„—.———— ,, Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher Literatur Ednard Oltmann in Lirtn, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 25 eih und Teſebedingungen 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Sf. 1 Mt. 50 pt.— Pf. n 2 9— Aunswürtige Kbonnenten haben für Hin- und Zurückſendung e, Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Gut zugeſchnitten. 1831 und 1832, die beiden Jahre, welche ſich un mittelbar an die Juli⸗Revolution anſchließen, ſind eigen thümliche und auffallende Monumente der Geſchichte. Dieſe Jahre gleichen zwiſchen den vorgehenden und den folgenden Jahren zwei Bergen. Sie haben die revolutionäre Größe und man erblickt neben ihnen Abgründe. Die ſocialen Maſſen wechſeln beſtändig unter ſtürmiſchen Wolken der Syſteme, der Leidenſchaften und Theorien. Man hat dieſe Erſcheinungen Widerſtand und Bewegung genannt. Zuweilen ſieht man dazwiſchen die Wahrheit glänzen. Dieſe denkwürdige Zeit iſt ziemlich beſchränkt und be⸗ ginnt, ſich von uns zu entfernen, ſo daß es nicht mehr leicht iſt, die Hauptlinien derſelben zu erkennen. Wir wollen es verſuchen, ſie flüchtig zu ſchildern. Die Reſtauration war eine jener ſchwer zu beſchrei⸗ benden Mittelſtationen, bei denen Ermüdung, Lärm, Murren, Schlaf und Tumult ſtattfinden, und die nichts weiter ſind, als die Ankunft einer großen Nation auf einer Etappe. Dieſe Zeitabſchnitte ſind ſonderbar und täuſchen die Politiker, welche ſie ausbeuten wollen. Anfangs verlangt die Nation nichts als Ruhe; ſie hat nur einen Wunſch, den Frieden. Große Ereigniſſe, große Zufälle, große Abenteuer, große Männer hat man, Gott ſei Dank, hinlänglich geſehen und iſt ihrer ſatt. Man iſt ſeit Anbruch des Tages auf den Beinen und am Abend eines langen mühſamen Tages an⸗ gelangt; alle Welt verlangt nach einem Bett. Dies und die Ruhe zeigen ſich. Man bekommt Frie⸗ den, Ordnung, Muße. Alle ſind zufrieden. Indeß zeigen ſich zugleich gewiſſe Thatſachen und klopfen an die Thür, ſie entſpringen der Revolution und den Kriegen und ſind die Quartiermacher für kommende Ereigniſſe. Während die ermüdeten Menſchen nach Ruhe ver⸗ langen, fordern die vollbrachten Thatſachen Bürgſchaften. Dieſe ſind nun eine Nothwendigkeit der Zeiten. Man muß ſie gewähren. Die Fürſten oetroyiren ſie, aber in der That iſt es die Gewalt der Dinge, welche ſie gewährt. Die Familie, welche nach dem Sturze Napoleons nach Frankreich zurückkehrte, hatte die verhängnißvolle Einfalt, zu glauben, ſie ſei es, die gäbe, und könnte das Gegebene wieder zurücknehmen; das Haus Bourbon beſäße das gött⸗ liche Recht und Frankreich beſäße nichts; das politiſche Recht, welches Ludwig XVIII. in der Charte bewilligte, wäre nichts anderes als ein Zweig des göttlichen Rechts, gnädiger Weiſe ſo lange gelaſſen, bis es dem Könige ge⸗ fallen würde, es zurückzuziehen. Indeß hätte das Haus Bourbon an dem Widerwillen, mit dem es gab, fühlen ſollen, daß die Gabe nicht von ihm herrührte. Es erkannte es nicht, daß es ſich in eben den Händen befand, welche Napoleon fortgeſtoßen hatten, es glaubte Wurzel geſchlagen zu haben, weil es die Vergangenheit war. Es täuſchte ſich; es bildete einen Theil der Vergangenheit, aber dieſe ſelbſt war Frankreich. Das Haus Bourbon war für Frankreich das be⸗ 9 rühmte und blutige Band ſeiner Geſchichte, aber nicht die nothwendige Grundlage ſeiner Politik. Man konnte die Bourbons ferner entbehren, wie man ſie 22 Jahre lang entbehrt hatte. Das war ein Hauptirrthum, der dieſe Familie dahin führte, die Hand auf die vetrohirten Bürgſchaften von 1814, auf die Zugeſtändniſſe zu legen, wie ſie ſie nannte. Als die Stunde gekommen zu ſein ſchien, d. h. als die Reſtau⸗ ration ſich für ſtark und feſtgewurzelt hielt, wagte ſie plötz⸗ lich den Schlag. Eines Morgens richtete ſie ſich Frankreich zegenüber auf, erhob ihre Stimme und beſtritt der Nation ihre Souverainität, dem Bürger die Freiheit. Dies iſt die Grundlage der berüchtigten Juliordonnanzen. Die Reſtauration fiel und fiel mit Recht. Der Sturz der Bourbons war voll Größe, doch nicht von ihrer Seite, ſondern von der der Nation. Sie verließen den Thron voll Ernſt, doch ohne Autorität.“ Sie verſchwanden in der Dunkelheit; ſie gingen davon, das war Alles. Sie legten die Krone nieder und behielten nicht den Strahlenſchimmer derſelben. Sie waren würdevoll, doch nicht erhaben. Die Bourbons nahmen unſere Achtung mit ſich hin⸗ weg, doch kein Bedauern. Ihr Unglück war 8ſer wie ſie ſelbſt. Sie verſchwanden am Horizonte. Die Julirevolution hatte ſogleich Freunde und Feinde in der ganzen Welt. Die Einen ſtürzten ihr voll Enthu⸗ ſiasmus und Freude entgegen, die Andern wendeten ſich von ihr ab, Jeder nach ſeiner Natur. Die ſonderbare Revo⸗ lution war kaum eine Erſchütterung geweſen; ſie hatte dem beſeitigten Königthume nicht einmal die Ehre erwieſen, es als Feind zu behandeln und ſein Blut zu vergießen. Die Juli⸗Revolution iſt der Triumph des Rechts, welches die Thatſachen niederſchmettert. Daher der Glanz der Revolution von 1830; denn das triumphirende Recht bedarf keiner Gewaltthat, es iſt gerecht und wahr. 10 Die Eigenſchaft des Rechtes iſt ewig ſchön und wird ewig rein bleiben. Dieſer Kampf des Rechts und der Thatſachen währt ſeit dem Urſprung der Geſellſchaften. Den Zweikampf be⸗ endigen, den reinen Gedanken mit der menſchlichen Wirklich⸗ keit verſchmelzen, friedlich das Recht mit der Thatſache und die Thatſache mit dem Rechte zu durchdringen, das iſt die Arbeit der Weiſen. I. Schlecht genäht. Aber anders iſt die Arbeit der Weiſen als die der Befähigten. Die Revolution von 1830 hatte ſchnell Halt gemacht. Sobald eine Revolution ſtill ſteht, bemächtigen die Befähigten ſich ihrer. Dieſe haben ſich in unſerm Jahr— hundert ſelbſt den Namen der Staatsmänner beigelegt. Aber zu ſagen: die Geſchickten, kommt darauf hinaus, zu ſagen, die Mittelmäßigen. Zu ſagen: Staatsmänner, iſt zuweilen gleichbedeutend mit zu ſagen: Verräther. Nach dieſen Politikern, die ſinnreich darin ſind, nütz⸗ lichen Fictionen eine Maske der Nothwendigkeit vorzulegen, iſt das erſte Bedürfniß eines Volkes nach einer Revolution, ſich eine Dynaſtie zu verſchaffen. Das iſt aber nicht immer leicht. 1 Streng genommen iſt der erſte beſte Mann von Genie oder von Glück genügend, einen König daraus zu machen. Für den erſten Fall hat man Napoleon und für den zweiten die Iturbiden. Aber die erſte beſte Familie genügt nicht, eine Dy⸗ naſtie zu bilden. Die Runzeln der Jahrhunderte laſſen ſich nicht improviſiren. Welches ſind nun die Eigenſchaften einer Dynaſtie? Sie muß national ſein, das heißt revolutionär, nicht durch begangene Handlungen, ſondern durch angenommene Ideen. Sie muß aus der Vergangenheit und aus der Zukunft beſtehen, hiſtoriſch und ſympathiſch ſein. 1830 brachte man dieſe Theorie in Frankreich zur An⸗ wendung. 1830 iſt eine Revolution, die auf halbem Wege ſtehen blieb. Ein halber Fortſchritt; ein halbes Recht. Wer hemmt die Revolutionen auf halbem Wege? Der Bürgerſtand. Weshalb? Weil der Bürgerſtand der zur Befriedigung gelangte Eigennutz iſt. Geſtern war es der Appetit, heute die Befriedigung, morgen wird es die Ueberſättigung ſein. Man hat mit Unrecht aus dem Bürgerſtande eine Klaſſe der Geſellſchaft machen wollen. Der Bürgerſtand iſt ganz ein— fach der befriedigte Theil des Volkes. Der Bürger iſt ein Menſch, der Zeit gefunden hat, ſich zu ſetzen. Allein wenn man ſich früh ſetzen will, kann man ſelbſt den Gang des Menſchengeſchlechts hemmen, und das iſt oft ein Fehler des Bürgerſtandes geweſen. Dieſer Bürgerſtand bedurfte 1830 gleich den Staats⸗ männern eines Mannes, der die Revolution bedeutete und zugleich die Stabilität, oder mit andern Worten, der die Gegenwart durch die offenbare Ausſöhnung mit der Zukunft ſicherte. 12 Dieſer Mann war gefunden. Er hieß Ludwig Philipp von Orleans. Der 2. Juli machte Ludwig Philipp zum König. La⸗ fayette übernahm ſeine Salbung. Er nannte ihn„die beſte der Republiken.“ Dieſe Einſetzung eines Halbthrones an die Stelle eines vollkommenen Thrones war das Werk von 1830. Als die Befähigten ihr Werk beendigt hatten, zeigte ſich der ungeheure Fehler ihrer Löſung. Alles war außer⸗ halb des unbedingten Rechts geſchehen. Dieſes rief:„ich proteſtire!“ und— das war etwas Furchtbares— dann trat es zurück in die Dunkelheit. III. Ludwig Philipp. Die Revolutionen haben einen furchtbaren Arm und eine glückliche Hand; ſie ſchlagen feſt zu und wählen gut. Indeß dürfen wir ſie nicht zu laut rühmen, denn auch die Revolutionen täuſchen ſich und haben große Irrthümer gezeigt. 1830 hatte in ſeinen Abweichungen von dem Rechte Glück. In der Herſtellung deſſen, was man nach der kurz beendigten Revolution die Ordnung nannte, war der König mehr werth als das Königthum. Ludwig Philipp war ein ſeltener Menſch. Er beſaß alle Privattugenden und mehrere öffentliche; er ſorgte für ſeine Geſundheit, für ſein Ver⸗ 13 mögen, für ſeine Perſon, für ſeine Angelegenheiten; er kannte den Werth einer Minute, aber nicht den eines Jahres; er war nüchtern, ernſt, friedlich, geduldig; ein guter Menſch und ein guter Fürſt. Er ſchlief bei ſeiner Gattin und hatte in ſeinem Palaſt Lakaien, welche beauftragt waren, den Bürgern das Ehebett zu zeigen. Er redete alle Sprachen Europa's, und indem er das Blut würdigte, dem er ent⸗ ſproſſen war, beſaß er den Verſtand, ſich beſonders wegen ſeines innern Werthes zu zählen und ſich Orleans zu nennen und nicht Bourbon. Er war vollkommen erſter Prinz von Geblüt, ſo lange er nur noch Königliche Hoheit ſich nannte, aber ein aufrichtiger Bürger mit dem Tage, an welchem er Majeſtät wurde. Entſchieden geizig war er, doch kein an⸗ erkannter Geizhals. Er liebte unbeſtreitbar ſein Vaterland, aber er zog ſeine Freunde vor; er war kleinlich, genau, wachſam, aufmerkſam, ſcharfſichtig, unermüdlich; er wider⸗ ſprach ſich zuweilen und ſtrafte ſich Lügen. Kurz, er beſaß eine Menge guter, ſogar vortrefflicher Eigenſchaften neben einer Menge von Schwächen. Ludwig Philipp war ſchön geweſen und gealtert noch anmuthig geblieben; der Nation gefiel er nicht immer, wohl aber der Menge. Die Majeſtät mangelte ihm; er trug weder die Krone, obgleich er König, noch hatte er weiße Haare, obgleich er ein Greis war. Er zeigte ein Gemiſch des Adlichen und des Bürgerlichen, welches ſich für 1830 ziemte. Ludwig Philipp war der herrſchende Uebergang. Er trug die Uniform der Nationalgarde wie Karl X. und das große Band der Ehrenlegion wie Napoleon. Seine großen Fehler beſtanden aber darin, daß er beſcheiden im Namen Frankreichs war. Er vergaß über die Liebe zu ſeiner Familie theilweiſe ſeine öffentlichen Pflichten, allein wir müſſen geſtehen, daß ſeine Familie die Zärtlichkeit Lud— wig Philipps verdiente. Zwei Söhne Ludwig Philipps hatten Metternich das demagogiſche Lob entriſſen: ſie ſind 14 junge Leute, wie man wenige, und Prinzen, wie man keinen ſieht. Während der Regierung Ludwig Philipps ſind die Preſſe, die Rednerbühne, das Gewiſſen und das Wort frei geweſen. Er ließ ſeinen Thron dem vollen Lichte ausge⸗ ſetzt und die Geſchichte wird ihm dieſe Redlichkeit anrechnen. Ludwig Philipp wird jetzt durch das menſchliche Ge⸗ wiſſen gerichtet, wie alle hiſtoriſche Perſonen, die vom Vor⸗ platze abgetreten ſind. Sein Prozeß ſchwebt noch in erſter Inſtanz und für ſich betrachtet und aus dem Geſichts⸗ punkte der menſchlichen Güte iſt Ludwig Philipp einer der beſten Fürſten, welche je auf einem Throne ſaßen. Was ſpricht gegen ihn? Eben dieſer Thron. Man nehme Ludwig Philipp den König, ſo bleibt der Menſch, und der Menſch iſt gut. Er iſt bisweilen gut bis zur Bewun⸗ derungswürdigkeit. Für uns aber kommt in der Geſchichte, in welcher die Güte eine ſeltene Perle iſt, der, welcher gut iſt, beinahe vor dem, welcher groß war. Ludwig Philipp wird ſtreng durch die Einen beurtheilt, hart vielleicht durch die Andern, und es iſt daher ganz ein⸗ fach, daß ein Menſch, der jetzt ein Phantom iſt, und dieſen König gekannt hat, vor der Geſchichte zu ſeinem Gunſten zeugt. IV. Riſſe unter dem Fundament. In dem Augenblicke, wo das Drama, welches wir er⸗ zählen, in eine der tragiſchen Wolken ſich vertiefen wird, 15 welche den Beginn der Regierung Ludwig Philipp's bedecken, war es nothwendig, uns über dieſen König auszuſprechen. Ludwig Philipp hatte die königliche Autorität ohne Ge⸗ waltthat gewonnen, ohne unmittelbares Handeln ſeinerſeits, durch die Thatſache einer revolutionären Umwälzung, bei welcher die Herzogin von Orleans keine perſönliche Initia⸗ tive ergriffen hatte. Er war als Prinz geboren und glaubte ſich zum Könige beſtimmt. Er ergriff dieſes Mandat nicht, ſondern man bot es ihm und er nahm es an, überzeugt ſeinerſeits, daß das Anerbieten auf ein Recht beruhte und die Annahme ſeine Fflicht ſei. Er war in dem guten Glauben ſeines Beſitzes und die Demokratie war ebenſo in gutem Glauben ihres Angriffes. Ein Zuſammenſtoß der Principien glich einem Zuſammenſtoß der Elemente. Der Ocean vertheidigt das Waſſer, der Sturm vertheidigt die Luft; der König vertheidigt das Königthum, die Demokratie vertheidigt das Volk; das Relative, welches die Monarchie. iſt, widerſteht dem Unbedingten, welches die Republik iſt; die Geſellſchaft blutet unter dieſem Zuſammenſtoß; aber was heute ihr Leid bildet, wird ſpäter ihr Heil, und jeden⸗ falls ſind die Kriegführenden nicht zu tadeln. Das Recht kann nur auf einer Seite ſein, aber beide Seiten glauben es zu beſitzen. Die Regierung von 1830 hatte ſofort ein hartes Leben. Geſtern geboren, mußte ſie heute ſchon kämpfen. Gleich am nächſten Tage zeigte ſich der Widerſtand. Vielleicht war er ſogar ſchon den Tag zuvor geboren. Von Monat zu Monat vergrößerten ſich die Feind⸗ ſeligkeiten. Die Juli⸗Revolution, außerhalb Frankreichs bei den Königen nicht ſehr beliebt, war in Frankreich ſelbſt ver— ſchiedenartig ausgelegt worden. Die alten legitimiſtiſchen Parteien griffen die Revo⸗ lution von 1830 auf das Heftigſte an und zwar in ihrem ———————— ——— 16 Königthum ſelbſt; ſie riefen: Revolution; weshalb dieſer König? Die Fractionen ſind Blinde, welche gut zielen. Auch die Republikaner ſtießen dieſen Ruf aus. Von ihrer Seite aber war er begriffen. Was bei den Legitimiſten Blindheit war, wurde bei den Demokraten Scharfblick. Kaum waren ſeit ver Juli⸗Revolution zwanzig Monate verfloſſen und ſchon begann das Jahr 1832 mit der Aus ſicht ungeheurer Gefahren und Drohungen; die Noth des Volkes, die brodloſen Arbeiter, der letzte Prinz von Condé in der Dunkelheit verſchwunden, Brüſſel, die Naſſauer ver⸗ treibend, wie Paris die Bourbons, Belgien, ſich einen fran⸗ zöſiſchen Prinzen antragend und einem deutſchen Prinzen übergebend. Der ruſſiſche Haß des Kaiſers Nicolaus die zwei Dämonen des Südens, Ferdinand in Spanien und Miguel in Portugal; die Erde zitternd in Italien; Met⸗ ternich die Hand nach Bologna ausſtreckend; Frankreich in Ancona Oeſtreich trotzend; im Norden finſtere Feuer⸗ ſchläge, welche Polen in ſeinen Sarg wieder einnagelten; aus ganz Europa zornige Blicke auf Frankreich gerichtet; England, ein verdächtiger Verbündeter, bereit, das umzu⸗ ſtoßen, was wankte, ſich auf das zu werfen, was fallen würde; die Pairie ſich hinter Beccaria verbergend, um dem Geſetz vier Köpfe zu verweigern; die Lilie auf dem Wagen des Königs ausgekratzt, das Kreuz heruntergeriſſen von Notre⸗Dame; Lafayette herabgeſetzt, Lofitte zu Grunde gerichtet; Benjamin Conſtant in Dürftigkeit geſtorben, Ca⸗ ſimir Périer geſtorben in der Erſchöpfung der Gewalt; die politiſche und die ſociale Krankheit ſich zu gleicher Zeit erklärend in den beiden Hauptſtädten des Reiches, die eine in der Stadt der Gedanken, die andere in der Stadt der Arbeit; in Paris der Bürgerkrieg, in Lyon der Krieg der Knechtſchaft; in beiden Städten der gleiche Schein des Feuerofens; ein purpurrother Krater auf der Stirn des Volkes; der Süden fanatiſirt, der Weſten aufgeregt, em ſen 17 die Herzogin von Berry in der Vendée, Complotte, Ver⸗ ſchwörungen, Aufſtände, Cholera, Alles das vermehrte die finſteren Anregungen der Ideen, den finſteren Tumult der Ereigniſſe. v. Thatſachen, aus denen die Geſchichte entſpringt und welche die Geſchichte nicht kennt. Gegen Ende April hatten ſich die Verhältniſſe noch ver⸗ ſchlimmert. Die Gährung ſtieg bis zum Aufbrauſen. Seit 1830 hatte es hier und dort kleine, theilweiſe ſchnell unterdrückte Emeuten gegeben, welche indeß ſtets wieder entſtanden und das ſichere Zeichen eines weit verbreiteten unterirdiſchen Brandes waren. Man erblickte die unbeſtimmten und undeutlichen Umriſſe einer möglichen Revolution. Frankreich blickte auf Paris. Paris blickte auf die Vorſtadt St. Antoine. Die heimlich entzündete Vorſtadt St. Antoine begann zu ſieden. Die Cabarets der Rue de Charonne waren ernſt und ſtürmiſch. Man ſtellte hier einfach die Regierung in Frage. Man beſprach öffentlich, ob man ſich ſchlagen oder ruhig bleiben ſollte. Es gab Hinterzimmer, in denen man die Arbeiter ſchwören ließ, ſich bei dem erſten Alarm⸗ zeichen auf der Straße einzufinden und ſich zu ſchlagen, ohne die Feinde zu zählen. Zuweilen ging man auch nach dem erſten Stock hinauf in ein verſchloſſenes Zimmer und hier Die Elenden. VII. 2 18 fanden beinahe freimaureriſche Auftritte ſtatt. Man ließ den Aufzunehmenden Eide leiſten, um ihm, ſowie den Fami⸗ lienvätern Dienſte zu gewähren. Das war die Formel. In den Gaſtzimmern des Erdgeſchoſſes las man um⸗ ſtürzende Broſchüren. Man hörte dort Aeußerungen wie die folgenden: ich kenne den Namen der Führer nicht, wir Uebrigen erfahren den Tag erſt zwei Stunden zuvor. Ein Arbeiter ſagte: Wir ſind dreihundert. Geben wir jeder zehn Sous, ſo macht das fünf⸗ hundert Franecs, um Kugeln und Pulver zu kaufen Ein dritter ſagte: Ich verlange nicht ſechs Monate, ich verlange nicht zwei. Ehe vierzehn Tage ver⸗ gehen, ſtehen wir der Regierung gegenüber. Mit fünfundzwanzigtauſend Mann kann man ſich ſchon ſchlagen.— Wieder ein Anderer ſagte: Ich gehe nicht ſchlafen, weil ich während der Nacht Car⸗ touchen mache. Von Zeit zu Zeit kamen Leute in bür⸗ gerlicher Kleidung und ſahen aus, als ertheilten ſie Befehle, und drückten den Einflußreichſten die Hände. Sie blieben nie länger als zehn Minuten. Man wechſelte mit leiſer Stimme bedeutungsvolle Worte: Die Sache iſt reif! Die Aufregung war ſo groß, daß eines Tages in einem Cabaret ein Arbeiter ganz laut rief: Wir haben keine Waffen!— Einer ſeiner Kameraden antwortete: Die Soldaten haben welche, indem er ſo, ohne es zu ahnen, die Proclamation Bonaparte's an die Armee von Italien parodirte. Wenn ſie etwas Geheimes abzumachen hatten, fügte ein Polizeibericht hinzu, ſo thaten ſie das nicht hier. Uebrigens begreift man nicht, was ſie noch zu verbergen haben konnten, nachdem ſie ſchon ſo viel geſagt hatten. Die Verſammlungen waren zuweilen periodiſch; in gewiſſen gab es zuweilen nie mehr als acht bis zehn Theilnehmer, und das waren immer dieſelben. In anderen konnte Jeder, der 19 wollte, eintreten und es war dort ſo gefüllt, daß man nur ſtehen konnte. Die Einen fanden ſich hier aus Enthuſias⸗ mus und Leidenſchaft ein, die Andern, weibes ihr Weg zur Arbeit war. Wie während der Revolution, gab es in dieſen Cabarets patriotiſche Weiber, welche die Ein⸗ tretenden küßten. Znweilen fanden auch bedeutungsvolle Auftritte ſtatt. Ein Menſch trat in ein Cabaret, trank, und indem er ging, ſagte er: Weinhändler, die Revolution wird bezahlen. In einem Cabaret, der Rue Charonne gegenüber, nannte man die revolutionären Agenten. Arbeiter verſammelten ſich bei einem Fechtmeiſter, der in der Rue de Cotte Unterricht ertheilte. Daß man auf irgend etwas ſann, wurde allmälig auf eine merkwürdige Weiſe deutlich. Eine Frau, die vor ihrer Thür fegte, ſagte zu ihrer Nachbarin: Seit längerer Zeit arbeitet man daran, Cartouchen zu machen. Auf offener Straße las man Proclamationen an die Na⸗ tionalgarden der Departements. Eines Tages beſtieg an der Thür eines Spirituoſen⸗ händlers auf dem Markte Lenoir ein Menſch, der einen ſtarken Bart und einen italieniſchen Accent hatte, einen Eck⸗ ſtein und las eine eigenthümliche Schrift vor, die von einer geheimen Geſellſchaft auszugehen ſchien. Die Gruppen, die ſich um ihn gebildet hatten, klatſchten ihm Beifall; die Stellen, welche die Menge am meiſten aufregten, ſind nie⸗ dergeſchrieben worden:„... Unſere Lehren ſind gehemmt, unſere Proclamationen zerriſſen, unſere Boten ausgekund⸗ ſchaftet und in das Gefängniß geworfen worden.— Die Zukunft der Völker wird in unſeren Reihen vorbereitet— Es handelt ſich darum: Active oder relative oder Contre⸗ Revolution; für das Volk oder gegen das Volk. Das iſt die Frage.— Wenn wir Euch nicht mehr zuſagen, ſo ver⸗ 2* 20 nichtet uns, bis dahin aber helft uns—“ Das Alles wurde am hellen Tage verhandelt. Es fandetr auch geheimnißvolle Ereigniſſe ſtatt. Bei Anbruch der Dunkelheit begegnete ein Arbeiter in der Nähe des Canals einem wohlgekleideten Herrn, der zu ihm ſagte:„wohin gehſt Du, Bürger?“—„Mein Herr“, erwiderte der Arbeiter,„ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.“„Ich kenne Dich gut“, ſagte der Mann, und fügte dann hinzu:„Fürchte nichts. Ich bin der Agent der Comité's. Man hält Dich im Verdacht, nicht zuver⸗ läſſig zu ſein. Du weißt, daß wenn Du irgend Etwas verrathen ſollteſt, man die Augen auf Dich gerichtet hat.“ Dann drückte er dem Arbeiter die Hand und ſagte, indem er ſich entfernte,„wir ſehen uns bald wieder.“ Die Polizei hörte nicht mehr blos in den Cabarets, ſondern auch auf der Straße eigenthümliche Aeußerungen, wie z. B.:„Laß Dich ſchnell aufnehmen“, ſagte ein Wähler zu einem Tiſchler. „Weshalb?“ „Es wird einen Schuß abzufeuern geben.“ Zwei zerlumpte Kerle ſagten zu einander: „Wer regiert uns?“ „Herr Philipp.“ „Nein, der Bürgerſtand.“ Ein andermal hörte man, wie ein Mann, der an einem andern vorüberging, ſagte:„ich habe einen guten An⸗ griffsplan.“ Die Hauptführer, wie man ſie in der Vorſtadt nannte, hielten ſich verborgen. Man vermuthete, daß ſie ſich zu ihren Berathungen in einem Cabaret nahe bei St. Euſtache verſammelten. Ein Herr Aug..., Vorſtand der Unter⸗ ſtützungsgeſellſchaft für die Schneider, Rue Mondétour, galt als Hauptvermittler bei den Vorſtänden der Vorſtadt Saint Antoine. Gleichwohl lag viel Dunkel auf dem Führer und de nichts zeigte dies deutlicher, als die ſtolze und eigenthüm⸗ liche Antwort, welche ſpäter ein Angeklagter vor dem Pairs⸗ hofe gab? „Wer war Ihr Führer?“ „Ich kannte ihn nicht und erkannte ihn nicht.“ Das waren freilich immer nur noch Worte, unbeſtimmt, aber ſehr durchſichtig. Ein Zimmermann, der einige Bretter an einer Ver⸗ ſchalung eines im Bau begriffenen Hauſes feſtgenagelt, fand ein Bruchſtück eines zerriſſenen Briefes, auf welchem noch folgende Worte lesbar waren: „Das Comité muß Maßregeln treffen, um die Anwer⸗ bungen in den Sectionen für die verſchiedenen Geſellſchaften zu hindern.“ Und als Nachſchrift:„Wir haben erfahren, daß Rue du Faubourg⸗Poiſſonniere Nr. 5 fünf bis ſechstauſend Ge⸗ wehre bei einem Büchſenmacher liegen. Die Section beſitzt keine Waffen.“ Der Zimmermann wurde darüber unruhig und zeigte das Blatt ſeinem Nachhar: einen Schritt weiter lag noch ein anderes zerriſſenes Papier, das ebenfalls bedeutungsvoll war, und das wir hier bei der hiſtoriſchen Wichtigkeit dieſes Documentes mittheilen: E Dieſe Liſte iſt auswendig zu lernen, dann zu zerreißen. Die Auf⸗ ggenmmenen werden dies ebenfalls thun, wenn ihnen die Befehle mit⸗ getheilt ſind. Gruß und Brüderſchaft. u b 2 Die Perſonen, welche von dem Geheimniß dieſes Fundes Kenntniß erlangten, erfuhren erſt ſpäter die Be⸗ deutung der vier Anfangsbuchſtaben: quinturions, centu- rions, décurions, éclaireurs, und den Sinn der Buch⸗ ſtaben: u og ab fe, welche ein Datum waren, das den 15. April 1832 bedeutete. Unter jedem großen Buchſtaben waren Namen mit bedeutungsvollen Zeichen daneben auf⸗ geführt. Endlich fand der Zimmermann in demſelben Gebäude noch ein Blatt, auf welchem mit Bleiſtift, aber ſehr leſerlich eine Art von räthſelhafter Liſte geſchrieben war. Der rechtſchaffene Bürger, in deſſen Hände dieſe Liſte geblieben iſt, hat ſpäter die Bedeutung erfahren. Die Liſte war die vollſtändige Aufzählung der Sectionen des vierten Arondiſſements der Geſellſchaft der Menſchenrechte mit den Namen und Wohnungen der Actionschef's. Nach den Andeutungen und Worten und der geſchrie— benen Aeußerungen begannen Thatſachen an das Licht zu treten. Bei einem Trödler in der Rue Popincourt fand man in einem Kommodenfache regelmäßig zugeſchnittene Blätter Papier, welche die Geſtalt von Cartouchen hatten, und eine Karte, auf deren Rand man las: Salpeter 12 Unzen, Schwefel 2 Unzen, Kohlen 2 ½ Unzen, Waſſer 2 Unzen. Das Protokoll, welches über dieſen Fund aufgenommen wurde, ſagt, daß das Fach einen ſtarken Pulvergeruch hatte. Ein Arbeiter, der mit einem Kameraden trank, ſagte: „Fühle, wie warm mir iſt,“ und der Andere fühlte dabei unter ſeiner Jacke eine Piſtole. In veinem Graben des Boulevards an dem ödeſten Orte fanden ſpielende Kinder einen Sack, welcher eine Kugelform, ein Formholz zu Patronen, ein Pulverhorn und einen kleinen Keſſel enthielt, deſſen Inneres deutliche Spuren von geſchmolzenem Blei zeigte. 1 Ein gewiſſer Gallais, der ſpäter bei dem Aprilaufſtand in der Rue Beaubourg getödtet wurde, rühmte ſich, zu Hauſe 700 Cartouchen und 80 Flintenſteine zu haben. Die ganze Gährung war gewiſſermaßen öffentlich und ging ſo zu ſagen ruhig vor ſich. Man fragte: wie ſteht es mit dem Aufſtand? mit einem ſolchen Tone, wie man zu andern Zeiten fragte: wie geht es Ihrer Frau? Die Geſellſchaft der Menſchenrechte gab Veranlaſſung zu der Geſellſchaft der That. Dies waren die Ungeduldigen, welche ſich von jenen trennten, um vorwärts zu eilen. Auch noch andere Geſellſchaften bildeten ſich und die Pariſer Geſell⸗ ſchaften waren vereint mit denen in den Provinzialſtädten Lyon, Nantes, Lille und Marſeille. In Paris war die Vorſtadt Saint⸗Marceau kaum minder aufgeregt wie die Vorſtadt Saint⸗Antoine und die Schulen nicht weniger als die Vorſtadt. Die Geſellſchaft der Freunde des A B C verſammelte ſich, wie man bereits früher geſehen hat, in dem Café Muſain. Eben dieſe jungen Leute fanden ſich auch, wie wir gleichfalls erwähnten, in einer Reſtauration in der Rue Mondétour, die man Corinth nannte. Dieſe Verſammlungen waren geheim, andere waren ſo öffentlich wie möglich. Die Armee wurde zu gleicher Zeit mit dem Pöbel bearbeitet, wie dies ſpäter die Bewegungen in Beéfort, Lunéville und Epinal bewieſen. Man rechnete auf das 52., auf das 5., auf das 8., auf das 37. und auf das leichte 20. Regiment. In Burgund und in den Städten des Südens pflanzte man die Freiheitsbanner auf, d. h. einen Maſt mit einer rothen Mütze auf der Spitze. So war die Lage der Dinge beſchaffen. 24 VI. Enjolras und ſeine Lientenants. Ungefähr um dieſe Zeit hielt Enjolras in der Ausſicht auf mögliche Ereigniſſe eine geheimnißvolle Zählung. Alle befanden ſich zur Berathung in dem Café Muſain. Enjolras ſagte, indem er in ſeine Worte eine halb⸗ räthſelhafte, aber bedeutungsvolle Metapher verwebte: „Es ziemt ſich, zu wiſſen, wo man iſt und auf wen man rechnen kann. Will man Kämpfe, ſo muß man dieſe unternehmen, irgend Etwas haben, das man treffen kann. Das kann nichts ſchaden. Die Vorübergehenden haben immer viel mehr Ausſicht, Hornſtöße zu bekommen, wenn Ochſen auf der Straße ſind, als wenn dies nicht der Fall iſt. Zählen wir alſo ein wenig die Garde. Wie viel ſind wir unſerer? Es handelt ſich nicht darum, die Arbeit bis auf Morgen aufzuſchieben. Revolutionäre müſſen ſtets Eile haben. Der Fortſchritt hat keine Eile zu verlieren. Miß⸗ trauen wir dem Unerwarteten, laſſen wir uns nicht über⸗ raſchen. Man muß alle Näthe beſichtigen, um zu wiſſen, ob ſie feſt ſind. Die Sache muß noch heute in Richtigkeit gebracht werden. Courfeyrac, Du wirſt die Polyhtechniker ſprechen. Es iſt ihr Ausgangstag. Feuilly, Du ſiehſt die von der Glacière? Combeferre hat mir verſprochen, nach Picpus zu gehen. Das iſt ein vortrefflicher Ameiſenhaufen. Bahorel wird die Eſtrapade beſehen. Prouvaire, Du mußt zu den lau werdenden Maurern und bringſt uns Nachrichten von der Loge der Rue Grenelle⸗Saint⸗Honoré, Joly geht nach der Klinik von Dupuytren und fühlt der Medicinal⸗ ſcht nae üb 25 ſchule an den Puls. Boſſuet macht einen kleinen Gang nach dem Palais und plaudert mit den Auditoren. Ich übernehme die Cougourde.“ „So iſt Alles geordnet,“ ſagte Combeferre. „Nein.“ „Was giebt es denn noch?“ „Etwas ſehr Wichtiges.“ „Was denn?“ fragte Courfehrac. „Die Barriere du Maine,“ erwiderte Enjolras. Enjolras ſchien einen Augenblick in Nachdenken zu verſinken und fuhr dann fort: „Barriere du Maine ſind die Marmorarbeiter, Maler, die Gehülfen der Bildhauerwerkſtätten. Das iſt eine enthuſiaſtiſche Familie, aber der Lauheit unterworfen. Ich weiß nicht, was ſie ſeit einiger Zeit haben. Sie denken an andere Dinge. Sie bringen ihre Zeit damit hin, Domino zu ſpielen. Es wäre dringend nothwendig, ein wenig mit ihnen zu ſprechen, und das feſt. Sie verſammeln ſich bei Richefeu. Man wird ſie dort zwiſchen Mittag und ein Uhr finden. Man muß auf die Kohlen blaſen. Ich hatte dabei auf den zerſtreuten Marius gezählt, der im Ganzen gut iſt, aber er kommt nicht mehr. Ich brauche Jemand für die Barrièere du Maine. Ich habe Niemand mehr.“ „Ich bin da?, ſagte Grantaire. „Du? ich „Du, Republikaner zu ſtützen? Du, ein Mann von Grundſätzen, erkaltete Herzen wieder erwärmen?“ „Weshalb nicht?“ „Kannſt Du denn zu irgend etwas gut ſein?“ „Ich habe den Ehrgeiz,“ ſagte Grantaire. „Du glaubſt an nichts.“ „Ich glaube an Dich.“ „Grantaire, willſt Du mir einen Dienſt erweiſen?“ „Jeden. Deine Stiefel wichſen.“ „Nun gut. Dann miſche Dich nicht in unſere Ange— legenheiten. Trinke Deinen Abſynth.“ „Du biſt ein Undankbarer, Enjolras.“ „Du wäreſt der Mann, nach der Barrière du Maine zu gehen! Du wäreſt dazu fähig!“ „Ich bin dazu fähig, bei Richefeu einzutreten. Meine Schuhe ſind dazu fähig.“ „Kennſt Du die Kameraden bei Richefeu ein wenig?“ „Nicht genauer. Wir nennen uns blos Du.“ „Was würdeſt Du ihnen ſagen?“ „Ich würde mit ihnen von Robespierre, von Danton ſprechen, von Grundſätzen!“ D „Ich! Aber man läßt mir nicht Gerechtigkeit wider⸗ fahren. O, wenn ich mich daran mache, bin ich fürchterlich. Hältſt Du mich etwa für ein Vieh? Ich habe eine alte Aſſignate in meinem Kaſten. Die Menſchenrechte, die Souverainität des Volkes, Sapriſti! Ich kann ſechs Stunden lang, die Uhr in der Hand, prächtig ſchwatzen!“ „So ernſthaft!“ ſagte Enjolras. „Ich bin wild,“ erwiderte Grantaire.“ Enjolras dachte einige Sekunden nach und machte dann eine Bewegung wie Jemand, der einen Entſchluß gefaßt hat. „Grantaire,“ ſagte er ſehr ernſt,„ich willige ein, Dich zu prüfen. Du wirſt nach der Barrière du Maine gehen.“ Grantaire wohnte ganz nahe bei dem Café Muſain. Er ging und kehrte nach fünf Minuten zurück. Er war nach Hauſe gegangen, um eine Weſte à la Robespierre anzuziehen. „Roth!“ ſagte er, indem er eintrat und Enjolras feſt anſah. bei de ih ion 27 Mit einer entſchloſſenen Handbewegung ſchlug er die beiden rothen Spitzen der Weſte zurück. Und ſich Enjolras nähernd, ſagte er ihm in das Ohr: „ſei ruhig.“ Er drückte ſeinen Hut entſchloſſen auf den Kopf und ging.— Eine Viertelſtunde ſpäter war das Hinterzimmer in dem Café Muſain verödet. Die Freunde des A B C waren ihren Geſchäften nachgegangen. Enjolras, der ſich die Cou⸗ gourde vorbehalten hatte, ging zuletzt. Die Mitglieder der Cougourde von Aix, die in Paris waren, verſammelten ſich damals auf der Ebene von Iſſy, in einem in der Umgegend von Paris ſo häufig verlaſſenen Steinbruche. Indem Enjolras dieſem Orte zuſchritt, überdachte er ſich die Lage. Der Ernſt der Ereigniſſe war ſichtlich. Enjolras fühlte ſich zufrieden. Es ſiedete in dem Ofen. Er vereinigte in ſeinen Gedanken in der beredten und ſchlagenden Philoſophie Combeferre's den cosmopolitiſchen Enthuſiasmus Feuilly's, das Ungeſtüm Courfeyrac's, das Lachen Bahorel's, die Melancholie Jean Prouvairre's, die Kenntniſſe Joly's, den beißenden Witz Boſſuet's, und wenn Alle an ihrem Werke waren, ſo mußte das Reſultat den Bemühungen entſprechen. Darüber dachte er an Grantaire.— „Ei,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„die Barriere du Maine bringt mich kaum von meinem Wege ab. Wenn ich zu Richefou ginge? Ich will doch ein wenig ſehen, was Grantaire macht und wie weit er iſt.“ Es ſchlug ein Uhr an dem Thurme von Vaugirard, als Enjolras nach der Tabagie Richefen kam. Er öffnete die Thür, trat ein, kreuzte die Arme und blickte in dem Saale umher, der mit Tiſchen und Menſchen und Rauch angefüllt war. Eine laute Stimme ertönte in dem Qualme und 28 eine andere Stimme antwortete ihr. Es war Grantaire, der ſich mit einem Gegner, welchen er gefunden hatte, unterhielt. Grantaire ſaß einer anderen Geſtalt gegenüber an einem Marmortiſch, auf welchem Dominoſteine lagen. Grantaire ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, und was Enjolras hörte, war Folgendes: „Doppelſechs.“ „Vier.“ „Schwein! Ich habe ſie nicht mehr!“ „Sechs.“ Drei „Sechs.“ „Ich lege vor.“ „Ich habe einen ungeheuren Fehler gemacht.“ „Ja, Du warſt auf die Doppelſechs nicht gefaßt.“ Hätte ich ſie zu Anfang geſetzt, ſo machte das einem großen Unterſchied im Spiele. „Zwei.“ „Fünf.“ „Ich habe ſie nicht.“ „Blanc.“ „Hat der Glück!(Nach langem Sinnen) Zwei.“ „Domino.“ „Hundekerl!“ Eine Idylle. Zweites Buch. Eponinr. — 6—— Das Feld der Lerche. Marius hatte der unerwarteten Entwickelung des Hin⸗ terhaltes beigewohnt, auf deſſen Spur er Javert brachte; kaum aber hatte Javert das Haus verlaſſen, die Gefangenen in drei Fiakern mit ſich führend, als Marius ſeinerſeits ebenfalls aus dem Hauſe ſchlüpfte. Es war erſt neun Uhr Abends. Marius ging zu Courfeyrac. Courfeyrac war nicht mehr der unabläſſige Bewohner des lateiniſchen Vier⸗ tels. Er wohnte jetzt Rue de la Verrerie,„aus politiſchen Gründen.“ Dies Stadtviertel gehörte zu denen, in welchem die Inſurrection ſich damals gern feſtſetzte. Marius ſagte zu Courfehrac:„ich komme, um bei Dir zu ſchlafen.“ Cour⸗ feyrac nahm eine Matratze von ſeinem Bett, welches deren zwei hatte, warf ſie auf die Erde und ſagte:„Da!“ Am nächſten Morgen um ſieben Uhr kehrte Marius nach ſeiner Baracke zurück, zahlte ſeine Miethe und das, was er Mame Bougon ſchuldig war, ließ einen Handwagen mit ſeinem Bett, ſeinem Tiſch, ſeiner Kommode und ſeinen beiden Stühlen beladen und ging, ohne ſeine Adreſſe zurück⸗ zulaſſen, ſo daß, als Javert im Laufe des Morgens kam, ——— — 32 um Marius über die Ereigniſſe des vorhergehenden Abends zu befragen, er nur noch Mame Bougon fand, die ihm ſagte:„ausgezogen!“ Mame Bougon hielt ſich überzeugt, daß Marius ein wenig Mitſchuldiger der Spitzbuben ſei, die in der Nacht verhaftet worden waren.„Wer hatte das geglaubt!“ rief ſie bei den Thürſteherinnen des Viertels,„ein junger Menſch, der das Ausſehen eines Mädchens hatte!“ Marius hatte zwei Gründe gehabt, um ſo ſchnell aus⸗ zuziehen. Der erſte war, daß er jetzt Abſcheu vor dem Hauſe fühlte, in welchem er ſo nah und in ſeiner ganzen Entwicklung die abſchreckendſte und wildeſte Häßlichkeit der menſchlichen Geſellſchaft geſehen hatte, etwas noch Abſcheu⸗ licheres als den ſchlechten Reichen; den ſchlechten Armen. Der zweite Grund war, daß er nicht bei einem Prozeſſe, der folgen mußte, eine Rolle ſpielen und gezwungen ſein wollte, gegen Thénardier auszuſagon. Javert glaubte, der junge Menſch, deſſen Namen er nicht behalten hatte, wäre aus Furcht entflohn oder vielleicht nicht vor dem Ereigniß nach Hauſe zurückgekehrt. Er machte einige Verſuche, ihn wieder aufzufinden, aber es gelang ihm nicht. Ein Monat verfloß, dann ein anderer. Marius war noch immer bei Courfeyrac. Er hatte durch einen an⸗ gehenden Advocaten, der ein beſtändiger Müßiggänger des Saales der verlornen Schritte war, erfahren, daß Thénardier in geheimer Haft ſei. Jeden Montag ließ Marius für Thénardier fünf Francs an den Gefängniß⸗ wärter von La Force übergeben. Marius, der kein Geld mehr hatte, borgte dieſe fünf Francs von Courfehrac; zum erſten Male in ſeinem Leben borgte er Geld. Dieſe regelmäßig wiederkehrenden fünf Francs waren ein doppeltes Räthſel, für Courfeyrac, der ſie gab, und für Thénardier, der ſie empfing.„Wozu kann das das wi lie 33 das Geld beſtimmt ſein?“ dachte Courfeyrac.„Woher kann das kommen?“ fragte ſich Thénardier. Marius war übrigens tief ergriffen. Alles verſank wieder für ihn. Er ſah nichts mehr vor ſich; ſein Leben hatte ſich in jenes Geheimniß verloren, in welches er be⸗ ſtändig umherirrte. Einen Angenblick hatte er ganz nahe in dieſer Dunkelheit das junge Mädchen geſehen, das er liebte, den Greis, der ihr Vater zu ſein ſchien, jene Unbe⸗ kannte, für die er allein Intereſſe hegte, die ſeine einzige Hoffnung in dieſer Welt war, und in dem Augenblick, wo er ſie zu faſſen glaubte, hatte ein Hauch ſie wieder fortgetragen. Nicht ein Funke der Gewißheit und der Wahr⸗ heit war aus dieſem furchtbaren Zuſammentreffen aufgeblitzt. Keine mögliche Vermuthung. Er kannte nicht einmal den Namen, den er zu kennen geglaubt hatte; ſicher war es nicht mehr Urſula, und Lerche war nur ein Beiname. Was ſollte er aber von dem Greiſe denken? Verbarg ſich dieſer in der That vor der Polizei? Der Arbeiter mit weißem Haar, den Marius in der Gegend des Hotels der Inva⸗ liden bemerkt hatte, fiel ihm wieder ein. Jetzt wurde es für ihn möglich, daß dieſer Arbeiter und Herr Leblanc ein und derſelbe Menſch wären. Er verkleidet ſich alſo? Dieſer Mann zeigte heldenmüthige und zweideutige Seiten. Wes⸗ halb rief er nicht nach Hülfe? Weshalb entfloh er? War er der Vater des jungen Mädchens oder war er es nicht? Endlich— war er wirklich der Menſch, welchen Thénardier in ihm zu erkennen glaubte? Konnte Thénardier ſich nicht geirrt haben? Dieſe Fragen waren eben ſo viele Probleme ohne Löſung. Alles raubte indeß dem engelgleichen Zäuber des jungen Mädchens aus dem Luxembourg nichts. Furcht⸗ bare Qual; Marius hatte im Herzen eine Leidenſchaft und Nacht vor den Augen. Er wurde angezogen und konnte nicht nahen. Alles war verſchwunden, ausgenommen die Liebe. Aber ſelbſt die Inſtincte und die Klarheit der Liebe Die Elenden. VII. 3 34 hatte er verloren. Für gewöhnlich leuchtet ein wenig die Flamme, die uns verzehrt, und gewährt uns nach Außen ein nützliches Licht. Dieſe ſtummen Rathſchläge der Leidenſchaft hörte indeß Marius nicht mehr. Nie ſagte er zu ſich: werde ich dahin gehen? Werde ich dies ver⸗ ſuchen? Die, welche er nicht mehr Urſula nennen konnte, war offenbar irgendwo. Aber nichts deutete Marius an, nach welcher Seite er ſie ſuchen ſollte. Sein ganzes Leben beſchränkte ſich jetzt auf drei Worte: ſie wieder ſehen!— Danach verlangte ihm noch immer, aber er hoffte es nicht mehr. Um das Unglück vollſtändig zu machen, kehrte die Noth zurück. Er fühlte ſchon den eiſigen Hauch des Elends. Bei allen ſeinen Qualen hatte er ſchon ſeit einiger Zeit ſeine Arbeit unterbrochen, und nichts iſt gefährlicher als die Unterbrechung der Arbeit; es verlernt ſich dadurch die Ge⸗ wohnheit daran, die leicht aufzuheben, aber ſchwer wieder anzunehmen iſt. Eine gewiſſe Quantität Träumerei iſt gut Sie ſchlä⸗ fert das zuweilen harte Picken des arbeitenden Geiſtes ein und erweckt einen weichen friſchen Hauch, aber allzuviel Träumerei erſtickt. Wehe dem geiſtigen Arbeiter, der ſich ganz in die Träumerei verſenkt! Er glaubt, es werde ihm leicht werden, ſich wieder zu erheben. Allein er irrt darin! Die Träumerei an die Stelle des Gedankens ſetzen, heißt ein Gift mit der Nahrung verwechſeln. Marius hatte, wie man ſich erinnern wird, damit den Anfang gemacht. Dann war die Leidenſchaft hinzugetreten und hatte ihn vollends in grund- und gegenſtandloſe Chi⸗ mären geſtürzt. Und in eben dem Grade, wie die Arbeit abnahm, ver⸗ mehrten ſich die Bedürfniſſe, das iſt ein Geſetz. Der Menſch iſt in träumeriſchem Zuſtande von Natur verſchwen⸗ deriſch und weichlich. Bei dieſer Lebensweiſe iſt das Gute nit lich am ver niſ ie 35 mit dem Böſen gemiſcht; denn wo die Weichlichkeit verderb⸗ lich iſt, da iſt die Freigebigkeit heilſam und gut. Aber der arme großmüthige und edle Menſch, der nicht arbeitet, iſt verloren. Die Hülfsquellen verſchwinden und die Bedürf⸗ niſſe entſtehen. Nachdem man ausgegangen war, um zu denken, er⸗ ſcheint ein Tag, an welchem man ausgeht, um ſich in das Waſſer zu ſtürzen. Marius glitt langſam dieſen Abhang hinab, die Augen auf die gerichtet, die er nicht mehr ſah. Sie allein war Marius ganzer Gedanke. An etwas Anderes dachte er nicht mehr. Er fühlte nur undeutlich, daß ſein alter Anzug ein unmöglicher wurde, ſein neuer ein alter, daß ſeine Hemden ſich abnutzten, ſein Hut ebenfalls, ſowie ſeine Stiefel, das heißt, daß ſein ganzes Leben ſich abnutzte, und er ſagte zu ſich:„könnte ich ſie nur noch wiederſehen, ehe ich ſterbe!“ Ihm blieb ein ſüßer Gedanke. Daß ſie ihn geliebt hatte, daß ihr Blick es ihm ſagte, daß ſie ſeinen Namen nicht kannte, wohl aber ſeine Seele und daß ſie vielleicht dort, wo ſie war, was es auch für ein geheimnißvoller Ort ſein mochte, ihn noch immer liebe. Wer wußte, ob ſie nicht an ihn dachte, wie er an ſie? Zuweilen, in unerklärlichen Stunden, wie jedes liebende Herz ſie hat, und wenn e'e keine Urſache zum Schmerz fand, hatte er ein unbeſtimmtes Erbeben der Freude und ſagte oft zu ſich ſelbſt:„ibre Ge⸗ danken wenden ſich mir zu!“ Dann fügte er hinzu:„vielleicht Crreichen auch Gedanken ſie.“ Dieſe Illuſion, über welahe er einen“ den Kopf ſchüttelte, warſen denn-— Augenblick darauf ſtrahlen, welche zumilen d— in ſeine Seele Licht⸗ zu Zeit ſchrieb er er Hoffnung glichen. Von Zeit nichts ſta— 2 auf ein Blatt Papier, worauf tr ſeine reinſten und körperlichſten Träumereien, 36 mit denen die Liebe ſein Gehirn erfüllte. Er nannte das: „ihr ſchreiben.“ Man darf nicht glauben, daß ſein Verſtand verwirrt war. Im Gegentheil. Er hatte die Fähigkeit verloren zu arbeiten und feſt einem beſtimmten Ziele zuzuſchreiten. Aber mehr wie je war er ſcharfblickend und rechtſchaffen. In ſeiner Gemüthsſtimmung entging ihm nichts, täuſchte ihn nichts und jeden Augenblick erkannte er das Weſen des Lebens, der Menſchheit und des Geſchickes. Glücklich der, ſelbſt unter Qualen, dem Gott eine Seele gab, welche der Liebe und des Unglücks würdig iſt! Die Seele, welche liebt und duldet, iſt in einem gott⸗ ähnlichen Zuſtande. Uebrigens verfloſſen die Tage und es zeigte ſich nichts Neues. Es ſchien ihm, als ob der finſtere Raum, der ihm noch zu durchlaufen blieb, mit jedem Augenblick ſich verkürzte. Er glaubte deutlich den Rand des tſen Abgrundes zu erblicken. „Wie!“ wiederholte er oft,„ſollte ich ſie vorher nicht noch wiederſehen?“ Wenn man die Rue St. Jacques hinaufgegangen iſt, die Barriére zur Seite gelaſſen hat und dann einige Zeit lünks dem alten innern Boulevard folgt, trifft man in der Nähe' des Baches des Gobelins eine Art von Feld, welches auf dem' langen monotonen Gürtel des Pariſer Boulevards der einzige Ort iſt, an welchem Ruysdaöl ſich hätte nieder⸗ ſenen mögen. Ueber einer grünen Wieſe erſtrecken ſich an denen im Winde Wäſche trocknet; ein alter 6 Leinen, der Zeit Ludwige XIII. erbaut, mit einem Pachthof, in en durchzogenem Dache, verfallenen ſpitzen von Manſar“ niſchen Po oeln,— Weiber⸗ Palliſaden, ein wenig Waſſer d. ſten Thürme Gelächter, Stimmen und im Hintergru. Mühe von Notre⸗Dame,— ſo iſt dieſer Ort, und da v lohnt, geſehen zu werden, kommt Niemand dort. ih t 5 37 ſieht man alle Viertelſtunden einen Karren oder einen Fuhr⸗ mannswagen. Einſt gerieth Marius auf ſeinen einſamen Spazier⸗ gängen zu dieſem Orte. An jenem Tage war, eine Selten⸗ heit, ein Vorübergehender hier zu ſehen. Marius, dem der eigenthümliche, beinahe wilde Reiz dieſes Ortes auffiel, fragte den Vorübergehenden: „Wie heißt dieſe Gegend: Der Wanderer entgegnete:„Es iſt das Lerchenfeld!“ Und dann fügte er hinzu:„Hier hot Ulback die Hirtin von Jvory ermordet.“ Aber nach den Worten:„die Lerche“ hatte Marius nichts mehr gehört. Die Lerche, das war der Name, den Marius in den Tiefen ſeiner Melancholie an die Stelle des Namens Urſula geſetzt hatte. „Ha!“ ſagte er in ſeiner eigenthümlichen geheimniß⸗ vollen Reizbarkeit,„dies iſt ihr Feld, hier werde. er⸗ fahren wo ſie wohnt.“ Das war abgeſchmackt und unwiderſtehlich. Und er ging jeden Tag nach dieſem Orte. II. Embryoniſche Vildung der Verbrechen in den Gefüngniſſen. Der Triumph Javert's in der Baracke Gorbeau ſchien volltommen geweſen zu ſein, aber er war es nicht. —— ——— 38 Zunächſt, und das war die Hauptfrage, hatte Javert den Gefangenen nicht gefangen. Der Ermordete, der ent⸗ ſpringt, iſt viel verdächtiger wie der Mörder; wahrſcheinlich war dieſer Menſch, eine koſtbare Beute für die Banditen, eine nicht minder gute Priſe für die Behörde. Dann war auch Montparnaſſe Javert entgangen. Es mußte eine andere Gelegenheit abgewartet werden, um dieſen „Stutzer des Teufels“ in die Hände zu bekommen. Mont⸗ parnaſſe hatte in der That Eponine, unter den Bäumen des Boulevards auf der Lauer findend, mit ſich genommen, in dem er lieber Némorin mit der Tochter, als Schinder⸗ hannes mit dem Vater ſein wollte. Es war ein glücklicher Gedanke von ihm. Er war frei. Was Eponine betrifft, hatte Javert ſie wieder faſſen laſſen; ein mittelmäßiger Troſt. Eponine war in den Madelonnettes mit Azelma vereinigt worden. Endlich war auf dem Wege von der Baracke Gorbeau nach dem Gefängniß La Force, einer der bedeutendſten unter den Verhafteten, Claqueſous, verloren gegangen. Man wußte nicht, wie das geſchehen war; die Polizeiagenten und die Stadtſergeanten begriffen davon nichts. Er hatte ſich in Dunſt aufgelöſt, war aus den Handſchellen geglitten, zu den Ritzen des Wagens hindurchgeſchlüpft und entflohen. Man wußte nicht, was man ſagen ſollte, außer daß bei der Ankunft in dem Gefängniß kein Claqueſous mehr da war. Es lag darin Zauberei oder Polizei. War Claque⸗ ſous in der Dunkélheit geſchmolzen wie eine Schneeflocke im Waſſer? Gab es ein nicht eingeſtandenes Einvernehmen mit den Polizeiagenten? Gehörte dieſer Menſch zu dem doppelten Räthſel der Unordnung und der Ordnung, und hatte dieſe Sphinx die Vorderpfoten in dem Verbrechen und die Hinterfüße in der Behörde? Javert nahm ſolche Vermuthungen nicht an. Er ſträubte ſich gegen eine ſolche Annahme; aber ſeine Unternehmung betraf auch noch andere J geb wa 39 Inſpectoren wie ihn, die vielleicht, wenn auch ihm unter⸗ geben, beſſer in die Geheimniſſe der Präfectur eingeweiht waren, und Claqueſous war ein ſolches Ungeheuer, daß er auch wohl ein ſehr guter Polizeimenſch ſein konnte. Es giebt dergleichen zweiſchneidige Schufte. Wie dem aber auch ſein mag; genug, Claqueſous war verſchwunden und wurde nicht wiedergefunden. Javert ſchien darüber mehr auf⸗ gebracht als verwundert zu ſein. Was Marius betraf, ſo war dieſer„Einfaltspinſel“ von einem Advokaten, deſſen Namen Javert vergeſſen hatte, für dieſen von geringem Gewicht. Uebrigens läßt ein Ad⸗ vokat ſich immer wiederfinden. Aber war er denn auch wirklich ein Advokat? Die Unterſuchung hatte begonnen. Der Inſtructionsrichter hatte es für zweckmäßig ge— funden, einen der Leute der Bande Patron⸗Minette nicht in die geheime Haft zu ſetzen, da er von ihm Ausplauderungen hoffte. Dieſer Menſch war Brujon, der Haarige, aus der Rue du Petit⸗Banquier. Man brachte ihn auf deu Hof Karls des Großen, und das Auge der Aufpaſſer war auf ihn gerichtet. Der Name Brujon iſt eine der Erinnerungen von La Force. Auf dem abſcheulichen Hofe des ſogenannten neuen Gebäudes, den die Verwaltung den Hof Sanct Bernard nannte, und den die Spitzbuben den Namen Löwen⸗ grube gegeben hatten, an ver Mauer, welche mit Sprüngen und Schuppen bedeckt, bis zur Höhe der Dächer ging, ſah man neben einer alten, mit verroſtetem Eiſen beſchlagenen Thür, die zu der ehemaligen Kapelle des herzoglichen Pa lais, La Force, führte, welche jetzt der Schlafſaal der Diebe war, noch vor zwölf Jahren eine Art von Zwinger, der oben mit einem Nagel an der Mauer befeſtigt war, und darunter die Unterſchrift: Brujon 1811. 40 Der Brujon von 1811 war der Vater des Brujon von 1832. Dieſer Letztere, den man in dem Hintergrund der Ba⸗ racke Gorbeau nur undeutlich erblicken konnte, war ein junger ſehr liſtiger und verſchlagener Burſche, der ſchüchtern und ſehr kläglich ausſah. Wegen dieſes ſchüchternen Aus⸗ ſehens hatte der Inſtructionsrichter ihn freigelaſſen, indem er glaubte, er würde auf dem Hofe Carl's des Großen nützlicher ſein, als in der Zelle der geheimen Haft. Die Diebe laſſen ſich dadurch nicht unterbrechen, daß ſie in den Händen der Juſtiz ſind. Um ſolcher Kleinigkeiten willen legt man ſich keinen Zwang an. Wegen eines Ver⸗ brechens im Gefängniſſe zu ſein, verhindert nicht, ein anderes Verbrechen zu begehen. Die Spitzbuben ſind Künſtler, welche ein Gemälde im Salon haben und nichtsdeſtoweniger in ihrem Atelier an einem neuen Werke arbeiten. Brujon ſchien durch das Gefängniß verdutzt zu ſein. Man ſah ihn zuweilen ſtundenlang auf dem Hofe Karls des Großen neben dem Guckfenſter des Schenkwirths und hier wie ein Stumpfſinniger den ſchmutzigen Preiscourant betrachten. Oder auch brachte er ſeine Zeit zitternd hin, mit den Zähnen klappernd, indem er ſagte, daß er das Fieber hätte, und ſich erkundigte, ob eines von den 28 Betten des Fieber⸗ ſaales frei wäre. Plötzlich in der zweiten Hälfte des Februars 1832 erfuhr man, daß Brujon, dieſer Schläfer, durch Commiſ⸗ ſionaire des Gefängniſſes, nicht in ſeinem Namen, ſondern in dem Namen von dreien ſeiner Kameraden drei ver⸗ ſchiedene Aufträge hatte beſorgen laſſen, die ihm zuſammen 50 Sous koſteten, eine ungeheuere Ausgabe, welche die Aufmerkſamkeit des Gefängnißaufſehers auf ihn lenkte. Man zog Erkundigungen ein, indem man den Preistarif für die Commiſſionen, der in dem gemeinſchaftlichen Zimmer der rft wa ein vo g a L r w — — — — 41 der Gefangenen ausgehangen war, zu Rathe zog, und erfuhr auf dieſe Weiſe, daß die funfzig Sous ſo vertheilt waren: drei Commiſſionen; eine nach dem Pantheon 10 Sous, eine nach Val⸗de⸗Gräce 15 Sous, eine nach der Barrière von Grenelle 25 Sous. Dieſe war die theuerſte des ganzen Tarifs. Nun befanden ſich aber bei dem Pantheon, am Val⸗de⸗Gräce und der Barriere von Grenelle, die Wohnungen von drei ſehr gefürchteten Barrièreläufern, genannt Kruideniers, genannt Bizarro, Glorieux, einen freigelaſſenen Galeerenſträfling, und Barre⸗Caxroſſe, auf welche dieſer Umſtand die Blicke der Polizei lenkte. Man glaubte, zu errathen, daß dieſe Menſchen Verbündete des Patron⸗Minette wären, von welchen man zwei Führer, Babet und Gueulemer, eingeſperrt hatte. Man vermuthete, daß in den Sendungen Broujons, die nicht ins Haus ge⸗ ſchickt, ſondern an Leute übergeben wurden, die auf der Straße warteten, Rathſchläge für irgend eine erſonnene Miſſethat enthalten wären. Man fand auch noch andere Spuren; man faßte die drei Barrièreläufer und glaubte irgend eine Unternehmung Brujon's entdeckt zu haben. Ungefähr eine Woche nach Ergreifung dieſer Maßregeln ſah ein Rondenwächter während einer Nacht durch das Guckfenſter in den Schlafſaal Brujons, wie dieſer aufrecht ſaß und in ſeinem Bett bei dem Schimmer der Ganglampe Etwas ſchrieb. Der Aufſeher trat ein und Brujon wurde hierfür einen Monat in Haft gebracht, aber man konnte nicht finden, was er geſchrieben hatte. Die Polizei erfuhr ſo nichts weiter. So viel iſt gewiß, daß am nächſten Tage„ein Poſtillon“ auf dem Hofe Karl's des Großen über die fünf Stock hohe Mauer, welche beide Höfe von einander trennte, in die Löwengrube geworfen wurde. 4 Die Gefangenen nennen Poſtillone, eine künſtlich ge⸗ tnetete Brodkugel, welche man nach Irland ſchickt, das 42 heißt über die Dächer des Gefängniſſes von einem Hofe zum andern. Dieſe Brodkugel fiel alſo auf den Hof. Der, welcher ſie aufhebt, öffnet ſie und findet darin ein Zettelchen, welches an irgend einen Gefangenen auf dieſem Hofe gerichtet iſt. Iſt es ein Arreſtant, der den Fund macht, ſo übergiebt er den Zettel an ſeine Adreſſe; iſt es ein Aufſeher oder einer der heimlich beſtochenen Gefangenen, welche man in den Gefängniſſen„Schöpſe“ und in den Bagno's„Füchſe“ nennt, ſo wird der Zettel dem Inſpector überbracht und der Polizei ausgeliefert. Diesmal gelangte der Poſtillon an ſeine Adreſſe, obgleich der, für den die Nachricht beſtimmt war, in dieſem Augen⸗ blicke abgeſperrt ſich befand. Dieſer Adreſſat war kein Anderer wie Babet, Einer der vier Köpfe des Patron⸗ Minette. Der Poſtillon enthielt ein zuſammengerolltes Papier, auf dem nur die zwei Zeilen ſtanden: „Babet, es giebt ein Geſchäft in der Rue Plumet. Ein Gitter um einen Garten. Dies war Alles, was Brujon in jener Nacht geſchrie⸗ ben hatte. Trotz der Durchſucher und Durchſucherinnen machte Babet es möglich, dieſes Billet von La Force nach der Salpetrière an eine„gute Freundin“ zu ſchicken, die dort eingeſperrt war. Dieſes Mädchen übergab das Billet einer Anderen, die ſie kannte, einer gewiſſen Magnon, welche der Polizei ſehr verdächtig, aber noch nicht arretirt war. Dieſe Magnon, deren Namen der Leſer bereits kennen gelernt hat, ſtand mit den Thénardiers in Verbindungen, die ſpäter näher bezeichnet werden ſollen, und konnte, indem ſie Eponine beſuchte, als Brücke zwiſchen der Salpetrière und den Madelonnettes dienen. Nun geſchah es aber jetzt, daß in Ermangelung der Be i 43 Beweiſe gegen Thénardier in Beziehung auf ſeine Töchter Eponine und Azelma freigelaſſen wurden. Als Eponine das Gefängniß verließ, übergab Magnon, die ihr an dem Thore der Madelonnettes aufgelauert hatte, das Billet Brujon's und Babet's und beauftragte ſie, das Geſchäft zu erforſchen. Eponine ging nach der Rue Plumet, erkannte das Gitter und den Garten, beobachtete das Haus, forſchte, ſpionirte und brachte einige Tage darauf an Magnon, die Rue Cloche⸗Perce wohnte, einen Zwieback, den Magnon in der Salpetriere an die Geliebte Babet's gab. Ein Zwieback bedeutet in der geheimnißvollen Gefängnißſprache: nichts zu machen. Als eine Woche ſpäter Babet und Brujon ſich auf dem Gange von La Force begegneten, indem der Eine zum Verhör geführt wurde und der Andere davon zurückkehrte, fragte Brujon: „Nun? Rue Plumet?“ „Zwieback,“ antwortete Babet. So machte dieſer Fötus des Verbrechens, welches Brujon in La Force erzeugt hatte, eine Fehlgeburt. Dieſe Fehlgeburt hatte indeß Folgen, welche dem Programm Brujon's durchaus fremd waren. Man wird ſie ſehen. Oft knüpft man einen Faden an, indem man einen anderen zu befeſtigen meint. 44 III. Der Vater Mabeuf hat eine Erſcheinung. Marius ging zu Niemand mehr; nur begegnete er zuweilen dem Vater Mabeuf. Während Marius langſam die finſteren Stufen hinab⸗ ſank, welche zu dem lichtloſen Ort führen, wo man die Glücklichen über ſeinem Haupte gehen hört, ſtieg der Vater Mabeuf ſeinerſeits ebenfalls hinab. Die Flora von Cauteretz wurde durchaus nicht mehr gekauft. Die Verſuche mit dem Indigo waren in dem kleinen Garten von Auſterlitz, der eine ſchlechte Lage hatte, mißlungen. Herr Mabeuf konnte hier nur wenige Pflanzen bauen, welche die Feuchtigkeit und den Schatten lieben. Er war indeß nicht entmuthigt. Er hatte im botaniſchen Garten in guter Lage ein Stückchen Erde bekommen, um hier auf ſeine eigenen Koſten ſeine Verſuche mit dem Indigo anzu⸗ ſtellen. Dazu hatte er die Platten ſeiner Flora auf das Leihamt gebracht. Sein Frühſtück ſetzte er auf zwei Eier herab, von denen er eins ſeiner alten Magd überließ, deren Lohn er ſeit 15 Monaten nicht mehr bezahlte. Oft war ſein Frühſtück ſeine einzige Mahlzeit. Er hatte nicht mehr ſein kindliches Lachen, war mürriſch geworden und empfing keinen Beſuch mehr. Marius that wohl, nicht mehr daran zu denken, zu ihm zu kommen. Zuweilen, wenn Herr Mabeuf nach dem botaniſchen Garten ging, be⸗ gegneten der Greis und der junge Mann einander auf dem Boulevard de l'Hopital. Sie ſprachen nicht mit einander nund nickten ſich nur trübe mit dem Kopf zu. Es iſt traurig. daß Fre kan ſei no ſah we r 45 daß der Augenblick kam, in welchem das Elend zwei Freunde zu zwei Vorübergehenden machte. Der Buchhändler Royol war geſtorben. Herr Mabeuf kannte nichts mehr, als ſeine Bücher, ſeinen Garten und ſeinen Indigo; das waren die drei Geſtalten, welche für ihn das Glück, das Vergnügen und die Hoffnung wegge⸗ nommen hatten. Sie genügtem ihm, um zu leben. Er ſagte ſich:„wenn ich meine blauen Kugeln gemacht haben werde, bin ich reich; ich löſe dann meine Kupferplatten ein, bringe meine Flora wieder in Gang und kaufe, ich weiß wohl wo, ein Exemplar der Kunſt des Seefahrers, von Peter von Medina, mit Holzſchnitten, Ausgabe von 1559. Einſtweilen in Erwartung deſſen arbeitete er den ganzen Tag an ſeinem Indigobeete, und Abends kehrte er nach Hauſe zurück, um ſeinen Garten zu begießen und ſeine Bücher zu leſen. Herr Mabeuf war um dieſe Zeit dem achtzigſten Jahre ſehr nahe. Eines Abends hatte er eine ſonderbare Erſcheinung: Er kam nach Hauſe, als es noch heller Tag war. Die Mutter Plutarch, deren Geſundheit litt, war krank und lag zu Bett. Er hielt eine Mahlzeit bei einem Knochen, an dem noch ein wenig Fleiſch ſaß, und einem Stück Brod, das er in der Küche fand, und ſetzte ſich dann auf einen umge⸗ worfenen Eckſtein, der ihm in ſeinem Garten als Bank diente. Neben dieſer Bank erhob ſich, wie dies in den alten Obſtgärten Mode war, eine Art verfallenes Gebäude, Ka⸗ ninchenſtälle im Erdgeſchoß, Fruchtboden im erſten Stock. Es gab kein Kaninchen mehr in den Ställen, aber auf dem Fruchtboden noch einige Aepfel, Ueberbleibſel von dem Wintervorrathe. Herr Mabeuf blätterte mit Hülfe ſeiner Brille in zwei Büchern, die ſeine Leidenſchaft erregten und, was in 46 ſeinem Alter wichtiger iſt, ihn ſehr beſchäftigten. Seine natür⸗ liche Schüchternheit machte ihn empfänglich für den Aber⸗ glauben. Das erſte dieſer Bücher war die berühmte Ab⸗ handlung des Präſidenten Delancre über die Unbeſtän⸗ digkeit der Dämonen; das andere war der Quartband von Mutor de la Rubaudière Ueber die Teufel von Vauvert und die Kobolde von la Bisvre. Dieſes letztere Werk intereſſirte ihn um ſo mehr, da ſein Garten eines der Gebiete war, welche ehemals von den Kobolden heimgeſucht wurden. Die Dämmernng begann das weiß zu färben, was oben, und ſchwarz, was unten war. Während des Eſſens und über ſein Buch hinweg be⸗ trachtete der Vater Mabeuf ſeine Pflanzen und unter andern einen blühenden Rhododendron, der einer der Gegenſtände war, die ihm Troſt gewährten. Es waren vier Tage der Dürre und des Windes und der Sonne ohne einen Tropfen Regen verfloſſen. Die Stiele ſenkten ſich, die Knospen hingen herab, die Blätter fielen ab und das Alles wollte begoſſen ſein; der Rhododendron ſah ſehr traurig aus. Der Vater Mabeuf gehörte zu denen, für welche die Pflanzen Seelen haben. Der Greis hatte den ganzen Tag an ſeinem Indigobeet gearbeitet,— war erſchöpft, ſtand aber dennoch auf, legte die Bücher auf die Bank und ging ganz gebückt und mit wankenden Schritten bis zu dem Brunnen; als er aber die Kette erfaßte, konnte er ſie nicht einmal ſo weit anziehen, um ſie loszuhaken. Nun wendete er ſich um und richtete einen trüben Blick zum Himmel, der ſich mit Sternen bedeckte. Die Nacht drohte ebenſo trocken zu ſein, wie der Tag es geweſen war.„Ueberall Sterne!“ dachte der Greis⸗ „Nicht das kleinſte Wölkchen! Keine Thräne Waſſer!“ Sein Kopf, der ſich einen Augenblick erhoben hatte, ſank wieder auf die Bruſt. zuf e, 47 Er erhob ihn nochmals und ſah wieder zum Himmel auf, indem er bemerkte: „Eine Thräne Thau! ein wenig Mitleid!“ Er verſuchte nochmals die Kette des Brunnens los⸗ umachen, aber er vermochte es nicht. In dieſem Augenblick hörte er eine Stimme ſagen: „Vater Mabeuf, wollen Sie, daß ich Ihren Garten be⸗ gießen ſoll?“ Zugleich entſtand das Geräuſch eines Thieres, welches ſich durch die Hecke drängt, und er ſah aus dem Gebüſch eine Art großen dürren Mädchens hervortreten, das ſich vor ihm emporrichtete und ihn keck anſah. Die Erſcheinung ſah weniger wie ein menſchliches Weſen aus, als wie eine Geſtalt, die aus der Dämmerung entſprang. Ehe der Vater Mabeuf, der, wie wir erwähnten, ſehr leicht erſchrak, noch eine Silbe geantwortet hatte, hatte dieſes Weſen, deſſen Bewegungen in der Dunkelheit einen eigen⸗ thümlichen Ungeſtüm zeigten, die Kette losgehakt, den Eimer hinabgelaſſen und heraufgezogen und die Gießkanne gefüllt; der Alte ſah nun die Erſcheinung, welche barfuß war und einen zerlumpten Rock trug, zwiſchen den Beeten hin und her laufen und rings umher Leben verbreiten. Das Rauſchen der Gießkanne erfüllte die Seele des Vater Mabeuf mit Entzücken, es ſchien ihm, als müßte der Rhododendron jetzt glücklich ſein. Als der erſte Eimer geleert war, zog das Mädchen einen zweiten und einen dritten herauf. Sie begoß den ganzen Garten. Wenn man ſie ſo in den Gängen umhereilen ſah, wo ihre Geſtalt ganz ſchwarz erſchien, und indem ſie ihre großen mageren Arme hin und her bewegte, umflattert von ihrem zerriſſenen Halstuch, hatte ſie Aehnlichkeit mit einer Fleder⸗ maus. Als ſie fertig war, näherte der Vater Mabeuf ſich 48 ihr mit Thränen in den Augen und legte ihr die Hand auf die Stirn. „Gott wird Sie ſegnen“, ſagte er,„Sie ſind ein Engel, weil Sie für die Blumen ſorgen.“ „Nein“, erwiderte ſie,„ich bin ein Teufel. Aber das iſt mir gleich.“ Der Greis rief, ohne zu warten und ohne ihre Ant⸗ wort zu hören: „Wie ſchade, daß ich ſo und ſo arm bin und nichts für Sie thun kann!“ „Sie können es doch!“ ſagte ſie. „Was denn?“ „Mir ſagen, wo Herr Marius wohnt.“ Der Greis verſtand ſie nicht. „Welcher Herr Marius?“ Er erhob ſeinen verglaſten Blick und ſchien nach etwas Verſchwundenem zu ſuchen. „Ein junger Mann, der zu Zeiten hierher kam.“ Während dem hatte Herr Mabeuf ſein Gedächtniß erforſcht. „Ach ja,“ rief er,„ich weiß, was Sie ſagen wollen. Warten Sie einmal! Herr Marius! Der Baron Marius Pontmerch!— Er wohnt— oder er wohnt eigentlich nicht mehr— ja, ich weiß nicht.“ Während er ſo ſprach, hatte er ſich gebückt, um einen Zweig des Rhododendron zu befeſtigen und fuhr fort: „Jetzt erinnere ich mich. Er kommt öfters über den Boulevard und geht dann nach der Richtung der Glacis, Rue Croule Barbe. Das Lerchenfeld. Er iſt nicht ſchwer zu treffen.“ Als Herr Mabeuf ſich wieder aufrichtete, war Niemand mehr zu ſehen. Das Mädchen war verſchwunden. Er empfand wirklich einige Furcht. „Wahrhaftig!“ dachte er,„wenn mein Garten nicht be wi 49 begoſſen wäre, ſo würde ich glauben, daß das ein Geſpenſt wäre.“ Eine Stunde ſpäter, als er zu Bette lag und wieder an die Erſcheinung dachte, indem er einſchlief, ſagte er, ſchon halb im Schlafe: „In der That, das gleicht ſehr dem, was Rubaudière von den Kobolden erzählt. Sollte es ein Kobold geweſen ſein?“ IV. Marius hatte eine Erſcheinung. Einige Tage nach dieſem Beſuche eines Geiſtes bei dem Vater Mabeuf hattef Marius eines Morgens— es war ein Montag, der Tag, an welchem Marius die von Cour⸗ feyrac für Theénardier geborgten hundert Sous übergab— Marius hatte das Fünffranesſtück in die Taſche geſteckt und einen kleinen Spaziergang gemacht, ehe er das Geld an den Ge⸗ füngnißaufſeher übergab. Er hoffte, daß er bei ſeiner Rückkehr würde arbeiten können. Das ging übrigens ewig ſo. So⸗ bald er aufgeſtanden war, ſetzte er ſich vor ein Buch und und nahm ein Blatt Papier, um irgend eine Ueberſetzung zu machen, allein wenn er kaum einige Zeilen geſchrieben hatte, tanzte ein Stern über ſeinem Papier und er ſtand auf, indem er ſagte:„ich werde Das wird mich in Zug bringen. Er ging dann nach dem Lerchenfelde. Die Elenden. vII. 4 50 Bei der Rückkehr verſuchte er ſich wieder an die Arbeit zu ſetzen, aber es gelang ihm nicht: er konnte nicht einen einzigen der zerriſſenen Fäden ſeines Gehirns anknüpfen, dann ſagte er:„Ich werde morgen nicht ausgehen. Das hindertzmich an der Arbeit—“ und doch ging er alle Tage aus. Er wohnte mehr auf dem Lerchenfeld als bei Cour⸗ feyrac. Seine eigentliche Adreſſe war: Boulevard de la Santé. am ſiebenten Baume, bei der Rue Croule Barbe. An dieſem Morgen hatte er den ſiebenten Baum ver⸗ laſſen und ſich auf die Einfaſſung des Gobelinbaches geſetzt. Ein heiterer Sonnenſtrahl drang durch das friſche und ſtrahlende Laubwerk. Er dachte an Sie, und ſein Denken, das zum Vor⸗ wurf wurde, fiel auf ihn zurück. Er dachte ſchmerzlich an die Trägheit, an die Lähmung der Seele, die ihn ergriff, und die Nacht, welche vor ihm immer dichter wurde, ſo daß er ſelbſt die Sonne ſchon nicht mehr erblickte. Aber ſelbſt durch dieſes melancholiſche Selbſtvergeſſen kamen die äußern Gefühle bis zu ihm und plötzlich hörte er eine bekannte Stimme, welche ſagte: „Sieh! Da iſt er!“ Er erhob die Augen. Er erkannte das unglückliche Kind, welches eines Morgens zu ihm gekommen war, die älteſte Tochter Thénardiers, Eponine. Er wußte jetzt, wie ſie hieß. Sonderbar, ſie war noch ärmer, aber hübſcher geworden, zwei Schritte, die ſie nicht thun zu können ge⸗ ſchienen hatte. Sie hatte einen doppelten Fortſchritt ge⸗ macht, gegen das Licht und gegen das Elend. Sie war barfuß und in Lumpen gekleidet, wie an jenem Tage, an welchem ſie ſo entſchloſſen in ſeine Kammer trat. Nur waren ihre Lumpen zwei Monate älter. Die Löcher waren größer, das Zeug ſchmutziger. Sie hatte dieſelbe heiſere Stimme, dieſelbe gefurchte Stirn, denſelben freien, irren und unſtäten „. 6 d o ne, 51 Blick. Außerdem hatte ſie in ihrer Phyſiognomie etwas Erſchrecktes und Klägliches, was das Gefängniß dem Elend hinzufügt. Sie hatte kleine Halme Stroh und Heu in den Haaren; nicht wie Ophelia, weil ſie durch die Anſteckung von Ham⸗ let's Wahnſinn auch wahnſinnig geworden war, ſondern weil ſie auf irgend einem Stallboden geſchlafen hatte. Und bei alledem war ſie hübſch! Sie blieb mit einiger Freude auf ihrem bleichen Ge⸗ ſicht und mit einem Zuge, der dem Lächeln glich, vor Ma⸗ rius ſtehen. Einige Augenblicke ſchien es, als könnte ſie nicht ſprechen. „Ich treffe Sie alſo!“ ſagte ſie endlich.„Der Vater Mabeuf hatte Recht! Es war auf dieſem Boulevard hier! Wie ich Sie geſucht habe! Wenn Sie wüßten! Wiſſen Sie das? Ich bin im Loche geweſen. Vierzehn Tage! Sie haben mich freigelaſſen, weil nichts gegen mich vorgelegen und weil ich überdies noch nicht das Alter zur Urtheils⸗ fähigkeit erlangt hatte. Es fehlten noch zwei Monate daran. Ach, wie ich Sie geſucht habe! Seit ſechs Wochen. Sie wohnen alſo nicht mehr dort?“ „Nein“, ſagte Marius. „Ach, ich begreife. Wegen der Geſchichte. So etwas iſt unangenehm. Sie ſind ausgezogen. Ei, weshalb tragen Sie denn einen ſo alten Hut? Ein junger Mann wie Sie, der muß ſchöne Kleider haben. Wiſſen Sie wohl, Herr Marius, der Vater Mabeuf nannte Sie Baron Marius, ich weiß nicht mehr wie. Nicht wahr, Sie ſind nicht Baron? Die Barons, das iſt alt, das geht in dem Luxem bourg vor dem Schloſſe, wo die meiſte Sonne iſt. Das lieſt die Quotidienne für einen Sou. Ich bin einmal mit einem Briefe bei einem Baron geweſen, der ſo war. Er 4* 52 war über hundert Jahre alt. Sagen Sie doch, wo wohnen Sie denn jetzt?“ Marius antwortete nicht. „Ach“, fuhr ſie fort,„Sie haben ein Loch in Ihrem Hemd! Ich muß das wieder nähen.““ Sie fuhr mit einem Ausdrucke, der nach und nach finſterer wurde, fort: „Sie ſcheinen nicht glücklich zu ſein, mich zu ſehen.“ Marius ſchwieg. Sie ſelbſt bewahrte einen Augenblick das Schweigen und rief dann: „Wenn Sie aber wüßten, ſo würde ich Sie wohl zwingen, glücklich auszuſehen.“ „Was?“ fragte Marius.„Was wollen Sie ſagen?“ „Ach, Sie ſagten ſonſt Du zu mir!“ entgegnete ſie. „Nun wohl, was willſt Du ſagen?“ Sie biß ſich auf die Lippen. Sie ſchien zu zögern, wie wenn ſie die Beute eines innern Kampfes wäre. End⸗ lich ſchien ſie einen Entſchluß zu faſſen. „Deſto ſchlimmer. Doch gleichviel. Sie ſehen trau⸗ rig aus und ich will, daß Sie zufrieden ſein ſollen. Ver⸗ ſprechen Sie mir nur, daß Sie lachen wollen. Ich will Sie lachen ſehen und ſagen hören: Ah, ſchön, das iſt gut! Armer Herr Marius! Sie wiſſen wohl, Sie haben mir verſprochen, daß Sie mir Alles geben würden, was ich wollte—“ „Ja, aber ſo ſprich doch!“ Sie ſah Marius klar in die Augen und ſagte: „Ich habe die Adreſſe.“ Marius erblaßte. Sein ganzes Blut ſtrömte zu ſeinem Herzen zurück. „Welche Adreſſe?“ „Die Adreſſe, die Sie von mir verlangt haben.“ Und als ob ſie eine Anſtrengung mache, fügte ſie hinzu: w ni — m — 53 „Die Adreſſe— Sie wiſſen doch?“ „Ja!“ ſtammelte Marius. Als dieſe Worte ausgeſprochen waren, ſeufzte ſie tief. Marius ſprang von ſeinem Sitze herab und ergriff wie außer ſich ihre Hand. „Ha! Nun? Führe mich! Sage mir! verlange von mir Alles, was Du willſt! Wo iſt es?“ „Kommen Sie mit mir“, erwiderte ſie.„Ich weiß nicht recht den Namen der Straße und die Nummer; ſie iſt ganz an der entgegengeſetzten Seite von hier. Aber ich kenne das Haus. Ich will Sie führen.“. Sie zog ihre Hand zurück und ſagte mit einem Tone, der einen aufmerkſamen Beobachter ergriffen haben würde, der aber Marius, welcher trunken und außer ſich war, nicht einmal berührte!“ „Ach, wie glücklich Sie ſind!“ Eine Wolke glitt über Marius Stirn. Er ergriff Eponine bei dem Arm. „Schwöre mir eines.“ „Schwören?“ ſagte ſie.„Was ſoll das heißen? Ach ja! Sie wollen, daß ich ſchwören ſoll!“ und ſie lachte. „Dein Vater! Verſprich mir, Eponine! Schwöre mir, daß Du dieſe Adreſſe Deinem Vater nicht ſagen willſt!“ Sie wendete ſich mit verdutztem Weſen zu ihm: „Eponine! Woher wiſſen Sie, daß ich Eponine heiße?“ „Verſprich mir, was ich Dir ſage.“ Doch ſie ſchien ihn nicht zu verſtehen. „Das iſt hübſch! Sie haben mich Eponine genannt!“ Marius faßte die beiden Arme zugleich. „Aber ſo antworte mir doch um des Himmelswillen! Achte auf das, was ich Dir ſage! Schwöre mir, daß Du die Adreſſe, die Du kennſt, Deinem Vater nicht ſagen willſt!“ „Meinem Vater?“ ſagte ſie.„Ach ja! Mein Vater! 54 Seien Sie ruhig; er iſt in geheimer Haft. Uebrigens bekümmere ich mich nicht um meinen Vater!“ „Aber Du verſprichſt es mir nicht!“ rief Marius. „So laſſen Sie mich doch los!“ ſagte ſie, indem ſie in lautes Lachen ausbrach.„Wie Sie mich ſchütteln! Doch! doch! Ich verſpreche Ihnen das! ſchwöre Ihnen das! Was kümmert mich das? Ich werde die Adreſſe meinem Vater nicht ſagen. Nun, iſt es ſo recht? Paßt Ihnen das?“ „Auch ſonſt Niemand?“ ſagte Marius. „Auch ſonſt Niemand.“ „Jetzt“, fuhr Marius fort,„führe mich.“ „Sogleich?“ „Sogleich!“ 6 „Kommen Sie.— Ach, wie glücklich er iſt!“ ſagte ſie Nach einigen Schritten blieb ſie ſtehen. „Sie folgen mir zu nahe, Herr Marius. Laſſen Sie mich vorausgehen und folgen Sie' mir, ohne daß es Aufſehen macht. Man darf einen jungen Mann, wie Sie ſind, nicht mit einem jungen Mädchen, wie mich, ſehen.“ Keine Sprache vermag auszudrücken, was in dem ſo von einem Kinde ausgeſprochenen Worte:„Mädchen“ lag. Sie that etwa zehn Schritt und blieb dann wieder ſtehen; Marius trat zu ihr. Sie richtete das Wort von der Seite an ihn, ohne ſich nach ihm umzudrehen. „Apropos, wiſſen Sie wohl, daß Sie mir etwas ver⸗ ſprochen haben?“ Marius griff in ſeine Taſche. Er beſaß auf der Welt nichts, als die fünf Francs, die dem Vater Thénardier beſtimmt waren. Er nahm ſie und legte ſie in die Hand Eponinens. Sie öffnete die Finger, ließ das Geldſtück zu Boden fallen und ſah ihn mit finſterm Geſicht an. „Ich mag Ihr Geld nicht!“ „ Eine Idylle. Drittes Buch. Dus Baus in der Rur Plumet. F Das geheimnißvolle Haus. ſ Gegen die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatte ein Parlamentspräſident in Paris eine Maitreſſe, denn um jene Zeit zeigten die großen Herren ihre Maitreſſen und die Bürger verbargen ſie. Er hatte für ſie ein kleines Haus in der Vorſtadt Saint⸗Germain in der öden Rue Blomet erbauen laſſen, die man jetzt Rue Plumet nennt, nicht weit von dem Ort, der damals der Zwinger hieß. Dieſes Haus beſtand aus einem Pavillon von einem einzigen Stockwerk; zwei Säle im Erdgeſchoß, zwei Zimmer im erſten Stocke, unten eine Küche, oben ein Boudoir, unter dem Dache ein Boden: vor dem Hauſe lag ein Garten mit einem großen Gitter an der Straße; dieſer Garten war ungefähr einen Morgen groß. Das war Alles, was die Vorübergehenden ſehen konnten. Aber hinter dem Salon lag ein enger Hof und im Hintergrunde des Hofes eine niedrige Wohnung von zwei Gemächern über einem Keller, eine Art von Verſteck, um im Fall der Noth ein Kind mit einer Amme verbergen zu können. Dieſe Wohnung — 58 hing rückwärts mit einer geheimen Thür zuſammen, die zu einem langen, ſchmalen, gepflaſterten und gewundenem Gange führte, unter offenem Himmel und eingeſchloſſen durch zwei hohe Mauern, die mit wunderbarer Kunſt verborgen waren und ſich zwiſchen den Umhegungen des Gartens und den Gebüſchen verloren, deren Ecken und Umwegen ſie folgten. Sie führten zu einer zweiten geheimen Thür, etwa eine Viertelſtunde davon entfernt, beinahe in einem anderen Stadtviertel an dem einſamſten Ende der Rue Babylone. Der Herr Präſident ſchlüpfte hier hinein, ſo daß ſelbſt die, welche ihm gefolgt wären, und bemerkt hätten, daß der Herr Präſident ſich täglich geheimnißvoll irgendwohin begab, nicht geahnet haben würden, daß nach der Rue de Babylone gehen nach der Rue Blomet gehen hieß. Dank verſchiedenen geſchickten Ankäufen hatte der ſinnreiche Beamte die Arbeit dieſes geheimen Ganges auf ſeinen eigenen Grund und Boden und folglich ohne Aufſicht ausführen laſſen können. Später hatte er in kleinen Theilen die Grundſtücke, welche an den Gang grenzten, zu Gärten wieder verkauft, und die Beſitzer dieſer einzelnen Theile glaubten, auf beiden Seiten eine Scheidewand vor Augen zu haben, ohne die Exiſtenz dieſes langen gepflaſterten Weges zu ahnen, der ſich zwiſchen zwei Mauern an ihren Gärten hinzog; nur die Vögel allein ſahen dieſe Merkwürdigkeit. Der Pavillon, welcher in dem Geſchmack Manſard's erbaut und in dem Geſchmack Watteau's möblirt war, hatte etwas Geheimnißvolles, Keckes und Feierliches, wie es einer Laune der Liebe und eines höheren Beamten geziemt. Dieſes Haus und dieſer Garten, welche jetzt ver⸗ ſchwunden ſind, exiſtirten vor etwa fünfzehn Jahren noch. 1793 hatte ein Kupferſchmied dieſes Haus gekauft, um es niederreißen zu laſſen, da er aber den Preis dafür nicht bezahlen konnte, erklärte die Nation ihn für bankerott. So war es alſo das Haus, welches den Kupferſchmied 59 niederriß. Seitdem blieb das Haus unbewohnt und verfiel allmählig, wie jede Wohnung, der die Anweſenheit des Menſchen nicht Leben verleiht. Es war mit ſeinen alten Möbeln noch jetzt verſehen und ſtets zu verkaufen oder zu vermiethen, und die zehn oder zwölf Menſchen, welche jedes Jahr durch die Rue Plumet gingen, erfuhren dies durch eine gelbe und unleſerliche Schrift, die ſeit 1810 an dem Gitter des Gartens hing. Gegen Ende der Reſtauration konnten eben dieſe Vor⸗ übergehenden bemerken, doß die Schrift verſchwunden war und daß die Fenſterladen des erſten Stockwerkes offen ſtanden. Das Haus war in der That bewohnt. Die Fenſter hatten kleine Vorhänge, ein Zeichen, daß hier ein weibliches Weſen lebte. Im Monat Oktober 1829 hatte ein Mann von einem gewiſſen Alter das Haus ſo, wie es war, gemiethet. Er hatte die geheimen Eingänge zu dem Gange wieder in Stand ſetzen laſſen. Der neue Miether behielt zwar die alten Möbel bei, ließ aber einige Veränderungen anbringen, und fügte das hinzu, was fehlte. Dann zog er mit einem jungen Mädchen und einer alten Magd geräuſchlos ein, eher wie Jemand, der ſich in ſeine Wohnung ſchleicht, als einer, der ſeinen Einzug hält. Die Nachbarn machten darüber keine Gloſſen, aus dem Grunde, weil es keine Nachbarn gab. Dieſer unſcheinbare Miether war Jean Valjean und das junge Mädchen Coſette. Die Magd war eine alte Jungfer, Namens Touſſaint, welche Valjean aus dem Hoſpital erlöſt und vor dem Elend bewahrt hatte, die alt, aus der Provinz und ſtotternd war, drei Eigenſchaften, welche Jean Valjean beſtimmten, ſie zu ſich zu nehmen. Er hatte das Haus unter dem Namen Herr Fauchelevent, Rentier, gemiethet. Nach alledem, was weiter oben erzählt worden iſt, hat der Leſer ohne Zweifel Jean Valjean noch eher erkannt, als Thénardier. Weshalb hatte Jean Valjean das Kloſter in Klein⸗ Picpus verlaſſen? Was war vorgegangen? Es war nichts vorgegangen. Man wird ſich erinnern, daß Jean Valjean in dieſem Kloſter ſo glücklich war, daß ſein Gewiſſen ſich zuletzt darüber beunruhigte. Er ſah Coſette täglich, fühlte ſeine väterlichen Geſinnungen ſich mehr und mehr entwickeln, ſchloß das Kind in ſeine Seele, ſagte, daß es ihm gehöre, daß nichts es ihm rauben könnte, daß ſie ganz gewiß Nonne werden würde, daß ſie täglich dazu leiſe angeregt würde, daß ſo das Kloſter für ſie und für ihn die Welt wäre, daß er darin alt und ſie größer werde, daß ſie hier älter werde und er ſterben würde; kurz— entzückende Hoffnung— teine Trennung war möglich. Indem er ſo dachte, gerieth er in Unſchlüſſigkeit. Er befragte ſich ſelbſt, er fragte ſich, ob all dies Glück wirklich ihm gehöre; ob es nicht aus dem Glück eines Anderen beſtände, aus dem Glücke dieſes Kindes, das er raube, er, der Greis. Ob dies nicht ein wirklicher Raub ſei? Er ſagte ſich, das Kind hätte das Recht, das Leben kennen zu lernen, ehe es darauf ver⸗ zichtete. Ihr im Voraus und ohne ſie zu Rathe zu ziehen, alle Freuden unter dem Vorwande zu rauben, ſie vor allen Prüfungen zu bewahren, ihre Unwiſſenheit und ihr Allein⸗ ſtehen zu benutzen, um einen erkünſtelten Beruf in ihr zu erwecken, hieße ein menſchliches Geſchöpf entarten und Gott belügen. Und wer weiß, ob nicht Coſette, indem ſie ſich einſt von alledem Rechenſchaft ablegte und es bereute, Nonne geworden zu ſein, ihn haßte. Das war der letzte, beinahe egoiſtiſche und minder heldenmüthige Gedanke, wie die anderen, aber er wurde ihm unerträglich. Er beſchloß, das Kloſter zu verlaſſen. Er beſchloß es; er erkannte voll Verzweiflung, daß es ſo ſein mußte. Einwürfe gab es nicht. Fünf Jahre des 61 Aufenthalts innerhalb dieſer Mauern hatten nothwendiger Weiſe alle Urſache der Furcht gehoben oder verbannt. Er konnte ruhig unter die Menſchen zurückkehren. Er war älter geworden und ſehr verändert; wer ſollte ihn jetzt noch er⸗ kennen? Und dann auch ſelbſt das Schlimmſte angenommen, gab es nur Gefahr für ihn ſelbſt und er hatte nicht das Recht, Coſette zum Kloſter zu verurtheilen, weil er ſelbſt zum Bagno verurtheilt war. Was iſt die Gefahr der Fflicht gegenüber? Endlich hinderte ihn auch nichts, klug zu ſein und ſeine Vorſichtsmaßregeln zu treffen. Die Erziehung Coſettens war ſo ziemlich beendet und vollendet. Als ſein Entſchluß gefaßt war, wartete er auf die Ge⸗ legenheit zur Ausführung. Dieſe zeigte ſich bald. Der alte Fauchelevent ſtarb. Jean Valjean bat die ehrwürdige Priorin um eine Audienz und ſagte ihr, da er durch den Tod ſeines Bruders eine kleine Erbſchaft gemacht hätte, die ihm erlaubte, künf⸗ tig zu leben, ohne zu arbeiten, verließe er das Kloſter und nehme ſeine Tochter mit ſich; da es aber nicht in der Ord⸗ nung ſei, daß Coſette, wenn ſie ihr Gelübde nicht ablegte, unentgeldlich erzogen worden wäre, bäte er die ehrwürdige Priorin demüthig, es zu billigen, daß er der Gemeinde als Schadloshaltung für die fünf Jahre, welche Coſette im Kloſter zugebracht hatte, eine Summe von fünſtauſend Franes zahlte. So verließ Jean Valjean das Kloſter. Indem er dies that, nahm er den kleinen Kaſten, deſſen Schlüſſel er beſtändig bei ſich trug, in ſeine Arme und wollte ihn keinem Kommiſſionär anvertrauen. Dieſer Kaſten reizte durch den eigenthümlichen Geruch, den er aushauchte, die Neugier Coſettens. Erwähnen wir es ſogleich, daß der Kaſten ihn von jetzt an nicht mehr verließ. Er hatte ihn beſtändig in ſeinem 62 Zimmer. Es war die erſte und zuweilen die einzige Sache, die er bei ſeinen Umzügen mit ſich nahm. Coſette lachte darüber, nannte den Kaſten den unzertrennlichen und ſagte:„Ich bin eiferſüchtig auf ihn.“ Jean Valjean erſchien übrigens nur mit großer Be⸗ ſorgniß wieder in der freien Luft. Er entdeckte das Haus der Rue Plumet und verbarg ſich darin. Er war jetzt im Beſitz des Namens Ultimus Fauchelevent. Zugleich miethete er in Paris zwei andere Wohnungen, um die Aufmerkſamkeit weniger auf ſich zu ziehen, als wenn er ſtets in demſelben Stadtviertel geblieben wäre und da er im Fall der Noth bei den geringſten Veranlaſſungen zur Beſorgniß auf einige Zeit abweſend ſein wollte. Endlich aber, um nicht in Verlegenheit zu gerathen, wie in der Nacht, wo er Javert auf ſo wunderbare Weiſe entronnen war. Dieſe beiden Wohnungen von ärmlichem Ausſehen lagen in zwei von einander ſehr entfernten Stadttheilen, die eine Rue de lOueſt, die andere Rue de['Homme armé. Er ging von Zeit zu Zeit bald nach der einen, bald nach der andern, um hier einen Monat oder ſechs Wochen zuzubringen. Er nahm Coſette mit ſich, die Touſſaint aber nicht. Er ließ ſich hier durch die Thürhüterinnen bedienen und gab ſich für einen Rentier der Vorſtadt aus, der ein Abſteigequartier in der Stadt haben wollte.. Dieſer Mann von ſeltener Tugend hatte in Paris die Wohnungen, um der Polizei zu entgehen. 63 II. Jean Valjean als Nationalgardiſt. Uebrigens wohnte er eigentlich in der Rue Plumet und hatte ſeine Exiſtenz auf folgende Weiſe geordnet: Coſette bewohnte mit der Magd den Pavillon; ſie hatte für ſich das große Schlafzimmer mit Spiegeln, das Bou⸗ doir mit Vergoldung, den Salon des Präſidenten mit Ta⸗ piſſerien und großen Armſeſſeln; ſie hatte auch den Garten. Jean Valjean hatte in das Zimmer Coſettens ein Himmel bett mit dreifarbigem alten Damaſt und einen ſchönen per⸗ ſiſchen Teppich bringen laſſen, und um die Strenge dieſer prachtzollen Alterthümer zu mildern, fügte er alle gefäl⸗ ligen und anmuthigen Möbel der jungen Mädchen hinzu. Eine Etagdère, einen Bücherſchrank mit vergoldeten Büchern, einen Arbeitstiſch mit Perlmutter ausgelegt, ein Nähkäſtchen von Vermeil, eine Toilette von japaniſchem Porcellan, lange Damaſtvorhänge mit rothem Grunde und dreifarbigem Muſter, den Vorhängen des Bettes ähnlich, ſchmückten die Fenſter des erſten Stockwerkes. Während des Winters war das ganze kleine Haus Coſettens von oben bis unten geheizt. Er ſelbſt bewohnte eine Art von Portierloch im Hintergrunde des Hofes, welches nichts hatte, als eine Matratze auf einem Feldbette, einen weißen hölzernen Tiſch, zwei Strohſtühle, einen Waſſertopf, ſeinen theuren Koffer in einer Ecke; und niemals Feuer. Er aß mit Coſetten und es lag für ihn grobes Brot auf dem Tiſche. Er hatte zu der Touſſaint geſagt:„Das Fräulein iſt die Herrin des Hauſes.“—„Und Sie, He— He— Herr?“ entgegnete die 45 b. 64 Touſſaint verwundert.—„ich bin etwas viel Beſſeres als der Herr; ich bin der Vater.“ Coſette war im Kloſter an Wirthſchaftlichkeit gewöhnt worden und beſorgte die Ausgaben, die ſehr beſcheiden waren. Täglich nahm Jean Valjean den Arm Coſettens und führte ſie ſpazieren. Er ging mit ihr in den Lurem⸗ bourg und in die am wenigſten beſuchten Alleen und jeden Sonntag in die Meſſe, immer in St. Jacques du Haut⸗ Pas, weil dieſe Kirche weit entfernt war. Da dies ein ſehr armes Stadtviertel iſt, vertheilte er viel Almoſen und die Unglücklichen umringten ihn in der Kirche, was ihm den Namen zuzog, den Thénardier auf die Adreſſe geſetzt hatte: Der wohlthätige Herr der Kirche Saint⸗Jacques du Haut⸗Pas. Er nahm Coſette gern bei ſeinen Beſuchen der Armen und Kranken mit ſich. Kein Fremder betrat das Haus der Rue Plumet, die Touſſaint beſorgte die Einkäufe und Jean Valjean ſelbſt holte das Waſſer aus einem Brunnen, der nahe auf dem Boulevard lag. Man bewahrte das Holz und den Wein in einer Art von halb unter der Erde ge⸗ legenen Vertiefung, die mit Felsſtücken ausgelegt war, neben der Thür der Rue Babhlone lag und ehedem dem Herrn Präſidenten als Grotte gedient hatte; denn zu der Zeit der Frivolität und der„kleinen Häuſer“ gab es keine Liebe ohne Grotte. 2 In der Thür der Rue Babylone war eines jener Käſtchen angebracht, in welche man Briefe und Zeitungen zu werfen pflegt. Da aber die drei Bewohner der Rue Plumet weder Zeitungen noch Briefe empfingen, diente das Käſtchen jetzt nur zur Aufnahme von Bekanntmachungen der Steuererheber und der Beſtellungen der Wache. Denn Herr Fauchelevent, Rentier, gehörte zur Nationalgarde; er hatte den engen Maſchen der Verordnung von 1831 nicht zu entſchlüpfen vermocht. Die Erkundigungen der Behörde, — 65 welche um dieſe Zeit eingezogen wurden, gingen zurück bis zu dem Kloſter in Klein Picpus, eine Art undurchdringlicher und heiliger Wolke, aus der Jean Valjean ehrwürdig in den Augen ſeiner Mairie hervorgetreten war, und folglich würdig, die Wache zu beziehen. Drei oder viermal jährlich zog Jean Valjean ſeine Uniform an und hielt ſeine Wache; übrigens ſehr gern; das war für ihn eine Verkleidung, die ihn unter alle Welt miſchte, indem ſie ihn zugleich einſam ließ. Jean Valjean hatte ſein ſechszigtes Jahr erreicht, das Alter der geſetz⸗ mäßigen Befreiung, alkein er ſah nicht über fünfzig Jahr aus und hatte übrigens keine Luſt, ſich ſeinem Feldwebel zu entziehen und den Grafen von Lobau zu chicaniren. Er hatte keine bürgerliche Beſchäftigung; er verbarg ſeinen Namen, verbarg ſeine Identität, verbarg ſein Alter, verbarg Alles und war ein freiwilliger Nationalgardiſt. Dem erſten Beſten zu gleichen, der ſeine Abgaben bezahlt, war ſein ganzer Ehrgeiz. Wir dürfen einen Umſtand nicht vergeſſen: wenn Jean Valjean mit Coſette ausging, kleidete er ſich ſo, wie man ihn ſah, und hatte ſo ziemlich das Anſehen eines ehemaligen Offiziers. Ging er allein aus, und das geſchah gewöhnlich nur Abends, ſo war er ſtets in die Joacke und die Bein⸗ kleider eines Arbeiters gekleidet und hatte auf dem Kopfe eine Mütze, die ſein Geſicht verbarg. War das Vorſicht oder Demuth? Beides zugleich. Coſette war an die räth ſelhafte Seite ihres Geſchickes gewöhnt und bemerkte kaum die Sonderbarkeiten ihres Vaters. Die Touſſaint verehrte Jean Valjean und fand Alles gut, was er that. Ihr Fleiſcher, welcher Jean Valjean geſehen hatte, ſagte eines Tages zu ihr:„Das iſt ein närriſcher Kerl!“ Sie antwortete:„Es iſt ein Heiliger.“ Jean Valjean, Coſette und die Touſſaint gingen ſtets nur durch die Thür der Rue Babylone und kehrten durch die⸗ Die Elenden. vII. 5 66 ſelbe zurück. Wenn man ſie nicht durch das Gitter des Gartens ſah, war es ſchwer, zu vermuthen, daß ſie Rue Plumet wohnten. Dieſes Gitter blieb ſtets geſchloſſen. Jean Valjean hatte den Garten unbebaut gelaſſen, damit er keine Aufmerkſamkeit erregen ſollte. Darin täuſchte er ſich vielleicht. III. Foliis ac frondibus. Dieſer ſo ſeit länger als ein halbes Jahrhundert ſich ſelbſt überlaſſene Garten war außergewöhnlich ſchön und reizend geworden. Die, welche vor vierzig Jahren hier vorübergingen, blieben ſtehen, um ihn zu betrachten, ohne die Geheimniſſe zu bezweifeln, die er hinter ſeinen Gebüſchen verbarg. Mehr als ein Denker jener Zeit hat öfters ſeine Augen und ſeine Gedanken unbeſcheiden durch die Stäbe des alten, gewundenen wacklichen Gitters dringen laſſen, das in zwei mit Moos überzogenen Pfeilern befeſtigt war und einen Thürgiebel hatte, auf dem nicht zu leſende Ara⸗ besken ſtanden. In einer Ecke war eine Steinbank, ein oder zwei bemooſte Statuen, ein durch die Zeit losgeriſſenes Spalier, welches in der Mauer verfaulte; nirgends mehr Gänge oder Raſen; überall Hecken; der Garten war verſchwun⸗ den und die Natur zurückgekehrt, das Unkraut wucherte; nichts in dem Garten hemmte die geheiligten Beſtrebungen ——„— di e—„ S 2 — — ———— ch nd ne eu ne be wei er, ge un⸗ rte 67 der Dinge zu dem Leben. Die Bäume hatten ſich gegen ihre Wurzeln geſenkt, Wurzeln zu den Bäumen erhoben; die Pflanzen waren in die Höhe geſtiegen, die Aeſte hatten ſich geneigt. Dieſer Garten war kein Garten mehr, ſon⸗ dern Geſtrüpp, das heißt Buſchwerk, das unzertrennlich von einem Walde iſt, bevölkert wie eine Stadt, belebt wie ein Neſt, finſter wie eine Kathedrale, wohlriechend wie ein Bouquet, einſam wie ein Grab, lebendig wie eine Menſchen⸗ menge. In der Mittagsgluth flüchteten ſich Tauſende weißer Schmetterlinge hierher und es war ein erhabenes Schau⸗ ſpiel, ſie ſchwärmend unter dem lebendigen Schein des Sommers umherfliegen zu ſehen. In der dunklen Luſt des Laubwerks flüſterten hier eine Menge unſchuldiger Stimmen leiſe zu der Seele. Abends ſtieg ein Duft der Träumerei aus dem Garten auf und hüllte ihn ein; der berauſchende Geruch des Geisblattes und anderer Blumen quoll überall hervor wie ein freies Gift; man hörte die letzten Rufe des Spechtes und der Bachſtelzen unter dem Laubwerk erſterben; man forderte hier die heilige Vertraulichkeit, die zwiſchen dem Baume und dem Vogel beſteht; am Tage erheiterten die Flügel die Blätter, in der Nacht beſchützten die Blätter die Flügel. IV. Verſchiebung des Gitters. Es ſchien, als ob dieſer Garten, der ehemals ange⸗ legt wurde, um leichtfertige Geheimniſſe zu verbergen, ſich 5* 68 verwandelt hätte, um keuſche Myſterien zu belchützen. Es gab hier nicht mehr Leben, Raſenplätze, Zelte, Grotten, überall herrſchte die Dunkelheit wie ein Schleier. Paphos war zum Eden geworden. Dieſer kokette Garten, ehemals ſo leichtfertig, war zur Jungfräulichkeit und zur Scham⸗ haftigkeit zurückgekehrt. Ein Präſident hatte ihn unter dem Beiſtande eines Gärtners entworfen, geſchnitten, geputzt für die Gärtnerei; die Natur hatte ſich ſeiner wieder bemäch⸗ tigt und ihn für die Liebe geordnet. Es gab auch in dieſer Einſamkeit ein offenes Herz, welches bereit war, die Liebe zu empfangen; ſie brauchte ſich nur zu zeigen. Coſette hatte das Kloſter, beinahe noch ein Kind, ver⸗ laſſen; ſie war nur etwas über vierzehn Jahr alt und„in dem undankbaren Alter.“ Wir erwähnten, daß ſie mit Aus⸗ nahme der Augen beinahe mehr häßlich als hübſch war; gleichwohl hatte ſie keinen einzigen unangenehmen Zug, aber ſie war linkiſch, ſchüchtern und keck zugleich, kurz ein großes kleines Mädchen. Ihre Erziehung war beendet, das heißt man hatte ſie in der Religion und ſelbſt in der Frömmigkeit unterrichtet; dann in der Geſchichte, das heißt das, was man im Kloſter ſo nennt, in der Geographie, der Grammatik, den Königen von Frankreich, ein wenig Muſik u. ſ. w. Aber außerdem wußte ſie nichts, was zugleich ein Reiz und eine Gefahr iſt. Die Seele eines jungen Mädchens darf nicht in der Dunkelheit gelaſſen werden; ſpäter entſtehen ſonſt in ihr zu plötzliche und zu grelle Bilder, wie in einer Camera obscura. Sie muß leiſe und vorſichtig erleuchtet werden, mehr durch den Widerſchein der Wirklichkeit, als durch das unmittel⸗ bare und ſcharfe Licht. Nur der mütterliche Inſtinkt, die wunderbare Erkenntniß, welche aus den Erinnerungen der Jungfrau und der Erhabenheit der Frau beſteht, weiß, wie und wodurch dieſes Licht zu verbreiten iſt. Nichts erſetzt ſ 6 * 19, in et; ter en hr der Ta⸗ ch tel⸗ die der wie ſett 69 davon den Inſtinkt. Um die Seele eines jungen Mädchens zu bilden, ſind alle Nonnen der Welt nicht ſo viel werth, wie eine Mutter. Coſette hatte keine Mutter gehabt, ſie hatte nur viele Mütter, im Plural. In Jean Valjean lag zwar zugleich alle Zärtlichkeit und alle Sorgfalt, aber er war doch nur ein alter Mann, der durchaus nichts wußte. Wie viel Wiſſenſchaft iſt aber bei dieſem wichtigen Werke der Erziehung, bei dieſer ernſten Vorbereitung eines Weibes für das Leben erforderlich, um gegen die gewaltige Unwiſſenheit zu kämpfen, die man Unſchuld nennt! Nichts bereitet ein junges Mädchen ſo auf die Leiden⸗ ſchaften vor, wie das Kloſter. Das Kloſter wendet die Gedanken dem Unbekannten zu, das Herz, welches auf ſich ſelbſt angewieſen iſt und ſich nicht erweitern kann, vertieft ſich in ſich ſelbſt.— Daher Viſionen, Ahnungen, Ver⸗ muthungen, entworfene Romane, gewünſchte Abenteuer, phantaſtiſche Zuſammenſtellungen, ganze Gebäude in der innern Dunkelheit des Geiſtes aufgeführt; finſtere und ge⸗ heimnißvolle Wohnungen, in welchen die Leidenſchaften ſo⸗ gleich Platz finden, ſobald das Gitter geöffnet iſt und ihnen den Eintritt geſtattet. Im Kloſter war ein Druck, der, um über das menſchliche Herz zu triumphiren, das ganze Leben hindurch dauern muß. Indem Coſette das Kloſter verließ, konnte ſie nichts Süßeres, nichts Lieblicheres und nichts Gefährlicheres finden, als das Haus Rue Plumet. Es war die Fortſetzung der Einſamkeit mit dem Anfang der Freiheit; ein geſchloſſener Garten, aber eine reiche, duftige, üppige Natur; derſelbe Traum wie in dem Kloſter, allein mit dem Anblick junger Männer; ein Gitter nach der Straße hinaus. Dennoch, wir wiederholen es, war ſie nur noch ein Kind, als ſie hierherkam; Jean Valjean überließ ihr den 70 ungepflegten Garten.—„Mache darin Alles, was Du willſt“, ſagte er zu ihr.— Das unterhielt Coſette. Sie durchſuchte in demſelben alle Gebüſche und alle Steine; ſie ſuchte nach„Thieren“; ſie ſpielte hier in Erwartung der Träumereien; ſie liebte den Garten wegen der Inſekten, die ſie in demſelben fand; und erwartete ihn wegen der Sterne zu lieben, die ſie über ihrem Haupte durch die Zweige blitzen ſehen würde. Und dann liebte ſie auch ihren Vater, das heißt Jean Valjean, von ganzer Seele mit einer unſchuldigen kindlichen Leidenſchaftlichkeit, die den Alten für ſie zu einem wünſchens⸗ werthen und freundlichen Gefährten machte. Man erinnert ſich, daß Herr Madeleine viel las. Jean Valjean ſetzte dieſe Gewohnheit fort. Er war dadurch dahin gelangt, gut ſprechen zu können, er beſaß den geheimen und beredten Reichthum des demüthigen Geiſtes, der ſich ſelbſt gebildet hatte. Es war ihm gerade ſo viel Rauhheit übrig geblieben, um ſeine Güte zu würzen; es war ein herber Geiſt und ein mildes Herz. Im Luxembourg bei ihrem Alleinſein gab er lange Erklärungen von Allem, wobei er aus dem ſchöpfte, was er geleſen, und auch aus dem, was er gelitten hatte. Während Coſette ihm zuhörte, irrten ihre Augen umher. Dieſer einfache Menſch genügte den Gedanken Coſettens wie der wilde Garten ihren Augen. Wenn ſie die Schmet⸗ terlinge verfolgt hatte, blieb ſie athemlos neben ihm ſtehen und rief:„wie ich gelaufen bin!“— Er küßte ſie auf die Stirn. Coſette verehrte den alten Mann; ſie folgte ihm beſtän⸗ dig auf den Ferſen. Wo Jean Valjean war, fand ſie das Wohlbehagen. Da Jean Valjean weder den Pavillon be⸗ trat, noch in den Garten kam, gefiel es ihr beſſer auf dem kleinen gepflaſterten Hinterhofe, als in dem blüthen⸗ reichen Garten, und in der kleinen mit Strohſtühlen möblir⸗ ten Portierloge wie in dem großen geſchmückten Salon mit prachtvollen Armſeſſeln. Jean Valjean ſagte öfters zu ihr, indem er über das Glück lachte, beläſtigt zu werden: „Aber ſo geh doch nach Deinem Zimmer. Laß mich ein wenig allein.“. Sie ſchmollte dann auf jene anmuthige Weiſe mit ihm, die bei der Tochter zu dem Vater ſo anmuthig iſt. „Vater“, ſagte ſie,„ich friere ſehr bei Dir; wes⸗ halb ſchaffſt Du Dir keinen Teppich und keinen Ofen an?“ „Theures Kind, es giebt viele Leute, die mehr werth ſind als ich und nicht einmal ein Dach über ihrem Kopfe haben.“ „Weshalb iſt denn aber bei mir Feuer und Alles, was ich ſonſt brauche?“ „Weil Du ein Mädchen und ein Kind biſt.“ „Ach, müſſen denn die Männer frieren und ſich unbe⸗ haglich fühlen?“ „Gewiſſe Männer, ja.“ „Das iſt gut; ich werde ſo oft hierher kommen, daß Du zuletzt wohl Feuer machen mußt.“ Sie ſagte auch noch: „Vater, weshalb ißt Du das ſchlechte ſchwarze Brod?“ „Weil— meine Tochter.“ „Nun gut, wenn Du davon ißt, ſo werde ich es auch thun.“, Damit nun Coſette kein ſchwarzes Brod eſſen ſollte, aß Jean Valjean weißes. Coſette erinnerte ſich nur undeutlich an ihre Kindheit; ſie betete Morgens und Abends für ihre Mutter, die ſie nicht gekannt hatte. Die Thénardiers waren ihr als zwei häßliche Geſtalten wie ein Traum gegenwärtig geblieben. Sie erinnerte ſich, daß ſie eines Tages in der Nacht Waſſer aus dem Walde geholt hatte. Sie glaubte, das wäre ſehr weit von Paris entfernt geweſen. Es ſchien ihr, als hätte 72 ſie Anfangs in einem Abgrunde gelebt und Jean Valjean wäre es geweſen, der ſie demſelben entriß. Denn ihre Kindheit machte auf ſie die Wirkung einer Zeit, wo es rings um ſie her nichts gab, als Tauſendfüßler, Spinnen und Schlangen. Wenn ſie Abends vor dem Einſchlafen nachdachte, bildete ſie ſich ein, daß ſie keinen deutlichen Begriff davon hatte, daß ſie die Tochter Jean Valjeans und dieſer ihr Vater ſei: die Seele ihrer Mutter ſei in den Körper dieſes alten Mannes gefahren, und weile ſo in ihrer Nähe. Wenn er ſaß, lehnte ſie ihre Wange auf ſeine weißen Haare und ließ ſchweigend auf dieſelben eine Thräne rinnen, indem ſie zu ſich ſagte: „Dieſer Mann iſt vielleicht auch meine Mutter!“ Obgleich es auffallend klingen mag, bildete Coſette in ihrer vollkommenen Unwiſſenheit des im Kloſter erzogenen Mädchens und deren Jungfräulichkeit überdies das Mut⸗ tergefühl durchaus unverſtändlich war, ſich zuletzt ein, ſie hätte ſo wenig Mütter als möglich gehabt. Sie kannte nicht einmal den Namen ihrer Mutter. So oft ſie Jean Valjean darnach fragte, ſchwieg dieſer; wenn ſie ihre Frage wiederholte, antwortete er ihr durch ein Lächeln. Einmal drang ſie mehr in ihn; das Lächeln endete mit einer Thräne. Dieſes Schweigen Jean Valjean's bedeckte Fantine mit Nacht. War es Klugheit, war es Achtung? war es die Furcht, den Namen einem andern Gedächtniß als dem ſeinigen preiszugeben? So lange Coſette klein geweſen war, hatte Jean Valjean gern mit ihr von ihrer Mutter geſprochen; als ſie zum jungen Mädchen heranwuchs, war ihm das unmöglich. Es ſchien ihm, als dürfte er es nicht mehr wagen. Geſchah dies Coſetten's wegen? Geſchah es Fantinen's wegen? Er empfand eine Art religiöſen Abſcheues davor, dieſen Schatten in dem Gedanken Coſetten's zu erwecken und die Todte für ihr gemeinſames Geſchick als dritte Perſon an⸗ zunehmen. Je heiliger ihm dieſer Schatten war, deſto mehr ſchien es ihm auch, als ſei er zu fürchten. Er dachte an Fantine und fühlte ſich durch Schweigen niedergedrückt. Er ſah in der Dunkelheit undeutlich Etwas, das einem Finger auf den Mund gelegt glich. Die ganze Schamhaf⸗ tigkeit, welche in Fantinen gelegen hatte und während ihres Lebens ihr gewaltſam entriſſen worden war, kehrte nach ihrem Tode zu ihr zurück und wachte voll Unwillen über den Frieden dieſer Todten und bewahrte ſie in ihrem Grabe. Empfand Jean Valjean, ohne es zu wiſſen, den Druck derſelben? Wir, die wir an den Tod glauben, wir gehören nicht zu denen, welche dieſe geheimnißvolle Erklä⸗ rung verwerfen. Daher entſprang die Unmöglichkeit, ſelbſt gegen Coſette den Namen Fantinen's auszuſprechen. Eines Tages ſagte Coſette zu ihm: „Vater, ich habe dieſe Nacht meine Mutter im Traume geſehen. Sie hatte zwei große Flügel. Meine Mutter muß in ihrem Leben der Heiligkeit nahe geſtanden haben.“ „Durch das Märtyrerthum,“ erwiderte Jean Valjean. Uebrigens fühlte Jean Valjean ſich glücklich. Wenn Coſette mit ihm ausging, ſtützte ſie ſich auf ſeinen Arm, ſtolz, glücklich, mit vollem Herzen. Bei allen dieſen Beweiſen einer ausſchließlichen und ſo durch ihn allein befriedigten Zärtlichleit fühlte Jean Valjean ſeine ganzen Gedanken von Entzücken erfüllt. Der arme Mann erbebte, wie mit der Freude eines Engels beglückt; er beſtätigte ſich ſelbſt mit Thränen, daß das ſo für ſein ganzes Leben dauern würde; er ſagte ſich, daß er in der That nicht genug gelitten hätte, um ein ſo ſtolzes Glück zu verdienen, und er dankte Gott aus der Tiefe ſeiner 74 Seele, daß er es ihm gewährt hatte, geliebt zu werden; er, der Elende, durch dieſes unſchuldige Geſchöpf geliebt zu werden. W Die Roſe ahnt, daß ſie ſchön iſt. EEeines Tages ſah Coſette zufällig in ihren Spiegel und ſagte zu ſich ſelbſt:„Ei!“ Es ſchien ihr beinahe, als ſei ſie hübſch. Das ſtürzte ſie in eine eigenthümliche Ver⸗ wirrung. Bis zu dieſem Augenblicke hatte ſie nicht an ihr Geſicht gedacht. Sie ſah ſich wohl in ihren Spiegel, aber ſie betrachtete ſich nicht in demſelben. Und dann hatte man ihr auch ſo oft geſagt, daß ſie häßlich ſei. Und Jean Valjean ſagte ſanft:„o nein! o nein!“ Wie dem aber auch ſei, hatte Coſette doch immer geglaubt, ſie wäre häßlich und war in dieſem Gedanken mit der Ergebung aufgewachſen, welche der Kindheit ſo leicht iſt. Nun ſagte ihr Spiegel plötzlich wie Jean Val⸗ jean: o nein!— Sie ſchlief die ganze Nacht darauf nicht.— „Wenn ich hübſch wäre,“ dachte ſie;„wie das komiſch ſein müßte, wenn ich hübſch wäre!“— Sie erinnerte ſich derjenigen ihrer Gefährtinnen, deren Schönheit in dem Kloſter Eindruck machte, und ſagte zu ſich:„wie, ich ſollte ſo werden, wie dieſe Fräulein?“ Am nächſten Tage ſah ſie ſich wieder in den Spiegel, aber nicht mehr zufällig, und zweifelte.—„Wo hatte ich 75 denn den Verſtand?“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„nein, ich bin häßlich.“— Sie hatte, ganz einfach, ſchlecht geſchlafen, hatte matte Augen und war blaß. Sie hatte ſich am Tage zwar nicht ſehr heiter über den Glauben an ihre Schönheit gefühlt, allein jetzt wurde ſie traurig, nicht mehr daran zu glauben. Sie ſah ſich nicht mehr in den Spiegel, und länger als vierzehn Tage verſuchte ſie es, ſich das Haar zu ordnen, indem ſie dem Spiegel den Rücken kehrte. Am Abend nach dem Eſſen ſtickte ſie gewöhnlich in dem Salon, oder ſie machte irgend eine klöſterliche Arbeit, und Jean Valjean las dann an ihrer Seite. Eines Abends erhob ſie die Augen von ihrer Arbeit und war ganz über⸗ raſcht durch das beſorgte Weſen, mit welchem ihr Vater ſie betrachtete. Ein anderes Mal ging ſie über die Straße und es kam ihr vor, als ob Jemand, den ſie nicht ſah, hinter ihr ſagte:„ein hübſches Mädchen, aber ſchlecht gekleidet!“ „Ei,“ dachte ſie,„das bin ich nicht. Ich bin gut gekleidet und häßlich.— Sie trug damals ihren Plüſchhut und ihr Merinokleid. Eines Tages endlich war ſie in dem Garten und hörte die alte Touſſaint ſagen:„Herr, bemerken Sie wohl, wie hübſch das Fräulein wird?“ Coſette hörte nicht, was ihr Vater antwortete. Die Worte der Touſſaint waren für ſie eine Art elektriſcher Er⸗ ſchütterung. Sie entſchlüpfte dem Garten, ging nach ihrem Zimmer hinauf, eilte zu dem Spiegel, den ſie ſeit drei Monaten nicht angeſehen hatte, und ſtieß einen Schrei aus. Sie war wie ſelbſt geblendet. Sie war hübſch und ſogar ſchön. Sie konnte ſich nicht enthalten, der Anſicht der Touſſaint und ihres Spiegels Recht zu geben. Ihr Wuchs war vollendet, ihre Haut weißer geworden, ihr Haar glänzend, ein unbekanntes Feuer hatte ſich in ihren blauen Augen entzündet. Sie bekam das 76 volle Bewußtſein ihrer Schönheit binnen einer Minute, wie das helle Tageslicht ſich zeigt; die Anderen bemerkten dies übrigens. Die Touſſaint ſagte dies und offenbar hatte der Vorübergehende von ihr geſprochen; ſie konnte nicht mehr daran zweifeln. Sie ging wieder nach dem Garten hinab, indem ſie ſich für eine Königin hielt, hörte die Vögel ſingen, obgleich es im Winter war. Für ſie war der Himmel vergoldet, ſie ſah die Sonne durch die Bäume ſcheinen, die Blumen in den Gebüſchen; ſie war außer ſich, wahnſinnig in einem unausſprechlichen Entzücken. Jean Valjean ſeinerſeits empfand ein leiſes und un⸗ erklärliches Herzdrücken. Das kam daher, weil er in der That ſeit einiger Zeit mit Schrecken dieſe Schönheit betrachtete, die ſich täglich glänzender auf dem ſanften Geſicht Coſetten's zeigte; eine Morgenröthe lächelnd für Alle, finſter für ihn. Coſette war lange Zeit ſchön geweſen, ehe ſie es be⸗ merkte. Allein mit dem Tage, an welchem dieſes uner⸗ wartete Lichtbild ihr aufging und ſich allmälig entwickelte, verletzte die ganze Perſon des jungen Mädchens das finſtere Auge Jean Valjean's. Er fühlte, daß das eine Verände⸗ rung in einem glücklichen Leben ſei, ſo glücklich, daß er nicht daran zu rütteln wagte, aus Furcht, es zu zer⸗ ſtören. Dieſer Menſch, der jeden Kummer durchgelebt hatte, der noch jetzt an den Wunden, die ſein Schickſal ihm ſchlug, blutete, er, der beinahe boshaft geweſen und beinahe ein Heiliger geworden war, der, nachdem er die Kette des Bagno geſchleppt hatte, jetzt die unſichtbare, aber drückende Kette der unendlichen Schmach trug, den das Geſetz noch nicht losgelaſſen hatte und der jeden Tag wieder erfaßt und aus der Dunkelheit ſeiner Tugend an das helle Tageslicht der Schande zurückgeſchleppt werden konnte, dieſer Mann nahm Alles an, entſchuldigte Alles, verzieh Alles, ſegnete Alles, wollte Allen wohl und ver⸗ langte von der Vorſehung, von den Menſchen, von den Geſetzen, von der Geſellſchaft, von der Natur, von der ganzen Welt nur Eins; daß Coſette ihn liebte! Daß Coſette fortführe, ihn zu lieben! Daß Gott dieſes Kindesherz nicht hindere, ſich zu ihm zu wenden und ſein eigen zu bleiben! Geliebt von Coſette fühlte er ſich geheilt, ruhig, befriedigt, belohnt, gekrönt. Von Coſette geliebt, war es ihm wohl. Weiter verlangte er nichts. Hätte man ihn gefragt: Willſt Du es beſſer haben? ſo würde er geantwortet haben: Nein, hätte man zu ihm geſagt: Willſt Du den Himmel? ſo wäre ſeine Antwort geweſen: ich verlöre dabei. Alles, was dieſe Lage ſtören konnte, wäre es auch nur oberflächlich geweſen, machte ihn erbeben, wie der Anfang zu etwas Anderem. Er hatte nie ſo recht gewußt, was es mit der Schönheit eines Weibes ſei, allein aus Inſtinkt begriff er, daß es etwas Furchtbares ſein konnte. Dieſe Schönheit, die mehr und mehr triumphirend an ſeiner Seite erblühte, unter ſeinen Augen, auf der un⸗ ſchuldigen und gefährlichen Stirn des Kindes, betrachtete er aus ſeinem Alter, aus ſeinem Elend, aus ſeiner Ver worfenheit, aus ſeiner Niedergeſchlagenheit mit Entſetzen. Er ſagte zu ſich ſelbſt: wie ſchön ſie iſt? Was ſoll denn nur aus mir werden?— Darin lag übrigens der Unter— ſchied zwiſchen ſeiner Zärtlichkeit und den einer Mutter. Was er mit Qual ſah, würde eine Mutter mit Freude erfüllt haben. Die erſten Symptome zeigten ſich bald. Am Tage nach jenem, an welchem Coſette ſich geſagt hatte: gewiß, ich bin ſchön, achtete ſie auf ihren Anzug. Sie erinnerte ſich an die Aeußerung des Vorübergehenden: hübſch, aber ſchlecht gekleidet, den Hauch eines Orakels, der an ihr vorübergeglitten war und verſchwand, nachdem er in ihr Herz einen der beiden Keime gelegt hatte, welche 78 ſpäter das ganze Leben des Weibes ausfüllen ſollen: Die Koketterie; die Liebe iſt der andere Keim. Mit dem Glauben an ihre Schönheit entfaltete ſich die ganze weibliche Seele in ihr. Sie bekam Abſcheu vor den Merino und Scham vor dem Plüſch. Ihr Vater hatte ihr bisher noch nichts verweigert. Sie beſaß ſogleich die ganze Kenntniß des Hutes, des Kleides, der Mantille, der Halbſtiefelchen, der Manſchetten, des kleidſamen Stoffes, der paſſenden Farbe, dieſe Wiſſenſchaft, welche aus dem Weibe etwas ſo Reizendes, ſo Mächtiges und ſo Ge⸗ fährliches macht. Binnen weniger als einen Monat war Coſette in jenem Gebäude der Rue de Plumet eines der Mädchen, welche nicht nur am hübſcheſten, ſondern, was noch viel mehr ſagen will, auch am beſten gekleidet warm. Sie hätte es gewünſcht, ihrem„Vorübergehenden“ wieder zu begegnen, um zu hören, was er ſagen würde. Wirklich war ſie in jeder Beziehung zum Entzücken und ſie wußte einen Hut von Geérard ſehr gut von einem Hute von Herbaut zu unterſcheiden. Jean Valjean beobachtete dieſe Verheerungen voll Beſorgniß. Er, der fühlte, daß er ſtets nur kriechen, höchſtens gehen konnte, ſah Coſetten die Flügel wachſen. Uebrigens hätte ein Weib ſchon bei einem flüchtigen Ueber⸗ blick der Toilette Coſetten's erkannt, daß ſie keine Mutter hatte. Gewiſſe kleine Eigenthümlichkeiten wurden von Coſette nicht beobachtet. Eine Mutter z. B. hätte ihr geſagt, daß ein junges Mädchen ſich nicht in Damaſt kleidet. Am erſten Tage, als Coſette mit ihrem ſchwarzen Damaſtkleide und ihrem weißen Krepphute ausging, nahm ſie den Arm Jean Valjean's heiter, freudeſtrahlend, roſig, ſtolz, glänzend. „Vater,“ ſagte ſie,„wie findeſt Du mich ſo?“ Jean Valjean antwortete mit einer Stimme, welche den bitteren Ton eines Neidiſchen hatte:„reizend!“ 79 Er war auf ſeinem Spaziergange wie gewöhnlich. Als ſie nach Hauſe zurückkehrten, fragte er Coſette: „Wirſt Du Dein Kleid und Deinen Hut, Du weißt wohl, nicht wieder tragen?“ Dies geſchah in dem Zimmer Coſetten's. Coſette wendete ſich zu der Thür ihres Kleiderſchrankes, wo ihr Penſionairinnen⸗Anzug hing. „Dieſe Verkleidung?“ ſagte ſie.„Vater, was ſoll ich damit anfangen? Nein, dieſe Abſcheulichkeiten werde ich nie mehr tragen. Mit dieſer gräulichen Maſchine auf dem Kopfe ſehe ich entſetzlich aus.“ Jean Valjean ſeufzte tief. Von dieſem Augenblicke an bemerkte er, daß Coſette, welche ſonſt immer zu Haus bleiben wollte, indem ſie ſagte: „Vater, ich unterhalte mich viel beſſer mit Dir,“— jetzt beſtändig verlangte, auszugehen. In der That, wozu nützte ein hübſches Geſicht und eine ſchöne Toilette zu haben, wenn man ſie nicht zeigt? Er bemerkte, daß Coſette nicht mehr daſſelbe Wohl⸗ gefallen an dem Hinterhofe fand. Jetzt war ſie lieber in dem Garten und ging an dem Gitter hin und her. Jean Valjean ſetzte aufgebracht keinen Fuß in den Garten. Er blieb auf ſeinem Hinterhofe wie ein Kettenhund. Jetzt, wo Coſette ſich ſchön wußte, verlor ſie die Anmuth, es nicht zu wiſſen; köſtliche Anmuth, denn die durch Anmuth gehobene Schönheit iſt unausſprechlich und nichts iſt ſo anbetungswürdig wie eine blendende Unſchuld, die, ohne es zu wiſſen, den Schlüſſel des Paradieſes in Händen hält. Was ſie eben an ungezwungener Anmuth verlor, gewann ſie an ſinnigen und ernſtem Reiz. Ihre ganze Perſon, erfüllt von den Freuden der Jugend, Unſchuld und der Schönheit, athmete eine glänzende Me⸗ lancholis Auf dieſe Weiſe ſah Marius nach dem Verlauf von ſechs Monaten ſie im Luxembourg wieder. VI. Der Kampf begiunt. Coſette war ebenſo wie Marius ganz dazu geneigt, von Flammen erfaßt zu werden. Das Geſchick nahte ſich mit ſeiner verhängnißvollen Geduld, langſam dem Einen wie dem Anderen dieſer beiden Weſen, die von der ſtür⸗ miſchen Electricität der Leidenſchaft angefüllt waren; dieſe beiden Seelen, welche die Liebe in ſich trugen, wie zwei Wolken den Blitz, und die ſich einander durch einen Blick treffen und verſchmelzen mußten, wie die Wolken durch den Blitz. Man hat in den Liebesromanen den Blick ſo miß⸗ braucht, daß er zuletzt in Mißachtung gefallen iſt. Kaum wagt man jetzt noch zu ſagen, daß zwei Weſen ſich geliebt haben, weil ſie ſich einander geſehen. Dennoch iſt es wahr, daß man ſich ſo lieben kann und ausſchließlich ſo; das Uebrige iſt nur das Uebrige und kommt ſpäter. Nichts iſt wirklicher als dieſe mächtige Erſchütterung, welche zwei Seelen ſo einander mittheilen, indem ſie dieſen Funken custauſchen. In dieſer beſtimmten Stunde hatte Coſette, ohne es zu wiſſen, jenen Blick, der Marius verwirrte, und Marius ahnete nicht, daß auch er einen Blick hatte, welchkt Coſette in Verwirrung ſtürzte. — — Er fügte ihr daſſelbe Böſe und daſſelbe Gute zu. Seit längerer Zeit ſchon hatte ſie ihn bemerkt und beobachtete ihn, wie junge Mädchen dies zu thun pflegen, indem ſie anderwärts hinſehen. Marius fand Coſette noch häßlich, als ſie ihn ſchon hübſch fand, allein da der junge Mann nicht auf ſie achtete, war er ihr ſehr gleichgültig. Indeß konnte ſie ſich nicht enthalten, zu ſagen, daß er ſchöne Haare, ſchöne Augen, ſchöne Zähne, einen ange⸗ nehmen Klang der Stimme hätte, wenn ſie ihn mit ſeinen Kameraden ſprechen hörte; daß er ſich zwar, wenn man will, ſchlecht hielte, dabei eine eigenthümliche Anmuth be⸗ ſäße, daß er nicht dumm zu ſein ſchien und daß ſein ganzes Weſen edel, ſanft, einfach und ſtolz ſei; endlich, daß er arm, b brav ausſehe. Der Tag, an welchem ihre Augen ſich begegneten und ſich einander jene dunkeln und unendlichen Dinge ſagten, welche der Blick ſtammelt, verſtand Coſette dies nicht ſo⸗ gleich. Sie kehrte nachdenklich in das Haus der Rue de lOueſt zurück, wo Jean Valjean ſeiner Gewohnheit nach ſechs Wochen zubrachte. Am nächſten Tage bei dem Erwachen dachte ſie an den unbekannten jungen Mann, der ſo lange gleichgültig und kalt geweſen war, jetzt aber auf ſie zu achten ſchien, und es war ihr keineswegs, als ob dieſe Aufmerkſamkeit ihr angenehm ſei; ſie ſchien vielmehr Zorn gegen dieſe ſie ſchmeichelnden Geringſchätzungen zu empfinden. Es regte ſich in ihr eine Art von Kriegsluſt. Es kam ihr vor, als empfände ſie eine Art kindiſcher Freude, daß ſie ſich endlich rächen könnte. Da ſie ſich ſchön wußte, fühlte ſie, obgleich noch auf unbeſtimmte Weiſe, daß ſie eine Waffe hätte. Die Weiber ſplelen mit ihrer Schönheit wie die Kinder mit dem Meſſer; ſie verwunden ſich damit. Man erinnert ſich an das Zaudern von Marius, an ſeine Aengſtlichkeit, ſeinen Schreck. Er blieb auf ſeiner Die Elenden. VII. 6 82 Bank ſitzen und näherte ſich ihr nicht. Das verdroß Co⸗ ſetten. Eines Tages ſagte ſie zu Jean Valjean:„Vater, gehen wir doch nach jener Seite.“— Da ſie ſah, daß Ma⸗ rius nicht zu ihr kam, ging ſie zu ihm. In ſolchem Fall gleichen alle Weiber Mahomed, und dann iſt, ſonder⸗ bar genug, das erſte Symptom wahrer Liebe bei einem jungen Mann die Schüchternheit, bei einem jungen Mädchen die Kühnheit. Darüber wundert man ſich, und dennoch iſt nichts einfacher. Es ſind die beiden Geſchlechter, welche ſich einander zu nähern ſtreben und von denen Eines die Eigenſchaften des Andern annimmt. An dieſem Tage machte der Blick Coſettens Marius wahnſinnig und der Blick Marius' Coſette erbeben. Marius ging vertrauensvoll und Coſette beſorgt von dannen. Von dieſem Tage an beteten ſie ſich gegenſeitig an. Das Erſte, was Coſette empfand, war eine unbeſtimmte und tiefe Traurigkeit. Es ſchien ihr, als ob von dem einen Tage zum andern ihre Seele ſchwarz geworden ſei. Sie erkannte ſich nicht mehr. Die Reinheit der Seele eines jungen Mädchens, die aus Kälte und Heiterkeit beſteht, gleicht dem Schnee. Sie ſchmelzt unter der Liebe, welche ihre Sonne iſt. Coſette wußte nicht, was die Liebe ſei. Sie hatte dieſes Wort nie in irdiſchem Sinne ausſprechen hören. In den Büchern profaner Muſik, welche in das Kloſter dran⸗ gen, war die Liebe durch Diebe und Hiebe erſetzt. Das bildete Räthſel, welche die Phantaſie der Großen heraus⸗ forderte, wie: ach wie ſchön ſind doch die Diebe! oder: Das Mitleid giebt uns Hiebe!— Allein Co⸗ ſette war noch zu jung aus dem Kloſter gekommen, um ſich viel früher mit dieſem Worte zu beſchäftigen. Sie hätte nicht gewußt, welchen Namen ſie dem geben ſollte, was ſie jetzt empfand. Iſt man aber weniger krank, wenn mgen Namen ſeiner Krankheit nicht kennt? Sie liebte um ſo leidenſchaftlicher, da ſie unbewußt 15 18 m 83 liebte; ſie wußte nicht, ob das gut oder ſchlecht, nützlich oder gefährlich, nothwendig oder tödtlich, ewig oder vor⸗ übergehend ſei; ſie liebte! Die Liebe, welche ſich ihr bot, war zufällig eben die, welche ihrem Seelenzuſtand am meiſten zuſagte. Es war das Erſcheinen der Jugend für die Jugend; der Traum der Nacht, der zum Roman geworden und dennoch Traum geblieben war; das erſehnte Phantom, welches ſich ver⸗ wirklichte, aber noch keinen Namen hatte; mit einem Worte, der ferne Geliebte, der Ideal geblieben, die Chimäre, die eine Geſtalt angenommen hatte. Jede nähere Berührung würde Coſette, die noch in die Nebel des Kloſters verſenkt war, erſchreckt haben, das heißt des Kloſters, von denen ſie fünf Jahre lang durchdrungen wurde, und ſich langſam be⸗ freite, und in dieſer Lage war es nicht ein Liebhaber, deſſen ſie bedurfte, ſelbſt nicht ein Anbeter, ſondern eine Viſion. Sie begann, Marius als etwas Reizendes, Leuchtendes und Unmögliches anzubeten. Da die größte Unbefangenheit der größten Koketterie naheſteht, lächelte ſie ihn offen an. Sie erwartete täglich mit Ungeduld die Stunde des Spazierganges. Sie fand bei demſelben Marius; ſie fühlte ſich darüber unausſprechlich glücklich und glaubte auf⸗ richtig ihre Gedanken auszuſprechen, indem ſie zu Jean Valjean ſagte:„welch ein köſtlicher Garten, der des Luxem⸗ bourg!“ So wurde Coſette nach und nach zum Weibe und entwickelte ſich ſchön und geliebt mit dem Bewußtſein ihrer Schönheit und dem Unbewußtſein ihrer Liebe. Früher war ſie aus Unſchuld kokett. = ——— 84 VI. Traurigkeit gegen Tranrigkeit. Alle Lagen haben ihren Inſtinkt. Die alte und ewige Mutter Natur benachrichtigte Jean Valjean von Marius Vorhandenſein. Jean Valjean erbebte in ſeinen innerſten Gedanken. Er wußte nichts, er ſah nichts, und beobachtete dennoch mit hartnäckiger Aufmerkſamkeit die Dunkelheit, in der er ſich befand, als ob er in ſeiner Nähe auf der einen Seite Etwas fühlte, das ſich entwickelt, und auf der andern Seite Etwas, das niederſtürzt. Marius, der auch nach dem Geſetz des guten Gottes durch eben dieſe Natur benachrichtigt wurde, that alles Mögliche, um ſich dem Vater zu entziehen. Dennoch be⸗ merkte Jean Valjean ihn zuweilen. Marius Benehmen war nicht mehr ganz natürlich. Er kam nicht mehr ſo nahe wie ſonſt; er ſetzte ſich entfernt nieder und verſank in Ent⸗ zücken; er hatte ein Buch und that, als ob er leſe; weshalb ſtellte er ſich nur ſo? Sonſt trug er ſeine alte Kleidung, jetzt hatte er immer ſeinen neuen Anzug. Er machte ganz eigenthümliche Augen und zog Handſchuhe an; kurz, Jean Valjean verabſcheute dieſen Menſchen von Herzen. Coſette ließ nichts errathen. Ohne genau zu wiſſen, was es ſei, hatte ſie doch das Gefühl, daß es irgend Etwas ſei und daß ſie es verbergen müßte. Zwiſchen der Neigung zu einer beſſern Kleidung, die Coſetten gekommen war, und dem neuen Anzuge, den jener Unbekannte trug, lag eine Uebereinſtimmung, die Jean Val⸗ jean beläſtigte. Es war vielleicht, ohne Zweifel ganz ge⸗ N g, d ie 85 wiß ein Zufall, aber ein drohender Zufall. Nie ſprach er mit Coſette von dieſem Unbekannten. Eines Tages indeß konnte er ſich nicht mehr zurückhalten, und mit jener unbe⸗ ſtimmten Verzweiflung, welche plötzlich die Sonde in eine Wunde ſenke, ſagte er:„das iſt ein junger Menſch, der ſehr pedantiſch ausſieht.“ Das Jahr zuvor würde Coſette als kleines gleichgül⸗ tiges Mädchen geantwortet haben:„O nein, er iſt recht hübſch.“ Zehn Jahre ſpäter hätte ſie mit der Liebe Marius im Herzen geſagt:„Pedantiſch und unerträglich! Du haſt ganz recht!—“ In dem Augenblick des Lebens und des Herzens, in welchem ſie ſich befand, begnügte ſie ſich, mit der vollkommenſten Ruhe zu antworten:„der junge Menſch?“ Als ob ſie ihn das erſte Mal in ihrem Leben ge⸗ ſehen hätte. „Wie einfültig ich war!“ dachte Jean Valjean;„ſie hatte ihn noch nicht mal bemerkt! Ich zeigte ihn ihr!“ O Einfalt der Alten! tiefe Weisheit der Kinder! Es iſt auch wieder eines von den Geſetzen der Jugend⸗ jahre, der Leiden und ſogar der Kämpfe der erſten Liebe gegen die erſten Hinderniſſe, daß das junge Mädchen ſich in keiner Schlinge fangen läßt und daß der junge Mann in jede fällt. Jean Valjean hatte gegen Marius einen dunkeln Krieg begonnen und mit der erhabenen Einfalt ſeiner Lei⸗ denſchaften ſeines Alters errieth Marius dies nicht. Jean Valjean legte ihm eine Menge Schlingen; er veränderte die Stunden, wechſelte die Bank, vergaß ſein Taſchentuch, tam allein nach dem Luxembourg; Marius ſtürzte kopfüber in alle dieſe Fallen und auf alle Fragezeichen, die Jean Valjean in ſeinen Weg ſtellte, antwortete er unbefangen: Ja. Indeß verſchloß Coſette ſich ganz in ihrer ſcheinbaren Sorgloſigkeit und in ihrer unwandelbaren Ruhe, ſo daß Jean Valjean zu dem Schluſſe kam:„der Geck iſt wahnſinnig 86 in Coſette verliebt, aber Coſette weiß nicht einmal, daß er exiſtirt.“ Dennoch erbebte ſein Herz ſchmerzlich. Die Minute, in welcher Coſette lieben würde, konnte von einem Augen⸗ blick zum andern ſchlagen. Beginnt nicht Alles mit Gleich⸗ giltigkeit? Nur einmal beging Coſette einen Fehler und erſchrak darüber. Nach einem Aufenthalte von drei Stunden ſtand er von der Bank auf, um zu gehen, und ſie ſagte:„Schon?“ Jean Valiean hatte ſeine Spaziergänge im Luxembourg nicht unterbrochen, da er nichts Auffallendes thun wollte, und überdies fürchtete, Coſette aufmerkſam zu machen. Allein während der Stunden, die ſo ſüß für die beiden Liebenden waren und während Coſette Marius zulächelte, der darüber entzückt war und noch nichts weiter bemerkte, als ein an⸗ gebetetes und freudeſtrahlendes Geſicht, richtete Jean Val⸗ jean auf Marins funkelnde und fürchterliche Blicke. Er, der zuletzt dahin gekommen war, ſich keines überwallenden Gefühls mehr fähig zu halten, hatte jetzt Augenblicke, in denen er, wenn er Marius ſah, wild und grauſam zu wer⸗ den glaubte. Es kam ihm beinahe vor, als bildete ſich in ſeinem Innern ein unbekannter Krater. Wie? Was wollte dieſes Geſchöpf! Was machte es hier? Er antwortete darauf: Nun? Weshalb nicht?— Er ſchweifte in der Nähe Jean Valjeans herum, ſchlich um ſein Glück herum, um es ihm zu nehmen und hinweg zu tragen. Jean Valjean ſagte zu ſich ſelbſt:„ja, was iſt es! was will er? Was ſucht er? ein Abenteuer? Eine Lieb⸗ ſchaft? eine Erbſchaft? Und ich! wie, ich ſollte zuerſt der Elendeſte und dann der Glücklichſte der Menſchen geweſen ſein, ich ſollte ſechszig Jahre meines Lebens auf den Knieen gelegen und Alles gelitten haben, was man leiden kann; ich ſollte alt geworden, ohne jung geweſen zu ſein; — ein 87 ich ſollte ohne Familie, ohne Eltern, ohne Freunde, ohne Frau, ohne Kinder gelebt, mein Blut auf allen Steinen, auf allen Wurzeln, an allen Mauern verſpritzt haben; ich ſollte ſanft geweſen ſein, weil man gegen mich hart, und gut, weil man gegen mich bös geweſen war? Ich ſollte alles deſſen ungeachtet wieder ein rechtſchaffener Menſch ge⸗ worden ſein, das Böſe, das ich that, bereut und das, was man mir zufügte, verziehen haben? Und in dem Augen⸗ blicke, in welchem ich belohnt werde, in welchem ich das Ziel erreicht, in welchem ich empfing, was ich wünſchte, ſollte das Alles verſchwinden und ich Coſette verlieren, mein Leben, meine Freude, meine Sonne einbüßen, weil es einen Dummkopf eingefallen iſt, im Luxembourg umherzu⸗ ſtreifen?“ Dann leuchteten ſeine Augen in einem heimlichen Feuer. Er war nicht mehr ein Menſch, der den Menſchen beob⸗ achtet, ſondern ein Wachthund, der auf den Dieb lauert. Nun, man weiß das Uebrige. Marius fuhr fort, un⸗ ſinnig zu ſein. Eines Tages folgte er Coſette nach der Rue de lOueſt; am andern Tag ſprach er mit dem Thür— hüter. Dieſer ſeinerſeits ſagte zu Jean Valjean:„mein Herr, was iſt denn das für ein junger neugieriger Menſch, der nach Ihnen fragte?“ Am nächſten Tage richtete Jean Valjean auf Marius jenen Blick, den Marius endlich bemerkte. Acht Tage darauf war Jean Valjean ausgezogen. Er gelobte ſich nie wieder einen Fuß in den Luxembourg noch in die Rue de Oueſt zu ſetzen. Er kehrte nach der Rue Plumet zurück. Coſette beklagte ſich nicht, ſagte nichts, that keine Fragen; ſie ſtand ſchon in der Periode, in welcher man fürchtet, errathen zu werden und ſich zu verrathen. Jean Valjean hatte keine Erfahrung in dergleichen Dingen. Des⸗ halb begriff er nicht die ernſte Bedeutung des Schickſals Coſettens. Nur beklagte er, daß ſie traurig geworden war 88 und er wurde darüber finſter. Auf beiden Seiten herrſchte die Unerfahrenheit. Einmal machte er einen Verſuch. Er fragte Coſette: „willſt Du nach dem Luxembourg gehen?“ Ein Freudenſtrahl erleuchtete das blaße Geſicht Coſettens. „Ja,“ ſagte ſie. Sie gingen hin. Drei Monate waren verfloſſen. Marius ging nicht mehr hin. Er war nicht dort. Am nächſten Tage fragte Jean Valjean wieder: „Willſt Du nach dem Luxembourg gehen?“ Sie antwortete traurig und ſanft: „Nein.“ Jean Valjean wurde durch dieſe Traurigkeit verletzt, durch dieſe Sanftmuth ergriffen. Was ging in dieſem jungen, ſchon ſo undurchdringlichen Geiſt vor? Was geſchah mit der Seele Coſettens? Zu⸗ weilen blieb Jean Valjean neben ſeinem Lager ſitzen, den Kopf in die Hände geſtützt und brachte ganze Nächte damit hin, ſich zu fragen:„was liegt Coſette im Sinne?“ Uebrigens wurde Coſette keine dieſer Qualen ihres Vaters bemerkbar. Er zeigte ihr weder üble Launen noch Härte. Er hatte ſtets daſſelbe ernſte ruhige Geſicht. Sein Weſen war zärtlicher und vielleicht väterlicher wie je. Coſette ihrerſeits ſchmachtete. Sie litt durch Marius Abweſenheit, wie ſie ſeine Anweſenheit genoſſen hatte, auf eigen⸗ thümliche Weiſe, ohne ſelbſt recht zu wiſſen weshalb. Als Jean Valjean aufgehört hatte ſie nach den gewohnten Spa⸗ ziergängen zu führen, flüſterte ein weiblicher Inſtinct ihrem Herzen zu: ſie dürfte nicht dem Luxembourg zu bevorzugen ſcheinen, und wenn ſie ſich gleichgiltig dagegen zeigte, ſo würde ihr Vater ſie wieder dorthin führen. Allein Tage, Wochen, Monate verfloſſen, Jean Valjean hatte ſchweigend die ſtumme Zuſtimmung Coſettens angenommen. Sie be⸗ merkte dies; es war zu ſpät. An dem Tage, an welchem ſie nach dem Luxembourg zurückkehrte, war Marius nicht mehr . n 89 dort. Er war alſo verſchwunden; es war aus und was ſollte ſie thun? Würde ſie ihn jemals wiederfinden? Sie fühlte ein Herzdrücken, das durch nichts gemindert wurde und jeden Tag wuchs. Sie wußte nicht mehr, ob es Winter oder Sommer ſei, ob die Sonne ſchien oder ob es regnete, ob die Vögel ſangen, ob der Luxembourg reizender ſei wie der Tuileriengarten, ob die Touſſaint gut oder ſchlecht auf dem Markte eingekauft hatte. Sie war niedergeſchlagen und nur von einem einzigen Gedanken erfüllt; ihr Blick ſtarrte in die Dunkelheit wie nach einem Ort, wo eine Erſcheinung verſchwunden iſt. Uebrigens ließ ſie Jean Valjean nichts bemerken, als ihre Bläſſe. Dieſe genügte aber nur zu ſehr, um Jean Valjean beſorgt zu machen. Zuweilen fragte er ſie: „Was iſt Dir?“ Sie antwortete dann: „Mir iſt nichts.“ Nach kurzem Schweigen fragte ſie dann, da ſie ge⸗ wahrte, daß auch er traurig ſei. „Und Dir, Vater? Iſt Dir etwas?“ „Mir iſt nichts!“ ſagte er. Dieſe beiden Weſen, die ſich ſo ausſchließlich und mit einer ſo rührenden Liebe geliebt hatten, die ſo lange nur Eines für das Andere lebten, litten jetzt Eines an der Seite des Andern, Eines durch das Andere, ohne es zu ſagen, ohne ſich zu zürnen und lächelnd. VIII. Die Kette. Der Unglücklichere von Beiden war Jean Valjean. Die Jugend verbreitet ſelbſt in ihrem Kummer einen Hei⸗ ligenſchein um ſich her. In gewiſſen Augenblicken litt Jean Valjean ſo ſehr, daß er kindiſch wurde. Es iſt das Eigenthümliche des Schmerzes, daß er an dem Manne die kindliche Seite wieder erſcheinen läßt. Er fühlte, daß Coſette ihm entging. Gern hätte er gekämpft, ſie zurückzuhalten, ſie durch irgend etwas Aeußeres und Glänzendes zu gewinnen, aber noch ehe er etwas der Art ausfindig gemacht hatte, miſchte eine un— erwartete Erſchütterung ſich in ſeine traurigen Gedanken. In dem einſamen Leben, welches ſie führten, ſeitdem ſie in der Rue Plumet wohnten, hatten ſie eine Gewohn heit angenommen. Sie machten zuweilen einen Spazier gang, um die Sonne aufgehen zu ſehen, ein mildes Ver— gnügen, welches ſich für die geziemt, die in das Leben ein⸗ treten, wie für die, welche es verlaſſen. Ein Spaziergang am früheſten Morgen iſt für die, welche die Einſamkeit lieben, ein Genuß der Natur mehr. Die Straßen ſind dann öde, die Vögel ſingen. Coſette, welche ſelbſt ein Vogel war, erwachte ſchon ſehr früh. Die Morgenausflüge wurden am Abend zuvor beſpyochen. Er machte den Vorſchlag, ſie nahm ihn an. Man ging vor Tagesanbruch aus, und das war für Coſette immer ein Glück. Dergleichen unſchuldige Excentricitäten gefallen der Jugend. 9 Die Neigung Jean Valjeans war, wie man weiß, nur wenig beſuchte einſame Plätze, vergeſſene Orte aufzuſuchen. Es gab in der Umgegend der Barrieren von Paris, lieb⸗ liche Felder, die beinahe bis in die Stadt hineinragten, auf denen im Sommer nur ein ärmliches Korn wuchs und die im Herbſt nach der Ernte nicht das Ausſehen abge⸗ mähter, ſondern ausgepflügter Felder hatten. Jean Valjean beſuchte dieſen Ort mit beſonderer Vorliebe. Coſette lang⸗ weilte ſich hier nicht. Es war in der Einſamkeit für ſie die Freiheit. Hier wurde ſie wieder zum kleinen Mädchen; ſie konnte umherlaufen, beinahe ſpielen, nahm ihren Hut ab, legte ihn Jean Valjean auf den Schooß und pflückte Bou⸗ quets. Sie betrachtete die Schmetterlinge auf den Blumen, aber ſie fing ſie nicht; mit der Liebe entſteht Mitleid und Rührung, und das junge Mädchen, welches in ihrem Innern ein vergangenes und zitterndes Ideal empfindet, hegt Theil⸗ nahme für die Flügel des Schmetterlings. Sie wand Kränze von den Mohnblumen und ſetzte ſie ſich auf den Kopf, ſo daß es bei dem Scheine der Sonne ſchien, als ob das friſche roſige Geſicht eine Glutkrone trug. Selbſt nachdem ihr Leben trauriger geworden war, be— wahrten ſie noch die Gewohnheit dieſer Morgenſpaziergänge. An einem Octobermorgen waren ſie, gelockt durch die Heiterkeit des Herbſtes von 1831, ausgegangen und befanden ſich mit Tagesanbruch an der Barriere du Maine. Es ſchien keine Morgenröthe, ſondern eine Abendröthe zu ſein; ein köſtlicher, aber wilder Augenblick. Hier und dort am Horizont ein bleicher Streifen, die Erde ſchwarz, der Him⸗ mel weiß; überall das geheimnißvolle Dunkel des Zwie⸗ lichts. Eine Lerche, die unter die Sterne gemiſcht zu ſein ſchien, ſang in überraſchender Höhe, und man hätte glauben mögen, dieſe Hymne der Kleinheit, der Unendlichkeit geſun⸗ gen, beruhigte das Weltall. Alles war rings umher Frieden und Schweigen; Niemand auf der Chauſſee; in der Ferne 92 begaben ſich einzelne Arbeiter, die man kaum erkennen konnte, an ihre Arbeit. Jean Valjean ſaß in einer Seiten⸗Allee auf dem Zim⸗ merwerk, welches vor der Thür eines Zimmerplatzes lag. Er hatte das Geſicht der Straße zugewendet und den Rücken dem Tageslichte. Er vergaß die Sonne, welche aufzugehen im Begriff ſtand. Er war in eine jener tiefen Betrachtungen verſunken, in welcher der Geiſt ſich ſelbſt ſammelt. Er dachte an Coſette und das mögliche Glück, wenn nichts ſich zwiſchen ſie und ihn ſtellte; an das Licht, mit dem ſie ſein Leben erfüllte, ein Licht, welches der Athem ſeiner Seele war. Er fühlte ſich in dieſer Träumerei beinahe glücklich. Coſette, die neben ihm ſtand, betrachtete die Wolken, welche roſig gefärbt wurden. Plötzlich rief Coſette:„Vater, es ſcheint als käme dort Etwas!“ Jean Valjean erhob die Augen. Coſette hatte Recht. Die Chauſſee, welche zu der ehemaligen Barriere du Maine führt, iſt eine Verlängerung der Rue de Sevres und wird im rechten Winkel von den inneren Boulevards durchſchnitten. An der Ecke der Chauſſee und des Boule⸗ vards hörte man ein Geräuſch, welches zu dieſer Stunde ſchwer zu erklären war und es zeigte ſich eine Art von Gewirr. Etwas Ungeſtaltetes kam von dem Boulevard die Chauſſee hinauf. Es wurde größer, ſchien ſich mit Ordnung zu bewegen und war dennoch nicht deutlich zu erkennen; es ſchien ein Wagen zu ſein, aber man konnte nicht unterſcheiden, womit er beladen war. Es gab dort Pferde, Räder, Peitſchen⸗ knallen. Allmälig wurde der Lärm beſtimmter, obgleich noch in der Dämmerung verſchwindend. Es war in der That ein Wagen, der von dem Boulevard auf die Straße bog und gegen die Barriere fuhr, in deren Nähe Jean Valjean ſi mnen im⸗ lag. cten hen ngen chte ſich ſein eele lich. che dort iere res rds ule⸗ nde irr. ſſſes egen ein mit hen⸗ och ha 93 ſich befand. Ein zweiter von demſelben Ausſehen folgte dem erſten, dann ein dritter, dann ein vierter. Sieben Wagen erſchienen ſo nach einander und die Köpfe der Pferde berührten den Hintertheil der vorausfahrenden Wagen. Man ſah in der Dämmerung Blitze funkeln wie von gezückten Säbeln; man hörte ein Klirren wie von Ketten. Es kam näher, die Stimmen wurden lauter und es zeigte ſich etwas Fürchterliches, wie es aus der Höhle der Träume aufzuſteigen pflegt. Die Sache nahm, indem ſie näher kam, eine Geſtalt an; der zunehmende Tag beſchien mit bleichem Lichte das grabähnliche und dennoch lebende Gewirr; die Köpfe wurden zu Geſichtern von Leichen und es zeigte ſich Folgendes: Sieben Wagen fuhren in einer Reihe auf der Straße hintereinander her. Die ſechs erſten hatten einen eigen⸗ thümlichen Bau. Sie glichen den Karren der Böttcher; es war eine Art von langen Leitern, die auf zwei Rädern lagen und an dem äußerſten Vordertheile eine Bahre bil⸗ deten. Jeder Karren war mit vier Pferden beſpannt. Auf dieſen Leitern ſaßen eigenthümliche Gruppen von Menſchen. Bei dem geringen Tageslicht ſah man dieſe Menſchen nicht, ſondern errieth ſie nur. Vierundzwanzig ſaßen auf jedem Wagen, zwölf an jeder Seite gegeneinander gelehnt, den Vorübergehenden die Geſichter zuwendend, die Beine im Freien hängend; ſo fuhren dieſe Menſchen. Hinter dem Rücken hatten ſie Etwas, das klirrte und eine Kette war, und am Halſe Etwas, das glänzte und ein Halseiſen war. Jeder hatte ſein eigenes Halseiſen, aber die Kette war für Alle, ſo daß dieſe vierundzwanzig Menſchen, wenn einer von denſelben von dem Wagen ſtieg, um zu gehen, von einer Art unerbittlichen Einheit ergriffen wurden und ſich auch auf dem Boden mit dieſer Kette als Rückgrat hinſchlängeln mußten, ungefähr wie ein Tauſendfüßler. Vorn und hinten auf jedem Wagen ſtanden zwei mit Gewehren Bewaffnete und 94 Jeder derſelben hatte unter ſeinen Füßen eines von den Enden der Kette. Die Halseiſen waren viereckig. Der ſiebente Wagen, ein gewaltiger Fouragewagen, aber ohne Decke, hatte vier Räder und ſechs Pferde und⸗trug einen tönenden Haufen von eiſernen Keſſeln, Kohlenbecken und Ketten, unter welchen ſich einige gebundene und langge⸗ ſtreckte Menſchen miſchten, die krank zu ſein ſchienen. Dieſer offene Rüſtwagen war mit beſchädigten Hürden bedeckt, die zu den ehemaligen Hinrichtungen gedient zu haben ſchienen. Dieſe Wagen fuhren mitten auf dem Fflaſter. Zu beiden Seiten marſchirten in doppelter Reihe Wachen von nichts⸗ würdigem Ausſehen; ſie trugen dreieckige Hüte, wie die Soldaten des Directoriums, beſchmutzt, durchlöchert, hatten die Uniformen von Invaliden und die Beinkleider von Leichenträgern, halb roth und halb blau, faſt zerlumpt, mit rothen Epauletten, gelben Bandelieren, Gewehren und Stöcken. Sie waren eine Art von Pockknechtſoldaten. Dieſe Sbirren ſchienen aus dem Auswurf des Bettlers und der Autorität des Henkers gebildet zu ſein. Der, welcher ihr Führer war, hielt in der Hand eine Peitſche. Alle dieſe Einzelnheiten zeigten ſich mit dem zunehmenden Tage deut⸗ licher und deutlicher. An der Spitze des Zuges und hinter demſelben ritten Gensdarmen, ernſt, finſter, den Säbel in der Fauſt. Dieſer Zug war ſo lang, daß der letzte Wagen kaum den Boulevard verließ, als der erſte die Barriere erreichte. Eine Menge, die hergekommen war, man wußte nicht, von wo, und ſich im Nu bildete, wie dies in Paris häufig iſt, drängte ſich auf beiden Seiten der Chauſſee, um zu ſehen. Man hörte in den anſtoßenden Gäßchen das Ge⸗ ſchrei von Menſchen, welche ſich gegenſcitig riefen; und die Holzpantoffeln der Marktleute, welche herbeiliefen, um zu ſehen. Die auf den Leitern Sitzenden ließen ſich ſchweigend den Der hne inen und 99e ieſer die nen. iden hts⸗ die ſten von mit und ieſe der iht dieſe eut⸗ mter l in aum chte. ufig zu 95 fahren. Sie waren leichenblaß von der Morgenkälte. Sie trugen ſämmtlich Hoſen von Leinewand und waren barfuß in Holzſchuhen. Die übrige Kleidung zeigte die verſchiedenen Launen des Elends. Ihre Anzüge waren auf entſetzliche Weiſe ungleich. Nichts iſt trauriger, als der Harlekins⸗ anzug der Lumpen. Eingedrückte Hüte, beſchmutzte Mützen, abſcheuliche Wollenmützen, am Ellenbogen zerriſſene ſchwarze Fracks; mehrere trugen Weiberhüte; Andere hatten einen Korb auf dem Kopfe; man ſah haarige Brüſte und durch die Riſſe der Kleidungsſtücke erblickte man Tätowirungen; Liebestempel, flammende Herzen, Cupidos. Man ſah auch Narben und krankhaft röthliche Flecken. Zwei oder drei hatten Strohſeile an den Sproſſen der Leiter befeſtigt die herabhingen, wie ein Steigbügel, um ihre Füße zu ſtützen. — Einer von ihnen hielt in der Hand etwas Schwarzes, das er zuweilen zum Munde führte; es ſchien ein Stein zu ſein, in den er biß, es war aber Brod, welches er aß. Es gab hier nur trockene Augen, erlöſchend oder funkelnd in einem unheimlichen Licht. Die Escorte fluchte, die Ge⸗ feſſelten athmeten kaum; von Zeit zu Zeit hörte man das Klatſchen eines Stockhiebes auf die Schulterblätter oder auf die Köpfe; einige dieſer Menſchen gähnten; die Lumpen waren fürchterlich anzuſehen. Die Füße hingen herab, die Schultern zitterten, die Köpfe ſchlugen gegen einander, die Eiſen ſchlugen aneinander, die Augen flammten wild, die Fäuſte ballten ſich oder öffneten ſich matt wie Todtenhände; hinter dem Zuge lachte ein Haufen von Kindern hell und laut. Dieſer Wagenzug, was er auch ſein mochte, war traurig anzuſehen. Offenbar konnte am nächſten Tage oder in einer Stunde ein Regenguß erfolgen, dem ein anderer und wieder ein anderer folgte; die zerriſſenen Kleider wurden dann durchnäßt, blieben naß, und dieſe Menſchen, einmal durchnäßt, konnten ſich nicht wieder erwärmen; ihre Leine⸗ wandhoſen mußten an ihrem Leibe kleben, das Waſſer ihre 96 Holzſchuhe erfüllen, die Peitſchenhiebe konnten das Zu⸗ ſammenſchlagen ihrer Kinnbacken nicht verhindern, und wenn die Kette ſie auch am Halſe hielt, ſo hingen doch ihre Füße herab, es war unmöglich, nicht zu erbeben, indem man dieſe menſchlichen Geſchöpfe ſo regungslos den kalten Stür⸗ men ausgeſetzt, dem Regen preisgegeben ſah, wie Stücken Holz, wie Steine. Die Stockſchläge verſchonten ſelbſt die Kranken nicht, welche mit Stricken gebunden und regungslos auf dem ſiebenten Wagen lagen und die man auf denſelben geworfen hatte, wie mit Elend gefüllte Säcke. Plötzlich zeigte ſich die Sonne und man hätte ſagen können, der gewaltige Strahl ſetzte alle dieſe wilden Köpfe in Feuer. Die Zungen entfeſſelten ſich; ein Brand von Gelächter, von Flüchen, von Geſängen brach los. Das ſeitwärts fallende Licht ſchien den ganzen Zug zu durch⸗ ſchneiden, die Köpfe und die Rümpfe beleuchtend, die Füße und die Räder in der Dunkelheit laſſend. Gedanken zeigten ſich auf dieſen Geſichtern; der Augenblick war fürchterlich; Dämone mit herabgeſunkenen Masken wurden ſichtbar, wilde Seelen erſchienen ganz nackt. Einige, die luſtig waren, hatten im Munde Federſpulen, durch die ſie Ungeziefer auf die Menge blieſen, indem ſie beſonders die Weiber wählten; die Morgenröthe hob dieſe kläglichen Profile hervor; nicht eines dieſer Geſchöpfe, welches nicht durch Elend enſtellt worden wäre; das war ſo fürchterlich zu ſehen, daß man hätte glauben können, die Strahlen der Sonne würden ſich in Blitze verwandeln. Auf dem Wagen, welcher den Zug eröffnete, wurde mit voller Kehle ein ſchmutziges Lied an⸗ geſtimmt und in den Nebenalleen ſchienen die Geſichter der Zuſchauer mit einfältiger Zufriedenheit dieſes Lied anzuhören, welches von Geſpenſtern geſungen wurde. Jede Art des Elends zeigte ſich in dieſem Zuge, wie in einem Chaos, hier gab es Greiſe, Jünglinge, kahle — Zu⸗ enn üße man tür⸗ icken icht, dem rfen gen öpfe von Das ch⸗ üße gten lich; vilde ren, auf lten; nicht ſtelt man ſich Zug an⸗ der ren, wie tohle 97 Schädel, graue Bärte, mürriſche Ergebenheit, wildes Lachen, trotzige Haltungen, Köpfe, wie die junger Mädchen mit Pfropfenziehern an den Schläfen; kindliche Geſichter, und eben deshalb entſetzte die Magerkeit der Skeletts, denen nichts fehlte als der Tod. Man ſah auf dem erſten Wagen einen Neger, der vielleicht Sklave geweſen war und die Verſchiedenheit der Ketten vergleichen konnte. Keine Wahl war unter dieſen Menſchen, die den Blicken ſich zeigten, wie die Auswahl des Kothes. Offenbar hatte der Anordner dieſer ſchmutzigen Prozeſſion dieſe Geſchöpfe in der alpha⸗ betiſchen Unordnung unter einander gemiſcht und ſie waren vom Zufall geleitet, auf die Wagen geladen worden; dennoch trat aus jeder Kette eine gemeinſame Seele hervor und jeder Karren hatte ſeine beſondere Phyſiognomie. Neben dem, wel⸗ cher ſang, ſaß Einer, der heulte, ein Dritter betete; Einer knirrſchte mit den Zähnen, ein Anderer drohte den Vorüber⸗ gehenden, wieder ein Anderer läſterte Gott. Der letzte Wagen ſchwieg wie das Grab; Dante würde geglaubt haben, die ſieben Greiſe der Hölle zu ſehen. Eine der Wachen hatte einen Haken am Ende ſeines Stockes und ſchien von Zeit zu Zeit dieſen Haufen menſch⸗ lichen Unraths umrühren zu wollen. Ein altes Weib unter den Zuſchauern zeigte mit dem Finger auf den Zug und ſagte zu einem kleinen Knaben von fünf Jahren, den ſie an der Hand hielt: Taugenichts, das nimm Dir zur Lehrel Als das Singen und die Läſterungen lauter wurden, gab der, welcher der Führer der Escorte zu ſein ſchien, ein Zeichen mit der Peitſche und nun fiel eine entſetzliche Baſtonade, die wie ein Hagelſchlag rauſchte, auf die ſieben Wagen nieder; Viele ſchäumten und tobten, was die Ausge⸗ laſſenheit der herbeigelaufen Gamins erhöhte, die ſich wie ein Schwarm von Fliegen auf dieſe offenen Wunden ſetzten. Das Auge Jean Valjeans war gräßlich geworden. Er betrachtete nicht ein Schauſpiel, er erlag einer fürchter⸗ Die Elenden. vII. 98 lichen Viſion. Er wollte aufſtehen, fliehen, entrinnen; er konnte keinen Fuß rühren. Er blieb wie betäubt ſitzen und ſchien wie in Geiſteszerrüttung ſich zu fragen, was dieſer Zug zu bedeuten habe. Plötzlich fuhr er mit der Hand über die Stirn, wie die Menſchen zu thun pflegen, wenn ſie ſich an Etwas erinnern. Es fiel ihm ein, daß dieſer Umweg gemacht wurde, um das mögliche Zuſammentreffen mit den Mitgliedern der königlichen Familie auf der Straße von Fontainebleau zu vermeiden, und daß er ſelbſt vor 35 Jahren durch dieſe Barriere gekommen war. Coſette war nicht minder. erſchrocken, wenn auch auf andere Weiſe. Sie begriff nichts; der Athem mangelte ihr; was ſie ſah, ſchien ihr nicht möglich zu ſein; endlich rief ſie aus: „Vater, was iſt denn das auf dieſen Wagen?“ Jean Valjean antwortete: „Züchtlinge.“ „Wohin gehen ſie denn?“ „Nach den Galeeren.“ In dieſem Augenblick miſchten ſich unter die Baſtonade flache Säbelhiebe; es ſchien eine Wuth der Peitſchen⸗ und und Stockhiebe zu herrſchen. Die Galeerenzüchtlinge beugten ſich der Gewalt und alle ſchwiegen mit den Blicken gefeſſelter Wölfe. Coſette zitterte an allen Gliedern. Sie fragte: „Vater, ſind das noch Menſchen?“ Es war in der That die Kette, welche vor Tagesan⸗ bruch von Bicétre abgegangen war, und die Straße von Mans einſchlug, um Fontainebleau zu vermeiden, wo der König ſich eben jetzt befand. Aber dieſer Umweg machte, daß die entſetzliche Reiſe drei oder vier Tage länger dauerte; aber um dem Könige den Anblick einer Marter zu erſparen, darf man dieſe wohl verlängern. Jean Valjean kehrte niedergeſchlagen nach Hauſe zurück. Solche Begegnungen ſind gewaltige Schläge, und die ör und 3ug über ſich weg den von hren auf ihr; rief nade und gten elter gte: an⸗ von der chte, rte; ren, ric die 99 Erinnerungen, welche ſie zurücklaſſen, gleichen furchtbaren Erſchütterungen. Indem Jean Valjean mit Coſette die Rue de Baby⸗ lon erreichte, bemerkte er indeß nicht, daß ſie über das, was ſie ſoeben geſehen hatte, noch andere Fragen an ihn richtete; vielleicht war er in ſeinem Schmerz zu ſehr ver⸗ ſunken, um die Worte zu verſtehen und darauf zu antworten. Als aber am Abend Coſette ihn verließ, um ſchlafen zu gehen, hörte er, wie ſie, leiſe mit ſich ſelbſt ſprechend, ſagte:„ich glaube, wenn ich einen dieſer Menſchen auf meinem Wege träfe, ſo würde ich ſterben, darüber allein, daß ich ihn ſo in der Nähe ſähe! Zum Glück wollte der Zufall, daß am Tage nach dieſem tragiſchen Ereigniſſe wegen irgend einer officiellen Feierlichkeit ein Volksfeſt in Paris ſtattfand; eine Revue auf dem Mars⸗ felde, Wettfahrten auf der Seine, Theater in den Champs Elyſées, überall Illumination. Jean Valjean, welcher ſeinen Gewohnheiten Gewalt anthat, führte Coſette zu dieſen Luſt⸗ barkeiten, um die Erinnerung an den vorhergehenden Tag bei ihr zu verwiſchen, die Revue, welche einen Theil der Feſtlichkeit bildete, brachte natürlich alle Arten von Uni⸗ formen in Bewegung. Jean Valjean legte mit dem unbeſtimmten Gefühle eines Menſchen, der ſich flüchtet, ſeine Nationalgardenuni⸗ form an. Uebrigens ſchien der Zweck dieſer Wanderungen erreicht zu ſein. Coſette, die ſich ein Geſetz daraus machte, ſich gegen ihren Vater gefällig zu zeigen und für welche jedes Schauſpiel neuwar, nahm die Zerſtreuung mit der leichten und leichtfertigen Freudigkeit der Jugend an, ſo daß Jean Valjean glauben konnte, ſein Zweck ſei erreicht und keine Spur mehr von der furchtbaren Viſion übrig geblieben. Einige Tage darauf ſtanden beide eines Morgens auf der Terraſſe des Gartens, was auch wieder ein Bruch von der Regel war, die Jean Valjean ſich auferlegt hatte. Co⸗ 7* 100 ſette war in ihrem Morgenkleide, jenem erſten Negligée, welches die jungen Mädchen ſo reizend kleidet, und roſig durch den geſunden Schlaf der vergangenen Nacht, be⸗ trachtete der gute Alte ſie gerührt, wie ſie ein Gänſeblüm⸗ chen zerpflückte. Coſette kannte die liebliche Legende von:„Ich liebe Dich ein wenig, von Herzen, mit Schmerzen“ u. ſ. w. nicht. Wer hätte es ihr auch lehren ſollen? Sie zerzupfte dieſe Blume aus Inſtinct und Unſchuld. Jean Valjean war be⸗ zaubert durch die Betrachtung der kleinen Finger an den Blumen und vergaß Alles in dem Entzücken über dieſes Kind. Ein Rothkehlchen zwitſcherte in dem nahen Gebüſch. Weiße Wölkchen zogen ſo luſtig am Himmel hin, daß es ſchien, als freuten ſie ſich darüber, in Freiheit geſetzt zu ſein. Coſette fuhr fort, die Blumen zu zerzupfen. Sie ſchien an irgend Etwas dabei zu denken, aber dieſes Etwas mußte reizend ſein. Plötzlich wendete ſie den Kopf über die Schulter und ſagte zu Jean Valjean: „Vater, was iſt denn das, die Galeeren? , oſig im iebe icht. ieſe be⸗ eſes iſch. ß es Sie was die Eine Idylle. Viertes Buch. Peiſtund von unten kann Peiſtand von oben ſein. Aeußere Wunden, innere Heilung. Ihr Leben wurde allmälig finſterer. Es blieb ihnen nur eine Zerſtreuung, die ehemals ein Glück geweſen war; ſie beſtand darin, denen, welche hun⸗ gerten, Brod, und denen, welche froren, Kleider zu bringen. In dieſen Beſuchen der Armen, bei denen Coſette öfters Jean Valjean begleitete, fanden ſie einen Theil ihres früheren Entzückens wieder, und zuweilen, wenn der Tag ſchön ge weſen war, wenn ſie vieler Elend gemildert, viele kleine Kinder neu belebt und erwärmt hatten, zeigte Coſette ſich am Abend etwas heiterer. Um dieſe Zeit war es, als ſie den Beſuch in der Höhle des Jondrette machten. Am Tage nach dieſem Beſuche erſchien Jean Valjean am Morgen in dem Pavillon, wie gewöhnlich ruhig, aber mit einer großen Wunde am linken Arme, die ſehr ent zündet war und von einem Brand herzurühren ſchien, den er auf irgend eine Weiſe erklärte. Dieſe Wunde war Urſache, daß er länger als einen Monat am Wundfieber litt, ohne ausgehen zu können. Er wollte keinen Arzt zu Rathe ziehen. Als Coſette deshalb in ihm drang, ſagte er:„So rufe den Hundedoctor.“ 104 Coſette verband ihn Morgens und Abends mit einem ſo himmliſchen Weſen, einem ſo ſichtlichen Glücke, ihm nützlich ſein zu können, daß Jean Valjean ſeine ganze frühere Freude zurückkehren, ſeine Beſorgniß und ſeine Furcht ver⸗ ſchwinden fühlte und Coſette betrachtete, indem er ſagte: „ach, die köſtliche Wunde! ach, das herrliche Uebel!“ Coſette hatte während der Krankheit ihres Vaters den Pavillon verlaſſen und Geſchmack an dem kleinen Stübchen und an dem Hinterhofe gefunden. Sie brachte beinahe die ganzen Tage bei Jean Valjean zu und las ihm aus den Büchern, die er wählte, vor. Im Allgemeinen waren es Reiſebeſchreibungen. Jean Valjean lebte wieder auf; ſein Glück kehrte mit unausſprechlicher Wonne zurück; der Luxem⸗ bourg, der junge Unbekannte, das kältere Benehmen Coſet⸗ tens, alle dieſe Wolken ſeiner Seele verſchwanden. Er kam dahin, ſich zu fragen:„ich habe mir das Alles eingebildet; ich bin ein alter Narr.“ Sein Glück war ſo groß, daß das entſetzliche Wiederfinden der Thénardiers, das ſo un⸗ erwartet geweſen, in gewiſſer Art über ihn hinweggeglitten war. Es glückte ihm, zu entrinnen; ſeine Spur war ver⸗ loren und was kümmert ihn das Uebrige? Er dachte daran nur, um dieſe Elenden zu beklagen. Sie waren im Kerker und jetzt außer Stande, ihm zu ſchaden, dachte er. Aber was für eine beklagenswerthe Familie im Elend. Von der entſetzlichen Viſion der Barriere du Maine hatte Coſette nicht mehr geſprochen. Im Kloſter hatte Schweſter St. Mechtilde Coſette in der Muſik unterrichtet. Coſette hatte die Stimme einer Grasmücke, die mit einer Seele begabt iſt, und zuweilen ſang ſie Abends in der beſcheidenen Wohnung des Ver⸗ wundeten traurige Lieder, welche Jean Valjean erfreuten. Der Frühling kam; der Garten war in dieſer Jahres⸗ zeit ſo köſtlich, daß Jean Valjean zu Coſette ſagte:„Du em lich ker ber ine er en 105 gehſt jetzt niemals mehr in den Garten; ich will, daß Du ihn beſuchſt.“—„Wie Du willſt!“ ſagte Coſette. Und um ihrem Vater zu gehorchen, machte ſie wieder ihre gewöhnlichen Spaziergänge im Garten, am häufigſten allein, zuweilen aber auch, wie wir andeuteten, begleitet von Jean Valjean, der ihn beinahe nie betrat, wahrſcheinlich, weil er fürchtete, durch das Gitter geſehen zu werden. Die Verwundung Jean Valjeans war eine Zerſtreu⸗ ung geweſen. Als Coſette ſah, daß ihr Vater weniger litt und daß er genas, daß er glücklich zu ſein ſchien, empfand ſie eine Zufriedenheit, welche ſie ſelbſt nicht bemerkte, ſo leiſe und natürlich ſtellte ſie ſich ein. Dann kam der April, die Tage wurden länger, der Winter verſchwand, und dieſe Jahreszeit nimmt immer etwas von unſrer Traurigkeit mit ſich hinweg. Darauf folgte der Mai, dieſe Tagesdämme⸗ rung des Sommers, friſch wie jede Morgenröthe, heiter wie jede Kindheit. Coſette war noch zu jung, als daß der Mai, der ihr glich, ſie nicht mit Freude hätte erfüllen ſollen. Der Früh⸗ ling heitert die trüben Seelen auf und Coſette ſelbſt war nicht mehr traurig. Uebrigens war das ſo, ohne daß ſie ſich Rechenſchaft davon gab. Morgens gegen zehn Uhr nach dem Frühſtück, wenn es ihr gelungen war, ihren Vater auf eine Viertelſtunde in den Garten zu ziehen und ſie ihn hier umherführte, ſeinen tranken Arm ſtützend, dann bemerkte ſie es nicht, daß ſie jeden Augenblick lachte und ganz glücklich war. Jean Valjean fühlte ſich berauſcht dadurch, ſie wieder friſch und blühend werden zu ſehen. „O, die köſtliche Wunde!“ wiederholte er leiſe. Und er fühlte ſich den Thénardiers dankbar. Nachdem ſeine Wunde geheilt war, hatte er ſeine Spaziergänge in der Abenddämmerung wieder aufgenommen. 106 Es wäre ein Irrthum, zu glauben, daß man ſo allein die unbewohnten Gegenden von Paris aufſuchen könnte, ohne auf irgend ein Ahenteuer zu ſtoßen. II. Die Mutter Plutarch kommt nicht in Verlegenheit, ein Phänomen zu erklären. Eines Abends hatte der kleine Gavroche nicht gegeſſen. Er erinnerte ſich, daß er am vorhergehenden Tage ebenſo wenig zu Mittag gegeſſen hatte; das wurde ermüdend. Er faßte den Entſchluß, den Verſuch zu einem Abendeſſen zu machen. Er ſtreifte jenſeits der Salpetrière an den öden Orten umher; dort findet man Almoſen; wo ſich kein Menſch befindet, da findet ſich irgend Etwas. Er kam bis zu einem Orte, der das Dorf Auſterlitz zu ſein ſchien. Auf einer ſeiner frühern Streifereien hatte er hier einen alten Garten bemerkt, der von einem alten Manne und einem alten Weibe heimgeſucht wurde, und in dieſem Garten einen leidlichen Apfelbaum. An der Seite dieſes Apfel⸗ baumes befand ſich eine Art von Fruchtboden, der ſchlecht verſchloſſen war, und von welchem man einen Apfel erobern konnte; ein Apfel iſt ein Abendeſſen; ein Apfel iſt das Leben. Was Adam in das Verderben ſtürzte, konnte Ga vroche retten. Der Garten ſtieß an ein einſames unge⸗ pflaſtertes Gäßchen und war mit Gebüſch eingefaßt, ehe die Häuſer kamen; eine Hecke trennte es von denſelben. — —— — i, 107 Gavroche ging nach dieſem Garten; er fand das Gäßchen wieder, erkannte den Apfelbaum, ſah den Frucht⸗ boden und prüfte die Hecke; eine Hecke, das iſt ein einziger Sprung, der Tag neigte ſich zu Ende; keine Katze in dem Gäßchen, die Stunde war gut. Gavroche begann die Be⸗ ſteigung, dann aber hielt er plötzlich inne. Man ſprach in dem Garten. Gavroche lugte durch einen der Zwiſchen⸗ räume der Hecke. Zwei Schritte von ihm entfernt, am Fuße der Hecke und auf der andern Seite, gerade an dem Punkte, wo er durch das Loch gedrungen ſein würde, lag am Boden ein Stein, der eine Art von Bank bildete, und auf dieſer Bank ſaß der Alte des Gartens, vor welchem die alte Frau ſtand. Die Alte knurrte. Gavroche, der uubeſcheiden war, lauſchte. „Herr Mabeuf!“ ſagte die Alte. „Herr Mabeuf!“ dachte Gavroche,„der Name iſt komiſch!“ Der angeredete Greis rührte ſich nicht. Die Alte wiederholte: „Herr Mabeuf!“ Der Greis entſchloß ſich zur Antwort, ohne die Augen vom Boden zu erheben. „Was giebt es, Mutter Plutarch?“ „Mutter Plutarch!“ dachte Gavroche,„ein anderer komiſcher Name!“ Die Mutter Plutarch fuhr fort und der Greis mußte ſich wohl in das Geſpräch fügen. „Der Beſitzer iſt nicht zufrieden.“ „Weshalb nicht?“ „Man iſt ihm drei Quartale ſchuldig.“ „In drei Monaten wird man ihm vier ſchuldig ſein.“ „Er ſagte, daß er uns hinauswerfen würde.“ „Ich werde gehen.“ 108 „Die Hökerin will bezahlt ſein. Sie giebt ihren Kram nicht mehr her. Womit werden Sie dieſen Winter heizen? Wir haben kein Holz.“ „Die Sonne ſcheint.“ „Der Fleiſcher verweigert den Credit, er will kein Fleiſch mehr geben.“ „Das iſt ſchon gut. Ich kann das Fleiſch nur ſchlecht verdauen. Es liegt zu ſchwer im Magen.“ „Was werden wir zum Eſſen haben?“ „Brod?“ „Der Bäcker verlangt eine Abſchlagszahlung. Er ſagt: kein Geld, kein Brod.“ „Das iſt gut.“ „Was werden wir eſſen?“ „Wir haben die Aepfel.“ Aber mein Herr, man kann doch nicht immer ſo ohne Geld leben.“ „Ich habe keins.“ Die Alte ging. Der Greis blieb allein. Er ſann. Gavroche ſeinerſeits ſann auch. Es war beinahe Nacht geworden. Das erſte Reſultat von dem Nachdenken Gavroche's war, daß er ſtatt über die Hecke zu ſteigen, ſich unter der⸗ ſelben niederkauerte. Am Fuße des Gebüſches waren die Zweige ein wenig weiter auseinander gebogen. „Ei“, rief Gavroche innerlich aus,„ein Alkoven!“ und er verſteckte ſich darin; er berührte beinahe die Bank des Vater Mabeuf und hörte den Greis athmen. Statt des Mittagseſſens ſuchte er nun zu ſchlafen. Der Schlaf einer Katze mit einem Auge. Indem Ga⸗ vroche ſchlief, lauſchte er. Die nebelhafte Weiße des Himmels erleuchtete die Erde und das Gäßchen bildete eine helle Linie zwiſchen zwei dunklen Gebüſchreihen. in 6 ne 109 Plötzlich erſchienen auf dieſem weißen Streifen zwei Geſtalten. Die eine ging voraus, die andere folgte in einiger Entfernung. „Da kommen zwei Weſen!“ brummte Gavroche. Die erſte Geſtalt ſchien irgend ein alter, niederge⸗ beugter und nachdenkender Bürger zu ſein, mehr als ein⸗ fach gekleidet, des Alters wegen langſam gehend und am Abend unter den Sternen umherſtreifend. Die zweite Geſtalt war gerade aufgerichtet, feſt, ſchlank. Sie richtete ihren Schritt nach der erſten. Man erkannte bei der freiwilligen Langſamkeit des Ganges Leichtigkeit und Gewandheit. Dieſe Geſtalt hatte mit einem wilden und unruhigen Weſen gleichwohl die Haltung eines Menſchen, den man damals einen Elegant nannte. Der Hut gut, der Ueberrock ſchwarz von gutem Schnitt, wahrſcheinlich auch von feinem Tuch, und an der Taille anſchließend. Der Kopf erhob ſich mit einer Art kräftiger Anmuth, und unter dem Hute ſah man bei der Dämmerung ein bleiches Jüng⸗ lingsgeſicht. Dieſe Geſtalt hatte eine Roſe im Munde. Dieſe zweite Geſtalt war Gavroche wohlbekannt. Es war Montparnaſſe. Von der anderen hätte er nichts zu ſagen vermocht, außer daß es ein alter Mann war. Gavroche begann ſogleich ſeine Betrachtungen. Einer der beiden Vorübergehenden hatte offenbar ſeine Abſichten auf den andern. Gavroche befand ſich ganz in der Lage, Alles zu überblicken. Der Alkoven war zu ſehr gelegener Zeit ein Verſteck geworden. Montparnaſſe auf der Jagd zu ſolcher Stunde und an ſolchem Orte, das war etwas Drohendes. Gavroche fühlte ſein Inneres von Mitleid für den Alten erfüllt. Was war zu thun? Sich einzumiſchen? Eine Schwäche 110 eine andere unterſtützen? Darüber würde Montparnaſſe nur gelacht haben. Gavroche verhehlte ſich nicht, daß für dieſen fürchterlichen achtzehnjährigen Banditen der Greis zuerſt und dann das Kind zwei Biſſen waren. Während Gavroche noch überlegte, fand der Angriff ſchon ſtatt, plötzlich und heftig. Der Angriff eines Tigers auf einen Waldeſel; der Angriff einer Spinne auf eine Fliege. Montparnaſſe warf plötzlich die Roſe fort, ſprang auf den Greis zu, packte ihn, klammerte ſich an ihn, und Gavroche hatte Mühe, einen Schrei zu unterdrücken. Einen Augenblick darauf lag einer dieſer Männer unter dem an⸗ dern, niedergeworfen, röchelnd, ſich ſträubend, mit einem Knie von Marmor auf ſeiner Bruſt.— Nur war es nicht gerade das, was Gavroche erwartet hatte. Der am Boden Liegende war Montparnaſſe, der über ihm war der Atte. Das Alles trug ſich einige Schritte von Gavroche entfernt zu. Der Greis hatte den Stoß empfangen und zurück ge⸗ geben, und zwar ſo furchtbar, daß in einem Nu der An⸗ greifende und der Angegriffene die Rollen wechſelten. „Das iſt ein tüchtiger Invalide!“ dachte Gavroche. Er konnte ſich nicht enthalten, in die Hände zu klat⸗ ſchen. Aber es war ein verlorenes Beifallszeichen. Es gelangte nicht bis zu den beiden Kämpfern, die einer durch den Andern ganz in Anſpruch genommen waren, und deren Athem ſich in dem Kampfe mit einander miſchte. Es entſtand ein tiefes Schweigen. Montparnaſſe ſträubte ſich nicht mehr. Gavroche dachte:„iſt er todt?“ Der Alte hatte kein Wort geſprochen, keinen Schrei ausgeſtoßen. Er erhob ſich und Gavroche hörte ihn zu Montparnaſſe ſagen: „Steh auf!“ Montparnaſſe ſtand auf. Aber der Alte hielt ihn feſt. Montparnaſſe hatte die gedemüthigte und wüthende Haltung eines Wolfes, der durch ein Schaf bezwungen iſt. ur rſt iff r6 nd 1 Gavroche ſah und hörte und ſtrengte ſich dabei an, ſeine Augen und ſeine Ohren zu verdoppeln. Er unter⸗ hielt ſich ganz ausnehmend. Er wurde für ſeine gewiſſenhafte Beſorgniß als Zu⸗ ſchauer belohnt. Er konnte im Fluge das folgende Zwie⸗ geſpräch belauſchen. Der Alte fragte, Montparnaſſe ant wortete: „Wie alt biſt Du?“ „Neunzehn Jahr.“ „Du biſt ſtark und geſund. Weshalb arbeiteſt Du nicht?“ „Das langweilt mich.“ „Was haſt Du für einen Stand?“ „Müßiggänger.“ „Sprich ernſt. Kann man etwas für Dich thun? Was willſt Du werden?“ „Räuber.“ Es entſtand wieder ein Schweigen. Der Greis ſchien ernſt nachzudenken. Er regte ſich nicht und ließ Montpar⸗ naſſe nicht los. Von Zeit zu Zeit machte der junge Bandit, der kräftig und gewandt war, heftige Bewegungen, wie ein in der Falle gefangenes wildes Thier. Er gab einen Stoß, ver⸗ ſuchte ein Bein zu ſtellen, wand ſeine Glieder, trachtete zu entrinnen. Der Greis ſchien das Alles nicht zu bemerken. Er hielt ihn beide Arme mit der vollkommenſten Gleichgültigkeit einer unbedingten überlegenen Kraft mit einer einzigen Handfeſt. Die Träumerei des Greiſes dauerte einige Zeit; dann ſah er Montparnaſſe feſt an, erhob mild die Stimme und hielt in der Dunkelheit an ihn eine feierliche Anrede, von welcher Gavroche keine Silbe verlor. „Mein Kind, Du betrittſt aus Trägheit die mühſeligſte aller Exiſtenzen, Du erklärſt Dich für einen Müßiggänger! Bereite Dich darauf vor, zu arbeiten. Haſt Du wohl ſchon eine fürchterliche Maſchine geſehen? Man nennt ſie die Plattmühle. Man muß ſich bei ihr in Acht nehmen, denn ſie iſt etwas Tückiſches und Grauſames. Erfaßt ſie Dich bei dem Zipfel Deines Rockes, ſo wirſt Du ganz in ſie hineingeriſſen. Dieſe Maſchine iſt der Müßiggang. Blicke zurück, während es noch Zeit iſt und rette Dich. Außerdem iſt es mit Dir zu Ende; binnen kurzer Zeit wirſt Du in dem Räderwerk ſein. Biſt Du einmal erfaßt, dann hoffe auf nichts mehr. Zur Anſtrengung, träger Menſch! Keine Ruhe mehr! Die eiſerne Hand der unerbittlichen Arbeit hat Dich erfaßt, Deinen Lebensunterhalt gewinnen, einen Stand haben, eine Pflicht erfüllen willſt Du nicht! So zu ſein wie andere Menſchen, das langweilt Dich! Nun wohl, Du wirſt anders ſein. Die Arbeit iſt das Geſetz. Wer ſie als Langweiligkeit verwirft, wird ſie als Strafe erdulden. Du willſt nicht Arbeiter ſein; Du wirſt Sclave werden. Die Arbeit läßt Dich auf der einen Seite los, um Dich auf der andern zu packen; Du willſt nicht ihr Freund ſein und wirſt ihr Sclave werden. Du haſt die rechtſchaffene Er⸗ müdung der Menſchen verſchmäht; Du wirſt den Schweiß der Verdammten vergießen. Wo die Andern ſingen, da wirſt Du heulen; Du wirſt in der Ferne die andern Menſchen arbeiten ſehen, und es wird Dir vorkommen, als ruhten ſie ſich aus. Der Arbeiter, der Schnitter, der Matroſe, der Schmied werden Dir in dem Lichte erſcheinen, wie die Seligen des Paradieſes, den Pflug zu führen, die Garben zu binden, das iſt Luſt! Die Barke im Winde dahin ſchwebend, welch ein Feſt! Du Träger, grabe, ſchleppe, rolle! ziehe Deinen Strang; Du biſt ein Laſtthier in dem Geſchirr der Hölle! Ha! nichts zu thun iſt alſo Dein Ziel? Nun wohl, keine Woche, kein Tag, keine Stunde wird für Dich ohne Anſtrengung vergehen. Du wirſt nichts aufheben können als mit Qual. Jede ſchwindende Minute wird Deine Muskeln erbeben machen. die enn ſie icke em in ffe ine heit nen hl, en. en. ich und eiß da rn en, er, ug Was für die Andern eine Feder iſt, wird für Dich ein Fels ſein. Die einfachſten Dinge werden ſich Dir entziehen. Gehen, kommen, athmen werden ebenſo viele furchtbare Arbeiten für Dich ſein. Deine Lunge wird den Eindruck eines Gewichts von 100 Pfund auf Dich machen. Der Kerker, das iſt Deine Zukunft. Trägheit, Vergnügungen, welch ein Abgrund! Nichts zu thun, das iſt der ſchlimmſte Entſchluß, den man faſſen kann! Unnütz ſein heißt ſchädlich ſein! Das führt geradewegs zum Elend! Es gefällt Dir alſo, nicht zu arbeiten? Du haſt nur einen Gedanken, gut zu eſſen, gut zu trinken, gut zu ſchlafen. Nun wohl, Du wirſt Waſſer trinken, Du wirſt ſchwarzes Brod eſſen, Du wirſt auf einem Bettſchlafen mit einer Kette an Deinen Gliedern, deren Kälte Du die ganze Nacht hindurch an Deinem Leibe fühlſt! Du ſprengſt dieſe Kette, Du entfliehſt. Gut. Du ſchleppſt Dich wie ein wildes Thier durch das dichte Gebüſch des Waldes. Du wirſt wieder ergriffen und in einen tiefen Keller geſperrt. Ach, habe Erbarmen mit Dir ſelbſt, un⸗ glückliches Kind! Ich beſchwöre Dich, höre auf mich! Du willſt ſchöne Kleider tragen, den Dirnen gefallen, die Haare zierlich ordnen. Du wirſt eine rothe Jacke und einen ab⸗ geſchornen Kopf bekommen. Dir verlangt nach einem Ringe am Finger; Du wirſt einen um den Hals haben. Du ſiehſt nach einem Weib und wirſt mit einem Stockſchlage dafür belohnt. Das Alles erreichſt Du mit zwanzig Jahren und verläßt es mit fünfzig Jahren, gebeugt, entkräftet, entſetzlich, zahnlos, mit weißen Haaren! Ach, mein armes Kind, Du biſt auf falſchem Wege; der Müßiggang iſt für Dich ein ſchlechter Rathgeber! Die rauheſte aller Arbeiten ſind der Diebſtahl und der Raub. Folge mir und unter⸗ nimm nicht dieſe mühſame Arbeit eines Müßiggängers.— Gehe jetzt und denke über das nach, was ich Dir geſagt habe. Noch eins, was wollteſt Du von mir? Meine Börſe?“ Der Greis ließ Montparnaſſe los und legte ihm ſeine Die Elenden vII. 8 —— ——— 114 Börſe in die Hand, der ſie, als ob er ſie geſtohlen hätte, leiſe in die hintere Taſche ſeines Rockes gleiten ließ. Nachdem dies Alles geſchehen war, wendete der Alte den Rücken und ſetzte ruhig ſeinen Spaziergang fort. Wer war dieſer Alte? Der Leſer hat es bereits er⸗ rathen. Montparnaſſe ſah ihn ganz verdutzt in der Dunkel⸗ heit verſchwinden. Dieſes Sinnen wurde ihm verhängniß⸗ nißvoll. Während der Greis ſich entfernte, näherte ſich Gavroche. Mit einem Seitenblick hatte Gavroche ſich über⸗ zeugt, daß der Vater Mabeuf, vielleicht ſchlafend, noch immer auf ſeiner Bank ſaß. Dann kroch der Gamin in der Dunkelheit aus dem Gebüſch hervor hinter dem regungs⸗ los daſtehenden Montparnaſſe. Er gelangte zu demſelben, ohne geſehen oder gehört zu werden, ſchob leiſe ſeine Hand in die hintere Taſche des Ueberrocks von feinem ſchwarzen Tuch, ergriff die Börſe, zog die Hand zurück, und kroch wie eine Eidechſe in der Dunkelheit wieder in das Gebüſch hinein. Montparnaſſe, der durchaus keinen Grund hatte, auf ſeiner Hut zu ſein und der zum erſten Mal in ſeinem Leben nachdachte, bemerkte nichts. Als Gavroche zu dem Punkte zurückgekehrte, wo der Vater Mabeuf ſaß, warf er die Börſe über die Hecke und entfloh ſo ſchnell er konnte. Die Börſe fiel dem Vater Mabeuf auf den Fuß. Er bückte ſich und nahm die Börſe auf. Er begriff nichts und öffnete ſie; ſie enthielt einiges Silbergeld und ſechs Na⸗ poleond'ors. Herr Mabeuf war ganz erſchrocken und beichtete die Sache ſeiner Haushälterin. „Das iſt vom Himmel gefallen!“ ſagte die Mutter Plutarch. der Na⸗ die tter ine Idylle. Fünftes Buch. e dem Anfang nicht gl gleicht. 8* Einſamkeit. Der Schmerz Coſettens, der vor vier oder fünf Mo⸗ naten noch ſo ſtechend geweſen war, ging, ihr ſelbſt unbe⸗ wußt, allmälig vorüber. Die Natur, der Frühling, die Jugend, die Liebe zu ihrem Vater, die Munterkeit der Vögel und die Schönheit der Blumen träufelten Tag für Tag in die jungfräuliche und junge Seele ein Etwas, das dem Vergeſſen glich. Erloſch das Feuer in ihr ganz? Bil⸗ dete ſich blos ein Aſchenloch? So viel iſt gewiß, daß ſie kaum noch einen ſtechenden und brennenden Schmerz fühlte. Eines Tages dachte ſie plötzlich an Marius und rief: „Sieh! ich denke nicht mehr an ihn!“ In eben dieſer Woche bemerkte ſie, als ſie an dem Gitter ihres Gartens vorüberging, einen ſehr ſchönen Uhlanenoffizier mit einer Weſpentaille, einer köſtlichen Uni⸗ form, den Säbel unter dem Arm, einem gewichſten Schnurr⸗ bart, einem ſpiegelblanken Czapka. Dabei hatte er blonde Haare, blaue Augen, ein rundes, eitles unverſchämtes und hübſches Geſicht. Er war ganz das Gegentheil von Marius. Eine Cigarre im Munde. 118 Coſette dachte, daß dieſer Officier ohne Zweifel zu dem Regimente gehöre, welches in der Rue de Babylone ſeine Caſerne hatte. Am nächſten Tage ſah ſie ihn wieder vorübergehen. Sie merkte ſich die Stunde. Von dieſem Tage an— war es Zufall?— ſah ſie ihn faſt täglich vorübergehen. Die Kameraden des Officiers bemerkten, daß in dem „ſchlecht unterhaltenen“ Garten, hinter dem abſcheulichen Eiſengitter ein ziemlich hübſches Mädchen ſei, welches bei⸗ nahe immer daſtand, wenn der ſchöne Lieutenant vorüber⸗ ging, der dem Leſer nicht unbekannt iſt und ſich Theodulus Gillenormand nannte. „Sieh“, ſagten ſie zu ihm,„es iſt da eine Kleine, die Dir verliebte Augen zuwirft. Betrachte ſie doch!“ „Habe ich dazu die Zeit“, erwiderte der Lanzenreiter, „alle Mädchen anzuſehen, die nach mir blicken?“ Dies war eben die Zeit, in welcher Marius langſam zur Todesqual hinabſank und zu ſich ſagte:„wenn ich ſie nur noch einmal wieder ſehen könnte, ehe ich ſterbe!“ Wenn ſein Wunſch erfüllt worden wäre, wenn er Co⸗ ſette dieſen Augenblick geſehen hätte, wie ſie nach einem Uhlan blickte, ſo würde er kein Wort zu ſprechen vermocht und vor Schmerz ſeine Seele ausgehaucht haben. An wem lag die Schuld? An Niemand. Marius gehörte zu jenen Temperamenten, welche ſich in den Kummer vertiefen und darin ausharren; Coſette zu jenen, welche ſich hineinſtürzen und ſich ihm wieder ent⸗ reißen. Coſette durchſchritt übrigens jenen gefährlichen Augen⸗ blick, jene verhängnißvolle Phaſe der weiblichen Träumerei, die ſich ſelbſt überlaſſen iſt und in welcher das Herz eines jungen einſamen Mädchens jenem Ranken des Weinſtocks ie r, m ſie 4¹9 gleicht, der ſich, von dem Zufall geleitet, an die Marmor⸗ ſäulen oder an den Pfahl eines Cabarets anſchmiegt. Das iſt ein entſcheidender Augenhlick; mißlich für jede Waiſe, ſei ſie arm oder reich, denn der Reichthum ſchützt nicht gegen eine ſchlechte Wahl; es giebt ſehr hohe Mißheirathen; die wahre Mißheirath iſt die der Seele. Und ebenſo, wie mehr als ein unbekannter junger Mann ohne Namen, ohne Geburt, ohne Vermögen einer Marmorſäule gleicht, die einen Tempel großartiger Gefühle und Gedanken ſtützt, ebenſo iſt mancher Weltmann, reich und mächtig, mit ge⸗ wichsten Stiefeln und glatten Worten nichts anderes als der Pfahl eines Cabarets, erfüllt von heftigen, ſchmutzigen und gierigen Leidenſchaften. Was lag in Coſetten's Seele? Eine beſchwichtigte oder ſchlummernde Leidenſchaft; Liebe in ungewiſſem Zu⸗ ſtande; etwas Durchſichtiges, Glänzendes, Unruhevolles bis zu einer gewiſſen Tiefe; weiterhin, Alles finſter. Das Bild des ſchönen Offiziers ſpiegelte ſich auf der Oberfläche. Gab es eine Erinnerung in der Tiefe— ganz unten? Vielleicht wußte es Coſette nicht. Es trug ſich ein eigenthümliches Ereigniß zu. II. Coſettens Furcht. In der erſten Hälfte des Mai machte Jean Valjean eine Reiſe. Dies geſchah, wie man weiß, zuweilen in 120 ſehr langen Zwiſchenräumen. Er blieb einen Tag oder höchſtens zwei Tage abweſend. Wohin ging er? Niemand wußte dies, ſelbſt nicht Coſette. Einmal hatte ſie ihn bei ſeiner Abreiſe im Fiaker bis zu der Ecke eines kleinen Sack⸗ gäßchens begleitet, wo ſie ein Schild las: Sackgaſſe de la Planchette. Hier war er ausgeſtiegen und der Fiaker hatte Coſette nach der Rue de Babhlone zurückgebracht. Gewöhnlich, wenn das Geld im Hauſe mangelte, machte Jean Valjean dieſe kleinen Reiſen. Jean Valjean war alſo abweſend. Er hatte geſagt, „In drei Tagen kehre ich zurück.“ Am Abend war Coſette allein in ihrem Salon. Um ſich die Langeweile zu vertreiben, hatte ſie ihr Piano geöffnet und ſang, indem ſie ſich ſelbſt accompagnirte, die Cavatine:„Bächlein im Thale“ aus der Eurhanthe, welche vielleicht eine der herrlichſten Schöpfungen aller Muſik iſt. Als ſie zu Ende war, blieb ſie nachdenkend ſitzen. Plötzlich kam es ihr vor, als hörte ſie in dem Garten gehen. Es konnte ihr Vater nicht ſein, denn er war ab⸗ weſend; es konnte die Touſſaint nicht ſein, dieſe ſchlief. Es war zehn Uhr Abends. Sie ſchlich zu dem Fenſterladen, der geſchloſſen war, und legte ihr Ohr an denſelben. Es ſchien ihr, als ſei es der Schritt eines Mannes und als ginge derſelbe ſehr leiſe. Sie ging ſchnell nach dem erſten Stock hinauf, trat in ihr Zimmer, öffnete eine kleine Klappe, die an dem Fenſterladen angebracht war, und ſah in den Garten hinab. Es war Vollmond und man konnte ſehen wie am hellen Tage. Es war Niemand zu erblicken. Sie öffnete das Fenſter ganz, der Garten war vollkommen ruhig und Alles, was ſie von der Straße ſehen konnte, ebenſo wie immer. Coſette glaubte, ſie hätte ſich getäuſcht. Sie hatte wahrſcheinlich nur geglaubt, das Geräuſch zu hören. Es —„5£ —— 5 121 mußte eine Hallucination geweſen ſein, hervorgerufen durch das phantaſtiſche Muſikſtück Webers. Sie dachte nicht mehr daran. Ueberdies war Coſette von Natur nicht ſehr furcht⸗ ſam. Es lag in ihren Adern etwas von dem Blute der Zigeuner und Abenteurer, die barfuß gehen. Man wird ſich daran erinnern, daß ſie mehr Lerche als Taube war. Am folgenden Tage ging ſie, minder ſpät, mit Anbruch der Dunkelheit in dem Garten umher. Während der ver⸗ worrenen Gedanken, denen ſie ſich hingab, glaubte ſie zuweilen ein Geräuſch zu hören, welches dem des ver⸗ gangenen Abends glich, wie Jemand, der in der Dunkel⸗ heit, nicht ſehr weit von ihr entfernt, behutſam unter den Bäumen hinging. Allein ſie ſagte ſich ſelbſt, daß nichts ſo ſehr dem Schritt im Graſe glich, wie das Raſcheln zweier Zweige, die ſich von ſelbſt auseinander biegen, und ſie achtete nicht weiter darauf. Uebrigens ſah ſie auch nichts. Sie trat aus dem Gebüſch; ſie mußte nun noch über einen kleinen Raſenplatz gehen, um zu der Treppe zu gelangen. Der Mond, der hinter ihr aufgegangen war, warf, als Coſette aus dem Dunkel trat, ihren Schatten vor ſie auf den Raſen. Coſette blieb entſetzt ſtehen. Neben ihrem Schatten zeigte der Mond deutlich auf dem Raſen noch einen zweiten furchtbaren Schatten, einen Schatten mit einem runden Hute. Es ſchien der Schatten eines Mannes zu ſein, der einige Schritte hinter Coſette am Zaune des Gebüſches ſtand. Eine Minute vermochte ſie nicht zu ſprechen, noch zu ſchreien, noch zu rufen, noch ſich zu regen, noch den Kopf umzudrehen. Endlich ſammelte ſie ihren ganzen Muth und wendete ſich entſchloſſen um. Es war Niemand zu ſehen. 2— Sie blickte auf den Boden. Der Schatten war raſch verſchwunden. Sie kehrte zurück in das Gebüſch, durchſuchte kühn alle Winkel deſſelben, ging bis zu dem Gitter und fand nichts. Sie fühlte ſich wahrhaft erſtarrt. War das wieder eine Hallucination? Zwei Tage hinter einander! Eine Hallu⸗ cination geht vorüber, aber zwei? Beunruhigend war es beſonders, daß der Schatten ganz ſicher kein Phantom ſeir konnte. Die Phantome tragen keine runden Hüte. Am nächſten Tage kehrte Jean Valjean zurück. Coſette erzählte ihm, was ſie zu ſehen und zu hören geglaubt hatte. Sie erwartete, daß ihr Vater ſie beruhigen und achſelzuckend zu ihr ſagen würde:„Du biſt eine kleine Thörin!“ Jean Valjean wurde nachdenklich. „Das kann nichts ſein,“ ſagte er. Er verließ ſie unter irgend einem Vorwande, ging nach dem Garten und ſie bemerkte, daß er das Gitter mit vieler Aufmerkſamkeit unterſuchte. In der Nacht erwachte ſie; diesmal war ſie überzeugt und hörte ganz deutlich dicht neben der Treppe unter ihrem Fenſter gehen. Sie eilte an ihr Fenſter und öffnete es. Es war in der That im Garten ein Mann, der einen großen Stock in der Hand hielt; in dem Augenblick, als ſie ſchreien wollte, beleuchtete der Mond das Geſicht des Mannes. Es war ihr Vater. Sie legte ſich wieder nieder, indem ſie dachte:„er iſt alſo doch ſehr beſorgt!“ Jean Valjean brachte dieſe Nacht und die beiden fol⸗ genden Nächte in dem Garten zu. Coſette ſah ihn durch die Klappe ihres Fenſterladens. In der dritten Nacht nahm der Mond ab und ging ſpäter auf. Es mochte ein Uhr Morgens ſein, als ſie ein lal we Uun — — 123 ſch lautes Gelächter hörte und die Stimme ihres Vaters, welcher ſie rief: ihn„Coſette!“ is. Sie ſprang aus dem Bett, warf ihren Schlafrock über der und öffnete das Fenſter. lu⸗ Ihr Vater ſtand unten auf dem Raſenplatze. 1„Ich wecke Dich auf, um Dich zu beruhigen,“ ſagte en er.„Sieh, hier iſt Dein Schatten mit dem runden Hute.“ Und er zeigte ihr auf den Raſen einen Schatten, den eüe der Mond warf und der in der That ſo ziemlich dem ubt Geſpenſte eines Mannes mit einem runden Hute glich. Es und war der Schatten einer Eſſe mit einem Aufſatz von Blech, ine der über eines der benachbarten Dächer hervorragte. Auch Coſette lachte, alle ängſtlichen Vermuthungen verſchwanden, und als ſie am nächſten Tage mit ihrem Vater zuſammen frühſtückte, machte ſie ſich über den fin⸗ ch ſtern Garten luſtig, der von den Geſpenſtern der Schorn eler ſteine heimgeſucht wurde. Jean Valjean wurde wieder vollkommen ruhig; Coſette ugt achtete nicht darauf, ob die Eſſe in der Richtung des em Schattens ſei, den ſie geſehen oder zu ſehen geglaubt hatte, es. und ob der Mond an demſelben Punkte des Himmels ſtand. nen Sie fragte ſich nicht über die Sonderbarkeiten des Schorn ſie ſteins, der überraſcht zu werden fürchtet und ſich zurück des zieht, wenn man ihn im Schatten beobachtet. Denn der Schatten war verſchwunden, als Coſette ſich umwandte. ſſt Coſette beruhigte ſich vollkommen, und es kam ihr nicht in den Sinn, daß irgend Jemand am Abend und in der Nacht fol in dem Garten umhergehen könnte. ch Einige Tage ſpäter trug ſich indeß ein neues Ereig⸗ niß zu. ing ein 124 M Bereicherung der Commentare der Tonuſſaint. In dem Garten nahe dem Gitter nach der Straße ſtand eine ſteinerne Bank, die durch eine Hagebuchenlaube gegen die Blicke Neugieriger geſchützt war, die jedoch von oben ein durch das Gitter und die Laube ausgeſtreckter Arm erreichen konnte. Eines Abends in eben dieſem Monat Mai war Jean Valjean ausgegangen. Coſette hatte ſich nach Sonnenunter⸗ gang auf dieſe Bank geſetzt. Der Wind ſtrich durch die Bäume; Coſette dachte. Eine Traurigkeit ohne Gegenſtand erzeugt allmälig jene unbeſiegbare Traurigkeit, die der Abend erweckt und die vielleicht aus dem um dieſe Stunde ge⸗ öffnetem Grabe heraufſteigt. Fantine ſchwebte vielleicht in dieſem Schatten. Coſette ſtand auf, ging langſam durch den Garten, und indem ſie über das von Thau befeuchtete Gras ſchritt, dachte ſie:„Es werden um dieſe Stunde im Garten wirk⸗ lich Ueberſchuhe nöthig. Man erkältet ſich.“ Sie kehrte zu der Bank zurück. Als ſie ſich wieder ſetzen wollte, bemerkte ſie an der Stelle, die ſie verlaſſen hatte, einen ziemlich großen Stein, der offenbar einen Augenblick zuvor nicht dort gelegen hatte. Coſette betrachtete dieſen Stein und fragte ſich, was das zu bedeuten hätte. Plötzlich fiel ihr ein, daß der Stein nicht ganz allein auf die Bank gekommen ſein könnte; daß Jemand ihn hergelegt haben müßte, daß ein Arm durch das Gitter geſteckt worden wäre und dieſer Gedanke flößte den ſie fü lad Si ſot mn die we — S„ 2—— — raße aube von Am Jean nter⸗ die tand bend tten, it, virk⸗ 125 ihr Furcht ein. Diesmal war es eine wirkliche Furcht, denn der Stein lag da. Ein Zweifel war nicht möglich; ſie berührte ihn nicht, entfloh ohne rückwärts zu blicken, flüchtete ſich in das Haus uud ſchloß ſogleich den Fenſter⸗ laden und die Glasthür der Treppe mit Schloß und Riegel. Sie fragte die Touſſaint: „Iſt mein Vater nach Hauſe gekommen?“ „Noch nicht, Fräulein.“ Wir haben ein für allemal erwähnt, daß die Touſſaint ſtotterte. Man geſtatte uns, ihre Ausſprache nicht weiter anzudeuten. Jean Valjean, der nächtlicher Wanderer war, kehrte oft erſt ziemlich ſpät in der Nacht nach Hauſe zurück. „Touſſaint“, ſagte Coſette,„Sie müſſen am Abend die Fenſterladen nach dem Garten feſt verſchließen.“ „O, ſeien Sie ganz ruhig, Fräulein.“ Die Touſſaint unterließ dies nie und Coſette wußte es wohl; dennoch konnte ſie ſich nicht enthalten, hinzuzufügen: „Es iſt hier ſo öde!“ „Was das betrifft“, ſagte die Touſſaint,„ſo iſt es wahr. Man könnte hier ermordet werden, ohne daß man nur Zeit hätte, Au Weh! zu ſagen. Und dabei ſchläft der Herr nicht in dem Hauſe. Aber fürchten Sie nichts, Fräu⸗ lein. Ich ſchließe die Fenſter wie eine Baſtille. Frauen allein! Ich glaube wohl, daß man darüber zittern kann! Denken Sie ſich nur! In der Nacht Männer in das Zim⸗ mer treten zu ſehen, die zu einem ſagen: ſchweig! und dann den Hals abſchneiden. Es iſt nicht gerade ſo viel, zu ſter— ben, denn man muß doch einmal ſterben, aber es iſt das Entſetzliche, zu fühlen, daß man von ſolchen Menſchen be— rührt wird! Und dann ihre Meſſer, die ſo ſchlecht ſchneiden! O mein Gott!“ „Schweigen Sie!“ ſagte Coſette.„Schließen Sie Alles gut zu.“ 126 Coſette, welche durch das improviſirte Drama der Touſſaint erſchreckt war, und vielleicht auch durch die Er⸗ innerung an die Erſcheinungen in der vergangenen Woche, wagte ſelbſt nicht einmal, ihr zu ſagen:„Sehen Sie doch nach dem Stein auf der Bank!“ denn ſie fürchtete, die Thür zum Garten wieder zu öffnen, weil„die Menſchen“ dann hereinkommen konnten. Sie ließ überall ſorgfältig die Thüren und die Fenſter verſchließen, durch die Touſſaint das ganze Haus vom Keller bis zum Boden durchſuchen, ſchloß ſich dann in ihrer Stube ein, ſchob die Riegel vor, ſah dann unter das Bett, legte ſich nieder und ſchlief ſchlecht. Die ganze Nacht ſah ſie den Stein, ſo groß wie eine Burg und voller Höhlen. Mit Sonnenaufgang— das Eigenthümliche der auf⸗ gehenden Sonne iſt, daß wir dann über alle unſere Schrecken der Nacht lächeln und daß das Lächeln immer im Verhält⸗ niß zu der gehabten Furcht iſt— mit Sonnenaufgang alſo erwachte Coſette; ihr Schrecken kam ihr wie ein Alpdrücken vor und ſie ſagte zu ſich ſelbſt:„Woran habe ich denn gedacht? Das iſt wie mit den Schritten, die ich vergan⸗ gene Nacht in dem Garten zu hören glaubte! Es iſt wie mit dem Schatten des Eſſenaufſatzes! Werde ich denn jetzt etwa feig?“ Die Sonne, welche durch die Spalten ihrer Fenſterladen drang und die Damaſtvorhänge purpurn färbte, beruhigte ſie ſo ſehr, daß Alles in ihrem Gedanken verſchwand, ſelbſt der Stein.„Es lag ſo wenig ein Stein auf der Bank, als es einen Menſchen in rundem Hute im Garten gab. Ich habe den Stein ebenſo geträumt wie alles Uebrige.“ Sie kleidete ſich an, ging in den Garten hinab, eilte nach der Bank und wurde von kaltem Schweiß überrieſelt. Der Stein lag dort. Aber das dauerte nur einen Augenblick. Was wäh⸗ rend der Nacht Schrecken iſt, wird am Tage zur Neugier. — der Er⸗ oche, doch die chen fültig ſſaint ſchen, vor, ſchlief wie anf⸗ recken rhült⸗ tücken denn rgan⸗ e mit jet rladen ſelbſt Bank, ge eilte wih⸗ ugier 127 „Ei!“ ſagte ſie.„Ich will doch ſehen, was es iſt.“ Sie hob den Stein auf, der ziemlich groß war. Darunter lag Etwas, das einem Briefe glich. Es war ein Couvert von weißem Papier. Eoſette er⸗ griff es; es hatte auf der einen Seite kein Siegel, auf der andern keine Adreſſe. Indeß das Couvert war, wenn auch offen, doch nicht leer. Im Innern erblickte man Papier. Coſette durchſuchte es. Es war nicht mehr Schrecken, es war auch nicht mehr Neugier, ſondern ein Beginn der Beſorgniß. Coſette zog aus dem Couvert das, was es enthielt; ein kleines Heft Papiere, von dem jedes Blatt numerirt war und einige Zeilen trug, die mit ziemlich hübſcher und ſehr feiner Schrift geſchrieben waren. Coſette ſuchte nach einem Namen, ſie fand keinen; nach einer Unterſchrift, es war keine vorhanden. An wen war das adreſſirt? An ſie wahrſcheinlich, weil eine Hand das Päckchen auf die Bank gelegt hatte. Von wem kam es? Ein unwiderſtehlicher Zauber bemächtigte ſich ihrer; ſie ſuchte die Augen von den Blättern abzuwenden, die in ihrer Hand zitterten, blickte zum Himmel auf, nach der Straße, nach den Akazien, die von Licht überflutet waren, nach den Tauben, die auf ein benachbartes Dach flogen, und dann ſenkte ſich ihr Blick plötzlich auf das Manuſcript; und ſie ſagte ſich, ich muß doch wiſſen, was darin ſteht. Hier, was ſie las. 128 IV. Ein Herz unter einem Steiue. Das Aufgeben des eigenen Weſens, die innige Ver⸗ bindung mit dem Weltall: mit Gott, iſt die Liebe. Die Liebe iſt der Gruß der Engel an die Sterne. Wie traurig iſt die Seele, wenn ſie durch die Liebe traurig iſt! Welche Leere entſteht durch die Abweſenheit des Gegen⸗ ſtandes, der allein die ganze Welt erfüllt! O, wie wahr iſt es, daß der geliebte Gegenſtand Gott wird. Man würde begreifen, daß Gott darüber eiferſuchtig wird, wenn der Allvater nicht offenbar die Schöpfung für die Seele und die Seele für die Liebe geſchaffen hätte. Ein Lächeln unter einem weißen Krepphut mit Lila⸗ Per⸗ liebe gen wahr ürde der und Lila⸗ Band genügt, um die Seele in den Palaſt der Träume ein⸗ zuführen. Gott durchdringt Alles, aber Alles verbirgt Gott. Die Dinge ſind ſchwarz, die Geſchöpfe ſind durchſichtig. Ein Weſen lieben, heißt es durchſichtig machen. Gewiſſe Gedanken ſind Gebete. Es giebt Augenblicke, in denen die Seele auf den Knieen liegt, wie auch die Hal⸗ tung des Körpers ſein mag. Die getrennten Liebenden täuſchen ſich über die Ab⸗ weſenheit durch tauſend ſchwärmeriſche Dinge, die gleich⸗ wohl ihre Wirklichkeit haben. Man hindert ſie, ſich zu ſehen; ſie können ſich nicht ſchreiben; ſie finden eine Menge geheimnißvoller Mittel, ſich Mittheilungen zu machen. Sie ſenden ſich den Geſang der Vögel, den Duft der Blumen, das Lachen der Kinder, die Strahlen der Sonne, die Seufzer des Windes, das Funkeln der Sterne, die ganze Schöpfung. Und weshalb nicht? Alle Werke Gottes ſind dazu geſchaffen, der Liebe zu dienen. Die Liebe iſt mächtig genug, die ganze Natur mit ihren Botſchaften zu beauftragen. O Frühling, Du biſt ein Brief, den die Liebe ſchreibt. Die Elenden. VII. 9 — Die Zukunft gehört noch viel mehr den Herzen wie den Geiſtern. Liebe, das iſt das Einzige, was die Ewig⸗ keit beſchäftigen und erfüllen kann. Für das Unendliche iſt das Unerſchöpfliche nothwendig. Die Liebe iſt ein Theil der Seele ſelbſt. Sie iſt von gleicher Natur mit ihr. Wie ſie, iſt ſie ein göttlicher Funken; wie ſie, iſt ſie unveränderlich, untheilbar, unvergäng⸗ lich. Sie iſt ein Feuerſtrahl in uns, unſterblich und end⸗ los, den nichts beſchränken und nichts auslöſchen kann. Man fühlt ihn bis in das Mark der Knochen brennen, ſieht ihn bis in den Hintergrund des Himmels ſtrahlen. O Liebe, Anbetung! Wolluſt zweier Geiſter, die ſich einander verſtehen, zweier Herzen, die ſich vertauſchen, zweier Blicke, die ſich durchdringen! Du wirſt mir werden, nicht wahr, Du Glück? Spaziergänge zu Zweien in der Einſamkeit! Geſegneter und freudeſtrahlender Tag! Ich habe zuweilen geträumt, daß von Zeit zu Zeit die Stunden ſich von dem Leben der Engel löſen und hinieden das Geſchick der Menſchen durchzögen. Man betrachtet einen Stern aus zwei Gründen, weil er ſtrahlt und weil er unerforſchlich iſt. Man hat in ſeiner Nähe ein noch helleres und größeres Myſterium: das Weib. Wenn die Liebe in engelgleicher und heiliger Einheit zwei Weſen verſchmolzen hat, dann iſt für ſie das Geheimniß des Lebens gefunden. Sie ſind nur noch die beiden End⸗ wie wig⸗ e iſt von cher äng⸗ end⸗ ann. nen, n. ſich chen, den, der habe ſich i weil iner zeib. zwei miß End⸗ punkte eines und deſſelben Geſchickes; ſind nur noch die beiden Flügel eines und deſſelben Geiſtes. Was die Liebe beginnt, kann nur durch Gott voll⸗ endet werden. Nichts genügt der Liebe. Man hat das Glück und man will das Paradies; man hat das Paradies und will den Himmel. O ihr, die ihr liebt, Alles liegt in der Liebe. Wiſſet ſie zu finden. Die Liebe hat gleich dem Himmel die Beſchauung; aber noch mehr als der Himmel: die Wolluſt. Kommt ſie noch nach dem Luxembourg?— Nein, mein Herr.— In dieſer Kirche hört ſie die Meſſe, nicht wahr?— Sie kommt nicht mehr hierher.— Wohnt ſie noch in dieſem Hauſe?— Sie iſt ausgezogen.— Wohin iſt ſie gezogen?— Sie hat es nicht geſagt. Wie ſchrecklich iſt es, die Wohnung ſeiner Seele nicht zu kennen. Ihr die ihr leidet, weil ihr liebt, liebt noch mehr. Vor Liebe ſterben, heißt von ihr leben.— Die Liebe iſt ein himmliſcher Athemzug der Luft des Paradieſes.— Ich traf auf der Straße einen jungen ſehr armen Menſchen. Sein Hut war alt, ſein Rock war abgetragen; ſeine Ellen⸗ bogen waren durchlöchert; das Waſſer durchdrang ſeine Schuhe und die Sterne ſeine Seele. Gäbe es Niemand, der liebt, ſo würde die Sonne er⸗ löſchen. 9* 132 . Coſette nach dem Briefe. Während Coſette dies las, verſank ſie allmälig in Traurigkeit. In dem Augenblick, als ſie die Augen von der letzten Zeile erhob, ging der ſchöne Offizier— es war ſeine gewöhnliche Stunde— triumphirend vor dem Gitter vorüber. Coſette fand ihn abſcheulich häßlich. Sie betrach— tete wieder das Heft. Es war in köſtlicher Schrift ge⸗ ſchrieben, dachte Coſette, von derſelben Hand, aber mit ver— ſchiedener Tinte, bald ſehr ſchwarz, bald blaß, wie wenn man friſche Tinte nimmt, und ffolglich an verſchiedenen Tagen. Es hatten ſich alſo hier Gedanken ergoſſen, Seufzer, unregelmäßig, ohne Ordnung, ohne Wahl, ohne Ziel. Coſette hatte nie etwas Aehnliches geleſen. Das Heft machte auf ſie die Wirkung eines geöffneten Heiligthumes. Jede der geheimnißvollen Zeilen glänzte in ihren Augen und erfüllte ihr Herz mit einem eigenthümlichen Lichte. Das Herz hatte ihr plötzlich die Liebe offenbart, der Schmerz, das Geſchick, das Leben, die Cwigkeit, den An⸗ fang, das Ende. Sie fühlte in dieſen wenigen Zeilen eine leidenſchaftliche glühende edle rechtſchaffene Natur, einen heiligen Willen, einen tiefen Schmerz und eine freu⸗ dige Hoffnung. Was war dies Manuſcript? Ein Brief, ein Brief ohne Adreſſe, ohne Namen, ohne Unterſchrift; ein Räthſel, beſtehend aus Wahrheiten, eine Sendung der Liebe, um durch einen Engel überbracht und von einer Jungfrau geleſen zu werden. Von wem konnten dieſe Zeilen kommen? Wer konnte ſie geſchrieben haben? in von war itter ach Re ver⸗ venn enen fzer, Ziel. Heft mes. ugen chte. der An eine inen freu⸗ grief, ein der einer onnte 133 Coſette zögerte nicht eine Minute mit der Antwort; ein einziger Menſch: Er!— Es war in ihrem Geiſte wieder Tag geworden. Alles zeigte ſich ihr auf's Neue. Sie empfand eine unendliche Freude und eine tiefe Qual. Er! er ſchrieb ihr! Er war es, deſſen Arm durch das Gitter griff! Während ſie ihn vergaß, hatte er ſie wieder gefunden. Aber hatte ſie ihn denn vergeſſen? Nein, niemals! Sie war thöricht, das nur einen Augenblick geglanbt zu haben. Sie hatte ihn immer geliebt, angebetet. Das Feuer war einen Augenblick bedeckt worden, aber ſie fühlte, daß es deshalb nur um ſo weiter um ſich griff. Sie empſfand die Flammen einer andern Seele in der ihrigen.„Ja,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„das Alles kenne ich! Das Alles habe ich ſchon in ſeinen Augen geleſen!“ Als ſie die Blätter zum dritten Male beendete, kehrte der Lieutenant Theodolus vor dem Gitter zurück und ließ ſeine Sporen auf dem Fflaſter ertönen. Coſette war ge⸗ zwungen, die Augen zu erheben. Sie fand ihn albern, ab⸗ geſchmackt, unverſchämt und häßlich. Der Offizier glaubte ihr zulächeln zu müſſen. Sie wendete ſich beſchämt und unwillig ab. Gern hätte ſie ihm irgend Etwas an den Kopf geworfen. Sie entfloh zurück in das Haus und ſchloß ſich in ihr Zimmer ein, um die Blätter nochmals zu leſen, um ſie auswendig zu lernen, um zu träumen. Als ſie ſie geleſen hatte, küßte ſie ſie und verbarg ſie in ihrem Mieder. Coſette war wieder in die tiefe ſeraphiſche Liebe ver⸗ ſunken. Der Abgrund Edens hatte ſich auf's Neue vor ihr eröffnet. Den ganzen Tag war Coſette wie betäubt. Sie dachte taum; ſie hoffte zitternd— was?— unbeſtimmte Dinge. Sie wagte ſich nichts zu verſprechen; ſie wollte ſich nichts verweigern. Bläſſe flog über ihr Geſicht, Zittern durch 134 ihren Körper. Zuweilen fragte ſie ſich:„iſt denn das Alles wirklich?“ Dann betaſtete ſie das geliebte Papier unter ihrem Kleide, preßte es an ihr Herz, und wenn Jean Valjean ſie in dieſem Augenblicke geſehen hätte, ſo würde er vor der ſtrahlenden und unbekannten Freude, welche aus ihren Augen leuchtete, erbebt ſein.—„Ach ja!“ dachte ſie;„er iſt es gewiß. Dies kommt von ihm für mich!“ Und ſie ſagte ſich, daß eine Vermittelung der Engel, ein Zufall des Himmels es ihr überbracht hätte. O Verklärung der Liebe! O Traum! Dieſer himmliſche Zufall, dieſe Vermittelung der Engel war jene Brodkugel, welche ein Dieb einem Andern von dem Hofe Carl's des Großen in die Löwengrube über die Dächer des Gefäng⸗ niſſes La Force zugeworfen hatte. VI. Die Alten ſind dazu geſchaffen, um zu rechter Zeit auszugehen. Als der Abend kam, ging Jean Valjean aus; Coſette kleidete ſich an. Sie ordnete ihre Haare, wie ſie ihr am vortheilhafteſten ſtanden; und zog ein Kleid an, deſſen Leibchen ſo weit ausgeſchnitten war, daß es die zarten Linien des Buſens allzuſehr verieth und, wie die jungen Mädchen ſagen, „etwas indecent“ war. Es war nicht im Geringſten in⸗ decent, aber hübſcher als die andern Kleider. Sie wählte dieſen Anzug, ohne zu wiſſen weshalb. it Wollte ſie ausgehen? Nein. Erwartete ſie einen Beſuch? Nein. Mit der Dämmerung ging ſie in den Garten hinab. Die Touſſaint war in der Küche beſchäftigt, welche nach dem Hofe zu lag. Coſette ging unter den Zweigen umher, die ſie von Zeit zu Zeit aufhob, da mehrere ſehr tief herab hingen. So kam ſie zu der Bank. Der Stein war auf derſelben iegen geblieben. Sie ſetzte ſich und legte ihre weiche weiße Hand auf den Stein, als hätte ſie ihn liebkoſen und ihm danlen wollen. Plötzlich hatte ſie jenen unerklärlichen Eindruck, den man empfindet, ſelbſt ohne zu ſehen, wenn Jemand hinter uns tritt. Sie wendete den Kopf um und richtete ſich anf. Er war es. Er war in bloßem Kopfe. Er ſchien blaß und abge härmt zu ſein. Man unterſchied kaum ſeinen ſchwarzen Anzug. Die Dämmerung trübte ſeine ſchöne Stirn und bedeckte ſeine Augen mit Schatten. Er hatte unter einem Schleier unvergleichlicher Milde etwas von dem Tode und der Nacht. Sein Geſicht war beleuchtet durch den Schein des ſchwindenden Tages und durch den Gedanken einer entfliehenden Seele. Es ſchien, als ſei er noch nicht ein Phantom und dennoch nicht ein Menſch. Sein Hut lag einige Schritte entfernt in dem Gebüſch. Coſette, die einer Ohnmacht nahe war, ſtieß keinen Schrei aus. Sie wich langſam zurück, obgleich ſie ſich angezogen fühlte. Er rührte ſich nicht. — 136 Indem Coſette zurückwich, traf ſie an einen Baum und lehnte ſich an denſelben. Ohne dieſen Baum würde ſie zu Boden geſunken ſein. Nun hörte ſie die Stimme, welche ſich kaum über das leiſe Rauſchen der Blätter erhob und ihr zuflüſterte: „Verzeihen Sie mir, ich bin hier. Mein Herz iſt voll, ich konnte nicht länger ſo leben und kam. Erkennen Sie mich ein wenig wieder? Fürchten Sie ſich nicht vor mir? Erinnern Sie ſich noch an jenen Tag, an dem Sie mich anblickten?— Es war in dem Luxembourg; in der Nähe des Gladiators. Und an den Tag, an welchem Sie an mir vorübergingen? Es war der 16. Juni und der 2. Juli. Bald wird es ein Jahr. Seit langer Zeit ſah ich Sie nicht mehr. Sie waren mir verſchwunden. Einmal glaubte ich, Sie vorübergehen zu ſehen, als ich die Zeitung unter den Arcaden des Odeon las. Ich eilte Ihnen nach. Doch nein, es war eine Perſon, die einen ähnlichen Hut trug wie Sie. Während der Nacht wache ich hier. Fürchten Sie nichts; Niemand ſieht mich. Ich komme, um ihre Fenſter in der Nähe zu betrachten. Ich gehe ſehr leiſe, damit Sie mich nicht hören und keine Furcht bekommen. Neulich Abends ſtand ich hinter Ihnen. Sie wendeten ſich um und ich entfloh. Einmal habe ich Sie ſingen hören. Ich war glücklich. Nicht wahr, Sie er⸗ lauben, daß ich Sie ſingen höre? O, Sie ſind mein Engel! Laſſen Sie mich Ihnen nahen. Ich glaube, ich werde ſterben. Wenn Sie wüßten! Ich bete Sie an! Verzeihen Sie mir, daß ich dies zu Ihnen ſpreche. Ich weiß nicht, was ich ſage. Sind Sie böſe auf mich?“ „O, meine Mutter!“ ſagte ſie. Sie ſank in ſich ſelbſt zuſammen, als ob ſie ſtürbe. Er fing ſie in ſeinen Armen auf, er preßte ſie an ſich, ohne zu wiſſen, was er that. Er ſtützte ſie, während er ſelbſt wankte. Blitze zuckten ihm durch den Kopf. Seine rde 06 Gedanken erloſchen; es war ihm, als vollbringe er eine heilige Handlung und zugleich eine Entweihung. Er war außer ſich vor Liebe. Er nahm eine ihrer Hände und legte ſie auf ſein Herz. Dabei fühlte er das Papier auf dem ihrigen und ſtammelte: „Sie lieben mich alſo?“ Sie antwortete mit einer ſo leiſen Stimme, daß es nur ein Hauch war, den man kaum hören konnte: „Schweig! Du weißt es wohl!“ Und ſie verbarg ihr erglühendes Geſicht an dem Been des jungen ſtolzen und berauſchten Mannes. Er ſank auf die Bank nieder, ſie neben ihn. Sie hatte kaum Worte mehr. Die Sterne begannen zu funkeln. Wie kam es, daß ihre Lippen ſich begegneten?— Wie kommt es, daß der Vogel ſingt, der Schnee ſchmilzt, die Sonnen⸗ roſe ſich öffnet? Ein Kuß und das war Alles. Beide erbebten und blickten ſich in der Dunkelheit mit glänzenden Augen an. Sie fühlten weder die Friſche der Nacht, noch den kalten Stein, noch den feuchten Boden, noch das naſſe Gras; ſie ſahen einander an und ihre Herzen waren von Gedanken erfüllt. Sie hatten ihre Hände verſchlungen, ohne es zu wiſſen. Sie fragte ihn nicht, wie er in den Garten gekommen ſei, denn ſie dachte nicht einmal daran; es ſchien ihr ganz natürlich, daß er hier war! Von Zeit zu Zeit berührte Marius das Knie Coſet⸗ tens und Beide erbebten. Dann und wann ſtammelte Coſette ein Wort. Ihre Seele zitterte auf ihren Lippen wie ein Thautropfen auf einer Blume. Allmälig ſprachen ſie mit einander. Die Nacht war heiter und glänzend über ihren Häuptern. Dieſe beiden Weſen, rein wie Geiſter, theilten ſich Alles mit, ihre Träume, ihre Trunkenheit, ihr Entzücken, wie ſie ſich von fern angebetet, ſich nach einander geſehnt hätten, wie ſie verzweifelten, als ſie ſich nicht mehr ſahen. In lieblicher Vertraulichkeit, die ſchon nicht mehr geſteigert werden konnte, ſagten ſie ſich ihre geheimſten und verborgendſten Gedanken. Sie erzählten ſich mit aufrichtigem Glauben an ihre Illuſionen Alles, was die Liebe, die Jugend und die Erinnerung an ihre Kindheit, ihnen eingab! Dieſe beiden Herzen ergoſſen ſich eines in das andere, ſo daß nach Verlauf einer Stunde der junge Mann die Seele des jungen Mädchens und das junge Mädchen die Seele des jungen Mannes in ſich aufgenommen hatte. Als ſie ſich ſo Alles geſagt hatten, neigte ſie ihren Kopf auf ſeine Schulter und fragte: „Wie heißen Sie?“ „Ich heiße Marius. Und Sie?“ „Ich heiße Coſette.“ hre on ſie her den ten ben ind eſe dß des es ren Eine Idylle. Sechstes Buch. Der kleine Gavroche. — E Boshafte Schelmereien des Windes. Seit 1823 hatten die Eheleute Thénardier, während die Kneipe zu Montfermeil allmälig, nicht in dem Abgrund des Bankerotts, ſondern in dem Pfuhl kleiner Schul⸗ den unterging, noch zwei andere Kinder bekommen, beides Knaben. Das macht im Ganzen fünf; zwei Töchter und drei Söhne. Das war viel. Die Thénardier hatte ſich der beiden jüngſten, als ſie noch ganz klein waren, mit einem eigenthümlichen Glücke entledigt. Entledigt iſt das richtige Wort. Es gab bei dieſem Weibe nur ein Bruchſtück der Natur. Die Theénardier war nur für ihre Töchter Mutter. Hier endete ihr Mut tergefühl. Ihr Haß gegen das Menſchengeſchlecht begann bei ihren Söhnen. Gegen ihre Söhne zeigte ſie ihre ganze Bosheit und ihr Herz hatte an dieſer Stelle eine finſtere Höhle. Wie man bereits ſah, verabſcheute ſie den älteſten; die beiden andern verwünſchte ſie. Weshalb? Deshalb. Dies iſt die fürchterlichſte aller Antworten.„Ich brauche keinen Schwarm von Kindern,“ ſagte dieſe Mutter. 142 Wir wollen erklären, wie es den Theénardiers gelang, ſich ihrer beiden jüngſten Kinder zu entledigen und ſelbſt noch Nutzen daraus zu ziehen. Jene Magnon, von welcher weiter oben die Rede ge⸗ weſen iſt, war dieſelbe, der es gelang, den alten Gillenormand zur Zahlung einer Rente für ihre beiden Kinder zu bewegen. Sie wohnte auf den Quai der Cöleſtiner an der Ecke der alten Rue du Petit⸗Musc, die Alles, was ſie vermochte, ge⸗ than hat, um ihren ſchlechten Ruf in guten Leumund zu verwan⸗ deln. Man erinnert ſich der großen Epidemie, welche vor fünf⸗ unddreißig Jahren die Stadtviertel, welche am Ufer der Seine lagen, verheerten. In dieſer Epidemie verlor die Magnon an einem und demſelben Tage ihre beiden Knaben, die noch ſehr jung waren. Ein harter Schlag für ſie. Dieſe Kinder waren der Mutter koſtbar; ſie repräſentirten monatlich achtzig Francs. Dieſe achtzig Francs wurden ſehr pünkt⸗ lich im Namen des Herrn Gillenormand durch deſſen Ver⸗ walter, Herrn Bargeh bezahlt. Mit dem Tode der Kinder erloſch dieſe Rente. Die Magnon ſuchte nach einem Auskunftsmittel. In jener finſtern Freimauerei des Böſen, zu der ſie gehörte, weiß man Alles, bewahrt gegen⸗ ſeitig die Geheimniſſe und hilft ſich einander. Die Magnon brauchte zwei Kinder. Die Thénardier hatte zwei. Gleiches Geſchlecht, gleiches Alter. Gutes Auskunftsmittel für die Eine, gutes Geſchäft für die Andere. Die kleinen Thénar⸗ diers wurden die kleinen Magnons, die Magnon verließ den Quai der Cöleſtiner und zog nach der Rue Cloche⸗Perce. In Paris wird die Identität des Individuums durch den Umzug von einer Straße in die andere zerriſſen. Die Stellvertretung erfolgte auf die natürlichſte Weiſe von der Welt. Nur verlangte Thénardier für dieſe ge⸗ liehenen Kinder monatlich zehn Franes, welche die Magnon verſprach und ſogar zahlte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Herr Gillenormaud fortwährend geprellt wurde. Er bemerkte den Tauſch nicht.—„Ach Herr,“ ſagte die Magnon,„wie ſie Ihnen ähnlich ſind!“ Thénardier benutzte dieſe Gelegenheit, um Jondrette zu werden. Seine beiden Töchter und Gavroche hatten kaum ſo viel Zeit, um zu bemerken, daß ſie zwei kleine Brüder hätten. Auf einer gewiſſen Stufe des Elends wird man von einer Art geiſterhafter Gleichgiltigkeit ergriffen und erblickt in den Geſchöpfen nur Larven. Selbſt die nächſten Angehörigen zeigen ſich nur in unbeſtimmten Umriſſen und verſchwinden leicht in dem Unſichtbaren. Am Abend des Tages, an welchem die Auslieferung ihrer beiden Kleinen an die Magnon erfolgte, und zwar mit dem feſten Willen, für immer auf die Kinder zu ver⸗ zichten, hatte die Thénardier einen Anfall von Reue oder that wenigſtens ſo, als ob ſie ihn hätte. Sie ſagte zu ihrem Mann:„aber das heißt die Kinder verlaſſen?“— Thénardier beſchwichtigte dieſe Gewiſſensbiſſe mit den Worten:„Jean Jaques Rouſſeau hat noch mehr gethan!“ Von den Zweifeln ging die Mutter zu der Beſorgniß über:„Aber wenn die Polizei uns frägt? Was wir da gethan haben, Herr Theénardier, iſt denn das erlaubt?“ Thénardier antwortete:„Alles iſt erlaubt. Niemand wird etwas davon erfahren.“ Die Magnon war eine Art eleganter Dame des Ver⸗ brechens. Sie machte Toilette; ſie theilte ihre Wohnung, die mit Geſuchtheit und Erbärmlichkeit möblirt war, mit einer gelehrten engliſchen Diebin, die ſich zur Franzöſin ausbildete. Dieſe Engländerin, als Pariſerin natura⸗ liſirt, empfehlenswerth durch ihre reichen Verbindungen, genau vertraut mit den Medaillen der Bibliothek und den Diamanten der Mademoiſelle Mars, wurde ſpäter berüch⸗ tigt durch die Gerichtsverhandlungen. Man nannte ſie Mamſell Miß. Die beiden der Magnon zugefallenen Kleinen hatten 144 ſich nicht zu beklagen. Empfohlen durch die achtzig Francs, wurden ſie gut gepflegt, wie Alles, was man ausbeutet, nicht ſchlecht gekleidet, nicht ſchlecht genährt, beinahe wie kleine Herren behandelt, noch beſſer von der falſchen Mutter als von der wirklichen. Die Magnon ſpielte die Dame und hütete ſich in ihrer Gegenwart die Diebesſprache zu reden So brachten ſie einige Jahre hin. Thénardier ſchloß daraus Gutes. Eines Tages ſagte er zu der Magnon, welche ihm ſeine monatlichen zehn Francs übergab:„der Vater muß ihnen eine Erziehung geben.“ Plötzlich wurden dieſe beiden armen Kinder, die es bisher trotz ihres bittern Looſes ziemlich gut gehabt hatten, in den Strom des Lebens geſchleudert. Eine Verhaftung in Maſſe von Miſſethätern, wie die der Bodenkammer Jondrette's, hängt nothwendigerweiſe mit ſpäteren Unterſuchungen und Verhaftungen zuſammen. Die Kataſtrophe der Thénardiers führte die Kataſtrophe der Magnon herbei. Eines Tages, kurze Zeit nachdem die Magnon an Eponine das Billet in Beziehung auf die Rue Plumet übergeben hatte, hielt die Polizei plötzlich Hausſuchung in der Rue Cloche⸗Perce. Die Magnon wurde feſtgenommen und ebenſo auch Mamſell Miß, und die ſämmtlichen Be⸗ wohner des Hauſes, die verdächtig waren, wurden in das Netz verwickelt. Die beiden kleinen Knaben ſpielten während deſſen auf einem Hinterhofe und ſahen nichts von dieſer Razzia. Als ſie heimkehren wollten, fanden ſie die Thür verſchloſſen und das Haus leer. Ein Schuhflicker, der gerade gegenüber wohnte, rief ſie und übergab ihnen ein Papier, welches ihre Mutter für ſie zurückgelaſſen hatte. Auf dieſem Papier ſtand eine Adreſſe:„Herr Barge, Rue du Roi⸗de⸗Sicile No. 8.“ Der Schuhflicker ſagte dabei: „Ihr wohnt nicht mehr hier. Geht da hin. Es iſt ganz ie n. he hür der ein tte. Rue bei: on 145 nahe, die erſte Straße links. Fragt mit dieſem Papier hier nach Euren Weg.“ Die Kinder gingen, der ältere führte den jüngeren und hielt in der Hand das Papier, welches ihnen den Weg zeigen ſollte. Ihm fror und ſeine kleinen Finger wurden ſteif, ſo daß ſie das Papier kaum halten konnten. An der Ecke der Rue Cloche-Perce entriß es ihnen ein Windſtoß, und da es ſchon dunkel geworden war, konnten die Kinder es nicht wiederfinden. Die Kinder irrten in den Straßen umher. II. Worin der kleine Gavroche Vortheil von dem großen Napoleon zieht. Im Frühjahr wird Paris oft von ſchneidenden Winden durchweht, die nicht eben eiſig, aber doch ſehr kalt ſind⸗ Dieſe Winde machen die ſchönſten Tage traurig und bringen die Wirkung jener kalten Luftzüge hervor, die durch die Ritzen der Fenſter oder eine ſchlecht ſchließende Thür in ein geheiztes Zimmer dringen. Es ſcheint, als ob die finſtere Thür des Winters angelehnt geblieben ſei und daß durch ſie der Wind hereindringe. Im Frühjahr 1832, der Zeit, als die erſte große Epidemie dieſes Jahrhunderts in Europa ausbrach, war dieſer Wind kälter und ſchneidender wie je. Man fühlte in ihm den Hauch der Cholera. Die Elenden. VII. 10 146 In meteorologiſcher Beziehung hatten dieſe kalten Windſtöße das Eigenthümliche, daß ſie eine ſtarke Anhäu⸗ fung der Electricität nicht ausſchloſſen. Häufige Gewitter, begleitet von Blitzen und Donnerſchlägen, brachen überall in jener Zeit los. Eines Abends, als dieſer Wind wieder ſo ſcharf wehte, daß es ſchien, als ſei der Januar zurückgekehrt, und die Bürger zu ihren Mänteln griffen, ſtand der kleine Gavroche zitternd in ſeinen Lumpen, doch luſtig, wie im Entzücken, vor dem Laden eines Perrückenmachers, in der Gegend der Straße Saint⸗Gervais. Er war geſchmückt mit einem wol⸗ lenen Weiberſhwal, den er, wer weiß wo, erobert hatte und aus dem er ſich eine Cache-nez machte. Der kleine Ga⸗ vroche ſchien eine Braut von Wachs zu bewundern, die in ausgeſchnittenem Kleide und mit Orangenblüthen im Haar, ſich in dem Schaufenſter drehte und den Vorübergehenden zulächelte; in der That aber beobachtete er den Laden, um zu ſehen, ob er nicht aus dem Vorladen ein Stück Seife „ſtibizen“ könnte, das er dann für einen Sou an einen Friſeur der Vorſtadt verkaufen würde. Es begegnete ihm öfters, daß er ein auf dieſe Weiſe erworbenes Brod früh⸗ ſtückte. Er nannte dieſe Art von Arbeit, für welche er Talent hatte,„die Barbiere barbieren.“ Indem er die Braut betrachtete und nach dem Seifen⸗ ſtück ſchielte, brummte er zwiſchen den Zähnen:„Dienſtag. — Es iſt Dienſtag.— Iſt es Dienſtag?— Vielleicht iſt es Dienſtag.— Ja, es iſt Dienſtag.“ Man hat nie erfahren, was dieſer Monolog für einen Zweck hatte. Bezog das Selbſtgeſpräch ſich zufällig auf das letzte Mal, als er zu Mittag gegeſſen hatte, ſo war das drei Tage her, denn jetzt hatte man Freitag. Der Barbier, deſſen Laden durch einen Blechofen gut geheizt war, raſirte einen Kunden und warf von Zeit zu Zeit einen Seitenblick der 147 auf den Feind, den erfrorenen und frechen Gamin, der beide Hände in den Taſchen hatte, die Gedanken aber offenbar in den Laden ſchweifen ließ. Während Gavroche die Braut, das Schaufenſter und die Windſorſeife betrachtete, traten zwei Kinder von un⸗ gleichem Wuchſe, ziemlich reinlich gekleidet und noch kleiner wie er, das eine ſcheinbar ſieben, das andere fünf Jahre alt, ſchüchtern in den Laden ein und fragten nach irgend Etwas; vielleicht baten ſie mit kläglicher Stimme, die mehr einem Seufzer als einer Bitte glich, um ein Almoſen. Sie ſprachen beide zugleich und ihre Worte waren unverſtändlich, weil das Schluchzen ihnen die Stimme abſchnitt und der ältere vor Froſt mit den Zähnen klapperte. Der Barbier wendete ſich mit wüthendem Blick um und ohne ſein Raſirmeſſer weg zu legen, ſtieß er den älteren mit der linken Hand und den kleineren mit dem Knie zurück, warf ſie auf die Straße und ſchloß hinter ihnen die Thür, indem er brummte:„um nichts und wieder nichts den Laden kalt zu machen!“ Die beiden Kinder gingen weinend fort. Indeſſen hatte ſich eine Wolke zuſammengezogen und es fing an zu regnen. Der kleine Gavroche eilte ihnen nach und redete ſie an: „Was iſt Euch denn, Schlingel?“ „Wir wiſſen nicht, wo wir ſchlafen ſollen,“ erwiderte der Aeltere. „Das iſt Alles?“ ſagte Gavroche.„Das iſt doch etwas Rechtes! Weint man deshalb?“ Dann nahm er einen Ton der Autorität an, der mürriſch klang, in den ſich aber doch die Rührung freundlicher Beſchützung miſchte:„Bürſchchen, kommt mit mir!“ „Ja, mein Herr,“ ſagte der Aeltere. Und die beiden Kinder folgten ihm, wie wenn er Erzbiſchof wäre. Sie hatten aufgehört zu weinen. 108 148 Gavroche führte ſie die Rue Saint⸗Antoine in der Richtung nach dem Baſtillenplatze hinauf. Während des Weges warf Gavroche immer einen unwilligen Blick nach dem Laden des Barbiers zurück. „Der Perrückenmacher hat kein Herz,“ brummte er; „er iſt ein Bartkratzer.“ Ein Mädchen, welche alle drei hintereinander vorbei⸗ kommen ſah, Gavroche an der Spitze, brach in lautes Gelächter aus. Dieſes Lachen verletzte die Achtung gegen die Gruppe. „Guten Tag, Fräulein Omnibus,“ ſagte Gavroche zu ihr. Einen Augenblick darauf erinnerte er ſich wieder des Perrückenmachers und fügte hinzu: „Nein, ich täuſche mich. Der Kerl iſt eine Schlange. Perrückenmacher, ich werde einen Schloſſer holen und Dir eine Klingel an den Schweif hängen laſſen.“ Dieſer Perrückenmacher hatte in ihm den Geiſt des Angriffs erweckt. Indem er über einen Rinnſtein ſprang, ſagte er zu einer bärtigen Thürhüterin, würdig, mit Fauſt auf den Brocken zuſammenzukommen und welche ihren Beſen in der Hand hatte: „Madame, Sie kehren alſo mit ihrem Pferde aus?“ Dabei beſpritzte er die Glanzſtiefel eines Vorüber⸗ gehenden mit Koth. „Schuft!“ rief der Vorübergehende wüthend. Gavroche erhob die Naſe über ſeinen Shwal und ſagte: „Worüber beklagen ſich der Herr?“ „Ueber Dich!“ „Das Büreau iſt geſchloſſen,“ entgegnete Gavroche, „ich nehme keine Klagen mehr an.“ Während er ſeinen Weg fortſetzte, erblickte er unter einem Thorwege eine ganz erfrorene Bettlerin von dreizehn bis vierzehn Jahren, deren Rock ſo kurz war, daß man he, hn tan ihre Knien ſehen konnte. Die Kleine fing an, für ihre Kleidung ein zu großes Mädchen zu werden. „Armes Mädchen!“ ſagte Gavroche. „Die hat keine Hoſen! Na, nimm das Er band den warmen Wollenſhwal ab, den er um den Hals hatte, warf ihn über die abgemagerten und bläulichen Schultern der Bettlerin, für welche der Cache-nez wieder ein Shwal wurde. Die Kleine ſah ihn voll Verwunderung an und nahm ſchweigend den Shwal. Auf einer gewiſſen Stufe des Elends iſt der Arme ſo betäubt, daß er nicht mehr über das Böſe ſeufzt und nicht mehr für das Gute dankt. Als dies geſchehen war, machte Gavroche brrr! denn er fror mehr wie der heilige Martin, der wenigſtens die Hälfte ſeines Mantels bewahrt hatte. Nach dieſem Brrr! verdoppelte der Regenguß ſeine üble Laune und er wurde wüthend. Ein ſolcher ſchlechter Himmel beſtrahlte die guten Handlungen. Er machte ſich wieder auf den Weg. „Gleichviel“, brummte er, indem er einen Blick auf die Bettlerin warf, die ſich in ihren Shwal hüllte;„das iſt wenigſtens Eine, die einen prachtvollen Shwal hat!“ Und indem er zu den Wolken aufblickte, fügte er hinzu: „angeführt!“ Die beiden Kinder ſchritten hinter ihm her. Als er an einem jener Gitter vorüberkam, welche den Laden eines Bäckers bezeichnen— denn man verbirgt Brod gleich dem Golde, hinter eiſernen Gitter— wendete Ga⸗ vroche ſich um. „Nun, meine Burſchen, haben wir Mittag gegeſſen?“ „Mein Herr,“ erwiderte der Aeltere,„wir haben ſeit dieſen Morgen nichts gegeſſen.“ „Ihr habt alſo weder Vater, noch Mutter?“ entgegnete Gavroche mit majeſtätiſchem Weſen. 17 150 „Entſchuldigen Sie, mein Herr, wir haben Papa und Mama, aber wir wiſſen nicht, wo ſie ſind.“ „Zuweilen iſt das beſſer, als es zu wiſſen,“ ſagte Gavroche, der ein Denker war. „Seit zwei Stunden,“ fuhr der ältere fort,„gehen wir; wir haben in den Winkeln hinter den Eckſteinen nach Dingen geſucht, aber nichts gefunden.“ „Ich weiß,“ ſagte Gavroche,„die Hunde freſſen Alles.“ Nach einem kurzen Schweigen fuhr er fort: „So, wir haben alſo unſere Urheber verloren. Wir wiſſen nicht mehr, was wir mit ihnen angegeben haben. Das darf nicht ſein, Gamins. Es iſt einfältig, ſo alte Leute zu verlieren. Aber man muß doch eine Lagerſtätte haben!“ Uebrigens richtete er keine Fragen an ſie. Ohne Ob⸗ dach zu ſein, was gab es Einfacheres für ihn? Der ältere der beiden Bürſchchen, der beinahe zu der vollen Sorgloſigkeit der Kindheit zurückgekehrt war, rief aus: „Es iſt aber doch närriſch! Mama hat uns geſagt, ſie wird uns ausführen, um Buxbaum zu holen, der am Palmſonntag eingeſegnet iſt.“ „Albernheiten!“ entgegnete Gavroche. Indeß war er ſtehen geblieben, und ſeit einigen Mi⸗ nuten betaſtete und durchſuchte er alle Arten von Taſchen, die er in ſeinen Lumpen hatte. Endlich erhob er den Kopf mit einem Weſen, das nur befriedigt ſein wollte, in der That aber triumphirend war. „Beruhigen wir uns, Ihr Bürſchchen. Hier iſt genug zum Abendeſſen für uns drei,“ und er zog aus ſeiner Taſche einen Sou hervor. Ohne den beiden Kleinen Zeit zu laſſen, ſich zu ver wundern, ſtieß er ſie vor ſich in den Bäckerladen, legte d te n ſte te ſeinen Sou auf den Ladentiſch und rief:„Garcon! für fünf Centimes Brod!“ Der Bäcker, welcher der Herr ſelbſt war, nahm ein Brod und ein Meſſer. „In drei Stücken, Garcon!“ ſagte Gavroche, und fügte mit Würde hinzu:„wir ſind unſerer drei!“ Als er ſah, daß der Bäcker, nachdem er die drei Eſſer beſichtigt hatte, ein Schwarzbrod genommen hatte, rief er mit herriſchem Tone: „Was iſt das?“ „Nun,“ ſagte der Bäcker, der die Abſicht der Frage vollkommen verſtand:„das iſt Brod. Sehr gutes Brod zweiter Qualität.“ „Sie wollen ſagen, Schwarzbrod,“ entgegnete Ga⸗ vroche ruhig und geringſchätzend. „Weißbrod, Garcon! ich regalire!“ Der Bäcker konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, und indem er das Weißbrod zerſchnitt, ſah er ſie mit theil nehmendem Blick an, welcher Gravroche verletzte. „Nun, Bäckerburſche, was haben Sie uns ſo an⸗ zuſehen?“ Alle drei, einer über den andern geſtellt, würden ſo kaum ein Klafter groß geweſen ſein. Als das Brod geſchnitten war, warf der Bäcker den Sou in die Kaſſe und Gavroche ſagte zu den beiden Kindern: „Schnabilirt!“ Die Kinder ſahen ihn verwundert an. Gavroche lachte und ſagte: „Ach ja, es iſt wahr! Das weiß noch nichts! Es iſt ſo klein.“ Dann fuhr er fort: „Eſſet!“ 152 Zu gleicher Zeit reichte er Jedem von ihm ein Stück Brod. Er glaubte, daß der Aeltere, der ihm der Unterhaltung würdiger zu ſein ſchien, eine beſondere Ermunterung ver⸗ diente, um jede Verlegenheit abzulegen und ſeinen Appetit zu befriedigen. Er fügte daher hinzu, indem er ihm das größte Stück gab:„lade damit dein Gewehr!“ Ein Stück war kleiner als die beiden andern, das nahm er für ſich. Die armen Kinder waren ganz verhungert, Gavroche ſelbſt mit einbegriffen. Während ſie ihr Brod verſchlangen, verſperrten ſie den Laden des Bäckers, der jetzt, da er bezahlt war, ſie mit übler Laune betrachtete. „Gehen wir zurück auf die Straße“, ſagte Gavroche. Sie ſchlugen wieder die Richtung nach dem Baſtillen platz ein. Von Zeit zu Zeit, wenn ſie vor erleuchteten Läden vorübergingen, blieb der Kleinſte ſtehen, um an einer zinnernen Uhr, die an einer Schnur um den Hals hing, nach der Zeit zu ſehen. „Das iſt ganz entſchieden ein Zeiſig“, ſagte Gavroche. Nachdenkend brummte er dann zwiſchen den Zähnen:„Gleich viel; hätte ich ſolche Bürſchchen, ſo würde ich ſie beſſer ein⸗ ſperren.“ Als ſie mit ihrem Stück Brod fertig waren und die Ecke der finſteren Rue des Ballets erreichten, in deren Hintergrund man das niedrige düſtere Gefängniß von La Force erblickte, ſagte Jemand: „Sieh! Du hier, Gavroche.“ „Ei, Du hier, Montparnaſſe!“ entgegnete Gavroche. Ein Menſch hatte den Gamin angeredet, und dieſer Menſch war Niemand anders als Montparnaſſe; obgleich ver⸗ kleidet, mit einer blauen Brille, für Gavroche dennoch kenntlich. „Hundofott!“ fuhr Gavroche fort,„Du haſt ein graues Fell und eine blaue Brille wie ein Doctor. Du verſtehſt es, auf das Wort eines Alten!“ 9„Still!“ ſagte Montparnaſſe;„nicht ſo laut!“ Und er zog Gavroche aus dem Lichtkreiſe der Laden. it Die Kleinen folgten maſchinenmäßig, indem ſie ſich bei 6 der Hand hielten. Als ſie unter dem ſchwarzen Bogen eines Thorwegs 6 ſtanden, geſchützt gegen die Blicke und den Regen, fragte Montparnaſſe: e„Weißt Du, wohin ich gehe?“ „Nach der Abtei von Regret““), ſagte Gavroche. e„Poſſenreißer!“ ie Und Montparnaſſe ſagte: „Ich gehe, um Babette zu finden.“ *„Ei!“ ſagte Gavroche,„ſie heißt alſo Babet?“ Montparnaſſe dämpfte die Stimme. n Nicht ſie, er r„So! Babet!“ „Ja, Babet.“ „Ich glaubte ihn eingeſchnallt.“ „Er hat die Schnalle gelöſt“, erwiderte Montparnaſſe. Und er erzählte dem Gamin raſch, daß an dem Mor 1 gen eben dieſes Tages, Babet, der nach der Conciergerie hätte gebracht werden ſollen, entflohen wäre, indem er auf dem Gange des Inſtructionsrichters ſich links ſtatt rechts gewendet hätte. Gavroche bewunderte dieſe Gewandtheit. 31 „Was für ein Zahnarzt!“ ſagte er. 1 Montparnaſſe fügte einige nähere Umſtände über die 3 Flucht Babet's hinzu und ſagte dann: 3 „O, das iſt noch nicht Alles!“ Indem Gavroche zuhörte, hatte er den Stock erfaßt, *) Zum Schaffot. 154 den Montparnaſſe in der Hand hielt, und indem er unwill⸗ kürlich den obern Theil deſſelben herabzog, zeigte ſich die Klinge eines Dolches. „Ei“, ſagte er, indem er raſch den Dolch wieder in die Scheide ſtieß,„Du haſt einen Gensdarmen als Bürger gekleidet mit Dir genommen?“ Montparnaſſe blinzelte mit dem Auge. „Zum Henker!“ ſagte Gavroche,„Du willſt Dich alſo mit den Einkeilern befaſſen?“ „Man weiß nicht“, erwiderte Montparnaſſe mit gleich⸗ giltigem Weſen.„Es iſt immer gut, eine Stecknadel bei ſich zu haben.“ Gavroche fuhr fort: „Was willſt Du dieſe Nacht vornehmen?“ Montparnaſſe ſchlug wieder die ernſte Seite an und ſagte: „Dinge!“ Plötzlich wechſelte er den Gegenſtand des Geſpräches und ſagte: „Apropos.“ „Was?“ „Eine alte Geſchichte“ Denke Dir. Ich begegne einem Bürger. Er beſchenkt mich mit einer Strafpredigt und mit einer Börſe. Ich ſtecke ſie in meine Taſche. Eine Minute darauf durchſuchte ich meine Taſche. Es war nichts mehr darin.“ „Als die Strafpredigt“, ſagte Gavroche. „Aber Du“, fuhr Montparnaſſe fort,„wohin gehſt Du denn jetzt?“ Gavroche zeigte auf ſeine beiden Schützlinge und ſagte: „Ich bringe dieſe beiden Kinder ſchlafen.“ „Wo das?“ „Bei mir.“ „Wo iſt das?“ ill⸗ die ger lſo ch⸗ hei und hes ne igt ine hts chſt te 155 „Bei mir.“ „Du wohnſt alſo?“ „Ja, ich wohne.“ „Und wo wohnſt Du?“ „In dem Elephanten“, ſagte Gavroche. Montparnaſſe war zwar von Natur nicht ſehr zur Verwunderung geneigt, aber er konnte dennoch einen Aus⸗ ruf nicht unterdrücken. „In dem Elephanten!“ „Nun ja, in dem Elephanten!“ erwiderte Gavroche. „Was iſt da weiter?“ Die ſehr verſtändige Frage des Gamins brachte Mont⸗ parnaſſe wieder zur Ruhe und zum geſunden Verſtand. Er ſchien beſſere Anſichten von der Wohnung Gavroche's zu gewinnen. „Wirklich!“ ſagte er.„Im Elephanten; wohnt man da gut?“ „Sehr gut“, ſagte Gavroche.„Es iſt dort nicht ſolcher Zuzug wie unter den Brücken.“ „Wie kommſt Du hinein?“ „Ich gehe hinein.“ „Es iſt alſo ein Loch da?“ fragte Montparnaſſe. „Parbleu! Aber Du mußt es nicht verrathen. Ich gehe zwiſchen den Vorderbeinen. Die„Spitze“ haben es nicht geſehen.“ „Im Handumdrehen krick, krack, iſt es geſchehen und Niemand mehr zu ſehen.“ Nach einem kurzen Schweigen fügte Gavroche hinzu: „Für die Kleinen da werde ich eine Leiter haben.“ Montparnaſſe lachte. „Wo Teufel haſt Du denn die Bübchen aufgegabelt?“ Gavroche erwiderte mit einfachem Tone:„es ſind Burſchen, die ein Perrückenmacher mir geſchenkt hat.“ Indeß war Montparnaſſe nachdenkend geworden. „Du haſt mich ſehr leicht erkannt“, murmelte er. Er zog aus der Taſche zwei kleine Gegenſtände, die nichts anderes waren, als zwei Federſpulen mit Baumwolle umwickelt und ſteckte ſich eine derſelben in jedes Naſenloch. Das machte ihm eine andere Naſe. „Das verwandelt Dich!“ ſagte Gavroche.„Du biſt weniger häßlich. Du ſollteſt das immer behalten.“ Montparnaſſe war ein hübſcher Burſche, aber Gavroche ein Spötter. „Ohne zu lachen“, fragte Montparnaſſe,„wie findeſt Du mich ſo?“ Es war auch eine andere Stimme. In einem Nu war Montparnaſſe unkenntlich geworden. „O, mache uns den Policinelle!“ rief Gavroche. Die beiden Kleinen, welche bisher nichts gehört hatten, näherten ſich bei dieſem Namen und betrachteten Montpar⸗ naſſe mit einem Anflug der Freude und der Bewunderung. Unglücklicher Weiſe war Montparnaſſe voll Beſorgniß. Er legte die Hand auf die Schulter Gavroche's und ſagte mit beſonderer Betonung die Worte: „Höre, was ich Dir ſage, Burſche! Wäre ich mit meinen Händen und meinem Dolche auf den Damm und Du böteſt mir zehn dicke Sous, ſo würde ich die Arbeit nicht verſchmähen, aber wir haben nicht Faſtnachtsdienſtag.“ Dieſe ſonderbare Anrede machte auf den Gamin einen eigenthümlichen Eindruck. Er wendete ſich raſch um, ließ ſeine kleinen glänzenden Augen umherſchießen und bemerkte in einiger Entfernung einen Stadtſergeanten, der ihnen den Rücken zuwendete. Gavroche ließ ein:„Ah gut!“ ent⸗ ſchlüpfen, das er auf der Stelle unterdrückte, und Mont⸗ parnaſſe die Hand ſchüttelnd, ſagte er:„Nun guten Abend, ich gehe mit meinen Bürſchchen nach dem Elephanten. An⸗ genommen, daß Du meiner in dieſer Nacht bedürfen ſollteſt, ſo ſuche mich dort auf. Ich wohne im Zwiſchenſtock. zl — Einen Portier habe ich nicht. Frage nur nach Herrn Gavroche.“ „Es iſt gut“, ſagte Montparnaſſe und ſie trennten ſich. Montparnaſſe ſchritt nach dem Groveplatze und Gavroche nach dem Baſtillenplatze zu. Der kleine Fünfjährige, der durch ſeinen Bruder ge— zogen wurde, welchen wieder Gavroche zog, wendete mehr— mals den Kopf zurück, um„Policinelle“ ſich entfernen zu ſehen. Die Rede, durch welche Montparnaſſe Gavroche von der Nähe eines Stadtſergeanten benachrichtigt hatte, enthielt das Erkennungswort„Damm“, welches in Verbindung mit anderen Worten ausgeſprochen, ſo viel heißt, als:„vor⸗ ſichtig, man kann nicht frei ſprechen! Dies war ein Erkennungszeichen der Spitzbubenſprache. Vor zwanzig Jahren erblickte man noch auf der Süd⸗ ſeite des Baſtilleplatzes ein eigenthümliches Monument, welches jetzt ſchon aus dem Andenken der Pariſer ver⸗ ſchwunden iſt, dennoch aber eine Stelle darin bewahren ſollte, denn es vertritt den Gedanken eines„Mitgliedes des Inſtituts, kommandirenden Generals der Armee von Egypten“ Dieſes Monument war ein vierzig Fuß hoher Ele⸗ phant, aus Zimmer⸗ und Mauerwerk errichtet, und auf dem Rücken mit einem Thurme, der einem Hauſe glich, früher grün angeſtrichen, jetzt aber durch Wind, Regen und Zeit ſchwarz gefärbt. Auf dem weiten offenen Platze machten die breite Stirn des Coloſſes, ſein Rüſſel, ſeine Zähne, ſein Thurm, ſeine vier Füße, die vier Säulen glichen, in der Nacht bei ſternenhellem Himmel einen überraſchenden und furchterregenden Eindruck. Man wußte nicht, was das ſagen wollte. Es war finſter, räthſelhaft und gewaltig. Es ſchien ein ſichtbares Phantom an der Seite des unſicht⸗ baren Geſpenſtes der Baſtille zu ſein. 158 Zu dieſem Monumente, das von den Widverſchein einer entfernten Straßenlaterne beleuchtet wurde,— der Gamin ſeine beiden Bürſchchen. Man erlaube uns, hier beiläufig zu bemerken, daß wir eine wirkliche Thatſache erzählen, denn vor zwanzig Jahren verurtheilte die Correctionspolizei einen des Vaga⸗ bundirens angeklagten Gamin, der in dem Elephanten auf dem Baſtilleplatze ſchlafend gefunden worden. Fahren wir nun fort. Als Gavroche zu dem Coloß gekommen war, begriff er den Eindruck, den das unendlich Große auf die unend⸗ lich Kleinen machen konnte, und ſagte: „Jungens, fürchtet Euch nicht!“ Dann kroch er durch eine Laube in der Umhegung des Elephanten und half den beiden Bürſchchen durch die Breſche. Die beiden Kinder waren ein wenig erſchreckt, folgten aber doch, ohne ein Wort zu ſprechen, Gavroche und vertrauten ſich der kleinen zerlumpten Vorſehung an, die ihnen Brod gegeben und ein Nachtlager verſprochen hatte. Neben der Einhegung lag eine Leiter, welche am Tage den Arbeitern auf den benachbarten Zimmerplätzen diente. Gavroche hob ſie mit überraſchender Kraft auf und ſtützte ſie gegen die Vorderbeine des Elephanten. Nahe dem Punkte, an dem die Leiter gelehnt wurde, erkannte man eine Art dunklen Loches in dem Bauche des Coloſſes. Gavroche zeigte ſeinen Gäſten die Leiter und das Loch und ſagte: „Steigt auf und tretet ein.“ Die beiden kleinen Knaben ſahen einander erſchrocken an. „Ihr fürchtet Euch, Bürſchchen?“ fuhr Gavroche fort. Dann fügte er hinzu:„Ihr ſollt ſehen!“ Er umſchlang einen der Füße des Elephanten und im Nu, ohne ſich der Leiter zu bedienen, gelangte er zu der inet daß nijig ga⸗ if nd⸗ des die ckt, che hen age ne. tzte dem nan 159 Oeffnung. Er ſchlüpfte wie eine Eidechſe hinein und einen Augenblick darauf ſahen die beiden Kinder eine undeutlich beleuchtete Geſtalt, wie einen bleichen Kopf, am Rande des dunklen Loches erſcheinen. „Nun,“ rief er ihnen zu,„kommt herauf, Ihr Bürſchchen! Ihr ſollt ſehen, wie gut das hier iſt!— Steig' Du herauf,“ ſagte er zu dem älteren,„ich reiche Dir die Hand.“ Die Kleinen ſtießen ſich mit den Ellenbogen an; der Gamin flößte ihnen zugleich Furcht ein und beruhigte ſie, und dann regnete es auch ſo heftig. Der älteſte wagte es. Als der jüngſte ſeinen Bruder hinaufſteigen ſah, und nun ganz allein zwiſchen den Beinen des gewaltigen Thieres ſtehen blieb, hatte er Luſt zu weinen, aber er wagte es nicht. Schwankend erkletterte der ältere die Sproſſen der Leiter. Gavroche ermuthigte ihn während des Weges durch Ausrufungen, wie der Fechtmeiſter ſie gegen ſeine Schüler oder der Thiertreiber gegen ſeine Thiere anwendet: „Ohne Furcht!“ „So recht.“ „Immer vorwärts!“ „Setze Deinen Fuß dahin!“ „Deine Hand her!“ „Krieche!“ Und als er den Knaben erreichen konnte, faßte er raſch und kräftig ſeinen Arm und zog ihn an ſich. „Gefangen!“ ſagte er. Der kleine Burſche war in die Oeffnung hereingezogen. „Jetzt, ſagte Gavroche,„warte auf mich. Mein Herr, haben Sie die Güte, ſich zu ſetzen.“ Und die Oeffnung auf eben die Weiſe verlaſſend wie er in dieſelbe hineingekommen war, glitt er mit der Ge⸗ wandtheit eines Wieſels an dem Beine des Elephanten hinab, 160 kam unten in dem Graſe auf die Füße zu ſtehen, nahm den kleinen Fünfjährigen um den Leib, ſtellte ihn auf die Leiter und kletterte dann hinter ihm auf dieſelbe hinan, indem er dem älteren zurief:„ich werde ſchieben, ziehe Du ihn.“ Im Nu war der Kleine hinaufgeſchafft; geſtoßen, ge⸗ zogen, geſchoben, geriſſen, in das Loch gebracht, ehe er Zeit gewonnen, ſich zu beſinnen, und Gavroche, der nach ihm eingetreten war, ſtieß mit dem Fuße die Leiter um, daß ſie niederfiel, worauf er in die Hände klatſchte und rief: „Wir ſind eingedrungen! Es lebe der General La⸗ fayette!“ Als dieſer Ausbruch vorüber war, fügte er ruhiger hinzu: „Burſchen, Ihr ſeid nun bei mir.“ Gavroche war in der That in ſeiner Wohnung. O, unerwartete Nützlichkeit des Nutzloſen! Barmherzigkeit der großen Dinge! Güte der Reichen! Dieſes übergroße Monument, welches einen Gedanken des Kaiſers ver⸗ wirklichte, war die Wohnung eines Gamins geworden. Die ſonntäglich geputzten Bürger, welche vor dem Elephanten des Baſtilleplatzes vorübergingen, pflegten, indem ſie ihn mit verächtlichen Blicken maßen, zu ſagen: wozu nützt das Ding!— Es nützt dazu, ein kleines Weſen ohne Vater und Mutter, ohne Brod und Kleidung, ohne Obdach vor Kälte, Froſt, Regen und Wind, vor dem Straßenkoth, der das Fieber erzeugt, vor dem Schlafen im Schnee, der ihm den Tod giebt, zu ſchützen. Es war eine Wohnung denen geöffnet, denen alle anderen Thüren ſich verſchloſſen. Das war es, wozu der Elephant der Baſtille nützte. Was nur berühmt hatte werden ſollen, war erhaben ge⸗ worden. Das Loch, durch welches Gavroche in das Zimmer u ne ch er le 161 gelangte, war von außen kaum ſichtbar, denn es lag, wie wir erwähnten, unter dem Bauche des Elephanten und war ſo klein, daß nur Katzen oder junge Bürſchchen hindurch ſchlüpfen konnten. „Machen wir damit den Anfang,“ ſagte Gavroche, „dem Portier zu ſagen, daß wir nicht zu Hauſe ſind.“ Er griff in die Dunkelheit, wie Jemand, der ſeine Wohnung kennt, erfaßte ein Brett und verſperrte damit das Loch. Es wurde pechfinſter. Die Kinder hörten das Ziſchen eines Streichhölzchens, das in ein Phosphorfläſchchen ge⸗ taucht wurde; die Zündhölzchen waren damals noch nicht erfunden; das Schwefelhölzchen und der Phosphor ſtellten um jene Zeit den Fortſchritt dar. Ein plötzliches Licht machte, daß ſie mit den Augen blinzelten. Gavroche hatte einen jener Faden ange zündet, die in Harz getaucht werden und die man Keller⸗ ratten nennt. Dieſe Kellerratte, die mehr rauchte, als leuchtete, machte das Innere des Elephanten auf undeutliche Weiſe ſichtbar. Die beiden Gäſte Gavroche's blickten umher und em— pfanden etwas Aehnliches, wie der empfinden würde, der in das große Heidelberger Faß eingeſchloſſen wird, oder richtiger geſagt, was Jonas in dem bibliſchen Bauch des Wallfiſches empfand. Ein ganzes Rieſenſkelett zeigte ſich ihnen und umgab ſie. Oben zog ſich ein langer brauner Balken hin, den von Strecke zu Strecke andere Balken von geringerem Umfange trugen. Gewaltige Spinneweben bildeten eine Art Wandbekleidung. Kalkſtücke, die von dem Rücken des Elephanten in deſſen Bauch herabgefallen waren, hatten die Höhlung gefüllt, ſo daß man darin gehen konnte, wie auf einem glatten Fußboden. Der Kleinere der Knaben ſchmiegte ſich an ſeinen Bruder und ſagte halblaut: Die Elenden. vll 11 162 „Ach, iſt das ſchwarz!“ Gavroche hörte die Worte und wurde darüber ärgerlich. „Was verlangt Ihr denn!“ rief er aus,„ſpielt Ihr etwa die Mächtigen? Wollt Ihr Schlöſſer haben?“ Ein wenig ausgezankt zu werden iſt gut beim Schrecken; dies beruhigt. Die beiden Kinder näherten ſich nach dieſer Strafrede Gavroche. Väterlich gerührt durch dieſes Vertrauen ging Gavroche von dem Harten zum Milden über und ſagte zu dem Kleinſten: „Dummkopf! draußen iſt es ſchwarz! draußen regnet es, hier aber nicht; draußen iſt es kalt, hier ſpüren wir nicht ein Lüftchen; draüßen ſind eine Menge Menſchen, hier iſt Niemand; draußen ſcheint nicht einmal der Mond, hier haben wir ein Licht!“ Die beiden Kinder begannen das Gemach mit weniger Schrecken zu betrachten, allein Gavroche ließ ihnen nicht die Zeit zu längeren Beobachtungen. „Schnell,“ ſagte er. Und er drängte ſie gegen das, was wir den Hinter⸗ grund des Zimmers nennen können. Hier befand ſich ſein Bett. Gavroche's Bett war vollſtändig; das heißt es hatte eine Matratze, eine Decke und einen Alkoven mit Vorhängen. Die Matraze war eine Strohmatte, die Decke ein ziemlich großes Tuch von grober grauer Wolle, ſehr warm und beinahe neu. Der Alkoven beſtand aus drei vertical geſtellten Balken, die mit einem Gitter verſchloſſen wurden. Dieſes ſchien früher zur Einfaſſung eines Vogelbauers ge⸗ dient zu haben. Das Bett Gavroche's lag hinter dieſem Gitter, wie in einem Käfig. Das Ganze glich dem Zelte eines Eskimo's. Das Gitter vertrat die Stelle eines Vorhanges. cke ein m al ge⸗ em lte nes 163 Gavroche zog den oberen Theil des Gitters in die Höhe, ſo daß ſich unten eine Oeffnung zeigte. „Bürſchchen, auf alle Viere!“ ſagte er dabei. Vorſichtig ließ er ſeine Gäſte in den Käfig kriechen, kroch hinter ihnen hinein, ließ das Gitter wieder fallen und ſchloß die Oeffnung hermetiſch. Sie ſtreckten ſich alle drei auf die Strohmatte. So klein ſie auch waren, konnte doch keiner von ihnen in dem Alkoven aufrecht ſtehen. Gavroche hielt noch immer ſeine Kellerratte in der Hand. „Jetzt,“ ſagte er,„ſchlafet! Ich will den Kandelaber auslöſchen.“ „Mein Herr,“ fragte der ältere der beiden Brüder, indem er auf das Gitter deutete,„wozu iſt denn das?“ „Das,“ ſagte Gavroche ernſt,„iſt für die Ratten.— Schlaft!“ Indeß glaubte er ſich doch verpflichtet, einige Worte der Belehrung hinzuzufügen und fuhr fort: „Das ſind Dinge aus dem botaniſchen Garten. Es dient für die wilden Thiere; es iſt ein ganzes Magazin voll davon. Man braucht nur über die Mauern zu klettern, durch ein Fenſter hineinzuſteigen und man hat ſo viel davon als man will.“ Indem er ſo ſprach bedeckte er mit einem Zipfel den Kleinſten, welcher flüſterte:„ach, das iſt gut! das iſt warm!“ Gavroche richtete einen zufriedenen Blick auf die Decke. „Das iſt auch aus dem botaniſchen Garten,“ ſagte er. „Ich habe das den Affen genommen.“ Indem er dem Aelteſten die Matte zeigte, auf welcher er lag und die ſehr dicht und bewundernswürdig gearbeitet war, ſagte er: „Das gehörte der Giraffe.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Die Thiere hatten das Alles; ich nahm es ihnen. 11* 164 Sie wurden darüber nicht böſe. Ich ſagte ihnen: es iſt für den Elephanten.“ Wieder entſtand eine Pauſe, dann ſagte er: „Man ſteigt über die Mauer und macht ſich luſtig über die Regierung, das iſt es.“ Die beiden Kinder betrachteten mit furchtſamer und verdutzter Ehrerbietung das unerſchrockene und erfindungs⸗ reiche Weſen, welches gleich ihnen ein Vagabund war, ver— laſſen gleich ihnen, ſchwächlich gleich ihnen und doch etwas Bewundernswerthes und Gewaltiges hatte, was ihnen übernatürlich zu ſein ſchien und deſſen Geſicht ein Gemiſch aller Geſichtsſchneidereien eines alten Seiltänzers mit dem unbefangenſten und reizendſten Lächeln bildete. „Mein Herr,“ ſagte ſchüchtern der Aeltere,„Sie fürchten ſich alſo nicht vor den Stadtſergeanten?“ Gavroche begnügte ſich mit der Antwort: „Burſche, man ſagt nicht Stadtſergeanten, ſondern man ſagt Einkeiler.“ Der Kleinſte riß die Augen auf, aber er ſagte nichts. Er ſtopfte ihm die Decke, wie eine Mutter gethan haben würde, ſchob die Matte unter ſeinem Kopfe mit Hülfe einiger alten Lumpen in die Höhe, ſo daß ſie ein Kopfkiſſen bildete, wendete ſich dann wieder zu dem Aelteren und ſagte: „Nun? iſt man hier nicht gut aufgehoben?“ „Ach, ja wohl!“ erwiderte der Aeltere, indem er Ga vroche anſah wie ſeinen Rettungsengel. Die beiden ganz durchnäßten armen kleinen Kinder fingen an, ſich zu erwärmen. „Nun,“ fuhr Gavroche fort,„weshalb weintet Ihr denn?“ Und auf den kleineren Bruder deutend, ſagte er: „ſolch ein Bürſchchen, da will ich nichts ſagen, aber ein Großer, wie Du, zu weinen, das iſt einfältig; man ſieht da aus wie ein Kalb!“ „Na, ſagte das Kind,„wir hatten gar keine Wohnung, wohin wir konnten.“ „Schaf!“ erwiderte Gavroche,„man ſagt nicht Woh⸗ nung, ſondern man ſagt Neſt.“ „Danke, mein Herr,“ ſagte das Kind. „Höre,“ fuhr Gavroche fort,„Ihr müßt nicht mehr ſo wegen nichts greinen. Ich werde für Euch ſorgen. Du ſollſt ſehen, wie man ſich gut amüſirt. Im Sommer gehen wir nach der Glacière mit Navet, einem Kameraden von mir. Wir baden und laufen ganz nackt an der Auſter⸗ litbrücke umher; darüber werden die Wäſcherinnen wüthend. Sie ſchreien, ſie zanken, ſie fluchen, und Du ſollſt nun ſehen, wie herrlich das iſt. Wir ſehen den Skelettmann. Er lebt. In den Champs Elyſées. Er iſt ganz Knochen. Und dann führe ich Euch auch in das Theater. Wir ſehen auch die Wilden. Es ſind aber keine echten, die da.— Dann ſehen wir auch die Guillotine. Ich werde Euch den Henker zeigen. Er wohnt Rue des Marais. Herr Sanſon. Er hat einen Briefkaſten an der Thür. O, man amüſirt ſich ganz prächtig.“ In dieſem Augenblick fiel ein Harztropfen Gavroche auf die Hand und erinnerte ihn an die Ereigniſſe des Lebens. „Verdammt!“ ſagte er,„das Licht brennt herunter! Aufgepaßt! Ich kann nicht mehr als einen Sou monatlich für meine Beleuchtung ausgeben. Wenn man ſich niederlegt, muß man ſchlafen. Wir haben nicht die Zeit, die Romane Paul de Kock's zu leſen. Ueberdies könnte auch das Licht durch die Ritzen unſrer Hausthür fallen und die Einkeiler könnten es ſehen.“ Während deſſen vervoppelte ſich der Sturm. Zwiſchen den Donnerſchlägen hörte man den Regen den Rücken des Koloſſes peitſchen. Plötzlich zuckte ein Blitz ſo blendend, als wäre er durch die Oeffnung in den Bauch des Ele * 166 phanten gedrungen. Zu gleicher Zeit ertönte ein wüthender Donnerſchlag. Die beiden Kleinen ſtießen einen lauten Schrei aus und fuhren ſo raſch in die Höhe, daß das Gitter beinahe niedergeriſſen worden wäre. Allein Gavroche wendete ſein keckes Geſicht gegen ſie und lachte laut. „Ruhig Kinder, zertrümmern wir das Gebäude nicht. Das iſt ein herrlicher Donner. Bravo, lieber Gott! Wahr⸗ haftig, das iſt beinahe ſo ſchön, wie im Theater!“ Darauf brachte er das Gitter wieder in Ordnung, ſchob die beiden Kinder gegen das Kopfende des Lagers, drückte auf ihre Kniee, damit ſie die Beine ausſtrecken ſollten und rief:„Da der liebe Gott ſein Licht angezündet, kann ich meines auslöſchen. Kinder, Ihr müßt ſchlafen, Ihr jungen Menſchenweſen. Es iſt ſehr ſchlecht, nicht zu ſchlafen. Hüllt Euch gut in die Decke! Ich löſche aus. Seid Ihr da?“ „Ja“, murmelte der Aeltere,„ich liege gut. Ich habe beinahe Federn unter dem Kopf.“ Die beiden Kinder drängten ſich aneinander. Gavroche legte ſie vollends auf die Matte zurecht, zog ihnen die Decke bis zu den Ohren hinauf, empfahl ihnen zum dritten Male, zu ſchlafen und blies ſein Licht aus. Kaum war dies geſchehen, als ein eigenthümliches Zittern das Gitter erſchütterte, hinter dem die Kinder lagen. Es war, als ob Krallen und Zähne an den Kupferdrähten riſſen. Dabei ertönte leiſes ſchwaches Pfeifen. Der kleine Fünfjährige, der dieſen Lärm dicht an ſeinem Kopfe hörte, wurde eiskalt vor Schrecken und ſtieß ſeinen älteren Bruder an; doch dieſer ſchlief bereits. Der Kleine, der ſich vor Furcht nicht zu laſſen wußte, wagte nun, Ga⸗ vroche zu rufen, aber nur ganz leiſe und mit angehaltenem Athem: „Mein Herr „Was iſt?“ ſagte Gavroche, der die Augenlider ge⸗ ſchloſſen hatte. „Was iſt denn das?“ „Das ſind die Ratten“, erwiderte Gavroche. Und er legte den Kopf wieder auf die Matte. Die Ratten waren in der That bisher durch die Flamme der Kerze in Furcht gehalten worden, allein ſobald es dunkel geworden war, ſuchten ſie das Gitter zu durchbeißen. Der Kleine konnte nicht ſchlafen. „Mein Herr!“ ſagte er wieder. „Was iſt?“ fragte Gavroche. „Was ſind denn die Ratten?“ „Das ſind Mäuſe.“ Dieſe Erklärung beruhigte das Kind ein wenig. Es hatte weiße Mäuſe geſehen und ſich davor gar nicht ge⸗ fürchtet. Indeß erhob er wieder die Stimme: „Mein Herr!“ „Was?“ erwiderte Gavroche. „Weshalb haben Sie keine Katze?“ „Ich habe eine gehabt“, erwiderte Gavroche„eben ſie haben ſie gefreſſen.“ Dieſe letztere Erklärung vernichtete die Wirkung der erſten und der Kleine fing wieder an zu zittern. Das Zwiege⸗ ſpräch zwiſchen ihm und Gavroche begann zum vierten Male: „Mein Herr!“ „Was?“ „Wer iſt gefreſſen worden?“ „Die Katze.“ „Wer hat die Katze gefreſſen?“ „Die Ratten.“ „Die Mäuſe?“ „Ja, die Mäuſe.“ Das Kind, ganz verwirrt durch die Mäuſe, welche die Katze fraßen, fuhr fort: 168 „Mein Herr, würden dieſe Mäuſe auch uns freſſen!“ „Gewiß“, ſagte Gavroche. Der Schrecken des Kindes erreichte den höchſten Gipfel. Aber Gavroche fügte hinzu: „Fürchte Dich nicht, ſie können nicht herein. Und dann bin ich auch hier! Da, nimm meine Hand! Schweig und ſchlafe!“ Gavroche ergriff zugleich die Hand des Kleinen über ſeinen Bruder hinweg. Das Kind preßte die Hand an ſich und fühlte ſich beruhigt. Muth und Kraft haben eine geheimnißvolle Gewalt der Mittheilung. Alles ſank in Schweigen und die Kinder fielen in ſüßen Schlaf. Die Stunden der Nacht vergingen. Schatten bedeckten den ungeheuren FPlatz der Baſtille. Eiſige Winde miſchten ſich in den ſtoßweiſe wehenden Wind. Die Patrouillen durchſuchten die Thüren, die Thore, die Gänge, die Winkel, forſchten nach nächtlichen Vagabunden und gingen ſchwei⸗ gend an dem Elephanten vorüber. Das Ungeheuer, welches regungslos mit offenen Augen in die Finſterniß ſtarrte, ſchien, befriedigt über ſeine gute Handlung, zu träumen. Es ſchützte gegen den Himmel und die Menſchen die drei armen ſchlafenden Kinder. Um das zu verſtehen, was folgen wird, müſſen wir erwähnen, daß um jene Zeit die Wache des Baſtillenplatzes an dem äußerſten Ende lag und das, was in der Nähe des Elephanten geſchah, von der Schildwache weder geſehen noch gehört werden konnte. Gegen Ende der Stunde, welche unmittelbar dem Anbruch des Tages vorangeht, kam ein Menſch über die Rue Saint⸗Antoine gelaufen, wendete ſich quer über den Platz, bog um die Juliſäule und glitt durch die Paliſaden bis unter den Bauch des Elephanten. Wenn irgend ein Licht dieſen Menſchen beſchienen hätte, ſo würde er an 169 ſeiner durchnäßten Kleidung erkannt haben, daß er die Nacht im Regen zugebracht hatte. Unter dem Elephanten angelangt, ließ er zwei Mal den Ruf ertönen: „Kikeriki!“ Bei dem zweiten Rufe antwortete eine helle, muntere und junge Stimme aus dem Bauche des Elephanten: Wenige Augenblicke nachher wurde das Brett, welches das Loch verſchloß, bei Seite geſchoben und ein Kind glitt an dem Fuße des Elephanten herab zu dem Manne. Das Kind war Gavroche, der Mann war Montparnaſſe. Was dieſes Kikeriki betrifft, ſo war das ohne Zweifel das, was das Kind gemeint hatte, indem es ſagte: Frage nur nach Herrn Gavroche. Als er den Ruf hörte, war er aus dem Schlafe emporgefahren, aus ſeinem Alkoven gekrochen, hatte das Gitter ſorgfältig wieder hinter ſich ver⸗ ſchloſſen, dann die Klappe geöffnet und war herabgeglitten. Der Mann und der Knabe erkannten ſich ſtillſchweigend in der Nacht. Montparnaſſe begnügte ſich damit, zu ſagen: „Wir bedürfen Deiner. Komm, uns Deinen Beiſtand zu leiſten. Der Gamin verlangte keine weitere Erklärung.„Hier bin ich,“ ſagte er. Beide gingen nach der Rue Saint⸗Antoine, von wo Montparnaſſe gekommen war, und ſchritten raſch durch die lange Reihe der Marktwagen hin, welche um dieſe Stunde gegen die Hallen fuhren. Die Marktleute, welche zwiſchen ihrem Salat und Gemüſen halb ſchlafend und wegen des peitſchenden Regens bis an die Augen eingewickelt in ihren Wagen kauerten, blickten nicht auf die Vorübergehenden. III. Der Ausgang einer Flucht aus dem Gefängniß. Höre, was in eben der Nacht in La Force vor⸗ gegangen war: Ein Ausbruch war zwiſchen Babet, Brujon, Gueulemer und Thénardier verabredet worden, obgleich Thénardier ſich in geheimer Haft befand. Babet hatte die Angelegenheit für ſeine Rechnung an eben dem Tage geordnet, wie man aus der Erzählung Montparnaſſe's an Gavroche weiß. Montparnaſſe ſollte ihnen von außen Beiſtand leiſten. Brujon, der einen Monat in einem Strafzimmer zu⸗ gebracht hatte, fand dort Zeit, zuerſt einen Strick zu drehen und dann einen Plan zu reifen. Ehemals beſtanden dieſe ſtrengen Orte, in denen die Gefängnißordnung den Verur⸗ theilten ſich ſelbſt überlieferte, aus vier ſteilen Mauern, einer Steindecke, einen mit Quadern gepflaſterten Fußboden, einem Feldbett, einem vergitterten Luftloche, einer mit Eiſen beſchlagenen Thür und hießen Kerker; aber die Kerker ſind als zu fürchterlich betrachtet worden; jetzt beſteht das Alles aus einer eiſenbeſchlagenen Thür, einem vergitterten Luftloche, einem Feldbette, einem mit Quadern gepflaſterten Fußboden, einer Steindecke, vier ſteinernen Mauern und heißt Strafzimmer. Gegen Mittag wird es in demſelben ein wenig Tag. Der Unterſchied dieſer Gemächer, die, wie man ſieht, keine Kerker ſind, beſteht darin, daß man die Gefangenen darin denken läßt, ſtatt ſie arbeiten zu laſſen. Brujon hatte alſo nachgedacht. Er hatte ſein Straf⸗ zimmer mit einem Seile verlaſſen. Da man ihn in dem eit an dem Hofe Karl's des Großen für zu gefährlich hielt, brachte man ihn nach dem Neubau. Das Erſte, was er hier fand, war Gueulemer, das Zweite ein Nagel; Gueulemer, das heißt das Verbrechen, ein Nagel, das heißt die Freiheit. Brujon, bei dem es Zeit iſt, daß man ſich von ihm einen vollſtändigen Begriff macht, war mit dem Anſchein zarter Geſundheit und wohlüberlegter Mattigkeit ein munterer Burſche, ein kluger Spitzbube, der einen liebkoſenden Blick mit einem grauſamen Lächeln verband. Sein Blick entſprang ſeinem Willen, ſein Lächeln ſeiner Natur. Die erſten Studien ſeiner Kunſt waren gegen die Dächer gerichtet; er hatte große Fortſchritte in der Induſtrie derer gemacht, welche die Dächer der Rinnen berauben. Die Flucht wurde dadurch begünſtigt, daß eben jetzt die Dachdecker einen Theil der Rinnen des Gefängniſſes ausbeſſerten. Der Hof des heiligen Bernhard war nicht mehr gänzlich von dem Hofe Karl's des Großen und von dem Hofe des heiligen Ludwig getrennt. Es gab dort eben Gerüſte und Leitern; mit anderen Worten, Brücken und Treppen in der Richtung der Befreiung. Der Neubau, ein altes Haus voller Riſſe und Sprünge, war der ſchwächſte Punkt des Gefängniſſes. Die Mauern waren durch den Salpeter ſo beſchädigt, daß man gezwungen geweſen war, die Decken der Schlafzimmer mit Holz zu bekleiden, weil ſich von denſelben Steine losriſſen, die während der Nacht auf die Schlafſtätten der Gefangenen fielen. Dieſer Baufälligkeit ungeachtet hatte man den Fehler begangen, in dem Neubau die gefährlichſten Angeklagten einzuſperren. Der Neubau enthielt vier Schlafſäle übereinander und darüber einen Dachraum, Bel⸗Air genannt, eine große Eſſe, wahrſcheinlich von irgend einer alten Küche der Herzöge von La Force herrührend, ging von dem Erdgeſchoß aus durch die vier Stockwerke und durchſchnitt alle Schlafſäle, in denen ſie eine Art von Pfeiler bildete, der das Dach durchbohrte. Gueulemer und Brujon waren in demſelben Schlaf⸗ ſaale. Aus Vorſicht hatte man ſie in das untere Stockwerk gebracht. Der Zufall wollte, daß das Kopfende ihres Bettes gegen die Eſſe gelehnt war. Thénardier befand ſich gerade über ihrem Kopfe in der Bel⸗Air. An dem Gebäude zog ſich eine hohe Mauer hin. Dies war die des Weges der Ronde von La Force. So hoch dieſe Mauer aber auch war, wurde ſie doch noch durch ein ſchwarzes Dach überragt, dies war das Dach des Neubaues. Man erblickte in demſelben viele vergitterte Dachfenſter. Aus dem Dache ragte eine Eſſe hervor und das war eben die, welche die Schlafſäle durchzog. Die Bel⸗Air, der höchſte Raum des Neubaues, war eine Art großen Saales unter dem Dach, geſchloſſen durch ein dreifaches Gitter und durch Thüren mit Eiſenblech und gewaltigen Nägeln beſchlagen. Wenn man durch das nördliche Ende eintrat, hatte man zu ſeiner Linken die vier Dachfenſter und zu ſeiner Rechten den Fenſteröffnungen gegenüber vier ziemlich große Käfige, die von einander durch einen Gang getrennt wurden und bis zu einer ge⸗ wiſſen Höhe aus Mauerwerk beſtanden, darüber aber aus einem Eiſengitter. Thénardier ſaß ſeit der Nacht des 3. Februar in einem dieſer Käfige. Man hat nie entdecken können, wie und durch welches Einverſtändniß es ihm gelungen war, ſich in dieſem Gefängniſſe eine Flaſche Wein zu verſchaffen und zu verbergen, in welcher ein narcotiſches Mittel gemiſcht war und das die Bande der Endormeurs berüchtigt gemacht hat. In vielen Gefängniſſen giebt es verrätheriſche Beamte, die halb Kerkermeiſter, halb Spitzbuben ſind, welche die Fluchtverſuche unterſtützen und der Polizei einen ungetreuen 4 lle not w we —„ in ies och des erte und war ſen lech das ier gen der aus Haushalt verrathen. In jener Nacht nun, in welcher der kleine Gavroche die beiden umherirrenden Kinder aufge⸗ nommen hatte, ſtanden Brujon und Gueulemer, welche wußten, daß Babet, welcher an eben dem Morgen ent ſprungen war, ſie mit Montparnaſſe auf der Straße er wartete, leiſe auf, durchbrachen mit dem Nagel, den Brujon gefunden hatte, die Eſſe, an welcher ihre Betten ſtießen. Der Kalk und die Steinſtücke fielen auf das Bett Brujon's, ſo daß man es nicht hörte. Mit Donner gemiſchte Wind⸗ ſtöße erſchütterten die Thür in ihren Angeln und machten in dem Gefängniß einen gewaltigen und nützlichen Lärm. Die Gefangenen, welche erwachten, thaten, als ob ſie wieder einſchliefen und ließen Gueulemer und Brujon ge⸗ währen. Brujon war geſchickt, Gueulemer war ſtark. Ehe irgend ein Geräuſch zu dem Wächter gelangte, der in einer vergitterten Zelle ſchlief, welche einen Einblick in den Schlafſaal gewährte, war die Mauer durchbrochen, die Eſſe erklettert, das Gitter, welches den oberen Ausgang deſſelben ſchloß, geſperrt und die beiden Gefangenen befanden ſich auf dem Dache. Der Regen und der Wind verdoppelten ſich; das Dach war ſchlüpfrig. „Was für eine ſchöne Nacht für einen Ausbruch!“ ſagte Brujon. Ein Abgrunv von ſechs Fuß Breite und achtzig Fuß Tiefe trennte ſie von dem Rondenwege. Auf dem Boden dieſes Abgrundes ſahen ſie in der Dunkelheit die Gewehre einer Schildwache ſchimmern. Sie befeſtigten das Seil, welches Brujon in ſeinem Kerker gedreht hatte, an dem Ende eines der Gitter der Eſſe, welches ſie durchbrochen hatten, warfen das andere Ende über den Rondenweg, ſprangen mit einem Satze über den Abgrund, klammerten ſich an die Sparren des Daches, überſtiegen die Mauer, ließen ſich Einer nach dem Andern an dem Seile auf ein kleines Dach, welches an das Badehaus ſtößt, hinabgleiten, 174 zogen ihr Seil wieder an ſich, ſprangen auf den Hof hinab, gingen über denſelben fort, öffneten mit der herab⸗ hängenden Schnur des Portiers die Thür und befanden ſich auf der Straße. Es waren noch nicht drei Viertel Stunden verfloſſen, ſeitdem ſie auf ihrem Bette knieend in der Dunkelheit mit dem Nagel in der Hand die Ausführung ihres Planes begannen. Einige Augenblicke darauf hatten ſie Babet und Mont⸗ parnaſſe, die unterdeſſen in der Gegend umherſchlichen, getroffen. Indem ſie ihr Seil an ſich zogen, war es geriſſen und es blieb ein Theil deſſelben an der Eſſe auf dem Dache hängen. Uebrigens waren ſie weiter nicht beſchädigt, als daß ſie ſich ſo ziemlich die ganze Haut von den Händen geſchunden hatten. In eben dieſer Nacht ſchlief Thénardier nicht, da er auf irgend eine Weiſe, welche man nicht zu entdecken ver⸗ mocht hat, benachrichtigt worden war. Gegen ein Uhr Morgens ſah er auf dem Dache in dunkler Nacht und bei Regen und Sturm vor der Dach⸗ luke, die ſeinem Käfig gegenüber lag, zwei Schatten vor⸗ überſchreiten; der Eine blieb an dem Dachfenſter ſo lange ſtehen, als zu einem Blick erforderlich war. Thénardier erkannte Brujon und begriff. Das genügte ihm. Theénardier, der eines nächtlichen Angriffes mit bewaff⸗ neter Hand angeklagt war, wurde ſtreng bewacht. Eine Schildwache, die man von zwei zu zwei Stunden ablöſte, ging mit geladenem Gewehr vor ſeinem Käfig auf und nieder. Bel⸗Air wurde durch eine Lücke im Dach beleuchtet. Der Geſangene hatte an den Füßen eine Kette, ein Gewicht von fünfzig Pfund. Täglich um vier Uhr Nachmittags betrat ein Aufſeher, begleitet von zwei Hunden, ſeinen Käfig, ſtellte neben ſein Bett ein ſchwarzes Brod von zwei Pfund, k ſen, mit nes nt⸗ en, ſen che als den er er⸗ einen Krug mit Waſſer und einen Napf mit einer ziemlich magern Fleiſchbrühe, in welcher einige Bohnen umher⸗ ſchwammen, unterſuchte ſeine Eiſen und ſchlug an die Gitter ſtäbe. Dieſer Menſch und deſſen Hunde kehrten während der Nacht zwei Mal zurück. Thenardier hatte die Erlaubniß erhalten, eine Art eiſernen Nagels zu behalten, deſſen er ſich bediente, um ſein Brod in eine Spalte der Mauer zu drücken, um es vor den Ratten zu bewahren, wie er ſagte. Da man Thé⸗ nardier ſtreng bewachte, hatte man dieſen Nagel nicht für gefährlich gehalten. Indeß erinnerte man ſich ſpäter, daß ein Aufſeher geſagt hatte: es wäre beſſer, ihm nur einen höl— zernen Nagel zu laſſen. Um zwei Uhr Morgens wurde die Schildwache, welche ein alter Soldat war, abgelöſt und ein Rekrut kam auf den Poſten. Einige Minuten darauf machte der Wärter mit den Hunden ſeinen Beſuch und ging, ohne etwas Anderes bemerkt zu haben, als die große Jugend und das bäueriſche Ausſehen der Schildwache. Zwei Stunden darauf um vier Uhr und als man den Rekruten ablöſen wollte, fand man ihn eingeſchlafen und wie einen Block neben dem Käfig Thénardiers an der Erde liegen. Thénardier war ver⸗ ſchwunden. Seine zerbrochenen Ketten lagen auf dem Fuß⸗ boden. Es war ein Loch in der Decke ſeines Käfigs und darüber in dem Dache ein zweites Loch. Ein Brett ſeines Bettes war herausgeriſſen und ohne Zweifel mit hinweg⸗ genommen, denn man fand es nicht. Man entdeckte in ſeiner Zelle auch eine halbgeleerte Flaſche, welche den übri⸗ gen Theil des betäubenden Weines enthielt, mit dem der Soldat in Schlaf verſetzt wurde. Das Bayonnett des Soldaten war verſchwunden. In dem Augenblick, als dies entdeckt wurde, hielt man Thénardier außer dem Bereich der Verfolgung. Die That⸗ 176 ſache iſt, daß er nicht mehr in dem Neubau ſich befand, aber dennoch in großer Gefahr war. Als Thénardier auf das Dach des Neubaues kam, fand er das Ende von dem Seile Brujons, das noch an den Eiſenſtäben des oberen Gitters der Eſſe hing. Aber es war viel zu kurz und er hatte daher nicht wie Brujon und Gueulemer über den Rondenweg entfliehen können. Wenn man aus der Rue des Ballets in die Rue du Roi⸗de⸗Sicile biegt, ſtößt man auf der rechten Seite bei⸗ nahe ſogleich auf eine ſchmutzige Vertiefung. Es ſtand hier im vergangenen Jahrhundert ein Haus, von dem nichts mehr übrig iſt als die Rückwand, die ſich bis zur Höhe des dritten Stockes der benachbarten Gebäude erhebt. Dieſe Ruine iſt an zwei großen Fenſtern, die man darin noch ſieht, bemerklich. Das Fenſter, welches der rechten Ecke zunächſt liegt, iſt mit einem wurmſtichigen Laden ver ſchloſſen. Durch dieſe Fenſter ſah man ſonſt eine andere finſtere und hohe Mauer, welche ein Stück von der Ein⸗ faſſung des Rondenwegs von La Force war. Der leere Raum, den das niedergeriſſene Haus nach der Straße gelaſſen hat, wird zur Hälfte durch eine Ein⸗ faſſung von verfaulten Brettern ausgefüllt, die ſich auf fünf Eckſteine ſtützt. In dieſer Umfaſſung verbirgt ſich eine kleine Baracke, die an die ſtehen gebliebene Ruine gelehnt iſt. Die Brettwand hat eine Thür, welche vor einigen Jahren nur mit einem Drücker verſchloſfen war. Auf den Firſt dieſer Ruine war Thénardier ungefähr um drei Uhr Morgens gelangt. Wie kam er dahin? Das hat man nie erklären, noch begreifen können. Die Blitze mußten ihn zugleich geſtört und unterſtützt haben. Hattte er ſich der Leitern und des Gerüſtes der Dachdecker bedient, um von Dach zu Dach, von Verſchluß zu Verſchluß über die Gebäude Karl des Großen, dann den Hof des heiligen Ludwig, die Ronden⸗ ört des en⸗ 77 mauer und von da nach der Ruine an der Rue du Roi⸗de⸗ Sicile zu gelangen? Es gab oben auf dieſem Wege Dinge zu löſen, die unmöglich zu ſein ſchienen. Hatte er das Brett ſeines Bettes wie eine Brücke von dem Dache der Bel⸗Air über die Mauer des Rondenweges gelegt und war er dann auf dem Dache rings um das Gefängniß auf der Rondenmauer hin bis zu der Ruine gekrochen? Aber die Mauer des Rondenwegs von La Force zeigte eine ungleiche Linie; ſie ging aufwärts und abwärts, ſenkte ſich bis auf die Kaſerne der Pompiers und hob ſich bei dem Badehanſe; ſie wurde von Gebäuden unterbrochen und hatte nicht die gleiche Höhe wie bei dem Hotel Lamoignon bei der Rue Pavée, ſie machte mehrere Senkungen und hatte Winkel. Ueberdies hätten auch die Schildwachen die finſteren Um⸗ riſſe des Flüchtlings ſehen müſſen. Selbſt auf ſolche Weiſe bleibt der Weg, den Theénardier zurücklegte, beinahe uner⸗ klärlich. Auf zwei Arten war die Flucht unmöglich. Thé⸗ nardier, der durch den natürlichen Durſt nach Freiheit be⸗ geiſtert wurde, welcher Abgründe in Gräben, Eiſengitter in Weidengeflechte, einen Schwächling in einen Athleten, einen Podagriſten in einen Vogel, die Einfalt in Inſtinkt, den Inſtinct in Verſtand, den Verſtand in Theorie verwandelt. Hatte Thénardier eine dritte Art der Flucht erfunden und improviſirt? Man hat es nie erfahren. Man kann ſich nicht immer Rechenſchaft von den Wun⸗ dern des Ausbruchs aus dem Gefängniß geben. Der Ent⸗ fliehende iſt, wir wiederholen es, ein Begeiſterter. Die Anſtrengung zur Befreiung iſt nicht minder überraſchend, wie ein Flügelſchlag zu dem Erhabenen. Wie dem auch ſei, genug, Thénardier war ſchweiß⸗ triefend, durchnäßt von dem Regen, mit zerfetzten Kleidern, mit geſchundenen Händen, mit blutigen Ellenbogen, mit zer riſſenen Knieen bis zu dem Einſchnitt der verfallenen Mauer gelangt. Hier hatte er ſich lang ausgeſtreckt und die Kraft Die Elenden. vII. 12 178 war ihm geſchwunden. Eine ſteile Mauer von der Höhe eines dritten Stockwerks trennte ihn von dem Straßen⸗ pflaſter. Das Seil, welches er hatte, war zu kurz. Er wartete hier, bleich, erſchöpft, verzweifelnd an iener Hoffnung, die er gehabt hatte, noch in Nacht gehüllt, allein mit dem Ge⸗ danken, daß der Tag bald anbrechen würde, beſchränkt durch den Gedanken, binnen wenigen Minuten es an der benach⸗ barten Uhr von Saint Paul vier ſchlagen zu hören, die Stunde, zu welcher man kommen würde, die Schildwache abzulöſen, die man dann unter dem durchbrochenen Dache ſchlafend finden mußte; mit ſtarrem Entſetzen blickte er bei dem matten Schein der Straßenlaternen in die furchtbare Tiefe auf das naſſe ſchwarze Pflaſter, das entſetzliche Pflaſter, welches zugleich der Tod und die Freiheit war. Er fragte ſich, ob ſeine drei Genoſſen in der Flucht glücklicher geweſen wären, ob ſie ihn erwartet hätten, ob ſie ihm zu Hülfe kommen würden. Er lauſchte. Eine Pa⸗ trouille ausgenommen, war ſeit der Zeit, die er ſich hier befand, Niemand durch die Straße gegangen. Beinahe Alles, was nach den Märkten von Montreuil, Vincennes und Berch nach der Halle geht, kommt durch die Rue Saint Antoine. Es ſchlug vier Uhr. Thenardier erzitterte. Wenige Augenblicke darauf machte jenes wilde und verworrene Ge⸗ räuſch, welches der Entdeckung einer Flucht in einem Ge⸗ fängniſſe folgt, ſich hörbar. Das Geräuſch ſich öffnender und ſchließender Thüren, das Kreiſchen der Gitter in ihren Angeln, der Lärm in der Wache, der rauhe Ruf der Ge⸗ fangenwärter, das Stoßen der Kolben auf das Pflaſter der Höfe gelangten bis zu ihm. Lichter gingen an den vergit⸗ terten Fenſtern der Schlafſäle hin und her, eine Fackel glitt auf den Neubau hin, die Pompiers der benachbarten Kaſerne waren herbeigerufen worden. Ihre Helme, welche W 129 die Fackeln in dem Regen beſchienen, bewegten ſich längs der Dächer hin und her. Zu gleicher Zeit ſah Thénardier in der Richtung der Baſtille einen Schein den Himmel erhellen. Er lag auf einer zehn Zoll breiten Mauer ausgeſtreckt unter dem Sturzregen mit zwei Abgründen zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken, konnte ſich nicht rühren, war die Beute des Schwindels vor einem möglichen Sturze und des Entſetzens vor einer gewiſſen Verhaftung, und ſeine Ge⸗ danken gingen gleich den Klöpfel einer Glocke von dem einen zu dem andern der beiden Gedanken: Tod, wenn ich falle, gefangen, wenn ich bleibe. In dieſer Todesangſt ſah er plötzlich, während die Straße noch ganz dunkel war, einen Menſchen, der ſich an den Mauern hinſchlich, von der Seite der Rue Pavée kam und unter der Vertiefung, über welche Thénardier ſchwebte, ſtehen blieb. Zu dieſem Menſchen kam ein zweiter, der mit gleicher Vorſicht ging, dann ein dritter, dann ein vierter. Als dieſe Männer beiſammen waren, drückte Einer auf den Griff der Einfaſſungsplanke und alle Vier traten in den Raum, in welchem die Baracke lag. Sie befanden ſich gerade unter Thenardier. Die Menſchen hatten offenbar dieſen Raum gewählt, um mit einander ſprechen zu können, ohne von den Vorübergehenden oder der Schildwache an dem einige Schritt entfernten Thore von La Force geſehen werden zu können. Man muß auch erwähnen, daß der Regen die Schildwache in dem Schilderhauſe feſthielt. Thenardier, der ihr Geſicht nicht unterſcheiden konnte, lauſchte mit der verzweifelten Aufmerkſamkeit eines Elenden, der ſich verloren ſieht, auf ihre Worte. Thénardier ſah Etwas, das der Hoffnung glich, denn dieſe Menſchen redeten in der Diebesſprache.*) *) Da es unmöglich ſein würde, die franzöſiſche Diebesſprache, deren Ausdrücke ſich in dem folgenden Geſpräche fortwährend erneuern, 12* 180 Der Erſte ſagte leiſe und deutlich:„Gehen wir. Was ſollen wir hier machen?“ Der Zweite antwortete:„Es regnet, um das Feuer der Hölle auszulöſchen, und dann gehen auch die Poli⸗ ziſten vorüber. Es ſteht dort ein Soldat Schildwache. Wir würden hier verhaftet werden.“ Die Worte der Diebesſprache, die Thénardier vernahm, waren für ihn ein Lichtſtrahl. Er erkannte daran Brujon und Babet. Ohne dieſen Fingerzeig würde er den Letzteren nicht erkannt haben, denn er hatte ſeine Stimme durchaus entſtellt. Indeß bemerkte der Dritte:„es drängt noch nichts; warten wir noch ein wenig. Wer ſagt denn, daß er unſerer nicht bedarf?“ An dieſen Worten, welche in reinem Franzöſiſch ge⸗ ſprochen wurden, erkannte Thénardier Montparnaſſe, der es als eine Anforderuug ſeiner Eleganz betrachtete, alle die Ausſprachen zu verſtehen, aber keine zu ſprechen. Der Vierte ſchwieg, aber ſeine breiten Schultern ließen ihn erkennen. Theénardier zweifelte nicht. Es war Gueu⸗ lemer. Brujon antwortete beinahe ungeſtüm, aber immer noch mit leiſer Stimme: „Was erzählſt Du uns da! Der Gaſtwirth hat nicht entrinnen können. Er verſteht das Handwerk nicht! Die Hemden zerreißen und die Betttücher zerſchneiden, um em Seil zu machen, Löcher in die Thüren zu bohren, falſche Papiere, falſche Schlüſſel zu machen, die Eiſen zu durch⸗ feilen, das Seil angebunden, ſich zu verbergen, zu verklei⸗ im Deutſchen anders wiederzugeben, als durch die lateiniſch⸗jüdiſch⸗ deutſche Diebesſprache, hielten wir es für zweckmäßiger, der Verſtänd⸗ lichkeit wegen die hochdeutſche Sprache anzuwenden und hoffen, daß dieſe Aenderung den deutſchen Leſer befriedigen wird. 181 den, dazu muß man gewitzigt ſein! Der Alte wird das nicht gekonnt haben; er verſteht die Arbeit nicht.“ Babet fügte, ſtets in der Spitzbubenſprache ſprechend, hinzu: „Der Gaſtwirth iſt auf der That ertappt worden. Man muß fein ſein. Er iſt ein Lehrling. Er wird ſich durch einen Einkeiler, vielleicht ſogar durch ein Schaf, der den Gevatter ſpielte, haben betrügen laſſen. Horch, Montparnaſſe; hörſt Du Geſchrei in dem Gefängniſſe? Du haſt doch alle die Lichter geſehen? Er iſt ergriffen! Er wird mit ſeinen zwanzig Jahren davon kommen. Ich fürchte mich nicht; ich bin keine Memme, das iſt bekannt. Werde nicht bös; komm mit uns. Trinken wir eine Flaſche alten Wein mit einander.“ „Man verläßt die Freunde nicht in der Verlegenheit,“ brummte Montparnaſſe. „Ich ſage Dir, er iſt ergriffen; der Gaſtwirth iſt jetzt keinen Liver werth. Wir können daran nichts ändern; gehen wir. Ich glaube jeden Angenblick, ein Stadtſergeant hat mich in der Hand! Montparnaſſe widerſtand nur noch ſchwach; die That ſache iſt, daß dieſe vier Menſchen mit jener Treue, welche die Banditen darin ſetzen, ſich untereinander nie zu verlaſſen, die ganze Nacht um La Force geſchlichen waren, ſo groß auch die Gefahr für ſie war. Sie wurden dabei von der Hoffnung geleitet, Thénardier auf irgend einer Mauer er ſcheinen zu ſehen. Aber die Nacht, welche wirklich zu günſtig war, da der Regen in Strömen goß und alle Straßen verödete, der Froſt, welcher ſie ergriff, ihre durchnäßten Kleider, ihre zerriſſenen Fußbekleidungen, der beunruhigende Lärm, der in dem Gefängniß ausgebrochen war, die ver floſſenen Stunden, die begegnenden Patrouillen, die ver ſchwindende Hoffnung, die erwachende Furcht, das Alles trieb ſie an, ſich zu entfernen. Selbſt Montparnaſſe, der 182 vielleicht ein wenig der Schwiegerſohn Thénardiers war, gab nach. Doch einen Augenblick darauf waren ſie fort. Thenardier keuchte auf ſeiner Mauer, wie die Schiffbrüchigen der Meduſa auf ihrem Floſſe, als ſie das Fahrzeug an dem Horizont verſchwinden ſahen. Er wagte nicht, ſie zu rufen, denn ein gehörter Schrei tonnte Alles verderben. Er hatte einen Gedanken, einen Einfall, einen Lichtſtrahl; er zog aus der Taſche das Ende von dem Seile Brujons, das er an der Seite der Eſſe des Neubaues gefunden hatte, und warf es in die Umzäunung. Das Seil fiel zu ihren Füßen nieder. „Ein Strick!“ ſagte Babet. „Mein Seil!“ ſagte Brujon. „Der Gaſtwirth iſt da!“ ſagte Montparnaſſe. Sie erhoben ihre Augen. Thénardier drehte den Kopf ein wenig vor. „Schnell!“ ſagte Montparnaſſe.„Haſt Du das andere Ende des Seiles, Brujon?“ „Ja.“ „Knüpfe die beiden Enden zuſammen; wir werfen ihm das Seil zu, er befeſtigt es an der Mauer und er hat genug, um herabzukommen.“ Thenardier wagte es, zu rufen:„ich bin erſtarrt „Man wird Dich erwärmen!“ „Ich kann mich nicht mehr rühren.“ „Laß Dich herabgleiten, wir fangen Dich auf.“ „Mir ſind die Hände ſteif.“ „Befeſtige nur das Seil an der Mauer.“ „Ich werde es nicht können. „Einer von uns muß hinauf,“ ſagte Montparnaſſe. „Drei Stockwerke!“ ſagte Brujon. Eine alte Röhrenleitung, welche zu einem Ofen gedient hatte, den man früher in der Baracke anzündete, zog ſich in der Mauer in die Höhe und reichte beinahe zu dem 1 ere fen ient ſch dem 183 Orte, wo man Thénardier ſah. Dieſe damals ſehr ge⸗ ſprungene und baufällige Röhre iſt ſeitdem verfallen, allein die Oeffnung davon ſieht man noch immer⸗ Sie war ſehr eng. „Man könnte da hinauf klettern,“ ſagte Montparnaſſe. „Durch dieſe Röhre?“ rief Babet,„ein Menſch, nimmermehr, dazu wäre ein Kind erforderlich.“ „Man brauchte einen Burſchen,“ meinte Brujon.“ „Wo ſoll man einen ſolchen Jungen finden?“ ſagte Gueulemer. „Wartet,“ rief Montparnaſſe.„Ich habe unſere Sache.“ Er öffnete vorſichtig die Thür der Baracke, überzeugte ſich, daß Niemand auf der Straße war, ging leiſe hinaus, ſchloß die Thür hinter ſich und lief in der Richtung nach dem Baſtillenplatze davon. Sieben oder acht Minuten ſoſſen, Achtjahrtauſende für Thénardier. Babet, Brujon und Gueulemer biſſen die Zähne feſt aufeinander; die Thür öffnete ſich endlich wieder und Montparnaſſe erſchien athemlos mit Gavroche an der Hand. Der Regen fuhr fort, die Straße voll⸗ kommen öde zu machen. Der kleine Gavroche trat in die Umhegung und ſah die Banditengeſichter mit ruhigem Weſen an. Das Waſſer ſtrömte ihm aus den Haaren. Gueulemer richtete die Worte an ihn: „Burſche, biſt Du ein Mann?“ Gavroche zuckte die Achſeln und entgegnete: „Ein Kind, wie ich, iſt ein Mann und Männer wie ihr ſind Kinder.“ „Wie dem Jungen die Zunge geht!“ rief Babet. „Das Pariſer Kind iſt nicht von naſſem Stroh ge⸗ macht,“ fügte Brujon hinzu. „Was wollt Ihr?“ ſagte Gavroche. Montparnaſſe antwortete: 184 „Durch die Röhre hinaufſteigen.“ „Mit dieſem Stricke,“ ſagte Babet. „Und es oben feſtbinden,“ fügte Brujon hinzu. „Und dann?“ ſagte Gavroche. „Das iſt Alles,“ entgegnete Gueulemer. Der Gamin prüfte den Strick, die Röhre, die Mauer, die Fenſter; er machte jenen unausſprechlichen und verächt⸗ lichen Ton der Lippen, welcher bedeutet: „Weiter Nichts!“ „Es iſt dort oben ein Menſch, den Du retten ſollſt,“ fuhr Montparnaſſe fort. „Willſt Du?“ ſagte Brujon. „Gimpel!“ erwiderte der Knabe, als ob die Frage ihn unerhört vorkäme. Er zog ſeine Schuhe aus. Gueulemer ergriff Gavroche mit einem Arm, ſetzte ihn auf das Dach der Baracke, deſſen wurmſtichige Bretter unter dem Gewicht des Kindes ſich beugten, und reichte ihm das Seil, welches Brujon während Montparnaſſe's Abweſenheit wieder zuſammengeknüpft hatte. Der Gamin ging zu der Röhre, in welche er leicht hineingelangen konnte, da ſie nahe dem Dache eine große Oeffnung hatte. In dem Augenblicke, als er hinaufſteigen wollte, beugte ſich Thénardier, der das Heil ſeines Lebens nahen ſah, etwas über den Rand der Mauer; der erſte Tagesſchimmer fiel auf ſein ſchweißbedecktes Geſicht, ſeine bleichen Backenknochen, ſeine lange, wilde Naſe, ſeinen ſtruppigen, grauen Bart, und Gavroche erkannte ihn. „Ei,“ ſagte er,„das iſt mein Vater!— Nun, das ſoll kein Hinderniß ſein.“ Und das Seil in die Zähne nehmend, begann er ent ſchloſſen die Erſteigung. Er gelangte zum Gipfel des Baues, ſetzte ſich rück⸗ lings auf die alte Mauer und machte den Strick an dem oberen Fenſterkreuz feſt. — 5 185 Einen Augenblick darauf ſtand Thénardier auf der Straße. Sobald er das Straßenpflaſter berührt hatte und ſich außer Gefahr ſah, war er nicht mehr müde, noch frierend, noch zitternd. Die furchtbaren Dinge, die er überſtanden hatte, verſchwanden wie Rauch; ſein wilder Geiſt erwachte in ihm, und als er ſich frei fand, war das erſte Wort dieſes Menſchen: „Was eſſen wir jetzt?“ Es iſt kaum nöthig, zu erklären, daß der Sinn dieſer Worte zugleich bedeutete: tödten, ermorden, rauben. Eſſen, Verſchlingen. „Verſtändigen wir uns,“ ſagte Brujon.„Machen wir Alles in drei Worten ab und trennen wir uns dann ſogleich— Es gab ein Geſchäft, das gut zu ſein ſchien, Rue Plumet, eine öde Straße, ein einſames Haus, ein altes verroſtetes Gitter vor einem Garten, allein wohnende Weiber.“ „Nun, weshalb nicht?“ fragte Thénardier. „Deine Fee, Eponine hat die Sache unterſucht,“ er widerte Babet. „Und ſie brachte der Magnon einen Zwieback,“ fügte Gueulemer hinzu.„Es iſt da Nichts zu thun.“ „Die Fee iſt nicht einfältig,“ meinte Thénardier, „dennoch muß man ſehen.“ „Ja, ja,“ ſagte Brujon,„man muß ſehen.“ Keiner der Männer ſchien Gavroche noch zu bemerken, welcher während dieſes Geſprächs ſich auf einen der Eck ſteine der Barackenwand geſetzt hatte. Er wartete einige Augenblicke, vielleicht, weil er hoffte, daß ſein Vater ſich zu ihm wenden würde. Dann zog er ſeine Schuhe wieder an und fragte: „Iſt es zu Ende? Ihr bedürft meiner nicht mehr, Ihr Männer? Ihr ſeid aus der Verlegenheit gezogen. Ich gehe. Ich muß meine Kinder aufwecken.“ 186 Und er ging. 8* Die fünf Männer verließen einer nach dem andern die Umhegung. Als Gavroche verſchwunden war, indem er um die Ecke der Rue des Ballets bog, nahm Babet Thénardier bei Seite. „Haſt Du den Burſchen angeſehen?“ fragte er ihn. „Welchen Burſchen?“ „Den Kleinen, der auf die Mauer kletterte und Dir das Seil brachte.“ „Nicht genau.“ „Nun gut, ich weiß nicht, aber es ſcheint mir, als wäre es Dein Sohn.“ „Bah!“ ſagte Thénardier,„glaubſt Du?“ Druck von A. Paul Co. in Berlin, Kronenſtraße 21. banes p̃ið ——