ſich erinnern wird, der einzige Verbindungsweg war, den Enjolras nach Außen bewahrt hatte. An der Ecke des letz⸗ ten Hauſes ſtreckte er nach der linken Seite den Kopf vor und blickte in das Gäßchen Mondétour. Ein Wenig jenſeits der ſchwarzen Enge des Gäßchens und der Rue de la Chanvrerie, die einen weiten Schatten warf, in welchem er ſelbſt verſchwand, bemerkte er einen hellen Schein auf dem Straßenpflaſter und dahinter bei 158 einer dunkel brennenden Lampe niedergekauerte Männer, welche Gewehre zwiſchen den Beinen hatten. Das Alles lag zehn Klafter weit von ihm entfernt. Es war das In⸗ nere der Barrikade. Die Häuſer, welche das Gäßchen rechts begrenzten, verbargen ihm den übrigen Theil des Cabarets, die große Barrikade und die Fahne. Marius hatte nur noch einen Schritt zu thun. Zetzt ſetzte der unglückliche junge Mann ſich auf einen Eckſtein, kreuzte die Arme und dachte an ſeinen Vater. Er dachte an den heldenmüthigen Oberſt Pontmercy, der ein ſo ſtolzer Soldat geweſen war, der unter der Republik die Grenze Frankreichs vertheidigte, unter dem Kaiſer die Grenze Aſiens berührte, der Genna, Alexandrien, Mailand, Turin, Madrid, Wien, Dresden, Berlin, Moskau geſehen hatte und der auf allen Siegesfeldern Europa's Tropfen eben jenes Blutes vergoß, das auch Marius in den Adern hatte; — der vor der Zeit unter der Disciplin und dem Com⸗ mando grau wurde, der mit umgeſchnalltem Säbel, mit auf die Bruſt herabhängenden Epaulettes, mit von Pulver ge⸗ ſchwärzter Kokarde, die Stirn vom Helme gedrückt, im Lager, im Bivouak, im Lazareth gelebt hatte und nach zwanzig Jahren aus den großen Kriegen mit narbiger Wange, mit lächelndem Geſicht, einfach, ruhig, bewunderungswerth, rein wie ein Kind zurückgekehrt war, nachdem er Alles für, Nichts gegen Frankreich gethan hatte. Marius ſagte ſich, daß auch ſein Tag gekommen ſei, daß ſeine Stunde endlich geſchlagen hätte, daß, nach ſeinem Vater, auch er tapfer, unerſchrocken, kühn den Kugeln ent⸗ gegentreten, den Bajonetten ſeine Bruſt bieten, den Feind, den Tod aufſuchen, daß auch er das Schlachtfeld betreten müßte und daß dieſes Schlachtfeld die Straße ſei, der Krieg, den er führte, der Bürgerkrieg! Ubg boler lcht Sibe Dun Uff fürch nicht zu Ninner, s Ales das In⸗ renzten, e große f einen r. Er der ein blit die Grenze Trin, n hatte en eben hatte, 1 Com⸗ nit auf ſver ge⸗ nLoger⸗ wanig ge n th, rein Nichts nen ſei ſeinen n ent⸗ geind, etreten Krieg 159 Er ſah den Bürgerkrieg vor ſich geöffnet, wie einen Abgrund, in den er hinabſinken ſollte. Da erbebte er. Er dachte an den Säbel ſeines Vaters, den ſein Groß⸗ vater an einen Trödler verkauft hatte und den er ſo ſchmerz⸗ lich vermißte. Er ſagte ſich, daß dieſer tapfere und keuſche Säbel wohlgethan hätte, ihm zu entfliehen, und ſich in der Dunkelheit zu verbergen; daß er dies gethan, weil er den Aufſtand, den Straßenkrieg, den Krieg der Pflaſterſteine fürchtete; daß er, von Marengo und Friedland kommend, nicht nach der Rue de la Chanvrerie kommen mochte! Das Alles ſagte er ſich und dann begann er bitterlich zu weinen. Es war entſetzlich! Aber was ſollte er thun? Leben ohne Coſette, das konnte er nicht. Da ſie verſchwunden war, mußte er wohl ſterben. Hatte er ihr nicht ſein Ehren⸗ wort darauf gegeben, daß er ſterben würde? Sie war ge⸗ gangen, während ſie dies wußte, deshalb wollte ſie, daß Ma⸗ rius ſterben ſollte. Dann war es auch klar, daß ſie ihn nicht mehr liebte, da ſie ſo verſchwunden war, ohne ihn zu benachrichtigen, ohne ein Wort, einen Brief, während ſie doch ſeine Adreſſe wußte! Wozu nützte es jetzt noch, zu leben? Und dann ſollte er ſo weit gegangen ſein, und jetzt zurück⸗ weichen? Sich der Gefahr genähert haben und entfliehen? Seine Freunde verlaſſen, die ihn erwarteten, die ſeiner viel⸗ leicht bedurften? die eine Hand voll gegen eine ganze Armee waren! zugleich die Liebe, die Freundſchaft, ſeine Worte ver⸗ letzen! Eine Beute ſolcher Gedanken, ſenkte er den Kopf. Plötzlich erhob er ihn. Es zeigte ſich in ſeinem Geiſte eine Art glänzender Rechtfertigung. Der Kampf, den er fich nähern ſah, erſchien ihm nicht mehr beklagenswerth, ſon⸗ dern erhaben. Weshalb ſollte ſein Vater über ihn unwillig ſein? Giebt 160 es nicht Fälle, in denen die Revolution ſich bis zur Würde der Pflicht erhebt? Was lag denn Erniedrigendes für den Sohn des Oberſten Pontmerch in dem bevorſtehenden Kampf? Es galt hier nicht mehr Montmirail oder Champaubert, ſonders etwas Anderes. Es handelte ſich nicht um ein hei⸗ liges Gebiet, aber um eine heilige Idee. Frankreich blutet, aber die Freiheit lächelt. Und über dem Lächeln der Frei⸗ heit vergißt Frankreich ſeine Wunde. Während Marius ſich ſo ſeinen Gedanken hingab, nie⸗ dergeſchlagen, aber entſchloſſen und dennoch zögernd, kurz, bebend vor dem, was er zu thun im Begriff ſtand, irrte ſein Blick in dem Innern der Barrikade umher. Die Inſur⸗ genten ſprachen hier mit leiſer Stimme untereinander, ohne ſich zu rühren, und man fühlte, daß dieſes Halbſchweigen die letzte Grenze der Erwartung bezeichnete. Ueber ihnen, an einem Fenſter des dritten Stockwerks, bemerkte Marins eine Art von Zuſchauer oder Zeugen, der ganz beſonders aufmerkſam zu ſein ſchien. Es war der von Cabuc erſchoſ⸗ ſene Portier. Von unten erblickte man bei dem Scheine der zwiſchen den Fflaſterſteinen befeſtigten Fackel dieſen Kopf nur undeutlich. Nichts erſchien bei dieſem finſtern und wan⸗ kenden Lichte eigenthümlicher, als das bleiche, regungsloſe, verwunderte Geſicht; dieſer Kopf mit dem wirren Haar, dieſe offenen, ſtieren Augen, dieſer aufgeſperrte Mund in der Hal⸗ tung der Neugierde nach der Straße hinabgebeugt. Man hätte glauben können, der, welcher todt war, die, welche ſterben wollten. Ein langer Blutſtreifen, der dem Kopfe entquollen war, dehnte ſich in einem röthlichen Faden von dem oberen Fenſter bis zu dem erſten Stockwerk herab, wo er alsbald derſchwand. Wirde für den dampf! aubert, in hei⸗ blutet, Frei⸗ b, nie⸗ kurz, te ſein Inſur⸗ ohne Eine 3 dylle. weigen ihnen, Marius i Dreizehntes Buch. ſchoſ⸗ i Die Erhabenheit der Verzweiflung. en Kopf d wan⸗ ngleſe, r diſe er Hul⸗ Man 4 hle die n war⸗ oberen alsbald Die Clenden. VIII. 11 ————— „ Die Fahne: Erſter Act. Noch blieb Alles ruhig. Es hatte auf dem Thurme von St. Merry zehn Uhr geſchlagen. Enjolras und Combeferre ſetzten ſich mit dem Gewehr in der Hand in der Nähe des Durchſchnitts der großen Barrikade nieder. Sie ſprachen nicht mit einander, ſie horchten. Sie ſuchten ſelbſt den dumpfeſten und fernſten Ton eines Marſches zu erfaſſen. Plötzlich ertönte mitten in dieſer finſtern Ruhe eine helle, junge, heitere, friſche Stimme, die aus der Rue Soint⸗Denis zu kommen ſchien und ein bekanntes Volkslied ſang, deſſen Refrain ein Ton wie das Krähen eines Hahnes war. Die beiden Freunde drückten ſich die Hände. „Das ift Gavroche,“ ſagte Enjolras. „Er benachrichtigt uns,“ ſagte Combeferre. Ein ſchneller Lauf ertönte in der öden Straße; man ſah ein Geſchöpf, gewandt wie ein Clown, über den Omni⸗ bus klettern, und Gavroche ſprang ganz athemlos in die Barrikade und ſagte: „Mein Gewehr! ſie ſind da!“ Ein electriſches Leben durchlief die ganze Barrikade, und man vernahm die Bewegungen der Hände, welche nach den Gewehren griffen. 11* 164 „Willſt Du meine Büchſe?“ ſagte Enjolras zu dem Gamin. „Ich will das große Gewehr,“ erwiederte Gavroche. Und er nahm das Gewehr Javerts. Zwei Schildwachen hatten ſich zurückgezogen und waren beinahe zugleich mit Gavroche in die Barrikade getreten. Es war die Schildwache vom Ende der Straße und die Vedette der Rue de la Petite Truanderie. Die Vedette des Gäßchens des Pröécheurs war auf ihrem Poſten geblieben, was andeutete, daß von der Seite der Brücke und der Hallen Nichts zu fürchten war. Die Rue de la Chanvrerie, von der unter dem Wider⸗ ſchein des Lichtes, der auf die Fahne fiel, nur einige Pflaſter⸗ ſteine ſichtbar waren, bot den Inſurgenten den Anblick eines großen, ſchwarzen, geöffneten Thorwegs. Zeder hatte ſeinen Kampfplatz eingenommen. Drei und vierzig Inſurgenten und unter dieſen Enjol⸗ ras, Combeferre, Courfehrac, Boſſuet, Joly, Bahorel und Gavroche blieben in der großen Barrikade, den Kopf in gleicher Höhe mit dem Rande derſelben, die Läufe der Ge⸗ wehre und der Büchſen wie in Schießcharten zwiſchen die Pflaſterſteine gelegt, aufmerkſam, ſtumm warteten ſie, Feuer zu geben. Sechs hatten ſich unter dem Befehle Feuilly's an die Fenſter der beiden Stockwerke von Korinth geſtellt. Es verfloſſen noch einige Augenblicke, dann ließ ſich der Ton von gemeſſenen, ſchweren, zahlreichen Schritten deutlich in der Richtung von St. Leu erkennen. Dieſes Geräuſch, Anfangs ſchwach, dann beſtimmter, endlich ſchwer und kräftig, näherte ſich langſam ohne Halt, ohne Unter⸗ brechung, mit einer ryhigen und furchtbaren Fortdauer. Weiter hörte man nichts. Es war zugleich das Schweigen und der tönende Schritt der Statue des Comthur's; aber dieſer ſteinerne Schritt hatte etwas Gewaltiges und Vielfaches, was zugleich den Gedanken an eine Menge und 5* an me am ſch eine Baj Vi Se Fin Wo 2) zu dem roche. waren etreten. und die ette des hlieben, Hallen flaſter⸗ c eines Enjol⸗ el und kopf in et Ge⸗ hen die Feuer uilys ieß ſch chritten Dieſes ſchwer Unter⸗ rldauel⸗ zweigen thur's; es und ge und 165 an ein Geſpenſt erregte. Der Schritt näherte ſich mehr und mehr und hielt dann plötzlich an. Es ſchien, als hörte man am Ende der Straße den Athem vieler Menſchen. Dennoch ſah man Nichts, nur unterſchied man ganz im Hintergrunde eine dichte Menge metalliſcher Streifen. Das waren die Bajonette und die Läufe der Gewehre, matt von dem fernen Widerſchein der Fackel beleuchtet. Wieder entſtand eine Pauſe, als ob man auf beiden Seiten warte. Plötzlich ertönte aus dem Hintergrund dieſer Finſterniß eine Stimme, die um ſo unheimlicher klang, da man Niemand ſah und erſchien, als ob die Dunkelheit ſelbſt ſpräche. Sie ſchrie: „Wer da?“ Zugleich hörte man das Raſſeln von Gewehren. Enjolras antwortete mit lauter Stimme und ſtolzem Tone: „Franzöſiſche Revolution!“ „Feuer!“ commandirte die Stimme. Ein Blitz färbte alle Häuſer der Straße purpurn, wie wenn die Thür eines Ofens ſich plötzlich geöffnet hätte, um ſich ſogleich wieder zu ſchließen. Ein furchtbares Krachen ertönte auf der Barrikade. Die rothe Fahne fiel. Die Decharge war ſo heftig und ſo dicht geweſen, daß ſie die Fahnenſtange zerſchmetterte. Kugeln, welche an den Ecken der Häuſer abgeprallt waren, drangen in das Innere der Barrikade und verwundeten mehrere der Leute. Der Eindruck dieſer erſten Decharge war gewaltig. Der Angriff war kräftig und wohl geeignet, ſelbſt die Kühn⸗ ſten nachdenklich zu machen. Offenbar hatte man es we⸗ nigſtens mit einem ganzen Regiment zu thun. „Kameraden,“ rief Courfeyrac,„verſchwenden wir unſer Pulver nicht. Warten wir, um das Feuer zu erwidern, bis ſie in die Straße eingedrungen ſind.“ 166 „Vorwärts, Alle,“ rief Enjolras.„Pflanzen wir die Fahne wieder auf.“ Er nahm die Fahne, welche dicht zu ſeinen Füßen nieder⸗ gefallen war. Draußen hörte man das Raſſeln der Ladeſtöcke in den Läufen; die Truppen ladeten ihre Gewehre von Neuem. Enjolras fuhr fort: „Wer hat hier Muth? Wer pflanzt die Fahne wieder auf die Barrikade?“ Niemand antwortete. Auf die Barrikade zu ſteigen in eben dem Angenblicke, in welchem wieder auf dieſelbe ange⸗ legt wurde, war ſicherer Tod. Selbſt der Tapferſte zögerte, ſich ſelbſt zum Tode zu verurtheilen. Enjolras ſelbſt empfand ein leiſes Beben. Er wiederholte: „Zeigt ſich Niemand?“ II. Zweiter Act: Die Fahne. Seitdem man Korinth erreicht und den Bau der Barrikade begonnen hatte, achtete man nicht mehr auf den Vater Mabeuf. Herr Mabeuf hatte indeß den Haufen nicht verlaſſen. Er war in das Erdgeſchoß des Cabarets eingetreten und hatte ſich hinter den Zahltiſch geſetzt. Hier war er, ſo zu ſagen, in ſich ſelbſt vernichtet. Er ſchien wir die nieder⸗ in den em. wieder igen in e ange zögerte, empfond au der auf den hufen uborets 5 ſchien 167 Nichts mehr zu ſehen, Nichts mehr zu hören. Courfeyrac und Andere hatten ihn zwei⸗ oder dreimal angeredet und auf dieh Gefahr aufmerkſam gemacht, ihn aufgefordert, ſich zurückzuziehen, ohne daß es ſchien, als hörte er ſie. Wenn man nicht mit ihm ſprach, bewegte ſich ſein Mund als antwortete er Jemandem, und als man Fragen an ihn richtete, blieben ſeine Lippen regungslos, und das Auge hatte nicht mehr den Ausdruck des Lebens. Einige Stunden ehe die Barrikade angegriffen, hatte er eine Stellung einge⸗ nommen, die er nicht wieder aufgab, beide Fäuſte auf die Kniee geſtützt und den Kopf vorn übergebeugt, als blickte er in einen Abgrund. Nichts hatte ihn dieſer Haltung zu ent⸗ reißen vermocht. Es ſchien nicht, als ob ſein Geiſt ab⸗ weſend ſei. Als Jeder ſeine Stelle auf dem Kampfplatz eingenommen hatte, war in dem untern Saale Niemand mehr geblieben, als Javert, der an den Pfahl gebunden war, ein Inſurgent, der mit gezogenem Säbel über Javert wachte und Mabeuf. In dem Augenblick des Angriffs, bei den Schüſſen hatte die phyſiſche Erſchütterung dieſen er⸗ griffen und gleichſam erweckt; er war lebhaft aufgeſprungen, durch den Saal gegangen, und in dem Augenblick, als Enjolras den Aufruf wiederholte: „Zeigt ſich Niemand?“ Da erſchien der Greis auf der Schwelle des Cabarets. Sein Anblick bewirkte eine Art von Aufregung unter den Gruppen. Es erhob ſich der Ruf: „Der Greis! Das Konventsmitglied! Er iſt der Re⸗ präſentant des Volkes!“ Es iſt wahrſcheinlich, daß er Nichts verſtand. Er ging gerade auf Enjolras zu, die Inſurgenten traten vor ihm zurück, wie in religiöſer Scheu, er entriß Enjolras, der wie erſtarrt zurückwich, die Fahne, und, ohne daß irgend Jemand es wagte ihn aufzuhalten, noch ihn zu unterſtützen, erſtieg dieſer achtzigjährige Greis mit feſtem 168 Schritt langſam die Stufen der FPflaſterſteine, die in der Barrikade angebracht waren. Das war etwas ſo Finſteres, ſo Großartiges, daß Alle rings umher riefen:„Hut ab!“ Bei jeder Stufe, die er erſtieg, ſteigerte ſich die Spannung. Seine weißen Haare, ſein verfallenes Geſicht, ſeine hohe, kahle und runzlige Stirn, ſeine eingefallenen Augen, ſein verwunderter und halb geöffneter Mund, ſeine greiſen Arme, das rothe Banner erhebend, traten aus der Dunkelheit hervor und vergrößerten ſich junter dem blutigen Scheine der Fackel. Man glaubte das Geſpenſt von 93 mit der Schreckensfahne in der Hand aus der Erde emporſteigen zu ſehen. Als er die letzte Stufe erreicht hatte, als dieſes zitternde und dennoch fürchterliche Fantom, aufrecht ſtehend auf dem Haufen von Trümmern den zwölfhundert unſichtbaren Ge⸗ wehren gegenüber, ſich emporrichtete, im Angeſicht des Todes, als ob es ſtärker ſei wie dieſer, gewann die ganze Barrikade in der Dunkelheit eine übernatürliche und rieſige Geſtalt. Es entſtand jenes Schweigen, welches nur die Wunder umgiebt. Mitten in dieſem Schweigen ſchwenkte der Greis die rothe Fahne und ſchrie: „Es lebe die Revolution! Es lebe die Republik! Brüderſchaft! Gleichheit! und der Tod!“ Man hörte von ferne ein leiſes, haſtiges Geflüſter, ähnlich dem Gemurmel eines Prieſters, der voll Eile ein Gebet ſpricht. Es war wahrſcheinlich der Polizei⸗ kommiſſär, der am Ende der Straße die geſetzlichen Auf⸗ forderungen erließ. Dann rief dieſelbe laute Stimme, welche zuvor gerufen hatte:„Wer da?“ mit gleicher Kraft: „Zieht Euch zurück!“ Herr Mabeuf, der bleich und perwirrt war und deſſen Auge echol fli nie N we u in der ſteres, ab“ mung. hohe, ſein Ame, kelheit cheine t der teigen ternde f dem n Ge⸗ odes, rikade at. zunder is die ublil Eile Auf⸗ erufen eſſen Augen die finſteren Flammen des Wahnſinns ausſtrahlten, erhob die Fahne über ſeinem Kopf und wiederholte: „Es lebe die Republik!“ „Feuer!“ kommandirte die Stimme. Eine zweite Decharge ähnlich einem Kartätſchenhagel ſchlug gegen die Barrikade. Der Greis ſank in die Kniee, richtete ſich wieder auf und ließ die Fahne fallen und ſank räckwärts auf die Pflaſterſteine wie ein Brett, die Arme über die Bruſt kreuzend. Ein Blutſtrom guoll unter ihm hervor. Sein alter, bleicher, trauriger Kopf ſchien den Himmel anzublicken. Eine jener höheren Regungen des Menſchen, welche machen, daß er ſelbſt ſeine Vertheidigung vergißt, ergriff die Inſurgenten und mit ehrerbietiger Scheu näherten ſie ſich der Leiche. „Was für Menſchen ſind dieſe Königsmörder!“ ſagte Enjolras. Courfeyrac richtete ſich zu Enjolras Ohr und flüſterte: „Dies iſt nur für Dich, ich will den Enthuſiasmus nicht vermindern. Aber er war nichts weniger als ein Königsmörder. Ich habe ihn gekannt. Er hieß der Vater Mabeuf. Ich weiß nicht, was ihm heute war. Aber es war ein braver Narr. Sieh nur ſeinen Kopf an.“ „Der Kopf eines Narren und das Herz eines Bru⸗ tus,“ erwiderte Enjolras. Dann erhob er die Stimme: „Bürger! Dies iſt das Beiſpiel, welches die Alten den Jungen geben. Wir zögerten, da kam er! Wir wichen zu⸗ rück, da drang er vor! Das iſt es, was die, die vor Alter zittern, denen lehren, welche vor Furcht zittern! Dieſer Greis iſt erhaben im Angeſichte des Vaterlandes. Ihm ward ein langes Leben und ein herrlicher Tod! Schützen 100 wir jetzt die Leiche und Jeder von uns vertheidige dieſen todten Greis, wie er ſeinen lebenden Vater vertheidigen würde, ſeine Anweſenheit in unſerer Mitte mache dieſe Barrikade uneinnehmbar!“ Ein Gemurmel dumpfer, doch energiſcher Zuſtimmung folgte dieſen Worten. Enjolras beugte ſich nieder, erhob den Kopf des Greiſes, drückte ihm einen Kuß auf die Stirn, bog dann ſeine Arme auseinander und den Todten mit zärtlicher Sorgfalt wen⸗ dend, als fürchte er, ihm Schmerz zu bereiten, zog er ihm den Rock aus und zeigte Allen die blutenden Löcher, indem er rief: „Das iſt jetzt unſere Fahne.“ II. Gavroche hätte beſſer gethan, Enjolras' Büchſe anzunehmen. Man breitete über den Vater Mabeuf einen langen ſchwarzen Shawl der Wittwe Hucheloup. Sechs Männer machten aus ihren Gewehren eine Tragbahre; man legte den Leichnam darauf und trug ihn mit entblößtem Haupt und feierlicher Langſamkeit nach dem großen Tiſch in dem untern Saale. Dieſe Männer gaben ſich ſo der ernſten und heiligen Sac an ſtin ſich Pl Jo Ei ge dieſen theidigen che dieſe timmung Greiſes, ine Ame alt wen⸗ er ihm „indem ichſe langen Männet nan lege n du in dem hiig Sache hin, die ſie vollbrachten, daß ſie darüber nicht mehr an die gefahrvolle Lage dachten, in der ſie ſich befanden. Als die Leiche an Javert vorüberkam, der immer noch theilnamloſer Zeuge war, ſagte Enjolras zu dem Spion: „Du! ſogleich!“ Während deſſen glaubte der kleine Gavroche, der allein ſeinen Poſten nicht verlaſſen hatte, Menſchen zu ſehen, die ſich mit ſchleichenden Schritten der Barrikade näherten. Plötzlich ſchrie er laut: „Aufgepaßt!“ Courfeyrac, Enjolras, Jean Prouvaire, Combeferre, Joly, Bahorel und Boſſuet verließen das Cabaret in Eile. Es war ſchon beinahe nicht mehr Zeit. Man be⸗ merkte eine funkelnde, dichte Reihe von Bajonnetten über der Barrikade ſchweben. Municipalgardiſten von hohem Wuchs drangen vorwärts, die Einen über den Omnibus kletternd, die Andern durch den Durchſchnitt eindringend und trieben den Gamin vor ſich her, der zurückwich, aber nicht ent⸗ floh. Der Augenblick war kritiſch. Es war eine erſte furchtbare Minute der Ueberfluthung, wenn der Fluß ſich über ſeine ufer erhebt und das Waſſer durch die Ritzen des Dammes zu dringen beginnt. Noch eine zweite ſolche Minute und die Barrikade war genommen. Bahorel ſtürzte auf den erſten Municipalgardiſten zu, der eingedrungen war und tödtete ihn mit einem Schuß; der zweite tödtete Bahorel mit einem Bajonnettſtoß. Ein Anderer hatte bereits Courfeyrac niedergeworfen, der„Zu Hülfe!“ rief. Der größte von Allen, eine Art von Koloß, ging auf Gavroche mit gezücktem Bajonnett zu. Der Gamin nahm das gewaltige Gewehr Javerts in ſeine kleinen Arme, zielte entſchloſſen auf den Rieſen und drückte ab. Es fiel kein Schuß. Javert hatte ſein Gewehr nicht geladen. Der Mu⸗ nicipalgardiſt lachte laut und erhob ſein Bajonnett gegen das Kind. Ehe das Bajonnett Gavroche noch berührt hatte, ent⸗ ſank das Gewehr den Händen des Soldaten, eine Kugel hatte ihn mitten in die Stirn getroffen und er ſtürzte auf den Rücken nieder. Eine zweite Kugel mitten in die Bruſt ſtreckte den andern Gardiſten nieder, der Courfeyrac ange⸗ griffen hatte und warf ihn auf das Fflaſter. Es war Marius, der in die Barrikade eingetreten war. W. Das Pulverfaß. Marius, welcher noch immer an der Ecke der Rue Mondétour verborgen ſtand, hatte dem erſten Abſchnitte des Kampfes unentſchloſſen und bebend beigewohnt. Indeß ver⸗ mochte er nicht länger dem geheimnißvollen und gewaltigen Schwindel zu widerſtehen, den man den Ruf des Abgrunds nennen könnte. Vor der ungeheuren Größe der Gefahr, vor dem Tode des Herrn Mabeuf, dieſes finſtern Räthſels, vor dem Tode Bahorels, dem Hülferuf Courfeyrac's, der drohenden Gefahr des Kindes, vor dem Beiſtand oder der Rache ſeiner Freunde war jedes Zögern verſchwunden; er hatte ſich, mit ſeinen beiden Piſtolen in der Hand, in das Gewirr geſtürzt. Mit dem erſten Schuß hatte er Gavroche gerettet, mit dem zweiten Courfeyrac befreit. Bei den Schüſſen und dem Geſchrei der getroffenen Gan ſties hine Nat Han als nich tete ein Ba Ge te, ent⸗ e Kugel rzte auf e Bruſt c ange⸗ en war. der Rue itte des deß ver⸗ waltigen bgrunds Gefahr, s, der der der den; er in das zavroche offene Gardiſten hatten die Angreifenden die Verſchanzungen er⸗ ſtiegen, auf deren Gipfel man jetzt über halbe Körperlänge hinaus eine Menge Municipalgardiſten, Linienſoldaten und Nationalgardiſten der Vorſtadt mit dem Gewehr in der Hand erſcheinen ſehen konnte. Sie bedeckten ſchon mehr als zwei Drittel der Verſchanzung, aber ſie ſprangen noch nicht in dieſelbe hinab, da ſie irgend eine Schlinge fürch⸗ teten. Sie ſahen in die dunkle Barrikade hinunter, wie in eine Löwengrube. Das Licht der Fackel beſchien nur die Bajonnette, die Bärenmützen und die beſorgten und zornigen Geſichter. Marius hatte keine Waffen mehr, er warf ſeine abge⸗ ſchoſſenen Piſtolen fort; allein er hatte in dem untern Saale neben der Thür das Pulverfaß erblickt. Als er ſich halb umwendete und nach dieſer Seite ſah, legte ein Soldat auf ihn an. In dem Augenblicke, als der Soldat auf Marius zielte, legte eine Hand ſich auf die Mündung des Gewehrs und verſperrte dieſe. Es war ZJe⸗ mand hinzugeſprungen— der junge Arbeiter in der man⸗ cheſternen Hoſe. Der Schuß fiel, durchbohrte die Hand und vielleicht auch den Arbeiter, denn er ſtürzte nieder, aber die Kugel traf nicht. Das Alles wurde in dem Pulver⸗ rauch mehr geahnt als geſehen. Marius, der in das Erd⸗ geſchoß eingetreten war, bemerkte es kaum. Dennoch hatte er undeutlich die gegen ihn gerichtete Mündung des Gewehrs und die daſſelbe faſſende Hand geſehen und den Schuß ge⸗ hört. Allein in Minuten wie dieſe ſind die Dinge, die man ſieht, nur undeutlich und flüchtig und man achtet auf Nichts. Man fühlt ſich gegen noch größere Finſterniß fortgeſtoßen und Alles iſt Wolke. Die überraſchten, doch nicht erſchreckten Inſurgenten hatten ſich wieder geſammelt. Enjolräs rief:„Wartet! Schießt nicht blindlings!“ In der erſten Verwirrung konn⸗ ten ſie ſich in der That einander ſelbſt verwunden. Die Meiſten waren zu dem Fenſter des erſten Stockwerks hin⸗ aufgeeilt, ſowie zu den Dachfenſtern, von wo ſie die An⸗ greifenden beherrſchten. Die Entſchloſſenſten, Enjolras, Cour⸗ fehrac, Jean Prouvaire und Combeferre hatten ſich ſtolz an die Mauer der Häuſer gelehnt und boten ſo offen den Rei⸗ hen der Soldaten und Gardiſten, welche die Barrikade krönten, die Stirn. Das Alles war ohne Ueberſtürzung geſchehen, mit jenem eigenthümlichen und drohenden Ernſt, der dem Hand⸗ gemenge vorangeht. Von beiden Seiten zielte man aus nächſter Nähe aufeinander; man ſtand einander ſo nahe, daß man ſich ſprechen konnte. In dem Augenblicke, als der zündende Funke fallen ſollte, ſtreckte ein Offizier, mit Ring⸗ kragen und großen Epauletten, den Degen aus und rief: „Nieder mit den Waffen!“ „Feuer!“ rief Enjolras. Die Schüſſe fielen zu gleicher Zeit von beiden Seiten und Alles verſchwand in dem Pulverdampfe, der ſich mit dem leiſen Seufzen der Todten und Verwundeten miſchte. Als der Dampf verſchwunden war, erblickte man von beiden Seiten die Kämpfenden noch immer an denſelben Stellen, ſchweigend ihre Waffen wieder ladend. Plötzlich ertönte eine donnernde Stimme: „Zieht Euch zurück oder ich ſprenge die Barrikade in die Luft!“ Alle wendeten ſich zu der Stelle, von welcher die Stimme ertönte. Marius war in den untern Saal eingetreten, hatte dort das Pulverfaß genommen, und den Pulverrauch be⸗ nutzend, der den Raum wie mit Nebel füllte, war er an der Barrikade hin bis zu der Art von Käfig aus Fflaſter⸗ ſteinen geglitten, in welchem die Fackel befeſtigt war. Die Fackel herausreißen, das Pulberfaß hineinſtellen, die Pflaſter⸗ ſteine auf das Faß ſchleudern, welches dadurch auseinander erls hin⸗ die An⸗ as, Cour⸗ ſtolz an den Rei⸗ Barrikade hen, nit m Hand⸗ nan aus ſo nahe, „als der nit Fing⸗ rief: n Stelten ſich vit miſchte. man voh denſelben rilide u cher die u, holte auch be⸗ n er in 6 r. Die Fflaſter⸗ einande 5 fiel:— das Alles hatte Marius nur ſo viel Zeit genom⸗ men, um ſich zu bücken und wieder aufzurichten. Jetzt ſahen ihn Nationalgardiſten, Municipalgardiſten, Offiziere, Soldaten, die an dem andern Ende der Barrikade ſtanden, erſtarrt den Fuß auf die Pflaſterſteine ſetzend, mit der Fackel in der Hand, ſein ſtolzes Geſicht beleuchtet durch eine ver⸗ hängnißvolle Entſchloſſenheit, die Flamme der Fackel gegen den furchtbaren Haufen wendend, in welchem man das zer⸗ brochene Pulverfaß gewahrte und den Schreckensruf aus⸗ ſtoßend:„Zieht Euch zurück, oder ich ſprenge die Barrikade in die Luft!“ Nach dem gefallenen Greiſe war Marius auf dieſer Barrikade die Viſion der jungen Revolution nach dem Er⸗ ſcheinen der alten. „Die Barrikade in die Luft ſprengen!“ ſagte ein Ser⸗ geant,„und Dich mit ihr.“ Marius antwortete: „Mich mit ihr!“ Er hielt die Fackel an's Pulverfaß. Aber es ſtand ſchon Niemand mehr auf der Verſchan⸗ zung. Die Angreifenden flohen im bunten Gedränge und in Unordnung, ihre Todten und Verwundeten zurücklaſſend, bis an das Ende der Straße und verſchwanden hier wieder in der Nacht. Es war ein allgemeines: Rette ſich, wer kann. Die Barrikade war befreit. . ſi — ——— 176 V. Die letzten Worte Jean Pronvaire's. Alle umringten Marius. Courfeyrac fiel ihm um den Hals. „Da biſt Du ja!“ „Welch ein Glück!“ ſagte Combeferre. „Du biſt zur rechten Zeit gekommen!“ ſagte Boſſuet. „Ohne Dich war ich todt!“ ſagte Courfeyrac wieder. „Ohne Sie war ich geſpießt!“ fügte Gavroche hinzu. Marius fragte: „Wer iſt der Kommandant?“ „Du biſt es,“ antwortete Enjolras. Marius hatte den ganzen Tag einen Krater in ſich ge— fühlt, der ſich jetzt aber in eine Windsbraut verwandelte. Dieſer Wirbelwind, der in ihm war, machte auf ihn die Wirkung, als ſei er außerhalb ſich ſelbſt und riß ihn mit ſich fort. Es warihm, als befände er ſich ſchon in ungeheurer Entfernung von dem Leben. Seine beiden ſtrahlenden Monate des Glücks und der Liebe hatten ihn plötzlich zu dieſem entſetzlichen Ab⸗ grund geführt. Coſette für ihn verloren. Dieſe Barrikade, Herr Mabeuf, der ſich für die Republik tödten ließ, er ſelbſt Führer der Inſurgenten, alle dieſe Dinge kamen ihm wie ein ungeheurer Alp vor. Er mußte ſich anſtrengen, um ſich zu erinnern, daß Alles, was ihn umgab, wirklich war. Marius hatte noch zu wenig gelebt, um zu wiſſen, daß Nichts ungeheurer iſt, als das Unmögliche, und daß das, was man ſtets vorausſehen muß, das Unerwartete iſt. Er wohnte ſeinem eigenen Drama wie einem Schau⸗ ſpiel bei, das man nicht begreift. erke ang der tert ſie tet m um den Boſſuet. wieder. ſhe hinzu. n ſich ge⸗ te. Dieſer lung als warihm, nung von lichen Ab⸗ Barikade, nn ſelbſt ihm wie nſtrengen⸗ ungab, „un zu liche, und emwantet Schal⸗ In dem Nebel, in welchem ſeine Gedanken ſchwammen, erkannte er Javert nicht, der an den Pfahl gebunden, keine Bewegung des Kopfes gemacht hatte, während die Barrikade angegriffen, und der die Revolte ſich rings um ihn her mit der Ergebung eines Märtyrers und der Majeſtät eines Rich⸗ ters bewegen ſah. Marius bemerkte ihn nicht einmal⸗ Indeß rührten ſich die Angreifenden nicht mehr; man hörte ſie am Ende der Straße ſich bewegen und formiven, allein ſie wagten ſich nicht mehr vor; ſei es, daß ſie Befehle erwar⸗ teten, ſei es, daß ſie auf Verſtärkung hofften, ehe ſie ſich auf's Neue gegen dieſe uneinnehmbare Redoute ſtürzten. Die Inſurgenten hatten Schildwachen ausgeſtellt, und einige Stu⸗ denten der Medizin verbanden die Verwundeten. Man hatte die Tiſche aus dem Cabaret geworfen, aus⸗ genommen die zu der Charpie und den Cartouchen zurück⸗ behalten wurden und dem Tiſche, auf welchem der Vater Mabeuf lag. Man hatte ſie der Barrikade hinzugefügt und in dem unteren Saale ſie durch die Matratzen aus den Betten der Wittwe Hucheloup und der Mägde erſetzt. Auf dieſe Matratzen hatte man die Verwundeten gelegt. Was die drei armen Geſchöpfe betraf, die Korinth bewohnten, ſo wußte man nicht, was aus ihnen geworden ſei. Man fand ſie in⸗ deß endlich in dem Keller verſteckt,—„wie Advokaten,“ ſagte Boſſuet und fügte hinzu: „Weiber, pfui!“ Eine ſchmerzliche Aufregung dämpfte die Freude der befreiten Barrikade. Es wurde Appell gehalten. Einer der Inſurgenten fehlte. Und wer? Einer der Theuerſten. Einer der Tapfer⸗ ſten. Jean Prouvaire. Man ſuchte ihn unter den Ver⸗ wundeten; er war nicht unter ihnen. Man ſuchte ihn unter den Todten; er war auch hier nicht. Offenbar war er ge⸗ fangen. Combeferre ſagte zu Enjolras: Die Elenden. VIII 12 178 „Sie haben unſern Freund; wir haben ihren Agenten. Biſt Du noch für den Tod dieſes Spions?“ „Ja,“ erwiederte Enjolras; aber nicht um den Preis des Lebens Jean Prouvaire's. Dies ging in dem untern Saale neben dem Pfahle Javerts vor. „Nun gut,“ ſagte Combeferre,„ich will mein Taſchen⸗ tuch an meinen Stock binden und als Parlamentair ihnen den Vorſchlag machen, ihren Mann gegen den unſern aus⸗ zutauſchen.“ „Horch!“ ſagte Enjolras, indem er ſeine Hand auf Combeferre's Arm legte. Am Ende der Straße ertönte ein bedeutungsvolles Waffengeraſſel. Man hörte eine grelle Stimme rufen: „Es lebe Frankreich! Es lebe die Zukunft!“ Man erkannte die Stimme Jean Prouvaire's. Ein Blitz zuckte, ein Schuß fiel. Dann trat wieder Schweigen ein. „Sie haben ihn getödtet!“ rief Combeferre. Enjolras ſah Javert an und ſagte zu ihm: „Deine Freunde haben Dich ſoeben erſchoſſen.“ — Ahgenten. en Preis m Pfahle Taſchen⸗ gir ihnen ern aus⸗ and auf ngsvolls . Ein VI. Der Todeskampf des Todes nach dem Todeskampf des Lebens. Eine Eigenthümlichkeit dieſer Art des Krieges iſt, daß der Angriff der Barrikaden beinahe immer von vorn ge⸗ ſchieht und daß im Allgemeinen die Angreifenden es ver⸗ ſchmähen, die Stellungen zu umgehen, ſei es, daß ſie Hinter⸗ halt fürchten, ſei es, daß ſie ſich ſcheuen, in gewundene Straßen ſich zu vertiefen. Die ganze Aufmerkſamkeit der Inſurgenten richtete ſich daher auf die Fronte der großen Barrikade, welche offenbar der ſtets bedrohte Punkt war und an welchem unzweifelhaft der Kampf neu beginnen mußte. Marius indeß wachte auch an der kleinen Barri⸗ kade und ging zu dieſer. Sie war verödet und wurde nur durch die Lampe bewacht, die zwiſchen den Fflaſterſteinen ſchwankte. Uebrigens herrſchte in dem Gäßchen Mondétour und in den Theilen der Rue de la Petite Truanderie und der Rue du Cygne tiefe Ruhe. Als Marius ſich nach der vorgenommenen Beſichtigung zurückzog, hörte er ſeinen Na⸗ men leiſe in der Dunkelheit rufen: „Herr Marius!“ Er erbebte, denn er erkannte die Stimme, welche ihn zwei Stunden zuvor durch das Gitter der Rue Plumet ge⸗ rufen hatte. Kur ſchien dieſe Stimme jetzt blos noch ein Hauch zu ſein. Er blickte umher und ſah Niemand. Marius glaubte ſich getäuſcht zu haben und es wäre nur eine Illuſion geweſen, welche ſein Geſicht den außer⸗ 12* 180 ordentlichen Wirklichkeiten hinzufügte, die ſich um ihn drängten. Er that einen Schritt um die Vertiefung zu verlaſſen, in welcher die Barrikade lag. „Herr Marius!“ wiederholte die Stimme. Diesmal konnte er nicht zweifeln, er hatte es deutlich gehört, blickte umher und ſah Nichts. „Zu Ihren Füßen,“ ſagte die Stimme. Er bückte ſich und ſah eine Geſtalt, die ſich zu ihm geſchleppt hatte. Sie kroch auf dem Pflaſter. Sie war es, die geſprochen hatte. Die Lampe ließ eine Blouſe, eine grobe, zerriſſene Hoſe, unbekleidete Füße und Etwas, das einer Blutlache glich, erkennen. Marius ſah einen bleichen Kopf, der ſich zu ihm erhob und leiſe ſagte:. „Sie erkennen mich nicht?“ i „Eponine.“ Marius beugte ſich raſch nieder. Es war in der That das unglückliche Kind. Sie war als Mann gekleidet. „Wie kommen Sie hierher? Was machen Sie hier?“ „Ich ſterbe,“ ſagte ſie. Es giebt Worte und Ereigniſſe, welche die Niederge⸗ beugten zu erwecken ſcheinen. Marius rief heftig aus: „Sie ſind verwundet! Warten Sie, ich will Sie in den Saal tragen! Man wird Sie verbinden! Iſt es ge⸗ fährlich? Wie muß ich Sie anfaſſen, um Ihnen keinen Schmerz zu bereiten? Wo leiden Sie? Hülfe! Mein Gott! Aber was haben Sie denn hier gemacht?“ Er verſuchte ſeinen Arm um ſie zu ſchlingen, um ſie aufzurichten. Indem er dies that, berührte er ihre Hand. Sie ſtieß einen leiſen Schrei aus. „That ich Ihnen weh?“ fragte Marius. „Ein Wenig.“ drängten. aſſen, in deutlich zu ihm war es, e Hoſe, zu ihn er That hier“ iederge⸗ u6: Sie in tes Re⸗ 1keinen Mein um ſie 181 „Aber ich berührte ja nur Ihre Hand.“ Sie erhob ihre Hand gegen Marius und dieſer ſah in der Mitte derſelben ein ſchwarzes Loch. „Was haben Sie denn an der Hand?“ ſagte er. „Sie iſt durchbohrt.“ „Durchbohrt!“ a „Wovon?“ „Von einer Kugel.“ „Wie das?“ „Sahen Sie ein Gewehr, das auf Sie angelegt war?“ „Ja und eine Hand, die ſich darauf legte.“ „Das war meine Hand.“ Marius erbebte. „Welche Thorheit! Armes Kind! Aber deſto beſſer, denn wenn es das iſt, ſo iſt es nichts. Laſſen Sie ſich auf ein Bett tragen, man wird Sie verbinden. Man ſtirbt nicht an einer durchbohrten Hand.“ Sie flüſterte: „Die Kugel hat meine Hand durchbohrt, aber ſie iſt zu meinem Rücken hinausgegangen. Es nützt nichts, mich von hier fort zu tragen. Ich will Ihnen ſagen, wie Sie mich verbinden können, beſſer wie ein Wundarzt. Setzen Sie ſich neben mich auf dieſen Stein.“ Er gehorchte; ſie legte ihren Kopf auf Marius Knie, und öhne ihn anzuſehen, ſagte ſie: „Oh! wie wohl das thut! Wie das ſchön iſt! So! jetzt leide ich nicht mehr.“ Sie ſchwieg einen Augenblick, dann wendete ſie mühſam den Kopf und blickte Marius an. „Wiſſen Sie wohl, Herr Marius, es quälte mich, daß Sie nach dem Garten gingen; es war einfältig, denn ich ſelbſt hatte Ihnen ja das Haus gezeigt und dann mußte ich mir auch ſagen, daß ein junger Mann wie Sie—“ 182 Sie unterbrach ſich, und die finſteren Gedanken, die ſie ohne Zweifel im Sinne hatte, überſpringend, ſagte ſie mit einem herzzerreißenden Lächeln: „Sie fanden mich häßlich? nicht wahr?“ Sie fuhr fort: „Sehen Sie, Sie ſind verloren! Es wird jetzt Nie⸗ mand mehr die Barrikade verlaſſen. Ich habe Sie hierher⸗ gebracht! Sie werden ſterben; darauf rechne ich. Und dennoch, als ich ſah, daß man auf Sie anlegte, drückte ich meine Hand auf die Mündung des Gewehres. Wie das komiſch iſt! Aber das kam daher, weil ich vor Ihnen ſterben wollte. Als ich den Schuß bekommen hatte, ſchleppte ich mich hierher, man ſah mich nicht, und man hob mich nicht auf. Ich erwartete Sie und ſagte mir: Wird er denn nicht kommen? Ach, wenn Sie wüßten! Ich biß in meine Blouſe, denn ich hatte ſolchen Schmerz. Aber jetzt iſt mir wohl. Erinnern Sie ſich noch an den Tag, als ich in Ihr Stübchen trat und mich in Ihrem Spiegel betrachtete; und an den Tag, als ich Ihnen auf dem Boulevard begegnete? Wie die Vögel ſangen. Es iſt nicht lange her. Sie gaben mir hundert Sous und ich ſagte: Ich will Ihr Geld nicht. Haben Sie wenigſtens Ihr Geldſtück aufgenommen? Sie ſind nicht reich. Ich habe nicht daran gedacht, Ihnen zu ſagen, daß Sie es aufheben ſollten. Die Soune ſchien ſchön, man fror nicht. Erinnern Sie ſich denn, Herr Ma⸗ rius? Ach, ich bin glücklich! Alle werden ſterben.“ Sie ſah irre aus, ernſt und ergreifend. Ihre zerriſſene Blouſe zeigte ihren entblößten Buſen. Sie hatte, indem ſie ſprach, ihre durchbohrte Hand auf ihre Bruſt gelegt, wo eine andere Wunde ſich zeigte, aus der ein Blutſtrahl drang, wie der Wein aus einer geöffneten Flaſche. Marius betrachtete dieſes unglückliche Geſchöpf mit tiefem Mitleid. n, die ſi te ſie nit jett Nie⸗ hierher⸗ ch. Und rückte ich Wie das n ſterben eppte ich nich nicht denn nicht in meine t iſt mir in Ihr ete; und egegnetet ie gaben eld nicht. n Sie hnen zu ne ſchien e Me⸗ zeniſene ndem ſie egt, wo drang/ yf mit — „Ach!“ rief ſie plötzlich,„es kommt wieder. Ich erſticke.“ Sie nahm ihre Blouſe, biß hinein, und ihre Beine ſtreckten ſich auf dem Pflaſter. In dieſem Augenblicke ertönte das Hahnkrähen des kleinen Gavroche in der Barrikade. Das Kind war auf einen Tiſch geſtiegen, um ſein Gewehr zu laden und ſang luſtig ein Volkslied damaliger Zeit. Eponine erhob den Kopf, lauſchte und flüſterte dann: „Das iſt er.“ Und ſich zu Marius wendend, fügte ſie hinzu: „Mein Bruder iſt da. Er darf mich nicht ſehen. Er würde mich auszanken.“ „Ihr Bruder?“ fragte Marius, der mitten in dem bitterſten und ſchmerzlichſten Gefühle ſeines Herzens an die Pflichten dachte, welche ſein Vater ihm gegen die Thénardier hinterlaſſen hatte.„Wer iſt Ihr Bruder?“ „Der Kleine.“ „Der welcher ſingt?“ Marius machte eine Bewegung. „Oh, gehen Sie nicht fort!“ ſagte ſie,„es kann jetzt nicht mehr lange dauern.“ Sie lag beinahe auf ſeinem Schooß, allein ihre Stimme war ſehr leiſe und wurde durch Schluchzen unterbrochen. Zu⸗ weilen röchelte ſie. Sie näherte ihr Geſicht, ſo viel ſie konnte, dem Geſichte Marius. Sie fügte mit eigenthüm⸗ lichen Ausdruck hinzu: „Hören Sie, ich will teine Poſſe gegen Sie ſpielen. Ich habe in meiner Taſche einen Brief für Sie. Seit geſtern. Man ſagte mir, ich ſoll ihn auf die Poſt tragen. Ich behielt ihn. Ich wollte nicht, daß Sie ihn erhalten ſollten. Aber Sie würden mir vielleicht deshalb zürnen, 184 wenn wir uns jetzt bald wiederſehen werden. Man ſieht ſich wieder, nicht wahr? Nehmen Sie Ihren Brief.“ Sie ergriff krampfhaft Marius Hand mit ihrer durch⸗ bohrten, aber ſie ſchien jetzt den Schmerz nicht mehr zu bemerken. Sie ſteckte Marius Hand in die Taſche ihrer Blouſe. Marius fühlte hier in der That ein Papier. „Nehmen Sie,“ ſagte ſie. Marius nahm den Brief. Sie machte ein Zeichen der Befriedigung und Zu⸗ ſtimmung. „Zetzt verſprechen Sie mir für meine Mühe“— Sie hielt inne. „Was,“ fragte Marius. „Verſprechen Sie mir!“ „Ich verſpreche es.“ „Verſprechen Sie mir, mich auf die Stirn zu küſſen, wenn ich todt bin.— Zch werde es fühlen.“ Sie ließ ihren Kopf zurück auf Marius Knie ſinken, und ihre Augen ſchloſſen ſich. Er glaubte, die arme Seele ſei entflohen; Eponine blieb regungslos liegen, plötzlich, in dem Augenblick, als Marius ſie für immer eingeſchlafen wähnte, öffnete ſie langſam die Augen, in welchem ſich die finſtere Kälte des Todes ſpiegelte und ſagte mit einem Tone, deſſen milder Klang aus einer andern Welt zu kommen ſchien: „Und dann, ſehen Sie, Herr Marius, glaube ich, daß ich Sie ein wenig liebte.“ Sie verſuchte noch zu lächeln und hauchte ihre Seele aus. mſſicht ſich rer durch⸗ mehr zu ſche ihrer ier. und Zu⸗ e ſinken, me Selle ötlich, in geſchlafen n ſich die em Tone, en ſchien: ich, daß zte ihre Gavroche berechnet die Entfernungen. Marius chielt ſein Verſprächen. Er drückte einen Kuß auf die bleiche Stirn, auf der ein eiskalter Schweißtropfen perlte. Das war keine Treuloſigkeit gegen Coſette. Es war ein ſinnvolles, freundliches Lebewohl an eine unglück⸗ liche Seele. Er hatte nicht ohne Beben den Brief genommen, den Eponine ihm gab. Er fühlte darin ſogleich ein Ereigniß. Er war ungeduldig, ihn zu leſen. So iſt das Herz des Menſchen beſchaffen; das unglückliche Kind hatte kaum die Augen geſchloſſen, als Marius auch ſchon daran dachte, das Papier zu entfalten. Er legte ſie ſanft auf die Erde nieder und ging. Es ſagte ihm irgend ein Etwas, daß er dieſen Brief nicht neben diefer Leiche leſen könnte. Er näherte ſich einem Lichte in dem untern Saal. Es war ein kleines, mit jener elegunten Sorgfalt der Damen gefaltetes und geſiegeltes Briefchen. Die Adreſſe, von weiblicher Hand⸗ ſchrift, lautete: „An Herrn Marius Pontmerch, bei Herrn Courfeyrac, Rue de la Verrerie Nr. 16.“ Er erbrach das Siegel und las: „Mein Vielgeliebter! Ach, mein Vater will, daß wir „ſogleich reifen. Wir werden dieſen Abend in der Rue e[Homme Armé ſein. In acht Tagen ſind wir in London. „4. Juni.“ Die Unſchuld diefer Liebe war ſo groß, daß Marius nicht einmal vie Handſchrift Cofettens kannte. 186 Was vorgekommen war, kann mit wenigen Worten er⸗ zählt werden. Eponine hatte Alles gethan. Nach dem Abend des 3. Juni hatte ſie den doppelten Gedanken, die Pläne ihres Vaters und der Banditen auf das Haus der Rue Plumet zu hintertreiben und Marins von Coſette zu trennen. Sie hatte ihre Lumpen mit dem erſten beſten jungen Schelm getauſcht, der es unterhaltend fand, ſich als Mädchen zu kleiden, während Eponine ſich als Mann verkleidete. Sie war es geweſen, die im Marsfelde Jean Valjean die be⸗ deutungsvolle Mahnung zurief: Ziehen Sie aus. Jean Valjean war darauf nach Hauſe gegangen und hatte in der That zu Coſette geſagt: Wir ziehen noch heute Abend aus und gehen nach der Rue de l'Homme Armé mit der Touſſaint. Nächſte Woche ſind wir in London. Coſette war durch dieſen eben erwähnten Schlag nieder⸗ geworfen und ſchrieb in aller Eile an Marius die zwei Zeilen. Allein wie ſollte ſie den Brief auf die Poſt geben? Sie ging nie allein aus, und die Touſſaint würde, durch einen ſolchen Auftrag überraſcht, ſicher den Brief Herrn Fauchelevent gezeigt haben. In dieſer Verlegenheit bemerkte Coſette durch das Gitter Eponine, welche in Mannskleidern jetzt den Garten fortwährend umſchlich. Coſette hatte den „jungen Arbeiter“ herangerufen, ihm fünf Francs und den Brief übergeben und dazu geſagt:„Ueberbringen Sie dieſen Brief ſogleich an ſeine Adreſſe.“ Eponine hatte den Brief in die Taſche geſteckt. Am nächſten Tage, den 5. Juni, war ſie zu Courfeyrac gegangen, um nach Marius zu fragen, doch nicht, um ihm den Brief zu geben, ſondern was jede eiferſüchtige und liebende Seele begreifen wird, um ihn zu ſehen. Hier hatte ſie auf Marius oder wenigſtens auf Courfeyrac gewartet, immer nur um ihn wieder zu ſehen. Als Courfeyrac ihr ſagte:„Wir gehen auf die Barrikade,“ zuckte ihr ein Gedanke durch den Sinn: ſich dieſem Tod entgegen zu Worten er⸗ dem Abend die Pläne der Rle zu trennen. gen Schelm ſädchen zu dete. Sie m die be⸗ 1s. Jean tte in der te Abend me Armé d wir in lag nieder⸗ die zwel ot gbent nde, durch ief Hern it benerte nnslleidern hatte den cs und den Sie tin den Brief guni, vot z frgen⸗ e n was jed mn ihn j s auf 187 ſtürzen und ihn willkommen zu heißen, jedoch auch Marius gleichzeitig mit zu verderben. Sie war Courfeyrac gefolgt, hatte ſich von dem Ort überzeugt, wo man die Barrikade errichtete. Und überzeugt, daß Marius, da er keine Nach⸗ richt bekommen, und ſie den an ihn gerichteten Brief auf⸗ gefangen hatte, mit Anbruch der Nacht an dem Zuſammen⸗ kunftsorte jedes Abends ſein würde, war ſie nach der Rue Plumet gegangen, hatte dort auf Marius gewartet und ihm im Namen ſeiner Freunde die Aufforderung überbracht, die ihn, wie ſie glaubte, auf die Barrikade führen mußte. Sie rechnete auf Marius Verzweiflung, wenn er Coſette nicht finden würde, und ſie täuſchte ſich nicht. Sie ihrerſeits war dann nach der Rue de la Chanvrerie zurückgekehrt. Man ſah, was ſie dort that. Sie war mit jener tragiſchen Freude der eiferſüchtigen Herzen geſtorben, die den geliebten Gegenſtand mit ſich in den Tod reißen, indem ſie ſich ſagen: Niemand wird ihn beſitzen. Marius bedeckte ven Brief Coſettens mit Küſſen. Sie liebte ihn alſo! Er hatte einen Augenblick den Gedanken, daß er jetzt nicht mehr ſterben dürfe. Dann ſagte er ſich: Sie geht! Ihr Vater führt ſie nach England, und mein Großvater verweigert mir dieſe Heirath. Nichts iſt in dem Verhältniß geändert. Träumer wie Marius empfinden ſolche Niedergeſchlagenheit und es entſprang daraus ein verzwei⸗ felter Entſchluß. Die Anſtrengung zu leben iſt unerträglich; der Tod, das iſt ſchneller abgethan. Nun dachte er, daß ihm noch zwei Fflichten zu erfüllen blieben: Coſette von ſeinem Tod zu benachrichtigen und ihr ein letztes Lebewohl zu ſenden, und zugleich vor der drohenden Kataſtrophe, die ſich vorbereitete, das arme Kind, den Bruder Eponinens und den Sohn Theénardiers zu retten. Er hatte eine Brieftaſche bei ſich; eben die, welche das Heft enthalten hatte, in das er ſeine Gedanken für 168 Coſette ſchrieb. Er riß ein Blatt heruus und ſchrieb mit Bleiſtift die wenigen Zeilen darauf: „Unſere Verheirathung war unmöglich. Zch bat meinen Großvater um die Erlaubniß, aber er hat ſie ver⸗ weigert; ich bin ohne Vermögen und Du auch. Ich eilte zu Dir, doch ich fand Dich nicht; Du weißt, daß ich Dir mein Wort gab, und ich halte es. Och ſterbe. Ich liebe Dich. Wenn Du dieſes lieſt, iſt meine Seele Dir nahe und lächelt Dir zu.“ Er hatte Nichts, diefen Brief zu ſiegeln, ſo begnügte er ſich damit das Papier vierfach zu falten und ſchrieb dann die Adreſſe darauf: „An Fräulein Coſette Fauchelevent bei Herrn Fauchelevent, Rue de l'Homme Armé, Nr. 7.“ Als der Brief gefaltet war, blieb er einen Augenblick nachdenkend ſtehen, nahm dann ſeine Brieftaſche wieder heraus, öffnete ſie und ſchrieb mit Bleiſtift auf die erſte Seite die Zeilen: „Ich heiße Marius Pontmerch. Man trage meine Leiche zu meinem Großvater Herrn Gillenormand, Rue des Filles⸗du⸗Calvaire Nr. 6, im Marai. Er fteckte vie Brieftaſche wieder in die Taſche und rief Gavroche. Der Gamin eilte mit ſeiner heiteren, regungs⸗ vollen Miene herbei. „Willſt Du Etwas für mich thun?“ „Alles, ſagte Gavroche. Gott des guten Gottes! Ohne Sie wäre ich für immer ſtumm.“ „Du ſiehſt dieſen Brief?“ „Ga.“ „Nimm ihn. Verlaß ſogleich die Barrikade(Gavroche kratzte ſich hinter den Ohren) und morgen früh übergiebſt Du den Brief an die Adreſſe, an Fräulein Coſette, bei Herrn Fauchelevent, Rue de[Homme Armé Nr. 7.“ Der heldenmüthige Knabe antwortete: Bar Tag Mit verl Unt Ve Fri ic der de B ſchrieb mit Ich bat at ſie ver⸗ Ich eilte aß ich Dir heh liebe Dir mahe begnügte rieb dann ei Herrn . Augenbl che wieder die erſte age meine „Rue des e und rief wen⸗ 661 Ohne &whe ei —— 189 „Ja, ſchön! Aber während der Zeit wird man die Barrikade nehmen, und ich bin nicht hier.“ „Die Barrikade wird allem Anſchein nach erſt mit Tagesanbruch angegriffen und gewiß nicht vor Morgen Mittag genommen werden.“ Die Ruhe, welche die Angreifenden der Barrikade ließen, verlängerte ſich in der That. Es war eine jener häufigen Unterbrechungen der nächtlichen Kämpfe, welcher ſtets eine Verdoppelung der Erbitterung folgt. „Nun, ſagte Gavroche, wenn ich nun den Brief morgen Früh hintrage?“ „Das wäre zu ſpät. Die Barrikade wird⸗ wahrſchein⸗ lich cernirt werden, indem man alle Straßen bewacht, und Du kannſt denn nicht mehr hinaus, gehe ſogleich.“ „Gavroche fand dagegen Richts zu erwidern, blieb aber dennoch unentſchloſſen ſtehen und kratzte ſich traurig hinter dem Ohr. Plötzlich ergriff er mit einer jener ihm eigenthümlichen Bewegungen eines Vogels den Brief: „Es iſt gut,“ ſagte er. Und er lief durch das Gäßchen Mondétour davon. Gavroche hatte einen Gedanken gehabt, durch den er ſich beſtimmen ließ, den er aber nicht ausſprach, aus Furcht daß Marius dagegen einen Einwand machen möchte. Dieſer Gedanke war folgender: „Es iſt kaum Mitternacht, die Rue de bHomme Armé iſt nicht weit entfernt, nun, ich bringe den Brief ſogleich hin und bin zur rechten Zeit wieder zurück. Eine Noylle. Vierzehntes Buch. Die Rue de[Homme- Rrmé. P Was ſind die Aufregungen einer Stadt im Vergleich zu dem Aufruhr der Seele? Der Menſch iſt eine noch uner⸗ forſchlichere Tiefe als das Volk. Jean Valjean war in dieſem Angenblicke die Beute einer furchtbaren Aufregung. Alle Abgründe hatten ſich ihm wieder geöffnet. Auch er bebte, wie Paris, an der Schwelle einer finſteren und fürch⸗ terlichen Revolution. Einige Stunden hatten dazu genügt. Sein Geſchick und ſein Gewiſſen waren plötzlich in Schatten gehüllt. Von ihm konnte man, wie von Paris, ſagen: die beiden Principien ſtehen einander gegenüber. Der weiße und der ſchwarze Engel ſollten ſich auf der Brücke des Ab⸗ grundes einander begegnen. Welcher von Beiden wird den andern hinabſtürzen? Welcher den Sieg erringen? Am Tage vor eben dieſem 5. Juni war Valjean, be⸗ gleitet von Coſette und der Touſſaint, nach der Rue de PHomme Armé gezogen. Hier wartete ſeiner ein Um⸗ ſchwung des Glücks. Coſette hatte die Rue Plumet nicht ohne einen Ver⸗ ſuch des Widerſtandes verlaſſen. Zum erſten Male, ſeit dem ſie mit einander lebten, hatte der Wille Coſettens ſich von dem Willen Jean Valjean's verſchieden gezeigt, und es war, wo nicht ein Zuſammenſtoß, doch wenigſtens ein Wider⸗ Die Elenden. VIII. 13 — — 194 ſpruch zwiſchen ihnen entſtanden. Es hatte Widerſtand von der einen Seite, Unbeugſamkeit von der anderen gegeben. Der plötzliche Rath: Ziehen Sie aus, den ein Unbekannter Jean Valjean zuſchleuderte, beunruhigte dieſen ſo ſehr, daß er auf ſeinen Willen beſtand. Er hielt ſich für entdeckt und verfolgt. Coſette mußte ihm nachgeben. Beide waren nach der Rue de PHomme Armé gekom⸗ men, ohne den Mund zu öffnen, ohne ſich ein Wort zu ſagen, verſunken in ihr perſönliches Nachdenken; Jean Val⸗ jean ſo beunruhigt, daß er die Traurigkeit Coſettens nicht bemerkte, Coſette ſo traurig, daß ſie die Beſorgniß Jean Valjean's nicht ſah. Jean Valjean hatte die Touſſaint mitgenommen, was er bei ſeinen früheren Abweſenheiten nie gethan. Er vermu⸗ thete, daß er vielleicht nie nach der Rue Plumet zurückkehren würde und konnte weder die Touſſaint dortlaſſen, noch ihr ſein Geheimniß anvertrauen. Ueberdieß kannte er ſie als ergeben und ſicher. Von dem Diener zu dem Herrn beginnt der Verrath mit der Neugier. Die Touſſaint war aber durchaus nicht neugierig, als hätte das Geſchick ſie zu der Magd Jean Valjeans beſtimmt. Sie ſagte in ihrer ſtotternden und bäuerliche Sprache:„Ich bin ſo; ich thue meine Arbeit; das Uebrige iſt nicht meine Sache.“ Bei der Entfernung aus der Rue Plumet, die beinahe einer Flucht glich, hatte Jean Valjean Nichts mitgenommen, als den kleinen, duftenden Koffer, den Coſette Inſéparable getauft hatte. Gefüllte Koffer hätten Commiſſionaire erfor⸗ dert und dieſe ſind Zeugen. Man hatte einen Fiaker nach der Rue de Babylone kommen laſſen und war fortgefahren. Mit großer Mühe hatte die Touſſaint die Erlaubniß er⸗ langt, etwas Wäſche und Kleidungsſtücke einzupacken. Co⸗ ſette hatte nichts mit ſich genommen, als ihr Heft. Um die Einſamkeit und das Dunkel zu vergrößern, hatte Jean Valjean das Haus der Rue Plumet mit An⸗ — — bru wan der erre ein ein die wel zim bei mi ſic alt ſch die eir Et fr n der Der annter „daß tund eom⸗ ort zu Vul⸗ nicht Jean as er em⸗ kehren r ſein rgeben t det chaus Magd nund * das einahe mmen grable erfor⸗ 1 noch ahre⸗ iß er⸗ Co⸗ An⸗ 195 bruch der Dämmerung verlaſſen, wodurch Coſette Zeit ge⸗ wann, ihr Billet an Marius zu ſchreiben. Mit Anbruch der vollen Dunkelheit hatte man die Rue de['Homme Armé erreicht. Schweigend war man zu Bett gegangen. Die Wohnung der Rue de LHomme Armé lag auf einem Hinterhofe in dem zweiten Stock und beſtand aus einem Schlafzimmer, einem Speiſezimmer und einer Küche, die an das Speiſezimmer ſtieß und eine Kammer hatte, in welcher ein Feldbett für die Touſſaint ſtand. Das Speiſe⸗ zimmer war zu gleicher Zeit Vorgemach und trennte die beiden Schlafzimmer von einander. Die Wohnung war mit dem nothwendigſten Geräth verſehen. Man beruhigt ſich beinahe ebenſo thöricht, wie man ſich beunruhigt; die menſchliche Natur iſt ſo beſchaffen. Kaum war Valjean in der Rue de PHomme Armé eingezogen, als ſeine Beſorgniß ſich verminderte und allmählig ganz ver⸗ ſchwand. Er fühlte eine Art von Anſteckung der Ruhe dieſer kleinen Straße des alten Paris, die ſo eng war, daß eine Barriere ſie gegen die Wagen ſicherte und daß darin am hellen Tage Zwielicht herrſchte. Ees lag in dieſer Straße Etwas wie Vergeſſenheit. Jean Valjean athmete darüber frei auf. Wie hätte man ihn hier ausfindig machen ſollen? Seine erſte Sorge war, den Inſéparable an ſeine Seite zu ſtellen. Er ſchlief gut. Guter Rath kommt über Nacht, aber man kann hinzufügen: Die Nacht beruhigt. Am nächſten Morgen erwachte er beinahe heiter. Er fand das unheim⸗ liche Speiſezimmer beinahe lieblich. Es enthielt nichts als einen runden Tiſch, ein niedriges Büffet, über wel⸗ chem ein Spiegel hing, einen wurmſtichigen Armſeſſel und einige Stühle, die mit den Packeten der Touſſaint belegt waren. In einem dieſer Packete befand ſich die National⸗ gardiſten⸗Uniform Jean Valjeans. 135 196 Coſette ließ ſich durch die Touſſaint eine Taſſe Bouillon auf ihr Zimmer bringen und erſchien erſt am Abend. Gegen fünf Uhr hatte die Touſſaint, welche in der kleinen Wirthſchaft ſehr beſchäftigt war, auf den Tiſch des Speiſe⸗ zimmers ein kaltes Huhn geſetzt, welches Coſette, aus Ge⸗ fälligkeit für ihren Vater, anzuſehen einwilligte. Als dies geſchehen war, ſchützte Coſette eine anhaltende Migräne vor, ſagte Jean Valjean gute Nacht und ſchloß ſich in ihr Schlafzimmer ein. Jean Valjean hatte einen Flügel von dem Huhn mit gutem Appetit gegeſſen, ſtützte ſich etwas erheitert auf den Tiſch und fühlte ſich wieder in Sicherheit. Während er ſeine beſcheidene Mahlzeit verzehrte, hatte er nur undeutlich das Stottern der Touſſaint vernommen, welche ihm zwei⸗ oder dreimal ſagte:„Herr, es iſt was im Anzuge; man ſchlägt ſich in Paris.“ Aber, in zahlloſe innere Gedanken vertieft, hatte er darauf nicht geachtet; die Wahrheit zu ſagen, hatte er es nicht einmal gehört. Er ſtand auf und ging von dem Fenſter nach der Thür, von der Thür nach dem Fenſter, immer und immer mehr beruhigt werdend. Mit der Ruhe kehrte Coſette wieder in ſeine Gedanken zurück. Nicht etwa, daß er ſich über die Migräne beunruhigk hätte, denn dieſe erſchien ihm nur als eine vor⸗ übergehende Wolke. Aber er dachte an die Zukunft und, wie gewöhnlich, that er dies nur voll Sanftmuth. Er er⸗ blickte kein Hinderniß dagegen, daß das glückliche Leben wieder zurückkehren könnte. Zu gewiſſen Stunden ſcheint Alles unmöglich zu ſein, zu andern aber leicht. Jean Valjean befand ſich in einer dieſer glücklichſten Stunden. Sie folgen gewöhnlich auf die qualvollen, wie der Tag auf die Nacht. In dieſer friedlichen Straße, wohin er ſich ge⸗ flüchtet hatte, machte Jean Valjean ſich los von Allem, was ihn ſeit einiger Zeit beunruhigte. Die Rue Plumet ohne irge Zei für Wa hei ſein ihr ſei jet rei gr illon inen eiſe⸗ Ge⸗ ende chleß inen ützte r in te er elche uge e er res hür, meht ſeine räne vor⸗ und, er⸗ eben heint Jean den⸗ auf ge⸗ 197 irgend einen Unfall verlaſſen zu haben, war ſchon ein gutes Zeichen. Vielleicht war es klug, Frankreich, wenn auch nur für einige Monate, zu meiden und nach London zu gehen. Was galt ihm Frankreich oder England, wenn nur Coſette bei ihm war. Coſette war ſein Vaterland, ſie genügte zu ſeinem Glück, und der Gedanke, daß er vielleicht zu dem ihrigen nicht ebenfalls genügte, dieſer Gedanke, der ehemals ſein Fieber und ſeine Schlafloſigkeit veranlaßte, kam ihm jetzt nicht mehr in den Sinn. Er überdachte daher die Ab⸗ reiſe nach England mit Coſette und erblickte im Hinter⸗ grunde ſeiner Träumerei ſchon ſein wiederhergeſtelltes Glück. Aber, indem er ſo mit langſamen Schritten hin und her ging, traf ſein Blick plötzlich auf etwas Eigenthüm⸗ liches. Er ſah in den Spiegel, der über dem Schenktiſch hing und las deutlich die fünf folgenden Zeilen: „Mein Vielgeliebter! Ach! mein Vater will, daß wir ſogleich reiſen. Wir werden dieſen Abend in Rue de[Homme Armé Nr. 7. ſein. In acht Tagen ſind wir in London.— Coſette. 4. Juni.“ Jean Valjean blieb wie verſteinert ſtehen. Coſette hatte, als ſie dieſe Wohnung betrat, ihr Heft auf das Büffet vor den Spiegel gelegt und, in ihre ſchmerzliche Gedanken vertieft, es hier liegen laſſen, ſelbſt ohne zu bemerken, daß es geöffnet war und zwar eben an der Stelle, an welcher ſie die fünf an den jungen Arbeiter in der Rue Plumet übergebenen Zeilen zum Trocknen gelegt hatte, ſo daß ſie ſich in dem Löſchpapier verkehrt abdrückten. Der Spiegel warf die Schrift zurück. Die auf ſolche Weiſe wiedergeſpiegelte Schrift zeigte ſich daher in ihrer richtigen Stellung und Jean Valjean hatte vor den Augen den Brief, den Coſette am Abend zu⸗ vor an Marius ſchrieb. Das war für ihn ein Blitzſtrahl. 198 Jean Valjean trat zu dem Spiegel. Er las noch ein⸗ mal die fünf Zeilen, aber er glaubte nicht an ſie. Es war eine Täuſchung. Es war unmöglich. Es konnte nicht ſein. Allmählig kehrte ſeine Beſinnung zurück; er betrachtete das Löſchblatt Coſettens, und das Gefühl der Thatſache erwachte in ihm. Er nahm das Löſchblatt in die Hand und ſagte:„Das kommt daher.“ Fieberhaft betrachtete er nun die fünf Zeilen auf dem Löſchpapier, aber durch die ver⸗ kehrten Buchſtaben zeigte ſich ihm nur ein Gekritzel, das keinen Sinn hatte.„Ja,“ ſagte er zu ſich,„das hat Nichts zu bedeuten; es iſt hier gar nichts geſchrieben“ Und aus voller Bruſt athmete er mit unausſprechlicher Erleichterung auf. Wer hat nicht eine ſolche einfältige Freude in fürchter⸗ lichen Augenblicken empfunden? Er hielt das Löſchpapier in der Hand und betrachtete es, auf einfältige Weiſe glücklich, beinahe bereit, über die Täuſchung zu lachen, der er ſich hingegeben hatte. Plötz⸗ lich fielen ſeine Augen wieder auf den Spiegel und ſeine Viſion kehrte zurück. Die fünf Zeilen zeigten ſich dort in dem Glaſe mit unerbittlicher Genauigkeit. Zetzt begriff er die Sache. Zean Valjean taumelte, ließ das Löſchblatt fallen, ſank in den alten Armſeſſel neben dem Büffet, ſein Kopf fiel auf die Bruſt, ſeine Augen ſtarrten auf ihn hin. Er ſagte ſich, die Sache ſei augenſcheinlich, das Licht der Welt wäre für immer für ihn verdunkelt, und Coſette hätte das an ir⸗ gend Jemand geſchrieben. Jetzt hörte er ſeine Seele, die wieder fürchterlich geworden war, ein dumpfes Seufzen in die Nacht hinausſtoßen.— Man nehme nur dem Löwen den Hund, den er in ſeinem Käfig hat! Sonderbar und traurig war es, das in eben dieſem Augenblick Marius den Brief Coſettens noch nicht hatte. Der Zufall führte ihn verrätheriſch Jean Valjean zu, ehe er ihn an Marius übergab. war ein. lete che und nun ver⸗ das hts ung ter⸗ tete die öt⸗ ine in er fiel 199 Bis zu dieſem Tage war Jean Valjean noch nie durch den Augenſchein beſiegt worden. Er hatte die fürchterlich⸗ ſten Prüfungen erduldet; das Schickſal hatte jede Grauſam⸗ keit gegen ihn geübt, aber er nahm Alles an, ohne zurück⸗ zuweichen. Er hatte ſein wiedergewonnenes Glück unver⸗ letzlich geopfert, ſeine Freiheit preisgegeben, ſeinen Kopf ge⸗ wahrt, Alles verloren, Alles erduldet und war uneigennützig und ſtoiſch geblieben, ſo, daß man zuweilen hätte glauben können, er ſei ſich ſelbſt entrückt, wie ein Märtyrer. Sein Gewiſſen, an alle möglichen Widerwärtigkeiten gewöhnt, ſchien für immer unbeſieglich zu ſein. In dieſem Augen⸗ blicke aber wurde er ſchwach. Das kam daher, weil er von allen Martern, welche das Geſchick ihm bisher auferlegt hatte, die, welche er jetzt empfand, die größte war. Nie hatte eine ſolche Pein ihn ge⸗ packt. Er fühlte, daß die größte, die einzige Prüfung der Verluſt der Liebe Coſettens ſei. Der arme, alte Jean Valjean liebte Coſetten ſicher nicht anders, als wie ihr Vater; aber wir erwähnten früher ſchon, daß dieſes Vatergefühl bei ihm jede andere Liebe erſetzte und in ſich ſchloß; er liebte Coſette, wie ſeine Tochter, wie ſeine Mutter, wie ſeine Schweſter und, da er nie eine Geliebte oder eine Frau gehabt hatte, die Natur aber ein Gläubiger iſt, der keinen Proteſt annimmt, hatte auch dieſes Gefühl ſich unbeſtimmt, ihm ſelbſt unbewußt, rein in der Reinheit der Verblendung, himmliſch, engliſch, göttlich, ſeiner bemächtigt, aber weniger als Gefühl, wie als Inſtinkt, und die eigentliche Liebe lag in ſeiner großen Zärtlichkeit für Coſette, wie die Goldader in dem Berge, verborgen und jungfräulich. Man erinnere ſich an die Stimmung des Herzens, die wir bereits andeuteten. Keine Heirath war zwiſchen ihnen möglich, ſelbſt nicht einmal die der Seele, und dennoch waren ihre Geſchicke mit einander innig verbunden. Coſette ausge⸗ 200 nommen, d. h. ausgenommen eine Kindheit, hatte Jean Valjean ſeinem ganzen Leben Nichts gekannt, was er lieben konnte. Leidenſchaft und Liebe, die einander folgen, hatten bei ihm nicht jene Schattirungen des Grün gebildet, die man auf den ſüdlichen Pflanzen bemerkt, welche den Winter über dauern, ſo wie bei den Menſchen, die das fünfzigſte Jahr über⸗ ſchritten haben. Der ganze innere Kampf, deſſen Wirkung eine hohe Tugend war, führte dahin, Jean Valjean zum Vater für Coſetten zu machen; zu einem Vater, in welchem ſich auf eigenthümliche Weiſe der Großvater, der Sohn, der Bruder und der Gatte, die in ZJean Valjean lagen, verſchmolzen; zu einem Vater, in welchem ſelbſt eine Mutter lag; zu einem Vater, welcher Coſette liebte und ſie anbetete und für welchem dieſes Kind Licht, Heimath, Familie, Vater⸗ land, Paradies war. Als er ſah, daß ſie ihm entſchieden entſchlüpfte, daß ſie ſeinen Händen entglitt, ſich ihm entzog; als er die nieder⸗ ſchmetternde Gewißheit vor Augen hatte: Ein Anderer iſt das Ziel ihres Herzens, ein Anderer iſt der Wunſch ihres Le⸗ bens; ſie hat einen Geliebten; ich bin nur ihr Vater; ich exiſtire füt ſie nicht mehr; als er an dem Allem nicht mehr zweifeln konnte, da überſchritt der Schmerz, den er empfand, die Grenze des Möglichen. Alles, was er gethan hatte, war, um dahin zu gelangen. Nichts zu ſein! Da empfand er vom Kopf bis zu den Füßen eine bebende Empörung. Er fühlte bis in die Haarwurzeln hinein das ungeheure Erwachen des Egoismus und das Ich heulte in dem Abgrund dieſes Menſchen. Wenn der Schmerz bis zu dieſem Grade gelangt iſt, rufen alle Kräfte des Gewiſſens: Rette ſich, wer kann! Das ſind verhängnißvolle Kriſen. Wenige von uns gehen aus denſelben feſt in ihrer Pflicht hervor. Wenn die Grenze des Leidens überſchritten wird, geräth die unwandelbarſte Tugend in Verwirrung. Jean Valjean ergriff wieder das Löſc wie entſt könn geth Beſ Abz ſtan die Um Erb Ver abe ner elen den. Mi ver daß krij Se hut den zwe Je ſi aljean onnte. iihm f den uern, über⸗ rkung zum ſchem ohn, agen, utter betete ater⸗ daß eder⸗ das Le⸗ ich nicht n er han Da ende dus eulte tiſt, Das aus enze uſte das 201 Löſchblatt und überzeugte ſich aufs Neue. Er neigte ſich wie verſteinert über die unleugbaren fünf Zeilen, und es entſtand in ihm eine ſolche Finſterniß, daß man hätte glauben können, das Innere dieſer Seele ſtürze zuſammen. Er durchmaß den furchtbaren Schritt, den ſein Schickſal gethan hatte, ohne daß er es ahnte; er erinnerte ſich ſeiner Beſorgniſſe vom vergangenen Sommer; er erkannte den Abgrund; es war noch immer derſelbe, aber Jean Valjean ſtand nicht mehr am Saume deſſelben, ſondern er war in die Tiefe geſtürzt. Sein Inſtinkt belehrte ihn. Er erinnerte ſich gewiſſer Umſtände, gewiſſer Tage, gewiſſen Erröthens und gewiſſen Erblaſſens Coſetten's und ſagte ſich: er iſt es. Seine erſte Vermuthung traf Marius. Den Namen kannte er nicht, aber den Menſchen machte er ſogleich ausfindig. Er be⸗ merkte deutlich den Unbekannten aus dem Luxembourg, den elenden Liebſchaftenſucher, den romantiſchen Müßiggänger, den Dummkopf, den Feigling, denn es iſt eine Feigheit, Mädchen, die ihren Vater, der ſie liebt, an der Seite haben, verliebte Blicke zuzuwerfen. Nachdem er zu der Ueberzeugung gelangt war, daß im Hintergrunde von alledem jener junge Menſch ſtand, daß von ihm Alles herrührte, blickte Jean Valjean, der ſo kräftig an ſeiner Wiedergeburt, an der Erhabenheit ſeiner Seele, an der Umwandlung ſeines ganzen Lebens gearbeitet hatte, in ſein Inneres und bemerkte hier ein Geſpenſt: den Haß. Nach und nach bemächtigte ſich ſeiner eine finſtere Ver⸗ zweiflung, und während er ſo ſann, trat die Touſſaint ein. Jean Valjean ſtand auf und fragte ſie: „Auf welcher Seite? Wiſſen Sie es?“ Die Touſſaint war ganz verdutzt und wußte nicht, was ſie antworten ſollte. „Wie?“ fragte ſie. 202 Jean Valjean ſagte: „Theilten Sie mir nicht vorhin mit, daß man ſich ſchlägt?“ „Ach ja, Herr,“ erwiederte die Touſſaint.„Es iſt auf der Seite von St. Merry.“ Es giebt unwillkührliche Bewegungen, die, ohne unſer Wiſſen, aus unſeren tiefſten Gedanken entſpringen. Wahr⸗ ſcheinlich unter dem Impulſe einer Bewegung dieſer Art, und deren Jean Valjean ſich kaum bewußt war, befand er ſich fünf Minuten darauf auf der Straße. Er ſetzte ſich mit unbevecktem Kopf auf den Eckſtein an die Thür ſeines Hauſes. Er ſchien zu horchen. Die Nacht war angebrochen. H. Der Gamin als Feind des Lichtes. Wie langte brachte er ſo zu? Welches waren die Steigerungen und Gegenſteigerungen ſeines finſteren Sinnes? Richtete er ſich auf? Blieb er niedergebeugt? Konnte er ſich noch emporrichten und in ſeinem Gewiſſen auf irgend Etwas feſten Fuß faſſen? Er hätte das wahrſcheinlich ſelbſt nicht zu ſagen vermocht. Die Straße war öde. Einige Bürger, die ängſtlich und raſch nach Hauſe eilten, bemerkten ihn kaum. Zeder denkt wärte gerad weiter Dunk Er ſa wie weifl doch und d elfz e der Vale fähr Richt es w der h ſchen. Dun er rie in di krerz Bruſ er hi dem nch freud Relan ſh ihn n ſich n die mes⸗ ne er itgend ſelbſt Jeder denkt in Zeiten der Gefahr nur an ſich ſelbſt. Der Laternen⸗ wärter zündete wie gewöhnlich die Straßenlaternen an, die gerade der Thür Nr. 7 gegenüber lagen und ging dann weiter. Jean Valiean würde Jedem, der ihn ſo in der Dunkelheit betrachtete, nicht als ein Lebender erſchienen ſein. Er ſaß da, auf dem Stein neben ſeiner Thür, regungslos, wie erſtarrt. Es liegt ſolche Verſteinerung in der Ver⸗ zweiflung. Man hörte die Sturmglocke und undeutliches, doch wildes Geräuſch. Unter dem Lärm der Sturmglocke und des Aufſtandes ſchlug die Uhr an der Kirche St. Paul elf; ernſt, ohne ſich zu übereilen, denn die Sturmglocke iſt der Menſch, die Stunde iſt Gott. Die Zeit war für Jean Valjean nichts, er rührte ſich nicht. Indeß ertönte unge⸗ fähr zu demſelben Augenblicke plötzlich Schießen in der Richtung der Hallen, eine zweite Lage folgte noch heftiger; es war wahrſcheinlich jener Angriff auf die Barrikade in der Rue de la Chanvrerie, den wir durch Marius abſchlagen ſahen. Bei dieſer doppelten Salve, deren Wuth durch die Dunkelheit der Nacht geſteigert ſchien, erbebte Jean Valjean; er richtete ſich nach der Gegend, aus welcher der Lärm tönte, in die Höhe, dann ſank er wieder auf den Eckſtein zurück, kreuzte die Arme und ſein Kopf ſank langſam auf die Bruſt herab. Er fuhr in ſeinem finſteren Selbſtgeſpräch fort. Plötzlich erhob er die Augen, man ging auf der Straße; er hörte Schritte dicht neben ſich, ſah auf und erblickte bei dem Schein der Laterne, an der Seite der Straße, die nach der Rue aux Archives führte, ein blaſſes, jugendliches, freudeſtrahlendes Geſicht. Gavroche war nach der Rue de[Homme Armé gelangt. Gavroche blickte in die Höhe; er ſchien Etwas zu ſuchen. Er ſah Jean Valjean deutlich, aber er bemerkte ihn nicht. 204 Nachdem Gavroche in die Luft geſehen hatte, ſah er auch nach unten, erhob ſich auf die Fußſpitze und befühlte die Thüren und die Fenſter der Erdgeſchoſſe; ſie waren alle geſchloſſen, verriegelt und vergittert. Nachdem der Gamin ſo fünf bis ſechs verbarrikadirte Häuſer unterſucht hatte, zuckte er die Achſeln und blickte dann abermals in die Luft. Jean Valjean, der den Augenblick zuvor in der Ge⸗ müthsſtimmung, in welcher er ſich befand, weder geſprochen, noch irgend Jemand geantwortet haben würde, fühlte ſich unwiderſtehlich dazu angetrieben, das Wort an das Kind zu richten: „Kleiner,“ ſagte er,„was haſt Du?“ „Ich, ich habe Hunger.“ Dann fügte er hinzu: „Selbſt Kleiner.“ Zean Valjean ſuchte in ſeiner Taſche nach und zog ein Fünffranesſtück heraus. Aber Gavroche, der ſchnell von einem Gedanken zum andern überſprang, hob einen Stein auf. Er hatte die Straßenlaterne bemerkt. „Ei,“ ſagte er,„Sie haben hier noch Laternen? Das iſt nicht in der Ordnung, meine Freunde. Das iſt Unord⸗ nung. Zerſchlagen wir die.“ Der Stein flog in die Lalerne, und die Scheiben der⸗ ſelben fielen mit ſolchem Lärm herunter, daß Bürger, die ſich hinter ihren Vorhang des gegenüberliegenden Hauſes verſteckt hatten, voll⸗Angſt ausriefen:„Das iſt drei und neunzig!“ Die Straßenlaterne ſchwankte heftig hin und her und erloſch. Die Straße wurde plötzlich dunkel. „Recht ſo, alte Straße,“ ſagte Gavroche,„ſetze Deine Nachtmütze auf.“ Und ſich zu Jean Valjean wendend, fügte er hinzu: „Wie nennen Sie das rieſige Gebäude dort am Ende der Straße? Das ſind die Archive, nicht wahr? Man des( Weiß nur t ihlte „Ber Entzi ihm Sie Das Geld merk und verhi Laſe ſah er efühlte en alle Gamin hatte, e Luft. er Ge⸗ rochen, lte ſich s hind hinzu: zog ein ten zum tte die 7 Das Unord⸗ en det⸗ ger⸗ Hauſes rei und her und e Deine inzu m Ende M die 205 ſollte nur da die große Thür von Säulen etwas zerbrechen und daraus eine ſchöne Barrikade machen.“ Jean Valjean kehrte ſich zn Gavroche. „Armes Weſen,“ ſagte er mit leiſer Stimme, und in⸗ dem er zu ſich ſelbſt ſprach:„Er hungert.“ Und er drückte ihm das Fünffrancsſtück in die Hand. Gavroche erhob die Naſe verwundert über die Größe des Sou. Er betrachtete es in der Dunkelheit, und die Weiße des dicken Sou blendete. Er kannte Fünffranesſtücke nur von Hörenſagen; ihr Ruf war ihm angenehm. Er fühlte ſich entzückt, eines in der Nähe zu ſehen. Er ſagte: „Betrachten wir den Tiger.“ Und er beſah ſich das Geldſtück einen Augenblick voll Entzücken; dann wendete er ſich zu Jean Valjean, reichte ihm die Hand hin und ſagte majeſtätiſch: „Bürger, ich will lieber die Laternen einwerfen. Nehmen Sie Ihr wildes Thier wieder. Man beſticht mich nicht. Das hat fünf Krallen, aber es ritzt mich nicht einmal.“ „Haſt Du eine Mutter?“ fragte Jean Valjean. Gavroche antwortete: „Vielleicht mehr wie Sie.“ „Nun gut,“ ſagte Jean Valjean,„ſo behalte dieſes Geld für Deine Mutter.“ Gavroche fühlte ſich gerührt. Ueberdies hatte er be⸗ merkt, daß der Mann, der mit ihm ſprach, keinen Hut trug, und das flößte ihm Vertrauen ein. „Wirklich,“ ſagte er,„es iſt alſo nicht um mich zu verhindern, die Laternen einzuwerfen?“ „Wirf ein, was Du willſt.“ „Sie ſind ein braver Mann,“ ſagte Gavroche. Und er ſteckte das Fünffrancsſtück in eine ſeiner Taſchen. Sein Vertrauen wuchs, und er fragte: „Sind Sie aus der Straße?“ „Ja, weshalb?“ „Können Sie mir Nr. 7 bezeichnen?“ „Wozu die Nr. 77“ Hier hielt der Knabe inne; er fürchtete, zu viel geſagt zu haben, ſenkte die Nägel in die Haare und begnügte ſich zu antworten: „Ah! das iſt es.“ Ein Gedanke fuhr Jean Valjenn durch den Kopf. Die Todesangſt hat ſolche hellſehende Augenblicke. Er ſagte zu dem Kinde: „Biſt Du es etwa, der mir den Brief bringt, den ich erwarte?“ „Sie?“ ſagte Gavroche.„Sie ſind kein Frauen⸗ zimmer.“ „Der Brief iſt für Fräulein Coſette, nicht wahr?“ „Coſette, brummte Gavroche.„Ja, ich glaube, der närriſche Name iſt ſo.“ „Nun wohl,“ antwortete Jean Valjean, ich bin es, der ihr den Brief übergeben ſoll.“ „In dieſem Falle müſſen Sie wiſſen, daß ich von der Barrikade geſchickt werde?“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Jean Valjean. Gavroche ſenkte ſeine Hand in eine ſeiner andern Taſche und zog ein vierfach gefaltetes Papier daraus hervor. Dann machte er den militäriſchen Gruß. „Achtung vor der Depeſche. Sie kommt von der pro⸗ viſoriſchen Regierung.“ „Gieb,“ ſagte Jean Valjean. Gavroche hielt das Papier über ſeinen Kopf in die Höhe. „Bilden Sie ſich nicht ein, daß das ein Liebesbriefchen iſt. Er iſt an ein Frauenzimmer, aber für das Volk. Wir ſchlagen uns und wir ehren das Geſchlecht. Wir ſind nicht ſo, Hü wie Coj vie geſagt gie ſich f. Die agte zu den ich Ftauen⸗ ro he, det es, der von der Dann der ro⸗ oj in brieſch . Wir t ind i 207 ſo, wie in der großen Welt, wo es Löwen giebt, welche ſolche Hühnchen an Kameele ſchicken.“ „Gieb.“ „Wirklich,“ fuhr Gavroche fort,„Sie ſahen mir aus wie ein braver Mann.“ „Gieb ſchnell.“ „Nehmen Sie.“ Und er gab das Papier an Jean Valjean. „Und beeilen Sie ſich, Herr Dings, denn Fräulein Coſette wartet. „Gavroche war zufrieden damit, dieſes Wort, Herr, viel gebraucht zu haben.“ Jean Valjean entgegnete: „Soll die Antwort nach St. Merry gebracht werden?“ Gavroche antwortete: „Der Brief kommt von der Barrikade der Rue de la Chanvrerie, und ich kehre dahin zurück. Guten Abend, Bürger.“ Als Gavroche ſo dies geſagt hatte, ging er, oder rich⸗ tiger geſagt, nahm er ſeinen Flug wieder dahin zurück, von wo der Vogel ausgeflogen war. Er verſchwand in der Dunkelheit mit der Schnelligkeit eines Geſchoſſes; die Rue de Homme Armé wurde wieder ſtill und einſam; man hätte glauben können, das Kind ſei verſchwunden oder aus⸗ einander gefloſſen, wenn nicht einige Minuten nach ſeiner Entfernung das Klirren einer eingeworfenen Straßenlaterne die unwilligen Bürger auf's Neue erſchreckt hätte. Es war Gavroche, welcher durch die Rue du Chaume ging. 208 II. Während Coſette und die Touſſaint ſchlafen. Jean Valjean ging mit dem Brief von Marius in das Haus zurück. Er taſtete ſich die Treppe hinauf, zufrieden über die Finſterniß, wie der Geier, der ſeine Beute hält, öffnete und ſchloß leiſe die Thür, lauſchte, ob er kein Geräuſch ver⸗ nehme, überzeugte ſich, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach Coſette und die Touſſaint ſchliefen und tauchte drei oder vier Schwefelhölzer in das Zündfläſchchen, ehe er Licht bekommen konnte, ſo ſehr zitterte ſeine Hand. In dem, was er gethan hatte, lag ein Diebſtahl. Endlich brannte ſein Licht. Er ſtützte ſich auf den Tiſch, entfaltete das Papier und las. In Augenblicken ſo heftiger Aufregung lieſt man nicht, ſondern verſchlingt ſo zu ſagen das Papier, das man in der Hand hält, zerreißt es wie ein Opfer und zerdrückt es; man eilt zu dem Ende und überſpringt den Anfang; die Aufmertſamkeit iſt fieberhaft; ſie erkennt im Allgemeinen das Weſentliche, erfaßt einen Punkt und alles Uebrige ver⸗ ſchwindet. In dem Billet, welches Marius an Coſette ſchrieb, ſah Valjean nichts, als die Worte: Ich ſterbe. Wenn Du dies lieſeſt, iſt meine Seele bei Dir.“ Dieſen zwei Zeilen gegenüber hatte er eine entſetzliche Verblendung. Er war einen Augenblick wie vernichtet durch den Wechſel der Aufregung, der in ihm entſtand. Er be⸗ trachtete das Billet Marius' mit einer Art trunkenen Stau⸗ nens; er hatte vor ſeinen Augen die glänzende Erſcheinung: —— 209 den Tod des gehaßten Gegenſtandes. Er ſtieß einen ent⸗ ſetzlichen innern Freudenſchrei aus. Alſo war es zu Ende. Die Entwickelung war ſchneller gekommen, als er es zu hoffen gewagt. Das Weſen, welches ſein Geſchick verdun⸗ kelte, verſchwand. Es entfernte ſich freiwillig, aus eigenem Antriebe, ohne daß er, Jean Valjean, dazu irgend Etwas zu thun brauchte; ohne daß er Schuld trug, ſtarb dieſer Menſch. Vielleicht war er ſchon todt.— Hier ſtellte ſein Fieber Berechnungen an.— Nein, er iſt noch nicht todt. Der Brief iſt offenbar geſchrieben, damit Coſette ihn am folgenden Morgen leſen ſoll; ſeit den zwei Salven, die man zwiſchen elf Uhr und Mitternacht hörte, iſt Nichts wieder vorgefallen; die Barrikade wird erſt mit Tagesanbruch kräf⸗ tig angegriffen werden; aber gleichviel; ſobald dieſer Menſch ſich bei dem Kampf betheiligt hat, iſt er verloren; er wird von dem Räderwerk erfaßt.— Jean Valjean fühlte ſich ſeiner entledigt. Er ſollte alſo mit Coſette allein bleiben. Die Eiferſucht erloſch; die Zukunft tagte wieder für ihn. Er brauchte dieſes Billet nur in ſeiner Taſche zu be⸗ halten; Coſette erfuhr dann nie, was aus dieſem Menſchen geworden ſei. Ich brauche nur die Dinge gehen zu laſſen. Der Menſch kann nicht entrinnen. Wenn er noch nicht todt iſt, ſo wird er gewiß ſterben. Welch ein Glück. Als er das Alles zu ſich ſelber geſagt hatte, wurde er finſter. Dann ging er hinab und weckte den Portier. Un⸗ gefähr eine Stunde darauf ging Jean Valjean in vollſtän⸗ diger Nationalgarde⸗Uniforin und bewaffnet aus. Der Portier hatte ohne Mühe in der Nachbarſchaft das Nöthige gefunden, um ſeinen Anzug zu vervollſtändigen. Er hatte ein geladenes Gewehr und eine mit Cartouchen gefüllte Patrontaſche. Er ging nach der Richtung der Hallen. Die Elenden. VIII. 14 21¹0 VI. Der übermäßige Eifer Gavroche's. Indeß hatte Gavroche ein Abenteuer. Nachdem er gewiſſenhaft die Straßenlaterne der Rue du Chaume eingeworfen hatte, ging er nach der Rue des Vieilles⸗Haudriettes und da er hier keine„Katze“ ſah, fand er den Ort paſſend, alle Lieder, die er kannte, anzu⸗ ſtimmen. Sein Schritt war weit entfernt, ſich durch den Geſang zu verkürzen. Er wurde eher dadurch beſchleu⸗ nigt. Während ſeines Weges ließ er an den ſchlafenden oder entſetzten Häuſern die aufrühreriſcheſten Geſänge er⸗ tönen. Während Gavroche ſo ſang, geſtikulirte er heftig und ſchnitt dabei die phantaſtiſchſten Geſichter. Da er aber allein und in der Dunkelheit war, konnte das leider Nie⸗ mand ſehen. Es waren verſchwendete Schatten. Plötzlich hielt er inne. „Unterbrechen wir die Romanze,“ ſagte er. Sein ſcharfes Auge erkannte in dem Hintergrund eines Thorwegs ein Weſen und eine Sache; die Sache war ein Handwagen, das Weſen ein darauf ſchlafender Auvergnat. Die Deichſel des Karrens ruhte auf dem Fflaſter und der Kopf des Auvergnaten auf dem Rande des Karrens. Sein Körper lag auf der geſenkten Fläche, ſo daß ſeine Füße den Boden berührten. Gavroche erkannte mit ſeiner Welterfahrenheit einen Betrunkenen. trm „D den leu kon Rue e des fund anzu⸗ ch den eſchleu⸗ afenden ge er⸗ ig und r aber . eines or ein rgnat⸗ ſet und urren ß ſeine einen 211 Es war irgend ein Commiſſionair, der zu viel ge⸗ trunken hatte und nun zu viel ſchlief. „Dazu nützen die Sommernächte,“ dachte Gavroche. „Der Auvergnat ſchläft auf ſeinem Karren ein. Man nimmt den Karren für die Republik und läßt den Auvergnaten der Monarchie.“ Sein Geiſt wurde durch das vorhandene Licht er⸗ leuchtet. „Dieſer Karren würde unſerer Barrikade ſehr zu gute kommen.“ Der Auvergnat ſchnarchte. Gavroche zog den Karren leiſe nach rückwärts und den Auvergnat nach vorwärts und nach Verlauf einer Minute lag der Letztere regungslos auf dem Pflaſter. Der Karren war frei. Gavroche, der daran gewöhnt war, überall dem Uner⸗ warteten die Spitze zu bieten, hatte ſtets Alles bei ſich. Er ſuchte in einer ſeiner Taſchen nach, zog ein Stückchen Pa⸗ pier heraus und mit einem Endchen Rothſtift, das er einem Zimmermann ſtibitzt hatte, ſchrieb er: „Deinen Karren empfangen. Die Franzöſiſche Republik.“ Dann unterzeichnete er:„Gavroche.“ Als dies geſchehen war, ſteckte er das Papier in die Taſche des immer noch ſchnarchenden Auvergnaten, ergriff die Deichſel mit beiden Händen und entfernte ſich in der Rich⸗ tung der Hallen, indem er den Karren im Galopp mit Triumph vor ſich hin ſchob. Das war gefährlich. Es ſtand ein Poſten bei der königlichen Druckerei. Gavroche dachte daran nicht. Dieſer Poſten war durch Nationalgardiſten der Vorſtadt beſetzt. Ein gewiſſer Lärm begann die Wache aufzuregen; die Köpfe erhoben ſich auf den Pritſchen. Zwei raſch hinter einander eingeworfene 212 Straßenlaternen, der mit lauter Stimme gebrüllte Geſang, das war viel für ſo ruhige Straßen, die ſo gern ſchliefen und ihr Licht ſo früh auslöſchten. Seit einer Stunde machte der Gamin in dieſem fried⸗ lichen Viertel den Lärm einer Fliege in einer Bouteille. Der Sergeant dieſes Stadtviertels horchte. Er war ein verſtän⸗ diger Menſch. Das laute Raſſeln des Karrens füllte das Maaß der möglichen Aufmerkſamkeit und beſtimmte den Sergeanten, eine Recognoscirung zu unternehmen. „Das iſt eine ganze Bande!“ ſagte er.„Wir müſſen behutſam zu Werke gehen.“ Offenbar war die Hydra der Anarchie aus ihren Käſten gekrochen und tobte in dem Stadtviertel. Und der Sergeant wagte ſich einige Schritte vom Poſten fort⸗ Plötzlich ſah ſich Gavroche, der ſeinen Karren vor ſich her ſchob, in dem Augenblick, als er aus der Rue des Vieilles⸗Haudriettes bog, einer Uniform, einem Tſchako, einem Federſtutz und einem Gewehr gerade gegenüber. Zum zweiten Mal hielt er inne. „Ei,“ ſagte er,„Du biſt es. Guten Tag, öffentliche Ordnung.“ Die Verwunderungen Gavroche's waren von kurzer Dauer und verwandelten ſich ſchnell. „Wohin gehſt Du, Burſche?“ rief der Sergeant ihm zu. „Bürger,“ ſagte Gavroche,„weshalb ſchimpfen Sie mich?“ „Wohin gehſt Du, Schelm?“ „Mein Herr, entgegnete Gavroche, Sie waren vielleicht geſtern ein Mann von Geiſt, aber dieſen Morgen ſind Sie abgeſetzt worden.“ k „Ich frage Dich, wohin Du gehſt, Schuft?“ für Frar dert Du mar der für der vr de de ſang, liefen fried⸗ Der rſtän⸗ eine ſüſſen äſten ßoſten or e des einem ntliche kurzer rgeant — Gavroche erwiderte: „Sie ſprechen ſehr gut. Wirklich, man ſollte Sie nicht für ſo alt halten. Sie ſollten alle Ihre Haare für hundert Francs das Stück verkaufen. Dafür bekämen Sie fünfhun⸗ dert Francs. „Wohin gehſt Du? Wohin gehſt Du? Wohin gehſt Du, Bandit?“ Gavroche erwiderte: „Das ſind ſchlechte Worte. Das erſte Mal, wenn man Ihnen die Bruſt reicht, muß man Ihnen den Mund beſſer auswiſchen. Der Sergeant ſenkte das Bajonnet. „Wirſt Du mir endlich ſagen, wohin Du gehſt, Elen⸗ der!“ „Mein General,“ ſagte Gravroche,„ich hole den Arzt für meine Gattin, die in Wochen liegt.“ „Zu den Waffen,“ rief der Sergeant. Sich durch das zu retten, wodurch man in das Ver— derben geräth, iſt das Meiſterwerk kräftiger Menſchen; Ga— vroche überſah mit einem Blick die ganze Lage. Es war der Karren, der ihn in Gefahr gebracht hatte; es war an dem Karren, ihn zu ſchützen. In dem Augenblicke, in welchem der Sergeant ſich auf Gavroche ſtürzen wollte, rollte der Karren, der zum Geſchoß geworden war, mit aller Gewalt auf ihn zu, und an den Banch getroffen, fiel er in den Rinnſtein, während ſein Ge⸗ wehr in der Luft losging. Auf das Geſchrei des Sergeanten war die Mannſchaft des Poſtens im bunten Gedränge herausgeſtürzt; der Schuß veranlaßte eine allgemeine Decharge, worauf man die Gewehre wieder ladete und abermals abſchoß. Dieſes Feuern dauerte eine gute Viertelſtunde lang und tödtete mehrere Fenſterſcheiben. Gavroche indeß, der haſtig umgekehrt war, blieb fünf oder ſechs Straßen von da entfernt ſtehen und ſetzte ſich keuchend nuf den Eckſtein der Rue des Enfants⸗Ronges. Er lauſchte. Nachdem er einige Augenblicke geathmet hatte, wendete er ſich gegen die Richtung, in welcher das Schießen ertönte, erhob die linke Hand bis an die Naſe und warf ſie dreimal vorwärts, indem er ſich mit der rechten Hand hinten an den Kopf ſchlug; eine Bewegung, durch welche die Pariſer Gamins die höchſte Zronie ausſprechen. Dieſe Luſtigkeit wurde durch eine bittere Betrachtung getrübt. „Ja,“ ſagte er,„ich bin außer mir vor Freude, aber ich verliere meinen Weg, ich werde jetzt einen großen Um⸗ weg machen müſſen. Wenn ich nur zur rechten Zeit zur Barrikade komme!“ Darauf begann er ſeinen Lauf auf's Neue und wäh⸗ rend er lief, fragte er ſich: „Wo war ich denn ſtehen geblieben?“ Und er begann ſein Lied auf's Neue, indem er ſich in die Straße vertiefte und in der Dunkelheit verſchwand. Die Alarmirung des Poſtens blieb nicht ohne Reſul⸗ tat. Der Karren wurde erobert, der Betrunkene zum Ge⸗ fangenen gemacht. Der Eine wurde zerſchlagen, der Andere als Mitſchuldiger verfolgt und vor ein Kriegsgericht geſtellt. Die Behörde der damaligen Zeit bewies bei dieſer Gelegen⸗ heit ihren unermüdlichen Eifer für die Vertheidigung der Geſellſchaft. Das Abenteuer Gavroche's iſt in der Tradi⸗ tion des Viertels du Temple eine der fürchterlichſten Er⸗ innerungen der alten Spießbürger des Marais geblieben und heißt in ihrem Andenken: Nächtlicher Angriff auf den Poſten der königlichen Druckerei. — Druck von R. Genſch in Berlin. endete rönte, reimal en an ariſet htung aber Um⸗ itzur wih⸗ ich in Reſul⸗ lndere Lan Vene ee Grey Control Chart Sreen NVellow Red Magenta