Leihbilinchet dentſcher, engliſcher Lä franzi öſiſcher Literatur Gduard Ottmunn in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Seſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Vibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ufz Menat⸗ S— W N— Pf. 5. Auswärtige honhenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines urößeren erkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, 36 dafür zu ſtehen haben⸗ ⁰ £ 5 7 6 0 1— 1 Supplement* zu allen Ausgaben des Romanes: Der gruf von Monte⸗Chriſto von ² Alerander Pnmas. Die Todtenhand. F. Le Prince. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt 2 von 8 A. Kretzſchmar. Dritter Band. Leipzig, Verlag von Chr. Ernſt Kollmann. t Die Todtenhand. Von J. Le Prince. Fortſetzung des Romanes: Der Graf von Monte-Chriſto von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von A. Rretzſchmar. Dritter Band. Leipzig, 1355. Verlag von Chr. E. Kollmann. Die Todtenhand. Dritter Band. Erſtes Kapitel. Die Grotte auf Monte-Chriſto. Wihrend der Gondelführer mit geſenktem Kopfe, ſo daß man ſein Geſicht nicht ſehen konnte, und, wie wir be⸗ reits geſagt, mit ſichtbarem Ungeſchick das Ruder hand⸗ habte, zeigte Marimilian, indem er ſich zu Valentinen wen⸗ dete, mit der Hand auf ein kleines Kuuffuhrteiſchif. „Was iſt das für ein nahes Schiff, nach welchem die Gondel zu rudern ſcheint?“ fragte er. „Ach,“ ſagte Valentine lachend,„wie es ſcheint, bin ich, was das Seeweſen betrifft, beſſer unterrichtet als Du! Es iſt die Jacht Bonace.“ „Aber wie mich dünkt, fährt unſere Gondel gerade darauf zu; das Land iſt ſchon weit hinter uns!“ „O, wenn der Gondolier ſo fortfährt ſich die Stirn zu wiſchen, wie er bis jetzt gethan, ſo iſt vollauf Grund vorhanden zu glauben, daß wir heute Abend die kleine Bacht nicht erreichen,“ ſagte Valentine. „Wünſcheſt Du vielleicht zufällig den Gedanken auszu⸗ führen, den Du vorhin in Vorſchlag brachteſt?“ „Warum nicht! Was würdeſt Du dazu ſagen, Maxi⸗ milian, wenn dieſe Bacht uns aus dem iiſchen Meere hingusführte?“ „Wohlan! ich begreife ſehr gut! Ich ſche, daß ich D Dein Gefangener bin,“ murmelte indem er ihre Band ergriff und ſich erhob, denn ſchon ſtieß der Schnabel der Gondel an die kleine Racht. Der Gondelführer ſchien nicht recht zu wiſſen, auf welche Weiſe er anlegen ſollte, ſeine Unruhe ſtieg aber noch höher, als Maximilian ihn auf die Schulter klopfte ud, nachdem Valentine auf die Racht hinaufgeſtiegen war, ſich anſchickte, das Wort an ihn zu richten. Der Mond, welcher bis jetzt durch einige Wolken ver⸗ hüllt worden, ſchimmerte plötzlich von dem blauen, durch— ſichtigen Himmel herab und erhellte mit ſeinem melancholi⸗ ſchen Lichte alle Dinge der Schöpfüng. Maximilian ſchlug plötzlich ein lautes Gelächter auf, als er die Züge des Gon⸗ delführer's erkannte. „Signor Giovanni Gradenigo!“ rief er mit halber. Stimme,„was ſoll das heißen, mein Herr? Sie haben wirklich ſonderbare Grillen. Welchem Umſtande verdanke ich die ausgezeichnete Ehre, von Ihnen hierhergeführt wor⸗ den zu ſein? O, ich wünſche durchaus nicht, daß eine ſolche Gefälligkeit in dem Dunkel der Nacht begraben bleibe; ich— werde meine Gattin bitten, Ihnen ihren Dank mündlich 1 auszuſprechen.“ Mit dieſen Worten ſchickte er ſich an, Valentinen zu 8 rufen, hielt aber inne, als er die bittende Gerberde Gio⸗ vanni Gradenigo's bemerkte. „Herr Morel,“ ſagte Giovanni ebenfalls mit halber Stimme,„ich finde mein Vergnügen an Allem, was extra⸗ 2 vagant iſt und wenn ich Sie hierhergeführt habe, ſo iſt es ganz einfach geſchehen, um mich in dem Handwerk eines 1 Gondelführer's zu üben.“ „Eines Gondelführers2 Sind Sie denn ſo weit ruinirt, daß Sie ein ſolches Handwerk ergreifen wollen?“ rief Maximilian im Tone des Scherzes.„Sie thun in dieſem Falle ſehr wohl, Ihrer trägen Ariſtokratie Valet zu ſagen. 6 Und eben ſo wie ich ſchon einmal die Ehre gehabt, Ihnen die Art und Weiſe zu erklären, auf welche ein Franzoſe ———,—— Den züchtigen würde, der ihn beſchimpfte, eben ſo muß ich Ihnen jetzt beweiſen, wie großmüthig das Herz eines Franzoſen fremdem Unglück gegenüber iſt. Hier iſt meine Börſe.“ Und er warf Giovanni eine mit Gold gefüllte Börſe vor die Füße. Der ſtolze junge Mann ſchauderte und weinte vor Wuth, als ob er eine Ohrfeige bekommen hätte. Nun ſprach Maximilian mit lauter Stimme die Worte: „Gute Nacht, Meſtre Gradenigo, der heilige Antonio nehme Sie in ſeinen Schutz!“—————————— Am Ende einer zweitägigen Reiſe befand ſich die Vacht Bonace, nachdem ſie die Inſel Elba umſchifft, einigen ſtei⸗ len Felſen gegenüber, deren zackige Spitzen ſich in den erſten Strahlen der Morgenröthe phantaſtiſch gegen den Himmel abzeichneten. Dies war die Inſel Monte-Chriſto. Valentine betrachtete, auf Maximilian's Arm geſtützt, ruhig dieſe einſamen Felſen, die allmälig, ſo wie die Vacht näher kam, rieſige Dimenſionen annahmen. 2 Wos jetzt in dem Herzen Valentinen's vorging, war ſicherlich ſehr verſchieden von dem, was Maximilian dachte. Ihre Empfindungen hatten nichts mit einander gemein. Marimilian war aufgeregt im Angeſichte dieſer Felſen, der unbeweglichen, ſtummen Hüter eines unermeßlichen Schatzes. Valentine ſchien ſich in dem Gedanken zu gefallen, daß dieſe ſelben Felſen unter ihren rieſigen Maſſen ſchon weiter nichts mehr verbürgen, als einen ungeheuren Aſchenhaufen. Als die Racht in der kleinen, ſicheren Bucht der öden Inſel vor Anker ging, gab Maximilian den Wunſch zu er⸗ kennen, noch denſelben Tag an's Land zu gehen. Volentine machte jedoch bemerklich, daß die Nacht ſchon nahe, daß der zum Eingang des unterirdiſchen Palaſtes führende Weg ſchlecht und es daher beſſer ſei, erſt den folgenden Morgen früh an's Land zu gehen. 3 — 10— Maximilian war hiermit einverſtanden und man brachte die Nacht am Bord zu. Mittlerweile wollen wir einen Blick auf das werfen, was in dem Innern der Inſel vorging. Am Fuße eines der in der Mitte ſtehenden Felſen war ein Portal angebracht, deſſen oberer Theil durch zwei pracht⸗ volle joniſche Marmorſäulen getragen ward. Zu beiden Seiten ragten ungeheure noch vom Meiſel verſchonte Granit⸗ maſſen empor, die zu dem Reichthum und der Eleganz die⸗ ſes Portal's einen eigenthümlichen Gegenſatz bildeten. Hier⸗ auf kam eine Treppe, ebenfalls von Marmor, die in einen unterirdiſchen Solon führte, in welchem man mehrere Ver⸗ bindungsthüren bemerkte. Dieſer Salon erhielt ſein Licht durch vier in dem Fel— ſen angebrachte OHeffnungen, welche zugleich eine immer⸗ währende Circulation der Luft möglich machten. Wenn man dieſen Raum aufmerkſam betrachtete, ſo war leicht zu bemerken, daß ganz neuerlich eine zerſtörende Hand hier lles vernichtet hatte, was die Kunſt, von Geſchmack und Reichthum unterſtützt, Schönes und Wunderbares zu ſchaf⸗ fen im Stande geweſen war. Man ſah noch auf ihren prachtvollen Piedeſtalen die herrlichen Statuen, die wir bereits kennen und die ringsum⸗ her an den Mauern ſtanden, an welchen man noch die Ueber⸗ reſte einer reichen Damaſt- und Goldſtoffbekleidung bemerkte. Ein ſchöner türkiſcher Teppich lag zuſammengerollt in einem Winkel und weiche Kiſſen, ſchwellende Ottomanen, die hier und da umherſtanden, vervollſtändigten das ſeltſame Bild von Unordnung und Pracht, welches das Innere der Grotte von Monte⸗ Chriſto darbot. Benedetto war der einzige Gaſt dieſes Ort's. Er ging in der geräumigen Halle auf und ab, als Jemand ſchnell die Treppe herunterkam und ihn in ſeinen ſtillen Betrachtungen unterbrach. 8 „Meſtre,“ ſagte der Eintretende,„ſo eben hat man — eine Racht entdeckt, welche in der kleinen öſtlichen Bucht vor Anker gegangen iſt.“ „Weiter nichts, Peppino?“ fragte Benedetto. „Der Name des Schiffes iſt bekannt. Pietro, der Schleichhändler, den wir vom Lido mitgebracht haben, hat mir verſichert, er erkenne in der Vacht die Bonace.“ „Und ich kann Dir verſichern, daß es nicht die Pacht Simbad's iſt. Alſo geht Alles gut. Sind die Colli alle an Bord?“ „Alle! Unſer Schiff liegt, wie Sie wiſſen, in der weſt⸗ lichen Bucht vor Anker. Auf dieſe Weiſe können die Neu⸗ ankommenden das Gehen und Kommen der Unſeren nicht ſehen. Es wäre indeſſen klug, wenn Sie ſich, ſobald Sie nichts mehr hier zurückhält, einſchifften. Die Grotte iſt aus⸗ geplündert. Was ſie enthielt, iſt in unſerer Macht. Was haben wir alſo jetzt noch in der Grotte von Monte⸗Chriſto zu thun?“ „Rocca Priori,“ ſagte Benedetto, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht,„haſt Du mir nicht geſagt, daß der Weg, welcher nach der weſtlichen Bucht führt, viel kürzer iſt als der nach der öſtlichen?“ „Ohne Zweifel.“ „Nun wohlan, ſo bereite mit dem, was noch hier iſt, in dem Nebenſaale einen Scheiterhaufen.“ Peppino, der an Gehorſam gewöhnt war, führte den Befehl Benedetto's aus, während dieſer mit eigener Hand die Statuen, welche die Wände ſchmückten, mitten auf den Scheiterhaufen legte. Nach wenigen Augenblicken war das Werk beendet. „Jetzt füge noch dieſe Quantität Pulver hinzu und hilf mir eine Zündſchlange machen,“ fuhr Benedetto fort, ohne einen einzigen Augenblick zu verlieren. Dieſe Arbeit ward mit derſelben Schnelligkeit ausge⸗ führt, wie die erſte. „Das Feſt iſt bereit, um den Eigenthümer dieſes 12— wunderbaren Palaſtes zu empfangen,“ rief Benedetto laut; „er möge kommen, wann er will und im hellen Glanze der Flamme die Worte leſen, die ich auf dieſe Mauer ſchreibe.“ Nachdem er dies geſagt, ergriff er ein Stück verkohl⸗ tes Holz und ſchrieb mit großen Buchſtaben auf die grö⸗ ßere Wand einige Worte, welche Peppino wegen der Dun⸗ kelheit, die ſich in dem Innern der Grotte zu verbreiten begann, nicht entziffern konnte. Am folgenden Tage verließen Valentine und Maximi⸗ lian die kleine Racht Bonace und machten ſich gllein auf den Weg nach dem Eingang der Grotte. Während ſie ſo Arm in Arm dahinſchritten, ſchien ein Menſch, der mit Leichtigkeit von Fels zu Felſen ſprang und ſich hinter den Geſträuchen verbarg, genau die Richtung des Weges zu beobachten, den ſie verfolgten. Dieſer Menſch, deſſen wilder Blick funkelte wie das Auge des Tigers, wenn er die Bewegungen ſeiner Beute belauſcht, ließ ſie weitergehen ohne ihnen länger zu folgen, ſobald er die Ueberzeugung erlangt hatte, daß ſie wirklich auf die Grotte zugingen und als er ſie ſchon in einer ge⸗ wiſſen Entfernung ſah, machte er einen raſchen Umweg, ließ ſich läng's des Felſens hinabgleiten und eilte über einen Weg hinweg, der an einem der furchtbarſten Abgründe der Inſel hinführte. Hier angelangt, warf er ſeinen funkelnden Blick in die Tiefen des Abgrundes und ſah eine in den Fluthen der öſtlichen Bucht vor Anker liegende Bacht. Es war die Bacht„der Sturm.“ Eine mit zwei Mann beſetzte Schaluppe lag in der Nähe des Strandes, als ob Jemand auf dieſem Punkte erwartet würde. Bencdetto athmete auf. Sich rechts wen⸗ dend, lenkte er ſeine Schritte nach dem Eingange der Grotte, Sdie nicht weit davon entfernt war. —— ut; nze uer hl⸗ rö⸗ mn⸗ en i⸗ uf Ein friſcher Zephhr bewegte die wilde Vegetation der Inſel und pfiff durch die Spalten der Felſen. Schwere, von Oſt nach Weſt ziehende, düſtere Wolken⸗ maſſen verdunkelten von Zeit zu Zeit die glänzenden Strah⸗ len der Sonne und dann ſchien die Inſel mit einem dichten, geheimnißvollen Schleier bedeckt, der den Reiz dieſes wild romantiſchen Anblick's noch erhöhete. Unten am Fuße der Felſen hörte man die Meeres⸗ wogen ſich brechen, und das durch das Echo ſich wieder⸗ holende melancholiſche Murmeln ſtieg gleich einem wunder⸗ baren Chor von Menſchenſtimmen in die Lüfte empor. Valentine zitterte, ſo wie ſie ſich der Grotte näherte; doch bot ſie Alles auf, um Maximilian's Gedanken von dem Gegenſtand abzulenken, der ihn beſchäftigte und ſein Gemüth beunruhigte. Endlich erſchien bei einer Biegung um den Felſen das ſtolze Portal der Grotte plötzlich ſeinen Blicken. Valentine blieb ſtehen. „Biſt Du müde, meine Freundin?“ fragte ſie Maxi⸗ milian;„wir brauchen nun nicht mehr lange, um in unſeren unkerirdiſchen Palaſt zu gelangen. Hier Eingang.“ „Ja! da iſt er! dies iſt das Portal! weiter hin befin⸗ det ſich das Heiligthum unſerer erſten Glückſeligkeit. Maxi⸗ milian, hier richtete ſich der Bau des Glückes auf, welches wir bis zu dieſer Stunde genoſſen haben. Laß mich Athem ſchöpfen— laß mich an jenen Tag denken, der ſo ſchön und ſtrahlend nach einer langen Reihe von Qualen für uns empordämmerte. Ach, wie glücklich fühlte ich mich an jenem Tage, wie großartig und ſchön erſchien mir das Schauſpiel, welches uns umgiebt! Mein Geiſt bevölkerte alle dieſe Granitmaſſen mit Blumen, und in jeder dieſer Blumen ſah ich Dein Bild! Heute aber ſind alle dieſe Blumen, die wunderlichen, anmuthigen Geſchöpfe meiner Phantaſie, verſchwunden. Es ſcheint mir, als hätte ſie ein Orkan auf immer von hier entführt! Dieſe kahlen Felſen, dieſe Einſamkeit, dieſes durch das Rauſchen des Waſſers kaum unterbrochene Schweigen, Alles dies flößt mir Furcht ein, Maximilian! Dieſes Portal der Grotte Monte-Chriſto's r ſcheint mir in dieſem Augenblick der geheimnißvolle Eingang zu einem Grabmal zu ſein!“ .„Valentine!“ rief Maximilian,„was ſollen dieſe ſ Worte? was ſollen dieſe Thränen? Welches Verbrechen( haben wir begangen, um das Unglück zu verdienen, wel⸗ ches Du geträumt haſt?“ n „Welches Verbrechen? Keins,“ antwortete Valentine. f Wenn aber der Mann, der uns das Glück gegeben hat, B ot befugt war, das an uns abzutreten, was er uns ge⸗ ſchenkt hat, glaubſt Du, mein Freund, daß wir es noch ſ lange genießen könnten?“ „Valentine, Deine Worte, die ich in Venedig mit Kälte anhörte, rühren mich in dieſem Augenblicke tief; wir ſind allein zwiſchen Meer und Himmel, zwiſchen Gott und dem Abgrund!“ f „Nun ſo bringen wir dieſem Gott ein Gelübde der Demuth dar, indem wir auf immer dieſer barbariſchen Pracht entſagen, welche der Graf von Monte⸗Chriſto mit 1 uns hat theilen wollen! Leben wir von unſerer Arbeit, ſeien wir glücklich in beſcheidenen Verhältniſſen und verfügen wir zu Gunſten der Armuth und des Mangels, die uns in l dieſer Welt umgeben, über dieſe Schätze, welche der Graf uns überliefert, ohne vielleicht das Recht gehabt zu haben, dies zu thun.“ ei Als Volentine dieſe Worte beendet hatte, befand ſie ſich ganz nahe an dem Portal der Grotte, in welche ſie, d von Marimilian geführt, langſam eintrat. Sie gingen die iſ Treppe hinab und in dem Augenblicke, wo ſie in den Saal g traten, entfuhr ein Schrei der Ueberraſchung ihren Lippen. Ein furchtbgrer Knall krachte in dem unterirdiſchen Ge⸗ „ ers ang nit vir ind der hen nit ien vir raf en, ſie ſie, die aal wölbe und gleich darauf ward der ganze Raum von hellem Flammenſchein erleuchtet. „Valentine!“ rief Maximilian und wollte mit ihr zu⸗ rückweichen. 6 „Bleiben wir,“ ſagte ſie, indem ſie ihn in ihre Arme ſchloß;„bleiben wir! das Feuer brennt— es verzehrt die⸗ ſen Saal! Hier hat uns der Graf von Monte⸗Chriſto dieſe Grotte und die Reichthümer geſchenkt, welche ſie enthält.“ „O, fliehen wir, fliehen wir, Valentine,“ rief Maxi⸗ milian erſchrocken;„ſiehſt Du nicht dort— dort— dieſen furchtbaren Ausſpruch?“ Und indem er den Arm ausſtreckte, zeigte er mit der Hand nach der Hauptwand, an welcher die Worte ang ſchrieben ſtanden: „Den Armen, was den Armen gehört. Die Todtenhand iſt ausgeſtreckt über Edmund Dan⸗ „Aber welch' furchtbares Geheimniß giebt es hier?“ fuhr er fort, indem er allmälig ſeine Kaltblütigkeit wieder⸗ gewann;„welche perfide Hand hat dieſe ſeltſamen Worte in dieſem Raum angeſchrieben, den ſie ohne Zweifel, als die ei⸗ nes kecken Räubers, ausgeplündert und verwüſtet hat? Va⸗ lentine, ſiehſt Du nicht, daß glles dies das Werk eines Menſchen iſt, der die Schwäche Deines Geſchlecht's benutzen will? Er möge kommen, dieſer Menſch, und dieſes Räthſel löſen, wenn er kann! Wer iſt der Todte, deſſen Hand, wie er behauptet, über Edmund Dantes ausgeſtreckt iſt?“ „Ich will es Ihnen ſagen, Maximilian Morel,“ rief eine Stimme, die aus dem Innern der Grotte kam.„Die Hand, welche ausgeſtreckt und geöffnet iſt, um das Blut, die Ruhe und die Thränen Edmund Dantes zu empfangen, iſt die Hand eines Mannes, dem Edmund Dantes die auf⸗ gehäuften Zinſen einer furchtbaren Rache ſchuldet! Der Todte iſt Herr von Villefort!“ „Mein Vater!“ rief Valentine erſchrocken, indem ſie und wie verſteinert auf der oberſten Stufe der Treppe ſtand und mit ſeinem Blicke die Luft, das Feuer und die Berge befragte. Die Feuersbrunſt machte raſche Forſhritte, und in kurzer Zeit war von dem fabelhaften Glanze und Reichthum der Grotte Monte-Chriſto kaum noch ein zwiſchen den ver⸗ brannten und geſchwärzten Felſenwänden emportauchender Schutthaufen übrig. Zwei kleine Rachten, die beide, die eine von Weſten, die andere von Oſten, die Inſel Monte-Chriſto verlaſſen hat⸗ ten, ſegelten ruhig in entgegengeſetzten Richtungen. Die, welche jene Landzunge, welche man Itglien nennt, umſegeln zu wollen ſchien, war die Racht der Sturm; die andere, welche Porto⸗Veecchio zuſteuerte, war die Racht Bäre 2 Zweites Kapitel. Der Ball des Grafen Gradenigo. Gine große Neuigkeit ſetzte alle Gemüther Venedig's in Bewegung. Es handelte ſich um einen Maskenball, aber einen Maskenball, der Alles verdunkeln ſollte, was man bis jetzt in dieſem Genre geſehen⸗ Jeder machte in dieſer Beziehung ſeine Gloſſen und es fehlte nicht an allerhand wunderlichen Hhpotheſen. Mittler⸗ weile gingen die Vorbereitungen ihren Gang und Kleider⸗ macherinnen und Modiſtinnen hatten alle Hände voll zu thun.* Ein Freund, reich wie Kröſus, war aus dem Orient bei dem Grafen Gradenigo angelangt, und Graf Grade⸗ ohnmächtig in die Arme Marimilian's ſank, der unbeweglich rge um er⸗ er nigo, der weit die Thore ſeines Palaſtes öffnete, ſeine glänzenden Salons und prachtvollen Gärten beleuchtete und ſie mit Allem bevölkerte, was es Schönes, Vornehmes und Reiches in Venedig giebt, ſchickte ſich an, mitten im Ausbruch einer allgemeinen Freude dieſen Freund zu em— pfangen, deſſen Namen in aller Munde war— den Gra⸗ fen von Monte⸗Chriſto. Aber wer war denn dieſer Graf von Monte-Chriſto? Ein ungeheuer reicher Mann, ein Nabob von franzöſiſcher Herkunft, der ſchon lange den Orient als ſein zweites Va⸗ terland betrachtete, wo er die einzige Tochter eines vorma— ligen Paſcha's von Janina geheirathet hatte. Und Jeder erzählte ſeine Geſchichte und erweiterte das, was ſein Nachbar ihm darüber mitgetheilt. Es war ein förmliches Lauffeuer von mehr oder weniger wahren, mehr oder weniger wahrſcheinlichen Anekdoten. Vom Broglio bis zum großen Canal, von der Piazza bis zum Boudvir der ſchönen Dame, hörte man nur den Namen des berühmten Fremden nennen, zu deſſen Ehren dieſer Ball gegeben ward und auf welchen ſich die ganze Bewunderung und das ganze Intereſſe des Augenblick's con⸗ eentrirten. Kein's der erblichen Oberhäupter der vornehm⸗ ſten Familien Venedig's vergaß, dem Grafen von Monte⸗ Chriſto ſeine Huldigungen darzubringen und eine elegante Viſitenkarte auf dem goldenen Teller niederzulegen, der zu dieſem Gebrauche beſtimmt, in dem Salon auf einem klei⸗ nen Tiſche von Ebenholz und Elfenbein ſtand, denn Graf von Monte⸗Chriſto empfing perſönlich Niemanden, der nicht zu der Zahl ſeiner vertrauten Freunde gehörte. Ehe wir ausführlich über den Ball des Grafen Gra⸗ denigo ſprechen, wollen wir zwei Worte über den Män ſagen, den man den Grafen von Monte-Chriſto nannte, und der ſeinen Namen dem Roman gegeben, zu welchem wir hier die Fortſetzung liefern. Wenn wir irgend eine Perſon einmal geſehen und ge⸗ Die Todtenhand. 3. Band. 2 N kannt, wenn wir alle Handlungen ihres öffentlichen Lebens mit aufmerkſamem Blicks verfolgt haben und wenn es die⸗ ſem Manne gelungen iſt, in uns ein, wenn auch nur einfa⸗ ches Gefühl der Neugier zu erwecken, ſo empfinden wir im⸗ mer eine lebhafte Gemüthsbewegung in dem Augenblick, wo wir ihn nach einer langen Trennung wiederſehen. Wir beobachten, analhſiren, vergleichen und kritiſiren gern alle ſeine Geberden, alle ſeine Worte, alle ſeine Hand⸗ lungen, weil bei jedem Schritt jedes dieſer Dinge uns eine Veränderung, einen Unterſchied darbietet, zwiſchen dem, was er damals war, und zwiſchen dem, was er heute iſt. Das Alter, die neuen Bande, welche der Menſch knüpft, ſeine Anſchauungs⸗ und Denkweiſe, ſeine frivole oder ſtreng moraliſche Converſation— Alles trägt bei, un⸗ ſere natürliche Neugier zu erwecken. Der Graf von Monte-Chriſto war einer jener Men⸗ ſchen, in welchen die Zeit eine wirkliche Revolution hervor⸗ bringt und ſie für Den, der ſie während einer längeren Periode nicht geſehen, faſt unkenntlich macht. Als der Graf von Monte-Chriſto zum erſten Male die Bühne unſerer Erzählung betrat, nahm er, wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, eine jener Stellungen ein, welche die Natur ausdrücklich für ein beſtimmtes Weſen geſchaffen zu haben ſcheint und die in das Buch des Schick⸗ ſal's eingeſchrieben iſt, in welches Gott, der Menſch und der Teufel wechſelsweiſe, am öfterſten aber zuſammen gleich⸗ zeitig ſchreiben und wieder ausſtreichen. Der Graf von Monte-Chriſto ſah die ganze Vergan— genheit des unglücklichen Edmund Dantes noch faſt vor ſei⸗ nen Augen ausgebreitet, wie das furchtbare Leichentuch, welches ſein langes Märthrerthum einhüllte und auf wel⸗ chem mit ſeinem Blut und ſeinen Thränen die Namen ſei⸗ ner Henker geſchrieben ſtanden! Die Stimme des alten Abbé von Farig, dieſe Stimme, welche ihn die Geheimniſſe der menſchlichen Wiſſenſchaft ent die De nug der mer läſt mä Nic chen ſes Ma ſcha nes beſt We alle derf Glü nen kann gnü fall mult habe aller heim lung verla Lebens s die⸗ einfa⸗ ir im⸗ nblick, tiſiren Hand⸗ s eine dem, te iſt. denſch rivole „un⸗ Men⸗ rvor⸗ geren Male neine ein, eſen chick⸗ und leich⸗ gan⸗ ſei⸗ tuch, wel⸗ ſei⸗ ime, haft entdecken gelehrt, ſchlug noch an ſein Ohr und zeigte ihm die verworfenen Gedanken ſeiner Henker in ihrer Nacktheit! Der Graf von Monte-Chriſto dürſtete nach Blut. Als Menſch konnte er ſeine Philoſophie nicht hoch ge⸗ nug erheben, um dieſen unverſöhnlichen Durſt zu vergeſſen, der ihn verzehrte. Er führte ſeine Streiche ohne Erbar⸗ men, ohne Schmerz! Er lachte, wenn er weinen hörte! Er läſterte, wenn er den Namen Gottes, der ihn groß und mächtig gemacht, ausſprechen hörte. Es gab im Leben Nichts, was den Kelch der Bitterkeit verſüßt hätte, in wel⸗ chem er beſtändig ſeine Lippen netzte! Jetzt aber, wo die Zeit ihren kalten Mantel über die⸗ ſes ganze Gemälde ausgebreitet, wo unter dieſem kalten Mantel ſchon nicht mehr die Lava der entzügelten Leiden⸗ ſchaften dampfte, wo die Liebkoſungen einer Gattin und ei⸗ nes unſchuldigen Kindes ihm eine neue, ſo mit Blumen beſtreute Exiſtenz boten, daß darunter die Unebenheiten des Weges verſchwanden, den wir, kaum der Wiege entſtiegen, glle betreten müſſen, um unſerem Grabe entgegenzugehen — jetzt war der Graf von Monte-Chriſto ſchon nicht mehr derſelbe Menſch. Das ruhige Glück des häuslichen Heerdes, jene hohe Glückſeligkeit, die in den großen Städten ſo ſehr von De⸗ nen verlacht wird, welche niemals das wahre Unglück ge⸗ kannt haben, war jetzt ſein größtes, ja, ſein einziges Ver⸗ gnügen und wenn nicht in ſeiner Exiſtenz ein Ausnahme⸗ fall eingetreten wäre, ſo würde er niemals wieder den Tu⸗ mult und Lärm der großen Städte Europa's aufgeſucht haben. Seine Gattin Hahdée begann, von einer Ermattung aller phhſiſchen Kräfte ergriffen, die Anfälle eines jener ge⸗ heimnißvollen und langſamen Fieber zu fühlen, deren Hei⸗ lung, wie die Aerzte behaupten, Veränderung des Klimg's verlangt. Der Graf von Monte⸗Chriſto verließ den Orient * um den Occident zu beſuchen, wo er die Wiederherſtellung der geſchwächten Geſundheit ſeiner Gattin zu erlangen hoffte. Venedig war in Folge ſeiner geographiſchen Lage der erſte Ort, den die junge, ſchone Hahdee beſuchen ſollte. Da nun der Graf von Monte-Chriſto ſich ſeines Freun⸗ des, des Signor Gradenigo, erinnerte, ſo ſchrieb er ihm, um ihn von dem Beſuche, den er ihm abzuſtatten gedachte, im Voraus zu benachrichtigen. Wie aufrichtig und inſtändig der edle Venetianer den Grafen von Monte-Chriſto auch bat in ſeinem Palais ab⸗ zuſteigen, ſo hatte dieſer doch, ſeiner alten Gewohnheit treu, einen Diener nach Venedig vorausgeſchickt, welcher beauf— tragt war ihm ein Hotel zu miethen, weshalb er alle dieſe Anerbietungen mit der ausgeſuchteſten Höflichkeit ablehnte. und trotz dieſes noch ſo zarten Alters konnte man doch ſchon auf ſeinem kindlichen Geſicht die ent Miene des Grafen von Monte⸗Chriſto in Verbindung mit Der Graf von Monte⸗Chriſto bewohnte in der Gin⸗ decca daſſelbe Palais, welches vor Kurzem Maximilian u Valentine bewohnt hatten.&n Haydse, noch jung, hatte Richts von ihrer Schönheit verloren. Auf ihrem Antlitze lag noch, obſchon es die phy⸗ . ſiſche Eyſchlaffung verrieth, jener ſanfte Ausdruck, der ſo innig Alle ergriffen hatte, welche ſie vor einigen Jahren ſei es in Rom, ſei es in Paris, geſehen. Sie hatte einen, etwa vierthalb Jahre alten Sohn, dem ſanften, offenen Ausdrucke Hahdée's leſen. Der Knabe war in der That ein Engel an Schönheit, welcher ſpäter alle Schätze der vollkommenſten Erziehung in ſich vereinigen ſollte. 3 Hahdee verließ ihr Kind keine Minute und es koſtete dem Grafen daher unglaubliche Mühe, ſie zu bewegen, mit en Ball des Graſen Gradenigo zu beſuchen. Da Wegbleiben davon eine direrte Beleidigung für den edlen — 1 ſchloſſene, kühne 6 ſcht cher Vo vor auf ſtre ſeht ſche vor ten goſ feen kenl den war wel ma der und kün men am duir ſtellung rlangen age der ſollte. Freun⸗ rihm, dachte, er den ais ab⸗ it treu, beauf⸗ e dieſe hnte. Gin⸗ in und önheit ie phy⸗ der ſo ahren, Sohn, nheit, ehung oſtete „mit Da edle doch 3 kühne gmit Venetianer geweſen wäre, ſo vertrauete Hahdée zum erſten Male ihren Sohn der Obhut einer Frau an, die ſie aus dem Orient hierher begleitet und ſchickte ſich an, ſich auf den Eintritt in die Salons des Grafen Gradenigo vorzu⸗ bereiten. Der Palaſt und die Gärten des berühmten venetiani⸗ ſchen Grafen waren prachtvoll erleuchtet und mit vortreffli⸗ chen, auf angemeſſene Weiſe vertheilten Orcheſtern verſehen. Vom Einbruch des Abend's an wimmelte der große Canal von Venedig, an welchem das Palais lag, von Gondeln, auf welchen ſich Eingeladene und Neugierige die Paſſage ſtreitig machten. Ueberall, von wo man den Palaſt und die Gärten ſehen konnte, bewegten ſich ungeheure Gruppen von Men⸗ ſchenköpfen gleich den Wogen des Meeres, welche der Wind vor ſich hintreibt. Myriaden Lichter funkelten durch die Lauben der Gär⸗ ten, Feuerſtröme brachen aus den offenen Fenſtern und er⸗ goſſen ſich über die Menge— es war in der That ein feenhafter Anblick! Der Ball war, wie wir ſchon geſagt haben, ein Mas⸗ kenball. Der Reichthum und die Mannigfaltigkeit der verſchie⸗ denen Coſtüme boten das herrlichſte Schauſpiel dar! Es war übrigens ein Wirrwarr, ein Chaos ohne Gleichen, welches aber dennoch einer gewiſſen Ordung und Ruhe Platz machte, als Jemand mit der geheimnißvollſten Miene von der Welt die Anweſenheit des Grafen von Monte⸗Chriſto und ſeiner reizenden Gattin, der ſchönen Hahdee, ver⸗ kündete. Damen und Cavaliere eilten ſogleich den Neuankom⸗ menden entgegen. Hahdée, reich auf orientaliſche Weiſe gekleidet, ſchritt am Arme des Grafen einher, welcher ein vollſtändiges Be⸗ duinencoſtüm trug. — 2 Ihre Haltung, die nafürliche Anmuth ihrer Manieren ben, und ihres Ganges, Alles war geeignet, ihr die allgemeine ſpiel Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Signor Gradenigo beeilte ſich, ſobald er von der An⸗ trali weſenheit ſeines Freundes in Kenntniß geſetzt war, Hahder Auf ſeinen Arm zu bieten, und nachdem er dem berühmten Be⸗ duinen die Hand gedrückt, führte er Hahdée nach den Tanz⸗ Men ſälen. Anw Der Graf blieb allein, und um der Langenweile jener deſſer faden Geſpräche aus dem Wege zu gehen, welche ſich um ihn her zu entſpinnen begannen, verlor er ſich mitten unter welch einem Schwarm maskirter Damen, indem er ſich bemühte, und eine davon zu erkennen. Bald jedoch von der Unmöglich⸗ beſon keit der Verwirklichung ſeines Vorhabens überzeugt, ent⸗ man fernte er ſich und lenkte ſeine Schritte nach den Gärten, kannt wo ebenfalls getanzt ward. Hier blieb er in der Nähe einer Blätter- und Blu⸗ die 6 menlaube ſtehen, aus welcher er einige Frauenſtimmen ver⸗ Adel nahm, die, obſchon ſie ihm vollſtändig unbekannt waren, doch von ſolchen Dingen ſprachen, daß dadurch die Auf⸗— merkſamkeit des Grafen vollſtändig in Anſpruch genommen ward. kenne Er hüllte ſich in ſeinen Burnus, lehnte ſich an den Stamm eines hundertjährigen Baumes und horchte auf⸗ merkſam. „Alſo Du biſt wirklich überzeugt, daß die Armillh's Armi in Venedig ſind?“ gaben „Ob ich überzeugt bin! Noch mehr—“ als 4 „Was denn, Laura.“ dher „Sie ſind hier auf dieſem Ball.“ „Was, ſie wären hier? Das iſt nach den Beſprechu⸗ ner 3 gen, die der Graf Gradenigo mit meinem Vater in Be⸗ zug auf das Alter des Adels unſerer beiden Familien ge— 6 habt hat, nicht ſehr wahrſch ſlich! Wie könnte man glau⸗„„ nieren meine An⸗ ahdée Be⸗ anz⸗ jener um unter ühte, lich⸗ ent⸗ rten, Blu⸗ ver⸗ aren, Auf⸗ men den auf⸗ llh's un⸗ Be⸗ ge⸗ lau⸗ ben, daß er mit ſolchen Ideen im Kopfe die beiden Schau⸗ ſpielerinnen eingeladen hätte.“ „Ich habe mir ſagen laſſen, daß heutzutage die thea⸗ traliſche Carriere in hoher Achtung ſteht, liebe Freundin. Auf alle Fälle, was wäre dabei Bedenkliches?“ „Gar Nichts, Laura! Aber es giebt ſo empfindliche Menſchen! Was mich betrifft, ſo fühle ich mich durch die Anweſenheit dieſer Damen durchaus nicht beleidigt— in⸗ deſſen—“ „Uebrigens iſt noch ein anderer Umſtand vorhanden, welcher zu Gunſten der Damen Armillh ſpricht. Man ſagt und behauptet, daß ſie aus ſehr guten Familien ſtammen, beſonders die jüngere, welche Eugenie heißt und die, wie man verſichert, aus einer unter dem Namen Servieres be⸗ kannten franzöſiſchen Familie abſtammt.“ „O, in dieſem Falle dürfen wir uns nicht mehr über die Einladung wundern, die ihnen der Graf geſchickt hat. Adel des Blutes in Verbindung mit Adel des Talentes — das muß auch die Schwierigſten zufrieden ſtellen.“ „Du ſagſt die Wahrheit.“ „Aber wie ſoll man ſie unter ſo vielen Masken er⸗ kennen?“ „Mittelſt eines mnemoniſchen Princip's.“ „Mittelſt welches Princip's? Erkläre Dich deutlicher!“ „Giovanni Gradenigo iſt einer der Anbeter der beiden Armillh. Als ſie hierherkamen, ehe ſie ſich nach Rom be⸗ gaben, ward er ihres Lobes nicht müde— es war mehr als Lob— es war Leidenſchaft, es war Wahnſinn. Sei daher überzeugt, daß er ſie dieſe ganze Nacht keinen Au⸗ genblick verlaſſen wird. Giobanni aber wirſt Du trotz ſei⸗ ner Verkleidung leicht erkennen.“ „Das glaube ich ſelbſt— ich ſche ihn ja alle Tage — er iſt mein Vetter!“ „Wohlan, die Dame, an deren Stite er ſich befindet, —— und welcher er die Cour macht, iſt eine der beiden Ar⸗ ein milly.“ ſcht „Sehr gut gefolgert. Beeilen wir uns, unſere Mas⸗ cher ken wieder anzulegen, liebe Laura, und die Entdeckung zu ver⸗ ſuchen. Apropos, haſt Du von dem Grafen von Montt⸗ Chr Chriſto ſprechen hören?“ Er iſt da.“ bei „Und ſeine Gattin?“ zuck „Iſt eine Griechin von hohem Adel, wie man behaup⸗ Geſehen habe ich ſie noch nicht.“ Nick „Was iſt denn aus der Franzöſin geworden, die nur Sie vor wenigen Tagen noch hier in Venedig war— der Gat⸗ nige tin Maximilian Morel's, des Herrn und Meiſters der In⸗ ſel Monte-Chriſto?“ „Wenn man dem Gondelführer Giacomo, welcher ſich heute in unſerem Dienſt befindet, glauben darf, ſo haben doch Beide Venedig mit der Einſamkeit ihrer wüſten Inſel ver⸗ man tauſcht, wo ſie einen ſchönen Palaſt beſitzen.“ „O, wenn ich Beſitzer dieſer Inſel wäre, ſo würde mich ich ſie nicht lange wüſte laſſen,“ rief die Gefährtin Lau⸗ ra's lachend,„beſonders wenn ſie, wie Du ſagſt, einen ich ſchönen Palaſt enthält. Ich würde mich beeilen, ſie mit den ſchönſten und eleganteſten Cavalieren zu bevölkern und ſteht Bälle zu geben. Dort zu tanzen, mitten unter den wild⸗ romantiſchen Felſen, an deren Fuße ſich ſchäumend die nenn Meereswogen brechen— in der That, man könnte den% Verſtand verlieren, wenn man nur daran denkt. Jedoch einen maskire Dich, liebe Laura, und laß uns auf die Entdeckung ſeltſa der beiden Armillh ausgehen.“ Als die beiden intereſſanten Schwätzerinnen aus der der 2 Laube traten, war der Graf von Monte⸗ Chriſto ſchon ver⸗ ſchwunden, um ebenfalls Giovanni Gradenigo aufzuſuchen. dem In dem Augenblick, wo man ihm den Erben des be⸗ nicht rühmten venetianiſchen Grafen bezeichnete, verlor ihn Monte⸗ ſagen Chriſto aus den Augen, weil ſich plötzlich und abſichtlich S& Mas⸗ u ver⸗ donte⸗ haup⸗ mnr Gat⸗ In⸗ ſich aen ver⸗ ürde Lau⸗ einen mit und vild⸗ die den doch ung der ver⸗ hen. be⸗ nte⸗ tlich ein Domino vor ihn hinſtellte, der durch ſeine unbewegliche, ſchwarze Maske hindurch einen Blick auf ihn heftete, wol⸗ cher Flammen zu ſprühen ſchien. „Wer ſind Sie? Was wollen Sie?“ fragte ihn Monte⸗ Chriſto ſtolz. „Sie ſehen!“ antwortete der Domino mit einer Stimme, bei deren Klang Monte-Chriſto unwillkürlich zuſammen⸗ zuckte. „Ich danke,“ murmelte Monte-Chriſto,„da ich aber Nichts von Ihnen will, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß Sie Ihre Zeit verlieren, indem Sie mir zugleich die mei⸗ nige rauben.“. Und er that einen Schritt, um ſich zu entfernen; der Domino ſtellte ſich ihm aber auf's Neue gegenüber. „Wenn Du auch Nichts von mir willſt, ſo will ich doch viel von Dir, denn Du biſt ein Menſch, von dem man viel wollen kann und Du weißt es auch.“ „Ich bitte Sie, ändern Sie Ihren Ton. Wenn Sie mich kennen, ſo nennen Sie mich bei meinem Namen!“ „Sehr gern!— aber welchen Namen willſt Du, daß ich Dir gebe?“ „Das iſt eine ſonderbare Frage— den meinigen, ver⸗ ſteht ſich.“ „In dieſem Falle werde ich Dich Edmund Dantes nennen.“ Bei dieſen Worten trat der Graf von Monte-Chriſto einen Schritt zurück und maß mit unruhigem Blick den ſeltſamen Zudringlichen vom Kopfe bis zum Fuße. „Du giebſt zu, daß ich weiß, wer Du biſt?“ fragte der Domino. „Das iſt ſehr gleichgültig,“ antwortete der Graf, in⸗ dem er ſorgfältig ſeine Unruhe verhehlte,„wenn Sie ſich nicht die Mühe nehmen wollen mir Ihren Ramen zu ſagen.“ Der Domino ſchlug ein gellendes Gelächter auf. — „Geben Sie mir blos eine Andeutung, ein Zeichen,“ den, fuhr Monte⸗Chriſto fort, ohne die Neugier beſiegen zu nen können, welche der Unbekannte in ihm erweckte. „Es ſei,“ entgegnete der Domino, indem er zugleich Chri hinzuſetzte:„Erinnerſt Du Dich Mercedes?“ ni „Mercedes!“ murmelte Monte-Chriſto in dumpfem die Tone, welcher der ſchmerzliche Wiederhall zu ſein ſchien, die„ den dieſer einfache Namen noch in ſeinem Herzen erweckte. „O, wer ſind Sie? Entfernen Sie ſich nicht! Reden Sie alte — ich kenne Sie!“ zu w „Nun, wer bin ich denn?“ vollſt „Albert von Morcerf.“ ſchon „Du irrſt Dich, Du mußt wiſſen, daß er größer iſt als ich.“* aus „Das iſt wahr,“ ſagte der Graf, indem er den Kopf abern ſenkte und abermals nachdenklich vor dem geheimnißvollen Menſchen ſtehen blieb, der ſo peinliche Erinerungen in plötl ihm erweckte. 3. „Gute Nacht, Edmund; auf baldiges Wiederſehen!“ Und ohne ihm Zeit zu laſſen auch nur ein einziges Wort zu erwiedern, verſchwand der Domino ſchnellfüßig 8 milten unter dem luſtigen Schwarme der übrigen Masken. Der Graf verſuchte vergebens ihm mit dem Auge zu folgen; er war vollſtändig verſchwunden. Wie um die Aufregung zu beſchwichtigen, welche die⸗ 6werdr ſer kurze unerwartete Dialog in ihm erweckt, widmete ſich 3 der Graf von Monte-Chriſto wieder ſeiner unterbrochenen Wunſ Aufgabe, die beiden jungen Damen Armillh nach dem mnemoniſchen Princip zu entdecken, welches von den beiden auf d in de und i Schwätzerinnen der Gartenlaube aufgeſtellt worden. anger Nach halbſtündigem vergeblichem Umherwandeln be⸗ gegnete er ſeinem alten Freunde, dem Grafen Gradenigs, ſchen: mit welchem er einige jener banalen Redensarten wechſelte,„ welche ſo zu ſagen die Einleitung zu der Converſation bi⸗ beſtan hen,“ zu leich pfem hien, eckte. Sie r iſt Kopf ollen min n iges üßig ken. die⸗ ſich enen dem iden be⸗ igo, elte, bil⸗ 8 den, die wir, ohne daß man etwas davon ahnt, über ei⸗ nen uns intereſſirenden Gegenſtand anzuknüpfen wünſchen. „Ihr Feſt iſt in der That prachtvoll,“ ſagte Monte⸗ Chriſto,„und Ihr Sohn theilt, wie mir ſcheint, mit ſei⸗ nem Vater das Vorrecht, mit jener ausgeſuchten Delikateſſe, die ihn in ſo hohem Grade chararteriſirt, Ihren Gäſten die Honneurs des Hauſes zu machen!“ „O, Giovanni thut, was er kann,“ entgegnete der alte Patricier,„er will ſich nicht die Mühe geben, mehr zu wiſſen. Indeſſen, das Alter wird ſeine Erziehung ver⸗ vollſtändigen, wenigſtens hoffe ich es. Haben Sie ihn ſchon geſehen?“ „Man hat ihn mir gezeigt, aber ich habe ihn wieder aus den Augen verloren und jetzt glaube ich, daß ich ihn abermals mit den übrigen Masken verwechſeln würde!“ „Sehen Sie, da rechts,“ ſagte Signor Gradenigo plötzlich;„er führt eine elegante Cirkaſſierin am Arme!“ Der Graf wollte den Sohn Gradenigo's anreden als in demſelben Augenblicke eine Maske ſich vor ihn hinſtellte und die Worte an ihn richtete: „Seien Sie willkommen, Graf von Monte⸗ Chriſto! Sie haben nicht wohl daran gethan, Ihr Geſicht unbe⸗ deckt zu laſſen, weil Jemand hier iſt, der Sie erwartete.“ „Was wollen Sie ſagen?“ „Vor der Hand will ich nur wenig ſagen, aber einſt werde ich viel ſagen.“ „Ich kenne Sie nicht und hege nicht den mindeſten Wunſch, Sie zu kennen. Gute Nacht!“ „Noch einen Augenblick, Graf. Es iſt nicht Sitte, auf dieſe Weiſe Jemandem zu begegnen, der Sie ſeit ſo langer Zeit erwartet.“ „Aber wie mir ſcheint, beſtehen keine Beziehungen zwi⸗ ſchen uns.“ „Gegenwärtig allerdings nicht, aber es haben deren beſtanden und meine Dankbarkeit bleibt dieſelbe.“ —— „Reden wir nicht von der Vergangenheit, die ſchon fern iſt. Beſchäftigen wir uns nur mit der Gegenwart. Wer ſind Sie? Sagen Sie es frei heraus, denn Sie ſehen, daß ich nicht den mindeſten Verſuch mache, Ihren Namen zu errathen.“ „Das iſt zum Lachen, mein lieber Seefahrer des Pha⸗ rao! Ich bin ein Bote, durch welchen Dir Herr von Villefort ſeine Complimente ſendet.“ „O,“ ſagte Monte-Chriſto, indem er ſich mit der Hand über die bleiche Stirn fuhr;„wer Sie auch ſein mögen, ſo haben Sie zu Ihren Scherzen ein unpaſſendes Thema gewählt! Achten Sie Die, welche vielleicht ſchon ihren ewigen Schlaf ſchlafen.“* Kaum hatte der Graf von Monte-Chriſto dieſe Worte geſprochen, ſo war die Perſon, an welche er ſie richtete, auch ſchon verſchwunden. Monte-Chriſto ward durch dieſes grauſame Spiel leb⸗ haft ergriffen, dennoch aber begann er, muthig ſeinen Entſchluß faſſend, wiederum Giovanni Gradenigo aufzu⸗ ſuchen. Lange waren ſeine Bemühungen vergeblich; endlich ge⸗ — wahrte er ihn in Begleitung der ſchlanken Cirkaſſierin und wollte ihn am Arme berühren, als eine andere Maske herzutrat und ſeine Aufmerkſamkeit ſofort in Anſpruch nahm. Die Maske trug das vollſtändige Coſtüm eines Ge⸗ richtsbeamten und redete das Franzöſiſche mit der ganzen Reinheit und Correctheit einer vornehmen Perſon. „Guten Abend, Graf von Monte-Chriſto,“ ſagte die Maske.„Kommſt Du wieder nach Europa in der Ab⸗ ſicht, Dich an einigen Familien zu rächen? Ach, man ſollte meinen, Du wäreſt ein geborener Corſe, denn das Wort vendetta übt auf Dich eine unwiderſtehliche G⸗ walt.“ Der Graf von Monte-Chriſto betrachtete mit inem uno ſon fuh erhe ſpre lich ächt Ung wen Fun tor ſchw druc Erfi lang Beif ich e men es ſ Verſt in B Mon der 1 zufüh ſchon nwart. n Sie Ihren Pha⸗ on tit der h ſein ſendes ſchon Worte ichtete, el leb⸗ ſeinen aufzu⸗ ich ge⸗ nund Maske ſpruch Ge⸗ anzen ſagte r Ab⸗ man denn e Ge⸗ einem unausſprechlichen Gefühl von Neugier dieſe Magiſtratsper⸗ ſon, die ihn in ſo vertraulichem Tone anredete. „Wie befindet ſich Deine ſchöne Gemahlin Hahdee?“ fuhr die Maske im reinſten Accente fort.„Weißt Du den erhabenen Inſpirationen dieſer unſchuldigen Seele zu ent⸗ ſprechen? Arme Hahdöée, ich zweifle, daß ſie lange glück⸗ lich ſein wird.“ „Hoho!“ rief der Graf mit einem erzwungenen, ver⸗ ächtlichen Gelächter,„Sie machen ſich lächerlich, wie alle Unglückspropheten. Wünſchen Sie ſich vielleicht blos ein wenig von den Mühen zu erholen, welche Ihre amtlichen Functionen Ihnen verurſachen?“ „Meine Functionen als Staatsanwalt oder Procura⸗ tor des Königs verurſachen mir niemals Mühe oder Be⸗ ſchwerde, mein Herr,“ antwortete die Maske mit Nach⸗ druck.„Ich finde ſogar einen unausſprechlichen Reiz in der Erfüllung der Pflichten des Amtes, welches ich ſchon ſeit langer Zeit in Paris auf eine Weiſe bekleide, daß ich den Beifall Aller verdiene, die mich kennen! Gegenwärtig habe ich eine intereſſante Sache in Ausſicht, welche meinen Na⸗ men unſterblich machen muß.“ „Sie ſind ein wenig anmaßend,“ unterbrach ihn der Graf. „Dann kennen Sie nicht die Sache, um welche es ſich handelt und den Namen des zu Verurtheilenden.“ „Erklären Sie ſich deutlicher.“ „Sie ſind es, um deſſen Verhör und Verurtheilung es ſich handelt, mein lieber Graf von Monte⸗Chriſto. Verſtehen Sie jetzt den Beweggrund meiner Prophezeiung in Bezug auf Hahdée, wie?“ „Sehr gut. Aber weſſen bin ich angeklagt?“ fragte Monte⸗Chriſto, indem er auf die Rolle einging, die ihm der Unbekannte aufzudringen ſchien und indem er ſie durch⸗ zuführen ſuchte. „Sie ſind angeklagt, in dem Contert eines von Ih⸗ — 30— nen verfaßten furchtbaren Drama's das erhabene Wort Got⸗ tes vergeſſen zu haben. Ueber dem Grabmale der Familien Saint⸗Méran und Villefort erhebt ſich ein Schrei des Ent⸗ ſetzens gegen Sie und einer der Todten ſtreckt ſeine ent⸗ fleiſchte Hand empor, um damit in der Welt auf Sie zu zeigen! Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Graf. Das Blatt des Schickſalsbuches, welches Sie verdammt, hat ſich bei dem Hauch des Sturmes umgewendet! Ich bin beauftragt, die furchtbaren Worte der Gerechtigkeit Gottes zu dolmet⸗ ſchen und werde unerbittlich ſein.“ „Mit Ihrer Erlaubniß,“ entgegnete der Graf kalt, „werde ich Ihre überſpannten Worte als die Wirkung ei⸗ nes plötzlichen Anfall's von Wahnſinn betrachten.“ „Es ſei,“ fuhr die Maske fort.„Mittlerweile raffen Sie ein wenig Ihre Erinnerungen zuſammen und ſehen Sie zu, was es an mir geben kann, was Ihnen ein's Ih⸗ rer Schlachtopfer in's Gedächtniß zurückruft. Sie ſind ſehr vergeßlich, Herr Graf. Als ich Sie als bonapartiſtiſchen Agenten in das Schloß If bringen ließ, haben Sie mei⸗ nen Namen in dem düſtern Kerker, in welchen man Sie warf, oft genannt! Ich bin Villefort!“ „Es freut mich ſehr, Ihnen hier zu begegnen, mein Herr. Darf ich Sie vielleicht um die Ehre einer längeren Unterredung, entfernt von dem Lärm und Tumult dieſer Salons, bitten?“ „Ich ſtehe zu Befehl, erkläre Ihnen aber ſchon jetzt, daß dieſe Unterredung ſehr kurz ſein wird. Ich habe Ih⸗ nen wenig zu ſagen. Folgen Sie mir daher, wenn es Ih⸗ nen recht iſt.“ Mit dieſen Worten ſchritt der angebliche Villefort durch die Salons und ging in den Garten hinunter. Dann nahm er ſeinen Weg quer durch eine Allee dichtbelaubter Biume 1 und ging gerade auf einen kleinen abgelegenen Raſenplatz zu, wohin die Töne des Orcheſters und das ſchallende G⸗ Keetie läch ſchie und Buſ mas falls ſchen dum dem Sie iſt! bin( wer ſ mödie „Sie wiſſen Mont durch ſinnige welchet welche Frau, an Si len, eit geben. keine C Got⸗ milien Ent⸗ e ent⸗ ie zu Blatt h bei tragt, met⸗ kalt, ig ei⸗ raffen ſehen Ih⸗ ſehr iſchen mei⸗ Sie mein geren dieſer jetzt, Ih⸗ Ih⸗ durch nahm äume platz lächter der Gäſte kaum und gleichſam nur, wie ein Ab⸗ ſchiedsgruß an das Feſt, hindrangen. Hier blieb er ſtehen, ſtellte ſich dem Grafen gegenüber und ſchien ihn mit einem Blick, in welchem das Feuer des Haſſes glühete, vom Kopf bis zum Fuße zu meſſen. „Jetzt,“ ſagte der Graf,„habe ich, da ich ſelbſt nicht maskirt bin, das Recht zu verlangen, daß Sie ſich eben⸗ falls demaskiren.“ „Hinter dieſer Maske, Herr Graf, ſteckt kein Men⸗ ſchengeſicht, wie das Ihrige!“ antwortete die Maske in dumpfem Tone. „Nicht übel! Wer ſind Sie?“ fragte der Graf, in⸗ dem er eine Bewegung machte. „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Edmund Dantes; Sie wiſſen, wer ich bin.“ „Ich ſage Ihnen nochmals, daß dies ein übler Scherz iſt! Kommen wir zur Sache und bleiben wir dabei. Ich bin Edmund Dantes, Graf von Monte-Chriſto, und Sie, wer ſind Sie?“ „Ihr Richter, mein Herr!“ „Ich ſehe ſchon, Ihre Abſicht iſt, dieſe lächerliche Ko⸗ mödie noch weiter auszuſpinnen,“ entgegnete Monte-Chriſto. „Sie thun daran ſehr unrecht, Herr Unbekannter. Sie wiſſen wahrſcheinlich nicht, wer und was der Graf von Monte⸗Chriſto iſt.“ „Ich weiß es recht wohl! Sie ſind ein Menſch, der durch grauſamen Rachedurſt verblendet und hingeriſſen, wahn⸗ ſinnigerweiſe das Schwert der Gerechtigkeit gemißbraucht hat, welches Gott in Ihre mächtige Hand gegeben. Der Frau, welche Sie von dem tiefſten Grund ihrer Seele liebte, der Frau, welche jetzt noch blutige Thränen weint, wenn ſie an Sie denkt, haben Sie für ihre Liebe, ihre langen Qug⸗ len, eine Zukunft des Mangels und des Wittwenſtandes ge⸗ geben. Dem Freunde, welcher ſich Ihnen anvertrauet, der keine Geheimniſſe vor Ihnen hatte, haben Sie zum Dank Verzweiflung und Schande gegeben. Sie haben ihn verra⸗ then! Hiermit nicht zufrieden, haben Sie die Flamme in dem Herzen einer neuen Loeuſta gehegt und genährt und laut gelacht, wenn ihre Opfer zu Boden ſtürzten! Das Blut eines kaum neunjährigen Kindes hat Ihrer verbre⸗ cheriſchen Stirn ein unauslöſchliches Brandmal aufgedrückt und nach allen dieſen Uebelthaten und in der Meinung, daß eine einzige That der Großmuth hinreiche, um Ihr Ge⸗ wiſſen zu beſchwichtigen, leben Sie ganz ruhig und meinen, daß Sie das Wort Gottes erfüllt haben. Damit iſt in wenigen Worten geſagt wer Sie ſind, Graf von Monte⸗ Chriſto, Verräther und erbarmungsloſer Mörder, ein Schurke, der vergebens verſucht hat, ſeinen Wahnſinn und ſeine Verbrechen unter dem pomphaften Titel der göttlichen Gerechtigkeit zu verbergen. „Zittern Sie daher, Heuchler, der Richterſpruch erwartet Sie und das Grab iſt nicht weit, welches Sie aufnehmen wird, Sie von Gott und den Menſchen Ver⸗ fluchter!“ „Wer Sie auch ſein mögen,“ ſagte Monte-Chriſto, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht, in ruhigem, ge⸗ ſetzten Tone,„ſo gehe ich auf Ihre Anklage ein und hoffe, daß Sie mir das Recht der Vertheidigung geſtatten werden. Abgeſehen von allen geſpenſtiſchen Ideen und ſinnreichen Mährchen, deren Sie ſich bedient haben, um Ihre Wortt mit dem von Ihnen angenommenen Coſtüm in eutun zu bringen, begreife ich, daß Sie, nachdem Sie alle Vor⸗ gänge meines Lebens in Paris analhſirt haben, das Ge⸗ fühl verdammen, welches mich damals beherrſchte. Dies ſteht Ihnen frei. Ich verlange nicht und habe niemals ver langt, daß die Menſchen die Gerechtigkeit meiner Handlun gen, wie einen Glaubensartikel, einräumen ſollen. Selbſt in dieſem Augenblicke würde ich ein gewiſſes Vergnügen darin finden, Ihnen die Gerechtigkeit einiger dieſer Handlungen zu beweiſen, die Ihnen als die gewaltthätigſten erſcheinen und von Dis ben, an's zu 1 zu b ten nen imm Gra ſein licher ihm die ſe raſcht Schr indem Chriſ Die verra⸗ nme in rt und Das verbre⸗ edrückt 8, daß hr Ge⸗ meinen, iſt in Monte⸗ eii in und ttlichen rſpruch es Sie n Ver⸗ hriſto, n, ge⸗ hoffe, verden. reichen Worte inklang Vor⸗ Ge⸗ Dies ls ver⸗ ndlun⸗ bſt in darin lungen heinen, — und mein Gewiſſen in Ihren Augen vor jedem Schatten von Reue ſicher zu ſtellen, doch iſt hier zu einer ſolchen Discuſſion nicht der Ort. „Indeſſen, da Sie ſich einmal die Mühe gegeben ha⸗ ben, mich, nachdem ich kaum den Fuß in Europa wieder an's Land geſetzt, aufzuſuchen, ſo wäre es vielleicht nicht zu viel verlangt, wenn ich Sie bitte, mich in der Gindecca zu beſuchen, wo Sie zu jeder Stunde und mit der größ⸗ ten Zuvorkommenheit empfangen werden ſollen. Sie kön⸗ nen deswegen, wenn es Ihnen ſonſt beliebt, Ihr Incognito immer beibehalten.“ Der angebliche Gerichtsbeamte lächelte bitter. „Ja, dereinſt wird dieſe Unterredung ſtattfinden, Herr Graf, aber ſo ſchlau und gut gewählt Ihre Argumente auch ſein mögen, ſo wird es doch keine Philoſophie in der chriſt⸗ lichen Welt geben, welche ſie heiligt.“ „Wir werden ſehen!“ ſagte Monte-Chriſto. „Alſo bis dahin!“ entgegnete die Maske, indem ſie ihm die rechte Hand bot. Monte⸗Chriſto berührte mechaniſch dieſe Hand, welche die ſeinige erwartete, ſtieß aber einen leiſen Schrei der Ueber⸗ raſchung und des Entſetzens aus, indem er zugleich einen Schritt zurückprallte und todtenbleich ward. „Ihre Hand iſt eiskalt.“ „Es iſt die Kälte des Grabes!“ murmelte die Maske, indem ſie die Hand von den Lichtſtrghlen beleuchten ließ. „Ha! die Hand eines Leichnam's!“ rief Monte⸗ Chriſto unwillkürlich ſchaudernd. Die Todtenhand. 3. Band. 3 — Drittes Kapitel. Der erſte Streich gegen den Koloß. Als dieſer erſte Augenblick der Ueberraſchung vorüber war, ſuchte der Graf von Monte-Chriſto, indem er ſeine gewöhnliche Geiſtesgegenwart wieder gewann, vergebens mit ſeinen Augen den Menſchen, der auf dieſe Weiſe mit ihm geſprochen hatte. Er war in dem dichten Laubwerk ver⸗ ſchwunden, ohne die geringſte Spur von ſeinen Schritten zu hinterlaſſen. Es war dem Grafen, als fühlte er noch die eiſige Be⸗ rührung der verdorrten Hand, die er mechaniſch in die ſeine gedrückt! Wie vollſtändig auch unſere Philoſophie ſei, wie ſehr wir auch die Vorurtheile des Mittelalters, oder, beſſer geſagt, des Fanatismus verachten, ſo giebt es dennoch Augenblicke, wo wir uns von einer gewiſſen, uner⸗ klärlichen Furcht beherrſchen laſſen, ohne deswegen Geiſtes⸗ ſchwäche zu verrathen! Der Grund hiervon liegt darin, daß es im Leben Augenblicke und unbegreifliche Fälle giebt, wo das Studium, die Wiſſenſchaft, das Denken, Richts ſind, nämlich im Angeſichte gewiſſer Thatſachen, welche das Studium nicht zu ergründen, die Wiſſenſchaft nicht zu er⸗ klären und der Geiſt nict zu begreifen vermag. Obſchon die vorhin beſchriebene Scene für uns, die wir die Handlung dieſes Drama's ſeit ihrem Urſprung und in allen ihren Einzelnheiten verfolgt haben, nicht gerade unter die eine, oder die andere, dieſer Kategorien gehört, ſo war ſie doch für den Grafen von Monte⸗Chriſto eine der ſeltſamſten, ja vielleicht die eigenthümlichſte Lage, in wel⸗ cher er ſich, ohne ſie provocirt zu haben, ſeit ſeiner wun⸗ derbaren Befreiung befunden. 4 Wer war dieſer räthſelhafte Menſch, der die Geſchichte Edr bein ſtell Gru blick gang Unte Lipp ſame nicht geſpr riſch Chriſ ſetzten war: mal: 6 ſonen, das 2 nen ſe Feind der ve einen V D reiflich — ein rüber r ſeine ns mit it ihm ver⸗ hritten e Be⸗ in die ſophie alters, ebt es uner⸗ eiſtes⸗ darin, giebt, Richts edas u er⸗ „ die erade e der wel⸗ wun⸗ ichte Edmund Dantes ſo genau kannte und ihn aufſuchte, um beinahe alle ſeine Geſinnungen und Thaten in Anklage zu ſtellen? Was war das für eine Hand, die ſich aus der Gruft herausgeſtreckt hatte, um die ſeine in dem Augen⸗ blicke zu berühren, wo er am allerwenigſten an die Ver— gangenheit dachte? Alle dieſe beunruhigenden Gedanken folgten ſich ohne Unterlaß in der Phantaſie Monte-Chriſto's, obſchon ſeine Lippen das ſtereothpe, verächtliche Lächeln bewahrten. Ein gemeiner Poſſenreißer würde ſich nicht auf ſo ſelt⸗ ſame Weiſe ausgedrückt haben. Ein obſeurer Feind hätte nicht mit der Kaltblütigkeit und der Ruhe des Unbekannten geſprochen. „Aber wer konnte denn dieſer Feind ſein?“ Der Baron Danglars war einer ſolchen Idee noto⸗ riſch unfähig. Albert de Morcerf hatte dem Grafen von Monte⸗ Chriſto an dem zu einem Duell auf Tod und Leben feſtge⸗ ſetzten Tage öffentliche Genugthuung gegeben. Villefort war wahnſinnig geworden, wahrſcheinlich lebte er nicht ein⸗ mal mehr. „Wer war alſo dieſer Menſch?“ Vergebens muſterte der Graf nach der Reihe alle Per⸗ ſonen, die aus einem mehr oder weniger plauſiblen Grunde das Recht zu haben glauben konnten, ihn zu verfolgen. Vergebens überſchaute ſein Gedächtniß alle Situatio⸗ nen ſeines vergangenen Lebens. „Niemand kann ſich gegenwärtig ſo ſehr als meinen Feind betrachten, daß er ſich an mir rächen müßte. Keine der vergangenen Situationen meines Daſeins hat in mir einen Schatten von Reue zurückgelaſſen,“ ſagte der Graf. „Wer kann dieſer Menſch ſein?“ Dies war die Frage, welche ſich nach langem und reiflichem Nachdenken dem Grafen immer wieder aufdrang — eine Frage, auf die er keine Antwort — Am Tage nach dem von Signor Gradenigo gegebenen gem Balle erwartete der Graf von Monte-Chriſto den Beſuch mit ſeines Anklägers. ſetze Derſelbe erſchien nicht. Die Tage vergingen und ſchon war eine Woche ver⸗ nac floſſen, während der Graf immer noch nicht wußte, wer Ant dieſes Individuum ſein könne. Er verſuchte nun, ſich zu zerſtreuen und erinnerte ſich der jungen Armillh's, die er viel von Paris her kannte und für die er immer eine aufrich⸗ derg tige Zuneigung empfunden. niß Er beſchloß, ſie zu beſuchen. Die beiden Freundinnen hatten, nachdem ſie ihr En⸗ käm gagement mit der Direction des Argentino wegen conſta⸗ den! tirter Krankheit aufgelöſt, Rom verlaſſen. Sie waren in Venedig und wohnten Beide in einem franzöſiſchen Hotel. genh Monte-Chriſto ließ ſich unter einem angenommenen there Namen anmelden und ward nach einigen Schwierigkeiten Doc vorgelaſſen. nehn Louiſe von Armillh war die erſte, welche ſich ihm Beſi zeigte. eile, „Mein Gott!“ rief ſie, als ſie den Grafen erblickte, „iſt es wirklich der Herr Graf von Monte-Chriſto, mit in d welchem ich das Vergnügen habe zu ſprechen?“ „Ja, Mademoiſelle, ich wollte Ihr Gedächtniß auf rung die Probe ſtellen und bitte Sie um Verzeihung. Wenn ren wir in uns ſelbſt nicht das Verdienſt fühlen, welches noth⸗ ein n wendig iſt, um die Aufmerkſamkeit Anderer zu feſſeln, ſo glauben wir nach einer langen Abweſenheit nicht wieder⸗ Friſt erkannt zu werden.“ nage „So dürfen Sie niemals ſprechen, Herr Graf. Meine Freundin Eugenie und ich wiſſen vollkommen den Adel Ih⸗ rer Geſinnungen zu würdigen und ſelbſt, wenn die ganze Welt Sie verdammte—“ „Halten Sie ein, Mademoiſelle, wenn die ganze Welt ₰ einen Menſchen verdammt, ſo ſind wir gezwungen der al⸗ Blic ebenen Beſuch e ver⸗ wer ich zu die er frich⸗ rEn⸗ onſta⸗ ren in otel. menen gkeiten im lickte, mit ß auf Wenn noth⸗ , ſo ieder⸗ Meine el Ih⸗ ganze Welt r all⸗ 3 gemeinen Meinung zu folgen,“ unterbrach ſie Monte⸗Chriſto mit wohlwollendem Lächeln, indem er ſich beeilte hinzuzu⸗ ſetzen: „Ich glaube, die Geſundheit Ihrer Freundin Eugenie nach den Roſen beurtheilen zu können, welche auf Ihrem Antlitz blühen.“ „Ja,“ antwortete Louiſe.„Eugenie befindet ſich jetzt viel wohler und Sie ſehen mich ſehr erfreuet über ihre Wie⸗ dergeneſung, nachdem mir ihr Leiden die größte Beſorg⸗ niß und Unruhe verurſacht.“ „Es iſt mir, als hätte ich gehört, daß Sie von Rom kämen. Hat ſich Ihre Freundin dort nicht wohlbefun⸗ den?“ „Allerdings nicht,“ ſagte Louiſe mit ſichtbarer Verle⸗ genheit.„Sie ward das Opfer einer entſetzlichen Verrä⸗ therei, die unglücklicherweiſe in die Oeffentlichkeit gelangte. Doch verzeihen Sie, Herr Graf, ſie würde mir es übel nehmen, wenn ich nur eine einzige Minute ſäumte, ihr den Beſuch zu melden, den Sie uns abzuſtatten geruhen. Ich eile, ſie davon zu benachrichten.“ Einige Augenblicke ſpäter erſchien Eugenie Danglars in dem Salon. Monte⸗Chriſto bemerkte mit Bedauern die Verände⸗ rung, die in den Zügen Eugenien's vorgegangen war, de⸗ ren Antlitz die tiefen Spuren der Thränen zeigte, welche ein nagender Kummer vergießen macht. Die Roſen der Jugend und einer ruhigen, glücklichen riſtenz waren verſchwunden von den durch Leiden abge⸗ nagerten und durch Melancholie gebleichten Wangen. Ihr früher von der Flamme des Genies leuchtender lick war trüb und unruhig. Die entſchloſſene Miene, welche ſie auszeichnete, war ſetzt matt und traurig wie der Ausdruck jener Geſtalten, man an Grabmälern ſieht. Alles war ſtumm in Eugenie Danglars und der Graf — würde ſie nicht wiedererkannt haben, wenn er nicht vorher gewußt hätte, daß dies die ſtolze Tochter der Frau von Servieres war. Eugenie hörte die Complimente des Grafen mit zer⸗ ſtreuter Miene an und antwortete kaum auf die Fragen, die er direct an ſie richtete. Nach einer ungefähr halbſtündigen Converſätion, wel⸗ che Monte-Chriſto faſt allein führte und in welcher er ſich vergebens nach einigen Perſonen erkundigte, die er während ſeines Aufenthalt's in Paris gekannt, nahm er Abſchied von den beiden Freundinnen, indem er ihnen noch mittheilte, daß er die Abſicht habe, ſich nach Rom zu begeben. „Nach Rom!“ antwortete Louiſe, indem ſie Eugenien einen bedeutſamen Blick zuwarf. „Ich hoffe in dieſer Stadt einige Zerſtreung zu fin⸗ den,“ ſagte der Graf;„die Langeweile iſt das größte Uebel, welches wir erfahren können.“ „Dann, Herr Graf, erlauben Sie mir, Ihnen be⸗ merklich zu machen, daß der Aufenthalt in Rom Ihnen gerade jetzt keine beſonders wünſchenswerthe Zerſtreuung ge⸗ währen würde.“ „Wie ſo?“ „Es wird dort ein Prozeß verhandelt, in welchem Ihr Name ſehr häufig vorkommt.“ „Was iſt das für ein Prozeß?“ fragte er mit jenem ruhigen Lächeln, welches geſchaffen zu ſein ſcheint, um an⸗ zudeuten, daß das Gewiſſen ruhig iſt. „O, vielleicht werden Sie nicht glauben, was ich Ihß nen ſagen will. Wiſſen Sie nichtsdeſtoweniger, daß man in Rom einen furchtbaren Prozeß gegen den berüchtigter Banditen Luigi Vampa eingeleitet und daß dieſer gefürch tete Räuber vor Gericht erklärt hat, er habe in Verbir dung mit Ihnen geſtanden.“ „Wirklich! Nun, das iſt ja eine ganz liebenswürd⸗ Galanterie von Herrn Luigi Vampa,“ ſagte der Graß der hin beſt bin! zu nen Loui abzu Sop fen und tel a lang Kran Chri ten v Luigi Ange die ei ſo en began Louiſe Dieſe und d kleine, Werth A Gebäu um S der kälteſten Miene von der Welt, indem er gleich darauf vorher L. zu von hinzufügte: „Es iſt Thatſache, daß dieſe Verbindungen wirklich tit zer⸗ beſtanden haben und daß ich der Freund dieſes Mannes Fragen, bin! Auch darf ich keine Zeit verlieren, um ſeinen Kopf zu retten und werde dies nicht verſäumen.“ „ wel⸗ Während der Graf ſo ſprach, rannen zwei große Thrä⸗ er ſich nen Eugenien's Wangen herab. Er wollte fortfahren, aber Louiſe bat ihn durch eine Geberde, die er verſtand, davon ährend 6 id do abzubrechen und umarmte dann ihre Freundin, die auf ein theilte, Sopha nirdergeſunken war. Der Graf verabſchiedete ſich und ging fort, tief ergrif⸗ genien fen von dem Zuſtand, in welchem er Eugenien gefunden und feſt entſchloſſen, alle in ſeinen Kräften ſtehenden Mit⸗ u fin⸗ tel anzuwenden, um ihr ihre vorige Friſche wiederzugeben. Uebel Um jedoch dieſes Reſultat ſeiner Bemühungen zu er⸗ langen, mußte er vor allen Dingen die Grundurſache dieſer Krankheit kennen und ſtudiren, gegen welche, wie Monte⸗ Chriſto glaubte, die gewöhnlichen Aerzte Richts auszurich⸗ ng he⸗ ten vermochten. Er hoffte von der Zeit, daß ſie ihn mit Allem, was Luigi Vampa betraf, bekannt machen würde und da er dieſe Ji Angelegenheit für weniger wichtig hielt, als die Aufgabe, die er ſich in Bezug auf Mademoiſelle Danglars geſtellt, ſo entwarf er ſeinen Feldzugsplan, indem er mit Letzterer i begann. Nach einigen Tagen gelang es ihm Eugenie und Louiſe von Armillh zu veranlaſſen, Hahdee zu beſuchen. Dieſe Damen fanden wechſelſeitiges Gefallen an einander und der Graf hatte die Freude zu ſehen, daß ſich jener kleine, vertraute Cirkel bildete, auf den er einen ſo hohen Werth legte. Als ob der Graf von Monte-Chriſto wirklich das Gebäude ſeines innern Friedens und ſeines Glückes, Stein um Stein, in den Staub rollen ſehen ſollte, fühlte er bald, daß an dem durchſichtigen Horizont ſeines Lebens eine dü⸗ ſtere, geheimnißvolle Wolke ſchwebte, ohne daß es in ſeiner Macht ſtand, ſie zu verſcheuchen. Seit einigen Tagen weigerte ſich Hahdee unter dem Vorwande eines Unwohlſeins fortwährend, Eugenie Dang⸗ lars und Louiſen d'Armilly perſönlich zu empfangen, und jemehr der Graf ſich zu ihren Gunſten verwendete, deſto höher ſtieg Hahdée's vorgebliches Unwohlſein. Obſchon den Sitten Europa's gemäß erzogen, bewahrte Hahdée nichtsdeſtoweniger jenes heftige Feuer, welches die Leidenſchaft in dem Herzen der OHrientalin entzündet. Bald entwickelte ſich jene verzehrende Flamme, welche die Eifer⸗ ſucht anfacht und unerträglich macht! Oft hatte ſie ihr Auge, welches glühete wie das der Löwin ihrer Heimath, auf den Grafen geheftet, wenn er auf dem großen Balcon des Palaſtes neben Eugenien auf und ab wandelte. Der Graf ſchien ſich mit ihr über eine ſehr wichtige Angelegen— heit zu unterhalten, deren nähere Umſtände Hahdée nicht kannte, ſo daß ſie ein ſchmerzliches Vergnügen darin fand, dieſen Converſationen einen Beweggrund unterzuſchieben, der von der Wahrheit eben ſo entfernt war, als von den Empfindungen, welche zwiſchen dem Grafen und Eugenien beſtanden. Es war nicht blos Hahdée, welche dieſe Promenaden auf dem großen Balcon des Palaſtes beobachtete. Auf dem Canal oder in der engen Straße dem Palaſte gegen⸗ über, gab es noch Jemanden, deſſen Blick fortwährend dem intereſſanten bleichen Geſicht der neben dem Grafen einherwandelnden Eugenie zugewendet war. Eines Abend's, als Eugenie niedergeſchlagener ſchien. als je, ſagte der Graf, welcher die geheimnißvolle Urſache dieſes Gemüthsleidens um jeden Preis durchdringen wollte, zu ihr: „Meine Tochter, wenn man noch ſo jung iſt wie Sie, ſo muß man nicht an dieſer Welt verzweifeln. An vilcem ine dü⸗ ſeiner em Dang⸗ und deſto wahrte es die Bald Eifer⸗ ſie ihr imath, Balcon Der elegen⸗ nicht fand, hieben, nden genien naden Auf gegen⸗ hrend rafen ſchien rſache vollte, eSie, chem Uebel leidet Ihre Seele, daß Sie in Allem, was Sie umgiebt, dennoch keinen heilenden Balſam finden? Sie ſind ſchön, Sie ſind jung, in Ihnen offenbart ſich ein's jener Genies, welche die Welt würdigt, weil es ihren ho⸗ hen Rang anerkennt. Warum entziehen Sie ſich dieſer glänzenden Welt, welche ſich Ihnen zu Füßen wirft und aus Ihnen den Gegenſtand ihrer Anbetung macht?“ „Ihre Worte, mein Herr, ſind wie immer die Frucht der aufrichtigſten Shmpathie. Ich weiß es und ich danke Ihnen dafür. Dieſe Welt aber, von welcher Sie ſprechen, was könnte ſie mir bieten, was dieſen Kummer und dieſe Liebe, welche ich empfinde, milderte?“ ſagte Eugenie, in⸗ dem ſie mit ſchmerzlichem Ausdruck gen Himmel blickte. „Muth! Heute, meine Tochter, ſprechen Sie in et⸗ was klareren Ausdrücken,“ antwortete der Graf.„Sie ſpre⸗ chen von Kummer und Liebe— zwei Worte, die ein auf der Stufenleiter der menſchlichen Empfindungen hochſtehen⸗ des Gefühl ausdrücken.“ „Ja, ja, mein Herr. Würdigen Sie dieſes unend⸗ liche Gefühl, welches dieſes Herz einſchließt und beklagen Sie mich ſodann,“ ſagte Eugenie, indem ſie die Augen zu Boden ſchlug und eine Thräne trocknete. „Ganz im Gegentheile, meine Tochter. Ich habe Ih⸗ nen nur eine von Glück und Freude ſtrahlende Zukunft zu prophezeien!“ „O nein! nein!“ rief Eugenie mit einem Seufzer, welcher dem harmoniſchen Murmeln der Saiten einer Acols⸗ harfe glich, die ſanft von dem Hauche des Windes bewegt werden;„für mich iſt Alles aus.“ „Bören Sie,“ ſagte der Graf mit ſeinem ſanften, wohlwollenden Lächeln.„Geben Sie zu, daß ich mich als vollkommen glücklich betrachten kann? Ich beſitze eine Gat⸗ tin, die mich liebt und die ich anbete, eine Gattin, deren Liebkoſungen für mich der ſüßeſte aller Genüſſe ſind. Ich beſitze ein Kind, deſſen unſchuldige Lippen ich fortwährend — meine Namen ausſprechen höre, als ob es ein Engel wäre, der mich ſegnete! Nun aber ſagte ich, während einer Zeit von fünfzehn Jahren, fünfzehn langen Jahren der Ver⸗ zweiflung, der Einſamkeit, fünfzehn Jahren! hören Sie wohl, mein Kind! eben ſo wie Sie in dieſem Augenblicke ſagen: für mich iſt Alles aus! Damals ſtand ich in dem Alter, in welchem Sie gegenwärtig ſtehen und eben ſo wie Sie, wendete ich die Augen von der Zukunft ab, um ſie zur Erde zu ſenken, wo ich, wie ich überzengt war, bald meinen ewigen Schlaf ſchlafen würde. Aber auch ich hörte eine Stimme, welche mir zurief: Glaube und hoffe! Ja, Glauben und Hoffen, darin liegt die ganze menſchliche Weisheit, wie ich ſpäter eingeſehen habe— im Glauben und im Hoffen!“ „Es könnte aber doch ſein, daß die Situationen ſehr verſchieden wären,“ ſagte Eugenie. „Ich war zwiſchen die Mauern eines Thurmes einge⸗ ſchloſſen, der von allen Seiten durch die Fluthen des Ocean's beſpült ward! Ein düſteres Gewölbe war mein einziger Horizont. Vater, Freunde, Geliebte— wo waren ſie? Die entſetzliche Nacht des Leidens hatte mich auf im⸗ mer von ihnen getrennt. Meine theuerſten Hoffnungen wa⸗ ren zerſchellt! Mein Glaube aber, obſchon einen Augen⸗ blick lang geſchwächt, kräftigte ſich wieder in Finſterniß und Todesqual und ich ſah die Welt und das Glück durch die Mauern und das Gewölbe meines Kerkers hindurch.“ Eugenie ſchien einen Augenblick lang nachzudenken. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„Sie ſind ein Mann und ich bin ein Weib, die Stufenleiter unſerer Empfindungen iſt in unſern Herzen eine andere! Sie konnten glauben, daß Ihr Glück auf Erden für immer vernichtet ſei und dennoch, auf den Trümmern ſtehend, neue Hoffnung faſſen! Ich dagegen muß aus der Welt verſchwinden, weil von nun an für mich die Welt nur das lebende Bild der Hölle iſt. Ach, Pein Herr, niemals, nein, niemals haben Sie glau⸗ ben die wü Wo „0 Sie licht des Gla glitt weil auf weick Män den wäre, Zeit Ver⸗ Sie blicke ch in eben um bald örte ffe! iche uben ſehr inge⸗ des mein aren im⸗ wa⸗ gen⸗ und die dich miſt daß woch, Ich nun iſt lau⸗ ben können, daß mit dem Haupte Ihrer Geliebten auch die einzige Hoffnung Ihrer Seele in den Staub ſinken würde!“ „Eugenie!“ rief der Graf, dem durch die furchtbaren Worte, die er ſo eben gehört, ein plötzliches Licht aufging; „o reden Sie, reden Sie, denn die Zeit verrinnt, reden Sie— Gott iſt barmherzig— Gott beſitzt eine unermeß⸗ liche Macht— reden Sie.“ „Ich kann nicht!“ murmelte Eugenie,„ich kann nicht — Schmerz und Scham rauben mir die Sprache.“ Indem ſie dies ſagte, lehnte ſie ſich an die Bruſtwehr des Balcon's und ihr Blick ſchien zu verlöſchen, wie der Glanz eines Stern's am Horizont. Der Mond ging über dem Lido auf. Zwei Gondeln glitten ſtumm auf dem Canal einher. Dieſe beiden Gondeln machten einen Augenblick Halt, weil die beiden Ruderer aufhörten zu arbeiten. Gleich dar⸗ auf vernahm man eine ſanfte melodiſche Stimme, von den weichen Accorden einer Guitarre begleitet. Es war eine Männerſtimme, welche in ſchlechtem Italieniſch die folgen⸗ den vier Strophen ſang: „Stolze Schlöſſer ſind gefallen, „Arme Hütten aufgeſtiegen. „Wer ſagt wohl ihr Schickſal Allen— „Ob ſie ſterben oder ſiegen? „Ich, nur ich, ich bin der Meiſter, „Der das Schickſal Aller kennet, „Der, durchſchauend alle Geiſter, „Jeglichen mit Namen nennet. „Zarter Mädchen Wonnethränen, „Großer Herren Abenteuer, „Schoner Damen ſtilles Sehnen, „Tugendhelden, Ungeheuer— „Alles iſt vertraut dem Meiſter, „Der das Schickſal Aller kennet, „Der, durchſchauend alle Geiſter, „Jeglichen mit Namen nennet.“ Die Stimme ſchwieg und es folgte ein geſchickt aus⸗ geführtes Zwiſchenſpiel auf der Guitarre. Einen Augenblick ſpäter wiederholte dieſelbe Stimme dieſelben Verſe, und ein Mann, der in einer der Gondeln ſtand, ſchwenkte ein Taſchentuch in der Richtung des Bal⸗ cons, auf welchem der Graf und Eugenie ſtanden. Als der Graf ſich über die marmorne Bruſtwehr neigte, um zu hören, was man ſagte, fühlte er, daß man ihn ſanft an der Schulter berührte. Er drehete ſich herum und ſah Hahdée mit ihrem Kind auf dem Arme. „Rufen Sie ſie, muin Herr,“ ſagte ſie haſtig. Der Graf machte eine Bewegung und wollte ihr ant⸗ worten, aber ſie unterbrach ihn: „Sogleich, als ich dieſe Leute hörte, faßte ich meinen Sohn in die Arme, mit dem Wunſche, ihm wahrſagen zu Si laſſen. Rufen Sie ſie, mein Herr; ich wünſche ſie zu hören.“ „Du wünſcheſt es, Hahdée. Wie oft ſagen dieſe Aben⸗ teurer etwas ganz Anderes, als die Wahrheit! Für den, der die Schläge des Schickſals noch nie empfunden hat, iſt es ſtets eine Unklugheit, dieſen Leuten ſein Ohr zu leihen.“ „Fräulein von Armillh,“ ſagte Hahdee, indem h zu Eugenien wendete,„würden Sie nicht auch gern Leute hören?“ Der Graf bemerkte zu ſeinem Erſtaunen die gereizte Miene, mit welcher ſeine Gattin zu Eugenien geſprochen, und um eine ungelegene Erklärung abzuwenden, zog er ſein Taſchentuch und winkte den Leuten in der Gondel näher zu kommen. ver geg eini des aus ned Tin ten Pal war IJün ren rei äffen welc ſeltſe ſich Loui ken 2 leh grüne t aus⸗ timme ondeln Bal⸗ neigte, in ihn Kind r ant⸗ neinen zen zu ſie zu Aben⸗ den, t, iſt ihen.“ ie ſich dieſe ereizte ochen, er ſein er zu Viertes Kapitel. Der Zigeuner. Die kleine Familie des Grafen von Monte-Chriſto verſammelte ſich in einem der Säle des Palaſtes. Eugenie Danglars und Louiſe d'Armillh waren zu⸗ gegen. Der Saal war geräumig, mit antiken Möbels und einigen großen Gemälden geſchmückt, die nach der Angabe des Beſitzers dieſes Palaſtes nichts Geringeres waren, als aus dem Schiffbruche der alten fünſtleriſchen Pracht Ve⸗ nedig's gerettete Trümmer, nämlich Werke eines Titian, Tintoretto und Paul Veroneſe. In der That aber konn⸗ ten ſie in den Augen eines Kenners nicht einmal einem Palma, Bellini oder Montegna zugeſchrieben werden und waren weiter nichts gls eine einfache Nachahmung jener drei Jünger der venetianiſchen Schule durch einen jener obſcu— ren Pfuſcher, welche mit der ganzen Inſolenz der Pedante⸗ rei durch elende Copien die Werke der großen Meiſter nach⸗ äffen und carikiren. Dieſe großen Gemälde, dieſe düſteren Möbels, auf welchen der Staub ſo vieler Jahrhunderte lag, paßten auf ſeltſame Weiſe zu dem geheimnißvollen Auftritt, welcher ſich vorbereitete. Hahdée hielt ihr Kind in ihren Armen, Eugenie und Louiſe ſtanden neben ihr und der Graf ſtand mit dem lin⸗ ken Arm auf die Marmorplatte eines ſchrankartigen Möbels rlehnt. Das Licht einer franzöſiſchen Lampe ward durch einen grünen Schirm gedämpft; das Schweigen war vollſtändig. Nachdem man einige Minuten gewartet, erſchien der Sigeuner. Es war ein noch junger Mann von ſchlankem, —— anmuthigem Wuchs. Seine einfache, dicht anſchließende Kleidung beſaß ächt ſpaniſche Eleganz und Leichtigkeit. Seine entſchiedene Geberde, ſeine lebhafte Phiſiognomie, der ge⸗ heimnißvolle Ausdruck ſeines Blickes— Alles trug dazu bei, den Frauen vollſtändiges Vertrauen und den Männern eine unbeſtimmte Unruhe einzuflößen. Monte-Chriſto ſtand unbeweglich und warf kaum ei⸗ nen Blick auf den Eintretenden. Hahdée lächelte und ſchlug leicht und ſcherzend mit der Fingerſpitze auf die Lippen des Kindes, wie um es auf— zuwecken. „Guten Abend, Signor,“ ſagte der Zigeuner in ſchlech⸗ tem Italieniſch, und indem er ſeinen Worten einen ſpani⸗ ſchen Accent zu geben ſuchte.„Iſt es wahr, daß ich hier⸗ her gerufen worden bin, um Ihnen das Geheimniß Ihres Schickſals zu entdecken, ſchöne Dame, um zu offenbaren, was die Zukunft Gutes oder Schlimmes für Sie enthält? „Fangt an,“ murmelte der Graf. „Mit Ihnen, Signor, wenn Sie es erlauben.“ Der Graf lächelte verächtlich. „Edler Cavalier,“ ſagte der Zigeuner.„Sie beſitzen die Feſtigkeit des Genies und ſchon in Ihrer ganzen Er⸗ ſcheinung leſe ich, daß Sie gleichſam ein unerſchrockenes Schiff auf dem Meere des Lebens ſind. Hier auf Ihrem Geſichte ſtehen die untrüglichen Spuren einer ſtinmiſchen Vergangenheit. In dem ein wenig erweiterten Augenſtern, auf den unregelmäßig geſchloſſenen Lippen, leſe ich das Ge⸗ fühl einer außerordentlichen Leidenſchaft! Es iſt eine Blu me, die ſich nicht hat erſchließen können.“ „Ihr verliert Eure Zeit mit ſehr unintereſſanten Din gen,“ bemerkte der Graf, der ungeduldig zu werden b gann.„Laßt die Vergangenheit, die ſchon fern iſt, u beſchäftigt Euch mit der Zukunft, da Ihr Euch einm anmaßt, ſie zu kennen, wie Gott, dem ſie doch allein a gehört.“ le ₰; un der auf gan gen mit des kein ſo b werd ſich dem begab leicht einen eßende Seine er ge⸗ dazu nnern m ei⸗ mit s auf⸗ hlech⸗ pani⸗ hier⸗ Ihres aren, hält? ſitzen Er⸗ kenes hrem ſtern, Ge⸗ Blu Din b u um —— „Reichen Sie mir Ihre Hand,“ ſagte der Zigeuner lebhaft. „Da iſt ſie,“ ſagte der Graf mit verächtlicher Geberde. Es folgte hierauf ein Augenblick des Schweigens Der Zigeuner warf den Kopf empor, wendete ſich gegen Hahdée und murmelte in wehmüthigem Tone die Worte? „Arme Hahdée.“ Der Graf machte eine Geberde der Ueberraſchung und Hahdée drückte einen Kuß auf die Lippen ſeines Kindes. „Dies iſt die Erdlinie,“ fuhr der Zigeuner fort, in— dem er unverwandt die Hand Monte-Chriſto's betrachtete, auf deſſen Stirn einige kalte Schweißtropfen zu perlen be⸗ gannen. „Macht es kurz,“ murmelte er. „Es iſt gut,“ ſagte der Zigeuner, indem er die Au⸗ gen gen Himmel richtete und dann wieder zu Boden ſchlug. „Redet!“ „Ich darf nicht.“ „Wie?“ „Es iſt unmöglich!“ „Ihr ſeid ein ſchöner Wahrſager,“ rief Monte⸗Chriſto mit ſpöitiſchem Gelächter, denn er brachte die Verlegenheit des Zigenners auf Rechnung ſeiner Unwiſſenheit. „Wohlan, Signor, um Ihnen zu beweiſen, daß ich kein ſo ſchlechter Prophet bin, als Sie zu glauben ſcheinen, ſo bitte ich Sie, mich unter vier Augen anzuhören.“ „Sehr gern, doch ſage ich Euch im Voraus— ich werde nicht zugeben, daß ein halbes Dutzend ſinnloſe Worte ſich in den Mantel des Geheimniſſes hüllen.“ „Das werden wir ſehen,“ murmelte der Zigeuner, in⸗ dem er mit dem Grafen ſich in eine der Ecken des Saales begab. „Signor,“ ſagte nun der Zigeuner,„haben Sie viel⸗ leicht die ungeheuern Wüſten Afrika's geſehen, wo man nicht einen einzigen Tropfen Waſſer antrifft, um den Durſt des — 8— Reiſenden zu löſchen? Haben Sie dort vielleicht eine ein— ſame Palme bemerkt, die aus dieſem Boden emporragt, wo Alles vertrocknet und verbrennt? Haben Sie ſich nicht ſelbſt gefragt, wie es kommt, daß dieſer Baum hier lebt, dem Orkan, der Sonnenhitze und Dürre trotzend, während auf ſeinen gelben Blättern die Geſchichte mehrerer Jahrhunderte geſchrieben ſteht?“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte der Graf. „Signor, die Wüſte iſt das Leben, der Sturm und die Trockenheit das Unglück, die Jahrhunderte ſind die Jahre, der Palmbaum ſind Sie.“ „Ich danke, mein trefflicher Prophet, aber welche Ga⸗ rantie bietet Ihr mir für die Wahrheit Eurer Worte?“ „Sie ſind ſchwer zu befriedigen, Signor,“ entgegnete der Zigeuner.„Ich kenne Sie nicht und kann daher keine Thatſachen Ihrer vergangenen Exiſtenz tombiniren, um daraus auf beſtimmte Weiſe Ihre Zukunft abzuleiten. In⸗ deſſen will ich Ihnen ſagen, daß es in der Welt die ver⸗ trocknete Hand eines Geſpenſtes giebt, die Ihnen droht.“ „Das iſt unſer aller Schickſal,“ antwortete der Graf gleichgültig. „Nur mit dem Unterſchied, daß Sie an das verhäng⸗ nißvolle Ziel gelangen werden, wenn Ihre Bruſt ſchon nicht mehr Athem genug hat, um einen Seufzer auszuſto⸗ ßen und wenn Ihre Augen nur blutige Thränen weinen können.“ Der Graf ſchanderte bei dieſen Worten innerlich und heftete ſeinen Blick auf das gebräunte Geſicht des Zigeu⸗ ners. Er ſuchte hier irgend ein Räthſel zu entdecken, deſ⸗ ſen Vorhandenſein er ahnte, aber das Grſicht des Zigeu⸗ ners war unbeweglich, wie das einer Statue. „Hier iſt dieſes Kind,“ ſagte Hahdée, nachdem der Zigeuner mit dem Grafen fertig wgr.„Sagt ihm wahr.“ „Ich werde es thun, Signora; wenn indeſſen noch c Ji che W vo ſei geu beo teni Zig ein tige Cam lung che Sie zeug iſt. der, Hau bego zu g durch ſe ein⸗ t wo ſelbſt dem d auf nderte und id die e Ga⸗ 2 egnete keine n In⸗ e ver⸗ 12 Graf häng⸗ ſchon zuſto⸗ veinen n Zigeu⸗ deſ⸗ igen⸗ n der ihm noch — Jemand von Ihnen von meinen Dienſten Gebrauch zu ma⸗ chen gedenkt, ſo möchte ich lieber mit dieſem unſchuldigen Weſen ſchließen. Signora,“ fuhr er fort, indem er ſich vor Eugenie Danglars ſtellte.„Ihr Stern muß ein guter ſein; wünſchen Sie, daß ich ihn befrage?“ „Es kommt Nichts darauf an,“ murmelte Eugenie. „O redet,“ ſagte Hahdee lebhaft,„es iſt ſo intereſſant — redet!“ „Sehr wohl! Geben Sie mir Ihre Hand. Eugenie reichte ihm die Hand, und während der Zi⸗ geuner ſich in die Betrachtung derſelben zu vertiefen ſchien, beobachteten Alle, das Ergebniß dieſes Studiums erwar⸗ tend, das tiefſte Schweigen. „Sie haben eine heftige Liebe empfunden,“ ſagte der Zigeuner,„eine Liebe, wie wir ſie im ganzen Leben nur ein einziges Mal fühlen. Sie ſind das Opfer dieſer hef⸗ tigen Leidenſchaft geworden und haben in den berühmten Campi lugentes den Tribut der Schande und der Verzweif⸗ lung bezahlt. Fern von Ihnen ſehe ich Ihre Mutter, wel⸗ che vergebens die Tochter beweint! Es fehlt ihr an Brod; Sie werden ihr deſſen bieten, wenn Sie von Allem über⸗ zeugt ſein werden, was eine Tochter ihrer Mutter ſchuldig iſt. Zuletzt ſage ich Ihnen, bereiten Sie Ihre Trauerklei⸗ der, denn unter dem Schwert der Gerechtigkeit wird das Haupt eines Mannes fallen, den Sie lieben.“ Eugenie, welche während dieſer Worte des Zigeuners begonnen hatte Zeichen der heftigſten Gemüthsbewegung zu geben, ſtieß, als er kaum zu ſprechen gufgehört, einen durchbohrenden Schrei aus. „Elender!“ rief der Graf, indem er auf ihn zuſchritt. „Ich habe die Wahrheit geſagt, Signor!“ entgegnete der Zigeuner mit demüthiger, unterwürfiger Miene, denn er hatte an einer Bewegung Hahdees bemerkt, daß ſie ent⸗ ſchloſſen war, ihn den Folgen der Entrüſtung des Grafen zu entziehen. Die Todtenhand. 3. Vond. 4 — 30— Wittlerweile hatte Eugenie bleich und zitternd ſich er⸗ hoben. Louiſe faßte ſie lebhaft am Arme und ſuchte ſie aufrecht zu erhalten. „Fliehen wir, Louiſe, fliehen wir!“ rief Eugenie wie wahnſinnig;„dieſer Mann iſt vom Schickſal gezeichnet!“ Und ſie zeigte ſchaudernd mit dem Finger auf den Grafen von Monte-Chriſto. „O, meine Mutter, meine arme Mutter— ich habe ſehr übel gethan, Dich zu verlaſſen— fliehen wir.“ Mit dieſen Worten riß Eugenie ſich von der Hand ih⸗ rer Freundin los, eilte, von ihr gefolgt, aus dem Saale und verließ den Palaſt. Der Graf blieb ganz beſtürzt ſtehen und Hahdée be⸗ trachtete, ihr Kind an die Bruſt drückend, dieſen ſeltſamen Auftritt mit Theilnahme. „Wohlan, Hexenmeiſter,“ ſagte der Graf, indem er dem Zigeuner eine Börſe vor die Füße warf;„Deine Ar⸗ beit iſt zu Ende, Du kannſt Dich entfernen.“ „Noch nicht, mein Herr. Erſt will ich noch meinem Sohne wahrſagen laſſen,“ bemerkte Hahdée. „Was ſagſt Du, Hahdée? Siehſt Du nicht, daß die⸗ ſer Elende ein Betrüger iſt, der uns durch ſeine wahnſin⸗ nigen Prophezeiungen ſchrecken will?“ „O nein, ich glaube, er hat die Wahrheit geſagt,“ antwortete Haydée, indem ſie ſich beeilte, hinzuzufügen: „Was könnte er Uebles in Bezug auf die Zukunft dieſes Unſchuldigen ſagen? Setzen Sie ſich, mein Herr und Mei⸗ ſter, nehmen wir Beide unſeren geliebten Sohn in unſere Arme und hören wir die Prophezeiung.“ Der Graf konnte, obſchon von Allem, was geſchehen war, lebhaft ergriffen, ſich dennoch Hahdée's Begehren nicht entziehen. Er ſetzte ſich neben ſie, ſchlang einen Arm um ihren Leib und hielt mit dem anderen das Kind, welches auf ih⸗ ren Knieen ausgeſtreckt lag. kl ne ba ſen ent derſ ſehr meid gebor ſagt gen d 6 finger 5 Anſche £ Worte zu ſein ſich er⸗ hte ſie ie wie t1 f den hae nd ih⸗ Sagle ée be⸗ ſamen em er e Ar⸗ einem die⸗ hnſin⸗ ſagt,“ ügen: dieſes Mei⸗ unſere hehen ehren ihren fih Das kleine Geſchöpf ſchien ſehr glücklich zu ſein. Es klatſchte in ſeine kleinen Hände und lächelte die Urheber ſei— nes Lebens an, als ob es ſie für die Liebe, die ſie ihm widmeten, belohnen wollte. Der Zigeuner näherte ſich der reizenden Gruppe. Auf ſeinem bleichen, von einem kohlſchwarzen Backen⸗ bart eingeſchloſſenen Geſicht lag ein teufliſches Lächeln, deſ⸗ ſen Ausdruck dem durchdringenden Blicke des Grafen nicht entging. Haydée ergriff die kleine Hand des Kindes und hielt ſie dem Zigeuner hin. „Hier iſt ſeine Hand,“ ſagte ſie. Der Zigeuner betrachtete ſie eine Secunde lang mit derſelben Aufmerkſamkeit und demſelben Ernſte, wie vorher. „Gut, ich habe genug geſehen.“ „Was wißt Ihr?“ „Vor der Hand wenig.“ 5 „Redet.“ „Dieſes Kind wird nach großen Gefahren glücklich, ſehr glücklich werden! Doch laſſen ſich dieſe Gefahren ver⸗ meiden,“ ſetzte er hinzu. „Redet.“ „Es iſt unter dem Einfluß eines ſchlimmen Zeichens geboren. Indeſſen, nach dem, was mir dieſe krumme Linie ſagt „Welche?“ fragte Hahdee, indem ſie allen Bewegun⸗ gen des Zigeuners mit dem Auge folgte. „Dieſe da, welche von dem letzten Gliede des Zeige⸗ fingers ausgeht und ſich in der flachen Hand verliert.“ „Ich ſehe ſie; wohlan, was ſagt Euch dieſe Linie?“ „Daß dieſes Kind im Orient geboren iſt— allem Anſchein nach in Konſtantinopel.“ Hahdee betrachtete den Grafen, der mit der in Worten des Ziegeuners liegenden Wahrheit ſehr zu ſein ſchien. dieſen zufrieden 4* „Deshalb,“ fuhr der Zigeuner fort,„wird es nicht ſo unglücklich werden, als es hätte werden können. In⸗ deſſen iſt es nothwendig, einige Mittel anzuwenden, um dieſes Unglück zu umgehen.“ „Redet, redet— Alles, was in unſerer Macht ſteht, wollen wir thun!“ ſagte Hahdse. „Dieſe Woche wird in Venedig den Armen ein Feſt gegeben werden,“ ſagte der Zigeuner langſam.„Sie müſſen dort mit Ihrem Kinde erſcheinen und es von dem Brode der Mildthätigkeit eſſen laſſen. Es wird gut ſein, wenn Sie und Ihr Gemahl ebenfalls davon genießen, um ſich von jedem Gefühl der Eitelkeit zu reinigen, welches Sie vielleicht in Ihrem Herzen tragen. Dann werden Sie es ſo einrichten, daß dieſes Kind den Kuß dreier Armen em⸗ pfängt, die es zu dieſem Zwecke in ihre Arme nehmen werden.“ „Nichts iſt leichter,“ ſagte Hahdée.„Wir werden Alles thun, was er geſagt hat, nicht wahr, mein Freund?“ fragte ſie den Grafen mit zutraulicher Miene. „Signora,“ fuhr der Zigeuner fort,„wenn Sie das thun, was ich Ihnen geſagt habe, ſo können Sie über⸗ zeugt ſein, daß von dem Borizont dieſes ſo reinen Lebens die Wolken ſich entfernen, die ich daran bemerkt habe⸗ Gute Nacht. Die Junzfrau nehme Sie in ihren heiligen Schutz und ein guter Genius wache ſtets an der Wiege Ihres Sohnes!“ MWit dieſen Worten ſchickte ſich der Zigeuner an fort⸗ zugehen und Hahdee ſtreckte mit dem Lächeln der Hoff⸗ nung auf den Lippen und thränenfeuchtem Blicke ihm die Hand entgegen und bot ihm einen prachtvollen Ring, den ſie am Finger trug. Der Zigeuner nahm den Ring und küßte ihn mit dem Ausdrucke der tiefſten Ehrerbietung. „Nun, mein Herr,“ ſagte Hahdee ſtolz zu ihrem Ge— mahl, deſſen unruhiger Blick dem ſich entfernenden Zigen⸗ B di zit lie hal „w glů abge abka Sme einen glaul Papſ Stell nerer ſeiner Wahr gegebe geſicht ſichtba einer bin re zahlen Leben ehrerbi wollte. s nicht In⸗ „ um t ſteht, in Feſt müſſen Brode wenn im ſich Sie Sie es en em⸗ nehmen werden eund?“ ie das über⸗ Lebens habe. heiligen Wiege n fort⸗ Hoff⸗ m die den it dem „Eugenie,“ ſagte der Graf,„glauben Sie, daß es in dieſer Welt nichts Unmögliches giebt, wenn die Barmher⸗ zigkeit Gottes uns ſchützt? Hoffen und Glauben! Darin liegt die ganze menſchliche Weisheit. Hoffen Sie alſo und haben Sie Vertrauen.“ „Worauf?“ fragte Eugenie als ob ſie ſagen wollte: „wenn ſchon Alles aus iſt!“ „Auf Gott, Eugenie, auf Gott!“ „Können Sie denn Gott vermögen, daß er dieſen un⸗ glücklichen Vampa beſchütze!“ „Ich kann es.“ „Aber wie?“ „Ich habe dem Papſt ſchon das Leben eines Menſchen abgekauft, ich werde ihm auch das Leben eines zweiten abkaufen können.“ „Aber um welchen Preis?“ „An der Tigra Sr. Heiligkeit funkelt ein prachtvoller Smgragd. Wird nicht an derſelben Tiara noch Platz für einen zweiten Smaragd von gleichem Werthe ſein? Ich glaube es, meine Tochter, ich bin deſſen überzeugt. Der Papſt, dieſer Menſch, welcher die Unklugheit beſitzt, Gottes Stellvertreter auf Erden ſein zu wollen, iſt kein vollkomm⸗ nerer Richter als die übrigen, nur verkauft er die Thaten ſeiner Gerechtigkeit vielleicht etwas theurer. Es iſt dies eine Wahrheit, von welcher Gott der Welt ſchon viele Beweiſe gegeben. Mir z. B. hat er die Macht gegeben, von An⸗ geſicht zu Angeſicht mit dieſem mächtigen Oberhaupt der ſichtbaren Kirche zu unterhandeln, wie man mit dem Herrn einer zahlreichen Sclavenheerde unterhandeln würde. Ich bin reich genug, um ihm die Hälfte ſeiner Staaten zu be⸗ zahlen, um wie viel mehr werde ich es ſein, um ihm das Leben eines armen Banditen abzukaufen.“ „O, mein Herr,“ murmelte Eugenie, indem ſie ihm ehrerbietig die Hand drückte und ſie an ihre Lippen preſſen wollte £ 56 „Was machen Sie, Eugenie!“ ſagte der Graf, i⸗ dem er ſeine Hand zurückzog.„Verſtehen wir uns recht. Ich habe verſprochen Vampa's Kopf zu retten, dagegen aber verſprechen Sie mir, ſpäter nicht die edle Laufbahn aufzugeben, in welcher ſich Ihr Genie offenbart hat.“ „Ich ſchwöre es Ihnen!“ „Sie werden ſtets die durch eine Malibran, eine Sonn⸗ tag, eine Damoreau⸗Cinti verherrlichte Kunſt cultiviren, ſo lange nicht die Zeit dieſes ſchöne Haar gebleicht hat.“ „Ich ſchwöre es nochmals.“ „Gut. Ich verliere keinen Augenblick, um Vampa zu retten, und ſobald ich einmal bei dem Papſte ſeine Begna⸗ digung ausgewirkt habe, zweifle ich nicht, daß er ein rechtſchaffener Menſch werden wird, denn ich kenne ihn und ich weiß, daß er im Grunde ſeiner Seele edelmüthige Ge⸗ ſinnungen hegt.“ Der Graf hatte noch nicht ausgeredet, ſo erſchien Loniſe Armillh in Reiſekleidern und bereit, Eugenien zu begleiten. „Nein, meine theure Freundin, vor der Hand bleiben wir noch in Venedig,“ ſagte Mademoiſelle Danglars. „Wie ſo?“ „Ein Strahl unverhofften Glück's, ein Blitz der Hoff⸗ nung hat den ſchwarzen Himmel durchzuckt, den ich Dir geſtern ſchilderte!“ „Wohlan, Eugenie, Muth! Ich verlaſſe Sie und werde dafür ſorgen, daß dieſer Blitz nicht ein vorüber⸗ gehendes Licht ſei.“ Der Graf that einen Schritt, um ſich zu entfernen, blieb aber ſtehen um zu hören, was ihm ein Diener des Hotels ſagte, der ſo eben in den Salon getreten war. „Excellenz, ſind Sie der Graf von Monte„Chriſto?“ „Allerdings.“ „Dann iſt dieſer Brief für Sie beſtimmt.“ „Wo kommt er her?“ „Ich kenne nicht den Mann, der ihn abgegeben hah w m ſo me als ent unt wel gek „ab „Ve „die „wa „nur „ben „Sit „Sie „arn f, in⸗ s recht. dagegen ufbahn Sonn⸗ tiviren, hat.“ npa zu Begna⸗ er ein n n ge Ge⸗ Louiſe leiten. bleiben . Hoff⸗ h Dir ie und rüber⸗ fernen, er des ſto?“ P hat, aber er hat mir geſagt, er wüßte, daß Sie in dem Hotel wären, weil er Sie hineingehen ſehen und fügte hinzu, der Brief ſei mit einem erpreſſen Boten aus Rom eingetroffen.“ Eugenie gab durch eine Geberde das Intereſſe zu er⸗ kennen, welches ſie an dieſen von ihr gehörten Worten nahm. Der Graf dagegen beunruhigte ſich bei dem Ge⸗ danken an das Verſprechen, welches er Eugenien ſo eben gegeben. Er hätte, wie dies ſeine Gewohnheit war, den Brief empfangen und mit ſeiner gewohnten Selbſtbeherrſchung in ſein Portefeuille legen können, um ihn, ſobald er allein wäre, zu leſen. Das Auge Eugenien's war aber auf ihn mit ſo großer Spannung geheftet, in ihrem Blicke lag eine ſo beredte Bitte, daß er nicht umhin konnte, dieſem ſtum⸗ men aber ſo rührenden Flehen zu entſprechen. Es war, als hätte Eugenie errathen, daß dieſer Brief ihr Urtheil enthielt. Der Graf öffnete daher den Brief. Bei den erſten Worten, die er las, bedeckte eine leichte Röthe ſeine Stirn und er entfernte ſich ein wenig von den beiden Freundinnen, welche, die eine auf den Arm der andern geſtützt, zwei An⸗ geklagten glichen, die vor ihrem Richter ſtehen. Der Inhalt des Briefes war folgender: „Herr Graf, „So eben habe ich erfahren, daß Sie in Venedig ſind, „aber ich kenne nicht Ihre Abſichten in Bezug auf Luigi „Vampa. Der Grund, welcher mich veranlaßt, Ihnen „dies zu ſagen, iſt, daß der arme Vampa ſich in der Ge⸗ „walt der Juſtiz befindet. Die Mazza des Henkers ſchwebt „nur noch an einein Faden über ſeinem Haupte. Sie ha⸗ „ben geſchworen, ihn ſtets zu ſchützen und jetzt ſcheinen „Sie Ihrem Wort untreu werden zu wollen. Kommen „Sie ohne eine Minute zu verſäumen, ſonſt iſt für den „armen Vampa Alles verloren. „In der letzten Stunde: „So eben habe ich erfahren, daß Vampa ſich in ei⸗ „nem Anfall von Wuth und Wahnſinn in ſeinem Ge⸗ „fängniſſe erwürgt hat, nicht aber ohne vorher der Juſtiz „ſeine Beziehungen zu Ihnen zu enthüllen. Eben ſo er⸗ „fahre ich, daß der franzöſiſche Geſandte von ſeiner Re— „gierung Inſtructionen gegen Sie empfangen hat, weil „man Sie beſchuldigt, mehrere Grabmäler des Kirchhofes „Pere la Chaiſe, unter andern die der Familie Villefort und „Saint⸗Méran, entweihet und beraubt zu haben. Kom⸗ „men Sie daher nicht nach Rom zurück und glauben Sie „an die Ergebenheit Ihres ehrerbietigen Dieners „Peppino, genannt Rocca Priori.“ Obſchon das Geſicht des Grafen von Monte-Chriſto eine ſtaunenswerthe Unbeweglichkeit beſaß und in der Regel alle ſeine Gebken, ſelbſt für ein ſcharfblickendes Auge, ein verſchloſſenes Buch waren, ſo ließ er doch diesmal etwas von dem Gefühl durchblicken, welches das Leſen dieſes Briefes von Peppino in ihm erweckte. Eugenie verſtand dieſen Ausdruck. „Eine unangenehme Nachricht?“ fragte ſie. „O!“ rief der Graf, indem er den Brief in den Hän⸗ den zerknitterte und ſich unwillkürlich einen Ausruf entſchlü⸗ pfen ließ.„Sie haben Recht, Eugenie; das Verhängniß laſtet auf mir und auf Allen, die ſich mir nähern.“ „Mein Herr, was wollen Sie damit ſagen?“ Der Graf blieb unbeweglich. „Reden Sie— ich bitte, ſonſt zwingen Sie mich an eine furchtbare Wahrheit zu glauben,“ murmelte Eu⸗ genie, indem ſie ihre glühende Stirn an Louiſen's Bruſt drückte. ² „Eugenie,“ ſagte der Graf, indem er ſich ihr lang⸗ ſam näherte und einen Blick tiefen Mitleid's auf ſie heftete. „Ich begreife!“ murmelte Eugenie, indem ſie eine Thräne trocknete. nut wa Si lich and ſcha emp ben eine mes Loui ronn ter reiſet ichz ging Beſt Zige ein 1 hatte ches Erlat reſpec ſes v gen 9 mei⸗ Ge⸗ uſtiz e⸗ Re⸗ weil ofes und om⸗ Sie ri 7 riſto egel „ein was ieſes tand Hän⸗ chlü⸗ gniß mich Eu⸗ ruſt ang⸗ ſtete. eine 55— Es trat tiefes Schweigen ein, ein Schweigen, welches nur durch das dumpfe Schluchzen Eugenien's unterbrochen ward. Weder Louiſe noch der Graf wagten ſie zu tröſten. Sie ließen ſie ihre bitteren Thränen vergießen, den ſchmerz⸗ lichen Tribut einer bizarren, verbrecheriſchen Liebe, die keine andere Entſchuldigung hatte, als die Heftigkeit der Leiden⸗ ſchaft ſelbſt. Einen Augenblick ſpäter hob Eugenie den Kopf wieder empor. Ihr Antlitz war bleich, aber der Ausdruck deſſel⸗ ben war ruhig und heiter. Sie betrachtete den Grafen mit einer wehmüthigen Liebe, in welcher ein ewiges und ſtum⸗ mes Lebewohl zu liegen ſchien. Dann wendete ſie ſich zu Louiſen und ſprach dieſe Worte: „Louiſe, alle meine Illuſionen ſind auf immer zer⸗ ronnen! Reiſen wir ab! Wer weiß, ob nicht meine Mut⸗ ter gegenwärtig in Rom ihr e vor den Thüren ſucht; reiſen wir ab, reiſen wir nach dieſer Stadt. Dort habe ich zwei Pflichten zu erfüllen.“ Mit dieſen Worten reichte ſie Louiſen die Hand und ging mit feſtem Schritte durch den Saal. Der Graf blieb unbeweglich ſtehen und erkannte mit Beſtürzung die Wahrheit der ſonderbaren Prophezeiung des Sihis Es war in Venedig ſchon kein Geheimniß mehr, daß ein unbekannter Wohlthäter um die Erlaubniß nachgeſucht hatte, den Armen der Stadt ein Feſtmahl zu geben, wel⸗ ches in der nächſten Zeit ſtattfinden ſollte. Die Behörden hatten, indem ſie ſich beeilten, dieſe Erlaubniß zu gewähren, das Incognito des Wohlthäters reſpectirt und es wußte demzufolge Niemand, wer er war. Der Graf von Monte-Chriſto kannte den Namen die⸗ ſes Mannes ebenfalls nicht und mußte eben ſo wie die übri⸗ gen Neugierigen in dieſer Unwiſſenheit verharren. — 60— Der zu dieſem Feſtmahl beſtimmte Tag nahete heran. Es war ein Donnerſtag im April. Die Sonne hatte eben ihren Höhepunkt erreicht und ſchon war der Zeiger der großen Uhr der Kathedrale nicht weit mehr von der Nittagsſtunde entfernt, als der St. Marcusplatz ſich mit Leuten zu füllen begann, die von al⸗ len Punkten der Stadt herbeieilten. Die Tafeln für das Feſtmahl waren der ehrwürdigen Kathedrale gegenüber aufgeſtellt und enthielten Couverts für mehr als fünfhundert Gäſte. Vier Muſikchöre, von denen zwei zu beiden Seiten des Kirchenportal's und die beiden übrigen auf zwei andern Punkten des Platzes ſtanden, führten ohne Unterbrechung die ſchönſten Muſikſtücke auf und bildeten ſo ein ganz vor⸗ treffliches Concert. Die Fenſter der umliegenden Paläſte waren mit zahl⸗ reichen Damen beſetzt, deren bunte Toiletten den reizend⸗ ſten Anblick gewährten und zur Erhöhung des Glanzes dieſes prachtvollen Schauſpiel's beitrugen. Es handelte hier ſich nicht darum, die bezaubernde Stimme einer berühmten Sängerin zu hören, es handelte ſich nicht darum, dem Verdienſt eines literariſchen Werkes Beifall zu zollen oder ſich an den Sprüngen und unglaub⸗ lichen Verrenkungen einer Seiltänzerbande zu ergötzen, ſon⸗ dern es handelte ſich blos darum, die Armuth, den Man⸗ gel und das Elend— wenn auch nur auf einen Augen⸗ vlick— Fülle und Ueberfluß genießen zu ſehen. Es handelte ſich zum Beiſpiel darum, einen armen Greis, der ſeit langer Zeit die gänzliche Entblößung eines Sohnes mit blutigen Thränen beweinte, vor Freuden la— chen und weinen zu ſehen, wenn er ſich zufrieden und ge⸗ ſättigt an der Tafel des frommen Gaſtmahles ſah. Dieſes unter Chriſten ſo ſeltene Schauſpiel war eben um deswillen nur um ſo verdienſtlicher. 3 Die Neuheit übt eine ſeltſame Macht. 3 6 3 3 ſpr Me Go ſich Ar alle Eq um ben feſt mit ihre Tü nete inde und die mit erfü Ga gew Sti thei Wo gan dem ſtiſc ein ran. und nicht St. n al⸗ digen für des ndern chung vor⸗ zahl⸗ izend⸗ anzes bernde ndelte Verkes glaub⸗ „ ſon⸗ Man⸗ Uugen⸗ armen eines en la⸗ nd ge een Die größten Damen Venedig's hatten ſich heimlich be⸗ ſprochen und in der Abſicht, dieſen Act ächter chriſtlicher Menſchenliebe um ſo glänzender zu machen, beſchloſſen, Gott das Opfer ihrer Demuth darzubringen, indem ſie ſich um die Tafeln des Gaſtmahl's herumſtellten um die Armen mit ihren eigenen Händen zu bedienen. Dieſe Idee der vornehmen Damen von Venedig hatte allgemeinen Anklang gefunden. Man ſah ſie elegant geputzt aus ihren prachtvollen Eauipagen oder ihren feſtlich geſchmückten Gondeln ſteigen, um ſich auf den Vorhof der St. Marcus⸗Kirche zu bege⸗ ben, wo die Armuth der zur Befriedigung ihrer Wünſche feſtgeſetzten Stunde mit Spannung entgegen ſah. Es lag wirklich etwas Großartiges in der Theilnahme, mit welcher die vornehmen Damen die kleinen Kinder auf ihre Arme nahmen und mit ihren koſtbaren, parfümirten Tüchern die Thränen dieſer grmen kleinen Geſchöpfe trock⸗ neten; in dem Eifer, welche ſie den alten Leuten bezeigten, indem ſie ſie auf die ihnen angewieſenen Plätze geleiteten, und endlich in der Salbung, mit welcher ſie den Müttern die heiligen Worte des Evangelium's verkündeten, um ſie mit Glauben an die unendliche Barmherzigkeit Gottes zu erfüllen. Endlich ſtand der Zeiger der Uhr auf der Stunde des Gaſtmahl's. Die Glocke von St. Marcus verkündete, ſich um ihre gewaltigen ehernen Arme drehend, mit ihrer tieftönenden Stimme die Stunde der Gerechtigkeit, die Stunde der Ver⸗ theilung des Brodes und des Weines, die Stunde der Wohlthätigkeit, als ob das Echo des Lido dieſe Kunde der ganzen Welt mittheilen ſollte. Die Armen nahmen beim Klange der Muſik, unter dem feierlichen Läuten der Glocken und bei dem enthuſia⸗ ſtiſchen Jubelruf der Bevölkerung Venedig's ihre Plätze ein und das Gaſtmahl begann. — Wie ongelegentlich ſich mittlerweile auch die Neugier bemühete, den Urheber dieſes Schauſpiel's zu entdecken, ſo gelang es doch Keinem, das Geheimniß zu durchdringen. Der Graf von Monte-Chriſto ließ, neben ſeiner jun⸗ gen, intereſſanten Gattin ſtehend, die ihren Sohn auf dem Arme hielt, vergebens jenen ruhigen und intelligenten Blick, der ihn characteriſirte, umherſchweifen, um den geheimniß⸗ vollen, großmüthigen Wohlthäter zu entdecken. Wenn er wirklich mit zur Stelle war, ſo verriethen ihn ſeine, ihren Ausdruck, ſo zu ſagen, nach den ihn um⸗ gebenden Phiſiognomien modulirenden Züge auch nicht im mindeſten. Hahdée dachte an weiter nichts, als ihrem Kinde das erhebende Schauſpiel begreiflich zu machen, an dem es, wie der Zigeuner empfohlen, ebenfalls theilnehmen ſollte. Das Kind ſah ſich von dieſer ſonderbaren Welt um⸗ geben und betrachtete mit erſtauntem und unruhigem Blicke ſeine Mutter, wie um ſie zu fragen, was dieſe erhabene Stene des Chriſtenthum's zu bedeuten habe. „Mein Sohn,“ ſagte Haydée leiſe, indem ſie ihn an ihre Bruſt drückte,„der Gott des Weltall's iſt hier in ſei⸗ nem ganzen Glanze und ſeiner ganzen Majeſtät, indem er den Armen giebt, was den Armen gehört. Iſt es nicht wahr, mein Freund?“ ſetzte ſie zu dem Grafen gewendet hinzu.„Findeſt Du dieſes Schauſpiel nicht bewunderns⸗ würdig? Findeſt Du nicht, daß das, was ich ſo eben unſerem Kinde geſagt, die Wahrheit iſt?“ „Ja, meine Hahdée,“ antwortete Monte-Chriſto. „Trotzdem liegt in allem dieſem Etwas, was mich unan⸗ genehm berührt. Ich möchte nicht dieſe Ceremonie ſich ver⸗ längern ſehen, welche meinen Augen mehr Eitelkeit ent⸗ hüllt, als einfache chriſtliche Wohlthätigkeit.“ „Wie ſo?“ fragte Hahdee. „Das Evangelium ſagt,“ entgegnete der Graf,„laß, wenn Du Almoſen giebſt, Deine rechte Hand nicht wiſſen, dü unf Du tra ged All ihre ihre An Sie bew ſich dock dru ſenſ nn wele koſt genl hen Kin das den reiß blon ſeine ſpree Coſt Lehr Soh gier ſo n. jun⸗ dem lick, niß⸗ then um⸗ im das wie um⸗ licke bene nan ſei⸗ m er nicht endet erns⸗ eben riſto. man⸗ ver⸗ ent⸗ „laß, iſſen, was die linke thut. Wenn wir daher freigebig ſind, ſo dürfen wir doch nicht dulden, daß die Poſaune der Fama unſern Namen oder unſene Wohlthat verkünde. Begreifſt Du jetzt, theure Freundin, den Grundgedanken meiner Be⸗ trachtung? In dieſem Apparat entdecke ich einen Hinter⸗ gedanken! Das iſt nicht einfache chriſtliche Wohlthätigkeit! Alle dieſe Armen würden dieſes Almoſen weit lieber unter ihrem eigenen Dache und blos in Geſellſchaft ihrer Frauen, ihrer Kinder empfangen. Dieſer Pomp verletzt ſie! Die Anweſenheit dieſer vornehmen Damen macht ſie verlegen. Sieh nur, wie ſtumm, wie befangen ſie ſind, wie ſie un⸗ beweglich werden, ſobald eine dieſer ſchönen Dienerinnen ſich ihnen nähert! Menſchliche Eitelkeit, wie weit gehſt Du doch!“ fuhr der Graf mit einem unausſprechlichen Aus⸗ druck von Verachtung fort,„wenn Du ſelbſt beim Almo⸗ ſenſpenden Deinen hölliſchen Pomp entfalten willſt. O, wie unvollkommen iſt der Glaube des Menſchen! Siehe, meine Hahdse, wie mangelhaft die Handlung der Demuth iſt, welche dieſe vornehmen Damen ihrem Gott darbringen! Die koſtbarſten Juwelen glänzen an ihnen. In demſelben Au⸗ genblicke, wo ſie ſich erniedrigen zu wollen ſcheinen, erhö— hen ſie ſich. Sie machen die Kluft zwiſchen ihnen und den Kindern der Armuth nur um ſo augenfälliger.“ „Doch jetzt iſt der Augenblick da, um unſerm Kinde das Brod der Dürftigkeit zu reichen. Entkleide es von den Zierathen, die es bedecken, meine liebe Freundin, zer⸗ reiße das koſtbare Gewand, welches es putzt und laß ſein blondes Haar frei im Winde flattern.“ Während der Graf ſo ſprach, half er Haydeée ſelbſt ſeine Idee ausführen. Hahdee wagte nicht, ihm zu wider⸗ ſprechen, wie ſeltſam auch ihr dieſe Unordnung in dem Coſtüm ihres Kindes erſchien. „Jetzt wollen wir allen dieſen Leuten eine vortreffliche Lehre geben,“ ſagte der Graf zu ſeiner Gattin.„Mein Sohn, welcher der Erbe eines Reichthum's iſt, welcher hin⸗ — 6 reichend wäre, die ganze Stadt Venedig zu kaufen, wird barfuß, mit zerfetzten Kleidern und aufgelöſtem Haar das Vergnügen dieſer elenden Bettler theilen, als ob er fähig wäre, ihren Kummer und ihre Schmerzen zu theilen, wenn er dieſelben ſchon begreifen könnte.— Komm, Hahdée, der Augenblick iſt da.“ Hahdee nahm ihr Kind auf den Arm und ging mit ihm nach der Tafel des Gaſtmahl's. In dieſem ſelben Au⸗ genblicke erhoben ſich einige Arme und kamen, wie durch den Zufall geleitet, in die Nähe der Stelle, an welcher Hahdse ſich befand. „Meine Freunde,“ ſagte Hahdée zu ihnen,„im Na⸗ men Gottes, laßt mein Kind das Brod theilen, welches S ßt. Die Armen umringten ſogleich die ſchöne junge Mut⸗ ter und überreichten ihr ein Stück Brod. Haydöe brach davon ein kleines Stück ab, ſteckte es ihrem Sohn in den Mund und ſagte: 8 „Iß, mein Sohn, das iſt das Brod des guten Got⸗ tes. Und jetzt gieb dieſen wackern Leuten, die Dich um⸗ ringen, einen Kuß, denn ſie ſind Deine Freunde und Du wirſt der Ihre ſein.“ Die kleine Gruppe ward bald das Augenmerk aller Zuſchauer, welche ſich in Naſſe nach der Stelle drängten, wo dieſer ſeltſame Auftritt ſtattfand. Alle wurden über⸗ raſcht und gleichzeitig entzückt durch die himmliſche Zerknir⸗ ſchung, die ſich in der Niene und in den Geberden Hah⸗ dée's offenbarte. Der Graf von Monte-Chriſto blieb einen Augenblick von ſeiner Gattin und ſeinem Sohne getrennt. Das Volk lief neugierig herbei und ward wie gewöhn⸗ lich nicht müde zu ſehen und zu bewundern. Nachdem Hahdee einen Kuß auf die roſigen Wangen ihres Kindes gedrückt, legte ſie es in die Arme eines der, 8 Bet zwei lich bare Sch Mu des drät z Flu eine Ged Lärt Sti ten gefu ten wele weit glat eine Mo Sch ſtrei ₰ wird das ähig venn der mit Au⸗ den ahdee Na⸗ elches Mut⸗ te es Got⸗ um⸗ d Du aller ingten, über⸗ erknir⸗ Hah⸗ genblick ewöhn⸗ Wangen nes der Bettler. Dieſer küßte es ebenfalls und übergab es einem zweiten, der ihm nachahmte. Hahdse, welche ihm mit dem Augen folgte, ſtieß plötz⸗ lich einen durchbohrenden Schrei aus, der mit dem furcht⸗ baren Ausdruck der Angſt mitten durch das allgemeine tiefe Schweigen hallte. Auf dieſen Angſtſchrei folgte unmittelbar das dumpfe Murmeln von tauſend Menſchenſtimmen gleich dem Grollen des fernen Donner's. Der ſich durch die dichte Maſſe des Volkes hindurch drängende Graf von Monte-Chriſto verſuchte vergebens bis zu ſeiner Gattin zu gelangen Sie ward durch die lebende Fluth der Menge von ihm hinweggeführt. Bald begann dieſes ganze Meer von Menſchenköpfen einen unruhigen und drohenden Anblick zu gewinnen. Es war eine furchtbare Unordnung. Alle ſchrieen und bewegten ſich ohne einen beſtimmten Gedanken, ohne Ziel, auf's Gerathewohl und durch dieſen Lärm, durch dieſes Toben hindurch vernahm man eine Stimme, welche in klagendem, herzzerreißendem Tone rief: „Mein Sohn! mein Sohn!“ Dieſe Stimme war Haydeée's. Ehe die Polizei den Tumult beſchwichtigen konnte, hat⸗ ten eine Menge Thätlichkeiten und förmliche Kämpfe ſtatt⸗ gefunden und mehrere Menſchen waren erdrückt und zertre⸗ ten worden. Der Graf, der immer noch gegen die Maſſen kämpfte, welche ihm den Durchgang verſperrten, bewegte ſich immer weiter nach der Richtung, wo er Hahdee zu begegnen glaubte. Nicht ein Ruf entſchlüpfte ſeinen Lippen, nicht eine Thräne benetzte die bleichen Wangen des Grafen von Monte⸗Chriſto, deſſen Kräfte in dem Verhältniß, wie die Schwierigkeit wuchs, ſich zu verdoppeln ſchienen. Endlich gelang es der Polizei, das Volk zu zer⸗ ſtrenen. Der St. Marcusplatz hatte einen ganz anderen Die Toptenhand. 3. Band. 5 65 Anblick gewonnen. Die Gaſtmahltafel war in Stücken ge⸗ ſchlagen. Die Thüren der Kirche, die Fenſter der Paläſte waren ſorgfältig geſchloſſen und das Aechzen der Schlacht⸗ opfer bildete die klägliche Muſik dieſes heiligen Raumes, der ſich ſo urplötzlich in einen Kampfplatz verwandelt hatte. Der Graf richtete ſich nun auf dem Sockel einer der Säulen des Portikus zu ſeiner vollen Größe empor und ließ ſeinen flammenden Blick über die ganze ſich vor ihm entrollende Scene hinſchweifen. Plötzlich ſteigt er wieder herunter und eilt auf eine Frau zu, die mit auf die Schultern herabgeſenktem Haupte und geſchloſſenen Augen an einer der Ecken des Platzes auf den Knieen lag. „Hahdee! Hahdse!“ rief er, indem er ſie ergriff und in ſeinen Armen emporhob, als ob ſie ein ſchwaches Kind wäre. „O, ewiger Fluch komme über mich, der ich ein Wahn⸗ ſinniger war!“ Hierauf zog er aus ſeiner Taſche ein kleines Fläſch⸗ chen und träufelte einige Tropfen von einer grünen Flüſſig⸗ keit auf Haydée's Lippen. Sie ſchlug die Augen auf, brei⸗ tete die Arme aus und zuckte zuſammen, als ob das Blut wieder in ihren Adern zu eirculiren begänne. „Wo iſt mein Sohn! Ach, man hat uns unſer Kind geraubt!“ „Hahdee,“ antwortete der Graf mit einer Ruhe, die einen ſeltſamen Gegenſatz zu der verzweifelten Miene ſeiner Gattin bildete:„Gott hat es gewollt!“ ſeltſ der zu von Hän hera mäch ſchw Zufl menh man einve der gehen Inve Hoffi ſchien undu nahe Ruhe wann n ge⸗ aläſte lacht⸗ umes, hatte. r der und im eine upte s auf f und Kind Fahn⸗ Sechstes Kapitel. Der Brief. Au⸗ Journale waren voll von Berichten über dieſen ſeltſamen Vorgang. Trotz allen Nachforſchungen gelang es der Polizei nicht, den eigentlichen Anlaß dieſes Tumultes zu entdecken, oder den Räuber des Sohnes des Grafen von Monte-Chriſto zu ermitteln. Hahdée erzählte, daß ſie, nachdem ſie das Kind den Händen der Bettler übergeben, einen Unbekannten raſch herantreten ſah⸗ or ſich des unſchuldigen Geſchöpfes be⸗ mächtigte und dann ſofort mitten unter der Menge ver⸗ ſchwand, die ſich vor ihm öffnete. Es galt nun zu einer anderen Art Nachforſchungen Zuflucht zu nehmen. Wenn man alle Thatſachen zuſam⸗ menhielt und die Ereigniſſe mit einander verglich, ſo kam man zu dem Schluſſe, daß der Zigeuner mit dem Räuber einverſtanden ſein müſſe, wenn nicht etwa der Zigeuner und der Räuber eine und dieſelbe Perſon waren. Hierbon aus⸗ gehend, unternahmen die Agenten der Polizei eine allgemeine Invaſion in alle verdächtigen Regionen der Stadt, in der Hoffnung, dabei auf den Zigeuner zu ſtoßen. Kein Menſch wollte ihn geſehen haben. Das Geheimniß, in welches er ſich gehüllt zu haben ſchien, war für die Augen der menſchlichen Gerechtigkeit undurchdringlich. MWittlerweile erhielt der Graf Beileidsbeſuche von bei⸗ nahe ſämmtlichen vornehmen Familien Venedig's. Die Ruhe, die Reſignation, womit er ſein Unglück ertrug, ge⸗ wannen ihm allgemeine Shmpathie. Bahdée aber war Mutter, das heißt, untröſtlich, und der Ergebung ihres Gatten unfähig. 6 5* — Sie beweinte mit blutigen Thränen den Verluſt ihres Kindes, und die Arrzte riethen Monte-Chriſto ſie von ei⸗ 3 nem Orte zu entfernen, wo Alles dazu diente, ihren Schmerz 8 fortwährend neu zu beleben. Es giebt Verhängniſſe, die zuweilen ſelbſt die feſteſten Ui Ueberzeugungen wankend machen. Auch der Graf von S Monte-Chriſto konnte nicht der verhängnißvollen Wucht ier dieſes eben ſo plötzlichen als unvorhergeſehenen Unglück's von entgehen. Ueb Wer konnte der geheimnißvolle Feind ſein, der ſich ſo tigt an ſeine Ferſen heftete um ihn zu verfolgen? zug Welches Verbrechen hatte er denn begangen, um auf ſein Haupt dieſe Züchtigung, dieſen furchtbaren Schlag zu hin laden, deſſen Schwere nur der ermeſſen kann, welcher Va⸗ inde ter iſt, und unter ſeinen Augen die angebetete Frucht einer kam Ehe, welche der Himmel bis dahin zu ſegnen ſchien, em⸗ Cho vorwachſen und ſich unter dem Einfluſſe ſeiner Liebe mit, jedem Tage hat weiter emporwachſen ſehen? erla Der Graf von Monte-Chriſto beſaß, wie alle Men⸗ 1 en ſchen, deren Vaterland die ganze Welt iſt, die den Becher des Unglück's bis auf die Hefe geleert und ſich in dem des Glückes berauſcht haben, jene Kaltblütigkeit, jene Geiſtes⸗ 3 gegenwart, jene Feſtigkeit, welche unumgänglich nothwendig ſind, um dem Schickſal in's Antlitz zu ſchauen und es zu bekämpfen. Was aber ſollte er unter den gegenwärtigen Umſtänden thun? Wo ſollte er einen hinreichenden Anhalt ſen nenn finden, um Schlüſſe zu ziehen und die Wirkungen auf ihre un urſachen zurückzuführen? Es giebt ſo ungeheuere, ſo um⸗ faſſende Gemüthsleiden und Unglücksfälle, daß der Geiſt zufi 3 ſich darin verliert, wie die Luft im Chaos. Es war vollſtändig unmöglich, den Räuber des Kin⸗ ſellſe des zu erkundſchaften und eben ſo vollſtändig unmöglich beſch die Urſache dieſer That zu ermitteln. Mit einem Wort mög es war Alles unmöglich bis auf die Träume der Illuſienh nc 1 ihres n ei⸗ merz teſten von Bucht lück's ich ſo n auf ig zu rVa⸗ einer em⸗ e mit Men⸗ Becher m des eiſtes⸗, vendig es zu ärtigen Anhalt f ihre ſo um⸗ Geiſt s Kin⸗ Worte, luſion — Die Illuſion nährte daher die Hoffnung des Grafen von Monte-Chriſto. Gleich dem Schiffbrüchigen, der, nachdem er lange vergebens mit den Augen die Spitze einer Klippe geſucht, um ſich darauf zu retten, nichtsdeſtoweniger den Gedanken an den Tod noch zurückweiſt und auf den Wogen zu ſchwim⸗ men hofft, bis man ihm zu Hilfe kommt, ſuchte der Graf von Monte-Chriſto ſich zu überzeugen, daß eine Bande Uebelthäter ſich ſeines Kindes blos in der Abſicht bemäch⸗ tigt habe, um es gegen ein hohes Löſegeld wieder heraus⸗ zugeben. Nachdem der Graf einmal ſich dieſer Vorausſetzung hingab, beeilte er ſich, auch Hahdée dafür zu gewinnen, indem er ſie überredete, daß Nichts natürlicher ſei, denn er kannte ja vollkommen das Thun und Treiben und den Character der italieniſchen Banditen. Dieſe Hoffnung dauerte lange, ſehr lange. Hahdée erlag ſichtlich immer mehr der Laſt eines Verhängniſſes, welches der Graf von Monte-Chriſto mit allen ſeinen Schä⸗ tzen nicht abwenden konnte. Er ſah nun ein, duß, wenn auch in dieſer Welt der Macht eines unendlichen Reichthum's Alles weicht, der Menſch doch niemals Macht genug beſitzt, um an den Rathſchlüſſen des allmächtigen Weſens, welches man Gott nennt, auch nur ein Jota zu ändern. Er ſah, mit welcher Leichtigkeit das Schickſal die Men⸗ ſchen gleich macht, wie groß auch der Unterſchied dés Reich⸗ thum's ſei, der ſie trennt. „O,“ ſagte der Graf bei ſich ſelbſt,„hätte ich denn zufällig jene Macht mißbraucht, die Gott mir über alle Menſchen verliehen? Sehen wir! Habe ich nicht die Ge⸗ ſelſchaft von Paris geſäubert? Habe ich nicht die Waiſen beſchützt, indem ich den Raub des ihnen gehörenden Ver⸗ wögens verhinderte? Habe ich nicht zwei Herzen vereinigt, nalche Bosheit und Kabale zu trennen bemüht waren? Habe ich die Tugend nicht immer belohnt? Bin ich nicht ich gegen das Verbrechen ſtets unerbittlich geweſen? Als ich Ver aus den Meereswogen heraustrat, kehrte ich arm und al⸗ jeßt lein in die Welt zurück, aber unterrichtet und mit Verſtand begabt, um ſie zu begreifen! Gott hat mich groß und mäch⸗ kenn tig gemacht, als ob er mich über die menſchlichen Geſetze erheben wollte! Auch iſt mein Gang ſicher und feſt gewe⸗ ſoph ſen— ich bin immer gerade aus gegangen, ich habe viele tigke abgeſchmackte Geſetze mit Füßen getreten, manchen ange⸗ verſt maßten Ruhm vernichtet und nur das Schwert einer reinen und während langer Jahre überlegten Gerechtigkeit ge⸗ Auff ſchwungen! Wann hat alſo unſchuldiges Blut dieſes fürcht⸗ 3 bare Schwert beſudelt? Plötzlich erbleichte der Graf, als ob eine geheime und geheimnißvolle Stimme ihm die Antwort auf dieſe einfache ben, Frage in's Ohr geflüſtert hätte. Von dieſem Augenblick an konnte er, der bei allen S Thaten ſeiner Gerechtigkeit ſich ſtets den Ausſpruch des gz Evangelium's„Blut um Blut“ zur Regel und zum Wahl⸗*. ſpruch genommen, ſeine Gedanken nicht mehr mit der ſchmei⸗ 6 chelhaften Hoffnung nähren, die e bis jetzt gehegt. di „Mein Gott!“ ſagte er,„in der Familiengruft der cr Villefort und Saint Moran liegt die Leiche eines armen kleinen Geſchöpfes, deſſen Tod mein Werk iſt! O, wäre mein Sohn alſo der furchtbare Preis für dieſes Leben, wel⸗ ches ich ausgelöſcht? O, ich Wahnſinniger— ich glaubte Zeich mich erleuchtet auf Erden und ich habe geirrt— geirrt, wie ein Menſch vom beſchränkteſten Verſtande! Ich habe mich für groß in der Welt gehalten und dennoch, wie klein bin ich! Wie ſchwach bin ich bei dem erſten Streiche der i himmliſchen Gerechtigkeit. Mein Sohn! Mein Sohn! ſollſt Ang Du alſo den Irrthum Deines Vaters büßen? Ach, iſt es 8 denn wahr, daß die Sünden der Väter an ihren Kindern heimgeſucht werden, bis ins dritte und vierte Glied? J — ja— dies iſt ja mein eigenes Princip geweſen! Inder 3 eines icht ich al⸗ tand äch⸗ eſetze ewe⸗ viele nge⸗ inen ge rcht⸗ und fache allen des ahl⸗ mei⸗ t der rmen wäre wel⸗ aubte eirrt, habe klein e der ſollſt iſt es dern ich das Glück der Kinder opferte, habe ich mich an dem Verbrechen der Eltern gerächt! Mein Gott, willſt Du mir jetzt die Verkehrtheit dieſes von den Menſchen erfundenen evangeliſchen Geſetzes zeigen? Ich erkenne ſie, ja, ich er⸗ kenne ſie.“ So beugte der Graf von Monte-Chriſto als Philo⸗ ſoph ſein Haupt unter den Streich der göttlichen Gerech⸗ tigkeit, als Menſch und Vater aber ließ er kein Mittel un⸗ verſucht, um ſeinen Sohn wiederzufinden. Er ſchrieb nach Paris an Maximilian Morel, mit der Aufforderung, ihm den Brief überall zugehen zu laſſen, wo er ſich befinden würde. Er unterrichtete ihn von der Kataſtrophe bei dem Feſtmahl der Armen, und bat ihn, keinen Augenblick zu verlieren, um Alles ins Werk zu ſe⸗ tzen, was dazu dienen könnte, irgend etwas zu entdecken, was auf die Spur des Ortes führte, an welchem ſich Hah⸗ dée's Sohn befand. Vierzehn Tage darauf erhielt er einen Brief aus den Händen Roſina's, der Tochter des Sn die in der Gindecca nach ihm fragte. Monte-Chriſto erſchien vor ihr mit anſcheinen⸗ den Ruhe, welche ihn ſelbſt in den kritiſchſten Umſtänden characteriſirte. „Sind Sie der Graf von Monte⸗ Chriſto, Extellenz?“ „Der bin ich allerdings, liebes Kind.“ „O, dann erlauben Sie mir, daß ich Ihnen zum Zeichen meiner tiefen Ehyfurcht die Hand küſſe!“ „Wie? Was giebt mir Anſpruch auf dieſe Ehrfurcht?“ „Sie kennen allerdings nicht die arme Roſina, aber ſie— ſie kennt Sie ſchon lange, erſtens dem Namen nach und dann auch wegen der Großmuth, welche Sie ihren Angehörigen erwieſen haben.“ „Rede.“ „Was mich betrifft, Signor, ſo bin ich die Tochter eines Bando, der ſeine Waaren auf der Inſel Monte-Chriſto — auslud. Sie werden ſich erinnern, mit welcher Großmuth ſi Sie das Gewerbe meines Vaters zu beſchützen geruheten.“£ „Du irrſt Dich, mein Kind,“ unterbrach ſie der Graf in ſtrengem Tone,„ich habe den geſetzwidrigen Schmug⸗ fe gelhandel niemals beſchützt. Ich habe mich blos darauf be⸗ d ſchränkt, dieſen gefährlichen Unternehmungen Nichts in den ti Weg zu legen.“ „Sanla madre,« rief die Venetianerin,„aber das iſt d ja ganz ein und daſſelbe, Herr Graf!“ „Nun gut, es ſei ſo,“ ſagte der Graf lächelnd,„fahre ſe fort.“ „Wir ſämmtlichen Kinder des Bando haben Ihrer Ex⸗ cellenz tiefe, unverbrüchliche Ehrfurcht geſchworen, denn mein armer Vater hat von Ihrer edelmüthigen Hand große ge und auffällige Begünſtigungen genoſſen, während er von den Zollwächtern des Lido verfolgt ward.“ „Wohlan! Was willſt Du von mir?“ de „Ihnen einen Brief überreichen, Excellenz.“ „Wo iſt er her?“ „Das iſt eine Frage, welche nur der heilige Mareus fa zu beantworten im Stande wäre. Mein armer Pietro hat mir ihn geſchickt, und ich kann weiter Nichts thun, als ha Ihnen die traurige Geſchichte Pietro's erzählen, vielleicht können Sie aus dieſer Erzählung abnehmen, woher der Brief kommt. Da iſt er. ge „Erzähle mir erſt die Geſchichte,“ ſagte Monte⸗Chriſto, hie indem er ſich weigerte, den Brief zu empfangen. Be „Nun ſo hören Sie mich an, Herr Graf. Vor nicht gel langer Zeit lief in dieſen Hafen eine Aacht ein, welche der Sturm hieß und deren Capitain ein ganz eigenthümlicher Mann war.“ „Er hatte einen Pferdefuß, ich wollte wetten!“ rief ſte der Graf lächelnd. ſp „Nein, Signor, aber wenn ich das glauben darf, was, wie Pirtro mir zugeſchworen hat, die Wahrheit iſt, ſo be⸗ ßmuth ten Graf hmug⸗ uf be⸗ in den as iſt „fahre E⸗ denn große r von tarcus o hat als lleicht r der hriſto, nicht e der licher rief — ſitzt er die Hand eines Todten und vermittelſt dieſer Hand vermag er Alles!“ Bei dieſen Worten verfinſterten ſich die Züge des Gra⸗ fen; er heftete einen durchdringenden Blick auf das Geſicht der Venetianerin, aus welchem nur Einfalt und Aufrich⸗ tigkeit ſprachen. „Dieſer Mann,“ fuͤhr ſie fort,„bemächtigte ſich in der Abſicht, ſich nach der Inſel Monte-Chriſto zu begeben, meines armen Bruders Pietro und nachdem er einmal ſich ſeiner Perſon verſichert, entfernte er ſich, ihn mit fortfüh⸗ rend, vor ungefähr anderthalb Monaten aus dem Lido. Vergebens habe ich geweint und Alles aufgeboten, um Pie⸗ tro's Freiheit auszuwirken. Bis heute hat es mir Nichts geholfen, ausgenommen, daß ich von Zeit zu Zeit Nach⸗ richt von ihm erhalte.“ „Welche Function bekleidet denn Dein Bruder am Bord des Sturmes?“ „Er iſt Lootſe, glaube ich. Pietro kennt alle Ein⸗ fahrten der Inſel Monte-Chriſto und deshalb hat man ihn mit Gewalt an Bord der verwünſchten Pacht zurückge⸗ halten.“ „Und dann?“ „Und dann hat er mir geſtern geſchrieben und mir gemeldet, daß ſie die Inſel verlaſſen haben, wo Alles ru— hig war, und er hat mir dieſen von dem Capitain der Bacht geſchriebenen Brief mitgeſchickt, den ich an Sie ab⸗ geben ſoll. Wollen Sie ihn jetzt ſehen?“ „Gieb her.“ Dä iſt er. Der Graf öffnete den Brief und zog ſich in eine Fen⸗ ſterbrüſtung zurück, um ihn zu leſen, indem er ſich zugleich ſo ſtellte, daß Roſina ſein Geſicht nicht ſehen konnte. Der Brief lautete folgendermaßen: — „Edmund Dantes, „Dein Sohn wird den letzten Tag des Juli in der „Grotte der Inſel Monte-Chriſto ſein, wo Du allein er⸗ „ſcheinen wirſt, um über ſein Löſegeld zu unterhandeln. „Der Capitain des Sturm.“ „Nun, Herr Graf?“ fragte Roſina, als er den Brief geleſen hatte. Der Graf ſchauete ſie unverwandt an ohne ihr zu ant⸗ worten. „Santa madre de Dio!“ rief Roſing, zitternd vor die⸗ ſem Blick, der ſie erſchreckte. „Was warteſt Du?“ fragte er. „Ich, Signor?— Ich erwarte Ihre Befehle.“ „Willſt Du die Antwort auf dieſen Brief Deinem Bruder Pietro zuſenden?“ „Das wäre mir vollkommen unmöglich, da ich nicht weiß, auf welchem Wege dies geſchehen könnte.“ „Du weißt alſo nicht, wer Dir ſeine Briefe über⸗ bringt?“ „O, das weiß ich. Giacomo bringt ſie mir.“ „Und wer iſt dieſer Giacomo?“ „Der Gondelführer vom Rialto, der die Briefe von Zeit zu Zeit aus einer der Spalten in der Steinwand des Canal's Orfano hervorholt, ohne zu wiſſen, wer ſie dort⸗ hin legt.“ „Wenn ich alſo dieſen Brief beantworten und die Ant⸗ wort auf dieſem Wege befördern wollte, ſo würde man ſie auch dort abholen?“ „Nein, Herr Graf, denn ich ſelbſt habe ſchon einen ſolchen Verſuch gemacht, und mein Brief iſt unangerührt liegen geblieben, ſo daß ich ihn ſelbſt wieder habe fortneh⸗ men müſſen.“ „Sehr ſchön! Ich wünſche nur, daß Du nicht bein Heraustreten aus dieſem Hotel den Sbirren in die Hände fällſt.“ ab au wa bes uni keit wo Si den nic ind wir es füh ich dec mö mit fen nen daß erſe In rief ant⸗ die⸗ nem icht ber⸗ von des ort⸗ Ant⸗ nſie inen ührt neh⸗ 5 „Sangue di Christo!“ rief das arme Mädchen zitternd, aber ohne zu erbleichen, und indem ſie ihren bittenden Blick auf das unbewegliche Geſicht des Grafen heftete;„aber warum will man mich denn feſtnehmen?“ „Du beſitzeſt wirklich eine reizende Einfalt, mein lie⸗ bes Kind. Wie! Du unterhältſt Verbindungen mit einer Bande von Miſſethätern, welche Venedig unſicher machen und alle Arten Verbrechen begehen und glaubſt, dies ſei kein hinreichender Grund zu Deiner Verhaftung?“ „Herr Graf, ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen. Ich ſtünde in Verbindung mit Banditen! Rein, Signor, ſo wahr Gott lebt; glauben Sie mir; ſagen Sie den Sbirren, daß ich unſchuldig bin, daß ich die Banditen nicht kenne.“ „Es iſt gut; gehe in Frieden,“ antwortete der Graf, indem er ſie abhielt, ſich ihm zu Füßen zu werfen;„es wird Dir Niemand etwas zu Leide thun, aber dennoch iſt es unumgänglich nöthig, daß Du mich mit dem Gondel⸗ führer Giacomo zuſammenbringſt, ohne daß er weiß, wer ich bin.“ „Nichts iſt leichter, Excellenz.“ „Und wie ſo? Ich kenne ihn nicht.“ „Bei mir in meinem Hauſe, nicht weit von der Gin⸗ deccg.“ Sie beſchrieb ihm hierauf ihre Wohnung ſo gut als möglich und entfernte ſich ſchleunigſt, indem ſie ſich überall mit ſcheuen Blicken umſah, trotz der Verſicherung des Gra⸗ fen, daß man ihr Richts zu Leide thun würde. Kaum war ſie hinaus, ſo las der Graf zum zweiten Male den eben empfangenen Brief. Vergebens bemühete er ſich, die Handſchrift zu erken⸗ nen. Sie war klein, feſt und kühn, wie um anzudeuten, daß der Entſchluß Deſſen, der den Brief geſchrieben, un⸗ erſchütterlich ſei. Der Graf mußte ſich nun glſo nach der Inſel Monte-Chriſto begeben, um die Loskaufung ſeines — 76— Sohnes zu bewirken, der ſich ohne Zweifel in der Gewalt einiger Banditen befand. Der Graf kannte den Character dieſer Menſchen genau und zögerte nicht, mit ihnen zu unterhandeln. Ehe er jedoch dieſe kleine Reiſe unternahm, wollte er ſich von den Beziehungen unterrichten, die zwiſchen Gia⸗ como und den Banditen exiſtirten und deshalb ging er ver⸗ abredetermaßen nach dem Hauſe Roſina's, um hier mit dem Gondelführer zu ſprechen. Dieſer wiederholte aber blos die Angaben, welche ihm ſchon Roſina gemacht, und der Graf mußte jeder Hoffnung entſagen, weiter in dieſes Geheimniß einzudringen. Er hatte nun keinen anderen Enut⸗ ſchluß zu faſſen, als ohne Verzug nach der Inſel Monte⸗ Chriſto zu reiſen. Die Anſtalten dazu geſchahen wie immer nach dem un⸗ abänderlichen Gebrauche des Grafen, das heißt, augenblicklich. Nachdem er daher von allen Familien Abſchied ge⸗ nommen, die ihm ihre Theilnahme bezeigt, und dem Signor Gradenigo für den ihm bereiteten glänzenden Empfang ge⸗ dankt, reiſte Monte-Chriſto mit Hahdée nach der ſtolzen und ſchönen Stadt der Medicäer, wo er, ſich auf den Eifer ſeines Intendanten verlaſſend, in der Nähe jener ausgezeich⸗ net ſchönen und berühmten, unter dem Namen der Caschinas bekannten Promenade, eine, ſeinen Verhfältniſſen angemeſſene, Wohnung zu finden gedachte. Siebentes Kapitel. Von Mantua nach Florenz. Mſter Bertuccio, der Intendant des Grafen, hatte die Inſtructionen Monte-Chriſto's in der That buchſtäb⸗ lich befolgt und ihm ein's der beſten Hotels in dieſem herr⸗ „ tu zu er walt dieſer ndeln. lte er Gia⸗ er⸗ rmit aber und dieſes Eut⸗ onte⸗ nun⸗ cklich. ge⸗ ignor g ge⸗ olzen Eifer zeich⸗ hinas ſſene, hatte täb⸗ err⸗ —— — 77— lichen Stadttheile von Florenz gemiethet, trotz der Gegen⸗ vorſtellungen des Repräſentanten und Nachfolgers des be⸗ rühmten Poniatowski, des Gaſtwirth's par excellence, der ihm hoch und theuer zugeſchworen, der Herr Graf werde ſich ſehr übel befinden, wenn er nicht bei ihm einkehre, da NRiemand, nicht einmal Corſini Montfort, ihn beſſer und wohlfeiler bewirthen könne als er. Der gewiſſenhafte Bertuceio hatte ſich begnügt lachend den Kopf zu ſchütteln und übrigens allen Vorſtellungen ein taubes Ohr geliehen. Mittlerweile nahm er Beſitz von dem gemietheten Palais und beeilte ſich, es in den zum Empfange ſeines Herrn erforderlichen Stand zu ſetzen. Eben ſo wie in Venedig verbreitete ſich auch in Flo⸗ renz die Nachricht von der Ankunft des Grafen von Monte⸗ Chriſto ſehr bald. In der That unterhielt dieſer Mann, den ein Zufall in den Annalen des europäiſchen Reichthum's berühmt gemacht, Verbindungen in allen Hauptſtädten der Welt und ſem Name erweckte daher überall, wo er genannt ward, das Echo der lebhafteſten Theilnahme. Von Venedig wollte der Graf ſich zur See nach Man⸗ tna und von Mantna zu Lande nach Florenz begeben und zwar mittelſt einer Poſtchaiſe, für welche er in gewiſſen Entfernungen Relais hatte aufſtellen laſſen. Dann wollte er ſich in Piſa nach der Inſel Monte-Chriſto einſchiffen. So war der von dem Grafen in Venedig entworfene Reiſeplan, den er ſofort in Ausführung, brachte. Die Fahrt von Venedig nach Mantua war von keinem beſonderen Vorfalle begleitet. In der letzteren Stadt an⸗ gelangt, verweilten Monte-Chriſto und Hahdeée einige Zeit, ehe ſie den Weg nach Florenz weiter fortſetzten. Laſſen wir ſie hier einen Augenblick und ſchen wir, was zu dieſtr ſel⸗ ben Stunde auf dieſer Straße vorging. Zwei Männer reiten in der Richtung dieſer Stadt. Plötlich halten ſie vor einer verfallenen Springgnelle, deren — über einen ungeheuern Stein blitzendes Waſſer dann in ein kleines zu ſeiner Aufnahme beſtimmtes Becken fiel. Der Tag begann ſich zu neigen. Ein ſanfter Wind machte das Laub der Bäume erzittern, welche dieſen Theil der Straße einfaſſen und der melodiſche Geſang der Vögel ſtieg empor wie ein Abendgebet zu dem Schöpfer der Welt. Kaum aber hatte das Echo aufgehört den Hufſchlag der Pferde, welche unſere beiden Reiſenden ritten, zu ver⸗ vielfältigen, als Alles in düſteres Schweigen verſank. Die durch das Stampfen der Pferde erſchreckten Vögel ſchwie⸗ gen und flatterten davon. Dieſer Schrecken dauerte indeſſen nicht lange. Das gefiederte Völklein kam, als es ſah, daß keine Gefahr drohete, bald wieder in ſein grünendes Aſhl zurück und be⸗ gann wieder ſein melodiſches Concert oder vielmehr jenen göttlichen Geſang, durch welchen es dem höchſten Richter und Lenker den unſchuldigen Tribut der Schöpfung dar⸗ brachte. Die beiden Reiſenden waren eben ſo mit Staub be⸗ deckt wie ihre Roſſe, deren aufgeblähete und dampfende Nü⸗ ſtern von der Bewegung ihres tiefen und raſchen Athmens erzitterten. „VWollen Sie Waſſer, Meiſter?“ fragte einer der Rei⸗ ſenden, indem er ſich umſchauete;„hier iſt eine Quelle.“ „Für mich nicht, wohl aber für dieſen Unſchuldigen,“ antwortete der zweite, indem er den Mantel auseinander ſchlug, unter welchem er den rechten Arm verborgen hielt und darunter ſchauete. „Nun?“ fragte der andere theilnehmend, indem er ſich ſeinem Begleiter näherte. Er lebt noch,“ antwortete dieſer. ott ſchütze ihn!“ Es trat ein Augenblick des Schweigens ein, während deſſen der, welcher zuletzt geſprochen und nach der Reinheit ſeines Accents zu urtheilen ein Itgliener zu ſein ſchien, ſi le ze de gel ſch ihn auf ſcht hül düſ ſan Kle den wiei ihm zer höre was auf wir mac Ini er ſe Fs1 in ein Wind Theil Vögel Welt. ſchlag ver⸗ Die hwie⸗ Das efahr be⸗ ienen chter dar⸗ be⸗ Nü⸗ nens Rei⸗ 7 en,“ nder hielt er rend heit ien, — vom Pferde ſtieg und die Arme ausbreitete, wie um eine Laſt zu empfangen, die ſein Begleiter ihm übergeben würde.. In der That ſchlug der, welcher auf ſeinem Pferde ſitzen geblieben war, den Mantel noch weiter zurück und legte in die Arme des Abgeſtiegenen ein in einen ſchwar⸗ zen Schleier gehülltes Kind von drei bis vier Jahren. Dann ſtieg er ebenfalls ab und lenkte ſeine Schritte nach der Quelle, an welcher die Pferde bereits tranken. Die beiden Reiſenden hielten die Augen auf das Kind geheftet, welches allmälig aus einem ſchweren, wie es ſchien ſehr dumpfen Schlafe zu erwachen ſchien. Der, wel⸗ cher es in ſeinen Armen trug, hob den rechten Fuß, ſetzte ihn auf den Stein der Quelle und den Körper des Kindes auf ſeinen Schenkel, während er mit der linken Hand den ſchwarzen Schleier entfernte, in welchen es ſorgfältig ge⸗ hüllt war. Es war ein ſeltſames Bild! Die unruhige Phiſiognomie der beiden Reiſenden, ihr düſterer Blick bildeten einen ſonderbaren Gegenſatz zu dem ſanften, engelgleichen Ausdruck des Geſicht's des armen Kleinen, welcher, als er die Augen aufſchlug und die bei⸗ den Unbekannten gewahrte, die ihn begleiteten, ſie ſofort wieder ſchloß, wie um dem Schrecken auszuweichen, den ſie ihm einflößten. Der Knabe ſtieß hierauf einen leiſen Seuf⸗ zer aus, der einem jener Töne glich, welche die Aeolsharfe hören läßt, wenn ein Windhauch durch ihre Saiten ſtreicht — ein Ton, der in uns die Erinnerung an Das erweckt, was uns auf Erden das Theuerſte iſt, ein Ton, der ſich auf wunderbare Weiſe mit den Harmonien verſchmilzt, die wir träumen und der uns ſagt, offenbar und begreiflich macht, was keine menſchliche Stimme uns erklären konnte. In dieſem ſanften Seufzer lag der Ausdruck der Sehnſucht, er ſchien Vater, Mutter oder Gott! ſagen zu wollen. Es war dies die unverſtellte Aeußerung, welche die Lippen des Kindes dem Gefühl gaben, welches dieſes ſo reine Herz erfüllte, dieſes Herz, deſſen Leidenſchaften noch niemals ſeine Heiterkeit hatten trüben können! 4 „Ach, warum bewahrt Dir Gott dieſes Daſein?“ murmelte einer der Reiſenden, indem er die Lippen des zarten Kindes mit dem Waſſer der Quelle benetzte.„Welche Zukunft iſt Dir in dieſer Welt der Kabalen, der Laſter und der Schändlichkeiten beſchieden, wo jede Blume einen Hinterhalt, ein in ihrem Wohlgeruch verborgenes Gift in ſich ſchließt! Beſſer wäre es für Dich, nur aus Deinem Schlafe zu erwachen, um Dich unter die Engel, Deine Brü⸗ der, zu dem göttlichen Feſtmahle niederzuſetzen. Ja, ja, hundert Mal beſſer wäre dies für Dich, als auf Erden den Qualen ausgeſetzt zu leben, welche die Menſchen für ſich ſelbſt und für Die erfunden haben, welche man die Kin⸗ der des Zufall's nennt. Wie Du ſorglos unter der Laſt einer Zukunft der Gefahren und Mühen ruh'ſt! Wie Du mit Freuden dieſe Luft athmeſt, welche Du vielleicht dereinſt nur verpeſtet zu athmen glauben wirſt. O, wie viel beſſer wäre es für Dich, wenn Du zu leben auf⸗ hörteſt!“ Indem er dies ſagte, legte er die rechte Hand an den Griff eines in ſeinem Gürtel ſteckenden Piſtol's. „Halt, Benedetto!“ rief ſein Begleiter, als er dieſe Bewegung bemerkte;„Du wirſt doch, glaube ich, nicht uch das Verbrechen des Kindermord's auf uns herabrufen wollen?“ „Verbrechen!“ rief Benedetto mit ironiſchem Geläch⸗ ter.„Du nennſt das ein Verbrechen, Peppino. Wäre es denn ein Verbrechen, einem Unſchuldigen die Qual ei⸗ nes mühevollen Daſeins zu erſparen? Wäre es ein Ver⸗ brechen, zu Gott zu ſchicken, was Gott gehört, denn die Fäulniß dieſer Velt hat dieſes Geſchöpf noch nicht berührt Glaubſt Du, daß der Tod ſtets ein Uebel ſei? Sage di⸗ ſes Wort dieſem Unſchuldigen in's Ohr und wird er Di . fü G tet im de ein ſte zu ſich St taſ ſen nich ihm Leb ich es, tret Hat ren per keit Gal wele ben den e Herz emals ein?“ des Welche Laſter einen Gift eiem Brü⸗ „ ja, nden ir ſich Kin⸗ der Wie lleicht „wie auf⸗ nden dieſe nicht brufen eläch⸗ Wäre al ei⸗ Ver⸗ m die rührt. e die⸗ 5 — S wohl durch ein ſanftes Lächeln antworten, um Dir für dieſe Idee zu danken? Der Tod, Freund, iſt ein Uebel für den Menſchen, deſſen qualvolles Leben ihm Reue und Gewiſſensbiſſe verurſacht Er iſt auch ein Uebel für die, welche in dieſer Welt weiter Nichts als einen Blumengar⸗ ten zu ſehen wiſſen! Für Den aber, der nicht vor der Er⸗ innerung an begangene Verbrechen zu zittern hat, für den, der in Frieden ſchläft, wie dieſes Kind, für den iſt der Tod eine Wohlthat. „O das, was den Menſchen, der den Tod am mei⸗ ſten wünſcht, erſchreckt, iſt der Uebergang vom Wachen zum ewigen Schlaf. Es iſt der kurze Augenblick, über den ſich, ſobald er einmal verſtrichen iſt, keine menſchliche Stimme ausſprechen kann, den aber eben deshalb uns die Phan⸗ taſie ſchrecklicher malt, als er vielleicht iſt! Dieſes ſchwache Geſchöpf hier zittert aber nicht bei dem Gedanken an die⸗ ſen Uebergangsaugenblick; es leidet daher nicht; es wird nicht leiden und ich werde kein Verbrechen begehen, weil ich ihm ja kein Leiden verurſache. Laſſe ich es dagegen am Leben, begehe ich dann nicht ein Verbrechen dadurch, daß ich es tauſend Mühen und Gefahren preisgebe? Du weißt es, dieſes Kind wird arm und verlaſſen in die Welt ein⸗ treten; keine befreundete Stimme ruft es, keine ſchützende Hand ſtreckt ſich ihm entgegen, um es zu leiten und zu füh⸗ ren— es wird ohne Namen und ohne Mittel ſeinen Kör⸗ per durch die Arbeit ermüden und den Kelch der Bitter⸗ keit bis auf die Hefen leeren, fern von Vater und Mutter, ja, ohne daß eine Thräne die in dem Becher enthaltene Galle verſüßt.“ „Sehr gut geſprochen!“ antwortete Peppino.„Aber welche Gewißheit haſt Du, daß Du dieſes Kind vom Le⸗ ben zum Tode bringen wirſt, ohne ihm das mindeſte Lei⸗ den zu verurſachen?“ Benedetto lächelte. „Verſuchen wir es.“ Die Todtenhand. 3. Band. 6 — 32— „Per Bacro! Du ſcheinſt großes Vertrauen zu Dir ſelbſt zu haben. Geſetzt, daß in Folge eines jener tauſend Unfälle, von welchen ein Piſtolenſchuß begleitet ſein kann, die Kugel nicht die geeignete Stelle trifft, um ſofort das Leben aus dem Körper zu verſcheuchen! Du mußt dann noch einmal ſchießen und während des Zwiſchenraum's von einem Schuſſe zum andern wird dieſes unſchuldige Kind weinend und jammernd ſich in den Zuckungen des Todes umherwälzen. Du kannſt es erwürgen, wirſt Du mir ſa⸗ gen. Dann iſt es aber ein doppelter Mord, unter Zu— fügung von furchtbaren Schmerzen für das Schlachtopfer begangen. Wirklich, Meiſter, laſſen wir dieſe menſchen⸗ freundlichen Mordgedanken und ſteigen wir zu Pferde, denn unter den jetzigen Umſtänden hat die Nacht für uns nichts Gutes.“ „Behaupteteſt Du nicht, alle Straßen Italiens ganz genau zu kennen.“ „Ich kenne ſie vielleicht bie nicht. Florenz aber iſt noch weit.“ „Und der zur Niederlegung dieſer lebenden Bürde be⸗ ſtimmte Ort?“ „Ach, laß mich nur erſt mich vrientiren!“ antwortete Peppino, indem er ſich mit der Hand über die Stirn fuhr.„Hinter der erſten verfallenen Quelle giebt es rechts einen Fußſteig, der in's Thal führt. Ungefähr fünfzig Schritte von dem Anfange des Fußſteiges ſteht die Hütte 5 eines Feldwächters. Wir werden ſiebenmal an dieſe Thüre anklopfen.“ „Vorwärts!“ rief Benedetto, indem er auf's Pferd ſprang und das Kind wieder in ſeine Arme nahm. „Vorwärts!“ wiederholte Peppino, indem er ſich eben⸗ falls in den Sattel ſchwang. Und die beiden Reiſenden ſetzten ihren Weg fort. gi Stunde ſpäter war es vollſtändig Racht und ſie ſtanden eit ſei ſer geg len tet die ern dan kön vert leer bei der abg Züg Hüt nen heru mun man ren Dir uſend kann, das dann von Kind odes r ſa⸗ Zu⸗ opfer chen⸗ denn ſichts ganz er iſt e be⸗ ortete Stirn echts nfzig Bütte hüre Pferd eben⸗ Eine inden E — 83— einer Hütte gegenüber, deren Thüre trotz des Geräuſches, welches die Pferde machten, verſchloſſen blieb. Peppino ſprang vom Pferde und ſchlug mit dem Knopf ſeiner Reitpeitſche ſiebenmal an dieſe Thüre. Einen Augenblick ſpäter öffnete ſich die Thüre und un⸗ ſere beiden Reiſenden ſahen ſich einem langen, hageren Manne gegenüber, deſſen fahles Geſicht, von den flackernden Strah⸗ len, eines im Innern der Hütte brennenden Lichtes beleuch⸗ tet einen unheimlichen Ausdruck hatte. Wie daran gewöhnt in der Finſterniß zu ſehen, warf dieſer Mann den Reiſenden einen prüfenden Blick zu und erwartete ſchweigend, daß ſie ſich erklärten. „Amico,“ ſagte Peppino,„beſorgt einmal unſere Pferde, dann werdet Ihr wiederkommen, um mit uns zu plaudern Es iſt dies eine Sache, die Ihr mit gutem Gewiſſen thun könnt, denn ohne Euch die geringſte Unbequemlichkeit zu verurſachen, werden wir unſere Börſen in Eure Taſchen leeren.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte der Feldwächter, der bei dem Worte Börſen große Augen machte. „Na, thut, was ich Euch ſage und kommt bald wie⸗ der; Ihr werdet es nicht bereuen.“ Während dieſes kurzen Geſpräch's war Benedetto ſchon abgeſtiegen. Der Feldhüter nahm nun die Pferde bei'm Zügel, lud die Reiſenden durch eine Geberde ein in die Hütte einzutreten und verſchwand, indem er in einem klei⸗ nen Bogen mit den Pferden um das armſelige Bauwerk herumging. Benedetto und Peppino blieben einen Augenblick allein. „Alſo dies iſt der Mann, dem wir den Sohn Ed⸗ mund Dantes Fänvertrauen ſollen?“ fragte Benedetto. „Dieſer Mann iſt verheirathet und ſeine Frau, wie man mir verſichert, ein ganz vortreffliches Geſchöpf.“ „Was ſie wahrſcheinlich nicht abhalten wird, guch ih⸗ ren Pntheil an einigen der Laſter ihres Wa haben!“ S „Sind wir nicht in dieſer Welt alle mit Irrthümern und Mängeln behaftet?“ bemerkte Peppino.„Uebrigens iſt die⸗ ſer Knabe noch nicht alt genug, um dieſe Fehler zu verſte⸗ hen oder nachzuahmen. Ich höre kommen—“ Peppino hatte dieſe letzten Worte noch nicht ausge⸗ ſprochen, ſo erſchien auf der Schwelle der Thür im In⸗ nern der Hütte eine Frau von ungefähr dreißig Jahren, die ein Kind auf den Armen trug. Das Geſicht dieſer Frau hatte nichts Abſtoßendes, im Gegentheil flößte ihr Blick ein gewiſſes Vertrauen ein. Sie grüßte die Reiſenden auf ganz freundliche Weiſe und ſetzte ſich ſodann auf eine kleine Bank, indem ſie ihr Kind in den Armen wiegte. „Gute Frau,“ ſagte Benedetto zu ihr, ohne ſeine Blicke von ihr abzuwenden,„wiſſet, daß ich ungeachtet der Gerüchte, welche über Euern Mann umlaufen, Euch für eine ehrliche und rechtſchaffene Frau halte. Wenn ich ſage Gerüchte, ſo bin ich blos das Echo der Leute, welche be⸗ haupten, daß es von Mantua bis Piſa keinen Schützen giebt, der ſeines Schuſſes ſicherer wäre.“ „Ich bitte Sie ums Himmels willen, Signor, glau⸗ ben Sie doch nicht Alles, was man ſagt! Ich weiß wohl, daß man den armen Feldhüter mit argwöhniſchem Auge betrachtet, aber ich kann Ihnen verſichern, daß mein Mann ein vortreffliches Herz hat!“ „Der Beweggrund, der uns hierher führt, hat damit Nichts zu ſchaffen und es liegt mir wenig daran, die gu⸗ ten Eigenſchaften Eures Mannes kennen zu lernen. Ich bringe Euch ein Kind in die Ziehe.“ „Ein Kind!“ „Da iſt es!“ „Es ſcheint etwas leidend zu ſein,“ ſagte die Frau, welche aufgeſtanden war und den kleinen Knaben bei dem matten Schein der Lampe forſchend betrachtete. „O nein, er iſt ſtark und geſund,“ entgegnete Ben de jet lan der un un läc wä nor ant ſich nete ſeine Frat Alſo Eue ſeine des; mit welch me, ſeine mund die⸗ erſte⸗ usge⸗ In⸗ hren, ieſer ihr Weiſe e ihr ſeine der für ſage be⸗ ützen lau⸗ vohl, Auge dann amit gu⸗ Ich rau, dem zent⸗ detto.„Der Zuſtand von Abſpannung, in welchem er ſich jetzt befindet, hat ſeinen Grund in der Ermüdung von der langen Reiſe, die er zurückgelegt auf dieſem Arme ſitzend, der ſehr wenig an dergleichen Verrichtungen gewöhnt iſt, und an dieſer eiſernen Bruſt ſchlafend! Einige Tage Ruhe und Ihr werdet ſehen, wie er an der Seite Eures Kindes lächeln und es Bruder nennen wird.“ „Der arme unſchuldige Kleine! Wenn ich neugierig wäre, ſo würde ich fragen, ob es Ihr Sohn iſt, Sig⸗ nor—“ „Eine ſchöne Frage! Geſetzt aber, ich wollte Euch antworten, ſo würde ich blos ſagen: Vergleicht ſein Ge⸗ ſicht mit dem meinen.“ „Ach ja, man ſieht—“ „Was denn? Ihr ſehet Nichts, gute Frau,“ entgeg⸗ nete Benedetto. „In dieſem Alter—“ „Das größte Unglück, welches man erfahren kann, iſt, ſeiner Mutter beraubt zu werden“ „Armer, unſchuldiger Kleiner!“ „Dieſer beklagenswerthe Umſtand muß für Euch, gute Frau, ein Grund ſein, ihm Eure Theilnahme zu ſchenken. Alſo nehmt ihn nur auf Euern Arm und ſetzt ihn neben Euern Sohn.“ „Mein Kind iſt kein Knabe, ſondern ein Mädchen.“ „Deſto beſſer,“ entgegnete Benedetto,„dann wird es ſeine Schweſter ſein.“ Indem er dies ſagte, übergab er das Kind der Frau des Feldhüters und ſetzte ſich neben ſie. Peppino blieb in dem Schatten der Hütte und ſchien mit Aufmerkſamkeit auf ein fernes Geräuſch zu horchen, welches hier verhallte. „Dieſes Kind,“ ſagte Benedetto mit gedämpfter Stim⸗ me,„hat, wie ich Euch ſchon geſagt habe, das Unglück, ſeine Mutter berloren zu haben. Ich kann es vor der — 86— Hand nicht bei mir behalten, weil unſer Alter nichts Ge⸗ meinſames hat und es übrigens in meiner Nähe Gefahr a liefe, für die Frucht eines Fehltritts angeſehen zu werden. Es muß entfernt von mir leben; es darf nicht wiſſen, wem es ſein Daſein verdankt, es darf nichts von dieſer falſchen und verdorbenen Welt erfahren, in welcher es geboren iſt. D Ja, erzieht es auf dieſelbe Weiſe, wie Ihr Eure Tochter erziehen werdet, laßt ſie mit einander in dieſen Thälern pi und Gefilden umherſpringen, frei wie die Schmetterlinge ch oder die Vögel. Lehret ſie Gott in Allem erkennen, was ſie umgiebt, von dem Mooſe, welches in der Felſenſpalte wächſt, von dem Graſe an, welches die Wieſe ſchmückt bis de zu dem prachtvollen Glanze der Sonne, von dem Waſſer⸗ de tropfen an, der zitternd an dem Blumenkelch hängt, bis F zu dem unermeßlichen Ocean; von dem kleinen ſchwachen ich Inſekt bis zu dem ſtolzen Adler, welcher ſeinen kühnen Flug da von der Höhe ſteiler Felſen zu der Sonne emporlenkt; jet und wenn zufällig dieſer Knabe Euch einmal fragt, wem er das Daſein verdankt, ſo antwortet ihm, daß dies ein in den Tiefen der Nacht ruhendes Geheimniß iſt und daß ger Niemand auf dieſer Welt die Macht hat, es ihm zu er⸗ Fl klären! Jedem Fremden, der Euch fragt, ſagt, daß dieſer fol arme kleine Knabe Euch gehört.“ De „Ihr Wille ſoll geſchehen. Der Knabe kann für den die Zwillingsbruder meiner Tochter gelten.“ „Wie es Euch beliebt, nehmt dieſes Geld. Dieſe Börſe enthält zweihundert Piaſter und binnen hier und drei uni Monaten wird dieſe Summe verdoppelt werden.“ „Sehr gut, und ſeien Sie überzeugt, Signor, daß beic ich dieſen armen Kleinen ſo gut als möglich pflegen werde.“ „Ich erziehe ihn für meine Tochter,“ fuhr ſie fort, ſere indem ſie die beiden Kinder anlächelte, welche ſie in ihren Armen hielt. ger „Wie heißt er denn?“ fragte ſie. „Eduard,“ antwortete Benedetto. Ge⸗ efahr erden. wem lſchen n iſt. ochter älern rlinge was ſpalte t bis aſſer⸗ bis achen Flug lenkt; wem s ein daß u er⸗ dieſer rden Dieſe drei daß rde.“ fort, ihren Kaum hatte er dieſen Namen ausgeſprochen, als man aus der Ferne einen Flintenſchuß vernahm. Die Frau ward bleich und Benedetto murmelte: „Wahrſcheinlich iſt dies Euer Mann, der auf die Jagd gegangen iſt. Heda, Peppino, wie weit war nach Deiner Berechnung dieſer Schuß?“ „Hundert bis hundertzwanzig Schritt,“ entgegnete Pep⸗ pino mit der Sicherheit eines Menſchen, der auf eine ſol— che Frage vorbereitet iſt. „In welcher Richtung?“ „In derſelben, wo wir vor ungefähr anderthalb Stun⸗ den Halt machten. Von dieſer Hütte bis zum Anfange des Fußſteig's ſind fünfzig Schritt, von dem Anfang des Fußſteig's bis zur Quelle ſind abermal fünfzig; dann rechne ich noch zwanzig jenſeits der Quelle und kann verſichern, daß hundert und zwanzig Schritt von der Stelle, wo wir jetzt ſind, irgend ein Hinterhalt ſtattgefunden hat.“ „Wie ſo?“ „Vor ungefähr einer Viertelſtunde hörte ich einen Wa⸗ gen rollen, welcher ſehr raſch fuhr. Jttzt hörte ich einen Flintenſchuß, auf welchen ummittelbar ein kurzer Schrei folgte, der aus dem Munde einer Frau zu kommen ſchien. Der Wagen hat ſofort Halt gemacht und es iſt klar, daß die Kugel die Bruſt eines der Pferde durchbohrt hat.“ Benedetto ſah die Frau an; ſie war noch bleicher. „Wohlan!“ ſagte er,„entferne Dich von der Thür und verſchließe ſie.“ „Ich glaube, es kommt Jemand von dieſer Seite her⸗ beigelanfen,“ murmelte Peppino. „Das muß der Mann dieſer guten Frau ſein, der un⸗ ſere Pferde untergebracht hat.“ In der That erſchien einen Augenblick darauf der Jä⸗ ger, mit den Händen in den Taſchen, vollſtändig entwaff⸗ net und mit ganz unbefangener Miene. „Guten Abend, Freund,“ ſagte Benedetto mit der — 88— größten Kaltblütigkeit von der Welt,„gebt uns, ich bitte Euch, Etwas zu eſſen, denn wir beabſichtigen vor Tages⸗ anbruch wieder abzureiſen. Ich hake ſchon mit Eurer Frau geſprochen und hoffe, daß Ihr dem Geſpielen Eures Töch⸗ terchens ein wenig von Eurer väterlichen Liebe widmen werdet.“ „Ah, Sie ſprechen von dem Kinde,“ murmelte der Jäger, indem er ſeiner Frau einen verſtohlenen Blick zu⸗ warf.„Seien Sie unbeſorgt, mein Cavalier, ich gebe Ih⸗ nen mein Wort, daß ich ihm, wenn es ein Knabe iſt, ſo⸗ bald er ſich nur erſt feſt auf den Füßen halten kann, die Ueberbleibſel eines alten Gewehres zum Spielen geben und ihm einen alten Sattel auf die Bank ſchnallen werde, um ihn reiten zu lehren.“ „Sehr gut, ich wünſche, daß dem ſo ſei. Dieſer Knabe muß ſo erzogen werden, daß er ſpäter einmal vor keiner Mühe zurückbebt und vor keiner Gefahr zittert.“ „Nun ſo bringe die Kleinen zur Ruhe und komm dann wieder, um dieſen Herren Etwas zu eſſen zu geben,“ ſagte der Feldhüter.„Sie werden ſich mit einem Stück Wild⸗ pretsbraten und einigen Gemüſen aus meinem Garten be⸗ gnügen.“ „VWollen Sie nicht Abſchied von dem Kinde nehmen, Signor?“ fragte die Frau Benedetto, indem ſie ihm das Geſicht des kleinen Knaben hinhielt. „Gott gebe ihm Kraft und Muth, um in die Welt einzutreten,“ murmelte Benedetto, indem er das Kind ſanft mit der Hand zurückdrängte. Die Frau beſtand weiter nicht auf ihrem Verlangen, ſondern verſchwand in dem Innern der Hütte. Der Feld⸗ hüter ſchob die Riegel vor und hing die eiſerne Lampe an einen in das Fenſtergewände eingeſchlagenen Nagel, als ob er wünſchte, daß man den ſchwachen Schein der Flamme von weitem ſähe. Hierauf ſetzte er ſich ſchweigend in die Fenſterbrüſtung und ſtützte den Kopf in die Hand. Se leh Bli und die Reſ mar Aug nerſt Sch ſchic herzt däm ſtohl ein a Meile Thür beider nes, hig.“ eilte t eiligen bitte ages⸗ Frau Töch⸗ dmen e der k zu⸗ Ih⸗ ſo⸗ die und um ieſer vor ann agte zild⸗ be⸗ nen, das Lelt anft gen, eld⸗ an ob me die 5 Ungefähr eine Viertelſtunde lang unterbrach Richts das Schweigen, welches in der Hütte herrſchte. Benedetto ſtand mit dem Rücken an die Mauer ge⸗ lehnt und die rechte Hand in ſeiner Bruſttaſche. Sein Blick war auf den Boden geheftet, ſeine Stirn gerunzelt und er ſchien tief nachzudenken. Peppino, der fortwährend das Ohr ſpitzte, verrieth die Spannung oder vielmehr die Ungeduld, womit er das Reſultat deſſen erwartete, was er beobachtet. Endlich hörte man das Geräuſch einiger Tritte auf dem Fußſteige, einen Augenblick ſpäter ward an die Thür gepocht und eine Män⸗ nerſtimme ließ in italieniſcher Sprache die Worte hören: „Macht auf, macht auf, guten Leute, es ſoll Euer Schaden nicht ſein.“ Bei dieſen Worten ſtand der Jäger ſchnell auf und ſchickte ſich an die Thüre zu öffnen, als Benedetto raſch herzueilend ihn zurückhielt. „Ich will mich nicht ſehen laſſen,“ ſagte er in ge⸗ dämpftem Tone. „Es hat keine Gefahr,“ murmelte der Jäger mit ver⸗ ſtohlenem Lächeln. „Gleichviel.“ „Nun, ſo kommen Sie“„ Benedetto und Peppino folgten dem Jäger, der ſie in ein abgelegenes Zimmer der Hütte führte. „Hier ſind Sie ſo gut verborgen, als ob Sie zehn Meilen weit entfernt wären,“ ſagte der Jäger.„Dieſe Thüre da im Hintergrunde geht in das Zimmer, wo die beiden Kinder ſchlafen, oben darüber iſt ein anderes klei⸗ nes, unbewohntes Zimmer. Seien Sie daher ganz ru⸗ hig.“ Mit dieſen Worten drehete ſich der Jäger herum und eilte die Thüre aufzuriegeln und zu öffnen. „Heda, mein wackerer Freund,“ ſagte ein Mann in eiligem Tone,„könnt Ihr nicht meinem Herrn zu Hilfe kommen, deſſen Poſtchaiſe nicht weiter kann, weil ihr ein Pferd fehlt?“ „Das Pferd iſt wohl geſtürzt?“ „Ihr habt es errathen. Es iſt geſtürzt, weil ihm eine Kugel durch die Bruſt gegangen iſt und zwar mit einer Genauigkeit, die dem verwünſchten Schützen Ehre macht. Ich hätte drauf ſchwören wollen, daß es in dieſer Gegend keine derartigen Leute gäbe.“ „Na, wer weiß, wie das zuſammenhängt. Man kann ja nicht wiſſen, ob die Kugel für das Pferd beſtimmt war.“ „Das iſt freilich wahr! Vielleicht war ſie für den Kutſcher beſtimmt.“ „Der Teufel hole die Bemerkung.“ „Das ſage ich nicht; ich ſage, daß dieſer Vorfall mir einfach die Folge eines Zufalls zu ſein ſcheint. Vielleicht iſt einem Feldhüter das Gewehr losgegangen. Auf alle Fälle kann ich Euch verſichern, daß man, wenn man den Kutſcher hätte niederſchießen wollen, dann nicht das Pferd niedergeſchoſſen hätte, denn der ungeſchickteſte Schütze in unſerer Gegend iſt im Stande, auf fünfzig Schritt eine Drange durch und durch zu ſchießen.“ „Per Baeco, was thut denn dann der geſchickteſte?“ „Der ſchießt auf dieſelbe Entfernung durch den Hals einer Flaſche den Boden heraus,“ entgegnete der Jiger mit einem gewiſſen Grade wilden Stolzes. „Das iſt eine ſtaunenswerthe Geſchicklichkeit, die ich aber nicht ſtreitig machen will. Es iſt jetzt überhaupt nicht Zeit, uns darüber in Diseuſſionen einzulaſſen. Wenn mein Herr die Nacht hier zubringen muß, um erſt ein anderes Geſpann kommen zu laſſen, ſo werden wir vollauf Zeit haben, uns zu unterhalten und dann auf dieſe wunderbart Geſchicklichkeit wieder zu ſprechen kommen.“ „Wer iſt denn Euer Herr?“ „Ihr ſeid verteufelt neugierig! Er iſt ein vornehinet vot ſeir erz niß lich De äch abe mit Hü Pfe brec weil Ung erku den neut Bac Mer benz dere belei Die verſ ſen, hr ein n eine einer macht. zegend mkann timmt r den lt mir lleicht f alle den Pferd tze in t eine 2 Hals Jäger ie ich nicht mein deres Zeit erbare ehiner — 5— Franzoſe, der einige Zeit in Venedig gelebt hat und jetzt bon Mantua nach Florenz reiſt. „Ah, in dieſem Falle ſteht Alles, was ich beſitze, zu ſeiner Verfügung, und Alles, was ich beſitze, iſt das, was Ihr hier ſehet. Wenn daher ſeine Excellenz mir die Ehre erzeigen will, hierher zu kommen, ſo möge er kommen.“ „Sehr gut, ich eile, ſeine Excellenz davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Mittlerweile bereitet ihm in dieſer erbärm⸗ lichen Hütte den beſtmöglichen Empfang.“ Der Diener eilte in der Richtung der Straße davon. Der Jäger folgte ihm mit dem Blicke und lächelte ver⸗ ächtlich. „Erbärmliche Hütte,“ murmelte er;„er hat Recht, aber wie viele vornehme und gewaltige Perſonen haben ſchon mit thränenden Augen um den Schutz dieſer erbärmlichen Hütte gebeten! Im Grunde genommen iſt es beſſer, ein Pferd niederzuſchießen, als einem Kutſcher den Arm zu brechen! In Italien pflegt man die Leute nicht zu hängen, weil ſie ein Pferd getödtet haben!“ Mittlerweile brannten Benedetto und Peppino vor Ungeduld zu wiſſen, was vorging. Peppino ging ſich zu erkundigen, und Benedetto unterſuchte ſorgfältig und genau den Ort, wo er ſich befand. Es war ein kleines Zimmer von ungefähr acht bis neun Fuß im Quadrat. Die durch eine dünne Mauer von Backſteinen gebildete Wand auf der linken Seite hatte eine Menge Spalten, durch welche hindurch man in das Re⸗ benzimmer ſehen konnte, wo eine kleine Lampe brannte, deren röthlicher Schein eine mit Maisſtroh gefüllte Wiege beleuchtete, in welcher die beiden Kinder ausgeſtreckt lagen. Dieſer Verſchlag hatte eine Thüre, die jedoch von außen verſchloſſen war. Benedetto wollte rufen, um dieſe Thüre öffnen zu laſ⸗ ſen, als Peppino wieder erſchien. „Ruhig!“ ſagte dieſer, indem er den Finger an den — 5— Mund legte.„So eben ſind zwei Reiſende hier angekom⸗ men, welche die Nacht hier zubringen werden, weil ſie erſt die Ankunft friſcher Pferde für ihren Wagen abwarten müſſen. Meine Meinung iſt, daß unſer Jäger die Pferde der Reiſenden aus Spekulation niederſchießt. Na, es iſt dies ein Erwerbszweig, der nicht ſchlechter iſt, als viele andere, welche ich kenne.“ „Wer können denn dieſe Reiſenden ſein?“ „Meiner Treu, ich weiß es nicht,“ antwortete Pep⸗ pino.„Und was kommt übrigens darauf an?“ „Auf alle Fälle muß ich dableiben, um das Kind zu überwachen. Die Reiſenden ſind in der Regel neugierig, und ich bin durchaus nicht Deiner Meinung und kann mich einer gewiſſen Beſorgniß in Bezug auf dieſe Reiſenden nicht erwehren. Peppino, Du wirſt nach Florenz weiterreiſen—“ „Was zum Teufel ſagſt Du? Ich ſoll weiterreiſen?“ „Es muß geſchehen, ich habe Dir einige Inſtructionen zu geben—“ „Ach was da! Ich kann Dich in dieſem Augenblicke nicht verlaſſen, weil— weil— kurz, weil die Reiſenden Diener bei ſich haben und zwei Mann gegen vier oder fünf mehr ausrichten können, als ein einziger gegen drei.“ Benedetto antwortete nicht; er begann in dem Gemach hin⸗ und herzugehen, und als er Lärm hörte, legte er das Ohr an die Wand, um zu horchen. Der Ton verſchiedener Stimmen, welche alle auf ein⸗ mal ſprachen, nahm ſich durch die Spalten der dünnen Wände hindurch ſo verworren aus, daß es unmöglich war, ein einziges Wort zu verſtehen. Dennoch nahm Benedetto daraus ab, daß eine Frau in dem erſten Zimmer wat, denn zuweilen verminderte ſich der dumpfe Lärm der ver⸗ ſchiedenen Stimmen und ließ die letzten Shlben einiger, von einer einzigen ſchwachen Stimme geſprochenen Worte tin bar werden. — da der ber Hi tett Au des ihn mo ma Zin han ſchl füge beid Gen ſcha kann wen nur einm Kng Sof gekom⸗ ſie erſt warten Pferde es iſt s viele Pep⸗ ind zu gierig, mich nicht n— en?“ tionen nblicke ſenden fünf emach r das f ein⸗ ünnen war, edetto war, r ver⸗ Was das Uebrige betraf, ſo war es unmöglich, etwas davon zu verſtehen. Benedetto wartete. Eine halbe Stunde ſpäter hörte er einige Tritte auf dem Fußboden des oberen Zimmers. Es ſchien ihm, als bereitete man ein Bett. Er hörte die äußere Thüre der Hütte verſchließen und es herrſchte nun überall Schweigen. Dies war der Augenblick, welchen Benedetto erwar— tete, in der Hoffnung, einige Worte zu erhaſchen, die ihm Aufklärung brächten. In der That unterſchied er auch die Stimme der Frau des Jägers, welche mit einer Perſon ſprach, deren Stimme ihm nicht unbekannt zu ſein ſchien, gleichwohl aber ver⸗ mochte er nicht zu entſcheiden, wem ſie angehörte. „Es iſt, wie ich Ihnen ſage, Epcellenz, es iſt Nie⸗ mand weiter hier.“ „Aber dennoch iſt es leicht zu ſehen, daß unter dem Zimmer, welches Ihr uns anbietet, noch ein anderes vor⸗ handen iſt und ich weiß, daß Ihr nicht in dieſem Zimmer ſchlaft. Aus welchem Grunde könnt Ihr nicht darüber ver⸗ fügen?“ „Sie irren ſich. Dies iſt das Zimmer, wo meine beiden Zwillinge ſchlafen. Daneben befindet ſich noch ein Gemach, welches zur Aufbewahrung der Feldarbeitsgeräth⸗ ſchaften dient und zu nichts Anderem verwendet werden kann.“ „Wie? Ihr ſprecht von Euren Zwillingen und vor wenigen Minuten erſt ſagte mir Euer Mann, Ihr hättet nur eine Tochter?“ „Ja, das wundert mich nicht; mein Mann macht es einmal nicht anders. Die Wahrheit iſt, daß der kleine Knabe ſo kränklich und ſchwächlich iſt, daß wir wenig Boffnung haben, ihn zu erhalten!“ WVie alt ſind die Kinder?“ „Beinahe drei Jahre.“ —— „Die armen Kleinen— Ihr könnt Euch nicht den⸗ und ken, wie ich die Kinder liebe!— ich möchte ſie ſehen.“ öffne Bei dieſen Worten zuckte Benedetto zuſammen und Peppino machte eine Bewegung. wäre „Sie ſchlafen, Excellenz.“— „Das thut Nichts. Ich werde ſie blos anſehen, ohne Er e ſie zu wecken.“ neben „Sie ſind auch Vater?“ fragte die Frau des Jägers. teni „Ich?— Ja!“ antwortete der Mann mit einem blickt Seufzer. „Mit welcher traurigen Miene aber ſagen Sie das?“ kaum „Das Wort„Vater“ brennt, wenn es über unſere Lip⸗ Geſic pen geht, oft wie glühendes Eiſen!“ eines „Peccato! Warum denn?“ gegen „Weil Gott es will!“ antwortete der Andere, der ſich Stir beeilte der Unterhaltung ein Ende zu machen, indem er ihr ſagte:„Wohlan, zeigt mir Eure Zwillinge. Ach, ich kann Band mir denken, wie glücklich Ihr Euch fühlt, wenn Ihr ſie den 2 betrachtet und dann, indem Ihr ſie mit Küſſen bedeck, zu be ſagt:„Seht, wie ſchön ſie ſind! Das ſind meine Kinder! Piſto Iſt es nicht ſo, gute Frau?“ inden „Es iſt ſo wahr, wie das Geheimniß der heiligen Jungfrau!“ hen k „So kommt doch—“ „Aber wenn ſie aufwachten! Sie ſchlafen dann nicht nen G ſogleich wieder ein und wir hätten dann die ganze Nacht unſere liebe Plage.“ tel, „Ihr ſeid aber auch ſehr furchtſam. Wie oft bin ih der S mitten in der Racht an die Wiege meines Sohnes gegan⸗ Se gen, ohne daß er aufgewacht wäre! Kommt, kommt, ich ſeinen werde Eueren Zwillingen ein Geſchenk machen.“ Bei dem Worte„Geſchenk“ weigerte ſich die gute Fraun ſchen nicht länger und machte ſich ohne Weiteres fertig, den Rei ſeinen ſenden in das Zimmer zu führen, wo die Kinder ſchliefen Name den⸗ und ohne ers. inem 3 2. Lip⸗ ſich ner kann r ſie deckt, der! ligen nicht Nacht nich egan⸗ „ich Frau Rei⸗ liefen — und deſſen Thüre ſich auch nach wenigen Augenblicken öffnete. Nun hoffte Benedetto zu erfahren, wer dieſer Mann wäre, der mit der Frau des Jägers ſprach. Gleichzeitig begann auch Peppino unruhig zu werden. Er erhob ſich ohne das mindeſte Geräuſch und ſtellte ſich neben Benedetto, deſſen funkelndes Auge durch die Spal⸗ ten des Verſchlag's hindurch in das Innere des Zimmers blickte. Kaum war der Reiſende in dieſes Gemach getreten und kaum fiel der röthliche Schein der kleinen Lampe auf ſein Geſicht, als Benedetto's Körper ſich zuſammenzog, wie der eines wilden Thieres, wenn es ſich plötzlich ſeinem Feinde gegenüberſieht. Er fuhr ſich raſch mit der Hand über die Stirn und biß die Zähne zuſammen, um ſich nicht durch ihr krampfhaftes Klappern zu verrathen. Er drückte die Hand auf die Bruſt, wie um die Bewegung ſeiner keuchen⸗ den Athemzüge zu regeln und das Klopfen ſeines Herzens zu beſchwichtigen. Dann griff er wie mechaniſch nach den Piſtolen, die er im Gürtel trug. „Da ſind ſie, Excellenz!“ ſagte die Frau des Jägers, indem ſie das Tuch, mit welchem die Kinder zugedeckt wa⸗ ren, aufhob, aber ſo, daß der Graf ſie nur undeutlich ſe⸗ hen konnte. Der Graf von Monte-Chriſto trat der Wiege um ei⸗ nen Schritt näher. Benedetto zog raſch ein's der Piſtolen aus dem Gür⸗ tel, ſpannte es geräuſchlos, legte die Mündung an eine der Spalten des Verſchlag's und zielte nach dem Grafen. „Was ſoll das heißen?“ murmelte Peppino, indem er ſeinen Arm wegzuziehen ſuchte. „Ich habe ſo eben den Grafen von Monte⸗ Chriſto ge⸗ ſehen und ſchwöre Dir, daß er in dem Augenblicke, wo er ſeinen Sohn erkennt, nicht einmal Zeit haben ſoll, ſeinen Ramen guszuſprechen,“ entgegnete Benedetto leiſe flüſternd. „Aber das iſt ein Meuchelmord!“. „Schweig, Peppino! oder wir ſind verloren!“ „Warte, die Frau läßt ſo eben das Tuch wieder über die Kinder fallen.“ „Ich ſehe es wohl, aber ich ſehe auch, daß der Graf ſich der Wiege um einen Schritt nähert.“ „Wollen Sie denn die ganze Nacht hier zubringen, Ex⸗ cellenz?“ ſagte die Frau des Jägers. „Ihr habt Recht; ich habe Eure Kinder geſehen— oder vielmehr, ich habe geglaubt, ſie zu ſehen.“ „Wie ſo?“ „Iſt das, welches an der Wand liegt, der Knabe oder das Mädchen?“ „Es iſt der Knabe“ „Er hält ſein Geſicht an der Bruſt ſeiner Schweſter verborgen und es iſt mir unmöglich geweſen, es zu ſehen. Was das Mädchen betrifft, ſo iſt es ganz allerliebſt.“ „Arme Engel!“ rief die Frau,„Gott gebe, daß ſie glücklich werden.“ „Was verſteht Ihr unter Glück?“ „Wenn man zu leben hat, ohne Mangel fürchten zu müſſen.“ „Dieſes Glück giebt die Arbeit,“ antwortete der Graf. „Bittet Gott, daß er ſie ſegne. Wie heißen ſie?“ „Das Miädchen heißt Eugenie und der Knabe Eduard.“ Der Graf ſtutzte bei dieſem letzten Namen, nachdem er jedoch noch einen Blick auf die Wiege geworfen, verließ er das Zimmer in Begleitung der Frau des Jägers, welche Benedetto einen Augenblick ſpäter rufen hörte: „Ach, Signor, Sie ſind ſehr großmüthig, und wenn meine Kinder heranwachſen, ſo werde ich ſie lehren Ihren Namen zu ſegnen. Wie heißen Sie?, „Ihr braucht es nicht zu wiſen. Sie mögen ſich be⸗ gnügen, Gott zu bitten, daß er Eduard glücklich mache. Mit dieſen Worten ging der Graf die Treppe zi u A Er rei nä len wo me ſtre ſich St kra ben füh verſ ihm Thr zut ſchw willt cher Di rübe Graf n, Ex⸗ — Knabe hweſter“ ſehen. 7 daß ſie 1 ten zu Graf. 5 uard.“ achdem verließ welche wenn Ihren und trat in das Zimmer über dem, wo Benedetto und Peppino waren, Achtes Kapitel. Die Feuersbrunſt. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als die Equipage des Grafen von Monte⸗ Chriſto ſchon wieder be⸗ reit war, die Reiſe weiter fortzuſetzen. Er hatte von der nächſten Poſtſtation ein Pferd zum Erſatz deſſen herbeiho⸗ len laſſen, welches auf ſo eigenthümliche Weiſe getödtet worden war. Der Graf und Hahdée nahmen Abſchied von der ar⸗ men Familie und gingen auf dem Fußſteige nach der Land⸗ ſtraße, wo der Wagen ſie erwartete. Der Graf drehete ſich mehr als einmal herum, um immer wieder das ſchlichte Strohdach zu betrachten, ohne daß er ſich die Anziehungs⸗ kraft deſſelben erklären konnte, die ihn nur mit Widerſtre⸗ ben ſich davon entfernen ließ. So wie er die Hütte immer weiter hinter ſich ließ, fühlte er eine ſeltſame Beklemmung und es war ihm, gls verſagte ihm der Athem. Haydee, die auf den Arm des Grafen geſtützt neben ihm einherſchritt, theilte dieſe Bewegung und unwillkürliche Thränen entſchlüpften ihren Augen. Beiden ſchien es ſchwer zu werden, ein Geſpräch zu beginnen. Zuweilen begegnete der ſchüchterne Blick Hahdée's ſchweigend dem ihres Gatten und beide ſahen ſich dann un⸗ willkürlich wieder nach der ländlichen Hütte um, in wel⸗ cher ſie die Nacht zugebracht hatten⸗ Es waren noch nicht fünf Minuten verfloſſen, ſo wa⸗ Die Todtenhand. 3. Band⸗ 7 — 95 ren ſie ſchon an ihrem Wagen angelangt, deſſen Schlag ein Diener ſofort öffnete. Hahdée ſtieg zuerſt ein, nicht ohne einen letzten Blick auf die Hütte am Fußſteige zu werfen. Der Graf, wel⸗ cher ihr folgte, wollte daſſelbe thun, als der Lakai ohne Weiteres den Schlag zuwarf und dem Kutſcher zurief: „Vorwärts!“ Der Wagen rollte raſch auf der Straße dahin, in dem Augenblicke aber, wo er eine Biegung machen wollte, um das Thal zu verlaſſen, rief der Graf mit ſtarker Stimme: „Halt!“ Der Poſtillon gehorchte. „Warum ſollen wir wieder Halt machen?“ fragte Hah⸗ dée den Grafen, der von einer ſeltſamen Unruhe ergriffen zu ſein ſchien. „Siehe,“ ſagte er,„iſt dies nicht im Hintergrunde dieſes Thal's die beſcheidene Hütte, wo wir die vorige Nacht zugebracht, Hahdée?“ „Ja, ich ſehe ſie, das iſt ſie!“ Die Sonne glänzte ſchon am Horizont und ihre auf das Thal herabfallenden Strahlen vergoldeten das Dach der Hütte, deren Schornſtein jetzt einen blauen durchſichti⸗ gen Dampf entſendete, der allmälig in den Wolken ver⸗ ſchwamm. Der Graf und Hahdee betrachteten einige Augenblicke ſchweigend die beſcheidene Wohnung. Ein unausſprechliches Gefühl bedrückte ſie, ſo wie ſie ſich immer weiter ent⸗ fernten. „Hahdée,“ ſagte der Graf,„was meinſt Du? müſ⸗ ſen die Bewohner dieſer Hütte nicht recht glücklich ſein?“ „Ja, ja, ſehr glücklich!“ antwortete die junge Frau, eine Thräne unterdrückend. Der Graf blieb unbeweglich und hielt die Augen im mer noch auf die Hütte geheftet, deren Umriſſe in dem Hin⸗ ter ber ken Ra um eine ſtü tun tati wel ner dem rief iſt beha wärt dée. Hilf ſich Beei nicht er de den aber, verhi vorbe hlag Blick wel⸗ ohne in ollte, arker Hah⸗ riffen unde Kacht e auf Dach ichti⸗ ver⸗ blicke liches ent⸗ müſ⸗ n2 Frau, nim Hin⸗ — 99 2 tergrunde des Thales ſich deutlich hervorhoben. Plötzlich bemerkte er mit Erſtaunen, daß dichte, ſchwarze Rauchwol⸗ ken aus der Mitte des kleinen Gebäudes aufſtiegen. Dieſe Rauchſäulen wurden immer ſtärker und der Graf begann unruhig zu werden. Noch aber hatte er nicht Zeit gehabt, einen Entſchluß zu faſſen, als er das Dach der Hütte ein⸗ ſtürzen ſah. Ein Angſtgeſchrei, welches aus dieſer Rich⸗ tung zu kommen ſchien, ließ ſich hören, obſchon die Vege⸗ tation des Bodens nicht geſtattete, die Perſonen zu ſehen, welche dieſen Ruf ausſtießen. „Es brennt! Es brennt dort unten!“ ſagten die Die⸗ ner des Grafen. „Das iſt nur zu wahr!“ entgegnete dieſer letztere mit dem Ausdruck des Schmerzes und der Theilnahme. „O, eilen wir doch dieſen Unglücklichen zu Hilfe!“ rief Hahdér. „Das wäre vergebens!“ entgegnete der Graf;„die Hütte iſt ſchon faſt niedergebrannt, aber ihre Bewohner ſind wohl— behalten, denn ich höre ihren Ruf. Gott ſchütze ſie. Vor⸗ wärts!“ „O nein, nein, mein Herr und Gemahl,“ rief Hah⸗ dee.„Sie ſind gut und edelmüthig, eilen wir ihnen zu Hilfe. Dieſe gute Frau iſt Mutter— vielleicht ſieht ſie ſich jetzt in den größten Mangel am Nothwendigſten verſetzt. Beeilen wir uns.“ Der Graf konnte dieſer Aufwallung von Menſchenliebe nicht widerſtehen und gab Hahdée's Bitten nach. Indem er den Arm durch das Wagenfenſter ſtreckte, bedeutete er den Poſtillon wieder umzukehren bis an den Fußſteig. Der Wagen lenkte ſofort um, in dem Augenblicke aber, wo er das Thal erreichte, kamen zwei Reiter mit verhängten Zügeln und in eine Staubwolke gehüllt, dicht vorbrigeſprengt. „Jeſus!“ murmelte Hahdée. Der Graf fuhr unwillkürlich zuſammen und verſuchte — 100— die beiden Reiter zu erkennen. Die Schnelligkeit aber, mit hei welcher ſie dahinraſten, machte den Verſuch des Grafen We vergeblich. Mi Nicht lange darauf hielt der Wagen an dem Fußſteige, kon der Graf ſtieg aus und Hahdée wollte ihn bis auf den ver Schauplatz der Feuersbrunſt begleiten, wo man ganz deut⸗ und lich eine klagende Frauenſtimme vernahm. Anſtatt der Hütte, in welcher der Graf von Monte⸗ mit Chriſto übernachtet, war jetzt nur noch ein qualmender„da Schutthaufen zu ſehen. ruh „Schweigt, gute Frau, und boruhigt Euch,“ ſagte die Hahdee in ſchlechtem Italieniſch, ſobald ſie das Ende des geſe Fußſteig's erreicht hatte.„Verzweifelt nicht an der Barm⸗ herzigkeit des Himmels, welche unendlich iſt! Wir kommen ſchu Euch zu Hilfe.“ antt „Zurück, Elende!“ rief die Frau des Jägers, indem wrilt ſie der ſchüchternen Hahdée mit ihren geballten Fäuſten geſt drohete;„Du haſt in unſerem Hauſe Feuer angelegt!“ Str „Mein Gott, was ſagt Ihr da?“ „Die Wahrheit— und dieſer Mann, dieſer Verfluchte, gedi der Dich begleitet, weiß es wohl, ob ich die Wahrheit ſage.“ „Sie hat den Verſtand verloren!“ murmelte Hahdée„W wehmüthig, indem ſie ſich nach ihrem Gatten umſah, deſ⸗ Ihr ſen unbewegliche Züge einen ſeltſamen Gegenſatz zu dem Ausdruck der Wuth bildeten, die ſich in allen Zügen ud tete Geberden der Frau des Jägers verrieth. nihe Der Graf ſah ſich um, als ob er das abſtoßende Ge⸗ ſicht des Feldhüters zu entdecken ſuchte. Hah In der That war er da, mit dem linken Arme an den Stamm eines Baumes gelehnt, während er in der erſt rechten ſeine Flinte hielt. „Ich habe den Verſtand nicht verloren,“ rief die Frab, Befe „o nein, ich habe nicht den Verſtand verloren! Eher ſcheint beliel dies mit Euch der Fall zu ſein, denn nicht zufrieden mit hatte dem Unheil, welches Ihr hngerichtet, treibt Ihr die Keck⸗ Kop mit rafen teige, den deut⸗ onte⸗ ender ſagte des arm⸗ nmen ndem uſten uchte, age.“ hdée deſ⸗ dem und 0 heit ſo weit, daß Ihr wieder hierher kommt, um Euer Werk zu betrachten. O, ich weiß Alles, Alles! Eure Witſchuldigen haben ſo laut geſprochen, daß ich ſie hören konnte! Ich weiß Alles, ja Alles,“ wiederholte ſie in verzweiflungsvollem Tone, indem ſie mit dem Fuße ſtampfte und ſich das Haar ausraufte. „Gute Frau,“ ſagte der Graf von Monte⸗Chriſto mit ſeiner unerſchütterlichen Kaltblütigkeit und ſeinem Ernſte, „das Uebermaß Eurer Verzweiflung iſt furchtbar! Be⸗ ruhigt Euch und erklärt uns, nicht Eure Worte, welche die Frucht Eures aufgeregten Zuſtandes ſind, ſondern was geſchehen iſt.“ „Nun ſo betrachtet dieſen Schutthaufen und dieſes un⸗ ſchuldige Geſchöpf, welches jetzt kein Brod mehr hat!“ antwortete der Jäger, indem er dieſe Worte mit einem wilden Blick, der bald auf den Ort zeigte, wo die Hütte geſtanden, bald auf ein Kind, welches in der Nähe einiger Sträucher auf dem Mooſe lag, begleitete. „Eure Mitſchuldigen haben Euch diesmal nicht gut gedient,“ fuhr der Jäger fort. „Was ſagt Ihr da?“ rief der Graf mit ſtrenger Miene. „Welche Mitſchuldige meint Ihr? Wißt Ihr, mit wem Ihr ſprecht?“ „Ob ich es weiß! Ich will es Euch ſagen,“ antwor⸗ tete der Jäger, indem er ſich aufrichtete und einen Schritt näher trat. „O, mein Herr und Gemahl, fliehen wir!“ rief Hahdee, indem ſie ihren Gatten in ihre Arme ſchloß. „Schweig, Hahdée,“ ſagte er ſanft.„Hören wir erſt dieſen Mann. Redet!“ „Dazu bedarf ich nicht erſt Eure Erlaubniß oder Eures Befehl's. Wenn ich rede, ſo geſchieht es, weil es mir ſo beliebt, weil Ihr wiſſen ſollt, daß ich erſt die Abſicht hatte, Euch nachzulaufen und Euch eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wie ich geſtern eine Eurem Pferde in die Bruſt gejagt habe und wenn es nicht noch in dieſem Au⸗ genblicke geſchieht, ſo liegt der Grund davon darin, daß Ihr Diener mithabt, die Euch rächen würden. Aber nur Geduld, Tag und Stunde werden ſchon kommen! Mitt⸗ lerweile will ich Euch ſagen, wer Ihr ſeid! Ihr ſeid ein Erbärmlicher, ein Schurke, der hundertmal ſchlechter iſt, als ich! Was thue ich auch im Grunde ge⸗ nommen? Ich lauere guf der Landſtraße dem Wagen des Reiſenden auf, ich ſchießerihm ein Pferd nieder, ich ver⸗ hindere blos auf einige Stunden die Fortſetzung der Reiſe und dann erwarte ich in meiner Hütte, daß die Reiſenden daſelbſt eintreten, um zu übernachten, wofür ich dann ei⸗ nige Piaſter bekomme. Ihr aber— Ihr fahrt in einer prachtvollen Equipage einher und ſchickt zwei Reiter voraus, die ein zwei⸗ oder dreijähriges Kind mit ſich ſchleppen. Dieſe Reiter pochen an die Thüre des beſtimmten Hauſes und verlangen, daß man das arme kleine Geſchöpf auf⸗ nehme. Später kommt Ihr hinzu, Ihr pocht an die Thüre deſſelben Hauſes, man nimmt Euch auf, Ihr ſtellt Euch freigebig, damit man Euch nicht draußen laſſe und nach einigen Stunden macht Ihr Euch wieder auf den Weg, nachdem Ihr Euren Mitſchuldigen den Ort bezeichnet, wo man, wie Ihr mittlerweile ausgewittert, ſein Geld auf⸗ hebt. Eure Mitſchuldigen rauben es, nehmen das Kind wieder, legen Feuer an und verſchwinden, um daſſelbe ſchändliche Spiel an irgend einem andern Orte zu wieder⸗ holen!— Du ſiehſt alſo, daß ich nicht von Sinnen bin, mein vornehmer Herr Schleichhändler!“ Der Graf veränderte während dieſer eben ſo außeror⸗ dentlichen als unerwarteten Rede des Jägers keine Miene. Er wartete vielmehr ruhig bis der Mann fertig war und ſchwieg. „In der That,“ ſagte er dann,„nur die Zeit kann mich gegen dieſe eben ſo falſche als unſinnige Anklage ver⸗ theidigen. Indeſſen erlaubt mir, Euch die Mittel zu bie⸗ ter Et mi un mit „F ſim wer det zeil här Per die ſchr — 103— Au⸗ ten, Eure Hütte wieder aufzubauen und um Brod für daß Eure Kinder zu kaufen. Erklärt Euch aber und erzählt nur mir ruhig von den Mitſchuldigen, die Ihr mir beimeßt Ritt⸗ und von dem Kinde, welches ſie mit ſich führen.“ Ihr Mit dieſen Worten zog der Graf eine goldgefüllte tmal Börſe und bot ſie dem Jäger, deſſen Lippen ein verächtli⸗ ge⸗ ches Lächeln umſpielte. des„Ich danke für Eure Freigebigkeit! Ich kenne ſchon ver⸗ die Münze, die Ihr mir bietet.“ Reiſe„Es iſt falſches Geld!“ rief die Frau.„Ja, es iſt nden falſches Geld. Ich habe es aus dem Munde Eurer Mit⸗ n ei⸗ ſchuldigen gehört, während ſie mitten in der Nacht mit einer einander plauderten.“ raus,„Behaltet Euer Geld, mein feiner Herr!“ hob der bpen. Jäger mit größerem Nachdruck wieder an;„behaltet es auſes und geht anderswohin, wo man Euch nicht ſo genau kennt, auf⸗ wie hier.“ hüre„Guter Mann,“ ſagte der Graf.„Ohne Zweifel Euch ſeid Ihr in einem großen Irrthum befangen— ich bin nach der Graf von Monte-Chriſto.“ Weg,„Hinweg, Betrüger!“ ſchrie der Jäger, indem er wo mit dem Kolben ſeiner Flinte heftig auf den Boden ſtampfte. auf⸗„Fort von hier, beleidigt nicht das Unglück noch obendrein!“ Kind„Fliehen wir, fliehen wir! Dieſe Menſchen ſind wahn⸗ ſſelbe ſinnig,“ murmelte Hahdée, indem ſie ſich bemühete, den eder⸗ Grafen fortzuziehen. bin,„Nein, theure Freundin, nein. Ich muß entdecken, wer der Urheber dieſes ſchändlichen Lügengewebes iſt. Re⸗ eror⸗ det! Im Namen Gottes, redet! wackerer Mann! Ich ver⸗ diene. zeihe Euch alle Beleidigungen, mit welchen Ihr mich über⸗ und häuft habt, aber ſagt mir, ich beſchwöre Euch, wer die Perſonen waren, die Ihr in Euer Haus aufgenommen und kann die ein Kind mit ſich führten.“ ver⸗„Wollt Ihr mich vielleicht um den Verſtand bringen?“ bie⸗ ſchrie der Feldhüter wüthend, indem er den Hahn ſeiner —— — 104— Flinte ſpannte.„Ich jage Euch ſofort eine Kugel in den Leib, wenn Ihr mich nicht von Eurer Gegenwart befreit.“ „Erbarmen!“ rief Haydse, indem ſie ſich vor den Grafen ſtellte. „O mein Gott!“ murmelte Monte⸗Chriſto mit einem langen wehmüthigen Seufzer,„iſt es denn unmöglich, den Schlüſſel zu dieſem entſetzlichen Räthſel zu bekommen!“ In allem dieſen lag Nichts, was in den Augen des Jägers die Unſchuld des Grafen bewieſen hätte, und es wäre daher unklug geweſen, dieſen Auftritt verlängern zu wollen. Der Graf von Monte-Chriſto ergab ſich daher in den Willen des Himmels und entfernte ſich langſam von dem Orte, wo man ſeinem Namen fluchte. Bei jedem Schritte blickte Hahdee zitternd zuruͤck, um die Bewegungen des furchtbaren Jägers zu beobachten, der das geſpannte Gewehr noch in den Händen hielt. Einige Augenblicke darauf gelangten ſie an den Wa⸗ gen, der ſie an der Straße erwartete und ſofort davon rollte. Nachdem der Graf einen Augenblick lang das engel⸗ gleiche Antlitz Hahdée's betrachtet, richtete er die Augen gen Himmel, als ob er dieſen um ſeinen Schutz für ſie anflehte. Ohne Zweifel ahnte er, was geſchehen würde. An der Biegung des Thales krachte ein Schuß und der Graf hörte eben ſo wie ſeine Gattin das Pfeifen einer Ku⸗ gel, welche kaum zwei Zoll weit zwiſchen ihren Köpfen quer durch den Wagen hindurch ſauſte. „Jeſus!“ rief Hahdéeß indem ſie den Grafen mit ih⸗ ren Armen umſchlang;„ich will mit Dir ſterben.“ Das einzige Nittel eine Kataſtrophe zu umgehen, war die Schnelligkeit. Der Graf gab daher dem Poſtillon ei⸗ nen Wink und die Pferde fielen in Galopp. Der Wagen verſchwand auf der Straße in den Staubwolken, die er auf⸗ wirbelte. Ein paar Minuten ſpäter krachte ein zweiter Schu Entfe — keit u e Tage Flore ihn mer Cach noch bei ſ tucci ter Gra die der Moi ich über gew über fen nich des es zu her von um der Wa⸗ von gel⸗ igen ſie irde. der Ku⸗ quer tih⸗ war n ei⸗ agen auf⸗ veiter 1 — 105— Schuß, aber diesmal ging die Kugel in ziemlich großer Entfernung vorüber. Die erſchrockenen Pferde verdoppelten ihre Schnellig⸗ keit und jagten dahin, wie von einem Sturmwinde getragen. Neuntes Kapitel. Ueberraſchung auf Ueberraſchung. Dr Graf von Monte-Chriſto hatte ſchon vierzehn Tage vor ſeiner eigenen Abreiſe ſeinen Intendanten nach Florenz vorausgeſchickt, damit dieſer daſelbſt ein Hotel für ihn in Bereitſchaft ſetze. Meiſter Bertuccio hatte wie im⸗ mer ſeine Miſſion buchſtäblich ausgeführt. Eine der reizendſten Wohnungen in der Nähe der Cachinas war gemiethet und eingerichtet und es fehlte nur noch an einer einfachen Formalität, damit der Graf gleich bei ſeiner Ankunft von ſeinem Hotel Beſitz nehmen konnte. Dieſe Formalität war ſo einfach, daß Meiſter Ber⸗ tuctio trotz ſeiner Erfahrung und großen Klugheit ſich wei⸗ ter gar nicht darum kümmerte. Er berechnete, daß der Graf in längſtens drei Tagen ankommen müſſe und legte die letzte Hand an die Organiſation des Hausdienſtes, als der Eigenthümer des Hotels erſchien. „Sie haben mir dieſes Hotel für den Grafen von Monte-Chriſto abgemiethet, mein Herr,“ ſagte er,„und ich war auch Willens, Ihnen die Schlüſſel definitiv zu übergeben. Heute aber hat die Sache eine andere Geſtalt gewonnen und nach gewiſſen Mittheilungen, die man mir über Ihren Herrn gemacht hat, würde ich dem Herrn Gra⸗ fen von Monte-Chriſto mein Haus um Alles in der Welt nicht vermiethen. Demzufolge weigere ich mich poſitiv, den Contract zu unterzeichnen, durch welchen unſer münd⸗ liches Abkommen erſt Gültigkeit erhält.“ Vergebens machte Bertuccio Gegenvorſtellungen, ver⸗ gebens ſchrie er über Unredlichkeit, vergebens drohete er ſeine Rechte geltend zu machen. Der Beſitzer beharrte feſt bei ſeiner Weigerung, den Grafen von Monte-Chriſto, der, wie er ſagte, ein ſehr gefährlicher Gaſt wäre, in ſein Haus aufzunehmen. Als Bertuccio ihn fragte, was er damit ſagen wolle, begnügte er ſich, ihn mit einer Miene anzublinzeln, welche zu ſagen ſchien: „Ach, gehen Sie doch! Sie wiſſen es beſſer als ich.“ Dann drehete er ſich, den Kopf ſchüttelnd, auf dem Abſatz herum und ließ Meiſter Bertuccio in Betracht der kurzen Zeit, die er noch vor ſich hatte, in großer Verle⸗ genheit zurück.„ Bertuccio erinnerte ſich nun der ſo dringenden Aner⸗ bietungen des berühmten Poniatowski und ging daher zu ihm mit der Abſicht, diesmal dieſelben anzunehmen, aber o Ueberraſchung, der eifrige Poniatowski war die Kälte ſelbſt geworden. Er hatte keine paſſenden Zimmer mehr, ſein Hotel war vom Erdgeſchoß bis unter das Dach hin⸗ auf beſetzt und als Bertuccio mit einer, eines beſſeren Schickſales würdigen Ausdauer auf ſeinem Verlangen be⸗ harrte, erklärte ihm Poniatowski frei heraus, daß ihm durchaus Nichts daran läge, ihn in ſein Hotel aufzuneh⸗ men, weil gewiſſe Gerüchte über ſeine Extellenz umliefen, Gerüchte von ſo ſeltſamer Art, daß es geradezu unmöglich ſei, ihn in irgend ein Hotel aufzunehmen. Aber was wa⸗ ren denn dies für Gerüchte? Bertuccio ſtellte dieſe Frage an Poniatowski, der die Achſeln zuckte und ihm den Rücken zukehrte. Bertuccio lief nun ganz wüthend zu Corſini Mon⸗ fort, welcher eben ſo wie Poniatowski Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten häufte und endlich erklärte, daß er den Her Su fen behi Nic ſich Bei eine wer len; füg Int und zug Chr die zule Ber den Der Ber ſon geb Chr Na im nünd⸗ ver⸗ te er e feſt riſto, ſein wolle, welche ich.“ dem er Verle⸗ Aner⸗ e e aber Kälte mehr, hin⸗ eſſeren n be⸗ ihm zuneh⸗ liefen, nöglich s wa⸗ er die Mon⸗ en au r den — Herrn Grafen nicht anders, als gegen eine bedeutende Summe und unter gewiſſen, im Intereſſe der öf⸗ fentlichen Sicherheit zu ſtellenden Bedingungen beherbergen könne. Bertuccio wußte nicht, ob er träume oder wache. Nichtsdeſtoweniger und da die Zeit drängte, entſchloß er ſich, den verlangten Preis zu bezahlen und die geſtellten Bedingungen ſeiner Erwägung zu unterziehen. Eine dieſer Bedingungen war, daß alle Lichter mit einem Drahtnetz, welches die Glaskugeln bedeckte, verſehen werden müßten und daß Streichzündhölzchen ſeiner Excel⸗ lenz dem Herrn Grafen von Monte-Chriſto nicht zur Ver⸗ fügung geſtellt werden könnten. „Das iſt nicht übel! Warum denn nicht?“ fragte der Intendant. „In Florenz geht das Gerücht, daß der Graf von Monte-Chriſto ein wenig an ſeinem Verſtande gelitten hat und daß ſein Wahnſinn begonnen hat, ſich dadurch kund— zugeben, daß er einen Palaſt, den er auf der Inſel Monte⸗ Chriſto beſaß, in Brand geſteckt hat. Seine Excellenz hat die Manie, in allen Häuſern, welche er betritt, Feuer an⸗ zulegen.“ Vergebens erſchöpfte Bertuccio alle Hilfsquellen ſeiner Beredtſamkeit, um dem Florentiner den vollkommen geſun— den Verſtand des Grafen von Monte-Chriſto zu beweiſen. Der Florentiner beharrte bei ſeiner Behauptung. Am Tage vor der Ankunft des Grafen ſah Meiſter Bertuccio zu ſeinem großen Erſtaunen, daß ein ganz be⸗ ſonderes Ereigniß dazu beitrug, dem Florentiner Recht zu geben. Jemand erzählte in der Stadt, der Graf von Monte⸗ Chriſto habe, nachdem er auf dem Wege nach Florenz die Nacht in der Hütte armer Leute zugebracht, dieſe Wohnung im Augenblicke ſeiner Abreiſe in Brand geſteckt. Während dies noch beſprochen ward, langte der Graf an. Mehrere Perſonen von ſeiner Bekanntſchaft gingen ihn — 108— zu begrüßen, ließen ſich aber dabei nicht undeutlich das Mit⸗ leid merken, welches ihnen der vorgebliche Geiſteszuſtand des reichen Fremdling's einflößte. Hahdée war niedergeſchlagener als je. Auf ihrem, gleich der Roſe des Orient's einfachen und anmuthigen Antlitz, malte ſich die Bitterkeit des Kummers, der ſie verzehrte. In Folge dieſes bedauernswerthen Geſundheitszuſtandes konnte der Graf nicht, wie er gewünſcht hätte, ſofort nach der Inſel Monte-Chriſto abreiſen, ſondern mußte einige Tage länger, als er vorher geglaubt, in Florenz verwei⸗ len, weil er glaubte, daß Hahdée's Zuſtand ſich beſſern würde. Die unglückliche junge Frau aber ſchien immer matter und matter zu werden und die Aerzte verſicherten, daß die geringſte körperliche Anſtrengung ihr tödtlich wer⸗ den könne. Das Abenteuer mit dem Feldhüter hatte auf ihr Ge⸗ müth eben ſo wie auf das des Grafen einen tiefen Ein⸗ druck gemacht, doch legte die arme Mutter, erfüllt von dem grauſamen Schmerze, ihr Kind verloren zu haben, kein ſo großes Gewicht darauf, als der Graf, der in der Ueberlegenheit ſeines Geiſtes die nöthige Kraft fand, um mit kaltem Blute die Gefahr oder das Verhängniß in's Auge zu faſſen, ſo drohend auch das eine und ſo offen⸗ kundig auch das andere wäre. Der Graf brachte ganze Nächte am Bett Hahdérs zu und dachte über die Worte nach, welche der Feldhüter an ihn gerichtet. Wer konnten jene geheimnißvollen Perſonen und jenes Kind ſein, welches ſo zu ſagen einen Theil ih⸗ res Gepäck's ausmachte? Eben ſo fragte er ſich, aber ohne eine auch nur einigermaßen plauſible Antwort darauf fin⸗ den zu können, wer der unbekannte Feind ſei, der ihn ver⸗ folgte. Sollte er dem Glauben beimeſſen, was ihm jene geheimnißvolle Maske auf dem Balle der Grafen Gradenigo“ in Venedig verkündet? Der Graf verlor ſich in allerhand Mut ſchw dée' und dem wöh wir bem drüc iſt u Aber ſen, Geg frein der droh zu e von uß, Und Hah eren ſeine glück droh noch noch auch — 109— Mit⸗ Muthmaßungen. So viel ſchien klar, daß das Unglück tand„ ſchwer auf ihm zu laſten begann. Er heftete ſeinen feſten, durchdringenden Blick auf Hah⸗ rem dee's Antlitz, deren Augen vom Schlafe geſchloſſen waren, igen und zum erſten Male in ſeinem Leben ſchauderte er unter ſi edem Einfluſſe eines Gefühl's, deſſen Kundgebung durch ge— wöhnliche Worte kaum möglich iſt. Wie oft iſt dies uns ſchon geſchehen! HOft werden nach wir von einer Idee ergriffen, die ſich unſeres ganzen Sein's ndes inige bemächtigt. Wir wollen ſie in gewöhnlicher Sprache aus⸗ wet drücken, aber die Worte fehlen uns, weil die Idee unklar ſſern iſt und nicht mit einem beſtimmten Bild in Beziehung ſteht. Aber dennoch begreifen wir ſie vollkommen gut; wir wiſ— rten, ſen, welcher Urſache ſie ihre Entſtehung verdankt, welchen wet⸗ Gegenſtand ſie umfaßt. Ge Der Graf zitterte unter dem Einfluſſe eines dieſer un⸗ Ein⸗ freiwilligen Gedanken— und dieſer Gedanke— war der F der Reue. aben, Er fühlte, daß das Unglück ihn auf eine Weiſe be⸗ der drohte, daß es nicht möglich ſein würde, ſeinen Streichen um zu entrinnen. Sich groß und mächtig fühlend, gleich einem ins von Gott zwiſchen die Menſchen geſtellten furchtbaren Ko⸗ ffe⸗ loß, ſah er wohl ein, wie entſetzlich ſein Sturz ſein müſſe! Und nun bereuete er, dieſes unſchuldige Weib, die ſchöne s zu Hahdée, an ſein Schickſal gefeſſelt zu haben. ran Dies war es, was der Graf fühlte, dies war es, was ſonen er nicht durch Worte hätte ausdrücken können, wenn er lih⸗ ſeine Gedanken zu dolmetſchen verſucht hätte. ohne Der Graf faßte einen Entſchluß. HObſchon das Un⸗ fin⸗ glück, welches ihn treffen ſollte, ja, welches ihn ſchon traf, er drohend und entſetzlich war, ſo verlangte ſeine Pflicht den⸗ jene noch, es zu bekämpfen und ihm zu widerſtehen, ſo lange enigo⸗ noch ein Athemzug in ſeiner Bruſt lebte! Dies wollte er rhand guch thun, nicht blos aus Liebe zur Selbſterhaltung, ſon⸗ — 10— dern auch wegen der unſchuldigen und reinen Frau, deren Exiſtenz mit der ſeinigen verknüpft war. Die Nacht war ſchon weit vorgerückt; der Graf ſtand auf, drückte einen Kuß auf die Stirn der ſchlafenden Hah⸗ dée und entfernte ſich von dem Bette, auf welchem ſie ruhete. Schon waren acht Tage verfloſſen, ſeitdem er in Flo⸗ renz war und während dieſer ganzen Zeit hatte er nicht ein einziges Mal den Dampf des Tabak's geſchmeckt. Jetzt fiel ihm ein, ſeinen prachtvollen Tſchibuk anzuzünden und ſich jener wonnigen Schläfrigkeit hinzugeben, welche der Rauch dieſer von den Orientalen ſo werth gehaltenen Pflanze erzeugt. Nachdem er ſeine Pfeife ſich zurecht gemacht, ſchauete er ſich um, wie um Licht zu ſuchen. Das Licht war aber ſehr hoch angebracht und überdies durch eine, in einem Retz von Meſſingdraht eingeſchloſſenen Glaskugel verwahrt. Nach⸗ dem er ſich von dieſer Thatſache überzeugt, öffnete er die Thüre des Zimmers und begab ſich in das Nebengemach, wo er einen ſeiner Leute zu finden Zedachte, denn Kraft eines ſchon längſt beſtehenden Befehl's ſollte ein Diener ſtets in dem an das Zimmer des Grafen ſtoßenden Gemach die Wache haben. Hier befand ſich auch in der That ein Neger, welcher, nach orientaliſcher Weiſe auf dem Teppich ſitzend, halb ein⸗ geſchlafen zu ſein ſchien. Der Graf weckte ihn und er ſtand blitzſchnell auf den Füßen.. „Feuer, Ali! Der Neger verneigte ſich und ging hinaus, um zu ge⸗ horchen. Einige Augenblicke darauf aber trat er wieder ein und machte mit den Armen allerhand Geberden, als ob e ſtumm wäre. „Sie wollen Dir kein Feuer geben?“ ſagte der Graf, der habe ich i und nem ging Scht ſah, Ital Art Ober ſeine währ ſonde lich Griü ben anzu in m wart Ihre ſen deren ſtand Hay⸗ m ſie Flo⸗ nicht Jetzt und der lanze auete aber Netz Rach⸗ r die mach, Kraft ſtets ch die elcher, b ein⸗ if den zu ge⸗ n und ob et Graf, ſah, deſſen Thüre er aufſtieß. —— der die Pantomime des Negers Ali verſtand;„bielleicht haben ſie Dich nicht recht verſtanden.“. „O ja,“ ſagte der Schwarze.* „In dieſem Falle werde ich ſelbſt darnach gehen; wenn ich in Europa bin, ſo füge ich mich in die unhöfliche Art und Weiſe, auf welche man in den öffentlichen Hotels ei⸗ nem Gaſt begegnet.“ NWit dieſen Worten verließ der Graf das Gemach und ging den Corridor entlang, wo er, nachdem er einige Schritte weit gekommen, Licht in einem kleinen Cabinet . „Ich bitte um Entſchuldigung,“ ſagte der Graf auf Italieniſch, indem er in das Cabinet trat, welches nach Art eines Bureaus möblirt war und in welchem ſich ein Oberdiener des Hotels anweſend befand. „Was wollen Sie?“ fragte der Diener, ohne von ſeinem Stuhle aufzuſtehen. „Sie ſtehen wohl im Dienſte des Hotels, mein Herr?“ „Allerdings und es iſt gebräuchlich, daß Jemand hier während der Nacht wacht, beſonders wenn dazu ganz be⸗ ſondere Gründe vorhanden ſind.“ „Dieſe Einrichtung iſt an und für ſich ganz vortreff⸗ lich und ich verlange keineswegs die ganz beſonderen Gründe zu kennen, welche Veranlaſſung dazu gegeben ha⸗ ben können. Ich komme ganz einfach, um meine Pfeife anzuzünden, weil meine Diener vergeſſen haben, ein Licht in mein Zimmer zu ſtellen.“ „Und werden Sie hier rauchen, in meiner Gegen⸗ wart?“ „Wozu dieſe Frage?“ „Weil ich außerdem nicht erlauben werde, daß Sie Ihre Pfeife anzünden.“ „Sie werden es nicht erlauben? Wahrſcheinlich wiſ⸗ ſen Sie nicht, was Worte zu bedeuten haben?“ „O, das weiß ich recht wohl, mein Herr„ antwor⸗ tete der Diener, indem er ſich erhob. „Wie? was ſoll das heißen?“ „Es ſoll heißen, daß Sie mit brennender Pfeiſe die⸗ ſes Cabinet nicht verlaſſen werden.“ „Iſt es denn in Florenz verboten, zu rauchen?“ „Durchaus nicht, mein Herr. Ich habe Nichts da⸗ gegen, daß Sie Ihre Pftife rauchen, ſondern blos, daß Sie von hier fortgehen, ohne ſie vorher ausgelöſcht zu haben.“ „Ich kann Ihnen verſichern, daß dies die intereſſanteſte Converſation iſt, die ich jemals in meinem Leben geführt habe,“ ſagte der Graf, indem er ſeine Pfeife anzündete und rauchte.„Gute Nacht! ich will ſchlafen gehen.“ „Sie werden das Zimmer nicht verlaſſen,“ entgegnete der Diener, indem er die Thüre verriegelte. „Unverſchämter!“ „Sie werden das Zimmer nicht verlaſſen! Ich bitte um Entſchuldigung, aber ich kann Ihnen nicht erlanben, dieſes Zimmer mit brennender Pfeife zu verlaſſen.“ „Wohrſcheinlich ſind Sie halb im Schlafe— der Schlaf äußert oft die Wirkung des Weines und macht die Menſchen ein wenig närriſch— aber dennoch mangelt mir die Geduld, Ihren Zuſtand länger zu ertragen. Er en⸗ nuhirt mich! Gehen Sie weg, mein Herr!“ Nit dieſen Worten faßte der Graf den Diener ſanft mit der Hand an der Schulter und ſuchte ihn hinwegzu⸗ drängen, der Florentiner aber klammerte ſich an beide Sei⸗ ten der Thür an und blieb feſt. „Wohlan, ich ſehe, daß Sie ſich vorgenommen ha⸗ ben, mich zu erzürnen!“ „Und Sie, Sie wollen die Bedingungen übertreten, die wir geſtellt haben, als Sie Ihre Zimmer in dieſem Hauſe miethen ließen.“ „Ich?— Und was ſind das für Bedingungen?“ anzu hier mir renti fortz ſen: die durc laſſe vor Sau vom Wili ihn ſchad ihn i die dem ie⸗ da⸗ daß zu teſte ührt dete nete bitte iben, der t die mir r en⸗ ſanft egzu⸗ Sei⸗ n ha⸗ treten, dieſem „Die wichtigſte iſt, kein Feuer in Ihren Gemächern anzuzünden, nicht einmal zum Gebrauch für Ihre Pfeife.“ Der Graf lachte laut auf. „Und wenn Sie verſuchen mit brennender Pfeife von hier fortzugehen, ſo ziehe ich dieſe Schnur und ſofort wird mir Jemand zu Hilfe kommen.“ Der Graf vernahm mit Erſtaunen die Worte des Flo⸗ rentiners und war begierig, das begonnene Verhör weiter fortzuſetzen. „Und darf man fragen, was die Veranlaſſung zu die⸗ ſen Bedingungen gegeben hat?“ „Ich weiß es nicht, mein Herr, ich befolge einfach die Befehle, die mir ertheilt worden ſind.“ „Fürchtet man Feuerſchaden?“ „Ich glaube ja, mein Herr; es geſchieht das zuweilen durch eine einfache Nachläſſigkeit— Ich habe mir ſagen laſſen, daß in Folge einer dieſer einfachen Nachläſſigkeiten vor wenigen Tagen an der Straße von Florenz das kleine Haus niedergebrannt iſt, in welchem Sie übernachtet hatten.“ „Und woher wiſſen Sie das?“ fragte der Graf, wie vom Donner gerührt. „Der Beſitzer des Hauſes iſt Feldhüter und liefert das Wildpret für unſer Hotel.“ „Aber man muß doch Vertrauen zu den Menſchen haben.“ „Vertrauen! zu gewiſſen Menſchen, ja,“ unterbrach ihn der Florentiner;„zu gewiſſen aber wieder nicht—“ „Dann mißtrauen Sie mir alſo?“ „Keineswegs, mein Herr, aber Vorſicht kann Nichts ſchaden.“ Der Graf begriff nun Alles. Er begriff, daß man ihn im Geheimen der Brandſtiftung beſchuldigte, da aber die Juſtiz ihn bis jetzt unbeläſtigt gelaſſen, ſo kam er zu dem Schluſſe: „Sie halten mich blos für wahnſinnig und behandeln mich demgemäß.“ Die Tottenhand. 3. Band. 8 — 114— „Wohlan,“ ſagte der Graf ruhig, indem er ſeine Pfeife ausklopfte.„Morgen werde ich umſtändlichere Er⸗ klärungen über dies Alles verlangen. Mittlerweile gute Nacht!“ Der Florentiner verneigte ſich ehrerbietig und der Graf ging hinaus. Er konnte die ganze noch übrige Nacht nicht ſchlafen. Das Verhängniß war ihm dicht auf den Ferſen. „O,“ murmelte er wüthend.„Ich muß den Feind kennen lernen, der ſich ſo an meine Schritte heftet.“ Am andern Morgen rief der Graf ſeinen Intendan⸗ ten und hörte aus deſſen Munde mit erheuchelter Gleich⸗ gültigkeit Alles, was der treue Diener bis zu dieſem Au⸗ genblick aus Ehrerbietung und Discretion ihm verſchwei⸗ gen zu müſſen geglaubt hatte. Es gab kein anderes Mit⸗ tel, die öffentliche Meinung Lügen zu ſtrafen, als wenn er ſich der unwiderleglichen Prüfung der Zeit unterwarf. Dieſe ging ihren Gang und der Graf hegte die Hoffnung, die Intrigue zu vereiteln, welche man auf ſo geheimniß⸗ volle Weiſe gegen ihn angeſponnen. Rach Verlauf eines Monats und als Hahdée ſich woh⸗ ler fühlte, beſchloß der Graf, nach der Stadt Piſa abzu⸗ reiſin, wo Haydée bleiben ſollte, während er ſich nach der Inſel Monte⸗Chriſto begeben wollte. Die Anſtalten waren, wie immer, ſehr raſch getrof⸗ fen. Bertuccio war ſchon vier Tage vorher abgereiſt, nach⸗ dem er alle Rechnungeh mit Corſini abgeſchloſſen und der Graf ſtieg, mit Hahdée am Arme, die Stufen des Ho⸗ tels hinab, um in den Wagen zu ſteigen, der ihn erwar⸗ tete, um ihn nach dem Quai zu bringen, wo er ſich in einer Barchetta einſchiffen und mit dieſer den Fluß hinab⸗ fahren wollte. Eine Stunde ſpäter war er mit Hahdöe ſchon weit von der Stadt auf ſeiner Barchetta, als plötzlich die dum⸗ pfen, eine Feuersbrunſt verkündenden Signgle der Sturm⸗ Rocken an ſein Ohr ſchlugen. 3 um die frag ſini, lang gen wir win verſ ein rung Zeit Chr erm ang ſeint Mo men es e lane tem gab zart war es r brar ine r⸗ ute raf icht n. ind an⸗ eich⸗ Au⸗ wei⸗ Mit⸗ venn varf. ung, nniß⸗ woh⸗ abzu⸗ h der etrof⸗ nach⸗ und 3 Ho⸗ rwar⸗ ſich in hinab⸗ weit dum⸗ Sturm⸗ Der Graf drehete ſich erſchrocken nach der Stadt her⸗ um und ſah mit Entſetzen eine dichte, ſchwarze Rauchwolke, die von einem großen Gebäude aufſtieg. „Wo glaubt Ihr, daß dieſes Feuer ſei, meine Freunde?“ fragte er die Leute auf der Barchetta. „Ich wollte d'rauf ſchwören, es wäre das Hotel Cor⸗ ſini, welches brennt!“ antwortete der Eine, nachdem er lange die Richtung des brennenden Gebäudes betrachtet. Hahdée ſah todtenbleich den Grafen an, in deſſen Zü⸗ gen ſich Beſtürzung und Verzweiflung malten. „O,“ murmelte Hahdée,„man ſollte meinen, daß wir überall, wo wir hinkommen, das Unglück zurücklaſſen.“ Mittlerweile ſtieß Bertuccio in Piſa auf faſt unüber⸗ windliche Schwierigkeiten, ſeinem Herrn eine Wohnung zu verſchaffen und es blieb ihm bald weiter nichts übrig, als ein Haus zu kaufen. Bei dieſem Plane blieb er ſtehen. Die zur Ausfüh⸗ rung deſſelben erforderlichen Formalitäten nahmen aber mehr Zeit weg, als er geglaubt, und als der Graf von Monte⸗ Chriſto in Piſa an's Land ſtieg, hatte er trotz ſeines un⸗ ermeßlichen Reichthum's kein Obdach. Es blieb ihm weiter Richts übrig, als unter einem angenommenen Namen in einem Hotel einzukehren, aber in ſeinen Päſſen ſtand ganz deutlich:„Der Graf von Monte⸗Chriſto“— und übrigens war ſein Signale⸗ ment ja allgemein bekannt! Alle wußten im Voraus, daß es einen„Mann von mittlerem, ziemlich ſtarkem Wuchs, me⸗ lancholiſchen Zügen, ſchwarzen Augen und Haaren, lebhaf⸗ tem, glänzendem Blick, faſt horizontal geſpaltenen Munde“ gab, der in Geſellſchaft einer noch jungen, ſchönen und zarten Dame reiſte und daß dieſer Mann Niemand anders war, als der Graf von Monte-Chriſto. Demzufolge war es nicht möglich, von dem vorhin genannten Auswege Ge⸗ 3 brauch zu machen. — 116— Der Graf und Hahdée ſtanden auf dem Quai vor Bertuccio, der ſie hier erwartet hatte. „Alſo, es giebt in Piſa keine Wohnung für mich, Monſieur Bertuccio?“ fragte der Graf, der den Intendan⸗ ten beiſeite genommen hatte. „Ich ſchwöre, daß ich alles Mögliche verſucht habe—“ „Haben Sie nicht das Doppelte geboten?“ „Das Dreifache und das Vierfache,“ antwortete Ber⸗ tucciv. „Zum Trufel! Sie ſind ſehr verſchwenderiſch, Herr Intendant— das iſt nicht recht,“ entgegnete der Graf in erzwungen ſcherzendem Tone und ſah ſich mit zerſtreuter Miene ringsum. „Nun, mein Freund,“ fragte Hahdée herantretend, „wo werden wir hingehen?“ „Das wird uns Monſieur Bertuecio ſagen, denn er allein weiß es. Er hatte mir ſchon das Haus bezeichnet, aber er ſagte mir eben, er habe es vollſtändig wieder vergeſſen.“ „Mein Herr—“ „Wohlan, Monſieur Bertuccio, erkundigen Sie ſich beſſer und während wir einen kleinen Spaziergang machen, um die Stadt anzuſehen, bringen Sie die Sache in Ord⸗ nung. Ich wünſche, daß Sie mich in einer Stunde hier an derſelben Stelle erwarten.“ Nit dieſen Worten machte der Graf eine Geberde mit der Hand und entfernte ſich von Bertuccio, indem er Hahdse den Arm reichte. Bertuctio war ganz beſtürzt. Er wußte, daß, wenn der Graf ſagte, ich will es, ihm dann um jeden Preis gehorcht werden mußte, aber er wußte nicht, auf welche Weiſe er den Willen ſeines Herrn ausführen ſollte. Bertuccio drehete ſich herum und verſchwand in einer der Straßen der Stadt. Dreiviertelſtunden ſpäter kam er ganz außer Athem an die Stelle zurück, wo der Graf ihn verlaſſen. Die gufgeregte gber zufriedene Phiſiognomie des In ſeit Be vor mer In 8 Zw frü den Ch wa mer ſes die Mr „F ſie Zin Aer übe tau Feu neh ver All lich klar Sch vor ich, an⸗ Ber⸗ err f in uter end, ner net, en.“ ſich chen, Ord⸗ hier mit wenn Preis velche einer m er f ihn e des Intendanten verrieth, daß er, wiewohl nicht ohne Mühe, ſeine Miſſion erfüllt hatte. Bald darauf erſchienen auch der Graf und Hahdée. Bertuccio beeilte ſich ſie in ein kleines Haus, nicht weit vom Quai zu führen, wo es ihm gelungen war, drei Zim⸗ mer für Hahdée und ihren Gatten zu miethen. Der Graf hatte die Abſicht, ſich unverweilt nach der Inſel Monte-Chriſto einzuſchiffen und hatte zu dieſem Zwecke ſchon ein kleines Fahrzeug gemiethet. Ein außerordentlicher Vorfall aber zwang ihn noch früher abzureiſen, als er gedacht, nämlich ſchon am folgen⸗ den Tage. Es war mitten in der Nacht, als der Graf von Monte⸗ Chriſto plötzlich durch einen furchtbaren Lärm aufgeweckt ward, welcher auf der Straße den Fenſtern ſeines Zim⸗ mers gegenüber tobte. Er ſtand auf, um die Urſache die⸗ ſes Tumult's zu erfahren. In dem Augenblick aber, wo er die Thüre öffnete, hallte durch das ganze Haus aus dem Munde der erſchrockenen Bewohner der fürchterliche Ruf: „Fruer! Feuer!“ Ein kalter Schweiß trat auf Edmund Dantes Stirn. Er eilte nach Hahdée's Bett und weckte ſie auf, indem er ſie aufforderte, ſich unverweilt zur Flucht zu rüſten. Während Hahdee ſich zitternd ankleidete, füllte ſich das Zimmer mit einer Menge Leute, die ſich mit Beilen und Aerten bewaffnet hereindrängten. Der Boden ſchien ſich überall zu öffnen, um jene bleichen, keuchenden Geſtalten auf⸗ tauchen zu laſſen, die keine der ſchrecklichen Seenen einer Feuersbrunſt vorübergehen laſſen, ohne daran Theil zu nehmen. Die Thüren, welche dieſen Banden gegenüber verſchloſſen blieben, fielen unter Axthieben in Trümmer. Alles ſchrie, lief und arbeitete ohne Ordnung und in gräß⸗ lichem Wirrwarr durcheinander herum, nur von dem un⸗ klaren Vorſatz beſeelt, dem weiteren Umſichgreifen des Feuers chranken zu ſetzen. — 118— Eine der Thüren, welche in das Zimmer des Grafen führten, war unter den Schlägen der Beile eingeſtürzt. Man ſah nun die Diele in Flammen, welche ſich dem Dache mittheilten. Die Feuersbrunſt war heftig und raſch und entwickelte ſich auf furchtbare Weiſe an zwei Punkten des Hauſes zugleich. In dem erſten Augenblicke dieſes tu⸗ multuariſchen Auftritt's, dieſes furchtbaren Gemäldes, wel⸗ ches von der Hand des Satans ſelbſt gemalt zu ſein ſchien, bekümmerte ſich Niemand um den Grafen, Niemand ſuchte ihn, Niemand nannte ſeinen Namen. Haydée in ſeine ſtar⸗ ken Arme faſſend, ging er raſch durch die Flammen und den Rauch hindurch die Treppen hinunter. „O mein Gott!“ rief er,„wer iſt der Feind, der mich ſo unabläſſig und erbarmungslos verfolgt? Er ſteige vor mir auf, dieſer Menſch, oder vielmehr dieſer fluch⸗ würdige Dämon, der mir den Untergang geſchworen.“ Der Graf ſtand auf der Straße; nachdem er ſich un⸗ aufhaltſam durch die lebendige Maſſe Bahn gebrochen, die ſich vor dem brennenden Gebäude bewegte, erreichte er ei⸗ nen kleinen einſamen Platz, deſſen Häuſer durch den Wie⸗ derſchein der nahen Feuersbrunſt beleuchtet wurden. Hier blieb er ſtehen, ſtützte ein Bein auf einen Eckſtein und ließ auf dieſem Bein die ohnmächtig gewordene Hahdée ruhen. „Menſch oder Teufel!“ murmelte er wüthend und zäh⸗ neknirrſchend.„Wer Du auch ſein magſt— zeige Dich, rede und ſag', was Du von mir willſt! Bei dem Gott, der die Welt geſchaffen, bei dem Dämon der Hölle— bei Allem, was es für Dich Heiliges oder Verfluchtes geben kann— erſcheine und ſprich!“ „In der Grotte von Monte⸗Chriſto!“ antwortete eine gellende Stimme, bei deren Klang der Graf ſich von eiſi⸗ gem Entſetzen gepackt fühlte. ————— Mor allei und den ren dem war ein! ches ihr erwa an's ſam liche chen einer bei i ſchw den des gel 6 — em ſc ten tu⸗ el⸗ en, hte ar⸗ und eige uch un⸗ die ei⸗ Lie⸗ Hier ließ hen. zäh⸗ ich, ott, bei eben eine eiſi⸗ Zehntes Kapitel. Die Eitelkeit des Menſchen. (Gonund Dantes ſegelte unverweilt nach der Inſel Monte⸗Chriſto ab. Hahdee begleitete ihn, aber er wollte allein an's Land ſteigen und ſich nach der Grotte begeben. Nachdem man eine Nacht auf dem Meere zugebracht und die Inſel Elba umſegelt, lief das kleine Schiff ohne den geringſten Unfall in die Bucht der Inſel ein. Der düſtere, majeſtätiſche Anblick dieſer Felſen, de⸗ ren von den Strahlen der Morgenröthe vergoldete Gipfel dem Grafen von Monte-Chriſto ſonſt ſo ſchön erſchienen— waren, flößte ihm gegenwärtig eine unbeſtimmte Furcht ein und erweckte in ihm ein Gefühl von Beklemmung, wel⸗ ches er ſich nicht zu erklären vermochte. Die Inſel ſchien öder als je, ihre Felſen kahler und ihr Anblick wilder. Sobald als die Barchetta ihr Boot ausgeſetzt hatte, erwartete der Graf mit Begier den Augenblick, wo er an's Land ſteigen würde und ſchauete mittlerweile aufmerk⸗ ſam nach der Mitte der Inſel, ob er nicht dort eine menſch⸗ liche Geſtalt entdeckte. Es war aber auch nicht der leiſeſte Schatten einer ſol⸗ chen zu bemerken. Kaum ſah man die ſchlanken Umriſſe einer wilden Ziege, die ſich auf den Felſen ſehen ließ und bei dem geringſten Windhauche ſofort ſchüchtern wieder ver⸗ ſchwand. Die Nacht brach bald darauf ein und ſofort folgte auf den leichten Wind die ſchweigende Stille, welche die Fläche des Waſſers ruhen läßt, wie um dem Monde zum Spie⸗ gel zu dienen. * Kein anderes Fahrzeug näherte ſich der Inſel, wie — 120— der Graf bereits beobachtet hatte; aber democh war die Inſel nicht ſo verlaſſen, als ſie es ſchien. Trotz eines prachtvollen Mondſchein's wurden einige Feuer auf der Juſel angezündet. Das höchſte dieſer Feuer ſchien auf dem höchſten der Felſen angebracht zu ſein. Die andern befanden ſich auf verſchiedenen, weniger hohen Punkten längs des Strandes. Es waren im Ganzen ſieben Fruer. Nachdem der Graf die Stellung dieſer Feuer genau beobachtet, erkannte er, daß ſie die Beſtimmung hatten, ihn bis an den Ort zu führen, wo die Auslöſung ſeines Sohnes ſtattfinden ſollte. Er nahm Abſchied von Haydée und trennte ſich dann von ihr, nachdem er ſie drei bis viermal umarmt, als ob er ſie nie wiederſehen ſollte. Die arme Frau, die daran gewöhnt war, blindlings dieſem Manne zu gehorchen, den ſie liebte und der ihr Gatte war, wagte nicht, ihm zu widerſprechen, nachdem ſie gleichwohl eine Zeitlang darauf beſtanden ihn in das Innere der Inſel zu begleiten. Der Graf wollte allein an's Land gehen und that es. Ohne eine andere Waffe als ein Paar gute engliſche Piſtolen und ganz allein begann er den Felſenweg hinauf⸗ zuſteigen und richtete ſich nach dem Scheine der hier und da brennenden Feuer. Eine Viertelſtunde nachher hatte er ſchon vier dieſer Feuer paſſirt und da er deren nur noch drei bemerkte, ſo glaubte er nun in der Nähe des Ortes zu ſein, wo man ihn erwartete. Er ſchauete ſich rings auf der ganzen Inſel um, wie um ſich zu vrientiren und indem er mit den Augen die Höhe maß, in welcher er ſich im Verhältniß zum Meeres⸗ ſpiegel befand und dann dieſe Höhe mit der verglich, auf welcher ſich der Eingang der Grotte befand, erkannte er, daß er, wenn er noch fünfthalb Meter in derſelben Rich⸗ tung emporſtiege, an jene ſtolze Grotte gelangen würde, welche er mehrere Jahre früher mit Begier aufgeſucht. 3 ſich kan ſo gan Gr übr räu ter voll wa bele Mu lich nen Di ſchi mit dre dar Ve ſelt in als jede wir daß ſich die nes der auf ern ngs nau tten, ines dée bis ings ihr dem das llein liſche rauf⸗ id da dieſer ſo man wie n die eeres⸗ auf te er, Rich⸗ ürde, Nachdem er dieſe Berechnung gemacht, hörte er auf ſich nach den Feuern zu richten und ſchlug einen ihm be⸗ kannten Fußſteig ein, der ſpiralförmig aufwärts führte, ſo daß er auf dieſem wenige Minuten ſpäter an den Ein⸗ gang der Grotte gelangte. Dies war allerdings der Ort, an welchem man den Grafen erwartete. Das letzte Feuer, das, welches alle übrigen beherrſchte, brannte unter dem geſchwärzten, ver⸗ räucherten Portal der unterirdiſchen Halle. Der Graf blieb ſtehen und bemerkte mit unruhiger Miene den verfallenen Zuſtand, in welchem ſich dieſes, un⸗ ter ſeiner Leitung im byzantiniſchen Sthle erbauete pracht⸗ volle Portal gegenwärtig befand. Das Innere der Grotte war durch eine an einer der Wände angebrachte Harzfackel beleuchtet. Der Graf ſtieg die Treppe hinab, welche jetzt mit Moos bewachſen war und ſeit langer Zeit von keinem menſch⸗ lichen Fuße betreten worden zu ſein ſchien. Sein Erſtau⸗ nen wuchs, als er den Zuſtand des Innern der Halle ſah. Die Mauern waren nackt, das Gewölbe von Rauch ge⸗ ſchwärzt; auf dem Fußboden lagen verbrannte Bolzſtücken, mit Schutt und Geſtrüpp gemiſcht, zerſtreut umher. Drei ſchöne Statuen von orientaliſchem Marmor, die drei berühmten Courtiſanen Meſſalina, Cleopatra und Phrhne darſtellend, ſtanden vom Rauche geſchwärzt inmitten dieſer Verwüſtung, zu welcher ihre üppige, frivole Haltung einen ſeltſamen Gegenſatz bildete. Von Allem, was es früher Schönes und Prächtiges in dieſer Grotte gegeben, war faſt weiter Nichts übrig, als dieſe halb verſengten Statuen, wie um zu zeigen, daß jeder Menſch von dem Feuer der Leidenſchaften verzehrt wird, wenn er ſie nicht zu dämpfen weiß. Der Graf fühlte zum erſten Male in ſeinem Leben, daß ein vergangener Irrthum auf ihm laſtete. Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, wie um eine peinliche — 122— Viſion zu entfernen. Dann ſchauete er ſich um, wie um ſich zu überzeugen, daß er allein ſei und ſtieß unwillkürlich einen Schrei aus, als er an der Wand die mit ſchwarzen Buchſtaben angeſchriebenen Worte las: „Gebet den Armen zurück, was den Armen gehört. Die Hand des Todten iſt erhoben gegen Edmund Dantes, den falſchen Freund, den grauſamen Geliebten, den blutdürſtigen Kindes⸗ mörder!“ Einige Augenblicke lang blieb er wie angewurzelt ſtehen und heftete die Augen auf dieſe ſeltſamen Worte, deren Sinn ihm nicht ſofort klar ward, deren Ausdruck ihm aber ſchrecklich ſchien. Das Gemiſch von Ueberraſchung und Schrecken, welches ſich in Edmund Dantes' Zügen aus⸗ ſprach, hätte einem Titian zum Modell des bitteren, ſchmerz⸗ lichen Ausdruck's in den Zügen eines Belſazar bei ſeinem ſchwelgeriſchen Gaſtmahle dienen können. Nach dieſem erſten Anblick der Ueberraſchung las Edmund Dantes' zum zweiten Male die verhängnißvolle Inſchrift und ſuchte die moraliſche Bedeutung zu errathen, welche in die⸗ ſen Worten lag. Edmund Dantes! Geiſt war jedoch in dieſem Augenblicke nicht im Stande, dieſe kalte, ſtrenge Prüfung vorzunehmen. Damit der Menſch ſich ſelbſt be⸗ urtheilen könne, muß die Leidenſchaft, welche ſein Inneres verzehrt, ſchlummern und er ſich jedes Gedankens an ſeine perſönlichen Feinde entſchlagen. Der geiſtige Zuſtand Edmund Dantes' war jedoch nicht von dieſer Art. Er war Vater, man hatte ihm ſein ein⸗ ziges Kind geraubt und ein ſolcher Schlag iſt für die Liebe eines Vaters niederſchmetternd genug. Er war unruhig und demzufolge konnte ſein Herz nicht mit der Regelmäßig⸗ keit ſchlagen, deren der Menſch bedarf, welcher ein tiefer Denker und unparteiiſcher Moraliſt ſein will. „O, mein Gott!“ rief er,„welch' entſetzlicher Wahn⸗ ſinn ein ihm eine ſo r Ma Lart Wo zeug woll ich Sit ziem nes Arn ich zu Läch Act müt aus daß zu zahl Sie im ich zen en en en 8⸗ en ren ber und us⸗ erz⸗ lem und und die⸗ in enge be⸗ eres ſeine icht ein⸗ iebe uhig ißig⸗ tiefer hn⸗ — ſinn! In wiefern bin ich ein grauſamer Geliebter geweſen, ein falſcher Freund— ein—“ „Vollende! vollende! wenn Du kannſt,“ antwortete ihm eine gellende Stimme aus der Grotte hervor. Der Graf legte die Hand unwillkürlich an den Griff eines ſeiner Piſtolen, ließ ihn ſogleich wieder los und kreuzte ſo ruhig als möglich die Arme über der Bruſt. Vor ihm ſtand Benedetto in einen neapolitaniſchen Mantel gehüllt und das Geſicht mit einer ſchwarzſeidenen Larve bedeckt. „Wer ſind Sie?“ fragte der Graf ſtolz. „Darauf kommt Nichts an, dafern ich nur Deine Worte zu beantworten weiß,“ ſagte Benedetto zu ihm. „Aber mein Geſicht iſt unverhüllt und ich bin über⸗ zeugt, daß Sie nicht eine Carnevalsſcene mit mir ſpielen wollen. Indeſſen, es geſchehe nach Ihrem Willen. Was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt einfach, denn ich kenne die Sitten der Leute Ihrer Profeſſion in ganz Italien ſo ziemlich. Wie viel verlangen Sie für die Herausgabe ei⸗ nes in Venedig auf der Piazza bei Gelegenheit eines den Armen gegebenen Feſtmahles geſtohlenen Kindes?“ „Nichts, Herr Graf von Monte-Chriſto.“ „Wie, Nichts? wollen Sie mir glauben machen, daß ich von Ihnen einen Act ſo außerordentlicher Großmuth zu erwarten habe?“ fragte der Graf mit verächtlichem Lächeln. „Nein, mein Herr, Sie ſelbſt würden nicht an einen Act der Großmuth glauben, denn Sie ſind niemals groß⸗ müthig geweſen. Man ſetzt bei anderen nicht Tugenden vor⸗ aus, die man ſelbſt nicht hat. Ich werde Sie überzeugen⸗ daß Sie von Eitelkeit erfüllt ſind, weil Sie im Stande zu ſein glauben, die Herausgabe Ihres Sohnes zu be⸗ zahlen.“ „Ich verſichere Ihnen, Sie können verlangen, ſo vieh Sie wollen,“ antwortete der Graf ſtolz. — 124— „Aber dann ſind Sie ein Gott, der mir Alles ge⸗ währen kann.“ „Nein, aber dennoch hat dieſer Gott mich zum mäch⸗ tigſten Menſchen dieſer Erde gemacht, um die andern Men⸗ ſchen zu richten und ſie zu ſtrafen, wie ſie es verdienen.“ „Gut, in dieſem Falle verlange ich—“ „Reden Sie.“ „Neunhundert Nillionen.“ „Dieſe Summe überſteigt das Verhältniß, welches man feſtgeſetzt hat, um in der Welt den Willen einer Na⸗ tion nach der Laune eines einzigen Menſchen zu regeln. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß Gott mir die Macht verliehen hat, die Menſchen zu richten, aber nicht Nationen zu erkaufen.“ „Mit einem Worte, Sie erklären, daß Sie arm ſind, nachdem Sie mir verſichert, daß Gott Sie allmächtig ge⸗ macht habe! O, ſchweige, Edmund Dantes! Wer biſt Du, daß Du andere Menſchen richten und ſtrafen willſt? Nenne mir einen einzigen Tag, wo Du nicht von der Leidenſchaft getrieben worden biſt, die Dich beherrſchte; wo Du Dich nicht von den falſchen Folgerungen, die Du machteſt, ver⸗ blenden ließeſt? Den goldenen Schlüſſel, den Gott Dir in die Hände gegeben, um in die Welt einzutreten, wie es Dir gefallen würde, haſt Du gemißbraucht. Das Schwert der Gerechtigkeit, welches Dir verliehen worden, um zu ſtrafen, haben Deine zitternden Hände nicht zu führen ge⸗ wußt. Jetzt ſchmettert Gott Dich nieder! Neige Deine ſtolze Stirn vor dem untrüglichen Rathſchluß der Vor— ſehung!“ Edmund ſah ein, daß er es hier nicht mit einem ge⸗ wöhnlichen römiſchen Banditen zu thun habe. „Sage mir, biſt Du derſelbe Mann, der im Palaſt Gradenigo zu Venedig mit mir ſprach?“ fragte er. „Ich weiß nicht, was Du ſagen willſt,“ antwortete Benedetto. 16 ſeit die der Wes beze Stu eina mir antn Sch indet meiſ „als ſtieg derer Hun Hän mir Man ſtab dung und reiter Du ward Afril vnſc litten kann äch⸗ den⸗ Du, enne chaft Dich ver⸗ Dir e es wert nzu ge⸗ Deine Vor⸗ n ge⸗ alaſt ortete — 125— „Ich frage Dich, ob Du der Menſch biſt, der mich ſeit meiner Rückkehr nach Europa verfolgt hat? Biſt Du die zudringliche Maske des Palaſtes Gradenigo? Biſt Du der Räuber meines Sohnes, der Brandſtifter, der meinen Weg von Mantua nach Piſa durch Schrecken und Gräuel bezeichnet hat? Biſt Du der Capitain der Racht, der Sturm? Rede im Namen des Himmels! Hier ſtehen wir einander gegenüber— wer biſt Du, was willſt Du von mir?“ „Ich will Dir erklären, was hier geſchrieben ſteht,“ antwortete der Bandit, indem er mit dem Finger auf die Schrift an der Wand zeigte. „O, mein Sohn,“ murmelte der Graf bei ſich ſelbſt, indem er die Hand auf's Herz drückte und eine Thräne be⸗ meiſterte. „Edmund Dantes,“ ſagte Benedetto in ruhigem Tone, „als ich eines Tages im Hafen von Marſeille an's Land ſtieg, ſah ich zu meinen Füßen eine Frau niederſinken, auf deren bleichem Geſicht man den furchtbaren Ausdruck des Sungers und der Verzweiflung las. Dieſe Frau hob die Hände zu mir empor und rief:„Um Gotteswillen, ſchenkt mir eine Gabe!“ Die Unglückliche war die Frau eines Mannes geweſen, der ſie liebte und der zu dem General⸗ ſtab der franzöſiſchen Armee gehörte. Aus dieſer Verbin⸗ dung war ihr ein Sohn geboren, der fern von ihr lebte! „Als dieſe Frau glücklich in Geſellſchaft ihres Sohnes und ihres Gatten lebte, begannſt Du ihr Unglück vorzube⸗ reiten und das Unglück zögerte nicht, ſie zu ereilen. „Erinnerſt Du Dich der ſchönen Mercedes? Erinnerſt Du Dich ihres früheren Geliebten Edmund Dantes? Sie ward Wittwe, ſie ſah ſich ihres Sohnes beraubt, der nach Afrika ging, um ſeinen Namen von dem Schimpf rein zu waſchen, welcher den ſeines Vaters befleckte. Sie hat ge⸗ litten, dieſe Frau, ſo viel als einer Frau auferlegt werden kann! Sie ward am Ende ihrer langen Leiden noch das — 126 ½ Opfer des Hungers und Mangels, welche Dein verfluchtes Werk krönten. Auf dieſe Weiſe biſt Du grauſam in der Liebe geweſen, Edmund Dantes. Siehe, wohin Dich Deine Verblendung geführt hat. „Jeder andere Mann würde verzichen haben, damit die Frau, die er noch liebte, hätte glücklich leben können. Jeder andere wäre großmüthig geweſen und hätte das Wort Gottes befolgt: Verzeihe Deinen Feinden, wenn Du willſt, daß Gott auch Dir verzeihe. Edmund Dantes, ich kann Dir verſichern, daß die Gattin des Generals Morcerf Dich neben ihrem Gatten immer noch liebte, daß ſie an Dich dachte, wenn ſie ihr Haupt an ſeiner Bruſt ruhen ließ. Um Deinetwillen hat ſie Thränen auf ihren Brautkranz geweint und wie haſt Du dieſe Liebe, dieſe Sehnſucht ver⸗ golten? „Wollteſt Du vielleicht,“ fuhr Benedetto fort,„daß die arme Catalonierin, ſelbſt ohne daß ſie Dir wirklich an⸗ gehört hatte, zu einem ewigen Wittwenſtand verdammt würde? Sie hat geweint und jahrelang gewartet und Du biſt niemals wiedergekommen. Sie hat Dich todt geglaubt, deshalb konnte ſie ſich frei und ungebunden glauben, ſie konnte einem andern Manne angehören. Du biſt eitel, wahn⸗ ſinnig, grauſam geweſen! „Willſt Du jetzt wiſſen, warum ich Dich beſchuldige, ein falſcher Freund zu ſein? Erinnerſt Du Dich Albert's von Morcerf? Erinnerſt Du Dich der Zeit, wo Du, indem „Du Dich ſein Freund zu ſein ſtellteſt, ihn an Dich lockteſt und ihn beſtrickteſt, wie die Schlange ihr Opfer beſtrickt? Erinnerſt Du Dich, daß Du über die Mittel nachdachteſt, ihn in's Verderben zu ſtürzen, ihm ſeinen Vater zu rau⸗ ben, ihn arm zu machen, während er, auf Deine Freund⸗ ſchaft vertrauend, die Hand des Verräthers drückte, die ihn tödtlich verwunden ſollte? „Erinnere Dich jenes Abend's im Theater, wo der Un, und ſein Got The und frei daß ankl Ger ned erg ſchn mör nich Dir ung Eri kleit alte rath und wid So fern mu geſch entf eing htes der eine mit nen. Lort illſt, kann Dich Dich ließ. kranz ver⸗ „daß h an⸗ mimt d Du laubt, wahn⸗ idige, lbert's indem lockteſt trickt? chteſt, u rau⸗ reund⸗ vo der die — 7— Unglückliche Dir eine Erklärung abverlangte und der Art und Weiſe, auf welche Du ihm antworteteſt! „Heißt das nicht, ein Verräther über alle Verräther ſein? Edmund Dantes, wo war Deine Religion, Dein Gott, Dein Glauben? „Welchen Lehrſätzen folgteſt Du bei dieſen angeblichen Thaten der Gerechtigkeit? Welches waren die menſchlichen und göttlichen Geſetze, die Dich von dieſem Verbrechen frriſprechen könnten?“ „Elender,“ rief der Graf mit Wuth,„wer biſt Du, daß Du ſo mit mir ſprichſt? Wer biſt Du, der Du mich anklagſt und verdammeſt, als ob Du ein Gott wäreſt?“ „Ich bin der Erwählte Gottes, um auf dieſer Erde Gerechtigkeit über Dich ergehen zu laſſen,“ entgegnete Be⸗ nedetto.„Ich bin der, welcher gegenwärtig das Schwert ergreift, welches Dir verliehen war und welches Du ver⸗ ſchmähet haſt, um zum Dolch und zum Gift des Meuchel⸗ mörders zu greifen! Höre mich alſo, denn Du haſt noch nicht Alles gehört, was ich Dir zu ſagen habe. Ich will Dir jetzt erklären, weshalb ich Dich anklage, ein erbarm⸗ ungsloſer Henker und blutdürſtiger Kindesmörder zu ſein. Erinnere Dich des Herrn von Villefort, erinnere Dich des kleinen Eduard— erinnere Dich ſeiner Mutter.“ „Ja,“ rief der Graf,„alle ſind den Manen meines alten Vaters geopfert worden, der durch Villefort's Ver⸗ rath in Hunger und Elend ſtarb! Kennſt Du die Liebe und die Achtung, die ich ſeinem ehrwürdigen grauen Haupte widmete? Weißt Du, welche Verzweiflung ſich eines guten Sohnes bemächtigt, wenn man ihm ſagt: Dein Vater iſt fern von Dir Hunger's geſtorben? Und noch weit größer mußte dieſe Verzweiflung ſein, da es nicht weit von mir geſchehen war und er nur zwei Schritte von dem Gefängniſſe entfernt lebte, in welches mich der Procurator des Königs eingeſperrt, wie man einen Leichnam in ein Grabmal ein⸗ — 128— ſchließt. Kennſt Du alle dieſe Schreckniſſe oder machſt Du Dir wenigſtens einen Begriff davon?“ „Ich habe deren noch ganz andere erfahren! Ich habe meinen Vater im letzten Stadium des Wahnſinnes geſehen,“ entgegnete Benedetto,„ich habe ihn neben mir leiden ſehen, nachdem er mit immer höher ſteigendem Entſetzen ſeine ganze Familie um ſich her verſchwinden geſehen!“ „Großer Gott, wer biſt Du?“ „Darauf kommt Nichts an. Ich bin Dein Richter und werde Dein Henker ſein. Höre mich und zittere, denn Du wirſt Dein Urtheil hören.“ „Biſt Du vielleicht ein anderer Menſch als ich, daß Du mich verdammen kannſt? Iſt Dein Herz frei von Lei⸗ denſchaften, daß Du ruhig die meinen beurtheilen kannſt?“ „Ja,“ antwortete Benedetto mit mitleidigem Lächeln. „Ich bin ein Mörder geweſen, ich bin ein Atheiſt geweſen und ich habe bereuet. Ich bin gerecht geworden, ich habe an Gott geglaubt— meine Bekehrung war eine erhabene.“ „Aber wie glaubſt Du daran? Wie weißt Du ob Gott Dir verzeiht?“ „Ich will Dir es ſagen: NWitten in einem furchtbaren Sturme, der durch Nacht und Feuer noch entſetzlicher ge⸗ macht ward, mitten unter den Wogen, die mein gebrechli⸗ ches Fahrzeug umtoſten, ſprach ich auf meinen Knieen lie⸗ gend die folgenden Worte:„O Gott, Schöpfer der Welt! O Jeſus, Eingeborener des allmächtigen Gottes, heiliger, für mich und alle Menſchen gekreuzigter Märthrer, ich glaube an Dich und Deine Gerechtigkeit. Sieh' mich hier ſeſt in Deinem Glauben auf dem Wege, um Edmund Dan⸗ tes aufzuſuchen, dem ich Alles, was ihm das Theuerſte iſt, eins nach dem andern entreißen werde. Wenn Du mir nicht verzeihſt, wenn Du meine Handlungsweiſe verdammſt, ſo mache, daß ich auf immer in dieſem furchtbaren Auf⸗ ruhr der Elemente der Erde entriſſen werde!“ Mit dieſen Worten ſprang ich in ein kleines Boot von einem einzigen fols rech in hab dem dem Sti daß wel teſt Du erge zu nac Dic Au dam Kin nen Elet chen blick ker Bei Unſe Ver Vill rief Dir Du abe hen, eine und Du daß Lei⸗ ſ heln. eſen habe ne. tob aren ge⸗ echli⸗ lie⸗ elt! liger, ich hier Dan⸗ nerſte tmir nmſt, Auf⸗ dieſen tzigen — 2 Mann begleitet und überließ mich ſo dem Sturme! Am folgenden Tage glaubte ich mit Vertrauen an die volle Ge⸗ rechtigkeit meiner eignen Thaten und jetzt, ſiehe mich Auge in Auge Dir gegenüber! Ueberall wohin ich gekommen bin, habe ich einen Schrei gehört, der Dich verdammt. Auf dem Meere, den Hilferuf Albert's Morcerf, den ich aus dem Schiffbruche gerettet. Auf dem Lande, die unglückliche Stimme der wahnſinnigen Mercedes.— Erkenne daher, daß der Himmel Dich verlaſſen hat, erkenne dieſe Wahrheit, welche ſo viele Thatſachen Dir beweiſen müſſen! „Als ich in Venedig in Deinem Palaſte erſchien, erkann⸗ teſt Du in mir nicht die Maske im Palaſte Gradenigo. Du widerſprachſt nicht der Aufforderung, die ich an Dich ergehen ließ, Deinen Sohn zu dem Gaſtmahle der Armen zu tragen. Als Du ſpäter auf dem Wege von Mantua nach Florenz die Nacht in jener Hütte zubrachteſt, in welche Dich ein einfacher Zufall geführt, als ob Gott meinen Augen hätte offenbar machen wollen, daß Du wirklich ver⸗ dammt ſeieſt, ſtandeſt Du an der Wiege, in welcher zwei Kinder ſchliefen und Du erkannteſt in dem einen nicht Dei⸗ nen eigenen Sohn.“ „Ha!“ rief der Graf wie vom Donner gerührt. „Erkenne daher, daß der Himmel Dich verdammt, Elender, und ſei überzeugt, daß jene Augenblicke, in wel⸗ chem Du Dich begeiſtert und groß glaubteſt, nur Augen⸗ blicke einer wahnſinnigen, menſchlichen Eitelkeit waren! Hen⸗ ker ohne Erbarmen, haſt Du niemals zu verzeihen gewußt! Bei den Thaten Deiner ungeheuerlichen Rache haſt Du den Unſchuldigen mit dem Schuldigen vermengt. Wohlan, der Verluſt Deines Sohnes bezahle das Blut Eduard's von Villefort.“ „Aber bin ich es denn, der dieſes Kind ermordet hat?“ rief der Graf. „Ja, alle Verbrechen der Guttin Villefort's laſten auf Dir.“ Die Todtenhand. 3. Band. 9 — 130— „Warum? Rede, ſprich!“ „Ich kann nicht, denn es giebt zwiſchen Gott und Dir ein Geheimniß, welches ich nicht enträthſeln kann. Wenn ich aber nicht die Wahrheit ſpreche, wenn die Verbrechen dieſer Frau nicht auf Deinem Gewiſſen laſten, ſo ſtrafe mich Lügen im Angeſichte Gottes, der uns hört.“ Der Graf ließ ſein Haupt auf die Bruſt ſinken und ſprach kein Wort. „Wohlan,“ ſagte Benedetto,„Du geſtehſt Deinen Irrthum zu, Du wirſt auch die Gerechtigkeit Gottes zuge⸗ ſtehen! Jenen unermeßlichen Schatz, den er in Deine Hände gegeben, hätteſt Du unter die Armen vertheilen und Dich ſeiner nicht bedienen ſollen, um Dich mit dem verſchwenderiſchen Luxus zu umgeben, den Du in Europa der Noth und dem Elend gegenüber entfalteteſt! Siehe, wirf einen Blick um Dich, alle Schätze, welche hier vor⸗ handen waren, hat meine Hand ſchon unter die Armen vertheilt, und die, welche Du noch beſitzeſt, ſollen es auch werden.“ „Es ſei,“ ſagte der Grafz„nimm mir meinen Reich⸗ thum, aber gieb mir meinen Sohn wieder.“ Benedetto ſtieß ein gellendes Gelächter aus. „Deinen Sohn wirſt Du niemals wiederſehen,“ ant⸗ wortete er;„die Hand des Todten hat ihn Dir geraubt! Ein Geheimniß, wie das des Grabes, ruht gegenwärtig auf ſeiner Geburt.“ „Fluch und Verdammniß! Dein Leben ſteht mir für das ſeine.“ Und bleich mit emporgeſträubtem Haar trat der Graf Benedetto einen Schritt näher und ſpannte ſeine Piſtolen. „Gieb Feuer, ich habe zu Gott mehr Vertrauen, als zu Dir.“ „Wahnſinniger,“ rief der Graf und lachte und weinte, als ob er ſelbſt den Verſtand verloren und ſchleuderte die beiden Piſtolen von ſich, ſo daß ſie durch die Gewalt des Wut nicht nicht Du mit der Gat durc Scht bes in 2 geſch gang einen Gra Tref Felſe Meet fragt den dem dicht Zaut den, in d zehrt der d Dir enn ben rafe und inen uge⸗ eine eilen dem ropa iehe, vor⸗ emen auch eich⸗ ant⸗ aubt! auf r für Graf en. „als veinte, te die lt des Wurfes losgingen.„Menſch oder Teufel, Du ermiſſeſt nicht, was ich leide, denn Du biſt nicht Vater und kannſt nicht wiſſen, was Vaterliebe iſt. Verlange von mir, was Du willſt, ich werde es Dir geben, um meinen Sohn bae mit loszukaufen.“ „Das iſt unmöglich, denn Dein Reichthum wird blos der Preis für etwas Anderes ſein. Denke Dir, daß Deine Gattin aus Beſorgniß um Dich das Schiff verlaſſen und, durch den Schein meiner Feuer geleitet, begonnen hat, ihre Schritte hierher zu lenken. Denke Dir ferner, daß ein hal⸗ bes Dutzend muthiger Männer, in das Schiff ſpringend, es in Brand geſteckt haben, während vier kräftige Arme den geſchmeidigen leichten Körper der ſchönen Hahdée am Ein⸗ gange dieſer Grotte feſthalten.“ Kaum hatte Benedetto ausgeſprochen, ſo hörte man einen durchbohrenden Schrei von den Felſen her. Der Graf antwortete durch einen kräftigen Ruf, eilte raſch die Treppe der Grotte hinauf und blieb auf dem Gipfel des Felſens ſtehen, indem er den unermeßlichen Raum, das Meer, den Himmel und die Felſen mit ſeinem Blicke be⸗ fragte. „Hahdée, Hahdée,“ rief er; und das Echo gab dumpf den von dem Grafen ausgeſprochenen geliebten Namen zurück. „Sieh da unten die Flammen, welche der Wind auf dem Waſſerſpiegel hin und her weht,“ ſagte eine Stimme dicht neben dem Grafen. Es war Benedettv. „Alles iſt vorbei für Dich!“ „Hahdée! Hahdse! wo biſt Du? In welchen hölliſchen Zauberkreis ſind wir auf's Neue eingeſchloſſen!“ Der Graf ſchauete ſich um! Benedetto war berſchwun⸗ den, die Feuer waren erloſchen und kaum ſah man noch in der Bucht die Flammen, die ſo eben die Barchetta ver⸗ zehrt und im Innern der Grotte den ſterbenden Schein der darin brennenden Fackel. Die edle it Geſtalt Ed⸗ — 132— mund Dantes zeichnete ſich wie ein geſpenſtiſcher Schatten an dem Azurhimmel des mittelländiſchen Meeres ab. Die Arme über der keuchenden Bruſt verſchränkt, mit wirrem, vom Winde hin⸗ und hergewehetem Haar, auf der höchſten Felſenſpitze der Inſel ſtehend und mit dem Körper über den Abgrund geneigt, glich er jenem Phantaſiegebilde des Dichters, dem Geiſte der Felſen, von ſeinem Granit⸗ thron das weite Meer überſchauend. So blieb der Graf einige Augenblicke lang ſtehen, als ob er über ſein ganzes verfloſſenes Leben tief nachdächte. Dann ſtieß er einen ſchmerzlichen Seufzer aus, wendete dem Abgrund den Rücken und ging langſam nach dem In⸗ nern der Grotte hinab. „Hier habe ich mich in dem Beſitze dieſer Schätze be⸗ rauſcht, die ich auszugraben gekommen war. O Erbärm⸗ lichkeit der Menſchennatur! o Unvollkommenheit des menſch⸗ lichen Geiſtes im Vergleich mit dem ſeines allmächtigen Schöpfers!“ Ich war ſo wahnſinnig eitel, mich für eben ſo allmächtig zu halten, gerade ſo wie ein Trunkener auf einem Roſenteppich zu wandeln glaubt, während ſeine Füße ſich an den ſcharfen Spitzen eines ſteilen Felſens zerfleiſchen. Eben ſo wie der Rauſch verfliegt und die Roſen unter dem Hauch der Wirklichkeit erbleichen, eben ſo erwache ich aus dem Glücke, welches ich geträumt! Wo iſt die prachtvolle Grotte; die ich hier verlaſſen? Wo iſt jene Tochter des Orient's, die ich ſo ſehr geliebt, wo iſt mein Sohn? Was iſt aus der Ruhe meines Herzens geworden? Wo ſind die geheimen Freuden meiner Seele? Alles iſt entflohen, Al⸗ les iſt verſchwunden, wie der Traum eines übermüthigen Kindes. „Ich bin noch unermeßlich reich, aber was wird mir dieſer Reichthum nützen? Was werde ich in dieſer Welt thun? Welche neue Freuden wird ſie mir bieten können, um mich zu zerſtreuen.“ Der Graf ſchwieg einen Augenblick. Er ſchaute ſich mit Verl ſie h und er ſi welch Alles ſcheh dem gel d aber Nich genb ſchim detto er in thum wied der( auf einen dem von gen i ten mit der per ilde mit⸗ als hte. dete In⸗ be⸗ irm⸗ nſch⸗ tigen eben auf Füße chen. dem aus volle des Was d die Al⸗ higen mir Welt nnen, e ſich — mit bittender Miene rings um. Dann eilte er, die dem Verlöſchen nahe Fackel vom Boden aufzuheben. Er ſchwenkte ſie hin und her, aber die Flamme flackerte noch einmal auf und verloſch. Der Graf ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, als er ſich auf einmal in vollſtändiger Finſterniß befand. „Hahdée, meine geliebte Hahdse! das Verhängniß, welches mich verfolgt, zermalmt auch Dich! O ich würde Alles geben, was ich beſitze, damit Dir kein Leid's ge⸗ ſchehe. Man komme, es trete irgend ein Menſch vor mich, dem ich es ſagen kann, ſelbſt wenn dieſer Menſch der En⸗ gel des Böſen wäre!“ Hierauf ſchwieg er, als ob er eine Antwort erwartete, aber das rings um ihn herrſchende Schweigen ward durch Nichts unterbrochen. Der Graf wiederholte, was er geſagt. Einige Au⸗ genblicke darauf ſah er ein Licht im Innern der Grotte ſchimmern und bald erkannte er die ruhige Geſtalt Bene⸗ detto's, deſſen Geſicht noch mit der Maske bedeckt war. „Graf von Monte-Chriſto,“ ſagte er zu ihm, indem er in einer gewiſſen Entfernung ſtehen blieb,„Deinen Reich⸗ thum für Deine Frau!“ „Alles, was ich beſitze, iſt Dein, wenn Du ſie mir wiedergiebſt“ „Nun ſo begleite mich.“ Der Graf folgte Benedetto in einen der innern Säle der Grotte, wo ein Tiſch mit Schreibmaterialien ſtand. Benedetto machte den Grafen durch eine Geberde dar⸗ auf aufmerkſam, ſtetzte ſich ihm gegenüber und gab ihm einen Wink, den er verſtand. Einige Augenblicke darauf überlieferte der Graf, nach⸗ dem er einige Worte geſchrieben und verſchiedene Wechſel von ungeheurem Betrage unterzeichnet, ſein ganzes Vermö⸗ gen in Benedetto's Hände. „Ich bin arm,“ ſagte er,„ſo arm, als an dem — 134— Tage, wo ich zum erſten Male hier herabſtieg und mor⸗ gen werde ich nicht einmal einen Freund mehr auf der Welt haben und dennoch bin ich glücklich, denn ich habe Hahdée gerettet.“ „Gut,“ antwortete Benedetto;„ſie wird Dir wieder⸗ gegeben werden. Ich werde in der ſüdlichen Bucht ein kleines Fahrzeug zu Deiner Verfügung ſtellen. Morgen kannſt Du abreiſen.“ „Aber mein Sohn!“ rief der Graf in verzweiflungs⸗ vollem Tone: „Das Geheimniß des Grabes ruhet auf ihm,“ ant⸗ wortete Benedetto feierlich. Der Graf wollte ſprechen, aber in dieſem Augenblicke erſchien Hahdée und warf ſich lautweinend in ſeine Arme. Benedetto entfernte ſich. Elftes Kapitel. Peppino's Dankbarkeit. Sie hielten ſich einige Augenblicke umſchloſſen, als ob ſie ſich nach einer langen Trennung zum erſten Male wie⸗ derſähen. „Armes Kind,“ rief der Graf, indem er ſie ſanft auf die Stirn küßte,„das Unglück, welches mich trifft, ſchont ſelbſt Deine Unſchuld nicht.“ „Glaubſt Du, daß ich leide?“ fragte ihn Hahdée mit der ganzen Biederkeit ihres offenen Gemüthes.„O nein — ich bin noch zu glücklich— denn ich bin bei Dir!“ Der Graf antwortete nicht. Er drückte ſie an ſeine Bruſt, faßte ihr Haupt zwiſchen beide Hände und betrach⸗ tete die aus der nen flößt eines für den anbe das ches weiſe ſich! ſein keine ihm ſpött Köni aller und „Dei keit wend wicht haber nur ernäh Haß mit Thra in F or⸗ der abe er⸗ ein gen ant⸗ licke e. 8 ob wie⸗ t auf chont mit nein 7. ſeine trach⸗ — 135— tete ſie ſchweigend, als ob er über die Zukunft machdächte, die ihn erwartete. Der ſanfte, ſchmachtende Ausdruck, der aus Hahdée's Antlitz ſprach, offenbarte ein tiefes Gefühl der Liebe. Hahdée bemaß dieſes Geſühl nicht nach den Situatio⸗ nen des ſocialen Lebens. Der Graf hatte es ihr einge⸗ flößt und ſie gab ſich ihm mit dem erhabenen Glauben eines wahrhaft liebenden Herzens hin— das Uebrige war für ſie Nichts. Das Leben und die Nähe dieſes Mannes, den ſie mit dem ganzen Feuer eines orientaliſchen Gemüth's anbetete, war für Hahdeée Alles. Deshalb begriff Hahdee das Glück ſelbſt nach jenen unvorhergeſehenen Unglück, wel⸗ ches ſie Beide betraf. Der Graf dagegen huldigte einer andern Anſchauungs⸗ weiſe. Nachdem er in der Wilt mit ſo unermeßlichen Glanz ſich bewegt, wußte er wohl, welche Zukunft ihm beſchieden ſein würde, wenn dieſer Glanz verſchwände. Er fand dann keinen Freund mehr, kein Thüre öffnete ſich ihm mehr, um ihm ein Obdach zu gewähren und überall ward mit einem ſpöttiſchen Lächeln der Mann empfangen, der früher der König der Millionaire und folglich der unumſchränkte Herr aller Herzen war. „Hahdse,“ ſagte der Graf, nachdem er ſie ſchweigend und mit in Thränen ſchwimmenden Augen betrachtet, „Deine Illuſionen müſſen einer verhängnißvollen Wirklich⸗ keit weichen. Geſtern ſchmeichelte ich mir noch, die noth⸗ wendigen Mittel zu beſitzen, um die Habſucht der Böſe⸗ wichter zu befriedigen, die uns unſer theures Kind geraubt haben, aber heute weiß ich nicht mehr gewiß, ob ich auch nur im Stande ſein werde, Dich einen einzigen Monat zu ernähren. Ich kenne dieſe Welt des Elend's und ihren Haß und ihre Intriguen zu gut und unſer Pfad iſt fortan mit Dornen und Qualen beſtreuet; Deine unſchuldigen Thränen werden künftig bei den Leiden, die mich erwarten, in Fülle fließen.“ — 136— „Und können wir, wenn wir auch arm ſind, nicht den⸗ noch glücklich ſein?“ fragte Haydée.„Was mich betrifft, ſo werde ich mich immer glücklich fühlen, dafern ich mit Dir, mit unſerm Sohne leben kann.“ „Nein, nein,“ antwortete der Graf wüthend,„dieſes arme Kind iſt unwiederbringlich verloren; wir werden es niemals wiederſehen.“ Hahdeée ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus und zerraufte ſich das ſchöne ſeidene Haar. Der Graf verhüllte ſein Geſicht. Es trat auf einige Augenblicke tiefes Schweigen ein. Hahdée warf dem Grafen einen leidenſchaftlichen Blick zu und ſagte mit bitterem Lächeln: „Ich erinnere mich, Dich oft gefragt zu haben, ob der Tod ein Uebel ſei. Wenn ich das entfleiſchte Geſicht und die furchtbare Hand ſah, welche erbarmungslos das Leben zerreißt, zitterte ich bei dem Gedanken, daß eines Tages auch mein Ende kommen würde. Heute dagegen betrachte ich den Tod ganz anders und finde ſeine Geſtalt weniger entſetzlich, ſeine Hand weniger hart. Anſtatt mir die Senſe zu zeigen, welche die Stele vom Körper trennt, zeigt er uns das erhabene Geheimniß eines neuen, nie ge⸗ ahnten Glückes!“ „Hahdee—,“ murmelte der Graf. „Wohlan, mein Freund, wenn die Welt unedel, er⸗ bärmlich und voll Entſetzen iſt, was iſt ſie dann werth im Angeſicht des Todes? Ueberlege dies und warte hier ein wenig. Ich werde ſogleich wieder da ſein.“ „Nein, Hahdée,“ ſagte der Graf, indem er ſie zu⸗ rückhielt,„ich verlaſſe Dich jetzt nicht.“ „Und warum nicht, mein Freund?“ „Ich errathe Deinen Vorſatz.“ „Nun, und?“ „Niemals!“ murmelte der Graf. „Aber warum bebſt Du vor dem Tode zurück, wenn Dir ich Z ſpreck auf blicke ſen Wo Dein ſich dem heute heute nung ſcheir Schl Glüc Ende ſie fe nem glück letzte zitter welch oder Dam wäre Wille ken G Gift Leben Schr Richt der 6 welch ft, mit eſes mes und 3 Blick ob ſicht das eines egen eſtalt mir ennt, e ge⸗ h im ein wenn Dir eben weiter Nichts übrig bleibt, als dieſer? Oft habe ich Dich von dem Tode, wie von dem wohlthätigen Schlafe ſprechen hören, den Du während der Nacht hoffteſt, die auf einen bewegten Tag folgte! Während dieſer Augen⸗ blicke habe ich ihn ohne die geringſte Furcht in's Auge faſ⸗ ſen gelernt und heute ſehe ich ihn mit Freuden kommen. Wo iſt denn die Energie, welche Du damals beſaßeſt? Als Deine Reichthümer unermeßlich waren, als Deinen Augen ſich eine freudenvolle Zukunft zeigte, zitterteſt Du nicht bei dem Gedanken an den Tod. Heute, wo Du arm biſt, heute, wo Du nicht weißt, wovon Du morgen leben ſollſt, heute, wo die Hand des Schickſal's Deine theuerſten Hoff⸗ nungen mit einem einzigen Schlage zertrümmert zu haben ſcheint— warum zitterſt Du heute vor dem ewigen Schlafe? Freund, wenn einmal hienieden für uns kein Glück mehr möglich iſt, ſo wollen wir mit dem Leben ein Ende machen!“ „Wohlan, Hahdse,“ entgegnete der Graf, indem er ſie feſt anſchaute,„Du, die Du mehr als einmal in Dei⸗ nein Leben, man kann ſagen von der Wiege an, das Un⸗ glück in ſeiner ganzen Größe kennen und den Tod als das letzte Mittel, es zu vermeiden, betrachten gelernt haſt, Du zitterſt nicht bei dem Gedanken an das furchtbare Opfer, welches Du Dir anträgſt? Aber mit welchem menſchlichen oder göttlichen Rechte können wir dieſes Opfer bringen? Damit das Geſchöpf das Recht habe, freiwillig zu ſterben, wäre es nothwendig, daß es auch durch ſeinen eigenen Willen geboren würde. Glaubſt Du, daß es einen ſtar⸗ ken Geiſt und eine ſtrenge Tugend beweiſen hieße, wenn man Gift nähme oder ſich eine Wunde beibrächte, welche dem Leben in dem Augenblicke ein Ende machte, wo wir die Schreckniſſe des Elend's empfinden? Vor dem göttlichen Richterſtuhle wird dies nie etwas Anderes, als ein Act der Schwäche oder der Thorheit ſein! Die Ergebung, mit welcher wir uns in unſer Schickſal fügen, die Gemüthsruhe, — 138— mit welcher wir das Elend und die Leiden dieſer Welt er⸗ tragen, werden uns am Tage des Gericht's weit höher an⸗ gerechnet werden.“ „Aber,“ entgegnete Hahdée,„ich habe Dich oft dieſe Gründe, welche Du jetzt mir auseinander ſetzeſt, als So⸗ phismen behandeln hören. Um Gift zu nehmen, oder um ſich eine tödtliche Wunde zu verſetzen, bedarf es, wie Du damals ſagteſt, eines ſtarken, unerbittlichen Willens, den man nicht bei jedem Menſchen antrifft. Das Meer zu ſehen, die Erde, die Blumen, die glänzende Welt zu bewundern, das Blut mit der Kraft vollkommener Geſundheit ſich im Körper bewegen zu fühlen und dennoch die Augen zu ſchlie⸗ ßen und ſich ruhig zu ſagen: Wir wollen auf immer ein⸗ ſchlafen, wir wollen ſterben— v dazu gehört unſtreitig ein hoher Muth! Wer möchte gern die Augen zu dieſem lan⸗ gen Schlafe ſchließen, deſſen Erwachen ein furchtbares Ge⸗ heimniß zwiſchen Gott und der Ewigkeit iſt! Mein Freund,“ fuhr Hahdse fort,„wo iſt alſo die Kraft Deines Willens, wo iſt jene Energie, jene Feuerflamme Deines Geiſtes?“ „Hahdée,“ antwortete der Graf, indem er noch blei⸗ cher ward und raſch das Haar emporſtrich, welches ihm über die Stirn herabhing,„wirſt Du, nachdem Du das Meer, die Erde, die Blumen, dieſe glänzende Welt, welche uns umgiebt, geſehen, die Kraft haben, dieſe letzten Worte, welche Du mir da ſagteſt, auszuſprechen?“ „Verſuchen wir es,“ murmelte Hahdé.„Mittler⸗ weile laß mich dieſes Waſſer bereiten.“ Der Graf blieb unbeweglich. Hahdée zog aus ihrer Taſche eine kleine, aus einem einzigen Smaragd gefertigte Phiole mit goldenem Deckel, öffnete ſie und nahm ſechs kleine ſchwärzliche Pillen her⸗ aus. Dann goß ſie Waſſer in einen Becher und warf die ſechs Pillen hinein, die ſich ſofort auflöſten. „Eine einzige von dieſen Pillen,“ ſagte der Graf ſo wie Hahdee ſie in das Waſſer warf,„erzeugt drei Stun⸗ den dreiz Tod an: nnd Felſe dee das thigt des den? mir, glück begin Aber Haht und nun Grot ſteher gehen Flutt geln, um der 9 Welle ſtehen durch Grott ihre dieſe So⸗ um Du den hen, ern, im hlie⸗ ein⸗ ein lan⸗ Ge⸗ nd,“ lens, 2 7 blei⸗ ihm das elche orte, ttler⸗ inem eckel, her⸗ f die af ſo Stun⸗ ihre Schritte gehört habe. Ueberzeugt, daß Niemand ſich den tiefen Schlaf, zwei ſechs Stunden, drei zehn, vier dreizehn bis vierzehn Stunden— fünf zwanzig— ſechs den Tod!“ Hahdée gab keine Antwort; ſie ſetzte ſich an den Tiſch, an welchem ihr Gatte bleich und verſtört Platz genommen nnd betrachtete ihn mit ihrem glühenden Blicke. Als die erſten Strahlen der Morgenröthe durch die Felſenſpalten in dieſe unterirdiſche Halle drangen, ſaß Hah⸗ dee immer noch und heftete ihren Blick unverwandt auf das Geſicht des Grafen von Monte-Chriſtv. Sie ſtand auf, faßte ihn ſanft bei der Hand und nö⸗ thigte ihn, ſich ebenfalls zu erheben.„Wohlan, das Licht des Tages erleuchtet ſchon die Welt— ſteigen wir auf den Felſen. Hier iſt das Gift, mein Freund, und glaube mir, es iſt das einzige Mittel, durch welches Du dem Un⸗ glück entgehen kannſt, welches für Dich in dem Augenblicke beginnt, wo Dein unermeßlicher Reichthum verſchwindet. Aber wir werden es zu gleichen Theilen nehmen,“ fuhr Hahdee fort, indem ſie die Flüſſigkeit in zwei Gefäße goß und dieſelben an beide Ende des Tiſches ſtellte,„laß uns nun hinaufgehen.“ Indem ſie dies ſagte, führte ſie den Grafen aus der Grotte hinaus und beide blieben auf der Höhe des Felſens ſtehen. Das Meer war ruhig, die Sonne begann aufzu⸗ gehen und ihre Strahlen fielen bereits auf die ſpiegelnden Fluthen. Ein Schiff, mit vom Morgenwinde gebläheten Se⸗ geln, glitt längs der Inſel hin. Alles um den Grafen her⸗ um bot ein Schauſpiel des Lebens, des Reichthum's und der Ruhe dar, welches ihm tief in die Seele drang. Während er und Hahdée auf einem ſteilen aus den Wellen des mittelländiſchen Meeres emporragenden Felſen ſtehend, der Welt Lebewohl ſagten, ſchlüpften zwei Männer durch eine der Oeffnungen, welche der innern Halle der Grotte Licht gaben und horchten aufmerkſam, ob Jemand — 140— näherte, lenkten ſie ihre Schritte nach dem Tiſche, wo Hahdée die beiden kleinen Gefäße mit dem Gift niederge⸗ ſetzt und blieben hier ſtehen. „Wie kann man aber wiſſen, welches das richtige ſein wird?“ fragte der Eine. „Ich glaube, es iſt dieſes,“ entgegnete der Andere, indem er ſich des Gefäßes bemächtigte, welches auf der, dem Eingange der Halle zunächſt befindlichen Seite des Tiſches ſtand. „Wie ſo?“ „Hahdée wird das am wenigſten entfernte ergreifen und dies iſt dieſes.“ Indem der Mann dieſe Worte ſagte, ſetzte er das an⸗ dere Gefäß an die Stelle des erſten, nahm dieſes, goß den Inhalt in einen Winkel der Halle, füllte es mit ande⸗ rem Waſſer und ſetzte es wieder an dieſelbe Stelle. „Sehr gut; wenn nun aber der Graf zufällig nicht dieſes nimmt, ſondern das andere?“ fragte der eine der beiden Männer. „Dann falle ich ihm in den Arm“ „Du biſt alſo auf alle Fälle entſchloſſen, den Grafen zu retten?“ „Ja. „Wenn nun aber ſeine letzte Stunde geſchlagen hat?“ „Ich werde ſie verzögern.“ „Ah,“ rief der andere mit ſpöttiſchem Lächeln,„Du hältſt Dich alſo für ſtärker als das Schickſal?“ „Ich werde dieſe Schuld der Dankbarkeit bezahlen. Der Graf hat mir das Leben gerettet, ich werde das ſeine retten. Gehen wir— ſie kommen wieder herab.“ Mit dieſen Worten traten die beiden Männer in die anſtoßende Halle und verſteckten ſich raſch, denn der Graf kam, mit Haydée an der Hand, ſchon die Treppe herab. Sie durchſchritten ſchweigend die erſte Halle und ka⸗ men blieb laſſe Thri in 1 Will er ich 2 ſes( niger aber Hant dann ſtehe ſchme begle griff ten wiede ren 2 fühlte Geda danke ander Dich nicht rge⸗ ſein ere, der, des eifen an goß inde⸗ nicht der rafen at?“ „Du ahlen. ſeine in die Graf herab. d ka⸗ men dann in die zweite, wo ſie dem Tiſche gegenüber ſichen blieben. „Wohlan, Hahdée, willſt Du noch dieſe Welt ver⸗ laſſen, die uns ſo ſchön erſchienen iſt?“ „Mein Freund,“ antwortete Hahdée, indem ſie eine Thräne trocknete,„verzeihe meine Schwäche— ich fühle in mir nicht die nöthige Kraft, um durch meinen eigenen Willen zu ſterben.“ „O, Hahdée— Hahdée—,“ rief der Graf, indem er ſie in ſeine Arme ſchloß.„Armes Kind! Wie liebe ich Dich!“ „Ich danke Dir, mein Freund; ich bin Dir für dir⸗ ſes Gefühl dankbar und glaube, daß ich Dir mit tief in⸗ niger Liebe zugethan bin! Umatdme mich!“ Der Graf heftete ſeine Lippen auf Hahdée's Mund⸗ aber ſie drängte ihn mit ſanfter Gewalt zurück, legte die Hand auf ſeine Stirn, hob die Augen gen Himmel, ſtreckte dann raſch den Arm aus und ergriff das auf dem Tiſche ſtehende Gefäß. „Himmel!“ rief der Graf, wie vom Blitze niederge⸗ ſchmettert. Haydee hatte das Gift bereits hinabgeſtürzt. „Leb' wohl, ich gehe,“ ſagte ſie lächelnd.„Komm, begleite mich, mein Freund.“ Der Graf ging an die andere Seite des Tiſches, er⸗ griff das darauf ſtehende Gefäß und leerte es mit der größ⸗ ten Ruhe auf einen einzigen Zug. Dann wendete er ſich wieder zu Hahdee. „O, mein Gemahl.“ rief ſie, indem ſie ihn mit ih⸗ ren Armen umſchlang;„ich habe Dich ſehr geliebt und ich fühlte das Leben aus meinem Herzen entſchwinden bei dem Gedanken, daß Du mich überleben würdeſt— bei dem Ge⸗ danken Dich zu verlieren— bei dem Gedanken, daß ein anderes Weib Dich lieben und umarmen würde, wie ich Dich umarme und ich Dich liebe. O, dieſer Gedanke iſt nicht geſchaffen für die Töchter meines Landes, die ſich mit — 142— Leib und Seele dem Manne hingeben, welchem ſie den er⸗ ſten Kuß gewährt haben. Verzeihe, dieſer Gedanke raubt mir die Beſinnung! Ich habe Dich geliebt, wie nur ein Weib einen Mann lieben kann, Du biſt mein Kleinod, mein Leben geweſen und nach mir ſoll keine andere Dich haben! Die Eiferſucht iſt tauſendmal bitterer als der Tod! Ich ſterbe und Du ſtirbſt mit mir. „Welchen Schrecken hat der Tod wohl für die, welche dieſe Welt ſo genoſſen und die ſo geliebt haben, wie wir? Er raubt uns keine Freude, er hindert uns nicht, das Glück zu kennen! Sterben wir daher ruhig, denn wir kön⸗ nen ſagen, daß wir das vollkommene Glück genoſſen und kennen gelernt haben!“ Plötzlich ſchwieg Hahdée, ihre Wangen wurden kreide⸗ weiß, ihr Blick ſtarr und kalt. Ihre Lippen zogen ſich zuſammen und bedeckten ſich mit einem gelblichen Schaum, der aus dem Munde hervorquoll. Der Graf knieete nieder und faßte ſie in ſeine Arme. „Mein Freund,“ ſagte Hahdée ihn umarmend,„der Tod hat nichts Schreckliches! Ich habe Dir ſchon geſagt, auf welche Weiſe ich ihn betrachtete und nun wirſt Du es verſtehen. Siehe, meine Arme umſchlingen Dich und ich † drücke Dich an meine Bruſt, die immer kälter wird. Der Tod iſt ein ſchönes Weib, welches Dich an ihre eiſige Bruſt drückt und Dir in jedem Moment der Wonne, in jedem Kuß, den ſie Dir giebt, das Leben entreißt und ſanft gewiegt von ihren Liebkoſungen ſchläfſt Du ein. So iſt es, mein Freund, mein Geliebter. Ha! jetzt erkalte ich ganz, mein Herz wird wie Eis— ich ſterbe— ich ſterbe mit Dir, mein Gatte— empfange meinen letzten Kuß, mei⸗ nen letzten Seufzer, meinen letzten Gedanken— Alles ge⸗ hört Dir, nur Dir!“ Indem ſie dies ſagte, ließ ſie ihr Haupt auf den Arm des Grafen ſinken. Ihre Augen blieben offen und ſchienen den Grafen von Monte⸗ Chriſto eiferſüchtig zu betrachten. auf Wart welch iſt v ſeine inden ſeine ein C Trep ſens, ſich empfe durch grund verſch Munf pino, der 8 man er⸗ ubt ein od, Dich od! elche vir? das kön⸗ und eide⸗ ſich gum, lrme. eſagt, es d ich eiſige e, in t und So lte ich ſterbe „mei⸗ es ge⸗ n Arm Der — 143— „Sie iſt todt!“ murmelte er, indem er ſeine Hand auf Hahdée's Bruſt legte.„Und warum lebe ich noch? Warum fühle ich noch Nichts von dem furchtbaren Feuer, welches ihre Eingeweide zu verzehren ſcheint? Eine Stunde iſt verfloſſen— mehr bedarf es nicht, damit dieſes Gift ſeine Wirkung äußere. „O, nein, ich werde Dich nicht überleben,“ rief er, indem er aufſprang und den lebloſen Körper Hahdese's in ſeine Arme faßte.„Komm, meine Freundin, wir werden ein Grab haben, welches unſer würdig iſt!“ Indem der Graf dieſe Worte ſprach, eilte er raſch die Treppe der Grotte hinauf, erkletterte den Gipfel des Fel⸗ ſens, drückte Hahdée's Leiche an ſeine Bruſt und näherte ſich dem Abhange, indem er rief:„Allmächtiger Gott, empfange meine Seele!“ „Nein,“ rief eine Stimme und der Graf fühlte ſich durch den kräftigen Arm eines Mannes um Rande des Ab⸗ grund's zurückgehalten. 2 Hahdöe's Leichnam rollte von Klippe zu Klippe und verſchwand. 8 „Unſinniger, wer biſt Du?“ fragte der Graf. „Man braucht nicht Millionen zu beſitzen, um einem Menſchen das Leben zu retten, Herr Graf. Ich bin Pep⸗ pino, der Rocca Priori.“ Zwölftes Kapitel. Das Landhaus der Familie Morel. Micht weit von Rom ſtand ein bürgerliches Haus in r Mitte eines hübſchen Gartens, an deren Vorderſeite ein ſchönes, eiſernes Gitterthor erblickte. r S 7 e e — 140— Dirſes Haus, deſſen Architektur in ihrer Art voll⸗ kommen zu nennen war, beſaß in ſeinem Innern alle Er⸗ forderniſſe eines wirklichen Landhauſes, welches nicht blos zum Wohnen, ſondern auch zur Hühner⸗, Tauben⸗ und Ka⸗ ninchen⸗Zucht beſtimmt iſt. Die Sorgfalt, mit welcher man den Garten in Stand hielt, die Cultur der angrenzenden Felder, die Menge dicht⸗ belaubter Bäume, der platt verſchnittene Buchsbaum— Alles ſchien zu verkünden, daß dies der gewöhnliche Wohn⸗ ſitz einer glücklichen Familie und nicht blos ein einfaches Luſthaus für den Sommer war, wo man, ſo zu ſagen, das Rützliche nicht immer mit dem Angenehmen antrifft. Hier hatten Maximilian Morel und ſeine Gattin Va⸗ lentine ihren Wohnſitz aufgeſchlagen, nachdem ſie einige Monate vorher Venedig verlaſſen. Sich ganz den Freuden eines ſtillen, heiligen Friedens widmend, der auch nicht durch das geringſte Geräuſch der äußern Welt geſtört ward, hatten ſie ſich eine kleine Welt des Glückes geſchaffen. Sie lebten von ihrem mäßigen Vermögen und unterſtützten rcichlich die Armen, welche ih⸗ nen ihre Wohlthaten dadurch vergalten, daß ſie für dieſe leine Familie mit aufrichtigem Herzen die Segnungen des Himmels erfleheten. Das Innere des Hauſes war mit jener einfachen Ele⸗ ganz ausgeſtattet, die einem Gemüth, wie Valentinen's, ei⸗ gen iſt. Man ſah darin nicht jenen barbariſchen Ueberfluß großer, vornehmer Häuſer, aber man duldete darin auch nicht die mindeſte Entbehrung und Alle glaubten ſich glücklich. Die Herrſchaft achtete die Diener und dieſe reſpectirten die er⸗ ſtern mit einem Eifer und einer Verehrung, die man bei gewöhnlichen Dienſtleuten nur ſehr ſelten antrifft. Der Grund davon liegt hierin, daß der Eifer und die Treue der Diener oft von der Art und Weiſe abhängen, auf welche ſie von ihren Herren behandelt werden. daß ſie wobe boliſe und anger Wirt Futte ſich! Schu körne chen Gem wo Mutt Heert welch lagen zeigte tet, zuath Hierc in da lian men Valer Aben Mapxi Wem ſie n ſelben Die voll⸗ Er⸗ blos Ka⸗ tand icht⸗ ohn⸗ aches agen, ſ. Va⸗ einige edens der Welt zßigen he ih⸗ dieſe n des Ele⸗ s, ei⸗ roßer, cht die Die die er⸗ ran bei nd die hängen, — Valentine ertheilte ihre Befehle in ſo ſanftem Tone, daß Alle wetteiferten, ihr zu gehorchen. Gewöhnlich ſtand ſie ſehr fruͤh auf und durchwanderte ſofort den Garten, wobei ſie die Blumen pflegte und ihnen verſchiedene ſym⸗ boliſche Benennungen gab, ſo daß ſie Alle in ihren Augen und in denen Maximilian's das vollſtändige Bild tauſend angenehmer Erinnerungen bildeten. Dann ging ſie auf den Wirthſchaftshof und theilte mit ihrer zarten Hand das Futter unter die zahlreichen Gäſte aus, von welchen ſie ſich hier umgeben ſah. Die Tauben ſetzten ſich ihr auf die Schultern und andere noch dreiſtere pickten ihr die Mais⸗ körner aus dem Munde. Die Kaninchen machten Männ⸗ chen und erhielten zur Belohnung dafür friſch abgebrochene Gemüſeblätter. Valentine durfte die Reſter unterſuchen, wo die Jungen mit den Flügeln flatterten, während die Mutter fraß, oder den Stall, in welchem ſich eine ganze Heerde junger Kaninchen befand, oder auch den Korb, in welchem die Eier eines Huhn's neben einander geſchichtet lagen— ohne daß die Alten ſich ängſtlich oder böſe zeigten. Nachdem ſie dieſe angenehmen Mühwaltungen verrich⸗ tet, ging ſie fort, um die friſche Luft der Obſtgärten ein⸗ zuathmen und bei'm Melken der Kühe gegenwärtig zu ſein. Hierauf trug ſie ſelbſt die Milch, die Blumen und die Eier in das Haus und bereitete den Frühſtückstiſch, bis Maximi⸗ lian aus ſeinem Zimmer herunterkam, um ſie zu umar⸗ men und mit ihr zu frühſtücken. Der Tag verging ohne die geringſte Unannehmlichkeit. Valentine ſtickte und Maximilian las faſt immer. Des Abend's ſtiegen beide in ein elegantes Cabriolet, welches Marimilian ſelbſt führte, und machten eine kleine Promenade. Wenn die Sonne ſich ihrem Untergange zuneigte, kehrten ſie nach Hauſe zurück und die Nacht verfloß für ſie in der⸗ ſelben Harmonie. So verbrachten ſie mehrert Monate, als eines Nachts Die Todtenhand. 3. Band. 10 — 146— ein unvorhergeſehener Vorfall wenigſtens auf einige Zeit die häusliche Ruhe ſtörte, deren ſie ſich erfreueten. Es war zwiſchen zehn und elf Uhr, als die Diener bemerkten, daß vor dem eiſernen Gitterthor des Gartens ein Wagen hielt. Unmittelbar darauf ward heftig geklingelt. Valentine und Maximilian wollten eben nach der Ur⸗ ſache dieſes ſtürmiſchen Läutens fragen, als eine Dienerin eintrat, um ihnen eine Meldung zu machen. „Madame,“ ſagte ſie,„es hält ein Wagen an dem Gartenthor und eine Perſon verlangt ohne Verzug mit Herrn Maximilian zu ſprechen, obſchon ſie dieſen Namen nicht ausgeſprochen hat.“ „Wie ſo?“ fragte Morel. „Sie hat einfach geſagt, ſie wünſche die Ehre zu ha⸗ ben, den Herrn oder die Herrin dieſes Hauſes um eine Gefälligkeit zu bitten und erſuche zugleich, ſie nicht lange warten zu laſſen.“ „Wer kann das ſein?“ fragte Valentine. „Ich kann mir es durchaus nicht denken,“ antwortete Morel.„Um dieſe Stunde der Nacht, ein Menſch, wel⸗ cher mit dem Herrn oder der Herrin dieſes Hauſes zu ſprechen wünſcht und verlangt, daß man ihn nicht lange warten laſſe! Das finde ich ſehr ſonderbar! Was für ein Menſch iſt es?“ „Ich habe ihn nicht geſehen, mein Herr, Pietro je⸗ doch, der mit ihm geſprochen, verſichert, ſeine Stimme gleiche mehr der einer Frau, als der eines Mannes und ſeine zarte Geſtalt verräth, daß er dem vornehmen Stande angehört.“* „Auf alle Fälle muß ich erfahren, wer es iſt.“ Aber ſollen wir ihn denn heraufkommen laſſen, ohne 3 ſeinen Namen zu wiſſen? Ich werde mit ihm am Gitter⸗ thor ſprechen. Pietro mag mich begleiten und mittlerweile zünde man im Sgale die Lichter an.“ Gart ſah ſchlar dem von ſchen dieſes gelege junge einem der Sie niema deſſen uns b . 9 um E dend.“ gen A Ton, was Diener Norel lich ſe Zeit iener tens Ur⸗ nerin dem mit amen u ha⸗ eine lange ortete wel⸗ es zu lange ür ein ro je⸗ timme s und Stande ohne Hitter⸗ erweile — 147— Mit dieſen Worten ging Maximilian hinunter in den Garten und indem er auf das eiſerne Gitterthor zuſchritt, ſah er beim Scheine einer benachbarten Laterne die zarte, ſchlanke Geſtalt eines jungen Mannes, der unruhig neben dem Wagen auf und ab ging, welcher einige Schritte weit von der Thüre entfernt hielt. „Guten Abend,“ ſagte Maximilian;„mit wem wün⸗ ſchen Sie zu ſprechen?“ „Mit Ihnen ſelbſt, mein Herr, wenn Sie der Herr dieſes Hauſes ſind, oder wenn Sie in den häuslichen An⸗ gelegenheiten ein Wort zu ſprechen haben,“ entgegnete der junge Mann mit wohlklinger Stimme, aber zugleich in einem ängſtlichen Tone, welcher Morel nicht entging. „Aber kennen Sie denn nicht meinen Namen oder den der Perſon, welche Sie ſuchen?“ fragte er. „Gott ſchütze mich! Ich weiß nicht blos nicht, wer Sie ſind, ſondern es iſt auch leicht möglich, daß ich noch niemals das Vergnügen gehabt habe, Sie zu ſehen. In⸗ deſſen, wenn Sie ein edles, gutes Herz haben, wenn Sie uns beizuſtehen wünſchen—“ „Sie ſind alſo nicht allein?“ „Nein, mein Herr; auch bitte ich nicht für mich ſelbſt um Hilfe— meine Frau begleitet mich— ſie iſt ſehr lei⸗ dend.“ „Ihr Name?“ fragte Marimilian, indem er den jun— gen Mann mit theilnehmender Miene unterbrach, denn der Ton, mit welchem er ſprach, hatte etwas Sentimentales, was ſeinen Eindruck nicht verfehlte. „Ich heiße Leon von Armillh.“ „Man öffne das Thor!“ ſagte Maximilian zu dem Diener. „Gut, Herr Leon von Armillh; ich heiße Maximilian Morel. Sprechen Sie und wenn ich Ihnen in etwas nütz⸗ lich ſein kann, ſo werde ich es thun.“ „Ach, Herr Morel, ich nehme Pr⸗ Güte an. Hö⸗ 102 — 148— ren Sie mich. Meine Frau und ich reiſten von Rom ab natů und hatten vorgezogen, dies in der Nacht zu thun, um die Fehl Tageshitze zu vermeiden, meine Frau aber, die im achten Monate ſchwanger geht, iſt ſehr leidend und das Schau⸗ Vir keln und Rütteln des Wagens hat, wie mir ſcheint, die zni Nähe ihre Riederkunft beſchleunigt. Was ſoll ich nun thun — ſo weit von der Stadt— mitten in der Nacht?“ ewe „Beruhigen Sie ſich, mein Herrz in meinem Hauſe ſind Frauen und ſie werden ſich bemühen, der leidenden Dame alle mögliche Hilfe angedeihen zu laſſen.“ ſein, Leon von Armilly lief ſogleich nach dem Wagen und nachdem er einige Augenblicke lang in denſelben hineinge⸗ ntll ſprochen, kam er wieder zu Maximilian zurück, welcher Pietro ſchon vorangeſchickt hatte. Leut „Herr Morel!“ Dan „Reden Sie.“ „Sie ſind gut und hilfreich— ich möchte Sie um er noch eine Gefälligkeit bitten.“ gen „Ich höre Sie.“ „Sie ſind ein Mann von Stand und Bildung und Scht ich möchte daher nicht durch Verſchweigung eines Geheim⸗ Rem niſſes Ihre Zuvorkommenheit beleidigen.“ reits „Ich bin bereit, Sie zu hören.“ 4 „Ich befinde mich eben ſo wie die Dame, welche mich fehl begleitet, in einer ſchlimmen Lage.“ ſolch „Ich glaube, Sie zu verſtehen, Herr von Armilly,“ br ſagte Maximilian lächelnd. „Ich ſagte Ihnen vorhin, es ſei meine Frau— fort aber—“ „Reden Sie doch aus.“ der „Unſerm Bündniß fehlt noch der kirchliche Segen“ trach ſagte der junge Herr von Armilly. „Nun, und?“ kritiſ „Sie gehört einer guten, römiſchen Familie an, ſie tete hat eine ausgezeichnete Erziehung genoſſen und ſchämt ſich; ufge S nab die chten chau⸗ die thun auſe enden und einge⸗ elcher e um und eheim⸗ emich nillh,“ egen,“ n, ſie nt ſich natürlich, wie jede andere Dame von ihrem Stande, ihres Fehltritt's ſehr.“ „Aber, mein Herr, was kann ich weiter dabei thun? Wir könnten weiter nichts, als Ihnen ſowohl als ihr die unter den gegenwärtigen Umſtänden nöthige Hilfe leiſten.“ „Ja, aber erlauben Sie auch, daß ſie ihr Incognito bewahre?“ „Ich glaube, es wird unter ſolchen Verhältniſſen ſchwer ſein, das Incognito zu bewahren, aber doch—“ „Sie trägt eine ſeidene Geſichtsmaske,“ antwortete Ar⸗ millh. „In dieſem Falle kann ich Ihnen verſichern, daß alle Leute in dieſem Hauſe das Geheimniß, in welches dieſe Dame ſich hüllt, reſpeetiren werden.“ „Tauſend Dank, mein Herr!“ ſagte Armillh, indem er Maximilian die Hand drückte und wieder nach dem Wa⸗ gen eilte. Einige Augenblicke ſpäter ſtieg eine Dame mit einiger Schwierigkeit aus und der Wagen bewegte ſich nach der Remiſe, wo ein Diener ihn auf Maximilian's Befehl be⸗ reits erwartete. Volentine war ſchon in Kenntniß geſetzt und hatte Be⸗ fehl gegeben, ein Zimmer zu erleuchten und die, in einem ſolchen Falle erforderlichen Vorbereitungen zum Empfang der geheimnißvollen Dame zu treffen. Valentine und ihre beiden Dienerinnen erwieſen ihr ſo⸗ fort die zuvorkommendſte Sorgfalt. Die Dame blieb maskirt und ihr Zuſtand war von der Art, daß ihre Niederkunft als nahe bevorſtehend be⸗ trachtet werden konnte. Während man im Innern des Zimmers die für den kritiſchen Augenblick nöthigen Vorkehrungen traf, beobach⸗ tete Maximilian mit Theilnahme den jungen Armillh, der aufgeregt in dem Saale auf- und ovſchritt, oft an der — 130— Thüre des Zimmers ſtehen blieb und das Ohr daran legte, um zu horchen. Das Geſicht des jungen Mannes war das zarteſte, was man an einem Manne ſehen konnte. Seine blonden Haare waren außerordentlich fein und mit faſt übertriebener Eleganz um die Stirn herum geordnet. Der Ausdruck ſei⸗ ner ſchönen, blauen Augen, die Weiße ſeiner Hände, die Kleinheit ſeines Fußes— Alles trug dazu bei, Maximi⸗ lian's Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Uebrigens geberdete ſich der junge Armillh ganz ſo ungenirt, wie jeder andere junge Mann ſeines Alters. Er rauchte mit Grazie und Unge⸗ zwungenheit, er ſetzte ſich quer über einen Stuhl, wie man zu Pferde zu ſitzen pflegt; er ſtreckte ſich auf ein Sopha und kreuzte die Beine übereinander— Alles dies ſehr raſch und mit der Miene der Gewöhnung. Maximilian ließ ihm eine gute Mahlzeit auftragen, welcher er ohne die geringſte Ziererei zuſprach. Dann plau⸗ derte er einen Augenblick lang mit Maximilian über Frauen und Pferde. Später kam das Geſpräch auf Feuerwaffen und er ci⸗ tirte die beſten Schriftſteller und ſprach über alles Mög⸗ liche mit ſo viel Ungezwungenheit und Lebhaftigkeit, daß man ihn für einen jener jungen Söhne reicher Familien halten mußte, welche ihre Jugend damit zubringen, daß ſie reiſen und eine Thorheit nach der andern begehen, bis ſie einem oft ſehr vorzeitigen Greiſenthum anheimfallen. Zwei Stunden ſpäter hörte man in dem anſtoßenden Zimmer Stöhnen und Aechzen, unmittelbar darauf einen halberſtickten Schrei und dann das erſte Wimmern eines Neugeborenen. Leon von Armillh eilte nach der Thüre und Maximi⸗ lian, der ſich ihm näherte, bot ihm die Hand, in welche er mechaniſch die ſeine ſinken ließ. „Empfangen Sie meinen Glückwunſch,“ ſagte Maxi⸗ milian. faſt ſ wollet Ausd weckte digem Töcht Vater den 2 tete: ſagt, der T e Armi armen S 2 wieder reiſen beiden liebter tinen der N durch, 6 in ihr len la ſie1 ſie au lich g 2 ſie ihr ihres gte, ſte, den ener ſei⸗ die mi⸗ ſich inge nge nan pha aſch gen, lau⸗ auen rci⸗ Nög⸗ daß ilien ßſie s ſie nden inen eines rimi⸗ velche Raxi⸗ „Ah, ich danke!“ antwortete Leon von Armillh mit faſt ſtumpfer Geberde, welche Maximilian in ſeiner wohl⸗ wollenden Weiſe als den, wenn auch etwas ſonderbaren Ausdruck des durch die erſten Thränen eines Sohn's er⸗ weckten Vatergefühl's betrachtete. Einen Augenblick ſpäter meldete eine Dienerin mit freu⸗ digem Lächeln, daß die Dame ſo eben ein ſtarkes, kräftiges Töchterchen geboren, welches das vollkommene Ebenbild des Voters ſei. Maximilian legte auf dieſe faſt herkömmlichen Worte den Werth, der ihnen gebührt, während Armillh antwor⸗ tete: „Ach ja, es iſt möglich, daß dem ſo iſt, wie Ihr ſagt, aber dennoch wollte ich wetten, daß das Kind mehr der Mutter gleicht, als mir.“ Die Thüre des Zimmers öffnete ſich und Herr von Armillh trat hinein, um die geheimnißvolle Dame zu um⸗ armen. Nach wenigen Tagen war die Dame ſchon ſo weit wieder hergeſtellt, daß ſie ohne die mindeſte Beſorgniß ab⸗ reiſen konnte. Leon von Armillh dankte, nachdem er die beiden Dienerinnen, welche bei der Entbindung ſeiner Ge⸗ liebten hilfreiche Hand geleiſtet, anſtändig belohnt, Valen⸗ tinen und Maximilian innig für die ihm gewährte Hilfe in der Noth und vermehrte die Schuld ſeiner Dankbarkeit da⸗ durch, daß er ſie noch um einen anderweiten Dienſt bat. Volentine zögerte auf ſein Erſuchen nicht, das Kind in ihrem Hauſe ſtillen zu laſſen, bis es die Mutter abho⸗ len laſſen könnte. Valentine hatte keine Kinder und liebte ſie, wie ſie die Blumen und Vögel liebte. Deshalb ging ſie auf das anderweite Verlangen Leon's von Armillh herz⸗ lich gern ein. Am nächſtfolgenden Tage dankte die Mutter, indem ſie ihre ſeidene Maske eine wenig lüftete, um den Wangen ihres Töchterchens einen Kuß aufzudrücken, Valentinen nochmals für den Dienſt, den ſie ihr geleiſtet und reiſte in Begleitung ihres jungen Geliebten ab. „Und nun, Louiſe?“ ſagte ſie, indem ſie, ſobald der Wogen eine Strecke zurückgelegt hatte, ihre Maske abriß. „Was willſt Du, meine liebe Eugenie? Ich habe mehr als einmal die Rolle Leon's von Armillh geſpielt und hoffe, daß dies das letzte Mal ſein wird.“ „Aber meine Tochter?“ „Sie iſt in guten Händen und dereinſt wirſt Du die Freude haben, ſie wieder zu umarmen. Vor der Hand, liebe Eugenie, wollen wir an Dich denken; vergiß den un⸗ glucklichen Umſtand, durch welchen Du Mutter geworden und nimm an, daß ich in der That der Vater Deiner Tochter ſei.“ „Immer heiter,“ murmelte Eugenie, indem ſie lä⸗ chelte und ſich eine Thräne trocknete;„wie beneide ich Dich in dieſem Augenblicke um Dein Temperament.“ „Eugenie, die Welt und das Theater erwarten uns. Kehren wir zu unſerem Glückstraume zurück und erinnere Dich, wenn Dir die nöthige Kraft fehlt, erinnere Dich, daß Du nun für die Zukunft Deiner unſchuldigen Tochter zu ſorgen haſt.“ „Ja, ja, Louiſe; und Gott gebe mir Kraft, es ſo zu thun, wie ich es wünſche.“ Dreizehntes Kapitel. Die rechte Hand des Herrn von Villefort. Wehren wir jetzt nach der kleinen Jüſel Monte⸗Chriſto zurück, wo wir den Grafen gelaſſen haben. Sch das grut Die ſein wel ſchli Fel Leic des der Sch ſen Ha der war ſchi Sei Zü um blic Ro ten ihn ſchr Nar eiſte der riß. habe pielt die and, un⸗ orden einer e lä⸗ Dich uns. innere Dich, ochter ſo zu hriſto — —— — 153 Es war am Mergen nach dem Tage, wo Peppino die Schuld ſeiner Dankbarkeit bezahlt und Edmund Dantes das Leben gerettet hatte. Dieſer Mann lag auf den Knieen am Rande des Ab⸗ grundes, in welchen Hahdée's Leiche hinabgerollt war. Die Augen gen Himmel gewendet, betete er von Grund ſeiner Seele. Er hatte ſich in das bittere Loos ergeben, welches ihn in der Welt erwartete. Er hatte einen Ent⸗ ſchluß gefaßt und indem er zum letzten Male auf dieſem Felſen niederkniete, rief er ſein letztes Lebewohl der theuern Leiche zu, welche zerſchmettert auf dem Boden des Abgrun⸗ des lag. Sich erinnernd, daß ein kleines Fahrzeug ihn in einer der Buchten der Inſel erwartete, lenkte er hierauf ſeine Schritte langſam nach dem Strande, in der Abſicht, die⸗ ſen verhängnißvollen Ort zu verlaſſen. Mit geſenktem Haupte und ſchlaff herabhängenden Armen wandelte er nach der kleinen Bucht, als ein Menſch ſeinen Blicken ſichtbar ward, der plötzlich aus der Erde emporgeſtiegen zu ſein ſchien. Es war Benedettv. Er trug jetzt keine Maske. Sein Geſicht war ruhig. Sein Blick haftete feſt und unverwandt auf den ſchlaffen Zügen des Grafen von Monte-Chriſto und ſeine Lippen umſpielte ein Lächeln, durch welches die Ironie hindurch⸗ blickte. In kurzer Entfernung ſah man Peppino, den Rocca Priori, mit zwei Piſtolen im Gürtel. Der Graf und Benedetto ſahen einander einige Minu⸗ ten lang in tiefem Schweigen an. „Erkennſt Du mich endlich, Edmund Dantes?“ fragte ihn Benedetto, indem er die Arme über der Bruſt ver⸗ ſchränkte. „Ja!“ murmelte der Graf. „Das freuet mich, denn ſonſt hätte ich Sie an den Namen jenes Fürſten Andrea Cavalcanti erinnern müſſen, — 1 den Sie improviſirten, um ihn in einer Ihrer verruchten, fluchwürdigen Comödien eine Rolle ſpielen zu laſſen.“ „Und Sie ſind alſo der Mann, der mich ſo verfolgt hat?“ ſagte der Graf, indem er den Kopf ſchüttelte und dieſe Worte mit einem verächtlichen Lächeln begleitete.„Und allen dieſen Gewaltthätigkeiten, die Sie blos in der Abſicht begingen, um in den Beſitz meiner Reichthümer zu kommen, geben Sie frecherweiſe den pomphaften Titel der göttlichen Gerechtigkeit?“ „Sie irren ſich, Graf von Monte-Chriſto,“ entgeg⸗ nete Benedetto ruhig.„Es war nicht der Wunſch, Reich⸗ thümer zu beſitzen, wie Sie ſo eben ſagten. Ich beſitze heute eben ſo viel, als ich beſaß, ehe ich Sie der Ihrigen be⸗ raubte. Sie ſind ſchon unter die Armen vertheilt und das, was noch davon übrig iſt, wird es in Kurzem werden. Wenn ich Sie verfolgt habe, ſo iſt es blos geſchehen, um das unſchuldige Blut meines Bruders Eduard zu rächen.“ „Ihres Bruders?“ fragte der Graf. „Ja, ich kenne die furchtbare Geſchichte meiner Geburt, das heißt, ich weiß, wer der Urheber meiner Tage iſt und es bleibt mir nur noch übrig zu erfahren, wer meine Mut⸗ ter war.“ Der Graf lächelte bedeutſam. „Kennen Sie ſie vielleicht?“ „Ja!“ „So reden Sie,“ rief Benedetto,„und ich gebe Ih⸗ nen alles was Sie verlangen!“ „Ich mag nichts von Ihnen, Benedetto. Ihre Mut⸗ ter iſt die Baronin Danglars.“ Benedetto prallte einen Schritt zurück und ſtieß einen Ruf der Ueberraſchung aus. Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein. „Ich danke Ihnen, Herr Graf,“ ſagte er mit wilder Miene,„ich danke Ihnen für Ihre Großmuth und bin überzeugt, daß Sie, wenn Sie nicht berechnet hätten, was ich b nicht das will kann Die bitter Bitte einm trifft er ſie troſe den wie e Ihne Räul ner Verb für Hänt nat lung men weder einm zu kö Chriſ zu E Sie Sie ßeror zu ſt en, lgt nd nd cht en, en eg⸗ ch⸗ ute be⸗ as, en. um . urt, und tut⸗ 5 ich bei dieſer Enthüllung leiden muß, mir dieſelbe ſicherlich nicht gemacht baben würden. Hören Sie mich alſo; es iſt das letzte Mal, daß wir einander gegenüberſtehen. Ich will Ihnen etwas von einigen Perſonen erzählen, die Sie ge⸗ kannt haben. Schenken Sie daher mir Ihre Aufmerkſamkeit. Die Baroneſſe Danglars iſt von mir beſtohlen und in die bitterſte Armuth geſtürzt worden,“ ſagte Benedetto mit Bitterkeit,„und ich weiß nicht, wo ſie iſt, ich weiß nicht einmal, ob ſie noch lebt. Was den Baron Danglars be⸗ trifft, ſo hat er ſeine verbrecheriſche Laufbahn geendet wie er ſie begonnen, das heißt, er ward wieder einfacher Ma⸗ troſe und ſtarb während einer Nacht des Sturmes unter den Hieben, die ihm ein Mann beibrachte, welcher ebenſo, wie er, als Pilot an Bord meiner Vacht„der Sturm“ dientk. „Was aus Luigi Vampa geworden iſt, brauche ich Ihnen wohl kaum zu erzählen. Sie haben dieſen kecken Räuber ſtets in Ihren Schutz genommen und zwar zu ei⸗ ner Zeit, wo Sie ſich rühmten, den Diebſtahl und jedes Verbrechen mit Strenge zu ſtrafen. Ich dagegen habe ihn für eine Handvoll Piaſter der römiſchen Juſtiz in die Hände geliefert, die ihn beſtrafen wird, noch ehe ein Mo⸗ nat vergeht. „Jetzt, wo ich Sie auf die letzte Stufe der Verzweif⸗ lung herabgeſtürzt ſehe, jetzt, wo ganz Italien Ihrem Na⸗ men flucht oder Sie für wahnſinnig hält, jetzt, wo Sie weder Gattin noch Sohn mehr haben, jetzt, wo Sie nicht einmal ſo viel mehr beſitzen, um ſich morgen Brod kaufen zu können, jetzt, wo dieſer improviſirte Graf von Monte⸗ Chriſto mit all' ſeinem blendenden Schimmer auf immer zu Ende geht, müſſen Sie eingeſtehen, daß wenn Gott Sie unermeßlich mächtig machte, dies geſchah, damit Sie die Tugend belohnten, eben ſo wie er mich mit au⸗ ßerordentlicher Verwegenheit begabte, um das Verbrechen zu ſtrafen. Wir ſind Beide nur die einfachen Werkzeuge — 156— ſeiner Gerechtigkeit geweſen, unſere Aufgabe iſt beendet— ſinken wir darum wirder in unſer Richts zurück. „Die Familie Morel lebt glücklich, eben ſo wie viele andere Perſonen, mit welchen Sie Ihr Glück getheilt ha⸗ ben, und Sie, Sie enden im Elend, weil Sie ſo frevel⸗ haft übermüthig geweſen ſind, ſich begeiſtert zu glauben, wie ein Apoſtel. „Die Schuld iſt bezahlt und die Hand des Todten wird ſich wieder mit dem Rumpfe vereinigen.“ Indem Benedetto dies ſagte, öffnete er raſch ein klei⸗ nes Käſtchen, nahm die darin liegende verdorrte Hand, ver⸗ ſetzte damit Edmund Dantes einen heftigen Schlag in's Geſicht und ſchrie: „Von dem Uebermaße Deiner Leidenſchaft, Verblende⸗ ter, ſei verflucht auf immerdar!“ Der Graf ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus. Benedetto und Rocca Priori waren verſchunden. Der Graf blieb einige Augenblicke, das Geſicht mit den Händen bedeckend, ſtehen. Dann ſchauete er ſich um, und als er ſich vollſtändig allein ſah, lenkte er ſeine Schritte nach der ſüdlichen Bucht, wo ihn in der That ein klei⸗ nes Fahrzeug mit zwei Ruderern erwartete. „Könnt Ihr mich auf irgend einen Punkt der franzö⸗ ſiſchen Küſte nicht weit von Marſeille bringen? „Ja, mein Herr, ſteigen Sie ein.“ Der Graf warf ſich auf den Boden der Barchetta, die ihr Segel aufzog und das Weite gewann. Peppino und Benedetto beobachteten, auf einem kleinen Filſen ſtehend, die Abfahrt des Grafen.„Gut,“ ſagte Benedetto, indem er ſich gegen Peppino wendetete,„nun iſt Alles aus.“ „Wie ſo, Meſtre?“ „Von jetzt an gehen unſere Wege nach verſchiedenen Richtungen. Jeder von uns folge dem, der ihm zuſagt.“ „Sie wollen ſich alſo wohl von mir trennen?“ brac In Deit gut da i habe Ihn wert bedü dettt tung zu L Ihn erſt berü Wo Ver Wo ſchör berei ſcheit ſin: dann ſen⸗ iele ha⸗ vel⸗ ben, dten klei⸗ ver⸗ in's aus. mit um, hritte klei⸗ nzö⸗ etta, leinen ſagte „nun denemn gt.“ 1 — 157— „Wie Du ſagſt. Sobald Du mich nach Frankreich ge⸗ bracht haben wirſt, überlaſſe ich Dir meine kleine Bacht. In dieſer Brieftaſche befindet ſich eine Summe, die ich zu Deiner Verfügung ſtelle und Du wirſt gehen, wohin es Dir gut dünkt.“ „Wohlan, ich nehme es an,“ entgegnete Peppino„und da ich an Ihnen gewiſſe ehrenwerthe Geſinnungen bemerkt habe, ſo will ich Ihrem Beiſpiele folgen und verſichere Ihnen, daß ich mich ganz anſtändig in Paris niederlaſſen werde. Sollte der Fall eintreten, daß Sie meiner Dienſte bedürfen, ſo werden Sie mich immer dazu bereit finden.“ „Wir werden uns niemals wiederſehen!“ ſagte Bene⸗ detto, indem er die Augen gen Himmel erhob und bedeu⸗ tungsvoll lächelte. „Warum?“ „Denke Dir, daß die Erde ſich geöffnet hat, um mich zu verſchlingen. Ich werde verſchwinden.“ „Wenn ich nicht ſchon dergleichen originelle Dinge von Ihnen erlebt hätte, ſo würde ich ſagen, daß Sie träumen.“ „Unſinniger, was iſt denn Alles?“ „Was verſtehen Sie unter Alles?“ „Das Leben! Iſt es nicht ein Traum? Nicht lange erſt nannte die Welt mit Enthuſiasmus den Namen des berühmten Grafen von Monte-Chriſto und wo iſt er jetzt? Wo ſind die Lobſprüche, die ihm gezollt wurden? Die Verwünſchungen, mit welchen man ihn überhäuft hat? Wo ſind ſeine unermeßlichen Reichthümer? Wo iſt ſeine ſchöne Griechin?— Frage dieſe Felſen, die ihn ſich haben bereichern und in den ſüßeſten Wonnen ſchwelgen ſehen? Frage dieſen unendlichen Raum, der uns umgiebt— Alles ſcheint Dir die Worte entgegen zu rufen: Tr aum, W Wahn⸗ ſinn, Thorheit!“ Peppino blieb einen Augenblick in Gedanken verſunken, dann hob er den Kopf empor und fragte mit einer gewiſ⸗ ſen Theilnahme 158 „Und der Sohn des Grafen? Ich will doch hoffen, daß Sie den Vorſatz, ihn zu ermorden, aufgegeben haben?“ „Beruhige Dich, ich werde ihn der Obhut einer ge⸗ wiſſen Familie anvertrauen, welche in Rom wohnt. Sie wird für das Kind ſorgen, indem ſie zugleich das Geheim⸗ niß ſeiner Geburt achtet. Trennen wir uns, Rocca Priori, unſere Angelegenheiten ſind dieſſeits beendet.“ Indem Benedetto dies ſagte, ſtieg er von Peppino vegleitet, nach der öſtlichen Bucht hinab, wo er ſich an Bord ſeiner Vacht„der Sturm“ einſchiffte, die ihn zu erwarten ſchien. Vierzehn Tage nach dem, was wir ſo eben erzählt, blieb ein Mann, ſorgfältig in einen braunen Mantel gehüllt, unter welchem er etwas zu verbergen ſchien, was dem Körper eines, höchſtens dreijährigen Kindes glich, an dem eiſernen Gartenthor der Wohnung Morel's, nicht weit von der Stadt Rom ſtehen. Es war Nacht. Der Mond war ſo eben gufgegangen und erleuchtete mit zweifelhaftem Glanze die weiße Fagade des einfachen Gebäudes, wo man ein einziges, offenes Fenſter bemerkte. Der Mann im braunen Mantel öffnete, nachdem er aufmerkſam gehorcht, ob er kein Geräuſch von Tritten vernehme und ſich über⸗ zeugt, daß Niemand hier zugegen war, mittelſt eines Schlüſſels die eiſerne Thür, ging quer durch den Garten und blieb vor der Treppe ſtehen. Hier ſchlug er ſeinen Mantel auseinander, breitete die Arme aus und legte auf die erſten Stufen der Treppe ein Kind, welches in tiefem Schlafe zu liegen ſchien. Bierguf kehrte er wieder um, verſchloß die Thür und zog heftig die Klingel. Valentine erſchien ſofort an dem offenem Fenſter, wäh⸗ rend ein Diener, der ſogleich hinauseilte, auf der Treppe ſtehen blieb, und einen Ruf der Ueberraſchung hören ließ. „Pietro,“ fragte Valentine,„was giebt es?“ „Mein Gott! hier auf der Treppe liegt ein Kind!“ Kind aus keine Sal zwei welc eben und piere vorr pier Des! an, wäre imm gang ſchw vertr nicht um traut Liebk der fen, n?“ ge⸗ Sie im⸗ iori, bino ord rten ählt, ült, dem dem von war ftem man i cht, über⸗ eines arten einen auf iefem um, wäh⸗ reppe ieß. 13 Valentine verließ das Fenſter und ging hinunter. „Wirklich,“ ſagte ſie.„Aber wer mag dieſes arme Kind hierhergebracht haben?“ „Die Thür iſt verſchloſſen,“ ſagte Pietro, der eben aus dem Garten zurückkam,„und auf dem Wege bin ich keiner Seele begegnet.“ Valentine nahm das Kind in ihre Arme, ging in den Salon hinauf und Maximilian entgegen. „Mein Freund,“ ſagte ſie,„der Himmel giebt uns zwei Kinder. Das iſt der Mann für das kleine Mädchen, welches bei uns geboren worden.“ Sie erzählte Maximilian mit wenig Worten, was ſo eben geſchehen war. Das Kind ſah ſich verwundert um und barg dann ſein Geſicht an Valentinen's Bruſt. „Laß uns vor allen Dingen ſehen, was auf dem Pa⸗ piere ſteht, welches ich hier aus dem Kleide des Kindes her⸗ vorragen ſehe,“ ſagte Maximilian. „Du haſt Recht!“ rief Valentine, indem ſie das Pa⸗ pier ergriff und auseinander ſchlug. Sie las: „Madame, Sie ſind gut und menſchenfreundlich. Deshalb vertraue ich im Namen Gottes Ihnen dieſes Kind an, welches Sie erziehen müſſen, als ob es das Ihrige wäre. Der arme Kleine iſt Waiſe, ſeine Geburt muß für immer ein tiefes Geheimniß zwiſchen Gott und der Ver⸗ gangenheit bleiben. Sein Name iſt Edmund.“ Dieſes Papier hatte keine Unterſchrift. Valentinen traten die Thränen in die Augen und ſie ſchwur, an dem unglücklichen Waiſenknaben Mutterſtelle zu vertreten. Maximilian war ihr in dieſen frommen Entſchlüſſen nicht entgegen. Und von nun an boten ſie beide Alles auf, um die beiden Kinder, welche das Schickſal ihnen anver⸗ traut, gut zu erziehen, und die beiden Kinder wuchſen unter Liebkoſungen heran, wie die Lieblingsblumen im Garten der ſanften und guten Volentine. — 160— Vierzehntes Kapitel. Eine letzte Nacht auf der Inſel Monte⸗Chriſto. Moch der letzten Unterredung zwiſchen Edmund Dan⸗ te's und Benedetto hätte man meinen ſollen, die Inſel ſei vollkommen menſchenleer geweſen. Ein kleines Schiff, deſ⸗ ſen Spur im Waſſer verrieth, daß es eine der Buchten dieſer Felſen ſo eben verlaſſen, ſteuerte nach der franzö⸗ ſiſchen Küſte, während ein anderes noch kleineres, in der weſtlichen Bucht vor Anker lag. Ein tiefes Schwrigen herrſchte in dieſen unheimlichen Gegenden. Die Inſel begann mit der Dämmerung zu ver⸗ ſchwinden und man ſah vom Weiten kaum noch die, von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten Felſenſpitzen. Und dennoch war die Inſel nicht ſo ganz verlaſſen, als ſie zu ſein ſchien. Ein Mann ging noch mit lang⸗ ſamen und gemeſſenen Schritt zwiſchen den Felſen hin und her. Dieſer Mann war Edmund Dantes, der noch ein⸗ mal hierher zurückgekehrt war. Er ſtieg in der Richtung eines jener tiefen Abgründg der Inſel hinab, die durch die Trennung zweier Felſen gebildet werden und wandelte ſicheren Schrittes, trotz der Finſterniß, die ihn ſchon umgab und die ohne Zweifel den Gang eines jeden andern Menſchen gehemmt haben würdt. Es war, als ob ein Stern ihn an den Abgründen vor⸗ überführte, die er zu vermeiden wußte. So wie er tiefer in den Abgrund hinabſtieg, neigte ſich ſein Haupt auf die Schultern und ſeine Augen hefte⸗ ten ſich auf den dunkeln Himmel, als ob von dort eine Erſcheinung auf ihn herabblickte. Einige Augenblicke darauf fiel ein Lichtſtrahl durch die Felſe mun ſchau geſch ſehen Schr weit ner ſ fehl tete: Edm ungel ſen b ſpran zu di ſchwa ſamm zuſan waſſe provi Inſel Felſer er eit um i wie i grabe nen. Stral ſeine Die an⸗ ſei ichen ver⸗ von deten aſſen, lang⸗ und ein⸗ ründe Felſen tz der l den ürde. vor⸗ neigte hefte⸗ t eine ch die Felſenſpalten und erhellte ein wenig den Weg, welchen Ed⸗ mund Dantes verfolgte. Plötzlich blieb er, wie überraſcht davon, ſtehen und ſchaute ſich um wie ein Menſch, der ſo eben geträumt und geſchlafen hat. Erſtaunt, dieſes Licht auf der Inſel zu ſehen, welche er ganz menſchenleer glaubte, lenkte er ſeine Schritte darauf zu und ſah ungefähr einen Büchſenſchuß weit am Strande ein Feuer, um welches herum drei Män⸗ ner ſich gelagert hatten. Edmund erinnerte ſich nun, daß auf Benedetto's Be⸗ fehl ein kleines Schiff ihn an der weſtlichen Bucht erwar⸗ tete und daß dieſes Feuer wirklich in dieſer Richtung brannte. Nach ungefähr einer halben Stunde, während welcher Edmund, die Stirn mit den Händen bedeckend, an einen ungeheuern Granitblock gelehnt ſtand und die drei Matro⸗ ſen betrachtete, die ruhig mit einander zu plaudern ſchienen, ſprangen ſie auf, ließen das Feuer, wie um als Signal zu dienen, fortbrennen, ſprangen in ein Boot und ver⸗ ſchwanden. Edmund lenkte nun ſeine Schritte nach dem Strande, ſammelte einige trockene Kräuter, drehete ſie in der Hand zuſammen und zündete ſie, nachdem er ſie in das Meer⸗ waſſer getaucht, an dem Feuer an. Mit Hilfe dieſer im⸗ proviſirten Fackel vertiefte er ſich ſodann auf's Neue in die Inſel und ſtieg immer weiter in den Abgrund hinab. Nach kurzer Zeit gelangte er an den Fuß des höchſten Felſens, auf deſſen ſich in den Wolken verlierendem Gipfel er einige Jahre vorher ſeine feurigen Blicke gerichtet, wie um ihn um die unermeßlichen Schätze zu befragen, welche, wie der Abbs Faria ihm verſichert, an dieſer Stelle ver⸗ graben waren. Edmund Dantes blieb ſtehen, hob die Fackel über ſei⸗ nen Kopf und ſchaute ſich langſam ringsum, ſo weit die Strahlen des flackernden Lichtes reichten. Dann heftete er ſeine Blicke auf einen Gegenſtand, den er in kurzer Ent⸗ Die Todtenhand. 3. Band. 1 — 162— fernung liegen ſah, ließ den Arm, welcher die Fackel hielt, ſinken, neigte den Kopf auf die Bruſt und murmelte die Worte: „Hahdée!“ Der Ausdruck, mit welchem Edmund dieſen einfachen Namen nannte, war ein ſeltſames Gemiſch von Liebe, Trauer und Reue, ein Ausdruck, der nur für Den ver⸗ ſtändlich war, der eben ſo wie Edmund mit einem Male, gleich den Bildern eines Traumes, Alles hat verſchwinden ſchen, was ihm auf Erden das Theuerſte war. Edmund vergoß indeſſen nicht jene bitteren und doch erleichternden Thränen, wie ſie der Unglückliche zu vergie⸗ ßen pflegt, und welche die Strenge des Schickſal's, wel⸗ ches uns niederbeugt, zu mildern ſcheinen; jene Thränen, die wir vergießen, wenn wir einmal durch das Unglück un⸗ ſer Herz betroffen fühlen, welches uns ſagt: Du haſt ein Gut verloren, aber die Welt enthält andere, die Dich er⸗ warten. Dann weinen wir beſeelt von dem traurigen Ge⸗ danken, daß das Weſen, welches wir von Grund der Seele liebten und welches auf immer von uns getrennt iſt, nicht ſeinen Antheil an den künftigen Gütern haben kann, die uns verſprochen ſind. Edmund's Herz war, ſo zu ſagen, zwiſchen zwei eiſerne Schrauben eingepreßt. Die Hoffnung der Zukunft konnte es nicht erweitern und die Thränen ver⸗ mochten eben ſo wenig den ſtechenden Schmerz zu mildern, der es zerfleiſchte. Hier ſah er ſich zum erſten Male klein und arm an Geiſt wie alle Menſchen, bei welchem die Leidenſchaft er⸗ liſcht, die ihnen ihren klaren Verſtand raubte, und welche ſie für das heilige Feuer des Genius hielten. Nun ver⸗ dammte er bei ſich ſelbſt ſein vergangenes Leben, welches er nur der Durchführung einer unverſöhnlichen Rache ge⸗ weihet. „Haydse! Hahdée!“ rief er, indem er meben einem zerſchmetterten Leichnam auf die Kniee ſank, deſſen Antlitz mit Gott knüpf geſchi Verz men welch Liebe ſchlie einen Dieſe kaum und Bruſ melte heben ſich: liegſt mein welch löſcht vereit ſchme doch zuru Men geleh beuge ſie i der licher ven C elt, hen ebe, ver⸗ ale, den doch gie⸗ wel⸗ nen, un⸗ ein er⸗ Ge⸗ Seele nicht die agen, nung er⸗ dern, m an ft er⸗ welche er⸗ elches e ge⸗ einem Antlitz — 163 mit ſchwarzem, geronnenem Blut bedeckt war.„Wollte Gott, daß ich niemals Dein Schickſal an das meinige ge⸗ knüpft, dann würdeſt Du nicht ſo ſchnell aus dieſer Welt geſchieden ſein, wo Du glücklich und ruhig leben ſollteſt. Verzeihe mir, Hahdée, verzeihe mir. Der Gatte der ar⸗ men Mercedes konnte nicht Dein Gatte ſein. Das Herz, welches ſchon einmal in ſeinem Leben einem andern ſo viel Liebe gewidmet hatte, als das Herz eines Mannes in ſich ſchließen kann, konnte für Dich daſſelbe Gefühl nur wie einen Traum empfinden, der eines Tages enden ſollte Dieſer Tag iſt heute; es iſt Alles aus und es bleibt mir kaum noch die immerwährende Nacht der Gewiſſensbiſſe und der Verzweiflung.“ Mit dieſen Worten ließ Edmund den Kopf auf die Bruſt herabſinken und ſtreckte die Arme nach dem verſtüm⸗ melten Leichnam aus, als ob er ihn von der Erde auf⸗ heben wolle. „Hahdée, Hahdee!“ rief er, indem er aufſprang und ſich mit verzweifelter Geberde das Haar zurückſtrich. S liegſt Du todt! Deine Lippen werden nicht mehr auf dön meinigen ruhen. Ich kann künftig nicht mehr das Feuer, welches ſie verzehrte, in den ſüßen Thränen der Liebe ver⸗ löſchen, Hahdée! und trotz des Gefühl's, welches uns vereinte, trotz meiner Größe, trotz meiner in bitteren, ſchmerzlichen Nachtwachen erlangten Wiſſenſchaft, beſitze ich doch nicht das Geheimniß, Dich wieder in's Leben zurück⸗ zurufen. Elender, der ich bin! Aber ich bin ja nur ein Menſch, ich bin unwiſſend und arm wie die, welche ſich gelehrter und mächtiger glauben, aber dennoch ihre Stirn beugen und ſich im Angeſicht des Todes demüthigen, weil ſie ihn nicht zu würdigen wiſſen. Erbärmliches Geſchlecht der Menſchen und um ſo übermüthiger, als es erbärm⸗ licher iſt!“ Ein verächtliches, bitteres Lächeln umſchwebte die Lip⸗ ven Edmund's, deſſen unheimliche, von Scheine ſeiner — 164— Fackel beleuchtete Geſtalt in dem Dunkel bald ſichtbar ward, bald wieder verſchwand.„Allmächtiger Gott!“ fuhr er in tie⸗ fer Zerknirſchung fort,„ich habe geſündigtz von Grund meiner Seele bereue ich die Irrthümer meines, vergangenen Lebens. Ich bin in meiner Rache unerbittlich, ich bin barbariſch, wahnſinnig geweſen! Ja, ich erkenne es, meine Hände haben das Schwert der göttlichen Gerechtigkeit gemißbraucht. Und dennoch, das Aechzen meines Vaters, welcher Hungers ſtarb! Je⸗ nes Aechzen ſchlug fortwährend wie ein mahnendes Echo an mein Ohr. Ich hätte mich Deiner erinnern ſollen, ge⸗ kreuzigter Heiland! Ich hätte die Worte des Friedens und der Menſchenliebe in meiner Erinnerung bewahren ſollen, welche Du von der Höhe Deines Kreuzes mit Deinem letzten Seufzer aushauchteſt— dann würde ich zu verzeihen ge⸗ wußt haben. Ich würde erkannt haben, daß mein armer Vater Hungers ſtarb, nicht ſowohl wegen meiner langen Einkerkerung, ſondern weil es ſeinem Stolze widerſtrebte, aus der Hand unſerer alten Freunde, der Morel's, ein Al⸗ moſen anzunehmen. Meine Rache hätte ſich auf Villefort und Danglars beſchränken ſollen und ſo, daß dadußch ihre Familien verſchont geblieben wären. „Danglars und Villefort— dies waren meine beiden Mörder! Dies ſind zwei Namen, welche ich ſelbſt heute noch nicht ausſprechen kann, ohne daß meine Zähne vor Wuth knirſchen und meine Lippen ſchäumen. Ach, leider habe ich nicht ſie zu verwunden gewußt, ohne mich ſelbſt zu verdammen. Ich habe nicht begriffen, von welcher Art meine Gerechtigkeit ſein ſollte, obſchon ich ſeit langen Jah⸗ ren darüber nachgedacht hatte. Verzeihung, Gott, Ver⸗ zeihung für den ſchwachen unwiſſenden Menſchen.“ Edmund ſank abermals auf die Kniee und blieb ſo ei⸗ nige Zeit, als ob er betete. Dann ſtand er auf, faßte mit dem rechten Arm Hahdée's Leiche und mit der linken die Fackel, und begann ſo ſchweigend einen der gewundenen Fußſteige hinaufzuſteigen, welche guf die Höhe des Felſens führ zahl konn ſchie vielle Sch ſtem war der Edm hina ſchri Leich „Bi müh den Sch Gall gego die der geſal herkt ſuche übri begr antn ſetze dem Sta ard, tie⸗ iner Ich nnig wert ch, Je⸗ Fcho ge⸗ und llen, tzten ge⸗ rmer ngen ebte, Al⸗ efort ihre eiden heute vor leider ſelbſt Art Jah⸗ Ver⸗ ſo ei⸗ faßte linken denen elſens , führten. Der Weg, den er verfolgte, war einer jener zahlreichen Päſſe, die nach der berühmten Grotte führen konnten und die ausdrücklich in den Felſen gehauen zu ſein ſchienen, um die irre zu leiten, welche in einer frühern Zeit vielleicht den geheimen Ort zu entdecken ſuchten, wo die Schätze des berühmten Cardinals Spada vergraben lagen. Eine Viertelſtunde ſpäter kam Edmund, der mit fe⸗ ſtem Schritte in der Richtung der Grotte weiter geſchritten war, an das Portal, an deſſen geſchwärzten Säulen ſich der rothe Schein der düſter flackernden Fackel ſpiegelte⸗ Edmund trat in die Vorhalle und ging die Marmortreppe hinab; dann trat er, nachdem er die erſte Halle durch⸗ ſchritten, in die zweite und legte an der linken Wand den Leichnam auf die Erde nieder. „Sier iſt es!“ murmelte er, indem er ſich umſchaute. „Hier iſt der Ort, wo ich vor acht Jahren nach einer mühſamen Arbeit Halt machte, um mit habgierigem Blicke den Boden zu befragen, der in ſeinen Eingeweiden die Schätze des Abbes von Faria barg! Armer Greis! die Galle, welche die Bosheit der Menſchen in Deine Bruſt gegoſſen, hat auch die meinige beſudelt und die vermehrt, die ſchon darin vorhanden war. „Was würde ich wohl damals dem geantwortet haben, der mir in dem Augenblicke, wo ich die Erde aufwühlte, geſagt hätte, daß ich acht Jahre ſpäter eben ſo arm hier⸗ herkommen würde, als ich war; nicht um einen Schatz zu ſuchen, ſondern um Alles, was mir von einem andern übrig geblieben, in dem Schooße dieſes ſelben Bodens zu begraben. Ich würde ihm mit ſchallendem Gelächter ge⸗ antwortet haben, deſſen Echo dieſe Kalkſteinwände mit Ent⸗ ſetzen zurückgegeben haben würden.“ Mit dieſen Worten zerſchlug Edmund, mit einer aus dem Piedeſtal entnommenen Eiſenſtange bewaffnet, eine der Statuen und öffnete nah' an der Mauer ein Grab. „Ach!“ führ er fort, indem er die Eiſenſtange fort⸗ — 166— warf und ſich mit den Händen über die in kalten Schweiß gebadete Stirn fuhr. „Vertrauen wir der Erde dieſe traurigen menſchlichen Ueberreſte an und ſie möge ſie von dem Augenblicke an, wo Alles für mich aus iſt, auf immer bewahren! Ja, ich erkenne Dich, Leichnam, der Du ein Herz bargſt, dem nur das meinige als Compaß auf dieſer Erde diente. Ja, dies iſt die Leiche meiner geliebten Hahdée! Sie liegt auf immer in dieſem, von der Natur gebaueten und den Men⸗ ſchen unbekannten Rieſengrabe.“ Indem Edmund dieſe Worte ſprach, legte er Hahdée's Leiche in das Grab und begann ſie dann mit Erde zu be⸗ decken, bis er den leeren Raum ausgefüllt hatte. Hierauf wälzte er einen ungeheuern Stein herbei, den er in die Erde hineintrieb und entfernte ſich. „Nun iſt Alles vorbei. Dieſer Graf von Monte⸗ Chriſto, ſo bewundert von den Menſchen, hat ſo eben das Letzte, was ihm lieb war, verloren— er, deſſen Glück in der Welt ſo beneidet und für ihn ſo bitter ward. Es iſt Richts geweſen, als ein Traum, und am Ende dieſes auf⸗ geregten Traumes, den ich geſchlafen, erkenne ich, daß Edmund Dantes von dem Augenblicke an, wo ein verhäng⸗ nißvoller Streich ſeine Jugend, ſein Glück und den ſtillen Frieden ſeiner beſcheidenen Exiſtenz vernichtete, für immer aufhörte zu exiſtiren.“ Als er aus der Grotte heraustrat, färbte bereits die Morgenröthe den ganzen öſtlichen Theil des mittelländiſchen Meeres. Edmund lenkte ſeine Schritte nach dem Gipfel des Felſens und betrachtete mit Entzücken dieſes pracht⸗ volle Gemaͤlde, welches ſich zu ſeinen Füßen entrollte und deſſen Ruhe zu der ſchmerzlichen Aufregung ſeines Gemüth's einen ſo eigenthümlichen Gegenſatz bildete. Dann ging er hinab nach der weſtlichen Bucht und winkte das kleine Fahr⸗ zeug heran, welches ihn auf Befehl Benedetto's erwartete⸗ „Nach der italieniſchen Küſte,“ ſagte Edmund, indem fron weit hier che Ene ſoba dieſt been weil faßt Her zurt Har einz bege lang ruhi er o thie veiß chen an, „ich dem Ja, auf Ren⸗ dée's be⸗ erauf die onte⸗ ndas Glück Es auf⸗ daß hüng⸗ ſtillen mmer ts die iſchen Gipfel racht⸗ e n nüth's ing er Fahr⸗ artete⸗ indem — 167— er ſich mit anſcheinender Ruhe in das Fahrzeug ſetzte, wel⸗ ches ſofort in das weite Meer hinausſteuerte. Funfzehntes Kapitel. Die Rückkehr in die Gruft. Sobald Benedetto den Sohn Edmund's Dantes der frommen Menſchenliebe Valentinen's auvertraut, blieb ihm weiter nichts übrig, als nach Frankreich zurückzukehren, um hier der Leiche ſeines Vaters die Hand zurückzugeben, wel⸗ che er ihm, von dem wahnſinnigen Gedanken einer wilden Energie getrieben, vor anderthalb Jahren abgeſchnitten. Er ahnte, daß ihn etwas Furchtbares ereilen würde, ſobald er ſeine Miſſion beendet hätte, obſchon er ſich von dieſem verhängnißvollen Gefühl, welches ihn fortwährend beengte, keine Rechenſchaft zu geben vermochte. Mittler⸗ weile bebte er nicht vor dem Entſchluſſe zurück, den er ge⸗ faßt, nach Frankreich zurückzukehren, denn die Hand des Herrn von Villefort durfte nicht auf Erden verloren bleiben. Benedetto verließ daher Rom und kehrte nach Paris zurück, wo er Peppino verließ, der, wie er ſagte, einen Handel mit alten Kleidern etabliren wollte, weil dies der einzige war, zu dem er Luſt verſpürte. Der Sohn Villefort's durchſchritt ruhig die Stadt und begab ſich zu einem Notar, deſſen Wohnung er ſchon ſeit langer Zeit kannte. Die ſtrenge Miene Benedetto's, ſeine ruhige, gemeſſene Ausdrucksweiſe flößten der Perſon, welche er aufſuchte, gleich von vorn herein eine lebhafte Shmpa⸗ thie ein. Eine halbe Stunde darguf war der Notar von Allem — 168— unterrichtet, was man von ihm wünſchte. Benedetto ließ eine Schenkungsurkunde über zwölf Million Franes zu Gun⸗ ſten Valentinen's Morel, in der Umgegend von Rom woh⸗ nend, aufſetzen, mit der Bedingung, daß die Zinſen dieſes Kapitals zur Errichtung verſchiedener Zufluchtshäuſer für die unglückliche Kindheit und das mittelloſe Alter ſowohl in Italien, als in Frankreich verwendet würden. Dieſe Schenkung ſollte ihr durch den eben erwähnten Notar im Namen einer geheimen Wohlthätigkeitsgeſellſchaft übermacht werden, für deren Agenten Benedetto ſich ausgab. Ein anderes Kapital von ſechs Millionen Francs ſollte auf demſelben Wege zur Dispoſition Albert's Mondego, in Marſeille wohnhaft, geſtellt werden und zwar im Namen eines früheren Schuldners ſeines verſtorbenen Vaters, des Grafen von Morcerf, welcher dieſe Schuld bezahlte, in Bezug auf welche nicht mehr der geringſte geſetzlich giltige Anſpruch gemacht werden konnte. Nachdem in Gegenwart mehrerer Zeugen dieſe Dispo⸗ ſitionen getroffen waren, verließ Benedetto die Wohnung des Notars und begab ſich in ein Gaſthaus, wo er bis zu Einbruch der Nacht verweilte. Es war acht Uhr, als er in den braunen Mantel ge⸗ hüllt, deſſen er ſich gewöhnlich bediente, wenn er ſich un⸗ kenntlich machen wollte, das Gaſthaus verließ. So wanderte er nach dem Kirchhofe Pore la Chaiſe, an deſſen Thor er anpochte. „Wer da?“ fragte eine Stimme, welche Benedetto zu kennen ſchien. „Ein Freund,“ antwortete er ruhig. „Freunde um dieſe Stunde an dem Thore eines Kirch⸗ hofes! Hm!“ ſagte der Wächter, indem er ſeinen mit einer Laterne verſehenen Arm zu dem Pförtchen ſeines Wachthauſes herausſtreckte. „Willſt Du denn lieber, daß es ein Feind ſei?“ fragte Benedetto mit derſelben Ruhe. ein? Dir glaul nicht hoch ten, wede gefül Hau nünf mir? leicht diene ſeltſa Stut Ah, zuſta fort.“ vielle rück zu ſi ließ zun⸗ voh⸗ eſes für vohl ieſe im tacht ollte , in men des in iltige ispo⸗ nung r bis l ge⸗ un⸗ haiſe, edetto Kirch⸗ nmit ſeines fragte „Es kommt wenig darauf an, ob Du ein Freund oder ein Feind biſt. Wenn Du ein Freund biſt, ſo werde ich Dir ſagen, daß ich an Freunde zu dieſer Stunde nicht glaube. Wenn Du ein Feind biſt, ſo fürchte ich Dich nicht. Dieſes Thor iſt wohl verſchloſſen, die Mauern ſind hoch und überdies beſitze ich hier zwei famoſe Doppelflin⸗ ten, die im Nothfalle vier Kugeln ausſpeien!“ „Sehr wohl und wenn ich Dir nun beweiſe, daß ich weder Dein Freund noch Dein Feind bin?“ „Wie verſteht Ihr das?“ „Nun, was meinſt Du zum Beiſpiel zu dieſer wohl⸗ gefüllten Börſe?“ „O,“ rief der Wächter, als er an der Thüre ſeines Hauſes das Geld klimpern hörte.„Das nenne ich ein ver⸗ nünftiges Wort. Was wünſchen Sie denn eigentlich von N mir? „Oeffnet dieſes Thor.“ Es trat ein augenblickliches Schweigen ein. „Sagen Sie mir doch erſt, mein Herr, ſind Sie viel⸗ leicht ein gewiſſer Lord— ein Lord—“ „Willmore,“ ſagte Benedetto ohne weitere Ueberlegung. „Ah, ſehr gut. In dieſem Falle eile ich, Ihnen zu dienen, mein Herr. Ich erkannte Sie gleich an dieſem ſeltſamen Einfall, an die Thüre eines Kirchhofs zu einer Stunde zu pochen, wenn alle Welt ſich davon entfernt. Ah, Sie können eintreten.“ Die Thüre öffnete ſich und Benedetto trat ein. „Welcher Gruft wünſchen Sie denn Ihren Beſuch ab⸗ zuſtatten?“ „Der Gruft der Familien Saint Meran und Ville⸗ fort.“ „Ah,“ murmelte der Wächter bei ſich ſelbſt,„will er vielleicht den Leichnamen die geraubten Juwelen wieder zu⸗ rück erſtatten! Rein, nein, dazu iſt dieſer Spitzbube zu ſchlau. Ganz gewiß kommt er mit einer neuen Idee, — 170— aber er kann diesmal überzeugt ſein, daß er dem Wolf in den Rachen gerannt iſt!“ Einige Augenblicke darauf marſchirte der Wächter, mit einer Laterne und einer Hacke bewaffnet, vor Benedetto her und lenkte ſeine Schritte nach der fraglichen Gruft. Benedetto blieb in einer gewiſſen Entfernung ſtehen, während der Wächter die Erde hinwegräumte, um die Thüre öffnen zu können, eine Arbeit, die nicht lange dauerte. Der Wächter öffnete endlich die Thüre dieſes Aſhl's des Todes, ſetzte ſeine Laterne nieder und entfernte ſich, indem er Benedetto einen Wink gab, den dieſer ſo⸗ fort verſtand. Als Benedetto die Schritte des Wächters nicht mehr hörte, hob er die Laterne auf und ſtieg ganz langſam die Marmorſtufen hinab, die ihn mitten unter die Leichname ſeiner Familie führte. Alles war hier, wie Benedetto es verlaſſen. Er öffnete ohne Mühe den Sarg ſeines Vaters, deſ⸗ ſen Skelett noch in die Ueberreſte ſeines Leichentuches ein⸗ gehüllt war. Der rechte Arm des Skelett's ruhete auf ſeiner Bruſt, der andere war lang ausgeſtreckt. Rachdem Benedetto lange dieſes dürre Skelett betrach⸗ tet, welches den Tod in ſeiner ſichtbaren Geſtalt verſinn⸗ lichte, zog er aus ſeiner Taſche ein Käſtchen von ſchwar⸗ zem Holz, nahm die darin verwahrte, vertrocknete Hand heraus und legte ſie auf die Bruſt der Leiche. „Die Schuld iſt bezahlt, mein Vater, und Deine ſo lange vor dem Antlitz der Lebenden erhobene Hand ruhet jetzt wieder auf dieſer Bruſt, deren erloſchenes Herz in die⸗ ſer Welt hienieden ſo viel dulden mußte! Empfange die⸗ ſen Kuß, den letzten Beweis der tiefen Verehrung, welche mir Deine furchtbaren Leiden eingeflößt und lebe wohl auf immer!“ Indem Benedetto dies ſagte, drückte er einen Kuß guf die* Later als e darar derer darau Alles die n aber Betä er ko ren, Er b erinn und i fert! raubt die S er ſich 8 zu kä mögli Stufi erwar ( mehre Thüre verkün blanke . indem e hofs in mit etto hen, die inge eſes rnte ſo⸗ nehr die tame deſ⸗ ein⸗ ruſt, rach⸗ ſinn⸗ war⸗ Hand ine ſo ruhet n die⸗ e die⸗ welche auf ß auf — 171— die Hand der Leiche, ſchloß darauf den Sarg, nahm die Laterne, ſtieg die Treppe der Gruft hinauf und rüttelte, als er die Thüre verſchloſſen fand, mit der linken Hand daran. Dann ſetzte er die Laterne nieder, um ſich noch der rechten Hand bedienen zu können, zu welcher er gleich darauf auch die ganze Wucht ſeines Körpers geſellte. Aber Alles war vergebens— die Thüre öffnete ſich nicht. Einige Augenblicke lang war er wie vernichtet, ohne die mindeſte Idee, ohne zu begreifen, was geſchehen war; aber eine Stunde ſpäter erwachte er aus dem Zuſtand von Betäubung, in welchen ihn die Ueberraſchung verſetzt und er konnte ſich mit aller möglichen Ruhe den Grund erklä⸗ ren, aus welchem man die Thüre hinter ihm verſchloſſen. Er brauchte ſich zu dieſem Zwecke nur der erſten Nacht zu erinnern, wo er hier eingedrungen war. „Ich bin der Beraubung und Entweihung angeklagt und der Wächter hat mich der Juſtiz in die Hände gelie⸗ fert! Vor anderthalb Jahren hat man dieſe Gruft be⸗ raubt und entweihet gefunden. Ich war entſchlüpft, ohne die Habſucht des Wächters zu befriedigen und nun rächt er ſich.“ Benedetto, der daran gewöhnt war, mit der Gefahr zu kämpfen, beſaß gleichwohl nicht die Eitelkeit, das Un⸗ mögliche beſiegen zu wollen. Er ſetzte ſich daher auf die Stufen der Treppe, ſtützte den Kopf auf die Hände und erwartete den Tag. Die Nacht ſchien ihm ewig zu dauern. In der That hörte er am folgenden Tage die Tritte mehrerer Perſonen, welche ſich der Gruft näherten. Die Thüre öffnete ſich und Benedetto ſah vor ſich die unheil⸗ verkündenden Geſtalten von ſechs Polizeiſoldaten mit dem blanken Säbel in der Fauſt. „Gottes Wille geſchehe bis an's Ende!“ murmelte er, indem er ſich in die Mitte der Soldaten ſtellte. Der Wächter folgte ihm bis an das Thor des Kirch⸗ hof's und als die Patrouille hinaus war, ſchloß er es — wieder, indem er in ſpöttiſchem Tone ſagte:„Auf Wieder⸗ ſehen, Mhlord Wilmore, auf Wiederſehen!“ Sechszehntes Kapitel. Die Geduld des Lammes Gottes ſei mit Euch. Wenn es Jemandem einfiele, die Kleinheit des Men⸗ ſchen mit der Arroganz ſeiner verwegenen Ideen zu verglei⸗ chen, ſo wäre er groß wie Gott und ihm vielleicht über⸗ legen. Die Menſchen denken, nachdem ſie ihre mühſamen Be⸗ rechnungen gemacht haben und ſagen es laut: So muß es ſein! und erſchrecken nicht über ihre Keckheit, obſchon ſie in Allem ſehr oft ihre ſicherſten Schlußfolgerungen durch den Willen jener göttlichen Macht ſcheitern ſehen, die wir mit dem Namen„Gott' bezeichnen. Nicht zufrieden mit der Vergangenheit und der Ge⸗ genwart wollen ſie auch Herren der Zukunft ſein, der Zu⸗ kunft, in deren Gebäude die meiſten nur als der Staub figuriren, der ſich an die Stufen des Tempels anſetzt und die Altäre beſchmutzt. Dieſe Zukunft, welche die Unſinnigen berechnen und mit Gewißheit vorausſagen, zermalmt ſie erbarmungslos unter der Wucht des Lächerlichen. Die rieſigen Bauwerke, welche ſie aufführen, verſinken in Nichts vor der erhabe⸗ nen Wahrheit Gottes, eben ſo wie die feſteſten Monumente unter der Laſt der über ſie dahinziehenden Jahrhunderte ihr ſtotzes Haupt neigen. Was ſie heiligen, was ſie anbeten, indem ſie ſich er⸗ leuchtet glauben, erſcheint im Verhältniß zu dem wahren Cul mit treib als unbe Chri geher wide ſtänd Will geſetz komr er ſic nicht wäre auf derſte von getha folgli ſeine Geſin ander keit, der 9 rechtie C ohne erkenn fuß u haus ( vorful vonen der⸗ Men⸗ rglei⸗ über⸗ Be⸗ uß es on ſie durch e wir Ge⸗ r Zu⸗ Staub t n und ngslos werke, rhabe⸗ umente underte ich er⸗ wahren — 173— Cultus Gottes doch nur profanirt. Dies geſchieht ihnen mit ihren eigenen Gedanken und das Feuer, welches ſie an⸗ treibt, dieſe Gedanken zu heiligen, iſt oft weiter Nichts, als die verdammungswürdige Flamme einer übermäßigen unbegrenzten Leidenſchaft. Auf dieſe ſelbe Weiſe hatte der Graf von Monte⸗ Chriſto die Rache heiligen wollen. Es war dies ein un⸗ geheuerlicher, allen menſchlichen und göttlichen Geſetzen zu⸗ widerlaufender Wille; aber konnten wohl alle dieſe Um⸗ ſtände ihn ſchwächen, wenn die Bruſt, in welcher dieſer Wille ſeine Entſtehung hatte, durch das Fieber eines fort⸗ geſetzten Wahnſinn's bewegt ward? Wo wäre der ſo voll⸗ kommene Menſch, der ſich von dem Augenblicke an, wo er ſich ſo mächtig ſähe, wie der Graf von Monte⸗ Chriſto, nicht durch ſeine eigenen Gedanken hinreißen ließe? Wo wäre der Menſch, der mitten in ſeinem Reichthume und auf dem Gipfelpunkte ſeiner irdiſchen Größe ſich ſelbſt wi⸗ derſtehen und ſeine Gedanken verdammen könnte? Der Graf von Monte-Chriſto that Alles, was jeder andere Menſch gethan haben würde; der Graf von Monte-Chriſto hörte folglich nur durch ſeinen unermeßlichen Reichthum und durch ſeine Leiden auf, ein gewöhnlicher Menſch zu ſein. Seine Geſinnungen erhoben ihn nicht über die gewöhnliche Sphäre anderer Menſchen. Aber er war groß in der Unterwürfig⸗ keit, mit welcher er ſeine Irrthümer einſah, groß auch in der Reſignation, womit er ſich den Ausſprüchen der Ge⸗ rechtigkeit Gottes fügte. In dieſem Augenblicke befindet er ſich in Rom und ohne Zweifel würde ihn Niemand in dem Manne wieder erkennen, der mit dem rauhen Büßergewand bekleidet, bar⸗ fuß und mit geſenktem Haupte auf das wohlbekannte Gaſt⸗ haus des Meſtre Paſtrini zuſchreitet, Er kam hier in dem Augenblicke an, wo ein Wagen vorfuhr, aus welchem zwei noch junge Damen ausſtiegen, von welchen die eine, die jüngſte von beiden, Tyauerklei⸗ — 174— dung trug und das Haupt zur Erde ſenkte, wie die vom Sturme gebeugte Lilie. Als Edmund ſie ſah, bedeckte er das Geſicht mit der Hand, als ob er nicht erkannt ſein wollte. Als die ältere jedoch dieſe demüthige Geſtalt an dem Thor des Hotels be⸗ merkte, zog ſie aus einer ſeidenen Börſe ein kleines Geld⸗ ſtück, ſtreckte die ſchmale weißbeſchuhete Hand aus, legte das Geld in die Hand des vermeinten Bettlers und folgte ihrer Freundin, die ſchon einige Stufen hinaufgeſtiegen war. Edmund war wie betäubt, indem er das ihm ge⸗ ſchenkte Almoſen betrachtete; dann ſchüttelte er traurig den Kopf, küßte das Geldſtück und einige Thränen rannen über ſein bleiches Geſicht herab. „Ja,“ murmelte er bei ſich ſelbſt,„dies ſei mein er⸗ ſter Aet chriſtlicher Demuth. Küſſen wir dieſes ohne Stolz, ohne Anmaßung und ſelbſt, ohne daß ich es verlangte, ge⸗ veichte Almoſen. O möchteſt Du da oben im Himmel eine beſondere Gnade Gottes empfangen, zum Lohn für das wahre Mitleiden, welches die gebeugte Geſtalt eines armen Sünders in Dir erweckt hat.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo vernahm er die verächtliche und kurze Stimme des Meſtre Paſtrini. „Heda, Bettelbruder! die Geduld des Lammes Got⸗ tes ſei mit Euch— aber geben kann ich Nichts!“ Edmund ſchaute empor und ſah auf der oberſten Stufe der Treppe den Hotelwirth mit gebieteriſcher und doch auch gleichzeitig freundlicher Geberde, womit er gewohnt war, die Bettler fortzuſchicken, die ihr Quartier auf ſeiner Treppe aufſchlagen zu wollen ſchienen.„Ich ſage Euch nochmals? Gott ſei mit Euch, aber geben kann ich Nichts.“ „Habe ich Euch denn ſchon Etwas abverlangt?“ ent⸗ gegnete Edmund, indem er ihn anſah, aber gleich darauf ſeine Blicke mit Widerwillen abwendete. „Ich kann Euch plos die Ueberbleibſel von der Table d'Ho und gänge Etwe mein und die ſehe die 2 gegn dir zugel gerin Dir! ſteht dern ſollt, vor. Stüc derer iſt m beider was der ernſte aber hatte om der ltere be⸗ zeld⸗ legte olgte iegen e den über n er⸗ Stolz, e, ge⸗ el eine r das armen hm er Got⸗ Stufe ch auch t war, ſeiner Euch ent darauf t Table — 175— d' Gote geben. Aber auch dazu iſt es jetzt noch zu früh und überdies habe ich ſchon eine ziemliche Anzahl Almoſen⸗ gänger.“ „Ich habe ja noch gar nicht verlangt, daß Ihr mir Etwas geben ſollt!“ „Per Baccho, das iſt wohl wahr, aber Ihr werdet meinen Gäſten läſtig, Eure Anweſenheit incommodirt ſie und da überdies mein Haus eins der erſten Rom's iſt, wo die vornehmſten Fremnden aus ganz Europa einkehren, ſo ſehe ich es nicht gern, wenn dieſe Herren gleich, wenn ſie die Treppe hinaufſteigen, der Armuth und dem Elende be⸗ gegnen.“ Edmund begann, ohne hierauf zu antworten und trotz der Proteſtationen Paſtrini's langſam die Treppe hinauf⸗ zugehen. „Bruder, ich verſichere Dir, daß ich Dir nicht das geringſte Almoſen geben kann! Geh, geh, Gott ſei mit Dir!“ „Das Almoſen, welches ich von Euch verlange, be⸗ ſteht weder in Eſſen, noch Trinken, noch in Geld, ſon⸗ dern blos in einigen Worten, die Ihr mit mir ſprechen ſollt, Meſtre Paſtrini.“ „O sangui di Christo, das kommt mir ſehr ſonderbar vor. Ich kann mir denken, daß ein Hungriger um ein Stück Brod bittet, um ſich zu ſättigen, oder daß ein an⸗ derer Geld verlangt, um ſich zu kleiden, aber unbegreiflich iſt mir, wie ein Bettler, der ſich doch immer in dieſen beiden Fällen befindet, blos zu plaudern verlangt. Nun, was wünſcht Ihr denn?“ Indem Meſtre Paſtrini dies ſagte, betrachtete er mit der ganzen Schlauheit eines Italieners ſeiner Klaſſe die ernſte und demüthige Haltung eines Bettlers, da dieſer aber ſein Geſicht unter der Kapuze ſeiner Kutte verborgen hatte, ſo war es nicht möglich, es zu erkennen. „Alſo, Ihr wollt blos mit mir plaudern, Bruder . ⸗ — 16— Bettler?“ fuhr Paſtrini fort.„Nun, was ſoll ich denn zuerſt ſagen! Seid Ihr vielleicht ein Neugieriger, der Er⸗ kundigungen über meine Gäſte einzuziehen wünſcht, um ſie ſpäter anbetteln und brandſchatzen zu können? Nicht wahr, ſo iſt es?“ „Nein; ich will mich einfach nach einigen Eurer frü⸗ heren Gäſte erkundigen.“ „Nach einigen meiner früheren Gäſte? in dieſem Falle — ja— in dieſem Falle verſtehe ich Euch und Ihr wollt ſagen—“ „Nun, was will ich denn ſagen?“ Bei dieſer Frage Edmund's riß Meſtre Paſtrini die Augen weit auf, denn er erkannte an dem majeſtätiſchen, imponirenden Tone, womit dieſe Frage ausgeſprochen ward, ſofort, daß es ſich hier um eine große, verborgene Wahr⸗ heit handelte, mochte dieſe nun ſein, von welcher Art ſie wollte. Da Paſtrini aber, wie wir bereits geſagt haben, oben auf der Treppe ſtand, ſo hatte er zu ſeiner Rechten die Thüre des kleinen Cabinet's, welches ihm als Bureau diente und wo er, wie wir früher geſehen, Peppino und Vampa zu empfangen pflegte. Er drehete daher den Schlüſſel um, ſtieß die Thüre auf und gab gleichzeitig dem Bettler einen geheimnißvollen Wink, heraufzukommen. Edmund zögerte nicht und trat hinter Meſtre Paſtrini in das Cabinet. „Setzt Euch, Bruder,“ ſagte der Italiener mit einem gewiſſen Anflug von Ironie, welcher Edmund nicht ent⸗ ging;„ſetzt Euch und redet.“ Edmund blieb vor Paſtrini ſtehen, der ihn fortwäh⸗ rend forſchend betrachtete. „Meſtre,“ ſagte er zu ihm,„ich habe den lesten Augenblicken eines mächtigen Menſchen beigewohnt und nach⸗ dem ich ſeine Beichte empfangen, ihm ein für die Ruhe ſeiner Seele wichtiges, feierliches Verſprechen gegeben⸗ Von dieſe einit zend ich ſone Ma und wir dien gilti fach Ver Dar Ich vert Aln kein Tas Ma nich ihm ernſ oben n die diente ampa lum, einen aſtrini einem t ent⸗ rtwäh⸗ letzten d nach⸗ e Ruhe Von — 177— dieſem Augenblicke an und nachdem er mich beauſtragt, einige Perſonen zu belohnen, die ihm während ſeines glän⸗ zenden Lebens uneigennützig und unverdroſſen gedient, habe ich nicht aufgehört genau nachzuforſchen, wer dieſe Per⸗ ſonen ſind, um mein Verſprechen zu erfüllen.“ „Wohlan!“ ſagte Paſtrini,„aber wer iſt denn dieſer Mann?“ „Sagt mir vorher, wer der iſt, dem Ihr hier gut und gewiſſenhaft gedient habt. Auf dieſe Weiſe werden wir zu demſelben Reſultate gelangen.“ „Ganz richtig, obſchon ich ſehr vielen Leuten gut ge⸗ dient habe,“ ſetzte der ſchlaue Italiener ſofort mit gleich⸗ giltiger Miene hinzu—„Fürſten, Marquis, Grafen, ein⸗ fachen Privatleuten, Reichen, Leuten von mißehijhr Vermögen und ſogar Armen.“ Edmund ſchwieg, ſagte aber nach einigen Augenblicken: „Allen dieſen Claſſen gehörte er nicht an.“ „Das iſt aber abgeſchmackt, Bruder Bettelmönch. Dann war es Niemand.“ „Allerdings war es Jemand.“ „Nun, ſo nennt ihn!“ „Das convenirt mir nicht.“ „Aber, per Baccho, machen wir der Sache ein Ende. Ich verſtehe Euch nicht und wenn die ganze Sache, wie ich vermuthe, doch blos dgrauf hinausläuft, daß ich Euch ein Almoſen geben ſoll, ſo ſage ich Euch nochmals, daß Ihr kein's bekommen könnt. Gott ſei mit Euch!“ „Ich will von Luigi Vampa ſprechen,“ ſagte Edmund. „Von Vampa? Ja, das iſt wahr, morgen iſt der Tag ſeiner Hinrichtung; es iſt der Vorabend des Carnebals. Man hat mir geſagt, daß an dem Platze del Popolo guch nicht ein einziges Fenſter mehr zu haben iſt!“ „Habt Ihr Luigi Vampa nicht gekannt? Habt Ihr ihm nicht gedient, Meſtre Paſtrini?“ fragte Edmund in ernſtem Tone. Die Todtenhand. 3. Band⸗ 2 — 178— „Per la Madonna!“ ſtammelte Paſtrini. „Antwortet.“ „Aber dennoch habt Ihr mir geſagt, Ihr hättet den letzten Angenblicken eines Menſchen beigewohnt und Vampa lebt noch.“ „Ich habe die Wahrheit geſprochen. Ich bezog mich auf dieſe letzten irdiſchen Augenblicke. Ich habe die Prie⸗ ſterweihe noch nicht erhalten.“ „Aber Ihr hofft ſie zu erhalten. Dann beginnt Ihr auf ziemlich beſcheidene Weiſe!“ „Auf dieſe Weiſe muß man beginnen, den Weg zum Himmel zu erklimmen.“ „Alſo,“ fuhr Paſtrini, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, fort,„Vampa hat Euch aufgetragen, zu be⸗ lohnen— das heißt, ein Geſchenk zu bringen—“ „Ja, einem Manne, der ihm uneigennützig und mit Eifer gedient hat.“ „Aha, ganz recht!“ dachte Meſtre Paſtrini bei ſich ſelbſt.„Er hat ſich der Warnung erinnert, die ich ihm hier im Namen des Hauſes Thomſon und French ertheilte. Es iſt klar, daß es durchaus keine Gefahr hat, wenn ich mich erkläre.“ „Seid Ihr dieſer Mann, Meſtre Paſtrini?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wie ſo?“. „Ich will ſagen, daß ich ihm wohl gedient haben kann, ohne es ſelbſt zu wiſſen, das heißt, ich kann Jemanden mit großer Uneigennützigkeit gedient haben, ohne zu wiſſen, daß dieſer Jemand Luigi Vampa war, denn dieſer arme Teufel verkleidete ſich ſo, daß er in den Theatern, in den Hotels und auf den öffentlichen Plätzen erſchien, ohne daß Jemand ihn kannte! Es war mit ihm gerade ſo, wie mit einem gewiſſen Grafen von Monte⸗ Chriſto, einem ver⸗ ſchmitzten Schurken und Schwarzkünſtler, der mit Hilfe einer gewiſſen Todtenhand Alles war, was er ſein wollte, 3 nur Dieſe iſt e ja ich gerad gehen er P bin trage gekan täuſc ſitz ſi ter v ſchäft der 1 noch Brut den npa nich rie⸗ Ihr zum blick be⸗ mit ſich ihm eilte. nich kann, nden iſſen, arme mden daß mit ver Hilfe vollte, 179— nur kein guter Chriſt, trotz ſeines pomphaften Titels. Dieſe Manie, Adelstitel an alle Arten Leute zu verkaufen, iſt etwas Immoraliſches; Abgeſchmacktes, Gefährliches, ja ich möchte faſt ſagen, Unanſtändiges weil—“ Dieſe Abſchweifungen des Hotelwirthes waren Edmund gerade recht, denn er erhielt dadurch Zeit, ſeine vorüber⸗ gehende Unruhe zu verhehlen. „Was für ein Menſch war denn dieſer Graf?“ fragte er Paſtrini unterbrechend. „O, man hat hier viel von ihm geſprochen und ich bin einer von denen geweſen, die nicht wenig dazu beige⸗ tragen haben, ihn zu entlarven! Ich habe ihn ſehr genau gekannt und ſchwöre Euch zu, daß ich mich nicht mehr täuſchen laſſen würde, wenn er zufällig wieder in den Be⸗ ſitz ſeines teufliſchen Talisman's gelangte und abermals un⸗ ter verſchiedenen Geſtalten zum Vorſchein käme. Doch be⸗ ſchäftigen wir uns mit dem, was Vampa angehet.“ „Im Gegentheile, da Ihr von einem Manne ſpracht, der mich auch intereſſirt, ſo wünſche ich, daß Ihr mir noch einiges Nähere über ihn mittheilt.“ „In dieſer Beziehung kann ich Euch zufriedenſtellen, Bruder.“ „Erzählt mir ganz beſonders etwas von dieſer Tod⸗ tenhand, deren Ihr als einer Reliquie gedachtet.“ „Als einer Reliquie? Eher möchte ich ſie einen teuf⸗ liſchen Talisman nennen, denn ſicherlich war es die Hand eines hingerichteten Verbrechers.“ „Ja ja,“ rief Edmund unwillkürlich. „Ah, Ihr wißt es ſchon? Ja, ich glaube, es war die Hand eines hingerichteten Verbrechers. Ohne Zweifel ſtand damit ein geheimnißvoller Pakt, irgend ein hölliſches Verſprechen in Verbindung— was weiß ich! Thatſache iſt, daß der Graf ſich bald in eine Frau, bald in einen jungen kranken Mann, bald in eine Fliege, bald in einen Vogel verwandelte, gber ſein i ihm ſpäter 4 H ——— — 180— geſtohlen und er war dann auf immer verloren. Es war ein Mann von franzöſiſcher Abſtammung hier, der auch mein Gaſt war und ſeine Spur verfolgte, um ihm, ich weiß nicht, welches magiſche Wort in's Ohr zu flüſtern und ihn dadurch vollſtändig zu Grunde zu richten. Dieſer Menſch hatte ihm ſchon jenen fluchwürdigen Talisman ge⸗ ſtohlen und verwahrte ihn in einem kleinen eiſernen Käſt⸗ chen, welches er ſtets bei ſich trug. Vampa und ein ge⸗ wiſſer Rocca Priori, ſein Trabant, haben dieſe Todten⸗ hand eben ſo geſehen, wie ein gewiſſer Danglars.“ „Danglars?“ unterbrach ihn Edmund,„und was iſt aus dieſem Manne geworden?“ „Man hat mir geſagt, er ſei als Matroſe auf dem mittelländiſchen Meere geſtorben.“ „O mein Gott!“ murmelte der Graf, indem er den Kopf auf die Bruſt herabſinken ließ. „Ich bin feſt überzeugt,“ fuhr Paſtrini fort,„daß dieſer Graf von Monte-Chriſto gegenwärtig in der Hölle brennt, denn ſonſt würde er mit den Behörden zu thun ha⸗ ben, weil er in Frankreich eines abſcheulichen Verbrechens angeklagt iſt und Gräber erbrochen und Leichen entweihet haben ſoll. Der Verfluchte, er ſpielte ſogar mit dem Tode!“ Es trat ein augenblickliches Schweigen ein. „Was nun dieſen Luigi Vampa betrifft,“ ſetzte Pa⸗ ſtrini hinzu. „Von dieſem brauchen wir nicht weiter zu ſprechen,“ antwortete Edmund,„denn Ihr ſeid nicht der Mann, wel⸗ chen er meinte.“ „Wie, ich bin es nicht?“ „Nein.“ „Aber woher wißt Ihr das?“ 5 „Durch Euch ſelbſt. Ihr würdet mir ſchon ein gewiſ⸗ ſes Zeichen gegeben haben—“ „Ich verſtehe mich nicht auf Zeichen,“ antwortete Pa⸗ ſtrini, indem er dennoch allerhand Grimaſſen mgchte und „ . die reibe nicht Eure laufe Euch Ton aus drän richtt und ein, dies vorw Es wo d in d fen 6 dies Poli⸗ Jeme hier war auch ich ſtern ieſer n ge⸗ Käſt⸗ n ge⸗ dten⸗ as iſt dem r den „daß Hölle nha⸗ echens weihet ode!“ e Pa⸗ echen,“ ———————— wel⸗ gewiſ⸗ ete Pa⸗ te un die rechte Hand vor die Augen hielt, wie um ſie ſich zu reiben.* Edmund verſtand dieſes Zeichen, aber er antwortete nicht darauf und lächelte wehmüthig. „Per Baccho,“ rief Paſtrini.„Ich ſagte gleich, daß Eure ganze Litanei zuletzt auf eine Almoſenbettelei hinaus⸗ laufen würde. Geht, ich habe Euer Gerede ſatt. Ich kann Euch kein Almoſen geben. Gott ſei mit Euch!“ Nachdem Paſtrini dieſe Worte in affectirt frommen Tone geſprochen, begann er den Bettelmönch mit der Hand aus dem Cabinet, deſſen Thüre offen ſtand, hinauszu⸗ drängen, als eine neue Perſon ihn in dieſer höflichen Ver⸗ richtung unterbrach. Dieſe neue Perſon war ein Mann von mittler Statur und ſchon ein wenig alt. Seine Züge flößten Vertrauen ein, obſchon ſeine Augen mit Blut unterlaufen waren, wie dies den Menſchen zu geſchehen pflegt, die ſich durch ein vorwaltendes, wildes Gefühl beherrſchen laſſen. „Was wollen Sie?“ fragte Paſtrini. „Iſt hier das Hotel zur Stadt London?“ „Per la Madonna, Sie haben Augen und ſehen nicht? Es giebt kein anderes in Rom, welches ihm gleich ſtünde, wo die Gäſte behandelt werden, wie Sie es verdienen und in deſſen Zimmern ſchon oft Fürſten, Marquis und Gra⸗ fen geſchlafen haben.“ „Sehr wohl, würden Sie wohl die Güte haben, mir die Perſonen zu nennen, die gegenwärtig Ihre Gäſte ſind?“ „Per Baccho!e rief Paſtrini erſchrocken,„ſind Sie ein Polizeiagent?“ „Nein, ich bin ein einfgcher Reiſender und ich ſuche Jemanden.“ „Nennen Sie ihn.“ „Das würde Nichts helfen, denn er hat ſich vielleicht hier nicht den Namen beigelegt, unter welchem ich ihn ſuche — 182— und in dieſem Falle könnten Sie ihn verleugnen, ohne es zu wollen.“ „Die Perſon, welche Sie ſuchen, führt alſo viele Namen?“ „Einige, doch was nützt dieſes Hin- und Herreden? Ich kenne Sie, denn ich habe ſchon das Vergnügen gehabt, in Ihrem Hotel zu logiren.“ „In der That, Sie kommen mir wirklich bekannt vor, obſchon es mir unmöglich iſt, zu ſagen, wer Sie ſind. Es kommen und gehen hier gar ſo viele Leute—“ „Wohlan, ich bin Bertuccio, der Intendant des Gra⸗ fen von Monte-Chriſto.“ „Des Grafen von Monte-Chriſto?“ rief Paſtrini, indem er Bertuccio unverwandt anſchauete. „Da ich mich unterwegs mit ſeiner Excellenz gekreuzt habe, ſo bin ich nach Rom gekommen, in der feſten Ueber⸗ zeugung ihn hier zu treffen. Er hat für dieſe Stadt von jeher eine beſondere Vorliebe gehabt.“ „Herr Bertuccio, mein Haus, das erſte ſeiner Art in Rom, iſt kein Schlupfwinkel für Böſcwichter und Schwarzkünſtler.“ „Das glaube ich gern, wenigſtens habe ich, als ich mit meinem Herrn hier war, die gute Ordnung und Zucht bemerkt, welche Sie in Ihrem Hotel aufrecht zu erhalten wußten, Herr Paſtrini.“ „Ich will ſagen, daß man ganz gewiß einen Tauge⸗ nichts, wie den Grafen von Monte-Chriſto, in meinem Hauſe nicht wieder antreffen ſoll.“ „Elender!“ rief Bertuccio, indem er einen Schritt zu⸗ rückprallte, den Hotelier mit funkelndem Blicke maß und die Fäuſte ballte. Edmund blieb unbeweglich. „Ich ſage Ihnen nochmals, Herr Bertuccio, ſuchen Sie Ihren Schwarzkünſtler, wo Sie wollen— dieſen Ver⸗ fluchten, deſſen Blick allein hinreichend wäre, dieſes Haus in ſchw von auch Gra eben als hätt O, „die ſtan den Kap went rede chen der anfa ich i einen chen Paſt und auf e es viele en abt, annt Sie Gra⸗ trini, reuzt eber⸗ von Art un ls ich Zucht halten auge⸗ einem tt zu⸗ ß und ſuchen Ver⸗ Haus — 183— in Brand zu ſtecken und meine gute Chriſtenſeele zu ſchwärzen.“ „Erbärmlicher!“ rief Bertuccio wüthend,„weißt Du, von wem Du ſprichſt?“ „Ich weiß es, per la Madonna, und Sie können es auch von jedem Andern hören, mit dem Sie von Ihrem Grafen ſprechen, der jetzt wahrſcheinlich in der Hölle brennt, eben ſo wie ſeine griechiſche Concubine—“ „O mein Gott!“ rief plötzlich der Bettler und zitterte, als ob man ihm das Herz mit einer Nadel durchſtochen hätte.„Die unſchuldigſte und tugendhafteſte der Frauen! O, Himmel— Alles— Alles— nur nicht dieſe Qual!“ „Was höre ich— dieſe Stimme!“ ſtammelte Bertuccio. „Was ſagt er?“ fragte Meſtre Paſtrini ſeinerſeits, „dieſer arme Teufel von Bettelmönch hat ſicherlich den Ver⸗ ſtand verloren!“ Paſtrini hatte eben ſo wie Bertuccio den Blick auf den Bettler geheftet, deſſen Geſicht vollſtändig durch die Kapuze verdeckt ward. „Wohlan, ich gewinne augenſcheinlich Nichts dabei, wenn ich mich noch länger hierher ſtelle und unſinniges Ge⸗ rede anhöre,“ fuhr Paſtrini fort.„Signor Bertuccio, ſu⸗ chen Sie Ihren Grafen lieber in den Gefängniſſen oder in der Hölle. Bei mir iſt er nicht und er müßte es ſehr ſchlau anfangen, wenn er ſich hier einſchleichen wollte, ohne daß ich ihn ſofort wiedererkennte und tüchtig ohrfeigte!“ „Signor Paſtrini, ich werde Sie lehren, wie man von einem Manne, wie der Graf von Monte-Chriſto, zu ſpre⸗ chen hat.“ Indem Bertuccio dies ſagte, ging er wüthend auf Paſtrini los, der Bettler aber warf ſich ſofort dazwiſchen und rief: „Frieden im Namen des Himmels!“ Paſtrini lief lachend davon, eilte raſch die Treppe him auf ünd verſchwand im Innern des Hauſes. — 184— Als Bertuccio ſich allein ſah, begann er die Straße hinabzugehen und betrachtete mit unruhigem Blicke den Bettler, der ihm um etwa zwanzig Schritte voraus war. Ganz beſonders von den Worten frappirt, die der Bettler ausgeſprochen, als er die ſchöne Haydee beſchimpfen hörte, beſchloß Bertuccio, ihm zu folgen, um mit ihm zu ſprechen. In der That näherte er ſich ihm und folgte ihm Schritt um Schritt bis an ein kleines, in einem entfernten Stadttheile gelegenes Haus. Hier angelangt, öffnete der Bettler die Thüre und ging die Treppe hinauf in ein kleines Zimmer, deſſen ſchwarze, feuchte Wände und mit Spinnweben überzogene Decke einen widerlichen Eindruck machten. Der Bettler hatte die Thüre offen gelaſſen, als ob er bemerkt hätte, daß Jemand ihm folgte, und als er in die Mitte des Zimmers trat, drehete er ſich raſch herum und zeigte ſein Geſicht. Bertuccio, der dicht hinter ihm drein gegangen war, fiel ihm ſofort zu Füßen und rief:„O, mein Herr und Ge⸗ bieter!“ „Steh' auf, Bertuccio,“ ſagte Edmund in ruhigem, feſtem Tone.„Die demüthige Weiſe, mit welcher Du früher zu dem Grafen von Monte-Chriſto, Deinem Herrn und Freund ſprachſt, iſt heute nicht mehr am Platze, wo Du mit einem Menſchen ſprichſt, der ärmer und tiefer ge⸗ demüthigt iſt, als der unglücklichſte Bettler.“ „Was ſagen Sie, mein Herr! Worin beſteht dieſes Verhängniß? Ich träume! Ja, ja, es iſt nur ein furcht⸗ barer Traum!“ „Nein, Bertuccio, es iſt die Wahrheit! Alles Uebrige iſt ein furchtbarer, nur zuweilen von kurzen Freuden unter⸗ brochener Traum geweſen.“ „Mein Gott!“ „Steh' auf, Bertuccio,“ fuhr Edmund fort, indem er ſeinen ehemaligen Diener aufhob.„Wenigſtens iſt mir verg rend Ein es wiet war verg Alle nen meh dere füllt End unte ſoll man Deit meir ſchlu grof Sie und von Grö reite ſein. raße den n der pfen nzu ihm nten ging arze, einen b er ndie und , fiel Ge⸗ igem, Du Herrn wo r ge⸗ dieſes urcht⸗ ebrige unter⸗ indem t mir — 185— vergönnt, Dich wieder zu ſehen, und von Allen, die wäh⸗ rend meiner Größe mit mir gelebt haben, wirſt Du der Einzige ſein, welcher ruhig und glücklich bleibt! Gott hat es ſo gewollt. Du warſt es, der den Sohn Villefort's wieder ausgrub, die Natter, welche von Gott beſtimmt war, mich in's Herz zu ſtechen und mein ganzes Daſein zu vergiften!“ „Aber ich begreife Sie nicht! Alles, was ich ſehe, Alles, was ich höre, ſcheint mir unglaublich. Was iſt Ih⸗ nen begegnet?“ „Ich habe mich geirrt, wie jeder andere Menſch und mehr noch, denn ich bin mächtiger geweſen, als alle An⸗ deren. Ich habe mich geirrt, ja, und heute ſuche ich, er⸗ füllt von Zerknirſchung, zu bereuen. Möge Gott mir am Ende meines Märthrerthum's verzeihen.“ „Aber Ihre unſchuldige Gemahlin?“ „Hahdée!“ wiederholte Edmund,„Hahdee! Suche ſie unter dem Felſen der—“ Er ſtockte. „Nein,“ fuhr er gleich darauf fort,„nein, Niemand ſoll erfahren, wo ich meinen Schatz verborgen habe! Nie⸗ mand ſoll Deine Ruhe ſtören— kein menſchlicher Fuß ſoll Deine Aſche entheiligen, Hahdée! Hahdée iſt im Himmel, mein guter Bertuccio.“ Bertuccio bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen und ſchluchzte. „Ach, gnädiger Herr, ich, der ich Sie ſo mächtig, ſo groß, ſo edelmüthig, ſo glücklich und freudig geſehen, ſehe Sie jetzt gedemüthigt, arm, elend, das Herz voll Wermuth und Galle. Nein, tauſendmal nein, es iſt unmöglich!“ „Größe, Edelmuth und Freude— mein ganzer Traum von ehedem iſt jetzt über Deine Lippen gegangen, Bertucciv. Größe und Edelmuth findet man nur in Gott! Freude be⸗ reitet uns nur der Tod, denn bald werden wir bei Gott ſein. Es iſt Alles vorbei, Bertuccivo. Von dem Grafen — 186— von Monte⸗Chriſto iſt jetzt Nichts mehr übrig, als ein durch abgeſchmackte Verleumdungen beſudeltes Andenken, und in der Zukunft wird von ihm nur ein unklarer Name übrig bleiben, neben welchen die Menſchen die Worte„Ueber⸗ muth, Thorheit' ſchreiben werden. Gehe, Bertuccio; Du kannſt ruhig leben, denn wie Du weißt, iſt bei der Pariſer Bank ein Kapital deponirt, welches Dir gehört und welches Dir Unabhängigkeit gewähren kann.“ „Aber, gnädiger Herr, ich kann nicht— ich wollte ſagen, ich wage nicht, Ihnen einen Gedanken mitzutheilen, der mir da einfällt, doch ich muß ihn ausſprechen. Das Kapital, von welchem Sie eben ſprachen, könnte Ihnen nützlich ſein—“ „Mein ganzer Reichthum beſteht fortan in der Geduld des Lammes Gottes! Ich mag keinen anderen und kann keinen anderen haben!“ „Aber wollen Sie denn Hungers ſterben?“ „Bertuccio!“ „Um der Liebe Gottes willen, gnädiger Herr, erlauben Sie, daß ich Sie immer begleite und Ihnen diene—“ „Ich ſehne mich nach Einſamkeit!“ „Die ſollen Sie haben, ich werde ſie achten! Geſtatten Sie nur, daß ich über Ihrem Leben wache—“ „Wenn Gott will, daß mein Leben noch länger dauern ſoll, ſo geſchehe ſein Wille.“ Bertuccio verließ von dieſem Augenblicke an ſeinen Herrn nicht mehr. Edmund hatte beſchloſſen, in Rom zu bleiben, bis es ihm gelungen wäre, die erſte Tonſur nobſt den erſten kirch⸗ lichen Weihen zu erhalten und dann nach Marſeille zurück⸗ zukehren, wo er eine kleine Einſiedelei an der Stelle errich⸗ ten wollte, wo das Dorf der Catalonier geſtanden hatte. „Gut, gut, Bertuccio. Ich bin damit einverſtanden, daß Du bei mir bleibeſt, bis ich nach Frankreich zurückkehre. Aber ſtets wirſt Du jenes verhängnißvolle Geheimniß ach⸗ ten, jedo die wol Ha Vor mir der lich vore ten holu Zw zu ſeini genh Bos Ver ter Seu beſet urth ein und brig er⸗ cio; der und ollte ilen, Das hnen duld kann uben 7 atten auern ſeinen i es kirch⸗ urück⸗ rrich⸗ tte. anden, kkehre. ß ach — 187— ten, welches ich Dir niemals offenbart, deſſen Folgen Du jedoch ſieheſt,“ ſagte Edmund, indem er gegen Bertuccio die Hand ausſtreckte, welche dieſer ehrfurchtsvoll küſſen wollte. „Nein, mein armer Bertuecio; reiche mir einfach Deine Hand, und wenn Einer von uns Beiden künftighin einen Vorrang vor dem Andern hat, ſo wird dieſer Vorrang mir gebühren— ich meine den Vorrang des Leidens und der ſtillen Ergebung.“ Siebenzehntes Kapitel. Nach der Hinrichtung. Wir haben ſchon in einem frühern Kapitel ausführ⸗ lich den Tag beſchrieben, welcher denen des Carnevals voranging und zur Hinrichtung der zum Tode Verurtheil⸗ ten beſtimmt war. Wir werden daher nicht durch Wieder⸗ holung des dort Geſagten den Leſer langweilen, dem ohne Zweifel daran liegt, das Ende der verſchiedenen Perſonen zu erfahren, die ſchon ſeit ſo langer Zeit Gegenſtand ſeiner Betrachtungen geweſen ſind. Der Platz del Popolo hatte, wie dies bei ſalchen Gele⸗ genheiten immer geſchieht, ein prachtvolles Gemälde von Bosheit und Fanatismus dargeboten, in deſſen Mitte der Verurtheilte, den Blicken der Reugierigen preisgegeben, un⸗ ter den letzten Verwünſchungen des Volks S Seufzer aushauchte. Von allen Fenſtern, die, weit geöffnet, mit Zuſchauern beſetzt waren, welche Zeugen des Todeskampfes des Ver⸗ urtheilten zu ſein wünſchten, von allen dieſen Fenſtern, ſa⸗ — 188— gen wir, hatte ein einziges, obſchon es offen ſtand wie die übrigen, keine Zuſchauer. Es gehörte zu einem kleinen Zimmer in einer zweiten Etage und beherrſchte den ganzen Platz. Zwei Frauen waren in dieſem Zimmer anweſend. Man erkannte leicht in der einen von ihnen die Begleiterin Derjenigen, welche Edmund am Thore des Gaſthauſes des Meſtre Paſtrini ein Almoſen gereicht. Dieſe Dame, welche mitten in dem Zimmer auf einem Kiſſen kniete, konnte auf dieſe Weiſe den erſchütternden Vorgang auf dem Platze del Popolo beobachten, ohne von außen geſehen zu werden. Ihr Blick, in welchem ſich Angſt und Mitleid malten, hatte nicht einen einzigen Augenblick lang das verhängnißvolle Schaffot verlaſſen, auf welchem der Delinquent und der Henker jenes widerwärtige Schauſpiel aufführten, welches die Geſellſchaft zu dem abſurden Zwecke verfaßt hat, das Volk abzuſchrecken und es vom Verkrechen durch das Bei⸗ ſpiel eines zweiten Verbrechens abwendig zu machen. Als Luigi Vampa unter zahlreichen Büßern auf dem Platze erſchienen war, murmelte die auf den Knien liegende Dame mit leiſer Stimme ein Gebet, um dem allbarmher⸗ zigen Gott um Gnade für die Seele des Verurtheilten an⸗ zuflehen. Als Luigi Vampa niederkniete, hob ſie die Augen gen Himmel, denn ſie beſaßen nicht die Kraft, den verhängniß⸗ vollen Streich mit anzuſehen. Ihr Gebet ward immer in⸗ brünſtiger und lauter, und in dem Augenblicke, wo das Beil fiel, ſprachen die Lippen, welche bis jetzt gebetet, die Worte:„Es iſt vorbei! es iſt vorbei!“ Nach dieſen Worten ſtand die Dame auf, ſchauete ſich um und erblickte ihre Freundin, die neben ihr ſtand. „Meine theure Freundin.“ „Eugenie Du leideſt ſo ſehr!“ „Du täuſcheſt Dich, Louiſe,“ antwortete Eugenie, in⸗ dem ſie gleichzeitig lachte und weinte,„ich leide nicht mehr heil arm rel' Mi nötl verg verl öffn mit Ung ohn dieſ ter ches Enk Feh verz in gan dieſt Ron an die nes Lou chen Bü dinn fel, Gab die iten end. erin des elche auf del Ihr atte volle der ſches das Bei⸗ dem ene nher⸗ an⸗ gen gniß⸗ r in⸗ das t, die e ſich e, in⸗ mehr — — ich kann nicht mehr leiden— denn fortan habe ich eine heilige Miſſion zu erfüllen! Ich muß das Brod für mein armes Kind erwerben, welches der Obhut der guten Mo⸗ rel's anvertrauet iſt. So lange als die Erfüllung dieſer Miſſion dauert, werde ich— glaube mir, Louiſe— die nöthige Kraft und Standhaftigkeit beſitzen, um Alles zu vergeſſen, was mich verletzen kann. Wir werden Italien verlaſſen und das engliſche Theater wird uns ſeine Quellen öffnen. „Jetzt aber, meine Freundin, vereinige Dein Gebet mit dem meinen. Beten wir zu Gott für die Seele dieſes Unglücklichen, den ich von meiner innerſten Seele geliebt, ohne die Kraft zu haben, dieſes Gefühl zu überwinden! dieſes Unglücklichen, welcher der Vater meiner armen Toch⸗ ter iſt! Möge es Gott gefallen, daß das Verhängniß, wel⸗ ches ſeit einer gewiſſen Zeit auf mir zu laſten ſcheint, ſeine Endſchaft erreicht habe! Möge mir der Himmel auch den Fehltritt verzeihen, den ich begangen! Ja, er wird ihn mir verzeihen, denn die Arbeit des Künſtlers iſt heilig und gilt in den Augen Gottes tauſendmal mehr, als der Müßig⸗ gang des Höfling's. Louiſe— Louiſe— verdoppeln wir dieſe Arbeit, um leben zu können und verlaſſen wir nun Rom.“ Mit dieſen Worten ſchickten guiſe und Eugenie ſich an das Zimmer zu verlaſſen, als ſie plötzlich, indem ſie die Thüre öffneten, ſich der demüthigen Geſtalt eines Man⸗ nes in einem dunklen Büßergewande gegenüber ſahen. Es trat ein Augenblick des tiefſten Schweigens ein. Louiſe verſuchte eben ſo wie Eugenie einige Worte zu ſpre⸗ chen, aber die Stimme erſtarb auf ihren Lippen. Der Büßende ſah eben ſo ergriffen aus als die beiden Freun⸗ dinnen. Louiſe brach endlich zuerſt das Schweigen. „Guter Bruder,“ ſagte ſie,„Sie kommen ohne Zwei⸗ fel, um für die Ruhe der Seele des Bingerichteten eine Gabe zu erbitten.“ — 190— „Ich komme, um einen Auftrag auszurichten, den er mir ertheilt hat.“ „Mein Gott!“ rief Eugenie,„was wollen Sie! ſpre⸗ chen Sie!“ „Ja, Sie ſind die, welche der Unglückliche mir be⸗ zeichnete.“ „Wie! er hat mich geſehen?“ „Seine Blicke,“ entgegnete der Büßende,„ſchienen dieſe Mauern zu durchdringen und Sie in dem letzten Au⸗ genblicke ſeines Daſeins zu betrachten. Er errieth, daß Sie hier wären und ſagte mir, daß ich Sie hier treffen würde — und in der That— hier ſind Sie!“ „O, Luigi, Luigi!“ rief Eugenie, indem ſie gen Him⸗ mel blickte.„Was ſind Mauern, was ſind Entfernungen für zwei Herzen, die ſich lieben? Werden ſie nicht ſtets Nittel finden, ſich verſtändlich zu machen?“ „Eugenie Danglars, habe Erbarmen mit ihm!“ „Ja, ja, bitten Sie ihn von dem Grunde Ihres Herzens, bitten Sie ihn für mich, denn fortan muß ich leben, muß ich arbeiten! Wenn ich bis jetzt aus Laune, zum Vergnügen gearbeitet habe, ſo geſchieht es von heute an aus unbedingter Nothwendigkeit. Gott ſtehe mir bei! Gott ſchütze mich! Er habe Erbarmen mit meiner Toch⸗ ter!“ rief ſie mit gedämpfter Stimme, indem ſie den Kopf auf ihre Bruſt ſinken ließ. „Bruder, worin beſteht der Auftrag, den der Delin⸗ quent Ihnen ertheilt hat?“ fragte Louiſe Armillh, welche dieſem peinlichen Auftritt ſo ſchnell als möglich ein Ende machen wollte. „Bruder, ſagte er zu mir,“ antwortete der Büßende, „ich ſehe dort am Platze ein offenes Fenſter, auf deſſen Bal⸗ con ich keine Zuſchauer ſehe, wie man deren auf allen an⸗ dern ſieht. Eine Ahnung ſagt mir, daß dort in dieſem Hauſe eine Dame anweſend iſt, welche vielleicht für den Mann betet, der gleichzeitig ihr Geliebter und ihr Henker gewe thige der 2 damit wo Körp tung eine? Sie in eit wir Körp Klein behal „dieſe ger, ihnen mire ſein der) nen 9 Wort melte Kapu, Barm daß d ſter 6 daß d langm ( ßende Worte er re⸗ be⸗ nen Au⸗ Sie ürde im⸗ ngen ſtets hres ß ich aune, heute bei! Foch⸗ Kopf elin⸗ welche Ende ßende, Bal⸗ nan⸗ dieſem ür den Henker — 191— geweſen iſt. Ich bin überzeugt, daß dieſe edle, großmü⸗ thige Dame dem Unglücklichen verzeihen wird, der jetzt auf der Treppe des Blutgerüſtes ſteht. Ja, ſie muß dort ſein, damit ihr Gebet meine Seele in dem Augenblick begleite, wo ſie dieſen ſo verbrecheriſchen und ſo leidenſchaftlichen Körper verlaſſen hat. Gehen Sie daher nach der Hinrich⸗ tung in jenes Haus, frommer Bruder; Sie werden dort eine Dame, Namens Eugenie Danglars, finden, bringen Sie ihr meinen letzten Kuß und dieſen Ring, den ich ihr in einem wahnſinnigen Augenblick geraubt, deſſen Opfer wir Beide geworden ſind! Ich fürchte, daß, wenn mein Körper im ewigen Schlafe ruht, mir Jemand dieſes Kleinod rauben möchte, ſonſt würde ich es auch jetzt noch behalten! Indem der Unglückliche,“ fuhr der Büßende fort, „dieſe Worte ſprach, zog er einen goldenen Ring vom Fin⸗ ger, drückte ihn mehrmals an ſeine Lippen und bedeckte ihn mit glühenden Küſſen. Dann ſtreckte er die Hand nach mir aus, um mir dieſen Ring zu überreichen, worauf er ſein Haupt auf den verhängnißvollen Block legte. Da iſt der Ring, Eugenie Danglars.“ Der Büßende überreichte hierauf Eugenien einen golde⸗ nen Ring, den ſie inbrünſtig küßte. „Ja, ich erkenne ihn,“ murmelte ſie, kaum eines Wortes fähig, denn die Thränen erſtickten ihre Stimme. „So habe ich denn meine Miſſion vollendet,“ mur⸗ melte der Büßende, indem er ſein immer noch durch die Kapuze verdecktes Antlitz neigte.„Eugenie Danglars, die Barmherzigkeit Gottes ſei mit Ihnen und glauben Sie, daß die ganze menſchliche Weisheit darin beſteht, von tief⸗ ſter Seele zu glauben, daß Gott unendlich barmherzig, daß der Menſch vor der unbegrenzten Gerechtigkeit ſeines langmüthigen Schöpfers ein verwegener, eitler Thor iſt!“ Eugenie warf ſich in die Arme Louiſen's und der Bü⸗ ßende ging langſam die Treppe hinunter, indem er die Worte murmelte: „Möge die Geduld des Lammes Gottes mich begleiten.“ „Louiſe! Louiſe!“ rief Eugenie, indem ſie von neuem den Ring küßte,„hier berühren meine Lippen die des Mannes, der Alles für mich vergeſſen! Ach, es wird ein Tag kommen, wo mein unſchuldiges Kind dieſen Ring ver⸗ langen wird, wo ich ihm denſelben auf meinem Sterbebette, als das einzige Erbtheil ſeines Vaters, übergeben werde! Luigi, hier werden die Lippen Deiner Tochter zum letzten Nale den Deinigen begegnen und Du wirſt zufrieden ſein.“ „Eugenie,“ ſagte Louiſe mit Sanftmuth und indem ſie ihre Freundin in ihre Arme ſchloß,„gieb Dich nicht dieſen Gedanken hin, die Dich zu Boden drücken. Es iſt Alles vorbei, bezwinge Dich und vertraue auf die unend⸗ liche Barmherzigkeit Gottes.“ „Gehen wir,“ unterbrach ſie Eugenie.„Gehen wir, Gott wird über uns wachen! Gott wird mein armes Kind in ſeinen Schutz nehmen.“ Mit dieſen Worten gingen Eugenie und Louiſe die Treppe hinab, ſtiegen dann in einen kleinen Wagen, der ſie erwartete und fuhren nach dem Gaſthauſe des Meſtre Paſtrini. Sobald als der Carneval vorüber war, verließen ſie Rom in der beſtimmten Abſicht, nach London zu reiſen, um dort bei der Oper Engagement zu ſuchen und ihre ſeit einiger Zeit unterbrochene Künſtler-Carriere weiter fortzu⸗ ſetzen. wir und um iſt für die bend ſich chen nen war Brot gute, erfül ren 7 en uem des ein ver⸗ bette, erde! etzten ſein.“ ndem nicht s iſt nend⸗ twir, Kind iſe die „ der Meſtre rließen reiſen, re ſeit fortzu⸗ — 193— Achtzehntes Kapitel. Der Büßende. Gugenie und Louiſe von Armillh begaben ſich, wie wir bereits bemerkt, in das Hotel des Meſtre Paſtrini und warteten hier das Ende der drei Carnevalstage ab, um Italien zu verlaſſen, denn während dieſer drei Tage iſt der Zufluß von Fremden in Rom ſo groß, daß es für Jeden, der dieſe Stadt verlaſſen will, ſehr ſchwer iſt, die nöthigen Wagen und Pferde zu bekommen. Während das Publikum, ſich ſeinem Delirium hinge⸗ bend, ſich auf den Straßen und Plätzen umhertrieb, welche ſich in der Nähe der zu den öffentlichen Spielen befindli⸗ chen Localitäten befinden, entwarfen die beiden Freundin⸗ nen das neue Progamm ihres Künſtlerlebens. Eugenie war jetzt mit der heiligen Miſſion beauftragt, das künftige Brod ihrer Tochter zu erwerben und Louiſe, die immer gute, gelehrige, aufrichtige und uneigennützige Freundin, erfüllte die nicht weniger heilige Miſſion, Eugenien, an de⸗ ren Schickſal ſie ſo zu ſagen das ihrige geknüpft, bei die⸗ ſen ſchwierigen Bemühungen zu unterſtützen. Dennoch bedrückte mitten unter den ſchmeichelhafteſten Hoffnungen eine ſchmerzliche Erinnerung Eugenien's Bruſt. Unwillkürliche Thränen verriethen, wie ſehr dieſes Gefühl ſie beherrſchte und Louiſe ſuchte vergebens einige Worte des Troſtes an ſie zu richten. Es giebt einen Schmerz, der ſo tief iſt, daß Niemand ihn aus dem Berzen zu reißen vermag, nur die Zeit kann es— ja oft geſchieht es, daß auch die Zeit vergebens verſtreicht— die letzte Stunde des Die Todtenhand. 3. Band. 13 — 194— Menſchen ſchlägt und er ſtirbt mit demſelben tiefen Gefühl, welches ihn durch's Leben begleitete. In dieſen Augenblicken innerer Qual finden wir zu⸗ weilen ein unausſprechliches Vergnügen in dem Schmerze ſelbſt. Wir verfallen in eine gereizte Stimmung, wenn man uns durch allgemeine Redensarten tröſten will. Selbſt die Gegenwart unſeres beſten Freundes iſt uns verhaßt; wir ſuchen die Einſamkeit und finden im Schatten und im Schweigen das Bild des geliebten Weſens, welches uns auf immer entflohen iſt. Wehe dem, deſſen Begleiterin die Reue iſt! Er wird auf der Welt Niemand finden, der ihn mit jenem ſtillen Schweigen zu umgeben weiß, welches uns dann ſo gefällt. Deshalb floh Eugenie zuweilen allein in den Hintergrund ihres Zimmers, wo kaum ein Lichtſtrahl durch die Spal⸗ ten des ſchlecht zuſammengefügten Fenſters drang. Hier liebte ſie in dieſem einzigen Lichtſtrahle den goldnen Ring blitzen zu laſſen, den der Büßende ihr im Auftrage Vam⸗ pa's zugeſtellt. Hier ſchien Eugenie ſich mit dieſem Un⸗ glücklichen zu unterreden und betete zum Ewigen um die Gnade, daß er ihre Seelen dereinſt in der Ewigkeit mit einander vereinige. Louiſe wagte nicht, ſie zu unterbrechen. Sie kniete vor dem Bilde der heiligen Jungfrau nieder und begleitete im Geiſte ihre Freundin auf dieſer Wanderſchaft, wo ſie mit unſichtbaren Geiſtern zu verkehren ſchien. ———————————— Schon hatten die langſamen, dumpfen Töne der Glo⸗ cken majeſtätiſch den Beginn der heiligen Woche verkündet. Die beiden Freundinnen ſchickten ſich, nachdem ſie ihre Rech⸗ nung von dem gewiſſenhaften Meſtre Paſtrini reguliren laſſen, an, aus Italien abzureiſen, als die Thüre ihres Zimmers ſich öffnete und ſie die ernſte Geſtalt deſſelben Büßenden erblickten, welchem Louiſe ein Almoſen gereicht und Rin wan in d nach ßend fülle ter dem laſſe zu ernſt in nem war trag er Fre ſie dem ihe zu⸗ nerze venn ſt die wir im uns wird tillen efällt. rund õ Spal⸗ Hier Ring Vam⸗ 1 Un⸗ m die i mit kniete leitete wo ſie Glo⸗ kündet. Rech⸗ guliren e ihres — 195— und der am Tage der Hinrichtung Vampa's Eugenien den Ring überbracht hatte. Der Büßende hatte die Kapuze ſeines weißen Ueberge⸗ wandes über das Geſicht herabgeſchlagen und die Hände in den weiten Falten des Rockes verſteckt. Eugenie und Louiſe ſahen einander an, wie um ſich nach der Urſache dieſer Erſcheinung zu fragen. Der Bü⸗ ßende ergriff zuerſt das Wort und ſagte: „Meine Damen, ich komme um eine Pflicht zu er⸗ füllen, die ich für heilig halte; ich komme um einer Toch⸗ ter den Segen ihrer Mutter zu ertheilen.“ „Mein Gott!“ murmelte Eugenie. „Erklären Sie ſich, mein Bruder,“ ſagte Louiſe. „Eugenie Danglars!“ entgegnete der Büßende, nach⸗ dem er einen Augenblick gezögert,„Du willſt Italien ver⸗ laſſen, ohne wenigſtens den Segen der Perſon zu erhalten zu ſuchen, die Dich zur Welt geboren!“ „Guter Bruder,“ ſagte Louiſe,„Ihre Worte ſind ernſt. Aber Sie haben einen Namen ausgeſprochen, den in Rom Niemand kennt. Sind Sie derſelbe, der an je nem unglücklichen Tage der Hinrichtung Vampa's bei uns war?“ Ja! 7. „Alſo ſind Sie jetzt mit einer neuen Niſſion beauf⸗ tragt?“ Ja⸗“ „Und worin beſteht dieſe Miſſion?“ „Louiſe von Armillh,“ antwortete der Büßende, indem er einen Schritt näher trat,„es wird gut ſein, wenn Ihre Freundin den S ihrer armen Mutter mitnimmt, wenn ſie Italien verläßt.⸗ „Ja, ja,“ ſagte Eugenie ihn und in⸗ dem ſie die Hände faltete,„wo iſt ſie? Ich muß—“ „Die Gnade des Herrn erleuchte Ste we Tochter, 5 96— entgegnete der Büßende,„und möge ſie mich nicht auf dem Pfade der Buße verlaſſen, auf dem ich wandele.“ „Mein Gott!“ murmelte Louiſe, indem ſie den Büßen⸗ den verſtohlen von der Seite betrachtete,„dieſe Stimme— wo habe ich ſie ſchon gehört?“ „Kommen Sie, guter Bruder,“ ſagte Eugenie, in⸗ dem ſie niederkniete,„kommen Sie, und da ich den Segen meiner Mutter nicht von ihrer eigenen Hand erhalten kann, ſo ſegnen Sie mich in Ihrem Namen, denn ſie hat Sie großmüthig beauftragt, es zu thun.“ „Ja, meine Tochter,“ antwortete der Büßende,„ich komme zu Ihnen, von ihr beauftragt, Ihnen dieſen Segen zu ertheilen und ich ſegne Sie in ihrem Namen und im Namen Gottes.“ Mit dieſen Worten breitete der büßende Bruder ſeine Hände über Eugenien's Haupt und Louiſe kniete neben ihr nieder, wie um auch ihren Antheil an dem Segen zu bekommen. „Jenes von den Leidenſchaften der Welt verfolgte Weib,“ fuhr der Mönch fort,„die Frau von Servieres und Narzans, Baroneſſe Danglars, lebt jetzt demüthig und fromm ergeben unter dem Gewande der frommen Schweſtern von San Lazaro.“ „Was ſagen Sie!“ rief Eugenie indem ſie ſich erhob. „Höre mich, Eugenie Danglars, und verſuche nicht durch die irdiſche Eitelkeit, die noch in Dir lebt, den Gang des Schickſals zu ändern.“ „O meine Mutter, meine grme Mutter,“ murmelte ſie, die Hände ringend,„was ſagen Sie? Wo iſt meine Mutter?“ „Nachdem ſie ſich hier in Rom in die fromme Schwe⸗ ſterſchaft von San Lazaro hat aufnehmen laſſen, wird ſie in kurzer Zeit nach Frankreich abreiſen, wo ſie ihre Tage zu beſchließen hofft. Beten Sie für ſie, Eugenie, heten Sie für hän Ein weil Ihr gen. Ste emp Ste in: gen Eus Grt jeſt zu kan tief Her fort Mi ſo rich vie Be Gei ſpr ſie dem en⸗ e— in⸗ gen nn, Sie „ich egen im eine eben zu gte eres thig men hob. nicht an nelte eine we⸗ e in e zu für ſie, und folgen Sie Ihrer Beſtimmung. Das Ver⸗ hängniß hat auf Ihrer Familie gelaſtet und Sie ſind die Einzige, welche noch eine glückliche Zukunft erwarten kann, weil Sie die am wenigſten Verbrecheriſche geweſen ſind. Ihre Eltern haben die Strafe ihrer Verirrungen empfan⸗ gen. Das Eine von ihnen iſt auf immer in dem niedrigen Stande verſchwunden, aus welchem es ſich durch Kabalen emporgeſchwungen, das Andere muß von der Höhe ſeines Stolzes herabgeſtürzt, ſeiner Eitelkeit entſagen und betrauert in dem ſchlichten Gewande, welches es zur Buße auf ſich genommen, die Fehltritte ſeiner Vergangenheit. Leb' wohl, Eugenie; wenn Du Feinde haſt, ſo verzeihe ihnen von Grund Deines Herzens und verfolge Deinen Weg.“ „Mein Gott,“ murmelte Louiſe, ohne von der ma⸗ jeſtätiſchen, ernſten Geſtalt des büßenden Bruders ein Auge zu verwenden,„dieſen Mann habe ich ſchon irgendwo ge⸗ kannt, es iſt mir, als hätte ich ganz nahe dieſe feierliche tiefe Stimme vernommen, bei deren Klang die Fibern des Herzens erzittern.“ „Gott verzeihe auch mir,“ fuhr der büßende Bruder fort,„ich erkenne ſeine vollkommene Gerechtigkeit!“ „Guter Bruder,“ ſagte Louiſe,„da Sie nun öie Miſſion, wegen welcher Sie uns aufſuchten, beendet haben, ſo erlauben Sie wohl, daß ich einige Fragen an Sie richte?“ „Reden Sie.“ „Haben Sie zufällig die Beichte der Frau von Ser⸗ visres gehört?“ „Nein, ich bin ein zu großer Sünder, als daß ich die Beichte eines andern hören könnte. Ich bin zu ſchwach an Geiſt, um Gottes Stelle vertreten zu können!“ „Aber wie können Sie dann von der Familie Danglars ſprechen, wie Sie ſo eben gethan? Ohne 3i haben Sie ſie früher gekannt.“ — 5 „Ja, Louiſe Armillh, zu der Zeit, wo Sie Ihre Freundin in der Muſik unterrichteten, zu der Zeit, wo in der Familie Danglars der Mann erſchien, der ſie ihres Glanzes beraubte und ihren Ruf auf den anderer gewöhn⸗ licher Menſchen reducirte— der Mann, der eine unbe⸗ ſchränkte Gewalt auf den Baron Danglars gusübte.“ „Der Graf von Monte⸗Chriſto V „Ja, ein Thor, ein Uebermüthiger!“ fuhr der bü⸗ ßende Bruder in ruhigem Tone fort,„ein Elender, der ſich von Gott erleuchtet glaubte, während er doch nur von dem heftigen Feuer einer einzigen Leidenſchaft, der Rache, beſeelt ward, ein Thor, welcher ſich anmaßte, dieſes Gefühl zu heiligen, ohne zu bedenken, daß alle menſchlichen und gött⸗ lichen Geſetze es verdammen. Ein Uebermüthiger, der gegen alle Geſitze ankämpfen und zu ſeinem Gebrauche ein neues Geſetz der Rache machen und es Gott aufdringen wollte, damit die Menſchen dadurch zermalmt würden.“ „Was ſagen Sie?“ unterbrach ihn Louiſe in großer Aufregung,„warum ſprechen Sie auf dieſe Weiſe von ei⸗ nem Manne, deſſen Namen Niemand ausſpricht, ohne von der tiefſten Ehrerbietung durchdrungen zu ſein!“ „Sie verwechſeln die Ehrerbietung mit der Furcht, Louiſe Armilly, oder vielmehr mit dem Erſtaunen, welches die Reichthümer des Grafen von Monte-Chriſto hervorrir⸗ fen. Von Ehrerbietung konnte nicht die Rede ſein, Nie⸗ mand empfand dergleichen vor dem Grafen von Monte⸗ Chriſto, man bewunderte blos ſeinen Reichthum. Glauben Sie mir, Louiſe, der Graf war ein ſchwacher, ſtolzer Menſch, wie andere Menſchen, ſeine erdichtete Größe und ſeine Erhabenheit des Geiſtes exiſtirten nur dem Namen nach; er beſaß davon damals weniger, als gegenwärtig.“ „Mein Gott, wer ſind Sie? welchen Beweggrund ha⸗ ben Sie, ihn zu verdammen?“ „Ich verdamme ihn, weil ich aus einem langen Traume erw über Sch blen Lou Ver drü beke des delr Si von hät ben dur deſſ bed zud St lief det ger hre in res hn⸗ be⸗ bü⸗ der von ſeelt zu ött⸗ gen eues llte, oßer ei⸗ von rcht, ches rrie⸗ Nie⸗ onte⸗ uben olzer und men 7 ha⸗ ume — 199— erwacht bin, während deſſen ich mich anderen Menſchen überlegen glaubte! Ich verdamme ihn, weil ich endlich das Schwert der göttlichen Gerechtigkeit auf dieſes ſtolze, ver⸗ blendete Haupt habe niederfallen ſehen! Ich verdamme ihn, Louiſe, weil er ſich ſelbſt verdammt! Ach, wenn Sie das Verhängniß berechnen könnten, welches ihn zu Boden ge⸗ drückt hat, wenn Sie wüßten, daß es einem einfachen, un⸗ bekannten Menſchen, einem Ignoranten gelang, die Größe des Grafen von Monte-Chriſto in ein Nichts zu verwan⸗ deln und ihm gleichzeitig das Herz zu durchbohren, wenn Sie ihn in einem Augenblick von Reichthum zur Armuth, von Stolz zur Demuth, von dem Glücke zur Verzweiflung hätten übergehen ſehen, o dann, Louiſe, würden Sie glau⸗ ben, wie ich glaube, daß der Graf von Monte⸗Chriſto durch Gott gezüchtigt worden.“ Es trat ein Augenblick tiefen Schweigens ein, während deſſen der büßende Bruder unbeweglich ſtehen blieb. Louiſe bedeckte das Geſicht mit den Händen und ſchien tief nach⸗ zudenken, während Eugenie an einem Tiſche ſitzend und die Stirn auf die Hand lehnend, ihren Thränen freien Lauf ließ. Ein Diener des Hotels pochte an die Thüre und mel⸗ dete, daß der Wagen für die beiden Damen bereit ſei. „Meine Freundin,“ ſagte Louiſe, indem ſie ſich Eu⸗ genien näherte,„haſt Du gehört?“ „Ja,“ antwortete dieſe mechaniſch, indem ſie ſich er⸗ hob,„ich bin bereit; gehen wir.“ „Eugenie, Eugenie,“ rief plötzlich der büßende Bruder, „verzeihe mir, auch ich bedarf Deiner Verzeihung.“ „Sie! Sie bedürfen meiner Verzeihung? Wodurch ha⸗ ben Sie mich beleidigt? Wer ſind Sie?“ In der Haſt, mit welcher der Büßende ſich auf die Kniee niederwarf, fiel ſeine Kapuze auf die Schultern und — 200— ſein auf dieſe Weiſe entblößtes Geſicht ward den Blicken der beiden Freundinnen ſichtbar. „Himmel!“ „Der Graf von Monte⸗Chriſto!“ ſtammelte Louiſe. „Still, ſtill, Louiſe!“ ſagte Edmund.„Nenne nie⸗ mals wieder dieſen Namen, denn der, welcher ihn trug, iſt nicht mehr, was er geweſen iſt. Ihr ſeht es— dies iſt Alles, was noch von ihm übrig iſt! Ach, Eugenie, gewähre mir Deine Verzeihung!“ „Stehen Sie auf, mein Herr, worin können Sie mich beleidigt haben, ſo daß ich Ihnen verzeihen müßte? Ach, ich kann nicht glauben, was ich ſehe! Es iſt ein Traum! Louiſe, Louiſe, laß uns gehen.“ „Nein,“ rief Edmund, indem er die beiden Freun⸗ dinnen zurückhielt,„Du wirſt nicht gehen, ohne mir um der Liebe Gottes willen verziehen zu haben. Ich bedarf Deiner Verzeihung— verzeihe mir, denn ich habe Dich beleidigt.“ „Aber womit, mein Herr? Sprechen Sie!“ „Achte dieſes Geheimniß und erwecke nicht die bitteren Erinnerungen der Vergangenheit in einem von Qualen ſchon zerriſſenen Herzen; Eugenie, Gott züchtigt mich, während ich von Grund meines Herzens in meinem letzten Stünd⸗ lein ſeine Verzeihung zu erlangen hoffe. Verzeihe mir, wie er mir verzeihen wird. Die Laſt meiner Leiden wird mir zur Sühne angerechnet werden und Du, die Du auch lei⸗ deſt, die Du auch erfahren, was Reue und Verzweiflung iſt— verzeihe auch Du mir!“ „Ja, ſobald Sie es wünſchen, verzeihe ich Ihnen, wenn Sie mich beleidigt haben,“ ſagte Eugenie, indem ſie ihm die Hand entgegenſtreckte, welche er ehrerbietig an ſeine Lippen drückte. „Nun kannſt Du ziehen, Eugenie. Geh', und in mei⸗ nem beſcheidenen Aſhl werde ich Gott von Grund meines Herzens bitten, daß er Dich beſchütze, wie ich zu ihm für die 6 men hinzi erhol Alles „Ih einer davo Eug ſein. zoger Was Gott ſicht dinn ohne den hina dieſe terge erwa der nie⸗ iſt iſt ihre nich Ach, im! un⸗ der iner ſt⸗ eren chon rend ind⸗ wie mir lei⸗ ung nen, ſie eine mei⸗ ines für die Seele der guten Hahdée und für das Glück meines ar⸗ men Sohnes bete. Ach, Alles iſt vorbei,“ ſetzte Edmund hinzu, indem er ſich mit der bittern Geberde eines Menſchen erhob, welcher unnennbare Qualen empfindetz„für mich iſt Alles vorbei!“ „Mein Herr,“ ſagte Louiſe, indem ſie ſich ihm näherte, „Ihre Worte enthüllen mir, wenn Sie nicht die Wirkung einer Geiſtesſtörung ſind, ein ſo großes Unglück, daß ich davon tief erſchüttert werde. Glauben Sie indeſſen, daß Eugenie und ich reit ſein werden, Ihnen nützlich zu ſein.“ 4 Ein bitteres Lächeln umſpielte Edmund's zuſammenge⸗ zogene Lippen. „Gehen Sie,“ murmelte er,„das Glück begleite Sie. Was mich betrifft, ſo genügt mir die Geduld des Lammes Gottes. Gehen Sie, gehen Sie, meine Damen!“ Mit dieſen Worten ſchlug er die Kapuze über ſein Ge⸗ ſicht herab und entfernte ſich langſam von den beiden Freun⸗ dinnen, welche einige Augenblicke wie erſtarrt ſtehen blieben, ohne ihre Blicke von der ernſten reſignirten Geſtalt abwen⸗ den zu können, welche langſam den Corridor des Hotels hinabſchritt. Eine zweite Mahnung des Poſtillons rüttelte ſie aus dieſer Betrachtung auf und nachdem ſie die Treppe hinun⸗ tergegangen, ſtiegen ſie raſch in den Reiſewagen, der ſie erwartete. — 202— Neunzehntes Kapitel. Die Schweſter von San Lazarv. Gugenie und Louiſe Armillh wollten nach den unvor⸗ hergeſehenen Ereigniſſen, welche, wie wir dem Leſer er⸗ zählt, ihre künſtleriſche Laufbahn unterbrachen, dieſelbe wie⸗ der aufnehmen, obſchon fern von dem Schauplatze ihrer Abenteuer. Die ſchöne Stadt Rom, in der die beiden Freundinnen ſo oft für immer verweilen zu können ge⸗ wünſcht, konnte ihnen in der That in Verbindung mit den zwei größten ihrer künſtleriſchen Monumente nur traurige Erinnerungen gewähren.. Nachdem Edmund den Wagen abfahren geſehen, ging er traurig und gedankenvoll auf der Straße weiter und näherte ſich mit großen Schritten ſeiner neuen Wohnung, wo er geräuſchlos eintrat. Wir müſſen dem Leſer den Anblick beſchreiben, den dieſe einfache ärmliche Wohnung jetzt darbot. Vorausſchicken müſſen wir zu dieſem Zwecke, daß Ber⸗ tuccio nach der Begegnung mit dem Grafen Lon Monte⸗ Chriſto, ſeinem Herrn, eine ſo ſtarke Gemüthserſchütterung erfuhr, daß er wenige Tage darauf von einer ſchmerzhaften Krankheit ergriffen ward, die ihn nicht wieder verließ. Ber⸗ tuccio war weit entfernt, zu vermuthen, daß ſein Herr, der edle Graf von Monte-Chriſto, den geringſten Unglücksfall erlitten habe, und als er ihn daher ſo plötzlich und uner⸗ wartet in dem Hotel des Meſtre Paſtrini als bettelnden Wönch wiederſah, ward ſein Rervenſyſtem dadurch noth⸗ wendig auf gefährliche Weiſe erſchüttert! matr ben und Schr hatte terin Schr pfleg unru dem Kopf bedec wom wein drück Herz Aug halb ſie; den ließ, zwei der ten, beda wor⸗ er⸗ wie⸗ ihrer eiden ge⸗ t den urige ng er iherte vo er dieſe Ber⸗ donte⸗ erung haften Ber⸗ r, der cksfall uner⸗ elnden noth⸗ — 203— Der arme Intendant lag auf einer armſeligen Stroh⸗ matratze, mit einer leichten wollenen Decke zugedeckt. Ne⸗ ben ihm ſaß eine Frau von mittlern Jahren, edler Geſtalt und offenen Zügen, die das Gewand der barmherzigen Schweſtern trug. Sobald als Bertuccio krank geworden, hatte er die Anweſenheit einer dieſer frommen Krankenwär⸗ terinnen erbeten und die, welche erſt vor Kurzem in die Schweſterſchaft eingetreten, ward beſtimmt, den Kranken zu pflegen. Als Edmund in das Zimmer trat, lag Bertuccio in unruhigem Schlafe und ſein Aechzen klang ſchauerlich in dem kleinen, ſchlechterleuchteten Zimmer. Die barmherzige Schweſter hatte ihren Arm auf das Kopfkiſſen des Kranken geſtützt, ihr Geſicht mit der Hand bedeckt und man gewahrte an dem häufigen Schluchzen, womit ſie das Aechzen des Kranken begleitete, daß ſie weinte.* Edmund blieb an der Schwelle der Thüre ſtehen und drückte die Hände auf die Bruſt, wie um das Klopfen des Herzens zu hemmen oder zu beſchwichtigen. Naoch einigen Augenblicken trat er einige Schritte näher und ſagte mit halber Stimme: „Madame, Eugenie iſt abgereiſt; Ihr Segen begleitet ſie; beruhigen Sie ſich.“ „Ach,“ murmelte die barmherzige Schweſter, indem ſie den Kopf emporrichtete und den Arm, der ihn ſtützte, ſinken ließ,„die Barmherzigkeit Gottes ſei mit ihr!“ Es trat ein augenblickliches Schweigen ein. Edmund warf einen Blick auf Bertuccio und ſchüttelte zweifelnd den Kopf. „Guter Bruder,“ hob die barmherzige Schweſter wie⸗ der an,„jetzt, wo Sie verſprochen haben, für mich zu be⸗ ten, hoffe ich, daß Sie es nicht vergeſſen werden, denn ich bedarf der Fürbitte.“ 6 — 204— „Ja, Madame,“ antwortete Edmund, deſſen Geſicht unter den weiten Falten ſeiner Kapuze vollſtändig verborgen war.„Da ich ſelbſt ein großer Sünder bin, ſo kann ich nicht glauben, daß meine Gebete von Gott erhört werden, aber dennoch werde ich mich in den Augenblicken meiner ſtillen Betrachtungen Ihrer ſtets erinnern. Mittlerweile werde ich Ihnen noch einen Dienſt leiſten, der eben ſo groß iſt, als der, welchen ich Ihnen bereits erwieſen.“ „Was ſagen Sie?“ „Madame, ich habe Ihrer Tochter Ihren Segen ge⸗ bracht— ich werde auch ſorgen, diß Sie Ihren einzigen Sohn ſegnen können.“ „Mein Gott! mein Gott! was ſagen Sie!“ rief ſie, indem ſie aufſtand. Edmund blieb unbeweglich. „Ja, Madame; niemals hat ihr mütterlicher Segen noch dieſes mit Fluch beladene Haupt berührt! Jetzt aber müſſen Sie von Ihrem Irrthume zurückkommen und Den ſegnen, dem Sie unter Thränen und Qualen das Daſein gegeben.“ „Wer ſind Sie?“ murmelte ſie, indem ſie erſchrocken einen Schritt zurücktrat.„Gott, wer iſt dieſer Menſch, der ein verhängnißvolles Geheimniß meines Lebens 6 kennen ſcheint!“ „Madame,“ unterbrach ſie Edmund,„erinnern Sie ſich des Sohnes Villefort? Beruhigen Sie ſich, ich will Ihnen durch dieſe Erinnerung keinen Schmerz zufügen! Ich will blos Ihre Reue mindern, indem ich Ihnen rathe, die⸗ ſen Unglücklichen zu ſegnen, der nur mit Blut und Thränen getauft ward!“ „Ach, um's Himmels willen, ſagen Sie, wer ſind Sie? Ihre Worte haben etwas Schreckliches, ſie machen mich zittern. Sagen Sie, ſind Sie ein aus der Erde aufgeſtie⸗ genes Geſpenſt, um mich durch Gewiſſensbiſſe zu Tode zu mart einer ein e irrur zeiht Woh heißt reich. lars was Edm erfal ſagen Tod welch ſpäte Er l und der verw ſeiner dieſe Mad war nach Verb betro eſicht rgen nich rden, einer weile groß ge⸗ zigen f ſie, egen aber Den aſein ocken ,der ennen Sie will Ich „ die⸗ ränen Sie? mich geſtie⸗ de zu 8 martern? Ich beſchwöre Sie, haben Sie Erbarmen mit 1 einer armen Bereuenden „Nein, Madame Daonglars, ich bin weiter Nichts, als ein armer Sünder, der gegenwärtig ſeine ungeheuren Ver⸗ irrungen durch ſeine Zerknirſchung büßt, ſeinen Feinden ver⸗ zeiht und ihnen das Ueble, welches ſie ihm zugefügt, durch Wohlthaten vergilt! Frau von Danglars, Ihr Sohn heißt Benedetto und befindet ſich gegenwärtig in Frank⸗ reich.“ „Benedetto! Benedetto!“ wiederholte Frau von Dang⸗ lars mit Entſetzen,„ ſagen Sie mir im Namen Gottes⸗ was macht dieſer Unglückliche?“ Ein krampfhaftes Gelächter bewegte die Kapuze, welche Edmund's Geſicht bedeckte. „Was er macht, werde ich vielleicht binnen Kurzem erfahren. Was er aber gethan hat, kann ich Ihnen ſagen.“ „Ich zittere— ſprechen Sie—“ „Von aller Welt verflucht, von ſeiner Geburt an dem Tod und der Hölle geweiht, ward er durch einen Arm, welcher ſich rächte, auf wunderbare Weiſe gerettet und faßte ſpäter einen ſchwarzen, unheilvollen Vernichtungsgedanken. Er begegnete einem Manne, der verblendet durch Stolz und Eitelkeit einherwandelte und Benedetto war der letzte, der unter den Füßen dieſes Mannes ſich in einen Berg verwandelte und ſpäter in Trümmern barſt, um ihn in ſeinem Abgrunde zu begraben! Dieſer Mann, den er auf dieſe Weiſe zerſchmetterte— werden Sie es wohl glauben, Madame?— war der mächtigſte Menſch der Erde. Es war ein Mann, deſſen Wille kein Hinderniß kannte und der nach Art eines allmächtigen Gottes ohne Erbarmen das Verbrechen ſtürzen und züchtigen wollte. Ach, dieſer Mann betrog ſich dennoch! Er ſuchte ſich nur ohne Mitleid und — 206— erbarmungslos zu rächen! Es war mit einem Worte der Graf von Monte⸗Chriſto! Ja,“ fuhr Edmund, tief Athem ſchöpfend, fort,„Benedetto zerſchmetterte dieſen kühnen Rie⸗ ſen, den die Menſchen mit Erſtaunen betrachtet hatten, wie jener einfache Hirtenknabe den übermüthigen Rieſen nieder⸗ ſchmetterte, von welchem wir in der heiligen Schrift leſen. Blut und Thränen— dies iſt es, was Benedetto auf ſei⸗ nem Wege zurückgelaſſen; neben dem Grafen von Monte⸗ Chriſto einherſchreitend, hat er ihm mit ſeiner rächenden, mörderiſchen Hand Alles entriſſen, was ihm das Theuerſte war. Benedetto war das Werkzeug Gottes und jetzt berei⸗ tet er ſich vielleicht in Frankreich vor, die öffentliche Strafe ſeiner begangenen Verbrechen zu empfangen. Baroneſſe Danglars, ſieh hier das Werk Deines Sohnes!“ Indem Edmund dies ſagte, ſchlug er ſeine Kapuze zurück. Die Baroneſſe Danglars ſtieß einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus und ſank auf die Kniee neben dem Bette nieder, auf welchem der ſterbende Bertuccio lag. „Ja,“ fuhr Edmund fort,„ja, hier können Sie den Mann ſehen, dem Ihr Sohn das Leben verdankt! Dieſer Mann war es, der ihn wieder aus der Erde hervorholte, in welche Villefort ihn lebendig begraben!“ „Erbarmen!“ „Und wiſſen Sie, auf welche Weiſe Benedetto dieſen edelmüthigen Mann belohnte? Er ermordete ſeine Schweſter, brannte ſein Haus nieder und beſtahl ihn. Ha! er war einmal verflucht von Gott und den Menſchen! Wohlan, Madame, wiſſen Sie, daß Ihr Sohn Sie ſucht, um Sie um Ihren mütterlichen Segen zu bitten. Suchen Sie ihn auf und gewähren Sie ihm Ihren Segen, damit er ruhig ſterbe und auf dieſe Weiſe auch Ihr Gewiſſen beruhigt werde.“ in il herzi Schi Abſi wie Juſt ließ. men wel ſelb unt ihn zun ſelb hör blü wiſ der hem Rie⸗ wie der⸗ eſen. ſei⸗ onte⸗ den, erſte erei⸗ trafe neſſe puze Ent⸗ ieder, e den ieſer holte, dieſen veſter, rwar ohln, n Sie e ihn ruhig ruhigt — 207— — Einige Augenblicke ſpäter verließ Frau von Danglars, in ihren Schleier gehüllt, dieſes Haus und erhielt als barm⸗ herzige Schweſter freie Ueberfahrt am Bord eines kleinen Schiffes, welches nach Marſeille abging. Sie hatte die Abſicht, nach Paris zu reiſen. Wir werden nun wieder von Benedetto ſprechen, welcher, wie der Leſer ſich erinnert, in die Gewalt der franzöſiſchen Juſtiz gerieth, die ihn in das Gefängniß la Force bringen ließ. Zwanzigſtes Kapitel. Der 27. September. Benedetto war in das Gefängniß la Force gebracht. Sobald man ihm hier ſein Signalement abgenom⸗ men, erkannte man in ihm ſofort daſſelbe Individuum, welches, nachdem es den Schließer ermordet, aus dieſem ſelben Gefängniß entſprungen war. Die Jurh konnte, nachdem ſie Benedetto's Verbrechen unterſucht und discutirt, nicht umhin, die Todesſtrafe über ihn auszuſprechen. Nach achtmonatlicher Gefangenſchaft ward Benedetto zum Tode verurtheilt. Man las ihm ſein Urtheil in dem⸗ ſelben Gefängniſſe vor, wo er den Schließer ermordet. Er hörte das langſame Vorleſen dieſes Urtheil's mit der Kalt⸗ blütigkeit und der Gleichgültigkeit an, die ihn ſeit einer ge⸗ wiſſen Zeit characteriſirten. — 208— * Dieſe entſchiedene Gleichgültigkeit ward nicht durch die Verthierung des Gemüth's erzeugt, die man gewöhnlich bei Menſchen wahrnimmt, die nach einer langen Reihe von Verbrechen vor ſich das Schaffot emporſteigen ſehen, auf welchem ſie dieſelben im Angeſicht der von ihnen beleidig⸗ ten Geſellſchaft büßen ſollen. Nein, der Zuſtand, in wel⸗ chem Benedetto ſich befand, war der einer tiefen Reſigna⸗ tion im Angeſicht der Rathſchlüſſe jenes allmächtigen Got⸗ tes, den er angerufen, um zu wiſſen, ob er den Ueber⸗ müthigen, der ſeine Macht gemißbraucht, ſtrafen ſollte oder nicht. Der Vorabend des zur Hinrichtung beſtimmten Tages kam heran und Benedetto ward in das Betzimmer ge⸗ führt. Er widmete ſich mit Andacht den religiöſen Hand⸗ lungen, welche der öffentlichen Vollſtreckung eines Urtheils⸗ ſpruchs der hohen Juſtiz vorangehen. Der Beichtiger hörte ihn mit Theilnahme an. Man ſah an ſeinem gerührten Blicke die Wirkung, welche die Worte des Bußfertigen in ihm hervorbrachten. „Mein Vater,“ ſagte Benedetto, indem er das Zei⸗ chen des Kreuzes machte,„ich glaube an Gott. Ich glaube an ſeine Gerechtigkeit und nie iſt mir in die Gedanken ge⸗ kommen, ſie tadeln zu wollen. Durch das Verbrechen ge⸗ boren, mit Blut und Thränen getauft, konnte mein Ende kein anderes ſein, als das Blutgerüſt. Ehe ich an Gott glaubte, wie ich heute thue, fühlte ich in meiner Bruſt die ganze Bitterkeit, welche die Verzweiflung in dem Herzen eines Menſchen hervorrufen kann. Die Verzweiflung, die nicht blos eine gewöhnliche Redensart, nein, die Verzweif⸗ lung, welche die Hölle auf dieſer Welt iſt! Ohne ein mir durch Erziehung eingepflanztes Princip habe ich mich durch ſchlimme Geſellſchaft ſo weit beherrſchen laſſen, daß ich den Mann, der mich aus Barmherzigkeit bei ſich aufgenom⸗ men, beleidigte und ihm dieſe Wohlthat dadurch vergalt, — die bei von auf dig⸗ wel⸗ na⸗ zot⸗ ber⸗ oder ges ge⸗ nd⸗ ils⸗ Nan die Zei⸗ ube ge⸗ ge⸗ nde Fott die rzen die eif⸗ mir urch den om⸗ alt, daß ich ſein Haus anzündete und ſeine Schweſter ermor⸗ dete. Von dieſem Tage an gab es für mich auf der Welt kein gaſtfreies Dach mehr, kein befreundeter Blick ſenkte ſich auf mich herab! „Ich war ein Verfluchter in der Welt. „Ich habe mich,“ fuhr Benedetto nach einer kurzen Pauſe fort,„in Ausſchweifungen und Verbrechen gewälzt. „Ich geſellte mich zu den verruchteſten Menſchen und theilte mit ihnen, mitten unter entſetzlichen Orgien, die Frucht des Diebſtahls und des Mordes. „Zu jener Zeit lebte in mir nicht ein einziges edelmü⸗ thiges Gefühl. Mein geringſter Gedanke war eine Gottes⸗ läſterung, eine Infamie. Selbſt die unbedeutendſten mei⸗ ner Bandlungen waren verabſcheuungswürdige Verbrechen. „Und von welcher Art waren meine Neigungen? Ver⸗ dammliche Bündniſſe mit den verworfenſten und gemein⸗ ſten Frauen!— Es dauerte nicht lange, ſo fiel ich in die Gewalt der Juſtiz und ſchleppte einige Monate lang die Kette des Galeerenſträfling's. „Während ich dieſe Strafe erduldete und mich biel⸗ leicht durch Arbeit allmälig gebeſſert und von meinen La⸗ ſtern geſäubert hätte, erſchien ein Mann, um mich zu ret⸗ ten. Dieſer Mann hatte Mitleiden mit dem Zuſtand, in dem ich mich befand, und wollte mir vielleicht durch die edle That, die er übte, rechtſchaffene Geſinnungen einflößen. Er gab mir eine Feile, mit deren Hilfe ich mich meiner Feſſeln entledigen konnte; er gab mir Geld und bezeichnete mir ſeine Wohnung. „Einen Monat ſpäter gewahrte ich, daß dieſer Mann nur ein Ziel erreichen wollte, welches er ſich geſteckt, indem er ſich meiner in einer lächerlichen Komödie bediente, in welcher er mir die Hauptrolle zutheilte. „Ich lache jetzt über meine Unerfahrenheit. Wie hatte ich glauben können, daß ein Menſch dem Elende gegenüber Die Todtenhand. 3. Band. 14 — 210— „ edelmüthige Geſinnungen haben könne! Ich ward wieder, was ich geweſen war, nur mit dem Unterſchiede, daß ich mich in einer andern Klaſſe der Geſellſchaft bewegte und anſtatt ganz einfach der Bandit Benedetto zu bleiben, mich den Fürſten Andrea Cavalcanti nannte. „Dies war die Rolle, die dieſer Mann mir in ſeiner Komödie zutheilte. „Sie hatte ein Ende und ich ſtieg die Stufen meiner erſten Klaſſe eben ſo verworfen wie zuvor wieder hinab, nur geſchickter durch die Lehre in der Verſtellung, welche mir der Graf von Monte-Chriſto, mein falſcher Beſchützer, gegeben. „Eines Tages blieb ich mitten auf dem Wege der Ver⸗ brechen, den ich verfolgte, ſtehen. Die Nähe meines Va⸗ ters, eines armen unglücklichen, halb wahnſinnigen Greiſes rührte mich. Ich ſchwur nun, ihn zu rächen und dachte reiflich über die Menſchen und ihre Handlungen nach. „Ich glaubte an Gott, ich ſah ein, daß ich ſeit einer gewiſſen Zeit das Werkzeug war, deſſen er ſich bediente, um die Böſen zu ſtrafen. Ich mordete und beraubte ohne Erbarmen Alle, von denen ich wußte, daß ſie ſchon dieſel⸗ ben Verbrechen begangen. Um auf dieſem neuen Wege fort⸗ zuwandeln, bedurfte ich Geld. Ich bemächtigte mich der Kleinodien, welche die Leichen der Mitglieder meiner väter⸗ lichen Familie ſchmückten und hatte keinen Augenblick Ruhe, bis ich nicht das geträumte Ziel erreicht hatte. „Ich ſah den Böſewicht, den Fälſcher, die Strafe für ihre Verbrechen, die Tugendhaften, den Lohn für ihre Tha⸗ ten empfangen und wundere mich daher nicht, jetzt auch das Blutgerüſt für mich emporſteigen zu ſehen. Ich ver⸗ diene es. Ertheilen Sie mir Ihren Segen und beten Sie für mich.“ Indem Benedetto dieſe Worte ſagte, knieete er vor 1 r⸗ a⸗ es te ür a⸗ ch er⸗ ie or —— — 211— dem Prieſter nieder, welcher für die Seele des Delinquen⸗ ten das göttliche Erbarmen anrief: „Welchen Monatstag haben wir heute?“ fragte Ben⸗ dettv. „Den ſiebenundzwanzigſten September, mein Sohn.“ „Den ſiebenundzwanzigſten September!“ wiederholte Benedetto in ruhigem Tone und mit wehmüthigem Lächeln. „Dann feiere ich alſo meinen Geburtstag auf dem Schaffot.“ „Verzeihſt Du Deinen Eltern die Vernachläſſigung, deren Sie ſich von Deiner Geburt an an Dir ſchuldig ge⸗ macht haben? Verzeihſt Du Deinem Vater das Verbre⸗ chen des Kindermord's?“ „Ich habe ihnen ſchon längſt Alles verzichen.“ „Wohlgethan, mein Sohn; Gott ſei ewig mit Dir!“ Sobald, als die erſten Sonnenſtrahlen die düſteren Höfe von la Force beleuchteten, ward die Thüre des Bet⸗ zimmers geöffnet und eine Abtheilung Soldaten holte den Verurtheilten ab, um ihn in das Zimmer des Henkers zu führen, damit ihm dieſer die Haare abſchnitte und das Kleid der Verurtheilten anlege. Nach dieſen Vorbereitungen beſtieg Benedetto den Kar⸗ ren und der Henker gab, nachdem er hinter ihm aufgeſtie⸗ gen, das Zeichen zur Abfahrt. Eine Schwadron Cavalerie begleitete den Karren bis zu dem Schaffot, um welches herum eine dicht gedrängte Volksmaſſe neugierig harrte. Benedetto empfing den letz⸗ ten Segen des Beichtigers und wieß mit ſanfter Geberde die Augenbinde zurück, welche der Henker ihm vorhielt, indem dieſer, dem Herkommen gemäß, die beiden folgenden Fragen an ihn richtete: „Wünſcheſt Du zu eſſen oder zu trinken?“ „Nein.“ * — 212— „Verzeiheſt Du mir die That, die ich jetzt mit Dir vornehmen werde?“ „Ja.“ „So nimm dieſe Binde; die Stunde iſt da.“ „Laß mich noch einen einzigen Augenblick die mich um⸗ ringende Menge ſehen,“ ſagte Benedetto;„ich will mich bemühen, ein befreundetes Geſicht zu erkennen.“ Und Benedetto richtete ſich auf dem Schaffot empor und betrachtete aufmerkſam die daſſelbe umgebende Volks⸗ maſſe. Mit ſcharfem Blicke muſterte er alle Phiſiognomien, die ihm nahe genug waren, und ſtieß dann, indem er nach einer andern Richtung hinblickte, einen Ruf der Ueberra⸗ ſchung aus. Er hatte in einem Wagen, der ſich wegen der dicht— gedrängten Volksmaſſe nur langſam über den Platz be⸗ wegte, eine Frau geſehen, welche das Gewand der Schwe⸗ ſtern von San Lazaro trug und die eine zweite, kranke Frau zu begleiten ſchien. „Mein Vater,“ ſagte er zu dem Prieſter,„mein letz⸗ ter Wunſch wäre, mit dieſer Schweſter von San Lazaro zu ſprechen, welche in dieſem Augenblicke in einem Wagen über den Platz fährt. Sagen Sie ihr, daß ich ſie um der Liebe Gottes willen bitten laſſe, zu mir zu kommen.“ Der Prieſter ſtieg ſofort von dem Blutgerüſt herab, um den Wunſch des Delinquenten zu erfüllen und die fromme Schweſter von San Lazaro zögerte nicht, dem an ſie ergehenden Rufe Folge zu leiſten. So wie ſie näher kam, veränderten ſich Benedetto's Züge guf merkwürdige Weiſe. Er drückte mehrmals die Hände vor die Augen, wie um uwign Thränen 1* rückzuhalten. Die barmherzige Schweſter ſtieg die 2repht des Schaf⸗ fot's, hinguf und trat vor den Delinquenten. ———— c5 — 213— 4 r„Mein Gott!“ rief ſie, indem ſie, wie von einer ſurcht⸗ baren Viſion gepackt, zurückprallte. Benedetto faßte ſie ſanft an der Hand und drückte die⸗ ſelbe an ſeine Lippen, indem er leiſe und ſo, daß ihn Nie⸗ 5 mand weiter hören konnte, die Worte murmelte:„Muth, h Madame, ich wollte Ihnen durch eine Ihrer Schweſtern . meinen letzten Abſchiedsgruß ſenden, der Ewige aber hat 1 r gewollt, daß Sie ihn in eigener Perſon empfingen.“ 1 3 „Jeſus, Jeſus!“ rief die arme Schweſter von San Lazaro, indem ſie mit dem Ausdruck der Vetzweifg auf 5 die Kniee niederſank. ch Benedetto ging mit ſchnellen Schritten auf den Block g⸗ zu, legte ſeinen Kopf darauf und rief dem Henker zu: „Macht ein Ende! macht ein Ende!“ t⸗„O nein, nein!“ rief die Schweſter von San Lazaro, S indem ſie ſich bleich und zitternd erhob, um zu den Füßen x des Henkers von neuem auf die Kniee niederzuſinken. e„Es iſt heute der ſiebenundzwanzigſte September,“ ſagte Benedetto. z⸗ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen⸗ ſo trennte das 3 — Beil der Guillotine ſein Haupt vom Rumpfe. 6 Die barmherzige Schweſter ſank, wie vom Blitze ge⸗ troffen, neben der Leiche nieder und rief mit Schrei: E„Mein Sohn!“ Wenige Tage darauf hatte die arme Mutter ebenful 8 aufgehört zu leben. 2 3 Einen Monat nach Dem, was hier geſchehen, ereignete ſich in Marſeille ein nicht weniger wichtiger Vorfall. — Wenn wir unſere Blicke nach dem Felſen lenken, auf welchem das kleine Dörflein der Eatalonier ſtänd, ſo ſehen wir dicht neben einem kleinen weißen, ſehr einfachen Hauſe, welches der unglücklichen Mercedes zur Wohnung diente, eine kleine Kapelle, deren einziges S fuſt immer geſchloſ⸗ — 214— ſen iſt und ſich kaum Sonn— und Feſttag's Nachmittags auf eine halbe Stunde öffnet. Dieſe kleine Kapelle und das auf der entgegengeſetzten Seite ſtehende Haus waren, ſo zu ſagen, die Anfänge der Gebäude, welche gegenwärtig hier ſtehen und gleichſam als Avantgarde der Stadt dieſe Anhöhen bevölkern. Albert Mondego und Mercedes bewohnten noch das kleine Haus des vormaligen Catalonierdorfes. Albert, der aus der Hand deſſelben Prieſters, der ſchon der Dolmet⸗ ſcher des Willens Benedetto's geweſen, das Geſchenk em⸗ pfangen, welches dieſer ihm übermachte, begann mit dieſem Kapital den kleinen Handel, nach welchem er ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit getrachtet. Der Name Benedetto's ward von Al⸗ bert und ſeiner Mutter in dem ſtillen Frieden, deſſen ſie ſich erfreueten, tagtäglich geſegnet. Mercedes betete alle Tage für den aufrichtigen Freund ihres Sohnes, für den uneigennützigen Wohlthäter, für den unparteiiſchen Richter, der mit ihrem Elende Erbarmen ge⸗ habt und ſie wieder aufgerichtet hatte. Mittlerweile aber war Mercedes, ſeit dem Tode ihres Gatten, die Beute eines tiefen Kummers, der ſie langſam dem Grabe entgegenführte. Albert, den die phhſiſche Abſpannung ſeiner Mutter ſehr beunruhigte, hatte ſchon die zwei beſten Aerzte in Mar⸗ ſeille zu Rathe gezogen und nach einigen Monaten waren ſie beide der Meinung, daß Mercedes in kurzer Zeit erlie⸗ gen müſſe, wenn ſie von einer Luftröhrenkrankheit ergriffen würde, was in Anbetracht des langſamen und immer mehr überhand nehmenden Fiebers, welches ſie verzehrte, ſehr zu fürchten ſtand. Albert wich nicht von dem Bette ſeiner armen Mut⸗ ter. Er hörte ihre freundſchaftlichen Worte und empfing ihre letzten, innigen Blicke, die ſich bald umſchleiern und — * 8 3 en zu t⸗ ng nd —— — 215— enden ſollten, wie der Glanz der Sterne am Himmel er⸗ bleicht, wenn die Morgenröthe emporſteigt. Mercedes' ruhiges Antlitz war der Ausdruck der voll⸗ ſtändigſten und frömmſten Ergebung. Je weiter die verhängnißvolle Periode des Uebels vor⸗ rückte, deſto ruhiger ſchien ſie zu werden und zeigte auf dieſe Weiſe die Reinheit ihrer unſchuldigen Seele. Der Glanz des Himmels ſpiegelte ſich in ihrem gan⸗ zen Weſen. Sie ſchien ſchon nicht mehr dieſer Welt anzu⸗ gehören, und als es Abend ward, hätte man ſie für einen Friedensengel halten können, der vom Himmel herabgeſtie⸗ gen wäre, um neben Albert Platz zu nehmen und ihm das chriſtliche Wort„Ewigkeit“ zuzuflüſtern. Mercedes ſchien zu fürchten, daß ſie in einen beſin⸗ nungsloſen Zuſtand verfallen werde. Sie bat daher Gott, ihr den vollkommenen Gebrauch ihrer Geiſteskräfte bis zu ihrer letzten Stunde zu bewahren, um ſterbend ihrem Sohne ihren letzten Abſchiedsgruß ſagen zu können. Eines Nachts fühlte ſich Mercedes ſehr matt. Ein furchtbarer Druck ſchien auf ihr zu laſten. Es war ihr, als fehle dem Zimmer die Luft. Sie ſetzte ſich in ihrem Bette auf und rief Albert, der ſofort bei ihr war. Der junge Mann zitterte, als er das bleiche, leichen⸗ ähnliche Geſicht ſeiner Mutter erblickte. Ein kalter Schweiß bedeckte ſeine Stirn und ſein Herz pochte, als wollte es die Bruſt zerſprengen. „Mein Sohn,“ ſagte Mercedes zu ihm, indem ſie ſich bemühete zu lächeln,„ich will mich bereit machen, vor Gott zu erſcheinen!“ „Wie! jetzt ſchon, meine Mutter?“ ſagte Albert, der kaum ſprechen konnte, indem er zugleich mit Liebe und Ehrfurcht Mercedes' gebrechlichen Körper umarmte. „Ja, ja,“ antwortete ſie, indem ſie immer bleicher — 216— ward und nur noch mit Mühe athmete.„Einen Beichti⸗ ger, mein Sohn— einen Beichtiger.“ Albert verließ ſofort das Zimmer und eilte nach dem Felſen, in der Abſicht, ſich nach der Stadt zu begeben. Doch klopfte er erſt wiederholt an die Thüre der Kapelle. Einige Augenblicke darauf ſah er ſich der ernſten Ge⸗ ſtalt eines Prieſters gegenüber. „Was wollen Sie, mein Sohn?“ „Um der Liebe Gottes willen, mein Voter, kommen Sie zu meiner Mutter, welche im Sterben liegt.“ Der Prieſter zögerte nicht, Albert nach dem Zimmer ſeiner Mutter zu begleiten. Als der Prieſter eintrat, unterſchied ſie kaum noch die ſie umgebenden Gegenſtände. Der nahe Tod hatte ſchon ſeinen eiſigen Schleier über das Geſicht ſeines Opfers ge⸗ breitet. „Meine Mutter, hier iſt der Diener Gottes,“ ſagte Albert, indem er ſich dem Bette näherte. „Gut, gut, mein Sohn,“ ſagte ſie;„verlaß uns ei⸗ nen Augenblick. Meine Beichte wird kurz ſein. Ich habe wenig zu ſagen— ich will nur die letzte Abſolution em⸗ pfangen.“. Albert umarmte ſie und begab ſich dann in ein an⸗ ſtoßendes Gemach. Der Mönch blieb allein bei der Sterbenden. „Kommen Sie näher, frommer Vater,“ murmelte ſie. „O mein Gott,“ ſagte er, indem er noch auf dem⸗ ſelben Platze ſtehen blieb, als ob ſeine Füße an die Diele gewurzelt wären. Sein Blick war unverwandt auf Meree⸗ des geheftet.„O allmächtiger Gott,“ fuhr er fort,„nimm ſie auf in Deinen Schooß, dieſe reine, von der Welt ſo ſchmerzlich gemarterte Seele! Mercedes! Mercedes!“ fuhr er mit halber Stimme fort, indem er ſich dem Bette näherte.„ich bedarf Deiner Verzeihung!“ ki ri i⸗ be n⸗ — 217— „Sie?“ „Ja, ich, der ich ein Unſinniger geweſen bin, indem ich in meiner Bruſt die Liebe erſticken zu können gl ubte, welche Du mir einflößteſt! Ich, der ich ein Böſewicht war, als ich, um mich an Ferdinand Mondego zu rächen, das Gebäude Deines Glück's zertrümmerte und Dich ſein Elend und ſeine Schande theilen ließ!“ „Prieſter, was ſagen Sie und wer ſind Sie, daß Sie ſo mit Reue von meiner Vergangenheit ſprechen?“ „Mercedes, Mercedes, ich wäre Deiner Verzeihung nicht würdig, wenn ich nicht fühlte, daß ich wahrhaft be⸗ reue! Verzeihe mir alſo—“ „O, allmächtiger Gott!“ murmelte ſie,„wer Sie auch ſein mögen— ich verzeihe Ihnen von Grund meines Herzens.“ „Dank, Dank—“ „Edmund!“ ſagte ſie mit leiſer, kaum hörbarer Stimme. „Ja, ich bin es, ich bin es, Mercedes, Dein grau⸗ ſamer, wahnſinniger Geliebter! O, ich bedurfte Deiner Verzeihung, um auch in Frieden ſterben zu können.“ „Mein Sohn!“ rief plötzlich Mercedes, während die Flamme des Fiebers und des Wahnſinn's ihre Wangen röthete,„mein Sohn! Dieſer Mann will ſich vielleicht noch⸗ mals an Dir für das Unrecht rächen, welches Dein Va⸗ ter an ihm begangen.“ „Erbarmen!“ ſagte Edmund, indem er mit unwill⸗ kürlicher Bewegung ſeine Hand auf die Bruſt drückte. „Meine Mutter, beruhigen Sie ſich— hier bin ich,“ rief Albert, indem er ſich in ihre Arme warf. Edmund entfernte ſich nun von dem Bette, nahm das an der Wand hängende elfenbeinerne Crucifir in die Hände und begann ein Gebet für Mercedes' Seele. Eine halbe Stunde lang herrſchte tiefes Schweigen, ——— 218— welches kaum durch die frommen Worte des Prieſters und den keuchenden Athem der Sterbenden unterbrochen ward. Plötzlich ſank Albert am Bette ſeiner Mutter auf die Kniee nieder, ſtieß einen lauten Schrei des Schmerzes aus und drückte ſeine Lippen auf Mercedes' kalte Hand. Sie war nicht mehr. Wenige Stunden nach Mercedes' Tode ſah man in der Kapelle des ärmlichen Catalonierdorfes einen Prieſter vor dem einfachen Altare knieen. Er betete das Gebet für die Verſtorbenen. Thränen und Schluchzen unterbrachen oft ſeine Stimme. Der Schmerz, welcher das Herz des betenden Prieſters erfüllte, war ein ganz außerordentlicher, denn die Frau, an deren Leiche er jetzt betete, war in ſeiner Jugend ſeine Geliebte geweſen und in ihrem reifen Alter das Opfer ſei⸗ ner Rache geworden, als die Liebe eines Sohnes ihr Da⸗ ſein erfreuen ſollte. Edmund Dantes ſtand betend an Mercedes' Leiche. Das Leben im Angeſicht des Todes! Der Henker im An⸗ geſicht ſeines Schlachtopfers! Die Herausforderung, welche das wahnſinnige thörichte Leben der Ewigkeit täglich in's Geſicht ſchleudert. Tauſend Mal hatten ſie in dem Dorfe der Catalonier ſich ewige, unverbrüchliche Liebe geſchworen und ſelbſt den Himmel aufgefordert, das von ihnen, welches das andere überleben würde, durch ſeinen Blitz zu vernichten. Mercedes und Edmund Dantes wurden die Opfer die⸗ ſer Liebe. Dennoch vergaß erſtere nicht die Pflichten der Gattin und Mutter. Das am Altar mit Ferdinand Mondego geſchloſſene Bündniß ſiegte über die Neigungen des armen, jungen Mäd⸗ chens aus dem Dorfe der Catalonier. Die mütterlichen Pflichten übten eine größere Herrſchaft über die Mutter gewordene Gattin, als die Reigungen ——— S 8 8 4) zü e⸗ er ne ft en „ — des unſchuldigen Herzens, ſobald die Bande getrennt wa⸗ ren, die nicht ſo feſſeln können, wie die heiligen Worte der Religion und der Mutterſchaft. Und Edmund Dantes hatte, verblendet durch Stolz. Reichthum und Rachedurſt, wenn auch nicht dieſe Feſſeln, welche das arme Opfer der Liebe, der Ehre und der Pflicht feſthielten, zu ſprengen geſucht, ihr doch wenigſtens den größten Theil der Züchtigung zugefügt und eine empörende Rache geübt. Aber die im Dorfe der Catalonier vor dem Antlitz Gottes und der Menſchen geleiſteten Liebesſchwüre waren noch nicht erfüllt. Das eine ſollte das andere nicht überleben. Wenn Mercedes' Ehe mit Ferdinand Mondego im Him⸗ mel geſchloſſen worden, ſo war Edmund Dantes dort auch verurtheilt worden, mit ihr zu ſterben. Das Requiescat in pace, von einem Geliebten an der Leiche ſeiner Geliebten gebetet, glich der Stimme, welche auch ihm verkündete, daß ſein Stündlein gekommen ſei. Und der dumpfe Ton der Glocke auf der Kapelle des Dorfes der Catalonier hörte nicht auf die Todten zu be⸗ klagen. Er klang wie eine düſtere Vorherſagung. Mercedes' Leiche ward in die Erde hinabgeſenkt, der Todtengräber verrichtete ſeinen Dienſt, als der Prieſter, welcher die letzten Gebete ſprach, mit einem tiefen Seufzer, der ihm das Herz zerriß, in daſſelbe, für die unglückliche Gräfin von Morcerf geöffnete Grab hinab glitt. Dieſer Prieſter war ſchon Richts mehr als eine Leiche. Der Schlag, der ihn getroffen, war vernichtend Die Hand des Allmächtigen, welche dem Stolzen zürnet, oder der barmherzige Arm Gottes, hatte Mitleid mit den Schmerzen und Leiden dieſes Mannes und vereinigte 2 0— ihn in dieſer Stunde mit dem, was er auf dieſer Welt am höchſten geliebt. Dieſer Prieſter war Edmund Dantes. Hahdee war für ihn eine Viſion, ein vorübergehender Traum geweſen. Sie war ein Weib, welches ihn geliebt und an welches er ſich, um ihres Unglück's willen, liebend angeſchloſſen. Außerdem war die erſte und einzige Liebe, welcher er in ſeiner Bruſt gehegt, ſeine ſtete Viſion, vielleicht die ein⸗ zige Nahrung ſeines Lebens und mußte daher ſeinen Tod zur Folge haben. Fromme Hände vereinten einige Tage ſpäter die bei⸗ den Leichen in einem und demſelben Mauſoleum. Wer war es? Es konnte Niemand anders ſein als Der, wrelcher wußte, wie ſehr Mercedes dieſen Mann geliebt, wie ſie für ihn gelitten und der auch die Urſache ihres Todes ge⸗ weſen. Nachdem Albert dieſe letzte Pflicht kindlicher Pietät er⸗ füllt und da ihn nun Richts mehr an Frankreich feſſelte, ging er an Bord eines Dampfſchiffes, welches im Begriff ſtand, von Marſeille nach Algier abzugehen. Ein ſeltſames Verhängniß ſchien am Bord dieſes Schif⸗ fes mehrere Perſonen von unſerer Bekanntſchaft zuſammen⸗ geführt zu haben. Morel und ſeine Gattin waren mit den Kindern, die ihnen auf ſo geheimnißvolle Weiſe anvertrauet worden, von Rom nach Frankreich abgereiſt und wollten ſich jetzt nach Afrika begeben, um dort das reiche Erbe in Empfang zu nehmen, welches ein Verwandter Valentinen's ihr hinterlaſſen. Einige Stunden, nachdem das Dampfſchiff den Quai verlaſſen, hörte man in Marſeille ein furchtbares Getöſe, wie das einer Exploſion. Die Stadt fürchtete für das — e— er bt id *„ Schickſal derer, die ſich am Bord des abgegangenen Schif⸗ fes befanden. Dieſe Befürchtung war leider nur allzugegründet, denn wenige Tage ſpäter wurden die Leichen der Morel's und ihrer Adoptivkinder, eben ſo wie die Albert's und vieler anderer in dieſem Hafen bekannter Perſonen von den Wel⸗ len an's Land geſpült.—————————— Eugenie Danglars und Louiſe d'Armillh fuhren in Pa⸗ ris fort, ſich der von ihnen erwählten Kunſt zu widmen. Druck der C. Schumann'ſchen Buchdruckerei in Schneeberg. achtzehn Monate in St. Petersburg (dem Ende der Regierung des Kaiſers Alerander und der In demſelben Verlage iſt erſchienen: oder Denkwürdigkeiten eines Fechtmeiſters. Von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Wilhelm Ludwig Weſche. Zweite verbeſſerte Auflage. 3 Bände. 1 Thlr. Dies Buch, auf wahren Begebenheiten fußend, ſchildert Erlebniſſe während der intereſſanten Jahre 1824— 1826 Thronbeſteigung des Kaiſers Nicolaus) und dürfte, bei dem jetzt wachſenden Intereſſe für die nordiſche Metropole, Vielen eine willkommene Lectüre ſein. Dumas' bewährte Feder hat die Schilderung in ſo anziehendes Gewand zu kleiden gewußt, daß bereits früher— ſelbſt ohne die neueren Beweggründe— faſt 2000 Exemplare von dieſer Ueber⸗ ſetzung verkauft worden ſind. Ferner erſchien ſo eben in gleichem Verlage:„ * e„n Meines Pruders Hüter. Von Wiß Wetherell (Verfaſſerin von:„Weite, weite Welt,“ und„Queechy.“) Aus dem Engliſchen 4 von W. E. Drugulin. 3 Bände 8. 1 ½ Thlr. Alex. Dumas Schriften. Vollſtändigſte, bis auf die neueſte Zeit fortgeführte Ausgabe in elegan⸗ teſter Ueberſetzung. 553 Zündchen und Reue Reihe 18— l0s Rochn. à 5 Ngr. Fortgeſetzt von Ferd. Heine u. Aug. Schrader. Meine Verbindungen mit Paris hatten mich lange, bevor das enorme Erzählertalent Aler. Dumas' in Deutſchland die gebührende Würdigung gefunden hatte, er⸗ kennen laſſen, daß der in Ausſicht ſtehende Schatz von Poeſie und Romantik dem deutſchen Leſepublikum nicht vor⸗ enthalten werden dürfe; und die Richtigkeit meiner Mei⸗ nung iſt durch das allgemeine Intereſſe an Dumas' Pro⸗ dukten, ſowie durch das Erſcheinen einer Menge von Ue⸗ berſetzungen einzelner Romane und viel ſpäter ſogar einer meinen Geſammttitel nachahmenden Ausgabe be⸗ ſtätigt worden. Jedoch können Erſtere ſowohl, wie ganz beſonders die letztere aus verſchiedenen Gründen das nicht leiſten, was meine Leipziger Ausgabe liefert, die— nach gründlicher Beſeitigung der Hinderniſſe der — fortan wieder wie früher, ſtets gleichzeitig ⁸ tdem Originale Alles Intereſſante unver⸗ kürzt zu bringen im Stande iſt. Sämmtliche Romane meiner Ausgabe werden auch einzeln ohne Preiser⸗ höhung abgegeben und einige der früheren, augenblick⸗ lich vergriffenen werden in Kürze in neuen Auflagen Pieder zu haben ſein. Leipzig, 1. Juni 1855. Ch. E. Rollmann. —. G Iuhon 26. Jo 5 —— —— —