6 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rſckgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uht vis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 6 den angenommen. 3. Caution. Unbefannte Perſonen müſſen, bei Entgeennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechend Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ beträgt; für wöchentlich Bücher⸗ 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf 1 Mr. 50 Pf. M 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „ Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Lefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonvers varauf aufmerkſant gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, ind n Diejemge“, lce die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben —,— —— Die Elenden. Von Victor Hugv. Deutſch von L. von Alvenslehen. Hechster Band. Dritte Abtheilung: Marius. Zweiter Band. Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (J. Winckler.) Marius Victor Hugo. Deutſch von L. von Alwenslehen. Zweiter Band. (Dritte Abtheilung der„Glenden. ²) Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (S. Winckler.) Marius. Sechstes Buch. Dus Juſammentreffen zweier Sternt. ———— . Der Spottname: Art, die Familiennamen zu bilden. Marius war um jene Zeit ein ſchöner junger Mann von mittlerem Wuchs mit dichten, ſehr ſchwarzen Haaren, hoher kluger Stirn, offenen und leidenſchaftlichen Nas⸗ löchern, aufrichtigem und ruhigem Weſen, und über ſein ganzes Geſicht war ein gewiſſes Etwas gebreitet, das ſtolz, nachdenkend und unſchuldig war. Sein Profil, deſſen Linien ſämmtlich gerundet waren, ohne deshalb aufzuhören, feſt zu ſein, hatten jene germaniſche Milde, welche durch den Elſaß und Lothringen in die franzöſiſche Phyſiognomie eingedrun⸗ gen iſt, und jene gänzliche Abweſenheit von Ecken, welche die Sicombern ſo kenntlich unter den Römern machten, und das Löwengeſchlecht von dem Hundegeſchlecht unterſcheidet. Er ſtand in jener Zeit des Lebens, wo der Geiſt der den⸗ kenden Menſchen ſich beinahe zu gleichen Theilen aus Tiefe und Natürlichkeit bildet. Eine beſtimmte Lage gegeben, ſo beſaß er Alles, um einfältig zu ſein; eine Wendung mehr, und er konnte erhaben werden. Sein Weſen war zurück⸗ haltend, kalt, höflich, nicht ſehr offen. Da ſein Mund reizend war, ſeine Lippen die rötheſten und ſeine Zähne die 8 weißeſten von der Welt, milderte ſein Lächeln Alles, was ſeine Phyſiognomie Strenges hatte. In gewiſſen Augen⸗ blicken boten die keuſche Stirn und das wollüſtige Lächeln einen eigenthümlichen Gegenſatz. Er hatte ein kleines Auge und einen großen Blick. In den Zeiten ſeines tiefſten Elendes bemerkte er, daß die jungen Mädchen ſich ſcheu umwandten, wenn er vor⸗ überging, und er entfloh oder verbarg ſich, den Tod in der Seele. Er dachte, ſie betrachteten ihn wegen ſeiner ſchlechten Kleider und lachten über ihn; die Wahrheit iſt, daß ſie ihn wegen ſeiner Anmuth anſahen und von ihm träumten. Dieſes ſtumme Mißverſtändniß zwiſchen ihm und den hübſchen Vorübergehenden hatte ihn ſcheu gemacht. Er wählte Keine aus dem vortrefflichen Grunde, weil er vor Allen floh. So lebte! er unentſchieden— albern, ſagte Courfeyrac. Courfehrac ſagte ihm auch noch:„ſtrebe nicht darnach, ehrwürdig zu ſein(denn ſie nannten ſich Du, wie das bei jungen Freundſchaften unwillkürlich geſchieht); mein Lieber, nimm einen Rath, lies nicht zu viel in den Büchern und ſiehe etwas mehr nach den Gretchen, die Schelminnen haben etwas Gutes, Marius! Durch das Fliehen und Erröthen wirſt Du zuletzt verwildert!“ Andere Male, wenn Courfeyrac ihm begegnete, ſagte er:„guten Tag, Herr Abbé!“ Wenn Courfeyrac eine Aeußerung im Orte gemacht hatte, vermied Marius acht Tage lang mehr als je die Frauen, die jungen wie die alten, und ganz beſonders ver⸗ mied er den Umgang mit Courfeyrac. Es gab indeß in der ganzen unendlichen Schöpfung der Frauen zwei, welche Marius nicht floh und auf die er nicht achtete. In der That würde man ihn ſehr in Ver⸗ wunderung geſetzt haben, hätte man ihm geſagt, daß das Frauen wären. Die Eine war die alte Bärtige, welche — ſein Ma ſe ver ju de 9 ſeine Stube ausfegte und von der Courfeyrac ſagte:„Da Marius ſieht, daß ſeine Aufwärterin einen Bart hat, trägt er keinen.“ Die Andere war eine Art kleiner Mädchen, das er ſehr oft ſah, aber nie anſah. Seit länger als einem Jahre bemerkte Marius in der verödeten Allee des Lurembourg einen Mann und ein ganz junges Mädchen, welche beinahe immer neben einander auf derſelben Bank am äußerſten und einſamſten Ende der Allee gegen die Rue de l['Oueſt ſaßen. So oft der Zufall, der ſich in die Spaziergänge der Leute miſcht, deren Auge nach innen gewendet, Marius nach dieſer Allee führte, und das geſchah beinahe täglich, fand er hier dieſes Paar. Der Mann konnte einige ſechszig Jahre zählen; er ſah traurig und ernſt aus; ſeine ganze Erſcheinung zeigte jenes kräftige und unerſchöpfte Weſen aus dem Dienſt zurückgezogener Kriegsmänner. Hätte er einen Orden gehabt, ſo würde Marius geſagt haben, das iſt ein alter Offizier. Er ſah gut aus, aber unzugänglich und richtete ſein Auge nie auf den Blick eines anderen Menſchen. Er trug blaue Beinkleider, einen blauen Ueberrock und einen breiträndigen Hut, welche ſtets neu zu ſein ſchienen, eine ſchwarze Hals⸗ binde und ein Quäkerhemd, das heißt von blendender Weiße, aber von grober Leinewand. Eine Griſette, die eines Tages an ihm vorüberging, ſagte:„Das iſt ein ſehr ſauberer Wittwer.“ Er hatte ſehr weiße Haare. Das erſte Mal, als das junge Mädchen, welches ihn begleitete, ſich zu ihm auf die Bank ſetzte, welche ſie für ſich genommen zu haben ſchienen, war es eine Art von Mädchen von 13 bis 14 Jahren, mager, ſo daß ſie beinahe häßlich ausſah, linkiſch, unbedeutend, und verſprach höch⸗ ſtens, ſchöne Augen zu haben. Nur waren dieſe beſtändig mit einer Art ungefälliger Zuverſicht erhoben. Sie trug die ziemlich alte und kindliche Kleidung der Penſionairinnen 10 eines Kloſters, ein ſchlecht gemachtes Kleid von grobem ſchwarzen Merino. Sie ſchienen Vater und Tochter zu ſein. Marius beobachtete zwei oder drei Tage lang dieſen alten Mann, der noch kein Greis war, und dieſes kleine Mädchen, das noch kein Mädchen war. Dann achtete er nicht weiter auf ſie. Sie ihrerſeits ſchienen ihn nicht ein⸗ mal zu ſehen. Sie ſprachen mit einander mit einem ruhigen und gleichgültigen Weſen. Die Tochter ſchwatzte beſtändig und heiter. Der alte Mann ſprach wenig und zuweilen richtete er auf ſie die Augen mit dem Ausdrucke unaus⸗ ſprechlichen Vatergefühls. Marius hatte unwillkürlich die Gewohnheit angenom men, in dieſer Allee auf und nieder zu gehen. Er fand ſie beſtändig dort. Hier, wie die Dinge gingen: Marius kam am liebſten von dem Ende der Allee, das ihrer Bank entgegengeſetzt lag; er ging dann die ganze Länge der Allee hinauf, an ihnen vorüber, kehrte dann wieder um bis zu dem äußerſten Ende, von wo er gekom— men war, und wiederholte dann ſeinen Spaziergang. Dieſen Weg machte er auf ſeiner Promenade fünf bis ſechs Mal, und dieſe Promenade fünf oder ſechs Mal wöchentlich, ohne daß dieſe Leute und er bisher noch dahin gelangt waren, einen Gruß mit einander zu wechſeln. Dieſer Mann und dieſes junge Mädchen hatten, obgleich und vielleicht auch weil ſie die Blicke zu vermeiden ſchienen, ganz natürlich einige Aufmerkſamkeit bei den fünf oder ſechs Studenten erregt, die von Zeit zu Zeit den Weg an der Pepinieère verfolgten, oder auch nach ihrer Parthie Billard. Cour— feyrac, der zu den Letzteren gehörte, hatte ſie einige Zeit beobachtet, allein da er die Tochter häßlich fand, ſich ſchnell und ſorgfältig von ihnen abgewandt. Er war geflohen wie ein Panther, indem er ihnen auf ſeiner Flucht eine Schmähung zuſchleuderte. Ihm war nichts aufgefallen, als das Kleid — der! Ma zum Die Byr gefu wi Ge I der Kleinen und die Haare des Alten; er nannte die Tochter Mavemviſelle Lenoire und den Vater Herr Leblanc, ſo daß dieſer Beiname in Ermangelung eines andern Namens zum Geſetz geworden war, da Niemand ſie anders kannte. Die Studenten ſagten:„Ha! Herr Leblanc iſt auf ſeiner Bank!“ und Marius hatte es gleich den Uebrigen bequem gefunden, dieſen Unbekannten Herr Leblanc zu nennen. Wir wereen es ſo machen wie ſie und zur Erleichterung unſerer Erzählung Herr Leblanc ſagen. Marius ſah ſie beinahe alle Tage zu derſelben Stunde während des erſten Jahres. Er fand den Mann nach ſeinem Geſchmack, das Mädchen aber ziemlich unangenehm. M. Lux facta est. Im zweiten Jahre, genau bei dem Punkte dieſer Ge⸗ ſchichte, zu welchem der Leſer gediehen iſt, geſchah es, daß dieſe Gewohnheit des Luxembourg unterbrochen wurde, ohne daß Marius ſelbſt recht wußte, wie, und daß beinahe ſechs Monate vergingen, ohne daß er einen Fuß in ſeine Alleen ſetzte. Eines Tages kehrte er dorthin zurück; es war an einem heiteren Sommermorgen und Marius war ſo vergnügt, wie man es zu ſein pflegt, wenn ſchönes Wetter iſt. Es ſchien ihm, als hätte er in ſeinem Herzen all den Geſang der Vögel, den er hörte, und alle die kleinen Stücken des blauen Himmels, die er durch das Laubwerk der Bäume ſchimmern ſah. 12 Er ging geradenwegs nach ſeiner Allee, und als er an das Ende kam, bemerkte er auf derſelben Bank das be⸗ kannte Paar. Nur als er ſich näherte, war es wohl der⸗ ſelbe Mann, aber es ſchien ihm, als ob es nicht daſſelbe Mädchen wäre. Die Perſon, die er jetzt ſah, war eine große und ſchöne Erſcheinung, welche alle die reizenden Formen des Weibes in eben dem Augenblicke hatte, wo ſie ſich noch mit all der Anmuth der unſchuldigſten Kindheit paaren; ein flüchtiger und reiner Augenblick, den nur die beiden Worte zu bezeichnen vermögen: fünfzehn Jahre. Es waren wun⸗ derſchöne kaſtanienbraune Haare, eine Stirn, die von Mar⸗ mor zu ſein ſchien, Wangen, wie aus einem Roſenblatt ge⸗ bildet, ein mattes Roth, ein lebhaftes Weiß; ein ausgezeich⸗ neter Mund, dem das Lächeln wie ein Licht entſtrömte und das Wort, wie eine Muſik, ein Kopf, den Raphael als Maria hätte haben mögen, auf einem Halſe, den Jean Gouyon für eine Venus gewählt hätte. Und endlich, damit nichts dieſem reizenden Geſicht mangelt, war die Naſe nicht ſchön, aber hübſch, weder gerade, noch gebogen, weder italieniſch, noch griechiſch; es war eine pariſer Naſe, das heißt, etwas Geiſtreiches, Feines, Unregelmäßiges, und Reines, welches die Maler in Verzweiflung und die Dichter in Entzücken verſetzt. Als Marius an ihr vorüberging, konnte er ihre Augen nicht ſehen, die beſtändig geſenkt waren. Er ſah nur ihre langen kaſtanienbraunen Augenwimpern, die keuſch ihren Blick umſchatteten. Das hinderte indeß das ſchöne Kind nicht, zu lächeln, während es auf den Mann mit den weißen Haaren hörte, der mit ihr ſprach und nichts war ſo köſtlich, wie das hei⸗ tere Lächeln ihrer geſenkten Augen. In dieſem Augenblick dachte Marius, es ſei eine andere Tochter deſſelben Mannes, eine Schweſter ohne Zweifel der früheren. Allein als die unwandelbare Gewohnheit des Spa führ gel 13 Spaziergangs ihn zum zweiten Male bei der Bank vorüber⸗ führte und er ſie aufmerkſam betrachtet hatte, erkannte er, daß es dieſelbe ſei. In ſechs Monaten war das kleine Mädchen zur Jutfrau geworden; das war Alles. Nichts iſt häufiger, als die Phänomen. Es giebt einen Augen⸗ blick, in welchem die Mädchen in einem Nu aufblühen und plötzlich aus der Knospe zur Roſe werden. Geſtern verließ man ſie als Kind und heute findet man ſie be⸗ unruhigend wieder. Dieſe war nicht nur gewachſen, ſie hatte ſich ideali⸗ ſirt. Wie drei Tage im April gewiſſen Bäumen genügen, um ſich mit Blüthen zu bedecken, ſo hatten ſechs Monate ihr genügt, um ſich in Schönheit zu hüllen; ihr April war gekommen. Man ſieht zuweilen Leute, welche arm und kleinlich zu erwachſen ſcheinen, plötzlich aus der Noth zum Glanz über⸗ gehen, Ausgaben aller Art machen und dann unerwartet ganz ſtrahlend und herrlich werden. Das rührt aus einer eingeſteckten Rente her; ſie machten geſtern eine Erbſchaft. Das junge Mädchen hatte ihre halbjährige Rente einge⸗ zogen. Und dann war es auch nicht mehr die Penſionairin mit ihrem Plüſchhut, ihrem Marinokleid, ihren Schülerin⸗ nenſchuhen und ihren rothen Händen; mit der Schönheit war ihr auch der Geſchack gekommen; ſie war eine Perſon, gut gekleidet, mit einer Art einfacher und reicher Eleganz und ohne Ziererei. Sie trug ein Kleid von ſchwarzem Damaſt, ein rundes Mäntelchen von demſelben Stoff und einem weißen Crephut. Ihre weißen Handſchuhe zeigten die Feinheit ihrer Hände, welche mit den Elfenbeingriff eines Sonnenſchirmes ſpielten, und ihre ſeidenen Halbſtie⸗ felchen verriethen die Kleinheit ihres Fußes. Wenn man an ihr vorüberging, hauchte ihr ganzer Anzug einen jugend⸗ lichen und angenehmen Wohlgeruch aus. 14 Der Mann war noch immer derſelbe. Das zweite Mal, als Marius zu ihnen kam, erhob das junge Mädchen die Augenlieder; ihre Augen waren von dunklem Himmelblau, aber in dieſem Prſchleierten Azur lag noch Etwas von dem Blicke eines Kindes. Sie ſah Marius gleichgültig an, wie ſie jeden Knaben angeſehen haben würde, der unter den Bäumen umherlief, oder die Marmorvaſe, welche ihren Schatten auf die Bank warf; und Marius ſeinerſeits ſetzte ſeine Promenade fort, indem er an andere Dinge dachte. Er ging noch vier oder fünf Mal an der Bank vorüber, auf welcher das junge Mädchen ſaß, aber ohne nur die Augen nach ihr zu richten. An den folgenden Tagen kehrte er wie gewöhnlich nach dem Luxembourg zurück. Wie gewöhnlich fand er dort den Vater wie die Tochter, aber er achtete nicht mehr auf ſie. Er dachte an das Mädchen jetzt, wo ſie ſchön, nicht mehr als früher, wo ſie häßlich war. Er ging noch immer ſehr nahe an der Bank vorüber, auf der ſie ſaß, weil das ſo ſeine Gewohnheit war. III. Wirkung des Frühlings. Eines Tages, die Luft war lau, der Luxembourger Garten erfüllt mit Schatten und Sonne, der Himmel war rein, als hätten die Engel ihn am Morgen gewaſchen, die Sperlinge zwitſcherten munter in dem Schatten der Kaſta⸗ nie A 15 nienbäume, Marius hatte ſeine ganze Seele der Natur ge— öffnet, er dachte an nichts, lebte und athmete, und als er an der Bank vorüberging, erhob das junge Mädchen ihre Augen zu ihm, ihre beiden Blicke begegneten ſich. Was lag diesmal in dem Blicke des jungen Mädchens? Marius hätte es nicht zu ſagen vermocht. Es lag nichts darin und Alles. Es war ein eigenthümlicher Blitz. Sie ſenkte die Augen und er ſetzte ſeinen Weg fort. Was er geſehen hatte, war nicht das ungezwungene einfache Auge eines Kindes; es war ein geheimnißvoller Abgrund, der ſich halb geöffnet und dann plötzlich wieder geſchloſſen hatte. Es giebt einen Tag, an welchem jedes junge Mädchen dieſen Blick hat. Wehe dem, der ſich dann unter demſelben befindet. Dieſer erſte Blick einer Seele, die ſich noch nicht ſelbſt kennt, gleicht der Morgenröthe an dem Himmel. Es iſt das Erwachen von etwas Unbekanntem und Strahlendem. Nichts vermöchte dem gefährlichen Auge dieſen unerwarteten Blitz wiederzugeben, der auf unbeſtimmte Weiſe plötzlich eine bewundernswürdige Finſterniß erhellt, und der aus der ganzen Unſchuld der Gegenwart und der ganzen Leidenſchaft der Zukunft beſteht. Es iſt eine Art unentſchiedener Zärt⸗ lichkeit, die ſich zufällig offenbart und dauert. Es iſt eine Schlinge, welche die Unſchuld unbewußt legt und in welche ſie Herzen fängt, ohne es zu wollen und ohne es zu wiſſen. Es iſt eine Jungfrau, die einen Blick wirft wie eine Frau. Nicht ſelten entſteht aus dieſem Blick, da, wo er hin⸗ fällt, eine tiefe Träumerei. Die ganze Reinheit und die ganze Aufrichtigkeit liegt in dieſem himmliſchen und ver⸗ hängnißvollen Strahl, der mehr als die berechnetſten Blicke der Koketten, die Zaubermacht beſitzt, plötzlich in dem Grunde einer Seele jene finſtere Blüthe voll Wohlgeruch und Gift, welche man Liebe nennt, zum Aufbrechen zu bringen. Als Marius am Abend in ſeine Dachkammer zurück⸗ 16 kehrte, richtete er ſeine Augen auf ſeine Kleider und be⸗ merkte zum erſten Male, daß er die Unhaltbarkeit, die Un⸗ geſchicklichkeit und die unerhörte Dummheit begangen hatte, in Luxembourg mit ſeinen Alltagskleidern ſpazieren zu gehen, das heißt mit einem Hute, der unter der Schnur zerriſſen war, mit großen, ſchweren Stiefeln, einem an den Knieen abgeſchabten Beinkleid und einem an den Ellenbogen ab⸗ geriebenen Rocke. IV. Anfang einer großen Krankheit. Am nächſten Tage zu der gewohnten Stunde zog Ma⸗ rius aus dem Schranke ſeinen neuen Rock, ſein neues Beinkleid, ſeinen neuen Hut und ſeine neuen Stiefel; er kleidete ſich in dieſe vollſtändige Rüſtung, fügte den wunder⸗ baren Luxus der Handſchuhe hinzu und ging ſo nach dem Luxembourg. Während des Weges begegnete er Courfeyrac und that, als ob er ihn nicht ſähe. Als Coufeyräc nach Hauſe kam, ſagte er zu ſeinen Freunden: „Ich bin dem neuen Hut und dem neuen Anzug unſeres Marius begegnet. Er ging ohne Zweifel zu einem Examen. Er ſah ſehr einfältig aus.“ Als Marius nach dem Luxembourg kam, ging er um das Baſſin und betrachtete die Schwäne; dann blieb er längere Zeit betrachtend vor einer Bildſäule ſtehen, deren en nd 1fe en. um en 17 Kopf von Moos ganz ſchwarz war und der eine Hüfte fehlte. Neben dem Baſſin ſtand ein viereckiger und dick⸗ bäuchiger Bürger, der an der Hand einen kleinen Knaben von fünf Jahren hielt, zu dem er ſagte:„Vermeide die Exceſſe. Mein Sohn, halte Dich in gleicher Entfernung von dem Despotismus und der Anarchie.“ Marius hörte dieſen Bürger an. Dann ging er noch einmal um das Baſſin herum. Darauf wendete er ſich zu ſeiner Allee, langſam und als ob er es nur widerſtrebend thäte. Man hätte glauben können, er ſei zugleich gezwungen und ge⸗ hindert, hinzugehen. Von dem Allen gab er ſich keine Rechenſchaft, und glaubte ebenſo zu handeln wie alle Tage. Als er in die Allee trat, bemerkte er am Ende der⸗ ſelben auf ihrer Bank Herrn Leblanc und das junge Mädchen. Er knöpfte ſeinen Rock bis oben zu, zog ihn glatt, damit er keine Falten ſchlüge, betrachtete mit einem gewiſſen Wohlgefallen den Glanz ſeines Beinkleides, und ging auf die Bank zu. Es lag etwas wie ein Angriff in dieſem⸗ Gang, und ganz gewiß eine Neigung zur Eroberung. Uebrigens waren alle dieſe Bewegungen nur maſchinen⸗ mäßig und er hatte dabei keineswegs den gänzlich gewohnten Gedanken ſeines Geiſtes in ſeiner Arbeit unterbrochen. Er dachte in eben dieſem Augenblicke, daß das Handbuch des Baccalaureats ein einfältiges Buch ſei, und daß es von ſeltenen Dummköpfen redigirt ſein müßte. Es ſauſte ihm vor den Ohren. Indem er ſich der Bank näherte, zog er noch einmal die Falten ſeines Rockes glatt und ſeine Augen hefteten ſich auf das junge Mädchen. Es ſchien ihm, als füllte ſie das ganze äußere Ende der Allee mit einem unbeſtimmten hellen Schein. In dem Grade, wie er ſich näherte, verkürzten ſich ſeine Schritte mehr und mehr. Zu einer gewiſſen Entfernung von der Bank gelangt, noch lange, ehe er am Ende der Die Elenden. VI. 2 Allee war, blieb er ſtehen, und er ſchien ſelbſt nicht zu wiſſen, wie es kam, daß er umkehrte. Er ſagte ſich nicht einmal, daß er nicht bis zum Ende gegangen war. Kaum konnte das junge Mädchen ihn von fern bemerken und ſehen, wie ſchön er in ſeiner neuen Kleidung ausſah. Indeß hielt er ſich ſehr gerade, um gut auszuſehen, im Fall hinter ihm Jemand auf ihn achten ſollte. Er erreichte das entgegen⸗ geſetzte Ende, kehrte um, und diesmal näherte er ſich etwas mehr der Bank. Er gelangte ſelbſt bis zu der Entfernung von drei Bäumen, allein hier fühlte er eine unbeſtimmte Unmöglichkeit, weiter zu gehen und zögerte. Er hatte das Geſicht des jungen Mädchens ſich nach ihm richten zu ſehen geglaubt. Indeß machte er eine männliche und gewaltige Anſtrengung, bezwang ſein Zögern und ging weiter vor⸗ wärts. Einige Secunden darauf kam er gerade und feſt, roth bis zu den Ohren, an der Bank vorüber, ohne daß er es wagte, den Blick rechts oder links zu werfen, die Hand in den Rock geſteckt wie ein Staatsmann. In dem Augenblick, als er unter den Kanonen der Feſtung vorüber⸗ ging, empfand er ein entſetzliches Herzklopfen. Sie trug wie am Tage zuvor ihr Damaſtkleid und ihren Crepphut. Er hörte eine liebliche Stimme, welche ihre Stimme ſein mußte. Sie plauderte ruhig. Sie war ſehr hübſch. Er fühlte das, obgleich er es nicht verſuchte, ſie anzuſehen. „Sie könnte ſich indeß,“ ſagte er zu ſich,„nicht enthalten, Achtung vor mir zu haben, wenn ſie wüßte, daß ich der wirkliche Verfaſſer der Abhandlung über Marcos Obregon de la Ronda bin, welche Franz von Neufchateau wie von ihm ſelbſt herrührend an die Spitze ſeiner Ausgabe des Gil Blas geſtellt hat!“ Er ging an der Bank vorüber bis zu dem äußerſten Ende der Allee, das ganz nahe war, kehrte dann um und ging wieder an dem ſchönen Mädchen vorbei. Diesmal ht zu nicht Kaum ſehen, hielt r ihm gegen etwas rnung timmte te das ſehen valtige rvor d feſt, ne daß n, die den e trug pphut. e ſein . Et hen. holten⸗ ich der bregon ie von es Gil ßerſen m und iesmal 19 war er ſehr blaß. Uebrigens hatte er nur ein ſehr unan⸗ genehmes Geſicht. Er entfernte ſich von der Bank und dem jungen Mädchen, und während er ihr den Rücken zu⸗ wendete, bildete er ſich ein, ſie ſehe ihm nach, und darüber ſtrauchelte er. Er wagte es nicht mehr, ſich der Bank zu nähern, blieb gegen die Mitte der Allee ſtehen und ſetzte ſich hin, was er nie zu thun pflegte. Dann richtete er die Blicke ſeitwärts und dachte in einer unbeſtimmten Tiefe ſeines Geiſtes, daß Alles wohl erwogen, die Perſon, deren weißer Hut und ſchwarzes Kleid er bewunderte, ſchwerlich ganz gleichgültig gegen ſeine glänzenden Beinkleider und ſeinen neuen Rock ſein könnte. Nach einer Viertelſtunde ſtand er auf, als wollte er wieder gegen die Bank gehen, die eige Glorie umgab. Indeß blieb er regungslos ſtehen. Zum erſten Male ſeit fünfzehn Monaten ſagte er ſich, daß der Herr, der ſich täg⸗ lich dort mit ſeiner Tochter hinſetzte, ihn ſeinerſeits be⸗ merkt haben mußte und wahrſcheinlich ſein Benehmen auf⸗ fallend fand. Zum erſten Male auch fühlte er etwas Unehrerbietiges darin, dieſen Unbekannten, ſelbſt in dem Geheimniß ſeiner Gedanken, mit dem Namen Herr Leblanc zu bezeichnen. So blieb er einige Minuten mit geſenktem Kopfe ſtehen und zeichnete mit dem Stöckchen, das er in der Hand hielt, Figuren in den Sand. Dann wendete er ſich plötzlich nach der entgegenge⸗ ſetzten Richtung der Bank des Herrn Leblanc und ſeiner Tochter und kehrte nach Hauſe zurück. An dieſem Tage vergaß er es, zum Eſſen zu gehen. Um acht Uhr Abends bemerkte er das, und da es zu ſpät war, um noch nach der Rue St. Jacques zu gehen, ſagte er:„Ei!“ und aß ein Stück trocknes Brod. 2* 20 Er ging erſt zu Bett, nachdem er ſeinen Anzug aus⸗ gebürſtet und ſorgfältig zuſammengelegt hatte. V. Verſchiedene Blitzſchläge treffen Mame Bongon. Am nächſten Tage bemerkte Mame Bougon— ſo nannte Courfewac die alte Thürhüterin⸗Hauptmietherin⸗ Haushälterin der Baracke Gorbeau— alſo Mame Bougon, die ſich in Wirklichkeit Madame Bourgon nannte, voll Er⸗ ſtaunen, daß Herr Marius in ſeinem neuen Anzuge ausging. Er kehrte nach dem Luxembourg zurück, aber er ging über ſeine Bank nicht weiter als bis zur Hälfte der Allee hinaus. Hier ſetzte er ſich wie am Tage zuvor, blickte in die Ferne und ſah deutlich den weißen Hut, das ſchwarze Kleid und beſonders den hellen Lichtſchein. Er rührte ſich nicht und ging erſt nach Hauſe, als man die Thore des Luxembourg ſchloß. Er ſah aber Herrn Leblanc und ſeine Tochter ſich entfernen. Er ſchloß daraus, daß ſie den Garten durch das Gitter der Rue de[Oueſt verlaſſen hätten. Später, einige Wochen darauf, als er daran dachte, konnte er ſich nicht erinnern, wo er an dieſem Abend ge⸗ geſſen hatte. Am nächſten Tage, es war der dritte Tag, wurde Mame Bougon wieder vom Blitz getroffen. Marius ging abermals in ſeinem neuen Anzuge aus. „Drei Tage hinter einander!“ rief ſie. leich aus . ſo erin⸗ tgon, Er⸗ ging⸗ ging Allee te in varze ſich des ſeine den laſſen chle, d Re⸗ wurde 21 Sie verſuchte es, ihm zu folgen, aber Marius ging leicht und mit gewaltigen Schritten; es war ein Hippopo⸗ tamus, der die Verfolgung eines Reh's unternahm. Sie verlor ihn nach zwei Minuten aus dem Geſicht und kehrte athemlos, drei Viertel durch ihr Aſthma erſtickt und wüthend nach Hauſe zurück. „Als ob das geſunden Sinn und Menſchenverſtand hätte!“ brummte ſie,„täglich ſeine neuen Kleider anzuziehen und die Leute ſo außer Athem zu bringen!“ Marius war nach dem Luxembourg gegangen. Das junge Mädchen ſaß hier mit Herrn Leblanc. Marius näherte ſich ſo ſehr er konnte und that, als ob er in einem Buche leſe, aber er blieb noch weit entfernt, kehrte dann wieder um, ſetzte ſich auf ſeine Bank und brachte dann vier Stunden damit zu, in den Alleen die Sperlinge umherhüpfen zu ſehen, die auf ihn den Eindruck machten, als verſpotteten ſie ihn. So verfloſſen vierzehn Tage. Marius ging nach dem Luxembourg nicht mehr, um ſpazieren zu gehen, ſondern um ſich dort immer auf ſeinen Platz zu ſetzen und ohne zu wiſſen weshalb. Hier angelangt, rührte er ſich nicht mehr. Er zog jeden Morgen ſeinen neuen Anzug an, im Begriff, ſich nicht zu zeigen, und begann am nächſten Tage auf die⸗ ſelbe Weiſe. Sie war ganz entſchieden wunderbar ſchön. Die einzige Bemerkung, die man machen konnte und die einem Tadel glich, war der Widerſpruch, der zwiſchen ihrem traurigen Blick und ihrem heiteren Lächeln lag und der ihrem Ge⸗ ſicht etwas Unruhiges gab, was machte, daß das ſanfte Geſicht in gewiſſen Augenblicken befremdete, ohne deshalb aufzuhören reizend zu ſein. 22 VI. Zum Gefangenen gemacht. An einem der letzten Tage der zweiten Woche ſaß Marius wie gewöhnlich auf ſeiner Bank mit. einem alten Buche in der Hand, von dem er ſeit zwei Stunden kein Blatt umgewendet hatte. Plötzlich erbebte er. Ein Ereigniß fand an dem äußerſten Ende der Allee ſtatt. Herr Leblane und ſeine Tochter hatten die Bank verlaſſen; die Tochter hatte den Arm des Vaters genommen und ſie gingen langſam nach der Mitte der Allee zu, wo Marius war. Marius ſchloß ſein Buch, öffnete es dann wieder und zwang ſich, zu leſen. Er zitterte, der Heiligenſchein kam gerade auf ihn zu. „Ach, mein Gott, dachte er;„ich werde nicht mehr die Zeit haben, eine Haltung anzunehmen!“ Indem kam der Mann mit dem weißen Haar und das junge Mädchen näher. Es ſchien ihm, als dauerte das ein Jahrhundert, und es war nur eine Secunde.„Was wollen ſie denn hier machen?“ fragte er ſich.„Wie, ſie geht hier vorüber!“ Ihr Fuß betritt den Sand in dieſer Allee zwei Schritt von mir entfernt!“ Er war gänzlich verwirrt. Er hätte ſchön ſein mögen, er hätte das Kreuz haben mögen. Er hörte den ſanften und gemeſſenen Ton ihrer Schritte nahen. Er bildete ſich ein, daß Herr Leblanc zornige Blicke auf ihn richtete. „Wird der Herr mich anreden?“ dachte er. Er ſenkte den Kopf. Als er ihn wieder erhob, waren ſie ganz nahe bei ihm. Das junge Mädchen ging vorüber, und indem ſie dies that, ſah ſie ihn an. Sie ſah ihn feſt an, mit einer ſiun zu d eine ihr Di Au wu hat ſein zug vol aß ein niß ne en ar. ind am h en, ten ſich ete den bel iner 23 ſinnvollen Sanftmuth, über welche Marius vom Kopf bis zu den Füßen erbebte. Es ſchien ihm, als machte ſie ihm einen Vorwurf, ſo lange gewartet zu haben, ohne bis zu ihr zu kommen, und als ſagte ſie ihm: ich komme jetzt zu Dir. Marius blieb geblendet von den Strahlen ihres Auges. Er fühlte eine Fiebergluth in ſeinem Kopf. Sie war zu ihm gekommen; welche Freude! Und dann, wie hatte ſie ihn angeſehen! Sie ſchien ihm noch ſchöner zu ſein, als er ſie noch je geſehen hatte, ſchön von einer zugleich weihlichen und engelhaften Schönheit, von einer vollkommenen Schönheit, die Petrarca beſungen und vor der Dante niedergeknieet wäre. Es ſchien ihm, als ſchwimme ſie in einem offenen Himmel. Zu gleicher Zeit fühlte er eine furchtbare Qual, denn ſeine Stiefel waren beſtaubt. Er glaubte, überzeugt zu ſein, daß ſie auch ſeine Stiefel betrachtet hätte. Er folgte ihr mit den Augen, bis ſie verſchwand! Dann ging er in dem Luxembourg umher, wie ein Wahnſinniger. Es war wahrſcheinlich, daß er in einzelnen Augenblicken ganz allein lachen und laut ſprach⸗ Er ging ſo träumeriſch an den Kinderwärterinnen vorüber, daß Jede derſelben glaubte, er ſei in ſie verliebt. Er verließ nun Luxembourg, indem er hoffte, ſie auf der Straße wiederzufinden. Er kreuzte ſich mit Courfeyrac hinter den Arcaden des Odeon und ſagte zu ihm:„Komm mit mir zum Eſſen.“ Sie gingen mit einander zu Rouſſeau und er gab ſechs Francs aus. Er aß wie ein Währwolf. Er gab ſechs Sous dem Kellner. Bei dem Deſſert ſagte er zu Courfeyrac: „Haſt Du die Zeitung geleſen? Welche ſchöne Rede hat Andry de Puyraveau gehalten!“ Er war bis zum Aeußerſten verliebt. Nach dem Eſſen ſagte er zu Courfeyrac:„Ich bezahle 24 das Theater für Dich.“ Sie gingen nach der Porte⸗ Saint⸗Martin, um Frederick in'Auberge des Adrets zu ſehen. Marius unterhielt ſich ungemein. Zu gleicher Zeit verdoppelte ſich ſeine Scheu. Als ſie das Theater verließen, weigerte er ſich, das Strumpf⸗ band einer Griſette anzuſehen, welche über einen Rinnſtein ſtieg, und Courfehrac, der ſagte: ich würde dies Mädchen gern in meine Sammlung anfnehmen, flößte ihm beinahe Entſetzen ein. Courfeyrac hatte ihn für den nächſten Morgen zum Frühſtück in das Café Voltaire eingeladen. Marius ging hin und aß noch mehr wie am Tage zuvor. Er war ganz nachdenkend und ſehr heiter. Man hätte glauben können, er ergriff jede Gelegenheit, um laut zu lachen. Er umarmte zärtlich einen Fremden, den man ihm vorſtellte. Ein Kreis von Studenten bildete ſich um ihren Tiſch und es wurde von allerhand Staatsangelegenheiten geſprochen; dann kam das Geſpräch auf die Fehler und Mängel des Dictionnaire und der Proſodien Quicherat's. Marius unterbrach den Streit, indem er ausrief: „Es iſt aber doch ſehr angenehm, das Kreuz zu haben!“ „Das iſt ſehr komiſch!“ ſagte Courfeyrac leiſe zu Jean Prouvaire. „Nun,“ erwiderte Jean Prouvaire,„das iſt ſehr ernſt.“ Das war in der That ſehr ernſt. Marius war bei der erſten gewaltſamen und reizenden Stunde angelangt, mit welcher große Leidenſchaften beginnen. Das Alles hatte ein Blick geſchaffen! Wenn die Mine geladen und der Feind bereit iſt, ſo kann nichts einfacher ſein. Ein Blick iſt ein Funke. Es war geſchehen. Marius liebte ein Mädchen. Sein Geſchick trat in das Unbekannte ein. Der Blick der Frauen gleicht einem ſcheinbar ruhigen, allein in der That aber furchtbaren Räderwerk. Man geht tig Etr m ¹9 nz te is de M ire en an bei gl ſo Es ick täglich ruhig und ungeſtraft daran vorüber, ohne irgend Etwas zu ahnen. Es kommt ein Augenblick, wo man ſelbſt vergißt, daß eine Gefahr da iſt. Man geht, man kommt, man träumt, man ſpricht, man lacht. Plötzlich fühlt man ſich erfaßt! Es iſt aus. Das Räderwerk hat uns gepackt, der Blick hat uns ergriffen. Er hat ergriffen, gleichviel wo, noch wie, an irgend einem Theile unſerer Gedanken, der nachſchleppte, durch irgend eine Zerſtreutheit, die man be⸗ ging. Man iſt verloren. Man wird ganz und gar hinein⸗ gezogen. Eine Verkettung geheimnißvoller Kräfte bemäch⸗ tigt ſich unſerer. Man kämpft, man ſträubt ſich vergeblich. Menſchliche Hülfe iſt nicht mehr möglich. Wir fallen von Zahn zu Zahn, von Qual zu Qual, von Marter zu Marter, wir, unſer Geiſt, unſer Glück, unſere Zukunft, unſere Seele; und je nachdem wir in die Gewalt eines boshaften Ge⸗ ſchöpfes oder eines edlen Herzens gerathen ſind, kommen wir aus dieſer entſetzlichen Maſchine, entſtellt durch die Schande, oder verwandelt durch die Leidenſchaft hervor. VI. * Abenteuer eines Taſchentuches. Die Iſolirung, Losreißung von Allem, der Stolz, die Unabhängigkeit, der Gefallen an der Natur, der Mangel täglicher und materieller Thätigkeit, das Leben an ſich, die geheimen Kämpfe der Keuſchheit, die wohlwollende Extaſe, 26 in die ihm die Schöpfung verſetzte, hatte Marius zu dem Beſitze vorbereitet, den man die Leidenſchaft nennt. Sein Cultus für ſeinen Vater war allmälig zur Religion geworden und hatte ſich, wie jede andere Religion, in die Tiefe ſeiner Seele zurückgezogen. Neue Gefühle traten in den Vorder⸗ grund. Die Liebe kam. Ein ganzer langer Monat verfloß, während deſſen Marius jeden Tag nach dem Luxembourg ging. War die Stunde gekommen, ſo vermochte nichts, ihn zurückzuhalten. „Er hat Dienſt“, ſagte Courfeyrac. Marius bebte in Entzückungen. Es war gewiß, daß das junge Mädchen ihn anſah. Er war endlich kühner geworden und näherte ſich der Baͤnk. Indeß ging er nicht mehr an derſelben vorüber, in⸗ dem er zugleich dem Inſtinkte der Schüchternheit und dem Inſtinkte der Klugheit gehorchte. Er hielt es für nützlich, die Aufmerkſamkeit des Vaters nicht auf ſich zu ziehen. Er bewahrte ſeinen Standpunkt) hinter den Bäumen und den Piedeſtals der Bildſäulen mit einem tiefen Macchiavellismus, ſo daß er ſo viel als möglich von dem jungen Mädchen ſehen und den alten Mann ſo wenig als möglich von ſich ſehen laſſen konnte. Zuweilen blieb er halbe Stunden lang regungslos im Schatten eines Leonidas oder eines Spar⸗ tacus ſtehen, in der Hand ein Buch, über welches ſeine Augen, ſanft erhoben, das ſchöne Mädchen ſuchten, und ſie wendete mit leiſem Lächeln ihr reizendes Profil gegen ihn. Während ſie ganz natürlich und ruhig mit dem Mann mit dem weißen Haar ſprckh, richtete ſie auf Marius alle Träumereien eines jungfräulichen und leidenſchaftlichen Auges, ein altes und unvergeßliches Verfahren, welches Eva ſchon am erſten Tage des Lebens kennt! Ihr Mund giebt den Einen und ihr Blick dem Andern die Antwort. Man muß indeß glauben, daß Herr Leblanc zuletzt Etwas bemerkte, denn oft, wenn Marius kam, ſtand er auf 27 und ging. Er hatte ihren gewöhnlichen Platz verlaſſen und am äußerſten Ende der Allee die Bank neben dem Gladiator eingenommen, wie um zu ſehen, ob Marius ihm folgen würde. Marius begriff das nicht, und das war ein Fehler. Der Vater begann unpünktlich zu werden und brachte ſeine Tochter nicht mehr alle Tage mit. Zuweilen kam er allein, dann blieb Marius nicht. Wieder ein Fehler. Marius achtete nicht auf dieſe Symptome. Aus der Phaſe der Schüchternheit war er durch den natürlichen und verhängnißvollen Fortſchritt in die Phaſe der Verblendung eingetreten. Seine Liebe wuchs. Er träumte alle Nächte davon. Und dann war ihm auch ein unerwartetes Glück widerfahren. Oel in das Feuer, Verdoppelung der Finſter⸗ niß vor ſeinen Augen. Eines Abends in der Dämmerung hatte er auf der Bank, welche Herr Leblanc und ſeine Tochter verlaſſen hatten, ein Taſchentuch gefunden, ein ganz ein— faches Taſchentuch und ohne Stickerei, aber weiß, fein und unendliche Wohlgerüche aushauchend. Er bemächtigte ſich deſſelben mit Entzücken. Das Taſchentuch war mit den Buchſtaben U. F. gezeichnet. Marius wußte nichts von dem ſchönen Kinde, weder ihre Familie, noch ihren Namen, noch ihre Wohnung; dieſe Buchſtaben waren das Erſte, was er von ihr erfaßte. Anbetungswürdige Buchſtaben, auf denen er ſogleich weiter baute. U war offenbar der Vorname Urſula! dachte er, welch ein köſtlicher Name! Er küßte das Tuch, athmete ſeinen Duft ein, legte es auf ſein Herz, auf ſeine Bruſt während des Tages, und in der Nacht unter ſeinen Kopf, um darauf einzuſchlafen. „Ich fühle ihre ganze Seele!“ rief er aus. Dieſes Taſchentuch gehörte dem alten Herrn, der es ganz einfach aus der Taſche hatte fallen laſſen. Die Tage, welche dieſem Funde folgten, zeigte er ſich nicht mehr im Luxembourg, ohne das Taſchentuch zu küſſen und an ſein Herz zu preſſen. Das ſchöne Kind begriff 28 davon nichts und deutete ihm dies durch unbemerkbare Zeichen an. „O Schamhaftigkeit!“ ſagte Marius. VIII. Der Invalide ſelbſt kann glücklich ſein. Da wir das Wort Schamhaftigkeit ausgeſprochen haben und uns nichts verbergen, müſſen wir erwähnen, daß trotz ſeiner Extaſe ſeine Urſula ihm einmal einen ernſten Kummer bereitete. Es war an einem jener Tage, an dem ſie Herrn Leblanc beſtimmte, die Bank zu verlaſſen und in der Allee auf- und niederzugehen. Der Wind wehte ziemlich heftig und ſchüttelte die Wipfel der Platanen. Der Vater und die Tochter kamen ſo Arm in Arm an der Bank vorüber, auf der Marius ſaß. Marius pwar hinter ihnen aufgeſtanden und folgte ihnen mit dem Blicke, wie es für dieſe Lage einer entzückten Seele ſich ziemt. Plötzlich wirbelte ein Windſtoß, luſtiger als die andern, und wahrſcheinlich damit beauftragt, die Angelegenheiten des Frühlings zu beſorgen; von der Baumſchule her, fuhr er in die Allee und hüllte das junge Mädchen ein, indem er ihr Kleid, dieſes Kleid, heiliger als das Gewand der Iſis, beinahe bis zur Höhe des Strumpfbandes erhob. Ein Bein von vollendeter Form zeigte ſich. Marius ſah es. Er war außer ſich und wüthend. 1 Das junge Mädchen hatte ſchnell mit einer Bewegung 29 erhabenen Unwillens ihr Kleid niedergedrückt, aber er war deshalb nicht minder empört.— Er war allein in der Allee, das iſt wahr; allein es konnte doch noch Jemand Anderes dort ſein. Und wenn Jemand dageweſen wäre! Begreift man ſo etwas?— Es war abſcheulich, was ſie da gethan hatte! Ach, das arme Kind hatte nichts gethan; es war nur ein Strafbarer: der Wind. Aber Marius, in welchem un⸗ willkürlich der Bartholo erbebte, der in dem Cherubim liegt, war entſchloſſen, unzufrieden zu ſein und war eiferſüchtig auf ſeinen Schatten. So erwacht in der That in dem menſchlichen Herzen ſelbſt unberechtigt die ſcharfe ſchneidende Eiferſucht des Fleiſches. Uebrigens hatte außer dieſer Eiferſucht der Anblick des reizenden Beines für ihn nichts Angenehmes gehabt; der weiße Strumpf des erſten beſten Frauenzimmers würde ihn mehr Vergnügen bereitet haben. Als„ſeine Urſula“, nachdem ſie das äußerſte Ende der Allee erreicht hatte, mit Herrn Leblane zurückkehrte und an der Bank vorüberging, auf die Marius ſich wieder ge⸗ ſetzt hatte, warf Marius ihr einen mürriſchen und grau⸗ ſamen Blick zu. Das junge Mädchen hatte darauf durch ein Heben der Augenwimpern geantwortet, welches zu be⸗ deuten ſchien: nun, was giebt es denn? Das war ihr erſter Zwiſt. Marius hatte ihr kaum mit den Augen dieſe Scene bereitet, als Jemand durch die Allee ging. Es war ein ganz niedergebeugter Invalide, runzlich und weiß, in der Uniform Ludwig XV. und trug auf der Bruſt das kleine Schild, von rothem Tuch mit gekreuzten Degen, das Kreuz des heiligen Ludwig des gemeinen Soldaten, und war außerdem geſchmückt mit einem Uniformärmel ohne Arm darin, mit einem ſilbernen Kinn und einem hölzernen Bein. Marius glaubte zu bemerken, daß dieſes Weſen außerordent⸗ lich zufrieden ausſah. Es ſchien ihm ſelbſt, als hätte der 30 alte Cyniker, indem er an ihm vorbeihumpelte, ein brüderliches und heiteres Angenblinzeln auf ihn gerichtet, als ob irgend ein Zufall gemacht hätte, daß ſie einverſtanden mit einander ſein könnten und gemeinſchaftlich mit einander ein gutes Almoſen genoſſen hätten. Worüber konnte denn dieſes Ueberbleibſel des Mars ſo zufrieden ſein? Was war denn zwiſchen dieſem hölzernen Bein und dem andern vor⸗ gegangen? Marius gelangte zum Parorismus der Eifer⸗ ſucht.—„Er war vielleicht da!“ ſagte er ſich;„er hat vielleicht geſehen!“ Und er hatte Luſt, den Invaliden umzubringen. Mit Hülfe der Zeit ſtumpft ſich jede Spitze ab. Der Zorn, den Marius gegen Urſula hegte, ging vorüber, ſo gerecht und gerechtfertigt er auch war. Er verzieh ihr endlich; aber es bedurfte dazu einer großen Anſtrengung; er ſchmollte ihr drei Tage. Indeß bei alledem und wegen Alles deſſen wuchs ſeine Leidenſchaft bis zum Wahnſinn. IX. Sonnenfinſterniß. Man ſieht, wie Marius entdeckt hatte oder entdeckt zu haben glaubte, daß ſie Urſula hieß. Der Appetit kommt während des Liebens. Zu wiſſen, daß ſie Urſula hieß, war ſchon viel; es war aber auch wenig. In drei oder vier Wochen hatte Marius dies Glück nd er tes ſes ar r⸗ hat ect ſſen, 31 aufgezehrt. Er wollte ein anderes, er wollte wiſſen, wo ſie wohnte. Er hatte einen erſten Fehler begangen: er war in den Hintergrund der Bank des Gladiators gefallen. Er hatte einen zweiten begangen: nicht im Luxembourg zu bleiben, wenn Herr Leblanc allein kam. Er beging einen dritten, einen ungeheuren: er folgte Urſula! Sie wohnte in der Rue de[Oueſt, an dem mindeſt lebhaften Orte, in einem neuen dreiſtöckigen Hauſe von be⸗ ſcheidenem Ausſehen. Von dieſem Augenblick an fügte Marius ſeinem Glück, ſie im Luxembourg zu ſehen, das Glück hinzu, ihr bis zu ihrer Wohnung zu folgen. Sein Hunger wuchs. Er wußte wenigſtens ihren Vor⸗ namen, den reizenden Namen, den wahren Frauennamen; er wußte wo ſie wohnte, er wollte auch wiſſen wer ſie war. Eines Abends, nachdem er ihnen bis zu ihrer Woh⸗ nung gefolgt war und ſie unter dem Thorwege hatte ver⸗ ſchwinden ſehen, trat er hinter ihnen ein und ſagte muthig zu dem Portier: „Iſt das der Herr aus dem erſten Stock, der eben zurückkam?“ „Nein,“ erwiderte der Portier,„es iſt der Herr aus dem dritten Stock.“ Wieder einen Schritt weiter. Dieſer Erfolg machte Marius kühn. „Vorn heraus?“ fragte er. „Parbleu!“ ſagte der Thürhüter,„das Haus iſt nur nach der Straße gebaut.“ „Und was iſt der Stand dieſes Herrn?“ erwiderte Marius.* „Er iſt ein Rentier, ein ſehr guter Mann, der allen Unglücklichen wohlthut, obgleich er nicht reich iſt.“ „Wie heißt er?“ fuhr Marius fort. 32 Der Portier erhob den Kopf und ſagte: „Iſt der Herr etwa ein Polizeiſpion?“ Marius entfernte ſich ziemlich betäubt, aber entzückt. Er kam vorwärts. „Gut,“ dachte er.„Ich weiß, daß ſie Urſula heißt, daß ſie die Tochter eines Rentiers iſt und daß ſie da wohnt, im dritten Stock Rue de['Oueſt.“ Am nächſten Tage erſchienen Herr Leblanc und ſeine Tochter nur auf kurze Zeit im Luxembourg; ſie gingen, als es noch heller Tag war. Marius folgte ihnen nach der Rue de[Oueſt, wie das ſeine Gewohnheit geworden war. Als ſie zu dem Thorwege kamen, ließ Herr Leblanc ſeine Tochter vorausgehen, blieb dann ſtehen und ehe er die Schwelle überſchritt, blickte er ſich um und ſah Marius feſt an. Den Tag darauf kamen ſie nicht nach dem Luxem⸗ bourg. Marius wartete vergeblich den ganzen Tag. Mit Anbruch der Nacht ging er nach der Rue de[Oueſt und ſah Licht an den Fenſtern des dritten Stockes. Er ging unter dieſen Fenſtern auf und nieder, bis das Licht erloſch. Am nächſten Tage, Niemand im Luxembourg. Marius wartete den ganzen Tag und ging dann ſeinen Schildwach⸗ poſten unter den Fenſtern zu beziehen. Das währte bis zehn Uhr Abends. Aus ſeinem Mittagseſſen mochte werden, was da wollte. Das Fieber ſättigt den Kranken und die Liebe den Verliebten. So brachte er acht Tage hin. Herr Leblanc und ſeine Tochter erſchienen nicht mehr im Luxembourg. Marius ſtellte traurige Betrachtungen an; während des Tages wagte er nicht, den Thorweg im Auge zu behalten. Er begnügte Jich damit, während der Nacht den röthlichen Schein der Fenſterſcheiben zu betrachten. Er ſah zuweilen Schatten daran vorüberſchweben und ſein Herz klopfte. 33 Als er am achten Tage unter den Fenſtern ankam, war kein Licht. .„Ach,“ ſagte er,„die Lampe iſt noch nicht angezündet. Es iſt indeß ſchon ganz dunkel. Sollten ſie ausgegangen , ſein?“ Er wartete bis zehn Uhr, bis Mitternacht, bis ein Uhr Morgens. Kein Licht wurde hinter den Fenſtern des ſe dritten Stockwerkes angezündet, Niemand kehrte in das 8 Haus zurück. er In trüben Gedanken ging er fort. n. Am nächſten Tage denn er lebte nur von einem ne Tage zum andern— und es gab für ihn ſo zu ſagen kein ie Heute— am nächſten Tage fand er wieder Niemand im 18 Luxembourg, wie er dies erwartet hatte. Mit der Abend⸗ dämmerung ging er nach dem Hauſe. n Kein Licht an den Fenſtern; die Laden waren ge⸗ lit ſchloſſen. Das dritte Stockwerk war ganz finſter. d Marius klopfte an die Portierſtube und ſagte zu dem g Thürhüter: h.„Der Herr im dritten Stock?“ 18„Ausgezogen!“ erwiderte der Portier. h⸗ Marius taumelte zurück und fragte leiſe: is„Seit wann denn?“ te„Seit geſtern.“ en„Wo wohnt er jetzt?“ „Ich weiß es nicht.“ ne„Er hat alſo ſeine neue Adreſſe nicht zurückgelaſſen?“ „Nein.“ es Der Portier erhob die Naſe und erkannte Marius. Et„Ei,“ ſagte er,„Sie ſind es! Sie ſind ganz gewiß W ein Polizeiſpion!“ len Die Elenden. VI. 3 Marius. Siebentes Buch. Pntron Minette. * 00) I. Die Minen und die Mineurs. Die menſchlichen Geſellſchaften haben Alle das, was man am beſten eine dritte Verſenkung nennt. Der geſellſchaftliche Boden iſt überall unterminirt; bald zum Guten, bald zum Böſen. Dieſe Arbeiten liegen übereinander. Es giebt obere und untere Mineure; es giebt einen oberen und einen unteren Stock in dieſem finſteren Untergeſchoß, das ſich zuweilen unter der Civiliſation verſteckt und das unſere Gleichgültigkeit und Sorgloſigkeit mit den Füßen tritt. Die Enchelopädie war im letzten Jahrhundert eine Mine, die beinahe zu Tage lag. Die finſteren Höhlen, in denen das früheſte Chriſtenthum ſich verbarg, erwarteten nur eine Gelegenheit zum Ausbruch unter den Cäſaren, um das ganze Menſchengeſchlecht mit Licht zu überſtrömen. Denn in den heiligſten Finſterniſſen ruht das Licht. Die Vulkane ſind mit einer Finſterniß erfüllt, die hell zu flammen vermag. Jede Lava iſt Anfangs Nacht. Die Catacomben, in denen die erſte Meſſe geleſen wurde, waren nicht nur die Höhlen unter Rom, ſondern ſie waren das Souterain der Welt. 38 Unter dem ſocialen Bau liegen Aushöhlungen aller Art. Die religiöſe, die philoſophiſche, die politiſche, die ökonomiſche, die revolutionäre Mine. Man ruft und ant⸗ wortet ſich aus einer Catacombe in die andere. Die Utopien wandeln in den Gängen unter der Erde. Sie verſchlingen ſich hier in allen Richtungen. Zuweilen treffen ſie auf⸗ einander und fraterniſiren. Die Geſellſchaft ahnet kaum dieſe unterirdiſchen Arbeiten, welche die Oberfläche unver⸗ ändert laſſen, ihre Eingeweide aber verwandeln. So viel unterirdiſche Stockwerke, ſo viele verſchiedene Arbeiten. Was entſteht aus all' dieſem? Die Zukunft. Je tiefer man kommt, deſto geheimnißvoller ſind die Arbeiten. Bis zu einem Grade, den der ſociale Philoſoph erkennt, iſt die Arbeit gut; über dieſen Grad iſt ſie zweifel⸗ haft und gemiſcht. Noch tiefer wird ſie fürchterlich. In einer gewiſſen Tiefe ſind die Aushöhlungen für den Geiſt der Civiliſation nicht mehr zu betreten. Die Grenze, in welcher der Menſch athmen kann, iſt überſchritten. Ein Beginn der Ungeheuer iſt möglich. Die abſteigende Stufenleiter iſt eigenthümlich; auf jeder Sproſſe begegnet man Einem, der arbeitet, zuweilen erhaben, zuweilen mißgeſtaltet. Ihre Arbeiten ſind verſchiedenartig und das Licht der Einen widerſpricht den Flammen der Anderen. Die Einen ſind paradiſiſch, die Anderen tragiſch. Wie groß aber auch der Contraſt ſein mag, haben doch alle dieſe Arbeiter, vom Höchſten bis zu dem Finſterſten, von dem Böſeſten bis zu dem Verrückteſten eine Aehnlichkeit: die Uneigennützigkeit. Sie denken nicht an ſich ſelbſt. Sie ſehen etwas Anderes als ſich ſelbſt. Es giebt einen Punkt, wo die Ergründung zur Ver⸗ nichtung führt und wo das Licht erliſcht. Unter all' dieſen Minen, die wir andeuteten, unter all' den Gallerien, unter all' den geheimnißvollen Syſtemen unterirdiſcher Adern des Fortſchrittes und des Utopiens, 67 iſt in en, tig der ſter nen n, 39 viel tiefer in der Erde und ohne irgend einen Verkehr mit den oberen Stockwerken liegt die letzte Mine. Ein furcht⸗ barer Ort. Es iſt das, was wir die dritte Verſenkung nannten. Es iſt die Beute der Finſterniß. Es iſt der Keller der Blinden. Es führt zu dem Abgrund. II. Die Untiefe. Hier verſchwindet die Uneigennützigkeit, der Dämon erſcheint in unbeſtimmten Umriſſen; Jeder für ſich. Das Ich ohne Augen heult, ſucht, taſtet, nagt. Der ſociale Ugolino liegt in dieſem Abgrund. Die wilden Geſtalten, die in dieſer Höhle umherirren, ſind beinahe Thiere, beinahe Phantome; beſchäftigen ſich nicht mit dem allgemeinen Fortſchritt; ſie kennen den Be⸗ griff und das Wort nicht; ſie haben keine andere Sorge, als die individuelle Befriedigung. Sie ſind beinahe unbe— wußt und es liegt in ihnen eine Art entſetzlicher Auflöſung. Sie haben zwei Mütter, beide Stiefmütter: das Bedürfniß, und für alle Geſtalten der Befriedigung den Appetit. Sie ſind auf rohe Weiſe gefräßig, das heißt grauſam, nicht nach der Art des Tyrannen, ſondern nach der Art des Tigers. Von den Leiden gehen dieſe Larven zu Verbrechen über. Verhängnißvolle Verſchlingung, ſchwindelnde Zeugung, die Logik der Finſterniß. Was in der dritten geſellſchaft⸗ 40 lichen Verſenkung umherkriecht, iſt die Proteſtation der Materie. Der Menſch wird hier zum Drachen, Hunger zu haben, Durſt zu haben, iſt der Ausgangspunkt, Satan zu ſein, iſt der Ankunftspunkt. Wir ſahen ſo eben im vierten Buche eine von den Abtheilungen der oberen Minen der großen politiſchen, revolutionairen und philoſophiſchen Sappe. Dort war Alles edel, rein, würdig, rechtſchaffen. Dort konnte man ſich irren und man irrte ſich. Aber der Irrthum iſt ehr⸗ würdig, ſo lange er zum Heldenmuthe führt. Die Arbeit, die dort gemeinſchaftlich vollbracht ward, hat einen Namen: der Der Augenblick iſt gekommen, in andere Tiefen, in abſchreckende Tiefen zu blicken. Unter der menſchlichen Geſellſchaft und bis zu dem Tage, an welchem die Unwiſſenheit verbannt ſein wird, liegt die große Mine des Böſen. Dieſe Mine liegt unter Allen und iſt die Feindin von Allen. Sie iſt der Haß ohne Ausnahme. Sie kennt keine Philoſophen; ihr Dolch hat nie eine Feder geſpitzt. Ihre Schwärze hat keine Aehnlichkeit mit der erhabenen Schwärze eines Schreibzeuges. Dieſe Mine hat den Um⸗ ſturz von Allen zum Ziel. Von Allen. Inbegriffen die oberen Sappen, die ſie verabſcheut. Sie untergräbt in ihrem abſcheulichen Ameiſen⸗ gewirre nicht nur die geſellſchaftliche Ordnung, ſondern auch die Philoſophie, die Wiſſenſchaft, das Recht, den menſchlichen Gedanken, die Civiliſation, die Revolution, den Fortſchritt; ſie nennt ſich ganz einfach die Proſtitution, Mord, Meuchelmord. Sie iſt Finſterniß und will das Chaos. Ihr Gewölbe iſt die Unwifſenheit. Alle die oberen Minen haben nur einen Zweck, ſie zu unterdrücken. Dahin trachtet durch all' ihre Organe zugleich durch die Verbeſſerung des Wirklichen und Betrachtung des bj die Ver Un ſin ren den hei wi 41 Abſoluten die Philoſophie und der Philoſoph. Man vernichte die Mine Unwiſſenheit und man vernichtet den Maulwurf Verbrechen. Die einzige ſociale Gefahr iſt die Finſterniß. Alle Menſchen ſind aus demſelben Thon gebildet, kein Unterſchied hienieden, wenigſtens nicht in der Vorausbe⸗ ſtimmung, dieſelbe Dunkelheit vorher, daſſelbe Fleiſch wäh⸗ rend, dieſelbe Aſche nachher. Aber die Unwiſſenheit in den menſchlichen Teig gemiſcht, ſchwärzt ihn. Dieſe un⸗ heilvolle Schwärze ergreift das Innere des Menſchen und wird darin zum Böſen. HM. Babet, Gneulemer, Claqueſous und Montparnaſſe. Ein Quartett von Banditen, Claqueſous, Gueulemer, Babet und Montparnaſſe beherrſchte von 1830— 1835 die dritte Verſenkung von Paris. Gueulemer war ein ausgeſtoßener Herkules. Seine Höhle war der Abflußgraben der Arche⸗Marion. Er war ſechs Fuß hoch, hatte Bruſtknochen von Marmor, Muskeln von Stahl, ſtinkenden Athem, den Körper eines Coloſſes und den Schnabel eines Vogels. Man glaubte den Her⸗ kules von Farneſe zu ſehen, bekleidet mit einer Leinwand⸗ hoſe und einer Jacke von baumwollenem Sammet. Gueule⸗ mer, der auf ſolche Weiſe wie eine Bildſäule geſtaltet war, hätte Ungeheuer zühmen können. Er hatte es für kürzer 42 gefunden, ſelbſt eines zu ſein. Niedere Stirn, eine breite Schläfe, weniger als vierzig Jahre und Gänſefüße; ſtrup⸗ piges kurzes Haar, Backen wie eine Bürſte, der Bart wie der Kamm eines Ebers, und man hat ein Bild dieſes Menſchen. Seine Muskeln verlangten Arbeit; ſeine Dumm⸗ heit wollte keine. Es war eine gewaltige, träge Kraft. Er war Mörder aus Nachläſſigkeit. Man hielt ihn für einen Creolen. Er hatte wahrſcheinlich in einiger Berührung mit dem Marſchall Brune geſtanden, da er 1815 in Avignon Laſtträger war. Später war er Bandit geworden. Die Durchſichtigkeit Babets contraſtirte mit der Haut⸗ farbe Guenlemer's. Babet war mager undegelehrt. Er war durchſichtig, aber unerforſchlich. Man ſah am Tage durch ſeine Knochen, aber nicht durch ſein Auge. Er gab ſich für einen Chemiker aus. Er war Komiker bei Boboche und Hanswurſt bei Bobino geweſen. In Saint-Michel hatte er im Vaudeville geſpielt. Er war ein Menſch, der ſein Lachen beſonders betonte und ſeine Bewegungen hervorhob. Dabei ein Schönredner. Seine Induſtrie beſtand darin, in freier Luft Gypsbüſten und Portraits des Staatsoberhauptes zu verkaufen. Außer⸗ dem zog er Zähne aus. Er hatte auf den Jahrmärkten Wunder gezeigt und beſaß eine Bude mit einer Trom⸗ pete und den Anſchlag: Babet, Zahnkünſtler, Mitglied der Akademieen, macht phyſiſche Experimente mit Metallen und Halbmetallen, zieht Zähne aus und beſeitigt die Wurzeln, die ſeine Collegen gelaſſen haben. Preis: ein Zahn, ein Franc fünfzig Cent.; zwei Zähne zwei Francs; drei Zähne zwei Francs fünfzig Cent. Man benutze die Gelegenheit. (Dies:„man benutze die Gelegenheit“ bedeutete: man laſſe ſich ſo viel Zähne als möglich herausreißen.) Er war verheirathet und hatte Kinder. Er wußte nicht, was aus ſeiner Frau und ſeinen Kindern geworden war. Er hatte 43 ſie verloren, wie man ſein Taſchentuch verliert. Als eine ſeltene Ausnahme in der dunkeln Welt, zu der er gehörte, las Babet die Zeitung. Eines Tages, in der Zeit, als er ſeine Familie in ſeiner rollenden Bude noch bei ſich hatte, las er in dem Meſſager, daß eine Frau mit einem Kinde niedergekommen ſei, das lebensfähig wäre und ein Kalbs⸗ maul hätte. Da rief er aus:„Das iſt ein Glück! Meine Frau wird nicht ſo geſcheidt ſein, mir ein ſolches Kind zu beſcheeren!“ Seitdem hatte er Alles aufgegeben, um„Paris zu unternehmen.“ Sein eigenthümlicher Ausdruck: „Was war Elaqueſous.“ Er war die Nacht. Er erwartete, um ſich zu zeigen, daß der Himmel ſich ſchwarz gefärbt hatte. Am Abend kroch er aus einem Loche hervor, in das er vor Tagesanbruch zurückkehrte. Wo war dies Loch? Nigmand wußte es. In der vollkommenſten Dunkelheit und e Genoſſen ſprach er nur, indem er ihnen den Rücken zu⸗ wendete. Hier— Claqueſous? Nein. Er ſagte:„ich heiße Pas-du-tout(gar nicht). Wenn ein Licht kam, legte er eine Maske vor. Er war Bauchredner. Babet ſagte: Claqueſous iſt ein Nachtvogel mit zwei Stimmen. Elaqueſous war unbeſtimmt, umherirrend, fürchterlich. Man war nicht gewiß, daß er einen Namen hatte. Claqueſous war ein Spottname. Man war nicht gewiß, daß er eine Stimme hatte, denn ſein Bauch ſprach öfter wie ſein Mund. Man war nicht gewiß, daß er ein Geſicht hatte, denn Nie⸗ mand hatte je etwas anderes geſehen, als ſeine Maske. Er verſchwand wie eine Ohnmacht. Er ſchien plötzlich wie aus der Erde hervorſpringend. Ein unheimliches Weſen war Montparnaſſe. Mont— parnaſſe war ein Kind unter zwanzig Jahren, mit hübſchem Geſicht und Lippen wie Kirſchen, glatten, ſchönen, ſchwarzen Haaren, Klarheit des Frühlings in den Augen; er beſaß alle Laſter und ſtrebte nach allen Verbrechen. Die Ver⸗ 14 dauung des Böſen machte ihm Appetit nach dem Schlim⸗ meren. Er war der Gamin, der zum Spitzbuben, und der Spitzbube, der zum Straßenräuber wurde. Er war hübſch, weiblich, anmuthig, kräftig, weichlich grauſam. Den Hut trug er auf der linken Seite in die Höhe, um einer Haarlocke Platz zu machen, wie das Mode war. Er lebte von gewaltſamen Diebſtählen. Sein Ueberrock war von dem beſten Schnitt, aber abgetragen. Montparnaſſe war ein Modekupfer, welches das Elend zeigte und Mordthaten beging. Die Urſache aller Miſſethaten dieſes Jünglings war das Verlangen, ſich gut zu kleiden. Die erſte Gri⸗ ſette, die zu ihm geſagt hatte: Du biſt ſchön, warf ihm den dunklen Flecken in das Herz, und machte aus dieſem Abel einen Kain. Da er ſich hübſch fand, hatte er elegant ſein wollen; die erſte Eleganz aber iſt der Müßiggang; der Müßigang eines Armen iſt das Verbrechen. Wenige Herumtreiber waren ſo gefürchtet wie Montparnaſſe. Mit achtzehn Jahren hatte er ſchon mehrere Leichen hinter ſich. Mehr als ein Vorübergehender lag mit ausgebreiteten Armen in dem Schatten dieſes Elenden, das Geſicht in eine Lache von Blut tauchend. Friſirt, pomadiſirt, mit dünner Taille, Hüften wie ein Mädchen, den Oberleib wie ein preußiſcher Offizier, umgeben von dem bewundernden Gemurmel der Mädchen des Boulevard, die Cravatte künſtlich gelegt, einen Casse-téte in der Taſche, eine Blume im Knopfloch, ſo war dieſer Modenarr des Grabes. —— 45 IV. Zuſammenſetzung der Truppe. Dieſe vier Banditen bildeten für ſich eine Art von Proteus, ſchlängelten ſich durch die Polizei hindurch, und bemühten ſich, den unbeſcheidenen Blicken Vidoeq's zu ent⸗ gehen, unter verſchiedenen Geſtalten, Baum, Flamme, Brunnen; ſie borgten ſich gegenſeitig ihre Namen und ihre Kniffe, entzogen ſich ihren eignen Schatten, hatten Kaſten mit verborgenen Fächern und Aſyle für die einen wie für die andern; legten ihre Perſönlichkeiten ab, wie man die falſche Naſe auf dem Maskenballe abnimmt, vereichten ſich ſo, daß ſie zuweilen nur einer waren, und vervielfäl tigten ſich dann wieder in einem Grade, daß Coco⸗Lacour ſelbſt ſie für eine ganze Bande nahm. Dieſe vier Menſchen waren nicht vier Menſchen; ſie waren eine Art geheimnißvoller Räuber mit vier Köpfen, der im Großen in Paris arbeitete; es war der ungeheure Polhp des Böſen, der die Höhle der Geſellſchaft bewohnte. Dank ihren Verzweigungen und dem Netze ihrer Ver⸗ bindungen hatten Babet, Gueulemer, Claqueſous und Mont⸗ parnaſſe die allgemeine Leitung aller finſtern Unternehmungen im Departement der Seine. Sie übten an den Menſchen den Staatsſtreich von unten aus. Die Ideenfinder dieſer Art, die Menſchen mit der Einbildungskraft der Nacht, wendeten ſich an ſie wegen der Ausführung. Man lieferte den vier Schuften den Rahmen und ſie übernahmen die Scenirung. Sie arbeiteten nach einem Scenarium. Sie waren ſtets in der Lage, ein verhältnißmäßiges und paſſen⸗ des Perſonal für alle Attentate zu bieten, welche einer Un⸗ 46 terſtützung bedurften und einträglich genug waren. War ein Verbrechen im Werke, ſo vermietheten ſie dazu Mitſchuldige. Sie hatten eine Truppe von unbekannten Schauſpielern zur Verfügung für alle Trauerſpiele der Höhlen. Sie vereinigten ſich gewöhnlich mit Einbruch der Nacht, der Stunde ihres Erwachens in den Steppen, welche um die Salpetriere liegen. Hier beriethen ſie ſich. Sie hatten die zwölf finſtern Stunden vor ſich; ſie ordneten die Ver⸗ wendung dieſer Zeit. Patron⸗Minette war der Name, welchen man der Verbindung dieſer vier Menſchen in den unterirdiſchen Kreiſen gab. In der alten phantaſtiſchen Volksſprache, die täglich mehr verſchwindet, bedeutet Patron⸗Minette in Be⸗ ziehung auf den Morgen daſſelbe, was zwiſchen Hund und Wolf der Abend bedeutet. Die Benennung Patron⸗ Minette rührte wahrſcheinlich von der Stunde her, zu welcher ihr Geſchäft endigte, denn die Morgenröthe war der Augenblick des Verſchwindens dieſer Phantome und der Trennung der Banditen. Dieſe vier Männer waren unter dem Spottnamen bekannt. Als der Präſident der Aſſiſen Lacenaire in ſeinem Gefängniß beſuchte, fragte er ihn über eine Miſſethat, die Lacenaire leugnete.„Wer hat das gethan?“ fragte der Präſident.— Lacenaire gab darauf die ſonderbare und für den Beamten räthſelhafte, aber für die Polizei deutliche Antwort: Vielleicht Patron⸗Minette. Man erräth zuweilen ein Stück durch die Angabe der Perſonen; ebenſo kann man beinahe eine Bande durch die Liſte der Banditen würdigen. Hier ſind die Namen, auf welche die vorzüglichſten Theilnehmer des Patron⸗Minette antworteten, Namen, welche mit manchem Ereigniſſe ver⸗ flochten ſind. Panchaud, genannt Printanier, genannt Bigrenaille. Brujon(es gab eine Dynaſtie Brujon; wir verzichten nicht darauf, ein Wort darüber zu ſagen). en 47 Boulatruelle, der ſchon erwähnte Straßenarbeiter. Laveuve. Finistère. Homöre— Hogu, Neger. Mardiſoir. Depeéche. Fauntleroy, genannt Bouquetière. Glorieux, genannt Herr Dupont. Lesplanade⸗du⸗Sud. Pouſſagrive. Carmagnolet. Kruideniers, genannt Bizarro. Mangedentelle. Les⸗pieds⸗en⸗Pair. Demi⸗liard, genannt Deux⸗milliards u. ſ. w. u. ſ. w. Wir übergehen mehrere, nicht die ſchlimmſten. Dieſe Namen haben Geſtalten. Sie bezeichnen nicht nur Weſen, ſondern Gattungen. Jeder dieſer Namen entſpricht einer Varietät dieſer mißgeſtalteten Pilze unterhalb der Civili⸗ ſation. Dieſe Weſen, die mit ihren Geſichtern nicht ſehr ver⸗ ſchwenderiſch umgingen, gehörten nicht zu jenen, die man auf der Straße ſieht. Am Tage ſchliefen ſie, ermüdet durch die wilden Nächte, die ſie hatten, bald in Kalköfen, bald in den perlaſſenen Steinhrüchen von Montmartre oder Mont⸗ rouge, bald in den Abzugskanälen; ſie verkrochen ſich in die Erde. Was iſt aus dieſen Menſchen geworden? Sie exiſtiren noch immer. Sie haben von jeher exiſtirt. So lange die Geſellſchaft ſein wird, was ſie iſt, werden auch ſie ſeien, was ſie ſind. Unter dem dunklen Gewölbe ihrer Höhlen entſtehen ſie immer wieder neu aus der ſocialen Aus⸗ ſchwitzung. Sie kehren als immer identiſche Geſpenſter 48 zurück; nur tragen ſie nicht mehr dieſelben Namen und ſtecken nicht mehr in derſelben Haut. Die Individuen werden vertilgt, der Stamm bleibt. Sie beſitzen ſtets dieſelben Fähigkeiten; von dem Land⸗ ſtreicher bis zum Herumſtreicher erhält ſich das Geſchlecht rein. Sie errathen die Börſen in den Taſchen, ſie riechen die Uhren in den Uhrtaſchen, Gold und Silber haben für ſie einen Geruch. Es giebt unbefangene Bürger, von denen man ſagen könnte, als hätten ſie das Ausſehen beſtohlen werden zu müſſen. Dieſe Menſchen folgen geduldig dieſen Bürgern. Bei dem Vorüberkommen eines Fremden oder eines Provinzbewohners haben ſie das Beben einer Spinne in ihrem Netze. Wenn man dieſen Menſchen gegen Mitternacht auf einem Boulevard begegnet, oder ſie aus der Ferne ſieht, ſind ſie erſchrecklich. Sie ſcheinen keine Menſchen zu ſein, ſondern Geſtalten aus lebendigem Uebel gebildet; man ſollte glauben, ſie kleideten ſich in die Finſterniß, wären von dieſer nicht verſchieden, hätten keine andere Seele als dieſe, und hätten ſich nur augenblicklich, und um einige Minuten das Leben eines Ungeheuers zu leben, aus der Nacht enthüllt. Was muß man thun, um dieſe Larven verſchwinden zu machen? Licht verbreiten. Strahlen von Licht. Nicht eine Fledermaus widerſteht der Morgenröthe. Man er⸗ leuchte die untere Geſellſchaft.„ Marius. S S—„ Achtes Buch. Der ſchlechte Arme. a .— Die Elenden. VI. K Marins, der ein Müdchen in einem Hute ſucht, findet einen Mann in einer Mittze. Der Sommer verging, dann der Herbſt, der Winter kam. Weder Herr Leblanc, noch das junge Mädchen hatten wieder einen Fuß in den Luxembourg geſetzt. Marius hegte nur den einen Gedanken, dieſes liebliche, anbetungswürdige Geſicht wieder zu ſehen. Er ſuchte fortwährend, er ſuchte überall; er fand nichts. Es war nicht mehr Marius, der enthuſiaſtiſche Träumer, der entſchloſſene, glühende und feſte Mann, der kühne Herausforderer des Geſchicks, der junge, von Plänen, Projecten, ſtolzen Ausſichten, Ideen und Willen erfüllte Geiſt; es war ein verlorner Hund. Er erſank in tiefe Traurigkeit. Es war ausſ mit ihm. Die Arbeit widerte ihn an, der Spaziergang ermüdete ihn, die Einſam⸗ keit langweilte ihn; die große Natur, ehemals ſo erfüllt von Geſtalten, von Licht, von Stimmen, von Rathſchlägen, von Ausſichten, von Lehren, lag jetzt öde vor ihm. Es ſchien ihm, als ſei Alles verſchwunden. Er dachte noch immer daran, er konnte es nicht anders; aber er fand keinen Ge⸗ fallen mehr an ſeinen Gedanken. Alle Ideen, was ſie ihm 4* 52 leiſe und unabläſſig vorſchlugen, antwortete er:„Wozu nützt es?“ Er machte ſich hundert Vorwürfe:„Weshalb bin ich ihr gefolgt? Ich war ſo glücklich, wenn ich ſie nur ſah! Sie blickte mich an; war das nicht etwas Ungeheures? Sie ſchien mich zu lieben. War das nicht Alles? Was verlangte ich denn? Danach habe ich nun nichts mehr. Ich war albern. Es iſt meine Schuld, u. ſ. w. u. ſ. w.“ Courfehrac, dem er nichts anvertraute, wie das ſeine Natur war, der aber ein wenig von Allem errieth, wie dies auch ſeine Natur war, hatte damit den Anfang gemacht, ihm Glück zu wünſchen, daß er verlobt ſei, indem er ſich übrigens darüber ſehr wunderte. Als er dann ſah, wie Marius in dieſe Melancholie verſank, ſagte er endlich zu ihm:„Ich ſehe, daß Du ganz einfach ein Dummkopf geweſen biſt. Komm mit mir nach der Chaumieère. Einmal hegte Marius Vertrauen zu einer ſchönen Sep⸗ temberſonne und ließ ſich durch Courfeyrac auf den Ball nach Sceaux führen. Boſſuet und Grantaire hofften— welch ein Traum!— er würde ſie vielleicht dort wieder finden. Wohlverſtanden ſah er dort nicht die, welche er ſuchte. „Hier findet man aber doch alle verlornen Frauen⸗ zimmer“, brummte Grantaire bei Seite. Marius ließ ſeine Freunde auf dem Ball und kehrte nach Haus zurück, zu Fuß, allein, erſchöpft, fieberhaft, die Augen getrübt und finſter, in der Nacht, betäubt durch den Lärm und den Staub, welchen die luſtigen Droſchken aufwir⸗ belten, die von ſingenden Weſen angefüllt waren, die von dem Feſte zurückkehrten, und an ihm vorüberfuhren, ent⸗ muthigt, und um ſich den Kopf zu erfriſchen, den herben Duft der Nußbäume an dem Wege einathmend. Er lebte wieder mehr und mehr allein, niedergeſchlagen, ganz ſeiner inneren Qual hingegeben, in ſeinem Schmerze hi no Ui 53 hin⸗ und hergehend, wie der Wolf in dem Käfig, überall nach der Abweſenden ſuchend, wahnwitzig gemacht durch die Liebe. Ein andermal hatte er eine Begegnung, die einen eigenthümlichen Eindruck auf ihn machte. Er traf in den engen Gäßchen, welche den Boulevard der Invaliden be⸗ grenzen, einen Mann, der wie ein Arbeiter gekleidet war und eine Mütze mit großem Schirm trug, unter welcher ſehr weiße Locken hervorkamen. Marius fiel die Schön⸗ heit dieſer weißen Haare auf und er ſah den Mann näher an, der langſam und wie in ſchmerzhafte Betrachtungen verſunken, ging. Sonderbar, er ſchien in ihm Herrn Leblanc zu erkennen. Es waren dieſelben Haare, daſſelbe Profil, ſo viel der Mützenſchirm es ſehen ließ, dieſelbe Haltung, nur trauriger. Aber woher dieſe Kleidung eines Arbeiters? Was wollte das ſagen? Was bedeutete dieſe Verkleidung? Marius war darüber ſehr erſtaunt. Als er zu ſich kam, war ſeine erſte Bewegung, dem Manne zu folgen, denn vielleicht hatte er endlich die Spur gefunden, die er ſuchte. Jedenfalls mußte er den Menſchen in der Nähe ſehen und das Räthſel löſen. Aber dieſer Gedanke fiel ihm zu ſpät ein: der Menſch war ſchon nicht mehr zu ſehen. Er hatte irgend eine kleine Seitengaſſe eingeſchlagen und Marius konnte ihn nicht wiederfinden. Dieſe Begegnung beſchäftigte ihn einige Tage und verwiſchte ſich dann. „Alles wohl erwogen,“ ſagte er ſich,„es iſt wahr⸗ ſcheinlich nur eine Aehnlichkeit.“ 54 Ein Fund. Marius wohnte noch immer in der Baracke Gorbeau. Er achtete dort auf Niemand. Um dieſe Zeit hatte die Baracke in der That keine andern Bewohner als ihn und jene Jondrette's, deren Mieths⸗ zins er einmal bezahlt hatte, ohne übrigens jemals weder mit dem Vater noch mit der Mutter, noch mit den Töchtern geſprochen zu haben. Die andern Miethsleute waren ent⸗ weder ausgezogen oder geſtorben, oder man hatte ſie wegen Nichtbezahlung aus dem Hauſe geworfen. An einem Wintertage, an welchem die Sonne ſich ein wenig gezeigt hatte, aber am zweiten Februar, jenem Vor⸗ läufer ſechswöchentlicher Kälte, hatte Marius bei Anbruch der Dunkelheit ſeine Wohnung verlaſſen. Es war die Stunde zu ſeinem Mittageſſen, denn er hatte wohl wieder anfangen müſſen, zu Mittag zu eſſen! O über die Ge⸗ brechlichkeit idealer Leidenſchaften! Er war eben über die Schwelle ſeiner Thür getreten, welche Mame Bongon in dieſem Augenblick fegte, indem ſie den denkwürdigen Monolog hielt: „Was iſt jetzt noch wohlfeil? Alles iſt theuer! Nur die Qual des Lebens iſt wohlfeil! Die iſt für Nichts zu haben!“ Marius ging mit langſamen Schritten den Boulevard gegen die Barrière hinauf nach der Rue St. Jaques. Er ging nachdenkend, mit geſenktem Kopfe. Plötzlich fühlte er ſich in Nebel gehüllt; er wen⸗ dete ſich um und ſah zwei junge Mädchen in Lumpen, ein ch er em ur zu 55* die Eine lang und ſchmal, die Andere etwas weniger groß, welche raſch an ihm vorüberliefen, athemlos, erſchrocken, als ob ſie auf der Flucht wären; ſie kamen ihm entgegen, hatten ihn nicht geſehen und beim Vorüberkommen geſtoßen. Marius erkannte in der Dämmerung ihre bleichen Geſichter, ihren bloßen Kopf, ihre wild umherhängenden Haare, ihre abſcheulichen zerlumpten Röcke und ihre nackten Füße. Während des Laufens ſprachen ſie miteinder. Die Größte ſagte mit leiſer Stimme:„Die Einkeiler ſind ge⸗ kommen. Beinahe hätten ſie mich im Halbkreiſe gezwickelt.“ — Die Andere antwortete:„ich ſah ſie; ich bin gerannt, 7 gerannt, gerannt Marius erkannte aus dieſem Gewäſch, daß die Gens⸗ darmerie oder die Stadtſergeanten beinahe dieſe beiden Kinder erwiſcht hätten und daß dieſelben entronnen waren. Sie verſchwanden unter den Bäumen des Boulevards hinter ihm und es entſtand einen Augenblick in der Dunkel⸗ heit eine Art von weißem Schimmer, der bald verſchwand. Herr Marius war einen Augenblick ſtehen geblieben. Er wollte ſeinen Weg fortſetzen, als er an der Erde zu ſeinen Füßen ein kleines Päckchen liegen ſah. Er bückte ſich und hob es auf. Es war eine Art von Couvert, welches Papiere zu enthalten ſchien. „Die Unglücklichen,“ ſagte er,„werden das haben fallen laſſen!“ Er kehrte um, er rief; er fand ſie nicht mehr. Er dachte, daß ſie ſchon weit entfernt wären; ſteckte das Päck⸗ chen in die Taſche und ging zum Eſſen. Während des Weges ſah er in einem Hausgange der Rue Mouffetard eine Kinderbahre, bedeckt mit einem ſchwar⸗ zen Tuche, auf drei Stühlen ſtehend und beleuchtet durch ein Licht. Die drei Mädchen in der Dämmerung kamen ihm wieder in den Sinn. Arme Mutter! Es giebt etwas Traurigeres, als ſeine * 56 Kinder ſterben zu ſehen; das iſt: ſie ein ſchlechtes Leben führen zu ſehen. Dann verſchwanden dieſe Schatten, die ſeiner Traurig⸗ keit eine andere Richtung gegeben hatten, ihm aus den Gedanken und er verſank wieder in ſeine gewöhnlichen Träumereien. Er dachte an ſeine ſechs Monate der Liebe und des Glückes in freier Luft und bei hellem Licht unter den ſchönen Bäumen des Luxembourg. „Wie mein Leben finſter geworden iſt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, die jungen Mädchen erſcheinen mir beſtändig wieder; nur waren ſie ehedem die Engel, jetzt ſind ſie die Gefallenen.“ HL qQuadrifrons. Am Abend, als er ſich auskleidete, um zu Bett zu gehen, fühlte ſeine Hand in der Taſche ſeines Rockes das Päckchen, das er auf dem Boulevard aufgehoben hatte. Er hatte es vergeſſen. Er dachte, es würde nützlich ſein, es zu öffnen, da das Päckchen vielleicht die Adreſſen der jungen Mädchen, wenn es ihnen gehörte, enthielte, auf jeden Fall die nöthigen Nachweiſungen, um es der Perſon, die es verloren hatte zurückzugeben. Er öffnete das Couvert. Es war nicht geſiegelt und enthielt vier Briefe, die ebenfalls nicht geſiegelt waren. Die Adreſſen ſtanden auf den Briefen. 57 Alle ſtrömten einen abſcheulichen Tabacksgeruch aus. Der erſte Brief war adreſſirt: An die Frau Marquiſe von Groucheray, Place, vis- à-vis der Deputirten⸗ tamme N Marius glaubte, daß er wahrſcheinlich in dem Briefe die Andeutungen finden würde, die er ſuchte. Und da überdies der Brief nicht geſchloſſen war, konnte er ohne Unbeſcheidenheit geleſen werden. Er lautete: „Frau Marquiſe „Die Tugend der Mildthätigkeit und der Barmherzigkeit iſt die, welche die Geſellſchaft am innigſten vereinigt. Richten Sie Ihr chriſtliches Gefühl mit einem Blicke des Mitleids auf dieſen unglücklichen Spanier, welcher das Opfer der Treue und der Anhänglichkeit an der geheiligten Sache der Legitimität iſt, die er mit ſeinem Blute bezahlt, mit ſeinem Vermögen gewagt hat; Alles, um dieſe Sache zu verthei⸗ digen, und jetzt befindet er ſich in dem größten Elend. Er zweifelt nicht, daß Ihre ehrenwerthe Perſon ihm eine Unterſtützung gewähren wird, um eine Exiſtenz, die außer⸗ ordentlich peinlich für einen Militair von Erziehung und ehrenvollen Wunden iſt, und rechnet im Voraus auf die Menſchlichkeit, die Sie beſeelt, und das Intereſſe, welches die Frau Marquiſe für eine ſo unglückliche Nation hegt. Seine Bitte wird nicht vergeblich ſein und ſeine Dankbarkeit wird eine freundliche Erinnerung bewahren.“ „Mit den Gefühlen der Ehrerbietung, mit denen ich die Ehre habe zu ſein, „Madame, Don Alvares, ſpaniſcher Capitain der Ca⸗ vallerie, nach Frankreich geflüchtet, Royaliſt, der ſich auf der Reiſe nach ſeinem Vaterlande befindet und dem die Mittel fehlen, ſeine Reiſe fortzuſetzen.“ 1 58 Keine Adreſſe war der Unterſchrift beigefügt. Marius hoffte, die Adreſſe in dem zweiten Briefe zu finden, der die Ueberſchrift hatte:„An die Frau Gräfin von Montvernet, Rue Caſſette, Nr. 9.“ Hier, was Marius las: „Frau Gräfin!““ „Es iſt eine unglückliche Familienmutter von ſechs Kindern, deren letztes erſt acht Monat alt iſt. Ich bin krank ſeit meinem letzten Wochenbett, verlaſſen von meinen Mann ſeit fünf Monaten, habe keine Hülfsquellen mehr in der Welt in der größten Noth. In der Hoffnung auf die Frau Gräfin hat ſie die Ehre zu ſein, Madame, mit der größten Achtung Frau Balizard.“ Marius ging zu dem dritten Briefe über, der wie die beiden vorhergehenden eine Bittſchrift war; er las: „Herrn Pabourgeot, Wähler, Mützenhändler en gros, Rue St. Denis, an der Ecke der Rue aux Fers. „Ich erlaube mir dieſen Brief an Sie zu richten, um Sie zu bitten, mir die koſtbare Gunſt Ihrer Theilnahme zu gewähren und Sie für einen Schriftſteller zu intereſſiren, der ſoeben an das Theatre⸗frangais ein Drama eingeſendet hat. Der Stoff iſt hiſtoriſch und die Handlung geht in der Auvergne zur Zeit des Kaiſerreiches vor. Der Styl, glaube ich, iſt natürlich, lakoniſch und kann einiges Ver⸗ dienſt haben. An vier Stellen ſind Couplets zu ſingen. Das Komiſche, das Ernſte, das Unerwartete miſchen ſich darin mit der Verſchiedenartigkeit der Charaktere und einer Färbung des Romantismus, welche leicht über die ganze Intrigue gebreitet iſt, die geheimnißvoll fortſchreitet und durch auffallende Ereigniſſe ſich unter mehreren Theater⸗ coups entwickelt. „Mein hauptſächlichſtes Beſtreben iſt, das Verlangen zu befriedigen, welches fortſchreitend den Menſchen unſeres ie die en⸗ ſc en es 59 Jahrhunderts beſeelt, das heißt, die Mode, dieſen eigen⸗ ſinnigen und verſchrobenen Wetterhahn, der beinahe mit jedem neuen Winde wechſelt. „Ungeachtet dieſer Eigenſchaften, habe ich Urſache, zu fürchten, daß die Eiferſucht und der Egoismus der privi⸗ legirten Autoren meine Ausſchließung von dem Theater er⸗ langt. Denn mir ſind die Kränkungen nicht unbekannt, mit denen man Neulinge überſchüttet. „Herr Pabourgeot, Ihr erleuchteter Ruf als aufge⸗ klärter Beſchützer der Literatur macht mich ſo kühn, zu Ihnen meine Tochter zu ſchicken, welche Ihnen unſere hülfsbedürftige Lage ſchildern wird, und daß es uns an Brod und an Feuerung in dieſer Winterjahreszeit mangelt, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie bitte, die Widmung meines Drama's und Aller, die ich ſchreiben werde, anzunehmen, heißt Ihnen beweiſen, wie ſehr ich nach der Ehre ſtrebe, mich unter Ihrem Schutz zu begeben und meine Schriften mit Ihrem Namen zu ſchmücken. Wenn Sie mich der beſcheidenſten Gabe würdigen, ſo werde ich mich augen⸗ blicklich damit beſchäftigen, ein Stück in Verſen zu ſchreiben, und Ihnen meinen Tribut der Dankbarkeit zu zollen. „Dieſes Stück, das ich ſo vollkommen als möglich zu machen ſuchen werde, ſoll Ihnen dann eingeſchickt werden, ehe ich es auf die Scene bringe.“— „An Herrn und Madame Pabourgeot, meine ehrerbietigſten Huldigungen. Genflot, Literat.“ N. S.„Wären es auch nur vierzig Sous.“ „Entſchuldigen Sie mich, daß ich Ihnen meine Tochter ſchicke und mich nicht ſelbſt Ihnen vorſtelle, allein traurige Beweggründe der Toilette geſtatten mir leider nicht, aus⸗ zugehen.“ Marius öffnete endlich den vierten Brief. Auf der 60 Adreſſe ſtand:„An den wohlthätigen Herrn der Kirche St. Jacques du Haut-Pas. Er enthält nichts als die wenigen Zeilen: „Wohlthätiger Mann!“ „Wenn Sie die Güte haben, meine Tochter zu be⸗ gleiten, ſo werden Sie eine elende Noth ſehen und ich werde Ihnen meine Certificate zeigen. „Bei dem Anblicke dieſer Schriftſtücke wird Ihre Seele von dem Gefühl des Wohlwollens ergriffen werden, denn die wahren Philoſophen empfinden immer lebhafte Regungen. „Geſtehen Sie, mitleidiger Mann, daß man das größte Bedürfniß empfinden muß, und daß es ſehr ſchmerzlich iſt, nur einige Erleichterung zu erlangen, und durch die Be⸗ hörden bezeugen zu laſſen, als ob man nicht frei wäre, zu dulden und vor Hunger zu ſterben, indem man darauf wartet, daß unſer Elend erleichtert wird. Die Geſchicke ſind ſehr verhängnißvoll für Manchen und zu verſchwende⸗ riſch oder zu beſchützeriſch für Andere. „Ich erwarte Ihre Anweſenheit oder Ihre Gabe, wenn Sie mich derſelben würdigen, und ich bitte Sie, die Gefühle der Achtung genehmigen zu wollen, mit denen ich mir die Ehre gebe zu ſein „wahrhaft großmüthiger Mann Ihr ſehr gehorſamer und ſehr demüthiger Diener P. Fabontou, dramatiſcher Künſtler.“ Nachdem Marius die vier Briefe geleſen hatte, war er nicht viel weiter wie zuvor. Zunächſt gab Keiner der vier Unterzeichner ſeine Adreſſe an. Dann ſchienen ſie von vier verſchiedenen Individuen herzurühren, Don Alvarez, Frau Balizard, Dichter Genflot und dramatiſcher Künſtler Fabantou. Allein die vier Briefe ſig glei al daſ ma ſich we M t ne ne en ot 61 zeigten den ſonderbaren Umſtand, daß ſie alle vier von der gleichen Hand geſchrieben waren. Was mußte man daraus ſchließen, wo nicht, daß ſie alle von derſelben Perſon herrührten? Außerdem, und das machte die Vermuthung noch wahr⸗ ſcheinlicher, war das grobe gelbe Papier bei allen Vieren daſſelbe, der Tabaksgeruch ebenfalls derſelbe, und obgleich man offenbar verſuchte, den Styl zu verändern, ſo zeigten ſich doch bei allen die orthographiſchen Fehler auf gleiche Weiſe, und der Schriftſteller Genflot war davon ebenſo⸗ wenig frei, wie der ſpaniſche Kapitain. Dieſes kleine Geheimniß zu erforſchen war vergebliche Mühe. Wäre es nicht ein Fund geweſen, ſo hätte es das Ausſehen einer Myſtification gehabt. Marius war zu traurig, um ſelbſt eine Neckerei des Zufalles gut aufzu⸗ nehmen und ſich dem Spiele hinzugeben, welches das Straßenpflaſter mit ihm vornehmen zu wollen ſchien. Nichts deutete übrigens an, daß dieſe Briefe den jungen Mädchen gehörten, welche Marius auf dem Boule⸗ vard begegnet waren. Alles wohl erwogen waren es ganz werthloſe Papiere. Marius ſteckte ſie wieder in das Couvert, warf dies in eine Ecke und ging ſchlafen. Gegen ſieben Uhr Morgens war er eben aufgeſtanden, hatte gefrühſtückt und wollte ſich an die Arbeit ſetzen, als leiſe an ſeine Thür geklopft wurde. Da er nichts beſaß, zog er niemals den Schlüſſel ab, ausgenommen in den ſeltenen Fällen, wenn er mit irgend einer dringenden Arbeit beſchäftigt war. Uebrigens ließ er den Schlüſſel im Schloſſe ſtecken, ſelbſt wenn er ab⸗ weſend war. „Man wird Sie beſtehlen,“ ſagte Mame Bougon. „Was ſoll man mir denn nehmen?“ ſagte Marius. Eine Thatſache iſt indeß, daß man ihm eines Tages 62 ein paar alte Stiefel geſtohlen hatte, zum großen Triumph der Mame Bougon. Es wurde zum zweiten Male geklopft, ſehr leiſe, wie das erſte Mal. „Herein!“ ſagte Marius. Die Thür öffnete ſich. „Was wollen Sie, Mame Bougon?“ fragte Marius, ohne die Augen von den Büchern und den Manuſcripten zu erheben, die vor ihm auf den Tiſch lagen. Eine Stimme, welche nicht die der Mame Bougon war, antwortete: „Verzeihen Sie, mein Herr— Es war eine rauhe, erſtickte, heiſere Stimme, die Stimme eines alten Mannes, heiſer und rauh durch Branntwein. Marius wendete ſich raſch um und ſah ein junges Mädchen. . W Eine Roſe im Elend. Ein ganz junges Mädchen ſtand in der halbgeöffneten Thür vor ihm. Das Fenſter der Dachkammer, durch welches das Licht hereinfiel, lag der Thür gerade gegenüber und beleuchtete das Geſicht mit einem bleichen Scheine. Es war ein hageres, krankes, fleiſchloſes Geſchöpf, nichts als ein Hemd und ein Rock auf einer lebenden und eiskalten Nacktheit, zum Gürtel eine Schnur, zum Kopfputz ein Netz, ſi kra ein me ſu V jen un ne es 63 ſpitze Schultern, die aus dem Hemd hervorkamen, bleiche krankhafte Bläſſe, eingefallene Schlüſſelbeine, rothe Hände, ein halb geöffneter widerlicher Mund, fehlende Zähne, ein mattes und doch keckes Auge, die Form eines jungen ge⸗ ſunkenen Mädchens und der Blick eines alten verderbten Weibes; fünfzig Jahr gemiſcht mit fünfzehn Jahren, eines jener Geſchöpfe, welche zugleich ſchwach und abſcheulich ſind und über welche Die beben, Die nicht über ſie weinen. Marius war aufgeſtanden und betrachtete mit einer Art ſtarren Staunens dieſes Weſen, das beinahe den Schatten glich, welche durch die Träume ſchweben. Beſonders ergreifend war es, daß dieſes junge Mädchen nicht auf die Welt gekommen zu ſein ſchien, um häßlich zu ſein. In ihrer erſten Kindheit hatte ſie ſelbſt hübſch ſein müſſen. Die Anmuth der Jugend kämpfte ſelbſt jetzt noch gegen die abſcheuliche Häßlichkeit des vorzeitigen Alters der Ausſchweifung und der Armuth. Ein Reſt von Schönheit erloſch auf dieſem Geſicht von ſechszehn Jahren, wie die bleiche Sonne unter den finſtern Wolken eines Wintertages untergeht. Dieſes Geſicht war Marius nicht ganz unbekannt. Er glaubte ſich zu erinnern, es ſchon irgendwo geſehen zu haben. „Was wollen Sie?“ fragte er. Das junge Mädchen antwortete mit ihrer Stimme eines betrunkenen Galeerenzüchtlings: „Ein Brief an Sie, Herr Marius.“ Sie nannte Marius bei ſeinem Namen. Er konnte alſo nicht zweifeln, daß ſie wohl zu ihm wollte. Aber wer war dieſes junge Mädchen? Woher wußte ſie ſeinen Namen? Ohne darauf zu warten, daß er ihr ſagte, näher zu kommen, trat ſie ein. Sie that dies entſchloſſen und blickte mit einer Art von Zuverſicht, die das Herz zuſammenzog, 64 in dem Zimmer umher und auf das eingeriſſene Bett. Sie war barfuß. Große Löcher in ihrem Rocke ließen ihre langen Beine und ihre magere Knie ſehen. Sie zitterte vor Froſt. Sie hielt in der That einen in der Hand, den ſie Marius reichte. Indem Marius dieſen Brief zffnete, bemerkte er, daß die große Oblate, mit der er geſiegelt war, noch ganz naß ſei. Die Botſchaft konnte nicht von weit herkommen. Er las: „Mein liebenswürdiger Nachbar, junger Mann!“ „Ich habe Ihre Güte für mich erfahren, daß Sie vor ſechs Monaten meinen Miethszins bezahlten. Ich ſegne Sie, junger Mann. Meine älteſte Tochter wird Ihnen ſagen, daß wir ſeit zwei Tagen ohne einen Biſſen Brod ſind; vier Perſonen und meine Frau krank. Wenn ich mich in meinen Gedanken nicht täuſche, ſo glaube ich, hoffen zu dürfen, daß Ihr großmüthiges Herz durch dieſe Schilderung gerührt werden und in Ihnen das Verlangen erwecken wird, mir nützlich zu ſein, indem Sie mir eine kleine Wohlthat erzeigen.“ „Ich bin mit der ausgezeichneten Achtung, die man den Wohlthätern der Menſchheit ſchuldig iſt, Jondrette.“ „N. S. Meine Tochter wird auf Ihre Befehle warten, theurer Herr Marius. Dieſer Brief war bei dem dunklen Abenteuer, welches Marius ſeit dem vorhergehenden Abend beſchäftigt hatte, ein Licht in einem Keller. Alles wurde plötzlich erhellt. Es waren hier fünf Sendungen, fünf Geſchichten, fünf Namen, fünf Unterſchriften und ein einziger Unter⸗ zeichner. Der Capitain Don Alvarez, die unglückliche Mutter Balizard, der dramatiſche Dichter Genflot, der alte Schau⸗ n 65 ſpieler Fabantou hießen alle Vier Jondrette, wenn nämlich Jondrette ſelbſt Jondrette hieß. Schon ſeit ziemlich langer Zeit bewohnte Marius die Baracke, aber hatte, wie wir erwähnten, nur ſehr ſelten Gelegenheit gehabt, ſeine ärmliche Nachbarſchaft flüchtig zu ſehen. Sein Geiſt war anderwärts und wo der Geiſt iſt, da iſt auch der Blick. Er hatte den Jondrettes mehr als einmal auf dem Gange oder auf der Treppe begegnen müſſen, aber es waren für ihn nur Silhouetten. Er hatte ſo wenig auf ſie geachtet, daß er den Abend zuvor auf dem Bouleward gegen die Töchter Jondrettes ſtieß, ohne ſie zu erkennen. Denn offenbar waren ſie es geweſen, und ohne große Mühe konnte er ſich ſagen, daß die, welche oben in ſein Zimmer getreten war, in ihm neben dem Ekel und dem Mitleid eine unbeſtimmte Erinnerung erweckt hatte, ſie ſchon irgendwo geſehen zu haben. Jetzt ſah er Alles deutlich. Er erkannte, daß ſein Nachbar Jondrette aus Induſtrie das Mitleid der wohl thätigen Perſonen ausbeutete, deren Adreſſen er ſich ver⸗ ſchaffte, und daß er unter angenommenen Namen an alle Leute, die er für reich oder mildthätig hielt, Briefe ſchrieb, welche ſeine Töchter auf ihre Gefahr überbrachten. Denn der Vater war ſo weit geſunken, daß er ſeine Töchter auf das Spiel ſetzte, indem er mit dem Schickſal eine Parthie ſpielte. Marius begriff, daß wahrſcheinlich, nach ihrer Flucht am vorhergehenden Abend, ihrer Athemloſigkeit und ihrem Schrecken, ſo wie nach den dunklen Worten, die er gehört hatte, dieſe Unglücklichen auch noch außerdem irgend ein verbotenes Geſchäft treiben und daß aus Alle dem in der menſchlichen Geſellſchaft, ſo wie ſie beſchaffen iſt, zwei elende Weſen entſtanden waren, die weder Kinder, noch Mädchen, noch Frauen waren, eine Art unreiner Un— geheuer und unſchuldige Erzeugniſſe des Elends. Traurige Geſchöpfe ohne Namen, ohne Alter, ohne Die Elenden. VI 66 Geſchlecht, denen weder das Gute noch das Böſe mehr möglich iſt, und die, indem ſie aus der Kindheit treten, ſchon nichts mehr auf dieſer Welt beſitzen, weder Freiheit, noch Tugend, noch Verantwortlichkeit. Geſtern erſchloſſene, heute verwelkte Seelen; ähnlich jenen Blumen, die auf die Straße fallen und vom Koth gänzlich beſudelt werden, bis ein Rad ſie vernichtet. Indeß während Marius auf ſie einen verwunderten und ſchmerzlichen Blick richtete, ging das Mädchen in dem Dachſtübchen mit geiſterhafter Keckheit auf und nieder. Sie kümmerte ſich nicht um ihre Nacktheit. Zuweilen fiel ihr zerriſſenes Hemd beinahe bis auf ihren Gürtel herab. Sie rückte den Stuhl, ſie nahm die Toilettengegenſtände, die auf der Kommode lagen, in die Hand, faßte Marius Kleider an und unterſuchte, was in den Ecken ſtand. „Ei,“ ſagte ſie,„Sie haben einen Spiegel!“ Und ſie trällerte, wie wenn ſie allein und bei ſich zu Haus wäre, Stückchen aus Vaudevilles, luſtige Lieder, die ihre rauhe Kehle grabartig machten. Bei dieſer Keckheit ſchim⸗ merte doch etwas Gezwungenes, Unruhiges, Demüthiges hindurch. Die Unverſchämtheit iſt eine Schande. Nichts war trauriger, als ſie ſo in die Kammer ge⸗ wiſſermaßen wie einen Vogel, der den Flügel gebrochen hat, ängſtlich umherflattern zu ſehen. Man fühlte, daß unter anderen Umſtänden der Erziehung und des Geſchickes das heitere und freie Weſen dieſes jungen Mädchens etwas Liebliches und Reizendes hätte ſein können. Unter den Thieren wird das Geſchöpf, das geboren wurde, um eine Taube zu ſein, ſich nie in einen Seeadler verwandeln. Der⸗ gleichen ſieht man nur unter den Menſchen. Marius überlegte und ließ ſie gewähren. Sie näherte ſich dem Tiſche. „Ach“, ſagte ſie,„Bücher!“ Ein Strahl durchzuckte ihr verglaſtes Auge. Sie fuhr fort, indem ihr Ton das 8 te 6 67 Glück ausdrückte, ſich irgend einer Sache rühmen zu können, gegen welche kein menſchliches Geſchöpf fühllos iſt. „O, ich kann leſen!“ Sie ergriff lebhaft das offen auf dem Tiſch liegende Buch und las ziemlich geläufig: „Der General Bauduin erhielt den Befehl, mit fünf Bataillonen ſeiner Brigade das Schloß Hougomont zu nehmen, welches in der Ebene von Waterloo liegt.“ Sie unterbrach ſich: „Ach, Waterloo! das kenne ich. Das iſt eine Schlacht aus jener Zeit. Mein Vater war dabei. Mein Vater hat in der Armee gedient. Wir ſind bei uns hübſch bonapar⸗ tiſtiſch! Es war gegen die Engländer, Waterloo! Sie legte das Buch hin, nahm eine Feder und rief: „Ich kann auch ſchreiben!“ Sie tauchte die Feder in die Tinte und ſich gegen Marius wendend, ſagte ſie: „Wollen Sie ſehen? Da, ich ſchreibe Ihnen ein Wort, damit Sie es ſehen können.“ Und ehe er die Zeit fand, ihr zu antworten, ſchrieb ſie auf ein Blatt weißes Papier, welches in der Mitte des Tiſches lag:„Die Einkeiler ſind da.“ Dann warf ſie die Feder fort. „Es iſt kein orthographiſcher Fehler darin; ſie können nachſehen. Wir haben Erziehung genoſſen, meine Schweſter und ich. Wir ſind nicht immer ſo geweſen, wie wir jetzt ſind; wir waren nicht dazu geſchaffen—“ Hier hielt ſie inne, richtete ihr erloſchenes Auge auf Marius und brach in ein lautes Gelächter aus, indem ſie mit einer Betonung, welche alle durch den Cynismus er⸗ ſtickten Qualen ausſprach, rief:„Bah!“ Dann trällerte ſie ein munteres Liedchen. Kaum hatte ſie die Verſe beendigt, als ſie ausrief: „Gehen Sie zuweilen in das Theater, Herr Marius? 5* 68 Ich gehe hin; ich habe einen kleinen Bruder; er iſt be— freundet mit einem der Künſtler, und dieſer giebt mir zu— weilen Billets. O, die Bänke der Gallerie liebe ich nicht. Da ſitzt man ſchlecht. Es giebt zuweilen ſo grobe Leute; auch Menſchen, die ſchlecht riechen.“ Dann betrachtete ſie Marius, nahm ein eigenthümliches Weſen an und ſagte: „Wiſſen Sie wohl, Herr Marius, daß Sie ein recht hübſcher Mann ſind?“ Und zu gleicher Zeit faßten beide denſelben Gedanken, über den ſie lächelte und der ihn errötheten machte. Sie näherte ſich ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter und ſagte: „Sie achten nicht auf mich. Aber ich kenne Sie, Herr Marius. Ich begegne Ihnen hier auf der Treppe und dann ſah ich Sie bei einem gewiſſen Vater Mabeuf eintreten, der in Auſterlitz wohnt, wo ich zuweilen ſpazieren gehe. Ihre verworrenen Haare kleiden Sie ſo gut.“ Ihre Stimme bemühte ſich ſehr ſanft zu ſein und klang doch ſehr ſcharf. Ein Theil der Worte verlor ſich auf dem Wege von der Kehle zu den Lippen, wie auf einem Clavier, dem einige Taſten fehlen. Marius war leiſe zurückgetreten. „Fräulein“, ſagte er mit ſeinem kalten Ernſt,„ich habe hier ein Stückchen, das, wie ich glaube, Ihnen gehört. Erlauben Sie mir, es Ihnen zu übergeben.“ Dabei überreichte er ihr das Couvert, welches die vier Briefe enthielt. Sie ſchlug in die Hände und rief aus: „Wir haben das überall geſucht!“ Dann ergriff ſie lebhaft das Päckchen, öffnete das Cou vert und ſagte: „Gott des Gottes! Haben wir geſucht, meine Schweſter und ich! Und Sie haben das gefunden? Auf dem Boule er 69 vard, nicht wahr? Es muß auf dem Boulevard geweſen ſein. Sehen Sie, das iſt uns entfallen, als wir liefen. Mein Einfaltspinſel von Schweſter hat die Dummheit begangen. Als wir nach Hauſe kamen, fanden wir es nicht. Da wir nicht geſchlagen werden wollten, da das nutzlos iſt, da das ganz nutzlos iſt, da das durchaus nutzlos iſt, ſagten wir zu Hauſe, wir hätten die Briefe zu den Perſonen getragen und dieſe hätten zu uns geſagt: Nix! Da ſind nun die armen Briefe. Und woran haben Sie geſehen, daß ſie mir ge⸗ hörten? Ach ja, an der Schrift! Sie waren es alſo, dem wir geſtern angerannt haben? Man ſah nichts; wie? Ich ſagte zu meiner Schweſter: war das ein Herr? Meine Schweſter antwortete: ich glaube, es war ein Herr!“ Indeß hatte ſie die Bittſchrift entfaltet, die an den „wohlthätigen Herrn der Kirche Saint⸗Jacques⸗du⸗Haut⸗ Pas“ adreſſirt war. „Sieh', das iſt der an den alten Herrn, der immer in die Meſſe geht. Jetzt iſt gerade die Stunde; ich will ſie ihm bringen. Er giebt uns vielleicht Etwas, damit wir frühſtücken können.“ Dann lachte ſie wieder und fügte hinzu: „Wiſſen Sie wohl, was das ſein wird, wenn wir frühſtücken? Das iſt unſer Frühſtück von vorgeſtern, unſer Mittagseſſen von vorgeſtern, unſer Frühſtück von geſtern, unſer Mittagseſſen von geſtern. Das Alles auf einmal dieſen Morgen. Nun! Parbleu! Wenn ihr nicht zufrieden ſeid, ſo crepirt, ihr Hunde!“ Dies erinnerte Marius an das, was die Unglückliche zu ihm geführt hatte. Er durchſuchte ſeine Weſte, aber er fand nichts. Das junge Mädchen fuhr fort und ſchien zu ſprechen, als ob ſie ſich nicht mehr bewußt wäre, daß Marius an⸗ weſend ſei. „Zuweilen gehe ich Abends aus. Manchmal komme 70 ich nicht zurück. Ehe wir hierherkamen, vergangenen Winter, wohnten wir unter den Bogen der Brücken. Man drängte ſich zuſammen, um nicht zu erfrieren. Meine kleine Schweſter weinte. Das Waſſer, das iſt ſo traurig. Wenn ich daran dachte, mich zu ertränken, ſagte ich zu mir: nein, das iſt ſo kalt!— Ich gehe ganz allein aus, wenn ich will, und ſchlafe zuweilen in den Gräben. Wiſſen Sie wohl, in der Nacht, wenn ich über die Boulevards gehe, ſehe ich die Bäume wie große Gabeln, die Häuſer ganz ſchwarz und groß wie die Thürme von Notre⸗Dame. Ich bilde mir dann ein, daß die weißen Mauern der Fluß ſind und ſage zu mir: ſieh', da iſt Waſſer! Die Sterne ſind wie ange⸗ zündete Lampen und man ſollte glauben ſie wüchſen und der Wind löſchte ſie aus. Ich bin dann ganz verblendet, als ob mir Pferde in die Ohren ſchnaubten; obgleich es Nacht iſt, höre ich doch die Drehorgeln und was weiß ich Alles! Ich glaube, man wirft mit Steinen nach mir und ich fürchte mich, ohne zu wiſſen weshalb. Alles dreht ſich um mich, Alles dreht ſich! Wenn man nicht gegeſſen hat, iſt das ſehr närriſch!“ Und ſie ſah ihn mit wirrem Weſen an. Indem Marius alle ſeine Taſchen durchſuchte, hatte er endlich fünf Franes ſechszehn Sous zuſammengebracht, das war in dieſem Angenblick Alles, was er auf der Welt beſaß.„Das iſt für mein Mittagseſſen von heute,“ dachte er,„und für morgen werden wir ſehen.“ Er nahm die ſechszehn Sous für ſich und gab die fünf Francs dem jungen Mädchen. Sie ergriff das Stück. „Gut!“ ſagte ſie,„das iſt Sonnenſchein!“ Als ob die Sonne die Eigenſchaft gehabt hätte, in ihrem Hirn ganze Lawinen gemeiner Redensarten zu ſchmelzen, fuhr ſie fort: „Fünf Francs! Etwas glänzendes! Ein Monarch! 71 , In dieſer Tatze! Sie ſind ein gutes Bürſchchen! Ich drücke Sie an mein Herz! Zwei Tage Faſten! Und was Fleiſchernes! Was Gebrökeltes! Man wird nicht ſchlecht r n ſchnabeliren! Und was gutes Naſſes!“ ſt Sie zog ihr Hemd auf die Schultern, verneigte ſich d tief vor Marius, machte dann ein eigenthümliches Zeichen mit der Hand, und indem ſie gegen die Thür ging, ſagte ſie: ie„Guten Morgen, mein Herr! Es iſt gleich. Ich d werde meinen Alten aufſuchen.“ * Im Vorübergehen bemerkte ſie auf der Kommode eine e ausgetrocknete Brodrinde, die in dem Staube ſchimmelte; ſie warf ſich darüber her und biß hinein, indem ſie zwiſchen den Zähnen brummte:„das iſt gut! Dies iſt hart! Es bricht mir die Zähne aus!“ 3 Dann ging ſie. nd ch t, te F Das Guckloch der Vorſehung. e Seit fünf Jahren lebte Marius in der Armuth, in der Entbehrung, ſelbſt im Mangel. Aber er bemerkte, daß nf er nie das wahre Elend hatte kennen gelernt. Eben jetzt hatte er es geſehen. Es war die Larve, die vor ſeinen 3 Augen vorüberſchwebte, der Menſch, der das Elend nicht ſah, hatte in der That nichts geſehen. Man muß das in Elend des Weibes ſehen; wer aber nur das Elend des Weibes ſieht, hat nichts geſehen. Man muß das Elend des Kindes ſehen. — 72 Wenn der Menſch zu dem letzten Ende gelangt iſt, dann gelangt er zu gleicher Zeit zu den letzten Hülfsquellen. Wehe den vertheidigungsloſen Weſen, die ihn dann um⸗ geben! Die Arbeit, der Lohn, das Brod, das Feuer, der Muth, der gute Wille fehlen ihm dann zugleich; die Hellig⸗ keit des Tages ſcheint außerhalb zu erlöſchen, das mora⸗ liſche Licht in ſeinem Innern; in dieſer Dunkelheit trifft der Menſch auf die Schwäche des Weibes und des Kindes und er beugt ſie gewaltſam zu Nichtswürdigkeiten herab. Dann ſind alle Greuel möglich. Die Verzweiflung iſt von gebrochnen Schranken umgeben, die ſämmtlich zu dem Laſter oder zu dem Verbrechen führen. Die Geſundheit, die Jugend, die Ehre, das heilige und ſcheue Zartgefühl des Fleiſches, das noch neu iſt, das Herz, die Jungfräulichkeit, die Schamhaftigkeit, das Innerſte der Seele werden auf dunkle Weiſe durch das Taſten berührt, das nach Hülfsquellen ſucht, das auf die Schmach trifft und ſich dieſer fügt. Väter, Mütter, Kinder, Brüder, Schweſtern, Männer, Frauen, Mädchen, hängen beinahe wie eine mineraliſche Formation in dieſem Miſchmaſch der Ge⸗ ſchlechter, der Verwandtſchaften, der Alter, der Nichtswür⸗ digkeiten, der Unſchuld an einander. Sie ſehen ſich kläglich einander an. O die Unglücklichen! Wie bleich ſie ſind! Wie ſie frieren! Es ſcheint, als wären ſie auf einen Pla⸗ neten, weit weiter wie wir von der Sonne entfernt. Dieſes junge Mädchen war für Marius eine Art Ge⸗ ſandte der Finſterniß. Sie offenbarte ihm eine abſchreckende Seite der Nacht. Marius machte ſich beinahe einen Vorwurf, daß die Beſchäftigung mit ſeiner Träumerei und ſeiner Leidenſchaft ihn bisher abgehalten hatte, einen Blick auf ſeine Nachbarn zu werfen. Ihre Miethe bezahlt zu haben, war eine un⸗ willkürliche Regung; alle Welt hätte einen ſolchen Augen⸗ blick gehabt. Aber Marius hätte etwas beſſeres thun ſollen. lſſ geſ 73 Wie! nur eine Wand trennte ihn von dieſen ver⸗ laſſenen Weſen, welche in der Nacht umhertaſteten, aus⸗ geſchloſſen von den übrigen Lebenden. Er war ihnen nahe in gewiſſer Art, das letzte Glied der menfchlichen Kette, das ſie berührte; er hörte ſie neben ſich leben oder viel⸗ mehr röcheln, und er achtete nicht darauf! Täglich zu jeder Stunde hörte er durch die Wand ſie gehen, kommen, ſprechen, und nie achtete er darauf! Und in ihren Worten lagen Seufzer, die er nicht einmal hörte! Seine Gedanken waren anderwärts bei Träumereien, bei unmöglichen Freuden, bei einer Liebe, die in der Luft ſchwebte, bei Thorheiten. Und gleichwohl lagen menſchliche Geſchöpfe, ſeine Brüder in Jeſu Chriſto, ſeine Brüder des Volkes, neben ihn im Todeskumpfe, im nutzloſen Todeskampfe! Er bildete ſelbſt einen Theil ihres Unglücks und vergrößerte es. Denn wenn ſie einen andern Nachbar gehabt hätten, einen minder träumeriſchen und aufmerkſameren Nachbar, einen gewöhn⸗ lichen und wohlthätigen Menſchen, ſo würde offenbar ihre Noth bemerkt, ihre Zeichen des Elendes beachtet worden ſein. Und vielleicht wären ſie dann ſchon ſeit längerer Zeit unterſtützt und gerettet worden! Ohne Zweifel ſchienen ſie ſehr geſunken, ſehr verderbt, ſehr erniedrigt zu ſein, ſelbſt ſehr abſcheulich, aber ſelten ſind die Gefallenen nicht auch erniedrigt. Ueberdies giebt es einen Punkt, bei welchem die Unglücklichen und die Nichtswürdigen in ein Wort zuſammenfließen, ein verhäng⸗ nißvolles Wort: die Elenden! An wem liegt die Schuld? Und muß nicht die Barm⸗ herzigkeit um deſto größer ſein, je tiefer der Fall iſt? Während Marius dieſe moraliſchen Betrachtungen an⸗ ſtellte, ſah er auf die Wand, welche ihn von den Jon⸗ drette's trennte, als hätte er ſie mit ſeinem Blicke voll Mitleid durchdringen und die Unglücklichen erwärmen können. Die Wand war eine dünne Verſchalung von Gyps, ge⸗ 74 ſtützt durch Latten und Balken, und welche, wie man ge⸗ leſen hat, den Ton der Worte und der Stimme deutlich unterſcheiden ließ. Man müßte ein Träumer ſein, wie Marius, um das nicht bereits bemerkt zu haben. Kein Papier war an dieſe Wand geklebt, weder auf der Seite der Jondrette's, noch auf der Seite von Marius; man ſah den groben Bau ganz nackt. Beinahe, ohne es zu wiſſen, prüfte Marius dieſe Scheidewände genau; zuweilen unterſucht, bemerkt und erforſcht die Träumerei, ſowie der Gedanke es thun würde. Plötzlich ſtand er auf; er hatte in der Höhe gegen die Decke ein dreieckiges Loch bemerkt, welches durch drei Latten gebildet wurde, die zwiſchen ſich einen leeren Raum ließen. Der Kalk, der früher dieſes Loch ausgefüllt hatte, war abgefallen, und indem er auf die Kommode ſtieg, konnte er durch dieſe Oeffnung in die Kammer Jondrette's ſehen. Das Mitleid hat ſeine Neu⸗ gier und muß ſie haben. Dieſes Loch bildete eine Art von Guckloch. Es iſt erlaubt, verrätheriſch auf das Un⸗ glück zu blicken, um es zu erleichtern. „Sehen wir ein wenig, was dieſe Menſchen ſind,“ ſagte Marius,„und wie es mit ihnen ſteht.“ Er ſtieg auf die Kommode, näherte ſein Auge der Oeffnung und ſah hindurch. VI. Ein Menſch in ſeinem Lager. Die Städte wie die Wälder haben ihre Höhlen, in denen ſich Alles verbirgt, was ſie Boshaftes und Furcht⸗ bar bir der R ſi en der tte ich uf 75 bares beſitzen. Nur iſt in den Städten das, was ſie ver⸗ birgt, grauſam, ſchmutzig und klein, das heißt häßlich; in den Wäldern iſt das, was ſie verbirgt, grauſam, wild und groß, das heißt ſchön. Zufluchtsſtätte für Zufluchtsſtätte ſind die der Thiere denen der Menſchen vorzuziehen. Die Höhlen ſind beſſer wie die ſchmutzigen Löcher. Was Marius ſah, war ein ſolches ſchmutziges Loch.“ Marius war arm und ſein Zimmer erbärmlich; aber ſo wie ſeine Armuth edel war, war ſeine Dachkammer ärmlich. Das Loch, in welches ſein Blick jetzt fiel, war erbärmlich, ſchmutzig, feucht, ungeſund, dunkel, ſtinkend. Als Möbel nichts als einen Strohſtuhl, einen wackeligen Tiſch, einige alte Scherben, und in zwei Ecken zwei un⸗ beſchreibliche Lager. Das einzige Licht fiel durch ein Dachfenſter mit vier Scheiben herein, die mit Spinneweben bekleidet waren. Durch dieſe Oeffnung drang gerade genug Licht herein, um das Geſicht eines Mannes zu zeigen. Die Mauern hatten ein verfallenes Ausſehen und waren mit Riſſen und Spalten bedeckt, wie ein Geſicht, daß durch irgend eine entſetzliche Krankheit entſtellt wurde; ſie trieften von Feuchtigkeit. Man erkannte daran mit Kohle grob gemalte, obſcöne Bilder. Die Stube, welche Marius überſchaute, hatte einen gepflaſterten Fußboden von ausgetretenen Ziegelſteinen; man ging auf der alten Kalklage des Hauſes, welche unter den Füßen ſchwarz geworden war. Dieſer ungleiche Boden, auf dem der Staub wie eingeniſtet lag und der nur eine Jungfräulichkeit hatte, die des Beſens. Alte Latſchen, Holz⸗ ſchuhe und abſcheuliche Lumpen lagen darauf umher. Uebri— gens hatte das Gemach einen Kamin; deshalb wurde es auch für vierzig Francs jährlich vermiethet. In dieſem Kamine gab es von Allem Etwas; einen Keſſel, eine Laterne, zerbrochene Bretter, Lumpen, die an Nägeln hingen, einen —.— — 76 brannten traurig darin. Eine Sache, die das Abſchreckende dieſes Raumes noch vermehrte, war deſſen Größe. Er hatte vorſpringende Winkel, Ecken, ſchwarze Löcher, Vertiefungen unter dem Dache, Buchten und Vorgebirge. Daher entſprangen finſtere Winkel, die unergründlich waren, und in denen ſich Spinnen, groß wie eine Fauſt, Kellerwürmer, groß wie ein Daumen, und vielleicht irgend ein entſetzliches menſchliches Weſen verbergen zu müſſen ſchien. Eines der Lager ſtand neben der Thür, das andere nahe dem Fenſter. Beide berührten mit einem Ende den Kamin und lagen Marius gerade gegenüber. In einer Ecke neben der Oeffnung, durch welche Marius hineinſah, hing an der Mauer in einem ſchwarzen hölzernen Rahmen ein illuminirter Kupferſtich, unter welchem in großen Buch⸗ ſtaben ſtand: DER TRAUM. Es ſtellte eine ſchlafende Frau und ein ſchlafendes Kind vor. Das Kind auf dem Schooße der Frau, ein Adler in den Lüften mit einer Krone im Schnabel und die Frau die Krone von dem Kopfe des Kindes abwehrend, ohne dabei zu erwachen. Im Hintergrunde in einer Glorie ſtützte ſich Napoleon auf eine dunkelblaue Säule mit gelbem Capital, welches die Inſchrift trug; Maringo Austerlits Jena Wagramme Elot. Unter dieſem Rahmen war eine Art von hölzerner Tafel, länger als breit, an dem Boden geſtellt und mit der verkehrten Seite gegen die Wand gelehnt. Es ſah 60 gr de h ſic de „———— ite ide die on es er nit 77 aus wie ein umgedrehtes Bild, wie ein Rahmen, der ohne Zweifel auf der andern Seite beſchmiert war und ausſah, als wäre er von einer Mauer herabgekommen und hier in Erwartung der Wiederaufhängung vergeſſen. Neben dem Tiſche, auf welchem Marius eine Feder, Tinte und Papier bemerkte, ſaß ein Mann von ungefähr 60 Jahren, klein, mager, elend, kränklich, mit feinerem, grauſamem und beſorgtem Weſen; ein widerlicher Schuft. Wenn Lavater dies Geſicht geprüft hätte, ſo würde er darin den Geier, gemiſcht mit dem Advocaten, entdeckt haben; der Raubvogel und der Schicanenmenſch machten ſich gegenſeitig einander häßlich und vervollſtändigten ſich; der Schicanenmenſch machte den Raubvogel unedel und der Raubvogel machte den Schicanenmenſchen wiverlich. Dieſer Mann hatte einen langen grauen Bart. Er trug ein Weiberhemd, das ſeine haarige Bruſt und ſeine nackten mit grauen Haaren bedeckten Arme ſehen ließ. Unter dem Hemd ſah man ein ſchmutziges Beinkleid und Stiefel hervorkommen, aus denen die Zehen hervorſahen. Er hatte eine Pfeife im Munde und rauchte. Brod gab es nicht mehr in der Höhle, aber Tabak gab es noch. Er ſchrieb wahrſcheinlich irgend einen Brief, wie die, welche Marius geleſen hatte. Auf einer Ecke des Tiſches lag ein alter röthlicher und beſchädigter Band eines Buches und das Format ver⸗ rieth einen Roman. Auf dem Unmſchlag prangte mit großen Buchſtaben der Titel: Gott, der König, die Ehre und die Damen. Von Ducray⸗Duminil 1814. Während des Schreibens ſprach der Menſch laut und Marius hörte ſeine Worte. „Zu ſagen, daß es keine Gleichheit giebt, ſelbſt nicht einmal, wenn man todt iſt! Man ſehe nur Pere⸗Lachaiſe einmal an! Die Großen, die, welche reich ſind, liegen oben in der Acacienallee, die gepflaſtert iſt; ſie können im 4 78 Wagen dahin gelangen. Die Kleinen, die armen Leute, die Unglücklichen, die legte man unten hin; wo Koth iſt bis an die Knie, in Löcher, in die Feuchtigkeit. Man be⸗ gräbt ſie da, damit ſie ſchneller verweſen! Man kann die Gräber nicht beſuchen, ohne in den Boden einzuſinken.“ Hier hielt er inne, ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch und ſagte zähneknirſchend: „O, ich freſſe die Welt!“ Ein großes Weib, das vierzig oder hundert Jahre alt ſein mochte, ſaß neben dem Kamine auf ihren bloßen Hacken zuſammengekauert. Auch ſie war nur mit einem Hemd bekleidet und mit einem geſtrickten Unterrock, der mit Stücken von rothem Tuch ausgeflickt war. Eine Schürze von grober Leinwand verbarg die Hälfte des Rockes. Obgleich dieſes Weib in ſich ſelbſt zuſammengedrückt war, bemerkte man doch, daß es ſehr groß ſein müßte. Sie war eine Art Rieſin neben ihren Mann. Sie hatte widerliche Haare von rothblonder Farbe und mit Grau gemiſcht, in denen ſie von Zeit zu Zeit mit gewaltiger ſchmieriger Hand und großen Nägeln kratzte. Neben ihr am Boden lag geöffnet ein Band von dem⸗ ſelben Format wie das Buch auf dem Tiſche und wahr⸗ ſcheinlich von demſelben Roman. Auf einer der Lagerſtätten bemerkte Marius eine Art von langem jungen Mädchen, bleich, beinahe nackt und mit herabhängenden Füßen ſitzend. Sie ſchien weder zu hören, noch zu ſehen, noch zn lebeu. Ohne Zweifel die jüngere Schweſter des Mädchens, das zu ihm gekommen war. Sie ſchien eilf oder zwölf Jahre alt zu ſein. Indem man ſie aufmerkſamer anſah, erkannte man, daß ſie wohl vierzehn Jahre zählte. Es war das Kind, welches am Abend zuvor auf dem Boulevard ſagte: ich bin gerannt! gerannt! gerannt! Sie gehörte zu einer kränklichen Gattung, welche lange zut der vo ſe N ib zu em ntl nge 79 zurückbleibt, dann aber plötzlich in die Höhe ſchißt. Es iſt der Mangel, welcher dergleichen menſchliche Pflanzen her⸗ vorbringt. Dieſe Geſchöpfe haben weder Kindheit noch Jugend. Mit fünfzehn Jahren ſcheinen ſie zwölf alt zu ſein, und mit ſechszehn Jahren zwanzig. Heute kleines Mädchen, morgen Weib. Man ſollte meinen, ſie ſprängen über das Leben hinweg, um deſto ſchneller damit zu Ende zu kommen. In dieſem Augenblicke ſah das Weſen aus wie ein Kind. Uebrigens zeigte ſich in dieſer Wohnung keine Arbeit irgend einer Art; kein Handwerksgeräth, kein Rad. In einer Ecke lag einiges altes Eiſenwerk von verdächtigem Ausſehen. Es war jene dumpfe Traurigkeit, welche die Verzweiflung ausſchwitzt und der Todesqual vorangeht. Marius betrachtete einige Zeit dieſes finſtere Innere, das entſetzlicher war als das Innere eines Grabes. Denn man fühlte darin die menſchliche Seele ſich regen und das Leben klopfen. Das Loch, die Höhle, die Grube, in der am Fuße des geſellſchaftlichen Gebäudes gewiſſe Nothleidende ſich hin⸗ ſchleppen, iſt noch nicht ganz das Grab, aber es iſt das Vorgemach deſſelben; allein wie die Reichen, welche die größte Pracht an dem Eingange des Palaſtes entfalten, ſcheint auch der Tod, der nahe dabei ſteht, ſein größtes Elend in dieſe Vorhalle zu legen. Der Menſch ſchwieg; die Frau ſprach nicht; das junge Mädchen ſchien micht zu athmen. Man hörte die Feder auf dem Papier kreiſchen. Der Menſch brummte beſtändig, ohne deshalb aufzu⸗ hören, zu ſchreiben:„Canaille! Canaille! Alles iſt Canaille! Dieſe Umſchreibung von dem Spruche Salamo's, ent⸗ bockte dem Weibe einen Seufzer. „Kleiner Freund, beruhige Dich!“ ſagte ſie,„thue Dir 80 kein Leid, Herzchen. Du biſt zu gut, an alle dieſe Leute zu ſchreiben, lieber Mann.“ In dem Elend ſchließen die Körper ſich dicht anein⸗ ander wie in der Kälte, aber die Herzen entfernen ſich. Dieſes Weib ſoll allem Anſchein nach dieſen Mann mit jener Quan⸗ tität von Liebe geliebt haben, deren ſie fähig war. Wahrſchein⸗ lich aber war das Alles bei den täglichen und gegenſeitigen Vorwürfen über das endloſe Elend, das auf Allen laſtete, verſchwunden. Es lag in ihr für ihren Mann nur noch die Aſche der Zuneigung. Dennoch hatten liebkoſende Be⸗ nennungen, wie das häufig geſchieht, ſie überlebt. Sie ſagte: Herzchen, kleiner Freund, lieber Mann u. ſ. w. mit dem Munde; das Herz ſchwieg. Der Mann ſchrieb weiter. VII. Strategie und Tactik. Marius wollte mit zuſammengezogener Bruſt von ſeinem Obſervatorium, das er ſich improviſirt hatte, herunter ſteigen, als ein Geränſch ſeine Aufmerkſamkeit erregte und machte, daß er an ſeinem Platze blieb. Die Thür hatte ſich plötzlich geöffnet; das älteſte Mädchen erſchien auf der Schwelle. An den Füßen trug ſie große Männerſchuhe, die mit Koth befleckt waren, der bis auf ihre rothen Knöchel geſpritzt war; ſie war mit einem alten zerriſſenen Mantel bedeckt, den Marius eine St ſ m ſte de —— ute ein⸗ eſes an⸗ ein⸗ gen ete, die Be gte: em nem gel, hte, teſte trug der mit eine um; 81 Stunde zuvor nicht bei ihr geſehen hatte, den ſie aber wahr⸗ ſcheinlich an der Thür ablegte, um mehr Mitleid einzu⸗ flößen, und den ſie dann, als ſie ging, wieder umgenom⸗ men hatte. Sie trat ein, zog die Thür hinter ſich zu, blieb ſtehen, um Athem zu ſchöpfen, denn ſie war ganz außer Athem und ſchrie mit einem Ausdrucke des Triumphes und der Fréude: „Er kommt!“ Der Mann wendete den Kopf, die Frau wendete ſich die kleine Schweſter rührte ſich nicht. „Wer?“ fragte der Vater. „Der Philanthrop.“ „Von der Kirche Saint⸗Jacques?“ Su „Und er wird kommen?“ „Er folgt mir!“ „Biſt Du davon überzeugt?“ „Ich bin überzeugt!“ „Wirklich? er kommt?“ „Er kommt im Fiaker.“ „Im Fiaker? Es iſt Rothſchild!“ Der Vater ſtand auf: — Wie kannſt Du überzeugt ſein? Wenn er im Fiaker kommt, wie kannſt Du ihm denn vorausgeeilt ſein? Du haſt ihm doch wohl wenigſtens die Adreſſe gegeben Du haſt ihm doch wohl geſagt, die letzte Thür am Ende des Ganges rechts? Wenn er ſich nur nicht irrt! Du haſt ihn alſo in der Kirche gefunden? Hat er meinen Brief geleſen? Was hat er Dir geſagt? „La! la! la!“ ſagte das Mädchen,„wie Du galoppirſt, Alle! Hier! Ich bin in die Kirche eingetreten; er war an ſeinem gewöhnlichen Platze: ich verneigte mich vor ihm Die Elenden. VI. 6 — 8 82 und gab ihm den Brief. Er las ihn und ſagte zu mir: Wo wohnen Sie, mein Kind? Ich ſagte: Mein Herr, ich will Sie führen. Er ſagte: Nein, geben Sie mir Ihre Adreſſe. Meine Tochter hat Einkäufe zu machen, ich werde einen Wagen nehmen und zugleich mit Ihnen an Ort und Stelle ſein. Ich gab ihm die Adreſſe. Als ich ihm das Haus nannte, ſchien er überraſcht zu ſein und zögerte einen Augenblick. Dann ſagte er: Gleichviel, ich werde kommen! Als die Meſſe zu Ende war, ſah ich ihn mit ſeiner Tochter die Kirche verlaſſen und in einen Fiaker ſteigen. Ich habe ihm wohl geſagt, die letzte Thür am Ende des Ganges rechts.“ „Und er ſagte Dir, daß er kommen wird?“ „Ich habe ſo eben den Fiaker geſehen, der durch die Rue du Petit⸗Banquier kam. Deshalb bin ich ſo gelaufen.“ „Woher weißt Du, daß das derſelbe Fiaker iſt?“ „Weil ich mir die Nummer gemerkt hatte!“ „Welche Nummer iſt es?“ „440. „Gut; Du biſt ein verſtändiges Mädchen.“ Das Mädchen ſah ihren Vater keck an, zeigte dann auf die Schuhe, die ſie an den Füßen hatte und ſagte: „Ein verſtändiges Mädchen? Das iſt möglich. Aber ich ſage, daß ich die Schuhe nicht mehr anziehen werde und daß ich davon nichts mehr wiſſen will; zunächſt wegen der Geſundheit und dann auch wegen der Reinlichkeit. Ich kenne nichts Unangenehmeres als Sohlen, die klappern und bei jedem Schritt gi, gi, gi, gi machen. Lieber gehe ich barfuß. „Du haſt Recht,“ erwiderte der Vater mit einem Tone der Sanftmuth, der gegen die Rauheit des jungen Mädchens abſtach,„aber es geſchieht, weil man Dich ſonſt nicht in die Kirchen laſſen würde; die Armen müſſen dabei Schuhe haben. Man geht nicht barfuß zu Gott, fügte er * itt R Vl un Al di w nir: hre erde und das nen en! hter habe ges die en.“ dann gte ich und det 36 und ich inem ngen ſonſt abel eer 83 bitter hinzu, dann zu dem Gegenſtande zurückkehrend, der ihn beſchäftigte, fragte er wieder: „Biſt Du auch gewiß, ganz gewiß, daß er kommt?“ „Er iſt mir auf den Hacken,“ ſagte ſie. Der Mann richtete ſich in die Höhe und ſeine Ge⸗ ſichtszüge erheiterten ſich.⸗ „Weib,“ rief er,„hörſt Du es? Der Philantrop kommt. Löſche das Feuer aus.“ Die verdutzte Frau rührte ſich nicht. Mit der Gewandtheit eines Seiltänzers ergriff der Vater einen zerbrochenen Topf, der auf dem Kamin ſtand, und warf das Waſſer auf die Brände. Dann ſich an die älteſte Tochter wendend, ſagte er: „Du! entferne das Stroh vom Stuhl!“ Seine Tochter verſtand ihn nicht. Er ergriff den Stuhl und mit einem Fußſtoße ent⸗ kleidete er ihn des Strohes. Sein Fuß fuhr durch den Sitz. Indem er das Bein zurückzog, fragte er ſeine Tochter: „Iſt es kalt?“ „Sehr kalt; es ſchneit.“ Der Vater wendete ſich gegen die jüngere Tochter, die auf dem Bett neben dem Fenſter ſaß, und rief ihr mit donnernder Stimme zu: „Marſch! Herunter vom Bett, Müßiggängerin! Du wirſt doch nie etwas thun! Schlag ein Scheibe ein!“ Die Kleine ſprang zitternd von dem Bett herunter. „Schlag eine Scheibe ein!“ wiederholte er. Das Kind blieb verdutzt ſtehen. „Hörſt Du nicht?“ wiederholte der Vater.„Ich ſage Dir, daß Du eine Scheibe zerſchlagen ſollſt.“ Mit einer Art erſchrockenen Gehorſams richtete das Kind ſich auf den Zehen in die Höhe und that einen Fauſt⸗ ſchlag gegen die Fenſterſcheibe. Dieſe zerbrach und fiel mit großem Lärm herunter. 6* 84 „Gut,“ ſagte der Vater. Er war ernſt und barſch. Sein Blick durchflog alle Winkel des Gemaches. Man hätte glauben können, einen General zu der die letzten Anordnungen zu der Schlacht trifft, die im Augenblick beginnen ſoll. Die Mutter, die noch kein Wort geſprochen hatte, ſtand auf und fragte mit einer langſamen und dumpfen Stimme, deren Worte hervorzukommen ſchienen wie aus einem Abgrund. „Herzchen, was willſt Du denn machen?“ „Du, lege Dich zu Bette,“ erwiderte der Mann. Der Ton ließ keinen Widerſpruch zu. Die Mutter gehorchte und warf ſich ſchwerfällig auf eines der Lager. Indeß hörte man in einer Ecke ein Schluchzen. „Was giebt es!“ ſchrie der Vater. Ohne aus der Dunkelheit hervorzukommen, in welcher ſie ſich verkrochen hatte, zeigte die jüngſte Tochter ihre blutende Hand. Indem ſie die Scheibe einſchlug, hatte ſie ſich verwundet; ſie war zu dem Lager ihrer Mutter ge⸗ ſchlichen und weinte ſtill. Jetzt richtete die Mutter ſich in die Höhe und ſchrie: „Du ſiehſt es wohl! Die Dummheiten, die Du machſt! Indem ſie die Scheibe einſchlug, hatte ſie ſich geſchnitten!“ „Deſto beſſer,“ ſagte der Mann,„das war voraus⸗ zuſehen.“ „Wie, deſto beſſer?“ entgegnete das Weib. „Still!“ rief der Vater.„Ich unterdrücke die Freiheit der Preſſe.“ Dann zerriß er das Weiberhemd, das er auf dem Leibe hatte, nahm davon einen Fetzen Leinwand und um⸗ wickelte damit raſch die blutende Hand der Kleinen. Als dies geſchehen war, ſenkte ſich ſein Auge mit Be⸗ friedigung auf das zerriſſene Hemd. das ſch hnell ehen, eim atte, pfen aus utter er. cher ihre hatte hrie: chſt! ten!“ taus⸗ iheit dem um 85 „Das Hemd auf,“ ſagte er,„das Alles ſieht gut aus.“ Ein eiſigkalter Luftzug pfiff durch die Scheibe in das Gemach. Der Nebel drang von draußen herein und ſchien durch unſichtbare Finger in dem Gemache vertheilt zu werden. Durch die zerbrochene Scheibe fiel der Schnee herein. Die am Tage zuvor prophezeite Kälte war in der That eingetreten. Der Vater ließ ſeinen Blick umherſchweifen, wie um ſich zu überzeugen, daß er nichts vergeſſen hätte. Er nahm eine alte Schaufel und ſtreute Aſche über die naſſen Brände, ſo daß er dieſe vollkommen verbarg. Dann ſtand er auf, ſtützte ſich an den Kamin und ſagte:„Jetzt können wir den Philanthropen empfangen.“ VII. Ein Sonnenſtrahl in der Höhle. Das große Mädchen näherte ſich und legte ihre Hand auf die des Vaters. „Fühle, wie kalt ich bin,“ ſagte ſie. „Bah!“ erwiederte der Vater;„ich bin noch viel kälter!“ Die Mutter rief ungeſtüm: „Du haſt immer mehr als alle Anderen; ſelbſt vom Uebel!“ „Schweig!“ gebot der Mann. Die Mutter, die auf eine gewiſſe Weiſe angeſehen wurde, ſchwieg. 86 Es entſtand in dem Loche ein Augenblick gänzlichen Stillſchweigens. Das älteſte Mädchen rieb mit ſorgloſem Weſen von ihrem unteren Rande des Mantels den Koth ab. Die jüngere Schweſter fuhr fort zu ſchluchzen; die Mutter hatte ihren Kopf in beide Hände genommen und bedeckte ihn mit Küſſen, indem ſie leiſe ſagte: „Mein Schatz, ich bitte Dich, es wird nichts thun; weine nicht; Du machſt den Vater böſe.“ „Nein!“ rief der Vater,„im Gegentheil. Schluchze! ſchluchze! Das macht Eindruck!“ Dann ſich wieder zu der älteren wendend, ſagte er: „Aber er kommt nicht! Wenn er nicht käme! Ich hätte mein Feuer ausgelöſcht, und meinen Stuhl zerſtoßen, mein Hemd zerriſſen und meine Scheibe zerſchlagen, Alles umſonſt!“ „Und die Kleine verwundet?“ murmelte die Mutter. „Wißt Ihr wohl,“ fuhr der Vater fort,„daß es eine Hundekälte dieſen Morgen iſt? Wenn der Menſch nicht käme! O, er läßt auf ſich warten! Er ſagt: nun, ſie werden mich ſchon erwarten; dazu ſind ſie da!— Ha, wie ich ſie haſſe, und mit welchem Jubel, welcher Freude, welchem Enthuſiasmus und welcher Befriedigung ich ſie erwürgen würde, dieſe Reichen, alle dieſe Reichen! dieſe vorgeblich mildthätigen Menſchen, die die Andächtigen ſpielen, in die Meſſe gehen, ſich zu dem Reinſten neigen, die ſich über uns erhaben glauben und zu uns kommen, uns zu demüthigen und uns Kleider zu bringen, wie ſie ſagen! Lumpen, die nicht einen Sou werth ſind, und Brod! das iſt es nicht, was ich will, Hund von Canaille! Geld will ich! Aber Geld? Niemals! Weil ſie ſagen, daß wir es vertrinken würden, und daß wir Trunkenbolde und Müßiggänger ſind! Und ſie? was ſind ſie denn? und was und ſie ihrer Zeit geweſen? Spitzbuben! Sonſt würden — tter⸗ ß 65 enſch nun, rende, h ſie dieſe htigen eigen⸗ nmen, ie ſie grod! Geld ſ ni und was ürden 87 ſie ſich nicht bereichert haben. O, man ſollte die Geſell⸗ ſchaft bei den vier Zipfeln des Tiſchtuches nehmen und Alles an den Boden werfen! Alles würde dabei zerbrechen, das iſt möglich; aber es hätte dann doch Niemand mehr Etwas, und das wäre auch ein Gewinn! Aber was macht denn ein Muff von wohlthätigen Herrn? Wird er kommen? Das Vieh hat vielleicht die Adreſſe vergeſſen! Wetten wir, daß das alte Thier—“ In dieſem Augenblicke wurde leiſe an die Thür ge⸗ klopft; der Menſch ſprang hin, ſie zu öffnen, und rief mit tiefen Verbeugungen und dem Lächeln der Bewunderung: „Treten Sie ein, mein Herr! Haben Sie die Güte, einzutreten, mein ehrwürdiger Wohlthäter, ſowie Ihre rei⸗ zende Tochter!“ Ein Mann von reifem Alter und ein junges Mädchen erſchienen auf der Schwelle der Wohnung. Marius hatte ſeinen Platz nicht verlaſſen. Was er in dieſem Augenblicke empfand, entgeht der menſchlichen Sprache. Sie war es. Wer geliebt hat, kennt alle die Entzückungen, die in dem Worte liegen ſie. Sie war es wirklich. Kaum konnte Marius ſie durch den ſtrahlenden Schleier unterſcheiden, der ſich plötzlich über ſeine Augen gebreitet hatte. Es war das ſüße verlorene Weſen, jenes Geſtirn, das ihm ſechs Monate hindurch leuchtete, jenes Auge, jene Stirn, jener Mund, jenes ſchöne Geſicht, welches ihn in Nacht ſtürzte, indem es ihm ent⸗ ſchwand. Die Viſion war erloſchen, aber ſie kehrte jetzt zurück! Sie erſchien wieder in dieſer Dunkelheit, in dieſem Loche, in dieſer mißgeſtalteten Höhle, in dieſer entſetzlichen Umgebung! Marius erbebte wie außer ſich. Wie! ſie war es! Das Klopfen ſeines Herzens verdoppelte ſeinen Blick. Er fühlte ſich nahe daran, in Thränen auszubrechen. Wie! er 88 ſah ſie endlich wieder, nachdem er ſie ſo lange geſucht hatte. Es war ihm, als hätte er ſeine Seele verloren ge⸗ habt und jetzt wieder gefunden. Sie war noch immer dieſelbe, nur ein wenig blaß. Ihr zartes Geſicht war umgeben mit einem Hut von vio⸗ lettem Sammet; ihre Taille verſchwand unter einem Pelz von ſchwarzem Atlas. Unter ihrem langen Kleide gewahrte man ihren kleinen Fuß von ſeidenen Halbſtiefelchen einge⸗ ſchloſſen. Sie war noch immer von Herrn Leblanc begleitet. Sie hatte einige Schritte in das Gemach gethan und ein ziemlich großes Packet auf den Tiſch gelegt. Die ältere Jondrette hatte ſich hinter die Thür zurück⸗ gezogen und ſah mit finſterem Blick auf den Sammethut, den ſeidenen Pelz und das glänzende glückliche Geſicht. IX. Jondrette weint beinahe. Es war in der Kammer ſo finſter, daß die Leute, die von draußen kamen, indem ſie eintraten, die Wirkung empfanden, wie bei dem Eintritt in einen Keller. Die beiden ankommenden Perſonen traten mit einem gewiſſen Zögern vorwärts; ſie unterſchieden kaum die unbeſtimmten Geſtalten rings um ſich her, während ſie vollkommen deut⸗ lich geſehen und von den Augen der Bewohner des Loches, die an die Dunkelheit gewöhnt waren, geprüft wurden. ſucht ge⸗ blaß. vio⸗ Pehz hrte inge⸗ und rick⸗ thut, die ung Die ſſen ten eut⸗ hes, 89 Herr Leblanc trat mit ſeinem guten und traurigen Blicke näher und ſagte zu Vater Jondrette: „Mein Herr, Sie werden in dieſem Päckchen neue Kleider, Strümpfe und wollene Decken finden.“ „Unſer Engel von Wohlthäter überhäuft uns mit Güte!“ ſagte Jondrette, indem er ſich bis zur Erde verbeugte. Dann ſich zu dem Ohr ſeiner älteren Tochter neigend, während die beiden Beſucher das traurige Gemach beſich⸗ tigten, fügte er leiſe und raſch hinzu:„nun? was ſagte ich? Lumpen! kein Geld! ſie ſind ſich Alle gleich! Apro⸗ pos, wie war der Brief an den alten Eſel unterzeichnet?“ „Fabantou,“ erwiderte das Mädchen. „Der dramatiſche Künſtler, gut.“ Das war ein guter Einfall von Jondrette, denn in demſelben Augenblicke wendete ſich Herr Leblanc zu ihm— und ſagte mit jenem Weſen, welches andeutet, das man nach einem Namen ſucht:„ich ſehe, daß Sie ſehr zu be⸗ klagen ſind, Herr—“ „Fabanton,“ erwiderte raſch Jondrette. „Herr Fabantou, ja richtig. Ich erinnere mich.“ „Dramatiſcher Künſtler, Herr, und der Erfolg ge⸗ habt hat.“ Hier glaubte Jondrette den Augenblick gekommen, ſich des„Philanthropen“ zu bemächtigen. Er rief mit einer Stimme, welche zugleich die Prahlerei die eines Markt⸗ ſchreiers auf den Jahrmärkten und die Demuth des Bettlers auf der Straße hatte:„Zögling Talma's, mein Herr! Ich bin ein Zögling Talma's! Das Glück hat mir ehedem ge⸗ lächelt! Ach, jetzt iſt die Reihe an dem Unglück! Sehen Sie, mein Wohlthäter, kein Brod, kein Feuer! Meine armen Kinder haben kein Feuer! Mein einziger Stuhl iſt durchlöchert! Eine Fenſterſcheibe zerbrochen! Bei ſolchem Wetter! Meine Gattin im Bett! krank!“ „Arme Frau,“ ſagte Herr Leblanc. 90 „Mein Kind verwundet!“ fügte Jondrette hinzu. Das Kind, zerſtreut durch die Ankunft der Fremden, betrachtete„das Fräulein“ und hatte aufgehört zu ſchluchzen. „Weine doch! plärre doch!“ flüſterte Jondrette ihr leiſe zu. Zugleich zwickte er ſie in die verwundete Hand. Das Alles geſchah mit der Geſchicklichkeit eines Taſchenſpielers. Das anbetungswürdige junge Mädchen, welches Marius in ſeinem Herzen— ſeine Urſula nannte, trat raſch näher. „Armes theueres Kind!“ ſagte ſie. „Sehen Sie, meine ſchöne Dame,“ fuhr Jondrette fort,„ihre blutende Hand! Das iſt geſchehen, als ſie an einer Maſchine arbeitete, um ſechs Sous täglich zu ver⸗ dienen. Man wird vielleicht gezwungen ſein, ihr den Arm abzunehmen.“ „Wirklich?“ ſagte der alte Herr mit Beſorgniß. Das kleine Mädchen, welches dieſe Worte für Ernſt nahm, fing wieder laut zu ſchluchzen an. „Ach ja wohl, mein Wohlthäter,“ antwortete der Vater. Seit einigen Augenblicken betrachtete Jondrettte den Philantropen auf eine eigenthümliche Weiſe. Während er mit ihm ſprach, ſchien er ihn mit Aufmerkſamkeit zu be⸗ obachten, als ob er ſeine Erinnerungen zuſammenſuchte. Plötzlich benutzte er einen Augenblick, während deſſen der Fremde voll Theilnahme die Kleine über ihre verwundete Hand befragte, ging an ſeiner Frau vorüber, die mit trübem und ſtupidem Weſen auf ihrem Bett lag, und ſagte raſch, doch ſehr leiſe: „Sieh doch den Menſchen an!“ Dann ſich wieder zu Herrn Leblanc wendend, fuhr er in ſeinen Klagen fort: „Sehen Sie, mein Herr, ich habe für mich als ein⸗ ziges Kleidungsſtück nichts als ein Hemd meiner Frau! in⸗ m 91 Und ganz zerriſſen! Mitten im Winter! Ich kann nicht ausgehen wegen Mangel an einem Anzuge. Hätte ich nur die geringſten Kleider, ſo würde ich Mademoiſelle Mars aufſuchen, die mich kennt und mich ſehr lieb hat. Wohnt ſie nicht noch immer Rue de la Tour des Dames? Wiſſen Sie, mein Herr, wir haben mit einander in der Provinz geſpielt. Ich theilte ihre Lorbeeren. Celimene würde mir zu Hülfe kommen, mein Herr! Elmira würde Beliſar ein Almoſen geben! Doch nein, nichts! Und nicht einen Sou in dem Hauſe! Meine Frau krank und keinen Sou! Meine Tochter gefährlich verwundet und keinen Sou! Meine Frau hat Beklemmungen, das macht ihr Alter und dann hat ſich auch das Nervenſyſtem hierein gemiſcht! Sie brauchte Hülfe und meine Tochter auch! Aber der Arzt! aber der Apotheker! wie ſollte ich die bezahlen? Keinen Liver! Ich würde vor einem Centime niederknien, mein Herr. Dahin iſt es mit der Kunſt gekommen! Wiſſen Sie, mein reizendes Fräulein, und Sie, mein großmüthiger Beſchützer, wiſſen Sie, daß Sie die Tugend, die Schönheit athmen, daß Sie die Kirche zieren, in welcher meine arme Tochter, die dort betet, Sie täglich ſieht? Denn ich erziehe meine Töchter in der Religion, mein Herr, ich wollte nicht, daß ſie zum Theater gehen ſollten! He! Die Mädchen! Ich ſollte ſie wanken ſehen! Ich ſpaße nicht! ich! Ich gebe ihnen tüchtige Lehren über die Ehre, über die Moral, über die Tugend! Fragen Sie nur! das muß auf dem rechten Wege bleiben! Sie haben einen Vater. Sie gehören nicht zu jenen Unglücklichen, die damit anfangen, keine Familie zu haben, und die damit endigen, das Publikum zu heirathen! Man iſt Fräulein Niemand und wird Madame Allerwelt. O zum Henker, nichts davon in der Familie Fabantou! Ich denke ſie tugendhaft zu erziehen und daß das recht⸗ ſchaffen ſei, daß es an Gott glaube! Nun gut, mein Herr, mein würdiger Herr, wiſſen Sie, was morgen ge⸗ 92 ſchehen wird? Morgen iſt der vierte Februar, der ver⸗ hängnißvolle Tag, die letzte Friſt, die mir mein Hausherr gewährt hat. Wenn ich ihn dieſen Abend nicht bezahlt habe, ſo werden morgen meine älteſte Tochter, ich, meine Frau mit ihrem Fieber, mein Kind mit ſeiner Wunde, wir alle Vier werden hier hinausgeworfen, vor die Thür, auf die Straße, auf den Boulevard, ohne Obdach in den Regen, in den Schnee! So iſt es, mein Herr. Ich bin vier Termine ſchuldig! ein ganzes Jahr! Das heißt ſechszig Francs!“ Jondrette log. Vier Termine hätten nur vierzig Franes gemacht, und er konnte nicht vier ſchuldig ſein, weil vor noch nicht ſechs Monaten Marius zwei bezahlt hatte. Herr Leblanc zog fünf Franes aus der Taſche und warf ſie auf den Tiſch. Jondrette gewann die Zeit, ſeiner großen Tochter in das Ohr zu flüſtern! Was ſoll ich mit ſeinen fünf Francs anfangen! Die bezahlen mir nicht meinen Stuhl und meine Fenſterſcheibe! Da macht man ſich Koſten! Indeſſen hatte Herr Leblanc einen großen braunen Ueberrock ausgezogen, den er über ſeinen blauen Rock trug, und ihn über die Lehne des Stuhls geworfen. „Herr Fabanton,“ ſagte er,„ich habe nicht mehr als dieſe fünf Francs bei mir, aber ich will meine Tochter nach Hauſe bringen und heute Abend zurückkehren; nicht wahr, heute Abend ſollen Sie zahlen?“ Das Geſicht Jondrette's heiterte ſich auf eine eigen⸗ thümliche Weiſe auf. Er entgegnete raſch:„Ja, mein achtungswerther Herr. Um acht Uhr ſoll ich bei meinem Hausbeſitzer ſein.“„ „Ich werde um ſechs Uhr hier ſein und Ihnen die ſechszig Franes bringen.“ „Mein Wohlthäter!“ rief Jondrette außer ſich, und leiſe fügte er hinzu:„Sieh ihn Dir genau an, Frau!“ — er⸗ hlt ine vir uf ier jig es r nd es nd en ls ter cht in em die nd 93 Herr Leblanc hatte den Arm des ſchönen Mädchens genommen und wendete ſich gegen die Thür. „Auf dieſen Abend, mein Freund!“ ſagte er. „Um ſechs Uhr!“ ſagte Jondrette. „Punkt ſechs Uhr.“ In dieſem Augenblicke fiel der über den Stuhl hän⸗ gende Ueberrock der älteren Jondrette auf und ſie ſagte: „Mein Herr, Sie vergeſſen Ihren Ueberzieher.“ Jondrette ſchleuderte ſeiner Tochter einen nieder— ſchmetternden Blick zu, begleitet von einem furchtbaren Achſelzucken. Leblanc wendete ſich um und antwortete lächeind: „ich vergeſſe ihn nicht, ich laſſe ihn hier.“ „O, mein Beſchützer,“ ſagte Jondrette,„mein erhabener Wohlthäter, ich zerfließe in Thränen. Erlauben Sie, daß ich Sie bis zu Ihrem Cabriolet begleite.“ 52 „Wenn Sie ausgehen,“ entgegnete Herr Leblanc, „ziehen Sie den Ueberrock an. Es iſt wirklich ſehr kalt.“ Jondrette ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen. Er zog raſch den braunen Ueberrock an. Sie gingen alle drei, Jondrette den beiden Fremden voran. Tarif für die Cabriolets: zwei Francs die Stunde. Marius hatte nichts von dem ganzen Auftritt verloren, und doch in Wirklichkeit nichts davon geſehen. Seine Angen waren auf das junge Mädchen gerichtet geblieben, ſein Herz 94 hatte ſie, ſo zu ſagen, gefaßt und umſchlungen, ſobald ſie den erſten Schritt in die Wohnung that. Während der⸗ jenigen Zeit, die ſie hier blieb, hatte er das Leben der Extaſe gelebt, welches die materiellen Wahrnehmungen aus⸗ ſchließt und die ganze Seele auf einen einzigen Punkt richtet. Er betrachtete nicht das junge Mädchen, ſondern den ſtrah⸗ lenden Lichtſchein, der mit einem Atlaspelze und einem Sammethute bekleidet war. Wäre det Stern Sirius in die Kammer getreten, ſo würde er nicht mehr geblendet worden ſein. Während das junge Mädchen das Packet öffnete, die Kleider und die Decken entfaltete, die kranke Mutter mit Güte und das verwundete Mädchen mit Rührung befragte, beobachtete er alle ihre Bewegungen, trachtete er, ihre Worte zu hören. Er kannte ihre Augen, ihre Stirn, ihre Schönheit, ihren Wuchs, ihren Gang, er kannte aber den Klang ihrer Stimme noch nicht. Er hatte einmal im Luxem⸗ bourg einige Worte zu erhaſchen geglaubt, aber er war deſſen nicht ganz gewiß. Er hätte zehn Jahre ſeines Le⸗ bens dafür gegeben, ſie zu hören, in ſeiner Seele ein wenig von dieſer Muſik mit ſich hinweg nehmen zu können. Aber Alles verlor ſich in den Klagen und den Trompetenſtößen Jondrette's. Dadurch miſchte ſich in Marius' Entzücken ein wahrer Zorn. Er verſchlang ſie mit den Augen. Er konnte ſich nicht denken, daß es wirklich jenes göttliche Ge⸗ ſchöpf ſei, das er in der Mitte dieſer unreinen Weſen, dieſes abſcheulichen Loches erblickte. Er glaubte einen Kolibri unter Kröten zu ſehen. Als ſie fortging, hatte er nur einen Gedanken, den, ihr zu folgen, ſich an ihre Spur zu heften, ſie nicht zu verlaſſen, bis er wußte, wo ſie wohnte, und ſie nicht wie⸗ der zu verlieren, nachdem er ſie ſo wunderbar wieder ge⸗ funden hatte. Er ſprang von ſeiner Kommode herunter und nahm ſeinen Hut. Als er die Hand auf den Griff des 95 ſie Schloſſes legte, und hinausgehen wollte, hielt ihn eine r⸗ Betrachtung zurück. Der Gang war lang, die Treppen er ſteil, Jondrette ſchwatzhaft; Herr Leblanc war ohne Zweifel 5 noch nicht wieder in den Wagen geſtiegen, und wenn er . auf dem Gange oder auf der Treppe oder auf der Haus— h⸗ ſchwelle ſich umwendete, ſo würde er Marius in dieſem m Hauſe erblicken und offenbar darüber beunruhigt werden, in und ein Mittel ausfindig machen, um auf's Neue zu ent⸗ det ſchlüpfen. So wäre' es denn wieder vorbei? Was alſo thun? Ein wenig warten? Aber während dieſes Wartens ie konnte der Wagen fortfahren. Marius war in größter nit Verlegenheit. Endlich wagte er es und verließ das Zimmer. te, Es war Niemand auf dem Gange. Er eilte zur re Treppe. Es war Niemand auf der Treppe. Er ging haſtig re hinab und kam eben zu rechter Zeit auf den Boulevard en um einen Fiaker um die Ecke der Rue du Petit⸗Banquier n⸗ biegen und nach Paris hineinfahren zu ſehen. ur Marus ſtürzte in dieſer Richtung fort. Zu der Ecke e⸗ des Boulevards gelangt, ſah er den Fiaker wieder, der ig raſch die Rue Muuffetard hinabfuhr. Der Fiaker war ſchon e ſehr weit entfernt. Kein Mittel, ihn einzuholen. Was? en hinter ihm herlaufen? unmöglich! und dann würde man en auch gewiß aus dem Wagen ein Individuum bemerkt haben, Er das mit aller Macht hinter dem Fiaker herlief, und der Vater hätte ihn erkannt. In dieſem Augenblick— ein un— erhörter wunderbarer Zufall— bemerkte Marius ein Ca⸗ 6 briolet, welches leer über den Boulevard fuhr. Es gab nur einen Entſchluß zu faſſen: in dieſes Cabriolet zu ſteigen 1. und dem Fiaker zu folgen. Das war ſicher wirkſam und z gefahrlos. Marius gab dem Kutſcher ein Zeichen, zu halten und rief ihm zu: „Nach der Stunde.“ Marius war ohne Halsbinde. Er hatte ſeinen alten —— — S 96 Arbeitsanzug an, an welchem einzelne Knöpfe fehlten; ſein Hemd war zerriſſen und einige Bruftfalten deſſelben aus⸗ geriſſen. Der Kutſcher hielt an, blickte auf ihn, ſtreckte die linke Hand gegen Marius aus, indem er leiſe den Daumen und Zeigefinger der rechten Hand bewegte. „Was?“ ſagte Marius. „Zahlen Sie voraus“, ſagte der Kutſcher. „Wie viel?“* „Vierzig Sous.“ „Ich bezahle bei der Rückkehr.“ Statt aller Antwort pfiff der Kutſcher ein Liedchen und peitſchte auf ſein Pferd. Mit verwirrtem Weſen blickte Marius dem Cabriolet nach. Für 24 Sous, die ihm fehlten, verlor er ſeine Freude, ſein Glück, ſeine Liebe! Er verſank wieder in die Nacht. Er hatte geſehen und wurde wieder blind, er dachte voll Bitterkeit, wie man geſtehen muß, mit tiefer Reue an die fünf Francs, die er eben dieſen Morgen dem elenden Mädchen geſchenkt hatte. Hätte er dieſe fünf Francs ge⸗ habt, ſo wäre er gerettet geweſen; er lebte nun wieder auf, er trat aus der Dunkelheit, aus der Nacht hervor, aus der Iſolirung, aus dem Spleen, aus der Wittwenſchaft; er knüpfte den ſchwarzen Faden ſeines Geſchickes an den ſchönen Goldfaden wieder an, der vor ſeinen Augen flatterte und noch einmal zerriſſen wurde. In Verzweiflung kehrte er nach ſeiner Wohnung zurück. Er hätte ſich ſagen können, daß Herr Leblanc ver⸗ ſprochen hatte, am Abend zurückzukehren und daß er nur dann ſich klüger zu benehmen brauchte, um ihm diesmal zu folgen. Aber in ſeinen Betrachtungen verſunken, hatte er das kaum gehört. In dem Augenblick, als er die Treppe hinaufging, be⸗ merkte er auf der anderen Seite des Boulevards an der ind let de, der or, ft; den erte e e⸗ nur zu et 97 öden Mauer der Rue de la Barriere des Gobelins Jon⸗ drette, der in dem Ueberrock des Philantropen gehüllt war und mit einem jener Menſchen von verdächtigem Ausſehen ſprach, die man Barrisrenſtreicher zu nennen pflegt; Leute mit zweideutigen Geſichtern, verdächtigen Reden, die ausſahen, als hegten ſie ſchlechte Gedanken, und die ge wöhnlich am Tage ſchlafen, was zu der Vermuthung führt, daß ſie während der Nacht arbeiten. Dieſe beiden Männer ſprachen regungslos miteinander, in dem Schnee ſtehend, der in dichten Flocken herabfiel, und bildeten eine Gruppe, welche ein Stadtſergeant ſicher beobachtet haben würde, die aber Marius kaum bemerkte. Wie ſchmerzhaft indeß auch ſeine Gedanken beſchäftigt lein mochten, konnte er ſich doch nicht enthalten, ſich zu ſagen, daß dieſer Barrièrenſtreicher, mit welchem Jondrette ſprach, einem gewiſſen Panchaud, Printanier, genannt oder auch Bigrenaille, glich, den Courfeyrac ihm eines Tages gezeigt hatte und der in dem Stadtviertel für einen ziemlich gefährlichen Nachtwandler galt. Man ſah im vorhergehen⸗ dem Buche den Namen dieſes Menſchen. Dieſer Panchard, oder auch Printanier, genannt, hat ſpäter in mehreren Criminalproceſſen eine Rolle geſpielt und iſt ein be rühmter Schuft geworden. Damals war er noch ein berüchtigter Schelm. Gegenwärtig lebt er noch a Tradition unter den Banditen und Straßendieben. Er machte ſeine Schule gegen das Ende der vorigen Regierung. Des Abends, bei Anbruch der Nacht, zu der Stunde, wo die Gruppen ſich bilden und leiſe mit einander ſprechen, plauderte man von ihm in der Löwengrube. Man konnte ſelbſt in dieſem Gefängniſſe, genau an dem Orte, wo unter dem Ronden⸗Gang der Canal der Abzugsgräben fortlief, der im Jahre 1843 zu der unerhörten, am hellen Tage ausgeführten Flucht von dreißig Gefangenen diente, auf einem der Quaderſteine dieſes Abzugscanals ſeinen Namen Die Elenden. VI. 7 98 Panchaud leſen, den er keck in die Rondenmauer bei einem ſeiner Fluchtverſuche eingegraben hatte. 1832 überwachte die Polizei ihn ſchon, aber er hatte noch kein ernſtes Debüt gehabt. XI. Dienſtanerbieten des Elends an den Schmerz. Marius ging mit langſamen Schritten die Treppe ſeiner Barake hinauf. In dem Augenblick, als er in ſeine Zelle treten wollte, bemerkte er hinter ſich auf dem Gange die älteſte Jondrette, die ihm folgte. Dieſes Mädchen war ihm entſetzlich; ſie war es, die ſeine fünf Francs hatte. Es war zu ſpät, ſie von ihr zurückzuverlangen, das Cabriolet war nicht mehr da, der Fiaker ſchon weit fort. Ueberdies hätte ſie ſie ihm auch nicht zurückgegeben. Was die Frage nach der Wohnung der Leute betraf, die ſoeben hier geweſen Waren, ſo ſchien ihm dies nutzlos; denn offenbar wußte ſie dieſelbe nicht, da der mit Fabanton unterzeichnete Brief an den Wohlthätigen Herrn der Kirche Saint Jacques adreſſirt war. Marius trat in ſeine Stube ein und zog die Thür hinter ſich an. Sie fiel nicht in das Schloß; er wandte ſich um und ſah eine Hand, die die halbgeöffnete Thür hielt. „Was iſt das?“ ſagte er,„wer iſt da?“ Es war die Tochter Jondrette's. „Sie ſind es“, ſagte Marius beinahe hart.„Immer Sie! Was wollen Sie von mir?“ nem chte ſſtes eppe ſeine nge war Es iolet ies rage veſen e ſie Prief gint andte hielt mmer —— 86 Sie ſchien nachzudenken und ſah ihn nicht an. Sie hatte nicht mehr ihre Zuverſicht vom Morgen. Sie war nicht eingetreten und hielt ſich in der Dunkelheit des Ganges, wo Marius ſie durch die halbgeöffnete Thür bemerkte. „Nun, werden Sie reden?“ ſagte Marius.„Was wollen Sie von mir?“ Sie richtete ihr trübes Auge auf ihn, in welchem eine Art von Licht undeutlich zu ſchimmern ſchien, und ſagte: „Herr Marius, Sie ſehen ſo traurig aus. Was iſt Ihnen?“ „Ich?“ ſagte Marius. „Ja, Sie!“ „Mir iſt nichts.“ „Doch!“ „Nein⸗6 „Ich ſage Ihnen, doch!“ „Laſſen Sie mich in Ruhe!“ Marius drückte auf's Neue gegen die Thüre; ſie hielt ſie fortwährend feſt. „Sehen Sie“, ſagte ſie,„Sie haben Unrecht. Ob⸗ gleich Sie nicht reich ſind, waren Sie dieſen Morgen gut gegen mich. Seien Sie es auch jetzt wieder. Sie gaben mir etwas zum Eſſen, ſagen Sie mir nun, was Ihnen iſt. Sie haben Kummer, das ſieht man deutlich. Ich möchte, daß Sie keinen Kummer hätten. Was iſt dabei zu thun? Kann ich Ihnen zu irgend Etwas dienen? Benutzen Sie mich. Ich frage Sie nicht um Ihre Geheimniſſe. Sie brauchen ſie mir nicht zu ſagen, aber ich kann Ihnen vielleicht nützlich ſein; ich kann Ihnen helfen, da ich meinen Vater beiſtehe. Wenn es Briefe zu tragen, in die Häuſer zu gehen, von Thür zu Thür fragen, Adreſſen ausfindig zu machen, Jemanden zu folgen giebt, ſo bin ich dazu gut. Nun, Sie können mir wohl ſagen, was Ihnen iſt; ich werde mit den Perſonen ſprechen; zuweilen, wenn Jemand mit 7* 100 den Perſonen ſpricht, ſo genügt das, um die Dinge zu wiſſen, und Alles ordnet ſich dann. Bedienen Sie ſich meiner.“ Ein Gedanke durchzuckte Marius. Welchen Zweig ver⸗ ſchmäht man, wenn man fühlt, daß man ertrinkt?“ Er näherte ſich der Jondrette. „Höre“, ſagte er zu ihr. Sie unterbrach ihn mit einem Strahl der Freude in ihren Augen. „Ach⸗ Sie nennen mich Du! Das iſt mir lieber.“ Nun gut“, ſagte er,„Du haſt den alten Herrn mit Tochter hergeführt?“ „Ja.“ „Weißt Du ihre Adreſſe?“ Mi „Mache ſie mir ausfindig.“ Das trübe Auge der Jondrette war heiter geworden, dann wurde es wieder finſter. „Das iſt es, was ſie wollen?“ fragte ſie. „Kennen Sie ſie?“ „Nein.“ „Das heißt“, entgegnete ſie lebhaft,„Sie kennen ſie nicht, aber Sie möchten ſie kennen lernen.“ Sie ſagte dies mit einem bedeutungsvollen und bittern Ausdruck. „Nun, kannſt Du?“ ſagte Marius. „Sie ſollen die Adreſſe des ſchönen Mädchens haben.“ In den Worten:„des ſchönen Mädchens“ lag ein Ton, der Marius mißfiel. Er entgegnete: „Darauf kommt nichts an! Die Adreſſe des Vaters und der Tochter; ihre Adreſſe.“ Sie ſah ihn ſtarr an.„Was geben Sie mir?“ „Alles was Du willſt.“ ige zu ie ſich ig ver de in rn mit orde, 1en ſie bitter . 101 „Alles was ich will?“ „ „Sie ſollen die Adreſſe bekommen.“ Sie ſenkte den Kopf mit einer haſtigen Bewegung, ließ dann die Thür los, und dieſe ſchloß ſich. Marius war allein. Er ſank auf einen Stuhl, ſtützte den Kopſ in beide Hände und die Ellenbogen auf das Bett und verſank in Gedanken, die er nicht zu faſſen vermochte; er war wie die Beute eines Schwindels. Alles, was ſeit dem Morgen vorgefallen war, das Erſcheinen des Engels, ſein Ver⸗ ſchwinden, was dieſes Geſchöpf ihm eben ſagte, ein Strahl unbeſtimmter Hoffnung in einer gewaltigen Verzweiflung, das Alles erfüllte verworren ſein Gehirn. Plötzlich wurde er gewaltſam aus ſeinen Träumen geriſſen. Er hörte die laute und harte Stimme Jondrette's Worte ſprechen, die für ihn ein eigenthümliches Intereſſe hatten. „Ich ſage Dir, daß ich davon überzeugt bin, und daß ich ihn wieder erkannt habe!“ Von wem ſprach Jondrette? Wen hatte er erkannt? Herrn Leblanc, den Vater ſeiner Urſula? Wie? Dieſer Jondrette kennt ihn? Sollte Marius auf dieſe unerwartete und barſche Weiſe alle die Nachrichten empfangen, ohne welche das Leben für ihn ſelbſt dunkel war? Sollte er endlich erfahren, wen er liebte? Wer war dieſes junge Mädchen? Wer war ihr Vater? Stand der dichte Schleier, der ſie verhüllte, auf dem Punkte, ſich zu lüften? Sollte die Dunkelheit ſich erhellen? O Himmel! Er ſprang mehr als er ſtieg auf die Kommode und nahm den Platz neben dem kleinen Loche wieder ein. Er erblickte auf's Neue das Innere der Höhle Jondrette's. 102 XII. Verwendung des Fünffrancsſtücks des Herrn Leblanc. Nichts war in dem Ausſehen der Familie verändert, als daß das Weib und die Töchter das Packet geöffnet und Strümpfe und wollene Jacken angezogen hatten. Zwei neue Decken waren über die beiden Lagerſtätten geworfen. Jondrette war augenſcheinlich eben zurückgekommen. Er war noch ganz außer Athem. Seine Töchter ſaßen neben dem Kamin am Boden. Die ältere verband die Hand der jüngeren. Seine Frau lag wie erſchöpft auf dem Bette zu⸗ nächſt dem Cabinet und ihr Geſicht drückte das höchſte Staunen aus. Jondrette ging mit großen Schritten in dem Raume auf und nieder. Er machte eigenthümliche Augen. Die Frau, welche ſchüchtern und von Staunen erfüllt zu ſein ſchien, wagte ihm zu ſagen: „Wie! wirklich? Biſt Du Deiner Sache gewiß?“ „Ganz gewiß. Es ſind acht Jahre her, aber ich er⸗ kenne ihn wieder! Ha, ich erkenne ihn! ich habe ihn ſogleich erkannt! Was? Iſt Dir das denn nicht in die Augen ge⸗ ſprungen?“ „Nein.“ „Aber ich habe Dir doch geſagt: gieb Acht! Aber es iſt ſein Wuchs, das Geſicht, kaum etwas älter; es giebt Leute, die nicht altern. Ich weiß nicht, wie ſie das an⸗ fangen. Es iſt der Ton ſeiner Stimme. Er iſt beſſer ge⸗ kleidet, das iſt Alles. Hal alter Geheimnißkrämer des Teu⸗ fels! ich habe Dich!“ Er blieb ſtehen und ſagte zu ſeinen Töchtern: ant. dert, tund neue Er ſeben der e zl⸗ chſte de gen⸗ füllt e⸗ leich 1ge⸗ res giebt an⸗ r ge⸗ Tell⸗ 103 „Packt Euch fort, ihr da!— Es iſt komiſch, daß Dir das nicht in die Augen geſprungen iſt.“ Sie ſtanden auf, um zu gehorchen. Die Mutter ſtammelte: „Mit ihrer verwundeten Hand?“ „Die Luft wird ihr gut thun,“ ſagte Jondrette.— „Geht.“ Offenbar gehörte dieſer Menſch zu denen, welchen man nicht widerſpricht. Die beiden Mädchen gingen hinaus. In dem Augenblick, als ſie die Schwelle der Thür überſchreiten wollten, hielt der Vater die ältere bei dem Arme zurück und ſagte mit einem beſonderem Ausdrucke: „Ihr werdet punkt fünf Uhr wieder hier ſein, alle beide. Ich werde Eurer bedürfen. Marius verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. Allein mit ſeiner Frau geblieben, ging Jondrette wieder auf und nieder und wiederholte dies zwei oder drei Male unter dem tiefſten Schweigen. Dann brachte er einige Mi⸗ nuten damit zu, in den Gurt ſeines Beinkleides den untern Theil von dem Frauenhemd zu ſtecken, das er trug. Plötzlich wendete er ſich gegen ſeine Frau, kreuzte die Arme und rief: „Willſt Du, daß ich Dir Etwas ſagen ſoll?— Das Fräulein—“ „Nun, was denn?“ eptgegnete ſeine Frau,„das Fräulein.“ Marius konnte nicht zweifeln, daß ſie es war, von der man ſprach. Er lauſchte mit glühender Angſt. Sein ganzes Leben lag in ſeinen Ohren. Aber Jondrette hatte ſich niedergebeugt und ſprach leiſe mit ſeiner Frau. Dann richtete er ſich auf und endigte laut, indem er ſagte: „Sie iſt es!“ „Die?“ fragte die Frau. „Die!“ ſagte der Mann. 104 Kein Ausdruck könnte das wiedergeben, was in dieſem „die“ der Mutter lag. Es war die Ueberraſchung, die Wuth, der Haß, der Zorn, gemiſcht mit einem ungeheuer⸗ lichen Klange. Es hatten einige Worte, der Name ohne Zweifel genügt, welche ihr Mann ihr in das Ohr flüſterte, um dieſes große niedergebeugte Weib zu erwecken, und wenn ſie erſt abſtoßend geweſen war, ſo wurde ſie jetzt entſetzlich. „Nicht möglich!“ rief ſie.„Wenn ich daran denke, daß meine Töchter barfuß gehen und keine Kleider anzuziehen haben! Wie, im Atlaspelz, im Sammethut, ſeidene Stiefel⸗ chen und alles ſonſt! Für mehr als zweihundert Francs Sachen. Man ſollte glauben, ſie wäre eine Dame. Nein, Du täuſcheſt Dich! Und dann war die Andere abſcheulich häßlich und dieſe iſt nicht übel. Sie iſt wirklich nicht übel. Sie kann es nicht ſein.“ „Ich ſage Dir, ſie iſt es, Du wirſt es ſehen.“ Bei dieſer ſo unbedingten Verſicherung erhob die Jon⸗ drette ihr breites rothes Geſicht und ſah mit einem abſcheu⸗ lichen Ausdrucke an die Decke. In dieſem Augenblicke er⸗ ſchien ſie Marius noch fürchterlicher, wie ihr Mann. Sie war eine Frau mit dem Ausdrucke eines Tigers. „Wie,“ fuhr ſie fort,„das entſetzlich ſchöne Mädchen, das auf meine Töchter mit dem Blicke des Mitleids ſah, ſollte dieſe Närrin ſein? O, ich möchte ihr den Bauch mit Fußtritten meines Holzſchuhes,eintreten.“ Sie ſprang vom Bett herunter und blieb einen Augen⸗ blick mit bloßem Kopf aufrecht ſtehen. Die Naſenlöcher aufgetrieben, den Mund halb geöffnet, die Fäuſte geballt und zurückgebeugt. Dann ſank ſie wieder auf das Lager zurück. Der Mann ging hin und her, ohne auf ſie zu achten. Nach einigen Augenblicken des Schweigens näherte er ſich wieder der Jondrette und blieb vor ihr mit gekreuzten Armen wie kurz zuvor ſtehen und ſagte: eſem die uer⸗ ohne erte, venn lich. duß ehen efol⸗ ncs ein, lich bel. on⸗ heh⸗ er⸗ „Und willſt Du, daß ich Dir etwas ſagen ſoll?“ „Was?“ Er antwortete mit einer kurzen halblauten Stimme: „Daß mein Glück gemacht iſt.“ Die Jondrette ſah ihn mit jenem Blicke an, der zu ſagen ſcheint:„iſt der, welcher mit mir ſpricht, verrückt?“ Er fuhr fort: „Zum Donnerwetter! Nicht wenig lange Zeit gehöre ich ſchon zu dem Kirchſpiel: ſtirb vor Hunger, wenn Du Feuer haſt, ſtirb vor Froſt, wenn Du Brod haſt! Ich habe genug von dem Elend, von meiner Laſt und der Laſt An⸗ derer! Ich ſcherze nicht mehr; ich finde das nicht mehr komiſch; genug mit dem Spielen, guter Gott! genug mit dem Stoßen, ewiger Vater! Ich will eſſen nach meinem Hunger, ich will trinken nach meinem Durſt! Freſſen! Schlafen! Nichts thun! Ich will auch meine Ruhe haben, ſiehſt Du, ehe ich crepire! Ich will ein bischen Millionair ſein!“— Er ging in dem Loche umher und fügte hinzu: „Wie die Anderen!“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte die Frau. Er ſchüttelte den Kopf, blinzelte mit den Augen und erhob die Stimme wie ein Marktſchreier, der einen Haupt⸗ coup machen will. „Was ich damit ſagen will? Höre!“ „Still!“ brummte die Jondrette,„nicht ſo laut, wenn es Geſchäfte ſind, die man nicht hören darf.“ „Bah! Wer denn? Der Nachbar? Ich ſah ihn ſoeben ausgehen. Hört er übrigens Etwas, dieſes große Vieh? Und dann ſage ich ja auch, daß ich ihn fortgehen ſah.“ Aus einer Art Inſtinct indeß dämpfte Jondrette die Stimme, indeß nicht genug, um Marius ſeine Worte unhör⸗ bar zu machen, ein günſtiger Umſtand, der Marius geſtattete, kein Wort dieſer Unterhaltung zu verlieren, war, daß 106 der fallende Schnee das Rollen der Räder auf dem Boule⸗ vard dämpfte. „Hier, was Marius hörte: „Gieb wohl Acht. Er iſt gefangen, der Cröſus! Es iſt ſchon geſchehen. Alles iſt geordnet. Ich habe Leute geſehen. Er wird dieſen Abend um ſechs Uhr kommen, ſeine ſechszig Franecs bringen, die Canaille! Haſt Du ge⸗ ſehen, wie ich das vorbrachte? Meine ſechszig Francs, meinen Hauseigenthümer, meinen vierten Februar! Es iſt blos ein Quartal! War das dumm!— Er wird alſo um ſechs Uhr kommen. Das iſt die Stunde, zu welcher der Nachbar zum Eſſen gegangen iſt. Die Mutter Burgon wäſcht in der Stadt auf. Es iſt Niemand in dem Hauſe. Der Nachbar kehrt nie vor elf Uhr zurück. Die Kleinen werden aufpaſſen. Du ſiehſt wohl. Er wird ſich abthun!“ „Und wenn er ſich nicht abthut?“ fragte das Weib. Jondrette machte eine finſtere Bewegung und ſagte? „Dann thun wir es.“ Und er brach in ein lautes Lachen aus. „Es war das erſte Mal, daß Marius ihn lachen ſah. Dieſes Lachen war kalt und leiſe und machte erbeben. Jondrette öffnete einen Wandſchrank neben dem Kamin und zog daraus eine alte Mütze hervor, die er auf den Kopf ſetzte, nachdem er ſie mit dem Aermel abgebürſtet hatte. „Weißt Du, daß es übrigens ein Glück iſt, daß er mich nicht erkannt hat, er? Wenn er ſeinerſeits mich erkannt hätte, ſo würde er nicht zurückkommen; er entginge uns. Mein Bart hat mich gerettet; mein romantiſches Bärtchen, mein hübſches kleines romantiſches Bärtchen!“ Und wieder lachte er. Er ging an das Fenſter. Der Schnee fiel noch immer und bildete weiße Streifen gegen das Grau des Himmels. „Welch ein Hundewetter!“ ſagte er. Dann ſeinen Ueberrock übereinander legend, ſagte er: —— Es Leute nmen, u ge ancs, Es iſt ſo um r det urgon uſe. leinen hun!“ eib. gte? ſah. Kamin f den hatte. doß er rlannt Uns · tchel, immelt nnels 107 „Die Haut iſt zu weit. Gleichviel“, fügte er hinzu,„er hat verteufelt wohl daran gethan, ſie mir znrückzulaſſen, der alte Schuft. Sonſt hätte ich nicht ausgehen können und Alles wäre verfehlt! Woran doch übrigens die Dinge hängen! Indem er die Mütze über die Ohren zog, ging er. Kaum hatte er einige Schritte draußen gethan, als die Thür ſich wieder öffnete und ſein falſches kluges Geſicht in der Oeffnung erſchien. „Ich vergaß“, ſagte er,„Du wirſt ein Kohlenbecken anzünden.“ Er warf in die Schürze ſeiner Frau das Fünffrancs⸗ ſtück, welches ihm der Philantrop zurückgelaſſen hatte. „Ein Kohlenbecken?“ fragte die Frau. „Wie viel Maaß?“ „Zwei gute.“ „Das koſtet dreißig Sous. Mit dem Uebrigen werde ich etwas zu eſſen kaufen.“ „Der Teufel—“ „Weshalb nicht?“ „Gieb das Geldſtück nicht aus.“ „Warum nicht?“ „Weil ich noch Etwas zu kaufen haben werde.“ „Was?“ „Etwas.“ „Wieviel brauchſt Du dazu?“ „Wo iſt hier herum ein Eiſenkrämer?“ „Rue Mouffetard.“ „Ach ja, an der Ecke einer Straße; ich habe den Laden geſehen.“ „Aber ſage mir doch, wie viel Du zu dem brauchſt, was Du kaufen willſt?“ „Fünfzig Sous und drei Francs.“ 108 „Dann wird kein fettes Eſſen übrig bleiben.“ „Es handelt ſich nicht darum, zu eſſen. Es giebt etwas Beſſeres zu thun.“ „Das genügt, mein Herzchen.“ Nach dieſer Aeußerung ſeines Weibes ſchloß Jondrette wieder die Thür und diesmal hörte Marius ſeine Schritte ſich auf dem Gange entfernen und raſch die Treppe hinab⸗ gehen.. Es ſchlug in dieſem Augenblicke eine Uhr an dem Thurme von Saint⸗Meédard. XIII. Zufall oder Fügnung. So ſehr Marius auch ein Träumer ſein mochte, war er doch, wie wir ſagten, eine feſte und kräftige Natur. Die Gewohnheiten des Nachdenkens entwickelten in ihm die Sym⸗ pathie und das Mitleid und verminderten vielleicht ſeine Fähigkeit, ſich aufzuregen, ließ aber die Fähigkeit, unwillig zu werden, unangetaſtet. Er beſaß das Wohlwollen eines Weibes und die Strenge eines Richters; er hegte Mitleid gegen eine Kröte, aber er zertrat eine Natter. Sein Blick war aber jetzt in ein Natternneſt gefallen; es war eine Höhle voll Ungeheuer, die er unter den Augen hatte. „Man muß den Fuß auf dieſe Elenden ſetzen,“ ſagte er. Keines der Räthſel, die er verſchwinden zu ſehen gehofft iebt rette ritte nab⸗ dem war Die hm⸗ ſeine illig ines leid Blic hle eer hofft 109 hatte, war aufgeklärt. Im Gegentheil hatte ſich Alles ver⸗ dunkelt; er wußte nichts weiter über das ſchöne Kind des Luxembourg und über den Mann, den er Herr Leblanc nannte, als daß Jondrette ſie kannte. Aus den dunklen Worten, die geſprochen worden waren, erkannte er nur Eines deut⸗ lich: daß ein dunkler, finſterer, fürchterlicher Hinterhalt vor⸗ bereitet wurde, daß Beide in eine große Gefahr liefen, ſie wahrſcheinlich, ihr Vater gewiß, daß er ſie retten mußte, daß er die entſetzlichen Pläne der Jondrettes hintertreiben und ihr Spinnennetz zerreißen müßte. Er beobachtete einen Augenblick die Jondrette. Sie hatte aus einer Ecke ein altes Kohlenbecken gezogen und kramte in dem Eiſenwerk herum. Er ſtieg ſo leiſe er konnte von der Kommode herunter und vermied dabei ſorgfältig jedes Geräuſch. Bei ſeinem Schrecken über das, was vorbereitet wurde, und bei dem Abſcheu, mit dem die Jondrettes ihn erfüllten, fühlte er eine Art von Freude bei dem Gedanken, daß es ihm vielleicht vergönnt ſein würde, der, die er liebte, einen ſolchen Dienſt zu leiſten. Aber was ſollte er thun? Die bedrohten Perſonen be⸗ nachrichtigen? Wo konnte er ſie finden? Er wußte ihre Adreſſe nicht. Sie waren ſeinen Augen einen Moment wieder er⸗ ſchienen und dann auf's Neue in die ungeheuren Tiefen von Paris verſchwunden. Herrn Leblanc Abends um ſechs Uhr an der Thür des Hauſes erwarten und ihn dann von der Schlinge benachrichtigen? Jondrette und ſeine Leute ſahen ihn gewiß, der Ort war öde, ſie waren ſtärker wie er und ſo fanden ſich die Mittel, ſich ſeiner zu bemächtigen oder ihn zu entfernen, und der, den Marius retten wollte, war dann verloren. Es hatte ein Uhr geſchlagen, der Hinterhalt war auf ſechs Uhr feſtgeſetzt. Marius hatte fünf Stunden vor ſich. Es blieb nur Eines zu thun. — — — —— — —— 110 Er zog ſeinen beſten Anzug an, ſchlang ſich ein Seidentuch um den Hals, nahm ſeinen Hut und ging, ohne mehr Geräuſch zu machen, als ob er baarfuß über Moos gegangen wäre. Ueberdies kramte die Jondrette noch fortwährend in ihrem alten Eiſenzeuge. Als er aus dem Hauſe war, ging er nach der Rue du Petit⸗Banquier. Er hatte in der Mitte der Straße eine ſehr niedrige Mauer erreicht, die man an gewiſſen Orten überſehen konnte und an einem leeren Raume lag; er ging ſehr langſam, vertieft in ſeine Gedanken und der Schnee dämpfte den Ton ſeiner Schritte. Plötzlich hörte er Stimmen, die ganz nahe bei ihm ſprachen. Er wandte den Kopf; die Straßen waren öde, Niemand zu ſehen, es war heller Tag und den⸗ noch hörte er deutlich die Stimmen. Er kam auf den Gedanken, über die Mauer zu blicken, an der er hinging. Dort ſah er in der That zwei Menſchen an die Mauer gelehnt in dem Schnee, die Beide leiſe mit einander ſprachen. Die beiden Menſchen waren ihm unbekannt; der Eine war bärtig und trug eine Blouſe, der Andere war in Lumpen gekleidet und hatte ſehr ſtarkes Haar. Der Bär⸗ tige trug eine griechiſche Mütze, der Andere war in bloßem Kopfe und der Schnee lag in ſeinen Haaren. Indem Marius den Kopf über die Mauer erhob, konnte er ſie hören. Der Haarige ſtieß den Andern mit dem Ellenbogen und ſagte: „Mit Patron⸗Minette kann das nicht fehlen.“ „Glaubſt Du?“ ſagte der Bärtige, und der Haarige antwortete: „Es wäre für Jeden eine Geſchichte von fünfhundert ein ohne Noos Rue drige onnte ſam, den gonz raßen den⸗ icken, auer der der ar in oen ogen rige ndert 111 Kugeln, und das Schlimmſte, was geſchehen könnte, fünf Jahr, ſechs Jahr, höchſtens zehn Jahr.“ Der Andere antwortete mit einigem Zögern und unter ſeiner griechiſchen Mütze ſich kratzend:„das iſt eine ge⸗ wiſſe Sache. Man kann ſolche Dinge nicht wagen.“ „Ich ſage Dir, daß die Sache nicht fehlſchlagen kann,“ erwiderte der Haarige.„Der Karren des Vater Dings da wird angeſpannt ſein.“ Dann ſprachen ſie mit einander von dem Melodrama, das ſie am Abend zuvor in dem Theater Gaité geſe⸗ hen hatten. Marius ſetzte ſeinen Weg fort. Es ſchien ihm, als ob die dunklen Worte dieſer Men⸗ ſchen, die ſich ſo auffallend hinter der Mauer verborgen hielten und in dem Schnee ſaßen, im innigen Zuſammen⸗ hang mit den abſcheulichen Plänen Jondrettes ſtehen muß⸗ ten. Das mußte die Geſchichte ſein. Er ging nach der Faubourg Saint⸗Macreau und fragte in dem erſten Kaufmannsladen, wo ein Polizeicommiſſar wohnte. Man bezeichnete ihm die Rue de Pontoiſe und die Nr. 14. Marius ging dorthin. Indem er vor einem Bäcker vorüber kam, kaufte er ein Brod für zwei Sous. Er aß es, da er vorausſah, daß er nicht zu Mittag eſſen würde. Während des Weges ließ er der Vorſehung Gerech⸗ tigkeit widerfahren. Er dachte daran, wenn er ſeine Fünffrancs nicht am Morgen der Tochter Jondrettes gegeben hätte, er den Fiaker des Herrn Leblanc gefolgt ſein würde und folglich nichts erfahren hätte, das alſo dann nichts dem Unternehmen der Jondrettes entgegenſtand und daß Herr Leblane verloren ſei und ohne Zweifel ſeine Tochter mit ihm. —— XIV. Der Polizeiagent und der Advokat. Als Marius die Nr. 14. der Rue de Pontoiſe er⸗ reichte, ging er nach dem erſten Stock hinauf und fragte nach dem Polizei⸗Commiſſar.. „Der Herr Polizei⸗Commiſſar iſt nicht zugegen,“ ſagte ein Bureaudiener,„allein es iſt ein Inſpector da, der ſeine Stelle vertritt. Wollen Sie mit ihm ſprechen? Iſt es eilig?“ „Ja,“ ſagte Marius. Der Bureaudiener führte ihn in das Cabinet des Commiſſars. Ein Mann von hohem Wuchs ſtand hier aufrecht hinter einem Gitter, gegen den Ofen gelehnt und mit beiden Händen die Schöße eines großen Ueberrockes mit drei Kragen in die Höhe hebend. Er hatte ein vier⸗ eckiges Geſicht, einen dünnen gekniffenen Mund, einen ſtarken grauen Backenbart, und einen Blick, vor dem ſich die Taſchen umwendeten. Man hätte von dieſem Blick nicht ſagen können, daß er eindrang, ſondern daß er durchſuchte. Dieſer Menſch ſah weder viel weniger wild, noch viel weniger furchtbar aus wie Jondrette; der Dogge begegnet man zuweilen mit nicht geringerer Furcht wie dem Wolff. „Was wollen Sie?“ ſagte er zu Marius, ohne„mein Herr“ hinzuzufügen. „Der Herr Polizei⸗Commiſſar?“ „Iſt abweſend. Ich vertrete ihn.“ „Es iſt wegen einer ſehr geheimen Angelegenheit.“ er ragte ſagte ſeine ſt es 113 „So ſprechen Sie.“ „Es iſt ſehr eilig.“ „So ſprechen Sie raſch.“ Dieſer ruhige und barſche Menſch war zugleich furcht⸗ bar und beruhigend. Er flößte Furcht und Vertrauen ein. Marius erzählte ihm ſein Abenteuer.— Irgend Jemand, den er nur von Anſehen kannte, ſollte an eben dieſem Abend in einen Hinterhalt gelockt werden.— Als Be— wohner des benachbarten Gemaches hatte er, Marius Pont⸗ merch, Advocat, durch die Wand die ganze Verabredung gehört;— das Ungeheuer, welches die Schlinge erſonnen hatte, wäre ein gewiſſer Jondrette;— er hätte Mitſchul⸗ dige, wahrſcheinlich Barrièrenſtreicher;— unter Anderen einen gewiſſen Panchaud, Printanier, oder auch Bigrenaille genannt;— die Töchter Jondrette's ſollten Wache halten; — es gab kein Mittel, den Bedrohten zu benachrichtigen, da man nicht einmal ſeinen Namen wußte;— endlich ſollte das Alles um ſechs Uhr Abends auf dem ödeſten Punkte des Boulevard de l'Höpital, in dem Hauſe No. 50— 52 ausgeführt werden. Bei Erwähnung dieſer Nummer erhob der Inſpector den Kopf und ſagte kalt: „Alſo in dem Zimmer am Ende des Ganges.“ „Gerade da,“ entgegnete Marius, und fügte hinzu: „Kennen Sie das Haus?“ Der Inſpector ſchwieg einen Augenblick und antwortete dann, indem er den Abſatz ſeines Stiefels an der Oeffnung des Ofens wärmte: „Allem Anſchein nach.“ Er brummte zwiſchen den Zähnen, indem er weniger zu Marius als gegen ſeine Halsbinde ſprach: „Es muß dabei Etwas von Patron⸗Minette ſein. Dieſes Wort fiel Marius auf. Die Elenden. vl. 8 114 „Patron⸗Minette?“ wiederholte er.„Ich habe in der That das Wort ausſprechen hören.“ Und er erzählte dem Inſpector das Geſpräch des haarigen und des bärtigen Menſchen in dem Schnee hinter der Mauer der Rue du Petit⸗Banquier. Der Inſpector brummte: „Der Haarige muß Brujon und der Bärtige Demi⸗ Liard, genannt zwei Milliarden, ſein.“ Er hatte wieder die Wimpern geſenkt und dachte nach. „Was den Vater Dingsda betrifft, ſo vermuthe ich, wo er iſt. So, jetzt habe ich meinen Ueberrock verbrannt; ſie machen immer zu viel Feuer in dieſe verfluchten Oefen! Die Nummer 50—52; ehemalige Beſitzung von Gorbeau.“ Dann ſah er Marius an: „Sie haben Niemand geſehen als dieſen Bärtigen und dieſen Haarigen?“ „Und Panchaud.“ „Sie haben nicht in der Nähe einen kleinen Teufels⸗ ſtutzer umherlungern ſehen?“ M „Noch einen großen Dicken, der dem Elephanten des zoologiſchen Gartens gleicht?“ „Nein. „Noch einen boshaften Menſchen, der ausſieht wie ein ehemaliges Rothſchwänzchen?“ „Nein.“ „Was den Vierten betrifft, ſo ſieht den Niemand, ſelbſt nicht ſeine Adjutanten oder Beamten. Es iſt nicht ſehr überraſchend, daß Sie ihn nicht bemerkt haben.“ „Nein. Was ſind das Alles für Menſchen?“ fragte Marius. Der Inſpector antwortete: „Uebrigens iſt das nicht ihre Stunde.“ Er verſank wieder in das Schweigen und fuhr dann fort: „ ſi der des nter mi⸗ des wie nd, icht agte rt: 115 „So— ſo. Ich kenne die Baracke.— Unmöglich, uns in dem Innern zu verbergen; ohne daß die Künſtler uns bemerken und dann das Vaudeville abbeſtellen. Sie ſind ſo beſcheiden! Das Publikum iſt ihm im Wege. Nichts davon, nichts davon. Ich will ſie ſingen hören und dann tanzen laſſen.“ Als dieſes Selbſtgeſpräch beendigt war, wandte er ſich gegen Marius und ſagte, indem er ihn feſt anſah: „Haben Sie Furcht?“ „Vor Was?“ ſagte Marius. „Vor dieſen Menſchen?“ „So wenig, wie vor Ihnen!“ erwiderte Marius, welcher zu bemerken begann, daß dieſer Polizeiſpion noch nicht ein Mal„mein Herr“ zu ihm geſagt hatte. Der Inſpector ſah Marius noch feſter an und er⸗ widerte mit einer Art von Feierlichkeit: „Sie ſprechen da wie ein muthiger und wie ein recht⸗ ſchaffener Menſch; der Muth fürchtet den Verbrecher nicht und die Rechtſchaffenheit fürchtet die Behörde nicht.“ Marius entgegnete: „Es iſt gut; aber was denken Sie zu thun?“ Der Inſpector begnügte ſich, damit zu antworten: „Die Bewohner jenes Hauſes haben Hauptſchlüſſel, um während der Nacht hineinkommen zu können. Sie müſſen auch einen haben.“ „Ja“, ſagte Marius. „Haben Sie ihn bei ſich.“ FSn „Geben Sie ihn mir.“ Marius nahm ſeinen Schlüſſel aus der Taſche, über⸗ gab ihn dem Inſpector und fügte hinzu: „Wenn Sie meinem Rath folgen, ſo kommen Sie mit hinlänglicher Macht.“ Der Inſpector warf auf Marius einen Blick, wie 8* Voltaire auf einen Provinzialſchülar, der ihm einen Reim vorgeſchlagen hätte; er ſteckte mit einer einzigen Bewegung ſeine beiden Hände, die gewaltig waren, in die ungeheure große Taſche ſeines Ueberrockes und zog aus dieſer zwei kleine ſtählerne Piſtolen hervor; dieſe reichte er Marius, indem er raſch und mit kurzem Ton ſagte: „Nehmen Sie dieſe. Gehen Sie nach Hauſe. Ver⸗ bergen Sie ſich in Ihrem Zimmer, ſo daß man glaubt, Sie ſeien ausgegangen. Die Piſtolen ſind geladen. Jede mit zwei Kugeln. Sie werden beobachten. Es iſt ein Loch in der Mauer, wie Sie mir ſagen. Die Leute werden kommen. Laſſen Sie ſie ein wenig gehen. Wenn Sie die Sache auf den rechten Punkt gekommen glauben und es Zeit iſt, ſie zu verhaften, feuern Sie einen Piſtolenſchuß ab. Nicht zu früh; das Uebrige geht mich an. Ein Piſtolenſchuß, in die Luft, an die Decke, gleichviel wohin, beſonders nicht zu bald. Warten Sie darauf, daß ein Anfang der Ausführung geſchehe; Sie ſind Advocat und wiſſen, was das zu be— deuten hat.“ Marius nahm die Piſtolen und ſteckte ſie in die Seiten— taſche ſeines Rockes. „Das macht ſo einen Buckel, das fällt auf“, ſagte der Inſpector,„ſtecken Sie ſie vielmehr in die Taſche Ihres Beinkleides.“ Marius verbarg die Piſtolen auf die ihm gebotene Weiſe. „Jetzt“, fuhr der Inſpector fort,„iſt für Niemand mehr eine Minute zu verlieren. Wie ſpät iſt es? Zwei und ein halb. Für ſieben Uhr war es?“ „Für ſechs Uhr.“ „Ich habe noch hinlängliche Zeit“, entgegnete der In— ſpector,„aber auch nur eben genug. Vergeſſen Sie nichts von dem, was ich Ihnen ſagte. Paff, ein Piſtolenſchuß.“ „Seien Sie ganz ruhig“, erwiderte Marius. legt kön ſpe ſeh tn ſg me — e W di Reim gung heure zwei rius, Ver⸗ Sie mit ch in men. auf ie ht zu ndie t 3 rung he eiten⸗ ſagte Ihres otene mund zwei In „ uß 147 Und als Marius die Hand auf den Drücker der Thür legte, um zu gehen, rief der Inſpector ihm zu: „Aprapos; wenn Sie meiner bis dahin bedürfen, ſo können oder ſchicken Sie hierher; Sie laſſen nach dem In⸗ ſpector Javert fragen.“ XVI. Jondrette macht ſeine Einkäufe. Einige Augenblicke darauf, gegen drei Uhr, ging Cour⸗ feyrac in Begleitung von Boſſuet durch die Rue Mouuffe⸗ tard. Der Schnee fiel mit verdoppelter Heftigkeit. Boſſuet ſagte zu Courfeyrac: „Wenn man dieſe Schneeflocken fallen ſieht, ſollte man meinen, es herrſchte im Himmel eine Peſt unter den weißen Schmetterlingen.“ Plötzlich bemerkte Boſſuet Marius, der die Straße gegen die Barrière hinauf ging und ein eigenthümliches Weſen zeigte. „Ei“, ſagte Boſſuet,„Marius!“ Ich habe ihn ſchon geſehen,“ ſagte Courfeyrac,„wir dürfen ihn nicht anreden.“ „Weshalb denn?“ „Er iſt beſchäftigt.“ „Womit?“ „Siehſt Du denn nicht, was für eine Miene er macht?“ „Was für eine Miene? 118 „Er ſieht aus wie Jemand, der Jemandem folgt.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Boſſuet. „Sieh nur, welche Augen er macht,“ fuhr Courfeyrac fort. „Aber wem zum Teufel folgt er denn?“ „Irgend einem Blumenmädchen.„Gretchen! er iſt verliebt.“ „Aber ich ſehe weder ein Gärtchen, noch eine Laube, noch Blumen auf der Straße. Es iſt kein einziges Frauen⸗ zimmer zu erblicken. Courfeyrac ſah ſchärfer hin und rief: „Er folgt einem Manne!“ In der That ging ein Mann mit einer Mütze auf dem Kopfe und deſſen grauen Bart man bemerken konnte, obgleich man nur ſeinen Rücken ſah, einige zwanzig Schritte vor Marius. Dieſer Menſch trug einen ganz neuen, für ihn viel zu weiten Ueberrock und ein paar zerlumpte unten durch Koth beſchmutzte Hoſen. Boſſuet brach in lautes Gelächter aus. „Was iſt das für ein Menſch?“ „Das?“ entgegnete Courfeyrac,„das iſt ein Poet.— Die Poeten tragen die Beinkleider von Kaninchenfellhändlern und die Ueberröcke von franzöſiſchen Pairs.“ „Laßt uns ſehen, wo Marius hingeht,“ ſagte Boſſuet. „Laßt uns ſehen, wohin dieſer Menſch geht. Folgen wir ihnen, wie?“ „Boſſuet,“ rief Courfeyrac,„Adler von Meaux, Du biſt ein merkwürdiges Thier. Einem Menſchen folgen, der einem Menſchen folgt!“ Sie kehrten um. Marius hatte in der That Jondrette durch die Rue Muuffetard gehen ſehen und folgte ihm. Jondrette ging vor ihm her, ohne zu ahnen, daß Je⸗ mand ihn in den Augen behielt. fort. er iſt Laube, rauen⸗ f dem gleich te vor viel zl oth indlern oſſuet en wir en 1, Du der , ie Rue „ 06 1 6 . Er verließ die Rue Mouffetard. Marius ſah ihn in eine jener abſcheulichen Boutiken der Rue Gracieuſe ein⸗ treten; hier blieb er ungefähr eine Viertelſtunde und kehrte dann nach der Rue Mouffetard zurück. Er ging zu einem Eiſenkrämer hinein, der damals an der Ecke der Rue Pierre Lombard ſeinen Laden hatte, und einige Minuten darauf ſah Marius ihn wieder heraustreten, in der Hand eine große Baumſcheere mit weißem hölzernen Griff, die er ſorg⸗ fältig unter ſeinem Ueberrock verbarg. In der Höhe der Rue de Petit Gentilly wendete er ſich links und erreichte raſch die Rue du Petit⸗Banquier. Der Tag ſank. Der Schnee der einen Augenblick zu fallen aufgehört hatte, verdoppelte ſich wieder. Marius verbarg ſich an der Ecke der Rue du Petit⸗Languier, die wie immer öde war. Er folgte Jondrette nicht weiter. Das war ein kluger Gedanke von ihm, denn als Jondrette zu der niedrigen Mauer gekommen war, hin⸗ ter welcher Marius den bärtigen und den haarigen Menſchen mit einander hatte ſprechen hören, wendete er ſich um, um zu ſehen, ob auch Niemand ihm folgte, ſtieg dann über die Mauer und verſchwand. Der Raum, den dieſe Mauer begrenzte, hing mit dem Hinterhof eines ehemaligen Wagenvermiethers zuſammen, der in ſchlechtem Rufe ſtand, bankerott gemacht hatte und unter einem Schuppen noch einige alte Halbchaiſen ſtehen hatte. Marius dachte, daß es klug ſein würde, die Abweſen⸗ heit Jondrette's zu benutzen, um nach Hauſe zurückzukehren, übrigens rückte die Zeit vor; des Abends pflegte Mame Burgon, indem ſie ausging, um in der Stadt zu ſcheuern, die Thür des Hauſes zu verſchließen; Marius hatte ſeinen Schlüſſel dem Polizei⸗Inſpector gegeben. Es war daher von Wichtigkeit, daß er ſich beeilte. Der Abend war gekommen, es war faſt ganz dunkel. Am Horizont ſtand nur noch ein matt leuchtender Punkt— der Mond. 120 Er war roth hinter dem niedrigen Dome der Salpe⸗ triere aufgegangen. Marius erreichte mit großen Schritten die Nr. 50 bis 52. Die Thür war noch offen, als er ſie erreichte. Er ging auf den Fußſpitzen die Treppe hinauf und glitt an der Mauer des Ganges hin bis zu ſeiner Stube. Dieſer Gang war, wie man ſich erinnern wird, zu beiden Seiten mit Kammern beſetzt, die in dieſem Augenblick ſämmtlich leer und zu vermiethen waren. Mame Burgon ließ für gewöhnlich die Thüren offen. Als Marius an einer dieſer Thüren vorüber⸗ kam, glaubte er in eine der unbewohnten Zellen vier regungs⸗ loſe Köpfe zu bemerken, welche undeutlich von einem durch das Fenſter hereinfallenden Lichtſtrahle beſchienen wurden. Marius verſuchte nicht zu ſehen, da er ſelbſtnicht ge⸗ ſehen werden wollte. Es gelang ihm, ſeine Stube zu er⸗ reichen, ohne bemerkt zu werden und ohne alles Geräuſch. Es war die höchſte Zeit. Einen Augenblick darauf hörte er Mame Burgon gehen und die Thür des Hauſes hinter ſich verſchließen. XVI. Worin man ein Lied nach einer engliſchen Melodie finden wird, das 1832 Mode war. Marius ſetzte ſich auf ſein Bett. Es konnte 5 ½ Uhr ſein. Eine halbe Stunde nur noch trennte ihn von dem, was vorgehen ſollte. Er hörte ſeine Pulſe klopfen, wie man dys an D Ou die eine dieſe e⸗ is der ¹9 it d die ie das Ticken einer Uhr in der Dunkelheit hört. Er dachte an den doppelten Marſch, der in dieſem Augenblicke in der Dunkelheit zurückgelegt wurde. Er fürchtete ſich nicht, aber er konnte nicht ohne ein gewiſſes Beben an die Dinge denken, die ſich ereignen ſollten. Wie bei allen denen, die plötzlich von einem überraſchenden Abenteuer ergriffen werden, machte dieſer ganze Tag auf ihn den Eindruck eines Traumes, und um ſich nicht für die Beute eines Alpdrückens zu halten, mußte er in die Taſche greifen, um die ſtählernen Piſtolen zu fühlen. Es ſchneite nicht mehr; der Mond trat immer heller und heller aus dem Nebel hervor und ſein Licht, gemiſcht mit dem weißen Scheine des gefallenen Schnees, gab ſeiner Natur ein grabartiges Ausſehen. Es brannte Licht in der Wohnung der Jondrette's. Marius ſah das Loch in der Wand in einem rothen Scheine erglänzen, der ihm blutig zu ſein ſchien. So viel war gewiß, daß dieſer Schein nicht durch ein Licht hervorgebracht werden konnte. Uebrigens hörte man bei den Jondrette's keine Bewegung; Niemand rührte ſich, Niemand ſprach, kein Athemzug; es herrſchte das ruhigſte tiefſte Schweigen, und ohne dieſes Licht hätte man ſich an der Seite eines Grabes glauben können. Marius zog leiſe ſeine Stiefel aus und ſchob ſie unter ſein Bett. Einige Minuten verfloſſen. Marius hörte die untere Thür in ihren Angeln kreiſchen; ein ſchwerfälliger haſtiger Schritt kam die Treppe herauf, durcheilte den Gang und mit Geräuſch wurde die Thür der Höhle geöffnet. Es war Jondrette, der nach Hauſe kam. Sogleich erhoben ſich mehrere Stimmen, die ganze Familie war in der Wohnung verſammelt. Nur ſchwieg ſie während der Abweſenheit des Gebieters, wie die jungen Wölfe während der Abweſenheit des Wolfes. 122 „Ich bin es!“ ſagte er. „Guten Abend, Väterchen!“ krächzten die Töchter. „Nun!“ ſagte die Mutter. „Alles geht à la papa“, erwiderte Jondrette,„aber ich habe eine Hundekälte in den Füßen. Gut, Recht ſo. Du haſt Dich angekleidet; Du mußt Vertrauen einflößen können.“ „Ganz bereit zum Ausgehen.“ „Du wirſt nichts von dem vergeſſen, was ich Dir ge⸗ ſagt habe? Du wirſt Alles richtig vollbringen? „Sei ganz ruhig.“ „Es iſt nur—“, ſagte Jondrette. Er ſprach ſeinen Satz nicht aus. Marius hörte ihn etwas Schweres auf den Tiſch legen, wahrſcheinlich die Scheere, die er ge⸗ kauft hatte. „Nun“, fuhr Jondrette fort,„hat man hier gegeſſen?“ „Ja“, ſagte die Mutter,„ich hatte drei große Erd⸗ äpfel und Salz. Ich habe das Feuer benutzt, um ſie zu kochen.“ „Gut“, ſagte Jondrette,„morgen führe ich Euch mit mir zum Eſſen. Es ſoll eine Ente und Zubehör geben. Ihr ſollt ſpeiſen wie Carl X. Alles geht gut!“ Dann fügte er mit leiſerer Stimme hinzu: „Die Mauſefalle iſt offen. Die Katzen ſind da!“ Noch leiſer ſagte er darauf: „Lege das in das Feuer.“ Marius hörte ein Raſſeln von Kohlen, die man mit einer Zange oder irgend einem eiſernen Geräth rührte, und Jondrette fuhr fort: „Haſt Du die Angeln der Thür eingeſchmiert, damit ſie kein Geräuſch machen?“ „Ja“, erwiderte die Mutter. „Wie ſpät iſt es?“ ber ſo. en ge⸗ uf it 10 it 123 „Bald ſechs Uhr. Es hat ſchon ein halb auf Saint⸗ Meédard geſchlagen.“ „Der Teufel!“ ſagte Jondrette.„Die Kleinen müſſen Wache ſtehen. Kommt, Ihr da, hört.“ Es entſtand ein Geflüſter. Wieder erhob ſich die Stimme Jondrette's: „Iſt die Burgon fort?“ „Ja“, ſagte die Mutter. „Biſt Du auch überzeugt, daß bei dem Nachbar Niemand iſt?“ „Er iſt den ganzen Tag nicht nach Hauſe gekommen, und Du weißt wohl, daß dies die Stunde ſeines Mittags eſſens iſt? „Biſt Du überzeugt?“ „Ueberzeugt.“ „Gleichviel“, erwiderte Jondrette;„es kann nichts ſchaden, wenn man bei ihm nachſieht, ob er zu Hauſe iſt. Tochter, nimm das Licht und geh.“ Marius ließ ſich auf die Hände und die Knieen ſinken und kroch geräuſchlos unter ſein Bett. Kaum war er hier verſteckt, als er ein Licht durch die Ritzen ſeiner Thür ſchimmern ſah. „Papa“, rief eine Stimme,„er iſt for Er erkannte die Stimme des älteſten Mädchens. „Biſt Du hineingegangen“, fragte der Vater. „Nein“, erwiderte die Tochter,„und da der Schlüſſel in der Thür ſteckt, iſt er fort.“ Der Vater rief: „Geh dennoch hinein.“ Die Thür öffnete ſich und Marius ſah, wie die große Jondrette mit einem Lichte in der Hand eintrat. Sie war wie am Morgen, nur noch entſetzlicher bei dieſer Be⸗ leuchtung. Sie ging gerade auf das Bett zu. Marius hatte einen 124 unbeſchreiblichen Augenblick der Beſorgniß; allein es hing neben dem Bett an der Mauer ein Spiegel und zu dieſem trat ſie. Sie hob ſich auf die Fußſpitzen und ſah in den Spiegel. In dem benachbarten Gemache hörte man ein Raſſeln von Eiſenwerk. Sie ſtrich mit ihrer Hand die Haare glatt und lächelte in den Spiegel hinein, indem ſie mit ihrer heiſeren grab⸗ artigen Stimme trällerte: Acht Tage hat die Liebe uns entzückt! Kurz iſt die Zeit, wo Liebe uns beglückt! Acht Tage nur! Soll das der Mühe lohnen? Es müßte Liebe ewig thronen! Ja, ewig thronen! Ja, ewig thronen! Marius zitterte während deſſen. Es ſchien ihm un⸗ möglich, daß ſie ſeine Athemzüge nicht hörte. Sie ging zu dem Fenſter und blickte hinaus, indem ſie mit jenem halb wahnſinnigen Weſen, das ihr eigen war, ſprach: „Wie häßlich Paris iſt, wenn es ein weißes Hemd angezogen hat!“ ſagte ſie. Sie kehrte wieder zu dem Spiegel zurück, liebäugelte mit demſelben und betrachtete ſich wechſelweiſe von ver⸗ ſchiedenen Seiten. „Nun“, rief der Vater,„was machſt Du denn noch da?“ „Ich ſehe unter das Bett und unter die Meubel!“ er⸗ widerte ſie, indem ſie ihre Haare zu ordnen fortfuhr.„Es iſt Niemand hier.“ „Schaf!“ heulte der Vater.„Augenblicklich hierher und keine Zeit verloren!“ „Ich komme, ich komme,“ ſagte ſie.„Man hat doch in Eurer Baracke zu nichts Zeit!“ Und ſie trällerte: —— — — 125 „Du ſcheideſt um dem Ruhm zu folgen; Mein trauernd Herz folgt Deiner Bahn!“ Sie warf einen letzten Blick in dem Spiegel und ging, indem ſie die Thür hinter ſich zuzog. Einen Augenblick darauf hörte Marius die Tritte der beiden barfüßigen Mädchen auf dem Gange und die Stimme Jondrette's, die ihnen zurief: „Gebt genau acht! Eine auf der Seite der Barrière, die Andere an der Ecke der Rue du Petit⸗Banquier. Ver liert die Thür des Hauſes nicht einen Augenblick aus den Augen, und ſobald Ihr irgend Etwas ſeht, kommt augen⸗ blicklich her.— Ihr habt einen Schlüſſel, um herein zu kommen.“ Die älteſte Tochter brummte:„barfuß im Schnee Schildwach zu ſtehen!“ „Morgen ſollt Ihr ſeidene Halbſtiefelchen bekommen!“ ſagte der Vater. Sie gingen die Treppe hinab und einige Sekunden darauf verkündete das Zuſchlagen der Thür, daß ſie hinaus waren. Es befand ſich Niemand mehr in dem Hauſe als Marius und die Jondrette's; und wahrſcheinlich auch die geheimnißvollen Weſen, welche Marius in der Dämmerung hinter der Thür der unbewohnten Kammer geſehen hatte. XVII. Verwendung des Fünffrancsſtückes von Marius. Marius glaubte, daß der Augenblick gekommen ſei, ſeinen Beobachtungspoſten wieder einzunehmen. In einem 126 Nu und mit der Gewandtheit ſeines Alters war er an dem Loche der Wand. Er ſah hindurch. Das Innere der Wohnung Jondrette's bot einen eigen⸗ thümlichen Anblick und Marius konnte ſich jetzt die ſonderbare Helligkeit, die er bemerkt hatte, erklären. Ein Licht brannte auf einem thönernen Leuchter, aber dadurch wurde das Ge⸗ mach nicht wirklich erhellt. Das ganze Loch war wie illu⸗ minirt durch den Widerſchein eines ziemlich großen Kohlen⸗ beckens, das in dem Kamin ſtand, und mit brennenden Kohlen angefüllt war; das Becken, welches die Jondrette am Morgen vorgeſucht hatte. Die Kohlen glühten und das Becken war ganz roth. Eine blaue Flamme tanzte darüber und ließ die Scheere erkennen, welche Jondrette in der Rue Pierre⸗Lombard gekauft hatte und die jetzt in der Gluth geröthet wurde. In einer Ecke neben der Thür und wie zu einem vorausgeſehenen Brauch bereit gehalten, ſah man zwei Haufen liegen; der eine altes Eiſenwerk, der andere Stricke. Für Jemand der nichts von dem wußte, was ge⸗ ſchehen ſollte, hätte das Alles einen ſehr finſtern und einen ſehr einfachen Gedanken erwecken können. Die ſo beleuch⸗ tete Höhle glich mehr einer Schmiede als einer Mündung der Hölle; aber Jondrette ſah bei dieſem Scheine mehr wie ein Dämon als wie ein Schmied aus. Die Hitze, die das Kohlenbecken ausſtrömte, war ſo groß, daß das Licht auf dem Tiſche auf der Seite des Kamins ſchmolz. Eine alte kupferne Blendlaterne, des zum Cartouche gewordenen Diogenes würdig, ſtand auf dem Kaminſims. Das Kohlenbecken, welches in dem Kamin ſelbſt ſtand, ließ ſeinen Dampf durch eine Röhre des Kamins aus⸗ ſtrömen und verbreitete ſeinen Geruch. Der Mond, welcher durch die vier Scheiben des Fenſters eindrang, warf ſein bleiches Licht in das flammende pur ſolk die mi dr erit ber th fe dem ung wie ſo des des dem and, us⸗ des nde 127 purpurrothe Loch, und für Marius poetiſchen Geiſt, der ſelbſt im Augenblicke der Handlung Träumer war, ſchien dies ein Gedanke des Himmels zu ſein, der ſich in das mißgeſtaltete Träumen der Erde miſcht. Ein Luftſtrom, der durch die zerbrochene Scheibe ein⸗ drang, trug dazu bei, den Kohlengeruch zu vertreiben. Die Wohnung Jondrette's war, wenn man ſich an das erinnert, was wir von der Baracke Gorbeau geſagt haben, bewundernswürdig gewählt, um zum Schauplatz einer Gewalt⸗ that und eines Verbrechens zu dienen. Es war das ent⸗ fernteſte Gemach des einſamen Hauſes des ödeſten Boule⸗ vards von Paris. Hätte der Hinterhalt noch nicht exiſtirt, ſo müßte man ihn hier erfunden haben. Die ganze Tiefe eines Haufes und eine Menge unbe⸗ wohnter Gemächer trennten dieſes Loch von dem Boule⸗ vard, und das einzige Fenſter, welches daſſelbe hatte, ging auf einen unbewohnten Raum, der mit Mauern und Pali⸗ ſaden umgeben war. Jondrette hatte ſeine Pfeife angezündet und ſich auf den durchſtoßenen Stuhl geſetzt und rauchte. Seine Frau ſprach leiſe mit ihm. Wenn Marius Courfeyrac geweſen wäre, das heißt Einer jener Menſchen, die bei allen Gelegenheiten des Le⸗ bens lachen, ſo würde er in lautes Gelächter ausgebrochen ſein, als ſein Blick auf die Jondrette fiel. Sie hatte einen ſchwarzen Hut mit Federn, ziemlich ähnlich den Kappen der Wappen⸗Herolde bei der Salbung Karls X.; einen ungeheuren gewürfelten wollenen Shawl über ihren geſtickten Rock und die Mannsſchuhe, die ihre Tochter am Morgen verachtete. Dieſer Anzug war es, der Jondrette den Ausruf entriſſen hatte:„Gut, Du haſt Dich angezogen! Du haſt recht daran gethan! Du mußt Vertrauen einflößen können!“ Was Jondrette betraf, ſo hatte er den neuen und für 128 ihn zu weiten Ueberrock nicht abgelegt, den Herr Leblanc ihn zurückgelaſſen hatte, und ſein Anzug bot fortwährend den Contraſt zwiſchen dem Ueberrock und dem Beinkleid, welcher ihn in den Augen Courfehrac's zu dem Ideal eines Poeten gemacht hatte. Plötzlich erhob Jondrette ſeine Stimme: „Apropos! ich denke eben daran. Bei dieſem Wetter wird er im Fiaker kommen. Zünde die Laterne an und geh' hinunter. Du wirſt hinter der Thür unten ſtehen bleiben. Wenn Du einen Wagen halten hörſt, ſo öffneſt Du ſogleich, er kommt herauf, Du leuchteſt ihn die Treppe herauf und durch den Gang, und während er hier eintritt, kehrſt Du ſchnell wieder zurück, bezahlſt den Kutſcher und ſchickſt den Fiaker fort.“ „Und Geld?“ fragte die Frau. Jondrette griff in die Taſche ſeines Beinkleides und gab ihr ein Fünffranesſtück. „Was iſt das?“ rief ſie aus. Jondrette erwiderte voll Würde: „Das iſt der Monarch, dem der Nachbar uns dieſen Morgen gegeben hatte.“ Dann fügte er hinzu: „Weißt Du wohl? Wir müſſen hier zwei Stühle haben.“ „Wozu?“ „Um uns zu ſetzen.“ Marius fühlte ein Fröſteln durch ſeine Adern rieſeln, als er die Jondrette ruhig die Antwort ertheilen hörte: „Pardieu! Ich hole die des Nachbars!“ Und mit einer raſchen Bewegung öffnete ſie die Thür ihrer Höhle und trat auf den Gang. Marius hatte nicht ſo viel Zeit, von der Kommode herabzuſteigen und ſich unter ſeinem Bett zu verbergen. „Nimm das Licht!“ rief Jondrette. den Acher oeten zetter und tehen ffneſt reppe tritt, und und ieſen tühle „Nein,“ ſagte ſie,„das würde mir nur im Wege ſein; ich habe die beiden Stühle zu tragen. Es iſt mondhell.“ Marius hörte die ſchwere Hand der Mutter Jondrette in der Dunkelheit nach dem Griff ſeiner Thür taſten. Die Thür öffnete ſich. Er blieb von Schrecken erfaßt an ſeinem Platze wie angenagelt. Die Mutter Jondrette trat ein. Das Dachfenſter ließ einen Lichtſtrahl zwiſchen zwei breite dunkle Streifen fallen. Einer dieſer Streifen bedeckte vollkommen den Winkel, in welchen Marius ſtand, ſo daß er in der Finſterniß verſchwand. Die Mutter Jondrette erhob die Augen, ſah Marius nicht, nahm die beiden Stühle, die einzigen, welche Marius beſaß, ging damit fort und warf die Thür lärmend hinter ſich zu. Sie kehrte in ihre Höhle zurück. „Hier ſind die beiden Stühle,“ ſagte ſie. „Und hier iſt die Laterne,“ ſagte der Mann.„Geh' ſchnell hinab.“ Sie gehorchte haſtig und Jondrette blieb allein. Er ſtellte die beiden Stühle an die beiden Seiten des Tiſches, wendete die Kohlenſchaufel in dem Kohlenbecken um, und ſtellte vor den Kamin einen alten Schirm, der das Kohlenbecken verdeckte. Dann ging er in die Ecke, wo der Haufen Stricke lag und bückte ſich, als ſuchte er hier irgend Etwas. Marius erkannte jetzt, daß das, was er für einen unförmlichen Haufen Stricke gehalten hatte, eine ſehr gut gearbeitete Strickleiter mit eiſernen Sproſſen und zwei großen eiſernen Haken zu ihrer Befeſtigung war. Dieſe Strickleiter und einige grobe Handwerksgeräthe, wahre Eiſenmaſſen, die unter das alte Eiſenwerk hinter der Thür gemiſcht waren, hatten am Morgen nicht dort gelegen, und offenbar hatte Jondrette ſie während Marius Abweſenheit im Laufe des Nachmittags gebracht. Die Elenden. VI. 9 130 „Das iſt Handwerksgeräth des Grobſchmieds,“ dachte Marius. Wenn Marius indeß ein wenig beleſener in dieſer Richtung geweſen wäre, ſo würde er in dem, was er für Handwerksgeräth eines Grobſchmieds hielt, gewiſſe Inſtru⸗ mente erkannt haben, welche dazu dienten, ein Schloß zu ſprengen oder eine Thür zu öffnen, und andere, mit denen man ſchneiden oder bohren konnte; die beiden Familien der finſtern Geräthe, welche die Spitzbuben die Brecher und die Schneider nennen. Der Kamin, der Tiſch mit den beiden Stühlen, waren Marius gerade gegenüber. Das Kohlenbecken war verdeckt und das Zimmer wurde nur noch durch das Licht be⸗ leuchtet; der geringſte Gegenſtand auf dem Tiſche oder auf dem Kamine warf einen großen Schatten. Ein aus⸗ gebrochener Waſſerkrug bedeckte zur Hälfte die Mauer. Es lag in dem Gemache eine abſcheuliche und drohende Ruhe. Man fühlt die Erwartung von irgend etwas Ent⸗ ſetzlichem. Jondrette hatte ſeine Pfeife ausgehen laſſen, ein ernſtes Zeichen ſeiner Gedanken, und hatte ſich geſetzt. Das Licht zeigte die wilden und feinen Züge ſeines Geſichts. Er runzelte die Stirn und bewegte die rechte Hand, als ant⸗ wortete er auf die letzten Rathſchläge eines finſtern innern Monologs. Nach einer dieſer Entgegnungen, die er ſich ſelbſt machte, zog er raſch den Tiſchkaſten auf, nahm aus denſelben ein großes Küchenmeſſer und prüfte die Schneide deſſelben auf ſeinen Nagel. Als dies geſchehen war, legte er das Meſſer wieder in den Kaſten und ſchob dieſen zu. Marius ſeinerſeits ergriff die Piſtolen, die er in der erſten Taſche hatte, und zog den Hahn auf. Das gab einen leiſen ſcharfen Ton. Jondrette fuhr zuſammen und richtete ſich auf ſeinem Stuhle halb in die Höhe. A Et es cht Er t⸗ rn ſich us ide gte der en „Wer da!“ rief er. Marius hielt den Athem an. Jondrette lauſchte einen Augenblick und ſagte dann laut lachend:„bin ich einfältig! Es iſt die Wand, welche knackt.“ Marius behielt die Piſtolen in der Hand. XVIII. Die beiden Stühle von Marins ſtehen einander gegenüber. Plötzlich erzitterten die Scheiben unter dem fernen me⸗ lancholiſchen Klange einer Glocke. Es ſchlug an Saint⸗ Meédard ſechs Uhr. Jondrette bezeichnete jeden Glockenſchlag mit einem Nicken ſeines Kopfes. Nach dem ſechſten putzte er das Licht mit den Fingern. Dann ging er in dem Gemache auf und nieder, lauſchte nach dem Gange, ging, lauſchte wieder. „Ob er nun kommt?“ brummte er. Dann ging er zu ſeinem Stuhle. Kaum hatte er ſich geſetzt, als die Thür ſich öffnete. Die Mutter Jondrette hatte ſie aufgemacht und blieb in dem Gange ſtehen, indem ſie ein fürchterlich liebens⸗ würdiges Geſicht ſchnitt, welches ein Loch in der Laterne von unten beleuchtete. „Treten Sie ein, mein Herr,“ ſagte ſie. „Treten Sie ein, mein Wohlthäter!“ wiederholte Jon⸗ drette, indem er raſch aufſtand. 9⸗ 132 Herr Pblanc erſchien. Er hatte ein ernſtes Weſen, das ihm einen wahrhaft ehrwürdigen Ausdruck verlieh. Er legte einen Louisd'or auf den Tiſch. „Herr Fabertou,“ ſagte er,„hier iſt für Ihre Miethe und Ihre erſten Bedürfniſſe. Später werden wir weiter ſehen.“ „Gott vergelte es Ihnen, mein großmüthiger Wohl⸗ thäther!“ ſagte Jondrette, und indem er ſich raſch ſeiner Frau näherte, flüſterte er: „Schicke den Fiaker fort!“ Sie entſchlüpfte, während ihr Mann ſich in Grüßen erſchöpfte und Herrn Leblanc einen Stuhl bot. Einen Augenblick darauf kehrte ſie zurück und flüſterte ihm leiſe in das Ohr: „Es iſt geſchehen.“ Der Schnee, der ſeit dem Morgen unabläſſig gefallen war, machte, daß man den Fiaker weder kommen noch ſich entfernen hörte. Indeß hatte Herr Leblanc ſich geſetzt. Jondrette nahm den andern Stuhl Herrn Leblanc ge— genüber in Beſitz. Um ſich einen Begriff von dem Auftritte zu machen, der jetzt folgen wird, ſtelle der Leſer ſich in Gedanken die eiſige Nacht, die Einſamkeit der mit Schnee bedeckten Sal⸗ petriere, den wie ein ungeheures Leichentuch ſich darüber hinbreitenden Mondſchein, die röthliche Helligkeit der hier und dort vertheilten Straßenlaternen, die langen Reihen der ſchwarzen Ulmen; eine Viertelſtunde in der Runde vielleicht nicht einen Vorübergehenden, die Baracke Gorbeau in das tiefſte Schweigen, in Entſetzen und Nacht gehüllt und in dieſer Baracke, mitten in dieſer Einſamkeit, mitten in dieſer Finſterniß, die geräumige Kammer Jondrette's, beleuchtet durch ein Licht, und in dieſem Loche zwei Männer an einem uft the ter en en eiſe Tiſche ſitzend, Herr Leblanc ruhig, Jondrette lächelnd und entſetzlich, die Jondrette, die Wölfin, in einer Ecke, und hinter der Wand Marius, unſichtbar, hoch aufgerichtet, kein einziges Wort verlierend, keine einzige Bewegung überſehend, das Auge auf der Lauer, die Piſtolen in der Hand. Marius empfand übrigens nur eine Regung des Ab⸗ ſchenes, aber keine Furcht. Er umfaßte den Griff der Piſtole und fühlte ſich beruhigt.„Ich kann dieſen Elenden ver⸗ haften laſſen, ſobald ich will,“ drohte er. Er fühlte die Polizei irgendwo im Hinterhalte und das verabredete Signal erwartend, vollkommen bereit, den Arm auszuſtrecken. Uebrigens hoffte er, daß aus dieſem gewaltſamen Zu⸗ ſammentreffen Jondrette's mit Herrn Leblanc irgend ein Licht auf Alles das fallen würde, was für ihn von Wichtig⸗ keit war. XIX. Beſchäftigung mit einem dunklen Hintergrunde. Herr Leblanc hatte ſich kaum geſetzt, als er die Augen auf die leeren Lagerſtätten richtete. „Wie geht es der armen kleinen Verwundeten?“ fragte er. „Schlecht,“ erwiderte Jondrette mit einem trüben und dankbaren Lächeln,„ſehr ſchlecht, mein würdiger Herr. Ihre ältere Schweſter hat ſie nach der Klinik geführt, um ſie verbinden zu laſſen. Sie werden ſie ſehen; ſie müſſen ſogleich nach Hauſe kommen.“ 134 „Madame Fabanton ſcheint mir wohler zu ſein?“ ſagte Herr Leblanc, indem er die Augen auf den ſonderbaren Anzug der Jondrette richtete, die zwiſchen ihm und der Thür ſtand, als ob ſie den Ausgang bewachte und ihn in einer drohenden, beinahe kampfgerechten Stellung beobachtete. „Sie iſt ſehr leidend,“ ſagte Jondrette;„aber was wollen Sie, mein Herr? Sie hat ſo viel Muth, dieſe Frau! Sie iſt keine Frau, ſie iſt eine Rieſin!“ Gerührt durch dieſe Schmeichelei rief die Jondrette mit dem Zorn eines geſchmeichelten Ungeheuers:„Du biſt immer zu gut für mich, Herr Jondrette!“ „Jondrette?“ ſagte Herr Leblanc,„ich dachte Sie heißen Fabanton?“ „Fabantou genannt Jondrette!“ entgegnete raſch der Mann;„ein Künſtlerſpottname.“ Mit einem Achſelzucken gegen ſeine Frau, das Herr Leblane nicht bemerkte, fuhr er mit ſchmeichelnder Stimme fort:„ach, wir haben ſtets ein gutes Leben geführt, das arme Liebchen und ich! Was würde uns denn bleiben, wenn wir das nicht hätten? Wir ſind ſo unglücklich, mein achtungswerther Herr. Arme, aber keine Arbeit! Man hat Herz, aber nichts zu thun! Ich weiß nicht, wie die Regierung das macht, aber mein Ehrenwort darauf, mein Herr, ich bin kein Jakobiner, mein Herr, ich will der Re gierung nichts Uebles wünſchen, aber wenn ich der Miniſter wäre, mein heiliges Wort darauf, das ſollte anders werden. Sehen Sie z. B., ich wollte meinen Töchtern das Hand werk der Papparbeiten lernen laſſen. Sie werden mir ſagen; wie! ein Handwerk? Ja, mein Herr! ein einfaches Handwerk! ein Brodverdienſt! Welch ein Sturz, mein Wohlthäter! Welch eine Erniedrigung, mein Herr, wenn man geweſen iſt, was wir waren! Ach! es bleibt uns von der Zeit unſeres Glückes nichts mehr übrig! Nichts als eine winzige Sache, ein Bild, auf das wir große Stücke —3 he gte wen iner der er ume das en, nein Nan — nein iſter den. nd⸗ mir ches nein enn von als icke halten und das ich dennoch fortgeben werde, denn man muß leben!“ „Ja, man muß leben!“ Während Jondrette mit einer Art von ſcheinbarer Un⸗ ordnung ſprach, die ſeinen überlegten und verſtändigen Ausdruck ſeiner Phyſiognomie keinen Eintrag that, erhob Marius die Augen und erblickte im Hintergrunde des Ge— machs einen Menſchen, den er bisher noch nicht geſehen hatte. Ein Menſch war eingetreten, ſo leiſe, daß man die Angeln der Thür nicht gehört hatte. Dieſer Menſch trug eine Jacke von veilchenblauen Tricot, abgenutzt, ſchmutzig, zerriſſen, ein weites Beinkleid von wollenem Sammet, Pan⸗ toffel an den Füßen, kein Hemd; ſein Hals war nackt, ſeine Arme waren nackt, beſchmiert, ſein Geſicht ſchwarz gefärbt. Er ſetzte ſich ſchweigend und mit gekreuzten Armen auf das nächſte Bett, und da er hinter Jondrette ſaß, konnte man ihn nur undeutlich erkennen. Jene Art des magnetiſchen Inſtinktes, welche den Blick beinahe benachrichtigt, machte, daß Herr Leblanc ſich beinahe zu gleicher Zeit mit Marius umwendete. Er konnte ſich einer Regung der Ueberraſchung, die Jondrette nicht entging, nicht erwehren. „Ach, ich ſehe!“ rief Jondrette, indem er ſich mit wohlgefälligem Weſen zuknöpfte,„Sie betrachten Ihren Ueberrock? Er kleidet mir! Meiner Treu, er kleidet mir 3 gut!“ „Wer iſt dieſer Menſch?“ fragte Herr Leblanc. „Das?“ entgegnete Jondrette,„das iſt ein Nachbar. Achten Sie nicht auf ihn.“ Der Nachbar hatte ein ſonderbares Ausſehen. Indeß ſind die Fabriken chemiſcher Producte in der Vorſtadt „St. Marceau in großer Menge vorhanden. Viele Arbeiter der Eiſenwerkſtätten können ein geſchwärztes Geſicht haben. —— Die ganze Perſon des Herrn Leblanc athmete überdies ein offenes und unerſchrockenes Vertrauen. Er entgegnete: „Verzeihung; was ſagten Sie mir ſdoch, Herr Fa⸗ bantou?“ „Ich ſagte Ihnen, mein Herr und theurer Beſchützer“, erwiderte Jondrette, indem er ſich auf den Tiſch ſtützte und Herrn Leblanc mit feſten und zärtlichen Blicken anſah, die viel Aehnlichkeit mit denen einer Boa hatten,„ich ſagte Ihnen, daß ich ein Bild zu verkaufen habe.“ Ein leiſes Geräuſch entſtand an der Thür. Ein zweiter Menſch trat ein und ſetzte ſich auf das Bett hinter die Jondrette. Er hatte wie der erſte, nackte Arme und eine Maske von Tinte oder Ruß. Obgleich dieſer Menſch buchſtäblich in das Gemach geglittten war, vermochte er es doch nicht zu bewerkſtelligen, ohne daß Herr Leblanc ihn bemerkte. „Achten Sie nicht darauf“, ſagte Jondrette,„es ſind Leute aus dem Hauſe. Ich ſagte Ihnen alſo, daß mir ein koſtbares Gemälde blieb— ſehen Sie hier, mein Herr.“ Er ſtand auf, ging zu der Mauer, an deren Fuß der Rahmen lehnte, deſſen wir erwähnten, und wendete ihn um, während er ihn gegen die Wand geſtützt ließ. Es war in der That etwas, das einem Gemälde glich und das von dem Lichte ein wenig beſchienen wurde. Marius konnte nichts davon unterſcheiden, denn Jondrette ſtand zwiſchen dem Gemälde und ihm, nur erblickte er ein grobes Ge⸗ pinſel und eine Art von Hauptperſon, die auf die ſchreiende Weiſe wie auf Meßbildern und Wirthshausſchildern her⸗ vorgehoben war. „Was iſt das?“ fragte Herr Leblanc. Jondrette rief aus: B „Das Werk eines Meiſters, ein Gemälde von hohem Werthe, mein Wohlthäter! Ich hänge daran wie an meinen beid ſagt den ſeh ſor wer Es den vie ſch eh Und n li beiden Töchtern; es ruft mir Erinnerungen zurück! allein ich ſagte ihnen ſchon, daß ich mich des Bildes entledigen muß, denn ich bin ſo unglücklich, daß ich mich dazu gezwungen ſehe.“ Sei es Zufall, ſei es der Anfang irgend einer Be⸗ ſorgniß, genug, indem Herr Leblanc das Bild betrachtete, wendete ſein Blick ſich auf den Hintergrund des Gemaches.— Es befanden ſich jetzt in demſelben vier Menſchen, drei auf dem Bette ſitzend, und einer neben der Thür ſtehend, alle vier mit nackten Armen, regungslos und mit ſchwarz be⸗ ſchmierten Geſichtern. Einer von denen auf dem Bette lehnte ſich an die Wand; er hatte die Augen geſchloſſen, und es ſchien, als ſchliefe er. Das war der Alte; ſeine weißen Haare nahmen ſich entſetzlich gegen ſein ſchwarzes Geſicht aus. Die beiden Andern ſchienen jung zu ſein; der eine war bärtig, der andere haarig. Keiner von Allen trug Schuhe; die, welche keine Pantoffeln an den Füßen hatten, waren baarfuß. Jondrette bemerkte, daß das Auge des Herrn Leblanc ſich auf dieſe Menſchen heftete. „Es ſind Freunde, Nachbarn“, ſagte er.„Das hat ſich beſchmiert, weil das mit Kohlen arbeitet. Es ſind „Ofenſetzer“. Beſchäftigen Sie ſich nicht mit ihnen, mein Wohlthäter, ſondern kaufen Sie mir mein Bild ab. Er⸗ barmen Sie ſich meines Elends. Ich werde es Ihnen nicht theuer verkaufen. Wie hoch ſchätzen Sie es?“ Herr Leblanc ſah Jondrette feſt an, wie ein Menſch, der auf ſeiner Huth iſt, und er ſagte:„Das iſt ein Gaſt⸗ hausſchild; es iſt etwa drei Francs werth.“ Jondrette antwortete voll Sanftmuth: „Haben Sie Ihre Brieftaſche bei ſich? Ich würde mich mit tauſend Thalern begnügen.“ Herr Leblanc ſtand auf, lehnte ſich an die Wand und ließ raſch den Blick in dem Gemache umherſchweifen. Er 138 hatte Jondrette zu ſeiner Linken, auf der Seite des Fenſters und die Jondrette mit den vier Menſchen zu ſeiner Rechten, auf der Seite der Thür. Die vier Menſchen rührten ſich nicht und ſchienen ihn nicht einmal zu ſehen; Jondrette ſprach wieder mit kläglichem Tone und hatte dabei ein ſo ſanftes Auge und einen ſo milden Ausdruck, daß Herr Le⸗ blanc glauben konnte, er hätte es ganz einfach mit einem Menſchen zu thun, der aus Elend wahnſinnig geworden war. „Wenn Sie mir mein Bild nicht abkaufen, mein theurer Wohlthäter, ſagte Jondrette,„ſo bin ich ohne alle Hülfs⸗ mittel, und mir bleibt nichts übrig, als mich in den Fluß zu ſtürzen. Wenn ich daran denke, daß ich meine Töchter das Handwerk der feinen Papparbeiten, der Neujahrs⸗ käſtchen lernen laſſen wollte. Nun wohl, dazu iſt ein Tiſch mit einem Rande erforderlich, damit die Gläſer nicht an die Erde fallen; dann ein eigner Ofen; ein Gefäß mit dreifacher Abtheilung zu den verſchiedenen Graden der Kraft, die der Leim haben muß, je nachdem man ihn zu Holz, zu Pappe, oder zu Stoffen anwendet; ein Meſſer, um die Pappe zu ſchneiden; Formen, ein Hammer, um den Stahl aufzunageln, Pinſel und aller Teufel, was weiß ich! und das Alles, um vier Sous täglich zu gewinnen! Dabei arbeitet man vierzehn Stunden! und jedes Käſtchen geht dreizehn Mal durch die Hände der Arbeiterin! und das Papier zu feuchten, und nichts fleckig zu machen! und den Kleiſter warm zu halten! Der Teufel! Ich ſage Ihnen, vier Sous täglich! Wie ſoll man dabei leben?“ Während Jondrette ſo ſprach, ſah er Herrn Leblanc, der ihn beobachtete, nicht an. Das Ange des Herrn Leblanc hatte ſich auf Jondrette geheftet, und das Auge Jondret⸗ ten's auf die Thür. Die athemloſe Aufmerkſamkeit von Marius wendete ſich von Einem zu dem Andern. Herr Leblanc ſchien ſich zu fragen:„iſt das ein Wahnſinniger?“ Jondrette wiederholte zwei oder drei Mal mit dem S„ — „) ſters chten, nſich drette in ſo e einem wor. eurer ülfs Fluß öchter ahrs Tiſch ht an mit 3 139 verſchiedenartigſten Ausdrucke des flehenden Tones:„Mir bleibt nichts übrig, als mich in den Fluß zu ſtürzen! Ich bin neulich dazu ſchon an der Auſterlitzbrücke drei Stufen hinunter gegangen!“ Plötzlich aber ſchoß ſein erloſchenes Auge fürchterliche Blitze; der kleine Menſch richtete ſich in die Höhe, und wurde entſetzlich. Er that einen Schritt gegen Herrn Leblanc vorwärts, und rief mit donnernder Stimme: „Es handelt ſich nicht um Alles das! Erkennen Sie mich?“ XIX. Der Hinterhalt. Die Thür der Dachſtube war haſtig geöffnet worden, und ließ drei Männer in blauen leinenen Blouſen mit ſchwarzen Papiermasken vor dem Geſicht erblicken. Der erſte war mager und hatte einen langen, eiſenbeſchlagenen Stock in der Hand; der zweite, eine Art von Coloß, trug an der Mitte des Stieles gefaßt und mit dem Griffe nach unten einen Hammer, mit dem man einen Ochſen hätte erſchlagen können. Der dritte, ein Menſch mit gedrungenen Schultern, weniger mager, als der erſte, weniger groß als der zweite, hielt in der Fauſt einen gewaltigen Schlüſſel, den er an irgend einem Gefängnißthor geſtohlen haben mochte. Es ſchien, als wäre die Ankunft dieſer drei Menſchen 140 das geweſen, auf was Jondrette wartete. Ein flüchtiges Geſpräch entſpann ſich zwiſchen ihm und dem Mann mit dem Stocke; dem Magern. „Iſt Alles bereit?“ fragte Jondrette. „Ja,“ erwiderte der magere Menſch. „Wo iſt Montparnaß?“ „Der erſte Liebhaber iſt zurückgeblieben, mit Deiner Tochter zu ſprechen.“ „Mit welcher?“ „Mit der älteren.“ „Iſt der Fiaker unten?“ „Iſt die Halbchaiſe angeſpannt?“ „Angeſpannt.“ „Mit zwei guten Pferden?“ „Mit vortrefflichen.“ „Sie wartet, wo ich geſagt habe?“ „Ja.“ „Gut,“ ſagte Jondrette. Herr Leblanc war ſehr blaß. Er betrachtete die ganze Höhle rings umher, wie ein Menſch, der begreift, wohin er gefallen iſt, und ſein der Reihe nach auf alle die ihn umgebenden Köpfe gerichteter Kopf bewegte ſich auf ſeinem Halſe mit aufmerkſamer und verwunderter Langſamkeit; in ſeiner Haltung lag aber nichts, was der Furcht glich. Er hatte ſich aus dem Tiſch eine improviſirte Verſchanzung gebildet, und dieſer Mann, der einen Augenblick zuvor noch das Ausſehen eines guten alten Spießbürgers hatte, war plötzlich eine Art von Athlet geworden; er legte ſeine kräftige Fauſt mit einer drohenden und überraſchenden Be⸗ wegung auf die Lehne des Stuhls. Dieſer Greis, ſo feſt und ſo muthig gegenüber einer ſolchen Gefahr, ſchien eine jener Naturen zu ſein, die eben⸗ ſo muthvoll wie gut, freundlich und einfach ſind. Der Vo ein bet ſch alt ein no ge ha der er ne tiges mit einer auze ohin ihn inem tz in Er nzung zuvor atte, ſeine Be⸗ einer eben⸗ Der Vater des Mädchens, das wir lieben, iſt niemals für uns ein Fremder. Marius fühlte ſich ſtolz über dieſen Un⸗ bekannten. Drei von den Männern, von welchen Jondrette ge— ſagt hatte: es ſind„Ofenſetzer“, hatten aus dem Haufen alten Eiſenwerkes, der eine eine große Blechſcheere, der zweite eine gewaltige Zange, und der dritte einen Hammer ge nommen, und ſich damit vor die Thür geſtellt, ohne ein Wort zu ſprechen. Der Alte war auf dem Bette liegen geblieben; er hatte nur die Augen geöffnet. Die Jondrette hatte ſich an ſeine Seite geſetzt. Marius dachte, daß, ehe einige Secunden verflöſſen, der Augenblick zur Einmiſchung gekommen ſein würde; er erhob die rechte Hand gegen die Decke in der Richtung nach dem Gange, bereit, den Piſtolenſchuß abzufeuern. Als Jondrette ſein Geſpräch mit dem Mann mit dem Eiſenſtock beendet hatte, wendete er ſich wieder zu Herrn Leblanc und wiederholte ſeine Frage, indem er ſie mit ſeinem gezwungenen und fürchterlichen Lachen begleitete. „Sie erkennen mich alſo nicht?“ Herr Leblanc ſah ihm ſcharf in das Geſicht und antwortete: „Nein. Jondrette trat jetzt bis zu dem Tiſch. Er beugte ſich über das Licht, kreuzte die Arme, näherte ſein eckiges und grauſames Geſicht dem ruhigen Geſichte des Herrn Leblanc, und ſich ſo weit vorbeugend wie möglich, ohne daß Herr Leblanc zurückwich, rief er in der Haltung des wilden Thieres, welches zuzufaſſen im Begriff ſteht: „Ich heiße nicht Fabanton, ich heiße nicht Jondrette, ich heiße Thénardier! Ich bin der Gaſtwirth aus Mont⸗ fermeil! hören Sie wohl? Thénardier! Erkennen Sie mich jetzt?“ Eine unmerkliche Röthe flog über die Stirn des 142 Herrn Leblanc und er antwortete, ohne daß ſeine Stimme zitterte, noch lauter, und mit ſeiner gewöhnlichen Ge⸗ laſſenheit: „Ebenſo wenig.“ Marius hörte dieſe Antwort nicht. Wer ihn in dieſem Augenblick in der Dunkelheit hätte beobachten können, würde geſehen haben, daß er bleich, betäubt und wie vom Blitz getroffen war. In dem Augenblick, als Jondrette ſagte: „Ich heiße Thénardier!“ erbebte Marius an allen Glie⸗ dern, und ſtützte ſich gegen die Wand, als hätte er ſein Herz von einer kalten Degenklinge durchſtochen gefühlt. Dann ſank ſein rechter Arm, der im Begriff geſtanden hatte, den Signalſchuß abzufeuern, langſam herunter, und in dem Augenblick, als Jondrette wiederholte:„Hören Sie wohl, Thénardier?“ Da ließen Marius ſchlaff werdende Finger beinahe die Piſtolen fallen. Indem Jondrette offenbarte, wer er war, hatte er Herrn Leblanc nicht auf⸗ geregt, Marius aber betäubt. Den Namen Thénardier, den Herr Leblanc nicht zu kennen ſchien, kannte Marius ſehr gut. Man erinnere ſich an das, was dieſer Name für ihn war! Dieſen Namen hatte er lange auf ſeinem Herzen getragen, geſchrieben in dem Teſtamente ſeines Vaters! Er trug ihn noch in ſeinen Gedanken im tiefſten Grunde ſeines Gedächtniſſes, vereint mit der heiligen Mah⸗ nung:„Ein gewiſſer Thénardier hat mir das Leben gerettet. Wenn mein Sohn ihm begegnet, ſo wird er ihm ſo viel Gutes erzeigen, als er vermag. Dieſer Name war, wie man ſich erinnern wird, einer von den frommen Gedanken; er ſtellte ihn in ſeinem Cultus neben dem Namen ſeines Vaters. Wie! Dies war der Thenardier, dies war der Gaſtwirth von Montfermeil, den er vergebens ſo lange geſucht hatte? Endlich fand er ihn, und wie! Dieſer Retter ſeines Vaters war ein Bandit! Dieſer Menſch, dem Marius Dienſte zu leiſten vor Ver⸗ 4 lan Ob gel da G Ge vor vie die de mme Ge⸗ eſem ürde Blitz gte Hlie⸗ ſein ühlt. den und Sie ende rette auf⸗ diet, rius ame inem eines fſten Noh⸗ ettet. viel einer ultus der den ihn, 4 ndil! Ver⸗ 143 langen brannte, war ein Ungeheuer! Dieſer Befreier des Oberſten Pontmerch war im Begriff, ein Attentat zu be⸗ gehen, deſſen Geſtalt Marius noch nicht deutlich erkannte, das aber ganz einem Morde glich. Und an wem, großer Gott! welches Verhängniß! welcher bitterer Hohn des Geſchicks! Sein Vater gebot ihm aus ſeinem Sarge her⸗ vor, Thénardier Alles mögliche Gute zu erweiſen, und ſeit vier Jahren hatte Marius keinen andern Gedanken, als dieſe Schuld ſeines Vaters zu tilgen; und in dem Augen⸗ blick, als er durch die Gerechtigkeit einen Böſewicht bei der Begehung eines Verbrechens feſtnehmen laſſen wollte, rief das Schickſal ihm zu: Es iſt Thenardier!— Das Leben ſeines Vaters, welches auf dem Heldenſchlachtfeld von Waterloo unter einem Hagel von Kartätſchen gerettet wurde, ſollte er endlich dieſem Menſchen bezahlen— durch das Schaffot! Er hatte ſich vorgenommen, wenn er dieſen Thénardier jemals treffen ſollte, ſich ihm zu Füßen zu werfen; er fand ihn in der That, aber um ihn dem Henker zu überliefern! Sein Vater ſagte zu ihm: Unterſtütze Thénardier! und er antwortete auf dieſe angebetete und heilige Stimme, indem er Theénardier vernichtete! Seinem Vater im Grabe das Schauſpiel zu gewähren, daß der Mann, der ihn dem Tode mit Gefahr ſeines eigenen Lebens entriſſen hatte, auf dem Platze St. Jacques durch Veran⸗ laſſung ſeines Sohnes, eben des Marius, dem er dieſen Mann als Erbtheil hinterlies, hingerichtet wurde! Welch ein Spott, ſo lange auf ſeiner Bruſt den letzten Willen ſeines Vaters, von deſſen eigner Hand geſchrieben, getragen zu haben, um auf eine ſo entſetzliche Weiſe gerade das Gegentheil zu thun! Auf der andern Seite aber dieſem Hinterhalt beizuwohnen und ihn nicht zu hindern! Wie! das Opfer verurtheilen und den Mörder retten! Konnte man gegen einen ſolchen Verbrecher zu irgend einer Dank⸗ barkeit verpflichtet ſein? Alle Gedanken, die Marius ſeit 144 vier Jahren gehabt hatte, wurden durch dieſen unerwarteten Schlag über den Haufen geworfen. Er erbebte. Alles hing von ihm ab. In ſeiner Hand hielt er ohne deren Wiſſen die Weſen, die ſich unter ſeinen Augen bewegten. Wenn er den Piſtolenſchuß abfeuerte, war Herr Leblanc gerettet und Thénardier verloren; wenn er nicht ſchoß, war Herr Leblanc geopfert und Thénardier entkam dann vielleicht. Den Einen herabſtürzen, oder den Andern fallen laſſen! Reue auf beiden Seiten. Was ſollte er thun? Was wählen? Seine gebieteriſchſten Erinnerungen ver⸗ letzten ſo viel Gelübde, die er ſich ſelbſt gethan, die heiligſte Pflicht, das verehrteſte Gebot! Das Teſtament ſeines Vaters mißachten, oder ein Verbrechen begehen laſſen! Es ſchien ihm, als hörte er auf der einen Seite ſeine Urſula ihn für ihren Vater anflehen, und auf der andern Seite den Oberſten ihm Thénardier empfehlen. Er fühlte ſich wahnſinnig werden. Seine Knie brachen unter ihm; er hatte nicht einmal ſo viel Zeit, zu überlegen, ſo ſehr ſtürmte der Auftritt, den er vor Augen hatte, in wüthender Eile vorwärts. Es war wie ein Wirbel, den er zu beherrſchen geglaubt hatte und der ihn mit fortriß. Er fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Indeß ging Thénardier— wir werden ihn jetzt nicht mehr anders nennen— in einer Art raſenden Triumphs vor dem Tiſche auf und nieder. Er nahm das Licht in die Fauſt und ſetzte es auf den Kamin mit einem ſo heftigen Stoße, daß der Docht beinahe erlöſcht wäre und der Talg die Hände beſpritzte. Dann wendete er ſich zu Leblanc und ſpie auf ent⸗ ſetzliche Weiſe die Worte aus: „Verbrannt! Geräuchert! Fricaſſirt! In die Pfanne gehauen!“ Dann ging er im vollen Ausbruch wieder umher. „Ha!“ rief er endlich,„finde ich Sie, mein Herr Philantrop! mein Herr abgeſchabter Millionär! mein Herr Me wi ein An M teten Alles deren gten. blanc chof, dann allen hun? ver⸗ die ment ehen Seite ndern fühlte m er ürmte Eile ſchen ſich nicht mpho den einahe f ent⸗ ßfamn unher Her Herr 145 Puppenſchenker! Alter Poſſenreißer! Ha! Sie erkennen mich alſo nicht! Nein, Sie waren es nicht, der nach Montfermeil in meinen Gaſthof vor acht Jahren zur Weihnachtszeit kam, Sie waren es nicht, der das Kind der Fantine von mir fortnahm! die Lerche! Sie waren es nicht, der damals den Ueberrock trug! Nein! und in der Hand ein Päckchen mit allerhand Dingen, wie dieſen Morgen bei mir! Sag doch, Frau, es iſt ſeine Sucht ſo, wie es ſcheint, in die Häuſer Packete mit wollenen Strümpfen zu bringen! Alter Almoſenſpender, geh! Sind Sie etwa ein Mützenfabrikant, Herr Millionär? Sie ſchenken den Armen Ihre Ladenhüter, heiliger Mann! Was für ein Seiltänzer!— Ha, Sie erkennen mich alſo nicht? Nun gut, ich erkenne Sie! Ich habe Sie ſogleich erkannt, wie Sie Ihre Naſe hier hereinſteckten! Nun, man wird endlich ſehen, daß es nicht immer gut iſt, ſo in die Häuſer der Leute zu gehen unter dem Vorwande, daß es Wirths⸗ häuſer ſind, mit ſchlechten Kleidern, mit dem Ausſehen eines Armen, ſo daß man ihm einen Sou hätte ſchenken mögen; die Leute zu betrügen, den Großmüthigen zu ſpielen, ihnen ihren Broterwerb zu nehmen und dann in dem Walde zu drohen,— und daß man nicht quitt iſt, wenn man ihnen dann, wenn ſie zu Grunde gerichtet ſind, einen zu weiten Rock bringt und zwei elende Spitaldecken, alter Schuft, Kinderräuber!“ Er blieb ſtehen und ſchien einen Augenblick mit ſich ſelbſt zu ſprechen. Man hätte glauben können, ſeine Wuth ſinke gleich der Rhone in irgend ein Loch. Als ob er dann laut die Dinge beendigte, die er ſich leiſe ſelbſt geſagt hatte, ſchlug er mit der Fauſt auf den Tiſch und ſchrie: „Mit ſeinem gutmüthigen Weſen!“ „Und darauf wieder Herrn Leblanc anredend, ſagte er: „Parbleu! Sie haben ſich ehemals über mich luſtig gemacht! Sie ſind die Urſache aller meiner Unglücksfälle! Die Elenden. VI. 10 146 Sie haben für 1500 Francs ein Mädchen genommen, das mein war und gewiß reichen Leuten gehörte, und mir ſchon viel Geld eingetragen hatte, und durch das ich mein Lebenlang zu leben gehabt hätte! Ein Mädchen, das mich für Alles entſchädigt haben würde, was ich in der ſchänd⸗ lichen Kneipe verlor, wo man den Sabbath feierte und wo ich wie ein Dummkopf alle meine heilige Beute verſchlungen habe! Ha! ich wollte, daß aller Wein, den man bei mir getrunken hat, Gift für die würde, die ihn tranken! Doch gleichviel! Sagen Sie mal, Sie haben mich für recht albern halten müſſen, als Sie mit der Lerche davongingen! Sie hatten Ihren Knittel in dem Walde! Sie waren der Stär⸗ kere. Revanche jetzt. Heute habe ich alle Karten in der Hand! Sie ſind geliefert, mein guter Mann! O, ich lache jetzt, gewiß, ich lache! Iſt der in das Netz gegangen! Ich habe ihm geſagt, ich wäre Schauſpieler, ich hieße Fabantou, ich hätte mit Mamſell Mars Comödie geſpielt, mit Mamſell Muche, daß mein Hausbeſitzer morgen am vierten Februar bezahlt ſein wollte, und er hat nicht einmal geſehen, daß der achte Februar und nicht der vierte der Zahlungstermin iſt! Einfältiger Dummkopf! Und die elenden vier Philipps, die er mir gebracht hat! Canaille! Er hat nicht einmal das Herz gehabt, bis zu hundert Francs zu gehen! Und wie er in meine Albernheiten einſtimmte! Das unterhielt mich. Ich ſagte zu mir ſelbſt: Einfaltspinſel! Geh, ich halte Dich. Ich leckte Dir dieſen Morgen die Pfoten! Heute Abend werde ich Dir das Herz zerreißen!“ Thénardier hielt inne. Er war außer Athem. Seine ſchmale Bruſt keuchte wie ein Schmiedeblaſebalg. Sein Auge war erfüllt von jenem unedlen Glücke eines ſchwachen, grauſamen und feigen Geſchöpfes, das endlich das, was es fürchtete, vernichten, das, dem es ſchmeichelte, beſchimpfen konnte, von der Freude eines Zwerges, der ſeinen Fuß auf den Kopf Goliath's ſetzt, von der Freude eines Schakals, —— das ſchon mein mich hünd⸗ d wo ngen i mir Doch bern Sie ötär⸗ der lache 3 mtol, mſell bruar daß min lippẽ, l das ie er nich. holte Heute Seine Auge chlu⸗ as e myfrn uf alals, 147 der einen kranken Stier zu zerreißen beginnt, der todt genug iſt, um ſich nicht mehr zu vertheidigen, lebendig genug, um noch zu leiden. Herr Leblanc unterbrach ihn nicht, aber als er ſich ſelbſt unterbrach, ſagte er: „Ich weiß nicht, was Sie wollen. Sie verkennen mich. Ich bin ein ſehr armer Menſch und nichts weniger als ein Millionär. Ich kenne Sie nicht. Sie halten mich für einen Andern. „Ha!“ brüllte Thénardier,„die gute Wippe! Sie bleiben alſo bei dieſem Scherze? Sie bleiben ſtecken, mein Alter! So, Sie erinnern ſich nicht! Sie ſehen nicht, wer ich bin?“ „Verzeihung, mein Herr“, erwiderte Herr Leblanc mit einem Klange der Artigkeit, der in einem ſolchen Augenblicke etwas Auffallendes und Gewaltiges hatte,„ich ſehe, daß Sie ein Bandit ſind.“ Wer hat nicht ſchon die Bemerkung gemacht, daß ent⸗ ſetzliche Menſchen ihre Reizbarkeit beſitzen, daß ſie ungemein kitzlich ſind. Bei dem Worte Bandit ſprang die Thénardier von dem Bette herunter und Thénardier erfaßte ſeinen Stuhl, als ob er ihn in ſeinen Händen zertrümmern wollte. „Rühre Dich nicht, Du! ſchrie er ſeiner Frau zu; dann ſich gegen Herrn Leblanc wendend, ſagte er: „Bandit! Ja, ich weiß, was Ihr ſo nennt, Ihr Herren Reichen! Hören Sie! Es iſt wahr, ich habe Ban⸗ kerott gemacht, ich verberge mich, ich habe kein Brod, ich habe keinen Sou, ich bin ein Bandit! Seit drei Tagen habe ich nichts gegeſſen, ich bin ein Bandit! Ha, Ihr habt wattirte Ueberröcke wie die Erzbiſchöfe, Ihr wohnt im erſten Stock, in Häuſern mit einem Portier, Ihr eßt Trüffeln, Ihr eßt Spatgel im Monat Januar, das Bund zu vierzig Francs, junge Erbſen, Ihr ſtopft Euch voll, und wenn Ihr wiſſen wollt, ob es kalt iſt, ſeht Ihr in die Zeitung, was 10* 148 der Thermometer des Ingenieur Chevalier angiebt! Wir, wir ſind ſelbſt Thermometer! Wir brauchen nicht auf den Quai an die Ecke des Uhrenthurmes zu gehen, um nachzu⸗ ſehen, wie viel Grad Kälte wir haben; wir fühlen das Blut in unſern Adern frieren und den Froſt unſer Herz erfaſſen, und wir ſagen zu uns: Es giebt keinen Gott! und Ihr kommt in unſere Höhlen, ja in unſere Höhlen, um uns Banditen zu nennen! Aber wir werden Euch verſchlingen! Wir werden Euch verſchlingen, Ihr armen Kleinen! Herr Millionär, Sie müſſen wiſſen: ich war ein gemachter Mann, ich war patentirt, ich war Wähler, ich bin ein Bürger geweſen! und Sie ſind vielleicht nicht ein mal einer!“ Hier that Thénardier einen Schritt gegen den Men ſchen, der an der Thür ſtand und ſagte bebend vor Wuth: „Wenn ich daran denke, daß er es wagt, mit mir zu ſprechen wie mit einem Schuhßflicker.“ Dann mit wachſender Wuth ſich wieder zu Herrn Seblen wendend, fuhr er fort: Das müſſen Sie auch noch wiſſen, Herr Philantrop! ich bin kein unbekannter Menſch! Ich bin kein Menſch, deſſen Namen man nicht kennt, und der in die Häuſer kommt, um Kinder zu entführen! Ich bin ein alter fran— zöſiſcher Soldat, und ſollte mit dem Orden geſchmückt ſein! Ich war bei Waterloo, ich! Ich habe auf dem Schlacht⸗ felde einen General gerettet, welcher Graf von Pontmerch hieß! Das Bild, das Sie dort ſehen, und das David gemalt hat, wiſſen Sie, wen es vorſtellt? Es ſtellt mich vor. David wollte dieſe Waffenthat unſterblich machen. Ich habe den General Pontmerch auf dem Rücken und trage ihn unter Kartätſchenhagel fort. Das iſt die Ge⸗ ſchichte! Er hat niemals etwas für mich gethan, dieſer General; er war nicht beſſer, wie die übrigen! ich habe ihm nichtsdeſtoweniger ſein Lebeu auf Gefahr des meinigen den chr das Herz und uns gen! Herr chter bin ein Men uth: ir zu errn troy! enſch, äuſer fran ſein! lacht⸗ merch David mich chen und dieſer hobe nigen 149 gerettet, und ich habe mit Zeugniſſen darüber die Taſchen angefüllt! Ich bin ein Soldat von Waterloo, tauſend Namen der Namen! Und jetzt, da ich die Güte gehabt habe, Ihnen das Alles zu ſagen, kommen wir zu Ende. Ich brauche Geld, viel Geld, ungeheuer viel Geld, oder ich vernichte Sie, bei Gott!“ Marius hatte über ſeine Qual einige Herrſchaft wieder gewonnen, und hörte neuerdings. Die letzte Möglichkeit des Zweifels war für ihn verſchwunden. Es war der Thénardier des Teſtaments. Marius erbebte über den Vorwurf der Undankbarkeit, der ſeinem Vater gemacht wurde, und den er auf verhängnißvolle Weiſe zu recht⸗ fertigen im Begriff ſtand. Seine Zweifel verdoppelten ſich dadurch. Uebrigens lag in allen dieſen Worten Thé⸗ nardier's, in ſeinem Tone, ſeinen Bewegungen, ſeinem Blicke, der bei jedem Worte Flammen aus ſeinen Augen ſprühen ließ;— es lag in dieſem ganzen Ausbruch einer gemeinen Natur, welche ein Gemiſch der Prahlerei und der Niedrigkeit, des Stolzes und der Gemeinheit, der Wuth und der Albernheit zeigte;— es lag in dieſem Chaos wirklicher Leiden und falſcher Gefühle, in dieſer Scham⸗ loſigkeit eines boshaften Menſchen, der die Wolluſt der Gewaltthat genoß, in dieſer ſchamloſen Nacktheit einer häß lichen Seele, in dieſem Gemiſch jeder Art des Leidens mit jeder Art des Haſſes;— es lag in dem Allen etwas, das abſchreckend war wie das Böſe und ergreifend wie die Wahrheit. Das Meiſterſtück von einem Gemälde, das Bild Da⸗ vid's, deſſen Ankauf er Herrn Leblanc vorgeſchlagen hatte, war, wie der Leſer errathen haben wird, nichts Anderes, als das Schild ſeiner Kneipe, welches, wie man ſich er⸗ innern wird, er ſelbſt gemalt hatte, das einzige Ueber⸗ bleibſel, welches er aus dem Schiffbruche von Montfermeil davongetragen. 150 Da Jondrette jetzt nicht mehr in Marius Geſichts⸗ kreis ſtand, konnte dieſer die Dinge betrachten, und er er⸗ kannte in dem Geſudel in der That eine Schlacht, im Hintergrund Pulverdampf, und im Vordergrund einen Menſchen, der einen andern trug. Es war die Gruppe von Thénardier und Pontmerch: der rettende Sergeant, der gerettete Oberſt. Marius war wie berauſcht; dieſes Bild machte in gewiſſer Beziehung ſeinen Vater lebend; es war nicht mehr das Gaſthausſchild von Montfermeil, ſondern eine Auferſtehung, ein ſich öffnendes Grab, ein Phantom, das ſich aus demſelben erhob; Marius hörte ſein Herz bis in ſeine Schläfe ſchlagen; die Kanonen von Waterloo tönten ihm um die Ohren, ſein blutender Vater, der auf dieſem finſtern Bilde undeutlich zu erkennen war, erſchreckte ihn, und es war ihm, als ob das mißgeſtaltete Geſicht ihn ſtarr anſähe. Als Thénardier wieder Athem geſchöpft hatte, richtete er ſeine blutunterlaufenen Augen auf Herrn Leblanc und ſagte mit leiſer, ſchneidender Stimme: „Was haſt Du zu ſagen, ehe Du in die Brüche gehſt?“ Herr Leblanc ſchwieg. Mitten in dem Schweigen rief von dem Gange her eine heiſere Stimme mit finſte⸗ rem Spott: „Giebt es Holz zu ſpalten, ſo bin ich da!“ Es war der Menſch mit dem Hammer, der ſich er— luſtigte. Zu gleicher Zeit erſchien ein gewaltiges runzliches und erdfarbiges Geſicht mit einem häßlichen Lachen, das nicht Zähne, ſondern Hauer zeigte, an der Thür. Es war das Geſicht des Menſchen mit dem Hammer. „Weshalb haſt Du Deine Maske abgelegt?“ rief Thénardier ihm zu. „Um zu lachen“, erwiderte der Menſch. Seit einigen Augenblicken ſchien Herr Leblanc allen ichts⸗ t er⸗ t, im einen ruppe geant, dieſes bend; rmeil, „ein hörte von bater, war, taltete ichtete c und veigen finſte⸗ ch er liches das 1 mmel⸗ rief llen — 151 Bewegungen Thénardier's zu folgen und ſie zu belauern. Thenardier war wie geblendet durch ſeine eigne Wuth und ging in dem Raume mit dem Vertrauen auf und nieder, daß die Thür beſetzt war, daß er bewaffnet einen waffen⸗ loſen Menſchen in ſeiner Gewalt hatte und daß ſie ihrer neun gegen einen waren, angenommen, daß die Thénardier nur für einen galt. Bei ſeiner Anrede an den Menſchen mit dem Hammer wendete Thénardier Herrn Leblanc den Rücken. Herr Leblanc erfaßte dieſen Augenblick, ſtieß mit dem Fuße den Stuhl zurück, mit der Fauſt den Tiſch, und mit einem Satz und mit wunderbarer Gewandtheit war er an dem Fenſter, ehe Thénardier noch die Zeit gefunden hatte, ſich umzudrehen. Das Fenſter öffnen, es erklettern, ein Bein hinausſtrecken, war das Werk einer Secunde. Schon war er halb draußen, als ſechs kräftige Fäuſte ihn erfaßten und ihn heftig zurück in das Loch riſſen. Es waren die drei„Ofenſetzer“, die auf ihn zuſprangen. Zu gleicher Zeit hatte die Thénardier ihn in die Haare gepackt. Bei dem Geräuſch, welches dadurch entſtand, eilten die andern Banditen von dem Gange herbei. Der Alte, der auf dem Bette ſaß und betrunken zu ſein ſchien, ſtieg von dem Lager herunter und trat taumelnd näher, in der Hand den Hammer eines Wagenwärters. Einer der„Ofenſetzer“, deſſen geſchwärztes Geſicht von dem Lichte beſchienen wurde, und in welchem Marius dieſer Beſudelung ungeachtet, Panchard, genannt Printanier, oder auch Bigrenaille, erkannte, erhob über dem Kopf des Herrn Leblanc eine Art Todtſchläger, der aus zwei Blei⸗ kugeln an den beiden Enden einer Eiſenſtange beſtand. Marius konnte dieſem Schauſpiel nicht widerſtehen. „Mein Vater, verzeih mir!“ dachte er. Sein Finger griff nach dem Abzug der Piſtole. Eben 152 ſollte der Schuß fallen, als Thénardier mit lauter Stimme ſchrie: „Thut ihm nichts zu Leide!“ Dieſer verzweifelte Verſuch des Opfers war weit ent⸗ fernt, Thénardier außer ſich zu bringen, er hatte ihn viel⸗ mehr beruhigt. Es lagen in ihm zwei Menſchen, ein grau⸗ ſamer und ein kluger. Bis zu dieſem Augenblick hatte in dem Uebermaße des Triumphes und vor der niederge⸗ worfenen ſich nicht regenden Beute der grauſame Menſch die Oberhand gehabt; als das Opfer ſich ſträubte und kämpfen zu wollen ſchien, zeigte ſich der kluge Menſch wieder und gewann die Herrſchaft. „Thut ihm nichts zu Leide!“ wiederholte er und ohne es zu ahnen, hemmte er dadurch den Piſtolenſchuß und lähmte Marius, für den die dringende Nothwendigkeit ver⸗ ſchwand, und der bei dieſer neuen Wendung der Dinge keinen Uebelſtand darin erblickte, noch zu warten. Wer weiß, ob nicht irgend ein Zufall ihn von der entſetzlichen Alternative befreite, den Vater Urſula's oder den Retter des Oberſten untergehen zu laſſen? Ein herkuliſcher Kampf hatte ſich entſponnen. Mit einem Fauſtſchlage mitten auf die Bruſt hatte Herr Leblanc den Alten mitten in das Zimmer auf den Boden geſchleu⸗ dert; dann mit zwei Griffen ſeiner Hand hatte er zwei andere der Angreifer niedergeworfen, und hielt einen der⸗ ſelben unter jedem ſeiner Kniee. Die Elenden röchelten unter dem Drucke wie unter einem Alp; allein die beiden Andern hatten den gefährlichen Greis bei beiden Armen und im Genick gepackt und hielten ihn auf die beiden zu Boden geworfenen„Ofenſetzer“ niedergedrückt. So Herr der Einen und bezwungen durch die Andern, die unten er⸗ drückend, und ſelbſt erſtickend unter denen, die über ihm, ver⸗ gebens alle ſeine Kraft anſtrengend, dieſe abzuſchütteln, ver⸗ ſchwand Herr Leblanc unter der entſetzlichen Gruppe der imme ent viel⸗ grau hatte erge enſch und enſch ohne Und ver inge lichen etter Mit blanc hleu zwei der⸗ elten die eiden eiden Her ner ver ver der 153 Banditen wie ein Eber unter dem heulenden Haufen der Spür⸗ und Fanghunde. Es gelang ihnen, ihn auf das dem Fenſter zunächſt ſtehende Lager zu werfen, und ihn hier in Reſpect zu halten. Die Thénardier hatte ſeine Haare nicht losgelaſſen. „Du miſcheſt Dich nicht hinein“, ſagte Thénardier zu ſeiner Frau.„Du wirſt Deinen Shawl zerreißen.“ Die Thénardier gehorchte murrend, wie die Wölfin dem Wolfe gehorcht. „Ihr Andern“, gebot Thénardier,„durchſucht ihn Herr Leblanc ſchien auf den Widerſtand verzichtet zu haben. Man durchſuchte ihn. Er hatte nichts bei ſich, als eine lederne Geldbörſe, welche ſechs Franecs enthielt, und ſein Taſchentuch. Thénardier ſteckte das Taſchentuch in ſeine Taſche. „Wie?“ rief er,„keine Brieftaſche?“ „Und auch keine Uhr!“ entgegnete eiuer der„Ofen⸗ ſetzer.“ „Gleichviel!“ murmelte mit ſeiner Bauchrednerſtimme der maskirte Menſch, der einen großen Schlüſſel hielt;„es iſt ein alter Eſel.“ Thenardier ging in die Ecke neben der Thür, ergriff hier ein Pack Stricke und warf es ihnen zu. „Bindet ihn an das Fußende des Bettes,“ ſagte er, und als er den Alten bemerkte, der nach dem Fauſtſchlage des Herrn Leblanc am Boden liegen geblieben war und ſich nicht rührte, ſagte er: „Iſt Boulatruelle todt?“ „Nein,“ erwiderte Bigrenaille,„er iſt nur betrunken.“ „Setzt ihn in eine Ecke,“ ſagte Thénardier. Zwei der„Ofenſetzer“ ſtießen den Trunkenbold mit den Füßen bis in die Nähe des Haufens von altem Eiſenwerk. „Babet,“ ſagte Thénardier leiſe zu dem Menſchen 1 154 mit dem Knüttel;„weshalb haſt Du ſo Viele mitgebracht? Es war unnöthig.“ „Ja, was willſt Du?“ erwiderte der Menſch mit dem Stocke.„Sie wollten Alle dabei ſein. Die Zeiten ſind ſchlecht. Es ſind keine Geſchäfte zu machen.“ Das Lager, auf welches man Herrn Leblanc geworfen hatte, war eine Art von Hoſpitalbett, das auf vier groben, kaum geglätteten hölzernen Säulen ſtand. Herr Leblanc ließ Alles mit ſich geſchehen. Die Räuber banden ihn feſt an, halb ſtehend, die Füße an den Boden herabhängend, und mit den Händen an dem Kopfende des Bettes, das am entfernteſten von dem Fenſter, und am nächſten bei dem Kamin ſtand. Als der letzte Knoten zugezogen war, nahm Thénardier einen Stuhl und ſetzte ſich Herrn Leblanc beinahe gerade gegenüber. Thénardier glich ſich ſelbſt nicht mehr; binnen wenigen Augenblicken war der Ausdruck ſeiner Phyſiognomie von dem zügelleſer Gewaltthätigkeit bis zu dem ruhiger und verſchlagener Sanftmuth übergegangen. Marius hatte Mühe, in dieſem freundlichen Lächeln eines Bureaumen⸗ ſchen den beinahe thieriſchen Mund wieder zu erkennen, der einen Augenblick zuvor noch ſchäumte. Er betrachtete wie betäubt dieſe phantaſtiſche und beunruhigende Metamorphoſe, und empfand ungefähr das, was ein Menſch empfinden würde, der einen Tiger ſich in einen Advocaten verwan⸗ deln ſähe. „Mein Herr,“ ſagte Thénardier.— Dann wies er mit einer Handbewegung die Räuber zurück, welche Herrn Leblanc noch gefaßt hielten. „Entfernt Euch ein wenig,“ gebot er,„und laßt mich mit dem Herrn plaudern.“ Alle zogen ſich gegen die Thür zurück. Er fuhr fort: „Mein Herr, Sie haben Unrecht gehabt, den Verſuch zu machen, zum Fenſter hinaus zu ſpringen. Sie hätten 5)— —— cht? dem echt. rfen ben, lonc feſt end, das deln diet rade nnen omie iger atte en der wie oſe, en van⸗ uber — ſ 155 ſich dabei ein Bein brechen können. Jetzt wollen wir, wenn Sie es mir gütigſt erlauben, ruhig miteinander ſprechen. Ich muß Ihnen zunächſt eine Bemerkung mittheilen, die ich ge⸗ malpt habe, nämlich, daß Sie nicht den geringſten Schrei ausſtießen.“ Thénardier hatte Recht; dieſe Bemerkung war richtig, obgleich ſie Marius in ſeiner Verwirrung entging. Herr Leblanc hatte kaum einige Worte ausgeſprochen, ohne die Stimme zu erheben, und ſelbſt bei ſeinem Kampf in der Nähe des Fenſters mit den ſechs Banditen hatte er das tiefſte und auffallendſte Schweigen bewahrt. Thénardier fuhr fort: „Mein Gott, hätten Sie ein wenia gerufen: Diebe! ſo hätte ich das gar nicht unpaſſend gefunden. Mörder! auch das ſagt ſich gelegentlich, und was mich betrifft, ſo hätte ich es Ihnen nicht übel genommen, es iſt ganz ein⸗ fach, daß man ein wenig Lärm macht, wenn man ſich in Geſellſchaft von Perſonen befindet, die einem kein hinläng⸗ liches Vertrauen einflößen. Hätten Sie das gethan, ſo würde man Sie keineswegs gehindert haben. Man hätte Sie nicht einmal geknebelt. Ich will Ihnen auch ſagen, weshalb. Das kommt daher, weil das Zimmer hier ganz taub iſt. Es hat weiter nichts für ſich, als das hat es für ſich. Es iſt ein Keller. Schöſſe man hier eine Bombe los, ſo würde das für die nächſte Wache kein größeres Ge⸗ räuſch ſein, als das Schnarchen eines Betrunkenen. Die Kanone würde hier Bum machen, und der Donner Puff. Es iſt eine bequeme Wohnung. Aber Sie haben nicht ge⸗ ſchrien, und das iſt deſto beſſer. Ich mache Ihnen darüber mein Compliment, und will Ihnen ſagen, was ich daraus ſchließe. Mein lieber Herr, wenn man ſchreit, was ge⸗ ſchieht dann? Die Polizei kommt. Und nach der Polizei? Die Juſtiz. Nun wohl! Sie haben nicht geſchrieen; das kommt daher, weil ſie ebenſo wenig wie wir die Juſtiz und 156 die Polizei kommen zu ſehen wünſchen. Das geſchieht— ich vermuthe das ſchon ſeit längerer Zeit— weil Sie ir⸗ gend ein Intereſſe dabei haben, irgend eine Sache zu ver⸗ bergen. Wir unſererſeits haben daſſelbe Intereſſe, wir können daher uns miteinander verſtändigen.“ Während Thénardier ſo ſprach, ſchien er, die Augen feſt auf Herrn Leblane gerichtet, die ſcharfen Spitzen, die ſeine Blicke ſchoſſen, bis in das Gewiſſen ſeines Gefangenen bohren zu wollen. Seine Sprache trug übrigens dabei den Stempel einer gemäßigten und höhniſchen Unverſchämtheit; er war zurückhaltend und beinahe gewählt dabei, und in dem Elenden, der eben noch nichts war als ein Bandit, erkannte man jetzt den Menſchen, der ſtudirt hatte, um Prieſter zu werden. Das Schweigen, welches der Gefangene bewahrte, hatte die Vorſicht, die ſo weit ging, daß er ſelbſt die Frage für die Erhaltung ſeines Lebens darüber vergaß, dieſer Wider⸗ ſtand, den er der erſten natürlichen Regung entgegenſetzte, die darin beſteht, einen Schrei auszuſtoßen, das Alles war, wie wir geſtehen müſſen, Marius läſtig, ſobald er es be merkte, und verſetzte ihn in eine peinliche Stimmung. Die ſo begründete Bemerkung, welche Thénardier ge macht hatte, verdunkelte für Marius noch die geheimnißvolle Finſterniß, in welche das ernſte und auffallende Geſicht ſich zurückzog, dem Courfeyrae den Spottnamen Herr Leblanc gegeben hatte. Aber wer er auch ſein mochte, mit Stricken gebunden, von Mördern umgeben, ſo zu ſagen halb in eine Grube geſenkt, die unter ihm ſich mit jedem Augenblick um einen Grad vertiefte— bei der Wuth, wie bei der Sanft muth Thénardier's blieb dieſer Menſch vollkommen theil namlos, Marins konnte ſich daher auch nicht enthalten, in einem ſolchen Augenblicke dieſes ſtolze melancholiſche Geſicht zu bewundern. Offenbar war dieſe Seele unzugänglich für den Schrecken, e ir⸗ ver⸗ wir ugen die enen i den heit; d in ndit, un hatte für ider⸗ ette, war, be 157 und wußte nicht, was es hieß, außer ſich zu gerathen. Es war einer jener Menſchen, welche die Verwunderung über die verzweifeltſten Lagen beherrſchen. So groß auch die Gefahr war, ſo unendlich die Kataſtrophe ſchien, lag in ihm doch nichts von der Todesangſt des Ertrinkenden, der unter dem Waſſer voll Entſetzen die Augen aufreißt. Thénardier erhob ſich ohne Zorn, ging zu dem Kamin, ſchob den Schirm zurück, den er gegen das andere Lager ſtützte, und zeigte ſo das Becken mit den glühenden Kohlen, in welchem der Gefangene die Gartenſcheere rothglühend erblicken konnte. Dann ſetzte Thenardier ſich wieder zu Herrn Leblanc. „Ich fahre fort“, ſagte er.„Wir können uns mit einander verſtändigen. Machen wir die Sache freundſchaft⸗ lich ab. Ich habe ſpeben Unrecht gehabt, mich zu ereifern. Ich weiß nicht, wo ich meinen Verſtand hatte. Ich bin viel zu weit gegangen und habe mir Ausſchweifungen er— laubt. Zum Beiſpiel, weil Sie Millionair ſind, habe ich geſagt, daß ich Geld verlangte, viel Geld, ungeheuer viel Geld. Das war nicht vernünftig. Mein Gott, wenn Sie auch reich ſind, ſo haben Sie doch auch Ihre Laſten, denn wer hätte nicht die ſeinigen? Ich will Sie nicht zu Grunde richten, denn ich bin kein Menſchenfreſſer. Ich gehöre nicht zu denen, die, weil ſie den Vortheil der Lage für ſich haben, dieſe benutzen, um ſich lächerlich zu machen. Sehen Sie, ich will meinerſeits ein Opfer bringen. Ich brauche blos zweimalhunderttauſend Francs.“ Herr Leblanc äußerte kein Wort. Thénardier fuhr fort: „Sie ſehen, daß ich nicht wenig Waſſer in meinen Wein ſchütte. Ich kenne den Zuſtand Ihres Vermögens nicht. Allein ich weiß, daß Sie nicht auf das Geld achten, und ein ſo wohlthätiger Mann, wie Sie ſind, kann wohl einem Familienvater, der nicht glücklich iſt, zweimalhundert⸗ 158 tauſend Francs geben.— Gewiß ſind Sie auch verſtändig; Sie haben ſich nicht eingebildet, daß ich mir ſo viel Mühe geben würde, wie heute, und daß ich die Angelegenheit dieſes Abends, die eine ſo tief durchdachte Arbeit iſt, mit der Zu⸗ ſtimmung dieſer Herren ordnen würde, um dahin zu ge⸗ langen, von Ihnen ſo viel zu fordern, um Rothwein für fünfzehn Sous zu trinken und Kalbfleiſch zu eſſen. Zwei⸗ malhunderttauſend Francs das iſt gerade paſſend. Iſt dieſe Kleinigkeit einmal aus Ihrer Taſche heraus, ſo ſtehe ich Ihnen dafür, daß Alles damit abgemacht iſt und daß Sie dann keine Zwickerei wieder zu fürchten haben. Sie werden mir antworten: aber ich habe nicht zweimalhunderttauſend Francs bei mir. O, ich bin nicht übertrieben in meinen Forderungen. Das verlange ich nicht. Ich fordere nur Eines. Haben Sie die Güte zu ſchreiben, was ich Ihnen dictiren werde.“ Hier unterbrach ſich Thénardier; dann fügte er mit be⸗ ſonderer Betonung der Worte und indem er ein Lächeln auf das Kohlenbecken richtete, hinzu: „Ich gebe nicht zu, daß Sie nicht ſchreiben können.“ Ein Großinquiſitor hätte ihn um dieſes Lächeln be⸗ neiden können. Thénardier rückte den Tiſch bis zu Herrn Leblanc heran; er nahm das Tintenfaß, eine Feder und ein Blatt Papier aus dem Tiſchkaſten, den er geöffnet ließ, ſo daß man darin die Meſſerklinge blitzen ſehen konnte. Er legte das Blatt Papier vor Herrn Leblanc. „Schreiben Sie“, ſagte er. Der Gefangene ſprach endlich: „Wie ſoll ich ſchreiben? Ich bin angebunden?“ „Das iſt wahr, Verzeihung!“ ſagte Thénardier,„Sie haben Recht.“ Und ſich gegen Bigrenaille wendend, befahl er:„binde den rechten Arm des Herrn los.“ 1 1 159 ndig; Panchaud, Printanier, oder auch Bigrenaille genannt, Mihe vollzog den Befehl Thénardiers. ieſes Als die rechte Hand des Gefangenen frei war, tauchte Z⸗ Thénardier die Feder in die Tinte und gab ſie ihm. u ge⸗„Bemerken Sie wohl, mein Herr, daß Sie in unſerer nfür Gewalt, unſerer Gnade preisgegeben ſind; daß keine menſch⸗ zwei⸗ liche Gewalt Sie von hier erretten kann, und daß wir dieſe wahrhaft in Verzweiflung gerathen würden, ſähen wir uns e ich gezwungen, zu dem unangenehmen Aeußerſten zu ſchreiten. Sie Ich kenne weder Ihren Namen, noch Ihre Adreſſe. Allein erden ich benachrichtige Sie, daß Sie angebunden bleiben werden, ſend bis die Perſon zurückgekehrt ſein wird, die den Brief über⸗ inen bringt, den Sie ſchreiben ſollen. Jetzt haben Sie die Güte, nr zu ſchreiben.“ hn„Was?“ fragte der Gefangene. „Ich dictire.“ it be⸗ Herr Leblanc nahm die Feder. nuf Thénardier begann zu dictiren: „Meine Tochter—“ . Der Gefangene erbebte und richtete die Augen auf Thénardier. „Schreiben Sie: Meine theure Tochter,“ ſagte Thé⸗ blun nardier. Blt Herr Leblanc gehorchte. ß Thénardier fuhr fort: „Komm auf der Stelle— Er unterbrach ſich. „Sie nennen ſie Du?“ „Wen?“ fragte Herr Leblanc. „Parbleu!“ entgegnete Thénardier,„die Kleine.“ gi Herr Leblanc antwortete ſcheinbar ohne die geringſte Aufregung: in„Ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen.“ 160 „Nun, ſchreiben Sie nur immerhin“, erwiderte Thé⸗ nardier und begann wieder zu dictiren: „Komm auf der Stelle. Ich bedarf Deiner unbedingt. Die Perſon, die Dir dieſen Brief übergeben wird, iſt be⸗ auftragt, Dich zu mir zu führen. Ich erwarte Dich. Komm mit vollem Vertrauen!“ Herr Leblanc hatte Alles geſchrieben. Thénardier fuhr fort: „Streichen Sie:„„komm mit vollem Vertrauen““ aus. Das könnte auf die Vermuthung bringen, die Sache ſei nicht ganz einfach, und daraus Mißtrauen entſtehen.“ Herr Leblanc ſtrich die vier Worte aus. „Jetzt“, fuhr Thénardier fort,„unterzeichnen Sie.“ Der Gefangene legte die Feder hin und fragte: „An wen iſt der Brief?“ „Sie wiſſen es wohl“, erwiderte Thénardier.„An die Kleine. Ich habe es Ihnen ja geſagt.“ Offenbar vermied es Thénardier, das junge Mädchen, von dem die Rede war, zu nennen. Er ſagte„die Lerche“, er ſagte„die Kleine“, aber er ſprach den Namen nicht aus. Vorſicht eines gewandten Menſchen, der vor ſeinen Helfers⸗ helfern ſein großes Geheimniß bewahrte. Den Namen zu nennen, hätte geheißen, ihnen die ganze Angelegenheit aus⸗ zuliefern und ihnen mehr zu ſagen, als ſie zu wiſſen nöthig hatten. Er fuhr fort: „Unterzeichnen Sie. Wie heißen Sie?“ „Urban Fabre.“ Mit der Bewegung einer Katze ſteckte Thénardier raſch die Hand in die Taſche und zog das Taſchentuch hervor, das er Herrn Leblanc abgenommen hatte. Er ſuchte nach dem Zeichen und näherte es dem Lichte. „U F. Richtig. Urban Fabre. Nun wohl, ſo unter⸗ zeichnen Sie U. F.“ — ingt. be⸗ omm dier gus. ſei u6 thig — 161 Der Gefangene unterzeichnete. „Da zwei Hände erforderlich ſind, um den Brief zu⸗ ſammen zu brechen, geben Sie ihn mir. Ich werde ihn falten!“ Als dies geſchehen war, nahm Thénardier wieder das Wort: „Schreiben Sie die Adreſſe: An Fräulein Fabre, in Ihrer Wohnung. Ich weiß, daß Sie nicht ſehr weit von hier entfernt wohnen, in der Gegend von Saint⸗ Jacques du Haut⸗Pas, weil Sie dort täglich in die Meſſe gehen, aber ich weiß nicht, in welcher Straße Ihre Woh⸗ nung liegt. Ich ſehe, daß Sie Ihre Lage begreifen. Da Sie hinſichtlich Ihres Namens nicht gelogen haben, werden Sie auch hinſichtlich Ihrer Adreſſe nicht lügen. Schreiben Sie ſie ſelbſt auf. „Der Gefangene dachte einen Augenblick nach, nahm dann die Feder und ſchrieb: „An Fräulein Fabre bei Herrn Urban Fabre, Rue St. Dominique d'Enfer Nr. 17.“ Thenardier ergriff den Brief mit einer Art fieberhaften Krampfes. „Weib!“ rief er. Die Thénardier eilte herbei. „Hier iſt der Brief, Du weißt, was Du damit zu thun haſt. Ein Fiaker ſteht unten. Fahre ſogleich fort und komme eilend wieder.“ Und ſich an den Mann mit dem Hammer wendend, fügte er hinzu: „Da Du doch Deine Maske abgelegt haſt, begleite die Frau. Du wirſt hinten auf den Fiaker ſteigen. Du weißt, wo Du die Chaiſe gelaſſen haſt?“ „Ja“, ſagte der Mann. „Verliere nur den Brief nicht! Bedenke, daß Du zwei⸗ malhunderttauſend Francs in der Taſche haſt.“ Die Elenden. vI. 11 162 Die rauhe Stimme der Thénardier antwortete: „Sei ganz ruhig. Ich habe ihn ſicher verſteckt.“ Noch war keine Minute verfloſſen, als man den Knall einer Peitſche hörte, der ſich allmälig verminderte und dann gänzlich verſtummte. „Gut!“ brummte Thénardier.„Sie fahren tüchtig zu. Bei dieſem Galopp wird die Frau in drei Viertelſtunden zurück ſein.“ Er rückte ſeinen Stuhl an den Kamin, ſetzte ſich, kreuzte die Arme über der Bruſt und hielt ſeine Stiefel gegen das Kohlenbecken. „Meine Füße ſind kalt“, ſagte er. Es blieben in dem Loche mit Thénardier und dem Ge⸗ fangenen nur noch fünf Banditen. Dieſe Menſchen hatten unter ihren Masken oder der ſchwarzen Farbe, welche ihr Geſicht bedeckte und je nach der Wahl der Furcht aus ihnen Kohlenbrenner, Neger oder Dämonen machte, ein mürriſches finſteres Weſen und man fühlte, daß ſie ein Verbrechen wie ein Geſchäft ganz ruhig, ohne Zorn und Mitleid vollbringen würden, wie eine Art Zeitvertreib. Sie waren in einer Ecke zuſammengedrängt wie wilde Thiere, die ſcheu ſind. Thénardier wärmte ſich die Füße. Der Gefangene war wieder in ſein Schweigen verſunken. Eine finſtere Stille folgte auf den wilden Lärm, der einige Augen⸗ blicke zuvor die Kammer erfüllte. Das Licht, an welchem ſich eine dicke Schnuppe abge⸗ ſetzt hatte, beleuchtete kaum den weiten Raum; das Kohlen⸗ becken war dunkler geworden und alle die entſetzlichen Köpfe warfen mißgeſtaltete Schatten an die Wände und die Decke. Man hörte kein anderes Geräuſch, als den ruhigen Athem des ſchlafenden betrunkenen Greiſes. Marius wartete in einer Angſt, die durch Alles ge⸗ ſteigert wurde. Das Räthſel war undurchdringlicher wie je. Knall dann ig zu. unden reuzte n dos Ge hatten taus , ein ie ein und Sie hiere, Der Eine ugen⸗ abge⸗ ohlen⸗ lichen und higen 6 ge⸗ 163 Wer war dieſe„Kleine“, die Thenardier auch die„Lerche“ genannt hatte? War das ſeine„Urſula“? Der Gefangene war durch das Wort„Lerche“ allem Anſchein nach nicht aufgeregt worden. Er hatte auch auf die natürlichſte Weiſe von der Welt geantwortet: ich weiß nicht, was Sie wollen. Auf der anderen Seite waren die beiden Buchſtaben U. F. erklärt; ſie bezeichneten Urban Fabre und Urſula hieß nicht mehr Urſula. Das war es, was Marius am deutlichſten fühlte. Eine Art verhängnißvoller Zauber hielt ihn an den Ort gebannt, von wo er den ganzen Auftritt beobachtete und überblickte. Er ſtand hier beinahe unfähig einer Ueber⸗ legung und ohne Bewegung, wie vernichtet durch die ent⸗ ſetzlichen Dinge, die er ſo in der Nähe ſah. Er wartete, indem er auf irgend ein Ereigniß hoffte, gleichviel welches. Denn er konnte ſeine Gedanken nicht ſammeln und wußte nicht, zu was er ſich entſchließen ſollte. Auf jeden Fall, dachte er, will ich ſehen, ob die Lerche ſie iſt, denn die Theénardier bringt ſie her, dann iſt Alles entſchieden. Ich gebe mein Leben und mein Blut, wenn es ſein muß, aber ich befreie ſie! Nichts ſoll mich daran hindern! So verfloß beinahe eine halbe Stunde. Theénardier ſchien in ein tiefes Sinnen verſunken zu ſein. Der Ge⸗ fangene rührte ſich nicht. Indeß glaubte Marius in kleinen Zwiſchenräumen ſeit einigen Augenblicken ein leiſes dumpfes Geräuſch von der Seite des Gefangenen her zu vernehmen. Plötzlich redete Thénardier den Gefangenen an: „Herr Fabre, ſehen Sie, es iſt ebenſo gut, wenn ich Ihnen das gleich ſage.“ Dieſe wenigen Worte ſchienen der Anfang einer Auf⸗ klärung zu ſein. Marius lauſchte: Thenardier fuhr fort: „Meine Gattin wird bald zurückkommen; werden Sie nicht ungeduldig. Ich denke, daß die Lerche wirklich Ihre 11* 164 Tochter iſt und finde es ganz natürlich, daß Sie dieſelbe bei ſich haben. Nun, hören Sie wohl, wird meine Frau ſie mit Ihrem Briefe aufſuchen. Ich habe meiner Frau befohlen, ſich ſo zu kleiden, wie Sie geſehen haben, damit Ihre Tochter ihr ohne Schwierigkeit folgt. Sie werden Beide, mit meinem Kameraden hintenauf, in den Fiaker ſteigen. Es ſteht irgendwo draußen bei einer Barrière eine Chaiſe, die mit zwei guten Pferden beſpannt iſt. Dahin wird man Ihre Tochter bringen. Sie ſteigt aus dem Fiaker, mein Kamerad ſteigt mit ihr in die Chaiſe und meine Frau kommt hierher, um uns zu ſagen: es iſt geſchehen. Was Ihre Tochter betrifft, ſo wird man ihr nichts zu Leide thun; die Chaiſe bringt ſie an einen Ort, wo ſie ganz ruhig ſein kann, und ſobald Sie mir die Kleinigkeit von zweimalhunderttauſend Francs ausgezahlt haben, giebt man ſie Ihnen zurück. Wenn Sie mich verhaften laſſen, verſetzt mein Kamerad der Lerche den Gnadenſtoß, das iſt Alles.“ Der Gefangene ſprach kein einziges Wort. Nach einer Pauſe fuhr Thénardier abermals fort: „Das iſt ganz einfach, wie Sie ſehen. Es wird dabei nichts Böſes ſein, wenn Sie nicht wollen. Da es geſchehen iſt, erzähle ich Ihnen die Geſchichte. Ich mache Sie darauf aufmerkſam, damit Sie Beſcheid wiſſen.“ Er hielt inne; der Gefangene brach das Schweigen nicht und Thénardier nahm wieder das Wort:“ „Sobald meine Frau zurück iſt und mir geſagt hat: die Lerche iſt auf dem Wege, laſſen wir Sie los und es ſteht Ihnen frei, nach Hauſe zu gehen. Sie ſehen wohl, daß wir keine böſe Abſichten hatten.“ Entſetzliche Bilder ſchwebten Marius immer vor Augen. Wie! das junge Mädchen, das man entführte, ſollte man nicht herbringen! Eines dieſer Ungeheuer ſollte es fortſchaffen? Wohin? Und wenn ſie es war! Offenbar war ſie es! Marius fühlte die Schläge ſeines Herzens ſtocken. Wo dieſ füre jun Me Be Abe rau rau mit den aker ine ird ein mnt hre mn, ſend enn rche iner bei hen tauf gen es ohl, gen. llte wat en. — — —— —— 165 Was ſollte er thun? Den Piſtolenſchuß abfeuern? Alle dieſe Elenden in die Hände der Juſtiz liefern? Allein der fürchterliche Menſch mit dem Hammer wäre dann mit dem jungen Mädchen gegen jeden Angriff geſichert geweſen und Marius dachte an die Worte Thénardier's, deren blutige Bedeutung er nur zu ſehr erkannte: wenn Sie mich ver⸗ haften laſſen, giebt mein Kamerad der Lerche den Gnadenſtoß. Jetzt fühlte er ſich nicht mehr blos durch das Teſta⸗ ment des Oberſten zurückgehalten, ſondern auch durch ſeine Liebe, durch die Gefahr, welche die lief, die er liebte. Dieſe entſetzliche Lage, welche ſchon ſeit länger als einer Stunde währte, veränderte mit jedem Augenblick das Ausſehen. Marius beſaß die Kraft, nach einander alle fürchterlichen Möglichkeiten zu prüfen. Er ſuchte nach einer Hoffnung und fand ſie nicht. Der Tumult ſeiner Gedanken ſtach grell ab gegen das finſtere Schweigen des Ortes. Während dieſes Schweigens hörte man endlich das Geräuſch der ſich öffnenden und dann wieder ſchließenden Treppenthür. Der Gefangene machte in ſeinen Banden eine Be⸗ wegung. „Da kommt meine Frau!“ ſagte Thénardier. Kaum hatte er ausgeſprochen, als in der That die Thenardier in das Gemach ſtürzte, roth, athemlos, keuchend, mit flammenden Blicken und, indem ſie mit ihren großen Händen zugleich auf beide Schenkel ſchlug, wüthend ausrief: „Falſche Adreſſe!“ Der Bandit, den ſie mit ſich genommen hatte, zeigte ſich hinter ihr und ergriff ſeinen Hammer wieder. „Falſche Adreſſe!“ wiederholte Thénardier. Sie entgegnete: „Niemand! Rue St. Dominique Nr. 17 kein Herr Urbain Fabre! Man weiß dort nicht wer das iſt!“ 166 Sie hielt athemlos inne und fuhr nach einer kurzen Pauſe fort: „Herr Thénawier! dieſer Alte hat Dich angeführt! Du biſt zu gut, ſiehſt Du wohl. Was mich betrifft, ſo hätte ich ihm gleich zu allem Anfang die Zunge gelöſt! Und hätte er dabei den Boshaften geſpielt, ſo würde ich ihn lebendig gebraten haben. Er hätte ſprechen müſſen und ſagen, wo ſeine Tochter iſt und wo er ſeinen Schatz verborgen hat! So hätte ich es gemacht! Man hat wohl guten Grund, zu fagen, daß die Männer dümmer ſind wie die Weiber! Niemand, Nr. 17, das iſt ein großer Thor⸗ weg. Kein Herr Fabre, Rue St. Dominique und, was die Pferde laufen wollen und ein Trinkgeld an den Kut⸗ ſcher und Alles! Ich habe mit dem Thürhüter und der Thürhüterin geſprochen, die eine ſchöne kräftige Frau iſt, ſie kennen den Menſchen nicht.“ Marius athmete auf. Seine Urſula oder die Lerche, ſie, die er nicht zu nennen wußte, war gerettet.. Während ſeine Frau ſich ereiferte, hatte Thénardier ſich auf den Tiſch geſetzt; er ſprach einige Augenblicke kein Wort, ließ das rechte Bein, das herunterhing, baumeln und ſah mit dem Weſen finſterer Träumerei auf das Koh⸗ lenbecken. 3 Endlich ſagte er zu dem Gefangenen mit einer lang⸗ ſamen und auffallend grauſamen Betonung: „Eine falſche Adreſſe? Was haſt Du denn gehofft?“ „Zeit zu gewinnen!“ rief der Gefangene mit don⸗ nernder Stimme. Und in demſelben Augenblick ſchüttelte er ſeine Banden ab. Sie waren durchgeſchnitten. Der Gefangene war nur noch mit einem Bein an das Bett gebunden. Ehe die ſieben Menſchen Zeit ge⸗ wonnen hatten, ſich zu faſſen und auf ihn zu ſtürzen, bel da D in w n de en 167 beugte er ſich gegen den Kamin, ſtreckte die Hand gegen das Kohlenbecken aus, richtete ſich dann in die Höhe, und Thénardier, die Thénardier und die Banditen, die ergriffen in den Hintergrund der Höhle zurückwichen, ſahen erſtarrt, wie er die rothglühende Baumſcheere, von welcher finſter glühende Funken herabfielen, über den Kopf ſchwang, bei⸗ nahe frei und in einer drohenden Haltung. Die gerichtliche Durchſuchung, zu welcher der Hinter⸗ halt in der Baracke Gorbeau ſpäter führte, hat conſtatirt, daß ein großer Sou, auf eine eigenthümliche Weiſe bear⸗ beitet, auf der Lagerſtätte gefunden wurde, als die Polizei hier Nachſuchung hielt; dieſer große Sou war eines jener Wunder der Induſtrie, welche die Geduld des Bagno oft in der Finſterniß und für die Finſterniß erfindet, Wunder, welche nichts anderes ſind, als Werkzeuge des Entrinnens. Dieſe entſetzlichen und feinen Producte einer wunderbaren Kunſt ſind in der Bijouterie das, was die Metapher in der Poeſie ſind. Es giebt Benevenuto Cellini's in dem Bagno. Der Unglückliche, der ſich nach Freiheit ſehnt, findet zuweilen ohne Werkzeuge mit einer Hippe, mit einem alten Meſſer das Mittel, einen Sou in zwei dünne Platten zu zerſchneiden und dieſe beiden Platten auszuhöhlen, ohne das Gepräge zu verletzen und dann am Rande die beiden Platten wieder zu vereinigen. Das läßt ſich nach Belieben auseinander nehmen und wieder zuſammenlegen; es iſt ein Käſtchen. In dieſem Käſtchen verbirgt man eine Uhrfeder und dieſe geſchickt gebrauchte Uhrfeder ſchneidet Gitter und Eiſenſtangen durch. Man glaubt, der unglückliche Züchtling beſitze nichts als einen Sou, allein er beſitzt in demſelben die Freiheit. Ein Sou dieſer Art wurde bei den ſpä teren Nachſuchungen der Polizei offen und in zwei Stücken in dem Loche auf der Lagerſtätte zunächſt dem Fenſter ge⸗ funden. Man entdeckte ebenſo eine kleine Säge von blauem Stahl, die in dem dicken Sou verborgen werden konnte. 168 Wahrſcheinlich hatte der Gefangene in dem Augenblicke, als die Banditen ihn durchſuchten, dieſen Sou bei ſich gehabt und es war ihm gelungen, ihn in der Hand zu verbergen; als er dann die rechte Hand frei hatte, öffnete er ihn und be⸗ diente ſich der Säge, um die Stricke, mit denen er ge⸗ bunden war, zu durchſchneiden. Dies erklärt das leiſe Ge⸗ räuſch und die kaum merklichen Bewegungen, welche Marius geſehen hatte. Da er ſich nicht hatte bücken können, aus Furcht, ſich zu verrathen, hatte er die Bande ſeines linken Beines nicht durchſchnitten. Die Banditen hatten ſich von ihrer erſten Ueberra⸗ ſchung erholt. „Sei ruhig,“ ſagte Bigrainelle zu Thénardier, er iſt noch mit dem linken Beine angebunden und wird nicht frei werden. Ich ſtehe dafür. Ich habe ihm die Pfote an⸗ geſchnürt.“ Indeß erhob der Gefangene die Stimme. „Ihr ſeid Unglückſelige, doch mein Leben lohnt nicht der Mühe, ſo ſehr vertheidigt zu werden, wenn Ihr Euch einbildet, mich dahin bringen zu können, daß ich ſpreche, daß ich ſchreibe, was ich nicht ſchreiben will, daß ich ſage, was ich nicht zu ſagen Luſt habe.“ Er ſchob den Aermel ſeines linken Armes zurück und fügte hinzu: „Seht.“ In demſelben Augenblicke ſtreckte er den Arm aus und legte auf das Fleiſch die glühende Scheere, die er an dem hölzernen Griff in der rechten Hand hielt. Man hörte das Ziſchen des verſengenden Fleiſches; der eigenthümliche Geruch der Marterkammern verbreitete ſich in der Höhle; Marius bebte vor Entſetzen; die Ban⸗ diten ſelbſt fühlten ein Fröſteln; das Geſicht des merkwür⸗ digen Greiſes verzog ſich kaum, und während das rothe 6 ud s be⸗ ge⸗ e⸗ 16 ich cht Eiſen ſich in die dampfende Wunde bohrte, richtete er gleich⸗ gültig und in erhabener Ruhe auf Thénardier ſeinen freien Blick, ohne Haß, und ſein Leiden verſchwand dabei in einer erhabenen Majeſtät. Bei großen und gewaltigen Naturen macht der Wider⸗ ſtand des Fleiſches und der Sinne, welche eine Beute des Schmerzes ſind, daß ihre Seele hervortritt und ſich auf ihrer Stirn offenbart, ſowie der Aufſtand der Soldateska den Feldherrn zwingt, ſich zu fügen. „Elende!“ rief er,„fürchtet Euch ebenſo wenig vor mir, wie ich mich vor Euch fürchte!“ Und die Scheere aus der Wunde ziehend, warf er zu dem offen gebliebenen Fenſter das entſetzliche Inſtrument hinaus, welches in der Nacht verſchwand und in den Schnee erloſch. Dann ſagte der Gefangene:„Jetzt macht mit mir, was Ihr wollt.“ Er war entwaffnet. „Packt ihn!“ ſagte Thénardier. Zwei der Schurken legten ihm die Hand auf die Schulter und der maskirte Menſch mit der Bauchredner⸗ ſtimme ſtellte ſich ihm gegenüber, bereit, ihm bei der ge⸗ ringſten Bewegung mit ſeinem gewaltigen Schlüſſel den Schädel einzuſchlagen. Zu gleicher Zeit hörte Marius unter ſich an der Wand, aber ſo nahe, daß er die nicht ſehen konnte, welche ſprachen, das leiſe geführte Geſpräch: „Es bleibt jetzt nur noch Eins übrig.“ „Ihn abthun!“ „Richtig!“ Es war der Mann und die Frau, die ſich beriethen. Thénardier ging mit langſamen Schritten zu dem Tiſche, öffnete den Kaſten und nahm das Meſſer heraus. Marius faßte den Kolben der Piſtole. 170 Unerhörte Zweifel! Seit einer Stunde ſprachen in ſeinem Gewiſſen zwei Stimmen: die eine ermahnte ihn, das Teſtament ſeines Vaters zu befolgen, die andere rief ihm zu, dem Gefangenen zu Hülfe zu eilen. Dieſe beiden Stimmen ſetzten ohne Unterbrechung ihren Kampf fort und verurſachten ihm Todesqualen. Er hatte bisher die un⸗ beſtimmte Hoffnung gehegt, irgend ein Mittel ausfindig zu machen, und ſeine Pflichten mit einander zu vereinigen. Aber es bot ſich ihm nichts Mögliches. Indeß drängte die Gefahr, die letzte Grenze des Angriffes war erreicht. Einige Schritte von dem Gefangenen entfernt ſtand Thénardier ſinnend, das Meſſer in der Hand. Außer ſich und wie in Verzweiflung eine letzte Hülfe ſuchend, blickte Marius umher. Plötzlich erbebte er. Zu ſeinen Füßen auf dem Tiſche beſchien ein Strahl des Mondes ein Blatt Papier. Auf dem Blatte las er die Worte, welche die älteſte Tochter Thénardier's an eben dieſen Morgen mit großen Buchſtaben geſchrieben hatte: Die Einkeiler ſind da! Ein Licht der Gedanken zuckte ihm durch das Gehirn; das war das Mittel, das er ſuchte, die Löſung dieſes ent⸗ ſetzlichen Problems, das ihn marterte: den Mörder ſchonen und das Opfer retten. Er kniete auf der Kommode nieder, ergriff das Blatt Papier, bröckelte leiſe ein Stückchen Kalk von der Wand ab, wickelte das Papier darum und warf das Blatt durch die Oeffnung in der Wand in die Höhle hinein. Es war die höchſte Zeit. Thénardier hatte ſeine letz⸗ ten Zweifel oder ſeine letzten Gewiſſensbiſſe beſiegt und ging auf den Gefangenen zu. „Es fällt Etwas!“ rief die Thénardier. „Was iſt es?“ 171 Das Weib war hinzugeſprungen und hatte den Kalk mit dem Papiere aufgehoben. Sie übergab es ihrem Manne. „Wo iſt das hergekommen?“ fragte Thénardier.“ „Nun,“ ſagte die Frau,„wo ſoll es hergekommen ſein? durch das Fenſter.“ „Ich ſah es vorüberfliegen,“ ſagte Bigrenaille. Thénardier entfaltete raſch das Papier und näherte es dem Lichte. „Es iſt Eponinens Schrift! Der Teufel!“ Er gab ſeiner Frau ein Zeichen; dieſe trat raſch zu ihm und er zeigte ihr die auf dem Blatt Papier geſchrie⸗ benen Worte. Dann fügte er mit dumpfer Stimme hinzu: „Raſch! die Leiter! Laſſen wir den Speck in der Mauſefalle und machen wir uns davon.“ „Ohne den Kerl den Hals abzuſchneiden?“ fragte die Thénardier. „Wir haben dazu keine Zeit.“ „Wo hinaus?“ rief Bigrenaille. „Durch das Fenſter,“ entgegnete Thénardier.„Da Ponine den Stein durch das Fenſter herein geworfen hat, iſt es ein Zeichen, daß das Haus auf der Seite nicht umſtellt iſt.“ Die Maske mit der Bauchrednerſtimme legte ihren großen Schlüſſel an die Erde, erhob die beiden Arme in die Luft und öffnete und ſchloß drei Mal hintereinander raſch die Hände, ohne ein Wort zu ſprechen. Es war das Signal: Hängematten nieder zum Kampfe für eine Schiffs⸗ equipage. Die Banditen, die den Gefangenen hielten, ließen ihn los. In einem Nu war die Strickleiter entrollt und hing zum Fenſter hinaus, feſtgemacht am Sims deſſelben durch die beiden eiſernen Haken. Der Gefangene achtete nicht auf das, was rings um ihn her vorging. Er ſchien zu träumen oder zu beten. Sobald die Leiter befeſtigt war, ſchrie Thénardier: 172 „Komm, Frau!“ Und er ſtürzte auf das Fenſter zu. Allein als er es erſteigen wollte, packte Bigrenaille ihn derb am Kragen. „Nein, nicht ſo, alter Poſſenreißer; nach uns!“ „Nach uns!“ heulten die Banditen. „Ihr ſeid Kinder!“ entgegnete Thénardier.„Wir verlieren die Zeit. Sie ſind uns auf den Ferſen.“ „Nun wohl,“ ſagte Einer der Banditen,„ſo loſen wir, wer zuerſt hinaus ſoll.“ Theénardier rief: „Seid Ihr toll? Seid Ihr verrückt? Iſt das ein Haufen Dummköpfe! Zeit verlieren, nicht wahr! Looſen, nicht wahr? Unſere Namen aufſchreiben! ſie in eine Mütze werfen?“ „Wollt Ihr dazu meinen Hut?“ rief auf der Schwelle der Thür eine Stimme. Alle Banditen wendeten ſich um. Es war Javert. Er hielt einen Hut in der Hand und bot ihnen den⸗ ſelben lachend. Man ſollte ſtets den Anfang damit machen, die Opfer feſtzunehmen. Javert hatte mit Anbruch der Nacht ſeine Leute auf⸗ geſtellt, und ſich ſelbſt hinter den Bäumen der Rue de la 173 Barriere des Gobelins in Hinterhalt gelegt, der Baracke Gorbeau auf der anderen Seite des Boulevard gerade ge⸗ genüber. Er machte den Anfang damit,„ſeine Taſche“ zu öffnen, um die beiden jungen Mädchen hineinzuſtecken, die damit beauftragt waren, die Zugänge zu der Höhle zu über⸗ wachen. Allein er hatte nur Azelma„eingekaſtelt,“ Eponine war nicht auf ihrem Poſten; ſie war verſchwunden, und er hatte ſie nicht faſſen können. Dann hatte Javert ſich auf die Lauer gelegt, auf das verabredete Signal horchend. Das Kommen und Wegfahren des Fiaker beunruhigte ihn ſehr. Er wurde endlich ungeduldig und überzeugt, daß es hier ein„ganzes Neſt voll“ gäbe, und daß er einen Glücksſchlag machen könnte, da er mehrere der einge⸗ tretenen Banditen erkannt hatte, entſchloß er ſich endlich, hinaufzugehen, ohne den Piſtolenſchuß abzuwarten. Man erinnert ſich, daß er den Schlüſſel hatte, den Marius ihm gab. Er kam eben zur rechten Zeit. Die erſchrockenen Banditen ſtürzten ſich auf die Waffen, die ſie in dem Augenblick der Flucht in allen Winkeln ab⸗ gelegt hatten. Binnen weniger als einer Sekunde ſtanden ſieben Menſchen von entſetzlichem Ausſehen in einer dro⸗ henden Haltung der Vertheidigung ihm gegenüber, der eine mit ſeinem Hammer, der andere mit ſeinem Schlüſſel, der vritte mit ſeinem Todtſchläger, die andern mit Eiſenſtangen, Knütteln, Zangen; Thénardier mit ſeinem Meſſer in der Fauſt. Die Thénardier ergriff einen ungeheuren Pflaſterſtein, der in einem Winkel bei dem Fenſter lag, und ihren Töchtern zum Sitz diente. Javert ſetzte ſeinen Hut wieder auf den Kopf und that zwei Schritte in das Zimmer hinein, die Arme gekreuzt, den Stock unter dem Arm, den Degen in der Scheide. „Halt da!“ ſagte er.„Ihr werdet nicht zum Fenſter hinausgehen, ſondern zur Thür. Das iſt weniger ge⸗ 174 fährlich. Ihr ſeid ſieben, wir ſind fünfzehn. Laßt uns nicht wie Auvergnaten in die Haare gerathen. Seid hübſch vernünftig.“ Bigrenaille ergriff eine Piſtole, die er unter ſeiner Blouſe verborgen hielt, gab ſie Thénardier in die Hand und flüſterte ihm in das Ohr: „Es iſt Javert; ich wage nicht auf dieſen Menſchen zu ſchießen. Wagſt Du es?“ „Parbleu!“ erwiderte Thénardier. „Nun gut, ſo ſchieße.“ Thénardier nahm die Piſtole und zielte auf Javert. Javert, der drei Schritt von ihm entfernt ſtand, ſah ihn feſt an, und begnügte ſich damit, ihm zuzurufen: „Schieß nicht! Dein Schuß wird abblitzen.“ Thénardier zog den Drücker. Der Schuß verſagte. „Habe ich es Dir nicht geſagt?“ ſagte Javert. Bigrenaille warf ſeinen Todtſchläger zu den Füßen Javert's nieder. „Du biſt der Herr der Teufel!“ ſagte er.„Ich er⸗ gebe mich.“ „Und Ihr?“ fragte Javert die andern Banditen. Sie antworteten: „Wir auch.“ Javert entgegnete voll Ruhe: „Gut ſo! gut ſo! Ich ſagte es ja doch. Seid hübſch vernünftig.“ „Ich verlange nur Eins,“ ſagte Brigrenaille,„daß man mir den Tabak nicht verweigert, während ich in Unter⸗ ſuchung bin.“ „Zugeſtanden,“ ſagte Javert. Und ſich zurückwendend und hinter ſich rufend, fuhr er fort: „Kommt jetzt herein!“ Ein Schwarm von Stadtſergeanten mit dem Degen in der Fauſt und mehrere bewaffnete Polizeiagenten mit Todt⸗ — — — n 175 ſchlägern und Stricken ſtürzten auf den Ruf Javert's herein. Man band die Banditen. Die Menſchenmenge, die kaum von einem einzigen Lichte beleuchtet wurde, erfüllte den dunklen Raum. „Handſchellen für Alle!“ ſchrie Javert. „Kommt doch ein wenig näher!“ ſchrie eine Stimme, die keine Mannsſtimme war, von der aber Niemand hätte ſagen können: es iſt eine Weiberſtimme. Die Theénardier hatte ſich in einer Ecke des Fenſters verſchanzt, und ſie war es, die den Ruf ausſtieß. Die Stadtſergeanten und Polizeiagenten wichen zurück. Sie hatte ihren Shawl abgeworfen, ihren Hut aber aufbe⸗ halten; ihr Mann, der hinter ihr kauerte, verſchwand bei⸗ nahe unter dem herabgefallenen Shawl, und ſie deckte ihn mit ihrem Körper, indem ſie den Fflaſterſtein mit beiden Händen über den Kopf erhob und ihn hin und her wiegte, wie eine Rieſin, die einen Felsblock zu ſchleudern im Be⸗ griff ſteht. „Vorgeſehen!“ ſchrie ſie. Alle wichen gegen den Gang zurück. Es entſtand in der Mitte der Kämpfer ein großer leerer Raum. Die Thenardier warf einen Blick auf die Banditen, die ſich hatten binden laſſen, und murmelte mit einem rauhen Kehltone: „Die Memmen!“ Javert lächelte und trat in den leeren Raum, den die Thénardier mit ihren blitzenden Augen überſah. „Komm nicht näher! Geh zurück!“ ſchrie ſie ihm zu, „oder ich zerſchmettere Dich!“ „Was für ein Grenadier!“ ſagte Javert.„Mutter, Du haſt einen Bart wie ein Mann, aber ich habe Krallen wie ein Weib.“ Er trat näher. Die Thénardier, die furchtbar anzuſehen war, ſtellte die Beine auseinander, bog ſich zurück und ſchleuderte den Pflaſterſtein gegen Javert's Kopf. Javert bückte ſich, der Stein flog über ihn hinweg und traf im Hintergrunde die Wand, von der er ein großes Stück Kalk abriß; dann ricochettirte er von Ecke zu Ecke durch die Höhle und blieb endlich harmlos zu den Füßen Javert's liegen. In eben dem Augenblick hatte Javert das Ehepaar Thenardier erreicht. Die eine ſeiner gewaltigen Fäuſte ſenkte ſich nieder auf die Schulter des Weibes, die andere auf den Kopf des Mannes. „Die Handſchellen!“ gebot er. Die Polizeimänner kehrten in Maſſe zurück, und binnen wenigen Secunden war der Befehl Javert's vollzogen. Die Thénardier betrachtete zuſammengebrochen ihre und ihres Mannes gefeſſelte Hände, ließ ſich an den Boden ſinken und ſchrie weinend: „Meine Töchter!“ „Sie ſind in Sicherheit“, ſagte Javert. Indeß hatten die Polizeiagenten den Trunkenbold bemerkt, der hinter der Thür ſchlafend lag, und ſchüttelten ihn. Er erwachte und ſtammelte: „Iſt es zu Ende, Jondrette.“ „Ja“, erwiderte Javert. Die ſechs gebundenen Banditen ſtanden aufrecht; übri⸗ gens hatten ſie noch ihr Ausſehen von Geſpenſtern; drei waren ſchwarz angeſchmiert, drei maskirt. „Behaltet Eure Larven“, ſagte Javert. Und indem er mit dem Blicke Friedrich's II. bei der Parade in Potsdam an ihnen entlang ging, begrüßte er die drei„Ofenſetzer“: „Guten Tag, Bigrenaille, guten Tag, Brujon, guten Tag, Zwei⸗Milliarden!“ Dann wendete er ſich zu den drei Masken und ſagte zu dem Mann mit dem Hammer:— — un ieb r ſte ere en bri⸗ drei der die uten ate „Guten Tag, Gueulemer.“ Zu dem Mann mit dem Gürtel: „Guten Tag, Babet.“ Und zu dem Bauchredner: „Sei gegrüßt, Claqueſous.“ In dieſem Augenblick gewahrte er den Gefangenen der Banditen, der ſeit dem Eintritt der Polizeiagenten kein Wort geſprochen hatte und den Kopf geſenkt hielt. „Bindet den Herrn los,“ ſagte Javert,„daß Niemand ſich entfernt.“ Als er dies geſagt hatte, ſetzte er ſich mit herriſchem Weſen an den Tiſch, auf welchem das Licht und das Schreib⸗ geräth ſtehen geblieben war, zog ein geſtempeltes Papier aus der Taſche und begann ſein Protokoll aufzunehmen. Als er die erſten Zeilen geſchrieben hatte, welche ſtets fich gleichbleibende Formeln ſind, erhob er die Augen und ſagte: „Der Herr, den dieſe Herren gebunden hatten, trete näher.“ Die Polizeidiener blickten umher. „Nun?“ fragte Javert,„wo iſt er denn?“ Der Gefangene der Banditen, Herr Leblanc, Herr Urban Fabre, der Vater Urſula's oder der Lerche war ver ſchwunden. Die Thür war beſetzt, aber das Fenſter nicht. Sobald er ſich losgebunden ſah, und während Javert ſprach, be⸗ nutzte er die Unruhe, die Verwirrung, das Gedränge, die Dunkelheit, und einen Augenblick, in welchem die Aufmerk ſamkeit ſich nicht auf ihn richtete, um ſich zum Fenſter hin⸗ aus zu ſchwingen. Ein Polizeiagent eilte zu dem Dachfenſter und blickte hinaus. Es war draußen Niemand zu ſehen. Noch zuckte die Strickleiter. Die Elenden. VI. 12 178 „Der Teufel!“ brummte Javert zwiſchen den Zähnen, „das muß der Beſte geweſen ſein.“ XXII. Der Kleine will ſeine Eltern beſuchen. Am Tage nach dem, an welchem dieſe Ereigniſſe in dem Hauſe des Boulevard de l'Hopital ſtattfanden, ging ein Kind, welches von der Auſterlitzbrücke zu kommen ſchien, durch die rechte Seitenallee in der Richtung nach der Barriere von Fontainebleau. Es war Nacht. Das Kind war blaß, mager, mit Lumpen bekleidet, trug mitten im Februar eine Leinwandhoſe und ſang aus voller Kehle. An der Ecke der Rue Petit Banquier wühlte eine Alte, die ſich niedergebeugt hatte, bei dem Schein der Straßen⸗ laterne in einem Unrathhaufen; das Kind ſtieß im Vorüber⸗ gehen an das Weib, und wich dann zurück, indem es rief: „Sieh, ich hatte das für einen gewaltigen Hund ge⸗ halten!“ Er ſprach das Wort„gewaltigen“ zum zweiten Male mit einem ſpöttiſchen Schnarren der Stimme aus— Die Alte erhob ſich wüthend. „Du Dreckpranger“, brummte ſie.„Wenn ich nicht gebückt geweſen wäre, ſo würde ich wohl wiſſen, wohin ich Dir einen Fußtritt verſetzt hätte.“ Das Kind war ſchon in einiger Entfernung. „Kſch! kſch!“ machte er.„Ich habe mich alſo doch vielleicht nicht getäuſcht.“ nen, ſe in ging hien, der Kind im Alte, ßen⸗ ber⸗ rief: ge⸗ Male nicht nich doch 179 2 Die Alte, die vor Unwillen erſtickte, richtete ſich hoch empor, und der rothe Schein der Laterne beleuchtete hell ihr bleiches Geſicht, das von Runzeln und Ecken durchfurcht war, und deſſen Gänſefüße ſich mit den Mundwinkeln ver⸗ einigten. Der übrige Körper verlor ſich in der Dunkelheit, ſo daß man nur den Kopf ſah. Der Knabe betrachtete ſie. „Madame“, ſagte er dann,„Sie beſitzen nicht die Art von Schönheit, die mir gefallen könnte.“ Er verfolgte ſeinen Weg, indem er trällerte. Bald darauf unterbrach er ſich. Er war zu der Nummer 50— 52 gekommen, und da er die Thür ver⸗ ſchloſſen fand, ſtieß er mit den Füßen dagegen, mit ſo drohenden und kräftigen Stößen, daß ſie weit mehr die Mannesſchuhe verriethen, die er trug, als die Kinderfüße, die er hatte. Indeß lief eben die Alte, die er an der Ecke der Rue du Petit Banquier getroffen hatte, hinter ihm her, indem ſie laut ſchrie und übermäßig mit den Händen geſticulirte. „Was giebt es? Was giebt es? Herr mein Gott! man ſtößt die Thür ein! man zertrümmert das Haus!“ Die Fußſtöße währten fort. Die Alte keuchte. „Geht man ſo jetzt mit den Häuſern um?“ Plötzlich blieb ſie ſtehen. Sie hatte den Gamin er⸗ kannt. „Wie! Es iſt der Satan!“ „Sieh, es iſt die Alte!“ ſagte das Kind.„Guten Abend, alte Burgon. Ich komme, meine Vorfahren zu beſuchen.“ Die Alte antwortete, indem ſie ein Geſicht ſchnitt, welches eine bewundernswerthe Improviſation des Haſſes war, der aus der Hinfälligkeit und der Häßlichkeit Vortheil zog, leider aber durch die Dunkelheit verloren ging: 180 „Es iſt Niemand da, Taugenichts!“ „Pah!“ entgegnete das Kind.„Wo iſt denn mein Vater?“ „In La Force.“ „Ei!— und meine Mutter?“ „In St. Lazare.“ „Schön!— und meine Schweſtern?“ „In den Madelonnettes.“ Das Kind kratzte ſich hinter dem Ohre, ſah Mame Burgon an und ſagte: „Ei!“ Dann wendete der Junge ſich raſch auf den Abſätzen um, und einen Augenblick darauf hörte die Alte, die an der Schwelle der Thür ſtehen geblieben war, ſeine klare, jugend⸗ friſche Stimme hinter den ſchwarzen Ulmen, die der winter⸗ liche Wind ſchüttelte, einen Gaſſenhauer ſingen. Ende der dritten Abtheilung. Druck von A. Paul& Co. in Berlin, Kronenſtraße 21. „ — rey Control Chart 0 Sreen Vellow Bed Magenta SR—