—— S Leihbibliothek deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprchende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet † wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat;: TW— 1N F. K. 2 3 4 t Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der ie auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und git Bücher(namentlich bei ſolchen mi Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver i lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſe der Leſer zum Erſatz S Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, S das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ 1 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben ———————— —————————. Die Elenden. Von victor Hugr. Deutſch von L. von Alvensſehen. Fünfter Band. Dritte Abtheilung: Marius. Erſter Band. ———— Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung (J. Winckler.) Marins. Von Victor Hugo. Deutſch von L. von Aenslehen. SCrſter Band. (Dritte Abtheilung der„Elenden“) —— Berlin. Haſſelberg'ſche Verlagshandlung. (J. Winckler.) S Marius. Erſtes Buch. Paris in ſeinen Rtomen. do e 1 Parvulus. Paris hat ein Kind und die Straßen haben einen Vogel; der Vogel heißt der Sperling; das Kind heißt der Gamin. Man verbinde dieſe beiden Gedanken, von welchem der eine einen Schmelzofen, der andere die ganze Morgenröthe enthält, man ſchütte die Funken beider durcheinander, Paris und die Kindheit, ſo entſteht daraus ein kleines Weſen. Homuncio würde Plautus ſagen. Dieſes kleine Weſen iſt luſtig. Es ißt nicht alle Tage geht aber alle Abend, wenn es ihn ſo gut dünkt, in das Theater. Es hat kein Hemd auf dem Leibe, keine Schuhe an den Füßen, kein Dach über dem Kopfe. Es gleicht den Fliegen, die von alledem nichts beſitzen. Es iſt ſieben bis dreizehn Jahr alt, lebt in Gemeinſchaft, tritt das Pflaſter und wohnt in freier Luft; trägt eine alte Hoſe von ſeinem Vater, die ihn bis über die Hacken herabhängt, einen alten Hut von irgend einem andern Vater, der ihn bis über die Ohren fällt, ein einziges Tragband von gelber Borde, läuft, ſpäht, bittet um Almoſen, verliert die Zeit, flucht wie ein Verdammter, beſucht die Cabarets, kennt die 8 Spitzbuben, duzt die Dirnen, ſpricht kauderwelſch, ſingt leichtfertige Lieder und hat im Herzen nichts Böſes. Das kommt daher, weil in ſeiner Seele eine Perle ruht, die Un⸗ ſchuld, und die Perlen löſen ſich in dem Koth nicht auf⸗ So lange der Menſch Kind iſt, will Gott, daß er auch un⸗ ſchuldig ſei. Fragt man die gewaltige Stadt:„wer iſt das?“ ſo würde ſie darauf antworten:„das iſt mein Kleiner.“ H. Einige der beſonderen Zeichen. Der Gamin von Paris iſt der Zwerg des rieſigen Geſchlechts. Uebertreiben wir nicht; dieſer Cherubin der Straßen⸗ rinnen hat zuweilen ein Hemd, aber dann hat er nur eins; er hat zuweilen Schuhe, aber dann haben die Schuhe keine Sohlen; er hat zuweilen eine Wohnung und liebt dieſe, denn er findet in derſelben ſeine Mutter; aber die Straße zieht er vor, weil er auf ihr die Freiheit findet. Er hat ſeine eigenen Spiele, ſeine eigenen Bosheiten, deren Grund⸗ lage der Haß gegen die Wohlhabenden bildet; ſeine eigenen Redensarten. Todt ſein heißt bei ihm Hundslattig bei der Wurzeleſſen; ſein eigenes Geſchäft, Fiaker holen, die Tritte der Wagen herablaſſen, bei heftigem Regen einen Weg über die Straße kehren, was er nennt Kunſtbrücken bau Gun ſteir Sti fe wel bar ſeh 9 bauen; die Reden auszuſchreien, welche die Behörde zu Gunſten des franzöſiſchen Volkes erläßt; zwiſchen den Pflaſter⸗ ſteinen kratzen; er hat ſein eigenes Geld, welches aus allen Stücken kleinen geprägten Kupfers beſteht, die man auf den öffentlichen Wegen finden kann. Dieſes merkwürdige Geld welches den Namen Fetzen annimmt, hat ſeinen unwandel⸗ baren Cours und iſt in dem kleinen Zigeunerlande der Kinder ſehr gut geordnet. Endlich hat er auch ſeine eigenen Thiere, die er in den Winkeln aufmerkſam beobachtet; das Thier des guten Gottes, die Todtenkopfswanze, den Aergerlichen,„den Teufel“, ein ſchwarzes Inſekt, welches dadurch verletzt, daß es ſeinen mit zwei Hörner beſetzten Schwanz zuſammenzieht; er hat ſein fabelhaftes Ungeheuer, welches Schuppen unter dem Bauch hat und doch keine Eidechſe iſt, Blaſen auf dem Rücken und doch keine Kröte iſt, welches die Löcher der alten Kalk⸗ öfen und der ausgetrockneten Ziehbrunnen bewohnt, ſchwarz, haarig, klebrig, kriechend, bald langſam, bald raſch, welches nicht ſchreit, aber ſieht, und ſo fürchterlich iſt, daß noch Nie⸗ mand es jemals erblickt hat. Er nennt dieſes Ungeheuer „den Tauber.“ Tanber unter den Steinen zu ſuchen iſt ein Vergnügen gefährlicher Art. Ein anderes Vergnügen iſt, plötzlich den Stein aufzuheben und Kellerwürmer zu ſuchen. gede Gegend von Paris iſt berühmt durch die intereſſanten Auffindungen, die man dort machen kann. Es giebt Ohr⸗ würmer auf den Zimmerſtätten der Urſelinerinnen, Tauſend⸗ füße im Panthéon, Froſchwürmer in den Gräbern des Märzfeldes. Was Witzworte betrifft, ſo hat dieſes Kind ſie von Talleyrand. Es iſt nicht minder cyniſch, aber rechtſchaffener. Es iſt begabt mit einer unvorhergeſehener Luſtigkeit; er er⸗ ſchreckt den Krämer durch ſein tolles Lachen. Seine Ton⸗ leiter geht luſtig von dem höheren Luſtſpiel bis zu der Poſſe herab. Ein Leichenzug kommt vorüber. Unter denen, welche ihn begleiten, befindet ſich ein Arzt. „Sieh,“ ruft ein Gamin,„ſeit wann bringt denn ein Arzt ſeine Werke zurück!“ Ein Anderer drängt ſich unter die Menge. Ein ernſter Mann mit Brille und Uhrgehänge wendet ſich unwillig um: „Taugenichts,“ ſagte er,„Du haſt meiner Frau einen Kuß geſtohlen.“ „Ich, Herr? Unterſuchen Sie mich?“ MI. Er kann angenehm ſein. Am Abend geht der homuncio mit Hülfe einiger Sous, die er ſich ſtets zu verſchaffen die Mittel findet, in ein Theater. Indem er die Zauberſchwelle überſchreitet, ver⸗ wandelt er ſich, er war der Gamin, er wird der Titi. Die Theater ſind eine Art umgekehrter Schiffe, welche den Schiffs⸗ raum oben haben. In dieſem nimmt der Titi Platz. Der Titi iſt im Verhältniß zum Gamin das, was der Nachtfalter im Verhältniß zur Puppe iſt; daſſelbe Geſchöpf, aber flie⸗ gend und ſchwärmend. Es genügt, daß er da iſt, mit ſeinem vor Glück ſtrahlenden Geſicht, mit ſeiner Kraft des Enthu⸗ ſiasmus und der Frende, mit ſeinem Händeklatſchen, welches dem Schlagen der Flügel gleicht, damit dieſer enge, dunkle ſchmutzige, ungeſunde, abſcheuliche Raum den Namen Para⸗ dies annimmt. ihn Sei ſage nach wih dieſ Iro wie der den lac ſu ſp ſic be 11 Man gebe einem Geſchöpf das Unnöthige und nehme ihn das Nothwendige, ſo hät man einen Gamin. Der Gamin iſt nicht ohne einen literariſchen Anſtrich. Seine Neigung, das müſſen wir mit gebührendem Bedauern ſagen, iſt nicht eben der klaſſiſche Geſchmack. Seiner Natur nach iſt er nicht ſehr wähleriſch. So müſſen wir z. B. er⸗ wähnen, daß die Beliebtheit der Madmoiſelle Mars bei dieſem kleinen ſtürmiſchen Kindervolke mit einer gewiſſen Fronie gemiſcht war. Der Gamin nannte ſie Madmoiſelle Muche. Dieſes Geſchöpf brüllt, ſchreit, prügelt, hat Flitter wie ein Säugling und Lumpen wie ein Philoſoph; fiſcht in dem Rinnſtein, jagt in der Cloake, zieht die Luſtigkeit aus dem Kothhaufen, peitſcht mit ſeinem Witze die Kreuzwege, lacht und beißt, pfeift und ſingt, jubelt Beifall und verhöhnt, findet ohne zu ſuchen, weiß, was es nicht gelernt hat, iſt ſparſam bis zur Gaunerei, wahnſinnig bis zur Weisheit, lyriſch bis zum Schmutze, ſetzt ſich auf den Olymp, wälzt ſich auf dem Miſthaufen umher und verläßt ihn mit Sternen bedeckt. Der Gamin von Paris iſt der kleine Rabelais. Er iſt mit ſeiner Hoſe nicht zufrieden, wenn dieſe keine Uhrtaſche hat. Er wundert ſich wenig, erſchreckt noch weniger, beſpöttelt den Aberglauben, verkleinert die Uebertreibungen, beleuchtet die Geheimniſſe, ſtreckt gegen die Geiſter die Zunge heraus, entpoetiſirt die höheren Regionen, miſcht die epiſchen Gedichte mit Carikaturen. Er wird deshalb nicht proſaiſch. Keines⸗ wegs; allein er ſetzt an die Stelle der feierlichen Viſion die poſſenhafte Phantasmagorie. W. Er kann nützlich ſein. Paris beginnt mit dem Maulaffen und endigt mit dem Gamin, zwei Weſen, deren keine andere Stadt fähig iſt. Paris hat in ſeiner Naturgeſchichte dieſe Eigenthümlichkeit. Die ganze Monarchie liegt in den Maulaffen; die ganze Anarchie liegt in den Gamin. Dieſes bleiche Kind der Vorſtädte von Paris lebt und entwickelt ſich in den Leiden, in Gegenwart geſellſchaftlicher Wirklichkeiten und menſchlicher Dinge als ein nachdenkender Zeuge. Es hält ſich ſelbſt für ſorglos, doch es iſt es nicht. Es betrachtet, bereit zu lachen, aber auch bereit zu anderen Dingen. Wer Ihr auch ſeid und wie Ihr Euch nennt: Vorurtheil, Mißbrauch, Schmach, Bedrückung, Unbilligkeit, Ungerechtigkeit, Despotismus, Fanatismus, Tyrannei, nehmt Euch vor dem Gamin in Acht. Dieſer Kleine wird größer werden. Aus welchem Thon iſt er gebildet? Aus dem erſten beſten Koth. Eine Handvoll Dreck, ein Hauch, und Adam iſt fertig. Es genügt, daß ein Gott vorübergeht. Ein Gott iſt ſtets bei dem Gamin vorübergekommen. Das Glück arbeitet für dieſes kleine Weſen. Unter dem Worte Glück verſtehen wir ein wenig Zufall. Wird dieſer Pygmäe, der aus der gemeinſchaftlichen rohen Erde geformt iſt, unwiſſend, ungelehrt, trotzig, gemein, einſt ein Jonier oder ein Böotier? Man erwarte, ob der pariſer Geiſt, dieſer Dämon, welcher die bild Kr 13 die Kinder des Zufalls und die Männer des Schickſals bildet, im Gegenſatz zu dem römiſchen Töpfer aus dem Kruge einem Aphore machen wird. Seine Grenzen. Der Gamin liebt die Stadt, er liebt auch die Einſam⸗ keit, weil Weisheit in ihm liegt. Denkend umherirren, das heißt flaniren, iſt eine gute Verwendung der Zeit für den Philoſophen; beſonders in jenem faſt baſtardmäßigem, ziemlich häßlichen, aber eigen⸗ thümlich aus zwei verſchiedenen Naturen zuſammengeſetzen Feld, welches gewiſſe große Städte umgiebt, und namentlich Paris. Den Stadtbezirk beobachten heißt die Amphibie beobachten. Ende der Bäume, Anfang der Dächer, Ende des Graſes, Anfang des Pflaſters, Ende der Ackerfurchen, Anfang der Verkaufsläden, Ende der Fahrgeleiſe, Anfang der Leiden⸗ ſchaften, Ende des göttlichen Flüſterns, Anfang des menſch⸗ lichen Lärmens. Daraus entſpringt ein außergewöhnliches Intereſſe. Daher rühren die einſamen, ſcheinbar zweckloſen Spazier⸗ gänge des Denkers an dieſen Orten, die ſo wenig Anziehen⸗ des haben und mit dem Worte„traurig“ ſehr richtig be⸗ zeichnet werden. Der, welcher dieſe Zeilen ſchreibt, hat längere Zeit die Barrieren von Paris umſchwärmt, und dies bildet für ihn 14 eine Quelle mächtiger Erinnerungen. Der kahle Raſen, die ſteinigen Fußpfade, die Kreide, der Mergel, der Gyps, die nackte Eintönigkeit der Felder, die plötzlich in einem Thal erblickten Pflanzen des Gemüſegärtners, dies Gemiſch des Wilden und des Bürgerlichen, dieſe öden Flächen, zu denen die Trommeln der Garniſon lärmend herübertönen, dieſe Thebalden am Tage und Raubhöhlen in der Nacht, das Alles zog ihn an. Faſt Niemand auf Erden kennt die eigenthümlichen Orte, die Glacidre, die Cunette, die abſcheuliche Mauer von Grenelle, befleckt durch Kugeln, den Mont⸗Pornaſſe, den Mont⸗Souris, die Tombe⸗Iſſoire, die Pierre Plate von Chatillon, wo ein alter ausgenutzter Steinbruch liegt, der nur noch dazu dient, Pilze hervorzubringen und der durch eine Fallthür von verhüllten Brettern bedeckt wird. Die Campagna von Rom iſt ein Begriff und der Stadtbezirk von Paris iſt ein anderer; in dem, was uns der Horizont bietet, nichts zu ſehen als Felder, Häuſer oder Bäume heißt auf der Oberfläche bleiben; alle Außenſeiten der Dinge ſind Gedanken Gottes. Der Ort, an welchem eine Ebene ſich mit einer Stadt verbindet, trägt ſtets einen ergreifenden melancholiſchen Stempel. Natur und Menſchheit ſprechen hier zu gleicher Zeit zu uns. Es zeigen ſich die örtlichen Eigenthümlichkeiten. Wer gleich uns in den Einſamkeiten umhergeirrt iſt, welche an unſere Vorſtädte grenzen, die man die Ränder von Paris nennen könnte, wird hier und dort an den ödeſten Orten, in den unerwartetſten Augenblicken hinter einer dünnen Hecke oder in einem finſtern Winkel Kinder erblickt haben, lärmend, ſchmutzig, ſtaubig, zerlumpt, mit Kornblumenkränzen gekrönt, ſpielend. Das ſind alle die kleinen Flüchtlinge der armen Familien, der äußere Boulevard iſt der Mittelpunkt, auf dem ſie athmen können; das Weichbild der Stadt gehört ihnen. Sie laufen hier fortwährend hinter die Schule. Ungezwungen 15 wiederholen ſie hier ihre leichtfertigen Geſänge. Sie ſind hier, oder beſſer geſagt, ſie exiſtiren hier fern von jedem Glück in dem milden Lichte des Mai oder des Juni, nieder⸗ gekniet um ein Loch in der Erde, Kugeln mit den Fingern ſchnellend, ſich um Liers zankend, unverantwortlich luſtig, ausgelaſſen, glücklich. Sobald ſie einen Wanderer erblicken, erinnern ſie ſich daran, daß ſie eine Induſtrie haben, daß ſie ihren Lebensunterhalt gewinnen müſſen und bieten einen alten mit Maikäfern gefüllten Strumpf oder einen Büſchel Flieder zum Verkauf an. Dieſes Begegnen eigenthümlicher Kinder iſt eine der Reize von der Umgegend von Paris. Zuweilen giebt es unter dieſen Haufen von Knaben auch kleine Mädchen;— ſind das ihre Schweſtern?— heinahe junge Mädchen, mager, fieberhaft, bleich, mit rothen Flecken, geſchmückt mit Kornähren oder wilden Mohn, barfuß. Man ſieht Einige in dem Korn Kirſchen eſſen. Am Abend hört man ſie lachen. Dieſe Gruppen, hell beſchienen von der Mittagsſonne oder in der Abenddämmerung erblickt, be⸗ ſchäftigen lange Zeit den Denker und dieſe Viſionen miſchen ſich in ſeine Träume. Paris als Mittelpunkt die Stadtgrenze als Umkreis, das iſt für dieſe Kinder die ganze Erde. Darüber hinaus wagen ſie ſich nie. Sie können die pariſer Atmosphäre ebenſowenig verlaſſen wie der Fiſch das Waſſer. Für ſie giebt es zwei Meilen jenſeits der Barrière nichts mehr: Jvry, Gentilly, Arcueil, Belleville, Aubervilliers, Ménilmontant, Choiſy⸗le⸗ Roi, Billancourt, Meudon, Iſſy, Vanvre, Sovres, Puteaux, Neuilly, Gennevilliers, Colombes, Romainville, Chatou, Asnidres, Bougival, Nanterre, Enghien, Noiſy⸗le⸗Sec, Nogent, Gournay, Dranch, Goneſſe; damit endet ihre Welt VMW Ein wenig Geſchichte. gens kine Wohlthat, die ſich nicht beſtreiten war überreich an umherirrenden Kindern. den Brückengewölben aufgefunden wurden. Kindes. In dem übrigens beinahe gleichzeitigen Abſchnitte, in welchem die Handlung dieſes Buches vor ſich geht, ſtand nicht wie jetzt ein Polizeidiener an jeder Straßenecke, übri⸗ giebt als Durchſchnittszahl 260 obdachloſe Kinder, welche damals alljährlich durch die Polizeipatrouillen in offenen Feldern, in Häuſern, die im Bau begriffen waren, und unter Neſter, welche berühmt geblieben ſind, hat die„Schwalben der Brücke von Arcole“ hervorgebracht. Dies iſt übrigens eines der verderblichſten ſocialen Symptome. Alle Ver⸗ brechen des Mannes beginnen mit dem Vagabondiren des Nehmen wir indeß Paris aus. In gewiſſem Grade und ungeachtet der Erinnerung, die wir erweckt haben, iſt die Ausnahme gerecht. Während in jeder andern großen Stadt ein vagabondirendes Kind ein verlorener Menſch iſt, während beinahe überall das ſich ſelbſt überlaſſene Kind einigermaßen dem Verhängniß des Laſters verfällt, welches in ihm die Rechtſchaffenheit und das Gewiſſen untergräbt, iſt der Gamin von Paris, wie wir behaupten, ſo verderbt er auch auf der Oberfläche ſein mag, im Innern beinahe un⸗ angetaſtet. Pariſer Luft athmen, das erhält die Seele. Was wir hier behaupten, ranbt die Beklemmung des Herzens nicht, von der man ſich ergriffen fühlt, ſo oft man läßt. Paris Die Statiſtik Eines dieſer einem Faden ſo unr ſehr e in den mhr entſtehe Thaſſa von Pi „ Kinde wurde. gefiel Der ein D das F deuten und d Um ni Grun wie ſ neben Fall t die fa ſü es damn Men wird daher derP as ʒ ſon hu d 17 einem dieſer Kinder begegnet, um welches man die zerriſſenen Faden der Familie flattern zu ſehen glaubt. Bei der noch ſo unvollſtändigen gegenwärtigen Civiliſation iſt es nicht ſehr anormal, dieſe Bruchtheile der Familie zu ſehen, die in dem Dunkel verſchwinden, und bei denen die Eltern nicht mehr wiſſen, was aus ihren Kindern geworden iſt. Daher entſtehen dunkle Geſchicke. Das heißt— denn dieſe traurige Thatſache hat eine Bezeichnung gefunden— auf das Fflaſter von Paris geworfen werden. Im Vorbeigehen ſei geſagt, daß dieſes Verlaſſen der Kinder durch die ehemalige Monarchie nicht entmuthigt wurde. Etwas Zigeunerhaftes in den unteren Regionen gefiel den oberen Sphären und ſagte dem Mächtigen zu. Der Haß gegen den Unterricht der Kinder des Volkes war ein Dogma. Wozu die„halbe Aufklärung?“ Das war das Feldgeſchrei. Das verlaſſene Kind aber iſt gleichbe⸗ deutend mit dem unwiſſenden Kinde. Uebrigens bedurfte die Monarchie zuweilen der Kinder, und dann ſäuberte ſie die Straßen. Unter Ludwig XIV., um nicht weiter zurückzugehen, wollte der König mit gutem Grund eine Flotte ſchaffen. Der Gedanke war gut. Aber wie ſtand es mit den Mitteln? Keine Flotte, wenn nicht neben dem Segelſchiff, dem Spielwerk des Windes, und im Fall der Noth dem Schleppſchiffe, andere Schiffe beſtehen, die fahren können, wohin ſie wollen, ſei es mit dem Ruder, ſei es mit dem Dampfe; die Galeere war daher für die damalige Marine, das, was heutzutage die Dampfer ſind. Man mußte daher Galeeren haben. Allein die Galeere wird nur durch den Galeerenzüchtling gerudert; man mußte daher Ruderer finden. Colbert ließ durch die Intendanten der Provinzen und die Parlamente ſo viel Züchtlinge machen, als ſie konnten. Die Gerichtsbehörden zeigten ſich dabei ſchon gefällig. Behielt ein Mann bei der Prozeſſion den Hut auf dem Kopfe, ſo war das hugenottiſche Haltung und Die Eleuden V. 2 18 man ſchickte ihn auf die Galeere. Traf man auf der Straße ein Kind, ſo ſchickte man es auf die Galeere, vorausgeſetzt, daß es fünfzehn Jahr alt war und kein Obdach hatte. Große Regierung! Großes Jahrhundert! Unter Ludwig XV. verſchwanden die Kinder in Paris; die Polizei hob ſie auf, man weiß nicht, zu welchem geheim⸗ nißvollen Gebrauche. Man flüſterte mit Entſetzen abſcheu⸗ liche Vermuthungen über die bains de pourpre des Königs. Barbier ſpricht ganz unbefangen von dieſen Dingen. Es geſchah zuweilen, daß die Polizeibeamten in Ermangelung anderer Kinder, ſolche nahmen, welche Väter hatten. Die Väter griffen dann voll Verzweiflung die Polizeidiener an. In dieſem Falle miſchte ſich das Parlament ein und ließ hängen; wen? die Polizeidiener? nein; die Väter. VII. Der Gamin würde ſeinen Platz in den Kaſten Ju⸗ diens bekommen. Das Pariſer Gaminweſen iſt beinahe eine Kaſte. Man könnte ſagen: es iſt nicht Jeder Gamin, der es ſein will. Das Wort Gamin wurde zum erſten Male im Jahre 1834 gedruckt und gelangte dadurch aus der Volksſprache in die Schriftſprache. In einem Schriftchen, welches den Titel führte: Claude Gueux, erſchien das Wort zum erſten Male. Das Aergerniß war groß; das Wort iſt geblieben. Die Elemente, aus denen die gegenſeitige Achtung der Gamins haben e wunder Notte⸗ ihm ge einſtwei ſellt w weil er weil er ein Au T iſt Ge noch Stock 6 Bauer Kran nach mein allei . in ſen des f * ſeinen nit hiht Vich Man alle Ml 19 Gamins unter ſich beſtehen, ſind ſehr mannigfaltig. Wir haben einen gekannt und benutzt, der ſehr geachtet und be⸗ wundert war, weil er einen Menſchen von dem Thurm von Notre⸗Dame hatte herabfallen ſehen; einen andern, weil es ihm gelungen war, in den Hinterhof zu dringen, auf welchem einſtweilen die Bildſäulen des Domes der Invaliden aufge⸗ ſtellt waren, und ihnen Blei„abzuſchaben“; einem Dritten, weil er eine Dilegence umwerfen ſah; noch einem andern, weil er einen Soldaten kannte, der beinahe einem Bürger ein Auge ausgeſchlagen hätte. Dies erklärt den Ausruf eines Pariſer Gamins:„Gott iſt Gott! Habe ich auch Unglück! zu ſagen, daß ich noch nicht einmal einen Menſchen vom fünften Stockwerk herunterfallen ſah!“ Ganz gewiß iſt es eine treffende Aeußerung eines Bauers: Vater ſo und ſo,„Ihre Frau iſt an ihrer Krankheit geſtorben, weshalb haben Sie nicht nach dem Arzt geſchickt?— Ja, was wollen Sie, mein Herr, wir armen Hunde, wir ſterben ganz i Wenn aber die ganze Theilnahmloſigkeit des Bauern in jenen Worten liegt, ſo zeigt ſich unbedingt die Anarchie des freidenkenden Vorſtädters in der folgenden: Ein zum Tode Verurtheilter hört auf dem Karren ſeinen Beichtvater an. Das Pariſer Kind ruft:„er ſpricht mit ſeinem Pfaffen! O, die Memme!“ Eine gewiſſe Verwogenheit in religiöſer Beziehung er⸗ höht den Gamin. Ein Freigeiſt zu ſein, iſt von großer Wichtigkeit. Den Hinrichtungen beizuwohnen, gilt als eine Pflicht. Man zeigt ſich die Guillotine und lacht. Man giebt ihr alle Arten von Namen. Ende der Suppe,— Kratzbürſte, — Mutter des Blauen(des Himmels),— der letzte Mund⸗ voll ꝛc. ꝛc. Um nichts von der Sache einzubüßen, erklettert 2* 20 man Mauern, ſchwingt ſich auf Balcons, ſteigt auf Bäume, klammert ſich an die Gitterthore, an die Eſſen. Der Gamin iſt als Dachdecker ebenſo wie als Seemann geboren. Ein Dach hindert ihn ebenſo wenig wie ein Maſtbaum. Kein Feſt, welches dem Groveplatz gleichkomme. Samſon und Abbé Montès ſind wahrhaft volksthümliche Namen. Man verhöhnt den Verurtheilten, um ihn zu entmuthigen. Man bewundert ihn zuweilen. Lacenaire, der als Gamin den abſcheulichen Dautun muthig ſterben ſah, that die Aeuße⸗ rung, in welcher eine Zukunft lag: ich war auf ihn eiferſüchtig. In dem Gaminweſen kennt man Voltaire nicht, wohl aber Papavoine. Man vermiſcht in einer und derſelben Legende die Politiker mit den Mördern. Man hat die Tradition der letzten Kleidung Aller. Man weiß, daß Tolleron eine Mütze trug; Avril eine Kappe von Fiſch⸗ otterfell; Louvel einen runden Hut; daß der alte Delaporte kahlköpfig und barhäuptig war, daß Gaſtaing ganz munter und ſehr hübſch ausſah; daß Bories einen romantiſchen Kinnbart trug; daß Jean⸗Martin ſeine Hoſenträger behalten hatte; daß Lecouffé und ſeine Mutter ſich zankten. „Macht Euch doch Euren Korb nicht ſtreitig!“ rief hier ein Gamin zu. Ein Anderer, der unter der Menge zu klein war, aber doch Debacker vorbeitommen ſehen wollte, bemerkte eine La⸗ terne des Quai und kletterte daran hinauf. Ein Gensdarm, der hier ſtand, runzelte die Stirn. „Laſſen Sie mich nur klettern, Herr Gensdarm,“ ſagte der Gamin. Und um den Beamten zu rühren, fügte er hinzu:„ich werde nicht fallen.“ „Es kümmert mich wenig, ob Du fällſt oder nicht,“ erwiederte der Gensdarm. In dem Gaminweſen wird ein bemerkenswerther Un⸗ fall ſehr hoch angerechnet. Man gelangt auf den Gipfel der Achtung wenn man ſich„bis auf den Knochen ſchneivet.“ Di erwerbe „o, ich ſehr be ſchaſt. 4 Abend von M tinnen alle„ olize eine) brider 21 Die Fauſt iſt kein geringes Mittel, ſich Achtung zu erwerben. Eine der beliebſten Aeußerungen des Gamins iſt: „o, ich bin hübſch ſtark!“ Linkhändig zu ſein, macht ſehr beneidenswerth. Zu ſchielen iſt eine geſchätzte Eigen⸗ ſchaft. vII. Eine Aeußerung des letzten Königs. Im Sommer verwandelt er ſich in einen Froſch und Abends mit Anbruch der Nacht ſtürzt er ſich bei den Brücken von Auſterlitz und von Jena von den Fahrzeugen der Wäſche⸗ rinnen mit dem Kopf voran, in die Seine und verletzt auf alle mögliche Weiſe die Geſetze der Sittlichkeit und der Polizei. Indeß wachen die Polizeidiener und es entſteht eine höchſt dramatiſche Situation, welche meiſt zu einem brüderlichen und denkwürdigen Ausrufe Veranlaſſung giebt. Dieſer Ruf, der 1830 berühmt wurde, iſt eine ſtrategiſche Mahnung des Gamin gegen den Gamin. Der Ruf lautet: Ohe, Titi, oheee! Es giebt Schnupfer! Es kom⸗ men Püffe! Nimm Deine Lumpen und mache Dich davon— geh durch die Kloake! Zuweilen kann die Mücke— ſo nennt der Gamin ſich ſelbſt— leſen; zuweilen kann er ſchreiben, immer aber ſchmieren. Er unterläßt nie, ſich— man weiß nicht, durch welch einen geheimnißvollen gegenſeitigen Unterricht— — alle Talente beizubringen, die der öffentlichen Sache nütz⸗ lich ſein können. Von 1815 bis 1830 ahmte er das Kollern des Truthahns nach; von 1830 bis 1840 kritzelte er eine Birne auf die Mauern. An einem Sonnabend kehrte Lud⸗ wig Philipp zu Fuß von einem Spaziergange zurück und ſah einen ganz kleinen Burſchen, der ſchwitzte, indem er ſich auf die Zehen hob, um eine rieſige Birne auf einem der Pfeiler des Gitterthors von Neuilly mit Kohle zu malen; mit jener Gutmüthigkeit, die er von Heinrich IV. geerbt hatte, half der König den Gamin, machte die Birne fertig und gab dann dem Kinde einen Louisd'or, indem er ſagte: Auch darauf iſt die Birnel Der Gamin liebt den Tumult. Ein gewiſſer gewalt⸗ ſamer Zuſtand gefällt ihm. Er verabſcheut die Pfarrer. Eines Tages machte einer dieſer jungen Schelme in der Rue d'Univerſité eine Naſe gegen den Thorweg der Nr. 69. „Weshalb machſt Du das gegen die Thür?“ fragte ein Vorübergehender. „Es hauſt da ein Pfarrer.“ In der That wohnt dort der Nuntius des Papſtes. Wie groß übrigens auch der Voltairianismus des Gamins ſein mag, ſo nimmt er, wenn die Gelegenheit ſich bietet, doch das Amt eines Chorknaben an und verſieht dann bei der Meſſe ſein Amt ganz anſtändig. Zwei Dinge giebt es, deren Tantalus er iſt, und die er beſtändig erſehnt, ohne ſie erreichen zu können: den Sturz der Regierung und eine neue Hoſe. Ein vollkommener Gamin kennt alle Stadtdiener von Paris, und wenn er einen derſelben begegnet, weiß er den Namen unter das Geſicht zu ſetzen. Er zählt Dir Alle an den Fingern her; er ſtudirt ihre Sitten und hat über jeden ſeine beſonderen Kenntniſſe. Er ließt in den Seelen der Polizei, wie in einem offenen Buche. Er ſagt ganz geläufig ohne zu ſtocken: der iſt ein Verräther, der iſt ſehr bos⸗ haft, der iſt groß, der iſt lächerlich;(alle dieſe Worle Verrät eine b Neuf außer Sicht Soh Gan Gepe weile ein pion übe Gen Jon verſ Na Au und wal — 23 Verräther, boshaft, groß, lächerlich haben in ſeinem Munde eine beſondere Bedeutung); er bildet ſich ein, der Point⸗ Neuf gehörte ihm und hindert die Leute, auf dem Simſe außerhalb der Brüſtung ſpazieren zu gehen; er hat die Sucht, den Leuten die Ohren zu zauſen ꝛc. ꝛc. IDX. Die alte Seele Gallie ns. Es lag Etwas von dieſem Kinde in Poquelin, dem Sohne der Hallen, und ebenſo in Beaumarchais. Das Gaminweſen iſt eine Schattirung des Geiſtes Galliens. Gepaart mit dem geſunden Verſtand, verleiht es dieſem zu⸗ weilen Kraft, wie der Alkohol dem Wein. Zuweilen iſt es ein Fehler. Camille Desmoulins war ein Vorſtädter. Cham⸗ pionnet, der die Wunder verſpottete, ſtammt von dem pariſer Pflaſter; als ganz kleines Kind hatte er die Kirchthüren überſchwemmt; er hatte das Reliquienkäſtchen der heiligen Genoveva Du genannt, um den Flaſchen des heiligen Januaris Befehle zu ertheilen. Der Gamin von Paris iſt ehrerbietig, ironiſch und un⸗ verſchämt. Er hat immer ſchlechte Zähne, weil er ſchlechte Nahrung bekommt und ſein Magen ſchwach iſt, und ſchöne Augen, weil er Geiſt beſitzt. Er ſpielt in dem Rinnſteine und richtet ſich zur Emeute auf; ſeine Unverſchämtheit be⸗ wahrt er ſelbſt vor dem Kartätſchenhagel; er war ein kleiner Schelm und wird ein Held; gleich dem kleinen Thebaner ſchüttelt er die Löwenhaut; der Tambour Barra war ein pariſer Gamin; er rief: vorwärts! und in einer Minute wurde er vom Zwerg zum Rieſen. Dieſes Kind des Kothes iſt auch das Kind des Ideals. Man meſſe die Ausbreitung der Flügel, welche von Molidre zu Barra geht. Alles zuſamengefaßt und um es mit einem Worte zu ſagen, iſt der Gamin ein Geſchöpf, das ſich unterhält, weil es unglücklich iſt. Erce Paris, Ecce Homo. Um Alles noch einmal zuſammenzufaſſen iſt der Gamin von Paris, wie ehemals der Groeculus Roms das Volk als Kind mit der Runzel des Alters auf der Stirn. Der Gamin iſt ein Schmuck für die Nation und zu gleicher Zeit eine Krankheit; eine Krankheit, die geheilt werden muß. Wie? Durch Aufklärung. Die Aufklärung macht Geiſt und Körper geſund. Alle edlen ſocialen Regungen entſpringen aus der Wiſſenſchaft, der Literatur, den Künſten, den Unterricht. Man mache Männer aus den Menſchen. Man kläre ſie auf, damit man durch ſie erwärmt wird, früher oder ſpäter wird die glänzende Frage des allgemeinen Unterrichts ſich mit der unwiderſtehlichen Gewalt des unbedingt Wahren darſtellen; und die Regierungen werden dann die Wahl haben Flam die 1 ſück iſt ei Sitte 6e in de de⸗i Ber bonn Bon liche die auch dort nich Vaſe der wie in d ſchm drh auf in dafl dere und räi 25 haben, Frankreich ꝛu bilden oder die Gamins von Päris: Flammen in dem Licht oder Frrlichte in der Dunkelheit. Der Gamin bezeichnet Paris und Paris bezeichnet die Welt. Denn Paris iſt ein Ganzes. Paris iſt das Decken⸗ ſtück des Menſchengeſchlechts. Die ganze wunderbare Stadt iſt eine Zuſammenfaſſung der geſtorbenen und der lebenden Sitten. Wer Paris ſieht, glaubt die untere Seite der ganzen Geſchichte zu erblicken, mit dem Himmel und Sternengebilden in den Zwiſchenräumen. Paris hat ein Capitol, das Hotel⸗ de⸗ville; ein Parthenon, Notre⸗Dame; einen Aventiniſchen Berg, die Vorſtadt Saint⸗Antoine, ein Aſinarium, die Sor⸗ bonne, ein Pantheon, das Pantheon; ein Via⸗Sacra, den Boulevard des Ztaliens; einen Thurm der Winde, die öffent⸗ liche Meinung, und an die Stelle des Hochgerichts ſetzt es die Lächerlichkeit. Alles, was man anderwärts findet, iſt auch in Paris. Man ſuche irgend Etwas, was man nicht dort findet. Die Kufe des Trophonius enthält nichts, was nicht auch in dem Kubel Mesmers liegt; der Ergaphilas iſt in Caglioſtro wieder auferſtanden; der Brahmine Vaſaphanta verkörpert ſich in dem Grafen Saint⸗Germain; der Kirchhof Saint Médard thut ebenſo gut ſeine Wunder, wie die Moſchee Oumoumié in Damasecus. Paris hat einen Aeſop in Mayeux, und eine Canidie in der Lenormand. Es erſchrickt wie Delphis über die nieder⸗ ſchmetternden Wirklichkeiten der Viſionen; es läßt die Tiſche drehen, wie Dodone die Dreifüße. Es ſetzt die Griſette auf den Thron wie Rom die Courtiſane; und wenn Alles in Allem Ludwig XV. ſchlimmer iſt als Claudius, ſo iſt dafür Madame Dubarry beſſer wie die Meſſalina. Paris vereinigt auf eine großartige Weiſe, was ſonſt gelebt hat und was wir jetzt kennen, die griechiſche Nacktheit, die he⸗ bräiſchen Geſchwüre und das gascogniſche Quodlibet. Obgleich Plutarch ſagt: daß der Tyrann nie altert, 26 fügte ſich Rom unter Sylla wie unter Domitian darin, Waſſer in ſeinen Wein zu gießen. Die Tiber war eine Lethe, wenn man dem etwas doctrinären Lobe glauben darf, welches Varus Vibiscus erzählte. Contra Gracchos Tiberim habemus. Bibere Tiberim, id est seditionem oblivisci*) Paris trinkt täglich eine Million Litre Waſſer, das hindert es aber nicht, gelegentlich Generalmarſch zu ſchlagen und die Sturmglocke zu ziehen. So weit iſt Paris ein guter Junge. Es nimmt könig⸗ lich Alles an. Es iſt nicht ſchwierig in Beziehung auf Venus; ſeine Callipyge iſt Hottentotin; kann es nur lachen, ſo amneſtirt es; die Häßlichkeit erheitert es, die Mißgeſtalt reizt ſein Zwerchfell, das Laſter zerſtreut es; man ſei ſchel⸗ miſch und man darf ein Schelm ſein; ſelbſt die Heuchelei, dieſer höchſte Cynismus, empört es nicht. Kein Zug des univerſellen Geſichtes mangelt dem Profil von Paris. Paris iſt gleichbedeutend mit Kosmos. Paris iſt Athen, Rom, Sybaris, Jeruſalem, Pantin. Alle Civiliſationen be⸗ finden ſich hier abgekürzt, und ebenſo auch alle Barbarei. Paris würde ſehr bös ſein, nicht eine Guillotine zu haben. Ein wenig Gröveplatz iſt gut. Was wäre das ganze ewige Feſt ohne dieſe Würze? Die Geſetze haben dieſes weiſe vorgeſehen, und Dank ihnen träufelt dieſe Schneide⸗ maſchine auf den Faſtnachtsdienſtag herab. *) Gegen die Gracchen haben wir die Tiber. Die Tiber trinken, heißt die Verführung vergeſſen. 27 . Spotten, herrſchen. Grenzen hat Paris nicht. Keine Stadt hat dieſe Herr⸗ ſchaft ausgeübt, welche zuweilen die ſchimpflich behandelt, die es unterjocht. Paris macht mehr als die Mode, es macht den Gebrauch. Paris kann einfältig ſein, wenn es ihm gut dünkt; es gewöhnt ſich zuweilen an dieſen Luxus; dann iſt die ganze Welt mit ihm einfältig. Dann erwacht Paris plötzlich, reibt ſich die Augen, ſagt: Bin ich einfältig; und bricht im Angeſicht des Menſchengeſchlechtes in lautes Ge⸗ lächter aus. Welch' ein Wunder iſt eine ſolche Stadt! Auf⸗ fallend, daß etwas ſo Großartiges und ſo niedrig Komiſches gute Nachbarſchaft hält, daß dieſe ganze Majeſtät nicht ge⸗ ſtört wird durch dieſe ganze Verſpottung und daß derſelbe Mund heute in die Poſaune des letzten Gerichts und morgen in die Pickelpfeife blaſen kann. Paris beſitzt eine beherrſchende Heiterkeit. Seine Luſtigkeit iſt der Blitz und ſeine Poſſe hält den Scepter. Sein Sturm bricht zuweilen aus dem Geſichterſchneiden hervor. Seine Ausbrüche, ſeine Arbeiten, ſeine Meiſterwerke, ſeine Wunder gehen bis an das Ende der Welt, und ſein Geſchwätz ebenfalls. Sein Gelächter iſt der Krater eines Vulkans, der die ganze Erde beſprudelt. Seine Poſſen ſind Flammen. Er zwingt den Völkern ebenſo gut ſeine Karikaturen, wie ſeine Ideale auf. Es iſt erhaben; es hat einen wunderbaren 14. Juli, der den Weltball frei macht; ſeine Nacht des 4. Anguſt vernichtet binnen drei Stunden tauſendjährige Lehnsherrlichkeit; es macht aus ſeiner Logik die Kraft des allgemeinen Willens; es vervielfältigt 28 ſich unter allen Geſtalten des Erhabenen. Es erfüllt mit ſeinem Lichte Waſhington, Kosciusko, Bolivar, Botzaris, Riégo, Bem, Manin, Lopez, John Brown, Garibaldi; es iſt überall, wo die Zukunft anbricht; in Boſton 1779, auf der Inſel Léon 1820, in Peſth 1848, in Palermo 1860; es flüſtert das gewaltige Feldgeſchrei: Freiheit! in das Ohr der Abolitioniſten Amerika's; es erzeugt Canaris, Qui⸗ roga, Piſacane; es ſtrahlt das Große über die Erde aus; es iſt Tribüne unter den Füßen Mirabeau's und Krater unter den Füßen Robespierre's; ſeine Bücher, ſein Theater, ſeine Kunſt, ſeine Wiſſenſchaft, ſeine Literatur, ſeine Philo⸗ ſophie ſind die Handbücher des Menſchengeſchlechts; es läßt ſeine Sprache durch den Mund der Welt reden; es erweckt in allen Geiſtern den Gedanken des Fortſchritts; die Dogmen der Freiheit, die es ſchmiedet, ſind für Generationen Schwerter, und mit der Seele ſeiner Denker und ſeiner Dichter ſind ſeit 1789 alle Helden aller Völker belebt worden. Das hindert alles nicht das Gaminweſen, und dieſes ungeheure Genie, welches man Paris nennt, malt mit Kohle die Naſe Bouginier's an die Mauern des Theſeustempels, während es die ganze Welt durch ſeine Aufklärung verwandelt. Paris zeigt fortwährend die Zähne; wenn es nicht grollt, lacht es. Das iſt Paris. Der Rauch, der auf ſeinen Dächern aufſteigt, ſind die Ideen des Weltalls. Ein Hauch von Koth und Steinen, wenn man will, aber vor Allem ein moraliſches Weſen. Es iſt mehr als groß, es iſt ungeheuer. Weshalb? Weil es wagt. Wagen; um dieſen Preis wird die Freiheit erlangt. Alle erhabenen Eroberungen ſind mehr oder minder der Preis der Kühnheit. Damit die Revolution ſei, genügt es nicht, daß Montesquieu ſie ahnt, daß Diderot ſie predigt, daß Beauchmarchais ſie verkündet, daß Condorcet ſie berech⸗ net, es m dem daß enthe und Mor ausd das Fur unge deſſe triſi meth ſtets des forſ mal hier 29 net, daß Arouet ſie vorbereitet, daß Rouſſeau auf ſie ſinnt; es muß Danton ſie wagen. Der Ruf: Kühnheit! iſt ein: es werde Licht. Zu dem Vorwärtsſchreiten des Menſchengeſchlechts iſt es nöthig, daß auf den Gipfeln ununterbrochen ſtolze Lehren des Muthes ertheilt werden. Die Verwegenheiten blenden die Geſchichte und ſind eine der großen Leuchten des Menſchen. Die Morgenröthe wagt, wenn ſie ſich erhebt, Verſuche, trotzen, ausdauern, beharren, ſich ſelbſt treu ſein, Mann gegen Mann das Schickſal feſſeln, die Kataſtrophe durch die geringe Furcht, die ſie uns einflößt, in Erſtaunen verſetzen, bald der ungerechten Gewalt entgegentreten, bald den trunkenen Sieger ſchmähen, feſtſtehen, die Spitze bieten, das iſt der Beiſtand, deſſen die Völker bedürfen, und das Licht, welches ſie elec— triſirt. Der furchtbare Blitz entzündet den Sockel des Pro⸗ metheus, wie den Pfeifenſtummel Cambronne's. F. Die Zulunft liegt in dem Volke verborgen. Das Pariſer Volk, ſelbſt zum Mann geworden, iſt ſtets Gamin; das Kind ſchildern, heißt die Stadt ſchildern; deshalb haben wir dieſen Adler in dieſen Sperling er⸗ forſcht. Beſonders in den Vorſtädten, wir behaupten es noch⸗ mals, zeigt ſich die Pariſer Rage; hier iſt das Vollblut; hier iſt die wahre Phyſiognomie; hier arbeitet und duldet S— * m— —— 30 das Volk, Leiden und Arbeit ſind aber die beiden Angeſichte des Menſchen. Hier giebt es eine Menge unbekannter Ge⸗ ſchöpfe, unter denen es von den ſonderbarſten Typen wim⸗ melt. Fex urbis, ruft Cicero aus. mob fügt Burke unwillig hinzu, Haufen, Menge, Pöbel. Die Worte ſind ſchnell ausgeſprochen. Doch ſei es. Was thut das? Was kümmert es mich, ob ſie barfuß gehen. Sie können nicht leſen? deſto ſchlimmer. Soll man ſie deshalb verlaſſen? Soll man ihnen ihr Elend zum Fluche machen? Kann die Aufklärung dieſe Maſſen nicht durchdringen? Kehren wir zu dem Rufe zurück: Aufklärung und beharren wir dabei! Wer weiß, ob dieſe dunkeln Maſſen nicht erleuchtet werden? Sind die Revolutionen nicht Umwandlungen? Gehet hin, ihr Philoſophen, lehrt, klärt auf, entzündet, denkt laut, ſprecht laut, ſchließt Brüderſchaft mit den öffentlichen Plätzen! Verkündet gute Neuigkeiten, erklärt die Rechte, ſingt die Marſeillaiſe, ſäet Enthuſiasmus, brecht grüne Zweige von den Eichen. Macht aus den Gedanken einen Wirbelwind. Dieſe Menge kann erhaben gemacht werden. Wir müſſen es verſtehen lernen, uns dieſes Gewirrs von Grundſätzen und Tugenden zu bedienen, die zu gewiſſen Stunden beben, zittern und ausbrechen. Dieſe Barfüßler, dieſe nackten Armen, dieſe Lumpen, dieſe Unwiſſennheit, dieſe Finſterniß können zu der Eroberung eines Ideals verwendet werden. Blickt durch das Volk hindurch und ihr werdet die Wahr⸗ heit entdecken. Den gemeinen Stand, den ihr mit den Füßen tretet, werft in den Schmelzofen, und er wird zu dem glänzenden Kryſtall, Dank dem Galilei und Newton, die die Sternenwelten erforſchten. — welch zůhlt den! von weite wenn Lippe Dieſ nicht ſie ihn hatte dach war und Pai der hart Lbe oſſ it XIII. Der kleine Gavroche. Acht oder neun Jahre ungefähr nach dem Ereigniſſe, welches wir in der zweiten Abtheilung dieſer Geſchichte er⸗ zählten, ſah man auf dem Boulevard du Tennle und in den Umgebungen des Chateau⸗d'Eau einen kleinen Knaben von elf bis zwölf Jahren, der ziemlich entſchieden jenes weiter oben geſchilderte Ideal des Gamin verwirklicht hätte, wenn er nicht neben dem Lachen ſeines Alters auf den Lippen ein durchaus finſteres und leeres Herz gezeigt hätte. Dieſes Kind trug zwar eine Männerhoſe, aber es hatte ſie nicht von ſeinem Vater, und eine Weiberjacke, aber es hatte ſie nicht von ſeiner Mutter. Irgend welche Leute hatten ihn aus Mitleid mit dieſen Lumpen bekleidet. Gleichwohl hatte er einen Vater und eine Mutter. Aber ſein Vater dachte nicht an ihn und ſeine Mutter liebte ihn nicht. Es war eines jener Kinder, des Mitleids beſonders würdig, und die, obgleich ſie einen Vater und eine Mutter haben, Waiſen ſind. Dieſes Kind fühlte ſich nirgends ſo behaglich wie auf der Straße. Das Straßenpflaſter war für daſſelbe minder hart als das Herz ſeiner Mutter. Seine Eltern hatten ihn mit einem Fußtritt in das Leben hinaus geſtoßen. Er nahm ganz einfach ſeinen Lauf. Es war ein lärmender, bleicher, flinker, aufgeweckter, poſſenhafter Knabe mit lebhaften und krankhaften Weſen. Er ging, kam, ſang, ſpielte, ſuchte in den Rinnſteinen, ſtahl 32 ein wenig, aber wie die Katze und der Sperling luſtig, lachte ſelbſt, wenn man ihn einen Herumtreiber nannte, wurde aber ärgerlich, wenn man ihn Range hieß. Er hatte kein Lager, kein Brod, keinen Freund, keine Liebe. Aber er war heiter, weil er frei war. Wenn dergleichen arme Geſchöpfe zu Männern werden, erfaßt ſie beinahe immer der Mühlſtein der geſellſchaftlichen Ordnung und zermalmt ſie. Allein ſo lange ſie noch Kinder ſind, entrinnen ſie demſelben, weil ſie ſo klein ſind. Das geringſte Loch rettet ſie. So verlaſſen indeſſen dieſes Kind auch war, geſchah es doch alle zwei oder drei Monate, daß es zu ſich ſagte: ich will Mama beſuchen! Dann verließ er den Boulevard, den Circus, die Porte⸗ Saint⸗Martin, ging die Quais hinab über die Brücken nach den Vorſtädten, erreichte die Salpetriere und gelangte, wo⸗ hin? Nach jener Doppelnummer 50— 52, die der Leſer kennt, nach der Baracke Gorbeau. Um dieſe Zeit war die Nummer 50—52 für gewöhn⸗ lich leer und ewig mit der Aufſchrift verziert:„Zimmer zu vermiethen,“ ſelten von einigen Individuen bewohnt, welche übrigens, wie dies in Paris ſtets der Fall iſt, keinen Ver⸗ kehr mit einander hielten. Alle gehörten jener dürftigen Klaſſe an, welche bei dem letzten kleinen Bürger anfängt und ſich von Elend zu Elend bis in die Tiefen der menſch⸗ lichen Geſellſchaft verlängert, bis zu jenen zwei Geſchöpfen, in welchen alle materiellen Dinge der Civiliſation zuletzt auslaufen: dem Schleußenräumer, der den Koth fortſchafft, und dem Lumpenſammler, der die Abfälle auflieſt. Die Hauptmietherin aus der Zeit Jean Valjeans war todt und darch ein ganz ähnliches Weib erſetzt worden. Dieſe neue Alte hieß Frau Burgon und hatte in ihrem Leben nichts Merkwürdiges als eine Dynaſtie von drei geherr 2 wohnt Mutt Vir ſchrieb außerc genan ſeinen der dem drette falls ſo un einem ſräg er zu traur Herz Du ging wort „wes wie Er Er! miſſ Ud d 33 drei Papageien, welche nach einander über ihre Seele geherrſcht hatten. Die Elendſten unter denen, welche die Baracke be⸗ wohnten, waren eine Familie von vier Perſonen; Vater, Mutter und zwei ſchon ziemlich erwachſene Töchter, alle Vier in einer Dachkammer lebend, welche wir bereits be⸗ ſchrieben. Dieſe Familie bot auf den erſten Blick nichts als ihre außerordentliche Armuth; der Vater hatte ſich Jondrette genannt, als er die Wohnung miethete. Einige Zeit nach ſeinem Einzuge, welcher, um einen merkwürdigen Ausdruck der Hauptmietherin beizubehalten, auf eigenthümliche Weiſe dem Einzuge von gar nichts glich, hatte dieſer Jon⸗ drette zu dieſer Frau, welche gleich ihrer Vorgängerin eben⸗ falls Thürhüterin war und die Treppe fegte, geſagt:„Mutter ſo und ſo, wenn zufällig Jemand kommen ſollte, der nach einem Italiener oder vielleicht auch nach einem Spanier frägt, ſo bin ich's.“ Dieſe Familie war die des luſtigen Barfüßlers. Wenn er zu ihr kam, ſo fand er hier das Elend und, was noch trauriger war, kein Lächeln; Kälte im Ofen und Kälte im Herzen. Trat er ein, ſo fragte man ihm:„wo kommſt Du her?“ Er antwortete:„von der Straße.“ Wenn er ging, ſo fragte man ihm:„wohin gehſt Du?“ Er ant⸗ wortete:„auf die Straße.“ Seine Mutter ſagte zu ihm: „weshalb kommſt Du her?“ Dieſes Kind lebte ſo in dem Mangel jeder Zuneigung wie die bleichen Pflanzen, die in einem Keller wachſen. Er litt indeß dadurch nicht und zürnte deshalb Niemand. Er wußte nicht recht, wie ein Vater und eine Mutter ſein müſſen. Uebrigens liebte ſeine Mutter ſeine Schweſtern. Den Faden zu zerreißen ſcheint der Inſtinct gewiſſer und unglücklicher Familien zu ſein. Die Elenden. V. 3 34 Wir haben zu erwähnen vergeſſen, daß dieſer Knabe auf dem Boulevard du Temple der kleine Gavroche genannt wurde. Das Stübchen, welches die Jondrette's in der Baracke Gorbeau bewohnten, war das letzte am Ende des Ganges. Das Gemach daneben bewohnte ein junger ſehr armer Mann, den man Herrn Marius nannte. Sagen wir, wer dieſer Herr Marius war. Marius. Zweites Buch. Der große Bürger. dir welch t Achtu ſelbſt melg man bhrin Ten Nm unſer Um war würd und Mh ein . Nennzig Jahr und zweiunddreißig Zähne. In der Rue Boucherat, der Rue der Normandie und der Rue de Saintonge giebt es noch einige Bewohner, welche die Erinnerung an einen alten Mann bewahrt haben, der Herr Gillenormand hieß und von welchem ſie mit Achtung ſprachen. Dieſer Mann war alt, als ſie ſelbſt noch jung waren. Dieſe Silhouette iſt für die, welche melancholiſch auf das Gewirr von Schatten blicken, das man die Vergangenheit nennt, noch nicht ganz aus dem La⸗ byrinth der Straßen verſchwunden, welche zunächſt dem Temple lagen und denen man unter Ludwig XIV. die Namen aller Provinzen Frankreichs gegeben hatte, wie in unſern Tagen den Straßen des neuen Tivoliviertels die Namen aller Hauptſtädte Europa's. Herr Gillenormand, der 1831 noch am Leben war, war Einer jener Menſchen, die nur dadurch merk⸗ würdig geworden ſind, weil ſie lange gelebt haben, und deshalb auffallend, weil ſie ehedem aller Welt glichen und jetzt keinen Menſchen mehr gleichen. Er war ein eigenthümlicher Greis und wahrhaft ein Mann 38 eines andern Zeitalters, der Typus und etwas hochmüthige Bürger des 18. Jahrhunderts, ſein gutes altes Bürgerthum mit der Würde tragend, wie die Marquiſe ihr Margquiſat; er war über neunzig Jahre alt, ging aufrecht, ſprach laut, ſah hell, trank tüchtig, aß, ſchlief und ſchnarchte. Er hatte noch ſeine zweiunddreißig Zähne. Eine Brille ſetzte er nur auf, um zu leſen. Er war von verliebter Laune, ſagte aber, daß er ſeit etwa zehn Jahren vollkommen und entſchieden auf Frauengunſt verzichtet hätte. Er könnte nicht mehr gefallen, ſagte er, aber er fügte nicht hinzu:„ich bin zu alt, ſon⸗ dern: ich bin zu arm.“ Er ſagte:„hätte ich mich nicht zu Grunde gerichtet— heee!“ Es blieb ihm in der That nur ein Einkommen von 15,000 Francs. Sein Traum beſtand darin, eine Erbſchaft zu machen und 100,000 Francs Rente zu gewinnen, um Mai⸗ treſſen zu halten. Er gehörte, wie man ſieht, nicht zu jener boshaften Gattung Achtzigähriger, die gleich Herrn von Voltaire ihr ganzes Leben lang ſterbend waren; es war nicht das lange Leben eines geflickten Topfes; der muntere Greis war ſtets geſund geweſen. Er war oberflächlich, flüchtig, leicht zum Zorn gereizt. Bei jeder Gelegenheit ge⸗ rieth er in Zorn, und am häufigſten gegen den geſunden Menſchenverſtand. Widerſprach man ihm, ſo hob er ſeinen Stock auf; er prügelte die Leute wie in dem großen Jahr⸗ hundert. Er hatte eine Tochter, die über fünfzig Jahr und nicht verheirathet war, die er tüchtig prügelte, wenn er in Zorn gerieth und der er gern noch die Ruthe gegeben hätte. Sie kam ihm vor, als wäre ſie acht Jahre alt. Er ohr⸗ feigte kräftig ſeine Dienſtboten, und ſagte dabei:„Ha! Du Rabenaas!“ ſeinen Lieblingsfluch. Er hatte ſonderbare Gewohnheiten. Er ließ ſich täglich durch einen Barbier raſiren, der verrückt geweſen war und der ihn verabſcheute, da er wegen ſeiner Frau, der hübſchen kokelte war. S ſinn dentli beſite ein Fl ſchenkt warer Dieſe welch auf ſ domit unter Writ die( verkn in A bſe Sch wir koketten Barbiersfrau, auf Herrn Gillenormand eiferſüchtig war. Herr Gillenormand bewunderte ſeinen eigenen Scharf⸗ ſinn bei jeder Gelegenheit und erklärte ſich für außeror⸗ dentlich klug. Eine ſeiner Lieblingsäußerungen war:„Ich beſitze in Wahrheit einigen Scharfſinn; ich vermag, wenn ein Floh mich beißt, zu ſagen, welche Frau ihn mir ge⸗ ſchenkt hat.“ Die Worte, die er am häufigſten auszuſprechen pflegte, waren: ein gefühlvoller Menſch, und die Natur. Dieſem letztern Worte gab er indeß nicht die Bedeutung, welche unſere Zeit ihm beigelegt hat, allein er miſchte es auf ſeine Weiſe in ſeine kleinen Spöttereien. „Die Natur,“ ſagte er,„verleiht der Civiliſation, damit dieſe von Allem etwas bekommt, ſelbſt einige Proben unterhaltender Barbarei. Man hat Proben von Aſien und Afrika in kleinem Format. Die Katze iſt ein Salontiger, die Eidexe ein Taſchenkrokodil. Die Operntänzerinnen ſind roſige Wilde. Sie freſſen die Menſchen nicht auf, aber ſie verknabbern ſie, oder als Zauberinnen verwandeln ſie ſie in Auſtern und ſchlucken ſie hinunter. Die Menſchenfreſſer laſſen nichts übrig als die Knochen, ſie nichts als die Schaale. So ſind unſere Sitten. Wir verſchlingen nicht, wir nagen; wir vernichten nicht, wir kratzen ab.“ 40 H. Wie der Herr, ſo die Wohnung. Er wohnte in Marais, Rue des Filles⸗du⸗Calvaire Nro. 6. Das Haus gehörte ihm. Das Haus iſt ſeitdem niedergeriſſen und wieder aufgeführt worden und die Num⸗ mer hat ſich wahrſcheinlich bei der Revolution, welche alle Straßen von Paris erdulden, geändert. Er hatte eine alte geräumige Wohnung im erſten Stock inne, zwiſchen der Straße und den Gärten; die Wände waren bis zu der Decke mit großen Gobelinstapeten bekleidet, welche Schäfer⸗ ſcenen darſtellten. Die Gegenſtände der Decke und der Zwiſchenfelder wurden im Kleinen auf den Armſeſſeln wie⸗ derholt. Sein Bett umgab ein großer lakirter Bettſchirm. Lange Vorhänge hingen von den Fenſtern herab und bildeten prachtvolle Falten. Der Garten, welcher unmittelbar unter ſeinem Fenſter lag, hing mit dem mittelſten derſelben durch eine Treppe von zwölf oder fünfzehn Stufen zu⸗ ſammen, die der Alte ſehr munter auf oder abſtieg. Außer ſeiner Bibliothek, die an ſein Wohnzimmer ſtieß, hatte er ein Bondoir, auf welches er große Stücke hielt. Ein galantes Cabinet, welches mit einer prachtvollen Stroh⸗ tapete bekleidet war, welche unter Ludwig XIV. auf den Galeeren angefertigt wurde und die Herr von Vivonne durch die Züchtlinge für ſeine Maitreſſe arbeiten ließ. Herr Gille⸗ normand hatte dieſe Tapete von einer mütterlichen Groß⸗ tante geerbt, die mit hundert Jahren ſtarb. Er hatte zwei Frauen gehabt. Sein Weſen hielt die Mitte zwiſchen dem Hofmann, der er nie geweſen war, und dem Richter, der er hitte et wo hört h treſſe Ehem mn Adwi jug di bis Sein lange kurze die hihn in d org Cm heu M ſche 41 hätte werden können. Er war heiter und liebkoſend, wenn er wollte. In ſeiner Jugend ſoll er zu jenen Männern ge⸗ hört haben, die immer durch ihre Frau und nie durch ihre Mai⸗ treſſe betrogen worden, weil ſie zugleich die mürriſchſten Ehemänner und die liebenswürdigſten Liebhaber ſind, die man ſich denken kann. Er war ein Kenner der Malerei. Die Kleidung des Herrn Gillenormand war weder die Ludwig's XV. noch die Ludwig's XVI.; es war der An⸗ zug der Incroyables unter dem Directorium. Er hatte ſich bis dahin für jung gehalten und alle Moden mitgemacht. Sein Rock war von leichtem Tuch mit breiten Aufſchlägen, langen Schößen und großen Stahlknöpfen. Dazu trug er kurze Beinkleider und Schnallenſchuhe. Beſtändig ſteckte er die Hände in die Taſchen. Mit entſchiedenem Ton ſagte er:„die franzöſiſche Revolution iſt ein Haufen von Schnapp⸗ hähnen.“ IE Der kleine Kobold. Als er ſechszehn Jahre alt war, hatte er eines Abends in der Oper die Ehre genoſſen, zugleich von zwei Schönheiten lorgnettirt zuwerden, die damals reich, berühmt und von Voltaire, Camargo und la Sallé beſungen wurden. Zwiſchen zwei Feuer genommen, hatte er einen heldenmüthigen Rückzug zu einer kleinen Tänzerin ausgeführt, die Nahenry hieß, ſechszehn Jahr alt war, wie er ſelbſt, unbekannt wie eine 42 Katze und in die er ſich verliebt hatte. Er war überreich an Erinnerungen. Er rief aus:„wie hübſch ſie war, dieſe kleine Guimard⸗Guimardini⸗Guimardinette; als ich ſie das letzte Mal in Longchamps ſah! Friſirt, mit beſtändigen Ge⸗ fühlen, mit ihren. Sehet wie herrlich in Türkiſen, ihrem Kleid von der Farbe neuer Ankömmlinge, und ihrem Aufregungs⸗Muff!“ In ſeiner Jugend hatte er eine Weſte von Nain⸗Lon⸗ drin getragen, von der er noch gern und mit Achtung ſprach. Er war damals gekleidet wie ein Türke der levantiſchen Levante, ſagte er. Frau von Boufflers, die er zufällig ſah, als er zwanzig Jahr alt war, hatte ihn,„einen reizenden Narren genannt.“ Er hielt ſich über alle Namen auf, die er in der Po⸗ litik und im Anſehen ſah und fand ſie gemein und bürger⸗ lich. Er las die Zeitſchriften, die Neuigkeitspapiere, die Zeitungen, wie er ſagte, und erſtickte dabei vor Lachen. „Ha! ha! ha!“ ſagte er,„was ſind das für Menſchen! Corbiere! Humann! Cafimir Périer! Das ſind Miniſter! Ich denke mir, es heißt in einer Zeitung: Herr Gillenor⸗ mand Miniſter! das wäre eine Poſſe! Nun, ſie ſind ſo dumm, daß das wohl geht!“ Er nannte luſtig jedes Ding bei ſeinem paſſenden oder unpaſſenden Namen, ohne ſich vor Frauen Zwang anzulegen. Er ſagte Grobheiten, Zweideutigkeiten, Schmutzigkeiten mit einer gewiſſen eleganten Ruhe. Er war die Sansfacon ſeines Jahrhunderts. Man muß bedenken, daß die Zeit der Umſchreibungen in Verſen die Zeit der nackten Proſa war. Sein Pathe hatte prophezeit, daß er einſt ein Mann von Genie werden würde und hatte ihn deshalb ſcherzhaft den kleinen Kobold genannt. 5 Preiſ Nive word noch Erin Herz des ſagte aus Guth viede Rube Geg aus Lam einer fir! Ven an d wen ders nor wer zil W. Ein hundertjähriger Bewerber. Er hatte in ſeiner Jugend im Collegium von Moulins Preiſe gewonnen und war durch die Hand des Herzogs von Nivernais, den er Herzog von Nevers nannte, gekrönt worden. Weder der Convent, noch der Tod Ludwig XVI., noch Napoleon, noch die Rückkehr der Bourbons hatte die Erinnerung an dieſe Krönung verwiſchen können. Der Herzog von Nevers war für ihn die größte Geſtalt des Jahrhunderts:„Welch ein reizender großer Herr,“ ſagte er, und wie gut er mit ſeinem großen blauen Bande ausſah!“ In den Angen des Herrn Gillenormand hatte Catharina II. die Verbrechen der Theilung Polens dadurch wieder gut gemacht, daß ſie von Beſtuchef für drei Millionen Rubel das Geheimniß des Goldelixirs kaufte. Bei dieſem Gegenſtande wurde er lebhaft.„Das Goldelixir,“ rief er aus,„die Goldfarbe Beſtuchefs, die Tropfen des General Lamotte waren im 18. Jahrhundert, das Fläſchchen von einer halben Unze zu einem Louisd'or, das große Hülfsmittel für die Kataſtrophe der Liebe, das Beruhigungsmittel gegen Venus. Ludwig XV. ſchickte zweihundert Flacons davon an den Papſt.“ Man hätte ihn in Verzweiflung und außer ſich gebracht, wenn man ihn geſagt hätte, daß das Goldelixir nichts an⸗ ders iſt als die Chlorverbindung des Eiſens. Herr Gille⸗ normand betete die Bourbons an und verabſcheute 1789; er erzählte beſtändig, auf welche Weiſe er ſich in der Schreckens⸗ zeit rettete und wie er ſehr viel Heiterkeit und ſehr viel Liſt * 44 nöthig gehabt hätte, damit ihm nicht der Kopf abgeſchlagen wurde. Ließ irgend ein junger Mann es ſich in ſeiner Gegen⸗ wart einfallen, die Republik zu loben, ſo wurde er blau vor Zorn und kam vor Aufregung einer Ohnmacht nahe. Zuweilen ſpielte er auf ſein Alter von neunzig Jahren an, indem er ſagte:„ich hoffe, ich werde nicht zwei Wä 1793 enleben V. Basquo und Nicolette. Er hatte Theorien. Hier eine derſelben: wenn ein Mann die Frauen leidenſchaftlich liebt und ſelbſt eine Frau hat, um die er ſich nicht ſehr kümmert, die häßlich, wider⸗ ſpenſtig, legitim, voller Rechte iſt, welche ſich auf den Codex ſtützt und gelegentlich eiferſüchtig wird, ſo giebt es nur eine Art, ſich aus der Verlegenheit zu ziehen und den Frieden zu erhalten. Dieſe beſteht darin, ſeiner Frau die Schnüre des Geldbeutels zu überlaſſen. Dieſe Verzichtleiſtung macht ihn frei. Die Frau hat dann eine Beſchäftigung. Sie ge⸗ winnt die Leidenſchaft, die Münzen zu zählen, färbt ſich daran die Finger mit Grünſpan, unternimmt die Begründung von Milchwirthſchaften und die Abrichtung der Pächter, be⸗ ruft Advokaten, hält den Vorſitz unter Notaren, verfolgt Prozeſſe, dictirt Contracte, gilt für eine Herrſcherin, verkauft, kauft, ordnet, befiehlt, verſpricht und verſpricht ſich, bindet * 3 und re und ve perſün verſch Grun 2 angew Frau, waltet Vitn indem 15,00 ſeinen ordnu ſchſt Erbth Nati ſagen wie n männl ihne lichen prite verſch hre et in Bu ſein; ſamn „ Hm und reißt, giebt nach, giebt vor, ordnet und zerſtört, knauſert und verſchwendet; ſie begeht Albernheiten, ein großes und perſönliches Glück, und das tröſtet. Während ihr Mann ſie verſchmäht, genießt ſie die Befriedigung, ihren Mann zu Grunde zu richten. Dieſe Theorie hatte Herr Gillenormand für ſich ſelbſt angewendet und ſie war ſeine Geſchichte geworden. Seine Frau, die zweite, hatte ſein Vermögen auf ſolche Weiſe ver⸗ waltet, daß Herrn Gillenormand, als er ſich eines Tages als Wittwer erblickte, nur ebenſo viel blieb, um Leben zu können, indem er beinahe Alles auf Leibrenten legte und ſo ſich 15,000 Francs Einkünfte ſicherte, von denen drei Viertel mit ſeinem Leben erlöſchen. Er hatte nicht gezögert, dieſe An⸗ ordnung zu treffen, denn ihn kümmerte es wenig, eine Erb⸗ ſchaft zu hinterlaſſen. Uebrigens hatte er auch geſehen, daß Erbtheile den Zufällen unterworfen ſind und zum Beiſpiel Natioüaleigenthum werden. Er pflegte daher oft zu. ſagen: das iſt Alles Schwindel! Sein Haus in der Rue des Filles⸗du⸗Calvaire gehörte, wie wir erwähnten, ihm. Er hatte zwei Dienſtboten, einen männlichen und einen weiblichen. Trat ein Dienſtbote bei ihm ein, ſo taufte Herr Gillenormand ihn um. Den männ⸗ lichen gab er den Namen ihrer Provinz: Nimois, Comtois, Poitevin, Picard. Sein letzter Bediente war ein dürrer, verſchlagener und kurzathmiger Menſch von fünfundfünfzig Jahren, unfähig, zwanzig Schritte weit zu laufen, allein da er in Bayonne geboren war, nannte Herr Gillenormand ihn Basquo. Die Dienſtmädchen hießen bei ihm ſämmtlich Nicolette, ſelbſt die Mignon, von welcher ſpäter die Rede ſein wird. Eines Tages kam eine ſtolze Köchin von hoher Ab⸗ ſtammung zu ihm, um einen Dienſt zu ſuchen. „Wie viel Lohn verlangen Sie monatlich?“ fragte Herr Gillenormand. 46 „Dreißig Francs.“ „Wie heißen Sie? „Olympia.“ „Du ſollſt funfzig Francs bekommen. Du wirſt Dich Nicolette nennen.“ Vl. Die Miguon und ihre beiden Kleinen. Bei Herrn Gillenormand äußerte ſich der Schmerz durch Zorn; er war wüthend darüber, in Verzweiflung zu gerathen, und er beſaß alle Arten von Vorurtheilen und nahm ſich alle Arten von Freiheiten. Einer der Umſtände, welche zu ſeinem äußeren Anſehen und zu ſeiner inneren Befriedigung gehörten, war, doß er, wie wir bereits an⸗ deuteten, ein tüchtiger Courmacher geblieben war und ſich offen für einen ſolchen ausgab. Er nannte das einen Königlichen Ruf haben. Dieſer Königliche Ruf zog ihm zuweilen eigenthümlichen Gewinn zu. Eines Tages brachte man ihm in einem Korbe, der einem Auſternkorbe glich, einen großen neugebornen Jungen, der ganz verteufelt ſchrie, und den eine Dienſtmagd, welche er ſechs Monate vorher fortgejagt hatte, ihm zuſchrieb. Herr Gillenormand zählte damals ſeine vollen vierundachtzig Jahre. Der Un⸗ wille und das Geſchrei in der Nachbarſchaft war groß. Hofft denn die ſchamloſe Dirne. daß man ſo etwas glauben 1 würde Verler S tete d Alten und ſ Sie v unwif Baſto undac Jahr Cardi mit b Frau Kind einer Tabt Johr Und! Her ſene ſich! Send hpit beide cht dingu zu, wer urt gu würde? hieß es. Welche Verwegenheit, welche abſcheuliche Verleumdung! Herr Gillenormand gerieth nicht in Zorn. Er betrach⸗ tete den Säugling mit dem liebenswürdigem Lächeln eines Alten, der ſich durch die Verleumdung geſchmeichelt fühlt, und ſagte verſtohlen: „Nun, was iſt denn? was hat denn das zu ſagen? Sie verwundern ſich ganz gewaltig und in der That wie unwiſſende Perſonen. Der Herr Herzog von Angoulèm, Baſtard Sr. Majeſtät Karl IX., verheirathete ſich fünf⸗ undachtzig Jahre alt mit einem Mädchen von funfzehn Jahren; Herr Virginal, Marquis d'Alluye, Bruder des Cardinal von Sourdis, Erzbiſchof von Bourdeaux, hatte mit dreiundachtzig Jahren von einem Kammermädchen der Frau Kammerpräſidentin Jacquin einen Sohn, ein wahres Kind der Liebe, der Maltheſerritter und Staatsrath wurde; einer der großen Männer jenes Jahrhunderts, der Abbé Tabaraud, iſt der Sohn eines Mannes von ſiebenundachtzig Jahren. Dergleichen Dinge ſind nur ganz gewöhnlich. Und die Bibel erſt! Uebrigens erkläre ich, daß dieſer kleine Herr nicht von mir iſt. Man ſorge für ihn. Das iſt nicht ſeine Schuld.“ Der Einfall war nicht dumm. Das Geſchöpf, welches ſich Mignon nannte, ſuchte ihm das nächſte Jahr eine zweite Sendung zu machen. Es war wieder ein Knabe. Jetzt kapitulirte Herr Gillenormand. Er gab der Mutter ſeine beiden Säuglinge zurück und verpflichtete ſich, monatlich achtzig Francs zu ihrer Erhaltung zu zahlen, unter der Be⸗ dingung, daß die Mutter nicht wieder käme. Er fügte hin⸗ zu, ich verlange, daß die Mutter ſie gut behandelt. Ich werde ſie von Zeit zu Zeit beſuchen. Das that er. Er hatte einen Bruder, einen Prieſter, der dreiunddreißig Jahre Rector der Akademie von Poitiers geweſen war und mit neunundſiebzig Jahren ſtarb.„Ich 48 habe ihn ſehr iung verloren,“ ſagte er. Dieſer Bruder, von dem nur eine geringe Erinnerung zurückgeblieben iſt, war ein ziemlicher Geizhals, der ſich als Prieſter dazu verpflichtet hielt, den Armen, die ihm begegneten, ein Almo⸗ ſen zu geben, der ihnen aber nie etwas anderes ſchenkte, als ganz kleine oder entwerthete Geldſtücke, und der es ſo möglich machte, auf dem Wege zum Himmel in die Hölle zu fahren. Herr Gillenormand, der Aeltere, knauſerte nie mit dem Almoſen; er gab gern und reichlich. Er war wohlwollend, wahrhaft mildthätig, und wenn er reich geweſen wäre, ſo würde ſeine Neigung die Pracht geweſen ſein. Er wollte, daß Alles, was ihn betraf, großartig geſchehe, ſelbſt die Schelmereien. Eines Tages war er bei einer Erbſchaft durch einen Geſchäftsmann auf eine grobe und ſehr ſichtliche Weiſe betrogen worden. Er machte darüber den feierlichen Ausruf:„pfui! das iſt ſchmutzig! Ich ſchäme mich wahr⸗ haftig ſolcher Spitzbübereien. Alles iſt doch in unſerm Jahrhundert entartet, ſelbſt die Schelme. Morbleu! ſo muß man einen Mann meiner Art nicht beſtehlen. Ich bin be⸗ raubt wie in einem Walde, aber auf ſchlechte Weiſe.“ Er hatte, wie wir erwähnten, zwei Frauen; von der erſten hatte er eine Tochter, die unverheirathet geblieben war, und von der zweiten ebenfalls eine Tochter, die mit zwanzig Jahren ſtarb, nachdem ſie aus Liebe oder aus Zufall oder aus irgend einer anderen Urſache einen Soldaten geheirathet hatte, der in den Armeen der Republik und des Kaiſerreichs diente, bei Auſterlitz das Kreuz bekam und bei Waterloo zum Oberſten ernannt wurde.„Das iſt die Schande meiner Familie!“ ſagte der alte Bürger. Er ſchnupfte ſtark, hatte eine beſondere Fertigkeit darin, ſein Spitzenjabot mit dem Rücken der Hand zu zerdrücken. Er glaubte ſehr wenig an Gott. Kegel mehr llede und Herr zählte Rue dem nj Gewo bu zu he ſein un fi die lnſ geſchle Heiſt ( ſelh 49 vII. Regel: Niemand anders als am Abend zu empfangen. So war Herr Gillenormand, der ſeine Haare, welche mehr grau als weiß waren, noch nicht verloren hatte. Bei alledem war er im Ganzen achtungswerth. Er hatte etwas von dem 18. Jahrhundert: frivol und groß. 1814, während der erſten Jahre der Reſtauration wohnte Herr Gillenormand, der damals„noch jung“ war— er zählte erſt 74 Jahr— in der Faubourg Saint⸗Germain, Rue Servandoni bei Saint⸗Sulpice. Er hatte ſich nach dem Marais zurückgezogen, als er aus der Welt ſchied, lange nach ſeinem vollbrachten achtzigſten Jahre. Indem er die Welt verließ, ſchloß er ſich in ſeine Gewohnheiten ein. Die erſte derſelben, auf die er unwandel⸗ bar hielt, war, ſeine Thür am Tage durchaus verſchloſſen zu halten und nie Jemand, in welchem Geſchäfte es auch ſein mochte, anders als am Abend zu empfangen. Er aß um fünf Uhr und dann öffnete ſich ſeine Thür. Das war die Mode ſeines Jahrhunderts und er wollte davon nicht ablaſſen,„der Tag iſt gemein,“ ſagte er,„und verdient nur geſchloſſene Fenſterladen. Anſtändige Leute zünden ihren Geiſt an, wenn der Himmel ſeine Sterne anzündet.“ Er verbarrikadirte ſich darin vor aller Welt, und wäre er ſelbſt der König geweſen. Eine alte Eleganz ſeiner Zeit. Die Elenden. v. 4 50 VIII. Zwei ſiud nicht immer ein Paar. Von den beiden Töchtern des Herrn Gillenormand haben wir ſchon geſprochen. Sie waren zehn Jahre aus⸗ einander geboren. In ihren Zügen hatten ſie ſich ſehr wenig geglichen und waren ſowohl durch den Charakter und durch das Geſicht ſo wenig als möglich Schweſtern geweſen. Die jüngere war eine ſchöne Seele, geneigt zu Allem, was Licht iſt, beſchäftigt mit Blumen, Poeſie, Muſik, ſich in höheren Regionen ſchwingend, enthuſiaſtiſch, ätheriſch, ſeit ihrer Kind⸗ heit bei ſich ſelbſt verlobt mit dem Ideal einer unbeſtimmten Heldengeſtalt. Die älteſte hatte auch ihre Chimäre; ſie ſah an ihrem Himmel einen Lieferanten, irgend einen Proviant⸗ verwalter, der ſehr reich war, einen auffallend dummen Gatten, eine Menſch gewordene Million oder einen Präfecten; große Geſellſchaften in der Präfectur, einen Thürſteher im Vorzimmer, officielle Bälle, feierliche Anreden auf der Mairie.„Frau Präſidenten“ zu ſein, das wirbelte in ihrer Phantaſie umher. Sie, die beiden Schweſtern, verirrten ſich ſo jede in ihrem Traum zur Zeit, als ſie junge Mäd⸗ chen waren. Beide hatten Flügel, die Eine wie ein Engel, die Andere wie eine Gans. Kein Wunſch wird ganz erfüllt, wenigſtens nicht hie⸗ nieden. Kein Paradies wird in unſerer Zeit irdiſch. Die Jüngere hatte den Mann ihrer Träume geheirathet, aber ſie war geſtorben; die Aeltere hatte ſich nicht verheirathet. Zu der Zeit, in welcher wir ſie in unſere Geſchichte einführen, war ſie eine alte Tugend, eine entſchiedene Prüde, eine die 1 ihre leit Miß Auß rung bon noch nie Ste kige aufz jun T die man Vnt vöh wie ige gen hoi won Nat ih 51 eine der ſpitzeſten Naſen und der beſchvänkteſten Perſonen, die man ſich denken kann. Ein charakteriſtiſches Zeichen iſt es, daß außerhalb der nächſten Familie Niemand jemals ihren Taufnamen erfahren hatte. Man nannte ſie Fräu⸗ lein Gillenormand, die ältere. In Beziehung auf die Schamhaftigkeit hatte ſie einer Miß als Muſter dienen können, ſie trieb dieſelbe bis auf's Aeußerſte. Ihr Leben wurde durch eine entſetzliche Erinne⸗ rung verbittert: eines Tages hatte ein Mann ihr Strumpf⸗ band geſehen! Das Alter hatte dieſe unerbittliche Schamhaftigkeit nur noch geſteigert. Ihr Halstuch war nie dicht genug und ging nie hoch genug hinauf. Sie vervielfältigte Schleifen und Stecknadeln da, wohin zu ſehen Niemand dachte. Das Eigenthümliche der Prüderie iſt, um ſo mehr Schildwachen aufzuſtellen, je weniger die Feſtung bedroht wird. Dennoch ließ ſie ſich ohne Mißvergnügen von einem jungen Lancieroffizier küſſen, der ihr Großneffe war und Théodul hieß. Trotz dieſes begünſtigten Lanzenreiters paßte die Bezeichnung Prüderie vollkommen auf Fräulein Gillenor⸗ mand. Die Prüderie iſt eine Halb⸗Tugend und ein Halb⸗ Laſter. Mit der Prüderie vereinigte ſie Frömmelei, eine ge⸗ wöhnliche Paarung. Sie hatte eine fromme Freundin, eine alte Jungfer, wie ſie ſelbſt, Fräulein Vaubois, eine entſchieden einfäl⸗ tige Perſon, ſo daß Fräulein Gillenormand das Vergnügen genoß, neben ihr als Adler zu erſcheinen. Außer dem Agnus Pei und dem Ave Maria verſtand Fräulein Vau⸗ bois nichts als die verſchiedenen Arten des Einmachens. Mit dem Alter hatte Fräulein Gillenormand eher ge⸗ wonnen, als verloren; das iſt das Eigenthümliche paſſiver Naturen. Sie war nie boshaft geweſen, und das iſt eine relative Güte, dann nutzen auch die Jahre die ſcharfen Kanten 4* 52 ab. Sie war traurig, ohne ſelbſt zu wiſſen, weshalb. In ihrer ganzen Perſon lag die Betäubung eines Lebens, das beendigt iſt, ohne begonnen zu ſein. Sie führte das Hausweſen ihres Vaters. Herr Gille⸗ normand hatte ſeine Tochter bei ſich, wie der Biſchof Bien⸗ venu ſeine Schweſter. Dieſe Hausweſen eines alten Greiſes und einer alten Jungfer ſind nicht ſelten und haben den ſtets rührenden Anſchein von zwei Schwachen, die ſich gegen⸗ ſeitig einander ſtützen. Zwiſchen dieſer alten Jungfer und dieſem Greiſe gab es in dieſem Hauſe noch ein Kind, einen Knaben, der vor Herrn Gillenormand beſtändig zitterte und ſtumm war. Herr Gillenormand ſprach zu dieſem Knaben nie anders, als mit ſtrengem Tone und zuweilen mit aufgehobenem Stocke.„Hierher, Schelm! Schlingel! Lümmel! Komm näher!— Antworte, Schuft!— Laß Dich ſehen, Taugenichts! ꝛc. ꝛc. Er vergötterte dieſen Knaben. Es war ſein Enkel. Wir werden das Kind anderwärts wieder finden. Marius. Drittes Buch. Der Großvater und der Enkel. beu in d Do den, und unb wel mar lönn hitt rohe acht in Bo dere a ſh — L Ein ehemaliger Salon. Als Herr Gillenormand in der Rue Servandoni wohnte, beſuchte er mehrere ſehr gute und ſehr edle Salons. Er wurde in denſelben empfangen, obgleich er dem Bürgerſtande angehörte. Da er zweimal Geiſt beſaß, einmal den wirklichen und dann den, welchen man ihm zutraute, wurde er ſogar aufgeſucht und man ſchmeichelte ihm. Wohin er ging, geſchah dies unter der Bedingung, zu herrſchen. Es giebt viele Leute, welche um jeden Preis Einfluß verlangen und wollen, daß man ſich mit ihnen beſchäftigt; wenn ſie nicht Orakel ſein können, werden ſie Luſtigmacher. Herr Gillenormand ge⸗ hörte nicht zu dieſer Gattung. Seine Herrſchaft in den royaliſtiſchen Salons, die er beſuchte, koſtete ſeiner Selbſt⸗ achtung nichts. Er war überall Orakel. Gegen 1817 brachte er jede Woche zwei Nachmittage in einem benachbarten Hauſe zu, Rue Férou bei der Frau Baronin von T., einer würdigen und achtungswerthen Dame, deren Gemahl unter Ludwig XVI. franzöſiſcher Geſandter in Berlin geweſen war. Der Baron T., der ſich leiden⸗ ſchaftlich mit magnetiſchen Viſionen beſchäftigte, hatte ſich in der Emigration zu Grunde gerichtet und ließ als Ver⸗ mögen nichts weiter zurück, wie zehn in rothem Maroquin gebundene Manuſcripte, ſehr intereſſante Memoiren über Mesmer und deſſen Kufe. Frau von T. hatte dieſe Memoiren ihrer Würde wegen nicht veröffentlicht und lebte von einer kleinen Rente, die übrig geblieben war, man wußte nicht wie. Frau von T. lebte fern vom Hofe in einer edlen, ſtolzen und armen Iſolirung. Einige Freunde verſammelten ſich zwei Mal jede Woche bei ihr und das bildete einen royaliſtiſchen Vollblutsſalon. Man ſeufzte hier oder ſtieß Schreckensrufe aus über das Jahrhundert, die Charte, die Bonapartiſten, den Jacobinismus Ludwigs XVIII. und unterhielt ſich leiſe von den Hoffnungen, welche Monſeigneur gab, ſeitdem Karl X. genannt. Gleich gewiſſen Kirchthürmen hatte der Salon der Baronin von T. zwei Hähne. Der Eine war Herr Gille⸗ normand, der Andere der Graf von Lamotte⸗Valois, von welchen man ſich verſtohlen in das Ohr flüſterte:„Sie wiſſen wohl? Es iſt der Lamotte von der Hals⸗ bandgeſchichte.“ Dieſer Graf von Lamotte, welcher 1815 ein Greis von 75 Jahren war, hatte nichts Bemer⸗ kenswerthes, als ein ſchweigſames und haltungsvolles Weſen, ein trocknes und kaltes Geſicht, ſein durchaus höfliches Benehmen, ſeinen bis zur Halsbinde zugeknöpften Rock und ſeine langen Beine. Dieſer Graf von Lamotte„zählte“ in dem Salon wie in ſeiner Berufenheit, und ſonderbar genug, aber dennoch wahr, wegen ſeines Namens Valois. Die Achtung, in welcher Gillenormand ſtand, war durchaus ehrenwerth. Er bildete eine Autorität. So leicht⸗ fertig er auch war und ohne daß dies ſeiner Heiterkeit Eintrag that, hatte er ein gewiſſes, impoſantes, würdedolles, rechtſchaffenes und bürgerlich⸗ſtolzes Benehmen; ſein hohes Alter kam noch hinzu. Die Jahre verleihen einem Kopf mit der Zeit die Ehrwürdigkeit. Außerdem hatte er noch jene Witzfunken vom alten Schlage. So zum Beiſpiel, als der König von Preußen, nachdem er Ludwig XVIII. wieder auf den Thron geſetzt hatte, demſelben einen Beſuch unter dem Namen eines Grafen von Ruppin machte, wurde er von dem Nachkömmling Ludwig XIV. ein wenig wie ein Markgraf von Branden⸗ burg und mit der gewählteſten Unverſchämtheit empfangen. Herr Gillenormand billigte dies.„Alle Könige, welche nicht König von Frankreich ſind,“ ſagte er,„ſind Provinzialkönige.“ Bei dem Tedeum zur Jahresfeier der Rückkehr der Bourbons ſagte er, indem er Herrn von Talleyrand vorüber⸗ kommen ſah: das iſt Se. Excellenz der Böſe. Herr Gillenormand erſchien gewöhnlich in Begleitung ſeiner Tochter, jenem langen Mädchen, welches über die Vierzig hinaus war und funfzig zu ſein ſchien, ſowie eines kleinen hübſchen Knaben von ſieben Jahren, weiß, roſig, friſch, mit vertrauensvollen Augen, der nie in dieſem Salon erſchien, ohne daß die Stimmen ringsumher flüſterten: wie⸗ hübſch er iſt! wie ſchade! das arme Kind! Dieſes Kind war eben das, von welchem wir weiter oben ein Wort ſagten. Man nannte es— armes Kind— weil es zum Vater einen Räuber den„Loire“ hatte. Dieſer Räuber de la Loire war jener Schwiegerſohn des Herrn Gillenormand, deſſen wir bereits erwähnten und den Herr Gillenormand die Schande ſeiner Familie nannte. 58 H. Eines der rothen Geſpenſter jener Zeit. Jemand, der um jene Zeit durch die kleine Stadt Vernon gekommen wäre, und dort über jene herrliche alter⸗ thümliche Brücke ging, der, wie wir hoffen, eine abſcheuliche Kettenbrücke folgen wird, hätte einen Mann bemerken können, der einige fünfzig Jahre alt war, eine Ledermütze trug, Beinkleider und Jacke von grobem grauen Tuch, an welcher letzteren etwas Gelbes feſtgenäht war, das ehedem ein rothes Band geweſen; er trug Holzſchuhe, war von der Sonne verbrannt, ſein Geſicht faſt ſchwarz und ſein Haar faſt weiß; eine breite Narbe zog ſich von der Stirn bis zur Wange; er war gebeugt, gealtert von den Jahren, und ging beinahe täglich mit einem Grabſcheit und einem Garten⸗ meſſer in den Händen nach einem jener mit Mauern um⸗ gebenen Feldern, welche an die Brücke ſtoßen und gleich einer Teraſſe das linke Ufer der Seine einfaſſen, reizende Flecke voller Blumen, von denen man, wenn ſie größer wären, ſagen würde, es ſind Gärten, wären ſie kleiner, es ſind Bouquets. Alle dieſe Umhegungen ſtießen mit der einen Seite an den Fluß und mit der andern an ein Haus. Der Mann in der Jacke und den Holzſchuhen, deſſen wir er⸗ wähnten, bewohnte gegen 1817 das kleinſte dieſer Häuſer mit der beſcheidenſten dieſer Umhegungen. Er lebte hier allein und einſam, ſtill und arm mit einem Weibe, daß weder jung noch alt, das weder ſchön noch häßlich, weder Bäurin noch Städterin war und ihn bediente. Das Stück⸗ chen Erde, welches er ſeinen Garten nannte, war in der 59 Stadt durch die Schönheit der Blumen, die er darin zog, berühmt. Die Blumen waren ſeine Beſchäftigung. Durch Arbeit, Ausdauer, Aufmerkſamkeit und Waſſer war es ihm gelungen, nach dem Schöpfer zu ſchaffen, und er hatte gewiſſe Tulpen und gewiſſe Georginen, welche von der Natur vergeſſen worden zu ſein ſchienen, erfunden. Er war erfindungsreich. Mit Tagesanbruch im Sommer war er in ſeinen Gängen, pfropfend, ſchneidend, ſägend, begießend, unter ſeinen Blumen mit einem Weſen der Güte, der Trauer und der Sanftmuth umhergehend oder zuweilen träumeriſch und regungslos. Stundenlang auf den Geſang eines Vogels in einem Baume, das Geſchwätz eines Kindes in einem Hauſe hörend, oder die Augen geheftet auf ein Pflänzchen, auf einen Thautropfen, aus welchem die Sonne einen Kar⸗ funkel machte. Er führte einen ſehr magern Tiſch und trank mehr Milch als Wein. Einem Kinde gab er nach; ſeine Magd zankte ihn aus. Er war ſo ſchüchtern, daß er beinahe menſchenſcheu zu ſein ſchien, ging ſelten aus und ſah Niemand bei ſich als die Armen, die an ſein Fenſter klopften und ſeinen Pfarrer, den Abbé Mabeuf, einen guten alten Mann. Wenn indeß Bewohner der Stadt oder Fremde, die erſten beſten Neugierigen, ſeine Tulpen und ſeine Roſen zu ſehen, an ſeinem kleinen Hauſe klingelten, öffnete er ihnen lächelnd die Thür. Dieſer Mann war der Räuber de la Loire. Jemand, der in jener Zeit die militairiſchen Memoiren, die Biographien, den Moniteur, und die Bulletins der großen Armee geleſen hätte, dem würde der ziemlich oft wiederkehrende Name Georg Pontmerch aufgefallen ſein. Ganz jung war dieſer Georg Pontmerch Soldat im Regi⸗ ment Saintonge. Die Rerolution brach aus, das Regiment Saintonge kam zu der Rheinarmee, denn die Kavalerie⸗ Regimenter der Monarchie behielten nach dem Sturze der⸗ ſelben ihre Provinzialnamen bei und wurden erſt 1797 in Brigaden formirt. Pontmerch ſchlug ſich bei Speyer, bei Worms, bei Neuſtadt, bei Türkheim, bei Alzey, bei Mainz, wo er zu den Zweihundert gehörte, welche die Arrieregarde Hou⸗ chards bildeten. Er vertheidigte mit zwölf Anderen gegen das Corps des Prinzen Heſſen den alten Wall von Ander⸗ nach und zeg ſich auf das Gros der Armee erſt zurück, als die feindlichen Kanonen eine breite Breſche geöffnet hatten. Er war unter Kléber bei Marchiennes und bei dem Gefecht von Mont⸗Poliſſel, wo ihm der Arm durch eine Kartät⸗ ſchenkugel zerſchmettert wurde. Dann kam er an die italie⸗ niſche Grenze und war hier Einer der dreißig Grenadiere, welche den Engpaß von Tende unter Jouvert vertheidigten. Jouvert wurde dafür zum Generaladjudanten ernannt und Pontmerch zum Unter⸗Lieutenant. Pontmerch war an der Seite Berthiers mitten in dem Kartätſchenhagel jenes Tages von Lodi, von welchem Bonoparte ſagte Berthier war Kanonier, Reiter und Grenadier. Er ſah ſeinen ehemaligen General Joubert bei Novi in dem Augen⸗ blicke fallen, als er den Säbel erhob und rief: Vorwärts! Er war mit ſeiner Compagnie zu irgend einer Unternehmung in einem Kriegsbvote eingeſchifft, welches von Genua nach einem kleinen Küſtenhafen beſtimmt war und hier in ein Wespenneſt von ſieben bis acht engliſchen Segeln fiel. Der genueſiſche Kommandant wollte die Kanonen in das Meer werfen, die Soldaten im Zwiſchendeck verbergen und in der Dunkelheit als Handelsfahrzeug durchſchlüpfen. Pontmerch ließ die dreifarbige Fahne an den Maſt nageln und ſegelte ſtolz unter den Kanonen der britiſchen Fregatten hin. Zwanzig Meilen weiter, wuchs ſeine Verwegenheit, und mit ſeinem Boote griff er ein großes engliſches Kriegsſchiff an und nahm es, welches Truppen nach Sicilien brachte und mit Menſchen und Pferden ſo beladen war, daß es bis an die Verdeckluken im Waſſer ging. 1805 gehörte er zu jener Diviſion Malher, welche Günzburg dem Herzog Ferdinand nhm. einem Spite war. werth lichen kiſerl zuſam für rä Der nache in A der hum rigim war Kyi Buc Stu nerc berlie die und Chat der Ane und Er und zwar von der Regi — nahm. Bei Wettingen fing er mit ſeinen Armen unter einem Kugelregen den Oberſt Maupetit auf, der an der Spitze des 9. Dragonerregiments tödtlich verwundet worden war. Bei Auſterlitz zeichnete er ſich in jenen bewund erns⸗ werthen Marſche in Echolons aus, der unter dem feind⸗ lichen Feuer vorgenommen wurde. Als die Kavalerie der kaiſerlich⸗ruſſiſchen Garde ein Bataillon des 4. Linienregiments zuſammenhieb, gehörte Pontmerch zu denen, welche ſich da⸗ für rächten, indem ſie die Garde über den Haufen warfen. Der Kaiſer verlieh ihm das Kreuz, Pontmercy ſah darauf nacheinander Wurmſen in Mantua gefangen nehmen, Mélas in Alexandrien, Mack in Ulm. Er gehörte zu dem 8. Corps der großen Armee, welches Mortier kommandirte und ſich Hamburgs bemächtigte, dann kam er zu dem 55. Linien⸗ regiment, dem ehemaligen Regiment Flandern. Bei Eylau war er auf dem Kirchhofe, auf welchem der heldenmüthige Kapitain Louis Hugo, der Onkel des Verfaſſers dieſes Buches, allein mit ſeiner Compagnie von 83 Mann zwei Stunden lang der feindlichen Armee die Spitze bot. Pont⸗ merch war Einer der drei, welche dieſen Kirchhof lebend verließen. Er war bei Friedland; dann ſah er Moskau, die Bereſina, Lützen, Bautzen, Dresden, Wachau, Leipzig und die Engpäſſe von Gellnhauſen; dann Montmirail, Chateau⸗Thierry, Craon, die Ufer der Marne, die Ufer der Aisne und die furchtbare Stellung von Laon. Bei Arnay⸗le⸗Duc hieb er als Kapitain zehn Koſaken nieder und rettete, nicht ſeinen General, ſondern ſeinen Korporal. Er wurde bei dieſer Gelegenheit ſelbſt zuſammengehauen und man zog ihm allein aus dem linken Arme ſiebenund⸗ zwanzig Knochenſplitter. Acht Tage vor der Kapitulation von Paris tauſchte er mit einem Kammerad und trat bei der Kavalerie ein. Er beſaß das, was man bei dem alten Regime die doppelte Hand nannte, das heißt, die gleiche Geſchicklichkeit, als Soldat den Säbel oder das Gewehr zu 62 führen und als Offizier eine Schwadron oder ein Bataillon. Aus dieſer Fähigkeit, die durch die militairiſche Erziehung vervollkommnet wurde, entſprangen gewiſſe Spezialwaffen, wie z. B. die Dragoner, die zugleich Reiter und Infante⸗ riſten ſind. Er begleitete Napoleon nach der Inſel Elba. Bei Waterloo war er Escadronschef der Küraſſiere in der Brigade Dubois. Er war es, der die Fahne des Ba⸗ taillons Lüneburg nahm. Er legte dieſe Fahne zu den Füßen des Kaiſers nieder. Er war dabei mit Blut bedeckt. Als er die Fahne nahm, hatte er einen Säbelhieb über das Geſicht bekommen. Der Kaiſer rief ihm ſehr zufrieden zu: Du biſt Oberſt! Du biſt Baron! Du biſt Offizier der Ehrenlegion! Pontmercy antwortete: Sire ich danke Ihnen für meine Wittwe. Eine Stunde darauf fiel er in den Hohlweg von Ohain. Wer war nun dieſer Georg Pontmerch. Es war eben jener Räuber de la Loire. Man ſah ſchon Etwas von ſeiner Geſchichte. Pont⸗ mercy, der bei Waterloo, wie man ſich erinnern wird, aus dem Hohlweg von Ohain gezogen wurde, erreichte die Armee und ſchleppte ſich von Lazareth zu Lazareth bis zu den Cantonements längs der Loire. Die Reſtauration ſetzte ihn auf Halbſold und wies ihn zum Aufenthalt, das heißt, um ihn zu beaufſichtigen, Vernon an. Der König, Ludwig XVIII., der Alles, was während der hundert Tage geſchehen war, als nicht geſchehen betrachtete, hatte weder ſeine Eigenſchaft als Offizier der Ehrenlegion, noch ſeinen Grad als Oberſt, noch ſeinen Titel als Baron anerkannt. Er ſeinerſeits vernachläſſigte keine Gelegenheit, ſich zu unterzeichnen: der Oberſt Baron Pontmercy. Er hatte nur einen alten blauen Rock und ging nie aus, ohne varan die Roſette des Offiziers der Ehrenlegion zu befeſtigen. Der Procurator des Königs ließ ihn benach⸗ richtigen, daß er von dem Gerichtshofe Pegen unbefugten *& 5* Lrage ihm t gema ich w oder daß Roſet Zwei comn Auff ſchich hand Bnie Bon dahin dud der Vern und zu b Ctc miet man Pau Gill Gru er ſ war wert in di 63 Tragens dieſer Auszeichnung verfolgt werden ſollte. Als ihm dieſe Mittheilung durch einen gefälligen Zwiſchenträger gemacht wurde, antwortete Pontmerch mit bitterem Lächeln: ich weiß nicht, ob ich das Franzöſiſch nicht mehr verſtehe, oder ob Sie es nicht mehr ſprechen können, gewiß iſt aber, daß ich Sie nicht begreife. Darauf ging er acht Tage hintereinander mit ſeiner Roſette aus. Man wagte es nicht, ihn zu beunruhigen. Zwei oder drei Mal ſchrieben der Kriegsminiſter und der commandirende General des Departements an ihn mit der Aufſchrift: An Herrn Commandant Pontmerch. Er ſchickte die Briefe uneröffnet zurück. Zu derſelben Zeit be⸗ handelte Napoleon in St. Helena auf dieſelbe Weiſe die Briefe des Sir Hudſon Lowe, welche An den General Bonaparte überſchrieben waren. Pontmerch war zuletzt dahin gekommen, daß er— man verzeihe uns dieſen Aus⸗ druck— in ſeinem Munde denſelben Speichel hatte, wie der Kaiſer. Eines Morgens begegnete er in einer Straße von Vernon den Procurator des Königs, ging grade auf ihn zu und ſagte: Herr Procurator, iſt es mir erlaubt, meine Narbe zu tragen? Er hatte nichts als ſeinen ſehr geringen Halbſold als Escadronchef. Er hatte in Vernon das kleinſte Haus ge⸗ miethet, das er finden konnte. Hier lebte er allein, wie man ſoeben geſehen. Unter dem Kaiſerreiche hatte er in der Pauſe zwiſchen zwei Kriegen die Zeit gefunden, Fräulein Gillenormand zu heirathen. Der alte Mann, der im Grunde darüber empört war, willigte ſeufzend ein, indem er ſagte: die größten Familien ſind dazu gezwungen. 1815 war Madame Pontmerch, eine in jeder Hinſicht achtungs⸗ werthe, wohlerzogene, ſeltene und würdige Frau, und mit Hinterlaſſung eines Kindes geſtorben. Dieſes Kind wäre die Freude des Oberſten in ſeiner Einſamkeit geweſen, allein 64 der Großvater hatte ungeſtüm ſeinen Enkel gefordert, indem er erklärte, wenn er ihm denſelben nicht überließe, würde er ihn enterben. Der Vater hatte ihm zum Wohle des Kleinen nachgegeben, und da er ſein Kind nicht bei ſich haben konnte, liebte er ſeine Blumen. Er hatte übrigens auf Alles verzichtet und miſchte ſich in nichts. Er theilte ſeine Gedanken zwiſchen den unſchul⸗ digen Dingen, die er that, und den großen Dingen, die er gethan hatte. Er vollbrachte ſeine Zeit damit, auf eine neue Nelke zu hoffen oder ſich an Auſterlitz zu erinnern. Herr Gillenormand hatte keinen Verkehr mit ſeinem Schwieger⸗ ſohn. Der Oberſt war für ihn„ein Bandit“. Der Bürger war für den Oberſten„ein Eſel.“ Herr Gillenormand ſprach niemals von dem Oberſten, ausgenommen etwa, um ſpöttiſche Anſpielungen auf„ſeine Baronie“ zu machen. Es war ausdrücklich abgemacht worden, daß Pontmerch nie ver⸗ ſuchen ſollte, ſeinen Sohn zu ſehen oder mit ihm zu ſprechen, unter Vermeidung der Strafe, daß er ihm enterbt zurück⸗ geſchickt würde. Für die Gillenormands war Pontmerch ein Peſtkranker. Sie wollten das Kind nach ihrem Gefallen erziehen. Der Oberſt hatte vielleicht Umecht, dieſe Be⸗ dingungen einzugehen, allein er unterwarf ſich ihnen, indem er glaubte, wohlzuthun und nur ſich ſelbſt zu opfern. Die Erbſchaft des Vater Gillenormand war gering, aber die Erbſchaft der Fräulein Gillenormand der ältern, ſehr bedeutend. Dieſe unverheirathet gebliebene Tante war von mütterlicher Seite ſehr reich und der Sohn ihrer Schweſter ihr natürlicher Erbe. Das Kind, welches Marius hieß, wußte, daß es einen Vater hatte, aber weiter nichts. Nie⸗ mand öffnete über denſelben gegen ihn den Mund. In der Welt indeß, in welche ſein Großvater ihn führte, hatten das Geflüſter, die halben Worte, das Augenblinzeln, ſelbſt in dem Geiſte des Kleinen mit der Zeit ein Licht angezündet und er hatte zuletzt davon Etwas begriffen, ſo daß er all⸗ * nilig Herz vorſt ſo ſe und Di und des! Cwe geyn kann ſpra Ober Bſ berſe Pfur Geſt Soh in ind ſch 2 65 mälig an ſeinen Vater nur noch mit Scham und gepreßtem Herzen dachte. Während er ſo heranwuchs, entſchlüpfte der Oberſt alle zwei oder drei Monate ſeinem Aufenthaltsorte, ſtahl ſich nach Paris wie ein Verbrecher, der der polizeilichen Auf⸗ ſicht entflieht, und ſtellte ſich an die Thür von St. Sulpice zu der Stunde auf, zu welcher die Tante Gillenormand Marius zur Meſſe führte. Zitternd vor Furcht, daß die Tante ſich umdrehen möchte, verborgen hinter einem Pfeiler, regungslos, indem er kaum zu athmen wagte, betrachtete er hier ſein Kind. Der Narbige fürchtete ſich vor der alten Jungfer. Daher rührte auch ſein näherer Umgang mit dem Pfarrer von Vernon, dem Abbé Mabeuf. Dieſer würdige Prieſter war der Bruder eines Kirchen⸗ vorſtehers von St. Sulpice, dem öfters dieſer Mann, der ſo ſein Kind betrachtete, durch die große Narbe im Geſicht und die großen Thränen in den Augen aufgefallen war. Dieſer Mann, der ſo ganz ausſah, wie ein echter Mann und doch weinte wie ein Weib, erweckte die Aufmerkſamkeit des Kirchenvorſtehers. Das Geſicht blieb ihm in Gedanken. Eines Tages, als er ſeinen Bruder in Vernon beſuchte, be⸗ gegnete er auf der Brücke den Oberſten Pontmerch und er— kannte jenen Mann von St. Sulpice. Der Kirchenvorſteher ſprach daron mit dem Pfarrer und Beide machten dem Oberſten unter irgend einem Vorwande einen Beſuch. Dieſer Beſuch führte zu anderen. Der Oberſt, der Anfangs ſehr verſchloſſen geweſen war, wurde endlich offener und der Pfarrer, ſowie der Kirchenvorſteher erfuhren zuletzt die ganze Geſchichte und wie Pontmerch ſein Glück der Zukunft ſeines Sohnes opferte. Die Folge davon war, daß der Pfarrer ihn verehrte und eine wahre Zärtlichkeit für ihn empfand, und daß der Oberſt ſeinerſeits dem Pfarrer ſeine Zuneigung ſchenkte. Uebrigens erkennen und verbinden ſich zwei Men⸗ Die Elenden. V. 5 66 ſchen nicht ſo leicht und ſo vollkommen, wie ein alter Prieſter und ein alter Soldat, vorausgeſetzt, daß Beide aufrichtig und gut ſind. Im Grunde iſt das ein und derſelbe Menſch. Der Eine hat ſich dem Vaterlande hienieden, der Andere dem Vaterlande dort oben gewidmet; ein anderer Unterſchied beſteht zwiſchen ihnen nicht. Zwei Mal jährlich, am 1. Januar und am Sanct⸗ Georgstage, ſchrieb Marius ſeinem Vater pflichtmäßige Briefe, welche ſeine Tante dictirte und die man aus einem Briefſteller abgeſchrieben, hätte glauben ſollen. Das war Alles, was Herr Gillenormand duldete. Der Vater ant⸗ wortete darauf durch zärtliche Briefe, welche der Großvater in die Taſche ſteckte, ohne ſie zu leſen. III. Requiescant. Der Salon der Frau von T. war Alles, was Marius Pontmerch von der Welt kannte. Es war die einzige Oeff⸗ nung, durch die er in das Leben zu blicken vermochte. Dieſe Offenbarung war finſter und es ſtrömte durch dieſelbe auf ihn mehr Kälte als Wärme, mehr Nacht als Tag. Dieſes Kind, das nichts als Freude und Licht war, als es in dieſe ſonderbare Welt eintrat, wurde in derſelben nach kurzer Zeit traurig und, was ſeinem Alter noch mehr widerſpricht, ernſt. Umgeben von all den impoſanten und eigenthüm⸗ w da U br zu liſ A 67 lichen Geſtalten, blickte es mit aufgeregtem Staunen um ſich. Alles vereinigte ſich, um in ihm dies Staunen zu ſteigern. Unter den eigenthümlichen Geſtalten, welche ſich in dem Salon der Frau von T. bewegten, und die den jungen Marius mit Scheu und Ehrfurcht erfüllten, muß auch ein alter Mann mit wohlwollendem Geſicht erwähnt werden, der Chevalier von Port⸗de⸗Guh, angeſtellt in dem Kabinet des Königs. Herr von Port⸗de⸗Guy war kahlköpfig und mehr gealtert als Alle, und erzählte, daß man ihn 1793 im Alter von ſechszehn Jahren als Widerſpenſtigen in den Bagno geſperrt und zuſammengeſchmiedet mit einem achtzig⸗ jährigen Greiſe, dem Biſchof von Mirepoix, der auch ein Widerſpenſtiger war, aber als Prieſter, wie er als Soldat. Das war in Toulon. Ihre Arbeit beſtand darin, während der Nacht von dem Schaffot die Köpfe und die Leichen der am Tage Guillotinirten abzuholen; ſie trugen dieſe blut— triefenden Körper auf ihren Rücken fort und ihre rothen Galeerenkappen hatten im Genick eine Blutkruſte, die am Morgen trocken, am Abend naß war. Dergleichen traurige Erzählungen kamen reichlich in dem Salon der Frau von T. vor, und indem man Marel verwünſchte, zollte man Treſtaillon Beifall. In dieſer eigenthümlichen Geſellſchaft der damaligen Zeit, die jetzt ſo vergeſſen iſt, daß man ſie kaum noch kennt, wuchs Marius Pontmerch heran, und als er aus den Händen der Tante Gillenormand kam, vertraute ſein Groß⸗ vater ihn einem würdigen Profeſſor der ernſten klaſſiſchen Unſchuld an. Die junge ſich öffnende Seele kam aus den Händen eines Prüden in die eines Schulfuchſes. Marius brachte ſeine vorſchriftsmäßigen Jahre in dem Collegium zu und trat dann in die Rechtsſchule ein. Er war roya⸗ liſtiſch, phantaſtiſch und ſtreng. Seinen Großvater, deſſen Luſtigkeit und Egoismus ihn verletzten, liebte er nicht ſehr. In Beziehung auf ſeinen Vater war er finſter. 5* 68 Uebrigens war er ein glühender und zugleich kalter Jüng⸗ ling, großmüthig, ſtolz, religiös, exaltirt, würdevoll bis zur Härte, rein bis zur wilden Strenge. IV. Ende des Ränbers. Die Beendigung von Marius klaſſiſchen Studien fiel mit dem Austritt des Herrn Gillenormand aus der Welt zuſammen. Der Greis ſagte der Vaterſtadt St. Germain und dem Salon der Frau von T. Lebewohl und ließ ſich in Marais in ſeinem Hauſe in der Rue des Filles⸗du⸗Cal⸗ vaire nieder. Er hatte hier außer dem Thürhüter zu Die⸗ nern jene Nicolette, die auf die Mignon folgte, und jenem athemloſen und geſchäftigen Basken, von dem weiter oben geſprochen wurde. 1827 erreichte Marius ſein 17. Jahr. Als er eines Abends nach Hauſe kam, ſah er ſeinen Großvater mit einem Briefe in der Hand. „Marius“ ſagte Herr Gillenormand,„Du wirſt morgen nach Vernon reiſen.“ „Weshalb?“ ſagte Marius. „Um Deinen Vater zu ſehen.“ Marius erbebte; er hatte an Alles gedacht, nur daran nicht, daß er eines Tages ſeinen Vater ſehen könnte. Nichts war für ihn unerwarteter, überraſchender und, ſagen wir es offen, unangenehmer. Es war die Entfernung zur Annähe⸗ nn abe wa wi bli hn ſich einf hofe am eili in näc lig wi ma Me Er det er in ra ug 69 rung gezwungen. Es war kein Kummer, nein, das nicht, aber ein Frohndienſt. Außer ſeinen politiſchen Beweggründen der Antipathie war Marius überzeugt, daß ſein Vater, der Säbelmann, wie Herr Gillenormand ihn in ſeinen freundlichen Augen⸗ blicken nannte, ihn nicht liebte. Das war offenbar, da er ihn ſo fortgegeben und Anderen überlaſſen hatte. Da er ſich nicht geliebt fühlte, liebte er auch nicht.„Nichts iſt einfacher,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Er war ſo verwundert, daß er Herrn Gillenormand nicht fragte. Der Großvater fuhr fort: „Wie es ſcheint iſt er krank. Er verlangt nach Dir.“ Nach einem kurzen Schweigen fügte er hinzu: „Reiſe morgen früh. Ich glaube, auf dem Brunnen⸗ hofe geht ein Wagen morgen um ſechs Uhr ab und kommt am Abend an. Nimm darauf einen Platz. Er ſagt, es iſt eilig.“ Dann drückte er den Brief zuſammen und ſteckte ihn in die Taſche. Marius hätte an demſelben Abend abreiſen und am nächſten Morgen bei ſeinem Vater ſein können. Eine Di⸗ ligence machte um jene Zeit die Reiſe nach Rouen und kam während der Nacht durch Vernon. Weder Herr Gillenor⸗ mand noch Marius dachten daran, ſich zu erkundigen. Am nächſten Tage gegen die Abenddämmerung gelangte Marius nach Vernon. Die Lichter wurden angezündet. Er fragte den erſten Vorübergehenden nach dem Hauſe des Herrn Pontmercy, denn in ſeinen Gedanken war er der Anſicht der Reſtauration und erkannte gleich dieſer in ſeinem Vater weder den Baron noch den Oberſt. Man deutete ihm die Wohnung an. Er klingelte; ein Frauenzimmer öffnete ihm, eine kleine Lampe in der Hand tragend. „Herr Pontmercy?“ ſagte Marius. Das Weib blieb regungslos ſtehen. „Iſt das hier?“ fragte Marius. Das Weib machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen. „Kann ich ihn ſprechen?“ Das Weib machte eine verneinende Bewegung. „Aber ich bin ſein Sohn!“ fuhr Marins fort.„Er erwartet mich.“ „Er erwartet ſie nicht mehr,“ ſagte das Weib. Jetzt bemerkte er, daß ſie weinte. Sie deutete mit dem Finger auf die Thür eines Zim⸗ mers im Erdgeſchoß; er trat ein. In dieſem Gemache, welches ein Talglicht beleuchtete, das auf dem Kamine ſtand, waren drei Männer; einer ſtehend, einer kniend und einer im Hemd langausgeſtreckt auf dem Fußboden liegend. Dieſer Letztere war der Oberſt. Die beiden Andern waren ein Arzt und ein Prieſter, welcher betete. Der Oberſt war ſeit drei Tagen von einem Gehirn⸗ fieber ergriffen worden. Bei dem Ausbruch der Krankheit hatte er eine leiſe Ahnung und ſchrieb an Herrn Gillenor⸗ mand, ſeinen Sohn zu erlangen. Die Krankheit hatte ſich verſchlimmert. Am Abend vor Marius Ankunft in Vernon hatte der Oberſt einen Anfall des Deliriums; er war un⸗ geachtet des Widerſtandes der Magd aus dem Bette ge⸗ ſprungen, indem er rief: „Mein Sohn kommt nicht! Ich gehe ihm entgegen!“ Dann hatte er die Stube verlaſſen und war auf dem Fußboden des Vorgemachs niedergeſtürzt. Eben hatte er den letzten Athem ausgehaucht. Man berief den Arzt und den Pfarrer. Der Arzt war zu ſpät gekommen, der Pfarrer ebenfalls. Auch der Sohn kam zu ſpät. der Thri Aug Die ven und liche wei und roth tra den Hel Ma und ant i ſi 71 Bei dem matten Scheine des Lichtes erblickte man auf der Wange des am Boden liegenden Oberſten eine große Thräne, die aus ſeinem todten Auge geronnen war. Das Auge war erloſchen, die Thräne aber noch nicht⸗ getrocknet. Dieſe Thräne hatte er über das Zögern ſeines Sohnes vergoſſen. Marius betrachtete dieſen Mann, den er zum erſten und zum letzten Male ſah, dieſes ehrwürdige männ⸗ liche Geſicht, dieſe offenen Augen, die nicht ſahen, dieſe weißen Haare, dieſe kräftigen Glieder, auf denen man hier und dort braune Linien ſah, welche Säbelhiebe waren, und rothe Sterne, welche von Kugellöchern herrührten. Er be⸗ trachtete dieſe rieſige Narbe, welche dem Geſicht, dem Gott den Stempel der Güte verliehen hatte, den Stempel des Heldenmuthes aufdrückte. Er dachte daran, daß dieſer Mann ſein Vater war, und daß dieſer Mann todt war, und blieb kalt. Die Trauer, die er empfand, war die, welcher jeder andere todt vor ihm liegende Menſch in ihm erweckt hätte. Eine ſchmerzliche Trauer indeß herrſchte in dem Ge⸗ mache. Die Magd weinte in einer Ecke; der Pfarrer betete und man hörte ihn dabei ſchluchzen. Der Arzt trocknete ſich die Augen; die Leiche ſelbſt weinte. Der Arzt, der Prieſter und die Magd ſahen Marius in ihrer Betrübniß an, ohne ein Wort zu ſprechen; er war hier der Fremde. Marins, der zu wenig ergriffen war, fühlte ſich beſchämt durch ſeine Haltung; er hielt ſeinen Hut in der Hand und ließ ihn fallen, um den Glauben zu erwecken, der Schmerz raubte ihm die Kraft, ihn zu halten. Zugleich empfand er darüber Etwas wie einen Gewiſſens⸗ biß und verachtete ſich, daß er ſo handelte. Aber war es ſeine Schuld? Er liebte ja ſeinen Vater nicht! 72 Der Oberſt hinterließ nichts. Der Verkauf des Mo⸗ biliars bezahlte kaum die Beerdigung. Die Magd fand ein Blättchen Papier, welches ſie Marius übergab. Es ſtanden darauf von der Hand des Oberſten die Worte geſchrieben: „Für meinen Sohn.— Der Kaiſer hat mich auf dem Schlachtfelde von Waterloo zum Baron ernannt. Da die Reſtauration mir dieſen Titel, den ich mit meinem Blute bezahlt habe, ſtreitig macht, wird mein Sohn ihn annehmen und führen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er deſſelben würdig iſt;“— Auf der Rückſeite hatte der Oberſt hinzugefügt:„In eben jener Schlacht bei Wa⸗ terloo hat ein Sergeant mir das Leben gerettet. Dieſer Menſch heißt Thénardier. Ich glaube, er hielt in der letzten Zeit ein kleines Wirthshaus in einem Dorfe der Umgegend von Paris, in Challes oder in Montfermeil. Wenn mein Sohn ihm begegnet, wird er dieſen Thénar⸗ dier ſo viel Gutes thun als er vermag.“ Nicht aus Religioſität für ſeinen Vater, ſondern wegen jener unbeſtimenten Ehrfurcht die der Tod ſtets ſo gebie⸗ teriſch dem Herzen des Menſchen einflößt, nahm Marius dies Papier und verwahrte es. Nichts blieb von dem Oberſten übrig. Herr Gillenor⸗ mand ließ ſeinen Degen und ſeine Uniform an den Trödler verkaufen. Die Nachbaren leerten den Garten aus und plünderten die ſeltenen Blumen. Die anderen Pflanzen verwelkten und ſtarben. Marius war nur 48 Stunden in Vermon geblieben. Nach der Beerdigung kehrte er nach Paris zurück und ſetzte ſeine Rechtsſtudien fort, ohne an ſeinen Vater mehr zu denken, als hätte derſelbe nie gelebt. Nach zwei Tagen war der Oberſt beerdigt, nach drei Tagen vergeſſen. Marius trug einen Trauerflor um den Hut. Das war Alles. — — hei — St klei lich acht übe tra ſei ein ihn Si ſö un V. Rützlichkeit, in die Meſſe zu gehen, um ein Revolutionair zu werden. Marius hatte die religiöſen Gewohnheiten ſeiner Kind⸗ heit beibehalten. Eines Sonntags, als er die Meſſe in St. Sulpice gehört hatte, in eben jener Capelle der heiligen Jungfrau, zu welcher ſeine Tante ihn führte, als er noch klein war, trat er träumeriſcher und zerſtreuter wie gewöhn⸗ lich hinter einen Pfeiler und kniete hier, ohne darauf zu achten, auf einem Betpult nieder, das mit Utrechter Sammt überzo ar, und auf welchem der Namen ſtand: Herr Mabeuf, Kirchenvorſteher. Die Meſſe hatte kaum begonnen, als ein Greis zu ihm trat und ſagte: „Mein Herr, das iſt mein Platz.“ Marius trat raſch bei Seite, und der Greis nahm ſeinen Platz ein. Als die Meſſe zu Ende war, blieb Marius gedankenvoll einige Schritte entfernt ſtehen; Der Greis näherte ſich ihm wieder und ſagte: „Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr, daß ich Sie ſo eben geſtört habe und in dieſem Augenblick wieder ſtöre; allein Sie müſſen mich zudringlich gefunden haben, und es iſt nöthig, mich deshalb gegen Sie zu erklären.“ „Mein Herr,“ ſagte Marius,„das iſt überflüſſig.“ „Doch, doch!“ erwiderte der Greis;„ich will nicht, daß Sie von mir einen üblen Begriff bekommen. Sehen Sie, ich halte auf dieſen Platz etwas. Es ſcheint mir, als wäre die Meſſe hier beſſer. Weshalb? ich will es Ihnen ſagen. Auf dieſen Platz ſah ich zehn Jahre lang regelmäßig alle zwei oder drei Monat einen armen, edlen Vater kommen, der keine andere Gelegenheit und kein anderes Mittel hatte, ſein Kind zu ſehen, weil ein Familienabkommen ihn daran verhinderte. Er ſtellte ſich zu der Stunde ein, zu welcher man, wie er wußte ſeinen Sohn in die Meſſe führte. Der Kleine ahnte nicht, daß ſein Vater hier ſei. Er wußte vielleicht nicht einmal, daß er einen Vater hatte, der unſchuldige Knabe. Der Vater hielt ſich hinter einer Säule verborgen, damit man ihn nicht ſah. Er blickte auf ſein Kind und weinte. Er betete den Kleinen an, der arme Mann. Ich ſah das. Dieſer Ort iſt da⸗ durch für mich wie geheiligt, und ich nahm die Gewohnheit an, hier die Meſſe zu hören. Ich ziehe ihn der Bank vor, auf welcher ich als Kirchenvorſtand meinen Platz hätte. Ich habe ſogar dieſen unglücklichen Herrn etwas gekannt. Er hatte einen Schwiegervater, eine reiche T Ver⸗ wandte, ich weiß nicht mehr recht, die das Kind zu ent⸗ erben drohten, wenn er, der Vater, es ſähe. Er opferte ſich, damit ſein Sohn eines Tages reich und glücklich ſei. Man trennte ihn von demſelben wegen politiſcher Meinungen. Ganz gewiß billige ich die politiſchen Meinungen, aber es giebt Leute, die nicht Halt zu machen wiſſen. Mein Gott, weil ein Mann bei Waterloo focht, iſt er noch kein Unge⸗ heuer. Man trennt deshalb nicht einen Vater von ſeinem Kinde. Er war ein Oberſt Bonaparte's. Er iſt todt, glaube ich. Er wohnte in Vernon, wo mein Bruder Pfarrer iſt, und hieß etwas wie Pontmercie, oder Monpterch.— Er hatte meiner Treu einen ſchönen Säbelhieb in das Ge⸗ ſicht bekommen.“ „Pontmerch,“ ſagte Marius erblaſſend. „Richtig, Pontmerch. Haben Sie ihn gekannt?“ „Mein Herr,“ entgegnete Marius,„er war mein Vater.“ Der alte Kirchenvorſteher faltete die Hände und rief: in Y daß( nach Gile Sie Dich Tch Pa Re blit alle a din M 75 „Ach! Sie ſind das Kind. Ha richtig, das muß jetzt ein Mann ſein. Nun, armes Kind, Sie dürfen ſich ſagen, daß Sie einen Vater hatten, der Sie ſehr liebte!“ Marins bot dem Greiſe ſeinen Arm und begleitete ihn nach ſeiner Wohnung. Am nächſten Tage ſagte er zu Herrn Gillenormand: „Wir haben eine Jagdparthie verabredet. Erlauben Sie mir, mich für drei Tage zu entfernen?“ „Vier!“ erwiderte der Großvater.„Geh, unterhalte Dich gut.“ Und mit den Augen blinzelnd ſagte er zu ſeiner Tochter: „Irgend eine Liebſchaft!“ W. Was es zu bedeuten hat, einem Kirchenvorſteher begegnet zu ſein. Wohin Marius ging, wird man ſpäter ſehen. Marins war drei Tage abweſend, kehrte dann nach Paris zurück, ging geradeswegs nach der Bibliothek der Rechtsſchule und verlangte den Moniteur. Er las den Monlteur, las alle Geſchichten der Repu⸗ blik und des Kaiſerreichs, das Memorial von St. Helena, alle Memoiren, alle Zeitungen, alle Bulletins, alle Procla⸗ mationen; er verſchlang Alles. Das erſte Mal, als er den Namen ſeines Vaters in den Bülletins der großen Armee fand, hatte er darüber eine ganze Woche lang das 76 Fieber. Er ſuchte die Generale auf, unter denen Georg Pontmerch gedient hatte, unter andern den Grafen H. Der Kirchenvorſteher Mabeuf, den er wieder beſuchte, erzählte ihm von dem Leben in Vernon, der Zurückgezogenheit des Oberſten, ſeinen Blumen, ſeiner Einſamkeit, Marius lernte ſo vollkommen jenen ſeltenen, erhabenen und milden Menſchen kennen, jene Art von Lammlöwe, der ſein Vater geweſen war. Beſchäftigt mit dieſem Studium, welches ſeine ganze Zeit wie ſeine ganzen Gedanken in Anſpruch nahm, ſah er die Gillenormands beinahe nicht mehr; bei den Mahlzeiten erſchien er; ſuchte man ihn dann, ſo war er nicht mehr da. Die Tante ſchmollte, der Vater Gillenormand lächelte. „Pah! hoh!“ ſagte er;„es iſt die Zeit der Mädchen! — Zuweilen fügte der Greis auch hinzu:„Der Teufel, ich glaubte, das ſei eine Galanterie; mir ſcheint als ſei es Leidenſchaft.“ Es war in der That eine Leidenſchaft. Marius war auf dem Wege, ſeinen Vater anzubeten. Zugleich entſtand eine eigenthümliche Verwandlung ſeiner Begriffe. Die Phaſen dieſer Verwandlung waren zahlreich und folgten einander. Wir halten es für zweck⸗ mäßig, ihnen Schritt für Schritt zu folgen und ſie alle anzudeuten. Die Geſchichte, auf welche er die Augen gerichtet hatte, erſchreckte ihn. Die erſte Wirkung war Verblendung. Die Republik, das Kaiſerreich waren bisher für ihn nur abſcheuliche Worte geweſen. Dis Republik eine Guillo⸗ tine in dem Dämmerlichte; das Kaiſerreich ein Säbel in der Nacht. Er ſah ſich beide genauer an, und da, wo er nichts zu finden erwartete, als ein finſteres Chaos, ſah er mit einer unerhörten Ueberraſchung, in die ſich Furcht nnd Frende miſchte, Sterne glänzen: Mirabeau, Vergniaud, 3 Snint und e mehr, zurüc wöhr lunge die 9 einer er ſal Moyf die welch der, Ehr goße Geſt Gew Mo niſſ ſchre imm Ma wen das Din bewt dach See Ach biu nie 77 Saint⸗Juſt, Robespierre, Camile Desmoulins, Danton, und eine Sonne aufgehen: Napoleon. Er wußte nicht mehr, wo er war; geblendet durch ſo viel Licht taumelte er zurück; allmälig, nachdem das Staunen vorüber war, ge⸗ wöhnte er ſich an den hellen Schein, betrachtete die Hand⸗ lungen ohne Schwindel, prüfte die Perſonen ohne Entſetzen; die Revolution und das Kaiſerreich ſtellten ſich ihm in einer ſtrahlenden Perſpective vor das Auge der Gedanken; er ſah jede dieſer beiden Gruppen der Ereigniſſe und der Menſchen ſich durch zwei gewaltige Thatſachen verwickeln: die Republik in der Herrſchaft des bürgerlichen Rechts, welches den Maſſen zurückgegeben war, das Kaiſerreich in der Herrſchaft des franzöſiſchen Gedankens, der dem übrigen Europa aufgeprägt wurde. Er ſah aus der Revolution die große Geſtalt des Volkes und aus dem Kaiſerreich die große Geſtalt Frankreichs hervortreten. Er ſagte ſich in ſeinem Gewiſſen, daß das Alles gut geweſen ſei. Daß ſeine Verblendung bei der erſten Würdigung Manches überſah, glauben wir nicht erſt erwähnen zu müſſen. Wir ſchildern den Zuſtand eines im Vorwärts⸗ ſchreiten begriffenen Geiſtes. Die Fortſchritte erfolgen nicht immer mit einem Male. Nachdem wir das ein für alle Mal erwähnt haben, fahren wir fort. Er bemerkte jetzt, daß er bisher ſein Vaterland ebenſo wenig begriffen hatte, wie ſeinen Vater. Er hatte weder das eine noch den andern gekannt und eine Art freiwilliger Dunkelheit erduldet. Jetzt ſah er, und auf der einen Seite bewunderte er, auf der andern betete er an. Er wurde erfaßt von Reue und Gewiſſensbiſſen, und dachte voll Verzweiflung daran, daß er alles das, was ſeine Seele erfüllte, jetzt nur noch einem Grabe ſagen könnte. Ach wenn ſein Vater noch gelebt, wenn er ihn noch beſeſſen hätte, wie würde er dann geeilt ſein, ſich vor ſeinem Vater niederzuſtürzen und ihm zuzurufen:„Vater! hier bin ich! 78 ich bin es! Ich habe das gleiche Herz wie Du! Ich bin Dein Sohn!“ Wie innig würde er dann den weißen Kopf geküßt, die Haare mit ſeinen Thräuen benetzt, die Wunde betrachtet, die Hände gedrückt, die Kleider bewundert, die Füße ge⸗ küßt haben! Ach weshalb war dieſer Vater ſo bald ge⸗ ſtorben, vor dem Alter, vor der Gerechtigkeit, vor der Liebe ſeines Sohnes! Marius fühlte in ſeinem Herzen ein ununterbrochenes Schluchzen welches ihm zurief: Ach! ach! Zugleich wurde er wahrhafter ernſt, wahrhafter geſetzt, zuverläſſiger in ſeinem Glauben und ſeinen Anſichten. Jeden Augenblick ſtärkte ſein Verſtand ſich durch neue Strahlen des Lichts; es fand bei ihm eine Art innerer Wachsthum ſtatt. Er fühlte wie eine natürliche Vergrößerung, welche von den beiden für ihn neuen Dingen herrührten, ſeinem Vater und ſeinem Vaterland.„ Da ſich Alles öffnet, wenn man einen Schlüſſel hat, erklärte er ſich jetzt, was er gehofft hatte, und erforſchte er, was er ſonſt verabſcheute; er ſah jetzt deutlich die provi⸗ dentielle göttliche und menſchliche Seite der großen Dinge, die man ihn verabſcheuen, und der großen Männer, die man ihn verwünſchen gelehrt hatte. Wenn er an ſeine frühern Meinungen dachte, die nur von geſtern ſtammten, und dh ſchon ſo alt zu ſein ſchienen, dann fühlte er ſich empör und lächelte. Von Rehabilitation ſeines Vaters war er natürlich zur Rehabilitation Napoleons übergegangen. Dieſe letztere erfolgte jedoch, wie wir geſtehen müſſen, nicht ohne Anſtrengung.— Seit jener Kindheit hatte man ihn mit den Parthei⸗ urtheilen von 1814 über Bonaparte genährt. Alle Vor⸗ urtheile der Reſtauration aber, alle Intereſſen derſelben, alle ihre Inſtinkte ſtrebten dahin, Napoleon zu entſtellen. Sie verabſcheute ihn noch mehr wie Robespierre. Sie hatte ziem der noh bild 79 ziemlich geſchickt die Erſchöpfung der Nation und den Haß ver Mütter ausgebeutet. Bonaparte war eine Art von bei⸗ nahe fabelhaftem Ungehener geworden, und um ihn der Ein⸗ bildungskraft des Volkes zu zeigen, welche der Einbildungskraft der Kinder glich, ließ die Parthei von 1814 ihn nach und nach unter allen entſetzlichen Masken erſcheinen. Wenn man von Bonaparte ſprach, durfte man daher weinen oder vor Lachen erſticken, wenn nur der Haß die Grundlage bildete. Marins hatte über dieſen Menſchen, wie man ihn nannte, nie andere Begriffe gehabt. Sie hatten ſich mit der Hart⸗ näckigkeit gebildet, die in ſeiner Natur war. Er war ein kleinlicher, dickköpfiger Menſch, der Napoleon haßte. Indem Marius die Geſchichte las, indem er beſonders die Documente und die Materialien ſtudirte, zerriß für ihn allmälig der Schleier, welcher Napoleon verhüllte. Er er⸗ blickte etwas ungeheuer Großes und kam auf den Verdacht, vaß er ſich bisher über Napoleon wie über manches Andere getänſcht hatte; täglich ſah er deutlicher, und allmälig wurde die Dunkelheit für ihn zum Lichte, zum Enthuſiasmus. In einer Nacht war er allein in ſeinem kleinen Stüb— chen, das unter dem Dache lag. Seine Kerze brannte; er las auf den Tiſch geſtützt, der neben ſeinem offenen Fenſter ſtand. Alle Arten von Träumereien drangen auf ihn ein und miſchten ſich in ſeine Gedanken. Er las die Bulletins der großen Armee, die homeriſchen Strophen, welche auf dem Schlachtfelde geſchrieben wurden; er ſah dabei zuweilen den Namen ſeines Vaters, immer den Namen des Kaiſers; das ganze große Kaiſerreich erſchien ihm, er fühlte eine Art von Fluth, die zu ihm empor wuchs und es ſchien ihm in einzelnen Augenblicken, als gleite ſein Vater wie ein Hauch an ihm vorüber und flüſtere ihm in das Ohr; er glaubte allmälig die Trommeln, die Kanonen, die Trompeten, den gemeſſenen Schritt der Bataillone, den dumpfen Gallopp der Kavallerie zu hören. Von Zeit zu 80 Zeit erhoben ſeine Blicke ſich zum Himmel und betrachteten die glänzenden Sterngebilde; dann ſanken ſie wieder auf das Buch herab, und erblickten hier nicht minder coloſſale Gebilde. Er fühlte ſein Herz bedrückt. Er war außer ſich, er zitterte, ſein Athem ſtockte. Plötzlich, ohne ſelbſt zu wiſſen, wie es kam, ſtand er auf, ſtreckte ſeine beiden Arme zum Fenſter hinaus, blickte ſtarr in die Dunkelheit und rief:„Es lebe der Kaiſer!“ Von dieſem Augenblick an war Alles vorüber. Der corſiſche Währwolf— der Uſurpator— der Tyrann— das Ungeheuer, welches der Liebhaber ſeiner eigenen Schweſter war— der Hiſtrione, der Unterricht bei Talma nahm— der Giftmiſcher von Java— der Tiger— Bonaparte— alles das verſchwand und machte in ſeinem Geiſte einer ſtrahlenden Erſcheinung Platz, die ihm in unerreichbarer Höhe das bleiche Phantom Cäſar's zeigte. Der Kaiſer war für ſeinen Vater nur der geliebte Feldherr geweſen, den man bewundert, und dem man ſich opfert; für Marius war er noch mehr. Er war der vom Schickſal erſehene Begründer einer franzöſiſchen Weltherr⸗ ſchaft, welche auf die römiſche folgte. Er war der wunder⸗ volle Architekt eines zuſammenſtürzenden Gebäudes, der Nach⸗ folger Karl des Großen, Ludwig XI., Heinrich IV., Riche⸗ lien's, Ludwig XIV. und des Wohlfahrtsausſchuſſes, der ohne Zweifel ſeine Flecken, ſeine Fehler und ſelbſt ſeine Verbrechen hatte, das heißt, der ein Menſch war, erhaben aber in ſeinen Fehlern, glänzend in ſeinen Flecken, gewaltig in ſeinen Verbrechen. Er war der große Mann, der alle anderen Nationen gezwungen hatte, zu ſagen: die große Nation. Er war noch etwas höheres; die Verkörperung Frankreichs, der Eroberer Europa's durch die Aufklärung, die er verbreitete. Napoleon wurde für ihn der Volkmenſch, wie Jeſus der Gott⸗ menſch iſt. 81 Wie es bei Allen der Fall iſt, welche eine neue Religion annehmen, berauſchte ihn ſeine Bekehrung und machte, daß er zu weit ging. Seine Natur war einmal ſo; es wurde ihm beinahe unmöglich, auf dei Abhange Halt zu machen. Der Fanatismus für das Schwert ergriff ihn und verſchmolz ſich in ſeinem Geiſte, mit dem Enthuſiasmus für die Idee. Er täuſchte ſich aber in vielfacher Beziehung. Er gab Alles zu. Es giebt eine Art, dem Irrthum zu verfallen, indem man der Wahrheit nachgeht. Wie dem aber auch ſein mag, hatte er doch einen wunderbaren Schritt vorwärts gethan. Wo er ehemals den Sturz der Monarchie erblickte, gewahrte er jetzt die Erhebung Frankreichs. Sein Horizont hatte ſich verwandelt. Der Untergang war zum Aufgang geworden; er hatte ſich gewendet. Alle dieſe Revolutionen gingen in ihm vor, ohne daß ſeine Familie davon eine Ahnung hatte. Als dieſe ganze geheimnißvolle Arbeit vollbracht war, als er die alte Bourboniſche und Ultra⸗Haut abgeſtreift hatte, und vollkommen Revolutionär, durchaus Demokrat und bei⸗ nahe Republikaner geworden war, ging er zu einem Kupfer⸗ ſtecher und beſtellte hier hundert Karten mit dem Namen: Baron Marius Pontmercy. Dies war übrigens nur eine ſehr logiſche Wirkung der mit ihm vorgegangenen Umwandlung, bei welcher Alles ſich auf ſeinen Vater bezog. Da er indeß Niemand kannte und nicht wußte, bei wem er ſeine Karten abgeben ſollte, ſteckte er ſie in die Taſche. Eine andere ſehr natürliche Folge war, daß er ſich in eben dem Grade von ſeinem Großvater entfernte, in wel⸗ chem er ſich ſeinem Vater, dem Andenken deſſelben und den Dingen näherte, für welche der Oberſt vierundzwanzig Jahre lang gekämpft hatte. Wir erwähnten, daß ſchon längſt die Laune des Herrn Gillenormand ihm nicht zuſagte. Es be⸗ ſtanden bereits zwiſchen ihnen die Diſſonanzen eines jungen Die Elenden V. 6 82 ernſten Mannes und eines frivolen Greiſes. So lange die⸗ ſelben politiſchen Anſichten und Geſinnungen ihnen gemein⸗ ſchaftlich geweſen waren, hatte ſich Marius auf denſelben mit Herrn Gillenormand begegnet, wie auf einer Brücke; als dieſe Brücke zuſammenbrach, zeigte ſich der Abgrund, und dann empfand auch Marius Regungen unausſprech⸗ licher Empörung, indem er daran dachte, daß es Herr Gillenormand geweſen war, der ihn aus albernen Urſachen erbarmungslos dem Oberſten entriſſen hatte, ſo einen Vater des Kindes und ein Kind des Vaters beraubend. Durch Mitleid mit ſeinem Vater war Marius beinahe zum Widerwillen gegen ſeinen Großvater gelangt. Uebrigens verrieth ſich von alledem, wie wir erwähnten, im Aeußern Nichts. Nur wurde Marius immer kälter und kälter; er war lakoniſch bei den Mahlzeiten und ſelten im Hauſe zu finden. Wenn ſeine Tante ihn darüber auszankte, war er ſehr ſanft gegen ſie und gab als Grund ſeine Studien, die Vorleſungen, die Prüfungen, Conferenzen u. ſ. w. an. Der Großvater wich nie von ſeiner unfehl⸗ baren Diagnoſe ab: Verliebt! ich verſtehe mich darauf. Marius war von Zeit zu Zeit vom Hauſe abweſend. „Wohin geht er denn nur immer?“ fragte die Tante. Bei einer dieſer Reiſen, die immer nur kurze Zeit dauerten, war er nach Montfermeil gegangen, um der An⸗ deutung zu folgen, die ſein Vater ihm hinterlaſſen hatte. Er erkundigte ſich dort nach dem ehemaligen Serganten von Waterloo, dem Gaſtwirth Thénardier. Thénardier hatte Banquerott gemacht, das Gaſthaus war geſchloſſen, und man wußte nicht, was aus ihm geworden ſei. Wegen dieſer Nachforſchungen blieb Marius vier Tage vom Hauſe ent⸗ fernt. „Ganz gewiß,“ ſagte der Großvater,„er wird unor⸗ dentlicher.“ ſchl 5 83 Man hatte zu bemerken geglaubt, daß er auf der Bruft und unter dem Hemd irgend etwas trug, das an einem ſchwarzen Bande um ſeinen Hals hing. VM. Ein Unterrock. Wir ſprachen von einem Lancier. Dies war ein Urenkel des Herrn Gillenormand von väterlicher Seite, der außerhalb der Familie und fern von jeder Häuslichkeit in der Garniſon lebte. Der Lieu⸗ tenant Theodulus Gillenormand erfüllte alle Bedingungen, um zu ſein, was man einen hübſchen Offizier nennt. Er hatte eine mädchenhafte Taille, eine eigenthümliche Art, den ſiegreichen Säbel ſchleppen zu laſſen, und einen gedrehten Schnurrbart. Er kam ſehr ſelten nach Paris, ſo ſelten, daß Marius ihn noch nie geſehen hatte. Die beiden Neffen kannten ſich nur dem Namen nach. Theodulus war, wie wir geſagt zu haben glauben, der Günſtling der Tante Gillenormand, die ihn vorzog, weil ſie ihn nicht ſah. Die Menſchen nicht zu ſehen, geſtattet, ihnen alle mögliche Voll⸗ kommenheiten zuzutrauen. Eines Morgens war Fräulein Gillenormand die ältere ſo aufgeregt, als ihre Ruhe es möglich machte, nach Hauſe zurückgekehrt. Marius hatte ſeinen Großvater wieder um die Erlaubniß gebeten, eine kleine Reiſe machen zu dürfen, und hinzugefügt, er dächte noch denſelben Abend abzureiſen. 6* 84 „Geh!“ antwortete der Großvater, und indem Herr Gillenormand die beiden Augenbrauen bis zu der Stirne hinaufzog, fügte er bei ſich hinzu:„er ſchläft wiederholt außerhalb des Hauſes.“ Fräulein Gillenormand war ſehr verdrießlich nach ihrem Zimmer hinaufgegangen und hatte auf der Treppe das Ausrufungszeichen hingeworfen:„das iſt ſtark!“ und dann das Fragezeichen:„aber wohin geht er denn?“ Sie vermuthete irgend eine unerlaubte Herzensange⸗ legenheit, eine verdächtige Frau, ein Rendezvous, ein Ge⸗ heimniß, und ſie würde nicht böſe darüber geweſen ſein, ihre Brille darauf richten zu können. Die Erforſchung eines Geheimniſſes gleicht dem erſten Genuſſe eines Aergerniſſes und die heiligen Seelen verſchmähen das nicht. In den geheimen Fächern der Bigotterie liegt eine gewiſſe Neugier für das Aergerniß. Sie war daher die Beute des unbeſtimmten Verlan⸗ gens, eine Geſchichte zu erfahren. Um ſich von dieſer Neugier, welche ſie ein wenig über ihre Gewohnheit aufregte, zu zerſtreuen, nahm ſie die Zu⸗ flucht zu ihren Talenten und machte ſich an eine Stickerei. Traurige Arbeit, mißmuthige Arbeiterin. Seit mehren Stunden ſaß ſie auf ihrem Stuhle, als die Thür ſich öffnete. Fräulein Gillenormand hob die Naſe in die Höhe; der Lieutenant Theodolus ſtand vor ihr und machte ſeinen vorſchriftsmäßigen Gruß. Sie ſtieß einen Freudenſchrei aus. Man iſt alt, man iſt grau, man iſt fromm, man iſt Tante, aber es iſt doch etwas Angenehmes, einen Lancier in das Zimmer treten zu ſehen. „Du hier, Theodolus,“ rief ſie. „Auf der Durchreiſe, liebe Tante.“ „Aber ſo küſſe mich doch!“ „So!“ ſagte Theodolus. 85 Er umarmte ſie. Die Tante Gillenormand ging zu ihrem Sekretair und öffnete ihn. „Du bleibſt wenigſtens die ganze Woche bei uns.“ „Tante ich muß noch dieſen Abend fort.“ „Nicht möglich!“ „Mathematiſch gewiß.“ „Bleibe, mein kleiner Theodolus. Ich bitte Dich darum.“ „Das Herz ſagt ja, die Dienſtpflicht ſagt nein. Die Geſchichte iſt ganz einfach. Man verlegt uns in eine an⸗ dere Garniſon. Wir waren in Melun und man bringt uns nach Gaillon. Um von der alten Garniſon nach der neuen zu kommen, müſſen wir durch Paris. Ich dachte, laß uns meine Tante beſuchen.“ „Und hier iſt Etwas für Deine Mühe.“ Sie drückte ihn zehn Louisd'or in die Hand. „Sie wollen ſagen, für mein Vergnügen, liebe Tante.“ Theodolus umarmte ſie ein zweites Mal und ſie hatte das Vergnügen, ihren Hals durch die Schnüre der Uniform etwas ſtark gerieben zu fühlen. „Machſt Du die Reiſe zu Pferde und mit Deinem Regiment?“ fragte ſie. „Nein, Tantchen. Ich wollte Sie ſehen. Ich nahm Urlaub. Mein Burſche führt meine Pferde; ich fahre mit der Diligence. Und was das betrifft, ſo muß ich eine Frage an Sie richten.“ „Welche?“ „Mein Vetter Pontmerch reiſt alſo auch?“ „Woher weißt Du das?“ fragte die Tante von der lebhafteſten Neugier ergriffen. „Als ich ankam, ging ich ſogleich nach der Diligence, um einen Platz in dem Coupé zu beſtellen.“ „Nun?“ „Ein Reiſender hatte ſchon einen Platz auf der 86 Imperiale genommen. In dem Regiſter ſah ich ſeinen Namen.“ „Welchen Namen?“ „Marius Pontmerch.“ „Der Taugenichts!“ rief die Tante.„Ach, Dein Vetter iſt nicht ein ſo ordentlicher Junge wie Du. Zu ſagen, daß er die Nacht in der Diligence zubringen wird.“ „Wie ich.“ „Aber Du thuſt es aus Pflicht; er aus Leicht⸗ ſinn!“ „Alle Wetter!“ ſagte Theodolus. Hier ereignete ſich etwas beſonderes für Fräulein Gille⸗ normand die ältere; ſie hatte einen Einfall. Wäre ſie ein Mann geweſen, ſo würde ſie ſich vor die Stirn geſchlagen haben. Sie ſagte zu Theodolus: „Weißt Du, daß Dein Vetter Dich nicht kennt?“ „Nein. Ich habe ihn geſehen, aber er würdigte mich keines Blickes.“ „Ihr werdet alſo mit einander reiſen?“ „Er auf der Imperiale, ich in dem Coupé.“ „Wohin führt die Diligence?“ „Nach Andelys.“ „Dahin geht alſo Marius?“ „Wenn er nicht gleich mir unterwegs ausſteigt. Ich bleibe in Vernon, um die Correſpondenz von Gaillon in Empfang zu nehmen. Von Marius Reiſeplan weiß ich nichts.“ „Marius! Welch ein häßlicher Name! Was iſt das für ein Gedanke geweſen, ihn Marius zu nennen! Du heißt doch wenigſtens Theodolus. „Höre, Theodolus.“ „Ich höre, Tante.“ „Gieb Achtung.“ „Ich gebe Achtung.“ 87 „Biſt Du bereit?“ S „Nun, Marius iſt zuweilen abweſend.“ „Ei! ei!“ „Er reiſt.“ „Oh! oh!“ „Er ſchläft außer dem Hauſe.“ „Oh! oh!“ „Wir wünſchen zu wiſſen, was darunter verſteckt liegt.“ Theodolus antwortete mit der Ruhe eines gewiegten Mannes: „Irgend ein Unterrock.“ Und mit jenem zweideutigen Lächeln, welches die Ueber⸗ zeugung verräth, fügte er hinzu: „Ein Mädchen!“ „Das iſt offenbar!“ rief die Tante, welche Herrn Gillenormand ſprechen hören glaubte und eine unwiderſteh⸗ liche Ueberzeugung aus dem Worte Mädchen ſchöpfte, welches von dem Großneffen beinahe ſo betont ausgeſprochen wurde, wie von dem Großonkel. Sie fuhr fort: „Mache uns ein Vergnügen. Folge Marius ein wenig. Er kennt Dich nicht, alſo wird es Dir leicht ſein. Da es ein Mädchen betrifft, ſo verſuche das Mädchen zu ſehen. Du wirſt uns das Geſchichtchen ſchreiben. Das unterhält den Großvater.“ Theodolus empfand keine beſonders große Zuneigung zu dieſer Art von Aufpaſſerei, aber er war ſehr gerührt durch die zehn Louisd'or und glaubte eine mögliche Nach⸗ folge zu erblicken. Er nahm daher den Auftrag an und ſagte:„Wie Sie wollen, liebe Tante.“ Bei ſich fügte er hinzu:„Jetzt bin ich auch noch Poliziſt.“ Fräulein Gillenormand umarmte ihn. „Du würdeſt ſolche Streiche nicht machen. Du folgſt 88 der Disciplin, Du biſt der Sclave des Dienſtes, ein ge⸗ wiſſenhafter und pflichtgetreuer Menſch, und würdeſt Deine Familie nicht verlaſſen, um ein Geſchöpf aufzuſuchen.“ Der Offizier ſchnitt ein befriedigtes Geſicht, wie Car⸗ touche, der wegen ſeiner Ehrlichkeit gerühmt wird. Am Abend, welcher auf dieſes Zwiegeſpräch folgte, be⸗ ſtieg Marius die Diligence, ohne zu ahnen, daß er einen Beobachter hatte. Was demſelben betrifft, ſo war das Erſte, was er that, daß er einſchlief. Der Schlaf war ge⸗ recht und gewiſſenhaft. Argus ſchnarchte die ganze Nacht hindurch. Mit Tagesanbruch rief der Conducteur der Diligence: „Vernon! Station Vernon!— Die Reiſenden für Vernon!“ — Und der Lieutenant Theodolus erwachte. „Gut,“ brummte er noch halb im Schlafe.„Ich ſteige ab.“ Dann wurde ſein Gedächtniß allmälig klar und als erſte Wirkung des Erwachens dachte er an ſeine Tante, an die zehn Louisd'or und an die Rechenſchaft, die er über das Thun und Laſſen ſeines Vetters Marius geben ſollte. Er mußte darüber lächeln. „Er iſt vielleicht nicht mit in dem Wagen,“ dachte er, indem er ſeine Uniform zuknöpfte.„Vielleicht iſt er in Poiſſy geblieben oder in Triel, wenn er nicht irgendwo an⸗ ders abſtieg. Lauf ihn nach, Tante. Was Teufel ſoll ich ihr ſchreiben, der guten Alten?“ In dieſem Augenblick erſchien eine ſchwarze Hoſe, die von der Imperiale herabſtieg, vor den Fenſtern des Coupés. „Sollte das Marius ſein?“ dachte der Lientenant. Es war Marius. Ein kleines Landmädchen, die vor dem Wagen zwiſchen den Pferden und den Poſtillionen ſtand, bot den Reiſenden Blumen zum Verkauf an. „Bouquets für Ihre Damen!“ rief ſie. —————˖—— 89 Marius näherte ſich ihr und kaufte die ſchönſten Blumen ihrer Sammlung. „Ei,“ ſagte Theodolus, indem er aus dem Coupé ſprang,„das reizt meine Neugier. Wen zum Teufel bringt er die Blumen? Es iſt ein verteufelt hübſches Mädchen für ein ſo ſchönes Bougquet nöthig. Ich will ſie ſehen.“ Zetzt nicht mehr in Folge ſeines Auftrages, ſondern getrieben durch eine perſönliche Neugier, wie jene Hunde, die auf eigene Rechnung jagen, folgte er Marius. Marius achtete nicht auf Theodolus. Elegante Damen ſtiegen aus der Diligence. Er ſah ſie nicht an. Er ſchien nichts um ſich her zu bemerken. „Iſt der verliebt!“ dachte Theodolus. Marius ging nach der Kirche. „Vortrefflich!“ ſagte Theodolus;„die Kirche! das iſt recht! Die Rendezvous, die mit ein wenig Meſſe gewürzt ſind, ſind die beſten. Nichts iſt ſo vortrefflich wie ein ver⸗ liebter Blickwechſel unter den Augen des lieben Gottes.“ Zu der Kirche gelangt, trat Marius nicht in dieſelbe ein, ſondern bog um die Ecke. Er verſchwand hinter einem Vorſprung. „Das Rendezvous iſt alſo außerhalb,“ ſagte Theodolus. „Ich muß das Mädchen ſehen.“ Auf den Fußſpitzen ſchlich er nach der Ecke, hinter welcher Marius verſchwunden war. Verdutzt blieb er ſtehen. Das Geſicht in beiden Händen gedrückt, kniete Marius im Graſe auf einem Grabe. Er hatte auf demſelben ſein Bouquet entblättert. Am Kopfende des Grabes ſtand ein ſchwarzes hölzernes Kreuz mit der Fnſchrift in weißen Buch⸗ ſtaben: Oberſt Baron Pontmercy⸗ Man hörte Ma⸗ rius ſchluchzen. Das Mädchen war ein Grab. VIII. Marmor gegen Granit. Dahin war Marius gegangen, als er ſich das erſte Mal von Paris entfernte. Dahin kehrte er jedes Mal zurück, wenn Herr Gillenormand ſagte:„Er ſchläft außer dem Hauſe.“ Der Lieutenant Theodolus wurde durch dieſe unerwar⸗ tete Berührung mit einem Grabe vollkommen irre gemacht; er empfand ein unangenehmes und ſonderbares Gefühl, das er nicht zu analyſiren vermochte, und in welchem ſich die Achtung vor einem Grabe mit der Achtung vor einem Oberſten miſchte. Er zog ſich zurück, ließ Marius allein auf dem Kirchhofe, und es lag Disciplin in dieſem Rückzuge. Der Tod erſchien ihm mit großen Epaulettes und grüßte ihn beinahe militairiſch. Da er nicht wußte, was Tante ſchreiben ſollte, ſchrieb er ihr gar nichts, und es würde wahrſcheinlich die Entdeckung, welche Theodolus über die Liebſchaft ſeines Vetters Marius gemacht hatte, nicht erfolgt ſein, wenn nicht nach einer jenen geheimnißvollen Anordnun⸗ gen, die der Zufall ſo oft herbeiführt, der Auftritt in Vernon beinahe augenblicklich eine Art von Rückſchlag in Paris hervorgebracht hätte. Marius kam von Vernon am dritten Tage früh Mor⸗ gens zurück, ſtieg bei ſeinem Großvater ab, und ermüdet —————— 91 durch zwei in der Diligence zugebrachten Nächte, fühlte er das Bedürfniß, ſeine Schlafloſigkeit durch ein Bad in der Schwimmſchule vergeſſen zu machen. Er ging ſchnell nach ſeiner Stube hinauf, ließ ſich nur ſo viel Zeit, ſeinen Reiſe⸗ anzug und das ſchwarze Band, das er um den Hals trug, abzulegen, und eilte nach dem Bade. Gillenormand, der früh aufgeſtanden war, wie alle Greiſe, die noch rüſtig ſind, hatte ihn nach Hauſe kommen hören, und war, ſo ſchnell ſeine alten Beine ihn zu tragen vermochten, die Treppe nach dem Dachſtübchen hinaufgeklet⸗ tert, in welchem Marius wohnte, um ihn zu umarmen und ihn während der Umarmung zu befragen, um zu erforſchen, woher er kam. Aber der Jüngling hatte weniger Zeit bedurft, die Treppe herabzugehen als der Greis, ſie hinaufzuſteigen, und als Vater Gillenormand iu die Dachſtube trat, war Marius nicht mehr dort. Das Bett war uneingeriſſen und auf demſelben lagen ohne Mißtrauen der Ueberrock und das ſchwarze Band. „Das iſt mir lieb,“ ſagte Herr Gillenormand. Einen Augenblick ſpäter trat er in den Salon, in wel⸗ chem Fräulein Gillenormand die ältere, bei ihrer Stickerei ſaß. Der Eintritt war triumphirend. Herr Gillenormand hielt in der einen Hand den Ueber⸗ rock und in der andern das Band und rief aus: „Sieh! wir werden das Geheimniß erforſchen! Wir erfahren das Ende des Endes und erlangen Kenntniß von der Leichtfertigkeit unſeres Duckmäuſers! Wir ſind mitten im Roman. Ich habe das Portrait!“ In der That hing ein kleines Käſtchen von ſchwarzem Maroquin, einem Medaillon ziemlich ähnlich, an dem ſchwarzen Bande. Der Greis nahm das Käſtchen und betrachtete es einige Zeit, ohne es zu öffnen, mit jenem Weſen der Wolluſt, 92 der Entzückung und des Zornes, welcher ein ausgehungerter armer Teufel empfindet, wenn unter ſeiner Naſe ein vor⸗ treffliches Diner vorübergetragen wird, das nicht für ihn beſtimmt iſt. „Denn das iſt offenbar ein Portrait,“ fuhr der Greis fort. Ich verſtehe mich darauf. Dergleichen trägt man zärtlich auf dem Herzen. Sind unſere jungen Leute ein⸗ fältig! Sie haben jetzt einen ſo ſchlechten Geſchmack! Ohne Zweifel irgend ein abſcheuliches Gretchen, vor dem man er⸗ beben muß!“ „Laſſen Sie uns ſehen, mein Vater,“ ſagte die alte Jungfer. Das Käſtchen öffnete ſich durch den Druck auf eine Feder. Sie fanden nichts darin, als ein ſorgfältig zuſam⸗ mengelegtes Papier. „Von derſelben an denſelben,“ ſagte Gillenormand mit lautem Gelächter.„Ich weiß, was das iſt: ein Liebes⸗ briefchen!“ „Ach leſen wir es!“ ſagte die Tante. Sie ſetzte ihre Brille auf. Beide entfalteten das Pa⸗ pier und laſen: „Für meinen Sohn.— Der Kaiſer hat mich auf dem Schlachtfelde von Waterloo zum Baron ernannt. Da die Reſtauration mir dieſen Titel, den ich mit meinem Blute bezahlte, ſtreitig macht, wird mein Sohn ihn annehmen und tragen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er deſſen würdig iſt.“ Was der Vater und die Tochter empfanden, ließe ſich nicht beſchreiben. Sie fühlten ſich erſtarrt, wie durch den Hauch eines Todtenkopfes. Sie wechſelten kein Wort. Nur ſagte Herr Gillenormand mit leiſer Stimme und als ob er zu ſich ſelbſt ſpräche:„Das iſt die Schrift des Säbel⸗ mannes.“ Die Tante beſichtigte das Papier nach allen Seiten und legte es dann wieder in das Käſtchen. — In eben dieſem Augenblick fiel ein kleines längliches Päckchen in blaues Papier gewickelt, aus einer Taſche des Ueberrocks. Fräulein Gillenormand raffte es auf und riß das blaue Papier auseinander. Es waren die hundert Karten, welche Marius ſich hatte ſtechen laſſen. Sie reichte eine davon Herrn Gillenormand, und dieſer las: Baron Marius Pontmercy. Der Greis klingelte. Nicolette kam. Herr Gillenor⸗ mand nahm das Band, das Käſtchen und den Ueberrock, warf Alles in die Mitte des Zimmers und ſagte:„Trage die Sachen fort.“ Eine lange Stunde verging in tiefem Schweigen. Der alte Mann und die alte Jungfer hatten ſich niedergeſetzt, einander den Rücken zukehrend, und Jeder dachte ſeinerſeits wahrſcheinlich daſſelbe. Nach Verlauf dieſer Stunde ſagte die Tante Gillenormand: „Schön!“ Einige Augenblicke darauf kam Marius. Er trat ein. Noch ehe er die Schwelle des Salons überſchritten hatte, bemerkte er ſeinen Großvater, der in der Hand eine ſeiner Karten hielt und, indem er ihn ſah, mit ſeinem Weſen bür⸗ gerlicher und ſpöttiſcher Ueberlegenheit, die etwas Nieder⸗ ſchmetterndes an ſich hatte, ausrief: „Sieh! ſieh! ſieh! ſieh! Du biſt alſo jetzt Baron. Ich wünſche Dir Glück dazu. Was ſoll denn das heißen?“ Marius erröthete leiſe und antwortete: „Das ſoll heißen, daß ich der Sohn meines Vaters bin!“ Herr Gillenormand hörte auf zu lachen und ſagte hart: „Dein Vater, das bin ich.“ „Mein Vater entgegnete Marius mit geſenkten Blicken und ſtrengem Tone,„war ein beſcheidener und helden⸗ müthiger Mann, welcher glorreich der Republik und Frank⸗ 94 reich diente, welcher groß war in der größten Geſchichte, die priſ je von den Menſchen gemacht wurde, welcher ein Viertel⸗ Rr jahrhundert im Bivouac, am Tage unter Kartätſchen⸗ unv uſp Kugelregen, während der Nacht auf dem Schnee, im Kolh, ſicht unter dem Regen lebte, der zwei Fahnen eroberte, zwanzig Sei Wunden bekam, ver in ver Vergeſſenheit und Verlaſſenheit mt geſtorben iſt, und nie ein anderes Unrecht beging, als zwei Gn Undankbare zu lieben: ſein Vaterland und mich!“ n Das war mehr, als Herr Gillenormand hören konnte. vat Bei dem Worte„Republik“ war er aufgeſtanden oder viel⸗ rið mehr in die Höhe geſprungen. Jedes der Worte, welche on Marius ausgeſprochen hatte, machte auf das Geſicht des er alten Royaliſten die Wirkung eines Schmiedeblaſebalges auf erl einen Haufen glühender Kohlen. Erſt finſter, wurde er roth, mi aus roth dann purpur, und aus purpur flammenſprühend. den „Marius!“ rief er aus.„Entartetes Kind! Ich weiß nicht, was Dein Vater war, ich will es nicht wiſſen! g Ich weiß nichts davon, und ich weiß es nicht! Was ich weiß, iſt, daß unter allen dieſen Menſchen nie andere als pl Elende waren, daß ſie ſämmtlich Schufte waren, Mörder, Rothmützen, Räuber! Ich ſage, Alle! Ich ſage, Alle! Ich ſt nenne Niemand! Ich ſage, Alle! Hörſt Du, Marius! ei Siehſt Du wohl, Du biſt Baron wie mein Pantoffel! Es waren ſämmtlich Banditen, die Robespierre dienten! Sämmt⸗ vr lich Räuber, welche B— u— o— naparte gedient haben! S Sämmtlich Verräther, welche verrathen haben und zwar u ihren rechtmäßigen König! Sämmtlich feige Memmen, 2 die vor den Preußen und Engländern bei Waterloo davon liefen! Das iſt es, was ich weiß. Wenn Ihr Herr Vater ſich unter denen befand, ſo weiß ich es nicht; es verdrießt n mich aber um ſo eher; Ihr gehorſamer Diener!“ Zetzt war Marius der Brand und Gillenormand der Blaſebalg. Marius erbebte in allen Gliedern, er wußte nicht, was aus ihm werden ſollte; ſein Kopf brannte. Er glich dem 95 Prieſter, der alle ſeine Hoſtien umher ſtreuen ſieht, dem Fakir, der Zeuge iſt, wie ein Vorübergehender ſein Idol anſpeiet. Dergleichen Dinge durften in ſeiner Gegenwart nicht ungeſtraft geſagt werden. Aber was ſollte er thun? Sein Vater war in ſeiner Gegenwart unter die Füße ge⸗ treten und beſchimpft worden; aber durch wen? durch ſeinen Großvater. Wie konnte er den einen rächen, ohne den An⸗ dern zu verletzen? Es war unmöglich, daß er ſeinen Groß⸗ vater ſchmähte, und eben ſo unmöglich ſeinen Vater nicht zu rächen. Auf der einen Seite ein geheiligtes Grab, auf der andern ehrwürdige weiße Haare. Einige Augenblicke taumelte er wie betrunken. Alles wirbelte in ſeinem Kopfe, dann erhob er die Augen, ſah ſeinen Großvater feſt an und rief mit donnernder Stimme:„Nieder mit den Bourbons und dem dicken Schwein, Ludwig XVIII.!“ Ludwig XVIII. war ſeit vier Jahren todt, aber das galt ihm gleich. Der Greis, der eben noch ſcharlachroth war, wurde plötzlich weißer wie ſeine Haare. Er wendete ſich gegen eine Büſte des Herzogs von Berrh, die auf dem Kamin ſtand, und verbeugte ſich tief vor verſelben mit einer Art eigenthümlicher Majeſtät. Dann ging er zwei Mal langſam und ſchweigend von dem Kamin nach dem Fenſter und von dem Fenſter nach dem Kamin, durchſchritt den ganzen Saal, und unter ſeinem Fuße erdröhnte das Parket wie unter den Schritten einer wandelnden ſteinernen Bildſäule. Bei dem zweiten Gange neigte er ſich zu ſeiner Tochter, welche dem ganzen Auftritte mit der Verdutztheit eines alten Schafes beigewohnt hatte, und ſagte mit einem beinahe ruhigen Lächeln: „Ein Baron wie der Herr und ein Bürger wie ich konnen nicht unter demſelben Dache mit einander bleiben.“ Plötzlich richtete er ſich dann empor, bleich, zitternd, fürchterlich, die Stirn vergrößert durch das furchtbare Flammen des Zorns, ſtreckte den Arm gegen Marius aus und rief: „Geh!“ Marius verließ das Haus. Am nächſten Tage ſagte Herr Gillenormand zu ſeiner Tochter: „Sie werden dieſem Blutſauger alle ſechs Monate ſechzig Piſtolen ſchicken und nie wieder zu mir von ihm ſprechen.“ Da er noch eine ungeheure Maſſe von Wuth auszu⸗ ſprudeln hatte, und nicht wußte, wie er dies anfangen ſollte, fuhr er noch drei Monate lang fort, ſeine Tochter Sie zu nennen. Marius ſeinerſeits war voll Empörung gegangen. Ein Umſtand, den wir erwähnen müſſen, ſteigerte noch ſeine Erbitterung. Es giebt immer dergleichen Verhängniſſe in den häßlichen Dramen. Die Beleidigungen ſteigern ſich dadurch, obgleich im Grunde das Unrecht nicht größer wird. Indem Nicolette raſch auf dem Befehl des Großvaters „die Sachen,“ welche Marius gehörten, auf deſſen Zimmer getragen hatte, ließ ſie, ohne es zu bemerken, wahrſcheinlich auf der dunkeln Treppe, die zu der Dachkammer führte, das ſchwarze Medaillon fallen, in welchem das Papier ſich befand, das der Oberſt geſchrieben hatte. Weder dieſes Papier noch das Medaillon konnten wieder gefunden werden. Marius hielt ſich überzeugt, daß,„Herr Gillenormand“— von dieſem Tage an nannte er ihn nie anders—„das Teſtament ſeines Vaters“ in das Feuer geworfen hatte. Er wußte die wenigen Zeilen, die der Oberſt geſchrieben hatte, auswendig, und es war folglich nichts verloren. Aber das Papier, dieſe Schrift, dieſe heilige Reliquie war ſein Herz ſelbſt. Was hatte man damit gemacht? — 97 Marius war gegangen, ohne zu ſagen wohin, und ohne es ſelbſt zu wiſſen, mit dreißig Francs, ſeiner Uhr und einigen Kleidungsſtücken in einer Reiſetaſche. Er hatte ein Cabriolet beſtiegen, es nach der Stunde genommen und war nach dem Univerſitätsviertel gefahren. Was ſollte aus Marius werden? Du Chnden. v. 1 Marius. — Viertes Bnch. Die Jreunde des RB6. Ei wi we ſch dat ver we rü 1. Eine Gruppe, welche beinahe hiſtoriſch geworden wäre. Zu jener ſcheinbar gleichgiltigen Zeit herrſchte ein ge⸗ wiſſes unbeſtimmtes revolutionäres Zittern. Einzelne Hauche, welche aus den Tiefen von 1789 und 1792 heraufſtiegen, ſchwebten in der Luft. Die Jugend war— man möge uns das Wort verzeihen— im Zuge, ſich aufzulehnen. Man verwandelte ſich beinahe, ohne es zu ahnen, durch die Be⸗ wegung der Zeit. Der Zeiger, welcher auf der Uhr vor⸗ rückt, bewegt ſich auch in den Seelen. Jeder machte den Schritt vorwärts, den er zu machen hatte. Die Royaliſten wurden Liberale, die Liberalen wurden Demokraten. Andere geiſtige Gruppen waren ernſterer Art. Hier erforſchte man das Princip, dort heftete man ſich an das Recht. Man ſchwärmte leidenſchaftlich für das Abſolute, man erblickte endloſe Realiſationen. Nichts aber iſt ſo geeignet Träume zu erwecken, als das Dogma, und nichts erzeugt ſo die Zukunft, wie die Träumerei. Das heutige Utopien iſt morgen Fleiſch und Bein. Es gab damals in Frankreich noch nicht ſo umfaſſende Organiſationen, wie den Tugendbund in Deutſchland und 102 den Carbonarismus in Italien, allein es taugten hier und dort ſchon dunkle untereinander zuſammenhängende Verzwei⸗ gungen auf. In Paris gab es unter anderen Verbindungen der Art, die Geſellſchaft, welche ſich die Freunde des ABC nannten. Was waren die Freunde des A B C? Eine Geſell⸗ ſchaft, die zum ſcheinbaren Zwecke die Erziehung der Kinder hatte, zum wirklichen aber die Bildung der Männer. Die Freunde des A B C waren nicht ſehr zahlreich; ſie waren eine geheime Geſellſchaft im Embryozuſtande; wir möchten ſie beinahe ein Kränzchen nennen, wenn die Kränz⸗ chen zu Helden führten. Sie verſammelten ſich in Paris an zwei Orten, in der Nähe der Hallen in einem Caberet, welches Corinth hieß und von dem ſpäter die Rede ſein wird, und in der Nähe des Pantheon in einem kleinen Cafés auf dem' St. Michaelisplatze, dem Café Muſain, welches jetzt niedergeriſſen iſt. Der erſte dieſer Verſammlungsorte hing mit den Arbeitern zuſammen, der zweite mit den Stu⸗ denten. Die gewöhnlichen Berathungen des A B C wurden in einem Hinterſtübchen des Café Muſain gehalten. Dieſes Gemach, welches von dem eigentlichen Kaffeelokale ziemlich weit entfernt war, und mit demſelben durch einen langen Gang zuſammenhing, hatte zwei Fenſter und einen Ausgang mit einer Nebentreppe in die kleine Rue des Grèes. Man rauchte, trank, ſpielte hier. Man ſprach ſehr laut von allen Dingen und mit leiſer Stimme von anderen. An den Wänden hing als ein hinreichendes Zeichen, das Schnüffeln eines Polizeiagenten zu erregen, eine alte Karte von Frank⸗ reich unter der Republik. Die meiſten Freunde des A B C waren Studenten, die in freundſchaftlichem Verkehr mit einigen Arbeitern ſtanden. Hier die Namen der vorzüglichſten Mitglieder: Enjolras, „ Gunl esg ſcha war wer hint dieh und zwei⸗ ngen 186 eſell⸗ inder ſi wir rinz⸗ oris beret, ſein Cufs lches sorte Stu⸗ in ieſes mlich ngen gang Man allen den iffeln runt⸗ ie in nden lras, 103 Combeferre, Jean Prouvaire, Feuilly, Courfeyrac, Bahorel, Lesgle oder Laigle, Joly und Grantaire. Dieſe jungen Leute bildeten unter ſich durch Freund⸗ ſchaft eine Art von Familie. Alle, Laigle ausgenommen⸗ waren aus dem Süden. Dieſe Gruppe war bemerkens⸗ werth. Sie iſt verſchwunden in den unſichtbaren Tiefen, die hinter uns liegen. Auf dem Punkte, zu welchem man ge⸗ diehen iſt, iſt es vielleicht nicht unnöthig, einen Strahl des Lichts auf dieſe jungen Köpfe zu lenken, ehe der Leſer ſie in den Schatten eines tragiſchen Ereigniſſes untergehen ſieht. Enjolras, den wir zuerſt nannten, weshalb, wird man ſpäter ſehen, war ein einziger Sohn und reich. Enjolras war ein liebenswürdiger junger Menſch, aber im Stande, fürchterlich zu werden. Er war ſchön wie ein Engel. Er war ein wildgewordener Antinous. Sah man den nachdenkenden Widerſchein ſeines Blickes, ſo erkannte man, daß er ſchon eine frühere Exiſtenz in irgend einer revolutionären Apocolypſe durchgelebt hatte. Für ihn war die Tradition derſelben eine Zeugenſchaft. Er kannte alle kleinen Nebenumſtände der großen Sache. Er war eine religiöſe und kriegeriſche Natur, eine auffallende Erſcheinung bei einem Jüngling. Er war Chorprieſter und Krieger; aus dem unmittelbaren Geſichtspunkte, Krieger der Demokratie; in Folge der Bewegung der Zeit, Prieſter des Idealen. Er hatte ein dunkles Auge, etwas geröthete Augenlider, ſeine Stirn war hoch, ſeine ſtarke Unterlippe verzog ſich leicht zum Ausdrucke des Spottes. Viel Stirn in einem Geſicht iſt wie viel Himmel am Horizont. Wie gewiſſe junge Leute zu Anfang dieſes und zu Ende des vorigen Jahrhunderts, welche ſchon früh berühmt wurden, hatte er eine ausgezeich⸗ nete Jugendfriſche, wie ein junges Mädchen, doch mit Stun⸗ den der Bläſſe. Schon Mann ſchien er noch Kind zu ſein. Trotz ſeiner 22 Jahre ſah er aus wie 17; er war ernſt und ſchien nicht zu wiſſen, daß es auf Erden ein Geſchöpf giebt, 104 Weib genannt. Er hatte nur eine Leidenſchaft: das Recht: einen Gedanken: jedes Hinderniß niederzuwerfen. Er ſah laum die Roſen, er wußte nichts vom Frühling, er hörte die Vögel nicht ſingen; ein entblößter Buſen hätte ihn nicht in Aufregung gebracht. Für ihn waren, wie für Harmodius, die Blumen nur dazu gut, das Schwert zu verbergen. Er war ſtreng in ſeinen Vergnügungen. Vor Allem, was nicht die Republik war, ſenkte er keuſch die Augen. Er war der marmorne Geliebte der Freiheit. Seine Worte trugen eine ätzende Begeiſterung und es lag in ihnen Etwas von dem erhebenden Klange der Hymne. Unerwartet enffalteten ſich oft in ihm die Fittige. Wehe dem verliebten Mädchen, das ſich an ihm gewagt hätte! Wenn irgend eine Griſette des Campray⸗Platzes oder der Rue St. Juan de Beauvais, in⸗ dem ſie dieſes zarte Geſicht, dieſen Wuchs eines Pagen, dieſe langen blonden Locken, dieſe blauen Augen, dieſes im Winde flatternde Haar, dieſe roſigen Wangen, dieſe friſchen Lippen, dieſe weißen Zähne ſah, Appetit nach all dieſer Morgenröthe, verſpürt hätte und den Verſuch machte, die Wirkung ihrer Schönheit zu wagen, dann würde ein über⸗ raſchender und furchtbarer Blick ihr plötzlich den Abgrund gezeigt und ſie gelehrt haben, den galanten Cherubim Beau⸗ marchais' nicht mit dem furchtbaren Cherubim Ezechiel's zu verwechſeln. Neben Enjolras, der die Logik der Revolution vertrat, ſtand Combeferre als Repräſentant ihrer Philoſophie. Zwiſchen der Logik und der Philoſophie der Revolution beſteht der Unterſchied, daß die Logik Krieg führen kann, während ihre Philoſophie nur den Frieden zur Folge hat. Combeferre vervollſtändigte und berichtigte Enjolras. Er war weniger groß aber umfaſſender. Er wollte, daß man die Geiſter mit den ausgedehnten Grundſätzen allgemeiner Ideen er⸗ füllen ſollte; er ſagte: Revolution, aber Civiliſation. Da⸗ her lag in allen Anſichten Combeferre's etwas Mögliches 105 und Ausführbares. Die Revolution mit Combeferre war erträglicher als mit Enjolras. Enjolras drückte das gött⸗ liche Recht und Combeferre das natürliche Recht derſelben aus. Das erſte ging mit Robespierre zuſammen, das zweite bezeichnete Condorcet. Combeferre führte mehr wie Enjolras das Leben der Welt. Aber wäre es dieſen beiden jungen Männern gegeben geweſen, in die Geſchichte einzutreten, ſo würde der Eine der Gerechte, der Andere der Weiſe geweſen ſein. Enjolras war männlicher, Combeferre war menſchlicher. Homo und Vir, das waren in der That ihre Schattirungen. Combeferre war ſanft wie Enjolras ſtreng war. Er liebte das Wort Bürger, aber er zog das Wort Menſch vor. Er las Alles, ging in das Theater, verfolgte die öffentlichen Angelegenheiten, folgte der Wiſſenſchaft Schritt für Schritt, machte ſich mit Allem, was er auf ſeinem Wege fand, vertraut, beſtätigte nichts, nicht einmal die Wunder; leugnend nichts, ſelbſt nicht die Geſpenſter; er durchblätterte die Sammlung des Moniteur, er dachte. Er erklärte, daß die Zukunft in der Hand der Schule liegt und beſchäftigte ſich nur mit den Fragen der Erziehung. Er war gelehrt, Juriſt, Polhtechniker, ein tüchtiger Arbeiter, und zugleich nachdenkend„bis zur Schwär⸗ merei,“ ſagten ſeine Freunde. Er glaubte an alle Träume⸗ reien, an die Eiſenbahnen, an die Unterdrückung der Schmerzen bei chirurgiſchen Operationen, an die Fixirung des Bildes in der camera obscura, an die electriſchen Telegraphen, an die Leitung der Luftballone. Uebrigens erſchrak er nicht ſehr vor den Citadellen, die auf allen Seiten gegen das menſchliche Geſchlecht durch den Aberglauben des Despotismus und die Vorurtheile aufgeführt waren. Er gehörte zu denen, welche glauben, daß die Wiſſenſchuft die feſteſten Stellungen umgehen wird. Enjolras war ein Feldherr, Combeferre ein Führer. Man hätte mit dem Einen kämpfen, mit dem Andern gehen mögen. Nicht etwa, 106 daß Combeferre nicht fähig geweſen wäre, zu kämpfen, denn er ſcheute ſich nicht, das Hinderniß Mann gegen Mann an⸗ zugreifen und es mit Gewalt niederzuwerfen, allein es ſagte ihm mehr zu, allmälig durch den Unterricht und durch die Verbreitung allgemeiner Geſetze vorwärts zu ſchreiten: Leicht zu entzünden, nicht aber in Brand. Ein Brand kann wohl den Schein einer Morgenröthe hervorbringen, allein weshalb ſollte man nicht den natürlichen Anbruch des Tages erwarten?— 1793 entſetzte ihn die Verſumpfung noch mehr und er erblickte darin Fäulniß und Tod. Im Ganzen konnte man von ihm ſagen, daß er weder den Stillſtand noch die Uebereilung wollte. Während ſeine ungeſtümen Freunde, ritterlich von dem Abſoluten erfaßt, die glänzenden Abenteuer der Revolution bewunderten und herbeiwünſchten, war Combeferre mehr dazu geneigt, den Fortſchritt etwas kalt vielleicht, aber rein gewähren zu laſſen. Das Gute muß unſchuldig ſein, wiederholte er unabläſſig. Und in der That, wenn die Größe der Revolution darin beſteht, durch Blitz, Blut und Feuer vorwärts zu fliegen, ſo liegt die Schönheit des Fortſchrittes darin, fleckenlos zu ſein; und zwiſchen Waſhington, der dieſen vertritt, und Wellington, der jenen verkörpert, beſteht der Unterſchied, welcher den Engel mit den Schwanenflügeln von dem Engel mit den Adlerflügeln trennt.* Jean Prouvaire war eine noch mildere Schattirung wie Combeferre. Jean Prouvaire war verliebt, pflegte einen Blumentopf, ſpielte die Flöte, machte Verſe, liebte das Volk, beklagte das Weib, weinte über das Kind, hegte das ſeltene Vertrauen zu der Zukunft und zu Gott, und tadelte die Revolution, daß ſie einen Königlichen Kopf, den André Chénier's habe fallen machen. Seine Stimme war für gewöhn⸗ lich weich und dennoch männlich. Er war unterrichtet bis zur Gelehrſamkeit und beinahe Orientaliſt. Vor allen Dingen war er gut. Er verſtand italieniſch, lateiniſch, griechiſch 107 und hebräiſch; und das führte ihn dahin, nur vier Dichter zu leſen: Dante, Juvdnal, Aeſchylus und Eſaias. Unter den Franzoſen zog er Corneille dem Racine, und Agrippa d'Aubigné dem Corneille vor. Er ſchwärmte gern auf dem Felde zwiſchen Mohnblüthen und Kornblumen umher und beſchäftigte ſich mit den Wolken ebenſoviel wie mit den Er⸗ eigniſſen. Er ſtudirte den Menſchen oder er betrachtete Gott. Den ganzen Tag ergründete er die ſoziale Frage: den Lohn, das Kapital, den Credit, die Ehe, die Religion, vie Denkfreiheit zu lieben, die Erziehung, die Strafgeſetze, das Elend, die Aſſociation, das Eigenthum, die Production und die Repartition, das Räthſel, welches den menſchlichen Ameiſenhaufen in Schatten hielt, und am Abend betrachtete er die Sterne. Gleich Enjolras war er reich und einziger Sohn. Er ſprach leiſe, neigte den Kopf, ſenkte die Augen, lächelte verlegen, fühlte ſich unbehaglich, hatte ein keuſches Weſen, erröthete über nichts, war ſehr ſchüchtern dabei, aber unerſchrocken. Feuilly war ein Fächermacher, vater⸗ und mutterloſe Waiſe, gewann nur mühſam täglich drei Francs und hegte vabei den einen Gedanken, die Welt zu befreien. Indeß beſchäftigte ihn noch Eines: ſich zu unterrichten; das nannte er ebenfalls ſich frei machen. Er hatte von ſelbſt leſen und ſchreiben gelernt. Alles was er wußte, wußte er durch ſich allein. Feuilly war ein edles Herz. Dieſe Waiſe hatte das Volk adoptirt. Da ſeine Mutter ihn verlaſſen, hatte er dafür das Vaterland angenommen. Seinem Verlangen nach ſollte es auf Erden keinen Menſchen ohne Vaterland geben. Er brütete bei ſich ſelbſt mit jener tieſen Forſchergabe eines Mannes des Volkes über das, was wir heutzutage die Idee der Nationalitäten nennen. Er hatte zu dieſem Zwecke die Geſchichte ſtudirt, und führte Griechenland, Polen, Un⸗ garn, Rumänien und Italien beſtändig im Munde. Das Wayre, das in dem Unwillen liegt, iſt die höchſte Bered⸗ 108 ſamkeit, und dieſe beſaß er. Ganz beſonders empörte ihn das Jahr 1772, dieſe verbrecheriſche Theilung Polens, und beſtändig kehrte er wieder auf dieſe Thatſache zurück. Die⸗ ſer arme Arbeiter hatte ſich zum Vormund der Gerechtigkeit gemacht und dieſe belohnte ihn damit, daß ſie ihn groß machte. In der That liegt auch in dem Recht die Ewig⸗ keit. Warſchau kann ebenſo wenig tartariſch ſein wie Vene⸗ dig deutſch. Die Könige verlieren dabei ihre Mühe und ihre Ehre. Früher oder ſpäter tritt das ertränkte Vater⸗ land wieder an die Oberfläche. Griechenland wird wieder Griechenland, Italien wieder Italien. Der Proteſt des Rechts gegen die Thatſachen beſteht für alle Zeiten. Der Raub eines Volkes läßt ſich nicht durchführen. Man ver⸗ ſieht nicht eine Nation mit einem Zeichen wie ein Schnupftuch. Courfehrac hatte einen Vater, den man Herrn von Courfeyrac nannte. Einer der falſchen Begriffe des Bürger⸗ thums der Reſtauration in Beziehung auf die Ariſtokratie und den Adel war, an die Partikel zu glauben. Dies hat jedoch wie man weiß, durchaus keine Bedeutung. Allein die Bürger jener Zeit achteten ſo ſehr auf das ärmliche von, daß ſie glaubten, es ablegen zu müſſen. Cour⸗ feyrac hatte hinter dem Beiſpiele vieler ausgezeichneten Männer nicht zurückbleiben wollen und nannte ſich Cour⸗ feyrac kurzweg. In dem, was Courfeyrac betrifft, könnten wir uns beinahe darauf beſchränken zu ſagen, Courfeyrac— ſiehe Tholomyo's. Courfeyrac beſaß in der That jenen jugendlichen Schwung, den man die Schönheit des Teufels von Geiſt nennen könnte. Später verſchwand er, wie die Niedlichkeit der kleinen Katzen, und all dieſe Anmuth führte auf den zwei Füßen zum Spießbürger und auf vier Pfoten zum Kater. Dieſe Art des Geiſtes geht durch die Schulen von Generation zu Generation als eine Art Erbtheil, indem er „ 109 beinahe ſtets derſelbe bleibt; wie wir andeuteten, hätte da⸗ her der erſte Beſte, der Courfeyrac 1828 hörte, glauben lönnen, Tholemhe's 1817 zu hören. Nur war Courfeyrac ein rechtſchaffener Zeuge. Unter der ſcheinbaren Aehnlich keit des äußeren Geiſtes war der Unterſchied zwiſchen Tho⸗ lomyb's und ihm ſehr groß. Der Menſch, der bei Beiden im Hintergrunde lag, war bei dem Erſten ein ganz anderer wie bei dem Zweiten. Enjolras war in der Geſellſchaft das Haupt, Courfehrac vas Centrum; die Anderen verliehen mehr Licht, er mehr Wärmeſtoff; das kam daher, weil er alle Eigenſchaften eines Mittelpunktes beſaß, Rundung und Leuchtkraft. Bahorel hatte bei dem blutigen Tumult vom Juni 1822 bei Gelegenheit der Beerdigung des jungen Lallemand eine Rolle geſpielt. Bahorel war ein Weſen von guter Laune und ſchlech⸗ ter Geſellſchaft, brav, ſchlechter Wirth, verſchwenderiſch bis zur Großmuth, kühn bis zur Unverſchämtheit, geſchwätzig bis zur Beredſamkeit; der beſte gute Teufel, den man ſich denken konnte; er hatte kecke Weſten und ſcharlachrothe Meinungen; er war Unruheſtifter im Großen, das heißt, er liebte nichts ſo ſehr wie einen Zwiſt, es ſei denn eine Emeute geweſen, und nichts ſo ſehr wie eine Emeute, es ſei denn eine Revolution. Stets bereit, eine Fenſterſcheibe einzuwerfen, dann das Straßenpflaſter aufzureißen, dann eine Regierung zu ſtürzen, um die Wirkung zu ſehen; Student im elften Jahr. Er hörte das Recht, aber er practicirte es nicht. Zum Wahlſpruch hatte er angenommen: niemals Advokat, und als Wappenſchild einen Nacht⸗ tiſch, in welchem man die viereckige Richtermütze ſah. So oft er vor der Rechtsſchule vorübergina, was ihm ſelten genug begegnete, knöpfte er ſeinen Ueberrock zu— der Pa⸗ letot war ramals noch nicht erfunden— und nahm Ge⸗ ſundheitsrückſichten. Von dem Portale der Schule ſagte er: 110 was für ein ſchöner Greis! und von dem Decan, Herrn Delvinceurt: was für ein Denkmal! Er erblickte in den Vorleſungen Stoff zu Liedern und in den Profeſſoren Vor⸗ bilder zu Carricaturen. Im Nichtsthun verzehrte er ſo was wie dreitauſend Francs jährlich. Seine Aeltern waren Bauern, denen er Ehrfurcht vor ihrem Sohn einzuflößen verſtanden hatte. Er ſagte von ihnen:„ſie ſind Bauern und nicht Städ⸗ ter, deshalb haben ſie auch Verſtand.“ Bahorel, ein Mann der Laune, vertheilte ſich auf mehrere Kaffeehänſer; die andern hatten Gewohnheiten, er nicht. Er trieb ſich umher. Dabei war er ein ſchärferer und denkenderer Geiſt, als er es zu ſein ſchien. Er diente als Band zwiſchen den Freunden des ABC und anderen noch nicht gebildeten Gruppen, die aber ſpäter hervortreten ſollten. In dieſem Conclave junger Köpfe gab es ein kahl⸗ köpfiges Mitglied. Der Marquis d'Avaray, den Ludwig KVIII. zum Herzog ernannt hatte, weil er ihm in ein Cabriolet half, als er floh, erzählte, 1814 bei ſeiner Rückkehr nach Frank⸗ reich, als der König in Calais gelandet war, hatte ein Menſch ihm ein Bittſchrift überreicht. „Was verlangen Sie?“ fragte der König. „Sire, ein Poſtbureau.“ „Wie heißen Sie?“ „LAigle.“ Der König runzelte die Stirn, ſah anf die Unterſchrift und fand den Namen ſo geſchrieben: Lesgle. Dieſe nicht ſehr bonapartiſtiſche Ortographie rührte den König und er begann zu lächeln. „Sire,“ nahm der Mann mit der Bittſchrift wieder das Wort,„einer meiner Vorfahren war ein Hausknecht, der den Beinamen Lesgueules(die Schnauze) bekam. Aus — 111 dieſem Beinamen entſtand mein Name. Ich heiße Lesgueules durch Zuſammenziehung Lesgle und durch Verdrehung LAigle.“ Darüber lächelte der König vollends. Später gab er dem Manne das Poſtbureau in Meaur, abſichtlich oder aus Verſehen. Das kahlköpfige Mitglied der Geſellſchaft war der Sohn dieſes Lesgle oder Legle und unterſchrieb ſich Legle(von Meaux). Seine Kameraden nannten ihn der Kürze wegen Boſſuet. Boſſuet war ein munterer Burſche, der Unglück hatte. Seine Eigenthümlichkeit beſtand darin, daß ihm nichts ge⸗ lang. Dagegen lachte er über Alles. Mit 25 Jahren war er kahlköpfig. Sein Vater hatte zuletzt ein Haus und ein Feld beſeſſen; allein er, der Sohn hatte nichts Eiligeres zu thun gehabt, als dieſes Feld und dieſes Haus bei einer verunglückten Speculation zu verlieren. Es war ihm nichts geblieben. Er beſaß Kenntniſſe und Geiſt, aber nichts ge⸗ lang ihm. Alles ſchlug ihm fehl, Alles betrog ihn; was er aufführte, brach unter ihm zuſammen. Spaltete er Holz, ſo ſchlug er ſich in den Finger; hatte er eine Maitreſſe, ſo entdeckte er bald, daß er auch einen Freund hatte. Jeden Augenblick begegnete ihm irgend ein Mißgeſchick; daher ſeine Luſtigkeit. Er ſagte: ich wohne unter dem Dache, deſſen Ziegel herunterfallen. Für ihn war ein Un⸗ fall das Erwartete, er wunderte ſich darüber nicht, nahm die ſchlimme Sache heiter auf und lächelte über die Necke⸗ reien des Schickſals, wie Jemand, der Spaß verſteht. Er war arm, ſein Beutel guter Laune, aber unerſchöpflich. Schnell kam er bis zu ſeinem letzten Sou, nie aber bis zu ſeinem letzten Gelächter. Trat das Mißgeſchick bei ihm ein, ſo grüßte er herzlich den alten Bekannten; er war mit dem Verhängniß ſo vertraut, daß er es bei dem Taufnamen nannte.„Guten Tag, Pech,“ ſagte er zu ihm. Dieſe Ver⸗ folgungen des Schickſals hatten ihn erfindungsreich gemacht. 112 Er war voller Hülfsquellen. Er hatte nie Geld, aber wenn es ihm nothwendig erſchien, fand er die Mittel,„rieſige Ausgaben“ zu machen. In einer Nacht ging er ſo weit, hundert Francs bei dem Abendeſſen mit einem Mädchen zu verthun, was ihn mitten in der Orgie den guten Ge⸗ danken einflößte, zu rufen:„Tochter des fünften Louis, zieh mir die Stiefeln aus.“*) Boſſuet wandte ſich langſam dem Advocatenſtande zu; er machte ſeine Rechtsſtudien nach der Art Bahorel's. Boſſuet hatte nur ſelten ein Domicil, zuweilen gar keins. Er wohnte bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, am häufigſten bei Joly. Joly war Student der Medicin und zwei Jahr jünger wie Boſſuet. Joly war der junge eingebildete Kranke. Was er bei dem Studium der Medicin gewonnen hatte, war, kränker zu ſein als der Arzt. Mit 23 Jahren hielt er ſich für kränk⸗ lich und brachte ſein Leben damit hin, die Zunge im Spiegel zu beſehen. Er behauptete, der Menſch ſei magnetiſch wie eine Nadel, und in ſeiner Stube ſtellte er das Bett mit dem Kopfende gegen Süden und mit den Füßen gegen Nor⸗ den, damit während der Nacht die Circulation ſeines Blutes nicht in entgegengeſetzter Richtung ſtrömte, wie die große magnetiſche Strömung der Erdkugel. Während dem Ge⸗ witter fühlte er ſeinen Puls. Uebrigens war er der Luſtigſte von Allen. Alle dieſe Eigenthümlichkeiten, jung, tollköpfig, boshaft, luſtig, hielten gute Gemeinſchaft mit einander und es entſtand dadurch ein excentriſches und angenehmes Weſen, welches ſeine Genoſſen verſchwenderiſch mit Conſonanten Jolllly nannten. Joly hatte die Gewohnheit, den Knopf ſeines Stockes *) Fünfter Louis. Ein Louisd'or iſt zwanzig Francs. Das Wortſpiel bedeutet alfo, das mit dem ſüuften Louied'or die hundert Francs vellzählig ſind, während es ebenſo auch beißt: Tochter des KönigLudwig V. a6 ent e 113 an die Naſe zu legen, was das Zeichen eines ſcharfen Ver⸗ ſtandes iſt. Alle dieſe jungen Leute, die ſo verſchieden von einander waren und von denen man im Grunde nur mit Ernſt ſprechen muß, hatten ein und dieſelbe Religion: den Fort⸗ ſchritt. 6 Alle waren unmittelbar die Söhne der franzöſiſchen Re⸗ volution. Die Leichtfertigſten wurden feierlich, indem ſie das Jahr 1789 ausſprachen. Ihre Väter waren leidenſchaftliche Feuillants, Royaliſten, Doctrinaire geweſen; darauf kam nichts an; dieſes bunte Gemiſch vor ihrer Zeit, va ſie jung waren, kümmerte ſie nicht. Das Vollblut der Grundſätze floß in ihren Adern. Sie ſchloſſen ſich ohne Zwiſchen⸗ ſchattirung dem unveräußerlichen Rechte und der abſoluten Pflicht an. Sie waren in ihrer Verbindung und Verbrüderung der Entwurf eines unterirdiſchen Ideals. Unter allen dieſen leidenſchaftlichen Herzen, allen dieſen von Ueberzengung ergriffenen Geiſtern gab es einen tiker. Wie kam der hierher? Durch den Anſatz von Außen. Dieſer Skeptiker nannte ſich Grantaire. Er war ein Menſch, der ſich wohl hütete, an irgend Etwas zu glauben. Uebrigens gehörte er zu den Studenten, die während ihrer Studien in Paris das Meiſte gelernt hatten. Er wußte, daß das beſte Kaffeehaus das Café Lemblin ſei und daß das beſte Billard in dem Café Voltaire ſtand; daß man guten Kuchen und hübſche Mädchen in der Eremitage auf dem Boulevard du Maine fände; Brathühner bei der Mutter Saguet und einen gewiſſen leichten Wein bei der Barrisre de la Cunette. Für Alles wußte er die beſten Orte. Außer⸗ dem konnte er Tänze und war ein ausgezeichneter Stockkämpfer. Ueber den Allen war er noch ein großer Trinker. Er war übermäßig häßlich. Die hübſcheſte Stiefel⸗ näherin jener Zeit, Irma Boiſſy, welche durch ſeine Häß⸗ Die Elenden. V. 8 114 lichkeit empört wurde, hatte den Ausſpruch gethan: Gran⸗ taire iſt unmöglich; aber die Abgeſchmacktheit Grantaire's ließ ſich dadurch nicht irre machen. Er ſah alle Weiber zärtlich an und ſchien bei allen zu ſagen: wenn ich wollte! Dabei ſuchte er ſeine Kameraden glaublich zu machen, daß er allgemein geſucht würde. Alle die Worte: Rechte des Volkes, Menſchenrecht, Geſellſchaftsvertrag, franzöſiſche Revolution, Republik, De⸗ mokratie, Menſchheit, Civiliſation, Religion, Fortſchritt waren für Grantaire beinahe nichtsbedeutend. Er lächelte darüber. Der Skepticismus, dieſe Fäulniß des Verſtandes, hatte keinen einzigen ganzen Gedanken in ſeinem Geiſte gelaſſen. Er liebte mit Ironie. Er hatte den Spruch: es giebt nur eine Gewißheit; ein volles Glas. Er verſpottete alle Selbſt⸗ aufopferungen bei allen Parteien.„Sie ſind durch ihren Tod ſehr weit vorgeſchritten,“ rief er aus. Von dem Crucifix ſagte er:„Das iſt ein Galgen, dem ſein Werk gelang,“ Herumtreiber, Spieler, Wollüſtling, oft betrunken, machte er dieſen jungen Denkern das Mißvergnügen, beſtändig zu trällern: lieben wir die Mädchen, lieben wir den Wein, nach der Melodie Vive Henri IV. Uebrigens hatte dieſer Skeptiker einen Fanatismus. Dieſer Fanatismus war weder eine Idee, noch ein Dogma, noch eine Kunſt, noch eine Wiſſenſchaft, es war ein Menſch; Enjolras. Grantaire bewunderte, liebte und verehrte En⸗ jolras. Warum ſchloß ſich dieſer anarchiſche Zweifel an dieſen abſoluten Geiſt an? den Abſoluteſten von Allen. Auf welche Weiſe unterjochte ihn Enjolras? durch ſeine Gedanken? Nein. Durch den Charakter. Ein Phänomen, das oft bemerkt wurde. Ein Skeptiker, der ſich einem Gläubigen anſchließt, iſt ſo einfach wie das Geſetz der er⸗ gänzenden Farbe. Was uns mangelt, zieht uns an. Nie⸗ mand liebt das Tageslicht mehr als der Blinde. Die Zwergin betet den Tambour⸗Maior an. Die Kröte wendet ſ + S) S S S—— e er e ß det 115 die Augen zum Himmel. Weshalb? Um den Vogel zu ſehen. Grantaire, der vom Zweifel erfüllt war, liebte es, in Enjolras den Glauben zu ſehen; er bedurfte Enjolras; ohne daß er ſich deutlich davon Rechenſchaft gab und ohne daß er es ſich ſelbſt zu erklären verſuchte, entzückte ihn dieſe keuſche, geſunde, kräftige, feſte, dauernde, aufrichtige Natur. Er bewunderte aus Inſtinct ſeinen Gegenſatz. Seine ſchwankenden, verdrehten, krankhaften, entſtellten Begriffe ſchloſſen ſich ſicher Enjolras an, wie an ein Rückgrat. Sein moraliſcher Halt ſtützte ſich auf dieſe Feſtigkeit. An der Seite von Enjolras wurde Grantaire Jemand. Er ſelbſt beſtand übrigens aus zwei miteinander ſcheinbar unverträg⸗ lichen Elementen. Er war ironiſch und herzlich. Seine Gleichgiltigkeit war liebevoll. Sein Geiſt entbehrte des Glaubens, ſein Herz konnte der Freundſchaft nicht entbehren. Ein gewaltiger Widerſpruch, denn eine Zuneigung iſt eine Ueberzeugung. Sein Thun war nun einmal ſo. Es giebt Menſchen, die dazu geboren zu ſein ſcheinen, das Gegentheil der Gegenſätze, die Rückſeite zu ſein. Sie leben nur unter der Bedingung, ſich auf einen andern Menſchen zu ſtützen; ihr Name iſt eine Fortſetzung und läßt ſich nur nach der Conjunction und ſchreiben; ihre Exiſtenz gehört ihnen nicht ſelbſt; ſie iſt die andere Seite eines Geſchickes, das nicht das ihrige iſt. Grantaire gehörte zu dieſen Menſchen. Er war die Rückſeite von Enjolras. Grantaire, der wahre Satellit von Enjolras, lebte in dieſem Kreiſe junger Leute; er gefiel ſich nur hier; er folgte ihnen überall. Seine Freude beſtand darin, dieſe Silhouetten in den Weindunſt hin- und hergehen zu ſehen. Man duldete ihn wegen ſeiner guten Laune. Enjolras, der Gläubige, verachtete dieſen Skeptiker, der Nüchterne dieſen Trunkenbold. Er gewährte ihm ein hochmüthiges Mitleid. Grantaire war ein nicht angenom⸗ mener Pylades, ſtets durch Enjolras zurechtgewieſen, hart 8* 116 zurückgeſtoßen, und doch ſtets wiederkehrend, ſagte er von Enjolras: welch ein ſchöner Marmor. H. Grabrede Blondeau's von Boſſuet. An einem gewiſſen Nachmittag, welcher wie man ſehen wird, in einigem Zuſammenhang mit den weiter oben erzählten Ereigniſſen ſtand, lehnte ſich Laigle von Meaux gedankenvoll gegen die Thürbrüſtung des Café Muſain. Er ſah aus wie eine Caryatide in den Ferien; er trug nichts als ſeine Träumerei. Er betrachtete den St. Michaelisplatz. Sich anzulehnen, iſt eine Art, ſtehend zu liegen, welche die Träumer nicht haſſen. Laigle von Meaux dachte ohne Melancholie an ein kleines Mißgeſchick, welches ihm den zweiten Tag zuvor in der Rechtsſchule begegnet war und ſeine perſönlichen Pläne für die Zukunft etwas modificirte, Pläne, die übrigens nicht ſehr beſtimmt waren. Die Träumerei verhindert nicht, daß ein Cabriolet vorüberfährt, und daß ein Träumer das Cabriolet bemerkt. Laigle von Meaux, deſſen Angen umherſchwärmten, bemerkte durch den Nebel ſeines Somnambulismus ein zweirädriges Fuhrwerk, das langſam und wie unenſſchloſſen über den Platz fuhr. Wohin wollte dieſes Cabriolet? Weshalb fuhr es im Schritt? Laigle ſah es genauer an. Es ſaß darin an der Seite des Kutſſchers ein junger Mann, und vor dem jungen Mann lag eine ziemlich große Reiſetaſche. Die d bon Reiſetaſche zeigte den Vorübergehenden den in großen ſchwarzen Buchſtaben auf eine Karte geſchriebenen Namen: Marius Pontmerch. Dieſer Name brachte eine Aenderung in der Haltung Laigle's hervor. Er richtete ſich empor und rief dem jungen Manne im Cabriolet zu: „Herr Marius Pontmercy!“ Das angerufene Cabriolet hielt. Der junge Mann, der ebenfalls in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken zu ſein ſchien, erhob die Augen. „Wie?“ ſagte er. „Sie ſind Herr Marius Pontmerch?“ „Ohne Zweifel.“ „Ich ſuchte Sie auf,“ entgegnete Laigle von Meaux. „Wie das?“ fragte Marius, denn er war es in der That; er kam eben von ſeinem Großvater, und hatte vor ſich ein Geſicht, das er zum erſten Male ſah.„Ich kenne Sie nicht.“ „Ich kenne Sie ebenfalls nicht“, entgegnete Laigle. Marius glaubte einen Witzbold vor ſich zu ſehen, den Anfang einer Myſtification auf offener Straße. Er war in dieſem Augenblick nicht eben in günſtiger Laune. Er runzelte die Stirn. Laigle von Meaux fuhr vollkommen ruhig fort: „Sie waren vorgeſtern nicht in der vecheſuet⸗ „Das iſt möglich.“ „Das iſt gewiß.“ „Sie ſind Student?“ fragte Marius. „Ja, mein Herr. Ebenſo wie Sie. Vorgeſtern ging ich zufällig nach der Rechtsſchule. Sie wiſſen wohl, man hat zuweilen dergleichen Einfälle. Der Profeſſor war eben dabei, die Schüler aufzurufen. Es iſt Ihnen gewiß nicht unbekannt, daß die Profeſſoren in dieſer Beziehung ſehr lächerlich ſind. Fehlt man bei dem dritten Aufrufe, ſo wird 118 die Inſcription geſtrichen. Sechszig Francs ſind in den Ab⸗ grund gefallen.“ Marius fing an zuzuhören. Laigle fuhr fort: „Es war Blondeau, welcher die Namen verlas. Sie kennen Blondeau; er hat eine ſehr ſpitze und ſehr boshafte Naſe und ſchnüffelt mit wahrem Entzücken die Abweſenden her⸗ aus. Tückiſcher Weiſe fing er mit dem Buchſtaben Pan. Ich hörte nicht auf ihn, weil ich bei dieſem Namen nicht in Gefahr ſtand. Der Appel ging nicht ſchlecht von Statten. Keine Ausſtreichung; alle Welt war anweſend; Blondeau wurde finſter. Ich ſagte bei mir:„Blondeau, mein Liebchen Du wirſt heute nicht die kleinſte Exekution vornehmen können.“ Plötzlich rief Blondeaun: Marius Pontmercy.— Nie⸗ mand antwortet. Voller Hoffnung wiederholt Blondeau noch lauter: Marius Pontmercy. Er ergreift ſeine Feder. Herr ich habe Eingeweide. Ich ſagte raſch zu mir ſelbſt:„Da ſoll ein braver Junge ausgeſtrichen werden. Aufgepaßt! Der iſt ein wahrer Lebemann, der nicht pünkt⸗ lich iſt. Kein guter Schüler iſt das. Ein Student, der ſtudirt, das iſt eiñ pedantiſcher Gelbſchnabel, ſtark in den vier Facultäten. Dieſer Marius Pontmerch iſt ein ehren⸗ werther Müſſiggänger, der umherſchwärmt, die Villegiatura praktiſch durchmacht, die Griſetten cultivirt, den Schönen den Hof macht, vielleicht in dieſem Augenblick bei ſeiner Mai⸗ treſſe iſt. 3 Ich muß ihn retten. Tod dieſem Blondeau!— Blondeau tauchte ſeine Feder in die Tinte, ließ ſeinen fal⸗ ſchen Blick über das Auditorium gleiten und wiederholte zum dritten Male: Marius Pontmercy! Ich ant⸗ wortete: Hier! Das machte, daß Sie nicht ausgeſtrichen wurden.“ „Mein Herr!“ ſagte Marius. „Und daß dafür ich es wurde,“ fügte Laigle von Meaux hinzu. „Ich verſtehe ſie nicht,“ ſagte Marius. 6 Ab⸗ Sie Laigle entgegnete: „Nichts iſt einfacher. Ich war nahe bei dem Katheder, um zu antworten, und nahe bei der Thür, um zu entfliehen. Der Profeſſor ſah mich mit einem gewiſſen ſtarren Blicke an. Plötzlich ſprang Blondeau, der die boshafte Naſe ſein muß, von welcher Boileau ſpricht, auf den Buchſtaben L über. Das iſt mein Buchſtabe. Ich bin aus Meaux und heiße Lesgle.“ „LAigle!“ unterbrach ihn Marius.„Was für ein ſchöner Name!“ Blondeau kam zu dieſem ſchönen Namen und rief: Laigle.— Ich antwortete: Hier! Darauf ſieht Blondeau mich mit der Sanftmuth eines Tigers an, lächelte und ſagte:„Wenn Sie Pontmerch ſind, ſo ſind Sie nicht Laigle.“ Eine Redensart, die mißliebig für Sie ausſah, in der That aber nur für mich von übler Bedeutung war. Indem er ſo ſprach, ſtrich er mich aus.“ Marius rief: „Mein Herr, es thut mir außerordentlich leid—“ „Vor allen Dingen,“ fiel ihm Laigle in's Wort,„ver⸗ lange ich, daß Blondeau in ein phraſenreiches Lob einbal⸗ ſamirt werde. Ich nehme an, er ſei todt. Es wäre an ſeiner Magerkeit, an ſeiner Bläſſe, an ſeiner Kälte, an ſeiner Menſchheit und an ſeinem Geruche nicht viel zu ändern. Ich ſage: FErudimini, qui judicatis terram. Hier liegt Blondeau, Blondeau die Naſe, Blondeau nasica, der Ochſe der Disciplin, bos disciplinae, der Satan des Appels. Er war ſteif, eckig, pünktlich, ſtreng, recht⸗ ſchaffen und abſcheulich. Gott ſtrich ihn aus, wie er mich ausgeſtrichen hat.“ Marius ſagte: „Ich bin in Verzweiflung—“ „Junger Mann,“ unterbrach ihn Laigle von Meaux 120 „das diene Ihnen zur Lehre. In Zukunft ſeien Sie pünktlich.“ „Ich bitte Sie wahrlich tauſendmal um Entſchuldigung.“ „Setzen Sie ſich nicht mehr der Gefahr aus, Ihren Nächſten geſtrichen zu ſehen.“ „Ich bin in Verzweiflung.“ Laigle brach in lautes Lachen aus. „Ich bin entzückt. Ich ſtand mit auf dem ſchlüpfrigen Abhang, Advocat zu werden. Dieſe Ausſtreichung rettet mich. Ich verzichte auf die Triumphe der Gerichtsſchranken. Ich werde die Wittwe nicht vertheidigen und die Waiſe nicht angreifen. Meine Ausſtreichung iſt erlangt. Ihnen verdanke ich ſie, Herr Pontmerch. Zch beabſichtige, Ihnen einen feierlichen Dankſagungsbeſuch zu machen. „Wo wohnen Sie?“ „In dieſem Cabriolet,“ ſagte Marius. „Ein Zeichen des Reichthums,“ entgegnete Laigle ruhig. „Ich wünſche Ihnen Glück dazu. Sie haben da eine Woh⸗ nung für 9000 Franes Miethe jährlich.“ In dieſem Augenblick trat Courfeyrac aus dem Café. Marius lächelte traurig. „Ich befinde mich ſeit zwei Stunden in dieſer Woh⸗ nung und ſehne mich darnach, ſie zu verlaſſen; aber das iſt ſo eine Geſchichte; ich weiß nicht, wohin ich gehen ſoll.“ „Mein Herr,“ ſagte Courfeyrac,„kommen Sie zu mir.“ „Ich würde den Vorrang haben,“ bemerkte Laigle,“ aber ich habe keine Heimath. „Schweig, Boſſuet,“ entgegnete Courfehrac. „Boſſuet?“ ſagte Marius.“ Aber mir ſcheint, Sie nannten ſich Laigle.“ „Von Meaux,“ entgegnete Laigle;„als Umſchreibung Boſſuet.“ Courfeyrae ſtieg in das Cabriolet. —— 3.——— de ein 1 r — . len en ttet en. iſe ten len ig. oh⸗ em — 121 „Kutſcher,“ ſagte er,„Hötel de la Porte St. Jacques.“ Am Abend war Marius in einem Zimmer des Hötel de la Porte St. Jacques, Thür an Thür mit Courfeyrac einquartirt. III. Marins' Erſtaunen. Nach einigen Tagen ſchon war Marius der Freund Courfeyrac's. Die Jugend iſt die Zeit ſchneller Löthungen und raſcher Vernarbungen. Marius athmete in der Nähe von Courfehrac frei, etwas ziemlich Neues für ihn. Courfeyrac richtete keine Fragen an ihn. Er dachte nicht einmal daran. In dieſen Jahren ſagen die Geſichter gleich Alles. Worte ſind nutzlos. Es giebt junge Leute, von denen man ſagen könnte, ihre Phyſiognomie ſei ſchwatzhaft. Man ſieht ſich an, man kenntſich. Eines Morgens jedoch richtete Courfeyrac plötzlich die Frage an ihn: „Apropos, haben Sie eine politiſche Meinung?“ „O!“ ſagte Marius beinahe verletzt durch eine ſolche Frage. „Was ſind Sie denn?“ „Bonapartiſtiſcher Demokrat.“ „Mauſegrau,“ ſagte Courfehrac. Am nächſten Tage führte Courfehrac ſeinen Freund Marius im Café Muſain ein; dann flüſterte er ihm 122 lächelnd in das Ohr:„Ich muß Sie mit der Revolution bekannt machen. Dann nahm er ihn mit in das Zimmer der Freunde des ABC. Er ſtellte ihn hier den andern Cameraden vor, indem er mit leiſer Stimme die einfache Aeußerung machte, die Marius nicht verſtand:„Ein Zögling.“ Marius war in ein geiſtreiches Wespenneſt gefallen. Uebrigens war er, wenn auch ſchweigſam und ernſt, weder der am wenigſtens Beflügelte, noch der am mindeſten Bewaffnete. Marius, der bisher einſam gelebt hatte und ſich zu dem Monologe und dem Abgeſonderten aus Gewohnheit und aus Neigung bekannte, fühlte ſich etwas eingeſchüchtert durch das Schwärmen der jungen Leute um ihn her. Alle kamen ihm zugleich entgegen und nahmen ihn in Anſpruch. Das Hin und Her aller dieſer freien, in der Arbeit be⸗ griffenen Geiſter machte ſeine Gedanken wirbeln. Zuweilen verirrten ſie ſich ſo weit von ihm, daß er Mühe hatte, ſie wieder zu finden. Er hörte von Philoſophie, Literatur, Kunſt, Geſchichte und Religion auf eine ganz unerwartete Weiſe ſprechen. Er ſah ſonderbare Geſtalten, und war nicht gewiß, ob er nicht vielleicht das Chaos erblickte. In⸗ dem er die Anſichten ſeines Großvaters aufgab, um die ſeines Vaters anzunehmen, glaubte er ſich feſt beſtimmt zu haben; jetzt ahnte er voll Beſorgniß, und ohne daß er es ſich ſelbſt zu geſtehen wagte, daß dies noch nicht der Fall ſei. Der Geſichtspunkt aller Dinge begann ſich aufs Neue für ihn zu verrücken. Es fand in ihm eine eigenthümliche innere Umwälzumg ſtatt, und er litt beinahe dadurch. Es ſchien, als gebe es ſür dieſe jungen Leute keine „heiligen Dinge.“ Marius hörte, über Alles in einer eigen⸗ thümlichen Sprache reden, die ſeinen noch ſchüchternen Geiſt einengte. ion ner ern che Ein len. der ten 123 Ein Theaterzettel verkündete ein Trauerſpiel des alten ſogenannten claſſiſchen Repertoirs. „Nieder mit dem Trauerſpiel der bürgerlichen Koſt,“ rief Bahorel. Und Marius vernahm darauf Combeferre's Antwort: „Du haſt Unrecht, Bahorel, das Bürgerthum liebt das Trauerſpiel, und man muß es in dieſer Beziehung in Ruhe laſſen. Das Trauerſpiel in der Perrücke hat Recht, zu ſein, und ich gehöre nicht zu denen, welche ihm dieſes Recht der Exiſtenz ſtreitig machen. Es giebt in der Natur Entwürfe und in der Schöpfung Parodien; ein Schnabel, der kein Schnabel iſt, Flügel, die keine Flügel ſind, Floſſen, die keine Floſſen ſind, Pfoten, die keine Pfoten ſind, ein Schmerzens⸗ ſchrei, über den man lachen möchte, das iſt die Ente. Da nun dieſes Geflügel neben dem Vogel exiſtirt, ſehe ich nicht ein, weshalb nicht auch die elaſſiſche Tragödie neben der antiken Tragödie exiſtiren ſollte.“ Durch dergleichen Redensarten und mehrere andere von ganz verſchiedener Art, die Marius in dieſer Geſell⸗ ſchaft hörte, gerieth er in immer größeres Erſtaunen. Ganz beſonders fiel es ihm auf, daß keiner von all den jungen Leuten ſagte: der Kaiſer. Nur Jean Prouvaire allein ſagte zuweilen: Napoleon. Alle Andern ſagten: Bonaparte! Enjolras ſprach den Namen Buonaparte aus. Marius dachte auf unklare Weiſe: Initium sapientiae. 24 Iv. Das Hinterzimmer des Café Muſain. Eeine der Unterhaltungen zwiſchen dieſen jungen Leuten, denen Marius beiwohnte und in die er ſich zuweilen miſchte, war eine wahrhafte Erſchütterung für ſeinen Geiſt. Dies trug ſich im Hinterzimmer des Café Muſain zu. Beinahe alle Freunde des ABC waren an dieſem Abend hier verſammelt. Die Hängelampe war feierlich angezündet worden. Man ſprach von dieſen und jenen Dingen ohne Leidenſchaft und mit Lärm. Ausgenommen Enjolras und Marius, welche ſchwiegen, ſprach Jeder, indem er ſich ein wenig vom Zufall leiten ließ. Plaudereien zwiſchen Kameraden ſind zuweilen ſolche friedliche Tumulte. Es war daher ein Spiel und ein Ge⸗ wirr, wie eine Unterredung. Es wurden Aeußerungen ge⸗ macht, die man aufgriff. Man plauderte in allen vier Ecken. Kein weibliches Weſen wurde in dieſes Hinterzimmer eingelaſſen, ausgenommen Louiſon, die Geſchirrwäſcherin des Kaffeehauſes, welche von Zeit zu Zeit hindurch kam, um aus dem Aufwaſchzimmer nach dem Laboratorium zu gehen. Grantaire, der vollkommen berauſcht war, betäubte die Ecke, der er ſich bemächtigt hatte, und aus voller Kehle Un⸗ ſinn ſchwatzend rief er:„ich habe Durſt! Sterbliche, ich träume, daß das Heidelberger Faß einen Schlaganfall be⸗ kommt und daß ich zu den Dutzend Blutigeln gehöre, die ihm angeſetzt werden. Ich möchte trinken. Ich wünſche das Leben zu vergeſſen. Das Leben iſt eine abſcheuliche Erfin⸗ dung, ich weiß nicht von wem, dauert mich und taugt nichts⸗ Man bricht ſich das Genick um zu leben. Das Leben iſt in li de un 125 eine Dekoration mit wenigen praktikabeln Ausgängen. Das Glück iſt ein alter und auf einer Seite bemalter Rahmen. Der Kirchenvater ſagt: Alles iſt eitel; ich denke ſo wie dieſer gute Alte, der vielleicht nie exiſtirt hat. Die Null⸗ welche nicht ganz nackt gehen wollte, bekleidete ſich mit Eitelkeit. O Eitelkeit! Ausflickung mit großen Worten! Eine Küche iſt ein Laboratorium, ein Tänzer iſt ein Pro⸗ feſſor, ein Seiltänzer iſt ein Gymnaſtiker, ein Boxer iſt ein Fauſtkämpfer, ein Apotheker iſt ein Chemiker, ein Perrücken⸗ macher iſt ein Künſtler, ein Kalkeinrührer iſt ein Architekt. Die Eitelkeit hat einen Gegenſatz und einen Ort; der Ort iſt einfältig, es iſt der Reger mit ſeinem Glasſchmuck; der Gegenſatz iſt dumm, es iſt der Philoſoph mit ſeinem Puder. Ich weine über den Einen und lache über den Andern. Was man Ehre und Würde nennt und ſelbſt Ehre und Würde iſt im Allgemeinen nichts als Goldleim. Die Könige ſpielen mit dem menſchlichen Stolze. Caligula machte ein Pferd zum Conſul; Carl II. einen Lendenbraten zum Ritter. Der innere Werth der Leute iſt gern achtungswerther. Man höre nur, welches Lob der Nachbar von dem Nachbar ſpricht. Schade, daß ich ein unwiſſender Menſch bin, denn ich würde Euch ſonſt eine Menge Dinge als Beiſpiele an⸗ führen; aber ich weiß nichts. So viel von mir ſelbſt; was Euch Andere betrifft, ſo ſeid Ihr eben ſo viel werth wie ich.“ Auf ähnliche Weiſe fuhr Grantaire fort zu ſchwatzen, indem er vom Hundertſten auf das Tauſendſte überſprang. „Ich ſage Euch,“ rief er zuletzt,„ich bin ein Wollüſt⸗ ling; ich eſſe für vierzig Sous zu Mittag und ich bedarf der perſiſchen Teppiche, um darauf die nackte Kleopatra umherzuwälzen. Wo iſt Kleopatra! O, Du biſt es, Louiſon. Guten Abend.“ Mit dieſen Worten erfaßte Grantaire, der mehr als 126 betrunken war, die Geſchirrwäſcherin, die eben durch das Hinterzimmer des Kaffeehauſes ging. Boſſuet ſtreckte die Hand gegen ihn aus und wollte ihm Stillſchweigen gebieten. Grantaire entgegnete: „Aigle von Meaux, nieder mit den Krallen! Du richteſt damit bei mir nichts aus! Ich ſpreche Dich frei davon mich zu beruhigen. Uebrigens bin ich traurig. Der Menſch iſt fehlerhaft, iſt mißgeſtaltet; der Schmetterling iſt gelungen, der Menſch mißlungen. Gott hat das Thier verfehlt. Der erſte beſte iſt ein Elender. Ja, ich habe den Spleen; ich bin hypocondriſch, ich raſe, ich gähne, ich lang⸗ weile mich, ich werde dumm! Gott möge zum Teufel gehen!“ „Still doch, Grantaire!“ entgegnete Boſſuet, der damit beſchäftigt war, eine wichtige Rechtsfrage auseinander zu ſetzen. Dicht neben Grantaire auf einem Tiſche, an dem es ſehr ſchweigſam zuging, verrieth ein Blatt Papier, ein Dintenfaß und eine Feder zwiſchen zwei Perſonen, daß hier ein Vaudeville entworfen wurde. Dieſe wichtige Angelegen⸗ heit wurde mit leiſer Stimme verhandelt und die beiden in der Arbeit begriffenen Köpfe berührten ſich. „Zuerſt die Namen. Wenn man die Namen hat, ſo findet man ſchon den Stoff.“ „Richtig. Diktire. Ich ſchreibe.“ „Herr Dorimon.“ „Rentier.“ „Ohne Zweifel.“ „Seine Tochter, Cöleſtine.“ „— tine. Weiter!“ „Der Oberſt Sainval.“ „Sainval iſt abgenutzt. Ich werde Valſin ſagen.“ Neben den Vaudevilledichtern befand ſich eine andere Gruppe, die ebenfalls den allgemein Lärm benutzte, um leiſe itet einen chem tige liche Jar händ und treſ t reſſ erm or ma Oh ande Alb Gr der Ge Y 6 e 127 über ein Duell zu ſprechen; ein Alter, dreißig Jahre, mit einem Jüngeren, achtzehn Jahr, der ihn erklärte, mit wel⸗ chem Gegner er es zu thun hatte. „Der Teufel! Mißtrauen Sie ihm. Er iſt ein tüch⸗ tiger Degen; ſeine Art iſt ſcharf. Er macht keine vergeb⸗ lichen Finten; ruhig, gelenk, ungeſtüme Schnelligkeit, richtige Paraden und ſtößt mathematiſch nach! Dabei iſt er link⸗ händiſch!“ In der Grantaire gegenüberliegenden Ecke ſpielten Jolh und Bahorel Domino und ſprachen von Liebe. „Du biſt glücklich,“ ſagte Joly.„Du haſt eine Mai⸗ treſſe die beſtändig lacht.“ „Das iſt ein Fehler,“ erwiederte Bahorel.„Die Mai⸗ treſſe, die man hat, thut nie recht daran, zu lachen. Das ermuthigt dazu, ſie zu betrügen. Wenn man ſie heiter ſieht, ſo raubt einem das die Ruhe; ſieht man ſie tranrig, ſo macht man ſich daraus ein Gewiſſen.“ „Undankbarer! Ein lachendes Weib iſt ſo ſchön! Und Ihr zankt Euch niemals?“ „Das kommt von dem Vertrage her, den wir mit ein⸗ ander geſchloſſen haben. Indem wir unſere kleine heilige Alliance abmachten, haben wir uns von beiden Seiten unſere Grenze bezeichnet, die wir nie überſchreiten. Was unter dem Winde liegt gehört Vand, was über dem Winde liegt Gex. Damit kommt der Friede.“ „Der Friede, das iſt das verdauende Glück.“ „Und Du, Jolllly, wie ſteht es mit Deinem Zanke mit Fräulein— Du weißt ſchon, wen ich meine.“ „Sie ſchmollt mir mit grauſamer Geduld.“ „Du biſt indeß doch ein Liebhaber, der durch ſeine Magerkeit rühren ſollte.“ „Ach leider!“ „An Deiner Stelle würde ich ſie ſitzen laſſen.“ „Das iſt leicht geſagt.“ 128 „Und auch leicht gethan. Heißt ſie nicht Muſichetta?“ „Ja. O, mein armer Bahorel, ſie iſt ein prächtiges Mädchen. Sehr gebildet, kleine Füße, kleine Hände, zieht ſich gut an, iſt weiß, rund, mit Augen wie eine Karten⸗ ſchlägerin. Ich bin wahnſinnig in ſie verliebt.“ „Mein Lieber, dann mußt Du ihr gefallen, elegant ſein. Kauf Dir bei Staub einen ſchönen Anzug, das wirkt.“ „Wie theuer?“ ſchrie Grantaire. Die dritte Ecke war die Beute eines poetiſchen Streites. Die heidniſche Mythologie ſtieß hier mit der chriſtlichen zu⸗ ſammen. Es handelte ſich um den Olymp. deſſen Partei Jean Prouvaire in romantiſcher Stimmung nahm. Jean Prouvaire war nur in der Ruhe ſchüchtern. Einmal auf⸗ geregt brach er los und eine Art von Luſtigkeit begleitete dann ſeinen Enthuſiasmus. Er war zugleich lachend und lhriſch. „Schmähen wir die Götter nicht,“ ſagte er.„Die Götter ſind vielleicht noch nicht verſchwunden. Jupiter macht auf mich nicht die Wirkung eines Todten. Die Götter ſind Träume, ſagt Ihr? Nun gut, ſelbſt in der Natur, wie ſie jetzt geſtaltet iſt, findet man die großen heidniſchen Mythen wieder. Dieſer oder jener Berg ſieht aus wie eine Citadelle. Es iſt nicht bewieſen, daß Pan während der Nacht in irgend einen alten Weidenſtamm bläſt, indem er wechſelweiſe die Löcher mit ſeinen Fingern zuhält.“ In der letzten Ecke ſprach man von Politik. Man tadelte die octroyirte Charte. Combeferre vertheidigte ſich ſchwach. Courfeyrae ſchoß kräftig Breſche dagegen. Auf den Tiſch lag ein unglückſeliges Exemplar der berüchtigten Charte⸗ Touquet. Courfehrac hatte ſie ergriffen und begleitete ſeine Argumente mit dem Knittern dieſes Blattes Papier. „Zuerſt,“ ſagte er,„will ich keinen König. Wäre es auch nur aus dem ökonomiſchen Geſichtspunfte. Ein König iſt ein Paraſit. Man hat keinen König umſonſt. Hört nur das hetr Uu e i9 ur 129 das: Theurung durch die Könige. Bei dem Tode Franz l. betrug die öffentliche Schuld Frankreichs dreißigtauſend Livres Rente; Bei dem Tode Ludwig XIV. war ſie auf zwei Milliarden ſechshundert Millionen gewachſen, was 1760 nach Desmarets eine Milliarde fünfhundert Millionen, und was jetzt zwölf Milliarden betragen würde. Zweitens iſt eine octroyirte Charte ein ſchlechtes Mittel der Civili⸗ ſation. Denn die Umwandlung zu erſparen, die Verände⸗ rung zu mildern, den Uebergang zu verringern, unmerklich von der Monarchie zur Demokratie, durch die Praxis konſtitu⸗ tioneller Einbildungen überzugehen, das Alles ſind verab⸗ ſcheuungswerthe Gründe. Nein, nein! klären wir das Volk nicht durch falſches Licht auf. Kein Baſtardgewächs, kein Compromiß, kein octroyirtes Geſchenk des Königs an das Volk. Ich weiſe Eure Charte geradewegs zurück. Eine Charte iſt eine Maske, die die Lüge verbirgt. Ein Volk, das eine Charte annimmt, entſagt ſeinem Rechte. Das Recht iſt nur Recht, wenn es vollſtändig iſt.“ Man war im Winter. Zwei Reiſigbündel braunten in dem Kamin. Das war verlockend. Courfeyrac konnte nicht wiederſtehen. Er drückte die arme Charte⸗Touquet zuſammen und warf ſie in das Feuer. Das Papier flammte auf. Combeferre ſah philoſophiſch dieſes Meiſterwerk Lud⸗ wig XVIII. verbrennen und begnügte ſich, zu ſagen; „Die Charte in Flammen verwandelt.“ Und Spöttereien, büßende Ausfälle, Quodlibets, guter und ſchlechter Geſchmack, gute und ſchlechte Gründe, wie Frrlichter des Dialogs, die zugleich von allen Seiten des Saales aufſtiegen und ſich kreuzten, bildeten über den Köpfen eine Art von luſtigem Bombardement. Die Etenden V. 9 V. Erweiterung des Horizont's. Die Zuſammenſtöße junger Geiſter unter ſich haben das Bewundernswürdige, daß man nie den Funken voraus⸗ ſehen, noch den Blitz errathen kann. Was wird die nächſte Minute bringen? Man weiß es nicht. Ein Austauſch des Gelächters entſteht durch Rührung. In dem komiſchen Augen⸗ blick zieht der Eryſt ein. Die Impulſe hängen von dem erſten beſten Worte ab. Ein Scherz genügt, um den Uner⸗ warteten das Feld zu öffnen. Der Zufall iſt der Maſchiniſt von dergleichen Unterhaltungen. Ein ernſter Gedanke, der aus einem Wortgefecht hervortönte, durchzuckte plötzlich die Verſammlung. Mitten unter dem Getöſe beendet Boſſuet plötzlich einen Satz, den er gegen Combeferre, mit den Worten ausſprach: „Am 18. Juni 1815; Waterloo.“ Bei den Namen Waterloo nahm Marius, der neben einem Glaſe Waſſer an einem Tiſche ſaß, die Hand unter dem Kinne fort und begann ſtarr auf das Auditorium zu blicken. „Pardieu,“ rief Courfeyrac,„die Zahl 18 iſt eigen⸗ thümlich und fällt mir auf; Es iſt die verhängnißvolle Zahl Bonaparte's. Setzt Ludwig davor und Brumaire dahinter und Ihr habt das ganze Geſchick des Mannes mit der ausdrucksvollen Eigenthümlichkeit, daß dabei der Anfang von dem Ende einen Fußtritt bekommt.“ Enjolras, der bisher ſtumm geweſen war, brach das Schweigen, indem er zu Courfeyrac ſagte: „Du meinſt das Verbrechen durch die Sühnung.“ Ma bon rei ma den go M eig ich un an Fr ſic 131 Das Wort Verbrechen überſchritt das Maß, welches Marius annehmen konnte, der durch die plötzliche Nennung von Waterlvo ſchon ſehr aufgeregt war. Er ſtand auf, ging langſam zu der Karte von Frank⸗ reich, die an der Wand hing und an deren unteren Seite man eine Inſel in einer beſondern Abtheilung ſah; er legte den Finger auf dieſe Abtheilung und ſagte: „Corſica. Eine kleine Inſel, welche Frankreich ſehr groß gemacht hat.“ Dae war ein eiskalter Hauch. Alle unterbrachen ſich. Man fühlte, daß irgend Etwas im Anzuge war. Bahorel, der ſich mit Boſſuet ſtritt und eben eine eigenthümliche impoſante Stellung annehmen wollte, ver⸗ zichtete darauf um zu hören. Enjolras, deſſen blaues Ange ſich auf Niemand richtete und in die Weite zu blicken ſchien, antwortete, ohne Marius anzuſehen: „Frankreich bedarf keines Corſen, um groß zu ſein. Frankreich iſt groß, weil es Frankreich iſt.“ Marius empfand keine Luſt, zurückzutreten; er wandte ſich gegen Enjolras und ſeine Stimme ertönte mit einem Beben, welches aus dem Zittern ſeines innerſten Weſens herrührte. „Wolle Gott nicht, daß ich Frankreich verkleinere!“ rief er.„Aber es heißt nicht, es verkleinern, wenn man es mit Napoleon amalgamirt. Sprechen wir darüber. Ich bin ein Neuling unter Euch, aber ich geſtehe Euch, daß Ihr mich in Verwunderung ſetzt. Wo ſind wir? Wer ſind wir? Wer ſeid Ihr? Wer bin ich? Erklären wir uns über den Kaiſer. Ich höre Euch Buonaparte ſagen, indem Ihr das u betont wie die Royaliſten. Ich mache Euch darauf auf⸗ merkſam, daß mein Großvater noch weiter geht. Er ſagte Buonaparté. Ich hielt Euch für junge Leute. Worin ſetzt Ihr denn Euren Enthuſiasmus? Was macht Ihr damit? Wen bewundert Ihr, wenn Ihr den Kaiſer nicht 9* 12„ bewundert? Und was braucht Ihr noch mehr? Wenn Ihr dieſen großen Mann nicht wollt, welche großen Männer wollt Ihr dann? Er beſaß Alles; er war vollſtändig. Er hatte in ſeinem Gehirn das Maß aller menſchlichen Fähig⸗ keiten. Er erließ Geſetzbücher wie Juſtinian; er dictirte wie Cäſar; ſein Geſpräch miſchte die Blitze Pascals mit den Donnerſchlägen des Tacitus; er machte die Geſchichte und er ſchrieb ſie; ſeine Bulletins ſind Iliaden; er ließ im Orient Worte hinter ſich, die größer waren wie die Pyramiden, und in Tilſit lehrte er den Kaiſern die Ma⸗ jeſtät; in der Akademie der Wiſſenſchaften antwortete er Laplace, in dem Staatsrath bot er Merlin die Spitze; er er war Geſetzgeber mit den Procuratoren und Sternen⸗ kenner mit den Aſtronomen; wie Cromwell von zwei Lichtern eins ausblies, ſo ging er nach dem Tempel, um Vorhangs⸗ quaſten zu kaufen; er ſah Alles, wußte Alles, was ihn jedoch nicht abhielt, an der Wiege ſeines Kindes heiter zu lächeln. Plötzlich lauſchte denn das erſchrockene Europa. Heere ſetzten ſich in Marſch, Artilleriepares rollten dahin, Pontonbrücken legten ſich über die Flüſſe, Schwärme von Kavalerie galoppirten durch den Sturm, Geſchrei, Trom⸗ peten, zitternde Throne überall; die Grenzen der König⸗ reiche ſchwankten auf der Karte. Man hörte das Raſſeln eines übermenſchlichen Schwertes, das aus der Scheide geriſſen wurde; man ſah wie er hoch aufgerichtet an dem Horizont es flammend in der Hand ſchwang und mit Blitzen in ſeinen Augen unter Donnerſchlägen ſeine beiden Flügel entfaltete: Die große Armee und die alte Garde, und er wurden Erzengel des Krieges!“ Alle ſchwiegen und Enjolras ſenkte den Kopf. Das Schweigen bringt ſtets einige Wirkung der Zuſtimmung hervor. Und Marius fuhr beinahe ohne Athem zu ſchöpfen mit wachſendem Enthuſiasmus fort: „Laßt uns gerecht ſein, meine Freunde! Das Kaiſer⸗ reich Geſ reich eines ſolchen Kaiſers zu ſein, welch ein glänzendes Geſchick für ein Volk, wenn dieſes Volk das franzöſiſche iſt und ſein eigenes Genie dem Genie dieſes großen Mannes hinzufügt! Erſcheinen und herrſchen, marſchiren und tri⸗ umphiren, zu Etappen alle Hauptſtädte haben, aus ſeinen Grenadieren Könige machen, über den Sturz der Dynaſtien verfügen, Europa im Sturmſchritt umzugeſtalten, das Volk eines Mannes ſein, welcher bei jeder Morgenröthe eine ge⸗ wonnene Schlacht verkündet, durch die Kanonen der Inva⸗ liden am Morgen erweckt zu werden, in die Abgründe des Lichts Worte zu ſchleudern, welche für ewige Zeiten leben; Marengo, Arcole, Auſterlitz Jena, Wagram, das franzöſiſche Kaiſerreich zum Gegenſtück des römiſchen Kaiſerreichs zu erheben, die große Nation zu ſein und die große Armee zu ſchaffen;— nach allen Richtungen der Erde ſeine Legionen zu ſenden, zu ſiegen, zu herrſchen, niederzuſchmettern, in Europa eine Art von Volk zu ſein, das durch Ruhm ver⸗ goldet iſt, durch die Geſchichte eine Fanfare von Titanen ertönen zu laſſen, die Welt zwei Mal zu erorbern: durch den Sieg und durch die Verblendung, das iſt erhabenl Was giebt es noch Größeres?“ „Frei zu ſein!“ ſagte Combeferre. Marius ſenkte jetzt ſeinerſeits den Kopf. Dieſes ein⸗ fache kalte Wort hatte gleich einer ſtählernen Klinge ſeine epiſche Aufregung durchbohrt und er fühlte ſie in ſich ſchwinden. Als er die Augen erhob, war Combeferre nicht mehr da. Wahyrſcheinlich befriedigt durch ſeine Entgegnung auf die Apotheoſe war er gegangen und Alle, ausgenommen Enjolras waren ihm gefolgt. Das Zimmer war leer, En⸗ jolras, der allein mit Marius geblieben war, ſah dieſen ernſt an. Marius, der ſeine Gedanken ein wenig wieder geſam⸗ melt hatte, hielt ſich indeß noch nicht für geſchlagen; ſeine Aufregung währte noch fort und er wollte ihr ohne Zweifel gegen Enjolras Luft machen, als man plötzlich auf der Treppe 134 Einen der Entfernenden ſingen hörte. Es war Combeferre der ſang: Wollt' Cäſar mir geben Den Ruhm und den Krieg Und ich ſollt verzichten Auf meiner Mutter Lieb', So ſagt ich dem Cäſar: Behalt' Deinen Scepter und Glanz: Mehr lieb' ich die Mutter, juchheh! Mehr lieb' ich die Mutter. Der zugleich zärtliche und wilde Ausdruck, mit welchem Combeferre ſang, verlieh dieſem Liedchen eine eigenthüm⸗ liche Größe. Marius richtete nachdenkend das Auge an die Decke und wiederholte beinahe maſchinenmäßig: „Meine Mutter!“ 6 In dieſem Augenblick fühlte er die Hand Enjolras' auf ſeiner Schulter. „Bürger,“ ſagte Enjolras,„meine Mutter, das iſt die Republik.“ VI. Res angusta. Dieſer Abend hinterließ in Marius Seele eine tiefe Erſchütterung, eine dumpfe Trauer. Er empfand, was die Erde in dem Augenblicke empfindet, in welchem man ſie mit dem Eiſen öffnet, um in ihren Schvoß das Saatkorn zu leg unt 185 legen; ſie fühlt nur ihre Wunde; das Leben des Keimes und die Freude der Frucht folgen erſt ſpäter. Marius war finſter. Kaum hatte er ſich einen Glau⸗ ben gebildet; ſollte er ihn denn ſchon wieder verwerfen? Er ſagte ſich ſelbſt, daß das nicht ſein dürfe. Er erklärte ſich, daß er nicht zweifeln wollte und begann dennoch unwill⸗ kürlich zu zweifeln. Zwiſchen zwei Religionen zu ſtehen deren eine man noch nicht verlaſſen hat, während man die andere noch nicht annahm, das iſt unerträglich; die Däm⸗ merung gefällt nur den Fledermäuſlern. Marius war ein offenes Auge und er bedurfte des wahren Lichtes. Das Halbdunkel des Zweifels that ihm wehe. Wie groß auch ſein Verlangen war, da zu bleiben, wo er ſtand, und ſich daran zu halten, war er doch unbeſieglich gezwungen, weiter zu ſchreiten, zu prüfen, zu denken, vorwärts zu gehen. Wo⸗ hin mußte ihn das führen? Er fürchtete, nachdem er ſo viele Schritte gethan hatte, die ihn ſeinem Vater näherten jetzt andere zu thun, die ihn von demſelben wieder entfernten. Sein Unbehagen wuchs durch alle die Betrachtungen, die er anſtellte. Rings um ihn her zeigten ſich ſteile Höhen. Er war weder mit ſeinem Großvater noch mit ſeinen Freunden in Uebereinſtimmung; verwegen für den Einen, zurück hinter den Andern; er erkannte ſich für doppelt iſolirt, auf der Seite des Alters und anf der der Jugend. Er ging nicht mehr nach dem Café Muſain. Bei der Unruhe, in welcher ſich ſein Gewiſſen befnad, dachte er auch nicht mehr an gewiſſe ernſte Seiten der Exiſtenz. Die Wirklichkeiten des Lebens laſſen ſich aber nicht vergeſſen. Sie verſetzten ihm plötzlich ihren harten Stoß. Eines Morgens trat der Wirth in Marius Stube und ſagte: „Herr Courfeyrac hat für Sie gut geſagt.“ „Ja.“ „Aber ich brauche Geld.“ 136 „Bitten Sie Courfehrac, zu mir zu kommen,“ ſagte Marius. Als Courfeyrac gekommen war, verließ ſie der Wirth. Marius erzählte ihm, was er ihm bisher zu ſagen ver⸗ geſſen hatte, daß er gleichſam allein in der Welt ſtehe und keine Eltern mehr hätte. „Was ſoll aus Ihnen werden?“ fragte Courfeyrac. „Ich weiß es nicht,“ entgegnete Marius. „Was wollen Sie anfangen?“ „Ich weiß es nicht.“ „Haben Sie Geld?“ „Funfzehn Francs.“ „Soll ich Ihnen welches borgen?“ „Niemals.“ „Haben Sie Kleidungsſtücke?“ „Hier“ „Haben Sie Schmuckſachen?“ „Eine Uhr.“ „Eine ſilberne? „Eine goldene. Hier iſt ſie.“ „Ich kenne einen Trödler, der Ihnen Ihren Ueberrock und ein Beinkleid abnehmen wird.“ „Gut.“ „Sie werden nur noch ein Beinkleid, eine Weſte, einen Hut und einen Rock haben.“ „Und meine Stiefel.“ „Wie! Sie wollen nicht barfuß gehen? Welch ein Reichthum!“ „Das wird genng ſein.“ „Ich kenne einen Uhrmacher, der Ihnen Bhre Uhr abkaufen wird.“ „Gut.“ „Nein, das iſt nicht gut. Was werden Sie dann an⸗ fangen?“ bon deu „Alles, was ſein muß; wenigſtens alles Ehrliche.“ „Sprechen Sie Engliſch?“ „Nein.“ „Sprechen Sie Deutſch.“ „Nein.“ „Deſto ſchlimmer.“ „Weshalb?“ „Weil einer meiner Freunde, ein Buchhändler, eine Art von Enchklopädie herausgiebt, für welche Sie engliſche oder deutſche Artikel hätten überſetzen können.“ „Ich werde das Engliſche und das Deutſche lernen.“ „Und bis dahin?“ „Bis dahin verzehre ich meine Kleidungsſtücke und meine Uhr.“ Man ließ den Trödler kommen; er bezahlte für die Sachen zwanzig Francs. Man ging zu dem Uhrmacher. Er kaufte die Uhr für fünfundvierzig Francs. „Das iſt nicht ſchlecht,“ ſagte Marius zu Courfehrac indem er in das Hotel zurückkehrte. Mit meinen fünf⸗ zehn Francs macht das achtzig Francs.“ „Und die Rechnung im Hotel?“ bemerkte Courfeyrac. „Daran dachte ich nicht,“ entgegnete Marius. Der Wirth brachte ſeine Rechnung, welche auf der Stelle bezahlt werden mußte. Sie betrug ſiebzig Francs. „Es bleiben mir noch zehn Francs,“ ſagte Marius. „Der Teufel,“ ſagte Courfeyrac,„Sie werden fünf Francs verthun, während Sie das Engliſche lernen, und fünf Francs, während Sie das Deutſche lernen. Das heißt eine Sprache ſehr raſch erlernen und fünf Francs ſehr langſam ausgeben.“ Indeß hatte die Tante Gillenormand, die im Grunde genommen bei traurigen Gelegenheiten eine ziemlich gute Perſon war, endlich Marius Wohnung ausfindig gemacht. Eines Morgens, als Marius aus der Rechtsſchule 138 zurückkehrte, fand er einen Brief ſeiner Tante und die ſechszig Piſtolen, das heißt ſechshundert Francs in Gold, in einem verſiegelten Käſtchen. Marius ſchickte die dreißig Louisd'or an ſeine Tante mit einem achtungsvollen Briefe zurück, in welchem er er⸗ klärte, daß er Exiſtenzmittel hätte, und künftig alle ſeine Bedürfniſſe beſtreiten könnte. Es blieben ihn in dieſem Augenblicke drei Francs. Die Tante unterrichtete den Großvater nicht von dieſer Weigerung, aus Furcht, ihn vollends außer ſich zu bringen. Hatte er nicht überdies geſagt:„Daß man mir nie wieder von dieſem Blutſauger ſpreche!“ Marius verließ das Hotel de la Porte St. Jacques, da er ſich dort nicht in Schulden ſtürzen wollte. Marius. —— Fünftes Buch. Lichtſeiten des Anglüchs. . Marius in Noth. Das Leben wurde hart für Marius. Seine Kleidungs⸗ ſtücke und ſeine Uhr zu verzehren, das war nichts. Er nagte⸗ wie man zu ſagen pflegt, an dem Hungertuche. Das iſt etwas Entſetzliches, was Tage ohne Brod, Nächte ohne Schlaf, Abende ohne Licht, Ofen ohne Feuer, Wochen ohne Arbeit, Zukunft ohne Hoffnung, Löcher in den Ellenbogen, einen alten Hut, über den die jungen Mädchen lachen, eine Thür, die man Abenvs verſchloſſen findet, weil man ſeine Miethe nicht bezahlt hat, die Unverſchämtheit des Thür⸗ hüters und des Garkochs, den Spott der Nachbarn, die Demüthigungen, den Widerwillen, die Bitterkeit, die Nieder⸗ geſchlagenheit bedeutet. Marius lernte das Alles verſchlucken, und erfuhr, wie das oft das Einzige iſt, was man zu ſchlucken hat. In dieſem Augenblicke des Lebens, wo der Menſch des Stolzes bedarf, weil er das Bedürfniß der Liebe empfindet, fühlte er ſich verſpottet, weil er ſchlecht ge⸗ kleidet, und lächerlich, weil er arm war. In dem Alter, in welchem die Jugend valPerz mit königlichem Stolze ſchwillt. . 142 ſenkte er mehr als einmal ſeine Augen auf ſeine durch⸗ löcherten Stiefel und lernte die ungerechte Schande und das ſchmerzliche Erröthen des Elends kennen. Bewundernswerthe und furchtbare Prüfung, aus welcher die Schwachen als Nichtswürdige, die Starken aber erhaben hervorgehen. Eine Höhle, in welche das Geſchick einen Menſchen wirft, ſo oft ſie einen Schuft oder einen Halbgott haben will. Denn es werden viele große Thaten in kleinen Kämpfen vollbracht. Es giebt härtnäckige und unbekannte Tapferkeit, welche ſich Fuß bei Fuß in der Dunkelheit gegen die ver⸗ hängnißvollen Fortſchritte der Nothwendigkeit und der Schlechtigkeit vertheidigt. Edle und geheimnißvolle Triumphe, die kein Blick ſieht, die kein Ruhm bezahlt, kein Trompeten⸗ geſchmetter begrüßt. Das Leben, das Unglück, das Allein ſtehen, die Verlaſſenheit, die Armuth ſind Schlachtfelder, welche ihre Helden haben; uhbekannte Helden, größer aber oft, wie die berühmten Helden. Feſte und ſeltene Naturen ſind ſo geſchaffen; das beinahe immer ſtiefmütterliche Elend wird zuweilen zur Mutter; die Entblößung gebiert die Kraft der Seele und des Geiſtes; die Noth iſt die Amme des Stolzes; das Unglück iſt eine nahrhafte Milch für die Groß⸗ herzigen. Es gab einen Augenblick in Marius Leben, wo er ſeine Bodenkammer kehrte, für einen Sou Boier⸗Käſe bei der Hökerin kaufte, die Abenddämmerung abwartete, um bei dem Bäcker ein Brod zu kaufen und es verſtohlen nach ſeiner Bodenkammer zu tragen, als ob er es entwendet hätte. Zuweilen ſah man in dem Fleiſcherladen an der Ecke mitten unter die geſchwätzigen Köchinnen einen jungen linkiſchen Menſchen ſchlüpfen, der Bücher unter dem Arme trug, ſchüchtern und wüthend ausſah, der, indem er eintrat, den Hut vom Kopfe nahm, von welchem der Schweiß perlte, der verwunderten Fleiſcherin einen ſfen Gruß machte, dem Fleiſe langt vickel und die e getl und ſtets lung hatte deſſe ein! ginge fehr alte irge be bruc aus. in t woh und ſom wur verl Gr ch Ha he et 143 Fleiſcherburſchen einen zweiten, eine Hammelcotelette ver⸗ langte, ſie mit ſechs oder ſieben Sous bezahlte, ſie in Papier wickelte, ſie zwiſchen zwei Büchern unter den Arm nahm und wieder ging. Das war Marius. Von dieſer Cotelette, die er ſelbſt zubereitete, lebte er drei Tage. Am erſten Tage aß er das Fleiſch, am zweiten das Fett, und am dritten nagte er den Knochen ab. Mehrmals machte die Tante Gillenormand Verſuche, und ſchickte ihm die ſechzig Piſtolen. Marius ſchickte ſie ſtets wieder zurück, indem er ſagte, er brauche nichts. Er trauerte noch um ſeinen Vater, als die Umwand⸗ lung, die wir beſchrieben haben, mit ihm vorging. Seitdem hatte er den ſchwarzen Anzug nicht wieder abgelegt. In⸗ deſſen wurden ſeine Kleidungsſtücke ihm ungetreu. Es kam ein Tag, an welchem er keine mehr hatte. Die Beinkleider gingen noch allenfalls an. Was ſollte er machen? Cour⸗ feyhrac, dem er einige Dienſte geleiſtet hatte, gab ihm einen alten Rock. Für preißig Sous ließ Marius den Rock durch irgend einen Portier wenden, ſo daß er wieder neu wurde. Aber der Rock war grün. Nun ging Marius erſt mit An⸗ bruch des Abends aus. Dadurch ſah ſein Rock ſchwarz aus. Da er ſtets in Trauer gehen wollte, kleidete er ſich in der Nacht an. Bei alledem wurde er Advocat. Man glaubte, er be⸗ wohnte ein Zimmer mit Courfeyrac, welches anſtändig war, und in dem eine Anzahl von Büchern der Rechtsgelehr⸗ ſamkeit, die durch einige Bände Romane vervollſtändigt wurden, eine Bibliothek darſtellten, wie die Vorſchriften dies verlangten. Er ließ ſeine Briefe an Courfeyrac adreſſiren. Als Marius Advocat geworden war, ſetzte er ſeinen Großvater davon durch einen kalten, aber ehrerbietigen und achtungsvollen Brief in Kenmniß. Herr Gillenormand gahm den Brief zitternd in die Hand, las ihn und warfhn zerriſſen in den Papierkorb. 144 Zwei oder drei Tage darauf hörte Fräulein Gillenor⸗ mand ihren Vater, der allein in ſeinem Zimmer war, laut mit ſich ſelbſt ſprechen. Dies begegnete ihm, ſo oft er ſehr aufgeregt war. Sie lauſchte. Der Greis ſagte:„Wärſt Du nicht ein Dummkopf, ſo würdeſt Du wiſſen, daß man nicht zu gleicher Zeit Baron und Advocat ſein kann.“ M. Marius arm. Es iſt mit dem Elend, wie mit allem Andern. Es wird zuletzt möglich. Es eine Geſtalt an. Man vegetirt, das heißt, man ickelt ſich auf eine kläg⸗ liche, aber für das Leben doch hinreichende Weiſe. Die Exiſtenz unſeres Marius Pontmerch te ſich auf die fol⸗ gende Weiſe geordnet: Er war aus der größten Noth heraus: die Ausſichten öffneten ſich vor ihm ein wenig. Durch Arbeit mit Aus⸗ dauer und feſtem Willen war es ihm gelungen, ſiebenhundert Franecs jährlich durch ſeine Arbeit zu verdienen. Er hatte das Deutſche und das Engliſche gelernt; Dank Courfehrac, der ihn mit ſeinem Freunde dem Buchhändler in Verbin⸗ dung brachte, erfüllte Marius in der buchhändleriſchen Literatur die beſcheidene Rolle eines Nützlichen. Er ſchrieb Proſpecte, überſetzte aus Zeitungen, machte Ag⸗ merkungen zu den Ausgaben, das Rich ſhr wel une hön jede und cher Fri the Uh Ror Po mi wie Co thre gab ſec Lä Fl boſ ſih Fs an. läg⸗ Die ſo hten lus⸗ ert hatte hra, bin⸗ chen 145 das ſiebenhundert Francs ein. Davon lebte er. Wie? Nicht ſchlecht. Wir wollen es beſchreiben. Marius bewohnte in der Baracke Gorbeau für den jährlichen Preis von dreißig Francs ein Loch ohne Kamin, welches Kabinet genannt wurde, und das nur mit den aller⸗ unentbehrlichſten Möbeln verſehen war. Dieſe Möbel ge⸗ hörten ihm. Er gab der alten Hauptmietherin monatlich 3 Francs dafür, daß ſie ſeine Kammer reinigte, und ihm jeden Morgen ein wenig warmes Waſſer, ein friſches Ei und ein Brödchen für einen Sou brachte. Dieſes Bröd⸗ chen und dieſes Ei bildeten ſein Frühſtück. Der Preis des Frühſtücks wechſelte, je nachdem die Eier wohlfeiler oder theurer waren, zwiſchen zwei und vier Sous. Um ſechs Uhr Abends ging er nach der Rue St. Jacques um bei Rouſſeau zu eſſen. Er aß keine Suppe. Er nahm eine Portion Fleiſch für ſechs Sous, eine halbe Portion Ge⸗ müſe für drei Sous und ein Deſſert für drei Sous. Dann wieder für drei Sous Brod nach Belieben. Was den Wein betrifft, ſo trank er Waſſer. Indem er in dem Comptoir bezahlte, in welchem majeſtätiſch Madame Roſſeau thronte, die damals ſchon wohlbeleibt und noch friſch war, gab er dem Garcon einen Sou, und Madame Roſſeau ſchenkte ihm dafür ein Lächeln. Darauf ging er. Für ſechszehn Sous bekam er ſo ein Mittageſſen und ein Lächeln. Dieſer Speiſewirth Rouſſeau, bei dem man ſo wenige Flaſchen und ſo viele Caraffen leerte, hatte einen ſchönen Beinamen; er hieß Rouſſeau, der Waſſermann. Alſo Frühſtück vier Sous, Mittageſſen ſechszehn Sous, koſtete ſeine Nahrung Marius täglich zwanzig Sous, was zährlich drei hundert fünfundſechzig Francs betrug. Dem rechne man die dreißig Francs und die ſechsunddreißig Francs für die alte Aufwärterin, ſowie einige kleine Ausgaben hinzu, ſo hatte Marius für vierhundert und funfzig Woh⸗ Die Elenden. v. 146 nung, Koſt und Bedienung. Seine Kleidung koſtete ihm hundert Francs, ſeine Wäſche funfzig Francs und das Waſchen derſelben ebenfalls funfzig Francs; Alles zuſammen überſchritt daher nicht ſechshundert funfzig Francs. Es blieben ihm folglich funfzig Francs. Er war reich. Ge⸗ legentlich kounte er einem Freunde zehn Francs borgen. Courfeyrac lieh ſogar einmal von ihm ſechszig Francs. Was die Heizung betrifft, ſo hatte Marius ſie„vereinfacht,“ da er keinen Kamin beſaß. Marius hatte jederzeit zwei vollſtändige Anzüge, einen alten für alle Tage und einen neuen für gewiſſe Gelegen⸗ heiten. Beide Anzüge waren ſchwarz. Er hatte nur drei Hemden, eins am Leibe, das andere in der Kommode und das dritte bei der Wäſcherin. Er kaufte ſich neue in dem Maße, wie die alten ſich abnutzten. Gewöhnlich waren ſie zerriſſen, weshalb er ſeinen Rock bis zum Kinn zuknöpfte. Es hatte hehrerer Jahre gedauert, bis daß Marius in dieſem blühenden Zuſtand kam. Harte Jahre, ſchwieriger die einen, um durchzukommen, die andern, um in die Höhe zu kommen. Marius hatte den Muth nicht einen einzigen Tag verloren. Er hatte ſich Allem unterworfen in Beziehung auf Entbehrungen; er hatte Alles angefangen, nur keine Schulden gemacht. Er gab ſich ſelbſt das Zeugniß, daß er nie irgend Jemand einen Sou ſchuldig geweſen war. Für ihn war eine Schuld der Anfang der Sclaverei. Er ſagte ſich ſogar, daß ein Gläubiger ſchlimmer iſt, als ein Herr, denn der Herr beſitzt nur die Perſon, ein Gläubiger aber beſitzt auch die Ehre ſeines Schuldners und kann dieſe ſchmähen. Lieber aß er nicht, als daß er borgte. Er hatte viele Faſtentage. Er fühlte, daß die Extreme ſich berühren und daß, wenn man ſich nicht vorſieht, das Sinken des Vermögenszuſtandes zu dem Sinken der Seele führen kann, Er wachte daher eiferſüchtig über ſeinen Stolz. Manches Wort, jeder Schritt, der ihm in jeder andern Lage als eine . Nac nein da er zun und ihn Na noc In mil Gl ihm das nen Es Ge⸗ gen. Bas da nen en⸗ drei und dem ſie in iger öhe gen ng ine er Jür gte err, ber ieſe alte ren nn e eine 147 Nachgiebigkeit erſchienen ſein würde, kam ihm als eine Ge⸗ meinheit vor, und richtete er ſich ſtolz empor. Er wagte nichts, da er nicht zurückweichen mochte. Auf ſeinem Geſicht trug er eine Art ſtrenger Schamröthe. Er war ſchüchtern bis zum Abſtoßenden. Bei allen ſeinen Prüfungen fühlte er ſich ermuthigt, und zuweilen ſelbſt getragen durch eine geheime Kraft, die in ihm lag. Die Seele unterſtützt den Körper und hebt ihn in gewiſſen Augenblicken empor. Sie iſt der einzige Nagel, der ſeinen Käfig trägt. Neben dem Namen ſeines Vaters war in Marius Herz noch ein anderer Name gegraben: der Name Thénardier. In ſeiner enthuſiaſtiſchen und ernſten Natur umgab Marius mit einer Art von Heiligenſchein den Mann, dem er ſeinem Glauben nach das Leben ſeines Vaters verdankte, jenem unerſchrockenen Serganten, der den Oberſten mitten unter dem Hagel der Kanonen⸗ und der Musketenkugeln von Water⸗ loo gerettet hatte. Er trennte das Andenken an dieſen Menſchen nie von dem Andenken an ſeinen Vater, und widmete beiden ſeine Verehrung. Es war eine Art von Cultus in zwei Abſtufungen: der Hochaltar für den Oberſten, der Nebenaltar für Thénardier. Was die Rührung ſeiner Dankbarkeit verdoppelte, war der Gedanke an das Unglück, dem Thénardier, wie er wußte, verfallen war. Marius hatte in Montfermeil die Verarmung und den Banquerott des unglücklichen Kneipenwirths erfahren. Seitdem hatte er unerhörte Anſtrengungen gemacht, um Thénardier's Spur aufzufinden und in den dunklen Abgrund des Elends, in welchem er verſchwunden war, zu ihm zu gelangen. Marius hatte das ganze Land durchſucht; er war nach Chelles, Bondy, Gournay, Negent, Lagny gegangen. Drei Jahre lang beharrte er bei dieſen Nachforſchungen, und gab für die⸗ ſelben das wenige Geld aus, das er erſparte. Niemand hatte ihm etwas über Théuardier zu ſagen vermocht; man 10* 148 glaubte, er ſei in das Ausſand gegangen. Seine Gläubiger hatten ihn ebenfalls geſucht, mit weniger Liebe, als Marius, aber mit eben ſo viel Ausdauer, hatten ſeiner aber nicht habhaft werden können. Marius beſchuldigte ſich ſelbſt, daß ſeine Nachforſchungen keinen Erfolg gehabt hatten. Es war die einzige Schuld, die der Oberſt ihm hinterlaſſen hatte, und Marius hielt ſich durch ſeine Ehre verpflichtet, ſie zu bezahlen. „Wie!“ dachte er,„als mein Vater ſterbend auf dem Schlachtfelde lag, wußte Thénardier ihn unter Pulverdampf und Kartätſchenhagel aufzufinden, um ihn auf ſeinen Schul⸗ tern hinweg zu tragen; gleichwohl war er ihm nichts ſchul⸗ dig, und ich, der ich Thénardier ſo viel ſchuldig bin, ich ſollte ihn nicht in der Dunkelheit auffinden können, in wel⸗ cher er mit dem Tode ringt, und ihn meinerſeits wieder in das Leben zurücktragen?— O, ich werde ihn finden!“ Um Thonardier aufzufinden, hätte Marius in der That einen ſeiner Arme hingegeben, und um ihn aus dem Elend zu reißen, all ſein Blut. Thénardier zu finden, ihm irgend einen Dienſt zu leiſten, und ihm dann zu ſagen:„Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie! Verfügen Sie über mich!“ das war der lieblichſte und herrlichſte Traum, den Marius hegte. ————— ger us, icht daß war Mte, zu npf ul⸗ ul⸗ em ht, dot UMI. Marius wächſt. Um dieſe Zeit war Marius zwanzig Jahre alt. Seit drei Jahren hatte er ſeinen Großvater verlaſſen. Man war von beiden Seiten auf demſelben Fuß geblieben, ohne An⸗ näherung und ohne Verſuch, ſich wieder zu ſehen. Sich wieder zu ſehen, wozu wäre das übrigens gut geweſen? Um ſich an einander zu reiben? Wer würde gegen den Andern Recht behalten haben? Marius war das eherne Gefäß, aber der Vater Gillenormand war der eiſerne Topf. Geſtehen wir, daß Marius ſich in dem Herzen ſeines Groß⸗ vaters geirrt hatte. Er bildete ſich ein, Herr Gillenormand hätte ihn nie geliebt und dieſer rauhe, kalte, lachende Alte, der fluchte, ſchrie, ſtürmte und den Stock gegen ihn erhob, hege für ihn höchſtens jene zugleich leichtfertige und ſtrenge Zuneigung der Polterer im Luſtſpiel. Marius täuſchte ſich. Es giebt Väter, die ihre Kinder nicht lieben, aber es exiſtirt kein Großvater, der ſeine Enkel nicht anbetet. Im Grunde betete Herr Gillenormand, wie wir bereits erwähnten, Marius an. Er that dies auf ſeine Weiſe mit Accompag⸗ nements von Zänkereien und ſelbſt von Püffen. Allein als das Kind verſchwunden war, fühlte er in ſeinem Herzen eine ſchwarze Leere. Er verlangte, daß man nicht mehr von ihm ſprechen ſollte und beklagte dabei doch leiſe, daß man ihm ſo gut gehorchte. Während der erſten Zeit hoffte er, daß der Buonapartiſt, der Jacobiner, der Terroriſt, der Septembriſeur zurückkommen würde, aber die Wochen ver⸗ gingen, die Monate vergingen, die Jahre vergingen, zur großen Verzweiflung“ des Herrn Gillenormand kehrte der Blutſauger nicht zurück. „Ich konnte aber doch nicht Anders handeln als ihn fortjagen,“ ſagte der Großvater zu ſich ſelbſt. Und dann fügte er hinzu:„Käme es noch einmal, würde ich es dann wieder ſo machen?“ Sein Stolz antwortete auf der Stelle: ja, allein der alte Kopf, den er dazu ſchüttelte, antwortete im Stillen traurig nein. Er hatte ſeine Stunden der Niedergeſchlagenheit, Marius fehlte ihm. Die Greiſe be⸗ dürfen der Zuneigung wie der Sonne. Das iſt Wärme für ſie. Wie groß auch ſeine natürliche Kraft ſein mochte, hatte doch Marius' Abweſenheit Etwas in ihm verändert. Um nichts in der Welt hätte er dieſen„kleinen Schelm“ einen Schritt entgegenkommen mögen; aber er litt darunter. Er erkundigte ſich nie nach ihm, aber er dachte beſtändig an ihn. Er lebte zurückgezogener als je. Er war noch wie ſonſt luſtig und heftig, aber ſeine Heiterkeit hatte eine krampfhafte Härte, als ob ſie Schmerz und Zorn enthielt, und ſeine Heftigkeit endete ſtets mit einer Art von ſanfter finſterer Niedergeſchlagenheit. Er ſagte:„ach, wenn er wiederkäme, welch eine tüchtige Ohrfeige würde ich ihm geben!“ Die Tante dachte zu wenig, um viel zu lieben; Mapius war für ſie nur noch eine Art ſchwarzer unbeſtimmter Sil⸗ houette, und ſie war dahin gekommen, ſich mit ihm viel weniger zu beſchäftigen als mit der Katze oder dem Pa⸗ pagei, die ſie wahrſcheinlich hatte. Was das geheime Leiden des Vater Gillenormand noch ſteigerte, war, daß er es in ſich verſchloß und nichts davon errathen ließ. Sein Kummer glich ven unerfundenen Oefen, welche ihren Rauch ſelbſt verzehren. Zuweilen geſchah es, daß ungeſchickte Zudringliche von Marius zu ihm ſprachen und ihn fragten:„was macht denn Ihr Herr Enkel?“ oder:„was iſt aus ihm geworden?“ trau er Gl ihn voll dem ſet 151 der Der alte Mann entgegnete ſeufzend, wenn er zu traurig war, oder indem er ſeine Manſchetten zupfte, indem ihn er heiter erſcheinen wollte: an„Der Herr Baron von Pontmerch prozeſſirt irgendwo.“ mn Während der Greis bereute, wünſchte Marius ſich le: Glück. Gleich allen guten Herzen hatte das Unglück auch tete ihn die Bitterkeit geraubt. Er dachte an Gillenormand nur der voll Sanftmuth. Aber er beharrte feſt dabei, nichts von be⸗ dem Manne anzunehmen, der ſeinen Vater ange⸗ me feindet hatte.— Das war jetzt die veränderte Ueber⸗ hte, ſetzung ſeines erſten Unwillens. Außerdem fühlte er ſich ert. glücklich darüber, gelitten zu haben und noch zu leiden. Das geſchah für ſeinen Vater. Die Härte des Lebens befriedigte, er. und gefiel ihm. Er ſagte ſich mit einer Art von Freude: dig das ſei wohl das Wenigſte;— es ſei eine Zähmung. och Außerdem würde er endlich und ſpäter für ſeine gottloſe ne Gleichgiltigkeit gegen ſeinen Vater und einem ſolchen Vater elt, beſtraft worden ſein.— ſter Es würde nicht gerecht geweſen ſein, hätte ſein Vgter er alle Leiden zu tragen gehabt und er keine. Was waren übrigens ſeine Arbeiten und ſeine Armuth im Vergleich zu dem heldenmüthigen Leben des Oberſten.— Seine einzige ns Möglichkeit, ſich ſeinem Vater zu nähern und ihm ähnlich il⸗ zu ſein, beſtände übrigens darin, tapfer gegen die Armuth iel zu kämpfen, wie er tapfer gegen den Feind gekämpft hatte. — Das wäre es ohne Zweifel, was der Oberſt durch die Worte hätte ſagen wollen: er wird deſſen würdig ſein, och— Worte, welche Marius nicht mehr von der Hand des Oberſten geſchrieben auf ſeiner Bruſt trug, wohl aber in on n, ſeinem Herzen. , Und dann war er auch an dem Tage, an welchem ſein en Großvater ihn verſtieß, nur noch ein Kind, jetzt war er ein „ Mann. Er fühlte das. Das Elend, das Bleiben dabei, war für ihn gut geweſen. Die Armuth in der Gegenwart 152 hat, wenn dieſe ſich zum Guten wendet, das Erhabene, daß ſie den ganzen Willen auf die Anſtrengung und die ganze Seele auf die Verehrung Gottes lenkt. Die Armuth macht ſogleich das materielle Leben nackt und abſcheulich; daher der unausſprechliche Strom nach dem idealen Leben. Der reiche junge Mann hat hundert glänzende rohe Zerſtreuun⸗ gen, Wettrennen, Jagdhunde, Tabak, Spiel, gute Mahl⸗ zeiten und alles Uebrige; Beſchäftigungen der niedern Seiten der Seele auf Koſten der höheren und zarteren. Der arme junge Mann ſtrengt ſich an, um ſein Brod zu gewinnen. Er ißt, und wenn er gegeſſen hat, bleibt ihm nur noch die Träumerei. Er geht in die unentgeldlichen Schauſpiele, welche Gott giebt; er betrachtet den Himmel, die Sterne, die Blumen, die Kinder der Menſchheit, in der er leidet, die Schöpfung, in der er ſich freut. Er betrachtet ſo lange die Menſchheit, daß er die Seele erkennt; er betrachtet ſo lange die Schöpfung, daß er Gott ſieht. Er träumt und fühlt ſich groß; er träumt wieder und fühlt ſich liebevoll. Von dem Egoismus des Menſchen, der leidet, geht er über zu dem Mitleid des Menſchen, der nachdenkt. Indem er an die vielen Genüſſe denkt, welche die Natur den offenen Seelen verſchwenderiſch bielet und den verſchloſſenen Seelen verweigert, kommt er zuletzt dahin, daß er, der Millionair des Verſtandes, den Millionair des Geldes beklagt. Aller Haß verſchwindet aus ſeinem Herzen in dem Maße, wie alles Licht in ſeinen Geiſt eindringt. Iſt er übrigens un⸗ glücklich? Nein. Die Noth eines jungen Mannes iſt nie⸗ mals Elend. Der erſte beſte junge Mann mit ſeiner kräf⸗ tigen Geſundheit wird ſtets von einem alten Kaiſer beneidet werden. ZJeden Tag beginnt er von Neuem ſein Brod zu gewinnen, und während ſeine Hände ihn ernähren, gewinnt ſein Rückgrat Stolz, ſein Gehirn Gedanken. Iſt ſein Tage⸗ werk beendet, ſo kehrt er zu den Betrachtungen zurück; er lebt mit den Füßen in den Betrübniſſen, den Hinderniſſen, ele, ne, et, ge nd len — zuweilen im Kothe ſogar, mit dem Kopfe im Licht. Er iſt feſt, heiter, ſanft, friedlich, aufmerkſam, ernſt, zufrieden mit Wenigem, wohlwollend; er dankt Gott, ihm die beiden Reichthümer verliehen zu haben, welche andern Reichen man⸗ geln! die Arbeit, die ihm frei, den Gedanken, der ihn wür⸗ dig macht. Das iſt es, was in Marius vorgegangen war. Er hatte ſelbſt, um Alles zu ſagen, ſich ein wenig zu ſehr der Betrachtung überlaſſen. Von dem Tage an, wo es ihm gelungen war, ſeinen Lebensunterhalt mit ziemlicher Gewiß⸗ heit zu gewinnen, war er dabei ſtehen geblieben, indem er es für gut fand, arm zu ſein, und verminderte die der Arbeit gewidmete Zeit, um ſie dem Denken zuzuwenden, das heißt, er brachte zuweilen ganze Tage damit hin, zu denken, verſenkt wie ein Viſionair in die ſtumme Wolluſt der Extaſe des innern Entzückens. Er hatte ſich als Problem ſeines Lebens geſtellt, ſo wenig als möglich die materielle Arbeit zu verrichten, um ſo viel als möglich die untaſtbare Arbeit zu vollbringen, oder mit anderen Worten, einige Stunden dem wirklichen Leben und die übrige Zeit dem Unendlichen zu weihen. Da er glaubte, daß es ihm an nichts mangelte, bemerkte er nicht, daß das Nachdenken, ſo begriffen, endlich zu einer ron den Formen der Trägheit wird; daß er ſich damit begnügt hatte, den erſten Nothwendigkeiten des Lebens zu genügen und daß er zu viel ruhe. Offenbar konnte das für dieſe kräftige und edle Natur nur ein Uebergangszuſtand ſein und bei dem erſten Stoße gegen die unvermeidlichen Beſtimmungen des Geſchickes mußte Marius erwachen. Inzwiſchen führte Marius, obgleich er Advokat war und ungeachtet deſſen, was der Vater Gillenormand von ihm dachte, keine Prozeſſe. Die Träumerei hatte ihn davon abgehalten. Die Gerichtsverhandlungen zu beſuchen, nach Clienten zu trachten war ihm langweilig. Wozu auch? Er 154 ſah keinen Grund ein, ſeinen Broderwerb zu ändern. Die kaufmänniſche und unbekannte Handlung, für welche er ar⸗ beitete, hatte ihm zuletzt ein ſicheres Einkommen ausgewor⸗ fen, eine Arbeit, die wenig Mühe machte, und ein Einkom⸗ men, das, wie wir dies erklärten, ihm genügte. Einer der Buchhändler, welcher ihn beſchäftigte, Herr Magimell, glaube ich, hatte ihm den Antrag gemacht, ihn zu ſich zu nehmen, ihm eine gute Wohnung zu geben, ihm regelmäßige Arbeit zu überweiſen und ihm 1500 Francs jährlich zu zahlen. Gut wohnen! 1500 Francs! Ganz gut! Aber auf ſeine Freiheit verzichten, ein beſoldeter Schreiber ſein? Eine Art von Schriftſteller⸗Commis? Nach der An⸗ ſicht, welche Marius von dieſer Stellung hatte, wurde ſeine Lage, indem er ſie annahm, zugleich beſſer und ſchlimmer; er gewann an Wohlbehagen und verlor an Würde; es war ein vollſtändiges und ſchönes Unglück, welches ſich in eine häßliche Verlegenheit verwandelte; ſo etwas wie ein Blinder, der einängig geworden wäre. Er ſchlug es ab. Marius lebte einſam. In Folge ſeiner Neigungen außerhalb von Allem zu bleiben, und vielleicht auch zu ſehr eingeſchüchtert, war er nicht entſchieden in die Geſellſchaft eingetreten, der Enjolras vorſtand. Man war gute Kame⸗ raden geblieben, man war bereit, ſich gelegentlich auf edle Weiſe gegenſeitig Beiſtand zu leiſten; aber weiter auch nichts. Marius hatte zwei Freunde, einen jungen, Cour⸗ fehrac, einen allen, Herr Mabeuf. Er näherte ſich mehr dem alten zu. Zunächſt verdankte er ihm die Revolution, die in ihm vorgegangen; er dankte es dem Greiſe, daß er ſeinen Vater kennen und lieben gelernt hatte; „Er hat mir den Staar geſtochen.“ Ganz gewiß war dieſer Kirchenvorſteher für ihn ent⸗ ſcheidend geweſen. Indeß war Herr Mabenf bei dieſer Gelegenheit nichts anders als ein ruhiger und theilnahmloſer Vermittler der Vor⸗ ſeh wi tr ſi ein ie en —— — ſehung geweſen. Er hatte Alles zufällig und ohne es zu wiſſen aufgeklärt, wie ein Licht, das Jemand bringt; er war das Licht und nicht die Perſon. Was die politiſche innere Revolution bei Marius be⸗ trifft, ſo war Mabeuf vollkommen unfähig, ſie zu verſtehen, ſie zu wollen und ſie zu lenken. Da man Herrn Mabeuf ſpäter wieder finden wird, ſind einige Worte über ihn nicht nutzlos. Iv. Herr Mabeuf. Der Tag, an welchem Herr Mabeuf zu Marius ſagte: gewiß billige ich die politiſchen Meinungen, ſprach er den wahren Zuſtand ſeines Geiſtes aus. Alle politiſchen Meinungen waren ihm gleichgültig, er billigte ſie alle ohne Unterſchied, damit ſie ihn in Ruhe ließen. Er begriff nicht, daß die Menſchen ſich damit beſchäf⸗ tigen konnten, ſich wegen Alfanzereien wie die Charte, die Demokratie, die Legitimität, die Monarchie, die Republik ꝛc. zu haſſen, während es in der Welt alle Arten von Moos, von Gras, von Fflanzen gab, die ſie betrachten, und eine Maſſe von Folio und Sedezbänden, die ſie durchblättern konnten. Er hütete ſich wohl davor nutzlos zu ſein. Bücher zu haben hinderten ihn nicht darin zu leſen, Botaniker zu ſein hinderte ihn nicht daran, Gärtner zu ſein. Als er Pontmerch kennen gelernt hatte, beſtand zwiſchen Ihnen wahre 156 Sympathie, nur daß er das, was der Oberſt für die Blu⸗ men that, ſeinerſeits für die Früchte that. Herr Mabeuf war dahin gelangt, die ſaftigſten Birnen zu ziehen, und ihn verdankte man die October⸗Mirabelle, die jetzt berühmt iſt und nicht minder würzig wie die St. Germain⸗Mirabelle. Er ging in die Meſſe mehr aus Sanftmuth als aus Fröm⸗ migkeit, und dann auch weil er die Geſichter der Menſchen liebte, ihren Lärm aber haßte und ſie nur in den Kirchen vereinigt und ſchweigend fand. Da er fühlte, daß man in dem Staate irgend Etwas ſein muß, hatte er die Laufbahn eines Kirchenvorſtehers gewählt. Uebrigens war es ihm nie gelungen, eine Frau ebenſo zu lieben, wie eine Tulpen⸗ zwiebel, und einen Mann ebenſo wie einen Elzevir. Er war ſeit langer Zeit über das ſechszigſte Jahr hinaus, als ihn eines Tages Jemand fragte: „Haben Sie ſich nie verheirathet?“ „Ich habe es vergeſſen,“ ſagte er. Wenn es ihm zuweilen begegnete— und wem begegnet das nicht? zu ſagen:„Ach, wenn ich reich wäre!“ ſo geſchah dies nicht, indem er ein Mädchen lorgnettirte, wie der Vater Gillenormand, ſondern indem er eine alte Schar⸗ teke betrachtete. Er lebte allein mit einer alten Haushäl⸗ terin. Er litt ein wenig an der Handgicht, und wenn er ſchlief, krümmten ſich ſeine alte Finger, durch Rheu⸗ matismus gelähmt, unter den Falten ſeines Betttuches. Er hatte eine Flora der Gegend von Cauteretz mit illuminirten Kupfertafeln herausgegeben, ein ziemlich be⸗ rühmtes Werk, deſſen Platten er beſaß und das er ſelbſt verkaufte. Man klingelte deshalb zwei oder drei Mal täg⸗ lich bei ihm, Rue Meézieres. Er gewann dadurch unge⸗ fähr 2000 Franes jährlich. Darin beſtand ſo ziemlich ſein ganzes Vermögen. Obgleich er arm war, hatte er das Talent beſeſſen, durch Geduld, Entbehrungen und Zeit eine koſtbare Sammlung von ſeltenen Exemplaren aller Art an⸗ — — —— —— —— 157 zulegen. Er ging nie ohne ein Buch unter dem Arme aus und oft kam er mit zweien zurück. Die einzige Verzierung der vier Zimmer des Erdgeſchoſſes, welche mit einem kleinen Garten ſeine Wohnung bildeten, waren eingerahmte Her⸗ barien und Kupferſtiche alter Meiſter. Der Anblick eines Säbels oder eines Gewehres machte ihn erſtarren. In ſeinem Leben war er keiner Kanone zu nahe gekommen, ſelbſt nicht in dem Palaſt der Invaliden. Er hatte einen leidlichen Magen; einen Bruder, der Pfarrer war; ganz weiße Haare, keine Zähne weder im Munde, noch im Geiſte; ein Zittern im ganzen Körper, picardiſchen Accent, länd⸗ liches Lachen und das Ausſehen eines alten Schöpſes. Dabei hatte er keine andere Freundſchaft oder keine andere Beziehung unter den Lebenden, als einen alten Buchhändler der Porte St. Jacques, Namens Royol. Sein Traum be⸗ ſtand darin, den Indigo in Frankreich zu naturaliſiven. Auch ſeine Magd war die Idee der Unſchuld. Das arme alte Weib war Jungfrau. Sultan, ihr Kater, hatte ihr ganzes Herz erfüllt und genügte für die Summe der Leiden⸗ ſchaft, die in ihr lag. Keiner ihrer Träume war jemals bis zu einem Manne gegangen. Nie hatte ſie über ihre Katze hinauskommen können. Gleich dieſer hatte ſie einen Bart. Ihren Ruhm ſetzte ſie in ihre ſtets ſchneeweiße Haube. Ihre Zeit brachte ſie am Sonntag nach der Meſſe damit hin, ihr Leinenzeug in ihrer Kiſte zu zählen und auf ihrem Bett ihre Kleiderſtoffe auszubreiten, die ſie kaufte und nie machen ließ. Sie konnte leſen; Herr Mabeuf hatte ihr den Beinamen die Mutter Plutarch gegeben. Herr Mabeuf hatte an Marius Wohlgefallen gefunden, weil Marius, der jung und ſanft war, ſein Alter erwärmte, ohne ſeine Schüchternheit zu verletzen. Die Jugend mit Sanftmuth gepaart macht auf die Greiſe die Wirkung der Sonne ohne Wind. Wenn Marius ſich mit militairiſchem —55 Ruhme, mit Pulverdampf, mit Märſchen und Gegen⸗ märſchen, mit all den Schlachtenwundern, bei denen ſein Vater ſo tüchtige Säbelhiebe ausgetheilt und bekommen, geſättigt hatte, ging er zu Herrn Mabeuf, und Herr Mabeuf, ſprach mit ihm über den Helden aus dem Geſichtspunkte der Blumen. Gegen 1830 war ſein Bruder der Pfarrer geſtorben und beinahe ſogleich hatte ſich der ganze Horizont für Herrn Mabeuf verfinſtert. Der Bankerot eines Notars raubte ihm eine Summe von 10,000 Francs, welche Alles war, was er an Vermögen beſaß. Die Zulirevolution führte eine Kriſis in dem Buchhandel herbei. In den Zeiten der Aufregung iſt das Erſte, was ſich nicht verkauft, eine Flora. Die Flora der Umgegend von Cauteretz blieb liegen. Wochen vergingen ohne einen einzigen Käufer. Zuweilen erbebte Herr Mabeuf bei einem Klingelzuge. „Herr,“ ſagte traurig die Magd,„es iſt der Waſſer⸗ träger.“ Kurz, eines Tages verließ Herr Mabeuf die Rue Mé⸗ zieres, verzichtete auf das Amt des Kirchenvorſtehers, ver⸗ zichtete auf St. Sulpice, verkaufte einen Theil, nicht ſeiner Bücher, aber ſeiner Kupferſtiche— auf welche er am wenigſten hielt— und zog nach einem kleinen Hauſe des Boulevard Montparnaß, wo er übrigens nur drei Quartale blieb, und zwar aus zwei Gründen. Erſtens weil das Erd⸗ geſchoß und der Garten 300 Francs koſteten und er nur 200 Francs auf ſeine Miethe zu verwenden wagte; zweitens weil der Schießplatz Fatou in der Nähe lag und er fort⸗ während die Piſtolenſchüſſe von dort hörte, was ihm uner⸗ träglich war. Er nahm ſeine Flora, ſeine Kupferplatten, ſeine Her⸗ barien, ſeine Mappen, ſeine Bücher mit ſich und bezog in der Nähe der Salpetridre eine Art von Hütte des Dorfes Auſterlitz, wo er für fünfzig Thaler jährlich drei Stuben und den bei gen⸗ ater tigt rach der rben rrn ubte var, hrte der ra. gen len ſer⸗ tale ens ort⸗ ner⸗ 159 und einen Garten hatte, der mit einer Hecke umgeben war und in dem ein Brunnen ſtand. Er benutzte dieſen Umzug, um beinahe alle ſeine Meubel zu verkaufen. An dem Tage ſeines Einzuges in dieſe neue Wohnung war er ſehr heiter und ſchlug ſelbſt die Nägel ein, um ſeine Kupferſtiche und ſeine Herbarien aufzuhängen. Er grub den übrigen Theil des Tages in ſeinem Garten, und am Abend, als er ſah, daß die Mutter Plutarch finſter und nachdenkend war, ſchlug er ſie lachend auf die Achſel und ſagte:„Wir haben den Indigo!“ Nur zwei Beſucher, der Buchhändler der Porte St. Jacques, und Marius wurden in dieſer Hütte von Auſter⸗ litz zugelaſſen, ein Name, der ihn, um die Wahrheit zu ſagen, ziemlich unangenehm war. Uebrigens ſind, wie wir dies andeuteten, die Köpfe, die ſich mit einer Weisheit oder einer Thorheit beſchäftigen, oder, wie dies oft genug geſchieht, mit beiden zugleich, für die Dinge des wirklichen Lebens nur ſehr ſchwer zugänglich. Ihr eigenes Geſchick liegt ihnen fern. Es geht aus dieſer Richtung der Gedanken auf einen Punkt eine Paſſivität hervor, die, wenn ſie über⸗ legt wäre, der Philoſophie gleichen würde. Man ſinkt herab, man ſtürzt ſogar zuſammen, ohne es ſonderlich zu bemerken. Es endigt allerdings ſtets durch ein Erwachen, aber ſehr ſpät. Einſtweilen ſcheint es, als ſei man bei dem Spiele, das zwiſchen unſerm Glück und unſerm Unglück vorgeht, unbetheiligt. Man iſt der Einſatz und ſieht voll Gleich⸗ giltigkeit auf die Partie. So war Herr Mabeuf bei der Dunkelheit, die rings um ihn her entſtand und während alle ſeine Hoffnungen eine nach der anderen erloſchen, heiter geblieben, wenn auch etwas kindiſch. Seine geiſtigen Ge⸗ wohnheiten bewegten ſich hin und her wie ein Strudel. Einmal zu einer Zlluſion erhoben blieb er lange in Be⸗ wegung, ſelbſt wenn die Illuſion geſchwunden war. Herr Mabeuf hatte unſchuldige Vergnügungen. Dieſe 160 waren nicht koſtſpielig und unerwartet; der geringſte Zufall bot ſie ihm. Eines Tages las die Mutter Plutarch einen Roman in einer Ecke der Stube. Sie las laut, indem ſie fand, daß ſie ſo beſſer verſtand. Es giebt Leute, die ſehr laut leſen und dabei ausſehen, als gäben ſie ſich das Ehren⸗ wort auf das, was ſie leſen. Die Mutter Plutarch las mit dieſer Energie den Roman, den ſie in der Hand hielt. Herr Mabeuf vernahm die Worte, ohne darauf zu hören. Während des Leſens kam die Mutter Plutarch zu fol⸗ gender Stelle. Es war die Rede von einem Dragoner⸗ Offizier und einer Schönen. „— La belle bouda, et le dragon—“*) hier unter⸗ brach ſie ſich, um ihre Brille abzuwiſchen. „Buddha und der Drache,“ wiederholte mit leiſer Stimme Herr Mabeuf.„Ja, es iſt wahr. Es gab einen Drachen, der aus ſeiner Höhle Flammen ſpie und den Himmel verbrannte. Mehrere Sterne waren ſchon durch dieſes Ungeheuer, das anßerdem noch die Krallen eines Ti⸗ gers hatte, in Brand geſteckt. Buddah ging in ſeine Höhle und es gelang ihm, den Drachen zu bekehren. Das iſt ein gutes Buch, das Sie da leſen, Mutter Plutarch. Es giebt keine ſchönere Legende.“ Und Herr Mabeuf verſank in eine köſtliche Träumerei. *) Unüberſetzbares Wortſpiel. Wörtlich überſetzt heißt es:„die ſchöne Blonde und der Drachomo(Drache).“ fall nen ſie ſchr ren⸗ an, die ner⸗ ter⸗ ſer den den nch Ti⸗ hle ein eb rei. die 161 Redliche Armuth iſt die Nachbarin des Elends. Marius fand Gefallen an dem offenherzigen Greiſe, der ſich langſam von der Armuth erfaßt ſah und ſich all⸗ mälig darüber wunderte, ohne ſich indeß noch darüber be⸗ trüben zu können. Marius begegnete Courfeyrac, und ſuchte Herrn Mabeuf auf. Selten nur jedoch, höchſtens ein oder zwei Mal jeden Monat. Marius fand Vergnügen daran, lange einſame Spazier⸗ gänge auf den äußeren Boulevards zu machen oder auf dem Champ du Mars oder den mindeſt beſuchten Alleen des Luxemburger Gartens. Er brachte zuweilen einen hal⸗ ben Tag damit hin, den Garten eines Gemüſehändlers zu betrachten, die Beete mit Salat, die Hühner auf dem Dünger⸗ haufen und das ſich drehende Pferd des Waſſerrades. Die Vorübergehenden ſahen ihn voll Staunen an, und Einige fanden, daß er ein verdächtiges und finſteres Ausſehen hätte. Er war nur ein armer junger Mann, der ohne Gegenſtand träumte. Auf einem dieſer Spaziergänge hatte er die Baracke Gorbeau entdeckt; die einſame Lage und der wohl⸗ feile Preis reizten ihn und er zog dort ein. Man kannte ihn daſelbſt unter dem Namen Herr Marius. Einige der alten Generale oder der alten Kameraden ſeines Vaters hatten ihn eingeladen, ſie zu beſuchen, als ſie ihn kennen lernten. Marius lehnte es nicht ab. Es waren Veranlaſſungen, von ſeinem Vater zu ſprechen. So ging er von Zeit zu Zeit zu den Grafen Pajol, zu dem General Die Elenden. V. 1 162 Bellavesne, zu den General Fririon, zu den Invaliden. Man machte daſelbſt Muſik, man tanzte. An ſolchen Abenden zog Marius ſeinen neuen Anzug an. Aber er ging zu ſolchen Abendgeſellſchaften und zu ſolchen Bällen des Abends nur an Tagen, an welchem es fror, daß Steine hätten ſpringen mögen, denn er konnte einen Wagen nicht bezahlen und wollte immer mit ſpiegelblanken Stiefeln ankommen. Er ſagte zuweilen, aber ohne Bitterkeit: „Die Menſchen ſind ſo, daß man in einem Salon überall ſchmutzig ſein kann, nur nicht an den Stiefeln. Man verlangt hier, um Euch wohl aufzunehmen, nur Eines tadel⸗ los: das Gewiſſen? Nein, die Stiefel. Alle andern Leidenſchaften, außer denen des Herzens, verſchwinden in der Träumerei. Das politiſche Fieber Ma⸗ rius war ſo verſchwunden. Die Revolution von 1830 hatte dazu beigetragen, indem ſie ihn befriedigte und beruhigte. Er war derſelbe geblieben bis auf den Zorn. Seine poli⸗ tiſchen Anſichten waren noch immer dieſelben, nur hatten ſie ſich gemildert. Richtiger geſagt, hatte er keine Meinungen mehr, ſondern Sympathien. Zu welcher Partei gehörte er? Zu der Partei der Menſchheit. In der Menſchheit wählte er Frankreich; in der Nation wählte er das Volk; in dem Volk wählte er das Weib. Dieſem beſonders wendete ſein Mitleid ſich zu. Jetzt zog er eine Idee einer Thatſache vor, einen Dichter einem Helden und bewunderte noch mehr ein Buch wie Hiob, als ein Ereigniß wie Marengo. Wenn er dann nach einem Tage der Betrachtungen Abends über die Boulevards ging und durch die Aeſte der Bäume den unbegrenzten Hintergrund ſah, den Schein ohne Namen, das Geheimniß, dann kam alles Menſchliche ihm ſehr klein vor. Er glaubte zu dem Wahren des Lebens und der menſchlichen Philoſophie gelangt zu ſein, und war endlich dahin gekommen, nur noch auf den Himmel zu blicken, als —— S Man 309 chen nur ngen und glon Man del⸗ 163 das Einzige, was die Wahrheit aus der Tiefe ihres Brun⸗ nens erblicken kann. Das hinderte ihn indeß nicht, die Pläne, die Zuſam⸗ menſetzungen, die Projecte der Zukunft zu vermannigfaltigen. Wenn bei dieſem Zuſtand der Träumerei ein Auge in Ma⸗ rius' Inneres hätte blicken können, ſo würde es durch die Reinheit dieſer Seele geblendet worden ſein. In der That, wenn es unſern fleiſchlichen Augen gegeben wäre, in das Gewiſſen Anderer blicken zu können, ſo wüärde man einen Menſchen viel richtiger nach dem beurtheilen können, was er träumt, als nach dem, was er denkt. In dem Gedanken liegt Willen, in dem Traume nicht. In ſolchen Eingebun⸗ gen kann man weit mehr als in geordneten Begriffen den wahren Charakter jedes Menſchen wieder finden. Jeder träumt das Unbekannte und das Unmögliche nach ſeiner Natur. Gegen die Mitte dieſes Jahres 1831 erzählte die Alte, welche Marius bediente, daß man ſeine Nachbarn, die elende Wirthſchaft Jondrette, auf die Straße werfen würde. Ma⸗ rius, der beinahe ſeinen ganzen Tag außerhalb zubrachte, wußte kaum, daß er Nachbarn hatte. „Weshalb ſchickt man ſie fort?“ fragte er. „Weil ſie ihre Miethe nicht bezahlen und zwei Termine ſchuldig ſind.“ „Wie viel beträgt das?“ „Zwanzig Francs,“ ſagte die Alte. Marius hatte in einem Käſtchen dreißg Francs zurück⸗ gelegt. „Nehmen Sie,“ ſagte er zu der Alten,„hier ſind fünf⸗ undzwanzig Francs. Bezahlen Sie für die armen Leute, geben Sie ihnen fünf Francs, und ſagen ſie nicht, daß es von mir kommt.“ 5—— 11* 164 VI. Der Stellvertreter. Der Zufall wollte, daß das Regiment, in welchem der Lieutenant Theodulus diente, nach Paris in Garniſon kam. Dies gab Veranlaſſung zu einer zweiten Idee für die Tante Gillenormand. Das erſte Mal hatte ſie daran gedacht, Marius durch Theodulus beobachten zu laſſen; jetzt dachte ſie daran, Theodulus zum Nachfolger von Marius zu machen. Ein Großneffe iſt beinahe ein Enkel; in Ermangelung eines Advokaten nimmt man einen Lancier. Eines Morgens, als Herr Gillenormand im Zuge war, ſo etwas wie die Quotidienne zu leſen, trat ſeine Tochter bei ihm ein und ſagte mit ihrer ſanften Stimme— denn es handelte ſich um ihren Günſtling: „Vater, Theodulus wird Ihnen heute ſeine Achtung zu beweiſen kommen.“ „Wer iſt das, Theodolus?“ „Ihr Großneffe.“ „Ach!“ ſagte der Großvater. Dann las er weiter und dachte nicht mehr an den Großneffen, der nichts als irgend ein Theodulus war, und bald bekam er ſehr üble Laune, wie ihm dies beinahe immer begegnete, wenn er las. Das„Blatt“, das er in der Hand hielt, übrigens royaliſtiſch, das verſteht ſich von ſelbſt, ver⸗ kündete für den nächſten Tag eines jener kleinen täglichen Ereigniſſe des damaligen Paris: daß die Zöglinge der Rechts⸗ und der Medieinſchule ſich auf dem Platze des kam. ante ſcht, chte ung wal, hter enn E den mer and ver⸗ chen der nieder, die Hände in den Taſchen, ſprach ganz laut und 163 Pantheon verſammeln würden— um zu berathen.— Es handelte ſich um eine der Fragen des Augenblicks: um die Artillerie der Nationalgarde und um einen Conflict zwiſchen dem Kriegsminiſter und der„Nationalgarde“ über die auf dem Hofe des Louvre ſtehenden Kanonen. Die Studenten ſoll⸗ ten darüber berathſchlagen. Es war nicht viel mehr nöthig, um Gillenormand aufzubringen. Er dachte daran, daß Marins, der Student war, wahrſcheinlich mit den andern um Mittag auf dem Platz des Pantheon mit berathen würde. Während er dieſen heimlichen Traum hatte, trat der Lieutenant Theodulus ein, bürgerlich gekleidet, was ſehr ge⸗ wandt und beſcheiden war, eingeführt durch Fräulein Gille⸗ normand. Der Lancier hatte folgendes Raiſonnement ange⸗ ftellt:„Der alte Druide hat nicht Alles auf Leibrenten angelegt. Das lohnt wohl der Mühe, ſich von Zeit zu Zeit als Chineſe zu verkleiden.“ Fräulein Gillenormand ſagte laut zu ihrem Vater: „Theodulus, Ihr Großneffe.“ Dann fügte ſie leiſe zu dem Lieutenant hinzu: „Stimme Allem bei.“ Hierauf entfernte ſie ſich. Der Lieutenant, der an ſo ehrwürdige Begegnungen nicht gewöhnt war, ſtammelte mit einiger Schüchternheit: „Guten Tag, lieber Onkel,“ und machte dann einen Gruß, der ein unwillkührliches Gemiſch von dem Militairiſchen und dem Bürgerlichen war. „Ach, Sie ſind es! Es iſt gut! Setzen Sie ſich,“ ſagte der Alte. Nachdem er das geſagt hatte, vergaß er den Lancier vollſtändig. Theodulus ſetzte ſich und Herr Gillenormand ſtand auf. Herr Gillenormand ging in dem Zimmer auf und 166 rührte mit ſeinen alten zornigen Fingern die beiden Uhren hin und her, die er in den beiden Taſchen trug. „Dieſer Haufen von Laffen! Die rufen ſich auf den Platz des Pantheon zuſammen! Burſchen, die geſtern noch bei der Amme waren! Drückte man ſie an der Naſe, ſo würde Milch herausfließen! Und das will morgen um Mittag ſich berathen! Wo kommt man hin? wo kommt man hin? Offenbar in den Abgrund. Die Bürgerartillerie! Ueber die Bürgerartillerie zu berathen! Und mit wem wollen ſie da zuſammentreffen? Man ſehe nun, wohin der Jacobinismus führt! Ich wette was man will, daß nichts dort ſein wird, als beſtrafte Verbrecher und freige⸗ laſſene Züchtlinge. Republikaner und Galeerenſclaven, das iſt nur eine Naſe und ein Taſchentuch.“ „Das iſt richtig,“ ſagte Theodulus. Herr Gillenormand wendete ein wenig den Kopf, ſah Theodulus an und fuhr fort: „Wenn man bedenkt, daß der Schuft die Schändlich⸗ keit gehabt hat, Carbonaro zu werden. Weshalb haſt Du mein Haus verlaſſen? Um Dich zum Republikaner zu machen. Peſt! Erſtlich will das Volk nichts von Deiner Republik. Es hat geſunden Verſtand, es weiß wohl, daß es von jeher Könige hatte, und daß es die immer haben wird, und daß das Volk nichts iſt als das Volk. Es kümmert ſich den Kuckuk um Deine Republik, Einfalts⸗ pinſel. Der erſte beſte Schelm läßt ſeinen Bocksbart wachſen, hält ſich für etwas Rechtes und verläßt die alten Verwandten. Das iſt romantiſch, das iſt republikaniſch. Was iſt romantiſch? Alle Arten möglicher Thorheiten!— Und dann giebt es auch Kanonen auf dem Hofe des Louvre. So ſind die Räubereien dieſer Zeit.“ „Sie haben ſehr Recht, Onkel,“ ſagte Theodulus. Herr Gillenormand fuhr fort: „Kanonen auf dem Hofe des Muſenm! Wozu? Ka⸗ ——— nonen, was willſt Du von mir? Wollt ihr denn den Apoll von Belvedere mit Kartätſchen beſchießen? Was haben die Cartouchen mit der Venus von Medicis zu ſchaffen? O die jungen Leute unſerer Zeit ſind Schnapphähne, und die keine Ungeheuer ſind, das ſind Dummköpfe! Sie thun Alles, was ſie können, um häßlich zu werden; ſie ſind ſchlecht gekleidet, fürchten ſich vor den Weibern und haben gegen die Unterröcke das Weſen eines Bettlers, worüber die Maikäfer lachen müſſen; auf Ehre, man ſollte glauben, ſie wären verſchämte Arme der Liebe. Sie ſind mißgeſtaltet und vervollſtändigen ſich dadurch, daß ſie einfältig ſind. Und dieſer ganze Schwarm von Kinder will politiſche Mei⸗ nungen haben. Es ſollte ſtreng verboten werden, politiſche Meinungen zu hegen. Sie fabriciren Syſteme, bilden die Geſellſchaft um, demoliren die Monarchie, werfen alle Ge⸗ ſetze zu Boden, bringen den Boden an die Stelle des Kellers, einen Thürhüter an die Stelle des Königs. Wollen die Zeit umgeſtalten und halten es für ein Glück, heimlich die Waden der Wäſcherinnen zu beäugeln, die auf ihre Karren ſteigen!— Ha, Marius! ha Lump! Auf öffentlichem Platze zu debattiren! Maßregeln zu nehmen! Das nennen ſie Maßregeln nehmen, gerechte Götter! Schüler berathen über die Nationalgarde, das wird man ſelbſt bei den Ogibbewas und bei, den Cadodaſchen nicht ſehen! Die Wilden die ganz nackt gehen mit einem Streitkolben in der Pfote, ſind weniger roh, wie die Rechtsſchüler! Die wollen berathen! Das iſt das Ende der Welt!— Berathet nur, ihr Schelme! Aber dergleichen wird geſchehen, ſo lange ſie die Zeitungen leſen dürfen. Das koſtet ſie einen Sou und ihren geſunden Verſtand, ihr Herz, ihre Seele und ihren Geiſt. Dazu verläßt man das Lager bei ſeiner Familie. Alle Zeitungen ſind Peſt; alle, ſelbſt die Drogeau blanc! Ha, gerechter Himmel, Du kannſt Dich rühmen, Deinen Großvater zur Verzweiflung gebracht zu haben!“ 168 „Das iſt offenbar,“ ſagte Theodulus. Daraus Nutzen ziehend, daß Herr Gillenormand Athem ſchöpfte, fügte der Lancier dann mit wichtigem Tone hinzu: „Es ſollte keine andere Zeitung geben als den Mo⸗ niteur, und kein anderes Buch als das militairiſche Jahrbuch.“ Herr Gillenormand fuhr fort: „Das iſt wie ihr Sieyes: ein Königsmörder, der Se⸗ nator wurde! Das nimmt immer ſolch ein Ende. Ich ſah eines Tages die Senatoren über den Quai Malaquais gehen, mit ihren Mänteln von violettem Sammt, beſät mit Bienen, und mit ihrem Hute à la Henri IV. Sie ſahen abſcheulich aus. Man hätte glauben können, Affen von dem Hofe des Tigers zu ſehen. Bürger, ich erkläre Euch, daß Euer Fortſchritt eine Narrheit iſt, Eure Menſchheit ein Traum, Eure Revolution ein Ungeheuer; das behaupte ich gegen Euch alle, wäret Ihr auch Publiciſten, Oekonomiſten, Legiſten, Sachkenner der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, wie das Schneidemeſſer der Guillotine!“ „Parbleu!“ rief der Lieutenant,„das iſt bewunderns⸗ würdig wahr.“ Herr Gille normand unterbrach ſich in einer angefan⸗ genen Bewegung, wendete ſich um, ſah dem Lancier Thev⸗ dulus feſt in das Geſicht und ſagte: „Sie ſind ein Dummkopf.“ Druck von R. Genſch in Berlin. ——— v 4 1 SOlour& Grey Control Chart Cyan GSreen Nllow Red Mag Srey 4 . „