3 — Leihbiblivt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oktmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und geſebedingungen. 1 Qensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daff beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bächer: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 W.— Pf. elbe muß voraus bezahlt werden und 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Conſcience ging vor ſeiner Mutter; ſein Herz, das ſo vollkommen in der Schätzung der Gefühle, hatte begriffen, daß er ſich in einem ſolchen Augenblick ganz ſeiner Mut⸗ ter ſchuldig war. Dann kamen Marie und Mariette. Dann Vater Cadet und Quiot Pierre, Beide auf dem Eſel reitend und ſtillſchweigend wie die Andern, ob⸗ gleich das Kind weder die Urſache, noch die Wichtigkeit dieſes Schmerzes recht begriff. Alle dieſe Leute, welche ſie erwarteten, gingen ihnen entgegen ſobald ſie ſie erblickten. Zuerſt Baſtien, Baſtien an der Spitze; es ſchien ihm, als habe er Cadet eine Menge guter Gründe anzugeben, eine Menge von Hori⸗ zonten zu öffnen; es ſchien ihm, dieſe Gründe ſeien ſo gut, dieſe Horizonte ſo heiter, daß Conſcience unfehlbar nach einem Geſpräche von zehn Minuten mit ihm ge⸗ tröſtet ſein werde; als er ihn aber erblickte, fühlte er Gott und Teufel. U. 1 ſeine Zunge gelähmt, er hemmte ſeine Schritte und ließ ſich nach und nach einholen und überholen, zuerſt von den Vorderſten, dann von den Mittleren und endlich von den Letzten. Und als er dieſe tiefe Traurigkeit ſah, ſchüttelte er den Kopf und ſagte: „Ich täuſchte mich; nur der gute Gott vermag etwas für dieſe armen Leute.“ Jedermann war der Anſicht von Baſtien, wie es ſcheint, denn Niemand wagte ein Wort des Troſtes; man hörte nur das Geräuſch des Schluchzens und das der Ach! Baſtien war ſogar nicht einmal mehr auf ihrem Wege. Er hatte ſich auf die Seite geſtellt, um ſie vor⸗ übergehen zu laſſen, entſchloſſen, kein Zeichen ſeines Daſeins Conſcience zu geben, gegen welchen er ſich ein wenig im Unrecht fühlte ſollte Conſcience nicht auf ihn aufmerkſam ſein. Conſcience hatte aber große blaue Augen, denen nichts entging Conſcience erblickte Baſtien, und er, der ſo gut in den Herzen las, ſah ein ſolches Mitleid in dem des Huſaren, daß er ſeine Mutter verließ und gerade auf ihn zuging. Baſtien ſah ihn kommen und ſchaute nach rechts und nach links, um ſich zu verſichern, daß ſich Conſcience wirklich ſeinetwegen bemühe: es ließ ſich nicht daran zweifeln, er war beinahe allein auf dem Rande des Grabens, entfernt von allen Gruppen. Er ging auch mit ausgeſtreckten Armen Conſcience entgegen. Zu gleicher Zeit ergriff ihn ein ihm gänzlich unbe⸗ kanntes Gefühl, das ſich ſeiner völlig bemächtigte und ſein Herz tief erſchütterte. „Ah! mein armer Conſcience!“ rief er, während er ihn umarmte,„Du wirſt alſo abgehen, Tod und Teufel! Du biſt alſo dem Lvoſe verfallen, tauſend Donner! Das iſt nicht gerecht, wahrhaftig nicht Gott! ein braver Junge, wie Du, die Perle der guten Kinder! der mir ß n n m r⸗ es hn en, er, eid ind ind lich rnt nce be⸗ und ihn fel! Das wer mir 3 das Leben gerettet hat, mir, Baſtien, der ich mit Euch ſpreche. Ja, mir,“ fuhr der Huſar fort, indem er ſich an die Bauern wandte, die ihn, erſtaunt über dieſen Erguß einer bei ihm ganz neuen Empfindſamkeit, an⸗ ſchauten;„mir das Leben! Ja, ich ſagte immer: es iſt Bernhard. Bernhard hat mich allerdings aus dem Waſſer gezogen; doch Bernhard hätte mich nicht allein im Waſſer geſucht; er hätte ſich meinetwegen nicht die Pfoten naß gemacht, nicht die Idee! er liebt mich hiezu nicht genug. Nein, es iſt der gute Conſcience, der ihn mir zu Hülfe ge⸗ ſchickt hat, er iſt es, der mir die Hand gereicht, er iſt es, der. Hört! das iſt wie am Abend der Feuersbrunſt bei Julienne;.. ich habe ſeitdem viel geſchwatzt, viel eprahlt; doch an dieſem Abend hat Conſcience Alles gethan, Lonſckeme hat die Pferde, die Ochſen, die Schafe gerettet; Conſcience hat das Kind aus den Flammen geholt, denn ſeht Ihr, Conſcience, das iſt ein Burſche, der ausſieht, als wäre er zu nichts fähig, nicht wahr? Nun! ich, ich betrachte ihn als den Bravſten, als den Muthigſten, als den Beſten von uns Allen!.. Gehe, Conſcience, denn Deine Mutter ruft Dich, Deine Mutter wartet auf Dich. Doch gleichviel, ſiehſt Dn, Du haſt an Baſtien einen Freund auf Leben und Tod, und wenn Baſtien dies ſagt, ſo iſt es wahr, und wenn er Gelegenheit findet, es Dir anders b beweiſen, als durch Worte, ſo beweiſt er es. Gehe, onſcience, gehe.“ Und er ſchob den jungen Menſchen zu ſeiner Mutter hin, welche ihn wirklich erwartete, ganz dankbar gegen Baſtien für das, was er gethan hatte, weil ſie in der That fühlte, daß dies eine Erkenntniß des Herzens war. Die zwei Familien kehrten wie gewöhnlich, mit Aus⸗ nahme von Vater Cadet, in das Häuschen rechts zurück, und ließen die Thüre offen, damit alle Sympathien bis zu denjenigen gelangen könnten, die der Gegenſtand der⸗ ſelben waren. Plötzlich drang mitten durch dieſe Menge von Freun⸗ den, welche die armen Troſtloſen umgaben, eine Frau: es war Julienne, die Pächterin von Longpré; ſie hielt ihr Kind in ihren Armen, ging gerade auf Conſcience zu, der auf einem Schemel bei ſeiner Mutter ſaß, legte ihr Kind zu den Füßen des jungen Menſchen nieder und ſagte: „Conſeience, ſo wahr, als Du dieſem Kinde das Leben gerettet haſt, möchte ich, daß es das Alter hätte, um ſtatt Deiner abzugehen; Conſcience, ſo wahr, als Du ihm das Leben gerettet haſt, es würde abgehen, nicht morgen, nicht heute Abend, ſondern auf der Stelle, und Du wür⸗ deſt bei Deiner Mutter und bei Mariette bleiben.“ Und die arme Mutter ſprach dieſe Worte mit einem ſolchen Ausdruck von Dankbarkeit, daß alle Anweſende in ein Schluchzen ausbrachen, und daß Madeleine aufſtand und ſich in ihre Arme warf. Baſtien war außen; auf den Arm von Catherine geſtützt, hatte er durch die Thüre geſehen, was vorge⸗ fallen, hatte er gehört, was geſagt worden warz er legte ſeine Hand auf den runden Arm von Catherine und ſprach, auf den Gedanken antwortend, den in ſeinem Geiſte die Handlung von Julienne erregt hatte: „Ah! in der That, tauſend Säbel und Büchſen! das iſt ein Gedanke.“ „Was?“ fragte Catherine. „Nichts, ſchönes Kind, als daß Du wahrſcheinlich nicht aus Gram über meinen Verluſt ſterben wirſt, wie es bei dieſer armen Mutter der Fall ſein wird, wenn man ihr Kind von ihr trennt; ich ſetze Deine Geſundheit nicht auf das Spiel, wenn ich Dir ſage, daß ich eine kleine Reiſe machen will.“ „Und wohin denn, mein Gott?“ fragte Catherine. „Oh! ſei unbeſorgt, nicht weit; nach Soiſſons, Un⸗ terpräfectur vom Aisne⸗Departement, und da ich annehme, daß mir der Vater Matthien ein Pferd nicht abſchlägt, ſo werde ich morgen Abend oder ſpäteſtens übermorgen wieder hier zurück ſein.“ — 4 lt er d en m m n, m in d. le — te 5 „Aber um zu bleiben, Baſtien?“ „Wer weiß?“ Und er machte ſich vom Arme von Catherine los und rief: „Auf, meine Holden, umarmt mich; wünſcht mir eine glückliche Reiſe und erlaubt mir, mich aus dem Staube zu machen; je früher ich abgehe, deſto früher werde ich zurück ſein.“ Catherine kannte Sebaſtien; ſie wußte, daß, wenn er einen Gedanken in ſeinem Gehirn einquartiert hatte, dieſer ſich nicht ſo leicht wieder ausquartieren ließ; über⸗ dies ſprach Baſtien ſo oft von ſchönen Bekanntſchaften, die er bei den Regimentern oder bei den Adminiſtrationen habe, daß ſie glaubte, er habe in Soiſſons irgend einen Bekannten, dem er Conſcience empfehlen könute. Und da ſie im Ganzen ein gutes Mädchen war, ſo machte ſie, in der Hoffnung einer baldigen und glück⸗ lichen Wiederkehr, keine Schwierigkeit, Baſtien gehen zu laſſen. Was auf der Stelle zu thun Baſtien nicht verfehlte, nachdem er vom Vater Matthienu das gewünſchte Pferd erhalten hatte. Vater Cadet war ſeinerſeits nach Hauſe zurückge⸗ kehrt; er hatte Pierrot in ſeinen Stall zurückgeführt, er hatte ſeinen leeren Sack umgekehrt, um zu ſehen, ob auf dem Grunde nicht irgend ein verborgener Thaler geblie⸗ ben; dann, als er ihn leer und zwar ſehr leer ſah, ſchloß er ihn in eine alte Truhe ein und ſetzte ſich in einen großen hölzernen Lehnſtuhl, ſo daß er durch die doppelte geöffnete Thüre von ſeinem Platze aus ſah, was bei Frau Marie vorging. Und man muß ſagen, was bei Frau Marie vor⸗ ging, betrübte ihn tief. Vater Cadet liebte nach Art der Greiſe, um ſeiner ſelbſt willen; das Unglück, das die Andern traf, war für ihn kein unmittelbares Unglück, ſondern ein Un⸗ glück des Gegenſchlags; ſtreng genommen fühlte er nicht das abſolute Bedürfniß, alle Tage Conſcience und ſeinen Hund zu ſehen, welche er zuweilen beide als Faulenzer behandelte. Hätte ſich Conſcience unter gewöhnlichen Verhältniſſen auf drei Monate, auf ſechs Monate, auf ein Jahr ent⸗ fernt und in dem Häuschen eine Gewißheit ſeiner Rück⸗ kehr zurückgelaſſen, ſo würde ihm Vater Cadet ohne eine zu große Gemüthsbewegung Lebewohl geſagt haben; aber dem war nicht ſo. Conſcience ging, wohin? man wußte es nicht; er ließ, indem er ging, verzweifelte Herzen, Augen in Thränen, klagende Stimmen zurück; Alles dies ſtörte in ſeinen alten Gewohnheiten den Vater Cadet, der bei der Rückkehr von ſeinem Gute lachende Geſichter und das Abendbrod bereit zu finden wünſchte. Es war alſo eine Veränderung in ſeinem Leben, und es gibt ein Alter, wo jede Veränderung im Leben tödtlich iſt; mit ſeinen ſieben⸗ unetſ Jahren war der Vater Cadet zu dieſem Alter elangt. 4 Und dann, was auch die Socialiſten ſagen mögen, der Gedanke der Erbſchaft iſt ein großerStachel für den Menſchen: anhäufen, um einem Kinde zuhinterlaſſen, welches ebenfalls anhäufen und dem ſeinigen das Doppelte von dem hinterlaſ⸗ ſen wird, was man ihm hinterlaſſen hat, ſich zum ewigen Schlafe niederlegen, in der Hoffnung, ein Feld von drei, vier, fünf bis ſechs Morgen werde ſich vergrößern wie der Schneeball, werde ein Gut in den Händen des Sohnes, eine Domäne in den Händen des Enkels, eine Herrſchaft in den Händen der Nachkommen werden, das iſt ein Traum des Stolzes, der ſanft den Uebergang von dieſer Welt in die andere wiegt, und Vater Cadet ſah ſeine neun Morgen, auf welche er nur ſechszehnhundert Franken ſchuldig war, die er vollkommen in zwei Jahren bezahlen konnte, in den Händen von Conſcience anwachſen und, wie ein immer größer werdender goldener Teppich, in den Händen ſeiner Nachkommen die ganze Ebene von Largnh bedecken, was icht inen nzer ſſen ent⸗ ück⸗ eine ber ees gen örte bei das eine wo en⸗ lter der en: ls aſ⸗ en ei, er es, in im in n, r, in er er 7 für ihn einen ſowohl hinſichtlich des Umfangs, als des Farbenwechſels äußerſt angenehmen Horizont von Weizen, Flee und Reps bildete. Mußte aber Conſcience abgehen und wurde er getödtet, und er, Vater Cadet, ſtarb, an wen fielen dieſe neun Morgen? eine Realität, der der Traum eine ſo herrliche Ausdehnung gab? an Madeleine, welche kinderlos ſtarb und bei ihrem Tode ihr Gut nicht vergrößert hinterließ; denn welche Vergrößerung konnte ein Weib allein bewir⸗ ken; und dann, ſollte ſie auch dieſes Gut vergrößern, wem würde die Vergrößerung nützen, da die Erbſchaft aus der Familie käme? Richt als hätte Vater Cadet nie in ſeinem Leben einige Beſorgniß in Betreff deſſen gehabt, was er die Faulheit von Conſcience nannte; aber er wußte nicht genan, ob dieſe Faulheit, welche er dem jungen Menſchen zum Vorwurf machte, wirklich vorhanden war, und ob Conſcience nicht in den drei bis vier Stunden, die er arbeitete, mehr erzeugte, als er, Vater Cadet, an einem ganzen Tage. Er hatte an gewiſſen Tagen, wo er genöthigt war, ſich auf den Markt von Villers⸗Cotterets, von Crépy oder von Compisgne zu begeben, um Korn zu kaufen oder zu verkaufen, er hatte an dieſen Tagen Conſcience ſtatt ſeiner mit Pierrot und Langſam auf das Gut gehen ſehen, wenn hier geackert oder geeggt werden mußte, und am andern Tage hatte er den Boden ſo beſtellt gefunden, daß man nicht hätte glauben ſollen, er ſei nur einen einzigen Tag, ſondern er ſei zwei Tage, drei Tage bearbeitet worden. Da hatte ſich der Vater Cadet gewundert und Conſcience über die Urſachen der Geſchwindigkeit dieſer Arbeit gefragt, und Conſcience hatte einfach geantwortet: Ich habe dem Vieh geſungen und es hat gut gearbeitet.“ Und da Vater Cadet dieſe Antwort nicht begriff, obgleich er lange darüber nachdachte, ſo nahm er Conſcience eines Tages mit ſich auf das Feld, ſpannte den Ochſen und den Eſel an den Pflug, ſetzte ſich auf den Weichſtein und ſagte: 8 ſehe, wie Du die Sache angreifſt.“ Conſcience ſtellte Lang⸗ ſam und Pierrot ſogleich auf die Linie, auf der ſie gehen ſollten, ſteckte an das Ende dieſer Linie, mehr um ihnen, als um ihm als Führer zu dienen, ein Stäbchen mit Dornen, ſetzte ſich dann ruhig auf den Pflug, ſtüßzte die Füße auf die Pflugſchaar, drückte auf das Inſtrument mit ſeinem ganzen Gewichte, ſtatt mit ſeiner ganzen Kraft darauf zu drücken, was weniger ermüdend iſt, und begann ein Lied, oder vielmehr eine ſanfte, eintönige Melodie, welche Vater Cadet ganz nach dem doppelten Charakter von Pierrot und Langſam zu ſein ſchien, und die auch in der That ſo ſehr ihrem Charakter entſprach, daß beide, als ſie dieſe Melodie hörten, ohne daß man ſie im Geringſten anzutreiben brauchte, ſogleich kräftig ansogen und doppelt ſo viel Arbeit verrichteten, als wenn ſie vom Vater Cadet geführt wurden; dies veran⸗ laßte den Greis, ſo lange nachzudenken, daß er, der am Tage vorher glaubte, Riemand könne ihn im Ackerbau etwas lehren, am folgenden Tage, da er die erlangten Reſultate ſah, die Methode Cadet aufgeben und die Me⸗ thode Conſcience annehmen wollte: dem zu Folge ſpannte er Pierrot und Langſam an den Pflug, er ſteckte an das Ende ſeines Grundſtückes daſſelbe Stäbchen, ſetzte ſich dann auf den Pflug an dieſelbe Stelle, wo Conſcience geſeſſen hatte, und verſuchte es, dieſelbe Melodie anzu⸗ immen; aber lag es uun am Geſpann, lag es am Stäbchen, lag es an der Art, wie Vater Cadet ſaß, oder war hauptſächlich das Lied Schuld, mit welchem er, wie onſcience ſagte, den Thieren ſang es fehlte ohne Zwei⸗ fel etwas und zwar etwas von erſter Wichtigkeit, denn Vater Cadet mochte von ſeinem Pfluge herab, wie ein römiſcher Imperator von ſeinem Triumphwagen, immer⸗ hin ſingen, ſeinen Geſang durch Dialog und ſogar ſeinen Dialog durch Flüche unterbrechen, weder Langſam, noch Pierrot rührten ſich, und Vater Cadet, nachdem er eine „Nun! Kleiner, ſinge doch dem Vieh einmal, damit ich mac laul folg zuer was wird Stunde in fruchtloſen Verſuchen verloren, war genöthigt, zur alten Methode, das heißt zur Methode Cadet, zurück⸗ zukehren, wenn er ſich auch im Grunde ſeines Herzens zugeſtehen mußte, die Methode Conſcience verdiene den Vorzug vor jener.. Vater Cadet bedachte alſo, daß, wenn Conſcience, ſtatt zu gehen, bleibe, daß, wenn Conſcience, ſtatt getödtet zu werden, lebe, daß, wenn er, Vater Cadet, ſtatt ge⸗ nöthigt zu ſein, Alles Madeleine zu hinterlaſſen, in Con⸗ ſcience einen natürlichen Erben finde, trotz dieſer Fau⸗ lenzerei, über die ſich Vater Cadet zuweilen beklagte, um ſich über etwas zu beklagen, Alles ſicherlich in den Händen von Conſcience gedeihen werde, welcher in Allem, was er that, durch den Segen Gottes unterſtützt zu werden ſchien. Entſchloß ſich alſo Vater Cadet, ein augenblickliches Dyfer zu bringen, um Conſcience bei ſich zu behalten, ſo würde dieſes Opfer leicht durch die Verwendung von Conſeience bei der Feldarbeit ausgeglichen werden. Eine Folge hievon war, daß am andern Morgen, nachdem er Madeleine die ganze Nacht hatte ſchluchzen hören, Vater Cadet bei Tagesanbruch aufſtand und, ehe noch Conſcience und Mariette, bis an's Ende ihren Gewohnheiten getreu, mit Bernhard auf— ebrochen waren, Pierrot aus dem Stalle zog und auf ihm nach der Stadt ritt. So nennt man in Haramont vomphaft Villers⸗Cot⸗ erets. Was wollte nun in Villers⸗Cotterets Vater Cadet machen, und was wollte Baſtien in Soiſſous machen? Obgleich Vater Cadet zuletzt aufgebrochen iſt, er⸗ laube man uns doch, da er den kürzeren Weg hat und folglich vor dem Andern wieder zu Hauſe ſein wird, zuerſt ihm zu folgen und uns mit dem zu beſchäftigen, di er beinahe insgeheim in Pillers⸗Cotterets machen ir Vater Cadet und Pierrot kamen frühe am Morgen in Villers⸗Cotterets an: Beide hielten ihren Einzug durch die Kirchſtraße und hielten vor der Thüre des Hauſes von Vater Niguet an. Vater Cadet, der auf der Seite nach Art der Frauen auf ſeinem Eſel ſaß, wie dies die beſtändige Gewohnheit unſerer alten Bauern der Picardie iſt, welche überzengt ſind, die Frauen würden nicht ſo ſitzen, wäre dies nicht die beſte Art des Sitzens, glitt von Pierrot auf die Erde herab, band den Eſel an den Laden von Meiſter Niguet an und klopfte an die Thüre. Frau Niguet öffnete ihm, ſie erkannte den Greis⸗ „Ei! guter Gott, Vater Cadet,“ fragte ſie,„was macht Ihr denn ſo frühzeitig hier? Habt Ihr Euch geſtern bei Eurer Rechnung geirrt und meinem Manne einen Thaler zu viel gegeben?“ „Nein, Frau Niguet, nein, es iſt mir nie begegnet, daß ich einen Thaler zu wenig oder zu viel gegeben habe, ich zähle immer zweimal: das iſt eine gute Vor⸗ ſicht, denn, ſtreng genommen, kann man ſich das erſte Mal irren. Nein, ich komme nicht deshalb, ich komme, um in Geſchäften mit Meiſter Niguet zu ſprechen.“ „Wegen eines dringenden Geſchäftes kommt Ihr alſo Morgens um halb acht Uhr?“ „Sehr dringend, Frau Niguet; ich bitte, laſſen Sie mich in die Schreibſtube eintreten.“ „In der Schreibſtube iſt aber noch Niemand, mein lieber Herr Cadet, nicht einmal der Laufburſche.“ „Mit dem Laufburſchen habe ich nichts zu thun, meine gute Frau, ich habe mit Herrn Niguet zu thun“ „Es iſt aber noch nicht eingeheizt, und Ihr werdet frieren.“ „Ich friere nie.“ „Warum kommt Ihr nicht hier herein, während Herr Niguet aufſteht?“ gen urch iſes nen heit gt icht die ſter eis. vas ern nen net, ben or⸗ Mal um Sie lein un, rdet err 11 „Ah! weil ich glaube, daß Mariette Ihnen die Milch liefert, nicht wahr, Frau Nignet?“ „Ja, Mariette, ein reizendes Mädchen „Ich glaube, ſie bringt Ihnen ihre Milch in Be⸗ gleitnug von Conſcience?“ „Ja, Euer Enkel, ein hübſcher Burſche leider.“ Fran Niguet hielt inne, weil ſie Vater Cadet wehe zu thun befürchtete. „Ja,“ ſprach dieſer,„leider iſt der Arme blödſinnig, Frau Nignet?“ „Ah! Vater Cadet, ich bin nicht die Erſte, die Euch das ſagt, nicht wahr? „Nein, gewiß nicht. Nun wohl! Frau Niguet, Conſcience ſoll mich nicht ſehen.“ „Ah! ah!“ „Nein.“ „Pierrot ſteht aber vor der Thüre, er wird Pierrot erkennen.“ „Sie haben wahrlich Recht... Haben Sie nicht einen Hof, der nach dem Pleux geht?“ „Ja.“ „So wollen wir Pierrot dort hineinführen, wir ſchließen die Thüre hinter ihm und Conſcience wird ihn nicht ſehen.“ „Gut! ich werde Herrn Nignet aufwecken, nehmt Pierrot beim Zaum, wendet Euch um den Pleux, Ihr werdet das Hofthor offen finden, und vom Hofe aus führe ich Euch in die Schreibſtube.“ „Gut, Frau Niguet, gut.“ Vater Cadet nahm Pierrot beim Zaume, wandte ſich um den Pleux, trat in den Hof ein, deſſen Thüre er offen fand, und wurde in die Schreibſtube geführt; er fand hier Herrn Niguet in einem Schlafrock von Barchent, mit einer auf ſeinem Kopfe mittelſt eines Pompadour⸗ Bandes befeſtigten baumwollenen Mütze und mit Pan⸗ toffeln an den Füßen, welche Frau Niguet vor zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren geſtickt hatte. Der Untertheil des Anzugs war nicht beſchreibbar, und wir wollen es alſo auch nicht verſuchen, ihn zu be⸗ ſchreiben. Ganz gegen die Gewohnheit gewiſſer Leute, welche mmt immer verdrießlich erwachen, war Herr Nignet immer ge guter Laune, wenn ihn ſeine Frau aufweckte; denn er kannte ſeine Frau und wußte, daß ſie ihn nicht umſonſt wr aufweckte. 1 Er empfing alſo den frühzeitigen Beſuch vortrefflich. Zi „Ah! es iſt Vater Cadet,“ ſagte er heiter;„ſetzt v Euch und laßt uns plaudern, Vater Cadet.“ „Herr Niguet und die Geſellſchaft, ich habe die Ehre, Sie zu grüßen,“ ſprach Vater Cadet. Herr Niguet ſchaute nicht einmal umher, um zu ſehen, welche Geſellſchaft Vater Cadet meine: es war ſch dies die Manier, wie Vater Cadet grüßte, mochte der⸗ ver jenige, welchen er beſuchte, oder dem er begegnete, allein oder in Geſellſchaft ſein. Er fand dies höflicher, als nur kurz Herr zu ſagen. die „Setzt Euch, ſetzt Euch.“ gů „Oh! ich danke, Herr Riguet, ich bin nicht müde,“ Nu erwiederte Vater Cadet. Und er ſetzte ſich, denn er ſprach nur ſo in Folge ſeines Höflichkeitsſyſtems. in „Laßt nun hören, Vater Cadet,“ ſagte Herr Niguet,„ als ſich ſein Client geſetzt hatte.„Ihr ſeid alſo in der Villers⸗Cotterets?“ „Ei! mein Gott, ja, Meiſter Niguet.“ „Wegen eines Geſchäftes?“ fragte Herr Rignet. ihn „Ja, wegen eines Geſchäftes,“ antwortete Vater Cadet. Und er gab einen ſchweren Seufzer von ſich⸗ ſ „Ah!“ rief Meiſter Niguet lachend,„wollt Ihr etwa on alles Feld von Largny kaufen?“ ar, e⸗ che er nſt etzt re, zu ar er⸗ ein en. lge Let, in ter wa 13 5 Vater Cadet drehte traurig den Kopf auf ſeinen Schultern. „Oh! nein, Meiſter Niguet, im Gegentheil.“ „Wolltet Ihr etwa verkaufen?“ „Ich werde vielleicht hiezu genöthigt ſein, indeſſen möchte ich auch nicht verkaufen; oh! nein, ich möchte nicht gern verkaufen.“ „Was wollt Ihr denn?“ fragte der Notar, der nicht wußte, worauf der Greis abzielte. „Ich ſagte alſo, Sie wiſſen wohl, daß geſtern die Ziehung geweſen iſt, nicht wahr?“ „Ja, und ſogar, daß es Euer armer Conſcience verloren hat.“ „So iſt es, Meiſter Niguet.“ „Was mir ſehr leid thut, das ſchwöre ich Euch.“ „Sie ſind zu gut, Meiſter Niguet und die Geſell⸗ ſchaft,“ ſagte Vater Cadet;„ja, er hat es bei der Ziehung verloren, der arme Knabe.“ „Die Nummer 18, nicht wahr?“ „Die Nummer 18, ja; ich habe alſo am Tage, wo die Ziehung verkündigt wurde, geſagt:„„Mordiv! ich gäbe wohl hundert Thaler, wenn Conſcience eine gute Nummer zöge.““ „Ah! Ihr habt das geſagt, Vater Cadet?“ „Ja, bei meinem Wort, ich ſagte das; ſo daß es mir geſtern, als er es verlor, ſo wehe that, daß ich ſagte: „„Tauſend Götter, ich gäbe fünfhundert Franken, wenn der arme Conſcience nicht dem Looſe verfallen wäre.““ „Tenfel! Ihr liebt alſo Euren Enkel ſehr?“ „Ich liebe ihn ſehr, ja, Herr Riguet, ah! ich liebe ihn ganz ungemein.“ „Obgleich. Meiſter Nignet ſah ein, daß er einen Satz ange⸗ fangen hatte, der dem Vater Cadet unangenehm ſein konnte, und hielt inne; doch Vater Cadet nahm ruhig * dieſen Satz da wieder auf, wo ihn Meiſter Niguet verlaſ⸗ ſen hatte, und ſagte: „Obgleich er blödſinnig iſt, ja, Meiſter Niguet.“ „Das iſt gut von Euch, Vater Cadet.“ „Ich weiß nicht, ob es gut iſt, doch es iſt ſo. Nun denn, Meiſter Nignet: da ein ehrlicher Mann nur ſein Wort hat, ſelbſt wenn dieſes Wort bloß ihm ſelbſt gegen⸗ über verpfändet worden iſt, ſo ſtand ich dieſen Morgen mit dem Tage auf und ſagte zu mir: Wohlan, ich will ſi n beſteigen und Meiſter Niguet aufſuchen, und hier ge in ich.“ „Was weiter?“ fragte der Notar, welcher ungedul⸗„ dig wurde, daß er die Sache nicht kommen ſah. „Was weiter? hören Sie, Meiſter Niguet; ich habe ſe wohl geſagt, ich würde fünfhundert Franken geben, wenn Conſeience nicht abgehen müßte“ „Was weiter?“ wiederholte mit wachſender Ungeduld Meiſter Riguet. „Wohl,“ antwortete mit demſelben Phlegma Vater Cadei,„ich bin bereit, ſie zu geben.“ zu Meiſter Nignet fing an zu begreifen. „Ah! ah!“ ſagte er⸗„das heißt, Sie möchten gern, daß Conſcience nicht abginge.“ „Ich gäbe fünſhundert Franken hiefür.“ be „Ah! Teufel! armer PVater Cadet, ich verſtehe; doch ſeht, fünfhundert Franken, das wäre nicht genug.“ in „Das wäre nicht genug, glauben Sie?“ di „Nein.“ fr „Ich dachte wohl hieran und faßte auch in der Stille meinen Entſchluß,“ ſagte Vater Cadet mit einem Seufter; F Meiſter Niguet, ich möchte lieber mit „ei! Sie begreifen⸗ doch wenn es durch⸗ fünfhundert Franken davon kommen; aus ſein muß, ſehen Sie Notar, welcher als Beobachter Fr „Nun?“ fragte der den Kampf ſüudirte, den im Herzen des Greiſes der Geiz m und die väterliche Geſinnung mit einander kämpften. fü un ein en⸗ gen will hier dul⸗ abe enn duld zater gern, doch Stille ufzer; er mit durch⸗ achter rGeiz n. 15 „Wenn es durchaus ſein muß,“ erwiederte Vater Cadet mit erſtickter Stimme,„ich werde bis zu tauſend ehen.“ 66 Meiſter Niguet ſchüttelte den Koyf. Vater Cadet ſah die Bewegung. „Was meinen Sie?“ fragte er. „Vater Cadet,“ ſprach der Notar,„ſchlagt Euch das aus dem Sinne, kaßt Gott walten. Reichere als Ihr ſind genöthigt geweſen, hierauf zu verzichten; Ihr habt gethan, was Ihr thun mußtet, mehr ſogar, denn Ihr wißt, die gute Abſicht gilt für die That, ſeyd alſo ruhig in Eurem Gewiſſen.“ „Ah! ja,“ ſprach Vater Cadet,„Sie ſagen alſo, das ſei zu theuer, nicht wahr?“ vn ich müſſe nicht mehr daran denken?“ „Nein.“ Vater Cadet ſtand auf und ſagte: „Ich danke, Herr Nignet. Ah! ſehen Sie, ich war zu Ihnen gekommen, wie zu einem Beichtvater, doch wenn das für meine arme Börſe zu theuer iſt...“ „Es iſt zu theuer, Vater Cadet.“ „So wollen wir nicht mehr davon ſprechen. Gott befohlen, Herr Niguet.“ Hierauf ging Vater Cadet mit langſamen Schritten, indem er ſich am Ohr kratzte, bis zur Thüre und legte d Hand an die Klinke; doch er kam wieder zurück und ragte: „Das würde ſich vielleicht bis auf fünfzehnhundert Franken belaufen, Meiſter Niguet?“ Der Notar nahm ihn bei der Hand und erwiederte: „Das würde ſich höher belaufen, lieber Vater Cadet.“ „Oh! ſehen Sie, ich weiß wohl, daß fünfzehnhundert Franken eine Summe ſind,“ ſagte Vater Cadet,„doch man hat am Ende nur ein Kind, und wenn ich um fünfzehnhundert Franken das Leben meines armen Con⸗ ſciente erkaufen und es zugleich verhindern könnte, daß ſeine Mutter, die arme Madekeine, Hungers ſtürbe... Ei! ich würde wohl ſagen: Was wollen Sie? es ſind hiedurch fünfzehnhundert Franken verloren; da aber am Ende, Sie begreifen wohl, Meiſter Nignet, ihm das Gut nach meinem Tode zufallen wird, ſo wäre es ſeine Sache, zu arbeiten, um die verlorenen fünfzehnhundert Franken wieder zu bekommen... Es würde ſich alſo me als fünfzehnhundert Franken belaufen, Meiſter iguet?“ „Auf mehr, als Euch Euer ganzes Gut, wenn Ihr es verkaufen würdet, bringen könnte, mein armer Vater Cadet.“ Der Greis war ganz verblüfft. „Wie!“ rief er,„was ſagen Sie da? Mein ganzes Gut, mein Gut, das ich ſeit fünfzehn Jahren ſelbſt pflege, egge, einſäe und ernte? mein ganzes Gut würde nicht ſo viel eintragen?“ „Nein, mein Freund; denkt nicht mehr daran.“ „Oh! Meiſter Niguet, der arme Conſciente wird alſo gehen müſſen!“ „Er wird gehen müſſen, wenn es der Reviſionsrath für gut erachtet.“ „„Ja, und der Reviſionsrath wird es für gut er⸗ achten.“ „Das iſt wahrſcheinlich; was wollt Ihr, es iſt nicht der Verſtand, was alle dieſe Burſche ſuchen, es iſt die Geſundheit, die Stärke. Um rechts um und links um machen und in zwölf Abſtufungen laden zu lernen, braucht man nicht ein Mann von Genie, wie Herr Racine, oder ein Mann von Geiſt, wie Herr Demonſtier, zu ſein. Warten alſo, bis Conſeience abgeht, mein armer Vater Cadet.“ „Ah!“ ſagte der Greis, deſſen Augen ſtier wurden, deſſen Adern ſtockten, als wäre er dem Erſticken nahe, „ah! ich muß wohl warten, da ſelbſt, wenn ich mein gan⸗ hin fal iſt lan gel der er, get Un ſo wir ent kan ſchr „vi kau Leb bin ich Thi Me ſter ſterl ſcha G aß ind am das ine ert ſo ſter Ihr ter zes lbſt rde ſo ath icht die um cht ein ten ter en, he, an⸗ 17 zes Gut verkaufen würde, dies ſeinen Abgang nicht ver⸗ hindern könnte.“ Und er blieb unbeweglich, als würde er in Ohnmacht allen. „Nun, nun,“ fragte der Notar,„Vater Cadet, was iſt denn das?“ „O guter Meiſter Niguet,“ erwiederte der Greis, langſam und traurig den Kopf ſchüttelnd,„wiſſen Sie, was Sie da gethan haben?“ „Nein, mein Freund.“ „Sie haben Madeleine und mir den Todesſtoß ge⸗ geben.“ „Ah! Vater Cadet.“ „Ja, denn er wird getödtet werden, wie Guillaume, der arme Conſcience; wie ſoll er ſich denn vertheidigen, er, ein Einfältiger? und haben ſie den armen Conſeience getödtet, ſo wird ſeine Mutter hierüber ſterben, und iſt Madeleine todt, was ſoll ich dann in dieſer Welt thun? Und dann werde ich wohl alt genug ſein, um zu ſterben, ſo daß das Gut, begreifen Sie, das Gut, wem gehören wird? Den Manscourt von Penileux oder von Viviers, entfernten Vettern: darum ſagte ich mir, als ich zu Ihnen kam ei! wenn man durch den Verkauf des Gutes den armen Knaben retten könnte! Nun!“ fuhr Vater Cadet mit dem ſchmerzlichſten Seufzer, den er noch ausgeſtoßen, fort, vielleicht wäre es das Beſte geweſen, das Gut zu ver⸗ kaufen, doch da ſelbſt durch den Verkauf des Gutes. Leben Sie wohl, Meiſter Niguet und die Geſellſchaft! ich bin Ihnen darum nicht minder dankbar! ich.. Gut! ich weiß nicht mehr, was ich ſage, und ich finde die Thüre nicht mehr. Ah! mein Gott, Alles dreht ſich, Meiſter Niguet, Alles dreht ſich, und mir ſcheint, ich ſterbe. Ah! ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ich ſterbe. Leben Sie wohl, Meiſter Nignet und die Geſell⸗ ſchaft.. Gott.. befohlen...!“ Gott und Tenfel. I. 2 Sn 18 Und nachdem er einen Augenblick geſchwankt hatte, fiel Vater Cadet, wie vernichtet durch die Wucht ſeinet Gemüthserſchütterung, in die Arme von Meiſter Niguet; dieſer ſetzte ihn in einen Lehnſtuhl und rief ſeine Frau zu Hülfe, gerade in dem Angenblick, wo ſie zu Conſcieme ſagte: „Mein guter Freunnd, ſeid Ihr auch ſicher der Freundſchaft von Vater Cadet?“ „Warum dies, Madame?“ „Ei! mir ſcheint, er geht darauf aus, euch zu ent⸗ erben.“ Aber Conſeience ſchüttelte ſanft den Kopf und ginh weg, ohne etwas von dieſer Seite zu befürchten. 3 Während er die Thür hinter ſich und Mariett ſchloß, hörte die Frau des Notars, daß ihr Mann ſie Hülfe rief. Was dieſen ärgerlichen Gedanken im Geiſte von Frau Niguet veranlaßt hatte, war die Vorſicht, mit de Vater Cadet vor ſeinem Enkel ſeine Gegenwart bei den Notar zu verbergen und Pierrot im Hofe unterzubringen geſucht hatte. Indeß ſie raſch dem Rufe ihres Mannes folgte wiederholte ſie ſich: „Was auch der arme Conſcience ſagen mag, dahinter iſt etwas.“ Dahinter war, daß den armen Vater Cadet ein Schlaganfall getroffen hatte, der ſicherlich tödtlich geweſen wäre, hätte man nicht auf der Stelle nach dem gute Doctor Lecoſſe geſchickt, welcher zum Glück zur rechten Zeit kam, um dem Greiſe zur Ader zu laſſen. Der Aderlaß bot ſich nämlich in jener Zeit, wo die Hombopathie noch nicht erfunden war, als das einzige Mittel gegen Schlaganfälle. bar und ſon bra von an folg den Tag gine ein der eine ſich Vor einz dem auf ein in ſ worf hatte, ſeiner liguet; Frau iſeieme er der zu ent⸗ d ginh kariett ſie zu te von mit der ei den bringen folgte ahinter det ein geweſen guten rechten wo dir einzige wWas Jaſlien in Bpiſſons zu thun hatte. Baſtien hatte, wie wir geſehen, ein Pferd vom Nach⸗ bar Matthien entlehnt, hatte ſich darauf geſchwungen, und ritt im ſcharfen Trab auf der Straße nach Soiſ⸗ ſons hin. Obgleich er aber nur zwei und eine halbe Stunde brauchte, um die ſieben Meilen zurückzulegen, welche ihn von der merovingiſchen Stadt trennten, kam er doch erſt an Ort und Stelle, als es Nacht geworden war, und folglich nach dem Schluſſe der Bureaux. Er faßte ſeinen Entſchluß, ſtieg im Gaſthofe zu Drei Jungfrauen ab und wartete bis zum andern age. Am andern Morgen, als die Bureaux offen waren, ging er nach der Unterpräfectur, und er richtete es ſo gut ein, daß er bis zum Unterpräfecten ſelbſt gelangte, und der Unterpräfect befahl, als er hörte, Baſtien habe in einer Rekrutirungsangelegenheit mit ihm zu ſprechen, ſtatt ſich zu weigern, ihn zu empfangen, oder ihn lange im Vorzimmer warten zu laſſen, Baſtien ſogleich bei ihm einzuführen. Baſtien trat mit gerundetem Arme, den Kalpack auf dem Ohr, den Dollman auf der Schulter, das Kreuz auf der Bruſt, ein und ließ ſeine Sporen klirren wie ein Menſch, der ſeine Wichtigkeit kennt. Der Unterpräfect ſtand vor dem Kamin, eine Hand in ſeiner Weſte, das Knie geſpannt, den Kopf zurückge⸗ worfen. Man wußte, daß ſo gewöhnlich der Kaiſer empfing, und alle Welt, beſonders die ſchätzbare Klaſſe der öffent⸗ lichen Beamten, eine in allen Zeiten ſehr nnabhängige Klaſſe, dieſe ſchätzbare Klaſſe beſonders hatte die Unab⸗ hängigkeit, ſich nach ihm zu modeln. Er warf einen raſchen Kennerblick auf Baſtien, erkannte in ihm einen Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren, klein von Wuchs, aber gut gebaut und tanglich zugleich für den Dienſt von drei bis vier Waffen⸗ gattungen. Uebrigens hatte Baſtien wohl in dieſer Hinſicht ſeine Wahl getroffen, da er vor dem Unterpräfeeten in ſeiner Huſarenuniform erſchien. „Herr Unterpräfect,“ ſprach Baſtien, indem er ſich in den Hüften wiegte und die Hand an den Kalpack hielt, „ich habe mir die Freiheit genommen, Sie zu beläſtigen, um Ihnen zu ſagen....“ „Ja, mein Freund,“ unterbrach ihn der Unterpräfect, um mir zu ſagen, daß Sie einberufen ſind, und daß 6 x. Ihrem Regimente zurückzukehren wünſchen, nicht wahr?“ „Nein, Herr Unterpräfect, da irren Sie ſich.“ „Man wird Ihnen Ihre Marſchroute geben; das geht mich nichts an; doch Sie thaten immerhin wohl daran, daß Sie ſich an mich wandten. Seine Majeſtät der Kaiſer und König braucht Leute, und es iſt unſere Pflicht, jedem Militär den Wiedereintritt in den Dienſt zu erleichtern.“ „Verzeihen Sie, Herr Unterpräfect, es iſt nicht von einer Einberufung die Rede; man hat ſeinen Abſchied mit der Penſion und dem Ehrenkreuze, wie Sie ſehen können, und folglich das Recht, an ſeinem Herde zu bleiben und die Füße über einander zu ſchlagen. Hier iſt das Papier, ganz in der Ordnung, wie Sie ſehen, mit dem Vogel oben darauf, und wenn ich Sie in Uniform aufgeſucht habe, ſo iſt dies ſo, weil ich finde, daß die Uniform meine natürlichen Vorzüge beſonders hervorhebt.“ „Was wollen Sie dann? was wünſchen Sie dann? ſprechen Sie!“ woll darc unte Unt iſt, A zu k aber Kre zu e Mor ſelbſ Unte Seit 21 nab⸗„Was ich will, was ich wünſche, Herr Unterpräfeet, wollte ich Ihnen eben eröffnen, als Sie mich dadurch ſtien, daran verhinderten, daß Sie mich ſehr zur Unzeit bis unterbrachen.“ und„Zur Unzeit, wie, zur Unzeit?“ wiederholte der ffen⸗ Unterpräfect. „Zur Unzeit iſt eine Redensart, der wir uns beim ſeine Regiment bedienten, um ohne Grund zu ſagen.“ 4 einer„So erklären Sie ſich, was wollten Sie mir eröff⸗ nen, hätte ich Ihnen nicht zur Unzeit, wie Sie beim ſich Regimente ſagten, das Wort abgeſchnitten“ hielt, Baſtien ſchaute den Unterpräfecten ſcharf an, um zu igen, ergründen, ob nicht eine verborgene Beleidigung in den Worten des öffentlichen Beamten liege. äfect,„Ja,“ ſprach er,„ja, beim Rrregiment ſagten wir daß das; ahl beim Rrregiment war es ein Vergnügen.“ nicht„Ich warte,“ verſetzte der Unterpräfect,„daß Sie mir gefälligſt mittheilen, in welcher Abſicht Sie mir das Vergnügen gemacht haben, mich zu ſtören.“ das„Hätten Sie mich ſprechen laſſen, ſo wüßten Sie wohl es ſchon: ich habe Sie geſtört, um Ihnen zu melden, jeſtãt daß ich vom Dorfe Haramont bin.“ nſere„Was iſt das, das Dorf Haramont?“ ienſt„Wie, Sie wiſſen nicht, was das Dorf Haramont iſt, und Sie ſind Unterpräfect des Aisne⸗Departement? 3 Ah! gut, das iſt ein drolliger Unterpräfect.“ ſchied Der Unterpräfert hatte gute Luſt, zwei Bedienten ſehen zu klingeln und Baſtien vor die Thüre werfen zu laſſen, e zu aber Baſtien hatte ſeinen Säbel an der Koppel und ſein er ſt Krenz auf der Bruſt, und zu jener Zeit, wo die Säbel zu ernſten Schlachten gezogen wurden, wo es nicht jeden fori Morgen Kreuze im Mo niteur regnete, war es etwas, ß die ſelbſt in Gegenwart einer ſo wichtigen Perſon wie ein ebt.“ Unterpräfect in einer Unterpräfectur, einen Säbel an der a Seite und ein Kreuz auf der Bruſt zu haben. Statt ſich in eine Polemik mit Baſtien einzulaſſen, trat der Unterpräfect an ein Papier, welches auf die Tapete des Cabinets genagelt war, ſuchte zugleich mit den Augen und dem Finger und ſagte: „He! he! he! Haramont, richtig, Canton Villers⸗ Cotterets, ſiebzig Feuerſtellen, vierhundert Einwohner, hat bei der Aushebung von 1814 neun Mann zu ſtellen.“ „Gut,“ ſagte Baſtien,„Sie wiſſen nun, was Hara⸗ mont iſt, wir können weiter ſprechen.“ „Neun Mann,“ wiederholte der Unterpräfect!„nun, hat Ihr Dorf ſeine neun Mann geſtellt?“ „Mein Dorf wird ſtellen, was es ſtellen muß,“ ant⸗ wortete Baſtien, gereizt durch die Manieren des Unter⸗ präfecten,„und zum Beweiſe dient, daß geſtern die Ziehung ſtattgefunden hat; ich komme ſogar deshalb hierher.“ „So ſagen Sie doch einmal, warum Sie kommen.“ „Ich ſage Ihnen ja, ich komme deshalb hieher.“ „Wie, deshalb?“ „Ja, wegen der Conſcription.“ „Ah! Sie ſind doch nicht ausgehoben, da Sie Ihren Abſchied haben.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Unterpräfect, Sie werden nie zu etwas kommen, Sie ſind zu hitzig, wie man beim Rrregimente ſagte.“ Der Unterpräfect machte eine Bewegung der Ungeduld. „Ah! Ruhe, Ruhe,“ verſetzte Baſtien;„wenn ich ſage, ich komme deshalb, ſo heißt das, ich wolle für Einen einſtehen, der es bei der Ziehung verloren hat.“ „Dann nur heraus mit der Sprache. Sie ſagen alſo, Sie wollen für Einen einſtehen, der dem Looſe verfallen iſt?“ „Sie verkaufen ſich alſo?“ „Nein, Herr Unterpräfect, ich ſchenke mich.“ „Wie! Sie ſchenken ſich?“ verſetzte erſtaunt der Unterpräfect. Aber der 2 ich n das nur brau würt er iſt das man weni zurü Ver chen brin es i Nam man zugel f die mit llers⸗ hner, llen.“ Hara⸗ „nun, ant⸗ inter⸗ die shalb men.“ Ihren „Sie wie eduld. in ich le füt hat.“ ſagen Looſe it der 23 „Habe ich nicht das Recht dazu, ja oder nein?“ „Allerdings.“ „Wenn ich das Recht dazu habe, ſo gibt es kein Aber. Sie hören alſo, ich ſchenke mich, doch nur unter der Bedingung, daß derjenige, welchem und für welchen ich mich ſchenke, nicht abgeht.“ „Das iſt nur zu billig, da Sie ſtatt ſeiner abgehen.“ „Statt ſeiner, ſo iſt es: ſchreiben Sie mich alſo in das Regiſter ein und expediren Sie mich ſo ſchnell als nur immer möglich; da Sie ſagen, der kleine Geſchorene brauche ſo viel Leute, ſo muß man ihn nicht warten laſſen.“ „Wie! der kleine Geſchorene?“ „So nannten wir ihn zu meiner Zeit; vielleicht würde ihm das zu dieſer Stunde nicht mehr anſtehen; er iſt vielleicht ſtolzer geworden, als er damals war; das geht mich nichts an; begegnet man ihm, ſo wird man ihn Eure Majeſtät nennen. Doch wir ſchweifen ein wenig zu weit ab. Laſſen Sie uns zu unſeren Hämmeln zurückkehren, wenn's beliebt.“ „Ah!“ fragte der Unterpräfect,„es iſt alſo Ihr Verwandter, Ihr Neffe, Ihr Bruder, derjenige, für wel⸗ chen Sie eintreten wollen?“ „Er iſt nichts von Allem dem.“ „Und Sie würden ein ſolches Opfer einem Fremden bringen?“ „Einmal iſt Conſcience kein Fremder; es iſt.... es iſt Conſcience..“ „Er heißt Conſcience?“ „Ja; das wundert Sie?“ „Wahrhaftig, dieſe Bauern haben zuweilen ſeltſame Namen.“ „Ja, nicht wahr, den Leuten in den Städten gibt man keine ſolche?“ „Und Sie ſind feſt entſchloſſen, für Conſeience ab⸗ zugehen?“ „Feſt entſchloſſen.“ 24 „Haben Sie auch Alles wohl überlegt?“ „Bei Gott!“ „Es iſt gut, ich werde Ihnen eine Zeile an den Arzt geben, damit er ſich verſichert, ob Sie nicht irgend ein Gebrechen haben.“ „Ei! Herr Unterpräfect... „Nun?“ ic„Mir ſcheint, man ſieht nicht aus wie ein Gebrech⸗ icher.“ „Gleichviel, das iſt eine Förmlichkeit.“ „Oh! wenn das eine Förmlichkeit iſt, ſo hat man nichts dagegen zu ſagen: man wird ſich ihr unterziehen.“ Hienach wartete Baſtien ruhig, bis der Unterpräfect ſeinen Brief geſchrieben hatte. „Hier,“ ſagte der Unterpräfect, als er den Brief geſchrieben, zuſammengelegt und geſiegelt hatte,„tragen Sie dieſes Billet zum Doctor; doch was haben Sie denn an Ihrer Hand.“ „Oh! laſſen Sie das,“ verſetzte Baſtien, indem er ſeine rechte Hand zurückzog und die linke ausſtreckte, um den Brief zu nehmen. „Nein,“ ſagte der Unterpräfect,„nicht an dieſer Hand, an der andern; mir ſcheint, es fehlen Ihnen zwei Finger.“* „Ei! gewiß fehlen Sie mir. Wenn man ſie mir abgeſchnitten hat, können Sie nicht mehr da ſein.“ „Ah! wenn Ihnen zwei Finger fehlen, ſo iſt das ein Grund der Untauglichkeit.“ „Wie, ein Grund der Untauglichkeit!“ „Allerdings; ein einziger würde genügen. Oh! Sie begreifen, Seine Majeſtät der Kaiſer und König will vollſtändige Männer haben.“ „Hol ho! Herr Unterpräfect, mir ſcheint, Sie ſind ſehr häkelig.“ „Wenn Sie für Ihre Rechnung abgingen, mein liebe doch alle Wei hätte der mein Leute um ſ Verd „wei nate n den irgend brech⸗ t man ehen.“ räfect Brief tragen n Sie em er e, um dieſer zwei ie mir ſt das Sie 3will e ſind mein 25 lieber Freund, ſo würde man es nicht ſo genau nehmen; doch Sie gehen für einen Andern ab, der wahrſcheinlich alle ſeine Glieder hat, und wir können vernüuftiger Weiſe einen ſolchen Tauſch nicht geſtatten.“ „Sie ſagen alſo, ich ſei nicht tauglich?“ „Ich ſage, Sie ſeien untüchtig zum Kriegsdienſte.“ „Ah! tauſend Donner, man wird Ihnen Leute ge⸗ ben gebaut wie ich, damit Sie mit ihnen handeln.“ „Mein lieber Freund, Sie mußten damit anfangen, daß Sie mir Ihre Hand zeigten; man hätte nicht mit Ihnen gehandelt, man hätte Ihnen ſogleich geſagt: Das iſt nicht möglich, und damit wäre es abgethan geweſen.“ „Somit wollen Sie mich alſo nicht ſtatt des armen Conſcience?“ „Ich bin troſtlos, Ihnen unangenehm ſein zu müſ⸗ ſen, mein lieber Herr, doch das iſt unmöglich.“ „Somit wird der arme Conſcience abgehen?“ „Sehr wahrſcheinlich, wenn ihm nicht etwas fehlt, wie Ihnen.“ „Sie wiſſen nicht, daß Sie eine ganze Familie in. die Verzweiflung ſtürzen?“ „Bah!“ 2 „Daß ſich ſeine Mutter zu Tode grämen wird?“ „Wenn ſich alle Mütter darüber zu Tode gegrämt hätten, ſo würde man nicht ſo viele in Trauer treffen.“ Baſtien erſchrak über dieſe abſcheuliche Antwort. „Es iſt gut,“ ſagte er mit einer gewiſſen Würde, der man ihn nicht für fähig gehalten hätte,„Gott iſt mein Zeuge, daß ich Alles gethan habe, um dieſe wackern Leute vor der Verzweiflung zu retten, und Sie Alles, um ſie darin zu erhalten; Gott wird uns nach unſern Verdienſten richten. Leben Sie wohl, Herr Unterpräfect.“ „Ah!“ ſprach der Unterpräfect, der ihm nachſchaute, weiß denn dieſer Burſche nicht, daß er, ehe drei Mo⸗ nate vergehen, wieder für ſeine eigene Rechnung unter 36 die Fahne gerufen werden wird, und daß ich, wenn ich ſein Anerbieten annähme, der Regierung einen Mann escamotiren.“ Erklärungen. Vater Cadet war auf ſeinem Eſel durch den Lauf⸗ burſchen von Meiſter Nignet zurückgeführt worden. Dieſer neue Schmerz war eine Ablenkung für den ſchon vorhandenen Schmerz der Familie. Der Doctor Lecoſſe hatte dem Alten eine Verordnung mitgegeben, welche mit der größten Pünktlichkeit zu be⸗ folgen war. Trotz der Wirkſamkeit der Behandlung, trotz der Schnelligkeit, mit der man dem Greiſe zu Hülfe gekom⸗ men, war die linke Seite, da die Blutergießung auf der rechten ſtattgefunden, mit völliger Lähmung bedroht, und, ſchwer geworden, vermochte die Zunge kaum einige Laute zu articuliren. Doctor Lecoſſe verſprach Beſſerung, ohne jedoch ſich für eine gründliche Heilung zu verbürgen. Am klarſten bei Allem dem war, daß Vater Cadet gerade in dem Angenblick, wo Conſeience abgehen ſollte, unfähig wurde, ſein Feld zu beſtellen, und daß ſomit, wenn die Arme von Vater Cadet gelähmt blieben, das Feld auch unbeſtellt bleiben mußte. Das war indeſſen ein zukünftiges Unglück, und, außer Vater Cadet in ſeinem armen geſtörten Gehirne, vielleicht Niemand über das gegenwärtige Unglück inaus. kehr Alten Hara den der C ein L Urſac imme Schm ihre Stur Mutt merke vor d in ſe und ſache Herr Erſta 1 Erſal hat u falls 6 n ich Mann Lauf⸗ den dnung n be⸗ tz der em⸗ uf der „und, Laute ch ſich Cadet ſollte, ſomit, das und, hirne, nglück 27 Baſtien kam im Dorfe zwei Stunden nach der Rück⸗ kehr von Vater Cadet an. Der Unfall, der dem armen Alten widerfahren war, bildete das Geſpräch von ganz Haramont und es war die erſte Neuigkeit, mit der man den Huſaren begrüßte. „Gut, es fehlte ihnen ſonſt nichts mehr,“ ſagte er. Und er ging in das Häuschen links, um ſich nach der Geſundheit von Vater Cadet zu erkundigen, doch ohne ein Wort von ſeiner Reiſe nach Soiſſons oder von der Urſache dieſer Reiſe zu ſagen. Nur betrachtete er von Zeit zu Zeit, was er ſonſt immer mit Stolz that, ſeine verſtümmelte Hand mit Schmerz und ſagte: „Du verfluchte Hand!“ Am andern Tag brachten Mariette und Conſcience ihre Milch nach der Stadt und kamen zur gewöhnlichen Stunde zurück. Als Conſcience eintrat, ging er, ohne daß er ſeine Mutter, Frau Marie, Mariette oder Catherine zu be⸗ merken ſchien, gerade auf das Bett des Greiſes zu, kniete vor dieſem Bette nieder, unterſtützte den armen Kranken in ſeiner Anſtrengung, ſeine beiden Hände aufzuheben und ſie ihm auf den Kopf zu legen, und ſprach: „O guter Großvater! verzeihe mir, daß ich die Ur⸗ ſache des Unfalles bin, der Dir widerfahren iſt; nur der Herr allein kann wiſſen, wie ſehr ich Dir danke.“ Die Frauen ſchauten und hörten Conſcience mit Erſtaunen an. Aber Mariette flüſterte ihnen zu: „Vater Cadet wollte das Gut veräußern, um einen Erſatzmann für Conſcience zu kaufen. Meiſter Niguet hat uns Alles mitgetheilt.“ Die Frauen falteten die Hände und knieten eben⸗ falls vor dem Greiſe nieder. Das Gut von Vater Cadet! das war ſein Herz, mehr als ſein Herz! Vater Cadet hatte alſo Conſciente mehr als ſein Herz geben wollen. Es ſcheint, dieſes Schauſpiel befeuerte die Einbil⸗ dungskraft von Catherine, denn plötzlich rief ſie: „Ah! bei meiner Treue, das iſt übrigens nicht der Einzige!“ „Was wollt Ihr damit ſagen, mein Kind?“ fragte Madeleine. „Ich will damit ſagen, daß Leute, welche nicht ein⸗ mal ſeine Verwandten ſind, für Conſcience eben ſo viel thun wollten, als Vater Cadet, der ſein Großvater iſt, und daß ſie, da ſie kein Gut anzubieten haben, ſich ſelbſt angeboten haben.“ Madeleine, Frau Marie und Mariette ſchanten Ca⸗ therine mit Verwunderung an. Conſcience hatte den Kopf auf das Bett des Greiſes geneigt und ſchien zu beten. „Ja,“ fuhr Catherine fort,„und ich könnte einen braven Burſchen anführen, der ſogar nicht fern von hier, und der in Soiſſons geweſen iſt, um ſich für Conſciente anzubieten, und hätte ihn der Unterpräfect nicht wegen ſeiner Hand abgewieſen, ſo brauchte man ſich hier nur mit dem Alten zu beſchäftigen.“ „Baſtien!“ riefen alle Stimmen. „Wie! Was gibt es? Wer ruft Baſtien?“ fragte der Huſar, der an der Thüre erſchien. „Oh! Baſtien!“ riefen gleichzeitig Madeleine, Frau Marie und Mariette,„Ihr habt das gethan?“ Und alle drei brachen in ein Schluchzen aus. „Gut,“ ſagte Baſtien,„da hat Catherine geſchwatzt! Oh! die verdammten Weiber, daß ſie gar nicht ſchwei⸗ gen können!“ „Ei! was iſt's denn!“ verſetzte Catherine;„ich konnte nicht an mich halten und habe geſagt, daß Ihr in Soiſſons geweſen.“ „Das iſt nicht wahr!“ und z ander beiden bot. riette bei 6 Cathe 7 wäre, nicht er ger große Oh! Jahre und a was iſt nie fluchte von v haſt 9 küſſen, therin 7 ſtiente Einbil⸗ cht der fragte ht ein⸗ ſo viel ter iſt h ſelbſt n Ca⸗ Freiſes einen n hier, ſcience wegen er nur fragte „Frau watzt! ſchwei⸗ ich ß Ihr 29 „Daß Ihr den Unterpräfecten geſehen.“ „Das iſt nicht wahr!“ „Und daß er Euch wegen Eurer Hand abgewieſen.“ „Nicht wahr! nicht wahr! nicht wahr!“ Madeleine ergriff die verſtümmelte Hand von Baſtien und zog ſie an ihre Lippen, während Frau Marie die andere an ihr Herz drückte und Mariette zwiſchen den beiden Frauen durch dem Huſaren ihre Stirne zum Kuſſe bot. „Was iſt denn das?“ fragte Baſtien. „Du ſiehſt es wohl,“ antwortete Catherine,„Ma⸗ riette gibt Dir ihre Stirne zu küſſen, Dummkopf.“ „Mariette,“ verſetzte Baſtien,„Ihr auch?“ „Wie,“ ſagte Mariette,„Ihr habt das aiſo gethan?“ „Das iſt nicht. wah.„ ſonderbar! ich kann bei Euch nicht lügen, Mariette, während ich ſo gut bei Catherine lüge.“ „Seht Ihr!“ rief Catherine. „Ei nun!“ ſprach Baſtien,„wenn es auch wahr wäre, was iſt denn daran ſo viel! Hat mir Conſcience nicht das Leben gerettet? Gehört denn mein Leben, das er gerettet, nicht ihm? War es denn übrigens eine ſo große Sache für mich, in's Feuer zurückzukehren?... Oh! das Feuer kennt mich; ich habe ſieben bis acht Jahre alle Tage davon gegeſſen, manchmal am Morgen und am Abend und auch wohl in der Racht Doch was wollt Ihr! ſie haben mich abgewieſen.... das iſt nicht meine Schuld, das iſt die Schuld meiner ver⸗ fluchten Hand... Ah! ſprechen wir nicht mehr davon komm, Catherine. Du haſt Unrecht gehabt, hie⸗ von vor den Frauen zu reden, oder pielmehr nein, Du haſt Recht gehabt, da mir das die Ehre, Mariette zu küſſen, eingetragen hat.“ „Seht Ihr, ſeht Ihr, der Herr Huſar!“ rief Ca⸗ therine. „Komm! komm! ich fühle, daß ich weich werde, —— — 30 und wenn ich weine, bin ich ungehener dumm... Komm, Catherine, komm!“ Und er zog Catherine aus dem Häuschen fort; doch bei der Thüre traf er Conſcience. „Ah! gut,“ ſagte Baſtien,„Du warteteſt auf mich; nun wird die Reihe an Dir ſein.“ „Nein,“ erwiederte Conſcience,„weil ich begreife, was Du gethan haſt, Baſtien; ich wollte nur mit Dir ſprechen.“ „Mit mir?“ „Mit Dir.“ „Mit mir allein?“ „Mit Dir allein.“ „Sogleich?“ „Nein, morgen, während Marie in der Stadt und der Doctor Lecoſſe beim Großvater iſt.“ „Es iſt gut. Wenn ich die Pferde des Nachbar Matthien zur Tränke führe, werde ich Dich dort bei den drei Eichen erwarten.“ „Ich danke, Baſtien.“ „Schön,“ bemerkte Catherine, indem ſie wegging, „er iſt nicht ſehr redſelig, dieſer Herr Conſcience.“ „Catherine,“ erwiederte Baſtien,„das iſt möglich, doch bei zwei Veranlaſſungen hat er mir bewieſen, daß nicht diejenigen am meiſten handeln, welche am meiſten ſchwatzen und Lärm machen.“ Der Tag verging für die Familie auf die gewöhn⸗ liche Weiſe, nur kamen die Thränen und die neuen Sor⸗ gen in Folge der Krankheit von Vater Cadet hinzu. Wie Conſcience die Sprache der Thiere zu verſtehen ſchien, ſo ſchien ihm der Herr auch die Fähigkeit, das unverſtändliche Stammeln des Greiſes zu errathen, ge⸗ geben zu haben. Kaum wünſchte Vater Cadet etwas, ſo hatte er es ſchon; kaum wandte ſich ſein glaſiger Blick irgend einem Gegenſtande zu, ſo hatte Conſcience dieſen Gegenſtand ſchon in ſeinen Händen und machtt na ſie anf mo deſ vor Bl ihr wie ſich die abe Co war den er 2 Pfe den an Dir Trer könn Wor Unte doch mich; reife, Dir und chbar i den ging, glich, daß eiſten öhn⸗ Sor⸗ inzu. ſtehen das twas, ſiger ience achte 31 gauz ſo für den Kranken davon Gebrauch, wie dieſer es nur immer wünſchen mochte. Statt am andern Tage mit Mariette die Milch nach der Stadt zu bringen, ſagte Conſcience Mariette, ſie möge allein gehen, ihre Runde beim Doctor Lecoſſe anfangen und ihn bitten, wenn er noch nicht nach Hara⸗ mont abgegangen ſei, ſogleich aufzubrechen⸗ Mariette fragte Conſcience nie nach dem Grunde deſſen, was er that. Sie wußte, daß durch jene Art von innerer Erleuchtung, deren Strahlen ſie in ſeinen Blicken ausſtrömen ſah, jede Handlung von Conſcience ihren Grund in ſich ſelbſt hatte. Sie entfernte ſich mit Bernhard, bei dem es eines dreimal von Conſcience wiederholten Befehles bedurſte, um ihn zu veranlaſſen ſich mit Mariette auf den Weg zu begeben. Um neun Uhr Morgens führte Baſtien gewöhnlich die Pferde des Nachbars Mathieu zur Tränke; da er aber ſchleunigſt Conſcience den Dienſt leiſten wollte, den Conſcience ohne Zweifel von ihm zu verlangen hatte, ſo war er ſchon zehn Minuten vor neun Uhr unfern von den drei Eichen. Conſtience jag am Fuße von einer derſelben; als er Baſtien erblickte, ſtand er auf. Baſtien, als er Conſcience erblickte, trieb ſeine drei Pferde zur Eile an; er ſprang, ſobald er ganz nahe bei den Eichen war, auf den Boden und wollte die Thiere an den Aſt eines Baumes anbinden. „Nein,“ rief Conſcience,„das iſt unnöthig, ich habe Dir nur zwei Worte zu ſagen, Baſtien.“ „Vier, mein armer Conſcience.... Bei meiner Trene, wir haben nicht mehr ſo lange zu plandern und können uns wohl das Vergnügen gönnen.“ „Mein lieber Baſtien, ich wollte Dich bitten, mir Wort für Wort zu erzählen, was zwiſchen Dir und dem Unterpräfecten vorgefallen iſt.“ „Ah! gut!“ rief der Huſar,„wenn Du mich deshalb aufhältſt das iſt wahrlich nicht der Mühe werth.“ Und er machte eine Bewegung, um die Pferde los⸗ zubinden. „Doch, es iſt der Mühe werth, denn ich muß noth⸗ wendig Alles, was ich Dir geſagt habe, wiſſen.“ Conſcience ſprach ſo ernſt, daß ſich Baſtien durch dieſe ſanfte und feſte Stimme, die zugleich bat und be⸗ fahl, beherrſcht fühlte. „Ja, Baſtien, ich muß es nothwendig wiſſen,“ wieder⸗ holte Conſcience. „Nun gut.. ei! Du ſiehſt ein, verzeih' mir . ich glaubte, Du habeſt keinen großen Beruf für den Soldatenſtand... „Das iſt wahr.. „Obſchon ich nach dem, was ich Dich habe thun ſehen, erkläre, daß es im ganzen Heere, und ſelbſt unter den Alten, unter den Murrköpfen Keinen gibt, der muthi⸗ ger iſt, als Du.“ „Das iſt nicht Muth,“ ſprach Conſcience mit ſanf⸗ tem Tone,„das iſt Vertrauen zu Gott.“ „Es iſt, was es eben iſt.... Ich ſage alſo, ich habe Deinen geringen Beruf für den Soldatenſtand wahrgenommen, und als ich hörte, was die arme Mutter Julienne ſprach, da ſie ihr Kind zu Deinen Füßen nie⸗ derlegte, als ich überdies Alle in Thränen zerfließen ſah, kam mir der Gedanke, ſtatt Deiner abzugehen.“ „Guter Baſtien!“ „Ja, das war ſo ein Gedanke, den ich hatte. Ich liebe den Soldatenſtand; ich bin nur hiezu tauglich. Und dann ſiehſt Du, man hat beim Militär nicht immer Kum⸗ mer und Noth auszuſtehen. Es gibt gute Tage und Nächte, die nicht ſchlecht ſind. Doch Du kennſt das Alles nicht, und Du hatteſt nun einmal keinen Beruf, Soldat zu werden. Ich ſagte ganz leicht zum Unterpräfecten: „„Ei! Herr Unterpräfect, Sie ſehen ein, man muß ein⸗ and Zie zug dorl den die 6 Han was Bag reich nicht ſchüt unta jeſtä Solt Grun taug Mier Du, tene den, Finge muß. bei d Du l Dir den H dieſes halb tangli Gott halb rth.“ los⸗ noth⸗ durch be⸗ eder⸗ mir für thun unter uthi⸗ ſanf⸗ ſtand utter nie⸗ ſah, c Und kum⸗ und Alles oldat cten: ein⸗ 33 ander in der Welt helfen; Conſcience hat es bei der Ziehung verloren, er hat aber keine Luſt, zur Armee ab⸗ zugehen, und ich bin bereit, mich ſtatt ſeiner zu ſtellen.““ „Gib mir Deine Hand, Baſtien.“ „Ah! ja, die verfluchte Hand! ſie hat Alles ver⸗ dorben... Das war abgemacht, er hatte den Brief an den Arzt geſchrieben; er reicht mir den Brief, ich ſtrecke die Hand aus, um ihn in Empfang zu nehmen... „„Gut!““ ſagte er,„„was haben Sie denn an der Hand.““ Du begreifſt, ich kounte unmöglich läugnen, was ich an der Hand habe.„„Eine Erbärmlichkeit, eine Bagatelle, zwei Finger, die mir bei Wagram eine öſter⸗ reichiſche Kugel genommen hat. doch das macht nichts, geben Sie mir immerhin den Brief.““ „Nein! nein! ich danke,““ erwiederte er, den Kopf ſchüttelnd,„„ein einziger abgeſchnittener Finger würde Sie untauglich machen, im ſo viel mehr zwei! Seine Ma⸗ jeſtät der Kaiſer und König will keine verſtümmelte Soldaten.““ „Und warum iſt ein abgeſchnittener Finger ein Grund der Untauglichkeit?“ fragte Conſcience⸗ „Ein abgeſchnittener Finger iſt ein Grund der Un⸗ tauglichkeit,“ antwortete Baſtien mit einer wichtigen Miene,„weil, Du begreifſt das wohl, Conſcience, weil Du, wenn Du bei der Infanterie biſt, und der abgeſchnit⸗ tene Finger iſt der Zeigefinger, wohl Dein Gewehr la⸗ den, aber es nicht abſchießen kanuſt, inſofern Dir der Finger fehlt, mit welchem man auf die Krappe drücken muß. Andererſeits, wenn Du bei der Cavalerie eintrittſt, bei den Huſaren, zum Beiſpiel... denn ich denke, wenn Du bei der Cavalerie eintreten würdeſt, und man ließe Dir die Wahl, ſo würdeſt Du nicht anderswo als bei den Huſaren dienen... nunf da verhindert der Mangel dieſes Fingers, den Säbel tüchtig zu handhaben.. Des⸗ halb iſt ein abgeſchnittener Finger ein Grund der Un⸗ tanglichkeit.“ Gott und Teufel. U. 3 34 „Ich danke, Baſtien,“ ſagte Conſcienee;„das iſt es, was ich wiſſen wollte.“ „Iſt das Alles?“ „Ja, Alles.“ „Nun, Du weißt, wenn Du eine andere Auskunft k ſo werde ich ſie Dir mit demſelben Vergnügen geben.“ „Umarme mich nun, Baſtien,“ ſagte Conſcience. „Oh! von ganzem Herzen! Doch Du gehſt noch nicht ab?“„. „Nein.“ „Und wir werden uns noch ſehen, ehe Du gehſt?“ „Gewiß.“ Baſtien band ſeine Pferde los und ſchwang ſich auf eines derſelben. „Aber,“ ſagte er, indem er ſeine Hand über ſeine Augen hielt,„wer iſt denn der Reiter, der dort auf der Straße von Villers⸗Cotterets gegen uns kommt. Man ſollte glauben, es ſei der Doctor Lecoſſe.“. „Er iſt es wirklich,“ erwiederte Conſcience,„er ver⸗ ſprach, Vater Cadet zu beſuchen, und er kommt. Geh' nun, Baſtien, und tränke Deine Pferde.“ Conſcience ſprach dieſe Worte mit einer ſo ernſten Miene, daß ihn Baſtien erſtaunt anſchaute. veſ„Worüber denkſt Du denn nach?“ fragte er ihn eſorgt. „Ich denke, es gebe vielleicht ein Mittel, daß die Mutter Madeleine nicht vor Schmerz und der PVater Cadet nicht vor Hunger ſtirbt.“ ——-—— dD— 8— e½ Baſtien überlegte einen Augenblick; als er aber ſah,— daß er den Gedanken von Conſcience nicht zu durchdrin⸗ gen vermochte, ſagte er: „Bei Dir darf man im Ganzen nie an etwas ver⸗ zweifeln... Marſch, hup! Schwadron, zur Tränke.. Ah! beim Rrregiment, das war ein Vergnügen.“ Und er ritt im Trab nach dem großen Platze des ſt es, kunft tügen e. noch hſt 2 h auf ſeine f der Man ver⸗ Geh' rnſten r ihn ß die Vater ſah, drin⸗ ver⸗ e des Dorfes, wo dieſe Tränke lag, während Conſecience lang⸗ ſam zum Vater Cadet durch die Hinterthüre zurückkehrte. Es war in der That der Doctor Lecoſſe; er kam auf ſeiner Stute herbei, um Vater Cadet zu beſuchen, den er ſeit vierundzwanzig Stunden nicht geſehen hatte. Der Doctor wurde mit Ungeduld von der ganzen armen Familie erwartet. Die Nacht war ſehr unruhig geweſen; das Fieber hatte ſich am vorhergehenden Tage gegen ſieben Uhr Abends verdoppelt und den Kranken, welcher in einem Alcoven lag, in den das Licht kaum eindrang, nicht verlaſſen. Der Doctor ließ eine Lampe anzünden, um den Kranken genauer betrachten zu können. Sein Geſicht war bleich, ſeine Augen waren hohl; der Puls hatte ſich wie⸗ der ein wenig gehoben, aber die Zunge zitterte fortwäh⸗ rend und der Mund des Alten ließ nur unartikulirte Laute vernehmen. Da aber deſſen ungeachtet der Zuſtand des Kranken eine merkliche Beſſerung andeutete, da man ihm ſechs Unzen Blut abgelaſſen hatte, ſo wollte der Arzt keinen zweiten Aderlaß wagen, der in einem ſolchen Falle immer gefährlich iſt, bei den Bauern beſonders, das heißt, bei den Menſchen, welche in Folge einer ſchlechten Nahrung nicht viel Blut haben. Er beſchränkte ſich daher darauf, daß er für die Füße Kataplasmen von Senftmehl und für den Kopf, der hoch gehalten werden ſollte, Kaltwaſſer⸗ Umſchläge verordnete, welche, damit ſie immer friſch blie⸗ ben, von Zeit zu Zeit erneuert werden mußten. Vater Cadet war gerettet, doch er würde ſich wahr⸗ ſcheinlich nie ſeiner Arme bedienen können und auch wohl nur mit Mühe gehen. Es war indeſſen ſchon viel für dieſe arme Familie, deren Seele Conſcience, deren Kopf aber Vater Cadet, zu wiſſen, dieſer Kopf, ſo ſchwerfällig er wäre, würde ihr erhalten werden. Der Dortor verließ alſo das Häuschen unter den 36 Segnungen der Frauen; Quiot Pierre hielt ihm ſeine Stute am Zaume; er ſchwang ſich in den Sattel und ritt gegen Villers⸗Cotterets zurück. Doch auf der Landſtraße, kaum hundert Schritte vom Dorfe entfernt, erblickte er Conſcience. Conſcience ſtand ſehr bleich da, er hatte ſeine Hand mit einem feuchten, ganz blutigen Tuche umwickelt. „Oh! mein Gott!“ rief der Doctor, während er ſein Pferd anhielt,„was haſt Du denn, mein guter Con⸗ ſeience?“ „Herr Doctor,“ erwiederte Conſcience mit ſeiner ſanften, immer ruhigen Stimme,„es iſt mir ein großes Unglück begegnet.“ Ver abgeſchnitten Jinger. „Was iſt Dir denn geſchehen?“ fragte mit Theil⸗ nahme der Doctor Lecoſſe. „Ich habe mir beim Holzſpalten im Hofe des Vater Cadet einen Finger abgehauen.“ Und indem er dies ſagte, wickelte Conſcience das Tuch ab und zeigte dem Doctor ſeine verſtümmelte Hand. Unter dem zweiten Gliede abgehackt, fehlte der Zei⸗ gefinger ganz, und das Blut floß ſo ſtark aus der Wunde, daß i9 eine Verblutung der kleinen Arterie befürch⸗ ten ließ. „Wann hat ſich dieſer Unfall ereignet?“ „Vor etwa zehn Minnten, Herr Doctor.“ „Warum biſt Du nicht ſchlennigſt gekommen, um meine Hülfe in Anſpruch zu nehmen?“ eine und ritte ad on⸗ iner oßes eil⸗ ater das ind. Zei⸗ nde, rch⸗ um 37 „Ich hätte Mutter Madeleine, Marie und Mariette zu ſehr erſchreckt und wollte Sie lieber hier erwarten.“ „Aber, mein Freund, Du weißt, daß ich eine ſehr ſchmerzliche Operation an Dir zu machen habe.“ „Ich vermuthe es, Herr Doctor,“ erwiederte Con⸗ ſcience ruhig. Der Doctor unterſuchte ſorgfältig die Wunde und ſprach dann, als wollte er den Grad des Muthes von Conſcience ermeſſen: „Du weißt, daß ich genöthigt ſein werde, Dir den Finger vollends beim Gelenke abzunehmen.“ „Thun Sie das, Herr Doctor,“ erwiederte Conſcience, als hätte er nicht gehört, oder als hätte er die entſetz⸗ liche Bedentung des Wortes nicht begriffen. „Aber wo?“ „Wie! wo?“ wiederholte Conſcience. „Ja, wo werde ich die Operation machen?“ „Unter dieſen drei Bäumen,“ antwortete Conſcience: „werden wir hier nicht gut ſein?“ Der Doctor ſchaute den jungen Mann mit Erſtau⸗ nen an. „Wohlan,“ ſagte er,„doch wer wird mir bei der Operation helfen?“ „Ich, Herr Doctor.“ „Wie! Du?“ „Ja, ich.“ „Und wenn Deine Kräfte ſchwinden, wenn Du ohn⸗ mächtig wirſt?“ Ponſcience lächelte, wie die Märtyrer des Alterthums lächeln mußten. „Oh! es iſt keine Gefahr, Herr Doctor,“ ſprach er. „Gleichviel,“ ſagte der Doctor,„der Beiſtand iſt meinetwegen nothwendig, wenn auch nicht Deinetwegen... Ich werde die Arterie unterbinden müſſen, und während dieſer Zeit brauche ich einen kräftigen Mann, der die Hand zuſammenpreßt. Erwarte mich hier, drücke mit 38 Deinem linken Daumen in die hohle rechte Hand, um ſo wenig als möglich Blut zu verlieren, und ich werde ſchleunigſt Jemand hierher bringen.“ Der Doctor machte in der That eine Bewegung, um raſch wegzureiten. „Unnöthig, Herr Doctor, da kommt gerade der Mann, den wir brauchen.“ Und mit einer Geberde des Kopfes bezeichnete er dem Doctor Baſtien, welcher eiligſt ſeine Pferde vom Tränken zurückführte; Baſtien war ein wenig im Verzug; er hatte ohne Zweifel die Umſtände benützt, um ſich auch etwas zu tränken. „Ah! ja, Baſtien!“ rief der Doctor,„ein ehemaliger Soldat... Vortrefflich!“ Und er winkte ihm, noch raſcher herbeizukommen. Baſtien ſah den Wink des Doctors, unterbrach ſein Lied vom Huſaren im Felde, ſetzte ſeine Pferde in Galopp und war in einem Augenblick beim Doctor und bei Conſcience. „Was gibt es denn?“ rief er, als er auf dem Bo⸗ den das blutige Tuch und dabei Conſcience ſah, welcher ſeine verſtümmelte Hand zuſammenpreßte. „Mein lieber Baſtien,“ antwortete Conſcience,„der Herr Doctor will eine Operation machen und bedarf Deiner dabei.“ 6. Die Angen von Conſcience und Baſtien begegneten ſich ohne Zweifel in dieſem Moment: Baſtien erinnerte ſich der Unterredung, die er eine Viertelſtunde vorher mit Conſecience gehabt hatte. „Oh! der Unglückliche!“ murmelte er. „Nun?“ fragte der Doctor,„werden Sie uns hel⸗ fen, Baſtien?. Dann iſt keine Zeit zu verlieren.“ Baſtien ſprang zu Boden und band ſeine Pferde an eine der drei Eichen, während der Doctor ſeine Stute, ein Thier von ſehr ſanftem Character, das Gras am Rande der Gräben abfreſſen ließ. ha au eir ſci ter de ſer ſa 39 „Oho!“ ſagte Baſtien, indem er ſich dem Doctor n ſo näherte, welcher ſein Etui herausgezogen hatte und ſein beſtes Meſſer wählte,„das iſt ernſt.“ „Eine chirurgiſche Operation iſt immer ernſt, mein um lieber Herr Baſtien,“ erwiederte der Doctor;„Sie aber müſſen wiſſen, was dieſe bedeutet, da Sie eine ungefähr ann, ähnliche erlitten haben.“ „Ja, ja,“ verſetzte Baſtien,„ich weiß es.“ „Und dann müſſen Sie noch viele andere geſehen n haben, Sie, ein Soldat?“ g„Bei Gott! ich habe viele Andere geſehen...ich bin uch auch da, Herr Doctor, und ſtelle zu Ihrer Verfügung einen Burſchen, der nicht wanken wird.. Auf! Con⸗ iger ſcience, mein Freund, Muth, Muth!“ Es war leicht zu ſehen, daß Baſtien, ſehr erſchüt⸗ tert, was er auch ſagen mochte, Alles that, um ſich ſelbſt ſein den Muth zu verleihen, den er Conſcience zuſprach. Die⸗ in ſer lächelte mit ſeiner gewöhnlichen Sanftmuth und und ſagte nur: „Ich warte.“ Bo⸗ Man hätte glauben ſollen, dieſe reine Seele ſchwebe her über den Dingen dieſer Welt, und ſelbſt der Schmerz könne ſie nicht erreichen. der Da indeſſen der Arzt befürchtete, es könnten Con⸗ arf ſcience während der Operation ſeine Kräfte verlaſſen, ſo forderte er Baſtien auf, die Hand zu halten, an wel⸗ ten cher er die Operation vornehmen ſollte, und die Puls⸗ rte ader zuſammenzudrücken. her Der Doctor hatte ſein beſtes Biſtonri ausgewählt, ſeine Binden zugerichtet, und Alles war bereit. Er näherte ſich dem Verſtümmelten. el⸗„Aufl mein Kind,“ ſagte er,„ſetze Dich auf den Rand des Grabens.“ an„Warum dies, Herr Doctor?“ fragte Conſcience. „Mir ſcheint, Sie werden es bequemer haben, wenn ich am ſtehe.“ „Ja, doch wirſt Du ſtark genug ſein, um zu ſtehen?“ „Ich wiederhole, ſeien Sie unbeſorgt, Herr Doctor.“ „Nun, ſo lehne Dich wenigſtens an einen Baum an.“ „Dies gern.“ „In der That,“ ſprach Baſtien,„das wird mir auch bequem ſein.“ Conſcience lehnte ſich an den Stamm an. Baſtien umfaßte den Baum mit ſeiner rechten Hand, während er mit ſeiner linken die von Conſeience hielt. „Nun raſch ans Werk, Doctor,“ ſagte er. „Das iſt in zwei Minuten geſchehen,“ erwiederte der Doctor. „Und zwei Minuten ſind bald vorbei,“ ſprach Con⸗ ſcience. Der Doctor legte ſeinen Rock ab, ſtreifte ſeine Aer⸗ mel zurück und machte mit einer Sicherheit der Hand, welche den ehemaligen Regimentsarzt bezeichnete, und mit einer einzigen Bewegung einen kreisförmigen Einſchnitt ein paar Linien oberhalb des Fingergelenkes an der Hand, zog die Haut gegen die Handwurzel, um die Mnskeln vorſpringen zu machen, ſchnitt in das Fleiſch und in die Bänder ein und löſte den Finger aus dem Gelenke, ohne daß Conſcience eine Klage oder einen Seufzer von ſich gab. Der arme Knabe ſchien durch eine übermenſchliche Kraft aufrecht erhalten zu werden. Nicht ſo war es bei Baſtien, trotz ſeiner Verſpre⸗ chungen. Baſtien, der, wie er ſagte, Arme und Beine auf dem Schlachtfelde hatte abſchneiden ſehen, Baſtien huſtete, ließ Ausrufungen hören und preßte die Hand von Conſcience mit einer ganz krampfhaften Stärke, welche weniger von einer Spannung ſeiner Muskeln, als einer übermäßigen Reizung ſeier Nerven herrühren mußte. Nach zwei Minuten, als man den Finger vollends aus dem Gelenke auslöſte, waren auch die Kräfte von Baſtien völlig erſchöpft. Er erbleichte furchtbar, mur⸗ m hil „ie oh Ni nic ade tha ſeir jun wür halt falt men thar mit ſchli der Ang ſchö von Baſt erhol fende Doct bemer hen?“ ctor.“ an.“ mir aſtien nder derte Con⸗ Aer⸗ and, mit hnitt and, skeln die ohne ſich liche pre⸗ eine ſtien and irke, als ren nds von ur⸗ 41 melte ein paar unverſtändliche Worte, glitt am Baum hinab und ſank auf den Boden. „Herr Doctor! Herr Doctor!“ ſagte Conſcience, „ich glaube, der arme Baſtien wird ohnmächtig.“ „Ei! alle Teufel!“ verſetzte der Doctor,„laß ihn ohnmächtig werden, und beſchäftigen wir uns mit Dir— Nimm Deine Hand, wie er ſie hielt, und rühre Dich nicht.. Alles iſt brendigt.“ „Schon?“ verſetzte Conſcience, indem er die Puls⸗ ader abermals zuſammendrückte, wie er es Anfangs ge⸗ than hatte.„Das hat nicht lange gedauert, Herr Doctor.“ „Wahrhaftig,“ murmelte der Doctor, während er ſeine Operation vollendete,„hätte ich nicht mit dieſem jungen Menſchen das Geſpräch am Sonntag gehabt, ſo würde ich ihn für blödſinnig bis zur Unempfindlichkeit halten.“ Der Doctor legte dann den Verband mit aller Sorg⸗ falt an, um einer gefährlichen Entzündung zuvorzukom⸗ men. Als er auch das Letzte an dem Verſtümmelten ge⸗ than hatte, erhob Baſtien wieder den Kopf und umfaßte mit einem Blicke die Operation und den Operirten. Der Doctor ſchien ſehr ergriffen; Conſcience aber ſchlug ruhig die Angen zum Himmel auf und ſchien aus der Betrachtung von Dingen, welche für gewöhnliche Angen unſichtbar, die beinahe übernatürliche Stärke zu chöpfen, von welcher er ſoeben einen Beweis abgelegt hatte. Während ſich der Arzt noch mit der rechten Hand von Conſcience beſchäftigte, reichte dieſer ſeine linke Hand der ſich ganz ſchwankend wieder auf ſeine Beine erhob. „Ah!“ ſagte er, indem er ſeine von Schweiß trie⸗ fende Stirne abwiſchte,„Sie bedürfen meiner nicht mehr, Doctor?“ „Nein, mein Freund,“ erwiederte der Arzt,„und ich bemerke Ihnen ſogleich: wenn ich wieder einmal eines — ——— —— ——— ——— 42 Beiſtandes zu einer Operation dieſer Art bedarf, ſo werde ich mich an einen Andern, als an Sie wenden.“ „Und Sie haben Recht, Doctor,“ verſetzte Baſtien, „beſonders, wenn Sie dieſe Operation an Conſcience vornehmen.“ „Warum dies?“ fragte der Arzt.„Mir ſcheint im Gegentheil, daß Conſcience die Operation ganz ſtoiſch ertragen hat.“ „Das iſt es gerade,“ verſetzte Baſtien;„wenn ich auf den Schlachtfeldern oder in der Ambulance Arme und Beine abſchneiden ſah, ſo ſchrieen, heulten, fluchten die⸗ jenigen, welche man amputirte... Man konnte zu ihnen ſagen: Schweiget doch, Ihr Schreihälſe! Während Con⸗ ſcience mit ſeinem ſanften Blicke, mit ſeinem ewigen Lä⸗ cheln... Ah! das hat mich ganz angegriffen, ganz um⸗ gekehrt.. mein Herz drehte ſich, mein Kopf drehte ſich, und.. gute Nacht! Doch nun iſt das vorbei. Ich führe die Pferde des Nachbar Matthien nach Hauſe, dann bin ich zu Deinen Dienſten, Conſcience.“ Und er ſchwang ſich wieder auf ſein Pferd, ritt im ſcharfen Trab weg und murmelte dabei: „Gleichviel! mir ſind die Leute lieber, welche ſchreien.. Ah! beim Rrregiment, das war ein Vergnügen.“ „Guter Baſtien!“ ſagte Conſcience, der ihm nach⸗ ſchaute. Baſtien hatte nicht fünfzig Schritte gemacht, als man in der Richtung des Häuschens ein ſchmerzliches Heulen hörte. „Was iſt das?“ fragte der Doctor, unwillkürlich bebend. „Oh! nichts,“ antwortete Conſcience;„Bernhard, der mit Mariette Milch nach der Stadt gebracht hat, iſt zu⸗ rückgekommeu, und da er weiß, daß mich ein Unfall be⸗ troffen hat, ſo klagt er.“ „Wie, er weiß, daß Dich ein Unfall betroffen hat?“ verſetzte der Doctor, der die Binde vollends um das Fauſ er es gen und Doct er au fürcht Sie, der G ſchein aus 8 mit er 2 Made täuſch 7 ich ſei rets g faßte der m das 1 zweites ſcience dem e dritten folgten verde ſtien, ience tim wiſch n ich und die⸗ hnen Con⸗ Lä⸗ um⸗ ſich, Ich auſe, tim en.. nach⸗ man eulen irlich , der tzu⸗ lbe⸗ at?“ das 43 Fauſtgelenke mit einer Nadel befeſtigte;„und woher weiß er es?“ „Ah! Sie fragen mich da mehr, als ich Ihnen ſa⸗ gen kann,“ erwiederte Conſcience..„er weiß es.. und zum Beweiſe.... hören Sie.“ Man vernahm ein zweites noch kläglicheres Geheul. „Warum kommt er dann nicht zu Dir? fragte der Doctvr. Conſcience lächelte. „Oh! ſeien Sie unbeſorgt,“ antwortete er,„ſobald er ausgeſpannt iſt, wird er herbeilaufen.... Nur be⸗ fürchte ich, daß er meine Mutter mitbringt. Ei! ſehen Sie, was ſagte ich Ihnen?“ Man ſah in der That in demſelben Augenblick an der Ecke des Häuschens von Vater Cadet Bernhard er⸗ ſcheinen, der, ohne daß er ſich zu vrientiren brauchte, aus Leibeskräften gerade auf die drei Eichen zulief. „Das iſt wunderbar,“ ſagte der Doctor, indem er mit erſtauntem Auge dem raſchen Laufe des Hundes folgte. Doch der Blick von Conſcience war ſtarr geblieben. Beinahe in der gleichen Sekunde erſchienen auch Madeleine und Mariette an der Ecke der Hütte. „Sie ſehen wohl, Herr Doctor, daß ich mich nicht tänſchte,“ ſagte Conſcience. „Ei! wirſt Du mir das erklären?“ „Oh! das iſt leichter.... meine Mutter glaubte, ich ſei wie gewöhnlich mit Mariette nach Villers⸗Cotte⸗ rets gegangen. Als ſie Mariette allein zurückkommen ſah, faßte ſie Beſorgniſſe. Da erkannte der Hund den Unfall, der mir widerfahren war. Er heulte ein erſtes Mal, das machte meine Mutter aufmerkſam; dann ein zweites Mal, und meine Mutter ſagte: Es iſt Con⸗ ſcience etwas zugeſtoßen; und als endlich Bernhard, nach⸗ dem er von ſeinem Wägelchen abgeſpannt war, zum dritten Male heulend ſeinen Lauf gegen mich nahm, folgten ihm meine Mutter und Mariette.“ * 44 Während Conſcience dieſe Erklärung gab, erreichte ihn Bernhard; er ſprang halb traurig, halb frendig um ihn her und ſuchte ſeine rechte Hand, um ſie ſanft zu lecken, indeß Conſcience ſeine linke Hand über ſeinen Kopf erhob und Madeleine und Mariette, um ſie zu be⸗ ruhigen, zuwinkte. Trotz dieſes Winkens, kam die arme Mutter ſehr bleich und ſehr erſchrocken herbei, denn ſie ſah auf dem Boden das blutige Tuch und auf dem Rande des Gra⸗ bens das noch offene Etui des Arztes. Der Doctor ging ihr zwanzig Schritte entgegen. „Oh! mein Gott! Doctor, was iſt denn meinem armen Conſcience zugeſtoßen?“ rief ſie. Mariette, welche nicht zu ſprechen wagte, fragte mit dem Blicke. „Nichts,“ erwiederte der Doctor,„oder vielmehr ein Unfall ohne Bedeutung.“ „Ein Unfall!.... Conſcience! Conſcience!“ „Meine Mutter,“ ſagte Conſecience,„ängſtige Dich nicht, Du ſiehſt mich ja hier.“ „Mein Gott! ein Unfall, ein Unfall!“ rief die arme Mutter. Und ſie ſuchte die Hand zu ſehen, welche Conſcience vor ihr hinter ſeinem Rücken verbarg. Mariette ſah nun, was Madeleine nicht ſehen konnte „O meine Mutter!“ rief ſie,„Conſcience hat nur noch vier Finger an der Hand.“ „Und das iſt ein großes Glück,“ ſagte der Doctor Lecoſſe,„denn in Folge dieſes Unfalls wird nun Con⸗ ſcience unfehlbar für untauglich erklärt werden.“ „Und Du begreifſt, gute Mutter, ich werde Dich nicht verlaſſen.... ich werde Dich nicht verlaſſen Mariette.“ Bei dieſen Worten ſank Madeleine auf die Kniee erhob ihre Hände zum Himmel und ſprach: Nam halb Stei in de ſeinet wiede werd liche das am 2 war erſten rung Unfall daß e 2 ſproch ſo gut und h mit ſo gewöh wahrne u traf, n nung e Conſcie D folgend Es eichte g um ift zu ſeinen be⸗ ſehr f dem Gra⸗ en. einem e mit lmehr. Dich arme cience onnte t nur octor Con⸗ Dich laſſen niec, 4⁵ „Mein Gott! was Du thuſt, iſt wohl gethan, Dein Name werde geheiliget im Himmel wie auf Erden.“ „Conſcience! Conſeience!“ flüſterte Mariette,„des⸗ halb ſchickteſt Du mich alſo allein nach Villers⸗Cotterets?“ „Stille!“ erwiederte Conſcience. In dieſem Angenblicke ſah man hinter einer kleinen Steige Baſtien erſcheinen, der, nachdem er ſeine Pferde in den Stall geführt hatte, mit aller Haſt, wie er es ſeinem Freunde verſprochen, herbeilief. „Nun! nun!“ ſagte der Doctor Lecoſſe, während er wieder ſein Pferd beſtieg,„beruhigt Euch Ich werde morgen wieder kommen, und da Ihr wackere, ehr⸗ liche Leute ſeyd, ſo wollen wir hoffen, daß Alles auf das Beſte geht.“ Alles ging in der That auf das Beſte, wenigſtens am Anfang. Wie es beinahe bei allen Lähmungsfällen iſt, ſo war es auch bei Vater Cadet, deſſen Verſtand in den erſten Tagen ſeiner Krankheit dergeſtalt in Verwir⸗ rung gerieth, daß man ihm keine Erklärung über den Unfall, der Conſcience zugeſtoßen war, geben konnte, und daß er dieſen Unfall nicht einmal bemerkte. Der Doctor kam am andern Tage, wie er es ver⸗ ſprochen hatte, wieder. Es ging bei den zwei Kranken ſo gut als möglich. Conſcience ſtand viele Schmerzen aus und hatte ein ſtarkes Fieber; doch er ertrug ſein Leiden mit ſo viel Ruhe, daß man nur an ſeinen in einer un⸗ gewöhnlichen Flamme glänzenden Angen dieſes Leiden wahrnehmen konnte. Unter dem Unglück aber, das die beiden Häuschen traf, war die durch ein Wort des Doctors erweckte Hoff⸗ nung entſtanden, zum Kriegsdienſte untauglich, werde onſcience am Reviſionstage entlaſſen werden. Dieſer Tag war, wie man ſich erinnert, der nächſt⸗ folgende Sonntag, der fünfte Tag nach dem Unfall. Es ſind ſieben Meilen vom Dorfe Haramont bis ———— zur Unterpräfectur. Alle andere Conſcribirten mußten, um Morgens um zehn Uhr in Soiſſons zu ſein, in der Nacht abgehen und dieſe ſieben Meilen zu Fuße machen. Aber obgleich Conſcience behanptet hatte, er ſei ſtark genug, um dieſen Marſch wie ſeine Kameraden zu Fuße zu machen, wollte doch Baſtien, auf den Rath des Doctor Lecoſſe, nichts hievon hören, und am Sonntag um ſechs Uhr Morgens war er mit einem kleinen Wagen, den ihm der Nachbar Mathien geliehen, vor dem Häuschen von Vater Cadet. Die Frauen wollten ſich nicht ſo von Conſcience trennen. Einmal hatte Mariette ihre Milch nach Vil⸗ lers⸗Cotterets zu bringen; das war eine gute Gelegen⸗ heit, eine Stunde mit dem Geliebten zu gehen und länger bei ihm zu bleiben. Madeleine als Mutter ver⸗ langte auch von dieſer Gelegenheit Gebrauch zu machen; Frau Marie, welche am wenigſten Mutter von Beiden, da ſie es uur durch die Milch, nicht durch das Blut war, blieb allein zurück, um Vater Cadet zu warten. Bernhard ſolite mit dem Karren dem Wagen folgen⸗ In dem Augenblicke, wo man ihn anſpannen wollte, ſträubte ſich aber der arme Hund ſehr; er ſah, daß man eine Reiſe vorhatte, an der er wahrſcheinlich nicht Theil neh⸗ men würde, und da ihn die Erfahrung gelehrt hatte, daß ſeinem Herrn, wenn er ihn nur auf zwei Stunden verließ, ein Unglück widerfuhr, ſo befürchtete er ohne Zweifel, wenn er ihn auf eine längere Zeit verlaſſe ſo werde ihm ein größeres Unglück widerfahren. Vater Cadet ſah alle dieſe Vorbereitungen mit einen trüben Auge, wie man im Traume ſieht, das heißt, ohne Klarheit und Sicherheit. Man ſagte ihm, Conſciene wolle eine kleine Reiſe machen, und damit begnügte er ſich Die zwei Frauen, nachdem ſie Marie umarmt hat ten, ſtiegen auf den Wagen, Conſcience ſetzte ſich au die andere Bank, Baſtien, der ſich neben ihn ſetzte, peitſch das Pferd, und man ging ab. 8 gri che M ko es Sc die Th ver wiſ me er Tre war wor der entl ein jede ſchli teret in E chen mehr auf wohl hatte laſſer ten, der hen. ience Vil⸗ gen⸗ und ver⸗ hen; iden, war, lgen. ollte, eine neh⸗ atte, inden ohne laſſe inen ohnt ciene ſich hat h ai itſcho Bernhard heulte lange und traurig und folgte dem größeren Wagen. An dieſem Tage war das Dorf vor der gewöhnli⸗ chen Stunde wach. Die Conſeribirten, welche ſieben Meilen zu Fuß zu machen hatten, um nach Soiſſons zu kommen, waren um drei Uhr Morgens abgegangen, und es waren, als läge dem in jedes Haus eingetretenen Schmerz daran, ſich ſichtbar zu machen, die Thüren offen, die Lichter angezündet geblieben, und durch dieſe offenen Thüren, beim Scheine dieſer Lichter ſah man hier eine vereinzelte, unbewegliche, in der Stille ihre Zähren ab⸗ wiſchende Mutter, dort eine weinende, ihre Thränen ver⸗ mengende Gruppe. Hätte der Tod ſelbſt an alle dieſe Thüren geklopſft, er würde ſie nicht in eine düſterere und ſchmerzlichere Trauer gehüllt haben. Diejenigen, welche hohe Nummern gezogen hatten, waren wie die Andern zur Unterpräfectur vorgeladen worden, denn, obgleich man ſehr ſchwierig in Betreff der Befreiung geworden, mußte man doch die Leute entlaſſen, welche nicht das Maaß hatten, oder die irgend ein Gebrechen zum Kriegsdienſte völlig untauglich machte; jeder Zurückgewieſene vermehrte ſo um eine Nummer die ſchlimme Chance. Bei Tagesanbruch befand man ſich in Villers⸗Cot⸗ terets; es war ſieben Uhr. um zehn Uhr mußte man in Sviſſons ſein; es blieben noch ſechs Meilen zu ma⸗ chen und es war keine Zeit zu verlieren. Um ſeinen armen Freunden noch einige Augenblicke mehr zu laſſen, hielt Baſtien erſt am Ende der Stadt auf der Straße nach Soiſſons an. Hier mußte man wohl Abſchied von einander nehmen. Es war die erſte Trennung. Nie ſeit ſeiner Geburt hu Conſcience ſeine Mutter auf einen ganzen Tag ver⸗ aſſen. Wer weiß, auf wie viel Tage man ſich verließ! Yie Reviſion. Die Hoffnung, Conſcience werde zurückgewieſen wer⸗ den, dieſe Hoffnung, mit der man gelebt, die man ge⸗ nährt, die man gepflegt und geliebkoſt hatte, ſo lange der Tag der Trennung nicht gekommen war, dieſe Hoffnung, an die man wie an eine Wirklichkeit geglaubt hatte, ſuchte man, rief man nun herbei, und ſie entſchlüpfte den Armen, die ſie feſthalten wollten, wie ein Dunſt, wie eine Wolke entſchlüpft, wie eine Chimäre entſchlüpft! Die Umarmungen währten lange und waren ſehr ſchmerzlich; Conſcience konnte Mariette nicht umarmen, wie er ſeine Mutter umarmte: während er Madeleine mit ſeiner verſtümmelten Hand an ſein Herz drückte, gab er die andere Hand Mariette, und Mariette neigte ihre Stirne auf diefe Hand und badete ſie in Thränen. Bernhard, als hätte er ſeine Niedrigkeit begriffen, heftete das Auge auf die troſtloſe Gruppe und nahm nicht einmal ſeinen Theil an der Liebe in Anſpruch; hätte man ihn angeſchaut, ſo würde man leicht geſehen haben, welcher tieſe Schmerz in ihm lebte.. Es ſchlug halb ſieben Uhr: man hatte nur noch dritthalb Stunden, um die ſechs Meilen zu machen. Während er eine Thräne mit ſeinem Aermel abwiſchte, fing Baſtien an mit ſeiner Peitſche zu klatſchen, als wollte er alle dieſe vergeßlichen Gedächtniſſe darauf aufmerkſam machen, daß der Augenblick der Trennung gekemmen ſei. Da wurden die ſtillen Thränen zu einem Schluchzen; einzelne geſtammelte Worte drangen aus den Lippen durch die Küſſe hervor, und während man zu Baſtien, der nicht minder bewegt war, als die Andern, ſagte: Noch eine Minnte, Baſtien! noch eine Sekunde!“ trennte man ſich. har Sc Cot Her aus her Der Hut auf arm ſchie Fre Ma Ber zu wie gen ſicht ſame er k der. riette verſc und Got wer⸗ ge⸗ der ung, atte, den wie ſehr men, leine gab ihre iffen, nahm ruch; ſehen noch achen. iſchte, wollte rkſam n ſei. chzen; tippen n, der Noch n ſich. 49 Indeſſen traf eine Klage, die der Ausdruck eines menſchlichen Schmerzes zu ſein ſchien, das Herz von Conſcience, welcher eben wieder auf den Wagen ſteigen wollte. „Oh! Baſtien!“ rief Conſcience,„der arme Bern⸗ hard! ich vergaß ihn.“ Und er lief zu Bernhard, der beſcheiden zwanzig Schritte entfernt ſtand und nun aber, als er ſah, daß Conſcience ſich ſeiner erinnerte und zu ihm kam, ſeinem Herrn ſo ſchnell entgegenlief, daß er die Hälfte der Milch aus den blechernen Gefäßen, in denen ſie enthalten war, herausſpritzen machte. Man lache nicht über das, was wir hier ſagen. Der Abſchied war zärtlich zwiſchen dem Herxn und dem Hunde. Conſcience flüſterte ihm ein paar Worte zu, auf welche der Hund durch ein für jeden Andern als den armen Einfältigen unverſtändliches Gebell zu antworten ſchien. Doch ein Verſprechen war zwiſchen den zwei Freunden ausgetauſcht worden: Conſcience gab Bernhard Mariette für die ganze Zeit, die er abweſend wäre, und Bernhard machte ſich verbindlich, ihr zu dienen und ſie zu vertheidigen. Ein letzter Kuß, raſch wie ein Morgenhauch und, wie dieſer, von Thränen befeuchtet, wurde auf die Wan⸗ gen von Madeleine gelegt, ſchweifte über das ganze Ge⸗ ſicht von Mariette hin, und Conſcience ſtieg, vom unbeng⸗ ſamen Baſtien fortgezogen, wieder in den Wagen. Der Wagen ging ab; Conſcienre neigte ſich hinaus; er konnte noch fünf Minuten lang mit dem Kopfe und der Hand auf das Winken ſeiner Mutter und von Ma⸗ riette antworten, und erſt bei der Biegung der Straße verſchwand Alles. Da ſetzte ſich Madeleine auf den Rand des Grabens und ließ ihren Kopf auf ihren Schoß fallen. Mariette ſchaute ſie lange, die Stirne geſenkt, das Gott und Teufel. U. 4 Geſicht in Thränen gebadet und die Arme hängend, an; dann kehrte ſie, dieſen großen mütterlichen Schmerz ehrend, der immer ein Abgrund neben andern Schmerzen zu ſein ſcheint, mit Bernhard in die Stadt zurück, feſt überzengt, wenn ſie ihre Runde beendigt habe, werde ſie Madeleine da, wo ſie dieſe ließ, wiederfinden. Der Wagen, auf welchem Baſtien und Conſciente ſaßen, fuhr indeſſen immer weiter auf der Straße nach Soiſſons. Auf den Schlag zehn Uhr hielt er vor der Thüre der Unterpräfectur. Da die Roviſion gerade ſo ſtattfand, wie die Ziehung ſtattgefunden hatte, das heißt, nach al⸗ phabetiſcher Ordnung, ſo ſollte der Canton Villers⸗Cot⸗ terets erſt gegen vier Uhr aufgerufen werden. Somit hätte Conſcience wenigſtens fünf Stunden mit Madeleine und Mariette zubringen können, und er brachte ſie nun auf den Stufen einer Thüre mit Baſtien zu. So langſam auch die Stunden hingehen, ſie ver⸗ ſinken am Ende doch, eine nach der andern, in jenen Schlund der Vergangenheit, den man die Zeit nennt. Die Reihe kam an Haramont und die fünf jungen Leute, welche es bei der Ziehung verloren hatten, wurden in Begleitung der vier, die durch ihre hohe Nummern be⸗ dem Militärdienſte zu entkommen glaubten, ein⸗ geführt. Der Saal bot einen ernſten Anblick: auf einer Eſtrade ſaßen der Unterpräfect, der Maire und die Mu⸗ nicipalbehörden. Zwei Aerzte der Stadt und zwei Mi⸗ litärärzte ſtanden in einem Halbkreiſe, in welchen die Aufgerufenen eintraten; ein Dutzend Gendarmen war an der Wand anfgeſtellt. Die Ordnung der Reviſion, welche man für die Stadt beobachtete, war für die Dörfer umgekehrt: mal hatte die jungen Lente in einem und demſelben Saale verſammelt, und ſie wurden nach der Nummer, die ſis wor erre ſich, wer ſein ſchw einet Rück hätte man den 2 oder Befel an; rend, ſein engt, leine ience nach hüre fand, h al⸗ Cot⸗ inden nd er enzu. ver⸗ jenen tennt. Leute, en in n be⸗ „ein⸗ einer Mu⸗ i Mi⸗ n die ar an r die man Saale ie ſie 51 gezogen, aufgerufen; das heißt, derjenige, welcher die Nummer 1 gezogen, wurde zuerſt aufgerufen und ſo fort, bis der Contingent geſtellt war. Conſcience ſollte ſomit als der achtzehnte erſcheinen, da er die Nummer 18 gezogen hatte. Diejenigen, welche zurückgewieſen wurden, bekamen die Erlaubniß, abzugehen und ſogleich nach Hauſe zurück⸗ zukehren; diejenigen aber, welche man für tüchtig erklärte, wurden in die Regiſter eingetragen, den Regimentern zu⸗ getheilt, in eine proviſoriſche Kaſerne geſchickt und muß⸗ ten in ein paar Tagen zu den Regimentern abgehen. Unter den achtzehn Erſten, welche der Reviſionsrath unterſuchte, wurden nur drei für untauglich erklärt, der Eine, weil er das Maß nicht hatte, der Andere, weil er, ſein Handwerk als Dachdecker treibend, von einem Hauſe herabgefallen war und das Knie gebrochen hatte, wonach ſein Bein ſteif geblieben, und der Dritte, weil er an einer Schwindſucht litt, die ſchon den zweiten Grad erreicht hatte. Dann kam die Reihe an Conſcience. Sein Name wurde aufgerufen, die Thüre öffnete ſich, und er trat ein. Sie ſollte eben wieder geſchloſſen werden, als durch die Oeffnung dieſer Thüre Baſtien ſeinen Kopf ſtreckte. Ein Gendarme wollte dieſen Kopf zwingen, zu ver⸗ ſchwinden, da er jedoch einen Militär erkannte, und zwar einen dervrirten Militär, ſo nahm er ein wenig mehr it als er gegen irgend einen Andern genommen hätte. „Kamerad,“ ſagte er,„der Befehl lautet beſtimmt: man darf nicht herein, wenn man nicht die Ehre hat, zu den Behörden zu gehören, Arzt, Wundarzt, Conſcribirter oder Gendarme zu ſein.“ „Teufel!“ verſetzte Baſtien,„das iſt wirklich der Lefehls⸗ 52 „Sie können ſich denken, daß ich gegen einen Bra⸗ ven wie Sie nicht lügen werde,“ entgegnete der Gendarme. „So iſt es mir nach dem Befehl alſo nicht erlaubt, daß ich eintrete?“ „Es iſt nicht erlaubt.“ „Es iſt mir nicht erlaubt, daß ich den Kopf ſo, wie gegenwärtig, in den Saal hineinſtrecke?“ „Das iſt ebenſo wenig erlaubt,“ antwortete der Gendarme. Und er machte eine Bewegung, um die Thüre zu ſchließen. „Warten Sie doch,“ ſagte Baſtien,„wenn es mir verboten iſt, hineinzugehen, wenn es mir verboten iſt, den Kopf in den Saal zu ſtrecken... „Es iſt verboten.“ „Gut. es iſt aber nicht verboten, daß Sie aus Unachtſamkeit, um einem Alten ein Vergnügen zu berei⸗ ten, um einem Kameraden einen Gefallen zu thun, die Thüre nur angelehnt laſſen.. ſehen Sie, ſo. ₰ daß ich abwechſelnd das Auge oder das Ohr daran halte, je nachdem ich ſehen oder hören will... und Sie be⸗ greifen, Gendarme, es liegt mir viel daran, zu ſehen und zu hören, was vorgehen wird, da ich mich unendlich für den Conſcribirten, den man in dieſem Augenblick unterſucht, intereſſire.“ Der Gendarme wandte ſich gegen ſeinen Kameraden um und fragte ihn: „He! hörſt Du?“ „Ja wohl.“ „Was denkſt Du davon?“ „Ich denke, es iſt kein großes Verbrechen, zu thun, was er wünſcht.“ „Gut, Kamerad,“ ſagte der Gendarme zu Baſtien, „die Freunde ſind keine Türken.“ „Ah! das laſſe ich mir gefallen.“ „Horchen Sie, ſchauen Sie, aber ſprechen Sie kein 18 die die cat ra⸗ me. ubt, wie der zu mir iſt, aus erei⸗ die ate, be⸗ ſehen idlich nblick taden thun, ſtien, e kein 53 Wort, ſonſt klemme ich Ihnen das Ohr oder die Naſe in die Thüre ein.“ „Seien Sie unbeſorgt, man wird vernünftig ſein,“ verſetzte Baſtien. „St!“ die Behörde ſpricht,“ ſagte der Gendarme, „ſchweigen wir.“ „Das iſt nur zu billig,“ erwiederte Sebaſtien, und er horchte. Während des von uns mitgetheilten Geſprächs rief man Conſcience vor die Eſtrade, auf der der Unterpräfect ſaß; man fragte ihn nach ſeinem Namen und ſeinen Vornamen und nach den Gründen, die er für ſeine Be⸗ freiung geltend zu machen habe. Er zog ſeine Hand aus dem Tuche, das ſie trug. Zwei Chirurgen näherten ſich ihm ſogleich, nahmen den Verband ab und entblößten die Wunde, welche ſich zu vernarben aufing. Als ſie dieſe ſo characteriſtiſche Wunde ſahen, wech⸗ ſelten die zwei Chirurgen einen Blick mit dem Unter⸗ präfecten und lächelten dann einander zu. „Mein Freund,“ fragte mit einem ſüßlich ſpöttiſchen Tone einer von den Chirurgen,„wann iſt Euch der Un⸗ fall begegnet, den Ihr als Befreiungsgrund anführt?“ „Mein Herr,“ erwiederte Conſcience,„das iſt mir am letzten Dienſtag zugeſtoßen.“ „Zwei Tage nach der Ziehung?“ „Ja, mein Herr.“ „Und folglich zwei Tage, nachdem Ihr die Nummer 18 gezogen?“ „Ja, mein Herr.“ „Nun?“ fragte der Unterpräfect. „Herr Unterpräfect,“ verſetzte der Chirurg,„der Fall iſt nicht neu; die Römer thaten zuweilen, was dieſer Juuge hier gethan hat; nur ſchnitten ſie ſich, da die Flinte zu ihrer Zeit noch nicht erfunden war, den Daumen ab; ein abgeſchnittener Daumen, Pollex trun- eatus, war ein ſo häuftg vorkommender und ſo bezeich⸗ nender Fall, daß er die franzöſiſche Sprache mit dem Worte poltron*) bereichert hat.“ Nachdem er dieſen Beweis von ſeiner Gelehr⸗ ni ſamkeit gegeben hatte, verbeugte er ſich anmuthig vor we dem Unterpräfecten, der ſeinen Gruß nicht minder an⸗ la muthig erwiederte.. 1„Teufel! Teufel!“ murmelte Baſtien,„mir ſcheint, w 3 das geht ſchlecht.“ „Stille!“ ſagten gleichzeitig die beiden Gendarmen. R „Ihr hört, was der Herr Chirurg ſagt, junger Mann,“ ſprach der Unterpräfect. pr „Ja, mein Herr,“ erwiederte Conſcienee,„ich höre, 3 aber ich begreife nicht.“ dů 1„Ihr begreift nicht, daß Ihr eine Memme ſeid? 1 Ich glaube, Sie ſind in einem Irrthume begriffen, 4 Herr Unterpräfect,“ ſagte Conſeience mit derſelben Ein⸗ 3 fachheit;„ich bin keine Memme!“ „Und warum habt Ihr Euch nicht den Daumen, eri ſondern den Zeigefinger abgeſchnitten? denn Ihr habt ver Euch den Finger ſelbſt abgeſchnitten, und zwar ohne Hu Zweifel abſichtlich?“ M „Ja, ich ſelbſt, und zwar abſichtlich, wie Sie ſagen⸗ Herr Unterpräfect.“ ſo „Nun!“ bemerkte der Unterpräfect,„er iſt wenigſtens auf kein Lügner.“ „Ich habe nie gelogen, mein Herr,“ ſagte Conſcience; „wozu nützt es übrigens, zu lügen, da man, angenommen, mel es gelänge einem, die Menſchen zu täuſchen, Gott nicht 6 tänſchen kann?“ „Aus welchem Grunde habt Ihr Euch denn den Finger abgeſchnitten? ſagt es uns, da Ihr nie lügt.“ wel „Um nicht abgehen zu müſſen.“ mer Die Behörden waren gerade in einer guten Lanne; 1 ſie lachten überlaut. * Feigherziger, Memme. em hr⸗ vor an⸗ int, en. ger re, fen, in⸗ en, abt hne en, ens ice; en, icht den gt. 55 „Das geht ſchlecht! das geht ſchlecht!“ murmelte Baſtien den Kopf ſchüttelnd.„Konnte der Einfaltspinſel nicht ſagen, es ſei durch einen Zufall geſchehen. Oh! wäre ich an ſeiner Stelle, wie wollte ich ſie blau au⸗ laufen laſſen!“ „Stille doch!“ ſagten die zwei Gendarmen,„oder wir ſchließen die Thüren.“ „Ja, Gendarme,“ erwiederte Baſtien,„Sie haben Recht, ich ſchweige.“ „Ihr wolltet alſo nicht abgehen?“ fragte der Unter⸗ präfect. Se mein Herr, ich wünſchte nicht abgehen zu dürfen.“ „Und nicht aus Feigheit wünſchtet Ihr frei zu ſein?“ „Nein, mein Herr.“ „Warum denn?“ „Mein Herr,“ antwortete Conſcience mit ſeinem ernſten und zugleich ſanften Ton,„wenn ich abgehe, ſo verlaſſe ich einen alten kranken Großvater, der vor Hunger, und eine liebe arme, in Thränen zerfließende Mutter, welche vor Gram zu ſterben Gefahr läuft.“ Conſcience ſprach dieſe Worte mit einem ſo tiefen, ſo innigen Ausdruck, daß ſelbſt die Behörden zu lachen aufhörten. „Ah!“ murmelte Baſtien,„bei Gott! gut geantwortet.“ „Werdet Ihr ſchweigen?“ ſagten die beiden Gendar⸗ men. „Ich? ich habe nicht geſprochen,“ erwiederte Baſtien. Die Municipalbeamten wechſelten einen Blick. Dann ſetzte der Unterpräfect ſeine Fragen fort, welche nach und nach die Form eines Verhörs angenom⸗ men hatten. „Wer hat Euch den unglücklichen Gedanken einge⸗ geben, Euch den Finger abzuſchneiden?“ „Sie ſelbſt, Herr Unterpräfect,“ antwortete Conſcience. „Wie! was?.. Es iſt ja das erſte Mal, daß ich Euch ſehe und mit Euch ſpreche.“ „Das iſt wahr, mein Herr; doch einer meiner Freunde, der am letzten Montag in Soiſſons geweſen iſt, hat die Ehre gehabt, Sie zu ſehen und mit Ihnen zu ſprechen“ „Mit mir? Einer von Euren Freunden?“ Baſtien machte die Thüre auf und ſtreckte den Kopf zwiſchen den zwei Flügeln durch. „Das war ich, Herr Unterpräfect,“ ſagte er:„er⸗ kennen Sie mich?“ „Zurück!“ riefen die zwei Gendarmen, während ſie die Thüre jeder anf ſeiner Seite zudrückten und Baſtien beim Hals packten. He! he!“ rief Baſtien,„nehmt Euch doch ein wenig in Acht mit Euren Geberden, Ihr erwürgt mich, Ka⸗ meraden!“ Und er öffnete die Thüre mit Gewalt, ging zwiſchen den zwei Gendarmen durch und befand ſich im Saale. Der Unterpräfect war im erſten Angenblick Willens, Baſtien hinausführen zu laſſen; doch die Uniform des Huſaren und ſein Kreuz brachten ihre gewöhnliche Wir⸗ kung hervor; mit dem Kopfe nickend, bedeutete der öf⸗ fentliche Beamte den Gendarmen, ſie ſollen ſeine Gegen⸗ wart in dem geheiligten Raume dulden. Ermuthigt durch dieſes Nicken, dachte Baſtien, es ſei an ihm, das Wort zu nehmen und die Erklärung zu eben. 8 Conſcience hatte ſich gegen ihn umgewandt und lä⸗ chelte ihm zu. Baſtien fühlte ſich durch dieſes Lächeln noch mehr ermuthigt. „Hören Sie alſo, wie ſich die Sache verhält, Herr Unterpräfect,“ ſagte er.„Ich bin, wie Sie wiſſen, hier geweſen und habe mich für Conſcience angeboten... „Ja, ich erkenne Sie.“ ß ich einer weſen hnen Kopf „er⸗ d ſie aſtien venig Ka⸗ ſchen aale. lens, des Wir⸗ r öf⸗ egen⸗ „es ig zu d lä⸗ mehr Herr hier 57 „Oh! es wäre dennoch wahr, wenn Sie mich auch nicht erkennen würden... Sie haben mich aber zurück⸗ gewieſen, unter dem Vorwand, es fehlen mir zwei Finger, und Sie ſehen, meine Herren,“ fügte er bei, indem er ſeine Hand zeigte,„die zwei Finger fehlen mir wirklich.“ „Nun! welche Coincidenz kann dies mit dem haben, was ſo eben dieſer junge Menſch ſagte?“ „Co. in ci denz?“ wiederholte Baſtien. ſichtbar in Verlegenheit gebracht durch dieſes Wort... „Gleichviel!.. Die Coincidenz iſt folgende; Conſcience hat durch eine Frau erfahren... Sie wiſſen, Herr Unterpräfect, es iſt den Frauen durchaus unmöglich, zu ſchweigen.. Er hat alſo durch eine Frau erfahren, durch Catherine.. die Tochter von Vater Pierrot, dem Holz⸗ ſchuhmacher... er hat alſo erfahren, daß ich in Soiſſons geweſen.. Ich hatte die Unvorſichtigkeit begangen, Latherine anzuvertrauen.. ich ſei in Soiſſons ge⸗ weſen, ich habe mich angeboten, ſtatt Conſcience in den Militärdienſt einzutreten, und Sie haben zu mir geſagt: „„Mein lieber Herr Baſtien, es thut mir unendlich leid, Sie zurückweiſen zu müſſen, aber Sie können Conſcience nicht erſetzen, in Betracht, daß Ihnen zwei Finger fehlen.““ Sie fügten ſogar bei, Sie müſſen ſich deſſen erinnern, Herr Unterpräfect:„„Einer, das wäre ſchon zu viel!““ „Ja, das habe ich allerdings geſagt.“ „Nun! gerade hierin liegt die Unklugheit! Conſcience hat es erfahren, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt habe. Da kam er denn vorigen Dienſtag am Morgen und befragte mich, zog mir die Würmer aus der Naſe, wie man zu ſagen yfleßt... Ich hätte etwas vermuthen müſſen, aber er ſieht ſo einfälkig, ſo unſchuldig aus, der drollige Burſche, daß ihm der Teufel ſelbſt in die Falle gehen würde. Da ſagte ich ihm Alles... daß der Kai⸗ ſer keine Soldaten mit zwei Fingern zu wenig, nicht einmal mit einem zu wenig wolle. Und er antwortete mir;„„Es iſt gut, ich danke! Gott befohlen, Baſtien!““ gerade ſo, wie ich es Ihnen ſage, ebenſo ruhig; hiernach wird er nach Hauſe zurückgekehrt ſein und ſich den Finger abgehauen haben... Nicht wahr, Conſcience, ſo iſt es am Ende gegangen?“ „So iſt es in der That gegangen,“ antwortete Conſeience. „Eine Viertelſtunde nachher traf ich ihn; oh! mein Gott! Alles war geſchehen, und man nahm die Ampu⸗ tation an ihm vor; es iſt mir ſogar... für einen alten Soldaten iſt es eine Schande, das zu geſtehen, doch vor Allem die Wahrheit, wie Conſcience ſagt... es iſt mir ſogar übel geworden! Bis jetzt hatte ich mich für einen Mann gehalten, doch ich täuſchte mich; ich war nur ein Kind, ein ſchwaches Weib ein.. ich weiß nicht was! Darum iſt es nicht minder wahr, daß man ſich, wenn ein Fehler begangen worden iſt, an Sie oder an mich halten muß, und nicht an Conſcieuce. Ah! ah! Conſcience, der Herr Unterpräfect ſieht ſein Unrecht ein, Komm, laß uns gehen, der Kaiſer will keine ver⸗ ſtümmelte Soldaten. Herr Unterpräfect, Ihr Diener!“ „Einen Angenblick Geduld,“ rief der Unterpräfect, die Hand ausſtreckend. „Wie! einen Augenblick Geduld?“ „Gendarmen, ſchafft Ruhe!“ „Alle Teufel!“ rief Baſtien. „Stille!“ ſagten die Gendarmen, während ſie Ba⸗ ſtien rückwärts zogen. Baſtien begriff, er würde durch Hartnäckigkeit die Sache von Conſcience nur verderben, wenn dies nicht ſchon geſchehen ſei, und er ſchwieg. „Rekrut,“ ſprach der Unterpräfect,„was Ihr ge⸗ than habt, iſt ein im Militärgeſetzbuch bezeichnetes Ver⸗ gehen; Ihr könntet alſo die Strafe dafür auszuſtehen haben, und das wäre nicht einmal Strenge, ſondern Ge⸗ rechtigkeit.“ „Wie? wie?“ fragte Baſtien;„weil Conſcience.. zr ach ger es ete ein pu⸗ nen en, tich var icht ich, au h! in, er⸗ 59 „Stille doch!“ riefen ihm gleichzeitig die zwei Gen⸗ darmen zu. „Aber,“ fuhr der Unterpräfect fort,„die Einfalt Eures Geſtändniſſes entwaffnet Eure Richter. Meine Herren Aerzte, erklären Sie, bei welcher Waffe der Re⸗ krut, trotz ſeiner Verſtümmelung, dienen kann.“ „Bei welcher Waffe?“ ſagte Baſtien.„Bei keiner, hoffe ich, ſonſt würde ich ſtatt ſeiner abgehen.“ „Führt den Huſaren hinaus,“ rief ungeduldig der Unterpräfect. „Nein, nein, Herr Unterpräfect, ſo wahr ich Baſtien heiße ich werde kein Wort mehr ſagen. Laſſen Sie mich nur bis zum Ende hier.“ Nachdem ſie ſich einen Augenblick berathen hatten, ſprachen die Aerzte: „Trotz ſeiner verſtümmelten Hand kann der Rekrut ein guter Pionnier oder ein vortrefflicher Trainſoldat werden.“ „Es iſt gut,“ ſagte der Unterpräfect.„Laßt den Re⸗ kruten auf die rechte Seite treten und ſchreibt ihn zum Fuhrweſen.“ Bei dieſer Entſcheidung wurde Conſcience erſchreck⸗ lich bleich, denn er dachte an den Kummer, den ſeine zwei Mütter und ſeine Braut erdulden ſollten. Er gehorchte indeſſen nichtsdeſtoweniger und warf nur Baſtien einen Blick des Abſchieds und des Dankes zu. „Oh! mein armer Conſcience!“ rief Baſtien mit Thränen in den Augen, indem er die Arme gegen ihn ausſtreckte;„zu Royal⸗Camb vuis geſtoßen, wie man beim Rrrregiment ſagt. Welche Demüthigung!“ Und er entfernte ſich in Verzweiflung, nicht darüber, daß Conſcience nicht freigeſprochen worden war, ſondern, daß er als Trainſoldat in den Dienſt trat. Was in Frankreich vom 10. November 1813 bis zum 6. April 1814 vorging. Nicht ohne Grund verlangte der Unterpräfect von Soiſſons, der zum Präferten ernannt zu werden wünſchte, mit ſo großer Dringlichkeit Soldaten für Napoleon. Na⸗ poleon bedurfte derſelben wirklich ſehr. Sie waren keine Uebertreibung, die von ihm im Senat am 10. November 1813 ausgeſprochenen Worte: „Vor einem Jahre marſchirte ganz Eurvpa mit uns; heute marſchirt ganz Europa gegen uns.“ Zum zweiten Male täuſchte ſich Europa in Betreff Frankreichs: das erſte Mal geſchah es im Jahre 1792, als es, ſtatt die Revolution ſich in dem großen Krater, den man Paris nennt, concentriren zu laſſen, Paris zwang, über die Welt die revolutionäre Lava zu verbrei⸗ ten, die ſie entzündete. Das zweite Mal geſchah es im Jahre 1813, wo es, ſtatt Napoleon den Frieden, den er verlangte, zu bewil⸗ ligen, ihn in unſere alten Gränzen einzuſchließen, den Kaiſer wie einen verwundeten Eber auf das Aeußerſte trieb, nach der Inſel Elba drängte, ihm dann die ſchönſte Rückkehr bereiten ließ, welche je die Geſchichte mit einem Feuerſtreifen erleuchtet hat, und, indem es ihn auf St. Helena kreuzigte, an das Ende ſeines Lebens die herrliche Schädelſtätte ſetzte, die aus ihm einen Gott nicht nur für Frankreich, ſondern auch für die Welt machte. In der That, da man gerecht ſein muß, ſogar gegen die Menſchen von Genie,— ein ſchönes Beiſpiel, das wir geben, und das wir ſo gern von unſern Zeitgenoſſen befolgt ſehen möchten,— ſo geſtehen wir, daß er den Frieden, welchen män ihm anbot, nicht annehmen konnte. 5—— 38— 61 Am 5. November erklärt der Prinz⸗Regent von Eng⸗ land im Parlament, es liege weder in der Abſicht von England, noch in der der verbündeten Mächte, von Frank⸗ bis reich irgend ein mit ſeiner Ehre und ſeinen Rechten un⸗ verträgliches Opfer zu verlangen. Das war vortrefflich geſpielt; denn wenn der Krieg nach einer ſolchen Erklärung fortwährte, ſo konnte man von dieſe Beharrlichkeit auf dem blutigen Wege nur der Liebe hte, Napoleons für die Vernichtung zuſchreiben. Na⸗ Oh! wir wiederholen, England ſpielt vortrefflich, nur betrügt es zuweilen. im Am 14. November kam Herr von Saint⸗Aignan in te: Paris an. ns; Herr von Saint⸗Aignan war ein Mann von viel Geiſt, der in großer Gunſt bei Napoleon ſtand, welche reff Gunſt er ſich durch ein bewunderungswürdig angebrachtes 92, Schmeichelwort erworben hatte. ter, Als er Präfect, ich glaube, der Ober⸗Alpen war, aris beſuchte der Kaiſer mit ihm ſein Departement und be⸗ rei⸗ fragte ihn auf ſeine raſche, abgebrochene Weiſe über allerlei Dinge. es, Napolevn machte kurze Fragen und liebte die raſchen wil⸗ Antworten; es handelte ſich weniger darum, richtig zu den antworten, als bei der Antwort nicht zu ſtammeln. erſte Die Fragen hatten ſich Herrn von Saint⸗Aignan nſte gegenüber vervielfältigt, und jede hatte unmittelbar ihre nem Antwort ſo raſch wie einen Gegenſtoß erhalten. St.„Wie viel Einwohner, Herr Präfect?“ liche„So und ſo viel, Sire.“ nur„Wie viel Morgen Wald?“ „So und ſo viel.“ gen„Wie viel Feld?“ das„So und ſo viel.“ ſſen„Wie viel Zugvögel?“ den„Einen einzigen, einen Adler.“ inte. Der Kaiſer, den am Ende dieſe ſchnellen Antworten, 62 obgleich er ſie ſehr liebte, ermüdeten, hatte Herrn von Saint⸗Aignan in Verlegenheit bringen wollen und als Erwiederung dieſe glänzende Schmeichelei erhalten. Napoleon betrachtete ſich als geſchlagen und belohnte den Sieger dadurch, daß er ihn zuerſt in den Staatsrath be⸗ rief, dann zu ſeinem Stallmeiſter ernannte, und endlich als Miniſter Reſidenten von Frankreich nach Weimar ſchickte. Die Niederlagen in Deutſchland nöthigten Herrn von Saint⸗Aignan nach Frankreich zurückzukehren, und Herr von Metternich beſchloß, ſeine Abreiſe zu benützen, um den Kaiſer neue Friedensvorſchläge machen zu laſſen. Am 9. November, am Tage der Rückkehr von Na⸗ poleon in die Tuilerien, an welchem wir ihn ein neues Heer von dreimalhunderttauſend Mann, wozu der arme Conſcience gehören ſollte, fordernd verlaſſen haben, erhielt Herr von Saint⸗Aignan in Frankfurt vom Fürſten von Met⸗ ternich, von Herrn von Reſſelrode, dem Miniſter Ruß⸗ lands, und von Lord Aberden folgendes Ultimatum: „Die Verbündeten bieten den Frieden an unter der Bedingung, daß Frankreich Deutſchland, Spanien, Holland und Italien aufgibt und ſich hinter ſeine natürlichen Gränzen der Alpen, der Pyrenäen und des Rheins zu⸗ rückzieht. „Man wird eine Stadt am Rhein wählen, um den Congreß zu halten, doch die Unterhandlungen werden in keiner Hinſicht die militäriſchen Operationen unterbrechen.“ Die Bedingungen waren hart, beſonders für einen Mann, der die Gewohnheit angenommen hatte, Bedin⸗ gungen zu ſtellen und nicht zu empfangen. Deutſchland mußte man wohl aufgeben, da Deutſch⸗ land ganz in den Händen der Verbündeten und uns ſchon wieder genommen war. Spanien aufgeben war eine beſchloſſene Sache, da der hartnäckige Widerſtand Spaniens, unterſtützt durch von als hute be⸗ dlich ckte. von Herr um zu Na⸗ Heer ence derr Ret⸗ kuß⸗ der land chen zu⸗ den nin en.“ inen din⸗ tſch⸗ chon ache, urch 63 das Gold und das Eiſen Englands, Napoleon ermüdet hatte. Aber Holland aufgeben, das ganz uns gehörte, das ſo voll von erſprießlichen Mitteln für Frankreich und von gefährlichen Drohungen für England war, aber Italien aufgeben, das, ganz unverſehrt, von Murat und Eugen beſetzt gehalten wurde, das gehörte zu jenen erſchreckli⸗ chen Opfern, die man nur einem raſchen Frieden bringen konnte, es gehörte zu den grauſamen Beſchneidungen, die man nur in der Hoffnung auf gänzliche Heilung zugeben konnte. Noch war von dem Allem nichts entſchieden, da die Unterhandlungen in keiner Weiſe die militäriſchen Ope⸗ rationen unterbrechen ſollten. Dieſe unannehmbaren Anträge wurden indeſſen nicht ganz zurückgewieſen; Napoleon ſchickte ſich nur an, ſein Geſchick bis zum Ende zu erdulden und aus ſeinem Glück das Glück Frankreichs zu machen. Darum die ſtrengen Befehle an die Präfecten und Unterpräfecten in Betreff der Aushebung. Zu gleicher Zeit traf man alle Vorbereitungen, um den Invaſionskrieg zurückzuſchlagen, mit dem Frankreich bedroht war, und zwar auf eine viel beunruhigendere Weiſe als im Jahre 1792. Im Jahre 1792 hatte Frankreich nur Preußen und Oeſterreich gegen ſich, während es 1813 ganz Europa gegen ſich hatte; im Jahre 1792 handelte es ſich um Sein oder Nichtſein; 1813 handelte es ſich darum, ob Napoleon ſein oder nicht ſein ſollte. Statt des Enthuſiasmus der Ration blieb jetzt nur das Genie des Einzelnen. Ach! wir wiederholen es zum zweiten Mal, die Ge⸗ ſchichte der Großen iſt ſo ſehr mit der der Kleinen ver⸗ mengt, daß wir zu unſerem innigen Bedanern genöthigt ſind, uns mit den Mächtigen zu beſchäftigen, während wir gern nur von den NRiedrigen erzählen möchten. 64 Die von Herrn von Saint⸗Aignan überbrachten Vor⸗ ſchläge waren dem geſetzgebenden Körper vorgelegt wor⸗ den, und Rapoleon erklärte, daß er, ſo hart auch dieſe Bedingungen wären, bereit ſei, dieſelben anzunehmen, wenn ſie den Frieden herbeiführen würden. Leider fand Napoleon den geſetzgebenden Körper gerade in übler Laune. Napoleon hatte ihm, während ſeiner letzten Reiſe nach Paris, einen Präſidenten gege⸗ ben, ohne daß ein Candidat vorgeſchlagen worden war. Wir hegen keine tiefe Bewunderung für Herrn Baour⸗ Lormian, doch da uns ſehr viel an unſerem Rufe der Unparteilichkeit liegt, ſo geſtehen wir, daß ſich in ſeiner Tragödie Mahomet lI. zwei ſchöne Verſe finden. Es iſt von dem von den Sultanen ſo ſehr verachteten Corps der Janitſcharen die Rede. Ou'ils nous font payer cher le mépris qu'ils endurent! Si le tröne chancelle, à Pinstant ils murmurent.*) ſagt Mahomet II. Es war mit dem geſetzgebenden Körper wie mit dem Corps der Janitſcharen: der Thron von Mahomet I. wankte. Die Geſetzgeber murrten. Eine Commiſſion von Berichterſtattern, beſtehend aus den Herren Lainé, Gallois, Flaugergues, Raynouard und Mayne von Byran, welche alle fünf feindlich gegen das kaiſerliche Syſtem geſinnt waren, wurde ernannt und faßte eine Adreſſe ab, in die ſich ſchüchtern das, ſeit zwölf Jahren vergeſſene, Wort Freiheit einſchlich. Napoleon zerriß die Adreſſe und vertagte den geſetz⸗ gebenden Körper. *) Wie theuer laſſen ſie uns die Verachtung bezahlen, 3 die ſie erdulden; wenn der Thron wankt, murren ſie ſogleich. der au na! or⸗ or⸗ ieſe en per end ge⸗ ar. ur⸗ der iner eten nt! „ len, rren 65⁵ Am 2. December ſchrieb der Herzog von Vicenza, der für den Herzog von Baſſano das Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten leitete, an Herrn von Met⸗ ternich, Napolevn nehme die von Herrn von Saint⸗Aig⸗ nan geſtellten allgemeinen Grundlagen an. Am 10. December erhielt man von Herrn von Met⸗ ternich die unerwartete Nachricht, die Verbündeten, da ſie ohne die Mitwirkung von England keinen beſtimmten Beſchluß faſſen können, haben an das Cabinet von Saint James geſchrieben und erwarten ſeine Antwort. Die Hoffnung auf eine loyale Unterhandlung ver⸗ ſchwand hiemit und Napoleon mußte als letztes Mittel ſeines Heils geradezu den Krieg annehmen. Während dieſer illuſoriſchen Unterhandlungen hatten indeſſen die Verbündeten ihren Marſch fortgeſetzt. Sie erſcheinen nun auf unſern drei Gränzen, im Oſten, im Norden und im Süden. Die Engländer haben die Bidaſſoa überſchritten und ſind im Begriff, über die Pyrenäen vorzurücken. Der Fürſt von Schwarzenberg ſchickt ſich mit der großen, hundert und fünfzigtanſend Mann ſtarken Armee an, die Unabhängigkeit der Schweiz zu verletzen. Blücher iſt mit hundert und dreißigtauſend Mann in Frankfurt eingezogen. Bernadotte hat Holland beſetzt und dringt mit hun⸗ derttauſend Schweden und Sachſen in Belgien ein. Kurz, ſiebenmal hunderttauſend Mann, welche gerade durch ihre Niederlagen in der großen napoleoniſchen Kriegsſchule gebildet worden ſind, ſchicken ſich an, die Grenzen Frankreichs zu überſchreiten, und ohne ſich um die Feſtungen zu bekümmern, rufen ſie einander nur Paris! Paris! Paris! zu. Endlich, am 21. December, erlaſſen die verbündeten Sonverains die Proclamationen, welche das Signal zu den Feindſeligkeiten geben. Gott und Teufel. I. 5 Fortan iſt Frankreich nur noch durch Unterwerfung oder durch Energie zu retten. Napoleon iſt für die Energie: das gilt ſchon als ein Grund für den geſetzgebenden Körper, für die Unter⸗ werfung zu ſein. YNachdem er ihn vertagt hatte, löſt ihn Napoleon auf. Indeſſen verdrängt eine Unglückskunde die andere. Am 28. December hat der General Bubna von Genf Beſitz ergriffen. Am 30. hat der Fürſt von Schwarzenberg ſeine Colonnen gegen Veſoul und Beſangon vorgeſchoben. Am 4. Januar 1814 rückt der Feind in Veſonl ein. Am 9 iſt Beſancon eingeſchloſſen. So weit iſt das große feindliche Heer, beſtehend aus Oeſterreichern, Baiern und Württembergern, mit welchem Heere die ruſſiſche Kaiſergarde marſchirte. Blücher, der eine Zeit lang auf dem rechten Rhein⸗ ufer Halt gemacht hat, als wäre er von einer unbezwing⸗ lichen Furcht, den Boden Frankreichs zu berühren, be⸗ fangen, geht endlich in der Racht vom 1. Januar auf drei Punkten über den Fluß. Im Centrum überſchreiten nämlich die Corps des Generals von Langeron und des Generals York den Rhein bei Kanb. Auf dem rechten Flügel ſetzt das Corps des Ge⸗ nerals Saint⸗Prieſt in Neuwied, wo wir ſelbſt zweimal in den Tagen unſerer ſchönen republikaniſchen Siege hinübergegangen ſind, über den Rhein. Der linke Flügel endlich, beſtehend aus den Corps von Sacken und von Kleiſt, überſchreitet den Rhein bei Mannheim. Wir haben ſchon geſagt, wo die engliſch- ſpaniſche Armee, befehligt von Wellington, iſt. Es ſoll indeſſen ein kurzer Halt ſtattfinden. Der Herzog von Belluno räumt Straßburg mit 3 die kör den 67 einer Armee, die ſich kaum auf zehntauſend Mann be⸗ läuft. Doch er erhält von Napoleon den Befehl, den Durch⸗ zug durch die Vogeſen Fuß für Fuß ſtreitig zu machen. Der Herzog von Treviſo iſt mit eiuer Diviſion der Garde unterwegs, um ihn auf der Straße von Langres zu unterſtützen. Anfangs genöthigt, ſich mit zwanzigtauſend Mann zurückzuziehen, ſoll ſich der Herzog von Raguſa ſo lange als möglich an die Feſtungen Lothringens anlehnen. Der Herzog von Caſtiglione hat Lyon zu verthei⸗ gen, wohin er ſich in aller Eile begibt, um die Verthei⸗ digung der zweiten Stadt des Kaiſerreiches zu organi⸗ ſiren; er wird durch den General Deschamps, der für die Sicherheit von Chambéry zu ſorgen hat, und durch den General Deſſair, welcher die maſſenhafte Aushebung im Dauphins organiſirt, unterſtützt werden. Der Herzog von Tarent iſt in Lüttich, viſitirt die Plätze des Niederrheins und der Maas, und hat deu Befehl, in das alte Frankreich durch das Thor der Ar⸗ dennen zurückzukehren. Der Herzog von Dalmatien hat nach einem vier⸗ tägigen Kampfe und trotz des Abfalls der deutſchen Truppen, welche am 11. December, Abends, in Maſſe in das ſpaniſche Lager übergegangen ſind, auf den Gla⸗ cis von Bayonne Halt gemacht. Der Herzog von Albufera, welcher aus dem Innern Spaniens fortwährend zurückgewichen iſt, hat nun ſein Hauptquartier in Catalonien genommen. Eugen in Italien vertheidigt den Uebergang über die Etſch gegen die Oeſterreicher, die ihn nicht erzwingen können. So hat dieſe ganze Linie, welche Frankreich von den Mündungen der Schelde bis zu den Mündungen det Garonne kreisförmig umſchließt, einen Augenblick Halt gemacht. 2 68 Dieſer Augenblick, ſo kurz er iſt, genügt Napoleon, um ſein Schachbrett zu überſchauen. Der Feind rückt allerdings mit ſiebenmal hundert⸗ tauſend Mann vor, aber der Feind, der in drei Mo⸗ naten dreimalhundert tauſend Mann im Herzen Frank⸗ reichs haben wird, kann ſeine Operationen nur mit zweimal hunderttauſend Mann beginnen. Dabei hofft Napoleon, der Feind werde ſich mit der Belagerung der Feſtungen aufhalten, und durch dieſe zahlreichen Belagerungen werden ſich ſeine Streitkräfte vermindern. Er, ſeinerſeits, zählt noch 250,000 Mann; doch dieſe 250,000 Mann, die ihn zum Herrn der Ereigniſſe machen würden, wären ſie unter ſeiner Hand, ſind alſo vertheilt: Fünfzigtauſend Mann an der Elbe; fünfzigtanſend am Fuße der Pyrenäen; fünfzigtauſend jenſeits der Alpen; die übrigen hunderttauſend Mann ſind in den Händen von Raguſa, von Caſtiglione, von Tarent und in den ſeinigen. Er kann alſo in Wirklichkeit nur über fünfzig⸗ bis ſechzigtauſend Mann alter Truppen und auf die Rekruten ählen. Dabei, wie thätig er auch ſein mag, kann er nicht vor dem Ende des Januar ins Feld rücken. Dieſe Verzögerung wird ihm übrigens Zeit geben, Truppen von ſeiner Armee in Spanien und in Italien an ſich zu ziehen. Um dies zu Stande zu bringen, hat er die Anſprüche geopfert, welche ſeit vier Jahren der Gegenſtand ſeines Streites mit Spauien und mit Rom geweſen ſind. In den erſten Tagen des December erhält Prinz Ferdinand von Spanien die Freiheit, und am 11. wird ein Vertrag mit ihm unterzeichnet. Am 15, deſſelben Monats wird der Papſt Italien wiedergegeben und am Anfang des Januars befindet er ſich auf dem Wege, um den römiſchen Thron zu beſteigen⸗ zu üb ru vo me Hi die eon, ert⸗ Mo⸗ ank⸗ mit der ieſe äfte ieſe chen eilt: ſend der den und bis uten nicht ben, alien hat der Rom rinz wird alien et er igen. 69 Seine Rückkehr in die ewige Stadt wird, ſo hofft es Napoleon wenigſtens, Italien vor dem Einfall der Oeſterreicher bewahren, und die Wiedereinſetzung Ferdi⸗ nands wird dem Einfluſſe Wellingtons in Madrid ein Ziel ſetzen. 2 6 Doch dieſer Halt, welcher für Napoleon genügte, um ſeinen Feldzugsplan feſtzuſtellen, iſt kurz geweſen; auf allen Seiten werden unſere Vertheidiguugslinien, welche zum Widerſtand zu ſchwach ſind, durchbrochen. Bubna hat die Straße über den Simplon abge⸗ ſchnitten; Wallis iſt Frankreich genommen. Schwarzenberg hat den Durchgang durch die Vo⸗ geſen erzwungen; Blücher iſt in Lothringen, York iſt vor Metz. Seit dem 15. Jannar ſind in das alte Frankreich, in das Frankreich von Ludwig XIV., die fremden Heer⸗ ſchaaren eingefallen. Am 14. hat der Prinz von der Moskwa Nanch geräumt. Am 16. hat der Herzog von Treviſo Langres ver⸗ laſſen. ſ Am 16. iſt der Herzog von Raguſa auf dem Rück⸗ zug gegen Verdun begriffen. Napoleon hat keinen Augenblick mehr zu verlieren. Schon am Anfang des Monats hat Napoleon in die Departements außerordentliche Commiſſäre, welche die Truppenaushebungen und die Vertheidigungsmaßregeln zu leiten beauftragt ſind, abgeſchickt. „Franzoſen!“ ſagt er in der Proclamation, die ſie überbringen,„Franzoſen! eine letzte Anſtrengung! Ich rufe die von Paris, von Bretagne, von der Normandie, von der Champagne, von Burgund und den Departe⸗ ments ihren Brüdern in Lothringen und dem Eſſaß zu Hülfe Beim Anblick aller dieſer Völker in Waffen werden die Fremden fliehen oder den Frieden unterzeichnen.“ Zu gleicher Zeit erhalten die Truppen den Befehl, ihren Rückzug nach der Champagne zu bewerkſtelligen, wohin man auch Truppen, die aus dem Innern Frank⸗ reichs kommen, ſowie die Soldaten lenken wird, welche die letzte Aushebung geliefert hat. Am 20. Januar reiſt der Fürſt von Neufchatel von Paris ab, um den Truppen die nahe bevorſtehende An⸗ kunft des Kaiſers zu verkündigen. Am 23. unterzeichnet Napolepn das Patent, durch welches er die Kaiſerin mit der Regentſchaft betraut. Am 24. gibt er ihr den Prinzen Joſeph mit dem Titel eines Generalſtatthalters des Reiches bei. Am 25. Morgens um zwei Uhr verbrennt er ſeine geheimen Papiere; um drei Uhr umarmt er ſeine Frau und ſein Kind, und zehn Minuten nach drei Uhr ſteigt er mit dem Grafen Bertrand in den Wagen. Sehen wir nun, was aus Conſcience, dieſem in der großen Bewegung, welche die Welt erſchütterte, verlore⸗ nen Atom, geworden war. Während Baſtien nach Haramont die ſchreckliche Kunde brachte, welche mit Verzweiflung das Herz der drei unglücklichen Frauen erfüllen ſollte, wurde Conſcience der Artillerie der jungen Garde zugetheilt und nach Fis⸗ mes geſchickt, wo man einen bedeutenden Geſchützpark ſammelte, der aus dem Arſenal von La Fore und der Stadt Soiſſons genommen war. Die militäriſche Ausbildung von Conſeience erfolgte mit der Schnelligkeit, welche bei den Studien in einet Zeit vorherrſchte, in der die Praxis ganz an die Stelle der Theorie getreten war. Ein achtſtündiges Exereiren im Tage lehrte ihn in weniger als einem Monat ſeinen Dienſt als Führer und als Vertheidiger ſeines Pulverwagens. Sein Inſtructor, ein alter Soldat, dem keine von den guten oder ſchlech⸗ ten Eigenſchaften ſeiner Zöglinge entging, bemerkte ſo⸗ gleich jene Art von Verwandſchaft, welche zwiſchen dem Rekruten und den Thieren, mit denen er es zu thun ligen, rank⸗ elche von An⸗ durch 8 Titel ſeine Frau t er nder rlore⸗ ckliche z der cience itzpark id der rfolgte einer Stelle ihn in eund rnctor⸗ chlech⸗ te ſo⸗ n dem then 71 hatte, beſtand. Bald wurde auch Conſcience die ſpecielle Aufſicht über die Pferde ſeiner Batterie übertragen; dieſe erkannten in ihm einen Freund an der beſtändigen Sorg⸗ falt, mit der er ſie behandelte, und voll Dankbarkeit für dieſe Verbeſſerung ihres Looſes, zeigten ſie zugleich eine doppelte Stärke und eine doppelte Gelehrigkeit. Aber nicht nur unter den Thieren machte ſich Con⸗ cience Freunde, ſondern auch unter ſeinen Kameraden, jungen Leuten mit betrübten Herzen, mit Angen voller Thränen, welche, wie er, von allen Punkten Frankreichs herbeigekommen waren und, wenig begeiſtert für den Stand, zu welchem man ſie zwang, indem man ſie ihren Müttern entriß, trotz ihrer achtſtündigen Uebungen im Tage, durchaus keine genügende Fortſchritte machten. Conſcience wurde ihr Tröſter; er hielt ſie aufrecht, er ermuthigte ſie, und nachdem er einen Monat mit ihnen zuſammengewohnt, wurde ſein wohlthätiger Einfluß, wie er ſich bei den Thieren fühlbar gemacht, ebenſo bei den Menſchen fühlbar, die ihm die Reſignation zu verdanken hatten, wenn ſie ihm auch nicht gerade den Muth ver⸗ dankten. Am 20 Januar gab der Fürſt von Neufchatel den Befehl, alle Streitkräfte bei Chalons zuſammenzuziehen. Zwei Stunden nachher war die Batterie, zu der Conſcience gehörte, auf dem Wege. An demſelben Abend machte ſie in Rheims Halt, und in derſelben Nacht, nach einer vierſtündigen Ruhe, brach ſie wieder nach Chalons auf, wo ſie am 21. Abends ankam. Hier fühlte man das Herannahen des Feindes, und das Schauſpiel des Unglücks einer Invaſion trat zum erſten Mal vor die Augen von Conſecience. Es waren arme Bauern aus der Gegend von Bar⸗le⸗Duc, von Vaſſy und von Saint⸗-Dizier, welche in Karren, an der Hand geführt oder mit ein paar Pferden beſpannt, ihr Hausgeräthe mit ſich führten; zuweilen ſaß oben auf einem ſolchen Karren auf einer Matratze eine Mutter, als wollte 72 ſie beſſer das an ihre Bruſt gedrückte Kind ſchützen, rei welches ſie ſtillte und nach einer eintönigen, langſamen nä Melodie wiegte, die mehr einer Klage als einem Geſange glich. Dieſer troſtloſe Zug, welcher ſich bewegt, ohne zu zel wiſſen, wohin, welcher flieht, um zu fliehen, hält auf den le⸗ 1 Plätzen an, da er zu arm iſt, um in die Wirthshäuſer en zu gehen; da lebt er von der öffentlichen Mildthätigkeit, Vi vom Weine, den ihm die mitleidigen Mädchen bringen, vom Brode, das mit ihm die Soldaten theilen, von den re Almoſen, die ihm die guten Seelen reichen, indem ſie di dieſen Leuten ſagen: Gott geleite Euch! Conſcience, der, noch an ſeiner Wunde leidend, kaum V ißt, gibt dieſen Unglücklichen allen ſeinen Wein und drei ge Viertel von ſeinem Brode, und wenn ſie ihn ſegnend die vo Hände falten, ſpricht er: „Glaubt Ihr mir einigen Dank ſchuldig zu ſein, ſo iht laßt Eure Kinder für drei fromme Frauen beten, die fü man Madeleine, Marie und Mariette nennt. Der Herr ſté kennt ſie hoffentlich und wird wiſſen, daß Ihr für ſie betet.“ D Und fragt man ihn, warum er die drei Frauen den Gebeten der jungen Lippen empfehle, ſo antwortet er: de „Die Gebete der Kinder ſind reiner und darum dem fel Herrn angenehmer.“ Zuweilen denkt er mit Schrecken daran, daß, wenn der Feind ſo vorzurücken fortfahre, daß, wenn es Napo⸗ leon, von dem man viel ſpricht, ohne daß man ihn noch ſieht, nicht gelinge, ihn aufzuhalten, vielleicht ein Augen⸗ blick eintrete, wo die drei Frauen ſeines Herzens in einem Karren, gezogen von Pierrot, fliehen werden, wie dieſe Unglücklichen, welche er fliehen ſieht, und mit denen er ſein Brod und ſeinen Wein theilt. Und er hofft, was er ſelbſt thut, werden Andere auch thun, und ſie werden auf ihrem Wege das Brod und den Wein der Wohlthätigkeit finden. Von Stunde zu Stunde werden die Flüchtigen zahl⸗ G tzen, men ange e zu den iuſer eit, igen, den nſie aum drei die , ſo die Herr r ſie den r dem venn apo⸗ noch gen⸗ nem dieſe n er dere Zrod ahl⸗ reicher, denn von Stunde zu Stunde rückt der Feind näher heran. 4 Am 21. iſt der Feind in der That nur noch fünf⸗ zehn Meilen entfernt; ſeine Vorpoſten haben ſich in Bar⸗ le⸗Dut gezeigt. Am 22. iſt er nur noch zehn Meilen entfernt; Abtheilungen von Ruſſen und Preußen ſind in Vitry⸗le⸗Francais erſchienen. Es rücken zu gleicher Zeit die große ruſſiſche, öſter⸗ reichiſche und baieriſche Armee unter Schwarzenberg und die preußiſche Armee unter Blücher heran. Die erſte, welche auf verſchiedenen Wegen von den Vogeſen herabgekommen iſt, lenkt ihre ſtärkere Colonne gegen Troyes. Die alte Garde, befehligt vom Herzog von Treviſo, wird vor ihr hergetrieben, und obgleich ſie ihr den Boden Schritt für Schritt ſtreitig macht, fängt ihr Rückzug an die Straßen von Vitry⸗le⸗Frangais zu füllen und ſchlägt mit ſeinen erſten Wellen an die Vor⸗ ſtädte von Chalons. Die zweite iſt durch Lothringen gezogen, hat Saint⸗ Dizier beſetzt und wendet ſich ſchräge nach Aube. Kommt Napoleon in zwei Tagen nicht an, ſo wer⸗ den die Truppen, welche in Chalons ſind und keine Be⸗ fehle haben, genöthigt ſein, ſich gegen Paris zurückzuziehen. Ver Brief von Conſcience. Am 25. Morgens faugen die Flüchtigen an in den Straßen von Chalons zu erſcheinen; ſie wälzen mit ihren Wogen einen Reſt von verſpäteten Banern fort, welche ihre Häuſer in Flammen zurückgelaſſen haben und, da ſie ſehen, daß ſie Gott, trotz ihrer Gebete, nicht vor dem unglück bewahrt hat, jenen Napolevn zu Hülfe rufen, den man ihnen ſeit zwölf Jahren zu ihrem zweiten Gott gemacht. Doch in eben dieſen Straßen von Chalons vermi⸗ ſchen ſich die Flüchtigen mit den erſten Colonnen der Truppen, welche von Paris kommen und den Kaiſer an⸗ kündigen. Drei Tage vorher hat Rapoleon im Hofe der Tuilerien Muſterung über ſie gehalten und zu ihnen geſagt: „Geht, ich folge Euch.“ Endlich, gegen fünf Uhr Abends, als man mit Be⸗ ſorgniß auf den immer näher kommenden Kanonendonner horchte, vernimmt man plötzlich in der Pariſer Vorſtadt den Ruf: Es lebe der Kaiſer! Fünf Wagen, der erſte mit ſechs Pferden beſpannt, die andern mit vier, fahren durch die Stadt, halten vor der Thüre der Prä⸗ fectur, und Napolevn ſteigt zuerſt aus. Napoleon iſt ruhig und kalt wie gewöhnlich. Nur deutet ſeine leicht gefaltete Stirne und ſein Kopf, den er ein wenig, nicht auf ſeine Schulter wie Alexander, ſon⸗ dern auf ſeine Bruſt neigt, wie Friedrich der Große, an, daß das Gewicht dieſer Welt, welche er trägt, ihn all⸗ mälig ermüdet. In einer Minute erſchallt ein ungeheurer Zuruf durch die ganze Stadt. Es war, als hätte ſein Adler mit den behenden Flügeln ſelbſt die Nachricht von ſeiner Ankunft verbreitet. Er ſteigt aus dem Wagen, winkt mit der Hand, um den tauſendfach um ihn her wiederholten Ruf:„Es lebe der Kaiſer! zu erwiedern, ſteigt leicht die ſechs Stufen vom Präfecturgebände hinauf, tritt in die für ihn bereit gehaltenen Gemächer ein und ſpricht: „Man rufe mir den Fürſten von Neufchatel, den Herzog von Valmy und den Herzog von Reggio. Und er wirft ſich in einen Lehnſtuhl und wartet auf —„—„ — dem en Gott ermi⸗ nder ran⸗ e der ihnen tBe⸗ onner ſtadt de vier, Prä⸗ Nur den ſon⸗ , an, nall⸗ guruf Adler ſeiner , um „Es ſechs e für den t auf 75 dieſe Männer mit den hochtönenden Titeln, nach denen er verlangt hat, und die ſogleich gehorſam herbei eilen werden⸗. Derjenige, welcher zuerſt erſcheint, iſt der Fürſt von Reuſchaiel; er kommt von den Vorpoſten und hat ſeit vier Tagen Zeit gehabt, Erkundigungen einzuziehen. Der Herzog von Belluno und der Fürſt von der Moskwa haben Nanch geräumt und ſich über Void, Ligny und Bar gegen Vitry⸗le⸗ Franeais zurſckgezogen. Der Herzog von Raguſa ſteht hinter der Maas zwiſchen Saint⸗Michelle und Vitry. Der Herzog von Treviſo iſt auf dem Rückzug gegen Troyes begriffen; er macht dem Feinde jeden Zoll breit Boden ſtreitig und hält an, wenn er zu ſehr bedrängt wird. Die Kanonen, deren Donner man zwei Tage vorher gehört hat, ſind die ſeinigen; die Kanonen, die man an demſelben Tage gehört hat, ſind abermals die ſeinigen; dieſe zwei entflammten Halte wird man die Gefechte von Colombey⸗les⸗deux⸗Egliſes und von Bar⸗ ſur⸗Aube nennen, und die Geſchichte wird ſagen, die alte Garde ſei auf der Höhe ihres Rufes geblieben. Man meldet den Herzog von Valmy. „Kommen Sie, kommen Sie, Kellermann. Vor zwei⸗ undzwanzig Jahren haben Sie den Titel, unter dem man Sie mir ſo eben gemeldet hat, in denſelben Ebenen er⸗ worben, auf denen wir gegen die Prenßen fechten werden. Sie wiſſen, wie man ſich zu benehmen hat, um ſie zu ſchlagen, und Sie werden mich mit Ihrem Rathe unter⸗ ſtützen.“ Kellermann verbengte ſich, ohne zu antworten. In der That, was hätte er antworten ſollen? „Ja, Sire, vor zwanzig Jahren habe ich hier die Preußen geſchlagen; doch vor zwanzig Jahren vertrat ich unter meinem einfachen Namen Kellermann das revo⸗ lutionäre Frankreich, das um jeden Preis frei ſein wollte, während ich heute unter dem Titel eines Herzogs von 76 Valmy nur ein an Blut und Begeiſterung erſchöpftes Frankreich vertrete, das die Ruhe und den Frieden ver⸗ langt, ſelbſt um den Preis ſeiner Schande.“ Dann erſchien Oudinot: „Ah! da ſind Sie,“ ſagte Napoleon,„ich erwartete Sie mit Ungeduld. Nicht wahr, Sie ſind aus dieſer Gegend?“ „Ich bin von Bar⸗ſur-Ornain, Sire.“ „Vortrefflich! Wir werden heute Abend die Gegend recognosciren.“ Und er wandte ſich gegen ſeine Ordonnanzofficiere Gourgand und Mortemart um und ſprach: „Man laſſe Alle herein, welche mir wichtige Nach⸗ richten geben können.“ Auf eine Karte der Departements der Aube, der Marne und der Obermarne geneigt, bezeichnete Napoleon wirklich den ganzen Abend hindurch mit rothköpfigen. Nadeln die wahrſcheinlichen Stellungen des Feindes, den er durch ſeine Eilmärſche und ſeine kräftigen Bewegun⸗ gen zu überrumpeln hoffte. Während dieſer Zeit ſchrieb ein junger Menſch in der Uniform eines Trainſoldaten, beim Scheine eines auf dem öffentlichen Platze angezündeten Feuers in der Nähe eines Artillerieparks, den gegen dieſes Feuer zahl⸗ reiche Poſten bewachten, mit Bleiſtift und auf ſeinen Knieen folgenden Brief: „Meine gute und geehrte Mutter, „Du mußt ſchon von mir einen Brief aus Fismes erhalten haben, wo ich beim Depot ſtand. Wir waren nur ungefähr ſechzehn Stunden von einander entfernt, und doch waren wir, das Herz ausgenommen, ſo ſehr von einander getrennt, als hätten wir uns, Du an einem Ende der Welt und ich am andern befunden. „Du haſt viel gelitten, meine gute Mutter! Du haſt viel geweint! doch ich hoffe, daß Dir, als Du meinen er⸗ ſten Brief empfingſt, den ich ſchrieb, ſobald es meine Hand erle Sti beir ein Uhr mo gut Her ſer die ver alle den ſo ſei unt unt ma Kr ſeit ſo bete E aus Ru leie gen we pftes ver⸗ tete nd?“ egend iciere Kach⸗ der en igen. den gun⸗ h in ines der ahl⸗ inen mes aren rnt, ſehr nem haſt er⸗ and 77 erlaubte, Gott die Kraft verlieh, nicht nur Deinen Schmerz zu ertragen, ſondern auch zu tröſten. „Diesmal ſchreibe ich Dir von Chalons, achtzehn Stunden entfernter als das erſte Mal. Ich ſchreibe Dir beim Bivouaefeuer, in dem Augenblicke, wo die Glocke einer kleinen Kirche, deren Klang mich wieder an die der Uhr von Haramont erinnert, zehn Uhr ſchlägt,— Hara⸗ mont, dort ſchläft zu dieſer Stunde Alles außer Dir, meine gute und geehrte Mutter, die Du unter der Obhut des Herrn am Bette des Großvaters, bei dem es immer beſ⸗ ſer geht, nicht wahr? ſitzeſt und wachſt— verſunken in die Erinnerung an Deinen Sohn, der Dich liebt und verehrt. „Ganz gegen den Gebrauch in Haramont, ſind hier alle Thüre offen, alle Häuſer erleuchtet, wacht alle Welt, denn Napoleon iſt gegen fünf Uhr angekommen. „Ich habe ihn geſehen, meine gute und geehrte Mutter, dieſen Mann, der uns trennt, und der Dich ſo viele Thränen koſtet. Ich hatte geglaubt, ſein Geſicht ſei hart, ſein Anblick zurückſtoßend; ach! er ſieht ſo traurig und ſogar noch trauriger aus, als ein gewöhnlicher Menſch, und man ſagt hier, was man bei uns nicht glaubt, was man wohl nirgends glaubt, er führe nur mit Widerwillen Krieg, und er habe Paris nur verlaſſen, nachdem er alle ſeine Mittel, um den Frieden zu erhalten, erſchöpft. „Wäre dies ſo, meine gute und geehrte Mutter, ſo müßte man ihn beklagen und nicht haſſen, für ihn beten und nicht ihm fluchen. „Bei ſeiner Ankunft hat man übrigens hier viel: „Es lebe der Kaiſer!“ gerufen. Aber geſchah dies aus Liebe für ihn oder aus Haß gegen die Preußen und Ruſſen? Das wird der Herr, dem nichts verborgen iſt, leicht unterſcheiden. „Ich ſchreibe Dir dieſen langen Brief, da ich nicht genau weiß, wann und wie ich Dir wieder ſchreiben werde, denn heute Nacht werden wir ohne Zweifel vor⸗ 78 wärts marſchiren, entweder gegen Sainte Menehould oder gegen Vitry⸗le⸗Frangais. Der Kaiſer entſcheidet hierüber in dieſem Augenblicke mit ſeinen Marſchällen. Von der Stelle aus, wo ich bin, gewahre ich, wenn ich den Kopf erhebe, die Fenſter des Präfecturgebäudes, welche ausſehen, als ob es in dieſem Gebäude brennen würde, und von Zeit zu Zeit erblicke ich ſeinen Schatten im Vorübergehen an den Vorhängen. Er wacht auch, wie Du ſiehſt, und man ſagt beim Heere, er habe ſeit acht Tagen nicht geſchlafen. „Es ſcheint, es iſt entſchieden, wir marſchiren nach Vitry, denn ſo eben hat ein Ordonnanzofficier von der Freitreppe herab den kaiſerlichen Equipagen laut den Befehl gegeben, nach Vitry zu fahren, und der kaiſerli⸗ chen Garde, ihnen zu folgen. Folgen wir auch der kaiſer⸗ lichen Garde, ſo entfernt dies uns noch ſechs Stunden. mehr von einander. „Sage doch Baſtien, wenn er noch in Haramont iſt, was ich übrigens bezweifle, denn nach den neuſten Nachrichten ſind alle beabſchiedeten Soldaten zu ihren Regimentern zurückberufen, oder andern Regimentern derſelben Waffengattung zugetheilt worden, ſage Ba⸗ ſtien, ich danke ihm für all' ſeine Güte gegen mich, und ich gewöhne mich an den Traindienſt, der nicht ſo unangenehm iſt, als er meinte, und ich habe mir zwei gute Freunde gemacht, die ich ſelten verlaſſe: das ſind die zwei Pferde, die meinen Munitionswagen ziehen. In der That, obgleich wir erſt vierzehn Tage beiſammen ſind, verſtehen wir einander doch ſchon ſo gut, als ich und Pierrot und Langſam uns verſtanden, dieſe alten zehnjährigen Freunde, die ich eben ſo we⸗ nig vergeſſen habe, als die alte ſchwarze Kuh, welche, ſo alt ſie iſt, immer noch gute und geſunde Milch gibt. „Meine gute und geehrte Mutter, ſage endlich Ma⸗ riette, welche nach Dir diejenige iſt, nach der ich mich am meiſten ſehne, ſage alſo Mariette, während ich in Fist Unſ hier Geg hatt frei hin um ſehr Ma Gne wäh für für Geb ich! wir juta Her; kunf brin alſo ich man aus über nach zu b für! Wor men den oder über Von ich ides, nnen atten auch, habe nach der den erli⸗ iſer⸗ den. nont iſten hren tern Ba⸗ nich, nicht mir ſſe: gen age ſo en, we⸗ che, ibt. Na⸗ nich in 79 Fismes geſtanden, ſei ich nur noch zwölf Stunden von Unſerer Lieben Frau von Lieſſe entfernt geweſen, die hier noch einen größeren Ruf genießt, als in unſerer Gegend. Ich weiß, daß die Arme das Gelübde gethan hatte, dahin zu wallfahren, wenn ich bei der Ziehung frei würde. Ich wäre gern ſelbſt in ihrem Namen da⸗ hin gegangen, um ihr Gelübde zu erfüllen, und dann, um die gute Jungfrau, von der man verſichert, ſie ſei ſehr wunderthätig, zu bitten, ſie möge machen, daß mich Mariette immer liebe. Doch wenn ich zurückkomme, eine Gnade, die der gute Gott, wie ich hoffe, uns Allen ge⸗ währen wird, gehen wir mit einander, um ihm nicht nur für dieſe letzte Gunſt, die er mir gewährt, ſondern auch für Alles das zu danken, was er für mich ſeit meiner Geburt gethan hat, beſonders, indem er erlaubte, daß ich von drei frommen Frauen wie Ihr geliebt werde. „Lebe nun wohl, meine liebe und geehrte Mutter, wir haben ſo eben Befehl zum Abmarſch erhalten. Ad⸗ jutanten find auf der Straße nach Arcis⸗ſur⸗Aube zum Herzog von Treviſo abgeſchickt worden, um ihm die An⸗ kunft des Kaiſers zu melden und ihm den Befehl zu bringen, ſich vor dem Feinde zu halten. Wir werden alſo zum Kampfe mit der großen Armee kommen, und ich ſoll leider die erſchreckliche Sache kennen lernen, die man den Krieg nennt. Ein kleiner Knabe von zehn bis zwölf Jahren, der aus ſeinem Dorfe weggelaufen iſt, und den ich weinend über ſeine Eltern aufgenommen habe, bringt dieſen Brief nach der Poſt, da ich nicht Zeit habe, ihn ſelbſt dahin zu bringen, weil ich ſogleich aufſitze. „Ich gebe ihm die Hälfte meines Brodes vom Tage für den Dienſt, den er mir leiſtet. „Sage in Deinem Gebete an den lieben Gott ein Wort, daß das Stück Brod, das ich ihm gebe, dem ar⸗ i ausreiche, bis er ſeine Eltern wiedergefun⸗ en hat. 80 „Ich küſſe Dich zärtlich und ehrerbietig,meine gute Mut⸗ ter, ſowie auch meine gute Marie und meine liebe Mariette. „Dein Sohn „Conſcience.“ „Meinen Gruß dem Großvater, der ſehr unglücklich ſein muß, daß er ſein Feld nicht beſuchen kann.“ Und in der That, als der junge Soldat dem Kna⸗ ben, der ihn auf die Poſt bringen ſollte, den aus Mangel an Zeit und einem Petſchaft nicht geſiegelten Brief über⸗ gab, blieſen die Trompeten zum Aufbruch, und Conſcience, eine ſchwache Einheit in der Zahl von fünfzigtauſend Mann, welche Napoleon mit der Kühnheit des Geuies den öſterreichiſchen, ruſſiſchen, baieriſchen und preußiſchen Maſſen entgegenſtellen wollte, ſchlug mit ſeinem Pulver⸗ wagen den Weg nach Vitry⸗le⸗Frangais ein. Da unſere Perſonen dem Leſer ſchon bekannt ſind, ſo brauchen wir es nicht zu verſuchen, den Schmerz zu ſchildern, der die Armen bei der Rückkehr von Baſtien ergriff, welcher die ſchlimme Nachricht brachte, Conſcience ſei trotz des Unfalles, der ihn betroffen, für tüchtig zun Kriegsdienſt erklärt worden. Es war nicht, wie in den Augen von Baſtien, die demüthigende Waffengattung, was bei der armen Familie eine Vermehrung des Schmerzes herbeiführte: ſobald Conſcience das Dorf ver⸗ ſieß, was lag an der Waffe, bei der er dienen ſollte? ſobald Conſcience Soldat war, wurden nicht alle Waffen in dieſen Tagen der Zerſtörung eine ſo gefährlich als die andere? Doch wunderbar! Madeleine, die arme Mutter, welche dieſer Schlag noch grauſamer traf, als die An⸗ deren, wurde in ihrem Unglück durch ein anderes Unglück aufrecht erhalten; ſie fühlte, daß ſie ſich nicht ganz und ar ihrem Sohne, ſondern auch ein wenig dem armen Großvater ſchuldig war, welcher von dem Schlage auch ſo grauſam betroffen worden. Con arm übri Cad Ken uner ſo g wele bem ſo Nac dert nich tägl verſt Kän dern Geny Reb nich und etw rohe ſtüm war Fis: den ſchri den. für und halt Gr Mut⸗ riette. ücklich Kna⸗ angel über⸗ ience, uſend enies ziſchen ulver⸗ ſind, erz z aſtien ſcience zun n den ttung, g des f ver⸗ ſollte? waffen ch als kutter, An⸗ inglück tz und armen e auch 81 Was Vater Cadet am meiſten quälte, war, wie Conſcience richtig vorherſah, der Gedanke, daß ſein armes Feld ſo verlaſſen ſei. Baſtien, der viele Stunden übrig hatte, würde ſich wohl zur Verfügung von Vater Cadet geſtellt haben, aber Baſtien beſaß nur dürftige Kenntniſſe in der Feldwirthſchaft, und man konnte ſeinen unerfahrenen Händen nicht ein bis jetzt ſo gut bebautes, ſo gut gepflegtes, ſo ſehr geliebkoſtes Land anvertrauen, welches gleich bei der plumpen Berührung von Baſtien bemerken mußte, es ſei nicht der gegen daſſelbe ſo ſanfte, ſo geduldige, ſo gute Herr, der es cultivire. Zum Glück war der Nachbar Mathieu da. Der Nachbar Mathien, der auf einer großen Leiter von hun⸗ dert bis hundertfünfzig Morgen arbeitete, hatte ſicherlich nicht die Zartheit in der Behandlung und die kleinen täglichen Aufmerkſamkeiten des Vater Cadet, aber er verſtand doch ſein Handwerk. Es war ein tüchtiger Kämpe, der mehr als einmal mit widerſpänſtigen Fel⸗ dern im Streite gelegen und durch Willenskraft, mit Gewalt, wir möchten ſagen, beinahe mit Drohungen alle Rebellionen überwunden hatte. Was in dieſem Jahre das Feld von Vater Cadet nicht gutwillig geben würde, würde es gezwungen geben, und man hatte ſich um nichts zu bekümmern, wenn nicht etwa um den Kummer, den dem armen Felde eine ſo rohe Behandlung bereiten könnte. Dann waren die Tage vergangen. Sobald die ver⸗ ſtümmelte Hand von Conſcience zu ſchreiben erlaubt hatte, war, wie es Conſcience geſagt, ein erſter Brief datirt von Fismes angekommen. Ohne Nachricht von ihrem Sohne, den ſie ſchon für todt hielt, war Madeleine, ſeine Hand⸗ ſchrift erkennend, von einer großen Freude ergriffen wor⸗ den. Doch, als ſähe ſie ein, dieſe Liebe von Conſcience für ſie ſei ſo groß, daß ſie auch auf die andern überfließe, und ſie habe folglich nicht das Recht, ſie allein zu be⸗ halten, wurde zuerſt, ehe ſie den beſeligenden Brief ent⸗ Gott und Tenfel. M., 6 82 ſiegelte, Vater Cadet in Kenntniß geſetzt; dann winkte ſie von der Schwelle ihres Häuschens aus Marie und Mariette zu ſich herüber, wobei ſie den Brief in die Höhe hob, damit ſie ſähen, zu welchem Feſte ſie geladen waren. Die zwei Frauen liefen herbei, Mariette gefolgt von Bernhard, denn Bernhard, wie er begriffen, daß er Mariette geſchenkt worden, ſchien auch zu begreifen, et habe das Recht, wie ſie ſeinen Antheil an den Nachrich⸗ ten von ſeinem geliebten Herrn in Empfang zu nehmen. Nach dem zweiten Briefe, den wir ihnen vorgelegt haben, können unſere Leſer ungefähr errathen, was der erſte war. Man ließ Baſtien holen, der Alles kannte, man fragte ihn, ob er Fismes kenne: man wollte ſich eine Idee von der Gegend machen, wo Conſcience wohnte. Was die drei Frauen betrifft, ſo erſtreckten ſich ihre geographiſchen Kenntniſſe im Weſten nicht über den Pacht⸗ hof Vez, im Oſten nicht über Villers-Cotterets, in Norden nicht über Taille⸗Fontaine und im Süden nicht über Bourſonnes hinaus. Leider kannte Baſtien Fismes nicht. Allerdings erbot er ſich, als man ihm ſagte, Fismes ſei nur achtzehn bis zwanzig Stunden von Haramont entfernt, auf der Stelle abzugehen, um ſich nach Con⸗ ſcience zu erkundigen, und um bei ſeiner Rückkehr der drei Frauen einen Plan von der Stadt entwerfen zu können. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſes Anerbieten voll aufopfernder Hingebung ausgeſchlagen wurde. Die drei Frauen wußten, daß Conſcience lebte, ſie wußten, in welcher Stadt er ſich befand; ſie wußten, daß er ge⸗ ſund war und an ſie dachte: das war Alles, was ſie im Augenblick von Gott zu verlangen wagten. Uebrigens hatte Baſtien, wie es Conſcience in ſeinem zweiten Briefe vorhergeſehen, an einem ſchönen Morgen einen Marſchbefehl erhalten, denn es wurden wieder un⸗ ter bei welc delei ihn Ang Brie ſich chla Nac Aufl terſc ihre nicht einſt heit verle als hofft adre Tint winkte ie und e Höhe waren. gefolgt daß er en, et ichrich⸗ ehmen. rgelegt as der „man ch eine nte. ch ihre Pacht⸗ im n nicht Fismes amont Con⸗ hr den fen zu rbieten Die ußten, er ge⸗ ſie im ſeinem korgen run 83 ter die Fahnen alle verabſchiedete Soldaten gerufen, bei denen der Abſchied nicht auf Gebrechen beruhte, welche ſie für den Kriegsdienſt völlig untauglich machten. Am Tage nach der Abreiſe von Baſtien hatte Ma⸗ deleine von ihrem Sohne den Brief bekommen, den wir ihn in Chalons haben ſchreiben ſehen. Diesmal miſchte ſich in die Freude eine gewiſſe Angſt; Conſcience befand ſich wohl, aber er ließ ſeinen Brief in dem Augenblicke auf die Poſt bringen, wo man ſich ſchlagen ſollte; zu dieſer Stunde hatte man ſich ge⸗ ſchlagen, und wer konnte wiſſen, was geſchehen war. Man beſchloß, ihm zu antworten und ihm von Allem Nachricht zu geben; nur war das Schreiben eine große Aufgabe. Vater Cadet hatte nie mehr als ſeinen Namen un⸗ terſchreiben können; Madeleine und Frau Marie machten ihre Kreuze unten an Urkunden, aber weiter ging es nicht; Mariette allein hatte, als Schulmeiſterstochter, einſt ſchreiben können; aber ſie hatte ſo wenig Gelegen⸗ heit gehabt, dieſes Talent zu üben, daß ſie es beinahe verlernt. Es wurde nichtsdeſtoweniger beſchloſſen, daß ſie als Schriftführerin dienen ſollte. Es handelte ſich darum, ſchnell zu antworten; man hoffte, wenn man den Brief nach Vitry⸗le⸗Frangais adreſſire, werde ihn Conſcience noch bekommen. Man hatte wohl den ſeinigen bekommen. Mariette holte beim Specereihändler Briefpapier, Tinte und eine geſchnittene Feder. Sie fand Catherine, welche dasſelbe kaufte wie ſie, „Für Baſtien?“ fragte Mariette. „Für Conſcience?“ fragte Catherine. Und Beide antworteten:„Ja.“ Ber Brief von Mariette. Als Mariette nach dem Häuschen links zurückkam, fand ſie den Tiſch am Fuße des Bettes von Vater Ca⸗ det bereit geſtellt; die zwei Frauen ſaßen dabei, die Eine ſpann, die Andere ſtrickte; Quiot Pierre machte in einer Ecke Sandhäufchen mit einem Fingerhute; Bern⸗ hard ſtreckte ſeinen Kopf auf den für Mariette bereit ſtehenden Lehnſtuhl aus, als wollte er ihn für ſie be⸗ wachen. Dieſer Lehnſtuhl war der von Vater Cadet: man dachte, je beſſer ſie ſitze, deſto beſſer werde ſie ſchreiben. Kaum war ſie an ihrem Platze, als Quiot Pierre aufſtand und ſeine Sandhäufchen verließ, um zu ſehen, was ſeine Schweſter mache; eine Beſchäftigung, die im ganzen Hauſe neu war, dünkte ihm ſehr intereſſant. „Oh! kleiner Pierre,“ ſagte Mariette,„nimm Dich in Acht, Du rüttelſt am Tiſch; das Schreiben wird mir ſauer genug werden, ohne daß man mich noch zu quälen braucht, während ich ſchreibe.“ „Ich quäle Dich nicht,“ erwiederte der kleine Pierre, „ich ſchaue Dir zu.“ „Nun! ich bitte Dich,“ verſetzte Mariette, während ſie die Feder in die Tinte tauchte, nachdem ſie dieſelbe mit dem Ende ihrer Lippen naß gemacht hatte, damit ſie die Tinte beſſer faſſe,„ſchaue mir ein wenig mehr von Weitem zu.“ Doch ohne Zweifel verdrießlich darüber, daß man ihn ſo entfernte, machte Pierre eine ſo ungeſtüme Be⸗ wegung, daß ſich der Stoß vom Tiſche dem Arme von Mariette mittheilte, und daß ein ungeheurer Klecks niz ten auf das Blatt fiel. Deit herd gew fleck folg ſtatt der gew vorl zes erre die wen zu bliel was Pie anfe daß die ich im? Ziel kkam, Ca⸗ die te in Bern⸗ bereit e be⸗ man ben. ßierre ſehen, ie im Dich mir nälen ierre, hrend eſelbe damit rvon man Be⸗ evon mit⸗ 85 „Sieh, was Du gemacht haſt!“ rief Mariette. „Böſes Kind,“ ſprach Frau Marie,„wirſt Du Deine Schweſter nie in Ruhe laſſen!“ Pierre ging brummend und die Schultern hin- und herdrehend weg. Mariette wandte zuerſt das bei einem ſolchen Falle gewöhnliche Verfahren an; ſie verſuchte es, den Tinten⸗ fleck mit ihrer Zunge wegzulecken; doch der einzige Er⸗ folg dieſes Manvenvre war, daß ſie einen grauen Fleck ſtatt des ſchwarzen machte; der graue Fleck war nach der Operation viermal ſo groß, als der ſchwarze vorher geweſen war. Zum Glück hatte Mariette für einen ſolchen Fall vorhergeſehen, ſie hatte nicht ein Blatt, ſondern ein gan⸗ zes Heft Schreibpapier gekauft. Sie legte das Blatt auf die Seite; es wurde Pi⸗ erre überlaſſen, der ein Schwefelhölzchen nahm, es in die Tinte tauchte und zum Brodkaſten zurück kehrte, um, wenn nicht zu ſchreiben, doch wenigſtens ſich den Anſchein zu geben, als ſchriebe er. So viel auch der Klecks weggenommen hatte, ſo blieb doch noch Tinte genug in der Feder von Mariette, was am Ende bewies, daß nicht alle Schuld dem kleinen Pierre beizumeſſen war. „Sprecht,“ ſagte Mariette,„wie ſoll ich den Brief anfangen?“ „Was iſt Eure Meinung, Vater?“ fragte Madeleine. „Nun!“ erwiederte Vater Cadet,„fange damit an, daß Du ihm ſagſt, wir ſeien Alle geſund; ſo beginnen die Briefe immer.“ „Aber, Großvater,“ entgegnete Mariette,„wie ſoll ich ſchreiben, wir ſeien Alle geſund, während Ihr noch im Bette liegt und geſtern aufſtehen wolltet, ohne zum Ziele kommen zu können?“ „Du haſt Recht,“ antwortete ſeufzend der Greis, 86 „ſo ſage ihm, Ihr ſeid Alle geſund, außer mir, der ich krank ſei, um nie mehr aufzuſtehen.“ „Großvater, warum wollt Ihr den Brief mit einer Sache aufangen, die ihn ſchmerzen wird?“ „Ja,“ ſprach Madeleine,„der arme Junge hat Kummer genng, und man braucht ihm nicht noch mehr beizufügen.“ 2 „Mit Allem dem fangt Ihr nicht,“ bemerkte der kleine Pierre,„während ich ſchon das Drittel der Seite fertig habe.“ Und indem er abermals ſein Schwefelhölzchen in die Tinte tauchte, zeigte er ſein Papier, von dem wirklich ſchon ein Drittel voll gekritzelt war. „Du haſt Recht, kleiner Pierre, ſagte Marie,„wir wollen anfangen.“ „Setze zuerſt ſeinen Namen oben auf das Papier,“ ſprach der Großvater. „Conſcience?“ fragte Mariette. 8 „So ganz kurzweg?“ „Du haſt Recht,“ ſagte Madeleine,„Conſcience kurzweg, das iſt ſehr kalt; ſetze min liebes Kind oder mein geliebter Sohn.“ Mariette verzog das Geſicht: auf dieſe Art war der Brief nur noch von Madeleine, da ſie, Mariette, Con⸗ ſience weder ihr liebes Kind, noch ihren geliebten Sohn nennen könnte. Frau Marie begriff. „Wenn wir ſetzen würden: Lieber Freund?“ ſagte ſie. Dagegen empörte ſich das Herz von Madeleine. „Oh! ſagte ſie,„lieber Freund, ſo ſchreibt man an einen Fremden.“ „Ja!“ rief Mariette,„wenn wir unter Allem dem: Lieber Conſeience ſetzen würden?“ Mat Qui glyp Tiſo den voll übe Fre erg Fed „da die höl betr er Cad ſchle den thur dem ſtol r ich einer hat mehr der Seite ndie rklich „wir ier,“ ience oder der Fon⸗ ten man em: 87 „Ah! ſehr gut,“ ſprachen im Chor der Großvater, Madeleine und Frau Marie. Ich habe geſchrieben: Lieber Conſcience,“ rief Quiot Pierre; und er zeigte ſein Blatt, das von Hiero⸗ glyphen voll war. „Nun!“ ſagte Mariette,„weicht ein wenig vom Tiſche und haltet Pierre zurück, damit er mich nicht ſtößt.“ Und ſie ſchrieb mit einer etwas zitternden, aber dennoch ſehr leſerlichen Handſchrift: „Lieber Conſcience.“ „Und nun?“ fragte ſie. Man ſchaute ſich gegenſeitig an; die Herzen waren voll. Wäre Conſcience dageweſen, ſo würden die Engel über das, was ihm dieſe drei Frauen geſagt hätten, vor Freude gelacht haben; aber ſchreiben war kein Herzens⸗ erguß, ſondern eine Operation des Geiſtes. Der Großvater brach zuerſt das Stillſchweigen. „Nun!“ ſagte er,„ſchreibe ihm, Du ergreifeſt die Feder, um Dich nach ſeiner Geſundheit zu erkundigen.“ „Aber, Großvater,“ entgegnete Mariette ungeduldig, „da ich ihm ſchreibe, ſo wird er wohl wiſſen, daß ich die Feder nehme; ich ſchreibe nicht mit einem Schwefel⸗ hölzchen wie der kleine Pierre, und was ſeine Geſundheit betrifft, ſo wiſſen wir, Gott ſei Dank! daß ſie gut iſt, da wir auf einen Brief antworten, in welchem er ſchreibt, er befinde ſich wohl.“ „Dann ſchreibe, was Du willſt,“ erwiederte Vater Cadet, ſichtbar dadurch gedemüthigt, daß er zwei Rath⸗ ſchläge gegeben hatte, welche mit Recht verworfen wor⸗ den waren. „Das iſt noch, wie ich glaube, das Beſte, was wir thun können,“ ſprach Madeleine, deren mütterliches Herz dem Herzen des Mädchens vertraute. Wollt Ihr?“ fragte Mariette ganz feurig und ganz ſtolz, daß ſie zu ihrem Ziele gelangt war. 88 „Ja,“ antworteten gleichzeitig alle Mitglieder des Epiſtolarraths. „Dann will ich bei uns ſchreiben, damit ich nicht geſtört werde, wie hier. Iſt der Brief beendigt, ſo bringe ich ihn Euch, und Ihr möget wegnehmen oder hinzufügen, was Euch gutdünkt.“ „Einverſtanden!“ ſagten alle Stimmen. Von Bernhard allein gefolgt, zog ſich Mariette in das Häuschen rechts zurück, wohin ſie auch Tinte, Feder und Papier trug, und ſchloß die Thüre hinter ſich. Nach einer halben Stunde kam ſie zurück. Die vier Seiten ihres Papiers waren bedeckt. Dieſe große Aus⸗ dehnung der Gedanken rührte allerdings vielleicht von der Majeſtät gewiſſer Buchſtaben, von der übertriebenen Menge von Abſätzen und von der geringen Sicherheit der Zeilen her, welche da und dort nicht unbedeutend von dem Wege abgingen, den ſie hätten verfolgen ſollen. Bei ihrer Erſcheinung ſtanden Alle auf, und aus dem Munde Aller oder vielmehr aus dem Herzen Aller kam das Wort: „Laß hören!“ Mariette fing an mit zitternder Stimme und als eine Schriftſtellerin, welche an ihrem Succeß zweifelte zu leſen: „Lieber Conſeience, „Wir Frauen ſind ſehr glücklich geweſen, als wir Deinen Brief empfingen...“ „Nun! und ich,“ unterbrach ſie Vater Cadet,„bin ich nicht auch glücklich geweſen? Gut! nun vergißt man mich, als ob ich ſchon todt wäre.“ „Oh! es iſt wahr, Großvater,“ erwiederte Ma⸗ riette;„entſchuldigt mich. Doch das iſt leicht zu ver⸗ beſſern. Pierre, hole die Tinte und die Feder.“ Das Kind lief über die Straße und brachte bald die verlangten Gegenſtände. unt rdes nicht ringe ügen, te in Feder vier Aus⸗ von enen rheit itend ollen.“ dem kam als felte wir bin man Ma⸗ ver⸗ bald 89 Mariette nahm die Feder, corrigirte ein paar Worte und las dann wieder: „Lieber Conſeience, „Wir ſind Alle ſehr glücklich geweſen, als wir Dei⸗ nen Brief empfingen, einmal, weil wir daraus erſahen, daß Du Dich wohl befindeſt, und dann, weil wir er⸗ kannten, daß Du uns immer liebeſt, wie wir Dich lie⸗ ben. Es war übrigens der zweite Brief, den wir von Dir erhielten; da aber Niemand im Hauſe ſchreiben kann, als ich ein klein wenig, wie Du ſiehſt, ſo haben wir es nicht gewagt, Dir auf den erſten zu antworten. Heute, da Du glanben könnteſt, wir antworten Dir aus Gleichgültigkeit nicht, ſchreibe ich Dir, gut oder ſchlecht, um Dir zu ſagen und zu wiederholen, daß wir Dich von ganzem Herzen lieben.“ Mariette hielt bewegt inne. „Iſt es gut ſo?“ fragte ſie. „Ja, ja,“ antwortete man einſtimmig. Der kleine Pierre klatſchte in die Hände, ſo ſchön fand er das. Ermuthigt fuhr Mariette nun fort: „Du haſt Recht, Conſecience, wenn Du glaubſt, wir haben viel ausgeſtanden und viel geweint; da Du aber ſagſt, wir ſollen Vertranen zum guten Gott faſſen, ſo wollen wir es verſuchen, nur noch an den beglückenden Augenblick Deiner Rückkehr zu denken. „Baſtien iſt, wie Du gedacht haſt, geſtern abge⸗ gangen, und zwar gerade nach Chalons. Hätten wir gewußt, Du ſeiſt in dieſer Stadt, ſo würden wir ihn mit einem Briefe oder wenigſtens mit unſeren freund⸗ ſchaftlichen Grüßen beauftragt haben; doch wir kannten dieſe Stadt nicht einmal dem Namen nach. Hätte er Dich übrigens unter ſo vielen Leuten finden können? „Es freut mich ſehr; daß Du nicht allein bei un⸗ 90 ſerer Lieben Frau von Lieſſe geweſen biſt; mir ſcheint es nun unmöglich, daß wir die gute Jungfran anders zu als wir Beide mit einander beſuchen, und wir werden unmittelbar nach Deiner Rückkehr zu ihr gehen. „Wenn Du ſagſt, Du weolleſt dahin gehen, um ſie zu bitten, daß ich Dich immer liebe, ſo glaube mir, daß dies unnöthig iſt, mein theurer Conſcience, und daß ich ha Dich ohnedies immer lieben werde.“ die Mariette hielt zum zweiten Male inne, doch ohne* daß ſie die Augen aufzuſchlagen wagte, denn ſie fand das, was ſie da geſchrieben habe, ſei ſehr kühn. te Sie hätte, da Niemand zu leſen verſtand, dieſen F Satz überſpringen können, als wäre er gar nicht da geweſen, doch das keuſche Kind war unfähig zu einem i ſolchen Betrug. vi Ueberdies liebte Jedermann in den zwei Häuschen. Conſcience ſo ſehr, daß Niemand ſich darüber wunderte, M wenn Mariette ihrerſeits verſprach, dieſe Liebe werde end⸗ los ſein. Jedermann ſpendete auch der Abfaſſung des zweiten Theils vom Briefe Beifall, wie man dem erſten Beifall geſpendet hatte. Mariette fuhr alſo fort: T „Das Ende Deines Briefes betrübt uns ſehr, wie Du Dir denken kannſt, mein lieber Conſciente, weil es ih uns mittheilt, Du werdeſt Dich auch ſchlagen. Als ich zum Specereihändler ging, um eine Feder, Tinte und ön Papier zu holen, begegnete ich dem Sacriſtan; ich be⸗ ſtellte bei ihm eine Meſſe für morgen, ohne Mama Madeleine oder Mama Marie etwas davon zu ſagen..“ en „Theure Mariette!“ unterbrachen ſie die zwei Frauen, ne indem ſie die Arme gegen das Mädchen ausſtreckten. w „Ah! mein Gott!“ rief Mariette,„und ich ſchrieb Conſcience, ich habe Euch nichts davon geſagt.“ T eint ers, rden ſie daß ich hne and eſen da nem chen. rte, end⸗ iten ifall wie es ich und be⸗ ma . len, ieb 9¹ „Das iſt gleichgültig, denn Du haſt gethan, was ich zu thun gedachte,“ ſagte Madeleine. „Und ich auch,“ fügte Fran Marie bei. Maoriette fuhr fort: „Wir hoffen, daß Du Dich ſchonen wirſt; übrigens haben wir uns bei Baſtien erkundigt, und er hat geſagt, die Trainſoldaten ſeien weniger Gefahren ausgeſetzt, als die Huſaren und die Grenadiere, welche gewöhnlich alle Siege entſcheiden; deshalb, fügte er bei, ſeien ſie weni⸗ ger geachtet im Heere, als die Grenadiere und beſonders die Huſaren. Doch das iſt uns Alles gleich, wenn Du nur geſund und unverſehrt zurückkommſt. „Dies iſt der Wunſch, welchen wir Alle im Grunde unſeres Herzens hegen, indem wir Dir Lebewohl oder vielmehr auf Wiederſehen ſagen. „Für den Großvater, für Mutter Madeleine, für Mutter Marie und für den kleinen Pierre „Deine Dich liebende „Mariette.“ „Mein Gott! mein Gott!“ ſagte Frau Marie unter Thränen,„woher nimmt ſie denn Alles dies?“ „Ich weiß es wohl,“ verſetzte Madeleine, indem ſie ihre Hand an ihr Herz drückte. „Wartet,“ ſprach Madeleine,„es ſind noch zehn bis zwölf Zeilen da.“ „Laß hören,“ riefen Alle. „Bernhard befindet ſich wohl; er ſtreckt den Kopf empor und wedelt mit dem Schwanze, ſo oft man Dei⸗ nen Namen nennt, was zum Beweiſe dient, daß er weiß, daß man von Dir ſpricht. „Pierrot und Langſam ſcheinen ganz erſtaunt, daß ſie Dich nicht ſehen und Niemand mehr haben, mit dem ſie 92 plaudern können; der eine ſchreit und der andere brüllt oft ſo traurig, daß es zum Herzzerreißen iſt. „Die ſchwarze Kuh hat ein ganz ſcheckiges Kalb gebracht; man hat das arme Thierchen an Herrn Mau⸗ privez, den Schlächter von Villers⸗Cotterets, um dreißig Franken verkauft. Das iſt Schuld, daß ich ſechs Wochen lang nur zwei Drittel von unſern Kunden befriedigen konnte. Diejenigen aber, welche nicht von unſerer Milch während dieſer ſechs Wochen erhalten konnten, verſprechen mir, wieder zu uns zu kommen, ſobald wir haben wer⸗ den, denn ſie ſagen, unſere Milch ſei die beſte von allen Milchen. „Morgen, wenn ich nach Villers-Cotterets gehe, werde ich dieſen Brief auf die Poſt bringen. „Noch einmal auf Wiederſehen, lieber Conſcience; der gute Gott beſchütze Dich!“ „Amen!“ ſprach einſtimmig Vater Cadet, Made⸗ leine, Frau Marie und der kleine Pierre. Während der Brief, den Mariette am Tage, nach⸗ dem ſie ihn geſchrieben, in Villers⸗Cotterets auf die Poſt gab, Conſcience nachlief, den er nicht einholen ſollte, kam Napoleon bei Tagesanbruch in Vitry⸗le⸗Frangais an, begann den Kampf zwiſchen dieſer Stadt und Saint⸗ Dizier, trieb den Feind drei Stunden vor ſich her und zog gegen zehn lhr Morgens in das ſchon ſeit zwei Tagen vom Feinde beſetzte Saint⸗Dizier ein. Das Erſtaunen der Einwohner war groß: ſeit drei Tagen hörten ſie in franzöſiſcher Sprache die Ruſſen wiederholen, Napoleon ſei verloren, in acht Tagen wer⸗ den die verbündeten Heere unter Paris lagern, Frankreich werde getheilt werden, wie einſt England zur Zeit der ſächſiſchen und normänniſchen Eroberungen, und plötzlich mitten unter Fliehenden, in einer durch das Feuer des groben Geſchützes und das Gepraſſel der Kleingewehre zerriſſenen Rauchwolke, ſehen ſie ihn ruhig, unbeweglich rüllt Kalb Rau⸗ eißig ochen igen Rilch chen wer⸗ allen ehe, nee; ade⸗ ach⸗ Poſt lite, vais int⸗ und wei drei ſſen er⸗ eich der lich des hre lich 93 auf ſeinem Schimmel, ähnlich dem Leichname des Cid⸗ wie er die erſchrockenen Mauren verfolgt, erſcheinen, den Mann, den ſie ſchon gefangen, beſiegt, todt glaub⸗ ten, und der ihnen mit ſeiner Stimme, die nie irgend eine Gemüthsbewegung veränderte, zurief: „Seid ruhig, meine Kinder, ich bin da!“ Von da an erſchollen unter dieſen ermüdeten, von den Füßen der Pferde niedergetretenen, wie Viehherden vor den Lanzen der Koſaken hergetriebenen Einwohner⸗ ſchaften nicht nur Rufe der Frende, ſondern Schreie der Begeiſterung. Von da an fühlte ſich Conſcience, der hinter dem Retter kam, ſo klar ſein Geiſt war, auch von dieſer glüh⸗ enden Bewunderung erfaßt, die ſelbſt die Feinde dieſes Mannes zwang, ſich vor ihm zu verbeugen. Zwiſchen Vitry⸗le-Frangais und Saint⸗Dizier hatte Conſcience zum erſten Mal das Pfeifen der Kugeln ge⸗ hört; er hatte ſich bei dieſem erſten Eiſenorkan bekreuzt und ganz leiſe ein Gebet geſprochen,— eine doppelte Handlung, welche die Heiterkeit ſeines Kameraden er⸗ regte, der auf einem der Vorderpferde des Geſpanns ritt. In dem Augenblick, wo er lachte, ſchnitt ihn eine Kanonenkugel entzwei, und ein anderer Soldat, der nichts geſehen hatte, als den Sturz ſeines Kameraden, nahm ſeinen Platz ein, ohne daß er die geringſte Luſt, zu lachen, hatte. Conſcience ſprach nur die Worte: „Mein Gott und Herr, nimm ſeine Seele zu Dir!“ Bald aber wiederholten ſich die Fälle, welche Conſcience in das militäriſche Leben eingeweiht hatten, ſo raſch und in ſo großer Anzahl, daß er nicht mehr Zeit hatte, etwas zu ſagen, und er beſchränkte ſich darauf, daß er den Fall der Verwundeten und Todten mit einer Art von Verwunderung betrachtete, welche ſtark genug war, daß es ihm nicht einfiel, es könnte ihm etwas be⸗ gegnen, wie das, was den Anderen begegnete. 94 Was er aber Anfangs der Verwunderung verdankte, verdankte er nachher ſeinem Muthe oder vielmehr ſeinem Vertranen auf Gott. Während dieſer Zeit verging der ganze Tag für Napoleon damit, daß er an den Orten ſelbſt genauere Erkundigungen einzog, die er in Chalons nicht hatte ein⸗ ziehen können. Das feindliche Corps, mit dem man es zu thun gehabt hatte, gehörte zu der von Blücher befehligten preuſſiſchen Armee; das ruſſiſche Corps, das ihm voran⸗ gegangen war, mußte in dieſem Augenblick bei Brienne ſein und gegen Troyes marſchiren, um ſich mit den Oeſterreichern zu verbinden. Napoleon fing an nicht mehr an ſein Glück zu glauben und an ſeinem Genie zu zweifeln; er wandte ſich an das Verhängniß. Was Conſcience begegnete, als er zum dritten Male mit dem Kaiſer zuſammentraf. Brienne, der Name hat einen glücklichen Wiederhall im Ohr von Napoleon: hier iſt ſeine Jugend unbekannt verlaufen, hier hat er ſeine erſten Studien gemacht. Wo der Adler aufgeflogen iſt, wird der Adler wieder nieder⸗ fallen; nach ſo vielen Unfällen iſt ihm das Schickſal eine Entſchädigung ſchuldig. Der erſte Sieg des Feldzuges von 1814 wird von Brienne datiren. Napoleon gibt den Befehl, auf Brienne durch den Wald von Moutier⸗en⸗Der zu marſchiren. Man hofft den Feind in Brienne zu überrumpeln⸗ ihn un vot nkte, nem für uere ein⸗ hun gten ran⸗ nne den zu ndte ten all nnt Wo er⸗ ine ges den ln 95 Zum Unglück wird ein Oſficier, den Napoleon an Mortter abſchickt, um dieſem den Befehl zu geben, ſich ihm zu nähern, von den Preußen gefangen genommen, und ſeine Depechen unterrichten Blücher von der Ankunft von Napolebvn. Der Feind, den man zu überrumpeln hoffte, dreht ſich um und erwartet die Franzoſen; man ſchlägt ſich zwei Tage. Der erſte Tag verläuft ohne Erfolg; dreitauſend Todte bleiben auf jeder Seite auf dem Schlachtfelde. Am zweiten Tage iſt Napoleon genöthigt, ſich zu⸗ rückzuziehen und abermals viertauſend Todte auf dieſer Ebene, am Horizonte ſeiner Ingend, liegen zu laſſen, wo er, durch das Verhängniß getänſcht, wie er durch das Glück und das Genie getäuſcht worden iſt, auch dreitauſend Gefangene und 54 Kanonen verliert. Aber durch den Einfluß, den unſer junger Soldat über die Thiere erlangt, ſcheinen die Pferde, welche Conſcience führt, unermüdlich, und die Batterie, zu der er gehört, iſt eine von denjenigen, welche dem Rückzug gegen Troyes folgen können. Da wird Conſcience in dem Wirbel mit fortgeriſſen; von Zeit zu Zeit verſchwindet Napoleon und ſcheint ſich zu verlieren, dann donnern plötzlich in einer unerwarte⸗ ten Richtung die Kanonen und es ertönt der Siegesruf. Das iſt Champaubert! Montmirail! Chateau⸗ Thierry! Monterean! In zehn Tagen hat Napoleon dem Feinde neunzigtanſend Mann getödtet. Aber auch überall, wo Napoleon nicht iſt, fehlt ſein Glück; hinter ihm ſammelt der Feind ſich wieder, und obgleich immer beſiegt, rückt er doch immer vor. Die Engländer ſind in Bordeaux eingezogen, die Oeſterreicher beſetzen Lyon, und die Ueberreſte der Heere, die er ge⸗ ſchlagen hat, vereinigen ſich zu Armeen, welche dreimal ſtärker ſind, als die ſeinige. Dreimal entſchlüpfen ihm die Preußen, die er in ſeiner Gewalt zu haben glaubt; 96 das erſte Mal auf dem linken Ufer der Marne durch einen plößzlichen Froſt, der den Koth härtet, in welchem ſie hätten ſtecken bleiben müſſen; das zweite Mal an der Aisne, durch die Uebergabe von Soiſſons, das ihnen einen Durchgang in dem Augenblick bffnet, wo er ſie an die Mauern zu drängen glaubt; das dritte Mal bei Montereau durch den Fehler von Victor, der eine Stunde zu ſpät kommt und ihnen die Brücke überläßt, die er hätte beſetzen ſollen! Alle dieſe Vorzeichen ent⸗ gehen ihm nicht. Er fühlt, daß trotz ſeinen Anſtrengun⸗ gen Frankreich ſeinen Händen entgleitet. Ohne Hoffnung, einen Thron darin zu erhalten, will er wenigſtens in Frankreich ein Grab finden. Bei Montereau wird er wieder gemeiner Artilleriſt, er richtet die Geſchütze, bleibt unter den pfeifenden Kugeln und hofft immer, aber ver⸗ gebens, es werde darunter eine für ihn ſein, wie eine für Lannes, für Duroe, für Beſſieres geweſen war. Bei⸗ Areis⸗ſur⸗Aube fällt eine Bombe zu ſeinen Füßen und wirft ſein nuter ihm bebendes Pferd zurück; die Bombe zerplatzt, bedeckt ihn mit Erde und zerreißt ſein Pferd, ohne ihn zu berühren. Endlich bei Laon, wo er hundert⸗ tauſend Mann mit dreißigtanſend Soldaten angreift, kommt er auf halbe Kanonenſchußweite vor den Feind mit einer fliegenden Batterie, ſtellt ſie ſelbſt unter dem Feuer der feindlichen Artillerie auf, und da er, um mit ihm zu ſprechen, auf einen jungen Soldaten zutritt, deſſen Geſicht ihm bekannt iſt, den er ſchon mehrere Male ruhig und lächelnd in der Gefahr geſehen hat, fällt eine Hanbitzkugel in den Pulverwagen, den der junge Soldat führt, in dem Angenblick, wo dieſer vom Pferde geſtiegen war und ihn öffnen wollte, ſteckt den Wagen in Brand, ſprengt ihn in die Luſt, und hüllt den Soldaten und ſein Pferd in einen Krater von Flammen und Rauch, der Alles um ihn her verzehrt und nur ihn allein verſchont. Der Tod will ihn offenbar nicht. zugs, nung halte Sein Dizi er A marſ ſchloſ Font beim ſchon geſche geben ihrer ihr 2 Alles ſetzen mäch aber Wah Bran punkt zerſtö Finſte Finſte durch elchem l an ihnen ſie an l bei eine rläßt, ent⸗ ugun⸗ nung, s in d er bleibt ver⸗ eine Bei⸗ und ombe ferd, dert⸗ reift, eind dem mit tritt, rere hat, der vom den hüllt von und 97 Man kennt die geringſten Einzelheiten dieſes Feld⸗ zugs, den man immer wieder lieſt, in der ſeltſamen Hoff⸗ nung, die Geſchichte habe von Gott die Erlaubniß er⸗ halten, die Entwickelung zu ändern. Endlich, nachdem er Löwenſprünge von Méru⸗ſur⸗ Seine nach Craone und Rheims, von Rheims nach Saint⸗ Dizier gemacht hat, meldet man ihm in Troyes, wohin er Winzingerode verfolgte, die Preußen und die Ruſſen marſchiren, ohne ſich mehr um ihn zu bekümmern, in ge⸗ ſchloſſenen Colonnen gegen Paris. Sogleich bricht er auf; er kommt am 1. April in Fontainebleau an, er ſetzt ſeine Reiſe fort und erfährt beim Pferdewechſeln in Fromenteau, der Feind habe ſchon ſeit dem Morgen die Hauptſtadt inne. Es bleibt ihm die Wahl zwiſchen drei Entſchlüſſen. Er hat noch unter ſeinen Befehlen, dicht um ihn geſchaart, fünfzigtauſend Soldaten, die tapferſten und er⸗ gebenſten der Welt. Es handelt ſich nur darum, nicht um ihrer ſicher zu ſein, ſondern damit ihre Ergebenheit und ihr Muth Früchte trügen, die alten Generale, welche Alles zu verlieren hatten, durch junge Oberſten zu er⸗ ſetzen, welche Alles zu gewinnen hatten. Auf ſeine noch mächtige Stimme konnte ſich die Bevölkerung erheben; aber dann war Paris geopfert, da die Verbündeten aller Wahrſcheinlichkeit nach Paris bei ihrem Rückzug in Brand ſtecken würden, und Paris, dieſen großen Mittel⸗ punkt der Intelligenz, des Lichtes und der Civiliſation zerſtören hieß Frankreich enthaupten und Europa in eine Finſterniß verſetzen, und wer weiß, was während dieſer Finſterniß, ſo kurz ſie ſein mochte, geſchehen konnte? Nur ein Volk wie die Ruſſen kann man durch ein ſolches Mittel retten, Moskan war ohne Rachtheil in Aſche verwandelt worden, denn Moskau beſtand nur aus Steinen und Holz. Der zweite Entſchluß, den Napoleon faſſen konnte, Gott und Teufel. I. 7 58 war, mit den 50,000 Mann, die ihm blieben, Italien, das Land der alten republikaniſchen Siege, zu erreichen, und die 25,000 Mann von Augereau, die 18,000 Mann des General Grenier, die 15,000 Manu des Marſchall Suchet und die 4000 Mann des Marſchall Soult an ſich zu ziehen. Man fand in Italien Eugen mit unge⸗ fähr 50,000 Mann. Napolevn commandirte dann faſt zweimalhunderttauſend Mann; aber mittlerweile blieb Frankreich beſetzt; es bildeten ſich neue Intereſſen und die alten verſchwanden; nach drei Monaten, und man brauchte wenigſtens drei Monate zu dieſer Operation, hatte man beinahe eine Eroberung zu machen. Es blieb noch ein dritter Entſchluß, der, ſich hinter die Lvire zurückzuziehen und den Parteigängerkrieg zu führen, den Krieg von Charette, von Stoflet, von la Rochejaquelein, eine kaiſerliche Vendée! Das war ſehr armſelig gegen die Feldzüge in Italien, in Preußen und in Oeſterreich. Es erſchien eine Erklärung der Verbündeten, in der ausgeſprochen war, Napolevn ſei das einzige Hinderniß gegen den allgemeinen Frieden. Dieſe Erklärung ließ dem Mann, welcher der Ge⸗ genſtand derſelben, nur zwei Auswege: Entweder aus dem Leben ſcheiden auf die Art von Hannibal; Oder vom Throne ſteigen wie Scylla. Er entſchloß ſich zu dem Letzteren. Doch das Gift von Cabanis war unwirkſam. Das war der letzte Verrath, deſſen Opfer er werden ſollte; der Tod verrieth ihn, wie es einer ſeiner Diplomaten oder einer ſeiner Marſchälle hätte thun können. Da nahm er ſeine Zuflucht zu dem zweiten Mittel; er ſchrieb auf einen Fetzen Papier, der heute verloren ge⸗ gangen iſt, folgende Zeilen, die wichtigſten vielleicht, die je die Hand eines Sterblichen geſchrieben hat: ulien, chen, Nann ſchall t an inge⸗ faſt blieb und man tion, hinter g ze on la ſehr n und in der erniß r Ge⸗ t von Das ſollte; maten NRittel; en ge⸗ t, die 99 „Da die verbündeten Mächte proclamirt haben, der Kaiſer Napoleon ſei das einzige Hinderniß gegen die Wiederherſtellung des Friedens in Europa, ſo erklärt der Kaiſer Napoleon, getreu ſeinem Schwure, daß er für ſich und ſeine Erben auf den Thron von Frankreich und Italien verzichtet, weil es kein perſönliches Opfer, ſelbſt das des Lebens, gibt, das er nicht Frankreich zu bringen bereit iſt.“ Es war viel Größe in dieſer Entſagung oder viel⸗ mehr, ganz einfach, viel Müdigkeit! Das Gerücht von allen dieſen Ereigniſſen, welche eine wirkliche Bedeutung für die Bewohner unſerer zwei Häuschen nur hinſichtlich des Einfluſſes hatten, den ſie auf das Schickſal von Conſcience üben konnten, war ihnen geſchwächt durch die Entfernung, entſtellt durch die Ueber⸗ tragung zugekommen. Einmal aber hatten ſie die Kanonen bei Neuilly⸗Saint⸗Front, ein andermal bei Chateau⸗ Thierry, dann bei Ferté ſous⸗Jonarre, und endlich bei Meaux gehört, und ihr Donner rückte immer näher gegen Paris hinan. Und jeder von dieſen Kanonenſchüſſen hatte ein Echo in ihrem Herzen gehabt, denn jeder konnte der Tod ihres Kindes ſein. Dann, eines Tags, hatten ſie das ganze Armeecorps e Herzogs von Treviſo in der Flucht vorüberziehen ehen. Sie hatten ſagen hören, der Marſchall habe ſich in Villers⸗Cotterets ſeinen Artilleriepark nehmen laſſen. Seinen Artilleriepark! vielleicht war Conſcience bis dahin gekommen! vielleicht war Conſcience einen Augen⸗ blick eine Stunde von Haramont geweſen! vielleicht war Conſcience in die Hände des Feindes gefallen! Zweimal hatten ſie Nachricht von ihm erhalten: ein⸗ mal von Montereau, nach der Schlacht. Er war einer von den unerſchrockenen Artilleriſten geweſen, welche die Stücke bedienten, mit denen der Kaiſer, wieder zu ſeinem 100 alten Kanonierhandwerk zurückkehrend, die Würtemberger auf der Brücke und in den Straßen von Montereau nie⸗ dergeſchmettert hatte. Hier hatte er den Kaiſer halblaut und für ſich ſelbſt, während er die Kanonen richtete, deren Kugeln dem Feinde den Tod brachten, die charakteriſtiſchen Worte ſagen hörte: „Auf! Bonaparte, rette Napoleon!“ Aber Bonaparte, der im Jahre 1796 die Macht hatte, Frankreich zu retten, war 1814 machtlos, Napo⸗ leon zu retten. Ein anderer Brief war noch von Chateau⸗-Thierry gekommen. Conſcience war bis dahin wie durch ein Wun⸗ der bewahrt worden; alle ſeine Kameraden wurden um ihn her getödtet oder verwundet; drei Pferde wurden unter ihm getödtet. Napoleon hatte ihn bemerkt und zu ihm geſagt: „Zum zweiten Male treffe ich Dich mitten im Feuer ruhig und kalt wie einen alten Soldaten. Begegne ich Dir zum dritten Mal, ſo wirſt Du mich daran erinnern, daß ich Dir das Kreuz ſchuldig bin.“ Das war ein ſchönes Verſprechen; Conſcience ſchrieb auch ganz ſtolz noch an demſelben Abend an ſeine Ver⸗ wandten, um ihnen die Worte des Kaiſers mitzutheilen. Jedermann in den zwei Häuschen war ſehr erfreut bei dem Gedanken geweſen, Conſeience könne mit dem Kreuze zurückkommen, wenn er dem Kaiſer zum dritten Male begegne. Madeleine, mit ihrem Mutterherzen voll finſte⸗ rer Ahnungen, hatte den Kopf geſchüttelt und gemnr⸗ melt: „Ach! ſie begegnen ſich unter den Kanonenkugeln... Was wird geſchehen, wenn ſie zum dritten Mal zuſam⸗ mentreffen?“ Dann hörte man nicht mehr von Conſcience reden. Nur bekam, ein paar Tage nach dem Briefe datirt von Chateau⸗Thierry, den Madeleine erhalten hatte, — c c c— — u m ger nie⸗ bſt, em orte acht po⸗ rry un⸗ um den zu uer Dir daß rieb zer⸗ len. bei uze tale ſte⸗ ur⸗ am⸗ en. tirt tte, 101 Catherine einen Brief von Baſtien geſchrieben von einem Kameraden, weil, unter dem Scheinvorwande, es fehlen ihm zwei Finger an der rechten Hand, Baſtien nie ſelbſt ſchrieb, obgleich er, wenn man ihn hörte, früher, vor der Schlacht bei Wagram, geſchrieben hatte, um ſowohl Herrn Pierre, den ehemaligen Schulmeiſter von Haramont, als auch Herrn Oblet, den gegenwärtigen Schulmeiſter von Villers⸗Cotterets, neidiſch zu machen. Baſtien war zweimal mit Conſcience zuſammenge⸗ troffen- das erſte Mal in Troyes in der Champagne, das zweite Mal in Craone. Die zwei Freunde hatten ſich zärtlich umarmt; da aber die Huſaren und die Soldaten vom Train gewöhnlich nicht mit einander marſchiren, ſo hatten ſie ſich wieder verlaſſen müſſen. Sie hofften jedoch, ſich am andern Tage auf dem Schlachtfelde von Laon wieder zuſammenzufinden. Der Brief von Baſtien war vom 2. März Abends datirt. Seit dieſer Zeit hatte man weder von Baſtien, noch von Conſcience mehr etwas gehört. Man kam auf den Gedanken, einen zweiten Brief an Conſcience zu ſchreiben, doch da er wahrſcheinlich den, welchen man nach Vitry le⸗Frangais adreſſirt, nicht be⸗ kommen hatte, ſo verzichtete man auf dieſe große Arbeit des Geiſtes und des Herzens, die man als eine verlo⸗ rene Arbeit betrachtete. Dann hörte man, wie geſagt, den Donner der Ka⸗ nonen ſich Paris nähern. Dann ſah man das ganze Armeecorps des General Mortier in unordentlicher Flucht durch Villers⸗Cotterets und Vauciennes ziehen. Endlich ſah man fremde Uniformen erſcheinen, hörte man eine fremde Sprache. Eines Tags donnerten die Kanonen im Weſten. Am darauf folgenden Tage rief der Feind frendig: „Paris! Paris! Paris!“ 102 Dann verkündigten die Zeitungen, der corſiſche Wehrwolf ſei endlich vom Throne geſtürzt, er habe nie Napoleon geheißen, ſondern ſein Name ſei Nicolas, und aus beſonderer Gnade bewillige man ihm als Wohn⸗ ort eine kleine Inſel im Mittelländiſchen Meere. Die Inſel hieß Elba. Die Bourbonen folgten ihm auf dem Throne, und unſere guten Freunde, die Ruſſen, die Preußen, die Oeſterreicher, die Würtemberger und die Sachſen, ſollten drei bis vier Monate in Frankreich bleiben, das heißt ſo lange, als man zur Wiederbefeſtigung des neuen oder vielmehr des alten Thrones für nöthig erachtete. Alles dies war von keiner entſchiedenen Bedeutung in den Augen und in den Ohren der Bewohner der zwei Häuschen. Sie bekümmerten ſich wenig darum, ob man den Exkaiſer Napoleon oder Nicolas, den Löwen der Wüſte oder den Beſieger der Völker nannte. Sie wußten gar nicht, was die Inſel Elba war. Sie wußten kaum, was die Bourbonen waren. Vater Cadet wußte nur, daß die Ruſſen auf ſeinem, durch den Nachbar Mathien ſo wohl beſtellten, Felde la⸗ gerten, und daß man nicht mehr auf die unter den Füßen zertretene Ernte des nächſten Jahres rechnen durfte. Madeleine, Frau Marie und Mariette wußten, daß man keine Nachricht von Conſcience erhielt, und daß mehr als ein Monat verlaufen war, ſeitdem er zum letzten Male geſchrieben hatte. Baſtien beobachtete daſſelbe Stillſchweigen. Die Poſt hatte übrigens vierzehn Tage lang zu gehen aufgehört und war erſt ſeit ungefähr acht Tagen wieder herge⸗ ſtellt. Die auf allen Seiten durch die feindlichen Heere abgeſchnittenen Straßen waren allmälig dem Verkehre zurückgegeben worden; die Ruhe von Paris, die Feſt⸗ ſtellung der Regierung führten in der Provinz eine che abe las, hn⸗ und die lten t ſo oder ung wei den üſte em, la⸗ ßen en daß nehr zten oſt hört rge⸗ eere ehre eſt⸗ eine 103 Beſſerung herbei, welche von Tag zu Tag fühlbarer wurde. Mariette hatte indeſſen ihren Morgendienſt bei ihren Kunden in Villers⸗Cotterets noch nicht wieder aufgenom⸗ men. Es dünkte ihr nicht wohlanſtändig für ein junges und hübſches Mädchen, wie ſie, ſich unter die Bivouaes, welche die Ebene bedeckten, und unter die Garniſon, die die Stadt füllte, zu wagen. Es waren jedoch die ſttengſten Befehle vom General Sacken gegeben worden, der das ungehenre ruſſiſche Armeecorps commandirte, das ſich von Laon bis zu den weſtlichen Grenzen des Aisne⸗ Departement ausdehnte. Bei Bernhard hatte man Eines bemerken können: den ganzen Morgen des 8. März hatte er ſich ſehr un⸗ ruhig gezeigt; um ein Uhr ſchien er etwas zu wittern⸗ er wandte ſich gegen Oſten und gab ein dreimaliges Ge⸗ heul von ſich, das die armen Frauen zu ihrem Schrecken an das Geheul erinnerte, welches er an dem Tage, wo Conſcience den Finger abgeſchnitten, hatte hören aſſen. Langſam, Pierrot und die ſchwarze Kuh erwiederten dieſes Geheul, jedes auf ſeine Art und in ſeiner Sprache. Man war den ganzen Tag ſehr beſorgt; Bern⸗ hard blieb dieſen Tag ſowie die folgenden traurig, aber ruhig; nur gab er von Zeit zu Zeit eine Klage von ſich⸗ als entſpräche dieſe Klage einem Schmerz, den eine ent⸗ fernte Perſon ausgeſtanden hätte. Madeleine ſchüttelte traurig den Kopf. „Es iſt Conſcience ein Unglück zugeſtoßeu,“ ſagte ſie;„er leidet, da Bernhard klagt.“ Die zwei Frauen bemühten ſich, ſie zu tröſten, aber ihr Troſt war um ſo weniger wirkſam, als ſie dieſelben Befürchtungen im Grunde ihres Herzens hegten. Endlich, eines Morgens, es war am 3. Mai, ſtand Mariette nachdenkend auf der Schwelle ihrer Thüre, als . 104 ſie am Ende des Dorfes und auf die zwei Häuschen zu⸗ f ſchreitend den Briefboten erblickte. ſ Kam der Briefbote zu den Häuschen oder ging er nach dem kleinen Schloſſe des Foſſés? 6 Das Herz von Mariette ſchlug gewaltig. Doch ihr Zweifel war bald gelöſt. Der Briefbote erblickte ſie auch, und als er ſie erblickte, hob er einen Brief in die Luft empor. o Mariette ſtieß einen Freudenſchrei aus, der bis in d dem Hauſe von Madeleine wiederhallte, und eilte dem Briefboten entgegen. ſ Der Briefbote verdoppelte auch ſeine Schritte. In einer Secunde war Mariette bei ihm. „Ein Brief! ein Brief von Conſcience! nicht wahr?“ rief ſie. „Ich weiß nicht, ob er von Conſcience iſt,“ erwie⸗ derte der Briefbote,„doch es iſt ein Brief, der von Laon kommt.“ h „Geben Sie.“ „Hier iſt er; ich bekomme zehn Sous, meine kleine Schöne!“ Mariette ſtörte in ihren Taſchen, zog zehn Sous v heraus, gab ſie dem Briefträger und beſah dann die Adreſſe. Sie war von einer unbekannten Hand. Da indeſſen dieſer Brief einen andern zu enthalten ſchien, da ſie allein leſen konnte und wahrſcheinlich mit dem Vorleſen dieſes Briefes beanftragt werden würde, ſo erbrach ſie das Siegel. Der erſte Brief enthielt in der That einen andern mit der Aufſchrift: „Für Mariette allein.“ 1 Dieſe drei Worte waren wohl von der Hand von Conſcience, aber ſie waren ſo ſeltſam geſchrieben, ſie en zu⸗ ing er efbote einen is in dem hr rwie⸗ Laon leine Sous die lten mit irde, dern von ſie 105 folgten ſo wenig der geraden Linie, daß ſie Mariette er⸗ ſchreckten, ſtatt ſie zu beruhigen. In dieſem Augenblick erſchien Madeleine auf der Schwelle. „Ein Brief! ein Brief! nicht wahr?“ rief die arme Mutter. Mariette verbarg raſch in ihrem Buſen das für ſie allein beſtimmte Papier; dann trat ſie lebhaft auf Ma⸗ deleine zu und erwiederte: „Ja, ein Brief! doch ich weiß nicht, ob er von Con⸗ ſcience iſt.“ „Iſt er ſchwarz geſiegelt?“ rief die arme Mutter. „Nein, roth,“ antwortete Mariette. „Gott ſei gelobt!“ ſprach Madeleine.„In jedem Fall zeigt er mir nicht den Tod meines armen Kindes an.“ Man trat in das Häuschen ein und fand den Groß⸗ vater ſo ſehr aus dem Bette geneigt, daß er beinahe herausgefallen wäre. Auch er hatte den Ruf:„Ein Brief! ein Brief!“ gehört. Frau Marie hatte ihn auch vom Garten aus gehört, wo ſie gerade ein wenig Gemüſe holte, und da ſie gleich⸗ zeitig mit dem kleinen Pierre herbeilief, ſo war die ganze Familie vollzählig beiſammen, um das Vorleſen des Brie⸗ fes anzuhören. Mariette begann: „Liebe und geehrte Mutter...“ „Ach!“ rief ſie,„obgleich er nicht ſelbſt geſchrieben hat, iſt der Brief doch von ihm.“ „Aber warnm ſchreibt er nicht ſelbſt?“ fragte Ma⸗ deleine beſorgt. „Wir werden es erfahren,“ erwiederte Mariette⸗ Und ſie las: „Liebe und geehrte Mutter, „Aengſtige Dich nicht zu ſehr, wenn der Brief, der 106 von mir kommt, nicht von meiner Hand iſt. Ich entlehne die Hand eines Freundes, um Dir Nachricht von mir zu geben und Dir zu ſagen, daß in der Schlacht bei Laon, in dem Augenblick, wo der Kaiſer, der mich ohne Zweifel wiedererkannte und ſich ſeines Verſprechens erinnerte, wenn er mich zum dritten Male im Feuer finde, auf mich zuritt, eine Bombe den Pulverkarren, den ich bediente, in die Luft ſprengte, wodurch ich in eine Wolke von Flammen und Rauch gehüllt und ohnmächtig, ganz einem Todten ähnlich, niedergeworfen wurde; in einem Nu ver⸗ ſchwand Alles vor meinen Augen und ich hörte und ſah nichts mehr.“ „Oh! mein Gott! mein Gott!“ murmelte Madeleine. „Armer Conſeience!“ ſagte Mariette, indem ſie die Thränen abwiſchte, welche ihre Angen befeuchteten und ſie zu leſen verhinderten. „Fahre doch fort,“ ſprach Vater Cadet. Mariette fuhr fort: „In der Abendkühle kam ich wieder zu mir: man beerdigte die Todten und trug die Verwundeten weg; aus meinen Klagen ſchloß man, daß ich nicht todt war, und brachte mich in's Hoſpital. Hier erſt bemerkte ich, daß das Feuer hauptſächlich ſchädlich auf meine Augen gewirkt hatte, und daß ich Gefahr lief, das Geſicht zu verlieren.“ „Das Geſicht verliert mein armes Kind!“ rief Ma⸗ deleine. „Wartet doch,“ ſprach Mariette;„Ihr ſeht ja, daß er es nicht verloren hat, und daß er nur Gefahr läuft, es zu verlieren“ „Du haſt Recht,“ erwiederte Madeleine;„lies, mein Kind, lies.“ „Seit jener Zeit hält man mir die Augen verbun⸗ den; der Wundarzt des Hoſpitals ſagt, dies ſei für meine Heilung nothwendig; aber wie ſehr er mir auch — SS SS ce 8 nan e8 ar, ich, gen zu Na⸗ ja ahr ein un⸗ für uch 107 Muth zuſpricht, ich befürchte doch, daß ich nie wieder ſo wie früher ſehen werde.“ „Blind! blind! mein armes Kind blind!“ rief Ma⸗ deleine die Hände ringend. „Aber, um Gotteswillen,“ verſetzte Mariette,„faßt doch Muth, Mutter Madeleine; ich weiß wohl, er ſagt, er befürchte, nicht mehr ſo gut zu ſehen, wie früher, aber er ſagt nicht, er ſei blind.“ Und während ſie die Mutter von Conſcience zu tröſten ſuchte, brach Mariette ſelbſt in ein Schluchzen aus. Frau Marie war auf einen Stuhl geſunken, und der kleine Pierre, der ſich ihr ganz ſachte genähert hatte, ſprach leiſe zu ihr: „Sage doch, Mutter Marie, wenn Conſcience blind iſt, ſo wird er alſo ſein, wie jener Arme, der vor der Kirchthüre um Almoſen bittet?“ Mariette fuhr fort: „Aber, meine liebe und geehrte Mutter, verzweifle nicht, denn ich glaube wahrzunehmen, daß ſich die Sache beſſert, und durch Deine Gebete und durch die von Frau Marie und Mariette werde ich, wenn es dem Herrn ge⸗ fällt, geneſen. „Ich möchte Dir gern Rachricht von Baſtien geben, aber die, welche zu mir gelangt iſt, klingt äußerſt traurig. Ein Huſar, der mit mir im Hoſpital iſt und zu ſeinem Regimente gehörte, hat ihn bei einem Angriff, von einem Säbelhiebe an den Kopf getroffen, fallen ſehen. Nach dem vielen Blute, welches, während er fiel, über ſein Geſicht ſtrömte, befürchtet er, es ſei ihm die Stirne ge⸗ ſpalten worden. „Man hat ihn ſeitdem nicht wiedergeſehen und Rie⸗ mand weiß, was aus ihm geworden iſt; iſt er todt, ſo gibt es einen tapfern Soldaten und einen braven Jungen weniger, und da er uns wahre Dienſte geleiſtet hat, ſo 108 hoffe ich, meine gute und geehrte Mutter, daß Du und Deine Freunde ihn nicht in ihren Gebeten vergeſſen werden. „Gott befohlen, meine liebe und geehrte Mutter. Laß mir durch Mariette nach dem Hoſpital in Laon ſchreiben; der Brief wird mir große Freude machen, wenn es mich auch betrübt, daß ich ihn nicht leſen kann. „Ich küſſe Dich zärtlich und ehrerbietig und erſuche Dich, in meinem Namen Frau Marie, Mariette und den kleinen Peter zu küſſen und den Großvater um ſeinen Segen für mich zu bitten. „Dein Sohn „Conſcience.“ Dann, nach dem von ſeiner Hand geſchriebenen Na⸗ men des jungen Mannes, kamen in Form einer Nach⸗ ſchrift folgende paar Zeilen von derſelben Hand, die den Hauptbrief geſchrieben hatte: „Du ſiehſt wohl, meine liebe und geehrte Mutter, daß ich ſelbſt unterzeichnen kann, was zum Beweiſe dient, daß noch nicht Alles verloren iſt!“ Der in Angſt begonnene Brief endigte in Thränen; die drei Frauen weinten, das Kind weinte, als ſie dieſe weinen ſah; der Großvater hatte ſich wieder in ſein Bett eſteckt. 6 Diejenige aber, welche am Schmerzlichſten weinte, obgleich ſie durch eine größere Anſtrengung ihre Thränen zu verbergen vermochte, war Mariette, denn ſie dachte an den zweiten Brief, gegen den ihr Herz ſchlug, und der ohne Zweifel die Wahrheit enthielt, welche Conſcience ſeiner Mutter nicht mitzutheilen gewagt hatte. Da es ſie drängte, dieſe Wahrheit zu erfahren, wie ſie auch ſein mochte, ſo ſagte ſie zu Madeleine: „Auf! Muth gefaßt, gute Mutter! da Conſcience nicht hlind iſt, ſo wird er es auch nicht werden. Ich,“ fügt gute ſuch fern fuhr mit wel nack es ſagt ihre Nat nad zu ſ vöſe Auf hint ang zitte Sie gan ſchre u und rden. utter. Laon wenn rſuche dden einen Na⸗ dach⸗ den tter, ient, en; dieſe Bett nte, nen chte und nce wie Uce h,“ 109 fügte ſie bei, indem ſie zu lächeln verſuchte,„ich habe guten Muth, und um es Euch zu beweiſen...“ ſie ſuchte in ihrem Geiſte einen Vorwand, um ſich zu ent⸗ fernen, und da ſie die Sichel an der Wand hängen ſah, fuhr ſie fort:„und um es Euch zu beweiſen, will ich, ſtatt mit Euch zu jammern, Gras für die ſchwarze Kuh holen, welche uns die gute Milch gab, die wir mit Conſcience nach Villers⸗Cotterets brachten. Betet für ihn, wie er es verlangt. Ich will arbeiten, da der Herr Pfarrer ſagt, arbeiten ſei auch beten.“ Und eine Heiterkeit heuchelnd, die ſehr fern von ihrem Herzen war, nahm Mariette die Sichel von ihrem Nagel, küßte die zwei Frauen, entfernte ſich raſch, ging nach dem nächſten Punkte des Waldes, wo ſie das Gras zu ſchneiden pflegte, und ſchob ihren Karren mit der ner⸗ vöſen Kraft vor ſich her, welche ſie ihrer übermäßigen Aufregung verdankte. Kaum aber hatte ſie das letzte Haus des Dorfes hinter ſich, kaum warſieunter dem Schatten der erſten Bäume angelangt, als ſie ihren Karren anhielt, ſich darauf ſetzte, zitternd den Brief aus ihrem Halstuche nahm und das Siegel erbrach. Der Paſſirſchein. Nachdem ſie ſich verſichert, daß ſie allein am Ein⸗ gange des Waldes war, las Mariette, wie folgt: „Ich wollte dieſen Brief ganz mit meiner Hand ſchreiben, welche Mühe es Dir anch machen muß, ihn zu 11⁰ leſen; denn ich habe Dir Dinge zu ſagen, die nicht durch die Feder eines Anderen gehen können.“ In der That, dieſe paar Zeilen, wie die folgenden, waren beinahe unleſerlich, die Buchſtaben verwickelten ſich nnabläſſig in einander, wie die Zeilen. „Ah! armer Conſcience!“ murmelte Mariette, denn beim Anblick dieſer traurigen Unordnung errieth ſie Alles. Und ſie ſeufzte und fuhr dann fort: „Mariette, ich habe nicht gewagt, es meiner Mutter zu ſchreiben, weil das ein zu großes Unglück iſt: Ma⸗ riette, ich bin blind!“ * Mariette ſtieß einen Schrei aus; die Thränen ent⸗ ſtürzten ihren Augen, und obgleich ſie dieſelben mit einer Art von Hartnäckigkeit abwiſchte, um fortfahren zu können, floßen ſie doch ſo reichlich, daß ſie nicht durch den feuchten Schleier leſen konnte, der ſich unabläſſig vor ihren Augen erneuerte. Durch Anwendung ihrer ganzen Willenskraft gelang es ihr indeſſen, wenn nicht die Thränen gänzlich verſie⸗ en zu machen, doch wenigſtens ſie zu hemmen, und ſie ſ fort: „Mariette, die Exploſion hat meine Augen verbrannt. Ich bin blind für mein ganzes Leben und werde mit den Blicken meines Leibes weder Dich, noch Mutter Made⸗ leine, noch Frau Marie, noch den Großvater, noch irgend eine von den Perſonen, die mich lieben, mehr ſehen. „Ah! Mariette, Mariette, ich werde ſicherlich hieran ſterben.“ Mariette bemerkte nicht, daß ſie laut las und wäh⸗ rend des Leſens ſchluchzte. ——— ———— —— ——„+——„— ——— nden, n ſich denn h ſie kutter Ma⸗ ent⸗ einer en ze durch g vor elang verſie⸗ nd ſie rannt. it den Made⸗ irgend n. iern wäh⸗ 111 „Vergebens rufe ich die Reſignation herbei, die ich bei großem Unglück im Grunde meiner Seele zu finden glaubte; doch es iſt unmöglich, ich wiederhole mir im⸗ mer: Unglücklicher, du biſt blind! Unglücklicher, du wirſt ſie nie mehr ſehen! nie! nie! „Glaube aber nicht nach dem, was ich Dir da ſage, ich ſei ſo ſelbſtſüchtig, von Dir zu verlangen, daß Du an mich denkeſt und Dich an mich gebunden erachteſt. Nein, Mariette; der Frühling kommt wieder, obſchon ich die kleinen grünen Blätter der Bäume, die leichten roſigen Wolken des Himmels nicht ſehe; nein, ich fühle nur, daß der Wind ſich gemildert, daß die Luft ſanſt iſt und daß ſie mir zuweilen ländliche Düfte zubringt, wie ſie mir ſolche brachte, wenn Du mir mit Deinem großen Strauße von Blumen der Wieſen oder des Waldes entgegenkamſt. „Und mit den Blättern der Bäume, mit den roſigen Wolken, mit der ſanfteren Luft kommen die Feſte in unſeren Dörfern wieder, die Feſte in Longpré, in Taille⸗ Fontaine, in Largent und Vivières, Mariette, ſie ſind noch für Dich gemacht, dieſe ſchönen Feſte, bei denen Du ſo fröhlich tanzteſt; Du wirſt zu dieſen Feſten gehen, Mariette, und Deine ſchöne junge Zeit benützen, denn wenn Du meinetwegen leiden und entbehren ſollteſt, ſo wollte ich lieber, es hätte mich eine Kugel in's Herz getroffen, und man hätte mich auch in das große Grab gelegt, in das ich, während man mich noch halb ohnmächtig forttrug, ſo viele von meinen Kameraden werfen hörte. „Aber, Mariette, ich habe eine Bitte an Dich zu richten, und darum beſonders und nicht um Dich zu krän⸗ ken, ſchreibe ich Dir: Mariette, bereite allmälig meine gute Mutter auf das Unglück vor, das uns trifft und ſorge dafür, daß ſie nicht in Verzweiflung geräth. „O meine geliebte Mariette! „Dein armer „Conſcience. 112 „Der Dir Deine Liebe zurückgibt, die ſeinige abet bewahren wird bis zum Tode.“ „N. S. „Findeſt Du eine Gelegenheit, ſo ſchicke mir Bernhard; ich werde ſeiner ſehr bedürfen, wenn ich aus⸗ zugehen anfange.“ „Oh! mein Gott! das iſt zu viel des Schmerzes!“ rief das Mädchen;„mein Gott! mein Gott! erbarme Dich unſer.“ Sie verſuchte es, auf die Kniee zu fallen, aber die Kräfte verließen ſie und ſie ſank ohnmächtig auf ihren Karren nieder. Sie blieb einen Angenblick leblos. Doch die warme, liebkoſende Frühlingsluft und die Strahlen der Maimor⸗ genſonne brachten ſie wieder zu ſich; das Blut kreiſte auf's Neue in ihren Adern; ſie richtete den Kopf auf, ſuchte ihre Gedanken zu ſammeln, erinnerte ſich des ent⸗ ſetzlichen Unglücks, hob den Brief auf, der ihr entfallen war, verbarg ihn, nachdem ſie ihn geküßt hatte, wieder in ihrem Buſen, ſtand wie durch eine höhere Gewalt in Bewegung geſetzt auf, nahm ihre Sichel zur Hand, ſchnitt und riß zugleich das Gras ab und hatte in weniger als zehn Minuten den Karren gefüllt. Dann kehrte ſie raſch nach Hauſe zurück; ihr Auge war ſtier, ihre Stirne halb gefaltet, ihr Mund etwas geöffnet; ſie theilte das Gras in zwei Theile, warf einen Theil in die Raufe der ſchwarzen Kuh, ging in das Haus von Vater Cadet und brachte den andern Langſam. Dann eilte ſie wieder in das Häuschen links. Alle waren noch ſo, wie ſie dieſelben verlaſſen, den kleinen Pierre ausgenommen, der ſchon den Kummer der Andern und den ſeinigen vergeſſen hatte und einen Mai⸗ käfer an einem Faden fliegen ließ. „Meine Mutter,“ ſprach Mariette, als ſie bei Frau Me ſuc ſpit ſche Feſ zu ſeh En ſag Ho wer die ſo geſ thu ſchy der vor ver mit das aber mir aus⸗ e! arme die hren rme, nor⸗ eiſte auf, ent⸗ llen eder t in nitt als luge was inen aus den der dai⸗ rau 113 Marie eintrat,„ich gehe morgen, um Conſeience zu be⸗ ſuchen.“ Frau Marie erſchrak und fragte: „Was ſagſt Du da, mein Kind?“ Madeleine glaubte nicht recht gehört zu haben und ſpitzte die Ohren. ſ Vater Cadet kam wieder in ſeinem Bette zum Vor⸗ chein. „Meine Mutter,“ erwiederte Mariette mit derſelben Feſtigkeit,„ich ſage, ich gehe morgen früh, um Conſcience zu beſuchen.“ „Aber, mein Kind,“ rief Frau Marie,„Laon iſt ſehr weit, am Ende des Departement, wie ich höre.“ „Meine Mutter, ich werde gehen, und wäre es am Ende der Welt.“ „Aber Du weißt den Weg nicht.“ „Ich werde zu allen denjenigen, welchen ich begegne, ſagen: Ich will einen armen Blinden beſuchen, der im Hoſpital in Laon iſt, zeigt mir meinen Weg. Und ſie werden mir ihn zeigen.“ „Er iſt alſo blind!“ rief Madeleine in Verzweiflung. „Ja,“ ſprach Mariette, faſt irrſinnig,„er iſt es.“ Madeleine kniete vor dem Mädchen nieder, faltete die Hände und ſprach: „O Mariette! wenn Du das für mein Kind thuſt, ſo werde ich es bis auf meinem Sterbebette nicht ver⸗ geſſen.“ „Ob ich es thun werde!“ rief Mariette;„ob ich es thun werde! Oh! ja! denn ich habe es vor Gott ge⸗ ſchworen! Mutter Madeleine, ich werde Conſcience wie⸗ derſehen, ich werde ihn Euch zurückbringen, oder ich ſterbe vor Kummer!“ „Und Du wirſt ihm meinen Segen bringen, den er verlangt, der fromme Knabe,“ ſagte Vater Cadet, der mit einer äußerſten Anſtrengung ſeine beiden Hände gegen das Mädchen ausſtreckte. Gott und Teufel. U. 8 114 Es war dies das erſte Mal, ſeit er von der Läh⸗ mung betroffen worden, daß der linke Arm von Vater Cadet wieder das Leben und die Vewegnung fand. Sobald die Reiſe von Mariette beſchloſſen war, und ſie war es, mußte man ſich vor Allem einen ruſſiſchen Paſſirſchein verſchaffen. Die Straßen waren von verbündeten Truppen be⸗ deckt, und ſelbſt mit einem Paſiirſchein verſehen, hatte ein Mädchen von dem Alter und der Schönheit von Ma⸗ riette noch einige Gefahr zu laufen. Allerdings hatte ſie einen Vettheidiger bei ſich, der es nicht erlauben würde, daß ſie irgend Jemand mit der Fingerſpitze berührte. Das war Bernhard. Aber Bernhard, der etwas gegen ein paar Menſchen auf einer Landſtraße, auf einem Kreuzwege oder an der Ecke eines Waldes vermochte, vermochte nichts gegen eine Schild⸗ wache auf ihrem Poſten, gegen eine Barridre an der Stadt, gegen ein aufgeſtelltes Regiment, das den Weg verſperrte⸗ Gegen dieſe Hinderniſſe vermochte, wie geſagt, nur ein Paſſirſchein etwas. Zum Glück befand ſich der Oberbefehlshaber Sacken in Vlllers⸗Cotterets, wo er eine große Muſterung vorge⸗ nommen hatte, und wohnte beim Forſtinſpector, einem der guten Kunden von Mariette. Es war vier Uhr Nachmittags; Mariette winkte Bernhard und brach mit ihm nach PVillers⸗Cotterets auf. Drei Viertelſtunden nachher klingelte ſie an der Thüre des Inſpectors. Jedermann kannte und liebte das ſchöne Milchmäd⸗ chen, und da man ſie ſeit mehr als einem Monat nicht geſehen, ſo empfing man ſie und ihren Hund ſehr freundlich. Sie aber, nachdem ſie alle dieſe Zuvorkommenheiten mit einem traurigen Lächeln und mit ſanftem Kopfnicken erwiedert hatte, verlangte mit dem ruſſiſchen General zu ſprechen. zer da ſte det ter ter au der ne kur rie Läh⸗ Vater „ und ſiſchen n be⸗ hatte Ma⸗ der it eder nſchen r Ecke child⸗ Stadt, perrte. „nur N Sacken vorge⸗ einem winkte s auf. Thüre hmäd⸗ nicht ndlich. heiten fnicken ral zu 115 Dieſe Bitte erſchien ſo ſeltſam, daß die Dienſtleute einander anſchauten, zu lachen anfingen und ſie fragten, was für Angelegenheiten ſie mit Seiner ruſſiſchen Excel⸗ lenz zu ordnen habe. „Eine Angelegenheit, von der mein Leben abhängt,“ antwortete Mariette ſo ernſt, daß das Lachen aufhörte, und einer von den Dienern ſagte: „Wir wollen es Madame melden.“ „Madame iſt ja mit Seiner Excellenz und dem gan⸗ zen Generalſtab bei Tiſche,“ verſetzte die Köchin;„Ma⸗ dame wird gewiß nicht Jungfer Mariette zu Liebe auf⸗ ſtehen.“ Die Köchin war übler Laune; man hatte ſie durch den Bedienten, der bei Tiſche ſervirte, wegen der ſchlech⸗ ten Sauce eines Kaninchengerichtes tadeln laſſen. „Doch,“ entgegnete derſelbe Diener, der Mariette un⸗ ter ſeine Protection genommen hatte,„Madame wird aufſtehen, wenn man ihr ſagt, wer nach ihr verlangt; denn Madame liebt das ſchöne Milchmädchen, wie ſie ſie nennt, gar ſehr und hat ſich erſt geſtern nach ihr er⸗ kundigt.“ 6„Dann, mein Herr, bitte ich Sie.. ſprach Ma⸗ riette. „Ja, mein Kind, ja,“ erwiederte der Diener,„und man ſoll nicht ſagen, aus Furcht vor einem Anſchnauzen habe ich nicht gethan, was ein ſe hübſcher Mund ſo artig von mir verlangt.“ „Schmeichler!“ brummte die Köchin, während ſie ihm den Rücken zuwandte und die Achſeln zuckte, um die Bereitung eines Omelette zu überwachen. Doch ohne dieſer Apoſtrophe eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken, trat der Diener in den Speiſeſaal ein und ſagte ein paar Worte leiſe zu ſeiner Herrin, welche ſogleich aufſtand und hinausging. „Wie! Du biſt es, meine kleine Mariette,“ rief ſie, 116 ſobald ſie das Mädchen erblickte;„Du haſt uns alſo ganz und gar ſeit einem Monat vergeſſen?“ „Madame, ſie ſehen wohl, daß ich Sie nicht ver⸗ geſſen habe, im Gegentheil, da ich in unſerem großen Kummer zu Ihnen komme.“ „Was für ein großer Kummer iſt das?“ fragte die Frau des Inſpectors. „Oh! Madame, es wäre zu lang, Ihnen Alles dies zu erzählen, denn ich muß heute Abend oder ſpäteſtens morgen früh eine Reiſe antreten, die mich bis aus Ende des Departement führen wird; wenn Sie mich aber mit dem ruſſiſchen General ſprechen laſſen wollen, den ich um eine Gnade zu bitten habe, ſo werden Sie, da ich ihm doch wohl Alles ſagen muß, erfahren, wie unglücklich wir ſind.“ „Mit dem ruſſiſchen General! Du, mein Kind!“ ver⸗ ſetzte die Frau des Inſpectors ganz erſtaunt. „Ja, Madame,“ erwiederte Mariette mit feſtem Tone,„mit dem ruſſiſchen General. Kann ich übri⸗ gens nicht in dieſem Angenblick mit ihm ſprechen, ſo er⸗ lauben Sie mir wenigſtens entweder in der Küche, oder im Garten, oder im Hofe zu bleiben, und ich werde warten.“ „Nein, nein, mein Kind,“ erwiederte die Frau des Inſpectors, erſtaunt über dieſen ſchwermüthigen Ernſt. „Iſt die Angelegenheit, in der Du mit dem General zu ſprechen haſt, ſo dringend, ſo mußt Du ſogleich mit ihm reden. Komm, mein Kind.“ „Dh! Madame, wie gut ſind Sie, und wie danke ſä Ihnen!“ rief Mariette, indem ſie raſch ihrer Führerin olgte. Die Frau des Inſpectors ging voran und öffnete die Thüre eines Speiſezimmers, wo ungefähr zehn ruſ⸗ ſiſche Officiere bei Tiſche ſaßen. Mariette trat hinter ihr ein; die Ergebenheit hatte bei dem guten Mädchen die Schüchternheit überwunden. alſo ver⸗ oßen die dies ſtens Ende mit m ihm cklich ver⸗ eſtem übri⸗ o er⸗ oder verde 1des Frnſt. neral mit danke rerin ffnete ruſ⸗ hatte inden. 117 „General,“ ſprach die Frau vom Hauſe zu dem Officier, der den Mittelplatz an der Tafel inne hatte, „dieſes Mädchen hier hat ſich eine Gnade von Eurer Ercellenz zu erbitten, und ich erlaube mir, ſie Ihnen zu empfehlen.“ „Ei! von Ihnen empfohlen,“ erwiederte der Gene⸗ ral mit jenem leichten Actent, der einen Franzöſiſch ſpre⸗ chenden Ruſſen andentet,„von Ihnen empfohlen, iſt ſie willkommen.“ Dann ſchob er ſeinen Stuhl zurück, ließ ihn ſo ſich drehen, daß er ſich von ſeinen zwei Nachbarn abſonderte, und ſprach: „Nur näher, mein ſchönes Kind.“ Mariette näherte ſich mit niedergeſchlagenen Augen und ganz verlegen, da ſie vor dieſem Manne erſchien, welcher für ſie die Vorſehung vertrat, denn er ſollte ihr den Weg öffnen, der ſie zu Conſcience führte. „Hier bin ich,“ ſprach das Mädchen. „Wie heißeſt Du?“ „Mariette, mein Herr.“ „Sie iſt wahrhaftig reizend,“ ſagte der General, indem er mit ſeiner Hand ihr Kinn ſtreichelte. Aber mit einer unglaublichen Würde ergriff Mariette dieſe zu vertrauliche Hand und küßte ſie ehrfurchtsvoll, wie es vor einem Mächtigen ein demüthiges Mädchen thut, das geachtet ſein will. Der General fühlte dieſe Nuance voll Zartheit, zog ſeine Hand zurück und fragte: „Ah! das iſt etwas Anderes, was wünſchen Sie?“ „Mein Herr,“ erwiederte Mariette,„ich wünſchte einen Paſſirſchein, um nach Laon zu gehen.“ „So ganz allein?“ nein, mein Herr, nicht ganz allein, mit Bern⸗ ar 6 „Wer iſt das, Bernhard?“ fragte der General. Bernhard, der ehrerbietig außen geblieben war, 118 dachte, als er ſeinen Namen zweimal ausſprechen hörte, es wäre nicht unbeſcheiden, ſich zu zeigen, drückte an die Thüre, welche nur angelehnt war, trat ein und ſtellte ſich neben Mariette. „Das iſt Bernhard,“ ſagte das Mädchen. Der General betrachtete dieſes herrliche Thier, das ſeine glühenden Augen auf ihn heftete und bereit ſchien, auf ein Wort ſeiner Gebieterin alle zwiſchen der Sanft⸗ muth und dem Zorne liegenden Nuancen zu überſpringen. „Teufel!“ ſagte er,„das iſt in der That ein guter Reiſegefährte, mein Kind; doch was wollen Sie in Laon machen?“ „Ich will einen armen Soldaten beſuchen, der im Hoſpital iſt.“ „Verwundet in einer Schlacht?“ „Geblendet durch einen aufgeſprungenen Pulver⸗ wagen.“ „Und dieſer Soldat iſt Ihr Bruder, Ihr Vetter, Ihr Verwandter?“ „Dieſer Soldat iſt Conſcience.“ „Ah! und Conſcience iſt Ihr Liebhaber, da er we⸗ der Ihr Vetter noch Ihr Bruder, da er Conſcience kurz⸗ weg iſt?“ „Dieſer Soldat iſt der Mann, den ich liebe und den ich heirathen ſoll.“ „Wie! Sie ſind ſo jung und hübſch, und Sie wollen einen blinden, gebrechlichen Soldaten heirathen?“ „Ich glaubte Ihnen geſagt zu haben, daß ich ihn iebe.“ „Ja, doch vor ſeinem Unglück.“ „Oh! mein Herr!“ rief Mariette weinend,„ſeit ſei⸗ nem Unglück liebe ich ihn noch viel mehr.“ „Wahrhaftig,“ ſprach der General, halb lachend, halb gerührt,„das iſt intereſſant wie eine Idylle von Triloff, und ich habe große Luſt, dieſem ſchönen Kinde nicht nur den Paſſirſchein, den es von mir verlangt, ſon⸗ örte, die ſich das hien, anft⸗ igen. zuter Laon im lver⸗ tter, we⸗ kurz⸗ und Sie n ihn ſei⸗ end, von inde ſon⸗ 119 dern auch meinen Wagen und eine Bedeckung von Ko⸗ ſaken zu geben.“ „Hert General,“ erwiederte Mariette,„ich bitte Sie, ſpotten Sie nicht über mich, denn ich ſpreche im Namen des Herrn, der mir geboten hat, mein Haus und melne Mutter zu verlaſſen, um Conſcience aufzuſuchen. Ich brauche keinen Wagen, denn ich gehe gut zu Fuße, ich brauche keine Bedeckung, denn ich habe Bernhard als Begleiter. Ich brauche uur einen Paß, damit mir unter Weges Niemand ein Leid zufügt oder mich aufhält.“ „Es iſt gut, mein Kind,“ ſprach der General, ganz gerührt von dieſer Einfachheit,„ich will Ihrer aufopfern⸗ den Ergebenheit kein Theilchen von ihrem Verdienſte oder von ihrer Größe nehmen und werde alſo nur für Sie thun, was Sie von mir verlangen, nicht mehr, nicht weniger.“ Dann wandte er ſich zu einem jungen Mann um⸗ der ihm als Adjutant diente, und ſagte: „Elim, ſtellen Sie dieſem Mädchen einen Paß in drei Sprachen aus, ruſſiſch, deutſch und franzöſiſch, drücken Sie mein Siegel darauf und bringen Sie ihn mir zur Unterſchrift.“ „Ich danke, Herr General; ich hoffe, Gott wird Ihnen für Ihre Güte lohnen,“ ſprach Mariette, während ſie an die Wand zurücktrat, um auf die Wiederkehr des Adjntanten zu warten. Nach fuͤnf Minten kam dieſer zurück; er brachte den Paß ſchon geſchrieben und eine Feder, die er zum Voraus in die Tinte getaucht hatte, damit der General nur zu unterzeichnen brauchte. Dieſer nahm das Papier mit der Linken, die Feder mit der Rechten und las: „Es wird hiemit den ruſſiſchen oder franzöſiſchen Officieren, Soldaten und Behörden befohlen, die Inha⸗ berin dieſes Paſſes ungehindert im ganzen Umfang des Aisne⸗Departement paſſiren und ihr ſogar im Nothfall Schutz und Beiſtand angedeihen zu laſſen.“ 120 Nachdem er dies geleſen hatte, nickte der General beiſtimmend mit dem Kopf und ſchrieb unter den in ruſ⸗ ſiſcher, deutſcher und franzöſiſcher Sprache abgefaßten Paß: Obergeneral, Commandant im Aisne⸗Depar⸗ emen „Sacken.“ Dann reichte er das Papier Mariette. Dieſe wollte ihm abermals die Hand küſſen; doch der ruſſiſche General ſtand auf, zog ſie zu ſich, küßte ſie väterlich auf die Stirne und ſprach: „Gehe, mein Kind, der heilige Newsky ſchütze Dich.“ Mariette wurde roth wie eine Kirſche, und ſie hatte doch die ganze Keuſchheit des Kuſſes, den ſie empfangen, erkannt. Hienach ergriff ſie die Hand der Forſtinſpectorin, küßte ſie und rief: „Oh! Madame! Madame! wie danke ich Ihnen aus Herzensgrund!“ Und ſie ſtürzte aus dem Saale. Freudig über ihre Freude, ſprang ihr Bernhard nach und verſchwand zu gleicher Zeit mit ihr. Man ſetzte ſich wieder zu Tiſche und widmete das Ende des Mahles ganz den Erklärungen, welche über Conſcience, Mariette, den Vater Cadet und die übrige Familie der Inſpector und ſeine Frau gaben, einen ſo lebhaften Eindruck hatte die Erſcheinung des Mädchens auf den General und die ruſſiſchen Officiere gemacht. Drei Viertelſtunden nachher ſchritt Mariette, der Bernhard voranging, um ihre Ankunft zu melden, trium⸗ phirend durch das Dorf Haramont und kehrte mit ihrem Paſſe in der Hand in das Häuschen links zurück. So ſtand nichts der Abreiſe von Mariette im Wege. Vater Cadet drehte ſich in ſeinem Bette um und zog aus ſeinem Verſteck den alten ledernen Sack. ein ind un vo! der tel ral uſ⸗ ß: ar⸗ och ſie . tte en, us ach as ber ige ns er m⸗ em ge. nd 12¹ Ach! in ſeinem alten ledernen Sack war nur noch ein Goldſtück vorhanden. „Hier, mein Kind,“ ſagte er mit einem Seufzer, indem er das Goldſtück Marieite bot,„nimm und bringe uns Conſcience zurück.“ Mariette aber, welche wohl wußte, daß die Familie von Vater Cadet ſeit der Krankheit des Greiſes und der Abreiſe von Conſcience in Noth gerathen war, ſchüt⸗ telte den Kopf und erwiederte: „Ich danke, Großvater, behaltet Euer Goldſtück, ich habe, was ich brauche.“ Dann wandte ſie ſich an Frau Marie und ſagte leiſe zu ihr: „Mutter, nicht wahr, Du erlaubſt, daß ich mor⸗ gen, wenn ich durch Villers⸗Cotterets komme, mir vom Fleiſcher die dreißig Franken geben laſſe, welche er uns für das Kalb ſchuldig iſt, das wir vor zwei Mona⸗ ten an ihn verkauft haben?“ „Thue, was Duwillſt, mein Kind,“ erwiederte Frau Marie.„Iſt es nicht der Herr, der Dir Alles eingibt? Gott beleidigen, wenn man Dich verhindern wollte.“ Die Kutſche von Martiveau, der Wagen und die Fran vom dicken Charles. Am andern Morgen nahm Mariette von Allen Ab⸗ ſchied und machte ſich traurig und zugleich freudig auf den Weg. Traurig über das Unglück, das Conſcience wider⸗ fahren war; frendig, daß ſie ihn in dieſem Unglück wieder⸗ ſehen ſollte. 122 Der Himmel hatte die Morgenklarheit, welche einen ſchönen Tag verheißt. Auf der einen Seite funkelten die letzten Sterne im Weſten glänzender als je in dem noch dichten Schleier des nächtlichen Azurs, auf der andern Seite fing das Firmament an ſich unter den erſten Strahlen der auf⸗ gehenden Sonne zu färben und ging von den Nuancen des blaſſeſten Roſa zum dunkelſten Purpurroth über. Mit der Morgendämmerung erwachte Alles: die Bewoh⸗ ner der Ebenen, die Gäſte der Wälder; die Lerche ſtieg gerade zum Himmel empor und begrüßte die erſten Flammen des Tages mit ihrem klaren, heiteren Geſang; die Grillen liefen im Graſe umher, die Rothkehlchen hüpften im Gebüſche, das Eichhörnchen ſchaukelte ſich au den Zweigen der Bäume; nur einige Fledermäuſe, die ſich verſpätet hatten und mit ihrem ſtillen Fluge die Luft durchfurchend die dunkelſten Stellen des Waldes auf⸗ ſuchten, proteſtirten gegen das Unſichgreifen des Lichtes und den Fortſchritt der Helle. Man fühlte, daß man in einen jener Frühlingstage eingetreten war, welche, die Füße mit Thau benetzt, von den Bergen herabſteigen, um mit ihrem lauen, duftenden Athem die erſtarrte Natur aufzuwecken. Obgleich gewohnt, beim Morgenroth durch den Wald zu gehen, war Mariette nicht unempfindlich gegen alle dieſe Veränderungen, welche um ſie her vorgingen. Das Herz des Mädchens fühlte ſich an dieſem Tage leichter als an andern; ſie bemerkte auch alle die frendigen Aufſchwin⸗ gungen der Erde zum Himmel: ohne Zweifel war es die gute That, die ſie vollbringen wollte, was zugleich ihren Geiſt und ihre Stirne erheiterte. Doch wenn ihr Herz leicht war, ſo waren ihre Füße noch leichter: ſie durchſchritt den Wald in weniger als einer Viertelſtunde, trat in den Park ein, hielt ſich in der Stadt nur auf, um beim Fleiſcher die dreißig Fran⸗ win⸗ die hren Füße als in ran⸗ 123 ken in Empfang zu nehmen, welche ihr zu ihrer Reiſe dienen ſollten, und ſchlug den Weg nach Soiſſons ein. Am zweiten Tage gedachte ſie in Laon zu ſein; wohl unterrichtet, wußte ſie, daß ſie vierzehn bis fünfzehn Stunden zu machen hatte: das waren ſieben an jedem der zwei erſten Tage und nur eine am dritten; ſie hatte ihre Märſche ſo eingetheilt, weil ſie vermuthete, wenn ſie am Abend in Laon ankäme, ſo könnte ſie Conſcience erſt am andern Tage ſehen, und ſie wollte lieber in irgend einem Dorfe in der Umgegend der Stadt, als in der Stadt ſelbſt ſchlafen. Man konnte ſich nicht irren, denn die Straße von Villers⸗Cotterets nach Laon war eine Straße erſten Ranges. Gegen ſieben Uhr Morgens verließ Mariette Villers⸗ Cotterets wieder. Die Frühlingsſonne der vorhergehen⸗ den Tage hatte die Erde getrocknet; ſie ging auf einem hübſchen Wege, der ſich, dem eines Parkes ähnlich, unten an der Straße den Fußgängern bot. Bernhard lief vor ihr her, kam von Zeit zu Zeit munter ſpringend zurück und lief bald wieder voraus, wie ein Kundſchafter, der jeden Baum, jeden Buſch, jeden Stein zu unterſuchen beauftragt iſt. Aus ſeinen Sprüngen, aus ſeinem Hin⸗ und Her⸗ laufen hätte man ſchließen ſollen, er wiſſe, das Mädchen ſei auf dem Wege zu Conſcience, und ohne Zweifel wußte er es auch, der gute Bernhard, denn er wäre ſonſt nicht ſo munter geweſen. Mariette hatte ſchon etwa eine halbe Meile zurück⸗ gelegt, und nichts ſchien ihr ſo leicht zu ſein, als den ganzen Tag ſo zu marſchiren, als eine Stimme hinter ihr erſcholl. „He! Mariette!“ rief dieſe Stimme. Mariette wandte ſich um und ſah einen Wagen, deſſen Rollen ſie ſeit einigen Augenblicken hiater ſich gehört hatte. Es war der des Kuiſchers, welcher zu jener Zeit, wo die Diligencen noch ſelten, den Dienſt zwiſchen Vil⸗ lers⸗Cotterets und Soiſſons verſah. „Ah! Sie ſind es, Herr Martineau?“ ſagte Mariette. „Ja, ich bin es; und wohin gehſt Du denn, mein ſchönes Kind?⸗ Mariette trat an den Wagen und erzählte dem Kutſcher und den vier Reiſenden, welche darin aufgehäuft waren, die Urſache und den Zweck ihrer Reiſe. Die Reiſenden hörten Anfangs ungeduldig dem Mäd⸗ chen zu, das ſie auf ihrem Wege aufhielt; dann folgte allmälig die Theilnahme auf die Ungeduld. Uebrigens war Martineau auf dem Bock ſeiner Kutſche ebenſo unumſchränkter Herr, als ein Kapitän auf ſeinem Schiffe, und die Reiſenden mochten immerhin murren, Martineau ließ ſein Pferd im Schritte gehen, auf welche Art er, die dem Thiere zum Ausruhen bewil⸗ ligten Halte miteingerechnet, die ſechs Poſtſtunden, die Villers⸗Cotterets von Soiſſons trennten, in vier Stunden zurücklegte. Die Erzählung des Mädchens intereſſirte, wie es ſcheint, Martineau noch lehhafter als die Reiſenden, denn kaum hatte ſie geendigt, ſo ſagte er: „Ei! ſchönes Kind, Du brauchſt Dich nicht ſo ſehr dadurch zu ermüden, daß Du zu Fuße gehſt.“ „Ich muß wohl zu Fuße gehen, da ich keinen Wa⸗ gen habe, Herr Martineau,“ erwiederte Mariette lachend. „Doch, bei Gott! Du haſt einen Wagen.“ „Welchen?“ „Den meinigen!“ Mariette wich zurück. „Sie ſpotten, Herr Martinean,“ ſagte ſie,„denn Sie wiſſen wohl, daß ich nicht reich genng bin, um zu fahren; Sie laſſen ſich vierzig Sous von jedem Reiſenden bezahlen, und ich habe im Ganzen nur dreißig Franken, um Conſcience abzuholen und ihn zurückzubringen; er n ft te er in in n, il⸗ ie en nn ehr La⸗ nd. enn zu iden ken, t 125 wird wahrſcheinlich einen Wagen brauchen, ich brauche keinen; überdies iſt Ihr Wagen voll.“ „Eil wer ſpricht denn vom Bezahlen, mein ſchönes Kind? Hievon iſt, Gott ſei Dank! nicht die Rede, und was einen Platz betrifft: wenn keiner mehr im Wagen iſt, ſo findet ſich doch einer auf dem Bock, und dann,“ fügte Martineau mit einem äußerſt artigen Tone bei,„es iſt gar nicht unangenehm, ganz nahe bei einem ſo hüb⸗ ſchen Mädchen zu ſitzen.“ „Ich danke, Herr Martineau,“ verſetzte Mariette, immer zurückweichend. „Ei! ſteige doch auf und mache keine Umſtände, mein Kind,“ rief der Kutſcher;„ich weiß, Du wünſcheſt, ſo bald als möglich Conſcience zu ſehen.“ „Oh! ja,“ verſetzte das Mädchen. „Mit meinem Wagen kommſt Du ſpäteſtens um eilf Uhr in Soiſſons an; er iſt weich wie eine Kinderwiege und Du wirſt nicht müde werden; Du magſt Dich in Soiſſons ſo lange aufhalten, bis Du mit mir einen Biſſen gegeſſen, und dann kannſt Du Dich wieder auf den Weg begeben; wer weiß? vielleicht ſchläfſt Du heute Nacht in Chavignon oder gar in Etouvelle, ſo daß Du morgen früh Deinen guten Freund ſiehſt, ſtatt ihn erſt übermorgen früh wie⸗ derzuſehen: das ſind vierundzwanzig Stunden reiner Gewinn; was meinſt Du, mein ſchönes Kind?“ „Nehmen Sie es doch an,“ riefen die Reiſenden, theils aus wirklichem Intereſſe für das Mädchen, theils weil der Wagen, wenn Mariette einmal auf dem Bocke wäre, ſich wieder raſcher in Bewegung ſetzen würde. „Bei meiner Treue! Sie bieten mir das in der That ſo freundlich an, Herr Martineau, daß ich große Lnſt habe, es anzunehmen.“ „Hup!“ rief der Kutſcher, während er Mariette die Hand reichte und ihr trotz eines Ueberreſtes von Wider⸗ ſtand hinaufſteigen half. Mariette ſetzte ſich ganz erröthend neben den Kutſcher. 126 „Vorwärts!“ ſagte dieſer.„Marſch⸗ ſchlimmer Ge⸗ Und er peitſchte ſein Pferd und fuhr weiter. Man war, wie es das Programm verkündigt hatte, um eilf Uhr vor den Thoren von Soiſſons. Die Thore wurden von ruſſiſchen Soldaten bewacht; aber Martineau hatte als patentirter Kutſcher einen guten Paß und Ma⸗ riette brauchte den ihrigen nicht zu zeigen. Mariette hatte nie eine ſo große Stadt geſehen; dieſe geſchloſſenen Thore, dieſe Faligitter, dieſe Kanonen auf den Wällen, dieſe Schildwachen, welche mit dem Gewehre im Arm auf⸗ und abgingen, Alles dies erſchreckte ſie beim erſten Anblick, und wenn ſie bedachte, daß ſie allein ſolche Schwierigkeiten hätte durchmachen müſſen, war ſie ganz vergnügt, daß ſie das Auerbieten von Mar⸗ tineau angenommen hatte. Der Kutſcher kehrte im Gaſthauſe zu den Drei Jungfrauen ein; man wußte die Stunde ſeiner Ankunft, welche kaum zwiſchen eilf und halb zwölf Uhr wechſelte. Er fand alſo ſein Frühſtück bereit. Ein aites gaſtronomiſches Sprüchwort, das jedoch von den wahren Gaſtronomen geläugnet wird, ſagt, wo ſich für Einen ſatt zu eſſen finde, da finde ſich auch für wei. Der Kutſcher wurde ſo gut im Gaſthanſe bedient, daß ſein. Frühſtück nicht nur für zwei, ſondern auch für drei genügte. Er zeigte Mariette den gedeckten Tiſch. Wie beim Aufſteigen machte ſie einige Umſtände, gab aber am Ende nach, ſetzte ſich und aß mit gutem Apve⸗ tit; dies that auch Bernhard, was man zu ſeinem Lobe ſagen muß. Als das Frühſtück beendigt war, ſprach der Kutſcher zu dem Mädchen: „Bleibe da, mein ſchönes Kind, ich werde für Dich ſorgen.“ Und er nickte mit dem Kopf und ging weg. wu e 1⸗ en te ſie n, r⸗ rei ft, te. ch wo für nt, für zab pe⸗ obe cher ich 127 In welcher Hinſicht wollte er für ſie ſorgen? Das wußte Mariette nicht. Nach einer Viertelſtunde erfuhr ſie es. Martineau kam ganz vergnügt zurück. Mein ſchönes Kind,“ ſagte er,„die Sache iſt in Ordnung, wir werden morgen unſern Freund Conſcience ehen.“ „Wie ſo?“ fragte freudig Mariette. „Oh! das iſt ganz einfach: ich habe einen guten Burſchen, einen alten Bekannten von mir, einen Fuhr⸗ mann von Chavignon gefunden; er hat ſeine Gemüſe auf dem Markte von Soiſſons verkauft und fährt leer zurück; er wird ein paar Bund Stroh auf ſeinen Wagen werfen und Dich mitnehmen; um drei Uhr werdet Ihr in Chavignon ſein Du wirſt in einem guten Bette, das Dir ſeine Frau gibt, ansruhen und Dich morgen bei Tagesanbruch friſch und munter wieder auf den Weg begeben: hiedurch wirſt Du von fünfzehn Stunden nur vier bis fünf zu Fuß zu machen haben.“ „Ah! wie danke ich Ihnen, Herr Martineau!“ rief das Mädchen mit Thränen in den Augen. „Bah! hat gar nichts zu ſagen,“ erwiederte der Kutſcher, indem er mit den Fingern ſchnalzte.„Bei meiner Trene, gäbe es nicht einen guten Gott für die wackeren Leute, für wen ſollte es dann einen geben?“ „Und wann werden wir abgehen?“ fragte Mariette. „Sogleich. Er iſt dort, zehn Schritte von hier in, der Rothen Kugel, wo er Stroh in den Wagen legen läßt, damit Du ſanfter fährſt.“ „So wollen wir gehen!“ ſagte Mariette. Beide gingen mit Bernhard, der, wohl ausgeruht und wohl gefüttert, ganz bereit ſchien, ſich auf den Weg zu machen. Der Freund von Martineau war ein guter dicker Burſche, welcher mit Sommerartiſchocken, Kohl und Win⸗ termöhren handelte. 128 Er empfing Mariette zuvorkommend und ſchien eben ſo große Eile zu haben, nach Hauſe zu kommen, als das Mädchen, vier bis fünf Stunden weiter zu machen. Der Kutſcher und der Gemüſehändler ſprachen ein paar Worte mit einander; dann lud der Gemüſehändler, den man den dicken Charles nannte, eine Bezeichnung, die er ohne Zweifel der Rundung ſeines Leibes und ſei⸗ ner Backen zu verdanken hatte, Mariette ohne Umſtände ein, in den Wagen zu ſteigen, weil ihn, wie er ſagte, Javotte erwarte, und Javotte werde er nicht einmal dem ſchönſten Mädchen der Erde zu Liebe warten laſſen. Mariette ließ ſich nicht bitten; ſie reichte Martineau die Hand und ſtieg ein, während ſich Bernhard am Wagen erhob und durch die Leiter ſchaute, als wollte er ſich ver⸗ ſichern, daß ſeine Herrin gut aufgehoben ſei. Er ſchien mit ſeiner Inſpection zufrieden zu ſein, denn er fiel wieder auf ſeine vier Pfoten und bellte luſtig. „Teufel!“ ſagte der dicke Charles,„Ihr habt da einen Reiſegefährten, mit dem nicht gut umzugehen wäre, wenn man Euch ein unrechtes Wort ſagen würde!“ „Bah! wer ſoll ein armes Mädchen wie mich be⸗ leidigen, Herr Charles?“ „Hm! hm!“ verſetzte der Kutſcher, Mariette an⸗ ſchauend,„man darf auf den Landſtraßen am Abend nicht zu ſehr trauen, beſonders gegenwärtig, da ſich Geſindel aus allen Ländern bei uns herumtreibt.“ „Glauben Sie denn, wir haben etwas zu befürch⸗ ten, Herr Charles?“ „Oh! nein; überdies werden wir frühzeitig an⸗ kommen; doch ich wiederhole, ſpät am Abend und frühe am Morgen würde ich nicht trauen!“ „Aber ich habe einen Paß in drei Sprachen von dem ruſſiſchen General, der in Villers-Cotterets beim Herrn Inſpector iſt.“ „Gut!“ verſetzt lachend der dicke Charles,„das iſt um um aut lich geſ beſ nat ſeit ſtre der Mao ben das ein ler, ug, ſei⸗ ude te, em eau gen er⸗ 129 für diejenigen, welche leſen können; aber die, welche nicht leſen können?“ „In der That, Sie machen mir bange, Herr Charles.“ „Ah bah! das iſt zum Lachen,“ erwiederte der Gemüſehändler.„Adien, Martineau; ich danke Dir für die ſchöne Geſellſchaft, die Du mir gibſt. Sitzt Ihr gut, mein ſchönes Kind?“ „Ja, Herr Charles.“ „Vorwärts alſo! Hü, Blücher, hü!“ Blücher war der Taufname des Pferdes von Charles. Es war ein ganzes politiſches Glaubensbekenutniß, was der gute Mann da machte, eine Art von Mani⸗ feſtation, von Proteſtation gegen die Ereigniſſe, welche in Erfüllung gegangen waren. Die Worte hü! hü! wurden von zwei kräftigen Peitſchenbieben begleitet, welche der ſtarke und patriotiſche Charles Blücher ſelbſt zu geben im Stande geweſen wäre, hätte er ihn allein, an einem abgelegenen Ort, ohne andere Zeugen, als den Wald, die Felder oder die Wolken gefunden. Beim Thore machte man dieſelben Schwierigkeiten, um den dicken Charles hinauszulaſſen, als man gemacht, um Martinean einzulaſſen; aber der Gemüſehändler zog aus ſeiner Taſche ein Papier, das ſich in ſeiner urſprüng⸗ lichen Farbe leicht verändert hatte; die auf dieſes Papier geſchriebenen paar Zeilen und ein beigedrücktes Siegel beſeitigten alle Schwierigkeiten, ſo daß ſich zehn Minuien nach dem Abgang von der Rothen Kugel Mariette jen⸗ ſeits Sviſſons befand und in einem Trab auf der Land⸗ ſtraße hinfuhr, der zugleich den Beinen von Blücher und der Liebe des dicken Charles für Javotte Ehre machte. Auf dem ganzen Wege unterhielt der dicke Charles Mariette nur von ſeinem ehelichen Glücke. Ehe man nach Crony kam, das heißt ehe man eine Gott und Tenfel. M. 9 Stunde zurückgelegt hatte, wußte Mariette, daß der dicke Charles ſeit zwei Jahren mit Javotte verheirathet war, daß er drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, hatte. Mariette begriff nicht recht, wie man zwei Jahre verheirathet ſein und drei Kinder haben konnte, aber ihr Mädcheninſtinct ſagte ihr ganz leiſe, ſie dürfe hierüber keine Fragen machen. In Vaurains wußte ſie, daß Javotte kurz, fett, blond und eiferſüchtig war, daß ſie eine leichte Hand hatte, und, wenn ſie bei übler Lanne, ſich eben ſo wenig ſcheute, auf den dicken Charles zu ſchlagen, als dieſer in heiterer Stimmung Anſtand nahm, auf Blücher zu ſchlageh. Als ſie eine halbe Stunde von Chavignon entfernt waren, bot Charles alle ſeine Kräfte auf, um Mariette das Dach und den Rauch ſeines Hauſes unter allem Rauch und allen Dächern der Häuſer des Dorfes zu be⸗ zeichnen. Mariette gab ſich gefällig allen Erklärungen von Charles hin; im Grunde bedachte ſie aber Eines: Chavignon ſei von Laon nur vier Stunden entfernt und ſie werde an einem Tag, beinahe ohne Anſtrengung und ohne eine Ausgabe etwas über zwölf Stunden, das heißt zwei Tagemärſche gemacht haben. Sie ſagte ſich ſogar leiſe, da Blücher, die Ungeduld des dicken Charles unterſtützend, den Weg in weniger als zwei Stunden zurückgelegt habe, ſo werde es ihr an dieſem Tag vielleicht noch möglich ſein, ein pagr Meilen zu machen, ſo daß ſie am andern Morgen zwiſchen ſieben und acht Uhr in Laon wäre. Dieſer Gedanke machte ſolche Fortſchritte in ihrem Geiſte, daß er ſich desſelben ganz und gar in dem Angenblick bemächtigt hatte, wo der dicke Charles, nach⸗ dem er ſeine Ankunft durch ein wiederholtes Klatſchen mit der Peitſche verkündigt hatte, Blücher vor der Thüre ſeines Hauſes anhielt. mi In un die ber na wie wil vot bitt icke ar, tte. hre ihr ber ett, and ſo als cher ernt ette lem be⸗ von ies: und und das duld iger an eilen eben rem dem tach⸗ ſchen hüre 131 Zum Lobe von Javotte iſt zu erwähnen, daß ſie, als ſie dieſes Peitſchenconcert vernahm, auf der Thür⸗ ſchwelle mit einem erſten Kinde auf dem Arme und ge⸗ folgt von einem zweiten erſchien, das ſich an ihren Rock angehängt hatte; das dritte ſchlief in ſeiner Wiege. Von allen Eigenſchaften, welche der dicke Charles unter Weges von ſeiner Frau angeführt hatte, war die Eiferſucht von Anfang diejenige, welche ſie in den Augen eines unparteiiſchen Veobachters am meiſten nachgerühmt zu verdienen ſchien. „Ho! ho! ſagte ſie, als ſie Mariette erblickte,„wo haben wir dieſes Jüngferchen aufgefiſcht, wenn's beliebt?“ Das Debut war nicht freundlich; Mariette fühlte auch, wie ihr die Schamröthe zu Geſichte ſtieg, aber der dicke Charles ſtieß ſie mit dem Knie und bedentete ihr aus dem Augenwinkel, ſie möge nicht darauf merken. „Wo man ſie aufgefiſcht hat? das wird man unter vier Augen und mit zwei Worten ſagen, Frau Javotte; laßt mir nur Zeit, abzuſteigen und Euch zu umärmen.“ „Oh! mich umarmen,“ verſetzte Javotte,„wir haben bei Gott! hiezu Zeit genug.“ „Nie!“ erwiederte der dicke Charles,„nie!“ Und er ſprang von ſeinem Wagen herab und ging mit offenen Armen auf Javotte zu, die er ſanft in das Innere des Hauſes ſchob, während Mariette ſitzen blieb und die gute Schnauze ſtreichelte, welche Bernhard durch die Leiter ſtreckte. Es ſcheint, die vom dicken Charles Javotte angege⸗ benen Gründe dünkten dieſer gut, denn zehn Minuten, nachdem ſie in ihr Haus zurückgekehrt war, erſchien ſie wieder auf ihrer Thürſchwelle und rief: „Nun, mein ſchönes Könd, ſteigt doch ab und ſeid willkommen.“ Da man ſich im wohlwollenden Ausdruck von Ja⸗ votte nicht tänſchen konnte, ſo ließ ſich Mariette nicht bitten und ſtieg lächelnd gb. 132 „Oh!“ ſprach Charles, der nun ebenfalls erſchien und Mariette zublinzelte, als wollte er ihr ſagen: Du ſiehſt wohl, es kommt nur darauf an, wie man ſich be⸗ nimmt, und ich thue Alles, was ich will:„oh! wir wol⸗ len nun den Obergeneral in den Stall führen und dann tüchtig zu Mittag eſſen, denn ich habe einen wüthenden Hunger; vorwärts, Blücher, vorwärts, guter Burſche.“ Und er öffnete das große Thor, verſchwand mit Pferd und Wagen im Hofe, und überließ es Mariette, die von ibm begonnene Verſöhnung zu vollenden. Die Sache war nicht ſchwierig. Javotte war eine gute Frau und beſonders ein Frauenherz; mit zwei Worten begriff ſie, was Alles an aufopfernder Ergeben⸗ heit im Gemüthe von Mariette lag, und da die Hand⸗ lung, welche ſie vollbrachte, dem Geſchlechte im Allge⸗ meinen zur Ehre gereichte, ſo machte ſie ſich eine Frende daraus, etwas zur Erleichterung des frommen Werkes beizutragen. Allerdings hatte ſich Mariette mit ihrem ſauften Wohlwollen ſchon eines der Kinder bemächtigt, das ſie ſtreichelte und küßte, während Bernhard zu den Füßen des andern lag, ſich als ein gutes und ſanftes Thier die Ohren umdrehen und die Hand in den Rachen ſtecken ließ. Javotte benützte dieſen Augenblick, um in den Keller hinabzugehen, aus dem ſie ſogleich wieder mit einer Flaſche in jeder Hand heraufſtieg, ein Schauſpiel, das den dicken Charles zu entzücken ſchien, als er durch das Hofthor herauskam, während ſie aus der Kellerthüre hervortrat. Fünf Minuten nachher war man bei Tiſche, und der dicke Charles bewies, daß er ſich, als er von ſeinem wüthenden Hunger ſprach, keine Uebertreibung hatte zu Schulden kommen laſſen. Die Krankheit war ernſter Natur und die Geneſung erforderte lange Zeit. Mariette, welche ſchon um die Mittagſtunde mit hien Du be⸗ wol⸗ ann den 7. mit ette, eine zwei ben⸗ ind⸗ ge⸗ ende rkes ften ßen hier cken den mit iel, urch üre und nem zu ung mit 133 Martinean geſpeiſt hatte, aß wenig, und dachte viel über die Art nach, wie ſie die Frage der Fortſetzung ihrer Reiſe an demſelben Tag in Angriff nehmen ſollte. Doch man hätte wahrhaftig glanben ſollen, es ſei ein guter Engel mit ihr und inſpirire alle diejenigen, welche ſie umgaben. Gegen das Ende des Mahles blinzelte der dicke Charles Mariette mit den Augen zu, als wollte er ihr begreiflich machen, das was er ſagen werde, ſei der Auf⸗ merkſamkeit nicht ganz unwürdig. Javotte bemerkte den Blick. „Nun?“ fragte ſie. „Hernach,“ antwortete der dicke Charles.„Ich wollte Dich fragen, Mutter, was der Eſel zu bedeuten habe, den ich im Stalle fand, wo er ſich die Lippen leckte und dabei die Ueberbleibſel vom Obergeneral fraß.“ „Wie, Du haſt ihn nicht erkannt, Dummkopf?“ „Doch, doch, gerade weil ich ihn erkannt habe, bitte ich Dich um eine Erklärung über ihn: es iſt der Eſel von Mutter Sabot*).“ „Ganz richtig.“ „Merkt nicht auf den Namen, ſchönes Kind, wir nennen ſie Mutter Sabot, weil ſie die Frau von Guil⸗ laume dem Holzſchuhmacher iſt; nur iſt in dieſem Angen⸗ blick weder von der Mutter Sabot, noch von Guillaume, ſondern vom Eſel die Rede; wie komnit der Eſel hier⸗ her, Javotte?“ „Ei! man hat ihn der Amme von Pargny geliehen, damit ſie ſich nicht durch das Gehen ihre Wilch zu ſehr erhitze. Sie iſt mit dem Kinde heute vorbeigekommen, hat den Eſel hier gelaſſen und geſagt, es ſei mit der Mutter Sabot verabredet, daß man ihn mit der erſten Gelegenheit, die ſich biete, zurückſchicken werde.“ ——— * Holzſchuh. 134 „Ah! ich wußte es wohl,“ verſetzte Charles mit einer ſchlauen Miene. „Was wußteſt Du, Dicker?“ Dieſe ſchöne Kleine werde noch ein Mittel finden, ihren Weg zu machen, ohne ihre Füßchen zu ſehr zu er⸗ müden; haſt Du ihre Füßchen geſehen, Javotte? Und wenn man bedenkt, daß ſie von Hanſe aufgebrochen war, um hiemit ſechzehn Meilen zu machen! Da muß man Muth haben!“ „Es iſt gut, es iſt gut!“ rief Javotte, welche es nicht gern hörte, wenn ſich ihr Mann ſo über die Voll⸗ kommenheiten anderer Frauen verbreitete;„und dann?“ „Und dann?... die Gelegenheit iſt gefunden: morgen früh nach dem Frühſtück ſetzt man dieſes ſchöne Kind auf den Eſel der Mutter Sabot, man dreht dem Thiere den Kopf gegen Chivy und ſagt zu ihm:„Hü!“ und er wird, ohne anzuhalten, ganz gerade ausgehen, bis vor die Thüre ſeines Hanſes, wie Blücher, ohne ſtehen zu bleiben, bis vor die Thüre des ſeinigen gekommen iſt.“ „Wahrhaftig, das iſt ein Gedanke,“ verſetzte Javotte; „Mann, Du biſt nicht ſo dumm, als Du ausſiehſt.“ Ein Blick von Javotte ſagte dem dicken Charles zu gleicher Zeit, es gebe Augenblicke, wo ſie ihn gar nicht dumm finde. Während dieſes geſprochenen und ſtummen Dialogs war die immer nach dem Ziele ihrer Wanderung geſpannte Aufmerkſamkeit von Mariette weiter geſchritten. „Mein Gott! Frau Charles,“ fagte ſie ſchüchtern, „ich bedenke etwas.“ „Was denn, mein Kind?“ Charles blinzelte fortwährend mit dem Auge. „Es iſt kaum vier Uhr, wir haben noch gegen vier Stunden Tag, und wäre der Eſel der Mutter Sabot nicht zu müde, ſo könnte ich ihn, ſtatt morgen, heute Abend zurückführen.“ ich thu lich falt Bli dert mit den, er⸗ Und var, man es oll⸗ 21 en: öne dem ü bis hen t tte; zu icht ogs inte ern, ier bot ute 135 „Ho! ho! heute Abend,“ rief der dicke Charles, „Ihr habt große Eile, uns zu verlaſſen, mein Kind.“ „Sie irren ſich, Herr Charles, ich habe keine Eile, Sie zu verlaſſen, im Gegentheil, Sie haben mich hiefür zu gut aufgenommen; aber es drängt mich, meinen armen Conſcience wiederzuſehen.“ „Ei! das iſt ganz natürlich, dieſe Ingend...“ ver⸗ ſetzte Javotte. „Es iſt Gefahr dabei.“ „Gefahr?“ „Ja, für ein Mädchen allein.“ „Welche?“ „Die, durch das Wäldchen von Econvelles zu gehen; es liegt ruſſiſche Garniſon in Ecouvelles, und da begeg⸗ net einem leicht etwas Schlimmes.“ „Oh! da iſt keine Gefahr,“ entgegnete Mariette; „wer würde einem jungen Mädchen etwas Böſes thun wollen?“ „Ei!“ verſetzte der dicke Charles mit einem luſtigen Gelächter,„ich ſage nicht gerade, man werde Euch etwas Böſes thun wollen.“ „Willſt Du wohl ſchweigen!“ rief Javotte. „Ich ſchweige, Frau, ich ſchweige! àber geſtehe, daß ich nicht ganz Unrecht habe.“ „Es wäre allerdings klüger, bis morgen zu warten,“ ſagte Javotte. „Ja, das iſt möglich,“ erwiederte Mariette,„aber ich würde ein paar Stunden verlieren, und wenn es ſich thun ließe, daß ich noch heute abginge.4 „Wenn ich Euch aber gerade ſage, es ſei gefähr⸗ unterbrach ſie der dicke Charles. „Oh! Frau Charles,“ ſprach Mariette, die Hände faltend,„denken Sie doch an den armen verlaſſenen Blinden, bedenken Sie doch, daß die Stunden Jahrhun⸗ derte für ihn ſind, und daß ich, wenn ich heute abgehe, morgen zwei Stunden früher bei ihm ſein werde.“ 136 „Ei! mein Kind,“ ſagte Javotte,„wenn Ihr Euch zi ruſchleßi ſo müßt Ihr es ſo bald als möglich thun.“ „Mit Ihrer Erlaubniß, Frau Charles, bin ich feſt hiezu entſchloſſen,“ erwiederte Mariette,„und wenn es nur von mir abhängt...“ „Vorwärts!“ rief Javotte,„lege dem Eſel den Sattel auf, Du ſiehſt, das arme Kind brenut vor Be⸗ gierde, in Laon anzukommen.“ „Nichtsdeſtoweniger wäre es mir lieber, wenn ſie erſt morgen durch den Wald von Ecouvelles ginge,“ wiederholte der dicke Charles. „Ei! was denn!“ ſagte Javotte,„Du begleiteſt das Kind bis Chipy; es wird Dich nicht das Leben koſten, wenn Du vier Stunden zu Fuß machſt, Faullenzer!“ „Ei! nein,“ erwiederte der dicke Charles, der Ja⸗ votte in ſeine Arme nahm,„ei! nein, das wird mich nicht das Leben koſten, und zum Beweiſe, daß es mir nichts ſchadet, werde ich zurück laufen, um deſto früher wieder bei Dir zu ſein. Oh! Du biſt ein gutes Weib, 7. daß Du gerade ſo ausſiehſt, wie man zu ſagen pflegt.“ Und er preßte Javotte in ſeinen Armen, drückte ihr ſchallende Küſſe auf die Wangen und eilte in den Hof. „Ah! ſagte Mariette,„Sie ſcheinen mir ſehr glück⸗ lich, Frau Charles.“ „Ja,“ erwiederte die gute Frau, indem ſie ihre durch den Ausdruck der Zärtlichkeit des dicken Charles ein wenig in Unordnung gebrachte Toilette wieder zu⸗ recht richtete,„Gott hat uns die Gnade bewilligt, daß wir uns lieben.“ „Und ich glaube, daß dies die ſüßeſte Gnade iſt, die er uns gewähren kann,“ ſprach Mariette. Es entfloſſen zwei Thränen ihren ſchönen Augen, denn ſie dachte an Conſcience, und daß ihre Liebe viel⸗ Euch glich feſt nes den Be⸗ ſie ge,“ iteſt ſten, Ja⸗ nich mir iher eib, gen ihr of. ück⸗ ihre rles zu⸗ daß en, iel⸗ 137 leicht ſo zärtlich ſei, als die dieſer wackeren Leute, nie aber ſo heiter ſein werde. Fran Charles errieth, was im Geiſte des Mädchens vorging, und mit einem Zartgefühle, deſſen man ſie nicht für fähig gehalten hätte, ging ſie auf Mariette zu und küßte ſie. „Ei! mein Kind,“ ſprach ſie,„Gott iſt groß, hoffet auf Gott!“ Dann ſagie ſie ihr leiſe ins Ohr: „Mein Kind, wenn Ihr einmal in Laon ſeid, ſo ſeid Ihr nur noch ein paar Stunden von Unſerer Lieben Frau von Lieſſe entfernt; das iſt eine gute, heilige, ſehr wunderthätige Jungfrau; alle Tage ſehen wir viele Uin⸗ glückliche durch ihre Vermittelung geheilt zurückkommen: wenn Ihr dahin gehen würdet?“ „Oh! ich habe ſchon hieran gedacht,“ erwiederte Mariette;„wenn ich dahin gehe, erfülle ich nur mein Verſprechen, denn ich habe das Gelübde gethan.“ „Oh! dann wird Alles gut gehen,“ ſagte Fran Charles. Und da ihr Mann, den Eſel an der Leine nach ſich ziehend, auf der Thürſchwelle erſchien, küßte ſie Mariette zum letzten Male und wünſchte ihr eine glücktiche Reiſe. Das Mädchen ſetzte ſich dann auf, Bernhard lief voraus, der dicke Charles ſchritt neben dem Eſel her, und die Caravane, die ſich noch von Zeit zu Zeit um⸗ wandte, um der auf der Schwelle zurückgebliebenen Ja⸗ votte zum Abſchied freundſchaftlich zuzuwinken, entfernte ſich allmälig und verſchwand endlich am Ende des Dor⸗ fes, auf dem Wege nach Chivy. Veweis, daß küntzehn Schritte zuweilen ſchwieriger zu machen ſind, als lüntzehn Stunden. Margot, ſo hieß der Eſel, auf dem Mariette ritt, ging weder wie das Pferd vom dicken Charles, noch wie das von Martineau. Man brauchte alſo dritthalb Stun⸗ den, um den berüchtigten Wald von Etonvelles zu er⸗ reichen, der Charles ſo ſehr bange machte. Wir wollen indeſſen ſogleich bemerken, daß der Ge⸗ müſehändler ſeine Furcht ſehr übertrieben hatte: er wollte ſein gutes Werk dadurch vervollſtändigen, daß er Ma⸗ riette ſo weit als möglich begleiten würde; er wagte es aber nicht, dies zu thun ohne Erlaubniß von Javotte, und um dieſe Erlaubniß zu erhalten, hatte er eine Ge⸗ fahr geſchaffen, welche nicht beſtand, oder welche nicht ſo furchtbar war, als er glanben machen wollte. Und da Mariette das ſüße Vorrecht hatte, die Her⸗ zen anzuziehen, ſo war Javotte ſelbſt den Wünſchen ihres Mannes entgegengekommen. Dieſer Wald von Etouvelles hätte indeſſen wohl einige Beſorgniſſe bei Mariette erregen können, wäre ſie allein durch denſelben gekommen. Sie begegnete dort zuerſt einer Art von Patrouille, beſtehend aus ſieben bis acht Koſaken, welche ſie ſehr mit ihren rothen Bärten, ihren langen Lanzen, ihren im Gürtel ſteckenden Piſto⸗ len und ihren Steigbügeln von Stricken erſchreckten. Dann traf ſie einzelne Soldaten und kleinere Gruppen; drei Soldaten blieben ſogar in dem Augenblick, wo die kleine Caravane den Wald verlaſſen wollte, ſtehen, als wollten ſie ihr den Weg verwehren. Ohne Zweifel war ihre Abſicht nicht gnt, denn Bernhard blieb auch ſtehen, mi itt, vie in⸗ er⸗ ze⸗ lte a⸗ te, ze⸗ er⸗ en hl ſie rt is n, o⸗ n. n; ie ls ar n, 139 knurrte und wies von fern ſeine Zähne. Dieſes Knurren wurde von einem herrlichen Rade begleitet, das der dicke Charles, ſeinen Knotenſtock ſchwingend, ausführte, und die beiden Demonſtrationen feſſelten, unterſtützt durch die Gegenwart eines Officiers, welcher Alles geſehen hatte und plötzlich aus dem Walde hervorkam, die Uebel⸗ geſinnten an ihren Platz. Als ſie den Officier erblickten, blieben die drei ruſſiſchen Grenadiere wirklich ſtehen, unbeweglich wie Grenzbilder des Alterthums, den kleinen Finger der linken Hand an der Naht ihrer Hoſe, die rechte Hand an ihre Mütze mit vergoldetem Blech emporgehalten. Dieſer Officier war nicht nur jung, ſondern bei⸗ nahe ein Kind, denn der andere Kaiſer, der des Norden, welcher nun auf Frankreich laſtete, war auch genöthigt geweſen, ſein eiſiges Land an Menſchen zu erſchöpfen. So jung aber auch der Officier, ſo blond ſeine Hadre, ſo roſig ſeine Geſichtshaut, ſo lag doch auf dieſer gan⸗ zen jugendlichen Phyſiognomie etwas wie ein Firniß von Barbarei, der ſie noch erſchrecklicher machte, als irgend ein hartes männliches Geſicht, dem Mariette auf ihrem Wege begegnet war. Er näherte ſich Mariette und dieſe hielt Margot an, als ſie ſah, daß der junge Mann die Abſicht hatte, mit ihr zu ſprechen. Der dicke Charles war nicht ohne Beſorgniß, aber Mariette deutete lächelnd auf Bernhard, der dem jungen Manne mit einer freundlichen Miene entgegenging. Der Officier fragte mit halb vertraulichem, halb artigem Tone: „Ei! mein ſchönes Kind, was gibt es denn?“ „Nichts, Herr Ofſicier,“ antwortete Mariette ein wenig zitternd;„nur hatte ich Angſt„ „Angſt, vor was?“ Vor dieſen drei Soldaten, welche geneigt ſchienen, mir den Weg zu verſperren.“ 140 „Dieſe?“ verſetzte der Officier mit einem Ausdruck der Verachtung und der Drohung, der ſich unmöglich ſchildern läßt. „Oh!“ ſagte der dicke Charles, während er ſein zehntes oder zwölftes Rad ſchlug,„wir waren da!“ „Ihr?“ rief der Officier mit einer beinahe ähnlichen Betonnng. „Ich habe einen Paß vom Obergeneral,“ ſprach haſtig das Mädchen. Und es reichte das Papier dem jungen Ruſſen. Dieſer entfaltete es langſam, während er ein Ange auf die drei Grenadiere heftete, welche unbeweglich blieben, als wären ſie von Stein geweſen, und las dann mit einer gewiſſen Verwunderung den Befehl des Ober⸗ generals in drei Sprachen. Dann las er den Paß den drei Grenadieren vor und gab jedem von ihnen mit der rechten Hand eine kräftige Ohrfeige, unter der ſich in dieſen Geſichtern guch nicht das Geringſte rührte; dann kehrte er zu Ma⸗ riette zurück und fragte mit einer gewiſſen Achtung: „Wohin gehen Sie?“ „Heute, Herr Officier, gehe ich nach dem Dorfe Chivy, das ungefähr eine Stunde von hier liegt“ „Gut,“ ſagte der Officier, indem er dem Mädchen den Paß zurückgab.„Sie können nicht nur Ihre Reiſe fortſetzen, ſondern ich werde Ihnen auch für eine Bedeckung orgen.“ be Und er wandte ſich an die drei Soldaten und gab ihnen in ruſſiſcher Sprache mit einer klaren, gebieteriſchen Stimme einen Befehl, den Mariette und der dicke Char⸗ les nicht verſtanden, deſſen Ausführung ſie aber ſahen. Als Mariette den Gruß des Officiers erwiedert hatte und auf Margot im Schritt weiter ritt, drehten ſich die drei ruſſiſchen Soldaten um und folgten ihr auf ungefähr zwanzig Schritte wie drei Automaten, mit der linken Hand an der Naht ihrer Hoſe, die rechte an ruck lich ſein hen rach dem uge lich ann ber⸗ vor ine tern Na⸗ orfe hen eiſe ung gab hen r n. ert ten ihr mit an 141 eine Art von ſpitziger Sturmhaube gelegt, die ihren Kopf bedeckte. So ſollten ſie den eine Stunde langen Weg hin und zurück machen und ſich ſodann in derſelben Stellung vor der Thüre des jungen Officiers einfinden und ihn erwarten, zu welcher Stunde er auch zurückkehren möchte, und zwar bei Strafe von zwanzig Ruthenhieben für Jeden⸗ Der junge Officier winkte Mariette zum letzten Mal mit der Hand und ſchlug dann ruhig den Weg gegen Etouvelles ein. Er war feſt überzengt, ſein Befehl werde buchſtäb⸗ lich vollzogen werden. Mariette war betrübt in ihrem guten Herzen über die dieſen drei Soldaten ertheilten Ohrfeigen und die ihnen auferlegten Strafen; Charles theilte ihr Mitleid nicht nur nicht, ſondern ſeine Heiterkeit erhielt immer wieder einen neuen Aufſchwung, ſo oft er ſich umwandte und ſtets in der gleichen Entfernung die drei Ruſſen im Schritt, einen Arm unten und einen Arm in der Luft, den Flügeln einer Windmühle ähnlich, einhermarſchiren ſah. Man kam ſo nach Chivy, wo die Ruſſen mit der⸗ ſelben Steifheit ſich umdrehten, und abzogen. Chivy iſt ein Dörfchen von kaum ſechszig bis ſiebenzig Hänſern; das der Mutter Sabot lag beinahe am Ende, auf der Seite von Laon. Sie war ſchon mehrere Male auf ihre Thürſchwelle getreten und hatte auf die Straße hinausgeſchaut, um zu ſehen, ob man ihr Margot nicht zurückbringe. Ihr Mann brauchte am andern Morgen bei Tagesanbruch den Eſel, um einige Waaren zu transportiren, und das machte dieſe Rückkehr ſo dringend. Mariette hatte den guten Empfang, der ihrem Thiere zu Theil wurde, mitzuempfinden. Da ſie übri⸗ ens vom dicken Charles begleitet und empfohlen war, mußte Alles von ſelbſt gehen.. Der dicke Charles erzählte die Geſchichte von Ma⸗ 142 riette, eine Geſchichte, welche ihren Eindruck auf die Frauen nie verfehlte, und Abendbrod und Nachtlager wurden der jungen Reiſenden aufs Herzlichſte vom Vater und von der Mutter Sabot angeboten. Was den dicken Charles betrifft, ſo ſchlug er, glücklich über ſeine gute Handlung, mit behenden Beinen und zufriedenem Herzen wieder den Weg nach Chavignon ein und lief, wie er es Javotte verſprochen hatte, bis zu ſeinem Hauſe, wo er ohne Unfall ankam. Nur ſah er, als er durch Etonvelles kam, vor einer Thüre, welche ohne Zweifel die des jungen Officiers war, die drei wieder unbeweglich gewordenen ruſſiſchen Grena⸗ diere, die immer die linke Hand an die Naht ihrer Hoſe und die rechte an ihre Mütze hielten⸗ Der junge Officier war aller Wahrſcheinlichkeit nach noch nicht zurückgekehrt. Mariette ſchlief wenig: wie hätte ſie ſchlafen können, da ſie ſich ſo nahe bei Conſcience fühlte? Der erſte Sonnenſtrahl fand ſie auf, und als der Vater Sabot, der nun abgehen wollte, an ihre Thüre klopfte, im Glauben, er werde ſie noch im Bette finden, lief ſie ganz ange⸗ kleidet herbei und öffnete ihm. Vater Sabot machte den Weg mit Mariette bis auf die Höhe von Clach, das heißt bis auf eine halbe Meile von Laon. Hier verließ er ſie und ſchlug einen Feldweg ein. Mariette ſetzte ihre Wanderung allein fort, denn nun kounte ſie ſich nicht mehr irren und hatte ſie nichts mehr zu befürchten; Laon lag vor ihr auf der Höhe, welche jene Plateaur bekränzte, die der Titan in einem letzten Aus⸗ bruch der Verzweiflung hatte erklettern wollen, und auf denen er unnütz viertauſend Todte und dreitauſend Ver⸗ wundete ließ. Mariette fand das Thor von einem ruſſiſchen Poſten bewacht; doch dieſes ſchöne, anmuthige Kind fragte man nicht einmal nach dem Paß. Sie ging alſo hinein und E —,„7—„— —, in ſer die ger ter er, len on zu ner ar, a⸗ rer ach en, ſte der en, ge⸗ bis lbe ien nn hts che us⸗ auf er⸗ ten tan ind 143 gelangte auf den Platz, auf dem einſt der merovingiſche Thurm von Ludwig Outremer ſtand. Sie mußte ſich nach dem Weg erkundigen, da ſie die Stadt nicht kannte; ſie näherte ſich einer Schildwache, welche vor einem Hauſe auf- und abging, wo ohne Zweifel irgend ein Oberofficier wohnte, und fragte nach dem Hoſpital. Der Soldat ſchüttelte mit dem Kopf, zum Zeichen, daß er nicht verſtehe. Da zog Mariette ihren Paß aus der Taſche und zeigte ihn dem Soldaten. Dieſer konnte nicht leſen, als er aber das große Siegel unten auf den Paß gedrückt ſah, dachte er, das müſſe ein Befehl oder eine Erlaubniß ſein, und rief einen Unterofficier herbei. Der Unterofficier fand ohne Zweifel die Sache ſo ernſt, daß er einem Höheren darüder Meldung machen zu müſſen glaubte, denn er gab ehrerbietig das Papier dem Mädchen zurück und holte einen Officier. Der Officier erſchien, ſeinen Schnurrbart zwiſchen den Fingern drehend; der Anblick von Mariette brachte die gewöhnliche Wirkung hervor: er ging lächelnd auf ſie zu und fragte ſie franzöſiſch mit einem ſtark deutſchen Accent: „Guten Morgen, mein ſchönes Kind: worin kann man Ihnen angenehm ſein?“ „Mein Herr,“ erwiederte Mariette,„wollen Sie mir den Weg nach dem Hoſpital bezeichnen?“ „Es ſind zwei Hoſpitäler hier. In welches wollen Sie gehen?“ „In das, wo Conſcience iſt, mein Herr.“ „Wer iſt das, Conſcience, mein Kind?“ „Conſcience iſt ein armer Franzoſe, dem die Augen in der Schlacht bei Laon verbrannt worden ſind.“ „War er ein Cavaleriſt oder ein Infanteriſt, die⸗ ſer Conſcience?“ 144 „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen.“ „Ich frage Sie, war er zu Pferde oder zu Fuß?“ „Er war bei der Artillerie und führte einen Pulver⸗ L wagen“ „Ah! ich verſtehe; ein vierräderiger Huſar, wie wir zu ſagen pflegen.... nun, dann iſt er im Cavalerie⸗ 8 Hoſpital.“ Und er wandte ſich gegen einen Soldaten um und ſſp ſagte ihm deutſch ein paar Worte, die dieſer ehrerbietig, die Hand an ſeinem Czakow, anhörte. Dann ſprach er zu Mariette: „Folgen Sie dieſem Burſchen, er wird Sie führen.“ Mariette machte dem Officier eine dankbare Ver⸗ beugung; er aber warf ihr mit der Fingerſpitze einen we Kuß zu und murmelte: ho „Der Teufel! ſehr ſchön, ſehr ſchön!“ Worte, über welche Mariette unfehlbat roth ge⸗ worden wäre, hätte ſie verſtehen können, was der ge⸗ fällige Officier ſagte. Aber ſie war ſchon weit; leicht wie eine Gazelle lief ſie dem Soldaten nach, der, wie ſie meinte, ſehr ſachte ging. Nach fünf Minuten blieb der prenßiſche Soldat ſtehen und dentete auf eine große Thüre, über welcher Me ein ſteinernes Kreuz ausgehauen war, und vor der, den linken Arm in einer Schärpe und den Säbel in der zitt rechten Hand, eine Schildwache auf⸗ und abging, welche, nach einem Ueberreſte von Uniform zu ſchließen, zu ei⸗ nem Küraſſierregimente gehört hatte. Die Schildwache ſchaute den Preußen von der Seite an. 6 „Hier,“ ſagte der Preuße zu Mariette. wie „Hier?“ wiederholte Mariette. 9. „Ja, hier.“ Und er verband die Geberde mit dem her Wort. n 1 wäh Mariette begriff. Fnine Sch t. uß?“ Uver⸗ wir lerie⸗ und ietig, Ver⸗ inen ge⸗ ge⸗ zelle ſehr dat ſcher den der lche, e der dem 1¹⁵ „Ah!“ ſprach ſie,„das will beſagen, wir ſeien at Ort und Stelle.“ „Ja, ja,“ verſetzte der Preuße. „Ich danke,“ rief Mariette; und ſie eilte nach der großen Thüre, über der das Kreuz angebracht war. Doch der Küraſſier verſperrte ihr den Weg und ſprach mit barſchem Tone: „Man darf nicht hinein.“ „Wie, man darf nicht hinein?“ fragte das Mädchen und wich erſchrocken zurück. „Nein... Verſtehen Sie zufällig nicht Franzöſiſch?“ „Doch; aber gerade weil ich Franzöſiſch verſtehe, weil ich mit einem Landsmann zu ſprechen glaubte, hoffte ich hineingelaſſen zu werden.“ „Sie hatten Unrecht, man wird nicht eingelaſſen.“ „Mein Gott! aber wer verbietet es denn?“ „Der Befehl.“ „Herr Soldat, ich bitte Sie, ich flehe Sie an.“ „Zurück!“ rief der Küraſſier. „Wenn Sie wüßten. ich komme ſo weit her.“ „Zurück, ſage ich.“ Und er machte eine drohende Bewegung gegen das Mädchen. „Aber, mein Herr,“ verſetzte das Mädchen ganz zitternd,„ich habe einen Paſſirſchein.“ „Von wem?“ „Vom Obergeneral.“ „Von welchem Obergeneral?“ „Vom ruſſiſchen.“ Ich kenne den ruſſiſchen Obergentäl nicht,“ er⸗ wiederte der Soldat immer gereizter. „Oh! meim Gotti mein Gott! was iſt da zu ma⸗ chen und was ſoll aus mir werden!“ rief Mariette, während ſie die Arme zum Himmel erhob und in ein Schluchzen ausbrach. Goit und Leufel.. 10 146 „Thun Sie, was Sie wollen, und werden Sie, was Sie können, wenn Sie nur von hier weggehen, und zwar auf der Stelle.“ „Sag' einmal, Kamerad,“ rief eine Stimme hinter Mariette,„mir ſcheint, Du behandelſt ein armes Mäd⸗ chen ſehr hart.“ „Ich kenne die armen Mädchen nicht, welche geführt von preußiſchen Soldaten und mit ruſſiſchen Päſſen kommen.“ „Schönes Kind,“ ſprach der Andere,„die Empfeh⸗ lung iſt, wie Sie begreifen, für Ruſſen und für Preu⸗ ßen, aber bei den Franzoſen iſt es beſſer, ohne Führer und ohne Empfehlung zu kommen und zu ſagen:„„Ka⸗ merad, ich habe hier dieſes oder jenes Geſchäſt, laß mich paſſiren.““ Mariette hatte ſich mittlerweile umgewandt und zu⸗ erſt eine Uniform erkannt, die ihr nicht fremd ſchien; dann errieth ſie durch die Binden, mit denen der Kopf des Soldaten ſo umwickelt war, daß ſie ſeine Stirne, ein Ange und einen Theil der Wange bedeckten, ein bekann⸗ tes Geſicht. „Mein Gott!“ ſagte ſie, tänſche ich mich nicht? Sollte ich wirklich ſo glücklich ſein, Sie hier wiederzu⸗ iuen iſt 3 „Mariette! rief der Huſar. „Baſtien!“ rief Mariette.„Aber, mein Freund, zu Hülfe, zu Hülfe! ich komme von Haramont, um Conſcience zu ſehen, der mich leider nicht mehr ſehen kann! und ich ſterbe, hören Sie wohl, Baſtien? ich ſterbe, wenn ich ihn nicht wiederſehe!“ Und ſie ſank auf ihre Kniee und ſtreckte die Arme gegen den Huſaren aus. „Oh! ſeien Sie ruhig, Mariette,“ erwiederte Baſtien, „Sie werden ihn ſehen, ich verſpreche es Ihnen, oder ich will meinen Namen verlieren.“ Dann näherte er ſich dem Küraſſier und ſagte: ————„——— Sie, und inter Näd⸗ ührt ſſen feh⸗ reu⸗ hrer Ka⸗ mich zu⸗ ann des ein inn⸗ ht rzu⸗ zu um hen rbe, rme ien, der 147 „Kamerad, Du ſiehſt, das iſt eine Landsmännin, eine Freundin von mir, weſche hierher kommt, um ihren Geliebten, den armen Conſcience, zu ſehen: Du weißt wohl, den, welchem die Angen verbrannt ſind.“ „Ja,“ erwiederte der Küraſſier,„ich weiß es.“ „Nun?“ „Es iſt verboten, Jemand einzulaſſen, und Deine Landsmännin darf nicht hinein.“ „Oh! doch!“ rief Mariette;„ſoll ich von Hauſe weggegangen ſein, um Conſcience zu ſehen, ſoll ich Ma⸗ deleine verſprochen haben, ihren Sohn zu ſehen, ſoll ich durch ſo viele Gefahren hierher gelangt ſein und dann umkehren, wie ich gekommen bin? Ach! wenn ich die Thüren erbrechen müßte, wie eine Diebin, wenn der Säbel dieſes böſen Soldaten mir das Herz durchbohren ſollte, ich werde hineinkommen!“ Sie machte eine Bewegung vorwärts, aber Baſtien hielt ſie zurück und ſtellte ſich zwiſchen ſie und den Kü⸗ raſſier. Wie Mariette rndlich die ſo ſchwierigen letzten fünfzehn Schritte machte. „Haſt Du es gehört?“ fragte Baſtien den Küraſſier, der vor dem Hoſpital Schildwache ſtand. „Was?“ „Was das arme Mädchen geſagt hat Sie müſſe hinein, und ſollteſt Du mit Deinem Säbel ihr Herz durchbohren.“ 14⁸ „Oh! alle dieſe Poſſen ſind bekannt,“ erwiederte der Küraſſier,„ganz bekannt.“ „Das jind keine Poſſen,“ verſetzte Baſtien, der in ſeiner Ungeduld auf ſeinen Schnurrbart zu beißen anfing, was bei ihm ein ſchlimmes Zeichen war.„Es iſt im Gegentheil wahrer Schmerz, es ſind wirkliche Thränen, und ein braver Soldat, ſiehſt Du, Kamerad, kann Män⸗ nerblut, aber nicht Frauenthränen fließen ſehen.“ Der Küraſſier fühlte den leichten Ton einer Dro⸗ hung, der ſich in die Worte des Huſaren ſchlich, und blinzelte mit dem Auge. Auf dieſe Art wollte er zu verſtehen geben, er ſei nicht ganz zufrieden. „Und Du glaubſt,“ ſagte er,„wegen der Weinerei Deiner Landsmännin werde ich gegen das Verbot han⸗ deln und vierundzwanzig Stunden Arreſt wagen?“ „Und ſeit wann wagt man nicht unter Militären vierundzwanzig Stunden Arreſt?“ „Das würde gern für eine Andere geſchehen, aber auch dann käme es noch auf die Art an, wie ein Ka⸗ merad darum bäte.“ „Warum denn gern für eine Andere undnicht für ſie?“ „Weil dieſe zu viele Ruſſen und Preußen kennt, um eine gute Franzöſin zu ſein.“ „Küraſſier, mein Freund,“ ſprach Baſtien,„Du wirſt wiſſen, daß ſie eine gute Frauzöſin iſt, ſobald man Dir ſagt, ſie ſei die Braut von Conſcience und die Freundin von Baſtien“ „Gleichviel! ich bin meiner Sache nicht ſicher genng, daß ich darum vierundzwanzig Stunden Arreſt wagen ollte.“ Die Oberlippe von Baſtien verſchwand beinahe gänzlich unter ſeiner Unterlippe. „Küraſſier, mein Freund,“ ſagte er,„wenn ich es pehaupte, ſo mußt Du überzengt ſein.“ Der Küraſſier blinzelte ſo ſtark, daß man hätte glauben ſollen, er ſei einängig. —— — F5————— — —— in 9, im n, n⸗ 2 m — an ie g en he 149 „Und wenn die Bürgſchaft nicht genügen würde, mein Herzenshuſar, was würde daraus erfolgen?“ „Es würde daraus erfolgen, daß Mariette hinein⸗ kommen muß, da ich geſagt habe, ſie werde hineinkom⸗ men, oder ich wolle meinen Namen verlieren; denu ich habe durchaus keine Luſt, meinen Namen zu verlieren.“ „Deinen Namen? willſt Du mir ihn ſagen, damit ich ihn heute Abend um fünf Uhr laut genng hinter dem Wall ausrufen kann, daß Du mich hörſt, wo Du auch ſein magſt.“ „Es iſt gut,“ erwiederte Baſtien,„um fünf Uhr bei Saint⸗Marcel; Du wirſt nicht nöthig haben, ſehr laut zu ſchreien, weil ich da ſein werde, und zwar eher vor Dir, als nach Dir, obgleich Du längere Beine und einen längern Säbel haſt, als ich.“ „O mein Gott!“ rief Mariette ganz zitternd,„Ba⸗ ſtien! Baſtien! verſtehe ich recht, ſo willſt Du Dich ſchlagen, und zwar meinetwegen!“ „Ei! wenn es ſo wäre, meine kleine Mariette,“ erwiederte Baſtien, indem er das Mädchen von der Seite anſchaute,„man hat ſich wohl für häßlichere Geſichter als das Deinige geſchlagen.“ „Das will ich nicht, das will ich nicht, Baſtien, ich werde dieſen böſen Küraſſier um Verzeihung bitten und ſo lange anflehen, daß er mich am Ende doch hineinläßt.“ „Oh! keineswegs; das verdirbt die Mauchetten, wie wir Huſaren zu ſagen pflegen. Die Sache iſt ein⸗ gebrockt und muß ausgegeſſen werden.“ „Wenn Dir aber durch meine Schuld ein Unglück widerführe, Baſtien, ich koͤnnte mich in meinem Leben nicht tröſten“ „Oh! ſei unbeſorgt, Mariette.... eine ſpaßhafte Geſchichte! Bah! die großen Abſätze ſind nicht ſo ſchlimm, als ſie ausſehen, und das könnte wohl mit einer Flaſche endigen, die wir auf die Geſundheit des Vaters von uns Allen, auf die Geſundheit von Demjenigen trinken, 150 welchen ſie dort Ricvlas nenneu, dieſe Dummköpfe. Laß alſo den Burſchen vor der Thüre des Hoſpitals auf⸗ und abmarſchiren und komm mit mir.“ „Wie, ich ſoll mit Dir kommen?“ verſetzte Mariette. „Ich muß alſo weggehen?“ „Für den Augenbblick, das iſt unzweifelhaft,“ er⸗ wiederte Baſtien. „Aber, Baſtien,“ rief Mariette,„ich kann nicht gehen, ohne Conſcience geſehen zu haben... Du haſt mir ja geſagt, ich werde ihn ſehen, Baſtien.“ „Ich habe es geſagt, und ich nehme mein Wort nicht zurück.“ Er ſchaute nach der Uhr an der Kirche. „Nun?“ fragte Mariette. „Nun! ehe eine halbe Stunde vergeht.... „Werde ich ihn ſehen?“ „Jä.“ „Oh! Baſtien, mein lieber Baſtien!“ „Nur müſſen wir weggehen, uns auf jene Stein⸗ bank ſetzen und ein Viertelſtündchen vernünftig plaudern.“ „Hh! ſo lange Du willſt,“ erwiederte Mariette, in⸗ dem ſie ſich neben Baſtien ſetzte;„doch in einer halben Stunde werde ich Conſcience ſehen?“ „Du wirſt ihn in fünfundzwanzig Minuten ſehen, da fünf Minuten vergangen ſind, ſeitdem ich Dir das verſprochen habe.“ „Und ich werde ihn trotz dieſes Küraſſiers ſehen?“ „Gewiß.“ „Erkläre mir das, Baſtien.“ „Das iſt ganz einfach, Mariette: er ſteht nicht immer als Schildwache vor der Thüre des Hoſpitals.“ „Ah! ich verſtehe, um neun Uhr, in zwanzig Minu⸗ ten, löſt ihn ein Anderer ab.“ „Ganz richtig, Mariette, und da ſein Nachfolger wahrſcheinlich kein ſo ſchlimmer Geſelle iſt, wie er, ſo wird er uns bewilligen, was dieſer abgeſchlagen hat.“ 1 in⸗ in⸗ ben en, das 7 151 „Aber wenn er es uns gleichfalls abſchlägt?“ „Ich habe ein Nittel gefunden, daß er dies nicht thut, Mariette.“ „Welches?“ „Du wirſt es ſehen.“ „Bald?“ „In einer Viertelſtunde,“ ſagte Baſtien, indem er nach der Uhr ſchaute. „Mein Gott, wie lang iſt doch eine Viertelſtunde!“ „Das iſt wahr; wenn man nicht raucht, ſo dauert das fünfzehn Minuten.“ „Baſtien, mein Freund, da fällt mir ein, Du haſt vielleicht noch nichts zu Dir genommen.“ „Ein paar Gläschen, ſonſt nichts.“ „Wenn man Dir etwas anböte?“ „Bei meiner Treue, da ich vielleicht hier zwet Stunden Maulaffen feil haben muß, ſo ſchlage ich es nicht aus, Mariette.“ „Nun, ſo komm geſchwinde,“ ſagte Mariette, wäh⸗ rend ſie ihn näch einer Schenke fortzog, welche die Straßenecke bildete;„komm, Baſtien, denn wir haben nur noch zehn Minuten.“ „Bah! zehn Minuten,“ verſetzte Baſtien,„in zehn Minuten thut man viel.“ Baſtien trat in die Schenke ein und rief: „Kellner, eine Flaſche Wein, ein Stück Brod und zwei Gläſer!“ „O Baſtien, ich trinke nicht,“ verſetzte Mariette. „Bah! ich weiß ein Mittel, Dich trinken zu machen.“ „Du biſt ſehr ſchlimm, Baſtien,“ „Das wollen wir ſehen.“ Und er nahm die Flaſche, goß ein paar Tropfen in das Glas von Mariette und füllte das ſeinige bis an den Rand. „Nicht einmal dieſe paar Tropfen Wein?“ fragte er, indem er das volle Glas nahm. 152 „Nicht einmal dieſe paar Tropfen.... Du weißt wohl, daß ich nur Waſſer trinke, Baſtien.“ Baſtien erhob ſein Glas und ſprach: „Auf die Geſundheit von Conſcience und auf die Hoffnung, daß Du ihn in fünf Minnten ſiehſt!“ „Oh! wenn es ſo gemeint iſt,“ ſagte Mariette, „das ſchlage ich nicht aus; ich würde befürchten, es könnte mir Unglück bringen“ Und die Arme erhob ihr Glas, wie es Baſtien ge⸗ than hatte, und wiederholte: „Auf die Geſundheit von Conſcience, und auf die Hoffnung, ihn in fünf Minuten zu ſehen!“ „Ah! ich wußte wohl, Du würdeſt trinken,“ erwie⸗ derte der Huſar, der muthig das Brod, das in fünf Minuten verſchwand, und die Flaſche angriff, die er in derſelben Zeit völlig leerte. Es ſchlug nenn Uhr. Mariette hörte jedes Vibriren der Uhr, als ob der Hammer auf ihr Herz ſchlüge; ſobald der letzte Schlag verklungen war, rief ſie: „Ah! die fünf Minuten ſind abgelaufen.“ „Komm,“ ſagte Baſtien. Er führte Mariette vor die Thüre der Schenke, und hier blieben Beide einen Augenblick ſtehen, um nach dem Eingange des Hoſpitals zu ſchauen. Ein Dragoner mit einem andern Dragoner und einem Huſaren löſte den Küraſſier ab, empfing den Be⸗ fehl und ſchickte ſich an, auch zwei Stunden Wache zu ſtehen. Die Verwundeten hatten keine fremde Schildwachen vor ihrer Thüre haben wollen und ſie hatten es dahin gebracht, daß ſie ſich ſelbſt bewachen durften oder viel⸗ mehr von denjenigen unter ihnen bewacht wurden, welche in der Geneſung am weiteſten vorgeſchritten waren; da⸗ her kamen die Verſchiedenheiten in den Waffen und Uni⸗ formen bei den Schildwachen. die vie⸗ ünf in der lag und dem und Be⸗ zu chen hin iel⸗ lche da⸗ Uni⸗ 153 Der Küraſſier und Baſtien wechſelten einen Blick, welcher von Seiten des Küraſſiers beſagen wollte: „Um fünf Uhr alſo, es bleibt dabei.“ Und von Seiten von Baſtien die Antwort enthielt: „Bei Gott! das iſt abgemacht.“ Dann entfernte ſich der Küraſſier und verſchwand an der Ecke der Straße. „Bleibe nun hier, mein Kind,“ ſprach Baſtien zu Mariette, welche ungeduldig wurde,„und wenn mir der Dragoner ſeinen Platz abgetreten und ſich ebenfalls ent⸗ fernt hat, dann komm.“ „Du hoffſt alſo immer noch?“ fragte Mariette, deren Herz vor Bangigkeit bebte. „Mehr als je,“ erwiederte Baſtien.„Doch nun aufgepaßt auf das Commando!“ Und er ſchritt auf den Dragoner zu mit jenem mi⸗ litäriſch wiegenden Gange, der den Huſaren im Allge⸗ meinen eigenthümlich iſt und einen der beſonderen Reize von Baſtien bildete. Ohne in engerer Verbindung mit dem Dragoner zu ſtehen, kannte ihn doch Baſtien. Ueberdies beſtand unter dieſen armen Trümmern der napoleoniſchen Herrlichkeit eine große religiöſe Gemeinſchaft: das war die Brüder⸗ ſchaft des Unglücks. Der Küraſſier war nur ſo barſch und zähe gegen Mariette geweſen, weil ſie geführt von einem preußiſchen Soldaten und geſchützt durch einen ruſſiſchen Paß vor ihm erſchien. Er hatte eine einfache nationale Oppoſition gegen das Mädchen gemacht. Ohne alle dieſe Umſtände würde ſein Herz, obgleich gewohnt, von einer ehernen Hülle umſchloſſen zu ſein, ſicherlich den Bitten von Mariette und dem Zureden von Baſtien nachgegeben haben. Baſtien hatte nichts Aehnliches von Seiten des Dragoners zu befürchten, aber nichtsdeſtoweniger be⸗ ſchloß er, ſich nicht einer Weigerung auszuſetzen. 154 Er wählte alſo der neuen Schildwache gegenüber ein anderes Manveuvre, ſchritt, wie geſagt, mit wiegendem Gange auf den Dragoner zu und ſprach: „Guten Morgen, Dragoner.“ „Guten Morgen, Huſar,“ erwiederte die Schildwache. Es trat eine Pauſe von einem Augenblick ein. „Sage, Dragoner,“ fuhr Baſtien fort,„wäreſt Du zufällig geneigt, einem Kameraden einen Dienſt zu leiſten?“ Immerhin, vorausgeſetzt, es iſt keine Schande für das Regiment dabei und es handelt ſich nicht um die nebertretung eines Verbots.“ „Höre alſo,“ ſagte der Huſar;„Du haſt den großen Burſchen geſehen, der hier Schildwache ſtand und den Du ablöſteſt.“ „Den Küraſſier?“ „Eben dieſen.“ „Nun?“ „Wir haben Worte gewechſelt.“ „Bah!“ J „Warum?“ „Wegen einer Landsmännin von mir, welche dort vor der Thüre der Schenke, an der Ecke des Platzes⸗ mit einem Hunde zu ihren Füßen, ſteht.“ Der Dragoner ſchaute in der von Baſtien angege⸗ benen Richtung, ſtrich mit der Zunge über ſeinen Schnurr⸗ bart und rief: „Ho! ho! bei meiner Treue, ein ſchönes Mädchen! und auch ein ſchöner Hund.“ „Ja,“ fuhr Baſtien fort,„wir haben einige Worte gewechſelt, ſo daß wir um fünf Uhr hinter den Saint⸗ Narcel⸗Wall gehen wollen, um uns ein wenig das Ge⸗ ſicht zu zerfetzen.“ „Und Du brauchſt mich als Zengen⸗ Huſar?“ „Rein, inſofern Du, wenn Du mir den Dienſt leiſteſt, de fr ni ge ber em he. Du 2 für die ßen den ort e ge⸗ rr⸗ en orte int⸗ Se⸗ ſteſt, 155⁵ den ich von Dir verlangen will, hier ſein wirſt, während wir dort ſind.“ „Wie, ich werde hier ſein? Glaubſt Du denn, ich ſei auf vierundzwanzig Stunden hierher geſtellt?“ „Warte doch, daß ich Dir das erkläre.“ „Ich höre,“ ſprach eruſt der Dragoner. „Nun alſo, der Küraſſier hatte eine Grille, von der ich ihn nicht abbringen konnte.“ „Eine Grille? ah!“ „Ja.“ „Welche?“ „Die, ſich heute Abend um füuf Uhr zu ſchlagen, nicht früher, nicht ſpäter.“ „Eine drollige Grille,“ verſetzte der Dragoner, der nicht einſah, warum man ſich nicht zu jeder Zeit ſchlug. „Ich nachgeben, weil ich ihn gefordert hatte.“ „Nun?“ „Es iſt ein kleiner Uebelſtand dabei, der, daß ich gerade von fünf bis ſieben Uhr hier Wache zu ſtehen habe.“ „Das hätteſt Du ihm ſagen müſſen.“ „Ich habe es ihm geſagt, aber er ſchenkte mir kein Gehör.“ „Ho! ho! er hielt alſo feſt an fünf Uhr?“ „So feſt, daß er ſich erboten hat, vier Stunden Schildwache zu ſtehen, zwei für ſich, zwei für mich, um ſich um fünf Uhr ſchlagen zu können.... Ich glaube, er hat nur zu dieſer Stunde Muth.“ „Der franzöſiſche Soldat hat zu jeder Stunde Muth,“ erwiederte der Dragoner. „Das iſt richtig, ſagte der Huſar, der demjenigen, welchen er um einen Dienſt bat, nicht widerſprechen wollte.„Du begreifſt, Dragoner, ich ſchlug ſein Aner⸗ bieten aus.“ „Da haſt Du Unrecht gehabt.“ Nein; denn ich ſagte zu mir: Was Teufels! bis fünf Uhr finde ich wohl einen Kameraden, für den ich 156 Schildwache ſtehe unter der Bedingung, daß er auch für mich ſteht. Als ich dann ſah, daß Du Dich zum Contretanz aufſtellteſt, fagte ich zu mir: Gut, da iſt mein Mann gefunden. Verſtehſt Du?“ „Ich verſtehe nicht.“ „Du verſtehſt nicht, daß Du mir den Gefallen thun ſollſt, mir den Befehl zu wiederholen, den ich übrigens ſchon kenne, und mir Deinen Plaz abzutreten gegen eine Flaſche Clamech⸗Wein, die man beim Ablöſen zahlen wird, und gegen einen Händedruck, der Dir ſagt: Dra⸗ goner, auf Leben und Tod!“ „Ja,“ verſetzte der Dragoner,„und dann werde ich um fünf Uhr ſtehen, während Du Dich ſchlägſt.“ „Ganz richtig.“ „Gut,“ ſprach der Dragoner;„nur,“ fügte er bei, indem er nach der Uhr ſchaute,„nur wirſt Du mir zehn Minuten ſchuldig ſein, Huſar.“ „Wohl,“ verſetzte Baſtien,„man wird dieſe Schuld mit einer zweiten Flaſche bezahlen.“ „Abgemacht! Höre den Befehl: Du haſt vor den Obern zu ſchultern, vor den ruſſiſchen, preußiſchen oder franzöſiſchen dicken Epanletten zu präſentiren. Du darſſt keine andere Frauen als die grauen Schweſtern in's Hoſpital einlaſſen, wenn ſie nicht etwa einen Erlaub⸗ nißſchein haben. Du darſſt die Kranken nicht aus dem Hoſpital herauslaſſen, wenn ſie nicht ihren Entlaſſungs⸗ ſchein vom Oberarzt haben.“ „Das iſt mir bekannt,“ ſagte Baſtien,„immer das⸗ ſelbe.“ „Immer daſſelbe.“ „Ich danke. Alſo um fünf Uhr, nicht wahr?“ „Ich werde pünktlich auf dem Poſten ſein. „Und nun, Dragoner, da jede Mühe ihren Lohn fordert, gehe zu der Schenke hinüber und ſprich zu dem Mädchen, das uns anſchaut, ſo artig als Du kannſt: „„Mademoiſelle Mariette, Baſtien möchte Ihnen gern ein wi Un bek no Ca au er die Co ihn we thu ſich rin die auch zum nein hun zens eine hlen ra⸗ ich bei, zehn huld den oder arfſt in's aub⸗ dem ugs⸗ das⸗ Lohn dem nnſt: gern 157 ein paar Worte ſagen, Ihnen und Ihrem Hunde.““ Sie wird Dir antworten:„Ich danke, Herr Dragoner.““ Und das wird der Lohn für Deine Mühe ſein.“ „Sei unbeſorgt, die Dragoner ſind immer als galant bekannt geweſen, und ſie wiſſen, wie man mit dem andern Geſchlechte ſpricht.“ „Dann,“ ſagte Baſtien,„da die Dragoner das Ma⸗ noeuvre der Jufanterie ſo gut verſtehen, als das der Cavalerie, halb links um, vorwärts, Marſch!“ Der Dragoner gehorchte dem Commando und ging auf Mariette zu, der er ein paar Worte ſagte, nachdem er ſeine Hand an ſeine Polizeimütze gelegt hatte. Sogleich entfernte ſich Mariette von der Mauer, an die ſie ſich angelehnt hatte, und lief herbei. „Nun! mein lieber Baſtien,“ fragte ſie,„werde ich Conſcience ſehen?“ „Gewiß,“ antwortete Baſtien. „Du haſt alſo die Erlaubniß erhalten?“ „Nein, aber ich gebe ſie Dir.“ „Wie, Du gibſt ſie mir?“ „Allerdings, da ich auf der Wache bin.“ „Aber das Verbot, Baſtien?“ „Es gibt kein Verbot für Dich, Mariette.“ „So komme ich alſo hinein?“ „Du kommſt hinein. Nur, wenn man Dich nach Deinem Paſſirſchein fragt, wirſt Du ſagen, Du habeſt ihn der Schildwache eingehändigt, die ihn Dir, wenn Du weggeheſt, zurückgeben werde.“ „Gut.. DOh! ich danke Dir, Baſtien!.. Si mein Freund, was kann ich meinerſeits für Dich hun?“ Baſtien nahm das Mädchen beim Arm, zog es zu ſich und erwiederte: „Mariette, Du wirſt mir ein Wörtchen von Cathe⸗ rine ſagen, um meinen Geiſt während der zwei Stunden, die ich Schildwache zu ſtehen habe, zu beſchäſtigen.“ 158 Und leiſe fügte er bei: „Und auch während der vierundzwanzig Stunden Arreſt, die ich wahrſcheinlich aushalten muß.“ „Oh!“ rief Mariette, welche nur den erſten Theil des Satzes gehört hatte,„iſt es möglich, daß die Liebe ſo ſelbſtſüchtig macht?“ „Selbſtſüchtig!“ verſetzte Baſtien. „Ich meine mich, Baſtien, und nicht Dich, ſo ſelbſtfüchtig, daß es mir nicht eingefallen iſt, von Cathe⸗ rine zu ſprechen.“ „Nun?“ ſagte der Huſar, als wäre er auf die größ⸗ ten Kataſtrophen vorbereitet. „Catherine liebt Dich immer noch, mein guter Baſtien, nur beweint ſie Dich vom Morgen bis zum Abend, weil ſie Dich für todt hält.“ „Ah!“ ſprach Baſtien ſehr bewegt,„ſie hält mich für todt und beweint mich. Was wird die arme Catherine ſagen, wenn ſie mich mit der Schlappe, die ich auf dem Ange habe, wiederſieht!“ „Sie wird ſagen, Du ſeiſt vollkommen, Baſtien, und der Tag, wo ſie Dich wiederſieht, iſt der ſchönſte Tag ihres Lebens.“ „Du glaubſt alſo, ich könne'ihr ohne Furcht, daß ein Anderer meinen Brief erbricht, ſchreiben?“ „Du kannſt ihr ſchreiben und haſt nur Eines zu befürchten, wenn Du ihr ſchreibſt: daß die Frendenthrä⸗ n d ſie vergießen wird, ſie verhindern, Deinen Brief u leſen.“ „Ah! die gute liebe Catherine!“ rief der Huſar, in⸗ dem er eine Thräne abwiſchte, welche an ſeinem Angen⸗ lide perlte;„die gute Catherine!“ „Nun! biſt Du zufrieden?“ „Eil alle Teufel! ich müßte ſehr ungenügſam ſein, wenn ich es nicht wäre. Doch nun gehe, mein Kind, denn es iſt an Dir, befriedigt zu werden⸗“ „Wo gehe ich hinein?“ iden heil iebe ſo the⸗ röß⸗ tien, weil mich me die und Tag daß s zu thrä⸗ Brief , in⸗ ugen⸗ ſein, Kind, 159 „Ganz gerade aus.“ „Durch welche von allen dieſen Thüren ſoll ich aber eintreten?“ „Ei! ſieh. durch die, vor welcher Bernhard liegt.“ „Ah! der arme Bernhard, ich hatte ihn vergeſſen,“ ſagte Mariette. Und ſie machte Baſtien ein letztes Zeichen des Dankes und lief in den Hof leicht wie eine der Hindinnen, die ſie zuweilen aufjagte, wenn ſie durch den Wald von Villers⸗Cotterets ging. Baſtien ſchaute ihr nach und murmelte: „Ich werde ohne Zweifel bei dem Dienſte, den ich ihr geleiſtet, einen Säbelhieb und vierundzwanzig Stun⸗ den Arreſt gewinnen... bah! ich halte mein Wort, ſie iſt das wohl werth.“ Und er fügte in Form eines Redeſchluſſes bei: „Beim Rrregiment, das war ein Vergnügen!“ Das Plindenzimmer. Das Hoſpital zu Laon hatte ein Zimmer, welches aus⸗ ſchließlich für Blinde beſtimmt war, und zwar nicht allein für die vom Militär, ſondern auch für Augenkranke aus der Stadt, deren Behandlung der Oberarzt, der Director des Hoſpitals, ein in ſolchen Kuren ſehr geſchickter Mann, überwachte. 160 Dieſes Zimmer der armen Kranken, welche des Ge⸗ ſichtes beranbt, oder mit dem Verluſte deſſelben bedroht, oder der Wiedererlangung des Augenlichtes nahe waren⸗ hatte ein ſeltſames Ausſehen, deſſen Hauptcharakter eine tiefe Traurigkeit war. Dieſe Traurigkeit rührte beſonders davon her, daß die Fenſterſcheiben mit einem grünen Papier überzogen waren, welches, außerhalb alle Son⸗ nenſtrahlen brechend, jede Helle einzudringen verhin⸗ derte. Für die Fremden, welche mit Erlaubniß in dieſen Theil des Hoſpitals zugelaſſen wurden, war es ein unheimlicher Ort, denn es herrſchte darin ein Halb⸗ dunkel, das noch ſchlimmer als die Finſterniß ſelbſt, und es bewegten ſich hier Geſpenſter, welche ſtillſchweigend und mit ausgeſtreckten Armen umhergingen, oder Stun⸗ den lang an die Wand gelehnt daſaßen, ohne ein einzi⸗ ges Wort zu ſprechen. Wenn man in dieſes düſtere Reich der Blindheit eintrat, fühlte ſich das Herz von einer geheimen Bangig⸗ keit ergriffen. Man hätte glauben können, in die untern Regionen der geheimnißollen Welt hinabſteigend, mache man einen Halt auf halbem Wege vom Leben zum Tod, auf einer ſchauerlichen Station, welche ſchon nicht mehr das Daſein und noch nicht das Grab ſei. Ehe ſie etwas deutlich erkennen konnten, mußten ſich die Augen an die grüne Farbe des Papiers an den Fenſtern gewöhnen, das die armen Kranken, welche das Geſicht wieder zu er⸗ langen anfingen, beinahe ſo traurig bei dieſem ſcheinbaren Lichte, das ihnen wiedergegeben war, als die Dunkel⸗ heit, aus der ſie hervortraten, machte. Alle, bei welchem Grade der Geneſung oder der Krankheit ſie ſich auch befanden, trugen einen grünen Schirm über ihren Angen, ſo daß der Arzt, der ſie behandelte, ſelbſt genöthigt war, dieſe Geſpenſter bei ihren Namen aufzurufen, um ſie von einander zu unterſcheiden und bei Jedem die Behandlung anzuwenden, die der Grad der Intenſität oder der Beſſerung, den die Krankheit erreicht hatte, forderte. der Kro der terk ſcie den ſcha dar die jene mei eint Ge für der leic jen mit er, des der zun nen von Lic der wo 161 In dem Augenblick, zu dem wir gelangt ſind, war der große Blindenſaal nur noch von acht bis zehn Kranken bewohnt. Conſcience gehörte zu dieſen acht bis zehn Kranken. Trotz des Unglücks, das ihm widerfahren war, hatte der junge Mann weder ſeinen Glauben, noch ſeine Hei⸗ terkeit verloren. Dieſe Art von unſichtbarer Welt, in welcher Con⸗ ſcience übrigens immer gelebt, war ihm nicht entſchwun⸗ den: ſeitdem ſein Blick die Außenwelt nicht mehr zu ſchauen vermochte, hatte er ſich, wenn man ſo ſagen darf, noch tiefer in die innere Welt verſenkt, in der ſich die Träume der Irren und der Begeiſterten bewegen, jener zwei Claſſen von Kranken, welche die Aerzte, meiſtens Materialiſten, in eine und dieſelbe Kategorie einreihen. Aber es war nicht ſo bei den armen Blinden, den Gefängniß⸗ und Dunkelheitsgefährten von Conſcience: für ſie war der junge Begeiſterte ein mächtiger Tröſter, der ihnen, in Ermangelung der wirklichen Welt, aus der ſie verbannt, eine andere Welt offenbarte, diejenige viel⸗ leicht, welche nur den Augen des Todes ſichtbar iſt, die⸗ jenige, welche durch ein ſeltſames Vorrecht Conſcience mit den Augen der Seele immer erſchaut hatte, und die er, wie geſagt, noch deutlicher ſah, ſeitdem die Augen des Körpers erloſchen waren. Sie waren alſo gewöhnlich um Conſcience gruppirt, der, da er fühlte, daß der Troſt von ſeinen Lippen floß, zuweilen aus ſeinem Gehirn alle die wunderbaren Viſiv⸗ nen, die es erleuchteten, überſtrömen ließ. So lange Conſcience von einer andern Welt ſprach, von einer Welt mit dem ſanften Lichte, mit dem ewigen Lichte für den Tag und die Nacht, von einer Welt, in der Gott die Sonne und die Engel die Sterne ſeien, wo alle gute Herzen und alle fromme Seelen ſich ver⸗ Gott und Teufel II. 11 162 ſammelt finden, um den ewigen Lohn für das Gute zu empfangen, das ſie in dieſem vergänglichen Leben gethan; ſo lange er dieſe Welt beſchrieb, die nach dem Bilde der unſrigen gemacht war, denn der Menſch iſt ſo ſchwach, daß er nicht einmal im Traume erfinden kann, ſo lange er dieſe Welt des Glanbens mit ihren ſchönen, ſchattigen Hainen, mit ihren großen, blumenreichen Gärten, mit ihren weiten, ruhigen Seeen, mit ihren murmelnden Bächen, mit ihren tauſenfarbigen, die Sprache der Men⸗ ſchen ſprechenden, Vögeln beſchrieb, hörten ihm Alle zu und ſahen dabei ſo gut, daß die armen Blinden einen Augenblick nichts vermißten, denn Conſcience gab ihnen durch den Traum mehr, als ſie in der Wirklichkeit ver⸗ loren hatten, und Alle ſeufzten nicht mehr nach der Welt der Vergangenheit, die ſie verloren, ſondern nach der Welt der Zukunft, die ihnen geoffenbart worden war. Nur iam ein Augenblick, in welchem das Wort auf den Lippen des jungen Mannes verſiegte, wie in der großen Hitze des Anguſt eine Quelle verſiegt, aus der man zu viel geſchöpft hat. Dann erloſch allmälig das Licht, das in der Einbildungskraft der Zuhörer die glü⸗ hende Rede des Sehers entzündet hatte, wie nach dem Gottesdienſte, eine nach der andern, die Kerzen erlöſchen, welche eine Kirche erleuchteten und das weiße Tuch und den goldenen Schmuck des Altars glänzen machten. Dann befanden ſich die armen Blinden wieder, nicht mehr in ihrer einfachen Nacht, ſondern in der doppelte, phy⸗ ſiſchen und moraliſchen Finſterniß, in welche ſie das Ver⸗ ſtummen des Wortes verſenkte. Dann tappte Jeder ſchweigend nach ſeinem gewohnten Sitze zurück, denn ſo groß iſt die Macht der Gewohnheit, daß ſelbſt die Blinden einen Lieblingsplatz haben; Jeder, ſagen wir, tappte ſchweigend nach ſeinem gewohnten Platz zurück ſetzte ſich und nahm mit ſich einen Funken von jener Flamme, einen Schein des Tages, das letzte an der ewigen Lampe angezündete Licht, das er in ſeinem Geiſte mit einem zu n; der ach, ange igen mit nden Ren⸗ e zu einen hnen ver⸗ Welt der r. t auf der s der das glü⸗ dem ſchen, un chten. mehr phy⸗ Ver⸗ Jeder o groß linden tappte te ſich amme, Lampe einem Cultus dem ähnlich unterhielt, welchen die Veſtalin des Alterthums für das heilige Feuer hatte, deſſen Leben ihr Leben war, deſſen Tod ihren Tod nach ſich zog. Während die Gefährten von Conſcience den in ſei⸗ nen Träumen zerſtreuten Lichtern folgten, wie verirrte Reiſende auf den Wieſen hüpfenden Irrlichtern nachgehen, verſank er ſelbſt wieder in die Wirklichkeit, ſah er die zwei Häuschen auf beiden Seiten des Weges, das links mit ſeinem Rebenkranze, das rechts mit ſeinem Epheu⸗ gewande, und in den zwei Häuschen ein gemeinſchaftliches Leben lebend, betrübt durch ſeine Abweſenheit und durch ſein Unglück den alten Vater Cadet auf ſeinem Schmer⸗ zenslager, Madeleine weinend, Frau Marie und Mariette betend, während das Kind, ſorglos wie ſein Alter, in der ſchönen Maiſonne, die Conſeience nicht mehr ſehen konnte, ſmaragdenen Fliegen und Schmetterlingen von Gold und Azur nachlief. Er ſaß in der von der Thüre am weiteſten ent⸗ fernten Ecke, in ſeine düſteren Betrachtungen verſunken, als er plötzlich bebte: es hatte ihm geſchienen, ein un⸗ merkliches, ungewohntes Geräuſch habe die Stufen der Treppe krachen gemacht; es war ihm geweſen, als hörte er eine Frauenſtimme; er hatte die ſanfte Klage ver⸗ nommen, wie ſie ein Hund von ſich gibt, der ſeinen Herrn nach einer langen Trennung wiederſehen ſoll; mit ſeinem für dieſe Art von anſchauender Erkenntniß ſo empfäng⸗ lichen Herzen fühlte er, daß ſich etwas Sanftes, Keuſches, Tröſtendes ihm näherte! Inſtinctartig ſtand er auf und ging, keuchend, mit ausgeſtreckten Armen, in ſo gerader Richtung, als hätte er das Geſicht wiedergefunden, auf die Thüre zu. Die Thüre öffnete ſich in dieſem Augen⸗ blick: es bildete ſich etwas wie ein magnetiſcher Strom zwiſchen ihm und der Perſon, welche auf der Schwelle erſchien.... Ein einziger Schrei entwand ſich der Bruſt Beider: „Mariette! Conſcience!“ 164 Und ehe ihr Schrei vollendet war, lagen die zwei jungen Leute einander in den Armen. Doch auf dieſen Freudenſchrei folgte bei Mariette ein Schrei des Schmerzes. Als ſie ihren Kopf von der Bruſt von Conſcience erhob, öffnete ſie ihre einen Mo⸗ ment durch das Gewicht ihrer Gemüthserſchütterung ge⸗ ſchloſſenen Augen; ihre Blicke fielen auf den düſteren Saal, und ſie ſah die Geſpenſter, welche längs den Wänden geſeſſen hatten, langſam aufſtehen und ſtolpernd herbei⸗ kommen; ſie warf ſich voll Angſt wieder in die Arme des jungen Mannes und rief mit jenem Tone, der zu⸗ gleich Liebe, Mitleid und Schmerz ausdrückt: „O Conſcience, mein armer Conſcience!“ Und ihre Arme ſanken träge an ihr herab, als ob die Kräfte ſie verließen, und ſie hielt ſich nur noch auf⸗ recht durch den Stützpunkt, den ihrem Kopfe die Bruſt und die Schulter ihres Freundes gaben. Conſcience begriff ſo wohl, was Alles in dem Ge⸗ müthe des Mädchens vorging, daß er ſie nicht einmal zu tröſten ſuchte; er ſchloß ſie in ſeine Arme, flüſterte nur ihren Namen und wiederholte ihn zwanzigmal, wie es ein aus dem Herzen kommendes Echo gethan hätte, während Bernhard, der einzuſehen ſchien, daß die Reihe noch nicht an ihm war, ſich ein paar Schritte entfernt hielt und wartete, bis ſich dieſe ſchmerzliche Freude in ihren Aufwallungen und in ihren Bangigkeiten erſchöpft hätte. Das demüthige Thier begriff ſeine untergeordnete Stellung in der Kette der Weſen und wartete, bis ihn Conſcience, ſich bückend, auf der ihm von der Natur an⸗ gewieſenen Stufe finden würde. Die Frende trug indeſſen bald den Sieg über den Schmerz von Mariette davon; ein minder peinlicher Seufzer kam aus ihrem Munde; ihr Blick erhob ſich weniger ſchmerzlich zu dem jungen Manne, und mit einem Ausdruck ſchon voll Dankbarkeit, wenn nicht voll Glück, wiederholte ſie zum zweiten Mal: te er en en ei⸗ ne u⸗ ob uf⸗ uſt e⸗ zu ur ein nd ielt ren tte. ete ihn an⸗ den her ſich lem ück, 165 „Conſcience! mein armer Conſcience!“ Die armen Blinden, welche Mariette bei ihrem Eintritt hatte ſich in Bewegung ſetzen ſehen, näherten ſich ihr mittlerweile ſachte und bildeten einen Kreis um ihren Freund; ſie berührten mit den Händen das Mäd⸗ chen, als wollten ſie dieſe gute Mariette kennen lernen, von welcher Conſcience ſo oft mit ihnen geſprochen, und die nun in ihre Hölle eindrang, wie der gekreuzigte Chriſtus, wenn nicht, um Alle zu erlöſen, doch wenig⸗ ſtens, um Einen von ihnen zu erlöſen. Die Berührung aller dieſer wohlwollenden, aber neugierigen Hände er⸗ ſchreckte Mariette und entzog ſie der Erſtarrung, in welche ſie verſunken war. Sie ſchloß Conſcience noch enger in ihre Arme, wich mit ihm zurück und ſagte zu ihm: „Ohi mein Freund, bitte ſie doch, mich nicht ſo anzurühren, denn ſie machen mir bange, da ich nicht weiß, was ihre Abſicht iſt und was ſie von mir wollen.“ „Sei ohne Furcht, theure Mariette,“ antwortete Conſcience,„alle dieſe Lente ſind meine Freunde, und alle lieben Dich folglich. Ach! Du weißt nicht, daß die armen Blinden mit den Fingern ſehen; ſie rühren Deine Kleider an, um Dich ein wenig kennen zu lernen; wenn ſie es wagten, würden ſie Dein Geſicht berühren, um Dich ganz zu kennen; laß ſie machen, Mariette, denn es iſt bei ihnen nicht die geringſte ſchlimme Abſicht vorhanden.“ „Oh! die armen Freunde!“ ſagte Mariette;„wenn es ſich ſo verhält, ſo verzeihe ich ihnen von gauzem Herzen; aber Conſcience, da mir ſcheint, daß dies nicht gerade ſein muß, ſo ſetze Dich mit mir auf eine Bank und ſage ihnen, ſie ſollen uns ein wenig plandern laſ⸗ ſen; oh! wenn Du wüßteſt, ich habe Dir ſo viele, ſo viele Dinge mitzutheilen!“ Und ſie führte wirklich Conſcience auf eine Bank⸗ ſetzte ſich hier an ſeine Seite und ſchloß ſeine Hände in die ihrigen. Wir wollen es nicht verſuchen, den zwei Kindern in dieſem erſten Herzenserguß zu folgen, der nach einer ſo langen Abweſenheit aus ihrer Wiedervereinigung her⸗ vorſprang. Rur ein mit dem Augenlichte begabtes, unter dieſen armen Blinden befindliches Weſen hätte das Geſicht von Mariette alle Gefühle ihres Herzens ausdrücken und nach und nach von der Freude zum Schmerz und von der Begeiſterung zu den Thränen übergehen ſehen. Bisweilen drückte ſie noch ſtärker die Hände von Conſcience; dann goß ſie mit ihrer Liebe den Balſam der Hoffnung in das Herz des jungen Mannes. Die kaum hörbaren Töne ihrer Stimme, ſo ſehr ſprach ſie für ihren Geliebten allein, waren dann ſo mild und zu⸗ gleich ſo ergreifend wie die Klänge eines Liebesliedes. Conſcience hatte ſeinerſeits den grünen Schild ab⸗ genommen, der ſeine Augen bedeckte, als hätte er, dieſen Schild abnehmend, eine Hoffnung mehr gehabt, Mariette wieder zu ſehen. Sein blickloſes, mit einem weißlichen Fell überzogenes Auge war zum Himmel aufgeſchlagen, und ſein leicht zurückgeworfener, an die Wand angelehn⸗ ter Kopf ließ ſein ganzes ſchwermüthiges, träumeriſch aufmerkſames Geſicht ſehen. Rings um ſie her ſtanden in einiger Entfernung die Blinden; ſie wollten, ſo gut ſie konnten, hören, was die zwei Liebenden leiſe zu einander ſagten, und ſchauten, als ob ſie ſehen könnten, den jungen Mann und das Mädchen mit den verſchlungenen Armen, mit den ver⸗ einigten Köpfen, mit den unzertrennbaren Herzen, mit ihrem Hunde an, der wie ein Symbol zu ihren Füßen lag, eine reizende Gruppe unter dem barmherzigen Auge des Herrn. Während dieſes ſanften, zärtlichen Geplanders der in ſo er⸗ ſen von und von von ſam Die zu⸗ ab⸗ eſen iette chen gen, ehn⸗ riſch die s die uten, das ver⸗ mit üßen Ange s der 167 zwei jungen Leute öffnete ſich plötzlich die Thüre und der Oberaufſeher trat ein. Mariette und Conſcieuce waren durch die Blinden ſo gut verborgen⸗ daß er ſie Aufangs nicht erblickte. Bei dem Geräuſch aber, das er die Thüre öffnend machte, wandten ſich Alle um, und wenn die Blinden ſeinen Zorn nicht ſehen konnten, ſo erriethen ſie ihn doch. „Wo iſt,“ fragte der Aufſeher,„wo iſt das Mäd⸗ chen, das ſich hier ohne Erlanbniß eingeſchlichen hat?“ Mariette bebte am ganzen Leibe und erhob ſich, doch ohne daß ſie zu antworten wagte. „Nun, iſt man denn hier ſtumm wie blind?“ rief der Aufſeher, der ein paar Kranke auf die Seite ſtieß und ſo in den Kreis einbrach. „Was gibt es denn, Herr Oberaufſeher?“ fragte Conſcience. „Dieſe junge Perſon hier iſt in das Krankenzimmer mit der Behauptung eingedrungen, ſie habe ihren Er⸗ laubnißſchein der Schildwache übergeben; ich ſelbſt for⸗ derte den Schein von dem Soldaten; dieſer ſuchte ihn ver⸗ gebens zehn Minuten lang in ſeinen Taſchen und behauptete dann, er habe ihn verloren; doch meine Meldung iſt ge⸗ macht, und der Huſar bekommt, wenn er abgelöſt iſt. ſeine achtundvierzig Stunden Arreſt.“ „Oh! mein Herr,“ ſprach Mariette, die Hände faltend, mit ihrer ſanſten Stimme,„ich bitte Sie, haben Sie Mitleid: dieſer Huſar iſt unſer Landsmann Baſtien; er weiß, wie ſehr ich Conſcience liebe, wie es mich drängte, ihn wiederzuſehen; er hatte meine Traurigkeit und meine Angſt, als ich vom Küraſſier zurückgeſtoßen wurde, wahrgenommen und opferte ſich für mich. Oh! mein Herr⸗ thun Sie ihm nichts Schlimmes an, weil er mitleidig geweſen iſt.“ „Es iſt alſo wahr, was ich vermuthete?“ fragte der Aufſeher. 168 „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte Mariette,„was vermutheten Sie denn?“ „Sie haben keinen Erlaubnißſchein.“ „Nein, mein Herr.“ „Wie! nein?“„ „Ich ſage, ich habe keinen Erlaubnißſchein, nur einen Paſſirſchein,“ antwortete Mariette. Und ſie zog ſchüchtern aus ihrer Bruſt ihren ruſſi⸗ ſchen Paß. Der Aufſeher warf einen Blick auf das Papier. „Was für ein Siegel iſt das? was für ein Paß iſt das? ich kenne das nicht,“ ſagte er;„das iſt gültig, um auf den Landſtraßen zu gehen, aber nicht, um ſich in die Krankenzimmer einzuſchleichen. Fort! hinaus, Mädchen! und zwar ſo geſchwinde als möglich!“ „Oh! mein Herr, ich bitte Sie inſtändig,“ ſprach Mariette. „Wie?“ verſetzte der Aufſeher, ganz verwundert, daß man ihm, wenn auch nur durch eine Bitte widerſtand. „Ein halbes Stündchen, nur ein halbes Stündchen, lieber Herr; ich werde zu Gott für Sie beten und Ihnen aus Dankbarkeit die Hände küſſen.“ „Genug der Kindereien, Mädchen,“ rief der Auf⸗ ſeher wie ein Menſch, der entſchloſſen iſt, nicht nach⸗ zugeben. „Ei! nein,“ ſagte Mariette,„ich ſehe ein, eine halbe Stunde iſt zu viel: nur ein Viertelſtündchen.“ „Richt einen Augenblick, nicht eine Minute, nicht eine Sekunde; hinaus! hinaus!“ „In des Himmels Namen, mein Herr,“ rief Ma⸗ riette in Verzweiflung,„ich komme vom andern Ende des Departement, ich habe, mit Hülfe guter Menſchen, die ich auf meinem Wege getroffen, an einem Tage fünfzehn Stunden gemacht, um Conſcience wiederzuſehen; ich bin ſchon Schuld, daß ein Duell zwiſchen zwei Män⸗ nern ſtattfindet und daß der arme Baſtien für ſein Mit⸗ was inen uſſi⸗ iſt um die en! rach ert, ind. hen, nen luf⸗ ach⸗ Ube Na⸗ nde en, age en; än⸗ tit⸗ 169 leid mit mir beſtraft werden wird; endlich ſehe ich Conſcience wieder, der mich nicht wiederſehen kann, und kanm habe ich ihn in meine Arme geſchloſſen, kaum habe ich ihm ein paar Worte des Troſtes geſagt, ſo jagen Sie mich fort. Ah! wenn Sie wüßten, was ich ihm noch Alles zu ſagen habe, oh! Sie würden ſich ſicherlich meinererbarmen.“ „Wirſt Du nun gehen oder nicht?“ rief der Auf⸗ ſeher, mit dem Fuße ſtampfend,„oder muß ich Dich an den Schultern vor die Thüre ſtoßen?“ „Oh! mein Herr, tödten Sie mich nicht!“ rief das Mädchen;„ſchweige, Bernhard, knurre nicht ſo: der Herr iſt gut, der Herr wird erlauben, daß ich noch ein paar Minuten bleibe; er wird Mitleid mit einem armen Blin⸗ den haben, er wird ihm nicht das Herz zerreißen wollen. Mein Herr, Sie ſind auch ein Menſch, Sie, und es kann Sie ein ähnliches Unglück treffen. Wenn Sie nun des Augenlichts beraubt wären, und Ihre Mutter, Ihre Schweſter oder Ihre Freundin käme, um Sie zu be⸗ ſuchen, wären Sie nicht in Verzweiflung, wenn man Sie wegſchicken wollte? Sie werden mich auch nicht weg⸗ ſchicken, mein guter Herr? Sie werden mich hier laſſen, um Conſcience zu pflegen, nicht eine halbe Stunde, nicht eine Viertelſtunde, nicht ein paar Minuten, ſondern bis zu dem Augenblick, wo er die Erlanbniß erhält, das Hoſpital zu verlaſſen, um nach Haramont zurückzukehren. Oh! mein guter Herr, um Gottes willen bitte ich Sie, flehe ich Sie an.“ Und die arme Mariette fiel auf die Kniee, während ſie zugleich mit ihrer einen Hand Bernhard zurückhielt, der, mit blutigen Augen und keuchendem Athem, ſeine Flanken mit ſeinem Schweife ſchlug und gegen den Auf⸗ ſeher loszuſtürzen bereit war. Die Blinden murrten; dieſe Grauſamkeit ſchien Alle in der Perſon ihres Freundes Conſciente zu treffen. Conſcience ſtand ſchweigend, aber mit geballten Fäuſten da; man fühlte, daß der fromme Jüngling die 170 ganze laugmüthige Geduld zu Hülfe rief, mit der ihn die Vorſehung begabt hatte. Der Aufſeher faßte Mariette beim Arm. „Schweigt!“ rief er den murrenden Blinden zu; „ſchweig,“ ſagte er zu dem knurrenden Bernhard;„Jeder⸗ mann ſchweige und gehorche, oder ich laſſe den Hund umbringen und das Mädchen einſperren.“ Er hatte ſeine doppelte Drohung nicht vollendet, während Mariette, immer knieend, Bernhard zurückhielt⸗ der dieſen Menſchen zu erwürgen bereit war, als er ſeine Kehle etwas wie einen eiſernen Ring umſchließen fühlte, was nichts Anderes war, als die zwei vereinig⸗ ten Hände von Conſcience, der zum erſten Mal in ſei⸗ nem Leben die Drohung mit der That verband. „Ah! ſagte der junge Mann erbleichend, indem er auf den Aufſeher ſeine Augen heftete, denen die Abweſen⸗ heit des Lebens einen erſchrecklichen Ausdruck verlieh,„ah! unglücklicher, ſchlechter Menſch, falſcher Chriſt, Du willſt den Hund umbringen und Mariette einſperren laſſen! Ah! Du biſt ſehr glücklich, daß dieſes Zimmer ſo düſter und ſo dumpf iſt, daß Gott Dich wahrſcheinlich weder geſehen, noch gehört hat!“ Der Aufſeher ſtieß einen erſtickten Schrei aus; der Athem fehlte ihm; die Entrüſtung der armen Kranken rollte um ihn her wie ein Sturm, der ihn zu vernichten 9 5 bereit war. „Conſcience!“ rief Mariette, die mit einer Hand Bernhard zurückhielt und mit der anderu den jungen Mann beim Arme faßte,„Conſcience, in des Himmels Ramen, laß dieſen Menſchen los, und er wird ſicherlich ſelbſt das Böſe bereuen, das er uns angethan hat.“ „Du haſt Recht, Mariette,“ ſprach Conſcience, wäh⸗ rend er ſeine beiden Hände an ſeinen Seiten herabfallen ließ,„Du haſt Recht, wir wollen uns nicht noch un⸗ glücklicher machen, als wir ſind; komm, Mariette, komm, daß ich Dich noch einmal umarme.“ un gl H. zu lie H m vo ihn zu; er⸗ und det, er eßen nig⸗ ſei⸗ ner eſen⸗ „ah! villſt ſſen! üſter eder der anken chten Hand ungen nmels erlich wäh⸗ fallen ch un⸗ komm, 171 Als er dann wahrnahm, wie ſich Mariette anſtrengte, um den Hund zurückzuhalten, rief er: „Hier, Bernhard, hier! Armer Freund, ich war ſo glücklich, daß ich noch gar nicht an dich dachte.“ Hoch erfreut über dieſe Worte, die erſten, die ſein Herr zu ihm geſprochen, vergaß Bernhard ſogleich den Aufſeher, richtete ſich ganz an Conſcience auf, ließ ein zugleich klagendes und frendiges Knurren hören und leckte liebkoſend mit ſeiner Zunge die erloſchenen Augen ſeines Herrn. Mariette ſah aber ein, daß ein Mann da war, den man entwaffnen mußte. Sie trennte ſich von Conſciente und ging mit einer ſtolzen Würde, die man weder von ihrem Stande, noch von ihrem Alter erwarten konnte, ſcheinbar ruhig, doch ohne daß ſie zwei große Thränen, welche ſtill über ihre Wangen rollten, zurückzuhalten vermochte, auf den Auf⸗ ſeher zu. „Mein Herr,“ ſprach ſie,„ich gehe, doch verzeihen Sie mir, verzeihen Sie Conſcience, verzeihen Sie Ba⸗ ſtien; ich verſpreche Ihnen, daß Gott, der uns Allen das Beiſpiel der Barmherzigkeit gibt, Sie belohnen wird, denn das wird eine gute Handlung ſein. Sie haben auch ein Herz und an dieſes Herz wende ich mich. Ja, nicht wahr, Sie ſind ſo gut, zu vergeſſen, und ich, ich werde in mei⸗ nen Gebeten mit Gott von Ihnen ſprechen.“ Wollte ſich der Anfſeher nicht mehr der Gefahr aus⸗ ſetzen, zum zweiten Mal gegen die Hände von Conſcience und gegen die Zähne von Bernhard kämpfen zu müſſen, oder war er durch dieſe Unterwürfigkeit eutwaffnet, er erwiederte: „Nun, ſo gehe, und wenn die Uebertretung geheim bleibt, ſo werde ich aus Mitleiden mit Dir, hübſches Mädchen, nichts ſagen.“ Mariette nahm ſeine Hand und küßte ſie. „Oh! Sie ſind ein braver Mann, ich wußte es K 172 wohl. Ja, mein Herr, ja ich gehe; nur noch ein ein⸗ faches Lebewohl.“ Und zum letzten Male umſchlang ſie den armen Blinden, gab ihm einen langen, zärtlichen Kuß und flü⸗ ſterte ihm die Zauberworte zu: „Sei ruhig, Conſcience, ehe der Tag abgelaufen iſt, habe ich die Erlaubniß, Dich wiederzuſehen, erhalten.“ Dann ging ſie, ohne daß ſie ihren Schmerz länger zu bewältigen wußte, ſchluchzend auf die Thüre zu; hier wandte ſie ſich noch einmal um, gab einen durchdringen⸗ den Schrei von ſich und wollte wieder in den Saal zu⸗ rückkehren, ſtieß aber auf den Oberaufſeher, der ihr den Weg verſperrte, und war genöthigt, wegzugehen, während Conſcience unbeweglich, in ſich ſelbſt zuſammengeſunken, auf ſeiner Bank ſaß und nur noch die Kraft hatte, Bern⸗ hard zurückzuhalten, der ſich auf's Reue anſchickte, dem Mädchen Hülfe zu leiſten. Mariette ſchwankte die Treppe hinab und kam halb wahnſinnnig vor Schmerz in dem Hofe an, vor deſſen Schwelle Baſtien immer noch Schildwache ſtand. Erſchöpft, gefühllos, ſchwankend, zerriſſen in Herz und Seele, wie eine Märtyrin, ſchaute ſie zum letzten Mal umher, um, ehe ſie dieſes Aſyl des Schmerzes ver⸗ ließe, irgend ein Weſen zu ſuchen, bei dem ſie Schutz und Beiſtand fände, damit ſie das Conſcience oder viel⸗ mehr ſich ſelbſt gegebene Wort halten könnte. Eine ziemlich elegant gekleidete Frau ſtand an dem Fenſter eines Zimmers des erſten Stocks, der als Woh⸗ nung für die Beamten des Civilhoſpitals, welches ſeit der Invaſion zugleich Militärhoſpital geworden war, zu die⸗ nen ſchien. Mariette ſah dieſe Frau durch die Wolke ihrer Thrä⸗ nen, ſie dachte, die Hoffnung könnte von daher kommen, wiſchte ſich die Augen ab, um ſie beſſer zu ſehen, und da ſie auf ihrem Geſichte einen Ausdruck von Mitleid zu ein⸗ men flü⸗ iſt, — inger hier igen⸗ lzu⸗ den hrend nken, gern⸗ dem halb deſſen Herz letzten er⸗ Schutz viel⸗ tdem Woh⸗ it der u die⸗ mmen, nd da eid zu 175 lefen glaubte, ſo ſtürzte ſie, die Arme wie gegen eine Madonna ausſtreckend, nach dieſem Fenſter zu und rief: „Madame! im Namen des Herrn, im Namen Ihres Mannes, im Namen Ihrer Mutter, im Namen von Allem, was Sie auf dieſer Welt lieben, haben Sie Erbarmen mit einem armen Blinden!“ Die Dame ſchaute Mariette wie eine Frau an, welche nicht begreift, was vorgeht, und zwiſchen dem Mitleiden, das ſich in ihrem Herzen zu regen anfängt, und der Furcht vor einer lächerlichen, vielleicht unpaſſenden Scene ſchwankt. Sie trat zurück, als wollte ſie fliehen. Die Frau des Oberarztes. Mariette ſah die Bewegung, errieth ihre Urſache und ſtieß einen ſo tiefen, ſo ſchmerzlichen Schrei aus, daß die Dame ganz ergriffen ſtehen blieb und mit Verwunderung die junge Bäuerin anſchaute, welche ihre von Thränen benetzten, von Hoffnung erfüllten blauen Augen zu ihr erhob, in denen man zugleich die Furcht, zurückgeſtoßen zu werden, und die Dankbarkeit für eine Wohlthat, die ſie erwartete, leſen konnte. Da trug das Mitleid den Sieg über die Furcht davon, und die Dame rief Mariette zu: „Komm herauf, mein Kind, und ſage mir, was ich für Dich thun kann.“ Dann fügte ſie mit dem reizenden Lächeln, mit dem die Frauen ihre guten Handlungen begleiten, bei: zu thun, was Du wünſcheſt, ſo bin ich von Herzen bereit, Dir zu helfen.“ Mariette verlangte nicht mehr, und keuchend vor Freude eilte ſie die Stufen hinauf. Die Dame erwartete ſie auf nen Thüre, nahm ſie bei beiden in das Innere der Wohnung. „Mein armes Kind!“ ſagte ſie,“ komm und erzähle mir die Urſache Deiner Verzweiflung.“ Dann nöthigte ſie Mariette, ſich zu ſetzen. Mariette gehorchte, doch ehe ſie ſprach⸗ deutete ſie ganz zitternd auf einen Officier, der in demſelben Zim⸗ mer, in welchem ſie waren, an einem Bureau ſaß und ſchrieb, und deſſen, wie der eines Generals, mit Gold geſtickter Kragen dem Mädchen ſehr bange machte. „Oh! ſei unbeſorgt wegen dieſes Herrn,“ ſagte die Dame;„er iſt ganz nur mit ſeiner Arbeit beſchäftigt und bekümmert ſich nicht um Andere.“ „Sie erlanben alſo, daß ich Ihnen Alles erzähle, Madame?“ „Ich bitte Dich darum, mein liebes Kind.“ Es lag in der Stimme, welche Mariette zuſprach, ein ſolcher Ausdruck von zarter Theilnahme und ſanftem Mitleiden, daß das Mädchen nicht mehr zögerte. „Hören Sie alſo die ganze Geſchichte,“ ſagte ſie: „wir ſind arme Bauern aus dem Dörfchen Haramont, das am anderen Ende des Departement, vierzehn bis fünfzehn Stunden von hier, liegt. Wir lebten, meine Mutter, ich und mein jüngerer Brudet, Vater Cadet, Conſcience und Madeleine, in zwei einander gegenüber ſtehenden Häuschen. Wir hatten uns nie verlaſſen, nie einen Angenblick aus dem Geſichte verloren. Wir liebten uns, als wären wir von einer Familie, nur liebte ich Conſcience vielleicht noch mehr als meinen Bruder⸗ „Da kam die Aushebung und nahm uns Conſcience. „Und liegt es in meiner Macht, der Schwelle der offe⸗ Händen und führte ſie auf einen Stuhl e⸗ ſie hle uhl ſie im⸗ und old die ftigt ähle, rach, ftem ſie: mont, bis meine Ladet, nüber nie iebten te ich cience. Wir verließen uns. oder vielmehr, er verließ uns... Wir empfingen mehrere Briefe von ihm, Anfangs voll von Hoffnung, was uns auf dem Wege der Ergebenheit aufrecht hielt; endlich kam aber ein letzter oh! Ma⸗ dame, ein letzter, in welchem Conſcience ſeiner Mutter ſchrieb, er habe kranke Augen, und er befürchte, das Ge⸗ ſicht zu verlieren; doch in dieſem Briefe war ein anderer für mich eingeſchloſſen, in weichem er mir Alles ſagte! nämlich, daß er für ſein Leben blind ſei!.. Oh! Ma⸗ dame, bei dieſer Nachricht wäre ich beinahe geſtorben! ich fiel vhnmächtig zu Boden und ſah weder mehr den Tag, noch die Sonne, noch irgend Etwas um mich her. „Zum Glück ſah mich Gott! Gott hatte Mitleid mit mir, er rief mich ins Leben zurück, und indem er mich ins Leben zuvückrief, flößte er mir den Gedanken ein, zu Conſcience zu gehen und den armen Jungen zu pflegen, der ſeit zwanzig Jahren von zwei Müttern und einer Freundin umgeben war, nun aber Niemand bei ſich hatte... Ich erhob den Preis für ein Kalb, das wir verkauft hatten, und reiſte ab, entſchloſſen, den Weg in drei Tagen zu machen; aber gute Seelen erbarmten ſich meiner und nahmen mich mit ſich; ſo kam ich, bald zu Wagen, bald auf einem Eſel, ohne daß ich etwas auszugeben hatte, an einem Tage an. Heute Morgen wollte ich ins Hoſpi⸗ tal gehen, doch man ſagte mir, es dürfe Niemand hin⸗ 4n. beſonders bei den Blinden, ohne eine Erlaub⸗ niß. „An wen ſollte ich mich wenden? ich kannte Nie⸗ mand und hatte Sie noch nicht geſehen. Da bat ich einen armen Burſchen aus meinem Dorfe, Baſtien, einen Huſaren, der ſich wahrſcheinlich heute für mich ſchlagen wird, was meine Verzweiflung noch vermehrt.. Ba⸗ ſtien ſtand für einen Andern Schildwache und ließ mich hinein; er ſagte, für mich, ſeine Freundin, könne er wohl zwei Tage Arreſt wagen. Da trat ich ein, Ma⸗ dame, und gelangte in den Blindenſaal... Sind Sie 176 je dort geweſen? Oh! das iſt ſehr traurig! Ich ſah Con⸗ ſcience wieder und war zugleich glücklich und unglücklich bei ihm; nun kam der Oberaufſeher, er wollte mich fort⸗ jagen, und als ich mich weigerte, beleidigte er mich, ſchlug er mich faſt.“ Der Mann mit dem goldgeſtickten Kragen machte eine Bewegung. „Oh!“ rief Mariette, welche ſah, daß ſie, ohne es zu wollen, eine Anklage gegen einen Menſchen erhoben hatte: „er hat wohl geſagt, es ſei nicht ſeine Schuld, er ſei genöthigt, ſo zu handeln, der Befehl ſei einmal da.... und ſo verzeihe ich ihm... oh! aufrichtig und von gan⸗ zem Herzen, beſonders ſeitdem ich Sie gefunden habe. Ich lief wie eine Tolle weg, nachdem ich Conſecience ver⸗ ſprochen hatte, ich werde Jemand finden, um uns zu be⸗ ſchützen, um uns zu vereinigen, um es zu verhindern, daß man uns wieder trenne.. und als ich, die Hände und die Augen zum Himmel erhebend, hinaustrat, ſah ich Sie, Madame, und mir ſchien, ich weiß nicht warum⸗ Sie würden der Schutzengel ſein, den ich ſuchte. Darum ſtreckte ich die Arme gegen Sie aus, darum rief ich Ihnen zu, darum kam ich hierher, darum liege ich zu Ihren Füßen.“ Mariette fiel wirklich auf die Kniee vor der Dame, über deren Geſicht, während die unglückliche ſprach, all⸗ mälig Thränen rollten, und ohne daß es die Dame ver⸗ hindern konnte, küßte ſie ihr Kleid mit ſo viel Inbrunſt, als wäre es das Gewand einer Madonna geweſen. Die Dame antwortete indeſſen nicht; ſie befragte nur mit ihren Augen den Officier mit dem goldgeſtickten Kragen, der ſich umwandte und ihren Blicken begegnend ein ieichtes Zeichen des Verſtändniſſes machte. Dann ſprach er zu dem Mädchen: „Mein liebes Kind, ich habe den Anfang dieſer Ge⸗ ſchichte nicht recht gehört, weil ich gerade ſchrieb.„. Du ſagſ b6 bei Aug wor date tete geh Aut abe beir Mi gen was ſo: kan trat Har riet on⸗ rt⸗ 177 ſagſt, der junge Mann, der Blinde, der Kranke, heiße Conſcience?“ „Ja, Herr Officier,“ erwiederte Mariette, welche bei den erſten Worten des Officiers aufgeſtanden war. „Iſt es nicht ein Soldat von der Artillerie, dem die Augen bei der Eyploſion eines Pulverwagens verbrannt worden ſind?“ „Ja, Herr Officier, ſo iſt es.“ „In welchem Verhältniß ſtehſt Du zu dieſem Sol⸗ daten, mein ſchönes Kind? Iſt es Dein Bruder?“ „Ich habe es der Dame da ſchon erzählt,“ antwor⸗ tete Mariette, ihre Stirne ſenkend. „Ich, ich ſagte Dir aber auch, ich habe nicht recht ehört.“ Mariette ſchlug ſachte ihre kenſchen, durchſichtigen Angen wieder auf, heftete ſie auf den Officier und ſprach: „Nein, mein Herr, ich bin nicht ſeine Schweſter, aber ſeit unſerer Kindheit wohnen wir neben einander, beinahe unter einem Dache; eine einzige von unſeren zwei Müttern, die meinige, hat uns Beide mit derſelben Milch genährt. Seitdem wir wiſſen, was Arbeit, was Freude, was Schmerz iſt, theilen wir Frende, Arbeit und Schmerz, ſo daß ich lange glaubte, er ſei mein Bruder...“ „Und Du glanbſt es nun nicht mehr?“ „Seitdem er unglücklich iſt, mein Herr, habe ich er⸗ kannt, daß ich nicht ſeine Schweſter war.“ Der Officier ſtand auf, verließ ſeinen Tiſch und trat auf Mariette zu. Mariette zitterte heftig, doch die Dame nahm ihre Hand, was ſie ein wenig beruhigte. „Armes Kind!“ ſagte die Dame. „Du liebſt ihn alſo?“ ftagte der Officier. „Oh! ja, mein Herr, von ganzer Seele,“ rief Ma⸗ riette voll Innigkeit. „Aber wenn Du nicht reich biſt...“ Der Officier Gott und Teufel. U. 12 178 unterbrach ſich, ehe er ſeinen Satz vollendet hatte. Dann fragte er:„Beſitzt Ihr etwas?“ „Mein Herr, der Großvater von Conſcience hatte Felder, die er ſelbſt mit einem Eſel und einem Ochſen deſtellte, doch es hat ihn eine Lähmung betroffen, und er kann ſie nicht mehr beſtellen... Ueberdies iſt er noch etwas auf dieſe Felder ſchuldig. Vielleicht kann er das, was er ſchuldig iſt, nicht bezahlen, denn die Koſaken haben auf unſeren Ebenen bivaquirt, und ihre Pferde haben Alles mit den Füßen zertreten, und ſo befürchte ich, daß Conſcience nicht reicher ſein wird, als ich„ „Aber, mein liebes Kind, wenn er nicht reicher iſt, als Du, ſo iſt es nicht vernünftig von Dir, die Frau eines armen Blinden zu werden.“ „Was ſagen Sie, mein Herr?“ fragte Mariette, die nicht recht verſtanden hatte. „Ich ſage, Du müſſeſt Dich wegen des Unglücks, das Conſcience betroffen hat, tröſten und einen Andern heirathen.“ Mariette ſchauerte am ganzen Leibe. „Ich, mein Herr,“ rief ſie,„ich ſoll vergeſſen, ich ſoll Conſcience verlaſſen! weil der arme, liebe Freund nicht mehr ſich leiten, nicht mehr gehen kaun! Ich ſoll aufhören, meinen Bruder, meinen Bräutigam zu lieben, weil er unglücklich iſt!... Oh! mein Herr, ſagen Sie mir ſolche Dinge nicht mehr, denn ſie durchbohren mir das Herz wie eine Meſſerklinge und machen mir kalt durch den ganzen Leib,“ fügte Mariette bei. Und ſie ſank zurück und ſchien einer Ohnmacht nahe, als wäre ſie wirklich im Herzen getroffen worden. Die Dame ſtand raſch auf und unterſtützte ſie mit ihren Armen. „O mein Freund! mein Freund!“ flüſterte ſie, „Sie haben dem armen Kinde ſehr wehe gethan.“ „Es geſchah nicht in böſer Abſicht, und ich will dem Mä Off wer kön Ofj ha b aun atte hſen d er noch das, ſaken ferde rchte viſt, Frau , die lücks, ndern ich reund ch ſoll ieben, n Sie n mir durch nahe, ſie mit te ſie, ill dem 179 Mädchen einen Beweis hievon geben,“ erwiederte der Officier. Dann wandte er ſich an Mariette und ſagte: „Mein ſchönes Kind, Du wäreſt alſo ſehr zufrieden, wenn Dein Freund mit Dir in Dein Dorf zurückkehren könnte?“ Mariette richtete den Kopf auf und ſchaute den Officier fragend an, als glaubte ſie nicht recht gehört zu haben. „Verzeihen Sie, mein Herr ſagte ſie. „Ich frage Dich, mein Kind, ob Du zufrieden wäreſt, wenn Du mit Deinem Freunde in Dein Dorf zurückkehren könnteſt?“ Mariette gab einen Schrei von ſich; ein Ausdruck der Frende, des Erſtaunens, des Zweifels, der ſich nicht beſchreiben läßt, trat in ihrem Geſichte hervor; ihre großen, wie der Azur des Himmels durchſichtigen blauen Angen blieben offen und fragend auf den Officier ge⸗ heftet, deſſen Worte ſie herauszufordern ſchienen. „Zufrieden?.. glücklich?...“ ſtammelte ſie.„Ah! mein Herr, eine ſolche Frage könnte mich um die Be⸗ ſinnung bringen... Ich bitte Sie, mein Herr, täuſchen Sie mich nicht... Nach Allem, was ich ausgeſtanden habe, hieße das mich tödten. Iſt ein ſolches Glück wahrſcheinlich? iſt es möglich? darf ich darauf hoffen?“ Und ſie ſtreckte ihre Hände flehend gegen den Offi⸗ cier aus. „Man muß immer hoffen, mein Kind,“ erwiederte der Officier.„Nur darf man den Leuten, welche die Hoffnung gegeben haben, wenn es ihnen nicht gelingt, darum nicht grollen.“ „Sie wollen es alſo verſuchen?“ Der Officier nickte lächelnd mit dem Kopf. „Ich will mein Möglichſtes thun!“ ſagte er. „Oh! Madame,“ rief Mariette,„wie könnte ich Ihrem Herrn Gemahl meine Dankbarkeit beweiſen?“ 180 „Umarme mich, mein Kind,“ verſetzte die Dame. uſ„Ah! Ihre Kniee, Ihre Füße müßte ich umfangen, üſſen.“ Die Dame nahm ſie in ihre Arme und küßte ſie auf die Stirne. Der Officier aber, welcher kein Anderer war, als der Oberarzt, ſchnallte ſeinen Degen um, der auf einem Stuhle lag, nahm ſeinen Hut, lächelte Mariette zu und ging hinaus. Mariette hatte nicht mehr die Kraft, dem Officier zu danken: ein paar unverſtändliche Worte kamen aus ihrem Munde hervor und ſchienen ihrem Beſchützer auf den Stufen, die er raſch hinabſtieg, zu folgen. „Und nun,“ ſagte die Dame, als ſie mit Mariette allein war,„nun, da Du Dich wieder ein wenig beruhigt haſt, wollen wir uns mit den materielleren Bedürfniſſen dieſes Lebens beſchäftigen. Es iſt beinahe Mittag, und Du wirſt wohl noch nichts genoſſen haben.“ „Das iſt wahr, Madame, nur ein paar Tropfen Wein heute Morgen auf die Geſundheit von Conſcience.“ „Ja, doch Du haſt noch nichts gegeſſen?“ „Oh! wie hätte ich eſſen ſollen, Madame. Das war nicht möglich, Madame, mein Herz war zu ſehr beklommen.“ „Wohlan! da die Hoffnung Dein Herz ein wenig erleichtert hat, ſo mußt Du frühſtücken.“ „Oh! mein Gott, Madame!“ rief Mariette, die ſo viel Güte ganz in Verlegenheit brachte. „Wer weiß? wenn Dir Conſcience zurückgegeben 35 i„Nun, Madame?“ „Daun wirſt Du ohne Zweifel ſogleich abgehen?“ „Oh! ohne eine Minute zu verlieren.“ „Du ſiehſt alſo ein, daß Du Dich für dieſe Reiſe ſtärken mußt.“ Sie klingelte. Eine Dienerin trat ein. ſag bra Ih er mel kon ſelt e. gen, ſie als inem und ficier as auf riette uhigt niſſen „und ropfen ence.“ Das n ſehr wenig die ſo egeen ehen?“ e Reiſe 181 „Trage ein Frühſtück für dieſes Mädchen auf,“ ſagte die Damez„beſonders gute Fleiſchbrühe, das braucht ſie am meiſten.“ „Ah! Madame,“ rief Mariette,„nur Gott kann Ihnen für ſo viel Güte lohnen.“ „Und ich hoffe, er wird mich dadurch belohnen, daß er Dir das Glück gibt,“ ſprach die Dame. Das Herz von Mariette überſtrömte; ſie wußte nicht mehr, wie ſie ihre Dankbarkeit ausdrücken ſollte; ſie konnte kaum ſprechen und preßte und küßte nur abwech⸗ ſelnd die Hände ihrer Wohlthäterin. Nach fünf Minuten kam die Dienerin zurück und meldete, das Frühſtück ſei aufgetragen⸗ Die Fran des Oberarztes nahm Mariette am Arm und führte ſie in das Speiſezimmer. Anfangs ein wenig verlegen, faßte Mariette bald Muth. Dieſe, unter einer ſcheinbaren Schwäche, geſunde und kräftige Natur bedurfte übrigens der Unterſtützung; die gute, reizende Wirthin war da, ſprach ihr zu und legte ihr ſelbſt vor. Beim Ende des Frühſtücks hörte man auf der Treppe ein Geräuſch, wie wenn mehrere Perſonen die Stufen heraufſteigen würden. Unter dieſen verſchiedenen Perſonen glaubte Ma⸗ riette, welche in ihrer Bangigkeit auf jedes Geräuſch lauſchte, eine zu hören, die auf den Stufen ſtrauchelte. „O mein Gott!“ murmelte ſie. Und ſie wanvte ſich, von einem gewaltigen Zittern ergriffen, gegen die Thüre um. Die Thüre öffnete ſich und Conſcience erſchien, vom Oberarzt geführt, mit einem Sack auf dem Rücken und einem Stocke in der Hand auf der Schwelle. „Mariette! Mariette!“ rief er,„nicht wahr, Du biſt hier? Ich habe meinen Abſchied, Mariette, ich habe meine Marſchroute! ich bin nicht mehr Soldat und darf mit Dir nach Haramont zurückkehren.“ 182 „Iſt es wahr? iſt es wahr, mein Herr?“ fragte Mariedte, welche noch nicht die Worte ihres Freundes zu glauben wagte. „Wenn ich es Dir ſage!“ rief Conſeience;„der gute Herr Oberarzt hat Alles dies gemacht!“ Und er trat in das Zimmer ein und ſtreckte die Hände aus, um Mariette zu ſuchen. Doch dieſe hatte nicht die Kraft, oder war vielmehr nicht ſo undankbar, ihm entgegen zu gehen: ſie wandte ſich gegen die Frau des Oberarztes um, fiel vor ihr auf die Kniee und rief: „O Madame, o meine Wohlthäterin, wenn Ihnen der Himmel nicht geöffnet iſt, wer ſoll dann ſelig werden?“ Und ſie umſchloß die Dame mit ihren Armen, ſo⸗ wohl um nicht ſelbſt mit dem Geſichte auf die Erde zu fallen, als um ſie anzubeten, und ſtammelte: „Dank! Dank! mein Herz bricht. ich ſterbe vor Frende.. Dank... Dank!“ Mariette hatte wahr geſprochen: der Herr hatte auf ſie die ganze Laſt der Freude fallen laſſen, welche ſie nicht zu tragen vermochte; ihre Arme löſten ſich, ihre Augen er⸗ ſie ſtieß einen Seufzer ans und ſank in Ohn⸗ macht. Aber die durch ein Uebermaß von Frende verur⸗ ſachten Ohnmachten währen nicht lange und ſind nicht gefährlich. Mariette kam bald wieder zu ſich und fand ſich Hand in Hand mit Conſcience. In dieſer Wiedewereinigung der beiden Liebenden, die ſich für getrennt gehalten hatten, lag ein Augenblick erhabener Freude, an der die Zuſchauer Theil nahmen, welche übrigens ſo thätig zn dieſer Wiedervereinigung mitgewirkt hatten. Sobald ſie wieder zu ſich gekommen war, ſobald ſie dem würdigen Oberarzte und ſeiner Frau aus Herzens⸗ grunde gedankt hatte, hatte Mariette nur noch einen Wu wo geſp Der Aug Näl Wa halt gan eine riet näh abg and der alle En Fre un we wa bel ein da oh te es der die ehr dte auf nen elig p⸗ zu vor auf t zu er⸗ hn⸗ rur⸗ nicht fand den, blick men, gung ld ſie zens⸗ einen 183 Wunſch: den, ſich ſo raſch als möglich von dem Orte, wo ſie ſo viel gelitten, zu entfernen. Dieſer Wunſch war ſo natürlich, daß er kaum aus⸗ geſprochen zu werden brauchte, um verſtanden zu werden. Der Oberarzt empfahl dem Kranken, ſich bei ſeinen Augen erweichender Mittel, wenn er ſolche in ſeiner Nähe bekommen könnte, zu bedienen und ſie mit kaltem Waſſer zu baden, wenn er nichts Anderes hätte. Vor Allem ſei es wichtig, die Augen bedeckt zu halten, wenn nicht mit einer Binde, welche das Licht ganz abhalten würde, doch mit einem grünen Schleier. Was die übrige Behandlung betreffe, ſo werde er überall einen Arzt finden, der ſie ihm vorſchreibe. Uebrigens wollte der Oberarzt durchaus, daß Ma⸗ riette und Conſcience Plätze auf dem Pariſer Poſtwagen nähmen, der ſie im Vorüberfahren in Villers⸗Cotterets abgeſetzt hätte; aber Beide waren ohne Zweifel durch andere Pläne dem Vorſchlag abgeneigt, denn Beide wi⸗ derſetzten ſich und ſagten, ſie wollen lieber zu Fuß und allein gehen, als noch einmal, wenn nicht durch die Entfernung, doch wenigſtens durch die Gegenwart von Fremden getrennt ſein. Der Oberarzt und ſeine Frau begleiteten Conſcience und Mariette bis vor die Hausthüre, wo ſie Baſtien er⸗ wartete. Die Frende von Baſtien war groß, als ihn die An⸗ weſenheit des Oberarztes und ſeiner Fran über Alles, was vorgefallen war, belehrte. Mariette war nicht ohne Beſorgniß wegen des Streites, den der Huſar ihretwegen bekommen hatte und um fünf Uhr ausfechten ſollte. Aber Baſtien beruhigte ſie; er hatte ſich bereits einen unfehlbaren Kopfhieb ausgeſonnen, mit dem er das Geſicht des Küraſſiers markiren wollte. Mariette konnte Baſtien nicht ſo überzeugt ſehen, ohne ſeine Ueberzengung zu theilen, und ſo nahm 184 ſie von dem wackern Huſaren mit ziemlich ruhigem Her⸗ zen Abſchied. Baſtien hatte gute Luſt, ſeine zwei Freunde bis vor die Stadt zu begleiten; da ſie aber durch das Soiſſons⸗ Thor gehen mußten, während er mit dem Küraſſier vor dem Saint⸗Quentin-Thor, das heißt gerade auf der entgegengeſetzten Seite, zu thun hatte, ſo beſtand er nicht u ſeinem Wunſche, ſie zurückzuführen. Baſtien umarmte ſie zum letzten Mal und verſprach, ihnen ſobald als möglich nach Haramont nachzufolgen. Die Wallkahrt. Mariette führte Conſcience, als ſie mit ihm das Hoſpital von Laon verließ, aber bei der Krümmung der erſten Straße blieb ſie ſtehen und ſagte zu dem jungen Mann: „Conſcience, hatteſt Du noch einen andern Grund, zu Fuße nach dem Dorfe zurückkehren zu wollen, als den, welchen Du dem Oberarzt angegeben?“ „Und Du, Mariette?“ fragte Conſcience, welcher erkannte, daß ſein Herz und das ſeiner Freundin ſich begegnet waren. „„Ich, ich dachte daran, daß ich ein Gelübde ge⸗ an 6 E „Unſerer lieben Frau von Lieſſe, nicht wahr?“ „Und da Du in Deinem vorletzten Briefe, in dem von Chalons, einen mit dieſem Gelübde übereinſtimmen⸗ den Wunſch ausdrückteſt, ſo möchte ich wiſſen, ob es 8 — — er⸗ vor ns⸗ vor der d er rach, en. das g der ungen nd, zu den, velcher in ſich e ge⸗ in dem mmen⸗ ob es 185 Deinem WVillen entſpräche, wenn wir dieſes Gelübde mit einander erfüllen würden.“ „Es iſt ſeltſam,“ erwiederte Conſcience,„ich wollte Dich darum bitten!“ „Wohl! mein Freund,“ ſprach Mariette,„unſere Herzen ſind einverſtanden, wie ſie es immer geweſen ſind und immer ſein werden.“ Man hatte ſich nur noch zu erkundigen, wo Unſere Frau von Lieſſe war und welchen Weg man einſchlagen mußte. erſte Vorübergehende gab hierüber Auskunft, und hinreichend unterrichtet, brachen Conſcience und Ma⸗ riette nach der Wunderkapelle auf. Nur mußten ſie beinahe durch die ganze Stadt ehen. e Den auf ihre Thürſchwellen gelockten Einwohnern war es ein ſeltſames Schauſpiel, der Anblick dieſes Landmädchens in ſeiner Sonntagstracht, das den armen blinden Soldaten durch die Straßen führte; Lavn war überdies keine Hauptſtadt und ſchon hatte man überall die Geſchichte der aufopfernden Ergebenheit von Mariette erfahren. Alle, mochten ſie nun vorübergehende oder ſtillſtehende Zuſchauer ſein, fühlten ſich tief ergriffen, als ſie Conſcience neben dem Mädchen, ſeinen militäriſchen Mantelſack auf dem Rücken, ſeinen grünen Schleier über die Augen ausgebreitet, einhergehen ſahen, beſonders aber und mehr noch, da ſie wahrnahmen, welcher Stolz und welche Frende auf dem triumphirenden Geſichte von Mariette glänzten, und wie dieſer Stolz und dieſe Freude dem Antlitz und dem Gange des Mädchens etwas Edles und bewunderungswürdig Schönes ver⸗ iehen. Selbſt der Hund, der beſcheidene Bernhard, hatte Antheil an dem Triumphe ſeiner Gebieter. Und Mariette war ſo ſtolz auf dieſen Triumph, daß ſie den Kopf hoch erhebend und mit ſtrahlendem Geſichte 186 vorüberging, ohne die Angen vor den bis zur Unbeſchei⸗ denheit neugierigen Blicken, die ihr folgten, niederzuſchla⸗ gen. Dabei beſchleunigte ſie aber ihre Schritte, denn es drängte ſie ſehr, die Stadt zu verlaſſen. Der Sieg, den ſie davongetragen, war ihr ſo hitzig ſtreitig gemacht wor⸗ den, daß ſie ſich noch über den glücklichen Ausgang wunderte, daß ſie kaum an denſelben glaubte, daß ſie bei jedem Schritte zitterte, ſie könnte ein Opfer einer Umkehr des Schickſals ſein, und daß tödtliche Schauer alle ihre Adern bei dem Gedanken durchliefen, ein uner⸗ warteter Umſtand könnte ihr durch eine Laune des Zu⸗ falls oder der Menſchen den armen Freund wieder rau⸗ ben, den ſie ſo eben durch Beharrlichkeit, Thränen und Liebe erobert hatte. Endlich erreichte ſie das Thor, durchſchritt die Vor⸗ ſtadt, ſah vor ſich die lange Reihe der die Straße be⸗ grenzenden Bäume, die weite Landſchaft, den fernen S und athmete zum erſten Mal frei und mit voller ruſt. Da erſt drang ein Ausruf ungebundener, aufrichti⸗ er Freude aus ihrem Munde hervor, denn nun erſt hielt ſe ſich wirklich für gerettet. „Ah!“ ſprach ſie, indem ſie die Angen zum Himmel aufſchlug und das Zeichen des Kreuzes machte,„ah! komm, Conſciente, komm! denn es iſt nun nichts mehr zwiſchen uns und dem Blicke des Herrn!“ Conſciente brauchte nicht angetrieben zu werden So lange er in der Stadt geweſen, hatte er um ſich her dieſe ganze Welt von Nengierigen, wenn nicht ge⸗ ſehen, doch wenigſtens errathen. Sobald er aber im Freien war, fühlte er ſich anch feſſellos, zufrieden, glück⸗ lich, ſo glücklich, als es ein armes blindes Geſchöpf ſein kann, das an ſein Herz die Vielgeliebte ſeines Her⸗ zens drückt, aber verurtheilt iſt, fortan nur mit den Au⸗ gen der Erinnerung zu ſehen. Was aber Conſcience beinahe ſo deutlich als mit ei⸗ la⸗ es den or ang ſie ner uer ter⸗ Zu⸗ au⸗ und or⸗ be⸗ nen ller hti⸗ ielt mel ah! ehr en. ſich ge⸗ im ück⸗ öpf er⸗ Au⸗ mit 187 dem wirklichen Geſichte ſah, das waren die grünen blü⸗ henden Fluren, das waren die ſchönen blätterreichen Wälder voll von den Geſängen der Vögel, das war der ſchöne azurne Maihimmel mit einigen weißen Wölkchen, welche ſo langſam in der Luft hinzogen, daß ſie Milch⸗ flecken am blauen Firmament zu ſein ſchienen. So gut und raſch indeſſen auch unſere Pilger gin⸗ gen, ſo kounten ſie doch nur fünf Stunden an dieſem Tage zurücklegen, da ſie erſt um drei Uhr Nachmittags von Laon aufgebrochen waren. Sie blieben in Gizy in dem gewöhnlichen Wirthshauſe der Wallfahrer über Racht. Hier begann Mariette ihre faſt mütterliche Rolle; ſie ſorgte dafür, daß es dem armen Conſcience an nichts fehlte; ſie badete ſelbſt mit friſchem Waſſer ſeine trocke⸗ nen, der Durchſichtigkeit beraubten Angen, denn von der Macht der Flamme berührt, war der äußerſte Theil der Hornhaut nahe daran, ſich abzublättern; dann, nach einem Mahle, das, ſo beſcheiden es war, doch weit an Luxus und Wohlgeſchmack die übertraf, welche ſeit zwei Monaten Conſcience im Hoſpital zu machen pflegte, führte ſie ihn in das für ihn beſtimmte Zimmer und zog ſich hernach ganz freudig in das ihrige zurück. Und ſie verließ ihn doch, aber mit der Ueberzeugung im Herzen, dieſe Abweſenheit ſei nur eine augenblickliche, nichts in der Welt werde ſie mehr von einander trennen, und am andern Morgen, bei Tagesanbruch, müſſe ſie ihn da wiederfinden, wo ſie ihn am Abend vorher verlaſſen. Am andern Tage, als die Sonne durch die ſchma⸗ len Fenſter des Wirihshanſes glänzend und ſchon warm, obgleich noch in Morgendünſte gehüllt, eindrang, als die Vögel munter ſangen, zwiſchen den Bäumen des Gartens umherhüpften und die Toilette ihres Gefieders machten, klopfte Mariette wirklich ſanft an die Thüre von Conſcience, den ſie ganz angekleidet und marſch⸗ fertig fand. Ein Dutzend Wallfahrer hatten die Nacht in der⸗ 188 ſelben Herberge wie Conſcience und Mariette zugebracht und ſtanden nun bereit, ſich auf den Weg zu begeben, im Hofe. Es waren dabei Unglückliche, welche die Reiſe für ſich ſelbſt und in der Hoffnung machten, durch die gött⸗ liche Vermittelung von Krankheiten zu geneſen, deren Heilung die Aerzte aufgegeben hatten; Andere machten die Fahrt aus aufopfernder Ergebenheit, als religiöſe Mandatare eines armen Breſthaften, den ſein Uebel zur Unthätigkeit verurtheilte. Bei jedem von dieſen Pilgern, mochte er nun für ſich oder für einen Andern, aus Selbſtſucht oder aus Hingebung hoffen, ſchien es das erſte Bedürfniß zu ſein, ſeinen Schmerz zu erzählen oder ſein Leiden ſeinem Nachbar anzuvertrauen und, da in dieſer gottloſen Welt der Zweifel in Allem liegt, ſeinen wankenden Glauben auf einen ſtärkern Glauben, als der ſeinige, zu ſtützen. Nachdem ſie eine Viertelſtunde gegangen, waren alſo Conſcience und Mariette vertraut mit allen den Trübſalen und allen den Hoffnungen, von denenſie umgeben. Sie mußten da⸗ her ebenfalls, um nicht den Schein eines Mangels an dieſem gegenſeitigen Vertrauen der Unglücklichen zu den Un⸗ gluͤcklichen zu haben, ihre eigene Geſchichte erzählen. Man erfuhr ſo nicht nur, daß Conſcience blind war, ſondern auch, von welchen Umſtänden ſeine Blindheit herrührte⸗ Die Erzählung von Mariette, denn Mariette ſprach, während Conſcience, glücklich, ſich durch den ſauf⸗ ten Ton der Stimme des Mädchens bezaubern zu laſſen, lächelte und auf die Erzählung von Mariette horchte, erweckte alle Sympathien, die ſich alsbald durch Hoff⸗ nungen und Tröſtungen äußerten. Jeder hatte ſeine Blindengeſchichte preiszugeben. Alle hatten Blinde gekannt, welche durch die wunderbare PVermittelung Unſerer lieben Frau von Lieſſe geheilt wor⸗ den waren. Einige von dieſen Bevorzugten der guten cht en, für tt⸗ ren ten öſe zur rn, aus das oder in inen der alſo und nda⸗ eſem Un⸗ hlen. war, dheit riette ſauf⸗ aſſen, rchte, Hoff⸗ geben. rbare wor⸗ guten 189 Jungfrau waren ſogar blind von Geburt; die Ausſichten erſchienen folglich, wie man leicht begreift, noch viel günſtiger für einen Blinden durch Zufall. Was aber dieſe Ausſichten noch viel mehr verſtärkte, was ſie gleichſam in eine Gewißheit verwandelte, war der glühende Glaube der zwei ſchönen Kinder, welche die frommen Pilgerfahrt vollbrachten. Man zog indeſſen immer weiter. Plötzlich, als man auf die Höhe einer Steige kam, erblickte man das Dorf, das der wunderthätigen Jungfrau ſeinen Namen zu ver⸗ danken hatte, an einen kleinen Wald angelehnt und mit⸗ ten unter den Häuſern den Thurm der hochberühmten Kirche. Sogleich fielen Alle auf die Kniee und einer von den Wallfahrern ſtimmte ein Lied an, das die Uebrigen in Gedanken oder mit der Stimme mitſangen. Als das Lied beendigt war, bekreuzte man ſich und ſtand auf, und die kleine Schaar vergaß beim Anblick der heiligen Haſe die Müdigkeit, nicht von dem Tage, den man kaum angetreten, ſondern von den vorhergeh⸗ enden Tagen, und verdoppelte die Schritte, um an das Ziel der Fahrt zu gelangen. Mit einer tiefen Gemüthsbewegung traten die zwei Kinder in die ganz vom Dufte des Weihrauchs erfüllte, ganz vom Lichte der Kerzen glänzende Kirche ein. An allen Enden hingen Votivgaben der dankbaren Wallfah⸗ rer und ein großer Kreis von Gläubigen umgab auf den Knieen und betend den Hochaltar, wo in einer Art von Niſche, mit ihrem Sohne auf dem Arm, die ver⸗ ehrte Mutter Gottes ſtand. Mariette und Conſcience ſanken ſo nahe als möglich beim Altar auf die Kniee, und ihr erſtes Gefühl trieb ſie an, ſich jedes ſeinerſeits in ein ſtilles, tiefes Gebet zu verſenken, das ſie ſcheinbar trennte, aber in Wirk⸗ lichkeit wiedervereinigte, weil Jedes, für das Andere 190 betend, von einer zweiten, noch mehr als die erſte er⸗ habenen, begeiſterten Seele belebt zu ſein ſchien. Ohne Zweifel ſah der Heiland vom Himmel herab dieſe zwei jungen Herzen, die ſich zu den Füßen ſeiner Mutter ergoſſen, und lächelte mit einem himmliſchen Lä⸗ cheln dieſem Erguſſe zu. Als die beiden Gebete beendigt waren, und ſie en⸗ digten beinahe gleichzeitig, fanden ſich die Hände der zwei Kinder wieder und preßten ſich aufs Neue, deun das eine wie das andere fühlte ſich überzeugt, ſo keuſch war ihre Liebe, dieſe Liebe ſei eine Fortſetzung ihres Gebets. „Und nun,“ ſprach Conſcience mit einer leichten Herzbeklemmung und einem ſanften Lächeln, denn er be⸗ fürchtete, ſeine Worte könnten ſeine Freundin betrüben, „nun, Mariette, da ich mich daran gewöhnen muß, durch Deine Augen zu ſehen, ſage mir, wie die Jungfrau iſt, zu deren Füßen wir knieen, daß ich ſie glänzen und ſchimmern ſehen kann, wie einen Stern in der Nacht, die ſich um mich her gebildet hat.“ „Oh!“ antwortete Mariette leiſe und mit einer ehr⸗ furchtsvollen Scheu,„ſie iſt ſehr ſchön, und ich wage es kanm, ſie anzuſchauen, ſo ſchön iſt ſie. Sie ſteht über einem Altar, der ganz mit feinen Spitzen bedeckt iſt, in einer ſchönen marmornen Niſche; ſie hat eine Krone von Diamanten, ein großes Halsband von Perlen und ein Kleid ganz von Gold, mit ſilbernen Roſen und Lilien, welche natürlich zu ſein ſcheinen, ſo friſch ſind ſie. Unſer Herr Jeſus iſt auf ihrem Arme, ganz mit goldenen Armſpangen beladen; er hat ein dem ihrigen ähnliches Kleid und lächelt uns, ſeine Arme ausſtreckend, zu. Alles dies wird durch eine ſolche Menge von Kerzen beleuchtet, daß ich es nicht einmal verſuchen will, ſie zu zählen... Oh! wenn Du ſehen könnteſt, wenn Du ſehen köunteſt, mein armer Conſcienee!“ — ———— —— e erab einer Lä⸗ en⸗ der denn euſch ihres chten rbe⸗ üben, durch u iſt, und acht, ehr⸗ ge es über ſt, in e von id ein Lilien, Unſer denen liches Alles uchtet, 191 Conſcience ſchloß die Augen, kreuzte die Hände auf ſeiner Bruſt und ſagte lächelnd: „Ich danke Dir! ich ſehe ſie mit den Angen der Seele.“ „Heilige Mutter Gottes von Lieſſe!“ murmelte Mariette,„mache, daß mein Geliebter Conſcience, der vor Dir kniet und für den ich mein Leben geben würde, nachdem er Dich, wie er ſagt, mit den Angen ſeiner Seele geſehen hat, auch eines Tages mit den Angen ſeines Körpers ſehen kann.“ Und wie von einer plötzlichen Eingebung berührt, ſtand ſie auf, ging auf einen der zwei an den beiden Seiten des Altars befeſtigten Weihkeſſel zu, tauchte die Ecke ihres Taſchentuches darein, kehrte daun zu Con⸗ ſcience zurück und benetzte ſeine trockenen Augenlider mit dem heiligen Waſſer. „O mein Gott, Mariette!“ rief Conſcience, der errieth, was das Mädchen gethan hatte,„iſt es nicht eine Verunheiligung, was Du da begehſt?“ „Freund,“ erwiederte Mariette,„die Verunheiligung liegt in der Abſicht, und Gott, der meine Abſicht kennt, wird darüber richten.“ „O Mariette, Mariette,“ ſagte Conſcience,„ich glaube, Du haſt Recht, denn mir ſcheint, dieſes Waſſer iſt friſcher als das reinſte Quellwaſſer.“ Mariette erhob die Hände und die Augen mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Glanben, Glück und Liebe zum Himmel und ſprach: „Das gebe der Herr!“ Der Traum von Conſciente. Es war zwei Uhr Nachmittags. Obgleich man ſich in den erſten Tagen des Mai befand, herrſchte doch jene Hitze, welche zuweilen im Frühling die der heißeſten Tage des Jahres übertrifft. Ein glühender Dunſt, der ſich am Morgen von der Erde unter der Form eines leich⸗ ten Nebels erhoben hatte, ſchien wieder in Flammen⸗ wolken darauf niederzufallen. Kein Wind bewegte die Zweige der Bäume; die Vögel ſchwiegen in den Gebü⸗ ſchen; nur die Eidechſen, dieſe munteren Anbeter des Heners, für welche die Sonne nie genug Strahlen ver⸗ breitet, ſchlüpften mit raſchen, geſtoßenen Bewegungen unter dem Graſe durch, während die Bienen als fleißige Wirthſchafterinnen ſummend die Luft durchfurchten und nach ihren civiliſirten Körben oder zu ihren wilden Baumſtämmen die Honig⸗ und Wachsernte trugen, die ſie der Menſch zu ſeinem Vortheil machen zu laſſen ge⸗ wußt hat. Außer dieſen zwei Geräuſchen, welche übri⸗ gens eher Schauer als Geräuſche waren, ſchwiegen alle Stimmen der Natur: ſo weit das Auge reichte, er⸗ blickte man nicht eine lebende Seele; ſchon lange dieſer Hitze entwöhnt, ſchien die ganze Natur entſchlummert zu ſein. Hundert Schritte vom Teiche von Salmouſſy, am Saume des Wäldchens, das denſelben Namen hat, ſchlie Conſcience mit dem Kopf auf ſeinem Mantelſack. Die nahen Zweige zweier junger Eichen bildeten über ſeinem Haupte ein Gewölbe von Blätterwerk, während ihn Ma⸗ riette, welche neben ihm kniete, mit einem liebevollen Mitleid anſchaute und mit Hülfe eines Haidekrautbüſchels mit roſeufarbigen Blüthen die Fliegen verjagte, die ſick Ge Lu der nei nu die lie rich He ber nen Gl Ge wa ſchö an ſie Ha kom vol ſie ge La ma eine geg gel wo nod geg E tſich jene eſten r ſich leich⸗ men⸗ e die Sebü⸗ r des er⸗ ungen eißige und vilden „ die en ge⸗ übri⸗ n alle „er⸗ dieſer ert zu „am ſchlief Die ſeinem n Ma⸗ 193 ſich unabläſſig in ihrer läſtigen Hartnäckigkeit auf ſein Geſicht zu ſetzen verſuchten. Und um ihn her, nicht im Luftzuge, denn jeder Luftzug war, wie geſagt, geſtorben, ſondern im Winde, den Mariette, ihren blühenden Büſchel bewegend, machte, neigte die Gentiana ihre Kelche, ſchüttelte die Campa⸗ nula ihre tanſend Glöckchen. Es war am Nachmittag nach dem Tage, an welchem die zwei Kinder ihre Station in der Kirche Unſerer lieben Frau von Lieſſe gemacht und ihr Gebet dort ver⸗ richtet hatten. Nach dieſer Station und dieſem Gebet waren ſie in die Herberge der Wallfahrer zurückgekehrt; eine armſelige Her⸗ berge, gewohnt, arme Gäſte aufzunehmen, denn im Allgemei⸗ nen ſind die Reichen dieſer Welt nicht diejenigen, welche Glauben genug haben, um Wallfahrten zu geloben, und Gewiſſen genug, um ſie zu Fuß zu vollbringen. Sie waren zurückgekehrt, die frommen Kinder, mit jenen ſchönen goldenen und ſilbernen Sträußen, welche die Pilger an der Thüre der Kirche kaufen, und mit denen ſie, wenn ſie wieder nach Hauſe kommen, ihren Kamin und das Haupt ihres Bettes ſchmücken, um ſpäter ihren Nach⸗ kommen zu beweiſen, daß ſie die fromme Pilgerfahrt vollbracht haben. Am andern Tage waren ſie abgegangen, nachdem ſie die Meſſe gehört hatten; ſie hatten ſich deshalb erſt gegen neun Uhr Morgens auf den Weg begeben können. Dann, nachdem ſie die Landſtraße verlaſſen hatten, weil man ihnen ſagte, ſie gewinnen zwei Stunden, wenn ſie einem reizenden, ſehr kühlen Fußpfade folgen, waren ſie gegen Mittag zum Saume des Waldes von Salmouſſy gelangt, wo ſie ſich niederſetzten, um auszuruhen, und wo, nach einem Augenblick der Ruhe, Conſcience, der noch ſchwach von der Diät des Krankenhauſes, noch an⸗ gegriffen von den Gemüthsbewegungen der zwei vorher⸗ Gott und Teufel U. 1³ 194 gehenden Tage, ganz ſachte von der Planderei in den Schlaf überging. Conſcience ſchlief ſchon zwei Stunden, und Mariette, die ihn doch nicht aufwecken wollte, fing an, den Reſt des Weges meſſend, den ſie zu machen hatten, um in Presle zu übernachten, welches Dorf ſie ſich nach einge⸗ zogeuen Erkundigungen als Ziel ihres Tagmarſches vor⸗ geſetzt hatten, über die Verlängerung ſeines Schlafes unruhig zu werden. Und dann beunruhigte noch etwas das aufmerkſame Mädchen: daß die Sonne, indem ſie ſich drehte, für Mariette drehte ſich die Sonne und nicht die Erde, daß die Sonne, indem ſie ſich drehte, mit ihren glühenden Strahlen bald die Angen des entſchlummerten Soldaten treffen mußte. Sie legte daher ihren Haidekrautbüſchel neben Con⸗ ſcience, trat in den Wald ein, ſchnitt zwei Birkenzweige ab, kam zurück, ſteckte ſie in die Erde zwiſchen Conſcience und die Sonne, hing ihre Schürze daran und machte ſo eine Art von Zelt, deſſen Schatten ſich über die Stirne des Schläfers ausbreitete. Hierauf nahm ſie wieder ihren Haidekrautbüſchel und kniete aufs Neue neben ihren Freund nieder, wobei ſie es ſo einrichtete, daß ſie wie er durch den Schirm vor den Sonnenſtrahlen geſchützt war. So belauſchte ſie noch über eine halbe Stunde den Schlaf von Conſciente, horchte auf ſeinen Athem und zählte, ſo zu ſagen, die Schläge ſeines Herzens. Von Zeit zu Zeit öffnete Bernhard, der zu den Füßen des jungen Mannes lag, die Angen, hob den Kopf empor, ſchaute ſeinen Herrn an, und da er ſah⸗ daß er immer noch ſchlief, ſtreckte er den Hals auf dem Graſe aus und entſchlummerte ebenfalls wieder. Mariette, deren Auge das Geſicht von Conſcience nicht verließ, glaubte indeſſen an einigen Zuckungen der Muskeln ſeiner Wangen und an der immer größeren den tiette, Reſt m in inge⸗ vor⸗ lafes kſame für „daß enden ldaten Con⸗ weige ſcience hte ſo Stirne büſchel wobei Schirm de den m und zu den den er ſah, uf dem ſcience en der rößeren 195 Haſt ſeines Athmens wahrzunehmen, daß ihn ein ſchmerzlicher Traum bewegte... ſie war deshalb im Begriff, ihn aufzuwecken, als er plötzlich ſeine blick⸗ loſen Augen öffnete, raſch die Hände vorſtreckte und rieft „Mariette! wo biſt Du, Mariette?“ Das Mädchen ergriff ſeine beiden Hände. „Ah!“ machte Conſcience mit einem Seufzer. Und er ließ ſeinen trägen Kopf wieder auf ſeinen Mantelſack fallen. „Oh! mein Gott! mein Gott!“ fragte Mariette, „was haſt Du denn, mein Freund?“ Und ſie ſchob eine von ihren Händen unter ſeinem Nacken durch, um ihn aufzuheben. „Nichts, nichts,“ murmelte Conſcience. „Aber Du zitterſt am ganzen Leib.... Du er⸗ bleichſt, Du wirſt ohnmächtig werden!“ „Ich habe etwas Erſchreckliches geträumt,“ ſagte er.„Ich träumte, während ich ſchlief, habeſt Du Dich von mir entfernt, und bei meinem Erwachen,— ſelt⸗ ſamer Weiſe ſah ich in meinem Traume,— und bei meinem Erwachen ſuchte ich Dich vergebens.“ Dann ließ er ſeinen Kopf in ſeine Hände fallen und murmelte: „Mein Gott! mein Gott! ich weiß nicht, ob ich je ſo ſehr gelitten habe.“ „Der arme Narr, der ſich ſolchen Gedanken hin⸗ gibt!“ ſprach Mariette;„der mich im Verdacht hat, ich könnte ihn auch nur im Traume verlaſſen! Du armer Narr, oder vielmehr, Du böſer Undankbarer!“ Und mit heiterem, ſanftem Tone fügte ſie bei: „Conſcience, Gott wird Dich beſtrafen, wenn Du noch einmal ſolche Gedanken haſt.“ „Mariette,“ ſprach Conſcience,„die Träume kommen von Gott, und wenn ſie keine Vorbedeutung ſind, ſo ſind ſie wenigſtens zuweilen eine Warnung.“ 196 „Eine Warnung! was willſt Du damit ſagen⸗ Con⸗ ſcience?“ Nichts, gute, liebe Mariette,“ autwortete traurig der junge Mann;„ich ſpreche mit mir ſelbſt, wie mir dies oft geſchieht.... Hilf mir aufſtehen, Mariette; es muß ſpät ſein. Ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich mich dieſem ſchweren Schlafe überlaſſen habe.“ Dann ſprach er mit einem Seufzer: „Es muß doch mit Gottes Erlaubniß geſchehen ſein.“ Mariette ſchaute ihn erſtaunt au. „Aber, mein Gott! Conſcience,“ fragte ſie beſorgt, „was murmelſt Du denn da? Kann Dich denn ein Traum ſo ſehr niederſchlagen?.... Du haſt ge⸗ träumt, ich verlaſſe Dich, Conſciencte: Du weißt, daß man immer das Umgekehrte der Träume nehmen muß, um zur Wirklichkeit zu kommen; Du haſt geträumt, ich verlaſſe Dich: das iſt der Beweis, daß ich für das Le⸗ ben an Dich gebunden bin.“ Conſcience ſuchte die Hände von Mariette. Er hatte ſie bald gefunden, denn das Mädchen legte ſie in die ſeinigen. Er drückte ſie heftig, heftete ſein trübes Auge auf Mariette, als wollte er ihr das ſchmerzliche Geheimniß enthüllen, das ſein Herz beklomm, aber plötzlich ſpannten ſich ſeine Muskeln ab, er ſchüttelte den Kopf und ſagte mit gebrochener Stimme: „Mariette, gib mir meinen Mantelſack und laß uns weiter gehen.“ „Ja, wir wollen gehen,“ erwiederte Mariette,„doch den Sack übernehme ich.“ „Mariette, Du... eine Frau?. Unmöglich!“ „Genug, Conſcience, Du weißt, daß ich kräftig bin. Uebrigens werde ich den Sack, ſo bald ich mich müde fühle, Bernhard auf den Rücken ſchnallen; er iſt, denke ich, ſtark genng, um ihn zu tragen,“ fügte ſie lachend 8 ir 2, h . in e⸗ aß ß, ich e⸗ en uf niß ten gte ns h 1 bin. üde enke end 197 bei, in der Hoffnung, ihre Heiterkeit werde das Geſicht von Conſcience entrunzeln. Doch im Gegentheil, als er ſah, was das Mädchen that, um ihn zu zerſtreuen und zu tröſten, nahm ſein Geſicht eine neue Färbung von Traurigkeit an „Wohlan,“ ſagte er,„führe mich auf die Mitte des Weges, Mariette, gib mir meinen Stock und laß uns gehen.“ Mariette führte ihn in der That auf die Mitte des Weges, gab ihm ſeinen Stock in die Hand und reichte ihm den Arm. „Höre, Conſcience,“ ſagte Mariette,„wenn ich nun zu ſchnell gehe, ſo halte mich zurück; Du haſt meinen Schritt nach dem Deinigen zu regeln.... Und dennoch, Conſcience, ich geſtehe Dir,“ fuhr ſie fort, als ſie ſah, daß der Blinde ſeinen Kopf traurig auf ſeine Bruſt fal⸗ len ließ,„ich wollte, wir hätten nicht Füße, ſondern Flügel wie die Schwalben, welche ſo ſchnell fliegen können und von ſo weit herkommen ſollen. Oh! wie würden wir da in einem Zuge nach Hauſe eilen.“ Conſcience ſtieß einen Seufzer aus. „Aber ſei unbeſorgt,“ fuhr Mariette mit einer Hei⸗ terkeit fort, welche ſie nur in der Hoffnung heuchelte, ſie werde in das Herz von Conſcience übergehen,„in Er⸗ mangelung von Flügeln haben wir unſern Willen und unſern Muth... Mit gutem Willen und gutem Muth werden wir morgen oder ſpäteſtens übermorgen früh an Ort und Stelle ſein. Oh! denke an dieſe Rückkehr, Con⸗ ſcience, denke an die Frende Deiner Mutter, an die Freude der meinigen, an das Glück von Vater Cadet, an die Schreie des kleinen Pierre. Oh! mit welcher Wonne wird Dich Deine Mutter Madeleine umarmen! Begreiſſt Du, Conſcience, ſie, die glaubt, Du ſeiſt in einem arm⸗ ſeligen Hoſpital, auf einem elenden Lager, zwiſchen vier dunkeln Wänden, und nicht ahnet, Du habeſt ſo eben unter dem großen blanen Himmelszelte, auf Haidekraut und 198 Quendel liegend, geſchlafen, in voller Freiheit, wie jene Lerche, die ſich ſingend zum Himmel erhebt!... Hörſt Du die Lerche, Conſcience?... Oh! wenn Du wüßteſt, wie hoch ſie iſt, wie ſie zum Himmel emporſteigt! Ich ſehe ſie kaum.“ „Ja, ich höre ſie,“ ſprach Conſcience,„aber, ach! wie Du ſagſt, Mariette, ich ſehe ſie nicht... ich werde ſie nie mehr ſehen, Mariette. Mariette ich bin blind!“ „Nun wohl, Conſeience, ſehe ich nicht für Dich? bin ich nicht da, um Dich zu leiten, zu führen, um Dir die Form und die Farbe der Dinge zu ſagen?... Haſt Du geſtern nicht die gute Jungfrau geſehen, als ich ſie Dir zeigte? Conſcience, ich werde immer ſo, immer da, vor Dir, neben Dir oder hinter Dir ſein. Iſt es denn nicht ſehr ſüß, ein Unglück, das uns unabläßig ſagt: Conſcience kann nicht mehr von Mariette getrennt werden; Ma⸗ riette kann nicht mehr von Conſcience getrennt werden!“ „Ja, ich weiß, Mariette, ja, es liegt ein ſüßer Troſt in dieſem Gedanken, ja, ich ſehe durch Deine Augen beſſer, als ich durch meine eigenen Hände ſehe... Ja, wenn Du mit mir ſprichſt, macht mich Deine Stimme vor Rührung zittern... Ja, wenn ich Dich höre, ſehe ich,. Eben jetzt, während Du vor mir gehſt und ich Dir folge, ſcheint ein himmliſcher Glanz meine Anugen zu durch⸗ dringen; ich fühle, was ein Menſch fühlen würde, der mit geſchloſſenen Augen einem Engel des Lichts folgte. Es gibt Momente, Mariette, wo ich glaube, daß mir Gott das Geſicht wiedergibt, um Dich mir in dieſer Welt zu zeigen, wie er Dich mir in jener zeigen wird⸗ wenn Du aus ſeinen Händen den ewigen Lohn, den Du ſo wohl verdient, empfangen haſt... aber Conſcience ſtieß einen Seufzer aus und ſchüttelte entmuthigt den Kopf. „Aber was?“ fragte Mariette, welche ſtehen blieb. Der Blinde errieth, daß Mariette ſtille ſtand: er ſtre ten Tr zu all he an we m — 8 S x e ne rſt ſt, pch h! rde 0 bin die Du Dir vor icht nee Na⸗ n!“ roſt ſer, enn vor lge, rch⸗ der gte. mir eſer ird, telte ieb. er 199 ſtreckte den linken Arm vor und ſchlang ihn um den rech⸗ ten von Mariette. „Aber,“ ſagte er,„theure, geliebte Mariette, mein Traum vorhin hat Gedanken in mir erregt.“ „Was ſagſt Du da, Conſcience?“ „Ich ſage, Mariette, Gott, der Dich ſo zart und zugleich ſo glänzend gemacht, habe Dir unter der Zahl aller Tugenden auch die aufopfernde Ergebenheit verlie⸗ hen. Dieſe Ergebenheit, Mariette, Du bieteſt ſie mir an... oh! von ganzem Herzen, von ganzer Seele, ich weiß es wohl... Doch ebenſo, wie Du ſie mir anbieten mußt, darf ich ſie nicht annehmen.... Oh! mein Gott! Conſcience,“ rief Mariette,„Du liebſt mich alſo nicht mehr?... Jeſus! was habe ich denn gethan?“ nind das Mädchen faltete die Hände, heftete die Augen auf Conſcience und war nahe daran, in ein Schluch⸗ zen auszubrechen. „Du haſt nichts gethan, Mariette, und ſtatt Dich nicht mehr zu lieben, bete ich Dich im Gegentheil an! aber die Anbetung von mir, dem armen Blinden, ver⸗ möchte Deine aufopfernde Ergebenheit nicht zu bezahlen.“ „Bezahlen!“ rief Mariette,„was ſprichſt Du von bezahlen!“ Conſcience lächelte traurig und fuhr fort. „Laß mich Dir erklären, Mariette; laß uns vor Allem mit Ruhe ſprechen. Du biſt jung, Du biſt ſchön, Mariette; Du haſt ein ſtarkes Herz, eine große Seele; Du biſt an die Arbeit gewöhnt, und ſtatt Ruhe für Dich zu ſein, iſt die Unthätigkeit für Dich eine Anſtrengung. Nun denn! ich kann nicht, begreife dies wohl, ich, ein armer Blinder, kann Dir nicht Deine Jugend nehmen, Deine Schönheit nehmen, Dein Leben nehmen, und Alles dies, weil Du mich liebſt, weil Du Mitleid mit mir haſt. Was wird aus Dir werden, wenn die Zeit Dich alt ge⸗ macht hat, wenn ich Dich arm gemacht habe? was wird 200 aus Dir werden, wenn unſere Eltern unter dem Graſe des Friedhofes ſchlummern? Du wirſt verlaſſen, im Elend und in der Traurigkeit ſein, und warum? weil Du mich beharrlich geliebt haben wirſt.“ „Oh! mein Gott und Herr!“ rief Mariette,„Du hörſt ihn! ſo lohnt er mir, der Böſe!“ „Sei ruhig, Mariette... Oh! für das, was Du haſt thun wollen, werde ich Dir in dieſer und in jener Welt ebenſo dankbar ſein, als wenn Du es gethan hät⸗ teſt, denn Du boteſt es mir an, armes Kind, und ich ſchlage es aus... Geſtattete der gute Gott— nicht, daß mir meine armen Augen wiedergegeben würden, das hieße zu viel von ſeiner Güte fordern,— ſondern, daß ich genug ſähe, um ein wenig zu arbeiten, um den Eſel und den Ochſen von Vater Cadet in eine Furche zu führen oder um Holz im Walde zu holen; vermöchte ich, das Dop⸗ pelte von dem arbeitend, was ein anderer Menſch arbei⸗ tet, die Hälfte von dem zu verdienen, was er verdient; wäre ich nur ſicher, Dir das tägliche Brod geben zu können, das wir uns von Gott erbitten, oh! ich würde hier, auf der Stelle, ohne einen Schritt mehr zu machen, vor Dir auf die Kniee fallen und Dir ſagen:„„Dank, Dank Dir, Mariette, daß Du ſo ſchön, ſo gut, ſo barmherzig biſt und, während Du Alles dies biſt, mich lieben willſt!““ Aber, ach!“ fuhr Conſcience den Kopf ſchüttelnd fort, „nein, nein, nein... das kann nicht ſein.“ „Um des Himmels willen! Conſeience,“ rief Mariette, „ſchweige doch, ſchweige doch! Du ſiehſt alſo nicht, daß Du mir das Herz brichſt, daß ich heiße Thränen weine, daß ich vor Verzweiflung die Hände ringe?“ „Ich ſehe nichts mehr,“ erwiederte Conſcience,„nichts als die Nacht.“ Und ſo leiſe, daß Mariette mit der größten Aufmerkſamkeit horchen mußte, um ihn zu ver⸗ ſtehen, fügte er hinzu:„Nichts als den Tod!“ „Den Tod!“ rief Mariette erbleichend.„Du denkſt an das Sterben, und deshalb willſt Dn mich von Dir mei ſein den grei zen. dem raſe lend nich Du Du ener hät⸗ ich daß ieße nug den oder op⸗ bei⸗ ent; zu ier, vor ak rzig 1.. fort, ette, daß ine, chts der ver⸗ nkſt 201 entfernen; Du haſt Recht, denn Du weißt wohl, daß ich Dich, wenn ich an Deiner Seite bleibe, nicht ſterben laſſe... Höre, Conſcience, das iſt nicht Alles, Du machſt mich ſo traurig, daß ich nicht mehr gehen kann.... Nein, ich werde nicht weiter gehen, nein, ich mache keinen Schritt mehr nach dem Dorfe, wenn wir uns nicht hier erklären. Komm, komm, Conſcience, wir wollen uns an den Weg ſetzen, denn meine Beine tragen mich nicht mehr, und ich kann mich nicht mehr aufrecht halten.“ Und ſie führte den Blinden an die Böſchung des Weges und ſetzte ſich mit ihm nieder. „Nun erkläre Dich, mein Freund,“ ſprach ſie,„ſage mir Alles, was Du auf dem Herzen haſt.“ „Was ich auf dem Herzen habe, ſollſt Du hören, Mariette: Du mußt mir verſprechen, daß Du Deine ſchöne Jugend nicht mehr um meinetwillen vernachläſſigen, mir Deine Exiſtenz nicht mehr opfern, für mich in Zu⸗ kunft nur eine Schweſter ſein wirſt... Mariette, Ma⸗ riette, Du biſt neunzehn Jahre alt... Glaube mir, es gibt noch ſchöne Feſte in Longpré, in Taille⸗Fontaine und in Vivieres, und hübſche Jungen, um Dich dahin zu führen.“ „Oh! hierauf zielteſt Du ab, Böſer!“ rief Mariette; „ſo dankſt Du mir für meine Güte... nein, ich täuſche mich, für meine Liebe!... Du fühlſt alſo nicht, daß Du mich marterſt, daß Du mich mehr quälſt, als es ein Hen⸗ ker thun würde? Es gibt ſchöne Feſte.. es gibt hübſche Jungen... das hat er geſagt, mein Gott! mein Gott! Er hat geſagt, es gebe noch für mich, für ſeine arme Mariette, ſchöne Feſte und hübſche Jungen! Mein Gott! wie habe ich das verdient? antworte mir, denn Du allein weißt es.“ „Oh Mariette, Mariette,“ ſagte Conſcience,„be⸗ greife doch meinen Gedanken, lies doch in meinem Her⸗ zen. Hätte ich zehn Angen und ich müßte mir eines nach dem andern verbrennen laſſen, ich würde es für Dich 202 thun; ich würde es thun, um das Recht zu haben, Dich zu lieben, und beſonders, um das Recht zu haben, Dich zu verhindern, einen Andern zu lieben! Aber ich bin blind, blind durch einen Unfall, blind für mein ganzes Leben!... Blind ſein, ſiehſt Du, Mariette, das iſt ein Leiden, das kein menſchliches Geſchöpf, welches ſeine zwei Angen hat, verſtehen kann Gott würde mich auch ſtrafen, Mariette, wenn ich Dich an ein ſolches Unglück feſſeln wollte.“ „Und dann,“ ſprach Mariette, ein wenig getröſtet durch den Schmerz, den Conſcience ausgedrückt hatte, „wenn ich den Rath, den Du mir gibſt, befolgte, wenn ich mit den hübſchen Jungen zu den ſchönen Feſten ginge, dann würdeſt Du Marieite vergeſſen, wie Mariette Dich vergäße?“ „Dich vergeſſen?“ rief Conſcience.„Wie könnte ich Dich vergeſſen, Dich, die einzige menſchliche Sache, die für mich noch ſichtbar geblieben iſt?... Dich vergeſſen, ich, deſſen Leben fortan im Denken und Träumen vergehen muß? Von was würde ich denn träumen, wenn nicht von Dir, an was würde ich denn denken, wenn nicht an Dich?“ „Alſo ſelbſt, wenn ich aufhörte, Dich zu lieben, wür⸗ deſt Du mich lieben?“ „O Mariette! ich. ich.. bis zum Tode!“ „Run! dann iſt nichts mehr zu ſagen: da ich Dich liebe und Du mich liebſt, verſtummt jede Frage. So wahr es einen Gott gibt, ſo wahr Gott die Sonne gemacht hat, die uns beſcheint, vor Martini des näch⸗ ſten Jahres werde ich Deine Frau, und wenn Du nichts von mir willſt, Conſcience, wenn Du mich aus⸗ ſchlägſt, dann werde ich barmherzige Schweſter im Hoſpi⸗ tal von Villers⸗Cotterets und pflege die armen Blinden, welche nichts für mich ſein werden, weil der Blinde, der Alles für mich iſt, meine Pflege zurückgewieſen hat.“ „Oh!“ rief Conſciente,„Du würdeſt mich heirathen, mich, Mariette?“ zehr Rec zu gro Con bis derſ Dei auch höre hätt zuri zug⸗ wen wür liche hab wor ſo v hätt Con kein mei ehe und ten ich ich bin tzes ein wei auch lück ſtet atte, venn nge, Dich e ich die ich, ehen von ch? wür⸗ Dich So onne näch⸗ Du aus⸗ oſpi⸗ inden, e, der 1 203 „Ja, ich würde den Mann heirathen, der ſich ſeine zehn Augen verbrennen ließe, wenn er ſie hätte, um das Recht zu haben, mich zu lieben, und beſonders, um es zu verhindern, daß mich ein Anderer liebte.“ „Mariette, was Du da thuſt, das iſt ſchön, das iſt groß, das iſt erhaben, aber...“ „Schweige doch!“ rief Mariette, indem ſie ihre Hand Conſcience auf den Mund legte,„ich habe Dich ſo eben bis zum Ende angehört, nicht wahr? ohne Dir zu wi⸗ derſprechen, ohne Dich zu unterbrechen, obgleich mir jedes Deiner Worte das Herz bluten machte; nun will ich auch ſprechen, ohne daß Du mich unterbrichſt.“ „Sprich Mariette, ſprich, es iſt ſo gut, Dich zu hören.“ „Wohl denn! wenn Mariette blind geworden wäre, hätteſt Du ſie verlaſſen? Hätteſt Du das arme Mädchen zurückgewieſen, das mit ausgeſtreckten Armen auf Dich zugekommen wäre? Sprich, hätteſt Du das gethan? Und wenn Mariette Dich in ihrem Elend beharrlich geliebt hätte, würdeſt Du mit einer Andern zum Tanze, zu einem fröh⸗ lichen Feſte gegangen ſein und ihr ſo das Herz zermalmt haben?.. Auf! auf! Conſecience, Du mußt mir ant⸗ worten... Antworte mir doch!...“ „Oh! Mariette, ich wage es nicht...“ „Ich ſehe wohl, daß Du es nicht wagſt... Wohl! ſo will ich für Dich antworten. Wenn Bu das gethan hätteſt, Conſcience, ſo wäreſt Du ein Elender geweſen!.. Conſcience, keinen Streit mehr, keinen Kampf mehr, keine Weigerung mehr! Conſcience, hier iſt einſtweilen meine Hand, bis uns Gott ſeinen Segen gibt.“ Dann drückte ſie ihre Lippen auf die des Soldaten, ehe dieſer denken, überlegen, es wehren konnte, und ſprach: „Conſcience, ich bin Dein Weib!“ Conſcience ſtieß einen Ausruf zugleich der Freude und des Schmerzes aus, aber in dieſem Ausruf entſtröm⸗ ten die letzten Reſte ſeiner Kräfte. 204 „Oh! Mariette! Mariette!“ ſagte er,„Du wilſſt as?“ „Ja, ich will es,“ erwiederte Mariette; ja, ich werde Dich in die Kirche führen, ſtolz, mit erhobenem Haupte, um Dir vor Gott den Schwur zu wiederholen, den ich Dir hier leiſte; ja, ich werde Dir ſagen: Gott iſt da oben, Conſcience, er weiß, was gut iſt, er weiß, was ſchlimm iſt; laß mich machen, denn ich habe Vertrauen zu Gott, und Gott, der weiß, daß ich den Glauben habe, wird mich unterſtützen!... Siehſt Du, Alles iſt möglich, wenn das Gewiſſen ruhig iſt; das macht die Arme und das Herz ſtark. Du fürchteſt die Armuth für uns? Sei im Gegentheil ruhig über die Zukunft; es wird uns an nichts fehlen. Ich werde immer bei Dir bleiben; iſt Dein Herz traurig, ſo bin ich Deine Freude; ſiehſt Du nicht mehr, ſo bin ich Dein Licht; und ſo werden wir im Frieden und im Glück leben, mit unſern guten alten Eltern, die uns nach ihrem Alter verlaſſen werden, und denen wir dann, wenn die Reihe an uns iſt, folgen und zwar wahrſcheinlich mit einander, Conſcience, da wir Beide zwanzig Jahre zählen; denn bis zum Ende gut, wird uns Gott die Gnade gewähren, daß wir, da wir uns nicht einen Augenblick in unſerem Leben verlaſſen haben, uns auch nicht in der Stunde unſeres Todes verlaſſen... Sprich, iſt es ſo gut geordnet? und iſt das beſſer, als den ſchönen Feſten am Arme von hübſchen Jungen nachzulaufen und den armen Geliebten, mit Bern⸗ hard zu ſeinen Füßen, an einer Ecke des Kamins oder in einem Winkel der Hütte zu laſſen?“ Conſcience konnte nicht antworten; er küßte Mariette weinend und ſchluchzend die Hände. „Auf, komm, ſprach ſie;„wir müſſen gehen, wir haben viel Zeit verloren, Du damit, daß Du Albernhei⸗ ten geſagt haſt, ich damit, daß ich Dich angehört habe. Stehe auf und laß uns gehen, Conſcience.“ ſagte öffne Athe woll murt hätt frag welc gehe ſcien ſchüt aufſt die in Stu jung Flut Dor tend willſt a, ich benem cholen, tiſt da chlimm Gott, wird wenn nd das Sei im ins an ſt Dein n nicht wir im alten t, und en und da wir de gut, da wir erlaſſen Todes iſt das übſchen t Bern⸗ ns oder Nariette u, wir bernhei⸗ tt habe. 205 „Oh! wenn nur wenigſtens einige Hoffnung bliebe..“ ſagte Conſcience. Mariette ſchien antworten zu wollen; ihr Mund öffnete ſich; aber es entſtrömte ihm nur ein glühender Athem; ſie fuhr mit ihrer Hand über ihre Stirne, als wollte ſie ſich einer Art von Schwindel entziehen, und murmelte: „Nein! nein! wenn der gute Oberarzt ſich getäuſcht hätte, das wäre zu grauſam!“ „Was ſprichſt Du denn da ganz leiſe, Mariette?“ fragte Conſecience. „Ich bete zu Gott für einen hübſchen Burſchen, mit welchem ich noch zu den ſchönen Feſten des Dorfes zu gehen hoffe.“ Und Beide begaben ſich wieder auf den Weg, Con⸗ ſcience mit einem Reſte von Schwermuth, den Kopf ſchüttelnd, Mariette ihre ſchönen Augen zum Himmel aufſchlagend, als ſuchte ſie den Stern der Hoffnung, der die Hirten zu der heiligen Krippe in Bethlehem leitete. Ver Sraum von ariette. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, nachdem ſie in Presle, einem Städtchen von fünfhundert Seelen, fünf Stunden von Soiſſons, geſchlafen hatten, marſchirten die jungen Leute wieder weiter, immer quer durch Wald und Flur, auf den Fußpfaden, welche ihnen die von einem Dorfe zum andern gehenden oder auf dem Felde arbei⸗ tenden Bauern bezeichneten. Das Ausſehen des Himmels hatte ſich nicht verän⸗ 206 dert: die Macht einer ſchönen belebenden Sonne wurde gemildert durch einen ſanften Morgenwind; dieſer Wind ſollte vielleicht ſpäter durch die zunehmende Hitze des Tages verzehrt werden, wie die ſchönen und friſchen Waſſertropfen, flüſſigen, durchſichtige Diamante, welche an den Zweigen der Bäume und an den Stengeln des Getreides zitterten. Der Chor der am Abend vorher ſchweigenden Vögel war wieder erwacht und ſchien wie ein Harmoniethan in der Luft ſeine Klänge abzuperlen; die Grillen zirpten, die Schmetterlinge flatterten, die Bienen ſummten, jedes Weſen trug zu dem allgemeinen Concerte bei, welches die Erde bei ihrem Erwachen wie eine Hymne des Dankes dem Schöpfer zuſandte. Und ganz beruhigt, ganz getröſtet, ganz erfriſcht von ihrer Morgentoilette, wie die Pflanzen, die Bäume und die Blumen von ihrem Thau, ſchien Mariette Flügel je zu haben wie die Schmetterlinge, einen Geſang wie die Vögel, und ſtreute dieſen Geſang auf dem Wege des zu machen. Conſcience lächelte. Dieſer ſanfte Geſang, dieſe be⸗ Herz. Er ging lange ſchweigend; endlich blieb er ſtehen und ſprach: „Mariette, wie heiter biſt Du dieſen Morgen!“ „Dieſen Morgen bin ich glücklich,“ erwiederte Ma⸗ riette. ſiehſt, daß Du die lieblichen Vögel ihren Willkommen ſingen, die emſigen Bienen bei der Arbeit ſummen hörſt? Das . macht Dich glücklich?“ „Ja, Conſcience, dies und noch etwas Anderes.“ „Bute, liebe Mariette, Du bereuſt alſo Dein geſtti⸗ ges Verſprechen nicht?“ „Nein, denn Gott hat mir die Belohnung dafür zugeſandt.“ armen Blinden aus, um ihm denſelben leichter und kürzer ſtändige Freundlichkeit von Mariette ermunterten ſein Richt wahr, glücklich, daß Du die ſchöne Sonne tra ſtr urde Wind des ſchen elche des orher wie rlen; „ einen nwie friſcht äume Flügel ie die e des kürzer ſe be⸗ n ſein ſtehen 1“ e Ma⸗ Sonne ſingen, Das es.“ geſtti⸗ dafür 207 „Die Belohnung?“ „Ja ich habe auch einen Traum gehabt, keinen traurigen, widerwärtigen wie Du, ſondern einen heiteren, ſtrahlenden... O Conſcience! welch ein ſchöner Traum!“ „Erzähle mir das.“ „Nimm meinen Arm, laß uns ſachte gehen, und ich werde es Dir erzählen.“ „Ah! ja, laß uns ſachte gehen, wir haben wohl Zeit, nicht wahr? Der Weg iſt ſo angenehm mit Dir! Dein Traum alſo?“ „Höre... Geſtern Abend, nachdem ich Dir die Augen mit dem guten friſchen Waſſer gewaſchen hatte, das ich ſelbſt an der Quelle geſchöpft, und das Dir ſo wohl that, ließ ich Dich in Deiner Stube und bat unſere Wirthin, mich in die meinige zu führen... Es ruht in der That der Segen des guten Gottes auf Dir, Conſcience; alle Leute, die Dich ſehen, ſcheinen auf der Stelle Dich zu beklagen und zu lieben... Während ſie Dich beklagte, während ſie gar freundlich gegen mich war und mich fragte, ob ich nichts bedürfe, führte mich unſere Wirthin in ein ſehr weißes, ſehr reinliches Stübchen, wie wir Beide eines brauchten, Conſcience. In dieſem Stübchen ſtand ein ſchneeweißes Bett, nur waren keine Vorhänge am Fenſter; die gute Frau entſchuldigte ſich und fügte bei:„Das iſt am Ende bei Nacht ein Vortheil, der Mond wird Dir wie eine Lampe leuchten, und am Mor⸗ gen, da Du bei Tagesanbruch abreiſen willſt, wird Dich der erſte Sonnenſtrahl aufwecken.““ Ich dankte der guten Frau; ſie küßte mich und ſagte mir, ſie habe eine Tochter von meinem Alter im Dienſte in Fismes, und wenn ſie 6 zu Bette lege, wolle ſie für ihre Tochter und mich eten. „Worauf Sie mich allein ließ. „Eine halbe Stunde nachher lag ich im Bette; mein Licht war ausgelöſcht; ich hatte mein Gebet vor meinem ſchönen Strauße von Unſerer Lieben Frau von Lieſſe verrichtet, der oben am Bett hing. „Doch ich mocht⸗ mich immerhin niedergelegt und mein Licht ausgelöſcht haben, ich hatte durchaus keine Luſt, zu ſchlafen. Ohne Zweifel war es das Glück, was mich wach hielt, denn ich bin ſo glücklich, ſeitdem wir uns erklärt haben!... Oh! wenn Du wüßteſt!“ rief Mariette. Und ſie küßte den jungen Mann brüderlich auf die Stirne. „Theure Mariette!“ rief Conſcience. „Was mich aber hauptſächlich zu ſchlafen verhin⸗ derte, war der ſchöne glänzende Mond, der mich ſanft durch die Scheiben meines Fenſters anzuſchauen ſchien, ſo daß ich mit meinem Bette ganz von ſeinen Strahlen belenchtet war.“ „O Mariette! Mariette!“ rief Conſcience,„wie gut ſprichſt Du! und wie ſehe ich das, was Du ſagſt!.. Du hatteſt Recht, Mariette: mit Dir werde ich meine Augen entbehren können.“ „Ich weiß nicht, wann ich entſchlief, ſo ſanft war für mich der Uebergang vom Wachen zum Schlafen; in jedem Falle war es mir, als hörten meine Augen, offen oder geſchloſſen, nicht auf, dieſen ſchönen Mond zu ſehen, der mich ſeinerſeits ganz leuchtend anſchaute. „Allmälig wurden die Flecken, die ihm eine Art von Geſicht bildeten, mit dem er mir zulächelte, noch regel⸗ mäßiger; er lächelte beſtändig, während er nicht nur einen völligen Kopf, ſondern auch einen ganzen Körper anzunehmen ſchien. Bald erinnerten mich dieſer Kopf und dieſer Körper an bekannte Züge, an eine bekannte Form.— Es war die Mutter Gottes von Lieſſe mit dem Jeſuskinde auf den Armen. Sie hatte ihre ſchöne Krond von Diamanten, ihr ſchönes goldenes Kleid ganz mit natürlichen Blumen und ſilbernen Lilien beſäet; nur hatte ſie außer ihrer Krone von Diamanten um die den dies mel und Gn F ie füll dem ſuch thei gro here da, die Gel ſie, Kät Str Jeſt Kre Dir Arn Blu mit Aus fra gan von und eine vas wir rief die hin⸗ anft ien, hlen gut leine war i offen ehen, von egel⸗ nur örper Kopf annte mit chöne ganz nur die 209 Stirne jene ſanfte Strahlung himmliſchen Lichtes, welche den Mond erleuchtete. Bei dieſem Anblick erkannte ich, dies ſei die wahre Mutter Gottes, da ſie mir am Him⸗ mel erſchien; ich verließ mein Bett, ſiel auf meine Kniee und ſprach:„„Gegrüßet ſeiſt Du, Maria voller Gnaden, der Herr iſt mit Dir!““ „Da ſah ich einen goldenen Strahl ſich von ihren bis zum Fenſter meines Kämmerchens erſtrecken; ie glitt leicht auf einem ſanften Abhange herab und füllte plötzlich den Fenſterrahmen, wie ſie die Riſche über dem Altar gefüllt hatte... Ich wandte mich um und ſuchte Dich, denn die himmliſche Erſcheinung machte mich ſo glücklich, daß ich wünſchte, Du möchteſt mein Glück theilen, und ich ſah Dich auch in der That zu meiner großen Freude neben mir knieen... Wie und wann Du hereingekommen warſt, weiß ich nicht. Doch Du warſt da, und mit Deinen blinden Augen ſchauteſt Du wie ich die barmherzige Jungfrau an, gegen die wir in einem Gebete vereinigt unſere Hände ausſtreckten... Da kam ſie, immer mit dem Jeſuskinde auf den Armen, in mein Kämmerchen herab, ſie trat an mein Bett, nahm den Strauß von geweihten Blumen, gab ihn dem kleinen Jeſus in die Hand, ſagte leiſe ein paar Worte zu ihm, ſchwebte an mir vorüber, indem ſie mein Zeichen des Krenzes mit einem Lächeln erwiederte, und näherte ſich Dir..„Der kleine Jeſus lächelte wie ſie, ſtreckte die Arme aus und berührte Deine Augen mit der goldenen Blume des geweihten Straußes, und alsbald riefſt Dn mit einem ſo tiefen Ausdruck der Freude, daß es ein Ausdruck des Schmerzes zu ſein ſchien: „„Oh! ich ſehe! ich ſehe!... Dank Dir, gute Jung⸗ frau! ich ſehei““ „Ich war bei dieſem Ausruf ſo ergriffen, daß ich ganz bebend die Augen wieder öffnete. „Ach! es war ein Traum! Du warſt verſchwunden! Gott und Teufel. n, 14 2¹0 Nur der Mond allein glänzte am Himmel und fing an, leicht erbleichend, am Horizont hinabzuſinken. „Was aber von Allem dem in Wirklichkeit blieb, ſiehſt Du, Conſeience, das war der Glanbe, die Heiter⸗ keit der Seele, das Glück... Und darum bin ich dieſen Morgen ſo freudig, denn geſtehe, nicht wahr, dieſer Traum iſt ein glücklicher Traum? Nun! nun!“ fragte Mariette, nachdem ſie einen Augenblick gewartet hatte,„Du ant⸗ worteſt mir nicht, Conſciente?“ „Nein, ich antworte Dir nicht, Geliebte, weil ich noch höre. Oh! während Du ſprachſt, Mariette, über⸗ ſtrömte mein Herz eine Frende, denn ich wiederhole Dir, ich ſah Alles: den ſchönen Mond, glänzend und ruhig, wie er nach und nach zur heiligen Jungfrau wurde, mit ihrer Krone von Diamanten, mit ihrer Flammenglorie, mit ihrem goldenen Gewande, darauf die purpurnen Roſen und die ſilbernen Lilienz und Alles dies war ſo lebendig, ſo wirklich, daß ich, als Du mir ſagteſt, der kleine Jeſus habe meine Augen mit dem geweihten Strauße berührt, das Streifen der Blumen fühlte und Tauſende von Funken zu ſehen glaubte!“ „Oh! Du haſt das geſehen! oh! Du haſt das ge⸗ fühlt! Glück! Glück!“ rief Mariette. „Theure Mariette,“ ſprach Conſcienee mit ſchwer⸗ müthigem Tone,„mache Dir keine thörichte Hoffnung. Was ich geſehen, was ich gefühlt habe, iſt die Wirkung meiner durch Deine Erzählung erregten Einbildungskraft. Danken wir Gott für dieſen Troſt, den er uns auf un⸗ ſerer Reiſe ſchickt, und verlangen wir nicht mehr von ihm, als er, ich ſage nicht, gewähren will, ſondern ge⸗ währen kann. „Oh! gleichviel,“ rief Mariette,„glaube mir, Con⸗ ſcience, darin liegt eine glückliche Vorbedeutung, und ich liebe und verehre die Mutter Gottes ſeit unſerer Wall⸗ fahrt nach der Kapelle noch mehr, als zuvor. Nun aber jaß uns ein wenig raſcher gehen, Conſcience, ehe die au, lieb, eiter⸗ ieſen raum iette, ant⸗ il ich über⸗ Dir, uhig, „mit orie, urnen ar ſo der eihten e und ge⸗ chwer⸗ fnung. irkung skraft. uf un⸗ hr von rn ge⸗ „Con⸗ und ich Wall⸗ n aber ehe die 2¹1 Sonne hoch am Himmel emporſteigt. um Mittag lagern wir uns in den Schatten einer Baumgruppe und ruhen aus, oder wenn wir ein Dorf finden, machen wir einen Halt, bis die große Hitze vorüber iſt.“ Beide ſetzten ſchweigend ihre Wanderung fort: Ma⸗ riette dachte an den ſchönen Traum, den ſie gehabt, und Conſcience an den ſchönen Traum, den ſie ihm erzählt hatte. Dadurch, daß ſie ſo in Gedanken verſunken war, unterließ es Mariette, welche als Führerin diente, ſo auf den Weg zu achten, wie es in einer unbekannten Gegend nothwendig geweſen wäre. Der Fußpfad, dem die zwei jungen Leute folgten, wurde immer ſchmäler und verlor ſich am Ende ganz in einer Wieſe, auf der einzelne kleine Gruppen von Erlen ſtanden. Mariette ſchaute gerade aus, um ſich her und zu ihren Füßen, und als ſie keine Spur von einem Wege mehr ſah, blieb ſie plötzlich ſtehen. „Nun! Mariette,“ fragte Conſcience, welcher fühlte, daß ſie ſtehen blieb,„was haſt Du denn?“ „Dh! mein armer Conſcience, ich habe einen ſchö⸗ nen Streich gemacht,“ erwiederte ſie. „Was haſt Du gemacht?“ „Ich bin in Gedanken immer weiter und weiter egangen und vom rechten Wege abgekommen, und nun ie wir am Ufer eines Flüßchens, das die Wieſe in ihrer ganzen Länge durchſchneidet, und ich ſehe nirgends eine Brücke oder einen Steg.“ „Das iſt ärgerlich. Du kannſt Dir nicht denken, Mariette, wie ermüdend es iſt, zu gehen, ohne hell zu ſehen, und ſich an jedem Kieſelſteine des Weges zu ſtoßen, ſo gut man auch durch eine vortreffliche Führerin, wie Du biſt, geleitet wird... Iſt das Waſſer dieſes Flüß⸗ chens tief?“ „Oh! nein, das Flüßchen iſt breit, aber man ſieht den 212 Grund. Ah! Bernhard hat es durchwatet und erwartet uns am andern Ufer, ohne daß er zu ſchwimmen brauchte.“ „Was hindert uns dann, ebenfalls durchzuwaten?“ fragte Conſcience. „Nichts... Nur werden wir wahrſcheinlich bis an die Kniee naß.“ „Das konnen wir wohl wagen, Mariette; bei der gegenwärtigen Hitze iſt das kein Unglück.“ „Und wir werden einen großen Umweg vermeiden, der uns noch mehr von unſerem Ziele entfernen würde.“ „Vorwärts!“ rief Conſcience. „Vorwärts!“ wiederholte Mariette,„und halte Dich gut an meinem Halſe.“ „Warum denn?“ „Weil das Ufer auf beiden Seiten ſteil iſt. Zum Glück ſind auf der andern Seite Weidenzweige, welche faſt bis in's Waſſer hinabhängen. Du wirſt Dich an dieſen Zweigen anhalten und Dir damit helfen... Komm.“ Conſcience glitt an der Böſchung bis in das Flüß⸗ chen hinab, durchwatete es unterſtützt von Mariette, er⸗ reichte das andere ufer, hielt ſich, wie es das Mädchen geſagt hatte, an den hängenden Zweigen an und erklet⸗ terte mit Leichtigkeit die zweite Böſchung. Sobald er hier war, ſetzte er ſich. „Ah! wie gut war es, daß Du Dich im Wege geirtt haſt,“ ſagte er,„wie ſüß iſt dieſes Waſſer und wie er⸗ friſcht es! Sind wir nicht angenehm hier, um einen kleinen Halt zu machen, Mariette?“ „Vortrefflich, Freund, und wenn Du willſt, werden wir frühſtücken.“ „Gern,“ erwiederte Conſcience,„ich habe Hunger. Das iſt mir ſchon lange nicht mehr begegnet, dieſe gute Luft macht mir Appetit.“ Mariette zog Brod und ein Stück Kalbsbraten aus einem Papier, ſchnitt das Brod entzwei und das Fle iſch in e getl die nich und Mü eine Kni ſchn und legſ aus den hab einr von tete rem mit rief ſie geh rtet tei 2 an der den, de 7. Dich Zum elche an — lüß⸗ er⸗ dchen rklet⸗ geirrt e er⸗ einen erden ger. gute naus le iſch * 213 in eine Menge kleiner Stückchen, wie ſie es für ein Kind gethan hätte, und das Mahl begann. „Mariette, Mariette!“ ſagte Conſcience,„Du biſt die Aufopferung und die Güte in Perſon, und ich weiß nicht, wie es mir je möglich ſein wird, Dir ſo viel Liebe und Mitleid zu lohnen.“ „Gut,“ ſagte Mariette heiter,„es iſt ſchon der Mühe werth, hievon zu ſprechen! Weil ich Dich durch einen Bach geführt, weil ich mir die Beine bis an die Kniee naß gemacht habe, und weil ich Dir Dein Brod ſchneide, weißt Du nicht, wie Du mir je ſo viel Liebe und Mitleid lohnen ſollſt? Wahrhaſtig, Conſcience, Du legſt einen zu großen Werth auf alle dieſe kleinen Dienſte, aus denen ich das Glück meines Lebens zu machen ge⸗ denke.“ „Gute, theure Mariette!“ rief Conſcience. Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fragte er: „Iſt das Waſſer des Baches, den wir durchwatet haben, rein?“ „Wie Kryſtall.“ „Dann gib mir zu trinken.“ Mariette hatte einen hölzernen Napf gekauft, der einmal zum Trinken und dann um Waſſer, mit dem man von Zeit zu Zeit die Augen des armen Kranken befeuch⸗ tete, mitzunehmen diente. Mariette ſtieg raſch mit ih⸗ rem leeren Napf zum Bache hinab und kam langſam mit dem vollen zurück. Conſcience nahm den Napf mit beiden Händen und rief, nachdem er ihn geleert hatte: „Oh! wie gut iſt dieſes Waſſer, Mariette!“ „Aber,“ verſetzte Mariette mit der Heiterkeit, welche ſie nicht mehr verließ ſeit der Erklärung am vorher⸗ gehenden Tag und beſonders ſeit dem Traume der Nacht, „aber das iſt doch Waſſer wie ein anderes.“ „In der That, ich finde es vielleicht uur ſo gut, weil Du es mir gibſt.“ 214 „Ah! das iſt artig,“ verſetzte Mariette, indem ſie einen Knir machte, den der Blinde nicht ſehen konnte. „Ich danke, Conſcience.“ „Aber iß doch, trinke doch auch, Mariette.“ „Oh! ich hätte wohl getrunken, doch Du haſt nichts in dem Napfe gelaſſen.“ „Das iſt wahr, das Waſſer war ſo gut. Höre, wenn wir fertig ſind, wirſt Du mir die Angen mit dieſem Waſſer waſchen; mir ſcheint, es wird mir mehr wohl thun, als mir noch irgend ein anderes gethan hat.“ „Warum denn warten? wenn es Dir Erleichterung verſchafft, je eher deſto beſſer, mein geliebter Conſcience.“ „In der That Mariette, die Augen prickeln mich; das kommt ohne Zweifel von der Sonnenhitze.“ Mariette wat ſchon am Bache. Sie kam bald mit dem Napfe voll friſchen, reinen Waſſers zurück, tauchte ihr Taſchentuch in dieſes Waſſer und fing an die Augen des jungen Mannes zu waſchen. „Ah!“ ſagte dieſer aufathmend,„welch ein ſanftes, gutes Gefühl iſt das! es iſt wie eine zweite Taufe! Wie erguickt mich und belebt mich das!.. Du haſt auch eine ſo leichte Hand, Mariette!“ „Mein Gott! wie belohnſt Du mich für Alles, was ich thue, indem Du mir ſo dankſt, Conſcience; doch nun iſt es genug, ich erinnere mich der Vorſchrift des Oberarztes.“ „Wohin gehſt Du denn, Mariette?“ „Wohin ich gehe?“ „Ja, Du entfernſt Dich von mir, wie mir ſcheint.“ „Ich will in der Sonne mein naſſes Tuch aus⸗ breiten, das wieder trocken werden muß, damit ich es in die Taſche ſtecken kann, hören Sie, Herr Neugieriger.“ „Gut, Mariette.“ Und geleitet von dem Geräuſch der Schritte von Mariette und von dem Geſange, den ſie anſtimmte, folgte der Blinde mit ſeinen blickloſen Angen der Geliebten wet ſie ite. hts enn ſem hun, ung det ich; mit ichte igen tes, ufe! auch was nun des int.“ aus⸗ s in . von olgte ebten 2¹5 nach dem ſchönen, grünen, mit Margarethenblümchen und Veiſchen beſäeten Raſen, auf dem ſie ihr feuchtes Taſchen⸗ tuch ausbreitete. Plötzlich ſtieß Conſecience einen Schrei aus. Mariette wandte ſich um und ſah ihn mit ſtieren Blicken, mit halb geöffnetem Munde und die Hände aus⸗ ſtreckend. „Mein Gott!“ rief ſie, während ſie auf ihn zulief, „was iſt Dir denn begegnet, mein lieber Conſcience?“ „Mariette! Mariette!“ ſagte dieſer ganz bebend, indem er ſie ſanft zurückſchob. „Nun? nun?“ „Mariette, ich bitte Dich inſtändig, weiche ein wenig zurück.“ „Warum dies?“ „Ich flehe Dich an.. lind mit einer Anſtrengung ſeiner Muskeln erhob ſich Conſcience ohne Hülfe ſeiner Hände, die er immer flehend gegen Mariette ausſtreckte. Und Mariette gehorchte, ohne eine andere Erklärung von ihm zu verlangen, und ſtellte ſich wieder unter den Sonnenſtrahl, der ſie wie ein Flammenmantel zu um⸗ fließen ſchien. „O Mariette! Mariette!“ rief Conſcience,„ich ſehe Dichi ich ſehe Dich! meine Augen ſind nicht ganz todt!“ Das Mädchen wankte, als wäre es vom Schwindel erfaßt worden, und ſprach dann, am ganzen Leibe zitternd: „Conſcience, o mein guter, mein theurer Conſcience, ich ſterbe vor Freude!“ „Ich ſage Dir, daß ich Dich ſehe,“ fuhr der junge Mann fort,„allerdings wie einen ſchwarz gekleideten Schatten, aber ich ſehe Dich doch. Oh! ich wiederhole Dir, Mariette, meine armen Angen ſind nicht ganz todt und Dein Traum geht in Erfüllung.“ Mariette fiel auf die Kniee und dankte der heiligen Iungfran durch ein inbrünſtiges Gebet. 216 Conſcience hatte dieſe Bewegung wie durch einen dichten Nebel geſehen. „Ich ſehe,“ ſprach er,„wenn ich Dir ſage, daß Du knieſt, ſo beweiſt Dir das wohl, daß ich ſehe, Mariette.“ „Heilige Mutter Gottes!“ rief das Mädchen,„Du haſt dieſes Wunder bewirkt! Heilige Mutter Gottes! wir werden es nie vergeſſen, und wir ſchwören Dir, daß wir vor unſerem Tode eine neue Wallfahrt zu Dei⸗ ner geweihten Kapelle machen, nicht mehr, um Deinen Beiſtand anzurufen, ſondern um Dir zu danken!“ Nach dieſen Worten ſtrengte ſie alle ihre Kräfte an, um ſich zu erheben, als müßte ſie ihre Kniee von der Erde loßreißen, ſtürzte in die Arme des jungen Mannes und rief: „Oh! Conſcience, iſt es wirklich wahr, daß Du mich geſehen haſt?“ „Ich habe Dich geſehen,“ antwortete der junge Mann. „Ah!“ ſprachen gleichzeitig die beiden Kinder, welche einander in den Armen lagen und die Augen zum Him⸗ mel emporrichteten,„geprieſen ſei Gott, der ſeinen himmliſchen Blick auf uns hat herabfallen laſſen.“ Entmuthigung. Dieſer Ausruf der Freude und der Dankbarkeit war tief geweſen, wie der, welcher aus dem Abgrunde her⸗ vorkommt und zum Herrn im Gebete der Todten em⸗ porſteigt. In der That, ſah Conſcience das Licht der Sonne del dei bef H un ich fül ſor S gle oh inen Du tte.“ „Du tes! Dir, Dei⸗ inen an, der nnes mich unge velche Him⸗ einen t war e her⸗ em⸗ Sonne 217 und die ganze herrliche Schöpfung wieder, die in dieſem Lichte glänzt, ſo trat Conſcience, wie jene Verdammten, die in der Tiefe der Hölle an Gott glauben, aus dem Abgrunde der Finſterniß hervor, um in das Paradies des Tages zurückzukehren. Da entrollte ſich eine ganze Zukunft von Liebe und Glück vor ſeinen Augen, da kehrte das Leben zu ihm zurück, nicht mehr erträglich, wie es ihm die aufopfernde Ergebenheit von Mariette machen ſollte, ſondern glän⸗ zend und heiter, wie es die Güte Gottes macht. Mariette kam zuerſt zu ſich, und zwar durch eine Beſorgniß zu ſich zurückgerufen. Der Oberarzt hatte hauptſächlich empfohlen, nie die Angen des Kranken mehr als fünf Minuten dem Lichte ausgeſetzt zu laſſen, und Conſcience hatte ſeinen Schirm ſchon eine Viertelſtunde abgenommen. Er ſah nun auch, als ob die Luft Feuerwogen umherwälzte und als ob ſich der ganze Horizont in einen Flammenocean verwan⸗ delt hätte. Er hütete ſich wohl, Mariette zu ſagen, was er empfand, aber er ließ es bereitwillig geſchehen, daß ſie den Schirm und den Schleier wieder auf ſeinen Augen befeſtigte. Mariette verrichtete ganz freudig dieſe doppelte Operation. „Oh!“ ſagte ſie, während ſie den Schirm anhakte und die Schnüre des Schleiers feſt band,„oh! wie fröh⸗ lich bin ich, wie glücklich bin ich, mein Freund! Ich fühle nicht nur die Müdigkeit meiner Füße nicht mehr, ſondern es iſt mir, als hätte ich Flügel; ich weiß nicht, welche Veränderung in mir vorgegangen und welche Stärke mir vom Himmel zugekommen iſt; aber ich glaube, ich würde jetzt zehn, zwanzig Stunden machen, ohne müde zu werden.“ „Theure Mariette!“ „D mein Freund, mein Freund, wenn Deine Augen 218 geneſen könnten! welches Glück! welche Freude! wenn ich daran denke, erſticke ich denn ich kann es noch nicht glanben!.. Du ſiehſt alſo?“ „Das heißt, ich ſah, doch nur undeutlich, Mariette,“ bemerkte mit ſanftem Tone Conſcience, denn wieder in die tiefſte Nacht verſunken, wollte er nicht im Herzen von Mariette eine Hoffnung beſtärken, die kaum in das ſeinige eingedrungen war. „Oh! das iſt es,“ ſprach Mariette;„das iſt es, was der gute Oberarzt ſagt, das iſt es, was ich Dir zu wiederholen mich geſtern weigerte, Du weißt, als Du mich fragteſt:„„Mariette, meine Freundin, was flüſterſt Du denn da?““ Was ich flüſterte, hatte mir der Oberarzt ins Ohr geſagt:„„Mein Kind, ich ſtehe für nichts; doch es iſt möglich, daß Dein Freund ſeine Seh⸗ kraft nicht ganz verloren hat; es iſt möglich daß ein Auge, zwei vielleicht ihre Durchſichtigkeit wiedererlangen, denn der gute Gott hat ſelbſt das Hauptmittel gegen das Leiden Deines Freundes in das beſtändige Auf- und Niedergleiten der Augenlider gelegt, welches am Ende dem Auge ſeine urſprüngliche Glätte wieder gibt.““ Das ſind ſeine eigenen Worte; ich habe ſie ihn dreimal wiederholen laſſen, um ſie wohl zu behalten, um ſie aus⸗ wendig zu wiſſen, um ſie Dir wiederholen zu können, böte ſich einmal eine gute Gelegenheit hiezn. Die Ge⸗ legenheit iſt da, und ich ſage Dir die Worte des Arztes.“ „Mariette, Mariette,“ rief Conſcience dem Mädchen die Hand drückend,„wenn es ſo gelingen würde, wie glücklich wären wir! Dann nähme ich mit voller Freude, von ganzem Herzen au, W zum Abend arbeiten; denn zu dieſer Stunde erſt be⸗ merke ich, daß ich dort durchaus nichts that, als dachte und träumte, was auch eine gute Sache iſt... Dann aber würde ich, wie geſagt, vom Morgen bis zum Abend arbeiten, und Du würdeſt im Gegentheil nichts mehr as Du mir angeboten haſt: wir würden uns heirathen; ich würde vom Morgen bis thut Dich ſpra ſie ſ radi Got zeu ſchn Ber Ah! ich! ſeſt Hin die wal nur Go ſo Ma Gei run Ma mir ein klei ſuch Aus ſeh um! enn woch te,“ in rzen das es, Dir Du ſterſt der für Seh⸗ ein igen, das und Ende t eimal aus⸗ nnen, Ge⸗ ztes.“ idchen „wie reude, haſt: n bis ſt be⸗ dachte Dann Abend mehr 219 thun, als denken und träumen, oder nur arbeiten, um Dich zu zerſtreuen.“ „Und unſere Eltern, mein geliebter Conſcience,“ ſprach Mariette,„wie glücklich wären ſie! wie würden ſie ſich frenen bis zu ihrer letzten Stunde! Welches Pa⸗ radies der Freude und des Glücks verſpricht uns da Gott! Alle bis auf die Thiere, davon bin ich feſt über⸗ zeugt, bis auf Pierrot, bis auf Langſam, bis auf die ſchwarze Kuh, würden ſich freuen, wie ſich der arme Bernhard freut, dem Du keine Aufmerkſamkeit ſchenkſt. Ah! welch ein Leben, Conſcience, und wie glücklich bin icht.. Aber was haſt Du denn, Conſcience? Du läſ⸗ ſeſt den Kopf ſinken? Du weinſt, wie mir ſcheint?“ „O Mariette!“ rief der junge Mann,„um des Himmels willen, ſchweige; ſprich nicht von dieſer Freude, die uns entſchlüpfen kann! O Mariette! es könnte mich wahnſinnig machen, wenn, nachdem ich Alles dies, auch nur im Traume, erſchaut hätte, Alles dies uns entginge.“ „Mein Freund, mein lieber Conſciente, die Mutter Gottes von Lieſſe iſt ſo wunderthätig und Gott iſt ſo groß!“ „Genug für heute, Mariette,“ ſprach der junge Mann den Kopf ſchüttelnd.„Ich bin an Körper und Geiſt noch nicht ſehr ſtark und kann ſolche Erſchütte⸗ rungen nicht ertragen. Wir wollen wieder aufbrechen, Mariette, und ſo raſch und weit als möglich gehen, denn mir ſcheint, wir vergeſſen unſre armen Mütter. Schreite ein wenig weiter, und wenn Du eine Anhöhe, einen kleinen Hügel bemerkſt, ſo ſchaue Dich darauf um und ſuche unſern Weg wiederzufinden.“ „Ja,“ erwiederte das Mädchen, indem es ſeine mit der Schürze trocknete,„ja, warte, ich will ſehen.“ Sie ſtieg auf einen kleinen Hügel und ſchaute umher. 220 „Nun,“ fragte Conſcience, als er dachte, Mariette habe einen Punkt, um ſich zu vrieutiren, erreicht. „Mein Freund, ich ſehe ungefähr drei Viertelſtunden von hier vor uns einen Kirchthurm. Wir gehen gerade darauf zu und erkundigen uns dort.“ Und ſie kam ein wenig traurig, um ihn zu holen, zu Conſcience zurück, der, nachdem er ſeinen Schirm aufgehoben, zu ſehen verſucht hatte, dann ſelbſt tran⸗ rig ſich wieder anfmachte und ſeufzend murmelte: „Mein Gott und Herr! Du, der Du mir den Glauben gegeben haſt, laß es nie zu, daß ich zweifle oder verzweifle!“ Beide gingen ganz gerade auf den von Mariette er⸗ ſchauten Kirchthurm zu und kamen nach drei Viertel⸗ ſtunden in das Dorf Bray⸗en⸗Laonnais. Hier erkundigten ſie ſich und man ſagte ihnen, wo ſie waren. Seit ſie Lieſſe verlaſſen, hatten ſie nur zehn Stunden zurückgelegt, mochte ſie nun der Weg, den ſie eingeſchlagen, ſtatt ſie kürzer zu führen, weiter abgeführt haben, mochte man langſamer reiſen, wenn man den Schmerzen und Freuden, von denen wir erzählt, hinge⸗ geben reiſt. Conſcience fühlte ſich äußerſt müde und angegriffen, und man war genöthigt, einen Angenblick in einem klei⸗ nen Wirthshauſe auszuruhen. Die zwei jungen Leute erfuhren hier, daß ſie ein wenig zu weit links gegangen, daß ſie noch fünf Stunden von Soiſſons und zwölf von Villers⸗Cotterets entfernt waren, daß ſie, um wieder auf ihren Weg zu kommen, nach Vailly gehen, mit der Fähre von Celles über die Aisne ſetzen und in Sermvis übernachten müſſen. Auf dieſe Art hatten ſie am anderen Tag nur noch ſieben Stunden zu machen. Man erreichte mit großer Mühe Sermois und hielt hier an. Alle dieſe Gemüthsbewegungen ſchienen die Kräfte von Mir Geg Fru eine wag zu Täu Nac Die len, war wur Län dan eine klan ſo 1 Dar und Gre Fre derr bis wen geſe den mac ſiere ette den ade len, im rau⸗ den eifle er⸗ rtel⸗ wo zehn n ſie führt den inge⸗ iffen klei⸗ Leute ngen, zwölf ieder t der mois noch hielt träfte 221 von Conſcience erſchöpft zu haben. Von zehn zu zehn Minuten hob er ſeinen Schirm auf und verſuchte es, die Gegenſtände zu unterſcheiden, und wenn er dann die Fruchtloſigkeit ſeiner Anſtrengungen ſah, ließ er ihn mit einem Seufzer wieder nieder. Selbſt Mariette, dieſes von Hoffnung erfüllte Herz, wagte es nicht mehr, von dem Augenblicke des Glückes zu ſprechen, den ſchon Beide als einen Augenblick der Täuſchung betrachteten. Die zwei jungen Leute blieben in Sermois über Nacht, da ſie nicht den Muth hatten, weiter zu gehen. Die Füße von Conſeience, obgleich er ſie in alle Quel⸗ len, die ſie trafen, getaucht und hiedurch erfriſcht hatte, waren durch das beſtändige Anſtoßen an Kieſelſteine wund; hauptſächlich aber war bei ihm, nicht durch die Länge des Wegs, ſondern durch die Schwere der Ge⸗ danken, der Geiſt abgemattet; der Geiſt, der immer bei einer Idee angehalten und ſich an eine Hoffnung ange⸗ klammert hatte. Seltſam! Warum erloſch ein Tag, der Zeuge einer ſo lebhaften Freude und eines ſolchen Aufſchwungs von Dankbarkeit geweſen war, in einer ſolchen Erſchlaffung und in einem ſo tiefen Zweifel? Oh! das Herz des Menſchen iſt ſo beſchaffen: ein Granitfelſen für den Schmerz, ein Schneeballen für die Freude. Conſcience und Mariette beſchloßen den ganzen an⸗ dern Tag zu gehen, um Haramont zu erreichen. Sechs bis ſieben Stunden wären nichts für Conſeience geweſen, wenn er ſich ſelbſt geleitet und mit ſeinen eigenen Augen geſehen hätte; es war aber ein ungeheurer Marſch für Conſcience, der jeden Schritt nur mit Zagen machte. Nichtsdeſtoweniger wanderten ſie durch Ach, Ro⸗ ſieres, Buzancy, wo ſie gegen eilf Uhr Morgens einen 222 Angenblick auhielten; dann, ſo müde er auch war, ſo ſehr er auch ſchwankte, wollte Conſcience wieder aufbrechen. Vom Morgen an war Mariette bei keinem Fluſſe, bei keinem Bache, bei keiner Quelle vorbeigekommen, ohne die Kraft des Waſſers, die Augen von Conſcience waſchend, zu verſuchen. Das war aber offenbar ein Un⸗ glückstag; die Nacht, welche auf den Augen des ar⸗ men jungen Mannes laſtete, hatte ſich nicht nur durch keinen einzigen Schein erleuchtet, ſondern ſie ſchien dich⸗ ter als je geworden zu ſein. Mehr noch: ohne Zweifel hatten die Anſtrengungen von Conſcience, um zu ſehen, und die glühende Sonne, welche ſein Geſicht getroffen, ſo oft er ſeinen Schirm aufhob, was er, wie geſagt, alle paar Minuten that, die Intenſität der Entzündung verdoppelt, und ſeine Augen verurſachten ihm grauſame Schmerzen, ſo oft ſie das Waſſer berührte, und ſo oft er zufällig oder abſicht⸗ lich den Schirm, der ſie beſchützte, aufhob. Beide marſchirten ſo noch eine oder anderthalb Stunden, ohne ein Wort zu ſprechen, ſo niedergeſchlagen waren ſie. Nur, als ſie durch das Dörfchen Vierzy gingen, zogen ſie Erkundigungen ein; der große grüne Vorhang, der ſich vor ihnen ausbreitete, war der Wald von Villers⸗Cotterets. Sie waren noch drei Stunden von Haramont entfernt. Dieſe Nachricht verlieh Conſcienee Muth, wenn nicht Kräfte. ſezuh Mariette,“ ſagte er,„bedenken wir daß unſere Mütter uns erwarten und daß wir in drei Stunden bei ihnen ſein können.“ „Oh! ich habe keinen andern Wunſch, als weiter zu gehen,“ erwiederte Mariette,„ich bin nicht müde.. Komm, komm, Conſcience... Stütze Dich auf Arm.“ „Nein, Mariette, wenn ich ſo gehe, ermüde ich Dich dur mir ihr gin mü ſan mit viel En Ve lich dur gen der ſeh Gr dur nic ihn niß ſpr haſ feh der „ſo chen. luſſe, imen, ience n Un⸗ s ar⸗ durch dich⸗ ingen onne, chirm that, ſeine ft ſie bſicht⸗ rthalb Uagen Bierzy grüne Wald unden nicht unſere en bei weiter de neinen Dich 223³ durch alle meine Schritte. Nein, gehe voraus und gib mir den Zipfel Deines Taſchentuches, ich werde Dir folgen.“ Mariette machte keine Einwendung gegen das, was Conſcience wünſchte. Sie gab ihm einen Zipfel ihres Taſchentuches, nahm den andern und ging voraus. Bernhard, der ihre Traurigkeit zu theilen ſchien, ging neben ihnen her und war dem Ausſehen nach ſo müde als ſie. Von Zeit zu Zeit wandte ſich Mariette um; ſchweig⸗ ſam und den Kopf auf der Bruſt, folgte ihr Conſcience mit ſeinem Stocke in der Hand, oder er ſchleppte ſich vielmehr hinter ihr her. Man ſah, daß das, was dieſen Körper brach, ein gebrochenes Herz war; es war das Entfliehen, das Verſchwinden jeder Hoffnung; es war der Verluſt dieſer ſüßen, ſchönen Zukunft, dieſer unausſprech⸗ lichen Frende, erſchaut in dem Strahle des Tages, der durch einen unbegreiflichen Zufall in die erloſchenen Au⸗ genſterne von Conſcience eingedrungen und mit ihm wie⸗ der verſchwunden war. Ach! der arme junge Mann hatte den von ihm ſo ſehr gefürchteten Angenblick erreicht: er ſtand an den Grenzen des Zweifels, er berührte die der Verzweiflung. Und Mariette, welche Alles, was Conſcience litt, durch das, was ſie litt, fühlte, lachte und ſang nicht nur nicht mehr, ſondern ſie hatte ſogar nicht mehr den Muth, ihn anzureden, aus Furcht, er könnte ihre tiefe Betrüb⸗ niß in ihrer Stimme erkennen. Plötzlich aber ſah ſie ſich genöthigt, mit ihm zu ſprechen, denn Conſcience war ſtehen geblieben und wankte. „Mein Gott! mein Freund,“ rief das Mädchen,„was haſt Du denn wieder?“ „Mariette,“ ſagte Conſcience,„ich bitte, laß uns Halt machen. Ich kann nicht weiter gehen, die Kräfte fehlen mir...“ „Muth, Muth, mein Freund!“ ſprach Mariette, in⸗ dem ſie den jungen Mann mit ihren Armen unterſtützte. 224 Wir ſind bei einer Hecke, welche ein hübſches Hänschei umſchließt.. Noch zwanzig Schritte und Du kannſt Dich in ihrem Schatten niederſetzen, und wenn dieſes S von Chriſten bewohnt wird, ſo finden wir dort Hülfe.“ „Oh! ich bedarf keiner andern Hülfe als der Ruhe,“ murmelte Conſcience.„Nicht der Weg, der Schmerz tödtet mich!... Gleichviel, laß uns gehen!“ Und er raffte alle ſeine Kräfte zuſammen und er⸗ reichte auch wirklich die Hecke, hier aber ſank er bleich und gelähmt nieder, wie ein Menſch, dem zugleich das Herz und die Beine brechen. Als Mariette Conſcience ſo entkräftet ſah, ſtieß ſie ſchwachen Schrei aus und fiel neben ihm auf die niee. Es wurde ein leichtes Geräuſch hinter der Hecke hörbar, aber Mariette achtete nicht darauf. zurückſinken ließ, murmelte Mariette: „Mein Gott! mein Gott! wirſt Du denn nach Allem, was wir gelitten haben, Dich unſerer nicht erbarmen!.. Das Geräuſch jenſeits der Hecke, das Mariette der ſchmerzlichen Bangigkeit, die in ihr der Zuſtand von Con⸗ ſcience verurſachte, nicht hatte entziehen können, rührte von der Aufmerkſamkeit her, die der unter ihren Angen vorgehenden Scene eine der epiſodiſchen Perſonen ſchenkte, welche die Wanderungen von Conſcience und Mariette auf den Weg unſerer zwei Helden zu ſtreuen uns nöthigen. Es war ein Greis von ſechzig bis fünfundſechzig Jahren, mit weißen Haaren und einem ſanften Geſicht; er trug lange Beinkleider von weißem Baſin und einen weiten Schlafrock von Molton. Sein Auge war ſchwarz und lebhaft unter ergrauen⸗ den Brauen, und ein ebenfalls mit grauen Haaren ver⸗ miſchter Schnurrbart beſchattete die Oberlippe. den ſich er 1 Mo ihn er i pir ſei mit die derl auf Als dann Conſeience die Angen ſchloß und den Kopf er das aus an Bre wa Jor dieſ ſuc jun falt an, ührte Angen enkte, riette higen. echzi eſicht; einen rauen⸗ n ver⸗ 225 Eine gewiſſe militäriſche Haltung bezeichnete bei ihm den Mann der Schlachtfelder. In dem Angenblick, wo Conſcience und Mariette ſich ihm näherten und bei der Hecke ſtehen blieben, ſaß er unter einer Laube; er hatte eine Taſſe dampfenden Mokka vor ſich und hielt in der Hand eine Zeitung, die ihn zuweilen mit den Zähuen knirſchen machte, als hätte er in einen grünen Apfel gebiſſen. Dieſe Zeitung war das alte Journal de l'Em⸗ pire und das neue Journal des Debats. Ein belgiſches Sprüchwort ſagt, die Macarone ſei das Sinnbild der Ehe: zugleich ſüß und bitter. Dieſe Zeitung war, wie es ſchien, für den Mann mit dem militäriſchen Weſen zuglich ſüß und bitter, wie die Macaronen und die Ehe; denn nachdem er ſie wie⸗ derholt auf das Tiſchchen, an dem er ſaß, geworfen oder auf die Bank, die ihm als Sitz diente, gelegt hatte, nahm er ſie immer wieder auf und biß wieder an. Es brauchte auch nichts Geringeres, als das Geräuſch, dasConſcience niederſinkend machte, als den von Mariette ausgeſtoßenen Schrei, als das ſchmerzliche Gebet, das ſie an den Himmel richtete, um die Aufmerkſamkeit des alten Braven, denn es iſt beinahe entſchieden, daß er einer war, abzuziehen und ſie vom Blatt zum Menſchen, vom Journal des Debats zu Conſcience überzulenken. Er neigte ſich gegen die Hecke und erblickte durch dieſelbe das reizende Gemälde, das wir zu ſchildern ge⸗ ſucht haben. „Ho! ho!“ murmelte er,„was iſt es mit dieſem jungen Menſchen, mit dieſem Mädchen und mit dieſem Hunde?“ Und er horchte. „Conſciente! Conſcience!“ rief Mariette, die Hände faltend;„Conſcience, antworte mir doch, ich flehe Dich an, oder ich glaube, daß Du ſtirbſt.“ Gott und Teufel. II. 15⁵ 226 Aber hörte er nun nicht, oder hörte er und hatte nicht die Kraft, zu antworten, der junge Mann ſchüttelte nur den Kopf und ſtieß einen Seufzer aus. „Conſcience, mein Freund, fuhr das Mädchen fort, „mein Gott! kann es Dir ſo an Muth beim Ende des Weges gebrechen! Wir ſind kaum zweihundert Schritte vom Walde von Villers⸗Cotterets, das heißt, ſehr nahe bei Haramont: wir können hente Abend dort ſein, nicht zu Fuß, mein armer Freund, ich weiß es wohl, da Deine Füße ganz blutig ſind, ſondern mit einem kleinen Wagen, welcheu wir im nächſten Dorfe miethen denn von meinen dreißig Franken, Conſcience, bleiben mir noch neunzehn, ſo gut iſt Jedermann gegen uns geweſen!.. Ich wiederhole Dir alſo, wir können heute Abend bei unſern Müttern ſein, und ſind wir einmal dort, ſo wirſt Du keine Anſtrengung mehr haben, Du brauchſt nur von einer Hütte zur andern zu gehen, und ich werde da ſein, um Dir als Führerin zu dienen.“ „Ja,“ flüſterte Conſcience,„ja, ich weiß es wohl. In zwei Stunden können wir an Ort und Stelle ſein, aber die zwei Hütten, die uns ſo theuer, werde ich nicht mehr ſehen! aber meine Mutter Madeleine und meine Mutter Marie werde ich nicht mehr ſehen! aber Va⸗ ter Cadet, den kleinen Pierre, den Eſel, den Ochſen, die ſchwarze Kuh, ſie werde ich nicht mehr ſehen!. Ach! Mariette, wenn Du wüßteſt, wie ſchmerzlich mein Herz bei dieſem Gedanken ſchlägt!“ Mariette ſchöpfte wieder ein wenig Kraft, als ſie ihren Freund ſo klagen hörte. Sie fühlte, daß ſie gegen dieſe tödtliche Entmuthigung kämpfen mußte. „Und dennoch, mein lieber Conſcience,“ ſagte ſie, „dennoch iſt es gewiß, daß Du mich geſehen haſt, nicht wahr?. undentlich erſchaut, gleichviel! es iſt nichts deſtoweniger wahr, daß Deine Angen für einen Moment ihre Durchſichtigkeit wieder erlangt hatten... Glaube mir, dieſer Schein iſt nicht erloſchen; Deine Augen ſind müde — hatte ttelte fort, des hritte nahe nicht Deine agen, von noch d bei wirſt r von ſein, wohl. ſein, nicht meine Va⸗ chſen, mein als ſie gegen te ſie, nicht nichts oment e mir, müde 227 geworden, der Schmerz, den Du darin fühlſt, iſt die Entzündung; doch faſſe Geduld, mein Geliebter: der Doctor Lecoſſe iſt ſehr geſchickt, er wird die Heilung Deiner armen Augen unternehmen, und es wird ihm ge⸗ lingen!... Oh! doch ſtatt Dich zu tröſten, macht Dich das, was ich Dir ſage, traurig! Du weinſt, Du erbleichſt wieder!“ „Mariette! Mariette!“ flüſterte Conſcience, Hich weiß nicht, was ich habe.. mein Herz bricht vor Ver⸗ Zzweiflung nir ſcheint, ich ſterbe!“ Und nun ſanken die Arme von Conſcience auf den Raſen nieder, ſein Kopf entſchlüpfte der Hand von Ma⸗ riette, die ihn hielt, und er fiel ganz ohnmächtig zurück. „Ach! ach!“ rief Mariette,„zu Hülfe! zu Hülfe! Waſſer! Waſſer!“ Ein dritter Vortor. Dann ſprang Mariette wie wahnſinnig auf, überließ den jungen Maun der Bewachung von Bernhard, der ihm ſauft das Geſicht leckte, und lief an die erſte die beſte Thüre; es war die vom Hauſe des Greiſes. In dem Augenblick aber, wo ſie anklopfen wollte, wurde die Thüre geöffnet, und der Greis erſchien in Be⸗ gleitung eines Dieners, deſſen ehemaliger Stand noch klarer aus einer auf das Ohr geneigten Polizeimütze und aus ſeinem übrigen militäriſchen Anzuge erſichtbar war. Der Diener hielt ein Fläſchchen und einen Kaffee⸗ löffel in der Hand. 228 „Oh! mein Herr!“ rief Mariette,„dort, zwanzig Schritte von Ihnen, liegt ein junger Mann in Ohnmacht ein armer junger Mann, der vielleicht ſtirbt. Oh! kommen Sie, kommen Sie, mein Herr, ich bitte Sie inſtändig.“ „Wir kommen, mein Kind,“ antwortete der Greis, „denn ich habe Alles durch die Hecke geſehen. Doch ſei unbeſorgt, ſein Uebel iſt nicht gefährlich.. das iſt nur Schwäche.“ „Sie werden ihn alſo wiederherſtellen, mein Herr!“ „Ja, mein Kind, ja... komm, komm, Baptiſt.“ Beide wandten ſich gegen Conſcience, gefolgt von Mariette, welche ſo ſehr erſchüttert war, daß ſie kaum gehen konnte. Bernhard begriff, daß man ſeinem jungen Herrn Hülfe brachte, und ſprang ganz freudig dem Greiſe ent⸗ egen. „Bei meiner Treue,“ ſprach Baptiſt, der abwechſelnd Mariette, Bernhard und den auf dem Boden ausgeſtreck⸗ ten jungen Mann anſchaute,„Herr Doctor, mich dünkt, es muß ein guter Junge ſein, der Junge, der zugleich von einem ſo hübſchen Mädchen und von einem ſo ſchö⸗ nen Hunde geliebt wird.“ Von dem ganzen Satze hatte Mariette nur die Worte:„Herr Doctor,“ gehört. „Ah!“ rief ſie,„ſollten Sie ein Arzt ſein, mein Herr?“ „Ja, ja,“ antwortete Baptiſt,„und zwar ein aus⸗ gezeichneter, der ganz andere Dinge geſehen hat, als das, was Deinem Freunde widerfährt.“ „Oh! Herr, der gute Gott liebt uns auf's Neue, da er uns Sie zu Hülfe ſchickt!“ Mitllerweile waren die zwei Männer zu Conſcience gekommen, und während der Diener ſeinen Kopf auf⸗ hob, goß der Doctor einige Tropfen aus dem Fläſch⸗ chen in den Löffel und flößte ſie ihm in den Mund. el bek des es me nic me ſal bet wi ar tzig acht Oh! Sie eis, ſei nur tr . von aum ern ent⸗ ſelnd treck⸗ ünkt, leich die mein aus⸗ als e, da cience auf⸗ läſch⸗ 5 229 Die Hände gefaltet und die Augen auf Conſcience geheftet, ſtammelte Mariette eines von den Worten, welche halb ein Gebet zu Gott, halb ein Dank gegen den Un⸗ bekannten waren. Es war eine ſolche Angſt in der flehenden Haltung des armen Kindes zu erkennen, daß der Doctor einſah, es genüge nicht, dem jungen Manne beizuſtehen, ſondern man müſſe auch das Mädchen tröſten. „Beruhige Dich, mein Kind,“ ſagte er,„es iſt nichts; es handelt ſich nur um eine gewöhnliche Ohn⸗ macht, und in einer Minute wird der arme Junge wieder zu ſich gekommen ſein.“ „Iſt das wahr, mein Herr?“ rief Mariette,„und ſagen Sie nicht nur ſo, weil Sie begreifen, daß ich ſter⸗ ben würde, wenn er ſtürbe!... Oh! nicht wahr, er wird nicht ſterben?...“ „Nein, ſei ohne Furcht... Du liebſt alſo dieſen armen Soldaten ſehr?“ „Oh! mein Herr!“ „Und woher kommſt Du mit ihm?“ „Aus dem Hoſpital in Laon, wo ich ihn geholt habe; denn Sie wiſſen vielleicht nicht, daß er blind iſt, mein Herr: es ſind ihm die Augen durch die Exploſion eines Pulverwagens verbrannt worden.“ „Ah! Teufel!“ ſagte der Doctor,„das iſt ernſter! Aber zuerſt wollen wir ihn aus ſeiner Ohnmacht erwecken, die mir einfach durch die Müdigkeit verurſacht worden zu ſein ſcheint, und dann beſchäftigen wir uns mit ſeinen Augen.“ „Oh! mein Herr, Sie haben wahr geſprochen,“ rief Mariette,„er kommt wieder zu ſich.... Sehen Sie, ſehen Sie, er athmet, er ſchlägt die Angen auf... Laſſen Sie mich ſeine Hand nehmen und mit ihm ſpre⸗ chen, denn er würde ſonſt glauben, ich ſei nicht mehr da, und dieſer Gedanke würde ihm ſehr wehe thun!“ 230 „Mariette!“ flüſterte der junge Mann, der wirklich allmälig zu ſich kam. „Conſcience, mein Freund,“ erwiederte raſch das Mädchen,„ich bin da, ich kniee bei Dir, und mit mir iſt ein guter Arzt, der ſich Deiner anzunehmen und Dich zu heilen verſpricht. Oh! nicht wahr, mein Herr, Sie werden ihn heilen?“ Der Greis betrachtete aufmerkſam die entzündeten Augen von Conſcience. „Seit Dir der Unfall begegnet iſt, mein Freund, haſt Du nie eine Beſſerung gefühlt?“ fragte er. Conſcience verſuchte es, zu antworten, doch er war ſo ſchwach, daß er nur einige unverſtändliche Worte ſtammeln konnte. Mariette antwortete raſch für ihn. „Doch, mein Herr,“ ſagte ſie;„gerade geſtern ſchien es ihm, als klärte ſich der Schleier, den er auf den Au⸗ en hatte, auf; geſtern glaubte er einen Moment mich geſehen zu haben.“ „Ich habe Dich geſehen, Mariette,“ flüſterte der junge Mann. „Sie hören, mein Herr,“ rief das Mädchen,„er ſagt es ſelbſt.. Da ſeit dieſer Zeit keine Beſſerung in ſeinen Augen eingetreten iſt,— im Gegentheil,— ſo iſt er in die Verzweiflung gerathen, in der Sie ihn ſehen, denn es iſt viel mehr Verzweiflung, als Müdig⸗ keit, mein Herr, was ihn in dieſen Zuſtand verſetzt hat,“ fügte Mariette weinend bei. „Und er hat Unrecht,“ ſprach der Doctor,„es iſt möglich, daß nur die Bindehaut betroffen worden iſt, und daß dieſe ſich von ſelbſt wieder erzengt.“ „Wer Sie auch ſein mögen⸗ mein Herr,“ ſagte Con⸗ ſcience,„ſeien Sie geſegnet für die Hoffnung, die Sie uns geben, mag dieſe Hoffnung in Erfüllung gehen oder nicht in Erfüllung gehen. Leider,“ ſchüt für Hert Con Repi iſt g Gre der das vor habe und „Du und ſein zu t nicht ich Die Krä Her fügte er den Kopf ande Hau ſeid ich s mir ich Sie ten ind, war orte hien Au⸗ mich der et in ſo ihn idig⸗ hat,“ s iſt und Con⸗ Sie oder Kopf 231 ſchüttelnd bei,„leider ſind die Aerzte nicht die Einzigen, für welche Gott aus der Lüge eine Tugend gemacht hat.“ „Junger Mann,“ ſprach Baptiſt,„erfahre, daß mein Herr ein ehemaliger Officier iſt, der als Oberarzt der Conſulargarde und der Kaiſergarde die Feldzüge der Republik und des Kaiſerreichs mitgemacht hat, und damit iſt geſagt, daß mein Herr nie lügt.“ Dann rief er, wie entrüſtet, indem er ſich an den Greis wandte: „Was für ein Gelbſchnabel iſt denn das, dieſer Menſch, der ſagt, Sie lügen, Herr Major?“ „Schweige, Baptiſt, ſchweige,“ erwiederte lächelnd der Greis,„was er da geſagt hat, iſt ſehr ſchön.“ „Wie! er hat behauptet, Sie lügen, und Sie finden das ſchön? Das begreife ich nicht. Hätte man Ihnen vor fünfzehn Jahren geſagt, Sie lügen, wie würden ſich mit dem, der es geſagt, den Hals gebrochen aben!“ Dann zuckte er die Achſeln, ſtieß einen Seufzer aus und fügte bei: „So iſt es mit dem Alter, ſo verroſtet man!“ „Auf, mein Freund,“ ſagte der Greis zu Conſcience, „Du biſt nun wieder beim Bewußtſein, ſtrenge Dich an und ſuche das Haus zu erreichen; wir werden dort beſſer ſein als hier und uns bemühen, etwas für Deine Augen zu thun. „Oh! mein Herr,“ erwiederte Conſcience,„ſeien Sie nicht ſo ſehr für uns beſorgt! Mit ein wenig Ruhe werde ich wohl im Stande ſein, meinen Marſch fortzuſetzen.. Die Tropfen, die Sie mir eingeflößt, haben mir meine Kräfte wiedergegeben... Mariette, danke mit mir dem Herrn, und laß uns weiter gehen.“ Geduld!“ verſetzte der Greis,„oh! nein, es wird anders ſein, das ſage ich Dir... Du biſt vor meinem Hauſe gefallen, Du wirſt in mein Haus eintreten. Ihr ſeid wackere junge Leute, und Ihr ſollt Eure Kräfte nicht 6 232 ſo erſchöpfen. Ihr werdet nicht weggehen, ohne bei mir ausgeruht und Euch durch ein Glas guten Wein geſtärkt zu haben. Und dann, wenn ich Deine Angen genauer anſchaue, junger Mann, finde ich vielleicht ein Mittel dafür.“ „Oh! wenn es ſo iſt, komm, Conſcience,“ ſagte Ma⸗ riette;„dies ausſchlagen hieße Gott verſuchen. Mein Herr, ich bin nur eine arme Bäuerin und Conſcience iſt nur ein armer Bauer, leider werden wir Sie nie für Ihre Bemühungen bezahlen können, denn wir ſind Beide arm; aber ich habe Gebete, mein Herr, Gebete uner⸗ ſchöpflich wie meine Liebe, und ich werde mein ganzes Leben für Sie und für die Perſonen, welche uns theuer ſind, beten. Machen Sie mit uns, was Sie wollen, mein Herr, und Gott verleihe Ihnen lange Tage, viel Glück auf dieſer Welt und nach dem Leben die ewige Seligkeit.“ Da Mariette ſo beiſtimmte, ſo hatte Conſcience keine Einwendung mehr zu machen; er ſtützte ſich auf den Arm von Mariette und auf den des Doetors, und Baptiſt lief voraus, um die Thüren zu öffnen. Baptiſt hatte ſeine Inſtructionen erhalten. Als er in das Haus eintrat, gab er ſeine Befehle oder er über⸗ trug vielmehr die ſeines Herrn an einen zweiten Bedien⸗ ten, welcher alsbald verſchwand. Er ſelbſt begab ſich in den Salon, wo ihn der Dor⸗ tor und Mariette einen Lehnſtuhl für Conſcience vor⸗ rückend fanden. Alle drei traten ein; Bernhard blieb beſcheiden bei der Thüre: die ſo gut gewichſten Böden machten ihn ſchüchtern. Der Doctor führte Conſcience zu dem Lehnſtuhl, der ihn erwartete, und war dafür beſorgt, daß er dem Lichte den Rücken zuwandte. Sobald Conſcience ſaß, entfernte ſich Baptiſt. Nach einigen Secunden kam er mit einer Flaſche und drei Gläſern auf einer Platte zurück. 6 rie Lij der mir ſtärkt nauer Nittel Ma⸗ Mein ce iſt e für Beide uner⸗ anzes heuer mein Glück eit.“ keine Arm iſt lief er in über⸗ edien⸗ Doc⸗ vor⸗ en bei n ihn hl, der Lichte Flaſche 233 „Komm hierher,“ ſagte der Greis. „Sehr wohl, Herr Major.“ Er nahm die Flaſche beim Halſe mit der Vorſicht, welche die Liebhaber des guten Weines immer gegen das Alter gewiſſer Gefäße haben, und füllte die drei Gläſer. Er reichte eines davon Conſcience und ſprach: „Trinke dies ſachte, mein Freund, und ich verſpreche Dir, daß Du Dich nicht ſchlecht darauf befinden ſollſt.“ Conſcience nahm das Glas und erwiederte: „Verzeihen Sie, mein Herr, wenn dies Wein iſt, ſo muß ich Ihnen bemerken, daß ich nie trinke.“ „Deſto beſſer!“ rief der Doctor;„er wird nur um ſo wirkſamer ſein. Trinke, mein Freund, trinke, ich gebe Dir das als Arznei.“ Conſcience ſchickte ſich an zu gehorchen. Der Doctor bot ein zweites Glas Mariette und ſprach: „Und Du auch, mein Kind, Du mußt auch müde ſein, und dieſer Wein wird Dich wieder ſtärken.“ „Ich glaube es wohl!“ ſagte Baptiſt, der die drei Gläſer, welche ausſahen, als wären ſie mit flüſſigem Topas gefüllt, nicht aus den Angen verlor;„ich glaube es wohl, das iſt ein Wein, der einen Todten guferwecken würde.“ „Wohlan!“ rief der Doctor, indem er das dritte Glas nahm,„auf die Geneſung Deines Freundes, mein ſchönes Kind.“ S„Oh! Herr, von ganzem Herzen!“ erwiederte Ma⸗ riette. Und alle Drei ſetzten gleichzeitig das Glas an die Lippen, während Baptiſt, der kein Glas hatte, nur mit der Zunge ſchnalzte, wie ein Menſch, welcher in der Erin⸗ nerung einen abweſenden Trank verkoſtet. Der alte Doctor leerte das Glas auf einen Zug, 234 und gab, als er es geleert hatte, ein:„Hum!“ der Be⸗ friedigung von ſich. Conſcience koſtete mit dem Mißtrauen, welches die Blinden bei Allem baben, was ſie genießen, da ſie nicht zuvor durch das Geſicht den Gegenſtand, den ſie genießen, ſchätzen können; endlich leerte er, einen gewiſſen Wider⸗ willen überwindend, das Glas in drei Abſätzen. Mariette aber zog bei den erſten Tropfen, die ſie trank, das Glas von ihren Lippen zurück, als ob ſie Feuer berührt hätte. „Oh! mein Herr,“ ſagte ſie, während ſie das Glas Baptiſt reichte,„nehmen Sie es mir nicht übel, ich wäre nicht im Stande, das zu trinken.“ Baptiſt empfing ehrerbietig das Glas aus den Hän⸗ den von Mariette, welche raſch mit ihrem Taſchentuch ihre Lippen abwiſchte, als wäre dieſer Trank ein Aetz⸗ mittel, das ſie bis auf die letzte Spur vertilgen wollte. „Gut!“ ſagte der Doctor;„zum Glück hat Baptiſt keinen Ekel an Dir, ſonſt ginge durch Dich, mein ſchö⸗ nes Kind, ein Glas vom beſten Keres verloren, den je die Sonne Andaluſiens gereift hat... Nicht wahr, Bap⸗ tiſt, Du haß keinen Ekel an dem Mädchen?“ „Bei meiner Treue! nein, Herr Major, hiefür hat ſie zu ſchöne Lippen. Auf die Geſundheit des Herrn Ma⸗ jors und der ganzen Geſellſchaft.“ Hierauf leerte Baptiſt den Inhalt des Glaſes mit einem Zuge, wie es ſein Herr gethan hatte, und gab wie dieſer ein:„Hum!“ der Befriedigung von ſich. Nur war das Glas raſcher geleert und das„Hum!“ auf eine ſonorere Art ausgeſtoßen worden. Die vom Doctor vorhergeſehene Wirkung erfolgte indeſſen. Die Wärme des goldenen Trankes kreiſte in den Adern von Conſcience; er empfand den belebenden Ein⸗ fluß davon, die Farbe erſchien wieder auf ſeinen Wan⸗ gen; das Lächeln trat wieder auf ſeine Lippen.“ „Oh! mein Herr,“ ſprach Mariette, der keine von den mir aber Seh Du beſſe mir habe duld, nur wirſt haſt nicht die 2 Du zurüt chen Befe in al führe eine „ich auf t und ſtänd die icht ßen, der⸗ ſie ſie las äre än⸗ tuch letz⸗ Ute. ptiſt chö⸗ nje zap⸗ hat Ma⸗ mit wie m!“ gte den Ein⸗ Lan⸗ von 235 den Empfindungen des jungen Mannes entging,„was Sie mir da gegeben haben, war als Getränke ſehr ſchlecht; aber es ſcheint ein vortreffliches Arzneimittel zu ſein.. Sehen Sie, wie Conſcience zu ſich kommt! Nicht wahr, Du befindeſt Dich wohl, mein lieber Conſcience?“ „Ja,“ erwiederte Conſcience,„ich fühle mich viel beſſer, ſtärker und heiterer. Es iſt ſonderbar, Mariette, mir ſcheint, die Hoffnung kehrt bei mir zurück... Ich habe ſogar Hunger!“ „Ho! ho!“ rief der Doctor,„einen Augenblick Ge⸗ duld, mein Freund! Teufel, das geht ja gewaltig ſchnell!.. nur gemach! Zuerſt mußt Du ein Bad nehmen, und Du wirſt zwanzig Minuten im Waſſer bleiben. Baptiſt, Du haſt hierüber zu wachen: zwanzig Minuten, nicht mehr, nicht weniger. Während dieſer Zeit wird ſich der Kranke die Augen mit erweichenden Mitteln bähen; dann nimnſt Du ihn aus dem Waſſer heraus und bringſt ihn zu uns zurück. Sie hören, Herr Soldat, man muß hier gehor⸗ chen wie beim Regiment; ſo lautet der Befehl.“ „Sie ſind zu gut, mein Herr, und Sie geben Ihren Befehl auf eine zu wohlwollende Art, als daß man nicht in allen Stücken gehorchen ſollte,“ ſagte Conſcience. Dann ſtand er auf und fügte bei: „Ich bin bereit, Herr Baptiſt; wollen Sie mich führen?“ Conſcience ſtreckte ſeine Hände aus; Baptiſt nahm eine davon, Mariette ergriff raſch die andere. „Mein liebes Kind,“ ſagte der Doctor zu Mariette, „ich habe mit Dir zu ſprechen.“ „Ich führe ihn nur bis an die Thüre und komme auf der Stelle zurück,“ antwortete Mariette erröthend. „Gut! gut! geh!“ Mariette führte Conſcience wirklich bis zur Thüre und kam zurück. Der Doctor wollte Mariette über die einzelnen Um⸗ ſtände des Unfalls, über das, was ſie von der Behand⸗ 236 lung, die man angewandt, erfahren, und über die Rück⸗ kehr des Augenlichts befragen, welche Beide am Tage vorher ſo ſehr erfreut hatte. Mariette gab jede Auskunft, die ſie geben konnte, mit jener reizenden Raivetät, welche wir ſchon kennen, die aber auf den Doctor, da ſie ihm unbekannt war, eiuen ſo guten Eindruck hervorbrachte, daß ſie in eine beinahe väterliche Zärtlichkeit das philanthropiſche Intereſſe ver⸗ eiut das er von Anfang an den zwei Kindern bezeigt atte. „Es iſt gut,“ ſagte er, als Mariette geendigt hatte, „wir werden einen neuen Verſuch machen.“ Er klingelte Baptiſt. Baptiſt trat ein. „Nun!“ fragte er,„haſt Du den Kranken ins Bad geſetzt?“ „Ja, Herr Major; es koſtete mich ſogar große Mühe, den Hund zu verhindern, die Badewanne auszuleeren. Es ſcheint, er hatte gewaltig Durſt.“ „Haſt Du ſeine Augen mit Eibiſchwaſſer gewaſchen?“ „Ja, Herr Major.“ „Haſt Du ſie wieder mit einer Binde bedeckt?“ „Ja, Herr Major.“ „So hole den Kranken aus dem Bade und bringe ihn hierher.“ Baptiſt drehte ſich mit einer ganz militäriſchen Pünkt⸗ lichkeit auf dem Abſatz und verſchwand. Der Major ließ die Rollvorhänge des Salon her⸗ unter, um das glühende Licht in ein wildes Helldunkel zu verwandeln. 3 Mariette ſchaute allen dieſen Vorbereitungen des Arztes mit bangem Herzklopfen zu, als wenn an ihr eine Operation hätte vorgenommen werden ſollen. Hatte der gute Doctor nicht geſagt, der Verſuch, den er mache, werde entſcheidend ſein? Bei der geringſten Bewegung, welche von außen kam, bebte ſie und wandte ſich nach der Thüre. 3 erſch ſcien und Rech Beit wink die Ma ſcien ob 2 als ſein Hall End und Arzt chent dem Rück⸗ Tage onnte, n, die einen inahe ver⸗ ezeigt hatte, Bad Mühe, eeren. hen bringe ßünkt⸗ nher⸗ dunkel n des an ihr Hatte mache, nkam, 237 Endlich öffnete ſich die Thüre, und der junge Mann erſchien, auf den Arm von Baptiſt geſtützt. Der Doctor hieß Baptiſt durch einen Wink Con⸗ ſcience in die Mitte des Zimmers führen. Boffnung. Als ſie mitten im Zimmer waren, blieben Conſcience und Baptiſt ſtehen. Der Doctor ſtellte Mariette auf die Rechte von Conſcience und trat an ſeine Linke, wonach Beide ſich im Kreiſe ſeines Geſichtsſtrahls befanden; er winkte dann Mariette zu ſchweigen und befahl Baptiſt, die Binde abzunehmen, welche die Augen des jungen Mannes bedeckte. Als die Binde abgenommen war, ſprach er zu Con⸗ cience: „Mein Freund, öffne nun die Augen und ſage uns, ob Du etwas unterſcheideſt, entweder als Maſſe oder als Umriß.“ Conſcience blinzelte einen Moment; dann ſchien ſich ſein Geſicht zu befeſtigen; ſein trübes Auge durchlief den Halbkreis, der ſich vor ihm ausdehnte, und heftete ſich am Ende auf Mariette. Plötzlich gab er einen Schrei von ſich und ging raſch und die Arme vorwärts ſtreckend auf Mariette zu. Dieſe wollte ihm entgegeneilen, aber ein Wink des Arztes hielt ſie zurück. Sie blieb alſo unbeweglich, keu⸗ chend und ſchauernd, als ob ſie das Fieber gehabt hätte. Conſcience war ganz in ihre Nähe gekommen; in dem Augenblick aber, wo er ſie berührt hätte, blieb er 238 ſtehen, ohne Zweifel, weil er ſie zu ſtoßen befürchtete, ſtreckte ſeine zitternde Hand gegen ſie aus und ſagte: „Mariette, Mariette, biſt Du da? oder iſt das, was ich ſehe, nur ein Schatten, nur ein Irrthum meiner Einbildungskraft?.. Oh! ich bitte Dich, wenn Du da biſt, ſprich mit mir, rühre mich an.“ „Conſcience!“ rief Mariette, indem ſie ſeine Hand ergriff. „Oh! ich ſehe alſo! ich werde alſo nicht blind ſein: ich ſehe, Mariette, ich ſehe!“ Mariette wagte es nicht, zu ſprechen, als befürchtete ſie das Spielzeug einer Illuſion zu ſein und durch ein Wort, durch eine Geberde, durch eine Bewegung ihren Traum verſchwinden zu machen. „Wenn Dnu ſiehſt,“ fragte der Doctor,„ſo ſage mir, von welcher Farbe das Halstuch von Mariette iſt.2“ „Sie hat ihr rothes Halstuch, Herr Doctor.“ „Das iſt wahr!“ rief Mariette;„oh! welch ein Glück! Diesmal iſt es kein Irrthum, Conſcience; ja, ich habe mein rothes Halstuch.“ Der Doctor ſchien erſtaunt. „Deine Freundin habe ihr rothes Halstuch, ſagſt Du? Täuſcheſt Du Dich nicht, Conſcience?. „Oh! nein, Herr Doctor.“ „Und Du ſiehſt roth?“ „Nein, mein Herr,“ erwiederte Conſcience;„ich ſehe nur eine gräuliche Farbe; aber eines Tages hat mir der Doctor Lecoſſe in ſeinem Hauſe erklärt, daß im Dunkeln das Roth ſchwärzer erſcheine, als die andern Farben. Ich ſehe das Halstuch von Mariette dunkelgrau und dehme folglich an, es müſſe roth ſein.“ „Es iſt genug,“ ſprach der Doctor;„umarmt Euch nun, meine Kinder, und hofft.“ Dann wandte er ſich an den Diener, während ſich die zwei Kinder einander in die Arme ſtürzten, und ſagte „Lege unſerem Blinden die Binde wieder auf die Ar ſei an mo M ſie lich au rie bro die Du Gr 6 h ben ihr ehe das als den Got Got ſelb htete, das, einer d Hand ſein: rchtete ch ein ihren e mir, . ch ein ja, ich ſagſt ich ſehe nir der unkeln Farben⸗ u und it Euch end ſich dſagte auf die 239 Augen; ich hoffe, in einigen Monaten wird er geheilt ſein; beſorge dann das Eſſen und führe ihn hernach auf ſein Zimmer, denn er muß nun ausruhen, um ſich morgen früh wieder auf den Weg begeben zu können⸗ Mariette wird hier ſpeiſen oder mit Conſcience, wie ſie will.“ „Oh! mit Conſcience, Herr Doctor; ich bin ſo glück⸗ lich, daß ich ihn durchaus ſehen muß, ſonſt würde ich aufhören, an mein Glück zu glanben.“ „Gut! Du hörſt, Baptiſt?“ „Oh! Herr Doctor, wie ſoll ich Ihnen danken!“ rief Conſcience mit begeiſtertem Ausdruck. „Ruhig, ruhig,“ erwiederte der Doctor;„Ruhe brauchen wir vor Allem, und mit Ruhe, Alaunwaſſer, Roſenwaſſer und einer auflöſenden Salbe werden wir dieſen Blinden noch heilen.“ „Und das wird nicht der Erſte ſein,“ ſprach Baptiſt. „Oh! junger Mann, Du kannſt von Glück ſagen, daß Du in unſere Hände gefallen biſt.“ „Nun!“ fragte der Doctor Mariette,„Du folgſt Deinem Freunde nicht, mein Kind?“ „Oh! Herr Doctor,“ ſprach ſie, indem ſie vor dem Preiſe auf die Kniee ſank,„laſſen Sie mich vor Allem Ihnen danken.“ „Biſt Du toll!“ rief der Doctor, der ſie aufzuhe⸗ ben ſuchte. Aber Mariette ergriff ſeine Hände, verharrte in ihrer demüthigen, daukbaren Stellung und ſprach: „Nein, mein Herr, nein! ich werde nicht aufſtehen, ehe ich Ihnen wenigſtens geſagt habe, ich hoffe Sie für das, was Sie ſo eben gethan, beſſer belohnt zu ſehen, als wenn Sie den Sohn eines Königs geheilt hätten; denn Gott übernimmt die Schuld der armen Leute, und Gott iſt reich an Barmherzigkeit und Segnungen. Mein Bott! mein Gott!“ rief ſie mit einer Inbrunſt, welche ſelbſt in die trockenen Angen des Greiſes die Thränen 240 lockte,„mein Gott, nicht wahr, Du wirſt unſeren Retter ſegnen, wie wir ihn ſelbſt ſegnen?“ „Ja, mein Kind,“ ſagte der Greis,„Gott wird Dich erhören, oder Gott hat Dich vielmehr erhört, denn ich bin ſchon für meine Verdienſte belohnt. Umarme mich, meine Tochter, und gehe dann zu Deinem Freunde.“ Und er trat näher zu Mariette und küßte ſie väter⸗ lich auf die Stirne, während ſie ihn ganz ſchluchzend an ihr Herz drückte. Dann folgte ſie Conſcience nach und rief: „Oh! mein Gott! wer kann denn ſagen, die Men⸗ ſchen ſeien nicht gut!“ Am andern Morgen um ſieben Uhr wartete ein hübſcher, leichter ländlicher Wagen mit einem Apfel⸗ ſchimmel beſpannt vor der Thüre des kleinen Hauſes, bei der Mariette am Tage vorher mit ſo großer Angſt erſchienen war. Ein Bauernburſche hielt das Pferd am Zügel. Baptiſt ſtand dabei mit einer Peitſche unter dem Arm und flocht mit großer Sorgfalt die Schnur dieſer Peitſche. Bernhard ſprang und lief hin und her, wandte ſich bei jedem Luftſprung um und ſchaute nach denjenigen, welche hinter ihm kamen. Diejenigen, welche hinter ihm kamen, waren der Doctor, Mariette und dann Conſcience, mit ſeinem grü⸗ nen Schirme, aber mit ruhigem, lächelndem, heiterem Geſicht. Man ſah, daß dieſes Geſicht der Reflex eines von Hoffnung erfüllten Herzens war. Der junge Mann ſtützte ſich auf den Arm von Ma⸗ riette und hielt die Hand des Greiſes an ſeine Bruſt gedrückt. Als er zum Wagentritte kam, zögerte er einen Au⸗ genblick; dann öffnete er beide Arme und ſagte: „Doctor, guter Doctor, ich möchte Sie gern um⸗ armen.“ abet Dei habe ſteig uma wert ſpra Mar Kint Aug ſcien Cotte nienn auf! jung dem Trab ſchien und gen l Got etter Dich n ich mich, äter⸗ d an Men⸗ ein lpfel⸗ uſes, Angſt dem dieſer e ſch tigen, n der grü⸗ iterem eines Ma⸗ Bruſt n Au⸗ num⸗ 241 Der Greis entſprach gern dieſem Wunſche; dann aber ſchob er ihn ſanft zurück und ſagte: „Gehe, mein lieber Conſcience, Du vergiſſeſt, daß Deine Mutter Dich erwartet.“ „Ja, ja, Herr Doctor,“ erwiederte Conſcience,„Sie haben Recht. Baptiſt, helfen Sie mir in den Wagen ſteigen. Mariette, danke noch einmal dem Herrn Doctor, umarme ihn und ſage ihm, daß wir ihn immer lieben werden.“ „Oh! ja, Gott iſt unſer Zenge, immer! immer!“ ſprach Mariette. „Auf! auf! in den Wagen,“ ſagte der Doctor zu Mariette;„man wartet nur noch auf Dich, mein ſchönes Kind.“ Mariette ſprang auf den Fußtritt und war in einem e auf dem Bänkchen neben ihrem Freunde Con⸗ cience. „Welchen Weg fahren wir nun?“ fragte Baptiſt. „Den kürzeſten,“ erwiederte Conſcience. „Dann fahren wir bei Fleury vorbei, laſſen Villers⸗ Cotterets zu unſerer Linken, durchſchneiden das Kaſta⸗ nienwäldchen hinter Saint⸗Remy und kommen gerade auf die Landſtraße nach Haramont... Meinſt Du es ſo, junger Mann?“ „Ja, das kürzt unſern Weg um eine Stunde ab.“ „Marſch alſo, Marengo!“ rief Baptiſt, indem er dem Pferde einen Peitſchenhieb gab, worauf es in ſtarkem Vernhard nachfolgte, der ihm den Weg zu zeigen hien. „Auf Wiederſehen, Herr Doctor!“ riefen Conſcience und Mariette. „Glückliche Reiſe, meine Kinder!“ rief der Greis. Und unter einem Staubwirbel verſchwand der Wa⸗ gen beim Walde. Nach fünf Viertelſtunden hielt er zwiſchen den zwei Gott und Teufel. n. 16 242 Häuschen an, auf deren Schwelle ganz erſtaunt, denn ſie konnten nicht an dieſe unerwartete Rückkehr glauben, einer⸗ ſeits Frau Marie, der kleine Pierre und Catherine, an⸗ dererſeits Madeleine und Vater Cadet erſchienen. Und auf das freudige Gebelle von Bernhard ant⸗ worteten durch ihr Geſchrei und ihr Gebrülle Pierrot, Langſam und die ſchwarze Kuh, welche, obgleich in ihre Ställe eingeſchloſſen, dem großen Ereigniß nicht fremd blieben. Statt ein einziges Kind zu beweinen, fingen die Mütter an, zwei zu beweinen. Seit ihrer Abreiſe hatte Mariette keine Nachricht von ſich gegeben, und obgleich noch keine ſechs Tage verlaufen waren, ſchien doch ihre Abweſenheit ſechs Jahrhunderte zu dauern. Die zwei Häuschen waren immer noch da, aber wie zwei Leichname, deren Seelen entflohen. Die Seelen kamen zurück: die Leichname ſollten wie⸗ der Leben erhalten. Die Feier der Rückkehr galt zuerſt Conſcience: er war der wahre Abweſende, abweſend ſeit ſechs Monaten! Dann Mariette, der Heldin der aufopfernden Erge⸗ benheit. Endlich Bernhard! Mariette war die Dichterin dieſer neuen Odyſſee. Sie erzählte die ganze Begebenheit, während Conſcience, den Kopf auf die Schultern ſeiner Mutter geſtützt, zu⸗ hörte. Viele Seufzer und piele Thränen unterbrachen dieſe einfache Erzählung; viele Segnungen wurden den wohl⸗ thätigen Herzen geſpendet, welche Gott auf die Straße der zwei Pilger geſtellt hatte. Die von Unſerer Lieben Frau von Lieſſe zurückge⸗ brachten zwei Sträuße von goldenen und ſilbernen Blu⸗ men wurden jeder in einem der Häuschen an dem am meiſten in die Angen fallenden Orte des Kamins auf⸗ gehängt. Pie Ra hat gut Rul mat den der gen alle ſchl nad eine am rine ſcier kein ob von heur ten, ließe mer Bur Ma mit aber zu 3 And in i n fie iner⸗ an⸗ ant⸗ rrot, ihre remd die hatte gleich ihre wie wie⸗ zuerſt d ſeit Erge⸗ dyſſee. cience, n dieſe wohl⸗ Straße rückge⸗ n Blu⸗ em am s auf⸗ 243 Dann, gegen zwei Uhr, als der Apfelſchimmel mit Pierrot und Langſam Bekanntſchaft gemacht, ſich an ihrer Raufe wohl geſättigt und auf ihrer Streu gut ausgeruht hatte, als Baptiſt von den Bewohnern der zwei Hütten gut bewirthet worden war, entzeg man das Pferd ſeiner Ruhe und ſpannte es an den kleinen Wagen. Nachdem man ihn wiederholt umarmt und ihm Segnungen für den alten Doctor aufgetragen hatte, beſtieg Baptiſt wie⸗ der ſeinen Wagen, wechſelte mit den Glücklichen, die er gemacht, ein letztes Lebewohl, peitſchte ſein Pferd,— allerdings mit weniger Eifer, als bei ſeiner Abfahrt,— und ſchlug den Weg nach Longpont ein, wo er zwei Stunden, nachdem er das Dorf verlaſſen, in welchem ſeine Ankunft einen ſo großen Eindruck hervorgebracht hatte, eintraf. Eine von den Perſonen, bei welchen dieſer Eindruck am Mächtigſten fühlbar wurde, war Catherine; Cathe⸗ rine, die der Zufall im Angenblick der Ankunft von Con⸗ ſcienee und Mariette zu Frau Marie führte, hatte noch keine Nachricht von Baſtien erhalten und wußte nicht, ob er lebte oder todt war. Die Arme liebte Baſtien von ganzer Seele; ſie vernahm daher mit einer unge⸗ heuren Freude aus dem Munde von Mariette Einzelhei⸗ ten, die ihr keinen Zweifel über das Daſein von Baſtien ließen, von Baſtien, der allerdings ein wenig verſchlim⸗ mert war, aber immer fröhlich lebte, immer der gute Burſche blieb. Wohl hatte Baſtien in dem Angenblick, wo er von Mariette ſchied, dieſe verlaſſen, um einen kleinen Gang mit dem Küraſſier vor das Saint⸗Quenin⸗Thor zu machenz; aber Baſtien ſchien damals ſo ſehr auf ſeinen Kopfhieb zu zählen, daß dieſer Gang, während er in dankbarem Andenken im Herzen von Mariette ſtand, keine Beſorgniß in ihr zurückließ. Sie hielt es daher nicht einmal für geeignet, Catherine etwas von dieſem Umſtand zu ſagen. Es blieb für Catherine zu befürchten, Baſtien habe ſie vergeſſen. Aber man erinnere ſich in dieſer Hinſicht 244 der Unterredung des Huſaren mit Mariette, und man wird zugeben, daß die Befürchtungen von Catherine in Betreff des Vergeſſens von Baſtien durchaus unbegrün⸗ det waren. Den ganzen übrigen Tag ſtand ein Theil der Ein⸗ wohner des Dorfes auf dem Wege zwiſchen den zwei Häuschen; die jungen Burſche, welche noch vorhanden waren, nachdem der Krieg eine ſo entſetzliche Menge von Opfern gekoſtet hatte, drückten Conſcience die Hände, die Mädchen beglückwünſchten Mariette zu ihrem Muthe und zu dem guten Erfolge, den ſie gehabt. Conſcience mußte nun auch alle Umſtände und Er⸗ eigniſſe der furchtbaren Schlacht bei Laon erzählen, an der er, bis ihn die Exploſion des Pulverwagens geblen⸗ det, Theil genommen hatte; während Mariette von ihrer Reiſe, von der Wallfahrt zur Mutter Gottes von Lieſſe, von der wunderbaren Vermittelung der heiligen Jung⸗ frau, denn ſie ſchrieb fortwährend der Jungfrau die glück⸗ liche Heilung ihres Geliebten zu, und endlich von ihrem Aufenthalt beim guten Doctor von Longpont erzählte, zu dem Conſcience ſterbend und in Verzweiflung gekommen⸗ von dem er gekräftigt und voll Hoffnung weggegah⸗ gen war. Der Einbruch der Nacht rief dann Jeden zu ſeinem Herde zurück. In allen Häuſern des Dorfes unterhielt man ſich an dieſem Abend von Conſcience und Mariette; man ſprach von ihrer bevorſtehenden Heirath, welche kein Geheimniß mehr war, denn Conſcience hatte von den Verſprechungen erzählt, die ihm die Ergeb das Tageslicht wiederzuſehen, ſein ü eine Station im finſtern Vorhanſe des Todes betrachtete. Und man muß ſagen, im ganzen Dorfe war Keiner enheit des Mäd⸗ chens in der Stunde geleiſtet, wo er ohne Hoffnung, je briges Leben als auf das zukünftige Glück der jungen Leute neidiſch; im Gegentheil, diejenigen, welche mit den Verhältniſſen von Vater Cadet vertraut waren,— und in Orten von fün lan kun gef der gar geb Leſ nac geh wer alt wa gek lich hat die ſche nu dür ſo den Co: der hät den Auſ thie man e in rün⸗ Fin⸗ zwei nden von die und Er⸗ „an blen⸗ ihrer ieſſe, ung⸗ lück⸗ hrem e, zu imen, egan⸗ einem rhielt riette; e kein iden Mäd⸗ g, je n als chtete. Keiner im tniſſen n von 245 fünf bis ſechshundert Seelen wird kaum ein Geheimniß lange bewahrt,— beklagten die jungen Leute, deren Zu⸗ kunft wahrſcheinlich ſehr durch den dreifachen Nachtheil gefährdet wäre, welchen den Umſtänden von Vater Cadet der Schlaganfall, von dem er betroffen worden, der Ab⸗ gang von Conſciente und die Rückkehr der Bourbonen gebracht hatten. Erklären wir dieſen Nachtheil und ſtellen wir dem Leſer die wahre Lage von Vater Cadet vor Augen, der, nachdem er ſich einen Augenblick für reich wie Kröſus gehalten hatte, nahe daran war, ſo arm wie Hiob zu werden. Der Schlaganfall, von dem Vater Cadet betroffen worden, hatte ihn verhindert, bei Beſtellung ſeines Feldes alt zu werden, wie man zu ſagen pflegt; in dieſem Punkte war ihm jedoch zum Glück Nachbar Mathien zu Hülfe gekommen. Nichtsdeſtoweniger war das Feld des täg⸗ lichen Beſuches beraubt geweſen, an den es ſich gewöhnt hatte, und die eiferſüchtige Erde ſchien, ſei es wegen dieſer Vernachläßigung, ſei es wegen der ſchlimmeren Be⸗ ſchaffenheit des Jahres, wenn nicht Unfruchtbarkeit, doch nur eine ſehr geringe Ernte zu verſprechen. Oh! wäre Conſcience da geweſen, um für die Be⸗ dürfniſſe dieſes Feldes Sorge zu tragen, Conſcience, der ſo gut jeden Ruf der Natur verſtand, hätte gewiß auf den Ruf des armen verlaſſenen Feldes geantwortet. Aber Conſcience war leider zum Heere abgegangen; Conſcience maß Pulver bei Brienne, bei Montereau, bei Méry⸗au⸗Bac, bei Laon; Conſcience, der ſanfte Conſcience, der keine Feder aus dem Flügel einer Meiſe geriſſen bätte, unterſtützte in ſeiner niedrigen Thätigkeitsſphäre den Sieger von den Pyramiden, von Marengo und von Auſterlitz, eine Arbeit, für welche er weder die Sympa⸗ thie, noch die Bewunderung wie ſein Freund Baſtien hegte. Man hat geſehen, wie Conſcience, doppelt entſchuld⸗ bar bei ſeinen glorreichen Mordthaten,— durch die 246 Nothwendigkeit der Vertheidigung des Gebietes und durch den Widerwillen, mit dem er dem Rekrutirungsgeſetze gehorcht hatte,— auf der Laufbahn aufgehalten worden war, auf der er ſich, ſo wenig ſie ſeine Sympathie für ſich hatte, mit ſo viel Muth und Kaltblütigkeit benahm, daß es vom Kaiſer bemerkt wurde, welcher zu ihm ſagte: „Sobald wir uns wieder im Feuer treffen, erinnere mich daran, daß ich Dir das Kreuz ſchuldig bin!“ ein Wort, deſſen Früchte er wahrſcheinlich gerade ernten ſollte, als ihn die Exploſion ſeines Pulverwagens wie Romulus in einem Blitze verſchwinden machte. Dann kamen die Ueberſtrömung des ganzen Gebietes durch die fremden Truppen, der Einzug der Verbündeten in Paris und die Wiederherſtellung des Thrones der Bourbonen, neue Urſachen des Ruins für Vater Cadet und ſogar für die beiden Familien. Ach! in dieſen großen Kataſtrophen und gigantiſchen Ereigniſſen beachtet der Geſchichtſchreiber nur das zu⸗ nehmende oder abnehmende Glück der Mächtigen der Erde; man beklagt einen umgeſtürzten Thron, ein mißkanntes Genie, den Unſchlag des Schickſals, die Launen des Zufalls, aber man findet ſelten eine Klage, einen Seufzer, einen Blick für die niedrigen Exiſtenzen, welche von den Rädern jener Wagen zermalmt werden, die ſich auf dem Abhange der Geſchicke auf⸗ und abbewegen. Man höre nun, welche dreifache Quelle des Ruins für die Bewohner der zwei Häuschen die großen Ereig⸗ niſſe mit ſich brachten, die das Angeſicht Europas ver⸗ ändert hatten. Die Jnvaſion führte vor Allem ein ruſſiſches Armee⸗ corps von dreißig bis vierzigtanſend Mann nach Villers⸗ Cotterets. Es wäre ſchwierig geweſen dieſe vierzigtau⸗ ſend Mann in den fünfhundert Häuſern, aus denen die Stadt beſtand, oder in den umliegenden Dörfern unter⸗ zubringen. Dieſe vierzigtauſend Mann hatten alſo einen unge⸗ heu Sti dieſ bede der aus Jal eine das war für abe hin eine zu ken eine gew ſech rück Ru 4. at zur Be Oee von Wit riet daf urch ſetze rden für ahm, igte: mich Lort, als s in ietes eten der adet ſchen zu⸗ rde; untes des fzer, den dem — tuins reig⸗ ver⸗ rmee⸗ llers⸗ gtau⸗ ndie unter⸗ unge⸗ 247 heuren Bivonac bezogen, der ſich auf zwei bis drei Stunden erſtreckte. Die acht Morgen von Vater Cadet gehörten zu dieſem Bivouac und waren von einem Lager von Koſaken bedeckt, deren Pferde mit den Füßen den grünen Kopf der Aehren gerade in dem Augenblick zertraten, wo er aus der Erde hervorzukommen anfing. Man durfte alſo nicht mehr an eine Ernte in dieſem Jahre denken, weil der Boden eingeſtampft war wie der eines Ballhauſes; allerdings würde durch das Stroh, das darauf lag und ſich ganz natürlich in Dünger ver⸗ wandeln mußte, der im Jahre 1814 unfruchtbare Boden für das Jahr 1815 bewundernswürdig vorbereitet ſein; aber man hatte achtzehn Monate zu leben, bis man da⸗ hin kam, und Vater Cadet hatte an nächſtem Martini eine Summe von achthundert Franken an Meiſter Niguet zu bezahlen. Nichts ſchien leichter zu ſein, als achthundert Fran⸗ ken auf neun Morgen Felder zu entlehnen, welche durch eine beſtändige Arbeit von zehn Jahren erſter Qualität geworden und im Ganzen nur mit einer Hypotheſe von ſechzehnhundert Franken belaſtet waren. Doch wir werden ſogleich auf dieſen Punkt zu⸗ rückkommen; denn wir haben von drei Urſachen des Ruins geſprochen, und nachdem wir die erſte auseinander⸗ eſetzt, welche die Verwüſtung der Felder von Vater adet war, müſſen wir zur zweiten übergehen; wenn wir zur dritten kommen, werden wir die große Frage der Bezahlung, die wichtigſte von allen, behandeln. Die zweite Urſache des Ruins war, daß durch die Occupation der fremden Truppen die täglichen Gänge von Mariette nach Villers⸗Cotterets unterbrochen wurden. Wie konnte ein Mädchen ohne Geleite, ſchön, wie Ma⸗ riette war, um Milch zu verkaufen und dann den Preis dafür zurückzubringen, alle Tage mitten durch einen Bi⸗ 248 vouac von vierzigtauſend Mann gehen? Daran war nicht zu denken. Was hätte ſie übrigens in Villers Cotterets verkau⸗ fen ſollen? Es fanden ſich keine Kühe mehr bei der Pächterin von Longpré und folglich auch keine Milch mehr; die vier Kühe waren geſchlachtet und gebraten worden. Die ſchwarze Kuh war dieſer Schlächterei nur durch beſondere Protection des in Haramont commandi⸗ renden Officiers entgangen, und Langſam und ſogar Pierrot waren einzig und allein am Leben geblieben, weil ſie ihr Alter ſogar für die Zähne hungeriger Ruſſen ehrwürdig machte. Durch den Verluſt der Kühe gab es alſo keine Milch mehr, und damit verſiegte eine Quelle des Wohlſtandes, die bedeutendſte, die einzige beinahe, in dem Häuschen rechts, während, wie geſagt, ein drittes Unglück die Hütte links treffen ſollte. Die Bonrbonen beſtiegen wieder den Thron, und mit ihnen kehrten alle die alten Diener, Adelige und Prieſter, zurück, welche ihnen in die Verbannung gefolgt waren. Jeder machte bei der Rückkehr ſeine Anſprüche, denn Jeder von dieſen Emigrationsgefährten war beraubt en und erhob ſeine Forderungen gegen dieſe Berau⸗ ung. 88 nannte man damals den großen Act der Gerech⸗ tigkeit von 1792, der das franzöſiſche Volk durch die Güter derjenigen, welche gegen daſſelbe kämpften oder conſpirirten, bereichert hatte. Die neun Morgen von PVater Cadet waren aber ein Stück von den Gütern, welche in den Gemein⸗ den Haramont, Bonneuil und Larguy das Kloſter Long⸗ prée beſeſſen hatte. Und die bei den Rechten des Kloſters Betheiligten waren ebenfalls wiedererſchienen und äußerten laut, ſie hoffen, dieſer Raub werde ihnen wie die andern wieder⸗ erſtattet werden. dav ſchä Cor gef ihn All die an rie na Ei den den ſcht rur tru dat ein icht au⸗ der ilch aten nur ndi⸗ ogar ben, ſſen Nilch ndes, schen ütte und und folgt raubt erau⸗ erech⸗ h die oder aber mein⸗ Long⸗ ligten t, ſie ieder⸗ 249 Wir brauchen kaum zu bemerken, daß nicht einmal davon die Nede war, die neuen Eigenthümer zu ent⸗ ſchädigen. In dieſer mehr als precären Lage fand der arme Conſcience die zwei Familien wieder. Der Borizont verdüſtert ſich. Man begreift nun, wie wichtig es war, daß das Wunder, welches ihm das Augenlicht wiederzugeben an⸗ gefangen hatte, vollends in Erfüllung ging, denn auf ihm ſollte offenbar die Verantwortlichkeit der Wohlfahrt Aller laſten. Als das Dringendſte erſchien es, mit aller Sorgfalt dieſe wiedergeneſenden Augen zu pflegen. Schon am andern Morgen begab ſich Conſcience, geführt von Ma⸗ riette und in Begleitung von Bernhard, auf den Weg nach Villers⸗Cotterets. Ihr gewöhnlicher Morgengang fing wieder an, nur hatte der Bivonac die Vögel, die Eichhörnchen und die Hirſche vertrieben. Die Soldaten ſchauten mit lüſternem Auge nach dem hübſchen Mädchen, aber zwei Gefühle hielten ſie in den Schranken: der Gehorſam, den ſie ihren Officieren ſchuldig waren, und die Achtung, die ihnen die Aufopfe⸗ rung für das Unglück einflößte. An dem Ueberreſte einer Uniform, welche Conſcience trug, erkannten ſie überdies, daß ſie es mit einem Sol⸗ daten zu thun hatten, daß dieſes Gebrechen die Folge eines Unfalls war, und die Brüderſchaft des Schlachtfelds, zwei Kindern, die ſich liebten, und einem Hunde, der ſie 250 welche nach beendigtem Kampfe ſelbſt unter Feinden ein⸗ tritt, beſchützte zugleich den Blinden und ſeine Führerin⸗ Beide, oder vielmehr, Bernhard mit einbegriffen, alle drei kamen alſo nach Villers⸗Cotterets, wo man ſie ſeit ſechs Monaten nicht geſehen hatte. Unter den großen Ereigniſſen, welche geſchehen wa⸗ ren, hatte man ihre Abweſenheit, wie man ſich leicht denken kann, nicht bemerkt; ihre Gegenwart aber wurde bemerkt. Jedermann in Villers⸗Cotterets betrachtete mit einem mitfühlenden Auge dieſe ſeltſame Gruppe, welche frühe am Morgen durch die Straßen der Stadt ging und aus liebte, beſtand. Die Liebe zieht die Liebe an. Die zwei jungen Leute ginge dem Hauſe des Doctor Lecoſſe. Der Doclor Lecoſſe wußte ſ von Conſcience, von dem erſchrecklichen zugeſtoßen war, und von der Beſſerung, Zuſtande zu offenbaren aufing. Er empfing ihn auch mit einer liebevollen Heiterkeit. „Komm „Ah! Du biſt es, mein Junge,“ ſagte er. hierher und erzähle mir Deine Begebenheiten.“ Und zum zehnten Mal, zum zwanzigſten, zum fünfzigſten Mal mußte Conſcience den Unfall, der ihn betroffen, mit allen ſeinen einzelnen Umſtänden erzählen. Der Doctor hörte ihm ſehr aufmerkſam zu; dann, als Conſcience geendigt hatte, führte er ihn an das Fenſter, zog das Angenlid empor und unterſuchte das Auge. „Ja,“ ſagte er,„ſo iſt es; das äußerſte Häutchen die Durchſichtigkeit ngeraden Weges nach chon von der Rückkehr Unfall, der ihm die ſich in ſeinem der Hornhaut iſt angegriffen worden; wurde getrübt und iſt noch getrübt; aber die Bindehaut blättert ſich allmälig ab und erzeugt ſich wieder; das Auf⸗ und Abgleiten der Angenlider wird ihr die Glätte wied ſo he Kint nung mach und Tag zu n zu v von ſich ſelte der der gute wen über wir verſ Bel daſ dieſ gek abz die in⸗ in. lle ſeit va⸗ icht rde nem ühe aus ſie nach 5 kehr ihm inem rkeit. omm zum ihn hlen. dann, das das utchen tigkeit ehat das Hlätte 251 wiedergeben, und dann, mein Junge, wirſt Du wieder ſo hell ſehen, als ſonſt.“ „Oh! wahrhaftig, mein Herr?“ riefen die zwei Kinder. „Ich ſtehe Euch dafür“ „Was iſt nun zu thun?“ fragte das Mädchen. „Das iſt ſehr einfach. Ich will Euch eine Verord⸗ nung geben, nach der der Apotheker eine auflöſende Salbe machen wird. Conſcience ſoll ſich damit am Morgen und am Abend die Augen einreiben, und in vierzehn Tagen oder drei Wochen wird er genug ſehen, um allein zu mir zu kommen und von mir eine neue Verordnung zu verlangen.“ Während der Arzt dieſe Verordnung an die Adreſſe von Herrn Pacquenot, dem Apotheker, ſchrieb, umarmten ſich die zwei Kinder, vermengten ihre Thränen und wech⸗ ſelten ſtillſchweigend einen Kuß. Es war wirklich nichts mehr zu befürchten, da der erſte Arzt gehofft, der zweite verſprochen hatte und der dritte beſtätigte. Die zwei Kinder brachten ſo raſch als möglich dieſe gute Nachricht nach Haramont zurück. Es brauchte in der That nichts Geringeres, um ein wenig die Beſorgniſſe einer andern Art zu mildern, welche über den zwei Familien zu ſchweben anfingen. Mit ſeinen neun Morgen Feld war Vater Cadet, wie wir erwähnt haben, auf dem Punkte, ſich in die Armuth verſetzt zu ſehen. Der Doctor Lecoſſe hatte allerdings nichts für die Behandlung ſeiner Krankheit nehmen wollen, aber nicht daſſelbe war bei dem Apotheker der Fall geweſen, und dieſe Krankheit hatte Vater Cadet über fünfzig Thaler gekoſtet. Als es ſich darum handelte, Conſcience in Laon abzuholen, hatte, wie wir geſehen, Vater Cadet Mariette, die es ausſchlug, ſein letztes Goldſtück angeboten. 252 Mariette hatte die Reiſe mit dem Gelde gemacht, das ihr Mauprivez, der Schlächter, gegeben. Das Goldſtück von Vater Cadet war alſo wieder in ſeinen ledernen Sack zurückgekehrt, doch nicht auf lange Zeit: es wurde mit fünf andern, dem Ertrage der Er⸗ ſparniſſe von Madeleine und Frau Marie, zu Bezahlung des Apothekers verwendet. Um fünfzig Thaler zu erreichen, hatte man ſogar noch einige Münze beifügen müſſen. Mittterweile kehrte Conſcience zurück. Die Rückkehr von Conſcience war eine große Freude für die Herzen, aber keine Erleichterung für die Börſen. Vater Cadet mußte die Tage, die er noch zu leben hatte, ſchwach bleiben; der wiedergeneſende Conſcience war noch zu keiner Arbeit fähig; den kleinen Pierre konnte man erſt in vier bis fünf Jahren als Beiſtand zählen. So fehlten dieſen zwei Familien, welche aus drei männlichen und drei weiblichen Mitgliedern beſtanden, die natürlichen Stützen, und die Frauen mußten für die Befriedigung der Bedürfniſſe Aller ſorgen. Man weiß, was im Dorfe die Arbeit von drei Frauen iſt, und was das Spinnrädchen und die Nadeln eintragen. Trotz des Verluſtes der nächſten Ernte, welcher Ver⸗ luſt durch die Lagerung der Koſaken auf ſeinem Felde ſicher war, hätte Vater Cadet leicht Hülfsmittel ge⸗ funden, aber das furchtbare Gerücht, das ſich in Betreff der Güter der Emigranten verbreitete, verwickelte noch die Lage. Man wußte überdies, daß Vater Cadet auf ſeine Felder ſechzehnhundert Franken ſchuldete, was, wenn die neun Morgen einen Werth von zwölf⸗ bis vierzehntauſend Franken hatten, Nichts war, aber eine ungehenre Summe, wenn man nicht mehr wußte, ob dieſe neun Morgen nur einen Werth von ſechzehnhundert Franken hatten⸗ tung ſich erbie würt ſo v Par ten pen Biv mon frie drüe von entſ von Lue Gel noc Hee ſtre Va Ma zw nat vor leben tience ierre ſtand drei uden, ir die drei kadeln Ver⸗ Felde l ge⸗ getreff noch ſeine nn die auſend umme, en nur 253 Niemand machte alſo Vater Cadet Dienſtanerbie⸗ tungen, nicht einmal der Nachbar Matthien, der, da er ſich in einer ungefähr ähnlichen Lage befand, ſeine An⸗ erbietungen übrigens auch nicht hätte verwirklichen können, würde er ſolche gemacht haben. Man war darauf bedacht, aus der Lage der Dinge ſo viel Hülfsmittel zu ziehen, als ſie wohl noch bot. Die politiſchen Ereigniſſe halfen hiebei ein wenig. Am 30. Mai verkuͤndigte der Kanonendonner in Paris, der Vertrag zwiſchen Frankreich und den verbünde⸗ ten Mächten ſei unterzeichnet worden. In Folge dieſes Vertrags ſollten die fremden Trup⸗ pen das frarzöſiſche Gebiet verlaſſen. Am 15. Juni brachen dem zu Folge die Ruſſen ihren Bivouac ab und nahmen von den Bewohnern von Hara⸗ mont, von Largny und Villers⸗Cotterets zur großen Be⸗ friedigung der letzteren Abſchied. Einen Augenblick vergaß Frankreich, das ſeine be⸗ drückte Bruſt wieder frei erhob, daß es in ſeine Gränzen von 1792 zurückkehrte, ſeine Oberherrſchaft der Welt ſich entſchlüpfen ließ und, im mittelländiſchen Meere, im Golf von Mexico, im indiſchen Meere, Malta, Tabago, St. Lucia, Jle de France, Rodrigo und die Sechelles verlor. Es fand ſeinen Boden wieder, es wurde wieder Gebieter von ſich ſelbſt, es ſollte endlich wieder ſeine noch in den Feſtungen des Norden und des Oſten, in den Heeren jenſeits der Lvire und in den Hoſpitälern zer⸗ ſtrenten Kinder ſammeln. Am Tage nach dem Aufbruch der Koſaken erklärte Vater Cadet, er wolle ſein Feld beſuchen. Der Wunſch war ſo natürlich bei dieſem armen Mann, der früher ſein Feld alle Tage, und zwar eher zweimal, als einmal beſuchte, und es nun ſeit acht Mo⸗ naten nicht mehr geſehen hatte. Lange ſchon bereitete er ſich auf dieſe große Reiſe vor, indem er jeden Tag ein paar Schritte mehr am 254⁴ Arme von Madeleine machte; doch während die Koſaken auf dieſem geliebten Boden lagerten, hatte er ſo viel als möglich ſeine Augen und ſeinen Geiſt davon fern ge⸗ halten, wie es Collatinus gethan hätte, würde Lucretia das Verbrechen von Tarquinius überlebt haben. Madeleine erbot ſich, wie gewöhnlich Vater Cadet mit ihrem Arme zu unterſtützen, aber Vater Cadet ſchlug es aus: er wollte allein die Gemüthsbewegungen erlei⸗ den, die ſeiner harrten, und ſich dabei ganz nach ſeinem Gefallen gehen laſſen. Madeleine äußerte die Befürchtung, Vater Cadet werde den weiten Weg nicht machen können, denn es handelte ſich um eine Viertelſtunde; aber Vater Cadet raffte ſich zuſammen, richtete ſich auf, durchſchritt, bei⸗ nahe ohne zu hinken, das Häuschen in ſeiner ganzen Länge und verlangte nur die Böſchung hinab geführt zu werden; das Uebrige werde ſich ſchon geben. Madeleine ſchaute ihm lange nach; als ſie aber ſah, daß er die Biegung des Weges, ohne zu wanken, er⸗ reicht hatte, verließ ſie ſich auf den energiſchen Willen des Greiſes. Dieſer ſetzte in der That ſeine Wanderung fort und erblickte bald die große, verwüſtete Ebene. Auf mehr als eine Stunde ſah man nur noch unter den Füßen der Menſchen und der Pferde zertretene Erde⸗ neberreſte von halb zerſtörten Baraken und große ſchwarze Flecke, welche die Stellen bezeichneten, wo man Feuer angezündet hatte. Das war das lebendige oder vielmehr das todte Bild der Verwüſtung. Vater Cadet ſchüttelte traurig den Kopf und ging weiter. Als er aber zu dem Orte kam, wo er ſein Gut gehabt hatte, dieſes Gut, das er einſt unter ſeinem Blicke ge⸗ deihen ſah, dieſes Gut, deſſen Gränzen er ſo leicht um⸗ faß Gu ſich ſag zwe gen der ver alt kon es gen ärg den hal bei das unt die es ma aken als ge⸗ retia adet chlug erlei⸗ inem Cadet nn es Cadet bei⸗ anzen rt zu ſah „er⸗ Willen t und unter Erde, warze Feuer todte d ging gehabt icke ge⸗ ht um⸗ 255 faßte, als er, ſagen wir, bei dem Orte war, wo ſein Gut ſein mußte, ſuchte er es vergebens. Jede Grenze war verſchwunden: nirgends mehr fand ſich eine von den Marken, welche zu dem Eigenthümer ſagte: Das gehört Dir und das Deinem Nachbar. Vater Cadet erhob die Arme zum Himmel, und zwei Thränen entſtürzten ſeinen Augen. „D mein Gott und Herr,“ murmelte der arme Mann,„muß ich am Ende meines Lebens ſolches Un⸗ gemach ſehen!“ Dann, da ihm ſeine Erinnerung ſagte, er müſſe in der Nähe ſeines Gutes ſein, verließ er den Weg und verſuchte es, unter dieſer Lage von Koth und Stroh die alten Grenzen wiederzufinden. Ein Wäldchen, das dem Nachbar Matthien gehörte, konnte ihn bei ſeiner Nachforſchung unterſtützen; aber es mußte anch die Stelle aufgefunden werden, wo es geweſen war. Das Wäldchen war umgehauen worden. Im Grunde ſeines Herzens war Vater Cadet nicht ärgerlich darüber, daß das Wäldchen nicht mehr beſtand: denn voller Geſtrüppe, diente daſſelbe früher als Aufent⸗ haltsort für eine ganze Colonie von Kaninchen, die, bei Tage in ihren Löchern, bei Nacht herauskamen und das Getreide und den Klee von Vater Cadet benaſchten. Einige Stümpfe, welche Baumſtämme geweſen waren und aus der Erde hervorſtanden, bezeichneten dem Greiſe die ehemalige Stelle des Gehölzes, und hiedurch gelang es ihm, ungefähr eine ſeiner Grenzen wiederzufinden. Er ſuchte auch die zweite auf, als er fühlte, daß man ihm ſanft auf die Schulter klopfte. Vater Cadet wandte ſich um. Es war der Mann, der an ihn ſeine zwei letzten Morgen Feld verkauft hatte und dem er ſechzehnhundert Franken ſchuldete. Ganz das Gegentheil von Vater Cadet, welcher traurig und niedergebeugt war, ſchien der Verkäufer munter und vergnügt. „Ah! guten Morgen, Vetter Maniquet und die Ge⸗ ſellſchaft,“ ſagte nach ſeiner Gewohnheit Vater Cadet, obgleich der Vetter Maniquet ganz allein war;„wie geht es?“ „Gut, ſehr gut,“ antwortete der Vetter.„Und Euch, Vater Cadet?“ „Oh! mir ſchlecht! ſehr ſchlecht,“ erwiederte der Greis. „Ei!“ verſetzte der Andere,„man ſollte glauben, Ihr wäret ein Dreißiger, und Ihr ſeht aus wie ein Bräntigam.“ Vater Cadet ſchüttelte noch trauriger als das erſte Mal den Kopf und entgegnete: „Vetter Maniquet, nur derjenige, welcher den Schuh trägt, fühlt, wo er ihn drückt.“ „Ah! ja, ich begreife, Ihr meint Eure Lähmung...“ „Das iſt es nicht, Gott ſei Dank! es iſt das Feld⸗ Vetter Maniquet, es iſt das Feld!“ Wonach Vater Cadet abermals und zwar noch ſchwermüthiger als die zwei erſten Male den Kopf ſchüttelte. „Ah! ja, das Feld, ich begreife.“ „Das heißt, Vetter Maniquet, ich ſuche meine Grenzen und finde ſie nicht, ich, der ich ſie ſonſt mit geſchloſſenen Augen gefunden hätte.“ Vh! was Eure Grenzen betrifft, da ſeid unbe⸗ ſorgt, Vater Cadet, wir werden ſie finden.“ „Wie! wir werden ſie finden! das iſt bei der Ver⸗ änderung, welche vorgegangen, ſehr ſchwierig.“ „Ah! ja, Ihr wißt, ich bin Gärtner in Vaumoiſe?“ „Ja, ich weiß das.“ „Ich verkaufte ſogar an Euch die zwei Morgen geld, die ich hier hatte, einmal, um mich dort zu ver⸗ größe Kloſt Man war welch gethe Gärt mir mein daß Dier ſie g gebiü nen, zu t gew der eine die es meh wol auf Eu und Ge⸗ det, wie Und der ben, ein erſte Schuh „ Feld, noch Kopf meine ſt mit unbe⸗ Ver⸗ oiſe?“ korgen u ver⸗ 257 größern, und dann, weil ich dieſem Felde, das von einem Kloſter herkam, nicht traute.“ Vater Cadet ſtieß einen Seufzer aus; der Vetter Maniquet hatte eine ſeiner Wunden berührt, und dieſe war nicht die am mindeſten ſchmerzhafte unter denen, welche bei ihm bluteten. „Ja,“ ſagte er,„ich glaube, Ihr habt wohl daran gethan, daß Ihr dieſes Feld veräußertet.“ „Ich glaube es auch. Ich bin alſo, wie Ihr wißt, Gärtner in Vaumoiſe, und ſo kam es, daß ich, ſobald mir die Officiere die nöthige Sicherheit gegeben hatten, meine Gemüſe im Bivouac verkaufte.“ „Ah!“ machte der Vater Cadet. „Ja, alle Tage einen Wagen voll, und da es ſcheint, daß ihnen König Ludwig XVIII. viel Geld für den Dienſt, den ſie ihm geleiſtet, gegeben hat, ſo bezahlten ſie gut, dieſe Koſaken.“ „So habt Ihr alſo bei der Invaſion nichts ein⸗ gebüßt?“ „Im Gegentheil... oh! ich habe dabei gewon⸗ nen, und ich beklage nur, daß es, ſtatt drei Monate zu dauern, nicht drei Jahre gedauert hat.“ „Es gibt Andere, für welche dies ein großes Unglück geweſen iſt, Vetter Maniquet.“ „Ah! ja, Ihr wißt wohl, Vater Cadet, das Unglück der Einen bildet oft das Glück der Andern: es gibt nur eine ſchlimme und eine gute Seite.... Euch hat ſich die ſchlimme zugekehrt, mir die gute; ein andermal wird es das Gegentheil ſein.“ „Aber,“ verſetzte Vater Cadet, der wenig Geſchmack mehr am Geſpräche des Vetters zu finden ſchien,„wie wollt Ihr mir mit Allem dem meine Grenzen wieder auffinden helfen?“ „Das wird leicht ſein.... Ich kam alſo, wie ich Euch ſagte, alle Tage hierher, und da ich vermuthete, Gott und Teufel. II. 17 258 was geſchehen würde, ſo brachte ich einmal auf meinem Wagen ein Dutzend ge ſchnittene Pfähle mit, und ich ſagte zu den Koſaken:„Merkt nicht auf mich, Ihr ſeid auf meinem Felde gelagert, und ſo lange die Grenzen noch ſichtbar ſind, will ich ſie bezeichnen.““„„Ah! ja,““ erwiederten dieſe Herren,„„das iſt nur zu billig.“ Und ſie ließen mich meine Pfähle ſtecken, ſo daß wir vermittelſt dieſer Vorſichtsmaßregel unſere Grenzen wiederfinden werden.“ Das Fürwort unſer beunruhigte den Vater Cadet ſehr; er ſchaute ſeinen Vetter von der Seite an, und da er klar ſehen wollte, ſo ſagte er: „Ihr ſeid wahrhaftig ſehr gnt, Vetter, daß Ihr ſo für meine Intereſſen ſorgtet.“ Ah! Ihr begreift,“ verſetzte Maniquet mit einer Geberde voll Feinheit,„Eure Intereſſen ſind ein weuig die meinigen geworden, Vater Cadet.“ „Wie ſo?“ fragte der gute Greis, deſſen Wangen eine leichte Röthe überzog. „Allerdings. Ihr habt noch zwei Zahlungen an mich zu machen, nicht wahr?“ Ja.“ „Zwei Zahlungen, jede von achthundert Franken.“ „Jede von achthundert Franken, ſo iſt es.“ Fine an Martini dieſes Jahrs, die andere an Martini des nächſten Jahrs.“ „Ihr wißt das gut auswendig, Vetter Maniquet.“ „Oh! ich bin ein Mann von Ordnung.“ „Aber vor dem Ziele iſt Niemand ſchuldig zu be⸗ zahlen,“ bemerkte ſchüchtern Vater Cadet. „Wartet doch Ich habe mir alſo geſagt: Das Unglück laſtet auf Vater Cadet; es hat ihn ein Schlaganfall getroffen; ſein Enkel Conſcience iſt blind geworden, die Koſaken haben auf ſeinem Felde gelagert und ihm die Ernte des Jahres geraubt.“ „Nun, und dann, Vetter?“ fallz fort, Pfer er c mar gen iſt, Ich Ter neit der rech St we nö ner ge auf noch 2 Und ttelſt nden Ladet und einer wenig angen n an en.“ re an iquet.“ zu be⸗ geſagt: ein t blind elagert „Dann?“ „Ja.“ „Ei! ich ſagte mir, es iſt möglich, daß er zur Ver⸗ fallzeit nicht bezahlen kann.“ Vater Cadet erſtickte einen Seufßzer. „Achthundert Franken,“ fuhr der Vetter Maniquet fort,„das findet ſich nicht immer unter dem Hufe eines Pferdes, beſonders eines Koſakenpferdes. Wenn er alſo nicht im Stande iſt, mich zu bezahlen, ſo wird man das wohl auf eine andere Art in Ordnung brin⸗ gen können..„ „Ah!“ rief Vater Cadet,„da das Pfand gut iſt, ſo wird man mir wohl Friſt bewilligen, nicht wahr?“ „Oh! nein, Vater, nein, verlaßt Euch nicht hierauf. Ich habe auch gekauft und, um zu bezahlen, gerade die Termine gewählt, wo ich zu empfangen hatte... Oh! nein, Vater Cadet, nein, ich mußte auf Euch rechnen, der Ihr immer pünktlich bezahltet, wie man auf mich rechnet; richtet Euch alſo ein, das iſt Enre Sache.“ „Es iſt gut,“ ſprach Vater Cadet mit erſtickter Stimme. „Ich dachte nun ſo,“ fuhr der Vetter fort:„Wenn Vater Cadet, der auf die Ernte von dieſem Jahre keine Rechnung machen kann, da ſie zerſtört iſt, wenn Vater Cadet in Verlegenheit iſt und nicht bezahlt, ſo werde ich als Hypothekargläubiger, denn Ihr wißt, ich habe die erſte Hypothek bei Euch, Vater Cadet?“ „Ei! mein Gott, ja ich weiß es. „Wenn alſo Vater Cadet mich nicht bezahlt, ſo werde ich, obgleich es mich Ueberwindung koſtet, ge⸗ nöthigt ſein, ſein Feld verkaufen zu laſſen.“ Vater Cadet ſchloß die Augen und verſchluckte ſei⸗ nen Speichel wie ein Menſch, der den Strick um den Hals hat. Der Vetter Maniquet fuhr mit ſeiner Wucherer⸗ gemeinheit fort: 260 „Da nun das Feld an Werth verloren hat, weil alle dieſe Dummköpfe glauben, man werde den Adeligen und den Pfaffen ihre Güter zurückgeben, ſo werde ich es um Nichts oder um eine Kleinigkeit, um ein Stück Brod bekommen, und dann iſt es nicht übel, wenn ich für jeden Fall unſere Grenzen abſtecke.... darum habe ich meine Pfähle eingeſchlagen.“ Nach der Grimaſſe, die der Greis machte, hätte man glauben ſollen, einer von dieſen Pfählen dringe in ſeine Bruſt ein. „Ihr könnt alſo ruhig ſein, Vater Cadet,“ fügte Maniquet hinzu,„man wird unſer Feld nicht mit dem elde des Nachbars verwechſeln, und wir werden es in einem Jahr beſſer wiederfinden, als es je geweſen iſt, denn ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß all dieſes Stroh, all dieſe Aſche, all dieſer Pferdemiſt einen vor⸗ trefflichen Dünger gibt..Oh! es hatte ein Jahr Brache und ein wenig Dünger nöthig, unſer armes Feld! Ihr habt es zu ſehr angeſtrengt, das müßt Ihr geſtehen, Vater Cadek.... Nun, was habt Ihr denn? iſt Euch unwohl?“ fragte der Vetter Maniquet; und er ſtreckte die Arme gegen den wankenden Greis aus, aber dieſer machte eine gewaltige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, ſchob den Vetter zurück und ſagte: „Es iſt gut, ich danke Euch, Vetter Maniquet! Es iſt mir lieb, daß Ihr mich von Euren Abſichten unter⸗ richtet habt... Ihr kennt das Sprüchwort: Ein Ge⸗ warnter kann es mit Zweien aufnehmen.“ „Ihr werdet alſo an Martini bezahlen?... deſto beſſer!“ „Ich ſage das nicht, Vetter.“ „Ihr werdet alſo nicht bezahlen?“ „Ich ſage das ebenſo wenig.“ „Was ſagt Ihr denn?“ „Ich ſage wir werden ſehen.“ Man weiß, daß dies das Sprüchwort von Vater Cadet war. lerw wied der Dor ein Lou für ihn zen Ein wie ſich rin aut an der n iſt, ieſes vor⸗ Jahr rmes t Ihr en nd er aber ſelbſt, Es unter⸗ Ge⸗ deſto Vater 261 „Nnn, ſo ſeht,“ ſprach der Vetter Maniguet,„mitt⸗ lerweile will ich immerhin die Grenzen unſeres Feldes wiederherſtellen. Gott befohlen, Vater Cadet.“ „Guten Tag, Vetter, und die Geſellſchaft,“ ſagte der Greis. Und den Tod im Herzen, wanderte er nach dem Dorfe zurück und murmelte leiſe: „O mein Herr und Gott, es fehlt ſonſt nichts mehr; ein ſo ſchönes Feld, das mich über vierhundert gute Louis d'or gekoſtet hat, würde dieſer Schuft Maniquet für ein Stück Brod bekommen!“ Und er fügte noch leiſer bei: „Oh! das wird nicht geſchehen... Ich würde ihn eher mit der Hand, die mir bleibt, erwürgen!“ Alle verzweifeln, nur Conſcienre nicht. Als er nach Hanſe kam, fand Vater Cadet den gau⸗ zen Zwiſchenraum zwiſchen den zwei Hütten von der Einwohnerſchaft von Haramont beſetzt. Sie hatte ſich um Baſtien verſammelt, der im Dorfe wieder erſchienen war, mit zwei Säbelhieben im Ge⸗ ſichte, die man früher nicht an ihm gekannt, was Cathe⸗ rine nicht abgehalten, Freudenſchreie bei ſeinem Anblick auszuſtoßen. Einer von dieſen Säbelhieben war der, welchen wir an ihm bei ſeinem Zuſammentreffen mit Mariette vor der Thüre des Hoſpitals in Laon geſehen haben. Den zweiten hatte er von dem Küraſſier erhalten. Baſtien hatte, wie wir erwähnt, Mariette, als er —— — 262 ſich von ihr trennte, verſichert, ſie könne vollkommen ruhig ſein, da er ſich einen gewiſſen Geſichtshieb, der ihm unfehlbar dünkte, ausgedacht habe. Unglücklicher Weiſe hegen zwei Perſonen manchmal zu gleicher Zeit einen und denſelben Gedanken der Kü⸗ raſſier aber hatte denſelben Gedanken gehabt, wie Baſtien, und da nun der Küraſſier raſcher zu Werke ging, ſo er⸗ hielt Baſtien den Geſichtshieb, ſtatt ihn zu geben. Sein erſter Beſuch galt Conſcience; er eilte in Be⸗ gleitung des ganzen Dorfes herbei, um ſeinen Hoſpital⸗ gefährten zu beſuchen und zu ſehen, wie es mit ſeinen Augen gehe. Mit den Augen von Conſcience ging es bekanntlich ſo gut als möglich. Leider bewies das, was zwiſchen Vater Cadet und dem Vetter Maniquet vorgefallen war, daß es nicht bei Allem ſo gut ging, als bei den Angen von Conſcience. Vater Cadet hatte nur eine Hoffnung: Meiſter Nignet, der beſonders eine Kundſchaft vo Reutiers hau werde auf eine zweite Hypothek die Summe finden, welche Vater Cadet an ſeinen Verkäufer bezahlen mußte. Die Sache war um ſo eher möglich, als, wenn er den Vetter Maniquet bezahlt hatte, die zweite Hypothek die erſte wurde. Da nun am andern Tag Mariette, den Abzug der Ruſſen benützend, ihre Wanderungen nach Villers⸗Cotte⸗ rets wieder zu beginnen und dort den beſtmöglichen Vortheil aus der Milch, welche immer in Ueberfluß die ſchwarze Kuh gab, zu ziehen gedachte, ſo wurde verab⸗ redet, daß Vater Cadet auf Pierrot geſetzt werden und ſich zu Meiſter NRiguet begeben ſollte, um die Unter⸗ handlung zu verſuchen. Am andern Tage gingen die zwei jungen Leute und der Greis mit einander ab; Bernhard zog wie gewöhn⸗ lich das Wägelchen, Pierrot trug den Vater Cadet. Mariette würde alle ihre alten Kunden wieder be⸗ — komm ſie Y welch gab ſchon bevor zu m Vate ſcien ſeine an ſelbe vaſic geſte ein der men Nigt won rath doch ſie nach riett Lecr licht nur richt lan hat und ten der nal dü⸗ ien, er⸗ Be⸗ tal⸗ inen tlich ſchen war, ugen eiſter atte, iden, ußte. in er othe gder otte⸗ lichen ß die erab⸗ n und Unter⸗ te und wöhn⸗ t. er be⸗ 263 fommen und wohl auch neue dazu gefunden haben, hätte ſie Milch in hinreichender Quantität gehabt, um Alle, welche begehrten, zu befriedigen; aber die ſchwarze Kuh gab nur zwei Maß, das heißt, für ſechzehn Sous, was ſchon ungehener war. Mariette ſah ſich genöthigt, zu bevorzugen und durch dieſe Bevorzugung Eiferſüchtige zu machen. Während ſie in der Stadt umherging, begab ſich Vater Cadet, geführt von Conſcience oder vielmehr Con⸗ ſcience führend, denn der junge Mann hatte immer noch ſeinen grünen Schirm auf den Augen, zu Meiſter Niguet. Er fand den würdigen Notar in ſeiner Schreibſtube, an demſelben Platz, in demſelben Lehnſtuhl, mit den⸗ ſelben Schreibern. Ein Thron war gefallen, eine In⸗ vaſion hatte ſtattgefunden, eine Dynaſtie war wiederher⸗ geſtellt worden, ohne daß dieſe merkwürdigen Ereigniſſe ein einziges Körnchen von dem ehrwürdigen Staube, der die Acten des wackern Notars bedeckte, weggenom⸗ men hatte. Conſcience blieb im erſten Zimmer, wo ſich Frau Niguet befand, der er alle ſeine Abenthener erzählte, wonach die würdige Frau in dem Beſuche einen Hei⸗ rathsvertrag erblickte, den Meiſter Niguet machen ſollte; doch Conſcience nahm es ziemlich traurig anf, als ſie dies gegen ihn ausſprach. Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde er in ein paar Monaten ärmer ſein als Ma⸗ riette. Gingen aber die Vorherſehungen des Doctor Lecoſſe nicht in Erfüllung, ſtellte ſich bei ihm das Augen⸗ licht nicht wieder her, ſo brachte er dem Mädchen nicht nur einen blinden, ſondern auch einen zu Grunde ge⸗ richteten Mann. Während Conſcience Fran Rignet, wie ſie es ver⸗ langte, erzählte und dieſe, welche für alle Dinge Mittel hatte, die Verordnung des Doctor Lecoſſe mißbilligte und ihm eine nach ihrer Art machte, ſetzte Vater 264 Cadet Meiſter Niguet die Angelegenheit, die ihn in ſeine Schreibſtube führte, auseinander. Meiſter Nignet hörte ihm mit der größten Auf⸗ merkſamkeit zu, ſchüttelte dabei aber von Zeit zu Zeit den Kopf. Vater Cadet ſah dieſe ſtillſchweigenden Verneinungen ⁰ und ſagte: „Iſt das, was ich von Ihnen verlange, unmöglich, Meiſter Niguet?“ „Unmöglich, nein, aber ſchwierig, ja.... Ihr könnt Euch nicht denken, wie ſcheu das Geld iſt, Vater Cadet, und man ſagt verteufelte Dinge über die Pläne von König Ludwig XVIII. in Betreff der Güter der Emigtanten und beſonders der Güter der Kirche.“ „Sie glauben alſo, ich müſſe ein Anlehen als un⸗ möglich betrachten, Meiſter Niguet?“ „Ich ſage das nicht... Ich werde ſehen, ich werde fuchen, aber ich verſpreche nichts.“ Vater Cadet ſchüttelte auch den Kopf. „Ah!“ ſagte er,„der Andere nahm uns unſere Kinder und gab ſie uns ohne Augen, ohne Arme oder Beine zurück, zuweilen gab er ſie uns auch gar nicht zurück, aber er ließ uns doch wenigſtens unſere Felder!“ „Vater Cadet! Vater Cadet!“ rief der Notar, „ſolltet Ihr zufällig Bonapartiſt ſein? Dann würde ich Euch bitten, ſo werth mir Eure Kundſchaft iſt, ſie an Meiſter Meneſſo, oder an Meiſter Lebaigue zu übertragen; ich, was mich betrifft, ich beſorge nur die der getreuen Unterthanen Seiner Ma⸗ jeſtät.“ „O Herr Niguet, entſchuldigen Sie mich, wenn ich ein ſchlimmes Wort geſagt habe.... Ich bin weder gegen den Andern, noch gegen Dieſen: ich bin nur für mein Feld, und wer mir mein Feld läßt, wird mein König ſein, er wird mehr als mein König, er wird mein Gott ſein, da er mir und meiner Familie zu eſſen gibt.“ 265 eine PVater Cadet ſtand auf und ging beinahe ebenſo wankend als das letzte Mal, da er die Schreibſtube Auf⸗ verließ, nach der Thüre, wobei er den Kopf ſchüttelte Zeit und murmelte: „Ich ſoll nicht ſechzehnhundert Livres auf ein Gut ngen geliehen bekommen, das zwölftauſend Franken wie einen Liard werth iſt!.... Gott befohlen! Meiſter Niguet lich⸗ und die Geſellſchaft.... Komm, Conſeience!“ 6 Conſcience konute den Vater Cadet noch nicht ſehen, Ihr aber an dem Tone ſeiner Stimme, welche mehr als zater gewöhnlich zitterte, erkannte er, daß der Greis bei ſeiner läne Zuſammenkunft mit dem Notar nichts Wunderbares zu der Stande gebracht hatte. 2 Man fand Mariette und Bernhard auf der grünen un⸗ Wieſe des Parkes wartend. Mariette war glücklicher geweſen: es blieb ihr nicht ein Tropfen von ihrer Milch ich mehr übrig. Es war ein Glück, daß man dieſe Ouelle geſichert fühlte, aber mit ſechzehn Sous täglich, mit denen Ma⸗ nſere riette vor Allem ihre Nahrung und die ihrer Mutter oder beſtreiten mußte, war es nicht wahrſcheinlich, daß das nicht Mädchen, ſo ſparſam es auch ſein mochte, die unglück⸗ der!“ liche Summe von achthundert Franken erübrigen konnte, otar, welcher Vater Cadet am nächſten Martini bedurſte. Dann In jeder andern Zeit hätte man dieſen Dienſt vom ſchaft Nachdar Mathien verlangen können, und man weiß, wie aine wohlwollend, unter ſeiner ein wenig rauhen Rinde, er urdie war; aber die Hälſte der Felder von Nachbar Mathien Ma⸗ beſtand auch aus Gütern von Adeligen oder von der Kirche. Dabei hatten die Ruſſen, wie auf dem Felde nn ich von Vater Cadet, ſo auch auf den Feldern von Nachbar weder Mathien bivaquirt. Man durfte nicht darauf rechnen, ur für es werde in dem unglücklichen Jahre 1814 ein einziger König Grashalm auf den achtzig Morgen von Nachbar Ma⸗ 1Gott thien wachſen. Hatte dieſer baares Geld, ſo würde er 266 es kraft des traurigen Axioms:„Man iſt ſich ſelbſt der Nächſte,“ wahrſcheinlich behalten. Aber er hatte wahrſcheinlich kein Geld, denn man ſagte in Haramont,— in einem kleinen Dorfe von hun⸗ dert Häuſern weiß man Alles,— man ſagte, Nachbar Mathien habe drei Tage vor Vater Cadet, in derſelben Abſicht wie dieſer, einen Beſuch bei Meiſter Niguet ge⸗ macht, und es ſei ihm nicht beſſer geglückt. Zu einer andern Zeit hätte Baſtien ein Hülfsmittel bieten können, denn der Huſar war, allen Gutherzigen ähnlich, als er den jungen Mann beſſer kennen gelernt, von einem Extrem zum andern, von etwas, was dem Haſſe glich, zu etwas, was mehr als Ergebenheit war, übergegangen,— man hätte ein Hülfsmittel bei Baſtien finden können, der, auf den weißen Wein am Morgen und auf das Kegelſpiel am Abend verzichtend, von ſei⸗ nen zweihundert und fünfzig Franken Ordensgehalt und ſeinen vierhundert Franken Penſion leicht fünfzig Fran⸗ ken monatlich erſpart haben würde, da er vom Nachbar Mathien genährt wurde, bei dem er wieder die Ober⸗ aufſicht über die Pferde übernommen hatte. Leider aber war die Perſon von Baſtien beinahe eben ſo verrufen, als das Gut von Pater Cadet und die Güter von Nachbar Mathieu. Baſtien war ſeit der Rückkehr der Bourbonen ein Räuber, ein Bonapartiſt, ein Spießgeſell des Wehrwolfs geworden. Dem zu Folge hatte die Regierung, da jede ehrliche, auf dem göttlichen Rechte und den fremden Bajonetten beruhende Regierung einem ſolchen Menſchen durchaus nichts ſchuldig iſt, aufgehört, ſich als Schuldnerin von Baſtien zu betrachten, und da ſie ſich nicht mehr als ſeine Schuldnerin betrachtete, ſo bezahlte ſie ihm weder mehr ſeinen Ordensgehalt, noch ſeine Penſion, was Baſtien ſehr in Verlegenheit brachte, denn zur Zeit ſeines Wohlſtands war es ihm nie ein⸗ gefallen, das Geringſte zu erſparen. Was Jylienne betrifft, ſo haben wir geſ ehen, wie ihr H ihre. zu kö war gewe zutre und gewo in d und ſam, nicht ziger wäre gewe eſſen Lan riett die dem lang chen noch fron lig Ein lief ter wat den der nan un⸗ bar en ge⸗ ittel igen rnt, dem war, ſtien rgen ſei⸗ und ran⸗ hbar Ober⸗ aber ufen, von r der geſell te die Rechte einem hört, nd da , ſo noch achte, e ein⸗ „wie 267 ihr Haus abbrannte, und wir wiſſen, daß die Koſaken ihre Kühe verzehrten. Weit entfernt, demjenigen helfen zu können, welcher ihr Kind und ihr Vieh gerettet hatte, war ſie, ſelbſt beinahe in Armuth verſunken, genöthigt geweſen, als Wirthſchaf zutreten. Man dachte wohl einen Angenblick daran, Pierrot und Langſam zu verkaufen, aber Pierrot war ſehr alt geworden, ſeine Halsſtarrigkeit war auf drei Meilen in der Runde bekannt und that ihm als moraliſchem und als phyſiſchem Werthe großen Eintrag; aber Lang⸗ ſam, obwohl noch gut, um den Pflug zu ziehen, war nicht einmal mehr zum Schlachten tauglich. Die ein⸗ zigen Zähne, welche Langſam hätten anbeißen können, wären die der Koſaken vom Don oder von der Wolga geweſen, welche ihre vor Alter geſtorbenen Pferde zr eſſen gewohnt ſind.- Man hätte nicht fünfzig Franken für Pierrot und Langſam mit einander bekommen. Ueberdies widerſetzte ſich Conſciente, der mit Ma⸗ riette allein nicht verzweifelte,— die jungen Herzen ſind die Pfeiler des Glaubens!— Conſcience widerſetzte ſich dem Verkaufe von Pierrot und Langſam. Er hatte lange mit jedem von ihnen bei ſeiner Rückkehr geſpro⸗ chen und ſich in ihrem Namen für die Dienſte, die ſie noch leiſten konnten, verbürgt. Conſciente war übrigens das erhabene Bild jenes frommen Glaubens, den er in ſeinem Herzen trug. Völ⸗ lig entmuthigt, antwortete Vater Cadet auf alle ſeine Einwendungen nur durch ein verzweifeltes Achſelzucken. Obgleich das Gut von Vater Cadet große Gefahr lief, ſeinen Händen zu entſchlüpfen, um in die von Vet⸗ ter Maniquet überzugehen, wollte Conſcience doch nichts, was die Unterhaltung dieſes Gutes betraf, vernachläſſigen. Er ſpannte dem zu Folge Pierrot und Langſam an den Pflug, und belebt durch ſeinen Geſang, der nur terin im Pachthofe Bonneuil ein⸗ 268 trauriger geworden, als er früher war, fanden Pierrot und Langſam die ganze Stärke und den ganzen Eifer ihrer beſſeren Zeit wieder und zogen fruchtbare Furchen in den Schooß unſerer gemeinſchaftlichen Mutter. Am Ende des zweiten Tages kam er nach Hauſe zurück und ſagte: „Großvater, das Feld iſt beſtellt.“ „Guti“ erwiederte Vater Cadet;„aber wer wird uns Frucht geben, um einzuſäen?“ „Hiefür wir Gott ſorgen,“ antwortete Conſcience ruhig. „Ja,“ ſagte traurig Vater Cadet,„angenommel, Gott gibt uns im Monat October die Frucht, um das Feld einzuſäen,— im November müſſen wir dem Vetter Maniguet achthundert Franken bezahlen. Wer wird uns dieſe achthundert Franken geben? Auch Gott?“ „Warum nicht?“ verſetzte Conſtience mit ſeiner er⸗ habenen Naivetät. Vater Cadet, ein alter Ungläubiger, ſchüttelte tran⸗ rig den Kopf. Aber am Anfang des Monats October ſuchte Ehrlich; er ſpannte Pierrot an das Wägelchen, fuhr bei allen Gutsbeſitzern der Gegend umher und ſagte mit ſeinem reizenden, ſo ſchwermüthigen Lächeln zu je⸗ dem von ihnen: „Habt Ihr ein wenig Frucht zu viel für Eure Felder, ſo gebt es mir, daß ich das Feld von Vater Cadet einſäen kann. Gott wird Euch das Bischen Frucht, das Ihr mir gebt, dadurch wiedererſtatten, daß er das Gewitter von Eurem grünen Getreide und die Vögel von Eurer reifen Ernte fern hält.“ Und Jeder gab Conſcience nicht nur die Frucht, die er zu viel beſaß, ſondern auch einen Theil von der, die er nöthig hatte. Geld ſchlägt wohl ein Feldnachbar dem andern ab, aber nicht Frucht. Derjenige, welcher einem Armen zwei Liards ver⸗ weige Sout zurüt die z daß mel Geb Geſi Geb wun goſſ Gut gelie er e zum und Felt acht tini, beze Far ſäte bei auf riet Wu der ſchi ich rrot ifer chen auſe wird ience men, das etter uns er⸗ tran⸗ tober lchen, ſagte zu je⸗ Eure Vater ischen daß id die t, die r, die dem s ver⸗ 269 weigert, nimmt ein Meſſer und ſchneidet ihm für zwei Sous Brod vom Familienlaibe ab. Conſciente kam am Abend mit drei Säcken Korn zurück. Das war ein wenig mehr, als er brauchte, um die zwölf Morgen Feld von Vater Cadet einzuſäen. Vater Cadet war ſo erſtaunt über dieſes Reſultat, daß er zum Zeichen des Dankes ſeine Arme zum Him⸗ mel erhob, was er ſechs Monate vorher nur bei einer Geberde der Verzweiflung hatte thun können. Und an demſelben Abend fühlte Conſcience ſein Geſicht ſo geſtärkt, daß er, ohne etwas zu ſagen, das Gebetbuch von Madeleine nahm und zur großen Ver⸗ wunderung der drei Frauen, welche Freudenthränen ver⸗ goſſen, lant folgendes Dankgebet las: „Was könnte ich dem Herrn geben für all das Gute, das ich von ihm empfangen habe? Er hat mich geliebt und ſich aus Liebe zu mir in den Tod gegeben; er erfüllt mich hienieden mit Gnade und bereitet mich zum ewigen Leben. O meine Seele, preiſe den Herrn! und Alles, was in mir iſt, ſegne ſeinen heiligen Namen!“ Schon am andern Tage fing Conſcience an das Feld von Vater Cadet einzuſäen, als hätte dieſer nicht acht Tage ſpäter, nämlich am 11. November, an Mar⸗ tini, die furchtbare Summe von achthundert Franken zu bezahlen gehabt, was das über dem Haupte der armen Familie hängende Schwert des Damokles war. Nur empfing Conſcience, während er das Feld ein⸗ ſäte, mehrere Beſuche von Vetter Manigquet, welcher ihn bei dieſer lobenswerthen Beſchäftigung mit einem Tone aufmunterte, der bald Beſorgniß, bald Spott ver⸗ rieth, je nachdem die Heiterkeit des jungen Maunes den Wucherer erſchreckte, oder die wohlbekannte Dürftigkeit der Familie ihn beruhigte. Das verhängnißvolle Ziel des 11. November er⸗ ſchien; Meiſter Niguet hatte weder ſchriftlich, noch münd⸗ lich Nachricht von ſich gegeben. Die Bangigkeit war beim Schuldner und beim Gläubiger; der Schuldner hatte den Kummer, nicht bezahlen zu können; der Gläu⸗ biger befürchtete, bezahlt Der Tag des elften verging, ohne daß Vater Cadet ein einziges Wort ſprach. Er war ſo ſehr überzengt, jedes Hülfsmittel ſei ihm keine Weiſe verſuchte, ſich ſchaffen. Alle andere Perſone 270 indeſſen ſicherlich gleich groß hat ſcien. zu werden. fragt natü abgeſchnitten, daß er es auf den die unfindbare Summe zu ver⸗ n der Familie ſchwiegen wie Vater Cadet; alle Geiſter waren nach einem Ziele ge⸗ K ſpannt, und ihre Beklommenheit faßte ſich in denſelben Worten zuſammen, welch e Jeder leiſe murmelte: „Wenn uns Gott nicht zu Hülfe kommt, ſo ſind dert wir verloren.“ Es kam die Nacht; allgemein; Conſcience a die Schlafloſigkeit war beinahe Con llein vielleicht ſchlief mit ſeiner S jugendlichen, gläubigen Ruhe. Pier um Am Morgen des zwölften ging er bei Tagesanbruch von Hauſe weg, um das Feld zu eggen. Als er aus dem Dorfe trat, begegnete er dem Vet⸗ ſej ter Maniquet. „Ei! guten Morgen, Conſcience, mein Junge,“ joſor e ſ 2 ſagte dieſer,„wohin gehſt Du ſo frühe? frag „Und Ihr, Vetter?“ fragte Conſcience. „Oh! ich, ich gehe e.“ „Und ich, ich gehe in die Stadt, wo ich Geſchäfte auf's Feld.“ »Ah! was das Feld betrifft.... Du weißt ⸗ Junge?“ ibe „Was?“ 4 „Vater Cadet ſollte mir geſtern meine achthundert. Franken bezahlen„ 1 „Ja, ich weiß das.“ ſpo „Er hat aber nich bar bei einem ſo pünktlichen Mann.“ t bezahlt.. das iſt wunder⸗ Ve Froß dner läu⸗ adet engt, auf ver⸗ wie ege⸗ elben ſind inahe ſeiner bruch Vet⸗ unge,“ ſchäfte weißt hundert vunder⸗ 271 „Wenn er nicht bezahlt hat, Vetter Manigquet, ſo hat er ſicher nicht bezahlen können,“ erwiederte Con⸗ ſcience freundlich. „Ja, doch wird er heute oder morgen bezahlen?“ fragte der Vetter Maniquet mit einer Unruhe, die ihm natürlich dieſe Ruhe von Conſcience einflößte. „Ich glaube nicht, daß er das kann,“ antwortete der junge Mann. „Wie! Du glaubſt nicht, daß er es kann?“ „Nein.“ „Doch Du weißt, daß ich ihn in Kenntniß geſetzt habe, Junge?“ „Wovon?“ „Wenn er nicht zur beſtimmten Stunde bezahle, ſo werde ich meine Rechte geltend machen.“ „Macht ſie geltend, Vetter Maniquet,“ erwiederte Conſcience mit derſelben Ruhe. Und mit einem Schnalzen der Zunge forderte er Pierrot und Langſam, welche ſtehen geblieben waren, um ihm Zeit zu laſſen, mit Vetter Maniquet zu plau⸗ dern, auf, weiter zu gehen,— eine Aufforderung, der ſie ſogleich entſprachen. Conſcience ging hinter ihnen her. „Und das hält Dich nicht ab, das Feld zu eggen?“ fragte Vetter Maniquet. „Was?“ „Das, was ich Dir ſo eben geſagt habe.“ „Durchaus nicht, Vetter; das Feld muß immerhin irgend Jemand gehören, mag es nun in Eure Hände übergehen, oder mag es der gute Gott geſtatten, daß es in denen von Vater Cadet bleibt: es iſt alſo Pflicht desjenigen, welcher es beſitzt, und wäre es nur für den Angenblick, das Feld in gutem Stand zu erhalten.“ „Wohl, mein Junge,“ ſprach der Vetter Maniquet ſpottend,„fahre ſo fort.... Du biſt auf einem guten Weg!“ ————— 272 „Und Ihr, Vetter, haltet ein, denn ich befürchte, Ihr ſeid auf einem ſchlechten Weg.“ „Ho! ho!“ rief der Vetter,„ſei unbeſorgt, das iſt meine Sache.“ Und er wandte ſich gegen Villers⸗Cotterets fort, während Conſcience nach dem Felde ging. Nur fand zwiſchen ihnen der Unterſchied ſtatt, daß Maniquet von Zeit zu Zeit ſtehen blieb, ſich gegen Con⸗ ſcience umdrehte, und mit ſeiner Hand über ſeine Stirne ſtrich, indeß Conſcience mit ruhigem, gleichem Schritt, ohne ſich umzuwenden, mit reiner Stirne und die Augen zum Himmel aufgeſchlagen, dahinwandelte. Die Stempelpapiere. An demſelben Tage, an welchem Conſcience, als er zum Eggen ging, dem Vetter Maniquet begegnete, ſah Vater Cadet gegen zwei Uhr Nachmittags in ſein Häus⸗ chen Meiſter Chaix, den Huiſſier*) von Villers⸗Cotterets, einen wahren Abkömmling des guten Herrn Loyal von Molidre, eintreten, welcher ihm unter vielen Verbeugun⸗ gen und einer Menge von Entſchuldigungen, wie er ſagte, ein Stempelpapierchen übergab. „Legen Sie das auf den Tiſch, Herr Chair,“ ver⸗ ſetzte Vater Cadet, den Zorn im Herzen und die Scham auf der Stirne, denn es war der erſte Huiſſier, der ſeine Schwelle überſchritten hatte. *) Gerichtspfleger. ſet!“ nichts Cade er al ſellſch ſehen pelpo ſie n ſähe Schi chte,„Ah! gut, wenn Ihr wißt, was das iſt, deſto beſ⸗ ſer!“ ſagte Meiſter Chaix;„dann brauche ich Euch von s iſt nichts zu unterrichten..... Auf Wiederſehen, Herr Cadet!“ fort, nach einer Anzahl neuer Verbengungen ging er ab. daß„Ja, auf Wiederſehen, Meiſter Chaix und die Ge⸗ Con⸗ ſellſchaft,“ murmelte Vater Cadet,„leider auf Wieder⸗ tirne ſehen, denn das iſt wahrſcheinlich nicht das letzte Stem⸗ hritt, pelpapier, das wir von Euch empfangen werden.“ lugen Madeleine ſaß in einer Ecke; Meiſter Chair hatte ſie nicht geſehen, oder ſich den Anſchein gegeben, als ſähe er ſie nicht. Sie weinte und wiſchte ſich die Thränen mit ihrer. Schürze ab. Vater Cadet ſtand auf, ging an den Tiſch, nahm das Papier und drehte es hin und her. In dieſem Angenblick trat Conſcience ein, der Pier⸗ rot und Langſam in den Stall gebracht hatte. Das Feld war geeggt. „Da,“ ſagte Vater Cadet, der ihm das geſtempelte als er Papier reichte,„da iſt ein Liebesbrief vom Veiter Ma⸗ ſah niquet; kannſt Du uus ſagen, was er ſingt?“ Häus⸗ Conſcience nahm das Papier aus den Händen von terets, Vater Cadet und las es. l von„Ja, Großvater,“ ſprach er,„es iſt eine Aufforde⸗ gun run, das Capital und die Intereſſen zu bezahlen.“ vie er„Was iſt nun zu thun?“ „Man muß eine zweite Aufforderung abwarten, „ver⸗ Großvater.“ Scham„Es wird eine zweite kommen?“ r ſeine„Allerdings.“ „Und wann dies?,“ „Wahrſcheinlich übermorgen.“ „Wer hat Dich ſo gut unterrichtet?“ Gott und Teufel. U. 18 —— 274 „Ich habe mich erkundigt, Großvater.“ „Bei wem?“ „Bei einem braven Maun, einem Huiſſier, mit dem der Vetter lange vor der Verfallzeit geſprochen hatte, daß er die Bezahlung bei Euch verfolge, der es ihm aber abgeſchlagen.“ „WVer iſt dieſer wackere Mann?“ fragte Vater Cadet, ganz erſtaunt, daß es einen Huiſſier gebe, welcher ſich weigere, einen Schuldner zu verfolgen. „Meiſter Demay.“ „Ah! es iſt wahr,“ ſagte ſeufzend der Großvater, „das war ein Freund des armen Guillaume.... Du meinſt alſo, man müſſe warten?“ „Ja, Großvater.“ Man wartete. Richts iſt ſo pünktlich als ein Stempelpapier. Das, welches man erwartete, kam zu ſeiner Stunde. Es war eine wiederholte Aufforderung, durch welche dem Vater Cadet, immer durch den Dienſt von Meiſter Chair, bezeichnet wurde, er habe innerhalb vierundzwan⸗ zig Stunden zu bezahlen, ſonſt werde zur gerichtlichen Verfolgung, zur Verurtheilung, zur Veräußerung u. ſ. w. geſchritten werden. „Hörſt Du, Junge?“ ſagte Vater Cadet erſchrocken. „Ja, Großvater,“ antwortete Conſcience mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe. „Eine Aufforderung, innerhalb vierundzwanzig Stunden zu bezahlen.“ „Das iſt eine Rechtsformel, über die Ihr nicht er⸗ ſchrecken dürft, Großvater. Es iſt Euch eine Friſt von dreißig Tagen verſtattet.“ „Wie unterrichtet biſt Du, Conſtience!“ rief Vater Cadet ganz verwundert. „Ja, Großvater, durch Meiſter Demay bin ich ſo unterrichtet.“ Ihr obgle hatte Alter zwei aufne Beſch weig wird zu ſu ter 2 noch er b und in G die Du dem atte, ihm det, lcher ater, Du Das, elche eiſter wan⸗ lichen ſ. w. ocken. ſeiner anzig ht er⸗ ſt von Vater ich ſo 275 „Und was thun wir nach dieſen dreißig Tagen?“ „Meiſter Demay wird es uns ſagen.“ „Laßt das Kind machen,“ ſprach Madeleine;„ſeht Ihr nicht, daß Gott mit ihm iſt?“ Madeleine nannte Conſcience immer das Kind, obgleich er beinahe zwanzig Jahre alt war; doch ſie haite Recht, denn was das Kind macht, iſt nicht das Alter, ſondern die Einfalt des Herzens. Man wartete alſo. Am 15. December fand ſich Meiſter Chair mit zwei Gehülfen ein. Er wollte ein Protocoll für den Arreſt aufnehmen und begab ſich an Ort und Stelle, um eine Beſchreibung der Grundſtücke abzufaſſen. Vater Cadet weigerte ſich, ihn zu begleiten; Conſeience erbot ſich hiezu. „Unnöthig,“ ſagte Vater Cadet;„ſei ruhig, er wird Jemand auf dem Platze finden.“ „Wen, Großvater?“ „Den Vetter Maniquet.“ Meiſter Chair war alſo genöthigt, das Feld allein zu ſuchen; doch er ſuchte nicht lange. Als ſich der Vet⸗ ter Maniquet überzeugt hatte, daß weder Conſcience, noch Vater Cadet die Gerichtsboten begleiteten, erſchien er bezeichnete Herrn Chaix die Marken des Feldes, und erklärte ihm, was er ſonſt noch zu wiſſen brauchte. Hinter dem Huiſſier ſchlich Baſtien in das Häuschen. „He! Conſtience, komm ein wenig hierher, ich muß in Geſchäften mit Dir reden.“ Conſcience ging lächelnd auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Ich habe einen Gedanken,“ fuhr Baſtien fort. „Laß hören.“ „Wir wollen jeder unſern Säbel nehmen.... Du haſt hoffentlich den Deinen noch?“ „Ja.“ „Wir legen uns im Walde in den Hinterhalt.“ „Wozu?“ 276 „Um ſie dort zu erwarten.“ „Wen?“ „Eil! die Gerichtsboten!.. Und dann geben wir ihnen eine Schmiere, daß der Teufel ſeine Freude daran haben ſoll.... Das wird ein Vergnügen ſein, wie man beim Regimente ſagte⸗“ „Stille, mein lieber Baſtien,“ „Man ſoll Dich dergleichen nicht einmal das hieße uns Beide zu Grunde richten, ſchon unglücklich genug.“ „Ei! das Gewitter,“ rief Baſtien,„dieſe Schufte haben mir meinen Ordensgehalt genommen und meine Penſion geſtrichen.“ Und er machte eine drohende Geberde, Ajar erinnerte, als er die Götter ſchmähte. er fort: „Wenn ſich je wieder eine Gelegenheit bietet, ſie dahin zu ſchicken, woher ſie gekommen, ah! an dieſem Tag wird es ein Vergnügen ſein. Jedenfalls auf Wie⸗ derſehen, Conſcience, und wenn Du meiner bedarfſt, er⸗ innere Dich, daß wir Freunde auf Leben und Tod ſind.“ Baſtien ging weg und murmelte: „Oh! die Huiſſiers! oh! die Bourbonen! ich frage doch, wozu das auf der Welt taugt, wenn nicht etwa, um ehrliche Leute raſend zu machen.“ Zwei Stunden ſpäter kam Meiſter Chair wieder durch Haramont und gab Vater Cadet eine Abſchrift vom Protocoll, in welchem der Verkauf auf ſechs Wochen, das heißt auf das Ende des Januars 1815, feſtgeſetzt war. Der Greis ließ ſich das Papier vom Anfang bis zum Ende durch Conſcience vorleſen. „Nun!“ ſagte er, als Conſcience geendigt hatte, „Du ſiehſt?“ „Ja,“ antwortete der junge Mann,„es iſt wahr⸗ verſetzte Conſcience. ſagen hören: und wir ſind welche an Dann fuhr Großvater, ich ſehe, daß der Verkauf in ſechs Wochen ſtattfinden ſoll.“ papie Sten läſe. werd Conſ Woc eine von gew fün geg hat erl un „In ſechs Wochen wird man es alſo verkaufen?“ „Nein, Großvater.“ 6„Unglücklicher, Du ſiehſt wohl, daß das Stempel⸗ i papier dies ſagt!“ „Bah! Großvater, wollte man glauben, was die ſ65 Stempelpapiere ſagen, ſo müßte man, wenn man ſie läſe, immer bange haben, gehängt oder gerädert zu ſind werden.“ „Ich rathe Dir wohl, zu ſcherzen.“ ufte„Ich ſcherze nicht ich hoffe!“ erwiederte Conſcience mit ernſtem Tone. „Du hoffſt, man werde das Feld nicht in ſechs an Wochen verkaufen?“ fuhr„Oh! ich bin deſſen ſicher.“ „Aber wie wirſt Du Dich dem widerſetzen?“ ſie„Großvater, ich gehe nach Soiſſons und ſtelle dort ieſem ſ einen Advoraten auf, der einen Einwand erheben wird.“ Wie⸗„Was iſt das, ein Einwand?“ t, er⸗„Großvater, er wird vom Gericht einen Aufſchub ind.“ von drei Monaten, und ſogar von ſechs Monaten, wegen gewiſſer Umſtände verlangen.“ frage„Aber ein Advorat von Soiſſons wird wenigſtens fünfzig Franken fordern!“ St„Er wird hundert fordern.“ wieder„Und woher ſoll ich ſie nehmen, Unglücklicher?“ ſchrift„Ich werde bemüht ſein, ſie aufzutreiben.“ ochen,„ünd wenn Du ſie gefunden und dem Advocaten t war. gegeben haſt, wenn der Advocat einen Einwand erhoben hat, wie Du ſagſt, wenn er drei Monate, ſechs Monate ng bis 8 erlangt hat.. was dann, was dann?“ hatte„Was dann?“ „Ja.“ wahr,„Broßvater, man muß nicht immer zweifeln, wie Wochen Ihr es thut.“ 8 Warum ſoll ich nicht zweifeln, wenn ich überall umherſchaue und nirgends etwas ſehe?“ 3 278 „Ei! Großvater, in jenem Winkelchen des blauen Himmels ſeht Ihr auch nichts, nicht wahr?“ Vater Cadet hielt ſeine Hand über ſeine Augen und ſchaute mit der größten Aufmerkſamkeit. „Nein, ich ſehe nichts,“ ſagte er. „Ich aber,“ ſprach Conſcience,„ich ſehe Gott!“ „Broßvater,“ ſagte Madeleine,„habt doch Ver⸗ trauen zu dem Kinde! ich wiederhole Euch, er iſt der Segen des Hauſes.“ Man wird ſich vielleicht darüber wundern, daß wir ſo lange nicht mehr von Frau Marie und von Mariette geſprochen haben. Warnm hätten wir von ihnen ſpre⸗ chen ſollen? Das Leben der zwei Frauen war ſo ſehr mit dem Leben ihrer Nachbarn vermengt, daß von dem einen erzählen auch von dem andern erzählen heißt⸗ daß, wenn wir ſagen, Madeleine habe geweint, damit zugleich geſagt iſt, Marie ſei unglücklich geweſen; daß, wenn wir fagen, Conſcience verzweifle nicht, wir damit ſagen, Mariette hoffe. Uebrigens ſchienen ſich die zwei armen Kinder um ſo mehr zu lieben, je mehr ihr Elend zunahm. Sie ſtützten ſich auf einander, um dem Unglück beſſer zu wi⸗ derſtehen. Man erinnert ſich, daß auf das Ende des Jannars der Tag für den Verkauf feſtgeſetzt war; Conſcience ließ die Zeit bis zum 15. verſtreichen, ohne daß es den An⸗ ſchein hatte, als bekümmerte er ſich nur im Geringſten um das, was geſchehen ſollte. Dann, am 16. Morgens, ging er ab. Am Abend deſſelben Tages kehrte er zurück. Er hatte vierzehn Stunden gemacht, da aber der Weg gut und durch einen herrlichen Winterfroſt befeſtigt war, ſo ſchien er nur von einem Spaziergang zurückzukommen. Man wartete mit Bangigkeit auf ſeine Rückkehr. Bernhard, der Conſcience nach Soiſſons begleitet hatte, ſeinen e dem Conſ gehet chen mals Mal mir und geld Vor liche wei che auc wo cat bu uen gen Ber⸗ der wir iette ſpre⸗ ſehr dem daß, leich wir gen, um Sie wi⸗ mars e ließ An⸗ igſten gens, Er g gut ſ men. hr. gleitet 279 hatte, kündigte ihn von fern an, indem er lange vor ſeinem Herrn auf der Schwelle erſchien. Da eilten Alle dem jungen Mann entgegen. Er näherte ſich ruhig und lächelnd und machte mit dem Kopfe troſtende Zeichen⸗ „Nun?“ riefen Alle, ſobald er ſie hören konnte. „Gott hat meinen Gang geſegnet,“ antwortete Conſcience.„Ich wollte nicht an Vertefenille vorüber⸗ gehen, ohne einen Beſuch bei dem guten Doctor zu ma⸗ chen... Du weißt, Mariette, bei dem, welcher uns da⸗ mals ſo gut aufnahm, und wo ich Dich zum zweiten Mal wiederſah?“ „Ich erzählte ihm den Zweck meiner Reiſe; er gab mir einen Brief an einen ihm befreundeten Advocaten, und dieſer übernimmt es nicht nur, den Einwand unent⸗ geldlich zu erheben, ſondern er erbietet ſich auch, die Vorſchüſſe zu leiſten, wenn ſolche von uns beim könig⸗ lichen Gerichtshofe zu machen wären.“ Frau Marie faltete die Hände. „Was ſagte ich?“ rief Madeleine. „Sh! ich wußte es wohl!“ verſetzte Mariette. Vater Cadet ſchüttelte den Kopf: Huiſſiers, die ſich weigerten, Schuldner zu verfolgen, und Advocaten, wel⸗ che nicht uur eine Sache unentgeldlich führten, ſondern auch Vorſchüſſe leiſteten! Nur Conſcience vermochte ſolche Wunder zu bewirken. Vater Cadet glaubte auch nicht daran. Doch nach zwölf Tagen mußte er wohl glauben. Mariette, als ſie von Villers⸗Cotterets zurückkam, wo ſie ihre Milch verkauft hatte, brachte einen Brief. Dieſer Brief war von Herrn Grevin, einem Advo⸗ caten in Soiſſons, welcher meldete, er habe beim Tri⸗ bunal einen Aufſchub verlangt, und dieſer ſei bis zum 15. März bewilligt worden. — 280 Herr Grevin füßte bei, mehr habe er nicht erreichen können. Sein Brief war frankirt. Das gab eine Friſt von drei Monaten. Die drei Monate Friſt waren eine Freude, der frankirte Brief ein Erſtaunen. Conſcience hatte Recht, man konnte fortan Alles von Goit erwarten, und ſelbſt Vater Cadet faßte wieder ein wenig Vertrauen. Der Advocat ſagte in ſeinem Briefe, wenn die erſte Friſt abgelaufen ſei, werde er eine zweite verlangen Es ſei zwar allerdings ſelten, daß das Gericht eine zweite Friſt, die man verlange, bewillige, man habe jedoch Beiſpiele. Die Tage vergingen in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten. Der Zwangsverkauf des Feldes von Vater Cadet beſchäftigte das ganze Dorf, und es iſt nicht zu läugnen⸗ daß von dreihundert Seelen, aus denen das Dorf Haramont beſteht, zweihundertundfünfzig den Greis aufrichtig beklagten und dem Vetter Maniquet Unrecht gaben, welcher durch ſein Benchmen in dieſer ganzen Angelegenheit ſeine Volksbeliebtheit ſehr gefährdet hatte. Der Vetter Maniquet war auch, wie dies bei ge⸗ meinen Seelen zu gehen pflegt, ſtatt bei dieſer Warnung des Himmels zu bereuen und ſeine Volksbeliebtheit da⸗ durch wieder zu erlaugen, daß er Vater Cadet ſelbſt die nöthige Zeit geboten hätte, der Vetter Maniquet, ſagen wir, war auch nach Soiſſons gegangen und hatte einen Advocaten gefunden, der es übernahm, die Sache kräftig zu betreiben, und ſich dafür verbürgie, das Gericht werde keine zweite Friſt gewähren. Es iſt mit den Advocaten wie mit den Huiſſiers; es gibt gute und ſchlimme; nur gibt es mehr ſchlimme als gute. Am 1. März erhielt man wirklich einen Brief von Herrn Grevin. Er ſchrieb der armen Familie, ſie möge Alles den; ſproc einge beſchr nalgi Mög der, auf Beſu herr hegt hatt wie um Win noch Aug beit auf hätt wer ſein ein Sü der chen der llles eder erſte Es veite doch „ die von nicht ndas Hreis nrecht anzen hatte. i e⸗ rnung it da⸗ ſt die ſagen ſeinem Bruder nicht bewilligen wollte, was jeder Menſch einen einem andern Menſchen, nur der Henker nicht dem armen kräftig Sünder bewilligt: ein wenig Zeit. werde Diesmal wußte man nicht mehr, wie man ſich aus ſſiers; Baſtien, der alle Gemüthsbewegungen der Familie, Rimme Schmerzen und Freuden, theilte, erbot ſich, zum Vetter ef von Doch das war ein ſchlechtes Mittel: der Vetter Ma⸗ möge niquet würde es wahrſcheinlich nicht annehmen. 281 Alles aufbieten, ſie möge ſich an alle ihre Freunde wen⸗ den; er habe mit mehreren Richtern vom Tribunal ge⸗ ſprochen, welche, durch den Advocaten der Gegenpartei eingenommen und beſonders befürchtend, man könnte ſie beſchuldigen, ſie begünſtigen einen Inhaber von Natio⸗ nalgütern, gegen ihn geäußert, ſie glauben nicht au die Moöglichkeit eines ferneren Aufſchubs. Als dieſer klägliche Brief eintraf, kam Vater Cadet, der, wie geſagt, wieder einige Hoffnung zu faſſen anfing⸗ auf den Arm von Madeleine geſtützt, gerade von einem Beſuche zurück, den er ſeinem Felde gemacht hatte. Er hatte es im ſchönſten Gedeihen gefunden, dieſes herrliche Feld, das die Sorge, welche man für daſſelbe hegte, ſo gut anzuerkennen wußte. Der ruſſiſche Dünger hatte Wunder gethan, und überall ſah das Getreide aus wie ein grüner Teppich, und es war ſchon hoch genug⸗ um ſich in dem halb winterlichen, halb frühlingsartigen Winde des Monat März zu bengen. Ach! diesmal mußte man ſehr hartnäckig ſein, um noch zu glauben, und die Thränen floſſen auch aus Aller Augen. Das Feld aufgeben, dieſes arme, durch ſo viel Ar⸗ beit errungene Feld, das ſo ſchöne Hoffnungen bot! es aufgeben, während die nächſte Ernte ſo viel ertragen hätte, daß der verfallene Termin nebſt den Koſten bezahlt werden konnte! es aufgeben, weil ein Menſch, ein Chriſt, der Verlegenheit helfen ſollte. Maniquet zu gehen und ſich mit ihm zu ſchlagen. 282 Mariette beantragte eine neue Wallfahrt zu Unſerer Lieben Frau von Lieſſe. Worauf Conſtience antwortete: „Die Mutter Gottes iſt überall und weiß Alles; ſie kennt unſer Unglück und ſieht unſern Glauben; ſie wird u uns kommen, Mariette, da ſie weiß, daß es unſer Wunſch iſt, zu ihr zu gehen.“ Vater Cadet ſtieß ſchwere Seufzer aus, ging von der Schwelle des Häuschens zu ſeinem Bett und von ſei⸗ nem Bette zur Schwelle des Häuschens. In ſeinen Au⸗ genblicken der Exaltation erinnerte ſich der Greis kaum des erſchrecklichen Schlaganfalles, der ihn ein Jahr vor⸗ her betroffen hatte. Die Tage vergingen unaufhaltſam, brachten die un⸗ glückliche Familie dem verhängnißvollen Augenblick immer näher und machten ſomit die Gefahr von Stunde zu Stunde drohender. So verliefen der 2., 3., 4., 5. und 6. März. Der Verkauf ſollte bekauntlich am 15. ſtattfinden. Am 7. Morgens, während die Familie von Vater Cadet, verſtärkt durch Frau Marie und durch Mariette, welche ſo eben von Villers⸗Cotterets zurückgekommen, um den ziemlich dürftig beſtellten runden Tiſch verſammelt, frühſtückte, ſah man Bernhard unruhig werden und nach der Thüre gehen. In demſelben Augenblick erſchien Baſtien, bleich, be⸗ ſtürzt, mit angeſchwollenen Augen und ſchweißtriefender Stirne, auf der Schwelle; er hielt ein großes bedrucktes Papier in der Hand. k ſtand Kunt den! die u ſtand wo erwi völli Hau rer ſie vird nſer von ſei⸗ Au⸗ aum vor⸗ un⸗ nmer e zu en. Bater iette, „um melt, nach , be⸗ fender ucktes Ein Einwand, der von dem Rdvaraten in Sviſſons nicht erhobrn worden mar. Als man Baſtien mit dem gedruckten Blatt erblickte, ſtanden Alle auf, denn Alle ſahen vorher, er bringe die Kunde von einem großen Ereigniß. „Gelandet!“ rief Baſtien,„gelandet!“ „Wer denn?“ fragte Conſcience, welcher allein unter den verſchiedenen Bewegungen, die in den Geiſtern durch die ungeſtüme Erſcheinung des ehemaligen Huſaren ent⸗ ſtanden waren, ſeine ganze Ruhe und Faſſung behielt. „Er!“ rief Baſtien,„er!“ „Aber wer denn?“ „Der Kaiſer!“ „Der Kaiſer!“ riefen Alle. „Der Kaiſer gelandet,“ verſ wo dies?“ „Ich weiß es nicht, aber er iſt dennoch gelandet,“ erwiederte Baſtien. „Du biſt ein Narr!“ „Nein, nein. denn es ſteht hier in der Zeitung.“ Das war eine ſo wichtige Rachricht, daß ſie zu einer völligen Ablenkung für die pekuniären Bangigkeiten des Hauſes wurde. Conſcience nahm die Zeitung aus den Händen von Baſtien und las, wie folgt; Verordnung. „Auf den Bericht Unſeres Lieben und Getreuen, des Kanzlers von Frankreich, Herrn von Ambray, Comthur etzte Conſciencte,„und 284 Unſerer Orden, haben Wir verordnet und vererdnen haben Wir erklärt und erklären, wie folgt: Napoleon Bonaparte wird als Verräther und Re⸗ bell erklärt, weil er mit bewaffneter Hand in das Var⸗ Departement eingedrungen iſt. „Es wird dem zu Folge alle Gouverneuren, Comman⸗ danten der bewaffneten Macht, Nationalgarden und ſelbſt den einzelnen Bürgern aufgetragen, auf ihn zu fahnden, ihn zu verhaften und unverweilt vor ein Kriegsgericht zu ſtellen, welches, ſobald es die Identität erkannt hat, gegen ihn die Anwendung der im Geſetze beſtimmten Strafen ausſprechen wird. „Gegeben im Schloſſe der Tuilerien am 6. März des Jahres 1815, des zwanzigſten Unſerer Regierung. „Gezeichnet: Ludwig.“ Wie! des zwanzigſten unſerer Regierung 2“ ſagte Baſtien;„das kann nicht da ſtehen.“ „Es ſteht da, wie das Andere.“ „Das Andere, meinetwegen,“ verſetzte der Huſar, „das macht mir ſogar Vergnügen.. aber wenn die Zei⸗ tung ſagt, Ludwig KVIII. regiere ſeit zwanzig Jahren, ſo iſt das nicht wahr.“ „Ei! wer weiß!“ verſetzte Conſciente lächelnd,„man hat ſo ſeltſame Dinge geſehen!“ „Wie! ich hätte unter Ludwig XVIII. gedient! Lud⸗ wig XVIII. hätte die Schlacht bei Auſterlitz, die Schlacht bei Jena und die Schlacht bei Wagram gewonnen! für Ludwig XVIII. hätte ich die Finger verloren und den Säbelhieb ins Geſicht befommen!... Ludwig XVIII. hätte mir das Kreuz gegeben!.. Bah! bah! bah!... das wäre ein Vergnügen, wie man beim Regimente ſagte!“ Ohne Zweifel würde Baſtien ſeine Erörterungen noch weiter getrieben haben, aber das ganze Dorf wat im A hörte, das S ( ſciene 3 Lüge e von fluß zog. Trab von die 2 gebr beför ſeltſe ſie d von Nap des ein gen verſ ſehr der en Re⸗ Jar⸗ nan⸗ elbſt den, richt hat, mten März — ſagte Huſar, e Zei⸗ ahren, „man Lud⸗ chlacht für id den XVIII. gimente erungen rf wat 285 im Aufruhr, und da er das Geräuſch auf dem Platze hörte, hatte er nicht den Muth, ſeine Demonſtration auf das Häuschen einzuſchränken. Er nahm die Zeitung aus den Händen von Con⸗ ſcience, ging hinaus und rief: „Des zwanzigſten unſerer Regierung.. Ah! die Lüge!“ Die Bewohner des Häuschens waren ganz betäubt von der Nachricht, ohne jedoch zu begreifen, welchen Ein⸗ fluß ſie auf ihr Geſchick üben konnte. Dieſer Einfluß war ungeheuer. Das Rieſengeſtirn zog, wie wir ſchon geſehen haben, ſeine faſt unſichtb aren Trabanten mit ſich fort. Napoleon war in der That am 1. März im Goff von Juan gelandet. Ein am 3. von Marſeille abgeſandter Courier hatte die Nachricht in der Nacht vom 4. auf den 5. nach Lyon gebracht. Am 5. war ſie durch den Telegraphen nach Paris befördert worden; am 6. erſchien im Moniteur die ſeltſame Verordnung, die wir geleſen; am 7. verbreiteten ſie die Zeitungen in der Provinz. In dem Augenblick, wo die Provinzen die Landung von Rapolevn im Var⸗Departement erfuhren, befand ſich Napoleon ſchon in Grenoble. Am 12 erfuhr man, daß er in Lyon war. Am 14., daß er auf Paris marſchirte. Am 15. ſollte, wie man ſich erinnert, der Verkauf des Feldes von Vater Cadet ſtattfinden. Aber der Advocat hatte ſchon am 12. dem Tribunal ein Geſuch übergeben, daß in Berückſichtigung der ge⸗ genwärtigen Umſtände noch einmal der Verkauf möge verſchoben werden, und da dieſe Umſtände in der That ſehr ernſt waren, ſo wurde der Aufſchub bewilligt und der Verkauf auf den 15. Inni feſtgeſetzt. 286 Dieſem Einwande verdankte es Vater Cadet, daß er ſein Feld nicht am 15. März verkaufen ſah. Herr Grevin konnte das nicht vorherſehen, aber er benützte es. Am 20. März um acht Uhr Abends zog Napoleon in den Tuilerien ein. In derſelben Nacht beeilte er ſich, Alles neu zu or⸗ ganiſiren. Cambacérès erhielt das Miniſterium der Inſtiz, der Herzog von Vicenza das der auswärtigen Angelegenhei⸗ Marſchall Davouſt das des Krieges, der Herzog ten, der von Gaöta das der Finanzen, Deerds das der Marine, Fouché das der Polizei, Carnot das des Innern. Am 26. März wurden alle große Körperſchaften des Reiches berufen, um gegen Napoleon die Wünſche Frankreichs auszudrücken. Am 27. hätte man glauben ſollen, die Bourbonen haben nie exiſtirt. „Alle Teufel!“ ſagte Baſtien,„ich möchte doch wohl wiſſen, ob Ludwig XVIII. ſeine Verordnungen noch: „„Im zwanzigſten Unſerer Regierung!““ datirt.“ Vater Cadet hatte in Allem dem nur Eines geſehen: daß die Adeligen und Prieſter nicht mehr zu fürchten waren, und daß es ihm, da ſein Gut wieder ſeinen vol⸗ len Werth erhielt, vielleicht gelingen werde, darauf nicht nur die achthundert Franken, die er dem Vetter Mani⸗ quet ſchuldig war⸗ ſondern auch die drei bis vierhundert Franken Koſten zu entlehnen, welche durch die Verkaufs⸗ befehle, durch die Anſchläge, durch die Friſten und der⸗ gleichen herbeigeführt worden war. Er ließ ſich deshalb in den erſten Tagen des April wieder auf Pierrot ſetzen, nahm, da es immer beſſer bei ihm ging, nur Mariette als Begleiterin mit, kam nach Villers⸗Cotterets und ſtieg vor der wohlbekannten Thüre von Meiſter Nignet ab. Er wolite anfragen, ob eine Anleihe nicht leichter unter chen ſ 2 ein gr ten ſel habe die ve Rückke ſuche, Invaſ 2 ramor in Di 2 Mani lande die v ruhig und z Neiſt lange einen dige und mehr kauf die G gen, erlan Köni geſch Nein et er eon or⸗ der hei⸗ tzog ine, ften iſche onen wohl och: hen: chten vol⸗ nicht kani⸗ ndert aufs⸗ der⸗ April beſſer kam nnten ichter 287 unter dem Kaiſerthum als unter den Bourbonen zu ma⸗ chen ſei. Aber Meiſter Niguet war, man weiß nicht warum, ein großer Royaliſt. Er empfing ſeinen ehemaligen Clien⸗ ten ſehr ſchlecht, ſagte ihm, die Regierung vom 20. März habe keine Stabilität, er wiſſe aus ſicherer Quelle, daß die verbündeten Mächte ſich gewaltig rüſten, und daß dieſe Rückkehr, aus der Vater Cadet einen Nutzen zu ziehen ſuche, nichts Anderes ſei, als das Vorſpiel einer zweiten Invaſion. Vater Cadet kam niedergeſchlagener als je nach Ha⸗ ramont zurück; Meiſter Nignet war ſein Hrakel nicht nur in Dingen des Rechts, ſondern auch in der Politik. Was Vater Cadet erſchreckte, war, daß der Vetter Manigquet, welcher ohne Zweifel, wie der Notar, im Aus⸗ lande Agenten hatte, die ihn von dem unterrichteten, was die verbündeten Souverains thaten, durchaus nicht un⸗ ruhig ſchien, ſich die Hände rieb, überall umherging und zu den Leuten ſagte: „Ah! diesmal werden wir ſehen, welchen Einwand Meiſter Grevin erheben wird, um einen Auſſchub zu er⸗ langen.“ Am Aufang des Mai erhielt Vater Cadet wirklich einen Brief von dem Advocaten, in welchem dieſer wür⸗ dige Mann ihn aufforderte, die Umſtände zu benützen und alle ſeine Kräfte aufzubieten, weil er kein Mittel mehr ſehe, um den auf den 15. Juni feſtgeſetzten Ver⸗ kauf zu verhindern oder auch nur aufzuſchieben. Die Zeit verging mit einer Geſchwindigkeit, welche die Ereigniſſe zu verdoppeln ſchienen. Alle Anſtrengun⸗ gen, welche Napoleon gemacht hatte, um den Frieden zu erlangen, waren geſcheitert; vergebens hatte er an alle Könige, ſeine Herren Brüder, wie er ſie nannte, geſchrieben. Von ſeinen Herren Brüdern hatten die einen Rein, die andern gar nicht geantwortet. Er hatte laut die Ankunft der Kaiſerin und des 288 Königs von Rom verkündigt; man war am Ende des Mai, und die Kaiſerin und der König von Rom kamen nicht. Sein Brief hatte nämlich ſeine Herren Brüder bei einem ſehr wichtigen und ernſten Geſchäfte gefunden. Sie theilten eben Europa auf dem Congreſſe zu Wien, und man wird leicht begreifen, daß, von ſolchen Dingen in Anſpruch genommen, die Herren Brüder des Kaiſer Napolevn ſich nicht beeilten, ihm zu antworten, oder, wenn ſie dies thaten, ihm nicht nach ſeinen Wün⸗ ſchen antworteten. Man war alſo genöthigt, zum letzten Mal ſeine Zuflucht zur Diplomatie der Kanonen zu nehmen, und dieſe, das muß man ſagen, verſtand der Sieger von den Pyramiden, von Marengo und von Auſterlitz auch am beſten. Dieſe Diplomatie erſchreckte die arme Madeleine ſehr; ſie befürchtete, Conſcience werde wieder unter die Fahne gerufen werden, aber das Geſicht von Conſcience, obgleich beinahe gerettet, war noch ſehr ſchwach. Catherine hatte dieſelbe Angſt für Baſtien. Baſtien war zweimal von dem ſchönen Dinge, das man den Krieg nennt, zurückgekehrt: das erſte Mal mit einer verſtüm⸗ melten Hand, das zweite Mal mit zwei Säbelhieben im Kreuze auf dem Geſicht. Sie hatte bange, das dritte Mal werde er gar nicht zurückkommen.. Aber man fand nicht einmal Zeit, an unſere Leute zu denken. Es war dem Kaiſer ohne ſie gelungen, hundert und achtzigtauſend Mann zu ſammeln. Rachdem er lange nachgedacht hatte, ob er mit 180,000 Mann die neue Coalition in Frankreich erwar⸗ ten oder ihr entgegenrücken ſollte, beſchloß er, die Feind⸗ ſeligkeiten in Belgien zu beginnen und den Feind durch einen von den kühnen Streichen, deren Geheimniß er des men bei zn rten, Bün⸗ ſeine und von auch leine rdie ence, iſtien Krieg ſtüm⸗ nim nicht Leute und mit rwar⸗ eind⸗ durch ß er chen des 289 allein beſaß, zu verblüffen. Unterſtützt ihn Gott, ſo wird er die Herren von Blücher und Wellington zerſtreut, ver⸗ nichtet haben, während ihn der Feind noch außer Stande, ins Feld zu ziehen, glaubt. So ſah Villers⸗Cotterets ſchon am Anfang des Juni 30 bis 40,000 Mann auf dem Marſche nach Soiſſons, Laon und Mözires durchziehen. Baſtien verließ den großen Platz der Stadt nicht mehr; mit ſeiner Huſarenuniform, ſeinem Kreuze auf der Bruſt und ſeinen zwei Säbelhieben im Geſicht, zog er die Aufmerkſamkeit ſogar der älteſten Soldaten auf ſich, und oft ſtreckte er ſeine verſtümmelte Hand aus, um eine Hand zu drücken, welche aus den Reihen hervorkam. Das Herz von Baſtien klopfte freudig bei dein Raſſeln der Trommeln, bei den Fanfaren der Trompeten, bei den Rufen:„Es lebe der Kaiſer!⸗ Oh! Baſtien wäre in den erſten vierzehn Tagen des Monats Juni ſehr glücklich geweſen, hätte ihn die Er⸗ innerung an Conſcience nicht immer wieder traurig ge⸗ ſtimmt, und hätte er ſich nicht geſagt, am 15. dieſes Mo⸗ nats, der ihm ein ſo herrliches Schanſpiel bot, werde dieſe ganze, von ihm ſo ſehr geliebte, arme Familie, die er als ſeine Familie betrachtete, zu Grunde gerichtet ſein. Daun ſchüttelte er den Kopf, faltete er die Stirne und murmelte mit einem Ton, der halb aus einer Droh⸗ ung gegen das Schickſal, halb aus einem Gebete zu Gott beſtand, ſeinen gewöhnlichen Fluch:„Tauſend Don⸗ nerwetter!“ Aber Baſtien mochte immerhin fluchen, das änderte nichts an der Lage der Dinge. Am 8. Juni waren die letzten Truppen durchgezogen, und da Baſtien nichts mehr in Villers⸗Cotterets zu ſuchen hatte, ſo kehrte er nach Haramont zurück. Jedermann im Dorfe beklagte den Vater Cadet, aber war es Selbſtſucht, war es Unvermögen, Niemand Gott und Leufel. H. 19 290 ließ ſich herbei, ihm zu helfen, und auf ſeine eigenen Hülfsmittel angewieſen, war Vater Cadet, wie wir längſt wiſſen, verloren. Der wackere Mann ging unabläſſig zwiſchen ſeiner Thürſchwelle und ſeinem Bette hin und her und ruhte nur aus, wenn er ſich, ganz erſchöpft vor Müdigkeit, nicht mehr aufrecht halten konnte, aber gerade dieſe über⸗ mäßige Aufregung that ihm wohl; ſein gelähmtes Bein war beinahe nicht mehr hinter dem andern zurück, und wenn er an den Vetter Maniquet dachte, geſticulirte er mit dem linken Arm auf eine beinahe ſo drohende Art, als mit dem rechten. Nur fiel es ihm gar nicht mehr ein, auf ſein Feld zu gehen; es war für ihn ein zu großes Herzeleid, die⸗ ſes ſchöne, fruchtbare Feld mit Aehren bedeckt zu ſehen, die er nicht ernten ſollte. Die Franen, ſtatt ſich zu ſuchen, mieden ſich. Sie hatten einander keinen Troſt zu geben. Zuweilen fan⸗ den ſich Beide, ohne daß ſie es verabredet hatten, in der Kirche, wohin Beide gekommen waren, um in einer und derſelben Richtung zu beten. Selbſt die Seelenheiterkeit von Conſcience hatte eine Abnahme erlitten. Er mochte immerhin zu Mariette ſagen:„Sei ruhig, meine geliebte Mariette, nichts wird uns trennen!“ die Arme empfing dieſes Verſprechen mit aller Sympathie ihrer Seele, antwortete jedoch weinend: „Oh! nicht wahr, Conſcience, Du ſagſt die Wahrheit, nichts wird uns je trennen?“ Für jeden Fall war Conſcience zum Nachbar Ma⸗ thien gegangen, der ſeinen erſten Knecht weggeſchickt hatte, dem er fünfhundert Franken und Koſt gegeben, und hatte ihn um dieſen Platz gebeten. Der Rachbar Mathien hatte ihm denſelben ſogleich zugeſagt und ſogar beige⸗ fügt, wenn Mariette mit Conſcience im Hofe eintreten wolle, ſo bekomme ſie die Oberaufſicht über die Kühe — nen ngſt iner nur ticht ber⸗ gein und e er Art, Feld die⸗ hen, Sie fan⸗ der und eine riette wird mit tend: rheit, Ma⸗ hatte, hatte ithien beige⸗ treten Kühe 291 und habe alle Tage die Milch in der Stadt zu ver⸗ kaufen. Der Nachbar Mathien wußte, wenn er Mariette mit dieſem Verkaufe beauftrage, werde die Milch bis auf den letzten Tropfen verkauft. Mariette würde hundert und fünfzig Franken jährlich verdienen und, wie Con⸗ ſcience, ihre Koſt haben. Dieſes doppelte Verſprechen bot eine große Sicher⸗ heit für die Zukunft. Als Conſcience, nachdem er ſie er⸗ langt hatte, in das Häuschen zurückkam, theilte er die Sache der übrigen Familie als einen Troſt mit. Mit Wohnung und Koſt bei Nachbar Mathien verſehen, konnten Conſcience und Mariette zweihundert und fünf⸗ zig Franken für ſich behalten und in die gemeinſchaftliche Kaſſe der zwei Häuschen vierhundert Franken, das heißt eine hinreichende Summe, um ihre Bewohner zu er⸗ nähren, ſpenden. Aber ſtatt den Vater Cadet zu tröſten, ſchien dieſe Nachricht ſeine Traurigkeit zu verdoppeln. „Sh!“ murmelte er,„das Feld der Andern beſtel⸗ len, wenn man ein eigenes gehabt hat. das iſt ſehr hart!“ Da dies aber am Ende das einzige Hülfsmittel war, welches der armen Familie nach dem Verkaufe des Fel⸗ des blieb, ſo mußte es Vater Cadet wohl gut heißen, ſo mangelhaft es ihm dünkte. Conſcience aber ſah einen Vortheil hierin, den, daß es natürlich ſeine Heirath mit Mariette beſchlennigte. Es war in der That beinahe unmöglich, daß Mariette und Conſcience ihre Familien verließen, um im Hofe des Nachbars zu wohnen, ohne verheirathet zu ſein. Es wurde alſo beſchloſſen, das Anerbieten des Nach⸗ bars anzunehmen und das Aufgebot von Conſcience und Maoriette zu beſtellen. Als dieſer Entſchluß gefaßt war, wollten die jungen Leute, beſonders in Betreff des Letzteren, ohne Verzug 292 handeln. Am 12. Juni begleitete Conſcience Mariette zu ihrem Milchverkaufe; Beide mußten ſich auf der Mairie von Villers Cotterets, als dem Hauptorte ihres Cantons, einſchreiben laſſen. Gott bewilligte ihnen in ihrem Unglück wenigſtens den Troſt, mit einander unglücklich zu ſein. Die Sympathie, die ihnen zu Theil wurde, war auch groß; man wetteiferte, ſie zu beklagen, den Vater Cadet zu beklagen, den Stein auf den Vetter Maniquet zu werfen. Doch die Theilnahme ging nicht ſo weit, daß man den jungen Leuten die zwölf bis fünfzehnhundert Franken anbot, deren ſie bedurften, um ſich aus der Verlegenheit zu ziehen. Es geſchah ſogar, daß gegen neun Uhr Morgens, als Conſciente und Mariette vor der Thüre der Mairie warteten, welche erſt um zehn Uhr geöffnet wurde, eine wichtige Nachricht dieſe Theilnahme von ihnen ablenkte und die Sympathie der Einwohuer von Villers⸗Cotterets in Neugierde verwandelte. Der Poſtbote hatte die Zeitungen ausgetheilt, und im officiellen Theil las man den Satz: „11. Juni. Seine Majeſtät der Kaiſer wird mor⸗ gen früh um neun Uhr von Paris abgehen, um ſich zur Armee zu begeben; er wird über Soiſſons, Laon und Meézières reiſen.“ Verfolgte er dieſen Weg, ſo mußte er natürlich durch Villers⸗Cotterets kommen. Reiſte er am 12. Morgens um neun Uhr ab, ſo würde er um Mittag durch Villers⸗Cotterets paſſiren. Kam Napolevn um Mittag durch Villers⸗Cotterets, ſo war dieſes Ereigniß, wie man zugeſtehen wird, wich⸗ tig genug, um das Unglück von Vater Cadet und die Theilnahme vergeſſen zu machen, welche Conſcience und Mariette einflößten, die unter ſo traurigen Auſpicien zur Ehe ſchritten. te r 8 ar er et an en eit , rie ine kte ets ind or⸗ zur und rch ſo ets, ich⸗ die und zur 293 Die Einwohner der Stadt fanden ſich auch bald alle auf den Straßenz die Einen ſtanden in Gruppen beiſammen, die Andern liefen verworren dahin und dorthin. Conſcience und Mariette waren nicht unempfindlich für dieſe Nachricht. Mariette bat Conſcience, in Villers⸗ Cotterets zu bleiben, bis der Mann durchkäme, den ſie ſo ſehr zu ſehen wünſchte, weil ſie Conſcience und Baſtien ſo viel von ihm hatte ſprechen hören. Conſcience willigte gern ein, und es wurde verab⸗ redet, nachdem ſie ihre doppelte Erklärung auf der Mairie und in der Kirche gemacht hätten, ſich vor die Thüre des Poſthauſes zu ſtellen, wo der kaiſerliche Wagen natürlich einen Halt machen würde, um die Pferde zu wechſeln. um Mittag waren die jungen Leute frei und nah⸗ men ihren Platz unter der Menge vor der Thüre des Poſtmeiſters. Das Gerücht von der Durchreiſe des Kaiſers hatte ſich in den umliegenden Dörfern verbreitet, und man lief von allen Seiten herbei, um den Mann des Schickſals zu ſehen. Gegen eilf Uhr erſchien Baſtien ganz athemlos. Er hatte die große Neuigkeit zwanzig Minuten vorher er⸗ fahren; er hatte fünf Minuten gebraucht, um ſeine Hu⸗ ſarenuniform anzuziehen, ſeinen Säbel und ſeine Säbel⸗ taſche umzuſchnallen, und eine Viertelſtunde, um den Weg von Haramont nach der Stadt zurückzulegen. „Ahl tauſend Donnerwetter,“ rief er,„ich komme noch zur rechten Zeit.“ Dann ſchaute er umher. „Ah! Du da, Conſciencez ah! Du da, Mariette; ich hoffte wohl, Euch hier zu finden!“ „Du ſuchteſt uns alſo?“ fragte Conſcience. „Ein wenig.“ „Und warum?“ „Du wirſt es erfahren... ich habe meine Ideen.“ 294 „Sind Deine Ideen wenigſtens gut?“ fragte Con⸗ ſcience. „Ich glaube wohl!.. Ah! wenn es gelänge! das wäre ein Vergnügen, wie wir beim Regimente ſagten.. „Was?“ „Man hört das Rollen„ nein, nein, ich irre mich, es iſt noch nicht der kleine Corporal.“ „Er kann nicht ſo bald hier ſein,“ ſagte ein Bürger. „Warum denn nicht?“ fragte Baſtien. „Weil die Zeitung ankündigt, er werde erſt um neun Uhr Paris verlaſſen.“ „Nun, vier und eine halbe Meile in der Stunde, achtzehn Meilen*), macht gerade fünfthalb Stunden Er iſt um neun Uhr abgereiſt... es hat ſo eben ein Uhr geſchlagen, und er kann nicht mehr fern ſein, nicht wahr, Poſtillon?“ Baſtien richtete die Frage an einen der vier und zwanzig bis dreißig Poſtillons, welche, ganz mit drei⸗ farbigen Bändern geſchmückt, auf die Ankunft von Na⸗ poleon warteten. „Oh! gewiß,“ erwiederte der Poſtillon,„iſt er um nenn Uhr von Paris abgereiſt, ſo muß er jetzt unfern von Vauciennes ſein.“ „Stille!“ ſagte Baſtien. Alle Geſpräche verſtummten auf der Stelle; Jeder ſchaute und horchte, mit der größten Aufmerkſamkeit, und bald hörte man, diesmal dentlich, das Rollen mehrerer Wagen. *) Es ſind immer franzöſiſche Meilen, leues, gemeint. der ein Fe lar det au Al un de, ein cht nd ei⸗ a⸗ um ern der und rer int. Der Mann des Schickſals. Mit dem Geräuſche der Wagen vermengte ſich in der Ferne der Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ In demſelben Augenblicke bebte die Menge wie von einen elektriſchen Schlage berührt, und der Ruf:„Es febe der Kaiſer!“ drang aus Aller Mund, aus Aller Bruſt, wir möchten beinahe ſagen, aus allen Herzen hervor. Napoleon war auf dem Punkte, zu dem man ge⸗ langt, die Nationalität, das Vaterland, die Freiheit; denn die Bourbonen hatten bei ihrem kurzen Verweilen auf dem Throne bewieſen, daß ſie das Gegentheil von Allem dem waren. Unter dieſen begeiſterten Rufen hörte man das Rol⸗ len der Wagen, die ſich wie ein Donner näherten. Plötzlich verdoppelte ſich das Geſchrei, vermiſcht mit dem Rufe:„Aus dem Wege aus dem Wege!“ Die Menge öffnete ſich. Drei Wagen, gezogen von ſchaumbedeckten Roſſen, geführt von beſtaubten Poſtillons, welche mit ihren Peitſchen zum Betäuben knallten, er⸗ ſchienen am Eingange der Soiſſons⸗Straße und hielten bald vor der Poſt. Am erſten waren ſechs zitternde Pferde. Drei Männer ſaßen darin, zwei auf dem Rückſitze, einer auf dem Porderſitze. Von den zwei Männeru, welche auf dem Rückſitze ſaßen, war der rechts der Kaiſer Napoleon, der links der König Jerome. Der auf dem Vorderſitze war der General Letort. Man ſchrie wie wüthend:„Es lebe der Kaiſer!“ Napolevn richtete einen Augenblick ſeinen vom Nach⸗ denken gebeugten Kopf auf, ſchaute umher und fragte: 296 „Wo ſind wir?“ „In Villers-Cotterets, mein Kaiſer,“ antwortete eine feſte Stimme. Napoleon heftete ſeinen Blick auf den dienſtfertigen Sprecher, der kein Anderer war, als Baſtien. Zwei Schritte vom Wagen, gerade vor dem Schlage, ſtand der Huſar, ſteif und unbeweglich, eine Hand an ſeinem Kalpack, den kleinen Finger der andern Hand an der Naht ſeiner Hoſe. Der Kaiſer ſah ein glänzendes Kreuz auf einer Uniform, zwei Säbelhiebe, die ſich auf einem Geſichte kreuzten, eine verſtümmelte Hand, welche grüßte. „Ho! ho!“ ſagte er,„einer von meinen alten Braven.“ „Ein wenig, Sire, und zwar von Marengo her.“ „Und woher der Säbelhieb?“ „Von Auſterlitz.“ „Und das Kreuz?“ „Von Wagram.“ „Tritt näher herbei.“ „Hier bin ich, mein Kaiſer.“ „Kann ich etwas für Dich thun?“ „Ich danke, mein Kaiſer, ich brauche nichts, als Ihre Achtung... Wenn Sie aber etwas für einen Kameraden thun wollten, ſo würden Sie mir ein Ver⸗ gnügen machen.“ „Wo iſt dieſer Kamerad?“ „Zwei Schritte von hier.. Komm, Conſcience, Du ſiehſt wohl, daß Dich Seine Majeſtät der Kaiſer und König näher treten heißt.“ Seine Majeſtät der Kaiſer und König hatte nichts hievon geſagt; Conſcience blieb auch an ſeinem Platze. „Komm doch näher,“ wiederholte Baſtien,„Du ſiehſt wohl, daß Du Seine Majeſtät den Kaiſer und König warten läſſeſt.“ „Komm hierher, mein Freund,“ ſprach der Kaiſer. e⸗ P P er te P ls en r⸗ er t8 ſt ——— 297 Conſci ence näherte ſich. Mariette, die ſich an ihn anſchmiegte, wie ein Epheu an eine Ulme, näherte ſich mit ihm, bebend an ſeinem Arme, keuchend, erbleichend. „Nun!“ ſagte der Kaiſer,„was iſt es, was verlangſt Du für Deinen Kameraden?“ „Sire, ich ſtelle Ihnen Conſcience hier vor.. einen drolligen Burſchen, der in's Feuer ging, wie ſein Hund Bernhard, den Sie dort hinter ihm ſehen, in's Waſſer... Er ging ſo gut darein, daß eines Tags ſein Pulverwa⸗ gen ahi Sie müſſen wiſſen, mein Kaiſer, daß er auch bei den Huſaren diente, aber bei den vierräderigen daß eines Tags ſein Pulverwagen.. das war in der Schlacht bei Laon, Sie müſſen ſich deſſen erinnern, mein Kaiſer, Sie waren dabei, und ich auch, und er auch ſo daß, wie geſagt, ſein Pulverwagen in die Luft flog und ihm die Angen verbrannte!.. Zum Glück war das nichts und er iſt nur ſechs Monate blind gewe⸗ ſen.. ſo daß er heute das Glück hat, Sie wieder zu ſehen... Doch das iſt noch nicht Alles.“ „Was iſt es denn? Sprich,“ verſetzte der Kaiſer mit jenem mit Wohlwollen gemiſchten Ungeſtüm, das er bei Gelegenheit ſo gut anzunehmen verſtand, und das ihn Idol ſeiner Soldaten machte;„ſprich raſch, ich habe ie „Nun haben die Koſaken das Feld ſeines Großva⸗ ters, des Vater Cadet, dergeſtalt feſtgeſtampft, daß es im vorigen Jahre nicht eine Aehre getragen hat, und da ſein Großvater, der Vater Cadet, achthundert Franken an den Vetter Maniquet, einen alten Wucherer, der Hypothek auf ſein Feld hatte, nicht bezahlen konnte, ſo wird das arme Feld... ſo gut haben es die Brillen⸗ männer eingerichtet... in drei Tagen verkauft werden, und die Familie iſt ganz und gar ruinirt. und Con⸗ ſcience und Mariette hier, ein hübſches Mädchen, nicht wahr, mein Kaiſer?... ſind genöthigt, um zu leben und ihren Eltern Nahrung zu verſchaffen, in den Dienſt 298 zu treten bei Nachbar Mathien, einem wackern Manne, das gebe ich zu; doch gleichviel, wie Vater Cadet ſagt, es iſt hart, wenn man immer ſein eigenes Feld beſtellt hat, gezwungen zu ſein, das Feld der Andern zu bauen!“ „Uind wie viel braucht dieſer Junge?“ „Oh! er braucht eine Summe von wenigſtens zwölf vis fünfzehnhundert Franken.“ „Jerome,“ ſagte lächelnd der Kaiſer,„wo iſt die Börſe?“ „Sire,“ antwortete der König von Weſtphalen,„in dem Kaſten, auf welchem wir ſitzen; doch ich muß hier in meinem Reiſeneceſſaire einige hundert Napoleons haben.“ „Gib ſie mir.“ Jerome öffnete ſein Neceſſaire, drückte auf eine Fe⸗ der und ſchüttete in die Hände des Kaiſers Alles, was das Neceſſaire an Gold enthielt. „Komm hierher, mein ſchönes Kind, und halte Deine Schürze auf,“ ſagte Napoleon. Mariette gehorchte ſtumm, aber mit kenchender Bruſt und mit Thränen in den Augen. Der Kaiſer öffnete ſeine beiden Hände und ließ den Goldregen in die Schürze fallen. Dann wandte er ſich gegen Conſcience, heftete auf ihn ſeinen durchdringenden Adlerblick und fragte: Habe ich Dir nicht geſagt, Du ſolleſt etwas von mir verlangen, wenn wir uns zum dritten Male begeg⸗ nen würden?“ „Ja, Sire,“ antwortete Conſcience ganz bewegt, „Eure Majeſtät hieß mich das Kreuz verlangen.“ „Nun! warum verlangſt Du es nicht? Es iſt ein Glück, daß ich mehr Gedächtniß habe als Du,“ Und er nahm das, nur durch eine Nadel feſtgehal⸗ tene, Ritterkrenz der Ehrenlegion ab, das er immer an ſeinem Rocke trug, um es bei Gelegenheit hingeben zu können, und reichte es Conſcience. Conſeiente ergriff mit einem Ausrufe des Glücks T le an 299 zugleich das Kreuz und die Hand, und küßte die Hand und dann das Kreuz⸗ „Gut! gut!“ ſagte der Kaiſer;„Du heißeſt Con⸗ ſcience, nicht wahr?“ „Ja, Sire,“ „detort, ſchreiben Sie dieſen Namen auf... Und Du, mein Braver,“ ſagte er zu Baſtien,„Dir danke ich. Nachdem Du mir im Kriege gedient, wie Du es gethan, konnteſt Du mir nicht beſſer im Frieden dienen. Nun aber laß uns weiter fahren, Jerome, und treibe die Poſtillons an; wir haben eine Viertelſtunde verloren!“ „Oh! Sire, eine Viertelſtunde verloren!“ verſetzte der König von Weſtphalen,„während Eure Majeſtät drei Glückliche gemacht hat!“ „Du haſt Recht. Lebet wohl, meine Freunde, betet für mich und für Frankreich!“ Und er ließ ſeinen von Sorgen belaſteten Kopf wieder auf ſeine Bruſt finken. Der Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ erſcholl aus jedem Munde. Im Galopp von ſechs ungeduldigen Pferden fortgezogen, donnerte der Wagen über das Pflaſter hin, aus dem die Funken in Maſſen ſtoben, und Pferde, Poſtillons und Wagen verſchwanden wie eine Viſion voll Licht und Geräuſch, die nur einen Angen⸗ blick erſcheint, aber im Geiſte von denjenigen, welche ſie geſehen haben, eine ewige Erinnerung zurücklaſſen muß! Ach Alles dies rollte gegen Waterloo, das heißt⸗ nach einem Abgrunde! Conſcience war mit ſeinem Krenze in der Hand und Mariette mit ihrem Golde in der Schürze ſtehen geblieben. Baſtien ſtampfte vor Frende mit den Füßen und raufte ſich vor Glück die Haare aus. „Oh! tauſend Donnerwetter!“ rief der Huſar;„es lebe der Kaiſer! tauſend Donnerwetter! das iſt ein Ver⸗ gnügen! Die ganze Einwohnerſchaft ſchaute dieſer Scene zu. 300 Die Einen weinten, die Andern lachten. Conſcience fühlte, daß man ihm auf die Schulter klopfte; er ſchüttelte den Kopf, als wollte er aus einem Traume erwachen, und wandte ſich um. Es war derſelbe Huiſſier Demay, der den Vater Cadet nicht hatte gerichtlich verfolgen wollen, und der ihm unentgeldlich ſo gute Rathſchläge gegeben. „Auf! auf!“ ſagte er,„man darf keine Zeit verlie⸗ ren. Da der gute Gott ein Wunder für Euch gethan hat, ſo benützen wir dieſes Wunder raſch. Wir haben nur noch drei Tage vor dem Verkaufstermin, und wir können dem Vetter Maniquet nun reelle Anerbietungen machen. Gebt mir zwölfhundert Franken; ich übernehme Alles, Koſten und Kapital; dann lauft geſchwinde nach Hauſe und bringt die gute Nachricht und den Reſt der Summe Vater Cadet.“ „Oh! ja,“ rief Conſcience;„aber Baſtien, Baſtien vor Allem! Wo biſt Du, Baſtien? wo biſt Du?“ Und er ſtreckte die Arme aus wie ein Trunkener, der dem Fallen nahe iſt. „Hier bin ich!“ rief der Huſar, der ſich ſeinem Freunde an die Bruſt warf. Beide hielten ſich fünf Minuten lang umſchlungen, ohne ſich trennen zu können, und ſchluchzten vor Freude. Dann kam die Reihe an Mariette. „Und ich, Baſtien,“ ſagte das Mädchen,„küſſeſt Du mich nicht auch?“ „Ich, ich Dich nicht küſſen, wenn Du mir es anbie⸗ teſt! Tauſend Donnerwetter! eher zweimal, als einmal, Jungfer Mariette.“ Und er drückte auf die von Thränen feuchten Wangen des Mädchens zwei große ſchallende Küſſe. Nach dieſem erſten Herzenserguſſe der Dankbarkeit war es Zeit, an den Vorſchlag von Herrn Demay zu denken. Man trat beim Poſtmeiſter ein; man zählte ſechzig Napoleons dem braven Huiſſier hin, der, wie er ſagte, alle ab Dr be nu w e⸗ al, eit en. zig lle 301 Schritte übernahm, und verſicherte ſich, daß noch zwei⸗ hundert und fünfzig ſchöne Rapoleons, das heißt fünf⸗ tauſend Franken, übrig blieben. Das war ein Vermögen. „Auf! auf!“ ſagte nun Baſtien,„laßt uns im Ga⸗ lopp nach Haramont marſchiren. Es gibt dort Leute, welche vor Kummer weinen, indeß wir hier vor Freude lachen.“ „Dieſer liebe Baſtien!“ rief Conſcience,„er denkt an Alles!“ „Oh! ja,“ ſprach Mariette,„und er iſt ſo gut, daß ich ihn um etwas bitten werde.“ „Mich?“ rief Baſtien,„mich? das iſt zum Voraus abgemacht, deſſen biſt Du ſicher, Mariette! Tauſend Donnerwetter! es wird ein Vergnügen ſein, wie man beim Regimente ſagte.“ „Es iſt gut, ich habe Dein Wort, Baſtien. Und nun, Conſcience, nach Haramont! nach Haramont!“ Und die zwei Kinder liefen freudig nach dem Parke, während ihnen Baſtien folgte und nachrief: „Und ich! und ich! tauſend Donnerwetter! Ihr ver⸗ geßt mich!“ Baſtien war in einer Viertelſtunde nach Haramont gekommen; durch Mariette aufgehalten, brauchten die zwei jungen Leute und Baſtien zwanzig Minuten zurück. Als Mariette das Häuschen erblickte, blieb ſie ſtehen; die Aufregung überwältigte ſie. Sie griff in ihre Taſchen und wollte Conſcience das Gold geben. Aber Conſcience legte ſeine Hand in die ihrige und ſprach: „Du biſt der Engel des Hanſes und haſt Deine Sendung zu erfüllen.“ „Ich danke Dir!“ ſagte Mariette. Sie ſchauten dann umher, aber Baſtien war ver⸗ ſchwunden. Der rauhe Burſche, der unter einer groben 302 Hülle ein zartfühlendes Herz verbarg, hatte begriffen, wenn er mit Conſcience und Mariette in das Häuschen zurückkehren würde, ſo hätte es das Ausſehen, als wollte er ſeinen Antheil am Danke in Empfang nehmen. Die zwei jungen Leute ſahen ſich lächelnd an und Beide ſagten gieichzeitig: „Der gute Baſtien!“ Dann gingen ſie weiter. Minder zartfühlend, als Baſtien, war ihnen Bernhard ſchon vorangelaufen, und durch ſeine muntern Sprünge und das Wedeln ſeines Schwanzes ſchien er ſich als einen Boten guter Kunde anzumelden. Dieſe Luſtigkeit von Bernhard, deſſen Verſtand ſo wohl vekannt war, erregte ein gewiſſes Erſtaunen im Hauſe. Madeleine ſchloß das Gebetbuch, in dem ſie las; Vater Cadet, der ſich den Anſchein gab, als ſchliefe er, damit er nicht zu ſprechen brauchte, offnete die Augen wieder und ſchaute mit Verwunderung das heitere Paar an, das Vernhard auf der Thürſchwelle folgte. Conſcience fiel Madeleine um den Hals. Mariette ging auf den Greis zu⸗ Streckt Eure beiden Hände aus, Großvater,“ ſagte ſie. „Wozu?“ fragte, den Kopf ſchüttelnd, der grämliche, ungläubige Greis. „Streckt ſie immerhin aus.“ Vater Cadet gehorchte, wie es ein ſchmollendes Kind gethan hätte. Mariette griff in ihre Taſche und ſchüttete eine Hand voll Gold in die Hände des Greiſes, der ſie in⸗ ſtinktartig und mit einem Schrei an einander hielt. Dann ſchüttete ſie eine zweite Hand voll darein Dann eine dritte. Und dies zur großen Verwunderung von Madeleine, welche aufgeſtanden war und zuſchaute, und von Frau Marie, die, als ſie die Kinder zurückkommen ſah, über die vo rie es 8 e 18 h . tit er n, he, nd ine in⸗ ne, rau ber 303 die Straße lief und beim Klange dieſes Goldes erſtaunt vor der Thüre blieb. „Aber wer hat Dir denn all dies Gold gegeben?“ rief der Greis;„mein Gott! mein Gott! träume ich?“ „Nein, Großvater, das iſt die Wirklichkeit; ſchaut es an, laßt es klingen es iſt gutes Gold, ächtes Gold.“ „Aber ich frage Dich, wer es Dir gegeben hat?“ „Fragt das Conſciente, Großvater,“ antwortete Mariette, die den jungen Mann etwas ſagen laſſen wollte. „Der Kaiſer, Großvater! der Kaiſer ſelbſt!“ „Der Kaiſer?“ riefen gleichzeitig Vater Cadet, Madeleine und Frau Marie. „Und auch dieſes Kreuz,“ ſprach Conſcience,„welches er von ſeiner Bruſt losgemacht hat, und das ich fortan an der meinigen zu tragen berechtigt bin.“ „Oh! na! na!“ ſprach Vater Cadet,„da wirbelt mir der Kopf wieder!“ „Großvater!“ „Ei! es iſt keine Gefahr; diesmal iſt es die Freude. Wir werden alſo Mittel haben, um den Vetter Maniquet zu bezahlen?“ „Der Vetter Maniquet iſt bezahlt, Großvater.“ „Aber das Feld?“ „Das Feld wird nicht verkauft werden.“ „Aber dieſes Gold?“ „Dieſes Gold gehört Euch, Großvater, um Euch andere Felder dafür zu kaufen und Euch ein ruhiges Atter zu ſichern.“ Der Greis drückte das Gold an ſeine Bruſt und machte drei Schritte, um es in ſein Verſteck einzuſchließen; doch er blieb wieder ſtehen und ſprach, den Kopf ſchüt⸗ telnd: „Nein, nein, meine Kinder, dieſes Gold iſt Enre Mitgift, wie das Feld Euer Erbe iſt. Nehmt das Gold wieder und pflegt das Feld.... Man ſagt, der Menſch mache das Feld, ich aber ſage im Gegentheil: das Feld 304 macht den Menſchen... Nur,“ fügte Vater Cadet bei,„nur werdet Ihr mir geſtatten, daß ich alle Tage dieſes geliebte Feld beſuche, und wenn ich nicht mehr ſelbſt dahin gehen kann, dann⸗ meine Kinder, müßt Ihr mich tragen.“ „Oh! ja, Großvater!“ riefen zugleich Conſcience und Mariette. Dann fielen ſie auf die Kniee und ſprachen: „Und nun ſegnet Eure Kinder, Großvater, denn von heute an find ſie für die ganze Ewigkeit verbunden, und in der Trübſat verlobt, werden ſie in der Freude heirathen.“ Vater Cadet erhob ſeine beiden Hände, die linke wie die rechte; dann legte er die rechte auf den Kopf von Conſcience, die linke auf den von Mariette. „Guten Morgen, Herr Baſtien und die Geſellſchaft,“ ſagte Vater Cadet, indem er, mit dem Kopfe nickend, den Huſaren grüßte, welcher eben eintrat.„Ah! Ihr ſeht da arme Leute, welche ſehr glücklich ſind.“ „Ei! Großvater, Baſtien iſt es ja, dem wir unſer Glück verdanken.“ „Wie ſo?“ fragte der Greis. Während nun Conſcience dem Vater Cadet und den zwei Frauen erzählte, was vorgefallen war, nahm Ma⸗ riette den Arm von Baſtien. Und als Conſcience ſeine Erzählung beendigt hatte, heſtete Mariette einen bittenden Blick auf Baſtien und ſagte leiſe zu ihm: „Lieber Baſtien, erinnerſt Du Dich, daß ich eine Bitte an Dich habe?“ „Sprich, oh! ſprich,“ erwiederte der Huſar, wäh⸗ rend er ſeine von Thränen befeuchteten Augen abwiſchte. „Lieber Baſtien,“ fuhr Mariette mit noch ſanfterer Stimme und mit noch mehr Verführung im Blicke fort, „lieber Baſtien, wirſt Du nicht einmal die arme Cathe⸗ rine heirathen?“ die über gnü et ge ßt un n, de ike pf den eht ſer den Na⸗ tte, und eine äh⸗ hte. erer fort, the⸗ 305 Baſtien erwartete dieſe Frage offenbar nicht; er riß die Angen weit auf, biß ſich auf ſeinen Schnurrbart, überlegte und ſchien dann einen Entſchluß zu faſſen. „Nun wohl! ja, ich will es thun, da es Dir Ver⸗ gnügen zu machen ſcheint, gute Mariette.“ „Oh!“ rief freudig das Mädchen. „Doch unter einer Bedingung... „Unter welcher?“ „Daß Du ihr den Brautkranz auf die Stirne ſetzſt.“ „Ei! von Herzen gerne,“ rief das Mädchen;„nur begreife ich nicht.... „Ah! Du begreifſt nicht?.... Ich will es Dir be⸗ greiflich machen... oder vielmehr, nein, es iſt un⸗ nöthig, daß Du begreiſſt... Conſcience wird es Dir ſpäter erklären. Haſt Du ihr aber den Brautkranz auf⸗ geſetzt, und im ganzen Dorfe erlanbt ſich dann nur ein einziger Burſche das kleinſte Wörtchen über die Vergangen⸗ heit, tauſend Donnerwetter!“ rief der Huſar, indem er an ſeinen Säbel ſchlug,„das wird ein Vergnügen ſein, wie man beim Regiment ſagte!“ An demſelben Abend machte Vater Cadet ganz allein, ohne die Unterſtützung von irgend Jemand, ſeinem Felde einen Beſuch und brachte eine Aehre mit, welche ſiebenzig Körner enthielt. Er hatte eine noch ſchönere gefunden, da er aber auf dem Rückwege dem Vetter Maniquet begegnet war, ſo hatte er ihm mitgetheilt, zur Stunde müſſe das Geld, das er ihm ſchuldig geweſen, an Meiſter Rignet bezahlt ſein, und ihm dieſe zweite Aehre als eine Probe von der nächſten Ernte gegeben. Einen Monat nachher, auf den Tag, erſchienen zwei Paare vor dem Altar der Kirche von Haramont, um hier den hochzeitlichen Segen zu empfangen. Madeleine hatte gebeten und es erlangt, daß die Meſſe in der Kapelle geleſen wurde, wo ſich das ſchöne Gott und Leufel. I. 20 306 Gemälde von Jeſus, der die Kindlein zu ſich kommen läßt, befand. Das ganze Dorf wohnte dieſer frommen Feierlichkeit bei und geleitete die vier Neuvermählten zum Häuschen von Vater Cadet zurück, wo das Hochzeitmahl ſtattfinden ſollte; auch den Thieren wurde ihr Theil am Feſte zu⸗ geſchieden, Langſam und der ſchwarzen Kuh durch ein friſcheres Gras, Pierrot durch ein Mäßchen Hafer und Bernhard durch alle Ueberbleibſel von der Tafel. Als er von der Kirche zurückkam und wieder über die Schwelle ſeines Hanſes trat, legte Conſcience lächelnd ſeine Hand auf die Schulter von Vater Cadet und ſprach mit ſeiner ſauften Stimme und ſeinem begeiſterten Blicke: „Ihr ſeht, Großvater, in dem Winkelchen des Him⸗ mels, wo Ihr Nichts erblicktet, war doch Etwas.“ „Du haſt Recht, mein Kind,“ erwiederte Vater Ca⸗ det,„Gott war da.“ Ende.