5 Leibbiblinthet deutſcher, engliſcher und. franzöſiſcher Literatur Eduard Otlmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für behentele 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten unv Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Hier iſt zu dem Verſtändniß der Blätter, die man ſo eben geleſen hat, und andere, die man ſpäter leſen wird, eine Bemerkung nothwendig. Seit vielen Jahren iſt der Verfaſſer dieſes Buches, der mit Widerſtreben gezwungen iſt, oft von ſich ſelbſt zu ſprechen, abweſend von Paris. Seitdem er es verlaſſen, hat Paris ſich umgewandelt. Eine neue Stadt, die ihm einigermaßen unbekannt, iſt entſtanden. Er braucht nicht zu ſagen, daß er Paris liebt; ſie iſt die Geburtsſtadt ſeines Geiſtes. Durch Niederreißungen und Neubauten iſt das Paris ſeiner Jugend, deren Erinnerung er religiös mit ſich hinweggenommen hat, jetzt ein Paris der Vergangenheit. Man geſtatte ihm von dieſem Paris zu ſprechen, als ob es noch beſtände. Es iſt möglich, daß da, wohin der Verfaſſer ſeine Leſer führen wird, indem er ſagt:„in dieſer oder jener Straße ſteht dies oder jenes Haus“, jetzt weder Straße noch Haus zu finden iſt. Die Leſer mögen ſich davon überzeugen, wenn ſie ſich die Mühe nehmen wollen. Was ihn ſelbſt betrifft, ſo kennt er das neue Paris nicht und er 8 ſchreibt mit dem alten Paris vor den Augen, in einer Illu— ſion, die ihm theuer iſt. Es iſt daher geſtattet, von der Vergangenheit wie von der Gegenwart zu ſprechen. Wir bitten die Leſer darauf zu achten und fahren nun fort: Jean Valjean hatte ſogleich den Boulevard verlaſſen und war in die Straße getreten, indem er ſo viel als möglich gebrochene Linien verfolgte, auch dabei zuweilen zurückkehrte, um ſich zu überzeugen, daß er nicht verfolgt würde. So bäumt ſich der gehetzte Hirſch. Auf einem Boden, auf welchen der Schuh ſich eindrücken kann, hat dieſes Manöver auch den Vortheil, die Jäger und die Hunde durch die Rückſpuren irre zu machen. Es war eine mondhelle Nacht. Jean Valjean war darüber nicht bös. Der Mond, der noch tief am Horizont ſtand, bildete in den Straßen dunkle Schatten und helle Lichtſtreifen. Jean Valjean konnte an den Häuſern und Mauern entlang auf der dunklen Seite hinſchlüpfen und die Helle beobachten. Er überlegte dabei vielleicht nicht hin⸗ länglich, daß die dunkle Seite ihm entging. Dennoch glaubte er in all den öden Gäßchen zunächſt der Rue de Poliveau gewiß zu ſein, daß Niemand hinter ihm herkam. Coſette ging ohne Fragen zu thun; die Leiden der ſechs erſten Jahre ihres Lebens hatten ihrer Natur etwas Paſſives verliehen. Ueberdies war ſie— und das iſt eine Bemerkung, auf die wir mehrmals werden zurückkommen müſſen— bereits, ohne ſich darüber Rechenſchaft zu geben, an die Sonderbarkeiten des guten Alten und an die Eigenthümlich⸗ teiten des Schickſals gewöhnt. Dann fühlte ſie ſich auch vei ihm ſicher. Jean Valjean wußte ebenſowenig wie Coſette, wo er ſich befand. Er vertraute ſich Gott an, wie ſie ſich ihm. Ihm ſchien, als hielt er ein größeres Weſen, wie er ſelbſt —— wor, empf ſimn nicht donn er ſe non Din nöt zur Aufe in E Sta log. Cen Vic Vo nich war, an der Hand; er glaubte ein unſichtbares Weſen zu empfinden, das ihn führte. Uebrigens hatte er keine be⸗ ſtimmte Abſicht, keinen Plan, keinen Vorſatz. Er war ſelbſt nicht einmal völlig gewiß, daß es Javert geweſen war, und dann konnte es auch Javert ſein, ohne daß dieſer wußte, er ſei Jean Valjean. Hatte er ſich nicht verkleidet? Hielt man ihn nicht für todt? Indeß gingen ſeit einigen Tagen Dinge vor, die ſonderbar waren. Mehr war für ihn nicht nöthig; er war entſchloſſen, in die Baracke Gorbeau nicht zurückzukehren. Gleich dem Thiere, das aus ſeinem Lager aufgejagt iſt, ſuchte er nach einem Loche ſich zu verbergen, in Erwartung ein anderes zu finden, worin er wohnen könnte. Jean Valjean beſchrieb verſchiedene Labyrinthe in dem Stadtviertel Muuffetard, welches ſchon im tiefen Schlafe lag. Durch verſchiedene Straßen kam er nach der Rue Cenſier und der Rue Copeau, der Rue du Battoir⸗Saint⸗ Victor und der Rue du Puits-LHermite. Hier gab es Wohnungen zu vermiethen, allein er beſichtigte keine, da er nicht zu finden glaubte, was ihm paßte. So war es ſpät geworden und es ſchlug eff Uhr an der Kirche von Saint⸗Etienne⸗du⸗Mont, als er durch die Rue de Pontoiſe kam, vor dem Bureau eines Polizeicom⸗ miſſariats vorüber, welches die Nr. 14 führte. Einige Augen⸗ blicke darauf verurſachte der erwähnte Inſtinct, daß er ſich um⸗ wendete. In dieſem Augenblick ſah er deutlich, daß bei dem Licht der Laterne des Commiſſariats drei Menſchen, die ihm folgten, ziemlich nahe hintereinander auf der dun⸗ teln Seite der Straße unter der Laterne vorüberkamen. Einer dieſer drei Männer trat in den Hausgang des Com⸗ miſſariats. Der, welcher an der Spitze ging, kam Jean Valjean entſchieden verdächtig vor. „Komm, Kind,“ ſagte er zu Coſette, und beeilte ſich die Rue de Pontoiſe zu verlaſſen. Er machte einen kleinen Umweg, ging ſo die Paſſage des Patriarches hinauf und vertiefte ſich in die Rue de l'Epée de Bois. Dieſe Straße wurde im zwölften Jahr⸗ hundert von Töpfern bewohnt und ihr eigentlicher Name iſt Rue des Pots. Der Mond beleuchtete mit ſeinem Licht hell den Kreuz⸗ weg mit einer andern Straße. Jean Valjean verbarg ſich unter einer Hausthür, indem er berechnete, daß, wenn die Männer ihm nachfolgten, er ſie deutlich mußte ſehen kön⸗ nen, wenn ſie durch den hellen Schein jenes Kreuzwegs gingen. In der That waren nicht drei Minuten verfloſſen, als die Männer erſchienen. Sie waren jetzt ihrer vier, Alle von hohem Wuchs, gekleidet in lange braune Ueberröcke, mit runden Hüten und großen Stöcken in der Hand. Sie waren nicht minder beunruhigend durch ihre Größe und ihre derben Fäuſte, als durch ihren verdächtigen Marſch in der Dunkelheit. Man hätte glauben ſollen, Geſpenſter zu ſehen, die ſich als Bürger verkleidet hatten. Auf der Mitte des Kreuzweges blieben ſie ſtehen und bildeten eine Gruppe, wie Menſchen, die ſich miteinander berathen. Sie ſchienen unentſchloſſen zu ſein. Der, welcher der Führer der Uebrigen zu ſein ſchien, zeigte leb haft mit der Hand nach der Richtung, welche Jean Valjean verfolgt hatte; ein Anderer ſchien mit einer gewiſſen Hart⸗ näckigkeit die entgegengeſetzte Richtung anzudeuten. In dem Augenblick, in welchem der Erſtgenannte ſich umwendete, beſchien der Mond hell ſein Geſicht. Jean Valjean er⸗ kannte deutlich Javert. Ei Gli iht ihn in des Er keit die II. Ein Glück, duß über die Anſterlitzbrücke Wagen fahren. Die Ungewißheit endigte für Jean Valjean; zum Glück dauerte ſie für jene Menſchen noch fort. Er benutzte ihr Zögern: das war verlorene Zeit für ſie, gewonnen für ihn. Er trat unter ſeiner Thür hervor und ſchritt raſch in der Rue des Postes in der Richtung nach dem Jardin des Plantes vorwärts. Coſette fing an müde zu werden. Er nahm ſie auf den Arm und trug ſie. Er begegnete keinen Menſchen, und man hatte des Mondſcheins wegen die Laternen nicht angezündet. Er verdoppelte ſeine Schritte. So ſchnell als möglich vorwärts ſchreitend, ging er an der poterie Goblet hin und erreichte die engen Straßen des Quai. Hier wendete er ſich um. Der Quai war verlaſſen. Die Straßen waren öde. Niemand hinter ihm. Er athmete auf. Er erreichte die Auſterlitzbrücke. Der Brückenzoll beſtand damals noch. Er trat an die Zollſtätte und gab einen Sou. „Es macht zwei Sous,“ ſagte der Invalide der Brücke. „Sie tragen da ein Kind, welches gehen kann; Sie müſſen für Zwei bezahlen.“ Er zahlte, ärgerlich darüber, daß er zu einer Bemer kung Veranlaſſung gegeben hatte. Jede Flucht muß ein unbeachtetes Vorüberſchlüpfen ſein. Ein großer Karren fuhr zu gleicher Zeit mit ihm über die Brücke nach dem rechten Ufer. Das war nützlich für ihn. Er konnte in dem Schatten dieſes Wagens über die ganze Brücke gehen. Auf der Mitte der Brücke klagte Coſette, daß ihr die Füße eingeſchlafen wären und wünſchte zu gehen. Er ſetzte ſie nieder und nahm ſie wieder an die Hand. Als er die Brücke hinter ſich hatte, bemerkte er in geringer Entfernung zu ſeiner Rechten Zimmerplätze und ging darauf zu. Um dahin zu gelangen, mußte er ſich über einen ziemlich großen, offenen und beleuchteten Raum wagen. Er zögerte indeß nicht. Die, welche ihn verfolgten, waren offenbar auf falſcher Fährte und Jean Valjean glaubte außer Gefahr zu ſein. Geſucht wurde er, ja; verfolgt, nein!— Eine kleine Straße führte zwiſchen den Zimmerplätzen von Mauern umgeben hin. Dieſe Straße war ſchmal, dunkel, wie für ihn geſchaffen. Ehe er ſie betrat, blickte er zurück. Von dem Punkte, auf welchem er ſich befand, über⸗ blickte er die Auſterlitzbrücke ihrer ganzen Länge nach. Vier Schatten erſchienen ſoeben auf der Brücke. Dieſe Schatten wendeten den Jardin des plantes den Rücken zu und gingen gegen das rechte Ufer. Dieſe vier Schatten waren vier Männer. Jean Valjean empfand das Zittern des Thieres, deſſen Fährte wieder aufgefunden iſt. Es blieb ihm noch eine Hoffnung: daß dieſe Menſchen vielleicht noch nicht auf der Brücke waren, und ihn deshalb nicht bemerkten, ais er mit Coſette an der Hand über den großen beleuchteten Platz ging. In dieſem Falle konnte er, wenn er durch die vor ihm liegenden Straßen eilte und die Zimmerplätze, die verm gend G 13 Sümpfe, die Gärten und die unbebauten Felder zu erreichen vermochte, entkommen. Es ſchien ihm, als könnte er ſich der kleinen ſchwei genden Straße anvertrauen und er trat in dieſelbe ein. III. Man ſehe den Plan von Paris vom Jahre 1727. Nach dreihundert Schritten gelangte er zu einem Punkte, an welchem die Straße ſich theilte. Die eine der beiden Straßen führte links, die andere rechts. Welche ſollte er wählen? Er zögerte nicht und ging rechts. Weshalb? Weil die linke Straße gegen die Vorſtadt führt, das heißt gegen bewohnte Orte, und die rechte gegen das Feld, das heißt gegen unbewohnte Strecken. Indeß ging er nicht mehr ſehr ſchnell. Coſette ver— minderte den Schritt Jean Valjeans mehr und mehr. Er trug ſie wieder. Coſette lehnte ihren Kopf auf die Schulter des Alten und ſagte kein Wort. Er wendete ſich von Zeit zu Zeit um und blickte rück— wärts. Sorgfältig hielt er ſich beſtändig auf der dunkleren Seite der Straße. Dieſe lag gerade hinter ihm. Die zwei oder drei erſten Male, wo er ſich umwandte, ſah er nichts; es herrſchte tiefes Schweigen, und etwas beruhigt ſetzte er ſeinen Weg fort. Plötzlich glaubte er, als er ſich wieder umdrehte, auf der dunklen Seite der Straße, da, wo er 14 ſelbſt vorüber gekommen war, etwas ſich bewegen zu ſehen. Er ſtürzte vorwärts, indem er hoffte, irgend ein Seiten⸗ gäßchen zu finden, dort zu entkommen und nochmals die Fährte abzubrechen. Er gelangte zu einer Mauer. Dieſe Mauer war indeß kein unüberſteigliches Hinder⸗ niß, denn ſie begrenzte ein Seitengäßchen, welches in die Straße mündete, in welcher Jean Valjean ſich befand. Auch hier wieder mußte er ſich entſchließen, rechts oder links zu gehen. Er ſah nach der rechten Seite. Das Gäßchen führte zwiſchen Schuppen und Vorrathshäuſern hin und war am Ende geſperrt. Deutlich erkannte er durch eine große weiße Mauer, daß es eine Sackgaſſe war. Er blickte nach der Linken. Das Gäßchen war auf dieſer Seite offen und mündete nach ungefähr zweihundert Schritten in eine andere Straße. Auf dieſer Seite erblickte er das Ziel. In dem Augenblick, in welchem Jean Valjean ſich links wenden wollte, um wo möglich die Straße, die er am Ende des Gäßchens ſah, zu erreichen, bemerkte er an der Ecke dieſes Gäßchens und dieſer Straße, wohin er wollte, eine Art ſchwarzer regungsloſer Bildſäule. Das war offenbar ein Menſch, der dort aufgeſtellt war, um den Weg zu ſperren. Jean Valjean wich zurück. Der Punkt von Paris, wo er ſich befand, iſt ſeit jener Zeit vollkommen umgewandelt. Wo Zimmerplätze und Gärten lagen, ſieht man jetzt große neue Straßen, Circuſſe, Hypo⸗ droms, Eiſenbahnhöfe. Vor einem halben Jahrhundert hieß dieſe Gegend Klein⸗Picpus. Das Stadtviertel Klein⸗Picpus hat übrigens kaum jemals exiſtirt und war nie etwas anderes als der Entwurf eines ſehen bequ Aus. hier wölb hint löſc nie Hüt 15 eines Stadtviertels; es trug beinahe das mürriſche Aus⸗ ſehen einer alten ſpaniſchen Stadt. Die Straßen waren bequem gepflaſtert und nur mit wenigen Häuſern beſetzt. Ausgenommen die zwei oder drei erwähnten Straßen, war hier Alles Mauer und Einſamkeit. Kein Kaufmannsge⸗ wölbe, kein Wagen; kaum hier und dort ein heller Schein hinter den Fenſtern; nach zehn Uhr war jedes Licht ausge⸗ löſcht. Gärten, Klöſter, Zimmerhöfe, Sümpfe, wenig niedrige Häuſer und große Mauern, eben ſo hoch wie die Häuſer. So war dieſes Stadtviertel im letzten Jahrhundert. Die Revolution hat es ſtark beſchädigt, niedergeriſſen, durch⸗ böchert, überall lagen Schutthaufen. Vor dreißig Jahren verſchwand dieſes Stadtviertel unter den Entwürfen von Neubauten, jetzt iſt es vollſtändig verwiſcht. Klein⸗Picpus iſt ziemlich deutlich in dem Plane von 1727 angegeben, der in Paris bei Denis Thierry, Rue St. Jacques erſchien. Es hatte ein V von Straßen, wel⸗ ches durch die Rue du Chemin⸗Vert⸗Saint⸗Antoine gebildet wurde, die in zwei Aeſte auslief, deren linker den Namen Petite Rue Picpus annahm, während der rechte Rue Polon⸗ ceau hieß. Die Rue Polonceau führte weiter, als die Rue Picpus und durchkreuzte ſich zuletzt mit verſchiedenen anderen Straßen. In dieſem Gewirre befand ſich Jean Valjean. Als er, wie ſchon erwähnt, die ſchwarze Geſtalt auf Poſten an der Ecke der Rue Picpus erblickte, wich er zurück. Kein Zweifel. Er wurde durch dieſes Phantom belauert. Was ſollte er thun? Zurückzugehen hatte er keine Zeit mehr. Was er vor einigen Augenblicken hinter ſich hatte bewegen ſehen, war ohne Zweifel Javert mit ſeinen Ge⸗ hülfen. Javert befand ſich wahrſcheinlich ſchon am Eingang der Straße, an deren Ende Jean Valjean ſtand. Javert kannte zuverläſſig dieſes Straßengewirre und hatte ſeine 16 Vorſichtsmaßregeln getroffen, indem er Leute abſchickte, den Ausgang zu bewachen. Dieſe Vermuthungen wirbelten Jean Valjean auf ſchmerzliche Weiſe im Kopfe umher, wie eine vom Wind aufgejagte Nebelwoike. Er prüfte die Sackgaſſe Genrot, ſie war verſperrt. Er prüfte die Rue Picpus; hier ſtand ein Poſten. Er ſah die ſchwarze Geſtalt ſich finſter von dem weißen, durch den Mondſchein beſchienenen Straßen⸗ pflaſter abheben. Vorwärtsgehen hieß, auf dieſen Menſchen gerathen, rückwärts gehen hieß, ſich Javert in die Arme werfen. Jean Valjean fühlte ſich wie in einem Netze gefangen, das ſich langſam um ihn zuſammenzog. Voll Verzweiflung blickte er zum Himmel empor. IV. Fluchtverſuche. Um Das zu verſtehen, was folgen wird, muß man ſich ſo deutlich als möglich das Gäßchen vorſtellen und beſon⸗ ders die Ecke, die man links liegen ließ, wenn man aus der Rue Polonceau kam, um in dieſes Gäßchen einzutreten. Das Gäßchen wurde rechts bis zur Petite Rue Picpus ſo ziem⸗ lich durch Häuſer von ärmlichem Ausſehen begrenzt und durch ein einziges Gebäude von ſtrengem Ausſehen, welches aus verſchiedenen Theilen beſtand und um ein oder zwei Stockwerke ſich erhöhte, je mehr es ſich der Rue Picpus näherte, ſo daß es ziemlich hoch auf der Seite der Rue Picpus, ſehr ſenkte doß ſonde Beob Polo hütte die Ha Owi Gebi einſp ſtieß, Fenſt Fenſt ein( glich Bre eiſer Thor linge dieſe beran Nen voh ſchn hier wach Rue Die ſehr niedrig auf der Seite der Rue Polonceau war. Hier ſenkte es ſich an der Ecke, deren wir erwähnten, ſo ſehr, daß es nur noch eine Mauer hatte. Dieſe lief nicht gerade, ſondern bildete einen Winkel, der durch ſeine Flügel zwei Beobachtern entzogen war, von denen der Eine in der Rue Polonceau, der Andere in der Rue Droit⸗Mur geſtanden hätte.— Von den beiden Flügeln des Winkels an verlängert die Mauer ſich nach der Rue Polonceau bis zu einem Hauſe, welches die Nummer 49 trug, und nach der Rue Droit⸗Mur, wo ſie viel kürzer war, bis zu dem finſteren Gebäude, deſſen wir erwähnten, und wo ſie wieder einen einſpringenden Winkel bildete. Die Giebel, an die ſie hier ſtieß, hatten ein finſteres Ausſehen; es war darin nur ein Fenſter, oder richtiger geſagt, zwei mit Zink beſchlagene Fenſterladen, die ſtets geſchloſſen waren. Das Mauerſtück wurde beinahe ganz ausgefüllt durch ein Etwas, das einem rieſigen und erbärmlichen Thore glich. Es war eine unförmliche Anhäufung perpendiculärer Bretter, oben weiter als unten und miteinander durch breite eiſerne Querbänder verbunden. Daneben ſah man einen Thorweg von gewöhnlicher Größe, der offenbar nicht vor längerer Zeit als fünfzig Jahren hier durchgebrochen wurde. Eine Linde zeigte ihre Aeſte jenſeits der Mauer und dieſe war auf der Seite der Rue Polonceau mit Epheu berankt. Bei der ungeheuren Größe der Gefahr, in welcher Jean Valjean ſchwebte, hatte dieſes Gebäude etwas Unbe— wohntes und Einſames, was ihn reizte. Er überflog es ſchnell mit den Augen. Er ſagte ſich, wenn es ihm gelänge, hier einzudringen, ſo wäre er vielleicht gerettet. Dabei er⸗ wachte in ihm ein Gedanke und eine Hoffnung. In dem mittleren Theile des Gebäudes, nach der Rue Droit⸗Mur, waren vor den Fenſtern alte eiſerne Die Elenden. IV. 2 1 18 Rinnen angebracht; die verſchiedenen Verzweigungen von einer Hauptröhre zu allen den einzelnen hoben ſich gegen die Front des Hauſes ab, wie die Aeſte eines Baumes. Dieſe Verzweigungen der Rinnen mit ihren hundert Ecken und Biegungen gleichen jenen gewaltigen Weinſtöcken, welche alte Pachthöfe oft bekleiden. Dieſe eigenthümliche Treppe von Zinn? und Eiſenſproſ⸗ ſen war der erſte Gegenſtand, der Jean Valjean auffiel. Er ſetzte Coſette mit dem Rücken gegen einen Eckſtein, em⸗ pfahl ihr das tiefſte Schweigen und eilte zu dem Orte, wo die Rinnen das Straßenpflaſter berührten. Vielleicht war es möglich, daran hinaufzuklettern und in das Haus zu ge⸗ langen. Allein die Rinne war verfallen und unbrauchbar und hielt kaum noch in ihrer Befeſtigung. Ueberdies waren alle Fenſter des ſchweigſamen Gebäudes mit ſtarken Eiſen⸗ gittern verwahrt, ſelbſt die Dachfenſter. Außerdem beſchien auch noch der Mond hell dieſe Front, und der Menſch, der Jean Valjean vom Ende der Straße aus beobachtete, hätte ihn in die Höhe klettern ſehen. Was ſollte er endlich mit Coſette anfangen? Wie ſie ein drei Stockwerk hohes Ge⸗ bäude hinaufbringen? Er verzichtete deshalb darauf, an den Waſſerrinnen in die Höhe zu klettern, und kroch längs der Mauer hin, um wieder nach der Rue Polonceau zurückzugelangen. Als er die Ecke erreichte, wo er Coſette gelaſſen hatte, üderzeugte er ſich, daß ihn hier Niemand ſehen könnte. Er entging, wie wir dies weiter oben erklärten, allen Blicken, von welcher Seite ſie auch kommen mochten. Außerdem war er im Schatten. Endlich gab es hier zwei Thüren. Vielleicht konnte er eine derſelben ſprengen. Die Mauer, über welche er die Linde ſah, gehörte offenbar zu einem Garten, in welchem er ſich wenigſtens verbergen und den übrigen Theil der Nacht zubringen konnte, obgleich die Bäume keine Blätter hatten. er ſon Thir. fault, gehalt wurm keine Schlo velche ander ſamm ſch9 Blend V vgte waren Behn 19 Die Zeit verfloß. Er mußte ſich beeilen. Er betaſtete den Thorweg und erkannte ſogleich, daß er ſowohl von Außen als von Innen feſt verwahrt war. Mit größerer Hoffnung näherte er ſich der andern Thür. Sie war ganz verfallen. Die Bretter waren ver⸗ fault, die drei Eiſenbände, von denen die Bretter zuſammen⸗ gehalten wurden, waren verroſtet. Es ſchien möglich, dieſe wurmſtichige Thür zu durchbrechen. Als er ſie genau unterſuchte, ſah er, daß die Thür keine eigentliche Thür ſei. Sie hatte weder Riegel noch Schloß, noch einen Spalt in der Mitte. Die Eiſenbände, welche darüber gelegt waren, gingen von einer Seite zur andern. Durch die Spalten der Bretter ſah er noch zu⸗ ſammengemauerte Steine, und mit Entmuthigung mußte er ſich geſtehen, daß dieſe ſcheinbare Thür nichts war, als eine Blendung, hinter der eine Mauer lag. W. Wos bei Gasbeleuchtung unmöglich wäre. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein dumpfer, gleich⸗ mäßiger Ton in einiger Entfernung hören. Jean Valjean wagte es, ein wenig um die Ecke der Straße zu ſehen. Sieben oder acht Soldaten, die in einer Reihe aufgeſtellt waren, traten eben in die Rue Polonceau ein; er ſah die Bayonnette blitzen. Sie kamen auf ihn zu. Dieſe Soldaten, an deren Spitze er die hohe Geſtalt 2* — Javerts unterſchied, ſchritten langſam und vorſichtig vor⸗ wärts. Sie blieben öfters ſtehen. Offenbar unterſuchten ſie alle Ecken und Winkel, alle Thüren und Thorwege. Er konnte ſich nicht darüber täuſchen, daß dies eine Patrouille war, die Javert getroffen und für ſeinen Dienſt in Anſpruch genommen hatte. Die beiden Gehülfen Javerts gingen zwiſchen den Soldaten. Bei dem langſamen Schritt, in welchen ſie marſchirten, und bei dem öfteren Halt brauchten ſie etwa eine Viertel⸗ ſtunde, um bis zu dem Orte zu gelangen, an welchem ſich Jean Valjean befand. Es war ein entſetzlicher Augenblick. Einige Minuten nur noch trennten Jean Valjean von dem furchtbaren Abgrunde, der ſich zum dritten Male vor ihm öffnete. Und jetzt war der Bagno nicht mehr blos der Bagno, ſondern es war auch die für immer verlorene Co⸗ ſette, das heißt ein Leben, welches dem Innern eines Grabes glich. Nur noch eines war möglich. Jean Valjean hatte das Eigenthümliche, daß man von ihm ſagen konnte, er trüge zwei Seelen; in der einen bewahrte er die Gedanken eines Heiligen, in der andern die gefährlichen Talente eines Galeerenzüchtlings. Je nach der Gelegenheit zeigte er die eine oder die andere. Unter andern Hülfsquellen war er, wie man ſich er— innern wird, durch ſeine häufigen Fluchtverſuche aus dem Bagno zu Toulon auch Meiſter der unglaublichen Kunſt geworden, ſich ohne Leitern, ohne Haken, nur durch ſeine Muskelkraft allein, indem er das Genick, die Schultern, die Hüften, die Knie und die Füße anſtemmte und die kleinen Vorſprünge der Steine benutzte, in dem Winkel einer Mauer, wenn es ſein müßte, bis zu der Höhe eines ſechſten Stockwerkes zu erheben; eine Kunſt, welche die Ecke der Conciergerie in Paris ſo furchtbar und ſo berühmt ge nacht urtheil 0 X die er hoch. bäude gefüll waht dem rie eine X Jean wögl eine Laſt ſtür lein ceau int wür macht hat, weil dort vor einigen zwanzig Jahren der ver⸗ urtheilte Battemolle entfloh. Jean Valjean maß mit den Augen die Mauer über die er die Linde erblickte. Sie war ungefähr achtzehn Fuß hoch. Die Ecke, die ſie mit dem Giebel des großen Ge⸗ bäudes bildete, war mit einem dreieckigen Mauerwerk aus⸗ gefüllt, wahrſcheinlich um ſie vor Verunreinigungen zu be⸗ wahren. Dieſes Mauerwerk war ungefähr fünf Fuß hoch. Von dem Giebel deſſelben betrug die bis zur Höhe der Mauer zurückzulegende Strecke nur noch ungefähr vierzehn Fuß. Die Mauer war bedeckt mit flachen Steinen. Die größte Schwierigkeit war Coſette. Sie konnte eine Mauer nicht erklettern. Sie verlaſſen? Daran dachte Jean Valjean nicht. Sie mit ſich zu nehmen, war un⸗ möglich. Alle Kräfte eines Menſchen ſind nothwendig, um eine ſolche Erſteigung möglich zu machen. Die geringſte Laſt würde ſeinen Schwerpunkt gefährden und ihn herab⸗ ſtürzen. Er hätte eines Strickes bedurft. Jean Valjean hatte keinen. Wo ſollte er um Mitternacht in der Rue Polon⸗ ceau einen Strick finden? Wahrlich, wenn Jean Valjean in dieſem Augenblicke ein Königreich beſeſſen hätte, ſo würde er es für einen Strick hingegeben haben. Alle äußerſten Lagen haben ihre Blitze, die uns bald blenden, bald uns leuchten. Der verzweiflungsvolle Blick Jean Valjeans traf auf einen Laternenpfahl der Sackgaſſe Genrot. Um jene Zeit gab es in Paris noch keine Gasbrenner. Mit Anbruch der Nacht zündete man die Straßenlaternen an, die von Strecke zu Strecke aufgeſtellt waren und mit Hülfe eines Strickes auf- und niedergelaſſen wurden, der von einer Seite der Straße zur andern ging und an einen Pfahl befeſtigt war. Die Haſpel, mit welchen dieſe Stricke ———————— — 22 bewegt wurden, war unter der Laterne in einen kleinen eiſernen Behälter befeſtigt, zu welchen der Laternenwärter den Schlüſſel hatte, und der Strick ſelbſt wurde durch eine Metallröhre geſchützt. Mit der äußerſten Anſtrengung ſprang Jean Valjean mit einem Satze über die Straße in die Sackgaſſe hinein, ſprengte das kleine Schloß mit der Spitze ſeines Meſſers und einen Augenblick darauf war er wieder bei Coſette. Er hatte einen Strick. Dieſe finſteren Entdecker von Hülfs⸗ mitteln, welche gegen das Schickſal kämpfen, ſind ſchnell bei ihrem Geſchäfte. Wir erwähnten, daß die Straßenlaternen dieſe Nacht nicht angezündet waren. Die Laterne der Sackgaſſe Gen⸗ rot brannte daher ebenſowenig wie die anderen, und man konnte darunter vorbeigehen, ohne nur zu bemerken, daß ſie ſich nicht an ihrer Stelle befand. Indeß die Stunde, der Ort, die Dunkelheit, die ſon⸗ derbaren Beſchäftigungen Jean Valjeans, ſein Gehen und Kommen begannen Coſette zu beunruhigen. Jedes andere Kind wie ſie würde ſchon längſt laut geſchrien haben. Sie begnügte ſich damit, Jean Valjean am Ohre zu zupfen. Immer deutlicher hörte man die Schritte der Patrouille. „Vater“, ſagte ſie leiſe,„ich fürchte mich.“ „Still“, erwiderte der unglückliche Mann.„Es iſt die Thénardier.“ Coſette erbebte. Er fügte hinzu:„Sage nichts, laß mich gewähren. Wenn Du ſchreiſt oder weinſt, findet Dich die Thénardier. Sie kommt, um Dich wieder zu holen.“ Ohne Uebereilung, doch mit der größten Schnelligkeit und Sicherheit, welche in dieſem Augenblicke um ſo bemer⸗ kenswerther war, als die Patrouille und Javert dazu kom⸗ men konnten, nahm Jean Valjean jetzt ſeine Halsbinde ab, legte ſie Coſette unter einer Achſel um den Leib, ſo daß ſie dus binde Seel des ſeine jene Ma heit der hal auf zu Th zuf ſie ſic hi ie das Kind nicht verletzen konnte, befeſtigte an dieſer Hals⸗ binde ein Ende des Strickes mit jenem Knoten, den die Seeleute Schwalbenknoten nennen, nahm das andere Ende des Strickes zwiſchen die Zähne, zog ſeine Schuhe und ſeine Strümpfe aus, warf ſie über die Mauer, erkletterte jenes dreieckige Mauerwerk und begann, ſich in der Ecke der Mauer und des Giebels mit ſo viel Feſtigkeit und Sicher⸗ heit zu erheben, als ob er die Sproſſe einer Leiter unter den Abſätzen und den Ellenbogen hatte. Noch war keine halbe Minute verfloſſen, und ſchon lag er auf den Knien auf der Mauer. Coſette betrachtete ihn voll Staunen, ohne ein Wort zu ſprechen. Die Ermahnung Jean Valjeans und der Name Thénardier hatten ſie erſtarrt. Plötzlich hörte ſie, wie Jean Valjean ihr ganz leiſe zuflüſterte:„Stütze Dich an die Mauer!“ Sie gehorchte. „Sprich kein Wort und fürchte dich nicht, fuhr Jean Valjean fort. Sie fühlte, daß Sie vom Boden gehoben wurde. Ehe ſie noch Zeit gehabt hatte, ſich zu beſinnen, war ſie ſchon oben auf der Mauer. Jean Valjean ergriff ſie, legte Sie auf ſeinen Rücken, nahm ihre beiden kleinen Hände in ſeine linke Hand, legte ſich flach auf den Bauch und kroch ſo oben auf der Mauer hin. Wie er es vermuthet hatte, lag hier in einiger Ent⸗ fernung ein Gebäude, deſſen Dach von dem hölzernen Ver⸗ ſchlage, welchen er für eine Thür gehalten hatte, ausging und bis ziemlich nahe zum Boden hinabreichte, indem es die erwähnte Linde ſtreifte. Das war ein glücklicher Gedanke, denn die Mauer zeigte ſich auf dieſer Seite viel höher wie auf der Straßenſeite. Jean Valjean bemerkte den Boden nur ſehr tief unter ſich. Eben hatte er die flache Senkung des Daches erreicht 24 und den Firſt der Mauer noch nicht verlaſſen, als ein lau⸗ ter Lärm die Ankunft der Patrouille verrieth. Man hörte die donnernde Stimme Javerts rufen: „Durchſucht die Sackgaſſe! Die Rue Droit Mur iſt beſetzt, die Petit Rue Picpous auch! Ich ſtehe dafür, daß er in der Sackgaſſe iſt!“ Die Soldaten ſtürzten ſich in die Sackgaſſe Genrot. Jean Valjean glitt an dem Dache herab, indem er Co⸗ ſette feſthielt, erreichte die Linde und ſprang auf die Erde. Sei es Schreck, ſei es Muth, genug, Coſette hatte nicht ein Mal laut geathmet. Ihre Hände waren ein wenig geſchunden. VI. Anfang eines Räthſels. Jean Valjean befand ſich in einer Art von Garten, der ſehr geräumig war und ein eigenthümliches Ausſehen hatte; es war einer jener traurigen Gärten, welche dazu gemacht zu ſein ſcheinen, nur während des Winters und der Nacht geſehen zu werden. Der Garten war ein längliches Viereck, hatte in der Mitte eine große Pappelallee, ziemlich hohe Ge⸗ büſche in den Ecken und einen ſchattenloſen Raum in der Mitte, auf dem man einen ſehr großen einzelnen Baum er⸗ kannte; dann einige halb verkrüppelte Obſtbäume, Gemüſe⸗ beete und ein Melonenbeet, deſſen Glasglocken in dem Schein des Mondes blitzten, und daneben einen alten Ziehbrunnen. Hier und dort ſtanden Steinbänke, welche ſchwarz von Moos vuren Geſtr Gäng Dach Hauf Mau nr det man pen füllt nit in d Dieſ zuße Ucht Käſ war ſchw gru Den ken, guc um 25 waren. Die Gänge waren mit kleinen, finſtern, beſchnittenen Geſträuchen eingefaßt. Gras nahm die eine Hälfte der Gänge ein und grünes Moos bedeckte die andere. Jean Valjean hatte neben ſich das Gebäude, deſſen Dach ihm behilflich geweſen war, hinunterzugleiten, einen Haufen Reiſigbündel und hinter dem Reiſig dicht an der Mauer eine ſteinerne Bildſäule, deren verſtümmeltes Geſicht nur noch eine formloſe Maske war, welche undeutlich aus der Dunkelheit hervorſtach. Das Gebäude war eine Art von Ruine, in welcher man verfallene Zimmer bemerkte, von denen eines als Schup— pen diente, der ganz mit verſchiedenen Gegenſtänden ange⸗ füllt war. Das große Gebäude der Rue Droit Mur, welches mit der Rückſeite nach der Petit Rue Picpus ging, zeigte in dieſem Garten zwei im Winkel liegende Fagaden.— Dieſe inneren Fagaden ſahen noch trauriger aus, wie die äußeren. Alle Fenſter waren vergittert. Man erblickte kein Licht. In den oberen Etagen waren vor den Fenſtern Käſten, wie vor den Gefängniſſen. Die eine der Fronten warf der andern ihren Schatten, der ſich wie ein ungeheures ſchwarzes Tuch über den Garten legte. Ein anderes Haus bemerkte man nicht. Der Hinter grund des Gartens verſchwand in der Dunkelheit der Nacht. Dennoch ſah man dort undeutlich Mauern, hinter denen an⸗ dere Gärten zu liegen ſchienen, und die niedern Dächer der Rue Polonceau. Man konnte ſich nichts Wilderes und Einſameres den⸗ ten, als dieſen Garten. Es war Niemand darin, was bei der Stunde der Nacht ganz einfach war. Allein es ſchien auch nicht, als ob der Ort dazu beſtimmt ſei, daß Jemand am hellen Mittag darin umherginge. Die erſte Sorge Jean Valjeans war geweſen, ſeine Strümpfe und Schuhe zu ſuchen und ſie wieder anzuziehen, —— ———— —— 2 26 dann aber mit Coſette in den Schuppen zu treten. Wer flieht, hält ſich nie für hinlänglich verſteckt. Das Kind, welches beſtändig an die Thénardier dachte, theilte ſeinen Inſtinkt, ſich ſo viel als möglich zu verbergen. Coſette zitterte und preßte ſich an ihn an. Man hörte den Lärm der Patrouille, welche die Sackgaſſe und die Straße durchſuchte, die Kolbenſtöße gegen die Steine, das Rufen Javerts nach den Polizeidienern, die er aufgeſtellt hatte, und ſeine Flüche, gemiſcht mit Worten, die man nicht verſtehen konnte. Nach Verlauf einer Viertelſtunde ſchien der Sturm ſich zu entfernen. Jean Valjean wagte nicht zu athmen. Er hatte ſeine Hand leiſe auf den Mund Coſette's gelegt. Uebrigens war die Einſamkeit, in der er ſich befand, auf eine ſo eigenthümliche Weiſe ſtill, daß der abſcheuliche Lärm, ſo wüthend und ſo nahe er auch war, kaum den Schatten einer Beunruhigung hineinwarf. Es ſchien, als ſeien dieſe Mauern mit den tauben Steine aufgeführt, deren die Schrift erwähnt. Plötzlich erhob ſich in der tiefen Stille ein neues Ge— räuſch, ein himmliſches, erhabenes, unbeſchreibliches Geräuſch, ebenſo entzückend, wie jenes fürchterlich. Es war eine Hymne, die aus der Dunkelheit ertönte, Gebet und Harmonien, welche aus dem furchtbaren Schweigen der Nacht erſchallten; weib⸗ liche Stimmen, aber Stimmen, aus denen zugleich der reine Klang der Jungfrauen und der helle Ton der Kinder er⸗ tönte; jene Stimmen, welche nicht dieſer Erde anzugehören ſcheinen und denen gleichen, welche die neugeborenen Kinder noch hören und die Sterbenden bereits zu hören anfangen. Dieſer Geſang erſchallte aus dem finſtern Gebäude, welches den Garten überragte. In dem Augenblick, in welchem das Getöſe der Dämonen ſich entfernte, ſchien eine Schaar von Engeln ſich der Finſterniß zu nahen. ſie ſi der ihne übe an ein ſch Zeit Wo der All ks ar ſie 27 Coſette und Jean Valjean ſanken auf die Knie. Sie wußten nicht, was es war, ſie wußten nicht, wo ſie ſich befanden, aber ſie fühlten beide, Mann und Kind, der Büßer und die Unſchuld, daß ſie niederknien mußten. Dieſe Stimmen hatten das Eigenthümliche, daß trotz ihnen das Gebäude verödet zu ſein ſchien. Es glich einem übernatürlichen Geſange in einem unbewohnten Hauſe. Während dieſe Stimmen ſangen, dachte Jean Valjean an nichts mehr. Er erblickte nicht mehr die Nacht, ſondern einen blauen heitern Himmel. Es ſchien ihm, als breiteten ſich jene Flügel aus, die wir Alle in uns tragen. Der Geſang verſtummte. Er hatte vielleicht längere Zeit gewährt. Jean Valjean hatte es nicht zu ſagen ver⸗ mocht. Stunden der Extaſe dauern ſtets nur eine Minute. Alles war wieder in Schweigen verſunken. Nichts auf der Straße, nichts im Garten, was drohte, was beunruhigte. Alles war verſchwunden. VII. Fortſetzung des Räthſels. Der Nachtwind hatte ſich erhoben, was andeutete, daß es zwiſchen ein und zwei Uhr Morgens ſein mußte. Die arme Coſette ſagte nichts. Da ſie ſich neben Jean Valjean geſetzt hatte und ihren Kopf an ihn anlehnte, glaubte er, ſie ſchlief. Er bückte ſich nieder und betrachtete ſie. Coſette —— —— —— 28 hatte die Augen weit geöffnet und zeigte ein nachdenkendes Weſen, welches Jean Valjean wehe that. Sie zitterte noch immer. „Möchteſt Du ſchlafen?“ ſagte Jean Valjean. „Mich friert ſo ſehr,“ antwortete ſie. Einen Augenblick darauf ſagte ſie: „Iſt ſie noch immer da?“ „Wer denn?“ fragte Jean Valjean. „Frau Thénardier.“ Jean Valjean hatte ſchon das Mittel vergeſſen, deſſen er ſich bediente, um das Schweigen Coſettens zu ſichern. „Nein,“ ſagte er,„ſie iſt fort. Ich fürchte jetzt nichts mehr.“ Das Kind ſeufzte, als ob eine ſchwere Laſt ihm von der Bruſt gefallen wäre. Der Boden war feucht, der Schuppen nach allen Seiten offen, der Nachtwind wurde in jedem Augenblicke ſchneiden⸗ der. Der gute Mann zog ſeinen Ueberrock aus und hüllte Coſette hinein. „Friert Dich jetzt weniger?“ ſagte er. „Ach, ja wohl.“ „Nun, ſo warte einen Augenblick auf mich. Ich werde ſogleich zurückkommen.“ Er verließ die Ruine und ſchlich an dem großen Ge⸗ bäude hin, nach einem beſſern Zufluchtsorte ſuchend. Er fand mehrere Thüren, doch ſie waren ſämmtlich verſchloſſen. Alle Fenſter des Erdgeſchoſſes waren mit Eiſengittern verſehen. Als er über den innern Winkel des Gebäudes hinaus⸗ kam, bemerkte er gewölbte Fenſter und gewahrte einen Licht⸗ ſchimmer. Er richtete ſich auf den Zehen in die Höhe und blickte durch eines dieſer Fenſter. Sie führten ſämmtlich zu einem geräumigen Saale, der mit großen Quadern ge⸗ pflaſtert war und von Gewölbpfeilern getragen wurde; man lonnte Scha in eit rührt glaut das liche Gef in dunt ſeine das haft Nac Es todt dri er kan los En oht er, gro ſwe un lonnte nichts unterſcheiden, als ein wenig Licht und große Schatten. Das Licht rührte von einer Nachtlampe her, die in einer Ecke brannte. Der Saal war öde, und nichts rührte ſich in demſelben. Indem er aber länger hineinſah, glaubte er am Boden auf dem Pflaſter etwas zu bemerken, das mit einem Leichentuche bedeckt war und einer menſch⸗ lichen Geſtalt glich. Es lag flach am Boden, mit dem Geſicht gegen die Steine gewendet, die Arme gekreuzt und in der Regungsloſigkeit des Todes. Der ganze Saal war in jenes kaum ſichtbare Halb⸗ dunkel gehüllt, welches Entſetzen einflößte. Jean Valjean hat ſeitdem oft geſagt, er hätte in ſeinem Leben manches finſtere Bild geſehen, doch nie etwas, das ihn mehr erſtarrt oder erſchreckt hatte, als dieſe räthſel⸗ hafte Geſtalt, die an dieſem finſtern Orte mitten in der Nacht irgend ein unbekanntes Myſterium zu vollziehen ſchien. Es war ſchreckenerregend zu denken, daß dieſe Erſcheinung todt, noch ſchreckenerregender beinahe, daß ſie lebend ſei. Er hatte den Muth, die Stirn an die Scheiben zu drücken und zu forſchen, ob die Geſtalt ſich rege. Mochte er auch ſo eine Zeit ſtehen bleiben, die ihm ſehr lang vor⸗ kam, ſo blieb doch die ausgeſtreckte Geſtalt bewegungs los. Plötzlich fühlte er ſich von einem unausſprechlichen Entſetzen ergriffen und entfloh. Er lief nach dem Schuppen, ohne es zu wagen zurückzuſehen. Es war ihm, als würde er, wenn er den Kopf wendete, die Geſtalt hinter ihm mit großen Schritten herkommen ſehen, die Arme gegen ihn aus⸗ ſtreckend. Keuchend erreichte er die Ruine. Seine Kniee brachen unter ihm. Schweiß bedeckte ſeinen Körper. Wo war er? Wer hätte ſich je denken können, daß etwas dieſem Grabe ähnlich mitten in Paris exiſtirte? Was war das für ein merkwürdiges Haus? Ein Gebäude voll nächtlichen Myſteriums, die Seelen mit der Stimme 30 der Engel in die Finſterniß rufend, und wenn ſie kommen, ihnen plötzlich dieſe entſetzliche Viſion bietend, die ſtrahlende forte des Himmels zu öffnen verſprechend und dann das entſetzliche Thor des Grabes aufthuend! War denn das wirklich ein Gebäude, ein Haus mit ſeiner Nummer nach der Straße? War es kein Traum? Er mußte die Steine berühren, um ſich davon zu überzeugen. Die Kälte, die Angſt, die Beſorgniß, die Aufregungen des ganzen Abends verurſachten in ihm ein wahres Fieber, und alle Gedanken kreuzten ſich in ſeinem Hirn. Er näherte ſich Coſette. Sie ſchlief. VIII. Das Räthſel verdoppelt ſich. Die Kleine hatte den Kopf ſauf einen Stein gelegt und war eingeſchlafen. Er ſetzte ſich neben ſie und ſah ſie an. Allmälig, indem er ſie ſo betrachtete, beruhigte er ſich und gewann ſeine ganze Freiheit des Geiſtes wieder. Er erkannte deutlich die Wahrheit, die Grundlage ſeines ganzen künftigen Lebens— daß, ſo lange ſie bei ihm ſein würde, ſo lange er ſie in ſeiner Nähe hätte, er nur für ſie zu ſorgen, nur ihretwegen Furcht zu haben brauchte. Er fühlte ſelbſt nicht einmal, daß er ſehr von der Kälte litt, da er ſeinen Ueberrock ausgezogen hatte, um ſie zu bedecken. verſun rüuſch Das( lich, den Noch wen ind den bück gun — die der Si hu wa bef lich viel auf um 3 L Yi Un der rü 31 Indeß hörte er mitten in der Träumerei, in die er verſunken war, von Zeit zu Zeit ein eigenthümliches Ge⸗ räuſch. Es ſchienen Glöckchen zu ſein, die man rührte. Das Geräuſch ertönte in dem Garten. Man hörte es deut⸗ lich, obgleich nur ſchwach. Es glich dem melodiſchen Klange, den die Glocken der Thiere verurſachen, wenn ſie in der Nacht weiden. Das Geräuſch machte, daß Jean Valjean ſich um⸗ wendete. Er blickte in den Garten hinein und ſah, daß Jemand in demſelben ſich befand. Ein Weſen, das einem Menſchen glich, der zwiſchen den Glasglocken der Melonenbeete hinging, richtete ſich auf, bückte ſich, blieb ſtehen und hatte dabei regelmäßige Bewe⸗ gungen, als ob er etwas am Boden nachſchleppte oder hörte. Dieſes Weſen ſchien zu hinken. Jean Valjean erbebte mit dem fortwährenden Zittern der Unglücklichen. Jedes Licht iſt feindlich oder verdächtig. Sie mißtrauen dem Tage, weil er dazu Beiſtand leiſtet, ſie zu ſehen, der Nacht, weil ſie Hülfe leiſtet, ſie zu überfallen. Kurz zuvor zitterte er darüber, daß der Garten verödet war, jetzt erbebte er darüber, daß ſich Jemand darin befand.— Er gerieth aus dem eingebildeten Schrecken in den wirk⸗ lichen. Er ſagte ſich, daß Javert und ſeine Polizeidiener vielleicht nicht fortgegangen wären, daß ſie ohne Zweifel auf der Straße Leute als Beobachter zurückgelaſſen hatten, und daß dieſer Menſch, wenn er ihn entdeckte,„Diebe! Diebe!“ rufen und ihn ausliefern würde. Sanft nahm er die ſchlafende Coſette in ſeine Arme und trug ſie hinter einen Haufen alter unbrauchbar gewor⸗ dener Möbel in die entfernteſte Ecke des Schuppens. Coſette rührte ſich nicht. Von hier beobachtete er das Benehmen des Weſens 32 auf dem Melonenbeete. Sonderbar erſchien es ihm, daß das Geräuſch der Glöckchen allen Bewegungen dieſes Men⸗ ſchen folgte. Näherte ſich der Mann, ſo näherte ſich auch das Geräuſch, entfernte er ſich, ſo entfernte das Geräuſch ſich ebenfalls; machte er irgend eine raſche Bewegung, ſo begleitete ein lebhaftes Schellen dieſelbe, ſtand er ſtill, ſo hörte der Ton auf. Offenbar ſchienen die Glöckchen an dem Menſchen befeſtigt zu ſein. Was konnte aber das be⸗ deuten? Was war das für ein Menſch, der eine Glocke trug, wie eine Ziege oder eine Kuh? Indem er dieſe Fragen an ſich richtete, berührte er Coſette's Hand. Sie war eiskalt. „O mein Gott!“ ſagte er. Er rief ſie mit leiſer Stimme. „Coſette!“ Sie öffnete die Augen nicht. Er ſchüttelte ſie heftig. Sie erwachte nicht. „Sollte ſie todt ſein?“ rief er, richtete ſich haſtig empor und erbebte vom Kopf bis zu den Füßen. Die entſetzlichſten Gedanken fuhren ihm in buntem Ge wirr durch den Kopf. Es giebt Augenblicke, in welchem gräßliche Vermuthungen uns belagern, wie ein Schwarm von Furien und die Fächer unſeres Gehirns zu erſtürmen ſuchen. Wenn es ſich um Die handelt, die wir lieben, er⸗ findet unſere Klugheit alle Arten von Unſinn. Jean Valjean erinnerte ſich, daß der Schlaf in freier Luft während einer kalten Nacht tödtlich ſein kann. Coſette war leichenblaß zu ſeinen Füßen hingeſunken, ohne eine Bewegung zu machen. Er lauſchte auf ihren Athem; er hörte ihn aber ſo ſchwach, daß er jeden Augenblick erlöſchen zu wollen ſchien. Wie ſollte er ſie erwärmen? wie erwecken? Alles An⸗ dere er au ſtund Gar lean Obl ſch dieſ ſche 33 dere verſchwand aus ſeinen Gedanken. Außer ſich ſtürzte er aus dem Schuppen hervor. Es war durchaus nöthig, daß Coſette, ehe eine Viertel⸗ ſtunde verging, in einem warmen Bette lag! IX. Der Mann mit der Glocke. Er ging gerade auf den Menſchen zu, den er in dem Garten ſah. In die Hand hatte er die Geldrolle genommen, die er in der Taſche getragen. Der Menſch ſenkte den Kopf und ſah ihn nicht kommen, Mit einigen Schritten war Jean Valjean an ſeiner Seite. Jean Valjean redete ihn an, indem er laut rief:„Hun⸗ dert Franes!“ Der Menſch machte einen Satz und erhob die Augen. „Hundert Francs ſind zu gewinnen, nahm Jean Val⸗ jean wieder das Wort, wenn Sie mir für dieſe Nacht ein Obdach bieten!“ Der Mond beſchien in dieſem Augenblicke hell das er⸗ ſchrockene Geſicht Jean Valjeans. „Ei, Sie ſind es, Vater Madeleine?“ ſagte der Mann. Dieſer Name, ſo ausgeſprochen, zu dieſer Stunde, an dieſem unbekannten Orte, durch dieſen unbekannten Men⸗ ſchen, machte, daß Jean Valjean erſchrocken zurückwich. Er war auf Alles gefaßt, nur darauf nicht. Der, welcher ihn angeredet hatte, war ein Greis, durch das Alter Die Elenden. W. 3 l S—— ——— 34 gebeugt und lahm, ungefähr wie ein Bauer gekleidet, und hatte um das linke Knie einen Ledergurt gebunden, von welchem eine ziemlich große Glocke herabhing. Sein Ge⸗ ſicht, das beſchattet war, ließ ſich nicht erkennen. Indeſſen hatte der Menſch die Mütze abgenommen und rief zitternd: „Ach, mein Gott, wie ſind Sie denn nur hierher ge⸗ kommen, Vater Madeleine? Wo kamen Sie herein, Jeſus mein Gott! Sie fielen vom Himmel! Ja freilich, wenn Sie jemals von irgend wo herabfallen, ſo kann es nur von da ſein. Und wie Sie ausſehen! Sie haben keine Halsbinde, keinen Hut, keinen Rock! Herr mein Gott, werden denn die Heiligen jetzt wahnſinnig? Aber wie ſind Sie denn nur hier herein gekommen? Ein Wort wartete nicht auf das andere. Der alte Mann ſprach mit einer ländlichen Zungengeläufigkeit, in der nichts Beunruhigendes lag. Das Ganze zeigte ein Gemiſch des Staunens und der Gutmüthigkeit. „Wer ſind Sie, was iſt das für ein Haus?“ fragte Jean Valjean. „Ei par Dieu, das iſt ſtark!“ rief der Greis;„ich bin Der, den Sie hierher gebracht haben, und dieſes Haus iſt das, in dem Sie mich unterbrachten! Wie! Sie erkennen mich nicht?“ „Nein“, ſagte Jean Valjean.„Und wie kommt es, daß Sie mich kennen?“ „Sie haben mir das Leben gerettet“, ſagte der Mann. Er wendete ſich, ein Strahl des Mondes beſchien ſein Geſicht, und Jean Valjean erkannte den alten Fauchelevent. „Ei“, ſagte Jean Valjean,„ſind Sie es? Ja, jetzt erkenne ich Sie.“ „Das iſt ein Glück!“ entgegnete der Alte mit dem Tone des Vorwurfs. „Und was machen Sie hier?“ fragte Jean Valjean. blic, einer in B welch Stro thüm Sch Pen figte Palj nac kom ſch, gof dert der Kni nir Wei Fra nc 35 Der alte Fauchelevent hielt in der That in dem Augen⸗ blick, als Jean Valjean ihn anredete, in der Hand das Ende einer Strohmatte, welche er über die Melonenbeete zu breiten im Begriff ſtand. So hatte er ſeit einer Stunde, während welcher er in dem Garten beſchäftigt war, ſchon eine Menge Strohdecken gelegt. Dieſes Geſchäft veranlaßte die eigen⸗ thümlichen Bewegungen, welche Jean Valjean von dem Schuppen aus beobachtet hatte. Er fuhr fort: „Ich ſagte mir: der Mond ſcheint hell, es wird frieren. Wenn ich meinen Melonen ihre Ueberröcke anzöge?“ Dann fügte er mit einem herzlichen Gelächter, und indem er Jean Valjean anſah, hinzu:„Par Pieu, Sie hätten es eben ſo machen ſollen! Aber wie ſind Sie denn nur hierher ge⸗ kommen?“ Jean Valjean, der ſich von dieſem Menſchen gekannt ſah, wenn auch nur unter dem Namen Madeleine, ging mit großer Vorſicht weiter. Er vervielfältigte die Fragen. Son⸗ derbarer Weiſe ſchienen die Rollen vertauſcht zu ſein. Er, der Eindringling fragte: „Und was iſt denn das für eine Glocke, die Sie am Knie tragen? „Das?“ erwiderte Fauchelevent,„das iſt, damit man mir ausweicht.“ „Wie?“ Damit man Ihnen ausweicht?“ Der alte Fauchelevent blinzelte auf eine unbeſchreibliche Weiſe mit dem Auge. „Ei freilich“, ſagte er.„Hier in dem Hauſe ſind nur Frauenzimmer; viele junge Mädchen. Es ſcheint für ſie ge⸗ fährlich zu ſein, wenn ſie mir begegneten. Die Glocke be⸗ nachrichtigt ſie; wenn ich komme, gehen ſie.“ „Was iſt denn das für ein Haus?“ „Ei, Sie wiſſen es ja wohl?“ „Aber nein, ich weiß es nicht.“ 3* 36 „Da Sie mich aber als Gärtner hier unterbrachten!“ „Antworten Sie mir, als ob ich nichts wüßte.“ „Nun wohl, es iſt das Kloſter Petit⸗Picpus.“ Die Erinnerungen kehrten bei Jean Valjean zurück. Der Zufall, das heißt die Vorſehung, hatte ihn in eben jenes Kloſter des Viertels St. Antoine geworfen, in wel⸗ chem der alte Fauchelevent, verkrüppelt durch den Sturz ſeines Karrens, auf ſeine Empfehlung vor zwei Jahren auf⸗ genommen worden war. Er wiederholte, wie wenn er zu ſich ſelbſt ſpräche:„das Kloſter Petit⸗Picpus!“ „Nun ja, freilich“, entgegnete Fauchelevent.„Aber wie, zum Teufel, ſind Sie denn hier herein gekommen, Vater Madeleine? Mögen Sie auch immerhin ein Heiliger ſein, ſo ſind Sie doch ein Mann, und Männer dürfen nicht hier ſein!“ „Sie ſind doch auch hier?“ „Ja, aber nur ich.“ „Indeß“, entgegnete Jean Valjean,„muß ich hier bleiben.“ „Ach mein Gott!“ rief Fauchelevent. Jean Valjean näherte ſich dem Greiſe und ſagte mit feierlicher Stimme: „Vater Fauchelevent, ich habe Ihnen das Leben ge⸗ rettet!“ „Ich habe mich zuerſt daran erinnert“, entgegnete Fauchelevent. „Nun gut, Sie können jetzt für mich thun, was ich damals für Sie that.“ Fauchelevent nahm in ſeine alten runzligen und zittern⸗ den Hände die beiden kräftigen Hände Jean Valjean's und es ſchien einige Secunden, als vermöchte er nicht zu ſprechen. Endlich rief er gerührt aus: „Ach, das wäre ein Segen des guten Gottes, wenn ich Ihren Herr Greiſ ſeinen eine Rui ſiht Ruit konn bon Ve bei gel ha 37 Ihnen das vergelten könnte! Ich Ihnen das Leben retten, Herr Maire, verfügen Sie über mich alten Mann! Bewunderungswerthe Freude ſchien das Geſicht des Greiſes zu erleuchten, ein Strahl des Lichts entſtrömte ſeinem Geſichte. „Was wollen Sie, daß ich thun ſoll?“ fuhr er fort. „Ich werde Ihnen das ſpäter erklären. Sie haben eine Stube?“ „Ich habe eine abgelegene Baracke dort hinter den Ruinen des alten Kloſters, in einer Ecke, die Niemand ſieht. Darin ſind drei Stübchen. Die Baracke war in der That ſo ganz hinter der Ruine verborgen und ſo gelegen, daß Niemand ſie ſehen konnte, und auch Jean Valjean ſie nicht bemerkt hatte. „Gut,“ ſagte Jean Valjean;„jetzt verlange ich zweierlei von Ihnen.“ „Und was iſt das, Herr Maire?“ „Zuerſt, daß Sie keinem Menſchen ſagen, was Sie von mir wiſſen; zweitens, daß Sie nicht verſuchen, mehr zu erfahren.“ „Wie Sie wollen. Ich weiß, daß Sie nichts thun können, was nicht rechtſchaffen iſt, und daß Sie ſtets ein Mann nach dem Willen Gottes waren. Und dann waren Sie es ja auch, der mich hierher brachte. Das iſt Ihre Sache. Ich gehöre ganz Ihnen.“ „Abgemacht alſo. Nun kommen Sie mit mir. Wir holen ein Kind.“ „Ha!“ ſagte Fauchelevent.„Es iſt ein Kind hier.“ Er fügte kein Wort weiter hinzu und folgte Jean Valjean, wie ein Hund ſeinem Herrn folgt. Weniger als eine halbe Stunde darauf ſchlief Coſette, bei der Wärme eines guten Feuers wieder roſig und friſch geworden, in dem Bette des alten Gärtners. Jean Valjean hatte ſeine Halsbinde wieder umgebunden und ſeinen Ueberrock — 38 angezogen; der über die Mauer geworfene Hut war ge⸗ funden und mitgenommen worden; während Jean Valjean ſeinen Ueberrock anzog, hatte Fauchelevent ſein Knieband mit der Glocke abgelegt, und es ſchmückte jetzt neben einem Tragkorb hängend die Wand. Die beiden Männer wärmten ſich, geſtützt auf einen Tiſch, auf welchen Fauchelevent ein Stück Käſe, etwas Brod, eine Flaſche Wein und zwei Gläſer geſtellt hatte, und der Alte ſagte zu Jean Valjean, indem er ihm die Hand auf das Knie legte: „Ach, Vater Madeleine, Sie haben mich nicht ſogleich erkannt? Sie retten den Menſchen das Leben und ver⸗ geſſen Sie dann? O, das iſt nicht recht! Sie erinnern ſich Ihrer! Sie ſind ein Undankbarer!“ Warum Javert das Neſt leer gefunden hatte. Die Erxeigniſſe, von denen wir, ſo zu ſagen, die Rück⸗ ſeite ſahen, hatten unter den einfachſten Umſtänden ſtatt gefunden. Als Jean Valjean in der Nacht eben des Tages, an welchem Javert ihn an dem Sterbebette Fantinens verhaftete, aus dem Stadtgefängniſſe von M. am M. entſprang, vermuthete die Polizei ſogleich, daß der flüchtige Galeeren⸗ ſträfling nach Paris gegangen ſei. Paris iſt ein Maélſtrom, in welchem Alles verſchwindet und ſich verliert, wie der Strot ſo ſi wiſſe einen Die was Erw vufe der Eif vun dem übr Anſ Po llin 39 Strom im Meere. Kein Wald verbirgt einen Menſchen ſo ſicher, wie dieſer Wirbel. Die Flüchtlinge aller Art wiſſen das ſehr wohl. Sie gehen nach Paris wie nach einem Strudel; aber es giebt auch Strudel, welche retten. Die Polizei weiß dies ebenfalls, und in Paris ſucht ſie, was ſie anderwärts verloren hat. Sie ſuchte hier auch den Exmaire von M. am M. Javert wurde nach Paris be⸗ rufen, um die Nachforſchungen zu leiten. Javert trug in der That viel dazu bei, Jean Valjean zu ergreifen. Der Eifer und der Scharfſinn Javert's bei dieſer Gelegenheit wurden von Herrn Chabouillet, dem Präfecturſecretair, unter dem Grafen Angles, bemerkt. Herr Chabouillet, welcher übrigens Javert ſchon früher beſchützt hatte, bewirkte die Anſtellung des Inſpectors von M. am M. bei der Pariſer Polizei. Hier machte Javert ſich auf verſchiedene Weiſe, und ſo auffallend dies auch bei ſolchen Dienſten klingen mag, auf ehrenhafte Weiſe nützlich. Er dachte nicht mehr an Jean Valjean,— dieſe Hunde, die fortwährend auf der Wolfsjagd ſind, vergeſſen über dem Wolfe von heute den von geſtern— als er, der nie eine Zeitung zu leſen pflegte, im December 1823 eine las. Aber Javert, der durchaus monarchiſch geſinnt war, hatte die nähern Umſtände von dem Triumpheinzuge des Prinzen⸗Generaliſſimus“ in Bahonne kennen zu lernen ewünſcht. Als er mit dem Artikel, der ihn intereſſirte, zu Ende war, erweckte der Name Jean Valjean, den er an unteren Ende der Seite las, ſeine Aufmerkſamkeit. Die Zetung meldete, daß der Sträfling Jean Valjean geſtorben ſei, und that dies auf eine ſo officielle Weiſe, daß Javert nicht daran zweifelte. Er begnügte ſich, zu ſagen: Das iſt ene gute Kunde. Dann warf er die Zeitung fort und uchte nicht mehr daran. Enige Zeit darauf wurde durch die Präfectur der Seine nd Oiſe der Polizeipräfectur von Paris die Anzeige . ———— — —— 40 eines Kinderraubes gemacht, der, wie man ſagte, unter ganz beſonderen Umſtänden in der Gemeinde Montfermeil vollbracht worden war. Ein kleines Mädchen von ſieben bis acht Jahren, ſagte die Meldung, das durch ſeine Mutter einem Gaſtwirth des Ortes anvertraut geweſen war, wurde durch einen Unbekannten geraubt; die Kleine hatte den Namen Coſette und war das Kind eines Mädchens, Na⸗ mens Fantine, irgendwo in einem Hoſpital geſtorben, man wußte nicht, wann und wo. Dieſe Meldung kam Javert zu Geſicht und machte ihn nachdenkend. Der Name Fantine war ihm wohl bekannt. Er er⸗ innerte ſich, daß Jean Valjean ihn zu einem lauten Ge⸗ lächter gebracht hatte, als er von ihm eine Friſt von drei Tagen forderte, um das Kind dieſes Geſchöpfes holen zu können. Er erinnerte ſich, daß Jean Valjean in Paris in eben dem Augenblick arretirt wurde, in welchem er in den Perſonenwagen nach Montfermeil ſteigen wollte. Einige Andeutungen ließen ſelbſt damals vermuthen, daß er dieſen Wagen zum zweiten Male benutzte, und ſchon am Tage zuvor eine Ausflucht in die Umgegend jenes Dorfes ge⸗ macht hatte, denn in dem Dorfe ſelbſt war er nicht geſehen worden. Was machte er in der Gegend von Montfer⸗ meil? Man hatte es errathen können. Javert begriff es jetzt. Die Tochter Fantinen's befand ſich dort. Jean Val⸗ jean wollte ſie holen. Dies Kind war nun aber jetzt durch einen Unbekannten geraubt worden. Wer konnte dieſer Un bekannte ſein? Etwa Jean Valjean? Aber Jean Valjem war ja todt! Ohne irgend Jemand ein Wort zu ſagen, fuhr Japert nach Montfermeil. Er erwartete dort helles Licht zu finden, aber er and nichts als große Dunkelheit. Während der erſten Tage hatten die Thénardirs in ihrem Unwillen geſchwatzt. Das Verſchwinden der Lerche nochte Ausler ginder Alein Lhén ſchnel Staa Klog habe uUnd ju1 mon der der Fra dert Nn liet jwe „G der In mat die machte Aufſehen im Dorfe. Es fanden ſogleich mehrere Auslegungen der Geſchichte ſtatt, welche ſich zuletzt zu einem Kinderraub geſtaltete. Daher die Anzeige der Polizei. Allein nachdem der erſte Unwille vorübergegangen war, hatte Thénardier mit ſeinem bewundernswerthen Inſtincte ſehr ſchnell begriffen, daß es niemals gut ſei, den Herrn Staats⸗Anwalt in Bewegung zu ſetzen, und daß ſeine Klagen über die Entführung Coſettens zuerſt die Wirkung haben würden, die Aufmerkſamkeit auf ihn, Theénardier, und auf viele dunkle Geſchichten das helle Auge der Juſtiz zu lenken. Das Erſte, was die Nachteulen nicht wollen, iſt, daß man Licht auf ſie fallen läßt. Und wie ſollte er ſich wegen der fünfzehnhundert Francs, die er empfangen hatte, aus der Verlegenheit ziehen? Er wendete kurz um, ſteckte ſeiner Frau einen Knebel in den Mund, und ſpielte den Verwun⸗ derten, wenn man von dem geſtohlenen Kinde ſprach. Er begriff davon nichts; ohne Zweifel hatte er ſich in dem erſten Augenblick darüber beklagt, daß man ihm die liebe Kleine„entführt“; er hätte ſie aus Zärtlichkeit noch zwei oder drei Tage behalten mögen, allein es war ihr „Großvater“ geweſen, der ſie auf die natürlichſte Weiſe von der Welt von ihm abholte. Auf dieſe Geſchichte gerieth Javert, als er nach Montfermeil kam. Der Großvater machte Jean Valjean verſchwinden. Javert ſenkte indeß einige Fragen gleich einer Sonde in die Geſchichte Thénardier's. „Wer war dieſer Großvater, und wie hieß er.“ Thénardier antwortete ganz einfach: „Er iſt ein reicher Landmann. Ich ſah ſeinen Paß. Ich glaube, er heißt Herr Wilhelm Lambert.“ Lambert iſt ein unverdächtiger und beruhigender Name. Javert kehrte nach Paris zurück. — ———— 42 „Jean Valjean iſt ganz gewiß todt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und ich bin ein Dummkopf.“ Er fing wieder an dieſe ganze Geſchichte zu vergeſſen, als er im Laufe des März 1824 von einem ſonderbaren Menſchen ſprechen hörte, der im Kirchſpiel St. Medard wohnte, und dem man den Beinamen„der Bettler, der Almoſen giebt“, beigelegt. Dieſer Menſch war, wie man ſagte, ein Rentier, deſſen Namen Niemand genau kannte, und der allein mit einem kleinen Mädchen von acht Jahren lebte, welche nichts von ſich ſelbſt wußte, ausgenommen daß ſie von Montfermeil kam. Montfermeil! Dieſer Name kehrte ſtets zurück und machte, daß Javert die Ohren ſpitzte. Ein alter Bettler, ein Polizeiſpion und ehemaliger Küſter⸗ gehülfe, dem der geheimnißvolle Menſch Almoſen gab, fügte noch einige nähere Umſtände hinzu.— Jener Rentier war ein ſcheuer Menſch— ging nie anders als am Abend aus— ſprach mit Niemand— ausgenommen zuweilen mit den Armen— ließ Niemand ſich nahe kommen. Er trug einen abſcheulichen alten gelben Ueberrock, der mehrere Millionen werth war, da er ganz mit Banknoten gefüttert ſein ſollte. Das Alles reizte ganz entſchieden die Neugier Javert's. Um dieſen phantaſtiſchen Rentier ganz in der Nähe zu ſehen, ohne ihn zu erſchrecken, borgte er eines Tages von dem Küſter ſeine Lumpen und den Platz, an welchem der alte Polizeiſpion ſich jeden Abend hinkauerte um ſeine Ge⸗ bete zu plärren und zwiſchen den Gebeten hindurch zu ſpioniren. Das„verdächtige Individuum“ trat in der That zu dem ſehr verwandelten Javert und gab ihm ein Almoſen. In dieſem Augenblick erhob Javert den Kopf, und den Stoß, den Jean Valjean empfand, indem er Javert zu er⸗ kennen glaubte, empfing auch Javert, indem er Jean Val⸗ jean zu erkennen meinte. Tod Zweif hafte und Die ausg Tau Job ein. eho Allei durc erd Ale ließ dov eilt als ner nac nen hei die dan ſir 43 Indeß hatte die Dunkelheit ihn täuſchen können; der Tod Jean Valjean's war officiell verkündet; Javert blieben Zweifel und in dieſen Zweifeln wagte Javert, der gewiſſen⸗ hafte Menſch, Niemand zu packen. Er folgte ſeinem Mann bis nach der Baracke Gorbeau und brachte die Alte zum Schwatzen, was nicht ſchwer war. Die Alte beſtätigte ihm die Thatſache des mit Millionen ausgefütterten Ueberrocks und erzählte ihm den Fall mit der Tauſendfrancsnote. Sie hatte geſehen! Sie hatte berührt! Javert miethete eine Stube; an demſelben Abend zog er ein. Er hatte an der Thür des geheimnißvollen Miethers gehorcht, indem er den Ton ſeiner Stimme zu hören hoffte. Allein Jean Valjean bemerkte den Schein ſeines Lichtes durch das Schlüſſelloch und machte den Spion irre, indem er das Schweigen bewahrte. Am nächſten Tage verließ Jean Valjean die Wohnung. Allein das Geräuſch des Fünffrancsſtückes, welches er fallen ließ, wurde von der Alten bemerkt, die dabei auf den Ge⸗ danken kam, ihr Miethsmann wolle ausziehen, und ſich be⸗ eilte, Javert zu benachrichtigen. Mit Anbruch der Nacht, als Jean Valjean fortging, lauerte Javert hinter den Bäu⸗ men des Boulevards mit zwei Gehülfen auf ihn. Javert hatte auf der Polizeipräfectur um Unterſtützung nachgeſucht, ohne eben den Namen des Individuums zu nennen, das er feſtzunehmen hoffte. Das war ſein Ge heimniß; er bewahrte es aus dreierlei Urſachen: zunächſt weil die geringſte Schwatzhaftigkeit Jean Valjean warnen konnte; dann, weil die Feſtnehmung eines alten enſprungenen und für todt gehaltenen Galeerenzüchtlings, eines Verurtheilten, den die Berichte der Juſtiz als einen der gefährlichſten Verbrecher bezeichneten, ein herrlicher Fang war, den die älteren Beamten der Pariſer Polizei gewiß nicht einem Neu⸗ ling, wie Javert, überlaſſen haben würden, weshalb dieſer fürchtete, man würde ihn ſeinen Galeerenſträfling fortnehmen; —— —— endlich, weil Javert, der ein Künſtler war, Geſchmack an dem Unerwarteten fand. Er haßte jene vorausverkündeten Erfolge, denen man einen Glanz verleiht, indem man lange zuvor davon ſpricht. Er hielt darauf, ſeine Meiſterwerke im Verborgenen auszuarbeiten und ſie dann plötzlich zu ent⸗ hüllen. Javert war Jean Valjean von Baum zu Baum, dann von Straßenecke zu Straßenecke gefolgt und hatte ihn nicht einen einzigen Augenblick aus dem Geſicht verloren, ſelbſt da nicht, wo Jean Valjean ſich am ſicherſten hielt. Stets ruhete das Auge Javerts auf ihm. Weshalb verhaftete er Jean Valjean nicht? Weil er noch immer zweifelte. Man muß ſich erinnern, daß die Polizei ſich um jene Zeit nicht ganz behaglich fühlte; die freie Preſſe beläſtigte ſie. Einige willkürliche Verhaftungen, welche durch die Zeitungen beſprochen wurden, tönten bis in die Kammern und machten die Polizeipräfectur ſchüchtern, die perſönliche Freiheit zu verletzen. Die Polizeiagenten fürchteten ſich zu täuſchen; der Präfect hielt ſich an ſie; ein Irrthum kam der Dienſtentſetzung gleich. Man denke ſich nur die Wir⸗ tung, welche in Paris die kurze durch zwanzig Zeitungen wiederholte Nachricht hervorgebracht haben würde:„Geſtern wurde ein alter Großvater mit weißem Haar, ein achtungs⸗ voller Rentier, der mit ſeiner achtjährigen Enkelin ſpazieren ging, verhaftet und als entſprungener Galeerenſträfling nach dem Depot der Präfectur gebracht. Wiederholen wir außerdem noch, daß Javert ſeine eigenen Scrupel hatte; die Ermahnungen ſeines Gewiſſens vereinigten ſich mit den Ermahnungen des Präfecten; er zweifelte wirklich. Jean Valjean wendete ihm den Rücken zu und ging im Dunkeln. Die Traurigkeit, die Beſorgniß, die Aengſtlichkeit, die Niedergeſchlagenheit, das Unglück, gezwungen zu ſein, wäh⸗ und Poris Notht richte Ran ſolch 6 aus zu me bate ſteig er ()— 45 rend der Nacht zu entfliehen und vom Zufall geleitet, in Paris ein Aſyl für Coſette und ſich ſelbſt zu finden, die Nothwendigkeit, ſeine Schritte nach denen des Kindes zu richten, das Alles hatte, ihm ſelbſt unbewußt, das Weſen Jean Valjeans verändert und ſeiner Körperhaltung eine ſolche Gedrücktheit verliehen, daß die Polizei ſelbſt, welche in Javert verkörpert war, ſich in ihm täuſchen konnte und auch wirklich täuſchte. Die Unmöglichkeit, ganz nahe heran zu kommen, die Kleidung eines alten emigrirten Schul meiſters, die Erklärung Thénardiers, die ihn zum Groß⸗ vater machte, endlich der Glaube an ſeinen Tod im Bagno ſteigerten noch mehr die Ungewißheit Javerts. Er dachte einen Augenblick daran, ihn barſch nach ſei⸗ nen Papieren zu fragen. Aber wenn dieſer Menſch nicht Jean Valjean, nicht ein rechtſchaffner alter Rentier war, ſo mußte er höchſt wahrſcheinlich ein Schelm ſein, der in viele Miſſethaten Paris' verwickelt war, irgend ein gefähr licher Bandenführer, der Almoſen gab, um ſeine alten Ta⸗ lente zu verhehlen. Er hatte dann gewiß Gehülfen, Mit⸗ ſchuldige, vorbereitete Verſtecke, in die er ſich ohne Zweifel flüchtete! Alle die Umwege, die er in den Straßen machte, ſchienen anzudeuten, daß er nicht ein einfacher, ehrlicher Menſch ſei. Ihn zu verhaften, hieße das Huhn mit den goldenen Eiern tödten.— Wo lag der Uebelſtand, zu warten? Javert war gewiß, daß er ihm nicht entrinnen konnte. Er verfolgte daher ziemlich verwirrt ſeinen Weg, indem er ſich hundert Fragen über dieſe räthſelhafte Perſon vor legte.— Erſt ziemlich ſpät in der Rue de Pontviſe erkannte er bei dem hellen Lichtſcheine, der aus einem Cabaret auf die Straße fiel, ganz entſchieden Jean Valjean. Es giebt auf dieſer Welt zwei Weſen, die tief erbeben: —— —— 46 die Mutter, welche ihr Kind, der Tiger, welcher ſeine Beute wieder findet. Javert hatte dieſes Erbeben. Sobald er Jean Valjean, dieſen gefährlichen Menſchen, mit Beſtimmtheit erkannte, bemerkte er, daß ſie nur ihrer Drei waren und ließ den Polizeicommiſſar der Rue Pon⸗ toiſe um Verſtärkung bitten. Ehe man einen Dornenſtock angreift, zieht man Handſchuhe an. Dieſe Zögerung und der Halt an dem Kreuzwege, um ſich mit ſeinem Gehülfen zu berathen, hätten ihn beinahe die Fährte verlieren laſſen. Indeß errieth er ſehr bald, daß Jean Valjean den Fluß zwiſchen ſeine Jäger und ſich bringen wollte. Er ſenkte den Kopf und überlegte wie ein Spürhund, der mit der Naſe am Boden ſchnüffelt, um der Fährte gewiß zu ſein. Mit ſeiner gewaltigen Richtigkeit des Inſtinctes ging Javert gerade nach der Auſterlitzbrücke. Ein Wort an den Einnehmer gab ihm Gewißheit. „Haben Sie einen Mann mit einem kleinen Mädchen geſehen?“ „Ich ließ ihn zwei Sous bezahlen,“ entgegnete der Einnehmer. Javert kam früh genug auf die Brücke, um auf der andern Seite des Waſſers Jean Valjean mit Coſette an der Hand den durch den Mond beſchienenen freien Raum überſchreiten zu ſehen. Er ſah ihn in die Rue du Chemin⸗ Vert⸗St.⸗Antvine einbiegen, dachte an die Sackgaſſe Gen⸗ rot, die da wie eine Fuchsfalle hingelegt war und an den einzigen Ausgang der Rue Droit Mur nach der Rue Piec⸗ pus. Haſtig ſchickte er einen ſeiner Agenten auf einem Umwege ab, dieſen Ausweg zu beſetzen. Eine Patrouille, welche zu dem Poſten des Arſenals zurückkehrte, begegnete ihn und er forderte ſie auf, ihm zu folgen. Bei dergleichen Unternehmungen ſind die Soldaten die Trümpfe im Karten⸗ ſpiel. Uebrigens iſt es ein Grundſatz, daß man, um mit einem und v woffe wiſch und Tabe und her Vun nigl halte ſchln Flie Wele Netz ſein. 47 einem Eber zu Ende zu kommen, ein geſchickter Jäger ſein und viele Hunde haben muß. Nachdem Javert dieſe verſchiedenen Anordnungen ge⸗ troffen hatte und überzeugt war, daß Jean Valjean ſo zwiſchen der Sackgaſſe Genrot rechts, ſeinem Agenten links und ihm ſelbſt hinter ſich gefangen ſei, nahm er eine Prieſe Tabak. Dann fing er an zu ſpielen. Er hatte einen köſtlichen und höllniſchen Augenblick. Er ließ ſeinen Mann vor ſich hergehen, überzeugt, daß er ihn hielt, allein erfüllt von dem Wunſche, den Augenblick ſeiner Verhaftung ſo viel als möglich zu verzögern; glücklich in dem Gefühle, ihn zu halten und doch frei zu ſehen und ihn mit dem Blicke ver⸗ ſchlingend, ähnlich der Wolluſt der Spinne, welche die Fliege flattern, und der Katze, welche die Maus laufen läßt. Welches Entzücken liegt in einem ſolchen Laufen! Javert genoß dies Entzücken. Die Maſchen ſeines Netzes waren ſicher befeſtigt. Er konnte des Erfolges gewiß ſein; er brauchte jetzt nur noch die Hand zu ſchließen. Bei der Begleitung, die er hatte, wurde ſelbſt der Gedanke an Widerſtand unmöglich; ſo entſchloſſen, ſo kräf⸗ tig, ſo verzweifelt Jean Valjean auch ſein mochte. Javert ſchritt langſam vorwärts und durchſuchte auf ſeinem Wege alle Ecken und Winkel der Straße, wie die Taſchen eines Diebes. Als er in den Mittelpunkt des Spinnengewebes gelangte, fand er die Fliege nicht mehr. Man denke ſich ſeine Verzweiflung. Er befragte ſeine Vedette der Rue Droit Mur und der Rue Picpus; dieſer Agent, der ruhig auf ſeinem Poſten geblieben war, hatte den Menſchen nicht vorüber⸗ kommen ſehen. Javert hätte einen lauten Schrei ausſtoßen mögen. 48 Seine Täuſchung war einen Augenblick aus Ver⸗ zweiflung und Wuth zuſammengeſetzt. Es läßt ſich nicht beſtreiten, daß, wie mancher große Feldherr, auch Javert Fehler in dieſem Feldzuge gegen Jean Valjean begangen hatte. Er hatte vielleicht Unrecht gehabt, in der Erkennung des ehemaligen Galeerenſträflings zu zögern. Der erſte Blick hätte ihn genügen ſollen. Er hatte Unrecht gehabt, ihn nicht ganz einfach in der Baracke Gorbeau zu verhaften; er hatte Unrecht gehabt, ihn nicht feſtzunehmen, als er ihm in der Rue Pontoiſe ganz ent⸗ ſchieden erkannte; er hatte Unrecht gehabt, ſich mit ſeinem Gehülfen im hellen Mondſchein am Kreuzwege zu berathen. Allerdings war es nützlich, die Hunde, welche das meiſte Vertrauen verdienen, zu kennen und zu Rathe zu ziehen. Allein der Jäger kann nicht zu viel Vorſicht üben, wenn er ängſtliche Thiere jagt, wie den Wolf und den Galeeren⸗ ſträfling. Indem Javert ſich zu ſehr damit beſchäftigte, die Spürhunde der Meute auf die Fährte zu bringen, be⸗ unruhigte er das Thier, indem er ihm Wind gab und es aufſtörte. Er hatte beſonders Unrecht gehabt, nachdem er die Fährte auf der Auſterlitzbrücke wieder gefunden, das furchtbare und kindiſche Spiel zu ſpielen, einen ſolchen Menſchen am Ende des Fadens zappeln zu laſſen. Er hielt ſich für ſtärker als er war. Er glaubte mit einem Löwen ſpielen zu können, wie mit einer Maus. Zugleich hielt er ſich für zu ſchwach, als er es nöthig fand, Ver⸗ ſtärkung an ſich zu ziehen. Das war eine verhängnißvolle Vorſicht, der Verluſt einer koſtbaren Zeit. Javert beging alle dieſe Fehler und war dennoch einer der vortrefflichſten und tüchtigſten Spione, die es jemals gab. Allein welcher Menſch wäre jemals vollkommen? Wie dem auch ſein mag, in dem Augenblick, als Ja⸗ vert bemerkte, daß Jean Valjean ihm entſchlüpft war, ver⸗ lor er den Kopf nicht. Ueberzeugt, daß der bannbrüchige Zichtl ſtelle das 6 was mit d das i geger liege gren war ere vire berlo Feld Beol ſchüt fung — oße gen cht Er e icht 49 Züchtling nicht weit entfernt ſein könnte, legte er Schlingen, ſtellte er Wandfallen und Hinterhalte auf und durchſuchte das Stadtviertel die ganze Nacht hindurch. Das erſte, was er entdeckte, war die Zerſtörung der Straßenlaterne mit dem abgeſchnittenen Strick. Ein tröſtliches Merkmal, das ihn indeß irre führte, indem er alle ſeine Nachſuchungen gegen die Sackgaſſe Genrot leitete. In dieſer Sackgaſſe liegen Mauern, die ziemlich niedrig ſind, und Gärten be⸗ grenzen dieſelbe, welche bebaute Felder berühren. Offenbar war Jean Valjean hier entflohen. Gewiß iſt, daß wenn er etwas weiter in die Sackgaſſe Genrot hineingegangen wäre, er dies höchſt wahrſcheinlich gethan hätte und dann verloren war. Javert durchſuchte dieſe Gärten und dieſe Felder, als ob er eine Stecknadel zu finden wünſchte. Mit Tagesanbruch ließ er zwei zuverläſſige Leute als Beobachter zurück und ging nach der Polizeipräfectur, be⸗ ſchämt wie ein Polizeimann, der einen Dieb nicht ge⸗ fangen hat. Die Elenden. 1V. — Coſette. Sechstes Buch. Blein Pirpus. 4* 4. Die kleine Picpus⸗Straße Nr. 62. Vor einem halben Jahrhundert glich nichts mehr dem erſten beſten Thorwege, als das Thor Nr. 62 in der kleinen Picpus⸗Straße. Dieſes für gewöhnlich auf die einladendſte Weiſe halb geöffnete Thor ließ zwei Dinge ſehen, die nichts Finſteres hatten, einen Hof, deſſen Mauern mit Reben be⸗ deckt waren, und das Geſicht eines müßigen Thürhüters. Jenſeit der Mauer im Hintergrunde bemerkte man große Bäume. Wenn ein Sonnenſtrahl den Hof beſchien, wenn ein Glas Wein den Portier erheiterte, war es ſchwer, vor Nr. 62 der kleinen Picpus⸗Straße vorüberzugehen, ohne einen lachenden Gedanken mit ſich hinwegzunehmen. Dennoch hatte man hier einen ſehr trüben Ort erblickt. Nur die Schwelle lächelte; das Haus ſelbſt betete und weinte. Gelangte man, was eben nicht leicht war, vor dem Portier vorüber— und dies war ſogar beinahe unmöglich, denn es gab ein: Seſam, öffne dich! das man kennen mußte— wenn man alſo an dem Portier vorüberging und rechts in eine kleine Vorhalle trat, in welche zwiſchen zwei 54 Mauern eingeklemmt eine Treppe führte, ſo ſchmal, daß nur eine Perſon auf einmal hinauf gehen konnte, wenn man es wagte, dieſe Treppe hinaufzuſteigen, und zu einem Abſatz kam, dann zu einem zweiten, und ſo bis zu dem erſten Stockwerk, ſo gelangte man in einen Gang, der ebenſo wie das Vorhaus und die Treppe mit greller gelber Farbe an⸗ geſtrichen war. Treppe und Gang wurden durch zwei ſchöne Fenſter erleuchtet. Der Gang machte eine Ecke und wurde dann finſter. Bog man um dieſe Ecke, ſo gelangte man nach einigen Schritten zu einer Thür, um ſo geheimnißvoller, da ſie nicht geſchloſſen war. Man ſtieß ſie auf und befand ſich in einem kleinen Gemach von ungefähr ſechs Fuß im Quadrat, friſch geſcheuert, reinlich, kalt, beklebt mit einer gelben Tapete mit grünen Blümchen. Mattes Tageslicht drang zu einem großen Fenſter mit kleinen Scheiben herein, welches links lag und die ganze Breite des Gemachs einnahm. Man blickte um⸗ her, doch man ſah Niemand; man lauſchte und vernahm weder den Schritt, noch das Murmeln einer menſchlichen Stimme. Die Wand war nackt; das Zimmer unmöblirt; kein Stuhl darin. Man blickte ſich nochmals um und bemerkte auf der gegenüberliegenden Mauer ein viereckiges Loch von ungefähr einem Fuß im Quadrat, mit einem Gitter von Eiſenſtäben, die ſich kreuzten, ſchwarz, gewunden, feſt, und Maſchen bil⸗ deten, die ungefähr einen und einen halben Zoll im Durch⸗ meſſer hatten. Angenommen, irgend ein lebendes Weſen wäre ſo bewunderungswürdig mager geweſen, um es zu verſuchen, durch dieſes viereckige Loch zu kriechen, ſo würde das Gitter es verhindert haben. Der Körper konnte nicht hindurch, doch die Augen, das heißt der Geiſt. Daran ſchien man gedacht zu haben, denn man hatte es mit einem weißen Eiſenblech verſchloſſen, das in die Mauer eingelaſſen und mit tauſend kleinen Löchern durchbohrt war. Am un⸗ teren ſchritt nerkt. hing 1 man erbeb bein piſſer die V Gral ine die int Gitt befa belet mit wah ſchw hatt welt und kelle drin 55 teren Ende dieſer Blechplatte war eine Oeffnung einge⸗ ſchnitten, der ähnlich, welche man an den Briefkaſten be⸗ merkt. Eine Schnur, die an einer Glocke befeſtigt war, hing rechts von dem vergitterten Loche herab. Zog man an dieſer Schnur, ſo ertönte die Glocke und man hörte ganz nahe neben ſich eine Stimme, über die man erbebte. „Wer iſt da?“ fragte die Stimme. Es war eine weibliche Stimme, ſanft, ſo ſanft, daß ſie beängſtigend klang. Auch hier mußte man, wie unten, ein Zauberwort wiſſen. Kannte man es nicht, ſo ſchwieg die Stimme, und die Mauer wurde wieder ſtumm, als ob die Dunkelheit des Grabes auf der andern Seite weilte. Kannte man das Wort, ſo entgegnete die Stimme: „Treten Sie rechts ein.“ Darauf bemerkte man rechts, dem Fenſter gegenüber, eine Glasthür. Man drückte die Klinke auf, durchſchritt die Thür und hatte ganz daſſelbe Gefühl, wie wenn man in dem Theater in eine vergitterte Loge eintritt, ehe das Gitter gehoben und der Kronleuchter angezündet iſt. Man befand ſich in der That in einer Art Theaterloge, kaum beleuchtet durch das zweifelhafte Licht der Glasthür, eng, mit zwei alten Stühlen und einer alten Strohmatte, eine wahre Loge mit der Brüſtung, welche ein Täfelchen von ſchwarzem Holze trug. Dieſe Loge war vergittert, doch hatte ſie nicht ein Gitter von vergoldetem Holz, wie in der Oper, ſondern ein abſcheuliches Blechwerk von Eiſenſtangen, welche in die Wand mit gewaltigen Knoten eingelaſſen waren, und die wie geballte Fäuſte ausſahen. Wenn nach den erſten Minuten das Auge ſich an das kellerartige Halbdunkel gewöhnt und durch das Gitter zu dringen verſuchte, gelangten ſie nicht weiter, als ſechs Zoll darüber hinaus. Hier trafen ſie auf eine Wand von ſchwarzen 56 ſchmalen Klappen, die durch gelb angeſtrichene Querhölzer mit einander zuſammenhingen und die ganze Länge des Git⸗ ters verdeckten. Dieſe Klappen waren beſtändig geſchloſſen. Nach einigen Augenblicken hörte man eine Stimme hinter dieſen Klappen hervor ſagen: „Ich bin hier. Was wollen Sie von mir?“ Es war eine geliebte, zuweilen eine angebetete Stimme. Man ſah aber Niemand. Man hörte kaum einen Athem⸗ zug. Es ſchien, als rede eine Geiſt aus dem Verſchluß des Grabes herauf. Befand man ſich in beſtimmten vorgeſchriebenen, aber ſeltenen Verhältniſſen, ſo wurde die ſchmale Klappe eines der Borten geöffnet und der Geiſt wurde zu einer Erſcheinung. Hinter dem Gitter, hinter dem Laden bemerkte man, ſoviel das Gitter dies geſtattete, einen Kopf, von dem man nichts ſehen konnte, als den Mund und das Kinn; das ganze übrige Geſicht war mit einem Schleier bedeckt. Man ſah eine Geſtalt, die ſich unter dem ſchwarzen Leichentuche kaum unterſcheiden ließ. Dieſer Kopf ſprach zu uns, doch nie ſah er uns an, nie lächelte er. Indeß drangen die Augen begierig in die ſo entſtandene Oeffnung, in dieſen allen Blicken verſchloſſenen Ort. Ein unbeſtimmtes Etwas umhüllte dieſe in Trauer gekleidete Geſtalt. Die Augen ſuchten die Dunkelheit zu durchdringen und zu erkennen, was die Erſcheinung umgab. Nach kurzer Zeit bemerkte man, daß man nichts ſah, denn das, was man ſah, war die Nacht, die Leere, die Finſterniß, eine Art Grab, eine Art entſetzlichen Friedens, ein Schweigen, bei dem man nichts hörte, nicht einmal einen Seufzer, eine Finſterniß, bei der man nichts unterſchied, nicht einmal Phantome. Das, was man ſah, war das Innere eines Kloſters. Es war das Innere jenes trüben, ſtrengen Hauſes, welches man das Kloſter der Bernhardinerinnen der immer ſich be die m regun ſi, itter rühr Seit Prof erbli noch von und das S in ger zer it⸗ me 57 immerwährenden Anbetung nannte. Die Loge, in der man ſich befand, war das Sprechzimmer. Die erſte Stimme, die man gehört hatte, war die der Pförtnerin, die ſtets regungslos und ſchweigend an der andern Seite der Mauer ſaß, neben der viereckigen Oeffnung, welche durch das Eiſen⸗ gitter und die durchlöcherte Blechplatte geſchloſſen war. Die Dunkelheit, in welcher die vergitterte Loge lag, rührte daher, daß dieſes Sprechzimmer ein Fenſter auf der Seite der Welt hatte, aber keins auf der Seite des Kloſters. Profane Augen durften nichts von dieſem geheiligten Orte erblicken. Dennoch gab es jenſeits jener Finſterniß ein Licht, den⸗ noch gab es in dieſem Tode ein Leben. Obgleich dieſes Kloſter, das am ſtrengſten verſchloſſen von allen war, wollen wir es verſuchen, hinein zu dringen, und den Leſer mit uns hineindringen zu laſſen, und ohne das gehörige Maß zu überſchreiten, Dinge ſagen, welche die Erzähler nie geſehen und folglich auch nie verrathen haben. II. Die Regel des Martin Verga. Dieſes Kloſter, welches 1824 ſchon ſeit langen Jahren in der kleinen Picpus⸗Straße ſich befand, war eine Kloſter⸗ gemeinde der Bernhardinerinnen, nach der Regel des Mar⸗ tin Verga. Wer einigermaßen in den Foliobänden umhergeſucht 58 hat, weiß, daß Martin Verga 1425 eine Gemeinde von Bernhardiner⸗Benedictinerinnen gründete, die zum Hauptort Salamanca und zum Filial Alcala hatte. Dieſe Congregation verzweigte ſich in alle katholiſchen Länder Europa's. Dieſe Pfropfung eines Ordens auf einen andern hat in der lateiniſchen Kirche nichts Ungewöhnliches. Um nur von dem Orden des heiligen Benno zu ſprechen, von welchem hier die Rede iſt, ſo hing dieſer, die Regel des Martin Verga noch ungerechnet, mit vier Congregationen zuſammen, mit zweien in Italien und mit zweien in Frankreich, ſo wie mit neun Orden, Valombroſa, Grammont, den Cöleſtinern, den Kamaldulenſern, den Carthäuſern, den Demüthigen, den Olivatoren, den Shlveſtinern und endlich Citeaux; denn Citeaux, obgleich Stamm anderer Orden, iſt nichts als ein Zweig für den heiligen Benno. Nach der Regel der Carmeliterinnen, welche barfuß gehen, ein Weidengeflecht auf der Kehle tragen und ſich nie ſetzen, iſt die härteſte Regel die der Bernhardiner⸗Benedic⸗ tinerinnen Martin Verga's. Sie ſind mit einem ſchwarzen Bruſtſchleier gekleidet, der nach der ausdrücklichen Vor⸗ ſchrift des heiligen Benno bis zum Kinn reicht. Ein Wollen⸗ gewand mit weiten Aermeln, ein großer wollener Schleier, der erwähnte Bruſtſchleier, die Binde, welche bis über die Angen herabfällt, das iſt ihr Gewand. Alles iſt ſchwarz, ausgenommen die Binde, welche weiß iſt. Die Novizen tragen dieſelbe Kleidung ganz weiß. Die Ordensſchweſtern haben außerdem einen Roſenkranz am Gütrtel. Die Bernhardiner⸗Benedictinerinnen der Regel Martin Verga's eſſen das ganze Jahr hindurch Faſtenſpeiſen, bleiben während der Faſtenzeit und vieler andern Tage, die ihnen beſonders heilig ſind, nüchtern, ſtehen während ihres erſten Schlafes zwiſchen ein und drei Uhr Morgens auf, um das Breviarium zu beten und die Frühmette zu ſingen, ſchlafen bei jed Stroh, ſo ja ſpreche einand vom Oſter Regel Hemt bewir Gebr haben tembe Geho ſind werde mütte eine gew uf ihnen borz iſt, müſſ tet1 das Gär ſtets ihm ver on t en at ur m tin en, ie en nn in ß ie en ſ en en en 6 en 59 bei jeder Jahreszeit zwiſchen wollenen Tüchern auf dem Stroh, nehmen keine Bäder, zünden nie Feuer an, geißeln ſich jeden Freitag, beobachten die Regel des Schweigens, ſprechen nur während der ſehr kurzen Erholungszeit mit⸗ einander und tragen ſechs Monate lang Roßhaarhemden, vom 14. September, als der Aufrichtung des Kreuzes, bis Oſtern. Dieſe ſechs Monate ſind eine Milderung; die Regel ſagt eigentlich das ganze Jahr hindurch; allein dieſes Hemd, welches während der Sommerhitze unerträglich iſt, bewirkte Fieber und Nervenzufälle. Man mußte daher den Gebrauch deſſelben einſchränken. Selbſt bei dieſer Milderung haben die Nonnen noch, wenn ſie das Hemd am 14. Sep⸗ tember anlegen, gewöhnlich drei oder vier Tage lang Fieber. Gehorſam, Armuth, Kenſchheit, beſtändiger Verſchluß, das ſind ihre Gelübde, die durch die Regel noch ſehr geſteigert werden. Die Priorin wird für drei Jahre durch die Stimm⸗ mütter gewählt, die man ſo nennt, weil ſie im Capitel eine Stimme haben. Eine Priorin kann nur zuweilen wieder gewählt werden und iſt die längſtmögliche Zeit derſelben auf neun Jahre feſtgeſetzt. Den amtirenden Prieſter ſehen ſie nie, denn er iſt ihnen durch einen neun Fuß hohen ſchwarzen Vorhang ver⸗ borgen. Bei der Predigt, wenn der Prediger in der Kapelle iſt, laſſen ſie ihren Schleier über das Geſicht herab; ſtets müſſen ſie leiſe ſprechen, die Augen auf den Boden gerich⸗ tet und den Kopf geſenkt halten. Ein einziger Mann darf das Kloſter betreten, der Erzbiſchof der Diöceſe. Nur noch einen andern giebt es, und das iſt der Gärtner; aber dieſer muß jederzeit ein Greis ſein; damit er ſtets allein in dem Garten iſt, und damit die Nonnen von ihm gewarnt werden, trägt er ein Knieband mit einer Glocke. Die Nonnen ſind der Priorin zu unbedingtem Gehorſam verpflichtet. 60 Die Priorinnen und die Mütter haben beinahe nur Namen, die an Augenblicke aus dem Leben Jeſu Chriſti erinnern, wie: die Mutter der Geburt, die Mutter der Empfüngniß, die Mutter der Heimſuchung, die Mutter der Leiden. Indeß ſind auch Namen von Heiligen nicht ver⸗ boten. Sieht man die Nonnen, ſo erblickt man doch nichts als ihren Mund. Alle haben gelbe Zähne, denn nie kam eine Zahnbürſte in das Kloſter. Die Zähne putzen, hieße ſeine Seele verderben. Nie ſagen ſie: mir oder mein. Nichts dürfen ſie eigenthümlich beſitzen. Von allen Dingen ſagen ſie: unſer. So z. B. unſer Schleier, unſer Roſen⸗ kranz, unſer Hemd. Die Zellen zu verſchließen, iſt verboten. Alle leben in offenen Zellen. Die Benedictiner-Bernhardinerinnen Martin Verga's, welche vor fünfzig Jahren ihr Kloſter in der kleinen Picpus⸗ Straße zu Paris hatten, ſangen ihre gottesdienſtlichen Ver⸗ richtungen nach einer ernſten, langſamen Pſalmodie, ſtets mit voller Stimme während der ganzen Dauer des Amtes. Ueberall, wo im Miſſale ein Sternchen ſteht, machen ſie eine Pauſe, und ſagen mit leiſer Stimme: Jeſus, Maria, Joſeph. Für das Todtenamt nehmen ſie einen ſo tiefen Ton an, daß man glauben ſollte, weibliche Stimmen könnten nicht ſo tief kommen. Daraus entſpringt eine ergreifende tragiſche Wirkung. Die Nonnen des kleinen Picpus hatten unter ihrem Hauptaltare ein Grabgewölbe für ihre Gemeinde anlegen laſſen. Die Regierung, wie ſie ſagten, geſtattete nicht, daß in dieſes Grabgewölbe Särge geſtellt wurden. Sie verließen daher, wenn ſie todt waren, das Kloſter. Dies be⸗ trübte ſie und erbitterte ſie wie ein Eingriff in ihre Rechte. Als einen ungenügenden Troſt dagegen hatten ſie die Erlaubniß erlangt, zu einer beſondern Stunde und in einer beſonde werden hört he A die Ve Außer welch ehem Spa ſind betri 6 wiede entſ die die Bei St wa der rat Bi wä ern wei ur iſti der er er⸗ hts m eße ein. gen en⸗ ben s, us⸗ tets 61 beſondern Ecke des alten Kirchhofs Vaugirard begraben zu werden, einem Terrain, welches ehemals der Gemeinde ge⸗ hört hatte. Am Donnerſtag hören dieſe Nonnen die Hochmeſſe, die Veſper und den ganzen Gottesdienſt, wie am Sonntag. Außerdem beobachten ſie gewiſſenhaft alle kleinen Feſte, welche den Weltleuten unbekannt find, in der Kirche aber ehemals in Frankreich ſehr zahlreich waren, und dies in Spanien und Italien noch ſind. Ihre Beſuche der Kapelle ſind endlos. Was die Zahl und die Dauer ihrer Gebete betrifft, ſo können wir davon keinen beſſern Begriff geben, als wenn wir die unbefangene Aeußerung einer derſelben wiederholen: Die Gebete der Poſtulantinnen ſind entſetzlich, die der Novizen noch ſchlimmer und die der Ordensſchweſtern noch wieder ſchlimmer. Einmal in der Woche wird das Capitel verſammelt; die Priorin führt den Vorſitz, die Stimmmütter haben den Beiſitz. Jede Schweſter kniet der Reihe nach auf dem Steine nieder und beichtet mit lauter Stimme in Gegen⸗ wart Aller die Fehler und Sünden, deren ſie ſich im Laufe der Woche ſchuldig gemacht hat. Die Stimmmütter be⸗ rathen ſich nach jeder Beichte, und ſprechen laut die Büßungen aus. Wird eine Nonne in das Sprechzimmer gerufen, und wäre es die Priorin ſelbſt, ſo läßt ſie, wie wir weiter oben erwähnten, ihren Schleier ſo weit herab, daß man nichts weiter ſehen kann als ihren Mund. Die Priorin allein darf mit Fremden verkehren. Die Uebrigen dürfen nur ihre nächſten Angehörigen ſehen, und ſelbſt dieſe ſehr ſelten. Wenn zufällig eine Perſon von außerhalb eine Nonne zu ſehen wünſcht, die ſie in der Welt gekannt oder geliebt hat, ſo iſt eine förmliche Verhandlung erforderlich. Iſt es eine Frau, ſo kann die Erlaubniß zuweilen gewährt 62 werden; die Nonne kommt und ſpricht zwiſchen den Laden hindurch, die ſich nur für eine Mutter oder eine Schweſter öffnen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß den Männern eine ſolche Erlaubniß jederzeit verweigert wird. Dies iſt die Regel des heiligen Benno, geſteigert durch Martin Verga. Dieſe Nonnen ſind nicht heiter, roſig und friſch, wie oft die Mädchen anderer Klöſter. Sie ſind bleich und ernſt. Von 1825 bis 1830 ſind drei von ihnen wahnſinnig geworden. III. Kloſterſtrenge. Poſtulantin bleibt man mindeſtens zwei Jahre, Novize ein Jahr; ſelten wird das entſcheidende Gelübde vor dem dreiundzwanzigſten oder vierundzwanzigſten Jahre abgelegt. Die Bernhardinerinnen, Benedictinerinnen von Martin Verga nehmen keine Wittwen in ihren Orden auf. In ihren Zellen unterwerfen ſie ſich vielen unbekannten Caſteiungen, von denen ſie nicht ſprechen dürfen. An dem Tage, an welchem eine Novize ihr Gelübde ablegt, kleidet man ſie in ihrem ſchönſten Schmuck, putzt ihr Haar mit weißen Roſen, ordnet und ſalbt es, dann wirft ſie ſich nieder, man breitet einen großen ſchwarzen Schleier über ſie und ſingt das Todtenamt. Hierauf gehen die Non⸗ nen in zwei Reihen an ihr vorüber, die eine Reihe ſingt mit die a e d 63 mit kläglicher Stimme: Unſere Schweſter iſt todt! und die andere antwortet mit lauter Stimme: Sie lebt in Jeſus Chriſtus. In der Zeit, in welcher dieſe Geſchichte vorgeht, war ein Penſionat mit dem Kloſter verbunden. Ein Penſivnat von vornehmen, meiſtens reichen jungen Mädchen, unter denen man die Fräulein von Saint⸗Aulaire und von Beéliſſen und eine Engländerin mit dem berühmten katholiſchen Namen Talbot bemerkte. Dieſe jungen Mädchen, welche von den Nonnen innerhalb der vier Mauern des Kloſters erzogen werden, wachſen unter dem Abſcheu der Welt und des Jahr⸗ hunderts heran. Eine derſelben ſagte uns eines Tages: „Das Straßenpflaſter zu ſehen, macht mich vom Kopf bis zu den Füßen erbeben. Die Penſionairinnen waren blau gekleidet, mit einer weißen Mütze und einem vergoldeten oder kupfernen heiligen Geiſt auf der Bruſt. An gewiſſen großen Feſttagen erlaubte man ihnen als eine außerordentliche Gunſt, ſich als Nonne zu kleiden und den ganzen Tag hin⸗ durch die Vorſchriften des heiligen Benedict zu befolgen. Anfangs borgten die Nonnen ihnen ihre ſchwarzen Kleider, doch dies erſchien als Profanirung und die Priorin verbot es. Es wurde dann nur noch den Vorigen geſtattet. Be⸗ merkenswerth iſt, daß dieſe Umkleidungen, welche ohne Zweifel in dem Geiſte des Proſelhtismus geſtattet worden und um den Kindern einen Vorgeſchmack des heiligen Ge⸗ wandes zu geben, für die Penſionairinnen eine wahre Er⸗ götzung waren. Die amüſirten ſich ganz einfach darüber. Es war etwas Neues. Die Penſionairinnen waren bis auf die religiöſen Uebungen den ſtrengen Regeln des Ordens und Uebungen des Kloſters unterworfen. Gleich den Nonnen ſelbſt durften die Penſionairinnen ihre Eltern und Verwandten nur im Sprechzimmer ſehen. Selbſt ihre Mütter erhielten nicht 64 die Erlaubniß, ſie zu umarmen. Hier ein Beiſpiel, wie weit die Strenge in dieſer Beziehung ging. Eines Tages wurde ein junges Mädchen von ihrer Mutter beſucht, welche eine kleine, drei Jahr alte Schweſter begleitete. Das junge Mädchen weinte, denn es hätte gern ſein kleines Schweſterchen umarmt. Unmöglich. Sie bat, man möchte wenigſtens dem Kinde geſtatten, ſeine kleine Hand durch das Gitter zu ſtecken, damit es dieſelbe küſſen könnte. Auch dies wurde verweigert, beinahe mit heftigem Zorn!— IV. Belnſtigungen. Dieſe jungen Mädchen haben nichtsdeſtoweniger das ernſte Haus mit lieblichen Erinnerungen erfüllt. Zu gewiſſen Stunden zeigte ſich die Kindheit in dieſem Kloſter. Die Erholungsglocke ertönte, eine Thür öffnete ſich und ein Strom der Jugend überſchwemmte den Garten, der von einem Kreuze durchſchnitten wurde, wie ein Sarg⸗ tuch. Strahlende Geſichter, weiße Stirnen, heitere Augen, alle Arten der Morgenröthe breiteten ſich aus in den dun⸗ keln Schatten. Plötzlich ertönte der Lärm all' der kleinen Mädchen wie das leiſe Summen der Bienen. Der Bienen⸗ ſtock der Freude war geöffnet, und jede trug ihren Honig ein. Man ſpielte, man rief, man trat in Gruppen zu⸗ ſammen, man lief; die ſchwarzen Schleier überwachten aus der ſtral hatt dure dieſ 6 hi au ſie e 5 36 m te , n, n⸗ len ig u⸗ us 65 der Ferne das Gelächter, allein was that das! Man ſtrahlte vor Freude und lachte. Die finſteren Mauern hatten einen Augenblick der Verblendung. Sie wohnten, durch den Widerſchein von ſo viel Freude milder gefärbt, dieſem Schwärmen bei. Es war, als ob ein Regen von Roſen auf die Trauer herabſank. Die jungen Mädchen ergötzten ſich unter den Augen der Nonnen; der ſtrenge Blick lähmte die Unſchuld nicht, denn dieſen Kindern folgte auf ſo vielen ſtrengen Stunden auch eine heitere. Die Kleinen ſprangen, die Großen tanzten. Nichts konnte ſo lieblich ſein und ſo erhaben zugleich, wie all' dieſe glück⸗ lichen friſchen Seelen. Nirgends wurden vielleicht mehr jener kindlichen Aeuße⸗ rungen gethan, welche ſo anmuthig ſind, und ein ſo hei— teres Lächeln hervorrufen. Zwiſchen dieſen vier finſtern Mauern rief ein fünfiähriges Kind eines Tages:„Mutter! eine Große hat mir ſoeben geſagt, ich brauchte nur noch neun Jahr und zehn Monate hier zu bleiben! Ach welch' ein Glück! An dieſem Orte fand auch das folgende merkwürdige Geſpräch ſtatt: Eine Stimmmutter.„Weshalb weinſt Du, mein Kind?“ Das Kind(ſechs Jahr), laut ſchluchzend:„Ich habe Alix geſagt, ich wüßte meine Geſchichte von Frankreich auswendig. Sie ſagte, ich wüßte ſie nicht und ich weiß ſie doch.“ Alix, die Große(neun Jahr).„Sie weiß ſie nicht.“ Die Mutter.„Weshalb denn nicht, mein Kind.“ Alix.„Sie ſagte, ich ſollte das Buch aufſchlagen und irgend eine Frage, die da ſtände, an ſie richten, ſo würde ſie darauf antworten.“ „Nun.“ „Sie hat nicht geantwortet.“ Die Elenden. W 5 66 „Was haſt Du denn gefragt?“ „Ich ſchlug das Buch an der erſten beſten Stelle auf, wie ſie ſagte, und richtete an ſie die erſte Frage, die ich fand.“ „Und was war das für eine Frage?“ „Dieſe: was geſchah dann?“ An eben dieſem Orte wurde auch von einer Kleinen, einem Findelkinde, welches das Kloſter aus Barmherzigkeit erzog, die folgende herzergreifende Aeußerung gethan. Sie hörte die Andern von ihren Müttern ſprechen und flüſterte trübe in ihrer Ecke: „Ach, meine Mutter war nicht da, wie ich ge⸗ boren wurde!“* Das Refectorium war ein großes, längliches, vier⸗ eckiges Gemach, welches nur wenig durch ein großes Fenſter nach dem Garten hinaus erleuchtet wurde, finſter und feucht, und, wie die Kinder ſagten, voller Thiere. Alle umliegenden Orte lieferten dazu ihr Contingent von Inſekten. Jede der vier Ecken hatte danach in der Sprache der Penſionai⸗ rinnen einen beſonderen und bezeichnenden Namen erhalten. Es gab eine Ecke der Spinnen, eine Ecke der Raupen, eine Ecke der Kellerwürmer, eine Ecke der Heimchen. Die Ecke der Heimchen lag der Küche zunächſt und war ſehr ge⸗ ſchützt. Man fror dort weniger wie anderwärts. Von dem Refectorium waren die Namen auf das Penſionat über⸗ gegangen und wurden hier benutzt, um die Penſionairinnen von einander zu unterſcheiden. Jede derſelben gehörte einer der vier Ecken des Refectorium an, in welcher ſie bei den Mahlzeiten ſaß. Eines Tages machte der Erzbiſchof ſeinen gewöhnlichen Hirtenbeſuch und ſah in der Klaſſe, in welcher er ſich be⸗ fand, ein hübſches kleines Mädchen mit bewundernswürdigem blondem Haar eintreten. Er fragte eine andere Penſionai⸗ rin, eine liebliche Brünette mit friſchen Wangen: frel nuh ver der no m Ei eil ſe zi 67 „Wer iſt denn die da?“ „Eine Spinne.“ „Ei! Und jene Andern dort?“ „Das iſt ein Heimchen.“ „Und die da?“ „Das iſt eine Raupe.“ „Wirklich? Und Du ſelbſt?“ „Ich bin ein Kellerwurm.“ Jedes Haus dieſer Art hat ſeine Eigenthümlichkeiten. Zu Anfang dieſes Jahrhunderts war Ecouen einer jener freundlichen und ſtrengen Orte, an welchem in einer bei⸗ nahe erhabenen Dunkelheit die Kindheit der jungen Mädchen verfloß. In Ecouen unterſchied man bei der Proceſſion der Ausſtellung des Hochwürdigſten die Stellen in derſelben nach den Jungfrauen und den Blumenmädchen. Es gab auf die„Baldachins“ und die„Weihrauchbecken.“ Die Einen trugen die Stangen des Baldachins, die Andern be⸗ räucherten das Allerheiligſte mit Weihrauch. Die Blumen gebührten von Rechtswegen den Blumenmädchen. Vier Jungfrauen eröffneten den Zug. Am Morgen dieſes wichtigen Tages hörte man nicht ſelten in dem großen Schlafſaale die Frage:„wer iſt heute Jungfrau?“ Madame Campan erzählte die folgende Aeußerung, welche eine„Kleine“ von ſieben Jahren gegen eine„Große“ von ſechszehn Jahren machte, die an der Spitze der Prozeſſion ging, während die Kleine unter den letzten derſelben war: „Du biſt Jungfrau, ich bin es nicht.“ 68 F Zerſtrenungen. Ein großes an der Mauer hängendes Krucifix ſchmückte das Betzimmer, deſſen einzige Thür nach dem Garten hinausging. Zwei ſchmale Tiſche und neben jeden derſelben zwei hölzerne Bänke, zogen ſich in paralleler Linie von einem Ende des Betzimmers zum andern. Die Mauern waren weiß, die Tiſche ſchwarz. Die Mahlzeiten waren düſter und ſelbſt die Nahrung der Kleinen ſtreng. Eine einzige Schüſſel, Fleiſch und Gemüſe unter einander ge⸗ miſcht, oder geſalzener Fiſch, darin beſtand der ganze Luxus. Die Kinder aßen ſchweigend unter dem ſtrengen Blicke der Mutter, welche die Woche hatte. Dieſes Schweigen wurde gewürzt durch das Leben der Heiligen, welches am Fuße des Krucifixes auf einem kleinen Betpulte mit lauter Stimme vorgeleſen wurde. Die Vorleſerin war eine große Schülerin, welche die Woche hatte. Von Stunde zu Stunde ſtanden auf dem Tiſche Waſſernäpfe, in denen die Zöglinge ſelbſt ihre Becher und ihre Teller abwuſchen, und in welche ſie zuweilen ein Stück hartes Fleiſch oder verdorbenen Fiſch warfen. Dies wurde jedoch beſtraft. Ein Kind, welches das Schweigen brach, machte ein „Zungenkreuz.“ Wo? am Fußboden. Es leckte den ge⸗ pflaſterten Boden. Der Staub, dieſes Ende aller Freuden, wurde damit beauftragt, die armen kleinen Roſenblätter zu ſtrafen, welche ſich des Flüſterns ſchuldig gemacht hatten. In dem Kloſter gab es ein Buch, welches nur in einem einzigen Exemplar gedruckt und das zu leſen verbo Ein Buch oſt werd Ein wo wel org hat odi hal e vo cte ten ben on ern ren ine ge⸗ nze gen ſes en, ulte var nde nen en, der ein ge⸗ el, zu in ſen 69 verboten war, nämlich die Regel des heiligen Benedict. Ein Arcanum, in welches kein profanes Auge dringen durfte. Den Penſionairinnen gelang es eines Tages, dieſes Buch zu rauben, und ſie laſen es begierig, wobei ſie aber oft durch die Furcht unterbrochen wurden, überraſcht zu werden. Sie gewannen durch dieſe große Gefahr, der ſie ſich ausgeſetzt hatten, nur ein mittelmäßiges Vergnügen. Einige unverſtändliche Seiten über die Sünden der Knaben waren für ſie das„Intereſſanteſte“. Die Penſionairinnen ſpielten in einer Allee des Gartens, welche mit einigen Obſtbäumen beſetzt war. Ungeachtet der ſorgfältigen Ueberwachung und der ſtrengen Strafen gelang es doch zuweilen, wenn der Wind die Bäume geſchüttelt hatte, irgend einen unreifen Apfel, eine verdorbene Aprikoſe oder eine wurmſtichige Birne verſtohlen fortzunehmen. Ich laſſe jetzt einen Brief ſprechen, den ich vor Augen habe und der vor fünfundzwanzig Jahren durch eine der Penſionairinnen geſchrieben wurde, welche jetzt die Herzogin von— und eine der eleganteſten Damen von Paris iſt. Ich führe den Brief buchſtäblich an: „Man verbirgt ſeine Birne oder ſeinen Apfel, wie man kann, geht hinauf, um den Schleier über das Bett zu breiten. Indem man das Abendeſſen erwartet, ſteckt man ſie unter das Kopfkiſſen und Abends ißt man ſie in ſeinem Bett, und wenn das nicht ſein kann, auf dem Abtritt.“ Das war einer der größten Genüſſe. Einſt, zur Zeit, als der Erzbiſchof ſeinen gewöhnlichen Beſuch im Kloſter machen ſollte, wettete eines der jungen Mädchen, Mademoiſelle Bouchard, daß ſie ſich einen Tag Urlaub erbitten würde, etwas Ungeheueres in einer ſo ſtren⸗ gen Gemeinde. Die Wette wurde angenommen, allein Keine von denen, die darauf eingingen, glaubte daran. In dem ent⸗ ſcheidenden Augenblick, als der Erzbiſchof an den Penſio⸗ — 70 nairinnen vorüberging, trat Mademoiſelle Bouchard zum unbeſchreiblichen Entſetzen ihrer Gefährtinnen aus der Reihe hervor und ſagte:„Hochwürdigſter Herr, einen Tag Urlaub.“ Mademoiſelle Bouchard war friſch und groß und hatte das lieblichſte Geſicht. Herr von Queélen ſah ſie lächelnd an und ſagte:„Ei, mein liebes Kind, einen Tag Ur⸗ laub? Drei Tage, wenn Sie wollen, ich gewähre Ihnen drei Tage. Die Priorin vermochte nichts dagegen auszurichten, denn der Erzbiſchof hatte geſprochen. Ein großes Aerger⸗ niß für das Kloſter, aber eine ebenſo große Freude für das Penſionat. Dieſes finſtere Kloſter war indeß gegen die Leiden⸗ ſchaften des auswärtigen Lebens nicht ſo ganz verſchloſſen, daß das Drama und ſelbſt der Roman nicht hätten hinein⸗ dringen können. Um dies zu beweiſen, beſchränken wir uns darauf, hier kurz eine Thatſache anzugeben, die mit unſerer Geſchichte zwar in keinem Zuſammenhange ſteht, die wir indeß erwähnen, um dadurch für den S. die Phyſiognomie des Kloſters zu vervollſtändigen. Um jene Zeit lebte in dem Kloſter eine geheimnißvolle Perſon, die nicht Nonne war, die man mit großer Achtung behandelte und Madame Albertine nannte. Man wußte von ihr nichts weiter, als daß ſie wahnſinnig war und in der Welt für todt galt. Es handelte ſich dabei, wie man ſagte, um Vermögensangelegenheiten, die zu einer großen Heirath erforderlich waren. Dieſe Frau, ungefähr dreißig Jahr alt, nett, ziemlich hübſch, blickte mit großen ſchwarzen Augen vor ſich hin. Sah ſie? Man zweifelte daran. Sie glitt mehr über den Fußboden als ſie ging; ſie ſprach nie; man war nicht feſt überzeugt, daß ſie athmete. Ihre Hand anzufaſſen hieß den Schnee berühren. Sie machte den Eindruck eines Ge⸗ ſpenſtes; wo ſie eintrat, empfand man Froſt. Eines Tages ſigt ſie um ihe b.“ en, et⸗ das en, in⸗ ns rer wir mie olle ug ßte nan ßen ich in. den feſt den e⸗ es 71 ſagte eine Schweſter, als ſie vorüberging, zu der anderen: „ſie gilt für todt, ſie iſt es vielleicht,“ entgegnete die Andere. Man machte von Madame Albertine hundert Erzäh⸗ lungen. Sie war ein Gegenſtand ewiger Neugier für die Penſionairinnen. In der Kapelle gab es eine Tribüne, die man l'oeil de boeuf nannte. Hier wohnte Madame Albertine dem Gottesdienſte bei. Gewöhnlich war ſie hier allein, weil man von dieſem Platze aus den Redner und den Official ſehen konnte, was den Nonnen verboten war. Eines Tages ſtand auf der Kanzel ein junger Prieſter von hohem Range, der Herzog von Rohan, Pair von Frankreich, 1815, als er Prinz von Léon war, Offizier der rothen Musletiere, nach 1830 geſtorben als Cardinal und Erz⸗ biſchof von Beſancon. Der Herzog von Rohan predigte zum erſten Male in dem Kloſter Klein Picpus. Madame Alber⸗ tine wohnte gewöhnlich dem Gottesdienſt mit der vollkom⸗ menſten Ruhe und Regungsloſigkeit bei. An dieſem Tage richtete ſie ſich, ſobald ſie den Herzog von Rohan erblickte, halb in die Höhe und ſagte mit lauter Stimme:„Sie! Auguſt! Die ganze Gemeinde wendete erſchreckt den Kopf, der Prediger erhob die Augen, aber Madame Albertine war ſchon wieder in ihre Regungsloſigkeit zurückgeſunken. Ein Hauch der äußeren Welt, ein Strahl des Lebens war einen Augenblick über dies erloſchene und eiskalte Geſicht hinge⸗ glitten, dann aber war Alles wieder verſchwunden und die Wahnſinnige Leiche geworden. Dieſe Worte machten indeß Alles, was in dem Kloſter ſprechen konnte, ſchwatzend. Wie viele Dinge lagen in dieſem:„Sie! Auguſt!“ Wie viele Offenbarungen! Der Herzog von Rohan hieß in der That Auguſt. Augenſchein⸗ lich gehörte Frau Albertine der höchſten Welt an, weil ſie den Herzog von Rohan kannte, und mußte ſelbſt ſehr hoch⸗ geſtellt ſein, da ſie von einem ſo großen Herrn ſo vertrau⸗ lich ſprach, und mit ihm in irgend einer näheren Verbindung 72 ſtehen, vielleicht der Verwandtſchaft, ſicher aber ſehr nahe, da ſie ſeinen Vornamen wußte. Der Herzog von Rohan war ohne ſein Wiſſen der Gegenſtand der Aufmerkſamkeit für die Penſionairinnen. Er war damals in Erwartung des Erzbisthums zum Großvicar des Erzbiſchofs von Paris ernannt worden. Es gehörte zu ſeinen Gewohnheiten, ziemlich oft bei dem Gottesdienſt in der Kapelle des Klein⸗Picpus-Kloſters zu ſingen. Keine der Penſionairinnen konnte ihn des ſchwarzen Vorhanges wegen ſehen, aber ſeine Stimme war ſanft und etwas ſcharf, und die jungen Mädchen hatten ihn erkennen gelernt. Er war Musketier geweſen und man ſagte, er ſei ſehr gefallſüchtig und putze ſich gern. Er beſchäftigte gänzlich die Einbildungskraft der Sechszehnjährigen. Kein Geräuſch von Außen drang in das Kloſter. Dennoch gelangten vor einem Jahre die Töne einer Flöte hinein. Das war ein Ereigniß und die Penſionairinnen von damals erinnern ſich deſſen noch. Es war eine Flöte, welche Jemand in der Nachbar⸗ ſchaft ſpielte. Es war ſtets dieſelbe Melodie, eine jetzt ſehr fernliegende:„Meine Zétulbé, komm, herrſche über meine Seele, und man hörte dieſe Melodie jeden Tag zwei oder drei Mal ſpielen. Die jungen Mädchen hörten ſtundenlang zu. Die Stimm⸗Mütter waren erzürnt, die Gedanken arbeiteten, die Strafen regneten, das währte mehrere Monate. Die Pen⸗ ſionairinnen waren alle mehr oder weniger in den unbe⸗ kannten Muſiker verliebt. Jede träumte Zétulbé zu ſein. Die Flöte ertönte von der Rue Droit⸗Mur; ſie hätten Alles darum gegeben, Alles gewagt, ſich Allem ausgeſetzt, und wäre es auch nur für eine Sekunde geweſen,„den jungen Mann“ zu ſehen, der ſo köſtlich die Flöte ſpielte und, ohne es zu ahnen, zu gleicher Zeit auch mit all' dieſen Seelen. Einige ſchlüpften durch eine Nebenthür bis zu dem dritten — 73 he Stock nach der Rue Droit⸗Mur hinauf, um hier womöglich Etwas zu erblicken. Vergebens. Eine ging ſogar ſo weit, der ihre Arme durch das Gitter über den Kopf zu erheben und Er mit ihrem weißen Taſchentuch zu winken. Zwei waren noch tar kühner. Sie machten das Mittel ausfindig, bis auf ein zu Dach zu klettern, indem ſie dabei ihr Leben auf das Spiel in ſetzten, und es gelang ihnen endlich, den„jungen Mann“ ine zu ſehen. ges Es war ein alter emigrirter Edelmann, blind und zu vas Grunde gerichtet, welcher in ſeinem Dachkämmerchen Flöte ſpielte, um ſich die Langeweile zu vertreiben. hr ch ter. öte r⸗ W ehr er Das kleine Kloſter. d0 Klein⸗Picpus hatte drei von einander unterſchiedene„ Abtheilungen: das große Kloſter, welches die Nonnen be⸗ ie „ wohnten, das Penſionat, in welchem die Zöglinge ſich be⸗ fanden, und endlich das ſogenannte kleine Kloſter. Dies 5 war ein Gebände mit einem Garten, in welchem gemein⸗ ſchaftlich alle Arten alter Nonnen verſchiedener Orden le wohnten, die Ueberbleibſel mehrerer durch die Revolution aufgehobenen Klöſter; eine Sammlung aller möglichen g ſchwarzen, grauen und weißen Gewänder aller Gemeinden te und aller möglichen Orden. Man hätte dieſes kleine in Kloſter, wenn eine ſolche Bezeichnung geſtattet wäre, eine 6 Art von Harlekinkloſter nennen können. 74 Unter dem Kaiſerreiche war all den armen verſprengten Mädchen geſtattet worden, unter den Flügeln der Benedic⸗ tiner⸗Bernhardinerinnen Schutz zu ſuchen. Die Regierung zahlte ihnen einen kleinen Jahrgehalt. Die Nonnen von Klein⸗Picpus hatten ſie voll Eifer aufgenommen. Es war ein eigenthümliches Gemiſch. Jede folgte ihrer Ordens⸗ regel. Als große Zerſtreuung geſtattete man zuweilen den Penſionairinnen, in dem kleinen Kloſter einen Beſuch ab⸗ zuſtatten. Eine dieſer Flüchtlinge war beinahe hier wiezu Hauſe, es war eine Nonne des Ordens Saint⸗Aure, die einzige Ueberlebende dieſes Ordens. Das ehemalige Kloſter der Damen Saint⸗ Aure war im Anfange des 18. Jahrhunderts in eben dieſem Gebäude des Kleinen⸗Picpus, welches ſpäter den Bernhar⸗ dinnerinnen Martin Verga's gehörte. Dieſes heilige Mädchen, welches zu arm war, um das volle Gewand ihres Ordens zu tragen, das aus einem weißen Kreuze mit ſcharlachrothem Scapulier beſtand, hatte damit fromm eine kleine Puppe be⸗ kleidet, die ſie gern zeigte und bei ihrem Tode dem Hauſe vermachte. 1824 war von dieſem Orden nur eine Nonne übrig; jetzt bleibt davon nichts als eine Puppe. Die Kirche des Kloſters war ſo angelegt, daß ſie das große Kloſter von dem Penſionat trennte, dabei aber dem Penſionate, dem großen und dem kleinen Kloſter gemein⸗ ſchaftlich. Man ließ ſelbſt das Publikum durch eine Thür nach der Straße zu, allein Alles war ſo eingerichtet, daß die Bewohnerinnen des Kloſters kein Geſicht der Außenwelt ſehen konnten. Wenn die Nonnen dem Hochamte beiwohn⸗ ten, bei dem ihre Ordensregel ihnen das tiefſte Schweigen gebot, ſo wurde das Publikum von ihrer Anweſenheit nur durch das Geräuſch unterrichtet, welches ſie mit ihren Sitzen verurſachten. — c eS— 5 ten ic⸗ ¹9 on ar 6⸗ VII. en Einige Silhouetten. Während der ſechs Jahre, welche 1819 von 1825 nde trennen, war die Priorin von Klein⸗Picpus Fräulein von n⸗ Blemeur, die ſich als Nonnenmutter Innocentia nannte.— em Sie war von der Familie jener Marguerite von Blemeur, ½ Verfaſſerin des Lebens der Heiligen vom Orden des en, heiligen Benedict. Sie war wieder gewählt worden. ens Sie war eine Frau von einigen ſechszig Jahren, klein, wohl⸗ em beleibt, mit einer Stimme wie ein geſprungener Topf, übri⸗ he⸗ gens ganz vortrefflich, die einzig Heitere in dem ganzen uſe Kloſter und deshalb auch angebetet. nne Mutter Innocentia hatte Etwas von ihrer gelehrten Ahn⸗ herrin Marguerite. Sie war unterrichtet, gelehrt, weiſe, s außerordentliche Geſchichtskennerin, geſtopft mit Latein, ge⸗ em füllt mit Griechiſch, voll hebräiſch und mehr Benedictiner in⸗ als Benedictinerin. hir Die Unterpriorin war eine alte, ſpaniſche beinahe blinde aß Nonne, die Mutter Cineres. elt 6 Die ausgezeichnetſten unter den Stimmmüttern waren hn⸗ 1 Mutter Saint⸗Honorine, Schatzmeiſterin, die Mutter Saint⸗ gen Gertrud, erſte Novizenmeiſterin, die Mutter Saint⸗Ange, umn zweite Novizenmeiſterin, die Mutter Verkündigung, Sacri⸗ ten ſtanin, die Mutter St. Auguſtin, Krankenwärterin, die ein⸗ zige Boshafte im ganzen Kloſter. . Unter den hübſcheſten war ein reizendes Mädchen von dreiundzwanzig Jahren. Sie ſtammte von der Inſel Bourbon 76 und war Nachkomme des Chevalier Roze. In der Welt hieß ſie Fräulein Roze und im Kloſter Mutter Mariä Himmelfahrt. Die Mutter Saint⸗Mechtilde, welche den Chorgeſang leitete, benutzte dazu gern die Penſionärinnen. Gewöhnlich nahm ſie dazu eine ganze Scala, das heißt von ſieben, von zehn bis ſechszehn Jahren einſchließlich; Stimmen und Größen paßten zu einander und ſie ließ die Mädchen ſtehend und der Größe nach aufgeſtellt ſingen. Das bot den Blicken eine Art von lebender Panflöte junger Mädchen. Am beliebteſten waren bei den Penſionairinnen die Schweſter Saint⸗Euphroſine, die Schweſter Saint⸗Margue⸗ rite, die Schweſter Saint-Marthe, die kindiſch geworden war, und die Schweſter Saint-Michel, über deren lange Naſe ſie lachten. Alle dieſe Frauen waren ſanft gegen alle dieſe Kinder. Die Nonnen zeigten ſich nur ſtreng gegen ſich ſelbſt. Feuer wurde nur in dem Penſionat angemacht und die Nahrung war dort im Vergleich zu der des Kloſters ausgezeichnet. Daneben waltete tauſendfache Sorgfalt. Wenn indeß ein Kind an einer Nonne vorüberging und ſie anredete, antwor⸗ tete dieſe nicht. Dieſe Ordensregel des Schweigens hatte die Wirkung gehabt, daß in dem Kloſter das Wort den menſchlichen Ge⸗ ſchöpfen entzogen und den lebloſen Dingen übertragen war. Bald war es die Glocke der Kirche, die ſprach, bald die des Gärtners. Eine tiefklingende Glocke, die neben der Thür⸗ pförtnerin angebracht war und die man in dem ganzen Hauſe hörte, bezeichnete durch ihre verſchiedenen Schläge, welche eine Art von acuſtiſchen Telegraphen war, die zu vollbringenden Handlungen des materiellen Lebens und berief dieſe oder jene Bewohnerin des Hauſes, wenn man ihrer bedurfte, nach dem Sprechzimmer. Jede Perſon und jedes „ Ding hatte beſtimmte Töue. Die Priorin hatte einen und einen Schlag, die Unterpriorin einen und zwei. Sechs Schli tiges einer Ange Kloſt ſahe der ein lehr gewä iſt ſag beir den Au ſch mel als Ge 77 Schläge verkündeten die Klaſſe, neunzehn Schläge ein wich⸗ tiges Ereigniß an. Es war die Eröffnung der Kloſterthür, einer entſetzlichen Eiſenplatte, mit Nägeln beſchlagen, deren Angeln ſich nur vor dem Erzbiſchof öffneten. Außer ihm und den Gärtner betrat kein Mann das Kloſter, wie wir bereits erwähnten. Die Penſionairinnen ſahen indeß noch zwei Andere: Den Almoſenier, Abé Banés, der alt und häßlich war, und den ſie vom Chor aus durch ein Gitter betrachten konnten, der andere war der Zeichen⸗ lehrer Herr Anſiaux,„alt und abſcheulich verwachſen.“ Man ſieht, daß man alle dieſe Männer beſonders aus⸗ gewählt hatte. So war dies merkwürdige Haus beſchaffen. V. Post corda lapides. Nachdem wir das moraliſche Anſehen geſchildert haben, iſt es nöthig, auch einige Worte über das Materielle zu ſagen. Einige Begriffe hat der Leſer davon bereits. Das kleine Kloſter Klein⸗Picpus⸗Saint⸗Antoine füllte beinahe ganz das verſchobene Viereck aus, welches zwiſchen den Straßen Polonceau, Droit⸗Mur, Klein⸗Picpus und Aumarais lag. Dieſe vier Straßen umgaben das ver⸗ ſchobene Viereck wie einen Graben. Das Kloſter beſtand aus mehreren Gebäuden und einem Garten. Das Hauptgebäude als Ganzes betrachtet, war eine Anhäufung verſchiedener Gebäude, welche aus der Vogelperſpective geſehen einem * 78 am Boden liegenden Galgen glichen. Der große Arm Nochl einen Sarg aus dem Kloſter trug. Dies war der öffent⸗ ſ. liche Eingang der Kirche. Die Verbindung des Galgens 11 war ein viereckiger Saal, der als Vorrathskammer diente. In dem kleinen Raume befanden ſich die Kirche und das Refectorium. Zwiſchen dem Thore Nr. 62 und dem Winkel ſ8 des verſchobenen Vierecks bildete der Garten, deſſen Boden 3 viel tiefer lag, die Rue Polonceau, weshalb die Mauern innerhalb deſſelben viel höher waren als nach außen. Der ein wenig gewellte Garten hatte in der Mitte auf der dieſes Galgens nahm die ganze Strecke der Rue Droit⸗ die Mur zwiſchen der Petit⸗Rue⸗Picpus und der Rue Polonceau mon ein; der kleine Arm war eine hohe, graue und ernſte ver⸗ dus gitterte Front nach der kleinen Picpus⸗Straße; der Thor⸗ 25 1 weg Nr. 62 bezeichnete das äußerſte Ende. Gegen die Mitte dieſer Fagade lag eine alte niedrige Spitzbogenthür, von 1 welche nur ein oder zwei Stunden am Sonntag, ſowie bei den ſeltenen Gelegenheiten geöffnet wurde, wenn man 3 Spitze einer kleinen Anhöhe eine ſchöne Fichte, von welcher, 3 wie von der Spitze eines runden Schildes vier große Alleen mag 6 ausgingen, und dieſe wurden zu zwei und zwei durch acht nr kleinere verbunden, ſo daß das Ganze, wenn die Umhegungs⸗ n 6 mauer runder geweſen wäre, einem auf ein Rad gelegten geſta 1 Kreuze geglichen haben würde. Die Alleen, welche ſämmt⸗ inſof 6 lich zu den unregelmäßigen Umhegungsmauern des Gartens daß führten, waren von verſchiedener Länge. Sie waren mit 1 Stachelbeerhecken eingefaßt. Im Hintergrunde ging eine große welt 3 Pappelallee von den Ruinen des alten Kloſters, die an der Rep 1 Rue Droit⸗Mur lagen, bis zu dem Hauſe des kleinen viel Kloſters an der Ecke des Aumarais⸗Gäßchen. Vor dem Uud 2 Klein⸗Picpus lag der ſogenannte kleine Garten. Man füge geta den Alleen noch einen Hof hinzu, alle Arten von Ecken und ihre Winkeln, welche die verſchiedenen Gebäude nach innen bil⸗ heit deten, geheimnißvolle Mauern, als einzige Perſpective und Vn 79 Nachbarſchaft die lange Reihe der ſchwarzen Dächer, welche die Rue Polonceau auf der andern Seite umfaßten, und man kann ſich ein vollkommenes Bild von dem machen, was das Haus der Bernhardinerinnen des Klein⸗Picpus vor 25 Jahren war. Alle dieſe Straßen gehörten übrigens zu den älteſten von Paris. HX. Ein Jahrhundert unter einem Bruſtſchleier. Da wir im Zuge ſind, nähere Angaben über das zu machen, was das Kloſter Klein⸗Picpus früher war, und wir in dieſem verſchwiegenen Aſyl ein Fenſter zu öffnen wagten, möge der Leſer uns noch eine kleine Abſchweifung geſtatten, die im Grunde dieſem Buche fremd iſt, die aber inſofern charakteriſtiſch und nützlich ſein dürfte, als ſie zeigt, daß ſelbſt das Kloſter ſeine originellen Geſtalten beſitzt. Es lebte in dem kleinen Kloſter eine Hundertjährige, welche aus der Abtei von Fontevrault ſtammte. Vor der Revolution hatte ſie ſelbſt der Welt angehört, und ſprach viel von Herrn von Miromesnil, dem Siegelbewahrer unter Ludwig XVI., und einer Präſidentin Duplat, die ſie genau gekannt hatte. Es machte ihr Vergnügen und ſchmeichelte ihrer Eitelkeit, dieſe beiden Namen bei jeder Gelegen⸗ heit anzuführen. Von der Abtei Fontevrault erzählte ſie Wunderdinge. 80 Sie hatte einen picardiſchen Accent, der die Penſio⸗ nairinnen ſehr ergötzte. Alle Jahre erneuerte ſie unter beſondern Feierlichkeiten ihr Gelübde, und die Penſionairinnen lachten darüber unter ihrem Schleier; ein reizendes, kleines, erſticktes Lachen, über welches die Stimmmütter die Stirn rurzelten. Zuweilen erzählte die Hundertjährige Geſchichten. Sie ſagte, daß in ihrer Jugend die Bernhardiner nicht hinter den Mousquetaires zurückgeſtanden hätten. Es war ein ſchwatzhaftes Jahrhundert aber das achtzehnte. Sie erzählte von der Gewohnheit der Champagne und Burgunds, die vier Weine vor der Revolution zu bezeichnen. Wenn ein großer Herr, ein Marſchall von Frankreich, ein Prinz, Herzog oder Pair durch eine Stadt von Burgund oder der Champagne kam, bot der Magiſtrat denſelben vier ſilberne Gefäße, welche mit vier verſchiedenen Weinarten angefüllt waren. Auf dem erſten Becher las man: Affen⸗ wein; auf dem zweiten: Löwenwein; auf dem dritten: Schöpswein; auf dem vierten: Schweinewein. Dieſe vier Inſchriften bezeichneten die vier Grade, zu denen der Trunkenbold herabſinkt: erſt Trunkenheit, die, welche luſtig macht; zweitens, die, welche zornig macht; drittens, die, welche dumm macht; die letzte endlich, die, welche zum Thiere erniedrigt. In einem Schranke verſchloſſen bewahrte ſie einen geheimnißvollen Gegenſtand, auf den ſie viel Werth legte. Die Ordensregel von Fontevrault verbot ihr dies nicht. Sie wollte dieſen Gegenſtand Niemand zeigen. Sie ſchloß ſich, was die Regel ihr geſtattete, jedesmal ein, wenn ſie dieſen Gegenſtand betrachten wollte. Wenn ſie auf dem Gange gehen hörte, verſchloß ſie den Schrank, ſo ſchnell ihre alten Hände es ihr geſtatteten. Sobald man ihr davon ſprach, ſchwieg ſie, obgleich ſie ſonſt ſo gern ſchwatzte. Die Neugierigſten ſcheiterten an dieſem Schweigen, die Hart⸗ nicig ſtund weilte det Ding Relio Tode gezie geſu war ſohe tigen war Eine aufg ten ſatn ibri teml var un zu ten ter ber Sie uſtig lche iere inen⸗ gte icht. loß dem hnell von Die art⸗ 81 näckigſten an dieſem Eigenſinn. Auch dies war ein Gegen⸗ ſtand der Vermuthungen für alle Müßigen oder Gelang⸗ weilten in dem Kloſter. Was konnte denn dieſer Schatz der Hundertjährigen für ein koſtbares und geheimnißvolles Ding ſein? Ohne Zweifel irgend ein heiliges Buch? ein Reliquie?— man verlor ſich in Vermuthungen. Bei dem Tode der armen Alten eilte man ſchneller vielleicht, als ſich geziemte, zu dem Schranke und öffnete ihn. Man fand den geſuchten Gegenſtand in dreifache Leinwand eingewickelt. Es war eine Fayence⸗Schüſſel, welche Liebesgötter zeigte, die flohen, verfolgt durch Apothekerburſchen, welche mit gewal⸗ tigen Klyſtierſpritzen bewaffnet waren. Die Verfolgung war reich an Geſichterſchneidereien und komiſchen Stellungen. Einer der allerliebſten kleinen Liebesgötter war ſchon ganz aufgeſpießt. Er ſträubte ſich; ſeine kleinen Flügelchen ſtreb⸗ ten noch ſich zu entfalten, allein der Poſſenreißer lachte dazu ſataniſch. Moral: die Liebe beſiegt durch die Komik. Dieſe übrigens ſehr merkwürdige Schüſſel exiſtirte noch im Sep⸗ tember 1845; ſie war bei einem Trödler auf dem Boule⸗ vard Beaumarchais zu verkaufen. Die gute Alte wollte keinen Beſuch von außerhalb empfangen, denn, ſagte ſie, das Sprechzimmer iſt gar zu traurig. X. Urſprung der immerwährenden Anbetung. Dieſes Sprechzimmer iſt übrigens ein rein localer Gegenſtand, den man nicht mit gleicher Strenge in andern Die Elenden. IW. 6 82 Klöſtern findet, ſelbſt nicht in dem der Rue du Temple, welches ebenfalls den Benedictinerinnen, und zwar denen der ewigen Anbetung gehörte, Benedictinerinnen ganz anderer Art als die, welche von Citeaux ſtammten. Dieſer Orden der ewigen Anbetung iſt nicht älter als zweihundert Jahre. 1649 wurde das Allerheiligſte innerhalb weniger Tage zweimal profanirt, in den beiden Pariſer Kirchen St. Sulpice und St. Jean en Greève; eine unerhörte Gottesläſterung, welche die ganze Stadt in Aufregung brachte. Es wurde eine feierliche Proceſſion zur Sühnung veranſtaltet, an welcher der ganze Clerus Theil nahm, und der Nuntius des Papſtes das Hochamt hielt. Dieſe Sühnung für die Entweihung des Allerheiligſten genügte indeß zwei würdigen Frauen, der Frau Courtin, Marquiſe von Boucs, und der Gräfin von Chäteauvieux, nicht, und beide ſteuerten daher, die eine 1652, die andere 1653 bedeutende Summen zur Errichtung eines Kloſters vom Orden des heiligen Benno unter der Benennung der immerwährenden Anbetung. Die erſte Erlaubniß zur Begründung dieſer Stiftung wurde der Mutter Katharine von Bar durch Herrn von Metz, Abt von St. Germain, ertheilt unter der Bedingung, daß kein Mädchen aufgenommen werden dürfte, welches nicht drei⸗ hundert Livres Penſion zubrächte, was ein Kapital von ſechstauſend Livres beträgt. Dies iſt der Urſprung und die geſetzliche Begründung für die Errichtung der Benedictinerinnen von der immer⸗ währenden Anbetung des Allerheiligſten in Paris. Ihr erſtes Kloſter wurde„neu gebaut“, Rue Caſſette von den Gaben der Damen Boucs und Chaͤteauvieux. Dieſer Orden war, wie man ſieht, ganz verſchieden von den Bernhardinerinnen des kleinen Picpus, die wir in ſeinem Innern gezeigt haben. 1657 ermächtigte Papſt Alexander VII. durch ein eignes Breve die Bernhardinerinnen des kleinen Picpus, die imm dine desh Hl To hin ſil ju de der 83 immerwährende Anbetung ebenſo auszuüben wie die Bernhar⸗ dinerinnen des Allerheiligſten; allein beide Orden blieben deshalb doch von einander verſchieden. XI. Ende des kleinen Picpus. Mit dem Beginn der Reſtauration verfiel das Kloſter Klein⸗Picpus, und dies füllt zuſammen mit dem allgemeinen Tode des Ordens, der nach dem achtzehnten Jahrhundert hinwelkte wie alle religiöſen Orden. Das Kloſter Klein⸗Picpus entvölkerte ſich ſchnell. 1840 war das kleine Kloſter ebenſo verſchwunden wie die Pen⸗ ſionate. Es gab dort keine alten Jungfrauen und keine jungen Mädchen mehr; die einen waren geſtorben, die an⸗ dern davongegangen. Die Ordensregel der immerwährenden Anbetung iſt ſo ſtreng, daß ſie zurückſchreckt; der Orden recrutirte ſich daher nicht. 1815 gab es hier und dort noch einige Schweſtern, aber Chordamen nicht mehr. Vor vierzig Jahren gab es noch nahe an hundert Nonnen, vor fünfzehn Jahren blieben nur achtundzwanzig. 1847 war die Priorin jung, ein Zeichen, daß der Wahlkreis ſich verengerte. Sie zählte nicht vierzig Jahr. In dem Grade, wie die Zahl ſich ver⸗ mindert, ſteigert ſich die Anſtrengung; der Dienſt jeder Einzelnen wurde peinlicher, und die Zeit rückte heran wo die Laſt für jede einzelne gebückte Schulter erdrückend werden mußte. So ſtarben ſie hin. 6* 84 Wir konnten vor dieſem außerordentlichen, unbekannten, dunklen Gebäude nicht vorübergehen, ohne in daſſelbe ein⸗ zutreten und ohne mit uns die Geiſter derer eintreten zu laſſen, die uns, vielleicht zum Vortheil einiger unter ihnen, die traurige Geſchichte Jean Valjean's erzählen hören. Wir ſprachen von dieſem eigenthümlichen Orte mit beſon⸗ derer Ausführlichkeit, aber mit Ehrerbietung, ſo weit we⸗ nigſtens beide mit einander verträglich ſind. Wir begreifen nicht Alles, aber wir ſchmähen nichts. Wir ſind gleich weit entfernt von dem Hoſianna Joſeph de Maiſtre's, welcher zuletzt den Henker heiligte wie von dem Spott⸗ gelächter Voltaire's, der ſo weit ging, ſich über das Kru⸗ cifix luſtig zu machen. Im 19. Jahrhundert erleidet der religiöſe Gedanke eine Kriſis; man verlangt gewiſſe Dinge, und man thut darin Recht, vorausgeſetzt, daß man dies verlernt, jenes lernt. Es giebt keine Leere in dem menſchlichen Herzen. Es müſſen gewiſſe Niederreißungen ſtattfinden, und das iſt gut, doch unter der Bedingung, daß Neubauten darauf folgen. Einſtweilen wollen wir die Dinge ſtudiren, die nicht mehr ſind. Es iſt nothwendig, ſie zu kennen, wäre es auch nur, um ſie zu vermeiden. Die Entſtellungen der Ver⸗ gangenheit nehmen falſche Namen an, die ſich gern die Zu⸗ kunft nennen. Das Geſpenſt der Vergangenheit iſt der Gefahr unterworfen, ſeinen Paß zu verfälſchen. Sichern wir uns gegen die Schlinge. Mißtrauen wir. Die Ver⸗ gangenheit hat ein Geſicht, den Aberglauben, und eine Maske, die Heuchelei. Bezeichnen wir das Geſicht und reißen wir die Maske herunter. Was die Klöſter betrifft, ſo bieten ſie eine beſtimmte Frage: eine Frage der Civiliſation, die ſie verurtheilt, eine Frage der Freiheit, die ſie beſchützt. —— —— ne ut es iſt uf nd nte ine Coſette. Siebentes Buch. Parentheſt. . Das Kloſter als abſtractiver Begriff. Dieſes Buch iſt ein Drama, und die erſte Perſon des⸗ ſelben das Unendliche. Der Menſch iſt die zweite. Da dem ſo iſt, und wir auf dem Wege ein Kloſter trafen, mußten wir in daſſelbe eindringen. Weshalb? Weil das Kloſter dem Orient ebenſo angehörend wie dem Occi⸗ dent, dem Alterthum wie der neueſten Zeit, dem Heiden⸗ thum, dem Buddhaismus, dem Mohamedanismus, wie dem Chriſtianismus, eine der optiſchen Zurüſtungen iſt, welche der Menſch auf das Unendliche richtet. Es iſt hier nicht der Ort dazu, gewiſſe Begriffe über⸗ mäßig zu entwickeln; indem wir indeß unſere Zurückhaltung, unſere Beſchränkung und ſelbſt unſeren Unwillen für uns bewahren, müſſen wir dennoch ſagen, daß wir uns von Ehr⸗ furcht ergriffen fühlen, ſo oft wir dem Menſchen in dem Unendlichen begegnen, mag dies nun richtig oder falſch be⸗ griffen werden. Es giebt in der Synagoge, in der Moſchee, in der Pagode, in dem Wigwam eine abſchreckende Seite, die wir verwünſchen, und eine erhabene, die wir anbeten. Welch eine Betrachtung für den Geiſt, und welche end⸗ loſe Träumerei! 88 M. Das Kloſter eine hiſtoriſche Thatſache. Aus dem Geſichtspunkte der Geſchichte, der Vernunft und der Wahrheit iſt das Kloſterthum verurtheilt. Wenn Klöſter bei einer Nation in großer Menge vor⸗ handen ſind, ſo bilden ſie hindernde Knoten für die Circu⸗ lationsmittelpunkte der Trägheit, da, wo Mittelpunkte der Arbeit erforderlich ſind. Die klöſterlichen Gemeinden ſind für die große geſellſchaftliche Gemeinde eben das, was die Miſtel für die Eiche und die Warze für den menſchlichen Körper iſt. Ihr Gedeihen und ihr Wohlbehagen ſind die Verarmung des Landes. Das Kloſterweſen, gut bei dem Beginn der Civi⸗ liſation, nützlich dazu, das Thieriſche durch das Spirituelle zu vermindern, iſt ein Uebel bei der Mannbarkeit der Völ⸗ ker. Ueberdies wird es bei ſeinem Verfall durch alle die Gründe, die es in der Zeit ſeiner Reinheit heilſam machten, nachtheilig. Die klöſterliche Einſperrung hat ihre Zeit überlebt. Die Klöſter, welche bei der erſten Erziehung der modernen Civiliſation nützlich waren, hinderten das Wachsthum der⸗ ſelben und ſind nachtheilig bei ihrer Entwickelung. Was den Unterricht und die Bildung für den Menſchen betrifft, ſo ſind die Klöſter gut im zehnten Jahrhundert, zweifelhaft im fünfzehnten, verabſcheuungswerth im neunzehnten. Der klöſterliche Ausſatz hat zwei bewundernswerthe Nationen, die Italiener und die Spanier, beinahe bis zum Skelett verzehrt, die eine die Aufklärung, die andere der Glanz Eu⸗ ropa's, Jahrhunderte hindurch, und in unſerer Zeit beginnen die be durch zu ge es n Oeſti Lerl das Klo des hebe unte Katl wal dem blut die den mit St Die erp nft or⸗ der für ſtel ſſt. des vi⸗ lle öl⸗ die ten, ebt. nen er⸗ bas ft, haft Der nen, lett Eu⸗ nen 89 die beiden berühmten Völker von dieſer Krankheit erſt wieder durch die heilſame und kräftige Geſundheitslehre von 1789 zu geneſen. Das Kloſter, beſonders das alte weibliche Kloſter, wie es noch an der Schwelle dieſes Jahrhunderts in Italien, Oeſterreich und Spanien erſcheint, iſt eine der finſterſten Verkrüppelungen des Mittelalters. Ein ſolches Kloſter iſt das Ausrufungszeichen des Schreckens. Das katholiſche Kloſter beſonders iſt ganz erfüllt von dem finſteren Weſen des Todes. Namentlich iſt das ſpaniſche Kloſter düſter. Hier er⸗ heben ſich in der Finſterniß unter nebelhaften Gewölben, unter ſchattenerfüllten Domen gewaltige Altäre, hoch wie Kathedralen; hier hängen in der Dunkelheit an Ketten ge⸗ waltige weiße Cruzifixe herab; hier erblickt man nackt auf dem Ebenholz große Chriſtusbilder von Elfenbein, mehr als blutend, entſetzlich und prachtvoll zugleich, die Ellenbogen, die Knochen zeigend, die Knieſcheiben, die Sehnen, die Wun⸗ den, das Fleiſch gekrönt mit ſilbernen Dornen, angeheftet mit goldnen Nägeln, mit Blutstropfen von Rubinen auf der Stirn und mit Thränen von Diamanten in den Augen. Die Diamanten und die Rubinen ſcheinen benetzt zu ſein, erpreſſen unten im Schatten Thränen in den verſchleierten Geſchöpfen, deren Körper wund iſt von dem härenen Hemd, durch die eiſenſpitzige Geißelpeitſche, deren Knie geſchunden ſind durch das Gebet; Weiber, welche ſich für Gattinnen halten. Denken dieſe Weiber? Nein. Wollen ſie etwas? Nein. Lieben ſie? Nein. Leben ſie? Nein. Ihre Nerven ſind Knochen geworden, ihre Knochen Stein. Ihr Schleier iſt die gewebte Nacht. Ihr Athem unter dem Schleier gleicht einem tragiſchen Hauche des Todes. Die Aebtiſſin, eine Larve, heiligt und entſetzt ſie. Die Unbefleckte iſt da wild und grauſam. So ſind die alten Klöſter Spaniens. 90 Aufenthaltsorte der fürchterlichen Frömmigkeit, Höhlen der Jungfrauen, gräßliche Orte. Das katholiſche Spanien war römiſcher als Rom ſelbſt. Das ſpaniſche Kloſter ward vorzugsweiſe das katholiſche Kloſter. Man fühlte hier den Orient. Der Erzbiſchof, der Kislar⸗Aga des Himmels verſchloß und beſpionirte dieſes Serail Gott vorbehaltener Seelen. Die Nonne war die Odaliske, der Prieſter war der Ennuch. Die Brünſtigſten wurden im Traum zum Beſitze Chriſti erwählt. In der Nacht ſtieg der ſchöne nackte junge Mann von dem Kreuze herab und wurde zum Entzücken der Zelle. Hohe Mauern bewahrten gegen jede lebende Zerſtreuung, die myſtiſche Sultanin, welche das Crucifix zum Sultan hatte. Das in pace er⸗ ſetzte den Lederſack. Was man im Orient in das Meer warf, ſenkte man im Occident in den Boden. Auf beiden Seiten rangen die Weiber die Hände; die Wellen des Meeres für die Einen, das Grab für die Andern; dort ertränkt, hier beerdigt, Abſchreckende Parallele! Die Vertheidiger der Vergangenheit können das jetzt nicht leugnen und lächeln deshalb darüber. Man hat eine ſehr bequeme, aber eigenthümliche Art in Mode gebracht, die Offenbarungen der Geſchichte zu unterdrücken, die Com⸗ mentare der Philoſophie zu entkräften, und allen Staats⸗ ſachen, die in Verlegenheit ſetzen, allen finſtern Fragen aus⸗ zuweichen. Die Thatſachen ſind indeß ſchwer zu widerlegen und behaupten ſich. Der Verfaſſer dieſes Buches ſah mit eignen Augen acht Meilen von Brüſſel in einem Mittelalter, welches alle Welt unter Augen hat, in der Abtei Villers das Luft⸗ loch der Verließe mitten auf einer Wieſe, die ehedem Kloſter⸗ hof war, und am Ufer der Dyle vier gemauerte Kerker, halb unter der Erde, halb unter dem Waſſer. Das waren die in pace. Jeder dieſer Kerker hat noch jetzt die Ueber⸗ bleibſel einer eiſernen Thür, eine Senkgrube, ein vergit⸗ tertes Fluſe ier Maue des u der K ander Gro drig, lebe Dns dieſe Höhe Gto der iſt 1 was . Tih einf Gei die der lbſt. ſche der rail Ske, im ſtieg und rten nin, Reer iden eres hier jetzt eine acht, om⸗ ats⸗ aus⸗ und nen ches uft⸗ ſter⸗ rler, aren ber⸗ rgit⸗ 91 tertes Luftloch, welches nach außen zwei Fuß über dem Fluſſe und nach innen ſechs Fuß über dem Boden liegt. Vier Fuß Waſſer des Fluſſes laufen außerhalb an der Mauer hin. Der Boden iſt beſtändig naß. Die Bewohner des in pace hatte zum Bette dieſe feuchte Erde. In einem der Kerker iſt in der Mauer ein Halseiſen befeſtigt; in einem andern ſieht man eine Art viereckigen Kaſten, der aus vier Granitplatten beſteht, zu kurz, um darin zu liegen, zu nie⸗ drig, um darin zu ſtehen. Da hinein brachte man ein lebendes Weſen und deckte es mit einer Steinplatte zu. Das iſt. Man ſieht es. Man berührt es. Dieſe in pace, dieſe Kerker, dieſe Halseiſen, dieſes hohe Luftloch in der Höhe des Fluſſes, dieſen Steinkaſten, bedeckt mit einer Granitplatte wie ein Grab, nur mit dem Unterſchiede, daß der Todte hier ein Lebender war, dieſer Boden, der Koth iſt, dieſes Loch der Senkgruben, dieſe triefenden Mauern— was für Redner! IM. Unter welcher Bedingung man die Vergangenheit ehren kann. Das Mönchsweſen, wie es in Spanien beſtand und in Tibet noch jetzt beſteht, iſt für die Civiliſation eine Art von Schwindſucht. Es hemmt das Leben. Es entvölkert ganz einfach. Clauſtration, Caſtration. Es iſt für Europa eine Geißel geweſen. Man füge dann noch die Gewalt hinzu, die man ſo oft dem Gewiſſen anthat, die erzwungenen Ge⸗ 92 lübde, die Feudalität, die ſich auf das Kloſter ſtützte, das Erſtgeburtsrecht, welches den Familienüberfluß in die Klöſter ergoß, die Grauſamkeiten, deren wir erwähnten, die in pace, den geſchloſſenen Mund, das eingemauerte Gehirn, ſo viele Unglückliche in den Kerker der ewigen Gelübde eingeſperrt, die Einkleidung, die Beerdigung lebender Seelen. Man füge die individuellen Martern den nationalen Entwürdigun⸗ gen hinzu und man muß vor der Kutte und dem Schleier erbeben, vor dieſen beiden Leichentüchern menſchlicher Er⸗ findung. Aus gewiſſen Geſichtspunkten indeß und an gewiſſen Orten beſteht der Kloſtergeiſt noch mitten im 19. Jahrhun⸗ dert. Die Hartnäckigkeit veralteter Inſtitutionen ſich zu erhalten, gleicht der Starrſinnigkeit des ranzigen Wohlge⸗ ruchs, der nach unſerm Haare ſtrebt, des verdorbenen Fiſches, der gegeſſen ſein möchte, der Verfolgung des Kinderkleides, das vom Manne getragen zu ſein wünſcht, und die Zärtlich⸗ keit der Leichen, welche die Lebenden zu umarmen wünſchen. „Undankbarer,“ ſagte das Kleidungsſtück,„ich habe dich in ſchlechten Zeiten geſchützt, weshalb willſt Du nichts mehr von mir wiſſen?“„Ich kam wie aus dem Meere,“ ſagßte der Fiſch.„Ich war die Roſe,“ ſagte der Wohlgeruch. „Ich habe Dich geliebt,“ ſagte der Leichnam.„Ich habe dich civiliſirt,“ ſagte das Kloſter. Auf das Alles nur eine Antwort: Ehemals! Die endloſe Verlängerung vergangener Dinge zu träu⸗ men, verfallene Dogmen aufzufriſchen, Reliquienkäſtchen wie⸗ der zu poliren, vergeſſenen Aberglauben neu zu erwecken, die phantaſtiſchen Gedanken wieder in das Leben zu rufen, an das Heil der Geſellſchaft durch die Vervielfältigung der Schmarotzer zu glauben, die Vergangenheit der Gegenwart aufzuwiegen, das erſcheint ſonderbar. Dennoch giebt es Theoretiker für dergleichen Theorien. Dieſe Theoretiker, die übrigens Leute von Geiſt ſind, haben ein einfaches Ver⸗ fuhren lmwu Poral dition, nehmt wend Kreid gang einwi an u alle in ih Man denn ewig Der derz iſt e dos chro herſe Dys Vo mar gen ich ſind Gla das öſter ace, viele errt, Man gun⸗ beier Er⸗ iſſen hun⸗ n hlge⸗ ches, ides, lich⸗ chen. dich mehr ſahte ruch. habe träu⸗ wie⸗ cken, ufen, 9 der wart tes tiler, Ver⸗ 93 fahren, ſie verſehen die Vergangenheit mit einem getünchten Uumwurfe, den ſie geſellſchaftliche Ordnung, göttliches Recht, Moral, Familie, Ehrfurcht vor den Vorfahren, heilige Tra⸗ dition, Legitimität, Religion nennen. Sie rufen: Seht und nehmt dies hier, ihr rechtſchaffnen Menſchen. Dieſe Logik war den Alten bekannt. Die Wahrſager wendeten ſie an. Sie beſtrichen ein ſchwarzes Kalb mit Kreide und ſagten: es iſt weiß. Bos cretatus. Was uns betrifft, ſo ehren wir hier und da die Ver⸗ gangenheit und ſchonen ſie überall, vorausgeſetzt, daß ſie einwilligt, todt zu ſein. Will ſie leben, ſo greifen wir ſie an und trachten ſie zu tödten. Aberglaube, Bigotterie, Scheinheiligkeit, Vorurtheile, alle dieſe Larven hängen hartnäckig an dem Leben; ſie haben in ihrem Dunſt Zähne und Nägel, man muß ſie Mann gegen Mann umſchlingen und raſtlos den Krieg gegen ſie führen, denn es iſt eine der Aufgaben der Menſchheit zu dem ewigen Kampf gegen die Phantome verurtheilt zu ſein. Der Schatten iſt ſchwer bei der Gurgel zu packen und nie⸗ derzuwerfen. Ein Kloſter in Frankreich mitten im 19. Jahrhundert iſt ein College der Nachteulen, der dem Tage trotzt. Rom, das ſich in Paris breit macht, iſt ein Anachronismus. Unter gewöhnlichen Umſtänden kann man einen Ana— chronismus mit verbannen, wenn man ihm die Jahreszahl herſagen läßt. Doch wir leben nicht in gewöhnlichen Zeiten. Kämpfen wir daher, doch kämpfen wir mit Unterſchied. Das Eigenthum der Wahrheit iſt, nie übermäßig zu ſein. Wozu bedarf ſie der Uebertreibung? Es giebt Dinge, die man vernichten muß, und andere, die man blos zu berichti⸗ gen braucht. Wenden wir die Flamme da nicht an, wo das Licht genügt. Da nun das 19. Jahrhundert gegeben iſt, ſind wir im Allgemeinen und bei allen Völkern der aſcetiſchen Clauſtration entgegen. Wer Kloſter ſagt, ſagt Sumpf. Die 94 Fäulniß iſt ungeſund und bringt bei den Bevölkerungen das Fieber hervor, ihre Vervielfältigung wird eine egyptiſche Plage. Daneben aber beſteht die religiöſe Frage. Dieſe Frage hat gewiſſe geheimnißvolle, beinahe furchtbare Seiten; es ſei uns geſtattet, ſie feſter in das Auge zu faſſen. IV. Das Kloſter aus dem Geſichtspunkte der Principien. Menſchen vereinigen ſich und wohnen bei einander. Mit welchem Rechte? Auf Grund des Vereinigungsrechts. Sie ſchließen ſich bei ſich ein. Mit welchem Rechte? Mit dem Rechte, welches jeder Menſch beſitzt, ſeine Thür zu öffnen oder zu ſchließen. Sie gehen nicht aus. Mit welchem Rechte? Mit dem Rechte, zu gehen und zu kommen, welches auch das Recht in ſich ſchließt, zu Haus zu bleiben. Was thun ſie zu Hauſe? Sie ſprechen leiſe; ſie ſchlagen die Augen nieder; ſie arbeiten. Sie verzichten auf die Welt, die Städte, die ſinnlichen Genüſſe, die Vergnügungen der Eitelkeit. Sie kleiden ſich in grobe wollene oder in grobe leinene Stoffe. Keiner von ihnen beſitzt für ſich irgend ein Eigenthum. Bei dem Eintritt macht der, welcher reich war, ſich arm. Was er hat, giebt er Allen. Der, welcher Edelmann oder Herr war, iſt dem gleich, welcher Bauer war. Die Zelle iſt allen identiſch. Alle unterwerfen ſich derſelben Tortur, tragen dieſelbe Kutte, eſſen daſſelbe ſchwarze Brod, ſchlafen auf demſelben Stroh, ſterben auf derſelben Aſche. Iſt der Entſ befin gleich mili Sie liche wan Am eing iden ſelbe Buo Unte ſi, Art eine iſt Ha, in( Ma gleic inde das tiſche Dieſe iten; ien. nder. echts. chte Thür Mit das r ſie die Sie pffe. hum⸗ arm⸗ oder ortur, lafen ſt der 95 Entſchluß gefaßt, barfuß zu gehen, ſo gehen alle barfuß; befindet ſich unter ihnen ein Fürſt, ſo iſt er ein Schatten, gleich den Uebrigen. Keine Titel mehr. Sogar die Fa⸗ miliennamen ſind verſchwunden. Alle haben nur Vornamen. Sie haben der fleiſchlichen Familie entſagt, und die geiſt⸗ liche Familie gebildet. Sie haben keinen andern Ver⸗ wandten mehr als alle Menſchen. Sie unterſtützen die Armen, ſie pflegen die Kranken. Sie nennen ſich unter⸗ einander„mein Bruder.“ Man unterbricht mich und ruft: Aber das iſt das ideale Kloſter. Es genügt, daß es das mögliche Kloſter ſei, um dem⸗ ſelben Rechnung zu tragen. Daher kommt es, daß ich in dem vorhergehenden Buche von einem Kloſter mit achtungsvollem Tone ſprach. Unter der Bedingung, daß das Kloſter unbedingt freiwillig ſei, werde ich die klöſterliche Gemeinſchaft ſtets mit einer Art ernſter Aufmerkſamkeit, mit einiger Achtung betrachten. Wo eine Gemeinſchaft beſteht, giebt es eine Gemeinde; wo eine Gemeinde iſt, da giebt es das Recht. Das Kloſter iſt das Product der Formel: Gleichheit, Brüderlichkeit. Ha, wie groß die Freiheit iſt! ſie genügt, um das Kloſter in eine Republik zu verwandeln. Fahren wir fort. Ja, aber dieſe Männer, dieſe Frauen hinter jenen vier Mauern kleiden ſich in grobe Gewänder, ſind einander gleich, nennen ſich Brüder und Schweſtern. Das iſt gut; indeſſen ſie thun doch noch Anderes? Ja. Was? Sie blicken in die Dunkelheit; ſie knien nieder; ſie falten die Hände. Was bedeutet das? —— V. Das Gebet. Sie beten. Zu wem? Zu Gott. Zu Gott beten, was will das ſagen? Giebt es ein Unendliches außerhalb uns? Iſt dieſes Unendliche eines, immanent, ewigdauernd, nothwendiger Weiſe ſubſtantiell, weil es unendlich iſt, und es, wenn ihm die Materie mangelte, beſchränkt ſein würde; nothwendiger Weiſe vernünftig, weil es unendlich iſt, und es, wenn die Vernunft ihm mangelte, damit zu Ende wäre? Erweckt dieſes Unendliche in uns den Gedanken der Weſenheit, während wir uns ſelbſt nur den Gedanken der Exiſtenz bei⸗ legen können? Mit andern Worten, iſt es nicht das Un⸗ bedingte, während wir das Bedingte ſind? Beſteht nicht zugleich mit dem Unendlichen außerhalb uns, auch ein Unendliches in uns? Stehen dieſe beiden Unendlichen(welch' eine entſetzliche Mehrzahl!) nicht über⸗ einander? iſt das zweite Unendliche nicht ſo zu ſagen dem erſten unterliegend? iſt es nicht der Spiegel, der Wieder⸗ ſchein, das Echo, der concentriſche Abgrund eines andern Abgrunds. Iſt dieſes zweite Unendliche auch vernünftig? denkt es? liebt es? hat es einen Willen? Wenn dieſe beiden Unendlichen vernünftig ſind, ſo hat jedes von ihnen ein beſtimmtes Princip, und es giebt ein Ich in dem un⸗ endlichen Oben, wie es ein Ich in dem unendlichen Unten giebt. Das Ich unten iſt die Seele; das Ich oben iſt Gott.— Geb In heit Mer chrer dara wer zwe men Wu das ieſes iger ihm diger ndie weckt heit, Un⸗ rhalb eiden über⸗ dem ieder⸗ ndern nftig? dieſe ihnen m un⸗ Unten en ſſt 97 In Gedanken das unendliche Unten mit dem unend⸗ lichen Oben in Verbindung bringen, heißt beten. Entziehen wir dem menſchlichen Geiſte nichts; unter⸗ drücken iſt häßlich. Man muß reformiren und transfor⸗ miren. Gewiſſe Fähigkeiten des Menſchen richten ſich auf das Unbekannte; der Gedanke, die Träumerei, das Gebet. Das Unbekannte iſt ein Ocean. Was iſt das Gewiſſen? Es iſt die Bouſſole des Unbekannten. Gedanke, Träumerei, Gebete ſind geheimnißvolle Ausſtrahlungen. Ehren wir ſie. Wohin gehen dieſe majeſtätiſchen Ausſtrahlungen der Seele? In den Schatten, d. h. zu dem Licht. Die Größe der Demokratie beſteht darin, der Menſch⸗ heit nichts zu leugnen und nichts abzuſchwören. Neben dem Menſchenrechte ſteht das Recht der Seele. Den Fanatismus vernichten und das Unendliche ver⸗ ehren, das iſt das Geſetz. Beſchränken wir uns nicht darauf, uns unter dem Baume der Schöpfung niederzu⸗ werfen und ſeine unendlichen von Geſtirnen erfüllten Ver⸗ zweigungen zu betrachten. Wir haben eine Pflicht: an der menſchlichen Seele zu arbeiten, das Geheimniß gegen die Wunder zu vertheidigen, das Unbegreifliche anzubeten und das Abgeſchmackte zu verwerfen, von dem Unerklärlichen nur das Nothwendige zuzugeben, den Glauben zu läutern, den Aberglauben von der Religion zu befreien. Die Elenden. 1V. — VI. iſten Unbedingte Macht des Gebets. lug Jedes Gebet iſt gut, vorausgeſetzt, daß es aufrichtig iſt. dem 6 Wir wiſſen wohl, daß es eine Philoſophie giebt, welche Ver das Unendliche leugnet; es giebt auch pathologiſch genom⸗ 8 men eine Philoſophie, welche die Sonne leugnet; dieſe Phi⸗ der loſophie nennt man Blindheit. er ſ Merkwürdig iſt das hochmüthige, überlegene, mitleidige Aus Weſen, welches der Philoſophie gegenüber, die Gott ſieht, ſich die taſtende Philoſophie annimmt. Man glaubt einen Maul⸗ wurf zu hören, der ausruft: Mit ihrer Sonne bemitleide leug ich ſie! Vo Es giebt, wie wir wohl wiſſen, berühmte und gewaltige Atheiſten. Dieſe ſind aber im Grunde nicht ganz ſicher, Pl Atheiſten zu ſein, und wenn ſie nicht an Gott glauben, ſo fül beweiſen ſie jedenfalls als große Geiſter Gott. Wir begrüßen in ihnen die Philoſophen, während wir ihre Philoſophie unerbittlich verurtheilen. Nie Bewundernswerth iſt es auch, ſich mik Worten zu be⸗ nic gnügen. Eine metaphyſiſche Schule des Nordens hat eine Revolution in dem menſchlichen Verſtändniß hervorzubringen vor gemeint, indem ſie das Wort Kraft durch das Wort Wille erſetzte. ein Zu ſagen: die Pflanze will, ſtatt: die Pflanze wächſt, di das wäre in der That fruchtbar, wenn man hinzufügte: das Weltall will. Weshalb? Weil daraus folgte: die Pflanze will, folglich hat ſie ein Ich; das Weltall will, folglich giebt es einen Gott. d Uns jedoch, die wir a priori nichts verwerfen, ſcheint 6 c 8 tig iſt. welche enom⸗ bidige ſieht. Maul⸗ itleide valtige ſicher, en, ſo nd wir zu be⸗ at eine bringen Wort wüchſt, te: da Fſn c gieb ſcheint 0 es ſchwieriger, einen Willen bei der Pflanze anzunehmen, wie dieſe Schule es thut, als einen Willen bei dem Weltall, den ſie leugnet. Den Willen des Unendlichen, das heißt Gottes, leugnen, iſt nur unter der Bedingung möglich, das Unendliche zu leugnen. Wir haben dies dargethan. Die Leugnung des Unendlichen führt geradeswegs zu dem Nihilismus. Alles wird dann„eine Empfängniß des Verſtandes“. Gegen den Nihilismus iſt kein Streit möglich: denn der logiſche Nihiliſt zweifelt an der Exiſtenz deſſen, mit dem er ſtreitet, und iſt ſeiner eigenen Exiſtenz nicht ganz gewiß. Aus ſeinem Geſichtspunkte iſt es möglich, daß er ſelbſt für ſich ſelbſt nur eine Empfängniß ſeines Verſtandes ſei. Nur bemerkt er nicht, daß er alles das, was er ge⸗ leugnet hat, im Ganzen zugeſteht, blos dadurch, daß er das Wort„Verſtand“ ausſpricht. In Summa iſt kein Weg für den Gedanken durch eine Philoſophie geöffnet, die Alles zu der einzelnen Silbe führt: Nein. Auf das Nein giebt es nur eine Antwort: Ja. Der Nihilismus iſt ohne Gewicht. Es giebt kein Nichts. Mull exiſtirt nicht. Alles iſt etwas. Nichts iſt nichts. Der Menſch lebt noch mehr von Bejahungen, wie von Brot. Sehen und zeigen genügt nicht. Die Philoſophie muß eine Thatkraft zeigen; ſie muß zum Ziel und zur Wirkung die Verbeſſerung des Menſchen haben. Die Wiſſenſchaft muß eine Herzſtärkung ſein. Genießen, welch ein trauriges Ziel, welch ein erbärmlicher Ehrgeiz! Das Thier genießt. Denken, das iſt der wahre Triumph der Seele. Dem Durſte der Menſchen den Gedanken reichen, ihnen im Extract den Begriff von Gott beibringen, in ihnen das Ge⸗ —— 100 wiſſen und die Wiſſenſchaft Brüderſchaft machen laſſen, ſie gerecht machen durch dieſe geheimnißvolle Vereinigung, das iſt die Aufgabe der wirklichen Philoſophie. Die Moral iſt ein Erguß von Wahrheiten. Betrachten führt dahin, zu handeln. Das Abſolute muß praktiſch ſein. Das Ideal muß der menſchliche Geiſt einathmen, trinken und eſſen können. Das Ideal hat das Recht, zu ſagen: Nehmt, dies iſt mein Fleiſch, dies iſt mein Blut. Die Weisheit iſt eine heilige Communion. Unter dieſer Bedingung hört ſie auf, eine unfruchtbare Liebe zur Wiſſenſchaft zu ſein, die höchſte menſchliche Vereinigung zu werden und aus der Philoſophie zur Religion verkündet zu werden. Wir verſchieben die Entwickelung unſers Gedankens für eine andere Gelegenheit und beſchränken uns hier darauf, zu ſagen, daß wir den Menſchen als Ausgangspunkt und den Fortſchritt als Ziel nicht ohne die beiden bewegenden Kräfte verſtehen: glauben und lieben. Der Fortſchritt iſt das Ziel, das Ideal iſt der Typus. Was iſt das Ideal? Es iſt Gott. Das Ideal, das Abſolute, die Vollkommenheit, das Unendliche; gleichbedeutende Worte. X Vorſichtsmaßregeln bei dem Tadel. Geſchichte und Philoſophie haben ewige Pflichten, welche zu gleicher Zeit einfache Pflichten ſind. Kaiphas als Biſchof, Dralon als Ka rigkeit. ſeinen und ge Probli 6 thum Ville fen, e Ja u zum n, ſie „das al iſt zu Ideal eſſen dies ſt eine e auf, höchſte ſophi s für arauf, t und enden yyus. das welche ſche 101 Drakon als Richter, Trimalcion als Geſetzgeber, Tiberius als Kaiſer zu tadeln iſt klar und leitet durch keine Schwie⸗ rigkeit. Aber das Recht, abgeſchloſſen zu leben, ſelbſt mit ſeinen Uebelſtänden und Mißbräuchen, muß genauer erwogen und geſchont werden. Das Kloſterleben iſt ein menſchliches Problem. Spricht man von den Klöſtern, dieſen Orten des Irr⸗ thums und der Unſchuld, der Verirrung, aber des guten Willens, der Unwiſſenheit, aber der Ergebenheit, der Stra⸗ fen, aber des Märthrerthums, ſo muß man beinahe immer Ja und Nein ſagen. Ein Kloſter iſt ein Widerſpruch. Zum Ziel das Heil, zum Mittel das Opfer. Das Kloſter iſt der höchſte Egois⸗ mus, aus der die höchſte Selbſtverleugnung entſpringt. Zu entſagen um zu herrſchen, ſcheint die Deviſe des Mönchthums zu ſein. Im Kloſter duldet man, um zu genießen. Man zieht einen Wechſel auf den Tod. Man zahlt in irdiſcher Nacht das himmliſche Licht aus. Im Kloſter wird die Hölle als Vorſchuß auf die Erbſchaft des Paradieſes angenommen. Die Annahme des Schleiers oder der Kutte iſt ein Selbſtmord, der durch das ewige Leben bezahlt wird. Es ſcheint uns nicht, als ob bei einem ſolchen Gegen⸗ ſtande der Spott geſtattet ſei. Alles iſt dabei ernſt, das Gute ſowie das Böſe. Der Gerechte runzelt die Stirn, allein er lächelt nie auf boshafte Weiſe. Wir begreifen den Zorn, doch nicht die Bosheit. 6 102 VIII. Glanbe, Geſetz. Noch einige Worte. Wir tadeln die Kirche, wenn ſie mit den Intriguen geſättigt iſt, aber wir ehren überall den denkenden Menſchen. Wir grüßen den, der niederknieet. Ein Glaube iſt für den Menſchen das Nothwendige. Wehe dem, der nichts glaubt! Man iſt nicht unbeſchäftigt, weil man in Gedanken verſunken iſt. Es giebt die ſichtbare und die unſichtbare Arbeit. Betrachten heißt arbeiten, denken heißt handeln. Die gekreuzten Arme arbeiten, die gefalteten Hände ebenfalls. Der zum Himmel gewandte Blick iſt ein Werk. Für uns ſind dieſe Einſiedler keine Müßiggänger. In der Dunkelheit denken iſt etwas ſehr Ernſtes. Ohne irgend Etwas von dem zu entkräften, was wir geſagt haben, glauben wir doch, daß eine Erinnerung an das Grab den Lebenden geziemt. In dieſer Beziehung ſind die Prieſter und der Philoſoph übereinſtimmend. Man muß ſterben. Der Abbé de la Trappe antwortet dem Horaz. In ſein Leben eine gewiſſe Gegenwart des Grabes miſchen, iſt das Geſetz des Weiſen und das Geſetz des Asceten. In dieſer Beziehung fließen der Ascet und der Weiſe in einander. Es giebt ein materielles Wachsthum. Wir wollen es. Es giebt auch eine moraliſche Größe; wir achten ſie hoch. riguen ſchen. ndige. danken htbare Die nfalls. r. 16 wit ng on ng ſind Man t dem Grobes lceten⸗ wollen achten 103 Unüberlegte und flüchtige Geiſter ſagen: Wozu nützen dieſe regungsloſen Geſtalten an der Seite des Geheimniſſes? Wozu dienen ſie? Was thun ſie? Ach! in Gegenwart der Dunkelheit, die uns umgiebt und uns erwartet, antworten wir: es giebt vielleicht kein erhabeneres Werk als das, welches dieſe Seelen vollbringen? Und wir fügen hinzu: es giebt vielleicht keine nützlichere Arbeit. Die, welche beten, ſind für die, welche niemals beten, erforderlich. Für uns beſteht die ganze Frage in der Menge des Gedankens, die ſich in das Gebet miſcht. Wir ſind für die Religion, gegen die Religionen. Wir gehören zu denen, welche an die Jämmerlichkeit der Gebete und an die Erhabenheit des Gebetes glauben. In unſerer Zeit, die zum Glück ihr Geſicht nicht dem 19. Jahrhundert aufdrückt, in unſerer Zeit, wo ſo viele Menſchen mit niedergebeugter Stirn und wenig erhabener Seele einherſchreiten, wo bei ſo vielen Lebenden die Moral herrſcht, zu genießen, wo ſo Viele ſich mit den kleinen und mißgeſtalteten Dingen der Materie beſchäftigen, ſcheint uns Jeder ehrwürdig zu ſein, der ſich ausſchließt. Das Kloſter iſt eine Verzichtleiſtung. Das vergebliche Opfer iſt doch immer noch ein Opfer. Einen Irrthum als Pflicht nehmen, hat auch ſeine Größe. Das Kloſter, beſonders das Frauenkloſter, hat unbe⸗ ſtreitbar eine gewiſſe Majeſtät. Dieſe klöſterliche und ſo ſtrenge, ſo trübe Exiſtenz⸗ von der wir einige Umriſſe entwarfen, iſt nicht das Leben, denn es iſt nicht die Freiheit; ſie iſt nicht das Grab, denn ſie iſt nicht die Fülle. Sie iſt der eigenthümliche Ort, von welchem aus man wie von dem Gipfel eines hohen Berges auf der einen Seite den Abgrund erblickt, in dem wir ſind, auf der andern den Abgrund, in dem wir kommen werden; 104 ſie iſt eine ſchmale und nebelige Grenze, welche zwei Welten 1 von einander ſcheidet, beleuchtet und verdunkelt durch beide zugleich; der matte Schein des Lebens miſcht ſich mit dem undeutlichen Schimmer des Todes. Es iſt das Halbdunkel des Grabes. Wir, die wir nicht glauben, was jene Frauen glauben, 1 die wir aber gleich ihnen durch den Glauben leben, wir haben nie ohne eine Art religiöſen und zärtlichen Schreckens, ohne eine Art neidiſchen Mitleides dieſe ergebungsvollen, 3 zitternden und vertrauenden Geſchöpfe ſehen können, welche es wagen, am Rande des Geheimniſſes zu leben und zwiſchen 6 der Welt, die ihnen verſchloſſen, und dem Himmel, der ihnen noch nicht geöffnet iſt, doch der Klarheit zugewendet, die man nicht ſieht, und nur glücklich in dem Gedanken, zu ½ wiſſen, wo ſie iſt, ſich ſehnend nach dem Abgrunde und dem Unbekannten, das Auge feſt gerichtet auf die regungsloſe Dunkelheit, kniend, außer ſich, verwundert, bebend und zu gewiſſen Stunden halb emporgehoben durch den gewaltigen Hauch der Ewigkeit. elten eide dem nkel ben, wir ens, len, lche hen nen die em oſe en Coſette. Achtes Buch. Die Frirdhöfe nehmen, was man ihnen giebt. Der Eintritt in das Kloſter. In dieſes Haus war Jean Valjean, wie Fauchelevent ſagte,„vom Himmel gefallen“. Er hatte die Gartenmauer überſtiegen, welche die Ecke der Rue Polonceau bildete. Die Hymne der Engel, welche er mitten in der Nacht hörte, waren die Nonnen, welche das Morgengebet ſangen; der Saal, den er in der Dunkelheit beobachtete, war die Kapelle; das Phantom, das er am Boden ausgeſtreckt liegen ſah, war eine büßende Schweſter. Die Glocke, deren Klang ihn ſo gewaltig überraſchte, war die des Gärtners, an dem Knieband des Vater Fauchelevent. Nachdem Coſette zu Bett gebracht worden war, hatten Jean Valjean und Fauchelevent, wie man ſah, zum Abend⸗ eſſen ein Glas Wein getrunken und ein Stück Käſe gegeſſen, wobei ſie neben einem guten helllodernden Feuer ſaßen. Dann hatten ſich Beide auf ein Bund Stroh geworfen, da das einzige Bett, welches in der Hütte war, durch Coſette beſetzt war. Ehe Jean Valjean die Augen ſchloß, ſagte er: 108 „Ich muß jetzt hier bleiben.“ Dieſe Aeußerung wir⸗ belte die ganze Nacht in dem Kepfe Fauchelevents umher. Die Wahrheit zu ſagen, hatte weder der Eine, noch der Andere geſchlafen. Jean Valjean, der ſich entdeckt und Javert auf ſeiner Fährte wußte, erkannte, daß er und Coſette verloren wären, wenn ſie nach Paris zurückkehrten. Da der neue Windſtoß, der ihn traf, ihn in das Kloſter geworfen hatte, kannte Jean Valjean nur noch den einen Gedanken, darin zu bleiben. Für einen Unglücklichen in ſeiner Lage war dies Kloſter zu⸗ gleich der gefährlichſte und ſicherſte Ort; der gefährlichſte, denn kein Mann durfte daſſelbe betreten, und wenn man ihn entdeckte, ſo war das ein großes Verbrechen und Jean Val⸗ jean machte dann nur noch einen Schritt von dem Kloſter in das Gefängniß; der ſicherſte, denn wenn es gelang, daß er aufgenommen wurde und hier wohnen durfte, wer würde ihn dann hier ſuchen? An einem unmöglichen Orte zu leben war die Rettung. Fauchelevent ſeinerſeits zerbrach ſich den Kopf. Er begann, ſich dabei ſelbſt zu erklären, daß er durchaus nichts begriff. Wie kam Herr Madeleine bei den Mauern rings⸗ um hierher? Kloſtermauern überſteigt man nicht. Wie kam er mit einem Kinde hierher? Man erklettert eine ſteile Mauer nicht mit einem Kinde auf dem Arm. Wer war das Kind? Wo kamen ſie Beide her? Seit Fauchelevent in dem Kloſter war, hatte er nicht mehr von M. am M. ſprechen hören und er wußte nichts von dem, was dort vor⸗ gefallen war. Der Vater Madeleine hatte jenes Ausſehen, welches jedes Fragen entmuthigt, und überdies ſagte Fauche⸗ levent zu ſich ſelbſt:„Einen Heiligen befragt man nicht“. Herr Madeleine hatte für ihn ſeinen ganzen Zauber be⸗ wahrt. Nur glaubte der Gärtner aus einigen Worten, die Jean Valjean entſchlüpft waren, ſchließen zu dürfen, daß Herr Madeleine in Folge der harten Zeit Bankerott ge⸗ mach oder und keine Ma u dar Fa Ko und ie, Un ein ge hat nü 109 macht hätte, und von ſeinen Gläubigern verfolgt würde; oder er war durch eine politiſche Angelegenheit gefährdet und mußte ſich deshalb verbergen; dies mißfiel Fauchelevent keineswegs, denn gleich Vielen der Bauern im Norden hatte er einen alten bonapartiſtiſchen Hintergrund. Da Herr Madeleine, indem er ſich zu verbergen wünſchte, das Kloſter zu ſeinem Aſyl genommen, war es ganz einfach, daß er darin zu bleiben wünſchte. Das Unerklärliche, zu dem Fauchelevent ſtets wieder zurückkehrte und womit er ſich den Kopf zerbrach, war, wie Herr Madeleine hier eingedrungen und wie er zu der Kleinen kam. Fauchelevent ſah ſie, berührte ſie, ſprach mit ihr und glaubte dennoch nicht an ſie. Das Unbegreifliche war in das ärmliche Häuschen Fauchelevent's eingezogen. Der Alte taſtete in allen möglichen Vermuthun⸗ gen umher und ſah nichts mehr klar als:„Herr Madeleine hat mir das Leben gerettet“. Dieſe Gewißheit allein ge⸗ nügte und beſtimmte ihn. Er ſagte zu ſich ſelbſt:„Jetzt bin ich an der Reihe“. In ſeinem Gewiſſen fügte er hinzu: „Herr Madeleine hat ſich nicht ſo lange beſonnen, als es ſich darum handelte, unter den Wagen zu kriechen, um mich hervorzuziehen.“ Er beſchloß deshalb, Herrn Madeleine zu retten. Er richtete indeß verſchiedene Fragen an ſich und gab darauf verſchiedene Antworten:„wenn er ein Dieb wäre, würde ich ihn nach dem, was er für mich gethan hat, retten? Gewiß. Wäre er ein Mörder, würde ich ihn retten? Gewiß. Da er nun aber ein Heiliger iſt, ſoll ich ihn retten? Ganz gewiß.“ Allein, zu machen, daß er im Kloſter bleiben konnte, welch' ein Problem! Vor dieſem Verſuche, der beinah Chimäre war, wich Fauchelevent dennoch nicht zurück. Der arme picardiſche Bauer, der keine anderen Gründe hatte, als ſeine Ergebenheit, ſeinen guten Willen und ein wenig von jener alten ländlichen Verſchlagenheit, welche diesmal im 110 Dienſt einer edlen Abſicht geſtellt wurde, unternahm es, die Unmöglichkeiten des Kloſters und die ſteilen Wände der Glaubensregeln des heiligen Benedict durch eine Leitererſtei⸗ gung zu erſtürmen. Der Vater Fauchelevent war ein Alter, der ſein ganzes Leben lang heilig geweſen war, und der es am Ende ſeiner Tage, lahm, kränklich, ohne irgend ein anderes Intereſſe an der Welt, ſüß fand, dankbar ſein zu können. Und da er eine tugendhafte Handlung zu vollbringen erblickte, warf er ſich auf dieſelbe, wie ein Menſch, der im Augenblick des Sterbens ein Glas guten Wein, von welchem er noch nie koſtete, in die Hand bekommt und begierig trinkt. Man kann hinzufügen, daß er die Luft, die er ſchon ſeit mehreren Jahren in dieſem Kloſter athmete, ſeine eigene Perſonalität zerſtört und es zuletzt für ihn nöthig gemacht hatte, irgend eine gute Handlung zu vollbringen. Er faßte daher den Entſchluß, ſich dem Herrn Madeleine ganz zu widmen. Wir nannten ihn einen armen picardiſchen Bauern, die Bezeichnung iſt nöthig, aber unvollſtändig. Auf dem Punlte, auf welchem wir angelangt ſind, iſt eine Phyſiologie des Vater Fauchelevent nöthig. Er war Bauer, aber er war Amtsſchreiber geweſen; dadurch hatte ſich zu ſeiner natürlichen Schlauheit die Chicane geſellt und zu ſeiner Un⸗ befangenheit der Scharfſinn. Da ſeine Angelegenheiten aus verſchiedenen Urſachen übel gingen, war er vom Amts⸗ ſchreiber zu dem Kärrner und dem Handarbeiter herabge⸗ ſunken. Allein trotz der Flüche und der Peitſche, die, wie es ſcheint, für die Pferde nothwendig ſind, war in ihm doch Etwas von dem Amtsſchreiber geblieben. Er beſaß natürlichen Verſtand; er wußte zu ſprechen, was auf dem Dorfe ſelten iſt, und die anderen Bauern ſagten von ihm: „er ſpricht wie ein Herr mit einem Hut.“ Fauchelevent gehörte in der That zu jener Gattung von Menſchen, welche das etwas beleidigende und leichtfertige Wörterbuch des Bat Ffe pri nige vor Ei we der n es, e der rſtei⸗ Alter, er es d ein in zu ringen er in lchem trinkt. n ſeit eigene macht eleine uern, f dem iologie ber er ſeiner 1 Un⸗ en aus Ants⸗ rabge⸗ e, wie nihm beſaß uf den nihn⸗ elevent nſchen trbuch 111 des vergangenen Jahrhunderts„halb Bürger und halb Bauer“ nannte und von denen man jetzt ſagen könnte: Pfeffer und Salz. Fauchelevent war zwar durch das Schickſal ſtark ge⸗ prüft und hart mitgenommen worden, eine Art fadenſchei⸗ niger, armer, alter Seele, allein er war dennoch ein Menſch von raſcher Entſchloſſenheit geblieben, eine ſehr werthvolle Eigenſchaft, welche in der Regel verhindert ſchlecht zu werden. Seine Fehler und ſeine Laſter, denn er hatte deren, blieben auf der Oberfläche; kurz ſeine Phyſiognomie gehörte zu jenen, welche dem gründlicheren Beobachter ge⸗ fallen. Das alte Geſicht zeigte keine jener Runzeln, welche Bosheit oder Dummheit bedeuten. Als der Vater Fauchelevent, der ganz außerordentlich nachgedacht hatte, mit Tagesanbruch die Augen öffnete, ſah er Herrn Madeleine, der auf ſeinem Bunde Stroh ſaß und die ſchlafende Coſette betrachtete. Fauchelevent richtete ſich in die Höhe und ſagte:„Da Sie nun hier ſind, wie wollen Sie es machen, um Ihre Anweſenheit zu rechtfertigen?“ Dieſe Frage bezeichnete genau die Lage und zog Jean Valjean aus ſeiner Träumerei. Die beiden Alten bemühten ſich. „Zunächſt,“ ſagt Fauchelevent,„müſſen Sie den Anfang damit machen, keinen Fuß zu dieſer Stube hinauszuſetzen, weder Sie, noch die Kleine. Nur einen Schritt in den Garten und wir ſind verrathen.“ „Das iſt richtig.“ „Herr Madeleine,“ nahm Fauchelevent wieder das Wort,„Sie ſind in einem ſehr guten Augenblick gekommen, das heißt in einem ſehr ſchlechten, denn Eine der Damen iſt krank. Deshalb wird man nicht viel nach uns ſehen. Sie ſcheint zu ſterben. Man hält die vierzigſtündigen Ge⸗ bete. Die ganze Gemeinde iſt in Thätigkeit. Das beſchäftigt 112 ſie. Die, welche ſich auf dem Wege befindet fortzugehen, iſt eine Heilige. In der That ſind wir hier Alle Heilige; der Unterſchied zwiſchen ihnen und mir iſt, daß ſie ſagen, unſere Zelle, und daß ich ſage: meine Hütte. Es wird die Rede für die Sterbende und dann die Rede für die Todte erfolgen. Für heute können wir alſo hier ruhig ſein, für morgen ſteh' ich aber nicht ein. „Indeß,“ bemerkte Jean Valjean,„liegt dieſe Baracke in dem Winkel der Mauer und wird durch eine Art von Ruine, ſowie durch die Bäume ſo verborgen, daß man ſie vom Kloſter aus nicht ſehen kann.“ „Und ich füge hinzu, daß die Nonnen ſich ihr niemals nähern.“ „Nun?“ fragte Jean Valjean. Das Fragezeichen hinter dieſem Nun bedeutet:„mir ſcheint, als könnten wir hier verborgen bleiben.“ Auf dieſes Fragezeichen antwortete Fauchelevent: „Es ſind aber hier noch die Kleinen.“ „Welche Kleinen?“ fragte Jean Valjean. Wie Fauchelevent den Mund öffnete, um das Wort zu erklären, that eine Glocke einen Schlag. „Die Nonne iſt todt,“ ſagte er.„Das iſt das Todten⸗ glöckchen.“ Und er machte Jean Valjean ein Zeichen zum horchen. Die Glocke that einen zweiten Schlag. „Es iſt das Todtenglöckchen, Herr Madeleine. Die Glocke wird ſo von Minute zu Minute vierundzwanzig Stunden lang fortfahren, bis die Leiche aus der Kirche getragen wird.— Sehen Sie, die ſpielen. In den Spiel⸗ ſtunden genügt es, daß ein Ball fortrollt, um ſie zu ver⸗ anlaſſen, hierher zu kommen und trotz aller Verbote hier danach zu ſuchen. Das ſind wahre Teufel, dieſe kleinen Engel.“ „Wer denn?“ fragte Jean Valjean. „Nun, die Kleinen. Sie würden ſehr ſchnell entdeckt werde iſt kei Der! die G Es ij ſiona für würd Ein woh eine Get Da müſ ehen, ilige; agen, d die Lodte für arade von n ſie mals mir rchen Die anzig irche piel⸗ er⸗ hier ngel dect — 113 werden. Sie würden ſchreien: ach, ein Mann! Aber heute iſt keine Gefahr vorhanden. Heute iſt keine Spielſtunde. Der Tag wird ganz unter Gebeten hingebracht. Sie hören die Glocke. Wie ich Ihnen ſage, ein Schlag jede Minute. Es iſt das Todtenglöckchen.“ „Ich begreife, Vater Fauchelevent. Es ſind hier Pen⸗ ſionairinnen.“ Dabei dachte Jean Valjean:„So iſt ja eine Erziehung für Coſette gefunden.“ Fauchelevent rief: „Pardine! ob es hier kleine Mädchen giebt! Und die würden aufſchreien! Die würden vor Ihnen davon laufen! Ein Mann zu ſein, heißt hier die Peſt haben. Sie ſehen wohl, daß man mir eine Glocke an den Fuß hängt, wie einem wilden Thiere.“ Jean Valjean verſank immer mehr und mehr in Gedanken.„Dieſes Kloſter wird uns retten,“ murmelte er. Dann ſagte er laut: „Aber das Schwierige iſt, zu bleiben.“ „Nein,“ ſagte Fauchelevent,„das Schwierige iſt, hinaus⸗ zukommen.“ Jean Valjean fühlte das Blut zu ſeinem Herzen zurück⸗ ſtrömen. „Hinauszukommen!“ „Ja, Herr Madeleine; um wieder hineinzukommen, müſſen Sie hinaus.“ Nachdem er dann einen Schlag des Sterbeglöckchens hatte vorübergehen laſſen, fuhr Fauchelevent fort: „Man darf Sie nicht ſo ohne Weiteres hier finden. Wo kommen Sie her? Für mich ſind Sie vom Himmel herunter gefallen, weil ich Sie kenne. Aber für die Nonnen iſt es nothwendig, daß man durch die Thür herein⸗ kommt.“ Die Elenden. IV. 8 114 Plötzlich hörte man ein ziemlich lebhaftes Läuten einer andern Glocke.. „Ha!“ ſagte Fauchelevent,„man läutet die Stimm⸗ mütter zuſammen. Sie gehen zum Kapitel. Man hält immer ein Amt, wenn Jemand geſtorben iſt. Sie iſt mit Tagesanbruch geſtorben. Man ſtirbt gewöhnlich hier mit Tagesanbruch. Aber könnten Sie denn nicht eben da wieder hinausgehen, wo Sie hereingekommen ſind? Es iſt nicht, um eine Frage an Sie zu richten, aber wie ſind Sie denn hereingekommen?“ Jean Valjean erblaßte; der bloße Gedanke ſchon, in die fürchterliche Straße wieder hinabzuſteigen, ließ ihn er⸗ beben. Man denke ſich, daß man aus einem Walde floh, der voll Raubthiere iſt, und daß dann ein Freund den Rath giebt, wieder dahin zurückzukehren! Jean Valjean dachte ſich die ganze Polizei noch in dem Stadtviertel auf den Beinen, Polizeidiener auf Beobachtungspoſten, Vedetten überall ausgeſtellt, abſcheuliche Fäuſte gegen ſeinen Kragen ausgeſtreckt; Javert vielleicht an der Ecke der Kreuz⸗ ſtraße. „Unmöglich!“ ſagte er.„Vater Fauchelevent, denken Sie, ich wäre vom Himmel herabgefallen.“ „Ich glaube es ja! ich glaube es ja!“ entgegnete Fauchelevent.„Sie brauchen mir das nicht zu ſagen. Der gute Gott wird ſie in die Höhe genommen haben, um ſie in der Nähe zu beſehen und dann wieder loszulaſſen. Man wollte ſie nach einem Mönchskloſter bringen und hat ſich getäuſcht. Schon wieder ein Läuten! Dies benachrichtigt den Thürhüter, daß er die Behörde benachrichtigen ſoll, damit ſie den Todtenarzt ſchickt, um die Todte anzuſehen. Das Alles gehört zu der Feierlichkeit des Sterbens. Die guten Damen lieben dieſen Beſuch nicht ſehr. Ein Arzt glaubt an nichts. Er hebt den Schleier und zuweilen auch noch anderes. Wie ſchnell ſie diesmal aber den Arzt be⸗ nachri Kleine Großt habe on; den Vate einfa nhi ſie f eine ſt Frn ſt, da he na Vo aut und neiner Stimm⸗ n hält iſt mit er mit wieder ſt nicht, ie denn on, in ihn er⸗ de floh, en Rath dachte uf den Bedetten Kragen Kreuz⸗ denken igenete n. Der m ſie Man hat ſich hrichtgt en ſcl, ſchen . Die in Wit len auch Wnt be 115 nachrichtigen laſſen! Was bedeutet denn das?— Ihre Kleine ſchläft noch immer. Wie heißt ſie denn?“ „Coſette.“ „Iſt es Ihre Tochter? Das heißt, ſind Sie Ihr Großvater?“ „Ja.“ „Für das Kind wäre es leicht, hinauszukommen. Ich habe meine Dienſtthür, die auf den Hof führt. Ich klopfe an; der Pförtner öffnet; ich habe meinen Tragkorb auf den Rücken, die Kleine darin und gehe hinaus. Daß der Vater Fauchelevent mit ſeinem Tragkorbe fortgeht, iſt ganz einfach. Sie müſſen der Kleinen ſagen, daß ſie ſich recht ruhig hält. Sie wird unter der Decke liegen. Ich bringe ſie für die Zeit, die nöthig iſt, zu einer alten guten Freundin, einer Fruchthändlerin in der Rue du Chemin⸗Vert. Sie iſt taub und hat ein kleines Bett. Ich ſchreie der alten Fruchthändlerin in das Ohr, daß die Kleine meine Nichte iſt, und daß ſie ſie bis morgen behalten ſoll. Dann kehrt das Kind wieder mit Ihnen zurück, denn ich werde Sie hereinbringen. Es muß ſein. Allein, wie werden Sie es machen, um hinauszukommen?“ Jean Valjean warf den Kopf zurück. „Alles kommt darauf an, daß man mich nicht ſieht, Vater Fauchelevent,“ ſagte er.„Machen Sie ein Mittel ausfindig, daß ich ebenſo wie Coſette in einem Tragkorbe und unter einer Leinwanddecke hinauskomme.“ Fauchelevent kratzte ſich mit der linken Hand hinter dem Ohre, ein Zeichen großer Verlegenheit. Ein drittes Läuten ertönte. „Da geht der Todtenarzt fort,“ ſagte Fauchelevent. „Er hat nachgeſehen und geſagt: ſie iſt todt, es iſt gut. Wenn der Arzt den Reiſepaß für das Paradies unterzeichnet hat, ſchickt das Leichenamt eine Tragbahre. Iſt es eine Mutter, ſo ſargen die Mütter ſie ein; iſt es eine Schweſter, 8* 116 ſo thun das die Schweſtern. Darauf nagle ich den Sarg zu. Das gehört mit zu meinem Gärtnergeſchäft. Ein Gärtner iſt ein wenig Todtengräber. Man bringt den Sarg in einen niedrigen Saal, der durch die Kirche mit der Straße zuſammenhängt und den kein Mann, außer dem Todtenarzt, betreten darf. Die Leichenträger und mich zähle ich nicht zu den Männern. In dieſem Saale nagle ich den Sarg zu; die Todtengräber heben ihn auf, und nun, Kutſcher, peitſche zu! So fährt man zum Himmel. Man bringt einen Kaſten, der leer iſt und trägt ihn mit Etwas darin wieder fort. Das iſt eine Beerdigung. De pro- fundis.“ Ein ſchräger Sonnenſtrahl ſtreifte das Geſicht der ſchlafenden Coſette, welche leiſe den Mund öffnete und aus⸗ ſah wie ein Engel, der das Licht trinkt. Jean Valjean betrachtete ſie wieder. Er hörte nicht mehr auf Fauche⸗ levent. Daß nicht auf einem gehört wird, iſt kein Grund, um zu ſchweigen. Der gute alte Gärtner fuhr ruhig in ſeinem Geſchwätz fort. „Man macht das Grab auf dem Kirchhof Vaugirard. Man behauptet, der Kirchhof ſollte aufgehoben werden. Es iſt ein alter Kirchhof, der gegen die Regel verſtößt, der keine Uniform trägt und deshalb penſionirt werden ſoll. Schade, denn er iſt ſo bequem. Ich habe dort einen Freund, den Pater Mestienne, den Todtengräber. Die hieſigen Nonnen haben ein Vorrecht, nämlich bei Anbruch der Nacht nach dem Gottesacker gebracht zu werden. Es iſt dazu ausdrücklich eine Verordnung der Präfectur erlaſſen worden. Aber wie viele Ereigniſſe ſeit geſtern! Die Mutter Kreuzigung iſt ge⸗ ſtorben und der Vater Madeleine—“ „Iſt beerdigt,“ ſagte Jean Valjean, indem er trübe lächelte. Fauchelevent ging auf das Wort ein. wohre ſchnell Glocke Herr mich. den komm es ih Blc Fauc in d wn ang mae einz leve ſchn nam Seng Ein t den e mit r dem zihle gle ich d nn, Man Etwas Pro⸗ ht der d aus⸗ ßoljean uche⸗ Frund, hig in girmd· 6s rkeine öchade, d, den Vonnen ch dem rückich er wie iſt ge⸗ rübe 117 „Denn wenn Sie ganz hier wären, ſo würde das eine wahre Beerdigung ſein.“ Ein viertes Glockenzeichen ertönte. Fauchelevent nahm ſchnell von dem Nagel an der Wand ſein Knieband mit der Glocke und legte es um. „Dies mal gilt es mir. Die Mutter Priorin ruft mich, Herr Madeleine, rühren Sie ſich nicht und warten Sie auf mich. Es giebt etwas Neues. Haben Sie Hunger, ſo fin⸗ den Sie dort Wein, Brod und Käſe. Er verließ die Hütte, indem er rief: Man kommt, man kommt! Jean Valjean ſah ihn, ſo ſchnell als ſein krummes Bein es ihm geſtattete, durch den Garten eilen, indem er dabei Blicke nach ſeinen Melonenbeeten warf. Weniger als zehn Minuten darauf klopfte der Vater Fauchelevent, deſſen Glocke auf ſeinem Wege alle Nonnen in die Flucht trieb, leiſe an die Thür und eine ſanfte Stimme antwortete:„Herein!“ Dieſe Thür war die des Sprechzimmers, das zu Dienſt⸗ angelegenheiten für den Gärtner beſtimmt war. Das Ge⸗ mach ſtieß an den Kapitelſaal. Die Priorin, welche auf dem einzigen Stuhl des Sprechzimmers ſaß, erwartete Fauche⸗ levent. II. Fauchelevent der Schwierigkeit gegenüber. Ein ernſtes und unruhiges Weſen zu haben, iſt bei ſchwierigen Lagen gewiſſen Charakteren und Ständen eigen, namentlich den Prieſtern und Nonnen. 118 In dem Augenblick, als Fauchelevent eintrat, zeigte ſich dieſe doppelte Geſtalt der unruhigen Gedanken auf dem Ge⸗ ſicht der Priorin, welche jenes reizende und gelehrte, für ge⸗ gewöhnlich ſo heitere Fräulein von Blemeur, die Mutter Innocentia, war. Der Gärtner machte eine ſchüchterne Verbeugung und blieb auf der Schwelle der Zelle ſtehen. Die Priorin, welche die Perlen ihres Roſenkranzes durch die Finger gleiten ließ, erhob die Augen und ſagte: „Ach, Sie ſind es, Vater Fauvent.“ Dieſe Verkürzung wurde in dem Kloſter allgemein an⸗ genommen. Fauchelevent wiederholte ſeinen Gruß. „Vater Fauvent, ich habe Sie rufen laſſen!“ „Hier bin ich, ehrwürdige Mutter.“ „Ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ „Und ich meinerſeits“, ſagte Fauchelevent mit einer Kühnheit, über die er ſelbſt in ſeinem Innern erſchrak, „ich habe der ſehr ehrwürdigen Mutter Etwas zu ſagen.“ Die Priorin ſah ihn an. „So! Sie haben mir eine Mittheilung zu machen?“ „Eine Bitte.“ „Nun gut, ſprechen Sie?“ Der alte Fauchelevent, der Ex⸗Amtsſchreiber, gehörte zu jener Gattung von Bauern, welche Zuverſicht beſitzen. Eine gewiſſe gewandte Unwiſſenheit iſt eine Kraft; man miß⸗ traut derſelben nicht und das wirkt. Seit etwas länger als zwei Jahren, welche Fauchelevent in dem Kloſter war, hatte er ſich in der Gemeinde feſtgeſetzt. Stets allein, hatte er, während er ſeine Gärtnerarbeit verſah, nichts weiter zu thun, als neugierig zu ſein. Aus der Ferne, wie er alle dieſe verſchleierten Frauen erblicken konnte, ſah er Anfangs nichts als ſich hin- und herbewegende Schatten. Durch dieſe fortgeſetzte Aufmerkſamkeit und einem natürlichen Scharf⸗ ſim belleit Taub deſſe der dahir für ſtert wuß Kun gwß Fau rege iſſe Bei g De gte ſich m Ge⸗ für ge⸗ Mutter ig und welche gleiten ein an⸗ t einer rſchrak, hen gehörte beſiten an miß⸗ nger als r. hott tte et, eiter er alle Afinh Durch Fcharſ⸗ — 119 ſinn war es ihm gelungen, dieſe Phantome mit Fleiſch zu bekleiden, und dieſe Todten lebten für ihn. Er glich einem Tauben, deſſen Blick ſich verlängert, und einem Blinden, deſſen Gehör ſich ſchärft. Er hatte ſich auf das Studium der verſchiedenen Glockenzeichen gelegt und er war dadurch dahin gelangt, daß dieſes räthſelhafte und ſchweigſame Kloſter für ihn nichts Verborgenes mehr hatte; die Sphynx flü⸗ ſterte ihm alle ihre Geheimniſſe in das Ohr. Fauchelevent wußte Alles, aber er verbarg Alles, darin beſtand ſeine Kunſt. Das ganze Kloſter hielt ihn für einfältig. Ein großes Vertrauen in der Religion. Die Stimmmutter ſchätzte Fauchelevent, er flößte Vertrauen ein. Außerdem lebte er regelmäßig und ging nur aus, um die verſchiedenen Bedürf⸗ niſſe für den Obſt⸗ und Gemüſegarten zu beſorgen. Dieſe Beſcheidenheit bei ſeinen Ausgängen wurde ihm angerechnet. Dennoch hatte er zwei Menſchen zum Plaudern gebracht: in dem Kloſter den Thürhüter und kannte durch ihn die Eigenthümlichkeiten des Sprechzimmers, auf dem Kirchhof den Todtengräber und von ihm hatte er die Eigenthümlich⸗ keiten des Begrabens erfahren. So wurde ihm über dieſe Nonnen ein doppeltes Licht, das eine über das Leben, das andere über den Tod. Aber er mißbrauchte nichts. Die Congregation legte Werth auf ihn. Alt, hinkend, mit ſchwachem Geſicht, wahrſcheinlich auch ein wenig taub— was für vortreffliche Eigenſchaften! Man hätte ſeine Stelle ſchwer beſetzen können. Mit der Zuverſicht deſſen, der ſich gewürdigt weiß, begann der Alte der ehrwürdigen Priorin gegenüber eine ziemlich verworrene ländliche Anrede. Er ſprach von ſeinem Alter, ſeiner Gebrechlichkeit, der Laſt der Jahre, den wach⸗ ſenden Anforderungen der Arbeit, der Größe des Gartens, den Nächten, die er, wie zum Beiſpiel die letzte, wach ſein mußte, um wegen des Mondſcheines die Strohdecken über die Melonenbeete zu breiten, und kam endlich dahin zu 120 ſagen, daß er einen Bruder hätte(die Priorin machte eine Bewegung)— einen Bruder, der nicht mehr jung wäre (zweite Bewegung der Priorin, aber eine Bewegung der Beruhigung)— daß wenn man es erlauben wollte, dieſer Bruder bei ihm wohnen und ihm Hülfe leiſten könnte, daß derſelbe ein vortrefflicher Gärtner wäre, daß die Gemeinde von ihm ausgezeichnete Dienſte erlangen könnte, beſſer wie von ihm ſelbſt;— daß er außerdem, wenn man ſeinen Bruder nicht zuließe, er, der Aeltere, der ſich gebrechlich und ungenügend zu der Arbeit fühlte, mit großem Bedauern gezwungen ſein würde, aus dem Dienſte zu treten;— daß ſein Bruder ein kleines Mädchen hätte, das er mit ſich bringen würde, die in der Furcht Gottes in dem Hauſe er⸗ zogen und vielleicht einſt eine Nonne werden könnte. Als er zu Ende geſprochen hatte, unterbrach die Priorin das Abrollen der Perlen ihres Roſenkranzes und ſagte: „Können Sie ſich bis heute Abend eine ſtarke Eiſen⸗ ſtange verſchaffen?“ „Wozu?“ „Um als Hebel zu dienen.“ „Ja, ehrwürdige Mutter,“ erwiderte Fauchelevent. Ohne ein Wort hinzuzufügen ſtand die Priorin auf und trat in das anſtoßende Gemach, welches, wie erwähnt, der Kapitelſaal war und wo ſich wahrſcheinlich die Stimm⸗ mütter verſammelt befanden. Fauchelevent blieb allein zurück. e eine wäre g der dieſer daß einde wie ſeinen echlich auern daß t ſich ſe er⸗ . riorin e: Fiſen⸗ auf timm⸗ 12¹ III. Mutter Innocentia. Es verfloß ungefähr eine Viertelſtunde. Die Priorin kehrte zurück und ſetzte ſich wieder auf den Stuhl. Die beiden Perſonen ſchienen in Gedanken verſunken zu ſein. Wir ſtenographiren ſo gut als möglich das Zwiege⸗ ſpräch, welches entſtand. „Vater Fauvent?“ „Ehrwürdige Mutter?“ „Sie kennen die Kapelle?“ „Ich habe ein kleines Behältniß, um die und das Hochamt zu hören.“ „Und Sie ſind zu Ihrer Arbeit in dus Chor ge⸗ treten?“ „Zwei oder drei Mal.“ „Es handelt ſich darum, einen Stein aufzuheben.“ „Schwer?“ „Ein Quaderſtein, der neben dem Altare liegt.“ „Ein Stein, der das Grabgewölbe ſchließt?“ „Das iſt eine Gelegenheit, wo zwei Männer gut wären.“ „Die Mutter Himmelfahrt, die kräftig iſt wie ein Mann, wird Ihnen beiſtehen.“ „Eine Frau iſt niemals ein Mann.“ „Wir haben nur eine Frau zu Ihrem Beiſtand. Jeder thut, was er kann. Das Verdienſt beſteht darin, daß 22 122 Jeder nach ſeinen Kräften arbeitet. Ein Kloſter iſt kein Zimmerplatz.“ „Und eine Frau iſt kein Mann. Mein Bruder iſt ſtark!“ „Und dann haben Sie einen Hebebaum.“ „Das iſt die einzige Art von Schlüſſel, die zu der⸗ gleichen Thüren paßt.“ „Es iſt ein Ring in dem Steine.“ „Ich werde den Hebebaum hindurch ſtecken.“ „Und der Stein iſt ſo eingerichtet, daß er ſich auf einem Stützpunkte dreht.“ „Es iſt gut, ehrwürdige Mutter. Ich werde das Grab⸗ gewölbe öffnen.“ „Und die vier Mütter-Kirchenſängerinnen werden da⸗ bei ſein. „Und wenn das Gewölbe geöffnet iſt?“ „Dann muß es wieder geſchloſſen werden.“ „Iſt das Alles?“ „Nein.“ „Geben Sie mir Ihre Befehle, ehrwürdige Mutter.“ „Fauvent, wir ſetzen Vertrauen in Sie.“ „Ich bin hier, um Alles zu thun.“ „Und um Alles zu verſchweigen.“ „Ja, ehrwürdige Mutter.“ „Wenn das Gewölbe geöffnet iſt—“ „Werde ich es wieder ſchließen.“ „Aber zuvor?“ „Was, ehrwürdige Mutter?“ „Müſſen Sie Etwas hinablaſſen.“ Es entſtand eine Pauſe des Schweigens. Nachdem die Priorin die Unterlippe eingezogen hatte, was ein Zögern anzudeuten ſchien, brach ſie das Schweigen: „Vater Fauvent?“ „Ehrwürdige Mutter?“ hen i nach Ah Be hete M di eh kein er⸗ ndie gern 123 „Sie wiſſen, daß dieſen Morgen eine Mutter geſtor⸗ ben iſt?“ „Nein.“ „Haben Sie denn die Glocke nicht gehört?“ „Man hört hinten im Garten nichts.“ „Wirklich nicht?“ „Kaum kann ich meine eigene Glocke hören.“ „Sie iſt mit Tagesanbruch geſtorben.“ „Und dann ging auch dieſen Morgen der Wind nicht nach meiner Seite.“ „Es iſt die Mutter Kreuzigung, eine Selige.“ Die Priorin ſchwieg, bewegte einen Augenblick die Lippen wie zu einem innern Gebet und fuhr dann fort: „Vor drei Jahren iſt eine Janſeniſtin, die Frau von Béthune, nur dadurch, daß ſie die Muttter Kreuzigung beten ſah, rechtgläubig geworden.“ „Ach ja, ich höre jetzt die Todtenglocke, ehrwürdige Mutter.“ Die Mütter haben ſie in die Todtenkammer getragen, die an die Kirche ſtößt.“ „Ich weiß.“ „Kein anderer Mann als Sie kann und darf jenes Gemach betreten. Wachen Sie wohl darüber. Es wäre etwas Schönes, wenn ein Mann in das Todtengemach träte.“ „Oefters!“ „Wie?“ „Oefters!“ „Ich ſage öfters!“ „Oefters als was?“ „Ehrwürdige Mutter, ich ſagte nicht öfters als was, ich ſage blos öfters.“ „Ich verſtehe Sie nicht. Weshalb ſagen Sie öfters“. „Um ſo zu ſprechen wie Sie, ehrwürdige Mutter.“ „Ich habe nicht öfters geſagt.“ 124 „Sie haben es nicht geſagt, aber ich ſagte es, um ſo zu ſprechen wie Sie.“ In dieſem Augenblick ſchlug es neun Uhr. „Um neun Uhr des Morgens und zu jeder geſegneten Stunde ſei das Allerheiligſte des Altars angebetet“, ſagte die Priorin. „Amen“, ſagte Fauchelevent. Die Stunde ſchlug zur rechten Zeit. Sie machte dem Oefters ein raſches Ende. Aber wahrſcheinlich würden ohne daſſelbe die Priorin und Fauchelevent ſich nimmermehr aus dieſer Schwierigkeit herausgefunden haben. Fauchelevent trocknete ſich die Stirn. Die Priorin murmelte leiſe einige Worte, wahrſchein⸗ lich heilige, und erhob dann die Stimme wieder: „Bei ihren Lebzeiten bewirkte Mutter Kreuzigung Be⸗ kehrungen; nach ihrem Tode wird ſie Wunder thun.“ „Das wird ſie!“ entgegnete Fauchelevent, der jetzt der Priorin folgte und ſich bemühte, nicht mehr von dem Wege abzuweichen. „Vater Fauvent, die Gemeinde iſt in der Mutter Kreuzi⸗ gung geſegnet worden. Ohne Zweifel iſt es nicht Jeder⸗ mann gegeben, ſo zu ſterben, wie der Cardinal Bérulle, der während er die Meſſe las, ſeine Seele zu Gott aushauchte, indem er die Worte ſprach; Hanc igitur oblationem. Aber ohne ſo viel Glück zu gewinnen, hatte die Mutter Kreuzi⸗ gung einen ſehr ſchönen Tod gehabt. Sie blieb bis zum letzten Augenblick bei vollem Bewußtſein. Sie ſprach erſt mit uns und dann mit den Engeln. Sie äußerte ihre letzten Ermahnungen gegen uns. Beſäßen Sie etwas mehr Glau⸗ ben und Sie hätten in ihrer Zelle ſein können, ſo würde ſie Ihr lahmes Bein geheilt haben, indem ſie Sie berührte. Sie lächelte. Man fühlte, daß ſie ſich zu Gott In einem ſolchen Tode liegt das Paradies.“ ausd wor Pri füh doß Aca woh unte 125 ſe Fauchelevent glaubte, daß ſeine Predigt zu Ende ging. „Amen“, ſagte er. „Vater Fauchent, man muß thun, was die Todten ver⸗ langen.“ Die Priorin ließ einige Perlen ihres Roſenkranzes durch die Finger gleiten. Fauchelevent ſchwieg. Sie fuhr fort: „Ich habe über dieſe Frage mehrere Kirchenväter zu 6 Rathe gezogen.“ e„Ehrwürdige Mutter, man hört die Todtenglocke hier u viel beſſer als im Garten.“ „Ueberdies iſt ſie mehr als eine Todte, ſie iſt eine Heilige.“ 5„Wie Sie, ehrwürdige Mutter.“ „Sie ſchlief ſeit zwanzig Jahren in ihrem Sarge auf ausdrückliche Erlaubniß unſeres heiligen Vaters Pius VII.“ „Der, welcher den Kai— Buonaparte krönte.“ Für einen ſo gewandten Menſchen, wie Fauchelevent, — war dieſer Erinnerung ſehr unpaſſend. Zum Glück hörte die ge Priorin, die ganz ihren Gedanken nachhing, ſie nicht. Sie fuhr fort: „Vater Fauvent?“ „Ehrwürdige Mutter?“ 2„Der heilige Diodorus, Erzbiſchof von Cappadoc, wollte, e, daß man auf ſein Grab das einzige Wort ſchreiben ſollte: ber Acarus, welches Erdenwurm bedeutet; das geſchah; iſt das wahr?“ m„Ja, ehrwürdige Mutter.“ rſt„Der heilige Mezzocane, Abt von Aquila, wollte ten unter einem Galgen beerdigt werden. Das geſchah.“ u⸗„Das iſt wahr.“ de„Der heilige Terence, Biſchof des Hafens an der te⸗ Mündung der Tiber in das Meer, verlangte, daß man auf ſeinem Grabſtein das Zeichen eingraben ſollte, welches man auf die Gräber der Vatermörder ſetzt; er hoffte dabei, daß 126 die Vorübergehenden auf ſein Grab ſpeien würden, dies geſchah. Man muß den Todten gehorchen.“ „So ſei es.“ „Der Körper des Bernhard Guidonis, der in Frank⸗ reich bei Roche⸗Abeille geboren, wurde, wie er es verordnet hatte und ungeachtet des Königs von Caſtilien, nach der Dominikanerkirche von Limoges gebracht, obgleich Bernhard Guidonis Biſchof von Tuh in Spanien war. Kann man das Gegentheil ſagen?“ „Was das betrifft, nein, ehrwürdige Mutter.“ „Die Thatſache wird durch Plantavit de la Foſſe bezeugt.“ Wieder ſchlüpften ſchweigend einige Perlen des Roſen⸗ kranzes herab. Die Priorin nahm neuerdings das Wort. „Vater Fauvent, die Mutter Kreuzigung wird in dem Sarge beerdigt werden, in welchem ſie ſeit zwanzig Jahren geſchlafen hat.“ „Das iſt recht.“ „Es iſt eine Fortſetzung ihres Schlafes.“ „Ich werde ſie alſo in dieſem Sarge einnageln.“ „Und wir laſſen den Sarg des Leichenamtes ſtehen?“ „Richtig.“ „Ich ſtehe zu Befehl der ſehr ehrwürdigen Ge⸗ meinde.“ „Die vier Singmütter werden Ihnen beiſtehen!“ „Den Sarg zuzunageln? Dazu bedarf ich ihrer nicht.“ „Nein; ihn hinabzulaſſen.“ „Wo?“ „In das Gewölbe.“ „In welches Gewölbe?“ „Unter dem Altar.“ Fauchelevent machte einen Satz. „Das Gewölbe unter dem Altar?“ Eiſen gewö nicht hleibe Wunf ausg Gott die Mu unt nur Ru aus ies mk⸗ net der ard nan dem ren Ge⸗ ht.“ 127 „Unter dem Altar.“ „Aber—“ „Sie haben eine Eiſenſtange.“ Fa, äben Sie werden den Stein mit Hülfe des Ringes und der Eiſenſtange heben.“ „Aber—“ „Man muß den Todten gehorchen. In dem Grab⸗ jewölbe unter dem Altar der Kapelle beigeſetzt zu werden, nicht in profanen Boden zu kommen, da als Todte zu bleiben, wo ſie als Lebende gelebt hatte, das war der letzte Wunſch der Mutter Kreuzigung. Sie hat das gegen uns ausgeſprochen, das heißt geboten.“ „Aber es iſt verboten.“ „Verboten durch die Menſchen, geboten durch Gott. „Wenn man das erführe?“ „Wir ſetzen Vertrauen in Sie.“ was mich betrifft, ich bin ein Stein in Ihrer Mauer.“ „Das Kapitel hat ſich verſammelt. Die Stimmmütter, die ich ſoeben zu Rathe zog, haben entſchieden, daß die Mutter Kreuzigung ihrem Wunſche nach in ihrem Sarge, unter unſerm Altar beigeſetzt werden ſoll. Denken Sie nur, Pater Fauvent, wenn hier Wunder geſchähen! Welcher Ruhm in Gott für die Gemeinde! Die Wunder ſtammen aus den Gräbern.“ „Aber, ehrwürdige Mutter, wenn der Beamte der Geſundheitscommiſſion—“ „Der heilige Benedict II. hat in Beziehung auf das Begräbniß Conſtantin Pogonat widerſtrebt.“ „Indeß der Polizei⸗Commiſſar—“ „Chonodemarius, einer der ſieben deutſchen Könige, welche unter dem Kaiſerreiche Conſtantins nach Gallien 128 kamen, hat ausdrücklich das Recht der Nonnen anerkannt, unter dem Altare beerdigt zu werden.“ „Aber der Inſpector der Präfectur—“ „Die Welt iſt nichts vor dem Kreuze. Martin, der elfte General der Karthäuſer, gab ſeinem Orden den Wahl⸗ ſpruch: Stat crux dum volvitur orbis.“ „Amen“, ſagte Fauchelevent, der ſich jedesmal auf dieſe Weiſe aus der Sache zu ziehen wußte, ſo oft er la⸗ teiniſch ſprechen hörte. Jedes Auditorium genügt dem, der allzulange hat ſchweigen müſſen. Die Priorin, welche für gewöhnlich dem Stillſchweigen unterworfen war, und in der ſich zu viel angehäuft hatte, ſtand auf und rief mit der Geſchwätzigkeit einer losgelaſſenen Schleuſe: „Ich habe zu meiner Rechten Benedict und zu meiner Linken Bernhard. Wer iſt dieſer Bernhard? Es iſt der erſte Abt von Clairvaux. Fontaines in Burgund iſt ein geſegneter Ort, weil er ihn geboren werden ſah. Sein Vater hieß Técelin und ſeine Mutter Alèthe. Er hat mit Citeaux begonnen, um mit Clairvaux zu enden; er wurde zum Abt durch den Biſchof von Chälons⸗ſur⸗Saöne, Wil⸗ helm von Champeaux geweiht; er hat ſiebenhundert Novizen gehabt und hundertundſechszig Klöſter begründet; er hat Abeilard in Concil von 1140 niedergeſchmettert, und Peter von Bruy's und Henry, deſſen Schüler und eine Art Irr⸗ gläubiger, welche man die Apoſtoliſchen nannte; er hat Arnold von Brescia in Verwirrung gebracht, den Mönch Raoul, den Judentödter, niedergedonnert, 1148 das Con⸗ cil von Rheims beherrſcht, Gilbert de la Porée, Biſchof von Poitiers, und Pon de lEtoile verurtheilen laſſen, die Streitigkeiten der Fürſten ausgeſöhnt, den König Ludwig den Jüngeren erleuchtet, dem Papſt Eugen III. Rath er⸗ theilt, den Kreuzzug gepredigt und während ſeines Lebens zweihundertundfunfzig Wunder gethan, neununddreißig ſogar an ei von 1 Heilig vierzi Potri hund undr ſeche dert auf Seit inſpe feier das ſihe das Geſt Got Ja beh von leug Ma was Ad 129 W an einem einzigen Tage. Wer iſt Benedict? Der Patriarch von Mont⸗Caſſin; er iſt der zweite Gründer der klöſterlichen Heiligkeit, die Baſilia des Occidenz. Sein Orden hat 8 vierzig Päpſte hervorgebracht, zweihundert Cardinäle, funfzig chl Patriarchen, ſechszehnhundert Erzbiſchöfe, eintauſendſechs⸗ hundert Biſchöfe, einen Kaiſer, zwölf Kaiſerinnen, ſechs⸗ undvierzig Könige, einundvierzig Königinnen, dreitauſend⸗ b⸗ ſechshundert Heilige canoniſirt und beſteht ſeit vierzehnhun⸗ dert Jahren. Auf der einen Seite der heilige Bernhard, hat auf der andern der Geſundheitscommiſſar? Auf der einen B. Seite der heilige Benedict, auf der andern der Leichen⸗ vil inſpector? Den Staat, die Leichenpolizei, die Begräbniß⸗ gleit feierlichkeit, die Reglements, die Verwaltung, kennen wir das Alles? Jeder Vorüberkommende würde empört ſein, einer ſähe er, wie man uns behandelt. Wir haben nicht einmal der das Recht, unſern Staub Jeſus Chriſtus zu widmen? Ihre ein Geſundheitscommiſſion iſt eine revolutionaire Erfindung! Sein Gott einem Polizeicommiſſar unterworfen! So iſt das nit Jahrhundert. Still, Fauvent!“ urde Fauchelevent fühlte ſich unter dieſer Douche nicht ſehr Vil⸗ behaglich. izen Die Priorin fuhr fort: hat„Das Recht der Klöſter auf die Grabgewölbe wird eter von Niemand bezweifelt. Nur die Fanatiker und Irrenden In⸗ leugnen es. Wir leben in Zeiten furchtbarer Verwirrung. hat Man weiß nicht, was man wiſſen muß, und man weiß, önch was man nicht wiſſen ſollte. Wer bringt das Schaffot Con⸗ Ludwig XVI. dem Kreuze Jeſu Chriſti nahe, und doch ſchof war Ludwig XVI. nur ein König. Man kennt den Namen „die Voltaire's und kennt den Cäſars von Bus nicht. Gleich⸗ dwig wohl war Cäſar von Bus ein Glückſeliger und Voltaire ein er⸗ Unglückſeliger. Man verfolgt die Heiligen, man ſchließt ben die Augen vor den Wahrheiten. Die Finſterniß iſt zur ogor Gewohnheit geworden. Die wildeſten Thiere ſind die Die Elenden. W. 9 — 130 blinden, Niemand denkt aufrichtig an die Hölle. O, das boshafte Volk! Statt im Namen des Königs heißt es heut' im Namen der Revolution. Man weiß nicht mehr, was man den Lebenden, noch was man den Todten ſchuldig iſt. Es iſt verboten, heilig zu ſterben. Das Begräbniß iſt eine bürgerliche Sache. Das iſt abſcheulich. Sonſt hatten wir ſelbſt in weltlichen Dingen im Kapitel eine Stimme. Der Abt von Citeaux, der General, war geborener Rath im Parlament von Burgund. Wir machten mit unſern Todten, was wir wollten. Das Alles iſt unbeſtreitbar. Man braucht nur Arnoul Wion, Gabriel Bucelin, Trithemius, Maurolicus und Dom Luc von Achery zu leſen. Die Priorin ſchöpfte Athem und wendete ſich dann gegen Fauchelevent: „Vater Fauchelevent, iſt es abgemacht?“ „Es iſt abgemacht, ehrwürdige Mutter?“ „Darf man auf ſie zählen?“ „Ich werde gehorchen.“ „Es iſt gut.“ „Ich bin dem Kloſter ganz ergeben.“ „Verſteht ſich. Sie werden den Sarg zunageln. Die Schweſtern tragen ihn in die Kapelle. Man feiert das Todtenamt, dann kehrt man in das Kloſter zurück. Zwiſchen elf Uhr und Mitternacht kommen Sie mit Ihrer Eiſenſtange. Alles wird mit der größten Heimlichkeit geſchehen. Es iſt in der Kapelle Niemand als die vier Chormütter, die Mutter Himmelfahrt und Sie.“ „Und die Schweſter am Eingange?“ „Sie wird ſich nicht umwenden.“ „Aber ſie wird hören.“ „Sie wird nicht hören. Was übrigens das Kloſter weiß, bleibt der Welt unbekannt.“ Es entſtand wieder eine Pauſe. Die Priorin fuhr fort: „Sie werden Ihre Glocke abnehmen. habe Gart i iſt m Des Der beti Su Lahr antn darg eut nan ine wir Der Kath ſern bar. ius, Die das chen mge. s iſt uter oſter fon⸗ Die Schweſter an der Thür braucht nicht zu bemerken, daß Sie da ſind.“ „Ehrwürdige Frau?“ „Was, Vater Fauvent?“ „Hat der Todtenarzt ſeinen Beſuch gemacht?“ „Er wird ihn heute um vier Uhr machen. Es iſt das Glockenzeichen gegeben, um ihn zu berufen. Aber hören Sie denn gar kein Läuten?“ „Ich achte nur auf meine Glocke.“ „Es iſt gut, Vater Fauvent.“ „Ehrwürdige Mutter, ich muß einen Hebel von wenig⸗ ſtens ſechs Fuß Länge haben.“ „Wo werden Sie den hernehmen?“ „O, es fehlt nicht an Gittern und Eiſenſtangen. Ich habe einen ganzen Haufen Eiſenwerk im Hintergrunde des Gartens.“ „Ungefähr drei Viertelſtunden vor Mitternacht, ver⸗ geſſen Sie das nicht.“ „Ehrwürdige Mutter?“ „Was?“ „Wenn Sie jemals ähnliche Arbeiten haben ſollten, ſo iſt mein Bruder ſehr ſtark.“ „Sie werden Alles ſo ſchnell als möglich machen.“ „Ich bin eben nicht ſehr raſch. Ich bin kränklich. Deshalb bedarf ich eines Gehülfen. Ich hinke.“ „Zu Hinken iſt kein Unrecht und kann ein Segen ſein. Der Kaiſer Heinrich II., welcher den Gegenpapſt Gregor bekämpfte und Benedict VIM. wieder auf den heiligen Stuhl ſetzte, hatte zwei Beinamen: der Heilige und der Lahme.“ Fauchelevent, der in der That etwas harthörig war, antwortete nichts. „Vater Fauvent,“ ſagte die Priorin,„ich denke eben daran, daß es beſſer ſein wird, eine volle Stunde zu 9 132 nehmen. Das iſt nicht zu viel. Seien Sie um elf Uhr mit Ihrer Eiſenſtange an dem Hauptaltare. Das Amt be⸗ ginnt um Mitternacht. Alles muß eine Viertelſtunde zuvor beendigt ſein.“ „Ich werde Alles thun, um der Gemeinde meinen Eifer zu beweiſen. Es iſt abgemacht. Ich nagele den Sarg zu. Punkt eilf Uhr bin ich in der Capelle. Die Chormütter werden dort ſein und die Mutter Himmelfahrt auch. Zwei Männer, das wäre beſſer. Doch gleichviel; ich werde meinen Hebel haben. Wir öffnen das Grabgewölbe, wir laſſen den Sarg hinab und ſchließen das Gewölbe wieder. Dann bleibt keine Spur mehr und die Regierung wird nichts ahnen. Ehrwürdige Mutter, iſt Alles geordnet?“ „Nein.“ „Was iſt denn noch zu thun?“ „Es bleibt der leere Sarg übrig.“ Es entſtand eine Pauſe. Fauchelevent überlegte. Die Priorin dachte nach. „Vater Fauvent, was geſchieht mit dem Sarge?“ „Man beerdigt ihn.“ „Leer?“ Wieder eine Pauſe des Schweigens. Fauchelevent machte mit der linken Hand jene Bewe⸗ gung, welche eine beunruhigende Frage abſchüttelt. „Ehrwürdige Mutter, ich bin es, der den Sarg in der Todtenkammer neben der Kirche zunagelt, und Niemand kann hinein als ich; ich bedecke ihn dann mit dem Leichentuche.“ „Ja, aber wenn die Leichenträger ihn auf den Wagen bringen und in die Grube hinablaſſen, ſo werden ſie be⸗ merken, daß nichts darin iſt.“ „Ach, der T—“, rief Fauchelevent. Die Priorin ſchlug ein Kreuz und ſah den Gärtner feſt an. Eufel blieb ihm in der Kehle ſtecken. Fluch den E mand Aho bewö Zeich Fauch wollt Mor der gen Pe iug wa Vi ſett Uhr be⸗ uvor ifer zu ütter Zwei einen den ann nen. Die ewe⸗ der kann che zagen e be irtner 133 Er beeilte ſich, ein Mittel zu improviſiren, um ſeinen Fluch vergeſſen zu machen. „Ehrwürdige Mutter“, ſagte er,„ich werde Erde in den Sarg thun. Das macht dieſelbe Wirkung, als ob Je⸗ mand darin läge.“ „Sie haben Recht, Erde iſt daſſelbe wie der Menſch. Alſo werden Sie die Sache mit dem leeren Sarg ordnen?“ „Ich mache ſie zu der meinigen.“ Das Geſicht der Priorin, welches bisher finſter und bewölkt geweſen war, heiterte ſich auf. Sie machte ihm das Zeichen des Vorgeſetzten, der den Untergebenen verabſchiedet. Fauchelevent ging auf die Thür zu. Als er hinaustreten wollte, erhob die Priorin leiſe ihre Stimme: „Vater Fauchelevent, ich bin zufrieden mit Ihnen. Morgen nach der Beerdigung führen Sie mir Ihren Bru⸗ der zu und ſagen Sie ihm, daß er ſeine Tochter mitbrin⸗ gen ſoll.“ VI. Worin Jean Valjean ganz ſo ausſieht, als hätte er Auſtin Caſtillejo geleſen. Die Schritte der Lahmen gleichen den Blicken der Ein⸗ äugigen; ſie gelangen nicht ſchnell an das Ziel. Außerdem war Fauchelevent verdutzt. Er brauchte länger als eine Viertelſtunde, um in ſeine Baracke zurückzukehren. Co⸗ ſette war wach. Jean Valjean hatte ſie an das Feuer 134 geſetzt. In dem Augenblick, als Fauchelevent eintrat, zeigte Jean Valiean ihr den Tragkorb des Gärtners, der an der Mauer hing, und ſagte: „Höre genau auf mich, meine kleine Coſette. Wir müſſen dies Haus verlaſſen, aber wir werden wieder zurück kehren und uns hier ſehr wohl befinden. Der gute alte Mann hier wird Dich in dem Korbe auf ſeinem Rücken forttragen. Du erwarteſt mich bei einer Dame. Ich ſuche Dich dort auf. Wenn Du aber willſt, daß die Thénardier Dich nicht wieder ergreift, ſo ſei gehorſam und ſprich nichts.“ Coſette nickte ernſthaft mit dem Kopfe. Bei dem Geräuſch, welches Fauchelevent machte, indem er die Thür aufdrückte, wendete Jean Valjean ſich um. „Nun?“ „Alles iſt geordnet und nichts“, ſagte Fauchelevent. „Ich habe die Erlaubniß zu Ihrem Eintritt erlangt, allein ehe Sie herein kommen können, müſſen Sie erſt hinaus ſein. Darin liegt die Verlegenheit. Für die Kleine iſt das leicht.“ „Sie tragen ſie fort?“ „Wird ſie ſchweigen?“ „Dafür ſtehe ich.“ „Aber Sie, Vater Madeleine?“ Nach einem angſtvollen Schweigen rief Fauchelevent aus: „Aber gehen Sie doch hinaus, wie Sie hereingekom⸗ men ſind!“ Jean Valjean beſchränkte ſich, wie das erſte Mal, darauf, zu antworten: „Unmöglich!“ Fauchelevent ſprach mehr zu ſich ſelbſt, wie zu Jean Valjean, indem er brummte: „Es quält mich noch etwas Anderes. Ich habe ver⸗ ſprochen, Erde hinein zu werfen. Wenn ich daran denke, daß ſtatt eines Körpers Erde darin ſei, ſo geht das nicht, denn Menſ delein faſelt für ſollt gung Tod um der unt wüt ſto de ſol Ca zeigte der Wir rück alte ücken ſuche ardier chts.“ ndem event. allein inaus tdas taus: elom⸗ Mol, Jean ver⸗ denke, nicht 185 denn das wird ſich hin und her ſchütteln und bewegen. Die Menſchen müſſen das fühlen. Sie begreifen, Vater Ma⸗ deleine, daß die Regierung es bemerken würde. Jean Valjean ſah ihn verwundert an und glaubte, er faſelte. Fauchelevent fuhr fort: „Wie zum— wie wollen Sie hinauskommen? Und alles das muß morgen geſchehen ſein! Morgen bringe ich Sie her. Die Priorin erwartet Sie.“ Nun erklärte er Jean Valjean, dies ſei die Belohnung für einen Dienſt, den er, Fauchelevent, der Gemeinde leiſten ſollte. Es gehörte zu ſeinen Geſchäften, bei den Beerdi⸗ gungen thätig zu ſein, die Särge zuzunageln und dem Todtengräber auf dem Gottesacker Hülfe zu leiſten. Die am Morgen geſtorbene Nonne hätte verlangt, in dem Sarge, der ihr als Bette diente, beerdigt und in dem Gewölbe unter dem Altare der Capelle beigeſetzt zu werden. Das wäre durch die Polizeivorſchriften verboten; allein die Ver⸗ ſtorbene wäre eine von jenen Todten, denen man nichts ver weigern dürfte. Die Priorin und die Stimmmutter wollten den Wunſch der Verſtorbenen erfüllen. Er, Fauchelevent, ſollte den Sarg in der Zelle zunageln, den Grabſtein in der Capelle aufheben und die Todte in das Gewölbe hinab⸗ laſſen. Zum Danke dafür wollte die Priorin ſeinen Bruder als Gärtner in das Haus und ſeine Nichte als Penſio⸗ närin aufnehmen. Sein Bruder das wäre Madeleine, und ſeine Nichte wäre Coſette. 1 Die Priorin hätte ihn befohlen, ſeinen Bruder am nächſten Abend nach der Scheinbeerdigung auf dem Gottes⸗ acker ihr zuzuführen, allein er könnte Herrn Madeleine nicht von draußen mitbringen, wenn Herr Madeleine nicht draußen wäre, darin läge alſo die größte Verlegenheit. Dann be⸗ ſtände auch noch eine: der leere Sarg. 136 „Was iſt das für ein leerer Sarg?“ fragte Jean Valjean. Fauchelevent antwortete: „Der Sarg der Behörde.“ „Welcher Sarg? welcher Behörde?“ „Wenn eine Nonne ſtirbt, ſo kommt der Gerichtsarzt und ſagt: Es iſt eine Nonne geſtorben. Die Regierung ſchickt dann einen Sarg. Am nächſten Tage ſchickt ſie Leichenträger, um den Sarg aufzuheben und nach den Kirch⸗ hof zu tragen. Die Leichenträger werden kommen und den Sarg aufheben, aber es wird nichts darin ſein.“ „Thun Sie etwas hinein.“ „Einen Todten? Ich habe keinen.“ „Nein.“ „Was denn?“ „Einen Lebenden.“ „Welchen Lebenden?“ „Mich ſelbſt“, ſagte Jean Valjean. Fauchelevent, der ſich geſetzt hatte, ſprang in die Höhe, als wäre eine Petarde unter ſeinem Stuhl losgelaſſen worden. Sie „Weshalb nicht?“ Jean Valjean lächelte auf jene Weiſe, die nur ſelten ſich zeigt und einem hellen Schein an einem Winterhimmel gleicht. „Sie wiſſen, Fauchelevent, daß Sie geſagt haben: die Mutter Kreuzigung iſt todt, und daß ich hinzufügte: der Vater Madeleine iſt beerdigt. So wird es ſein. „Nun ja, Sie lachen; Sie ſprechen nicht ernſthaft.“ „Sehr ernſthaft. Ich muß hinaus?“ „Ohne Zweifel.“ „Ich ſagte Ihnen, Sie ſollten auch für mich einen Tragkorb und eine Decke finden.“ „Nun?“ Decke „ weiße 7 delein ware den f zu tre Intri wunde würd Rue gſeh nich Alb zwei tert auf die ean arzt ung ſie ch⸗ den öhe, den⸗ lten mel die der inen 137 „Der Tragkorb wird von Fichtenholz ſein, und die Decke ein ſchwarzes Leichentuch.“ „Nein ein weißes. Die Nonnen werden mit einem weiße Leiuchentuche begraben.“ „Nun dann meinetwegen ein weißes.“ „Sie ſind kein Mann wie andere Leute, Vater Ma⸗ deleine.“ Solche Einbildungen zu ſehen, die nichts Anderes waren als die wilden und kühnen Erfindungen des Bagno, aus den frievlichen Dingen, in deren Umgebungen er lebte, heraus zu treten und ſich in das zu miſchen, was er die kleinen Intriguen des Kloſters nannte, war für Fauchelevent eine Ver⸗ wunderung, der ähnlich, die ein Vorübergehender empfinden würde, wenn er eine Seemöve in einer Straßenrinne der Rue St. Denis nach Fiſchen ſuchen ſähe. Jean Valjean fuhr fort: „Es handelt ſich darum, hier hinauszukommen, ohne geſehen zu werden. Das Mittel iſt gefunden. Allein zu⸗ nächſt müſſen Sie mich unterrichten. Wie geſchieht das Alles? Wo ſteht der Sarg?“ „Der leere?“ „Ja.“ „Unten in dem ſogenannten Todtenſaale. Er ſteht auf zwei Böcken und unter dem Leichentuche.“ „Wie lang iſt er?“ „Sechs Fuß.“ „Was iſt das für ein Raum, der Todtenſaal?“ „Es iſt ein Zimmer im Erdgeſchoß mit einem vergit⸗ terten Fenſter nach dem Garten, das mit Fenſterladen nach außen geſchloſſen iſt, und in welches zwei Thüren führen, die eine nach dem Kloſter, die andere nach der Kirche.“ „Nach welcher Kirche?“ „Nach der Straßenkirche, die, welche von aller Welt beſucht wird.“ 138 „Haben Sie die Schlüſſel zu dieſen beiden Thüren?“ „Nein. Ich habe nur den Schlüſſel zu der Thür nach dem Kloſter; den Schlüſſel zu der Thür nach der Kirche hat der Thürhüter.“ „Wann öffnet er dieſe Thür?“ „Nur um die Leichenträger, welche den Sarg holen, herein zu laſſen. Iſt der Sarg hinaus, dann ſchließt er ſie wieder.“ „Wer nagelt den Sarg zu?“ „Zch.“ „Wer deckt das Leichentuch darüber?“ ch.“ „Sind Sie dabei allein?“ „Kein anderer Mann, ausgenommen der Polizeiarzt, darf in den Todtenſaal eintreten. Das iſt ſelbſt auf der Mauer geſchrieben.“ „Können Sie nicht dieſe Nacht, wenn Alles in dem Kloſter ſchläft, mich in dieſem Saal verſtecken?“ „Nein. Aber ich kann Sie in einem kleinen dunklen Raume verbergen, der an den Todtenſaal ſtößt, in dem ich meine Werkzeuge zur Beerdigung aufbewahre und zu dem ich den Schlüſſel habe.“ „Zu welcher Stunde wird morgen der Sarg atgeholt“ „Gegen drei Uhr Nachmittags. Die Beerdigung findet auf dem Kirchhof Vaugirard ſtatt, kurz vor Anbruch der Nacht. Es iſt ganz nahe.“ „Ich werde in Ihren Käſten für das Arbeitsgeräth die ganze Nacht und den ganzen Morgen verſteckt bleiben. Und etwas zu eſſen? Ich werde Hunger haben.“ „Ich werde Ihnen etwas bringen.“ „Sie könnten um zwei Uhr kommen, um mich in den Sarg einzunageln.“ Fauchelevent ließ die Knochen ſeiner Finger knacken. „Das iſt unmöglich!“ ſagte er. Bret Jean durch kennt licht bei oder man eine Ball leben ſtun u Val hatt . dr iren?“ nach Kirche holen, eßt er eiarzt, uf der dem unklen en ich u dem olt?“ findet ch der gerith leiben⸗ in den nacken 139 „Pah! einen Hammer zu nehmen und Nägel in ein Bret zu ſchlagen?“ Was für Fauchelevent ganz unerhört ſchien, war für Jean Valjean durchaus einfach. Jean Valjean war ſchon durch ſchlimmere Engpäſſe gedrungen. Wer gefangen war, kennt die Kunſt, ſich nach den Räumlichkeiten einer Mög⸗ lichkeit der Flucht zu ſchmiegen. Der Gefangene gleicht bei ſeiner Flucht dem Kranken in einer Kriſis, die ihn rettet oder tödtet. Eine Entweichung iſt eine Heilung. Was läßt man ſich nicht Alles gefallen, um zu geneſen? Sich in einer Kiſte einnageln und forttragen zu laſſen wie einen Ballen, längere Zeit in einem verſchloſſenen Raume zu leben, da Luft zu finden, wo es keine gab, mit ſeinem Athem ſtundenlang ſparſam umzugehen, erſticken zu können, ohne zu ſterben, das war eins von den finſtern Talenten Jean Valjean's. Fauchelevent, der ſich ein wenig wieder erholt hatte, rief: „Aber wie wollen Sie es anfangen, um Athem zu ſchöpfen?“ „Ich werde es thun.“ „Aber in dieſem Kaſten! Ich erſticke, wenn ich nur daran denke.“ „Sie haben doch wohl einen Bohrer. Sie machen hier und dort um meinen Mund einige Löcher und nageln den Sarg zu, ohne die oberen Bretter dicht aufzuſchlagen.“ „Gut! Und wenn Sie nun huſten oder nießen? „Wer ſo entflieht, huſtet oder nießt niemals.“ Und Jean Valjean fügte hinzu: „Vater Fauchelevent, Sie müſſen ſich entſcheiden, ent⸗ weder hier ergriffen werden, oder im Sarge hinausgelangen!“ Alle Welt hat ſchon die Bemerkung gemacht, daß die Katzen gewöhnlich in einer halbgeöffneten Thür ſich nieder⸗ drücken und ſchnüffeln. Es giebt viele Menſchen, welche in dieſer Beziehung den Katzen gleichen, indem ſie unentſchieden 140 zwiſchen zwei Entſchlüſſen ſchwanken und ſich dabei der Ge⸗ fahr ausſetzen, durch die plötzlich geſchloſſene Thür des Schickſals gequetſcht zu werden. Fauchelevent hatte dieſe zögernde Natur. Indeß ſteckte die Kaltblütigkeit Jean Val⸗ jeans ihn unwillkürlich an und er brummte: „Ja, es giebt in der That kein anderes Mittel.“ Jean Valjean entgegnete: „Das Einzige, was mich beunruhigt, iſt, was auf dem Kirchhofe geſchehen wird.“ „Das ſetzt mich eben gar nicht in Verlegenheit,“ rief Fauchelevent.„Sind Sie überzeugt, ſich aus dem Sarge zu helfen, ſo bin ich ebenſo überzeugt, Ihnen aus dem Grabe zu helfen. Der Todtengräber iſt ein Trunkenbold und mein Freund. Es iſt der Vater Meſtienne. Ein Alter vom alten Schlage. Der Todtengräber ſteckt die Todten in die Grube, und ich ſtecke den Todtengräber in meine Taſche. Was ge⸗ ſchehen wird, will ich Ihnen ſagen. Man langt etwas vor der Dunkelheit an, dreiviertel Stunden vor dem Schluß der Thore des Kirchhofs. Der Leichenträger führt den Wagen bis zu dem Grabez; ich folge ihm, das iſt mein Amt. Ich habe einen Hammer und eine Zange in meiner Taſche. Der Leichen⸗ wagen hält an, die Leichenträger ſchlingen Stricke um den Sarg und laſſen ihn hinab. Der Prieſter ſpricht die Ge⸗ bete, macht das Zeichen des Kreuzes, ſprengt das Weihwaſſer und packt ſich. Ich bleibe allein mit dem Vater Meſtienne. Er iſt mein Freund, ſage ich Ihnen. Entweder iſt er be⸗ trunken, oder er iſt es nicht. Iſt er es nicht, ſo ſage ich: „Komm und trink einen Schluck, während die gute Quitte noch offen iſt.“ Ich nehme ihn mit mir, ich mache ihn be⸗ trunken und das dauert bei dem Vater Meſtienne nicht lange, denn er hat ſchon immer einen guten Anfang gemacht; ich trinke ihn unter den Tiſch, nehme ihm ſeine Karte, um nach dem Gottesacker zurückzukehren, und thue das ohne ihn. Sie haben es dann nur noch mit mir zu ſchaffen. Iſt er aber ſchon b Deine aus det J nit eir gut ge levent. Es die! hin b, Uentt Su ſut Zw ſchl Da Arl Va 141 Ge⸗ ſchon betrunken, ſo ſage ich zu ihm:„Geh' nur, ich will Deine Arbeit verrichten.“ Er geht dann und ich ziehe Sie aiß aus dem Grabe.“ Vul⸗ Jean Valjean reichte ihm die Hand, welche Fauchelevent mit einer rührenden bäueriſchen Innigkeit ergriff. „Es iſt abgemacht, Vater Fauchelevent. Alles wird gut gehen.“ „Vorausgeſetzt, daß nichts ſchlecht geht,“ dachte Fauche⸗ levent.—„Wenn es fürchterlich werden ſollte?“ tf Sarge Grabe mein alten Hrube, 16 ge⸗ 8 vor W. uß der en bis Es genügt nicht, Trunkenbold zu ſein, um unſterblich eeinen zu ſein. eichen⸗ m den Am nächſten Tage, als die Sonne ſich ſenkte, nahmen Ge⸗ die wenigen Menſchen, die auf dem Boulevard du Maine waſſer hin und her gingen, ihren Hut vor einem alten Leichenwagen tieme⸗ ab, der mit Todtenköpfen, Kreuzen von Knochen und Thrä⸗ er be⸗ nentropfen geſchmückt war. In dieſem Leichenwagen ſtand ein e ich: Sarg, der mit einem weißen Leichentuche bedeckt war. Eine Ouitte Kutſche mit einem Prieſter und einem Chorknaben folgte. n be⸗ Zwei Leichenträgen in grauer Uniform, mit ſchwarzen Auf⸗ lange, ſchlägen gingen rechts und links neben dem Leichenwager her. t; ich Dahinter folgte ein alter lahmer Mann in der Kleidung eines nnach Arbeiters. Der Leichenzug bewegte ſich gegen den Kirchhof ESie Vaugirard. rober Aus der Taſche dieſes Alten ſah man den Griff eines 142 Hammers, die Klinge einer Feile und den doppelten Griff einer Zange hervorblicken. Der Kirchhof Vaugirard machte eine Ausnahme von den Gottesackern in Paris. Er hatte ſeine eigenen Gebräuche, ebenſo wie er ſeinen Thorweg und ſeine Thür hatte, welche die alten Leute in dem Stadtviertel dem Herkommen gemäß das Reitthor und die Fußgängerthür nannten. Die Bernhardiner⸗Benedictinerinnen des Kleinen Picpus hatten, wie erwähnt, die Begünſtigung erhalten, am Abend und in einer beſondern Ecke auf dieſem Boden beerdigt zu werden, welche ehedem ihrer Gemeinde gehörte. Die Todten⸗ gräber, welche auf ſolche Weiſe auf dieſem Gottesacker im Sommer einen Abend⸗ und im Winter einen Nachtdienſt zu verrichten hatten, waren einer beſonderen Disciplin unter⸗ worfen. Die Thore der Kirchhöfe von Paris wurden zu jener Zeit mit Sonnenuntergang geſchloſſen, und da dies ein allgemeiner Befehl war, unterlag der Kirchhof Vaugirard demſelben ebenſo wie alle andern. Das Reiterthor und die Fußgängerthür waren zwei nebeneinander liegende Gitter, die an ein Häuschen ſtießen, welches der Thürhüter des Gottesackers bewohnte. Dieſe Gitter ſchloſſen ſich daher unerbittlich, ſobald die Sonne hinter dem Dome der Inva⸗ liden verſchwand. Wenn ein Todtengräber ſich in dieſem Augenblicke auf dem Kirchhofe verſpätet hatte, ſo blieb ihm, um hinauszugelangen, nur ſeine Todtengräberkarte, welche von der Behörde ausgeſtellt war. Eine Art von Briefkaſten war in dem Fenſterladen des Thürhüters angebracht. Der Todtengräber warf ſeine Karte in dieſes Käſtchen, der Thür⸗ hüter hörte ſie fallen, zog die Schnur an, und die Fuß⸗ gängerthür öffnete ſich. Wenn der Todtengräber ſeine Karte nicht hatte, nannte er ſich. Der Thürhüter, der zuweilen ſchon ſchlief und ſogar zu Bette gegangen war, ſtand auf, ſah nach, ob es wirklich ein Todtengräber ſei und öffnete die Thi hinaus, Di widerſtr Verwal nach 1 der öſt erbte Gottes einen der an Quelle D ihn; d Vaugi Pere Vcha haben bepfl gäng hohe gernd Leich Kreu inho war wöll Einl ohne der Grif von uche, elche mäß icpus bend gt zu dten⸗ rim ſt zu ter⸗ n zu dies irard d die itter, des daher nba⸗ eſem ihm, velche faſten Der Lhir⸗ Karte veilen f, ffnete 3 143 die Thür mit ſeinem Schlüſſel; der Todtengräber ging dann hinaus, mußte aber fünfzehn Francs Strafe zahlen. Dieſer Gottesacker mit ſeinen der allgemeinen Regel widerſtreitenden Eigenthümlichkeiten war der Symetrie der Verwaltungsbehörde im Wege. Man hat ihn daher kurz nach 1830 unterdrückt. Der Kirchhof Mont Parnaſſe, der öſtliche Gottesacker genannt, folgte auf denſelben und erbte das berüchtigte Cabaret, welches in der Nähe des Gottesackers Vaugirard an einer Ecke lag, und auf der einen Seite ein Schild mit einer gemalten Quitte, und auf der andern, dem Kirchhofe zugekehrt, das Zeichen zur guten Quelle Quitte hatte. Der Kirchhof Vaugirard verfiel. Das Moos überzog ihn; die Blumen verließen ihn. Bürger mochten nicht auf Vaugirard beerdigt werden, denn das roch nach Armuth. Peère Lachaiſe, das war etwas Anderes! Auf dem Pere Lachaiſe beerdigt zu werden, das heißt Mahagoniemöbel haben. Der Kirchhof Vaugirard war ein ehrwürdiges Feld, bepflanzt wie ein alter franzöſiſcher Garten. Gerade Baum⸗ gänge, Buchsbaum, Stechpalmen unter altem Epheu, ſehr hohes Gras. Am Abend ſah Alles hier traurig aus. Die geraden Linien waren finſter und grabartig. Die Sonne war noch nicht untergegangen, als der Leichenwagen mit der weißen Sargdecke und dem ſchwarzen Kreuze darauf, in den Weg zu dem Kirchhof Vaugirard einbog. Der hinkende Menſch, der hinter dem Wagen herging, war kein Anderer, als Fauchelevent. Die Beiſetzung der Mutter Kreuzigung in dem Ge⸗ wölbe unter dem Altare, die Fortſchaffung Coſettens, der Einlaß Jean Valjean's in die Todtenkammer. Alles war ohne ein Hinderniß gelungen. Im Vorbeigehen erwähnen wir, daß die Beiſetzung der Mutter Kreuzigung unter dem Kloſteraltare für uns 144 etwas ganz Verzeihliches iſt. Es iſt eine jener Vergehungen, die einer Pflicht gleichen. Die Nonnen hatten ſie vollbracht, nicht nur ohne Beruhigung, ſondern ſogar mit dem Beifall des Gewiſſens. Im Kloſter iſt das, was man die„Re⸗ gierung“ nennt, nichts weiter, als eine leicht zu beſtreitende Einmiſchung der Autorität. Zuerſt die Regel; was das Geſetzbuch betrifft, ſo wird man das weiter ſehen. Men⸗ ſchen, macht Geſetze, ſo viel ihr wollt, aber behaltet ſie für euch. Der Zoll für den Kaiſer iſt nie etwas Anderes, als was von dem Zoll für Gott übrig bleibt. Ein Fürſt iſt nichts neben einem Grundſatze. Fauchelevent hinkte ſehr zufrieden hinter dem Leichen⸗ wagen her. Seine beiden Zwillingsverſchwörungen, die eine mit den Nonnen, die andere mit Herrn Madeleine, die eine für, die andere gegen das Kloſter, waren zugleich ge⸗ lungen. Die Ruhe Jean Valjean's war jener impoſanten Art, welche auch Andere beruhigt. Fauchelevent zweifelte nicht mehr an dem Erfolge. Was noch zu thun blieb, war nichts. Seit zwei Jahren hatte er den Todtengräber, den ehrlichen Vater Meſtienne, den guten Alten, zehn Mal be⸗ trunken gemacht. Er ſpielte mit dem Vater Meſtienne; er machte aus ihm, was er wollte. Er ſetzte ihn einen be⸗ liebigen Kopfputz auf und der Kopf Meſtienne's fügte ſich in die Kappe Fauchelevents. Die Zuverſicht Fauchelevents war vollſtändig. In dem Augenblick, als der Leichenzug in die Straße des Gottesackers einbog, betrachtete Fauche⸗ levent mit dem Ausdruck des Glückes den Leichenwagen, rieb ſich ſeine derben Hände, und ſagte mit leiſer Stimme: „Iſt das eine Poſſe?“ Plötzlich hielt der Leichenwagen an; man war bei dem Gitter. Es mußte die Erlaubniß zur Beerdigung vorgezeigt werden. Der Beerdigungscommiſſar beſprach ſich mit dem Thürhüter des Kirchhofes. Während dieſes Geſpräches, welches immer einen Halt von ein oder zwei Minuten zur Folge den L von 2 Spate kugel knnt vents daß dies ren ihr ven iſt Gr ungen, hracht, Beifall itende 8 das Men⸗ tet ſie deres, Fürſt ichen⸗ die ne, die ich ge⸗ ſanten eifelte wat r, den l be⸗ ne; er be⸗ e ſich events henzlg auche⸗ vagen⸗ imme ei dem it den en jn 145 Folge hatte, ſtellte ſich Jemand, ein Unbekannter, hinter den Leichenwagen neben Fauchelevent. Es war eine Art von Arbeiter, der eine Jacke mit großer Taſche und einen Spaten unter dem Arme trug. Fauchelevent ſah den Unbekannten an. „Wer ſeid Ihr?“ fragte er ihn. Der Mann antwortete: „Der Todtengräber!“ Wenn man es überleben könnte, mit einer Kanonen⸗ kugel einen Schuß mitten in die Bruſt zu bekommen, ſo könnte man ſich einen Begriff von dem Geſicht Fauchele⸗ vents machen. „Der Todtengräber!“ „J- „Ihr!“ „Ich.“ „Der Todtengräber iſt der Vater Meſtienne.“ „Er war es.“ „Wie ſo! er war es?“ „Er iſt tödt.“ Fauchelevent war auf Alles gefaßt, nur darauf nicht, daß auch ein Todtengräber ſterben kann. Dennoch war dies wirklich ſo; ſelbſt die Todtengräber ſterben; wäh⸗ rend ſie das Grab für Andere graben, öffnen ſich auch die ihrigen⸗ Fauchelevent ſtand mit offenem Munde da. Kaum vermochte er zu ſtammeln: „Aber das iſt nicht möglich!“ „Es iſt doch ſo.“ „Allein,“ entgegnete er matt,„der Todtengräber, das iſt der Vater Meſtienne.“ „Nach Napoleon Ludwig XVIII., nach Meſtienne Griebier. Bauer, ich heiße Gribier.“ Fauchelevent ſtarrte dieſen Gribier leichenblaß an. Die Elenden. IV. 10 ——— 146 Es war ein langer, magerer, blaſſer Menſch, der ganz creppartig ausſah. Er ſchien ein verunglückter Arzt zu ſein, der Todtengräber geworden iſt. Fauchelevent brach in ein lautes Gelächter aus. „Was ſich doch für komiſche Dinge zutragen! Der Vater Meſtienne iſt todt. Der kleine Vater Meſtienne iſt todt, aber es lebe der kleine Vater Lenoir. Ihr wißt doch, wer der kleine Vater Lenoir iſt? Es iſt der Krug mit Rothwein, mit einer Sechs auf dem Siegel; es iſt der Krug von Suréne, echter Suréne von Paris! So, er iſt todt, der alte Meſtienne! Es thut mir leid; er war ein guter Kerl. Aber auch Ihr ſeid ein guter Kerl, nicht wahr, Kamerad? Wir gehen ſogleich und trinken einen Schluck miteinder.“ Der Mann antwortete: „Ich habe ſtudirt. Ich habe meine vier Examina ge⸗ macht. Ich trinke nie.“ Der Leichenwagen hatte ſich wieder in Bewegung ge⸗ ſetzt und rollte die große Allee des Kirchhofes hinab. Fauchelevent verkürzte den Schritt. Er hinkte noch mehr aus Angſt als aus Gebrechlichkeit. Der Todtengräber ging vor ihm her. Fauchelevent erforſchte noch einmal dieſen unerwarteten Gribier. Es war einer jener Menſchen, die noch jung, ſchon alt ausſehen, und wenn auch mager, doch ſehr kräftig ſind. „Kamerad!“ rief Fauchelevent ihn zu. Der Menſch drehte ſich um. „Ich bin der Todtengräber des Kloſters.“ „Ein Kollege,“ ſagte der Mann. Fauchelevent, der zwar ungelehrt, aber ſehr pfiffig war, begriff, daß er es mit einer gefährlichen Art zu thun hatte, mit einem Schönredner. alſo het den Autr Jct ſun getr aus. nie D pri der Azt — Der eiſt vißt Krug iſt So, war nicht einen ge⸗ e⸗ inab. mehr teten ſchon jifi thun 147 Er murmelte:„So, ſo, der Vater Meſtienne iſt alſo todt.“ Der Menſch antwortete:„Vollkommen. Der gute Gott hat ſein Sterberegiſter nachgeſehen. Es war die Reihe an den Vater Meſtienne. Der Vater Meſtienne iſt geſtorben“. Fauchelevent wiederholte unwillkürlich: „Der gute Gott—“ „Der gute Gott“, ſagte der Mann mit dem Tone der Autorität;„ſind die Philoſophen der ewige Vater, ſind die Jacobiner das höchſte Weſen. „Wollen wir nicht Bekanntſchaft mit einander machen?“ ſtammelte Fauchelevent. „Sie iſt gemacht; Ihr ſeid Bauer, ich bin Pariſer.“ „Man kennt ſich nicht, ſo lange man nicht mit einander getrunken hat. Wer ſein Glas leert, ſchüttet auch ſein Herz aus. Ihr werdet mit mir trinken. Das ſchlägt man nie ab.“ „Zuerſt das Geſchäft.“ Fauchelevent dachte:„ich bin verloren!“ Man war nur noch einige Radumdrehungen von der kleinen Allee entfernt, die zu der Ecke der Nonnen führte. Der Todtengräber fuhr fort: „Bauer, ich habe ſechs Buben, die ich ernähren muß.“ „Da ſie eſſen wollen, darf ich nicht trinken“. Und mit der Befriedigung eines Gelehrten, der einen prächtigen Satz ausſpricht, fügte er hinzu: „Ihr Hunger iſt der Feind meines Durſtes.“ Der Leichenwagen bog um ein Cypreſſengebüſch, ver⸗ ließ die große Allee und ſank in den lockeren Boden ein. Das deutete die unmittelbare Nähe des Grabes an. Fau⸗ chelevent verkürzte ſeinen Schritt, aber er konnte den Lei⸗ chenwagen nicht aufhalten. Zum Glück war der lehmige Boden durchnäßt, klebte ſich an die Räder und machte es nöthig, langſam zu fahren. 10* 148 Fauchelevent näherte ſich dem Todtengräber. „Es giebt doch einen ſo guten klaren Wein von Ar⸗ genteil,“ murmelte er. „Dorfbewohner“, entgegnete der Mann,„es ſollte nicht ſein, daß ich Todtengräber bin. Mein Vater war Pförtner am Prytanäum. Er beſtimmte mich für die Literatur. Aber es kamen Unglücksfälle. Er hatte Verluſte an der Börſe. Ich mußte auf den Stand als Schriftſteller ver⸗ zichten. Ich bin aber doch noch immer öffentlicher Schreiber.“ „Dann ſeid Ihr alſo nicht Todtengräber?“ entgegnete Fauchelevent, der ſich an dieſem Strohhalm anklammerte. „Das eine hindert das andere nicht. Ich vereinige beide Geſchäfte mit einander.“ Fauchelevent verſtand das nicht und ſagte: „Kommt und laßt uns trinken.“ Hier iſt eine Bemerkung nothwendig. Fuucheledeſt for⸗ derte zwar zum Trinken auf, allein in ſeiner Angſt ſprach er ſich nicht über einen wichtigen Punkt aus. Wer ſollte bezahlen? Für gewöhnlich forderte Fauchelevent auf und der Vater Meſtienne bezahlte. Ein Anerbieten zu trinken, entſprang natürlich aus der Lage, in welcher der neue Todten⸗ gräber den Gärtner gebracht hatte, und dieſer mußte das Anerbieten machen. Allein dennoch dachte er trotz ſeiner Rührung nicht daran, zu zahlen. Der Todtengräber fuhr mit einem überlegenen Lächeln fort: „Man muß leben. Ich habe die Stelle des Vater Meſtienne angenommen. Wenn man ſeine Examina beinahe durchgemacht hat, iſt man Philoſoph. Der Arbeit der Hand füge ich die Arbeit des Armes hinzu. Ich habe meine Bude als Schreiber auf dem Markte der Rue de Sevres. Ihr wißt doch? Der Regenſchirmmarkt. Alle Köchinnen von Croix⸗Ronge wenden ſich an mich. Ich ſetze ihnen ihre Erklärungen an ihre Recruten auf. Morgens ſchreibe ich Liebe Lund den Gro zwe der der erhö Gro vern leb die gel hat Ar⸗ nicht rtner utur. der ver⸗ iber.“ egnete rte. einige t for⸗ ſprach ſolle f und rinken, odten⸗ e das ſeiner fuhr Vater einahe Hand neine eres chinnen en ihrt ibe i0 Liebesbriefe, Abends grabe ich Gräber. Landmann.“ Der Wagen fuhr weiter. Fauchelevent, deſſen Unruhe den höchſten Grad erreichte, blickte nach allen Seiten umher. Große Schweißtropfen rannen von ſeiner Stirn herab. „Indeß“, fuhr der Todtengräber fort,„kann man nicht zweien Herrinnen dienen. Ich muß zwiſchen der Feder und der Schaufel wählen. Die Schaufel verdirbt mir die Hand. Der Leichenwagen hielt an. Der Chorknabe ſtieg aus dem Begleitwagen und dann der Prieſter. Eines der Vorderräder des Leichenwagens ſtand etwas erhöht auf einem Erdhaufen, jenſeit deſſen man ein offenes Grab ſah. „Iſt das eine Poſſe!“ wiederholte Fauchelevent ganz verwirrt. So iſt das Leben, VI. Zwiſchen vier Brettern. Wer lag in dem Sarge? Man weiß es. Jean Valjean. Jean Valjean hatte ſich ſo eingerichtet, daß er darin leben konnte, und athmete beinahe. Es iſt eine eigenthümliche Sache, in welchem Grade die Sicherheit des Gewiſſens die Sicherheit alles Uebrigen gewährt. Der ganze Plan, den Jean Valjean erſonnen hatte, gelang am Tage zuvor vollkommen. Er rechnete gleich 150 Fauchelevent auf den Vater Meſtienne. Er zweifelte nicht mehr an dem Ende. Nie gab es eine mißlichere Lage, nie eine vollſtändigere Ruhe, die vier Bretter des Sarges ſtrömten einen furchtbaren Frieden aus. Es ſchien, als ob etwas von der Ruhe der Todten ſich der Ruhe Jean Valjeans mittheilte. Aus dem Innern des Sarges konnte er alle Phaſen des fürchterlichen Drama's ſehen, welches er mit dem Tode aufführte. Kurze Zeit nachdem Fauchelevent den oberen Sargdeckel feſtgenagelt hatte, fühlte Jean Valjean, daß er aufgehoben wurde und dann, daß er fortrollte. An der Verminderung der Stöße erkannte er, daß man von dem Fflaſter auf den Erdweg kam, das heißt, das man die Straße verließ und die Boulevards erreichte. An einem dumpfen Geräuſch errieth er, daß man über die Auſterlitzbrücke fuhr. Bei dem erſten Halt begriff er, daß man den Kirchhof erreicht hatte, bei dem zweiten ſagte er zu ſich ſelbſt:„Wir ſind am Grabe!“ Plötzlich fühlte er, daß Hände den Sarg ergriffen und hörte dann ein dumpfes Rauſchen an den Brettern; er ſagte ſich, daß dies von dem Stricke herrührte, den man um den Sarg ſchlang, um ihn in das Grab hinabzulaſſen. Jetzt hatte er eine Art von Betäubung. Wahrſcheinlich hatte der Todtengräber und die Leichen⸗ gehülfen den Sarg ſchwanken laſſen und das Kopfende früher hinabgelaſſen als das Fußende. Er kam vollſtändig erſt wie⸗ der zu ſich, als er ſich wieder regungslos in horizontaler Lage fühlte. Er hatte den Boden berührt. Er empfand ein gewiſſes Fröſteln. Eine Stimme erhob ſich über ihn, feierlich und kalt, die ſo langſam tönte, daß er jedes Wort verſtehen konnte: „Qui dormiunt in terrae pulvere, evigilabunt; alii in vitam aeternam, et alii in oppobrium, ut vide- ant semper.“ nied lich wen nim lle hin wi we ve nicht , nie mten was ſeans haſen Tode deckel hoben erung den nd die rrieth erſten hei ko!“ en und ſagte m den eichen friher ſt wie rLage wiſſes ch und ſtehen apunt vide⸗ 151 Eine Kinderſtimme antworte darauf: „De profundis.“ Die tiefe Stimme begann wieder: „Requiem acternam dona ei, domine.“ Die Knabenſtimme antwortete: „Pt lux perpetua lucoat ei.“ Er hörte auf das Brett, welches ihn bedeckte, etwas niederfallen, wie einige Regentropfen. Das war wahrſchein lich das Weihwaſſer. Er dachte:„Jetzt iſt es gleich zu Ende. Noch ein wenig Geduld. Der FPrieſter wird gehen. Fauchelevent nimmt Meſtienne zum Wein mit ſich fort. Man läßt mich allein. Dann kehrt Fauchelevent zurück und ich komme hinaus. Das wird die Geſchichte einer guten Stunde ſein. Die ernſte Stimme ertönte wieder: „Requiescat in pace.“ „Amen.“ Fauchelevent, der angeſtrengt horchte, vernahm etwas wie ſich entfernende Schritte. „Jetzt gehen ſie,“ dachte er.„Ich bin allein.“ Plötzlich hörte er über ſeinem Haupte ein Geräuſch, welches dem Rollen des Donners glich. Es war eine Schaufel Erde, die auf den Sarg herabfiel. Eine zweite Schaufel Erde folgte. Eines der Löcher, durch welche er Athem holte, war verſtopft worden. Eine dritte Schaufel ſtürzte herab. Dann eine vierte. Es giebt Dinge, die ſtärker ſind, als der ſtärkſte Mann. Jean Valjean verlor das Bewußtſein. 152 vent in de cheln * Die Anferſtehung. . Hier, was ſich über dem Sarge zutrug, in welchem 3 Jean Valjean lag. Klo 1 Als der Leichenwagen ſich entfernt hatte, als der iſt. Prieſter und der Chorknabe ihren Wagen wieder beſtiegen Fen und davon gefahren waren, ſah Fauchelevent, der kein Auge 1 43 von dem Todtengräber verwendete, wie dieſer ſich umwendete, zw . um ſeine Schaufel zu ergreifen, die zur Rechten in einen Be Haufen Erde geſtoßen war. bet 3 Da faßte Fauchelevent einen verzweifelten Entſchluß. Er ſtellte ſich zwiſchen das Grab und dem Todten⸗ de gräber, kreuzte die Arme auf der Bruſt und ſagte: ne ſ„Ich bezahle!“ 3 a 1 3 Der Todtengräber ſah ihn ſtaunend an und ant— wortete: „Was aber?“ ſe Fauchelevent wiederholte:„ich zahle!“ ni „Was?“ „Den Wein.“ „Welchen Wein?“ n „Den von Argenteuil.“ z „Wo liegt dies Argenteuil?“ „In der guten Quitte.“ d „Geht zum Teufel,“ ſagte der Todtengräber. Und er warf eine Schaufel Erde auf den Sarg. Dieſer gab einen dumpfen Ton von ſich, aber Fauchele⸗ lchem der tiegen Auge ndete, einen luß. odten⸗ ant⸗ uchele vent fühlte, wie er taumelte, und war nahe daran, ſelbſt in das Grab hinabzuſtürzen. Er ſchrie mit einer Stimme, die beinahe dem Rö⸗ cheln glich: „Kamerad! ehe die gute Quitte geſchloſſen wird!“ Der Todtengräber nahm wieder Erde auf ſeine Schau⸗ fel. Fauchelevent fuhr fort: „Ich bezahle.“ Und er ergriff den Arm des Todtengräbers. „Hört mich, Kamerad. Ich bin der Todtengräber des Kloſters. Ich komme, um Euch Beiſtand zu leiſten. Das iſt eine Arbeit, die man auch in der Nacht machen kann. Fangen wir deshalb damit an, einen Schluck zu trinken.“ Während er ſo ſprach, während er ſich an dieſes ver⸗ zweifelte Auskunftsmittel anklammerte, ſtellte er die finſtere Betrachtung an:„und wenn er auch trinkt, wird er ſich betrinken?“ „Provinziale,“ ſagte der Todtengräber,„wenn Ihr es denn durchaus wollt, ſo willige ich ein. Wir trinken, doch nach der Arbeit, niemals vorher.“ Er hob ſeine Schaufel auf. Fauchelevent hielt ihn zurück. „Es iſt Argenteuil zu ſechs!“ „Ach was,“ ſagte der Todtengräber ärgerlich,„Ihr ſeid Glöckner. Bim, bam, bim, bam. Ihr wißt weiter nichts zu ſagen.“ Und er warf die zweite Schaufel Erde hinab. Fauchelevent war zu jenem Punkte gediehen, wo man nicht weiß, was man ſpricht.„Aber ſo kommt doch mit zu trinken! Ich bin es ja, der bezahlt!“ „Wenn wir das Kind zu Bett gebracht haben!“ ſagte der Todtengräber. Und er warf die dritte Schaufel in das Grab. Dann ſtieß er die Schaufel in den Erdhaufen und fügte hinzu: —— 154 „Seht Ihr, es wird dieſe Nacht kalt werden und die Todte würde hinter uns herſchreien, wenn ich ſie hier ohne Decke liegen ließe.“ In dieſem Augenblick bückte der Todtengräber ſich, und während er die Schaufel wieder voll Erde nahm, bog die Taſche ſeiner Jacke ſich auseinander. Der irre Blick Fauchelevent's fiel unwillkürlich in dieſe Taſche und blieb daran haften. Die Sonne war am Horizont noch nicht ganz unter⸗ gegangen. Es war noch hell genug, um etwas Weißes auf dem Boden dieſer gähnenden Taſche zu erblicken. Der ganze Blitz, deſſen das Auge eines picardiſchen Bauern fähig iſt, durchzuckte das Hirn Fauchelevent's. Es kam ihm ein Gedanke. Ohne daß der Todtengräber, der mit ſeiner Schaufel voll Erde beſchäftigt war, es bemerkte, ſteckte er ihm von hinten die Hand in die Taſche und zog daraus den weißen Gegenſtand hervor, den er bemerkt hatte. Der Todtengräber warf die vierte Schaufel voll Erde in das Grab. In dem Augenblick, als er ſich umwendete, die fünfte zu nehmen, ſah Fauchelevent ihn mit großer Ruhe an und ſagte: „Apropos, Ihr Neuling, habt Ihr Eure Karte?“ Der Todtengräber unterbrach ſich in ſeiner Arbeit und fragte: „Welche Karte?“ „Die Sonne geht gleich unter.“ „Nun gut; ſie möge ihre Nachtmütze aufſetzen.“ „Das Gitter des Kirchhofes wird geſchloſſen.“ „Nun, und was weiter?“ „Habt Ihr Eure Karte?“ „Meine Karte!“ wiederholte der Todtengräber. Er unterſuchte ſeine Taſche. zing die e werd Gri H cœ— 0N die ohne ſich, bog dieſe nter⸗ auf ſchen aufel von ißen Erde ünfte und und 155 Nach der erſten unterſuchte er auch die zweite. Er ging dann zu den Hoſentaſchen über, ſteckte die Hand in die erſte, drehte die zweite um. „Nein,“ ſagte er,„ich habe meine Karte nicht. Ich werde ſie vergeſſen haben.“ „Fünfzehn Franes Strafe!“ ſagte Fauchelevent. Der Todtengräber wurde ganz grün im Geſicht. Das Grün iſt die Bläſſe der Blaſſen. „Ach Jeſu, mein Gott!“ rief er,„fünfzehn Franes Strafe!“ „Drei Stück zu hundert Sous,“ ſagte Fauchelevent. Der Todtengräber ließ die Schaufel fallen. Jetzt war Fauchelevent oben auf. „Nun, Recrut,“ ſagte er,„verzweifelt deshalb nicht. Ihr dürft Euch das Leben nicht nehmen, um das Grab für Euch zu benutzen. Fünfzehn Franes ſind nicht mehr als fünfzehn Francs, und dann könnt Ihr es auch ſo machen, daß Ihr ſie nicht zu bezahlen braucht. Ich bin alt, Ihr ſeid ein Neuling. Ich kenne die Schliche und die Ffiffe. Ich will Euch einen freundſchaftlichen Rath geben. Eure Sache iſt klar: die Sonne geht unter; ſie ſteht ſchon an dem Horizont und in fünf Minuten wird der Kirchhof ge⸗ ſchloſſen.“ „Das iſt wahr,“ erwiderte der Todtengräber.“ „Binnen hier und fünf Minuten habt Ihr nicht die Zeit, das Grab zu füllen, denn es iſt verteufelt tief, und dann noch zeitig genug zu dem Gitter zu kommen, ehe es geſchloſſen wird.“ „Das iſt richtig.“ „In dieſem Falle fünfzehn Francs Strafe.“ „Fünfzehn Francs!“ „Aber Ihr habt noch ſo viel Zeit, wo wohnt Ihr?“ „Zwei Schritte von der Barrière. Eine Viertelſtunde von hier. Rue de Vaugirard Nummer 87.“ 156 „Ihr habt, wenn Ihr die Beine in die Hand nehmt, noch ſo viel Zeit, ſogleich hinauszukommen.“ „Das iſt richtig.“ „Seid Ihr außerhalb des Gitters, ſo galoppirt Ihr nach Hauſe, nehmt Eure Karte, kehrt zurück und der Pfört⸗ ner öffnet Euch, habt Ihr Eure Karte, ſo habt Ihr nichts zu bezahlen; Ihr ſchaufelt dann Eure Todte ein. Ich will ſie Euch bis dahin bewachen, damit ſie nicht davon läuft.“ „Ich verdanke Euch das Leben, Bauer.“ „Macht Euch nur ſchnell davon“, ſagte Fauchelevent. Der Todtengräber, der außer ſich von Dankbarkeit war, ſchüttelte ihm die Hand und ſetzte ſich in vollem Lauf. Als der Todtengräber verſchwunden war, lauſchte er, bis er ſeine Schritte nicht mehr hörte, beugte ſich dann nieder zu dem Grab und rief mit leiſer Stimme: „Vater Madeleine!“ Keine Antwort. Fauchelevent empfand ein Fröſteln. Er ließ ſich in das Grab hinabgleiten, legte ſich auf den Sarg und rief an dem Kopfende deſſelben: „Seid Ihr da?“ Tiefes Schweigen in dem Sarge. Fauchelevent athmete nicht mehr, ſo ſehr zitterte er, er nahm ſeinen Hammer und ſeine Feile und ſprengte das obere Brett ab. In der Dämmerung zeigte ſich das Ge⸗ ſicht Jean Valjeans leichenblaß und mit geſchloſſenen Augen. Fauchelevents Haare ſträubten ſich. Er richtete ſich auf und ſank dann gegen die Seitenwände des Grabes, nahe daran, in den Sarg hinabzuſtürzen. Er ſtarrte Jean Valjean an. Jean Valjean lag da, bleich und regungslos. Fauchelevent murmelte mit einer Stimme ſo leiſe wie ein bloßer Hauch: „Er iſt todt!“ — M ehmt, hr fört⸗ nichts Ih dabon vent. arkeit Auf. te er, dann ndas ndem e er, e das Ge⸗ ugen⸗ f und aran, n an⸗ e wie U Indem er ſich emporrichtete, kreuzte er die Arme ſo kräftig, daß ſeine beiden geſchloſſenen Fäuſte ſeine beiden Schultern trafen und rief: „So habe ich ihn gerettet! ſo!“ Der arme Menſch fing jetzt heftig zu weinen an und hielt ein Selbſtgeſpräch— denn es iſt ein Irrthum, zu glauben, daß es in der Natur keine Selbſtgeſpräche gäbe. Gewaltige Erſchütterungen ſprechen oft mit lauter Stimme. „Das iſt die Schuld des Vater Meſtienne. Weshalb iſt er auch geſtorben, der Dummkopf! Brauchte er in eben dem Augenblick zu krepiren, als man es am wenigſten er⸗ wartete? Er iſt es, der Herrn Madeleine tödtet. Vater Madeleine! Er liegt in dem Sarge. Er iſt ſchon im Grabe und Alles iſt aus!“ Haben denn ſolche Geſpräche nur einen geſunden Sinn und Menſchenverſtand? Ach, mein Gott, er iſt todt! Und was ſoll ich nun mit ſeiner Kleinen anfangen? Was wird die Fruchthändlerin ſagen? Daß ein ſolcher Menſch auf ſolche Weiſe ſtirbt, wenn das nur mög⸗ lich wäre! Wenn ich daran denke, daß er unter meinen Händen umkam! Vater Madeleine! Vater Madeleine! Er iſt erſtickt; ich ſagte es ja wohl; er wollte mir nicht glauben. Nun, das iſt eine hübſche Poſſe! Er iſt geſtorben, der brave Mann, der beſte Menſch, den es unter allen guten Menſchen des guten Gottes giebt! Und ſeine Kleine! Ach, ich gehe da nicht wieder hin. Ich bleibe hier. Einen ſolchen Streich gemacht zu haben! Es lohnt auch wohl der Mühe, zwei ſo alte Kerle zu werden, um zwei alte Narren zu ſein! Aber wie hat er es nur angefangen, um in das Kloſter zu tommen? Das war ſchon der Anfang davon. Man muß dergleichen nicht machen. Vater Madeleine! Vater Madeleine! Vater Madeleine! Madeleine! Herr Madeleine!— Er hört mich nicht. Da ſoll man ſich nun herausziehen.“ Und er raufte ſich die Haare. In der Ferne hörte man einen kreiſchenden Ton. Es war das Kirchhofgitter, welches geſchloſſen wurde. Fauchelevent beugte ſich über Jean Valjean und plötz⸗ lich machte er einen Satz und wich ſo weit zurück, wie dies in einem Grabe möglich iſt. Jean Valjean hatte die Augen geöffnet und ſah ihn an. Einen Todten zu ſehen iſt fürch⸗ terlich; eine Wiederauferſtehung iſt es beinahe eben ſo ſehr. Fauchelevent war wie verſteinert, todtenbleich, außer ſich, verwirrt im Uebermaß der Aufregung; er wußte nicht, ob er es mit einem Lebenden oder einem Todten zu thun hatte, und ſah Jean Valjean an, der ihn anſtarrte. „Ich ſchlief ein“, ſagte Jean Valjean. Er ſetzte ſich aufrecht. Fauchelevent ſank auf die Knie. „Gerechte, heilige Jungfrau! Haben Sie mir Furcht gemacht!“ Dann ſtand er auf und rief: „Ich danke Ihnen, Vater Madeleine.“ Jean Valjean war nur ohnmächtig geweſen. Die friſche Luft hatte ihn erweckt. Die Freude iſt der Rückſchlag des Schreckens. Fauche⸗ levent war es beinahe eben ſo ſchwer, wieder zu ſich zu kommen, wie Jean Valjean. „Sie ſind alſo nicht todt? O, Sie leben! Ich habe Sie ſo laut gerufen, daß Sie zurückgekehrt ſind. Als ich Ihre geſchloſſenen Augen ſah, ſagte ich zu mir: Schön, er iſt erſtickt! Ich wäre wüthend toll geworden, toll für die Zwangsjacke. Man hätte mich nach Bicétre gebracht. Was ſollte ich dann machen, wenn Sie todt ge⸗ weſen wären? Und Ihre Kleine? Die Fruchthändlerin hätte nichts davon begriffen. Man bringt ihr ein Kind über den Hals und der Großvater ſtirbt! Was für eine Geſchichte! Ihr guten Heiligen des Paradieſes, was für eine Geſchichte! Doch Sie leben und das iſt das Ende von der Sache.“ lichtei ſinnu ohne jener gleic Fau mit h at lan Be — plöt⸗ e dies Augen fürch⸗ o ſehr. r ſich, ht, ob hatte, Furcht friſche auche⸗ ſch j 3 ſind. mir: ordeh, icötre dt ge⸗ ndlerin ind ir eine s fir Ende 3 159 „Mich friert,“ ſagte Jean Valjean. Dieſe Aeußerung erinnerte Fauchelevent an die Wirk⸗ lichkeit und dieſe war dringend. Selbſt wieder zur Be⸗ ſinnung gekommen, empfanden die beiden guten Männer, ohne ſich davon Rechenſchaft geben zu können, Etwas von jener Unruhe, jenen eigenthümlichen Eindruck, welchen der⸗ gleichen trübe Orte hervorbringen. „Machen wir ſchnell, daß wir hier fortkommen,“ rief Fauchelevent. Er fuhr in die Taſche und zog eine Flaſche hervor, mit der er ſich verſorgt hatte. „Zunächſt aber einen Schluck,“ ſagte er. Der Schluck vollendete, was die freie Luft begonnen hatte. Jean Valjean that einen Zug Branntwein und ge⸗ langte wieder zur vollen Selbſtbeherrſchung. Er ſtieg aus dem Sarge und leiſtete Fauchelevent Beiſtand, den Deckel wieder aufzunageln. Drei Minuten darauf waren ſie wieder aus dem Grabe heraufgeſtiegen. Uebrigens war Fauchelevent jetzt auch ruhig. Er ließ ſich Zeit. Der Kirchhof war geſchloſſen. Die Rückkehr des Todtengräbers Gribier war nicht zu fürchten. Dieſer„Recrut“ war zu Hauſe damit beſchäftigt, ſeine Karte zu ſuchen und natürlich verhindert, ſie in ſeiner Wohnung zu finden, da ſie in der Taſche Fauchelevents ſteckte. Ohne Karte konnte er nicht auf dem Gottesacker zurückkehren. Fauchelevent nahm die Schaufel und Jean Valjean den Spaten und Beide vollendeten die Beerdigung des leeren Sarges. Als die Grube gefüllt war, ſagte Fauchelevent zu Jean Valjean: „Gehen wir. Ich behalte die Schaufel; tragen Sie den Spaten fort.“ Die Nacht brach ein. Jean Valjean hatte einige Mühe, ſich zu bewegen und 160 zu gehen. In dem Sarge war er ganz ſteif und ein wenig Leiche geworden. Starrheit des Todes hatte ihn zwiſchen den Brettern ergriffen. Er mußte gewiſſermaßen erſt wieder aufthauen. „Sie ſind ſteif,“ ſagte Fauchelevent.„Es iſt Schade, daß ich krummbeinig bin, wir würden ſonſt eiligſt davon laufen.“ „Ei was,“ erwiderte Jean Valjean,„vier Schritt werden meine Beine wieder gelenkig machen.“ Sie gingen durch die Allee, durch welche der Leichen⸗ wagen gefahren war. Als ſie zu dem geſchloſſenen Gitter gelangten, warf Fauchelevent die Karte des Todtengräbers in den Kaſten; der Thürhüter zog die Schnur, die Thür öffnete ſich, ſie gingen hinaus. „Wie das Alles vortrefflich geht!“ ſagte Fauchelevent. „Was für einen ſchönen Gedanken haben Sie gehabt, Vater Madeleine!“ Sie kamen auf die natürlichſte Weiſe von der Welt durch die Barriere Vaugirard. In der Nähe eines Gottes⸗ ackers ſind eine Schaufel und ein Spaten die beſten Päſſe. Die Rue de Vaugirard war verödet. „Vater Madeleine,“ ſagte Fauchelevent, indem ſie vorwärts ſchritten und die Augen zu den Häuſern erhoben, „Sie ſehen beſſer wie ich. Machen Sie mich doch auf Nr. 87. aufmerkſam.“ „Hier iſt ſie gerade“, ſagte Jean Valjean. „Es iſt Niemand auf der Straße,“ entgegnete Fauche⸗ levent.„Geben Sie mir den Spaten und warten Sie zwei Minuten auf mich.“ Fauchelevent trat in Nr. 87. ein, und ſtieg, geleitet durch den Inſtinkt, der dem Armen ſtets zu dem Boden führt, in der Dunkelheit bis zu der Thür einer Manſarde hinauf. Hier klopfte er an. Eine Stimme rief: „Herein!“ Todt eine leich die der auf v Hir ein es he krn wa mi wi V W tel bi un wenig iſchen wieder chade, davon Schritt eichen⸗ Gitter räbers Thir levent. Vater Welt ottes⸗ Piſſe em ſie hoben, ch au Fauche⸗ n Sit geleitet Boden anſord 6 Es war die Stimme Griebies. Fauchelevent öffnete die Thür. Die Wohnung des Todtengräbers war wie alle Wohnungen dieſer Unglücklichen eine leere dunkle Kammer. Ein Kaſten— ein Sarg viel⸗ leicht— vertrat die Stelle einer Komode; ein Buttertopf die eines Waſſereimers, ein Strohſack die eines Bettes, der Fußboden die der Stühle und Tiſche. In einer Ecke auf einem Fetzen, der das Ueberbleibſel eines alten Tep⸗ pichs zu ſein ſchien, lagen eine Frau und eine Menge Kinder in einem Haufen. Das Ganze zeigte die Spuren einer gewaltigen Umwälzung. Man hätte glauben können, es hätte hier ein Erdbeben ſtattgefunden. Die Deckel waren herunter geworfen, die Lumpen lagen umher, der Waſſer⸗ krug war zerbrochen, die Mutter weinte, die Kinder waren wahrſcheinlich geprügelt worden; überall Spuren einer mürriſchen Durchſuchung. Offenbar hatte der Todtengräber wie außer ſich ſeine Karte geſucht, und in ſeiner Wohnung Alles, von dem Waſſerkrug bis zu ſeiner Frau, verant⸗ wortlich für dieſen Verluſt gemacht. Er ſah wie ein Verzweifelter aus. Fauchelevent eilte indeß, die Beendigung des Aben⸗ teners herbeizuführen, um dieſe traurige Seite ſeines glück⸗ lichen Erfolges zu bemerken. Er trat ein und ſagte:„Ich bringe Euch Eure Schaufel und Euern Spaten wieder.“ Gribier ſah ihn ganz verdutzt an. „Ihr ſeid es, Bauer? „Und morgen werdet Ihr bei dem Thürhüter des Kirchhofes Eure Karte finden.“ Er ſetzte die Schaufel und den Spaten auf den Boden. „Was ſoll das heißen?“ fragte Gribier. „Das ſoll heißen, daß Ihr Eure Karte hattet aus der Taſche fallen laſſen, daß ich ſie fand, als Ihr fort Die Elenden. W. 11 ——. 5 6 162 waret, daß ich die Todte beerdigte, das Grab füllte, Eure Arbeit verſah, daß der Thürhüter Euch Eure Karte zurück⸗ geben wird und daß Ihr keine fünfzehn Francs zu bezahlen braucht, das heißt es, Recrut.“ „Ich danke Euch, Landmann!“ rief Gribier voller Freude.„Das nächſte Mal bezahle ich den Wein.“ VI. Gelungenes Verhör. Eine Stunde darauf, in dunkler Nacht, erſchienen zwei Männer und ein Kind an dem Thor von Nr. 62. der kleinen Picpus⸗Straße. Der älteſte dieſer beiden Männer erhob den Hammer und klopfte. Es waren Fauchelevent, Jean Valjean und Coſette. Die beiden Alten hatten Coſette bei der Frucht⸗ händlerin aus der Rue du Chemin⸗Vert abgeholt, wo Fauche⸗ levent ſie am Abend zuvor gelaſſen. Coſette hatte dieſe vierundzwanzig Stunden damit zugebracht, nichts zu begreifen und ſtill zu ſitzen. Sie zitterte ſo, daß ſie vor Angſt nicht weinte. Sie hatte nicht gegeſſen und ebenſo wenig ge⸗ ſchlafen. Die würdige Fruchthändlerin hatte hundert Fragen an ſie gerichtet, ohne eine andere Antwort empfangen zu können als einen trüben Blick. Coſette hatte nichts von dem errathen laſſen, was ſie ſeit zwei Tagen gehört und 3 geſehen. Sie errieth, daß man ſich in einer gefährlichen Lage befand; ſie fühlte vollkommen, daß ſie klug ſein 1 W muß welc mit klein Nie ein — S ih eit Eure wück⸗ ahlen oller wei . det känner tte. rcht⸗ uche⸗ dieſe greifen tnict ig Re⸗ Frage gen 3 6 vo 163 mußte. Wer hätte nicht ſchon die große Gewalt erfahren, welche die zwei Worte: ſage nichts! hervorbringen, welche mit einem gewiſſen feierlichen Ausdrucke eines erſchrockenen kleinen Weſens geflüſtert werden! Die Furcht macht ſtumm. Niemand bewahrt übrigens ſo gut ein Geheimniß, wie ein Kind. Als Coſette aber nach dieſen finſtern vierundzwanzig Stunden Jean Valjean wieder ſah, ſtieß ſie einen ſolchen Freudenſchrei aus, daß ein aufmerkſamer Beobachter, welcher ihn gehört hätte, darin die Freude über die Rettung aus einem Abgrunde erkannt haben würde. Fauchelevent gehörte nach dem Kloſter und kannte alle Paßwörter. Die Thüren öffneten ſich vor ihm. So wurde das doppelte und entſetzliche Problem ge⸗ löſt: hinaus⸗ und hereinzukommen. Der Pförtner, welcher ſeine Inſtructionen empfangen hatte, öffnete die kleine Thür, die von dem Hofe in den Garten führte und die dem Thorwege gegenüber lag. Der Pförtner ließ alle Drei durch dieſen Eingang ein und von hier gelangten ſie zu dem innern Sprechzimmer, wo Fauche⸗ levent am Tage zuvor die Befehle der Priorin empfangen hatte. Die Priorin wartete ihrer mit dem Roſenkranze in der Hand. Eine Stimmmutter ſtand mit herabgelaſſenem Schleier neben ihr. Ein dunkel brennendes Licht beleuchtete ſpärlich das Sprechzimmer. Die Priorin prüfte Jean Valjean. gut beobachten, wie ein geſenktes Auge. Dann fragte ſie: „Sie ſind der Bruder?“ „Ja, ehrwürdige Mutter,“ erwiderte Fauchelevent. „Wie heißen Sie?“ Fauchelevent entgegnete:„Ultimus Fauchelevent.“ 1 Nichts kann ſo 164 Er hatte in der That einen Bruder gehabt, der Ulti⸗ mus hieß, aber geſtorben war. „Wo ſind Sie her?“ Fauchelevent antwortete:„aus Picquigny bei Amiens.“ „Wie alt ſind Sie?“ Fauchelevent erwiderte: „Fünfzig Jahre.“ „Was ſind Sie?“ Fauchelevent ſagte: „Gärtner.“ „Sind Sie ein guter Chriſt?“ Fauchelevent antwortete: „Alle ſind es in der Familie.“ „Die Kleine gehört Ihnen?“ Fauchelevent entgegnete: „Ja, ehrwürdige Mutter.“ „Sie ſind ihr Vater?“ Fauchelevent ſagte: „Ihr Großvater.“ Die Stimmmutter flüſterte der Priorin leiſe zu: „Er antwortet gut.“ Jean Valjean hatte noch kein Wort geſprochen. Die Priorin ſah Coſette aufmerkſam an und ſagte dann leiſe zu der Stimmmutter: „Sie wird häßlich werden.“ Die beiden Mütter flüſterten einige Minuten leiſe in der Ecke des Sprechzimmers miteinander; dann wendete die Priorin ſich um und ſagte: „Vater Fauvert, Sie werden noch ein Knieband mit einer Glocke bekommen. Es ſind jetzt zwei nöthig.“ Am nächſten Tage hörte man in der That zwei Glocken in dem Garten, und die Nonnen konnten dem Verlangen nicht widerſtehen, einen Zipfel ihres Schleiers zu lüften. Man ſah im Hintergrunde unter den Bäumen zwei Männer Ulti⸗ ns.“ 165 nebeneinander arbeiten; Fauvert und einen andern. Das war ein gewaltiges Ereigniß. Das Schweigen wurde in ſolchem Grade gebrochen, daß man untereinander flüſtern hörte:„Das iſt ein Gärtnergehülfe.“ Die Stimmmütter fügten hinzu:„es iſt ein Bruder des Vater Fauvert.“ Jean Valjean wurde in der That auf regelrechte Weiſe eingeführt; er hatte das lederne Knieband und die Glocke; er war von jetzt an officiell und hieß Ultimus Fauchelevent. Der verſtärkte Beweggrund für ſeine Zulaſſung war die Bemerkung der Priorin über Coſette geweſen:„ſit wird häßlich werden.“ Nachdem die Priorin dieſes Prognoſticon ausgeſprochen hatte, ſchenkte ſie ſogleich Coſette ihre Gunſt und wies ihr in dem Penſionate eine Stelle als Freiſchülerin an. Dies iſt nun ganz logiſch. Wenn man auch in dem Kloſter keine Spiegel hat, ſo beſitzen die Frauen doch ein Gewiſſen für ihr Geſicht; Mädchen nun, welche wiſſen, daß ſie hübſch ſind, laſſen ſich ſchwer zur Nonne machen; der Beruf dazu ſteht ge⸗ wöhnlich im umgekehrten Verhältniß der Schönheit, und man hofft mehr von den Hößlichen wie von den Schönen. Daher die Neigung für die Häßlichen. Das ganze Abenteuer hob den guten alten Fauche⸗ levent; er hatte einen dreifachen Erſatz: bei Jean Val⸗ jean, den er rettete und beobachtete; bei dem Todten⸗ gräber Gribier, der dachte: er hat mir die Strafe erſpart; bei dem Kloſter, welches Dank ſeiner Hülfe den Sarg der Mutter Kreuzigung unter dem Altar behielt und ſo dem Geſetze auswich und Gott befriedigte. Es gab einen Sarg mit einer Leiche in Klein⸗Picpus und einen Sarg ohne Leiche auf dem Friedhofe Vaugirard; die öffentliche Ordnung wurde dadurch ohne Zweifel gewaltig geſtört, aber man be⸗ merkte nichts davon. Die Dankbarkeit des Kloſters gegen 166 Fauchelevent war groß. Fauchelevent wurde der beſte Die⸗ ner und der koſtbarſte der Gärtner. Bei dem nächſten Be⸗ ſuche des Erzbiſchofs erzählte die Priorin demſelben die Sache, indem ſie ein wenig beichtete und ſich viel rühmte. Als der Erzbiſchof das Kloſter verlaſſen hatte, ſprach er mit vielem Beifall, aber leiſe von dem Ereigniß mit Herrn von Latil, der ſpäter Erzbiſchof von Rheims und Cardinal wurde. Die Bewunderung gegen Fauchelevent legte einen weiten Weg zurück, denn ſie gelangte bis nach Rom. Wir haben ein Billet vor Augen gehabt, welches der damals herrſchende Papſt Leo XII. an einen ſeiner Verwandten ſchrieb, der bei der Nunciatur in Paris angeſtellt war und della Genga hieß. In jenen Zeilen ſtand: „Es ſcheint, als lebte in einem Kloſter von Paris ein vortrefflicher Gärtner, der ein Heiliger iſt, Namens Fau⸗ vent.“ Nichts von dem geſagten Triumphe gelangte bis in die Hütte Fauchelevents; er fuhr fort, zu graben, zu pflanzen, ſeine Melonenbeete zu bedecken, ohne von ſeiner Vortreff⸗ lichkeit und ſeiner Heiligkeit etwas zu wiſſen. Er ahnte ſeinen Ruhm ſo wenig wie ein Ochſe von Durham oder Surreh eine Ahnung davon hat, daß ſein Bild in der IMustrated London News mitgetheilt wird, mit der Unter⸗ ſchrift: Ochſe, welcher bei der Ausſtellung den Preis gewann. die mte. h er errn dinal einen Vir mals dten war ein Fau⸗ nzen, reff⸗ hnte oder der nter⸗ eis IV. Schluß. Coſette fuhr im Kloſter fort zu ſchweigen. Coſette hielt ſich ganz natürlich für die Tochter Jean Valjeans. Da ſie nichts wußte, konnte ſie übrigens auch nichts ſagen, und auf alle Fälle würde ſie dennoch nichts geſagt haben. Wir erwähnten bereits, daß nichts die Kin⸗ der ſo ſehr zum Schweigen bringt als das Unglück. Coſette hatte ſo viel gelitten, daß ſie Alles fürchtete, ſelbſt zu ſprechen, ſelbſt zu athmen. Ein einziges Wort hatte ihr ſo oft eine Lawine von Schnee zugezogen! Kaum begann ſie ſich zu beruhigen, ſeitdem ſie bei Jean Valjean war. Sie gewöhnte ſich ziemlich ſchnell an das Kloſter; nur be⸗ klagte ſie Catharina, aber ſie wagte es nicht zu ſagen. Einmal indeß äußerte ſie gegen Jean Valjean: „Vater, hätte ich es gewußt, ſo hätte ich ſie mitge⸗ nommen.“ Indem Coſette Penſionairin des Kloſters wurde, mußte ſie die Kleidung des Hauſes annehmen. Jean Valjean er⸗ langte, das man ihm die Kleider gab, die ſie ablegte. Es waren eben jene Trauerkleider, die er ihr nach der Kneipe Thenardiers mitbrachte. Noch waren ſie nicht ſehr abge⸗ nutzt. Jean Valjean ſchloß dieſe Sachen, ſowie die Wollen⸗ ſtrümpfe und die Schuhe mit einer Menge Campher in ein kleines Käſtchen, das er ſich zu verſchaffen wußte. Das Käſtchen ſtellte er auf einen Stuhl neben ſeinem Bett und den Schlüſſel dazu trug er beſtändig bei ſich.„Vater“, fragte ihn eines Tages Coſette,„was iſt denn in dem Käſtchen, das ſo gut riecht?“ 168 Außer dem Ruhme, von dem der Vater Fauchelevent Nig 1 nichts wußte, wurde er auch noch für ſeine gute Handlung ufß belohnt. Endlich fühlte er ſich darüber glücklich: dann hatte Geld 3 er viel weniger Arbeit, da ſie getheilt wurde; endlich noch unge gewährte die Anweſenheit des Herrn Madeleine dem alten 1 Fauchelevent, der gern Tabak ſchnupfte, den Vortheil, daß ang er drei Mal ſo viel ſchnupfen konnte wie früher, und auf ſtor eine viel angenehmere Weiſe, da Herr Madeleine den Tabak bezahlte. ma Die Nonnen nahmen den Namen Ultimus nicht an. fr Sie nannten Jean Valjean den andern Fauvent. Wenn dieſe glücklichen Mädchen etwas von dem ſcharfen Ge Blick Javerts gehabt hätten, ſo würden ſie zuletzt bemerkt Vo haben, daß wenn irgend ein Gang in die Stadt zu machen wi war, es der alte Fauchelevent war, der Alte, der Kränk⸗ liche, der Lahme, der ausging, und nie der Andere, aber ih ſei es, daß die ſtets auf Gott gerichteten Augen nicht zu er ſpioniren verſtehen, ſei es, daß ſie ſich lieber gegenſeitig an untereinander beſpähten, genug, ſie achteten darauf nicht. U Uebrigens war es ein geſcheidter Gedanke von Jean di Valjean, ſich nicht zu rühren und nicht zu zeigen. Javert beobachtete das Stadtviertel länger als einen Monat. 5 Das Kloſter war für Jean Valjean wie eine von Ab⸗ i gründen umgebene Inſel. Die vier Mauern waren von ſi jetzt an ſeine Welt. Er erblickte darin den Himmel hin⸗ k länglich, um heiter zu ſein, und Coſette, um ſich glücklich zu fühlen. Ein ſehr freundliches Leben begann wieder für ihn. Er bewohnte mit dem alten Fauchelevent die Hütte im Hintergrunde des Gartens. Dieſe Baracke, welche 1845 3 noch ſtand, hatte, wie man weiß, drei Stuben, ſämmtlich ganz nackt. Das Hauptzimmer wurde mit Gewalt, denn Jean Valjean widerſtrebte vergebens, von Vater Fauchele⸗ vent an Herrn Madeleine abgetreten. Außer den beiden vent lung hatte ten daß auf abak 169 Nägeln, die dazu beſtimmt waren, die Kniebänder daran aufzuhängen, war dieſe Mauer mit einem royaliſtiſchen Geldpapier von 1793 geſchmückt, das über dem Kamin angeklebt war. Dieſe Vandéeiſche Aſignate hatte der frühere Gärtner angellebt, ein ehemaliger Chouan, der in dem Kloſter ge⸗ ſtorben und an deſſen Stelle Fauchelevent gekommen war. Jean Valjean arbeitete täglich in dem Garten und machte ſich dadurch ſehr nützlich. Wie man weiß, war er früher Baumputzer geweſen und gern wurde er Gärtner. Man erinnert ſich, daß er alle Arten von Mitteln und Geheimniſſen der Gartencultur kannte. Er zog daraus jetzt Vortheil. Beinahe alle Bäume des Obſtgartens waren wild; er veredelte ſie und ſie gaben vortreffliche Früchte. Coſette hatte die Erlaubniß, täglich eine Stunde bei ihm zuzubringen. Da die Schweſtern traurig waren und er gut, verglich das Kind Beide miteinander und betete ihn an. Zu der beſtimmten Stunde lief ſie nach ſeiner Hütte. Wenn ſie in das Häuschen trat, machte ſie es zum Para⸗ dieſe. Jean Valjean lebte neu auf und fühlte ſein Glück durch das Glück wachſen, welches er Coſette gewährte. Die Freude, welche wir verurſachen, hat das Bezaubernde, daß ſie noch ſtrahlend auf uns zurückfällt. In den Spielſtunden ſah Jean Valjean ſie von fern ſpielen und laufen und konnte ihr Lachen von dem aller Andern unterſcheiden. Denn jetzt lachte Coſette. Ihr Geſicht hatte ſich ſelbſt bis zu einem gewiſſen Punkte verändert. Das Finſtere war daraus verſchwunden. Das Lachen iſt die Sonne; es verjagt den Winter des menſchlichen Geſichts. Wenn die Spielſtunden zu Ende waren und Coſette in das Penſionat zurückkehrte, betrachtete Jean Valjean die Fenſter ihrer Klaſſe, und Nachts ſtand er auf, um nach den Fenſtern ihres Schlafſaales zu ſehen. 170 Uebrigens hat Gott ſeine eigenen Wege; das Kloſter trug gleich Coſette dazu bei, in Jean Valjean das Werk des Biſchofs zu erhalten und zu vervollſtändigen. Gewiß iſt, daß eine der Seiten ſeiner Tugenden ſich zum Stolze neigte. Das iſt eine Brücke, welche der Teufel ſich baut. Jean Valjean war, vielleicht ohne es zu wiſſen, dieſer Seite und dieſer Brücke ziemlich nahe, als die Vorſehung ihn in das Kloſter des Klein⸗Picpus warf. So lange er ſich nur mit dem Biſchof verglichen hatte, fand er ſich unwürdig und war demüthig; ſeit einiger Zeit aber begann er ſich mit den Menſchen zu vergleichen und der Stolz erwachte in ihm. Wer weiß, ob er nicht allmälig wieder ganz zu dem Haſſe zurückgekehrt wäre. Das Kloſter hielt ihn auf dieſem Abhange auf. Es war der zweite Ort der Gefangenſchaft, den er ſah. In ſeiner Jugend, zu jener Zeit, die für ihn der Anfang des Lebens geweſen war, und ſpäter noch ganz kürzlich, hatte er einen andern Ort geſehen, einen entſetzlichen furchtbaren, deſſen Strenge ihm ſtets als die Ungerechtigkeit der Gerech⸗ tigkeit, als das Verbrechen des Geſetzes erſchien. Jetzt ſah er nach dem Bagno das Kloſter, und indem er daran dachte, daß er im Bagno geweſen war und jetzt ſo zu ſagen ſich im Kloſter befand, prüfte er ſeine Gedanken voll Be⸗ ſorgniß. Zuweilen ſtützte er ſich auf ſeinen Spaten und vertiefte ſich in Träumereien. Er erinnerte ſich an ſeine ehemaligen Genoſſen; an ihr Elend; ſie ſtanden mit Tagesanbruch auf und arbeiteten bis in die Nacht; kaum gönnte man ihnen den Schlaf. Sie ſchliefen auf Pritſchen und in Sälen, die nur während der kälteſten Monate des Jahres geheizt wurden. Sie trugen abſcheuliche rothe Jacken. Man ge⸗ währte ihnen aus Gnade bei der großen Hitze eine Lein⸗ wandhoſe und eine Wollendecke auf den Rücken bei der großen Kälte. Sie hatten keinen Namen, wurden nur durch Num bloß ſchw unter Aug nit Sc Rü Se der ſch ge ehe oh W oſter Werk wiß olze aut. Seite ihn ſich irdig ſich achte ſoh. fang hatte en, rech⸗ Jetzt ran agen tiefte ligen auf ihnen die heiz ge⸗ Lein⸗ der dur ———— 13 Nummern bezeichnet und in gewiſſer Beziehung ſelbſt zu bloßen Zahlen; ſie ſenkten ihre Augen, ſprachen leiſe, ſchwebten mit kahl geſchornem Haar unter dem Stocke, unter der Schande. Dann fiel ſein Geiſt auf die Weſen, die er jetzt vor Augen hatte. ⸗ Auch dieſe Weſen lebten mit kurz geſchorenem Haar, mit geſenkten Augen, mit leiſer Stimme, doch nicht in der Schande, ſondern inmitten der Luſtbarkeiten der Welt; ihr Rücken wurde nicht von dem Stocke getroffen, noch ihre Schultern zerriſſen von der Geißel. Auch bei ihnen war der Name, den ſie unter den Menſchen getragen hatten, ver⸗ ſchwunden, ſie exiſtirten nur noch unter ſtrengen Benennun⸗ gen. Sie tranken niemals Wein, aßen niemals Fleiſch, ebenſo wie in dem Bagno; ſie blieben oft bis zum Abend ohne Nahrung, ſie trugen zwar keine rothen Jacken, aber ein ſchwarzes grobes Wollenkleid, ſchwer im Sommer, leicht im Winter, und hatten nicht einmal je nach der Jahreszeit ein Leinwandkleid oder einen Wollenüberwurf. Sie bewohnten nicht Säle, die nur während der ſtrengſten Kälte erwärmt wurden, ſondern Zellen, in denen man nie Feuer anzündete, ſie ſchliefen nicht, wie im Bagno, auf zwei Zoll dicken Stroh⸗ matratzen, ſondern auf bloßem Stroh. Man gönnte ihnen nicht einmal den Schlaf, jede Nacht mußten ſie nach einem Tage der Arbeit während der erſten Ruhe des Schlafes aufſtehen und in einer eiskalten finſtern Kapelle auf den Steinen knieend beten. An gewiſſen Tagen mußte jedes dieſer Weſen der Reihe nach zwölf Stunden hinter einander entweder auf den Steinen knieen oder mit dem Geſicht am Boden und die Arme ausgeſtreckt liegen. Jene waren Männer, dieſe waren Frauen. Was hatten jene Männer gethan? Sie hatten ge⸗ ſtohlen, geraubt, gemordet. Es waren Banditen, Fälſcher, 172 Giftmiſcher, Brandſtifter, Mörder. Was hatten dieſe Frauen gethan? Sie hatten nichts verbrochen. Auf der einen Seite Räubereien und alle Arten von Verbrechen, auf der andern die Unſchuld. Auf der einen Seite leiſe geflüſterte Geſtändniſſe von Verbrechen, auf der andern laut ausgeſprochene Beichten von Fehler. Und was für Verbrechen! Und was für Fehler! Auf der einen Seite Miasmen, auf der andern unaus⸗ ſprechlicher Wohlgeruch. Auf der einen die moraliſche Peſt, ſtreng bewacht, auf der andern ein keuſches Beiſammenſein aller Seelen in demſelben Raume. Dort Finſterniß, hier Dunkelheit, aber eine Dunkelheit voll Licht und Licht voll Glanz. Zwei Orte der Sklaverei, aber an dem erſten mit der Möglichkeit der Befreiung, einer geſetzlichen Grenze, die man ſtets vor Augen hatte, oder der Ausſicht auf Flucht, an dem andern ewige Dauer, als einzige Hoffnung die ferne Ausſicht auf die Zukunft, der Strahl der Freiheit, welchen die Menſchen den Tod nennen. An dem erſten Orte war man gefeſſelt durch Ketten, an dem andern trug man die Feſſeln des Glaubens. Was entwickelt ſich aus dem erſten Orte: Eine gewal⸗ tige Flucht, Zähneknirſchen, Bosheit, Wuthgeſchrei gegen die ganze menſchliche Geſellſchaft, Verſpottung des Himmels. Was ging aus dem zweiten hervor: Segen und Liebe. An dieſen beiden Orten, einander ſo ähnlich und doch verſchieden, vollbrachten dieſe beiden ſo von einander ab⸗ weichenden Gattungen daſſelbe Werk: die Sühne. Jean Valjean begriff wohl die Sühne der erſteren, die perſönliche, die Büßung für ſich ſelbſt, aber er begriff nicht die andere, dieſe tadelloſen, unſchuldigen Geſchöpfe und fragte ſich zitternd:„Für was büßen ſie?“ Eine Stimme antwortete in ſeinem Gewiſſen:„Für Andere!“ ſet ſih vor Un an fen be Lie ſch ſtr zu — von von nvon ler! naus⸗ Peſt, nſein hier voll t der man „an feme lchen etten, wal⸗ ndie Liebe. doch b⸗ die nicht ragte Für Wir müſſen hier jede perſönliche Theorie bei Seite ſetzen, denn wir ſind nur Erzähler, ſtellen uns auf dem Ge⸗ ſichtspunkt Jean Valjeans und beſchreiben deſſen Eindrücke. Er hatte den erhabenen Gipfel der Selbſtverleugnung vor Augen, die höchſte Zinne der möglichen Tugend, die Unſchuld, welche den Menſchen ihre Fehler verzeiht und ſie an ihre Stelle führt; die Knechtſchaft, die Tortur, die Stra⸗ fen durch Seelen auf ſich genommen, welche keine Sünden begingen, um die Seelen, die gefehlt hatten, zu ſühnen, die Liebe zur Menſchheit aufgehend in der Liebe zu Gott; ſanfte, ſchwache Geſchöpfe, welche das Elend derer trugen, die be⸗ ſtraft wurden, und das Lächeln derer, die belehrt wurden. Er erinnerte ſich daran, daß er es gewagt hatte, ſich zu beklagen! Oft ſtand er mitten in der Nacht auf, um die Dank⸗ gebete jener unſchuldigen, der Strenge unterworfenen Ge⸗ ſchöpfe zu hören, und er erbebte dann innerlich, wenn er daran dachte, daß die, welche mit Recht geſtraft wurden, ihre Stimme nur zum Himmel erhoben, um ihn zu läſtern, und daß er, der Elende, Gott mit der Fauſt gedroht hatte. Tiefes Nachdenken erweckte in ihm den Gedanken, daß er eben jene Mittel, die er anwendete, um aus dem Bagno zu entſpringen, auch anwendete, um an dieſem zweiten Orte die Sühnung zu erlangen. War das ein Symbol ſeiner Beſtimmung? Dies Haus war ein Geheimniß und glich in finſterer Weiſe dem anderen Aufenthaltsorte, dem er entflohen war, und doch kamen ihm wie hier nie ähnliche Gedanken wieder in den Sinn. Er ſah Gitter, Riegel, Eiſenſtangen, um wen zu be⸗ wachen? Engel. Die hohen Mauern, mit denen er Tiger umgeben ge⸗ ſehen hatte, ſah er jetzt um Lämmer aufgeführt. Es war ein Ort der Sühne, doch nicht der Strafe, 174 und gleichwohl war er noch ſtrenger, noch finſterer, noch unbarmherziger als jener andere Ort. Dieſe Jungfrauen trugen ein härteres Joch als die Galeerenſträflinge. Weshalb? Wenn er an dieſe Dinge dachte, beugte ſich Alles, was in ihm lag, vor dieſem Geheimniß der Gött⸗ lichkeit. Unter ſolchen Betrachtungen verſchwand ſein Stolz. Er kehrte in ſich ſelbſt ein, fühlte ſich erbärmlich und weinte oft. Alles, was ſeit ſechs Monaten in ſeinem Leben ge⸗ ſchehen war, führte ihn wieder zu den heiligen Erinnerungen des Biſchofs zurück; Coſette durch die Liebe, das Kloſter durch die Demuth. Zuweilen ſah man ihn Abends in der Dämmerung, zu der Stunde, in welcher der Garten ganz verödet war, auf den Knien mitten in der Allee, welche an der Kapelle hinlief, vor dem Fenſter, durch welches er in der Nacht ſeiner erſten Ankunft hineingeblickt hatte, ein Auge zu dem Orte gewendet, wo die Schweſter, welche die Büßung vollbrachte, betend am Boden ausgeſtreckt lag. So knieend, betete er vor dieſer Schweſter. Es ſchien, als wagte er nicht, unmittelbar vor Gott zu knien. Alles was ihn umgab, der friedliche Garten, die würzigen Blumen, die Kinder, deren munteres Lachen, die ernſten, einfachen Frauen, das ſchweigende Kloſter, durchdrangen ihn langſam; doch allmälig ſchien ſeine Seele ſich aus dieſem Schweigen des Kloſters, dem Wohlgeruch der Blumen, dieſem Frieden des Gartens, dieſer Einfachheit der Frauen, dieſer Freude der Kinder zu bilden. Dann dachte er daran, daß es zwei Häuſer Gottes waren, die ihn nach einander in den beiden fürchterlichſten Augenblicken ſeines Lebens aufnahmen. Das erſte, als alle Thüren ſich vor ihm ſchloſſen, als die menſchliche Geſell⸗ ſch die ſich Gr be einte ge⸗ ngen oſter , il f den nlief, einer Orte chte, te er Gott die chen, ſter, ſeine dem tens, inder ottes chſten alle — 175 ſchaft ihn zurückſtieß; das zweite in dem Augenblicke, als die menſchliche Geſellſchaft ihn verfolgte und der Bagno ſich wieder vor ihm öffnete, und daß er ohne das erſte Gotteshaus dem Verbrechen, ohne das zweite der Marter verfallen ſein würde. Sein ganzes Herz ging dann in Dankbarkeit auf und er liebte Gott mehr und mehr. So verfloſſen die Jahre; Coſette wuchs heran. Ende der zweiten Abtheilung.. 6 Druck von A. Paul& Comp. in Berlin, Kronenſtr. 21. 5 rey Control Ghart Green Nvellow Red Magenta Grey 2 *. 6 F * — — 2 ₰ 8 3 n.—