Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Gdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Geſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ufz Monat: 1F 50 f 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Vücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene', verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S —— Supplement zu allen Ausgaben des Romanes:— Der Yruſ von Monle⸗Chriſlo von Alerander Pumas. Die Todtenhand. F. Le Prince Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von A. Kretzſchmar. Z weiter Band. Leipzig, Verlag von Chr. Ernſt Kollmann. 1855. Die Todtenhand. Von J. Le Prince. Fortſetzung des Romanes: Der Graf von Monte-Chriſto von Alerander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von d. Rretzſchmar. Zweiter Band. Leipzig, 1355. Verlag von Chr. E. Kollmann. ie Todtenhand. Zweiter Band. Erſtes Kapitel. Das Coliſeum. Dirſes berühmte Amphitheater, wo in früheren Zeiten die Hinrichtung der Chriſten den Römern zur Augenweide diente, ſcheint den Namen, mit welchem man es ſeit eini⸗ gen Jahrhunderten bezeichnet, von einer koloſſalen Bildſäule Nero's erhalten zu haben, die am Fuße dieſes Monumen⸗ tes ſtand. Dieſes ungeheuere Gebäude, welches den Stolz und die Barbarei der alten Römer auf ſo treffende Weiſe verewigt, erhielt nach ſeiner Veränderung drei verſchiedene Benennungen nach einander, denn zuerſt nannte man es den Circus des Flavius, dann den rzmiſchen Circus und zuletzt den Thiercircus. Dieſe letztere Bnet hielt ſich nicht lange und alle haben gegenwärtig dem einfachen Namen Coliſeum Platz ge⸗ macht, welcher von dem Wort Koloß abgeleitet iſt. S Benedetto ſtieg die Treppe hinauf, welche zu den Trüm⸗ mern der kaiſerlichen Tribune führte, und ließ von hier ſeine Blicke in dem ungeheuren Amphitheater umherſchwei⸗ en, als ob ſein Auge die Finſterniß durchdringen könnte, 9 welche die Nacht eben ſo wie die Zeit über die Ruinen der römiſchen Pracht ausbreitete. An den Stellen, wo das Mondlicht weniger, hind n9 glänz ten einige Fackeln in der Mitte kleiner Grübpen vom Kunſt und Alterthumsfreunden, weichen iñ —5 Bauart des prachtvollen nun im Verfall begriffenen Gebäu— des erklärte. Der Sohn Villefort's ſtieg die Eſtrade hinab, die ihn in die kaiſerliche Tribune geführt hatte und lenkte, indem er jene Gruppen vermied, ſeine Schritte mitten durch die Rui⸗ nen hindurch nach dem Theile, welchen man den Thiercircus nennt und der jetzt ganz öde zu ſein ſchien. Dennoch bewog das Geräuſch von Tritten ihn ſtehen zu bleiben und er verbarg ſich in dem Schatten einer jener rieſigen Säulen, welche den berühmten Sims des Porticus tragen. Bald erſchien den Augen Benedettv's ein Mann, in einen braunen Mantel gehüllt und von den matten Strahlen des Mondes beleuchtet. Dieſer Mann hielt ſeine Augen auf die rothe, flackernde Flamme einer der Fackeln der Ciceroni geheftet, die in nicht weiter Entfernung davon brannte. „Sie iſt es!“ murmelte der Unbekannte, welcher mit unruhigem Blick nicht aufhörte, den Bewegungen der Flamme zu folgen.„Sie iſt es— dieſes Weib, welches ich nicht vergeſſen kann— nicht einen Augenblick! Wehe mir! wo⸗ hin wird noch dieſes wahnſinnige Gefühl mich treiben! O, Eugenie von Armilly)— Du mußt mein werden.“ „Das iſt Vampa,“ ſagte Benedetts bei ſich ſelbſt, in dem Augenblick, wo der Bandit, indem er ſich unruhig umſchauete, ſein Geſicht in der Richtung, wo Benedetto ſich 3 verſteckt hielt, den Strahlen des Mondes blosſtellte. 3 Das Licht der Fackel, welche in dieſem Theile der Ruinen loderte, begann ſich dem Thiercircus zu nihern ———— und Vampa ſchauderte unwillkürlich, indem er ſich der Säule näherte, hinter welcher Benedetto verborgen war. n dieſem Augenblicke erſchienen an dem Eingange des Circu zwei Frauen unter dem Vortritt des nidlich en . Eicerone, welcher den Arm mit der Fackel ausſtreckte, deren Licht ſin S in die Tiefen des S teten Ort deutete,„war die Thür, durch welche die Ver⸗ eine Tochter, eine Freundin umarmten und ſie vor dem der Fackel zu beleuchten. — 9— fallen ließ, nach welchen die beiden Frauen ihre neugierigen Blicke richteten. „Sehen Sie,“ ſagte der Cicerone,„dies war der Cir⸗ cus der Thiere, wo ſie ihr Wuth⸗ und Hungergebrüll aus⸗ ſtießen, ehe ſie in die Arena geführt wurden und wohin ſie ſich geſättigt mit blutigem Rachen und mit feuerſprühendem, drohendem Auge wieder zurückzogen. Weiterhin,“ fuhr der Cicerone fort, indem er auf einen durch den Mond beleuch⸗ 3 urtheilten eintraten, um nie wieder hinauszukommen. Hier war die Tribune der Kaiſer, wo ſie die reißenden Thiere betrachteten und mit ſtolzer Verachtung die Bitten der zu dieſem kriegeriſchen Schauſpiele verurtheilten Chriſten und Sklaven anhörten. Der Cicerone ſchwieg, indem er den Arm mit der Fackel erhoben hielt, während die Damen Arm in Arm ſich den Empfindungen hingaben, welche der Ort und die von dem Führer mitgetheilten Erklärungen in ihnen hervor⸗ gerufen hatten. „Louiſe,“ ſagte die jüngere von beiden,„ich habe S Luſt da ihuſtehrn⸗ an die Stelle, wo ſo viele Schlacht⸗ opfer in der letzten Todesangſt und unter den Klauen der Thiere Aſien's und Afrika's zitterten. Ich will dort nach⸗ denken, auf dieſem Boden mit dem Blute und den Thränen ſo vieler tauſend Frauen gedüngt, welche zum letzten Male Zahn der Ungeheuer zu ſchützen ſuchten. Komm, Loniſe, komm, meine Freundin.“ Der Cicerone warf einen fragenden Blick die bei⸗ den Frauen und blieb unbeweglich, indem er erwartete, daß ſie ihm ein Zeichen geben würden, ihn zu begleiten. Die beiden Freundinnen gaben ihm nbei nicht, und gewöhnt an die zuweilen wunderliche der Fremden, begnügte er ſi die Stufen der i Bierauf ſetzte er ſich, lehnte ſeine Fackel an die Steine, erwartete mit ſtoiſcher Geduld die Rückkehr der Damen und vertrieb ſich mittlerweile die Zeit damit, daß er die Perlen eines Roſenkranzes zwiſchen die Finger der linken Hand hindurchlaufen ließ, während er mit der rechten eine Ci⸗ garre hielt, die er mit dem Ausdrucke des größten Beha⸗ gens ſchmauchte. Eugenie Danglars und Louiſe kamen unten in dem Circus an, deſſen Umfang der energiſche Blick der erſtern ermaß, während die zweite ſich bemühte, jenen raſchen und furchtſamen Blick darauf zu werfen, der ihr außer dem Theater eigen war. „Du zitterſt, theure Freundin,“ ſagte Eugenie,„und warum glaubſt Du wir ſeien nicht vollſtändig allein? Be⸗ trüben Dich die traurigen Erinnerungen, welche dieſer Ort erweckt? Ich bekenne es, ich habe unrecht daran gethan, Dir dieſen Beſuch des Coliſeum's vorzuſchlagen. Ich hielt Dich für weniger furchtſam, für weniger ſchüchtern. O, wer hätte jemals glauben können, daß der Schatten der Nacht, eine Granitmaſſe, die Macht hätten, Deine Seele ſo zu erſchüttern, während ich dieſe Nacht ſo liebe, daß ich mich mitten unter dieſen Ruinen wohl fühle. Dieſes erha⸗ bene, feierliche Schweigen, dieſe majeſtätiſchen Schatten der rieſigen Säulen dieſes Gebäudes, welches ſo viele Jahrhun⸗ derte mit bewunderndem Blicke betrachtet haben— die Er⸗ innerungen, welche jeder dieſer Steine wachruft, dieſer Boden, dieſe Arena, die Bühne, wo der Despotismus und das Marthrerthum ſich ihre furchtbaren Kronen auf⸗ ſetzen— Alles dies harmonirt ſo innig mit meiner Seele. Louiſe, wenn Du einmal geliebt hätteſt wie ich liebe! enn Du nur ein einziges Mal Deine Gedanken auf ein Weſen concentrirt hätteſt, welches das launenhafte Schickſal an unſer Sein gefeſſelt hat, und welches, ſo zu ſagen, einen weſentlichen Theil von uns ſelbſt ausmacht— ach, dann „ — 11 ½ würdeſt Du eben ſo wie ich den Schatten, die Einſamkeit und das Schweigen lieben!“ Vampa horchte begierig auf dieſe Worte Eugenien's. Benedetto hörte deutlich, wie raſch und heftig das Herz des römiſchen Banditen ſchlug, denn, wie wir geſagt haben, die Säule, hinter welcher Benedetto ſich verſteckt, war die⸗ ſelbe, an welche der berüchtigte Bandit gelehnt ſtand. „Eugenie,“ ſagte Louiſe,„ich begreife, was dieſes Schweigen, dieſer Schatten und dieſe Einſamkeit einflößen, wo Deine Seele, frei von allen andern Bildern, ſich gänz⸗ lich der Betrachtung deſſen hingiebt, welches ſie heute be⸗ ſchäftigt. Ich jedoch, die ich nicht unter der Herrſchaft dieſes Gefühl's ſtehe, welches alle Deine Gedanken in An⸗ ſpruch nimmt, ich, die ich nicht die Energie und Kraft Deines Characters beſitze, ich zittere bei dem geringſten Ge⸗ räuſch; jeder Stein flößt mir Furcht ein, denn aus jedem glaube ich eine düſtere Geſtalt aufſteigen zu ſehen, welche uns ihren unheimlichen wilden Blick, gleich dem der reißen⸗ den Thiere, zuſchleudert. Ich bin einmal furchtſam, ich bin einmal ſchwach— ich bin wie alle Frauen— ich unter⸗ ſcheide mich nur in einem einzigen Punkte von ihnen— ich liebe nicht.“ Eugenie ſchritt, ohne auf ihre Freundin zu hören, ſchwermüthig und träumeriſch durch den Eircus. Loniſe ſah ſich genöthigt ihr zu folgen. „Eugenie! Eugenie!“ rief plötzlich Louiſe, indem ſſie Eu⸗ genien mit zitternder Hand am Arme faßte. „Welche Viſion beunruhigt Dich, meine Theure?“ ſ Eugenie, indem ſie ſich losz zumachen ſuchte. „O, nein, es iſt nicht blos eine Viſion,“ antt tete Louiſe nach kurzer Pauſe und mit ſuttg An⸗ ſtrengung. „Deine Hand iſt wie Eis,“ urmet gie„fürch⸗ t Du Dich?“ „Ich möchte mich gern dieſer Bangigkeit erwehren, aber ich kann ſie nicht beſiegen.“ „Nun, was iſt es denn, was Dir dieſe ſeltſame Un⸗ ruhe verurſacht?“ „Schau hin,“ ſagte Louiſe leiſe, indem ſie mit einer Geberde eine der Säulen bezeichnete.„Dort ſteht ein Mann!“ „Wo?“ „Dort, an der vierten Säule auf der linken Seite des Porticus.“ „Ich ſehe ihn nicht,“ antwortete Eugenie, indem ſie mit dem Auge Louiſen's Geberde folgte. „Ohne Zweifel hat er ſich verſteckt. Ich habe mich nicht getäuſcht, deſſen bin ich gewiß; ich habe dort die Ge⸗ ſtalt eines— eines Mannes geſehen.“ „Ganz gewiß iſt es eine Täuſchung geweſen. Ohne Zweifel war es der Schatten einer Säule— es war ein Nichts, darauf wollte ich wetten!“ „Eugenie! Eugenie! entfernen wir uns.“ Louiſe ergriff abermals Eugenien's Arm und drehete ſich ſofort nach der Treppe herum, um ſich zu entfernen, prallte aber mit einem leiſen Angſtſchrei plötzlich zurück. „O mein Gott!“ murmelte Eugenie. Luigi Vampa ſtand vor den beiden Sängerinnen. Un⸗ beweglich, wie eine Bildſäule, heftete der Bandit ſeinen feſten durchbohrenden Blick auf Eugenien's Antlitz und dieſer Blick ſchien mehr zu ſagen, als die Lippen jemals ausſprechen könnten. Indeſſen machte die Situation einige Worte unum⸗ glich nöthig, denn Luigi Vampa ſchien den beiden Freun⸗ nnen den Weg verſperren zu wollen. Er zog ſeinen Hut, i n Mantel fallen und ſagte: tademoiſelle, ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß in den Schelten und Schweigen der Nacht ein Menſch exiſtirt, der gegen ein einziges Wort aus Ihrem Munde eine Ewig⸗ W keit von Qualen eintauſchen würde. Sie haben den Schat⸗ ten und das Schweigen der Nacht geſucht— Sie ſind mir begegnet, darf ich jetzt hoffen dieſes Wort zu hören oder muß ich mich auf eine Zukunft der Qual für meine Seele gefaßt machen? Sprechen Sie.“ Louiſen's Schreck hatte ihr eine leichte Ohnmacht zu⸗ gezogen, wie das bei nervöſen Perſonen zu geſchehen pflegt und das arme Mädchen, an einen Granitblock gelehnt und das Geſicht mit den Händen bedeckend, ſah und hörte nicht den Banditen. Eugenie dagegen ſah und hörte ihn, nicht mit Furcht, ſondern mit einem unerklärlichen Gemiſch von Furcht und Freude, denn ſie erkannte in dem Manne des Coliſeum's den geheimnißvollen Zuſchauer im Theater Argentino. „Mein Herr,“ murmelte ſie,„ich benutze dieſen Um⸗ ſtand, um Ihnen für das ſchöne Geſchenk zu danken, wo⸗ mit Sie uns bei unſerem letzten Auftreten beehrt haben. Wer Sie auch ſein mögen, glauben Sie an meine innige Dankbarkeit.“ „Und weiter nichts?“ fragte Vampa leiſe und mit düſterer Miene. „Dies iſt Alles, was ich Ihnen ſagen darf.“ Eugenie trat einen Schritt zurück, um Louiſen wieder zum Bewußtſein zurückzurufen, der Bandit aber that einen Schritt vorwärts, ließ ſich raſch aüf ein Knie nieder und ergriff ihre Hand. „Mademoiſelle! Mademviſelle!“ rief er;„o, Sie ver⸗ gelten das Gefühl, welches Sie mir einflößen, ſehr übel.“ „Vergeſſen Sie es!“ murmelte Eugenie, indem ſie ihre Hand von den glühenden Lippen Vampa's loszumacher ſuchte, aber ihre Kraft reichte nicht hin. 3 „Wäre es möglich!“ fuhr Vampa fort;„kennen Sie die ganze Tragweite des verhängnißvollen Wortes, welches Sie ſo eben ausſprachen?— Sie vergeſſen? o, nein, nein — das kann ich nicht.“ „Stehen Sie auf— gehen Sie,“ ſagte Eugenie,„denn dieſer augenblickliche Impuls des Gefühl's, welches Sie mir zu erkennen geben, könnte eine Thorheit genannt werden, wenn Sie ihn verlängern wollten.“ „Wenigſtens— ein einziges Wort der Hoffnung!“ „Sie glauben alſo ein Recht zu haben, es zu verlan⸗ gen?“ fragte Eugenie. „Ich bitte Sie auf den Knieen darum.“ „Mein Herr, wir wollen hier nicht eins der gewöhn⸗ lichen und dennoch unglaublichen Romanabenteuer ſpielen. Ich hoffe, daß in Ihren Gedanken dieſe Begegnung nicht mehr Spuren hinterlaſſen wird, als der Blitz in der Wolke zurückläßt— daß er in dieſen Schatten und dieſen Ruinen, welche uns umgeben, begraben bleibt, in dieſen Ruinen, wo ohne Zweifel ſchon tauſendmal ähnliche Worte, wie die Ih⸗ ren, geſprochen worden und nicht über dieſen Umkreis hin⸗ ausgedrungen ſind. Morgen werden Sie über ſich ſelbſt lächeln, aber über mich nicht.“ „Ach, ich verſtehe Sie,“ entgegnete Vampa mit bitte⸗ rem Lächeln.„Sie können meinen Worten nicht eher Glau⸗ ben beimeſſen, als bis die Zeit Sie von ihrer Whictige 3 keit überzeugt haben wird.“ „Sie reden die Wahrheit,“ entgegnete Eugenie;„Sir ſehen wohl, daß ich Sie nicht einmal kenne!“ 3 Bei dieſen Worten erhob ſich der Bandit, ſein Antlitz bedeckte ſich mit einer dichten Wolke der Schwermuth, aber ſein glühender, leidenſchaftlicher Blick war immer noch un⸗ verwandt auf Eugenien's Züge geheftet. „Sie haben Recht! Und dennoch werde ich überall, ja überall, Ihnen folgen.“ 8 er dies ſagte warf er ſeinen Mantel wieder um die Schultern, hullte ſich in denſelben und vrrſ 4 unter den Ruinen. 8 Zeuge i ganzen Auftritt's gewe⸗ 63 S— — 15 ſen, verließ ebenfalls ſein Verſteck, und folgte Vampa auf dem Fuße indem er murmelte: „Wohlan, ich mache raſche Fortſchritte in meinen archäologiſchen Studien. Ich habe zum Beiſpiel gelernt, daß das Coliſeum ein Stelldichein für Liebende iſt und zwar in ſolchem Grade, daß die betheiligten Perſonen ſelbſt nicht nöthig haben es im Voraus zu bezeichnen. Wir werden dieſe Entdeckung notiren, und ſie wird das Thema eines Kapitel's werden, welches die Ueberſchrift führt: „Römiſche Sitten. Specieller Character des Coliſeums.““ „Meine Freundin! meine Louiſe—“ ſagte Eugenie, indem ſie Fräulein von Armillh am Arme ergriff. „Ach, der Schreck raubte mir die Beſinnung,“ mur⸗ melte dieſe nach einigen Augenblicken. „Ich verſichere Dir, daß Du das Opfer eines wahr⸗ haft übertriebenen paniſchen Schreckens geweſen biſt.“ „Und der Mann?“ fragte Louiſe noch an allen Glie⸗ dern zitternd. „Welcher?“ entgegnete Eugenie.„Du ſiehſt wohl, daß es keine Männer hier giebt. Es giebt hier nichts als Racht, Dunkel und Einſamkeit. Gehen wir!“ Die beiden Freundinnen lenkten ihre Schritte nach der Treppe, auf deren oberſter Stufe noch der treue Cicerone ſaß, welcher aufſtand, um ſie mit einem graziöſen Lẽcheln zu empfangen, welches ihm von Eugenien's Hand das Doppelte des Lohn's eintrug, über welches man für die Er⸗ klärung des Monumentes des Flavius Vespaſian überein⸗ gekommen war. Benedetto beſchleunigte ſeinen Schritt und es dauerte nicht lange, ſo hatte er Luigi Vampa eingeholt. „Ach, ich verzweifelte ſchon daran, Sie zu treffen,“ ſagte Benedetto mit erheuchelt verdrießlicher Miene.„Ich glaubte, Sie hätten erſt ein verliebtes Stelldichein abzu⸗ machen gehabt, Meſtre.“ „Entſchuldigen Sie,“ murmelte Vampa,„ich irrte unter den Ruinen umher und wir ſind einander fehlgegan⸗ gen— das iſt Alles.“ „Nichtsdeſtoweniger aber ſchien es mir, als hätten Sie ſich nach dieſer Begegnung eben nicht geſehnt.“ „Gerade das Gegentheil, ich erwartete Sie mit großer Ungeduld, denn wie es ſcheint, ſind Sie damit einverſtan⸗ den, mir alle nothwendigen Aufſchlüſſe zu geben.“ „Wohlan, ich werde ſie Ihnen geben. Ich habe aus Ihrer Hand achttauſend Piaſter erhalten, um damit die Gunſt dieſes Schuftes, des Baron's Danglars, zu erkaufen. Er hat das Geld genommen, er wird Sie in ſune Hauſe empfangen und Ihnen mit aller möglichen Rückſicht begeg⸗ nen, wenn Sie Ihren wirklichen Namen verbergen. Dem⸗ zufolge können Sie bei Ihrem alten Gaſt, der Katakomben erſcheinen. Seine Tochter Eugenie ſoll ihm morgen einen Beſuch abſtatten.“ Der Bandit zuckte ſ zuſammen, als er dieſe letz⸗ ten Worte hörte. Benedetto fuhr fort: „Alſo ſind wir einverſtanden. Sie werden die Ent⸗ führung Eugenien's bewirken und den Preis für ihre Frei⸗ heit nach dem Vermögen berechnen, welches wir ihr beimeſ— ſen. Dann können wir unſere gegenſeitige Rechnung ab⸗ ſchließen, Herr Vampa.“ „Gut, gut,“ ſagte der Bandit nach einem Augenblicke des Nachdenkens, während deſſen Benedetto keine ſeiner Be⸗ nach dem Hauſe des Baron's auf den Weg machen, aber vorher muß ich Peppino noch einige Befehle übermitteln, was nur durch eine vertraute Perſon geſchehen kann.“ „Ganz recht.“ „Wollen Sie dieſen Auftrag iternehn?⸗ .„Warum nicht, wo werde ich Peppino treffen?“ wegungen aus den Augen verlor.„Gut, gut, ich werde mich 3 „In den Katakomben des heiligen Sebaſtian,“ antwortete 1 der Bandit.„Ueberhaupt darf ich ſchon jetzt keine Geheimniſſe mehr vor Ihnen haben. Wiſſen Sie daher, daß Sie, wenn Sie der Appiſchen Straße folgen, zu Ihrer Linken die tiefe Höhle des Circus Caracalla finden. Hier werden Sie ei⸗ nen gewundenen Fußſteig bemerken, der, in den Felſen ge⸗ hauen, abwärts führt. Auf der Höhe dieſes Fußſteig's rechts befindet ſich der geheime Eingang zu den Katakomben.“ „Werde ich dort nicht vielleicht auf eine Schildwache ſtoßen, die mir den Weg verſperrt?“ „Sie geben ihr die Parole und man wird Sie paſſi⸗ ren laſſen.“ „Wie lautet dieſe Parole?“ „Al su commodo!“ entgegnete Vampa. „Und die Inſtructionen für Peppino?“ „Hier ſind ſie.“ Und Vampa übergab Benedetto ein zuſammengefalte⸗ tes, verſiegeltes Blatt. „Rechnen Sie auf meinen Eifer.“ Benedetto entfernte ſich raſch und verließ das Coliſeum während Vampa ihm mit düſterem Blicke folgte, indem er murmelte: „Gehe nur, Du wirſt nicht wiederkommen! mein Ge⸗ heimniß wird mit Dir begraben werden.“ Zweites Kapitel. Komödie. 4 Der Leſer kann ſich leicht denken, daß Benedetto ſich nnicht nach den Katakomben des heiligen Sebaſtian begab, wrie Luigi Vampa ihm aufgetragen hatte. Dennoch glaubte Vampa, dieſer berüchtigte Vampa, Die Todtenhand. 2. Band. 15— der ſchon ſeit vielen Jahren die Umgegend Rom's unſicher machte und von den Civilbehörden auf geheimnißvolle Weiſe begünſtigt ward, dieſer Mann, von eben ſo umfaſſenden als verhängnißvollen Geiſtesgaben, ganz blindlings, ſeine Pläne ſeien ſo combinirt, daß er ungeſtraft ſeine Wünſche befriedigen würde, während Benedetto von der Hand der Banditen an dem Eingange der Katakomben den Tod fände ſobald die falſche Parole, die er ihm mitgetheilt, über ſeine Lippen käme. Vampa war buchſtäblich von dem Gefühle des Delirium's verblendet, welches ihn beherrſchte. Sein fieberhaft erhitz⸗ tes Blut verdunkelte ſeinen Verſtand. Sein funkelndes, un⸗ ſtät umherirrendes Auge durchſchauete die Menſchen und Dinge ſchon nicht mehr mit jenem gewaltigen Scharfblicke, der ihn noch vor Kurzem characteriſirte. Dieſes Delirium des Banditen glich jenem verderb⸗ lichen Delirium, welches dem Tode vorangeht, einem De⸗ lirium, welches allmälig verlöſcht und den Menſchen in ei⸗ ner thieriſchen, ſchmerzloſen Betäubung verläßt, während welcher die ewige Trennung zwiſchen Körper und Seele vor ſich geht. Benedetto dagegen, frei von jedem Gefühle, welches ihn verblendete, combinirte kaltblütig ſeine Ideen und be⸗ rechnete mit Sicherheit, wie weit er gehen könne, ohne Gefahr zu laufen aus der Schlla in die Charhbdis zu ge⸗ rathen, das heißt, ohne in die Hände Vampa's zu fal⸗ len und ohne ſich in den Augen der Juſtiz zu compromit⸗ tiren. Vor einer dieſer Gefahren war er ſicher. Vampa, welcher ſich darauf verließ, daß ſeine Trabanten Benedetto in dem Augenblicke ermorden würden, wo er ſich an dem Eingange der Katakomben zeigte, dachte nicht weiter a dieſen, und Benedetto, welcher ſchon vorher dem Intendante der Polizei einen Beſuch abgeſtattet, hatte von dieſer Sei Nichts zu fürchten. Vampa verließ daher das Coliſem — c ſc) in ur an wr tu we — ſicher eine halbe Stunde nach den beiden Sängerinnen, hüllte ſich Weiſe dicht in ſeinen Mantel und begab ſich nach dem Hotel zur nden Stadt London oder zur Erdkugel— das Hotel führte näm⸗ ſeine lich beide Namen— Via del Corso.. nſche Hier ſuchte er Meſtre Paſtrini auf, der ihn geheim⸗ der nißvoll in dem kleinen, ihm als Bureau dienenden Cabinet inde, empfing. ſeine„Ach Signor Luigi,“ rief er,„es iſt ziemlich lange her, daß ich nicht das Vergnügen und die Ehre gehabt um's habe, Sie zu empfangen! Che cosa?“ hitz⸗„Ich wünſche einen Wagen mit allem Zubehör in be⸗ un⸗ ſtem Zuſtande,“ entgegnete Vampa. und„Nun, der letzte, den Sie von mir hatten, entſprach licke, wohl Ihren Wünſchen vollſtändig?“ Vampa machte eine bejahende Geberde. Meſtre Pa⸗ erb ſtrini fuhr fort: De⸗„Es iſt ſeitdem ſchon eine ziemliche Zeit vergangen, ei⸗ Signor Luigi, und dennoch habe ich Nichts vergeſſen. rend Der Wagen fuhr von hier fort mit einem Franzoſen, der vor in ſeinem Portefeuille eine ungeheuere Summe bei ſich trug, welche er eine halbe Stunde vorher in dem Hauſe Thomſon ches und French ausgezahlt erhalten. Der Wagen fuhr ohne be⸗ anzuhalten bis Aquapendente, wo die Pferde gefüttert hne wurden, dann kam er auf einem anderen Wege in der Rich⸗ ge⸗ tung Rom's zurück und hielt auf der Straße von—“ fal⸗„Auf der Straße von—2“ fragte plötzlich Wipn, nit⸗ wrelcher dieſen Bericht mit ſichtbarer Unruhe angehört hatte. „Ja, das iſt Ihr Geheimniß, welches der Poſtillon, pa, wie er erklärt, nicht enthüllen darf, wenn ihm ſein Leben etto lieb iſt,“ antwortete Meſtre Paſtrini. em„Sehr gut, Meſtre Paſtrini. Laſſen Sie ſich aber an nicht einfallen, die Neugier ſo weit zu treiben, Dinge er⸗ ten fahren zu wollen, die Ihnen Nichts angehen.“ ei„Sungue di Ch rief Paſtrini,„glauben Sie doch um nicht ſo etwas, Signor Luigi. Ich ſuche V zu erfah⸗ 6 * ren, das ſchwöre ich Ihnen zu. Es iſt die reine Wahr⸗ heit.“ „Wohlan ich glaube Ihnen. Halten Sie mir alſo ei⸗ nen ſolchen Wagen bereit, wie der, von welchem Sie ſo eben ſprachen, mit einem Poſtillon, der eben ſo klug iſt, wie der, welcher den Franzoſen nach ſeinem Palais führte.“ „Wagen und Poſtillon können wieder dieſelben ſein.“ „Um ſo beſſer.“ „Wann werden Sie dieſelben bedürfen?“ „Augenblicklich.“ „Zum Teufel! Da haben Sie ja große Eile, Signor Luigi.“ „Raſch! raſch!“ wiederholte Vampa in eit Tone. „Aber Sie werden mir doch wenigſtens zwei Vorte in Bezug auf gewiſſe Angelegenheiten geſtatten, dis ich für höchſt dringlich halte.“ „Reden Sie.“ „Erſtens,“ ſagte Meſtre Paſtrini,„muß ich Ihnen mittheilen, daß Ihr Adjutant nicht hier geweſen iſt.“ 6 Wenn er unſer Hauptquartier nur einen einzigen Au⸗ genblick verlaſſen hätte, ſo wäre er meinen Befehlen und ſeiner Pflicht untreu geworden,“ antwortete Vampa ver⸗ drießlich. „Da nun Peppino z erſchienen iſt, ſo habe ich von einem geheimen Agenten des Hauſes Thomſon und French, welches, wie Sie wiſſen, ſich ſehr für Sie in⸗ tereſſirt, eine wichtige Mittheilung erhalten.“ „Darin liegt nichts Unmögliches,“ rief Vampa.„Ich habe ſchon oft gegen einen kleinen Gewinn dieſem Hauſe Kapitalien wiederverſchafft, welche ſeine Schuldner ihm zu entziehen gedachten. Das Haus Thomſon und French hat keinen Schaden von mir.“ „Das iſt allerdings der Fe „Auch es daher in entgegnete Paſtr 3 Ihre Sicherheit be hr⸗ ei⸗ e ſo iſt, te. 7. nor em orte ich nen Mu⸗ und er⸗ ich und in⸗ Ich uſe zu — 2— trifft, immer auf der Hut. Der fragliche Agent kam ge⸗ ſtern hierher, um Peppino zu ſuchen und ihm mitzuthei⸗ len, daß ein Unbekannter, ein geborener Franzoſe, bei dem Intendanten der Polizei geweſen ſei, um die unge⸗ heure Prämie zu verlangen, welche—“ „Ah! Befindet ſich denn dieſer Menſch ſchon im Be⸗ ſitze meines Kopfes?“ fragte Vampa ohne die geringſte Unruhe zu zeigen. „Vielleicht hofft er dahin zu gelangen, denn er hat die Hilfe der bewaffneten Macht in Anſpruch genommen und verſprochen, Sie ſelbſt ihr entgegenzuführen.“ „Wo denn?“ fragte Vampa. „Das iſt das Geheimniß des Verräthers.“ „Wie heißt er denn?“ „Das iſt noch ein Geheimniß zwiſchen ihm und der Polizei.“ „Und wann ſoll denn dieſe Ueberrumpelung ausgeführt werden?“ „In der kürzeſten Friſt, Signor Luigi. Auch müſſen Sie auf Ihrer Hut ſein. Bedenken Sie, daß der Kopf nicht eine Sache iſt, die man verlieren kann, wie eine Hand voll Thaler.“ Vampa ſchlug ein gellendes Gelächter auf, deſſen Sinn Meſtre Paſtrini nicht recht begriff. „Ah, der Verräther hat den Preis gegenwärtig ſchon erhalten,“ rief Vampa.„Alſo, Meſtre Paſtrini, ich habe Ihnen geſagt, daß ich einen guten Wagen und lugen Po⸗ ſtillon bedarf.“ „Aber was ich Ihnen eben geſagt habe?“ fragte Pa⸗ ſtrini ganz beſtürzt. „Iſt keinen Strohhalm werth.“ Wie ſo2 2 „Paſtrini! Paſtrini!“ rief Vampa,„Sie ſind nru⸗ gierig und das iſt ſehr unrecht, weil es mir mißfällt.“ Paſtrini murmelte eine Entſchuldigung und drehete ſich — 22— 6 auf dem Abſatze herum, indem er ſofort ſein kleines Bureau be verließ, in welchem der Bandit die Ankunft des Wagens g erwartete. Eine halbe Stunde ſpäter verließ Vampa das Hotel S zur Stadt London und ſprang in den mit prachtvollen te Pferden beſpannten Wagen, während Paſtrini ſich dem„ Poſtillon nähernd leiſe zu ihm ſagte: fü Bis vor den Schlag in mäßigem Schritt. Seine Er⸗ eellenz wird Dir das Uebrige ſagen.“ let Hierauf entfernte er ſich. Der Poſtillon gab den Pferden die Peitſche und der Wagen fuhr längs der via del Corso davon.. Es war ungefähr halb zehn Uhr Abend's. ſ6 Um zehn Uhr befand ſich der Wagen außerhalb der Mauern Rom's, die er ſogar ſchon weit hinter ſich gelaſ⸗ 3 ſen. Der Poſtillon ſah ſich an einem Knotenpunkte von der drei nach verſchiedenen Richtungen führenden Straßen und ken hielt die Pferde an, um die Befehle ſeines Paſſagier's zu irg erwarten. bet Vampa ſteckte den Kopf zum Wagenfenſter hergus und vol ſagte:„Nach Aquapendente.“ Di Nachdem er dies geſagt, fuhr der Wagen weiter, aber Wr noch einmal ſo ſchnell, als er bis jetzt gefahren war. ges Wir berſetzen uns nittleribeile auf einen andern Schau⸗ niſſ Während Luigi Vampa ſich der Umgegend der kleinen nu Citadelle näherte, hatte der Baron Danglars in Begleitung We eines Domeſtiken, der einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand trug, ſein neues Beſitzthum vom Erdgeſchoſſe find an bis zum Dache hinauf die Muſterung paſſiren laſſen. Er auf dieſ hatte eine allgemeine Säuberung des ganzen Gebäudes an⸗ geordnet, weil er den nächſtfolgenden Tag Mademoiſelle Eugenie und deren Freundin zu empfangen gedachte. Demzufolge überwachte er ſorgfüältig die Arbeit ſeiner eau ens otel len em S — * der er ſ⸗ on d zu 23— beiden Domeſtiken, indem er ihnen von Zeit zu Zeit den geringen Grad ſeiner Zufriedenheit zu erkennen gab. „Wirklich!“ ſagte er, indem er in den tapezirten Saal trat und ſich pathetiſch in einen ungeheuern mit violet⸗ tem Sammet gepolſterten Seſſel mit vergoldeter Lehne ſetzte, „wirklich, ich muß Euch ſagen, daß meine Befehle ausge⸗ führt, aber ſchlecht ausgeführt worden ſind.“ „Wir haben Alles gethan, was möglich war, Excel⸗ lenz,“ entgegnete der Diener.„Aber wie gereinigt auch dieſe Zimmer ſein mögen, ſo werden ſie doch immer ſtau⸗ big erſcheinen und zwar in Folge des traurigen Anblick's dieſer wackeligen Möbels und dieſer bemalten Wände. Wenn dies Alles eben ſo, wie die Fenſtervorhänge gewechſelt wor⸗ den wäre, ſo würden Sie ſehen, wie dieſe Zimmer glän⸗ zen würden.“ „Du biſt ein Dummkopf, der Nichts verſteht,“ rief der Baron,„ſonſt würdeſt Du mehr Werth auf dieſe anti⸗ ken Möbels legen, dieſe herrlichen Ueberreſte des Glanzes irgend einer berühmten römiſchen Familie. Was die Wände betrifft, Dummkopf, ſo mußt Du wiſſen, daß ſie ein pracht⸗ volles Gemälde der ganzen Vhthologie darbieten. Weißt Du, ias die Mhthologie iſt? Nein, Du weißt es nicht. Wohlan, ſo wiſſe, daß die Mhthologie etwas Großarti⸗ ges iſt.“ 6 „Ah, ohne Zweifel beſitzen Sie ſehr gelehrte Kennt⸗ niſſe, Excellenz,“ antwortete der Diener,„und deshalb wundere ich mich auch nicht zu ſehen, daß Sie ſo großen Werth auf dieſe alterthümlichen Dinge legen.“ „Ganz gewiß gehört nicht viel Mühe dazu, um zu finden, daß ſie vielleicht bis zur Zeit Aleranders vl. hin⸗ aufreichen. Daraus kannſt Du erſehen, daß dieſe Möbels, dieſe Stühle, auf denen vielleicht ein Spada geſeſſen hat, ein Nachkomme jener Fürſtenfamilie, deren Reichthum ſo lange Zeit in Rom ſprichwörtlich war, daß dieſe Stühle, ſage ich, nicht zu verachten ſind. Ah, iſt die Vergoldung ſchwarz geworden? Iſt der Sammet verſchoſſen? Alles dies erhöhet noch ihren Werth. Es bleibt mir jetzt nur noch übrig zu fragen, vb Du das ausgeführt haſt, was ich Dir in Bezug auf eine Frau von reifem Alter aufgetragen, welche dazu geeignet iſt meine Tochter während der weni⸗ gen Tage, die ſie hier zubringen wird, zu bedienen.“ „Sie iſt ſchon da, Excellenz. Es iſt eine gute Frau aus der nächſten Stadt und ich ſtehe für ſie, wie für mich ſelbſt.“ „Gut; wenigſtens haſt Du nicht den Fehler, vergeß⸗ lich zu ſein.“ „Ich thue Alles, was ich kann, um Ihnen angenehm zu ſein.“ „Leuchte mir; das Souper muß aufgetragen ſein.“ „Eben wollte ich Ihnen dies melden.“ „Laß uns gehen.“ Der Baron verließ unter dem Vortritt des 2 Dieners, welcher ihm leuchtete, den Saal, durchſchritt den kleinen Corridor und trat in das Speiſezimmer, wo ihn ein an⸗ derer Diener an einem Büffet erwartete. Das Souper ſtand bereits auf dem Tiſche. Der Baron nahm vor dem einzigen Couvert Platz und ſah ſich mit einem zufriedenen, von einem tiefen Stufzu begleiteten Blicke rings% „Wohlan, Danglars,“ ſagte er bei ſich ſelbſt:„Du biſt allein, aber Du tefindeſt Dich wohl und wirſt binnen kurzer Zeit Deine Stellung noch verbeſſern können. Ganz gewiß giebt es in dieſer Welt ein gewiſſes, ich weiß nicht Was, deſſen Einfluß mich beſchützt und welches mir ſchon große Dienſte geleiſtet hat. Ich habe einen Augenblick glaubt, daß dieſes, ich weiß nicht Was, meine ʒuuſt die mich für die ſchlimme Zeit entſchädigen wolle, die ſie mich hat zubringen laſſen, jetzt aber iſt dieſes Blendwerk verſchwunden— und ich beginne zu glauben, daß— — Der gellende Ton der Thorglocke des Gartens unter⸗ —„ ——, s dies brach plötzlich die Betrachtungen des Baron's Danglars. noch Die Diener machten eine Bewegung, blieben aber ſtehen, s ich indem ſie den ehemaligen Bankier unentſchieden anſahen. ragen, Ehe er noch Zeit hatte den Mund zu öffnen, wie⸗ weni⸗ derholte ſich das Signal mit ſolcher Heftigkeit, daß alle Drei glaubten, die Glocke müſſe an dem eiſernen Thürgit⸗ Frau ter zerſchellt ſein. mich„Was iſt das?“ rief der Baron, indem er aufſtand und ſich ſofort wieder ſetzte. ergeß⸗„Man klingelt,“ ſagten die Diener „Man klingelt,“ wiederholte der Baron,„und man enehm klingelt ſo, daß die Schatten des Lethe entfliehen möchten. Wohlan, die Glocke iſt nicht zerbrochen, denn eben läutet man ſie zum dritten Male. So macht doch ſchnell, Ihr Dummköpfe,“ fuhr der Baron, wie von einem plötzlichen Gedanken beſeelt fort.„Ich ſehe wohl, daß ich Euch mor⸗ eners, gen wieder fortjagen muß. Man klingelt und da ſteht Ihr leinen da und ſperrt die Mäuler auf. Ohne Zweifel iſt es Ma⸗ n an⸗ demoiſelle Danglars, meine Tochter, welche die ſchöne Nacht benutzt hat, um morgen in meinem Hauſe zu er⸗ wachen. Ja, ja, ſo iſt es— ganz gewiß eine angenehme und Ueberraſchung. Raſch, noch zwei Couverts auf dieſen ufzer Tiſch, man zünde alle Kerzen des Candelabers an, man bringe Seſſel herbei. Ah, ich werde ihr zeigen, daß das „Du Herz eines Vaters ſtets zu Gunſten einer einzigen Tochter innen eingenommen iſt!“ Ganz Der Baron ging in großer Aufregung hin und her nicht und überwachte die Art und Weiſe, auf welche der Diener ſchon ſeine Befehle ausführte. Mittlerweile hörte er die Gartenthüre knarren und ei⸗ 4 nen Wagen hereinfahren, der an der Treppe hielt, welche nach dem Tapetenſaale führte. Danglars that einige Schritte nach dieſer Seite hin, ſtieß aber dabei auf den zurückkom⸗ menden Bedienten. „Nun?“ „Excellenz,“ antwortete der Diener,„es iſt ein Ca⸗ Si valier, welcher mir verſichert hat, er ſei ein intimer Be⸗ h kannter von Ihnen und mir befahl, nachdem ich kaum auc die Thüre geöffnet, den Wagen ſogleich in den Garten herei⸗ mit fahren zu laſſen.“ wo „Ein Cavalier!“ ſagte der Baron;„wenigſtens hoffe ich, daß er Dir ſeinen Namen geſagt hat.“ geg „Nein, Excellenz.“ „Elender! Aus Dir wird niemals weiter etwas wer⸗ meſ den, als ein Dorfbedienter, ein dummer Tölpel. Das iſt Ver doch in der That unverzeihlich. Da kommt ein Cavalier, der ſich als einen intimen Bekannten von mir zu erkennen daß giebt und nun ſteht Ihr da und glotzt mich an. Raſch! rech man bringe mir einen anſtändigern Schlafrock als dieſen da. Raſch! raſch! Man laſſe ihn heraufkommen— man erleuchte den Saal! Wartet, Ihr Eſel, ich will Euch zei⸗ gen, was der Dienſt zu bedeuten hat.“ erki Während Danglars ſo ſchalt, hatte er ſchon einen Aer⸗ mel ſeines Schlafrock's gusgezogen und ſtand eben im Be griff, den zweiten abzuſtreifen, als der fragliche Cavalier, i der ihn beſuchen wollte, plötzlich an der Thüre des Spei⸗ 5 ſeſaal's erſchien und im ironiſchſten Tone ſagte: „Nur langſam, nur langſam, Herr Baron, das Kleid macht nicht den Mönch.“ Fonz „Ha!“ rief der Baron, indem er einen Schritt zu⸗ kalt rückprallte und plötzlich die Farbe wechſelte, während er len, immer noch mit der Hälfte des einen Arm's in dem Aer⸗ mel des Schlafrock's ſtak, den er ausziehen wollte, um ei⸗ nen anderen anzulegen. Cab Der eben Angekommene lächelte und näherte ſich mit feſtem Schritte, um ſich vor eins der Couverts an den Tiſch zu ſetzen. Der Baron vermochte ſich kaum auf den Füßen n zu halten. Seine Kniee ſchlotterten und er taumelte zurück, um ſich an der Wand feſtzuhalten. 7 „Herr von Danglars,“ ſagte der Cavalier,„kommen Ca⸗ Sie doch zu einem Entſchluſſe, das heißt, ziehen Sie doch Be⸗ Ihren Schlafrock wieder an. Sie haben Ihren Dienern num guch einige Befehle zu ertheilen und ich hoffe, daß Sie da— ein⸗ mit nicht zögern werden, damit wir nicht ein ganz kaltge⸗ wordenes Souper zu uns zu nehmen brauchen.“ offe„Das iſt wahr, das könnte leicht der Fall ſein,“ ent⸗ gegnete der Baron mit uͤnſicherer Stimme. „Mein Herr Baron— ertheilen Sie doch die ange⸗ er⸗ meſſenen Befehle. In der That, man ſollte meinen, Ihr iſt Verſtand wäre vom Schlage getroffen worden!“ er„Sie haben Recht, mein Herr, ja. Alſo Sie glauben, daß ich einige Befehle zu ertheilen habe? Ich verſtand nicht ſ recht—“ en* 5 1.„Nun wohlan, ich werde mich erklären. Laſſen Sie meinen Wagen ausſpannen. Sie haben einen kleinen Stall e neben dem Garten— ich will nicht, daß meine Pferde ſich erkälten.“ er⸗ In der That, wie es ſcheint, kennen Sie vollkommen 2 alle Einzelnheiten dieſes Hauſes, nicht wahr 2. fragte der 6 Baron, indem er ſein ſtieres Auge auf das Geſicht des Fremden heftete. i„Ganz recht, Berr Baron, aber Sie verlieren da ganz ohne Noth viel koſtbare Zeit. Das Souper wird kalt und wenn Sie nicht die nöthigen Befehle geben wol⸗ 6 len, ſo werde ich es thun.“ 6„Man ſpanne ab und bringe die Pferde in—“ i„Na endlich! Aber das genügt nicht! Höre, fuhr der Cavalier zu dem Diener gewendet fort, welcher ſich eben anſchickte den Saal zu verlaſſen.„Der Poſtillon ſoll mit Euch zu Abend eſſen und dann gebe man ihm eine Laterne und einen Mantel ſich zu bedecken, während er ſchlafen wird. Geht.“ 8 Dann wendete er ſich zu dem anderen Diener und —— „Du kannſt Dich entfernen, der Herr Baron er⸗ laubt es.“ Als der Diener bemerkte, daß der Baron dieſem Be⸗ fehle nicht widerſprach, verneigte er ſich und ging hinaus. Sie blieben allein. „Ich bin überzeugt, mein Herr,“ ſagte der Baron mit gewaltſamer Anſtrengung,„daß wir uns nicht verſte⸗ hen. Ohne Zweifel ſind Sie in einem Irrthume befangen.“ „Das iſt wohl möglich, aber in welchem Puu „In allen, wie mir ſcheint.“ „Dann bin ich es, der Sie nicht begreift, mein Lie⸗ ber. Indeſſen wir wollen auf alle Fälle ſoupiren, denn ich habe dieſe unerläßliche Pflicht heute noch nicht erfüllt.“ Der Baron hätte ſich gern des Soupers überhoben geſehen, aber dennoch mußte er gute Miene zum böſen Spiele machen. Er näherte ſich daher, indem er ſich an der Wand hinſchlich und ſetzte ſich, indem er zwiſchen ſich und ſeinem improviſirten Gaſte ein Couvert und einen Platz leer ließ. „Nach dem, was ich ſehe, haben Sie nicht blos auf mich gerechnet. Glaubten Sie vielleicht zufällig, daß i8 in Begleitung käme?“ „Die Wahrheit zu ſagen, war ich weder auf die noch auf die andere dieſer beiden Hhpotheſen gefaßt, oder mit anderen Worten, ich gedachte heute Abend ganz und ohne Geſellſchaft zu ſpeiſen.“ „Und doch, ſehen Sie, habe ich das Gegentheil 1. ſchloſſen. Ich reiſe ſehr gern des Nachts.“ „Und die heutige iſt in der That wirklich ſchön. Es iſt etwas warm— finden Sie es nicht auch?“ fragte der Ba⸗ ron, indem er ſich Stirn und Geſicht mit ſeinem Taſch n tuche trocknete. „Aber, Baron, was machen Sie denn? Sie haben Ihr Taſchentuch auf den Teller gelegt, anſtatt es in dir ſtecken!“ ₰ hei M wo lai der ben Pa ten im h Di ſich un Ne aron erſte⸗ gen.“ Lie⸗ n ich oben böſen. h an ſich einen auf ich eine, oder llein be⸗ Es Ba⸗ chen⸗ a ben die Der Baron erröthete und beeilte ſich, Zerſtreut⸗ heit wieder gut zu machen. „Es iſt ſchon lange her, ſeitdem wir uns das letzte Mal ſahen, Herr Baron. Es geſchah dies an jenem Abende, wo ich das Vergnügen hatte, Sie in meinem kleinen Pa⸗ lais zu bewirthen.“ „Ein ſchönes Palais, bei meiner Seele!“ murmelte der Baron.„Dieſe verwünſchten römiſchen Banditen ha⸗ ben die Manie, die Löcher, in welchen ſie ſich verbergen, Palais zu nennen!“ „Sie haben dort allerdings den kleinen Streich erlit⸗ ten, den Ihnen der Graf von Monte-Chriſto ſpielte, aber im Grunde genommen müſſen Sie doch geſtehen, daß ich Ihnen ein gutes Souper auftragen ließ, Herr Baron. Doch was nützt es von der Vergangenheit zu ſprechen, da ſich dieſelbe einmal nicht ändern läßt? Die Zukunft gehört uns nicht. Beſchäftigen wir uns daher mit der Gegen⸗ wart, die uns gehört. Ich wünſche, daß mein Bett dieſe Nocht mit in Ihrem Zimmer ſtehe.“ Der Baron fühlte, wie ſich ihm das Haar auf dem Kopfe emporſträubte und ein tödtlicher Schauer ihm den Rücken hinabrieſelte. „Ihr Bett!“ rief er.„Ihr Bett?“ „Was ſoll dieſes Erſtaunen bedeuten, mein werther Herr Baron? Hat man vielleicht in Ihrem Hauſe nicht die Gewohnheit zu ſchlafen?“ „Entſchuldigen Sie, mein Herr, man hat aber nicht die Gewehtheit— daß—“ „Daß?“ „Daß man etwas thue, was dem herrſchenden Gre⸗ brauche zuwiderläuft,“ antwortete der Baron, indem er it dem Ausdruck der tiefſten Entmuthigung ſein Meſſer d ſeine Gabel auf ſeinen Teller fallen ließ. „Einverſtanden,“ ſagte Vampa,„indeſſen mußten Sie —— ſich doch darauf gefaßt machen, daß ich die Nacht in Ih⸗ rem Hauſe zubringen würde, Herr Baron.“ Ich? Durchaus nicht! durchaus nicht!“ antwortete er mit erzwungenem Lächeln. „Schon gut, ſchon gut, mein lieber Herr Baron, ich verſtehe Sie vollkommen.“ „Sie?“ „Auf Ehrenwort,“ fuhr Vampa fort,„ich verſtehe Sie und werde alle Ihre Bedenken zu beſeitigen wiſſen⸗ Es wäre vielleicht gerathen, wenn wir uns ſchon jetzt zur Ruhe begäben; was ſagen Sie dazu? Ich bin ſehr müde.“ „Ha, bringen Sie mich um, ein für allemal,“ rief Danglars, indem er an allen Gliedern zitternd aufſtand, „bringen Sie mich um, aber ſeien Sie überzeugt, daß Sie in meinem Hauſe keine ſolche Summe finden werden, wie die, um welche Sie mich in Ihrer beſtohlen haben.“ „Sie umbringen,“ entgegnete Vampa, indem er ſich ebenfalls erhob.„Sie umbringen! Mein Gott, warum ſollte ich denn das thun? Aber was hat Alles das zu be⸗ deuten? Sie ſind verblendet, glaube ich. Haben Sie denn ſchon vergeſſen, was ich Ihien geſagt habe?“ „Was ſoll das heißen? Welche neue Idee geht Ih⸗ nen bei?“ „Ach, Sie haben ein ſehr kurzes Gedächtniß, Herr Baron. Wie es ſcheint, muß ich Ihnen noch einige Er— klärungen geben und ich will es thun, denn ich bin heute bei guter Laune. Es iſt ein Menſch hierhergekommen, ein Landsmann von Ihnen, Namens Benedetto. Dieſer Menſch hat nach einer Unterredung von einigen Auge Lucken mit Ihnen die Ehre gehabt, Ihnen etwas von großem Werthe zu übergeben. Ich weiß nicht, ob es Papier oder klingen⸗ des Metall war, vielleicht eins und das andere.“ „Und dann?“ fragte der Baron, indem er bald ror bald blaß ward. v „Dann? Zum Teufel, Sie ſind ſehr vergeßlich,1 die mi ned kal Her den Da nich wet ſuch eine gew men auf mer ron Dop ben. eren ſchüt breit ſtehe iſſen. zur ide.“ rief tand, Sie wie en ſich rum be⸗ denn Herr Baron. Der Mann, von dem ich mit Ihnen ſpreche, dieſer liebenswürdige Herr Benedetto, hat mit Ihnen von mir geſprochen— da bin ich.“ „Aber,“ ſagte der Baron,„was haben Sie und Be⸗ nedetto mit einander gemeinſam?“ „Das iſt eine amüſante Frage,“ antwortete Vampa kalt. Der Baron machte große Augen und als der Ban⸗ dit ſah, daß er ſtumm blieb, ſo fuhr er fort: „Gegenwärtig— Nichts.“ „Nun, was verlangen Sie dann von mir?“ „Die Erfüllung deſſen, worein Sie gewilligt haben.“ „Ich habe alſo eingewilligt, etwas zu thun?“ „Na, das iſt aber zu ſtark. Machen wir ein Ende, Herr Baron,“ ſagte Vampa, welcher ungeduldig zu wer⸗ den begann. „Ja, machen wir ein Ende, mein Herr,“ entgegnete Danglars ſeinerſeits.„Ich für meinen Theil verlange nichts Beſſeres.“ „Sie finden das Geld, welches Sie empfangen haben, wenig und haben ohne Zweifel geglaubt, daß mein Be⸗ ſuch Ihnen mehr verſchaffen könnte. Ich frage nicht nach einer ſolchen Bagatelle, denn ich bin niemals Bankier geweſen, wie Sie. Da iſt meine Börſe, Herr Baron, neh⸗ men Sie ſie, aber ſeien Sie discret.“ Mit dieſen Worten warf Luigi Vampa ſeine Börſe guf den Tiſch vor den Baron hin, deſſen Verlegenheit im⸗ mer höher ſtieg. „Ah,“ fuhr der Bandit fort als er ſah, daß der Ba⸗ ron zögerte,„ich verſichere Ihnen, daß ſie vielleicht das Doppelte von dem enthält, was Sie ſchon empfangen ha⸗ ben. Es iſt die Börſe eines römiſchen Banditen,“ ſetzte er mit wildem Stolze hinzu, indem er die Börſe raſch aus⸗ und das Gold vor den Augen des Barons aus⸗ reitete. „Wohlan, ſind wir nun einverſtanden?“ „Was verlangen Sie denn von mir, Herr Vampa?“ 8 „Etwas ſehr Einfaches— Herberge für heute und morgen.“ ha Der Baron zuckte zuſammen, aber ſchon waren ſn bel Hände in Berührung mit dem Golde des Banditen und 2 der Einfluß dieſes Metall's beruhigte das ufzeregte müth des edlen Danglars vollſtändig. „Der Teufel ſoll mich holen, we ich dieſé n Geſchichte nur im mindeſten begreife,“ hte der Baron, indem er das Geld zuſammenraffte.. wie dem Ke auch ſei, thun wir, als wäre ich heute Abend in die fra⸗„ zöſiſche Komödie gegangen und hätte nur dem zweiten Akte beigewohnt. Ich gerathe mitten in die Intrigue hinein, ohne natürlich etwas von dem Anfange der Geſchichte zu. 3 wiſſen.“ „Ich ſtehe zu Ihren Befehlen, Herr Vampa,“ ſetzte 8 er laut hinzu, indem er dieſe Worte mit einem nigich zu liebenswürdigen Lächeln begleitete. „Ich erwarte die Ihrigen, Herr Baron,“ auvett 6 Luigi Vampa. 2 B „Ich werde das Vergnügen haben, Ihnen mein ven ſu zu überlaſſen und mich auf einem alten Kanapee behelfen, 5 ches ich in meinem Zimmer habe und wo ich mich di len am Tage niederzulegen pflege.“ „Aber, da werden Sie ſehr übel— 1 de „Durchaus nicht, mein werther ich werde mich T erſt ſpäter zur Ruhe begeben, ich habe noch einige Brühh nach Frankreich zu ſchreiben.“ „Nun, wie Sie wollen.“ Der Baron rief die Diener und befahl ihnen, Zimmer zu erleuchten und das Bett in Stand zu ſetze Einige Augenblicke darauf verließen Vampa und er d Speiſezimmer, um ſich nach dem bezeichneten Orte in be gebt 3 —— Vampa kleidete ſich nicht aus. Er wickelte ſich in die 9 Betttücher und blieb wach, indem er alle Bewegungen des Baron's belauſchte, der ſich vor eine Art Büreau geſetzt und hatte, in verſchiedenen Papieren umher wühlte und ſehr ſeine beſchäftigt war einen Brief zu ſchreiben. Als er damit und fertig war, lehnte er ſich in ſeinem Seſſel zurück und be⸗ Ge⸗ gann nachzudenken. ₰„Dirſer Beſuch von Freund Vampa verdirbt mir das 9onze Virgnügen, welches ich dieſen Morgen zu genießen anze ro hoffte. Indeſſen— viertauſend Piaſter ſind ſchon ein dei fer werth und Eugenie, die ich durch dieſen Brief in Kenntniß ſetze, daß ein kleines Geſchäft mich von hier ab⸗ ruft, wird ihren Beſuch auf einen anderen Tag verſchieben.“ Akte Vampa, der ſeine Gedanken zu errathen ſchien, machte r eine Bewegung. Der Baron ſchauderte, da er aber ſeinen Gaſt ruhig auf dem Sopha ausgeſtreckt liegen ſah, ſo ſetzte er ſeine tiefen Betrachtungen weiter fort. 3 iſ jectt glaube ich den erſten Act der Komödie zu errgthen. Die römiſchen Behörden ſind es müde ge⸗ ce worden, die Gewaltſtreiche des Berrn Vampa ruhig hin⸗ W gehen zu laſſen und verfolgen ihn, ſo daß der berüchtigte Bett Bandit ſich genöthigt geſehen et einen Zufluchtsort zu ſuchen. Dies iſt es ohne Zweifel, was mir ſeinen Beſuch verſchafft— er verlangt ein Aſhl in meinem Hauſe. Na, P dieſe Gaſtfreundſchaft habe ich ihn nicht zu theuer bezah⸗ len laſſen— ein furchtbarer Bandit— ein Bandit, auf nich deſſen Kopf ein bedeutender Preis geſetzt worden! In der 6 That, Freund Danglars, das Glück fängt wieder an, Dich i in ſeinen Schutz zu nehmen.“ das—— Die Todtenhand. — Drittes Kapitel. Die Komödie verwickelt ſich. 3 Bi Tagesanbruch verließ einer der Diener des Ba⸗ ron's, nachdem er von ihm einen beſondern Auftrag er⸗ halten, das Haus, und wollte eben den Garten paſſiren, als Luigi Vampa's Stimme ihn bewog, ſtehen zu bleiben. „Heda! Könnt Ihr mir vielleicht einen kleinen Dienſt leiſten?“ 3 „Ich ſtehe Ihnen zu Befehl, Erxcellenz.“ 6 „Wie 1 ſehe, werdet Ihr an der Stallthüre„ kommen. Klopft da derb an, um den Faulpelz von Po⸗ ſtillon aufzuwecken, welcher noch ſchläft und gebt ihm die⸗ ſes Geld, damit er in einem benachbarten Wirthshauſ⸗ ftü⸗ ſtücke.“ „Ich werde nicht verfehlen, Ereellenz.“ Der Diener empfing ein kleines Stück Geld und„ fernte ſich.— Vampa ging wieder die Treppe hinauf und trat in den Tapetenſaal, wo er dem Baron begegnete, der ihn ſuchte. „Ich kann des Morgens nicht im Bette bleiben,“ ſugtt 3 Vampa.„Die Morgenluft thut mir wohl.“ „Das iſt mit mir auch der Fall, Berr Vampa. Kaum ſehe ich den Tag grauen, ſo ſtehe ich auf.“ „Das iſt aber eine Gewohnheit, die der Lebensweiſe eines Millionair's durchaus nicht entſpricht.“ 3 „Ach, ich habe keine Millionen mehr, Herr Vampa,“ 1 ſagte der Baron mit einem tiefen Seufzer. Mittlerweile pochte der Diener unbarmherzig an di Stallthüre an und nach fünf Minuten fuhr der Poſtillon aus ſinmSchlafe empor und berilte ſich zu k — 35— 6 „Was giebt es?“ „Euer Herr ſchickt Euch dieſes Geld, mein Lieber. Ich glaube, Ihr ſollt Euch Etwas dafür kaufen, um die Morgenkühle abzuwehren.“ Der Poſtillon nahm das Geldſtück und lächelte ver⸗ ſchmitzt, indem er zugleich einen argwöhniſchen Blick auf Pa den Diener warf und ihn vom Kopf bis zum Fuße mit gr ſeinen Blicken maß. iren,„Wartet, Freund,“ ſagte er, indem er ſeine Jacke iben. zuknöpfte und ſeinen Hut aufſetzte,„da Ihr einmal der ienſt Ueberbringer dieſes Geſchenkes ſeid, ſo will ich Euch die Hälfte meines Frühſtück's anbieten.“ „Sehr verbunden— ich habe ſehr eilig.“ iber⸗„Ach, Ausreden! ſo heißt es allemal. Raſch, raſch! Po⸗ Die Leute müſſen ihre Zeit ſo berechnen, daß ihnen noch die⸗ ein wenig übrig bleibt, um ein Tröpfchen zu trinken. tüh Kommt nur mit.“ „Ich danke; ich habe Euch ſchon geſagt, daß es un⸗ nöglich iſt.“ ent⸗„Wo wollt Ihr denn hingehen? Ich wette darauf, 3 daß Ihr einen Brief zu beſtellen habt.“ t in„Ganz richtig, ich gehe nach der Stadt und das iſt ihn ein gutes Stück Weg's.“ „Ihr gehet zu Fuße?“ te„Ja. Ich habe vier Stunden Weges zu machen, aber vielleicht auch nicht ſo viel, denn es könnte geſchehen, daß pa. ich nicht ganz bis nach Rom zu gehen brauchte.“ „Wie ſo?“ eiſe„Wenn ich zufällig der Perſon, der ich dieſen Brief überbringen ſoll, unterwegs begegnete.“ „Es iſt gut, daß Ihr mir das ſagt, Freund, denn ich kunn Euch nützlicher ſein, als Ihr glaubt“ *„Wie ſo?“ „Ich will ſo eben mit meinem Wagen auch nach der Stadt zurück und in dieſem Falle da meine —— Pferde ſchneller auf den Beinen ſind, als der Flinkſte von uns, vollkommen Zeit erſt einen Tropfen zu trinken. Dann ſteigt Ihr hinten auf und macht Eure Reiſe ohne „Das iſt eine gute Idee; ich Sn Euch.“ Euch anzuſtrengen.“ „Nun denn, alſo luſtig darauf los!“ rief der Po⸗ ſtillon, indem er den Diener am Arme faßte und mit ihm in der Richtung eines kleinen Wirthshauſes fortlief, vichs in einiger Entfernung an der Straße ſtand. Mittlerweile vergingen die Stunden. Um ſieben war der Baron Danglars eben im Begriffe in Geſellſchaft Luigi's Vampa mit gutem Appetite zu frühſtücken, als beide durch das dem Tiſche gegenüber befindliche Fenſter einen Wagen durch das Gartenthor hereinfahren ſahen, welcher eben ſo, wie der Vampa's am Abende vorher, in der Nähe der klei⸗ nen Treppe hielt, welche nach dem Tapetenſaale führte. Der Baron hüpfte auf ſeinem Stuhle empor und Vampa bhielt ſeine gleichmäßige Phiſiognomie bei, indem er ſich darauf beſchränkte zu ſagen: S½. „Sie erwarteten alſo Beſuch, Baron?“ „Ich? Ah, ich verſichere Ihnen— aber wer m das ſein?— Ich kann mir nicht denken—“ 5 „Ich höre den Schritt des Dieners. Er wird Ihnen 8 ſagen, wer es iſt.“ „In der That— aber dus iſt unbegreiflich— ich erwartete nicht—“ 3 „Mademoiſelle Eugenie S und Mademoiſelle Louiſe von Armillh,“ ſagte der Diener, indem er die Thüre öffnete. „Wie?“ murmelte der Baron wie vom Donner ge⸗ rü bt das iſt Ihre Tochter, Rn . ja— es iſt kein Zweifel— o! die Sun e wickelt ſch. die SPſtien wird ſchwierig,“ ſetzte de Bur —„——„c— — n en. hne nag nen ich elle üre bei ſich ſelbſt hinzu.„Sie, mein Herr, wollen Sich viel⸗ leicht nicht ſehen laſſen— in dieſem Falle erlauben Sie, daß— 7„ „Ganz im Gegentheile, mein Herr, es wird mir viel Vergnügen machen, Mademoiſelle Danglars meine Hul⸗ digungen darbringen zu können.“ „Aber Ihr Name,“ ſagte der Baron mit leiſer Stimme und an allen Gliedern zitternd,„Ihr Name iſt ſo bekannt. Es fällt mir Etwas ein. Nehmen Sie doch für den Au⸗ genblick einen fremden Namen an.“ Vampa lächelte und antwortete: „Einverſtanden, mein Herr Baron. Welchen würden Sie denn für paſſend halten?“ „Den einer berühmten Familie— z. B. den eines Spada!“ „Es ſei,“ antwortete Vampa, deſſen Geſicht ſich plötz⸗ lich umwölkte. „So wird Alles gut gehen,“ fuhr der Baron fort, indem er ſich anſchickte, hinauszugehen und Vampa, wel⸗ cher ſitzen blieb, einen Wink gab. Mademoiſelle Danglars und ihre Freundin Louiſe be⸗ fanden ſich in dem Tapetenſaal und betrachteten mit neu⸗ gierigem Blicke die alterthümlichen Geräthſchaften, welche den düſtern Raum ſchmückten. „Meine theure Freundin,“ ſagte Eugenie,„ich ſage Dir im Voraus, daß wir einen angenehmen Tag verleben werden und Du wirſt ſehen, daß ich keine ſchlechte Prohhe⸗ tin bin. Ich kenne meinen Vater, er iſt ein Lebemann und wird uns durch ſeine neuen Ideen viel zu lachen geben. Ich fühle, daß dieſer kurze Aufenthalt auf dem Lande mir wohlthätig ſein wird und deshalb habe ich auch die Stunde ſeines Beginn's beſchleunigt.“ 6 Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, als der Baron in dem Saale erſchien. Auf ſeinem Geſichte lag, obſchon es die größte Freude zu erkennen gab, de guch zugleich etwas Befangenes und Unruhiges, welches den Augen um Louiſen's nicht entging. fen Eugenie eilte ihrem Vater die Hand zu küſſen und lich Louiſe begrüßte ihn auf's Anmuthigſte. chet „Sehen Sie, mein Vater,“ ſagte Eugenie zu i das „ſehen Sie, mit welcher Eile ich Ihren Beſuch erwiedere. ſich Glauben Sie indeſſen nicht, daß dieſe Pünktlichkeit ihren und Grund in der Furcht hat, bei Ihnen in Vergeſſenheit zu gerathen.“ niel Der Baron wollte antworten, ſagte aber mit der Ge⸗ Cer berde eines Menſchen, der ſich plötzlich anders beſinnt: und „Haſt Du keinen Brief von mir erhalten?“ „Einen Brief? Nein, mein Vater.“ Eut „Und doch hatte ich einen an Dich geſchrieben und ab⸗ der geſendet,“ bemerkte der Baron.„Glücklicherweiſe wird der Ueberbringer Deinem Wagen nicht begegnet ſein.“ niel „Was war denn der Inhalt dieſes Briefes?“ 3 „Es verlohnt nicht der Mühe davon zu ſprechen es war ein einfacher Rath, den ich Dir gab.“ „Ein Rath?— Ach Deine Rathſchläge werden ſtets 3 von mir gut aufgenommen werden und ich bin auch jett bereit, ſie zu befolgen.“ „Liebe Tochter!“ rief Baron Danglars, indem er ſi in ſeine Arme ſchloß.„Ach, Mademoiſelle Armilly, wa 3 ſagen Sie zu meinem kleinen Beſitzthum? Ich habe dies Alles, wie Sie ſehen, in ſehr ſchlechtem Zuſt ⸗ gekauft, aber dieſes Alterthum flößt mir ſolchen Reſpert ein, daß ich entſchloſſen bin, es nicht dem modernen Genius unſe Zeit unterzuordnen.“ „Daran werden Sie ſehr wohl thun! Ich ti eben⸗ als e falls große Verehrung für die Reliquien der Jahrhunderte, 56 welche nicht mehr ſind,“ antwortete Madempiſelle von Ar⸗ millh,„und Eugenie iſt, glaube ich, ebenfalls nünr der Meinung. 3 auf d freut mich ſehr,“ ſagte der Baron immer u. * S— 3 S antw pfen ein gen ind m, ren ab⸗ der 3 unruhig und verſtohlene Blicke den Corridor entlang wer⸗ fend, welcher in den Speiſeſaal führte, wo er die unheim⸗ liche Geſtalt Vampa's an dem Tiſche ſitzen ſah, auf wel⸗ chen der Bandit die Arme ſtemmte, indem er ſich zugleich das Geſicht mit den Händen bedeckte. Danglars ſuchte ſich gewaltſam zu faſſen, ergriff Eugenien bei der Hand und ſagte: „Meine Tochter, dieſer Beſuch iſt kein blos ceremo⸗ nieller und deshalb wirſt Du in dem Saale auch keinerlei Ceremonien finden. Das Frühſtück ſteht auf dem Tiſche und ich werde das Vergnügen haben Dich hinzugeleiten.“ „Ich verſtehe Sie nicht recht, mein Vater,“ ſagte Eugenie, indem ſie die Verwirrung bemerkte, mit welcher der Baron trotz ſeiner erheuchelten Ruhe ſprach. „Sie ſprechen von einem Beſuche, der kein ceremo⸗ nieller ſein ſoll,“ ſetzte Louiſe hinzu;„es freut uns ſehr, Herr Baron, daß dem ſo iſt.“ „Du irrſt Dich,“ ſagte Eugenie,„mein Vater ſpricht nicht von unſerem Beſuche. Wie könnte zwiſchen uns von Ceremonien die Rede ſein, von wem ſprachen Sie, mein Vater?“ „Nun, habe ich Dir noch nicht geſagt, daß ich— daß ich einen Gaſt habe?“ „Nein. Wer iſt er?“ 3 „Ach, es iſt der Nachkomme einer Fürſtenfamilie,“ antwortete der Baron, dem der Schweiß in großen Tro⸗ pfen auf der Stirn ſtand.„Er iſt nichts Geringeres, als ein Romanelli Spada.“ Die Kräfte des Barons waren ſo zu ſagen erſchöpft als er dieſen Namen ausſprach. „Ich kenne ihn nicht,“ ſagte Louiſe. Der Baron ſenkte den Kopf und faßte Eugenien bei der Hand und ging nach dem Sbeiſeſagle. Louiſe ſchritt auf die Einladung des Baron's voraus. Kaum waren ſie an das Ende des Corridors gelangt, rrain der Zahlen, auf welchem er fortwährend arbeitete, — ſo ſtand Vampa auf und ſchien mit ſtoiſcher Gleichgültig⸗ keit den Augenblick zu erwarten, wo er Mademoiſelle Dang⸗ lars vorgeſtellt werden würde. „Meine Tochter und Sie, Mademoiſelle von Armillh, — ich habe die Ehre, Ihnen den Signor Romanelli Spst vorzuſtellen.“ Eugenie richtete die Augen auf Vampa's Geſicht unt zuckte zuſaminen, indem ſie ſich auf den Arm des Baron's ſtützte, welcher die Bewegung ſeiner Tochter mit Unruhe bemerkte. „O,“ murmelte er ganz leiſe,„das verwickelt ſich.. Sollten ſie einander kennen?“ Eugenie, die mit einem einzigen Blicke die ſchwierige Poſition überſchaute, in welcher ſie ſich befand, raffte ganze Geiſtesgegenwart zuſammen und grüßte den angebli chen Spada mit anmuthigem Lächeln. Niemals hatte die Tochter des Baron's Danglars einen ſo angenehmen Mor⸗ gen verlebt. Sie war bei ihrem Vater, der allen jenen früheren Rigorismus, den er ſich auf dem trockenen Ter⸗ angeeignet, abgeſtreift zu haben ſchien. Eben ſo befand ſi ſich neben Ihrer Freundin, der aufrichtigen und hingebe⸗ den Freundin, für welche ſie eine leidenſchaftliche Zärt keit empfand und ihr gegenüber ſaß der Mann, der ihr eine innige Liebe einflößte, eine Liebe, wie wir ſie nur einmal in unſerem Leben empfinden. 3 Die Stunden, dieſe unzertrennlichen Schweſtern, ² unaufhörlich über die Erde dahinfliegen, ſo langſam, wem ſie Schmerz und Leiden mit ſich führen, und ſo raſch wenn Freude und Frohſinn ihr Gefolge bilden— die Stun⸗ den gingen mit Gedankenſchnelligkeit vorüber und Eugen ſah mit Bedauern dieſen Morgen entfliehen, dieſen T welcher der ſchönſte ihres ganzen Lebens war. Ach leider ültig⸗ an Viertes Kapitel. nillh, 5 pada Die Entführung. und Ohne daß Eugenie ihrer Freundin ein Wort in Be⸗ ron's zug auf den Gaſt des Baron's geſagt, hatte Louiſe doch ruhe ſehr bald errathen, daß dies der Mann war, der ihr das Gefühl einflößte, welches ſie ſchon bekannt. Louiſe lächelte ſich. ihre Freundin zärtlich an, als dieſe im Laufe des Tages ſie feſt an ihr bewegtes Herz drückte oder ihre glühende erige Stirn an der Bruſt der Freundin verbarg. In dieſem ſanf⸗ ihre ten Lächeln, in dieſen freundlichen Blicken, die ſie mit ein⸗ gebli⸗ ander wechſelten, lag mehr Ausdruck und mehr Wahrheit, e die als in Allem, was ſie einander hätten ſagen können. Mor⸗ Vampa blieb fortwährend düſter und wortkarg. Sei⸗ jenen ner verbrecheriſchen Stirn war das Siegel der niedrigen Ter⸗ Gefühle aufgeprägt, die ihn beherrſchten. Sein unreiner itete, Blick weilte gierig bei den Schätzen, welche Eugenien's id ſie wogende Bruſt enthüllte und ſchürte das gewaltige Feuer, welches ihn ſchon verzehrte. Eugenie fühlte, welche Macht er ſchon über ſie aus⸗ übte. Ihr Widerſtehen war unmöglich. Die Unruhe, wel⸗ nur che ſie empfand, verhehlen, ging ſchon über ihre Kräfte. Der Raubvogel hatte ſein Schlachtopfer umſtrickt. Vampa die erkannte mit Stolz und Triumph die ganze Macht des wem BGefühl's, welches er Eugenien einflößte. 8 „O ſie liebt mich, ſie liebt mich!“ rief er, mit wil⸗ der Freude, als er ſich ganz allein in dem Garten ſah. „Schon kann ſie es nicht mehr verbergen! Ihre Frauenei⸗ telkeit, iht Künſtlerſtolz, dieſer ſonſt ſo allmächtige Stolz, Alles weicht und beugt ſich unter der Wucht des Blickes, mit welchem ich ſie bezaubere, mit welchem ich ſie verzehre!“ Vampa kreuzte die Arme über der keuchenden Briſt und blieb lange, lange allein. Seine düſtere gerunzelte trie Stirn ſchien über das Verbrechen nachzudenken; ſein un- ſein ruhiger, unentſchiedener Blick verrieth das reißende ſich ganz ſeinen niedrigen Begierden hingebende Thier. den Mittlerweile befand ſich Baron Danglars mit den bei⸗ ſen den Sängerinnen in dem Tapetenſaale, deſſen Thüren of⸗ fen ſtanden und die Ausſicht auf den Garten mit ſeinen die ſteinernen Bildſäulen und kleinen runden Teichen gewährte. ſter Die Sonne ſchoß auf dieſes trockene Herbſtgrün in beinahe den horizontaler Richtung ihre letzten bleichen Strahlen herab rent — jene Strahlen, welche, über Aſien und das mittellän⸗ abn diſche Meer hinwegleuchtend, hier Rom ein wehmüthiges hein Lebewohl bis zum nächſtfolgenden Tage ſagen zu wollen 3 ſchien. * und Eugenie hatte ihren Vater eben mitgetheilt, daß ſie 3 ergl das Vergnügen haben würde, die Racht in ſeinem Hauſe Tri zuzubringen, und daß ſie den nächſtfolgenden Tag um drei Sch Uhr Nachmittag's wieder abreiſen wolle. 8 kaut Danglars, welcher ſah, daß die Prophezeihung Be zärt nedetto's in Erfüllung ging, begann reiflich über dieſe Ko mödie nachzudenken, deren Geheimniß er, wie er jetzt Gir wohl einſah, noch nicht entziffert hatte, obſchon er es a die Abend vorher glaubte. in d Er hatte den Banditen ſeit dem Diner nicht wieder⸗ hülle geſehen und dieſe Abweſenheit beunruhigte ihn unausgeſetzt. Dieſe Unruhe ward bald ſo groß, daß er beſchloß, ſeinen Gaſt zu ſuchen und zu dieſem Zwecke einen Gang durch das Haus und den Garten zu machen. P Demzufolge bat der Baron um Erlaubniß, ſich einen deſſe Augenblick entfernen zu dürfen, unter dem Vorwande, daß tie er die zur Inſtandſetzung des Zimmers, in welchem Eu⸗ einh⸗ genie und Louiſe übernachten ſollten, nöthigen Befehle er⸗ theilen wolle. Eer verließ den Saal und beeilte ſich, durch eine u⸗ beſtimmte Furcht, faſt durch einen natürlichen Inſtinkt ge⸗ 3 anzu ſagte 3— zelte trieben, in ſein Zimmer hinaufzugehen und die Schubfächer un⸗ ſeines Secretairs zu unterſuchen. ganz Als Eugenie ſich mit Louiſen allein ſah, gab ſie ihr den Arm und ging mit ihr in den Garten hinab, in deſ⸗ bei⸗ ſen Alleen ſie ſich vertieften. v of⸗ Ein Gedanke, der faſt eben ſo unbeſtimmt war, wie inen die Furcht des Baron's, leitete Eugenien auf dieſen dü⸗ rte ſteren, einſamen Fußwegen. Die dürren Blätter, welche ahe den Boden bedeckten, kniſterten unter ihren Tritten, wäh⸗ rab rend andere, welche der Abendwind von den Zweigen her⸗ län⸗ abwehete, auf ihre Stirn fielen, als ob ſie ihr eine ge⸗ iges heimnißvolle Warnung ertheilen wollten. llen Unwillkürliche Thränen zitterten an Eugenien's Augen und verſiegten an dem Feuer, von welchem ihre Wangen ſie erglüheten. Louiſe wagte nicht, ihre Freundin aus dieſer uſe Träumerei aufzurütteln, in welche ſie ſich verſenkt hatte. rei Schweigend neben ihr her ſchreitend, antwortete ſie ihr kaum durch ein ſanftes Lächeln, ſo oft Eugenie ihr einen Be zärtlichen, bittenden Blick zuwarf. to⸗ Plötzlich zuckte Louiſe an der Biegung eines dieſer ett Gänge zuſammen, als ſie in einer gewiſſen Entfernung im die Geſtalt Vampa's gewahrte. Sein feuriger Blick glänzte in dem Schatten, welcher dieſen Theil des Gartens einzu⸗ 3 hüllen begann. . t. Eugenie hatte ihn ebenfalls bemerkt. . Es trat ein Augenblick des Schweigens und der Un⸗ 9 d entſchloſſenheit ein. 6 Umkehren war unmöglich dieſem Manne gegenüber, it deſſen Manieren und Namen einen vollendeten Cavalier ver⸗ riethen. Demzufolge fuhr Eugenie fort, neben Louiſen r⸗1 einherzuſchreiten und Vampa kam ihnen entgegen, um ſie anzureden. „Man athmet eine herrliche Luft in dieſem Garten,“ ſogte er.„Ich glaube keine üble Idee gehabt zu haben, — als ich hierherkam, um dieſe Luft zu athmen, da Sie ſie dun ebenfalls aufzuſuchen ſcheinen.“ den „Das iſt wahr, mein Herr,“ entgegnete Louiſe⸗ „Nichtsdeſtoweniger wird der Abend immer friſcher und die als Herbſtnächte machen die gemäßigte Temperatur eines Sa⸗ lon's angenehmer, als die freie Luft eines Gartens.“ Eugenie warf ihr einen bittenden Blick zu. 3 der „Ich werde das Vergnügen haben, Sie zu begleiten,“ ſagte Vampa.. Eugenie hätte dieſe friſche, belebende Luft des Gar⸗ tens der gemäßigten Temperatur des Salon's weit vorge⸗ gen zogen, aber ſie beſaß nicht die Kraft ihren Wunſch hervor wü zubringen und ließ ſich durch ihre Freundin leiten. So Vampa ging neben ihnen her. 5 wel Als ſie an den Fuß der Treppe gelangten, ließ er ein Louiſen vorangehen und als Eugenie ſich langſam anſchicke, ihr zu folgen, ſagte er mit zitternder Stimme, die aber ſchl aus dem Herzen zu kommen ſchien: ſche „Erlauben Sie, Mademoiſelle, daß ich Ihnen Leb ken wohl ſage—“ en Eugenie blieb ſtehen und drehte ſich herum. 3 See „Sie verlaſſen uns!“ Fre „Ja, und vielleicht auf immer.“ „Was ſagen Sie?“ „Ich bin Italiens überdrüſſig.“ 7 Söi „Und was wollen Sie denn außerhalb Italien ſuchen?“ „Die Kraft, zu verge ſſen, wenn dies möglich iſt— ſchei ein heftiges, tiefes, überwältigendes Gefühl zu vergeſſen, Ne welches mich beherrſcht. In Italien— dies fühle ich— keit wäre es mir vollſtändig unmöglich, es zu vergeſſen.“ 6 Und welchen Grund haben Sie, um dieſes Gefühl voder vergeſſen zu wollen?“ „Ach,“ ſagte Vampa mit bitterem Lächeln,„wenn„es man leidet und liebt, wie ich, Mademoiſelle, ſo giebt es ſ nur zwei Ertreme auf der ganzen Leiter unſerer Emp Sie ſie Louiſte, und die 8 S⸗ eiten,“ Gar⸗ vorge⸗ mervor⸗ ließ chickte, aber Leb en dungen— entweder den Lohn dieſer Liebe und dieſes Lei⸗ dens oder gänzliches Vergeſſen.“ „Und Sie finden alſo, daß Ihnen Nichts übrig bleibt, als gänzliches Vergeſſen?“ „Sie fragen mich noch, Mademoiſelle?“ „Wäre Jemand wohl im Stande, Sie zu einer Aen⸗ derung ihres Entſchluſſes zu bewegen?“ „Ohne Zweifel, Mademoiſelle, und ein einziges Wort würde dazu ausreichen.“ „Dieſer Jemand wäre ſehr glücklich“ murmelte Eu— genie. „O ich kann Ihnen verſichern, daß Niemand außer Gott und mir im Stande wäre, das Glück zu berechnen, welches ich in dem Augenblicke empfinden würde, wo ich ein einziges Wort hörte, welches ſo ſtark und beſtimmt wäre, daß es die Macht hätte, meinen verzweifelten Ent⸗ ſchluß wankend zu machen. O, denken Sie ſich den Men⸗ ſchen, der, nachdem er die von tauſend Quglen umlager⸗ ten Pforten des Todes durchſchritten— in der Voraus⸗ ſetzung, daß der Tod nicht eine gänzliche Vernichtung der Serle und des Körpers iſt— in ein von unausſprechlichen Freuden erfülltes Leben zurückkehrte!— Welches Gefühl würde er wohl empfinden? Sagen Sie ſelbſt, ob irgend ein Menſch ſich eine Idee von dieſem Gefühle machen könnte!“ „Mein Herr, hüten Sie ſich, die Grenzen des Wahr⸗ ſcheinlichen zu überſchreiten. Eine tiefe Liebe, ſo wie die Menſchen ſie empfinden, glaubt man hier ohne Schwierig⸗ keit, auf ein einziges Wort; aber wer könnte der Liebe Glauben beimeſſen, die ſich in den Idhllen einer poetiſchen oder exaltirten Einbildungskraft aus ſpricht?“ 6 „Sie haben Recht, Mademoiſelle,“ entgegnete Vampa, „es glaubt Niemand daran— es iſt eine Thorheit, ſie dem ſpöttiſchen Gelächter der ganzen Welt Preis geben zu wol⸗ len. Sie machen es in der That wie die ganze Welt— — 6 Sie lachen auch über das Gefühl, welches ich Ihnen feiger⸗ weiſe geſtanden habe.“ „Und wie wollen Sie, daß ich daran glaube? Welche Beweiſe geben Sie mir dafür?“ „Vielleicht verlangen Sie ein Jahr jener berechneten und ſtudirten Proben, denen die wirkliche Leidenſchaft faſt der immer fremd iſt? Ach, ſo iſt es mit mir nicht. Ich werde che abreiſen.“ fu Vampa that einen Schritt. zn Eugenie folgte ihm. „Warten Sie,“ ſagte ſie unwillkürlich. W „Was wollen Sie von mir?“ fragte ſie Vampa mit düſterer Miene. „Ach, verzeihen Sie! Allerdings— wer kann Sie Ur bei dem zurückhalten, was Ihnen gleichgültig iſt.“ n „Mademoiſelle,“ rief Vampa,„bezweifeln Sie nicht ſo das Gefühl, welches ich Ihnen bekannt habe, denn dies hieße das vollkommenſte Meiſterwerk der Schöpfung v 35 ſpotten. Ich liebe Sie! ich ſetze meinen ganzen Ehrgeiz los in den Beſitz dieſer graziöſen Hand, denn von dieſer Hand tig hängt das Glück oder das Unglück ab, welches mich tref⸗ wi fen ſoll.“ Vampa drückte einen glühenden Kuß auf Eugeniens Hond. Eugenie bemühte ſich, ihm ihre Hand zu entziehen. „Unſinniger, der ich bin,“ fuhr er fort,„Ihr ſtolzer, hoher Geiſt will nicht vor dem Geſtändniß einer innigen und tiefen Liebe weichen, die in Ihren Augen nur eine n fache Laune zu ſein ſcheint. Ach, leben Sie wohl u fer erk ewig, Eugenie! Leben Sie wohl auf ewig! Wenigſtens hab 6 ich Sie dann einmal geſehen— wenigſtens habe ich ei . ganzen Tag lang mit Ihnen dieſelbe Luft geathmet, wenig F ſtens bin ich einen Tag, wenn auch nur einen einzige glücklich geweſen. Nun möge das Unglück kommen!“ nick iger⸗ elche neten verde mit Sie ht ſo dies ver⸗ rgeiz Hand tref⸗ nien's en. olzer, nigen ein⸗ nicht verlaſſen!“ — Vampa ſchleuderte ihre Hand von ſich und that einige Schritte in der Richtung des Gartenthores. Eugenie folgte ihm wie von einem geheimnißvollen Impuls getrieben. „Nein— Sie werden nicht ſo fortgehen— Sie wer⸗ den nicht fortgehen, ohne daß ich den Tag weiß, an wel⸗ chem Sie wiederkommen werden.“ „Welche Täuſchungen haben mich heute berauſcht!“ fuhr Vampa fort, indem er einen Augenblick ſtehen blieb und abermals ihre Hand ergriff. Eugenie ſetzte dieſer Bewegung des Banditen keinen Widerſtand entgegen. „O, welche Illuſionen haben mich heute umgaukelt! Täuſchungen! Täuſchungen! o, was ſind ſie jetzt, wo das Unglück mich trifft. Eugenie, Eugenie, denken Sie dereinſt an den Mann, der Sie geliebt hat, wie man nur ein ein⸗ ziges Mal im Leben liebt.“ Vampa öffnete raſch das Thor und that zwei Schritte aus dem Garten hinaus. Eugenie ließ ſeine Hand nicht los und ſtand neben ihm zitternd, bebend, von einem mäch⸗ tigen Gefühl erfaßt, welches immer ſtärker ward, ihre Adern wie ein Feuerſtrom durchtobte, und ihr faſt die Beſinnung raubte. Vampa ſchauete ſich um wie Jemand, der gewohnt iſt, in der Finſterniß zu leſen und bemerkte in kurzer Ent⸗ fernung einen Gegenſtand, in welchem er ſeinen Wagen erkannte. „Wohlan, Mademoiſelle,“ ſagte er,„Sie ſehen es, wir ſind außerhalb des Gartens. Kehren Sie um und dieſe Thüre wird uns auf ewig trennen! Morgen werden Sie vielleicht nicht mehr ſich meiner erinnern. Kehren Sie um.“ „Ach, ich liebe Sie, ich liebe Sie— Sie werden mich „Nein,“ ſagte Vampa, indem er ſie mit ſtarkem Arme um den Leib faßte und nach dem Wagen zueilte. Eugenie ſtieß einen heftigen Schrei aus, in welchem ein unbegreifliches und unbeſchreibliches Gemiſch von Schrecken, Freude und Urberraſchung lag. Während dieſer Auftritt ſtattfand, kehrte der Baron Dangtars, nachdem er die Schubfächer ſeines Secretairs unterſucht und ſich überzeugt, daß alle Schlöſſer in gutem Zuſtande waren, in den Salon zurück, wo der Diener ſchon die Lichter aufgeſtellt hatte. Als er Louiſen allein hier ſah, fragte er, wo Eugenie ſei. „Eugenie ging noch dieſen Augenblick am Fuße der Treppe auf und ab Indeſſen, die Nacht bricht ein und ich werde ſie daher bitten, ihrer Promenade ein Ende zu machen.“ „Ich begleite Sie, Mademoiſelle,“ ſagte der Baron. Louiſe, der dies nicht ganz recht war, ging raſch die kleine Treppe hinunter, wo ſie Eugenien noch die Liebes⸗ erklärungen des angeblichen Fürſten Spada anhörend zu finden glaubte. Sie erſtaunte daher nicht wenig, als ſi weder den einen, noch die andere ſah. 3 4 „Wo iſt denn Eugenie?“ fragte der Baron ſehr un ruhig, indem er ebenfalls die Stufen herabkam. 3 „Vielleicht iſt ſie in der Allee, welche nach dem kleinen Teiche führt.“ 2 „Eugenie!“ rief der Baron.„Niemand antwortet— gehen wir, gehen wir!“ Louiſe und Danglars ſchlugen den der Treppe ge en⸗ über befindlichen Weg ein, und ſie waren faſt an das T r des Gartens gelangt, als Eugenien's gellender Schrei an ihr Ohr ſchlug. 3 „Mein Gott, was giebt es!“ rief Louiſe, indem ſi an das Gitterthor eilte. 3 Der Baron blieb ſtumm und wie angewurzelt ſtchun. „Mein Gott, mein Gott! eilen Sie doch, Herr Bgr . — eiler Sti auf Sch nich die Fur ſich bar zu de 45 rme ein ken, won ir's item ener llein der und e zu ron. h die ebes⸗ d zu s ſie r um leinen 3 rei an em ſ. ſtehen. Baron —— eilen Sie— hier iſt ein Unglück geſchehen— das war die Stimme meiner Freundin!“ Der durch die Bitten Louiſen's aus ſeiner Erſtarrung aufgerüttelte Baron öffnete das Thor und that einen Schritt, blieb aber ſtehen und prallte wieder zurück, um nicht von zwei gewaltigen Roſſen niedergerannt zu werden, die mit einem Wagen in vollem Galopp vorbeiſauſten. „Ach, Herr Baron,“ ſagte Louiſe von unnennbarer Furcht ergriffen, indem ſie ſich ihm näherte,„Eugenie zeigt ſich nirgends— und dieſer Wagen! Ach mein Gott, er⸗ barme Dich unſer!“ „Mademviſelle d'Armillh,“ ſagte der Baron,„geſtehen Sie mir offen, was geſchehen iſt.“ „Ja, Sie! Eugenie war im Garten— und ſie war nicht blos in der Abſicht hier, um die Friſche des Abend's zu genießen.“ „Was ſagen Sie?“ „Ich ſage— ich frage Sie, ob Eugenie allein war?“ „Mein Gott, ich ließ ſie bei dem Fürſten Spada zurück.“ „Nichtswürdiger Böſewicht!“ rief der Baron. „Mein Gott!“ ſagte Louiſe wie niedergeſchmettert, in⸗ dem ſie ſich auf den Arm des Baron's ſtützte. „Mademviſelle d'Armillh,“ fuhr er fort,„ſeit einigen Tagen hat hier bei mir eine furchtbare Komödie begonnen! Dies iſt die Entwickelung— jetzt durchſchaue ich ſie.“ „Wie, was?“ „Eine Entführung! Eine Entführung!“ „Meine geliebte Eugenie!“ rief Louiſe und ſank auf die Knie nieder. Der Baron kreuzte die Arme über der Bruſt und ſchaute init einem Gemiſch von Wuth und Schrecken in der Richtung der Straße hin, von welcher her man jetzt Die Todtenhand. 2. Band. 4 Flügel ſeine von Fieberhitze glühenden Wangen ſtreiften. — 5 das raſche Rollen des Wagens des römiſchen Banditen vernahm. Er ſchlug ſich zornig vor die Stirn und murmelte: „Ah, wenn ich das hätte errathen können!“ Fünftes Kapitel. Campi lugentes. G⸗ war noch Nacht, als Vampa's Wagen, in die Appiſche Straße einbiegend, vor dem Circus des Caracalla hielt, einem gefürchteten Orte und zwar in Folge der Fa⸗ beln, die davon erzählt wurden, und des furchtbaren Na⸗ mens des Banditen Vampa, der in dem Schweigen der Nacht und zur Stunde des Verbrechens unter dieſen ge⸗ heimnißvollen düſteren Gewölben genannt ward. Vampa, der ſich ganz den ihn beherrſchenden wilden Empfindungen hingab, hatte nicht bemerkt, daß nicht eine einzige Schildwache ihn nach der Parole gefragt hatte, nachdem ſein Wagen unter den verödeten Monumenten der Appiſchen Straße dahinrollte. Er faßte den leichten Kör⸗ per Eugenien's in ſeine kräftigen Arme, und ſtieg wie ein neuer Pluto mit ſeiner füßen Bürde durch die Finſterniß bis an den Eingang ſeines grauſenvollen Schlupfwinkels hinab. Hier blieb Vampa einen Augenblick ſtehen, wie auszuruhen. Keine menſchliche Stimme ſchlug an ſein Ohr. Um ihn her flatterten die Fledermäuſe, deren kalte, ſtarte Kein Licht leitete ſeine Schritte in dieſem unterirdiſe Gewölbe, aber trotzdem ging er mit feſtem, ſicherem T bis in die geräumige Halle, wo ſich die Ueberreſte d „„— iten antiken Altars und des Cenotaph befanden, der zeither bei den Gelagen und Saturnalien der Banditen als Tabernakel gedient hatte. Da Vampa die Richtung dieſes Cenotaph's kannte, ſo ging er darauf zu, legte Eugenien darauf und preßte ſeine von Wolluſt glühenden Lippen auf die eiſigen Lippen ſeines Schlachtopfers———————— ———————————————— Kaum er den gierigen Durſt, der ihn verzehrte, in dem bitteren Aechzen der Geſchändeten gelöſcht, ſo trat das ganze Entſetzen dieſer nächtlichen Scene des Verbre⸗ chens vor die Phantaſie des Banditen. Ein langer, hohler, dämoniſcher Schrei, gleich dem Gebrüll eines wilden Thie⸗ res, entrang ſich ſeiner Bruſt. Er ſchleuderte einen glühen⸗ den, flammenden Blick um ſich und gewahrte mit Entſetzen die Finſterniß und das Schweigen, welche ihn umgaben. Nicht ein einziger ſeiner Mordgeſellen kam mit einer Fackel herbei, um dieſes Gemälde zu beleuchten, und im Namen ſeiner Kameraden den Antheil zu beanſpruchen, der 3 ihm von dieſer Miſſethat zukam. „Nein,“ heulte Vampa,„nein, nicht ein einziger von Euch ſoll ſie berühren! Dieſes Weib iſt mein, ſie wird nur mein ſein. Wehe dem Erſten, der wagen wird, ſie mir ſtreitig zu machen.“ Und mit der einen ſeiner zitternden Hände drückte er die eiskalten Hände Eugenien's, während die andere das in ſeinem Gürtel ſteckende Piſtol faßte. „Rocca Priori!“ rief er. Es war dies, wie unſere Leſer ſich erinnern werden, der Beiname Peppino's. Nur das Echo der düſtern Gerötbe antwortete ihm. „Rocca Priori!“ rief er nochmals und mit ſtärkerer Stimme,„iſt denn Euer Schlaf ſo tief, daß ſelbſt die Stimme Eures Anführers Euch nicht erwecken kann? Nichtswürdige, die Ihr Euch durch den boſicgen laßt, und die für die Sicherheit unſeres einzigen Aſhls nothwendige Wachſamkeit vergeſſet, wacht auf! wacht auf!“ Vampa zog das Piſtol aus ſeinem Gürtel und feuerte hal zwei Schüſſe ab, deren ſchnell vorübergehender Feuerſchein taſi ſich auf dem Geſicht Eugenien's ſpiegelte, die immer noch müt auf dem verhängnißvollen ſchwarzen Marmortiſche ausge⸗ von ſtreckt lag. Der Knall verhallte allmälig, Vampa lauſchte auf das letzte Murmeln, welches auf das Echo der Felſen folgt, wenn es das Krachen eines Schuſſes vervielfältigt. Un Der Bandit, welcher nun ſah, daß er allein war, be⸗ dit gann zu zittern. Seine kalte Hand hielt noch das abg⸗ die feuerte Piſtol. Ill Er wußte, daß er jetzt wehrlos war. Das Gefühl gel einer unbeſtimmten Furcht bemächtigte ſich ſeiner. Kalter Schweiß bedeckte ſein Geſicht. Es war dies das erſte Mal, daß Luigi Vampa die Furcht kennen lernte. Sein ganzer Körper ſchauderte, eine tödtliche Kälte durchrieſelte ſein wel Adern. aus „Peppino! murmelte er,„hätteſt Du mich verrathen To wäre ich das Opfer irgend einer unvermutheten Liſt! Nein Ba nein, das iſt unglaublich! Peppino iſt vielleicht mit meinen ihn Leuten ausgegangen, um gute Beute zu machen und hat Cer geglaubt, daß ich nicht ſobald wiederkommen würde! Aber ber die Katakomben ſcheinen ganz öde zu ſein. tere „Peppino hätte nicht von hier fortgehen ſollen, ohn gen mir zwei Schildwachen zurückzulaſſen. Schon lange hat kön man einen Preis auf meinen Kopf geſetzt, und wenn es dieſ auch Perſonen giebt, die ſich für meine Sicherheit intere i ren, ſo habe ich doch auch unzählige Feinde! „Indeſſen, die Polizei kennt nicht den geheimen E gang zu den Katakomben und wagt auch nicht ihn zu chen, denn ſchon oft hat man die von ihr ausgeſen Späher in den Tiefen des Circus oder auf der Appi Straße, deren Monumente meinen Leuten zum Hinte dienten, ermordet gefunden— Aſhl's auf!“ euerte ſchein noch usge⸗ uſchte Felſen iltigt. „be⸗ abge: zefühl dalter Mal, anzer ſeine then, Nein, einen d hat Aber ohne hat m es reſſi⸗ Ein⸗ ſu⸗ deten ſchen rhalt „Warken wir alſo, Peppino wird zurückkommen.“ Vampa ſetzte ſich neben Eugenien, immer noch feſt⸗ haltend an dem letzten Hoffnungsſtrahle, den ſeine Phan⸗ taſie heraufbeſchworen, wie dies allen ſchwachen und klein⸗ müthigen Menſchen zu geſchehen pflegt, welche ſich nicht von der Macht der Worte:„Es iſt Alles aus!“ überzeu⸗ gen können. Vampa war auf Alles gefaßt, nur nicht auf ſeinen Untergang. Die Stunden verfloſſen langſam, und der Ban⸗ dit erwartete vergebens Peppino's Rückkehr. Seine durch die Zeit und die Kraft der Wahrheit von Illuſion zu Illuſion gejagten Gedanken waren bald bei der letzten an⸗ gelangt. Auch dieſe zerfloß allmälig wie die andern in Nichts. Vampa ſtieß einen wilden Schrei aus. Er bemerkte zum erſten Male den tiefen Schlaf, in welchen Eugenie verſunken war. Dieſer Körper, welcher hier ausgeſtreckt auf dem Tiſche lag, auf welchen man ſonſt die Todten niedergelegt, auf dieſem Marmor, den er und ſeine Banditen ſo oft durch ihre Bacchanalien entweiht, erfüllte ihn mit Entſetzen. Er erhob den Arm in der Richtung des Cenotaph's, wie um Eugenien aufzuwecken, aber der Arm berührte nicht den Körper des Schlachtopfers, und ein bit⸗ teres Lächeln verzerrte die Lippen des Henkers. „Warum ſoll ich ſie aufwecken,“ ſagte er.„Wozu könnte das dienen? Würde ihr Klagegeſchrei nicht ſofort in dieſen einſamen finſteren Gewölben hallen? Würde dadurch nicht das Entſetzen vermehrt werden, welches ſie mir ein⸗ flößen? Und dennoch, wenn dieſer Schlaf, der ihre Augen ſchließt, der Tod wäre! Wenn ich jetzt neben einem Leich⸗ nam ſtünde! Rein, nein, ich fühle wohl, da— ihr Herz ſchlägt noch— ſie lebt— ſie ſchläft— ermüdet von Furcht und Wonne!— Sie möge ſchlafen— wird ſie erwachen.“ Er ſch wieg. Einige Augenblicke darauf hob er mit immer höher ſteigender Unruhe wieder an: „Aber nimmt denn dieſe Nacht kein Ende? Bin ich denn auf immer zu Finſterniß und Entſttzen verdammt? Iſt es die Laune einer hölliſchen Macht, mir zur ewigen Genoſſin dieſes Weib zu geben, welches im Todtenſchlafe zu liegen ſcheint? Dieſes Weib, deren Arme mich nicht um⸗ fangen, deren Lippen unbeweglich bleiben, wenn ich ſie mit Küſſen bedecke, die alle meine Liebkoſungen nicht zu fühlen ſcheint? Was liegt mir an ihrem Körper, wenn er von Marmor iſt? Sie ſoll ſich in meinen Armen bewegen, an meiner Bruſt zittern!— O Eugenie! Eugenie! biſt Du es wirklich? Biſt Du es wirklich, die ich geſtern bis zum Wahnſinn liebte? Die mich durch ihr Weſen bezauberte und mir die Beſinnung raubte? Eugenie, wo iſt die Ge⸗ ſchmeidigkeit und Schönheit Deines Körpers? Hier liegt er träg und ſchwerfällig, wie ein Leichnam! Was iſt aus je⸗ nem erhabenen Feuer geworden, welches ſich in dem Aus⸗ drucke Deines leidenſchaftlichen Blick's oder in dem energi⸗ ſchen Spiele Deiner Züge offenbarte? „Wo ſind jene Gefühle, welche Deine Bruſt ſchwellten und Dich ſelbſt über meinen ſtolzen Sinn hinaushoben? O, jetzt iſt nichts mehr davon da. Du biſt kalt und leb⸗ los! Iſt es vielleicht die dicke Luft dieſer unterirdiſchen und feuchten Gewölbe, welche Dich erſtickt und vernichtet? Sprich, Eugenie, damit ich wenigſtens Deine Stimme höre! O, mein Gott, wäre es denn nicht möglich, daß Du hier ſo an meiner Seite lebteſt, wie ich Dich nei dieſes Raumes ſah? O, die Erde birgt auch Schätze und Du wirſt künftig der koſtbarſte von allen ſein, welche ſie den Augen der Menſchen entzieht! Aber was nützt Deine Schönheit, wenn dieſe Nacht ewig ſein ſoll? Wie ka Dich ſehen und mich in Deinen Liebesklagen berauf O, Verzweiflung! Lieber komme der Tod. Aber es komme auch das Licht, wäre es nur auf einen Augenblick! D be we S ha ge fü wi N m un röt ſch zher ich nt igen zu um⸗ mit hlen von an Du zum erte Ge⸗ t er jr⸗ lus⸗ rgi⸗ ten en? leb⸗ und tet? nme Du alb und„ eine en? — 55— Finſterniß ſchnürt meine Bruſt zuſammen, dieſe feuchte Gra⸗ besluft erkältet mir das Blut in den Adern. „Dieſe Gewölbe ſind jetzt nur noch was ſie ſtets ge⸗ weſen ſind— ein Grab. Hier in dieſen Mauern liegen die Skelette, die ihren ewigen Schlaf ſchlafen! Ha, wie oft habe ich durch meine Orgien und Verbrechen die Ruhe die⸗ ſer Todten geſtört und jetzt ſtöre ich ſie abermals durch das letzte meiner Verbrechen! O, das letzte!“ wiederholte er ſchnell, wie betroffen von dem, was er geſagt.„Und warum ſollte es das letzte ſein? Ach, ja, ſchon lange nähre ich den Wunſch und die Abſicht, den mörderiſchen Stahl weit von mir zu ſchleudern, mit welchen ich bis jetzt meine verbrecheriſche Hand bewaffnet. Muth!“ Er warf das abgeſchoſſene Piſtol, welches er unwill⸗ kürlich wieder in ſeinen Gürtel geſteckt, von ſich. „Hinweg von mir, mörderiſche Waffe! Jetzt, Eu⸗ genie, wirſt Du erwachen, um mich zum wahren Glücke zu führen. „Doch was ſage ich da in meinem Wahnſinn! Kann wohl ein Menſch jemals ohne Entſetzen und Abſcheu den Namen des Banditen nennen, der ſo lange geraubt, ge⸗ mordet und ohne Erbarmen geſchändet hat, um ſeine Hab⸗ ſucht und ſeine thieriſche Wolluſt zu befriedigen? Nein, die Vergeltung wird mir folgen. Ich bin in den Augen der Menſchen eben ſo verdammt, wie in den Augen Gottes. Ich warte und hoffe, daß dieſes Weib erwache, daß ihre Lippen ſprechen, daß ihre Augen ſehen, ohne zu bedenken, daß ihr erſter Ruf, ihr erſter Blick dem Schrecken und dem Fluche geweiht ſein wird. Eugenie— verzeihe— o, verzeihe!“ Vampa ſank vor dem Cenotaph auf die Kniee nieder und verhüllte das Geſicht mit den Händen. „ Einige Augenblicke darauf bemerkte er einen Strahl röthlichen Licht's, welches in dem unterirdiſchen Gewölbe zu ſchimmern begann. Raſch erhob er ſich und athmete auf, als ob ein neues Leben in ſeine Bruſt eingezogen wäre. Er rief: „Peppino!“ Niemand antwortete ihm. Das Licht kam immer näher. „Peppino!“ wiederholte er. Daſſelbe Schweigen. Er zitterte. Er war wehrlos, allein und konnte ſich nicht vertheidigen, wenn man ihn vielleicht zu überfallen beabſichtigte. Schon dachte er daran, ſich zu verſtecken. Er kannte die Bauart des unterirdiſchen Gewölbes und wollte ſich eben in einen ſeiner tiefſten Winkel flüchten, als ein plötzlich am Eingange erſcheinender Mann ihn mit den Worten aufhielt: „Ich habe Dich ſchon erkannt; es nützt Dir nichts!“ Das Licht der Fackel, welche dieſer Menſch trug, er⸗ leuchtete den unheimlichen Raum. Vampa blieb unbeweg⸗ lich ſtehen. Der Unbekannte that einige Schritte vorwärts. In ſeiner rechten Hand blitzte der Lauf eines Piſtols. „Benedetto!“ murmelte Vaupa, indem er entſetzt zu⸗ rückprallte. „Schweig, Vampa, oder Du biſt ein Kind des To⸗ des,“ ſagte er, indem er die Fackel über den Kopf empor⸗ hob, um den Banditen beſſer betrachten zu können. „Stehen denn heute die Todten aus ihrem Grabe auf, um mich zu peinigen?“ dachte Vampa. „Du haſt Deine fluchwürdige Leidenſchaft geſättigt“ ſagte Benedetto.„Ich komme demzufolge, um den Antheil in Empfang zu nehmen, der mir gebührt.“ „Peppino hat mich verrathen!“ murmelte Vampa, in⸗ dem er laut hinzuſetzte:„Ah, deshalb kommſt Du? Du 3 biſt ſehr eilig, Benedetto. Ich habe den Raub vollführt, 3 was aber den Wiederkauf der Freiheit betrifft, ſo iſt ein Prris, den ich 4 erhalten werde. 4 eues ſich len ken. und als den 8 er⸗ veg⸗ In To⸗ or uf, heil in⸗ Du rt, ies „Aber ich brauche dieſes Geld ſchon heute.“ „Unmöglich!“ „Nicht ſo unmöglich, als Du ſagſt.“ „Wie ſo?“ „Ich will es— ich verlange es augenblicklich.“ „Was liegt mir daran?“ „Es gilt Dein Leben, Freund Vampa; bei mir folgt die That ſtets unmittelbar auf's Wort. Du ſiehſt, daß ich bewaffnet bin.“ „Und ich?“ „Du, Du biſt es nicht.“ „Du haſt mich alſo belauſcht!“ murmelte Vampa wü⸗ thend, indem er dennoch die größte Ruhe heuchelte, obſchon er ſich in dieſem Augenblicke der furchtbaren Warnung er⸗ innerte, welche Meſtre Paſtrini ihm im Namen des Hau⸗ ſes Thomſon und French gegeben. „Wenn ich auch wehrlos bin,“ ſagte er,„ſo werde ich doch ſchwerlich Waffen gegen Dich gebrauchen, da auf meinen erſten Ruf zwanzig Mann herbeieilen werden, die bereit ſind, meine Befehle auszuführen.“ Benedetto warf mit verächtlichem Lächeln den Kopf empor und begnügte ſich damit, daß er antwortete: „Verſuche es.“ Vampa ſchauderte, gewann aber ſeine Energie ſofort wieder und rief keck: 6 „Elender!“ Benedetto ſtieß ein gellendes Gelächter aus, als ob er der ohnmächtigen Wuth eines Kindes ſpottete. 6 „Du ſelbſt Elender,“ ſagte er.„Du, der Du Dich durch eine thieriſche Begierde haſt hinreißen laſſen ohne zu ſehen und zu hören! Vampa, iſt Dir denn noch unbekannt, daß ich Alles weiß? Du biſt wehrlos und allein in dieſen unterirdiſchen Gewölben und haſt keine andere Genoſſenſchaft als das Opfer Deiner Geilheit! Von dem Augenblicke an, wo Du in die Gruft trateſt, habe ich die Gelegenheit abgr⸗ . Kind des Todes.“ wartet, als guter Todtengräber zu erſcheinen und Dir Dein n Leichentuch abzureißen. Ich habe den Knall Deines Pi⸗ u ſtol's gehört und bin dann herabgeſtiegen, denn nun hatte n der Drache keine Zähne mehr; er konnte nicht mehr beißen. d Es bleibt Dir vielleicht noch ein Dolch übrig, aber ich habe j hier in den Läufen dieſes Piſtol's zwei gute Kugeln, um 2 Dich ſofort niederzuſtrecken! Wohlan, Freund Vampa, er⸗ n ſpare mir wenigſtens die Arbeit, Dich mit meinen Händen d berauben zu müſſen, oder mit anderen Worten, ſchone den n Reſt von Leben, den Du noch in der Bruſt trägſt. Ich 9 weiß, daß Du Dich des ganzen Geldes bemächtigt haſt, b welches in der Kaſſe der Bande war— dies iſt Alles, 2 was ich will. Vampa, Deinen Gürtel, oder Du biſt ein f „Verräther!“ ſchrie Vampa. „Du weißt beſſer, als ich, was dies heißen will. Geh', 5 ich thue nicht mehr und nicht weniger, als was Du ſelbſt tauſendmal gethan haſt. Ich ſtehle.— Raſch, Vampa! — zaudere nicht, die Börſe oder das Leben!“ a „Aber ich habe dieſes Geld nicht.“ il „Vampa! Vampa!“ 5 „Böre,“ ſagte Vampa, indem er ſich verzweiflungs⸗ 3 voll umſchaute.„Du biſt der Franzoſe, welcher verſpro⸗ n chen hat, mich der römiſchen Polizei in die Hände zu lie⸗ e fern. Du ſiehſt wohl, daß auch ich Alles weiß.“ „Es iſt nicht—“ d „Benedetto, Du willſt mich berauben und verkaufen? ſi Wo iſt Deine Treue? Welcher neuen Schule des Verbre⸗ chens gehörſt Du an? Wo kommſt Du her, treuloſer, ſo m unternehmender, ſo verwegener und entſchloſſener Dämon? O bedenke, daß ich die Reiſenden beraubt, daß ich ſogar einige ermordet, daß ich unzählige Verbrechen begangen, aber daß ich niemals, o niemals den Kopf eines Menſchen verkauft habe!“ „Was ſoll dieſe Predigt bedeuten? Ich weiß nicht, ein tte en. abe um er⸗ en en ch ſt, es, , ſt — 5— wer Dir glauben gemacht hat, daß ich mit dem Gedanken umgegangen ſei, Deinen Kopf zu verkaufen. Ich handle nicht mit Köpfen! Alſo, ergieb Dich in Dein Schickſal, denn Du ſelbſt haſt Dir die Lage bereitet, in der Du Dich jetzt befindeſt. Durch Deine Leidenſchaft, durch Deinen Wahnſinn hingeriſſen, biſt Du an dieſer Stelle angekom⸗ men, welche die Fabel uns ſchildert und die den Namen der Campi lugentes führt. Laß jetzt Deine Thränen rin⸗ nen und leide, weil die Reihe an Dir iſt, eben ſo wie die Reihe an mir geweſen iſt. Du wirſt arm werden! Deſto beſſer für Deine Seele. Du wirſt, wenn Du kannſt, von Thüre zu Thüre, von Straße zu Straße gehen, um de— müthig um ein Almoſen zu bitten. Vampa, Alles dies iſt für Dein Seelenheil ganz vortrefflich.“ Vampa machte eine wüthende Geberde, wie um ſich auf ſeinen Feind zu ſtürzen. Benedetto aber richtete lang⸗ ſam die Mündung ſeines Piſtol's auf die Bruſt des Ban⸗ diten, welcher bleich und zitternd und mit geſenktem Haupte anhören mußte, was dem Sohne Villefort's noch gefiel ihm zu ſagen. „Ich beraube den Räuber und werde deshalb mehr Jahre Ablaß bekommen, als ich noch zu leben habe. Du wirſt Deine Verbrechen bereuen und ebenfalls Verzeihung erlangen. Aber halten wir uns nicht länger auf, Vampa. Dein Geld oder Dein Leben! Du kennſt die Bedeutung dieſes Ausſpruches, denn Du biſt ja ſelbſt Meiſter in die⸗ ſem Handwerk.“ „Und wer ſteht mir dafür, daß Du, nachdem ich Dir mein Geld gegeben, mich nicht dennoch ermordeſt?“ „Das hätte ich ſchon thun können, und ich werde es thun, wenn Du noch eine einzige Minute länger zögerſt.“ „Wohlan, es iſt gut.“ „Tritt näher. Lege es auf dieſen Marmor neben Dein Schlachtopfer und entferne Dich.— Ach, Eugenie,“ fuhr Bre⸗ nedetto mit düſterer Stirn fort,„auch Du haſt eine bittere 66— Schande erfahren, Du, die Du den Schutz Deiner Mutter daf verlaſſen, Du, die Du Dich allein in die Welt hinausgewagt di haſt. Du haſt dies gethan, während ſo viele andere ſich die des aufrichtigen Schutzes und der Liebkoſungen freuen wür— deſ den, die Du verachteteſt. Eugenie, wenn Dein Schlaf nicht Pr der des Todes iſt, ſo leide, denn Du haſt es verdient!“ Vampa trat, nachdem er ſeinen Gürtel auf den Mar⸗ mor gelegt, einige Schritte zurück. Benedetto überzeugte) ſag ſich von dem Vorhandenſein des Geldes und nahm es Ka an ſich. Obſchon der römiſche Bandit aufmerkſam jede Bewe⸗ der gung Benedetto's beobachtete und unverſehens über ihn her⸗ bre fallen zu können hoffte, ſo ging dieſer doch ſo zu Werke, wi daß Vampa's Kopf ſich fortwährend der Mündung ſeines dal Piſtol's gegenüber befand. nic Als Benedetto das ſämmtliche Geld eingeſteckt, be⸗ ſon wegte er ſich rückwärts bis an den Eingang des Gewölbes, die nahm die Fackel mit und ließ den Banditen abermgls in hin tiefes Dunkel und in die noch ſchwärzere Nacht ſeiner qual⸗ bal vollen Gedanken verſenkt, zurück. Vampa ſank zu den Füßen des Cenotaph's nieder und Ki zerraufte ſich mit wilder Verzweiflung das Haar. 3 in Der Sohn Villefort's gelangte an das äußerſte Ende des Ganges, ging durch die in den Felſen gehauene Oeff⸗ nung und ſtieß bald darauf auf eine aus zehn oder zwölf bewaffneten Männern beſtehende Gruppe. Ein wenig wei⸗ is ter hin bemerkte man eine kleine Abtheilung Cavalerie. „Mein Herr,“ ſagte Benedetto zu einem dieſer Män⸗ er,„der Bandit iſt allein.“ „Haben Sie ihn ſo eben ghe 3 Sie zogen ſich geheimnißvoll auf eine Ecke des We⸗ der ges zurück, wo ſie ihre Unterredung fortſetzten. 8 „Mein Herr,“ ſagte Benedetto,„ich leiſte ganz Rom ohne Zweifel einen wichtigen Dienſt. Dennoch glaube ich utter wagt ſich wür⸗ icht Nar⸗ ugte es we⸗ her⸗ erke, ines be⸗ bes, in tal⸗ und nde off⸗ ölf vei⸗ än⸗ e⸗ om daß Sie mich nicht fortgehen laſſen werden, ohne durch einige Ihrer Soldaten escortiren zu laſſen, obſch die Polizei mir in keiner Weiſe zu mißtrauen braucht. In? deſſen ich habe den auf den Kopf des Banditen geſetzten Preis bereits erhalten und das genügt.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Nehmen Sie den vierten Theil dieſer Summe und ſagen Sie, ich ſei mit Hilfe eines der geheimen Gänge der Katakomben entſchlüpft.“ „O, Ihre Furcht könnte nicht unbegründet ſein. Sie, der Sie wünſchen, nicht in Berührung mit der Polizei ge⸗ bracht zu werden, werden wohl beſſer als irgend Jemand wiſſen, was Sie auf dem Gewiſſen haben. Geben Sie mir daher das Viertel der Summe, die Sie empfangen haben, nicht für die Vernachläſſigung der mir ertheilten Befehle, ſondern dafür, daß ich Sie fortlaſſe, nachdem Sie mir dies geſagt haben. Wiſſen Sie, daß meine Inſtruction da⸗ hin lautete, Sie frei und ungehindert ziehen zu laſſen, ſo⸗ bald wir uns Vampa's bemächtigt haben würden?“ Benedetto machte eine Geberde der Ueberraſchung und drückte dem Anführer der Polizeiagenten eine kleine Rolle in die Hand. „Iſt das Gold?“ „Sehen Sie nach.“ „Gut, gut. Jetzt warten Sie noch einen Augenblick, bis meine Leute ſich der Perſon Vampa's verſichert haben. Dann können Sie gehen.“ Der Anführer näherte ſich der Gruppe und rief: „Zündet die Fackeln an und ſteigt hinab. Heda, Ka⸗ meraden, vorwärts und an's Werk!“ Die Fackeln loderten und die Reiter näherten ſich raſch dem Eingange der Katakomben. Die Säbel flogen aus den Scheiden und die Agenten ſtiegen hinab, um Vampa aufzuſuchen. Ein furchtbares, verzweifeltes, wahnſinniges Wuthge⸗ l hallte nach wenigen Minuten in dem Inneren des terirdiſchen Gewölbes. „Hören Sie?“ „Es iſt das Gebrüll des Löwen, welcher ſtürzt, um nicht wieder aufzuſtehen. Es iſt der berüchtigte Luigi Vampa, der ſich nun in den Händen der römiſchen Juſtiz befindet.“ „Nun ſo gehen Sie; Sie ſind frei.“ Der Sohn Villefort's verſchwand in dem Schatten der Nacht. Sechstes Kapitel. Die vollkommene Gerechtigkeit Gottes⸗ Vampa, der Bandit, der die Umgebungen Rom's ſo lange mit Furcht und Entſetzen erfüllt hatte, war endlich gefangen und ſollte nun bald den Lohn empfangen, der, ihm für ſeine zahlreichen Miſſethaten gebührte. Nicht eine einzige Stimme erhob ſich in Rom zu ſei⸗ nen Gunſten, und der Mann, der gegen die Bitten ſeiner Schlachtopfer ſtets taub und gegen die Qualen der Un⸗ glücklichen, die in ſeine Hände fielen, gleichgültig geweſen, ſah mit Entſetzen den furchtbaren Apparat zu ſeiner Hin⸗ richtung aufbauen, ohne unter den neugierigen Zuſchauern ein einziges Geſicht zu bemerken, welches Spuren des Mit⸗ leid's verrathen hätte. Die Gleichgültigkeit, die Gefühllo⸗ ſigkeit, die er ſtets vor ſeinen Schlachtopfern zur Schau getragen, ſah auch er jetzt Allem aufgeprägt, was ſeinen Blicken ſich darbot, als ob die Vorſehung ihn hätte fühlen laſſen und begreiflich machen wollen, wie qualvoll dieſer — ri in de be zu des um uigi uſtiz tten ſo dlich de ſei⸗ einer Un⸗ eſen, Hin⸗ uern ihllo⸗ chau — 63— letzte Augenblick des menſchlichen Daſeins iſt, wenn er nicht die erhabenen Tröſtungen einer wahren Freundſchaft oder den tröſtenden Balſam einer geläuterten Religion beſitzt. Sobald als die Agenten der Polizei in das unterirdi⸗ ſche Gewölbe der Katakomben des heiligen Su gedrungen waren, verſuchte Vampa, indem er jenes wil Gebrüll ausſtieß, welches Benedetto durch ein ſchallendes Gelächter beantwortet hatte, noch eine verzweifelte Gegen⸗ wehr. Bald aber ſah er die Unmöglichkeit ein, gllein und ohne Waffen, gegen acht muthige und bewaffnete Männer zu kämpfen. Er ergab ſich daher, ward feſtgenommen, ge⸗ feſſelt und fortgeſchleppt. Vampa begriff das Schickſal, welches ihn erwartete. Das Schaffot und der Henker mit ſeiner langen, eiſernen Keule erſchienen ihm auf der Mitte des Platzes del Popolo, und obſchon er unwillkürlich die Augen ſchloß, ſo ſah er doch fortwährend die entſetzlichen Anſtalten zu ſeiner nahe bevorſtehenden Hinrichtung. Nichts konnte ihn retten. Freunde? Er hatte keine. Geld? Man hatte ihm Alles geraubt. Sein drohen⸗ der Blick wendete ſich noch einmal nach der Seite hin, wo Eugenien's Körper lag. Ein bitteres Lächeln umſpielte ſeine Lippen und ſein tief eingeſunkenes Auge ſchien der Stunde zu fluchen, in welcher ihm dieſes Weib erſchienen war. Während der Bandit von der Cavglerieescorte um⸗ ringt nach Rom geführt ward, ſtieg der Sohn Villefort's in ſeinen weiten Mantel gehüllt an der Thüre des kleinen Beſitzthum's des Baron's Danglars vom Pferde. Er ſuchte den Klingelzug und riß heftig hinein, bis ein Diener her⸗ beikam, um ſich nach der Urſache eines ſolchen Gelärmes zu erkundigen. Der Tag begann eben zu grauen. Sagt dem Herrn Bgron Danglars, daß ich ihm ſich auszukleiden, auf ſein Bett geworfen. Sonzufolge wa 64 £ eine Sache von der größten Wichtigkeit mitzutheilen habe; 5 ich hoffe, daß Ihr mich nicht lange hier vor dem Thore ka warten laſſen werdet.“ „Entſchuldigen Sie, mein Herr, ich habe beſtimmten A Befehl, nur ganz genau bekannten Perſonen zu öffnen. di Ich glaube ſogar, daß ſeine Ercellenz in dieſem Augen⸗ V blicke keinen Fremden empfangen will und Sie werden da⸗ 8 her wohl thun, wenn Sie mir Ihren Namen ſagen.“ „Wenn ich Euch auch meinen Namen ſagte, ſo würde ich dennoch, wie ich feſt überzeugt bin, für einen Fremden gelten. Sagen Sie dem Herrn Baron, daß ich ein Poli⸗ 8e zeiagent bin, welcher einige Erkundigungen in Bezug auf eine Kataſtrophe einziehen will, welche in dieſer Nacht ſich ſe mit einer Perſon ereignet hat, die den Herrn Baron im al höchſten Grade intereſſiren muß.“ al Der Diener entfernte ſich und Benedetto wartete. 14 Louiſe von Armillh hatte in dieſer verhängnißvollen Nacht kein Auge ſchließen können. Bei dem geringſten Ge⸗ 2 räuſche fuhr ſie zuſammen und glaubte fortwährend den von S dem Nachtwind bis zu ihr getragenen Angſtruf ihrer ar⸗ men Freundin zu hören. de Sie ſank bleich und angſterfüllt auf das Sopha, neben. welchem ſie ſtand, als ſie die Klingel des Gartenthor's ti hörte, welches heftig auf und zugeſchlagen ward. Tauſend T wirre Gedanken durchkreuzten ſie; ihr Herz pochte gewaltig, m die Stimme erſtarb ihr auf den Lippen und der Athem ₰ verſagte ihr, als ob die Luft nicht mehr in die Lunge ei⸗ ge dringen könnte. Der Baron Danglars konnte, obſchon ihn die Ent⸗ führung ſeiner Tochter tief betrübte, ſich nicht jener Laſt un erwehren, welche ſich auf unſere Augen herabzuſenken ſcheint Li und ſie, unſerem eigenen Willen zum Trotz, zwingt, ſich zu ſchließen. Danglars ſchlief daher ſeit mehreren Stun⸗ L den, wenn auch nur ſehr unruhig. Er hatte ſich, ohn abe; hore nten nen. gen⸗ da⸗ ürde iden oli⸗ auf ſich im llen Ge⸗ von ar⸗ ben or's end tig, em ein⸗ nt⸗ aſt eint ſich ⁰ Fräulein Armillh die erſte, welche erfuhr, daß ein Unbe⸗ kannter ſo früh Einlaß begehrte. Bei dem Worte Polizeiagent fühlte Louiſe eine gute Ahnung. Sie glaubte, der Hilferuf ihrer Freundin habe die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden erregt und der Wagen des angeblichen Fürſten von Spada ſei durch die wachſame Polizei angehalten worden. Sie eilte ſelbſt in das Zimmer des Baron's und weckte ihn ſofort auf, nachdem ſie dem Diener Befehl ge⸗ geben, den Polizeiagenten in den Saal zu führen. Der Baron fuhr ſchnell aus dem Schlafe empor und ſchickte ſich bei der Anmeldung dieſes eben ſo erwünſchten als unverhofften Beſuch's an, hinunterzugehen. Louiſe eilte, als ſie das Zimmer des Baron's verließ, ſich hinter eine Thüre zu verſtecken, in der Abſicht, von dem, was der Polizeiagent ſagen würde, kein Wort zu verlieren. Zu ih⸗ rem großen Erſtaunen aber ſah ſie ſich vergebens in dem Saale nach ihm um. Der Saal war leer. Sie kehrte um und fragte, ob der Fremde in den Saal geführt worden ſei. Als der Die⸗ ner dieſe Frage mit Ja beantwortete, glaubte ſie ſich ge⸗ täuſcht zu haben, kehrte nach dem Saale zurück, öffnete die Thüre, trat ein, rief— aber Niemand antwortete ihr; ſie war allein hier. Wittlerweile ſtand der Baron im Begriff hinunterzu⸗ gehen, als eine Stimme, die ihm nicht unbekannt war, ihn zurückhielt. „Das läßt ſich nicht leugnen, Herr Baron, Sie ent⸗ wickeln in allen Ihren Bewegungen eine ganz verzweifelte Langſamkeit.“ Der Baron drehete ſich raſch herum, um dieſe Anklage Lügen zu ſtrafen und ließ einen leiſen Schreckensruf hören. Er ſtand Benedetto gegenüber. „Sie hiet?“ fragte er,„wo ſind Sie denn hereinge⸗ Die Todtenhand. 2. Band. 5 — 2 . 6 kommen? Das Zimmer hat ja keine andere Thüre als dieſe da!“ „O, Sie vergeſſen, wie es ſcheint, daß die Todten⸗ hand in dem Dunkel die Thüre zu finden weiß, welche eine andere Hand nicht aufzufinden vermöchte.“ „Sie ſcherzen, mein Herr. Erklären Sie ſich, wo ſind Sie hereingekommen? Aus welchem Grunde dringen Sie auf dieſe Weiſe in meine Wohnung ein— reden Sie, oder ich rufe um Hilfe!“ „Es iſt ganz überflüſſig, um Hilfe rufen zu wollen, denn es will Ihnen ja Niemand etwas zu Leide thun. Wenn ich nicht in guter Abſicht gekommen wäre, ſo wäre das Uebel, welches ich Ihnen anthun könnte, ſchon ge⸗ ſchehen.“ „Aber was wollen Sie von mir? wo ſind Sie herein⸗ gekommen?“ fragte der immer noch unruhige Baron von neuem. „Ich werde blos Ihre erſte Frage beantworten und hoffe, daß wir uns leicht verſtändigen werden. Schließen Sie dieſe Thüre, Herr Baron, man könnte uns ſtören.“ „Aber man erwartet mich unten! Sie wiſſen vielleicht nicht— doch nein, Sie müſſen wiſſen.“ 1 „Ich weiß Alles, mein Herr. Man hat Ihnen Ma⸗ demoiſelle Eugenie geraubt. Es iſt das ein Streich Ih⸗ res Freundes Vampa.“* 1 „Meines Freundes?“.. 4 „Er hat Ihnen Geld angeboten und Sie haben es 1 angenommen.“ „Ich?“ „Ja, Sie! Was erwarteten Sie wohl, indem Sie Geld aus den Händen eines Banditen empfingen und eine junge ſchöne Tochter im Hauſe hatten? Seine Meinung iſt, daß Sie mit Zahlen beſſer umzuſpringen wiſſen, als Mrnſchen.“ als dten⸗ elche wo ngen Sie, Men, hun. wäre ge⸗ rein⸗ von und eßen 7 icht Ma⸗ — 5 Ih⸗ „O ich werde niemals die Menſchen begreifen, die ſich nicht deſich erklären— wie Sie zum Beiſpiel.“ „Ich werde Sie zufrieden ſtellen, vorher aber machen Sie dieſe Thüre zu.“ „Gehen Sie lieber erſt mit mir hinunter und warten Sie, bis ich mit einem Polizeiagenten geſprochen habe, der mich ſo eben aufſucht und mir ohne Zweifel Meldung von der Verhaftung des Räubers geben und mir ſagen will, daß man nur mein Zeugniß erwartet, um zu wiſſen, wer er iſt. Ha, das Leben des Signor S iſt jetzt in meinen Händen.“ „Das ſind Alles alberne Mährchen, Herr Baron. Wenn Sie ein Mann von Verſtand ſind, ſo vermeiden Sie das Zuſammentreffen mit dem Polizeiagenten ſo viel als möglich.“ „Warum?“ „Wenigſtens aus Inſtinkt.“ „Was wollen Sie ſagen?“ Der Baron ward bleich und drehete mit ze Hand raſch den Schlüſſel der Thüre im Schloſſe herum. „Gut, Herr Baron, das iſt klüger. Und nun kom⸗ men Sie her und hören Sie.“ In dieſem Augenblicke ward leiſe an die Thüre ge⸗ pocht und die Stimme Louiſens ließ ſich vernehmen. „Herr Baron?“ Der Baron wollte antworten, Benedetto aber ihm durch eine Geberde Stillſchweigen. „Herr Baron, o welches Geheimniß iebt es hier? Mein Gott— Alles dies erſchreckt mich— Als Louiſe ſah, daß man ihr nicht antwortete, ging ſie wieder hinunter und einige Minuten ſpäter hörte man abermals ihre Stimme, die einen Diener rief. „Herr Baron,“ ſagte Benedetto.„Ich weiß Alles. Vampa iſt ſo eben feſtgenommen worden. Er hat erklärt, daß er hier war, er hat Ihren Namen„ genannt und Sie 5 — 65 können ſich leicht denken, daß die Juſtiz einen Mann, in deſſen Hauſe der Bandit Luigi Vampa die Nacht zuge⸗ bracht, nicht unmoleſtirt laſſen wird.“ Der Schweiß ſtand in großen Tropfen auf der kahlen Stirn des armen Baron's. „Nun?“ fragte er ängſtlich, indem er einen unruhigen Blick auf die Thüre warf. „Nun, der Fall iſt ganz einfach,“ antwortete Bene⸗ detto mit der unerſchütterlichſten Kaltblütigkeit.„Sobald mir die Sache zu Ohren kam, eilte ich hierher, um Sie davon in Kenntniß zu ſetzen.“ „Aber was ſoll ich thun?“ fragte der Baron aber⸗ mals mit immer höher ſteigender Unruhe. „Sie haben wirklich nicht viel Kopf, Herr Baron.“ „Ach, das gebe ich gern zu, lieber Freund. Es giebt gewiſſe Dinge, die ſo unerwartet kommen, daß ſie eine ganz eigenthümliche Wirkung auf mich äußern. Indeſſen, ich glaube ſelbſt, daß keine Zeit zu verlieren iſt.“ Waos thaten Sie in Paris, als Sie die Schwierig⸗ keit Ihrer Stellung und die Enormität des Defect's aus Ihren Kaſſabüchern erſahen?“ „Ah, Sie ſtecken mir ein Licht auf. Während der Procurator der Wittwen und der Waiſen ſein Almoſen von fünf Millionen erwartete, ergriff ich die Flucht.“ „Was wollen Sie mehr? Während der Polizeiagent unten im Saale den Augenblick erwartet, Sie beim Kra⸗ gen nehmen zu können, ſagen Sie allem dieſen Lebewohl und machen ſich aus dem Staube.“ „Daran dachte ich in dieſem Augenblicke auch, mein vortrefflicher Freund. Aber der Weg?“ „Ich werde Sie führen.“ „Auf Ehrenwort?“ fragte der Baron in bittendem Tone. Ich ſchwöre es! Alſo beeilen Sie ſich, binnen weni⸗ gen Augenblicken wird man dieſe Thüre aufſprengen. Der 1. . 65 Tag wird immer heller und bald werden Sie nicht mehr fliehen können!“ „O, verwünſchter Vampa!“ murmelte der Baron, in⸗ dem er an ſeinen Secretair ging und beim Scheine der Lampe das Schubfach unterſuchte, wo er ſein Geld ver⸗ ſchloſſen hatte. „Laſſen Sie doch dieſe Bagatelle,“ ſagte Benedetto, „ich habe Geld und werde Ihnen davon leihen.“ „Was? Ich ſoll, was mir gehört, zurücklaſſen, damit die Juſtiz ſich davon mäſte? Niemals,“ antwortete der Baron, indem er das ſämmtliche Geld, ſo wie alle ande⸗ ren Werthgegenſtände, die er in ſeinem Secretair fand, in die Taſchen ſteckte.„Die Eile wird nicht ſo dringend ſein, daß wir nicht für eine Hand voll Piaſter zwei oder drei Minuten opfern könnten. Jetzt bin ich bereit— machen wir uns nun auf die Flucht.“ Als der Baron dies ſagte, drückte Benedetto auf die Feder des Gemäldes, von welchem wir ſchon geſprochen haben und welches eine der Wände des Zimmers ſchmückte. Das Gemälde drehte ſich ſofort um einen in dem Rahmen angebrachten Zapfen und ließ eine ſchmale Treppe ſehen, welche, ſo weit man ſehen konnte, in das Innere der Mauer hinabführte. „Hierher, Herr Baron,“ ſagte Benedetto,„nehmen Sie ſich aber in Acht. Die Treppe iſt eine Wendeltreppe und die Stufen ſind wegen der Feuchtigkeit ſehr ſchlüpfrig.“ „Sie ſind ein wahrer Zauberer,“ antwortete der Ba⸗ ron, indem er ſich führen ließ und zu ſeiner Beruhigung bemerkte, daß das Gemälde von ſelbſt wieder ſeinen frühe⸗ ren Platz an der Wand einnnahm.„Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich jemals etwas von dieſem Geheimniß ge⸗ ahn't habe. Es iſt wunderbar, in der That.“ WMittlerweile war Louiſe abermals gegangen, um den Baron Danglars zu rufen, indem ſie ſich diesmal von zwei Dienern begleiten ließ. Die Thüre war immer noch verſchloſſen und keine Stimme antwortete auf Louiſens Ruf. Sie gerieth nun auf die ſeltſamſten Vermuthungen, von welchen den Dienern nur eine einzige wahrſcheinlich vorkam. Es war die, daß der Baron Danglars plötzlich vom Schlage getroffen worden und deshalb nicht Zeit ge⸗ habt habe, die Thüre zu öffnen. Dennoch konnte Louiſe, welche ſchon vorher in dem Zimmer geweſen, nicht begrei⸗ fen, weshalb der Baron die Thüre verſchloſſen hatte. Die Diener beſchloſſen, ſie aufzuſprengen. Louiſe be⸗ fahl ihnen noch einige Minuten zu warten, während wel⸗ cher ſie den Baron Danglars nochmals mit lauter Stimme rief. 2 Als ſie ſah, daß all ihr Rufen nichts half, gab ſie das Zeichen und die Diener begannen ihr Werk. Schon nach wenigen Anſtrengungen begann das wurmſtichige Holz der Thür ſich zu ſpalten. Die Nägel gingen aus den Löchern, das Schloß flog bis in die Mitte des Zimmers und das Thürgewände ſtürzte in Trümmern auf die Diele. Louiſe ſprang in das noch von dem ſchwachen Scheine der auf dem Secretair ſtehen gebliebenen Lampe erleuchtete Zimmer, und ſah ſich mit Verwunderung und Schrecken darin um. Das Zimmer war leer. — Louiſens Schreck ſtieg immer höher. Ihr Geſicht ward leichenblaß und das Herz drohte ihr die Bruſt z zerſprengen. Ein Menſch, der ſich für einen Polizeiagenten ausgab, war in dieſes Haus eingedrungen und wie durch Zauberei wieder verſchwunden. Der Baron war nicht in ſeinem Zimmer und dennoch war merkwürdigerweiſe die Thüre von innen verſchloſſen. Wie ſollte man ſich dieſe beiden auß ordentlichen Umſtände erklären, beſonders den letztern? „Ah!“ ſagte ſie, indem ſie mit gewaltiger Anſt gung ihre Furcht zu verhehlen ſuchte, um ſie den Dien — ch uf. en, ich ge⸗ iſe, ei⸗ be⸗ el⸗ me ſie on rn, as ine ete ken —— nicht merken zu laſſen,„der Herr Baron iſt ohne Zweifel ausgegangen und deshalb iſt es unnöthig, ihn weiter zu ſuchen—“ „Aber, Mademoiſelle,“ entgegnete einer der Diener, „wie ſoll er denn hinausgekommen ſein? Es könnte nicht anders geſchehen ſein, als durch das Fenſter und auch die⸗ ſes iſt vergittert!“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Louiſe,„aber dennoch muß dem ſo ſein. Sagt dem Poſtillon, daß er anſpanye, weil ich in die Stadt zurückkehren will und wenn der Herr Baron zurückkommt, ſo ſagt ihm, daß ich ihn bitte, mich zu entſchuldigen, daß ich mich entfernt habe ohne ihn zu erwar⸗ ten, weil ich nicht länger vom Theater abweſend bleiben kann.“ Die Diener gehorchten und einige Augenblicke darauf ſaß Louiſe, noch vor Furcht zitternd, in dem Wagen, der ſie nach Rom zurückführte. Kaum war ſie in ihr Haus getreten, als Frau Aspa⸗ ſia herbeigeeilt kam, um ihr mitzutheilen, daß ihre Freundin Eugenie am frühen Morgen zurückgekommen ſei, ſich aber, weil ſie ſich ein wenig unwohl gefühlt, zu Bette gelegt habe, um auszuruhen. Louiſe eilte ſofort mit Thränen in den Augen nach dem Zimmer Eugenien's, warf ſich auf ihr Bett, ſchloß ſie in ihre Arme und überhäufte ſie mit Beweiſen der aufrich⸗ tigſten Zuneigung. Die beiden Freundinnen vermiſchten ihre Küſſe und ihre Thränen. Eugenie preßte ihr Geſicht an Louiſens Bruſt, um ihre Röthe und ihre Scham zu verbergen. Während die beiden Freundinnen ſich ſo ihren Empfin⸗ dungen hingaben und Eugenie, tauſendmal das Gefühl be⸗ reuend, von welchem ſie ſich hatte beherrſchen laſſen, aus ihrer Seele jedes andere Bild als das ihrer Freundin, Louiſe, verbannte, kannte der Baron Danglars ſchon ſeine Lage und zitterte Benedetto gegenüber vor Wuth und Ver⸗ zweiflung. ———————— —— mehr todt als lebendig an das Thürgewände lehnte. Baron, und ich will daher ohne weiteren Zeitverluſt — 72— Sie waren beide an dem Ende der Wendeltreppe an⸗ gelangt, vermittelſt deren der Baron von dem Sohne Ville⸗ fort's geführt zu entfliehen gedachte. Ihnen gegenüber befand ſich eine kleine Thür, welche mit einem Hauſe in Verbindung ſtand. Das Morgenlicht drang durch die Spalten eines kleinen hoch in der Mauer angebrachten Fenſters. Kaum an dieſem Orte angelangt, drehete ſich Bene⸗ detto raſch gegen ſeinen Begleiter herum, hielt ihm die Mün⸗ dung eines Piſtol's vor Augen und fragte ihn in kurzem Tone, wieviel Geld er bei ſich habe. Der Baron verlor vor Schreck die Sprache, doch machte er eine ungeheure Anſtrengung und endlich gelang es ihm aus ächzender Kehle die Worte hervorzuſtottern: „Wohlan, lieber Freund, hören Sie auf mit Ihren Scherzen, ich weiß ſchon wie Sie—“ „Sie müſſen wiſſen, daß ich Sie ohne das mindeſte Bedenken und ohne die mindeſte Schwierigkeit umbringen werde, wenn Sie mir nicht ſofort das ganze Geld gus⸗ händigen, welches Sie aus Ihrem eleganten Secretair g nommen haben. Ja, ja, Herr Baron, dieſer Zuſtand von Betäubung, in welchen Sie die Ueberraſchung verſetzt, wäre ganz an der Zeit, wenn ich der Mann wäre, der vor dem Gedanken zurückbebte, einen Menſchen, den er beſtehlen wilh, auch umzubringen.“ „Mein Herr,“ ſtammelte der Baron, aiz gewiß wollen Sie ſich auf meine Koſten luſtig machen. O, dieſer Augenblick iſt übel gewählt!“ 3 „Darin haben Sie Recht, denn man kann das Haus umzingeln, dieſen geheimen Gang entdecken und Sie fit⸗ nehmen.“ „Und Sie auch!“ ſagte der Baron, indem er „Ihre Worte ſind die eines guten Propheten, e n⸗ Ville⸗ welche nlicht Nauer Bene⸗ Mün⸗ trzem doch elang 1 Fhren ideſte ingen aus⸗ r ge von wäre dem will, ewiß ieſer aus feſt⸗ — Sache ein Ende machen,“ antwortete Benedetto, indem er mit der größten Kaltblütigkeit von der Welt den Hahn ſei⸗ nes Piſtols ſpannte. „Sie wollen mich alſo wirklich beſtehlen,“ murmelte der Baron mit der größten Verzweiflung und ſtampfte mit dem Fuße und raufte ſich das Haar aus.„Sie ſind ein Verräther!“ „Ich danke Ihnen,“ antwortete Benedetto,„und was ſind Sie denn? Was ſind Sie denn geweſen? Was werden Sie immer ſein?“ „Ich? Ich— ich habe nicht— niemals— habe ich Ihnen jemals etwas zu Leide gethan?“ „Dieſe Frage habe ich noch nicht an Sie gerichtet und werde ſie auch nicht an Sie richten. Baron Danglars, Ihr Geld oder Ihr Leben!“ „Sie ſind alſo ein Dieb?“ „Aber das wiſſen Sie doch ſchon lange, lieber Freund.“ „Ja, ich wußte es, ich hatte aber vergeſſen, daß ich es wußte!“ antwortete Danglars in der größten Ver⸗ zweiflung—„ich wußte nicht— o, Verhängniß, Ver⸗ hängniß!“ „Nein, mein Herr, nein; das Verhängniß kann nichts dafür, ich will Ihnen Ihre Verblendung erklären. Von. dem Augenblicke an, wo ich Ihnen in etwas nützlich ſein konnte und wo meine Dienſte immer wichtiger wurden, wo Sie einſahen, daß die Stellung, die ich Sie habe erfahren laſſen, ohne Atbeit zu leben, fortwährend ihren Reiz behielt, haben Sie die natürliche Schwäche gehabt, meine kleinen Verirrungen zu entſchuldigen und einen Menſchen Ihren Freund zu nennen, der nicht auf die Welt gekommen iſt, um der Freund irgend eines Menſchen zu ſein! Sie haben dieſt Schwäche gehabt, weil ihr Gewiſſen niemals rein ge⸗ en iſt. Nein, es hat niemals rein ſein können, das Ge⸗ eines Menſchen, welcher den Plan entworfen, das gte Geld der Wittwen und Waiſen zu ſtehlen! Das Gewiſſen eines Menſchen, der, nachdem er ſeine Gattin gröblich beleidigt, die Unverſchämtheit beſitzt, vor ihr zu er⸗ 4 ſcheinen, um ſich der Trümmer ihres Vermögens zu bemäch⸗ 5 tigen, die, wie er vermuthet, aus dem Schiffbruche gerettet und durch, ich weiß nicht was für geheime Operationen ver⸗ 9 doppelt worden ſind! Das Gewiſſen eines Menſchen, der den berüchtigtſten römiſchen Banditen beherbergt und aus ſeiner verbrecheriſchen Hand Geld annimmt, ohne ſich genau nach 3 dem Beweggrund einer ſo ſeltſamen Großmuth zu er⸗ 2 kundigen! Begreifen Sie jetzt, von welcher Art die Binde war, welche Ihre Augen bedeckte, Herr Baron?“ n „Und Sie, der Sie ſo ſprechen— wer ſind Sie? wo kom men Sie her? und was wollen Sie eigentlich?“ d „Sehr gut. Drei Fragen, drei Antworten. Ich bin d ein Menſch ohne Namen, ohne Familie, ohne Gott, ohne Religion, ohne Vaterland und ohne Freunde. Ich bin in einer Nacht aus einem Grabe aufgeſtiegen, in dem Herzen h die Flamme der Verzweiflung tragend, auf den Lippen den„ n Fluch und in den Händen eine eigenthümliche Reliquie— die Hand, die mich erwürgen wollte, als ich auf dieſer 4 Welt den erſten Athemzug that, die Hand, welche mich ſpä⸗ ie ter geſegnet hat, die Hand, die ich geküßt und mit meinen Thränen benetzt habe. Jetzt, mein Herr, bleibt mir nur in noch Ihre letzte Frage zu beantworten übrig: was ich eigentlich will? Ha, was ich will, was ich verfolge, iſt eine d gerechte und unverſöhnliche Rache!“ ſi „Und wann habe ich Sie denn beleidigt?“ fragte Danglars, der ſich kaum noch auf den Füßen zu halten 5 vermochte. „Niemals.“ h „Nun, und dennoch— beſtehlen Sie mich?“ „Mein Herr, ich ſtehle, weil der Weg, den ich zurück⸗ r zulegen habe, ſchwierig, weil er lang und koſtſpielig iſt Der Menſch, mit welchem ich zu thun habe, iſt mächtig und um ihn zu bekämpfen, bedarf ich Gold. Ich ſtehl * tin er⸗ ch⸗ tet er⸗ en er aus Nothwendigkeit, aus unbedingter Nothwendigkeit, aber ich opfere dieſer Nothwendigkeit nicht die Perſon, welche ich beſtehle. Mein Herr, die Zeit verrinnt.— Ihre Lage iſt eine unabänderliche; wählen Sie alſo: Ihr Gold oder Ihr Leben.“ Mit dieſen Worten ſtreckte Benedetto die Hand aus und empfing das Geld, welches der Baron ihm unter wie⸗ derholtem ſchmerzlichen Aechzen zuſtellte. Der Baron ward nun wieder ſchlechtweg Danglars, weil er nun ärmer war als jemals. Es trat ein Augenblick des Schweigens ein, während deſſen Benedetto, das Piſtol in der Fauſt, durch eine Spalte der Thür hindurchlugte. „Es iſt Niemand da!“ murmelte er.„Gehen wir.“ Der Baron ſchlich bleich und zitternd längs der Mauern hin, bis er Benedetto eingeholt hatte, hinter dem er mit der kläglichſten Miene von der Welt herſchwankte. „Erbarmen!“ ſagte er,„ich bin alt und meine weißen Haare ſollten Anſpruch auf Ihr Mitleid haben. Was ſoll ich nun anfangen— womit ſoll ich mein Brod verdienen? Sie wiſſen wohl, daß ich bei dem erſten Schritt, den ich in die Stadt Rom ſetze, verhaftet werde.“ „Nun, dann bekommen Sie Quartier umſonſtz iſt denn das ſo ſchlecht?“ antwortete ihm Benedetto, indem er ſich anſchickte die Thüre zu öffnen. „Haben Sie Erbarmen mit mir; um Gotteswillen, haben Sie Erbarmen mit mir.“ Benedetto blieb ſtehen und heftete auf Danglars einen Blick, der bis in die ge⸗ heimſten Tiefen ſeines Herzens zu dringen ſchien. „Zum Teufel, Sie ſind ja recht fromm, alter Kame⸗ rad!“ rief er; dann fuhr er fort: „Die Armuth iſt die Baſtardſchweſter der Frömmig⸗ keit, wenigſtens wandelt ſie ihr immer zur Seite.“ „Nun, wenn der Name Gottes keine Macht ibg, Sie 6 hat, ſo bitte ich Sie im Namen der Miſſion, die Sie ver— folgen, um Erbarmen!“ entgegnete Danglars. „Na, das begreife ich wenigſtens beſſer. Aber was wollen Sie von mir?“ „Daß Sie mir beiſtehen.“ „Aber worin?“ * „Ach, in Allem! in Allem! Retten Sie mich, ſchützen Sie mich!“ „Nun, ſoll ich Sie denn vielleicht überall mit herum⸗ ſchleppen, Sie alter zudringlicher Schwachkopf? Ich ver⸗ laſſe jetzt Italien. Ein Schiff, welches mir gehört, erwartet mich im Hafen.“ „Ein Schiff!“ wiederholte Danglars, indem er ge⸗ räuſchvoll aufathmete und ſich plötzlich emporrichtete,„ein Schiff!“ Es war, als ob ihm plötzlich neues Leben eingehaucht würde. „Was giebt es denn?“ ſagte Benedetto, der, als er Danglars Geberde bemerkte, raſch mit der Hand nach der Taſche fuhr, um ſein Piſtol zu faſſen. „Haben Sie mir nicht ſo eben geſagt, daß ein Schiff, welches Ihnen gehört, Sie im Hafen erwartet?“ 3 Ja „Haben Sie ſchon einen Lootſen?“ „Ohne Zweifel.“ „Whl“ „Nun, und wenn ich keinen hätte?“ „So würde ich Sie um dieſen Poſten gebeten haben.“ „Sie2 „Ja wohl, ich. Da Sie aber einmal eine Seereiſe machen, ſo werden Sie ohne Zweifel auch Handelsgeſchäf damit verbinden. Sie nehmen vielleicht hier in dem mit⸗ telländiſchen Meere Contrebande mit und in dieſem Falle biete ich mich als Supercargo an.“ hö mi ich ehre ever⸗ was ützen rum⸗ ver⸗ artet ge⸗ „ein 1 ucht er der iff, 1 „Sie verſtehen alſo die Lenkung eines Schiffes, ſo wie den Seehandel?“ „Ob ich ihn verſtehe! Ich habe unter den Waarenbal⸗ len, welche das Schiff befrachteten, ausgeſtreckt, meine erſten Zähne auf dem Meere bekommen.“ „Was ſagen Sie? Und das Wappen, welches Ihre Wiege ſchmückte und der Name Ihrer Ahnen?“ „Ich habe als Matroſe angefangen, ich bin immer höher geſtiegen und endlich das geworden, als was Sie mich geſehen haben. Jetzt geht es wieder bergabwärts und ich werde auf dem Punkte enden, von welchem ich ausge⸗ gangen bin.“ „Schwören Sie mir bei Ihrem Leben, daß Sie die Wahrheit ſagen?“ „Bedenken Sie wohl, daß wenn wir einmal auf dem Meere ſind und Ihre Unfähigkeit an den Tag käme, Sie einen Sarg bekommen würden, der Ihrer würdig wäre— den Bauch eines Haifiſches!“ „Ich ſtehe für mich.“ „Wohlan, ſo ſtecken Sie Ihre Titel in die Taſche und folgen Sie mir. Ihre Geſchichte ſcheint mir in der That ſehr intereſſant zu ſein. Sie werden ſie mir erzählen, wenn wir in See ſind. Ich verſichere Ihnen, daß Niemand im Stande wäre, unter dieſen ſchönen, mit Sammet und Seide gefütterten Rocke die gemeine und grobe Jacke des Matro⸗ ſen zu erkennen. O, die Welt, die Welt!“ Siebentes Kapitel. Eine Nacht auf dem Meere. 3.* 3* Wem es einem Menſchen von niederer erkunft. durch ehrenwerthe Arbeit und angeſtrengte Studien gelingt, ſich — 78— emporzuheben und ſich einen Namen zu machen, der voll⸗ ſtändig ſein gehört, wem wird es dann jemals einfallen, ihm ſeine niedrige Geburt vorzurücken, um ihn dadurch herabzuſetzen? Wer wird wünſchen, ihn durch Armuth oder durch Intrigue wieder in jene Dunkelheit zurückfallen zu ſehen? Wenn aber ein Menſch des ſocialen Nichts ſich durch die Kabale emporhebt, durch das Verbrechen aus ſeiner Dunkelheit heraustritt, wer wird dann nicht dem burlesken Sturz dieſes Individuums Beifall zuklatſchen, wenn es von dem Gipfel ſeiner Macht herab in dem Staube ber⸗ ſchwindet, aus welchem es urſprünglich hervorgegangen? Aber weit entfernt von dieſer ſchönen Theorie ſind die Thatſachen, welche gewöhnlich auf dieſer Welt geſchehen. Die Geſellſchaft richtet ſich keineswegs nach ihr und nimmt ſie nicht zum Maßſtab ihres Urtheils. Die Intrigne, die Kabale und nur zu oft das Verbrechen, ſind wenigſtens eben ſo ſtarke und mächtige Vehikel, als die Wiſſenſchaft, das Studium und die Jugend. Die Einen, das heißt die Schurken, verfolgen per fas et nelas die Stellung, nach der ſie trachten und wenn ſie ſie erhalten, ſo klammern ſie ſich daran mit einer Zähigkeit feſt, die ſie faſt unentthron⸗ bar macht. Die Anderen, das heißt die rechtſchaffenen Leute, em⸗ pfangen die Stellung mehr wie eine Belohnung, als wie etwas, wasihrem Verdienſte gebührt. Sie rühmen ſich deſſen nicht und halten ſich ſo lange, bis es einem Neidi⸗ ſchen einfällt, ſie wieder zu verdrängen. Von den Erſtern ſagt man:„Das ſind geſchickte Leute,“ von den Letztern:„Das ſind ungeſchickte Menſchen,“ wo nicht Dummköpfe. 6 O menſchliche Gerechtigkeit! Welche Widerſprüche u Abgeſchmacktheiten zeigen ſich faſt in allen Deinen Ausſprit chen. Wann wirſt Du endlich jene Vorſchriften, die de Gewiſſen an die Hand giebt, aber in Folge einer oll⸗ len, rch der zu —. urch iner sken es ver⸗ die hen. nint die eben das die nach ſie ron⸗ em⸗ wie ſich eidi⸗ ute,“ nd der Intrigue, das hrißt, er ſtieg auf dʒſilb — 53— thümlichen Erſcheinung nicht anwendet, zur Richtſchnur nehmen— jene Vorſchriften, die eine göttliche und voll⸗ kommene Gerechtigkeit ausmachen— die Gerechtigkeit, wel⸗ che man die Gerechtigkeit Gottes nennt! Die Vollkommenheit iſt nicht von dieſer Welt, ſagen die Weiſen dieſer erbärmlichen Erde, und wie oft ſuchen ſie, hiervon ausgehend, einen Act der Gewaltthätigkeit des Blutes oder der Räuberei zu rechtfertigen oder doch zu ent⸗ ſchuldigen. Die Vollkommenheit iſt nicht von dieſer Welt i in ſeiner Verblendung vernichtet der Menſch die augenſcheinli— chen Beweiſe jener göttlichen Gerechtigkeit, die ſich uns durch eine wunderbare und unerklärliche Combination von Thatſachen offenbart, die blos dahin abzielen, den Betrü⸗ ger zu entlarven, welcher ſeine Schandthaten unter der Maske der Heuchelei verbirgt. Der Baron Danglars ward von einem jener Streiche getroffen, welche den Menſchen zur Umkehr auf ſeinem ver⸗ brecheriſchen Pfade nöthigen. Dennoch hatte es nicht in der Macht eines menſchlichen Weſens geſtanden, dieſen Schlag auf das ſchuldige Haupt zu führen; Niemand hatte daran gearbeitet die Combinationen vorzubereiten und die Thatſachen zu combiniren, um ihn von Stufe zu Stufe bis in den Staub ſinken zu laſſen. Es lag in allem dieſen ein Wille, der höher iſt, als der, der Menſchen, eine göttliche Intelligenz, die ihn verdammte und die Thaten ſeines Lebens recht richtete, ein allmächtiger Arm, deſſen Kraft unwiderſtehlich war. Als niedriger, aus dem Nichts hervorgegangener Menſch begann er mit Verrath, ſtieg bis zum Diebſtahl, zur Ka⸗ bale und ſah ſich auf den Gipfel der Größe getragen. Er berguſchte ſich mit dem Weihrauch des Stolzes; er vergaß, von welchem Punkte er ausgegangen war. Dann verrieth man ihn; ſpäter ward er das Schlachtopfer des Diebſtahl's Stu⸗ fen herab, auf welchen er hinaufgeſtiegen war und dieſe führten ihn in das Nichts zurück, aus welchem er hervor⸗ gegangen. Das war die Gerechtigkeit Gottes. Danglars hatte Benedetto begleitet und am Tage dar⸗ auf ſah er ſich am Bord der Vacht, welche, nachdem ſie die Tiber verlaſſen, nach Corſika zu ſteuerte. Die Mann⸗ ſchaft kam Danglars bekannt vor. Der zweite Steuermann war Peppino und dieſes Individuum kannte Danglars ſeit einiger Zeit. Die Bacht mit ihren beiden durch den Abendwind ge⸗ ſchwellten lateiniſchen Segeln neigte ihre Ragen zierlich auf den weißen Schaum dieſer friedlichen Wellen, die ſie durch⸗ furchte, indem ſie ſich raſch von den Küſten Italiens ent⸗ fernte. Nachdem die nöthigen Manövres ausgeführt, die Taue angezogen und alle Gegenſtände an ihren gehörigen Ort gebracht waren, ließen die acht Matroſen, welche die Bemannung der Pacht ausmachten, ſie vor dem Winde gehen, ſtreckten ſich nachläſſig auf dem Deck und ſtopften ihre Pfeifen, um zu rauchen. Peppino ſtand an den Vordermaſt gelehnt und betrach⸗ tete neugierig den am Steuerruder ſtehenden Mann, der die Augen fortwährend entweder auf die Windfahne oder auf den kleinen Compaß gerichtet hielt. Benedetto ſtand in ſeinen Mantel gehüllt neben dieſem Manne, als ob er ſeine Bewegungen und Geberden über⸗ wachte. MWit Einbruch der Racht ward der Wind friſcher un die Vacht begann ſchneller zu ſegeln. er zu Benedetto. „Sehen Sie, die Nacht wird kühl, wir kommen 5 die Windlinie und nach meiner Meinung können wir nur die Leeſegel beibehalten und müſſen die Toppſegel reffer „Das iſt für mich ſo gut, als ob Sie Griechiſch re⸗ Als der Mann am Steuerruder dies bemerkte, ſagte ——— 1 ieſe or⸗ ar⸗ ſie n⸗ nn ſeit ge⸗ uf nt⸗ die en die de en ch⸗ der der em er⸗ nd —— deten und bei dem Griechiſchen fällt mir ein, daß ich einen Ahn gehabt habe, der vor Sehnſucht es zu wiſſen ſtarb, Meiſter Danglars,“ antwortete Benedetto.„Ich werde aber ſogleich Jemanden rufen, der Ihr Kauderwälſch ver⸗ ſteht.— Heda, Rocca Priori, ruft einmal den Lootſen der Geſellſchaft.“ „Hier!“ rief ſogleich ein Individuum, welches raſch aus dem Kreiſe der Matroſen aufſprang und nach dem Hin⸗ tertheile des Schiffes kam. „Meiſter Danglars ſpricht vom Reffen der Toppſegel,“ ſagte Benedettv. Der Lootſe lächelte verächtlich und warf Danglars ei⸗ nen hämiſchen Blick zu. „Warum denn?“ „Wir kommen in die Windlinie und haben auf dieſe Weiſe an den Leeſegeln vollkommen genug,“ antwortete Danglars. „Ach ſeht doch! Mir ſcheint, als wenn Ihr eben nicht darauf bedacht wäret, die Arme der Mannſchaft zu ſchonen. Warum werden wir denn in die Windlinie kom⸗ men, wenn ich fragen darf?“ „Wißt Ihr denn nicht, wo die Inſel Elba liegt? Seht Ihr nicht, daß der Südweſtwind ſich erhebt?“ Und die Racht, die ſich immer mehr der Windlinie näherte, verlor demzufolge an Schnelligkeit. Der Lootſe zuckte die Achſeln, indem er einige Worte murmelte, von welchen Benedetto etwa folgende vernahm: „Ich verſtehe Nichts von dieſer Art zu ſteuern und will auch Nichts davon verſtehen. Wie mir ſcheint, tet ſich der Kamerad vor dem Laviren—“ „Marſch auf Eure Poſten,“ ſagte Benedetto,„Mai⸗ ſter Danglars wird das Manöver commandiren.“ Sierauf näherte er ſich Danglars und fuhr fort: „Gebt wohl Acht, was Ihr thut! Bedenkt, daß ich Euch in dem Augenblicke, wo mir Eure Untauglichkeit dar⸗ Die Todtenhand. 2. Band. —— gethan wird, den Fiſchen zum Geſchenk mache. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich durchaus keine Eile habe, die Inſel Monte-Chriſto zu erreichen.“ „Beruhigen Sie ſich,“ entgegnete Danglars mit der größten Ruhe.„Ich kenne das mittelländiſche Meer voll⸗ kommen, und obſchon ich die Lage der Inſel nicht weiß, ſo werden wir doch nicht verfehlen, ihr zu begegnen.“ 6 Die Mannſchaften waren auf ihren Poſten. 8 Die einen hielten die Geitaue, die andern die Schv⸗ 1 ten und Halſen des Fockmaſtes. 3 Danglars warf einen Blick auf den Compaß, lehnte ſich auf das Steuerruder und rief, als die Vacht in die Windlinie zu kommen begann, mit ſtarker, heller Stimme „Die Geitaue halb angezogen! Großen Klüver ein!“*— Und dann: „Luvſegel los!“ Die Bacht legte ſich ſogleich mit der Seite auf das Waſſer und die Segel bläheten ſich, während das große Marsſegel und das Fockſegel zu ſchlagen begannen. 3 „Das Fockſegel los! das Marsſegel ein! Laßt gehen!“ Danglars warf bei dieſen Worten einen Blick auf Be⸗ nedetto, welcher zufrieden zu ſein ſchien. Der Lootſe begann auf dem Deck hin- und herzugehen und ſchaute mit düſterer Miene nach der Richtung, wo Meiſter Danglars ſtand.. Die jetzt leicht und ruhig dahinſegelnde Pacht beſchäß⸗ tigte Benedetto's Aufmerkſamkeit nicht mehr. Er ſeufzte tief auf und ſog begierig die freie Luft des Raumes ein. Die auf der Schanze verſammelten Matroſen ſtimm⸗ ten einen langſamen eintönigen Chorgeſang an, der als Re⸗ frain der Verſe diente, welche Peppino mitten, unter ihnen ſtehend ſang. Der Klang ſeiner Stimme ſchien einen 1 angenehmen Eindruck auf Benedetto's Geijüth zu machen. S das Bedürfniß allein zu ſein und N i um ſie abe die der oll⸗ 6 iß, nte die ne: as oße Se Be⸗ en wo 3 zu hören, als das Pfeifen des Windes im Takelwerke und das Murmeln der von dem Kiel durchfurchten Wellen. Nach einem qualvollen Leben, im Angeſichte eines ſchwierigen und gewagten Unternehmens, mit Verzweiflung, vielleicht Reue und einen furchtbaren Rachedurſt im Herzen und vor ſich den unabſehbaren unendlichen Raum, wollte er ſich ſammeln und über die Gerechtigkeit und den Grund der Sache nachdenken, die ihn zu einem Werke der Thrãä⸗ nen und des Blutes trieb. Er rief Peppino und befahl ihm, die Matroſen ſich zur Ruhe begeben zu laſſen, da er ſelbſt während der er⸗ ſten Nacht die Wache auf der Bacht übernehmen würde. „Sie verlaſſen ſich alſo auf die Einſicht des Meiſters Danglars? Sie zählen auf ſeine Fähigkeit?“ fragte Peppino. „Und warum nicht?“ antwortete Danglars.„Ich bin mit dieſem Geſchäft vertraut und kann Dir verſichern, daß, wenn der Wind nicht umſpringt, wir gegenwärtig ſechs und einen halben Knoten in der Stunde zurücklegen und daß wir morgen bei Sonnenaufgang an der Inſel Elba vorbeikommen werden.“ „Gehe, Peppino!“ ſagte Benedettv. Peppino gehorchte und einige Augenblicke darauf hat⸗ ten ſich Alle entfernt. Nur noch zwei Perſonen blieben auf dem Deck. Benedetto und Meiſter Danglars. Beide ſchienen ſich tiefen Betrachtungen hinzugeben. Der Erſte ſtand mit über der Bruſt verſchränkten Armen und entblößter Stirn, die Augen auf das Meer geheftet, welches ſeine Wogen unter dem dunkeln Mantel der Nacht um ihn herwälzte. Der Zweite hielt den rechten Arm auf das Steuerruder geſtützt und die Linke in die Bruſttaſche ſeiner Jacke geſteckt. Auf ſeinen Zügen lag jener ergrei⸗ fende Ausdruck Deſſen, der glle Thaten e Lebens an ſich vorübergehen läßt. Der Eine dachte an die Zukunft, der Andere an die Vergangenheit. Benedetto ging langſam auf Danglars zu, und nach⸗ dem er einen prüfenden Blick auf ihn geheftet, ſchlug er ihn leicht auf die Schulter. „Es giebt nichts Neues,“ beeilte ſich Meiſter Dang⸗ lars zu ſagen, indem er einen raſchen Blick auf den Com⸗ paß warf,„die Vacht geht mit gutem Wind.“ „Wir waren in dieſem Augenblicke alle Beide ſehr weit von der Pacht,“ ſagte ohne ihn ausreden zu laſſen. „Ich verſichere Ihnen—“ „Genug, Meiſter,“ unterbrach ihn Benedetto,„was liegt Ihnen ſowohl als mir in dieſem Augenblicke der Ein⸗ ſamkeit, des Schweigens und der Nacht an der Pacht und dem Meere? Ich dachte über das nach, was geſchehen ſoll und Sie ließen ohne Zweifel Ihr vergangenes Leben die Muſterung paſſiren. Das iſt recht ſo. Einer von uns muß ſich mit Leib und Seele der Verfolgung eines Weſens widmen, an welchem er einen ſterbenden Vater zu rächen ge⸗ ſchworen. Der Andere muß aus den Thaten ſeines ver⸗ gangenen Lebens die heraus ſuchen, durch welche er die furchtbare Strafe des Verhängniſſes verdient hat, welches ſeit einiger Zeit auf ihm laſtet. Reden Sie, mein Herr, reden Sie; ich fühle das Bedürfniß, Jemanden ſprechen zu 3 hören, welcher Verbrechen begangen hat. Ich will das Verbrechen unter ſeinen verſchiedenen Geſtalten ſtudiren— ich will die verſchiedenen Manieren, auf welche ein Menſch in dieſer Welt leiden kann, auswendig lernen. Reden Sie, denn ich will, ich muß Hauch um Hauch die theuerſten MNeigungen des Menſchenherzens erſticken und auslöſchen. Ich habe Strafen und Martern zu erfinden, um ihm das ſchmerzlichte Aechzen aus dem Herzen zu reißen! Weh mir, wenn ich mein Ziel verfehle, wenn der Streich nich trifft, wenn mein Arm wehrlos herabſinkt, wenn mei as en en nd Scharfſinn mir untreu wird. O, mein Vater, dann wür⸗ deſt Du nicht gerächt werden!“ Danglars betrachtete Benedetto mit banger Scheu. Noch niemals hatte er aus ſeinem Munde eine ſolche Spra⸗ che vernommen. NRiemals hatte er ſeine Stimme durch das Schluchzen bitterer Klage unterbrechen hören. Es trat ein Augenblick des Schweigens ein, während deſſen Benedetto ſeinen Thränen freien Lauf ließ, indem er mit großen Schritten und in wilder Aufregung auf dem Deck hin und her ging, bis er abermals vor Danglars ſtehen blieb. „Mein Herr,“ ſagte er,„der Graf von Monte⸗ Chriſto, dieſer Edmund Dantes— antworten Sie mir — wer war er? und von wo iſt er ſo mächtig, als ſo unbarmherziger Rächer hervorgegangen?“ Danglars ſchauderte. „Kann ich Ihnen ein Geheimniß enthüllen, welches nur zwiſchen ihm und Gott beſteht?“ „Und warum ſagen Sie nicht: zwiſchen ihm und der Hölle?“ rief Benedetto. „Weil ich an ein erhabenes Princip zu glauben be⸗ ginne, von welchem die eigentliche wahre Gerechtigkeit aus⸗ geht.“ „Dann glauben Sie, daß Edmund Dantes von die⸗ ſem erhabenen Princip, von welchem Sie ſprechen, begei⸗ ſtert war?“ fragte Benedetto mit einem kaum bemerkbaren verächtlichen Lächeln. „Ich glaube es,“ murmelte Danglars⸗ „Sie?“ „Ja⸗ ja, und ich werde Sie zu, meinem Sben be⸗ kehren, wenn Sie mich hören wollen.“ „Sprechen Sie.“ Danglars ſammelte ſich einen Augenblick und begann dann: „Von 1814 bis 1815 lag in Marſeille eine kleine Brigg, welche dem Hauſe Morel und Sohn gehörte. Ich bekleidete auf dieſer Brigg den Poſten eines Supercargo. Im Januar 1815 ſtarb der Capitain der Brigg auf der Höhe von Porto Ferrajo, und am 25. deſſelben Monats lief das Schiff unter dem Commando eines jungen See⸗ mannes, auf welchen der Capitain ſein ganzes Vertrauen geſetzt, in dem Hafen von Marſeille ein. „Sie können ſich leicht denken, daß der durch den Tod des Cäpitain's vacant gewordene Poſten in mehr als ei⸗ nem Herzen Wünſche erweckte. Mein Ehrgeiz entzündete ſich und ich begann die geeigneten Schritte zu thun, um den Capitainspoſten zu erhalten. Meine Dienſtzeit an Bord, meine ſeemänniſche Erfahrung, Alles mußte zu meinen Gunſten ſprechen, aber nichtsdeſtoweniger wollte der Zu⸗ fall, daß dieſer junge Seemann mir vorgezogen ward! „Nun ſchwur ich, ihn in's Verderben zu ſtürzen. Die⸗ ſer junge Seemann war Edmund Dantes. Er liebte eine junge Catalonierin und erweckte durch den Vorzug, den ſie ihm vor einem ſeiner Landsleute einräumte, die Eifer⸗ ſucht dieſes Mannes— eine wahnſinnige Eiferſucht! Da ich den Character des Cataloniers genau kannte und be⸗ rechnete, bis zu welchem Punkte die Flamme, die ſein Herz verzehrte, gelangen könnte, ſuchte ich den Brand ſo zu ſchüren, daß er Edmund Dantes verderblich werden mußte.“ „Und wie gelang Ihnen dies?“ fragte Benedetto mit gedämpfter Stimme, Geberde und Miene eines Menſchen, welcher die Handlungen nach den Worten, die er hört, ſchätzt und beurtheilt. „Indem ich einen Vorfall der letzten Reiſe benutzte. Ich ſchrieb eine Denunciation gegen Edmund Danes, in⸗ dem ich ſagte, daß er auf der Rückfahrt nach Marſeille an der Inſel Elba angelegt habe und ans Land gegangen ſei. Dieſe Denunciation reichte ich bei der betreffenden Behörde ein und begleitete ſie mit verſchiedenen Details, welche de Zwelk hatten, Edmund Dantes in den Verdacht zu bringer — daß er ein Agent Bonaparte's ſei. Demzufolge ward er als Bonapartiſt in dem Augenblicke verhaftet, wo er ſich zu Tiſche ſetzen wollte, um ſeine Vermählung mit der ſchö⸗ nen Catalonierin zu feiern.— „Von dieſem Tage an verſchwand der Mann, der mir im Wege ſtand, aus der Welt, aber bemerken Sie wohl, mein Herr, niemals, nein, niemals habe ich den Poſten eines Capitain's der Brigg erhalten können. Fünfzehn Jahre vergingen und nach Verlauf dieſer Zeit war die Ca⸗ talonierin, die ſich mit Edmund's Nebenbuhler vermählt, Gräfin von Morcerf geworden, während ich die Wittwe des Herrn von Nargone geheirathet, meinen Titel als Ba⸗ ron Danglars hatte und meine ſchönen, guten Millionen beſaß. „Plötzlich aber tauchte eines Tages, man weiß nicht woher, vielleicht aus dem Schvoße der Erde, vielleicht vom Meeresgrunde, ein unermeßlich reicher und mächtiger Mann auf! Dieſer Mann war der Graf von Monte⸗Chriſto. Seit dieſem Tage begann das Verhängniß auf uns zu la⸗ ſten! Was mich betraf, ſo mußte ich, compromittirt durch den unbeſchränkten Eredit, der ihm auf mein Haus eröffnet worden, Paris verlaſſen und fliehen, um den Reſt meines Vermögens zu retten. Was die Gräfin von Morcerf be⸗ traf, dieſe Frau, welche früher ſeine Geliebte und ſeine Braut geweſen, ſo ſah ſie die gewaltige Hand ihres Un⸗ glück's das Gebäude ihres Glücks von Grund aus zerſtören. Verderben, Armuth, Elend ereilten ſie nur zu bald.“ „Warten Sie,“ ſagte Benedetto plötzlich.„Und aus welchem Grunde wollte Edmund Dantes die Frau, die er geliebt, in Elend und Leiden ſtürzen? Durch welches Ver⸗ brechen hatte dieſe Frau die furchtbare Züchtigung verdient, welche ihr der Mann zufügte, der ſich von Gott inſpirirt erklärte? Verlangte Edmund Dantes vielleicht, daß dieſe Frau fortwährend ihrem Gelübde treu bleiben ſollte, von dem ſie durch ſeine lange Abweſenheit entbunden wo den war? Verlangte er, daß ein fortwährender Wittwenſtand einer armen Frau beſchieden ſei, die ihm noch gar nicht an⸗ gehörte, wie eine Frau ihrem Manne angehört? Ah, das war Dein erſter Fehler, Edmund Dantes. Das war eine ſehr klare, ſehr augenſcheinliche Verblendung von Dir.“ „Ja, aber Sie vergeſſen, daß Edmund Dantes ſich an dem Grafen von Morterf zu rächen hatte,“ bemerkte Danglars. „Und dieſer Mann, der ſich den übrigen Menſchen in Allem überlegen glaubte— dieſer Mann, der ſich für ge⸗ recht ausgab, wie einen Gott, hat nicht gewußt und ver⸗ ſtanden, daß das Erbarmen das ſchönſte Attribut der chriſt⸗ lichen Gottheit iſt,“ entgegnete Benedetto.„Sehen Sie, wie intelligent und gerecht er war, indem er einer entſetzlichen Rache die arme Frau opferte, die ihn geliebt, die vielleicht das Leben für ihn gelaſſen hätte. Wahnſinniger, mitten in Deinem vorgeblichen Ruhme! Elender, auf dem Gipfel⸗ punkte Deiner geträumten Größe, Heuchler, was Du die Erfüllung des göttlichen Wortes nannteſt!—“ „Nein, nein!“ murmelte Danglars zitternd und auf⸗ geregt.„Ein Gott hatte ihn mächtig gemacht, um das. Verbrechen zu züchtigen— ich glaube an dieſes Geheimniß.“ „Wohlan, ich für meinen Theil leugne Eure Götter, wenn die Thaten ihrer Gerechtigkeit wie die ſind, welche uns Edmund Dantes offenbart hat!“ rief Benedetto, indem er die geballten Fäuſte gen Himmel ſtreckte. Danglars hielt ihn mit dem linken Arme zurück. „Was ſagen Sie? In dem Augenblicke, wo wir über dem Abgrunde ſchweben und den Launen des Windes und der Wogen preisgegeben ſind, ſtoßen Sie auf dieſe Weiſe die einzige Hoffnung des Seefahrers von ſich. Sie ſind ein Wahnſinniger! Prüfen Sie die Thatſachen und erkennen Sie in ihrer vollkommenen Verkettung, daß es in der That allmächtigen Gott über uns giebt! Ich, der ich Mil⸗ einen ir war und mich tauſendmal für immer dem Dunk? —— — nd n⸗ s ine ſich kte in ge⸗ er ie, hen icht in fel⸗ die uf⸗ das. . ter, ſche m ber und eiſe ind nen hat 5 entriſſen glaubte, in welchem ich geboren bin, ich ſah meine Nillionen verſchwinden, wie Staub in einem Wirbelwind, und jetzt bin ich wieder das geworden, was ich war, als ich meinen erſten Schritt auf dem Pfad des Verbrechens überlegte. Ja, es giebt einen allmächtigen Gott— ich glaube an ihn, ich glaube von Grund meiner Seele an ihn!“ „Es ſei!“ ſagte Benedetto nach einem Augenblick from⸗ men Schweigens.„Ich will an Gott glauben, ja es giebt einen gerechten und allmächtigen Gott, weil er mich ſendet, den Mann niederzuſchmettern, der ſeiner unendlichen Barm⸗ herzigkeit ſpottete, indem er ſie ſelbſt Allen auf Erden verweigerte! Ich fühle das Bedürfniß, an dieſen allmächti⸗ gen Gott zu glauben, denn ich fühle in mir weder Macht noch Kraft! Ich bin klein und erbärmlich mitten in dieſem unendlichen Raume, der uns umgiebt. Ich fühle das Be⸗ dürfniß an Gott zu glauben, weil ich in mir ein Princip fühle, welches über der irdiſchen Materie erhaben iſt, und welches folglich die Erde niemals erreichen kann. O, Gott! Gott! Wenn meine Gedanken in dieſem Augenblicke verbre— cheriſch ſind, wenn die Rache, die ich geſchworen, nicht ganz gerecht iſt, dann verſenke mich auf immer in dieſen Abgrund, der unter meinen Füßen gähnt!“ Und Benedetto ſank zum erſten Male in ſeinem Le⸗ ben auf die Kniee und hob ſeinen Blick gen Himmel. In dieſem Augenblick begann eine förmliche Windſtille einzutreten. Die Oberfläche des Waſſers verwandelte ſich in einen unermeßlichen Spiegel und ehe noch Benedetto Zeit hatte die Mannſchaft zu rufen, ehe noch Danglars ihn dazu auffordern konnte, verkündete ein rother, über das Firmament hinzuckender Strahl, auf den ein furchtbarer Donnerſchlag folgte, einen jener trockenen Gewitterſtürme, die in dem mittelländiſchen Meere nicht ſelten ſind. Nach allen vier Seiten hin ſchien der Himmel ſeine Tiefen zu öffnen, um jene furchtbaren Blitze herabzuſen⸗ — 55 den, die rings um die kleine, unbewegliche Racht in die Wel⸗ len ſchlugen. Die Donnerſchläge folgten ſich in immer kür⸗ zeren Zwiſchenräumen und bald bot das Firmament nur noch den Anblick einer ungeheueren Feuersbrunſt. * Achtes Kapitel. Der Schiffbruch. Grſchrocken über dieſes ganz unerwartete Naturereig⸗ niß ſtürzte die ganze Mannſchaft der Pacht auf das Deck. Danglars, der mit ſeinen kalten, zitternden Händen die Ruderpinne feſthielt, betrachtete mit Entſetzen Benedetto, welcher, die Arme über der Bruſt verſchränkt daſtehend, der Dämon der Hölle zu ſein ſchien, deſſen Schattenriß ſich an dem feurigen Horizont abzeichnete, der ihn zu bedrohen ſchien. Der Lootſe benutzte dieſe Gelegenheit, um Danglars bei dem Herrn der Racht zu verdächtigen. An das furcht⸗ 3 bare Schauſpiel der entfeſſelten Elemente gewöhnt, empfand er keine Furcht und verlor die Hoffnung nicht, ſo lange noch der letzte Schimmer nicht erloſchen war. Er eilte keck nach dem Steuerruder, entriß die Pinne Danglars Händen und rief mit aller Kraft ſeiner Lunge: „Auf Eure Poſten, Kameraden! Dieſer Elende iſt vor Angſt wahnſinnig. Er will uns in's Verderben ſtürzen.“ „Gnade!“ rief Danglars unüberlegt, denn er bemerkte mit Schrecken, daß, um ſeine Züchtigung vollſtändig zu machen, hier ein Menſch war, der ihm ſeinen Poſten ſtrei⸗ tig machte, wie er Edmund Dantes den ſeinigen ſtreitig gemacht.* de Lel⸗ kür⸗ nur — 91— „Ah, Du verlangſt Gnade,“ entgegnete der Lootſe, in⸗ dem er ſein Meſſer zog und das Steuerruder losließ. „Erbarmen, Erbarmen, mein Gott,“ rief Danglars wieder, indem er entſetzt vor der drohenden Geſtalt ſeines Nebenbuhlers zurückprallte. „Auf ihn! Kameraden, auf ihn, der uns ſo durch ſein Geſchrei zur Unzeit erſchrecken will,“ fuhr der Lootſe fort. „Er zittert, wie ein Hund, weil er um ſich her das Feuer mit dem Waſſer ſpielen ſieht!“ Auf dieſen Ruf bemächtigte ſich Peppino eines Beiles und ſtürzte ſich auf Danglars. Mitten in dem Kampf der Elemente begann nun ein anderer eben ſo ſchrecklich, wie jener. Bei dem zuckenden Lichte der Blitze ſah man einen Mann verzweiflungsvoll ſich mit dem linken Arme an das Takelwerk anklammern, während er mit einem Beile in der rechten Hand ſich gegen die Hiebe vertheidigte, welche zwei Männer nach ihm führten, von welchen der eine der Lootſe und der andere Peppino, auch Rocca Priori genannt, war. Die Mannſchaft lief wirr von einem Bord zum an— deren und überließ ſich ohne weiteres Nachdenken dem Schre⸗ cken, den ihr der erſte Hilferuf Danglars eingeflößt hatte. Die Nacht trieb, ſo lange dieſe Scene der Verwirrung dauerte, auf's Gerathewohl über die Wellen hin. Endlich übertäubte ein durchbohrender Schrei das ganze Getöſe. In Folge dieſes Schreies ſchwiegen alle Stimmen und bald darauf hörte man die des Lootſen, welcher ſagte: „An die Arbeit, Kameraden, an die Arbeit! Refft die Leeſegel ein, denn es iſt wahrſcheinlich, daß nun ein Sturm kommen wird! Muth! Es hat Nichts zu ſagen und der welcher jetzt am Ruder ſteht, iſt kein Süßwaſſermann.“ Die Mannſchaft gehorchte und die von geſchickter Hand grlenkte Racht behielt ihre Richtung während des Sturmes, dem ſie ſich nicht entziehen konnte. —— Benedetto ſtand immer noch auf derſelben Stelle, als ob ein mächtiger Wille ihn hier zurückhielte. Um ihn her war etwas Schreckliches vorgegangen, welches er errieth, ohne es zu begreifen, denn ſein mit dem Sturme in Ein⸗ klang ſtehendes Gemüth ward durch einen einzigen Gedan⸗ ken in Anſpruch genommen: „O Gott!“ murmelte Benedetto,„ich erkenne die un⸗ begrenzte Macht Deines Willens, welche die Elemente von der Tiefe des Abgrundes bis zur Höhe der Himmel in Auf⸗ ruhr verſetzt! Noch niemals hatte ich dieſem furchtbaren und ſchönen Schauſpiele beigewohnt, in welchem ſich die Macht Deines gewaltigen Armes offenbart! Verzeihe mir, wenn ich nur zu oft die Exiſtenz Deines Weſens geleugnet habe! Wenn Du den Menſchen, den ich verfolge, nicht ver⸗ dammſt, wenn er, trotz des unſchuldigen Blutes, mit wel⸗ chem er ſeine Hände beſudelt, Deinen Schutz verdient, ſo zerſchmettere und vernichte dieſe ſchwachen Breter, auf wel⸗ chen ich über dem Abgrunde ſtehe. Aber dieſe Feuerſtrah⸗ len, welche rings um mich in die Fluthen tauchen, ſcheinen mich nicht berühren zu wollen. Ich bin alſo der furchtbare Auserwählte Deines gerechten Willens, um ohne Erbarmen den Gottloſen zu züchtigen, der Dich in der Perſon eines Kindes beleidigt, welches das ſchwächſte Geſchöpf auf Er⸗ den war, ſo wie Du das mächtigſte im Himmel biſt! Eduard! Eduard! Mein Bruder, ich habe Dich niemals gekannt, noch umarmt— aber Dein Blut— ja, Dein Blut war auch das meine! Ach, Du verlangſt Rache! Geh', Gott wird Deinen Mörder nicht ungeſtraft laſſen!“ Als Benedetto näher trat, um das, was in einiger Entfernung von ihm lag, das heißt den Leichnam Dan⸗ glars zu betrachten, hatte ſich noch etwas Anderes ereignet. Der die Wogen aufregende Sturm hatte, wie der Lootſe vorausgeſehen, die Schrecken des Ungewitters ber⸗ mehrt. Die Racht mit ihrem kleinen bis auf die letzten Fa — c — 1— 5 8, —„ e—, — — als her eth, Fin⸗ n⸗ un⸗ von luf⸗ wen die mir gnet ver⸗ wel⸗ ſo wel⸗ rah⸗ inen bare men ines Er⸗ iſt! als ein che! . iger an⸗ net. der ber — 3 ten eingerefften Leeſegel flog auf den Wogen, die ſich um ihren Kiel herum bildeten und ſie bald vorwärts bald rück⸗ wärts trieben, wie das Spielzeng der Wuth Sturmes umher. Der feſt auf ſeinem Poſten ſtehende Lootſe horchte ſeit einiger Zeit auf ein gewiſſes Rufen und Aechzen, welches die Windſtöße von fern herüberzutragen ſchienen. Dieſes zuweilen ſchwache und faſt unverſtändliche Geſchrei glich den Klagen angſterfüllter, nach Hilfe rufender Menſchen. Zuweilen ward es auch ſtark und durchdringend und offen⸗ barte dann die Verzweiflung deſſen, welcher zum letzten Male den Beiſtand der Menſchen anruft, ehe er ſich zu Gott wendet. Das lauſchende Ohr des Lootſen horchte auf das min⸗ deſte Geräuſch, welches ihn über die Richtung des Ortes aufklären konnte, wo dieſe Kataſtrophe vor ſich ging, denn er hatte ſchon begriffen, daß es ſich hier um ein, einem Schiffe zugeſtoßenes Unglück handle Den Blick auf den Compaß heftend, befahl er das Leeſegel ein wenig unter den Wind zu braſſen und erwartete, daß die Racht dem Steuerruder gehorche. Plötzlich wiederholte ſich das Geſchrei, welches er ge⸗ hört, ſtärker und nachdrücklicher auf der Seite, von welcher der Wind herkam und der Pilote erkannte zugleich an der Bewegung der Pacht die furchtbare Nähe eines großen Schiffes. In der That bemerkten bei dem raſchen Schein eines Blitzes Alle mit Entſetzen eine dunkle Maſſe, welche eine Woge auf ihrem krummen Rücktn trug, ſo daß dadurch ein ungeheurer Schlund entſtand, in welchem die Yacht mit wilder Gewalt hinabgeſtürzt ward. Nun vernahm man deutlich eine Anzahl klagender Stimmen, welche um Hilfe riefen. Benedetto, der ſich gn den Maſt ſeiner Pacht anklam⸗ merte, hörte mit Rührung einen Ruf, welcher alle anderen — übertäubte— eine Stimme, welche im Tone der höchſten Verzweiflung die Worte ſtammelte: „Meine arme Mutter! Gott geſtattet nicht, daß wir uns wiederſehen und uns umarmen!“ Dieſe Worte fanden in Benedetto's Herzen einen ſchmerz⸗ lichen Wiederhall. Das Wort Mutter durchzuckte ihn. Ohne Zweifel war es ein Sohn, der nach einer langen Trennung in die Arme einer zärtlichen Mutter eilte und der vielleicht am Ziele ſeiner Reiſe den tödtlichen Streich berrit ſah, auf ſein Haupt herniederzuſchmettern. Ach,“ murmelte er,„mir hat das Schickſal auch 7* nicht erlaubt die Mutter zu ſehen, der ich das Leben ver⸗ danke! O Gott, erlaube, daß ich nicht ſterbe, ohne ſie noch kennen zu lernen und zu ſehen, wäre es auch nur einen Augenblick! Ach,“ fuhr er fort,„wer wird dieſen Unglück⸗ lichen dem Schickſale entreißen, welches ihm drohet?“ Nit jener vollendeten Kaltblütigkeit und muthigen Gei⸗ ſtesgegenwart, welche den an den fortwährenden Kampf mit der Gefahr gewöhnten Seemann characteriſiren, bemühte ſich der Lvotſe, welcher die Unmöglichkeit einſah, die Mann⸗ ſchaft vor einem nahe bevorſtehenden Schiffbruch zu retten, wrenigſtens den Zuſammenſtoß der beiden Schiffe mittelſt eines geſchickten Manöbres zu vermeiden, welches er mit Schnelligkeit ausführte. Dieſes Manöver war nichtsdeſtoweniger vergeblich, den das Schiff, welches die Wogen hoch über die Racht erho⸗ ben, ſtürzte plötzlich in den Abgrund hinunter, der durch die Trennung dieſer beweglichen Gebirge gebildet ward, welche ſich dann mit betäubendem Getöſe auf dem ſchwa⸗ chen Breterbau brachen. Alle dieſe Unglücklichen ſtießen einen gellenden Angſtruf aus; es war der letzte! Keine menſchliche Stimme ließ ſich einige Zeit lang mehr in dem Raume hören. gen hinzugeben, womit dieſer entſetzliche Anblick ihn erfüllte Jeder ſchien ſich ſchweigend den traurigen Betrachtun⸗ z⸗ n. en er eit ch er⸗ ch en ei⸗ nit hte in⸗ en, elſt nit als die gebieteriſche Stimme Benedetto's die Matroſen aus der Betäubung aufrüttelte, in welche ſie durch das furcht⸗ bare Schauſpiel verſenkt worden. „Die Schaluppe ausgeſetzt!“ rief er, indem er mit eigener Hand die Taue zerhieb, an welches dieſes Fahr⸗ zeug befeſtigt war. „Die Schaluppe ausgeſetzt?“ wiederholte der Lootſe mit ſpöttiſchem Gelächter.„Sehen Sie denn nicht, wie die Wellen gehen?“ „Wer ſpricht hier?“ fragte Benedetto mit drohender Miene, indem er den Kopf nach der Seite herumwendete, von welcher dieſe Bemerkung kam. Niemand antwortete ihm. „Wohlan, Peppino!“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,„jetzt iſt der Augenblick da, um den Muth der Leute auf die Probe zu ſtellen! Wer ein Mann iſt, ſpringe in dieſe Schaluppe und rudere ohne Furcht. Wie, es tritt Niemand vor? Das ſind alſo die unerſchrockenen Leute! Schwach und kleinmüthig wie Kinder! Wohlan, ich werde in dieſe Schaluppe ſteigen, weil das Meer mich nicht ſchreckt, weil die Finſterniß nichts Furchtbares für mich hat. Rocca Priori folge mir— ſteigen wir hinab— ſteigen wir hinab — ich höre noch den herzzerreißenden Ruf eines Menſchen, welcher um Hilfe fleht.“ Peppino ſprang ohne zu zaudern mit ſeinem Anführer in die Schaluppe und beide faßten die Ruder, mit welchen ſie über die empörten Wogen zu triumphiren gedachten. Die übrige Mannſchaft ſah das kleine Fahrzeug mit beiden unerſchrockenen Männern verſchwinden und Niemand hoffte es jemals wiederzuſehen, denn das Meer ging furcht⸗ bar hoch und der Lootſe rief den Himmel zum Zeugen an, daß eine ſolche Verwegenheit ſo gut wie ſicherer Tod ſei. Unermüdlich und muthig ebe Benedetto durch Pep⸗ pino unterſtützt in der Richtung, wo er den verhallenden Ruf eines Schiffbrüchigen zu vernehmen glaubte. Weder 3 das Feuer, welches die Wolken mit furchtbarem Donner⸗ getöſe aus ihren zerriſſenen Schooße herabſchleuderten, noch der ſtrömende Regen, noch das wüthende Meer ſchüchterten Benedetto ein, der ſtolz und groß, faſt allein ſich durch das Unwetter hindurchbewegte. Peppino, der mit Erſtaunen die Kühnheit ſeines An⸗ führers bemerkte, fühlte ſich durch ihn begeiſtert und vſ zum Kampfe mit den Elementen. Bald auf dem Rücken ſchäumender Wogen bis an die— Wolken emporgehoben, bald in tiefe Abgründe hinunterge⸗ ſchleudert, ruderten ſie ohne Unterlaß in der Richtung, von welcher der Hilferuf herkam. Dieſer Ruf ward immer deutlicher und verſtndliche. Benedetto antwortete mit weithinhallender Stimme dem Unglücklichen, welcher Beiſtand begehrte: „Muth, Muth! Gott ſchickt Dir Hilfe!“ Nenntes Kapitel. Die Frau ohne Namen. Laſſen wir jetzt Benedetto mit dem Meer, mit dem Sturm, mit dem Feuer kämpfen und durch ſeinen Ermuthi⸗ gungsruf dem Verzweiflungsſchrei eines Unglücklichen ant⸗ worten, als ob er ein von Gott geſendeter Rettungsengel wäre, und erzählen wir einige Thatſachen, welche in demſel⸗ ben Augenblick ſtattfanden, wo dieſe letzteren Auftritte dieſt Geſchichte vor ſich gingen. Auf einem der entfernteſten Punkte der Umgegend von Warſeille, dieſer Handelsſtadt, deren Schiffe fortwähren die Fluthen des mittettändiſchen Meeres von Tunis Venedig und von Malaga bis Conſtantinopel durchfur —,—, 3 auf einem nicht ganz unbedeutenden Granithügel, wo die ner⸗ 5 86 och Meereswogen hier und da einige Seealgen abſetzten, ſtand rten ſeit einiger Zeit ein kleines, ärmliches, grobgemauertes Haus, das deſſen Umriſſe, von der Seite der Stadt geſehen, ſich trau⸗ tig gegen den Horizont abzeichneten. Anz Um dieſe von dem ſanften Winde des mittelländiſchen Meeres umſpülte Wohnung herum hätte ein Beobachter die Spuren anderer ähnlicher Bauwerke bemerken können, die wie zum Beiſpiel die ärmlichen Hütten einiger jener Men⸗ 3. rge⸗ ſchen, welche zwiſchen Himmel und Erde geboren werden von und jedem andern Ehrgeiz fremd ſind als dem, das täg⸗ üche Brod für ihre Kinder zu verdienen, und denen man 3 her. den Namen Fiſcher giebt. dem Dieſe Spuren rührten aus einer Epoche her, die den hundert Tagen des Kaiſerreich's voranging. Damals diente“ dieſe Art Landzunge einer Anzahl armer Fiſcher zum Auf⸗ enthalte, welche gleich einer Schaar Zugvögel eines Tages hier gelandet waren. Woher ſie kamen, wußte man nicht. Sie redeten eine unbekannte Sprache, die weder Franzöſiſch 3 noch Spaniſch, noch Biscahiſch, noch irgend einer der die⸗ ſen beiden Nationen angehörenden Dialekte war. Nachdem dieſe kleine Kolonie von dem Gouverneur zu Marſeille die Erlaubniß erhalten hatte, ſich auf dieſem Vorgebirge nieder⸗ zulaſſen, lebte ſie hier von dem Ertrage ihrer Arbeit und dem die Marſeiller gaben ihr den Namen der„Catalonier.“ thi⸗ Als aber Bonaparte die Inſel Elba verließ, von neuem ant⸗ das franzöſiſche Gebiet betrat und Alle, ohne Unterſchied ngel der Klaſſen, zu den Waffen rief, verließen auch die Cata⸗ nſil lonier ihre ärmlichen Wohnungen und folgten den Fahnen ieſer des tapferen Corſen. Seitdem verödete das Dorf der Ca⸗ lonier und heute iſt von dieſem geheimnißvollen, wandern⸗ den Stamme kaum noch ein einfaches Andenken übrig, wel⸗ hes an den Ort erinnert, wo er im Angeſichte des Meeres ſeinen Wohnſiß aufſchlug. An dieſer ſelben Stelle ſtand die Hütte, von der wir Die Todtenhand. 2. Band. . 8 zu Anfange dieſes Kapitels geſprochen haben. Sie ward von einer Frau bewohnt. Ein einfaches Lager, ein Tiſch, zwei Stühle und 6 großes Crucifir mit dem Bilde des Erlöſers in Elfenbein geſchnitzt, machten das ganze Mobiliar des Zimmers aus. Dem Bette gegenüber befand ſich ein großes Fenſter, wo man ſelbſt von dem Lager aus die Fluthen des Meeres ſehen und die vorbeifahrenden Schiffe zählen konnte. Neben dieſem Zimmer befand ſich noch ein zweites mit einem beſ⸗ ſern, vollſtändig bereiteten Bette, einem Tiſche und einem Stuhle. Dann kam das Speiſezimmer mit einer kleinen Küche. Dies war in ſeiner ganzen Einfachheit der vollſtändige Grundriß dieſes kleinen Hauſes. Wos die Frau betrifft, welche es bewohnte, ſo liefen unter den Müßiggängern und Neugierigen von Marſeille mehr oder weniger glaubhafte Gerüchte über ſie um. Manche behaupteten, ſie ſei eine vornehme Dame, welche der gänz⸗ liche Sturz ihrer Familie genöthigt habe in der Einſam⸗ keit und Ruhe ihren früheren Glanz zu vergeſſen. Andere behaupteten, auf ihrer Stirn die düſtere und tiefe Furche eines bitteren Kummers bemerkt zu haben und ſchloſſen daraus, daß ſie das Opfer eines weit ſchrecklicheren Unglück's ſei, als des gänzlichen Sturzes ihres Hauſes, denn dieſes letztere Unglück hätte ganz gewiß das Gemüth einer Frau nicht auf ſolche Weiſe niederzubeugen vermocht, beſonders wenn ſie noch einen berühmten und ſleckenloſen Namen beſaß. Aus dieſer letztern Behauptung, die von Leuten z ſtellt ward, welche bei der Analhſe der Urſachen und Wir⸗ kungen einen beſondern Scharfſinn zu entwickeln und folglich der Wahrheit näher zu kommen glaubten, zog eine dri Klaſſe von Beobachtern den folgenden Schluß: Dieſe Frau, welche in der gänzlichen Einſamkeit, ſie ſich verurtheilt, fortwährend Thränen vergoß, bew ———„———— —,—— c ard bein us. ein wo eres ben beſ⸗ em nen ige fen ille iche nz⸗ m⸗ ere che ſen k's ſes au ers ien ge⸗ ir⸗ — 99— ſccherlich nicht einen jener Unfälle, welche die Zeit, wie bitter auch die Erinnerung ſein möge, auch wieder mit ſich fort nimmt. Es war demnach eine andere Urſache vorhanden, welche dieſen unaufhörlichen Schmerz anregte. Worin aber konnte dieſe Urſache beſtehen? Was giebt es in dieſem Le⸗ ben, was die Zeit nicht in uns erſtickt und auslöſcht, ſon⸗ dern vielmehr beſtärkt, befeſtigt und vergrößert? Was könnte dies anders ſein als Reue und Gewiſſensbiſſe? Und dennoch konnten die, welche, wenn auch nur ein einziges Mal, den wunderbaren und zärtlichen Ton ihrer Stimme gehört, oder den ſanften Eindruck ihres freien und reſignirten Blickes empfunden, nicht glauben, daß die Reue das Herz dieſer räthſelhaften Frau zerfleiſche. Dieſe ungläubige Meinung beantworteten die Urheber des oben erwähnten Raiſonnements damit, daß ſie ſagten, die Reue ſei ein Balſam, welcher die Wunden des Gewiſ⸗ ſens heile, indem er dem Menſchen ſeine Gemüthsruhe und der Seele die Reinheit wiedergebe, welche ſich in Blick und Wort uns allen offenbart. Dies ward jedoch wiederum von Andern beſtritten, welche in der Kenntniß der Seele und des Einfluſſes be⸗ wandert waren, den die verſchiedenen Empfindungen, die uns beherrſchen, auf das Gemüth ausüben, denn die vollen⸗ dete Reue trocknet ebenfalls unſere Thränen und ſchenkt unſeren Lippen jenes ſo ſüße Lächeln einer Hoffnung, die eben ſo unendlich iſt, als die Güte, welche wir dem Schoͤ⸗ pfer beimeſſen. Auf dieſe und ähnliche Erörterungen grundeten ſich die verſchiedenen Gerüchte in Bezug auf die Frau in dem Dorfe der Catalonier und da es nicht möglich war Alles, was man ſagte, in ein bündiges Reſultat zuſammenzufaſſen. ſo kamen glle dahin überein, ſie die Frau ohne Namen zu nennen.. Wie dieſe Frau lebte, wußte alle Welt. Zuweilen ſaß ſie an einem der geöffneten Fenſter, ſchutte nuig 3 das Meer hinaus und ließ ihren Thränen freien Lauf. Zuweilen ſchien ſie über den Felſen gebeugt, an welchem die Wogen ihre Schaumkronen zerbrachen, begierig auf jenes 1 undeutliche Murmeln der Fluthen zu horchen, welches für 8 ein gleichgültiges Gemüth keine Bedeutung hat, welches aber die Unglücklichen verſtehen und dolmetſchen, als ob es auf die geheimnißvolle Stimme ihrer Seele antwortete. Sobald als die Sonne die Wolken mit einem röth⸗ lichen Scheine zu färben begann, hob dieſe arme Frau ihre 3 durch den Kummer getrübten Blicke gen Himmel und ihre ſich ſanft bewegenden Lippen ſchienen ein Gebet zu mur⸗ meln. Wenn dann die letzten Strahlen der Sonne von der Fläche des Meeres verſchwanden, wenn die Natur ſich, um 2 auszuruhen, in ihren dichten Mantel der Nacht hüllte, ent⸗ d rang ſich ein klagender, ſchmerzlicher Seufzer der Bruſt die⸗ ſer Unglücklichen, wie der wirkliche Ausdruck einer ent⸗ ſchwundenen Hoffnung! Und dies wiederholte ſich alle Tage. 5 Am Abend überließ ſie ſich den Illuſionen einer neuen n Hoffnung für den folgenden Tag. ch Der folgende Tag kam und ſchweigend und traurig ſah man ſie wieder gegen das Ende des Tages ſchwermüthig„ das Haupt beugen und einen Blick gen Himmel werfen— es einen Blick, deſſen Ausdruck ſtets derſelbe war, einen Blick, 8 der durch immer bitterere Thränen verſchleiert ward. Die arme Frau hoffte vergebens! mn Die furchtbare Hand des Unglück's ſchien ſich die Auf⸗ gabe geſtellt zu haben ihr Märthrerthum zu verlängerr, nie bis endlich die Entmuthigung einträte. 1„ Die Entmuthigung trat ein und nach derſelben kam in die Verzweiflung. 6 Es war etwas Furchtbares, ein unettrigliches Leiden. 3 Sie fühlte nun die Noehwendigkeit, die tröſtende Pr Stimme Jemandes zu hören, der mit ihr von S 5 6 un unendlichen Güte ſprich. am en. de nd Sie ſchrieb einige Zeilen auf ein Blatt Papier und ſchickte dieſes Billet nach Marſeille. 8 Eine Stunde ſpäter näherte ſich dem vormaligen klei⸗ nen Dorfe der Catalonier ein guter alter Prieſter, deſſen Antlitz das vollkommene Ebenbild der Selbſtverleugnung und der Menſchenliebe war. Dieſer Prieſter lenkte ſeine Schritte nach der einzigen Wohnung des Dorfes und als er die Thüre halb gröffnet ſah, trat er ein, wiewohl nicht ohne vorher durch leiſes Anklopfen ſeinen Eintritt ange⸗ meldet zu haben. Niemand antwortete. Er wartete einen Augenblick und als er zufällig einen Blick durch das Fenſter warf, bemerkte er auf der Spitze des kleinen Felſens eine kniende Frau, welche die Arme gegen das Meer ausſtreckte und die Augen zum Himmel emporrichtete. Einen Augenblick ſpäter ſtand der gute Prieſter neben dieſer Frau, ohne ſie jedoch zu unterbrechen und hörte theil⸗ nehmend auf die Worte, welche, durch Schluchzen unterbro⸗ chen, ſich ihren Lippen entrangen. „Nein, niemals werde ich ihn wiederſehen!“ ſagte ſie. „Das Verhängniß will, daß ich den Wermuthbecher, den es mir ſeit langen Jahren an die Lippen hält, bis auf die Hefen leere! Albert! Albert!— todt oder lebendig em⸗ pfange dieſe Umarmung, denn ich fühle den Tod, der an mich heran tritt.“ „Doch nein, nein! Ich werde nicht ſterben, ich kann nicht, ich darf nicht ſterben, ohne Dich noch einmal an mein Herz gedrückt zu haben. Es wäre mir nicht möglich, in meiner letzten Stunde an dem Daſein eines tröſtenden Gottes, an dem Gott der Bekümmerten zu zweifeln.“ „Nein, niemals, Madame,“ murmelte endlich der Prieſter, indem er mit derHand auf den Himmel deutete und ſich den Augen der armen Frau zeigte, welche bei dem Anblick der ehrwürdigen Geſtalt einen leiſen Schrei ausſtieß. . 1 — 102 „Es giebt einen gerechten und allmächtigen Gott, der im thront; unſeren Augen unſichtbar, ſieht ihn doch unſere Vernunft!“ fuhr er fort.„Sie wollen an Sri zweifeln? Zweifeln Sie an ſich ſelbſt, wenn Sie können.“ „O mein Vater!“ rief ſie.„Aber dieſes unendliche Leiden.“ „Vor einem Augenblick erſt, an dieſer ſelben Stelle ſprachen Sie von dem Tode! Nun aber iſt der Tod ein mächtiges Mittel gegen das Leiden—“ „Was ſagen Sie? Ach, ich ſollte ſterben, ohne noch einmal meinen Sohn geſehen zu haben? Sie wiſſen nicht, was die Liebe einer Mutter iſt! Sie wiſſen nicht, daß ich von ihm, der meine einzige Liebe auf Erden iſt, getrennt ſchon eine Ewigkeit, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute und immer vergebens warte. Sie wiſſen nicht, wie groß meine Qual iſt— Sie können meinen Schmerz weder bemeſſen noch beurtheilen!“ „Ich bin gekommen, um Sie zu hören und bin bereit Ihren Glauben zu befeſtigen, nachdem ich Sie gehört S ben werde. Reden Sie.“ „Kommen Sie, mein Vater. Ich empfinde Fenpü das Bedürfniß, Sie zu hören. Ich fühle, wie unter der Laſt eines furchtbaren Verhängniſſes mein Glaube wikend wird.“ Der Prieſter folgte ſchweigend der räthſelhaften Frau bis in das kleine Haus, deſſen einzige Bewohnerin ſie war. Sie begab ſich in ihr Zimmer, ſetzte ſich an das Fei⸗ ſter und heftete ihren Blick immer noch auf das Meer, deſſen Fluthen in unabſehbarer Ferne verſchwammen. Dann wendete ſie ſich traurig, aber reſignirt nach dem prachtvollen an der Wand hängenden Crucifix herum und ſchien ein Ge⸗ bet zu murmeln. „Mein Vater,“ ſagte ſi einen Augenblich darauf, „erlauben Sie, daß ich Ihnen die Ereigniſſe der erſt Jahre meines Lebens verſchweige! Sie bergen ein Geheim⸗ — — 103— er niß, welches blos Gott, mir und einem Manne bekannt n ſein darf, den ich niemals wiederſehen werde.“ tt 2Sie machte hier eine kurze Pauſe, um den Namen „ emund Dantes zu murmeln und dann fuhr ſie fort: he„Opfer einer furchtbaren Rache habe ich den Schlag eeines Unglück's empfangen, welches ganz unerwartet über le nich hereinbrach. Wittwe und arm und nur durch einen in einzigen Sohn unterſtützt, hat das Schickſal auch noch ge⸗ wollt, daß dieſer Sohn genöthigt ward, mich auf einige ch Johre zu verlaſſen, als ob ich in vollſtändiger Einſamkeit t, einen unfreiwilligen Irrthum meines vergangenen Lebens ch beweinen ſollte. Heute, heute, wo ich Mutter bin, be⸗ nt weine ich dieſen Irrthum nicht mehr und darf ihn nicht zu mehr beweinen.“ ns 4„Aber wenigſtens können Sie mir ſagen, worin dieſer ie Jerthum beſtand?“ fragte der Prieſter, als er ſah, daß „ große Thränen aus den Augen dieſer Frau hervorbrachen, eit wrelche in ihrem Schmerze ihn herbeigerufen, damit er ihr die Tröſtungen des Himmels ſpende. ⸗ .„Er beſtand darin, daß ich mich nicht mehr eines 13 Mannes erinnerte, dem ich meine erſte Liebe gelobt hatte. der Nachdem ich mehrere Jahre auf die Rückkehr dieſes Man⸗ nd nes gewartet, weinte ich, als ich die falſche Nachricht von ſeinem Tode erhielt, die letzte Thräne der Liebenden auf ſein vermeintes Grab und den nächſtfolgenden Tag reichte ich meine Hand ſeinem vormaligen Nebenbuhler, der in ei⸗ dieſem Angenblick meine einzige Stütze in der Welt war. er,„Heute weine ich, wie Sie ſehen, auch, aber über die ſich immer mehr verlängernde Abweſenheit meines vielge⸗ Uen liebten Sohnes. Ich weine, weil ich fühle, daß meine Se ½ Eriſtenz zu Ende gehen wird, ehe mein Sohn wieder⸗ kommt, um mich in ſeine Arme zu ſchließen. O wenn er uf, 3 wiederkäme würde ich wieder aufleben! Seine güktehr iſt mein Leben!“ Feſſn Sie, Madame, Gottes Güte is w — 104— „Hoffen! Was habe ich gethan, was thue ich ſchon ſeit ſo langer Zeit?“ fragte ſie mit herzzerreißendem Lächeln, einem Lächeln, welches das Schluchzen der Todesangſt zu ſein ſchien.„Hoffen! O Sie berechnen nicht, was dieſes unaufhörlich wiederholte Wort für Den iſt, der fortwäh⸗ rend vergebens ſeine Soffnung auf die Güte Gottes geſetzt hat! O wäre ich denn von dieſem allmächtigen Gott ver⸗ geſſen und hier auf Erden nur dem Unglück und der Ver⸗ zweiflung geweihet?“ „Was Sie da ſagen, iſt eine Läſterung! Gott ver⸗ gißt ſeine Geſchöpfe niemals,“ murmelte der Prieſter in überzeugendem Tone. „Aber warum gewährt mir dann der Ewige nicht das einzige Glück, meinen Sohn zu umarmen? Wenn er jenes vollkommene Gefühl geſchaffen hat, welches in dem Herzen einer Mutter durch ihr Kind erweckt wird? Sieht er nicht, daß die Qual, die ich erdulde, eine Qual über alle Qua⸗ len iſt?“ Bei dieſen kummervollen Worten umſchwebte ein ſanf⸗ tes Lächeln die Lippen des guten Prieſters. „Bedenken Sie,“ ſagte er,„wie entſetzlich die Qual der Jungfrau Maria war, als der lebloſe Körper des Er⸗ löſers, ihre einzige Hoffnung, ihr einziger Troſt in ihren Armen ruhete! Bedenken Sie, wenn Sie den Muth und die Macht dazu haben, welche Nacht furchtbarer Angſt und unendlicher Verzweiflung ſich vor den Augen der heiti⸗ gen unbefleckten Mutter ausbreitete. Und dennoch war ſie — denn ſie trug, wenn auch nicht Hoffnung, doch Glau⸗ ben und Ergebung im Herzen,— dennoch war ſie die Erſte, welche den frommen Frauen, die ſie umringten, die Augen trocknete.“ „Ach, mein Vater— dieſes Beiſpiel iſt ein erhabenes — aber die heilige Jungfrau war Mutter eines Gottes und ich bin nichts als eine einfache Frau, die Kraft fehlt mir.“ on ln, zu ſes äh⸗ etzt er⸗ er⸗ er⸗ das nes zen cht, ua⸗ nf⸗ ual Er⸗ ren und agſt ili⸗ ſie au⸗ ſte, gen nes ttes raft „Die Mutter des Gekreuzigten wird Sie Ihnen geben. Glauben Sie und hoffen Sie auf ſeine unendliche Barm⸗ herzigkeit, und wenn der entſcheidende Augenblick kommt, wenn der Ewige Sie abruft, ehe Sie Ihren Sohn haben umarmen können—“ „Wohlan, mein Vater, dann, wenn dieſer Augen⸗ blick kommt,“ rief ſie mit fieberhafter Aufregung,„wenn dieſer verhängnißvolle Augenblick kommt— muß ich dann auch noch Glauben haben und an der Hoffnung feſthalten bis über das Grab hinaus?“ „Ja, Madame. Dann müſſen Sie ſich fügen und das Opfer Ihres Schmerzes bringen, um die ewige Herr⸗ lichkeit zu ſchauen.“ „Beten Sie für mich,“ murmelte ſie,„beten Sie, daß ich in dieſem Meere des Kummers und Leidens den Hafen entdecke!“ „Glauben Sie an die Gerechtigkeit Gottes?“ „Was ſoll ich Ihnen antworten?“ „Madame, ſie iſt unendlich und ſo vollkommen, daß wir ſie nicht begreifen können!“ „Ja— ich begreife ſie auch nicht.“ „Werfen Sie,“ rief der Prieſter, indem er aufſtand und den Arm nach dem Crucifir ausſtreckte,„werfen Sie Ihre Augen auf dieſes heilige, geheimnißvolle Shmbol un⸗ ſerer Erlöſung und zweifeln Sie noch, wenn Sie können, an der Gerechtigkeit und der unendlichen Güte dieſes Märty⸗ rers, der ſich für uns an's Kreuz heften ließ! Dies iſt ſein Bild; das unſchuldige Blut, welches noch ſeine Bruſt her⸗ abzurinnen ſcheint, iſt der Preis, um den auch Sie er⸗ kauft worden ſind! Dieſe erhabene Stirn, welche ſich de⸗ müthig unter der Dornenkrone beugt, iſt das Haupt, wel⸗ ches das Werk der Wiedergeburt des Menſchengeſchlecht's vollt racht hat. Auf die Kniee, Madame, guf die Kniee! Er kann Ihnen verzeihen.“ Bei dieſen Worten ſank die arme Frau ve tCru⸗ eifir auf die Kniee und ein Thränenſtrom rann ihre bleichen Wangen herab. „Ach, Gott der Güte!“ rief ſie,„was habe ich denn verbrochen, was eine ſo ſchwere Züchtigung verdiente?“ Dann ſenkte ſie das Haupt, kreuzte die Arme über der Bruſt und ſchwieg. Dieſes Schweigen hatte etwas Feierliches und kaum ward es durch den Mund des Prieſters unterbrochen, der ein leiſes Gebet murmelte. Die Frau erhob ſich. Auf ihren Zügen malte ſich die Reſignation und ihre Thränen hatten aufgehört zu fließen. In ihrem noch feuch⸗ ten Auge ſpiegelte ſich die ruhige Heiterkeit, welche die Re⸗ ſignation verleihet. Der Glaube war in ihr Herz eingezogen. Mehrere Tage vergingen, während welcher der gute Prieſter ſeine frommen Beſuche bei der Bewohnerin des Dor⸗ fes der Catalonier wiederholte, welche jetzt viel ruhiger und in den Willen der Vorſehung gänzlich ergeben zu ſein ſchien. Und dennoch hatte ſich das Maß ihres Unglück's noch nicht erſchöpft. Das ganze Geld, welches ſie beſaß, war nach und nach ausgegeben und es zeigte ſich ihr keine andere Zu⸗ flucht, als das öffentliche Mitleid in Anſpruch zu nehmen. Sollte ſie aber wirklich die Vorübergehenden um Mitleid anflehen? ſollte ſie Almoſen betteln! Ach, lieber tauſend⸗ mal ſterben!⸗ Nein, hundert Mal nein; ſie will ſich nicht zur Ziel⸗ ſcheibe für die Neugier der Stadt Marſeille machen! Nein, ſie will nicht ihr tägliches Brod vor den Thüren ſuchen. Dies war ihr unerſchütterlicher Entſchluß.“ Die arme Frau, ſie kannte noch nicht die Qualen des Hungers! Sie wußte nicht, daß, je näher der Tod kommt, er deſto ſchrecklicher erſcheint! Sie wußte nicht, daß bei dem Anblicke des bleichen Phantom's der Muth auch des n S„ —,— — 107— Stärkſten wankt und daß es, um ſich ſeiner Umarmung zu entziehen, außer dem Opfer der Ehre kein's giebt, wel⸗ ches man nicht bereit wäre zu bringen. Sie ergriff mit bitterem Lächeln ihr letztes Geldſtück und ging fort, um es gegen Nahrungsmittel zu verwechſeln. Mit welcher Sparſamkeit machte ſie von dieſen Gebrauch! Aber ach, ſie ſchmolzen immer mehr und mehr zuſammen und die Tage vergingen und ſchon hatte ſie weiter Nichts mehr übrig, als die Hälfte eines Brodes und einige trockene Früchte. Was ſollte ſie thun? Sie theilte dieſe traurigen Reſte ſo ein, daß ſie noch auf acht Tage reichten. Wer weiß, ob nicht während dieſer Zeit irgend eine Hilfe kommen konnte! Die acht Tage vergingen, wie die andern, und es kam keine Hilfe. Die arme Frau hatte ihren erſten Hungertag. Furchtbarer Tag, der in jeder ſeiner Stunden, lang⸗ ſam, wie die eines Verurtheilten, in ihr die bitteren Er⸗ innerungen an eine Vergangenheit wachrief, die ſie verge⸗ bens vergeſſen wollte. Am nächſtfolgenden Tage fühlte ſie ſich matt und muthlos. Ihr Herz ſchlug heftig, ein brennendes Fieber verzehrte ſie, ſie empfand eine niederdrückende Hitze und vor ihren Augen begann es zu flimmern. Das Delirium war nicht mehr weit. Sie ſtand auf und ſammelte begierig die Brodkrumen, die noch auf ei⸗ nem Tiſche umhergeſtreuet lagen. Die Zeit war nicht mehr fern, wo ſie ſie mit derſelben Begier auf dem Boden ſu⸗ chen mußte.* 8 Und dtnnoch war ſie noch entſchloſſen, Hungers zu ſterben! Wahnſinniger Gedanke! Nachdem ſie vier Tage die Qualen des Hungers er⸗ duldet, durchzuckte ein Hoffnungsſtrahl ihr Gemüth! —— „O, wer weiß, ob nicht von heute an in abermals acht Tagen mein Sohn kommen wird?“ murmelte ſie. „Und binnen dieſen acht Tagen ſollte ich Hungers ſterben! Nein, nein, warten wir noch dieſe acht Tage! warten wir, ſo lange noch ein Athemzug in dieſer Bruſt lebt. Warten wir, warten wir!“ Und die arme Frau verließ ihr Haus und nahm, von einem unklaren Inſtinkt geleitet, den Weg nach dem Ha⸗ fen von Marſeille. Sie blieb mehrmals ſtehen um auszuruhen und Akhem zu ſchöpfen. Dann ſtreckte ſie die Hand nach dem Wan⸗ derer aus, der an ihr vorüberging, aber ihre Lippen blie⸗ ben geſchloſſen und ihr Blick auf den Boden geheftet. So ging ſie bis in die Stadt, ohne ein Almoſen zu erhalten. Sie fühlte Hunger— den an ſeinem letzten Stadium angekommenen Hunger. Sie trank Waſſer und das Waſ⸗ ſer verdoppelte den furchtbaren Hunger, der ſie verzehrte. Ihr matter Blick unterſchied ſchon nicht mehr entfernte Ge⸗ genſtünde. Eine Wollke, gleich einem Staubſchleier, um⸗ hüllte ſie und die Gebäude, die Perſonen, welche ſie um⸗ gaben, ſchienen ſich zu bewegen und im Kreiſe zu drehen. Es war der Anfang des Wahnſinn's. Mit einer unwillkürlichen Bewegung lenkte die arme Frau ihre Schritte nach dem Quai. Sie ging bis an die Bruſtwehr und ſchauete, ohne zu ſehen, und hörte, ohne zu begreifen. Sie fragte auf's Gerathewohl, ob ſchon Nacht wäre und erhielt ein ſchallendes Gelächter zur Antwort. Die Sonne ſtand zu Mittag. Schon ſah ſie nicht mehr, ſchon erkannte ſie Richts mehr. Sie hungerte! Sie ward von jenem gewaltigen In— ſtinkt eines jeden Thieres beherrſcht, welcher es zum Pa⸗ rorhsmus der Verzweiflung treibt und der ihm nur das ₰ — Gefühl eines einzigen Willens läßt, des Willens, ſeinen Hunger zu ſtillen! Sie that einige raſche Schritte und rief, indem ſie vor zwei Männern, die ſo eben an's Land ſtiegen, auf die Knier niederſank, mit herzzerreißender Stimme: „Ich habe Hunger! Um Gottes willen, ſtehen Sie mir bei!“ Es war dies ihr erſter Schrei nach Almoſen. Die beiden Männer, welche ſo eben aus einem klei⸗ nen Boote ausgeſtiegen waren, blieben, als ſie dieſen Ver⸗ zweiflungsruf hörten, vor der Frau ſtehen, welche ſie auf den Knieen um ein Almoſen bat. Einer von den beiden zog ein kleines Geldſtück aus der Taſche und ſagte zu der Bettlerin: „Steht auf; hier iſt eine Kleinigkeit.“ Das Geld fiel in die Hand der Bettlerin, welche auf den Knieen liegen blieb und mit immer matter werdender Stimme murmelte: „O mein Gott, ich danke!“ Dann fiel ſie, einen lauten Schrei ausſtoßend, mit dem Geſichte auf die Erde. Zehntes Kapitel. Eine Hilfe des Himmels. Bei dem von der Bettlerin ausgeſtoßenen durchboh⸗ renden Schrei blieben die beiden Reiſenden, die mittlerweile ihren Weg fortgeſetzt, ſtehen, und der, welcher der jüngſte zu ſein ſchien, ſagte zu ſeinem Begleiter: „Entſchuldigen Sie, mein Herr, aber wie ich ſehe, habe ich noch eine Pflicht zu erfüllen.“ — 110— „Und welche denn?“ „Da ich jetzt nach jenem furchtbaren Sturme, dem Sie mich wie ein Bote vom Himmel entriſſen, zum er⸗ ſten Male den Fuß an's Land ſetze, ſo glaube ich, den Nothſchrei des Elendes nicht mit Gleichgültigkeit hören zu dürfen.“ „Was wollen Sie denn thun?“ „Mit dieſer Unglücklichen das wenige Geld theilen, wrelches ich in meinem Gürtel aus dem Schiffbruche geret⸗ tet. Dies iſt eine Forderung der Gerechtigkeit.“ „Ich werde Sie nicht von dieſem Vorhaben abwendig machen, mein Herr. Im Gegentheile billige ich daſſelbe vollſtändig, denn die Stimme der Armuth hat auch auf mich ſtets einen tiefen Eindruck hervorgebracht.“ Während die beiden Fremden ſo ſprachen, kehrten ſie um und näherten ſich wieder der Bettlerin, die immer noch auf den Knieen lag. Der Jüngſte neigte ſich zu ihr herab und redete ſie an. „Nun, liebe Frau— was wartet Ihr noch hier?“ „Ich erwarte meinen Sohn,“ murmelte ſie, indem ſie den Kopf emporrichtete und auf dieſe Weiſe ihr Geſicht ſehen ließ. „O Himmel, meine Mutter! Meine Mutter! Großer Gott! Wäre es eine Täuſchung? Bin ich von Sinnen!“ rief er, indem er in ſeinen Armen die Bettlerin aufhob, deren Lippen jetzt ein ſanftes Lächeln umſpielte, die einzige Antwort, welche die armt Mutter auf die Anrede des jun⸗ gen Mannes geben konnte. „Was ſagen Sie, Herr von Morcerf?“ „O kommen Sie— kommen Sie— führen wir dieſe Unglückliche hinweg! O, mein Freund— der Himmel ſchickt mir ein Unglück über das andere— es iſt meine Mutter!“ Der junge Mann konnte nichts weiter ſagen. Feſt von den Armen der Frau umſchloſſen, drückte er ſeine feuch⸗ e— e— n, ig be uf ſie ch n. m cht . b, ige in⸗ ieſe nel ine Feſt zer — — ten Lippen auf den brennenden Mund ſeiner Mutter, als ob er ſie durch ſeine Küſſe wieder in's Leben zurückzurufen ſuchte. Benedetto betrachtete einen Augenblick lang dieſe rüh⸗ rende Scene. Dann traf er die nöthigen Maßregeln, um die Bettlerin in ein benachbartes Gaſthaus zu ſchaffen und zu verhindern, daß die Neugierigen ſich nicht bis an das Zimmer drängten, wo man ſie auf ein Bett niederlegte. Nach Verlauf einiger Stunden ſchlug ſie in Folge der geſchickten und unermüdlichen Bemühungen einer barmherzi⸗ gen Schweſter die Augen auf und gab Zeichen des Lebens. Albert wollte mit ihr ſprechen, ſie umarmen, er wollte ſie mit jenem erhabenen Gefühl, welches der Schmerz und die Freude in unſerer Seele erwecken, ſie tauſendmal„meine Mutter“ nennen, Benedetto aber machte ihn darauf auf⸗ merkſam, daß die arme Frau noch nicht im Stande ſei, in ihrem gegenwärtigen Zuſtande von Schwäche der durch ſo lebhafte Gefühle verurſachten Erſchütterung zu widerſtehen und Albert verſprach, die zu ihrer vollſtändigen Wiederher⸗ ſtellung nöthige Zeit abzuwarten. Albert, denn ſo hieß der junge Mann, den wir hier in Geſellſchaft Benedetto's ſehen, wich keine Minute von der Thüre des Zimmers, in welchem ſeine Mutter lag. Ein Arzt, den man herbeigerufen, verſicherte ihm, daß durchaus keine Gefahr zu fürchten ſei und daß die Gene⸗ ſung der Kranken binnen wenigen Tagen erfolgen könne, jedoch unter der Bedingung, daß die vollſtändigſte Ruhe um ſie herrſche. Dieſe beruhigenden Worte des Mannes der Wiſſenſchaft ſchienen Albert's Muth wieder zu beleben und nachdem er noch einen verſtohlenen unruhigen Blick in das Innere des Zimmers geworfen, ging er, um Benedetto aufzuſuchen, der eben Rocca Priori, dem Lieutenant ſ kleinen dut, 6 einige Befehle ertheilte. „Mein Freund,“ ſagte Albert zu in indem eri 3 3 die Hand drückte,„der Arzt hat mir ſo eben verſichert, daß in Bezug auf die Geſundheit meiner Mutter keine Ge fahr zu fürchten iſt. O, mein Gott, ich danke Dir!“ mur⸗. melte er, indem er einen jener reinen Blicke gen Himmel warf, in welchen die Seele die ganze Tiefe und Aufrich⸗ 6 tigkeit ihres Dankes gegen den Schöpfer zu erkennen giebt. 3 „Um ſo beſſer, Herr von Morcerf,“ antwortete Be⸗ nedetto,„ich freue mich darüber. So eben habe ich mei⸗ nem Lieutenant Befehl gegeben, ſich wieder zu verprovian⸗ tiren und bereit zu halten, ohne den mindeſten Aufenthalt unter Segel zu gehen.“ 3 „Sie haben alſo die Abſicht mich zu verlaſſen?“ fragte Albert, indem er ihn ſchnell unterbrach. „Ohne Zweifel,“ entgegnete Benedettv.„Meine Miſ⸗ ſion iſt, was Sie betrifft, vollendet. Sie ſind am Lande, haben Ihre Mutter wiedergefunden, Sie ſind glücklich und ich kann alſo abreiſen.“ „Schon!“ murmelte Albert, indem er den Blick zu Boden ſchlug und Benedetto's Hand innig drückte.„Ich hätte gewünſcht,“ fuhr er fort,„daß meine Mutter Sie ſähe, daß auch ſie Ihnen für den aufopfernden Muth dankte, mit welchem Sie mich in jenem Sturme aufſuchten, um mich zu retten.“ „Richt ich bin es, der Sie gerettet hat, mein Herr,“ entgegnete Benedetto.„Die Hand Gottes hat Sie dem Schvoße der Wellen entriſſen und nicht in dem Abgrunde untergehen laſſen. Es iſt dies eine Wahrheit, die ich Ih⸗ nen ſo oft geſagt habe, daß Sie ſie niemals wieder vergeſ⸗ ſen werden. Welches Inttreſſe wäre wohl ſo mächtig ge⸗½ weſen mich zur Verachtung meines eigenen Lebens anzutrei⸗ ben, um das Ihre zu retten, welcher Inſtinkt hätte mich, mitten unter Donner, Blitz und ſtürmenden Wogen an die Stelle führen können, wo Ihre ermatteten Arme vergebens ſuchten, Ihren Körper über dem Waſſer zu erhalten, wenn Gott nicht im vorgus Alles beſchloſſen hätte, was ich aus⸗ diſ⸗ de, ind zu Ich Sie kte, um rgeſ⸗ ge⸗ trei⸗ mich, n die ebens wenn aus⸗ „ er in ſeinen Zügen irgend einen darin sje Grban⸗ — 113— geführt habe? Mein Herr, Sie haben mir für Nichts danken. Ihre in dem Buche des Schickſals Stunde ſtand nicht auf jenem verhängnißvollen Blatte ge⸗ ſchrieben, welches der Finger des höchſten Richters in jener ſchrecklichen Nacht umwendete.“ „Aber nichtsdeſtoweniger werden Sie mir noch einige Tage ſchenken. Es iſt dies eine Gunſt, um welche ich Sie bitte, und Sie werden mir ſie nicht verweigern. Das Zartge⸗ fühl, mit welchem Sie vermieden haben, Fragen über meine Lebensgeſchichte an mich zu richten, macht es mir zur Pflicht, Ihnen dieſelbe mitzutheilen. O ich weiß, daß ich nicht das mindeſte Recht auf Ihr Intereſſe oder Ihre Ach⸗ tung habe, denn ich bin für Sie weiter NRichts als ein Fremdling— indeſſen bleiben Sie.“ Ein ſardoniſches Lächeln umſpielte Benedetto's Lippen, als er dieſes letzte Wort hörte. „Wiſſen Sie denn nicht, daß alle meine Augenblicke gezählt ſind und daß ich nicht auf dem Wege ſtehen bleiben darf, der mir vorgezeichnet iſt; auf dem Wege, den ich, wie Sie ſehen, durch Feuer, wüthende Meereswogen und die tauſend Gefahren verfolge, von welchen er auf dem Lande umringt iſt?“ „Ja, ſo haben Sie immer geſprochen, das heißt auf eine Weiſe, die ich nicht begreifen kann, die mir aber in Ihrer Exiſtenz etwas Furchtbares offenbart— vielleicht ei⸗ nen bitteren, nagenden Kummer! Und wenn Sie nur ein einziges Mal eine, wenn auch noch ſo flüchtige Frage an mich gerichtet hätten, ſo würde ich heute nicht zögern, Sie mit dem ganzen Intereſſe, welches mir die zärtlichſte aus Dankbarkeit hervorgegangene Zuneigung einflößt, zu fragen, worin dieſer Kummer beſteht. Denn auch ich weiß, was tiefer Seelenſchmerz iſt,“ ſetzte Albert ſeufzend hinzu. Benedetto warf ihm einen prüfenden Blick zu, als ob ken leſen wollte. 2 Die Todtenhand. 2. Band. 8 . 114— „Der Weg, den ich verfolge,“ ſagte er nach einer klei⸗ nen Pauſe,„iſt kein Geheimniß. Ich ſuche einen Mann, deſſen Aufenthalt ich nicht kenne.“ „Darf ich mir erlauben, Sie zu fragen, was Sie dann bei Ihrer Nachforſchung leiten wird?“ „Das iſt ſehr einfach— die Hand eines Tod⸗ ten,“ antwortete Benedetto mit der größten Kaltblütigkeit von der Welt. Albert warf ihm einen unruhigen Blick zu, denn es ſchien ihm, als ob ſolche Worte nur Ausgeburten des Wahnſinn s ſein könnten. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte er,„aber dieſe ſchrecklichen Worte machen mich vielleicht neugieriger, als ich es ſein ſollte. In dem Augenblicke, wo ich, wie Sie ſehen, von der Hand des Unglück's ſchwer berührt werde, machen ſie einen ſeltſamen Eindruck auf mich.“ „Glauben Sie mir, lieber Freund, daß ich nicht von Sinnen bin, wenn ich Ihnen verſichere, daß vor dem Antlitz der Lebenden ſich die Hand eines Todten erhebt, der noch von der Wuth geſchüttelt wird, die nicht mit ihm ſterben konnte.“ „O das muß ſicherlich ein ſehr furchtbarer Mann ſein, gegen welchen ein ſo außerordentlicher Führer Sie leitet.“ Benedetto ſchaute ſich um, wie um ſich zu überzeu⸗ gen, daß Niemand anderes ihn höre, faßte dann Albert am Arme und ſagte in leiſem aber ausdrucksvollem Tone zu ihm: „Haben Sie jemals von dem Sich von Monte⸗ Chriſto ſprechen hören?“ Bei dieſem mit wilder Geberde von Benedetto ausge⸗ ſprochenen Namen prallte Albert einen Schritt zurück und ward leichenblaß. Dann faltete er die Hände, hob ſie über ſeinen Kopf und ließ ſie fuſt eben ſo ſchnell wieder fallen, indem er rief: „Der Verfluchte!“ —* * — 115— Benedetto hörte mit einer unbeſchreiblichen Geberde dieſe gegen Edmund Dantes geſchleuderte Verwünſchung. „Sie kennen dieſen Mann?“ fragte er mit ſichtbarem Intereſſe, indem er ſich Albert näherte. „Fragen Sie lieber den Verurtheilten, ob er den Hen⸗ ker kennt,“ antwortete er.„Sehen Sie jenen mächtigen aus dem Staube hervorgegangenen Dämon, der das Ver⸗ hängniß auf meine ganze Familie herabruft! Verfluchter! tauſendmal Verfluchter!“ Albert unterbrach ſich, wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen und murmelte:„O, meine Mutter, verzeihe mir, wenn ich nicht wie Du den Namen dieſes Mannes verehren kann, deſſen ſchreckliches Verfahren noch ein Ge⸗ heimniß für mich iſt.“ Benedetto trocknete den kalten Schweiß, der in großen Tropfen ihm von den Schläfen über das Geſicht herab⸗ rann. „Großer Gott!“ murmelte er,„noch ein Schrei, der dieſen ſeltſamen Menſchen verdammt! Sein Urtheil iſt dann überall von Deiner gewaltigen Hand geſchrieben!“ Es trat ein augenblickliches Schweigen ein. Benedetto errieth an Alberts Geberde, daß er den Grafen von Monte-Chriſto genau kannte. Er ſchickte ſich daher an, ſich genau nach der Urſache der Verwünſchung zu erkundigen, die den Lippen ſeines Begleiters entſchlüpft war. „Mein Freund,“ ſagte er, indem er ſich zu Albett wendete, der noch von dem in ihm durch den Namen Ed⸗ mund Dantes hervorgerufenen peinlichen Eindruck beherrſcht zu werden ſchien,„entſchuldigen Sie meine Indiscretion, wenn ich Sie frage, welche Beziehungen zwiſchen Ihnen und dem Grafen von Monte-Chriſto beſtanden haben. Zwiſchen ihm und mir ſchwebt eine Blutſchuld, und es liegt mir daran, den Menſchen, mit dem ich zu thun habe, genau kennen zu lernen.“ „Sie ſollen befriedigt werden, mein S entgegnete 4 —— Albert.„Indeſſen erlauben Sie mir, daß ich mich vorher nach dem Befinden meiner Mutter erkundige, denn ich wünſche, ſie ſobald als möglich von hier fortbringen zu laſſen.“ „Nun ſo gehen Sie, aber unternehmen Sie, wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, durchaus Nichts, was ihr die mindeſte Erſchütterung verurſachen könnte. Sie können ja bis zu ihrer vollſtändigen Wiederherſtellung in dieſem Gaſthauſe bleiben.“ Albert ging, ohne ein einziges Wort zu entgegnen, nach dem Zimmer, wo ſeine Mutter lag, knieete an ihrem Bette nieder, betrachtete ſie einige Augenblicke lang, drückte ihr dann einen Kuß auf die Stirn und kehrte dann in das Zimmer zurück, wo Benedetto ihn erwartete. „Da bin ich wieder, mein Herr, und will jetzt vor Jh⸗ nen den Haß ausathmen, den dieſer Menſch mir einflößt, welchen man den Grafen von Monte-Chriſto nennt. Sie haben mir geſagt, daß zwiſchen ihm und Ihnen eine Blut⸗ ſchuld ſchwebe, bei welcher Sie als Gläubiger figuriren⸗ Wohlan, die Schuld, die zwiſchen ihm und mir ſchwebt, iſt, obſchon nicht wie die Ihre, doch nicht weniger ſchrecklich und dennoch habe ich den feierlichen Schwur gethan, mich nicht zu rächen.“ „Und wer hat dieſen Schwur von Ihnen verlangt?“ „Meine Mutter!“ antwortete Albert mit dem Ausdruck dör tiefſten Ehrerbietung. „Wohlan, mein Herrbeginnen Sie; ich höre Sie.“ Albert kreuzte die Arme über der Bruſt, lehnte ſich in ſeinem Stuhle zurück und begann. Elftes Kapitel. Die Schlange. „Im Jahre 1838 lebte in Frankreich eine kleine Familie, deren Haupt der Graf von Morcerf, mein Vater, war. Dieſe Familie beſtand einfach aus dem Grafen, mei⸗ ner Mutter und mir. „Dieſes ſelbe Jahr faßte ich, der ich eben ſo wie meine Familie der ſogenannten erſten Geſellſchaft von Pa⸗ ris angehörte, den Entſchluß, mit einem meiner Freunde, . Franz von Epinah, den Carneval in Rom zuzubringen 3 und reiſte zunächſt nach Florenz, wo wir uns unſerer Verabredung gemäß treffen wollten. In Rom lernte ich den Grafen von Monte-Chriſto kennen, der Franz und mich aus einer Verlegenheit zog, indem er uns für den erſten Tag des Carneval, am 22. Februar, ſeinen Wa⸗ gen anbot. „Dieſer Mann, welchen Franz ſchon kannte, weil er t mit ihm in der berühmten Grotte von Monte-Chriſto ge⸗ . weſen war—“ Biei dieſen Worten runzelte Benedetto die Stirn und k fragte in etwas mißtrauiſchem Tone: „Und Sie haben wirklich an das Vorhandenſein dieſer berühmten Grotte geglaubt?“ „Franz hat mir zugeſchworen, daß ſie triſtirte,“ ent⸗ gegnete Albert,„eben ſo wie er mir zugeſchworen hat, daß er durch den Grafen dort beherbergt worden ſei.“ „Gut, gut, fahren Sie fort.“ * Albert erzählte weiter: „Vom 22. Februar 1838 an haben alſo meine Be⸗ ziehungen zu dem Grafen von Monte Chriſto begonnen. Denken Sie ſich eine aufrichtige Freundſchaft, wie ſie nur — 118— im vollſtändigſten Sinne dieſes Wortes ſein kann. Von dieſer Art war die, welche ich dieſem räthſelhaftem Manne eingeflößt zu haben ſchien. Da ich erfuhr, daß er die Ab⸗ ſicht hatte, ſich von Rom nach Paris zu begeben, ſo beeilte ich mich, ihm das Haus meines Vaters anzubieten und erbot mich, ihm nicht blos in dieſer Hauptſtadt, ſondern auch in der beſten Geſellſchaft, der ich, wie ich ſchon geſagt, damals angehörte, als Cicerone zu dienen. „Der Graf nahm mein Anerbieten an. „Einige Zeit nachher, an dem Tage und zu der Stunde, die er zu ſeinem Beſuche bei mir beſtimmt, erhielt ich den Beweis von der Art und Weiſe, auf welche er die Pünkt⸗ lichkeit verſtund. Als nämlich der Zeiger auf die beſtimmte Stunde wies, als die Freunde, welche ich in Keinem Zimmer verſammelt, über die Verzögerung des Früh⸗ ſtücks, welches ich dem Grafen anzubieten beabſichtigte, un⸗ geduldig zu werden begannen, trat dieſer Mann in mein Cabinet. „Nachdem das Frühſtück vorüber war, ſtellte ich ihn meinen Eltern vor. Er bezeigte mir unaufhörlich in Allem und überall die Freundſchaft, die ich ihm eingeflößt zu ha⸗ ben ſchien. O, wie oft fragte mich meine arme Mutter, wenn ſie die Verblendung bemerkte, in welcher ich verharrte, mit thränenden Augen und traurigem Lächeln, ob ich von der Freundſchaft dieſes Mannes wirklich überzeugt ſei. Und wie vielmal verſicherte ich, ein junger Mann ohne Erfah⸗ rung und unbekannt mit der Welt und den Menſchen, daß der Graf von Monte-Chriſto mein Freund, mein wahrer Freund ſei, denn der Verfluchte beſaß die Liſt der Schlange und die magnetiſche Kraft, die dem beſtrickenden Blicke die⸗ ſes verrätheriſchen Wurmes eigen iſt, der ſich zu unſeren Füßen krümmt, um ſich ſpäter emporzubäumen und uns in's Herz zu ſtechen. Während eines Zeitraum's von einigen Monaten war X ich der unzertrennliche Begleiter des Grafen von Monte⸗ — N S— — 119— Chriſto. Es ſchien als hätte dieſer Mann kein Geheimniß vor mir und als ſchüttete er in ſeinen melancholiſchen Stun⸗ den mir ſein ganzes Herz aus, ſein nur von Güte und Gerechtigkeit erfülltes Herz. „O, bald ward der Schleier zerriſſen— das Ende meiner Täuſchung kam bald, ſehr bald, ſchrecklich und ver⸗ derblich! „Eine öffentlich in einem Journal gegen meinen Vater erhobene furchtbare Anklage verſenkte meine Familie in Trauer. Schon hatte die Stadt Paris keine Freuden und keine Reize mehr für mich, da ich nun den Namen, den ich trug und der bis dieſen Augenblick mein Stolz geweſen, mit Schmutz und Verachtung überhäuft ſah. „Auch in dieſem Zuſtande düſterer Niedergeſchlagenheit, in welcher ich jetzt verſenkt war, kam dieſer Mann mir zu Hilfe, den ich für meinen Freund hielt, obſchon meine Mut⸗ ter mir fortwährend auf geheimnißvolle Weiſe verſicherte, daß der Graf gegen mich unmöglich ſo aufrichtig ſein könne als ich es glaubte. „Er forderte mich dringend auf und nöthigte mich faſt, in ſeiner Geſellſchaft eine kleine Erholungsreiſe zu machen. Ich umarmte meine gute, arme Mutter und reiſte mit ihm ab. „Es gab Nichts, was der Graf nicht hervorgeſucht hätte, um mir Zerſtreuung zu bereiten. Jagd, Fiſchfang, Wettrennen, Alles ward von ihm in's Werk geſetzt, und es war ſtets daſſelbe heuchleriſche und verrätheriſche Lächeln, womit er mich zwang, an dieſen Beluſtigungen Theil zu nehmen. „Einige Tage ſpäter erhalte ich einen Brief von einem meiner Freunde, welcher mir meldet, daß der Urheber der Anklage gegen die Ehre meines Vaters entdeckt ſei. „Ich nehme Abſchied von dem Grafen von Monte⸗ Chriſto und eile nach Paris. „In der That— Alles war aufgeklärt! Ich las die Papiere, welche den Beweis über ein von meinem Vater früher begangenes Verbrechen enthielten! Ich ſah den Glanz ſeines Namens und des meinigen auf immer, zur großen Freude und zum ſpöttiſchen Gelächter unſerer Feinde, er⸗ loſchen und vernichtet. Ich ſah die Thüren der beſſeren Salons von Paris vor mir und meiner Mutter verſchloſ⸗ ſen! Ich, der ich einen ſtolzen, einen durch die Heldenthaten eines Kriegers berühmt gemachten Namen zu beſitzen— ich, der ich denen, welche ſich als die Nachkommen der edel⸗ ſten Familien betrachteten, mich gleichſtellen zu können glaubte— ach, ich mußte mich in die Verhältniſſe eines Menſchen fügen, der keinen Namen und nicht den mindeſten Anſpruch auf die Achtung und Rückſicht der Welt hat. „Außer mir und gleichſam zermalmt unter der furcht⸗ baren Wucht der Schande, hörte ich das ſchmerzerfüllte Schluchzen meiner Mutter und die faſt erloſchene Stimme meines Vaters, der mich aufforderte, ihn zu rächen. „Und ich erhob mich von Wuth und Zorn erfüllt, um dieſen Todfeind zu vernichten, der erbarmungslos einen Fehltritt eines Vaters vor die Schranke der Oeffentlichkeit gebracht, ohne zu berückſichtigen, daß mein Vater jetzt mit einer Frau vermählt war, deren Schickſal ſich mit dem ſei— nen verknüpfte und daß er einen Sohn hatte, der in jeder Beziehung an ſeinem Fehltritt unſchuldig war— dieſen herzloſen Feind, der, um einen Mann niederzubeugen, gleich⸗ zeitig auch die Gattin und den Sohn dieſes Mannes tödt⸗ lich verwundete. Ich fragte nun, wer der Urheber meiner Schande ſei? Ha! wiſſen Sie, errathen Sie, welcher Name mir da genannt ward? Der Graf von Monte⸗ Chriſto!“ rief Albert, indem er ſich mit drohender Miene emporrichtete, als ob er in dieſem Augenblick den Mann vor ſich ſähe, deſſen Namen ſo eben von ſeinem Vi ausgeſprochen worden war. „Anfangs wollte ich es nicht glauben,“ fuhr er nach N einer kleinen Pauſe fort,„aber dieſer furchtbare Name ſtand in den Papieren geſchrieben, welche ich durchlas. „Auf dieſe Weiſe alſo hatte der Verräther mit mir geſpielt. Dies war die Geſinnung, die er mir ſeit ſo langer Zeit bezeigte! So erwiderte er die ſo aufrichtige Freund⸗ ſchaft, die ich ihm geſchworen. Verräther! tauſendfacher Verräther! Wenn es einen ſo gerechten, ſo guten Gott im Himmel giebt, wie ich mir ihn denke, dann wird das fluch⸗ würdige Verbrechen, welches er begangen, niemals verziehen werden! Von dem erſten Tage an, wo Deine Hand die meine berührte, wo Du mich aufforderteſt Dein Brod zu theilen, wo Du das meine theilteſt, wo Du mit mir ſo geſprochen, daß dadurch alle meine Bedenklichkeiten beſeitigt worden, ſann'ſt Du ſchon auf den Verrath, den Du aus⸗ geführt! „Mein Herr,“ fuhr Albert nach einem kurzen Augen⸗ blick des Schweigens fort, indem er ſich zugleich mit zit⸗ ternder Hand über die Stirn fuhr,„ich konnte die Ehre meines Vaters nicht wieder herſtellen, aber ich konnte mich rächen! „Er war in ſeiner Loge in der Oper. Ich begab mich dorthin, um ihn zu inſultiren, denn ich ſah kein ande— res Mittel, ihn zu zwingen ſich mit mir zu ſchagen. Der Verfluchte empfing mich wieder mit ſeiner ſteten Freund⸗ lichkeit und ſeinem einnehmenden Weſen! Dies ſchürte die Flamme, die mich verzehrte, nur noch mehr! Ich ſetzte ihm den Gegenſtand meines Beſuch's auseinander und erhielt ſtatt der Antwort ein Lächeln! Bald wurden wir, er und ich, das Augenmerk der ganzen Verſammlung. Da der tandal öffentlich geweſen war, ſo wollte ich, daß auch die Genugthuung ſo öffentlich als möglich ſein ſollte. WMein Handſchuh berührte die Wangen des Grafen von Monte⸗Chriſto. Nach einigen Tagen ſollte das Duell ſtattfinden.“ ——„ „Und Ihr Arm war nicht ſtark genug, um den An⸗ griff durchzuführen?“ fragte Benedetto mit Intereſſe. „Nein, mein Herr!“ antwortete Albert ruhig.„Ich ward auf dem Kampfplatze entwaffnet und hier, in Gegen⸗ wart von Zeugen, gab ich dem Grafen von Monte⸗-Chriſto Satisfaction und drückte ihm die Hand.“ „Elender!“ rief Benedetto, indem er ſich zu ſeiner ganzen Höhe aufrichtete, und einen verächtlichen Blick auf Albert warf, der unbeweglich blieb. Hierauf ſetzte ſich Benedetto und fragte, als ob er das Wort, welches ihm entſchlüpft war, bereuete, in ſanftem Tone: „Sie hatten den Verſtand verloren?“ „Nein,“ murmelte Albert. „Nun, wie ging es denn zu?“ „Am Vorabend des Duells trat Jemand in mein Zimmer und verlangte von mir einen Schwur, daß ich dem Grafen von Monte-Chriſto nicht nach dem Leben trachten wolle.“ „Und wer hatte denn die Macht, einen ſolchen Schwur von Ihnen zu erlangen?“ „Eine Frau, die ich ſo liebte, daß es vielleicht Rie⸗ mand begreifen würde, wenn ich verſuchte, es ihm zu er⸗ klären. Eine Frau, für die ich eine Stunde des Glück's mit einem qualvollen Jahre meines Lebens verkaufen würde, eine Frau, deren Thränen mir wie Feuer auf das Herz fielen— mit einem Worte, meine Mutter!“ An⸗ Ich en⸗ iſto ner auf ſich hm ein ben ur ie⸗ er⸗ cs de, erz — 123— Zwölftes Kapitel. Zwei unſchuldige Opfer einer furchtbaren Rache. As Albert den erſten Theil ſeiner Erzählung beendet hatte, war er ſo bewegt, daß er nicht Kraft genug hatte, damit fortzufahren. Er ſtand auf und ging ſeine Mutter zu ſehen. Mit unausſprechlicher Freude bemerkte er, daß ihr Athem freier und ihr Schlaf nicht mehr ſo unruhig war wie Anfangs. Hierauf kehrte er in den Salon zurück und ſpeiſte in Ge⸗ ſellſchaft Benedetto's, welcher entſchloſſen zu ſein ſchien, bis zur vollſtändigen Wiederherſtellung der Mutter Albert's, der Frau von Morcerf, in Marſeille zu bleiben. Ohne die Grundurſache der Handlungsweiſe des Man⸗ nes zu erforſchen, den er verfolgte, das heißt des Grafen von Monte-Chriſto, war der Sohn Villefort's der Mei⸗ nung, daß Nichts das Verfahren eines Menſchen rechtferti⸗ gen könne, welcher die Grauſamkeit ſo weit treibt, Per⸗ ſonen unglücklich zu machen, die ihn niemals beleidigt haben. Mußte denn der Graf von Monte-Chriſto ſich durch⸗ aus für eine Beleidigung, für einen Raub oder eine Bar⸗ barei rächen, die an ihm oder einem der Seinen begangen worden? Es ſei. Aber die ſchönſte Tugend des ächten Chriſten beſtehet darin, daß er Beleidigungen zu verzeihen weiß, und wenn wir auch zugeben, daß der Graf von Monte-Chriſto nach Art der meiſten Menſchen die erhabene Tugend, von welcher uns Chriſtus am Kreuze das Beiſpiel gegeben, nicht beſaß, ſo blieben ihm doch wenigſtens die Vorſchriften der geſunden Philoſophie übrig, um ihm die Verirrungen einer heftigen f zügeln zu lehren. Daß ein Menſch ſich an einem andern, der ihm ein Unrecht zugefügt, rächt, iſt eine That, über welche die Welt ſich eben nicht wundert! Dieſer Rache aber Andere zu opfern, die ihn niemals beleidigt haben, ſie erbarmungslos zu opfern, indem man ſie ihres Vaters, ihres Freundes, unauslöſchlichen Schande, eines ewigen Verhängniſſes zer⸗ malmt— dies iſt ein Verfahren, welches in der civiliſir⸗ ten Welt keinen Namen hat. Was gab es wohl hinieden auf dieſer Erde, was Edmund Dantes von ſeinem uner⸗ meßlichen, ungeheuerlichen Fehler rein waſchen konnte? Wie viel gute Thaten mußte er in die Wagſchale des jüngſten Gericht's werfen, um das Gleichgewicht mit der Laſt ſeines verhängnißvollen Thun's wieder herzuſtellen? Wenn er tau⸗ ſend Jahre lebte und dieſe der Uebung aller Tugenden weihete, war es dann nicht immer noch zweifelhaft, ob es ihres Beſchützers beraubt und ſie durch die Wucht 4 M ihm gelingen würde, ſich von den Sünden zu reinigen, die er in dem kurzen Zeitraume von ſechs Monaten begangen? — ſechs Monaten!— das heißt in einem unbemerkbaren, unfaßbaren Augenblick der Ewigkeit!. Am andern Morgen war Benedetto, den die Erzählung Albert's im höchſten Grade der Erſte, der ihn bat, ſie zu vollenden. Albert, der jetzt über das Befinden ſeiner Mutter be⸗ ruhigter war, nahm den Faden ſeiner Erzählung wieder auf, indem er ſich, wie den Tag vorher, neben Benedetto in ein's der Zimmer ſetzte, welche ſie in dem Gaſthauſe zur Glocke und Flaſche bewohnten. Nach einem Augenblick des Schwrigtns welchen Albert zu benutzen ſchien, um ſeine Ideen zu ordnen, fuhr er gendermaßen fort: — „Als ich mich von dem, zu dem Duell beſtimmten 1 Orte entfernte, beeilte ich mich nach Hauſe zurückzukehren, indem ich meinen ehemaligen Freunden Stoff zu gllerhan bitteren Bemerkungen über mich Wküs. ver kne ein die zu los des, iner zer⸗ iſir⸗ den ner⸗ Wie ſten ines au⸗ den es die en ren, ung ihn be⸗ der in ert fol⸗ ten en, — 3 4 nd „Mein Plan war gefaßt. „Ich raffte alles Gold, was ich beſaß, zuſammen, verkaufte alle Möbels, die in meinem väterlichen Hauſe mein perſönliches Eigenthum waren, und als Alles zur Ab⸗ reiſe fertig war, begab ich mich in das Zimmer meiner Mutter. Sie hatte es eben ſo gemacht wie ich. Ihr gan⸗ zes Geld war in ein Reiſeneceſſaire verſchloſſen und ſie war ebenfalls bereit mit mir abzureiſen. Sie hatte meinen Ent⸗ ſchluß errathen, eben ſo wie ich den ihrigen vorhergeſehen. Eine halbe Stunde ſpäter ging ſie an meinem Arm die Treppe dieſes Hotels hinab, welches der Schauplatz ihres Wohlſtandes und ihrer Schande geweſen, um niemals wie⸗ der dahin zurückzukehren.“ „Und Ihr Pater?“ fragte Benedetto.„Gattin und Sohn verließen ihn beide auf dieſe Weiſe? Ohne ihm auch nur ein letztes Lebewohl zu ſagen?“ „Mein Vater,“ fuhr Albert fort,„war nicht der Mann, der dieſes Lebewohl, von welchem Sie ſprechen, als ein Gut betrachtet hätte. „Er war es, der es uns zurief. Ein Piſtolenſchuß knallte unter der Vorhalle der Treppe in dem Augenblick, wo meine Mutter und ich in die Poſtchaiſe ſtiegen, welche uns Beide von Paris wegführen ſollte. Der Graf von Morcerf hatte ſich ſelvſt gerichtet!“ Albert ſchwieg einige Secunden lang. Benedetto kreuzte die Arme über der Bruſt und be⸗ trachtete mit unausſprechlicher Theilnahme dieſen jungen Mann, der ihm eine ſo furchtbare Geſchichte erzählte. „Ich war die einzige Stütze meiner Mutter, hob Albert wieder an,„ich, der ich weder Vermögen noch auch nur einen Namen hatte, ich, der ich noch ganz aufgebläht war von den Vorurtheilen meiner ariſtokratiſchen Vergangenheit, ich, der ich in mir keine Neigung fühlte, um Almoſen zu bet⸗ teln, wenn die Zeit alle meine Hilfsmittel erſchöpft haben würde. Und dennoch mußte ich an die Zukun — *— 126— eine beſtimmte Exiſtenz und eine Stellung wählen, weil die Zeit verging und zu erwarten ſtand, daß Armuth und Mangel ſehr bald an unſere Thür pochen würden! „Wir faßten einen Entſchluß. „Ich verkaufte mich als Soldat und ſchickte mich, nachdem ich den Ertrag dieſes Verkauf's unſerer kleinen Habe hinzugefügt, an, nach Afrika abzureiſen, mit dem lebhaften Wunſche, eines Tages der ganzen Stadt Paris zu beweiſen, daß ein moraliſches Gebrechen in der Familie Worcerf nicht erblich ſei. Doch entſchuldigen Sie,“ hob er lebhaft wieder an,„ich hörte auf, mich ſo zu nennen— ich nahm einen anderen, einfacheren, unbekannteren, plebeji⸗ ſcheren Namen an, den Namen Albert Mondego. Unter dieſem kannte man mich bei dem Regimente.“ „Sie hätten einen Namen oder Titel Ihres mütter⸗ lichen Adels annehmen ſollen,“ bemerkte Benedetto. Albert lächelte verächtlich und beeilte ſich zu ant⸗ worten: „Meine Mutter war die Tochter eines armen Fiſchers. — Einen Monat nach meinem Eintritt in's Regiment,“ fuhr er fort,„reiſte ich nach Afrika, wo ich bis jetzt ge⸗ blieben bin, ohne deswegen einen Augenblick aufzuhören an das Weſen zu denken, welches das einzige iſt, welches ich liebe— an meine Mutter. Und als ich mit freudigem Herzen hierherkam, um ſie in meine Arme zu ſchließen und über dieſen einzigen Glück allen meinen Kummer und alle meine vergangenen Leiden zu vergeſſen, ſchlägt mich das er⸗ barmungsloſe Schickſal auf's Neue, als ob mein Unglück noch nicht ſein Ende erreicht hätte! „Meine Mutter hat hungern müſſen! Meine gute, ge⸗ liebte Mutter hat ſich genöthigt geſchen, die bittende Hand auszuſtrecken, um ſich ein Stück Brod zu verſchaffen. Ach! das kann nicht von dem Willen Gottes kommen! Es iſt ein Dämon, dek uns mit ſeinem verfluchtem Athem an⸗ haucht! Das Verhängniß laſtet auf uns!“ un un ne un kö zu die ind ich, nen em ris ilie ob eji⸗ iter ter⸗ nt⸗ rs. 1. ge ren hes em und alle er⸗ lück ge⸗ and ſch! iſt an Albert verhüllte ſich das Geſicht mit den Händen, um zwei Thränen zu verbergen, welche ſeine von der Sonne Afrika's gebräunten Wangen herabrannen. Benedetto betrachtete ihn wieder ſchweigend, als ob er nicht den Muth hätte, dieſe feierliche Stimmung eines Sohnes zu unterbrechen, der das Unglück ſeiner Mutter beweinte. „Jetzt, mein Herr,“ fuhr Albert fort,„wiſſen Sie nun, welche Beziehungen zwiſchen dem Grafen von Monte⸗ Chriſto und mir beſtanden haben. Sie wiſſen eben ſo gut auch, wer ich bin. Ich heiße Albert Mondego und bin der Sohn der Fiſcherstochter Mercedes. Ich beſitze kein Vermögen. Die kleine Habe, die ich aus Afrika mit⸗ brachte, habe ich faſt ganz bei jenem ſchrecklichen Schiff— bruche verloren, aus welchem Sie mich retteten. Ich habe weder Freunde noch Bekannte in Marſeille, aber dennoch rechnen Sie auf mich in Allem, was Ihnen nützlich ſein, und worin ich Ihnen dienen kann.“ Mit dieſen Worten reichte Albert Benedetto die Hand und dieſer drückte ſie ihm mit Wärme und Theilnahme. „Ihre Mittheilung hat mich lebhaft erregt,“ ſagte Be⸗ nedetto.„Dieſe Liebe, welche Sie Ihrer Mutter weihen, iſt einer jener ſeltenen Züge, welche, wie ich zugeben muß, unendlich zu dem innigen Glück eines Sohnes beitragen können! Es giebt ſo Viele, denen es nicht einmal vergönnt iſt, eine Thräne der Trauer auf das Grab einer Mutter zu weinen.“ „Wie ſo?“ fragte Albert. „Wenn ein Menſch zum Beiſpiel nicht wer ihm das Leben gegeben hat.“ Ah „Venn er weiß, daß er ſofort nach ſeiner Geburt ver⸗ laſſen worden iſt! Glauben Sie mir, Herr Albert, es giebt Menſchen, die unglücklicher ſind, als Sie. Es ußt S weit ſchrecklichere Schickſale als das „Vielleicht!“ murmelte Albert. Benedetto lächelte ironiſch und rief: „Wiſſen Sie, was die Exiſtenz eines Verbannten ſa⸗ gen will, aber eines Verbannten ohne Familie, ohne Va⸗ terland— jp ſelbſt ohne eine Hoffnung im Herzen? Wiſ⸗ ſen Sie, was Wuth, was Verzweiflung, was Rachedurſt iſt? Ach,“ fuhr er etwas ruhiger fort,„Sie haben jenen ſchwarzen Himmel des Sturm's geſehen, jene rabenſchwarze Nacht, jene empörten Wellen, jene Feuerflammen, welche unaufhörlich die aufgethürmten Wogen ſpalteten.— Wohlan, erinnern Sie ſich noch der Verzweiflung, die ſich Ihrer be⸗ mächtigte, als Sie der Spielball der Fluthen waren? Er⸗ innern Sie ſich, wie furchtbar Ihnen das Krachen des Donners war? Damals, inmitten dieſer Schreckniſſe wa⸗ ren Sie einen Augenblick lang ohne Hoffnung des Lebens, Sie ſahen ſich in den Armen des Todes! Dieſer Tod aber war nicht die ſtumme traurige Jungfrau, welche Sie all⸗ mälig an ihre eiſige Bruſt drückt, ſondern die wilde Furie, die Sie in ihren eiſernen Armen marterte und Ihnen alle Hoffnungen der Seele mit jedem Hauche, der ſich Ihrer Bruſt entrang, einzeln ausriß. Nun denken Sie ſich eine ſolche Situation zu derſelben Dauer verlängert, wie die Strafe des Prometheus! Und ſagen Sie nun, ob das Opfer dieſer Qual, ob dieſer Märthrer nicht unglücklicher wäre als Sie?“ „Und exiſtirt denn ein ſolcher Märthrer außerhalb der Grenzen der Fabel?“ „Er exiſtirt! er ſteht vor Ihnen!“ rief Benedettv. „Ich habe weder Freund, noch Gönner, noch Eltern, denn dieſe haben mich, nachdem ich kaum geboren war, lebendig begraben und jetzt ſind ſie todt! Mein Erbtheil? Iſt die Verbannung. Das Vermächtniß, welches ſie mir hinter⸗ laſſen? Iſt die Rache.— Ha, die Rache— die ich lang⸗ ſam fins indem ich neue Züchtigungen erſinne, ſa⸗ Va⸗ Liſ⸗ urſt enen arze lche lan, be⸗ Er⸗ des wa⸗ ens, aber all⸗ urie, alle hrer eine die das icher der ettv. denn ndig die nter⸗ ang⸗ inne, — um der Bruſt eines Menſchen ein Schmerzgeheul zu ent⸗ reißen, wie es das Echo noch nicht vernommen!“ „Was ſoll das heißen?“ fragte Albert.„Schon viel⸗ mal habe ich Sie von Gott ſprechen hören und ich kann nicht begreifen, wie Sie, ein Menſch, der an Gott glaubt und ihn allmächtig, langmüthig, barmherzig nennt, ſich von einem ſo verabſcheuungswürdigen Gefühl, wie die Rache iſt, beherrſchen laſſen können.“ „Und habe ich Ihnen denn nicht auch geſagt, daß der Menſch, der mir dieſes Gefühl einflößt, ein Menſch iſt, der ſelbſt niemals zu verzeihen gewußt hat? Ein Menſch, der einer perſönlichen Rache die Unſchuldigen geopfert hat, die mit dem Verbrechen, welches er ſtrafen wollte, nicht das Mindeſte zu thun gehabt hatten? Jetzt darf ich die Wuth, die mich hinreißt und mich grauſam macht, nicht erkalten oder ruhen laſſen, denn ich habe die Ueberzeugung, daß ich der Auserwählte Gottes bin, um den Uebermuth dieſes Menſchen zu züchtigen, der auf Erden den höchſten Richter ſpielen wollte, indem er ſich erleuchtet und gerecht glaubte, während er doch nur das Spielzeug einer vor⸗ herrſchenden Leidenſchaft ſeiner Eriſtenz war und während ſeine Macht über die Menſchen ſich nur auf ſeinen Reich⸗ thum gründete. Ewiger Fluch— ja, ja— rufen auch Sie mit mir ewigen Fluch auf ihn herab, denn dieſer Menſch— iſt der Graf von Monte-Chriſto!“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als ein ver⸗ zweifelter, wahnſinniger Schrei durch das Zimmer gellte. Albert und Benedetto dreheten ſich raſch nach der Rich⸗ tung herum, aus welcher ſie dieſen Schrei vernommen hatten und blieben, von Erſtaunen und Entſetzen gepackt, wie angewurzelt ſtehen. — 130— i Dreizehntes Kapitel. Das Gaſthaus zur Glocke und Flaſche.. M rrtedes ſtand auf der Thürſchwelle! Auf ihren bleichen Wangen glänzte die Purpurröthe des Fiebers, ihr flammender unſteter Blick verrieth das Delirium.. Durch einen Fieberanfall aus ihrer Ermattung aufge⸗ rüttelt, von der unerklärlichen Kraft jenes Zuſtandes der Exaltation des Blutes beſeelt, durch einen unbeſtimmten verworrenen Gedanken geleitet, ſprang ſie in ihre Bett⸗ tücher gehüllt aus dem Bett. Ein kurzer, nachläſſig be⸗ feſtigter Unterrock, ein über die Bruſt herunterhängendes Hemd, ihr auf die Schultern aufgelößt herabfallendes Haar — Alles dies gab in Verbindung mit ihrer wilden Geberde ihrer Erſcheinung den furchtbaren Anſtrich des Wahnſinn's. An der Thüre des Saales angelangt, horchte ſie, hörte die letzten Worte Benedetto's und ſtieß einen durch⸗ bohrenden Schrei aus, als dieſer den Namen des Grafen von Monte⸗Chriſto ausſprach. Nachdem der erſte Augenblick der Ueberraſchung vor⸗ über war, eilte Albert auf ſeine Mutter zu. Sie ſtieß ihn mit dem Arme zurück und ſchritt bis in die Mitte des Gemach's, indem ſie ihren ſcheuen Blick ringsumher ſchwei⸗ fen ließ. „Edmund,“ ſagte ſie mit ſchmerzlichem Lächeln,„haſt Du denn meinen Sohn ermordet? Warum haſt Du mir ſo Wittwenthum, Mangel, Elend, Leiden und Hunger zu⸗ getheilt? O wie ſchlecht haſt Du die Thränen vergolten, die ich über den Mann vergoſſen, den ich ſo ſehr geliebt. „Wo iſt dieſer Mann? Ah, er möge nicht kommen! „ Er trübe nicht die Reinheit der Umarmung, des Kuſſes, den ich für meinen Sohn aufhebe!“ Es trat ein augenblickliches Schweigen ein. Albert lag auf den Knieen, die Augen auf ſeine Mut⸗ ter geheftet, mit halb geöffnetem Munde, als ob das Ueber⸗ maß der Ueberraſchung und des Schmerzes ihm das Wort in dem Augenblicke abgeſchnitten hätte, wo er ſagen wollte: „Meine Mutter! Hier bin ich!“ Benedetto hörte mit über der Bruſt gekreuzten Armen und geſpannter Aufmerkſamkeit die rührenden Klagen der armen Mercedes. „Ach, ja, wie habe ich Dich geliebt, Edmund!“ fuhr ſie fort.„Ich habe Dich mit unermeßlicher Liebe geliebt — ich habe Dich ſo ſehr geliebt, wie ein Weib Dich lie⸗ ben kann. „Und Du biſt nicht zurückgekommen, um Dich mit mir zu vermählen! Du biſt zur Stunde unſerer Verlobung fortgegangen— und funfzehn Jahre ſind verfloſſen, fünf⸗ zehn Jahrhunderte— fünfzehn Mal die Ewigkeit! Und Du bliebſt immer noch abweſend! Welche Angſt habe ich ausgeſtanden— welche Thränen vergoſſen! Frage den Fel⸗ ſen der Catalonier und er wird Dir von mir und meinen Leiden erzählen! Frage den Kranz, der zur Stunde mei⸗ ner Vermählung meine Stirn ſchmückte, Du wirſt darauf die Spur einer Thräne ſehen, die ich Dir weihete! Höre mein Ehebett und es wird Dir noch die Seufzer erzählen, welche die verbrecheriſche Gattin dem Andenken eines Man⸗ nes weihete, der nicht ihr Gatte war. Dieſer Mann— dieſer Mann warſt Du! Womit habe ich denn das Unglück verdient, durch welches Du mich zu Boden ſchmetterſt? Was hat Dir mein Sohn gethan? O, Edmund, Deine Gerechtigkeit iſt nicht die Gerechtigkeit Gottes! „Doch hören wir— ah, da kommt er— er iſt es — es iſt mein Sohn! mein Sohn, nach welchem meine Stele ſich ſehnt— da iſt er— er tonmt er kommt!“ — 132— Mereedes ſprach dieſe letzten Worte mit wildem Ent⸗ zücken und öffnete die Arme, als ob ſie nur dieſen Augen⸗ blick erwartete, um den Sohn, den ſie rief, an ihr Herz zu drücken. In der That ſprang Albert ſofort auf, ſtürzte ſich raſch in die Arme ſeiner Mutter und rief: „Da bin ich! Ich bin es, meine Mutter! meine an⸗ gebetete Mutter!“ Ein Kuß und eine wahnſinnige Umarmung waren die einzige Antwort, welche Mercedes gab. Tiefes Schweigen folgte auf den Ausruf Albert's, ein Schweigen, während deſſen tauſend Liebkoſungen zwiſchen Mutter und Sohn ausgetauſcht wurden. Mercedes ſchien ruhiger, denn das Fieber hatte in Folge dieſer heftigen Erſchütterung von ſeiner Heſtigkeit verloren. Dennoch wa⸗ ren ihre Ideen noch nicht klar, ihre Gedanken waren ver⸗ worren und der irre Blick, den ſie auf Alles warf, was ſie umgab, verrieth die innere Aufregung, deren Beute die arme Frau war. Von Zeit zu Zeit drückte ſie krampfhaft Albert's Hand und lehnte ihre brennende Stirn an die klopfende Bruſt ihres Sohnes, in deſſen Augen gleichzeitig Thränen un⸗ aus ſprechlichen Glückes und unſäglicher Wehmuth glänzten. „Albert!“ rief Mercedes endlich,„biſt Du es wirk⸗ lich? Iſt es wirklich mein Sohn, den ich in meine Arme ſchließe? Ach, ja, ich fühle es, Du biſt es wirklich; das Herz einer Mutter täuſcht ſich nicht. Du biſt es. Du biſt dieſer Sohn, der ſich verkaufte, um mich zu ernähren, dieſer Sohn, für den ich ſtets bereit ſein werde, mein Le⸗ ben zu laſſen.“ Sie ſchwieg, bald darauf aber hob ſie wieder an: „O, fortan wirſt Du mich nicht mehr verlaſſen, nicht wahr? Nein, nein, Du wirſt mich nicht wieder verlaſſen.“ „Beruhigen Sie ſich, meine Mutter; ich bin nun für immer wieder bei Ihnen,“ antwortete Albert. S„ — 133— „Und wenn jener mächtige, rachſüchtige Mann wieder⸗ käme, um uns zum zweiten Male zu trennen. Ach, Du weißt nicht, daß in Deinen Adern das Blut des Neben⸗ buhler's Edmund's fließt und daß. Edmund nicht ohne zu ſchaudern dieſe Küſſe hört und ſieht, die ich Dir gebe?“ „Nein, nein!“ rief Albert mit Wärme.„Edmund iſt fern, Edmund hat aufgehört uns Uebles zufügen zu wollen. O, mein Gott,“ fuhr er ganz leiſe fort,„habe Erbarmen mit meiner Mutter.“ „Sage mir, Albert, wo ſind wir?“ fragte Merce⸗ des, indem ſie ſich mit unruhiger Miene umſchauete. „In Marſeille,“ antwortete er.„Erinnern Sie ſich nicht mehr der Stadt Marſeille?“ „O ja— und dieſes Haus?“ „Dieſes Haus!— iſt das Gaſthaus zur Glocke und Flaſche.“ Wos ſagſt Du?“ rief Mercedes, indem ſie ihn raſch am Arme faßte und an allen Gliedern zitterte. Albert nannte den Namen des Gaſthauſes nochmals. „Ha!“ rief Mercedes, als ob ſie einen ſtechenden Schmerz empfände.„Welcher furchtbare Auftritt hat hier ſtattgefunden— hier in dieſem Saale— ja— es iſt der⸗ ſelbe Tiſch, den ich ſehe— die Tafel, auf welcher das Feſtmahl meiner Hochzeit aufgetragen ſtand— da— da— ich ſehe noch das leidenſchaftliche Antlitz Edmund's— dort die eiferſüchtigen verrätheriſchen Züge Ferdinand's Mon⸗ dego.“ „Meine Mutter!“ rief Albert in wehmüthigem Tone. „Söre, höre!“ fuhr ſie fort, indem ſie die Stirn run⸗ zelte und Albert an ein's der Fenſter führte, von welchen man die Ausſicht auf den freien Platz t S Du nicht die Glocken läuten?“ „Es gilt eine Hochzeit. — 134— „Siehſt Du nicht dieſes weißgekleidete Mädchen mit dem Kranze auf dem Haupte? „Es iſt die Braut, welche im Begriff ſteht, den Ring zu wechſeln. „Sie ſchreitet an Edmund's Seite, deſſen leuchtender Blick das reine Gefühl ausdrückt, welches er in ſeinem Herzen empfindet. „Unmittelbar hinter den Brautleuten ſiehſt Du einen jun⸗ gen Mann, der mit geſenktem Haupte, düſterem, auf dem Boden gehefteten Blick und gerunzelter Stirn einherſchreitet und auf Verrath ſinnt. „Wo iſt jetzt dieſe ganze frohe Schaar, die ich Dir eben zeigte, wie ſie über den Platz ſchritt? „Hier ſind ſie Alle, bei Tiſche, in dem Gaſthauſe zur Glocke und Flaſche. Der Bräutigam neben der Braut und der Verräther von dem Gift der Eiferſucht geſchwellt, ſie mit ſeinem rachſüchtigen Blicke meſſend. „Mein Gott!“ fuhr ſie fort, indem ſie einen lauten Bräutigam aus den Armen! Ferdinand Mondego hat ihn als Bonapartiſten angezeigt— er wird von Soldaten hin⸗ weggeſchleppt— ich bin Wittwe, ſchon ehe ich ihm ange⸗ hört habe!“ Kaum hatte Mercedes dieſe Worte geſprochen, ſo fiel ſie in Albert's Arme, der ſie in ihr Zimmer trug und ſie der Obhut der Krankenwärterin übergab, welche an ihrem Bette wachte, während Benedetto forteilte, um den Arzt herbeizurufen. Glücklicherweiſe wich dieſer Zuſtand von Aufregung den erſten beſchwichtigenden Mitteln und kurz darauf konnte Albert ſeine Mutter nach dem kleinen Häuschen geleiten, welches ſie bei den Cataloniern bewohnte. Rit ihrer Geneſung ging es ſehr raſch von Statten. Schrei ausſtieß,„mein Gott jetzt reißen ſie mir den Die Anweſenheit ihres Sohnes, die reine, friſche Luft, welche ſie in dieſem abgelegenen Aſyl athmete, die Sor⸗ gen, denen ſie ſich zu widmen hatte— Alles trug dazu bei, ihre Seele zu beruhigen und die ſo traurigen Bilder einer ſchmerzlichen Vergangenheit aus ihrer Erinnerung zu bannen.— Den Gebrauch ihrer geiſtigen Fähigkeiten erlangte ſie ebenfalls vollſtändig wieder und es war ihr nun möglich, an Benedetto einige Worte einer lebhaft empfundenen Dank⸗ barkeit für die Großmuth zu richten, mit welcher er ſein Leben der Gefahr preisgegeben, um das eines ſeiner Ne⸗ benmenſchen vor einem furchtbaren Tode zu retten. Mittlerweile bemerkte Albert, daß Benedetto's Abreiſe bevorſtand. Dieſer Mann hatte ihm eine ſo innige Shm⸗ pathie eingeflößt, daß er kein Bedenken trug, ihn ſeinen Freund zu nennen. In der That rückte der Tag der Tren⸗ nung bald heran. Albert errieth ihn und drückte Bene⸗ detto's Hand, als ob er ihm das letzte Lebewohl ſagte. „Mein Herr,“ ſagte Benedetto eines Morgens zu ihm, indem er in ſein Zimmer trat,„was denken Sie von Ih⸗ rer Zukunft?“ Bei dieſer unerwarteten Frage hielt Albert ſeinen Blick einige Secunden lang auf Benedetto geheftet, deſſen Züge unbeweglich blieben. Kein Gefühl, kein Gedanke ſpiegel⸗ ten ſich in dieſen ſo ſtarren Zügen, als ob ſie in Mar⸗ mor gehauen wären. „Entſchuldigen Sie meine Indiscretion,“ fügte er hinzu, indem er ſah, daß Albert ſchwieg.„Wir empfinden immer den lebhaften Wunſch zu wiſſen, von welcher Art die Zu⸗ kunft eines Mannes ſein wird, der uns intereſſirt, wenn wir ihn vielleicht auf immer verlaſſen.“ „Ich bin Ihnen dankbar für Ihr Zartgefühl,“ ant⸗ wortete Albert,„und werde Sie befriedigen. Nachdem ich in Afrika Erlaubniß erhalten, einen Stellvertreter für mich eintreten zu laſſen, machte ich mich, wie ich Ihnen ſchon geſagt, auf den Rückweg mit einigen Erſparniſſen, mit deren Hilfe ich die Ruhe meiner Mutter ſichern und ihr „ 16 ein bequemes, mäßigen Anſprüchen genügendes Leben zu ſe bereiten hoffte. Gott oder auch blos der Zufall haben ke nicht gewollt, daß dem ſo ſei! Ich habe faſt Alles verlo⸗ 2 ren, was ich mitbrachte und gegenwärtig blos noch ſo viel, d als eben hinreicht, um die nöthigen Ausgaben während der il Zeit zu beſtreiten, die ich darauf verwenden werde, irgend⸗ a wo um eine kleine Anſtellung nachzuſuchen.“ d „Und wenn Sie dieſe Anſtellung nicht erhalten?“ „Dann arbeite ich um's Tagelohn,“ entgegnete Albert b traurig, indem er zugleich mit einem gewiſſen Stolz hin⸗ 2 zuſetzte.„Aber ich ſchwöre Ihnen, daß meine Mutter 8 nicht die mindeſte Entbehrung zu ertragen haben ſoll!“ o „Ich beneide Sie um dieſe Liebe, welche Sie gegen Ihre Mutter hegen. Ich beneide Sie um dieſes Gefühl und dieſe fromme Ergebung, mit welcher Sie himehmen,. was der Wille Gottes beſchloſſen hat.“ ₰ „Ich muß arbeiten, um die zu erhalten, die mir das Leben gegeben— dies ſcheint mir ganz natürlich,“ ant⸗ wortete Albert mit der rührendſten Einfachheit. „Alſo ſind Sie feſt entſchloſſen zu arbeiten?“ „Ohne Zweifel.“ „Das genügt, Albert. Sie ſehen, daß ich ziemlich eben ſo alt bin wie Sie. Aber dennoch glauben Sie die Worte, welche ich Ihnen ſagen will, denn Sie ſind die Früchte der Erfahrung! Wie verhängnißvoll dem Menſchen auch ſein Schickſal ſcheine, ſo muß er doch immer feſt über⸗ zeugt ſein, daß ein höheres und göttliches Princip vorhan⸗ den iſt, welches niemals vergißt, unſere Handlungen in der Wage der Gerechtigkeit zu wägen und die Unſchuld zu belohnen.“. „Haben Sie ſchon die Belohnung dieſer Unſchuld em⸗ pfangen?“ fragte Albert lächelnd. „Ich? Nein,“ antwortete Benedetto ernſt;„ich habe ſie nicht empfangen, weil ich ein verſtockter Sünder bin. Auch glaube ich feſt an die Züchtigung meiner Sünde ie we in. en, Windes entgegenbreitet und ſich auf dem Spiegel der — 137— ſobald meine Miſſion erfüllt ſein wird, denn ich habe er⸗ kannt, daß die Böſen die Strafe für ihre Verbrechen, ihre Laſter oder ihre Irrthümer in dieſer Welt empfangen. Eben deshalb verſichere ich Ihnen, daß die Guten auch den Lohn ihrer Tugenden erhalten werden! Verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf, Albert, über Ihnen und mir giebt es einen Gott, der uns richtet!“ Mit dieſen Worten verließ Benedetto das Zimmer Al⸗ bert's, der, von der feierlichen Geberde und den liebreichen Worten Benedetto's lebhaft ergriffen, nicht die Geiſtesge⸗ genwart beſaß, ihm zu folgen oder ihm zu antworten, okſchon er einſah, daß dieſe letzten Worte und der Ton, mich welchem ſie geſprochen worden, ganz unzweideutig das letzte Lebewohl des Mannes waren, welcher fortging, um vielleicht nie wieder zu kommen. Vierzehntes Kapite!. Die Abreiſe. Gine halbe Stunde ſpäter hörte Albert die Stimme ſeiner Mutter, welche ihn rief. Er eilte in das Zimmer und fand ſie vor dem Fen⸗ ſter ſitzend, die Augen auf das Meer geheftet. „Sage mir, Albert, was das für ein Schiff ſein kann, welches ſo eben den Anker gelichtet hat und in dieſem Au⸗ genblick unter Segel geht? Ich ſah es geſtern hig uuſe Fenſtern gegenüber liegen bleiben.“ „Albert ſchaute nach der von Mercedes unge Richtung hin und ſah eine kleine Vacht, elegant und leicht wie ein Schwan, wenn er ſeine Flügel dem Hauche des lichen Fluthen eines See's hingleiten iſ — 13— „Ha!“ murmelte Albert, nachdem er einen Augenblick das kleine Fahrzeug betrachtet, welches ſich in Bewegung zu ſetzen begann,„das iſt Benedetto's Jacht! Ich dachte wohl, daß er uns verlaſſen würde. Sonderbarer Mann, der Du die Gabe zu beſitzen ſchienſt, über den Sturm zu triumphiren, indem Du Dich unerſchrocken mitten in das gleich einem wohlthätigen Genius, um mich zu retten! Leb' wohl, auf immer! Leb' wohl!“ „Beten wir für ihn,“ ſagte Mercedes, indem ſie vor dem prachtvollen an der Wand hängenden Crurifir nieder⸗ kniete. „Ja, beten Sie, meine Mutter! beten Sie! Ohne Zweifel denkt auch er an uns in dieſem Augenblicke.“ Albert bemerkte am Bord der Nacht eine leichte weiß⸗ ner ihrer Kanonen, welche in dem Augenblick gelöſt ward, wo die Racht um die Felſenſpitze ſteuerte und an dem Hauſe der armen Mercedes vorüberkam. Es war der letzte Abſchiedsgruß Benedetto's. Albert blieb noch lange am Fenſter ſtehen und heftete die Augen auf das gebrechliche Fahrzeug, welches, von dem friſchen Winde getrieben, mit Schnelligkeit zu entfliehen begann. beten und ihre ſanfte Stimme flehte die Gnade des Him⸗ mels für den Retter ihres Sohnes an. Als ſie ihr Gebet beendet hatte ſtand ſie auf, lehnte ihren Kopf an Albert's Schulter und ſagte: „Mein Sohn, unſere Pflicht gegen dieſen Fremdling iſt erfüllt. Es bleibt uns jetzt weiter Richts übrig, als ihm ewige Dankbarkeit zu bewahren. Das Glück begleite ihn auf ſeiner Reiſe— was uns betrifft, ſo wollen wir hier in Frieden leben.“ „Ja, meine gute Mutter,“ antwortete Albert, indem Feuer des Himmels und die wüthenden Wogen ſtürzteſt, liche Wolke und unmittelbar darauf hörte er den Knall ei⸗ Mercedes hörte vor dem Erucifix knieend nicht auf zu er „ ſti m w go — 1—„— H.„₰c ick ng te in, zu as eb or er⸗ yne ei⸗ rd, em — 139— er ſie mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit in ſeine Arme ſchloß. „O, könnten wir ungeſtört dieſen Frieden, dieſes innige ſtille Glück genießen!“ „Aber warum ſtehen zwei Thränen in Deinen Augen, während Du dieſe Worte ausſprichſt 2* fragte Mereedes mit Bewegung. „Ach! weil ich meine allnächtlichen Träume nicht ver⸗ wirklichen kann; weil es mir unmöglich iſt, Ihnen die Ver⸗ gangenheit vergeſſen zu machen, wie ich doch gehofft.“ „Wie! glaubſt Du, daß ich in den traurigen Erinne⸗ rungen an dieſe Zeit des Unglück's nicht auch ein gewiſſes wehmüthiges Vergnügen finde, welches Du freilich nur ſchwer begreifen wirſt? Aber glaube es mir, Albert.“ „Ach, ich möchte nicht blos Ihre Thränen trocknen, meine Mutter, ich möchte ſie auch verhindern.“ Mercedes lächelte, aber auf jene Weiſe, wie nur Un⸗ glückliche zu lächeln pflegen. Es war ein gleichzeitig ſanf⸗ tes und ironiſches Lächeln, welches das tiefe Gefühl eines vollſtändigen Unglück's auf die Lippen ruft. „Und wie könnteſt Du dieſe Thränen vermeiden, deren Quelle auf dem Boden eines ſeit ſo vielen Jahren durch das Verhängniß ausgehöhlten Abgrundes ſich befindet?“ „Mit Hilfe Gottes iſt Nichts unmöglich! Nehmen Sie einen Augenblick an, daß ich hier an Ihrer Seite Ihren Blicken allmälig ein unermeßliches Gemälde entrolle, wel⸗ ches die üppigſten und prachtvollſten Landſchaften zeigt, Landſchaften, die Alles hinter ſich laſſen, was die geſchick⸗ teſten Künſtler jemals zu ſchafftin im Stande geweſen ſind, — den blühenden Anblick zahlreicher Städte an den Ufern jenes ſchönen See's, der ſich von Gibraltar bis zu den Dar⸗ danellen erſtreckt; die verſchiedenen Trachten der hier woh⸗ nenden Völker; die verſchiedenen Thpen des Menſchenge⸗ ſchlechts von den kaukaſiſchen bis zu den amerikaniſchen; die großartigen Schauſpiele der Natur im Verein mit der Pracht des Cultus der verſchiedenen Religionen, vom Chri⸗ * — 140— ſtenthume an bis zum niedrigſten Götzendienſte— und endlich jene erhabenen Blätter aus dem Buche der Jahr⸗ hunderte, welche wir Ruinen nennen, und die mit ihren ſtol— zen Inſchriften über die Erde zerſtreut ſind! Sagen Sie mir, würde nicht die Betrachtung, das Studium alles Die⸗ ſes, jene traurigen Bilder verſcheuchen, welche Ihnen ge⸗ genwärtig dieſe Thränen entlocken, deren Spur ich auf Ih⸗ rer Wange auch jetzt wieder bemerke? Ach das Schickſal hat nicht gewollt, daß ich jemals aufhöre, dieſe ſo bitteren und ſo häufigen Thränen zu ſehen!“ rief Albert ſchmerzlich, indem er den Kopf auf die Bruſt ſinken ließ. „Wohlan! Ich werde aufhören zu weinen, Albert,“ ſagte Mercedes ſanft.„Meine Thränen thun Dir wehe, mein geliebtes Kind. Ah, ſiehe, ſchon weine ich nicht mehr! Ich weine nicht mehr, ſage ich Dir, denn ich weiß es wohl, daß ich Dich nicht betrüben darf— nein, ich darf nicht, ich will nicht Dich durch dieſe Thränen ermüden, aus de⸗ nen ich mir ſelbſt ein Vergnügen machen würde, wenn ſie nicht für Dich vergoſſen würden.“ „Für mich? Thränen über mein Schickſal! Warum denn?— Wenn ich bei Ihnen bin, wenn ich Sie umarme?“ fragte Albert, deſſen durch die Bewegung beengte Stimme ſich nur mit Mühe Bahn brach, als ob das Uebermaß der Empfindung ſie erſtickte. „Du biſt edelmüthig, mein Sohn, aber ich weiß, wie viel ich Dir verdanke, ich, die ich geſehen, wie Du Deine Freiheit verkaufteſt, um mir eine Unterſtützung zu verſchaf⸗ fen, ich, die ich geſehen habe, wie Du die Welt verließeſt und verachteteſt, um mir in die Einſamkeit zu folgen. O, Albert, was würde ich nicht thun, um Dich glücklich zu ſehen! Warum iſt es mir nicht möglich, mit dem Gedan⸗ ken zu ſterben, daß Dir noch eine lachende Zukunft beſchie⸗ den iſt? Dir, der Du es ſo wohl verdient haſt.“ Tag und Racht ſann Albert nach und ſuchte ein Mit⸗ tel, irgend eine Stellung zu erlangen, die ihn in den Stand ſet di la m m ind hr⸗ ol⸗ Sie ie⸗ ge⸗ h⸗ ſal ren ich, he, ohl, cht, de⸗ ſie um 2 une der wie eine af⸗ eſt zu an chie⸗ Nit⸗ and — 141— ſetzte, künftigen Bedürfniſſen zu begegnen und auf dieſe Weiſe den Mangel, dieſen unzertrennlichen Gefährten des Unglück's, zu vermeiden und alle Tage, alle Nächte ſah er die Unmöglichkeit ein, jemals eine ſolche Stellung zu er⸗ langen. Mercedes, die alle Grade der Verzweiflung durchge⸗ macht, welche geſehen und begriffen, wie weit das Erbar⸗ men Gottes gehen kann, war nun die Erſte, die ihn auf⸗ forderte zu hoffen. Tröſtendes Wort, deſſen Sinn Rie⸗ mand begreifen kann, der nicht in der finſteren Nacht des Unglück's den Strahl des göttlichen Erbarmens hat leuch⸗ ten ſehen! Dieſer Strahl erglänzte auch aus Albert's Augen. Er erkannte zum zweiten Male, daß Gott ihn nicht verlaſſen. Der Geiſtliche, der dor einigen Monaten von Merce⸗ des nach dem Dorfe der Catalonier gerufen worden, kam jetzt wieder und fragte nach Albert. Hier bin ich, mein Herr,“ antwortete der junge indem er ſich vor dem Prieſter verneigte. „Sind Sie Albert Mondego?“ „Ja, mein Vater.“ „Der Sohn von Mercedes, der Catalonierin?“ „Ganz derſelbe.“ „Nichtsdeſtoweniger geben Sie mir noch einige Beweiſe, daß Sie wirklich der ſind, den eine gebieteriſche Pflicht mich aufzuſuchen zwingt.“ Albert dachte einen Augenblick nach und heftete wieder⸗ holt einen prüfenden Blick auf die ehrwürdigen Züge des Geiſtlichen, als ob er den Sinn oder den Beweggrund ſei⸗ ner Fragen in ſeinem Antlitze leſen wollte. Endlich entſchloß er ſich zu ſprechen. „Als ich aus Afrika zurückkehrte,“ ſagte er,„hatte ich einen Sturm zu beſtehen, dem ich nur durch ein Wun⸗ der entging, indem ich durch einen Mann, Namens Bene⸗ detto, gerettet ward. Ich kam auf einem Deimaſter, wel⸗ 4 — 142— cher, wie man mir ſagte, dem Hauſe Morel gehörte, einer der älteſten Handelsfirmen von Marſeille. „Sie gehörten mit zur Schiffsmannſchaft?“ „Nein, mein Herr, ich war einfacher Paſſagier. Ich hatte in Afrika als Soldat gedient und kehrte nun, nach⸗ dem ich meinen Abſchied erhalten, zurück.“ „Sehr wohl, Sie ſind in der That der, den ich ſuche.“ Mit dieſen Worten übergab ihm der Prieſter einen Brief und erwartete, daß er ihn öffne. Albert zögerte, obſchon auf der Adreſſe ſein vollſtän⸗ dig ausgeſchriebener Namen ſtand. „Leſen Sie,“ ſagte der Prieſter. „O, mein Gott,“ rief Albert, nachdem er kaum den Brief durchgeleſen,„ich danke Dir!“ Albert las ſtill zum zweiten Male den Brief und be⸗ trachtete genau jedes Wort, als ob er den Sinn deſſelben ſtudirte, um ſich auch vollſtändig zu überzeugen, daß er ſich nicht täuſche, oder daß er nicht das Spielwerk einer Illuſion ſei. „Aber dies wäre das erſte Almoſen, welches ich aus der Hand eines Menſchen erhielte!“ rief er plötzlich, als ob er aus einem Traume erwachte.„Ein Almoſen— nein, nein, das darf ich nicht annehmen! Benedetto— Dein Edelmuth verletzt mich nicht, aber es giebt in der Welt noch unglücklichere Menſchen als ich bin— dieſen gehört dieſes Almoſen— denn ich, ich kann noch arbeiten!“ „Sehen Sie, in welchem Grade der Stolz Sie ver⸗ blendet!“ ſagte der Prieſter. Der Stolz!“ wiederholte Albert,„der Stolz! wenn ich von Menſchen rede, die unglücklicher ſind, als ich und ihnen ein Atmoſen zuwenden will, welches mir angeboten wird, mir, der ich noch arbeiten känn 3„Junger Mann,“ entgegnete der Prieſter lächelnd, „ich ſage Ihnen nochmals, daß es nicht blos das Grfühl des iſt wel Al M den ſol Al her un ſtu ich St die zu det da we nic üb ch ch⸗ ich ren in⸗ — 143— des Mitleidens iſt, welches Sie bewegt, ſo zu ſprechen. Es iſt noch ein alter Reſt von Stolz in Ihnen! Dirſer Stolz, welcher Sie veranlaßt, das auszuſchlagen, was Sie ein Almoſen nennen, beleidigt Gott, beleidigt den edelmüthigen Mann, der ſich für Sie intereſſirt, und beleidigt auch mich, denn ich bin es, der dieſe Gabe Ihren Händen übergeben ſoll.“ „Sie kennen alſo den Inhalt dieſes Briefes?“ fragte Albert. „Ich habe ihn dictirt, weil Benedetto es ſo verlangte.“ „Kennen Sie dieſen Mann?“ „Ich hatte ihn noch nie geſehen.“ „Wiſſen Sie wenigſtens, welche Geſinnungen ihn be⸗ herrſchen?“ „Ohne Zweifel; ein tiefes Gefühl bewegt ſein Daſein und dieſes Gefühl iſt ein Geheimniß zwiſchen ihm und Gott, ein Geheimniß, über welches außerhalb des Beicht⸗ ſtuhl's Nichts verlauten darf, mein Sohn. Indeſſen kann ich Ihnen verſichern, daß in dem Augenblick, wo er die Summe, die ich Ihnen zuſtelle, meinen Händen übergab, die reinſte Ueberzeugung hatte, hierin den Willen Gottes zu erfüllen. Nehmen Sie daher dieſe Summe an, Bene⸗ detto iſt gegenwärtig nur das Werkzeug, vermittelſt deſſen das Geſetz des Himmels ausgeführt wird. Er iſt jetzt weit von Ihnen und ich kann Ihnen verſichern, daß er nicht das mindeſte Gefühl des Stolzes oder der Eitelkeit über die gute That empfindet, welche er übt, indem er Ihnen dieſes Geld zum Geſchenk macht. Nehmen Sie.“ Mit dieſen Worten übergab der Prieſter Albert eine kleine verſiegelte Papierrolle. „Nun,“ fuhr er fort,„verſprechen Sie mir, um die Abſichten Benedetto's zu erfüllen, daß ein unverletzliches Geheimniß auf immer das Gefühl der Dankbarkeit, wel⸗ ches dieſe Handlungsweiſe in Ihnen erweckt, in Ihrem Her⸗ begraben wird!“ 3 6 — 144— „Edelmüthiger Mann,“ rief Albert,„wenn Dein Le⸗ ben durch ein Verbrechen entweihet worden, ſo wird Dir die göttliche Verzeihung ſicherlich dafür werden!“ Einige Augenblicke ſpäter befand ſich Albert in ſeinem Zimmer und hatte in ſeiner Brieftaſche in Bankbillets die Summe von fünfzehnhunderttauſend Francs. Funfzehntes Kapitel. Venedig. In den erſten Tagen des Jahres 1841 befand ſich in Venedig ein junger Franzoſe, der, ohne gerade dem an⸗ zugehören, was gewiſſe Leute die erſte Klaſſe der pariſer Geſellſchaft nennen, aus einer ausgezkichneten Familie ab⸗ ſtammte und eine vollſtändige Erziehung beſaß, die in Verbindung mit der feinſten Bildung einen vollendeten Ca⸗ valier aus ihn machte. Dieſer jung Mann hieß Maximilian Morel. Er war verheirathet. Seine Gattin, die Tochter ei⸗ nes ehemaligen Beamten, ſtammte von mütterlicher Seite Seit kaum dritthalb Jahren verheirathet, hatten Maxi⸗ milian und Valentine noch nie die mindeſte Wolke zwiſchen 8 alle ihre Gedanken ſeien aus einer und derſelben Form gegoſſen. Es konnte kein Vergnügen für das eine geben, wen Unruhe oder Kummer das andere quälte. Vergnügen un Freude, Schmerz und Leiden, mit einem Worte alle Empfin dungen, angenehme ſowohl gls peinliche, wurden 3 cht aus der berühmten Familie der Marquis von Saint Méran.. —— ſich aufſteigen ſehen. Sie lebten in vollkommener Einig⸗ keit, in einer Harmonie, daß man hätte meinen ſollen, e⸗ ir m die ſich an⸗ riſer ab⸗ in Ca⸗ ei⸗ Seite ran.. taxi⸗ ſchen inig⸗ llen, Form wenn und npfin⸗ Ri — 145— ßig von beiden gefühlt, als ob ſie beide die ihnen durch das am Altar des Allerhöchſten geſchloſſene und in ſeinem Namen heilig geſprochene Bündniß auferlegten Pflichten in ihrem ganzen Umfange begriffen. Valentine harte keine Kinder. Es war erſt ſo kurze Zeit her, ſeitdem ſie verheirathet waren, daß ſie noch nicht jene Sehnſucht, Mutter zu ſein, empfand, welche ſich jeder Ehe⸗ gattin unvermeidlich bemächtigt. Sie war niemals weit von Maximilian; ſie ſah ihn zu allen Minuten des Tages, und die Liebkoſungen, womit er ſie überhäufte, ließen ihm vielleicht 1 t die Zeit, das erhabene Bedürfniß der Lieb⸗ koſungen eines Sohnes zu fühlen, auf deſſen kindlichem Geſicht eine Mutter während der Stunden der Abweſenheit ſtets die Züge und das Bild ihres Gatten wiederzuerkennen glaubt. Maximilian war erſt achtundzwanzig bis neunund⸗ zwanzig Jahre alt und Valentine ſiebzehn oder achtzehn. Erſterer war eine jener ſtarken, rüſtigen Conſtitutionen und ein vollſtändiger ſüdlicher Thpus— blaß, mit Augen und Haar wie Ebenholz. Valentine verrieth, obſchon ihr Wuchs ſchlank und ihr Bau geſchmeidig und zart war, dennoch ebenfalls eine kräftige Organiſation und erfreute ſich einer guten Geſundheit. Nachdem dieſes Paar ſeit ſeiner Vermählung faſt aus⸗ ſchließlich in Frankreich gelebt, hatte es endlich dem Wunſche nachgegeben, andere Geſellſchaften, andere Sitten und Ge⸗ wohnheiten zu ſehen und zu beobachten, als man in den ariſtokratiſchen Salons von Paris zu beobachten Gelegen⸗ heit hat. Venedig war der erſte Punkt, der ihre Blicke auf ſich zog und hierher richtete ſich daher ihr erſter Ausflug. Die Erinnerungen und Sagen, die ſich an dieſe alterthümliche Königin des mittelländiſchen Meeres knüpfen, der Zauber ihres alten Glanzes und ganz beſonders die Schönheit er Gebäude, ihrer Canäle und ihrer Brücker— Alles Die Todtenhand. 2. Band.. — 146— trug dazu bei, um ihr in den Augen der Neuvermählten den Vorrang zu verſchaffen. In der That bietet Venedig, welches in Folge ſeiner geographiſchen Lage mit Aſien und Europa in fortwähren⸗ dem Verkehre ſteht, ein ununterbrochen wechſelndes Gemälde merkwürdiger Geſtalten und Auftritte. Sein unaufhörlich von den Handelsleuten aller Natio⸗ nen beſuchter Marktplatz zeigt noch einen Reſt der Größe ſeines früheren Handels. Obſchon der geflügelte Löwe von St. Marcus die Glorie verloren hat, die ihn umgab, ob⸗ ſchon die Thürme nicht mehr ſtolz die Trophäen ſeines Ruhmes wehen laſſen, guf welchem der Fremde die aufein⸗ anderfolgenden Phaſen der Eroberungen der Republik leſen konnte, ſo ſteht doch noch die alte Kathedrale da, in ihrer ehrwürdigen Geſtalt, im Hintergrunde des großen Platzes und zeigt ſtolz neben ihrer byzantiſchen Architektur die un⸗ glaubliche Arroganz der griechiſchen Kunſt! Hier ſind noch alle ſeine ſchönſten Zierden— die be⸗ rühmten Arkaden, die prachtvollen Paläſte der alten Patri⸗ cier, die impoſante Maſſe des Dogenpalaſtes, die Granit⸗ ſäulen der Piazzetta, der ſchlanke Thurm, jenes merkwür⸗ dige Erzeugniß einer gemiſchten Architektur, auf welchem Galilei ſo oft ſeine aſtronomiſchen Beobachtungen anſtellte, die chriſtliche Baſilika mit ihrer kreisrunden Tribune über der langen Fagade, welche die vier berühmten ehernen Roſſe trägt, die zu Anfange des 13. Jahrhundert's in Conſtanti⸗ nopel erobert, gegen Ende des letzten Jahrhundert's von den Franzoſen mit fortgeführt, und im Jahre 1815 wieder zurückgegeben wurden; dann die Canäle und die Marmor⸗ treppen, an welche die Fluthen leiſe murmelnd anſchlagen. Mit einem Worte, Venedig iſt, obſchon ſeines alten Glanzes entkleidet, immer noch Venedig! Es iſt immer noch die ſchöne an den Fluthen des Lido entſchlummerte Prinzeſſin, welche lächelnd von ihren früheren Anſtrengungen und Arbeiten aus⸗ zuruhen ſcheint. X n⸗ düſtere, nachdenkliche Geſtalt, welche alle gen Vu⸗ In Venedig alſo befanden ſich Maximilian und Valen⸗ tine und erfreuten ſich jener unvergleichlichen Luft und jenes durchſichtigen Himmels, der auch der Himmel Italiens iſt. Zu der Stunde, wo die Sonne ihre letzten Strahlen, deren Glanz ſich bereits hinter den Gebirgen Throls zu verbergen begann, auf die alte Kathedrale herabſendete, wandelten Maximilian und Valentine über die Piazza und lenkten, längs des alten Broglio hingehend, ihre Schritte nach den Quais, wo Hunderte von Gondeln von allen Dimenſionen lagen. „Liebe Freundin,“ ſagte Maximilian zu ſeiner Gattin, nachdem er mit ihr einige Zeit auf dem uin auf und ab⸗ gegangen war,„die venetianiſchen Nächte ſind warme und ruhige Nächte, welche zum Genuſſe der Friſche der Canäle einladen, in welchen der Mond ſich F und geheim⸗ nißvoll zu ſpiegeln ſcheint.“ „Nun, ſo laß uns einſteigen, Maximilian,“ antwortete Valentine, indem ſie den Arm ihres Gatten drückte und gleichzeitig unruhig nach einem Manne blickte, der ſich in einen Mantel gehüllt hatte, und deſſen Geſicht durch die breite Krämpe eines ungeheuren Hutes verdeckt ward. Matximilian achtete nicht auf die Bewegung Valenti⸗ nens, die fortfuhr dem Manne mit dem großen Hute und dem dunkeln Mantel mit den Augen zu folgen. „Wie viele Gondeln auf dem Canal hin⸗ und herfah⸗ ren,. bemerkte Maximilian,„die Canäle ſind die Straßen Venedigs, die Gondeln die Wagen. Da kommt eine, die gerade für uns zu paſſen ſcheinti ſieh, der Gondelführer hat . ſchon errathen, was wir wollen.“ Valentine ging ſchweigend neben Marimilian auf die Treppe zu, aber ihr unruhiger Blick ſchien wieder einen Fremden zu muſtern, der in kurzer Entfernung von ihnen ſtand. In der That ſah man nicht weit von Valentinen eine lentinens und Morels ebenfalls mit ihren Blicken ver⸗ folgte. Wittlerweile waren dieſe einem Gondelführer gegenüber ſtehen geblieben, der, wie man aus der Friſche ſeines rothen Camiſol's und dem guten Zuſtande ſeiner dreieckigen Mütze ſchließen konnte, im Dienſte eines edeln Hauſes zu ſtehen ſchien. „Iſt Deine Gondel frei?“ fragte Marimilian lächelnd. „Ja, Excellknz und es wäre für mich eine große Ehre, wenn ich Sie fahren könnte.“ „Sieh, liebe Valentine, welche Söflichkeit, welches au⸗ ßerordentliche Zartgefühl, wodurch die Venetianer ſich aus⸗ zeichnen! Es möchte ſchwer ſein, unter einem anderen Him⸗ mel als dem Italiens, beſonders unter den arbeitenden Flaſſen, einen ſo hohen Grad von Artigkeit anzutreffen,“ ſagte Maximilian.„Du haſt doch dieſen wackeren Mann gehört, welcher ſagte, er würde es ſich für eine große Ehre ſchätzen, uns fahren zu können! Giacomo, Du ſcheinſt ein wackerer Mann zu ſein!“ „Tauſend Dank dem Himmel und dem alten Schutz⸗ heiligen Venedigs, dem guten Sanct Marcus! Was mich betrifft, ſo werde ich nie etwas Anderes ſein, als ein roher, ungebildeter Menſch im Vergleich mit Eurer Excellenz und der Signora, welche mir die Ehre erzeigt, mich anzu⸗ ſehen.“ „Ah, wahrſcheinlich weil ſie ohne Zweifel im Begriffe iſt, den guten Zuſtand und die Eleganz Deines Camiſol's ſo wie die Sauberkeit Deines Schuhwerk's zu beaugen⸗ ſcheinigen.“ „Das iſt auch wahr,“ entgegnete Valentine,„ich be⸗ wundere eine ſo ausgeſuchte Reinlichkeit bei einem Menſchen dieſes Handwerks. Der Gondelführer gab hierauf keine weitere Antwort, 3 als durch eine tiefe Verbeugung. „Wie heißt Deine Gondel?“ fragte Maximilign. ein utz ich her, und zu⸗ riffe ol's gen⸗ be⸗ chen ort, — 149—— „Valentine,“ antwortete der Gondelführer. „Was ſagt er da?“ fragte Madame Morel, indem e ihren Gatten verwundert anſah. „Er ſagt, ſeine Gondel heiße Valentine. Das iſt ganz einfach, liebe Freundin und ich empfinde einen deshalb nur um ſo lebhafteren Wunſch eine Promenade auf den Canä⸗ len von Venedig zu machen. Vorwärts, Giacomo, in Deine Gondel.“ Der Gondelführer ließ ſich dies nicht zwei Mal ſagen, ſondern lief nach der Treppe, zog an einer eiſernen Kette und näherte dadurch ſeine Gondel ſo, daß Maximilian und Valentine bequem einſteigen konnten. Obſchon Valentine erſt ſeit kurzer Zeit in Venedig war, ſo ſah ſie doch auf den erſten Blick, daß die Gondel, welche ſie betrat, weit entfernt war ſo einfach zu ſein, wie die Mehrzahl derjenigen, die hier und da auf dem Canal umherkreuzten. Dieſes kleine Fahrzeug hatte einen ſorgfäl⸗ tig vergoldeten Schnabel, einen hübſchen ſeidenen Baldachin und gut gepolſterte Bänke. Dennoch machte Valentine, als ob ihre Aufmerkſamkeit vollſtändig durch einen andern Gegenſtand in Anſpruch ge⸗ nommen würde, gegen ihren Gatten darüber weiter keine Bemerkung. Sie trat in die Gondel und ſetzte ſich. Dann, während der Gondelführer, ſein Ruder geſchickt handhabend, die Barke vom Quai hinwegeilen ließ, drehete ſie ſich herum und warf noch einen untuhigen Blick auf die Piazza. Sobald als die Gondel den Quai ziemlich weit hinter ſich gelaſſen und nun gemächlich auf dem großen Canal weiterſchwamm, lief der Mann, welcher alle Bewegungen Maximilians und Valentinens beobachtete, nach dem Quai⸗ ſtieß einen kurzen, gellenden Ruf, der dem eines Nacht⸗ vogels glich, aus, und erwartete, ohne ein Zeichen von Un⸗ geduld zu geben, Jemanden, der ihm auf We antwortete. Vecchio, ſugie er auf Italieniſch u einn mü⸗ — 150— hernden Individuum,„haſt Du die Befehle, die ich Dir gegeben, ausgeführt?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete der Hinzutretende, in⸗ dem er mit leiſer Stimme und mit einer gewiſſen geheim⸗ nißvollen Miene ſprach.„Ich habe eine lange Unterredung mit dem Gondelführer in dem ſcharlachnen Camiſol gehabt und erfahren, daß er ſeit einigen Tagen im Dienſte eines reichen, erſt kürzlich in Venedig angekommenen Franzoſen ſteht.“ 3 „Und wer iſt dieſer Franzoſe 6 „Ach, der Schurke von Gondelführer that, als ob er den Namen nicht wüßte.“ „Und dann?“ per la madre de Pio, wie Sie doch drängen und trei⸗ ben können, Signor!“ antwortete der Gefragte in ſeinem halb römiſchen, halb venetianiſchen Dialekte.„Ich habe über eine Stunde gebraucht, um erſt auf das richtige Ka⸗ pitel zu kommen— aber, es fehlt mir nicht an Tact und was Gewandtheit betrifft, ſo glaube ich es mit dieſem wa⸗ ckeren venetianiſchen Gondelführer noch aufnehmen zu können.“ „Zur Sache!“ ſagte der erſtere ungeduldig. „Nun ſo wiſſen Sie denn, daß ich thun und ſagen konnte, was ich wollte— es gelang mir nicht, den Na⸗ men des Franzoſen zu erfahren.“ „Das iſt alſo die Gewandtheit, deren Du Dich rühmſt! Das iſt die Schlauheit, in welcher Du es mit dem vene⸗ tianiſchen Gondelführer aufnehmen zu können meinſt? Deine Prahlerei verdiente hekzlich ausgelacht zu werden; was meinſt Du dazu?“ „Geduld, Signor, Geduld! Hören Sie mich erſt und dann können Sie thun, was Sie wollen. Da ich nun ein⸗ ſah, daß der Gondelführer den Namen ſeines Herrn wirk⸗ lich nicht wußte, ſo lenkte ich meine Forſchungen nach einer 7 anderen Seite und wenn es mir auch nicht gelungen iſt, den wer Na in auf —** nd n⸗ rk⸗ er iſt, — 6 viel Silberbänder zu ſein, mit welchen zeſſin ihren Buſen ſchmückt. — 151—— den Taufnamen des Franzoſen zu erkunden, ſo habe ich wenigſtens ſeinen Familiennamen erfahren.“ „Und wie heißt er?“ „Ganz einfach Morel.“ „Morel?“ wiederholte der erſtere, als ob ihm dieſer Name nicht unbekannt wäre. „Wenigſtens iſt dies der Name, der mir geſagt worden.“ „Wo wohnt er?“ „In der Nähe des Judenviertels oder der Gindecca, in einem kleinen Hotel, von welchem man auf der einen Seite die Ausſicht auf den Canal und von der anderen auf die Villa St. Martin hat.“ „Gut! Die Schaluppe?“ „Iſt bereit.“ „Nun ſo wollen wir uns einſchiffen und nach dem Judenviertel rudern.“ Die beiden Männer verſchwanden ſofort unter der Menge, welche ſich auf der Piazza und dem Quai umher⸗ trieb. Nittlerweile war die Gondel Marimilians ſchon weit und zog während ihres langſamen und trägen Laufes leichte Silber⸗ und Azurfurchen in dem glatten Waſſerſpiegel. Wer noch nicht das prachtvolle Schauſpiel einer war⸗ men ruhigen Nacht bei hellem Mondſcheine in Venedig ge⸗ noſſen, kann ſich keinen Begriff von der Schönheit machen, die man hier entdeckt. Haſt Du niemals in Deinen Träumen eine Stadt von Jaspis und Marmor geſehen, die wie durch einen Zauber⸗ ſchlag auf die Oberfläche eines ſchönen See's emporſteigt, über welchen der Mond ſeine, den ſüßen Geheimniſſen der Liebenden ſo günſtigen ſanften Strahlen ausgießt? Dieſe Stadt iſt Venedig; die Canäle, welche ſie nach allen Rich⸗ tungen hin durchſchneiden, ſcheinen im Mondſchein eben ſo en die anmuthige Prin⸗ L —— 52— Die Thürme von Sanct Marcus, die Säule des gro⸗ ßen Platzes und alle anderen hervorragenden Punkte, welche die Stadt verſchönen, ſcheinen nur eben ſo viele phantaſti⸗ ſche Linien zu ſein, die ſich vor den Augen Deſſen, der auf den Fluthen des Lido ſeinen Träumereien nachhängt, gegen den Himmel abheben. Und dann der Vergleich zwi⸗ ſchen der eleganten, prachtvollen Stadt und der düſteren Einfachheit jener, ſo zu ſagen, anderen an den Lagunen erbaueten Stadt der Fiſcher, zwiſchen der lärmenden Freude der einen und dem tiefen Schlafe der anderen— Ihr Ver⸗ gleich, ſage ich, erfüllt unſer Gemüth mit einer eben ſo ſü⸗ ßen als unerklärlichen Melancholie. Maximilian und Valentine, welche den großen Canal ſchon hinter ſich hatten, ſchienen ſich ganz und ohne Rück⸗ halt dieſem unklaren Gefühle hinzugeben, welches dieſes prachtvolle nächtliche Schauſpiel in ihnen erweckte. Valen⸗ tine lehnte ihr Haupt an Maximilians Schulter und ihr Blick heftete ſich mit unausſprechlicher Zärtlichkeit auf das Geſicht des Mannes, an den ihr Schickſal in dieſer Welt ſie gefeſſelt hatte. Sie pries Gott dafür. Die Gondel ſchaukelte ſich, wie von Amoretten ge⸗ wiegt, auf der glatten, durchſichtigen Fluth und trug durch ihre langſame, regelmäßige Bewegung zur Erhöhung der Empfindſamkeit dieſer beiden leidenſchaftlichen Herzen bei. Es dauerte nicht lange, ſo rannen Thränen auf Va⸗ lentinens Wangen herab. Es waren Thränen einer inni⸗ gen, aber unausſprechlichen Freude, einer Freude, die nur der Seele angehörte und in welcher die Seele wiederum ſich offenbart. Maximilian drückte zärtlich Valentinens Hand. „Du weinſt, Geliebte?“ ſagte er zu ihr.„Was giebt es denn auf dieſer Welt, was ſo Deine Thränen fließen machen kann?“ „Glaubſt Du, es ſeien Thränen des Leidens* Nein, es ſind Thränen des Glückes, aber eines ſtillinnigen Glü⸗ iebt eßen dein, Glü⸗ ckes, welches ich erſt kenne, ſeitdem ich mit Dir vereint bin. Gott gebe, daß dem immer ſo ſei, mein geliebter Maxi⸗ milian!“ „Und warum ſollte dem nicht immer ſo ſein?“ ant⸗ wortete Maximilian lebhaft, indem er zugleich einen glü⸗ henden Kuß auf Valentinens Stirn drückte. „Verzeihe mir. Es iſt vielleicht thöricht von mir, Dir zu geſtehen, daß eine unklare, unbeſtimmte Furcht mir das Herz beengt. Zuweilen ſteigt die Erinnerung an un⸗ ſeren Wohlthäter in mir auf und ich zittere gleichzeitig ohne zu wiſſen weshalb. Wenn ich auf dieſes Haupt mit ſeiner gedankenvollen Stirn den Segen des Himmels herabrufe, wenn ich die Gnade Gottes für dieſes edelmüthige Herz an⸗ flehe, von welchem unſer Glück ausgeht— ſo weiß ich nicht, was es Geheimnißvolles und Schreckliches in dem Raume giebt, in dem ich mich befinde, in der Luft, die ich athme, und was mich ſchaudern macht, als ob ich eine Ahnung von dem Ruin und dem Unglück dieſes Edmund Dantes hätte!“ „Je mehr wir Die lieben, denen wir ein großes Glück verdanken, Valentine,“ entgegnete Maxmilian,„deſto mehr fürchten wir ihr Unglück oder Verderben. Aber dennoch iſt dieſe Furcht eine eitle Furcht. Edmund Dantes wird vom Himmel begünſtigt und von Allen geſegnet, welche die Ge⸗ rechtigkeit und Güte ſeiner begeiſterten Seele kennen. Be⸗ ruhige Dich, meine Theure, und um Dir dieſe ſchmerzliche Unruhe, die Dich bewegt, zu erſparen, wollen wir von et⸗ was Anderem ſprechen.“ „Nein, mein Freund, ich will lieber dieſes Thema noch weiter ausführen. Ich will mit Dir von Edmund Dantes ſprechen, oder vielmehr von dem Grafen von Monte-⸗Chriſto. Eben ſo wünſchte ich mit Dir von der Grotte Monte-Chriſto zu ſprechen, die uns gegenwärtig ge⸗ hört und welches das letzte Geſchenk war, welches wir aus der Hand des Grafen empfingen.“ n— 154— „Sprich, Valentine.“ „Sage mir, Maximilian, iſt es wahr, daß wir ſehr reich ſind?“ „Ohne Zweifel, Valentine, Dank dem Himmel und unſerem Wohlthäter.“ „Du biſt geſonnen, die Grotte von Monte-Chriſto in demſelben Zuſtande von Luxus und barbariſcher Pracht zu erhalten, wie der Graf ſie uns überlaſſen hat?“ „Das iſt eine Pflicht der Dankbarkeit, Valentine.“ „Sehr wohl, aber die Dankbarkeit, mein Freund, kann ſich auf eine andere Weiſe ausſprechen.“ „Was willſt Du ſagen, meine theure Valentine?“ „Valentine antwortete nicht, nach einer kurzen Pauſe aber rief ſie in aufgeregtem Tone: „Ach, all' dieſer Reichthum, dieſe barbariſche Pracht ängſtigen mich, mein guter Maoximilian. Ja, es iſt ſchon lange, ſehr lange, daß ich Dir dieſe große Wahrheit ſagen wollte, aber ich hatte nicht den Muth, es auf Dein un⸗ gläubiges Lächeln ankommen zu laſſen! Glaube mir, Ma⸗ rimilian, das, was ich Dir hier ſage, iſt nicht das Er⸗ gebniß einer kindiſchen oder weibiſchen Angſt, ſondern einer Furcht, die ſich auf Wahrheit gründet.“ „Wohlan, worin beſteht denn die Wahrheit, wegen welcher Dich der Glanz und Reichthum der Grotte Monte⸗ Chriſto ängſtigen?“ „Marimilian,“ ſagte Valentine ſanft, indem ſie jedes ihrer Worte mit einem leiſen Seufzer begleitete,„es giebt überall, wohin wir kommen, tauſende von Familien, für welche dieſer in den Schooß eines Felſens begrabene Reich⸗ thum das höchſte Glück ſein würde! Familien, welchen das tägliche Brod fehlt, hörſt Du wohl, mein Freund, und die es ein ganzes Jahr lang durch den Werth eines einzi⸗ gen der prachtvollen Säulenkapitäler erhalten würden, welche das Portal der Grotte Monte⸗Chriſto tragen! Ach, wenn Du einem Traume, den ich drei Rächte hinter einander ge⸗ — c„—— 1c— — —— — N — 8b — NW—*— 8b * —— habt, Glauben beimeſſen, wenn Du mich keine Schwärme⸗ rin ſchelten wollteſt, ſo würde ich Dir dieſen furchtbaren Traum erzählen!“ „Sprich, Valentine,“ entgegnete Maximilian mit ängſt⸗ licher Geberde, indem er ſich anſchickte ſeiner Gattin Ge⸗ hör zu ſchenken. Valentine ſprach folgendergeſtalt. Sechszehntes Kapitel. Der Traum in der Grotte Monte⸗Chriſto. „Du entſinnſt Dich, daß in dem Augenblicke, wo wir in die Grotte Monte⸗Chriſto hinabſtiegen, die Welt ge⸗ wiſſermaßen für uns zu Ende zu gehen ſchien, während eine fabelhafte Exiſtenz begann, eine Exiſtenz, welche in der äußeren Welt ſich niemals verwirklichen kann. Du ent⸗ ſinnſt Dich deſſen? Wohlan! Ohne Zweifel haſt Du dann auch nicht vergeſſen, daß eines Abend's, es war einer der letzten, die wir an dieſem zauberhaften Orte verlebten, Du ausgegangen warſt, um die Gemſen zu jagen, welche ſich auf dieſen ſteilen Felſen ziemlich zahlreich umhertrieben. „Ich war allein. „Es war dies nicht das erſte Mal, daß ich allein war, aber es war das erſte Mal, daß ich ein krampfhaf⸗ tes, unerklärliches, nervöſes Zittern fühlte! Ermüdet, ohne zu wiſſen warum, ſchlief ich ein. Und nun hatte ich einen ſonderbaren, merkwürdigen Traum. 6 „Ich ſah die prachtvollen Säle der Grotte erleuchtet, als ob die Strahlen einer glänzenden Sonne durch die Mauern hindurchdrängen. — 156— „Die ſtolzen Säulen mit ihren Kapitälern von gedie⸗ genem Golde, das mit Edelſteinen beſäete Gewölbe, der mit den ſchönſten türkiſchen Geweben bedeckte Teppich, die prachtvollen, mit Gold aufgewogenen und unter dem laſſi⸗ ſchen Meiſel der größten Meiſter von Michael Angelo bis Canova hervorgegangenen Statuen, Alles war, wie ich Dir geſagt habe, von einem Lichte überſchwemmt, welches mich blendete. „Die Düfte des Orients, die wie gewöhnlich aus rings herum aufgeſtellten ſilbernen Schalen emporſtiegen, erfüllten die Atmoſphäre, welche ich athmete, und ich ſank, der ma⸗ giſchen Wirkung dieſer Wohlgerüche nachgebend, in jene Trägheit, welche einem ruhigen und von ſüßen Illuſionen erfüllten Schlafe vorangeht. Aber dennoch erfreute ich dies⸗ mal mich dieſer Illuſionen nicht! Es war ein entſetzlicher Traum— und dieſer qualvolle Zuſtand dauerte ſo lange, als mein Schlaf. „Durch die ſeidenen Stoffe hindurch, welche die Wände der Grotte bekleideten, durch die Felſen hindurch, in welche dieſe Grotte gehauen war, hörte ich eine Menge in dem äußerſten Mangel ſchmachtende Bettler und Proletarier, umringt von Frauen und Kindern, welche mit lautem Ge⸗ ſchrei Brod verlangten. „Ihr Geſchrei, der Grabgeſang des Hungers und der Verzweiflung machten mich vor Entſetzen ſchaudern. Ich ſah, wie dieſe ganze Menge, von einem Unbekannten geführt, ſich der Grotte näherte und um den Felſen herumging, als ob ſie den Eingang ſuchte. „Ich wollte aufſtehen und fliehen, aber es war mir, als ob ich nicht einmal Kraft und Muth genug hätte, um die Gefahr zu meiden und ich konnte mich nicht von den weichen Kiſſen erheben, auf welchen ich ausgeſtreckt lag. Von Zeit zu Zeit drang immer wieder das Geſchrei des Mangels und des Hungers zu mir und kam näher und immer näher, bis ich endlich dieſe lebende Fluth von Un⸗ — — 6 S— S —— 98 en a⸗ en 8 Ner ge, em ier, He⸗ der Jeh hrt, als nir, um den lag. des und — 157— glücklichen und Hungrigen ſich die Treppe herabſtürzen und den ganzen Raum erfüllen ſah! „O ich entſinne mich noch des Schmerzes, den ich bei dieſem Anblick empfand, des Widerhalles, den das Geſchrei der Kinder, das krampfhafte Lachen der Mütter und das wüthende Murmeln der durch die Pracht unſerer Grotte geblendeten Männer in meinem Herzen fand. „Auf ein Zeichen des Unbekannten, welcher dieſe Schaar zu führen ſchien, hörte das Geſchrei, das Gelächter und das Murren auf und es herrſchte rings um mich das tiefſte Schweigen. „Der Unbekannte tkat vor, ſtellte ſich auf einen Ort, wo er von Allen geſehen werden konnte, hob den Arm in die Höhe und ſtreckte die Hand aus, in welcher ein golde⸗ ner Schlüſſel glänzte. „Brüder!“ rief er mit ſtarker weithin ſchallender Stimme,„ſeit Jahrhunderten in den Eingeweiden eines Felſens aufgehäufte Reichthümer haben ſich hier vermehrt, während die armen Vaſallen einer habſüchtigen Familie Thränen vergoſſen, die ihnen der Hunger auspreßte, und ihr Leben mit einer eben ſo harten als für ihre Kinder un⸗ fruchtbaren Arbeit zubrachten. 6 „Die Züchtigung, welche Gott dieſer habſüchtigen Fa⸗ milie auflegte, beſtand in ihrer eignen Sünde, denn ſie lebte immer erbärmlich, weil ſie nur ein Ziel hatte, das, dieſe blinde Leidenſchaft zu nähren, welche der Dämon der Hölle immer mehr anſchürte und vom Vater auf den Sohn ver⸗ erbte. Von Jahrhundert zu Jahrhundert vermehrten ſich die Schätze dieſer Familie und der ſteile Felſen einer ver⸗ laſſenen Inſel nahm ſie in ſeinen Granitſchvoß auf, bis das Geheimniß von dem Vorhandenſein dieſes Schatzes in einer Generation verloren ging, mit welcher dieſes verfluchte Geſchlecht erloſch. „„Lange, ſehr lange nachher, als Gott gewolt hätte, daß das, was der Ertrag des Schweißes der erbärmlichen Skla⸗ ven der Feudalherrſchaft war, wieder zu ſeiner Quelle, das heißt, dem Mangel zurückkehre, wählte er mit ſeinem mäch⸗ tigen Arme aus der arbeitenden Klaſſe einen Mann zum Dolmetſcher ſeines höchſten Willens. „Dieſer Mann, deſſen Geduld, Glaube und Treue durch lange Jahre des Unglück's geprüft worden, empfing die Offenbarung von dem Vorhandenſein des auf der ein⸗ ſamen Inſel verborgenen Schatzes. „Dieſe Offenbarung ward ihm gemacht als die Mauern eines Kerkers ihn wie ein auf immer geſchloſſener Sarg umgaben. Später zog ihn der Arm Gottes aus dieſem Grabe und verſetzte ihn auf den Felſen, welcher dieſe ein⸗ ſame Inſel beherrſcht und dieſer Mann hörte eine innere Stimme, welche ihm ſagte:„Steige hernieder in die Ein⸗ geweide der Erde und kehre dann in die Welt zurück, wo Du die Thränen des Elend's trocknen und Glück auf Dei⸗ nem Wege verbreiten kannſt.“ Und ſo geſchah es. Das heißt, er ſtieg hinab und ſah den Schatz, der ſeit Jahr⸗ hunderten hier lag! Aber in dieſem Augenblick ſtand der Satan neben ihm und blies ihm, um ihn zu verblenden, die verrätheriſchen Worte in's Ohr: „„Du biſt von nun an der mächtigſte Menſch von der Welt. Befiehl und Du wirſt ſehen, daß ſogar die Könige Dir gehorchen!““ Dieſe Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. „„Der von ſich ſelbſt erfüllte, von Stolz und Eitelkeit aufgeblähete Mann kehrte auf die Oberfläche der Erde zu— rück und ſah ſich, verächtlich auf die Welt herabblickend, groß und mächtig, ohne das Piedeſtal mit in Anſchlag zu bringen, auf welchem er ſich über alle ſeine Brüder erhoben hatte. 57 „„Indem er ſich durch eine Leidenſchaft hinreißen ließ, die ihn heherrſchte und die mit ſeinem unerwarteten Reich⸗ thume gewachſen war, hatte er den Uebermuth, Kraft des Willens einer txaltirten Phantaſie über dir Menſchen und r⸗ er n, die Dinge wie ein Gott verfügen zu wollen! NWit einem Worte, anſtatt mit den Armen zu theilen, was er durch den Schweiß der Armen erhalten, machte er ſich reich und nahm einen Namen an, welcher dem unermeßlichen Zauber ſeines ungeheuern Vermögens entſprach. „„Gott verließ dieſen Mann und ſuchte einen andern. „„Dieſer Mann bin ich, in meiner Hand habe ich den goldenen Schlüſſel, den ich vom Himmel erhalten! Mit dieſem habe ich das Geheimniß geöffnet, welches Euer Brod verſchließt. Eſſet, trinket, Kinder des Mangels; Al⸗ les dies gehört Euch, weil Gott es Euch giebt.“ „Der Unbekannte hörte auf zu ſprechen,“ fuhr Valen⸗ tine fort,„und es trat ein tiefes aber kurzes Schweigen ein. Dann hörte ich einen wahnſinnigen güuf des Glückes und der Freude! Eine plötzliche Flamme vernichtete auf im⸗ mer all' dieſen Reichthum und von der Grotte Monte-Chriſto, von den Säulen, von dem Gewölbe, von den Statuen, von den Edelſteinen, von den Kleinodien aller Art, von den Teppichen und Wohlgerüchen blieb Nichts, Richts übrig, als die düſtern Wände des Felſens und der kahle nackte Boden, aus welchem ſie emporſtiegen!“ Kaum hatte Valentine dieſe letzten Worte geſprochen als ſie plötzlich ſchwieg, indem ſie ſich das Geſicht mit den Händen bedeckte, wie um dem Anblick dieſes Schauſpiel's zu entfliehen, welches ſie ſo eben beſchrieben. Ich weiß nicht, was in dieſer Erzählung Fiierliches lag, welches Maximilian's Gemüth vorübergehend mit ei⸗ nem unbeſtimmten Schrecken erfüllte! Die Stunde, das Schweigen, die Ruhe dieſer Nacht und dieſer unermeßlichen Waſſerfläche, der freimüthige, gefühlvolle Ausdruck der Züge Valentinens, während ſie ihren Traum erzählte,— Alles trug mächtig dazu bei, um in Maximilian jene unbeſtimmte Furcht zu erwecken, die wir ſchon bezeichnet haben, und welche durch die leichte Wolke, die ſeine intelligente Stirn bedeckte, verrathen ward. — 160— Obſchon aber Alles beitrug, ſeine Seelenruhe zu er⸗ ſchüttern, ſo gewann doch Maximilian, der ſich einen Au⸗ genblick lang durch Valentinens Aengſtlichkeit beſiegen laſ⸗ ſen, ſehr bald ſeine ganze Geiſtesgegenwart wieder und antwortete ihr ſanft aber kaltblütig: „Ich gebe zu, Valentine, daß ſolche Träume im Stande ſind, das ſtärkſte und entſchloſſenſte Gemüth zu er⸗ ſchüttern, aber ſie können nicht das erſchüttern, welches wahren Glauben an die allmächtige Gerechtigkeit Gottes be⸗ ſitzt.“ „Das glaubſt Du?“ antwortete ſie mit einem leichten Lächeln des Zweifels, indem ſie ſich beeilte, in ganz ande⸗ rem, aber feierlichem und feſtem Tone hinzuzuſetzen: „Meine Ueberzeugung iſt, daß dieſe Träume, die mir ſich nicht einmal, ſondern mehrmals hinter einander und zwar auf dieſelbe Weiſe und allemal wieder unter denſelben Um⸗ ſtänden geſtaltet haben, gewiſſermaßen eine Warnung ſind, welche der Himmel uns ſchickt, um uns auf die Ereigniſſe vorzubereiten.“ „Valentine!“ rief Marimilian, indem er ſie bei den Händen ergriff. Valentine heftete ihre ſchönen Augen auf das beſtürzte 4½ Geſicht Maximilian's. Sein Blick ſchien die einfache Frage an ſie zu richten: „Was werden wir dann thun?“ So verharrten ſie eine Zeit lang in Schweigen. Die Gondel, bis jetzt ruhig wie der Schwan, der träg mitten im See ausruhet, begann ſich von dem Hauche der Nacht gtſchüttelt zu bewegen und die Fluthen, deren Ober⸗ fläche einem ungeheuern Spiegel glich, welcher die Bilder des Himmels und der Erde zurückwarf, kräuſelten ſich all⸗ mälig unter dem Druck der Atmoſphäre. Bei dieſem drohenden Anzeichen gab der Gondelführer dem Ruder die Bewegung, welche nothwendig war, um die Richtung zu ändern und das dem Impuls gehorſame — 161— r⸗ Fahrzeug richtete ſofort ſein Vordertheil nach dem großen 1 Canal. . Nicht lange darauf kam ſie an dem Ouai an und d Maximilian gab dem Gondelführer ein Zeichen und deutete auf den kleinen Cangl, welcher nach der Gindecca führt. m es e Siebenzehntes Kapitel. ten de⸗ Nachforſchungen. nir Waum waren ſie in ihrem Hotel angekommen, ſo eilte var Valentine auf ihr Zimmer, um ſich vor dem Bilde der m⸗ heiligen Jungfrau niederzuwerfen, einem prachtvollen Ge⸗ nd, mälde Raphael's, welches die größere Wand des Zimmer's iſſe z ſchmückte. Mittlerweile war Maximilian gegangen, ſeinen Leuten einige Befehle zu ertheilen. Valentine, die immer noch von jener unbeſtimmten Furcht erfüllt war, die ihr der ihrem Gatten erzählte Traum eingeflößt, betete mit jenem erhabenen Glauben, welchen eine betrübte und gläubige Seele dem Bildniſſe der Mut⸗ ter Gottes weihet. Ihre Augen ſchwammen in den ſo ſü⸗ ßen Thränen Deſſen, der ſeine Hoffnung auf das göttliche träg Erbarmen ſetzt und Alles von dieſem erwartet, indem er der ſich in die unerklärlichen Rathſchlüſſe der Vorſehung fügt. ober„ Mapimilian öffnete die Thüre des Zimmers und wagte ilder nicht, Valentinen in ihrem inbrünſtigen Gebet zu unter⸗ al breche Er wartete bis ſie ſich erhob, ging ihr dann ent⸗ gegen, umarmte ſie zärtlich und trocknete mit zwei Küſſen ührer die Thränen, die noch in ihren ſchönen Augen glänzten. um„Meine Theure,“ ſagte er,„iſt es vielleicht immer rſame noch die Erinnerung an Deinen Traum, was Dir dieſe Die Todtenhand. 2. Band. — 162— Aufregung verurſacht? Verbanne dieſe trügeriſchen Gebilde, welche auf alle Fälle nicht Dich bedrohen können, Dich, das Lieblingskind des Himmels, Dich, die Du durch Deine Tugenden ſeinen fortwährenden Schutz zu verdienen ge⸗ wußt haſt.“ „Du nennſt die Gebilde meines Traum's trügeriſche Gebilde! eines ſo vielmal wiederholten Traumes!“ ant⸗ wortete Valentine, indem ſie dieſe Worte durch ein engel⸗ gleiches Lächeln begleitete.„Und wenn ich Dir nun ſagte, daß ich, abgeſehen von dem, was Du ſchon gehört haſt, Maximilian, auch jenen ſeltſamen Menſchen ſchon geſehen habe, welcher die Hungrigen und Elenden nach unſerer Grotte Monte-Chriſto zu führen ſchien?“ „Was ſagſt Du, Valentine, biſt Du von Sinnen?“ rief Maximilian und erbleichte, als er den tödtlichen Schrecken bemerkte, der ſich plötzlich in den Zügen ſeiner Gattin malte. Sie lachte krampfhaft und fuhr fort: „Nein, ich bin nicht von Sinnen, nein. Ich habe Dir geſagt, daß ich den Mann geſehen habe, der mir in meinen Träumen erſchien. Ja, ich habe ihn geſehen. Der Feuerblick, mit welchem er unſern überflüſſigen Reichthum zu verſchlingen ſchien, hatte ſeine ganze Kraft behalten. Er ſchauete mich an und ich fühlte gleichſam einen glühen⸗ den Strahl meine Bruſt durchzucken und in meinem Her⸗ zen wühlen, wie um darin ſelbſt die geheimſten Gedanken zu prüfen. Dieſer Mann, hörſt Du wohl, Maximilian, iſt kein Phantaſiegebilde, er iſt kein durch den Schrecken, den mein Traum mir einflößte, geſchaffenes Phantom, nein! Es ſind nun drei Abende, ſeitdem dieſer Mann mich mit Aufmerkſamkeit zu betrachten ſcheint, wenn ich mit Dir auf der Piazza ſpazieren gehe. Er macht mich zittern,“ fuhr Valentine mit gepreßter Stimme fort;„immer ſcheint er mir mit ſeinem ſtechenden Blicke ſagen zu wollen: Va⸗ lentine, wirſt Du nicht den Willen Gottes erfüllen? Willſt Du, daß ſo viele Proletarierfamilien, deren Erbtheil der Hunger iſt, dem herzloſen Weibe fluchen, welches in den Eingeweiden eines öden Felſens Schätze verbirgt, deren Hälfte hinreichen würde, um ihr Glück zu machen? Va⸗ lentine, die größte Pracht, mit welcher Du Dich umgeben kannſt, ſind die Segnungen aller dieſer armen Familien, welche Du von den Schreckniſſen des Hungers erlöſen kannſt, wenn Du Deine gegenwärtig unfruchtbaren Reichthümer mit ihnen theilſt.“ Valentine ſchwieg. Ihr ruhiger, feuchter, reſignirter Blick befragte Maximilian's Geſicht, auf welchem ein un⸗ aus ſprechlicher Ausdruck des Zweifels, der Furcht und des Schreckens lag. Zuweilen begann er an Voalentinen's ge⸗ ſundem Verſtande zu zweifeln, wenn er ſie ſo ſprechen hörte, aber ihre geſetzte Sprache, ihre gemeſſene Geberde verſcheuchten dieſen Gedanken bald wieder. Nein, keine Wolke trübte den klaren Verſtand ſeiner Gattin. Indeſſen konnte Marimilian, der eine höhere Erziehung genoſſen und ein wenig von den freigeiſteriſchen Ideen un⸗ ſeres ungläubigen Jahrhundert's durchdrungen war, nicht begreifen, wie es möglich war, daß Valentine ſich in ih⸗ rem Normalzuſtande auf dieſe Weiſe durch ein übertriebenes Gefühl beherrſchen ließ, welches aus einem einfachen Traume hervorgegangen war. Er erkannte, daß etwas Erhabeneres und Höheres, als die Dinge dieſer Erde, ſich in ſo reinem Ausdrucke Va⸗ lentinen's offenbarte und da er nicht im Stande war, den Einfluß dieſes unerklärlichen Princip's zu bekämpfen oder demſelben auszuweichen, ſo beugte er ſeine Vernunft vor der furchtbaren Kraft, die ihn zu Boden drückte. Volentine ſiegte. Er beſchloß mit all jenem Pomp zu brechen, den der Reichthum nothwendig erzeugt und ſich auf die NWittelmäßig⸗ keit zu reduciren, indem er ſein Vermögen mit den Armen theilte. Während er aber auf dieſe W die edelmü⸗ — 164— thigen Geſinnungen Valentinen's einging, wollte er doch nicht, wie ſie zu wünſchen ſchien, jenen außerordentlichen Reichthum vernichten, welchen der Graf von Monte-Chriſto ihnen zum Geſchenk gemacht, indem er den Beſitz der Grotte Monte-Chriſto auf ſie übertrug. „Valentine,“ ſagte er eines Tages zu ihr,„nehmen wir an, daß morgen unſer Reichthum von heute auf im⸗ mer verſchwunden wäre, was würde in dieſem Falle das Erbtheil unſeres Kindes ſein, wenn Gott uns die Gnade erzeigte, uns eines zu ſchenken?“ „Und welches beſſere Erbtheil könnte es beſitzen, als einen Namen, der von ganzen Familien geſegnet würde, deren Väter ihn mit Liebe ihren Kindern nennten?“ fragte auch Valentine mit einem Ausdruck unausſprechlicher Bie⸗ derkeit, indem ſie ſich beeilte hinzuzufügen:„Glaube mir, mein Freund, wenn ich die Gewißheit hätte, daß das ſo großartige Geſchenk, welches wir aus den Händen des Grafen empfangen, ſeinen Urſprung nicht einer Beraubung des Volkes verdankte, ſo würde ich nicht zögern es zu be⸗ halten, ja ſogar es zu vermehren zu ſuchen, um es unſern Kindern zu hinterlaſſen, aber—“ „Was ſoll das heißen, Valentine? Vergißt Du denn, mit welcher Uncigennützigkeit, mit welchem Eifer der Graf ſich bemühete, uns zu retten? Geben ihm ſeine Güte, ſeine Großmuth, der Adel ſeines Characters kein Recht auf Deine Dankbarkeit?“ „Wie dem auch ſei,“ antwortete Valentine,„ſo hat das Gefühl der Dankbarkeit, welches ich für den Schutz, den er uns gewährt, empfinde, nichts mit dem Wunſche gemeinſam, von mir den Glanz zu entfernen, mit welchem es ihm gefallen hat, uns zu umgeben. Mein guter Maxi⸗ milian, dieſer Glanz ſchreckt mich. Ich verdiene ihn nicht, ich will ihn nicht. Theilen wir ihn daher mit der Armuth, und erfüllen wir auf dieſe Weiſe eines der heiligſten Ge⸗ bote unſerer Religion, die Menſchenliebe.“ s e, ſte ie⸗ ſo es ng be⸗ ern nn, raf ine auf hat utz, ſche em xi⸗ cht, th, Gr⸗ Maximilian beharrte nicht weiter auf ſeiner Idee und Valentine, welche die Hoffnung nährte, der erhabenen Lei⸗ denſchaft, welche ſie beherrſcht⸗, genügen zu können, erwar⸗ tete mit Spannung den Augenblick, wo die ungeheuern Reichthümer der Grotte Monte-Chriſto zur Linderung der Leiden der Armuth angewendet würden. Trachten wir mittlerweile ein wenig zu erfahren, wer jener Mann war, welcher in dem Augenblicke, wo Valentine und Maximilian in die Gondel ſtiegen, auf der Lauer zu ſtehen ſchien. Wir haben ihn dann mit ſeinem Begleiter verſchwinden ſechen, nachdem er mit demſelben einige Worte gewechſelt, von welchen die letzten lauteten: „Iſt die Schaluppe bereit?“— Ja.—„So wollen wir ſofort einſteigen und dann vorwärts in der Richtung nach der Gindecca.“ Kaum waren Maximilian und Valentine aus der Gon⸗ del und die Stufen der Treppe hinaufgeſtiegen, welche nach ihrem Hotel führte, kaum hatte die Gondel ſich von dem Portal des Gebäudes entfernt, als ein langes, ſchmales, faſt einem Canoe gleichendes von zwei Rudern getriebenes Fahr⸗ zeug, ſich ihr raſch näherte und an ſie anſtieß, während zugleich zwei Männer in ſie hineinſprangen. Der durch dieſen Angriff nicht wenig überraſchte vene⸗ tianiſche Gondelführer ſtieß einen Schreckensruf aus, aber ehe er noch Zeit hatte, einen Entſchluß zu faſſen, fühlte er die kalte Klinge eines Dolches an ſeiner Kehle. „Schweig, oder Du biſt des Todes!“ rief der An⸗ greifer. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte ihn der Gondel⸗ führer, indem er wieder einigen Muth faßte. „Dein Glück machen.“ „Dann bietet Ihr es mir aber auf ziemlich ſeltſame Weiſe,“ entgegnete der Gondelführer, indem er mit verblüff⸗ ter Miene den Mann betrachtete, der ihm das Glück a — 166— der Spitze eines Dolches bot.„Wenn, um glücklich zu werden, weiter Nichts nöthig iſt als zu ſchweigen, ſo ſchwöre ich Euch beim heiligen Marcus, daß ich acht Tage lang nicht den Mund aufthun will, nicht einmal um ein Deus te salve zu beten.“ „Du biſt alſo verſchwiegen?“ fragte der Fremde. „Wie der Canal Orfano, welcher nach den alten Sa⸗ gen das Geheimniß niemals über den Leichen aufſchwimmen ließ,“ antwortete der Venetianer. „Sehr gut!“ fuhr der Unbekannte fort, indem er ſei⸗ nen Dolch zwar nicht ſenkte, aber doch einige Geldſtücken auf die gepolſterte Bank der Gondel fallen ließ. Dann wendete er ſich zu ſeinem Begleiter, welcher das lange ſchmale Fahrzeug feſthielt und ſagte in römiſchem Dialekt: „Rocca, dieſer Mann iſt unſer. Binde die Gondel an die Schaluppe und rudere nach der Vacht.“ Dieſer Befehl ward ausgeführt und bald darauf durch⸗ furchte die von der Schaluppe in's Schlepptau genommene Gondel die Wogen des Canals und nahm die Richtung nach dem Viereck, wo die Kauffahrteiſchiffe vor Anker lagen. Eine halbe Stunde ſpäter legten die beiden kleinen Fahrzeuge an einem jener leichten zweimaſtigen Schiffe an, welche im mittelländiſchen Meere in ſehr großer Anzahl an⸗ zutreffen ſind, und die man mit dem Namen Yacht be⸗ zeichnet. Der venetianiſche Gondelführer ſtieg trotz der Unruhe,“ welche ihm dieſes nächtliche Abenteuer einflößte, das aller⸗ dings unter keineswegs hoffnungsvollen Auſpicien begann, nichtsdeſtoweniger entſchloſſen die Strickleiter hinauf, welche von der langen Wand der Aacht herabhing und ſprang auf's Deck, während die beiden Männer, die ihn feſtge⸗ nommen, ihm folgten. Die Wache kehrte, nachdem ſie den einen dieſer Männer mit tiefer Ehrfurcht begrüßt, auf ihren — 8 8 8 18 ——— — 167— Poſten zurück und erwartete ſeine Befehle, ohne den Gon⸗ delführer auch nur eines Blickes zu würdigen. „Kamerad,“ ſagte der, welcher der Capitain der Pacht zu ſein ſchien,„ich will Dich befragen und ſage Dir im Voraus, wenn Du in Deinen Antworten der Wahrheit untreu wirſt, ſo ſollſt Du Deine Lügen theuer bezahlen. Wer biſt Du?“ „Giacomo vom Lido, durch die Gnade des heiligen Marcus, und ſeit einigen Tagen Gondelführer des Signor Morel.“ „Was für ein Mann iſt das? Als ſein Gondelführer mußt Du es wiſſen.“ „Ich weiß, daß er Franzoſe iſt,“ antwortete der Gon⸗ delführer,„und wenn man dem, was auf der Piazza Alle verſichern, glauben kann, ein Franzoſe, der Millionen in ſeinem Beſitz hat.“ „Und haſt Du einigen Grund, dies zu glauben?“ fragte der Capitain. Ich?“ fuhr der Gondelführer fort,„meiner Treu, nein! Ich habe ſagen hören, er beſäße große Reichthümer aber in welchem Theile der Welt dieſelben verborgen ſind, weiß ich nicht.“ 3 „Wie wäre es möglich, dem, was Du mir da ſagſt, 3 Glauben beizumeſſen?“ unterbrach ihn der Capitain.„Das, was man ſich von einem Geſpräche am beſten merkt, ſind die Localitäten, deren man Erwähnung gethan.“ „Wenn nun aber in den Worten, die ich gehört, von Localitäten gar nicht die Rede geweſen iſt, was ſoll man dann erzählen, mein Herr?“ antwortete der Gondelführer. „Sehr gut! aber was betrafen die Worte, die Du ge⸗ hört haſt? Wiederhole ſie mir.“ „Heute Abend,“ ſagte der Gondelführer,„habe ich Herrn Morel und ſeine Gattin aus dem Lido gefahren und auf dieſer Fahrt habe ich gehört, was ich Ihnen jetzt er⸗ zählen will, ohne den Zorn des heiligen Marcus zu fürch⸗ — 168— ten, denn es ward nicht unter 6 Siegel des Geheim⸗ niſſes geſagt.“ Nun begann der Gondelführer die Erzählung alles deſſen, was er Valentinen n auf den Traum in der Grotte Monte-Chriſto hatte ſagen hören. Der Capitain der Racht verlor keines ſeiner Worte. Als Giacomo mit ſeiner Erzählung fertig war, fing der Capitain an zu lachen und ſagte: „Aber, das iſt ja ein Mährchen aus Tauſend und eine Nacht, was Du mir da erzählſt. Doch gleichviel, weißt Du, ob in der That in dem mittelländiſchen Meere eine Inſel unter dem RNamen Monte-Chriſto exiſtirt?“ „Ich bin nur ſelten aus dem adriatiſchen Meere hin⸗ ausgekommen. Ich kenne nur die Hauptpunkte des mittel⸗ ländiſchen Meeres,“ antwortete der Gondelführer.„Ich kann daher weiter nichts ſagen, als daß die Inſel Montr⸗ Chriſto in der Handelswelt unbekannt iſt.“ Nachdem der Capitain der Pacht einige Augenblicke nachgedacht, gab er das Zeichen zum Anzünden der Kajü⸗ tenlampe, zeigte dem Gondelführer durch eine Geberde die Treppe und folgte ihm langſam. Man braucht nur ein einziges Mal auf einer Jacht geweſen zu ſein, um ſich ei⸗ nen vollkommenen Begriff von der Kajüte zu machen, welche kaum ſo viel Raum bietet, daß ein Menſch ſich bewegen und zwei ſich mit einander unterhalten können. Der Capitain heftete einen langen prüfenden Blick auf den venetianiſchen Gondelführer, als ob er in dieſem von dem Hauche der Lagunen gebräunten Geſichte leſen wollte. Hierauf, nachdem er ohne Zweifel mit dieſer Prüfung zu⸗ frieden war, ſitzte er ſich, ſtützte das Geſicht in die Hände und ließ langſam und eins nach dem andern die folgenden Worte fallen, ohne auch nur einen Blick auf den Venetia⸗ ner zu werfen: 5 „Alſo iſt es doch wahr! Ja, es giebt auf der Inſel Monte-Chriſto einen unermeßlichen Schatz, der dort du S di di: de tel tu ich 5 die Barbaren verſteckt worden. Dieſer Schatz, welcher heute direct Niemandem angehört, iſt nichtsdeſtoweniger die Beute des Erſten, der ſich ſeiner bemächtigt. Ich kenne das mit⸗ telländiſche Meer nicht, wenn mir aber Jemand die Rich⸗ tung der Inſel angäbe, ſo ſchwöre ich beim Himmel, daß ich dieſen Menſchen glücklich machen würde.“ „Ah, und wie wäre es möglich über die Reichthümer zu verfügen, die daſelbſt vorhanden ſind,“ antwortete der Gondelführer,„wenn ſie meinem Herrn gehören?“ „Und wer hat ſie ihm denn gegeben?“ fragte der Ca⸗ pitain der Racht.„Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ſie ihm nicht mehr und nicht weniger als Dir, als mir und jedem Andern gehören, welcher das Geheimniß kennt, ſie im Schooße der Erde aufzuſuchen. Wenn ein wirklicher Herr, ein wirklicher Eigenthümer dieſer Schätze vorhanden iſt, ſo ſind es die Armen, glaube mir, denn was ſind ſie anderes, als der in den Händen irgend eines vornehmen und mächtigen Herrn der guten alten Zeit in Gold und Edelſteine verwandelte Schweiß der Armen! Wenn Du ein Mann biſt, wenn Du einen Deiner Seele würdigen Ver⸗ ſtand beſitzeſt, ſo mußt Du glauben, daß der Schweiß der Armen eher zum Nutzen der Armen ſelbſt gereichen, als in den Geldkaſten des Reichen fallen muß. Doch ſprechen wir weiter nicht davon. Ich werde Dir ein Glas Lacrimae Chriſti reichen laſſen, um Dich für die Dir verurſachte Störung zu entſchädigen,“ ſetzte der Capitain in gleich⸗ gültigem Tone hinzu, indem er mit der Hand auf den Tiſch ſchlug. Einige Augenblicke darauf zündete der Gondelführer, nachdem er mit allen Geberden eines vollkommenen Ken⸗ ners ein Glas von der koſtbaren Flüſſigkeit gekoſtet, ſeine Pfeife an, fuhr ſich mit den Fingern durch ſeinen langen, dichten Bart und warf dem Capitain einen bedeutſamen Blick zu, den dieſer nicht verſtehen zu wollen ſchien. „Ich kenne einige Geſellen des Bando!“ ſagte er. 0 „Welches Bando?“ „Nun, des Bando,“ entgegnete der Gondelführer mit verſchmitztem Lächeln;„wiſſen Sie denn nicht, was das Bando iſt? Haben Sie noch niemals von Contrabando ſprechen hören?“ ſagte er, indem er mit Rachdruck bei die⸗ ſem Worte verweilte und den Hals vorſtreckte, wie eine Schildkröte, die den Kopf aus ihrer Schaale herausſteckt. „Ah!— Ich fange an, Dich zu verſtehen.“ „Meiner Treue, das wundert mich nicht. Die Sache iſt ktar. Man braucht kein Prophet zu ſein um ſie zu er⸗ rathen. Ich kenne einige Leute, die eben ſo gut im Stande ſind, die Höhe irgend einer verborgenen Gegend des mittel⸗ ländiſchen Meeres anzugeben, als ich im Stande bin, Ih⸗ nen die verſteckteſten Punkte der Canäle Venedig's zu be⸗ zeichnen.“ „Nun, und?“ „Nun, dieſe Burſche kennen ganz gewiß auch die Inſel Monte-Chriſto.“ Und dann?“ „Ich könnte mit ihnen ſprechen.“ „Sehr gut. Noch heute Nacht. Aber ſie können ge⸗ wiſſe Bedenken haben und dann können Sie ſich leicht den⸗ ken, daß dieſe Leute das Geld eben ſo lieb haben, als ein alter Abbö dieſen prächtigen Wein lieben würde.“ „Das iſt kein Hinderniß! Das wäre das Wenigſte.“ „Mit einer ſolchen Antwort giebt es keine Schwierig⸗ keiten mehr,“ antwortete der Gondelführer.„Was mich betrifft, ſo bin ich bereit, mich mit den Leuten zu verſtän⸗ digen und Ihnen ſofort wieder mitzutheilen, was ſie mir geſagt haben.“ „Sehr gut! Eile dieſen Auftrag auszuführen und be⸗ denke, wenn Du Deinen geſunden Verſtand beſitzeſt, daß es vollkommen unnütz wäre, Dir Schweigen zu empfehlen.“ Der Capitein machte, indem er dieſe letzten Worte ſprach, eine ſehr bedeutſame Geberde, welche der Gondel⸗ „ fül wo me ger ber hin da Lie we zut wa l⸗ h⸗ e e⸗ n⸗ ein orte was ich wiſſen wollte.“ wollte ich darauf wetten, daß es ein Beſuch der Zoll⸗ .— 171— führer durch eine zweite ebenfalls bedeutſame Geberde beant⸗ wortete, die man überſetzen konnte:„Ich verſtehe vlto men!“ Dann ſtand er auf um zu gehen. „Wie heißt Ihr Schiff?“ fragte er. „Der Sturm,“ antwortete der Capitain. „Beim heiligen Marcus! da haben Sie einen Namen gewählt, der nicht viel Gutes für Ihr Schiff bedeutet,“ bemerkte der Gondelführer, indem er grüßte und die Treppe hinauf auf's Deck ging. Kaum war er in ſeine Gondel geſprungen und hatte das Weite gewonnen, als der Capitain der Pacht ſeinen Lieutnant rief und ihm den Venetianer zeigte, der ſchon weit fort war. Dann ſagte er: „Rocca Priori, morgen muß beim erſten Signal Alles zur Abreiſe bereit ſein! Dieſer Mann hat mir Alles geſagt, Achtzehntes Kapitel. Die Schmuggler. Waum hatte der Gondelführer Giacomo ſeine Gondel an der Treppe des Gindecca in der Nähe des von Maxi⸗ milian Morel bewohnten Hotels befeſtigt, ſo ſchlich er ſich mit einer Leichtigkeit, welche ihm Ehre machte, in eine enge Gaſſe, die längs dem Canal hinführte, und pochte an die Thür eines kleinen Wirthshauſes, welches aus einem einzi⸗ gen Stockwerk beſtand. „Madre di Pio!“ rief im Innern eine Frauenſtimme, „wenn ich nicht dieſen Schelm Giacomo erwartete, ſo — 172— beamten wäre, welche auf die Anzeige eines Neidiſchen un⸗ ſo ſere Thür einzuſchlagen kommen. Biſt Du es, Giacomo?“ Al „Ja, ja! Raſch, mach auf!“ „Na, na, Du haſt es ja außerordentlich eilig! Du mußt jer doch warten— denn wenn Du herein willſt, ſo mußt Du e vo erſtens in ein wenig höflicherem Tone rufen und dann ſind die Riegel der Thüre ſo ſchwer zu ziehen, beſonders für ſte meine Hände, die nicht wie die Deinigen mit einer tüch⸗ tigen Pergamenthaut bedeckt ſind!“ de „Wie kann man nur die koſtbare Zeit mit ſolchen T Plaudereien vergeuden!“ rief Giacomo mit immer höher ich ſteigender Ungeduld. „Na, ſchaut doch, kommt der Herr vielleicht, um mir vorzuſchlagen, daß wir den Tag unſerer Vermählung da in der alten Kathedrale von St. Marcus feſtſetzen? Sprich, Giacomo, iſt es nicht dies?“ „Du ſpotteſt— und dennoch fehlt nicht viel, ſo hät⸗ teſt Du es getroffen.“ „Wirklich!“ entgegnete die Frauenſtimme mit einem ch ironiſchen Gelächter, welches das ohnehin ſchon ſehr bewegte di Herz des Gondelführers unangenehm berührte. „Nun was wird's? öffneſt Du die Thür oder nicht?“ „Nun, was willſt Du denn? Sie iſt ja ſchon offen?“ Die Thüre öffnete ſich und Giacomo ſah ſich einem S ſchönen Mädchen von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren rit gegenüber, deſſen bis über den Ellbogen nackten Arme duch ſ er ihre Muskelſtärke die Kraft der ſchönen Venetianerin ver⸗ riethen. J „Wo iſt Dein Bruder Pietro?“ er „Ah, dies iſt alſo der gute Abend, den Du mir g wünſcheſt! Thu' mir den Gefallen, Dich ſofort wieder zu entfernen, denn ich will zu Bette gehen. Das verlohnte † d ſich, auf ein ſolches Ungeheuer zu warten.“ C „Du chuſt nicht recht, wenn Du ſo ſprichſt it gute Roſina! Wenn Du wüßteſt, um was es ſich t Wd ür en er um ng ch, ät⸗ em gte E em ren uch ver⸗ mir rz 3 nine ſo würdeſt Du Dich nicht wundern, daß ich Dir guten Abend zu wünſchen vergeſſe!“ „Wirklich! Der Herr glaubt wahrſcheinlich in einer jener Spelunken zu ſein, wo man ihm ein Glas in den Kauf giebt. Es bleibt eine ausgemachte Sache, daß Du von jeher ein grober, ſtolzer Menſch geweſen biſt und auch ſtets einer bleiben wirſt.“ „Roſina!“ rief Giacomo als er ſah, daß ſie ſich mit dem Zipfel ihrer Schürze nach den Augen fuhr, um ihre Thränen zu trocknen,„ſei doch nicht ſo eiferſüchtig, denn ich ſchwöre Dir, Dein Giacomo verdient es nicht! Willſt Du wiſſen, warum ich zuerſt nach Deinem Bruder fragte?“ „Nein, ich will nichts wiſſen— ich will nur ein's— daß Du mich gehen läßeſt.“ „Aber ſo höre mich doch und ſei nicht gleich ſo! Ich habe zuerſt gefragt, wo Pietro wäre, weil—“ „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Herr Giacomo,“ rief Roſina, indem ſie ſich an einen Tiſch ſetzte, auf wel⸗ chem ein Krug und ein Glas ſtanden,„ich will nichts, durchaus nichts wiſſen, verſtehen Sie?“ „Das iſt pure, blanke Eiferſucht.“ „Eiferſucht?“ entgegnete ſie, indem ſie ſofort wieder in die Höhe fuhr und mit verächtlicher Miene den Arm in die Seite ſtemmte.„Eiferſucht? Sie ſind wohl nicht recht bei Sinnen? Um auf Sie eiferſüchtig zu ſein, müßte ich Sir erſt lieben und damit iſt es nichts.“ „Wie kannſt Du, ein verſtändiges Mädchen, nur ſolche Ideen haben? Sei doch vernünftig und ich werde Dir auch erzählen, was mir den Kopf ſo verdreht hat, daß ich ver⸗ Dir, als ich kam, einen Kuß zu geben.“ „Mir einen Kuß zu geben? Wohlan, das möchte i doch wohl ſehen!“ ſagte Roſina, indem ſie ein zweites Gelächter aufſchlug.„Wiſſen Sie ein für allemal, daß meine Küſſe für Leute Ihrer Art nicht da ſind, Berr 1 Giacomo!* — 174 „Das iſt aber doch ſo beſcheiden—“ „Sei nicht ſo keck und hüte Dich, mich zu reizen, ſonſt werfe ich das Feuer in das Pulverfaß! Wäge Deine Worte wohl ab, denn Du kennſt Roſina.“ Giacomo, welcher ſah, daß das Geſpräch eine Wen⸗ dung genommen hatte, die unmöglich zu ſeinem Vortheil ausſchlagen konnte, that das Klügſte, was er thun konnte, nämlich er ſchwieg. Demgemäß begnügte er ſich ſeiner ſchönen Gegnerin durch ein Lächeln zu antworten, welches er ſo zärtlich als möglich zu machen ſuchte und ſetzte ſich dann, um ſeine Pfeife zu ſtopfen. Als er damit fertig war, wollte er ſie an einer alten kupfernen Lampe anzünden. In dieſem Au⸗ genblicke aber zog Roſina die Lampe an ſich und begann an dem Docht herumzuſtochern, wie um ihn zu putzen, aber mit einer Langſamkeit, die im Stande geweſen wäre einen Engel zur Verzweiflung zu bringen, wie viel mehr den Gondelführer. Dieſes Manöver verfehlte nichtsdeſtoweniger ſeinen Zweck. Gigcomo ſagte kein Wort. Er legte blos ſeine Pfeife auf den Tiſch und erhob ſich wie ein Mann, den wohl etwas unangenehm berührt, der ſich aber darüber nicht erzürnt. „Zum Teufel! Ich hoffte ganz gewiß, Pietro zu tref⸗ fen,“ ſagte er, indem er auf und ab ging. Dieſe Sache duldet keinen Aufſchub und das Geſchäft, welches n dabei zu machen ſein wird, iſt nicht zu verachten. Doch warten wir, Pietro muß doch nun bald kommen.“ Während Giacomo dies ſagte, näherte er ſich wieder dem Tiſche und nahm das Glas in die eine Hand, wäh⸗ rend er die andere nach dem Kruge ausſtreckte. Roſina aber ſtemmte ſich in demſelben Augenblicke, wie aus Zer⸗ ſtreuung, mit der ganzen Laſt ihres Körpers auf die eine Seite des Tiſches, welcher ſich ſo neigte, daß der Krug umſtürzte und der Wein herausfloß. Giacomo ſetzte ſo⸗ gleich das Glas wieder hin und ſchnalzte mit der Zunge, der zu der wi ent we du ent nic —— indem er Roſina den Rücken zuwendete. Die Geduld und „ Ergebung, womit der arme Gondelführer dieſe intereſſanten Bosheiten ſeines ſchönen Thrannen hinnahm, trugen viel dazu bei, ihre ſchlechte Laune zu beſiegen. ⸗ Sie war es daher auch, welche das Schweigen zurſt il brach. „Alſo,“ ſagte Roſina,„Herr Giacomo, Gondelführer vom Rialto, iſt geſonnen, die Nacht hier bei mir zuzu⸗ in vbringen?“ ls„Da Du Dich nicht vor der Rückkehr Deines Bru⸗ ne ders zur Ruhe zu begeben pflegſt, ſo glaube ich nicht, Dich ſie zu ſtören.“ u⸗„Wenn nun aber mein Bruder dieſe Nacht nicht wie⸗ n derkommen ſollte2“ er„O, das wäre ein großes Unglück, Roſina,“ entgegnete en Giacomo.„Ich muß durchaus mit ihm ſprechen, noch heute!“ en„Was geht das mich an? Aber dennoch möchte ich wiſſen, wo er bleibt.“ ck.„Denke Dir nur, man hat einen verzauberten Schatz uf entdeckt, auf einer Inſel, die Dein Bruder allein im Stande as iſt, zu kennen.“ „Ah, welche wunderbare Geſchichten! Ziehe Deines ef⸗ Weges, lieber Freund, meine Milchzähne ſind längſt aus⸗ che gefallen und die Ammen haben bei mir keine gute Zeit!“ ch„Roſing,“ ſagte Giacomo, indem er ſie mit der ernſt⸗ 2 Fufteſten Miene von der Welt betrachtete.„Ich bin kein Kind, welchen man alberne Mährchen aufbinden kann. Ich der weiß, was ich ſage und ich habe meine Gedanken ſo gut, ih⸗ wie der Klügſte.“ in„Ei ja, das wiſſen wir— Du haſt Dich von jeher ech Deine Klugheit auf's Rühmlichſte ausgezeichnet!“ ine entgegnete Roſina mit lautem Gelächter. rug Giacomo erröthete vor Aerger, ließ ſich aber⸗deswegen ſo⸗ nicht aus der Faſſung bringen. ge, Lache und ſpotte ſo viel Du willſt,“ ſagte er⸗„aber — 176— glaube mir, Roſina. Seit einem Jahre habe ich Dir die Ehe verſprochen und ſeitdem iſt kein Augenblick vergangen, wo ich nicht darüber nachgedacht habe, auf welche Weiſe ich mir ein kleines Vermögen erwerben könnte.“ „Wirklich!“ unterbrach ihn Roſina mit der unbefan⸗ genſten Miene;„wie kommt es dann aber, daß Du bei all' Deiner Klugheit noch nicht das NRittel gefunden haſt, reich zu werden?“ „O, wenn unſer göttlicher Patron mich nicht mit die⸗ ſer unvergleichlichen Geduld begabt hätte, die mich von Dir Alles ertragen und dulden läßt— ſo hätte ich ſchon längſt einen dummen Streich begangen, blos um Dich zum Schwei⸗ gen zu bringen! Aber,“ fuhr Giacomo einen Seufzer aus⸗ ſtoßend fort,„das Glück, welches man uns unter der Ge⸗ ſtalt einer Frau mit verbundenen Augen darſtellt, erſcheint mir in der Geſtalt eines ſchönen Vogels mit vergoldetem Gefieder, der fortwährend vor den Händen herumflattert, ohne daß ſie ihn auch nur mit der Fingerſpitze berühren können. Aber diesmal habe ich ihn wirklich berührt und ich bin ſo gewiß den Vogel in der Hand zu haben, als der geflügelte Löwe zu den Füßen des heiligen Marcus liegt.“ 52 ½ Die Miene feſter Ueberzeugung, womit der Gondelfüh⸗ rer dieſe Tirade losließ, reizte die ohnehin ſehr bedeutende Neugier der ſchönen Roſina. Deshalb richtete ſie, indem ſie ihre prachtvollen ſchwarzen Augen auf Giacomo's aus⸗ drucksvolles Geſicht heftete und jedes ihrer Worte mit dem liebenswürdigſten Lächeln begleitete, die folgende Frage an ihn: „Haſt Du denn keinen Durſt, Giacomo? Ich hätte Dir ſchon längſt ein Glas Wein vorſetzen ſollen, weil nichts mehr in dieſem Kruge iſt. Doch das iſt einerlei. Dieſe Wrzögerung wird Deinen Durſt nur vermehrt ha⸗ ben und folglich wird das Vergnügen, welches Du bei dem Löſchen deſſelben empfindeſt, nur um ſo größer ſein.“ einet Flaſ tirte. Roſi „gar das Glü mer der zart Sch ſcher des n⸗ ch ie⸗ ir gſt et⸗ 18 ze⸗ int em r ind als cus üh⸗ nde dem us dem rage ätte weil rlei. h dem — Während die intereſſante Roſina dies ſagte, öffnete ſie einen in der Wand angebrachten Schrank und nahm eine Flaſche Wein heraus, welche ſie dem Gondelführer präſen⸗ tirte. „Ah, das iſt ſchön! Auf Deine Geſundheit, meine Roſina! Ein andermal aber ſei nicht wieder ſo garſtig!“ „Ich, garſtig!“ rief ſie mit verſtellter Gutmüthigkeit; „garſtig! Das iſt immer Dein Gerede! Doch laſſen wir das und plaudern wir lieber. Sagteſt Du nicht, das Glück, dieſer Vogel mit dem ſchönen Gefieder, flattere im⸗ mer vor Dir herum ohne ſich erwiſchen zu laſſen?“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich den Vogel in der Hand habe,“ unterbrach ſie der Gondelführer, indem er ſich neben Roſina ſetzte und ſeinen ſtarken Arm um die zarte Taille der intereſſanten Tochter des Lido ſchlang. „Wie ſo denn?“ fragte ſie. „Ich bin aufgefordert worden, einen unermeßlichen Schatz zu entdecken, der auf einer Inſel des mittelländi⸗ ſchen Meeres verſteckt iſt.“ Roſina runzelte die Stirn und machte eine Geberde des Zweifels. „Was für eine Inſel ſoll das ſein?“ fragte ſie. „Und wenn ich Dir dieſes Geheimniß mittheile, wirſt Du es unbverletzt bewahren?“ „Schöne Frage!“ „Entſchuldige, meine Roſa, aber ſiehſt Du, ich habe ſo oft ſagen hören, und es iſt eine allgemein angenommene Meinung, daß ein Geheimniß in dem Munde einer Frau und ein Kork im Meere ganz einerlei ſei.“ „Du wirſt wirklich ſehr geiſtreich!“ rief Roſina, in⸗ dem ſie ſich von dem Gondelführer einen Kuß rauben ließ. „Trink' doch! es ſcheint, als ob mein Wein Dir nicht ſchmeckte.“* „Es iſt mit Deinem Weine, wie mit Dir ſelbſt!“ ſagte Giacomo, indem er das Glas zuf einen einzigen Die Todtenhand. 2. Band. 12 — 178— Zug hinunterſtürzte und ſeiner Geliebten einen zweiten Kuß gab. „Alſo, dieſe Inſel iſt wohl ſehr weit von hier „Es iſt die Inſel Monte⸗Chriſto!“ ſagte der Gondel⸗ führer. „Was ſagſt Du?“ rief Roſina, indem ſie eine Bewe⸗ gung machte, um aufzuſtehen. „Kennſt Du vielleicht dieſe Inſel?“ fragte Giacomo in unruhigem Tone. „Ich!— nicht im mindeſten!— Es iſt blos ihr ſchö⸗ ner Name, was mir ſo gefällt. Sage mir ihn noch einmal.“ „Monte⸗Chriſto!“ wiederholte der Gondelführer. „Monte⸗Chriſto! Aber ſage, Giacomo, zu welchem Lande gehört dieſe Inſel?“ „Ja, das weiß ich nicht. Gewiß aber iſt, daß ſie ei⸗ nen großen Schatz enthält, der den Armen gehört, weil er die Frucht von dem Schweiße der Armen iſt! Nun ſiehſt Du doch ein, daß wir Anſpruch auf einen Theil dieſer Schätze haben, denn wir ſind weit entfernt im Ueberfluſſe zu ſchwimmen, und wenn einmal dieſer Theil in unſeren Händen iſt, meine Roſing— ganz nahe hier ſteht die alte ℳ Kathedrale des heiligen Marcus, der uns die Arme entge⸗ genſtreckt! Ich erwarte nur Deinen Bruder Pietro, damit er mir ſage, wo dieſe Inſel liegt, denn er kennt das Mit⸗ telländiſche Meer, wie ich den Lido kenne.“ „Pietro kommt dieſe Nacht nicht nach Hauſe,“ ſagte Roſina nach einem Augenblick des Schweigens. „Warum nicht? Ah, wahrſcheinlich giebt es heute Abend da unten viel zu thun.“ „Allerdings, es handelt ſich um eine Ladung guten Chper⸗ und Cap⸗Conſtantiawein für den Grafen Gradenigo, der nächſtens einen großen Ball geben will, um die An⸗ kunft eines ſeiner Freunde feſtlich zu begehen.“ „Z — Der Teufel hole den Ball und den Freund des Gra⸗ fen Fa eine Vol geſt Er heit auft ſie dar ich Nac nich mit fern nich Hoc = eine tig ſeine auck weit grut ſie en em eil hſt eſer uſſe ren alte tge mit Rit⸗ eute uten igo, — 179— fen Gradenigo!“ rief der Gondelführer, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug. Roſina warf ihm einen Seitenblick zu, als ob ſie ihm einen Verweis geben wollte und entfernte ſich, indem ſie ein Volkslied trällerte. Giacomo blieb ſchweigend, den Arm auf den Tiſch geſtützt und den Kopf auf die Bruſt herabgeſenkt, ſitzen. Er ſchien zu überlegen, auf welche Weiſe er die Abweſen⸗ heit Pietro's erſetzen könnte. „Giacomo,“ ſagte Roſina, indem ſie den Zeigefinger aufhob, wie um ihm Schweigen zu gebieten, und indem ſie die langſamen, gemeſſenen Schlige der Uhr der Kathe⸗ drale zählte, welche Mitternacht verkündete,„Dein Beſuch darf heute nicht länger dauern! Es iſt Mitternacht und ich muß mit der Sonne aufſtehen.“ „Alſo iſt es wahr, daß Dein Bruder Pietro heute Nacht nicht nach Hauſe kommt?“ „Santa madre de Pio! Vielleicht ſogar morgen noch nicht, wie viel weniger heute Nacht.“ „Gut, gut,“ ſagte der Gondelführer, indem er ſich mit der Hand über die Stirn fuhr.„In dieſem Falle ent⸗ ferne ich mich. Gute Nacht, meine Roſina, und vergiß nicht, was Giacomo Dir geſagt hat! Der Tag unſerer Hochzeit iſt ſchon feſtgeſetzt.“ Roſina beantwortete dieſe Erklärung Giacomo's durch eine graziöſe, ermuthigende Geberde und verſchloß ſorgfäl⸗ agte ſeiner Tritte horchte, um ſich zu überzeugen, daß er ſich tig die Thüre, indem ſie zugleich aufmerkſam auf den Hall auch wirklich entfernte. Als ſie auf dieſe Weiſe gewiß wußte, daß er ſchon weit fort war, eilte ſie an die Thüre eines im Hinter⸗ grunde des Hauſes befindlichen Zimmers zu pochen, indem An⸗ ſie zugleich wiederholt rief: „Pietro! Pietro!“ „Was giebt's?“ fragte die Sinm eines Man⸗ — 180— nes, der zugleich ein ſchlaftrunkenes, langes Gähnen hören ließ. „Stehe auf, mein lieber Pietro, denn ich glaube, jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo Du unſerem Schützer nützlich ſein kannſt.“ Roſina wiederholte dieſe Worte drei⸗ oder viermal bis ihr Bruder, nachdem er den Sinn derſelben begriffen, aus dem Bette ſprang, ſich in eine Decke wickelte und zu Ro⸗ ſina heraustrat. Pietro war ein Burſche von vierundzwanzig bis fünf⸗ undzwanzig Jahren, von mittlerem Wuchſe, braunem, aus⸗ drucksvollem Geſichte, entſchiedenem Gange und bald Sanft⸗ muth, bald Energie verrathender Geberde, wie alle Söhne Italiens. „Wohlan, was willſt Du eigentlich ſagen, Roſina?“ fragte er, indem er ſich noch die Augen rieb. „Pietro,“ entgegnete Roſina,„unſer Vater nahm uns, ehe er ſtarb, das eidliche Verſprechen ab, fortwährend den Mann zu reſpectiren, welcher unſern Weinhandel beſchützte.“ „Ja und nun?“ „Die Inſel Monte⸗Chriſto, wo er gewöhnlich ſeine Ladungen einnahm, war, wie Du weißt, das Eigenthum Simbad's, des Seefahrer's, und alle Schmuggler haben die⸗ ſem Manne ewige Ergebenheit und Treue geſchworen. Nun weißt Du auch, daß Simbad, der Seefahrer, auf dieſer Inſel einen unterirdiſchen Palaſt beſitzt, den unſer Vater geſehen zu haben verſicherte und daß es in dieſem Palaſte große Reichthümer giebt.“ „Ja, vielmal habe ich meine Kameraden von dieſem Wunder erzählen hören, obſchon es mir ein Mährchen zu ſein ſcheint, wenn ich, am Strande ſitzend, die kahlen, nackten, ſteilen Felſen betrachte, welche den hervorragenden Punkt der Inſel bilden.“ — „Denke davon, was Du willſt, Pietro!“ antwortete en tzt er bis us o nf⸗ 18 ft⸗ hne 2 ns, den te 7 eine um die⸗ Nun eſer ater laſte eſem zu kten, unkt rtete — Roſina;„jetzt handelt es ſich darum, daß Jemand mit dem Gedanken umgeht, dieſen Palaſt zu plündern.“ „Das möchte ſeine Schwierigkeiten haben, denn um hin⸗ einzugelangen, muß man ein gewiſſes Geheimniß kennen.“ „Geheimniß oder nicht, ich bin nicht beruhigt, ich fürchte. Giacomo war vor wenigen Augenblicken hier und hat allerlei Reden fallen laſſen, die mich auf die Vermu⸗ thung bringen, daß ſich eine Flibuſtierbande organiſirt hat, um die Inſel zu überfallen. Glaube mir, Pietro, es wäre nicht übel, wenn Du mit Jemandem beſprächeſt, was hier zu thun iſt, denn wir haben einmal geſchworen, die In⸗ tereſſen Simbad's, des Seefahrer's, eben ſo zu reſpectiren, wie er die unſern reſpectirte. Giacomo hat nach Dir ge⸗ fragt und ich habe ihm geſagt, daß Du beſchäftigt wärſt, eine Weinbeſtellung des Grafen Gradenigo auszuführen.“ „Glücklicherweiſe iſt dies ſchon geſchehen,“ antwortete Pietro;„bleibe ruhig, Roſina. Morgen werden wir ſehen, was zu thun iſt, um den Raub zu verhindern, den man, wie Du meinſt, in dem unterirdiſchen Palaſt der Inſel Monte-Chriſto zu begehen beabſichtigt.“ „Ach, vielleicht verliere ich auf dieſe Weiſe meine eigene Habe!“ murmelte Roſina einige Minuten ſpäter, als ſie ſich in's Bett legte;„ich bleibe jedoch dem Verſprechen treu, welches wir Alle gegeben haben, die Intereſſen Deſſen zu reſpectiren, der die unſern nicht blos reſpectirt⸗ ſondern auch beſchützt hat.“ Am folgenden Tage ging Pietro nach einem kurzen Gebet vor dem Altare ſeines Schutzheiligen in der Kathe⸗ drale des heiligen Marcus über die Piazza nach dem Quai, indem er ſich rechts und links umſah, wie Jemand, der unter der Menſchenmaſſe, die ihn umgiebt, eine beſtimmte Perſon zu erkennen ſucht. Einen Augenblick, nachdem er ſeinen forſchenden Blick in dieſes lebende Meer getaucht, welches auf dem Quai und auf dem Platze hin und her wogte, gewahrte er den ⸗ — 182— Gondelführer Giacomo, welcher beſchäftigt ſchien, ſeine Gondel an dem in den Stein eingelaſſenen eiſernen Ring zu befeſtigen. Er lief auf ihn zu. „Heda, Gigcomo!“ „Ah, Du biſt es, Pietro? Um dieſe Stunde hier, wie kommt denn das? Ich komme ſo eben—“ Grafen Gradenigo beſchäftigt,“ ſagte Giacomo leiſe, indem er die Kette ſeiner Gondel vollend's feſt machte und ſich dann zu ſeinem Freunde herumdrehete. „Ich bin damit eher fertig geworden, als ich glaubte.“ „Sehr ſchön, Pietro! denn ich habe Dir ein ander⸗ weites Geſchäft vorzuſchlagen.“ „Roſina hat mir ſchon davon geſagt und deshalb bin ich eben hierher gekommen, um Dich zu ſuchen, denn ich war überzeugt, daß Du hier ſein müßteſt.“ Während Pietro und Giacomo ſo ſprachen, hatten ſie ſich von der Menge entfernt und näherten ſich allmälig der Rieſentreppe, welche in dieſem Augenblicke ganz leer war, ſo früh war es noch am Tage. „Nun, was für ein Geſchäft meinſt Du?“ halten, ein kleines Schiff von hier auf dem mittelländi⸗ ſchen Meere nach einer kleinen Inſel, Namens Monte⸗ Chriſto zu führen. Das mittelländiſche Meer iſt mir, wie Du weißt, nicht ganz unbekannt, aber dennoch kenne ich nicht die Lage dieſer Inſel und das iſt auch nicht zu ver⸗ wundern, weil ſie, wie ich glaube, wenig beſucht wird.“ „Es iſt nicht lange her, daß ich dort war um einige Fäſſer ächten Malaga zu holen und hierher nach Venedig zu ſchaffen,“ ſagte Pietro ſchnell. „Ich glaubte Dich noch mit der Weinbeſtellung des „Die Sache iſt ganz einfach. Ich habe Auftrag er⸗ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ rief der Gondelfüh⸗ rer,„ich weiß, daß die Söhne des Bando dieſe Inſel ſo genau kennen, wie ich meine Finger kenne. Auch wär ſchl teſt. chel um lige Du ſoll Dir mei abh vol tert ner ſich nie wa bin ich ſie der ar, er⸗ ndi⸗ nte⸗ wie ich ver⸗ 7 nige edig füh⸗ nſel 1 nicht weit davon entfernten Säule hervor. Dieſem Manne Auch — 165 wäre es mir angenehm, wenn Du mir genau den einzu⸗ ſchlagenden Cours und die Höhe der Inſel bezeichnen woll⸗ teſt.“ „Weiter Richts!“ bemerkte Pietro mit ſpöttiſchem Lä⸗ cheln. „Bedenke wenigſtens, Pietro, daß es ſich hier nicht um bloße Worte, um ein Luftſchloß handelt—“ „Das Geſchäft wird alſo Geld einbringen?“ „Das iſt eben ſo gewiß, als es gewiß iſt, daß der hei⸗ lige Marcus Nichts von den Türken wiſſen wollte. Wenn Du mich heute an einen gewiſſen Ort begleiten willſt, ſo ſollſt Du den Beweis der Wahrheit deſſen haben, was ich Dir ſage.“ „Ich bin bereit.“ „Wohlan, ich werde Dich zur Stunde des Angelus in meiner Gondel an dem Landungsplatze des Canal's Orfano abholen.“ „Teufel!“ „Was giebt's?“ „Das iſt keine zute Idee, die Du da haſt!“ „Warum nicht?“ „Weil ich in Bezug auf den Canal Orfano den Kopf voll allerhand unheimlicher Geſchichten habe, die mich zit⸗ tern ie ſcherzeſt wohl? Biſt Du ein Träumer oder Sn 3 „Nein, und der Beweis iſt, daß Du auf mich rech⸗ nen kannſt. Ich werde zur Stelle ſein.“ „Nun denn, auf Wiederſehen!“ „Gott nehme Dich in ſeinen heiligen Schutz, Giacomo.“ Pietro und Giacomo drückten ſich die Hand, ehe ſie ſich trennten und verloren ſich bald unter der Menge. Faſt unmittelbar darauf trat ein Mann hinter einer war keine Bewegung, keine Geberde der beiden Venetianer, — 184— ſo lange ihre Unterhaltung dauerte, entgangen. Er eilte dem Gondelführer nach und berührte ihn an der Schulter. „O,“ rief der Gondelführer, indem er ſich ſchnell her⸗ umdrehte,„Sie hier?“ „Ja, ich, und darüber darfſt Du Dich weiter nicht wundern, denn ich bin immer da, wo ich ſein will, mit andern Worten, ich bin überall, ich ſehe Alles.“ „Dio,« rief der Gondelführer,„das hätte ich von einem ſchlichten Pachtcapitain nicht erwartet...“ „Das macht, weil Du wahrſcheinlich vergeſſen haſt, daß die Racht der Sturm heißt, und weil Du nicht weißt, daß ihr Capitain der Wille Gottes iſt.“ Der Gondelführer betrachtete mit Erſtaunen den Mann, deſſen Worte ihm immer ſeltſamer vorkamen. „Schaue mich nicht ſo verdutzt an, Giacomo. Ja, ſeitdem Du mein Schiff verlaſſen haſt, hat mein Blick nicht aufgehört, Dir überall hinzufolgen, wohin Du ge⸗ gangen biſt. Ich habe Dich beobachtet, während Du ſchliefſt und habe geſehen, wie Du von einem wonnigen Traume entzückt wurdeſt, von dem Traume der Schätze, die auf der Inſel Monte-Chriſto verborgen ſind.“ „Das iſt wahr, mein Herr, das iſt wahr! Obſchon ich nicht neidiſch bin, ſo geſtehe ich doch, daß ich dieſen Schatz gern in der Nähe ſehen möchte!“ „Du ſollſt ihn ſehen!“ „Ich habe ſchon Mittel gefunden, die Höhe der In⸗ ſel und den Weg zu erfahren, den man dahin zu verfol⸗ gen hat.“ „Sehr gut.“ „Heute Abend nach dem Angelus⸗Läuten erwarten Sie mich am Bord des Sturm's.“ ilte er⸗ icht mit on aſt, it. nn, Ja, lick ge⸗ ime der hon eſen In⸗ fol⸗ denigo die Mhriaden Lichter der Alabaſterlampen zurück⸗ — 185— Neunzehntes Kapitel. Der Schrecken. Di Familie Gradenigo war eine der älteſten und edelſten Venedig's. Ihr Glanz datirte aus der Zeit des Faliero, dieſes eben ſo weiſen als unglücklichen Dogen. Alle früheren Häupter dieſer Familie, deren Wappenſchild es an Alter und Ruhm mit den berühmteſten aufnahm, hatten nach der Reihe einen ausgezeichneten Platz in dem Senat eingenommen. Es hatte ſogar einige darunter ge⸗ geben, welche, wenn ſie auch nicht die Dogenmütze erhiel⸗ ten, ſich doch unter den Bewerbern um dieſes Zeichen einer Würde befanden, die in weiter Nichts beſtand, als daß die ſtolze und impoſante Geſtalt der Republik in einem ein⸗ zigen Menſchen verſinnbildlicht ward. Die Gradenigo wa⸗ ren zu der Zeit, wo dieſer Roman ſpielt, immer noch von einem gewiſſen Ruhmesglanze umgeben, obſchon der Cha⸗ racter Venedig's ein ganz andexer geworden war und in dieſer wegen ihrer Vergangenheit berühmten Stadt der Ver⸗ dienſtadel jetzt eben ſo wie überall den Vorrang vor dem Geburtsadel behauptet. Die Gradenigo genoſſen daher viel⸗ leicht blos in Folge einer gewiſſen Gewöhnung noch einen Theil der Ehrerbietung, die man ſonſt ihrem Wappenſchilde erwieſen. Die Schönheit ſeines Palaſtes, der Glanz, mit wel⸗ chem er ſich umgab, die Pracht ſeines öffentlichen Lebens, ſeine ſtolzen aber feinen Manieren— Alles trug dazu bei, dem Signor Gradenigo jene Rückſicht zu erwerben, welche in der feinen Geſellſchaft dem Manne gezollt wird, deſſen Wiege von glorreichen Erinnerungen umgeben geweſen iſt. Wenn die ſchön gemeiſelten Säulen des Palaſtes Gra⸗ — 66— ſtrahlten, wenn die Blumengewinde ſich längs der Trep⸗ pen quer über die Galerien hinwegzogen, wenn ein gewähl⸗ tes Orcheſter unter dieſen hohen Gewölben ſeine harmoni⸗ ſchen Accorde erſchallen ließ, ſo freute ſich Niemand mehr als der Signor Gradenigo ſeine Salons zu betrachten, die ſich mit der Elite der venetianiſchen Geſellſchaft füllten, de⸗ ren Ariſtokratie lächelnd hierher ſtrömte und ſich freuete, ſich hier einige Stunden amüſiren zu können, ehe ſie ſich dem Schlafe überließ. Gegenwärtig handelte es ſich um die Zurüſtungen zu einer dieſer glänzenden Verſammlungen im Palaſte Gradenigo Die Schnelligkeit, mit welcher die Zubereitungen ge⸗ troffen wurden, die Ordnung und Leichtigkeit, mit welcher man ſie ausführte, verriethen hinlänglich, daß dieſe Abend⸗ geſellſchaften nichts Neues waren und daß die Ankunft derer, welchen dieſe Anſtalten jetzt galten, nahe bevorſtand. Der Graf Gradenigo ſtand in der That im Begriff, einen Ball zu geben. Warum einen Ball? Es wurden allerhand Vermuthungen darüber angeſtellt; die glaubhaf⸗ teſte Meinung aber war die, daß der Graf dadurch die Ankunft eines ihm ſehr werthen Freundes zu feiern ge⸗ dachte. Die Einladungen waren ausgeſendet und die venetianiſche Welt— wir ſprechen natürlich hier blos von der, welche die Bälle beſucht— erwartete mit Ungeduld die verſpro⸗ chene Soirée. Wer aber war denn die vornehme, ſo bedeutſame Per⸗ ſon, die dem Grafen Gradenigo die Verpflichtung auflegte, ihr einen ſo glänzenden Empfang zu bereiten? einen Em⸗ pfang, der Epoche in der Chronik der eleganten Welt ma⸗ chen und als eine große Thatſache der hohen ſocialen Poli⸗ tik nicht weniger lebhafte Erinnerungen zurücklaſſen ſollte? Maximilian, der einige Empfehlungsbriefe an den Gra⸗ fen Gradenigo mit aus Frankreich gebracht hatte, erhielt — Zutritt in ſeinen vertrauten Cirkel und befand ſich folglich 3 6 N * — 187— auch unter der Zahl der zu der bevorſtehenden Feierlichkeit Eingeladenen. Valentine war, wie wir geſehen haben, weit ent⸗ fernt, der Mehrzahl jener reichen, eitlen Frauen zu gleichen, für welche Armuth und Mangel bloße Mährchen ſind, de⸗ ren Herz keine Shmpathie mit dem Unglück hat. Deshalb ſah ſie auch dieſe Nacht glänzender Vergnügungen mit der größten Gleichgültigkeit näher rücken, wiewohl ſie nicht vermeiden konnte, in den Salon des Palais Gradenigo zu erſcheinen. Maximilian, der ſich über die Zerſtreuung freute, welche ſeine Gattin auf dieſem Balle finden konnte, hoffte, es werde dadurch die Abſicht, die berühmte Grotte der Inſel Monte-Chriſto zu vernichten, bei ihr wieder in den Hintergrund gedrängt werden. In der Woche vor der, in welcher der Ball des Sig⸗ nor Gradenigo ſtattfinden ſollte, reichten wenige einfache Worte hin, um Valentinens Gemüth auf's neue in Be⸗ wegung zu ſetzen. Eines Morgens erſchien ein Mädchen aus dem Volke, welches dringend um die Gunſt bat, mit ihr ſprechen zu dürfen. Maximilian's Gattin beeilte ſich Befehl zu geben, daß man das Mädchen einlaſſen ſolle, indem ſie ihr zu⸗ gleich entgegenging, aus Beſorgniß, daß ſie durch den Lurus und den Reichthum der Zimmer eingeſchüchtert wer⸗ den könne. Es möchte ſchwierig ſein die Gutmüthigkeit zu ſchildern, die ſich in dieſem Angenblicke in Valentinen's Zü⸗ gen ausſprach. Kaum erſchien ſie, als das junge Mädchen den Schleier zurückwarf, der ihr Geſicht bedeckte, oder ſich, beſſer ge⸗ ſagt, der Mantille entledigte, in die ſie ſich vom Kopfe bis zu den Füßen gehüllt, und ſich ihr zu Füßen warf. „Ach, Madame,“ rief ſie,„haben Sie Erbarmen mit mir, ſtehen Sie mir bei, denn ich bin verloren!“ Valentine befahl durch einen Wink dem Diener, der — 188— die Unbekannte bis hierher begleitet, ſich zu entfernen. Er gehorchte und die Gattin Maximilian's, welche mit ſchmers⸗ licher Bewegung den ſorgenvollen Ausdruck bemerkte, der dem Antlitze des Mädchens aufgeprägt war, beeilte ſich zu entgegnen: „Was ſagen Sie? Wer ſind Sie?— Stehen Sie auf, meine Tochter; nur vor dem Bilde der heiligen Jung⸗ frau dürfen Sie ſich ſo niederwerfen und ſie auf ſo demü⸗ thige Weiſe um ihren Schutz bitten!“ „Ach, wie gut Sie ſind, Madame, man hat mich nicht getäuſcht, als man mir Ihre Herzensgüte rühmte!“ antwortete das junge Mädchen, indem ſie aufſtand und Vaolentinen's Hände küßte. „Erklären Sie ſich, mein Kind. Dieſer Zuſtand von Unruhe, in welchem Sie ſind, bekümmert mich. Ihre Thränen, die Trauerkleidung, welche Sie tragen, verra⸗ then mir, daß Sie Ihren Vater oder Ihre Mutter ver⸗ loren haben— daß ſie in der Blüthe der Jahre Waiſe geworden ſind!“ ſetzte Valentine mit einem Stufzer hinzu, der wirklich und wahrhaftig aus dem Herzen kam. „Ja, Madame, es iſt unglücklicherweiſe nur zu wahr, daß ich eine Waiſe bin, eine vater- und mutterloſe Waiſe und zwar ſchon ſeit ſechs Monaten. Aber gleichwohl iſt es nicht dieſes Unglück, welches mich nöthigt, Ihren Schutz anzurufen.“ „Reden Sie.“ „Ich hatte einen Bruder,“ ſagte das junge Mädchen, „einen Bruder, der meine einzige Stütze in dieſer Welt war. Und dieſer Bruder! Ach, ich fürchte, daß er einer furchtbaren Verrätherei zum Opfer gefallen iſt und nun bin ich allein— ganz allein, ohne einen Menſchen, der mir beiſtünde!“ „Mein Gott, Kind— was ſagen Sie? Aber was iſt denn Ihrem Bruder begegnet? Welche Art von Schutz verlangen Sie? Reden Sie und ich verſichere Ihnen im „ —— n, ** — — 189— voraus, daß ich Alles thun werde, was Sie von mir ver⸗ langen.“ „Ja, Madame,“ unterbrach ſie das junge Mädchen, „ja, ich will reden— ich will Ihnen Alles ſagen— Al⸗ les.— Ich heiße Roſa, bin aber in der Nachbarſchaft der Gindecca und auf dem Rialto mehr unter dem Namen Ro⸗ ſina bekannt.“ Pietro's Schweſter warf einen raſchen, aber forſchen⸗ den Blick um ſich herum und fuhr dann fort: „Mein Vater war Gondelführer und mein Bruder Pietro hat das Handwerk und die Gondel meines Vaters ebenſo geerbt, wie dieſer der Erbe meines Großvaters ge⸗ weſen war. Es ſind jetzt vier Tage her, als der Gon⸗ delführer Giacomo in unſer Haus kam. Ah, Sie wiſſen nicht, wer dieſer Giacomo iſt? Es iſt dies eben der Gon⸗ delführer, der jetzt in Dienſten Ihres Gemahl's ſteht. Die⸗ ſer Giacomo unterhielt, wenn ich dem, was er mir ſagte, Glauben ſchenken darf, geheimnißvolle Verbindungen mit einer Bande Uebelthäter und wollte, daß mein Bruder ihm mittheile, wo iſe wenig bekannte und unbe⸗ wohnte Inſel liegt, auf welcher, wie Giacomo behauptete, ein unermeßlicher Schatz verborgen iſt! Es war dies die Inſel Monte-Chriſto,“ fuhr Roſina fort, ohne Valentinen's Unruhe zu bemerken, die immer höher ſtieg, ſo wie Roſina weiter erzählte.„Nun aber gehört die Inſel Monte⸗Chriſto einem Manne, dem meine Familie ewige Dankbarkeit ſchul⸗ dig iſt und deswegen ſuchte ich die Unterredung Giacomo's mit meinem Bruder Pietro zu verhindern. Aber was nützte mir es? Pietro hat dennoch mit ihm geſprochen, obſchon er ſich vorgenommen hatte, ſeine böſen Abſichten zu ver⸗ eiteln und ihn daher blos glauben machte, daß er ihm die Richtung der Inſel angeben würde. Alles ging bis dahin gut, bis ich endlich vorgeſtern,“ fuhr Roſina in lautes Schluchzen ausbrechend fort,„einen Brief von meinem ar⸗ men Pietro erhielt, den Sie die Güte haben werden zu leſen.“ — 190— Mit dieſen Worten zog Roſina ein Papier aus ihrer Taſche und überreichte es Valentinen. Valentine raffte alle Beſinnung zuſammen, um zu ent⸗ ziffern, was dieſes Blatt enthielt. Sie ſchlug es ausein⸗ ander und las Folgendes: „Liebe Schweſter. „Ich bin das Opfer eines Verrath's geworden, den „Giacomo, der Gondelführer vom Rialto, geſponnen hatte. „Ich befinde mich als Gefangener am Bord des Sturmes, „eines unbekannten Schiffes, deſſen Capitain mich zwingt, „ihn nach der Inſel Monte-Chriſto zu führen, wo ohne „Zweifel ein großer Raub ausgeführt werden ſoll. Ich „kann Dir nicht mehr ſagen. Eile, die Herrſchaft Giaco⸗ „mo's davon in Kenntniß zu ſetzen und laß ihn durch die „Diener der Gerechtigkeit verhaften. „Dein unglücklicher Bruder „Pietro.“ Valentine ſtieß, als ſie dieſen Brief zu Ende geleſen einen durchbohrenden Schrei aus und Roſina, welche nicht wußte, was die Urſache davon war, eilte auf ſie zu und breitete die Arme aus, wie um ſie zu ſtützen. „Was fehlt Ihnen, Madame?“ rief ſie, als ſie die Bläſſe bemerkte, welche Valentinen's Wangen bedeckte. „O, es iſt Richts!“ antwortete dieſe einen Augenblick darauf mit ſchwacher und zögernder Stimme. „Um Gottes willen, erbarmen Sie ſich meiner! Stehen Sie mir bei!“ ſagte Roſina, indem ſie mit dem Ausdruck der Angſt und Verzweiflung die Hände faltete. „Mein Kind, was wollen Sie, daß ich arme Frau gegen das Schickſal thue, welches auf uns laſtet?“ „O ich wünſche, daß Sie und Ihr Gemahl die ge⸗ 4 eigneten Schritte thun, um Giacomo verhaften zu laſſen Vielleicht entdeckt er dann Alles, vielleicht werden die Uebel⸗ thäter alle feſtgenoinmen. Vielleicht kehrt mein Bruder in — 3 — 0— ————, — — 191— meine Arme zurück und Simbad der Seefahrer iſt nicht das Opfer dieſes Diebſtahl's auf der Inſel Monte-Chriſto!“ „Sie kennen alſo Simbad, den Seefahrer?“ fragte Volentine raſch. „Perſönlich habe ich ihn niemals geſehen, aber er war, wie ich ſchon geſagt habe, der Beſchützer des abenteuerli⸗ chen Handels meines ganzen Stammes, indem er geſtattete, daß auf ſeiner Inſel die Waaren ausgeladen wurden.“ „Mein Gott! Was iſt das für ein Stamm, deſſen Handel wie Sie ſagen, ein abenteuerlicher iſt.“ „Ach, Madame, ich bin die Tochter eines Schleich⸗ händler's,“ murmelte Roſina, indem ſie von neuem zu Va⸗ lentinen's Füßen ſank, die ſie in ihren Armen aufhob. „Beruhigen Sie ſich, beruhigen Sie ſich, mein Kind, es wird ſich Alles machen!« Ihr Bruder wird wieder zu Ihnen zurückkommen. Was das Uebrige betrifft— was kann Ihnen daran liegen? Die Inſel gehört ſchon nicht mehr dem vormaligen Gönner Ihrer Familie— mögen ſie Alles ſtehlen, was dieſe Grotte enthält— denn alle dieſe Reichthümer gehören den Armen, weil ſie die Frucht des Schweißes der Armen ſind!“ „Was ſagen Sie?“ rief Roſina ganz erſtaunt über die Worte Valentinen's, denn es waren dies dieſelben, wel⸗ che ſie aus dem Munde des Gondelführers Giacomo ver⸗ nommen.. „Kehren Sie nach Hauſe zurück, ich werde mit mei⸗ nem Gemahl darüber ſprechen. Nittlerweile aber ſagen Sie keiner lebenden Seele ein Wort davon.“ „Aber wird der Lritth Giacomo. verhaftet werden?“ „Nein. „Die Elenden alſo den Raub ausführen?“ „Und mein armer Bruder?“ „Wird zurückkommen.“ „ — 192 „Können Sie mir verſichern, daß er zurückkommen wird?“ „Ich kann es und ich verſichere es Ihnen,“ murmelte Valentine, indem ſie Roſina die Hand reichte, welche dieſe zum Zeichen ihrer Dambarkeit küßte. Nachdem Valentine den ſeltſamen Bericht Roſina's an⸗ gehört, eilte ſie ſich in ihr Betſtübchen einzuſchließen, wo ſie ihre Thränen ungehindert ſtrömen ließ, die aber dennoch bald verſiegten, denn Valentine fand im Gebet, in ihrem Vertrauen auf Gott den Balſam, der ſie von jeder den himmliſchen Dingen fremden Leidenſchaft reinigte. Valentine war entſchloſſen ihrem Gatten Nichts von dieſem Abenteuer zu ſagen. Deshalb empfahl ſie, als ſie ſich von Roſina trennte, dieſer nochmals das tiefſte Still⸗ ſchweigen und verſprach ihr gleichzeitig, Alles um ihr ihren Bruder Pietro wiederzugeben. In der That machte Valentine ſich auch ſofort ars Werk. Zu der Stunde, wo die Sonne hinter den Gebirgen Throls zu verſchwinden hegann, pflegte Maximilian auf dem ungeheuern Parallelogkamm der Piazza die Abendkühle zu genießen. Valentine weigerte ſich, ein leichtes Unwohl⸗ ſein vorſchützend, ihn zu begleiten und gewann guf dieſe Weiſe einige Augenblicke, um einen Plan zu erſinnen und auszuführen, der den Zweck hatte, die Verwirklichung des Roſinen gegebenen Verſprechens zu beſchleunigen. Am Fenſter ihres Zimmers ſitzend, betrachtete ſie die Fluthen des Canal's, in welchem ſich träg einige Gon⸗ deln ſchaukelten, gleich dem trägen Schwan, der Autſi über die Fläche eines See's hingleitet. Volentine betrachtete ſie ſorgfältig und als ſie puüt⸗ lich einen der Gondelführer erkannte, gab ſie ihm mit der Hand ein Zeichen, daß er ſich nicht entfernen ſolle. Dieſer Gondelführer war Giacomv. Einen Augenblick ſpäter ging Valentine, nachdem ſie eine Vor ſchn ten. den daß rech in Ca ver ſch nic lun ſtu wo der fra fü we bi S * ,, einen weiten Shawl um ihre Schultern geworfen, in die Vorhalle des Gebäudes hinab, von wo einige Stufen von ſchwarzem Marmor in den Canal Gindetca hinunterführ⸗ ten. Giacomo ſtand hier in ſeiner Gondel und kaum hatte er Volentinen bemerkt, ſo ſprang er auf die Treppe und zog ſeine Mütze. „Komm her,“ ſagte Valentine mit halber Stimme in⸗ dem ſie ſich ängſtlich umſah, wie um ſich zu überzeugen, daß Niemand zugegen ſei. Der Gondelführer näherte ſich und trat, indem ſie rechts eine kleine Thür öffnete, in ein Gemach, welches ſich in allen venetianiſchen Häuſern befindet und auf einen der Canäle führt, indem es zugleich als Vorrathskammer der verſchiedenen Gondelgeräthſchaften dient. Giacomo, der von ſeiner Kindheit an, an die Launen der ſchönen Venetianerinnen gewöhnt war, wunderte ſich weiter nicht über das Geheimniß, in welches Valentine ihre Hand⸗ lungen und ihre Worte hüllen zu wollen ſchien. Er blieb ſtumm und unbeweglich Valentinen gegenüber ſtehen und wartete, bis ſie ſprechen würde.„Nicht wahr, Du bis es, den man Giacomo, den Gondelführer des Rialto, nennt?“ fragte ſie ihn. „Ja, Madame,“ ankbortete Giacomo.„Schon ſeit. fünfzehn Jahren bin ich aus der offenen See zurückgekehrt, wo ich auf einem Kauffartheiſchiffe diente und ſeitdem und bis auf dieſe Stunde ſieht und ſchützt mich der heilige Mar⸗ cus auf den Canälen und dem Lido, wo ich, ſo zu ſagen, meine Zähne bekommen habe. Ja, Madame, ich bin Gia⸗ como durch die Gnade meines heiligen Patron's und ich habe die Ehre im Dienſte Ihrer Exeellenz und Ihres vor⸗ trefflichen Gatten zu ſtehen.“ Valentine dachte einige Augenblicke über die Art und Weiſe nach, auf welche ſie mit dem Gondelführer den eigen⸗ thümlichen Dialog anknüpfen ſollte, welcher nun folgt. „Nach dem, was Du mir ſo eben geſagt haſt, Gia⸗ Die Todtenhand. 2 Band. 13 — 194— como, ſind es über fünfzehn Jahre her, ſeitdem Du die Canäle Venedig's und den Lido befährſt. Wie mir ſcheint, mußt Du wohl alle Schiffe kennen, die hier ge⸗ landet ſind.“ „Beinahe alle, Madame.“ „Und nicht blos die Schiffe, ſondern auch die Capi⸗ taine derſelben?“ „Wenigſtens zum großen Theil.“ „Sehr gut. Ich habe in Bezug auf ein gewiſſes Schiff einige Fragen an Dich zu richten, und ſage Dir im vor⸗ aus, daß Dir die Zeit, welche Du auf das Anhören und Beantworten derſelben wendeſt, gut vergolten werden wird, Giacomo.“ „Per la Madre de Pio! Ich bin bereit, Ihnen zu ge⸗ horchen. Was ich weiß, werde ich Ihnen ſagen, Ma⸗ dame.“ „Du wirſt, um mir antworten zu können, Dein Ge⸗ dächtniß nicht ſehr anzuſtrengen brauchen, denn es handelt ſich um ein Schiff, welches noch vor acht Tagen im Lido lag.“ „In dieſem Falle kann ich Ihre Fragen mit geſchloſſe⸗ nen Augen beantworten.“„ „Es iſt die Racht, der Sturm.“ „Die Jacht der Sturm!“ rief der Gondelführer ſtutzend. lange Zeit zu laſſen. „per Bacco!“ äntwortete Giacomo, indem er ſeine Kaltblütigkeit wieder gewann und ſich ärgerlich ſtellte,„da fragen Sie mich gerade nach einem Schiffe, deſſen Name mir kaum bekannt iſt!“„ „Wohlan! ich ſehe wohl, daß ich Deinem Gedächtniſſe zu Hilfe kommen muß. Dieſe Nacht, der Sturm, hat „Wer war der Capitain?“ fragte Valentine, ohne ihm verweilt, weil der Capitain derſelben Erkundigungen über u ir e⸗ hm ine me iſſe hat die Inſel Monte-Chriſto einzuziehen ſuchte, auf welcher, wie man glaubt, ein Schatz verſteckt iſt—“ „Der aber in der Wirklichkeit nicht dort vorhanden iſt, nicht wahr?“ unterbrach ſie Giacomo auf eine Weiſe, welche ihn verrieth. „Dies iſt eine andere Frage, die Dich wenig intereſſi⸗ ren kann, Giacomo; begnüge Dich das zu beantworten, was ich Dich frage.“ „Madame, nach dem, was Sie mir ſo eben geſagt haben erinnere ich mich vollkommen des kleinen Schiffes und ſeines Capitain's, in deſſen Geſellſchaft ich, ich weiß nicht recht wo, ein Glas vortrefflichen Laerhmae Chriſti ge⸗ trunken habe. Der Mann gefiel mir nicht recht, ja, ich kann geſtehen, daß er mir beinahe Furcht einflößte. Es war ein Mann von braunem Teint, mit grau geſprenkeltem Haar, ſchwarzen Augen und unheimlicher Miene. Seine Manier zu ſprechen, war von der Art, daß eine Dame, wie Ihre Epxtellenz, wenn ſie ihm die Ehre erzeigt hätte ſeine Reden anzuhören, vor Schrecken den Tod davon hätte ha⸗ ben können.“ „Was ſagte er denn?“ fragte Valentine in etwas haſtigem Tone. „Ach, Dinge, welcht der heilige Marcus in dem Munde des unwürdigſten Venetianers niemals verzeihen würde.“ „Und ſeine Handlungen?“ „Seine Handlungen ſchienen nach meiner Meinung mit ſeinem teufliſchen Worten in jeder Beziehung übereinzuſtim⸗ men. Er ſagte, er beſäße in einem Käſtchen eine Todten⸗ hand— er wollte mir ſie ſogar zeigen—“ „Hat er Dir denn den Zweck einer ſo ſeltſamen Reli⸗ uie erklärt?“ fragte Valentine mit einem eigenthümlichen Ausdruck des Intereſſes und des Entſetzens. Er hat es mir in Ausdrücken erklärt, die nur ihm angehören und die nur der Teufel wiederholen könnte, zum 43* — 196— Beiſpiel, die Hand des Todten ſei gegen einen Lebenden er— hoben und der Wille dieſes Todten ſei aus dem Grabe heraufgedrungen und werde von Gott beſchützt.“ Bei dieſen Worten fühlte Valentine wie ihr der kalte Schweiß auf die Stirn trat, aber dennoch war das Inter⸗ eſſe, welches dieſe ſeltſamen Worte in ihr erweckten, ſo groß, daß ſie ſich nicht enthalten konnte, noch einige Fragen über den Capitain der Vacht„der Sturm“ an den Gondelführer zu richten. „Und dieſem Manne,“ ſagte ſie,„iſt es, wenn ich dem, was man mir verſichert hat, glauben kann, gelungen, hier einen gewiſſen Seemann, Namens Pietro zu erkaufen, damit dieſer ihm die Richtung der Inſel Mente-Chriſto mitttheile.“ „Ganz recht!“ entgegnete Giacomo ſchnell, indem er auf Valentinen's Idee einging.„Pietro hat ſich dem Ca⸗ pitain der Aacht mit Leib und Seele verkauft und iſt mit ihm nach Monte⸗Chriſto abgeſegelt. Der Capitain hat, wie man mir ſagt, die Abſicht, die Inſel auszuplündern, aber ich hoffe, daß er dort weiter nichts als ungehenere Stein⸗ maſſen finden wird. Es ſind natürlich die Felſen, die jene unerſchöpflichen Schätze ſein werden, von welchen er ſprach, indem er ſagte, ſie gehörten den Armen, weil ſie durch den Schweiß der Armen gewonnen worden wären.“ Valentine ſchauderte vor Entſetzen, als ſie die merk⸗ würdige Uebereinſtimmung merkte, welche zwiſchen den Wor⸗ ten Giacomo's und dem Traume beſtand, den ſie in der Grotte Monte-Chriſto gehabt. Immer entſchloſſen, dieſem Diebſtahle kein Hinderniß in den Weg zu legen und ſich erinnernd, was ſie Roſina verſprochen, gab ſie dem Geſpräch eine andere Wendung und fragte: „Glaubſt Du, daß Pietro nach Venedig zurze ch wird?“ 3 „O, das iſt außer allem Zweifel,“ antwortete Gig⸗ — — ne als der alte Bucentaurus war, wenn man der Chronik — 11— como.„Der Capitain der Facht wird ihm kein Leid's zu⸗ fügen und der arme Junge, ſobald ſeine Aufgabe am Bord des Sturm's einmal erfüllt iſt, nichts Eiligeres zu thun haben, als ſeine Schweſter Roſina wieder aufzu⸗ ſuchen.“ „Und wann wird ſeine Aufgabe an Bord des Sturms— beendet ſein?“ „In höchſtens vierzehn Tagen wird er wieder zurück ſein.“ „Weißt Du das gewiß?“ „Hierin, Madame, ſetzen wir alle unſere Hoffnung auf die Güte und das Erbarmen unſeres himmliſchen Be⸗ ſchützer's. Ich ſage daher nicht; ich weiß es gewiß, ſon⸗ dern ich hoffe es.“ Es trat ein Augenblick des Schweigens ein, während deſſen Valentine einen neuen Plan zu entwerfen ſchien. „Giacomo,“ ſagte ſie endlich,„ich habe oft die Ver⸗ ſchwiegenheit und den Eifer der Gondelführer von St. Mar⸗ cus rühmen hören—“ „Dann haben Sie nicht mehr als die Wahrheit ge⸗ hört, Signora! Was mich betrifft, ſo beſitze ich, obſchon ich mich als den unwürdigſten meiner Brüder und Genoſ⸗ ſen betrachte, nichtsdeſtoweniger den Stolz, daß ich mir ſchmeichle den Beifall der Herrſchaften zu verdienen, welche bis jetzt die Güte gehabt haben, meine Dienſte in Anſpruch zu nehmen.“ „Kannſt Du auch über ein Fahrzeug verfügen, welches im Stande iſt, das mittelländiſche Meer zu beſchiffen?“ „Ach, verſteht ſich! über ein ſo wackeres Fahrzeug glauben darf!“ entgegnete der Gondelführer. „Schön! Hier iſt Gold. Morgen zu derſelben Stunde, wie heute, wirſt Du hierher zurückkehren und ich werde Dir die nothwendigen Inſtructionen für den Dienſt geben, den ich von Dir verlange.“ Mit dieſen Worten überreichte Valentine dem Gondel⸗ führer eine gefüllte Börſe und winkte ihm, ſich zu ent⸗ fernen. Hierauf ging ſie die Treppe hinauf, welche nach den— kre inneren Zimmern führte, ſchritt durch die Salons und be⸗ ſin gab ſich wieder in ihr Boudoir. 5 Kaum war ſie hier eingetreten, ſo ſah ſie zu ihrem 6 Erſtaunen Maximilian an einem kleinen Tiſche ſitzen und mit Leſen beſchäftigt. ind Maximilian machte nicht die mindeſte Bewegung oder 3i Geberde. Als er Valentinen näher treten ſah, begnügte er ſich, ſie zu fragen: fal „Wie fühlſt Du Dich, Valentine? Sln Zweifel hef beſſer.“ Dies ward jedoch in einem ſo trockenen Tone geſagt W und ohne daß der Frager die Augen von ſeinem Buche glü aufgeſchlagen hätte, daß in dieſer affectirten Gleichgültigkeit ſch eine ganze Geſchichte enthalten war. Obſchon aber Valen⸗ 3 rül tinen dieſe Kälte Maximilian's nicht entging, ſo ſchien ſie Se dieſelbe doch einzig und allein auf Rechnung der vielleicht 68 ſehr intereſſanten Lectüre zu bringen, denn ſie machte in Ge ihrer Antwort durchaus keine Anſpielung darauf. B „Ja, mein Freund,“ antwortete ſie im freundlichſten ſch Tone,„ich fühle mich beſſer und ic glaube, daß ich Dich ſtr bald werde begleiten können.“ „Aber ich möchte nicht, daß Du Dich jetzt der Kühle de auf dem Canälen und der Piazza ausſetzteſt,“ entgegnete oh Maximilian, den Blick fortwährend auf ſein Buch heftend. als „Das iſt wahr; ich gebe zu, daß die Luft Venedig's tät mir nicht recht zuſagt,“ antwortete Valentine, indem ſie ſich neben Maximilian ſetzte und ihre Hand auf di legte. „Alſo wünſcheſt Du Venedig zu verlaſſen?“ ſtn er. Volentine antwortete nicht, ſondern berührte mit der — — 1 Spitze ihrer ſchönen Finger den Einband des Buches, in welchem Moximilian zu leſen ſchien und machte es zu. WMaximilian lehnte ſich in ſeinem Seſſel zurück und kreuzte die Arme, indem er den Kopf auf die Bruſt herab⸗ ſinken ließ. „Was fehlt Dir, mein Freund?“ fragte ihn Valentine, indem ſie ſich auf ſeine Schulter ſtützte und ihm liebreich ihre Wange darbot. „O verzeihe, Valentine, verzeihe!“ rief Maximilian, ohn er plötzlich aufſprang und mit aufgeregter im Zimmer auf und ab ging. „Was ſagſt Du?“ fragte Valentine, indem ſie eben⸗ falls aufſtand, aber den erſtaunten Blick auf ihren Gatten heftend, unbeweglich ſtehen blieb. „Ich ſage, daß es kein vollkommenes Glück in dieſer Welt giebt. Begreifſt Du das, Valentine! Wenn wir glücklich zu ſein glauben, wenn unſere thörichte Phantaſie ſchon beinahe die Grenzen der höchſten Glückſeligkeit be⸗ rührt— da kommt auf einmal ein Dämon, welcher den Schleier der Illuſionen zu zerreißen beginnt, welche unſere Serle gefangen hielten!“ rief Maximilian, indem er ſeiner Gattin gegenüber ſtehen blieb und die rechte Hand auf die Bruſt drückte, wie um das Klopfen ſeines Gerzens zu br⸗ ſchwichtigen, während er mit der rechten das Ba ſtrich, welches ſeine Stirn beſchattete. „O, ich habe mehr als irgend Jemand an die Se des Glück's geglaubt, welches ich empfand,“ fuhr er fort, ohne ſeiner Gattin Zeit zu laſſen zu ſprechen,„und mehr als irgend Jemand, habe ich mich auch in dieſer Welt ge⸗ täuſcht! Und jetzt—“ „Und jetzt?“ fragte endlich Valentine, deren Herz unruhig zu werden begann. „Jetzt— Valentine? Jetzt— was ſoll ich Dir ant⸗ worten?“ ſagte er, indem er ſeine Worte mit einem bitte⸗ ren Lächeln begleitete. — 200— „Ich kann mir auf keine Weiſe Rechenſchaft von dem geben, was Du mir in dieſem Augenblicke ſagſt, mein Freund,“ ſagte ſie ganz beſtürzt, indem ſie ſich beeilte hin⸗ zuzufügen: „Wenn Du findeſt, daß Dein, daß mein Glück durch den Wunſch vermindert werde, den ich zu erkennen gegeben, die Schätze von Monte-Chriſto den Armen zu überlaſſen, oder mich von Venedig zu entfernen—“ „O, wie gern,“ unterbrach ſie Maximilian,„würde ich das Dreifache, ja das Vierfache von dem, was wir in Monte-Chriſto beſitzen, hingeben, um, wenn es möglich wäre, den heutigen Tag zu vernichten oder ihn dem Sa⸗ tan zum Geſchenk zu machen.“ 4„Wie, Du läſterſt, Maximilian?“ „Nein— nein— Gott verzeihe mir und Du auch! aber um der Liebe dieſes ſelben Gottes willen, frage mich nicht weiter, Volentine.“ Es war dies das erſte Mal, daß Maximilian ſo mit ſeiner Gattin ſprach und ihr etwas verſchwieg. Da Valentine die abſolute Unmöglichkeit einſah, die⸗ ſen geheimnißvollen Gedanken zu erforſchen, ſo beſtand ſie weiter nicht darauf und verzichtete, die Erklärung deſſel⸗ ben in den Worten Maximiliam's finden zu wollen. Aber ſie weints ſtill die ganze Nacht, die erſte, in welcher nicht die vollkommenſte S zwiſchen ihnen herrſchte. Zwanzigſtes Kapitel. Giovanni Gradenigo. Mm nächſtfolgenden Tage ging Maximilian wie ge⸗ wöhnlich aus, um die erfriſchende Abendluft auf der Pinzza zu athmen. em ein in⸗ rch en, ſen, ich in lich Sa⸗ ch! ich mit die⸗ ſie ſſel⸗ ber icht ge⸗ zza Valentine erwartete, wie am Tage vorher, zu der Stunde, wo die Sonne im Begriffe ſtand hinter den Th⸗ roler Alpen zu verſchwinden, am Fenſter ihres Zimmers die Ankunft Giacomo's. Es dauerte nicht lange, ſo kam er in ſeiner Gondel herbeigerudert. Als er die Treppe der Vorhalle erreicht hatte, ſprang er auf die erſte Stufe, band ſeine Gondel feſt und ging die Treppe hinauf in die Vorhalle, wo er ſich einige Augenblicke ſpäter Valentinen gegenüber ſah. „Nun, Giacomo?“ ſagte ſie. „Entſchuldigen Sie, Signora,“ ſagte der Gondelfüh⸗ rer, indem er einen forſchenden Blick auf den Canal warf, „aber verbergen Sie ſich ſo, daß nicht jener Zudringliche Sie ſieht, der da unten in ſeiner Gondel ſitzt. Beim hei⸗ ligen Theodor! Ich hatte große Luſt, ihn die Wahrheit auf dem Boden des Canal's ſuchen zu laſſen.“ „Wer iſt es denn, der mich beobachtet?“ fragte Va⸗ lentine.„Und warum ſoll ich mich verbergen?“ „Santa Madre de Dio! Wiſſen Sie denn nicht, daß dies in dieſer Stadt von jeher ſo geweſen iſt? Es iſt dies die Stunde der nächtlichen Redezvous. Sie ſind jung, durch die Gnade der Heiligen und des Paradieſes, ich ſtehe hier, dort liegt meine Gondel, vor uns fließt der Canal, der zu ſo vielen einſamen, abgelegenen Orten führt—“ „Giacomo!“ „Entſchuldigen Sie, Signora, Niemand kann mehr die gerechte Empfindlichkeit einer Dame reſpectiren, als Ihr gehorſamer Diener. Ich will blos damit ſagen, daß, da es eine gewiſſe Roſina giebt, welche ich liebe, obſchon es ein ganz gewöhnliches Mädchen iſt, es mir nicht recht ſein würde, wenn man mir ſagte, man hätte ſie um dieſe Stunde mit einem Gondelführer ſprechen ſehen— wenn ich nämlich dieſer Gondelführer nicht ſelbſt wäre. Ach, Sig⸗ norg, hier in Venedig macht man Geld aus Allem, und zum Unglück für uns Gondelführer giebt es gewiſſe ver⸗ — teufelte Kameraden, die Alles beobachten und dann den Ehemännern, den Vätern, den Brüdern, den Liebhabern wieder erzählen, ſelbſt wenn es dieſe gar nicht einmal wiſ⸗ ſen wollen“ „Und Du kennſt den Mann, der mich beobachtet?“ „Geſtern, als ich mich einſchiffte, ſah ich ihn am Bord des Canal's der Vorhalle gegenüber, und als ich, nachdem ich die Ehre gehabt mit Ihnen zu ſprechen, wieder in meine Gondel zurückkehrte, rief er mich, um ihn zu führen.“ „Wer iſt er denn?“ fragte Valentine mit der ganzen Indiseretion der Unſchuld. „Es iſt der Sohn des Signor Gradenigo— er nennt ſich Giovanni Gradenigo! Ohne Zweifel haben Sie ſchon von dieſer Familie gehört, die eben ſo berühmt iſt durch ihren unermeßlichen Reichthum, als durch ihre Liebe zu Ausſchweifungen— eine Liebe, die eine erbliche Leidenſchaft zu ſein ſcheint, ein Vermächtniß, welches ſeit undenklichen Zeiten vom Vater auf den Sohn übergeht! Ach, es giebt wenig Mädchen aus dem Volke in Venedig, welche es wa⸗ gen würden, dem Signor Giovanni Gradenigo in's Ge⸗ ſicht zu ſchauen!“ Valentine zuckte bei dieſen Worten zuſammen, denn es ſtieg ein Gefühl oder vielmehr ein Gedanke in ihr auf, den ſie unmöglich verſucht haben würde in Worte zu über⸗ ſetzen, wie dies uns oft begegnet, wenn die Seele, ſo zu ſagen, uns Etwas zu enthüllen beginnt, was weit über den Bereich unſerer Phantaſie hinausgeht. Sie verbarg ſich in dem Schatten der Vorhalle, wäh⸗ rend der Gondelführer die Bewegungen des nächtlichen Wan⸗ derers auf den Fluthen des Canal's beobachtete. Giacomo, der ſich ein wenig entfernt hatte, um dieſe Beobachtung anzuſtellen, kam gleich darauf wieder zurück. „Nun, Giacomo?“ ſagte ſie zu ihm. iſt fort.“ „Sie können ſprechen, Madame, der Signor Giovanni Fa gel die zes ſo me er we nu ich — 208— „Gut. Ich habe Dich geſtern beauftragt, mir ein Fahrzeug nach dem wbiſhe Meere zu beſorgen.“ „Es iſt bereit, Signora.“ „Es könnte alſo, wenn wir wollen, ſofort unter Se⸗ gel gehſ⸗ „Per Baccho!“ rief der Gondelführer;„Sie ſcheinen die Schnelligkeit der Marine des heiligen Marcus nicht recht zu kennen. Allerdings ſind die glorreichen Zeiten des Glan⸗ zes und der Macht dieſer Marine ſchon weit hinter uns, ſo weit, daß ich ſie niemals geſehen habe, aber es iſt im⸗ mer noch eine kleine Spur davon übrig.“ „Wie heißt denn das Schiff?“ fragte Valentine. „Die Bonace,“ antwortete der Gondelführer, indem er ſich berilte hinzuzuſetzen:„Es iſt eine leichte Vacht, welche gewöhnlich Wein ladet und ganz kürzlich für Rech— nung des Signor Gradenigo im Lido angekommen iſt, wie ich auf dem Ouai habe ſagen hören.“ „Gut! Jetzt höre wohl, was ich ſagen werde, Gia⸗ como. Wenn Du binnen hier und zwei Tagen ein weißes Tuch an dem Fenſter ſiehſt, welches auf dieſen Theil des Canal's geht, ſo iſt dies das Zeichen, daß wir den nächſt⸗ folgenden Tag abreiſen. Du mußt dann mit Deiner Gon⸗ del ganz früh des Morgens hier ſein. Wenn Du dagegen in zwei Tagen daſſelbe Fſ mit fortwährend geſchloſſe⸗ nen Vorhängen ſiehſt— „So iſt dies das Zeichen, daß Sie nicht abreiſen, nicht wahr?“ „Du haſt es geſagt.“ „Der heilige Theodor ſtehe uns bei, Signora!“ mur⸗ milt der Gondelführer, indem er mit allen Anzeichen des klaſſiſchen Aberglaubens der Seeleute das Haupt entblößte. Valentine gab ihm einige kleine Geldmünzen und ver⸗ bſchiedete ihn, dann ging ſie wieder in ihre Gemächer hinauf. 6 Giacomo ſprang oi in ſeine Gondel, in dem 1 — 204— genblick aber, wo er ſich anſchickte, abzuſtoßen, bemerkte er den Schatten eines Mannes, der Alles zu beobachten ſchien, was in der Vorhalle vorging. Gleich darauf kam die Geſtalt in aller Eile herbeigelaufen und ſprang mit ei⸗ nem Satz in die Gondel. „Madre de Dio!“ rief Giacomo, indem er ſein Ruder aus dem Waſſer zog und Miene machte, ſich zur Wehre zu ſetzen. „Nun, was giebt's, Giacomo?“ fragte trotzig der Mann, der auf dieſe Weiſe in die Gondel hereingeſprun⸗ gen war. „Signor Gradenigo,“ ſtammelte Giacomo, indem er ſeine Mütze abnahm. „Du mußt wiſſen, Burſche, daß ich Dich ſchlechter behandeln werde, als ein Ketzer zur Zeit der Republik be⸗ handelt wurde, wenn Du den geringſten Laut hören läſ⸗ ſeſt, der mich verrathen könnte.“ „Aber fürchten Sie ſich denn vor irgend Etwas?“ fragte Giacomo in etwas ironiſchem Tone. „Nein, gewiß nicht, denn ich bin überzeugt, daß Du ſchon längſt vernommen haben wirſt, auf welche Weiſe ich einen Halunken behandle, der nicht thut, was ich will!“ „O was das betrifft, ſo bin ich allerdings überzeugt, daß marpin allen Gefängniſſen von San Marco vergebens Jemandt ſuchen würde, der es Ihrer Excellenz gleich thäte.“ „Sehr gut geantwortet, Giacomo,“ entgegnete Signor Giobanni Gradenigo, indem er ihn vertraulich auf die Schul⸗ ter ſchlug;„Du wirſt auch wiſſen, in welchem Rufe der Freigebigkeit ich ſtehe, wenn man mich nach Wunſch be⸗ dien „Verzeihen Sie, Exeellenz; obſchon ich nicht auf der Univerſität Padua ſtudirt habe, ſo beſitze ich doch eine ge⸗ wiſſe Logik, die mich lehrt, an gewiſſen Dingen zu zwei⸗ feln, die ich nicht ſehe oder nicht aus Erfahrung kenne.“ — 5 kte en m ei⸗ n ter be⸗ . Kaum hatte Giacomo dieſe Worte geſprochen, ſo fühlte er eine kleine mit Geld gefüllte Börſe zu ſeinen Füßen nie⸗ derfallen. „Schweige, Hund!“ ſagte gleichzeitig Signor Gio⸗ vanni Gradenigo. „Ah, jetzt habe ich die Ehre, Sie an Ihrer Sprache zu erkennen,“ entgegnete Giacomo, indem er ſich bückte, um den Beutel aufzuheben. „Giacomo! Giacomo! nimm Dich in Acht, denn meine Geduld hat enge Grenzen!“ „Dies ſagen die Mädchen des Rialto gllerdings, Sig⸗ nor Giovanni Gradenigo.“ „Genug!“ „Ich erwarte Ihre Befehle, Signor!“ „Vorwärts, ſo raſch als möglich.“ Hiermit war das Geſpräch vor der Hand zu Ende. Giacomo's kräftiger, mit dem Ruder bewaffneter Arm ſpaltete die Fläche des Waſſers, indem er die Gondel mit einem gewaltigen Ruck von dem Palaſte abſtieß. Sobald Giovanni ſich eine Strecke entfernt ſah, deu⸗ tete er mit der Hand in der Richtung des großen Canal's der Stadt, hüllte ſich ſorgfältig in ſeinen Mantel, ſetzte ſich auf die Bank und erwartete den Augenblick, wo er ohne Furcht, daß ſeine Worte von indiscreten Shen auf⸗ geſchnappt würden, ſprechen könnte. Sobald demnach die Gondel von allen anderen ſich weit genug entfernt hatte, begann Giovanni wieder ſeine Unterredung mit dem Gondelführer. „Giacomo,“ ſagte er,„die Dame, welche ſo eben eine Unterredung mit Dir hatte, iſt weder Deine Herrin, noch meine Landsmännin.— Es iſt eine Franzöſin, ich weiß es. Sie iſt die Frau eines Franzoſen, deſſen obſcurer Name keinen Platz in dem Gedächtniſſe eines Mannes halten kann, welcher Gradenigo heißt. Es giebt tauſend verſchiedene Fälle,“ fuhr er fort,„welche dieſe Frau veranlaſſen kön — 206— nen, zwei Abende hintereinander ſich mit Dir zu beſpre⸗ chen, der wahrſcheinlichſte aber iſt, daß es ſich um eine heimliche Liebſchaft handelt, um derentwillen man Deiner Gondel und Deines Verſtandes bedarf. Nun aber muß eine Frau, welche in Abweſenheit ihres Gatten ſich zum Zeitvertreib mit dergleichen Dingen beſchäftigt, ſich ſehr glücklich ſchätzen, wenn ich mich herablaſſe, ihr eine Erin⸗ nerung zu widmen.“ „Ich verſtehe vollkommen, was Sie mit dieſer Erin⸗ nerung ſagen wollen,“ murmelte Giacomo mit einer gelehr⸗ ten Kennermiene. „Nun aber,“ fuhr Signor Giovanni Gradenigo fort, „wer Arges denkt, dem geſchieht Arges, und wenn dieſes Sprüchwort in Bezug auf dieſe Dame in Erfüllung geht, ſo iſt es für ſie um ſo ſchlimmer und ſie hat ſich die Schuld ſelbſt zuzuſchreiben.— Ich habe ſchon lange an dieſe Frau gedacht,“ ſetzte er mit träger Geberde hinzu. „Ich habe zuweilen von ihr geſprochen— aber ich bedarf eines neuen Stoffes für die Converſation. Alſo erzähle mir Alles, was ſie geſagt hat, und Alles, was ſie von Sit will Giacomo erzählte, nachdem er einige Augenblicke nach⸗ gedacht, Gradenigo, welchen Dienſt Valentine von ihm ver⸗ langt und begleitete ſeine Erzählung mit verſchiedenen Be⸗ merkungen, die geeignet waren, den Eigenſinn des Signor Giovanni zu erwecken und in ihm eine ſeiner Eptravaganz würdige Verblendung anzuregen. Giovanni Gradenigo nahm keinen Anſtand, die Ruhe ſeinem Vergnügen zu opfern. Von verabſcheuungswürdiger Erziehung, die durch das verderbliche Beiſpiel eines alten, ausſchweifenden Vaters noch verabſcheuungswürdiger ge⸗ macht ward, erkannte dieſer unglückliche junge Mann in dem geſelligen Leben kein Princip an, welches ſich der Ver⸗ übung einer That entgegenſtellen konnte, deren Dienſt er ſeinem hölliſchen Scharfſinn und ſeinem Reichthum widmete. es ht, die an f hle on h⸗ er⸗ e⸗ nz he er en, — 207— Nach einer Conferenz von einigen Augenblicken mit dem Gondelführer Giacomo ließ er ſich an der Piazza aus⸗ ſetzen, drapirte ſich mit Eleganz in ſeinen Mantel und ging mit der nachläſſigen Miene unſerer Modelöwen ſeinen Freun⸗ den entgegen, die in Folge einer in Venedig altherkömm⸗ lichen Gewohnheit, unter den Arkaden des berühmten Do⸗ genpalaſtes luſtwandelten— einem Ort, den man noch heute in der guten Geſellſchaft mit dem Namen des Brog⸗ lio bezeichnet. Hier verſammelten ſich alle Gecken Venedig's und hier ward demzufolge das öffentliche und Privatleben aller Frauen der eleganten Welt erzählt und beſprochen. Giovanni Gradenigo ward mit Begeiſterung empfan⸗ gen und erhielt ſofort das Wort, um eine ganz neue, fri⸗ ſche Geſchichte zu erzählen, denn Alle wußten, daß der Erbe der alten Familie Gradenigo auch den abenteuerlichen, ausſchweifenden Geiſt der Mehrzahl ſeiner Vorfahren geerbt hatte. Gradenigo verfehlte nicht ſeine Erzählung mit aller⸗ hand geſchickten Umſchreibungen und unbeſtimmten, aber zu⸗ gleich erlogenen und perfiden Anſpielungen zu würzen. Sein Erfolg bei ſeinen Zuhörern war in der That auch ein ganz außerordentlicher und man lachte unmäßig und un⸗ aufhörlich. „Sie ſind in der That ein außerordentlicher Menſch, und die Schnelligkeit, mit welcher Sie eine Sache zu füh⸗ ren verſtehen, grenzt an's Wunderbare.“ „Was wollen Sie? Das iſt einmal mein Fehler, mein lieber Herr Morel!“ antwortete Gradenigv. „Das Glück im Spiel oder in der Liebe iſt in gewiſ⸗ ſen Familien oft erblich!“ bemerkte ein junger Venetianer, er ſich beeilte, hinzuzuſetzen: „Sagten Sie nicht, mein lieber Gradenigo, daß Sie, der Abenteuer unſeres ſchönen Landes müde, eine Rriſe in's Ausland zu machen gedächten?“ „Da habe ich die Wahrheit geſagt und es möge Jeder dieſen Entſchluß nach ſeiner Weiſe deuten. Das Feld ſteht allen Vermuthungen offen und ich geſtatte einem Jeden volle und unbeſchränkte Freiheit,“ antwortete Gradenigo mit lautem Gelächter. „Und kann man wiſſen, in welchem Lande ſich ihr nächſtes Abenteuer realiſiren wird?“ „Nun ich glaube in dem Ihrigen, Herr Morel. Die Schönheiten von San Marco werden die Güte haben, ei⸗ nige Zeit zu warten. Was Ihre Landsmänninnen betrifft, die unſtreitig ſehr hübſch ſind,“ fuhr er mit ſpöttiſchem Grlächter zu Maximilian Morel fort,„ſo haben dieſelben die ehennice Güte, mir einige angenehme Augen⸗ blicke zu bieten.“ Maximilian biß ſich auf die Lippen und fuhr mit der Hand über den Schnurrbart. „So viel ich durch meine Studien kennen gelernt habe,“ fuhr Gradenigo fort,„ſcheint es, als ob die franzöſiſchen Damen, welche das Vergnügen, oder wenn Sie lieber wol⸗ len, das Glück haben, verheirathet zu ſein, die Abwechſt⸗ lung zu ihrem Wahlſpruch machen. Der Beweis davon iſt, daß es, wie man mir verſichert hat, in Paris mehr Modi⸗ ſtinnen giebt, als in irgend einer anderen Stadt Europa's!“ „Ich ſtimme Ihnen darin ganz bei und erkläre mich bereit, Ihnen hierin beſtens an die Hand zu gehen,“ ſagte Maximilian.„Ich wundere mich, Signor Gradenigo, „daß Sie, der Sie bis auf dieſen Tag den unver⸗ zeihlichen Fehler begangen haben, noch nicht über die Grenze Ihres Vaterlandes hinausgekommen zu ſein, ſich in Bezug auf die Sitten und Gebräuche der enrßißſin Damen ein ſo vollendeter Kenner zu ſein einbilden.“ „Darüber ließe ſich viel ſagen, Herr Morel, aber ich habe immer geglaubt, daß man auch, ohne ſein Vaterland zu verlaſſen, ſehr genaue und ſehr ſpecielle Kenntniſſe in dieſer Beziehung ſich erwerben könnte. Denken Sie ſich zum — eine kleine Bemerkung zu machen. Wenn der Gatte der Beiſpiel, daß es hier in Venedig, wie ich bereits geſtern das Vergnügen gehabt zu erklären, eine Dame, eine Lands⸗ männin von Ihnen giebt, welche die Güte ſo weit treibt, daß ſie in hellem Mondſcheine Lectionen ertheilt.“ Ein kalter Schweiß benetzte Maximilian's Stirn und um ſeine Lippen irrte ein gezwungenes Lächeln, wie um auf den hölliſchen Chor des ſchallenden Gelächters der iun⸗ gen Venetianer zu antworten. „Nichts iſt in dieſer Welt unmöglich,“ fuhr Grade⸗ nigo fort.„Wenn Sie nicht mit mir in ungefähr gleichem Alter ſtünden, ſo würde ich Ihnen nicht erzählen, daß es in Venedig eine gewiſſe fremde Dame giebt, welche die kur⸗ zen Augenblicke der Freiheit, welche ihr ihr Gemahl durch ſeine Abweſenheit läßt, auf bewundernswürdige Weiſe zu benutzen verſteht und zwar mit jenem feinen Geſchmack, durch den ſie ſich überhaupt auszeichnet. Ein Greis würde in der That nicht dergleichen Worte dulden, deren Inhalt dennoch zu wahr iſt, als daß ein noch junger Mann ſich veranlaßt ſehen könnte, den Irrthum eines Widerſpruch's zu begehen. Denken Sie nicht auch wie ich, meine Herren?“ Giovanni's Worte wurden mit lautem Beifall aufge⸗ nommen. „Eempfangen Sie ebenfalls meine Glückwünſche, Sig⸗ nor Gradenigo!“ ſagte Morel, indem er die größte Ge⸗ müthsruhe affectirte.„Indeſſen erlauben Sie mir, Ihnen Dame, die ſich auf dieſe Weiſe gegen Sie bezeigt, ein al⸗ ter Edelmann iſt, ſo müſſen Sie eine Beleidigung, ja mehr als eine Beleidigung fürchten, denn erſt wird er Sie durch ſeine Diener durchprügeln und dann ermorden laſſen! Wenn es im Gegentheile ein noch junger Mann iſt, wie Sie oder ich, ſo werden Sie— da ich nicht begreife, eben ſo, wie keiner von Ihnen begreifen wird, was das Leben ohne die Ehre iſt— ihm über ein Schnupftuch mit einem einzigen geladenen Piſtol zu antworten haben. Es 1 auch noch Die Todtenhand. 2. Band. 14⁴ — 210— eine andere Shpotheſe, meine Herren,“ rief Maximilian in lauterem Tone, wie um Schweigen zu gebieten,„und dieſe beruht in dem Unterſchiede des Standes oder der Ab⸗ ſtammung. Ein Franzoſe, was er auch ſein möge, Bür⸗ ger oder Plebejer, hegt gegen die Edelleute, wenn ihn einer von dieſen beleidigt, einen unausſprechlichen Haß! Er haßt ſie tödtlich und wenn er ſich nicht an hellem, lichtem Tage auf gewöhnlichem Wege an ihnen rächen kann, ſo ermordet recht.“. „Dio!“ rief Signor Gradenigo, mit dem liebenswür⸗ digſten Lächeln,„Signor Morel, wie Sie doch in die Hitze gerathen! Wiſſen Sie äber wohl, daß für uns Venetianer dieſe Rückſicht durchaus keinen Werth hat, denn unſere Sit⸗ ten ſind in jeder Beziehung von den Sitten anderer Län⸗ der verſchieden, auf dieſelbe Weiſe wie unſere Stadt von der Erde iſolirt iſt, die anderen Städten zum Stützpunkte dient. Bei uns iſt die Furcht vor dem Tode Nichts und übrigens, wenn ich auch zugeben wollte, daß ſie von eini⸗ gem Gewicht ſei, ſo würde ich ihr doch ſelbſt um einer ein⸗ fachen Grille willen trotzen! Ich gehe noch weiter. Ste finde, aus dieſer kleinen Liebesintrigue einen öffentlichen Streit zu machen. Der Gatte der fraglichen Dame iſt, wrie ich Ihnen verſichern kann, ein junger Mann von Ih⸗ rem Alter, oder doch ſo ziemlich. Deshalb ſehe ich ſchon, daß ich meinen Freunden und folglich auch Ihnen, denn ich rechne Sie mit zu denſelben, das für ſie ganz neue Schauſpiel eines Duell's über das Schnupftuch mit einem einzigen geladenen Piſtol geben kann.“ Maximilian benutzte einen Augenblick, wo das Geſpräch gab ſich nach der Gindecca, wo Valentine ihn erwarkete. wöhnlich, mein Freund,“ ſagte ſie ihn umgrmend. er ſie und glaubt daran recht zu thun und thut auch wiſſen nicht, welches ausgezeichnete Vergnügen ich darin eine andere Wendung nahm, verließ den Broglio und be⸗ „Deine Promenade hat heute länger gedauert gls ge⸗ — ₰ „Ich mußte eine lange Geſchichte von Giobanni q denigo anhören,“ antwortete er trocken. „Von Giovanni Gradenigo?“ antwortete Volentine unwillkürlich. Es trat ein Augenblick des Schweigens ein. „Das Thema war ein ſehr intereſſantes und ich habe mich genöthigt geſehen, ihm zu erklären, wie ein Franzoſe einen Schimpf abwaſchen würde!“ hob Maximilian mit un⸗ heimlicher Geberde wieder an, welche in Valentinen eine unklare Angſt erweckte. Neues Schweigen. „Ich liebe die Venetianer nicht,“ ſagte Valentine mit einer Miene des Widerwillens. „Da thuſt Du Unrecht; ſie ſind ſehr liebenswürdig!“ „Ich möchte mich gern der Langeweile entziehen, die ſie mir verurſachen. Sage, Maximilian— möchteſt Du mich nicht bis Monte⸗Chriſto begleiten? Ich glaube die Einſamkeit würde mir jetzt ſehr wohl thun.“ „Und der Ball bei Gradenigo?“ „Ach, was kommt auf einen Ball an?“ entgegnete ſie mit der natürlichen, offenen Miene Deſſen, welcher das fühlt, was er ſpricht. „Aber dennoch ſcheint mir, als wäre kein Beweggrund vorhanden, der uns als Entſchuldigung für den Verſtoß gelten könnte, den Du kegehen willſt, Valentine!“ „Wie? Auch nicht meine Geſundheit? Indeſſen es ge⸗ ſchehe, wie Du willſt. Wenn Du es verlangſt, ſo bleibe ich in Venedig und gehe auch auf den Ball des Gradenigo.“ „Nein, nein, tauſendmal nein!“ rief Marimilian, in⸗ dem er raſch aufſtand;„nein, Du wirſt nicht auf den Ball des Grafen Gradenigo gehen. Wir werden uns von Ve⸗ nedig entfernen. Die Luft, welche man 12 athmet, ver⸗ — 212— urſacht ein ſeltſames, unerklärliches, beengendes Gefühl, welches ich erſt jetzt empfinde!“ Indem er dies ſagte, rannen zwei große Thränen ſeine Wangen herab und befeuchteten ſeinen dichten Bart. Sein leidenſchaftlicher Blick haftete auf den ſanften Zügen Va⸗ lentinen's mit jenem Ausdruck, der wegen eines wider Wil⸗ len gefaßten Gedankens um Vergebung zu bitten ſcheint. Valentine ſtreckte ihm vertraulich die Hand entgegen. Am nächſtfolgenden Tage ließ Valentine ihr Fenſter offen, um dem Gondelführer das verabredete Zeichen zu geben. Giacomo ſchien das Signal verſtanden zu haben, denn mit Einbruch der Nacht hielt eine Gondel in kurzer guifernung von der Treppe des Palaſtes. In der Gondel ſtanden zwei Männer, die beide die gewöhnliche Kleidung der Gondelführer trugen. „Spring' an's Land und geh' Deiner Wege, Gia⸗ como!“ ſagte der eine. Vergeſſen Sie nicht den Namen der Aacht, noch die Stelle, wo ſie vor Anker liegt.“ „Es iſt die Racht Bonace?“ „Ja, Excellenz.“ „Hier iſt die verſprochene Belohnung.“ Giacomo empfing eine mit Gold gefüllte Börſe und beeilte ſich an's Land zu ſpringen, indem er ſagte: „Gute Nacht! Der heilige Antonius nehme Sie in ſeinen Schutz.“ Der andere Gondelführer blieb in der Gondel zurück und ruderte ſie bis an die Thüre der Vorhalle. WMittlerweile ſtieg Volentine an Marimilian's Arm ſchweigend die innere Treppe des Palai's herab und ging dann durch die Vorhalle bis zu den Stufen, die von den Fluthen des Canal's beſpült wurden. „Da iſt unſere Gondel, mein Freund. Wir wollen einſteigen, glückliche Reiſe,“ ſagte Valentine lächelnd,„denn wir wollen reiſen. Wie wäre es, wenn wir uns ſofort auf den Weg machten und Venedig verließen; wäreſt Du damit einverſtanden?“ „Zwiſchen der Ausführung und dem Gedanken liegt oft eine große Kluft, meine Theure!“ antwortete Maximi⸗ lian.„Indeſſen gehe ich Dir zu Gefallen auf dieſe Idee ein und indem ich die Croupe des tollen Renners Deiner Phantaſie beſteige, bin ich bereit zu reiſen.“ „Wo willſt Du hin?“ „Nun, zum Beiſpiel nach Monte⸗Chriſt. 4 Indem Maximilian ſo ſprach, ſtieg er in die Gon⸗ del und reichte Valentinen die Hand, um ihr beim Einſtei⸗ gen behilflich zu ſein. In dieſem Augenblicke prallte der Gondelführer, als er Marimilian's Anweſenheit bemerkte, einen Schritt zurück und blieb dann regungslos ſtehen. „Du kannſt fortrudern,“ ſagte Maximilian zu ihm. Er ſchien nicht zu hören.. „Na, Giacomo, biſt Du taub?“ rief Maximilian, ru⸗ dere doch nach dem Lido.“ „Aber ſieh doch, wie er zittert,“ bemerkte Valentine. Der Gondelführer nahm das Ruder und machte ſich. an die Arbeit, aber mit einer Unbeholfenheit, welche Gia⸗ como bis jetzt noch niemals an den Tag gelegt. War dieſer Gondelführer aber wirklich Giacomo? Warum dieſe Befangenheit? Warum dieſer Schrecken bei dem Anblick Maximilian's? Warum dieſes Geheimniß, in welches er ſich hüllen zu wollen ſchien? Dies ſind lauter Fragen, die in dem nichſtfolgenden Kapitel ihre Beantwortung finden werden. Ende des zweiten Bandes. Druck der C. Schumannſchen Buchdruckerei in Schneeberg. Die ſich fortwährend ſteigernde Bedeutung, welche die amerikaniſche Unterhaltungslectüre ge⸗ winnt, und der mutterländiſchen(Engliſchen) eine eben⸗ bürtige Concurrenz bildet, veranlaßte den Verleger die⸗ ſes Werkes vor drei Jahren unter dem Titel: Amerikaniſche Pibliothek ein Unternehmen zu begründen, welches dem dentſchen Publikum ſtets ſofort nach Ausgabe desDri⸗ ginals in ſorgfältiger Ueberſetzung das Beſte transatlantiſchen Belletriſtik und Reiſeliteratur vorführen ſollte. Wie es dieſer Aufgabe genügt hat, mögen die nachfolgenden Titel der bereits erſchienenen 163 Bände bezengen. Für den ungeſtörten Fortgang der amerikaniſchen Bibliothek iſt, trotz manch⸗ facher Hinderniſſe, ſichere Vorkehrung getroffen. Jedes der nachgenannten Werke iſt vhne Preiserhöhung auch einzeln(à Band 15 Ngr.) zu haben. Die erſchienenen Werke heißen: Barnum's Leben 4 Bände. Bird, Robin Day oder der Unglücksvogel 4 Bände. Blackwater, oder eine Entdeckungsreiſe in das Land Canaan. Dorſey, Schloß Woodreve 4 Bände. Foſter, Celiv oder Nem-York über und unter der Erde 2 Bde. Hall, Legenden des Weſtens 4 Bände. Hawthorne, Blithedale 2 Bände. Hildreth, der weiße Sklave 3 Bände. Hornbook, die Familienfehde 3 Bände. Huntington, Alban 2 Bände. —— Im Walde 2 Bände. Jones, Fort Wayne 2 Bände. —— wilde Scenen u. Abenteuer im weſtlichen Amerika 2 Bde. Kennedy, Hufeiſen-Robinſon 5 Bände. Kennedy, der Krüppel 4 Bände. Laternenwärter, der, 4 Bände. Majo, Kalula, oder der Amerikaner in Afrika 4 Bände. Mayer, Brantz, Capitain Canot 4 Bände. Paulding, der alte Soldat, oder der Preis der Freiheit 3 Bde. Poe, Ausgewählte Werke 3 Bände. . 4 Beid, am Lagerfeuer, oder die Büffeljäger 3 Bände. — Die Verbannten 2 Bände. Robiſen, Solon, Warme Maiskolben! 2 Bände. Simms, Kathärina Walton 4 Bände. —— WMarie de Bernière 3 Bände. — Schwert und Spindel 5 Bände. Sputhworth, D. E. Nevitt⸗, Kliffton's Fluch, oder Sühne und Vergebung 4 Bände. —— die verlaſſene Ehefrau 5 Bände. —— die verlorene Erbin 4 Bände. —— die Schwiegermutter, oder die Strahleninſel 4 Bde. —— Shannondale 4 Bände. —— WMark Sutherland 3 Bände. Stephens, Julie Warren 4 Bände. — Zana ode die Erbin von St. Clair-Hall 4 Bde. . Stowe, J. B. Harriet, Onkel Tom, oder Negerleben in den nordamerikaniſchen Sklavenſtaaten 4 Bände. Taube, die einſame, 3 Bände. Tucker, George Balcombe 4 Bände. Volksleben, nordamerikaniſches 3 Bände. Watſon, Nachtwachen in einem Blockhaufe 2 Bände. Webber, Agaton der Geächtete 2 Bände. —— Geſchichten von der Südgrenze 4 Bände. — Jäger und Naturforſcher 3 Bände. Weir, Lonz Powers, oder die Regulatoren in Karolina 4 Bände. Vehell, Queechy 6 Bände. — weite weite Welt 6 Bände. Wilfted Montreſſor oder die Sieben 4 Bände. Willis, Leben hier und dort. — Leute, die ich gekannt. Vilrich, Erinnerungen aus Teras 3 Bände. ffffffffi 9 10 11 12 — ſſinſſ 14 15 16 17 18 N * 5* 3 4 3 2 4 —* 3 „ 1* 0