bibliothek᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih und wKeſebedingungen. 1 0flensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 N.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Kollmann. ₰ 1 3 E 3 Erſter Band. — — in ihrem Hauſe die vornehmſten Elegants des Bonlevards Wuchs und ihr iſtekeat ſe 8 Erſtes Kapitel. Man ſpekulirt auf's Steigen und auf's Fallen. Das Unglück trifft uns, das Verhängniß drückt uns zu Boden, was kommt darauf an? Es wird deswegen nicht an Leuten fehlen, welche mit lächelndem Munde und ver⸗ gnügtem Herzen zu uns kommen, um uns ihre Freude theilen zu laſſen, ſo lange nur das Unglück den Zauber unſeres früheren Wohlſtandes nicht ſichtbar zerſtört hat. Dieſer Zauber, dieſer trügeriſche Schein, aber auch dieſer allein, iſt es, der jenen glänzenden Schwarm zu uns lockt, den man„die ſchöne Welt“ nennt, der die Urſache iſt, daß wir nicht ganz von ihr verlaſſen werden, obſchon man weiß, daß ein unglückliches Schickſal auf uns laſtet. Die Baroneſſe Danglars hatte das Haupt unter dieſe furchtbare Laſt beugen müſſen, und dennoch verſammelte ſie de Gand. Sie hatte das Vergnügen, ihre vergoldeten Sa⸗ lons als diejenigen bezeichnen zu hören, wo man am beſten in ganz Paris zu empfangen und. zerſtreuen verſtehe. Demzufolge verſammelten ſich hier ſehr oft auf meh⸗ rere Stunden alle jene eleganten Ritter des grünen Tiſches, denen das Gold fortwährend eben ſo wenig zu fehlen ſcheint, als der Wille zu ſpielen. Daß man ſich um ihr Pri⸗ vatleben weiter nicht bekümmert, verſteht ſich von ſſ Der Stolz und Ehrgeiz der Baroneſſe? welchem zwei ſchöne ſchwarze Augen bald funkelten, bald ſchmachteten, je nachdem ein herrſchſüchtiges oder ein ſanf— tes Gefühl ihren ſchneeweißen Buſen ſchwellte, gehörten nicht zu den geringſten Reizen, die eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft in ihre Salons lockte. Männern, welche ſtarke Erregungen lieben, mißfällt eine Frau, wie die Baroneſſe Danglars, niemals; ihr ver⸗ ächtliches Lächeln, ihre entſchloſſene und anmaßende Geberde, die dennoch ſo unterwürfig und zärtlich ward, wenn ſie ſich beſiegen ließ, ihr beredter, ſcharfſichtiger Blick, ihre außer⸗ ordentliche Zungenfertigkeit— Alles trug dazu bei, ihr in den Augen der jungen Elegants einen Platz in der Kate⸗ gorie der Löwinnen anzuweiſen, obſchon ſie ſchon über den Frühling des Lebens hinaus war. Von dieſer Art war der Grad von Achtung und Be⸗ achtung, in welchem die Baroneſſe Danglars im Jahre des Heils 1837 ſtand. Es war an einem Septemberabende dieſes Jahres. Die Säle ihres Palaſtes waren glänzend erleuchtet und füllten ſich allmälig mit den Perſonen, welche die Partieen der Ba⸗ roneſſe in der Regel zu beſuchen pflegten. Die Baroneſſe ſelbſt ſchwebte von Ort zu Ort, plauderte mit Witz und Feuer und empfing die Komplimente eines zahlreichen Schwarmes von Cavalieren, welche ihr folgten oder ſie auf den verſchiedenen Punkten erwarteten, wo ſie vorbeikommen mußte. „Mein Gott, welche ſchwermüthige Miene, Herr Beau⸗ champ,“ ſagte ſie zu einem Cavalier, deſſen ernſte Phi⸗ ſiognomie einen bekümmerten Ausdruck zeigte, der ohne Zweifel darauf berechnet war, guf das Vorhandenſein ei⸗ nes geheimen Unglücks ſchließen zu laſſen.„Man ſollte meinen, Sie hätten den Entſchluß gefaßt, einen verzwei⸗ felten Schritt zu thun, weil Sie, wie man mir gefagt hat, in vergangener Woche bedeutend verloren haben.“ „Nein, Frau Baronin, nein, da ſind Sie im Irr⸗ —— — im Spiele verliere, lange zu denken. Ich ſpiele nicht aus Spekulation, und es iſt nicht recht von Ihnen, das Gegen⸗ theil vorauszuſetzen.“ „Ach was,“ entgegnete die Baroneſſe mit ironiſchem Lächeln, indem ſie ihn zugleich am Arme faßte.„Ich kann Ihnen verſichern, daß mir Ihre Phiſiognomie wirklichen Schrecken eingejagt hat. Kommen Sie, erzählen Sie, um mich von meiner Unruhe zu befreien, alle Neuigkeiten, die Sie wiſſen— die friſcheſten.“ „Aber an wen ſtellen Sie ein ſolches Verlangen, ſchöne Baroneſſe? Iſt nicht Herr Lucian Debrah da, der Ihnen weit mehr zu erzählen wiſſen wird?“ „Was wollen Sie, mein Herr? Laſſen Sie doch den Miniſter, der in ſeine großen— miniſteriellen Gedanken verſunken zu ſein ſcheint. Gott behüte mich, daß ich ihn aus ſeinen Träumereien aufſchrecken ſollte— er wäre im Stande, mir einen Geſetzentwurf vorzutragen— ach, wie langweilig.“ „Was? Wer? Der Miniſter 2“ „Ach nein, der Geſetzentwurf.“ „Der arme Debrah!“ murmelte Beauchamp,„r ver⸗ dient Ihre ironiſchen Worte nicht, denn ich für meinen Theil glaube, daß er in ſeinem Miniſterium weit mehr lei⸗ ſtet, als viele Andere, die es vor ihm bekleidet haben.“ „So müſſen Sie auch ſagen, mein Herr, damit man Sie in Bezug auf Ihr neues Amt als Procurator des Kö⸗ nigs mit derſelben Münze bezahle. Na, enden Sie nur wenigſtens nicht wie Ihr Vorgänger.“ Und eine leichte Röthe überzog die bleichen Wangen der Baroneſſe, deren Arm in dem Beauchamp's zitterte. WMadame Danglars war einen Augenblick lang verlegen, als ob ſie die letzten Worte, die ſie eben geſprochen, bereuete. „Nein, gnädige Frau,“ entgegnete Beauchamp ſofort in einem Tone, welcher verrieth, wie viel ihm dar thum. Es iſt nicht meine Gewohnheit, an das, wäs ich eben dieſe Worte zu benutzen, um ſich auf das von ihm gewünſchte Terrain zu verſetzen.„Ich habe die Gewißheit, daß mir nicht daſſelbe paſſiren werde, wenigſtens nicht aus demſelben Beweggrunde. Indeſſen, da Sie einmal von dem königlichen Proeurator ſprechen, den ich ſtets zu vergeſſen wünſchte, wenn ich den Fuß in Ihre Salons ſetze, um 7 einer Soirée, wie die heutige, beizuwohnen— „Mein Herr!“ „Entſchuldigen Sie, gnädige Frau; es hört uns Rie⸗ mand und Niemand ahnt, was wir im Begriff ſtehen, zu ſagen,“ fuhr die Magiſtratsperſon fort. „Genug, Herr Beauchamp, genug. Ich weiß, was Sie mir ſagen wollen. Es iſt mir aber außerordentlich unangenehm und ärgerlich— wiſſen Sie das nicht? Ich habe Sie gebeten mir etwas Neues zu erzählen, um mich von der Unruhe zu befreien, die mir Ihre traurige und ſtrenge Miene einflößte. Erzählen Sie mir wie damals, wo Sie noch der einfache Zeitungsredacteur waren; da war es viel heiterer, viel amüſanter.“ Der Procurator blieb bei dieſen Worten ſtehen und heftete einen Blick auf ſeine Begleiterin, As ob er in ih⸗ ren Mienen leſen wollte. „Ah, ſeht doch!“ rief ſie herzlich ioeid,„der ehe⸗ malige Journaliſt kann ſchon weiter Nichts mehr ſein, als Amtsperſon.“ „Nein, Madame; Ihnen gegenüber werde ich ſtets der⸗ ſelbe ſein, glauben Sie mir das. Richtsdeſtoweniger iſt es wahr, daß die Nachrichten, die ich Ihnen mitzutheilen habe, nicht aus dem Munde eines Journaliſten kommen können, wie Sie eben ſagen.“ Und Beauchamp betonte abſichtlich die letzten Worte ſo, daß Frau von Danglars wieder zu zittern begann. „Und warum?“ fragte ſie, indem ſie ſich Mühe gab ihre Unruhe zu verhehlen.„Haben Sie denn geſchworen mich heute Abend zu Tode zu ängſtigen, mein Herr?“ — — — ſprechen wünſchte. Er ging daher langſamer und ließ, ohne „Dieſe Nachrichten können nicht aus dem Munde ei⸗ nes einfachen Journaliſten kommen,“ hob Beauchamp wie⸗ der an,„weil ſie eine Dame betreffen, welche der Beamte unendlich achtet und ſchätzt— das iſt die ganze Sache.“ An der Art und Weiſe, wie der Beamte dies ſagte und an dem Ausdruck ſeines Blickes erkannte die Ba⸗ roneſſe Danglars recht wohl, daß ſie nicht weiter in ihn dringen dürfte; da ſie indeſſen doch durchaus zu wiſſen wünſchte, ob die Neuigkeit Bezug auf ſie hätte, ſo ver⸗ ſuchte ſie einen Angriff von einer andern Seite. Sie ließ ſeinen Arm los und ſagte: „Sehr wohl, mein Herr. Aus demſelben Grunde achte auch ich dieſe Dame. Behalten Sie Ihre Neuig⸗ keit.“ Frau von Danglars verlor das Spiel, denn der Pro⸗ curator blieb unerſchütterlich. „O, Dein Geſicht iſt von Erz!“ murmelte ſie, als ſie ihn ſich gentfernen ſah, indem ſie den Zeigefinger ihrer rechten Hand an die Wange legte.„Aber dennoch will ich nicht allein von allen Denen, die Dich umgeben, der Spiel⸗ ball Deiner Laune ſein. In Deiner Vergangenheit ruht ein furchtbares Geheimniß, welches Du den Augen der Welt ſehr gut zu verbergen verſteheſt, den meinen aber nicht. Auch in Deinem gegenwärtigen Leben exiſtirt etwas Richts⸗ würdiges und Schmachvolles, was Du mit teufliſcher Ge⸗ ſchicklichkeit in das Innerſte Deines Marmorherzens zu ver⸗ ſchließen weißt. Doch an's Werk!— ich bin ſchon Herr 3 eines wichtigen Geheimniſſes der Vergangenheit; avbeiten wir nun an der Entdeckung des übrigen,— deſſen, was in die Gegenwart hereinreicht.“ Einige Angenblicke ſpäter bemerkte Beauchamp, daß Jemand hinter ihm herging, wie wenn man mit ihm zu ſich herumzudrehen oder ſehen zu laſſen, daß er Etwas be⸗ merkte, die Perſon an ſich vorbei. „Kann ich die Ehre haben, zwei Worte mit Ihnen zu ſprechen. Herr von Beauchamp?“ „Wie! Herr Miniſter!— Ich ſtehe zu Befehl.“ „Sie müſſen wiſſen, mein Herr, welches Intereſſe ich an Allem nehme, was ſich auf die Sicherheit und Ruhe unſer Aller bezieht,“ ſagte Lucian Debrah indem er mit ſeinem Begleiter die Richtung nach einem kleinen leeren Sa⸗ lon einſchlug.„Da dies der Fall iſt, ſo glaube ich, daß es Ihnen an meiner Stelle ebenfalls auffallen würde, das 3 Geſicht eines königlichen Procurators traurig und verſtört zu ſehen.“ „Ach, mein Herr, haben Sie Nachſicht mit meinem Noviziate. Ich habe noch nicht verſtanden, mir jene Mar⸗ morſtirn anzueignen, welche einer obrigkeitlichen Perſon ge⸗ ziemt.“ „Sie deuten meine Gedanken ganz falſch, Herr von Beauchamp. Es war durchaus nicht meine Abſicht, Ih⸗ nen einen Vorwurf zu machen, denn ich weiß recht wohl, daß man, wenn man auch eine obrigkeitliche Perſon iſt, deswegen nicht weniger auch ein Menſch iſt, welcher Em⸗ pfindungen und Gefühle hat, wie jeder andere. Das Wahre an der Sache iſt, daß, nachdem ich durch meine kleine Po⸗ lizei von gewiſſen Umſtänden unterrichtet bin, auf welche ich ſehr wenig Gewicht legte, ich Sie jetzt ſo befangen und 3 traurig ſehe, daß ich mich dadurch veranlaßt finde, dem, 1 was man mir geſtern geſagt hat, Glauben beizumeſſen. Und in dieſer Vorausſetzung iſt die Ehre einer Dame, welche ich achte und ſchätze—— Aus dieſem Grunde nehme 3 ich mir die Freiheit, Sie zu fragen, Herr von Beauchamp—“ 1„Ah, Sie wiſſen alſo, Herr Debrah! Wohlan, ich 4 verſichere Ihnen, daß, wenn die Sache in der That wahr „Ich hoffe, Sie werden als Beamter handeln!“ un⸗ terbrach ihn Debrah in einem Tone, welcher ſagen wollte „Ich hoffe, Sie werden als Freund handeln!— Jetzt bleibt mir Richts weiter übrig, als den Namen dieſer Dame zu hören, um alle meine Zweifel zu heben— würden Sie wohl die Güte haben?“ Bei dieſer directen Frage, welche der Procurator übri⸗ gens erwartete, konnte er nicht umhin, zu antworten, wenn er nicht unhöflich gegen den Miniſter ſein und ihm zu ver— ſtehen geben wollte, daß er ſeiner Discretion nicht traue. Er näherte ſich daher Debrah und flüſterte ihm das Wort ganz leiſe in's Ohr. Debrah ward bleich, verhehlte aber ſeine Unruhe ſehr raſch, nahm Abſchied von dem Procurator und kehrte in den Salon zurück, wo die Baroneſſe ihn mit einer Un⸗ ruhe zu erwarten ſchien, die man in ihren Blicken las. Der Procurator verließ das Haus der Frau von Dang⸗ lars mit ironiſchem Lächeln. Als die Geſellſchaft ſich entfernte und die Bankiers ihr Gold und ihre Bankbillets von den Tiſchen hatten verſchwin⸗ den laſſen, gab die Baroneſſe dem Miniſter einen Wink und verließ ebenfalls ihre Salons, um ſich in ihre Gemä⸗ cher zu begeben, wo der Luxus und Reichthum der inneren Ausſtattung einen vielleicht noch raffinirteren und ausgeſuch⸗ teren Geſchmack verriethen, als in dem übrigen Gebäude. Die Baroneſſe öffnete eine Glasthür, die in ein klei⸗ nes Muſikzimmer führte. Sie warf einen Blick auf das hier ſtehende Piano und konnte ſich nicht der Worte enthalten: „O Eugenie, warum haſt auch Du mich verlaſſen?“ Eine Thräne rollte die bleichen ſtolzen Wangen der Frau von Danglars herab, welche, indem ſie durch eine Geberde dieſe peinlichen Gedanken gleichſam zu verſcheuchen ſuchte, durch das Cabinet ſchritt und ſich an dem halbge⸗ öffneten auf den. Eingangshof gehenden Fenſter auf die Lauer legte. Hier blieb ſie, bis ſie das letzte Rollen des letzten ſich entfernenden Wagens vernommen. Als ſie gleich dar⸗ auf den Schatten einer Perſon gewahrte, welche auf den 2 Eingang des Gebäudes zukam, eilte ſie fort, um die Thür einer geheimen Treppe zu öffnen und kehrte dann in ihr Zim⸗ mer zurück, wo ſie ſich auf einem Divan von himmelblauer Seide niederließ.„ Lucian Debrah ſtieg die Treppe herauf, ſchloß die Thür derſelben und trat in das Zimmer der Baroneſſe „Nun, Debrah?“ fragte ſie mit einer Miene, in wel⸗ cher ſich die größte Ungeduld ausſprach. Debrah zog ſeine Handſchuhe aus, legte ſeinen Man⸗ tel und ſeinen Hut auf einen Seſſel und nahm dann wie ein vertrauter Freund neben der Baroneſſe Platz. „Sprich, Debrah; Deine Ruhe tödtet mich. Du haſt durch dieſen Beauchamp irgend eine ſchlimme Rachricht er⸗ fahren.“ „Alles, was ich, ohne indiscret zu erſcheinen, habe er⸗ fahren können, iſt ein einfaches Wort,“ antwortete Debrah mit verzweifelter Ruhe. „Ah!“ rief die Baronin mit einer herausfordernden und zugleich ängſtlichen Geberde: „Und dieſes Wort iſt ein Frauennamen— der Dein „Du glaubſt alſo, daß ich in Gefahr ſchwebe?“ „Wie ich es immer geglaubt habe!“ entgegnete Lucian Debrah.„Wenn Deine Gegenwart in Paris bis auf den heutigen Tag noch keinen Anlaß zu ſchlimmen Auftritten gegeben, ſo bin ich doch nichts deſtoweniger überzeugt, daß Du Deine Rolle, oder um das richtige Wort zu gebrau⸗ chen, dieſe Maskerade nicht lange mehr fortführen kannſt und jetzt weniger als jemals!“ Die Baroneſſe ließ ein leichtes Gelächter des beleidig⸗ ten Stolzes hören und antwortete: „Wenn Du ſo darüber geurtheilt haſt, ſo iſt es ge⸗ ſchehen, weil ich für Dich niemals Geheimniſſe gehabt, wie ich es mit aller Welt gemacht habe. Wenn Du wie andere Leute dächteſt, daß der Baron Danglars mit ſeiner Tochter Eugenie um ſeines Vergnügens willen reiſe, ſo — X * —„—,— — würdeſt Du Dir niemals eingebildet haben, daß ich von dem Baron und von Eugenien verlaſſen worden ſei.“ „Sehr gut,“ hob Debrah wieder an,„es iſt nun ein Jahr, ſeitdem der Baron dem Beiſpiel Eugenien's folgte und die Pariſer Welt glaubt, daß ſie ſich dem Vergnügen des Reiſens widmen. In der That, es kann nichts Ein⸗ facheres geben. Aber die Zeit verſtreicht und wird verſtrei⸗ chen und kann ſich nicht am Ende Jemand finden, welcher ſo indiscret iſt, zu fragen, wann der Baron und ſeine Tochter wiederkommen werden?“ Die Baroneſſe machte eine Bewegung. „Und dann,“ fuhr Debrah fort,„kann nicht ferner irgend ein ſchadenfroher Spaßmacher auftauchen, der ſich die große Freiheit nimmt, über die lange Abweſenheit der Reiſenden zu lachen, ſo daß binnen Kurzem ganz Paris ebenfalls lacht? Du ſiehſt, liebe Baronin, von dieſer Seite wird es nicht gut gehen!“ „Nun ſo rathe mir doch, Debrah,“ ſagte die Baro⸗ nin nun mit jener ſchüchternen Unſchuld eines naiven Mäd⸗ chens von fünfzehn Sommern, indem ſie zugleich ihren Arm auf den Debrah's legte. ſage Dir nochmals, was ich Dir vor einem Jahre ſagte, als Du mir den Brief Deines Gatten zeigteſt, in wel⸗ chem er 1 Worte an Dich richtete:„Ich verlaſſe ſie, wie ich ſie genommen habe, das heißt reich, aber eben nicht ehrenwerth.“ Dieſer Ausdruck, der jede andere Frau zu Boden ge⸗ ſchmettert hätte, rief auf den Lippen der Baroneſſe nur ein zweites lautes Gelächter des beleidigten Stolzes hervor. Lucian fuhr fort: „Ich ſage nochmals, daß Du reiſen mußt. Vergan⸗ genes Jahr beſtand Dein Vermögen in einer Million und zweimalhunderttauſend Franes oder mit anderen Worten, in ſechzig tauſend Francs Rente. Heute beſitzeſt Du zwei Nillionen viermalhund erttauſend ranes oder nach anderer Be⸗ rechnung hundertund zwanzigtau nd irelin Wos kann Dir an Paris liegen? Sage Deinen Freunden, daß Dein Gatte in Rom oder in Civita Vechia oder in Nea⸗ pel ſei und daß er im Namen Eugenien's Deine Geſellſchaft verlangt habe. Deine Freunde werden nicht verfehlen, dieſe Nachricht nach allen Seiten hin zu verbreiten und Du kannſt dann die Reiſe nach London antreten.“ „Alſo willſt Du, daß wir uns trennen, Debrah?“ fragte die Baroneſſe, indem ſie vergebens eine rebelliſche Thräne zu Hilfe rief.„Das wird uns viel Ueberwindung koſten.“ Lucian antwortete nicht, ſondern warf einen Seiten⸗ blick auf ſie und ſtand auf. „Es iſt nun ein Jahr her,“ ſagte er,„daß wir uns aſſociirt und daß unſere beiderſeitigen Intereſſen einen ge⸗ deihlichen Fortgang genommen haben.“ „Gegenwärtig,“ entgegnete ſie,„würden ſie noch eine beſſere Geſtaltung gewinnen, denn da Du Finanzminiſter geworden biſt, ſo könnteſt Du—“ „Ah, da kommen wir gerade auf den weſentlichen Punkt der Frage!“ rief Lucian, indem er mit der Fauſt' auf die Lehne eines Seſſels ſchlug und zwar mit jener heftigen Geberde Alexanders, wenn er ſeinen Stab auf die Arena ſchleuderte, um dadurch anzudeuten, daß der Kampf been⸗ det ſei. „Wie?“ fragte Frau von Danglars, indem ſie die Augen weit öffnete und ſich auf dem Divan in die Höhe richtete, auf welchem ſie bis jetzt mit der ganzen Nach⸗ läſſigkeit einer leidenſchaftlichen Geliebten ausgeſtreckt gelegen hatte. „Die Manie der Journaliſten der Oppoſition iſt, das Privatleben der Miniſter in ſeiner Nacktheit an's Licht zu ſtellen. Nun iſt, unter uns geſagt und jetzt, wo Nie⸗ mand uns hört, die Hauptſache bei Deinen Geſellſchaften das Spiel, und ich wünſche nicht, daß Jemand ahne, doß ich Gewinn davon ziehe.“ ne er en uf en 1a ie he 5. h⸗ en 15 „Aber Du haſt deſſen doch gezogen?“ bemerkte die Baroneſſe. „Ich will nichts weiter ſagen,“ entgegnete Lucian mit Feſtigkeit,„ich ſage mich von Deinen Intereſſen los— es bleibt uns blos das einfache Agio der Freundſchaft übrig—“ „Sehr wohl, mein Herr,“ rief die Baroneſſe bleich vor Wuth und in ihrer Eigenliebe ſchwer verletzt, denn ſie begriff ſehr wohl, was dieſe Worte, im Grunde genommen, zu bedeuten hatten.—„Sehr wohl, aber dieſes Opfer nehme ich nicht an, ſchließen wir unſere Rechnungen ab und dann—“ „Und dann?“ fragte er mit einem ſpöttiſchen Geläch⸗ ter, welches verrieth, wie ſehr er die ohnmächtige Wuth der Baroneſſe verlachte. „Sie wünſchen ohne Zweifel, daß wir uns niemals wie⸗ derſehen?“ Lucian ſteckte die Hände in die Taſchen und blieb unbeweglich— eine Antwort, die ungefähr ſo viel ſagen wollte, als:„Wie es Ihnen beliebt.“ „Indeſſen deute ich Ihnen an, daß ich dieſen Winter noch in Paris bleibe.“ „Sie können nicht beſſer thun. Ich habe mir ſagen laſſen, daß die Oper ausgezeichnet ſein wird. Das Reper⸗ toir enthält faſt nichts als Donizetti und Bellini.“ „Und Herr Lucian Debrah,“ ſetzte die Baroneſſe ab⸗ ſichtlich lachend hinzu. „Ich verſtehe nicht.“ „Ich wünſche Ihr Debut im Miniſterium zu ſehen.“ „Na, Baroneſſe,“ ſagte Lucian in einem ernſten Tone, der zu dem der Frau von Danglars einen ſeltſamen Gegen⸗ ſatz bildete,„wer auf's Steigen und auf's Fallen ſpekulirt hat, kann nicht ohne einigen Widerwillen Paris verlaſſen und ſich auf die Proportionen einer einfachen fremden ꝙ Touriſtin reduciren. Das begriift ſich ſehr leicht. Indeſ⸗ ſen wird dies eine Nothwendigkeit, wenn unglücklicherweiſe ein königlicher Procurator Kenntniß von gewiſſen Dingen erlangt hat— Baroneſſe, ſeien Sie klug wie es Ulhſſes war und weiſe wie Neſtor.“ Mit dieſen Worten zog Lucian Debrah ſeine Brief⸗* taſche heraus, öffnete ſie, legte eine Hand voll Bankbillets 6 auf den eleganten Sophatiſch und ſetzte ſich neben die Ba⸗ h vonin, welche furchtbar bleich und aufgeregt daſtand. „Zum zweiten Male, Baroneſſe, machen die Geſchäfts⸗ theilhaber ihre Rechnung und ich hoffe, daß es zum letzten 3 Male iſt. Befolgen Sie meinen Rath.“ S 1 te pl Zweites Kapitel. 4₰ be Benedettv. de A Beauchamp das Palais der Frau von Dang⸗ 2 lars verließ, begab er ſich geradenwegs nach ſeinem Hauſe, welches am Anfange der Rue Cog⸗ Höron lag, und deſſen ge ganzes Aeußere das klaſſiſche Gepräge der alten Ariſtokra⸗ zu tie trug. E gehörte zu jener Art von Gebäuden, welche von. der Klaſſe der alten oder neuen Parvenüs ſo begierig ge— ſucht werden, weil ihr angeborenes Spießbürgerthum ſich 6 hinter dieſes Blendwerk, dieſes geliehene Wappenſchilde zu. verſchanzen liebt. Dieſes kleine Haus, deſſen Portal bis an die Höhe ſe des Fenſters der erſten Etage hinaufreichte, und mit einem ungeheuren ſteinernen Wappen geſchmückt war, welches den N erſten gemeinen Menſchen, der gewagt hätte dieſe Söwell ti zu überſchreiten, zerſchmettern zu wollen ſchien— dieſes — 1 Faus, ſage ich, hatte ſeinen kleinen Ehrenhof, von ge⸗ ſchwärzten und heuchleriſch impoſanten Mauern umſchloſſen. Auf dieſen Hof gingen die Fenſter von Beauchamp's Arbeitscabinet mit ihren dunkelfarbigen Vorhängen, deren dichte Falten frei und ungezwungen von oben herabfielen. Eine kupferne Lampe mit ihrem Schirm von grüner Seide verbreitete ringsumher jenen Schein, halb Schatten und halb Licht, der für Jeden, welcher während der Nacht 3 ſchreiben und nachdenken will, ſo angenehm iſt und eben nur das Papier, auf welchem wir unſere Ideen useinan⸗ 3 derſetzen, erhellt, ohne die Sehkraft allzuſehr anzugreifen. Beguchamp hatte ſchon einige Zeit gedankenvoll vor ſeinem Bureau geſeſſen, als er plötzlich aufſtand und mit⸗ . ten unter den ungeheuern Actenſtößen, die ſich zu beiden Seiten ſeines Seſſels aufthürmten, emportauchte, wie das phantaſtiſche Geſpenſt eines romantiſchen, ſchwermüthigen Dichters mitten unter den Gräbern eines kleinen Kirchhofs 4 bei dem bleichen Scheine des Mondes aufſteigt. Er ging ſtracks auf das Fenſter zu, hob einen Zipfel des Vorhanges auf, und warf einen unruhigen Blick auf den Hof, der zu dieſer Stunde nur von dem röthlichen Scheine einer einzigen an der Decke der Eingangshalle hän⸗ genden Lampe erleuchtet ward. Als er plötzlich bemerkte, daß Jemand auf ſein Cabinet zuſchritt, ließ er den Vorhang fallen, und ſetzte ſich wiedet an ſein Bureau, wo er die Ellbogen aufſtützte, und den Kopf in die eine ſeiner Hände lehnte. Einige Augenblicke darauf öffnete ſich die Thür des Cabinets, und zwei Männer traten ein. . Der eine verrieth durch ſeine argwöhniſche Miene, ſein traditionelles Coſtüm, ſeinen entſchiedenen Manieren und ₰ ſeinen herkuliſchen Körperbau einen Pol izeiagenten. Der andere war der lebende Gegenſatz dieſes Menſchen. Noch jung, mager, bleich und mit zerriſſenen Kleidern ver⸗ rieth Alles an ihm den Angeklagten. Die Todtenhand. 1. Band. 2 — Auf einen Wink des Preourators ging der Polizei⸗ agent wieder hinaus, und man hörte die Thüre ſchließen. Beauchamp blieb einen Augenblick unbeweglich. Dann, nachdem er meinte, daß der Agent nun Zeit gehabt, den Hof zu paſſiren, deutete er mit einer Geberde dem Ange⸗ klagten die entgegengeſetzte Seite des Tiſches an, und drehte den Lichtſchirm ſo, daß er das Geſicht des Verbrechers be⸗ quem ſehen konnte. „Ihr Name?“ ſagte er, indem er mit abſichtlich tiefer Stimme Iprach, als ob er dieſelbe verſtellen wollte. „Sie richten ſtets dieſelbe Frage an mich, mein Herr, und ich habe Ihnen ſtets dieſelbe Antwort zu geben. Ich heiße Benedettv.“ „Benedetto!“ ſagte der Procurator. Dann fragte er, um ſein Verhör fortzuſetzen: „Sind Sie geneigt, Alles zu wiederholen, was Sie ſchon bekannt haben?“ „Wozu, mein Herr?“ ſagte der junge Mann mit einer gewiſſen Kälte.„Was kann es nützen, ſolche Dinge immer wieder zurückzurufen? Man hat mich gefangen genommen, da bin ich. Verurtheilen Sie mich und damit iſt die Sache aus.“ „Seien Sie etwas klüger, Benedetto; das Geſetz be⸗ droht Sie mit dem Tode.“ „Wenn Sie deſſen gewiß ſind— deſto beſſer. Dann quälen Sie mich nicht erſt noch lange.“ „Ich will Sie aber nichts deſtoweniger noch ein Mal anhören. Vielleicht haben Sie irgend einen Umſtand ver⸗ geſſen, deſſen Kenntniß, durch hinreichende Beweiſe unter⸗ ſtützt, die Strenge des Geſetzes mildern könnte.“ Und der Procurator ſetzte ſich weiter in ſeinen um⸗ fangreichen Seſſel zurück. „Nun gut, ich bin damit einverſtanden, aber hören Sie mich wohl an, mein Herr Staatsprocurator, denn ich —-„—— — ——+,— n en — 5 ſage Ihnen im Voraus, daß dies das letzte Mal iſt, daß ich ſpreche.“ Es lag in den Worten des Angeklagten eine gewiſſe Bitterkeit, eine gewiſſe Todesverachtung, welche guf die abgeſtumpften Nerven eines alten Richters gewiß wenig oder keinen Eindruck gemacht hätte, aber tief das Herz eines noch jungen Mannes rührten, welcher, wie Beauchamp, noch nicht gegen alle Geſtalten jener düſteren Geheimniſſe gepan⸗ zert war, welche zuweilen in dem Bureau eines königlichen Procurators vorkommen. „Ich ward in dem Gefängniſſe La Force gefangen ge⸗ halten und daſelbſt, wie ich glaube, durch einen unbekann— ten Freund protegirt, denn von Zeit zu Zeit beſuchte mich ein Mann Namens Bertuccio, mit welchem ich früher in Verbindung geſtanden hatte, und der mir im Namen dieſes unbekannten Gönners einiges Geld gab, um mir beſſere Nahrungsmittel kaufen zu können, als die, welche von Rechtswegen den Bewohnern der— Löwengrube zukom⸗ men. Ich war ſchon vor dem Gericht erſchienen, wo ich erklärt hatte, ich ſei der Sohn des Herrn von Villefort, Ihres Vorgängers, und erwartete ruhig und gefaßt mein Urtheil. Aus dem Bagno entflohen, der Ermordung Cade⸗ rouſſe's überführt, was konnte ich noch weiter vor mir ha⸗ ben, als das Schaffot?“ „Warten Sie,“ unterbrach ihn der Procurator,„wie haben Sie erfahren, daß Sie der Sohn des Herrn von Villefort ſeien?“ „Ah, das iſt eine Frage, die Sie noch nicht an mich gerichtet haben, mein Herr,“ entgegnete Benedetto mit dem Lächeln eines Mannes, welcher mehr weiß als man glaubt. „Ich werde Sie zufriedenſtellen. Ich habe Ihnen ſchon von jenem unbekannten Gönner und von Bertnceio erzählt, welcher der Ueberbringer ſeines Almoſens war. Run ſagte dieſer Bertuccio, als er eines Tages in die mir in der S angewirene Zelle trat, Folgendes zu mir: — 20— „Benedetto, Du biſt ſchwer compromittirt und es giebt Jemanden, der Dich zu retten wünſcht, weil er ein Gelübde gethan hat, alle Jahre einen Menſchen zu retten. Dieſer Gönner hat ſich guf ein Mittel beſonnen, um Dich wenigſtens vor dem Schaffott zu bewahren. Dieſes Mittel iſt folgendes. Der königliche Procurator, welcher gegen⸗ wärtig Deine Verurtheilung betreibt, hat in ſehr genauem Verhältniß zu einer Dame geſtanden, und dieſe Dame hat ein Kind, den Sohn Villeforts, zur Welt gebracht. Ein ſolcher Standal durfte nicht zur Kenntniß des Publikums gelangen. Kaum war daher das Kind geboren, ſo nahm es Herr von Villefort in ſeine Hände, ſchlang ihm die Nabelſchnur um den Hals, damit es nicht weinen und ſchreien ſollte, ſteckte es ſodann in ein Käſtchen, wickelte es in ein geſticktes Taſchentuch der armen Mutter, welches ihm als Leichentuch dienen ſollte, ging eine geheime Treppe hin⸗ unter, vermittelſt deren er ſchon ſeit langer Zeit in das Zimmer der Dame gelangte, und wollte das arme unſchul⸗ dige Kind am Fuße eines alten Baumes im Garten begra⸗ ben. In dieſem Augenblick verſetzte eine unbekannte Hand der Bruſt des Kindesmörders zwei Meſſerſtiche und ſtahl das Käſtchen, in der Meinung, daß es einen Schatz ent⸗ halte.“ 3 „Der Mörder entfloh, öffnete ſofort das Käſtchen und fand das Kind, welches noch Lebenszeichen von ſich gab. Er befreite den Hals von der darum gewickelten Schnur, blies ihm Luft in den Mund, wickelte es in das geſtickte Tuch, von welchem er ein Stück abſchnitt, und ſetzte den Neugeborenen vor dem Fenſter des Findelhauſes nieder, indem er rief:„Mein Gott ich trage meine Schuld ab: Ich habe ein Leben geraubt, aber dafür auch ein zwei⸗ tes gerettet.“ „„Dies iſt die Geſchichte Deiner Geburt,“ fuhr Ber⸗ tuccio fort,„und wenn Du vor Deinem Richter erſcheinſt, ſo ſchlendre ihm ſein Verbrechen ins Antlitz, wo ſofort überzeugen wird, und Du wirſt ſehen, wie er auf einmal von der Anmaßung zur Demuth, vom Richterſitz zur Verbrecherbank übergeht. Der öffentliche Scandal, den Deine Offenbarung hervorruft, wird einen Stein auf die Akten Deiner Anklage legen, und Dein Beſchützer wird dieſe Gelegenheit benutzen können, um Dich zu befreien.“ „So that ich,“ fuhr Benedetto fort,„wie Sie ſelbſt bezeugen können, bei Annäherung des 27. September, des Jahrestags meiner Geburt im Jahre 1817, und einen Monat ſpäter hielt mein Beſchützer ſein Wort. Ich war frei, mein Herr, aber unter einer Bedingung, nämlich der, meinen Vater fortwährend zu begleiten, welcher den Ver⸗ ſtand verloren hatte, indem er ohne Ruhe und Raſt ſeinen Sohn ſuchte, und mit einem Grabſcheit überall nachgrub, wo es Erde gab! Ach, ich geſtehe es, ich ward bei dem Anblick eines ſolchen Elend's von Schmerz und Mitleiden ergriffen. Königlicher Procurator geweſen zu ſein, im Rufe eines rechtſchaffenen, ehrenwerthen Mannes geſtanden haben, und von der Höhe dieſes rieſigen ſtolzen Baues auf die Bank der Angeklagten herabgeſunken zu ſein! Ach! Zum Glück machte ſein Wahnſinn eine gerichtliche Protedur un⸗ möglich, und einige Tage ſpäter ward er eben ſo wie ich vollſtändig in Freiheit geſetzt. Sein Vermögen ward unter Sequeſtration geſtellt, und kaum ließ man ihm ein dürfti⸗ ges Einkommen zur Beſtreitung der nothwendigſten Be⸗ dürfniſſe ſeiner traurigen Exiſtenz. Mittlerweile kehrte der Verſtand meines Vaters allmälig wieder zurück. Nach Verlauf von ſechs Monaten, die er mit mir gemeinſam verlebt, war er geheilt. Er kannte und liebte mich, aber ſeine Stunde hatte geſchlagen. Gott ſchien ihn nur deshalb am Leben erhalten zu haben, um ihm Zeit zu laſſen, mich um Verzeihung zu bitten. Ich verzieh ihm, und empfing ſeinen Segen.“ „Mein Sohn,“ ſagte er an ſeinem letzten Tage zu mir, iich fühle, daß ich ſterbe, und bedaur. daß ich eine gewiſſe Schuld nicht bezahlen kann— eine Schuld des Blutes und der Verzweiflung, eine Schuld, die ich ſelbſt um den Preis meines Seelenheils abmachen möchte. Mein Sohn, ich bin ein Verbrecher geweſen, ich habe die Maske der Heuchelei vorgehalten wie alle Men⸗ ſchen, aber die Rache, die ich erduldet, hat alles Maß überſchritten; es iſt entſetzlich! Ach, Gattin, Sohn und Tochter— alles, alles hat mir die Hand eines Menſchen entriſſen, ohne Gewiſſensbiſſe, ohne Mitleid, blos um ſich an mir zu rächen. Benedetto, ſchlage dieſen Menſchen zu Boden, martere, quäle ihn, damit auch er weine, und wenn ſeine Verzweiflung den höchſten Gipfel erreicht hat, ſo ſage ihm: Ich bin Villefort's Sohn, ich züchtige Dich in ſeinem Namen; es iſt ſeine Rache zum Austauſch für Deine furchtbare Rache.““ „„Ach mein Vater, wo iſt dieſer Menſch? Wo iſt er? rief ich.“ „„Wo er iſt?“ murmelte mein Vater, indem er ſeinen leidensmüden Kopf traurig hin und her bewegte,„wo er iſt? Ich weiß es nicht. Dann faßte er mich am Arme, zog mich näher an ſich, und ſagte mit vor Furcht zitternder Stimme, während ſein Blick ſtier ward wie bei der Er⸗ ſcheinung eines Geſpenſtes: Frage den Raum, frage den Himmel, frage das Meer und die Erde— er wird da ſein, überall, wie ein mächtiger Gott oder wie ein hölliſcher Schickſalsdämon. Hüte Dich, damit nicht ſein feuriger Blick einen Augenblick auf Dir hafte. O, Du wäreſt auf 36 immer verloren und verflucht!““ „„Aber ſein Name!“ rief ich wüthend, denn ich glaubte ſchon das Echo dieſes furchtbaren, großen Namens zu hören.“ S „„Sein Name?“ wiederholte Herr von Villefort mit krampfhaftem bitterem Lächeln.„Hat er denn zufällig einen beſtimmten, ſichern Namen? Hat er nicht durch die Macht ſeines furchtbaren Willens jeden Tag, jede Stunde ſeinen 6——— — 1— Namen und ſeine Natur gewechſelt! O Abbé de Buſoni, Lord Wilmore, Graf von Monte Chriſto—““ „„Ah!“ rief ich bei dieſem Namen erbebend;„der Graf von Monte Chriſto!““ „„Oder Abbé Buſoni oder Lord Wilmore,“ fuhr mein Vater fort, wer weiß, welchen Namen er jetzt führt? Aber dennoch ſuche ihn überall, ſteige hinauf und befrage den un⸗ endlichen Raum; ſteige hinab in den Abgrund, durchwühle die Eingeweide der Erde und des Meeres. Sein eigent⸗ licher Name iſt Edmund Dantes. Mein Sohn, räche mich und ſtirb oder ſei verflucht in der Welt!““ „Noch dieſe ſelbe Nacht,“ fuhr Benedetto nach einer kleinen Pauſe fort,„ſtarb Herr von Villefort, indem er mir das beſiegelte Papier übergab, welches Ihre Agenten mir abgenommen haben, und welches ſich ohne Zweifel in Ihren Händen befindet, mein Herr.“ „Und aus welchem Grunde haben Sie dieſes Papier nicht leſen wollen?“ fragte der Procurator. „Weil mein Vater mir das Verſprechen abgefordert hatte, es nicht eher zu öffnen, als bis ich weit von Frank⸗ reich entfernt wäre. Unglücklicherweiſe bin ich gefangen ge⸗ nommen worden, ehe dieſe Bedingung erfüllt war, indeſſen werde ich doch nicht ſterben ohne ſeinen Inhalt zu erfahren, denn ich werde die Vorlegung und Mittheilung dieſes Schriftſtückes verlangen, ſobald ich vor das Tribunal, vor den Gerichtshof, geſtellt werde.“ Beauchamp ſchauderte. Seine Bläſſe würde ihn ver⸗ rathen haben, wenn ſein Geſicht nicht im Schatten verbor⸗ gen geweſen wäre. „Und wohin wollten Sie, als man Sie verhaftete?“ „Aus Frankreich hinaus.“ „In welcher Abſicht?“ m meine Miſſion zu erfüllen.“ „Welche?“ „Das Vermächtniß meines Vaters, die Rache!“ — 24— Beauchamp ſtand auf und ging einige Male in ſeinem Cabinet auf und ab, indem er ſich das Geſicht mit den Händen verhüllte. Einige Augenblicke darauf blieb er ſtehen und machte die Geberde eines Menſchen, der ſo eben einen feſten Ent⸗ ſchluß gefaßt hat. „Benedetto,“ ſagte er,„Sie ſcheinen mir mehr un⸗ glücklich wie ſtrafbar zu ſein.“ „Ja, ganz gewiß!“ rief Benedetto.„Ich ſchmachte unter der Wucht eines furchtbaren Verhängniſſes, des Ver⸗ hängniſſes meiner Geburt! Die Thränen meiner Mutter waren das Waſſer meiner Taufe, der Fluch meines Vaters das Wort meiner Oelung! Der Hölle geweiht, wenn ich ſtürbe, dem Elend, wenn ich entkäme, und fortan immer flüchtig, immer umherirrend, immer elend! Heute iſt die Nacht des 27. September, mein Herr! Hören Sie!“ Und Benedetto zählte langſam die Schläge einer be⸗ nachbarten Thurmuhr, welche die Mitternacht verkündeten. „Das iſt die Stunde, in der ich geboren bin! An die⸗ ſem Tage widerfährt mir ſtets Unglück. Heute ſehe ich mich in Ihrer Gewalt.“ Indem er dies ſagte, ließ er den Kopf auf die Bruſt ſinken und kreuzte die Arme. Der Proeurator trocknete den Schweiß, der ſeine Stirne benetzte, und ſank auf einen Stuhl nieder, als ob ſich in dieſem ganzen Vorgange der unergründliche Wille Gottes offenbarte. 4 Drittes Kapitel. Die Baronin Danglars. 3—„—, G⸗ war acht Uhr Morgens als eine Caroſſe ohne Livree in die Rue Coq⸗Heron einbog und vor dem Hauſe en des Procurators hielt, an deſſen Thüre ſofort ein alter Por⸗ tier erſchien. „Heffnet die Thüre,“ ſagte der Kutſcher,„weil eine Dame im Wagen ſitzt und eine Dame anſtändigerweiſe nicht hier auf der Straße ausſteigen kann.“ Der Portier machte eine kleine Einwendung und meinte, daß Niemand, ganz beſonders aber keine Dame, gewohnt ſei, den Procurator um dieſe Stunde zu beläſtigen. In⸗ deſſen beſiegte das von dem Kutſcher ausgeſprochene Wort eine Dame die Bedenklichkeiten des Greiſes, der mit ſei⸗ nen mageren fleiſchloſen Händen die großen ſchwerfälligen Thorflügel öffnete. Der Wagen fuhr in die Vorhalle hinein und bald dar⸗ auf ſtieg eine Dame aus, deren Formen wir ſchon jetzt als ungemein graziös rühmen könnten, wenn ſie nicht Sorge getragen hätte, ſich vom Kopf bis zum Fuße in die weiten Falten eines ungeheuern Kaſchemirſhawls zu hüllen. Dieſe Dame ließ ſich anmelden und ward in das Ar⸗ beitscabinet des Procurators geführt, wo ſie ungefähr eine halbe Stunde auf ihn warten mußte. Endlich öffnete ſich die Thür und Beauchamp trat ein. „Die Frau Baroneſſe Danglars!“ rief er mit verſtell⸗ tem Erſtaunen. „Allerdings, mein Gerr; verzeihen Sie die Störung, die ich Ihnen bereite, aber ein unvorhergeſehener Vorfall, Herr Procurator—“ „Sttzen Sie ſich doch, gnädige Frau,“ unterbrach ſie Beauchamp, indem er that, als ob er die Aufregung der Baronin nicht bemerkte. Es trat ein augenblickliches Schweigen ein, während deſſen die Baroneſſe zwei oder drei Mal mit ihrem feinen Batiſttuch ſich über das Geſicht fuhr. Es war, als wenn ſie alle Kräfte zuſammenzuraffen ſuchte, um ein großes Wort auszuſprechen. „Mein Herr,“ ſagte ſie endlich,„meine Gegentw darf Ihnen nicht ſeltſam erſcheinen— um Gotteswillen er⸗ ſparen Sie mir die Verlegenheit oder, wenn Sie lieber wollen,“ fuhr ſie mit einem Stufzer fort,„die Schande eines Geſtändniſſes—“ „Aha,“ dachte Beauchamp,„einige wenige Worte ſind hinreichend geweſen, ihren ganzen Stolz zu brechen.“ „Ja, Madame,“ ſetzte er laut hinzu,„ja und ohne daß ich zu wiſſen verlange, auf welche Weiſe Sie Kennt⸗ niß von einem Geheimniß erlangt haben, welches kaum dem Finanzminiſter bekannt iſt—“ Die Baroneſſe machte eine Bewegung und der Procu⸗ rator lächelte, indem er ihr einen Seitenblick zuwarf. „Ich bin bereit, den Zweck Ihres Beſuches zu erra⸗ then, was wollen Sie, was ich thue?“ „Sie kennen Alles, mein Herr,“ ſagte die Baronin mit Heftigkeit;„als Beamter und als Freund können Sie Alles!“ „Es ſind dies zwei Dinge, die ſich vor dem Geſetz ſehr ſchwierig mit einander vereinigen laſſen,“ murmelte Beauchamp. „Meine Ruhe, meine Ehre, Alles hängt in dieſem Au⸗ genblicke von Ihnen ab,“ fuhr Madame Danglars fort: „O, ich bitte Sie mit gefalteten Händen mich zu retten. Erzählen Sie mir Alles.“ Beauchamp ſtand auf, ging an ſeinen Secretair, öff⸗ nete ein Schubfach und zog daraus einen geſiegelten aber ſchon erbrochenen Brief hervor. Hierauf kehrte er auf ſei⸗ nen Platz zurück und ſchickte ſich an, den Brief vorzuleſen. Die Baroneſſe verhüllte ihr Geſicht mit dem Taſchen⸗ tuche. Der Procurator las: „Benedetto, ein Schwur, den ich nicht verletzen durfte, „ſoll Dir enthüllt werden. Ich will Dich nicht in der „Welt zurücklaſſen, ohne Dir die Möglichkeit zu geben, eines t die Hand Deiner Mutter zu küſſen und ihr in ſit ve vr — W W — „für die Thränen zu danken, welche ſie für Dich geweint, „über den Schmerz, den ich ihr durch meine Unklugheit „zugefügt. Wenn eines Tages das Schickſal ſie von ihrem „Gatten trennen ſollte, ſo ſuche ſie auf und diene ihr zur „Stütze, wenn ſie in Elend lebt, wenn ſie eines befreun⸗ „deten Herzens bedarf, um ihr durch das Leiden ermüdetes „Haupt daran zu lehnen und ausruhen zu laſſen. Erin⸗ „nere Dich meiner Worte und wiſſe, daß Du der Baro⸗ „neſſe Danglars Dein Leben verdank'ſt. „Empfange den Segen Deines Vaters. „Villefort.“ Die Baroneſſe ſtieß einen Schmerzensruf aus; der Procurator blieb unbeweglich. „O, und mein Sohn kennt dieſes furchtbare Geheim⸗ niß nicht?“ fragte ſie mit zitternder Stimme, während ihre Wangen von dem Feuer der Scham und der Demü— thigung erglühten. „Nein, Madame,“ antwortete Beauchamp. „Mein Gott— mein Gott— helfen Sie mir!“ „Mäßigen Sie ſich, gnädige Frau,“ ſagte Beauchamp, „man könnte Ihr Geſchrei hören und glauben, Sie ſäßen hier als Verbrecherin vor Ihrem Richter!“ „Aber was ſoll ich thun, um den Scandal zu ver⸗ meiden, oder vielmehr, was haben Sie die Abſicht zu thun?“ fragte ſie noch aufgeregter.„O, warum mußte man dieſes Geheimniß eines der Vergangenheit angehören⸗ den Irrthums wieder an's Licht ziehen?“ ſetzte die arme Frau mit Bitterkeit hinzu. „Wünſchen Sie vielleicht, daß der Unglückliche für immer in jenem Grabe verſcharrt geblieben wäre, in wel⸗ ches man ihn lebend gelegt? Gnädige Frau, die Erde be⸗ ſitzt nicht Kraft genug, um ein Verbrechen dieſer Art zu verbergen,“ antwortete der Procurator ohne ſeinen Blick von dem dunkelglühenden Geſicht der Baronin abzuwenden. „Mein Sohn,“ murmelte ſie,„o wenn ich gewußt — 66— Dies empfand auch die Baronin Danglars. Nachdem ſie auf gröbliche Weiſe von ihrem Gatten verlaſſen worden, einem ſtolzen Kapitaliſten, der mit den letzten Fonds, die er in der Kaſſe hatte und die ihm ſchon nicht mehr gehörten, lieber entfliehen als ſich bankerott erklären wollte, beſchloß ſie, die noch ſtolzere Frau, ſich in den Augen der Welt mit dem ganzen Glanz und Lurus aufrecht zu erhalten, der ſie bis jetzt umgeben. Dieſes Projekt, welches ohne Zweifel ſehr ſchwierig auszuführen geweſen wäre, weil die Gläubiger mit dem Geſetz in der Hand gekommen ſein und ſich aller Habe des Herrn von Danglars bemächtigt haben würden, ward durch einen außerordentlichen Umſtand auf wunderbgre Weiſe un⸗ terſtützt. Einige Tage nach der plötzlichen Abreiſe des Barons wurden alle Verbindlichkeiten in Paris erfüllt und das Haus der Baronin ſah ſich auf dieſe Weiſe einer furchtba⸗ ren Schuldenlaſt von fünf bis ſechs Millionen enthoben! In Folge dieſes wunderbaren Glück's konnte die Ba⸗ roneſſe ihren Rang in Paris behaupten und alle Welt glaubte, der Bgron ſei bloß abgereiſt, um ſeine Tochter Eugenie auf einer Studienreiſe zu begleiten, welche dieſelbe unternommen. Nichts deſtoweniger verurſachte die längere Abweſenheit der Reiſenden ſchon ein gewiſſes unbeſtimmtes Gerücht un⸗ ter Denen, welche den rückſichtsloſen Character des Barons und die künſtleriſche Phantaſie der Mademoiſelle Eugenie kannten. Hierzu kam noch das plötzliche Erſcheinen Benedetto's, der von dem früheren Geliebten der Baronin geſchriebene Brief, die Geſchichte jenes beabſichtigten Kindesmordes— Alles dies kam in dem gegenwärtigen Augenblicke zuſammen, um die arme Baroneſſe zu zwingen, die Flucht des Ba und ihrer intereſſanten Tochter nachzuahmen. Der Bgron Danglars war von Paris nſeh weil — 2.) 6 W W N— er die Manie beſaß, nicht arm zu ſein, auch wenn er, um es nicht zu ſein, hätte ſtehlen müſſen. Eugenie war von Paris entflohen, weil ſie die Manie hatte, nicht heirathen zu wollen. Frau von Danglars ſtand im Begriff ebenfalls zu flie⸗ hen, weil es in Paris eine ſchwarze Wolke gab, die ihr ei⸗ nen Sturm verkündete. Ihre Vergangenheit war nahe daran enthüllt und den begierigen Blicken des immer neugierigen Volks blosgeſtellt zu werden. Ihr Entſchluß ſtand daher feſt. Die Baroneſſe weinte ſchon nicht mehr. Rit bleichen Wangen wie gewöhnlich und ſicherer Geberde— hatte ſie nicht ihren Entſchluß gefaßt?— ſetzte ſie ſich an ihren ele⸗ ganten mit Elfenbein eingelegten Secretair, faltete raſch zwei Bogen Atlaspapier und ſchickte ſich an, zwei Briefe zu ſchreiben. Mit feſter Hand begann ſie den erſten, an Herrn Lu⸗ cian Debrah gerichtet, ihren Aſſocié zu der Zeit, wo er auf's Steigen und Fallen der Papiere auf Koſten des armen Barons Danglars ſpekulirte. Plötzlich aber, und als ob ſie ſich anders beſonnen hätte, hob ſie die Hand, ſchob das Blatt bei Seite und begann einen zweiten an Benedetto adreſ⸗ ſirten Brief. Der Grund hiervon lag darin, daß die Baroneſſe vor allen Dingen Mutter war. Das Muttergefühl bricht ſich ſtets Bahn durch alle Leidenſchaften, wie mächtig ſie auch ſein mögen, die in dem Herzen des Weibes wurzeln. Nach wenigen Minuten war dieſer Brief beendet. Die Baroneſſe las ihn wieder durch und zum zweiten Male wurden ihre Augen thränenfeucht. „Mein Serr, Sie ſind der Gewält der Juſtiz Preis „gegeben, arm und unglücklich und ohne einen anderen Bei⸗ „ſtand als ihre eigene Beredtſamkeit um Ihre Freiheit wie⸗ „derzuerlangen, wenn Ihr Richter ſo verſtändig iſt, ſich durch „die offene Wittheilung des Verhängniſſes erweichen zu laſ⸗ hätte, daß Du athmeteſt, aber meine Thränen— mein Geſchrei konnte jenen Mann nicht zurückhalten! Das Ver⸗ brechen war nicht das meine— verzeihe mir. Und Sie, mein Herr,“ fuhr ſie fort, indem ſie Beauchamp direct anredete,„retten Sie ihn jetzt. Wenn auch die Bitten ei⸗ ner Frau, die Sie ohne Zweifel verachten, in Ihren Au⸗ gen wenig gelten, ſo erhören Sie doch meine Bitte, retten Sie ihn. Doch nein, vergeſſen Sie die Baronin Dang⸗ lars, die kein Recht mehr auf Ihre Rückſicht, Ihr Mit⸗ leiden hat, vergeſſen Sie dieſe, aber bei den Manen ihres unglücklichen Vorgängers, im Namen des Herrn von Vil⸗ lefort— retten Sie ſeinen Sohn!“ „Gnädige Frau, ich werde Ihnen antworten, was er Ihnen ſelbſt geantwortet haben würde: Ich werde die Pflicht erfüllen, welche das Geſetz mir auferlegt,“ ſagte der Pro⸗ enrator mit Würde. „Wie iſt dies glaublich,“ ſagte die Baroneſſe außer ſich.„Dieſes Papier wird bei der gerichtlichen Verhand⸗ lung—“ „Gehen Sie dem öffentlichen Aufſehen aus dem Wege.“ „Aber wie, mein Herr— wie?“ „Indem Sie Frankreich verlaſſen.“ „Und wo ſoll ich hingehen— allein— von Allen verlaſſen?“ ſagte die Baronin unüberlegt. „Von Allen verlaſſen,“ wiederholte Beauchamp ver⸗ wundert,„und Ihr Gemahl und Ihre Tochter?“ „Ah!“ rief die Baroneſſe mit einer Geberde unaus⸗ ſprechlicher Wuth,„ich ſehe wohl, ich muß Ihnen Alles ſagen! Sie ſind, wie alle Gerichtsbeamten, kalt, gefühllos, ohne Mitleid! Wohlan! leeren wir den Becher bis auf die Hefe. Wohlan, mein Herr, wiſſen Sie— mein Ge⸗ mahl hat mich verlaſſen— meine Tochter iſt entflohen; ich bin allein, ich ſtehe allein auf der Welt! Ich werde Frankreich verlaſſen— ich werde abreiſen, aber um der Liebe Gottes willen, wenn für Sie außer dem Geſetze der Menſchen, welches Ihnen Ihre Worte und Ihre Handlun⸗ gen vorſchreibt, noch ein Gott vorhanden iſt— retten Sie meinen Sohn!“ Mit dieſen Worten verließ ſie raſch das Cabinet des königlichen Proeurators, begab ſich eiligſt wieder in ihren Wagen und fuhr zurück nach ihrer Wohnung, wo ſie ihre Juwelen und ihr Geld in ein Reiſeneceſſaire zu packen be⸗ gann. Während dieſer Arbeit rannen ſtumme Thränen ihre Wangen herab und fielen auf ihre zitternden Hände. Ihr ganzer Körper zitterte von krampfhafter Bewegung, eine ſehr natürliche Folge der Erſchütterung des ganzen Rerben⸗ ſhſtems. Sie ſah jetzt Stein um Stein den ganzen ſtolzen Bau in Trümmern fallen, von dem ſie geglaubt hatte, er ſei ſtark genug, um dem Blitzſtrahle Widerſtand zu leiſten. Und dieſer Bau ſtürzte in den Staub, ohne daß die mindeſte Hoffnung zu ſeinem Wiederaufbau vorhanden ge⸗ weſen wäre. „O Villefort!“ rief ſie indem ſie mit dem Fuße ſtampfte und ſich das Haar ausraufte,„niemals hätte dieſes Ge⸗ heimniß über Deine Lippen kommen ſollen!“ „Hierauf trocknete ſie die Thränen, die ihr wider Wil⸗ len aus den Augen drangen, öffnete die Schubkäſten ihrer Schränke, wählte die für eine Reiſe von einigen Tagen nothwendige Wäſche aus und betrieb dieſe geheimnißvollen Anſtalten mit dem feſten Entſchluſſe, ſofort von Paris ab⸗ zureiſen, wo ihr Untergang durch einen unbekannten und mächtigen Feind beſchworen zu ſein ſchien, deſſen Streichen es nicht möglich war zu widerſtehen. Für eine Frau, wie die Baroneſſe Danglars, angebetet, reich und eitel, iſt es keine Kleinigkeit dieſen Kreis zu ver⸗ laſſen, in welchem ſie ihre Herrſchaft übte, um ſich im Aus⸗ lande auf die einfachen Verhältniſſe einer unbekannten Tou⸗ Liſtin reducirt zu ſchen. Je ſchöner der Traum war, deſto grguſamer iſt das Erwachen.. 3— „ſen, welches ſeit Ihrer Geburt auf Ihnen zu laſten ſcheint. „Ich weiß nicht, welches Schickſal Ihnen beſchieden ſein „wird, erwarte jedoch alles von Gott. Vertrauen Sie auf „ſeine unendliche Güte. Mittlerweile erlauben Sie mir, Ih⸗ „nen eine kleine Summe zur Verfügung zu ſtellen, welche „dazu dienen wird, die Strenge ihrer Kerkermeiſter zu mil⸗ „dern, und glauben Sie, daß dies, weit entfernt, ein de⸗ „müthigendes Almoſen zu ſein, welches man Ihnen bietet, „nur eine Gabe iſt, zu welcher die Pflicht eine Perſon nö⸗ „thigt, der Sie theuer ſind.“ Nachdem die Baronin den Brief durchgeleſen, öffnete ſie eine Brieftaſche, nahm daraus Bankbillets im Betrage von ſechzigrauſend Franes, legte ſie in den Brief, den ſie verſiegelte und mit dem Namen Benedetto überſchrieb. Hier⸗ auf ſteckte ſie ihn in ein Couvert mit der Adreſſe:„An den Berrn Procurator des Königs.“ Die Baroneſſe ruhte einen Augenblick aus und als ſie ihre Thränen verſiegen fühlte, als ſie die Ruhe wiederge⸗ wonnen, deren ſie zur weiteren Fortſetzung ihrer Reiſeanſtal⸗ ten bedurfte, ergriff ſie von neuem die Feder und ſchrieb an dem für Lucian Debrah beſtimmten Briefe weiter. Dieſem Manne zeigte Frau von Danglars ihre Ab⸗ reiſe an, indem ſie ihn erſuchte, ihr Haus einſtweilen über⸗ wachen zu laſſen, bis ſie ihm wiederſchriebe, um ihn von ihren Abſichten in Bezug auf dieſes Haus, das Mobiliar und das Silberzeug in Kenntniß zu ſetzen. Als ſie dieſe erſte Arbeit beendet hatte, öffnete ſie das Fenſter, welches auf den Hof ging, und blieb an demſelben ſtehen bis ſie ein Individuum bemerkte, welchem ſie mit der Hand winkte, auf derſelben Treppe heraufzukommen, welche Lucian Debrah herauf— Zimmer zu gelangen. „Tretet ein, Thomas,“ ſagte ſie zu einem Manne in einer geſtreiften Blouſe, rothen Hoſen und Reitſtiefeln, wel⸗ cher unentſchloſſen auf der Schwelle der Thüre ſtehen blieb zukommen pflegte, um in ihr 3 —— — int. ſein auf Ih⸗ lche nil⸗ de⸗ tet, nö⸗ nete rage ſie ier⸗ den ſie rge⸗ tal⸗ an Ab⸗ er⸗ von iar das ben mit en, — „Was, in dieſem Zuſtande, Frau Baroneſſe?“ mur⸗ melte er, indem er einen Blick auf ſeine Blouſe warf. „Tretet ein, ich habe mit Euch zu ſprechen.“ Der Kutſcher faßte Muth und trat ein, indem er zu⸗ gleich mit Verwunderung bemerkte, daß die Baroneſſe die Thüre zur Treppe ſorgfältig verſchloß. „Als ich Euch in meinen Dienſt nahm, ſo geſchah es, weil ich Euch für einen verſtändigen und umſichtigen Mann hielt.“ „Wenn ich das nicht wäre, ſo wäre ich auch kein gu⸗ ter Kutſcher.“ „Es handelt ſich gegenwärtig um eine lange Prome⸗ nade, um eine Spazierfahrt, die viel Aehnlichkeit mit einer Reiſe hat— Abwechſelung, fortwährende Veränderung der Straße ohne Aufenthalt— verſchiedene Länder—“ „Ich verſtehe, gnädige Frau,“ unterbrach ſie der Kutſcher, indem er den Kopf emporwarf, mit der Miene eines Mannes, welcher das Geſchäft begreift, welches man ihm, wenn auch nur mit halben Worten, andeutet. „Ich habe ja erſt den Kutſcher angelernt, welcher die Ehre gehabt hat, den Herrn Baron zu fahren. Er war mein Kamerad, ein ganz geſcheidter Junge.“ „Und mit einem Anderen könnteſt Du es auch thun?“ „Nein, diesmal werde ich ſelbſt fahren, gnädige Frau. Ich bin Nummer Eins und es iſt mir egal, ob ich hier bin oder anderwärts.“ „Alſo wirſt Du morgen bereit ſein?“ „Heute noch, wenn es ſein muß.“ „Eine Poſtchaiſe mit guten Pferden, die mich an ei⸗ nem abgelegenen Orte erwarten. Hier fahren wir in mei⸗ ner gewöhnlichen Equipage fort. Du wirſt Päſſe beſorgen laſſen; das Gepäck darf nicht ſchwer ſein, dies hier iſt das meinige.“ Der Kutſcher warf die Augen auf einen kleinen Leber⸗ Die Tobtenhand. 1. Band. 3 8 * koffer und gab durch eine Geberde zu berſtehen, daß er vollkommen begriffen habe. „Alſo die Straße nach Brüſſel, Lüttich, Aachen—“ „Sehr wohl. Alles ſoll bereit ſein, gnädige Frau. Was die Pferde betrifft, ſo werde ich die hellbraunen neh⸗ men, die ſehr gut und wacker ſind. Sie haben mich zwar einmal aus dem Sattel geworfen, aber die Hitze wird ſich ſchon legen. Und wie iſt es nun mit den Päſſen?“ „Höre und merke was ich ſage. Du verlangſt einen Paß für einen ganz jungen Mann von kleinem Wuchſe mit blauen Augen und blondem Haare, blaſſer Geſichtsfarbe, regelmäßiger Naſe und dünnen Lippen, der krank iſt, und eine Reiſe zu machen gedenkt, um ſich von ſeiner morali⸗ ſchen und phiſiſchen Erſchlaffung zu erholen.“ „Sehr gut!“ rief der Kutſcher. „Vor allen Dingen ſei verſchwiegen und umſichtig; hier iſt Gold.“ Der Kutſcher empfing aus den Händen der Baro⸗ neſſe eine Börſe und machte ſich eilends auf den Weg. Am nächſtfolgenden Tage ſtieg die Baroneſſe in ihren Wagen, der ſie auf dem Hofe erwartete und in Folge ei⸗ nes ſonderbaren Zufalls ging ſie dieſelbe Treppe hinab, mit⸗ telſt welcher ein Jahr früher Wademviſells Eugenie mit ih⸗ rer Freundin Louiſe von Armillh das Haus verlaſſen hatte. Viertes Kapitel. Benedetto's ſechzigtauſend Franes. L cian Debrah las mit enthuſiaſtiſcher Freude den Brief, durch welchen ihm Frau von Danglars ihre ſchnells 3 — 35— Abreiſe aus Frankreich anzeigte. Die engen Beziehungen, welche Lucian Debrah an die Baroneſſe feſſelten und die zu einer anderen Zeit dem Privatſeeretair eines Staatsmini⸗ ſters mit zwanzigtauſend Livres Einkünfte ſehr nützlich wa⸗ ren, convenirten nicht mehr dem Staatsminiſter mit einem ungehenern Gehalt und dem ganzen Repräſentationsaufwand dieſer hohen Stellung. Uebrigens befand ſich Frau von Danglars, wie wir ſchon geſagt haben, in einer ſchwierigen Stellung, und ob⸗ ſchon die Welt es nicht wußte, ſo kannte Lucian Debrah ſie doch zu genau, um es für möglich zu halten, daß ſie die angenommene Maske noch lange würde behalten können. Er athmete daher, nachdem er den Brief geleſen, tief auf, als ob er aus einem beängſtigenden Traume erwachte. „Ach! dieſe Familien, die da mit ihren improviſirten Reichthümern kommen, man weiß nicht woher, kommen mir vor, wie jene Schauſpieler, die während eines Zeitraumes von wenigen Stunden auf dem Theater die Rolle großer Perſonen ſpielen,“ ſagte er, indem er ſich mit den Fingern durch ſein lockiges Haar fuhr und den Schnurrbart ſtrich. „Wenn es um und um kommt, fällt der Vorhang und ſie kehren zu dem zurück, was ſie ſind— zum Nichts— Nie⸗ mand ſieht ſie mehr, man hört nicht mehr von ihnen ſpre⸗ chen. Der Baron Danglars war auch ein folcher.“ Während Lucian Debrah ſich dieſen philoſophiſchen Be⸗ trachtungen hingab, ließ der königliche Procurator nach dem Empfang des an ihn adreſſirten Briefes den Angeklagten Benedetto herbeiholen. Der Procurator befand ſich in ſeinem Bureau. Hier⸗ her ward der Sohn Villefort's gebracht, der kaum einge⸗ treten, bemerkte, daß die Thüre vorſichtig hinter ihm ver⸗ ſchloſſen ward. „Treten Sie näher, Benedetto,“ ſagte der Prorura⸗ tor,„ich habe hier einen Brief in den Händen, Ner für Sie beſtimmt iſt.“ — 36— „Einen Brief?“ „Ahnen Sie, von wem er ſein kann?“ „Ich? Wen giebt es auf dieſer Welt, der mich kennte und an mich ſchriebe?“ „Denken Sie nach! Wenn Sie vielleicht Bekanntſchaft mit Jemandem haben, welcher in dem bewegten Verlaufe Ihres Lebens vielleicht Ihr Nitſchuldiger geweſen wäre, ſo verſchweigen Sie es nicht! Da iſt der Brief. Kennen Sie wenigſtens die Handſchrift der Adreſſe?“ „Ich ſehe ſie jetzt zum erſten Male. Aber der Brief iſt ja offen. Sie wiſſen alſo, was er enthält.“ „Worte und Geld.“ „Geld? Was ſagen Sie, mein Herr?“ „Sechzigtauſend Francs.“ „Ich bitte Sie, mein Herr,“ rief Benedetto, indem er die Hände zuſammenſchlug und bald roth bald blaß ward. „Haben Sie mir nicht ſchon geſagt, daß ein unbekann— ter Gönner Ihnen zuweilen Unterſtützungen ſchickte, als Sie ſich in la Force befanden?“ „Ja, ohne Zweifel, aber ſeitdem hatte er ſich nie⸗ mals nach Ihnen erkundigt und Bertuccio, welcher der Ueberbringer ſeines Geldes und ſeiner Rathſchläge war, iſt ſchon lange nicht mehr in Frankreich.“ Der Proturator runzelte die Stirn und ſchien zu uu⸗ legen. „Wiſſen Sie,“ hob er nach einer Pauſe wieder an, „daß es jedem Gefangenen verboten iſt, eine Summe von ſolcher Bedeutung zur Verfügung zu haben?“ „Ich weiß es wohl, mein Herr,“ antwortete Bene⸗ detto mit einem tiefen Seußzer. „Und wenn Sie ſie hätten, wozu würden Sie ſie g wenden?“ „Ich würde mir Kleider kaufen und ich könnte im 6. fängniſſe bleiben, ohne jene harten Entbehrungen tragen zu niſſi⸗ denen wir unterworfen ſind, indem ich gtt —— Sorge trüge, einen Theil für meine Reiſe aufzuſparen. Haben Sie mir nicht angedeutet, daß ich zur Verbannung verurtheilt werden würde?“ Der Procurator überlegte wieder. „Und Sie werden wohl ſo verblendet ſein, Ihren Mit⸗ gefangenen zu erzählen, daß Sie dieſes Geld beſitzen?“ „O lieber gar! In einen Strumpf oder in das Fut⸗ ter meiner Blouſe eingenäht, wer könnte es da ſehen oder errathen?“ antwortete er lächelnd.„Wenn ich überdies mir etwas merken laſſen wollte, daß ich Geld habe, ſo wäre dies eben ſo gut, als wenn ich es gleich unter meine hab⸗ gierigen Freunde von der Löwengrube vertheilte, die weit entfernt ſind, die Tugenden des Engels Raphael zu be⸗ ſitzen.“ Die Augen Benedetto's glänzten wie zwei Karfunkel, auf welche ein Somenſtrahl fällt und der Schweiß perlte ihm auf der Stirn, wie früher jenen Gefangenen in Cha⸗ lons, die mit Ketten belaſtet verurtheilt waren, im Ange⸗ ſicht eines Kruges Waſſer und eines Brodes zu verhungern. Der Procurator dachte noch einen Augenblick nach, dann ergriff er den Brief, überreichte ihn Benedetto und ſagte:„Leſen Sie.“ Der junge Mann hätte ſich gern dieſes Leſens über⸗ hoben geſehen um ſofort die Papiere zu beaugenſcheinigen, welche ſechzigtauſend Franes werth waren und in der Nacht ſeines Unglücks einen ſolchen Hoffnungsſtrahl entzündeten. Indeſſen fügte er ſich doch dem Willen Beauchamp's und durchlief den Brief mit den Augen. „O,“ rief er,„ich erkenne hierin eine jener guten Genien, deren Thätigkeit darin beſtand, den Streichen der böswilligen Feen entgegenzuwirken, von welchen Perault, mein Lieblingsſchriftſteller, ſpricht. Aber die ſechzigtauſend Franes, mein Herr?“ fragte Benedetto, indem er große Augen machte. „Gören Sie mich an, Benedetto, ſechzigtauſend Francs — können für einen Mann in ihrer Lage als ein bedeutendes Vermögen betrachtet werden. Hören Sie mich an. Wohlan,“ fuhr der Procurator fort,„laſſen Sie ſich nicht durch die Exaltation beherrſchen; danken Sie dem Himmel mit De⸗ muth für die Hilfe, die er Ihnen zu ſenden ſcheint und richten Sie Ihre Handlungsweiſe ſo ein, daß Sie ſeines Schutzes ſtets würdig ſind.“ „Ja, mein Herr,“ murmelte Benedetto mit erleichter⸗ tem Herzen und indem er einen verſtohlenen aber gierigen Blick. auf die Bankbillets warf, welche der Procurator in der Hand hielt. Benedetto glich jetzt faſt einem Hunde, der ſich, durch ein Stück Kuchen angelockt, zu Allem hergiebt, was man von ihm verlangt. „Wiſſen Sie, daß ich das Recht hatte, Sie des Be⸗ ſitzes dieſes Geldes zu berauben?“ „Ja, mein Herr.“ „Wiſſen Sie, daß ich gegen einen Artikel der Gefäng⸗ nißordnung verſtoße, wenn ich Ihnen dieſes Geld über⸗ gebe?“ S „Bedenken Sie aßp, wie ſehr ich bereuen müßte, ſo gehandelt zu haben, wenn Sie eine Unklugheit begingen.“ „Ich werde klug ſein wie Ulhſſes.“ „Wünſchen Sie nicht, mir auf irgend eine Weiſe Ihre Erkenntlichkeit für den Dienſt, den ich Ihnen leiſte, zu er⸗ kennen zu geben?“ „Auf alle nur mögliche Weiſe, mein Herr.“ „Sehr wohl. So ſeien Sie klug und ich werde mich als zufriedengeſtellt betrachten. Hätte ich jedoch in Folge Ihrer Indiscretion die Ihnen erwieſene Gefälligkeit zu be⸗ reuen, ſo ſeien Sie überzeugt, daß ich, anſtatt einer einfa⸗ chen Verbannung, Galeerenſtrafe beantragen werde, ſo daß Sie dann nach Toulon kommen.“ ————— „O, ich bitte Sie, mein Herr, nur nicht auf die Ga⸗ leeren!“ „Gut, gut! Hier iſt Ihr Geld und— zum letzten Male ſage ich es Ihnen— ſeien Sie klug.“ Mit dieſen Worten übergab der Procurator die Bank⸗ billets dem jungen Böſewichte, der ſie ſofort in ſeinen Bu⸗ ſen ſteckte. Hierauf klingelte er und auf dieſes Signal er⸗ ſchien der Polizeiagent. „Man führe den Angeklagten wieder zurück,“ ſagte der Magiſtrat. Beauchamp athmete freier auf, als er Benedetto ſich entfernen ſah, dann erhob er ſich von ſeinem Sitze, feſt überzeugt, daß er eine gute Handlung vollbracht, indem er Benedetto die Unterſtützung zuſtellte, welche ſeine Mutter ihm ſendete! „Und dennych wird ſich dieſer Elende immer tiefer ins Unglück ſtürzen,“ dachte Beauchamp.„Er wird damit an⸗ fangen, einige ſeiner Wächter zu beſtechen, dann wird er den erſten ermorden, auf den er ſein Vertrauen geſetzt ha⸗ ben wird. Hierauf wird er bis zum Grafen von Monte⸗ Chriſto gelangen und endlich mit ihm auf immer unterge⸗ hen! Ah, ohne Zweifel wird der Koloß durch ſeinen Schlag den Zwerg erſchlagen, der ſeinen Fuß unterminirt hat. Wohlan, die Gerechtigkeit Gottes iſt vollkommener als die der Menſchen und ſeine Rathſchlüſſe weniger unbegreiflich. Mein Gewiſſen iſt ruhig.“ Benedetto langte zwiſchen ſeiner Escorte einherſchrei⸗ tend, mit über der Bruſt gekreuzten Armen, wie um ſei⸗ nen Schatz zu vertheidigen, den er zwiſchen dem Hemd und der Haut verborgen trug, wieder in ſeiner Zelle an, wo er dem Dunkel, der Kälte und ſeinen Gedanken an Freiheit und Rache überlaſſen blieb. Schon war ein Monat vergangen, ſeitdem der Unglück⸗ liche ſo lebte und noch bewahrte er unverſehrt ſeine Bank⸗ billets, die er kaum zu berühren wagte, ſo ſehr fürchtete er, dieſe dünnen Papiere durch die Berührung mit ſeinen rauhen Fingern und ſeinen langen ſcharfen Nägeln zu zer⸗ ſtören. Alle Tage entwarf er einen neuen Fluchtplan und alle Tage entſchwand dieſer Plan vor einem materiellen Hin⸗ derniß. Und dennoch mußte er um jeden Preis die Freiheit er⸗ langen! Die Stimme ſeines ſterbenden Vaters, die von ihm Gerechtigkeit gegen die Enormität einer wilden, erbar⸗ mungsloſen, ungeheuerlichen Rache verlangte, hallte noch in ſeinen Ohren und rief in den dunkeln Gewölben ſeines feuch⸗ ten Kerkers ein dumpfes furchtbares Echo wach! Oft richtete Benedetto ſich ſchaudernd in die Höhe, wie das wilde Thier, wenn es vor ſich die Geſtalt eines Menſchen, ſeines Peinigers, ſieht. Er prallte dann erſchreckt zurück, aber einen Augenblick darauf trat er mit gufge⸗ bläh'ten Nüſtern, geballten Fäuſten, flammendem Ange und heiſerer Stimme wieder näher, indem er rief: „Edmund Dantes, Menſch oder Dämon, wo biſt Du? wo biſt Du? Du, der Du eine ganze Familie vernichtet haſt, bis auf das letzte ſeiner Kinder, ein armes kleines Geſchöpf von kaum acht Jahren! Verfluchter, der Du mich aus Nacht und Dunkel emporgehoben, um mich die Sonne in ihrem ganzen Glanze kennen zu lehren und der Du mich ſofort wieder in den Abgrund hinabgeſchleudert, um über meinen Fall zu lachen und meines Schreckens zu ſpotten. Verräther und Heuchler, Du bedienteſt Dich des Wortes Gottes, um Die, welche glücklich waren, zu vernichten, in⸗ dem Du den Gerechten eben ſo wie den Schuldigen Deiner Rache anheimfallen ließeſt. Bedurfteſt Du, um Dich an einem Menſchen zu rächen, des Lebens einer Jungfrau, ei⸗ nes Unſchuldigen und zweier armen Greiſe? Ach, ſo groß und ſo mächtig Du auch ſein magſt, ſo wird Villefort's Sohn doch bis zu Dir dringen. Du ſollſt bei dem Ge⸗ räuſche ſeines kühnen Trittes zittern, ja, Du ſollſt zittern ———— auf dem Gipfelpunkte Deines Glücks! Höre dieſen Schwur ⸗ d hier in den Mauern eines Kerkers, in dem Schweigen und der Finſterniß von einem Böſewichte gethan, der alle Stu⸗ le fen des Verbrechens hinter ſich hat, von der des Fälſchers ⸗ an bis zu der des Diebes und des Mörders. „Du ſollſt die ganze NRutzloſigkeit der Macht erkennen, r⸗ die Du Dir angemaßt. Du ſollſt nach langem Kampfe ſterben!“ n Zwei ganze Monate wiederholte er jeden Tag dieſen furchtbaren Schwur, und als er ſah, daß der dritte zu Ende N in ging, ohne daß man daran dachte, ſein Urtheil zur Voll⸗ ⸗ ſtreckung zu bringen, beſchloß er ſeinen Fluchtplan auszu⸗ führen. e, Er überzeugte ſich, daß die ſechzigtauſend Francs noch 8 1 ſo unverſehrt waren als da er ſie empfangen, und ohne daß kt ihm weiter viel daran gelegen hätte, die befreundete Hand e⸗ kennen zu lernen, welche ihm dieſes Geld geſchickt, wickelte ⸗ ge er die Billets in die Falten ſeines Taſchentuchs, welches er dann nach Art eines Gürtels um ſeine Lenden band. 2„Wohlan!— nichts iſt einfacher als mein Plan. Ohne et Zweifel bietet er einige Schwierigkeiten, aber mit dieſem es Gelde triumphirt man über dergleichen. Ohne Zweifel wird ch es mir gelingen, aus Frankreich hinauszukommen,“ ſagte ne er mit derſelben Ruhe und Sicherheit, als ob er ſich ſchon ch außerhalb der Mauern ſeines Gefängniſſes befände.„Jttzt er wollen wir ſehen, ob ich ſo ungeſchickt geworden bin, daß ich n. nicht mehr einen Menſchen aus dem Wege zu räumen weiß. es Hätte ich denn ſchon vergeſſen, wie man ſo etwas macht? n⸗ Zum Teufel! Bedienen wir uns unſerer Zähne und Nü⸗ er gel, um uns auf dieſes niedliche Stück Arbeit vorzube⸗ an reiten.“ i⸗ Der Mörder reckte und ſtreckte ſeine Arme, öffnete oß und ſchloß viele Male hinter einander die Hände, wie um die s Muskeln zu üben, that einige Sprünge auf den Stein⸗ e⸗ platten des Fußbodens und ſetzte ſich dann, nachdem er ſich rn überzeugt, daß er trotz der Kälte und des Hungers, den er ſeit drei Monaten erduldet, nichts von ſeiner Behendigkeit verloren, in den Hintergrund ſeines Kerkers. Hier zog er einen ſeiner Schuhe aus und aus dem Innern der Sohle eine Stahlklinge ohne Heft und an einem der beiden En⸗ den ſorgfältig geſchärft. Nachdem dies geſchehen, begann er nachzudenken. Plötzlich hörte er, daß man an dem Schloſſe ſeiner Thüre herumtappte, um einen Schlüſſel hineinzuſtecken. Er konnte ſich eines Zitterns nicht erwehren, denn er wußte, daß der leiſeſte Schrei die Wachen herbeilocken und ihn auf dieſe Weiſe in die Unmöglichkeit verſetzen könnte, von ſeinen ſechzigtauſend Franes Gebrauch zu machen, um das beab⸗ ſichtigte Werk zu Ende zu führen. Durch eine gewaltige Anſtrengung gelang es ihm in⸗ deſſen, jene kalte und milde Sicherheit wieder zu gewin⸗ nen, die das ausſchließliche Privilegium des vollendeten Mörders iſt. Ohne daß ihn eine ſichtbare Bewegung ver⸗ rathen hätte, erwartete er daher ſein Opfer. Es war Nacht und der Schließer kam wie gewöhnlich, um die Runde zu machen und eine kleine Lampe anzuzün⸗ den, welche an dem Gewölbe des Kerkers hing. „Gute Nacht, Benedetto,“ ſagte der Kerkermeiſter, der ihn ſchon ſeit langer Zeit kannte. „Gute Nacht, Freund!“ antwortete Benedetto, indem er ſich emporrichtete und ſich mit der unbefangenſten Miene von der Welt den Backenbart ſtrich. „Weißt Du, daß nächſtens ein Schiff abgehen wird „Wirklich?“ 20 „Welches Dich mitnehmen ſoll— Du wirſt alſo eine Reiſe machen! Sieh Dich dabei vor, mein Junge; jei nicht übermüthig gegen die Aufſeher und glaube mir, Du kannſt noch einmal ein ganz vergnügtes Leben führen.“ Du ſagſt alſo, ich werde eine Reiſe machen, mein alter Freund? Und wie ſo?“ fragte Benedetto, indem er 5. c—— —,—, 3) „c. —— — ihn mit freundſchaftlicher Vertraulichkeit auf die Schulter ſchlug. „Nun, wie ich Dir geſagt habe,“ entgegnete der at Schließer, indem er die Laterne ergriff, um anzuzünden! „In dieſem Falle werde ich Dir etwas zum Andenken zurücklaſſen.“ „Das iſt brav; ohne Zweifel Deine Schuhe,“ ſagte der alte Mann, indem er über Benedetto's Idee lachte; „nimm Dich nur in Acht, daß ſie Dir nicht fehlen; Du wirſt an die Füße frieren.“ „Dummkopf!“ Benedetto in verweiſendem Tone.„Wer hat Dir denn geſagt, daß ich Dir Nichts weiter als meine Schuhe dalaſſen könnte? Weißt Du wohl, alter Kamerad, daß es nur von meinem Willen, verſtehſt Du wohl, blos von meinem Willen abhängt, Dir Etwas zu hinterlaſſen, was Dich auf immer glücklich machen kann?“ „Es kommt immer beſſer! Immer großartige Ideen! Wie es ſcheint, verfällſt Du wieder in die Manien, Dich den Prinzen von Cavalcanti zu tituliren. Der Titel aller⸗ dings wäre auch nicht übel.“ Bei dieſen Worten zuckte Benedetto, als ob ihn eine Natter geſtochen hätte und ward bleich vor Wuth. „Nun, was giebt es? Was haſt Du?“ fragte der Schließer, indem er ſich raſch herumdrehte und die Stirn runzelte, als ob ihm plötzlich ein Verdacht beigekommen wäte. Benedetto bemerkte es und lächelte, um den alten Mann zu beruhigen. „Laß das gut ſein; es iſt weiter Nichts— ein klei⸗ ner Schmerz, den ich zuweilen hier in der Seite fühle“ ſagte er.„Kommen wir wieder auf unſere Sache zurück. Sage einmal offen heraus, was würdeſt Du dem Teufel geben, wenn er Dich zum großen Herrn und zum Beſitzer von zwanzigtauſend Francs machte?“ in zwanzigtauſend Franes!“ rief der Schließer, — indem er den Arm, mit welchem er eben das Licht der Lampe nähern wollte, wieder herabſinken ließ.„In der That, die Art und Weiſe, auf welche Du von zwanzig⸗ tauſend Franes ſprichſt, macht mich faſt lachen!“ „Fünfundzwanzigtauſend, Elender! Merke wohl, ich ſage nicht zwanzig, ſondern fünfundzwanzigtauſend Franes.“ „Na, das geht ja wie mit einem Schneeballen— gleich fünftauſend mehr. Das wäre freilich hinreichend, um unſer beider Glück zu machen!“ „Unſer beider Glück!“ hob Benedetto mit verächtlicher Geberde wieder an.„Rede von Dir, Freund, denn ich beſitze noch weit mehr und ſchätze mich deswegen doch nicht glücklicher.“ „Du beſitzeſt noch weit mehr? Na, ich ſehe wohl, Du biſt übergeſchnappt, mein Junge.“ „Uebergeſchnappt! Willſt Du ſehen? Nun, dann komm hierher. Jedoch vorher überzeuge Dich, ob man uns nicht vom Corridor aus belauſcht und ſchließ' die Thüre.“ Benedetto's Worte reizten die Neugier des Schließers. Er that Alles, was der Gefangene verlangte. Er ver⸗ ſchloß die Thüre, ſteckte den Schlüſſel in ſeinen Gürtel, kehrte zu dem Gefangenen zurück und ließ einen leichten Schrei der Ueberraſchung hören, als er die Werthpapiere in den Händen des Banditen ſah. „Sechzigtauſend Francs!“ murmelte er, indem er die Bankbillets durchzählte. Benedetto wendete ſie mit der größten Kaltblütigkeit von der Welt mehrmals zwiſchen ſeinen Fingern herum. „Willſt Du die Hälfte davon haben?“ fragte er. „Ich! Und was ſoll ich dann für Dich thun?“ „Nich von hier entwiſchen laſſen.“ „Das iſt unmöglich.“ „Ich gebe Dir zehntauſend Francs mehr— Du be⸗ kommſt dann vierzig.“ „O „— 5 ——,—,— c. 3„——„— —, c —)— — c„ „Wohlan, fünfzigtauſend.“ „Kamerad, Du willſt mich in Verſuchung führen. Wo haſt Du dieſes Geld her? Geſtohlen, wie?“ „Und was kann es Dich intereſſiren, ob es geſtohlen iſt oder nicht? Fünßzigtauſend Franes verlohnen ſchon ein kleines Opfer.“ „Aber wie ſollte man dies machen? Am Ende des Corridors befindet ſich die Thüre, welche in den Hof führt, aber die an dieſer Thüre, ſo wie die im Hofe ſtehende Schildwache läßt Niemanden paſſiren, der ihr nicht die Marke vorzeigen kann, welche alle Offizianten dieſes Hau⸗ ſes bei ſich tragen.“ „Verkaufe ſie mir.“ „Und was wird aus mir? Soll ich an Deiner Stelle zurückbleiben?“ „Du kannſt ſagen, Du hätteſt ſie verloren.“ „Das würde man mir nicht glauben,“ entgegnete der Schließer nachdenklich. „Ich habe ein Mittel gefunden!“ rief Benedetto plötz⸗ lich.„Ich binde Dich, ich werfe Dich auf den Boden und fliehe mit Deiner Marke und Du bleibſt mit meinen fünf⸗ zigtauſend Francs zurück. Man wird ſagen, es habe ſich ein Kampf zwiſchen mir und Dir entſponnen und Du hät⸗ teſt den Kürzern gezogen.“ Dieſer Vorſchlag ſchien dem armen Teufel von Schlie⸗ ßer durchaus nicht unvernünftig und er zögerte nur noch, wegen der Form darauf einzugehen. „Na, entſchließe Dich, Alter. Raſch, raſch, ich habe keine Zeit zu verlieren.“ „Zum Teufel!“ murmelte der Schließer.„Na, ſo gieb das Geld her, mein Junge, aber die ſämmtlichen ſechzigtauſend Franes, nicht mehr und nicht weniger, ver⸗ ſtehſt Du? um die Summe voll zu machen,“ ſetzte er mit habgierigem Blicke hinzu. „Nun gut, Du ſollſt die ganzen ſechzigtauſend bekom⸗ men!“ antwortete Benedetto,„übrigens hatte ich ſie ja ohnedies zu nichts weiter beſtimmt.“ „Verſtecke nur Richts davon,“ ſagte der Schließer, indem er die Bankbillets empfing und dagegen eine kleine Metallplatte mit einem offenen Papiere herausgab. Beide näherten ſich dem Lichte, indem ſie einander den Rücken zudrehten, um ihre Schätze genau zu betrachten. Plötzlich ſtanden ſie, wie von einer und derſelben Bewegung getrieben, einander Auge in Auge gegenüber. „Und wenn die Billets nun falſch wären?“ „Gerade daſſelbe dachte ich eben in Bezug guf dieſe Medaille.“ „Ah, dafür ſtehe ich.“ „Und ich betrüge Dich eben ſo wenig. Die Billets ſind gut, Dummkopf. Und nun ah's Werk.“ Der Schließer wickelte ſein Geld ſorgfältig zuſammen, verlor aber dabei Benedetto's Bewegungen nicht aus den Augen. Letzterer ſchickte ſich eben an, ihm mit der Schnur der Lampe die Füße zu binden. In dem Augenblicke aber, wo er den erſten Knoten zuziehen wollte, machte der Schlie⸗ ßer eine Bewegung, wie um ſich die Seite zu reiben und zog ein Meſſer, deſſen Klinge in Benedetto's Augen blitzte. „Zurück!“ rief er. „Nieder!“ entgegnete Benedetto, indem er ihn mit der linken Hand bei der Fauſt faßte und zugleich aus ſei⸗ nem Aermel die darin verborgen gehaltene Klinge heraus⸗ zog und damit ſeine rechte Hand bewaffnete.„Ich war ſchon auf ſo Etwas gefaßt und hatte, wie Du ſiehſt, meine Vorkehrungen getroffen, Du alter Schurke. Dafür ſollſt Du mir bezahlen.“ Nun begann ein kurzer Kampf, der ſo raſch war, daß in dem Augenblicke, wo der Schließer ſchreien wollte, er ſeine Stimme erlöſchen fühlte und nur noch ein dumpfes Röcheln ausſtoßen konnte. Die ſpitze Klinge Benedettos war ihm in die Kehle gedrungen und hatte ſie durch und durch geſchnitten. Ein Blutſtrom ſtürzte hervor und der Schließer ſank mit dem Tode ringend zu Boden. Benedetto ſah ſich auf dieſe Weiſe wieder im Beſitze ſeiner Bankbillets. Er verbarg ſie unter dem Ueberrock des Schließers, den er anzog, drückte ſeinen Hut über die Au⸗ gen herab, öffnete die Thüre, die er mit aller möglichen Dreiſtigkeit wieder ſchloß, und ging dann mit dem lang⸗ ſamen ſchweren Tritt des Elenden, den er ſo eben ermordet, den Corridor hinab. Als er an die Schildwache kam, zeigte er die Marke vor und paſſirte. Bei dem Ausgange aus dem Gefäng⸗ niſſe machte er es eben ſo. Endlich, endlich!— nun war er frei. Fünftes Kapitel. Die Familiengruft. Sobald als er ſich in der Straße ſah, verließen ihn jene Ruhe und Dreiſtigkeit, die ihn auf ſeiner Flucht aus dem Gefängniſſe beſeelt hatten. Eine Wolke umflorte ſeine Augen. Das Herz ſchlug raſcher; das Blut rann mit ver⸗ mehrter Schnelligkeit durch ſeine Adern; es war ihm als wenn ihm der Wind das Todesröcheln des Schließers nach⸗ trüge. Wie Kain vor dem Fluche Gottes fliehend, zitterte er vor ſeinem eigenen Schatten. 3 Wahnſinnig vor Angſt und Schrecken rannte x fort. Wie beſeſſen lief und lief er, als ob alle Soldaten, aus welchen die Gefängnißwache beſtand, ihm guf den Ferſen wären. 1 Nach Verlauf einer halben Stunde war er ſchon weit von dem Gefängniſſe. Nun blieb er keuchend ſtehen. Er ſchaute ſich um, und da er nichts Verdächtiges bemerkte, ſo athmete er auf. Wo ſollte er nun hingehen? Schon hatte er ſeine ganze Kaltblütigkeit wieder er⸗ langt. Sein feſter Blick ſchaute unerſchrocken im Raume umher. Wie ein Spürhund witterte er die Luft und ſuchte ſich zu vrientiren. „Endlich frei! frei!“ rief er, indem er die Hände zu⸗ ſammenſchlug.„Ich bin frei!— O, die Welt iſt groß! Graf von Nonte⸗Chriſto, wenn Du nicht todt biſt, ſo werde ich Dich auffinden. Sechszigtauſend Francs werden für Alles hinreichend ſein, deſſen ich bedarf. Wir werden ſehen, dieſes Kapital kann ſich vermehren. Mittlerweile muß ich an das Nöthigſte denken. Vor allen Dingen gilt es, ein Nachtlager zu ſuchen.“ Er dachte einige Augenblicke nach, ſchlug ſich dann vor der eben einen Schatz die Stirn und rief wie ein Geiziger, entdeckt:* „Eurika— ich hab's gefunder Er hatte ſich auf einen jener Schlupfwinkel beſonnen, deren es in Paris viele giebt. Es ſind dies Mörderhöhlen, in welchen man einen nicht allzugewiſſenhaften Wirth an⸗ trifft, der zu jeder Stunde der Nacht Jeden aufnimmt, der an ſeine Thüre pocht. Benedetto, der ſich von ſeinem erſten Schrecken ſo ziemlich vollſtändig wieder erholt hatte, nahm ſeinen Weg nach einer dieſer Höhlen, die ihm in einem der unſauber⸗ ſten Quartiere der Hauptſtadt bekannt war. Durch die Dunkelheit der Nacht geſchützt und durch den dicken Nebel begünſtigt, welcher auf Paris laſtete, und es wie mit einer geheimniß vollen beweglichen Draperie um⸗ 3 hüllte, gelangte der kühne Mörder ohne Hinderniß und ohne der Patrouille in den Weg zu kommen, an die Thür der 8 un lu er⸗ rch nd m⸗ ne der Spelunke. Er klopfte an und ſtieß zugleich einen kurzen gellenden Ruf aus, der dem der Nachteule glich. Als der Wirth dieſes Signal hörte, begriff er ſogleich, daß er ohne Furcht öffnen könne. Sich in eine Decke hül⸗ lend, ſprang er aus ſeinem elenden Bette, ſtieg eine Leiter hinab, und verließ auf dieſe Weiſe ein Bretergerüſt, wel⸗ ches mittelſt zweier Pfeiler und zweier an den Balken be⸗ feſtigten Stricken von der Decke eines ungeheueren Schlaf— ſagles herabhing. „Heda, mein Junge, Du kannſt hereinkommen.“ „Guten Abend.“— „Du willſt ein Bett? Es iſt keins mehr da, ſie ſind ſchon alle belegt. Schaue ſelbſt,“ ſagte er, indem er mit der Hand auf den langen feuchten Schlafſaal zeigte, in welchem der röthliche Schein einer in einer Höhlung der Wand ſtehenden Laterne ſchimmerte, deren ſtinkender Rauch aus der Luft, die man hier athmete, eine peſtilenzialiſche Atmoſphäre machte. „Das thut nichts,“ entgegnete Benedetto,„ich werde in einem Winkel ſchlafen, und morgen oder vielmehr gleich jetzt haben wir etwas miteinander zu ſprechen.“ Der Mörder ſprach dieſe Worte mit ſo zuverſichtlicher, und doch zugleich ſo geheimnißvoller Wiene, daß der Spe⸗ lunkenwirth Verwunderung und Neugier empfand. „Nun, was giebt es denn?“ fragte er ihn mit einem liebenswürdigen, aber dennoch entſetzlichen Lächeln, indem er begierig die Ohren ſpitzte. 2 „Wir wollen hinaufſteigen in Dein Neſt,“ entgegnete Benedetto, indem er nach dem Gerüſte hinaufblickte, in wel⸗ chem ſich das Bett des Wirthes befand. „Was, mit mir ganz allein, mein Junge? Das iſt gegen die Regeln des Hauſes.“ „Wenn ich Dir aber ſage, daß ich mit Dir zu ſpre⸗ chen habe— von einer Angelegenheit, welche—“ Die Todtenhand. 1. Band. * 8 50 „Ah, das iſt etwas Anderes— dann kannſt Du mit heraufſteigen.“ Benedetto kletterte ſofort, gewandt wie eine Katze, die Leiter hinauf. Der alte Mann beeilte ſich ihm zu folgen, und kaum hatte er den Fuß auf das Gerüſte geſetzt, ſo zog er ſeine bewegliche und leichte Treppe nach. „Wohlan, was giebt es?“ fragte er, indem er ſich auf den Rand des Bettes ſetzte und ſich an den Gürtel taſtete, um ſich zu überzeugen, daß er mit einem Mittel ver⸗ ſehen ſei, um jede Frage der Gewaltthätigkeit ſofort kurz abzuſchneiden. Benedetto ſeinerſeits machte dieſelbe Geberde und ſchien mit ſeiner Inſpection eben ſo zufrieden, wie der alte Spe⸗ lunkenwirth. „Wohlan, mein Junge, ich höre Dich.“ „Ich bedarf für morgen, wenn ich von hier fortgehe, einen beſſern Anzug, wie er ſich für einen Mann von Di⸗ ſtinction ſchickt, verſtehſt Du? Kurzes Haar, glatt raſirten Bart, guten Mantel, gute Beinkleider, gutes Schuhwerk und einen guten Rock.“ „Sehr ſchön. Du mußt von hier ſo weggehen, daß man Dich nicht wieder erkennt. Gelehrten iſt gut predigen⸗ Was Hagr und Bart betrifft, ſo iſt das meine Sache und ich werde das Nöthige ſelbſt beſorgen. In Bezug auf die Kleidung wirſt Du Dich mit dem begnügen, was meine Nachbarin Dir in ihrem prachtvollen Magazin von Klei⸗ dern gller Art und jeder Qualität bieten kann. Sie iſt eine Frau, welche das Leben i und ich ſtehe für ſie. Aber das Geld?“ „Das Geld wird morgen zum Vorſchein kommen, Alter,“ entgegnete Benedetto.„Ich erwarte meinen Bankier, der das Leben wenigſtens eben ſo kennt, wie Deine Nach⸗ barin, die mit alten Kleidern handelt.“ „Und ich ſage Dir im Voraus, daß ich auf eine Euiis ionsgebühr Anſpruch mache.“ jet det lic we die en, ſo ſich rtel ver⸗ urz ien pe⸗ ehe, Di⸗ ten daß en. die eine lei⸗ iſt ſie. ten, ier, ach⸗ ine „ und „Du ſollſt mich durchaus nicht geizig finden.“ „Gut, gut. Trink, wenn Du willſt, einen Schluck Branntwein, denn es iſt eine Hundekälte, und Du biſt auch naß. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich das nicht erſt jetzt bemerke.“ „Nun gut, ſo gieb den Rachenreißer her,“ ſagte Bene⸗ detto, indem er die Hand ausſtreckte, um eine mit gewöhn⸗ lichem Branntwein gefüllte Taſſe in Empfang zu nehmen, welche der alte Kneipenwirth ihm hinhielt. „Nun ſtrecke Dich und ſieh wie Du zurechte kommſt. Es verſteht ſich übrigens, daß ich nicht für die Kaſſe ſtehe. Hier behält ein Jeder was er kann, das iſt Hausgeſetz.“ „Biſt Du närriſch, Alter?“ rief Benedetto.„Sier unten darf man mich um keinen Preis ſehen, und Niemand außer Dir darf eine Ahnung davon haben, daß ich hier oben bin.“ „Dann wirſt Du aber doppelt bezahlen.“ „Babe ich Dir nicht ſchon geſagt, daß ich freigebig ſein werde?“ „Gut, gut, trinke noch einen Tropfen und ſchlaf'.“ Der alte Mann ſtreckte ſich auf ſein Bett und wickelte ſich in ſeine Decke, während Benedetto ſich der Länge nach auf die Breter ſtreckte, indem er fromm die Arme über der Bruſt kreuzte. Gleichwohl aber ſchliefen in dieſer Nacht beide— Benedetto, weil er einen Angriff von Seiten des Kneipen⸗ wirth's erwartete, und dieſer, weil er von ſeinem improvi⸗ ſirten Schlafkameraden daſſelbe fürchtete. Schon mit Tagesanbruche begaben ſich die Gäſte dieſer erbärmlichen Herberge hinweg, und der Wirth eilte zu der Nachbarin, um bei ihr die Kleider auszuſuchen, S Benedetto anzulegen gedachte. ₰ Als er wieder zurückkam, fand er ſeinen Schlafkumeru⸗ den nachläſſig auf dem Bette ſitzend, und mit grober Lih gültigkeit ein Bankbillet von fünfhundert Franecs in den Fingern herumdrehend. „Da, mein Junge,“ ſagte er, indem er ein Packet Sachen auf das Bett warf,„ich habe mein Möglichſtes gethan. Nun wollen wir zuſammenrechnen.“ „Mache Dich bezahlt,“ ſagte Benedetto, indem er ihm das Billet hinhielt. „Ein Bankbillet!“ „Das nimmt Dich Wunder? Mein Bankier iſt in Deiner Abweſenheit dageweſen,“ ſagte der Mörder;„und da er kein Geld hatte, ſo ließ er mir dieſen Wiſch da.“ „Gm, das iſt mir nicht recht klar. Klingende Münze iſt mir lieber.“ „Mir auch; darum geh' und wechsle.“ „Und wenn es nun falſch wäre, wen würde man da bei den Ohren nehmen? Mich.“ „Was! Bin ich denn dann nicht auch noch da?“ „Das werden wir gleich ſehen.“ Der Kneipenwirth nahm das Billet, ging die Leiter hinunter und verſchloß die Thüre ſorgfältig. „So bin ich,“ ſagte er,„wenigſtens ſicher, daß Du mir nicht entwiſcheſt, und nimm Dich in Acht, wenn die Sache nicht in Ordnung iſt.“ Benedetto gab hierauf weiter keine Antwort, als daß er lachte und die Achſeln zuckte. „Es war meiner Treu ein gutes!“ rief der alte Spe⸗ lunkenwirth, als er nach Verlauf einiger Minuten wieder⸗ kam, und die ſeine Taſchen füllenden Hundertſousſtücke klimpern ließ.„Du biſt ein glücklicher Kauz, einen Ban⸗ kier zu haben, der Dir ſolche Wiſche giebt. Sage mir,“ ſetzte er in einſchmeichelndem und geheimnißvollem Tone hinzu;„Wenn zufällig Du es ſelbſt wäreſt, der dergleichen macht, ſo hätteſt Du vielleicht die Güte, mir zu ſagen, auf welche Weiſe dieſes Handwerk betrieben wird.“ Or den uns ver und den cket ſtes hm in und inze bei — 5— „Geh' zum Teufel!“ antwortete Benedetto ungeduldig; „wir wollen unſere Rechnung machen.“ Der Wirth leerte ſeine Taſchen aus und züählte die von ihm erkauften Gegenſtände auf, indem er ſie für das Dreifache des Werthes in Anſatz brachte. Benedetto wußte dies recht wohl, jedoch machte er zum böſen Spiele gute Miene, und nach einigen, blos auf die Form bezüglichen Bemerkungen, bezahlte er, was man von ihm verlangte, ohne zugleich ein reichliches Trinkgeld für den Wirth zu vergeſſen, deſſen Gewogenheit er ſich zu erhalten ſuchen mußte, denn er wußte, daß ein einziges Wort von dieſem ihn in's Verderben ſtürzen konnte. Nachdem die Rechnung berichtigt und Benedetto an— ſtändig gekleidet, das Haar kurz geſchnitten und der Bart raſirt war, wartete er nur noch auf eine günſtige Gelegen⸗ heit, um die Spelunke zu verlaſſen, feſt überzeugt, daß es geradezu unmöglich ſei, in ihm den Mörder des alten Schlie⸗ ßers wiederzuerkennen. Der Herbergswirth hatte ihm wiederholt geſagt, daß ſelbſt er ihn nicht wieder erkennen würde, wenn er nicht Zeuge ſeiner Verwandlung geweſen wäre. Obſchon allem Vermuthen nach dieſe Betheuerungen zur Hälfte erlogen waren, ſo iſt es dennoch nicht weniger wahr, daß ſie ein gewiſſes Gepräge von Wayrſcheinlichkeit beſaßen, denn Benedetto benahm ſich in ſeinem neuen Co⸗ ſtüme ſo ungezwungen, daß man darauf hätte ſchwören ſol⸗ len, er ſei ein ehrenwerther Bürger, auf deſſen ſanfter Phiſiognomie es ſchwierig geweſen wäre, auch nur den Schatten einer ſchlechten That zu gewahren. Er lief den ganzen Tag umher, um ſeine Päſſe in Ordnung zu bringen. Er präſentirte ſich dabei als Stu⸗ dent der allgemeinen Archäologie, welche die Vergangenheit uns in jenen großartigen Büchern hinterlaſſen, die man auf verſchiedenen Punkten des Erdballs umhergeſtreut findet, und Ruinen nent. . Sobald als die Nacht einbrach, nahm ſeine Phiſiogno⸗ mie den unbeſchreiblichen Ausdruck an, der ihm in Folge ſeiner concentrirten Wuth, ſeiner düſtern Melancholie und ſeiner Keckheit eigen zu ſein pflegte. Der vorgebliche Stu⸗ dent der Archäologie zog in der That ſeine Banditenlivree wieder an. Mit ſicherem, feſtem Tritte durchſchritt er die ganze Stadt, und begab ſich auf den Kirchhof Pere Lachaiſe— jene ungeheuere Rekropolis, wo prunkend die Mauſoleen der erſten ariſtokratiſchen Familien ſtehen. Er ging vor⸗ ſichtig an der Mauer hin, um einen erhöheten Punkt zu wählen, von welchem er dieſes Feld überſchauen könnte, wo die Todten eben ſo wie die Lebenden ſich durch den Reich⸗ thum ihres Grabes überbieten zu wollen ſcheinen. Alle Mühe aber, welche er ſich gab, war rein verloren und er ſah ein, daß, um in dieſen Raum zu gelangen, ihm nichts weiter übrig blieb, als durch Geld das Gewiſſen des Auf⸗ ſehers zu erkaufen. Seine ganze Dreiſtigkeit zuſammenraffend, näherte er ſich dem eiſernen Gitter und pochte an. „Wer iſt da?“ fragte die heiſere, aber immer noch energiſche Stimme des Mannes, der mit der Bewachung der Todten beauftragt iſt und jetzt aus einem dicht neben dem Gitter befindlichen kleinen Hauſe herauskam. „Gut Freund,“ antwortete Benedetto.„Oeffnet mir ohne Furcht.“ In Folge eines eigenthümlichen Zufalles und ganz ge⸗ gen ſeine Hoffnung, kam der Aufſeher mit einer Schnellig⸗ keit auf das Gitter zu, welche ſeinen Wunſch verrieth, der an ihn ergangenen Aufforderung ſofort Folge zu leiſten. „Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich länger gezögert habe, als ich ſollte, aber ich glaubte, Sie nit nicht wieder hierher zurückkommen.“ Benedetto ſtutzte; er merkte wohl, daß es ſich hier um einen Irrthum handele, und beſchloß denſelben auf jeden na un die In Si in hin Fall zu benutzen. Indeſſen war er doch vorſichtig, und trat olge erſt ein nachdem er ſich das Geſicht mit den Falten ſeines und Mantels bedeckt hatte. tu⸗„Sie kommen ohne Zweifel, um wieder Jemanden vom vree Tode zu erwecken,“ fuhr der Aufſcher gutmüthig lächelnd fort;„denn wenn Sie nicht ein Engel ſind, ſo beſitzen Sie auf jeden Fall das Geheimniß, welches Lazarus ins Leben zurückrief. Ich ſtehe Ihnen zu Befehl, gnädiger Herr.“ leen„Ah!“ dachte Benedetto,„das iſt ſonderbar und wenn or⸗ ich nicht die Gewißheit hätte, daß ich heute nur eine halbe zu Flaſche getrunken habe, ſo würde ich glauben, der Rauſch gaukle mir allerhand Trugbilder vor.“ ich⸗„Wollen Sie, daß ich ſie begleite?“ fragte der Auf⸗ Au ſcher. „Nein!“ antwortete Benedetto. chts„Dann will ich Ihnen meine Laterne holen.“ Bei dieſen Worten that der Aufſeher einige Schritte nach ſeinem Hauſe zu, blieb aber plötzlich ſtehen, kehrte um und ſagte in dem höflichſten Tone: „Um Ihnen zu beweiſen, mein Herr, daß ich nicht och die Erinnerung an Ihren letzten Beſuch, der auch Ihr erſter war, verloren habe, werde ich in allen Punkten die luf⸗ er Inſtructionen befolgen, die Sie mir damals gaben, wenn Sie nämlich eben ſo wie in jener Nacht die Abſicht haben, n in die Gruft der Familien Saint⸗Meran und Villefort hinabzuſteigen.“ ge⸗„Benedetto ſchauderte als er dieſe Worte vernahm. Da lig⸗ er aber wohl fühlte, daß er durchaus eine auf dieſe Frage S paſſende Antwort geben müſſe, ſo beeilte er ſich mit leiſer Stimme zu murmeln:„Ja.“ gert„Sehr gut, Herr Wilmore,“ entgegnete der Aufſeher. ht„In dieſem Falle will ich meine Laterne an den bewußten DOrt ſetzen, und Sie können dann hinabſteigen, wenn es Ihnen beliebt. Den Weg wiſſen Sie ſchon.“ Der Aufſeher nahm das Licht und verſchwand wie ein 5 Mann, der ſeiner Sache gewiß iſt und alle Drehungen und Wendungen dieſes ungeheuren Labhrinths auswendig weiß, in den durch die Gräber gebildeten Gängen. „Wilmore,“ murmelte Benedetto, als ob ihn eine Natter geſtochen hätte.„Wilmore?— Wäre es ein Traum? — Der Engländer, der mich in Toulon von den Galeeren rettete!— Ah— Edmund Dantes— jetzt fällt mir ein, daß dieſer Name eine und dieſelbe Perſon bezeichnet— Edmund Dantes— den Mörder meines Vaters, meines Bruders und meiner unſchuldigen Schweſter!— Verflucht! Und während ich in der Abſicht hierherkomme, mich in den Rachegedanken zu befeſtigen, die ich meinem ſterbenden Vater zugeſchworen, ſchlägt Dein Name an mein Ohr, ſo zu ſagen, zurückgegeben von dem Echo der Gruft, wo Deine Opfer ruhen. H! es ſind die Todten, welche über ihren Henker ſchreien. O, es iſt jener in ſeinem neunten Lenze vergiftete Unſchuldige, der den Namen ſeines blutdürſtigen unglücklichen Henkers Edmund Dantes nennt!“ Nachdem dieſer Augenblick der Exaltation vorüber war, kehrte Benedetto zu ſeinem gewöhnlichen Zuſtande der Ruhe und Feſtigkeit zurück. „Alſo iſt ſchon Jemand hier geweſen, der in die Gruft der Familien Saint Meran und Villefort hinabgeſtiegen iſt,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„und dieſer Menſch iſt Edmund Dantes geweſen! Elender! wäreſt Du wirklich gekommen, um Deine Schlachtopfer wieder zum Leben zu erwecken, wie der Aufſeher ſagte, als er Dich einen Engel nannte? O, ich begreife, Du biſt gekommen, um Dein Auge an dem Anblicke der Leichen Deiner Schlachtopfer zu weiden, und die Einſamkeit des Grabes durch Dein hölliſches Hohnge⸗ lächter zu ſtören, als ob Du ihnen auch noch die Ruhe des Grabes ſtehlen, und ſie noch ſelbſt über den Tod hingus leiden laſſen wollteſt!“ Indem Benedetto ſich dieſen Gedanken überließ, folgte er ſeinem Führer, der endlich vor einer Art Eſtrade ſtehen u er m und eiß, eine m? eren etn, nes cht! den ter zu ine ren nze gen —— blieb, die mit einem Gitter umgeben und durch eine eiſerne Thüre verſchloſſen war. Der Aufſeher ſetzte die Laterne auf eine der Stufen, und Benedetto ging, von ihrem Licht geleitet, weiter, indem er mit Grund vermuthete, daß dies die Er ſeiner Fa⸗ milie ſein müſſe. Der Laternenſchein bildete, indem er ſeine zitternden Strahlen auf den feuchten thonigen Boden warf, eine läng⸗ liche bewegliche Figur, die einem unter dem marmornen Grabſteinen herumwandelnden feurigen Geſpenſte glich. In kurzer Entfernung zeichnete ſich der Schattenriß eines Mannes. Es war der Aufſeher, welcher Wilmore's letzte Befehle zu erwarten ſchien. Benedetto zog eine Börſe und ging auf ihn zu, indem er das Geld klimpern ließ. „Verzeihen Sie, Excellenz,“ ſagte der Aufſeher, ſich weigernd;„es wäre mir lieber, wenn Sie mich auf die⸗ ſelbe Art belohnen wollten, wie das erſte Mal, das heißt, wenn Sie Ihre Börſe neben meiner Laterne zurückließen, ſobald Sie aus der Gruft wieder herauskommen. Sehen Sie, ich zittere, obſchon ich weiß, daß Sie ein Menſch ſind wie ich, der ſich bewegt und einherſchreitet; aber es liegt in Ihnen, ich weiß ſelbſt nicht, etwas Feierliches und Schreckliches, was mir das Blut in den Adern erſtarren läßt. Entſchuldigen Sie— es iſt das auch eine Schwäche von mir. Gewohnt, hier unter den Todten zu leben, fürchte ich mich vor Ihnen und nicht vor dieſen, weil weder die Todten noch irgend ein lebendes Weſen das thun, was Sie thun!“ Benedetto bedeutete ihn durch einen Wink ſich zu ent⸗ fernen, und als er einige Schritte fort war, lenkte er ſeinen Tritt nach der Thüre des Grabmals. Hier bemerkte er einen kleinen Hügel und ſah, daß die Erde friſch aufgegra⸗ ben war, was, wie er glaubte das Werk des Aufſehers war, welcher den Willen des geheimnißvollen Wilmore zu kennen ſchien. — 5 Benedetto zog einen Dietrich aus der Taſche und ſteckte ihn in das Schloß. Es ſprang auf und er prallte einen Schritt zurück; er hielt die Hand vor die Naſe, um nicht den heraufdringenden Verweſungsdunſt einzuathmen. Die Thür drehte ſich in Folge des Umſtandes, daß die Erde an dieſer Stelle aufgegraben war, ohne Schwierigkeit. Benedetto ergriff die Laterne und ſtieg in das Innere der Gruft hinab,. Obſchon kühner Dieb und verwegener Mörder zitterte er nichtsdeſtoweniger und war nicht im Stande, den Schre⸗ cken zu überwinden, den ihm dieſes impoſante Schweigen, dieſe feierliche Ruhe des Aſyls der Todten einflößte. Zu⸗ weilen ſchwankte er und fühlte, wie ſeine Kniee an einander ſchlugen. Um aber mit gewaltiger Anſtrengung ſeine Furcht zu beſiegen, ſtieß er ein lautes, freches Gelächter aus und ſagte, wie um ſich durch das Echo ſeiner Stimme zu er⸗ muthigen: „Was iſt weiter dabei? Soll Edmund Dantes ſtärker ſein als ich? Was, er, der die Leichen, die hier ruhen, erſt in dieſe Gruft herabgeſtürzt hat, hat ſich nicht geſcheuet, ſich mitten unter ſie zu begeben, und ich ſollte nicht den Muth haben, hier herabzuſteigen! Wer weiß, ob er nicht zu derſelben Stunde hierherkam. Er hat mit ſeinem Arm die Nacht zerſtreut, und iſt furchtlos und unerſchrocken dieſe Marmortreppe herabgeſtiegen!“ Mit dieſen Worten ſtieg Benedetto die Stufen hinab, und ſah ſich in dem Innern der Gruft, deren Bodenfläche nicht über dreißig Quadratfuß groß war. Rings an den Wänden waren Marmorbänke angebracht, und acht derſel⸗ ben bereits mit bleiernen Särgen beſetzt. „Marquis von Saint-Meran,“ ſagte er, indem er den mit weißer Tinte auf den erſten Sarg geſchriebenen Namen las.„Dies war der Schwiegervater meines Vaters Folge ſeiner erſten Ehe. Alter Edelmann, durchdr ger von allen Vorurtheilen dieſes edlen Geſchlechts, muß ſein — e— 2 ckte nen cht die der rte re⸗ n, u⸗ er cht r⸗ P Leiche mit allem Flitterprunk ſeines Standes geſchmückt ſein.“ „Mit dieſen Worten ſetzte er einen Hebel an den Sarg an und ſprengte den Deckel auf. Das einbalſamirte und mit einer prachtvollen Uniform bekleidete Gerippe trug in der That auf der Bruſt mehrere Medaillen und Kreuze von hohem Werthe. Benedetto bemächtigte ſich derſelben, ſchloß den Sarg des Marquis wieder und näherte ſich dem folgenden, auf welchem er die Inſchrift las:„Frau von Saint⸗Meran.“ Er öffnete ihn ebenfalls. „O,“ murmelte Benedetto,„wie reich und koſtbar biſt Du geputzt, um Deinen letzten Schlaf zu ſchlafen, große, edle Dame! Letzter Beweis von Thorheit, den die Welt giebt, und woran ſich ihr ganzer Stolz, ihre ganze Eitel⸗ keit erkennen laſſen.“ Die Juwelen, welche die Finger und die Bruſt der Leiche ſchmückten, gingen in Benedetto's Hände über, der ſodann zur Beraubung des dritten Sarges ſchritt, auf wel⸗ chem er die Worte las: „Frau von Villefort.“ „Genug!“ murmelte Benedetto, indem er vor dem vierten Sarge ſtehen blieb:„Valentine von Villefort. Schlichte Jungfrau, gleich den Blumen des Feldes, kann Dein Leichnam keinen Juwel tragen, als den heiligen Schmuck der Reinheit und Unſchuld, der Deine Seele zierte! Gehen wir weiter!“. „Ah, Eduard, Eduard, armes Geſchöpf von kaum neun Jahren, eben ſo wie ſeine Mutter durch das Ueber⸗ maß einer unverſöhnlichen Rache vernichtet! Eduard, mein Bruder, Du ſollſt gerächt werden. Weiter, weiter! Da ruhſt Du, mein Vater,“ fuhr der Bandit fort, indem er den Deckel eines ſchlichten hölzernen Sarges ſprengte, in welchem ein mit einem weißen Tuche umhüllter Leich⸗ nam lag. 65 Benedetto betrachtete dieſen Leichnam einige Augen⸗ blicke lang. „Ach, auf Deiner Stirn, o mein Vater, liegt noch die Spur des furchtbaren Leidens, welches der Unglückliche em⸗ pfinden mußte, der um ſich her alles in den Staub ſinken ſah, was ihm das Theuerſte war— Gattin, Sohn und Tochter gleich den Blumen, die der Orkan dem Boden entreißt und in den Lüften zerſtreut. „Deine Lippen ſcheinen noch Deinen letzten Wunſch zu murmeln, den Du nach der langen Erzählung Deiner Le⸗ bensgeſchichte in derſelben Nacht aus ſprachſt, wo ich Dei⸗ nen letzten Seufzer empfing. Dein Wille geſchehe!“ fuhr Benedetto fort, indem er die Hände des Leichnams von einander löſte und einen ſcharfgeſchliffenen Dolch aus dem Buſen zog.„Ja, dieſe Hand, welche, ſo lange Du lebteſt, nicht im Stande geweſen iſt, das Uebermaß einer furcht⸗ baren Rache zu züchtigen und zu ſtrafen, wird nun, nach⸗ dem Du todt biſt, Edmund Dantes ins Geſicht treffen.“ Mit dieſen Worten trennte Benedetto durch einen Schnitt ſeines Dolches die einbalſamirte vertrockuete Hand der Leiche vom Arme, hob ſie ehrfurchtsvoll in die Höhe und rief, indem er den Sarg wieder ſchloß: „Leb wohl, zum letzten Male! Enterbter Sohn, unbe⸗ kannter Sprößling einer Familie, bin ich in ihre letzte Woh⸗ nung herabgeſtiegen, um, indem ich allen menſchlichen Ge⸗ ſetzen trotze, mein einziges Erbtheil zu holen. Unſicheres Gut und trauriges Erbtheil, aber dennoch hinreichend, wenn es mir die Möglichkeit gewährt, dahin zu gehen, wohin die Todtenhand mich leiten wird! Gehen wir!“ Benedetto ergriff die Laterne und ſtieg ſchnell die kleine Treppe hinauf. Wer ihn jetzt beobachtet hätte, wie er bleich und verſtört aus dem Innern des Grabes empor⸗ ſtieg, und mit ſeinem leuchtenden Arme die Schatten der Racht verſcheuchte, hätte ihn ſicherlich für den Verſtorbenen gehalten, der von einer gewaltigen Leidenſchaft, die nicht S 28 ſi ſet en die m⸗ ken nd en zu e⸗ ei⸗ hr on m ſt, t⸗ — 61— 3 mit ihm ſterben gekonnt, getrieben, auf die Oberfläche der Erde zurückkehrte, und den Schatten und das Geheimniß des Grabes hinter ſich ließ. Benedetto blieb ſtehen, athmete tief auf und trocknete ſich den kalten Schweiß ab, der ſeine Stirn benetzte. Er ſetzte die Laterne nieder und lachte mit ſeinem teufliſchen Gelächter, mit dem Gelächter des Mörders. „Wilmore!“ ſagte er,„bald wird Jemand kommen, der Dich dieſer Entweihung beſchuldigen wird.“ Und in der That, als der Aufſeher kam, um ſeine La⸗ terne wiederzuholen und die verſprochene Börſe aufzuheben, ſuchte er dieſe letztere vergebens. „Aha,“ murmelte er,„wie unrecht habe ich gethan, daß ich ſie nicht gleich angenommen habe. Wilmore hat meine thörichte Furcht benutzt und mich betrogen 10 Und am folgenden Tage, als er ſah, daß die Gruft offen geblieben, und daß die Särge aufgeſprengt worden waren, ſchwur er, Wilmore ſei weiter nichts als ein gewand⸗ ter Dieb, den er, wenn er noch einen dritten Beſuch machte, ſofort verhaften laſſen würde. Sechstes Kapitel. Die Couliſſen des Theaters Argentino in Rom. In den erſten Tagen des Januars 1838 ſchickten zwei Freundinnen, beide jung, beide ſchön, nachdem ſie ihre in Paris begonnenen und durch eine öffentliche Prüfung in der italieniſchen Akademie gekrönten muſikaliſchen Studien be⸗ endet, ſich an, die künſtleriſche Laufbahn einer Malibran, einer Sonntag, einer Damoreau-Cinti zu betreten, indem 6— 62— ſie in di Stadt Rom auf dem ſchönen Theater Argentino ihr Debüt machten. Louiſe und Eugenie von Armillh hatten von ihrer zarteſten Kindheit an den Gedanken an eine Zukunft der Freiheit und Unabhängigkeit gehegt, wie ihn das Genie träumt— außerhalb des engen Zirkels unſerer Leidenſchaf⸗ ten und Vorurtheile. Dieſe lachende Zukunft, welcher die beiden Freundinnen mit ſicherem Schritte entgegengingen, iſt die, welche die erhabene Krone der Kunſt gewährt, eine Krone, die man in der Welt nicht mit Gold erkauft, ſondern welche die Welt dem zuerkennt, der ſich ihr begeiſtert und vom heili⸗ gen Feuer beſeelt offenbart. Wie lange war es ſchon her, daß Eugenie ihre ſonore, ausdrucksvolle Stimme mit den Tönen von Louiſens Piano vereinend) ganze Tage in einem Studirzimmer zubrachte, deſſen ſorgfältig verſchloſſene Thüren keinem Zudringlichen geſtatteten, dieſes kleine Heiligthum zu entweihen, wo das Genie ſeine Schwingen verſuchte, um ſpäter ſeinen Rieſen⸗ flug zu beginnen. Zuweilen war es auch Eugenie, welche ihre Finger über die Taſten des Piano's eilen ließ, um Louiſens Stimme zu begleiten, und dann vernahm man ſtatt des leidenſchaft⸗ lichen und ausdrucksvollen Geſangs Eugeniens die zärtlichen und weichen Harmonien Louiſens— ein hervorſtechender und auffülliger Zug der ſo verſchiedenen Charactere der beiden Freundinnen. Stolz und entſchloſſen war Eugenie, die majeſtätiſche Ceder, welche ihre hohe Stirn in dem Hauche der Stürme wiegt. Sanft und furchtſam war Louiſe, das beſcheidene, ſchüchterne Wintergrün, welches ſich bei dem leiſeſten Hauche des Windes beugt. Ein einziger anmaßender Blick machte ſie zittern. bſton in Paris die Geſtſchaſt, welche Gigeniens Familie empfing oder beſuchte, eine der gewählteſten und —— W 8 —— 6 „ reichſten der Hauptſtadt war, ſo hatte ſie doch dem exaltir⸗ ten Geiſt der enthuſiaſtiſchen Sängerin keinen Gegenſtand dargeboten, welcher im Stande geweſen wäre, ſie zu feſ⸗ ſeln. Muſik, Theater waren die einzigen Leidenſchaften die⸗ ſes Herzens, in welchem die Harmonieen eines Roſſini, Bel⸗ lini, Mercadante, Meherbeer, Verdi und Donizetti einen tiefen Wiederhall fanden. Louiſe war, nachdem ſie ihre Lehrerin geweſen, ihre einzige Freundin, ihre Begleiterin und die Genoſſin ihres Ruhmes, ihrer Mühen und ihres Vermögens geworden. Louiſe war es, welche das Gelübde der neuen Prieſterin der Kunſt empfing, nachdem ſie dieſelbe in alle Geheim⸗ niſſe dieſes göttlichen Cultus eingeweiht, und Eugenie, welche mit jener Selbſtverleugnung, oder wenn man lie⸗ ber will, mit jener aufrichtigen und tiefen Verirrung, welche das Eigenthum großer Seelen iſt, jedes profane Ge⸗ fühl mit Füßen trat, verachtete und Alles verließ, was es für ein junges Mädchen von ihrem Alter auf der Welt Schönes und Anziehendes geben kann, das heißt Vater, Mutter, Ehre, Reichthum und Schmeichelei, um in jene große Familie einzutreten, deren Oberhaupt unter dem Na⸗ men Apollos durch die Menſchen zu dem Range der Göt⸗ ter emporgehoben ward. Die beiden Freundinnen hatten, indem ſie Frankreich verließen, begonnen, ihren kleinen künſtleriſchen Ausflug nach einigen der Hauptſtädte Italiens zu nehmen. Sie hatten nach einander Mailand, Genua, Venedig bewun⸗ dert, wo ſie einige Concerte gegeben hatten, um durch den Ertrag derſelben den Verluſt wieder zu erſetzen, den ihr beſcheidenes Vermögen durch die unumgänglichen Koſten der Reiſe erlitten. Endlich waren ſie nach Rom gekommen, um ſich hier einer öffentlichen Prüfung zu unterziehen, damit die Eigen⸗ ſchaften ihrer Stimme, die Vollkommenheit ihres Geſanges 5— und ihr Verſtändniß der dramatiſchen Kunſt nach ihrem wahren Werthe gewürdigt werden möchten. Dieſe Prüfung war vorüber; der Sieg war ein voll⸗ ſtändiger geweſen. Auch ſahen ſie bald vor ihnen ſich die goldenen Thore jenes Paradieſes öffnen, welches ſie ſo in⸗ nig und ſo lange geträumt. An dem Tage nach dieſem großen Ereigniß begann der Traum der Wirklichkeit zu weichen, denn ſchon vom Mor⸗ gen an empfingen ſie Viſitenkarten von mehreren Theater⸗ directoren, unter anderen auch die des Impreſario des Ar⸗ gentino, deſſen Primadonna ſo eben die Dauer ihres En⸗ gagements beendet hatte. „Nun, Louiſe, was ſagſt Du dazu?“ fragte Euge⸗ nie, indem ſie aus dem Bette ſprang und nach der Uhr ſah, welche auf Mittag zeigte.„Sollen wir die Einla⸗ dung des Theaterdirectors vom Argentino annehmen?“ „Ich bin dafür, wenn er ſich dazu verſteht, daß wir die Auswahl der Stücke für das Repertoir ſelbſt treffen.“ „Es iſt klar, daß dies die erſte Bedingung ſein muß,“ antwortete Eugenie, indem ſie ſich vor Froſt klappernd an⸗ kleidete. Semiramis, Attila— „Nina, Pariſina,“ ſetzte Louiſe hinzu.„Doch, wir wollen frühſtücken und, indem wir plaudern, unſere Pläne feſtſtellen, denn es iſt gut zu bemerken, daß die Herren Directoren nun bald erſcheinen werden.“ „Sie mögen kommen,“ entgegnete Eugenie, indem ſie umherhüpfte, um ſich zu erwärmen.„Wir ſind da, das heißt, wir werden da ſein, denn es handelt ſich um's Fu⸗ turum. Wenn ich im Begriffe ſtehe, meine Strumpfbän⸗ der anzulegen, möchte es—“ „Der arme Mann wäre im Stande vor Schrecken zu ſterben, wenn er Dich hörte,“ ſagte Louiſe lächelnd, in⸗ dem ſie auf ihre Freundin ihre ſchönen blauen Augen hef⸗ tete, die dem energiſchen ſtolzen Blicke Eugeniens begegneten⸗ „Ohne Zweifel,“ entgegnete ſie ſtolz,„ohne Zweifel! K, . r * Ich bin, wie Du oft ſagſt, halb Mann, und Männer⸗ Strumpfbänder ſind eben nicht nach dem Geſchmacke dieſer Herren. Du erinnerſt Dich, wie ich meine Rolle als Löwe ſpielte, als ich mit Dir aus Paris entfloh. Ich nannte mich Leon von Armillh, und wenn ich glaubte, daß Dir Gefahr drohte, hat mir da wohl der Muth gefehlt, um laut von Piſtolen zu ſprechen?“ „Ach, was war das 6 eine Zeit!“ n Louiſe. „Und wenn ich dann in Männerkleidern neben Dir ſtand, Dich in meine gune rinte und Dich mit Küſſen bedeckte, ſo wie eine Gefahr überſtanden war, als wir die Barrieren hinter uns hatten, da zitterteſt Du nicht, wie Du heute zu zittern ſcheinſt.“ „Ah, der Grund davon liegt darin, daß unſer erſtes Debüt bevorſteht— wenn wir ſchlecht aufgenommen würden!“ „Ach ſchweige doch! In Mailand, in Genua, beſon⸗ ders in Venedig, hat da wohl unſer Geſang mißfallen? uebrigens ſcheint es mir auch, als hätte das Ergebniß un⸗ ſerer Prüfung eben nichts Entmuthigendes.“ „Das iſt wahr; doch handelt es ſich in dem gegen⸗ wärtigen Falle um etwas Anderes. Wir ſollen guf der Bühne erſcheinen, nicht blos ſingen, ſondern auch ſpielen. Was nun mich betrifft, ſo verſtehe ich zum Beiſpiel die große Arie der Pariſina recht wohl zu ſingen, aber habe ich deswegen wohl auch die Gewißheit, daß ich die Pari⸗ ſina ſein kann?“ „Und habe ich meinerſeits die Gewißheit, den Cha⸗ racter der Semiramis zu beſitzen, Alles fühlen zu können, was ſie fühlte, ſo daß das Publikum ſich einbildet, die edle Königin der Aſſhrer vor ſich zu ſehen— demüthig, zitternd und zermalmt durch ihre Gewiſſensbiſſe, wenn ſie die Stimme des Ninus hört, oder wahnſinnig vor Liebe, berauſcht und taumelnd in Gegenwart des Arſaces? fragte Eugenie digegen,„und dennoch ſieh her, ob ich zittere, ob ich bei der Annäherung unſers erſten D Sin zittere. Pir Todtenhand. 1. Band. 66 Ich beſitze zu viel Vertrauen auf den Unterricht, den Du mir gegeben, auf die Studien, die wir zuſammen gemacht, um vor einer Aufgabe zurückzubeben, welche ſo viele an⸗ dere Frauen unter enthuſiaſtiſchen und begeiſterten Beifalls⸗ bezeigungen eines intelligenten und unparteiiſchen Publikums gelöſt haben.“ „Wohlan, meine theure Eugenie, der Würfel iſt ge⸗ fallen und jene Zukunft mit dem unermeßlichen Horizont, die wir in Paris träumten, wird ſich verwirklichen. Bald wird das Echo des Ruhmes unſere Namen nach Paris tragen in den Schooß unſerer Familien, nachdem er in das goldene Buch des Kunſtadels eingeſchrieben ſein wird. O wie gefällt mir dieſer Adel! Er iſt nicht für eine elende handvoll Gold käuflich; er kann nur durch Arbeit und durch perſönliches Verdienſt erworben werden, herrlich iſt der Wappenſchild des Künſtlers,— ein Wappenſchild, den der Staub der Zeit nicht verdunkelt, der nicht verſchwin⸗ det. Siehe vielmehr, wie er glänzt und ſeinen Schimmer über alle nachfolgenden Generationen verbreitet, die ſich verwundert und anbetend vor ihm beugen!“ „Louiſe! Louiſe!“ rief Eugenie lachend,„das nenne ich Begeiſterung! So gefällſt Du mir.“ Und die beiden Freundinnen traten in das Speiſezimmer. Kaum hatten ſie ihr Frühſtück beendet und die letzte Hand an ihre elegante Toilette gelegt, als ſie den Beſuch des Directors vom Theater Argentino empfingen, welcher aus Furcht, daß ihm die koſtbare Aequiſition der beiden Künſtlerinnen entſchlüpfen könne, ſeinen Collegen zuvorkam. Die beiden Parteien verſtändigten ſich ſehr bald, der Impreſario ging auf alle Bedingungen, die ihm geſtellt wurden, ein, und der Tag war noch nicht zu Ende, als das Engagement der beiden prime donne assolute auch in aller Form abgeſchloſſen war. Einen Monat ſpäter ward auf dem Theater Argen⸗ tino die Oper Roſſini's Semiramis gegeben und alle Mor⸗ ch er en m. Abend haben willſt. Es iſt Alles verkauft, — 5— gen fanden ſich im Foher die ungeduldigen Kunſtfreunde in Maſſe ein, um im Voraus den Debutantinnen Beifall zu ſpenden und dem Impreſario zu ſeiner herrlichen Acqui⸗ ſition Gluͤck zu wünſchen, denn dieſe beiden Künſtlerinnen berechtigten zu den wunderbarſten Hoffnungen, obſchon ſie zum erſten Male die Breter einer Bühne betreten ſollten, an welcher zwei große Kunſtgenies noch in friſchem Anden⸗ ken lebten. Endlich kam der Tag der Vorſtellung und kaum wa⸗ ren die Lichter im Theater Argentino angezündet, als auch ſchon ſämmtliche Logen von Kunſtfreunden wimmelten, welche die Verdienſte der beiden Fräuleins von Armillh lebhaft beſprachen und rühmend hervorhoben. Während dies in den Salons und Corridors des Thea⸗ ters geſchah, gelang es einem jungen Mann von zweiund⸗ zwanzig bis dreiundzwanzig Jahren, der lang und gut ge⸗ wachſen, ohne Luxus, aber mit aller wünſchenswerthen Eleganz gekleidet war, ſich durch die Menge vor gllen Zu⸗ gängen des Gebäudes hindurchzudrängen und bis an die Billetausgabe zu kommen. Er verdankte dies hauptſächlich den verzweifelten Anſtrengungen eines geſchickten Cicerone, der, indem er ihn an den Rockſchößen zog, ihn durch die aufgeregten Wogen dieſes ſtürmiſchen Meeres hindurchbug⸗ ſirte, welches durch die pomphafte, durch die Stimme der Anſchlagezettel und der Jyurnale noch mehr hervorgehobene Anzeige des großen Errigniſſes des Abends in Bewegung geſetzt worden war. 6 „Ein Billet, ein Billet, amico!“ rief der Cicerone, indem er mit der flachen Hand auf den Tiſch des Kaſſirers ſchlug. „Ein Billet!“ erwiederte dieſer,—„ein Billät zu dieſer Stunde! Du wirſt morgen wiederkommen, mein Junge, nämlich bei Tagesanbruch, wenn Du eins für den nächſten Frelnd, Al⸗ les iſt verkauft, ich habe auch nicht ein einzices mhr übrig.“ — „Es ſind keine Billets mehr da,“ ſagte der Cicerone zu dem jungen Manne. „Ah! und dennoch muß ich hinein,“ rief der letztere in gutem Franzöſiſch. „Es ſind aber keine Billets mehr da,“ wiederholte der Cicerone. „Nun dann führe mich hinter die Couliſſen. Denn ich muß das Stück ſehen! Hörſt Du, Dummkopf, ich muß Alles ſehen!“ „Was wollen Sie, mein Herr? Meſtre Paſtrini würde Sie nach Wunſch bedient haben, aber das, was Sie da verlangen, iſt geradezu unmöglich. Indeſſen, ich werde Ihnen das Gebäude zeigen und Ihnen die Architektur er⸗ klären. Kommen Sie mit.“ „Geh zum Teufel mit Deiner Manie des Zeigens und Erklärens! Ich ſage Dir, daß ich der Vorſtellung durch⸗ aus beiwohnen, daß ich Alles ſehen muß, was in dem Stücke vorgeht und Du ſprichſt davon, mir Mauern, Wandge⸗ mälde und Säulen zu zeigen. Du biſt närriſch!“ „Mein Herr, das Argentino iſt ein prachtvolles Ge⸗ bäude,“ entgegnete der unermüdliche Cicerone.„Uebrigens, da einmal keine Billets mehr zu haben ſind, ſo wird es gerathen ſein, die Zeit zum Beſchauen Deſſen zu verwen⸗ den, was es eben noch außerdem giebt. Kommen Sie da⸗ her, mein Herr, und Sie ſollen bald eins der ſchönſten Gebäude in dieſem Genre, wenn es nicht wirklich das ſchönſte iſt, in allen ſeinen Detgils kennen lernen!“ „Daß Dich die Peſt erſticke! wir wollen hinter die Couliſſen!“ rief der junge Mann, indem er den Cicerone ungeduldig am Arme ſchüttelte. „Aber Sie werden nicht hineinkommen!“ „Sage nur, daß ich Fremder bin und daß ich Alles ſehen will. Haſt Du mir nicht geſagt, daß wenn ein Frem⸗ der nach Rom kommt, es geſchieht, um Alles zu ſehen, was es in dieſer großen Stadt Schönes giebt?“ —— e auf den Fremden, der ebenfalls keine einzige ſeiner Bewe⸗ — 65— „Per la madonna! Ja!“ rief der Cicerone,„aber die Couliſſen und die Maſchinerien des Argentino werden am Tage gezeigt und nicht des Abends wenn Vorſtellung iſt.“ „Du biſt in der That ein zu ſchwerfälliger Kauz. Führe mich an die Thüre, und ich werde mit dem Portier ſprechen — ich muß hinein, und ich werde hineinkommen!“ Mit dieſen Worten bemächtigte er ſich des Armes des Cicerone, der ſich ſofort auf den Abſätzen herumdrehete und indem er die Arme bald ausſtreckte, bald wieder zurückzog, ſo ungefähr wie es die Schwimmer machen, ſich mitten durch die Menge Bahn zu brechen wußte. Einige Augenblicke darauf gelangte er mit dem Frem⸗ den an die Thüre des auf die Bühne führenden beſonderen Einganges. Wer da!“ rief der Portier, indem er ſich raſch Lor den Cicerone ſtellte, um ihm den Weg zu verſperren. „O,“ rief der Fremde, der ganz bleich geworden war, als er das runde, rothe Geſicht des dicken Portiers ſah, welches durch den lebhaften Schein einer dicht neben ihm angebrachten Lampe erleuchtet war. Der Cicerone flüſterte dem Cerberus geheimnißvoll ein Wort in's Ohr. „Unmöglich, mio caro, unmöglich,“ antwortete der Por⸗ tier.„Es iſt durchaus verboten, Jemandem Zutritt auf die Bühne zu geſtatten. Der Befehl iſt ganz beſtimmt und heute mehr als je— außerordentliche Vorſtellung, zwei Debüts!“ Der Portier zwinkerte mit den Angen und ſich hinter dem Ohr; dann fuhr er fort: „Der Herr brennt wohl vor Ungeduld zineinl men? Er würde ſonſt etwas darum geben, nicht wahr?“ ſetzte er mit verſchmitzter Miene hinzu.„Ich kenne nur ein Vittel. Man müßte die ſpezielle Erlaubniß des Herrn Di⸗ rectors nachſuchen. Ich will einmal ſehen.“ Indem der Portier dies ſagte, richtete er ſeinen Blick gungen aus den Augen verloren hatte, prallte einen Schritt zurück und rief ganz verblüfft: „Wie, wäre es möglich?“ „Sie ſehen, daß ich nicht weniger erſtaunt bin als Sie, mein Herr,“ ſagte der Fremde,„und ich möchte faſt glau⸗ ben, daß die Luft Roms ganz außerordentliche Metamor⸗ phoſen zu Tage fördert!“ „Und ich war in dieſem Augenblicke ſogar überzeugt, daß ich, ohne mich zu täuſchen, an Ihren Namen den Na⸗ men des beklagenswerthen Ilus hätte knüpfen können; in dem übrigens, wie Sie ſelbſt geſtehen, ziemlich gut gegrün⸗ deten Glauben, daß Sie, durch die kräftige Fauſt eines neuen Ulhſſes erlegt, auf dem Platze geblieben wären.“ „Das Wahre an der Sache iſt, daß ich faſt ſo gehan⸗ delt habe wie der arme Bettler, indem ich Anſprüche a die Hand Ihre Penelope erhob,“ antwortete der Freind „Jedoch was wollen Sie? Eine geheimnißvolle Diana, ein wohlwollender Aesculap haben ſich meiner erinnert und in Folge ihrer Vermittelung iſt der Sturm ber meinem Haupt hinweggegangen.“ Während dieſes Geſprächs ſah der Cicerone mit er⸗ ſtauntem Blicke die beiden Sprecher den einen nach dem an⸗ dern an, ohne den Sinn ihrer Worte zu begreifen, obſchon er an ihren Geberden errieth, daß der Gegenſtand ihres Geſprächs von der größten Wichtigkeit ſein mußte. Der Fremde bemerkte dies. „Wohlan, mein Herr,“ ſagte er, indem er fortfuhr, zu dem Portier des Theaters zu ſprechen,„es iſt hier nicht der Ort um dieſe Frage zu erörtern.“ „Sie haben Recht, ich werde Sie in meine Sz führen und Ihnen beweiſen, daß ich die Vergangenheit zu vergeſſen weiß. Treten Sie ein.“ Der junge Mann verabſchiedete den Cicerone und trat in das kleine Cabinet des Portiers. „Aber wirklich, Herr Baron! Das iſt ſehr ſonderbar.“ 2 3 ² „Um Gotteswillen, Signor Andrea Cavalcanti, wollen Sie mich compromittiren? Sehen Sie nicht, daß ich mei⸗ nen Titel in die Taſche geſteckt habe?“ „Ich glaubte, Sie ſpielten vielleicht hier auch Komö⸗ die, wie ein gewiſſes Mitglied Ihrer Familie.“ „Ah, das wäre ein ſehr ſonderbarer Einfall von mir!“ „Erzählen Sie mir denn, was Ihnen begegnet iſt, mein lieber Herr von Danglars.“ „Schweigen Sie! Ich heiße hier nicht Danglars! Der Portier des Theaters Argentino kann und darf niemals Danglars heißen. Aber, ſagen Sie mir, wie zum Teufel ſind Sie denn ſ entronnen, die S 3 „Auf die proſaiſchſte Weiſe von der Welt. Offen ge⸗ anden, mein Leben iſt bis auf den heutigen Tag weiter chts geweſen, als eine ſeltſame Verkettung von Fluchter und merkwürdig gen Vermittelungen. Aber Ihre Flucht, S Baron— „Verfluchte Gewohnheit!“ rief Danglars, indem er dunkelroth ward und ſich den Schweiß abtrocknete, der ih von der Stirn floß. „Entſchuldigen Sie, Herr von Danglars.“ „Ach, das iſt ja noch ſchlimmer!“ „Nun, wie wollen Sie denn, daß ich Sie nenne?“ „Was weiß ich? Nennen Sie mich eine Sache, ein Nichts; wenn man atm iſt, ſo hat man keinen Namen mehr.“ „Sie ſi ſind alſo ruinirt?“ „Vom Kopf bis zum Fuße; bis auf die letzte Cen⸗ time,“ murmelte Danglars in traurigem Tonez„hätte ich nicht noch dieſes kleine Amt bekommen, ſo wärr ich Hun⸗ 3 gers geſtorben! Ja, Hungers!“ wiederholte er mit Bit⸗ terkeit. Ihnen einflößt, ſo weit ginge? O,“ fuhr Benedetto fort ter aus, von welchem der arme Portier des Theaters A⸗ „Ach, das wäre ja ein ſchrecklicher Tod für einen ſo vornehmen Baron! Und wer hat Sie denn in eine ſo äu⸗ ßerſt bedrängte Lage verſetzt?“ 5„Wer?“ hob Danglars wieder an, und ward ſo weiß wie ein Schweißtuch.„Wer? Ein Menſch, der durch die Macht eines unwiderſtehlichen Willens aus den Eingeweiden des Meeres oder der Erde aufgetaucht zu ſein ſchien, um den Traum meines Glücks zu vernichten.“ Benedetto zuckte unwillkührlich zuſammen, als er dieſe Worte Danglars hörte. „Und wie hieß dieſer Menſch?“ fragte er. „O,“ entgegnete der Baron Danglars, indem ſcheu umſah,„es iſt ſchon lange her, daß ich dieſen lichen Namen nicht mehr ausſpreche, aus Furcht, ſein drohendes Bild aus dem Schatten oder aus der Wa hervorſpringen könne, um mich zu quälen.“ „Wie? wäre es möglich, daß der Schrecken, de —————— „wie ſchwach und kleinmüthig ſind doch die Menſchen.“ „Unſinniger,“ rief Danglars,„wenn 5 ihn kennten, ſo würden Sie entſetzt vor ſeiner geheimnißbollen Nähe zu⸗ rückbeben! Wiſſen Sie vielleicht zufällig, wer der Graf von Monte⸗Chriſto iſt, oder wo er hergekommen iſt?“ Benedetto brach in ein gellendes, verächtliches Geläch⸗„ 3— genino nicht wußte, was er denken ſollte. 6 ₰ch habe einen heiligen Kampf mit ihm, eine Blut⸗ ſchuld und die Hand des Todten iſt geöfſnet, um den Preis dieſer Schuld zu empfangen.“ Danglars machte große Augen, ohneſhen Sinm dieſer 3 Worte zu begreifen, die ihm gleichwohl ein furchtbares Ge⸗ 6 ſe heimniß zu enthalten ſchienen. „Ich verſtehe Sie nicht,“ murmelte er. „Es iſt ganz einfach. Aus welchem Grunde zittern 31 — —— omint, als ob Sie nicht ganz recht bei Verſtande wären?“ —*6— Sie, wenn Sie den von dem Edmund Dantes angenommenen Namen ausſprechen?“ „Ha, woher wiſſen Sie?“ „Das iſt mein Geheimniß. Jetzt antworten Sie mir.“ „Es iſt hier nicht der Ort, Ihnen das mi was ich Ihnen zu erzählen habe. Wenn Sie e len, ſo will ich Sie morgen aufſuchen, und dann können wir ſprechen. Wo wohnen Sie?“ 6 „In dem Hotel des Meſtre Paſtrini.“ „Ah, ich weiß wo dies iſt.“ „Sehr gut. Wenn Sie mitklerweile vielleicht Geld iyfen, ſo bedienen Sie ſich meiner Börſe.“ Was ſoll das heißen? Fahren Sie vielleicht zufällig n Prinzen von Cavalcanti zu ſpielen? oder werden noch von dem Grafen von Monte⸗Chriſto begünſtigt? V ſetzung, die ich übrigens jedoch für ge⸗ würde ich ſehr unrecht thun, wenn ich auf t Ihnen ſpräche.“ igen Sie ſich, mein Herr, es iſt nichts; habe nen nicht eben geſagt, daß ich mit Edmund Dantes Blutſchuld abzumachen habe? Ich bin nicht der von Cavalcanti, ich bin ein Dieb, ein Fälſcher, ein Mörder, ein Bandit ohne Namen, ohne Vaterland und ott.“ „Ah, was ſagen Sie da?“ rief Danglars erſchrocken, er ſich mechaniſch die Taſchen zuhielt und eine Rück⸗ ig machte, wie um ſich gegen einen Meſſerſtich zu Und wohin denken Sie denn zu kommen, wenn Sie er weiter gehen, wie der ewige Jude?“ et durch die Hand eines Todten, der noch in Wuth und Zorn zittert, werde ich bis es gelangen.“ Andrea, wiſſen Sie, daß es mir vor⸗ ſeinem Gra zu Edmund „Aber, — 74— „Das iſt ſehr ſchmeichelhaft, mein Lieber. Laſſen Sie mich jedoch nun hinaufgehen, und glauben Sie mir, daß ich Ihnen zur Wiedererlangung Ihres Vermögens ſehr be⸗ hilflich ſein kann. Ich kann es Ihnen dreifach wieder ver⸗ ſchaffen, wenn Sie wollen.“ „Ja wohl! Doch mun laſſen Sie mich hinauf, denn ich muß mich überzeugen, ob die beiden heute Abend auftreten⸗ den Sängerinnen auch die ſind, die ich mir denke.“ 1 „Ah— die beiden Armilly?“ „Wenn ich mich nicht irre, ſo war dies der Name der Erzieherin Ihrer Tochter Eugenie.“ „Das iſt wahr, aber was wollen Sie damit ſa „Ihre Tochter beſaß eine ganz beſondere Paſ das Theater und die Muſik, und ich glaube ganz daß Mademoiſelle Eugenie jetzt in dem 2 i mit Ihnen ſpreche, vor Ninus' Schatten zitter „O, es iſt noch zu ʒitig. Die Vorſtellu egonnen.“ „Das genügt. Das, was Sie mir ſo eben ben, beſtätigt mich in meinen Vermuthungen in Bez die beiden Armillh, und ich wünſche Ihnen aufrichtig mein Herr, zu dem Intereſſe, welches Ihre Tochter an dem Wiederaufbau des Vermögens nimmt, das man ihn geſtohlen.“ 8 Danglars ſeufzte. S„Mittlerweile, Herr von Danglars, hoffe ich, unſer Rendezvous nicht vergeſſen werden— Hotel des Paſtrini, Via del Corſo.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Benedetto den armen Portier ganz verwundert und in der f ten zeugung zurück, daß er durch ihn, in Bezug auf Edmund Dantes, Dinge von der höchſten Wichtigkeit erfahren würde. 1 — S — S —,— denn ich will mich ſo von dem Geiſt meiner Rolle durch⸗ dringen laſſen, daß ich Alles vergeſſen werde, was nicht Semiramis iſt. Es wird mir dies um ſo leichter ſein, als Siebentes Kapitel. Die Gucklöcher des Vorhangs. Wihrend dies in der kleinen Loge des Portiers vor⸗ ging, bereiteten ſich die beiden Freundinnen Armillh auf ihr Debut vor, und ſchritten Arm in Arm auf der Bühne hin und her. „Ich glaube, es muß eine ungeheure Maſſe Zuſchauer da ſein,“ murmelte Louiſe.„Bald, bald wird dieſer Vor⸗ hang aufgehen, und bald werden wir uns allen dieſen Neu⸗ gierigen gegenüber ſehen, der Zielpunkt aller Blicke.“ „Du haſt Recht, Louiſe; ich bin auch wie Du, ich empfinde ein leichtes Fröſteln, ich habe Furcht. Dieſer Au⸗ genblick iſt ſtets ein ſchwerer. Dennoch habe ich die feſte Uoberzeugung, daß der Muth mir nicht untren werden wirt Arſaces ja Niemand anders iſt als meine Louiſe— Du wirſt meine Freundin ſein, mein Schutzengel, wir werden uns wechſelſeitig ſchützen und aufrecht erhalten. Aber ſage mir, da ich jetzt gerade daran denke, erinnerſt Du Dich eines ziemlich ſonderbaren Umſtandes, der ſich mehrmals wiederholt hat? Haſt Du nicht an dem erſten Abende, wo wir zur Probe herkamen, einen Menſchen bemerkt, der die Thüre unſerer Loge öffnete, und nachdem er uns kaum er⸗ blickt, einen Schrei ausſtieß und entfloh?“ „Ohne Zweifel. Es fällt mir etwas ein—“ „Dieſer Menſch war der Portier. Am zweiten Abende hörte ich, während ich in der Loge war, ein Zwiegeſpräch mit an, welches mir ſehr intereſſant zu ſein ſchien. Es lautete ungefähr folgendermaßen 4 — 6 „Wenn Mademoiſelle Eugenie aus ihrer Loge kemmt, ſo vergeſſen Sie nicht ihr den Schlüſſel abzuverlangen, im Fall ſie vergeſſen ſollte, Ihnen denſelben zuzuſtellen.“ „Das werde ich nicht thun.“ „Warum nicht?““ „„Ich habe meine Gründe dazu. „„Aber die Schlüſſel ſind Ihnen einmal übergeben, und auf dieſe Weiſe machen Sie ſich einer Pflichtverletzung ſchuldig.“ „Ich will alle Schlüſſel verlangen, die Sie wollen, nur dieſen nicht.“ „„Sie fürchten ſich wohl, mit Mademoiſelle Eugenie von Armillh zu ſprechen?““— „„Entſchuldigen Sie⸗ Die Sache iſt die. Mademoi⸗ ſelle Eugenie hat mich in Paris in einer unendlich beſſern Stellung gekannt, als die, welche ich in Rom einnehme, und es wäre mir nicht lieb, wenn Mademviſelle Eugenie er⸗ 10 „Damit war das Geſpräch zu Ende,“ fuhr Eugenie fort,„und ſeitdem habe ich niemals verfehlt den Schlüſſel an den Portier abzugeben. Wenn ich aber an ſeiner Loge vorbeigehe und ihm den Schlüſſel auf den Tiſch lege, ſo höre ich allemal ein furchtbares Getöſe, als wenn Tiſche und Stühle über einander hinwegſtürzten und welches ſicher⸗ lich von der Eile herrührt, mit welcher dieſer Menſch ſich vor mir verbirgt.“ „Aber ſein Name?“ fragte Louiſe. „O, der iſt ſehr einfach. Er heißt Joſeph. Nichts⸗ deſtoweniger könnte es auch ſein, daß er einen anderen hütte. „Iſt dies nicht vielleicht jener unglückliche Prinz Ca⸗ valcanti, der beinahe Dein Gemahl geworden wäre, wenn man den Betrug nicht plötzlich entdeckt hätte?“ „Welche Idee! Der iſt gegenwärtig wahrſcheinlich als Mörder bereits guillotinirt. Vebrigens ſchien mir der Mann, —.— ie e ge ſo he r⸗ der ſich vor mir verſteckt, weit älter zu ſein, als ich ihn das erſte Mal im Vorbeigehen ſah. Er iſt nicht groß, ſtärker—“ „Wir müſſen auf unſerer Hut ſein, Eugenie. Viel⸗ leicht iſt es ein von Deiner Familie abgeſchickter Spion.“ „O, das glaube ich nicht. Aber ſieh doch, Louiſe, mir iſt es, als kennte ich dieſe Dame, welche in dieſem Augenblicke in die Loge Nr. 4 des erſten Ranges tritt,“ ſagte Eugenie, die durch das Guckloch des Vorhanges einen Blick in den Zuſchauerraum geworfen hatte. „Ach!“ rief Louiſe, indem ſie nach der bezeichneten Loge blickte. „Was iſt?“ fragte Eugenie. „Dieſe Dame,“ fuhr Louiſe, die ganz bleich geworden war, fort,„dieſe Dame iſt— ja, ſie iſt— o mein Gott, vielleicht täuſche ich mich! Gieb mir Deine Lorgnette, Eu⸗ genie!“ Eugenie zog uus ihrer Taſche das Etui, in welchem eine elegante Lorgnette lag, welche ſie ihrer Freundin über⸗ reichte. Louiſe ergriff ſie und richtete ſie ſchnell auf die Loge Nr. 4. „Eugenie, wenn Du wirklich mit unerſchütterlicher See⸗ lenſtärke begabt biſt, ſo bietet ſich hier eine Gelegenheit dar, es unwiderleglich zu beweiſen. Schau ſelbſt hin!“ Eugenie ſchauete hin und prallte wie vom Donner ge⸗ rührt zurück, indem ſie murmelte: „Meine Mutter!“ In der That hatte Eugenie, als ſie das erſte Mal ih⸗ ren Blick auf die Loge fallen ließ, das Geſicht der Frau von Danglars nicht erkannt, weil dieſe eben beſchäftigt ſchien, mit Jemandem zu ſprechen, der, durch den Vorhang verdeckt, ihr zuhörte. Mittlerweile trat dieſe Perſon hervor und Frau von Danglars drehete ſich in dem Augenblicke, wo Louiſe ſie durch die Lorgnette betrachtete„nach der Bühne herum. 78 Jetzt ließ ſich hinter den Couliſſen die Pfeife des Re⸗ giſſeurs vernehmen, um die Schauſpieler aufzufordern, ſich bereit zu halten. „Hörſt Du, Louiſe?“ ſagte Eugenie.„Gehen wir in unſere Loge und wenn auf meinen Schultern der Mantel der Königin der Aſſhrer laſten wird, ſo ſtehe ich Dir dafür, daß außer hier, ſei es in den Logen, ſei es im Parterre, es Niemanden geben wird, der auch nur den kleinſten Platz in meinen Gedanken einnimmt!“ Wenn in dieſem Augenblicke der Vorhang plötzlich auf⸗ gegangen wäre, ſo hätte das Publikum ohne Zweifel mit wahnſinniger Begeiſterung die erhabene Geberde und den begeiſterten Blick Eugeniens beklatſcht, aber der Augenblick war noch nicht da und das Publikum, welches vielleicht die Nähe des Genie's ahnte, das ſich hier offenbaren ſollte, ließ jenes verworrene und doch feierliche Murmeln hören, wel⸗ ches allemal die Erwartung eines großen Ereigniſſes beglei⸗ et, welches nahe daran iſt, ans Licht zu treten, und alle von tauſend verſchiedenen Gefuhlen, welche menſchliche Worte nicht ausſprechen können, bewegte Gemüther in Spannung erhält. Dieſes Murmeln, mit dem der Meereswellen ver⸗ gleichbar, erſtarb zu den Füßen der beiden Freundinnen, wie um ihnen die Nähe ihres Triumphes oder ihres Ruines zu verkünden. Eugenie faßte die zitternde Hand Louiſens und zog ſie ſchnell mit ſich fort nach der Loge, deren Thüre ſich hinter ihnen ſchloß. „Wohlan, Louiſe,“ ſagte ſie, indem ſie ihr das Kleid ablegen half,„jetzt iſt nicht mehr Zeit zu zittern. Denke an nichts weiter, als daß von dieſem Abende das Glück und die Zukunft unſerer ganzen no hängen.“ ch übrigen Lebensbahn ab⸗ Eugenie gab das Beiſpiel des Muthes mit. ſo viel na⸗ türlicher Kaltblütigkeit, daß Louiſe ebenfalls ihre Geiſtesge⸗ genwart ſo ziemlich wieder gewann. Ueberdies fand ſie auch 1 gi be eir he einen Grund der Beruhigung und Ermuthigung in den italieniſchen Sitten, welche die edle dramatiſche Laufbahn nicht verdammen und die nicht, wie faſt in dem ganzen übrigen Europa, mit einem gewiſſen ſocialen Bann Alles belegen, was in näherer oder entfernterer Beziehung zu dem Theater ſteht. — Da ſie den Stolz und die Eitelkeit der mit den größ⸗ ten Namen verwandten und aus einer vornehmen Familie abſtammenden Baroneſſe Danglars kannte, ſo verhehlte ſie ſich nicht, wie unangenehm ihr das Erſcheinen Eugeniens in der Rolle der Semiramis auf dem Theater ſein würde. Auch erbleichte ſie unwillkürlich, wenn ſie an den Fluch dachte, den die Baroneſſe ihr zuſchleudern würde, weil ſie e ſicherlich nicht verfehlte, ihr die Schuld an dem Entſchluß ihrer Tochter beizumeſſen, an deren Herzen ſich jene Flam⸗ me entzündet, die ſie verzehrte und die ſie bewogen hatte, 5 das väterliche Dach zu fliehen, um ſich den Wechſelfällen e einer Erxiſtenz Preis zu geben, die allerdings zuweilen glän⸗ e zend, meiſtentheils aber eine ſehr gewagte iſt. 8 Obſchon in Italien die dramatiſche Laufbahn zu den 5 geehrteſten gehört und man dort dem Genie, welches die , Bühne durch ſeine Blitze erhellt, ſogar eine Art ECultus er⸗ 8 weiſt, ſo hätte die Baroneſſe Danglars, die Abkömmlin⸗ ₰ gin der Servidres, gewiß Keinem verziehen, der zu ihrer Tochter geſagt hätte:„Eugenie, Du verabſcheueſt das Le⸗ er bben von Paris; Du liebſt die Unabhängigkeit, Du biſt eine leidenſchaftliche Verehrerin der Muſik, laß uns fortge⸗ id hen und Schauſpielerinnen werden.“ ke Jedoch, der Rubikon war nun einmal überſchritten. id Eugenie und Louiſe ſchloſſen einander feſt in die Ar⸗ b⸗ me, als ob ſie ſchon zeigen wollten, wie ſie ſich auf der Bühne umarmen ſollten und in demſelben Augenblicke ertönte 3 F wieder die Pfeife des Regiſſeurs und gab das zweite Sig⸗ e⸗ nal, welches die Künſtler in die Couliſſen rief. Einige Augenblicke ſpäter ging der Vorhang auf. Eu⸗ 2 1 genie trat mit der ganzen Arroganz und der characteriſti⸗ ſchen Majeſtät der königlichen Bacchantin auf, welche ſie vorſtellte. Ihre helle, klare und ſtarke Stimme feſſelte gleich mit dem erſten Tone die Aufmerkſamkeit der Kunſtfreunde. Wit dem Ende ihrer erſten großen Arie begann ihr Triumph. NWittlerweile herrſchte in der Loge Nr. 4 eine unbeſchreibliche Bewegung. Eine Lorgnette war unaufhörlich auf Eugenien's Ge⸗ ſicht gerichtet und von Minute zu Minute ſchien die Hand, welche ſie vor die Augen hielt, immer mehr zu zittern und ihr eine krampfhafte Bewegung mitzutheilen. Die Baro⸗ neſſe Danglars wiſchte ſich ihr bleiches Geſicht unaufhörlich mit ihrem feinen Batiſttuche. Bald zog ſie ſich mit plötzli⸗ cher Bewegung in das Innere der Loge zurück, bald neigte ſie ſich wie durch eine unſichtbare Hand gedrängt vorwärts, mit langgedehntem Hals und den Blick auf die edle, maje⸗ ſtätiſche und ſchöne Geſtalt der neuen Semiramis heftend. Als ſpäter der Belustempel leer war und der tapfere Schthe erſchien, zitterte der Arm der Bargoneſſe noch ſtär⸗ ker, denn ſie erkannte mit aller nur möglichen Beſtimmt⸗ heit, daß die leidenſchaftlichen und wehmüthigen Züge des Arſaces keine anderen als die der Lehrerin ihrer Tochter Eugenie waren. Es blieb kein Zweifel mehr übrig. Die edle Barvnin ſah ſich genöthigt, in der Perſon der Semiramis ihre Toch⸗ ter zu erkennen und dieſe Marter dauerte ſo lange als die ches ſie verzehrte, auf den Wangen, fühlte ſie bald einen je⸗ ner Rervenzufälle, welche faſt immer die Folge eines gro⸗ ßen moraliſchen Druckes ſind. Sie dachte unwillkürlich daran, daß, um das Maß der Demüthigung vollzumachen, nun weiter nichts mehr fehlte, als noch denſelben Abend ihren Gemahl Ballet ein ſchwieriges Pas ausführen zu ſehen. Zwanzigmal dachte ſie daran, ſich zu entfernen em WVorſtellung ſelbſt. Mit dem Feuer der Entrüſtung, wel⸗ ſti⸗ ſie ich de. ph. che Be⸗ nd, ind ro lich tzli⸗ igte rts, aje⸗ end. fere tär⸗ mt⸗ des hter onin och⸗ die wel⸗ i gro⸗ Maß Die Todtenhand. 1. Band. — eine unwiderſtehliche Gewalt ſchien ſie keuchend und wie an⸗ genagelt auf ihrem Seſſel feſtzuhalten. So kam es, daß ſie, von der Gewalt einer grauſamen und verhängnißvollen Neugier gefeſſelt, bis ans Ende der Oper ausharrte. Endlich fuhr Arſaces Dolch in den zuckenden Buſen der üppigen Semiramis, welche mit dem Tode ringend zu den Füßen ihres Sohnes niederſank. Nun ſtieß die Baro⸗ neſſe einen leichten Schrei aus. Es fehlte ihr in der That, um ihr Märthrerthum vollſtändig zu machen, an weiter nichts, als ihre Tochter mit dem Geſicht auf den Bretern eines Theaters vor dem ganzen Volke daliegen zu ſehen. Die Bravorufe aber und das Beifallsklatſchen dieſes Volkes übertäubten den Schrei der Baroneſſe, welche ſchnell ihre Loge verließ; gedemüthigt, Wuth im Herzen und zor⸗ nig gegen ſich ſelbſt, daß ſie auf dieſe Weiſe aus der Cha⸗ rhbdis in die Schlla gerathen war. „O,“ murmelte ſie, als ſie in ihren Wagen ſtieg,„ein Dämon hat geſchworen, mich zu erniedrigen, mich überall zu demüthigen. In Paris Mutter eines elenden Banditen, den die Strenge des Geſetzes verfolgt, ſehe ich in Rom meine Tochter, in deren Adern das Blut der Serbiöres rollt, für eine elende Hand voll Gold erkauft, dem Thea⸗ terpublikum zum Ergötzen und zur Beluſtigung dienen. Und wer weiß in welcher anderen Stadt ich meinen Gemahl hinter dem Wagen irgend eines reich gewordenen gemeinen Menſchen begegne!“ Und überſtrömten die ariſtokratiſchen Wan⸗ gen der ſo Wzen, ſo hochmüthigen Edeldame. Was die beiden Freundinnen betraf, ſo erregten ſie einen Enthuſiasmus, der an Wahnſinn grenzte, und am folgenden Tage erhielten ſie aus den Händen des Directors zwei prachtvolle Becher von ciſelirtem Silber, die als Mei⸗ ſterwerke geſchmackvoller kunſtreicher Arbeit betrachtet wer⸗ den konnten.. 3 Achtes Kapitel. Zwei Menſchen ohne Namen. Nachdem der Portier des Theaters Argentino über die Vortheile nachgedacht, welche aus der Begegnung eines ſolchen Menſchen, wie Benedetto, für ihn hervorgehen könn⸗ ten, ſchickte er ſich an, das Hotel des Meſtre Paſtrini in der Abſicht aufzuſuchen, zu dem ſtets im Auge behalte⸗ nen Zweck, ſein Vermögen per fas et nefas wieder herzuſtel⸗ len, die Hilfsquellen dieſes unerſchrockenen, abenteuerlichen, tühnen Geiſtes zu benutzen, der von den Menſchen Nichts zu fürchten ſchien, da er mit einer Frechheit ohne Gleichen ſich ſelbſt als Dieb, Fälſcher und Mörder zu erkennen ge⸗ geben. Er begab ſich daher mit feſtem Schritte und Hoffnung im Herzen zu Benedetto, den er Andrea nannte. Benedetto war wirklich in dem berühmten Gaſthaus des Meſtre Paſtrini eingekehrt. Nachdem er gefrühſtückt,. ließ er den verſchmitzten Eigenthümer des Etabliſſements rufen. „Was befehlen Sie, Excellenz,“ ſagte Meſtre Peſtrini ₰ indem er höflich ſeine wollene Mütze abh und eine tiefe Verbeugung machte. Benedetto ſchwieg eine oder zwei Minuten, ehe er ihn anredete. Dann warf er das Zeitungsblatt, in welchem er zu leſen ſchien, beiſeite und maß den Italiener mit je 1 nem düſtern Blick, welcher der unterſcheidende Kennzug je⸗ ner Verworfenen iſt, auf deren Stirn das Gepräge ihres Verhängniſſes gedrückt zu ſein ſcheint. „Meſtre Paſtrini,“ ſagte er,„ich bin mit ticer Zim⸗ mer nicht zufrieden.“ „Blut Chriſti!“ rief der Italiener.„Und u denn nicht, Excellenz?“ ———„—— es n⸗ e⸗ l⸗ 18 kt, ts i, fe hn m e⸗ ie⸗ „Warum nicht? Sie wollen wiſſen, warum nicht, Meſtre Paſtrini? Weil ich hier nicht ruhig ſchlafen kann.“ Der Italiener ward unruhig. Benedetto fuhr fort:„Wer wohnt unter dieſem Zimmer?“ „Ach, ein junger kränklicher Menſch, der, wie mir ſein Diener geſagt hat, blos reiſt, um ſich einer tödtli⸗ chen Apathie zu erwehren, mit welcher er behaftet iſt. Ich verſichere Ihnen, daß es ein ganz achtungswerther jun⸗ ger Mann iſt, obſchon ich den Ton ſeiner Stimme noch nicht kenne. Er iſt ſchon ſeit einem Monat in Rom, hat aber das Haus erſt zwei oder drei Mal verlöſſen und trägt dann allemal Sorge, zu früher Stunde wieder da zu ſein.“ „Und ich, ich ſage Ihnen, daß Sie lügen! Hören Sie wohl, Meſtre Paſtrini? Sie lügen!“ „Ich, Exeellenz?“ entgegnete der Gaſtwirth, indem er ſich bemühete, die naivſte Unſchuld zu heucheln. „Ach, verſtellen Sie ſich nur nicht; mir machen Sie Nichts weiß. Ihr junger kränklicher Mann, der blos reiſt, um ſich einer tödtlichen Apathie zu erwehren, iſt erſt ge⸗ ſtern um ein Uhr Nachts nach Hauſe gekommen. Und das iſt nicht Alles. Er hak geſchrieen, geweint, geraſt. Bis um zwei Uhr hat er ſich in einen Strom von Ver⸗ wünſchungen und Läſterungen ergoſſen, ohne ſich um ſeine Rachbarn mehr zu bekümmern, als ob ſie gar nicht exiſtirten.“ „Wirklich?“ „Schweigen Sie! Dann iſt er abermals ausgegangen, und als er wiederkam, war es vier Uhr Morgens.“ „Ganz richtig, Excellenz,“ antwortete Meſtre Paſtrini mit etwas mehr Dreiſtigkeit.„Ich habe dies Alles auch bemerkt, aber vz wollen Sie? Ich glaube, daß er von Zeit zu Zeit gewiſſen Nervenzufällen unterworfen iſt, we⸗ gen welcher die Aerzte ihm befohlen haben, dann allemal ſofort ſein Zimmer zu verlaſſen, möge es zu irgend einer Stunde des Tages oder der Nacht ſein. S Zweifel iſt — dies der Grund, weshalb er Sie in der vergangenen Nocht ſo incommodirt hat Beruhigen Sie ſich, Excellenz, ſein Lakai hat mir geſagt, daß dieſe Anfälle nur ein Mal jähr⸗ lich wiederkehren.“ Benedetto lächelte ſpöttiſch und warf Meſtre Paſtrini einen ungläubigen Blick zu. „Ich traue dieſen Anfällen durchaus nicht und bin überzeugt, daß Ihr junger kränklicher Menſch ein Indivi⸗ duum iſt, welches viel eher andere anfällt, als ſelbſt an⸗ gefallen wird. Nehmen Sie ſich in Acht, Meſtre Paſtrini. Es iſt erſt ganz kürzlich ein furchtbarer Menſch aus Frank⸗ reich entflohen, der den wahren Teufel ſpielt, verführt, mordet, ſtiehlt und Jungfrauen, Greiſe, Kinder, Kirchen und Gräber ſchändet.“ „per la Madonna! was ſagen Sie, Execellenz?“ rief Meſtre Paſtrini, indem er die Augen weit aufriß.„Aber dieſer Menſch muß doch ungeheuer reich ſein?“ „Man ſagt allerdings, er beſitze Villionen und halte ſie an einem unbekannten Orte verborgen, wo kein Sonnen⸗ ſtrahl hindringt und der von einem ungeſunden, peſtilenzia⸗ liſchen Waſſer umgeben iſt.“ „Aber, Excellenz, Ihr Nachbar da unten ſcheint höch⸗ ſtens zwanzig bis zweiundzwanzig Jahre alt zu ſein und überdies iſt er ſo klein und ſchwächlich, daß, wenn Sie ihn nur ein einziges Mal ſähen, all Ihr Argwohn bald verſchwinden würde.“ „Klein, ſchwächlich und gelb?“ „Gelb gerade nicht, aber außerordentlich blaß.“ Benedetto ſtand auf und ging mit unruhigen Schrit⸗ ten auf und ab, indem er ſich mit den Händen in dem Haar herumfuhr und geräuſchvoll athmete, als ob er an furchtbarer Hitze litte. „O, ich ſehe wohl. Es iſt durchaus nothwendig, daß ich Ihr Haus verlaſſe, Meſtre Paſtrini.“ 8 n — ch⸗ nd ie ald rit⸗ em an daß 85 „Und warum denn, Excellenz? Was fehlt Ihnen? Wit⸗ den Sie nicht mit aller Sorgfalt, mit aller Rückſicht be⸗ dient?“ „Dummkopf! Ich rede mir faſt die Zunge ab, um Ihnen zu ſagen, daß Ihr Gaſt in der erſten Etage mich incommodirt, mich genirt, und dennoch begreifen Sie nicht, was ich ſage. Sie haben Ohren und hören nicht. Sie haben Augen und ſehen nicht.“ „Aber, was giebt es denn? Excellenz, was wollen Sie ſagen?“ fragte Meſtre Paſtrini, welcher nun begann Benedetto's Bemerkungen ein aufmerkſameres Ohr zu leihen. „Wohlan, ich will Ihnen Alles erklären. Es giebt auf der Welt ein Weſen, welches kommt, Riemand weiß woher, noch weſſen Sohn es iſt, ein Weſen, welches, wie viele Leute glauben, durch die der Wirkung der Sonne ausgeſetzten Gährungen der Citrone erzeugt und hervorge⸗ bracht worden iſt, auf dieſelbe Weiſe, wie nach der Be⸗ hauptung der Materialiſten, der erſte Menſch geſchaffen wurde. Der, von welchem ich jetzt mit Ihnen ſpreche, und welcher in einer Grotte, ähnlich der von Cumä, die Kunſt ſtudirt hat, die Zukunft zu errathen und den Men⸗ ſchen zu ſchaden, hat auch das Geheimniß aufgefunden, ſeine Haut zu wechſeln, wie die Schlangen, um ſeine Zwecke deſto beſſer zu erreichen. Ich wundere mich darüber nicht, da, wie man behauptet, die Chemie eine wunderbare Wiſ⸗ ſenſchaft iſt. Auf dieſe Weiſe erſcheint dieſer Uebelthäter unter verſchiedenen Geſtalten je nach dem Lande, in wel⸗ chem er ſich befindet, und den Menſchen, mit welchen er in Berührung kommt. Zuweilen iſt er ein alter unter der Laſt der Jahre niedergebeugter Abbé und murmelt fromme Worte in das Ohr deſſen, den er in Verſuchung führen will. Andere Male iſt er ein extentriſcher phlegmatiſcher Lord der an ſeinen Ideen hält und halsſtarrig iſt wie ein thier. Zu noch anderen Zeiten nennt er ſich Gr räſentirt ſich als den vollkommenſten und rei —— — lier der Welt. Dieſer Mann iſt allgemein unter dem Na⸗ men des Grafen von Monte⸗Chriſto bekannt.“ „Ha!“ rief Meſtre Paſtrini indem er zuſammenfuhr und die Farbe wechſelte. „Was ſoll das heißen? Haben Sie ihn vielleicht ſchon geſehen?“ fragte Benedetto. „Fahren Sie fort, Excellenz, fahren Sie fort.“ „Sehr gern. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß der Dieb, der Fälſcher, der Tempelſchänder, der Meuchelmör⸗ der, ſich Graf von Monte-Chriſto nennt,“ fuhr Benedetto fort, ohne die Augen von Meſtre Paſtrini abzuwenden, deſſen Züge den Kampf verriethen, der in Folge der auf⸗ fülligen Aehnlichkeiten, welche dieſe Mittheilung mit gewiſ⸗ ſen Ereigniſſen der Vergangenheit hatte, in ſeinem Innern vorging.„Dieſer Menſch, welcher ſich wegen der Unermeß⸗ lichkeit ſeiner Reichthümer und der Macht, die ſie ihm ga⸗ ben, höher ſchätzte, als andere Menſchen, hat Alles und Alle mißbraucht und wird gegenwärtig durch die Geſetze der irdiſchen Gerechtigkeit verfolgt. Er hat kürzlich in Paris den Namen Benedetto angenommen und ſich ſpäter den Prinzen Andrea von Cavalcanti titulirt. Er iſt aus dem Gefängniſſe entflohen, nachdem er ſeinen Schließer er⸗ mordet, dann iſt er auf einen Kirchhof, den des Pere La- chaise, gegangen, wo er, nachdem er den Wächter ge⸗ täuſcht, das Grabmal einer edlen Familie entweiht und mehrere Juwelen geſtohlen hat, mit welchen die Leichen ge⸗ ſchmückt waren. Endlich hat er die Geſtalt, das heißt, den Namen gewechſelt, iſt aus Frankreich entflohen, und hat aller Wahrſcheinlichkeit ſeinen Weg nach Italien genommen, wo er, wie man von allen Seiten verſichert, geheime und entſetzliche Verbindungen unterhält.“ WMeeſtre Paſtrini war wie vom Donner gerührt, denn er hatte früher einmal ein Individuum beherbergt, welches ſich Graf von Monte⸗Chriſto nannte. Dennoch wagte einige Fragen zu thun und ſagte: 5. trachtungen anſtellte, ging Benedetto in ſeinem Si uf — „Aber, Exeellenz, ein ſolcher Schwarzkünſtler ſollte überall verfolgt werden.“ „Ich hoffe, daß ſeine ganze ſchwarze Kunſt ihm nichts nützen, und daß man ihn doch wieder erkennen wird. Es giebt über ganz Europa zerſtreute von der franzöſiſchen Regierung bezahlte Individuen, die wohl im Stande ſein werden, ihn von der Höhe ſeines herabzu⸗ ſtürzen.“ Während Benedetto dies ſagte, machte er eine bedeut⸗ ſame Geberde, als ob er hätte hinzufügen wollen.„Und ich bin auch eins dieſer Individuen.“ „Alſo Meſtre Paſtrini,“ fuhr er fort,„nehmen Sie meinen Rath an; bemühen Sie ſich, zu erfahren, wer Ihr Gaſt in der erſten Etage iſt, und ſeien Sie wachſam und klug. Jetzt können Sie wieder gehen.“ Der Italiener entfernte ſich unruhig und zitternd, in⸗ dem er betheuerte, daß er, noch ehe es Abend würde, Auf⸗ ſchluß über die Geſchichte haben müſſe, die ihm ſo eben in Bezug auf den kranken jungen Mann erzählt worden, der das Zimmer in der erſten Etage gemiethet hatte. „O,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen hindurch,„es ſchien mir wohl, als ob es mit dieſem Grafen von Monte⸗ Chriſto, mit ſeiner griechiſchen Concubine und ſeinem ſchwar⸗ zen Sklaven nicht ganz richtig wäre! Die Kaltblütigkeit, mit welcher er alle Verurtheilten hinrichten ſah— der Ei⸗ fer, mit welchem er converſirte, während ſie ſich in ihrem Todeskampfe krümmten und wimmerten, und beſonders die Unerſchrockenheit, mit welcher er, wie man behauptet, in die Höhle des Luigi Vampa, dieſes tapferen Banditen, hin⸗ abſtieg— Alles dies iſt nicht natürlich. Ach, man ſage, was man wolle— Gottes Gerechtigkeit iſt unendlich voll⸗ kommen, und der Menſch, wie mächtig er auch ſei, kann ihr nicht entrinnen.“ 6 Während Meſtre Paſtrini dieſe philoſophiſchen Be⸗ und ab, rieb ſich die Hände mit der zufriedenſten Miene von der Welt, und ſagte dabei zu ſich ſelbſt: „Na, die Sache geht ja ganz gut, mein Junge. In⸗ dem ich dieſen Mann bei Meſtre Paſtrini anſchwärzte, habe ich einen Meiſterſtreich ausgeführt, denn nun habe ich die Gewißheit, daß binnen Kurzem ganz Rom wiſſen wird, was ich geſagt habe und noch viel Schlimmeres. Uebrigens werde ich erfahren, wer dieſer geheimnißvolle Rachbar iſt, und die Blicke der Juſtiz von mir ablenken, wenn man zu⸗ fällig daran denken ſollte, mich hier zu verfolgen. O ich werde dem Drachen, der Greiſe, Kinder und Jungfrauen gewürgt, um ſeinen entſetzlichen Haß zu befriedigen, die Zähne ausreißen. Edmund Dantes, Edmund Dantes!— Als Du mich unter dem angenommenen Ramen Lord Wil⸗ more aus dem Bagno von Toulon befreiteſt, hätteſt Du einen ehrlichen Menſchen aus mir machen können, aber Du haſt mich mit in Dein hölliſches Drama verwickelt, und mir in dem Augenblicke, wo ich, Dir vertrauend, mich auf dem Gipfel meines Glück's wähnte, die Maske abgeriſſen! — Ha, Du bedurfteſt blos eines Fürſten von Cavalcanti zur Ausführung eines geheimnißvollen Projects, welches Dir allein bekannt war, und warfſt deshalb Dein Auge auf den armen Sträfling von Toulon, der ſtill ergeben ſein Geſchick erfüllte. Verflucht, tauſend Mal verflucht! Unver⸗ ſöhnliche Rache ſoll Dich überall verfolgen. Ja, überall will ich mich an Deine Schritte heften, wie der Henker an ſein Schlachtopfer. Schon lebt in meinem Herzen kein menſchliches Gefühl mehr, welches mich zurückhalten könnte! Ich denke an nichts als an die Worte meines Vaters, die gegen den grauſamen erbarmungsloſen Henker um Rache ſchrieen, der, nachdem er ſein teufliſches Werk vollführt, ſich an dem Anblicke ſeines Opfers weidete, und ihm durch den Wiederhall ſeines ſataniſchen Gelächters den Verſtand raubte! — O, eine ganze Familie haſt Du vernichtet, um Dich an einem einzigen Menſchen zu rächen! Das iſt zu viel. 30) —— — 1— ,„)—— Wo war denn Deine Religion, Dein Gott?— Da, wo meine Religion iſt, da iſt auch mein Gott— in irgend einem fernen Winkel des Himmels oder der Hölle! In mei⸗ ner Seele hat nichts mehr Platz, als die unerſättliche Be⸗ gier nach vollſtändiger Rache. Früher war der Ehrgeiz die Triebfeder meines Handelns, heute dürſtet mich nur nach Deinem Blute. Edmund Dantes, Du haſt mir das Bei⸗ ſpiel gegeben— Du wirſt eines Tages das Werk Deiner Hände beweinen.“ Einige Augenblicke dgrauf kam Meſtre Paſtrini zurück, um den Beſuch eines Mannes anzumelden, der ſeinen Na⸗ men nicht nennen wollte. Benedetto lächelte über dieſe Bedenklichkeit und gab Befehl, den geheimnißvollen Frem⸗ den vorzulaſſen. „Sehr ſchön!“ ſagte Meſtre Paſtrini bei ſich ſelbſt, „er empfängt Leute, die ihren Namen nicht nennen wollen, das hat etwas zu bedeuten. Der Teufel ſoll mich holen, wenn mein Herr Gaſt nicht ein Agent der franzöſiſchen Regierung und beauftragt iſt, die Spur des berüchtigten Schwarzkünſtlers zu verfolgen.“ Während er dieſes Alleingeſpräch hielt, winkte er dem Portier des Theaters Argentino, näher zu treten, und ge⸗ leitete ihn nach dem von Benedetto bewohnten Zimmer. „Aber zu welchem Zwecke verbergen Sie Ihren Na⸗ men, mein lieber Baron Danglars?“ fragte Benedetto, ſo daß ihn der Italiener hören konnte, der noch mit geſpitzten Ohren in der Thüröffnung auf der Lauer ſtand. „Baron,“ murmelte Meſtre Paſtrini ganz verdutzt. „Das hat viel zu bedeuten! ein verkleideter Baron! Das iſt wieder ein ganz merkwürdiger Umſtand. Doch, ich will mich entfernen! Meine Neugier könnte Verdacht erregen!“ ſetzte er hinzu, indem er gedankenvoll ſich auf den Weg nach dem Innern ſeines Etabliſſements machte. NWittlerweile war der Portier des Theaters Argentino, Benedetto mit ſtierem Blicke betrachtend und mit offenem Munde ſtehen geblieben, als ob er fürchtete, ſich ein Wort entſchlüpfen zu laſſen, welches ihm Gelegenheit gäbe, den Namen Danglars und den Titel Baron nochmals zu wie⸗ derholen. „Caro Signor!“ fuhr Benedetto fort,„wie mir ſcheint, äußert der Klang dieſes Namens und dieſes Titels eine ganz beſondere Wirkung auf Sie.“ „Habe ich Ihnen nicht ſchon geſagt, daß ich nichts mehr damit zu thun habe? Sagen Sie, würden Sie ſich wohl freuen, wenn ich Sie den Prinzen von Cavalcanti nennen wollte?“ „Dies iſt niemals mein Name geweſen.“ „Wie, niemals?“ „Ich bin blos in einer Komödie des Grafen von Monte-Chriſto unter dieſem Namen aufgetreten.“ „Monte-Chriſto!“ rief Danglars im Tone der Ent⸗ rüſtung und zugleich der Furcht, indem er hinzuſetzte:„Er iſt die Urſache, daß auch ich gegenwärtig keinen Namen mehr habe.“ „Dann geht es Ihnen, wie mir.“ „Wie, Sie haben auch keinen Namen? Sind Sie nicht Andrea?“ „Nein, mein Herr.“ „Nun, das begreife ich aber nicht. Wie ſind Sie dann nach Rom gekommen? Auf welche Weiſe haben Sie Sich einen Paß verſchafft?“ „Auf ſehr einfache Weiſe, lieber Freund. Ich beſitze eine dem Grafen von Monte-Chriſto entwendete Reliquie, mit deren Hilfe ich Alles erlange, was ich wünſche. Dies war das Geheimniß, welches ihm ein ſolches Uebergewicht über andere Menſchen und die Macht verlieh, ſie zu ſtür⸗ zen, um ſich an ihnen zu rächen.“ „Was erzählen Sie mir da für ein Mährchen? Sie werden mich doch nicht an die Exiſtenz der Wünſchelruthe ort den vie⸗ int, eine h ſich inti bon nt⸗ „Er nen oder an die Zähne der Shbille von Cumä glauben machen wollen?“ „Nein, durchaus nicht. Meine Reliquie iſt eine ganz an⸗ dere, und beſitzt nicht das Wunderbare derjenigen, die Sie ſo eben erwähnten, noch die Anmuth derer, welche Sie noch erwähnen könnten! Nehmen Sie ſie ſelbſt in Augenſchein.“ MWit dieſen Worten öffnete Benedetto ein Käſtchen, und Danglars prallte erſchrocken zurück, und murmelte mit Entſetzen: „Die Hand eines Leichnams!“ „Schweigen Sie, Unglücklicher!“ ſagte Benedetto, in⸗ dem er das Käſtchen wieder ſchloß, und es vorſichtig an einen geheimen Ort ſtellte.„Dieſe Hand iſt es, die mich leitet und mich nach einem beſtimmten Hafen führt, wo ich nothwendig eines Tags ankommen muß. Wohlan! Jetzt kennen Sie meine Reliquie, verlangen Sie von mir was Sie wollen.“ „Was? was wollen Sie ſagen? Reden Sie im Ernſte?“ fragte Danglars und machte große Augen. „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt,“ antwortete Bene⸗ detto, indem er ſich gleichgültig niederſetzte und eine Ci⸗ garre anzündete. „Ach, in dieſem Falle müßte ich Ihnen Alles erzählen, was mir begegnet iſt, weil Sie mich ſonſt nicht verſtehen würden.“ „Das würde Ihnen zu viel Zeit koſten, mein Herr,“ antwortete Benedettvo.„Ich ſehe Sie arm und, wie mir ſcheint, leben Sie nicht in Einigkeit mit Ihrer Familie. Ich kann mir demzufolge ganz gut einen Begriff von dem machen, was Ihnen begegnet iſt.“ „Was, Sie?“ „Warum nicht? In Paris waren Sie ein mit ſchönen geſelligen Eigenſchaften begabter Mann. Sie haben ohne Zweifel mit gewiſſen pekuniären Verlegenheiten zu kämpfen gehabt, und bei Ihrem Rechnungs- und Kaſſenabſchluß viel⸗ — 5 leicht gefunden, daß Sie Nichts beſſeres thun könnten, als Ihrer Gemahlin ein eben ſo wehmüthiges Lebewohl zu ſa⸗ gen, wie einige Tage vorher ihre Tochter, die männliche Eugenie, dem väterlichen Hauſe geſagt hatte. Das iſt alles ganz einfach, mein Lieber.“ „Ganz recht,“ entgegnete Danglars mit unerſchütterlicher Kaltblütigkeit und kecker Stirn.„Das, was ich gethan, würde im denſelben Umſtänden jedes andere Individuum meines Standes an meiner Stelle gethan haben. Uebrigens wiſſen Sie aber noch nicht Alles. Ich ward in der Nähe Roms von einer Schaar Banditen, deren Anführer mir kein anderer zu ſein ſchien, als dieſer Graf von Monte-Chriſto, ange⸗ fallen und vollſtändig ausgeplündert, ſo daß ich jetzt arm daſtehe wie Hiob.“ „Ach, das ſind Mährchen! Edmund Dantes brauchte nicht zu ſtehlen. Er war viei zu reich, als daß er zu die⸗ ſem ehrenvollen Nittel, ſich das Gut Anderer anzueignen, hätte greifen ſollen. Ich bin vielmehr geneigt zu glauben, daß er mit Ihnen eine kleine rückſtändige Geld- oder Actien⸗ rechnung zu reguliren hatte,“ ſagte Benedetto, indem er ſeine Blicke unverwandt auf Danglars Geſicht geheftet hielt, um ſich auch nicht die mindeſte Bewegung deſſelben entgehen zu laſſen. „Ich ſehe, daß Sie ein ſeltſamer Menſch ſind, denn man ſollte meinen, Sie beſäßen die Gabe, die Dinge zu errathen, welche man Ihnen nicht zu offenbaren wünſcht,“ entgegnete Danglars.„Es iſt in der That, wie Sie ſagen. Es war zwiſchen Edmund Dantes und mir wirklich noch eine kleine Rechnung auszugleichen. Doch das iſt nun ein— mal geſchehen, und es läßt ſich nicht ändern. Das Beſte iſt, nicht mehr davon zu ſprechen. Beſchäftigen wir uns lieber mit der Gegenwart, wenn es Ihnen recht iſt.“ „Es ſei.“ „Iſt Ihnen vielleicht ein Geheimniß bekannt, welches im Stande wäre, mich wieder mit meiner Tochter und pe ————— als ſa⸗ liche alles icher ürde ines Sie von erer nge⸗ rm chte die⸗ ten, en, en⸗ er ftet ben nn 5 meiner Gattin auszuſöhnen? Die erſtere iſt auf dem beſten Wege, auf der reichen künſtleriſchen Laufbahn goldene Berge zu erwerben; die andere beſitzt noch anderthalb Millionen. Nun wiſſen Sie nur zu gut, daß ein Mann, wie ich, ohne Namen und ohne Vermögen, eine Familie von dieſem Kali⸗ ber nicht verſchmähen darf.“ „O, Sie ſind ein gewandter Schurke, das muß ich ſagen!“ rief Benedetto, indem er ein gellendes Gelächter ausſtieß, vor welchem der arme Verkäufer ſeiner Ehre er⸗ zitterte. „Und was ſind Sie denn?“ wagte er endlich mit trotziger und brutaler Grberde zu antworten. „O, Sie haben vollkommen Recht; ich bin auch wei⸗ ter nichts, als ein unverſchämter Schurke, und werde es mein ganzes Leben lang bleiben,“ entgegnete Benedetto mit der größten Unbefangenheit, indem er zugleich eine andere Cigarre anzündete und ſich nachläſſig auf ſeinem Seſſel ſchaukelte.„Es iſt dies das einzige Mittel, um gut in die⸗ ſer Welt zu leben, wo die Tugend nicht weiß, wo ſie ihr Neſt bauen ſoll, ſondern umherirrt, weil Niemand etwas von ihr wiſſen will.“ „In dieſer Beziehung bin ich einverſtanden. Doch laſ⸗ ſen wir dergleichen philoſophiſche Betrachtungen und be⸗ ſchäf ftigen wir uns mit dem, was wirklich intereſſirt.“ *„Sie wollen ſich alſo wohl zu Ihrer Tochter geſellen?“ unterbrach ihn Benedetto. „Mich zu ihr geſellen— nein! Denn, im Grunde ge⸗ nommen, huldigt ſie gewiſſen Epcentricitäten, die mir ſehr mißfallen. Weit beſſer wäre es, wenn ich ein Mittel aus⸗ findig machen könnte, welches mir erlaubte, in die Arme 1 meiner Gattin zurückzukehren, dieſer vortrefflichen armen, guten Frau! Als ich ſie verließ, beſaß ſie anderthalb Millionen. Sie verſteht zu ſpeculiren, ſie wird ihr Vermögen verdoppelt haben, und beſitzt gegenwärtig ganz gewiß nicht weniger als drei Nillionen. Teufel!“ fuhr er fort, indem er ſich hin⸗ — 3— ter dem Ohre kratzte,„drei Millionen! Ja, drei Millio⸗ nen in meinen Händen, müßten ſich in drei Jahren mehr als verdoppeln, dafür ſtehe ich. Mein werther Herr, ich verſichere Ihnen, daß wir Ihnen gern—“ „Was wollen Sie ſagen?“ unterbrach ihn Benedetto ſtlz.„Ich habe Ihnen, wie mich dünkt, noch nichts ab⸗ verlangt.“ „Aber—“ ſtammelte Danglars und wußte nicht, was er ſagen ſollte. „Serr Baron?“ „Treiben Sie keinen Scherz! Ich habe kein Geld mehr, folglich bin ich auch nicht mehr Baron.“ „Sie werden es in kurzer Zeit wieder werden, denn ich habe mein Project und da, wo die Hand eines Sterb⸗ lichen nicht hindringen könnte—“ „Würde die Hand Gottes hinreichen.“ Benedetto ſtieß ein ſardoniſches verächtliches Gelächter aus. „Mein Freund,“ ſagte er,„ich habe die Menſchen auf ſolche Weiſe Gott verhöhnen hören, daß ich ſehr geneigt bin, an dem Daſein dieſes Gottes zu zweifeln. Ich wollte ſagen, daß da, wo die Hand eines Sterblichen nicht hin⸗ dringen könnte, die Hand eines Todten hinreichen würde.“ Danglars ſchauderte und murmelte: „Man muß nicht mit den Todten Spott treiben wollen.“ „Ah, Sie ſind kleinmüthig und abergläubiſch 2 „Dann werden wir alſo nichts machen?“ „Im Gegentheile, ich verſichere Ihnen, daß wir uns vollkommen verſtändigen werden. Aber ſchwören Sie mir, daß wo Sie auch ſein mögen, wenn Ihnen ein Befehl von mir zugeht, Sie denſelben ohne Zögern ausführen werden.“ „Das iſt eine ſehr ernſthafte Sache.“ ———————— ee— de in S gie io⸗ hr ich tto b⸗ a8 nn b⸗ ter uf igt llte in⸗ hen ben ins ir, ehl ren „Bei meiner Seele, Sie würden einen Heiligen ver⸗ dammen und es hält mich nichts ab, Sie als den Schurken zu behandeln, der Sie auch wirklich ſind.“ „Mein Herr!“ rief der Baron mit der Geberde eines Menſchen, der ſich fürchtet. Benedetto maß ihn vom Kopf bis zum Fuße, mit unausſprechlicher Arroganz. Danglars ſchlug die Augen nieder. „Wohlan!“ hob Benedetto wieder an,„wollen Sie oder wollen Sie nicht? Sprechen Sie ſich aus, und ent⸗ ſchließen Sie ſich raſch.“ „Es ſei. Und wie lange würde ich warten müſſen?“ „Vierzehn Tage.“ „Ah!“ „Jetzt leiſten Sie hier Ihren Schwur der Treue und des Gehorſams.“ „Worauf?“ „Auf die Hand des Todten!“ antwortete Benedetto, indem er das Käſtchen öffnete, in welchem Villefort's Hand lag. Danglars bezwang ſein Entſetzen, legte die rechte Hand auf die Reliquie und ſprach mit erlöſchender Stimme das heilige Wort: Neuntes Kapitel. Die franzöſiſchen Spione. Meſtre Paſtrini war klug und theilte die gewöhnliche Schwäche aller Leute ſeines Handwerkes, das Fist die Neu⸗ gier, in ihrer höchſten Potenz. Sobald er daher den Unbekannten wieder aus dem — 96— Zimmer des franzöſiſchen Reiſenden herauskommen ſah, rief er einen der Domeſtiken ſeines Hauſes, bezeichnete ihm den geheimnißvollen Baron und trug ihm auf, ihm zu folgen, bis er ſeine Wohnung entdecken würde. Der Vertraute des Gaſtwirths, gewandt und ver⸗ ſchmitzt wie alle italieniſchen Vagabunden, führte den ihm ertheilten Auftrag buchſtäblich aus und die Folge davon war, daß der arme ruinirte Baron keinen Schritt thun konnte, ohne daß Meſtre Paſtrini noch denſelben Abend da⸗ von unterrichtet ward. MNachdem er dieſe Maßregel getroffen, beeilte er ſich einen Mann heraufzuwinken, der ſeit drei bis vier oder fünf Uhr Nachmittags fortwährend vor dem Hotel auf⸗ und abgegangen war. Als dieſer Mann Meſtre Paſtrini's Wink bemerkte, hüllte er ſich ſorgfältig in ſeinen Mantel, zog den Hut über die Stirn herab, ging die Treppe hinauf und trat in ein Cabinet, wo Meſtre Paſtrini ſein Bureau aufgeſchlagen hatte. Der Mann ſetzte ſich, warf ſeinen Mantel beiſeite, nahm ſeinen Hut ab und wartete. Hierauf zog er, in Folge jener alten Gewohnheit des italieniſchen Volkes, einen Ro⸗ ſenkranz aus der Taſche und ließ die Perlen deſſelben durch die Finger laufen, als ob er betete. „Heda! Freund Peppino!“ ſagte Meſtre Paſtrini, in⸗ dem er in das Cabinet trat, deſſen Thüre er ſorgfältig verſchloß. „Per la Madonna!“ rief Peppino, den Roſenkranz im⸗ mer noch in der Hand haltend,„mein Name iſt hier be⸗ kannt genug, ſogar zu gut bekannt, als daß es angemeſ— ſen oder nothwendig wäre, ihn mit ſo lauter Stimme aus⸗ zuſchreien.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr, aber was willſt Du? Ich habe mich von meiner inneren Bewegung hinreißen laſ⸗ ſen, die Freude, das Vergnügen,“ antwortete Meſtre Paſtrini. —— —„„—— „— en——+— —„— — — 97— „Und worin beſteht dieſes Vergnügen? Woher kommt dieſe Freude?“ fragte ihn Peppino. Meſtre Paſtrini nahm eine wichtige Miene an, welche die Aufmerkſamkeit Peppino's gleich von vorn herein feſ⸗ ſelte.„Ich will Dir es ſagen. Erinnerſt Du Dich einer Frage, die wir zuſammen gehabt haben, als jener durch— triebene Schurke, jener Gauner, jener verfluchte Schwarz⸗ künſtler, jener Menſchenfreſſer, Graf von Monte-Chriſto genannt, hier war?“ „Halt, Meſtre Paſtrini, ſo geht das Ding nicht,“ entgegnete Peppino, indem er die Stirn runzelte.„Wenn Du von unſerem Beſchützer, unſerem Retter ſprichſt, ſo vergiß nicht, daß man der Herr Graf von Monte-Chriſto ſagen muß, wenn Du Dich nicht mit mir veruneinigen willſt. Verſtehſt Du? Dieſer edle Mann hat mir das Le⸗ ben gerettet, indem er bei dem heiligen Vater meine Be⸗ gnadigung auswirkte, als ich ſchon mit einem Fuße auf der Treppe der Mazno lala ſtand! Er hat meinen Anfüh⸗ rer Luigi Vampa, anſtatt ihn mit ſeinen beſten Anhängern den Händen der Juſtiz zu überliefern, als der Zufall ihn dies zu thun in den Stand ſetzte, in ſeinen Schutz genom⸗ men und Du wirſt daher begreifen, daß weder ich, noch Luigi Vampa, noch irgend einer von unſeren Kameraden jemals zugeben werden, daß ein Mann von Deiner Art von dem Herrn Grafen auf unehrerbietige Weiſe ſpreche.“ „Es iſt in der That ſehr ſchade, daß das Capitol aus der Mode gekommen iſt, denn dann könnte Dir die Rednerkrone ſicherlich nicht entgehen. Aber was kommt darauf an, ob ich ſo von Deinem Grafen von Monte-Chriſto ſpreche, wenn ich nur überhaupt in ſeinem Intereſſe handele?“ „In ſeinem Intereſſe?“ antwortete Peppino ironiſch. „Ohne Zweifel!“ entgegnete Paſtrini mit wichtiger Miene.„Wiſſe denn, daß Dein Graf in Frankreich die Gabe beſeſſen hat, ſich ſo ſichtbar zu machen, daß er jetzt von den Agenten der franzöſiſchen Regierung verfolgt wird.“ Die Todtenhand. 1. Band⸗ — „Das mache Du einem Anderen weiß!“ unterbrach ihn Peppino verächtlich.„Er beſitzt Geld genug, um ſich die Toleranz ſo vieler Regierungen zu erkaufen, gls es de⸗ ren in der ganzen Welt, von den Dardanellen an bis zur Magellaniſchen Meerenge giebt.“ „Daran zweifle ich nicht, aber es ſind ſeine ſchönen und guten Werke, die ihn ins Verderben ſtürzten. Es giebt Dinge, die keine Regierung dulden kann.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Meſtre Paſtrini, er⸗ klären Sie ſich!“ „Zum Beiſpiel, wenn es Einer ſich zum Vergnügen macht, die Leute umzubringen, Männer mit ihren Frauen zu entzweien, Intriguen über Intriguen anzuſpinnen, alle möglichen Schurkereien zu begehen und was weiß ich ſonſt noch? Findeſt Du das wirklich gut, Peppino? Ich weiß recht wohl, daß ich mit einem römiſchen Banditen ſpreche, aber es hat doch Alles ſeine Grenzen. Selbſt Du haſt die Unverſchämtheit noch nicht ſo weit getrieben, in ein Grab hinabzuſteigen und die Todten zu beſchimpfen und ihre ewige Ruhe zu ſtören. Du lebſt allerdings mit Deinem Anführer in den Katakomben von Santo Sebaſtiano, aber Du haſt mir hundert Mal geſagt, daß Du die Gebeine der Seligen, die dort ruhen, reſpectirſt.“ „O, bei der Madonna! Nur mit den Todten keine ſchlechten Scherze getrieben.“ „Das meine ich auch,“ ſetzte Paſtrini hinzu.„Du und jeder andere Bandit, Ihr könnt Euch alle Arten von ſchlimmen Streichen mit einem Lebenden erlauben, weil, im Grunde genommen, dies nur ein Darlehen iſt, welches man Euch über kurz oder lang zurückzahlt und weil Gott Dir nach einiger Reue und einem mea culpa ſchon ſo Verzeihung angedeihen laſſen wird, aber die Todten verhöhnen und ſchänden, wenn wir wiſſen, daß ſie ſich nicht mehr rächen können, wenn wir wiſſen, daß ihre Seele da oben oder da ch ch e⸗ ur en bt du on im an ug nd en da ——— — 55 unten iſt, um von ihren Thaten Rechenſchaft zu geben, das iſt gottlos, ſehr gottlos, Peppinv.“ „Gewiß!“ antwortete der Bandit.„Die Lebenden ha⸗ ben NRichts mit den Todten zu ſchaffen, Sie haben nur die Pflicht, ſie zu begraben. Dann bleibt der Leichnam der Erde, während die Seele vor dem Richterſtuhle Gottes er⸗ ſcheint. Wohlan, Paſtrini,“ fuhr er fort„brechen wir ab hiervon. Alſo Du ſagſt, der Serr Graf von Monte-Chriſto werde durch die franzöſiſche Regierung verfolgt? Iſt dies auch wahr?“ „So wahr, daß er ſich, um der Nachſpürung der Agen⸗ ten zu entgehen, genöthigt geſehen hat, die Geſtalt und den Namen zu wechſeln.“ „Halt, nur keinen Unſinn!“ ſagte Peppino.„Wie iſt es möglich, daß ein Menſch die Geſtalt wechſele?“ „Ach, die Wiſſenſchaft iſt unerſchöpflich,“ antwortete Paſtrini.„Es ſcheint, als ſei ſie von dem Teufel geſchaf⸗ fen worden, um die Menſchen zu verlocken und ins Verder⸗ ben zu ſtürzen und zwar gerade in dem Augenblicke, wo. ſie ſo eitel ſind, zu glauben, daß ihre Wiſſenſchaft ſie eben ſo ſtark, eben ſo allmächtig gemacht hatte wie Gott! Nun iſt Dein Graf von Monte-Chriſto einer von Denen, wel⸗ che dieſe Eitelkeit beſitzen, denn im Vertrauen guf ſein ei⸗ genes Urtheil hat er Alles fügen und lenken wollen, als ob er gleichzeitig die Exiſtenz des Menſchen und das Weſen Got⸗ tes beſäße! Glgubſt Du denn nun, daß unſere Regierung einen Menſchen von dieſer Art nicht verfolgen werde? Zur gegenwärtigen Stunde haben die franzöſiſchen Agenten ſich ſchon mit unſerem Miniſterium verſtändigt und morgen wird man dem berühmten Halbgott nicht blos in Rom, ſondern auch in ganz Italien nachſpüren.“ „Aber haſt Du mir nicht geſagt, daß er Geſtalt und Namen gewechſelt habe?“ fragte Peppino, welcher ein we⸗ nig an die Mährchen zu glauben begann, die der Gaſtwirth ihm aufband,„wie ſoll er denn, wenn er Geſtalt und Na⸗ 7* men gewechſelt hat, von den franzöſiſchen Agenten wieder⸗ erkannt werden?“ Meſtre Paſtrini lächelte wie Jemand, der die Blind⸗ heit Anderer zu entſchuldigen weiß. „Freund Peppino,“ antwortete er, indem er ihn auf die Schulter ſchlug,„hier in meinem Hanſe wohnt einer dieſer franzöſiſchen Agenten und dieſer Agent hat ſchon Ver⸗ dacht auf eine geheimnißvolle Perſon geworfen, die ſich gleichfalls hier befindet.“ „Was ſagſt Du? Der Herr Graf iſt in Rom?“ rief Peppino begierig. „Welcher Graf, mein Lieber? Habe ich Dir nicht ſchon geſagt, daß es keinen Grafen von Monte-Chriſto mehr giebt, ſondern nur einen geheimnißvollen Schwarzkünſtler, den die Geſetze verfolgen?“ „Und Du glaubſt wirklich daran?“ murmelte Peppino indem er mit zweifelnder Miene den Kopf ſchüttelte, denn das Wort Schwarzkünſtler hatte für ihn etwas ſehr Abge⸗ ſchmacktes. „Ob ich daran glaube!“ entgegnete Paſtrini.„Ja wohl glaube ich daran, wie ich an Golt glaube. O, wenn Du meinen Gaſt geſehen hätteſt! Klein, mager, wankend, fortwährend in einen ungeheneren Mantel gehüllt, meidet er meine Begegnung ebenſo, wie die aller anderen Menſchen. Uebrigens bewohnt er auch daſſelbe Zimmer, welches der Graf inne hatte—“ Sn „Bezahlt er auch wie dieſer?“* „Per Baccho! Nicht einen Heller weniger. Auch diene ich ihm, achte ihn und führe alle ſeine Launen buchſtäb⸗ lich aus.“ Peppino dachte einen Augenblick nach und dann, als ob er plötzlich einen Entſchluß gefaßt hätte, ſagte er: „Wäreſt Du wohl ſo geſchickt, mich Deinen geheim⸗ nißvollen Bewohner des Zimmers des Herrn Grafen ſehen zu laſſen?“ W — „Ah!“ rief der Gaſtwirth,„und warum?“ „Ich wäre wohl im Stande, ihn zu erkennen.“ „Freund, verſchmähe nicht den Rath eines ſchlichten Kopfes. In dem Augenblick, wo Dein Hauptmann Luigi Vampa in der vertrauteſten Veziehung zu Monte⸗ Chriſto ſteht, theile ihm unverweilt mit, wie tief er in der Achtung Europa's geſunken iſt! Es kann ihm dies von großem Nu⸗ tzen ſein und ihm eine Ueberraſchung von Seiten der Frau Juſtiz erſparen, denn Du weißt eben ſo gut wie ich, daß die Bande Luigi's Vampa die Toleranz der römiſchen Ju⸗ ſtiz nur dem Einfluß des Grafen verdankt. Iſt dieſer Ein⸗ fluß einmal gebrochen, ſo gebe ich nicht eine Perle meines Roſenkranzes für den Kopf des berüchtigten Luigi Vampa.“ „Paſtrini!“ rief Peppino,„ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich Deinen geheimnißvollen Gaſt ſehen will, um ihm die Unterſtützung Luigi's Vampa anzubieten. Wenn der Herr Graf unſerer Dolche oder unſerer Karabiner oder un⸗ ſerer Schnelligkeit bedarf, ſo werden wir ihm zeigen kön⸗ nen, daß wir noch immer dieſelben ſind.“ „Du biſt doch hartnäckiger, als ein Achäer,“ entgeg⸗ nete Paſtrini indem er aufſtand um Licht anzuzünden.„Mein Gaſt empfängt Riemanden. Wenn er in der That der Graf von Monte⸗Chriſto iſt, ſo mußt Du ſeinen Willen reſpectiren und die Sache von einer anderen Seite angrei⸗ fen. Ich lade Dich jetzt zu Tiſche ein, mittlerweile wirſt Du über eineh underen Plan nachdenken können.“ In dieſem Augenblicke hörte man ein leichtes Geräuſch an der Thüre und Paſtrini gab Peppino einen Wink. Der Bandit ſetzte ſich ſofort in den dunkelſten Winkel des Zim⸗ mers und nahm ſeinen Roſenkranz wieder zur Hand. Pa⸗ ſtrini öffnete die Thür und ſah den Mann, deſſen Ankunft er geahn't, das heißt den, welchen er beauftragt hatte, dem vorgeblichen franzöſiſchen Agenten nachzuſchleichen. Dieſer Mann erſtattete mit gewiſſenhafter Treue Be⸗ richt über ſeine Niſſion und erhielt zum Lohne dafür die — 102— Erlaubniß, eine Mahlzeit in der Küche des Meſtre Pa⸗ ſtrini einzunehmen, wo ſich alle Abende einige Vagabunden verſammelten, die er in der heiligen Phalanx ſeiner kleinen Polizei verwendete und unter dem Vorwande des reinen Nitleidens ernährte. „Blut Chriſti!“ rief Peppino, indem er, ſobald als der Spion wieder hinaus war, aufſprang und eiligſt ſei— nen Mantel über die Schultern warf. „Was ſoll das heißen?“ fragte Paſtrini, als er be⸗ merkte, daß der Bandit ſich anſchickte fortzugehen.„Und die Mahlzeit?“ „Glaubſt Du denn, Dummkopf, daß, wenn Du mir eine ſo ſonderbare Geſchichte von meinem Befreier erzählſt, Deine Mahlzeit die Macht habe, mich zurückzuhalten? Mor⸗ gen komme ich wieder, jetzt habe ich andere Haſen zu ja— gen— den franzöſiſchen Agenten zum Beiſpiel.“ Und während er ſo ſprach, machte er jene Geberde feſter Entſchloſſenheit, die ganz beſonders den römiſchen Banditen eigen iſt, wenn ſie ſich einem ſchwierigen Unter⸗ nehmen gegenüber ſehen, und verließ unverweilt das Cabinet des Meſtre Paſtrini, um die Wohnung des armen ruinir— ten Barons, jetzigen Portiers am Theater Argentino, auf⸗ zuſuchen. „Ach!“ murmelte Paſtrini, als er ihn ſich entfernen ſah,„ich habe immer geſagt, daß ein ſo reicher und wun— derlicher Mann, wie dieſer Graf von Monte-Chriſto, trotz ſeines Titels kein guter Chriſt ſein könne, ſich von einem Neger bedienen zu laſſen, welcher ſtumm war! Und warum mußte ſein Kammerdiener ſtumm ſein? Wenn man nur er⸗ laubte Dinge thut, die in den Augen der Welt nicht ſtraf⸗ bar ſind, was braucht man da einen Diener zu haben, der nicht ſprechen kann? Seine Begleiterin war eine Griechin, die kein Wort Italieniſch oder Franzöſiſch oder Engliſch verſtand! Er unterhielt Verbindungen mit den Banditen! — Das iſt ſchon genug, um der Welt allerlei zu denken — 103— und zu ſchwatzen zu geben. Was mich betrifft, ſo erkläre ich laut und bin feſt überzeugt, daß dieſer vorgebliche Graf, wenn es um und um kommt, weiter nichts iſt, als der durchtriebenſte aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünf⸗ tigen Schurken.— Nunn will ich einmal in das Zimmer des anderen franzöſiſchen Agenten ſehen.“ Zehntes Kapitel. Ueberraſchung. Wirend das in dem vorigen Kapitel mitgetheilte Geſpräch zwiſchen Paſtrini und dem Banditen Peppino ſtatt⸗ fand, dachte Benedetto angeſtrengt über das Geheimniß nach, in welches ſein Nachbar in der erſten Etage ſich zu hüllen ſchien. Dann und als ob er plötzlich einen poſitiven Entſchluß gefaßt hätte, ſetzte er ſich und nahm Papier und Feder zur Hand, um zu ſchreiben. „Ja, ich muß durchaus wiſſen, wer mein Nachbar iſt,“ ſagte er triumphirend;„mein Plan iſt vortrefflich und ich verſpreche mir ſchon jetzt ein glänzendes Re⸗ ſultat!“ Hierauf begann er den folgenden Brief zu ſchreiben. „Ein Mann, der Eure Epcellenz unendlich achtet und „hochſchätzt, hat ſo eben erfahren, daß das Geheimniß Eu⸗ „rer Excellenz in Rom entdeckt iſt. Eure Excellenz möge „mir erlauben, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen, weil ich „wünſche, daß Sie auf keine Weiſe nur im mindeſten belä⸗ „ſtigt werde. „Ihr ganz ergebenſter Graf von Monte⸗Chriſto.“ — 104— „O, welch eine vortreffliche wunderbare Idee!“ mur⸗ melte Benedetto, indem er den Brief mit dem berühmten Namen unterzeichnete.„Dieſer Menſch iſt überall und von Jedermann gekannt; mein geheimnißvoller Nachbar wird dem Rath, den ich ihm ertheile, nur um deſto mehr Ge⸗ wicht beilegen. Wenn es Jemand iſt, der ſeinen wahren Namen zu verbergen wünſcht, welche Verlegenheit, welcher Schrecken! Iſt das Gegentheil der Fall, ſo wird er dieſes Papier beiſeite werfen und nicht verfehlen, den edlen Gra⸗ fen für einen Intriguanten zu halten.“ In dieſem Augenblick erſchien Meſtre Paſtrini, der mit allen möglichen Beweiſen der lächerlichſten Höflichkeit, bevor er eintrat, um die Erlaubniß dazu nachſuchte.* „Kommen Sie nur herein,“ ſagte Benedetto, indem er den Brief ſchloß. „Hier iſt das Billet, welches Ihre Excellenz zu der Vorſtellung im Theater Argentino befohlen. Es wird mor⸗ gen wieder die Oper Semiramis gegeben, worin die Fräuleins Armillh zum zweiten Male auftreten.“ „Sehr ſchön.“ „Hat Ihre⸗Excellenz mir ſonſt noch Befehle zu ertheilen?“ „Laſſen Sie ſofort dieſen Brief an Ihren Gaſt in der erſten Etage befördern.“ „Wie, Excellenz! Er will ja keine Briefe annehmen.“ „Wie, Meſtre Paſtrini? Sie machen Umſtände, Sie erheben Einwendungen, wenn ich befehle? Das, was ich will, das will ich, verſtehen Sie wohl! Sie werden die⸗ ſen Brief gbgeben, weil ich es ſo will, ohne weitere Schwie⸗ rigkeit.“ „Ich gehorche, Exeellenz,“ entgegnete Paſtrini mit der demüthigſten Miene, nachdem er einen Blick auf den Brief geworfen.„Indeſſen möchte ich Sie doch darauf aufmerkſam machen, daß ich keinen Namen auf der Adreſſe ſche und ein Brief ohne Namen iſt doch etwas ſehr Sel⸗ ———— — H„.„— 1—————— n — * w 8 Magie, den Tag und die Stunde Ihres Todes vorherzuſagen.“ tenes. Wie ſoll ich ihm begreiflich machen, daß Ihre Ex⸗ eellenz dieſen Brief wirklich für ihn beſtimmt hat?“ „Parbleu, Meſtre Paſtrini, man muß geſtehen, daß Sie wirklich einen ſehr harten Kopf haben. Haben Sie denn nicht ein Stück Pergament oder irgend etwas der Art, worein Sie dieſen Brief wickeln können, um ihn dann zum Beiſpiel in die Rinde eines Pudding zu ſtecken?“ Meſtre Paſtrini warf den Kopf empor und murmelte mit verlegener Miene: „Ja, das wäre aber nichts weniger, als ein ſchimpf⸗ licher Mißbrauch, der den Ruf meiner Küche gefährden würde.“ „Beruhigen Sie ſich, Ihr Gaſt wird nicht davon ſprechen und der Credit Ihrer Küche von dieſer Seite durchaus Nichts zu leiden haben. In der That, Meſtre Paſtrini, Sie werden mich durch Ihre Bedenklichkeiten noch auf die Vermuthung bringen, daß Sie zu Ihrem geheim⸗ nißvollen Gaſte in vertrauten Beziehungen ſtehen. Ich, der, wie Sie wiſſen, lein Student aus der Picardie bin und reiſe, um mich in den ſchönen Künſten zu unterrichten und die Monumente der alten und neuen Baukünſt zu verglei⸗ chen, bin gewohnt, keine Geheimniſſe zu dulden. Haben Sie mich verſtanden? Uebrigens erkläre ich Ihnen, daß ich gegen Ihren Gaſt furchtbar mißtrauiſch bin, oder mit anderen Worten, daß ich ihn in den Geheimniſſen der Che⸗ mie und der Eyperimentalphyſik ſehr bewandert glaube, ab⸗ geſehen davon, daß er einer der beſten Architekten Europa's iſt. Auch habe ich mir feſt vorgenommen, mit ihm zu ſprechen. Ich will es. Gehen Sie daher, Meſtre Paſtrini. Der Zufall wird Ihnen günſtig ſein. Vielleicht finden Sie auf dieſe Weiſe eine gute Gelegenheit, um von dem, was Sie ſelbſt betrifft, mit dieſer Art Schwarzkünſtler zu ſpre⸗ chen, der jedenfalls recht wohl im Stande iſt, Ihnen mit⸗ telſt ſeiner ſchwarzen oder weißen, aber ſtets untrüglichen 106 Meſtre Paſtrini, der übrigens ſchon längſt ſehnliches Verlangen getragen, mit ſeinem Gaſt der erſten Etage zu ſprechen, fügte ſich den Wünſchen Benedetto's und über⸗ nahm die Beſtellung des Briefes. Kehren wir jetzt zu Peppino zurück und beobachten wir olle ſeine Bewegungen in dem Hauſe des vermeinten Agen⸗ ten der franzöſiſchen Regierung. Peppino, welcher den gehörten Andeutungen über das Haus, welches der arme herabgekommene Baron, gegen⸗ wärtig Portier des Theaters Argentino, bewohne, buch⸗ ſtäblich folgte, kam ohne weiteres Hinderniß vor demſelben an, nicht aber ohne ſich vorher zu ſeinem Bankier(die römiſchen Banditen verſtehen ſich ſtets mit einem honetten Wucherer oder Bankier) begeben zu haben, um ihn um eine gewiſſe Anzahl Gulden zu erſuchen. Als einer der erfahrenſten Männer des Banditenhand⸗ werk's beobachtete er das Haus, die Thüre, die Fenſter— kein Ausgang ward von ihm überſehen. Nachdem er ſich bald überzeugt, daß es durchaus un⸗ möglich ſein würde, hier mit Gewalt einzudringen, nahm der ſeine Zuflucht zur Liſt und pochte an die Thüre. Es dauerte nur wenig Augenblicke, ſo ließ ſich Dang⸗ lar's Stimme hören, der Peppino folgende Antwort gab: „Ich will blos einen Brief an Sie abgeben, Excel⸗ lenz.“ „Ah, da kommt wieder Jemand, der mich Erxcellenz titulirt,“ ſagte Danglars leiſe bei ſich ſelbſt, indem er zu⸗ gleich laut hinzuſetzte: „Sie ſagen, Sie hätten einen Brief an mich; von wem iſt er?“ „Ich weiß es nicht, Excellenz, ich kann Ihnen wei⸗ ter Nichts ſagen, als daß er aus Frankreich kommt.“ „Aus Frankreich!“ wiederholte Danglars leiſe, indem er zugleich fühlte, wie ſeine Stirn ſich mit Schweiß be⸗ ——, ————— — — — 1——— —. +——„ W 2 n* m enz zu⸗ on vei⸗ em ————————— möchte, in deſſen Hände Ihre Ercellenz ſchon die Güte — 0— deckte.„Sicherlich, mein Freund, waltet hier ein Irr⸗ thum ob,“ ſitzte er hinzu.„Wer ſchickt mir ihn?“ Peppino war einige Augenblicke lang um die Antwort verlegen. Er beſann ſich jedoch ſofort und ſagte: „Ein Herr, der in dem Hotel des Meſtre Paſtrini logirt.“ „Aha, das iſt dieſer Andrea von Cavalcanti,“ dachte Danglars und öffnete die Thüre. Peppino trat ein und begab ſich in das Zimmer des Portiers am Theater Argentino, nachdem er vorſichtig die Hausthüre wieder zugemacht. Hierauf ſteckte er die Hand in die Bruſttaſche, ging raſch auf Danglars zu und ſetzte ihm plötzlich die ſcharfe Spitze eines kleinen Dolches an die Kehle. „Wenn Sie nur den leiſeſten Schrei hören laſſen, Herr Baron, ſo ſchneide ich Ihnen die Kehle ab.“ Die Ueberraſchung des Bgrons war ſo groß, daß ſie ihm auf einen Augenblick die Sprache raubte. Er ward todtenbleich und begann an allen Gliedern zu zittern. „Faſſen Sie ſich, Herr Baron,“ ſagte Peppino im ſchmeichleriſchſten Tone von der Welt.„Es ſoll dies durch⸗ aus nicht heißen, daß ich die Ehre haben werde, Ihnen die Gurgel abzuſchneiden, es iſt dies einfach eine kleine Warnung, die durchaus Nichts zu bedeuten hat, ſobald Ihre Excellenz ſo vernünftig ſind nicht zu ſchreien.“ „Was wollen Sie von mir?“ fragte Danglars, in⸗ dem er mit ungeheurer Anſtrengung ſeine Furcht zu über⸗ winden ſuchte. „Nichts iſt einfacher, mein Herr,“ entgegnete Peppinv. „Ich weiß Alles, und ich kenne beſſer als irgend Jemand den Zweck Ihrer Anweſenheit in Rom. Trotzdem aber waltet in allem dieſen noch ein kleines Geheimniß ob, wel⸗ ches ich im Namen des Signor Luigi Vampa erkaufen — 108 gehabt haben, die Kleinigkeit von ſechs Millionen Franes niederzulegen.“ „Richt übel!“ murmelte Danglars, der ſich allmälig von ſeiner Ueberraſchung erholte,„Sie begehen den unver⸗ zeihlichen Irrthum, das Zeitwort„ſtehlen“ mit dem Zeit⸗ wort„niederlegen“ zu verwechſeln. Ohne dieſen Verſtoß würden Sie geſagt haben: des Signor Luigi Vampa, deſ⸗ ſen Hände mir ſechs Millionen Franes geſtohlen haben.“ „Was wollen Sie, Excellenz? Das iſt unſere Gram⸗ matik, und ich erkläre Ihnen, daß ich in der Unbußfertig⸗ keit bis zum Tode verharren werde, denn ich bin feſt ent⸗ ſchloſſen, ſie buchſtäblich zu befolgen, ſo lange mich der gute Gott am Leben läßt. Doch kommen wir wieder auf unſer eigentliches Thema zurück. Ihre Ertellenz hat jenen Ver⸗ luſt auf Veranlaſſung des Herrn Grafen von Monte-Chriſto, auch Simbad der Seefahrer genannt, erlitten und hegt ohne Zweifel, wie das ſehr natürlich iſt, noch jetzt einigen Groll gegen ihn. Es fällt mir nicht ein, Ihnen daraus ein Verbrechen machen zu wollen, denn die Meinungen ſind frei, Herr Baron. Was mich betrifft, ſo iſt es mit mir gerade das Gegentheil, denn weit entfernt, ihm deshalb übel zu wollen, würde ich für ihn durch's Feuer gehen. Sie ſehen demnach, daß wir ganz getrennte Wege verfol⸗ gen. Sie haben ohne Zweifel geſchworen, die Eiche zu fällen, ich dagegen habe geſchworen, ſie zu ſtützen. Schlie⸗ ßen wir ab, Herr Baron. Luigi Vampa hat die Ehre, Ihrer Excellenz und zwar mit der ganzen ihn auszeichnen— den Freimüthigkeit und Redlichkeit den folgenden Handel vorzuſchlagen: Ihre Execellenz theilt mir die Namen Ih⸗ rer Verbündeten mit; Sie wird ſie zu einem ganz geheimen Concil während der Nacht im Coliſeum verſammeln und dagegen tauſend Gulden empfangen, auf welche Summe ich ſogleich eine Abſchlagszahlung leiſten kann.“ Die Rede oder, wenn man will, der Antrag des Ban⸗ diten war ertravaganter und ſeltſamer als irgend etwas, c„) lig er⸗ it⸗ oß ß n⸗ ig⸗ it⸗ ſer er⸗ to, gt en us nd tir b n. l⸗ zu ie⸗ n⸗ el h⸗ en nd ne — was der Baron Danglars ſich denken oder erwarten konnte. Er machte große Augen und verſuchte ſich zu überzeugen, daß er nicht das Spielwerk eines Traumes ſei. Peppino begriff ihn. Er hob den Arm und ließ die Klinge ſeines Dolch's funkeln, während er mit der linken Hand die in einer Börſe enthaltenen Gulden ſchüttelte, de⸗ ren Klimpern in Danglars Herz eine ſehr angenehme Em⸗ pfindung hervorrief. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich weiß in der That nicht, was Sie ſagen wollen. Sie reden da von Compagnons der Verbündeten, wollen Sie wohl die Güte haben, mir zu ſagen, wo ich dieſe Compagnons habe? Wiſſen Sie denn nicht, daß ich in der That weiter Nichts bin, als Portier am Theater Argentino? Ich habe kein Geſchäft.“ „Machen Sie keine Flauſen, Herr Baron. Der Au⸗ genblick iſt ſehr übel gewählt zur Verſtellung. Die Münze, welche Sie mir bieten, hat keinen Cours. Wir wiſſen recht wohl, daß Sie Agent der franzöſiſchen Regierung ſind und daß Sie an dem Sturz des Grafen von Monte⸗ Chriſto arbeiten—“ „Ich? ich? Alles, was ich von dieſem Manne weiß, iſt, daß es eine Art Mhthe iſt, ähnlich den Zähnen der Sybille von Cumä.“ „Reden Sie, Herr Baron.“ „Ich habe ſagen hören, daß dieſer Graf von Monte⸗ Chriſto das Opfer eines bedeutenden Diebſtahls geweſen iſt, durch den ſeine Verhältniſſe in große Unordnung ge⸗ rathen ſind.“ Peppino warf lächelnd den Kopf empor. „Und was hat man ihm damals geſtohlen?“ „Geld iſt es nicht geweſen, wohl aber etwas ganz Außerordentliches, ein Talisman, mittelſt deſſen er Alles erlangte, was er wünſchte und ſeine furchtbaren in⸗ zur Ausführung brgchte,“ — 110— „Da ſchwatzt der auch ſo!“ unterbrach ihn Peppino, „und was für ein Talisman war dies?“ „Die Hand eines Todten!“ antwortete Danglars. Peppino ward bleich und ſchauderte. „Man ſagt,“ fuhr der Baron fort,„daß der angeb⸗ liche Graf von Monte-Chriſto, der ſo lange durch ſeine Verſchwendung und ſonderbaren Grillen die Bewunderung Europas erregte, ſeitdem, daß man ihm ſeinen Talisman entwendet hat, der größten Verſpottung und Hilfloſigkeit anheim gefallen iſt. Das iſt es, was ich weiß.“ Peppino beſaß jenen Grad von Aberglauben, der allen der untern Volksklaſſe angehörenden Italienern im Herzen ſitzt und ſo zu ſagen, die Religion dieſer ſchwachen Geiſter ausmacht, für welche jedes Wort der Bibel, jede Bewegung des Prieſters am Altar, eben ſo viele Mhſterien ſind, welche ſie ganz einfach aus angeerbter Gewohnheit reſper⸗ tiren. Peppino, ein kecker, unerſchrockener Bandit, der in ſeinem normalen Geiſteszuſtande, mit der vollſtändigſten Gleichgültigkeit einen Menſchen, in deſſen Börſe er einige Goldſtücke vermuthet, niedergeſchoſſen haben würde, hätte nicht den Muth gehabt, den Arm eines Leichnams auch nur mit der Spitze einer Nadel zu berühren. Im Gegen⸗ theile würde man ihn ehrerbietig neben dieſem lebloſen Kör⸗ per niederknieen geſehen haben, um ein Gebet für die Ruhe der daraus entflohenen Stele zu murmeln. Demzufolge machte die eben gehörte Erzählung, in Verbindung mit dem Berichte des Meſtre Paſtrini, einen ſehr lebhaften Eindruck, der, wie wir uns zu ſagen beeilen, weit entfernt war, dem Grafen von Monte-Chriſto günſtig zu ſein, obſchon dieſer ihm das Leben gerettet hatte. Alle dieſe Gefühle der Sympathie, welche dieſer Mann ihm durch ſeine grenzenloſe Macht und durch ſeine von allen ſocialen Vorurtheilen freie Denkungsweiſe eingeflößt, erloſchen in dem Herzen des Banditen ſofort, als ihm die nn on t. die S— beliebt.“ — 111— Ueberzeugung beigebracht ward, daß dieſe grenzenloſe Macht, welche das glänzendſte Attribut dieſes außerordentlichen Mannes zu ſein ſchien, ſich auf eine grauenvolle Thatſache gründete, auf den Beſitz einer Todtenhand, die er ohne Zweifel mit gottesläſterlicher Keckheit abgeſchnitten, und auf dieſe Weiſe den Frieden der Gräber geſtört, und das Ge⸗ heimniß der Todten entweihet hatte. Aber dennoch, wenn die Shmpathie entfloh, ſo blieb die Dankbarkeit mit den Pflichten, welche ſie auflegt, im⸗ mer noch zurück und Peppino ſchwur, das Leben des Gra⸗ fen eben ſo zu retten, wie der Graf das ſeine gerettet. „Herr Baron, wie ſeltſam auch das, was Sie mir ſo eben erzählt haben, ſein mag, ſo bleibt es doch bei dem, was ich Ihnen in Bezug auf Ihre Bundesgenoſſen geſagt habe.“ „Aber wer ſind nur dieſe Bundesgenoſſen oder Com⸗ pagnons? Ich habe Ihnen ja ſchon geſagt, daß ich keine Handelsgeſchäfte mehr treibe.“ „Mein Herr,“ entgegnete der Bandit,„verlieren wir keine Zeit. Wenn Sie auf das, was ich Ihnen vorſchlage, nicht eingehen, ſo bringe ich Sie um.“. „Ich ſchwöre Ihnen, daß Sie ſich irren, mein Herr. Man hat Sie ganz falſch unterrichtet. Ich verfolge den Grafen von Monte-Chriſto durchaus nicht.“ „Wohlan, ich glaube Ihnen. Aber dann ſagen Sie mir, wer jene eigentliche Reliquie oder Talisman geſtohlen hat. Ich gebe tauſend Gulden, wenn Sie mir es ſagen. Vorſchlag mißfiel Danglars nicht und er ſchickte ſich an, Alles zu ſagen. „Und kann ich auf Ihre Diseretion rechnen?“ fragte er. „Ja, Excellenz,“ antwortete Peppino. „Gut, ſo zählen Sie das Geld auf, wenn's Ihnen „Teufel!“ entgegnete Peppino, indem er das Geld in — 112— Donglars Hände zählte,„Sie haben große Eile. Ueber⸗ legen Sie ſich's aber wohl, Gerr Baron; wenn Ihre Excellenz nicht unbedingt die Wahrheit ſagt, ſo geht es Ihnen an's Leben. Da iſt das Geld.“ „Und da iſt die Wahrheit,“ ſetzte Danglars hinzu, der, ohne weiter zu zögern, folgendermaßen fortfuhr: „In dem Hotel des Meſtre Paſtrini, in der zweiten Ftage, Thür Nr. 2, wohnt ein Mann, ein geborener Fran⸗ zoſe, welcher die Reliquie beſitzt, die er, wenn man ihm glauben darf, dem Grafen von Monte-Chriſto geſtohlen hat. Ich habe mit meinen eigenen Augen in einem Käſt⸗ chen von Ebenholz, mit Beſchläge von polirtem Stahl, die mit einem leichten Gazeſchleier bedeckte Todtenhand geſehen, und an einem Finger dieſer ſchon vertrockneten Hand einen goldenen Ring bemerkt, auf welchem ein Name eingravirt zu ſein ſchien.“ Und der Baron verſchlang mit gierigem Blicke das Geld, welches er in ſeinen Händen hielt, ganz verdutzt, daß eine ſo geringe Anzahl von Worten ihm dieſe Menge ſchöner Gulden hatte verſchaffen können. „Jetzt, Herr Baron,“ entgegnete Peppino,„wenn Eure Excellenz ſich die Mühe nehmen wollen, mir noch fer⸗ nere Aufklärungen über jenen Menſchen zu geben, welcher die Todtenhand beſitzt, ſo verſpreche ich, Peppino, der treue Gehilfe Luigi's Vampa, daß ich die Summe, die Sie ſo eben erhalten haben, verdreifachen werde. Dabei ſage ich Ihnen aber im Voraus, daß, wenn Sie der Wahrheit untreu werden ſollten, dies für Sie unvermeidlichen Tod zu Folge haben würde.“ „Aber ich kann Ihnen zuſchwören, daß ich nichts mehr über dieſen Menſchen weiß.“ „Morgen aber, oder ſpäter können Sie doch etwas er⸗ fahren haben, was—“ „Ja ſo! auf dieſe Weiſe bin ich mit dem Handel ein⸗ verſtanden. Wo werde ich Sie aber wieder treffen?“ — —— — 113— „Es iſt nicht nöthig, ein beſonderes Rendezbous zu d verabreden, denn ſobald Sie etwas erfahren haben, können Sie es ohne Bedenken dem mittheilen, der Ihnen die Parole Vampa's und Peppino's Treue geben wird.“ „Und wo wird mir dieſer Menſch begegnen?“ „Ueberall,“ entgegnete Peppino. „Und das Geld?“ „Sie werden es aus ſeiner Hand erhalten.“ Mit dieſen Worten nahm der Bandit Abſchied von 1 Danglars und entfernte ſich ſehr zufrieden mit der ſtatt⸗ gehabten Unterredung, überzeugt, daß Danglar's Habgier e die beſte Triebfeder ſeiner Spionage ſein würde. In der That rieb ſich Danglars, nachdem Peppino n kaum verſchwunden war, die Hände und begann mit Freude t im Herzen zu glauben, daß das Schickſal endlich, müde ihn zu verfolgen, ihm von Neuem lächeln werde. ,„Ohne Zweifel,“ ſagt er bei ſich ſelbſt,„werde ich e dieſen Auftrag ausführen. Er ſage mir zu. Wenig Ar⸗ r beit, wenig Schwierigkeit und viel Gel— ſo ein Geſc äft lob ich mir. Er faßte ſogleich den Plan, ſich ſeiner ehrenvollen r⸗ Function als Portier am Theater Argentino zu entledigen und, gewiegt von den ſüßeſten Träumen und lachendſten er Chimären, ſchlief er friedlich ein und erfreute ſich bis zum i Morgen des Schlafes des Gerechten und des Unſchuldigen. ge eit od Elftes Kapitel. 2 Ein unerwarteter Beſuch. Ae die Baroneſſe Danglars aus Paris abreiſte, ge⸗ in⸗ ſchah es mit dem feſten Ehtſchluſſe, Frankreich ganz zu Die Todtenhand. 1. Band. verlaſſen, denn für eine von ihrer Kindheit 1 an die * ₰ — 114— Freuden, den Luxus und die Eleganz einer Hauptſtadt ge⸗ wöhnte Frau, kann die Provinz keinen Reiz haben und keine Shmpathie erwecken, höchſtens während des kurzen Zeitraum's einer Frühjahrs⸗ Saiſon. Die Baroneſſe Danglars konnte ſich unmöglich dazu verſtehen, eine müſſige und langweilige Exiſtenz in einer Stadt zweiten Ranges hinzuſchleppen. Nachdem ſie ſich daher nach Lhon begeben, blieb ſie nur ſo lange hier, als durchaus nothwendig war, bis De⸗ brah ihr prachtvolles Hotel in Paris verkaufen konnte und ihr eine Anweiſung auf die dafür gelöſte Summe über⸗ ſendete. Dieſes Geld ward zu den Reiſekoſten beſtimmt. Als alle Formalitäten erfüllt waren, beeilte ſie ſich, Frankreich zu verlaſſen und begab ſich in jenen kleinen Arm, denn die Erde nachläſſig in die ruhigen Fluthen des Mittelländiſchen Meeres hineingeſtreckt zu haben ſcheint, und wo die Menſchen die Grenzen des Kirchenſtaates und des Königreich's Neapel gezeichnet haben. Endlich zeigte ſich die ſtolze Kuppel der St. Peters⸗ kirche, majeſtätiſch gegen den azurblauen Himmel Italiens abſtechend, den bezauberten Blicken der Baroneſſe, deren Herz in neuer Wonne ſchwamm, als wenn ſie hier einer neuen und beſſeren Exiſtenz entgegen ginge. Am folgenden Tage wohnte die Baroneſſe Danglars bereits in dem Gaſthauſe des Meſtre Paſtrini, und zwar auf eine ganz beſondere Weiſe, welche ihr doppelte Koſten verurſachte. Dennoch ſagte ihr dieſes Arrangement für die Zeit zu, wo ſie nicht mit Gewißheit wußte, ob ihre Toch⸗ ter und ihr Gatte ebenfalls in dieſer Stadt anweſend ſeien und wenn dem ſo wäre, welche Rolle ſie hier ſpielten. Ihr Paß war der eines jungen Mannes von der Familie Servibres, welcher kränklich war und zu ſeiner Zer⸗ ſtreuung reiſte. Unter dieſem Namen war ſie in dem ge⸗ nannten Hotel bekannt, wo ſie ihre Damenkleidung nur des Nochts 4 anlegte, um die Thegter zu beſuchen. er⸗ ge des 1 — 115— Der Zufall führt zuweilen Begegnungen herbei, die der unerbittlichſte und ſchlaueſte Verfolger kaum zu Stande bringen würde. Schon am zweiten Abende, als die Baroneſſe den Fuß in das Theater Argentino ſetzte, ſah ſie ſich ihrer einzigen Tochter gegenüber, ihrer Tochter, welche zum erſten Male als öffentliche Sängerin auftrat! Es war dies, wie wir bereits geſagt haben, ein Don⸗ nerſchlag für ſie und ſie glaubte ihn nicht zu überleben. Von dieſem Augenblicke an nahm ſie ſich auch vor⸗ nicht mehr in dem Theater zu erſcheinen, wo ihr Stolz eine ſo tiefe Wunde erhalten hatte, und ſie verließ daher ihr Zimmer nicht wieder. Hier rief ſie, von den Zuckungen einer ohnmächtigen Wuth gefoltert, alle Erfindungsgabe ihrer fruchtbaren Phantaſie zu Hilfe, um ein Mittel zu finden, Eugenien der Laufbahn zu entreißen, der ſie ſich gewidmet hatte. Dieſes Mittel gab ihr endlich ihr Stolz ein. „Ich werde zu ihr gehen, ich werde mit ihr ſprechen und von der Wucht der Schande niedergedrückt, wird ſie mir zu Füßen ſinken, um Verzeihung zu erlangen.“ Die ſtolze Dame täuſchte ſich.* Doch wie dem auch ſein möge, ſo begab ſich an dem Tage nach der Aufführung der Semiramis oder vielmehr dem Triumphe der beiden jungen Damen von Armilly, die Baroneſſe Danglars zu einer alten Frau, in deren Hauſe ſie für eine kleine Summe ein beſonderes Zimmer gemie⸗ thet hatte. Hier bewirkte ſie ihre Verwandlung aus einem kränklichen jungen Mann in eine geſunde, ſchöne Frau, hüllte ſich in einen weiten Shawl und ſtieß in eine elegante Equipage. „Zu den Fräuleins von Armillh,“ ſagte ſie zu dem Kutſcher in ihrem ſtolzeſten, gebieteriſchſten Tone. Der Wagen flog im Galopp davon. Die beiden Freundinnen hatten ſo eben das„n Geſchenk des Theaterdirectors erh alten weinen mwc — 116 ſich liebend umſchloſſen haltend, vor Wonne und Freude, als ſie den Wagen halten und gleich darauf die einen Be⸗ ſuch verkündende Klingel ſchellen hörten. „Wenn ich nicht irre,“ rief Eugenie,„ſo macht dieſer Beſuch die Zahl vierundzwanzig voll. Die Sache wird in der That läſtig; meinſt Du nicht auch, meine Theure? Vierundzwanzig Equipagen in einem einzigen Tage, an ei⸗ ner und derſelben Thüre! Sollte man nicht meinen, daß hier die Wohnung eines Staatsminiſters, eines Agenten der hohen Diplomatie, oder auch eines Grafen von Monte⸗ Chriſto ſei? Und dennoch wiſſen Alle vollkommen wohl, daß nur Du, nur Du es biſt, meine theure Freundin, die dieſe Beſuche anlockt.“ Und während Eugenie ſo ſprach, bedeckte ſie ihre ge⸗ liebte Louiſe mit Küſſen. „O,“ fuhr ſie fort;„der Arſaces von geſtern wird den Römern nicht ſobald aus der Erinnerung entſchwinden, denn ſie ſind gediegene Kenner und beſſer als irgend Jemand haben ſie verſtanden, die Vortrefflichkeit Deiner Methode, die Intelligenz Deines Spieles, den Adel und begeiſterten Ausdruck Deiner Mimik zu würdigen.“ „Schweig— Eugenie— könnteſt Du wirklich glau⸗ ben, daß ich mehr Effect gemacht habe, als Du?“ „Nein, aber ich bin feſteüberzeugt, daß ich ohne Dich dieſe ſo ſchwierige Rolle der Semiramis nicht mit derſelben Wahrheit ausgeführt haben würde.“ „Ach, Engenie, Du machſt Dir von mir einen Be⸗ griff, welcher alle Grenzen überſchreitet; Deine blinde, oder, wenn Du lieber willſt, Deine thörichte Großmuth läßt Dich Dein eigenes Verdienſt vergeſſen. Hier ſind Deine Kränze; ſie ſind allerdings nicht koſtbarer und nicht zahlreicher, als die meinen, aber was will das ſagen? Doch ganz gewiß, daß Dein Verdienſt dem meinigen gleich iſt, daß das italie⸗ niſche Volk keinen Unterſchied zwiſchen uns macht, daß es —— in ſeiner Unparteilichkeit unſer Talent in dieſelbe Wagſchaale legt und ihm einen gleichen Lohn zuerkennt. Eugenie antwortete nichts, ſondern ſchlang ihre Arme mit Verehrung und Liebe um den Bals ihrer früheren Leh⸗ rerin, ihrer Freundin, ihrer Gefährtin. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre des Saales, und es erſchien eine Frau von mittleren Jahren, welche die Haushälterin der beiden Fräuleins von Armillh war. ——— Zwölftes Kapitel. Mutter und Tochter. Waum hatte die Haushälterin den Fuß in den Salon d geſetzt, in welchem Louiſe und Eugenie ſich befanden, als dieſe letztere, ohne ihr Zeit zu laſſen das Wort zu ergrei⸗ d fen, mit einer Ungeduld, die von einem gewiſſen Anfluge * von Zorn nicht ganz frei war, rief: n „Was giebt's, Aspaſia! Ich dächte, wir hätten Ihnen aufgetragen, uns niemals zu unterbrechen, wenn wir ſtu⸗ 5 diren wollen.“ „Entſchuldigen Sie, Mademoiſelle,“ antwortete Aspa⸗ h ſia;„wenn ich Sie unterbreche, ſo iſt die Schuld nicht n mein. Ich weiß, daß Sie zu dieſer Stunde nicht geſtört ſein wollen, es iſt aber eine franzöſiſche Dame unten, die ſo eben angekommen iſt, und die trotz aller meiner Bemer⸗ r, kungen über die Unmöglichkeit, daß ſie jetzt von Ihnen em⸗ ch pfangen werde, durchaus mit Ihnen ſprechen will.“ z„Sie will es durch aus!“ wiederholte Eugenie ganz 16 verwundert über die ſeltſame Anmaßung der franzöſiſchen , Dame.„Wohlan, ich aber will nicht.“ e„Entſchuldige, Eugenie,“ ſagte Louiſe. Dann wen⸗ dete ſie ſich zu S und fuhr fort: „Sie ſagen, es ſei eine franzöſiſche Dame?“ „Ja, Mademviſelle.“ „O!“ rief Eugenie,„glaubt ſie vielleicht, daß dieſe Eigenſchaft ihr als Paß diene, um ſich den Leuten aufdrin⸗ gen zu können? Dann täuſcht ſie ſich. Sie möge uns ihre Karte ſenden, wenn ſie einmal darauf beſteht, das wird genügen. Aspaſia gehen Sie und kommen Sie nicht wie⸗ der. Wenn ſie Ihnen eine Karte giebt, ſo legen Sie die⸗ ſelbe zu denen, die heute ſchon abgegeben worden ſind und dann alle zuſammen auf meine Toilette. Gehen Sie!“ Eugenie ſprach dieſe letzte Weiſung in einem Tone aus, der keine Entgegnung geſtattete. Auch war die gute Frau Aspaſia der Meinung, daß ſie nichts Beſſeres thun könne, als ſofort ihren Rückzug anzutreten. Die beiden Freundinnen ſetzten ſich an das Piano und begannen nach einigen Präludien das berühmte Duett aus Semiramis zu ſingen. Kaum aber waren ſie einige Takte weit gekommen, als ſie zu ihrer großen Ueberraſchung abermals die Thüre ſich öffnen hörten und die Haushälterin eintreten ſahen. „O!“ rief Eugenie ungeduldig,„auf dieſe Weiſe wird es uns heute vollſtändig unmöglich ſein zu ſtudiren. Meine liebe Frau Aspaſia, man ſollte meinen, ein böſer Geiſt habe Sie heute angehaucht und Ihnen das Gedächtniß ge⸗ raubt. Haben Sie denn das Verbot, welches ich Ihnen vor wenigen Augenblicken ertheilte, ſchon wieder vergeſſen?“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Mademoiſelle,“ antwortete Aspaſia.„Die Dame, von der ich ſprach, ver⸗ langt, daß ich Ihnen dieſe Karte unbedingt überreiche.“ „Es wird immer beſſer!“ rief Eugenie.„Erſt vor einer halben Stunde ſagte dieſe Dame, ſie wolle durch⸗ aus und jetzt will ſie unbedingt. Es wird ohne Zwei⸗ fel nicht lange dauern, ſo bahnt ſie ſich den Weg zu uns mit Gewalt. Ich finde dieſe Sache ſehr ſonderbar!“ S X„ ird ne iſt e⸗ len 2 . er vor ch⸗ vei⸗ uns — „Zeigen Sie die Karte her, Aspaſia,“ ſagte Louiſe, indem ſie die Hand darnach ausſtreckte. Aspaſia that einen Schritt vorwärts und übergab eine elegante Karte von geglättetem Velin, auf welcher mit gol⸗ denen Buchſtaben ein ariſtokratiſcher Frauenname gedruckt ſtand. „Wäre es möglich?“ murmelte Louiſe, indem ſie die Karte raſch Eugenien hinhielt. „Die Baroneſſe Danglars,“ ſagte dieſe kalt.„Sie möge eintreten!“ ſetzte ſie gleichgültig hinzu, indem ſie der Haushälterin winkte, die ſich ſofort ſchleunigſt entfernte. „Du wirſt bleich,“ ſagte ſie zu Louiſen.„Beruhige Dich, meine Theure, ich bin ſtark und fürchte die Vor⸗ würfe und die Entrüſtung meiner Mutter keineswegs. Un⸗ abhängig und frei werde ich mich niemals dazu verſtehen, die Kette wieder aufzunehmen, die ich glücklich geſprengt.“ Während ſie ſo ſprach, eilten ihre wie von krampf⸗ hafter Bewegung getriebenen Finger über die Taſten des Piano und entlockten demſelben raſche und laute Töne, durch welche ſie die Seufzer zu übertäuben ſuchte, welche trotz ihrer Stunhüßght ſich dennoch ihrer Bruſt ent⸗ rangen. Louiſe hielt mit geſenktem Haupte, träumeriſch und gedankenvoll den Blick auf die verhängnißvolle Karte gehef⸗ tet, welche auf dieſe Weiſe mitten in dem Rauſche des Triumphes den Frieden ihrer Seele ſtörte. Ihr Herz ſchlug im Einklange mit dem ihrer Freundin, und ein Seufzer, der faſt einem Schluchzen glich, miſchte ſich von Zeit zu Zeit in die betäubenden Accorde des Piano's. Die Baroneſſe Danglars trat ein. Sie trug ein ein⸗ faches ſchwarzes Sammetkleid und eine mit Sinten beſetzte Pelerine bedeckte ihre Schultern. Sie war gewöhnlich blaß, in dieſem Augenblics aber bedeckte eine leichte Röthe ihre Wangen und ihre 9 ich ches ſie im Herzen trug. aufgeworfenen Lippen verriethen das bittere Gefühl, wel⸗ Eugenie ging ihr langſam entgegen und verneigte ſich ehrerbietig, wie um ihr die Hand zu küſſen. Die Baro⸗ neſſe blieb jedoch unbeweglich und Eugenie erröthete bis in die Augen hinein. „Um Sie in Rom aufzufinden, Mademoiſelle,“ ſagte endlich die Baroneſſe Danglars,„habe ich Ihnen den Na⸗ men Eugenie von Armillh geben müſſen. Es iſt alſo Eu⸗ genie von Armillh, die ich jetzt vor mir habe und Made⸗ moiſelle Eugenie von Armillh hat keine Pflicht, welche ſie zu dem Beweiſe von Ehrerbietung nöthigt, den Sie mir geben wollten.“ Indem die Baroneſſe dies ſagte, warf ſie einen Sei⸗ tenblick auf die Freundin ihrer Tochter, welche vollkommen das Verletzende, was für ſie in dieſen Worten lag, begrif⸗ fen zu haben ſchien und daſtand, wie ein Schlachtopfer vor ſeinem Henker. Nachdem die Baroneſſe geſprochen, blickte ſie im Zim⸗ mer umher, als ob ſie einen Stuhl ſuchte. „S, nehmen Sie doch Platz, Madame,“ ſagte Euge⸗ nie lebhaft, aber nicht ſchnell genug, daß die Baronin nicht Zeit gehabt hätte zu ſagen: „Ich weiß nicht, ob bei den Künſtlern dieſelben Ar⸗ tigkeiten gebräuchlich ſind, wie bei alten gebildeten Leuten; ich möchte aber erklären, daß ich nicht gewohnt bin, ſte⸗ hend zu ſprechen.“ Bei dieſen Worten, die in einem Tone geſprochen wur⸗ den, welcher hinreichend verrieth, daß ſie aus der tiefſten Verachtung hervorgingen, ward Eugenie leichenblaß und Louiſe, die von etwas ſtärkerer Conſtitution war, roth wie eine türkiſche Roſe. „Madame!“ entgegnete Eugenie, deren Geduld nun zu Ende war und die ſich zugleich bemühete, ihren Wor⸗ ten Sicherheit und Feſtigkeit zu geben,„es herrſchen bei — e⸗ ut n te⸗ r⸗ en nd ie un ⸗ —— — den Künſtlern dieſelben Gewohnheiten wie anderwärts, ganz beſonders aber in Italien, wo, wie Sie wiſſen müſſen, die Ariſtokratie der Kunſt mit der Ariſtokratie der Geburt faſt auf gleicher Stufe ſteht.“ „Wirklich!“ antwortete die ſtolze Baroneſſe mit ironi⸗ ſchem Lächeln.„Ich bin überzeugt, daß ſie nicht, wie Sie ſagen, auf gleicher, ſondern vielmehr auf einer weit höhe⸗ ren Stufe ſteht. Ja, ja, es läßt ſich nicht leugnen, daß Ihre Ariſtokratie der Geburt Ihnen nicht eine ſo große, ſo allgemeine und ſo öffentliche Shmpathie erworben haben würde!— Indeſſen, Gott allein weiß, wie dies Al⸗ les geſchehen iſt. Ach oft, ſehr oft üben böſe Rathſchläge auf unerfahrene Perſonen einen Einfluß aus, der ſie zu den größten Thorheiten hinreißt.“ Die Baronin ſchleuderte abermals einen Seitenblick auf Louiſen, wie um die Wirkung ihrer Worte zu beob⸗ achten. Eugenie zitterte vor Zorn und beleidigtem Stolze. Sie wollte antworten, aber die Stimme ihrer Wutter ſchnitt ihr das Wort ab. „Wohlan, Eugenie, wahrſcheinlich hatteſt Du die Ab⸗ ſicht, mich nach dem Zweck meines Beſuches zu fragen. Ich verſichere Dir, daß derſelbe ſehr leicht zu errathen iſt. Wenn wir durch unſere Geburt einer Klaſſe der hohen Ge⸗ ſellſchaft angehören, vor welcher die große Menge ſich beugt, ſo können wir nicht allen unſeren Launen mit derſelben Leich⸗ tigkeit und Ungenirtheit folgen, wie die Kinder gemeiner Leute, die in dieſer Welt Richts zü verlieren, wohl aber Alles zu gewinnen haben. Es iſt dies ſo wahr, Eugenie, daß Du ſelbſt, indem Du Dich der Künſtlerlaufbahn wid⸗ meteſt, es für Deine Pflicht gehalten haſt, Deinen Fami⸗ liennamen hinter einem anderen weniger Rückſicht erheiſchen⸗ den zu verbergen. Du biſt nicht ſtark genug geweſen, meine Tochter, um den alten Menſchen vollſtändig abzulegen. In den Augen Derer, die Dich it Du dieſelbe geblieben— Eugenie von Servieres und Danglars. Dieſe Namen aber können in keiner Weiſe einer Schauſpielerin angehören, wie hoch auch der Rang ſein möge, den ſie auf der Bühne einnimmt, beſonders wenn ich, die ich Deine Mutter bin, das Recht zu haben glaube, Dich zurückzufüh⸗ ren—“. „Zurückzuführen?“ fragte Eugenie in unterwürfigem zitterndem Tone und ſchlug die Augen zu Boden. „Was ſoll das heißen, Eugenie?“ „Ich verſtehe Sie nicht, meine Mutter.“ „Ach, die Sache iſt doch in der That ſehr einfach! Wenn ich den Ausdruck zurückführen gebraucht habe, ſo habe ich damit ſagen wollen, daß ich durch meine Rathſchläge der thörichten Verirrung meiner Tochter ein Ende zu ma⸗ chen wünſchte. Das iſt meine Pflicht, Eugenie, und wenn auch Du vergeſſen haſt, was Du mir ſchuldig biſt, ſo iſt dies doch mit mir in Bezug auf Dich durchaus nicht der Fall.“. „Liebe Mutter,“ murmelte Eugenie, an deren Augen⸗ wimpern zwei große Thränen zitterten,„Sie ſind gut und edel und ich habe daher immer auf ihre Nachſicht gehofft. Aber dennoch dürfen Sie nicht glauben, daß ich jemals auf die hohe Laufbahn verzichten werde, die ich nach reiflicher leberlegung und freiwillig, und abgeſehen von allen frem⸗ den Einflüſterungen gegen die langweiligen Abgeſchmackthei⸗ ten der Etiquette und die ſchale Eintönigkeit des gewöhnli⸗ chen Lebens vertauſcht habe. Nein, als ich meinen Flucht⸗ plan entwarf, als ich ihn mit Muth und Entſchloſſenheit durchſetzte, tauſend Schwierigkeiten und vielen Gefahren wotzte, da geſchah dies nicht in der Meinung, eines Tages wie ein kleines Kind, das einen Fehler bereut, in das vä⸗ terliche Haus zurückzukehren. Ich achte Sie, ich liebe Sie, aber dieſes freie, ruhmreiche Leben iſt mein ganzer Ehr⸗ geiz“ „Das genügt, Eugenie,“ ſagte die Baroneſſe, indem — — — 12 ſie aufſtand.„Ich weiß, wem ich Deine Verirrung zuzu⸗ ſchreiben habe! Wem ich den Schmerz verdanke, an je⸗ nem fluchwürdigen Abende mein Herz zerfleiſchte. O, wenn ich jemals ſo etwas Entſetzliches hätte vermuthen können, ſo würde ich jetzt nicht die Schande tragen, Mutter einer Komödiantin zu ſein.“ „Madame!“ „Aber ich werde es nicht ie mehr ſein, Eugenie,“ fuhr die Baroneſſe fort, indem ſie ſich vollſtändig erhob. „Du wirſt mich doch nicht durch dieſen Kummer tödten wollen, nicht wahr nicht?“* „O, meine Mutter, Erbarmen! Sie begreifen nicht, was es heißt, zu einer dramatiſchen Künſtlerin, die es aus natürlichem Triebe, aus Beruf iſt, zu ſagen:„Höre auf Künſtlerin zu ſein und kehre in Deine Verhältniſſe als ge⸗ wöhnliches Weib zurück!“ „Das iſt aber wirklich ſtark!“ unterbrach die Baro⸗ neſſe mit ironiſchem Lächeln;„Du machſt Dir wirklich eine ziemlich hohe Idee von Dir ſelbſt, Eugenie. Und weißt Du nicht, was es für eine Dame von vornehmer Geburt⸗ für eine Dame der, großen Welt heißt, die unſauberen Bre⸗ ter betreten zu haben, für eine Dame, die in den Geſin⸗ nungen eines edlen Stolzes herangebildet, an deren Erzie⸗ hung nichts verſäumt oder geſpart worden? Eugenie, das geht über meine Kräfte! Dieſer Gedanke vernichtet mich. Eine von uns beiden muß das Opfer vollenden; verſtehſt Du, Eugenie? Ich bin nicht hierhergekommen, um eine ſentimentale Komödie aufzuführen. Dergleichen Grimaſſen überlaſſe ich den Schauſpielerinnen, welche nach Effekt ha— ſchen. Solche Komödiantinnen können eben in Folge des Nachäffens der Natur und der Verſtellung, die ihre Rollen ihnen guferlegen, nicht mehr den wahren Schmerz oder 48 Vergnügen würdigen, welches Unßie S 6& kr⸗ „Mutter, Mutter!“ rief Eugenie zitternd, indem ſie 0 krampfhaft mit den Zähnen ihr feines Batiſttuch zerriß. „Was ſoll das bedeuten? Haſt Du mir nicht ſelbſt geſagt, daß. Du Schauſpielerin biſt? Warum ſoll ich nicht ſo mit Dit ſprechen? Ich ſpreche mit Dir, wie ich mit jeder andern Perſon dieſes Handwerk's ſprechen würde,“ entgegnete die Baroneſſe. 2 Dann wendete ſie ſich zu Louiſen und ridete dieſelbe direct an. S „Mademoiſelle Louiſe von Armillh, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen für den beiſpielloſen Eifer danke, den Sie bei dem meiner Tochter ertheilten Muſikunterrichte entfaltet haben. Die Schülerin macht in der That der Lehrerin Ehre und es möchte jetzt ſchwer ſein zu ſagen, welche von beiden gegenwärtig die Schülerin, und welche die Lehre⸗ rin iſt.“ Louiſe warf einen bittenden Blick auf ihre Freundin, welche ſofort einen Schritt vorwärts that, um ſich zwiſchen ſie und die Baroneſſe zu ſtellen. „Wir ſind gegenwärtig,“ ſagte Engenie, zwei ver⸗ traute Freundinnen, zwei unzertrennliche Gefährtinnen der Arbeit, des Studiums, des Ruhm's und des Schickſal's. Sie, meine Mutter, die Sie in Folge Ihrer Geburt nie⸗ mals Gelegenheit oder das Bedürfniß gehabt haben zu ar⸗ beiten und zu ſtudiren, um einen Namen und Subſiſtenz⸗ mittel zu erwerben, Sie begreifen nicht, Sie können nicht begreifen, was dieſe heilige Freundſchaft iſt, die uns ver⸗ einigt. Achten Sie dieſelbe aber wenigſtens. In den präch⸗ tigen Salons Ihrer Geſellſchaft giebt es keine derartigen Frrundſchaften; in dem Glanze der Vornehmheit ſucht man dieſe erhabene Einfachheit vergebens. Wohlan, ſie iſt um derentwillen ich den Namen der ſtolzen Familie ver ſchmähe, von welcher ich abſtamme; um ihretwillen achte ich das glänzende Loos, welches mir beſchieden war —— 1 1 — nen, Mutter, ich werde ſtets Ihre Tochter ſein, aber nich ſem erſten Beſuche Richts weiter hoffen könne, murmelte hang und verließ ſchleunigſt das Haus der beiden Freundinnen. den geröhnen konnte, ſich von der Geſellſchaft telklaſſe und die Proletarier verachtete, gab es auf der Welt nichts Schlimmeres, als den Beruf Eugenien's. gen in allen Städten der civiliſirten Welt die Geſchichte der — 125— Die Baroneſſe zuktehſin als ſie dieſe letzten Worte hörte. „Um ihretwillen“ fiteiene fort, indem ſie Loui⸗ ſen feſt in ihre Pume ſchloß,„um ihretwillen ſage ich Ih⸗ blos Ihre Tochter, ſondern auch Künſtlerin.“ Die Baroneſſe, welche wohl einſah, daß ſie von die⸗ einige durch den Zorn eingegebene Worte ohne Zuſammen⸗ Für eine Frau, wie die Baronin, die ſich nicht an zurückzuziehen, in welcher ſie fortwährend gelebt, für eine von allen Porurtheilen ihres Standes ſo verblendete Frau, die blos auf Antrieb eines wahnſinnigen Stolzes die Mit⸗ Es blieb der Baroneſſe wejter Nichts übrig, als Rom zu verlaſſen, wo ohne Zweifel ſehr bald irgend ein nach Neuigkeiten begieriger Journaliſt der Neugier des Publi⸗ kums die Biographie der neuen Actrice zum Futter hin⸗ warf, ſo daß dann nothwendig eine der beiden Armillh als Eugenie Danglars erkannt ward. Nun aber iſt ein Journal ein Blatt, welches üterall hinkommt, und welches alle Welt lieſ't. In Frankreich ward auf dieſe Weiſe die Rachricht ebenfalls mitgetheilt und verbreitet; in London wußte man ſie ſicherlich demnächſt auswendig und die uner⸗ müdliche Fama, die auf einem ſo ſchönen Wege niemals ſtehen bleibt, zögerte gewiß nicht, mit ihren hundert Zun⸗ berühmten Actrite Eugenie Danglars zu verkünden, welche, der innern Stimme folgend, Mutter, Verwandte, Femilie, Ehre und Reichthum berlaſſen, um der ſchwierigen Lauf behn der Sonntag und Malibran zu folgen. Die Baroneſſe fühlte ſich entmuthigt und einen Au⸗ — 126— genblick lang verſucht, das Haupt unter das Verhängniß zu beugen, welches ſie ſeit einiger Zeit zu verfolgen ſchien. Einer düſtern Melancholie preisgegeben, ließ ſie alle Un⸗ glücksfälle, von denen ſie nach einander betroffen worden, die Muſterung paſſiren. Die Flucht ihres Gatten, die Erſcheinung jenes Unglücklichen, dem ſie das Leben gege⸗ ben, der von der Hand ihres ehemaligen Geliebten in der Stunde ſeipes Todes geſchriebene verhängnißvolle Brief, die Ertravaganz ihrer Tochter Eugenie— Alles ſchien ſich zu ihrem Untergange verſchworen zu haben. Nichts deſto weniger war die Baroneſſe durchaus nicht ein Gemüth, welches ſich durch das Verhängniß beſiegen 4 ließ. Ihr Stolz und ihre Eigenliebe empörten ſich gegen 3 dieſe Idee und zeichneten ihr den Weg vor, den ſie einzu⸗ ſchlagen hatte. Sie ſchwur, Eugenien auf dem betretenen Wege feſtzuhalten oder ſie vielmehr davon hinwegzudrän⸗ gen und ſchickte ſich an, dieſe geheimnißvolle Aufgabe zu beginnen, bei welcher ſie alle Hilfsquellen ihrer Intelligenz und all ihren weiblichen Scharfſinn zu entfalten gedachte. —— ——,—— * Dreizehntes Kapitel. 3 Der Brief Benedetto's. Dr Beſuch der Baroneſſe Danglars bei ihrer Toch⸗ ter ging, wie der Leſer nicht vergeſſen darf, dem Briefe vorgus, den Benedetto ihr unter der falſchen Unterſchrift des Grafen von Monte Chriſto geſchrieben und folglich fan⸗ den die Ereigniſſe, die wir jetzt erzählen wollen und die auf jenen Beſuch folgten, ebenfalls vor Abſendung des eben erwähnten Briefes ſtatt, deſſen Folgen wir ſpiter ſehen werden. — —— —.— — 127— Die Baroneſſe Danglars hatte, wie wir bereits ge⸗ ſagt, ein Zimmer in dem Hauſe einer alten Frau gemie⸗ thet, wo ſie ihre Verwandlungen aus einem kranken Jüng⸗ ling in eine geſunde und ſchöne Dame bewerkſtelligte. Die Baroneſſe, welche für ein kleines Geldopfer die Verſchwiegenheit der Alten erkaufte, vermehrte die Summe, um das Recht zu haben, die allerunverbrüchlichſte Ver⸗ ſchwiegenheit zu verlangen. Sie ließ ſie deshalb zu ſich kommen und es fand nun zwiſchen beiden das nachfolgende Geſpräch ſtatt. „Giebt es in Rom einen entſchloſſenen Mann, der zu einem ſchwierigen, aber gewinnbringenden Unternehmen fähig iſt?“ „Es giebt deren mehrere.“ „Welcher iſt der intelligenteſte?“ „Ich werde ihn machen.“ „Wann?“„ „Morgen.“ 5 „Gut. Dieſer Mann muß das„Eheater beſuchen, ob er daran gewöhnt wäre.“ „O, ich ſtehe für ihn.“ „Er muß eine Art Entführung bewirken.“ „Eine, zwei, drei, ſo viel Sie deren wollen“ „Und wer bürgt mir für ſeinen Gehorſam?“ N „Sein eigenes Intereſſe.“ 8 „Und für Ihre Verſchwiegenheit?“ „Das, was mir für die Ihre bürgt. Sie ſind hier⸗ her gekommen und ich habe geglaubt, Sie wären ein Mann⸗ Später habe ich geſehen, daß Sie eine Frau ſind wie ich. Seit dieſer Zeit beſuchen Sie mein Haus, wo Sie die Tracht und Geſtalt wechſeln, ſo oft es Ihnen gefällt. Ich weiß nicht, wer Sie ſind und ich ſuche auch nicht, es zu wiſſen. Wenn Sie ein Verbrechen begangen haben und man Sie vielleicht einmal verhaftet, ſo hoffe ich, daß Sie nicht von mir ſprechen werden.“ Die Baroneſſe mußte ſich mit dieſen Gründen begnü⸗ gen und wartete bis zur folgenden Nacht, wo die Alte den Mann aufzufinden verſprochen, der die zur Bewirkung einer Entführung nöthigen Eigenſchaften beſäße. Als die Nacht da war, verließ der kranke Sprößling der Familie Servieres vom Kopf bis zum Fuße in ſeinen Mantel gehüllt das Hotel und begab ſich in das Haus der alten Shbille, wo er gegen ſeine Gewohnheit diesmal nicht das Coſtüm wechſelte und ſich nicht in die Baroneſſe Dang⸗ lars verwandelte. „Nun, wo iſt der Mann?“ „Er iſt hier.“ „Was iſt es für ein Mann?“ „Ein Mann von hohem Wuchſe und unerſchütterlichem Muthe, bereit, Ihnen in allen Dingen zu dienen. Mögen Eure Excellenz ihn gut bezahlen das Uebrige dem Wil⸗ len Gottes anheimſtellen.“ „Sagen Sie ihm aber nicht, daß ich eine Frau bin.“ „Lieber gar!“ „Sttzen Sie den Schirm auf dieſe Lampe ſo, daß ich im Schatten bleibe und laſſen Sie ihn heraufkommen.“ Die Alte gehorchte und der vermeinte junge Herr von Serviéres hüllte ſich ſorgfältig in die Falten ſeines Man⸗ tels und drückte ſich in die weichen Kiſſen eines umfang⸗ reichen Lehnſtuhl's. Einige Augenblicke darauf ließen ſich die Tritte eines Mannes vernehmen, welcher die Treppe heraufkam und bald darauf erſchien ein Menſch, deſſen Phiſiognomie die Schlau⸗ heit des Fuchſes und den Muth des Löwen verrieth. Mit raſchem Blicke betrachtete er den angeblichen jungen Mann und wußte, mit wem er zu thun hatte, ehe noch die Ba⸗ roneſſe Zeit gewann, ihrerſeits über ihn in's Klare zu kommen. Das Schweigen dauerte von beiden Seiten einige Au⸗ genblick während welcher der Eintretende höflich ſeinen tr ir b „—— — „ Hut abnahm und ſich mit der Hand durch das Haar fuhr, um die Shmmetrie deſſelben wieder herzuſtellen. „Man verſichert mir, daß Sie bereit ſind, einen Auf⸗ trag. der nicht ohne Schwierigkeit iſt, zu einem guten Ende zu führen?“ ſagte Servières mit verſtellter Stimme. „Ja, Excellenz,“ antwortete der Unbekannte. „Selbſt wenn der Auftrag, um den es ſich handelt, in einer Entführung beſtünde?“ Der Bandit lächelte und machte eine verächtliche Ge⸗ berde, als ob er etwas Schwierigeres erwartet hätte. „Gut, gut!“ fuhr der junge Herr von Servibres fort, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.„Kann uns Jemand hören?“ „Ich bin allein,“ ſagte der Bandit. „Sie pflegen die Theater zu beſuchen?“ „Ich kenne Alle, welche Italien enthält, auswendig.“ „Ah ſo! Dann haben Sie alſo ganz Italien beſucht?“ „Ich kenne alle Winkel dieſes Meerarms von Regio bis Aoſta, ſowohl auf der Seite des korſiſchen Meeres als auf der des adriatiſchen.“ „Begnügen wir uns nichtsdeſtoweniger vor der von dem Theater Argentino zu ſprechen.“ „Ich höre.“ „Kennen Sie die beiden neuen Actricen?“ „Wer in Rom kennte nicht ſchon die beiden Ar⸗ millh?“ „Ich meine die jüngere.“ „Eugenien?“ „Ja.“ „Denken Sie ſich, daß ein Mann in dieſer Welt ſie leidenſchaftlich liebt. Denken Sie ſich, eines jener unbe⸗ zähmbaren Gefühle, welches den Menſchen treibt, die Welt mit Füßen zu treten und alle Hinderniſſe zu überwinden, um in den Beſitz des geliebten Gegenſtandes zu gelangen, eins jener Gefühle, welche durch die kalte L die⸗ Die Todtenhand. 1. Band. — 130— ſes Gegenſtandes nur um ſo heftiger und ſtärker werden, und gleich dem die Regionen des Schnees und Eiſes durch⸗ furchenden Blitze gerade auf ihr Ziel losgehen.“ „Ich verſtehe.“ „Es handelt ſich darum, Eugenien von Armillh mit Gewalt zu entführen.“ „Das iſt ſehr leicht.“ „Wann?“ „Beſtimmen Sie ſelbſt die Racht und die Stunde.“ „Wie?“ „Excellenz, man hat mir geſagt, daß Sie gut bezah⸗ len und deshalb muß ich Ihnen auch gut dienen. Ich ſage daher nochmals: Beſtimmen Sie ſelbſt die Nacht und die Stunde, wo Sie wollen, daß die Entführung vollzogen werde.“ „Nichtsdeſtoweniger empfehle ich Ihnen vor allen Din⸗ gen Eins,“ ſagte der junge Herr von Servières, indem er einen Augenblick zögerte und als ob er eine gewiſſe Reue über dieſes verrätheriſche Attentat auf die Freiheit Euge⸗ nien's empfände. „Was iſt dies?“ „Die größte Ehrerbietung—“ „Das verſteht ſich.“ „So wenig Gewalt als möglich.“ „Seien Sie unbeſorgt.“ „Und wer ſteht mir für Ihren pünktlichen Gehorſam?“ „Sie ſollen mich nicht eher bezahlen, als bis das Werk gethan iſt, Excellenz, und Mademvoiſelle Eugenie ſoll Ihnen mit eigenem Munde ſagen, ob ich den gebührenden Reſpekt gegen ſie aus den Augen geſetzt habe, natürlich ausgenom⸗ men in dem Augenblicke, wo ich mich ihrer Perſon bemäch⸗ tigen muß.“ „Wo werde ich Sie wiedertreffen?“ „Kennen Sie die Katakomben des heiligen Sebaſtian 2 „Rein,“ antwortete der junge Herr von Servieres, int H der zu Kl de zu indem er hinzufügte:„Denken Sie darüber nach, mein Herr, der Auftrag iſt damit noch nicht zu Ende. Die Entführung an und für ſich iſt nicht genug. Es iſt außer⸗ dem noch unerläßlich nothwendig, Eugenien nach Neapel zu bringen.“ „Damit befaſſe ich mich nicht.“ „Ah ſo! Gut! Aber dann werden Sie ſie doch in das Kloſter bringen, welches ich Ihnen bezeichnen werde?“ „Ohne Zweifel, natürlich vorausgeſetzt, daß die Thore deſſelben ſich uns öffnen.“ „Sie werden ſich öffnen.“ „Bezeichnen Sie die Nacht der Entführung. 3 „Die erſte, wo die Oper Semiramis wieder zur Aufführung kommen ſoll— vor Beginn der Vor⸗ ſtellung.“ „Das Kloſter?“ „Ich werde morgen Mittag den Namen deſſelben hier zurücklaſſen.“ „Aber da ich auf dieſe Weiſe nicht die Ehre haben werde, Sie wiederzuſehen, ſo bezahlen Sie mich gefälligſt ſogleich.“ Die Baroneſſe hatte ihre Maßregeln getroffen. Sie zog die Börſe und zählte dem Banditen das Geld auf, welches er verlangte. „Gut! gut!“ murmelte ſie, als ſie ihn fortgehen ſah. „In dem Kloſter wird Dein ausſchweifender Traum von einer Freiheit, die meinem Anſehen ſchadet, zu Ende gehen, Eugenie! Dort in der Einſamkeit wirſt Du bereuen, Deine Mutter verlaſſen zu haben.“ Am Abend des folgenden Tages erhielt die Baroneſſe Danglars den Brief, welchen ihr Benedetto durch Meſtre Paſtrini's Vermittelung zuſchickte und der, wie nan ſich erinnern wird, in folgenden Ausdrücken abgefaßt war? „Ein Mann, der Eure Excellenz unendlich achtet 35 „hochſchätzt, hat ſo eben erfahren, daß Geheimniß er wird mir zu Hilfe kommen.“ — 132— „Eurer Ercellenz in Rom ertdeckt iſt. Eure Exeellenz „möge mir erlauben, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen, weil „ich wünſche, daß Sie auf keine Weiſe nur im mindeſten „beläſtigt werde. „Ihr ganz ergebenſter „Graf von Monte⸗Chriſto.“ Wenn das Haupt der Meduſa mit ſeinem Schlangen⸗ haar und dem furchtbaren Anblick, den ihm die Rache Mi⸗ nerva's gab, plötzlich in den Lüften vor den Augen der armen Baronin erſchienen wäre, ſo hätte ſie unmöglich von größerer Beſtürzung ergriffen werden können, als ſie jetzt empfand, nachdem ſie das mit dem Namen des Grafen von Monte-Chriſto unterzeichnete Billet geleſen. War es nur ein böſer Traum? Sie las es zum zweiten Male. Es war keine Täuſchung. Es war Wirklichkeit. Sie hielt in der That in ihren Händen einen Brief, in wel⸗ chem man ihr ſagte, daß ihr Geheimniß in Rom entdeckt ſei. Aber welches Geheimniß? Von welchem anderen Geheimniß hätte ſie dieſe Worte gelten laſſen können, wenn nicht von ihrem letzten Geheim⸗ niß in Bezug auf die projectirte Entführung Eugenien's? Ja, ohne Zweifel war es dies, worauf der Graf von Monte-Chriſto hindeutete! Und wo war dieſer ſelbſt? Von wo ſchrieb er? Wie konnte er wiſſen, daß ſie, die Baroneſſe Danglars, in Rom war?„Ach,“ ſetzte ſie mit bitterem Lächeln hinzu,„ich ver⸗ gaß, daß dieſer außerordentliche Mann die Gabe beſitzt, in der Nacht zu ſehen, in der Zukunft zu leſen und die Ge⸗ genwart zu errathen, ſelbſt, wenn man dieſelbe noch mit dem Schleier des undurchdringlichſten Geheimniſſes bedeckt glaubt; für dieſen Menſchen giebt es keine Geheimniſſe, keine MWhſterien in der ganzen Welt! Aher wo iſt er? Ich muß ihn ſehen, ich muß ihn hören, er iſt groß, er iſt mächtig, ſch ſcht lat me tel die eil tie ſch — 133— Mit dieſen Worten ſetzte ſie ſich raſch an ihr Büreau, ſchrieb, faltete das Blatt, überſiegelte es und überſchrieb es ſchnell mit den Worten. 6 „An Se. Excellenz, den Herrn Grafen von Monte⸗Chriſto. — Preſſant.—“ Groß war das Erſtaunen des Meſtre Paſtrini, als er dieſen Brief empfing, um ihn an den Nachbar der zweiten Etage zu befördern, und die eben mitgetheilte Aufſchrift las. Er ſtand ſchon auf dem Punkte umzukehren, um be⸗ merklich zu machen, daß dieſe Perſon nicht in ſeinem Ho⸗ tel wohne und auch gar nicht in Rom anweſend ſei. Sich aber der Worte Benedetto's erinnernd und bedenkend, daß dieſer letztere ihm die Auflöſung des Räthſels geben würde, eilte er raſch und geräuſchlos, wie ein Fuchs, in die zweite Etage hinauf und trat in das Zimmer ſeines Gaſtes. „Excellenz, ich komme furchtbar ermüdet.“ „Du biſt wohl viel gelaufen?“ „Nein, Excellenz,“ entgegnete Paſtrini, indem er einen tiefen Seufzer holte. „Du biſt wohl ſehr raſch die Treppe heraufgekommen?“ „Per la Madonna! Ich bin ermüdet von der Laſt eines Briefes.“ „Was ſoll dieſer Witz bedeuten, Meſtre Paſtrini?“ „Witz! Witz! So mag es wohl Eurer Excellenz er⸗ ſcheinen, aber wenn ein Brief auf ſeinem Rücken einen Na⸗ men trägt, wie dieſer da!“ „Welchen Namen?“ „Graf von Monte-Chriſto!“ rief Paſtrini. „Geben Sie her,“ ſagte Benedetto lebhaft. Und ehe Meſtre Paſtrini Zeit hatte⸗ ein Wort zu ſpre⸗ chen, befand ſich der Brief ſchon in der zitternden Hand des Meuchelmörders. „Ab er, Excellenz, Sie ſind ja nicht der Graf.“ „Das iſt einerlei, ich bin ſein Seecretair.“ „Sie?“ entgegnete Meſtre Paſtrini erſtaunt,„Sie ſein Secretair? Haben Sie mir nicht geſagt, daß—“ „Ach, mein lieber Meſtre Paſtrini,“ unterbrach ihn Benedetto,„ich erkläre Ihnen, daß ich keine Stunde län⸗ ger in Ihrem Hauſe bleibe, denn Sie beſitzen eine Neugier, die wirklich unausſtehlich iſt!“ Meſtre Paſtrini, der ſeit einigen Tagen nicht mehr be⸗ griff, was um ihn herum vorging, ſah ſich genöthigt, ſich in ſein kleines Cabinet zurückzuziehen, welches ihm als Bureau diente, wo er die Gelegenheit abwartete, mit Pep⸗ pino zu ſprechen, um ihm mitzutheilen, daß der Secretair des berühmten Grafen in Rom ſei. Benedetto verließ das Hotel des Meſtre Paſtrini, in⸗ dem er ſein geheimnißvolles Käſtchen und einen kleinen ledernen Koffer, der ſein ganzes Gepäck ausmachte, mit⸗ nahm, in der beſtimmten Abſicht, die glückliche Entdeckung, die er gemacht, auf geſchickte Weiſe zu verwerthen Er be⸗ gab ſich in die Wohnung des Portiers am Theater Argen⸗ tino und hob den Thürklopfer mit ſolcher Arroganz, daß der arme gefallene Baron drei oder viermal vor Schrecken auf ſeinem Stuhl emporhüpfte. „Heda, Baron!“ rief Benedetto. „Wieder dieſer ſchlechte Scherz, mein Herr! Sie haben alſo geſchworen mich zu compromittiren!“ „Wenn ich Sie Baron nenne, mein Theurer, ſo ge⸗ ſchieht es, weil ich feſt überzeugt bin, daß Sie Ihr Ver⸗ mögen wiedererlangen werden„ antwortete Benedetto, in⸗ dem er die Treppe hinaufſtieg und ſeinen kleinen Koffer in einen Winkel ſetzte, das Käſtchen aber unter dem Arme behielt. „Was ſoll das heißen?“ fragte der Baron,„wollen Sie eine Reiſe antreten?“ „Eine Reiſe? Ah, ich errathe, weshalb Sit düſe — 4„— be⸗ en⸗ en en ge⸗ er⸗ in⸗ in me Frage thun. Sie wundern ſich, weshalb ich dieſen Koffer mitbringe. Aber ſagen Sie, mein Lieber, wenn man aus⸗ zieht, ſo pflegt man doch ſeine Meubles nicht in dem Hauſe zu laſſen, welches man verläßt.“ „Sie wechſeln alſo die Wohnung?“ „Ja.“ „Aber—“ „Sagen Sie mir, lieber Freund, haben Sie vielleicht hier ein Zimmer, welches nicht bewohnt iſt?“ „Meiner Treue, nein; ich habe keines!“ ſagte der Baron, der ſich ſehr unbehaglich zu fühlen begann, weil ihm an der allzu großen Nähe des Exprinzen von Caval⸗ canti durchaus nichts lag. „Ausreden! Herr Baron! doch da fällt mir ein— ich habe etwas zu thun.— Geben Sie mir gefälligſt Dinte, Feder und Papier.“ „Mein Herr, ich ſage Ihnen nochmals, daß ich in dieſem Hauſe kein Zimmer leer habe. Sehen Sie— Vor⸗ ſaal, Wohnzimmer, hier iſt die Küche— „Aber, mein Herr, es iſt ja durchaus nicht meine Ab⸗ ſicht, den Grundriß Ihres Hauſes aufzunehmen; ich ver⸗ lange von Ihnen durchaus keine Nachweiſung in dieſer Beziehung; ich bitte Sie einfach um Dinte, Feder und Papier.“ „Sie wollen alſo ſchreiben?“ „Ja wohl, und zwar in Ihrem Intereſſe.“ „So, ſo! Und kann man vielleicht wiſſen an wen?“ „Warum nicht? an die Baroneſſe Danglars,“ ant⸗ wortete Benedetto. Der Baron ſprang in heftiger Bewegung auf. „An die Baroneſſe wollen Sie ſchreiben?“ „Nun, was iſt da ſo Wunderbares dabei, Herr Baron? Habe ich Ihnen nicht ſchon verſprochen, Sie mit ihren drei Nillionen wieder zuſammenzubringen, da Sie ſich einmal ſo viel Vorwürfe darüber machen, ſie verlaſſen zu haben, 5 wohlverſtanden, ſie und ihre drei Millionen. Nun aber iſt die Baroneſſe in Rom; ſie hat an mich geſchrieben und ich will ihr antworten.“ „Sie hat an Sie geſchrieben?“ „Kennen Sie ihre Hand?“ „Ganz genau.“ „Iſt es dieſe?“ Er zeigte ihm den Brief, den die Baronin an den vermeinten Graf von Monte⸗Chriſto gerichtet.. „Ah!“ rief der Baron, als er dieſen Namen auf dem Couvert las. Die Handſchrift iſt allerdings die ihrige, aber Sie ſagten, ſie hätte an Sie geſchrieben, und hier ſehe ich einen Namen, der nicht der Ihrige iſt.“ „Der nicht der meinige iſt?“ ſagte Benedetto lächelnd, indem er unmittelbar darauf hinzuſetzte:„Lieber Baron, Sie vergeſſen meine wunderbare Reliquie— Apropos, mit Ihrer Erlaubniß, laſſen Sie mich mein Käſtchen hierher⸗ ſetzen. Aber rühren Sie es nicht an! es enthält die Tod⸗ tenhand!“ Danglars ſchauderte unwillkürlich. Benedetto fuhr fort: „Mein Herr, ich habe der Baronin befohlen, nach Rom zu kommen und Ihr Hotel eben ſo wie Ihr Geſchirr in Paris zu verkaufen. Sie hat meinem Befehle gehorcht, heute Abend erwartet ſie meine weiteren Befehle und ich komme, um Sie in dieſer Beziechung zu Rathe zu ziehen.“ Der beſtimmte und überzeugende Ton, in welchem Benedetto dieſe Worte ausſprach, ſetzte den armen Baron in Erſtaunen und er blieb mit offenem Munde und weitge⸗ öffneten Augen ſtehen. „Es iſt mir, als träumte ich,“ murmelte er;„bin ich denn beſtimmt, wie Danas mit einem goldenen Regen über⸗ ſchüttet zu werden?“ Der arme Mann glaubte ſchon, ſtatt der Regentropfen en m er ch — 137— ſchöne blanke Thaler auf die Ziegel ſeines Daches fallen zu hören. Das Bild war ſchön, aber es war nur ein Bild! „Wohlan, Herr Baron,“ ſagte Benedetto unſanft, „erwachen Sie aus dieſem Zuſtande, der jetzt durchaus nicht an der Zeit iſt. Ich werde an die Baronin ſchreiben und ihr Ihren bevorſtehenden Beſuch anzeigen.“ „Ich, ich ſoll ſie beſuchen? Niemals!“ „Ich begreife. Sie fürchten, daß die Baroneſſe Ihnen Ihr unwürdiges Verhalten vorrücke, aber beruhigen Sie ſich, ich ſtehe Ihnen dafür, daß dieß nicht geſchehen wird. Im Gegentheile, man wird Sie ausgezeichnet empfangen und die Baronin wird die Erſte ſein, die ſich in Ihre Arme wirft.“ „Ach, lieber gar!— das hat ſie niemals gethan, we⸗ nigſtens nicht auf eigenen Antrieb.“ „Aber jetzt wird ſie es thun! Alſo, laſſen Sie mich ſchreiben,“ entgegnete Benedetto in gebieteriſchem Tone, indem er zugleich den nachfolgenden Brief zu ſchreiben begann: „Madame, ich bin nicht in dem Falle, Ihnen einen guten Rath geben zu können. Indeſſen iſt meine Meinung doch die, daß Sie ſich nicht um Dinge beunruhigen dürfen, die nicht der Mühe verlohnen. Ich habe heute bei dem Baron Danglars in ſeinem reizenden Landhauſe gefrüh⸗ ſtückt, wo er mir eine Menge außerordentlich koſtbarer und geſchmackvoller Gegenſtände gezeigt hat. Unter anderen be⸗ merkte ich Ihr Portrait, welches ſprechend ähnlich iſt. Auch konnte ich mich, indem ich es betrachtete, nicht enthalten die Worte zu murmeln:„Schöne Baroneſſe, Sie ſind grauſam, aber nichtsdeſtoweniger gefällt Ihre Grauſamkeit Allen, die Sie kennen.““ „Theilen Sie dem Herrn Baron die frohe Nachricht von Ihrer Anweſenheit in Rom mit, und ich zweifle nicht, daß er ſich beeilen werde, Sie ſchon morgen Abend zu überraſchen. Was die Entführung betrifft, ſo verlaſſen Sie ſich auf mein Wort. Sie wird nicht ſtattfinden, weil Sie — 138 verrathen worden ſind; der Mann wird aber durchaus nichts ſagen, was Sie compromittiren könnte.“ Als er mit Schreiben fertig war, unterzeichnete er den Namen des Grafen von Monte-Chriſto und verſchloß den Brief, den er an die Baroneſſe Danglars adreſſirte. „Und nun,“ ſagte er,„müſſen wir Jemanden haben, der den Brief beſtellt.“ „Es iſt aber Niemand hier, das heißt, ich habe kei⸗ nen Diener,“ antwortete der Baron, der, während Bene⸗ detto ſchrieb, fortwährend auf und abgegangen war und, durch ſeine fixe Idee vollſtändig in Anſpruch genommen, ſchon berechnete, auf welche Weiſe er die Millionen der Baronin, ſobald ſie wieder ausgeſöhnt wären, verwerthen könnte. „Ach, die arme Baroneſſe, während ſie vor Ungeduld brennt, ſich wieder mit Ihnen zu vereinigen, ſtehen Sie kalt und gleichgültig da, und beſchäftigen ſich nicht einmal mit der unbedeutendſten Sache von der Welt, nämlich einen Boten zu finden, der dieſen Brief beſorgt. Undankbarer! — Doch, hören Sie— man pocht an die Thür— es kommt wenig drauf an, wer es iſt, der Himmel ſchickt uns ihn; der Ankommende wird uns dienen.“ Der Baron runzelte die Stirn und fragte: „Wer iſt da?“ „Die Treue des— ach zum Teufel, Herr Baron, machen Sie doch auf— es giebt Dingé, die man nicht ſo von der Straße zum Fenſter hineinſagen kann,“ antwortete eine Männerſtimme von außen. „Welch' ein Wunder!“ rief Benedetto.„Diesmal, mein Lieber, werden Sie doch nicht behaupten wollen, daß ich es ſei, der Sie Baron nennt?“ „Um Gotteswillen! Nehmen Sie Ihr Gepäck fort und gehen Sie einſtweilen in dieſes Zimmer, oder nein— es wäre weit beſſer, wenn Sie ſich ganz entfernten.“ „Sie verlieren den Kopf, mein Herr?“ Es ward abermals an die Thüre gepocht. „Ach, mein Gott, mein Gott!“ rief der Baron, der auf glühenden Kohlen zu wandeln ſchien. Benedetto lief nach der Thüre und öffnete, während Danglars, der dieſe Bewegung nicht verhindern konnte, eine Geberde der größ— ten Verlegenheit machte und ſich beeilte, eine Miene anzu⸗ nehmen, welche geeignet wäre, dem eben Eintretenden die Situation begreiflich zu machen. Vierzehntes Kapitel. Der vorgebliche Secretair des Grafen von Monte⸗Chriſtv. Dieſer unerwartete Beſuch war kein anderer, als der Peppino's, der, als er von Meſtre Paſtrini gehört, daß der Secretair des Grafen von Monte-Chriſto in Rom ſei, in aller Eile den Baron aufſuchte, um von ihm in dieſer Beziehung einige neue Aufklärungen zu erhalten, denn, wie wir ſchon geſagt haben, die unter Vampa's Anführung ſte⸗ henden Banditen empfanden für den Grafen eine Art reli⸗ giöſer Verehrung, die ſie bis zum Fanatismus trieben. Danglars ſah ſich jetzt in die ſchwierigſte Lage verſetzt und fürchtete, daß er nicht mit Ehren daraus hervorgehen werde.— Peppino erſtieg raſch die Treppe und trat ein, blieb aber ein wenig verlegen ſtehen, als er ſich in Gegenwart eines Unbekannten ſah. Danglars warf ihm einen bedeutſamen und bittenden Blick zu, den man ungefähr in die Worte überſetzen konnte: „Sei klug und compromittire mich nicht.“ Was Benedetto betraf, ſo freute er ſich über den An⸗ — 140— blick Peppino's, deſſen Coſtüm einen Menſchen verrietb, dem man wohl den Antrag machen könnte, ſich ein Stück Geld zu verdienen und in dem er daher einen bereitwilligen Boten zur Beſorgung ſeines Briefes zu finden glaubte. Er ging deshalb einen Schritt auf ihn zu und ſagte: „Amico— würden Sie wohl einen kleinen Auftrag übernehmen?“ „Che cosa?e fragte Peppino, deſſen Auge ſich gleich⸗ ſam inſtinktmäßig auf ihn richtete. „Es handelt ſich um einen Brief,“ antwortete Bene⸗ detto, indem er den prüfenden Blick des Banditen mit ſtoiſcher Gleichgültigkeit ertrug,„einen Brief, der noch heute in dem Hotel zur Erdkugel, via del Corso, abgegeben wer⸗ den muß.“ „An wen, Signor?“ Danglars machte eine ausdrucksvolle Geberde, Bene⸗ detto aber antwortete ohne das mindeſte Zögern:„An die Frau Baroneſſe von Danglars.“ Sie müſſen ihn in die eigenen Hände des Gaſtes geben, der die Zimmer N. 2 3 und 4 der erſten Etage bewohnt und darauf beſtehen, daß er ihn in Empfang nehme.“ „Ich trage nicht das mindeſte Bedenken hinzugehen, aber wenn man mich nun fragt, wer mich ſchickt— „So werden Sie einfach antworten: der Secretair des Grafen von Monte-Chriſto.“ Wollten wir verſuchen, die tauſend Gefühle zu beſchrei⸗ ben, wrelche die Phiſiognomie des Banditen verrieth, ſo würden wir das Unmögliche verſuchen. Er prallte wie von einem unüberwindlichen Reſpekt geſchleudert ein paar Schritte zurück. Dabei zitterte er unwillkürlich und ward bleich, als ob der Name, der ſo eben ſein Ohr berührt, in ihm eine düſtere Erinnerung erweckte. Hierauf betrachtete er Danglars mit jenem durchdringenden Blick, der ihnſch — 141— „Entſchuldigen Sie, Signor— Sie kennen den, von welchem Sie ſprechen?“ „Den Secretair oder den Grafen?“ fragte Benedettv. „Den einen wie den anderen.“ „Ich kenne ſie, weil ich einer von ihnen ſelbſt bin.“ „Dann ſind Sie alſo der Secretair des Herrn Grafen?“ „Es ſcheint mir, als hätte ich Ihnen ſchon genug ge⸗ ſagt und brauchte in dieſer Beziehung nichts weiter hinzu⸗ zufügen. Indeſſen noch ein Wort, Freund. Die Angele⸗ gentlichkeit, mit welcher Sie dieſe Fragen an mich richten, bringt mich auf die Vermuthung, daß Sie meinen Herrn kennen.“ Peppino ſenkte den Kopf. „Sie haben ihm vielleicht ſchon gedient?“ „O,“ rief der Bandit,„ſeine Excellenz hat vielmehr die Güte gehabt, uns zu dienen.“ „Uns zu dienen? O, dieſes uns will viel ſagen, mein Freund, und erregt in mir den Wunſch zu einer gelegeneren Zeit mehr mit Ihnen ſprechen zu können.“ „Ich ſtehe zu Befehl, Signor, indeſſen ſcheint mir doch, als müßten Sie ein Erkennungszeichen haben.“ „Das habe ich auch.“ „Nun, und— 2“ „Mein lieber Baron,“ ſagte Benedetto zu Danglars, „haben Sie die Güte, mich mit dieſem Manne allein zu laſſen.“ Der Baron ging in das Rebenzimmer. „Sehr gut!“ fuhr Benedetto fort,„Sie wiſſen ohne Zweifel, was für eine Art Menſch der Graf iſt.“ „O, er iſt ein außerordentlicher Menſch.“ „Wie man an dieſem Zeichen erkennen kann, welches h ſeinen Weg vorzeichnet und ſeine Beſtimmung in der lt vorſchreibt, in welcher er glänzend einherwand menſtrahl. Schauen Sie her.“ Mit dieſen Worten öffnete er das Käſtchen und der Bandit prallte vor Entſetzen zurück, indem er ſich die Hand vor die Augen hielt und murmelte: „Die Hand einer Leiche!“ Benedetto deckte die geheimnißvolle Reliquie ſofort wie⸗ der zu, nachdem er mit Freuden die Wirkung bemerkt, die ſie auf Peppino ausgeübt. „Dies wird von nun an die Parole ſein.“ „Welche Parole, mein Herr? Es giebt unter uns keine Parole dieſer Art und hat nie eine andere gegeben, als den Namen ſeiner Excellenz. Ich habe Sie blos nach einem Zeichen, einer Geberde, einem Worte gefragt, welches mir die Gewißheit gäbe, daß Sie ein Abgeſandter des Herrn Grafen ſind. Indeſſen, ich glaube Ihnen, weil dieſe Ei⸗ genthümlichkeit, die Sie mir ſo eben gezeigt, ganz der Ex⸗ centricität eines Mannes entſpricht, welcher ſo hoch über Leben und Tod zu ſtehen ſcheint, wie der Herr Graf.“ „Es iſt nun die Reihe an mir, zu fragen, wer Sie ſind?“ „Ein Mann, dem ſeine Excellenz das Leben gerettet und der geſchworen hat, ihm in allen Dingen zu gehorchen. Damit iſt Alles geſagt.“ „Indeſſen ſcheint mir doch, daß Sie einer Geſellſchaft angehören, denn Sie haben das Wort uns gebraucht, als ſie das erſte Mal von dem Grafen ſprachen.“ Peppino ſah ſich um, näherte ſich dann Benedetto und murmelte: „Ich bin der Freund und Genoſſe des Luigi Vampa.“ „Ah, das iſt ein Name, den ich ſchon lange kenne, denn ich habe ihn ſehr oft von dem Grafen und Jeinem Intendanten Bertuecio nennen hören.“ „Bertuccio? Den kenne ich.“ „So? Das trifft ſich ja wunderſchön. Ich habe ei⸗ nige Inſtructionen für Luigi Vampa.“ „Ah, Sie haben Inſtructionen für ihn? In dieſem — 143— Falle können Sie ihn im Coliſeum treffen. Dort wird er Sie empfangen, wenn dies nämlich Ihr Wunſch iſt.“ „Es ſei und Sie werden mich begleiten, um mich vor⸗ zuſtellen, denn ich kenne ihn eben ſo wenig, als er mich kennt. Unſer Verſammlungsort iſt hier. Uebermorgen. Vor der Hand tragen Sie dieſen Brief zu der Baroneſſe Danglars. Sie bekommen keine Antwort.“ Peppino verneigte ſich und ging fort, ohne etwas zu erwidern, um ſich ſo ſchnell als möglich nach der Via del Corso zu begeben. „Baron! Baron!“ rief Benedettv. „Aber Sie ſind der leibhafte Teufel,“ ſagte Danglars, indem er ſich Benedetto, wie um ihn zu bewundern, gegen⸗ überſtellte. „Ich werde es ſein, wenn es nöthig iſt, mein Lieber — aber ſagen Sie mir, wer iſt denn dieſer Menſch, der eben fortging?“ „Es iſt Peppino, der Zweite in der Bande des be⸗ rüchtigten Luigi Vampa.“ Benedetto ſtieß einen Schrei aus. „Was giebt's?“ „Nichts, Baron, gar Nichts. Ich will blos ſagen, daß dieſe Todtenhand bald das Ziel erreichen wird, welches ſie ſucht, denn Sie müſſen begreifen, daß der Todte, dem ſie gehört, eine Miſſion auf Erden zu erfüllen hatte. Ja,“ fuhr er mit Exaltation fort,„aus der Tiefe Deines ſtum⸗ men Marmorgrabes erhebt die Rache Deinen Arm über die Erde. Muth! Muth! Es wird Dir gelingen, ja, es wird Dir gelingen!“ Und während er ſo ſprach, riß er frohlockend und wie von einem Delirium gepackt, die vertrocknete Hand aus dem Käſtchen und küßte ſie mit Begeiſterung und Ehrfurcht, während eine große Thräne ſeinem Auge entrollte. Danglars betrachtete ihn mit Erſtgunen und Furcht, — 144— denn er begriff weder den Sinn dieſer Worte, noch dieſen wahnſinnigen Enthuſiasmus Benedetto's. „Wohlan,“ ſagte Benedetto zu ihm, nachdem er die koſtbare Reliquie, welche Danglars mit ſolcher Scheu er⸗ füllte, wieder in ihr Behältniß verſchloſſen,„welche Art Menſch iſt dieſer Luigi Vampa?“ „O, ich habe meine Gründe, ihn ſehr gut zu kennen, denn, wie Sie wiſſen, war er es, der mir jene ſechs Mil⸗ lionen raubte, die ich in Rom in Sicherheit bringen wollte.“ „Ja, ich weiß, jene Millionen, von welchen Monte⸗ Chriſto ſonderbarerweiſe behauptete, dieſelben gehörten nicht unbedingt Ihnen.“ „Es war ein Irrthum in der Rechnung vorgegangen, ich entſinne mich nicht mehr genau, wie es war.“ „Kommen wir wieder auf Luigi Vampa.“ „Es iſt ein Menſch, der vor Nichts zurückbebt, wenn es gilt, ſein Wort zu löſen, und der bei dem Befehligen ſeiner Trabanten, wie mir ſcheint, eine Rührigkeit und eine Entſchloſſenheit entfaltet, die unübertrefflich ſind.“ „Iſt er groß?“ „Nein, von mittlerem Wuchſe.“ „Stark?“ „Es verräth Nichts in ihm eine übermenſchliche Stärke.“ Benedetto ſchien mit Danglars Antworten äußerſt zu⸗ frieden zu ſein. Ohne Zweifel dachte er über ein großes Project nach, denn zuweilen runzelte ſich ſeine Stirn und ſein Blick nahm jenen düſteren, unheimlichen Ausdruck an, der daraus hervorleuchtete, als er in dem Gefängniſſe la Force in Paris beſchloß, ſeinen Schließer zu ermorden. „Jetzt, mein lieber Herr,“ ſagte Danglars, indem er die Freigebigkeit auf eine faſt fabelhafte Höhe trieb, daß er aus dem ſtaubigen Hintergrunde eines Schrankes eine Flaſche Laerymae Christi hervorzog, welche Weinſorte einen der wichtigſten Artikel des italieniſchen Schleichhandels aus⸗ macht,„hier haben wir etwas, womit wir unſere Gurgel n — e 8, vorgezeichnet wird.“ netzen können und überdies kann ich Ihnen auch einige gute Biscuits von Jamaica anbieten.“ „Sie ſind in der That ein unbezahlbarer Wirth und machen mir Luſt, meinen Aufenthalt bei Ihnen zu verlän⸗ gern! Glücklicherweiſe werde ich Sie doch nicht lange in⸗ commodiren, denn der Augenblick Ihrer Wiedervereinigung mit Ihrer theuern Ehehälfte ſteht nahe bevor und dann?“ „Ach, theurer Freund, wiſſen Sie, daß Sie ein ganz herrlicher Mann ſind? Ihre Uneigennützigkeit in dieſer gan⸗ zen Sache iſt wahrhaft wunderbar, erhaben!“ Er ſtürzte ein Glas Wein auf einem Zug hinunter. „Sehr verbunden; Baron; aber, was wollen Sie? Ich bin einmal ſo. Ich liebe dieſe Art von Erregungen. Sehen Sie, es iſt mir, als ſähe ich ſchon im Voraus das herrliche Bild dieſer Wiedervereinigung. Welch eine rüh⸗ rende Scene wird Ihre Begegnung mit der intereſſanten Baroneſſe ſein! In der That, ich muß Sie umarmen, denn Sie werden mich ſpäter vergebens ſuchen. Ich werde ver⸗ ſchwunden ſein, wie jene ſchönen Vögel, welche durch den Glanz ihres Gefieders blendeten und durch den Reiz ihrer Melodie entzückten— wie jene Vögel Jubenal's— die Phönixe.“ „Und wohin werden Sie Ihren Flug richten?“ „Ich? Fragen Sie vielmehr den Blitzſtrahl, der in der Gewitterwolke ruht, welchen Punkt er treffen will, wenn er den Schooß der Wolke zerreißt und in wildem Zickzack raſch und gewaltig an unſeren geblendeten Blicken vorüber die Lüfte ſpaltet. Ich werde dahin gehen, wohin dieſe ent⸗ fleiſchte Hand mich führt.“ „Bei meiner Seele, mein Herr,“ entgegnete Danglars, „machen wir Ihrer Geſchichte ein Ende! Ich beſitze nicht die mindeſte Hinneigung zu dem Wunderbaren und es wird ſchwierig ſein, mir glauben zu machen, daß Ihr Weg Ih⸗ nen wirklich durch die vertrocknete Hand eines Leichnams — Die Tobtenhand. 1. Bend. 1— * „O, das macht, weil Sie nicht wiſſen, welche Ge⸗ fühle dieſe Religuie in mir wach ruft, welche Ideen ſie in meinem durch das Feuer der Leiden und durch das Fieber verbrannten Hirn erweckt! O, entſchuldigen Sie, mein Herr,“ fuhr Benedetto gleich darauf den Ton verändernd und mit ironiſchem Lächeln fort,„Alles dies hat Nichts zu bedeuten— reden wir von etwas Anderem.“ „Das wollte ich eben ſagen.“ „Nach dem, was ich geſehen, ſtehen Sie in Verbin⸗ dung mit den Banditen Vampa's, mein lieber Baron. O, beruhigen Sie ſich— das Kleid macht nicht den Mönch. Was kommt auf den Verkehr an, der zwiſchen Ihnen und dieſen Leuten beſtehen kann? Dies wird Sie nicht abhal⸗ ten Baron zu ſein, und die drei Millionen ihrer theuern Hälfte zu beſitzen.“ „Nein, mein Herr, Sie irren ſich, ich unterhalte keine Verbindungen mit dieſen Leuten. Ich kenne blos ſeit dem Abenteuer, welches Ihnen bekannt iſt, dem Abenteuer des Diebſtahls, deſſen Opfer ich war, dieſen Peppino und der Galgenſtrick kommt von Zeit zu Zeit hierher, um meinen Lacrimae Christi auszutrinken.“ Benedetto war ſofort überzeugt, daß der Bandit, an⸗ ſtatt zu dieſem Zwecke zu dem Portier des Theaters Ar⸗ gentino zu kommen, vielmehr die Function eines Weinlie⸗ feranten in dem Hauſe des Barons bekleide. „Wie finden Sie ihn?“ „Ausgezeichnet!“ „Apropos, was den Beſuch betrifft, den Sie der Ba⸗ roneſſe machen wollen, wenn dies nämlich⸗Ihr Wille iſt— ſo müſſen Sie wiſſen, daß ich mit dieſer ganzen Sache Nichts zu thun habe. Ich gehe mit geſchloſſenen Augen darauf ein.“ „Ich werde Sie Ihnen öffnen,“ entgegnete Benedetto, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, während deſſen er zum großen Mißfallen des Barons vier Gläſer Wein hinun⸗ te fu de vo D en S Po Id üb mi ver in ſtar les er ſ war Fall ſeher ein und ſein für — in er in ts ne m es er en n⸗ ie⸗ che en to, er — 147— terſtürzte, und beinahe alle Biscuits verzehrte, die noch auf dem Teller lagen;„morgen Abend, Schlag ſechs Uhr,“ fuhr er fort,„werden Sie an der Thüre der erſten⸗Etage des Hotels zur Erdkugel unter Ihrem Titel als Baron von Danglars erſcheinen.“ „Ah, meine theure Gattin bewohnt dieſes Hotel?“ fragte Danglars lebhaft in einem Tone, welcher Benedetto nicht entging. „Ich habe Ihnen nicht geſagt, daß ſie dort wohnt. Sie hat blos ein Abſteigequartier in dem Hotel des Meſtre Paſtrini und Nichts weiter.“ Der Baron ſeufzte, als ob dieſe letzteren Worte einer Idee zuwiderliefen, welche die erſteren hervorgerufen hatten. „Wohlan,“ ſagte er gefaßt.„Jetzt wollen wir uns über unſere Rollen verſtändigen. Ich erſcheine und melde mich mit meinem Titel an. Dann?“ „Dann? Haben Sie denn den Verſtand vollſtändig verloren— zum Teufel— dann wird man Sie empfangen.“ „Ich werde empfangen werden. Gut. Aber hernach?“ „Na, das muß ich ſagen!“ rief Benedetto, indem er in ein ſchallendes Gelächter ausbrach;„das iſt wirklich zu ſtark. Zum Teufel, wollen Sie denn, daß ich Ihnen Al⸗ les einſtudire, was ein Mann von Takt zu thun hat, wenn er ſich ſeiner Frau gegenüber ſieht, von welcher er getrennt war und welche drei Millionen Franes beſitzt? In dieſem Falle würde ich mich in die harte Nothwendigkeit verſetzt ſehen Ihnen zu erklären, daß Sie ein ungeſchickter Tölpel, ein Dummkopf, ein ächter Cretin ſind.“ Der Baron beharrte nicht weiter auf ſeinen Fragen und leerte den Reſt der Flaſche. Was Benedetto betraf, ſo verlangte er ein Bett, ſetzte ſein Käſtchen unter das Kopfkiſſen und entwarf ſeine Pläne für die Eventuglitäten des kommenden Tages. — ——— 10* — 148— Funfzehntes Kapitel. Der Diebſtahl. Durch den Zufall begünſtigt und unterſtützt, ſchien der Sohn des vormaligen Procurators des Königs die Bahn des Verbrechens ohne Schwierigkeit zu durchlaufen. Eben ſo, wie das Glück zuweilen die Grille beſitzt, einen Menſchen zu ſeinem Günſtling zu machen, ſo heftet ſich auch das Unglück an einen anderen an, um ihn zu ſei⸗ nem Opfer zu machen und drückt ihm das Brandmal der Schande für ſein ganzes Leben auf— von ſeinem erſten Athemzuge bis zu ſeinem letzten Seufzer Für dieſen Menſchen giebt es keinen Gott, keine Liebe, kein Vaterland— Sohn des Verbrechens iſt ſein Erbtheil in dieſer Welt Verbrechen und Fluch; jenſeits des irdiſchen Daſeins ſieht er Richts, als die immerwährende Nacht der Ewigkeit, das Nickts! Benedetto ſchien einer dieſer Söhne des Verhängniſſes zu ſein, für welche die andern Meaſchen keine Brüder ſind, denn ſie haben ſie nur mit verä htlichen Lächeln empfangen, ſie haben allen bürgerlichen und religiöſen Banden entſagt, durch welche ſie Eintritt in die gemeinſame Familie erlan— gen könnten. Benedetto war ein Paria. Und wie oft haben wir uns nicht überzeugt, daß dieſe Weſen, Kinder der Vorſehung, wie alle anderen Menſchen, durch die geheimnißvollen Rathſchlüſſe der Allmacht von der Tugend ausgeſchloſſen ſind, um durch ihre verbreche⸗ riſche Kühnheit Die zu züchtigen, welche, indem ſie ſich ſelbſt für Diener Gottes halten, die Kraft und die Macht wißbrauchen, welche dieſer Gott ihnen verliehen und ſich die Gewalt einer Leidenſchaft fortreißen laſſen, uiche ſie beherrſcht. w ur ſch hit en pf un dat rec teſt Me des Ch beſt i ihr wan als daß Eug gera hn bt, tet ei⸗ er ten be, eil hen der ſſes nd, en, igt, an⸗ ieſe en, von che⸗ ſich acht ſich (che — 149— Benedetto verfolgte einen dieſer Menſchen, welcher ſeine Macht und Gewalt gemißbraucht hatte, indem er auf dieſe Weiſe auf Erden ein's der ſchönſten Attribute des Ewigen, die Barmherzigkeit, verleugnete! Ach, armſelige Erdenwüts mer, die ihr eben ſo erleuchtet, eben ſo weiſe, eben ſo mächtig als Gott zu ſein glaubt! Arme Geſchöpfe, welche der Stolz berauſcht, geht in euch, fragt euch, und ihr werdet ſehen, daß dieſes Feuer, welches ihr in euch fühlt und welches ihr für die heilige Flamme der Begeiſterung haltet, nur der übermäßige Wahnſinn einer irdiſchen Leiden⸗ ſchaft iſt, welche euch beherrſcht, euch beſeelt und euch hinreißt. Ihr ſchändet dann durch eure Thorheit die un⸗ endliche Gerechtigkeit und unausſprechliche Güte des Schö⸗ pfers. Ihr ſchleudert dann Tod und Zwietracht und Qual um euch her, wie den Samen des Fluches und wagt dann zu ſagen, daß es die unendliche und erhabene Ge⸗ rechtigkeit eines Gottes ſei, welche euch begeiſtert. Zurück! So geſchieht es, daß der Menſch, der ſich den gerech⸗ teſten der Welt nennen kann, einen der größten Fehler des Menſchengeſchlechts beſitzt— die Eitelkeit! Die Baroneſſe Danglars glaubte nach dem Empfange des Briefes, den ihr der vorgebliche Graf von Monte⸗ Chriſto durch die Hand ſeines Secretair's zugeſendet, ganz beſtimmt, daß der Graf in Rom ſei und in Folge einer ſeiner ihm eigenthümlichen zahlreichen Grillen ſich auf dieſe Weiſe ihre Gunſt erwerben wolle, ehe er bei ihr erſchiene. Nachdem ſie gezittert, als er in ſeinem erſten Briefe ihr erklärte, daß ihr Geheimniß in Rom entdeckt ſei, ge⸗ wann ſie ihre gewöhnliche Gemüthsruhe vollſtändig wieder; als er ihr in ſeinem zweiten die beſtimmte Verſicherung gab, daß ihr Name bei dem Entführungsproject in Bezug auf Eugenien nicht i werden würde. 3 Sie überlegte! emgemäß reiflich, ob es wohl für ſie gerathen ſein würde, ſich mit ihrem Gemahl wieder auszu⸗ ſöhnen, deſſen Vermögensumſtände auf gutem Fuße zu ſtehen ſchienen, denn der ſchlaue Benedetto hatte nicht ver⸗ fehlt, jene ſo verlockend an ihr Ohr ſchlagenden Worte in ſeinem zweiten Briefe einzuſchalten:„Ich habe heute bei dem Baron Danglars in ſeinem reizenden Landhauſe ge⸗ frühſtückt, wo er mir eine Menge außerordentlich koſtbarer und geſchmackvoller Gegenſtände gezeigt hat.“ Dieſe Worte wurden von der Baroneſſe vier ganze Stunden lang analhſirt und commentirt. Es war klar, daß der Baron, um ein reizendes Land⸗ haus mit koſtbaren und geſchmackvollen Gegenſtänden zu beſitzen, welche die Aufmerkſamkeit eines Mannes wie des Grafen von Monte-Chriſto erregt hatten, reich ſein mußte und in dieſem Falle fand es die ſchöne Baroneſſe, die auch ihre ſchwache Seite hatte, nicht unangemeſſen, nach einem kleinen Monolog von Vorwürfen die Vergangenheit zu ver⸗ geſſen und ſich wieder mit Dem auszuſöhnen, der ja doch guf alle Fälle nicht aufhörte, ihr Ehegemahl zu ſein. Nachdem ſie einmal zu dieſem Entſchluß gekommen, begann die Zukunft ſich vor ihr an einem dunſtigen Hori⸗ zonte zu malen. Es war ihr, als ſihe ſi eine jener Theater⸗ decorationen, die ſich allmälig entroll i und uns ein für uns ganz neues Paradies zeigen. 2 London zeigte ſich hier, aber ſie ſah es nicht düſter und traurig, wie es iſt, ſie ſah es ſtrahlend von Ver⸗ gnügen, Luxus und Pracht, wie es auch in der That für die wird, welche das Schickſal auf eine Stufe geſtellt hat, welche ihnen erlaubt, die Luft der diſtinguirten Geſellſchaft zu athmen. Die Geſetze der Etiquette, welche die Geſellſchaft in England regieren, ſind ein wenig ſtrenger, als in jedem andern Lande. Die Kritik und der Argwohn verfolgen jede fremde Dame, die ſich hier nicht in einer klar unterſcheid⸗ baren Poſition präſentiren kann und Jus dieſem Grunde hatte ſich die Baroneſſe nicht nach London begeben, al as ſie ſtt de be wi na au fol ha we Co ſch kra ma ſan phe daß imn kan Um einf da n, ri⸗ er⸗ ür em de id⸗ de — 151— Paris verließ. Sie fürchtete drei Fragen in Bezug auf ſich, und mehr noch als die Fragen, drei Antworten, welche die Kritiker und die Argwöhniſchen nothwendigerweiſe Tag und Nacht ſuchen mußten. „War ſie verheirathet?“ „War ſie Wittwe?“ „War ſie niemals verehelicht geweſen?“ Nun aber waren dieſe Fragen und die darauf gehö⸗ rigen Antworten nicht von der Art, daß ſie vor aller Welt gethan und gegeben werden konnten⸗ Die Baroneſſe Danglars kannte recht wohl das Ge⸗ ſetbuch der feinen Welt und die Geſellſchaft der verſchie⸗ denen Länder. Deshalb zog ſie es vor, ſich nach Rom zu begeben, wo Jeder nach ſeiner Weiſe lebt und wo ſie, wie wir geſehen, ſich anſchickte, nach einer Scheidung, die bei⸗ nahe zwei Jahre gedauert, ſich wieder mit dem Baron auszuſöhnen. Um vier Uhr an dem Tage, welcher auf jene Nacht folgte, deren Ereigniſſe wir in dem vorigen Kapitel erzählt haben, hatte der geheimnißvolle junge Herr von Servidres, welcher die erſte Etage des Hotels zur Erdkugel, via del Corso, bewohnte, eben ſein Diner beendet und war ver⸗ ſchwunden, um einer Dame von eleganter Haltung, ariſto⸗ S kratiſch bleich, koſtbar eo gekleidet, Platz zu machen, welche Dame te andere war, als die intereſ⸗ ſante Baroneſſe Danglars. Meſtre Paſtrini wußte Richts von dieſer Metamor⸗ phoſe und zwar aus dem vollkommen ausreichenden Grunde, daß er, wenn er das Diner ſerbiren ließ, den Speiſeſaal immer leer fand, und wenn der Augenblick des Abtragens kam, begegnete er ebenfalls keiner menſchlichen Seele— ein Umſtand, an den er ſo gewöhnt war, daß es ihm nicht einfiel, ſich nach ſeinem Gaſte zu erkundigen, der übrigens, da er gut und ohne die mindeſte Bemerkung zu machen, 152 bezahlte, auf alle mögliche Rückſicht und Discretion ein gegründetes Recht hatte. Deshalb beſchränkte ſich auch Meſtre Paſtrini, trotz der ſeltſamen Gerüchte, die ſchon in Bezug auf den Herrn von Serviöres umzulaufen begannen, darguf, zu ſagen, daß die Zeit dieſes ganze Geheimniß aufklären würde. Die Baroneſſe Danglars erwartete demnach den Be⸗ ſuch ihres Gemahl's, der ihr durch den Grafen von Monte⸗ Chriſto angekündigt worden, als ſie die Stimme des Meſtre Paſtrini hörte, der zu der Thüre ihres Zimmers hereinrief: „Signor, Signor?“ „Che cosa?“ fragte die Baroneſſe, indem ſie ſo tief⸗ tönend als möglich ſprach und ihrer Stimme jenen der italieni⸗ ſchen Ausſprache eigenthümlichen Ton zu geben ſuchte. „Sie erlauben?“ „Treten Sie ein.“ Meſtre Paſtrini, der ſtets dieſe Frage that und alle⸗ mal eine verneinende Antwort erhielt, öffnete, als er auf dieſe Weiſe die Schranke, die ſich hier zeither ſeiner Neu⸗ gier entgegengeſtellt, entfernt ſah, raſch die Thüre und trat ein, indem er ſich ſofort mit unruhigem und dem in dem ganzen Zimmer umſchauete. Blut Chriſti!“ murmelte er bei ſich ſelbſt, als er die Baroneſe Danglars bemerkte.„Der junge Herr von Servie res hat da in ſeinem ʒinr ganz allerliebſte Spiel⸗ zeuge, um ſich die Zeit zu vertreiben! Vielleicht iſt dies ein Reizmittel für ſeine Anwandlungen von tödtlicher Apathie!“ „Was giebt's, Meſtre Paſtrini? Was wollen Sie?“ „Signvra— ich fragte— ich ſuchte—“ ſagte Pa⸗ ſtrini, indem er immer größere Augen machte, aber die Baroneſſe unterbrach ihn. „Ich verſtehe Sie. Herr von Servières iſt ausge⸗ gangen; wenn Sie jedoch einen Beſuch anzumelden haben, ſo können Sie es thun.“ —,—— Sie vielleicht einen Schiffscapitain?“ — 153— „Iſt das Zauberei oder nicht?“ dachte Paſtrini.„Die Stimme dieſer Dame gleicht zum Verwechſeln der des jungen Herrn von Servieres.“ „Nun, reden Sie doch.“ „Sehen Sie dieſe Karte?“ Und Paſtrini überreichte eine elegante Viſitenkarte, in⸗ dem er den Arm ſo weit als möglich ausſtreckte, um der Baroneſſe nicht zu nahe zu kommen. Die Baroneſſe nahm die Karte und las: „Der Secretair des Grafen von Monte⸗Chriſto“ Sie machte eine Geberde der Ueberraſchung und winkte dann Meſtre Paſtrini, welcher, dieſem Winke gehorchend, ſich entfernte. Während dieſer Auftritt vor ſich ging, ſtand ein Mann in der Vorhalle des Hotels und ſchien auf Jemanden zu warten. Peppino, welcher ſich immer hier herumtrieb und nach Neuigkeiten ſpürte, ſah dieſen Mann und zog ſofort ſeinen Hut, indem er ſich ihm zugleich, den Kopf tief auf die Bruſt herabgeneigt, in den Weg ſtellte. „Signor,“ murmelte er mit leiſer Stimme, als Be⸗ nedetto an ihm vorüberging. „Ah, Sie ſind es, Peppino; was wollen Sie?“ „Ihre Befehle empfangen.“ Benedetto ging einmal in der Hausflur auf und ab ohne ihm zu antworten, und blieb endlich vor dem Bandi⸗ ten ſtehen. „Für den Dienſt des Herrn Grafen— binnen einer halben Stunde einen Wagen, der in kurzer Entfernung von dem Hotel wartet. Ich brauche Ihnen wohl nicht erſt zu empfehlen, daß der Kutſcher ein n verſchwiegent Mann ſein muß.“ * „Wie ein Taubſtummer!“ antwortete Peppino.„Ich weiß ſchon, wie ſeine Excellenz bedient zu werden liebt.“ „Noch einen Augenblick!“ rief Seite„Kennen Peppino lächelte. „Ich weiß wohl, daß Sie deren Hunderte kennen,“ hob Benedetto wieder an.„Seine Ercellenz hat mir, als ſie von Ihnen ſprach, Sie wie einen faſt univerſellen Menſchen geſchildert. Alſo, er braucht einen kleinen Lugger oder eine Racht, welche nach—“ „Der Inſel Monte-Chriſto ſegeln kann, nicht wahr?“ unterbrach ihn Peppino mit triumphirender Miene. Benedetto runzelte die Stirn und antwortete ſogleich wie ein Mann, der vollkommen den Gegenſtand kennt, von welchem man zufällig vor ihm ſpricht. „Sie haben wahr geſprochen, Peppinv.“ „Seien Sie unbeſorgt, Signor. Ich kenne am Ha⸗ fen einige Männer, welche nicht zögern werden, Eurer Excellenz zu dienen. Im Gegentheil werden ſie ſtolz auf die Ehre ſein, die Sie ihnen dadurch erzeigen.“ „Sie ſind ein geſcheidter Mann. Ich brauche nur noch hinzuzufügen, daß das Schiff von morgen an bereit ſein muß, auf das erſte Signal unter Segel zu gehen.“ „Ich verſtehe, Signor. Ich mache mich eiligſt auf den Weg, und noch heute Abend werde ich Ihnen den Namen des Capitain's ſagen.“ „Aber wo?“ fragte Benedetto mit einem Lächeln, welches ſagen zu wollen ſchien:„Du weißt ja nicht, wo?“ Peppino verneigte ſich von neuem, zum Zeichen, daß er die Beſtimmung des Ortes erwarte. Benedetto näherte ſich ihm und ſagte ihm zwei Worte in's Ohr.. Peppino entfernte ſich mit Blitzesſchnelle. In dieſem Augenblicke erſchien Meſtre Paſtrini. „Per la Madonna!“ rief der Italiener, indem er ſeine Pelzmütze in den Händen herumdrehete.„Ich erkläre Ih⸗ nen, daß ich ſo eben mit meinen eigenen Augen den jun⸗ gen Herrn von Servieres, nach dem Sie fragen, in eine Dame verwandelt geſehen habe.“ — Ehre gehabt habe, Ihnen ſchriftlich zu ſagen, nämlich, daß der Herr Baron Danglars heute hierherkommen wird.“ „O, mein Gott!“ rief die Baroneſſe, indem ſie wie von einer geheimen Ahnung getrieben aufſprang.„Geſtehen Sie mir es offen— Sie ſind nicht der Secretair des Gra⸗ fen von Monte-Chriſto.“ „Und warum nicht?“ „O,“ fuhr ſie mit wehmüthiger Exaltation fort,„weil der Graf nicht einen aus dem Bagno entſprungenen und des Mordes angeklagten, von ihm ſelbſt in jener ſchreck⸗ lichen Nacht vor einer zahlreichen Verſammlung entlarvten Menſchen zu ſeinem vertrauten Secretair wählen würde. O mein Gott! mein Gott! welches Verhängniß laſtet auf mir! Benedetto— welches Verhängniß laſtet in gleicher Weiſe auf Ihnen!“ „Benedetto!“ rief er.„Woher wiſſen Sie, daß ich Benedetto heiße?“ „Woher ich es weiß? Ich begreife es ſelbſt nicht, mein Herr; nein, ich entſinne mich nicht, auf welche Weiſe ich es erfahren habe Aber Sie heißen Benedetto und Sie haben viel gelitten, nicht wahr?“ „Gnädige Frau, der Zuſtand von Aufregung und Unruhe, in welchem ich Sie ſehe, iſt ſehr außerordentlich! Was liegt Ihnen daran, ob ich gelitten habe? Warum ſprechen Sie mit mir von meinen Leiden? Iſt es blos Zu⸗ fall, was Sie bewegt, dies zu thun?“ „Zufall oder nicht, wenn wir einer Perſon begegnen, welche, anſtatt uns mit Vorwürfen zu überhäufen, mit un⸗ ſern Schmerzen und unſerm Unglück Mitleiden zu haben ſcheint, ſo glaube ich, daß wir ihr nicht mit der Kälte antworten würden, welche Sie zeigen, mein Herr.“ „Und wenn habe ich Sie denn aufgefordert an meinen Kümmerniſſen Theil zu nehmen, wenn ich deren habe? Und warum ſprechen wir hiervon, wenn der Zweck, der mich hierherführt, ein ganz anderer iſt?“ „Der Zweck, welcher Sie hierherführt?“ wiederholte die Baroneſſe mit Bitterkeit.„Glauben Sie vielleicht, daß ich ihn nicht kenne, daß ich dem groben Betruge, von wel⸗ chem Sie Gebrauch machen, um zu erfahren, was Sie in Bezug auf mich wiſſen wollen, immer noch Glauben ſchenke? Nein, ich glaube nicht, daß Sie der Secretair des Grafen von Monte-Chriſto ſind, wohl aber, daß Sie das ſind, was Sie von jeher geweſen—“ „Und was bin ich denn von jeher geweſen?“ fragte Benedetto überraſcht und ſah, daß ſie etwas zu verſchwei⸗ gen wünſchte. „Unglücklicher, Unglücklicher!“ murmelte die arme Frau, indem ſie ſich eine Thräne zurückzuhalten bemuͤhte. „Und welches iſt denn der Beweggrund, der mich hier⸗ herführt? Sie haben geſagt, daß Sie ihn auch kennen.“ „Er iſt ſchmerzlich zu ſagen,“ antwortete die Ba⸗ roneſſe. „Madame!“ „O, Sie ſchen⸗ daß ich Alles errathe. Sie haben kürzlich in Paris Ihre Freiheit erhalten, aber—“ „Aber?“ „O, mein Herr, Sie haben mir irgend ein furcht⸗ bares Geheimniß mitzutheilen, nicht wahr?“ fragte die Baroneſſe mit erlöſchender Stimme, indem ſie ſo zu ſagen in ſich ſelbſt zuſammenſank. „Ich verſtehe den Sinn Ihrer Sprache nicht, gnädige Frau, und ich finde Alles, was Sie mir ſeit einer Vier⸗ telſtunde ſagen, außerordentlich ſeltſam. Ich habe Ihnen kein Geheimniß zu offenbaren und ich bitte Sie daher, mir zu ſagen, was der Beweggrund meiner Gegenwart hier iſt, da Sie mir einmal erklärt haben, ihn zu kennen.“ Benedetto fuhr in dieſem Augenblicke mit ſeiner rech⸗ ten Hand nach der Seitentaſche ſeines Rockes. Die Bgronin ſchauderte. „Herr Benedetto, Ihr Stern iſt ein ſehr vechingiiß⸗ 6 — 159— voller! Wenn Sie aber in dieſer Welt irgend einem Weſen begegneten, welches Sie glücklich machen, das heißt, Ihnen eine allerdings nicht glänzende, aber doch alle Ihre Bedürf⸗ niſſe befriedigende Zukunft ſichern wollte und könnte— wür⸗ den Sie dann wohl dieſes herumſchweifende Leben aufgeben, welches Sie bis jetzt in dieſer Welt geführt haben?“ „Ach, dergleichen Weſen giebt es nicht in der Welt. Die Menſchenliebe iſt eine Lüge, ein Spott, ein Be⸗ trüg— „Läſtern Sie nicht.“ „Ich habe Beiſpiele davon.“ „Aber wenn das, was ich ſagte, dennoch ſtattfände, nicht aus einfachem Nitleid, ſondern— nehmen wir an— aus Pflichtgefühl—“ Benedetto ſchlug ein gellendes Gelächter auf. „Aus Pflichtgefühl!“ wiederholte er.„Welchen Men— ſchen gäbe es wohl hienieden, der ſein Pflichtgefühl verſtünde und es durch die innere Stimme verſtünde? Gnädige Frau, ſprechen wir nicht mehr davon. Sie wiſſen, daß mein Stern ein ſchlimmer iſt und daß er es bis zu meinem letzten. Hauche ſein wird. Sohn des Unglück's, dem Tode und der Hölle geweihet, als ich kaum meine Augen dem Lichte er⸗ ſchloſſen— was kann es jemals zwiſchen mir und dem Guten auf der Erde Gemeinſames geben? Das Verbrechen und die Verzweiflung ſind die einzigen Zeugen meiner Taufe geweſen, und ich bin mit Blut und Thränen getauft worden—“ „Genug— genug, ich bitte Sie, ſchweigen Sie; Sie tödten mich!“ murmelte die Baroneſſe, indem ſie beide Hände auf's Herz drückte und auf das Sopha niederſank. „Ah, meine Worte flößen Ihnen Schrecken ein. Das iſt ſonderbar, denn Sie ſchienen mir entſchloſſener, als ich erfuhr, daß Sie Ihre Tochter Eugenie der Gefahr einer Entführung auszuſetzen beabſichtigten. Wohlan, gnädige Frau, wir ſind guf einem Punkte angelangt, den ich nicht — 60 vorausgeſehen hatte, als ich den Entſchluß faßte, hierher⸗ zukommen. Trotzdem haben wir noch einiges Wenige mit einander zu plaudern— ich werde kurz ſein.“ Er zog ein beſchriebenes Papier aus der Taſche und überreichte es der Baroneſſe. „Würden Sie mir wohl die Ehre erzeigen, dieſes Pa⸗ pier zu unterſchreiben?“ „Und was enthält es?“ fragte die Baroneſſe in auf⸗ geregtem Tone. „Etwas ganz Einfaches, bei meiner Seele! Es iſt eine nach Sicht zahlbare Anweiſung auf Ihren Bankier über die kleine Summe von drei Millionen Francs.“ „O!— Und mit welchem Rechte verlangen Sie dieſe?“ „Mit welchem Rechte?“ Benedetto betonte dieſe Frage auf zugleich ironiſche und drohende Weiſe, ſo daß die Baroneſſe zitterte. Dennoch hob ſie mit erheuchelter Dreiſtigkeit wieder an: „Ja, mein Herr, mit welchem Rechte?“ „Sie wiſſen beſſer als irgend Jemand, daß ich keins habe.“ „Dann könnte ich mich alſo weigern?“ „Ohne Zweifel, aber dann bringe ich Sie um,“ ant⸗ wortete Benedetto kalt, indem er, raſch wie der Blitz, der Baroneſſe einen Dolch auf die Bruſt ſetzte und neben ihr auf dem Sopha Platz nahm. Bemerken Sie wohl, daß dieſer Stahl vergiftet iſt und daß die geringſte Wunde, die er Ihnen zufügt, binnen weniger als fünf Minuten Ihren Tod unfehlbar zur Folge haben wird.“ „Aber Sie werden meine Unterſchrift nicht bekommen,“ ſagte die Baroneſſe, indem ſie ſich mit gewaltiger An⸗ ſtrengung zu beherrſchen ſuchte, und durch die Unbeweg⸗ lichkeit ihrer Geberde das Zeichen der vollſtändigſten Reſig⸗ nation gab wir ihn ches und Mi — 16— „Das iſt einerlei. Dann ſtehle ich, was ich in Ihrem Secretair finde.“ Es trat eine augenblickliche Pauſe ein. „Bören Sie mich an, Herr Benedetto,“ hob die Ba⸗ roneſſe dann wieder an.„Ich habe keinen Bankier, ich be⸗ ſitze keinen Credit auf drei Millionen Francs. Ich bin arm und glauben Sie, daß ich auf keine Weiſe dieſes Pa⸗ pier unterzeichnen könnte ohne Sie zu betrügen.“ „Leere Ausreden! leere Ausreden! gnädige Frau. Als Ihr Gemahl von Ihnen ging, ließ er Ihnen anderthalb Millionen zurück; Ihr ſpeculatives und unternehmendes Genie hat dieſes kleine Kapital zu verdoppeln gewußt, und heute müſſen Sie, ohne das Uebrige zu rechnen, drei Mil⸗ lionen beſitzen. Sie ſehen wohl, daß ich Alles weiß und ich muß Ihnen ſagen, daß ich Eile habe. Unterſchreiben Sie und ſöhnen Sie ſich ſodann mit dem Baron aus, der ſehr reich iſt.“ „Ich kann nicht!“ murmelte ſie. „Dann ſind Sie alſo entſchloſſen zu ſterben? Sie müſſen wohl bedenken, daß es mir auf ein Verbrechen durchaus nicht ankommt.“ „O, das wäre ein Verbrechen, welches alle anderen weit hinter ſich zurücklaſſen würde,“ ſtammelte die arme Mutter, indem ſie frei die Thränen hervorſtrömen ließ, die ſchon längſt aus dem geängſteten Herzen emporgeſtiegen waren.„Benedetto, man wird Sie feſtnehmen— Sie wer⸗ den hingerichtet— „Da irren Sie ſich, gnädige Frau; ich bin ein Menſch, der vorſichtig alle ſeine Maßregeln zu treffen weiß. Es wird nicht lange dauern, ſo kommt der Baron hierher. Hören Sie mich wohl an. Während er wartet, daß Sie ihn vorlaſſen, entſchlüpfe ich, ſteige in ein Cabriolet, wel⸗ ches mich ganz in der Nähe hier in der Straße erwartet, und entferne mich mit Blitzesſchnelligkeit— ich verſchwinde. MWittlerweile wird der Baron, ungeduldig über die Verzöhe⸗ Die Todtenhand. 1. Band. 11 — V — 162— rung, in dieſes Zimmer eintreten. Bei dem Anblick Ihrer blutigen Leiche bleibt er von Entſetzen ergriffen ſtehen— vergebens will er rufen— vergebens will er gehen— Schrecken und Grauen lähmen ſeine Glieder. Dann wird ſchon Jemand in dieſes Zimmer treten, der, wenn er die⸗ ſen Mann einer ermordeten Frau gegenüber ſieht, nicht ver⸗ fehlen wird, ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen und ihn als. Mörder der Juſtiz zu überliefern. Sagte ich es Ihnen i nicht, gnädige Frau? Ich ſehe die Dinge von weitem. 3 Wohlan, unterzeichnen Sie, oder ich bringe Sie um.“ „O, mein Gott! mein Gott! verzeihe—“ e „Das hilft alles Nichts. Unterſchreiben Sie.“ t „Benedetto! Dieſer Diebſtahl macht Ihnen Ehre und n möge es dem Himmel gefallen, daß Sie, nachdem Sie ihn d vollführt haben, in die Bahn der Vernunft einlenken! Ich 9 will Ihnen Alles geben, was ich beſitze. Ich will arm ſi ſein. Vielleicht muß ich ſchon morgen meinen Gemahl oder 8 meine Tochter um ein Almoſen bitten! Bedenken Sie meine Demüthigung, meine Scham! Berechnen Sie, was das mir ſt koſten wird. Laſſen Sie mir wenigſtens die ſechszigtauſend Franes, welche der Procurator des Königs Ihnen in Paris l 3 zugeſtellt hat.“ B 3 Benedetto ſtutzte, aber jedes Gefühl's von Dankbarkeit unfähig, antwortete er: „Ohne den Beweggrund kennen zu wollen, der Sie zu de einer ſolchen anonhmen Freigebigkeit getrieben hat, glaube ich, daß Sie mehr aus Laune als aus wahrer Menſchen⸗ 6 liebe ſo gehandelt haben. Nichtsdeſtoweniger bin ich bereit, Ihnen dieſes Geld zu überlaſſen und betrachte dies gewiſ⸗ da ſermaßen als die Rückzahlung einer Schuld.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ antwortete die Baro⸗ neſſe, mit einem Ausdruck der tiefſten Verzweiflung und 5 zug leich der bitterſten Ironie.„Hier ſind die Schlüſſtl zu 3 meinem Secretair; beſtehlen Sie mich, vieeit wird ines fol Tags die Reue kommen!“ rer ird ie⸗ er⸗ als nen em. ind ihn Ich m der eine mir end ris keit zu ube en⸗ eit, viſ⸗ ro⸗ und zu hes — 163— „Die Reue? Ich, bereuen?“ rief Benedetto mit ſata⸗ niſchem Gelächter.„Und wer ſind Sie denn, daß Sie ſo mit mir ſprechen? Während bis jetzt in mir noch kein Schatten von Reue aufgeſtiegen iſt, hoffen Sie, daß er bei Ihrer Stimme erwachen werde? Bei Ihrer Stimme, der Slimme einer ſo gewöhnlichen Frau, die mit Intriguen zu ſchaffen hat, die vielleicht ſogar dem Verbrechen nicht fremd iſt? Nur keine Anmaßung, Madame!— Wenn Sie ver⸗ brecheriſche Leidenſchaften haben, wie zum Beiſpiel Stolz, ſo wird die Armuth, die in kurzer Zeit Sie erreichen wird, eine gerechte Strafe ſein und wenn Sie im Laufe Ihres vergangenen Lebens ein Verbrechen begangen haben, nun wohlan, ſo iſt das, welches ich heute begehe, die Vergeltung dafür. Empfangen Sie daher dieſelbe im Namen derjeni⸗ gen, die Ihre Opfer waren. Wohlan, Madame, öffnen Sie ſelbſt den Seeretair, denn es giebt deren, bei welchen in Folge einer geheimen Vorrichtung eine Batterie geladener Piſtolen den niederſchmettert, welcher zu öffnen ver⸗ ſucht.“ Die Baroneſſe ging zitternd, wankend und todtenbleich, langſam nach dem Secretair, öffnete ihn und breitete vor Benedetto's Augen eine bedeutende Summe in Gold und Papieren aus. Wenige Augenblicke ſpäter befand ſich dieſes Geld in den Taſchen des Mörders und die Baroneſſe beſaß kaum noch die ſechszigtauſend Franes, welche ſie in Paris zu Gunſten Benedetto's an Herrn von Beauchamp geſchickt. „Und nun bringen Sie mich um. Sie ſehen wohl, daß ich die letzte Scene dt ſes Drama's errathe,“ mur⸗ melte ſie. „Nein; ein ſolcher Gedanke iſt in dieſem Augenblicke weit von mir entfernt. Nur noch Eins. Wie ſehr Sie auch daran gewöhnt ſein mögen, blos Ihrem Willen zu folgen, ſo werden Sie doch unter den jetzigen Umſtänden einmal von dieſer Gewohnheit abgehen. Sie werden mir P — 164— den Arm geben und mich bis in das Nebenzimmer beglei⸗ ten, wo jetzt der Herr Baron Danglars ſein muß.“ Es ſchlug ſechs Uhr. „Ja, wirklich— ich täuſchte mich nicht. Kommen Sie ſchnell, gnädige Frau, und vergeſſen Sie nicht, daß, wenn Sie ſich einfallen laſſen, ſich ein Wort oder eine Ge⸗ berde der Anklage gegen mich entſchlüpfen zu laſſen wenn Sie dieſes Zimmer verlaſſen haben, Sie die allertraurigſte Figur machen würden. Niemand, verſtehen Sie wohl, Nie⸗ mand wird Ihnen glauben, denn Sie ſind nicht, oder viel⸗ mehr Sie ſind dann nicht mehr der junge, intereſſante Herr von Servières, welcher ſeiner Kränklichkeit wegen reiſt, um ſich zu zerſtreuen und dieſes Zimmer bewohnt. Dieſer kränkliche Jüngling iſt eine reine Erdichtung, und dieſe Arten Erdichtungen ſind für eine Dame, wie Sie, außer⸗ ordentlich lächerlich. Finden Sie nicht, daß dieſe Lehre ge⸗ wiſſermaßen dieſen kleinen Diebſtahl wieder aufwiegt? Kom⸗ men Sie.“ Die Baroneſſe ſank auf die Knie nieder. „O, Erbarmen! Erbarmen!“ rief ſie;„laſſen Sie mich hier, zwingen Sie mich nicht weiter. Gehen Sie, Un⸗ glücklicher, gehen Sie! Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß über meine Lippen kein Wort kommen ſoll, welches Sie an⸗ klagt; gehen Sie und der Himmel gebe, daß dieſes Geld einen rechtſchaffenen Menſchen aus Ihnen mache!“ In dieſem Augenblicke hörte man die Stimme des Meſtre Paſtrini, welcher von draußen den Herrn Baron Danglars anmeldete. Die Baroneſſe ſtieß einen Seufzer aus, und Benedetto verließ raſch das Zimmer. Unterwegs begegnete er dem Baron, der ihn zurück⸗ halten wollte, um mit ihm zu ſprechen. Er antwortete ihm aber, daß er keine Minute übrig habe, weil er im Namen der Baroneſſe einen der Paläſte in der Via del Popolo zu miethen eile, wo ſie einen Ball zu geben beabſichtige.“ en ß, e⸗ in ſte e⸗ el⸗ te ſt, ſer eſe r⸗ e⸗ n⸗ tto ick⸗ hm nen habe.“ 165— „Ich empfehle Ihnen Stillſchweigen, Herr Baron, und gratulire Ihnen im Voraus zu dem Glück, welches Sie erwartet. Die Baronin iſt reich, ſehr reich, weit reicher, als ich glaubte.“ „Teufel! aber welche Rolle ſpielen Sie denn bei ihr?“ fragte der Baron etwas umuhig. Benedetto antwortete nicht. Er drückte ihm die Hand und verſchwand raſch, während der Baron mit gezählten Schritten weiterging. Nachdem Benedetto noch einige Schritte gegangen war, gewahrte er einen in kurzer Entfernung hal⸗ tenden Wagen, winkte dem Kutſcher heran, ſprang in den Wagen hinein und fuhr ſo ſchnell davon, als die Pferde laufen konnten. Sechszehntes Kapitel. Mann und Frau. Der Baron Danglars drehete noch einmal ſeinen ſpi⸗ tzen, dem des Fuchſes gleichenden Kopf herum, um Bene⸗. detto noch ein Wort zu ſagen. Der behende Bamdit aber ſprang, vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinun⸗ ter, ließ ſich an dem Geländer hinabgleiten und verſchwand ohne ihm Zeit zu geben, den Sinn einer Phraſe zu voll⸗ enden. Als Danglars ſich allein ſah, lenkte er ſeine Schritte nach dem Zimmer der Baroneſſe, an deren Thüre er Meſtre Paſtrini begegnete, zu dem er ſich zu ſagen beeilte: „Haben Sie ſchon meinen Beſuch angemeldet?“ „Eure Ercellenz,“ antwortete der Italiener,„will ohne Zweifel fragen, ob ich ſchon Ihren Namen angemeldet — 166— „O, Meſtre Paſtrini, nur kein Wortſpiel, wenn's be⸗ liebt!“ bemerkte der Baron, indem er ſich eine höchſt komi⸗ ſche Miene beleidigten griſtokratiſchen Stolzes gab. „Entſchuldigen Sie, Excellenz, aber die Sache iſt nicht ſo unbedeutend, als ſie ſcheinen kann. Um die Ehre zu haben, Ihren Beſuch anzumelden, iſt es durchaus noth⸗ wendig, daß ich mich an Jemanden wende—“ „Nun?“ „Dieſer Jemand iſt es eben, was fehlt.“ „Was ſoll das heißen?“ „Eure Excellenz wünſcht doch mit meinem Gaſte zu ſprechen, nicht wahr?“ Der Baron machte eine Bewegung. „Dem jungen Herrn von Servieres?“ „Sind Sie von Sinnen, Meſtre? Der Name Servie⸗ res muß einer Dame angehören, denn ich kenne dieſe Fa⸗ milie ganz genau und weiß, daß gegenwärtig kein männ⸗ licher Nachkomme davon vorhanden iſt. Dieſe Dame eben iſt es, welche ich hier zu ſprechen wünſche.“ Meſtre Paſtrini warf den Kopf empor. „Aber, mein Herr, dieſe Dame logirt nicht in mei⸗ nem Hotel,“ ſagte er.„In dieſem Zimmer iſt weiter Nie⸗ mand als ein junger Mann von der Familie Servisres, und die Dame, welche ſich in dieſem Augenblicke ebenfalls darin befindet, iſt, glaube ich, nur auf Beſuch bei ihm, denn ſie iſt kaum erſt ſeit dieſem Morgen da.“ „Ich ſage Ihnen nochmals, daß Sie von Sinnen ſind! Der Name Servisres kann gegenwärtig keinem Manne angehören, und ich weiß, daß die Dame, nach der ich frage, Ihr Gaſt iſt. Es iſt eine ſehr liebenswürdige Frau—“ annahm, um vor der Baroneſſe zu ſhi Wohlä⸗ Meſtre, laſſen Sie mich ein!“. ingu a curisw rief Paſtrini, nbin er die Dri fuhr der Baron fort, indem er ſein anmuthigſtes Lächeln te ei e ni⸗ * cht zu th⸗ zu ie⸗ Fa⸗ n⸗ en — 1e67— ſtigkeit ſo weit trieb, daß er ſich dem Baron in den Weg ſtellte.„Noch ein Wort, Excellenz.“ Der Baron Danglars ſchleuderte ihm einen zornigen Blick zu, welcher ſagen zu wollen ſchien: „Mit welchem Rechte wagen Sie, einem Ehemanne zu verwehren, über die Schweile des Zimmers ſeiner Frau zu ſchreiten?“ Er unterdrückte indeſſen ſeinen Aerger und machte eine Geberde, welche man in die Worte überſetzen konnte:„Re⸗ den Sie und faſſen Sie ſich kurz.“ „Mein Herr Baron, zupen Sie wirklich die Gewiß⸗ heit, daß die fragliche Dame ganz unzweifelhaft und un⸗ bedingt eine Frau iſt?“ „Was!“ rief der Baron, indem er wie verdutzt durch dieſe Frage einen Schritt zurückprallte. Meſtre Paſtrini verlor deswegen den Muth nicht. „Per la Madonna, Excellenz, antworten Sie mir: Wiſ⸗ ſen Sie mit Gewißheit, daß es eine Frau iſt?“ „Ich ſo ll es vielleicht nicht wiſſen!“ rief mit gedan⸗ kenvoller Miene der Baron, deſſen Verwunderung immer höher ſtieg. „Ach, mein Herr,“ murmelte Paſtrini erbleichend und an allen Gliedern zitternd,„wenn ich Ihnen einen guten Rath geben dürfte, ſo würde ich zu Ihnen ſagen:„Treten Sie nicht ein!“ „Und warum nicht?“ „Ich erkläre Ihnen, daß mein Gaſt Nichts ſehr Gu⸗ tes ſein kann.“ „Was zum Teufel ſagen Sie da?“ * eine Todtenhand in einem Käſtchen bei ſich führt“ Der Baron zuckte unwillkürlich zuſammen. „Und dieſer Menſch?“ fragte er. „Man ſagt, er ſei ein Zauberer.“ „Und die Dame?“ „Er ſteht in Beziehungen mit einem Menſchen, der „In dieſer man eine Miteingeweihete.“ „O Meſtre! ſollte man nicht meinen, Sie wären erſt geſtern aus Ihrem Dorfe angekommen und hätten noch kei⸗ nen Tag lang in einer großen Stadt gelebt?“ „Lachen Sie, ſpotten Sie, ſo viel Sie wollen, Ex⸗ cellenz, aber man hat ſo außerordentliche Dinge geſehen, daß es beinahe unmöglich iſt, ſich gewiſſer Gedanken zu erwehren. Ich ſchwöre Ihnen zu, daß morgen um dieſe Stunde dieſes Zimmer leer iſt, denn es brächte mich noch um meinen Credit.“ Der Baron zuckte die Achſeln, öffnete die Thüre, durchſchritt das Vorzimmer und begab ſich in das Cabinet, wo die Baroneſſe war. Dieſe war eben beſchäftigt, eine ihrer ſchönen Haar⸗ locken zu ordnen und Niemand hätte in ihren Zügen die wrnine Spur von der wilden Aufregung zu leſen ver— mocht, welche vor weniger als einer halben Stunde ihr das Herz zerriſſen hatte. Ihre ſchwarzen, von außerordentlichem Glanze ſtrah⸗ lenden Augen, die nur durch eine einzige die teici be⸗ wundernswürdig gewölbten Brauen verbindenden Falte ge— trennt wurden, drückten jene Ch aracterfeſtigkeit aus, welche mehr den Römerinnen als den Franzöſinnen eigen, aber nichtsdeſtoweniger das unterſcheidende Merkmal vieler edlen Familien Frankreich's iſt, bei denen es ſich von einer Ge⸗ neration auf die andere fortpflanzt. Ihre ſtolz geſchloſſenen Lippen ließen dieſem von Schmerz lterten Herzen nicht den leiſeſten Seufzer entſchlüpfen. Ihre feſten runden Arme, ihre gewandten Hände, ihre fei⸗ nen biegſamen Finger— mit einem Worte, ihre ganze Er⸗ ſcheinung zeigte in dieſem Augenblicke jene große Dame on Serieres, Baroneſſe Danglars, ſo wie ſie in den Augen der Welt ſtets geweſen, das heißt feſt von Charac⸗ ter, ſtolz und edel. Ehe n der Baron ihe ins. S n r ha eit fa S de mt kn — ker ſe e⸗ e⸗ he — 169— hatte ſie ihn ſchon bemerkt, weil pine Geſtalt ſich im Spie⸗ gei zeigte und ſie verfehlte nicht, die Verlegenheit zu ge⸗ wahren, mit welcher er eintrat, obſchon er die unglaub⸗ lichſten Anſtrengungen machte ſeine Befangenheit zu ib winden. Die Baroneſſe ordnete gemächlich vollends ihr Haar, ging dann nach ihrem Secretair und trug, indem ſie that als ob ſie ihn verſchlöſſe, Sorge, das darin enthaltene Geld klingen zu laſſen. Dann ging ſie noch einige Male hin und her und drehete ſich endlich herum. „Ah, Sie ſind hier, mein Herr!“ rief ſie, als ob ſie ihren Mann den Abend vorher zum letzten Male geſehen hätte.„Man ſollte meinen, Sie wollten ſogleich wieder gehen, denn wenn ich nicht irre, haben Sie ſich noch nicht einmal nach einem Stuhle umgeſehen.“ Dieſe Worte äußerten ihre Wirkung. Der Baron faßte Muth, trat einige Schritte näher und ſetzte ſich dem Sopha gegenüber auf denſelben Stuhl, auf velchem Bent⸗ detto geſeſſen. „Es iſt heute in der That empfindlich kalt,“ „Ich habe noch nicht Zeit gehabt, es zu⸗ inten. Ich glaube die Thätigkeit des Schreibens u des Den⸗ kens erwärmt den Körper auf ganz merkwürdige Weiſe.“ „Ah! Sie haben alſo viel geſchrieben?“ „Ich habe ſo eben acht bis neun Briefe nach denen Orten abgeſendet. Ich bedarf jetzt meiner Kapitalien, ich habe ſie gekündigt und möchte daneben auch noch einige andere Angelegenheiten zu Ende gebracht ſehen.“ Die Stirn des Baron's Danglars ſich wit ziemlich riichlichem Schweiße zu bedecken. „Aber ich weiß in der That nicht, Frau Beronrſe wie und warum Sie ſich eine jener Stee ver⸗ Kin Sle man Stctetuir W r melte er, indem er ſeinen Ueberrock über der knöpfte. — 170— „O, ſeitdem ich den Vortheil genieße, allein zu leben, verabſcheue ich die Dinge, die einem früher oder ſpäter lä⸗ ſtig werden können, Herr Baron.“ Es trat ein tiefes Schweigen ein, welches einige Au⸗ genblicke dauerte. Die Baroneſſe brach es zuerſt. „Sie haben die Güte gehabt, mir Ihren Beſuch zu machen. Kann ich Ihnen vielleicht in irgend etwas nützlich ſein?“ fragte ſie. „Madame— halten Sie mich denn für ſo eigen⸗ nützig?“ „Das wäre doch eben nichts ſo Sonderbares,“ ant⸗ wortete ſie lachend.„Ein Bankier— doch entſchuldigen Sie— ich weiß nicht, ob Sie in Rom das Geſchäft fort⸗ ſetzen, welches Sie in Paris betrieben) indeſſen glaube ich nicht, daß Sie Ihre ſechs Millionen in eine Sparbüchſe ge⸗ ſteckt haben. Ah, da wir gerade von Paris ſprechen— haben Sie niemals dahin zurückkehren wollen? Sie lieb⸗ ten doch dieſe Stadt ſo ſehr!“ „Wichtige Angelegenheiten haben mich bis jetzt in Rom zurückgehalten,“ antwortete der Baron, nur mit Mühe dieſe Worte hervorſtotternd, denn die Zunge klebte ihm am Gau⸗ men, ſo daß er kaum zu ſprechen vermochte. *„Das Klima Italien's ſagt Ihnen zu, wie es ſcheint.“ fuhr ſie fort. „In Frankreich befand ich mich beſſer,“ antwortete der Baron,„aber dennoch bin ich überzeugt, daß es mir jetzt in Rom beſſer gefällt, das heißt, wenn Sie die Ab⸗ ſicht haben, hier zu bleiben.“ „O nein— ich reiſe nach Civita⸗Vecchia,“ entgegnete die Baroneſſe, indem ſie that, als hätte ſie den Sinn der Worte des Baron's, welcher ſchwermüthig ſeufzte, nicht recht verſtanden. Ei was! Sie haben Gewohnheiten angenommen, die ich früher an Ihnen nicht kannte, Herr Baron. In Paris habe ich Sie niemals ſeufzen hören.“ ni fet un ro ße ſa S ge ve om ieſe au⸗ t 7 tete mir Ab⸗ nete der ſicht die gris dns iſt ganz natürlich, wn in Paris litt ich nicht—— „Und in Rom leiden Sie?“ 8 3„O „Giebt es denn hier keine guten Aerzte? Italien iſt freilich, wenn ich nicht irre, an Sängern fruchtbarer, als an Jüngern des Aeskulap's.“ „Mein Uebel, Madame, iſt von der Art, daß die Wiſſenſchaft ſämmtlicher Aerzte, nicht blos in Rom, ſon⸗ dern auch in gllen übrigen Hauptſtädten Europa's dagegen Nichts auszurichten vermag,“ entgegnete der Baron Dan⸗ glars, indem er jedes Wort betonte, wie um di ſamkeit der Baroneſſe anzuregen, welche ſich ſoſort eeilt⸗, ihn zu fragen: „Aber worin beſteht denn dieſes Uebel? Sind die Ner⸗ ven krank? Wenigſtens iſt dies die Modekrankheit.“ „Die Nerven— ja, Madame. Sie haben es getrof⸗ fen,“ ſagte er.„Das Uebermaß der Gemüthsbewegungen bringt jene Krankheit hervor, welche man mit jenem ſo unbeſtimmten Namen des Nervenleidens bezeichnet.“ „Aber das iſt ja weit ernſthafter, als ich dachte, Ba— ron. Wie es ſcheint, haben Sie lebhafte, ſogar übermä⸗ ßige Empfindungen— das iſt nicht gut!“ „Denken Sie ſich ein gleichzeitig ſchmerzliches und ſü⸗ ßes Gefühl im Herzen—— die Trauer, zum Beiſpiel,“ ſagte der Baron, indem er dieſes Wort mit dem tiefſten Seufzer begleitete, der ihm zu Gebote ſtand. Die Baroneſſe runzelte die Stirn, als ob ſie etwas gehört hätte, was über ihren Horizont ginge.“ „Die Trauer?“ wiederholte ſie.„Trauer, worüber?“ „O, Baröneſſe— Trauer worüber?“ „Vielleicht haben Sie einen Theil V verloren?“ „Ich habe ſ als dies wnn „Ich begreife immer weniger! Einen Juwel von gro⸗ ßem Werthe?“ „Noch mehr.“ „Nun dann weiß ich nicht, was ich weiter ſagen ſoll.“ „Ach, ich habe verloren— verzeihen Sie— ich will ſagen, es gab eine Zeit, wo ich—“ „Reden Sie aus.“ „Wo ich Sie verloren habe, Madame,“ rief endlich der Baron mit einer jener lächerlichen Geberden, welche die Baroneſſe jenes ſtudirte, trockne und abſtoßende Lächeln vergeſſen ließ, welches ihr ſonſt eigen zu ſein pflegte. Der arme Baron war ganz verdutzt. „Ei, einen ſolchen Verluſt haben Sie erlitten und nicht ſofort an alle Straßenecken die gewöhnlichen Zettel anſchlagen laſſen und eine angemeſſene Belohnung ausge⸗ ſetzt? Wie es ſcheint, haben Sie Alles von der Zeit und von der Geduld erwartet, mein lieber Baron.“ „Ja, ich habe Alles erwartet— Alles gehofft— Sie ſind ein Engel, oder wenn ich mich mehr an irdiſche Bilder halten will, Sie ſind eine Frau, wie es deren we⸗ nige giebt und Ihre Intelligenz ſtreift an das Wunder⸗ bare.“ „Und Sie, Herr Baron, ſind ein Mann von bezau⸗ bernder Anmuth und Liebenswürdigkeit,“ entgegnete die Baroneſſe, welche nach einer kleinen für Danglars ziemlich peinlichen Pauſe hinzuſetzte: Wiſſen Sie, daß Ihre Converſation für mich etwas unaus ſprechlich Reizendes hat?“ „Tauſend Dank, aber haben Sie mir nicht ſo eben geſagt, daß Sie die Abſicht haben, nach Civita⸗Vecchia zu reiſen?“ „Habe ich das wirklich geſagt? In der That, ich ent⸗ ſinne mich deſſen nicht mehr und würde auch übrigens nicht den Muth dazu haben— es iſt ſo traurig, allein zu reiſen.“ Al ein ſche we⸗ er⸗ au⸗ die lich vas ben chia ent⸗ icht „Ja wohl, traurig. Ich für meinen Theil verabſcheue Alles, was Einſamkeit heißt und da wir über dieſen Punkt einig ſind, ſo bin ich ſo kühn, Ihnen eine Geſellſchaft gn⸗ zubieten.“ „Das iſt eben ſo unbeſtimmt!“ „Die meine.“ „Wirklich? Sie ſind in der That liebenswürdig. Ich nehme an, Baron, ich nehme ſie von ganzem Herzen an.“ „Ach, Baroneſſe,“ rief er, indem er aufſtand und die Arme öffnete, als ob er ſie umarmen wollte. Sie machte dieſelbe Geberde, plötzlich aber beſann ſie ſich anders, trat einen Schritt zurück und ſetzte ſich wie⸗ der mit der größten Ruhe von der Welt nieder. Dieſe Kälte berührte ſehr unangenehm das Herz des armen Baron's, der ſich in Gedanken ſchon auf dem Punkte geſehen hatte, nicht mehr und nicht uih als drei ſchöne, gute Millionen zu umarmen. „Noch einen Augenblick, mein Herr,“ ſagte die Baro⸗ neſſe mit der unerſchütterlichſten Kaltblütigkeit.„Wenn das Gefühl des Kummers einen ſo ſtarken Eindruck auf Sie gemacht hat, wie Sie vorgeben, ſo empfinde ich in dieſem Augenblicke ein Gefühl, welches nicht weniger mächtig iſt als das Ihre und durch die Erinnerung an eine vergan⸗ gene Thatſache hervorgerufen wird— die Thatſache eines Briefes.“ Dieſe Worte waren gleichſam ein raſcher, unvorherge⸗ ſehener Degenſtoß, den der Baron nicht pariren konnte. Er ward ſofort leichenblaß. „Als Sie Paris verließen, erhielt ich einen mit Ihrer Unterſchrift geſchmückten Brief. Dieſer Brief enthielt ſehr merkwürdige Ausdrücke,— Ausdrücke, deren Sie ſich ohne Zweifel noch entſinnen.“ „O ich ſchwöre Ihnen, daß ich die Erinnerung vumn vollſtändig verloren habe.“ „Wirklich? Nun, hier iſt dieſer Brief.“ — 174— Mit dieſen Worten zog ſie aus ihrer Taſche ein elfen⸗ beinernes Notizbuch und aus dieſem einen Brief, welchen ſie aus einander ſchlug und mit lauter Stimme vorzuleſen ſich anſchickte. „Hören Sie, Baron, dieſer Brief läßt mich an vie⸗ len Dingen zweifeln und unter andern ſogar auch an Ihrer Exiſtenz. Hören Sie: „Sehr getreue Gattin! „Wenn Sie dieſen Brief erhalten, haben Sie keinen „Gatten mehr. „O erſchrecken Sie nicht zu ſehr, Sie werden keinen „Gemahl mehr haben, wie Sie keine Tochter mehr haben, „das heißt, ich werde auf einem der dreißig oder vierzig „Wege ſein, die aus Frankreich führen. „Ich bin Ihnen Erklärungen ſchuldig, und da Sie „eine Frau ſind, die dieſelben leicht verſtehen wird, ſo will „ich ſie Ihnen geben. „Hören Sie alſo: „Ich hatte dieſen Morgen eine Zahlung von fünf Mil⸗ „lionen zu leiſten und ich habe ſie geleiſtet, eine andere von „derſelben Summe folgte gleich darauf; ich habe ſie auf „morgen verſchoben und heute reiſe ich ab, um dieſes Mor⸗ „gen zu vermeiden, welches mir zu unangenehm zu ertra⸗ „gen ſein würde. „Sie begreifen das, nicht wahr, hochgeſchätzte Gattin? „Ich ſage, Sie begreifen es, weil Sie meine Ange⸗ „legenheiten eben ſo gut kennen, wie ich ſelber, ja ſogar beſ⸗ „ſer als ich, beſonders wenn es ſich darum handelt zu ſa⸗ „gen, wohin eine gute Hälfte meines Vermögens gekom⸗ „men iſt, was ich nicht im Stande bin zu ſagen. „Denn die Frauen haben einen unfehlbaren Inſtinkt „der Zuverläſſigkeit; ſie erklären das Wunderbarſte durch „eine Algebra, die ſie ſelber erfunden haben; ich, der ich „nur meine Ziffern kannte, habe Nichts mehr gewußt, von „dem Tage an, wo meine Ziffern mich getäuſcht haben. 7 en en, zig Sie ill — 175— „Haben Sie zuweilen die Schnelligkeit meines Falles „bewundert, Madame? „Sind Sie zuweilen durch das Schmelzen meiner „Goldbarren geblendet worden? „Ich muß geſtehen, ich habe Nichts als Feuer darin „geſehen, laſſen Sie uns hoffen, daß Sie ein wenig Gold „in der Aſche gefunden haben. „Mit dieſer tröſtenden Hoffnung entferne ich mich, „höchſt kluge und vorſichtige Gattin, ohne daß mein Ge⸗ „wiſſen mir den geringſten Vorwurf macht, Sie zu ver⸗ „laſſen. „Ihnen bleiben noch Freunde, die erwähnte Aſche, und „um Ihr Glück zu vollenden, die Freiheit, welche ich mich „beeile, Ihnen wiederzugeben. „Indeſſen, Madame, iſt der Augenblick gekommen, „hier eine vertraute Erklärung einzuſchalten. „So lange ich gehofft, daß Sie für das Wohl unſe⸗ „res Hauſes, für das Glück unſerer Tochter arbeiteten, „habe ich philoſophiſch die Augen geſchloſſen; aber da Sie „eine ungeheure Ruine aus meinem Hauſe gemacht haben, „ſo will ich dem Glücke Anderer nicht zur Grundlage dienen. „Ich habe Sie reich aber wenig geehrt geheirathet. „Verzeihen Sie mir, daß ich mit ſolcher Offenheit zu Ih⸗ „nen rede; aber da ich wahrſcheinlich nur für uns Beide „rede, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich meine Worte aus⸗ „ſchmücken ſollte. „Ich habe unſer Vermögen vermehrt, welches ſeit mehr „als fünfzehn Jahren bis zu dem Augenblicke gewachſen iſt, „wo unerhörte und mir noch jetzt unbegreifliche Unglücks⸗ „fälle es nach und nach vernichtet haben, ohne daß ich im „Geringſten ſagen könnte, es ſei durch meine Schuld ge⸗ „ſchehen. „Sie, Madame, haben nur an dem Wachsthum Ih⸗ „res eigenen Vermögens gearbeitet, und dies iſt Ihnen ge⸗ „glückt, davon bin ich moraliſch überzeugt. .— 176— „Ich verlaſſe Sie alſo, wie ich Sie genommen habe, „reich aber wenig ehrenwerth. „Leben Sie wohl. „Auch ich will von heute an auf meine eigene Rech⸗ „nung reiſen.. „Glauben Sie an meine ganze Erkenntlichkeit wegen „des Beiſpiel's, welches Sie mir gegeben und welches ich „befolgen werde. K „Ihr ergebenſter Gatte „Baron Danglars.“ Während der Vorleſung dieſes Briefes wechſelte der Baron mehrmals die Farbe und ſchaute ſich unwillkürlich drei oder vier Mal im Zimmer um. Die Baroneſſe wen⸗ dete ihren ſcharfen, durchdringenden Blick nicht ab von dem Geſicht ihres armen Gatten, welcher zu begreifen begann, welche klägliche Figur er hier ſpielte. An der Verwirrung und Verlegenheit des ehemaligen Kapitaliſten kühlte die Baroneſſe langſam und behaglich ihre Rache. „Mein Herr Baron rief ſie laut lachend,„wie kommt es, daß, obſchon ich nach Ihrem offenen Geſtändniß wenig geehrt und ehrenwerth bin, Sie ſich erbieten mich zu begleiten?“ „Baroneſſe,“ antwortete er, indem er mit ſeinen di⸗ cken Lippen ein rebelliſches Lächeln zu erkünſteln ſuchte⸗ „glauben Sie, daß dieſer Brief nur das Product eines furchtbaren Augenblick's der Täuſchung iſt. Ich ſah mich verloren und Sie, die Sie, wie ich ſchon die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen, an Intelligenz allen übrigen Frauen über⸗ legen ſind, hätten dies ſchon von ſelbſt begreifen können.“ „Sie wünſchen alſo, daß ich die Thorheit dieſes Brir⸗ fes verzeihe?“ fragte ſie. „O Madame, ich bekenne, daß dies der innigſte mei⸗ ner Wünſche iſt,“ rief der Baron, der einen neuen Hoff⸗ nungsſtrahl in ſein Herz dringen fühlte. di er ch n⸗ m in, gen hre wie niß zu di⸗ hte⸗ ines mich abt, ber⸗ en.“ Brie⸗ mei⸗ off⸗ — „Kann ich das glauben?“ „Ja wohl, ja wohl, Madame, ich habe Sie belei⸗ digt— ich bitte Sie um Verzeihung.“ Und der Baron Danglars beugte ein Knie und neigte ſeine kahle Stirn faſt bis zu den Füßen ſeiner Gattin. Jetzt ſchien die Baroneſſe den höchſten Gipfel ihres Triumphes erreicht zu haben. Sie trat raſch zwei Schritte zurück und ſchlug ein gellendes Gelächter auf, deſſen Echo noch lange in dem Herzen des Baron's wiederhallte. „Elender erbärmlicher Menſch!“ rief die Baroneſſe, „endlich ſehe ich Dich ſchmachvoll Dein Haupt zu meinen Füßen beugen und höre Dich mit Deinen unſaubern Lip⸗ pen um Verzeihung für Deine niedrigen Worte flehen! Aber dieſe Verzeihung kann ich Dir nicht gewähren, denn auch ich bin ſtrafbar. Stehen Sie auf, mein Herr. Gehen Sie. Es iſt auf immer aus mit Ihrem Reichthum auf Erden, er iſt vernichtet! Ich ſehe, daß Sie nicht mehr Herr eines Thalers ſind, denn Sie bitten mich in unſere Wiederausſöhnung zu willigen, weil Sie glauben, daß ich noch die Fonds beſitze, die Sie mir in Paris gelaſſen hat⸗ ten. Aber ach, ich bin arm, mein Herr, ich ſehe hinfort vor mir nichts als eine Zukunft der Mittelmäßigkeit oder vielmehr des vollſtändigen Elend's. Gehen Sie, Herr Ba⸗ ron von Danglars. Wäre es nicht ſo, ſo würde niemals, nein niemals eine Frau mit Ihnen leben, welche Sie ent⸗ ehrt und die Sie verlaſſen haben. Ich mache Ihnen kein Verbrechen aus dieſer Verlaſſung, aber ich verachte Sie wegen Ihres heutigen Schrittes, welcher mir beweiſt, daß in Ihnen auch nicht das mindeſte Gefühl von Ehre und Redlichkeit vorhanden iſt.“ Die Baroneſſe ſchwieg und ſtieß abermals ein krampf⸗ haftes, wahnſinniges Gelächter aus. Der Baron war vernichtet. „Ein Gott oder ein Menſch hat den gänzlichen Ruin Deines Hauſes geſchworen und Dein Haus iſt Stein um Die Todtenhand. 1. Band. 12 Stein in Trümmer geſtürzt!“ fuhr die Baroneſſe fort, in deren funkelndem, beweglichem Blick das Feuer eines plötzli⸗ chen und furchtbaren Wahnſinns zu glänzen ſchien.„Ein Gott oder ein Menſch hat meine Schande, mein Elend ge⸗ ſchworen! Entferne Dich, Danglars, denn unſer Athem vergiftet uns wechſelſeitig, als ob er ſich vereinigte, um in der Luft ein furchtbares Gift zu erzeugen! Ach Armuth, Armuth, mit allen Deinen Schrecken, mit allen Deinen Erniedrigungen, Du zeigſt meinen Augen kin bleiches, dro⸗ hendes Geſpenſt, welches der Reichthum ihnen verbarg: es iſt die Reuel es iſt die Reue!“ Die Baroneſſe bedeckte das Geſicht mit den Händen und blieb lange ſo ſtehen, den Körper rückwärts geneigt und den Kopf zwiſchen den Schultern hin⸗ und herwiegend. Als ſie wieder zu ſich kam, waren ihre Wangen von der traurigen Fieberröthe der Geiſteskranken gefärbt. Sie ließ ihren Blick langſam im ganzen Zimmer umherſchwei⸗ fen und auf jedem Gegenſtande verweilen, wie um ſich zu orientiren. Dann ging ſie langſam nach ihrem Secretair, ſetzte ſich ſtill vor denſelben und zählte mechaniſch das Geld, wel⸗ ches Benedetto ihr gelaſſen. Was den Baron betrifft, ſo hatte dieſer, den Zuſtand von Erſtarrung, in welchen ſeine Gattin verfallen zu ſein ſchien, benutzend, ſeinen Hut ergriffen und ſich ohne alles Geräuſch entfernt. Siebenzehntes Kapitel. Der römiſche Bandit und der Pariſer Dieb. Wo blieb nach dem von Benedetto im Hotel zur Erdkugel gusgeführten Diebſtahle der Baroneſſe Danglars w m bli be bli lic un nu die in li⸗ in ge⸗ em in th, ien ro⸗ den igt nd. on Sie vei⸗ zu tzte vel⸗ and ſein es zur lars weiter übrig, als ein Leben der Entbehrungen und der Ar⸗ muth? Sie hatte alle ihre Rechnungen abgeſchloſſen, alle Außen⸗ ſtände eingezogen und ſorgfältig ihr ganzes Kapital in der Abſicht zuſammen gebracht, es bei einem reichen römiſchen Bankier anzulegen und künftig von dieſen Einkünften zu leben, die ihr eine Zukunft des behaglichſten Vohlſandes ſicherten. Nun aber war dieſer Plan total vernichtet und die arme Frau ſah ſich ohne alle Hilfsquellen, ſobald die ſech⸗ zigtauſend Franes erſchöpft waren, welche ſie dem Mitlei⸗ den des Banditen verdankte, der ſie auf ſo kecke Weiſe beraubt hatte. Die Baroneſſe war nicht die Frau, die ihre Zuflucht zu der Großmuth ihrer Tochter genommen hätte, beſon⸗ ders nach dem Beſuche, den ſie ihr abgeſtattet. Sie be⸗ trat daher den einzigen Weg, der ſich ihr in dieſem Augen⸗ blicke noch darbot— ſie machte einem armen Kloſter eine beſcheidene Schenkung und verlangte dagegen Aufnahme in ſeine heiligen Räume. Hier, im Schweigen und in der Einſamkeit, über⸗ blickte ſie ihre an Unregelmäßigkeiten, ſchlechten und ſchimpf⸗ lichen Thaten ſo reiche Vergangenheit. Sie dachte tief nach und ſah ein, daß das, was ſie in der Gegenwart litt, nur eine ſehr gelinde Züchtigung für die Irtthůmer ſei, die ſie begangen. Sie war ſtolz und übermüthig geweſen und ihr gan⸗ zer Stolz und ihr ganzer Uebermuth waren nun in der Einfachheit und Demuth des Kloſters begraben! Hier ver⸗ goß ſie reichliche Thränen über das Kind ihrer früheren verbrecheriſchen Liebe, über die Frucht ihres verbrecheriſchen Umganges des Herrn von Villefort, über dieſes Kind des Verbrechens und der Corruption, dem der Himmel die Segnungen der Welt verweigert zu haben ſchien eben ſo wie die, die es erzeugt, ſie ihm vrnt hatt Die Zukunft dieſes jungen Mannes ſchreckte ſie, und vielleicht das Ende dieſer fluchwürdigen Exiſtenz, dieſer ver⸗ brecheriſchen und gualvollen Exiſtenz ahnend, fragte ſie ſich ſelbſt, fragte ſie das Kloſter und Gott, ob ſie, die Ba⸗ roneſſe Danglars, die Abkömmling in der Servières, nicht noch verdammt ſein würde, ſich eines Tages von Kata⸗ ſtrophe zu Kataſtrophe, von Elend zu Elend bis zu den Fü⸗ ßen eines Blutgerüſtes zu ſchleppen, um hier das vom Rumpfe getrennte Haupt eines Unglücklichen aufzuheben, dem ſie das Daſein und das Unglück gegeben! Wenn ein plötzlicher und unerwarteter Schlag den Wa⸗ gen unſeres Glück's für immer umgeſtürzt oder die Leiden⸗ ſchaft, welche, ſo zu ſagen, unſere ſociale Seele ausmachte, vernichtet hat, ſo erinnern wir uns, daß außer dieſem Prin⸗ zip, welches uns in der Welt leitete, noch ein anderes po⸗ ſitiveres in uns vorhanden iſt, deſſen Einfluß auf uns nur allein der Tod zerſtören kann, indem er unſern Kör⸗ per vernichtet. Der Einfluß dieſes göttlichen Prinzip's, welches wir empfangen, wenn wir zum erſten Male den Hauch des Le⸗ bens athmen, iſt es, dem wir jenes erhabene Gefühl ver⸗ danken, welches man die Reue nennt und in Folge deſſen wir an das Daſein eines gütigen, langmüthigen und ge⸗ rechten Gottes glauben, den wir während unſeres Lebens der Unordnung und Aufregung vergeſſen hatten. Der Name dieſes gllmächtigen Gottes war daher das Wort, welches die Lippen der Baroneſſe am häufigſten ausſprachen, das, welches den ſtärkſten Wiederhall in ih⸗ rem Herzen fand, ſeitdem jener furchtbare Schlag das Ge⸗ bäude ihres Glück's niedergeworfen und ſie gezwungen hatte, in der Einſamkeit eines Kloſters die einzige Linderung ih⸗ res Schmerzes, den einzigen Balſam für ihre Wunde zu — das Gebet.—————————— for der gu die me ger fin Ar de ge br wi ne we zei 5* ei da da te S 8 B Y und ver⸗ ſich Ba⸗ icht ata⸗ Fü⸗ vom ben, Wa⸗ den⸗ chte, rin⸗ po⸗ uns Kör⸗ wir Le⸗ ver⸗ eſſen ge⸗ bens das gſten mih⸗ Ge⸗ atte, ih⸗ e zu —-— ſagte— ein ungläckliches Schickſal ihn feſſelte, ſolchen Ein⸗ — 181— forſchungen und Bemühungen Benedetto nirgends aufzufin⸗ den. Der gewandte Dieb wußte, unterſtützt durch die Mocht, welche beinahe drei Millionen Francs verleihen, ſo gut ſich den Nachforſchungen des Baron's zu entziehen, daß dieſer glaubte, nichts Beſſeres thun zu können, als aber⸗ mals um den Poſten eines Portier's bei dem Theater Ar⸗ gentino nachſuchen, wo er ſeine einzige Rettungsplanke zu finden hoffte— das heißt, die Großmuth Eugenien's von Armillh. Obſchon Benedetto ſich nun im Beſitz des bedeuten⸗ den Vermögens ſah, welches er der Baroneſſe Donglars geſtohlen, ſo blieb er doch nicht auf der Bahn des Ver⸗ brechens ſtehen, ſondern entwarf, weit entfernt davon, ſo⸗ fort den Plan zu einem neuen Attentat, in Bezug, auf welches er ſich ſofort an's Werk machte. Nachdem er erfahren, daß die päpſtliche Regierung ei⸗ nen Preis auf den Kopf des berüchtigten Banditen Luigi Vampa geſetzt, deſſen Schlupfwinkel unbekannt war und welcher mit verbrecheriſcher Keckheit die ganze Umgegend von Rom in Furcht und Schrecken ſetzte, beſchloß er dem Poli⸗ zeiintendanten unter dem Siegel des tiefſten Geheimniſſes einen Beſuch abzuſtatten. Als er ſich jedoch die Sache beſſer überlegte und ſah, daß die Baroneſſe Danglars ihn nicht verfolgen ließ, wahr⸗ ſcheinlich, weil ſie ſeine Spur verloren, befahl er Peppino, das Schiff einige Tage länger warten zu laſſen und erwar⸗ tete ebenfalls eine günſtige Gelegenheit, um einen ſicheren Schlag auszuführen. Die verabredete Zuſammenkunft im Coliſeum hatte ſtatt⸗ gefunden und Luigi Vampa glaubte wie Peppino, daß Benedetto in der That der Secretair des Grafen von Monte⸗Chriſto ſei. Indeſſen äußerte die Art und Weiſe, auf welche Be⸗ nedetto von dieſem Manne ſprach, an welchen— wie er fluß auf den römiſchen Banditen, daß das hohe Anſehen des Grafen bei dieſer aus, wie wir ſchon geſagt haben, trotz ihres furchtbaren Handwerkes ungemein abergläubiſchen Leuten zuſammengeſetzten Bande, nothwendig leiden mußte. Benedetto wagte dem Banditen Vampa den lebhaften Wunſch zu erkennen zu geben, ſich der Macht des Grafen von Monte⸗Chriſto dadurch zu entziehen, daß er ſich ge⸗ wiſſer Geheimniſſe bemächtigte, welche er in den nekroman⸗ tiſchen Künſten beſäße und der Bandit Vampa begann ernſt⸗ haft an die Vortheile zu denken, welche für ihn daraus hervorgehen würden, wenn er den Grafen ſeinem Willen unterwürfe, anſtatt dem Willen des Grafen e zu ſein. Vampa war ehrgehi wie alle Böſewichter ſeines Ge⸗ lichters. Die Reichthümer des Grafen von Monte-Chriſtv begannen ſeinen Neid zu erregen und bald entwickelte ſich die von dem ſchlauen Benedetto geleitete Verſchwörung. „Ja, ja!“ ſagte er zu Luigi Vampa und Peppino, „die Macht des Grafen iſt in meinen Händen. Wenn wir in Eurem Religionsſyſtem einen kleinen Platz für die To⸗ leranz ſchaffen, ſo werden wir dieſe koſtbare Reliquie behal⸗ ten, welche den Grafen ſo mächtig macht Dieſe Todten⸗ hand!— ſie iſt es, welche das Geheimniß entſchleiert hat, in welches der Weg gehüllt war, der ihn zu ſeinen unerſchöpflichen Schätzen geführt hat!— Was mich betrifft, ſo ſollte ich allerdings von Rom abreiſen, um dem Gra⸗ fen, meinen Herrn, das koſtbare Käſtchen, welches man ihm geraubt hat, zurückzugeben; wenn ihr mir aber hel⸗ fen wollt, ſo bleibe ich in Rom und arbeite im gemein⸗ ſamen Intereſſe.“ Vampa und Peppino nahmen dieſen Vorſchlag Be⸗ nedetto's an, welcher aus den Worten, die ſie hin und wieder fallen ließen, abnahm, daß der Graf von Wenie Chriſto im Hrient war. Mittlerweile arbeitete der Sohn Villefort's dr an cx der kle me en n, w, vir o n⸗ ert en fft, ra⸗ tan el⸗ in⸗ Be⸗ ind te⸗ — 183— an, den gefürchteten römiſchen Banditen in die Hände der Juſtiz zu liefern und erwartete eine ſichere Gelegenheit, um den Schatz, der ſich in ſeinem Beſitz befand, durch dieſes kleine Geſchäft mit der römiſchen Polizei noch zu ver⸗ mehren. Er hatte mit großem Erſtaunen bemerkt, daß der Bandit, weit entfernt ſich zu verbergen, gewiſſermaßen Etwas darin ſuchte, ſich bei öffentlichen Schauſpielen, be⸗ ſonders im Theater zu zeigen und ſchloß daraus ſehr rich⸗ tig, daß entweder der Signor Luigi Vampa großes Selbſt⸗ vertrauen beſäße, oder daß er das beſte Vertrauen auf die Agenten der Polizei ſelbſt ſetzte. In Folge dieſer zweiten Hhpotheſe, welche übrigens die wahrſcheinlichſte war, ward es durchaus nothwendig, mit der größten Umſicht zu verfahren, um den beabſichtig⸗ ten Verrath auch durchzuführen und zu vermeiden, daß Signor Luigi Vampa durch einen dieſer wahrſcheinlichen von ihm bezahlten Agenten noch rechtzeitig gewarnt würde. Benedetto belauerte alle Bewegungen und Geberden Vam⸗ pa's, ſo daß er nach drei oder vier mit ihm im Theater Argentino zugebrachten Abenden nicht verfehlte zu bemerken, daß Vampa für die Reize der Mademoiſelle Eugenie d'Ar⸗ milly nicht unempfindlich war. In der That machte auch die männliche und ſtolze Haltung der jungen Armillh einen lebhaften Eindruck auf Luigi Vampa. Dieſer Eindruck verwandelte ſich raſch in ein Gefühl, deſſen Heftigkeit das Herz des Banditen 22 und Naocht beſtürmte. Verzehrt von jenem Feuer, welches aus ſeinem cha⸗ racter einen Heerd abenteuerſüchtiger unzähmbarer Kühn⸗ heit und Unerſchrockenheit machte, beſchloß er, wenn auch nur auf einen Augenblick, jenes Weſen zu beſitzen, welches von der Bühne des Argentino herab ihn feſſelte vder viel⸗ mehr bezauberte. Si triumphirendes Lächeln irrte um die Sitte v⸗ — 184— nedetto's, als er in dem glühenden Blicke Luigi's die Lei⸗ denſchaft las, die ihn beherrſchte. Nun verfolgte er ſeine geringſten Bewegungen und ſchlich ihm Schritt für Schritt überall nach, bis er ihn endlich nach Verlauf von einigen Tagen in ein Haus von ſchlich⸗ tem Aeußeren treten ſah, in welchem jene alte Frau wohnte, welche die früheren Verwandlungen des angeblichen Erben der Familie von Servisres begünſtigte. Nachdem Benedetto die genaueſten Erkundigungen über dieſe Frau eingezogen, errieth er den Zweck der Beſuche Luigi's ohne die mindeſte Schwierigkeit, fuhr ſofort ſeine Batterien auf und entwarf einen Plan, deſſen Ausführung der fortwährende Gegenſtand ſeines Nachdenkens war. Am Tage darauf, als er Luigi Vampa begegnete, lockte er ihn in ein wenig beſuchtes Wirthshaus. Hier ſetzten ſie ſich beide in einen dunkeln Winkel wie Leute, welche von Dingen, die das unbedingteſte Geheim⸗ niß verlangten, zu ſprechen haben. Nachdem Benedetto einen Augenblick lang gedanken⸗ voll dageſeſſen, brach er endlich das Schweigen zuerſt. „Wiſſen Sie, Meſtre, daß ich hier ein eigenthümli⸗ ches Zuſammentreffen gehabt habe? Ich habe ſo eben hier in Rom eine Franzöſin wiedererkannt, die mit ihrem Va⸗ ter aus Paris entfloh, nachdem ſie einen gewiſſen Prinzen von Cavalcanti beſtohlen, mit welchem ſie ſich verheirathen ſollte?“ „Und was kann das mich intereſſiren?“ ſagte Luigi Vampa, indem er ſich mit dem Ellnbogen auf den Tiſch ſtemmte und das Geſicht auf die Hand ſtützte, mit der Miene eines Mannes, der ſich über das, was er hört, entſetzlich langweilt. „O, Sie kennen nicht zwei Umſtände von außerordent⸗ licher Wichtigkeit, die in dieſer ganzen Affaire vorkommen. Der eine iſt, daß der Prinz von Cavalcanti ungeheuer reich war und der zweite, daß der Graf von Monte-Chriſto er n⸗ li⸗ ier a⸗ en en igi der rt, nt⸗ en. ue iſt ihr begegnen würde, feſtnehmen zu laſſen, denn er hat ge⸗ in ſehr gutem Einvernehmen mit dieſem Prinzen ſtand, der gegenwärtig ſehr unglücklich iſt.“ „Würden Sie nicht beſſer thun, wenn Sie ſagten, wer beſtohlen worden iſt?“ „Das verſteht ſich von ſelbſt!“ entgegnete Benedetto. „Nun dann? Was intereſſirt es mich, daß der Prinz ungeheuer reich war, wie Sie ſagen, und daß der Graf mit ihm in gutem Einvernehmen ſtand?“ „Noch einen Augenblick, Meſtre, ich werde mich erklä⸗ ren,“ ſagte Benedetto in wichtigem Tone.„Primo, da der Prinz von Cavalcanti ungeheuer reich war, ſo müſſen Sie begreifen, daß der Diebſtahl bedeutend geweſen iſt. Secundo, da der Graf mit dem Prinzen in gutem Einvernehmen ſtand, ſo hat er mir den Namen der Dame mitgetheilt, die ihn beſtohlen und mir aufgetragen, ſie überall, wo ich ſchworen, dem armen Cavalcanti wieder zu ſeinem Beſitz⸗ thum zu verhelfen. Nun verſichere ich Ihnen, daß dieſe Dame ſich gegenwärtig mit ihrem Vater in Rom befindet und ich, anſtatt zu der Juſtiz meine Zuflucht zu nehmen, möchte lieber Ihnen vorſchlagen, dieſes Geſchäft zu be⸗ ſorgen.“ „Wie heißt die Dame?“ fragte Vampa, deſſen Züge verriethen, daß er an der Sache Geſchmack zu finden be— gann. Die letzten Worte Benedetto's hatten ſeine ſchwache Seite getroffen. „Ihr Name,“ antwortete Benedetto kaltblütig,„iſt keineswegs ein plebejiſcher, oder obſcurer Name. Sie ge⸗ hört von mütterlicher Seite der Familie Servieres und von väterlicher, der der Danglars an. Ihr Vater iſt nämlich kein anderer, als jener bekannte Baron, dem Ihr auf Be⸗ fehl des Grafen von Monte-Chriſto ſechs Nillionen ge⸗ ſtohlen habt. Kurz, ſie heißt Eugenie Danglars uits iſt — — 186— gegenwärtig in Rom unter dem Namen Eugenie von Ar⸗ millh bekannt.“ Bei dieſen Worten machte Luigi eine unwillkürliche Geberde der Ueberraſchung, die er gleich darauf unter einer vollſtändigen und affectirten Unbeweglichkeit vergebens zu verbergen ſuchte. Benedetto that, als hätte er Vampa's Geberde nicht im mindeſten beachtet und fuhr mit der größten Ruhe fort: „Und dieſe junge Perſon iſt Niemand anders, als die ſchöne Sängerin des Argentino, dieſe Circe, welche das römiſche Volk durch ihre Taubenmanieren einſchläfert und es betrügt— was meinen Sie dazu?“ „Und worin betrügt ſie es denn?“ ſagte Vampa in dem Tone ſchlechtverhehlter Ungeduld. „O, in Nichts, Meſtre,“ entgegnete Benedetto.„Ich wollte einfach ſagen, daß, wenn man ſie ſieht, Niemand ſie für fähig halten würde, den Gedanken zu faſſen, den ſie gefaßt hat und ihn mit ſo viel Gewandtheit und Ent⸗ ſchloſſenheit auszuführen.“ Vampa ſchwieg einen Augenblick. „Und wer iſt ihr Vater, oder vielmehr, was macht er?“ fragte der Bandit.„Sie haben mir geſagt, er wäre in Rom.“ der Vater iſt ein ganz verſchmitzter Geſell, der zu Allem fähig und zu Allem bereit iſt. Ich begegnete ihm neulich auf einem Spaziergange, den ich auf der Citadelle Aquapendente machte, in deren Nähe er ein Haus mit Hof und Garten beſitzt.“ „Lebt er in gutem Einvernehmen mit ſeiner Tochter?“ „Was kann Sie das intereſſiren, Meſtre?“ fragte ihn Benedetto ſeinerſeits. „Nicht übel,“ antwortete der Bandit, indem er ge⸗ zwungen lachte.„Sie haben die Idee, mir ein Geſchäft anzutragen und wundern ſich, daß ich nähere w verlange.“ — 187— „Ah, Sie nehmen alſo meinen Vorſchlag an?“ „Setzen Sie mir erſt die Sache auseinander und dann werden wir ſehen.“ „Sie wünſchen Auseinanderſetzungen? Es ſei, ich werde mich kategoriſch erklären, wie Sie es wünſchen. Zwei Ge⸗ ſchäftstheilhaber müſſen Vertrauen zu einander haben. Ich weiß, daß Sie mich in's Verderben ſtürzen könnten, wenn es Ihnen zufällig einfiele den Grafen, meinen Herrn, von der eben nicht treuen Art und Weiſe in Kenntniß zu ſetzen, auf welche ich ihm in Rom diene, aber ich weiß auch, daß ich mich an Sie anhalten und laut Bece homo! rufen kann. Indeſſen, ich bin überzeugt, daß Sie Nichts der Art thun werden, ebenſo, wie ich nicht in den Fall kom⸗ men werde etwas dergleichen zu thun. Wir werden uns viel⸗ mehr ganz herrlich verſtehen, denn ich habe Ihnen ſchon ge⸗ ſagt, daß mein Plan ebenſo in dem gemeinſamen Intereſſe ausgeſonnen und entworfen iſt, wie er in demſelben In⸗ tereſſe ausgeführt werden wird. Es iſt klar, daß Made⸗ moiſelle Eugenie von Armillh, da ſie den Prinzen von Ca⸗ valcanti beſtohlen, mit welchem ſie ſich verheirathen ſollte, gegenwärtig dieſes bedeutende Kapital in den Händen ha⸗ ben muß. In dieſem Falle begeht man ein kleines Atten⸗ tat gegen die Freiheit der Mademoiſelle Eugenie; dann ſchlägt man ihr vor, ſich um den Preis loszukaufen, zu welchem man dieſe Freiheit veranſchlagen wird, und dann werden wir uns mit einander berechnen, Meſtre.“ „O, Eugenie Armillh,“ rief Vampa unüberlegt, in⸗ dem er mit der geballten Fauſt auf den Tiſch ſchlug, ſo daß derſelbe unter der Heftigkeit des Schlages empor⸗ ſprang. „Nun, wie ſteht's?“ fragte Benedetto. „Wollen Sie mit mir gemeinſchaftlich handeln?“ fragte Luigi Vampa dagegen. S Zweifel 1 32 das. 2 — 58 dem er die Hand ausſtreckte;„morgen um dieſe Stunde im Coliſeum.“ „Im Coliſeum,“ wiederholte Benedetto, indem er Vampa die Hand drückte. „An der vierten Säule des innern Porticus.“ „Ich werde da ſein.“ „Allein!“ „Auf morgen, Meſtre!“ Benedetto und Vampa, die in dieſem Augenblicke ſich ſchon außerhalb des Wirthshauſes befanden, wechſelten ei⸗ nen raſchen Händedruck und entfernten ſich mit raſchen Schritten nach entgegengeſetzten Richtungen. „O,“ murmelte Vampa, als er Benedetto verſchwin⸗ den ſih,„Du haſt Den verrathen, dem Du dienteſt; Du würdeſt mich eben ſo verrathen, wenn Dein Intereſſe es erheiſchte. Deswegen ſollſt Du den Lohn der Verräther erhalten, nachdem Du mir zur Leiter gedient haben wirſt.“ Dieſe geheimnißvolle Drohung des furchtbaren römi⸗ ſchen Banditen hätte Benedetto zittern gemacht, wenn er die entſchloſſene Geberde bemerkt hätte, wovon ſie beglei⸗ tet war. Achtzehntes Kapitel. Der Kranz. Die unabhängige Phantaſie einer wirklich mit dem Genie der Begeiſterung begabten Künſtlerin weiſt die Vor⸗ urtheile der ariſtokratiſchen Klaſſen von ſich. Zwiſchen Eugenie Danglars und ihrer Mutter war daher eine weite Kluft vorhanden⸗ 189— Eugenie hatte niemals jene unbedingte Hingebung er⸗ fahren, jene alltäglichen kleinen Sorgen, mit welchen eine zärtliche Mutter die Erziehung ihres Kindes umgiebt. Sie war mit einem Worte nicht der Gegenſtand jener ängſt⸗ lichen Sorgfalt geweſen, durch welchen eine Tochter gegen ihre Mutter eine noch heiligere Schuld als die ihrer Geburt auf ſich nimmt. Für ſie bedeutete von ihrer zarteſten Kindheit an das Wort Mutter das Weſen, welches ihr das Daſein gege⸗ ben und nichts weiter. Wie konnte ſie daher jene geheimnißvolle und ſhmpathe⸗ tiſche Macht fühlen, welche man die Stimme des Blutes nennt? Wie konnte dieſe Macht, deren Quelle im Himmel iſt, wenn die Bosheit ſie nicht erſchöpft hat, ſie in die Arme dieſer Frau führen, welche ſie im tiefſten Grunde ihrer Seele verachtete? Eugenie wendete ihre Blicke von der Vergangenheit ab, in deren Schatten ſich die beiden Weſen verloren, die ihr das Leben gegeben, indem ſie hierin blos einem einfachen Fortpflanzungsgeſetz gehorchten, und ſich ganz der Freun⸗ din hingebend, welche ſie unterrichtet und die an ihr Mut⸗ terſtelle vertreten, ſchauete ſie jetzt heiter und vertrauensvoll in die Zukunft, deren unermeßlicher Horizont ſich vor ihr öffnete, und an welchem ſie mit feurigen Zügen die ein⸗ fachen aber erhabenen Worte: Kunſt und Ruhm zu leſen glaubte. Acht Tage nach der Unterredung zwiſchen Vampa und Benedetto in jenem einſamen Wirthshauſe hätte Der, wel⸗ cher Eugenie von Armilly geſehen, an ihr ein träumeriſches Weſen bemerken können, welches ihre Stirn mit einer leich⸗ ten Wolke der Schwermuth bedeckte. Louiſe hatte ſchon zuweilen bemerkt, daß Eugenie ganz gegen ihre Gewohnheit die Einſamkeit und Abgeſchloſſenheit ſuchte. In dieſen Augenblicken rann eine Thräne die Wan⸗ gen der Sängerin herab— ein offenbares Kennzeichen, daß — ein großes Ereigniß auf geheimnißvolle Weiſe in ihrem in⸗ neren Leben vorgegangen war und Louiſe verſuchte verge⸗ bens, dieſe Thräne mit einem Kuſſe zu trocknen. Es folgte bald eine zweite, wie um der edelmüthigen Freundin Euge⸗ nien's zu ſagen, daß die Urſache, aus der ſie entſprungen, durch die Liebe und die Liebkoſungen eines Weibes nicht entfernt werden könne. Es war an einem dieſer Abende, wo Eugenie, die Ge⸗ ſellſchaft Louiſen's fliehend, die Einſamkeit ſuchte. Sie hatte ſich ſchwermüthig und träumeriſch an das Fenſter ihres Zimmers geſetzt, und betrachtete mit gedan⸗ kenvoller, zerſtreueter Miene die letzten Strahlen der Sonne, welche, allmälig die Metropole der chriſtlichen Welt in Schatten verſinken laſſend, ſich höher hoben und in einer feurigen Garbe auf der Kuppel der majeſtätiſchen St. Pe⸗ terskirche zu brennen ſchienen. Von Zeit zu Zeit ſchwellte ein leichter Seufzer ihre Bruſt und zwei Thränen zitterten an den dichten Wimpern ihrer ſchönen Augen, wie zwei Thautropfen an einem Blu⸗ menkelche. Louiſe war in das Zimmer eingetreten, ohne daß Eu⸗ genie es bemerkt hatte und betrachtete ſie ſchon ſeit einigen Minuten mit unruhiger Theilnahme und errieth an ihren Geberden, an ihren Mienen, was ſie ſchon ſeit einigen Ta⸗ gen vermuthete. Indem ſie daher ſich Eugenien näherte, ſtützte ſie ſich leicht auf ihre Schulter, drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und murmelte:„Meine Theure!“ „Louiſe!“ antwortete Eugenie zuſammenfahrend, wäh⸗ rend ihre Thränen floſſen. „Alſo endlich athmeſt Du in dieſer berauſchenden Luft Italiens das ſüße Gift Corinna's oder Taſſo's— nicht wahr, meine zärtliche Freundin?“ fragte Louiſe. „O, ſoll ich denn Geheimniſſe vor Dir haben, Louiſe? Wenn ich zu der Ueberzeugung gelange, daß Das, was ich fühle, nicht ein einfaches Spiel der Phantaſie iſt?“ — „Und es verurſacht Dir Schmerzen, dieſes Gefühl, welches nicht ein einfaches Spiel der Phantaſie iſt, weil es über Deinem Willen ſteht, und es breitet eine traurige, düſtere Wolke über Deine ſonſt ſo lebensvolle heitere Stirn, Eugenie!“ „Du ſprichſt die Wahrheit, Louiſe! Ja, dieſes Gefühl iſt mächtiger als mein Wille, es triumphirt über denſelben, ſo wie ich über alle anderen Gefühle zu triumphiren verſtan⸗ den habe, welche mich hätten beherrſchen können. O, Du erinnerſt Dich, wie ich jener thörichten Betheuerungen ei⸗ ner plötzlichen und mächtigen Liebe ſpottete, deren Geſtänd⸗ niſſe auf mich eben ſo wie auf Dich gleichſam herabregneten. Weißt Du auch noch, mit welchem ungläubigen und ſpöt⸗ tiſchen Lächeln ich auf alle jene Seufzer antwortete, welche die liebend auf uns gehefteten Blicke begleiteten? Erinnerſt Du Dich noch jener von Kummer und Sorgen freien Zeit, wo meine Seele jenes Tribut's überhoben zu ſein glaubte, den in der Welt alle zu zahlen verurtheilt ſind? Wohlan, nach allem dieſen bin ich dennoch wie alle Frauen, ich be⸗ ginne zu leiden— weil ich zu lieben beginne.“ „Ich ahne Dein Leiden, meine Theure, und ich biete Dir ein befreundetes Herz, um Deine Seufzer und Deine Klagen zu empfangen.“ „Ich nehme es an, Louiſe, ich nehme es an! und Dank!“ antwortete Eugenie, indem ſie ihr die Hände dräckte und ſie mit Küſſen bedeckte. „Ich fühle nicht Kraft genug in mir, um Dir dieſes Gefühl zu bekennen, welches mich beherrſcht. Du haſt es errgthen— jetzt höre mich.“ Sie ſchwieg einen Augenblick, wie um ihre Gedanken zu ſammeln und den Bericht zu ordnen, den ſie zu erſtat⸗ ten gedachte. Endlich begann ſie. „Du hatteſt mir empfohlen, meine Blicke niemals auf eine einzige Perſon zu heften, wenn ich auf der Bühne ſtände, ſondern meine Augen fortwährend in dem Orcheſter und Parterre umherſchweifen zu laſſen, ohne Jemand unter⸗ ſcheiden oder erkennen zu wollen, gerade als ob dieſe ganze Zuſchauermenge ſich in bedeutender Entfernung von der Bühne befände. Ich befolgte Deinen Rath. Mir gegen⸗ über befand ſich ein zahlreiches Auditorium, und ich ge⸗ wahrte es nur verworren, ſo wie man eine ſchwarze Wolke ſieht, die an unſern Füßen vorüberzieht, während wir auf dem Gipfel eines ſteilen Felſens ſtehen. „Dennoch war eines Abends ein Mann da, der dieſe lebende, verworrene Maſſe überragte. Auf der Stirn dieſes Mannes glänzten Intelligenz und Schönheit, aus ſeinen Augen leuchteten Flammen, die mich verſengten, verzehrten, wahnſinnig machten! Wenn der Beifallsſturm losbrach, blieb dieſer Mann unbeweglich, aber ſein Blick allein ſchien mir mehr zu ſagen, als tauſend ſtammelnde Zungen, die mich durch Hervorruf belohuten. „Von dieſem Abende an hat dieſe Geſtalt nicht aufge⸗ hört meinen Blicken zu erſcheinen, ſtets an derſelben Stelle, ſtets mit demſelben Ausdrucke, ſtets mit denſelben Blitzen in den Augen, ſtets mit derſelben ſiegenden Gewalt.“ „Und wer iſt er? Mein Gott wer iſt er?“ „Was liegt daran— es iſt ein Mann, den ich liebe; es iſt ein Mann, der mir ein tiefes und wahres Gefühl einflößt, welches ich nicht aus meinem Herzen reißen kann.“ Es trat ein abermaliges Schweigen ein, während deſ⸗ ſen Eugenie das Geſicht mit den Händen bedeckte und ſchluchzte. Louiſe betrachtete ihre Freundin mit unruhigem Blicke und ihre Lippen bewegten ſich ſanft, als ob ſie das Wort Unglückliche murmeln wollten. „Und Du kennſt dieſen Mann nicht, meine Eugenie?“ fragte ſie. „Ich habe Dir ſchon geſagt, nein, ich kenne ihn nicht, ich weiß blos, daß er Herr meiner Gedanken von dem erſten Augenblick an iſt, wo ich ihn geſehen habe. Wer —+,— 1 — —— —** e⸗ le, e 5 ihl 77 eſ⸗ ind em das e?“ icht, dem Wer — weiß, ob er mir nicht ſchon ſeit langer Zeit folgt, ohne daß ich es bemerkt habe? Ach, Louiſe, meine gute Louiſe, ich, die ich jenes von den Männern zur Bemäntelung ihrer Thorheiten erfundene Wort, das Wort Liebe, jenes fort⸗ währende Thema aller Männer und aller Frauen nach der Mode, verachtete, ich trage jetzt nicht blos auf den Lippen, ſondern in dem Herzen das Gefühl, welches dieſes Wort ausdrückt. Ich bin jetzt ſo gewöhnlich, wie jedes andere junge Mädchen meines Alters!“ „Du irrſt Dich, Eugenie. Ein junges Mädchen von Deinem Alter würde nicht fühlen, wie Du heute fühlſt. Dieſe tiefe Leidenſchaft, welche ſich unter dem feurigen Blicke eines Mannes in Deinem Herzen erſchloſſen hat und ent— wickelt, wird Dir mehr Poeſie und neue Reize verleihen, weil ſie Dich über Dich ſelbſt hinausheben wird, wenn man ſo ſagen kann. Auf alle Fälle müſſen wir die Dinge be⸗ trachten, wie ſie in dieſer Welt ſind. Erinnere Dich, daß die einfache Thatſache, einem Manne die Herrſchaft wiſſen zu laſſen, die er über das Gemüth einer Frau übt, ehe dieſe Frau ſeinen Character ganz kennt, die Quelle großen Unheils ſein kann, Eugenie.“ „O, er ſoll niemals die Macht und Kraft des Ge⸗ fühls erfahren, welches er mir einflößt!“ rief Eugenie ſtolz. Wielleicht,“ murmelte Louiſe. In dieſem Augenblick trat Frau Aspaſia herein, um zu melden, daß der Theaterwagen angekommen ſei, um ſie abzuholen. Eugenie trocknete ihre noch vom Thau der Liebe feuch⸗ ten Augen, dann warf ſie einen Shawl um die Schultern, ging in Louiſens Begleitung die Treppe hinunter und ſtieg in den Wagen, der ſogleich davon fuhr. Sobald ſie den Fuß auf die Bühne geſezt hatten, lenkte Eugenie ihre Schritte nach dem Vorhange, der ſie jetzt noch den Augen des Publikums entzog. Hier blieb ſie einige Augenblicke dieſer Schranke gegenüber ſtehen, und Die Todtenhand. 1. Band. ¹³ — 194— ſchien über das Verlangen ſiegen zu wollen, welches ſie drängte, durch die Löcher des Vorhang's das Auditorium zu muſtern. Aber ihr Verlangen trug den Sieg davon und ſie trat näher. Louiſe folgte ihr und ſtellte ſich ſtumm und unbeweg⸗ lich an ihre Seite. Ein leichtes Zittern bewegte Eugenien's Körper, ihr Buſen hob ſich und ihre Lippen öffneten ſich, um einen leich⸗ ten Schrei entſchlüpfen zu laſſen. „Er iſt da!“ murmelte die ſchöne Künſtlerin.„Er iſt da; ſtolz das Parterre überragend, ſteht er auf der Galerie, bereit, ſeinen leidenſchaftlichen Blick auf mich zu ſchleudern. Sage mir, iſt dies nicht eine Thorheit?“ fuhr ſie zu Loui⸗ ſen gewendet fort.„Mich durch den Blick eines Mannes beſiegen zu laſſen, eines Mannes, den ich nicht kenne, den ich kaum geſehen habe, ohne nur ein einziges Mal den Ton ſeiner Stimme gehört zu haben. Aber er iſt guch in der That und wahrhaft ſchön! Sein braunes Geſicht, ſein rabenſchwarzer Bart ſind das Ebenbild der Kraft! Seine großen Augen, aus welchen Geiſt und Energie ſtrahlen, drücken gleichzeitig den Adel und Stolz ſeines Characters aus. Sieh ihn Louiſe— ſieh, wie edel und ſchön er iſt! wie er mit Verachtung und Kälte dieſes Parterre betrachtet, welches ihn umgiebt, aber tauſend Meilen von ihm entfernt zu ſein ſcheint.“ Louiſe wollte antworten, aber die Pfeife des Regiſſeur's, welche das Signal„die Bühne frei“ gab, geſtattete ihr nicht die Zeit, dieſen Mann näher ins Auge zu faſſen, wrelchen Eugenie ihr mit einem ſo hohen Grade von Enthu⸗ ſiasmus ſchilderte. Die beiden Freundinnen kehrten hinter die Couliſſen zurück, und hörten mit einer gewiſſen Bewegung die erſten Klänge des Orcheſters, welches die Huvertüre begann. „Es war die letzte Vorſtellung von„Semiramis.“ Das Theater war bis in die letzten Galerien hinauf mit Zu⸗ nt ten ſchauern angefüllt. Die Kunſtfreunde wollten nicht den letz⸗ ten dieſer wonnigen Abende verſäumen, wo der Geſang und das Spiel der beiden Armillh aus dem Staube der Jahr⸗ hunderte zwei Perſonen wieder auferſtehen zu laſſen ſchienen, deren Liebe und deren Verbrechen einen ſo ergreifenden Ein⸗ druck auf die Herzen und Sinne der Hörer und der Zu⸗ ſchauer machen mußte. Eugenie ſang dieſen Abend noch beſſer als gewöhnlich, ihr Blick aber, der früher ſtolz und verächtlich über das Parterre hinſchweifte, ohne jedoch Denen zu antworten, welche ihn zu erhaſchen und feſtzuhalten ſuchten, ſchien ſich auf Jemand zu heften und zu ſagen, daß dieſer Jemand der Erwählte ihrer leidenſchaftlichen Seele ſei. In dem Augenblicke, wo das Stück zu Ende ging, ſpaltet ein prachtvoller Kranz von einer unſichtbaren Hand geſchleudert die Luft und fällt zu den Füßen Eugenien's, die ihn, wie der Gebrauch es erheiſcht, aufhebt und küßt. Der Vorhang fällt unter dem unermeßlichen Donner des Beifalls, der allmälig ſchweigt, ſo wie der Enthuſias⸗ mus den kalten Bemerkungen der Kritiker Platz macht. Dieſer Kranz, welchen Eugenie erhalten hatte und auf welchem der Name Louiſens vergeſſen worden zu ſein ſchien war ſchöner und prächtiger als irgend einer von denen, welche ihr bis jetzt dargeboten worden. „In der That,“ ſagte Louiſe, welche den Kranz be⸗ trachtete, ohne jedoch den mindeſten Neid durchblicken zu laſſen,„nur ein Fürſt kann die Idee gehabt haben, Dir dieſen Kranz zuzuwerfen, der von Gold und Diamanten funkelt.“ „Vielleicht iſt er ein Geſchenk von irgend einem jener Vereine, die ſich zu dieſem Zwecke bilden,“ murmelte Euge⸗ nie, deren Phantaſie weit entfernt war, dieſe Hhpotheſe ein⸗ zuräumen, denn ſobald ſie ſich allein ſah, küßte ſie mit Ent⸗ die Bänder und die Blumen, mr ſie mit zitternder und bewegter Hand einen Gegenſtand ſuchte, deſ— ſen Nähe ſie ahnte.„ Sie täuſchte ſich nicht! Ein kleines, ſorglich zuſam⸗ mengefaltetes und unter den Blumen befeſtigtes Papier zeigte ſich den Blicken Eugenien's, die es begierig ergriff und ſich anſchickte, es zu öffnen und zu leſen. Eine leichte Röthe bedeckte ihre Wangen und ihre Arme ſanken herab, ohne die Kraft oder den Muth zu beſitzen, die Liebesepiſtel bis an die Augen empor zu halten. Der Wunſch der Seele je⸗ doch triumphirte über die ſchüchterne Furcht der Jungfrau und— Der Inhalt des Billets war folgender: „Mademoiſelle, „Das erſte Mal, wo ich Sie ſah, fühlte ich mich wie „die ganze Zuhörerſchaar, die mich umgab und vor welcher „Sie erſchienen, durch den energiſchen Ausdruck Ihres „Blickes und ihres Genie's gefeſſelt und bezaubert. „In der Meinung, daß der Eindruck, den ich empfand, „blos derſelbe ſei, wie der, den Sie auf Ihre übrigen Zu⸗ „hörer geäußert, ſuchte ich ihn mir zu verhehlen und ſogar „zu vergeſſen. „Alle meine Bemühungen aber waren vergebens. „Ihr Bild verfolgte mich unaufhörlich und ich erkannte, „daß in meinem Herzen durch dieſes bezaubernde Bild ein „nie wieder zu vertilgendes Gefühl erweckt worden war. „Jetzt vergeht kein Augenblick mehr, wo ich nicht an „Sie denke und ich treibe die Thorheit ſo weit, daß ich „Ihnen eine Erklärung mache, wie Sie deren ohne Zweifel „ſchon tauſend erhalten haben, die aber dennoch nicht, wie „die meiſten davon, blos durch die Lippen dictirt wird. „Mademoiſelle, im Schatten und im Schweigen „giebt es einen mächtigen Mann, der Sie von tiefſter „Seele liebt, der Sie anbetet, der für ein einziges Wort „aus Ihrem Munde eine Ewigkeit von Qualen hinnehmen „würde!“ n — Neunzehntes Kapitel. Vater und Tochter. Vn nächſtfolgenden Tage, als die beiden Armillh eben mit ihren Studien zu Ende waren, trat Frau Aspa⸗ ſia in den Salon und meldete einen Namen, bei welchem Louiſe erbleichte und über welchen Eugenie laut gelacht ha⸗ ben würde, wenn ſie nicht von einem Gefühle beherrſcht worden wäre, deſſen Heftigkeit ſie vollſtändig abſorbirte. Dieſer Name war der des Baron's Danglars. Eugenie hatte ſchon geſehen, auf welche Weiſe ihre Mutter ihr Debüt in ihrer neuen Künſtlerlaufbahn begrüßt hatte. Sie zog daraus den Schluß, daß die Handlungs⸗ weiſe ihres Vaters ganz dieſem Familienſtolz entgegenge⸗ ſetzt ſein würde, von welchen die Baroneſſe Danglars, ge⸗ borne Servières, das heißt die Abkömmlingin einer der älteſten und edelſten Familien Frankreichs, durchdrungen war. Sie wendete ſich daher zu Louiſen und ſagte mit einem leichten Lächeln auf den Lippen: „Beruhige Dich, liebe Freundin. Ich kenne den Herrn Baron Danglars ſehr gut und verſichere Dich, daß ſein Beſuch weit angenehmer ſein wird, als der meiner Mut⸗ ter. Du wirſt ſehen.“ Sie winkte Aspaſien, welche ſich beeilte wieder hin⸗ auszugehen, um einen Augenblick ſpäter den Baron Dang⸗ lars in den Salon einzuführen. Der Baron trug ein gleichzeitig gewähltes und elegan⸗ tes Coſtüm, welches bis zur Evidenz bewieß, daß er ſich in vortrefflichen Umſtänden befand. Frende ſtrahlte aus ſeinen gemeinen, groben Zügen, welche im höchſten Grade den Ehrgeiz einer habſüchtigen, ſchmutzigen Seele verriethen. — „Meine Tochter,“ rief er mit einer Fiſtelſtimme, in— dem er zugleich dieſen Ausruf mit einer ſtudirten übertrie⸗ benen Geberde begleitete.„Es wäre vollſtändig überflüſſig, Dich zu fragen, wie Du Dich befindeſt. Geſundheit und Frohſinn bilden auf Deinem Antlitz ein ſeelenvolles Ge⸗ mälde, weit ſchöner, als die der alten Schulen eines Mi⸗ chael Angelo und Raphael!“ Eugenie wechſelte bei dieſen Worten mit ihrer Freun⸗ din einen raſchen Blick des Einverſtändniſſes. „Wenn ich auch litte, mein Vater,“ antwortete ſie, indem ſie ihm die Hand küßte,„ſo würden Sie es doch in dieſem Augenblicke nicht bemerken, denn auf meinem Ge⸗ ſicht kann jetzt Nichts glänzen, als die Freude, Sie zu ſe⸗ hen. Uebrigens trägt das Vergnügen, welches ich immer in der Geſellſchaft meiner theuern Louiſe empfunden, und das Studium der Kunſt, welcher wir uns gewidmet, dazu bei, mir jenes Anſehen zu verleihen, welches Sie an mir bemerken.“ „Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Huldigungen darbringe, Fräulein von Armilly, und daß ich Ihnen für den Eifer und die wunderbare Geſchicklichkeit danke, mit welcher Sie das Gemüth und den Geiſt Ihrer intereſſan⸗ ten Schülerin zu bilden verſtanden haben,“ entgegnete der Baron lebhaft, indem er ſich zugleich vor Louiſen verneigte. „Setzen Sie ſich doch, mein Vater,“ beeilte ſich Eu⸗ genie zu ſagen, indem ſie ihm einen Seſſel anwieß und ſelbſt neben Louiſen Platz nahm. Es trat ein augenblickliches Schweigen ein, welches der Baron Danglars benutzte, um ſich mit den Händen durch das Haar zu fahren und einen unruhigen Blick um ſich herum zu werfen, wie um zu ſehen, ob er nicht in ir⸗ gend einem Winkel ſeine Geiſtesgegenwart wiederfände, die ihm, wie er fühlte, entſchlüpft war. „Alſo, mein Vater, Sie ſind ſchon längſt in Rom?“ fragte Eugenie mit einer Geberde unausſprechlicher Neugier. — „Ja, allerdings bin ich ſchon ſeit einiger Zeit hier, aber ich lebe ſehr zurückgezogen— nämlich zurückgezogen von Rom und ſelbſt von den Geſchäften. Zum Glück habe ich geſtern mit Erſtaunen und Freude die ſchöne Semira— mis geſehen, welche die Bewunderung dieſer Hauptſtadt zu erobern wußte—“ „Verzeihen Sie, mein Vater, aber nothwendigerweiſe haben Sie geſtern auch meine Freundin Loniſe in gleicher Maße ſehen und hören müſſen.“ „Ja wohl, aber ich bin Vater, Eugenie, und in meinem Herzen hatte kein anderes Gefühl Raum, als für Dich, obſchon ich gleich im erſten Augenblicke das unbe⸗ ſtreitbare Talent des Fräuleins von Armilly ebenfalls er⸗ kannt habe.“ Louiſe verneigte ſich ein wenig und der Baron fuhr, nachdem er ſich ebenfalls verneigt, fort: „Da nun die Augen eines liebenden Vaters die Gabe des doppelten Geſicht's beſitzen, wenn es ſich um ſeine Kin⸗ der handelt, ſo iſt es mir leicht geweſen, unter dem Dia⸗ dem der ſtolzen Königin der Aſſhrer die Tochter zu erken⸗ nen, die ich ſtets mit ſo inniger Liebe im Herzen getragen. Mache Dir daher einen Begriff von dem, was ich fühlte, Eugenie, als ich die Elite der Geſellſchaft Rom's mit Be⸗ geiſterung dem überſchwenglichen Genie meiner Tochter zu⸗ jauchzen hörte. Ah, das erfüllt mit Stolz!“ „Wie befindet ſich meine Mutter?“ fragte Eugenie, die nicht verfehlte, die Wirkung wahrzunehmen, welche dieſe Frage auf den Baron äußerte. Eugenie hatte bemerkt, daß ihre Mutter nicht von dem Baron und dieſer nicht von ihrer Mutter geſprochen hatte, und in der Vorausſetzung, daß ſie nicht im beſten Einverſtändniſſe mit einander lebten, wollte ſie ſich Gewiß⸗ heit darüber verſchaffen. „Die Baroneſſe,“ antwortete der Baron, indem er that, als überließe er ſich einem kleinen Buſtenanfall, der — 200— ihn ſeit einiger Zeit bei gewiſſen Gelegenheiten peinigte— „die Baroneſſe iſt auf Reiſen.“ „Das iſt ein ſehr angenehmer Zeitvertreib!“ ſagte Louiſe. „Und Sie haben ſie nicht begleiten wollen?“ fragte Eugenie. „Ich liebe vor allen Dingen Bequemlichkeit und Ruhe, meine liebe Tochter,“ antwortete der Baron,„ich bin müde und lege wenig Werth auf jene flüchtigen Zerſtreuungen, welche die Reiſen zur Entſchädigung für die tauſend klei⸗ nen Leiden, die ſie in ihrem Gefolge haben, gewähren. Ach!“ ſetzte er hinzu, indem er wieder ſtark huſtete,„das Reiſen bekommt mir durchaus nicht.“ „Sagten Sie mir nicht vorhin, daß Sie zurückgezo⸗ gen von der Stadt Rom lebten?“ „Das iſt wahr! ich wohne in der Nähe der kleinen Stadt Aquapendente, wo ich ein ganz kleines Häuschen beſitze, welches ich von heute an zu Deiner Dispoſition ſtelle.“ „Tauſend Dank, mein Vater, unglücklicherweiſe werde ich von dieſem gütigen Anerbieten keinen Gebrauch machen können, denn die unaufhörlichen Arbeiten, die uns, Louiſen und unſer Engagement auflegt, halten uns davon ab.“ „O,“ ſagte der Baron,„dennoch hoffe ich, daß Du mir dus Vergnügen eines Beſuch's ge wirſt— ſei er auch noch ſo kurz.“ „Es liegt S alſo wohl viel an dieſem Beſuche?“ „Ob mir daran liegt!“ rief der Baron.„Ich er⸗ warte ihn mit der größten Ungeduld und bitte Dich, doch ja recht bald in Begleitung Deiner liebenswürdigen Lehre⸗ rin und Freundin einen Blick auf dieſes kleine Beſitzthum zu werfen, welches von dieſem Augenblicke an eben ſo gut das Deine iſt, als das meine, Eugenie.“ „Sie ſind in der That zu freundlich, mein Vater.“ „Ich verſichere Dir, daß Du jetzt bei mir nicht mehr jei be zu zw blo ich ich das art ein M — 201— jene ungeheuern Foliobücher und unendlichen, mit Zahlen bedeckten Papiere antreffen wirſt, die in meinem Cabinet zu Paris Dein Auge ſo ſehr beleidigten. Ich habe mich von den Geſchäften zurückgezogen.“ „Ich wünſche Ihnen Glück dazu,“ ſagte Eugenie,„in den Zahlen liegt auch nicht die mindeſte Poeſie.“ „Was mich betrifft, ſo verabſcheue ich ſie!“ ſetzte Louiſe hinzu. „Nichtsdeſtoweniger glaube ich, daß Sie ihnen doch dann und wann einige Augenblicke opfern, zum Beiſpiel, wenn Sie Ihre Gage ausgezahlt erhalten, welchem Acte man doch eine gewiſſe Wichtigkeit nicht abſprechen kann.“ „Um Gottes willen, mein Vater, laſſen wir das!“ rief Eugenie;„ich verlaſſe mich auf die Redlichkeit der Her⸗ ren Directoren und übrigens, was kommt auf zehn oder zwölf Piaſter weniger an?“ Der Baron runzelte die Stirn' und ſagte: „Aber dennoch beträgt ein ſolches Deficit, wenn es ſich zehnmal wiederholt, hundert Piaſter, noch zehn Mal, zwei⸗ hundert und wenn man ſofort multiplicirt—“ „Gleichviel,“ antwortete Eugenie mit aller möglichen Kälte, um dem Baron begreiflich zu machen, daß ſie ſich in einer pekuniären Lage befände, welche ſie der Nothwen⸗ wendigkeit überhöbe, etwas von ihm anzunehmen und ihm jede Veranlaſſung erſparte, ihr etwas anzubieten. „Ganz wohl, meine Tochter; ich achte alle Deine Meinungen. Jetzt, nachdem ich Dich umarmt, bleibt mir blos noch übrig, Dir meine Wohnung zu bezeichnen, denn ich bin von Deinem Zartgefühl zu feſt überzeugt, als daß ich nur einen Augenblick bezweifeln könnte, daß Du mir das Vergnügen machen wirſt, Dich dort abermals zu um⸗ armen und zwar recht bald.“ Indem er dies ſagte, zog er aus ſeiner Brieftaſche eine elegante Viſitenkarte und überreichte ſie Eugenien. „Ich hoffe, Fräulein Louiſe von Armillh,“ fuhr er — 202— mit einem Lächeln fort, welches liebenswürdig ſein wollte, „Sie werden ſich nicht weigern, Sr Schülerin zu be⸗ gleiten?“ „O, wir trennen uns enns, Berr Baron,“ entgeg⸗ nete Frn „Das iſt recht ſchön!“ Der Baron nahm Abſchied von Eugenien, verneigte ſich vor Louiſen und entfernte ſich ſehr zufrieden mit der Art und Weiſe, auf welche er ſich Eugeniens Geneigtheit erworben. „Wohlan, meine Theure,“ ſagte dieſe letztere zu Loui⸗ ſen, ſobald der Baron ſich entfernt hatte;„iſt mein Va⸗ ter nicht ſehr liebenswürdig?“ „Ich begreife dieſe Veränderung nicht,“ entgegnete Louiſe.„In Paris war er mit Worten weit geiziger und niemals vernahm ich von ſeinen Lippen einen zärtlichen Ausdruck, wie zum Beiſpiel, meine liebe Tochter.“ „Ja, aber in Paris hatte er auch ſeine Rolle zu ſpielen.“ „Wie ſo?“ i „Er. war Bünkier. 6 „Nun nd“ Gin ukier h ie noch S Freunde— er hut nur Zahlen.“ Zwanzigſtes Kapitel. Der Bankier in ſeiner Zurückgezogenheit. Wir müſſen nun zunächſt erklären, wie der Baron Da lars, der ſich doch in der äußerſten Bedrängniß be⸗ ſu ni let ein da m a1 ch fand, Beſitzer einer kleinen Villa bei der Citadelle Aqua⸗ pendente geworden war. Unſere Leſer empfinden in dieſer Hinſicht ohne Zweifel eine Neugier, deren Befriedigung wir uns zur Pflicht machen. Sobald als der Baron Danglars das Haus ſeiner Tochter Eugenie verließ, begab er ſich ſchleunigſt nach dem ſogenannten ſpaniſchen Platz, den er überſchritt; dann ſchlug er die Via Frattina ein, ging zwiſchen den Paläſten Fiano und Rospoli hindurch und ſah endlich, nachdem er ſeinen Weg immer mit derſelben Schnelligkeit fortgeſetzt, den großen Platz del Popolo vor ſich, auf welchem er ſeinen unuhi— gen Blick nach allen Seiten umherſchweifen ließ, als ob er einen Bekannten ſuchte. Einen Augenblick darauf ſah er in ſeiner Richtung einen Menſchen kommen, der auf den Ort zuſchritt, wo gewöhnlich das für die Maßregeln der Juſtiz beſtimmte Ge⸗ rüſt aufgeſtellt wird. Es war kein Anderer, als Beuedetto. Der Baron lief auf ihn zu. „Zum Teüfel, Herr Bgron! Sie han Ihren Be⸗ ſuch in dem Hauſe der Mademoiſplle Eugenie fehr beſchleu⸗ nigt. Mir ſcheint es, als hütten Sie länger bleiben ſol⸗ len, da es galt eine Tochter zu armen, welche Sie ſeit einigen Jahren nicht geſehen haben. Indeſſen hoffe ich, daß Sie den Pflichten eines Vaters nicht untreu ge⸗ worden ſind.“ „Ich habe ſie eſcheih ich habe ſie erni ich habe mit ihr geſprochen,“ antwortete der Baron ſehr ſchnell. „Wie mir ſcheint, iſt dies Alles, was ich zu thun hatte.“ „Haben Sie ihr denn nicht wenigſtens Ihr neues Haus angeboten?“ „Konnte ich denn anders?“ „Ich hoffe doch, daß ſie nicht angenommen hat?“ „Ganz im Gegentheile.“ „O, dann wünſche ich Ihnen Glück, mein Sr denn ———————— einem Vuater und ſeiner Tochter, die ein's des andern ſo würdig ſind, nicht die vollkommenſte Harmonie herrſchte. Wohlan, Herr Baron, der Wagen, der uns erwartet, iſt da und es liegt mir viel daran, Sie in Ihre neue Poſi⸗ tion zu inſtalliren, denn ich möchte die Abſichten der Frau Baroneſſe, Ihrer Gemahlin, ſo ſchleunig als möglich zur Ausführung bringen.“ „Sie ſind zu gütig, mein Herr,“ ſagte der Baron, indem er neben ihm herging.„Ich weiß Ihren Verdien⸗ ſten Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, aber dennoch ha⸗ ben Sie einen kleinen Fehler, nämlich den, daß Sie in Ihren Worten etwas unbeſtimmt ſind. Ihre Redensarten haben immer einen ſo wenig beſtimmten Sinn, daß ich meiner Treu' die Rolle, welche Sie mit mir ſpielen, nicht recht begreife. Sie ſind ein wenig allzu zurückhaltend, mein lieber Herr Andrea Cavalcanti.“ „Und Sie gleichen gewiſſermaßen dem Faß der Da⸗ naiden, in deren Nähe das Schickſal den Wunſch zu er⸗ füllen ſcheint, in welchem ſie ſich zu ihrer eigenen Züchti⸗ gung mit einander verbunden hatten.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte der Baron und machte große Augen. „Ich will ſagen, daß je mehr das Glück Sie mit ſei⸗ nen Gunſtbezeigungen überhäuft, deſto weniger Sie ſich zufrieden zeigen,“ entgegnete Benedetto.„Sie waren hier 5 5 gen, in Rom arm und beinahe dem Mangel preisgegeben, weil Sie nur von Ihrem erbärmlichen Gehalt als Couliſſenträ⸗ ger eines Theaters leben mußten; Sie erlangen eine Un⸗ terredung mit Ihrer Frau und ſind ſo unglücklich oder un⸗ geſchickt, Ihre Sache nicht führen zu können—“ „Mein Herr, ich verſichere Ihnen, daß ich ſo gut als möglich agirt habe,“ rief der Baron ihn unterbrechend; „die Baroneſſe war aber wie Schießpulver, dem man mit einem brennenden Licht zu nahe kommt, und ich bin der es wäre wirklich eine ſehr traurige Sache, wenn zwiſchen zu wer ben ein St tieſ hin wa er wo wo „b hei mu Er X X N— 8—* XN— t it zu begreifen, wie es geſchehen iſt und ohne das Unheil ab⸗ wenden zu können.“ „Es ſei, geben wir das zu, mein Theurer,“ ſagte Benedetto, indem er während des Geſpräch's ſeinen Weg immer weiter fortſetzte.„Doch kommen wir zur Sache. Vor acht Tagen habe ich Sie von neuem aufgeſucht und Ihnen die Abſichten der Baroneſſe auf eine Weiſe ausein⸗ ander geſetzt, welche ſie von Ihrer neuen Unabhängigkeit überzeugt hat. Und nun ſagen Sie immer noch, Sie be⸗ griffen nicht, welche Rolle ich Ihnen gegenüber ſpiele. In der That, das nenne ich einen harten Kopf haben, Herr Baron!“ Indem er ſo plauderte, waren ſie an einem kleinen Wa⸗ gen gelangt, der an der Ecke einer in der Nähe eines der Stadtthore liegenden Straßen hielt. Benedetto gab dem Kutſcher ein Zeichen, öffnete den Schlag, lud ſeinen Begleiter ein einzuſteigen und ſtieg dann ſelbſt ein, indem er ſich mit mürriſcher Miene ne⸗ ben dem Baron ſetzte. Der Wagen fuhr raſch fort und einige Augenblicke darauf rollten unſere Reiſenden auf einer Straße dahin, welche ſie von Rom entfernte. So lange als die Reiſe dauerte, ſprach der Baron in tiefes Nachdenken verſunken und ſich ganz ſeinen Projecten hingebend, kein Wort zu Benedetto, der ebenfalls ſtumm war, wie die Bildſäule des heiligen Januarius; denn da er die ſämmtlichen Fäden ſeiner Intrigne wie einen ver⸗ worrenen Knäuel in der Hand hielt, ſo berechnete er, was wohl das Reſultat davon ſein könne. „Um zum Ziele zu gelangen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt, „bedarf es viel Schlauheit, viel Geſchicklichkeit, viel Klug⸗ heit und viel Muth. Ich werde dies Alles haben und Ed⸗ mund Dantes wird mir nicht entgehen. Er muß ſterben. Er wird ſterben!“ Nach einigen Stunden bog der Wagen, anſtatt die furchtbaren Exploſion durch die Flucht ausgewichen, ohne — 206— Straße weiter zu verfolgen, die ſie in gerader Linie nach der kleinen Citadelle Aquapendente bringen konnte, links ab und fuhr in eine Art Hohlweg hinein, auf deſſen rech⸗ ter Seite ſich die Trümmer einer jener berühmten Waſſer⸗ leitungen erhoben, die in der Umgegend von Rom in Menge vorhanden ſind und ungeſtalteten, während ihres Ganges verſteinerten Phantomen gleichen. Die durch die Zeit dieſen ungeheuern Granitmaſſen entriſſenen Steine waren quer über den Weg gerollt und erſchwerten hier und da die Paſſage. Der Wagen fuhr demgemäß weniger ſchnell und der Baron konnte, durch das Wagenfenſter ſchauend, vollkommen die Gegenſtände unterſcheiden, die ihn umgaben. In kurzer Entfernung ſah man die weißen, kahlen Mauern eines halbverfallenen kleinen Gebäudes, welches auf allen Seiten von einem verwilderten Garten umſchloſſen zu ſein ſchien, in dem man nichts ſah, als Gras und Moos. Einige Augenblicke darauf hielt der Wagen vor dem Gitterthore dieſes Gartens und Benedetto ſtieg aus. Der Baron folgte ſeinem Beiſpiele. Zu jeder andern Zeit würde der Baron Danglars nicht verfehlt haben, mit ſeiner Gelehrſamkeit Parade zu machen und die Schule zu bezeichnen, welcher die beiden coloſſalen Steinfiguren angehörten, die an der Thür auf ihren Piede⸗ ſtalen ſtanden. So aber begnügte er ſich, die Rachläſſig⸗ keit zu beklagen, womit man ihre ohnt Zweifel von dem Meiſel eines berühmten Bildhauers herrührenden Umriſſe von Gras und Moos hatte überkleiden laſſen. „Treten Sie ein, Baron,“ ſagte Benedetto,„und laſſen Sie Ihre Betrachtungen über den Mangel an Sorg⸗ falt, den Sie vielleicht hier bemerken, denn dieſes Beſitz⸗ thum iſt ſeit langer Zeit unbewohnt.“ Nachdem er dies geſagt, durchſchritten ſie die kleine, ebenfalls verwilderte Allee des Gartens und gingen eine „ ſteinerne Treppe hinauf, deren Stufen mit Moos bedeckt ret da tä len auf zu os. em Der icht chen alen ede⸗ ſſig⸗ dem riſſe und org⸗ eſitz⸗ eine, eine deckt — 207— waren. Dieſe Treppe führte auf eine Art Balcon oder Vorhalle mit zwei Eingangsthüren zu dem Hauſe. Hier blieb der Baron einen Augenblick ſtehen und über⸗ ſchauete mit einem Blicke den ganzen Umfang des Gar⸗ tens. Zwiſchen dem Buchsbaum, der quer über die Fußſteige hinweggewachſen war und dem hohen buſchigen Gras, wel⸗ ches die Beete und Carrés bedeckte, erhoben ſich Marmor⸗ figuren von verſchiedenen Dimenſionen, aber alle in einem Zuſtande beklagenswerthen Verfalles. Eben ſo war ein Teich da, deſſen ſchlammiges Waſſer von Fröſchen wimmelte, welche, durch die Stimme und den Tritt des Baron's und Benedetto's aufgeweckt, die Luft von ihrem Gequak und Geplätſcher wiederhallen ließen. Al⸗ les war hier Verfall und Einſamkeit. Benedetto öffnete eine der Thüren der Vorhalle und Danglars erblickte einen Saal, deſſen Wände mit Tapeten bedeckt waren, auf welchen ſich einige mythologiſche Süjets zeigten, wie z. B. der Sturz Phastons, die Strafe des Prometheus, die Entführung der Europa, das Urtheil des Paris und tutti quanti.. Die Geräthſchaften dieſes Gemach's waren ſehr antik, ohne aber jenen Anblick von Verfall darzubieten, der ſich in dem Garten bemerklich machte, obſchon ſie, ſo zu ſa⸗ gen, unter einer dichten Lage von Staub und unter den ſinnreichen Netzen jener arbeitſamen Inſekten begraben wa⸗ ren, die man Spinnen nennt und die von der Ratur ge⸗ ſchaffen zu ſein ſcheinen, um dem Menſchen unaufhörlich das Beiſpiel von dem Nutzen vorzuführen, den er von der täglichen Arbeit ſeiner Hände haben kann. An den Fenſtern hingen ſammetne Vorhänge, deren Farbe von den Sonnenſtrahlen aufgezehrt worden. Der Kamin ſchien lange Zeit keinen Dienſt geleiſtet zu haben und die von Roſt zernagte Feuerzange lag einige Schritte davon auf die Diele hingeſchleudert und verrieth die haſtige 5 e — 208— Bewegung der letzten Perſon, welche ſie in den Händen gehabt. Es war im Ganzen durchaus kein Anblick, der viel Beruhigendes hatte. Nachdem der Baron Alles genau be⸗ trachtet, näherte er ſich mit einer Miene, welche eine ge⸗ wiſſe Unruhe verrieth, Benedetto, und wagte das tiefe Nachdenken zu unterbrechen, in welches dieſer vor einem der Bilder, die man auf der Tapete ſah, verſunken zu ſein ſchien. „Hier,“ ſagte Benedetto, ohne dem Baron zu ant⸗ worten,„hier iſt das unbeſtechliche Tribunal vorgeſtellt, welches die Handlungen nicht nach den Menſchen, ſondern die Menſchen nach ihren Handlungen beurtheilt. Hier gab es weder Freunde noch Geld, hier gab es blos das Ge⸗ ſetz, welches die Welt regiert und vor welchem die Krone auf das Haupt des Richters und das Schwert auf das des Verbrechers fiel, wäre dieſer Verbrecher auch ſo mäch⸗ tig geweſen, wie ein Gott.“ Er ſtieß ein gellendes Gelächter aus. „Ah,“ fuhr er fort,„ein Tribunal wie dieſes konnte nur in der Fabel exiſtiren und die Menſchen haben ihm den Platz angewieſen, der ihm zukam, nachdem ſie erkannt, wie unvollkommen ſie in den Ausſprüchen ihrer Gerechtigkeit ſind.“ „Hoho, Signor Andrea,“ rief der Baron Danglars über Benedetto's Sprache ganz verwundert,„wie mir ſcheint, widmen Sie ſich ganz ungemein dem Studium der menſchlichen Moral!“ „Ich ſtudire ein wenig von Allem, Herr Baron, weil mein Weg in dieſer Welt ſehr ſchwierig iſt und weil ich das Ziel meiner Pilgrimſchaft zu erreichen wünſche. Doch laſſen wir jetzt dieſe Betrachtungen und gehen wir zu dem über, was Sie intereſſirt. Dieſes Haus iſt von heute an Ihr Eigenthum. Hier iſt die Beſitzurkunde.“ Und er überreichte ihm ein Papier, welches der Ba⸗ 5 ron ergriff und begierig las, worauf er ſodann mit der liebenswürdigſten Miene eine Geberde der innigſten Befrie⸗ digung machte.. Bankier in Paris, Theaterſchließer in Rom, war er jetzt Grundſtücksbeſitzer und Rentier in Aquapendente bis auf Weiteres. Ganz gewiß begann das Glück ſein Rad für ihn wieder auf's Neue zu drehen.* Und dennoch lag in der Art und Weiſe, ſo wie in der Phiſiognomie Benedetto's Etwas, was ihm mißfiel. So wahr iſt es, daß es keine Roſe ohne Dornen, kein Glück ohne Wolken giebt. Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Appiſche Straße. WBenedetto erklärte mit ſeiner teufliſchen und ſinnrei⸗ chen Erfindungsgabe dem Baron Danglars das Verhalten der Baroneſſe auf eine ſolche Weiſe, daß der Baron blind⸗ lings Alles glaubte, was er ihm ſagte. Dieſe Erklärung oder vielmehr Erfindung war fol⸗ gende. Die Baroneſſe hatte, von einem geheimen Widerwil⸗ len getrieben, beſchloſſen, von dem Schauplatze der Welt abzutreten. Da ſie jedoch ſah, daß ihr Gemahl außeror⸗ dentlich arm war, ſo hatte ſie ihm eine gewiſſe Unabhän⸗ gigkeit ſichern wollen und demzufolge Benedetto beauftragt ihm die Beſitzurkunde dieſer kleinen Villa zuzuſtellen, wel⸗ cher die gute Frau noch ein gewiſſes Kapital beifügte, das in den ſpekulativen Händen des Barons Danglars nicht verfehlen konnte ſich in eine für die täglichen Ausgaben Die Todtenhand. 1. Band. 0 eines ehemaligen Bankiers hinreichende Revenue zu ver⸗ wandeln. Es blieb jetzt nur noch übrig, die angeblichen Bezie⸗ hungen kennen zu lernen, welche zwiſchen Benedetto und der Baroneſſe beſtanden. Der Baron kannte jedoch die Lau⸗ nen ſeiner intereſſanten Ehehälfte zur Genüge und es lag eihm wenig an dieſem Umſtande, dafern derſelbe nur zu Verbeſſerung ſeiner Vermögensumſtände gedient hatte. Demzufolge fragte er Benedetto über dieſen Punkt weiter nicht aus und begnügte ſich damit, ihm einige auf ſeine neue Stellung bezügliche Fragen vorzulegen. Benedetto ſtellte ihn in dieſer Beziehung ſo gut als möglich zufrieden und der Baron war ganz entzückt von Allem, was ihm begegnete. Nur eins ſchien ihm ganz außerordentlich. Es war die Wahl dieſes Hauſes, ſo weit von Rom! Indeſſen über⸗ ließ er ſich ohne Rückhalt ſeinen neuen Projecten als ehe⸗ maliger Bankier und vergaß nach wenigen Tagen ſeine Be⸗ denklichkeiten in der eben bemerkten Beziehung. Noch war keine Woche verfloſſen, ſo hatte das kleine Beſitzthum ſchon einen gewiſſen comfortabeln Anſtrich ge⸗ wonnen. Der Garten war geſäubert, die Hausgeräthſchaf⸗ ten waren ihres Staubes entledigt, in den Kaminen brann⸗ ten Feuer und zwei Domeſtiken bedienten mit aller mögli⸗ chen Achtung und Ehrerbietung den neuen Eigenthümer. Benedetto ſtattete dem Baron einige Beſuche ab und ward von ihm mit aller nur denkbaren Freundlichkeit em⸗ pfangen. Bei einem dieſer Beſuche fand er den Baron eifrigſt mit Verſchönerung ſeines Hauſes beſchäftigt und der Ex⸗ bankier theilte ihm mit, daß er für den folgenden Tag den Beſuch ſeiner Tochter Eugenie erwarte. Dieſe Mittheilung gkſchah auf folgende Weiſe: „Ach, Herr Andreg, ich weiß in der That nicht, ob ich Sie um die Ehre Ihrer Geſellſchaft bitten darf— je⸗ . ner unglückliche Vorfall in Paris— ich erwarte morgen Jemanden und—“ „Ich kann morgen auf keine Weiſe über meine Zeit verfügen, Herr Baron,“ antwortete Benedetto,„aber ich kann Ihnen dagegen einen Rath geben, der weit mehr werth ſein wird als meine Gegenwart.“ „Und dieſer Rath beſteht?“* „Darin, daß Sie ein Zimmer und ein Bett in Stand ſetzen laſſen, um auf eine oder zwei Nächte eine Dame be⸗ herbergen zu können. „Eine Dame, mein Herr!“ rief der Baron und that, als ob er ganz erſtaunt wäre.„Eine Dame— mein lie⸗ ber Freund, was ſoll das heißen? Bei meiner Seele, Sie ſehen mich ganz beſtürzt!— Aber wer iſt denn dieſe Dame?“ „Nun, parbleu, Ihre Tochter. „Was ſagen Sie da?“ „Die Wahrheit, Baron.“ „Aber ſind Sie denn ein Zauberer?“ „Wer weiß?“ „Ohne Zweifel iſt dies in Folge jener Reliquie— der Todtenhand!“ „Mein Herr!“ rief Benedetto in einem gebietertſchen Tone, welcher auf den Lippen des Baron's das ſpöttiſche Lächeln, welches ſich zu zeigen begann, erſterben ließ,„wenn Sie nur ein einziges Mal begreifen könnten, was die noch über die Erde, welche ſie bedeckt, emporgerichtete Todten⸗ hand thut, ſo würden Sie zittern bei dem Gedanken an die furchtbare und geheimnißvolle Miſſion, welche ſie zu er⸗ füllen hat, welche ſie erfüllen wird! Mein Herr, die Ge⸗ rechtigkeit darf nicht eine eitle, dem Gelächter der Menſchen. preisgegebene Figur ſein! Das Geſetz darf nicht ein Wort von unbeſtimmtem Sinne ſein, wie die Menſchen es ſchwa⸗ tzen, mögen ſie das Geſetz des Himmels, oder das der Erde meinen! Und um dieſe Wahrheiten klar zu ma⸗ chen, hat ſich eine unbedingte Macht, ein erhabener und allmächtiger Wille gefunden, der aus dem Grabe die Hand des Todten gegen den ſtolzen und eitlen Lebenden er⸗ hoben hat.“ Mit dieſen Worten ging Benedetto raſch aus dem Saale und verließ den Baron unter dem Eindrucke der ſchnellen Veränderung, welche in dem Gemüthe dieſes Menſchen vor⸗ gegangen zu ſein ſchien. Als Benedetto den Baron verlaſſen hatte, ſtieg er zu Pferde und begab ſich in aller Eile nach der Stadt. An⸗ ſtatt jedoch den Schlag zu paſſiren, ſetzte er ſeinen Weg außerhalb der Ringmauer fort und kam auf die berühmte Appiſche Straße, um dem Circus des Cargcalla gegenüber Halt zu machen. Es war Nacht. Der Mond war eben aus den Wol⸗ ken hervorgetreten und übergoß mit ſeinem bleichen unſiche⸗ ren Lichte dieſe ungeheure eirkelrunde Höhle, welche zu den Füßen Benedetto's lag und in welcher ein furchtſames Ge— müth ohne Zweifel eine ungeheure Proceſſion weißer Ge⸗ ſpenſter zu ſehen geglaubt hätte, die mit dem klagenden Aech— zen des Windes die Gräuel erzählten, welche der Name dieſes fluchwürdigen Thrannen in die Erinnerung zurückruft. Benedetto jedoch achtete nicht auf dieſe Viſionen und hatte keine andere Sorge, als in dieſer großen Ruine den Schattenriß des Mannes zu erkennen, dem er hier begegnen ſollte. Allmälig erſchien auch in der That dieſer tann in ei⸗ nen dunkeln Mantel gehüllt und von zwei anderen Perſo⸗ nen gefolgt, denen er ein geheimnißvolles Zeichen gab. Dieſe beiden Männer entfernten ſich raſch und der dritte ging in der Richtung der Appiſchen Straße weiter. Benedetto ging ihm einige Schritte entgegen und ſagte: „Peppino.“ „Ercellenz!“ antwortete der Mann, indem er ſtehen blieb und ſich umſchaute, bis er Benedetto bemerkte. NM — 213— „Die Inſtructionen, welche ich Dir gegeben?“ „Sind ausgeführt, Signor?“ „Was macht Luigi Vampa?“ „Durch eine geheimnißvolle Leidenſchaft in Anſpruch genommen, die ihn vollſtändig zu beherrſchen ſcheint, hat er ſich ſchon ſeit acht oder zehn Tagen nicht in den Kata⸗ komben des heiligen Sebaſtian eingefunden, wo wir ge⸗ wöhnlich unſer Hauptquartier aufſchlagen. Unſere Kame⸗ raden murren über dieſe Vernachläſſigung und viele von ih⸗ nen haben aus Furcht, daß der Hauptmann ſie verrathen habe, die Flucht ergriffen. Ich, der ich in Vampa's Ab⸗ weſenheit die Bande commandire, habe kaum noch acht Mann unter meinen Befehlen und dieſe haben ebenfalls große Luſt ihren Kameraden nachzuahmen, wenn Luigi Vampa nicht bald erſcheint.“ „Sehr gut,“ murmelte Benedetto.„Aber vielleicht haſt Du nicht daran gedacht, den Argwohn Deiner Trabanten gegen Luigi Vampa zu verſtärken.“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Execellenz. Ich habe ſchon von Theilung mit ihnen geſprochen— aber die Kaſſe iſt leer, denn Luigi Vampa hat nicht verfehlt Alles mitzunehmen.“ „Das darf Dir nicht viel verſchlagen, Peppino.“ „Das iſt wahr, Excellenz, da Sie mir einmal meine Unabhängigkeit zugeſichert haben,“ entgegnete Peppino. „Das Schiff?“ „Iſt befrachtet und auf das erſte Signal bereit.“ „Die Mannſchaft?“ „Iſt ſicher und entſchloſſen.“ „Der Capitain?“ „Ach, Excellenz,“ antwortete Peppino ſeufzend,„Sie haben mir geſagt, daß das Schiff nur von dem Lootſen commandirt und geſteuert werden ſolle.“ „Ganz recht,“ entgegnete Benedetto;„jetzt fitr 6 was ich Dir ſagen werde, buchſtäblich aus.“ — Peppino ſenkte den Kopf wie um beſſer zu hören und Benedetto fuhr fort: „Uebermorgen um fünf Uhr Morgens wirſt Du an Bord ſein. Das vor Anker liegende Schiff wird mich bis um ſechs Uhr erwarten. Verlaſſe die Katakomben und Deine Untergebenen mögen ein Leben aufſuchen, welches we⸗ niger—“ „O, Excellenz,“ unterbrach ihn Peppino lebhaft,„wenn Sie ſie kennten— vielleicht würden Sie ſie benutzen— denn es ſind Leute von Intelligenz und Energie. Ich ſage Ihnen, daß der Augenblick, ihre Shmpathien zu gewin⸗ nen, einer der günſtigſten iſt.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Benedetto mit ſtolzer, verächtlicher Miene. „Ich will ſagen, daß Sie ſich dazu verſtehen ſollten mit mir in die Katakomben hinabzuſteigen, wo ſie Sie er⸗ warten, weil ich gewagt habe, ihnen Ihren Schutz und Ihre Unterſtützung zu verſprechen.“ „Das iſt eine Thorheit! Wir könnten überraſcht werden—“ „Sehen Sie, mein Herr,“ entgegnete Peppino, indem er in entgegengeſetzten Richtungen auf zwei Schatten zeigte, die von weitem zwiſchen den Monumenten der Appiſchen Straße ſichtbar waren,„dies ſind Schildwachen, welche Niemanden heranlaſſen, wäre es Vampa ſelbſt, wenn er hierherzukommen verſuchte.“ „Und was können dieſe Menſchen mir nützen?“ „Ach, hören Sie! Es ſind deren acht und dieſe acht ſind von mir ausgewählt worden, um das Schiff zu be⸗ mannen. Unter ihnen ſind vier, welche ſchon Matroſen geweſen ſind und alle Häfen des mittelländiſchen Meeres kennen, eben ſo, wie ich alle Landſtraßen Italiens kenne. Sie werden daher mit Ihnen gehen, wohin Sie wollen, und wenn Sie weder dieſe Leute noch mich länger gebrau⸗ chen, ſo machen wir eine Fahrt durch das Schwarze Meer, * das Meer von Marmora und den Archipel, wo man ganz vortreffliche Geſchäfte machen kann.“ „Ich ſehe, daß Du ein geſcheidter Mann biſt, Pep⸗ pino,“ antwortete Benedetto, nachdem er einen Augenblick nachgedacht.„Gehe, ich folge Dir.“ Der römiſche Bandit begann ſofort Benedetto voran⸗ zugehen, indem er einen abſchüſſigen Weg einſchlug, der zu . der in dem Boden angebrachten Oeffnung führte, an deren Eingange ein Mann als Schildwache poſtirt war. Benedetto ſtieg, immer dem Banditen folgend, eine verfallene Treppe hinab, welche in ein außerordentlich dunk⸗ les Gewölbe hinabführte. Am zußerſten Ende eines langen Corridor's ſchimmerte eine Harzfackel, deren röthliche durch den Wind bewegte Flamme ihre flackernden Strahlen auf die Wände des un⸗ terirdiſchen Gewölbes warf. 3 Benedetto bemerkte, daß in dieſen Mauern zahlreiche Höhlungen angebracht waren, die beſtimmt zu ſein ſchienen, jede einen Sarg aufzunehmen. Der Corridor ſtieß an einen geräumigen Saal. Auf einem Altar von Granit ſtand die Fackel. Dem Altar ge⸗ genüber ſah man eine Grotte von ſchwarzem Marmor, die früher beſtimmt geweſen zu ſein ſchien, den hier aufbewahr⸗ 6 ten Särgen als Cenotaph zu dienen, in dem gegenwärtigen 4 Augenblicke aber das Banketgemach einiger Männer war, deren durch den Wiederſchein der Flamme und durch den Wein geröthete Phiſiognomien das Gepräge ihres verbre⸗ cheriſchen, ausſchweifenden Lebens trugen. Dieſe Männer ſangen eben einen wilden Chorgeſang, deſſen Refrain lautete: „La vendeita! la vendetta! la vendetta!“ Dieſer Refrain ward mit Nachdruck und Enthuſias⸗ mus mehrmals wiederholt. Peppino blieb ſtehen und ſagte lächelnd und leiſe zu ſeinem Begleiter: — 216— „Laſſen wir ſie erſt fertig werden. Sie ſchwören, ſich an Vampa zu rächen.“ Hierauf trat er bis in die Mitte der ungeheuern Höhle, zog ein Piſtol und einen Dolch aus ſeinem Gürtel und rief: „Auf, Freunde, hier iſt Euer neuer Hauptmann. Be⸗ reiten wir ihm das feſte Gewölbe, um ihm zu zeigen, daß er unter uns darauf rechnen kann, in Sicherheit zu ſein.“ Bei dieſen Worten ſchwiegen die Banditen, ſprangen raſch auf, ſtellten ſich ſchweigend in zwei Reihen mit den Geſichtern gegen einander gewendet, erhoben ihre mit Pi⸗ ſtolen und Dolchen bewaffneten Arme und bildeten auf dieſe Weiſe ein Spalier, welchem Benedetto, von Peppino geführt, ſich näherte. Benedetto ſchritt mit feſtem Fuße un⸗ ter das furchtbare, durch die Piſtolen und Dolche der Ban— diten gebildete Dach. Es war dies eine wohlbekannte Ce⸗ remonie, die hier wieder in Folge eines einfachen Inſtinkt's dieſer Menſchen ausgeführt ward, welche auf dieſe Weiſe ihrem Oberhaupte zu verſtehen geben wollten, daß die Stütze ihrer Arme und ihrer Waffen nun ihm gewidmet ſei, um ſein Leben zu vertheidigen. „Freunde,“ ſagte Benedetto zu den Banditen gewen⸗ det,„ſobald Ihr Euch mir anvertraut, vertraue ich mich auch Euch an.“ „Ja, ja! befehlet; wir werden gehorchen!“ riefen ſie wie aus einem Munde.„Luigi Vampa hat uns verra⸗ then und bald werden wir durch die Sbirren der Juſtiz hier verfolgt werden. Es iſt daher unumgänglich nöthig, die⸗ ſen Schlupfwinkel zu verlaſſen.“ „Peppino hat bereits meine Inſtructionen über dieſen Punkt— Ihr könnt ihm folgen.“ „Ja, aber die Rache?“ antwortete einer der Bandi⸗ ten.„Wir werden nicht von hier fortgehen, ohne uns an Vampa gerächt zu haben.“ „Beruhigt Euch,“ entgegnete Benedetto.„Vamßa — — —— 21 wird ſeine Züchtigung erhalten. Das von Euch über ihn⸗ ausgeſprochene Urtheil wird durch die Polizei von Rom vollzogen werden, die gegenwärtig bereits in Kenntniß ge⸗ ſetzt iſt und ſich fertig macht, den Verräther zu faſſen. Künftighin ſeid Ihr meine einzige Familie und ich nehme es über mich, Euch dahin zu führen, wo Eure Pß ſen Euch hinrufen.“ „Es lebe unſer neuer Anführer! und Tod dem Lanpal!“ rief xe Bande mit einem Gemiſch von Enthuſiasmus und Rachewuth. „Peppino,“ fuhr Benedetto fort,„gieb mir ein Glas Wein, denn ich will auf das Wohl dieſer wackeren Ge⸗ fährten trinken, in deren Bruſt ein edleres Herz ſchlägt und edlere Gefühle leben, als in der einer Menge Men⸗ ſchen, welche durch die Welt wandeln und ohne Furcht ihr Antlitz dem hellen Lichte des Himmels zeigen.“ Er ſchwieg. Peppino reichte ihm einen Becher Wein und alle Ban⸗ diten hielten ſich bereit, dieſe Geſundheit, das Unterpfand eines furchtbaren Bündniſſes, mit Begeiſterung zu erwi⸗ dern. Der Sohn Villefort's ſtimmte ein Hurrah an, ſetzte den Becher an die Lippen und ſtürzte den Inhalt auf einen einzigen Zug hinab. Alle ahmten ihm nach. Nachdem dieſer Toaſt beendet war, ſchleuderte Bene⸗ detto den Becher an die Wand des Gewölbes, ſo daß er in Stücken brach und rief: „Freunde, dies ſei Euer Abſchied von den Katakom⸗ ben des heiligen Sebaſtian, von Rom, von Italien. Eine wonnige Zukunft erwartet uns weit von hier. Wollt Ihr Gold? Ihr ſollt es in Fülle haben. Wollt Ihr Blut? Ihr ſollt es in Strömen und ohne Erbarmen vergießen. Vorwärts! vorwärts! Ein rächender Gott ruf nich in die Länder des Orients, wo er die Altäre für die Opf gerechten und unerbittlichen Rache bereitet.“ — 218— Die Banditen nahmen Benedetto's Worte mit wilder Freude auf und wenige Augenblicke ſpäter waren die Kata⸗ komben des heiligen Sebaſtian öde und verlaſſen. Eine auf dem Altar vergeſſene Fackel brannte bis zu Ende und ſchien durch ein letztes, raſches und augenblickli⸗ ches Aufflattern das traurige Lebewohl der Banditen in dem Raume zu wiederholen, den ſie ſo lange entweihet hatten. Benedetto lief nach ſeinem Pferde, welches an einem der Monumepte der Appiſchen Straße angebunden war, ſchwang ſich in den Sattel und galoppirte zurück nach Rom. „Vorwärts, vorwärts!“ murmelte Benedetto, indem er wie ein unheimlicher Schatten unter den düſtern Monu⸗ menten verſchwand.„Ein Dämon leitet meine Schritte, begünſtigt mich und begeiſtert mich durch ſeinen teufliſchen Scharfſinn. Morgen werde ich das ganze Gold Luigi's Vampa, den Preis der Thränen und des Blutes aller ſei⸗ ner Schlachtopfer, in den Händen haben. Ueberdies bekomme ich die auf den Kopf dieſes Banditen geſetzte Belohnung und alles dies wird wieder für ein Werk der Thränen und des Blutes angewendet! Edmund Dantes! Das Spielzeug Deiner verdammlichen Leidenſchaft, Deiner furchtbaren Rache, wird vor Deinen Blicken erſcheinen, nachdem es Dich alle Wunden fühlen laſſen, die Du mit Deiner er⸗ barmungsloſen Hand dem Herzen meines armen Vaters ge⸗ ſchlagen. Du haſt nicht zu verzeihen gewußt— Du wirſt auch vergebens bitten, daß ich Dir verzeihe. Du haſt den Uebermuth gehabt, Dich mächtig zu glauben, wie ein Gott. Wohlan, Du wirſt Deinen Stolz in meinen Händen ge⸗ brochen ſehen, wie einen Glasſcherben in den Händen eines Kindes. Edmund Dantes! Der Blitzſtrahl, welcher die Wolke ſpaltet und in den Baum herabfährt, ſchont nicht die hohe Ceder— im Gegentheil, er trifft ſie mit um ſo größerer Wuth!“ * * Kurze Zeit darauf befand ſich Benedetto in der Nuch⸗ barſchaft des prachtvollen Palaſtes des Flavius Vespaſian. Er ſtieg ab und ſah ſich ſofort von ſechs oder acht je⸗ ner Induſtriellen ohne Induſtrie umringt, welche in Rom ſich in der Nähe der Kirchen, der Theater, der Monumente und deren Ruinen umhertreiben und deren einziger Erwerbs⸗ zweig darin beſteht, daß ſie den Fremden den Urſprung, die Gründung, die Beſtimmung und die Geſchichte dieſer berühmten Ueberreſte des Alterthums vorplärren, die, ſo zu ſagen, das Buch der Jahrhunderte ſind. Einer dieſer Ciceroni ergriff die Zügel des Pferdes, weil er vielleicht in dem Handwerk des Erzählens noch Lehr⸗ ling war, während ſeine Kameraden Benedetto umringten, indem ſie mit aller nur erdenklichen Artigkeit ſagten:„Ex⸗ cellenz, die Nacht iſt ſchön, Sie können mir folgen.“ „Wozu?“ „Um zu ſehen.“ „Was zu ſehen?“ „per la Madonna! das Monument des Flavian! das berühmteſte Monument Italien's und ganz Europa's, wel⸗ ches ganz bequem achtzigtauſend Zuſchauer faßt. Kommen Sie, und ich will Ihnen den Thiercircus zeigen und Ih⸗ nen ausführlich die Vorkehrungen erklären, welche man da⸗ mals traf, damit die wilden Thiere ſich nicht auf die Zu⸗ ſchauer ſtürzten.“ Benedetto antwortete durch eine verächtliche Geberde auf die zudringlichen Anerbietungen der Ciceroni und ver⸗ tiefte ſich, mitten durch ſie hindurchgehend, in die Ruinen, um Vampa aufzuſuchen, wie vor ungefähr zwei Jahren faſt zu derſelben Stunde der Graf von Monte⸗ Chriſto hier eingedrungen war, um denſelben Menſchen zu ſuchen, näm⸗ lich am 22 Februar, am Vorabende des erſten D römiſchen Carnaval, der noch beſonders ausgez den ſollte durch„die Hinrichtung auf dem Platze kraft eines Urtheils des Tribunal's de la Rota, den Hilen, die er erduldet, — 220— Rondolo, ſchuldig des Mordes on der Perſon des ſehr ge⸗ achteten und geehrten Don Cäſar Torloni, Canonicus an der Kirche zu St. Johann von Lateran, und des Peppino, genannt Rocea Priori, als Mitſchuldigen des verabſcheu⸗ ungswürdigen Banditen Luigi Vampa und der Männer ſei⸗ ner Bande; der erſtere mazzolato und der zweite decapitato.“ Unſere Leſer haben ohne Zweifel noch nicht jene Scene vergeſſen, wo Franz von Epinah, noch erfüllt von den faſt feenhaften Erinnerungen an die Grotte von Monte-Chriſto, hinter dem Schaft einer Säule verborgen, einen Reiſenden erſcheinen, die von ihm ſelbſt betretene gegenüberliegende Treppe hinaufſteigen und auf der Platform, faſt unmittel⸗ bar unter einer runden, in dem Gewölbe angebrachten Oeff— nung ſtehen bleiben ſah, durch welche hindurch man den geſtirnten Himmel ſehen konnte. Sie erinnern ſich noch ſeines Erſtaunens oder vielmehr ſeiner Beſtürzung, als er, nachdem er die Converſation die— ſes geheimnißvollen Wanderers mit einem anderen Indivi⸗ duum belauſcht, in ihm den Herrn dieſer Grotte, Simbad den Seefahrer, oder vielmehr den Grafen von Monte-Chriſto, erkannte. Ein eigenthümliches Spiel des Zufalles für Jeden, der keine höhere Fügung in dem Gange der Ereigniſſe ſieht, welche das große Drama bilden, das man die menſchliche Komödie genannt hat. Ein Mann, der, nachdem er das bitterſte Unglück er⸗ fahren, durch ein Wunder einer Gefangenſchaft entronnen, die ewig dauern ſollte, durch ein zweites Wunder in den Beſitz unendlicher Reichthümer und der Macht gelangt, welche dieſe Reichthümer geben, ein Mann, deſſen Vater man verhungern laſſen, dem' man die angebetete Geliebte gergubt und der ſich die Vorrechte der Gottheit anmaßend, über alle menſchlichen Geſetze und Rückſichten erhebend, um an ſeinen Verfolgern, an Allen, die näher oder entfernt zu beigetragen— Quslen, die in — ſeinem Herzen eine ewige Leere, eine fortwährend blutende Wunde zurückgelaſſen hatten— eine furchtbare Rache zu üben, welche die Geſellſchaft ihm verweigerte— dieſer Mann hatte in der Abſicht, ſich die Treue einer Schaar furcht⸗ barer und entſchloſſener Menſchen zu ſichern, die ſeinen Plänen nützlich ſein konnten, in dieſem ſelben Coliſeum dem Anführer dieſer Banditen, Luigi Vampa, ein Rendezvous gegeben, um ſich mit ihm über die Mittel zu berathen, einen ſeiner Mitſchuldigen— Peppino— der über ihn verhäng⸗ ten Todesſtrafe zu entreißen. Und jetzt geht nicht lange nach dieſer Zeit ein Dieb, ein Fälſcher, ein entſprungener Galeerenſträfling, ein Mör⸗ der, der ſich eben ſo zum Rächer ſeines Vaters aufgeworfen, mit Hilfe dieſes ſelben Peppino, welcher Monte-Chriſto und Vampa ſeine Rettung verdankt, aber durch Benedetto zum Undank und Meineid verleitet worden, um an dieſem ſelben Orte ein Werk des Verraths an Luigi Vampa zu ſpinnen, nicht um die durch die Miſſethaten des kühnen Banditenführers beleidigte Geſellſchaft zu rächen, ſondern weil ſein Untergang in ſeine Rechnung paßt, weil er in das Gewebe ſeiner verbrecheriſchen Pläne, ſeiner blutigen Miſ⸗ ſion gehört. Das Herz empört ſich bei dem Anblicke dieſer ununter⸗ brochenen Reihe von Greueln; mit welchen der Sohn Ville⸗ fort's ſeinen Weg beſtreuet.“ In der That, es iſt nur der Geiſt des Böſen, der ihn beſeelt; es iſt der Satan in ſeiner ganzen Häßlichkeit; er iſt das durch das Verbrechen beſtrafte Verbrechen. In Edmund Dantes fand wenigſtens die Tugend eincn energiſchen Vertheidiger. Er ſtreuete mit vollen Händen Wohlthaten aus, und wenn er Thränen des Schmerze und der Verzweiflung fließen machte, ſo entlockte er auch Thrä⸗ nen der Dankbarkeit. Er ſündigte aus Stolz, aber wenn er ſtrafte, glaubte er gerecht zu ſein. Sein unermeßliches, nicht gut zu machendes Unrecht war, daß er ſich zum Rich⸗ ter und Henker in ſeiner eigenen Sache aufgeworfen, ohne zu bedenken, daß es ſehr ſchwer iſt, ſich in gerechtem Maße zu halten, wenn der Zorn betäubt und der Haß verblen⸗ det. Zuweilen aber hörte er doch die Stimme Gottes, deſſen Namen er anrief. Er war ſo zu ſagen ein gefallener Engel, der ſich aber des Himmels erinnerte. Aber was ſollen wir von Benedetto ſagen? Er war ein von der Hölle ausgeſpieener Dämon, der niemals den bleichſten Abglanz des Himmels geſchaut! Wird endlich ein Lichtſtrahl von oben die Finſterniß erhellen, welche das Gewiſſen Benedetto's, des Verworfe⸗ nen, erfüllt, der nur vom Richts ſpricht? Wird er die ruchloſe Gewalt, die er ſich angemafßt, nur zum Böſen, nie zum Guten anwenden? Wer kann die Geheimniſſe der Vorſehung leſen? Ende des erſten Bandes. ann'ſchen Buchdruckerei in Schneeberg. — B *— Die ſich fortwährend ſteigernde Bedentung, welche die amerikaniſche Unterhaltungslectüre ge⸗ winnt, und der mutterländiſchen(Engliſchen) eine eben⸗ bürtige Coneurrenz bildet, veranlaßte den Verleger die⸗ ſes Werkes vor drei Jahren unter dem Titel: Amerikaniſche Pibliothek ein Unternehmen zu begründen, welches dem deutſchen Publikum ſtets ſofort nach Ausgabe des Ori⸗ ginals in ſorgfältiger Ueberſetzung das Beſte der transatlantiſchen Belletriſtik und Reiſeliteratur vorführen ſollte. Wie es dieſer Aufgabe genügt hat, mögen die nachfolgenden Titel der bereits erſchienenen 163 Bände bezeugen. Für den ungeſtörten Fortgang der amerikaniſchen Bibliothek iſt, trotz manch⸗ facher Hinderniſſe, ſichere Vorkehrung getroffen. Jedes der nachgenahmten Werke iſt vhne Preiserhöhung auch einzeln(à Band 15 Ngr.) zu haben. Die erſchienenen Werke heißen: Barnum's Leben 4 Bände. Bird, Robin Day oder der Unglücksvogel 4 Bände. Blackwater, oder eine Entdeckungsreiſe in das Land Canaan. Dorſey, Schloß Woodreve 4 Bände. Foſter, Celio oder New⸗York über und unter der Erde 2 Bde. Hall, Legenden des Weſtens 4 Bände. Hawthorne, Blithedale 2 Bände. Hildreth, der weiße Sklave 3 Bände. Hornbvok, die Familienfehde 3 Bände. Huntington, Alban 2 Bände. —— Im Walde 2 Bände. Jones, Fort Wayne 2 Bände. —— wilde Scenen u.Abenteuer im weſtlichen Amerika 2 Bde. Kennedy, Hufeiſen⸗Robinſon 5 Bände. Kennedy, der Krüppel 4 Bände. Laternenwärter, der, 4 Bände. Majo, Kalula, oder der Amerikaner in Afrika 4 Bände. Mayer, Brantz, Capitain Canot 4 Bände. Paulding, der alte Soldat, oder der Preis der Freiheit 3 Bde. Poe, Ausgewählte Werke 3 Bände. am Lagerfeuer, oder die Büffeljäger 3 Bände. — Die Verbannten 2 Bände. Rrhiſon, Solon, Warme Maiskolben! 2 Bände. Simms, Katharina Walton 4 Bände. —— WMarie de Bernière 3 Bände. — Schwert und Spindel 5 Bände. Southworth, D. E. Nevitt⸗, Kliffton's Fluch, oder Sühne und Vergebung 4 Bände. — die verlaſſene Ehefrau 5 Bände. — die verlorene Erbin 4 Bände. — die Schwiegermutter, oder die Strahleninſel 4 Bde. — Shannondale 4 Bände. — WMark Sutherland 3 Bände. Stephens, Julie Warren 4 Bände. —— Zana oder die Erbin von St. Clair-Hall 4 Bde. Stowe, J. B. Harriet, Onkel Tom, oder Negerleben in den nordamerikaniſchen Sklavenſtaaten 4 Bände. Taube, die einſame, 3 Bände. Tucker, George Balcombe 4 Bände. Volksleben, nordamerikaniſches 3 Bände. Watſon, Nachtwachen in einem Blockhauſe 2 Bände. e Agaton der Geächtete 2 Bände. — Geſchichten von der Südgrenze 4 Bände. — Jäger und Raturfikſche 3 Bände. Weir, Lonz Powers, oder die Regulatoren in Karolina 4 Bände“ Wetherell, Queechy 6 Bände. —— weite weite Welt 6 Bände. Wilfred Montreſſor oder die Sieben 4 Bände. Willis, Leben hier und dort. —— Leute, die ich gekannt. Willrich, Erinnerungen aus Teras 3 Bände. S ——