— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſebedingungen.„ 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em- ſ. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden? ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Il jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſt eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt 50 Pf. 2.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ ind Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſens, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ſeerelſ⸗ Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Gott und Teufel von Alerandre Pumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Joller. Erſtes und zweites Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckhſſchen Buchhandlung. 1852. Gott! Conſcience der Einfältige. Die zwei Hütten. An der Grenze des Aisne⸗Departement, weſtlich von der kleinen Stadt Villers⸗Cotterets, im Saume des herr⸗ lichen Waldes, welcher zwanzig Ouadratmeilen bedeckt, die er mit den ſchoͤnſten Buchen und den mächtigſten Ei⸗ chen vielleicht von ganz Frankreich beſchattet, erhebt ſich das Dörfchen Haramont, ein wahres Neſt verloren im Moos und im Blätterwerk, deſſen Hauptſtraße auf einem ſanften Abhange nach dem Schloſſe des Foſſés führt, wo zwei von den erſten Jahren meiner Kindheit verlaufen ſind, Je mehr man im Leben vorrückt und ſich in Wirk⸗ lichkeit von der Wiege entfernt, um ſich dem Grabe zu nähern, deſto ſtärker und unüberwindlicher ſcheinen die Fäden zu werden, welche den Menſchen an ſeinen Ge⸗ burtsort binden. Dies iſt ſo, weil das Herz, der Geiſt, der Verſtand, kurz weil das ganze Weſen ſich gegen das Geſpenſt ſträubt, das man die Zeit nennt, welches unab⸗ läßlich mit einer ſtärkeren Hand und einem fühlbareren Impulſe vorwärts treibt als ob unſer Leben einem Ab⸗ hange folgte und, nach den Geſetzen der Schwere, raſcher Gott und Tenfel. 1. 1 2 gegen das Ende, als am Anfang rollte. Dann wendet man ſich in Thränen zerfließend um, man ſchreit, man klammert ſich an Allem an, was man auf der Straße trifft; dann fühlt man, vaß, da Alles, was man trifft, von demſelben Wirbel fortgeriſſen demſelben Abhange folgt, jeder Widerſtand unnütz und ein verzweifelter iſt; man ſtreckt die Arme nach den entfernten Gegenſtänden aus, welche am Morgenhorizont glänzen, wie bei den letzten Flammen der untergehenden Sonne zuweilen, am entge⸗ gengeſetzten Horizont, die Mauern eines demüthigen Häus⸗ chens weiß erſcheinen, oder die Scheiben eines ſtolzen, prächtigen Schloſſes ſich entzünden. Das Leben des Menſchen theilt ſich in zwei ſehr un⸗ terſchiedene Phaſen: die fünfunddreißig erſten Jahre find für die Hoffnung, die anderen ſind für die Erinnerung. Dann ergibt ſich noch eine andere Luftſpiegelung in dieſer Wüſte, die man durchlaufen hat und wo die Daſen immer ſeltener werden. Die Gegenſtände, welche das Geſicht des Körpers am Anfange des Weges erſchaute, als man noch mit erhobenem Haupte und offenen Ar⸗ men der ſchönen flüchtigen Göttin nachlief, welche man die Hoffnung nennt,— Gegenſtände, die man gleichgůltig am Wege ließ, die man als zu unſcheinbar geringſchätzte, die man als zu demüthig verachtete, dieſe Gegenſtände, ſobald man die Scheidelinie überſchritten hat, ſobald man nicht mehr durch die Hoffnung, ſondern durch die Erinne⸗ rung lebt, während man indeſſen fortſchreitet, weil die De⸗ viſe des Lebens: Vorwärts! iſt, obgleich man mit ge⸗ ſenkter Stirne und herabhängenden Armen geht;— dieſe Gegenſtände erſcheinen allmälig wieder dem Geſichte der Seele, und da die Seele, eine Tochter des Himmels, ſie ganz anders ſchätzt, als der Stolz, der ein Kind der Erde iſt, ſie beurtheilte, ſo wird ihre Dunkelheit Licht, ihre Demuth wird Größe, ſo daß man liebt, was man gering⸗ geſchätzt hat, daß man bewundert, was man verachtet hat. Darum komme ich, ſtatt immer vorwärts zu gehen, vot ren vor 3 indem ich nach den Launen meines Geiſtes oder den Sprüngen meiner Einbildungskraft betrachte, neue Mu⸗ ſterbilder ſuche, ſeltſame und unbekannte Situationen ſchaffe, zuweilen, wenigſtens in Gedanken, auf jenen viel betrete⸗ nen Weg, auf meine Kindheit zurück, wo ich die Spur meiner kleineren Füße, meiner weniger langen Schritte neben den vielgeliebten Schritten meiner Mutter wieder⸗ finde, die ſich nach den meinigen abmeſſen, ſeit dem Tage, wo meine Augen ſich öffneten, bis zu dem, wo die ihrigen ſich ſchloſſen und ſie mich ſo traurig und ſo vereinzelt durch ihre Abweſenheit zurückließ, als es der junge To⸗ bias ſein mußte, nachdem wieder zum Himmel der Engel aufgeſtiegen war, der ihn an der Hand bis zu dem Wun⸗ derfluſſe geführt, deſſen Namen uns zu ſagen Moſes ver⸗ eſſen hat. Nun denn! heute will ich Ihnen mittheilen, was ich am Anfange dieſes Pfades ſehe, ein wenig jenſeits des Dorfes Haramont, auf dem erſien Abhange des Weges, der, beſtändig ſich ſenkend, nach dem Schloͤßchen des Foſſés führt. Es ſind zwei Hütten, jede auf einer der Seiten des Weges erbaut und nur durch dieſen Weg getrennt; ſie öffnen ſich gegen einander, ſtehen einander mit Thüren und Fenſtern gerade gegenüber und lächeln beide unter den goldenen Sonnenſtrahlen, die eine umrankt von einem Weinſtocke, der ſie mit ſeinem Rebendiademe bekränzt; die andere ganz in einen Rieſenepheu gekleidet, der, nach⸗ dem er ihr Dach wie mit einem Mantel bedeckt hatte, ihre Mauern wie mit einem grünen Rocke überzog. Zwei Familien bewohnten dieſe zwei kleinen Häuſer. Eine von dieſen Familien beſtand aus einem Greiſe von fiebenzig Jahren, einer Frau von achtunddreißig Jah⸗ ren, ſeiner Schwiegertochter, und einem jungen Burſchen von ſechzehn Jahren, ſeinem Enkel. Sie wurde vervollſtändigt durch einen großen Hund von der Sanet⸗Bernhards⸗Race, durch einen Eſel und einen Ochſen. Dieſe Familie bewohnte das auf der linken Seite des Weges ſtehende Haus. Die andere, von gleicher Anzahl, was die Perſonen betrifft, aber weniger zahlreich an Thieren, beſtand aus einer Mutter, ihrer Tochter und ihrem Sohne. Die Mut⸗ ter war ſechsunddreißig Jahre alt, die Tochter ſechzehn, der Knabe fünf. Eine einſame Kuh, welche ſich in einem Stalle vor einer ſtets mit friſchem Graſe gefüllten Raufe befand, antwortete blökend, mit vorgeſtrecktem Halſe und rauchen⸗ den Naſenlöchern, dem Ochſen, ihrem Nachbarn, ſo oft es dieſem gefiel, ſich durch ſein Gebrüll nach ihr zu er⸗ kundigen. Der Leſer, beſonders wenn er ein Städter iſt, wenn er nicht das ſanfte patriarchaliſche Landleben gelebt hat, wird ſich vielleicht wundern, daß er mich unter die Zahl der Mitglieder einer chriſtlichen Familie einen Hund, einen Eſel, einen Ochſen und eine Kuh ſetzen ſieht. Doch ich ſage ihm: Freund, Sie ſind zu ſtreng ge⸗ gen die Niedrigen der Schopfung; ich weiß wohl, daß der Segen der Kirche ſie nicht berührt; ich weiß wohl, daß ſie nicht Theil am Heile haben, daß ſie außer dem chriſtlichen Geſetze bleiben wie Heiden und wie Unreinez daß der Gott⸗Menſch, der für die Menſchen geſtorben iſt, nicht für ſie geſtorben iſt; daß die Kirche, die ihnen keine Seele zuerkennt, ihnen ihre Schwelle zu überſchreiten, um den allgemeinen Segen zu empfangen, nur am Jahres⸗ tage der heiligen Weihnacht geſtattet, wo unſer Herr, der Typus aller Demuth, in einer Krippe zwiſchen einem Eſel und einem Ochſen geboren werden wollte. Erinnern Sie ſich aber des Orients, der den Glauben angenommen hat, das Thier ſei eine eingeſchlafene oder bezauberte Seele; erinnern Sie ſich Indiens, dieſer majeſtätiſchen, ernſten Mutter unſeres ſtreitſüchtigen Occidentes, es wird Ihnen ——— ——- e— 5 erzählen, wie die Dichtkunſt ſeinem erſten Dichter enthüllt worden iſt; er ſah, ein reiches Herz, eine gedankenvolle Seele, zwei Tauben flattern; er bewunderte die Anmuth ihres Fluges und die Schnelligkeit der Verfolgung der Verliebten: plötzlich wird ein Pfeil von unbekannter Hand abgeſchoſſen, er durchſchwirrt die Luft und trifft einen von den zwei Voͤgeln; da veigießt er Thränen des Mitleids, ſeine Seufzer, die ſich nach den Schlägen ſeines Herzens meſſen, nehmen eine rhythmiſche Bewegung an: die Poeſie entſteht, und ſeit jenem Tage fliegen die Verſe, melodiſche Tauben, paarweiſe durch die ganze Welt. Er⸗ innern Sie ſich doch Virgils, des tiefen und zarten Dich⸗ ters; hören Sie ihn. Wenn er über die Bürgerkriege weint, welche die väterlichen Felder entvolkern, wenn er die Hirten beklagt, welche genöthigt ſind, ihre lieblichen Wieſen zu verlaſſen, hatte er nicht auch in ſeinem um⸗ fangreichen Mitleiden mit ſo viel Unglück eine Thräne für jene großen weißen Stiere mit den langen Hörnern, deren verſchwundene Racen Italien befruchteten? Hören Sie ihn, wenn er die Schmerzen von Gallus, dem conſulariſchen Dichter, von Gallus, ſeinem Freunde, beklagt, zeigt er ihm nicht im Gefolge der Götter, die er herbeigeführt hat, um ihn über ſeine verhängnißvolle Liebe zu tröſten, ſeine Schafe, welche traurig und blökend um ihn her⸗ ſtehen, und ruft er ihm nicht in jener melodiſchen Sprache, die ihm den Namen der Schwan von Mantna gegeben hat, zu:„Die demüthigen Schafe verachten Dich nicht! Verſchmähe ſie nicht, göttlicher Dichter!“ Dann gehen Sie vom Alterthume zum Mittelalter über und erinnern Sie ſich der reizenden, rührenden Le⸗ gende von Genovefa von Brabant. Durch einen Verräther verleumdet, wird die Frau von ihrem Gatten verſtoßen, und ebenſo das Kind, welches in Schuld geboren worden ſein ſoll; eine Hirſchkuh leiht ihre Höhle der Mutter und gibt ihre Milch dem Kinde; das Thier, welches vergeſſen hat, daß es die Hoffart des Menſchen aus der großen menſchlichen Familie vertrieben, nimmt die Familie auf. Eine unſchuldige Hirſchkuh des Waldes rettet die unſchul⸗ dige Mutter und das unſchuldige Kind. Die Hülfe kommt vom Niedrigen, die Rettung kommt vom Kleinen. Erinnern Sie ſich jenes Manuſeripts von St. Gallen, welches uns lehrt, wie man die Bienen zurückrufen muß, und ſagen Sie mir, ob je eine ſanftere und rührendere Bitte an ein verſtändiges Geſchoͤpf gerichtet worden iſt, als die an die Königin des kleinen geflügelten Reiches gerichtete Bitte:„Ich beſchwöre dich, o Mutter der Bienen! bei Gott dem Koͤnig des Himmels und dem Erlöſer der Erde, beim Sohne Gottes, weder weit, noch hoch zu fliegen und ſo ſchnell als möglich zu deinem Baume zurückzukehren; hier wirſt du dich mit deinen Kin⸗ dern und deinen Gefährten in Gemeinſchaft niederlaſſen, und ihr werdet ein von mir bereitetes gutes Gefäß fin⸗ den, wo ihr dann im Namen des Herrn arbeitet.“ Der Bauer denkt nicht wie Ihr Leute aus den Städten. Die Thiere nehmen unmittelbar ihren Platz in der länd⸗ lichen Familie nach dem Letztgeborenen der Familie ein, wie ſich in den adeligen ſächſiſchen Häuſern die kleinen Verwandten an das untere Ende des Tiſches ſetzen; in Bre⸗ tannien haben ſie auch ihren Antheil an der Freude und der Traurigkeit der Familien; bei freudigen Veranlaſſungen bekränzt man ſie, bei traurigen Vorfällen hüllt man ſie in Schwarz. Warum ſollte man ſie von der Trauer oder der Freude zurückſtoßen, dieſe Pferde von Achilles, welche den Tod ihres Herren beweinen, und dieſen Hund von nyſe welcher verſcheidet, da er ſeinen Herrn ſterben 6 Betrachten Sie doch die verſtändige Miene der Einen, das ſanfte, träumeriſche Ausſehen der Andern; begreifen Sie nicht, daß ein großes Geheimniß zwiſchen ihnen und dem Herrn obwaltet, ein Geheimniß, welches das Alter⸗ thum vielleicht unvollkommen an dem Tage durchſchaute, wo Homer die Fabel von Cirece ſchrieb. In der That, 7 will der Rabe mit dem ſchwermüthigen Geſchrei, der drei Jahrhunderte, das heißt vier Menſchenalter lebt, nicht von der Vergangenheit ſprechen, welche ſo traurig und düſter, als ſein Geſieder? Die Schwalbe, welche vom Süden kommt, hat ſie uns nichts über die großen Wüſten mitzutheilen, in die der Fuß des Menſchen nicht dringen kann, während ſie ihr Flug darüber hingetragen hat? Der Adler, der in der Sonne lieſt, die Nachteule, die in der Finſterniß ſieht, wiſſen ſie nicht beſſer als wir, was vorgeht, der eine in der Welt des Tages, die andere in der Welt der Nacht? Könnte endlich der große Stier, welcher unter der Eiche wiederkaut, ſo lange Träumereien haben und ſolche Klagetöne von ſich geben, wenn ihm nicht ein Gedanke durch den Kopf ginge, wenn er ſich nicht bei Gott vielleicht über den Undank des Menſchen, ſeines höheren Bruders, der ihn mißkennt, beſchweren würde? Die Blüthe des Menſchengeſchlechts, das Kind, iſt nicht ſo ungerecht als der Menſch; es ſpricht mit den Thieren wie mit Freunden und Brüdern, und dieſe ant⸗ worten ihm in ihrer Dankbarkeit. Sehen Sie einmal ein junges Thier und ein kleines Kind beiſammen, hören Sie die unartikulirten Töne, die ſie unter ihren Spielen und ihren Liebkoſungen austauſchen, und Sie werden verſucht ſein, zu glauben, das Thier bemühe ſich, die Sprache des Kindes zu ſprechen, und das Kind die des Thieres: was aber auch die Sprache ſein mag, die ſie ſprechen, ſie verſtehen ſich ſicherlich, ſie wechſeln Urgedanken, welche vielleicht mehr Wahrheiten ſagen, als Plato und Boſſuet je geſagt haben. Und nun wollen wir zu den zwei Hütten zurückkeh⸗ ren und es verſuchen, unſern Leſer mit den guten Bauern, von denen ſie bewohnt werden, bekannt zu machen. Vie Hütte zur Linken. Die Hütte zur Linken, diejenige, welche, von Wein⸗ reben umrankt, von dem fiebenzigjährigen Greiſe, von der achtunddreißigjährigen Frau und dem ſechzehnjährigen jungen Menſchen bewohnt wurde, diejenige, welche auf ihrer Thürſchwelle einen der Länge nach liegenden und in der Sonne mit den Augen blinzelnden großen Hund und in ihrem Stalle einen wiehernden Eſel und einen brüllenden Ochſen beſaß, hatte, ſage ich, zum un⸗ umſchränkten Herrn den fiebenzigjährigen Greis, den Schwie⸗ gervater der Frau und Großvater des Enkels. Der wahre Name des Greiſes war Antoine Mans⸗ evurt; da er aber ſeiner Zeit der zweite Sohn der Fa⸗ milie geweſen war, ſo hatte man ihn von dem Angenblicke, wo er, im Jahre 1740, zur Welt gekommen, bis zu dem, zu welchem wir gelangt ſind, Cadets) genannt; nur nannte man ihn von der Zeit an, wo er ſich verheirathet und einen Sohn bekommen hatte, ſtatt kurz Cadet, Va⸗ ter Cadet. Sehr wenige Perſonen im Dorfe erinnerten ſich ſeines vorigen Namens, und er ſelbſt hatte ihn beinahe vergeſſen; eine Folge dieſes allgemeinen Vergeſſens war, daß man ſeine Schwiegertochter Frau Cadet und den ſechszehn⸗ jährigen jungen Menſchen den Sohn Cadet nannte. Wenn von dem Letzteren die Rede ſein wird, wollen wir ſagen, wie dieſer Name, kraft der Beinamen, die man in den Dörfern zu geben pflegt, ſich abermals in einen neuen verwandelte, welcher nicht, wie der des Groß⸗ *) Der Jüngere. „— —— en 9 vaters, von der ſecundären Stellung herrührte, die er im Stammbaum der Familie einnahm, ſondern von der un⸗ tergeordneten Stellung, welche er in der intellectuellen Ordnung der Natur inne hatte. Vater Cadet war ein ächter Bauer, fein und ſchlau auf der Oberfläche, wie es ſich für einen Nachbar der Picardie geziemt, bieder, offen, redlich im Grunde, wie ein Sohn vom alten Gebiete des Königthums ſein ſoll, das man Ile de France nennt. Man wird vielleicht einige Mühe haben, dieſe Feinheit und Schlauheit mit der Biederkeit, Offenheit und Redlichkeit in Einklang zu brin⸗ gen! man erinnere ſich, daß ein Schleier ein Geſicht bedecken und es vennoch bei der geringſten Anſtrengung des Blickes, um ſeine Durchſichtigkeit zu durchvringen, ſehen laſſen kann, und man wird durch dieſe Vergleichung ein genaues Bild von dem haben, was wir ſagen wollen⸗ Bauer, Sohn und Enkel von Bauern, hatte Va⸗ ter Cadet in der Perſon ſeiner Vorfahren alle Revo⸗ lutionen des Landes durchgemacht, auf dem er geboren oder vielmehr gewachſen war; je nachdem vas Land der Sklaverei, der Leibeigenſchaft oder der Lehenbarkeit un⸗ terworfen geweſen, waren ſie auch Sklaven, Leibeigene ober Vaſallen geweſen. Im Jahre 1792 war dieſes Land frei geworden, und er war mit ihm frei geworden. Damals war er noch Tagelöhner im Dienſte des Pächters, der als Eigenthümer des Pachthofes Longpré den Mönchen, den Beſitzern der ehemaligen Abtei und des Pachthofes gleichen Namens, folgte. Durch angeſtrengte Arbeit und an den zwei Haupt⸗ bedürfniſſen des Landmannes, dem Brode und dem Weine, ſparend, hatte er ein Sümmchen von zwoͤlfhundert Franken zurückgelegt; mit dieſem Sümmchen kaufte er im Jahre 1798 zwei Morgen Feld. Als man plötzlich ſah, daß Vater Cadet Grundei⸗ genthümer geworden, ſagte man auch im Dorfe, er habe einen verborgenen Schat; dies war ſo. Der Schatz, den 10 er von Gott ſelbſt empfangen, beſtand in der beharrlichen Arbeit und in der Mäßigkeit. Im Herzen des franzöſiſchen Bauern iſt ein Gedanke tief eingewurzelt, der, ſelnen Antheil, ſo klein er auch ſein mag, an der Erde Frankreichs zu beſitzen, Eigenthümer einer Parcelle vom Boden zu ſein, und wäre ſie gerade nur ſo groß, um die Wiege ſeines Kindes darauf zu ſtellen vder das Grab ſeines Vaters darin zu graben;— das heißt, nicht mehr ein Lohnarbeiter ſein, den die Laune heute annimmt, der Zorn morgen fortſchickt, weder Sklave, noch Leibeigener, noch Lehensmann ſein, frei ſein; ein großes, herrliches Wort, welches das Herz desjenigen, der es geſagt hat, ausdehnt, welches den Menſchen ver⸗ ſittlicht und beſſer macht. Vater Cadet kaufte alſo im Jahre 1798 zwei Mor⸗ gen Feld für die Summe von zwölfhundert Franken, die er während der dreißig erſten Jahre ſeines Lebens er⸗ ſpart hatte. 7 Es war nicht vom beſten Felde der Markung; nein, das beſte Feld trug drei bis vier von hundett, bedeckte ſich regelmäßig jedes Jahr mit goldenem Weizen, mit grünem Klee oder rother Eſparcette, während der von Vater Cadet erkaufte Boden, der lange Zeit brach gewe⸗ ſen und auf dem Abhange des Berges lag, mit Steinen beveckt war und kaum Diſteln trug. Da begann der Kampf der Arbeit des Menſchen gegen die Unfruchtbarkeit des Bodens: man ſah Vater Cadet auf dieſe Erde von vier Uhr Morgens bis ſechs Uhr Abends gebückt die Diſteln ausreißen und in die Ferne die Steine werfen, die er nicht auf die Felder ſei⸗ nes Nachbars zu werfen wagte. Konnten übrigens, ſollten nicht eines Tages die Fel⸗ der ſeines Nachbars die ſeinigen ſein? Sie erinnern ſich der reizenden deutſchen Ballade ge⸗ nannt Undine. Das iſt die Fabel von der Anziehungs⸗ kraft, welche das Waſſer auf den Fiſcher übt; zui den ——en—— —— 11 durchſichtigen Spiegel des Waſſers erblickt er den blonden Kopf einer Nymphe, die ihm zulächelt und die Arme gegen ihn ausſtreckt; der Zauber wird immer ſüßer und immer ſtärker; er lächelt ſeinerſeits auch, er ſtreckt auch die Arme aus; Undine nähert ſich immer mehr der Ober⸗ fläche des Sees, ihr blaues Auge hat, um es zu bedecken, nur noch einen Schleier, der ſo durchſichtig als Gaze, ihre blonden Haare ſchwimmen auf dem Waſſer, ihre Korallenlippen ziehen ſchon die Luft ein; in einem Athem, der halb Seufzer, halb Kuß, taucht der Unvorſichtige nie⸗ der; er glaubt die Nymphe zu ſich emporzuheben, doch ſie iſt es im Gegentheil, die ihn auf ihr Bett von See⸗ gras und in ihre Grotte von Muſchelwerk fortreißt, von wo er nie mehr entkommen wird, um ſeine alte Mutter, welche betet, und ſein kleines Kind, welches weint, wie⸗ derzuſehen. Der Zauber der Erde wirkt aber viel mächtiger auf den Bauern, als der des Waſſers auf den Fiſcher. Iſt das Feld, das der Bauer beſitzt, rund, ſo muß er einen andern Theil kaufen, um es viereckig zu machen; iſt es viereckig, ſo muß er dieſen andern Theil kaufen, um es rund zu machen. Ach! mehr als Einer unterliegt dieſem Ehrgeize; er kauft, und um zu kaufen, borgt er zu ſechs, zu acht, zu zehn Prorent auf vieſes elende Land, das ihm nur zwei trägt; von da an iſt es ein Kampf zwiſchen dem Wucher und der Arbeit, und der Wucher, eine traurige Undine mit hakenförmigen Nägeln, ſchleppt häufig den Bauern fort, nicht auf ein Bett von Meergras und Mu⸗ ſchelwerk, ſondern auf das Lager des Elends und in die Grube des Armen. Zum Glück war Vater Cadet klüger; er hatte den Grundſatz: Sammle, aber borge nicht! Als die Diſteln ausgerauft und die Steine in die Ferne geworfen waren, als die Zeit der Feldarbeit ge⸗ kommen war, nahmen er und ſeine Schwiegertochter jedes einen Stten und legten das Frühſtück und das Mittageſſen 12 in einen Korb, ein dürftiges Frühſtück, ein ärmliches Mittageſſen, beſtehend aus einem Laib Brod, einem Stück Käſe und einigen Früchten. Was das Getränke betrifft, welches die Speiſen befeuchten ſollte, ſo ſprang die Quelle fünfzig Schritte von der Arbeit aus der Seite des Ber⸗ ges, eine murmelnde, reine, kühle, in der Sonne ſchim⸗ mernde Quelle, die ſich hinwand, wie einer von jenen ſilbernen Herbftfäden, welche ſich über dem hohen Graſe hinziehen. Was braucht man Anderes? Wein trank man Sonntags beim Mahle eine halbe Flaſche zu drei: das war genügend, daß man ſich während der übrigen Woche des Geſchmacks erinnerte, den der Wein hat. Es kam die Säezeit: das war die Zeit der Ruhe für die arme Madeleine, die Schwiegertochter von Vater Cadet; ſie konnte zu ihrem Kinde zurückkehren, welches ſie, während ſie auf dem Felde arbeiten mußte, bei ihrer Nachbarin gegenüber gelaſſen hatte. Dieſe Feldarbeit er⸗ müdete ſie ſehr, doch ſie wagte es nicht, ſich zu beklagen: ſie hatte nichts für ſich, die arme Frau, als ihre Froͤm⸗ migkeit und ihre Geduld, und da ihr Schwiegervater ſie und ihr Kind ernährte, ſo mußte fie wohl das Brod für Beide verdienen. Doch bei der Ausſaat war ſie unnöthig, Vater Cadet genügte hiefür allein, und, man muß es ſagen, was der wackere Mann allein thun konnte, that er auch allein. Dann kam die Zeit, um die Erde zu egen: Vater Cadet konnte, wie die gewerbthätigen Bauern, ein wenig von Allem und folglich auch von der Stellmacherarbeit: er kaufte Holz, verfertigte eine Ege und kündigte ſchon am Abend des Tages, wo ſie vollendet war, ſeiner Schwiegertochter an, man werde am andern Tage egen: es war dringend nothwendig, die Frucht mit Erde zu be⸗ decken, damit ſie nicht in den Novemberregen verfaulte. Das koſtete eine noch härtere Arbeit: man mußte ſich wie Zugvieh an die durch einen großen Stein beſchwerte Ege anſpannen; das war nichts für Vater Cadet, aber 13 die Anſtrengung überſtieg die Kräfte von Maveleine. Ein Nachbar, der ungefähr dreißig Morgen Felder beſaß und mit einem Eſel und einem Ochſen egte, hatte Mitleid mit ihnen; er gab ihnen umſonſt anderthalb Tage von ſeiner Arbeit, und der Boden war geegt. „Ich danke, Gevatter Mathieu,“ ſagte Vater Cadet, als dies beendigt war.„Ihr habt der armen Madeleine einen Dienſt geleiſtet.“„Oh! nicht Urſache,“ erwiederte der gefällige Nachbar;„doch wenn Ihr mir glauben wollt, ſo werdet Ihr für das nächſte Jahr einen Eſel kaufen. Höret,“ fügte er auf den ſeinigen deutend bei,„da iſt Pierrot, ein guter Eſel, der kaum vier Jahre geht. Da ich eine kleine Erbſchaft von Seiten meines Oheims in Wors gemacht habe, ſo gedenke ich einen Ochſen zu kaufen, um ein Paar zu haben; ich werde Pierrot an Euch ver⸗ kaufen, wenn Ihr wollt.“ Vater Cadet ſchüttelte den Kopf und ſprach: „Das überſchreitet meine Mittel.“ Doch er kehrte zu Madeleine zurück, welche ganz erbleichend auf einem Weichſteine ſaß und ihn traurig anſchaute. Er ſtieß einen Seufzer aus. „Ho! ho! das überſchreitet Eure Mittel,“ ſagte la⸗ chend Mathieuz„es iſt alſo nicht wahr, daß Ihr einen ver⸗ borgenen Schatz beſitzt?“„Ach!“ erwiederte Vater Cadet, „würde ich, wenn ich einen verborgenen Schatz hätte, meine Schwiegertochter, die Witwe meines armen Guil⸗ laume, an eine Ege ſpannen?“„Allerdings,“ verſetzte Mathieu, der wohl einſah, daß weder der Blick von Ma⸗ deleine, noch der Ausdruck von Vater Cadet log, und daß er eine traurige, düſtere Wahrheit gehört hatte.„Es iſt aber auch bei meiner Seele gewiß, daß ich Euch Pierrot wohlfeil geben würde.“ Vater Cadet ſchaute Pierrot an; es war ein ſchöner, ſehr glänzender Eſel, mit langen, geraden Ohren und einem prächtigen ſchwarzen Streifen auf dem Rücken. Da er ſah, daß es ein ſo ſtattliches Thier war, ſo wagte er es nicht, nach dem Preiſe zu fragen. Der Nachbar Mathieu bemerkte, was in ſeinem In⸗ nern vorging, und beeilte ſich, ihn zu beruhigen. „Oh! das wird nicht theuer ſein,“ ſprach er,„und nie werdet Ihr eine ſolche Gelegenheit finden. Ich ſchenke Euch Pierrot für ſechzig Franken, die Ihr mir in drei Jahren bezahlt, zwanzig Franken jedes Jahr an Martini. Ich ſage, ich ſchenke, weil dies geſchenkt iſt, Ihr müßt es zugeſtehen.“ Das war richtig. Dem Vater Cadet gebrach es auch, ſo große Luſt er dazu hatte, an Muth, zu handeln. Er ſchaute Madeleine an; Madeleine wandie die Augen ab; ſie wollte ihren Schwiegervater nicht zu einer ſolchen Ausgabe veranlaſſen. „Wir wollen ſehen,“ ſagte er.„Seht zu,“ erwie⸗ derte der Nachbar Mathieu,„für jeden Andern würde das achtzig Franken koſten, für Euch ſechzig; übrigens werde ich Pierrot nicht verkaufen, ohne Euch zuvor davon in Kenntniß zu ſetzen.“—„Ich danke Euch,“ ſprach Vater Cadet,„Ihr ſeid ſehr gut.“—„Oh! Ihr ſeid auch wackere Leute, und Ihr verdient es, daß Gott Euch ſegnet: Pier⸗ rot gehört alſo Euch, wann Ihr wollt. Hü, Langſam!“ Und er ſchwang ſich auf ſeinen Eſel und kehrte nach Hauſe zurück, ſeinem Ochſen voranreitend, welcher, da er wußte, daß ein Bund friſch geſchnittenes Gras ſeiner in der Krippe harrte, ohne daß er geſtachelt zu werden brauchte, ſich in ſeinen ſtärkſten Schritt ſetzte, um ihm und ſo den Namen, den man ihm gab, Lügen rafte. Vater Cadet hatte geantwortet: Wir wollen ſehen, nicht als hätte er nicht vollkommen den Vor⸗ theil begriffen, welchen er bei dem Handel, den man ihm anbot, finden würde, doch er bedurfte des Eſels erſt bei ke rei ni. ſt ie er e⸗ de 8 n er r⸗ 7 er in en m en r⸗ ei 15 der nächſten Beſtellung des Feldes und es war unnöthig, Pierrot bis dahin zu füttern. Er lief nicht Gefahr, daß ihm Pierrot entging, da ihm der Nachbar Mathieu verſprochen hatte, Pierrot nicht zu verkaufen, ohne ihn zuvor davon in Kenntniß zu ſetzen. Dann hatte er noch ein anderes Werk zu vollbringen, ehe er Pierrot kaufen konnte. Der Ackermann hatte ſich zum Wagner gemacht, um ſich eine Ege zu verfertigen, der Wagner machte ſich zum Maurer, um einen Stall zu bauen. Zum Glück fand ſich Boden hinter dem Hauſe, und auf den Feldern gab es Steine: man brauchte alſo nur ein paar Säcke Gyps zu kaufen. Ohne Jemand etwas davon zu ſagen, ſchritt Vater Cadet zum Werke: in der That, dieſer Stall den er baute, konnte Pierrot ſehr leicht vertheuern! Der Nach⸗ bar Mathieu war ein braver Mann, doch es gibt keinen Mann, der ſo brav iſt, daß ihn der Teufel nicht ſieben⸗ mal im Tage in Verſuchung führt, und wir ſetzen die Sache auf das Niedrigſte, da ſiebenmal die Zahl der Heiligen iſt. Nur machte er durch eine Berechnung, welche bei ihm ohne Zweifel einem geheimen Trachten entſprang, den Plan des Stalles groß genug, daß dieſer Stall zwei Thiere aufnehmen konnte. Das Geſpann eines Ochſen und eines Eſels war die äußerſte Grenze ſeiner Wünſche; doch in den Horizonten des Möglichen gingen ſeine Wünſche bis dahin. Nach Verlauf von drei Monaten war der Stall ge⸗ baut, innen und außen beworfen, außen mit einem Laden, innen mit einer Raufe verſehen. Am andern Tage, nachdem der Stall vollendet war, ſchien es ihm, als hörte er einen Eſel in ſeinem Stall⸗ wiehern. Er ſtand ganz erſtaunt auf und ſchaute nach. Pierrot war in ſein neues Domicil eingezogen und 16 fraß gerade nach Herzensluſt einen Bund friſches Gras, das man in die Raufe geworfen hatte. Vater Cadet kratzte ſich hinter dem Ohr und kehrte in ſein Haus zurück. Er fand hier den Nachbar Mathieu, der durch eine Thüre eingetreten war, während er zur andern hinausging. Der Nachbar Mathieu erwartete ihn und grüßte ihn mit einer duckmäuſeriſchen Miene. „Sprecht,“ fragte Vater Cadet,„Ihr habt mir Pier⸗ rot gebracht?“—„Ei allerdings!“ antwortete Mathieu. —„Ich hatte ihn nicht von Euch verlangt, Nachbar.“ —„Nein, das iſt wahr; ich habe Euch aber den Stall bauen ſehen, und da ſagte ich zu mir; Es ſcheint, Vater Cadet will entſchieden Pierrot kaufen, und da ich geſtern einen zweiten Ochſen gekauft hatte und keinen Platz für drei Thiere im Stalle beſaß, ſo ſagte ich ferner zu mir: Dies iſt der Augenblick, um Pierrot anzubringen. Da führte ich ihn in Euren Stall.“—„Immer um den⸗ ſelben Preis?“ fragte Vater Cadet mit Bangigkeit.— „Oh! ein ehrlicher Mann hat nur ſein Wort. Ihr habt mir ſechzig Franken zu bezahlen, zwanzig Franken am nächſten Tage Martini und ſo fort.“ Vater Cadet überlegte einen Augenblick: es war leicht zu ſehen, daß er einen großen Gedanken in ſeinem Kopfe hin und her drehte. Nach einigen Secunden faßte er ſeinen Entſchluß und rach: 6„Ei! wenn man baar bezahlte, würdet Ihr nicht ein wenig nachlaſſen?“—„Ah!“ verſetzte der Nachbar Mathieu,„Ihr Spaßmacher, ich wußte wohl, daß Ihr einen Schatz habt.“—„Darum handelt es ſich nicht, man richtet eine Frage an Euch, und es handelt ſich da⸗ rum, daß Ihr antwortet. Würdet Ihr einen Nachlaß gewäh⸗ ren oder keinen gewähren?“—„Allerdings, man würde ſechs Franken nachlaſſen und eine Flaſche bezahlen.“— „Ein Nachlaß von zehn Franken und keine Flaſche wäre r⸗ u. ill rn ür rz a n⸗ bt m ar m nd cht ar hr ht, 17 mir lieber,“ ſprach Vater Cadet.—„Ah! das iſt wahr,“ erwiederte lachend der Nachbar Mathieu,„ich vergaß, daß Ihr ein Waſſertrinker ſeid.“—„Der Wein ſchadet mir,“ ſagte Vater Cadet.—„Wohl denn!“ rief der Nachbar Mathieu,„gebt mir fünfzig Franken, und da man kein alter Knauſer iſt, wie Ihr, ſo wird man den⸗ noch eine Flaſche bezahlen.“—„Es iſt gut, erwartet mich in Eurem Hauſe, und man wird Euch die fünfzig Franken dahin bringen.“—„Ja, ja,“ verſetzte der Nach⸗ bar Mathieu,„damit ich das Verſteck nicht ſehe, aus dem Ihr ſie nehmt; ah! Vater Cadet, Ihr ſeid fein wie der Ambra.“ Der Nachbar Mathieu war ſo fein als Vater Cadet, denn er hatte richtig errathen. Vater Cadet läugnete daß dies die Urſache des Ver⸗ zugs beim Bezahlen ſei; doch ſeine Betheuerungen brach⸗ ten den Nachbar Mathieu nicht von ſeiner Meinung ab. Er entfernte ſich den Kopf ſchüttelnd und wiederholte: „Fein wie der Ambra, der Vater Cadet, fein wie der Ambra!“ Kaum war der Nachbar Mathieu weggegangen, als Vater Cadet die Thüre hinter ihm ſchloß und auf der erſten Stufe der Treppe horchte, ob Madeleine, welche in ihrer Stube war, nicht etwa Willens ſei, herabzukommen; dann trat er geräuſchlos an ſein Bett, während er mit unruhigem Blicke umherſchaute, zog aus einem in der Wand angebrachten Verſtecke eine eiſerne Lade, öffnete ſie mit einem Schlüſſelchen, das am Knopfloch ſeiner Hoſen⸗ taſche mittelſt eines ſchmalen ledernen Riemens angebun⸗ den war, hob ſachte und mit einer Hand den Deckel auf, als befürchtete er, die varin enthaltenen fünfzehn Louls dor haben Flügel und könnten es verſuchen, davon zu ſtiegen, ſteckte den Zeigefinger und den Daufen der aß⸗ dern Hand in die Lade, zog zwei ſchöne Louis d'or var⸗ aus, ſchloß ſie wieder, ſtelite ſie an ihren Platz, vervoll⸗ Gott und Teufel. I. 2 18 ſtändigte die fünfzig Franken mit einem Dreißig⸗Sous⸗ Stück, das er aus einem lebernen Beutel nahm, und mit zehn Sous, die er in ſeinen acht Taſchen ſtörendezuſam⸗ menbrachte, wonach er mit einem Seufzer ſeine zwei ar⸗ men Louis d'or anſchaute, welche den Herrn wechſeln ſollten, und nach dem Hauſe des Nachbar Mathieu ging; er ſchlug hiebei den Weg durch den Hof ein, damit ihn der Anblick von Pierrot hei dem Opfer, das er für ihn brachte, tröſte. vater Cadet und ſein Gut. Der Handel war abgeſchloſſen und endigte, nach dem Verſprechen des Nachbar Mathieu, in der Schenke der Mutter Boulanger, der erſten Schenke des Dorfes Hara⸗ mont. Im darauf folgenden Jahre hatte Madeleine nur zu umgraben; das war noch viel für die Arme, welche ſehr ſchwach am Körper; als er ſie von Schweiß triefend und auf ihren Spaten geftützt ſah, bekam der Nachbar Ma⸗ thieu, welcher ſein Feld beſtellte, abermals Mitleid mit ihr und ſagte: „He! Vater Cadet, ich habe Euch noch einen Vor⸗ ſchlag zu machen.“ Vater Cadet ſchaute den Nachbar Mathien mit Be⸗ ſorgniß an. „Ich weiß,“ ſagte dieſer,„ich weiß von Herrn Niguet, der mein Notar und der Eurige iſt, daß Ihr ein Stück Feld von drei Viertelmorgen, das an meinem Gute liegt, gekauft und, Ihr Spaßmacher, baar ſieben hundert Livres in dre and iſt ſind ſchle Sous⸗ mit ſam⸗ iar⸗ chſeln ing tihn rihn dem der ara⸗ zu ſehr und Na⸗ mit or⸗ Be⸗ net, ück gt, res 19 in ſchoͤnen Louis d'or vafür bezahlt habt. Nun! für dieſe drei Viertelmorgen, welche getrennt ſind, gebe ich Euch anderthalb Morgen, die an Euch angrenzen;z oh! die Erde iſt nicht gut, ich weiß es wohl, aber anderthalb Morgen ſind auch das Doppelte von drei Vierteln.“ Vater Cadet kratzte ſich hinter dem Ohr; der Vor⸗ ſchlag war annehmbar. „Ei! wir wollen ſehen,“ ſagte er. Man weiß, das war ſein Wort. „Nehmt ſchleunig an,“ ſprach Mathieu.„Das ſchick ch zu meinen Anordnungen, und als Beweis, daß ich wünſche, die Sache möchte zu Stande kommen, will ich Euch noch zwei Vorſchläge machen, welche, ich bin deſſen ſicher, Madeleine zuſagen werden.“—„Der Vater iſt der Herr,“ erwiederte dieſe.—„Schlagt ein wenig vor,“ ſprach Vater Cadet.—„Wohl denn! Ihr werdet Eure Diſteln ausraufen. Ihr werdet Eure Steine wegſchaffen, und ich ackere mittlerwelle nicht nur Eure zwei Morgen, ſondern auch die anderthalb Morgen, die ich Euch abtrete; dann, da der Boden nicht ausgezeichnet iſt, gibt man Euch einen Wagen Dünger, und man wird vas Maß gut ma⸗ chen. Wie! was ſagt Ihr hiezu?“ „Ich ſage, man müßte noch etwas geben,“ erwiederte Vater Cadet. „Hört, Ihr ſeid ein alter Geizhals,“ verſetzte der Nachbar Mathieu;„doch gleichviel: da ich Mitleid mit der armen Madeleine habe, die eine Freundin meiner Verſtorbenen war, und es mir das Herz ſchwer macht, ſie ſo arbeiten zu ſehen, ſo ſchenke ich ihr, verſteht wohl, ihr, doch erſt beim nächſten Pflügen, Langſam, der zu klein für ſeinen Kameraden und nicht ſtark genug für die Arbeit iſt, die er verrichten ſoll.“ „Langſam iſt alt,“ entgegnete Vater Cadet, der über das Alter des Ochſen auf das Gerathewohl und ohne ge⸗ nau davon unterrichtet zu ſein, ſprach. „Eil er iſt fünf Jahre alt; wollte ich ihn verkauſen, 20 ſchlachten laſſen, ſo würde mir der Fleiſcher hundert und achtzig Franken dafür geben; doch ich habe das arme Thier drei Jahre lang gekannt, und es ſoll ihm kein Leid widerfahren: darum ſchenke ich es Madeleine, feſt überzeugt, daß ſie es nie ins Schlachthaus ſchicken wird.“, —„Oh! nein, gewiß nicht,“ rief Madeleine. „Du ſprichſt, als ob der Handel abgeſchloſſen wäre,“ ſagte Vater Cadet. „Und ich habe Unrecht gehabt, mein Vater,“ ver⸗ ſetzte das demüthige Weib;„ich bitte Euch um Ver⸗ zeihung.“ „Du bitteſt mich um Verzeihung es iſt kein Grund vorhanden, mich um Verzeihung zu bitten. Ueber⸗ dies hat er Recht, der Nachbar Malhieuz der Handel kann ſich machen; oh! ja, er kann ſich machen.“ „Und er wird ſich machen, denn er iſt zu vortheil⸗ haft, als daß Ihr ihn ausſchlagen ſolltet.“ „Ah!“ ſprach Vater Cadet,„wenn er ſo vortheilhaft iſt, als Ihr ſagt, warum bietet Ihr ihn mir an?“ Mathien ſchaute ihm mit einer hinterhältiſchen Miene ins Geſicht und erwiederte: „Warum ich ihn Euch anbiete? ah! ja, Ihr begreift das nicht. Ich biete den Handel an, weil ich Euch nütz⸗ lich ſein will; ich biete ihn an, weil ich Madeleine liebe, hört Ihr wohl, von Herzen liebe; wenn ſie gewollt hätte, nicht wahr, ſie hat nie mit Euch hievon geſprochen? wenn ſie gewollt hätte, wäre ſie vor drei Jahren Frau Ma⸗ thieu geworden. Doch ſie hat nicht gewollt; ſie will ihrem Guillaume treu bleiben. Ihr begreift, man darf deshalb nicht mit ihr ſchmollen, inſofern es eine bewun⸗ derungswürdige Frau iſt; doch man will ihr nützlich ſein, und darum ſchlage ich Euch einen ſo vortheilhaften Handel vor, daß Ihr in Eurem Innern ſchon angenommen habt, alter Knauſer, und daß Ihr Euch aufhängen würdet, wenn ich mein Wort zurückzöge.“ „Ja,“ erwiederte Vater Cadet, ohne unmittelbar auf dre bri Ni ein übe füc Fr der gel nä ein Eu we nel zu hal t und arme kein „feſt vird.“, äre,“ ver⸗ Ver⸗ kein leber⸗ andel theil⸗ ilhaft Niene greift nütz⸗ liebe, ätte, wenn Ma⸗ will darf wun⸗ ſein, andel habt, irdet, auf 21 vie Frage zu antworten,„doch wer wird die Koſten des Vertrags bezahlen?“ „Ah! gut, da drückt Euch der Sattel!“ „Seht, das iſt abermals eine Sache von fünf und dreißig bis vierzig Livres.“ „Nun! es gibt ein Mittel, dies in Ordnung zu bringen: Ihr habt geſtern Euren Vertrag beim Vater Niguet gemacht; der Vertrag iſt noch nicht ins Regiſter eingetragen; man wird meinen Namen an die Stelle des Eurigen ſetzen, und auf demſelben Vertrage eine Urkunde über meine Abtretung dieſes Grundſtückes an Euch bei⸗ fügen, und wir bezahlen Alles zur Hälfte als zwei gute Freunde.“ „Hm! hm!“ machte Vater Cadet, indem er nach dem angehotenen Grundſtücke ſchielte, als wollte er ſehen, welche Wirkung es mit dem ſeinigen verbunden mache, „Hm! hm!“ „Nun?“ „Wenn aber,“ fragte Vater Cadet,„wenn aber zwiſchen jetzt und der Zeit, wo Ihr mir Langſam über⸗ geben ſollt, Langſam ſtirbt?“ „Wenn Langſam ſtirbt?.. Iſt das wahrſcheinlich?“ „Es iſt möglich. Der Kalender ſagt, es werde im nächſten Jahre eine Sterblichkeit unter dem Hornvieh eintreten.“ „Oh! Vater Cadet, Ihr ſeid ein vorſichtiger Mann.“ „Was wollt Ihr, das iſt mein Charakter.“ „Wohlan,“ ſprach der Nachbar Mathieu,„ich habe Euch geſagt, Langſam ſei hundert und achtzig Livres werth; ſtirbt er, ſo werde ich mein Wort nicht zurück⸗ nehmen, ſondern Euch die hundert und achtzig Livres in Geld geben. Sprecht, habt Ihr noch eine Bemerkung zu machen?“ „Solltet Ihr nicht vielleicht ein altes Pflugeiſen haben, das Euch nicht mehr dient?“ „Man wird es finden.“ „Und dann, wenn wir nicht zu gleicher Zeit egen, könnt Ihr mir nicht Langſam zum Egen leihen?“ „Man wird ihn Euch leihen.“ „Dann iſt es mir ganz genehm. Ich mache die Geſchäfte rund ab.“ Und er reichte dem Nachbar Ma⸗ thieu die Hand und rief:„Topp!“ „Topp!“ rief Mathieu, während er einſchlug. „Oh! das iſt abgeſchloſſen: wenn ich mein Wort ge⸗ geben habe, widerrufe ich nie.“ „Ich glaube es wohl,“ verſetzte der Nachbar Mathieu, indem er Vater Cadet mit einer ſpöttiſchen Miene an⸗ ſchaute. „Oh! nie, nie.“ Madeleine dankte mit den Augen dem guten Nach⸗ bar, denn ſie ſah wohl, daß er ihr zu Liebe Alles dies that. Von dieſem Augenblicke an war Madeleine vom Graben und Egen befreit, und ſie konnte ſich ganz der Sorge für die Haushaltung und ihrem Kind widmen. Was Vater Cadet betrifft, ſo wurde er im folgenden Jahre wirklich Gutsbeſitzer, denn ſchon Eigenthümer eines Hauſes, wurde er Eigenthümer eines Feldes, eines Eſels und eines Ochſen, einer Ege und eines Pfluges. Und das Feld trug Früchte; von zwei Morgen aus⸗ gehend, ſtieg es bis zu acht; und da Alles dies ein ein⸗ ziges Stück war, ſo begegnete es oft Vater Cadet, daß er ſagte:„Mein Gut!“ wie der Herr von Byurſonne oder der große Pächter von Largny. Hätte er ein Stückchen Feld eine Viertelſtunde vom erſten entfernt gehabt, ſo würde Vater Cadet geſagt haben:„Meine Güter!“ Mehr als einmal dachte er daran, ſich dieſe Befrie⸗ digung zu verſchaffen, ſo oft ihm aber dieſer Gedanke kam, hörte man ihn, den Kampf offenbarend, der in ſei⸗ nem Innern ſtattfand, ſich ſelbſt antworten: „Nein, nein, es iſt beſſer, ſich zu arrondiren.“ 23 Und wir wiederholen, kraft dieſes Arioms hatte ſich Vater Cadet arrondirt und war ſachte, ſtufenweiſe, Jahr für Jahr, von zwei Morgen bis zu acht übergegangen. Er liebte auch ſein Gut leidenſchaftlich, mehr als er je ſeine Frau geliebt hatte, mehr als er ſeine Schwie⸗ gertochter liebte, da er ja, wie man geſehrn, Madeleine beinahe ſeinem Gute geopfert hätte, und er liebte doch Madeleine ungemein. Er war alle Tage auf ſeinem Felde, denn das Feld iſt dankbar; ja, je mehr man ſich mit ihm beſchäftigt, deſto mehr trägt es; alle Tage, vom Morgen bis zum Abend, er war ſogar bei Nacht in Gedanken dort; er träumte von ihm und ſah, mit geſchloſſenen Augen, wo die ſchönſten Aehren und der dichteſte Klee im Frühjahr und im Sommer waren;z im Winter ſah er einen vergeſ⸗ ſenen Stein, ein Büſchel Schmarotzerpflanzen, und er ſagte ſich:„Morgen werde ich dieſen Stein aus meinem Felde werfen, morgen werde ich dieſe Pflanzen ausraufen;“ und es war alle Tage und alle Nächte daſſelbe. Kam der Sonntag, der von den armen Arbeitern ſo ſehr erſehnte Tag, der Tag, wo Gott ſelbſt, dieſe Quelle aller Stärke, wie er die Quelle aller Güte iſt, ſich den Anſchein gab, als wäre er müde, damit die Menſchen einen Ruhetag hätten, ſo ſagte Vater Cadet nach ſeinem Abendbrod: „Oh! bei meiner Treue, Madeleine, ich werde mor⸗ gen wohl ausruhen.“ Und Madeleine erwiederte lächelnd: „Ihr habt Recht, mein Vater.“ Der andere Tag kam, die Glocken ertönten und ſprachen: „Es iſt heute der Tag der Ruhe, der Tag Gottes, der Tag des Herrn. Seid in Freude, arme Unglückliche, Enterbte der Geſellſchaft, vergeßt die Anſtrengung, die Ihr geſtern gehabt habt, vergeßt die, welche Ihr morgen 24 haben werdet. Zieht Eure ſchönſten Klelder an und athmet zwiſchen Euren beiden Arbeiten“ Und auf die Stimme der Glocke, während Madeleine mit ihrem Gebethuche in der Hand in die Kirche ging, wo ihr Sohn Meſſe diente, zog Vater Cadet wirklich ſeinen ſchönen Rock, ſeinen braunen Rock, ſeinen Hochzeit⸗ rock an; er bekleidete ſich mit ſ mit ſeinen ſchinirten baumwollenen Strümpfen im Sommer, mit ſeinen grauen wollenen Strü athmete er ein wenig Luft auf ſeiner Schwelle ein, un⸗ ruhig und unentſchloſſen in Betreff deſſen, was er thun ſollte. Viele gingen vorüber und ſagten: „Vater Cadet, kommt mit, wir wollen Kegel ſchie⸗ laßt uns eine Partie Kugelſpiel ma⸗ chen! Vater Cadet, wollen wir ein Glas trinken 2“ Doch hei allen dieſen Vorſchlägen, von denen die einen immer verführeriſcher als die andern, ſchüttelte Vater Cadet den Kopf und erwiederte: „Ich habe keine Zeit.“ Und warum haite Vater Cadet keine Zeit? am Sonntag, am Ruhetag, mußte er einen kleinen Spaziergang machen. Nur einen Spaziergang. Einen kleinen Beſuch. Seiner Geliebten, ſeinem Gute. Es iſt wahr, an dieſem Tag ging er nicht ganz ge⸗ rade wie an den andern Tagen dahin; zuweilen wählte er ein Gäßchen, das ſeinen Weg um zweihundert Schritte verlängerte, zuweilen gin g er ſogar durch das entgegen⸗ geſetzte Ende aus dem Dorfe und machte die Runde. Das war eine Viertelftunde Weges mehr. Doch das wahre Ziel des Spazierganges war ſtets das Gut; der arme Vater Cadet mochte immerhin ſagen: „Oh! bei meiner Treue, ich werde heute nicht auf's Gut gehen, ich gehe, Gott ſei Dank, alle Tage dahin.“ Ja, einer kurzen Hoſe von Reps, . und eleine ging, rklich hzeit⸗ Keps, mer, dann un⸗ thun chie⸗ ma⸗ die telte nen ge⸗ lte tte n⸗ n: ut 25 Vater Cadet, doch weil Ihr alle Tage auf Euer Gut geht, ſo werdet Ihr auch heute vahin gehen. Und in der That ohne zu wiſſen, auf welchem Wege, wie, in welcher Abſicht er dahin gekommen war, befand ſich Vater Cadet vor ſeinem Gute. Aber, bei meiner Treue, es iſt Sonntag, und er wird nicht auf ſeinem Gute arbeiten; nein, er wird nur eintreten, um es mit den Füßen zu berühren, da er es nicht mit den Händen berührt. Doch hier liegt gerade der Stein, von dem er ge⸗ träumt hat. Ha! verfluchter Stein! er bückt ſich und wirft ihn aus dem Felde. Doch hier iſt gerade das Kraut, das er im Traume geſchen hat. Ha! ſchlimmes Kraut! es bückt ſich und reißt es aus. Und eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden lang ſchaut er, ſucht er, beunruhigt er ſich; da hört er Mittag ſchlagen: die Stunde des Mittagsmahles iſt an Feier⸗ tagen um ein Uhr. Er muß das Gut verlaſſen, Madeleine müßte ſonſt warten, denn wenn er eine halbe Stunde gebraucht hat, um zu kommen, ſo wird er wohl eine Stunde brauchen, um zu gehen. Denn es iſt nichts Leichtes für Vater Cadet, ſein Gut zu verlaſſen. Kaum hat er zehn Schritte gemacht, um nach Hauſe zurückzukehren, da bleibt er ſlehen, dreht ſich um, kreuzt die Arme. Er ſchaut Anfangs lächelnd, dann ernſt, dann ſor⸗ genvoll; er ſchaut lange und mit Schwermuth dieſen Winkel der Erde an, der ſo klein im Vergleiche mit den großen Beſitzungen, die ihn umgeben, während er dennoch ſein ganzes Daſein abſorbirt. Es ſchlägt halb im ſpitzen Kirchthurme; man muß doch nach Hauſe gehen. Er begibt ſich wieder auf den Weg; doch nach dreißig Schritten bleibt er abermals ſtehen und wirft auf ſein Gut einen Blick, tiefer, leiden⸗ 26 ſchaftlicher, als es je der Liebesblick ves Bräutigams ge⸗ gen ſeine Braut war. Dann geht er mit einem Seufzer weg, als wäre er nicht ſicher, ſein vielgeliebtes Gut am andern Tage da, wo er es läßt, wiederzufinden. O eiferſüchtige Erde! eiferſüchtiger, als es je Frau oder Geliebte war, ſo willſt du geliebt werden, und du biſt nur fruchtbar für diejenigen, welche du in einer ewi⸗ gen Umarmung erſchöpſſt. Es war auch immer ein Uhr oder ein Viertel auf zwei Uhr, wenn Vater Cadet zu den zwei Häuschen kam. Doch nicht auf das Häuschen links, wie man hätte 8 können, ſondern auf das rechts richtete ſich ſein Blick. Auf der Schwelle des Häuschens rechts fanden ſich beinahe immer, die Rückkehr des Säumigen erwartend, zwei Frauen, ein junges Mädchen, ein Knabe, ein Kind und ein Hund gruppirt. Es war wirklich Vater Cadet, auf den dieſe Gruppe wartete, denn ſobald er erſchien, ſagten Alle:„Hier iſt er!“ Die zwei Frauen blieben auf der Schwelle, die zwei Kinder ſtiegen auf die Bank, der Hund ſetzte ſich auf ſein Hintertheil und fegte den Boden mit ſeinem langen Schweif, der dei eines Löwen glich. Und ohne bis zu dem Häuschen hinaufzuſteigen, wel⸗ ches die Straße beherrſchte, da es auf die Höhe der Bö⸗ ſchung gebaut war, hlieb Vater Cadet ſtehen, nahm ſei⸗ nen Hut in ſeine Hand und ſagte: „Euer Diener, Frau Marie; guten Morgen, Ma⸗ riette; guten Morgen, Quiot Pierre. Nun, kommſt Du, Madeleine?“ Und er nickte noch mit dem Kopfe, bedeckte ſeine kahle Stirne mit ſeinem dreieckigen Hut und ging nach dem auf der entgegengeſetzten Boͤſchung liegenden Häus⸗ chen zur Linken. „Kommſt Du, Conſcience?“ ſagte dann Madeleine woh nate leine weir ge⸗ ire er e d, Frau d du ewi⸗ a kam. hätte ſein ſich tend, Kind uppe ep* zwei ſein weif, wel⸗ Bö⸗ ſei⸗ Ma⸗ Du, eine ach ius⸗ eine 27 zu dem älteren von den zwei Knaben.„Kommſt du, Bernhard?“ ſagte der ältere von den zwei Knaben zu dem großen Hunde. Und Madeleine ging, Vater Cadet folgend, voran. Dann kam Conſcience hinter ſeiner Mutter, und den Schluß bildete der große Hund, der Conſeience folgte. Als man zu der Thüre des Häuschens links kam, wandte man ſich zum letzten Male um, lächelte der Frau, dem Mädchen und dem Kinde des Häuschens rechts zu, und aus dem Munde aller dieſer Menſchen kamen gleich⸗ zeitig die Worte: „Heute Abend!“ Man weiß ſchon vollkommen, wer und wie Vater Cadet war. Man weiß ungefähr, was Madeleine war. Sagen wir, was Frau Marie, Mariette, Quiot Pierre, Conſcience und Bernhard waren. Wo erklärt iſt, was Frau Marie, Mariette, Quiot Pierre, Conſciente und Bernhard ſind, und wo ein Wort über die ſchwarze Ruh geſagt iſt. Frau Marie war die Frau des Schulmeiſters; ſie wohnte, wie man ſieht, Vater Cadet gerade gegenüber. Eines Tages trat ſie, ein Mädchen von drei Mo⸗ naten auf den Armen tragend, in das Haus von Made⸗ leine ein, welche ſie in Trauer gekleidet, gebeugt und in über der Wiege eines Kindes von fünf Monaten and. 28 „Eil meine arme Nachbarin,“ ſagte ſie,„ich höre, 8 Eure Milch ſei plötzlich verſiegt, iſt das wahr?“ „Ach! mein Gott, ja, gute, liebe Frau Marie, und mein armer kleiner Jean, er weint, weil er Hunger hat.“ „Oh! das ſoll Euch nicht beunruhigen, Madeleine,“ ſprach Frau Marie,„zum Glück hat mir der Herr Milch für zwei gegeben, und meiner kleinen Mariette hier iſt es ganz lieb, wenn ſie mit ihrem Freunde Jean theilen darf.“ Und ohne auf das zu hören, was ihr Madeleine ſagte, nahm ſie den kleinen Jean aus ſeiner Wiege, ſetzte ſich in die Stube, legte ein Kind auf jeßes Knie, ent⸗ blößte mit der erhabenen Scheſihtett der Mütter, welche wiſſen, daß die öffentliche Verehrung ſie bewacht, ihre beiden Brüſte und gab jedem Kinde eine davon. Da fiel Madeleine vor ihr auf die Kniee, faltete die Hände und weinte. „Was macht Ihr denn da?“ fragte Frau Marle erſtaunt. „Ich bete eine der dreigroßen chriſtlichen Tugenden an,“ erwiederte die arme Mutter,„ich bete die Nächſtenliebe an.“ Der kleine Jean trank, ſo lange er Durſt hatte, aus dieſem erſten Becher des Lebens, dem einzigen, der Honig an ſeinem Rande und keine Hefe auf dem Grunde hat. Als er aber getrunken hatte, ſagte Frau Marie: „Ich werde dreimal des Tags wiederkommen, um ihm ebenſo viel zu geben, und wenn er in der Zwiſchen⸗ zeit weint, ſo ruft Ihr mich. Ich bin nicht fern, und die Flaſche iſt da.“ Wonach ſie den kleinen Jean wieder ſeiner Mutter in die Arme gab, welche ihn an ihr Herz drückte und ganz weinend in ſeine Wiege legte. Ach! der armen Madeleine ſchien es, als ſollte ſie weniger die Mutter ihres Kindes ſein, weil eine Andere es nährte. 2 Woher kam es nun, daß ſie weinte, die arme Frau hoͤre, „und hat.“ eine,“ Milch er iſt heilen eleine ſetzte ent⸗ ütter, acht, e die Narie an,“ an.“ aus onig hat. um hen⸗ und r in Zanz ſie dere rau 29 in Trauer? woher kam es, daß die Milch der armen troſtloſen Mutter plötzlich verſiegt war? Guillaume, ihr Mann, ein Soldat von 92, war, nachdem er vierzehn Tage bei ihr, als er von der Vendée nach Italien ging, zugebracht hatte, ruhmvoll bei Mon⸗ tenotte kämpfend, getoͤdtet worden. Sie hatte drei Tage vorher die Kunde von dieſem Tode durch einen Brief erhalten, den Guillaume ſterbend an ſeine Frau durch einen Kameraden hatte ſchreiben laſſen, und der Schlag war ſo heftig geweſen, daß ihre Milch verſiegte. Sie hatte dies am Tage vorher bemerkt: Anfangs konnte ſie nicht an dieſes neue Unglück glauben; ſie konnte nicht denken, der Buſen der Mutter ſei an Milch er⸗ ſchöpft, während die Adern der Frau noch nicht an Blut erſchöpft waren; doch das Geſchrei des armen kleinen Jean hatte ſie unwillkuͤrlich zur unverſöhnlichen Wirklich⸗ keit zurückgeführt. Sie weinte alſo vor Schmerz, und der kleine Jean weinte vor Hunger, als Frau Marie, mit ihrer kleinen Mariette auf dem Arm, eintrat und auf ein Mal den Hunger und den Durſt des Kindes ſtillte. Warum nannte man nun Madeleine ganz kurz Ma⸗ deleine, und warum nannte man Marie Frau Marie 2 Oh! nicht weil ſie ſtolz, weil ſie reich war, die gute Frau, welche ſo demüthig und beinahe ſo arm als die Letzte des Dorfes; nein: weil ſie die Frau des Schul⸗ meiſters war; da der Schulmeiſter in den Augen der Kinder eine große Perſon iſt, da man den Schulmeiſter Herr Pierre nannte, ſo nannte man ſie Frau Marie. Beide, Mann und Frau, hatten ſich einen Augenblick reich geglaubt; dies war, als das wahre Frankreich, das wiedergeborene Frankreich, das volksthümliche Frankreich durch die Stimme des Convents erklärte, ver Unterricht ſei ein Prieſterthum, der Schulmeiſter, der den Geiſt un⸗ terrichte, ſei dem Prieſter gleich, der die Seele reinige; 30 dies war, als der Convent während des erſchrecklichen Elends von 1795, am 23. Brumaire des Jahres III, auf den Bericht von Lakanal, vier und fünfzig Millionen für den Primärunterricht votirte. Doch ſie dauerte nicht lange, die ſtrenge, blutige Matrone„das Directorium folgte ihr nach, und was lag dem Directorium daran, daß die Schulmeiſter Hunger hatten, und daß diejenigen, welche das Volk am wenigſten bezahlt, gerade die Menſchen ſind, die daſſelbe unterrichten, das heißt diejenigen, welche am meiſten für ſeine Intelligenz und für ſeine Freiheit thun. Frau Marie wurde alſo die zweite Mutter des kleinen Jean. Jean wuchs halb auf ihrem Schooße, halb auf dem ſeiner Mutter heran; andererſeits liebte Madeleine Ma⸗ riette wie ihre Tochter; oft, wenn Frau Marie Jean in ihren Armen trug, trug Madeleine Mariette in den ih⸗ rigen; zuweilen trug die Eine oder die Andere Beide; es fand ein Austauſch von Liebe zwiſchen den zwei Frauen ſtatt, ohne daß je die Eine oder die Andere berechnete, welche etwas voraus halte oder im Rückſtund war bei der gegenſeitigen Rechnung. Die kleine Mariette wuchs wie eine Blüthe des Feldes, wie ein Veilchen im Graſe, wie eine Kornblume im Getreide, wie ein Tauſendſchönchen auf der Wieſe. Doch Jean und ſie wuchſen nicht auf dieſelbe Art heran, doch Jean ſprach nicht wie Mariette, doch Jean ſchien nicht dasſelbe Leben wie Mariette zu leben; Jean lebte ein inneres, ſeltſames, heinahe vegetatives Lebenz Jean war kein Kind von dieſer Welt, denn was die an⸗ dern Kinder ergötzte, beluſtigte, erfreute, ergötzte, beluſtigte, erfreute ihn nicht. Man höre, welchem Umſtande ſeine arme Mutter, * Es iſt hier zu bemerken, daß der Convent in Frank⸗ in ein Femininum war, indem er la Cynvention ieß. die i dieſ⸗ vier hatt groß ſie e geſe! rigke gion keit, Kirc welc den Gem eine Knie küſſe groß rühre nen, Kleir nähe ſprac ſcun Himn Einfa eine lends f den rden nge, e ihr die eche find, des 31 die ihn oft den Kopf ſchüttelnd, zuweilen weinend anſchaute, dioſe Erſcheinung zuſchrieb. Als Guillaume Frankreich durchziehend, nachdem er vierzehn Tage bei Madeleine gebliehen war, dieſe verlaſſen hatte, um ſeinem Regimente nachzufolgen, herrſchte eine große Traurigkeit im Herzen der armen Frau, als hätte ſie ahnen koͤnnen, ſie habe ihren Gatten zum letzten Male geſehen, und Guillaume verlaſſe ſie auf immer. Die Trau⸗ rigkeit in den reinen Herzen iſt die Schweſter der Reli⸗ gion. Stets fromm, verdoppelte Madeleine ihre Froͤmmig⸗ keit, und ſie widmete dem Gebete und verbrachte in der Kirche alle Augenblicke, die ihr die Arbeit ließ. Es war aber ein großes Gemälde in der Kirche, welches dieſer ein in der Gegend wohnender reicher Abt, den man den Abt Conſeil nannte, geſchenkt hatte. Dieſes Gemälde ſtellte Jeſus unter kleinen Kindern, das heißt eine der rührendſten Parabeln des Evangeliums vor. Alle dieſe kleinen Kinder drängten ſich hinzu, um die Kniee von Chriſtus zu umfangen und ſeine Hände zu küſſen. Ein einziges hlieb zurück und ſpielte mit einem großen Hunde. Dieſes ſtellte eine Parabel vor, welche nicht minder rührend als die erſte. Chriſtus ſtreckte die Hände zärtlicher gegen dieſen klei⸗ nen Knaben aus als gegen die andern. Er ſchien dem Kleinen durch einen Wink zu bedeuten, er möge ſich ihm nähern wie die Andern; doch eine eiferſüchtige Mutter ſprach zu ihm: „Laßt ihn, Herr, das iſt ein Einfältiger, ein Un⸗ ſchuldiger, ein Geiſtesarmer.“ Und Jeſus antwortete: „Selig ſind die Geiſtesarmen, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Dieſer allein mit einem Hunde ſpielende Knabe, dieſer Einfältige, dieſer Unſchuldige, dieſer Geiſtesarme, den eine eiferſüchtige Frau von der von Jeſus gepredigten 32 großen Liebesgemeinſchaft entfernen will, hatte die gute Madeleine immer beſchäftigt; ſie hatte ein tiefes Mitleid mit dem armen Verlaſſenen gefaßt, und wenn ſie vor dem Bilde knleend betete, ſchaute ſie immer, ob der von Chri⸗ ſtus gerufene Knabe nicht ſeinen Platz und den großen Hund, mit dem er ſpielte, verlaſſe, um mit den andern Kindern vermiſcht den Segen des Gott⸗Menſchen zu em⸗ pfangen. Jeden Abend ſagte ſie zu ſich, indem ſie ihn ſo ver⸗ einzelt, fern vom Herrn zurückließ: „Morgen werde ich ihn bei ihm finden.“ Doch am andern Tage fand ihr erſter Blick das Kind an demſelben Plotze, und ſie murmelte: „Theures Kind, zum Glück hat der Herr geſagt: „„Selig ſind die Geiſtesarmen, denn ihnen gehoͤrt das Himmelreich.““ Die Wiſſenſchaft mag, wie ſie kann, dieſe, vom Glauben ſo gut erklärte, Erſcheinung deuten, aber als Madeleine Jean gebar, rief ſie, ihr Kind anſchauend: „O mein Gott und Herr! haſt Du mich geſegnet oder geſchlagen? mein Kind iſt ganz das Ebenbild des armen Einfältigen, den Du zu Dir winkſt.“ Dann fügte ſie mit dem frommen Glauben der Mütter bei: „Oh! er wird gehen, er wird gehen, zweifle nicht daran, mein Gott und Herr! und ich werde ihn zu Dir führen!“ und Jean war in der That der Einfältige des Bildes, mit ſeinem blonden Kopfe und ſeinen großen blauen Augen, welche nichts von dem, was um ihn her vorging, zu ſehen ſchienen, als ob ein Schleier zwiſchen dieſer Welt und ſeinem Verſtande ausgebebreitet wäre. Die Sache war ſo entſchieden, die Aehnlichkeit ſo auffallend, daß Jeder den kleinen Jean erkannte, wenn er in den Armen ſeiner Mutter unter die Leute kam, und daß falſe die Eber ſchö nicht hatt Sie gew ſagt Got inne oft mic Nar zu Die die plöt er digt bert nie nah ute leid dem hri⸗ ßen ern em⸗ ver⸗ vom als gnet des der nicht Dir des oßen her ſchen äre. it ſo n er und 33 vaß die guten Weiber des Dorfes, ſtets geneigt zu jenem falſchen Mitleiden, welches zuweilen ſchmerzlicher iſt, als die Gleichgültigkeit, ſo oft ſie ihn erblickten, ausriefen: „Jeſus Gott! der arme Kleine, das iſt ganz das Ebenbilv des Einfältigen auf dem Gemälde in der Kirche!“ Madeleine lächelte: in ihren Augen war Jean das ſchönſte von allen Kindern, und ſie erlaubte Mariette nicht, ſo ſchön wie er zu ſein. Ihre Beſorgniß war indeſſen groß. Mit einem Jahre hatte der kleine Jean noch nicht ein Wort ausgeſprochen. Sie befürchtete, das Kind ſei ſtumm. Doch eines Tags wurde ihr eine zugleich ſüße und gewaltige Ueberraſchung zu Theil. Da ſie unabläſſig ſagte:„Mein Goit! die Sprache meinem Kinde! Mein Gott! mache, daß mein Kind nicht ſtumm iſt,“ ſo er⸗ innerte ſich der kleine Knabe des Wortes, welches er ſo oft gchhi ſ wiederholte ſeiner Mutter zulächelnd; „Gott!“ Madeleine fiel auf die Kniee und rief: „Herr, ich danke Dir, nicht allein dafür, daß Du mich erhört haſt, ſondern auch dafür, daß Dein heiliger Name das Erſte iſt, was er ausgeſprochen.“ Von dieſem Augenblicke an begann der kleine Jean zu ſprechen, doch er ſprach nicht wie die andern Kinder. Die andern Kinder haben, ſo zu ſagen, zwei Sprachen: die kindiſche Sprache und die ernſte Sprache. Jean trat plötzlich in die ernſte Sprache ein. Nur ſprach er wenig, er ſagte ein Wort, zwei, höchſtens drei, und vervollſtän⸗ vigte ſeine Gedanken durch ein Lächeln, durch eine Ge⸗ berde, durch einen Blick. Die kleine Mariette war ſeine einzige Gefährtin; nie ſah man ihn mit den andern Kindern ſpielen⸗ Uebrigens ſpielte Jean nicht, er träumte. Jean liebte Marie und ſeine Mutter mit einer bei⸗ nahe gleichen Liebe; Jean liebte den Vater Cadet von Goit und Leufel. 1. 3 34 ganzem Herzen, Jean liebte den kleinen Pierre, als der kleine Pierre ebenfalls auf die Welt kam, doch das übrige Dorf ſchien Jean, ich ſage nicht fremd, ſondern unbe⸗ kannt zu ſein. Jean liebte die Thiere und die Thiere liebten Jean. Was war denn an dieſem Kinde, daß alle Thiere es liebten und ihm folgten? Der halsſtarrige Pierrot, der ſich vft hartnäckig gegen Vater Cadet weigerte, über einen Bach zu ſetzen oder einen Graben zu durchſchreiten, Pierrot wurde, ſobald ihn Jean am Zaume führte oder auf ſeinem Rücken ritt, ſo lenkſam wie ein Lamm, ſo gehorſam wie ein Hund. Langſam, der zuweilen ſeinen Namen durch ein wenig Trägheit verdiente, roch das Kind von Weitem und blökte bei ſeiner Annäherung. Der Knabe trat allerdings nie in den Stall ein, ohne Alles zu bringen, was ſeine kleinen Arme an friſchem Graſe und zarten Blumen enthalten konnten, und Langſam blökte dann ſo wollüſtig, daß man hätte glauben ſollen, Jean befitze ein Geheimniß, um die Blumen und Kräuter zu wählen, welche Langſam am meiſten liebte. Die ſchwarze Kuh lieferte Frau Mariette einen doppelten Ertrag: alle Jahre verkaufte ſie ein Kalb, alle Tage verkaufte ſie ihre Milch, und durch die Sorge von Jean, der Mariette die ſchmackhafteſten Kräuter aus⸗ wählen gelehrt hatte, war die Milch der ſchwarzen Kuh berühmt in der Gegend. Doch es geſchah oft, daß, wenn man vas Kalh verkauft hatte, die arme betrübte Mutter ihre Milch denjenigen verweigerte, welche, um ſie ganz fär ſfich zu haben, ihr das Kind genommen hatten; da trat Jean in den Stall ein, er nahm das gefleckte Maul der Kuh, hob es bis zu ſeinem Geſichte empor, heftete ſeine Augen auf die Augen des widerſpänſtigen Thieres und ſprach mit ihm, in welcher Sprache? Gott weiß es: da blökte die Kuh zwei oder dreimal traurig; Jean rief Frau Marie, er hielt ſeine Hand fortwährend der ige be⸗ an. ten oft ach rot em wie nig ökte nie nen lten nan die nen alb, orge us⸗ duh enn tter anz kaul ftete eres Hott rig; rend 35 auf den Hals des Thieres ausgeſtreckt, und die unterwür⸗ fige, wenn nicht getröſtete Kuh ließ die weiße, dicke Sahne, die ſie zuweilen drei Tage zurückhielt, entſtroͤmen. Doch bei den wilden Thieren war es noch anders: da Jean nie einem lebenden Geſchöpfe das Geringſte zu Leide gethan hatte, ſo liebten ihn alle Niedrigen der Schoͤpfung, diejenigen ausgenommen, deren Inſtinct es iſt, zu ſchaden. Man hätte glauben ſollen, ſie halten das Kind für einen kleinen Engel, der auf der Erde gehe, mit einer ſanften Stimme, welche alle Sprachen im Namen des Herrn ſpreche; und in der That, nach der träu⸗ meriſchen Art, wie Jean auf dem Mooſe liegend oder an einen Baum gelehnt auf die Singvögel horchte, konnte man, wenn man ihn ſo aufmerkſam und unbeweglich ſah, denken, er verſtehe ihren Geſang und vermoͤge ihn zu überſetzen und zu erklären. Oft, wenn die kleine Mariette, welche nichts von dieſer Sprache verſtand, Jean fragte: „Jean, was für ein Vogel iſt es, der dort fingt?“ Antwortete Jean: „Es iſt eine Nachtigall, ein Fink, ein Rothbrüſtchen,“ denn Jean hatte nicht nöthig, den Vogel, welcher ſang, zu ſehen, um zu wiſſen, was für ein Vogel es war. Und Mariette, als ſie ſah, daß er fortwährend horchte, fragte ihn: „Jean, was ſagt er?“ Und Jean antwortete: „Er dankt dem Herrn, daß er, um ihm den langen Flug zu erſparen, den er von hier zu ſeiner Mutter hat, einen in ein zuſammengerolltes Blatt gelegt.“ ver: „Er dankt dem Herrn, der es geſtattet hat, daß der Dorn am Wege ein wenig Wolle den Schafen ausriß, welche vorüberzogen; denn die Zeit, wo das Weibchen Eier legen ſoll, iſt gekommen, und mit dieſer Wolle wird es ſich helfen, um ſein Neſt zu machen.“ 36 Oder auch: „Er beklagt ſich, daß ihm ein Kind vom Dorfe ſeine Kleinen genommen hat, ohne zu wiſſen, womit man ſie füttern muß, ſo daß ſeine Kleinen Hungers ſterben werden.“ Ebenſo war es bei den Pflanzen, bei den Kräutern und bei den Blumen; nie war Jean unnöthig mit den Füßen auf eine Pflanze getreten, nie hatte er unnöthig Gras mit ſeiner Sichel geſchnitten oder eine Blume ge⸗ pflückt; trat er aus Unachtſamkeit auf einen Stängel, oder ſah er einen Stängel, auf welchen man getreten war, ſo richtete er die arme Pflanze wieder auf und ſagte zu ihr, wenn er es gethan hatte: „Ich hatte dich nicht geſehen, arme Kleine, verzeihe mir.“ Und wenn es ein Anderer war: „Du mußt dem nicht grollen, welcher dich ſo gebro⸗ chen hat, denn er wußte nicht, daß du lebſt, daß du leideſt, daß du weinſt wie wir; doch er hat deinen Stängel gebrochen, es bleiben dir deine Wurzeln, und aus deinen Wurzeln wird ein neuer Stängel hervorgehen, welcher, glücklicher, wachſen, blühen, ſeinen Samen um dich her verbreiten wird, ſo daß du im nächſten Jahre, ſtatt allein und vereinzelt zu ſein wie heute, eine ganze Familie haſt.“ Ebenſo war es, wenn er Gras für Langſam oder für die ſchwarze Kuh ſchnitt, oder wenn er eine Blume pflückte, um ſie in den Gürtel oder in die Haare von Mariette zu ſiecken. Schnitt er Gras, ſo ſagte er, ehe er die Sichel an das Büſchel Gras legte, das er ſchneiden wollte: „Man weiß, warum man dich ſchneidet, armes Büſchelchen Gras; nicht um dir zwecklos wehe zu thun oder dich unnütz zu zerſtören; nein, weil Langſam, der Ochs von Vater Cadet, und die ſchwarze Kuh von Frau Marie Hunger haben; weil Gott dich gemacht hat, um rfe an ben ern en hig ge⸗ el, ten nd ihe ro⸗ en ind en, um re, nze der me on nes n der rau um 37 ſie zu füttern, armes Büſchelchen Gras, und um dem einen Kraft, das Feld von Vater Cadel zu bearbeiten, der meine Mutter und mich ernährt, und der andern die gute Milch zu geben, welche Frau Marie alle Morgen in die Schlöſſer, wie in die Hütten verkauft.“ Pflückte Jean eine Blume, ſo ſagte er: „Du weißt, es geſchieht für deine Schweſter Ma⸗ riette, daß ich dich von deinem Stängel trenne, du weißt, daß dich der Herr ſchöͤn und wohlriechend gemacht hat, nicht, damit du einſam in einem Winkel des Feldes oder in einer Ecke des Waldes bleibeſt, ſondern daß du von ſeiner Größe unter den Menſchen zeugeſt, deren Augen und Herzen du zugleich erfreuſt.“ Aus dieſer Fähigkeit, die ganze Schöpfung zu ver⸗ ſtehen, welche Jean vom Herrn gegeben worden zu ſein ſchien, ging hervor, daß er viel glücklicher über ſeine Ver⸗ hältniſſe mit den Bäumen, den Pflanzen, den Vögeln, der Luft des Himmels, dem Regen und der Sonne, als über ſeine Berührung mit ven Menſchen war: während in ihrer Sprache Bäume, Pflanzen, Vögel, Luft des Himmels, Regen und Sonne ſagten,— die Bäume, indem ſie ihn mit ihrem Schatten bedeckten, die Pflanzen, indem ſie ihm den Weg ſanft machten, die Voͤgel, indem ſie ihn durch ihre Lieder erheiterten, die Luft des Himmels, indem ſie ſein Geſicht liebkoſte, der Regen, indem er ſich von ihm entfernte, die Sonne, indem ſie ihn wiedererwärmte: „Das iſt ein kleiner Engel!“ zuckten die Leute vom Dorfe die Achſeln, da ſie ihn ſo ernſt und ſchweigſam in dieſem Alter, wo die Kinder ſtürmiſch und ſpielſüchtig ſind, vorübergehen ſahen, und ſagten mit einem Ausdruck des Mitleids oder des Spottes: „Das iſt ein Blödling!“ Und vennoch, da er auf alle Fragen, die man an ihn that, richtig antwortete, da er nie gelogen hatte, da er Allen die Wahrheit ſagte, warum dieſe Wahrheit angenehm 38 oder nicht ſo zu hören, nannten ſie ihn, ſtatt ihn Jean oder Sohn Cadet zu nennen, Conſcience*). Eine Folge hievon war, daß nach Verlauf einer ge⸗ wiſſen Zeit die kleine Mariette, Frau Marie und Made⸗ leine ſelbſt auch den Namen adoptirten, unter welchem Jean im Dorfe bezeichnet wurde, und ihn Conſcience wie die Andern nannten. Und da Jean fand, es ſei ein ſchöner Name, ein Name nach dem Herzen Gottes, ſo entwöhnte er ſich allmälig, Jean genannt zu werden, und gewöhnte ſich daran, daß man ihn Conſcience nannte. Wie Pernhard und Quiot Pierre, der eine die Fumilie von Pater Cadet, der andere die Fa- milie von Frau Marie vervollſtändigten, und wie dieſe Witwe wurde. Im Jahre 1805,— Conſcience war damals zehn Jahre alt und ich war kaum drei,— verließ mein Vater das eine Viertelſtunde vom Häuschen von Vater Cadet entfernt liegende Schloß des Foſſés, um drei Meilen von da in einem andern Schloſſe Namens Antilley zu wohnen. Mein Vater hatte, nach dem Alpen⸗Feldzug, vom Sanct Bernhard ein Paar, ein Männchen und ein Weib⸗ chen, von jenen trefflichen Hunden mitgebracht, deren koſibare Race die Mönche vom Hoſpiz mit ſo großer *) Gewiſſenhaft, Redlich. ean ge⸗ de⸗ em wie ein ſich ſich die a- hn ter det on en. om ib⸗ ren ßer 39 Sorgfalt erhalten. Dieſe Hunde waren herrlich von Wuchs und ſchienen zweijährige Löwen zu ſein. In dem Augenblick, wo wir das Schloß des Foſſés verließen, um nach Antilley zu ziehen, hatte die Hündin fünf Junge gebracht; zwei davon verſchenkte man, zwei ließ man ihr und das fünfte wurde, mit der bei gemeinen Leuten ge⸗ wöhnlichen Grauſamkeit, durch den Jäger meines Vaters, Mocquet, vor die Thüre geworfen. Conſcience, der immer umherwanderte, ging zufällig vorüber; er hörte das Winſeln des armen Kleinen, hob ihn auf und brachte ihn, nicht in die Hütte von Vater Cavet,— er zweifelte mit Recht an der Großmuth des guten Alten und befürchtete, da er ſchon Pierrot und Langſam habe, ſo werde er ſich nicht mit dieſem neuen Gaſte belaſten wollen,— ſondern in den Stall' von Frau Marie. So lange Bernhard,— Conſcience hatte durch Ab⸗ kürzung den kleinen Hund ſo genannt,— bei der Milch war, brauchte man nicht zu ſehr um ihn beſorgt zu ſein: die ſchwarze Kuh war va, und die zwei vereinigten Kinder hatten keine Mühe, von Frau Marie, dieſer Mild⸗ herzigen, die für ſeine Nahrung nothwendige Milch zu erhalten; aber einmal entwöhnt, einmal heranwachſend, wurde Bernhard mit ſeiner coloſſalen Geſtalt, mit ſeinem rieſigen Hunger eine ſchwere Laſt für das Haus. Gleichviel, Conſeienee beſchloß die Einführung von Bernhard in das väterliche Haus. Dem zu Folge benützte er einen Augenblick, wo es leer war, ließ ihn eintreten und ſtellte ſich vor ihn, als wollte er ihn gegen eine erſte Bewegung bon Vater Cadet beſchützen. Es war nicht Vater Cadet, der zuerſt nach Hauſe kam, es war Madeleine. Madeleine, als ſie Conſcience, auf ſeinen Hund ge⸗ ſtützt, daſtehen ſah, gab einen Schrei von ſich. Es war ganz das Ebenblid des Einfältigen auf 40 dem Gemälde in der Kirche, und nichts fehlte Conſcience zur Aehnlichkeit mit ihm, nicht einmal der Hund. Madeleine war eine gläubige Seele, ſie ſah überall die Hand der Vorſehung; ſie glaubte, nicht umſonſt habe ſich der Hund auf dem Wege des Knaben gefunden, und es wäre beinahe eine Ruchloſigkeit, da das Gemälde in der Kirche Beide im Bildniß vereinige, ſie in Wirklichkeit zu trennen. Es blieb Vater Cadet; ihn zu bewegen, daß er Bernhard annahm, war nichts Leichtes: Vater Cadet hatte nicht nur die Verachtung, ſondern ſogar den Haß gegen unnütze Dinge; ſo daß man ſehr befürchtete, ihn Bern⸗ hard zurückſtoßen zu ſehen, mochte man ihm benſelben als Luxusgegenſtand oder als Gefühlsſache vorſtellen. Zum Glücke ſprach man ſeit einiger Zeit von Dieb⸗ ſtählen in der Umgegend, ebenfalls zum Glücke hatte Vater Cadet ein paar Nächte vorher in ſeinem Hofe gehen zu hören geglaubt: man ſtellte ihm Bernhard als einen Wächter und Vertheidiger vor, und nachdem er ſich gehörig hatte bitten laſſen, willigte er ein, ihn zu behalten, was Conſcience und der kleinen Marie eine große Freude gewährte. Es wäre in der That Schade geweſen, den Hund und den Knaben zu trennen, denn ſie waren durch eine wunderbare Freundſchaft mit einander verbunden. Bernhard beſonders hatte eine Zuneigung für Con⸗ ſeience, welche an ein Gefühl glauben machen konnte, das wir beinahe am Anfang dieſes Buches auszudrücken wagten, nämlich, daß die Hunde eine Seele haben. Die Seele von Bernhard war die Dankbarkeit gegen denjenigen, welcher ihm das Leben gerettet; dieſe Dankbarkeit überſetzte ſich durch einen Gehorſam, der etwas Fabel⸗ haftes hatte. Auf einen Wink von Conſcience ſprang Bernhard ins Waſſer oder ging er durch vas Feuer; wo er auch war, verließen ſeine Augen die Augen des Knaben nicht; ſchloßen ſich ſeine Augen ein paar Minuten durch ience erall habe und e in hkeit er atte egen ern⸗ lben ieb⸗ atte Hofe als ich ten, de und rch den. on⸗ nte, ken Die en, keit el⸗ ng wo ben rch 41¹ den Schlaf, ſo öffneten ſie ſich immer in der Richtung wieder, wo ſich Conſcience in der Sekunde ſeines Erwa⸗ chens befand; man ſah ſie immer beiſammen, neben einander gehend, ließ Conſcience ſeine Hand an der Seite herabhängen, wo der Hund war, ſo leckte dieſer, während er ging, die Hand von Conſcience. Und es war ein Glück, daß ſich Bernhard ſo ſanft zeigte und ſo dem Kinde gehorchte, denn er beſaß eine coloſſale Stärke, und er wäre ſehr gefährlich geworden, hätte ihn nicht ein Zeichen, ein Wort, eine Geberde harm⸗ loſer gemacht, als der ſolideſte eiſerne Maulkorb. Nach Conſcience war die Perſon, welche Bernhard am meiſten liebte, die kleine Mariette, dann kam Ma⸗ veleine, dann Marie; was die zwei Häupter der Familie, den Schulmeiſter und Vater Cadet betrifft, ſo offenbarte Bernhard gegen ſie die entſchiedenſte Gleichgültigkeit. Da wir gerade vom Schulmeiſter geſprochen haben, ſo wollen wir bei dieſem wackern Manne verweilen, der, nachvem er einen Augenblick gehofft, es werde durch den Convent etwas den dreihundert Franken beigefügt, welche er von der Gemeinde als Lehrer und Cantor erhielt, auf dieſe Hoffnung zu verzichten genöthigt geweſen war,— eine um ſo grauſamere Täuſchung, als er ſeine Familie ſich um einen Knaben vermehren ſah, der den Namen Pierre erhielt, welcher ſchon, wie wir geſagt zu haben glauben, der ſeines Vaters war, weshalb, um ſie von einanver zu unterſcheiden, diejenigen, welche das Franzöſiſche der Stadt ſprachen, ihn Petit Pierre nannten, während ihn diejeni⸗ gen, welche das picardiſche Patvis ſprachen, ihn Quiot Pierre nannten. Uum das Maß des Unglücks voll zu machen, wurde Meiſter Pierre einige Zeit nach der Geburt des Knaben krank und ſtarb, ſo daß ſich die zwei Frauen auf hundert Franken Penſion, welche ihnen aus beſonderer Gnade die Gemeinde bewilligte, und auf das, was ſie durch ihrer Hände Arbeit verdienen konnten, beſchränkt ſahen. 42 Dieſes Ereigniß trug ſich im Jahre 1810 zu, Ma⸗ riette zählte fünfzehn Jahre, und war folglich im Alter, den unerſetzlichen Verluſt, den ſie erlitt, zu begreifen. Wie es bei allen wichtigen Ereigniſſen geſchah, verſchmol⸗ zen die zwei Häuſer in eines, und Madeleine und Con⸗ ſcience nahmen ihren Theil vom Schmerze ihrer Nachbarn, damit deren Theil minder ſchwer ſei. Doch während er mit Mariette weinte, hatte Con⸗ ſcience für das Mädchen ſo ſeltſam inſpirirte Worte des Troſtes, daß die zwei Frauen, welche beiſammen weinten, von ihren Augen ihre von Thränen benetzten Taſchentücher aufhoben und ſchauten, ob es wirklich Conſcience, das heißt ein armer Einfältiger ſei, der ſo geſprochen. Durch dieſe Stimme, welche von oben zu kommen ſchien, verlor ihr Schmerz, ohne gänzlich zu verſchwinden, von ſeiner Bitterkeit, und nach Verlauf von ſechs Mona⸗ ten hatten die Herzen, wie die Kleider, ohne völlig aus der Trauer zu ſein, ſchon nicht mehr die düſtern Farben, durch welche Hamlet ſeinen tödtlichen Schmerz ſymboliſirt. Es gibt eine göttliche Barmherzigkeit gegen die Armen: in dem Augenblick, wo uns das Unglück trifft, glaubt man nicht nur, unſere Kräfte werden es nicht er⸗ tragen, ſondern auch, es ſei wirklich unerträglich; man prüft die Hülfsmittel und Quellen, welche bleiben, und indem man die Rechnung macht, bebt man und fragt ſich, wohin ſie uns führen werden: das Leben ſcheint auf un⸗ mögliche Bedingungen verwieſen; man ſchauert, während man in dieſe neue Exiſtenz eintritt, welche bereit zu ſein ſcheint, uns ſo eng einzuſchließen, daß ſie uns am Ende erſticken wird; dann verlaufen die Tage, die Monate folgen ſich; aus dem Schooße des Elends ſelbſt ſcheinen wohl⸗ thätige Inſpirationen hervorzuſpringen; man ſchlägt ſo oft die Augen zum Himmel auf, daß man am Ende Gott erſchaut. Oh! von da an iſt der Unglückliche, ſo ver⸗ zweifelt er ſein mag, einem zum Tode Verurtheilten ähn⸗ lich, den man zum Schaffot führt, und der auf ſeinem Na⸗ ter, fen. nol⸗ on⸗ rn, on⸗ des ten, cher das nen n⸗ 43 Wege einem Koͤnig begegnet. Er begreift, daß er nicht ſterben kann. Dann, nachdem er, ſo viel in ſeinen Kräften lag, und ohne zu vermuthen, daß er dieſen Einfluß gehabt, die zwei Frauen getröſtet hatte, ſah Conſcience ein, daß er ſie unterſtützen mußte. Selbſt von Vater Cadet als ein ganz beſonderes Weſen betrachtet, war Conſcience beinahe Herr ſeiner Zeit. Er konnte ſie alſo, wie es ihm gut dünfte, für ihren Dienſt verwenden. Vor Allem gab er Mariette den Gedanken ein, in der Stadt nicht nur die Milch der ſchwarzen Kuh, ſondern auch die der Kühe des Pachthofes Longpré zu verkaufen; es wurde zwiſchen ihr und der Pächterin, welche mit einem Kinde von ſechs Monaten Witwe geblieben war und ſich nicht mit allen dieſen Einzelnheiten beſchäftigen konnte, verabredet, daß Mariette von jedem Maß, das ſie verkaufen würde, ein Quart Nutzen haben ſollte; dann, da Mariette, ſelbſt mit Hülfe von Conſcience, nicht ein Dutzend Maß Milch in die Stadt tragen konnte, da Vater Cadet des Pierrot für ſeine Feldarbeiten bedurfte und überdies, nach dem Bei⸗ ſpiele der Ameiſe, welche durchaus nichts leiht, ziemlich wenig Leiher war, fing Conſcience an mit zwei alten Schubkarrenrädern ein Wägelchen zu verfertigen, an das er Bernhard ſpannte, welcher gefällig mit ſich machen ließ und begleitet von den zwei Kindern ſeine flüſſige Laſt bis Villiers⸗Cotterets zog; hier angelangt, trat Ma⸗ riette, welche die Adreſſe der bedeutenvſten Häuſer der Stadt und beſonders die des Forſtinſpectors hatte, in die Häuſer ein, bot ihre Dienſte an und bemerkte dabei, wenn man ihre Milch gut finde, ſo werde ſie alle Tage jedem von ihren Kunden das Maß bringen, das man ihr bezeichne. Mariette war zum Entzücken hübſch und äußerſt artig mit ihrer ſanften Sprachez ihre Trauer machte ſie intereſſant; ſchon bei ihrem erſten Erſcheinen hatte ſie alle ihre Milch zum Voraus untergebracht. Jedes Maß koſtete acht Sous; der Pachthof Longpré 44 lieferte acht Maß. Mariette hatte ein Quart Antheil, das waren alſo ſechzehn Sous; überdies gab die ſchwarze Kuh zwei weitere Maß, welche das volle Eigenthum von Ma⸗ riette und ihrer Mutter warenz das waren ſechzehn weitere Sous, alſo zweiunddreißig Sous täglich, das heißt unge⸗ fähr achtundvierzig Franken monatlich. Das ſicherte mit den hundert Franken, welche die Gemeinde Frau Marie gab, über ſechshundert Franken jährlich der armen Haushaltung, ſomit wenigſtens das Doppelte von dem, was zu ſeinen Lebzeiten der Schul⸗ meiſter verdient hatte. Jeden Morgen um ſechs Uhr gingen Mariette, Con⸗ ſeience, Bernhard und ſein Karren von Haramont ab; nach drei Viertelſtunden kam man in die Stadt. Mariette trat bei ihren Kunven ein und maß jedem ſeine Milch, während Bernhard, die Augen auf Conſeience geheftet, als wollte er ihn fragen, ob er mit ihm zufrieden ſei, und Conſcience Bernhard zulächelnd vor der Thüre warteten. Und Mariette war ſo anmuthig bei der Art, wie ſie die Milch maß, ſo hübſch bei der Manier, wie ſie ihr Geld einnahm, ſo dankbar, wenn ſie ihren kleinen Knir machte; es war etwas ſo Originelles in dem großen Hunde und in dem armen Blödling, welche auf Mariette vor der Thüre warteten, denn in der Stadt, wie im Dorfe galt der junge Menſch für einen Bloͤdling, daß, wenn die Pächterin von Longpré zehn Kühe ſtatt vier gehabt hätte, wenn der Karren von Bernhard viermal größer geweſen wäre, als er war, und ein vierfaches Quantum Milch enthalten hätte, Mariette nicht einen Tropfen nach dem Dorfe Haramont zurückgebracht haben würde. Bei der Heimkehr rückte Mariette die leeren Gefäße zuſammen, um ſich einen Platz zwiſchen ihnen zu machen, ſtieg in das Wägelchen ein, und Bernhard führte ſie ohne Anſtrengung, während Conſecience neben ihr ging. Um neun Uhr waren die zwei Kinder gewöhnlich zurück. Dadurch hatte Mariette noch den ganzen Tag, um „das Kuh Ma⸗ itere nge⸗ die nken das chul⸗ Con⸗ ab; iette ilch, als und eten. wie ihr Knir oßen iette orfe die habt ößer tum nach fäße hen, hne Um 45 in Geſellſchaft ihrer Mutter mit der Nadel zu arbeiten oder für ihren kleinen Bruder zu ſorgen. Kam die Jahreszeit der Buchelnüſſe, dieſer Unter⸗ ſtützung, die der Herr ſelbſt den armen Leuten bewil⸗ ligt, welche die Wälder bewohnen, wie er einſt in der Wüſte den Hebräern das Manna bewilligte, ſo war es abermals Conſcienee, der dieſe koſtbare Frucht leſen half; nur, ſtatt das Mädchen, wie ſeine Gefährtinnen, die Buchelnüſſe Stück um Stück, mit den Knieen auf der Erde rutſchend, ſammeln zu laſſen, ſtatt ſelbſt ſo zu ſammeln, legte er in den Karren von Bernhard einen Beſen und eine Wanne und ging in den tiefſten Wald. Sobald er hier war, wählte er einen ſchönen, wohl mit Früchten beladenen Baum, ſtieg mit der Geſchicklich⸗ keit, beinahe Behendigkeit eines Eichhörnchens darauf, ſchüttelte die Aeſte, um die Früchte abfallen zu machen, dann, wenn der grüne Teppich, der ſich am Fuße des Baumes ausbreitete, unter einer Lage von Buchelnüſſe verſchwunden war, ſtieg er wieder herab, machte mit Hülfe ſeines Beſens einen Haufen daraus und hatte in weniger als einer halben Stunde alle die von ihm abgeſchüttelten Buchelnüſſe gewannt. Waren ſie gewannt, das heißt, vom dürren Laube, von den Holzſtückchen, von den leeren Nüſſen befreit, ſo wurde die Ernte in den Karren von Bernhard gelegt, den man mit einem Bette von Farn⸗ kraut geſchmückt hatte, und nach Hauſe gebracht. Im erſten Jahre, wo Conſcience dieſes Verfahren anwandte, ließ Frau Marie Oel machen und verkaufte für hundert und fünfzig Franken Buchelöl, was in dieſem Jahre vas Einkommen der armen Hütte auf fiebenhundert und fünfzig Franken, das heißt höher, als das von Vater Cadet ſelbſt ſteigerte, obgleich er zu dieſer Stunde Ei⸗ genthümer von ſechs Morgen, welche durch den Dünger von Pierrot, Langſam und ven der Schwarzen, den man ihm gegen die Dienſte, die Conſcience den zwei Frauen leiſtete, 46 abgetreten hatte, zu den beſten des Bezirks zu machen ihm gelungen war. Doch Conſeience hatte noch etwas Anderes geträumt: es war ihm in den Sinn gekommen, das Haus, in wel⸗ ches der Segen des Herrnmit ihm hineingezogen zu ſein ſchien, mit einem Bienenſtocke auszuſtatten, und zwar, ſeitdem er in einem hohlen Baumſtamme eine ganze Fa⸗ milie von dieſen Thieren entdeckt hatte. Dem zu Folge flocht er, mit dem Rathe des Korbmachers, einen ſchönen Korb, bedeckte ihn mit goldgelbem Stroh und wartete, bis ſeine Bienen ſchwärmten. Dann folgte er ihnen bis zu dem Baume, wo ſie ſich anhingen, und da er ſie ſeit langer Zelt kannte, in⸗ dem er mit ihnen ſprach, wie er es bei den andern Thie⸗ ren that, ſo öffnete er ihnen, als für ſie der Augenblick, ſich loszumachen, gekommen war, ohne anzunehmen, es könnte einer einzigen von ſeinen kleinen Freundinnen einfallen, ihm wehe zu thun, er öffnete ihnen, ſagen wir, ſeine Bruſt, nahm einen Theil davon mit der Königin in ſeinem Hemde auf, durchſchritt, gefolgt von allen andern, welche um ihn her ſummten und flatterten, mitten unter dieſem Flügelwirbel das erſtaunte Dorf und gelangte zu dem ſchoͤnen neuen Bienenſtock, in welchen die Königin ſo⸗ gleich mit allen ihren Unterthanen, wie in einen ſchönen, ihrer würdigen Palaſt, eintrat. Und ſchon im nächſten Jahre hatten Frau Marie und Mariette den beſten Honig des Dorfes, um ihre Milch zu zuckern und bei ihrem Frühſtück zu eſſen. Doch das, was man beſonders bewunderte, denn der Menſch bewundert, was er nicht begreifen kann, war, daß, ſobald Conſcience im Garten erſchien, der ganze Stock ihm zuflog, ſich auf ſeinen Hals und ſein Geſicht nieder⸗ ließ, in den Blumen ſaugte, die er in der Hand hielt und der Königin brachte, wie ſie ein Anbeter einer Maje⸗ ſtät bringt. achen iumt: wel⸗ ſein zwar, Fa⸗ Folge hönen rtete, ſie in⸗ Thie⸗ blick, „ es allen, ſeine inem elche ieſem dem ſo⸗ nen, und h zu der war, Stock eder⸗ hielt laje⸗ 47 Und die Königin ging ernſt auf ſeinem Finger auf und ab, ſchüttelte ihre Flügel und rieb ihre von Blüthen⸗ ſtaub bedeckten Füßchen an einander. Was im Dorfe Haramont vom Jahre 1810 bis 1814 vorging. In den erſten Tagen von 1810 trug ſich ein großes Ereigniß zu: ein Sohn des Dorfes kehrte vom Heere mit dem Ehrenkreuze und zwei Fingern weniger an der rech⸗ ten Hand zurück. Er war jung, nämlich kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Er hatte ſeinen Abſchied, zweihundertundfünfzig Fran⸗ ken für ſein Kreuz und dreihundert Franken Penſion. Es war ein hübſcher Junge, mit munterem Geſichte, ſehr ſpöttiſch, hatte rothe Haare und einen beſtändig voll⸗ kommen gewichſten, hakenförmig in die Höhe gedrehten, rothen Schnurrbart. Er hatte bei den Huſaren gedient, und als er mit ſeinem blutrothen, mit Schnüren beſetzten Pelz, mit ſei⸗ nem blauen, auf die Schulter geworfenen Dollmann, ſei⸗ nem Kalpack von Pelz, von welchem ein blauer Flügel herabhing, und ſeinen Beinkleidern mit vergoldeten Knöpfen ins Dorf zurückkam, brachte er hier eine doppelte Senſa⸗ tion hervor: einmal als ein Kind der Gegend, welches die Väter und Mütter mit Freude wiederſahen; ſodann als ein hübſcher Junge, den die Mädchen mit Vergnügen be⸗ trachteten. Er hatte mit fiebenzehn Jahren Dienſte genommen, den Feldzug von Auſterlitz, den von Jena und endlich den 48 ſo glänzenden letzten Feldzug mitgemacht, welcher mit den Schlachten bei Eßling und bei Wagram endigte. In dieſer letzten Schlacht hatte er in dem Augen⸗ blick, wo er mit ſeiner Schwadron ein Infanterie⸗Regi⸗ ment angriff, eine Kugel bekommen, die ihm den Zeige⸗ finger und den Mittelfinger zerſchmetterte; man hatte ſie ihm abſchneiden müſſen, und da er ſich hiedurch in die Unmoöglichkeit, fortan ſeinen Säbel zu halten, verſetzt ſah, hatte ſein Oberſter, der ihn mehr als einmal im Feuer bemerkt, für ihn drei Dinge verlangt und erhalten, welche der brave Junge wohl verdient: das Kreuz, eine Penſion und ſeinen Abſchied. Doch während ſie ſeinen Verluſt als den eines braven Soldaten im Feuer bedau⸗ erten, bedauerten ihn ſeine Unterofficiere weniger als Ka⸗ meraden, denn Baſtien, dies war ſein Name, hatte in der That einen unwiverſtehlichen Hang zur Schenke, und kaum hatte er zwei Gläſer Wein getrunken, als er vom Spötter Zänker wurde, und es war ſelten, daß er nicht, nachdem er mit einem Kameraden Arm in Arm in vie Schenke ein⸗ getreten, daraus wegging, um ſich mit ihm auf der Stelle hinter einer Hecke oder längs einer Mauer zu ſchlagen. Baſtien kannte ſelbſt ſeinen unglücklichen Charakter, doch da er dachte, es wäre zu lang und zu ſchwierig für ihn, ſich zu beſſern, ſo zog er es vor, mit allem Eifer den Säbel und den Stoßdegen zu cultiviren, wodurch er eine gewiſſe Stärke in der Fechtkunſt erreicht hatte. Eine Folge hievon war, daß ſich die Geſichtsſchmarren, welche immer ſehr gewöhnlich bei den Regimentern, deren Waffe der Krummſäbel iſt, noch viel häufiger bei dem Regimente, wo Baſtien diente, als bei jedem andern fanden. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Mehrzahl dieſer Schmarren von Baſtien herrührte. Dies war die Urſache, aus der Baſlien, ſehr bedauert als Soldat, unendlich viel weniger als Kamerad bedauert wurde. den Fe zen ver Fei me lich ſch unt gek wie bra es unt me ſpr nic ſei tho bei mit gen⸗ tegi⸗ eige⸗ e ſie die ſah, im lten, eine einen dau⸗ Ka⸗ der aum ötter hdem ein⸗ der agen. kter, für Eifer durch ate rren, deren dem dern dieſer auert auert 49 Was indeſſen ſeine Kameraden nicht abhielt, ihm in dem Augenblick, wo er das Regiment verließ, ein großes Feſt zu geben; vielleicht war auch das Feſt nur ſo glän⸗ zend und herzlich, weil er das Regiment verließ. In dem Moment, wo man ſich für immer trennt, vergißt man viele Dinge, und zu Ehren der geringen Feinvſeligkeit des franzoſiſchen Soldaten hatte man be⸗ merken können, daß die am meiſten Beſchmarrten die Zärt⸗ lichſten gegen Baſtien waren. Baſtien hatte alſo Wien verlaſſen, wo dieſes Ab⸗ ſchiedsmahl ſtattfand, er war durch einen Theil von Tyrol und der Schweiz gereiſt, er war nach Frankreich zurück⸗ gekehrt und envlich beim Eingange des Dorfes Haramont wie der Kriegsgott in Perſon erſchienen. Wir haben erzählt, welche Wirkung er hervorge⸗ bracht. Doch, ach! unter dieſer allgemeinen Senſation ſuchte Baſtien vergebens jene ſanften Liebloſungen, ohne welche es kein wahres Glück in dieſer Welt gibt: die Umarmung und die Küſſe eines Vaters und einer Mutter. Waiſe von ſeiner Geburt an, hatte Baſtien nie dieſe Süßigkeit gekannt, und ſein Entſchluß, Dienſte zu neh⸗ men, war ohne Zweifel aus dieſer Vereinzelung enit⸗ ſprungen. Baſtien hatte indeſſen, wie man ſieht, ſeine Zeit nicht verloren; er kam beziehungsweiſe reich zurück, da er ſo etwa fünfhundert und fünfzig Livres Einkommen für ſein Leben hatte. Mit dieſem erſten Fonds konnie Baſtien nach ſeiner Wahl entweder leben, ohne etwas zu thun, oder ſeinen noch davurch vermehren, daß er das Geringſte that. Baſtien hatte aber die Gewohnheit des Arbeitens beim Regiment nicht angenommen, ſo daß er kein Ge⸗ werbe ergreifen wollte und ſich damit begnügte, daß er Gott und Teufel. 1. 4 50 beim Nachbar Mathien, welcher allmälig, immer mehr ſich arrondirend, ein großer Eigenthümer geworden war, eintrat, um ſpeciell für die Pferde Sorge zu tragen. Dieſes Geſchäft ſtand Baſtien dem Huſaren, wie man ihn nannte, anz es war ein Geſchäft, das ihn an die Schwadron erinnerte, und Baſtien hatte Alles geſagt, wenn er, die Zähne an einander preſſend und die untere Kinnlade vordrückend, mit einem beſonderen Nachdruck auf das R ſagte; „Oh! das Rrregiment, das war das Vergnügen!“ Dieſer Satz hatte nicht viel Sinn in den Augen der Anderen, doch es war nicht ſo bei Baſtien, den es an eine Reihe von Liebesabenteuern, von Duellen, von guten Mahlen, von großen Schlachten und ſogar von jenen ſchlimmen Stunden erinnerte, die, wenn ſie vorübergegan⸗ gen, nicht immer diejenigen ſind, deren man ſich mit dem geringſten Vergnügen erinnert. Dann, da viejenigen, welche dieſen Ausruf hörten, ihn mit erſtaunten, fragenden Augen anſchauten, fügte er bei: „Ihr könnt das nicht wiſſen, Ihr Pekins*)!“ Die Pekins hätten es in der That nur wiſſen kön⸗ nen, würde Baſtien ſich herabgelaſſen haben, ſie zu beleh⸗ ren, und Baſtien ließ ſich nie herab, ſo daß man im Dorfe Haramont nie erfuhr, was das Vergnügen war, von dem Baſtien ſo warm ſprach. Baſtien hatte, wie geſagt, einen tiefen Eindruck auf 1. vie jungen Haramonterinnen hervorgebracht. Baſtien war jung, Vaſtien war reich, Baſtien war ein hübſcher Burſche, Baſtten hatte überdies das Kreuz, eine Belohnung, welche zu jener Zeit nicht verſchwendet wurde. Das war mehr, als es braucht, um viele Dorfköpfe zu verdrehen. Und Baſtien hatte doch noch lange nicht alle Ver⸗ *) Eine verächtliche Benennung für Nichtſoldaten. fü fat Be rei mehr war, wie an eſagt, ntere ruck 14 n der es an guten jenen egan⸗ t dem örten, fügte n kön⸗ beleh⸗ Dorfe ndem ick auf n war urſche, welche mehr, e Ver⸗ 51 führungsmittel entwickelt. Baſtien hatte ſich noch nicht als Tänzer geoffenbart. An dem Sonntag, der auf ſeine Rückkehr folgte, fand die Schauſtellung des choreographiſchen Talentes von Baſtien ſtatt. Die Talente berühren ſich, die Talente reichen ſich die Hand. Baſtien war ein vollendeler Tänzer, wie er ein voll⸗ endeter Fechtmeiſter war. Indem man fünfhundert Schritte vom Dorfe unter den erſten Bäumen des Waldes in einem natürlichen Ron⸗ del tanzte, das ein Kreis von ungeheuren Buchen bildete, tanzte man auf einem Boden, der ſorgfältig vom Spiel⸗ mann des Dorfes geſchlagen und geeönet war, welcher Spielmann für dieſe Wochenarbeit von jedem Cavalier und für jeden Contretanz einen Sou erhob. Als man Baſtien an dem Sonntag, der auf ſeine Rückkehr folgte, von fern in ſeinem glänzenden Co⸗ ſtume, mit ſeinen beſpornten und wohlgewichſten Stie⸗ feln, mit gerundeten Armen und herrlich gewiegtem Gange auf den Tanzboden zuſchreiten ſah, wandten ſich Aller Blicke nach ihm und warteten mit Neugierde. In der That, das Endurtheil war von den Mädchen noch nicht über Baſtien gefällt. Sie mußten noch ſehen, wie Baſtien tanzte, der übrigens Alles, was er that, ſo gut that. Dann war Jede neugierig, zu erfahren, wen Baſtien zuerſt auffordern würde. Baſtien näherte ſich einem hübſchen Mädchen Na⸗ mens Catherine, eine Brunette mit ſchwarzen Augen, wohl gebogenen Brauen und zierlich geformter Taille, das in der großen Stadt, wie man ſagt, geweſen war. Catherine, welche in den Dienſt einer adeligen Dame der Gegend eingetreten, war dieſer nach Paris gefolgt und dann nach einem Jahre wieber zurückgekommen,— ein wenig bleich, ein wenig mager geworden, aber mit hun⸗ dert Louis d'or, die ſie auf erſte Hypothek in der Schreib⸗ 52 ſtube von Meiſter Niguet anlegte; das trug ihr eine Rente von hundert und zwanzig guten Livres. Woher kamen dieſe hundert Louis d'or? Catherine hatte eine Erklärung dufür gefunden: ihre Herrin hatte eine gefährliche Krankheit durchgemacht, wäh⸗ rend welcher Catherine ſie mit einer ſolchen aufopfern⸗ den Hingebung gepflegt, daß ihr dieſe Dame, als ſie wie⸗ der geneſen war, dieſe hundert Louis d'or geſchenkt hatte. Zum Unglück für Catherine glaubte nicht Jedermann dieſe Geſchichte, ſo finnreich ſie warz in der That, eine einzige Einwendung ſchoß ſie Breſche. Man fragte Catherine, wie es komme, daß ſie eine ſo dankbare und freigebige Herrin verlaſſen habe. Worauf Catherine nie etwas Anderes hatte antwor⸗ ten kynnen, als ſie habe ſich nach dem Dorfe zurückgeſehnt und ſei deshalb heimgekehrt. So daß Viele bezweifelten, daß dies die Quelle des kleinen Vermögens von Catherine. Mehr noch: Viele bezweifelten nicht nur, die Quelle ſei die, welche Catherine angebe, ſondern ſie bezeichneten ſogar eine andere Quelle für die hundert Louis d'or. Sie ſaglen, nicht ihre Gebieterin, ſondern ſte habe eine gefährliche Krankheit durchgemacht, zum Beweiſe dienen ihre Bläſſe und ihre Magerkeit bei der Rückkehr ins Dorf. Denn fügten ſie bei, die bei Meiſter Niguet ange⸗ legten hundert Louis dor habe Catherine nicht von der Dankbarkeit der Baronin, ſondern von der Freigebigkeit des Barons. Und man muß ſagen, da dieſe Tradition, ſo boshaft ſie war, die Rückkehr und das Vermögen von Catherine augenſcheinlicher erklärte, als die andere, ſo wurde ſie peinahe allgemein angenommen. Hieraus ging hervor, daß ſich, trotz der anlockenden Schönheit von Catherine, trotz der ſo gut auf erſte Hy⸗ pothek angelegten hundert Louis d'or, Catherine noch — c„— eine ihre wäh⸗ fern⸗ wie⸗ atte. nann eine eine twor⸗ eſehnt e des Auelle neten habe eweiſe ckkehr ange⸗ n der bigkeit oshaft therine rde ſie enden e Hy⸗ nch 53 kein junger Burſch des Dorfes zum Heirathen angetragen atte. Dagegen hatten ſich viele erboten, ihr den Hof zu machen. Doch Catherine hatte ſich ausgeſprochen, ſie hatte erklärt, ſie ſei ein ehrliches Mädchen und werde nur dem Gehör ſchenken, welcher mit der Feder zum Heirathsver⸗ trag in der Hand erſcheine. Worüber der Müller von Wualu, ein Spottvogel⸗ wie es nur einen geben konnte, bemerkte: das Ei der Gans, welche dieſe Feder liefern müſſe, ſei noch nicht elegt. 3 Baſtien näherte ſich alſo Catherine mit vorgeſtreck⸗ tem Vein und gerundetem Arm und bot ihr eine Hand mit gemsledernem Handſchuh. Catherine nahm dieſe Hand mit einem triumphiren⸗ den Lächeln an und ſtellte ſich mit Baſtien in den Kreis. Während des Ritornells ſchnallte Boſtien ſeine Koppel ab und übergab ſeinen Säbel und ſeine Säbeltaſche dem Sohne des Spielmanns, der zwiſchen einer Figur und der andern die Einnahme zu erheben hatte, und er that dies mit der Anmuth und Würde, mit der Mars, im Begriffe, mit Venus zu tanzen, ſein Schwert und ſeinen Schild in die Hände von Amor gelegt haben würde. Man erwartete viel von Baſtien, doch, es iſt nicht zu leugnen, er übertraf alle Erwartungen. Baſtien hatte einen Pas für jede der vier Figuren, aus denen der Contretanz beſteht. Das waren Geberden, Bewegungen und Sprünge, wie ſie die Haramonter nicht nur noch nie geſehen, ſondern deren Eriſtenz ſie nicht einmal ver⸗ mutheten. Man drängte ſich auch, um Baſtien tonzen zu ſehen, ſo hinzu, daß er, trotz deſſen, was ein ſolcher Triumph Befriedigendes für ſeine Eitelkeit hatte, ſelbſt genöthigt war, ſeine Landsleute zu bitten, ihm ein wenig Plotz zu machen, wenn ſie ihn ſeine Uebungen fortſetzen zu ſehen wünſchten, 54 Man entſprach dieſer Bitte, die man als vollkommen gerechtfertigt anerkannte, und Baſtien beſchloß ſeine letzte Figur mit zwei bis drei ſo hohen und ſo trefflich ausge⸗ führten Entrechats, daß die Gallerie in einen einſtimmi⸗ gen Beifall ausbrach. Baſtien führte ſtolz ſeine Tänzerin an ihren Platz und ſuchte dann in dem Kreiſe, der ihn umgab, wen er mit ſeiner Hand für den zweiten Contretanz beehren ſollte. Oben auf der Böſchung ſtanden, ohne ſich unter die Tänzerinnen zu miſchen, und nur aus Neugierde hier verweilend, Frau Marie und Mariette. Baſtien erblickte das ſanfte, liebliche Geſicht, eilte, ohne ſich um die Farbe des Kleides, das ſie trug, zu bekümmern, auf Mariette zu und ſagte in ſeiner blühendſten Sprache: „Wollen Sie mir gütigſt die Ehre erweiſen, mir den nächſten Contretanz zu bewilligen?“ Mariette erröthete, denn alle Blicke, welche Baſtien folgten, wandten ſich gegen ſie. „Ich danke, Herr Baſtien,“ erwiederte ſie;„wie Sie ſehen, traure ich um meinen Vater.“ „Ah! da ich wahrnahm, daß Sie ſich dem Tanze näherten... Sie begreifen, Mademoiſelle,“ verſetzte Ba⸗ ſtien, indem er ſich mit dem Leibe wiegte und ſeine ſüßeſten Augen machte. „Sie haben Recht, Herr Baſtien,“ ſagte Mariette, „ich habe Unrecht gehabt, mit traurigem Herzen und traurigem Gewande an einen Ort zu kommen, wo man ſich beluſtigt.„Wollen wir gehen, meine gute Mutter?“ Und ſie zog Frau Mariette auf dem Wege fort, der ſich vom Rondel entfernte, und trat in den Wald ein. „Ho! ho!“ rief Baſtien,„die kleine Mariette hat alſo während meiner Abweſenheit den Namen verändert;z mir ſcheint, ſie heißt nun Jungfer Zierpuppe.“ Mariette hörte nicht, was Baſtien ſagte, doch einige Perſonen hörten es, und unter dieſen Perſonen war Con⸗ ſcience. nen tzte ge⸗ mi⸗ latz er lte. die ier te rbe tte en en ie ze 55 Conſcience, ſo wenig er auf den Tanz hielt, war auf der Böſchung, der gegenüber, wo ſich Mariette befand, ausgeſtreckt; ſein großer Hund lag bei ihm und diente ihm, wie gewöhnlich, bald als Rückenlehne, bald als Kopfkiſſen. Er ſchaute Mariette über die Tänzer und Tänzerinnen an und vergaß Alles, indem er ſie anſchaute,— Burſche und Mädchen, die im Tacte oder beinahe im Tacte hüpf⸗ ten, den Spielmann, der mit dem Fuße ſtampfte, und die Geige, welche in ihren beſten Tonen kreiſchte. Er hatte einen Augenblick, wie alle Welt, Baſtien zugeſchaut und ihn aus Herzensgrunde beklagt, daß er genöthigt ſei, auf eine ſo ermüdende Art zu tanzen, denn er begriff nicht, daß ein Menſch ſich ſo anſtrengte und ſeine Beine auf eine ſo lächerliche Art bewegte, ohne durch irgend ein Geſetz, durch irgend einen Zwang, durch irgend eine unbekannte Verpflichtung dazu genöthigt zu ſein. Als er Baſtien den Tanzboden verlaſſen und auf das Mädchen zugehen ſah, ſtand er auf und folgte ihm mit einer gewiſſen Bangigkeit mit den Augen. Er ver⸗ muthete ſeine Abſicht, und er hätte mit großer Betrübniß Mariette ſich mit einem Manne zur Schau ſtellen ſehen, der auf eine Art tanzte, welche ſo ſehr der entgegen⸗ geſetzt war, wie die anderen Burſche des Dorfes tanzten⸗ So fern er von der Gruppe war, ſo erlaubte ihm voch ſeine Fähigkeit, die entfernteſten Toͤne aufzufaſſen, die Frage und die Antwort zu hören. Er fand, Mariette habe gut geantwortet, und Baſtien ſei ein Unverſchämter, was ihm nicht außerordentlich bei einem Menſchen dünkte, der natürlich nach dem ſo übertriebenen Tanze, den er ausgeführt, außer ſich ſein müſſe. Er beklagte ihn alſo, ſtatt ihn zu tadeln, erhob ſich und folgte in Begleitung von Bernhard Mariette. Fortſetzung deſſen, was im Dorfe Haramont von 1810 bis 1814 vorſiel. Von dieſem Augenblick an war die Meinung über Baſtien den Huſaren im Dorfe feſtgeſtellt: bei den Frauen galt er als Muſter der Eleganz und der guten Manieren, bei den Männern im Gegentheil als der unangenehmſte Menſch, den man je geſehen. Die Einzigen, welche dieſer Sympathie vder dieſer Apathie entgingen, waren Mariette und Conſcience. Mariette war gleichgültig geblieben. Conſcience beklagte ihn. Conſcience wäre gern der Anſicht des Dey von Algier geweſen, der, als er einem prachtvollen Balle beiwohnte, wo der Hausherr die Honneurs tanzend und walzend wie der Letzte von ſeinen Gäſten machte, dieſen Hausherrn ließ, um ihn mit einer treuherzigen Neugierde zu ragen: „Mein Herr, warum machen Sie ſich, während Sie ſo reich zu ſein ſcheinen, die Mühe, ſelbſt zu tanzen?“ Doch bald genügte der Tanz Baſtien nicht mehr; die Eroberung Deutſchlands hatte den Geſchmack für das Walzen in den Reihen des franzöſiſchen Heeres eingeführt, Baſtien führte den Walzer in den Reihen der Mädchen von Haramont ein. Um dies zu erreichen, machte er ſich zum Profeſſor der Walzkunſt, doch, wohlverſtanden, nur für die Frauen. Eine Folge hievon war, vaß die Männer, welchen den geringſten Unterricht in der Manler zu geben, wie man ſich in drei Tempi zu drehen hatte, Baſtien ſich wohl hütete, das Walzerfeld dem Huſaren frei ließen, welcher, wie ein türkiſcher Paſcha, nur das Schnupftuch, ohne ——————„ c— — von über auen ren, mſte ieſer gier nte, wie rn zu Sie hrz das hrt, hen ſſor en. hen an ohl er, hne 57 Furcht, eine Concurrenz zu treffen, irgend einem Mädchen zuzuwerfen brauchte. Die Bauern hatten Einſprache thun wollen aber Baſtien drehte ſich beim erſten Murren um, gab ſeinem Schnurr⸗ bart, indem er ihn um ſeinen Finger wickelte, die Form eines Korkziehers und ſagte auf eine Art, welche nur dem eleganten Corps der Huſaren eigenthümlich war:„Wenn's Cuch beliebt?“ und Alles kehrte in die Ordnung zurück. Doch nicht nur als Tänzer hatte Baſtien die allge⸗ meine Bewunderung der ſchönen Haramonterinnen erobert, ſondern auch als Reiter: Baſtien ritt wie ein Garde⸗ Huſar, das heißt mit einer ſeltenen Vollkommenheit; und da er den Auftrag hatte, über den Pferden zu wachen, ſo unterließ er es nicht, die Zöglinge von Vater Mathieu zu beſteigen und ohne Sattel, wie ein Krieger des Alter⸗ thums, Spozierritte zu machen, wobei er darauf bedacht war, vorzugsweiſe die Wege zu wählen, die ihn immer wieder durch das Dorf führten. Seltſam dabei aber war, daß er, von allen Mädchen des Cantons bevorzugt, beſſer als die anderen jungen Leute des Dorfes von Catherine aufgenommen, welche ſich geneigt zeigte, von den ſtrengen Auſprüchen auf einen Ehevertrag, die ſie Anderen gegenüber machte, abzugehen, gegen Alles dies gleichgültig zu ſein ſchien, ſo lange er nicht einen Blick von Mariette erhaſchte, der ihm folgte, wenn er auf dem Tanzplatze ſich bewegte oder ſein Pferd tummelte. Je ſtätiger und widerſpänſtiger ſich das Pferd zeigte, deſto mehr drängte es auch Baſtien gegen das Häuschen von Frau Marie, damit Mariette Zeuge der Stärke und Geſchicklichkeit ſei, welche der moderne Alexander in Bändigung des neuen Bucephalus entwickelte. Zuweilen wurde ſein Beſtreben halb belohnt; Mariette ſchaute ihm mit Neugierde zu, und Conſeience, der ihm auch zuſchaute, weil ihm Mariette zuſchaute, fragte ſich immer, warum er nicht, ſtatt den Sporn und das Gebiß 58 anzuwenden, um das ſtätige Thier zu bezwingen, die ſo einfache Hülfe des Wortes anwende, des Wortes, mit dem er, Conſeience, die widerſpänſtigſten Thiere machen ließ, was er wollte. Baſtien, ſeinerſeits, fühlte er nun, daß eine große Liebe für Mariette im Herzen von Conſeience herrſchte, und eine große Zärtlichkeit für Conſeience in der Seele von Mariette, Baſtien liebte Conſeience nicht; wenn wir ſagen, er liebte ihn nicht, ſo haben wir ſogleich beizu⸗ fügen, daß dieſer Mangel an Sympathie nicht bis zum Haſſe ging. Conſeience war ſo ſanft, ſo gut, ſo harmlos, daß ihn Niemand haßte; nur mißfiel Conſeience dem Hu⸗ faren, wie eine Sache mißfällt, auf die man auf ſeinem Wege ſtößt, wie ein Hinderniß mißfällt, das beengt. Baſtien ließ auch keine Gelegenheit vorübergehen, Conſeience zu verſpotten, und es war hauptſächlich die enge⸗ liſche Sanftmuth von Conſeience, welche in den Augen von Baſtien als Verzagtheit erſchien, es war dieſe enge⸗ liſche Sanftmuth, weiche Baſtien ganz beſonders zum Gegenſtande ſeiner Spöttereien machte. Dann war Conſcience nicht Tänzer, Conſeience war nicht Reiter, Conſeience war nicht Fechter, drei Conſeience unbekannte Künſte, in denen wir Baſtien als ausgezeichnet hervorgehoben haben. Baſtien verſpottete auch Conſclence nicht nur über das, was er war, ſondern auch über das, was er nicht war. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Conſeience alle dieſe Spöttereien mit einer unſtörbaren Ruhe anhörte. Da ſich Baſtien in der ganzen Gegend des Rufes eines großen Pferdebändigers erfreute, ſo ließen alle Pächter oder Gutsbeſitzer, welche ungelehrige Fohlen oder ſtätige Pferde hatten, Baſtien holen, und Baſtien bezwang gewöhnlich in zwei bis drei Sitzungen die Widerſpänſtigen, wie es nur Baucher oder Franconi hätte thun können. Eines Tags ſchickte mon nach Baſtien, um ihn ein Pferd reiten zu laſſen, welches ein Pächter der Gegend, e ſo mit chen roße hte, eele wir izu⸗ um los, Bu⸗ iem en, ge⸗ gen ge⸗ um ar nee net as, eſe fes lle der ng en, ein d, 59 Herr Destournelles, gekauft hatte. Es war an einem Sonntag und Baſtien, der, eitel wie gewohnlich, ſich einen oͤffentlichen Triumph durch ſeine Vortrefflichkeit in der Reitkunſt verſchaffen wollte, wählte zur Reitbahn den großen Platz des Dorſes und zur Stunde für ſeine Arbeit die Zeit, wo man aus der Kirche ging. In dem Augenblick, wo die erſten Mädchen, die, welche immer am meiſten Eile haben, das Licht, die Freiheit und die während des Gottesdienſtes momentan verlorene Sprache wiederzufinden, auf der Schwelle der Kirche zu erſcheinen anfingen, erſchien auch Baſtien an der Mündung der Gaſſe, welche auf den Platz ging. Um vom Pachthofe auf den großen Platz des Dorfes zu kommen, das heißt, um eine halbe Meile zurückzulegen, hatte das Pferd beinahe eine Stunde gebraucht,— zurück⸗ gehalten durch ſeinen Reiter, der weder zu frühe, noch zu ſpät, ſondern gerade zur rechten Zeit eintreffen wollte. Dem zu Folge war das Pferd weiß von Schaum, ſeine Augen waren von Blut unterlaufen und es ſchnaubte Feuer durch ſeine Nüſtern. Als Baſtien auf dem Platze des Dorfes, das heißt auf einem ſeiner würdigen Terrain angelangt war, be⸗ gannen die Uebungen. Der Sieg ſchien ſich Anfangs für den Menſchen zu erklären, aber mochte nun das Pferd in ſich die inſtinct⸗ artige Würde fühlen, von der Buffon ſpricht, mochte es alle Schmach, die ihm Baſtien ſeit einer Stunde anthat, nur ertragen haben, um im Angeſichte Aller dafür eine glänzende Rache zu nehmen,— als das Thier die Stufen der Kirche wie die eines Theaters beſetzt, die Fenſter lebendig wie die Logen eines Theaters ſah, begann es eine Serie von Sätzen und Ausſchlagungen, welche mit einem ſo unerwarteten Seitenſprunge endigten, daß Baſtien, ein ſo guter Reiter er auch war, aus dem Sattel gehoben und zehn Schritte vor ſeinem Roß mit der Naſe in den Sand geworſen wurde. 60 Das Pferd war kaum von ſeinem Reiter befreit, als es den Kopf zwiſchen die Füße nahm und im ſtärkſten Galovp nach ſeinem Stalle zurückjagte. Dieſer Sturz war der Gegenſtand eines großen Gelächters für alle die jungen Bauern, welche, wie ge⸗ ſagt, unabläſſig durch Baſtien verdunkelt, beſtändig durch ihn ausgeſtochen, keine ſehr lebhafte Sympathie für ihn hegten; als man aber ſah, daß Baſtien, ſtatt mit der Schnelligkeit aufzuſtehen, mit der man ſich unter ſolchen umſtänden wieder auf ſeine Füße zu erheben ſucht, un⸗ beweglich an dem Orte, auf den er gefallen war, blieb, begriff man, er habe ohne Zweifel einen Stoß an den Kopf erlitten, der eine Ohnmacht zur Folge gehabt, und man lief hinzu, um ihm Hülfe zu leiſten. Man täuſchte ſich nicht; Baſtien war zwar nicht ohnmächtig, aber betäubt. Man hob ihn auf, man ließ ihn ein Gläschen Branntwein trinken, man blies ihm ins Geſicht, und Baſtien öffnete zu gleicher Zeit die Augen und den Mundt Die Augen, um ſie, ſein Pferd ſuchend, auf eine wilde Art umherlaufen zu loſſen; Den Mund, um Flüche und Verwünſchungen aus⸗ zuſtoßen, welche die Bauern lehrten, wie viel reicher die Sprache der Lager als die des Dorfes iſt. Doch plötzlich hielten ſeine Augen ſtille und ſein Mund ſchloß ſich, als hätte er das Meduſenhaupt ge⸗ ſehen. Es war etwas noch Schlimmeres. Es war Conſcience, der, auf der Straße Zeuge ſei⸗ ner Flucht, das ſtätige Pferd zurückbrachte; er ritt auf dem Thiere, das ſo ſanft geworden als der friedliche Eſel, auf welchem unſer Herr ſeinen königlichen Einzug in Jeruſalem hielt, und da er in der Hand einen an die heilige Palme erinnernden Zweig hatte, da ſeine Füße außerhalb der Steigbügel hingen, da ſeine Augen wohl⸗ wollend waren, da ſein Lächeln ſanft war, da Jedermann „ als kſten oßen ge⸗ urch ihn der ſchen un⸗ lieb, den und nicht chen und und: eine aus⸗ r die ſein ge⸗ ſei⸗ auf liche inzug ndie Füße vohl⸗ nann 61 auf die Seite trat, um ihn vorüber zu laſſen, ſo war ſeine Aehnlichkeit mit dem göttlichen Vorbilde ſo groß, als es die eines armen Sterblichen mit einem Gotte ſein kann. Baſtien glaubte einen Augenblick von einem Traume beherrſcht zu ſein; er rieb ſich die Augen, er ſprach un⸗ artikulirte Worte; er ſah dieſe ruhige und lebende Wirk⸗ lichkeit ihm ſich nähern, wie er eine phantaſtiſche, er⸗ ſchreckliche Viſion hätte kommen ſehen. „Herr Baſtien,“ ſagte Conſcience ruhig,„ich war auf dem Wege nach Longpré, ſah Ihr Pferd davon laufen, befürchtete, Sie würden darüber in Sorge ſein, und habe es zu Ihnen zurückgeführt.“ Alle lachten, Baſtien ausgenommen. Conſcience ſchaute alle dieſe Leute mit Erſtaunen anz er begriff nicht, warum Jedermann lachte. Er erröthete, ſtieg vom Pferde, übergab den Zügel vem Huſaren und ſtellte ſich, die Hand auf den Kopf von Bernhard geſtützt, einige Schritte hinter Mariette, welche zuletzt die Kirche mit Frau Marie verlaſſen hatte und nun umherſchaute, ohne recht zu wiſſen, was vorgefallen war. Baſtien vergaß indeſſen, Conſcience zu danken; er wollte ſich ſo ſchnell als möglich ſeine Genugthuung neh⸗ men und ſchwang ſich wieder auf den Rücken des Pferdes. Doch man hätte glauben ſollen, der Teufel, den das Thier eine Viertelſtunde vorher im Leibe hatte, ſei von Conſcience ausgetrieben worden. Das Pferd unterwarf ſich ſeinem Reiter, ohne ſich eine Courbette zu erlauben, ohne einen Sprung zu wagen. Baſtien brachte Herrn Destournelles ſein Pferd voll⸗ kommen gebändigt zurück. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Baſtien ſich wohl hütete, in allen ihren Einzelheiten die Art zu erzählen, wie er zu dieſem Reſultate gelangt war, welches ihm in 62 den Augen von Herrn Destournelles die größte Ehre machte. Nur gab er ſich nie Rechenſchaft von dem Verfahren, welches Conſcience angewandt hatte, um ein Pferd zu bändigen, das ihn abgeworfen, ihn, Baſtien, und da er zu ſtolz war, um Conſcience nach ſeinem Geheimniß zu fragen, da, wenn er ihn gefragt hätte, Conſclence ſehr in Verlegenheit geweſen wäre, es ihm zu ſagen, ſo blieb das Reſultat, während es an und für ſich klar am Tage lag, hinſichtlich ſeiner Urſache im Dunkeln. Es trug ſich noch ein anderes Ereigniß zu, das, diesmal zur großen Verzweiflung von Baſtien, ihn zum Schuldner von Conſcience machte. Außer dem Tanzen, dem Fechten und dem Reiten cultivirte Baſtien auch die Jagd; vor ſeinem Abgange zum Heere war Baſtien einer der feinſten Wilvſchützen geweſen; ſeit ſeiner Rückkehr jagte er vermöge ſeines Kreuzes der Ehrenleglon, eines zu jener Zeit ſehr geach⸗ teten Symbols, ungefähr, wo es ihm gutdünkte, auf den Markungen von Haramont, Longpré und Largny. Eine Schwierigkeit hatte ſich Anfangs gezeigt: die Amputativn, welche Baſtien am Zeigefinger und am Mittelfinger erlitten, machte ihm zuerſi die Handhabung der Flinte unmöglich; doch ſtatt es ſich in den Kopf zu ſetzen, fortwährend rechts ſchießen zu wollen, lernte Ba⸗ ſtien links ſchießen; dazu brauchte er einen Monat; erſt fehlte er Alles, wonach er ſchoß, dann bei drei Vierteln, dann bei der Hälfte ſeiner Schüſſe; dann erreichte er links dieſelbe Stärke, mit der er früher rechts ſchoß, das heißt, er wurde wieder einer der guten Schützen des Cantons. Eine Lieblingsjagd von Baſtien, weil ſie gewöhnlich eine der wilvreichſten iſt, war die Jagd im Sumpfe. Der Sumpf, wo er am liebſten jagte, weil er nur eine Viertelſtunde Wegs zu machen hatte, um von Hara⸗ Ehre hren, zu a er ß zu ſehr lieb Lage das, zum iten inge tzen ines den die am ung zu Ba⸗ erſt n, er das des lich ofe. nur ra⸗ 63 mont oder Longpré dahin zu kommen, war der Sumpf von Wualu. Hier wohnte ein anderer ausgezeichneter Schütze, der boshafte Müller, welcher ſich über die ſchöne Catha⸗ rine den Witz von dem noch nicht gelegten Gänſeei er⸗ laubt hatte. Baſtien kannte dieſen Witz, doch ſtatt ärgerlich zu ſein, hatte er mehr als einmal darüber gelacht, mit dem gelacht, welcher ihn gemacht, was bewies, daß er es nicht war, der Catharine die Eheſtandsfeder, auf welche ſie mit ſo großer Ungeduld zu warten ſchien, bieten ſollte. Der Müller und Baſtien waren alſo die beſten Freunde der Welt, und kam die Jagdzeit, ſo jagten ſie drei bis vier Tage in der Woche, bald mit einander, bald einzeln. Eines Tags, als Baſtien allein im Schilfrohr eines ungeheuren Teiches jagte, der ſich im Thale von Norden nach Süden erſtreckt und an dem eine Chauſſée hinläuft, an welcher die Mühle ſteht, kam ihm eine Becaſſine, die er mit ſeiner gewöhnlichen Geſchicklichkeit ſchoß. Die Becaſſine ſiel, ſiel aber in den Teich. Man weiß, welche Abneigung jeder Jäger hat, etwas von ſeinem Wildpret verloren gehen zu laſſenz dieſe Ab⸗ neigung war vielleicht noch viel größer bei dem eitlen Baſtien, als bei jedem Andern; er beſchloß daher, ſich ſeine Becaſſine zu verſchaffen, um welchen Preis es auch ſein möchte. In dieſer Abſicht legte er ſeine Flinte auf den Bo⸗ den, um ſich eine wirkſame Unterſtützung aus ſeinen beiden Händen zu machen, und begann vorſichtig auf dem zit⸗ ternden Terrain, das die Teiche begrenzt, vorzurücken. Am äußerſten Ende angelangt, war er noch acht bis zehn Fuß von der Becafſine entfernt. Baſtien, der ein ſo guter Schütze, ein ſo guter Rei⸗ ter, ein ſo guter Fechtmeiſter war, hatte eine Lücke in ſeiner Bildung: Baſtien konnte nicht ſchwimmen. Er vermochte ſich alſo unmöglich durch Schwimmen 64 zu helfen, was er, um ſeine Becaſſine zu holen, unfehlbar hätte, wäre er nur ein Schwimmer dritten Rangs geweſen. In dieſem Augenblick hätte Baſtien ſicherlich eines ſeiner andern Talente zu beliebiger Auswahl gegeben, um Schwimmer zu ſein. Er beſchloß nichtsdeſtoweniger, ſich ſeiner Becaſſine zu bemächtigen. Zum Glück hat der Teich von Wualu keine Strö⸗ mung, der Vogel blieb daher an demſelben Platze. Baſtien ſchaute umher und erblickte eine Weide; er ging auf dieſe Weide zu, brach den längſten Zweig davon ab kehrte an das Ende ſeines beweglichen Vorgebirgs zurück. Von hier aus erreichte er, indem er die Länge ſeines Armes der Länge des Zweiges beifügte, beinahe die Becaſſine. Er erreichte ſie ſogar völlig. Nur war das Ende des Zweiges ſo biegſam, daß dieſer keine Gewalt hatte, den Vogel zu Baſtien zu ziehen. Es handelte ſich darum, durch ein Wunder des Gleichgewichts fünf bis ſechs Zoll dadurch zu gewinnen, daß er ſich vorwärts neigte. Baſtien neigte ſich, Baſtien bog ſich, Baſtien be⸗ ſchrleb einen Halbkreis. Baſtien ſtrengte ſich ſo ſehr an, daß der Kopf das Uebergewicht bekam und Baſtien ins Waſſer fiel. Baſtien ſah auf der Stelle die Folge ſeines Falles ein. Es war zehn gegen eins zu wetten, daß er ertrank. So kurz aber auch der Augenblick, der ihm vergönnt war, ſo benützte er ihn doch, um einen Nothſchrei auszu⸗ ſtoßen, welchen die Lage, in der er ſich befand, äußerſt kläglich machte. Zum Glück folgte Conſcience, der von Vauriennes zurückkam, der Straße am Teiche, in Begleitung ſeines getreuen Bernhard; er hörte dieſen Schrei und flürzie ehlbar Rangs eines n, um aſſine Strö⸗ e; er davon birgs ſeines e die „daß iehen. des nnen, be⸗ f das s ein. trank. gönnt uszu⸗ ußerſt ennes ſeines türzte 65⁵ auf den Punkt des Teiches zu, von wo ihm dieſer Schrei gekommen zu ſein ſchien. Ein Weg war durch das Schilfrohr gebahnt, Con⸗ ſcience folgte dieſem Wege, und ſo kam er an das Ende des Vorgebirges, von wo aus Baſtien in den Teich ge⸗ fallen war. Er ſah ein großes Brudeln in dem durch den Schlamm, welcher zur Oberfläche aufſtieg, getrübten Waſſer. Dann, unter dieſem Brudeln, Hände, die ſich krampf⸗ haft bewegten und aus dem Waſſer heraus vergebens nach der Luft griffen. Conſcience brauchte nicht mehr zu ſehen, er begriff, daß ein Menſch dem Ertrinken nahe, und ohne zu wiſſen, wer dieſer Menſch war, winkte er Bernhard, der in den Teich ſprang und darin verſchwand. Fünf Secunden nachher erſchien er wieder, Baſtien beim Kragen ſeiner Jacke haltend und ſchwamm nach dem Rande des Teiches, wo ihn Conſcience empfing und zu drei Vierteln todt herauszog. Da erſt erkannten ſich Beide, Conſcience mit einer redlichen Freude darüber, daß er Baſtien einer ſo großen Gefahr entriſſen, Baſtien mit⸗einer leichten Scham, daß ihm Conſcience einen ſo großen Dienſt geleiſtet. Da aber Baſtien am Ende ein ehrlicher Burſche war, und da die Angſt, die er gehabt, das Leben zu ver⸗ lieren, ihm das Maß von ſeinem Wunſche, es zu erhal⸗ ten, gegeben, ſo ſing er an Conſcience aus Herzensgrunde zu danken; dann, da Bernhard auch weſentlich zu ſeiner Rettung beigetragen, richtete er es, weit er lieber einem Hunde als einem Menſchen etwas ſchuldig ſein wollte, ſo ein, daß der größere Theil vom Ruhme des Ereigniſſes Bernhard zufiel. So voft Baſtien Bernhard begegnete, ſtreichelte er ihn auch mit einer geheuchelten Dankbarkeit, in welcher ein gewiſſer Undank gegen Conſcience lag. Doch Conſcience bemerkte dieſe Nuance nicht, welche Gott und Teufel. 1. 5 66 für jedes andere minder chriſtliche Herz ſchmerzlich gewe⸗ ſen wäre, und ſo oft das Geſpräch auf dieſen für Ba⸗ ſtien ſehr unangenehmen Gegenſtand kam, ſagte Baſtien mit einer gemachten Heiterkeit: „Oh! bei meiner Treue, ja, ich war ſchon tief unten, und ohne Bernhard hätten mich zu dieſer Stunde die Hechte des Vater Charpentier gefreſſen, nicht wahr, Con⸗ ſcience?“ Worauf Conſcience einfach antwortete: „Oh! Bernhard iſt ein guter Hund.“ Die Tage, die Monate, die Jahre vergingen unter dieſen ſo einfachen Ereigniſſen, welche, abgeſehen von den von uns erzählten Vorfällen, einander ſo ſehr glichen, daß ein Tag immer das Spiegelbild des andern war. So kam man zu den letzten Tagen des Monats Oe⸗ tober 1813, und es geſchah um die Mitte von einem die⸗ ſer Tage, daß Vater Cadet, der von einem Beſuche auf ſeinem Feldezurückkam, Frau Marie, Mariette, den kleinen Pierre, Madeleine, Conſcience und Bernhard wieder auf ver Schwelle des Häuschen rechts fand und in der von uns genannten Ordnung die Mutter, das Kind und den Hund mit ſich in das Häuschen links führte. An demſelben Abend begannen die Spinnſtubenzu⸗ ſammenkünfte. Als er am Morgen mit Mariette die Milch nach der Stadt brachte, hatte Conſcience aus dem Theile des Forſtes, den man das Kaſtanienwäldchen nannte, einen Sack voll Kaſtanien mitgebracht, welche Bernhand in ſeinem Wägelchen führte. Mit ein paar Flaſchen ſüßem Moſte befeuchtet, ſoll⸗ ten dieſe Kaſtanien die Bewirthung am Abend bilden und bei dieſer Dorfgeſellſchaſt die Stelle des Souper und der Erfriſchungen einnehmen, welche man bei den Soi⸗ réen der Städte ſervirt. Die Zuſammenkunft fand in einem großen Keller ſtatt, in den jedes Mädchen ſeinen Rocken und ſein Räd⸗ chen brachte; eine an der Decke hängende Lampe beleuchtete ewe⸗ Ba⸗ ſtien nten, die Jon⸗ mter den chen, war. Oe⸗ die⸗ auf inen auf von den nzu⸗ die dem nnte, hand ſoll⸗ ilden und Soi⸗ deller Räd⸗ htete 67 alle dieſe friſchen Geſichter mit ihrem zitternden Scheinez man ſah allerdings ſchlecht dabei, doch man bedarf keiner Gasbeleuchtung, um am Rädchen zu ſpinnen, und bei dieſem Halbdunkel verlor die Arbeit wenig und die Liebe gewann viel. Sobald die jungen Leute in die Spinnſtube zugelaſſen waren, bildete Baſtien, der auch Eintritt hatte und im Nothfall ſogar mit Ausſchluß der Andern zugelaſſen wor⸗ den wäre, wie man ſich vorſtellen kann, die Hauptzierde der Verſammlung. Baſtien erfand für die Abendgeſellſchaften am Sonn⸗ tag eine Menge von Spielen, welche alle, trotz des Ver⸗ dienſtes der Einbildungskraft, nicht das Glück hatten, an⸗ genommen zu werden. Dem Rathe der Mütter oder ſogar dem viel bllligeren der jungen Mädchen unterworfen, ſchienen einige zu huſarenmäßig, als daß ſie ohne Ver⸗ beſſerung hätten Aufnahme finden können. Mariette war, wie alle Mädchen des Dorfes, bei dieſen Spinnſtubenunterhaltungen anweſend; ſie würde ſich auf eine unpaſſende Art bemerklich gemacht, den Anſchein der Hoffart gehabt haben, wäre ſie aus dem Kreiſe ihrer Altersgenoſſinnen weggeblieben. Nur ſang Mariette ſelten Lieder, tanzte ſie ſelten bei den Reigen oder ſpielte die kleinen Spiele mit, an denen Frau von Longuebille nie Thell nahm, unter dem Schein⸗ vorwande, ſie liebe die unſchuldigen Spiele nicht. Mariette blieb daher gewöhnlich in einem Winkelchen ſitzen, wo ſie ſo wenig als möglich Platz einnahm; ſich gegenüber hatte ſie, ebenfalls in einem Winkel, ſtehend oder liegend Conſcience mit Bernhard zu ſeinen Füßen, Con⸗ ſcience, der das reizende Geſicht des Mädchens nicht nur mit allen ſeinen Augen, ſondern auch mit allen Strebungen ſeines Herzens anſchaute. Gewöhnlich machte man den Platz ſtreitig, nicht Conſcience: hätte man Conſcience eine Schmach anthun wollen, ſo würde ſich das ganze Dorf, das den armen 68 Einfältigen, wie man ihn nannte, anbetete, in Maſſe er⸗ hoben haben, um Rache für dieſe Schmach zu nehmen, ſondern man machte Bernhard den Platz ſtreitig, der, ein einfacher Vierfüßiger, an dieſen Geſängen, an dieſen Tänzen, an dieſen Spielen nur ein ſecundäres Intereſſe nahm und einen ungeheuren Raum inne hatte, wodurch er die Geſellſchaft ſehr beläſtigte und ihr in keiner Hin⸗ ſicht half. An dieſem Abend machte man eine Ausnahme zu ſeinen Gunſten, weil er zum Vergnügen der Geſellſchaft vurch das Führen der Kaſtanien von Villers⸗Cotterets nach Haramont beigetragen hatte. Der Abend ließ ſich gut an, er trat mit jenen Be⸗ dingungen des Egoismus ein, welche nach Lucrez, dem la⸗ teiniſchen Dichter, das Glück verdoppeln. Das Wetter war außen kalt, düſter, ſtürmiſch, und⸗ wohl geſchützt in dem durch eine doppelte Wärme geheiz⸗ ten Keller, hörten die jungen Männer und Mädchen den Wind durch die Aeſte pfeifen, denen er die gelb gewordenen Blätter entriß, daß ſie in der Luft wirbelten wie ein Schwarm unheimlicher Nachtvögel. Jeder hatte ſeinen Platz wie im vorhergehenden Jahre eingenommen. Diejenigen von den Frauen, welche, wie Mariette, — es waren zwei oder drei ſolche da,— einfache Zu⸗ ſchauerinnen der Spiele zu ſein gedachten, waren ſo vor⸗ ſichtig geweſen, ſich mit ihren Rädchen zu verſehen, und ſpannen. Dieſe Abendgeſellſchaften begannen immer mit Lie⸗ dern,— zuweilen in ihrer Naivetät ein wenig leichtferti⸗ gen Liedern; doch man weiß, die Züchtigkeit der Dorf⸗ mädchen iſt nicht ſo ſchreckhaft, als die der Stadtfräulein, und was dieſe erröthen und ſich abwenden machen würde, erregt bei jenen nur ein treuherziges Gelächter. Es wurde das Lvos gezogen, wer zuerſt ſingen ſollte, man wußte, daß Mariette ſich immer weigerte, eine ſelbſt⸗ er⸗ en, ein ſen eſſe rch in⸗ aft ets Be⸗ la⸗ ind⸗ eiz⸗ den nen ein hre tte, Zu⸗ r⸗ und Lie⸗ rti⸗ orf⸗ ein, rde, lte, bſt⸗ 69 thätige Rolle in der Abendgeſellſchaft zu übernehmen, ſo daß man natürlich ihren Namen beim Concurs ausſchloß. Alle Namen wurden in einen Hut gelegt. Man brachte den Hut vor Conſcience, das heißt vor den Ein⸗ fältigen, welcher den Arm ausſtreckte und den Namen von Catherine zog. Es war ein großes Vergnügen für Jedermann, wenn Catherine ſang. Catherine wußte nicht nur die ſchönſten Lieder, ſondern ſie ſang dieſelben auch mit einem Geiſte und einer Betonung, die ſie, wie ſie ſagte, in den Pariſer Theatern angenommen hatte, wenn ſie dahin ihre Herrin begleitete, welche nach ihrer Behauptung ſo gut gegen ſie geweſen war. Catherine ließ ſich auch nicht bitten, ſie rief neun von ihren Freundinnen zu ſich; die zehn Mädchen faßten einander bei der Hand, jede erhielt den Namen, welcher ihr in dem Rundgeſange zukam, man wiegte die Arme rückwärts und vorwärts, und die leicht metalliſche Stimme von Catherine begann folgendes Lied, deſſen Melodie wir leider nicht geben können, wie wir die Worte geben; Wir waren beiſammen wohl unſter zehn Konnt' jede gleich in die Ehe gehn, Die ſchöne Dine, Die hübſche Chine, Auch Suſette und Martine. Ah! ah! Catherineite und Catherine Und dann auch die junge Liſon, Die Comteſſe von Montbazon. Zuletzt noch Madeleine, Zuſammt der Du Maine, Der Sohn des Königs vorüberkam, Gar gnädig vor uns den Hut abnahm, 70 Er grüßte ſchön' Dine, Er grüßte ſchön' Chine, Er grüßte Suſette und Martine. Ah! ah! Catherinette und Catherine, Er grüßt auch jung Liſon, Die Comteſſe von Montbazon, Grüßt gar noch Madeleine, Doch küßt nur Du Maine. Und wie er ſo freundlich den Hut geſchwenkt, Hat Alle er reichlich mit Ringen beſchenkt. Ein Ringlein für Dine, Ein Ringlein für Chine, Ein Ringlein Suſette und Martine. Ah! ah! Catherinette und Catherine, Ein Ringlein jung Liſon, Der Comteſſe von Montbazon; Ein Ringlein Madeleine, Diamanten Du Maine. Und als er die Finger mit Ringen geziert, Hat er uns ſelbſt zum Mahle geführt. Aepfel für Dine, Aepfel für Chine, Aepfel für S und Martine. Ah! a Catherinette und Catherine, Aepfel ſelbſt für jung Liſon, Für die Comteſſe Montbazon; Aepfel für Madeleine, Orangen nur für Du Maine. Und als wir uns ſattſam des Eſſens gefreut, Stand auch ein Lager für uns hereit. der ſel S die ſch ſch der 71 Stroh gab's für Dine, Stroh gab's für Chine, Stroh für Suſette und Martine. Ah! ah! Catherinette und Catherine, Stroh für jung Liſon, Für die Comteſſe Montbazon, Stroh für Madeleine, Ein Bett nur für Du Maine. Und als wir uns alleſammt ausgeruht, Entließ er uns ſeiner gnädigen Hut: Entließ er Dine, Entließ er Chine, Entließ er Suſette und Martine, Ah! ahl Catherine und Catherinette, Entließ er die junge Liſon, Die Comteſſe von Montbazon, Entließ ſelbſt Madeleine, Behielt nur Du Maine. Das Lied von Catherine fand großen Beifall bei den jungen Burſchen und den Mädchen, doch nicht das⸗ ſelbe war bei Bernhard der Fall, der, als hätte er gegen die Leichtfertigkeit der zwei letzten Couplets proteſtiren wollen, den Kopf aufrichtete, unruhig nach der Thüre ſchaute und ein langes Geheul vernehmen ließ. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſe Proteſtation ſehr ſchlecht von der Geſellſchaft aufgenommen wurde; ſie gebot dem Hunde Stillſchweigen und verlangte einſtimmig ein zweites Lied. Man legte zum zweiten Male die Namen aller der⸗ jenigen, die die Verſammlung bildeten, in einen Hut, in welchen Conſcience, den das Heulen von Bernhard ———— 72 mehr als die Andern zu beſchäftigen ſchien, ſeine Hand tauchte.„ Diesmal wurde der Name Baſtien gezogen. Ein Lied war nichts, was Baſtien ſehr erſchreckte. Baſtien hatte ein ganzes Repertoire; nur war ſein Reper⸗ toire von beſonderer Art, und die am wenigſten zimper⸗ lichen Mädchen ſchienen mit einer leichten Aengſtlichkeit dem Liede des Huſaren entgegenzuſehen. „Ah! ah!“ ſagte dieſer, indem er ſeinen Schnurrbart in die Höhe wickelte,„es iſt alſo an mir, Euch ein Lied zu ſingen.“ „Oh! ja, doch nicht wahr, ein ſchönes?“ erwiederten die Mädchen. „Wie! ein ſchönes?“ fragte Baſtien.„Ich kenne nur ne.“ Ein Gemurmel der Ungläubigkeit durchlief die Ver⸗ ſammlung. Doch in demſelben Augenblick ſtimmte Baſtien, um vie Geſellſchaft zu beruhigen, mit kräftiger Stimme fol⸗ gendes Lied an: Der Huſar in dem Felde, Schnetteredeng! Der Huſar in dem Felde, Schnetteredeng! Armer Huſar, wo kommſt du her 2 Warum geht dein nackter Fuß ſo ſchwer? Schnetteredeng! Doch in dieſem Augenblick kam eine Oppoſitivn, die ſich ſchon beim erſten Verſe geoffenbart hatte, zum Aus⸗ bruch. „Ah! Herr Baſtien,“ haten die Mädchen die Hände faltend,„ein anderes Lied, ein anderes.“ „Wie, ein anderes?“ „Ja, ja, ein anderes, wenn es Ihnen beliebt.“ „Warum ein anderes?“ fragte Baſtien. * ju es we pr vo tra Ar in wa her nic wi Be dri To wel ſo and ckte. per⸗ per⸗ hkeit bart Lied erten nur Ver⸗ um fol⸗ die Aus⸗ ände 73 „Weil wir dieſes kennen,“ antworteten die jungen Leute.„Du haſt es uns ſchon mehr als zehnmal geſungen.“ Baſtien wandte ſich die Stirne faltend gegen die jungen Leute um und rief; „Ei! hätte ich es auch ſchon zehnmal geſungen, wenn es mir beliebt, Euch das Lied zum eilften Male zu ſingen?“ „Das ſteht Dir frei, Baſtien, doch uns ſteht es frei, wegzugehen,“ erwiederten Einige. Und ſie machten eine Bewegung, um ſich zu entfernen. Es ſcheint, Bernhard war der Anſicht derjenigen, welche proteſtirten, denn er erhob den Kopf zum zweiten Male on der Erde und heulte wieder, doch noch länger und trauriger als das erſte Mal. Etwas wie ein Schauer durchlief die Geiſter aller Anweſenden. „Mein Gott!“ ſagte Mariette,„ſtirbt denn Jemand in der Gegend?“ Bei dem zweiten ſchauerlichen Heulen von Bernhard wandte ſich Baſtien an Conſcience und rief: „Wirſt Du Deinen Hund zum Schweigen bringen?“ „Ich kann wohl zu Bernhard ſagen:„Hol' Baſtien heraus,“ wenn Baſtien am Ertrinken iſt, doch ich kann tn ihm ſagen:„Schweig,“ wenn Baſtien ſprechen will.“ „Ah! Du kannſt ihn nicht ſchweigen laſſen,“ ſagte Baſtien:„nun! ſo will ich hiefür ſorgen, wenn er zum dritten Male heult.“ „Baſtien,“ ſprach Conſcience mit ſeinem überredenden Tone;„ich rathe Ihnen, reiben Sie ſich nie an Bernhard.“ „Und warum?“ fragte Baſtien. „Warum? Bernhard kann Sie nicht leiden.“ „Bernhard kann mich nicht leiden! Hal ha! und aus welchem Grunde?“ Conſcience wandte ſeine großen blauen, ſo ſanften, ſo durchſichtigen Augen gegen Baſtien und erwiederte: 74 „Weil Sie mich nicht lieben, Baſtien, und Bernhard, der mich liebt, liebt diejenigen nicht, welche mich haſſen.“ Bei dieſer ſchwermüthigen Antwort blieben alle An⸗ weſenden, ſelbſt Baſtien, ſtumm. „Eil welche Albernheit!“ murmelte Baſtien,„ich haſſe Dich nicht, im Gegentheil.“ Conſcience reichte ihm lächelnd die Hand. Bernhard erhob den Kopf, ſtreckte die Zunge aus und leckte die vereinigten Hände von Conſcience und Baſlien. „Du ſiehſt wohl, daß er mich nicht haßt,“ fuhr Baſtien fort, der auf ſeine Art mit einem beſondern Nachdruck das Wort haſſen ausſprach. „Weil Du im Grunde gut biſt,“ verſetzte Conſeience, „und weil Du Dir zuweilen ſagſt, das ſchlimme Gefühl, welches Du gegen mich hegſt, ſei ungerecht.“ Die von Conſcience ausgeſprochene Meinung war ſo ſehr Ausdruck deſſen, was im Herzen von Baſtien vor⸗ ging, daß dieſer, da er kein Wort der Erwiederung fand, den Gegenſtand des Geſpräches wechſelte. „Nun denn!“ ſagte er,„Ihr wollt alſo ein anderes Lied?“ „Ja, ja,“ antworteten alle Stimmen. „Wohlan! man wird Euch eines fingen, ein breſ⸗ ſiſches*) Lied, und zwar ganz ſo, wie man es in ſeiner Heimath ſingt; doch hiezu muß ich mich verkleiden.“ „Wie! Dich verkleiden?“ ſagten die jungen Burſche. „Ja, und dieſe Mädchen ſollen mich mit ihren weißen Händen als altes Mütterchen ankleiden, ſonſt gute Nacht, ich ſinge nicht.“ „Oh! darauf ſoll es uns nicht ankommen,“ erwie⸗ derten die Mädchen;„was brauchen Sie, Baſtien?“ „Eine Haube, ein Halstuch und eine Schürze, das wird genügen; man könnte ein Rädchen und einen Rocken *) Breſſe, Grafſchaft im franz. Depart. Oiſe. beif wirt ohn nete lang bald ſage ſein dem Ste eine in t das wäl befe dem ſchl zu unr Ba Bes Wi zon wie Hu klar ſelb auf auc ard, en. An⸗ „ich aus tien. fuhr dern ence, fühl, r ſo vor⸗ and, eres reſ⸗ einer he. ißen cht, wie⸗ das cken 75 beifügen, ich werde den Faden vielleicht ein wenig ver⸗ wirren, doch gleichviel, man macht keinen Pfannkuchen, ohne Eier zu zerbrechen, wie man beim Regimente ſagt.“ Dann fügte er nach ſeiner ſchon von uns bezeich⸗ neten Gewohnheit bei: „Oh! das Rrregiment, das war ein Vergnügen.“ Da man ſich alle Gegenſtände, welche Baſtien ver⸗ langte, ohne Schwierigkeit verſchaffen konnte, ſo war er bald in eine alte Spinnerin verwandelt, und wir müſſen ſagen, daß, als Baſtien mit ſeinem Schnurrbart und ſeinen geflochtenen Zöpfen, die Haube einer Alten auf dem Kopfe, das Halstuch beſcheiden auf ſeiner Bruſt mit Stecknadeln befeſtigt, mit vorgebundener Schürze und einer Brille, die ihm die Naſe zuſammenkniff, ſich mitten in den Keller ſetzte, den Rocken in ſeinen Gürtel ſteckte, das Rävchen mit ſeinem linken Fuße in Bewegung brachte, während er mit ſeiner rechten Hand den Faden zog und befeuchtete, wir müſſen ſagen, daß der Triumph, nach dem er ſtrebte, vollſtändig war, und daß Alle, ſelbſt Mariette, in die Hände klatſchten und ein Gelächter auf⸗ ſchlugen. Bernhard allein ſchien noch unruhig zu ſein. Doch dieſe Unruhe beſchäftigte nur Conſcience, der zu begreifen anfing, Bernhard ſei nicht ohne Grund ſo unruhig; ohne ſich aber hierum zu bekümmern, begann Baſtien ſein Lied mit einem näſelnden Tone und mit Begleitung des Rädchens. Schon die erſte Strophe war von entſcheidender Wirkung, Baſtien ſuchte vurch ſeinen Refrain:„Zon, zon, zon,“ das Geräuſch des ſchnurrenden Rädchens zu wiederholen, und wenn wir nur den Tonausdruck des Huſaren auf dem Papier wiedergeben und ſeine Grimaſſen klar daneben zeichnen könnten, ſo würden wir wohl den⸗ ſelben Eindruck auf unſere Leſer hervorbringen, den Baſtien auf die Geſellſchaft hervorbrachte, das heißt, ſie müßten auch ein tolles Gelächter aufſchlagen. ———— Ermuthigt durch ſein glückliches Debut, fügte Baſtien ſeiner erſten Strophe noch vier bei, die er mit demſelben Tone und demſelben Grimaſſenwechſel vortrug. Doch kaum hatte er ſeinen letzten Refrain unter dem Beifallklatſchen der Mädchen und der jungen Burſche vollendet, als Bern⸗ hard, als hätte er nur auf dieſen Augenblick gewartet, um das Lied von Baſtien fortzuſetzen, den letzten muſi⸗ kaliſchen Satz da wieder aufnahm, wo ihn der Huſar gelaſſen hatte, und, ſtufenweiſe von den tiefen Noten zu den höchſten aufſteigend, den Keller mit dem ſchauerlichſten Geheul erfüllte, welches menſchliche Ohren je gehort hahen. Diesmal hatte ſelbſt Baſtien nicht den Muth, Bern⸗ hard zu drohen. Auf dieſes Geheul folgte ein düſteres Stillſchweigen. Doch plötziich, unter dem aligemeinen Stillſchweigen, erhob ſich und ſprach das erſchreckliche Wort: „Feuer!“ Zu gleicher Zeit hörte man in der Kirche des Dorfes die Sturmglocke läuten; und außen erſcholl von der ganzen Einwohnerſchaft der Ruf:„Feueri“ Der gräßlichſte Ruf, der vom menſchlichen Schrecken ausgeſtoßen werden kann, iſt gewiß der Ruf:„Feuer!“ Beſonders wenn dieſer Ruf, von der Brandglocke begleitet, in einer finſtern, ſtürmiſchen Nacht erſchallt. Auf dieſen Ruf ſtürzten auch die jungen Burſche und die Mädchen aus dem Keller, liefen auf die Straße und folgten dem Strome, der ſich in nordweſtlicher Rich⸗ tung fortwälzte. Ueber den Häuſern des Dorfes ſah man am Him⸗ mel einen gewaltigen Schein ſich verbreiten, der von Au⸗ genblick zu Augenblick zunahm und ſich mit ſternartigen Funken vermengte, welche der Wind unter dunkeln Rauch⸗ wolken fortrollte. Kaum waren die jungen Burſche und Mädchen bei den letzten Häuſern des Dorfes angekommen, als ſie, da ſie! ſein gekr zu⸗ ohn den kön „we lien ſche riet riet gen und ſich jun Hü auß unb nac fäll anz aſtien ſelben kaum tſchen Bern⸗ artet, muſi⸗ Huſar en zu chſten aben. gern⸗ igen. erhob orfes der ecken er!“ locke . rſche traße Rich⸗ Him⸗ Au⸗ tigen uch⸗ bei „da — 77 ſie kein Hinderniß mehr vor ſich hatten, das Unglück in ſeinem ganzen Umfang ermaßen. Der Pachthof Longpré ſtand in Flammen. Mariette erblickte den Vater Cadet; er ſtand mit gekreuzten Armen auf einem Steine und ſah dem Brande zu, ohne zur Brandſtätte zu gehen, um Hülfe zu leiſten, ohne Zweifel in der Ueberzeugung, der ſchwache Beiſtand, den ein armer Greis unter ſolchen Umſtänden leiſten könne, ſei unnütz. „Oh! mein Gott, Vater Cadet,“ rief Mariette, „was gibt es denn?“ „Du ſiehſt es wohl, Mädchen,“ antwortete der Greis. „Aber ſprecht doch!“ „Trotz meiner Warnung hat dieſe ſtarrköpfige Ju⸗ lienne ihr Heu feucht eingethan, und ſo hat es ſich wahr⸗ ſcheinlich von ſelbſt entzündet.“ „Oh! arme Julienne! arme Julienne!“ rief Ma⸗ riette. Julienne war die Pächterin, welche alle Tage Ma⸗ riette acht Maß Milch nach Villers⸗Cotterets zu brin⸗ gen gab. Dann, da die Bauern ganz verblüfft ſtille ſtanden und wie verſteinert die Feuersbrunſt betrachteten, wandte ſich das Mädchen an Baſtien, Conſcience und die andern jungen Leute und rief ihnen zu: „Oh! Ihr, die Ihr Männer ſeid, zu Hülfe! zu Hülfe!“ Dieſe Aufforderung von Mariette wirkte elektriſch; außer Vater Cadet und ein paar andern Greiſen, welche unbeweglich am Eingange des Dorfes blieben, eilte Jeder nach dem Schauplatze des Brandes. Im Allgemeinen iſt das Feuer einer von den Unglücks⸗ fällen, bei denen man am wenigſten das öffentliche Mitleid anzuregen braucht; wenn man die erſchrecklichen Wirkun⸗ gen des Feuers ſieht, ſollte man glauben, Jeder fürchte 78 die Flammen für ſich ſelbſt und ſei bereit, ſie ſogar mit einiger Gefahr zu löſchen. Der brennende kleine Pachthof ſtand jenſeits einer Schlucht, in einer Entfernung von kaum fünfhundert Schritten vom Dorfe, hätte man in gerader Linie dahin kommen konnen, aber man mußte den Berg hinabſteigen und wieder hinaufſteigen, was die Entfernung verdoppelte. Je näher man hinzukam, deſto deutlicher unterſchied man diejenigen, welche zuerſt eingetroffen waren und erſchrocken um dieſen Vulkan liefen oder nützliche Hülfe zu leiſten ſuchten. Es brannten, wie der Vater Cadet geſagt hatte, wirklich die Scheunen, doch von den Scheunen hatte das Feuer raſch das Hauptgebäude erreicht. Einige Minuten genügten für Mariette, Baſtien und Conſcience, um zum Pachthofe zu gelangen. Es folgten ihnen unmittelbar alle diejenigen, welche die Spinnſtube mit ihnen verlaſſen hatten. Die zuerſt angekommen, waren genöthigt geweſen, die Thüre einzuſtoßen. Julienne hatte wahrſcheinlich den Abend in der Umgegend zugebracht. Die Knechte befan⸗ den ſich in der Schenke und die Magd war ohne Zweifel mit ihrem Geliebten beſchäftigt. Beim Eintritt in den Hof hatte man das Vieh brüllen hören. Es iſt bekannt, welche ſonderbare Wir⸗ kung das Feuer auf die Hausthiere hervorbringt; gewöhn⸗ lich vermag ſie nichts aus dem Orte herauszutreiben, wo ſie find, und Pferde, Ochſen und Schafe bleiben in ihren Ställen, bis ſie hier der Tod erfaßt. Die zuerſt angekommen waren, hatten Alles ver⸗ ſucht, um Pferde, Kühe und Schafe zu retten; doch in ihrer gewöhnlichen Halsſtarrigkeit hatten dieſe Thiere widerſtanden, und die arme Julienne lief Gefahr, nicht nur ihren Pachthof von den Flammen verzehrt zu ſehen, ſondern auch, was ihr Ruin war, bei dieſem Brande all ihr Vieh zu verlieren. 79 Da offenbarte ſich aber die ſeltſame Macht, welche Conſcience über die Thiere übte: zuerſt trat er in den Pferdeſtall ein und ſprach mit den ganz zitternden Pferden; in ihrem Schrecken hatten ſie ihre Halfter zerriſſen und ſich wie in einer Gruppe vereinigt, deren Mittelpunkt die Köpfe bildeten, und hier empfingen ſie mit Ausſchlagen Jeden, der ſich ihnen nähern wollte: doch auf die Stimme von Conſcience erhoben ſie den Kopf und wieherten; da trat Conſcienee mitten unter einem von Strohflämmchen, welche durch die Zwiſchenräume des Bodens flelen, durch⸗ furchten Rauch zu ihnen, beſtieg eines derſelben, lenkte es ohne Schwierigkeit gegen die Thüre und ritt, gefolgt von allen andern, in den Hof hinaus; da ſie aber erſchro⸗ cken umherliefen, ſo pfiff er ihnen mit einer eigenthümli⸗ chen Modulation, und alle ſtellten ſich in eine Ecke um das Pferd, welches Conſeienee geritten hatte. Dann, da er befürchtete, ſie könnten auf's Neue ſcheu werden, befahl er Bernhard, ſie zu bewachen, ein Geſchäft, das Bernhard ſogleich übernahm. Hierauf trat er in den Kuhſtall ein, wie er in den Pferdeſtall eingetreten war; ein paar Menſchen, welche vor ihm hineinzugehen verſucht hatten, waren umgeworfen, mit Füßen getreten worden und hatten auf jeden weiteren Verſuch einer Rettung dieſer wüthenden Thiere verzichtet; doch Con⸗ ſeienee ging gerade auf den Stier zu, der brüllend das Stroh ſeiner Streu emporſchleuderte. Er nahm ihn bei ſeinen ganz rauchenden Naſenlöchern und zog ihn, unterwürfig und gehorſam, zu ſich. Sobald ſie den Stier voraus⸗ gehen ſahen, folgten die Kühe, und nach einem Augenblick bogen ſich Kühe und Stier, wie die Pferde unter die Obhut von Bernhard gebracht, auf ihren zitternden Bei⸗ nen und legten ſich vor dem Brande geſchützt auf den feuchten Dünger. Es blieben die Schafe: Conſelenee hatte nicht einmal nöthig, in ihren Stall einzutreten, der übrigens ſchon beinahe in Flammen ſtandz von der Thüre aus rief er 80 ihnen nach Art der Schäfer, und auf ſeinen Ruf ſtürzten ſie wie eine Lauwine unter Gebloͤke und mit Sprüngen hinaus, welche zugleich von der Angſt, die ſie ausgeſtan⸗ den, und von der Freude zeugten, die ihnen ihre Rettung gewährte. Die Bauern hatten Conſeienee dieſe, unmöglich erachtete, dreifache Operation mit einem Erſtaunen, in das ſich eine Art von Verehrung miſchte, vollbringen ſehen. Baſtien beſonders, den die Pferde beinahe mit den Füßen zertre⸗ ten, dem die Ochſen beinahe mit den Hörnern den Bauch aufgeriſſen hätten, Baſtien, der, um ein Schaf herauszu⸗ bringen, genöthigt geweſen war, es auf ſeinen Schultern zu tragen, Baſtien war verſucht, Conſeience für einen von den Dorfhexenmeiſtern zu halten, welchen man eine Menge von Wundern zuſchreibt, von denen immer eines außer⸗ ordentlicher, als das andere. Nur ſieht die Wunder, die man ihnen zuſchreibt, nie Jemand verrichten, während Conſeienee im Angeſichte Aller mit ſeiner gewöhnlichen Einfachheit drei in Aller Augen für unmöglich erachtete Dinge vollbracht hatte. Die Bauern gruppirten ſich um ihn, als ſollte ihnen von dieſem ſo einfältigen jungen Menſchen irgend eine hohe Inſpiration zukommen, vor der das Feuer zurück⸗ weiche oder erlöſche, als plötzlich erſchreckliche Schreie in der Ferne, Anfangs in der Richtung des Thurmes von Vez, aber von Secunde zu Secunde immer näher kommend ertönten; es waren herzzerreißende weibliche Schreie, die nichts Menſchliches hatten, und unter denſelben unterſchied man nur die Worte, welche Alles erklärten: „Mein Kind! mein Kind! rettet mein Kind!“ Es war Julienne, welche keuchend, mit aufgelöſten Haaren und ausgeſtreckten Armen herbeilief; ihr Kind, ein Kind von drei Jahren, war von ihr der Sorge der Magd überlaſſen worden, die es in die Stube eingeſchloſ⸗ ſen und den Abend im Dorfe Bonneuil zugebracht hatte, ihr doe unt ſch gel ten en n⸗ ng te, ine ien re⸗ uch zu⸗ ern on ge er⸗ er, end en ete ten ine ck⸗ der ez, end die ied ten nd, der oſ⸗ te, 81 da ſie wußte, Julienne ſei bei ihrem Vater, dem Pächter in Vez, und werde dort übernachten. Doch von Vez aus hatte Julienne den Brand geſehen und erkannt, es ſei ihr Pachthof, was in Flammen ſtehe. Sie war herbeigelaufen und hatte auf dem Wege eine weibliche Perſon getroffen, welche wie ſie gelaufen. Dieſe Perſon war die unglückliche Magd vom Pacht⸗ hofe; die Folgen einſehend, welche ihre Unvorſichtigkeit haben konnte, beeilte ſie ſich ebenfalls in der Hoffnung, noch zur rechten Zeit anzukommen, um das Kind zu retten. Als ſie die Magd erblickte, allein ſah, begriff die arme Mutter Alles und ſetzte, die Dienerin weit hinter ſich laſſend, mit der Stärke, dem Muthe, der Wuth einer Mutter, unter den herzzerreißenden Schreien, die man von fern gehort, ihren wahnſinnigen Lauf fort. Bei dem Rufe:„Mein Kind! mein Kind! rettet mein Kind!“ bebten und ſchauerten Alle. Man hatte ſich mit der Rettung der Pferde, der Kühe, der Schafe beſchäftigt und das Feuer ſich des Hau⸗ ſes, welches man leer glaubte, bemächtigen laſſen; man hatte das Vermögen von Julienne gerettet und das Feuer ihr Leben verzehren laſſen. Alle traten vor dieſer Frau zurück, welche mit ſol⸗ cher Gewalt an die Küchenthüre ſchlug, daß ſie aufſprang, doch in demſelben Augenblick drang die Luft in das Innere und von allen Seiten ſchienen die Flammen herauszu⸗ ſchlagen. Man konnte in den erſten Stock, das heißt in die Stube, wo das Kind war, nur auf einer hölzernen Treppe gelangen. Das Feuer hatte dieſe Treppe ſchon ergriffen. Julienne ſtürzte durch die Flammen, doch man ftürzte ihr nach, man hielt ſie auf und nöthigte ſie, bis in den Hof zurückzuweichen. Gott und Teufel. 1. 6 82 Hier aber verdoppelte ſich ihr Geſchrei; die Arme ausgeſtreckt gegen die durch die Flammen erleuchteten Fenſter, deren Scheiben vor der Hitze zerſpringend klirr⸗ ten, hatte ſie nur einen Ruf, einen entſetzlichen Ruf, das Stoͤhnen einer Mutter, das Brüllen einer Löwin: „Mein Kind! mein Kind! mein Kind!“ Mariette ſchaute umher und ſah alle dieſe Menſchen beſtürzt daſtehen. Man ſuchte Conſcience, Conſcience war verſchwunden. „Oh! Baſtien, Baſtien!“ ſagte Mariette,„ſehen Sie dieſe arme Mutter nicht?“ „Oh! Herr Baſtien!“ rief Julienne,„Sie, ein Sol⸗ dat, der Sie ſich vor nichts fürchten!“ „Alle Teufel!“ rief Baſtien,„das iſt gerade, als ob Ihr mir ſagen würdet:„„Stürze Dich vom Kirchthurme von Haramont herab,““ ich hätte eben ſo viel Wahr⸗ ſcheinlichkeit, davon zu kommen.. Doch gleichviel, ich werde es verſuchen.“. Und er eilte ins Innere, begleitet vom Zuruf:„Muth! Baſtien! Muth!“ Dieſer Zuruf kam aus Aller Mund oder ſprang viel⸗ mehr aus Ailer Herzen hervor. Doch trotz der Ermuthigung gelangte Baſtien nur auf die Hälfte der Treppe; er ging wieder rückwärts und drängte dem Anſehen nach die Flammen mit ſeinen Händen von ſich. Seine Haare und ſein Schnurrbart waren verſengt. „Oh! Baſtien! Baſtien, mein Retter!“ rief Julienne, „noch einen Verſuch.“ Baſtien eilte zum zweiten Male vorwärts und ver⸗ ſchwand im Rauche, doch unter ſeinen Füßen ſtürzte die entflammte Treppe ein, und er fiel mitten in die Trümmer. Man hatte nicht einmal mehr Hoffnung, die Stube des Kindes zu erreichen, da die Treppe eingeſtürzt war. 83³ rme Doch für Alle verloren, iſt die Hoffnung nie für eine eten Mutter verloren. irr⸗„Durch das Fenſter!“ rief Julienne,„durch das Fen⸗ das ſter! es iſt hier eine Leiter, es muß dort eine Leiter ſein. O mein Gott! mein Gott! wenn ich dieſe Leiter hätte, würde ich mein Kind ſelbſt holen.“ hen„Tauſend Donner!“ ſchrie Baſtien wüthend,„die Leiter, die Leiter! und ich ſchwöre, daß Niemand als ich n das Kind holen wird!“ Sie Doch man ſuchte vergebens die Leiter, und die arme Mutter rang die Hände mit dem Geheule der Ver⸗ ol⸗ zweiflung. In dieſem Augenblick vernahm man eine Stimme ob über allen dieſen Köpfen, eine Stimme, als käme ſie vom me Himmel. hr⸗„Platz! Platz!“ ſprach ſie,„hier iſt das Kind.“ ich Man ſchlug die Augen auf und erblickte mitten un⸗ ter Flammen und Rauch Conſcience, der das Kind in th ſeinen Armen hielt und ſich dem Fenſter näherte. Er hatte die Leiter genommen, war damit durch den iel⸗ Garten gegangen, durch ein Fenſter eingeſtiegen und bis zu der Wiege des halb erſtickten Kindes gelangt. nur Dann hatte er auf demſelben Wege, auf dem er ge⸗ und kommen, zurückkehren wollen, doch der Einſturz der Treppe den hatte die Flammen noch gewaltiger aufſchlagen gemacht, und der Weg, auf dem er ſeine Leiter wieder erreichen gt. konnte, war ihm abgeſchnitten. mne, Darum erſchien er mit dem Kinde in ſeinen Armen am Fenſter nach dem Hofe. er„Ein Tuch, eine Decke, um das Kind darauf zu die werfen!“ rief er. die Einige Perſonen liefen ins Hausz die arme Mutter aber ſtand unbeweglich, die Arme gegen ihr Kind ausge⸗ ube ſtreckt da und gab unartikulirte Töne von ſich. ar. Diejenigen, welche in das Haus gelaufen waren, 84 kamen mit einer Decke zurück, die ſie, feſt an den vier Enden haltend, unter dem Fenſter ausbreiteten. Es war Zeit: wie wüthend, ſich ſeine Beute ent⸗ reißen zu ſehen, erſchienen die Flammen von allen Seiten und umhüllten Conſcience mit einem Kreiſe von Rauch und Feuer. Sobald die Decke in ſeiner Nähe war, ließ er auch das Kind fallen, welches glücklich aufgenommen wurde. Die Mutter ſtürzte ſich auf ihr Kind, ſchloß es in ihre Arme und trug es wie eine Wahnſinnige laufend querfeldein. Dreihundert Schritte von ihrem Pachthofe fiel ſie mit ihm am Fuße eines Schobers nieder. Was lag ihr daran, daß ihre Ernte von den Flam⸗ men verzehrt wurde, was lag ihr daran, daß ihr Haus einſtürzte? Hatte ſie nicht aus dieſem Unglück das Ein⸗ zige gerettet, was das Leben einer Mutter bildet, ihr Kind? In ihrem erhabenen Undank hatte ſie Alles bis auf Conſcience vergeſſen. Das Fenſter war ungefähr zwanzig Fuß über der Erde. Nachdem er das Kind hinabgeworfen, erhob Con⸗ ſeience ſeinen ſanften Blick zum Himmel, murmelte ein paar Worte und ſprang hinaus. Doch, obgleich er auf ſeine Füße fiel, war die Hef⸗ tigkeit des Gegenſchlags ſo groß, daß er wankte, einen Seufzer ausſtieß und ohnmächtig zu Boden ſank. Als Conſeience wieder zum Bewußtſein kam, lag er im Hofe auf friſchem Stroh, Mariette kniete in Thränen zerfließend neben ihm und drückte ihm die linke Hand. Bernhard leckte ihm unter einem langen Geheul die linke Hand und hauchte ihm von Zeit zu Zeit ins Geſicht, um ſich zu verſichern, daß er nicht todt war. Zum Glück hatten die zwei Mütter, Frau Marie und Madeleine, nichts von Allem dem erfahren. in⸗ hr uf er n ein ef⸗ en en ie ht, rie 85 Als Conſcience die Augen wieder aufſchlug, begegnete er den Augen von Mariette. Er lächelte und machte eine Bewegung, um ſein Geſicht dem ihrigen zu nähern. Mariette vergaß Alles in ihrer Freude; ſie ſtieß einen Schrei aus und drückte ihre Lippen auf die Lippen des Jünglings. Ausgenommen bei ihren kindiſchen Liebkoſungen, war dies das erſte Mal, daß ſich ihre Geſichter berührten. Die zwei Kinder bemerkten nun Eines, was ſie ſelbſt nicht vermutheten: Daß ſie aufgehört hatten, ſich als Bruder und Schweſter zu lieben, und daß ſie anfingen ſich wie Lieb⸗ haber und Geliebte zu lieben. Sie ſtanden ſachte, Hand in Hand, auf und ſchlugen ſtillſchweigend wieder den Weg nach ihren Hütten ein. Nachdem ſie zwei Drittel des Weges zurückgelegt i begegneten ſie ihren Müttern, die ihnen entgegen⸗ amen. Sie hatten ſchon gehört, welche Dienſte Conſcience der armen Julienne geleiſtet; die zwei Mütter dachten, wie dieſe, nicht einen Augenblick an die Pferde, die Kühe, die Schafe, ſondern ſie riefen: „Oh! mein Sohn, Du haſt ihr Kind gerettet.“ Conſcience lächelte und antwortete nichts, doch Ma⸗ riette erzählte, was Conſcience in dieſer erſchrecklichen Nacht gethan hatte, und die ihrem Herzen entfließende, von Thränen der Liebe begleitete Erzählung ging in alle Einzelnheiten ein und zeigte Conſcience als das, was er wirklich geweſen war, nämlich der Vermittler zwiſchen der Vorſehung und dem Unglück. Die zwei Mütter hörten ganz erſtaunt die Erzählung von Mariette an; ſie hatten Mariette nie ſo voll Begeiſterung ſ ſie hatten Conſcience ule ſo voll Heiterkeit ge⸗ ehen. Ohne daß man ihnen etwas zu ſagen brauchte, be⸗ 86 griffen ſie, daß der Wunſch ihrer Herzen erfüllt war. Frau Marie ſchob Mariette in die Arme von Madeleine, Madeleine ſchob Conſcience in die Arme von Marie. Und da kamen aus dem Munde der zwei Kinder die ſanft geflüſterten Worte: „Frau Marie, ich liebe Mariette.“ „Frau Madeleine, ich liebe Conſcience.“ „Nun!“ ſagten die zwei Mütter ſeufzend vor Freude, „hiebei iſt nichts Schlimmes, meine Kinder, und man wird mit Vater Cadet darüber ſprechen.“ Vater Cadet war, wie man wohl begreift, der große Lenker des Geſchickes in den beiden Häuschen. Es wurden in der That ſchon am andern Tage Vater Cadet durch Madeleine Eröffnungen gemacht. Vater Cadet hörte ſie ernſt an; dann, als ihm Ma⸗ deleine geſagt hatte, was ſie ihm zu ſagen hatte, erwie⸗ derte er: „Hm! wir wollen ſehen.“ Da dies aber die gewöhnliche Antwort von Vater Cadet, wenn er nachzugeben geneigt war, ſo betrachteten die zwei Familien ſeine Antwort als eine Einwilligung, und die Freude, dieſer Segen des Himmels, ſtieg auf die zwei herab. ar. ine, die ude, ird oße ater Ma⸗ wie⸗ ater eten ung, die 87 Was in Europu vom Jahre 1810 bis zum Jahre 1814 vorging. In demſelben Moment, wo Conſeience die Augen wieder aufſchlug, um den auf die ſeinigen gehefteten Au⸗ gen von Mariette zu begegnen, in dem Moment, wo die keuſchen Lippen der zwei Kinder ſich zu einem erſten Kuſſe vereinigten, das heißt, um die zehnte Stunde Abends am 9. November 1813 öffnete ſich das mittlere Gitter der Tuilerien geräuſchvoll vor drei Poſtchaiſen, von denen eine mit ſechs Pferden beſpannt war; die drei Wagen fuhren im Galopp durch den Hof und hielten, der erſte unter dem Gewölbe, die zwei andern außen an. Bedienten in großer grüner Livrée mit Gold ſtürzten an den Schlag, öffneten ihn und ließen den Fußtritt herunter; ein Mann mit einem grauen, eine grüne Uniform be⸗ deckenden, Ueberrock, weißen Hoſen und Stallmeiſterſtiefeln bekleidet, einen kleinen Hut, deſſen Form ein Typus ge⸗ blieben iſt, auf dem Kopfe, ſprang raſch heraus, ſchaute zur Treppe empor, erblickte auf der erſten Stufe eine ſchlanke, blonde Frau, welche ein rothes Sammetkleid trug und in ihren Armen ein roſiges blondes Kind hielt, ſtieg raſch die Treppe hinauf, umſchlang mit ſeinen Armen unter einer Menge von Höflingen, denen er nicht einen Blick ſchenkte, die Frau und das Kind, zog ſie in ein ganz mit grünem Kaſchemir ausgeſchlagenes Boudoir fort, deſſen Thüre er hinter ſich ſchloß, und ſagte mit einem Seufzer: „Ah! es iſt bei meiner Treue morgen noch Zeit, Kaiſer zu ſein. Heute Abend wollen wir Gatte, Vater, Menſch ſein. Ah! meine gute Louiſe. Ah! mein armes Kind! wir ſind nun wiedervereinigt!“ 88 Fünf Minuten nachher erſchien der Oberftkammerherr im Salon und ſprach:; „Meine Herren, Seine Majeſtät der Kaiſer dankt Ihnen für Ihren Eifer; doch er iſt heute Abend müde und wird erſt morgen empfangen.“ Und alle dieſe mit Gold verbrämten Menſchen ber⸗ beugten ſich und gingen in der Stille, die Müdigkeit des Herrn achtend, weg. Denn der Mann, vor dem ſich das Gitter der Tui⸗ lerien geöffnet, der Mann, der eine Nacht Menſch, Gatte und Vater ſein wollte, ehe er wieder Kaiſer wurde, war der Kaiſer Napoleon. Ach! ſeit drei Jahren war ein großer Wechſel im Glücke dieſes Mannes vorgegangen. Hatte je ein menſchliches Geſchöpf vom Himmel eine providentielle Sendung erhalten, fo war es der Sieger von Marengv und der Beſiegte von Leipzig. Bis zum Jahre 1810, das heißt, ſo lange er die Volksintereſſen Frankreichs vertrat, war dieſem Manne Alles geglückt. Im Jahre 1810 verſtößt er Joſephine und heirathet Marie Louiſe. Da fängt Alles an gegen ihn zu wirken. Allerdings widerſteht ihm noch nichts. Portugal ſchließt eine Verbindung mit England, und er überfällt Portugal. Godoy offenbart Feindſeligkeit durch eine Rüſtung, und er zwingt Karl IV., dem Throne zu entſagen. Pius VII. macht Rom zum allgemeinen Sammel⸗ platze der engliſchen Agenten, und er behandelt Pius als weltlichen Fürſten und ſetzt ihn ab. Die Natur hat Joſephine Kinder verſagt, und er vergißt die Gefährtin ſeiner erſten Jahre, den Engel ſei⸗ ner erſten Siege, und verſtößt Joſephine. Holland iſt, trotz ſeiner Verſprechungen, ein Stapel⸗ platz der engliſchen Waaren geworden, und er ſetzt den err nkt ide er⸗ es ti⸗ tte ar im ne er ie ne et 9, l⸗ ls er n 89 König, ſeinen Bruder Louis, ab und Lereinigt Holland mit Frankreich. Da befindet er ſich, nicht auf dem hoͤchſten Gipfel ſeiner Kraft, denn es iſt ſchon ein Theil ſeiner Kraft er⸗ ſchöpft, ſondern auf dem höchſten Gipfel ſeiner Macht. Die römiſche Welt von Auguſtus oder das fränkiſche Reich von Karl dem Großen wiedererweckend, zählt nun das franzoͤfiſche Kaiſerreich hundert und dreißig Depar⸗ tements. Es erſtreckt ſich vom brittiſchen Ocean bis zu den griechiſchen Meeren, vom Tajo bis zur Elbe. Hundert und zwanzig Millionen Menſchen gehorchen einem und demſelben Willen, ſind einer Macht unter⸗ than, werden auf einem Wege geführt, und rufen in acht verſchiedenen Sprachen:„Es lebe der Kaiſer!“ Endlich, am 20. März 1811, verkündigen hundert und ein Kanonenſchuß der Welt, daß dem Herrn der Welt ein Erbe geſchenkt worden iſt. Das iſt die letzte Gunſt des Glückes, welches ihn verblenden will. So bedeckt das menſchliche Mitleid mit einer Binde die Augen deſſen, den man zum Tode führt. „Sire, das menſchliche Glück hat ſeine Grenzen. Sie ſtießen im Süden auf die glühenden Sandwüſten, welche ein unſchiffbarer Ocean ſind, und Sie waren ge⸗ nöthigt, umzukehren. Sire, Sie werden nun im Norden auf das Polareis ſtoßen, das Sie noch verſtümmelter zu⸗ rückſchickt, als es der Sand des Süden gethan hat.“ Gleichviel! die Vorſehung treibt ihn an, er wird vorwärts gehen. Hat übrigens dieſer Mann, der mit ganz Europa Krieg geführt, nicht jetzt, außer Rußland, das er zu be⸗ kriegen im Begriffe iſt, ganz Europa für ſich? Liefert ihm nicht Oeſterreich, welches er bei Auſter⸗ litz überwunden, dreißig tauſend Mann* 90 Liefert ihm nicht Preußen, das er bei Jena geſchla⸗ gen, zwanzig tauſend Mann? Liefert ihm nicht der Rheinbund, zu deſſen Protector er ſich gemacht, achtzig tauſend Mann? Hat nicht der Senatsbeſchluß die Nativnalgarde für den Dienſt im Innern in drei Aufgebote getheilt und, außer dem rieſigen Heere, das nach dem Niemen mar⸗ ſchirt, hundert Cohorten, jede von tauſend Mann, zu ſei⸗ ner Verfügung geſtellt? Es erſcheint auch am 22. März 1812 folgende Pro⸗ clamativn an ſechsmal hunderttauſend Mann, das heißt, an das herrlichſte Heer gerichtet, das je, ſelbſt zur Zeit von Attila, unter dem Befehle eines einzigen Anführers marſchirt iſt: „Soldaten! Rußland hat Frankreich ewiges Bünd⸗ niß und England Krieg geſchworen: es verletzt heute ſeine Schwüre. Es will keine Erklärung über ſein ſelt⸗ ſames Benehmen geben, bis die franzöſiſchen Adler über den Rhein zurückgekehrt ſeien und dort unſere Verbündeten ſeiner Discretion überlaſſen haben. Hält es uns für ſo entartet, als wären wir nicht mehr die Soldaten von Auſterlitz? Es ſtellt uns zwiſchen die Schande und den Krieg; die Wahl kann nicht zweifelhaft ſein; marſchiren wir vorwärts, gehen wir über den Niemen, tragen wir den Krieg auf das ruſſiſche Gebiet, er wird glorreich für die franzöſiſchen Heere ſein, und der Friede, den wir dann ſchließen, wird dem unſeligen Einfluß, den das moskowi⸗ tiſche Cabinet ſeit fünfzig Jahren auf die Angelegenheiten Eurvpas übt, ein Ziel ſetzen.“ Und dennoch, als er an das Ufer dieſes Fluſſes kam, wo ihm drei Jahre vorher Alexander eine ewige Freund⸗ ſchaft geſchworen, wo er mit ihm von der Eroberung In⸗ diens und der Vernichtung der engliſchen Macht geträumt hatte, blieb er nachdenklich und unbeweglich ſtehen. Dann fuhr er mit der Hand über die Stirne und murmelte: r⸗ ei⸗ o⸗ t, eit rs d⸗ te lt⸗ er en on en en ir nn i⸗ en 9¹ „Das Verhängniß reißt die Ruſſen fort: ihr Schick⸗ ſal gehe in Erfüllung.“ Es war ſein Schickſal, was in Erfüllung gehen ſollte. Dieſes Heer brauchte drei Tage, um den Niemen zu überſchreiten. Bald aber fing er an im ruſſiſchen Feldzugsplane wie in einem aufgeſchlagenen Buche zu leſen; es waren nicht die drei Flammenworte in einer unbekannten Schrift an die Wände des Feſtſaales geſchrieben, es war die offene Drohung der Zukunft. Die Ruſſen zogen ſich vor ihm zurück und zerſtörten bei ihrem Ruckzuge Ernten, Schlöſſer und Hütten; ſechs⸗ mal hunderttauſend Mann rückten in denſelben Wüſten vor, welche hundert Jahre vorher Karl XKII. und ſeine zwanzigtauſend Schweden nicht hatten ernähren können. Vom Niemen nach Wittepsk marſchirte man beim Scheine einer unaufhörlichen Feuersbrunſt. Ein entſetzlicher Krieg, wo man vergebens Menſchen vor ſich ſucht und nur den Geiſt der Zerſtörung findet! In Wittepsk angekommen, wirft er ſich vernichtet in einen Lehnſtuhl, da er den Krieg nicht begreift, in wel⸗ chem ſeine Schläge nur den leeren Raum treffen, läßt Daru zu ſich rufen und ſagt zu ihm: „Ich bleibe hier, ich will mich orientiren, mein Heer verſammeln, ausruhen laſſen und Polen organiſiren. Der Feldzug von 1812 iſt beendigt, der von 1813 wird das Uebrige thun. Sie, mein Herr, ſeien Sie darauf bedacht, daß wir hier zu leben haben, denn wir werden nicht auch die Thorheit von Karl KII. begehen.“ Dann wendet er ſich gegen Murat um und ſpricht: „Pflanzen wir unſere Abler hier auf; 1813 wird uns in Moskau ſehen, 1814 in St. Petersburg; der Krieg mit Rußland iſt ein Krieg von drei Jahren.“ Es iſt ſein alter Genius, der Genius ſeiner erſten Tage, der Genius von Arcole, von den Pyramiden und 92 von Marengo, der ihm dieſen Rath eingibt. Um ihn aber von ſeinem Entſchluß, welcher ihn beunruhigt, abzubringen, braucht ihm Alerander nur die Soldaten zu zeigen, die er bis jetzt vor ihm verborgen hat. Wie ein eingeſchla⸗ fener Spieler, der beim erſten Geräuſch des Goldes auf⸗ wacht, wacht Napoleon beim Lärmen der erſten Flinten⸗ ſchüſſe auf und verfolgt dieſe Soldaten, an deren Exiſtenz er zu zweifeln anfing. Am 14 Auguſt holt er ſie ein und ſchlägt ſie bei Krasnoi, am 18. vertreibt er ſie aus Smolensk, das er in Flammen zurückläßt; am 30. be⸗ mächtigt er ſich Wiäsmas, deſſen Magazine er zerſlört findet. Und als könnnte er noch umkehren, als könnte dieſes herrliche Heer der Vernichtung entgehen, die ihm Moskau bereitet, thut man ihm wie in einer Ausforde⸗ rung zu wiſſen, die ruſſiſche Armee werde ihn, befehligt vom Beſieger der Türken, bei Borodino erwarten. Die Ausforderung wird angenommen, und am 6. September, um drei Uhr Morgens, ſtehen die Heere eln⸗ ander gegenüber. Doch Gott fängt an ſeine Hand von ihm abzuziehen; vergebens wird ihm, wie ein erfreuliches Vorzeichen, das Portrait ſeines Sohnes, gemalt von Gérard, durch Herrn von Bauſſet mit Briefen von Marie Louiſe gebracht: nachdem er es einen Augenblick dieſen Königen und Fürſten, dieſen Herzogen, dieſen Marſchällen, welche unter ſeinen Befehlen dienen, zur Anbetung ausgeſtellt, ergreift ibn jene finſtere Melancholie, wie ſie Cäſar und Karl der Große gehabt haben; er winkt mit der Hand und ſagt: „Tragt in mein Zelt das Portralt dieſes Kindes zurück; das hieße ihm zu frühe ein Schlachtfeld zeigen.“ Und er hat Recht, denn kein Schlachtfeld wird blu⸗ tiger, kein Sieg wird unentſchiedener, kein Te Deum wird ſo theuer erkauft ſein. Eilf Generale werden auf dieſer ungebauten, für das Schwert wie für den Pflug gleich harten Erde bleiben. Von dieſem Augenblick an iſt er verloren, wie jenes er en, die a⸗ f⸗ n⸗ nz in us e rt te m e⸗ gt n⸗ * 6 rn t n, en n er 6 . n 8 93 Schiff, das in den Polarmeeren ſchwimmt; ſchon treiben die Eisſchollen umher, die ihn umhüllen ſollen. Da zieht er in Moskau, in dieſe Hauptſtadt ein, die er erſt im folgenden Jahre beſetzen ſollte; er discontirt ſie und bemächtigt ſich derſelben im erſten Jahre. Doch Moskau iſt keine Hauptſtadt wie die anderen; wenn man Moskau erobert hat, hat man nicht Rußland erobert. Schon am Abend ſeines Einzugs in Moskau offen⸗ bart dieſes ſich ihm durch Feuersbrünſte. Da zweifelt, zaudert er; ein erſchreckliches Zweifeln, ein unſeliges Zaudern, das er am 18. Brumaire nicht gekannt hat, während er es im Jahre 1814 in Fontaine⸗ bleau, 1815 im Elyſée kennen lernen wird. Statt einen Entſchluß zu faſſen, ſtatt auf St. Pe⸗ tersburg zu marſchiren oder nach Paris zurückzukehren, ſtatt ſeine Winterquartiere im Herzen Rußlands zu neh⸗ men, wie ſie Cäſar im Schooße Galliens nahm, unter⸗ handelt er mit Alexander, der ihn einen Monat in Mos⸗ kau in Ungewißheit läßt. Ein koſtbarer Monat, verlorene Zeit, unwiederbring⸗ licher Verluſt, Stunden zwiſchen Feuersbrunſt und Eis zugebracht! Endlich, am 22. October, verläßt Napoleon Moskau; das iſt der erſte Schritt, den er rückwärts macht. Am 23. fliegt der Kreml in die Luft. Eilf Tage lang bewerkſtelligt ſich der Rückzug ohne zu große Unfälle. Doch ploͤtzlich, am 7. November, fällt der Thermometer von fünf Grad auf achtzehn unter dem Gefrierpunkt. Gott wird wenigſtens dem Stolze des Siegreichen den Troſt laſſen, daß er nicht durch die Menſchen, ſondern durch die Elemente beſiegt worden iſt. Doch welche Niederlage! Es iſt ein Unglück, das unſeren größten Siegen gleichkommt; es iſt Kerxes, der in einem Boote über den Hellespont zurückkehrt, es iſt Varro, der nach Rom die Trümmer des Heeres von Cannä zurückführt. Zwanzig tödtliche Tage verlaufen unter einem Schnee⸗ himmel, auf einem Schneefelde,— ein doppeltes, über unſerem Kopfe und unter unſeren Füßen ausgebreitetes Leichentuch! Während dieſer zwanzig Tage ließ das Heer auf dem Wege zweimal hunderttauſend Mann und fünfhundert Kanonen zurück, dann mündete es gegen die gähnende Bereſina wie ein Strom gegen einen Abgrund. Am 5. December ſteigt Napoleon in einen Schlitten und reiſt von Smorgon ab, und am 15. erſcheint er vor den Thoren der Tuilerien. Am zweiten Tage varauf beglückwünſchten ihn die großen Staatscorporationen wegen ſeiner Rückkehr. Am 12. Januar 1813 ſtellte ein Senatsbeſchluß 350,000 Rekruten zur Verfügung des Kriegsminiſters. Am 10. März erfuhr man den Abfall Preußens. Vier Monate lang ſchien Frankreich in einen Waffen⸗ platz verwandelt. Die dreimalhundert und fünfzigtauſend Rekruten wur⸗ den in die Regimenter eingetheilt. Die Mütter weinten: ſie fanden, die klingenden Worte, in denen man die Proclamationen abfaßte, ſeien ein ge⸗ ringer Balſam für ſo⸗ tiefe Wunden. Am 1. Mai 1813 war Napoleon in Lützen, bereit, die ruſſiſche und preußiſche Armee mit zweimal hundert und fünfzigtauſend Mann anzugreifen, von denen ihm zweimal hunderttauſend Mann das unglückliche Frank⸗ reich und fünfzigtauſend Mann Sachſen, Weſtphalen, Baiern und das Herzogthum Berg geſtellt atten. Der Rieſe, den man zu Boden geworfen glaubte, hatte ſich wiedererhoben, entſchloſſen, den Kampf aufs Neue zu beginnen. om ee⸗ ber tes auf ert nde ten vor die luß fen⸗ ur⸗ rte, ge⸗ eit, dert ihm ank⸗ len, tellt bte, aufs 95 Anteus hatte die freigebige, fruchtbare Erde berührt, welche man Frankreich nennt. Nach den Siegen bei Lützen und Bautzen kommt in der Ordnung der blutigen Data Leipzig, erſchrecklichen Andenkens. Leipzig, wo von Seiten der Franzoſen allein hundert und ſiebenzehn tauſend Kanonenſchüſſe abgefeuert wurden, eilf tauſend weniger, als bei Malplaquet. Jeder franzöſiſche Kanonenſchuß koſtete zwei Louis d'or: wer kann nun ſagen, was jeder ruſſiſche, preußiſche oder ſächſiſche Kanonenſchuß an Thränen koſtete 2 Poniatowsky ertrinkt in der Elſter. Bei ihrer Ankunft in Erfurt am 25. October war die franzöſiſche Armee auf 80,000 Mann zuſammenge⸗ ſchmolzen. Am 30. ſtieß ſie auf die baieriſch⸗öſterreichiſche Ar⸗ mee, die ſich vor Hanau aufgeſtellt hatte und den Fran⸗ zoſen den Weg nach Frankfurt verſperrte. Das franzöſiſche Heer durchbrach die feindlichen Schaaren und ging nach einem blutigen Treffen am 5. und 6. November über den Rhein zurück. Am 9. November endlich, wie wir am Anfang dieſes Kapitels erzählt haben, in dem Moment, wo ſich die Augen von Conſcience wieder oͤffneten, um denen von Ma⸗ riette zu begegnen, wo die keuſchen Lippen der zwei Kin⸗ der ſich in einem Kuſſe vereinigten, kehrte Napolevn ins Schloß der Tuilerien zurück. Man wird ſich vielleicht fragen, welche Beziehung der moderne Cäſar, der neue Hannibal zu den niedrigen Kindern, deren Geſchichte wir erzählt, habe, und wie die furchtbaren Ereigniſſe, die wir aufgezeichnet, einen Einfluß auf das dunkle, verborgene Leben zweier armen Bauern üben können? Wir werden es mit zwei Worten ſagen. Am 9. November angekommen, erſchien Napoleon am 10. im Senat. 95 „Meine Herren,“ ſprach er,„ganz Europa mar⸗ ſchirte vor einem Jahre mit uns. „Ganz Europa marſchirt heute gegen uns. „Ich brauche Soldaten.“ Sogleich wurde eine neue Aushebung decretirt. Bei dieſer Aushebung waren die einzigen Söhne von Witwen, vom achtzehnten bis zum fünf und zwanzigſten Jahre, mitbegriffen. Conſcience war achtzehn Jahre alt und der einzige Sohn einer Witwe. Wißt Ihr nicht, daß der Blitz, dieſes Spielzeug Gottes, zuweilen in den niedrigſten Hüften einſchlägt? Sie vermutheten indeſſen entfernt nicht, was ſie be⸗ vrohte, die zwei Kinder, welche die Liebe mit ihrem gol⸗ denen Zauberſtabe berührt hatte, ſie wußten nicht, was in der übrigen Welt vorging, und ſeit den acht Tagen, da ſie erfahren, ſie lieben ſich, waren ſie ſo ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, daß ſie kaum wußten, was im Dorfe vorging. Arme naive Herzen! ſie bekümmerten ſich nicht um die große Geſellſchaft, welche ſich in den Städten herum⸗ tummelt, und da ſie ſich nicht um dieſelbe bekümmerten, nichts von ihr verlangten, ſo glaubten ſie, die Geſellſchaft bekümmere ſich auch nicht um ſie, und lebten in ihren ſüßen Hoffnungen und in ihrem frommen Glauben fort. Eines Sonntags, als ſie aus der Meſſe gingen, la⸗ ſen die Bauern von Haramont an der Ecke des Platzes ein gedrucktes Papier, das ſo eben erſt angeſchlagen wor⸗ den war. Sie traten hinzu und laſen. Es war elne Verordnung des Präfecten, welcher die Loosziehung für die Conſeription im Aisne⸗Departement auf den nächſten Sonntag, den 26. November, feſtſetzte. Der Canton Villers⸗Cotterets ſollte allein hundert und zwei Mann ſtellen. nic hät und der ſche get Atl aus ſein an glů kan ar⸗ von ſten zige zeug be⸗ gol⸗ s in „da ſich orfe um um⸗ rten, chaft hren rt. la⸗ atzes wor⸗ rdie ment tzte. ndert 97 Es hatten alſo Wenige, die Gebrechlichen ausgenom⸗ men, Ausſicht, frei zu werden. Der Maire hatte dieſe Verordnung anſchlagen laſſen, während die Gläubigen in der Kirche waren, damit die Mütter, welche gerade vom Gebet kämen, mehr Kraft hätten, um die Schreckenskunde zu ertragen. Nach dem Schluchzen zu urtheilen, das von allen Seiten ausbrach, hätte man glauben können, der göttliche Troſt ſei diesmal machtlos. Die zwei Kinder hatten mit einander die Kirche ver⸗ laſſen, ohne etwas von dem zu hören, was um ſie her vorging. Sie waren in das Häuschen von Frau Marie eingetreten, wo ſie ſich vorzugsweiſe aufhielten, denn Vater Cadet ſchüchterte ihre junge Liebe ein wenig ein. Uebrigens hatte er ſchon geſagt:„Wir wollen ſehen.“ Doch er hatte noch nicht„Ja“ geſagt. Sie ſaßen beiſammen, Hand in Hand, und hoͤrten nichts von dem Gerede, welches das Dorf durchlief, ſie hätten den Donner nicht über ihrem Haupte rollen hören, und ſie ſprachen doch ſo leiſe, daß Jemand, der am an⸗ dern Ende der Stube geweſen wäre, kaum hätte unter⸗ ſcheiden können, ob das Geräuſch ihrer Lippen das aus⸗ getauſchter Worte oder das Säuſeln des ſich vermiſchenden Athems der zwei Liebenden war. Plötzlich erſchien in Thränen zerfließend und mit ausgeſtreckten Armen Madeleine und rief: „Mein Kind! mein armes Kind!“ Conſcience ſchlug ſeine großen blauen Augen auf;z ſeine Mutter riß ihn von Mariette an ſich, drückte ihn an ihre Bruſt und bedeckte ihn mit Küſſen. „Meine Mutter!“ fragte Conſcience,„welches Un⸗ glück iſt denn geſchehen, daß Du ſo weinſt?“ „Oh! das größte, das einer Mutter widerfahren kann, mein armes Kind!“ rief die Unglückliche. Mariette zitterte; ſie errieth eine Gott und Teufel. I. 98 „Du weißt alſo nichts, Mariette?“ ſagte die arme Mutter;„man wird ihn uns nehmen, man wird ihn tödten wie Guillaume. Oh! Jeſus mein Heiland! iſt es nicht eine Ruchloſigkeit, ſo den Sohn zu nehmen, wenn man ſchon den Vater genommen hat? Oh! mein armer Guillaume! ohl mein lieber Conſcience!“ Mariette fing an zu begreifen; ſie erbleichte und murmelte nur mit ihren zitternden Lippen den Namen Gottes, dieſen Namen, der auf unſere Lippen bei jedem Schmerze ſpringt, weil er die Quelle jedes Troſtes iſt. „Ah!“ ſagte Conſcience, der Alles errathen hatte, „und wann, meine Mutter?“ „Am nächſten Sonntag.“ „Am nächſten Sonntag. Ich hätte geglaubt, man würde den armen Witwen ihre letzte Stütze, ihren letzten Troſt laſſen!.. Die Blutſteuer. Die Stunden verliefen und machten in den zwei Häuschen den Schmerz minder geräuſchvoll, aber nicht minder tief. Frau Marie weinte zugleich über Mariette und über Conſcience. Vater Cadet, der die Kunde, von ſeinem Weinberge zurückkehrend, vernommen hatte, ſchien in ein paar Stunden ein Achtziger geworden zu ſein. Von Zeit zu Zeit ſtieg indeſſen ein Hoffnungsſchim⸗ mer in dieſen ſtummen Schmerz herab, wie ein warmer rme venn mer und men dem atte, man tzten zwei nicht riette von chien him⸗ rmer 99 Sonnenſtrahl durch einen Spalt in einen feuchten, kalten Keller eindringt; die zehn höchſten Zeitel würden vielleicht gut ſein, und es war möglich, daß Conſcience einen von dieſen Zetteln zog. Die zwei Mütter begannen eine neuntägige Andacht; Maoriette that ein Gelübde, mit Conſcience zu Unſerer Lieben Frau von Lieſſe zu wallfahrten, wenn ihm der Himmel die Gnade von einer der hohen Nummern be⸗ willige. Vater Cadet ſagte das, was zu ſagen man ihn für unfähig hielt: „Mordio! ich gäbe hundert Thaler, wenn Conſcience eine gute Nummer bekäme.“ Conſcience tröſtete Jedermann bis auf den kleinen Pierre, welcher weinte, weil er die Andern weinen ſah. „Meine Mutter,“ ſagte er,„beruhige Dich, Du weißt wohl, daß mich der gute Gott liebt; überdies iſt mein Vater geſtorben, das iſt eine bezahlte Schuld. Es bleibt nicht Jeder wie er, davon zeugt Baſtien, welcher zurückgekommen iſt. Ich werde wie er zurückkommen, meine Mutter, vielleicht mit einer Penſion, vielleicht mit dem Kreuze. Ich werde zurückkommen, Frau Marie, ſeien Sie unbeſorgt; Mariette wird für mich beten, und ich weiß, daß die Engel des Himmels ſich auf die Seite des Gebetes neigen.“ „Oh!“ rief Madeleine,„Du ſagſt das, um mich zu tröſten, mein Kind;z und der, und der, und der, ſprich, ſind ſie zurückgekommen? Weiß man nur, wo ſie find? Nein, ſie ſind verſchwunden, ohne daß man eine Spur von ihnen gefunden hat.“ Und die arme Mutter führte die Nomen von Söhnen des Dorfes an, welche abgegangen waren, wie Guillaume abgegangen, wie Conſcience abgehen ſollte, die aber nie mehr zurückgekommen und noch von ihren Müttern be⸗ weint wurden. Von Zeit zu Zeit erſchien auch Baſtien; er wußte, 100 daß ſeine Gegenwart ein Troſt war, weil ſie eine Hoff⸗ nung war; nur, da ſeine Theilnahme ſich mit um ſo kräftigeren Flüchen vermiſchte, je mehr er gerührt wurde, hatten die Frauen in ihrer religiöſen Empfindlichkeit bange, dieſe Flüche könnten den Schutzengel ihrer zwei Hütten zurückſchrecken. Die Stunden verliefen. Doch es war während die⸗ ſer acht Tage, abgeſehen von den Wanderungen der zwei Kinder und von Bernhard nach der Stadt, Alles Unruhe und Verwirrung in den zwei Häuſern. Die zwei Mütter, welche ſo ſehr das Unglück der armen Julienne beklagt hatten, deren Gebäude und Ernte ein Raub der Flammen geworden waren, hätten gern wie ſie ihre Hütte in Aſche verwandeln ſehen, wenn ſie nur ihre Kinder in ihren Armen gehalten hätten, in dem Alter, wo das Kind noch nicht unter den menſchlichen Geſetzen ſteht und nur von Gott abhängt. Vater Cadet vernachläßigte ſeine Felder; er ging vor der Thüre ſeines leeren Häuschens auf und ab, denn die Mütter und die Kinder blieben vorzugsweiſe in dem Häus⸗ chen von Frau Marie; von Zeit zu Zeit ſchaute er zum Himmel empor; dann faßte er krampfhaft mit der Hand den Weinſtock, der an ſeinem Hauſe ſich in die Höhe rankte, und blieb eine Zeit über, welche ſein Geiſt zu meſſen aufgehört hatte, ſchweigſam, unbeweglich, den Kopf gegen die Erde geſenkt, als hätte er in ein Grab geſehen. Selbſt die Thiere theilten dieſe Traurigkeit. Pierrot ſtreckte ſeinen neugierigen Kopf mit den geſpitzten, langen Ohren zum Stallfenſter hinaus. Langſam und die Schwarze wechſelten banges Gebrüll. Bernhard verließ Conſcience weniger als je. Man hätte glauben ſollen, das arme Thier errathe, daß es bald von ſeinem Herrn getrennt werde, und wolle nicht einen einzigen von den Augenblicken verlieren, die es mit ihm zuzubringen hatte. Der verhängnißvolle Sonntag kam. Niet Cad die bedü der der Mü die Vere war mit ſei z Jeſu men dem ſeren ein S zu e riett in di von Krie aber off⸗ ſo rde, keit wei die⸗ wei uhe der rnte wie nur dem chen vor die us⸗ um and öhe zu opf hen. rrot gen die Kan es icht mit 101 In der Nacht, die ihm vorhergegangen, hatte ſich Niemand in den zwei Häuschen zu Bette gelegt, Vater Cadet und den kleinen Pierre, den Greis und das Kind, die zwei Geſchöpfe ausgenommen, welche des Schlafes bedürfen: das Kind, weil es noch nahe bei der Nacht der Vergangenheit iſt, der Greis, weil er in die Nacht der Zukunft eintreten ſoll. Als der Angelus geläutet wurde, ſtanden die zwei Mütter auf und gingen, um ihr Gebet zu verrichten, in die Kirche. Frau Marie am Hochaltar. Madeleine vor dem Bilde, dem Gegenſtande ihrer Verehrung. Ach! Alles, was bis jetzt ein Troſt für ſie geweſen war, wurde nun zum Schrecken. Bedeutete der Wink, mit dem Jeſus das Kind zu ſich rief, nicht, Conſeience ſei zu einem frühzeitigen Tode vorherbeſtimmt? Hieß zu Jeſus gehen nicht zum Himmel aufſeigen 2 Während dieſer Zeit waren die zwei Kinder beiſam⸗ men geblieben. „Mein Gott!“ ſagte Mariette,„wird es, wenn Du dem Looſe verfällſt, Conſeienee, kein Mittel geben, un⸗ ſerem Unglück zu entgehen?“ „Mariette,“ antwortete Conſeienee,„es gibt immer ein Mittel, dem Unglück zu entgehen: das, daß man es zu ertragen weiß. Nicht wahr, Du liebſt mich, Ma⸗ riette?“ „Oh! ja!“ „Du glaubſt wohl, daß ich Dich auch liebe?“ „Ich bin deſſen ſicher, Conſeience.“ „Nun wohl! theure Mariette, ſiehſt Du, Alles iſt in dieſen zwei Worten; ſie können mich nehmen, mich von Dir trennen, mich als Soldaten kleiden, mich in den Krieg ſchicken, mich ſogar tödten laſſen, ſie werden mich aber nicht verhindern, daß ich bei meinem Abgange an „ 102 Dich venke, daß ich, wenn ich mich ſchlage, an Dich denke, daß ich ſterbend an Dich denke!“ „Sterbend! Du fiehſt wohl,“ rief Mariette ſchluch⸗ zend,„ſterbend? Du denkſt alſo an das Sterben?“ Und das arme Kind hob ſeine zwei gefalteten Hände zum Himmel empor und ließ dann ſeine beiden Arme um den Hals von Conſeience fallen. „Sterben! ſterben! ſterben!“ rief Mariette. „Ach! ich weiß es wohl,“ ſagte Conſcience,„ſterben helßt ſich auf einige Zeit verloſſen. Doch, Mariette, es heißt nicht ſich vergeſſen, nur das Vergeſſen iſt eine wahre Trennung; ſieh meine Mutter an, es ſind neunzehn Jahre, daß mein Vater geſtorben iſt, nun! kein Tag iſt vergan⸗ gen, ohne vaß ſie von ihm ſprach, keine Stunde, ohne daß ſie an ihn dachte; ſeinerſeits ſieht ſie mein Vater, er lächelt dieſer frommen Treue zu, er ſtreckt unſichtbare Atme gegen ſie aus, welche ſie nur im Augenblicke des Todes ſehen und fühlen wird: dorum ſterben diejenigen, welche ſterben, lächelnd, während diejenigen, welche um ſie herſtehen, weinen. Die Sterbenden ſehen ſchon das, was die Lebenden noch nicht ſehen.“ „Mein Gott! Conſcience, wer hat Dich denn zugleich ſo ſchöne und ſo traurige Dlnge ſagen gelehrt?“ „Mariette, Du weißt wohl, daß ich Chorknabe war.“ „Nun?“ „Ich begleitete den Herrn Pfarver, wenn er Einem die letzte Oelung brachte.“ „Ja, wie die andern Chorknaben, doch warum ſagen die andern Chorknaben nicht die ſchönen Dinge, wie Du ſie ſagſt, und die, ſo ſchön ſie ſind, weinen machen?“ „Weil ich, Mariette, Dinge ſehe, welche Andere nicht ſchen, Du weißt es wohl,“ ſprach Conſeience naiv. „Du weißt wohl, daß ich ein Einfältiger bin, Ma⸗ riette.“ „Jo, ſie behaupten es,“ verſetzte Mariette. „Nun wohl! ich ſage Dir alſo, Mariette, wenn ich den ſo ſa mir wäh pelte Lebe näh Aug ide um ben hre re, an⸗ hne ter, are des en, as, eich r nem gen dere aiv. Ma⸗ ich 103 den Herrn Pfarrer zum Bette von Sterbenden begleitete, ſo ſah ich Eines, was der Herr Pfarrer ſelbſt nicht ſah.“ „Was ſahſt Du, Conſcience? mein Gott! Du machſt mir bange; ſahſt Du den Tod?“ Conſcience ſchüttelte lächelnd den Kopf und ſprach, während ſein Auge ſtarr blieb, als wäre er mit dem dop⸗ pelten Geſichte begabt: „Nein, im Gegentheil, Mariette, ich ſah das ewige Leben. Höre, Mariette,(das Mädchen rückte ſchauernd näher zu ihm,) es gibt immer einen Moment, wo die Augen deſſen, welcher ſterben ſoll, offen, ſtarr, unbeweglich ſind, wo ſein Athem ſtockt; er macht mit ſeinem ganzen Koͤrper eine Art von Bewegung, um vorwärts zu eilen; ſeine Lippen beben und rühren ſich, als wollte er ſagen: „„Ja, Herr, hier bin ich!““ Dieſer Augenblick, Mariette, iſt der Uebergang von dieſer Welt in die andere; es iſt die Linie, welche die Endlichkeit vom Unendlichen, die Zeit von der Ewigkeit, die Nacht vom Tage trennt; es iſt... ſieh, Mariette, es iſt das, was in dieſem Augenblick am Himmel vorgeht, es iſt das Licht, das mit der Finſterniß kämpft, es iſt die Sonne, die ſich durch einen erſten Strahl offenbart. Oh! dieſer Blick des Sterbenden, Mariette, dieſe Augen, welche im leeren Raume ſchwimmen, wie die unſrigen ſoeben in der Nacht ſchwammen, die ſich auf die Sonne der unbekannten Welt heften, wie ſich die unſri⸗ gen in dieſem Moment auf die Sonne der irdiſchen Welt heften, Mariette, dieſer Blick ſagte:„„Mein Gott, die Hoffnung meines ganzen Lebens iſt alſo nicht getäuſcht worden, mein Gott, Du biſt alſo hinter dem Schleier des Lebens, wie hinter dem Schleier der Nacht der Tag iſt. Herr, ich bin bereit, in Deinen Schooß einzugehen, aus dem ich hervorgegangen, und die unſterbliche Seele, wie Du ſie mir verliehen, zurückzugeben!““ „Oh! Conſcience, Conſclence, warum ſagteſt Du das nicht den armen Sterbenden? wie hätteſt Du ſie ge⸗ troſtet!“ 104 „Ich brauchte es ihnen nicht zu ſagen, Mariette, da, was ich dachte, ſie ſahen.“ „Ach! Alles dies iſt ſehr ſchön,“ ſprach Mariette in Thränen zerfließend,„und dennoch wird mich Alles dies nicht tröſten, denn wenn Du dem Looſe verfällſt, Con⸗ ſcience, wenn Du abgehſt, ſo wirſt Du nicht mehr da ſein, um es uns zu ſagen.“ „Hoffen wir!“ ſprach Conſecience, dem Mädchen die Fiun drückend:„Hier kommen unſere Mütter vom Gebete zurück.“ Die Ziehung erfolgte in der Stadt. Jeden Morgen brachten, wie man weiß, Mariette, Conſcience und Bernhard ihre Milch dahin. Die braven Leute führten ein ſo einfaches Leben, daß dieſer Tag, ſo erſchrecklich er auch für ſie ſein mußte, wie die anderen begann und dieſelben Einzelheiten der Summe der guten oder ſchlechten Tage beifügte, die ihnen der Herr gewähren ſollte. Nur, da die zwei Kinder ſehr beliebt waren, da man ſie immer beiſammen ſah, ohne daß es je einem Menſchen eingefallen war, die Unſchuld ihrer keuſchen Liebe zu be⸗ argwohnen, da man wußte, daß an dieſem Tage bie Zie⸗ hung der Conſeription ſtattfand, nahm Jeder, indem er ſie traurig ſah, Theil an dieſer Traurigkeit. Zuerſt der Maire, ein heiterer Beamter, der ſie eintreten ließ und Conſelence dadurch gute Hoffnung zu geben ſuchte, daß er einige plumpe Späße über die Art, günſtige Nummern zu nehmen, machte. Bei dieſen Scherzen lächelte Conſcience traurig und Mariette weinte. Als der Maire die Wirkung ſah, welche ſeine Späße hervorhrachten, hielt er inne; es war ein wackerer, vor⸗ trefflicher Mann. „Mein Freund,“ ſprach er,„wie einfältig biſt Du!,. Oh! erzürne Dich nicht über das, was ich Dir ſage, es iſt zu Deinem Beſten.“ Conſcience lächelte. te, aß vie me err n en be⸗ ie⸗ der ng die ſen te. iße or⸗ — 105 Der Maire fuhr fort: „Da Du ein Einfältiger biſt, ſo haſt Du Dich viel⸗ leicht getäuſcht; vielleicht weißt Du Dein Alter nicht genau; ei! wenn Du ein Jahr weniger alt wäreſt, ſo fände man vielleicht Mittel, das bis zum nächſten Jahre zu verſchieben, und bis zum nächſten Jahre, hm! hmlhm! (er ſtimmte die erſten Worte eines Liedes an), bis zum nächſten Jahre wird viel Waſſer unter der Brücke durch⸗ laufen.“ Conſcience ſchüttelte den Kopf. „Es iſt wahr, Herr Muſart,“ ſagte er, der Maire von Villers Cotterets hieß Nicolas Brice Muſart,„es iſt wahr, ich bin ein Einfältiger, aber ich weiß doch mein Alter. Ich bin am 20. Merz 1796 geboren; wir haben heute den 26. October 1814. Ich bin alſo achtzehn Jahre und ſieben Monate alt und dem Geſetze unterworfen.“ „Geſetz, Geſetz,“ murmelte der wackere Maire,„als ob es ein Geſetz gäbe, das die Kinder ihrer Mutter zu nehmen berechtigte, beſonders wenn ſie nur dieſes haben und dieſes ein armer Einfältiger iſt. Höre, Conſcience, mein Kind, Gett iſt da und verbeſſert die Geſetze der Menſchen, wenn ſie zu grauſam ſind.“ „Ich weiß es, Herr,“ ſprach Conſeience,„und es freut mich ſehr, daß Sie es wiſſen; das iſt ein Beweis, daß Sie auf dem Wege des Herrn gehen.“ „Ah! ah!“ ſprach der Maire, der ihm nachſchaute, als er nun wegging,„er wird das den Pfarrer ſeines Dorfes haben ſagen hören.“ Dann ſang er ſein Liedchen weiter, und er rief: „Mariette, das Frühſtück um neun Uhr, da die Ziehung um eilf Uhr beginnt, und ſagen Sie Heraur, er möge einen Speckpfannekuchen mit mir eſſen.“ Und während er in ſein Cabinet zurückkehrte, mur⸗, melte er: „Sieh doch den kleinen Burſchen! wie er einem das ————— 106 ſagt; bel meinem Ehrenwort, der Abbé Gregoire hätte nicht beſſer geſprochen!“ Mittlerweile ſetzten Conſcience und Mariette ihre Runde ſort und kamen, nachdem ſie einige Kunden be⸗ dient hatten, zum Arzte des Ortes. „Nun! die Reihe iſt alſo an Dir, armer Einfältiger,“ ſprach der Doctor:„komm, laß ſehen! Eil mein Gott, es gibt vielleicht ein Mittel. Man ſagt, Du ſeiſt ſo be⸗ ſchränkten Geiſtes.“ „Ja, Herr, man ſagt das,“ antworttte Conſeience „Und es iſt wahr?“ „Ei! wenn man es ſagt, muß es wohl ſo ſein.“ „Doch Du, was iſt Deine Meinung hierüber? an einen Philoſophen, einen Dichter, einen Staatsmann würde ich die Frage nicht richten. Was denkſt Du ſelbſt?“ „Mein Herr,“ erwiederte Conſeience ohne Zögern, „wenn Sie vom Verſtande ſprechen, ſo glaube ich, daß Gott mich unter die Niedrigen ſeiner Schöpfung ge⸗ ſtellt hat.“ „Ah! wahrhaſtig, Du glaubſt das?“ verſetzte der Doctor, erſtaunt über die Schärfe der Antwort, was ihren Gedanken und ihre Form betraf.„Ah! Du glaubſt das, und warum?“ „Das iſt ganz einfach, Herr Docktor; abgeſehen von der Geſellſchaft meiner Mutter, der Mutter von Mariette, von Mariette und dem kleinen Pierre, das heißt, ab⸗ geſehen von den Familienverhältniſſen, welche Verhältniſſe des Herzens ſind, liebe ich mehr die Geſellſchaft der Thiere, als die der Menſchen.“ „Ah! ah! Du haſt Recht, mein Kind,“ murmelte der Doctor.„Das iſt vielleicht ein Beweis von Einfalt, aber nicht von Blödſinn. Und warum liebſt Du mehr die Geſellſchaft der Thiere, als die der Menſchen?“ „Weil ſie mir viel mehr den Abſichten der Natur zu — e—„ ¹, — er n n e, 5⸗ ſe e, te ie 107 folgen ſcheinen, weil alle nach ihrer Organiſation handeln, weil Alles, was ſie machen, das Reſultat ihres Inſtinetes iſt, weil alle Thiere, welche Gott dem Menſchen gegeben hat, um ihm nützlich zu ſein, es ihm auch auf eine einfache, natürliche Art ſind, die Einen auf Koſten ihrer Freiheit, wie das Pferd, der Eſel, der Hund, die Andern auf Ko⸗ ſten ihres Lebens, wie der Ochs, das Schaf, die Hühner; weil ich, der ich ein armes, verſtandloſes Geſchöpf wie ſie, weiß, was ſie ſagen, ſie zuweilen ſich beklagen, nie fluchen höre.“ Der Doctor ſchaute Conſcience mit Erſtaunen an und fragte ihn: „Und wer heißt Deiner Meinung nach die Thiere ſo handeln?“ „Gott,“ antwortete er. „Ah! ah! ſprichſt Du vermoge Deiner Geiſteseinfalt mit Gott, wie Du mit den Thieren ſprichſt?“ „Nein, denn ich kann Gott nicht ſehen, wie ich die Thiere ſehe. Gott iſt keine ſichtbare, materielle Sache.“ „Was iſt Gott denn?“ „Gott iſt die allgemeine, in der Natur verbreitete Serle, und die Seele, die wir in uns haben, iſt folglich nur ein Atom, ein Theilchen, ein Hauch, und dennoch genügt ſie, um uns zu beleben. Man ſieht Gott nicht, Herr Doctor, man fühlt ihn.“ Die Verwunderung des braven Mannes ſtieg auf den hochſten Grad. „Wer hat Dich das gelehrt?“ fragte er „Die langen Nächte, die ich träumend im Walde zugebracht, das Rauſchen des Windes in den großen Bäumen, das Gemurmel des Baches in den Wieſen, der Anblick der Blumen auf den Feldern.“ „Nicht der Pfarrer Deines Dorfes?“ „Der Pfarrer meines Dorfes ſpricht nie von dieſen Dingen; ich wollte einmal mit ihm davon reden, doch er zuckte die Achſeln und ſagte: 108 „„Ja, mein Freund, ja, mein Freund.““ Dann ent⸗ fernte er ſich voll Mitleid und murmelte die Worte: „„Armer Einfältiger!““ „Du ſprichſt alſo nie hievon?“ „Doch, Herr Doctor.“ „Mit wem?“ „Mit den Dingen, die davon ſprechen, mit der Nacht, mit den Winden, mit dem Bach, mit den Blumen.“ „Wenn man Dich alſo beim Reviſionsrathe über Deine Geiſtesſchwäche fragte, ſo würdeſt Du ſo ant⸗ worten?“ „Gewiß, Herr Doctor.“ „Du könnteſt nicht antworten, Du könnteſt nicht ein⸗ fach ſagen: ich weiß nicht, oder ich begreife nicht?“ „Doch, Herr Doetor, wenn ich nicht wüßte oder nicht begriffe.“ „Aber wenn Du wüßteſt, wenn Du begriffeſt?“ „Das hieße lügen, Herr Doctor.“ „Du würdeſt nicht lügen, um nicht Soldat zu werden?“ 5 „Nein, mein Herr.“ „Selbſt wenn Deine Mutter, wenn Mariette Dich darum bitten würden?“ „Oh! ſie würden mich nicht darum bitten; wenn ich löge, wäre ich nicht mehr ein Geiſtesarmer, ein Einfäl⸗ tiger, wie Sie ſagen, ich würde es machen wie die Menſchen, und nicht mehr, wie es die Thiere machen.“ Er ſchüttelte den Kopf. „Ohl nein,“ fuhr er fort,„wenn Mariette, wenn meine Mutter mich darum bäten, ich würde nicht lügen.“ „Bei Gott!“ rief der Doctor,„das iſt ein ſeltſamer Blödſinniger; das iſt mir noch nie vorgekommen.“ Von großem Mitleiden für das arme Kind ergriffen, ſprach er dann: „Laß Deinen Korper ſehen, da nichts von der Seele zu hoffen iſt.“ ta W 109 und er hieß Conſcience ſich entkleiden. Conſcience hatte keinen Begriff von der Scham, wie ſie die Geſellſchaft verſteht, und er ſchämte ſich nicht, ſeinen Körper mehr oder minder nackt zu zeigen. Zeigten ſich ihm nicht die Thiere, die Blumen, die Bäume nackt? er ſchämte ſich nur, zu täuſchen, zu lügen, eine tadelnswerthe Handlung zu begehen. Auf die Aufforderung des Doctors legte er alle ſeine Kleider ab. Der arme Conſeience! es ließ ſich von dieſer Seite eben ſo wenig etwas hoffen: der Koͤrper war ſo rein, als die Seele: man hätte ihn für eine lebendige Probe von Ganimed oder Apollo halten ſollen. Der Doctor ſchüttelte den Kopf. „Von dieſer Seite iſt auch nichts zu hoffen,“ ſagte er;„kleide Dich wieder an, mein Kind: ah! vielleicht das Geſicht.“ Dann winkte er Conſcience zu ſich und ſprach: „Laß Deine Augen ſehen.“ Conſcience näherte ſich ihm. „Ah!“ rief der Doctor,„das iſt ſeltſam, Du biſt tagblind.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Doctor.“ „Du ſiehſt bei Nacht wie bei Tage.“ „Das iſt wahr, ich ſehe bei Nacht ſogar beſſer; die Gegenſtände haben alle dieſelbe Farbe, nur ſind ſie von einem ſchönen mehr oder minder dunklen Azurblau, je nachdem dle Dunkelheit größer oder geringer iſt.“ „Und Du ſiehſt von fern?“ „Oh! von ſehr fern.“ „Gleichviel, verſuchen wir esz man hat ſolche Phä⸗ nomene geſehen.“ Der Doctor nahm eine Brille mit grünen Seiten⸗ gläſern und ſetzte ſie Conſcience auf. „Nun?“ fragte er. 1¹⁰ „Oh! Herr Doetor,“ ſagte Conſeience,„nehmen Sie mir dieſe abſcheuliche Brille ab, ſie macht mich blind.“ „Du ſiehſt alſo nichts dadurch?“ „Ich bin in einem Nobel.“ „Verſuche es: was für einen Gegenſtand breite ich vor Dir aus?“ „Mir ſcheint, es iſt ein Tiſchteppich.“ „Welche Farbe hat er?“ „Mir ſcheint, er iſt grau.“ „So iſt es,“ ſagte der Doctor,„in der Finſterniß erſcheint das Dunkelroth grau; ahl! es iſt unmöglich, ihn für einen Kurzſichtigen auszugeben.“ Und er nahm Conſcience die Brille von den Augen. „In der That,“ ſprach Conſcience,„der Teppich iſt roth, ich täuſchte mich.“ „Nein, mein Freund, Du haſt Dich nicht getäuſcht, die Natur täuſcht ſich; nur war einer Deiner Sinne vurch die Dazwiſchenkunft der Kunſt verſchleiert. Ahl Conſcience, empfiehl Deine Sache der Gnade Gottes, denn nun kann Dich nur ein Glücksfall retten.“ „Ich danke, Herr Lecoſſe,“ ſagte Conſcience ſeufzendz „ich vermuthete es wohl; doch um Mariette gefällig zu ſein, wollte ich Sie, wie ſie es wünſchte, um Rath fragen.“ „Geh, mein Kind, geh, denn zu meinem Bedauern vermag ich nichts für Dich.“ „Ich bin Ihnen varum nicht minder dankbar,“ fügte Conſcience mit ſeiner ſanften Stimme bei. Der Doctor zuckte traurig die Achſeln und ſchaute dem jungen Menſchen ebenfalls ſeufzend nach. Conſcience nahm Mariette wieder bei der Hand und ſetzte mit ihr die Runde ihrer Beſuche fort. Nachdem er noch in zwei Häuſer eingetreten war, kam er zum Forſtinſpector, der ſo eben ſeine Waldaufſeher gemuſtert, weil er beauftragt worden war, ſie auf den Kriegsfuß zu ſetzen. Sein Sohn, für den er ſchon zwei Einſteher bezahlt „— — 1 ——— e——— ——— niß ihn en. ht⸗ nne 1 enn dz zu n.* ern gte ute und ar, her den hlt 111 hatte, war auch genöthigt worden, in den Dienſt einzu⸗ treten. „Ah! Du biſt es, mein armer Conſcience,“ ſagte der Inſpeetor,„biſt Du nicht heute bei der Zlehung?“ „Ach! ja, Herr Inſpector.“ „Mein lieber Junge, dann rathe ich Dir, ſogleich die Nummer 1 zu nehmen, damit Dich alle dieſe Schufte nicht ſchmachten laſſen.“ „Um meinetwillen, Herr Inſpector, wäre mir das gleichgültig,“ erwiederte Conſcience, s iſt mir nur wegen meiner Mutter Madeleine, wegen meiner Mutter Marie, wegen Mariette hier, denen mein Abgang großen Kummer bereiten und vielleicht einigen Nachtheil bringen wird.“ „Was den Kummer betrifft,— ja, Du haſt Recht, und da ich ſchon Mühe genng habe, meine Frau zu troſten, ſo werde ich es nicht verſuchen, auch noch drei andere zu tröſten. Was den Nachtheil betrifft,(er ſchaute Con⸗ ſcience mit einem gewiſſen Mitleiden an), ich weiß nicht recht, wozu ihnen ein armer Einfältiger wie Du nützen konnte. Dein Abgang wird Mariette nicht verhindern, uns ihre Milch zu bringen, und Deinen zwei Müttern werde ich ihren Holzbedarf für den Winter geben,— ſei unbeſorgt, ſie ſollen nie ſo gut warm gehabt haben.“ Conſcienee war tief gerührt von dieſer Aufmerkſam⸗ keit des Inſpectors. Herr von Violaine, ſo hieß er, Herr von Violaine hatte ein hartes Geſicht; doch man fieht, dieſes Geſicht war eine Maske, der Menſch war gut, das Herz vortrefflich. „Herr Inſpeetor,“ ſagte Conſeienee,„ich danke Ihnen aus dem Grunde meiner Seele, einmal für mich, ſodann für Mariette, welche Ihnen nicht danken kann, weil ſie weint, und endlich für meine zwei Mütter.“ Mariette hatte in der That wieder zu weinen ange⸗ fangen. „Gut! gut! geht,“ rief der Inſpector;„tauſend Donner, ſeit einiger Zeit ſieht man Thränen genug hier 112 ohne die Eurigen; geht, denn wenn meine Frau und meine Töchter herabkämen und würden Mariette weinen ſehen, ſo wäre das ein Vorwand für ſie, um neue Thränen zu vergießen, und wir bekämen einen Gußregen, um damit alles Getreide der Ehene von Saint⸗Remy niederzuſchla⸗ gen! Geht, geht!“ Und er klopfte Conſeienee freundlich auf die Schulter und ſchob ihn hinaus. Conſeienee wußte, daß man auf das Wort des In⸗ ſpectors zählen konnte, und der Gedanke, wenn das Un⸗ glück wolle, daß er abgehen müſſe, ſo werden wenigſtens die Häuſer der zwei Mütter in ſeiner Abweſenheit wohl ge⸗ heizt ſein, war für ihn ein großer Troſt. Die Viehung. Es ſchlug halb eilf Uhr, die Ziehung ſollte um eilf Uhr beginnen; da aber die Dörfer des Bezirks Villers⸗ Cotterets und Villers⸗Cotterets ſelbſt nach alphabetiſcher Ordnung zogen, ſo war Haramont erſt der dritte oder vierte Ort in der Reihe. 3 Haramont würde alſo erſt um zwölf Uhr oder ein Uhr ziehen. Conſeienee hatte folglich Zeit, Mariette wieder ins Dorf zurückzuführen. Ach! der Arme fühlte, er könne nur noch ſo kurze Zeit bei ihr bleiben, daß er auch nicht eine Minute davon verlieren wollte. 1¹³ ine Und dann dänkte es ihm, er habe ſeine Mutter ſchlecht en, umarmt, und er hatte das Bedürfniß, ſie beſſer zu um⸗ zu armen. nit Die zwei Kinder begaben ſich alſo auf den Weg und la⸗ gingen durch den Park. Es führte aus dem Garten des Inſpectors eine Thüre ter in dieſen Park, und ſie brauchten ſomit nicht durch die Stadt zu gehen. n⸗ Sie gingen zu Fuß; Bernhard, der den Weg ſo n⸗ gut wußte, als der Poſtbote, marſchirte voranz er wandte die ſich von Zeit zu Zeit um, nicht um ſich zu verſichern, ob ge⸗ ihm die Kinder folgten,— ſein Inſtinet ſagte es ihm beſſer, als ſein Geſicht,— ſondern um ſie zärtlich anzu⸗ ſchauen. Bernhard wußte ſeit acht Tagen wohl, daß großer Kummer in den zwei Häuſern herrſchte, wir möchten nicht ſagen, daß er wußte, worüber, doch ſeit acht Tagen war er liebevoller gegen Conſeience geworden, als hätte er erkannt, daß hauptſächlich Conſcience eine Gefahr laufe, und daß ihn vieſe Gefahr von ihm entfernen ſolle. Als man aber an einen Ort des Parkes kam, den man die Faſanerie nennt, und wo die Wege ſich theilen, die nach Haramont führen, welche Wege man den einen die Straße, den andern den Fußpfad nennt, ſchien ſich Bernhard zu irren und wählte die Straße, flatt wie ge⸗ 6 wöhnlich den Fußpfad einzuſchlagen. er Conſcienee rief ihn zurück, damit er mit ihm und er Mariette den gewöhnlichen Weg betrete. Bernhard aber ſchüttelte den Kopf und ging vorwärts. in Conſcienee, der ſchon zwanzig Schritte von ihm ent⸗ . fernt war, rief ihn zum zweiten Male zurück, doch ſtatt zu rf gehorchen, ſchaute Bernhard die zwei Kinder an und ſetzte ſich nieder. ze Mariette wollte ihm zum dritten Male rufen, Con⸗ ſeienee hielt ſie jedoch zurück. Gott und Teufel. I. 8 114 „Bernhard irrt ſich nicht, Mariette,“ ſprach er,„Bern⸗ hard hat mir etwas zu ſagen.“ Dann näherte er ſich Bernhard und fragte ihn halb ſprechend, halb brummend:„Nun! mein armer Bernhard, was gibt es denn?“ Bernhard heulte ſanft, ohne daß etwas Trauriges in ſeinem Geheule lag, und hob die Tatze gegen den Wald auf. „Ja, mein guter Bernhard, ja,“ ſagte Conſeienee, „ja, du haſt Recht, du biſt ein Thier, und dein Inſtinet täuſcht dich nicht.“ „Nun?“ fragte Mariette, welche wieder zu ihrem Freunde getreten war,„was ſagt Bernhard?“ „Bernhard ſagt, auf der Straße kommen wahrſchein⸗ lich unſere zwei Mütter, ſo daß wir ſie verfehlt hätten, wenn wir auf dem Fußpfade gegangen wären.“ „Du glaubſt?“ verſetzte Mariette, welche immer über Conſeienee's Auslegungen der Geberden und Handlungen von Bernhard erſtaunte. „Ei! fieh doch,“ rief er. Und er ſtreckte die Hand gegen den Wald aus, aus deſſen Saume ein Greis, auf einem Eſel reitend, und zwei Frauen, ſchwarz gekleidet wie zwei Witwen, was ſie auch waren, und ſich am Arme führend, hervorkamen. Ein Kind ließ ſich an der Hand von einer dieſer Frauen ſchleppen, wie dies die Gewohnheit der Kinder iſt⸗ Dieſer Greis und dieſer Eſel waren Vater Cadet und Pierrot. Die zwei Frauen waren Madeleine und Marie. Dieſes Kind war Pierre. Dieſe zwei Gruppen trafen bald zuſammen und ver⸗ ſchmolzen in eine einzige. Die arme Familie hatte es nicht über ſich gewinnen können, ſo fern die Entſcheidung des Looſes abzuwarten; ſodann brachte Vater Cadet, der zwei Jahre vorher gegen Hypothek ſein Gut mit drei neuen Morgen arrondirt hatte, 16 d 16 r 6 t 11⁵ vem Notar Niguet das erſte Drittel am Kauſpreiſe, nämlich achthundert Franken. Die Ernte war gut geweſen, und Vater Cadet ſah zu ſeiner Freude an der Schwere des Sackes, den er in der Taſche ſeines kaſtanienbraunen Rockes trug und ſo feſt als möglich mit einer Schnur umbunden hatte, damit durch ihren ſilbernen Klang die Thaler ihre Gegenwart nicht verrathen, Vater Cadet, ſagen wir, ſah zu ſeiner Freude, daß der Ertrag der Ernte von jedem Jahr, mit Beifügung von ungefähr zwei⸗ bis dreihundert Franken, genügen werde, um in drei Jahren den Preis des Bo⸗ dens zu bezahlen. Wir wollen nicht ſagen, Vater Cadet ſei unter dem Unglück, das die Familie betroffen, nur mit ſeinem Gut beſchäftigt geweſen; nein! das hieße dem Herzen des Greiſes eine große Beleidigung anthun, ſondern wir ſagen, wie der Wein und die Trägheit ſich in das Herz von Figaro theilen, ſo haben das Gut von Vater Cadet und ſein Enkel ſich in das Herz des Greiſes getheilt. Er hatte daher mit Eifer die Gelegenheit ergriffen, ſich nach Villers⸗Cotterets zu begeben, und ſich von ſeinem Gelde zu trennen eingewilligt, obgleich der Zahlungster⸗ min erſt in acht Tagen kam. Eine Folge dieſes Zuſammentreffens von Umſtänden war, daß Alle nach Villers⸗Cotterets gingen. Es war eilf Uhr vorüber, als man in die Stadt kamz die ganze Stadt war in der Gegend der Mairie, das heißt in der Kirchſtraße und auf dem Schloßplatze verſammelt, denn die Malrie ſtieß an die Kirche an und lag am Schloßplatze. Hier ſtanden Gruppen ſo troſtlos, als die der am ufer des Euphrats weinenden Iſraeliten, bildend die Väter, die Mütter, die Schweſtern der jungen Leute, welche das Loos ziehen ſollten, und unter dieſen Gruppen die jungen Leute ſelbſt, arme, kaum der Kindheit entwachſene Knaben, 116 bemerkbar durch ihre Schwäche, durch ihre Bläſſe und beſonders durch ihre Thränen. Einige hatten einen Troſt in der Berauſchung ge⸗ ſucht, und ihre lärmende Sorgloſigkeit, deren Urſache ſich leicht ſehen ließ, war vielleicht noch ſchmerzlicher, als die Traurigkeit und die Thränen der Andern. Dieſe Gruppen vermengten ſich nicht; jede beſtand aus den Einwohnern eines Dorfes, und jedes Dorf ſchaute das andere mit Haß an und bat Gott, es möge der ſtärkſte Theil von dieſer Blutſteuer auf ſeinen Nachbar fallen und nicht auf ihn ſelbſt. Man wartete auf das Ende der Meſſe, um die Ziehung zu beginnen. Der Ausgang der Meſſe fing langſam und traurig an; die Kirche war ſo gefüllt, daß man noch Leute auf der Straße knieen ſah; die Unglückstage ſind Tage der Froͤmmigkeit.* Als ſich die Kirche entleert hatte, verkündigte das Wirbeln der Trommel den Anfang der Ziehung. Der Trommelſchlag hatte einen traurigen Wiederhall im Grunde aller Herzen; es war eine Art von frühzeitigem Apell; ſeit drei bis vier Jahren verfluchten alle Mütter den Ton der Trommel. Der Maeire mit ſeiner Schärpe um den Leib ging in Begleitung ſeiner zwei Abjuneten und gefolgt vom Bri⸗ gadier der Gendarmerie und zwei Gendarmen vorüber. Jeder verbeugte ſich ſo ehrerbietig als möglich vor ihm; diejenigen, welche die Ehre hatten, dieſen Beamten ein wenig zu kennen, grüßten ihn mit den Namen, was er mit einer Protectorsgeberde ſeiner Hand erwiederte. Man wollte ſich den Maire geneigt machen. Dieſen armen Herzen ſchien es in ihrer Angſt, ſie müſſen ſich auf allen Seiten Beiſtand verſchaffen, und der Herr Maire ſei ein großer Beiſtand ſelbſt neben ver Vorſehung, ſelbſt gegen den Zufall. Hinter dem Herrn Maire trat in den Ziehungsſaal —— ———— nd e⸗ ie nd te er ar rig uf der 6 all em ter ri⸗ vor ten s ſen err ng, al Alles ein, was dieſer Saal an Neugierigen faſſen konnte, die man in Schranken, venjenigen ähnlich, welche man vor die Thüren der Theater ſtelit, eingeſchloſſen hielt. Dann rief man das Dorf auf, deſſen Name am näch⸗ ſten beim A war. Das war Bourſonne. Nun begann ein voppelt ſchmerzliches Schauſpiel, voppelt ſchmerzlich, weil die Freude der Einen den Schmerz der Andern bildete und der Schmerz von dieſen die Freude von Jenen. In der That, diejenigen, welche freudig waren, waren es, weil ſie eine hohe Nummer genommen hatten, die ihnen die Ausſicht, nicht abgehen zu müſſen, gab, und die aus der Urne gezogene hohe Nummer war eine glückliche Chance weniger für die übrigen jungen Leute. Eine niedrige Nummer dagegen verſetzte in Traurig⸗ keit denjenigen, welcher ſie gezogen, und in Freude die Uebrigen, weil ſie, den Ziehenden verurtheilend, denjenigen, welche noch nicht gezogen⸗ eine Chance mehr ließ. Daher die Freude der Einen und die Traurigkeit der Andern. Im Ziehungsſaale erſchloſſen, verbreiteten ſich dieſe Freude oder dieſe Traurigkeit unmittelbar nach außen. Der junge Mann, war die gezogene Nummer vom Maire ausgerufen und ins Regiſter eingetragen worden⸗ ſtürzte, wenn die Nummer gut, mit offenen Armen, den Blick zum Himmel emporgerichtet, freudetrunken hinaus, verkündigte von der Freitreppe herab ſein Glück und das der Seinigen und trug hoch und triumphirend die rettende Nummer. Hatte er dagegen ein ungünſtiges Loos gezogen, ſo erſchien der junge Mann, immer auf der Freitreppe, düſter und mit hängenden Armen, den Kopf ſchüttelnd und ohne ſich um die Unglücksnummer zu bekümmern, welche, vom Maire ausgerufen, durch die Hand des Gref⸗ ſier in das Regiſter eingeſchrieben und noch viel tiefer in 118 ſetz Herz durch die Hand der Verzweiflung eingeſchrie⸗ M en war. ji Dieſe Scene erneuerte ſich unveränderlich von M⸗ er nute zu Minutez nur, da von hundert und achtzig in die we Urne gelegten Nummern hoͤchſtens dreißig bis vierzig als 4 gut zu betrachten waren, wiederholten ſich die Alternativen wa der Traurigkeit ofter, als die der Freude, und der Schmerz überſtrömte in raſcheren, gedrängteren Wellen aus dem un verhängnißvollen Raume, als es der Troſt that. zos Und dieſer Schmerz war um ſo tiefer, als jedes He Dorf einige von ſeinen Söhnen zu den erſchrecklichen ver Feldzügen von 1812 und 1813 hatte abgehen ſehen, und als keiner von dieſen Söhnen zurückgekehrt war, wenn wu nicht als ein armer Verſtümmelter, ſo daß die Mütter, alle weinend, an ihr Herz dieſe armen Kinder drückten, der dieſe armen, geliebten Glieder betaſteten und murmelten: fül „Oh! die Kügeln! oh! mein Gott! mein Gott, die Pr Kugeln!“ Ge Drei Dörfer kamen ſo vor Haramont: das waren die Dörfer Bourſonne, Corch und Dampleur.— Zwei von dieſen Doͤrfern, Bourſonne und Dampleux, Au ſchienen ſichtbar vom Himmel begünſtigt zu ſein; von un dreißig jungen Leuten, welche das Loos gezogen, hatten Fr ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach kaum ſechs bis acht zum Heere zu liefern; beinahe alle gute Nummern waren in tra ihre Hände gefallen. ſar Corey dagegen war ſehr unglücklich geweſen. Man bemerkte bei allen Ziehungen dieſer Art Fata⸗ litäten, deren Grund man vergebens ſucht. Nach Dampleur wurde Haramont aufgerufen. all Conſeienee trennte ſich von den zwei Müttern, von Un Mariette und von Pierre mit vielen Küſſen und unter vielen Thränen. kei Bernhard wollte ihm folgen, doch die Hunde waren unbarmherzig aus dem Innern verbannt; zurückgejagt, ie⸗ Ni⸗ die als en erz em es on er en t, 1¹9 ſetzte ſich Bernhard wieder traurig zu den Füßen von Mariette. Vater Cadet aber war zum Notar Niguet gegangen; er wollte vielleicht lieber beim Ausbruch nicht da ſein, wenn der Ausbruch ein unglücklicher war. Unter ſeinem Namen Jean Mansevurt eingeſchrieben, war Conſcience der Fünfte. Die zwei Erſten, welche herauskamen, kamen traurig und niedergeſchlagen: ſie hatten ſchlechte Nummern ge⸗ zogen; der Dritte hielt eine zweifelhafte Nummer in der Hand; der Vierte ſtürzte freudig auf die Freitreppe und verkündigte die Nummer 164. Die armen Mütter, Mariette und der kleine Pierre wußten, daß Conſeience der Fünfte war. Welche Bangigkeiten, welche Schmerzen das Herz der drei Frauen in dieſem Augenblick der Erwartung er⸗ füllten, weiß nur Gott, Gott allein hat ihre heftigen Pulsſchläge gezählt, Gott allein hat die Todesbläſſe ihrer Geſichter begriffen. In dem Augenblick, wo Conſeienee in die Urne griff, — die Frauen berechneten dies ſeltdem ſo,— in dieſem Augenblick erhob der Hund langſam und betrübt den Kopf und ließ ein gedehntes, ſchauerliches Geheul ertönen; die Frauen bebten. Das Geheul war nicht beendigt, als Conſcienee traurig, aber gefaßt oben auf der Freitreppe mit ſeinem ſanften, ſchwermüthigen Lächeln um die Lippen erſchien. Die drei Frauen ſtießen einen Schrei aus. Sie hatten erkannt, daß das Unglück geſchehen war. Er näherte ſich ihnen und ſchlang ſeine Arme um alle Drei, um ihren dreifachen Schmerz in einer einzigen Umarmung zu vermengen. Dann ſprach er mit einem Ausdruck, deſſen Traurig⸗ keit wiederzugeben nicht möglich wäre: „18, gerade die Zahl meines Alters.“ „Mein Gott! mein Gott!“ riefen die zwei Mütter, 120 während ſie aus den Armen von Conſeience glitten und auf die Kniee fielen,„ſind wir genug geprüft!“ Mariette blieb allein in den Armen von Conſeiende ſtehen; er drückte ſie an ſeine Bruſt und flüſterte ihr zu: „Mariette, Du weißt, todt oder lebendig bin ich Dein.“ Und zum zweiten Male preßten des Jünglings Lip⸗ pen die des Mävchens. In dieſem Angenblick erſchien Vater Cadet, der von ſeinem Notar zurückkam, ſeinen Eſel am Zaume nach⸗ ziehend, an der Ecke der Kirchſtraße. Er ſah die zwei Frauen auf den Knieen und die Hände zum Himmel erhoben, er ſah Mariette in Thränen zerfließend in den Armen von Conſecienee und errieth Alles. „Oh!“ murmelte er,„ſoll es denn dieſem ergehen, wie meinem armen Guillaume!“ . Dann fügte er mit einer Anſtrengung gegen ſich ſelbſt ei „Bei meiner Treue, ich würde fünfhundert Franken züi haben, daß dieſer eine gute Nummer gezogen hätte!“ Napoleon wollte die dreimal hunderttauſend Conſeri⸗ pirte in aller Eile haben: der Reviſionsrath wurde auch auf den folgenden Sonntag feſtgeſetzt. Das war eine letzte Hoffnung für die zwei Mütter, für Mariette und für Vater Cadet; es ſchien ihnen, ihr armer Einfältiger werde entlaſſen werden, obgleich in ihrem mütterlichen Stolze Madeleine zuweilen den Kopf ſchüttelte und ſagte: „Oh! nein! nein! ſie werden ihn nicht entlaſſen, er iſt zu ſchön.“ Conſeience wußte ſeit ſeiner Unterredung mit dem Doctor Lecoſſe vollkommen, was er in dieſer Hinſicht zu glauben hatte. Sprachen die Frauen von ihrer letzten Hoffnung, ſo beſchränkte er ſich auf ein trauriges Lächeln, denn ſelbſt und ne zu: Lip⸗ von ach⸗ die inen lles. hen, elbſt nken ogen ſeri⸗ auch tter, ihr in Kopf , er dem t zu g, ſo ſelbſt 12¹ uin ſeine Mutter zu tröſten, hätte er ſich nie zu einer Lüge entſchließen koͤnnen. Die Straße von Villers⸗Cotterets nach Haramont bot ein ſeltſames Schauſpiel. Haramont lieferte neun junge Leute. Von dieſen neun jungen Leuten waren fünf dem Looſe verfallen. Haramont war, wie man ſieht, nicht zu ſehr vom Schickſal mißhandelt worden. 6 Die Vier, welche entgangen waren voder entgangen zu ſein glaubten, denn in jener unſeligen Zeit war man in nichts ſicher, kamen mit ihrer am Hute befeſtigten Nummer, umgeben von Wogen dreifarbiger Bänder zu⸗ rück, ſangen, tanzten und ließen den Wald von ihren Freudenſchreien erſchallen. Von den fünf Andern hatten zwei in der Berauſchung Troſt für ihr Unglück geſucht. Die drei Uebrigen, welche ihre Kaltblütigkeit behalten hatten, und zu dieſen gehörte Conſeience, kamen geräuſch⸗ los, ohne Geſchrei, ohne Bänder, demüthig und als be⸗ ſcheidene Chriſten in ihrem Schmerze zurück. Diejenigen, welche die guten Nummern gezogen⸗ trafen zuerſt in Haramont mit der Kunde von ihrer Freude und der Trauer der Andern ein, und man muß ſagen, als man erfuhr, Conſeienee ſei dem Looſe verfallen, war der Schmerz allgemein. Conſcience War ſo gut, ſo ſanft, ſo harmlos, daß ihn Jedermann liebte. Baſtien befand ſich in der Schenke, als er die Kunde vernahm; Baſtien hatte, wie es ihm zuweilen begegnete, über die Gebühr getrunken, und mit funkelnden Augen und behender Zunge erzählte er von ſeinen Feldzügen, wobei er ſeine Erzählung von Zeit zu Zeit durch Toaſis auf den Sieger von Auſterlitz und Wagram unterbrach. Er führte eben nach dem fünften oder ſechsten Toaſt ſein Glas zum Munde, als er die Worte hörte: „Conſeienee hat es verſpielt!“ 122 Es iſt nicht zu läugnen, ſo nahe das Glas den Lip⸗ pen des Huſaren war, es berührte ſeine Lippen nicht. „Was ſagt Ihr da vor der Thüre?“ fragte er. Einer von den jungen Leuten, welche das Loos ge⸗ zogen, trat in die Schenke ein und erwiederte: „Conſeienee hat es verſpielt.“ „Das iſt Alles, Hoͤlle und Teufel!“ rief Baſtien, während er ſein Glas auf den Tiſch ſtellte.„Ich denke, das iſt genug. Es iſt ſogar zu viel,“ fügte er mit dü⸗ ſterer Miene bei,„denn es iſt das Unglück zweier Fa⸗ milien.“. Und immer betrübter ſprach er: „Die arme Mariette! wie wird ſie weinen!“ Dann ſtand er, ohne ſein halbvolles Glas anzurühren, ohne ſeine halbvolle Flaſche anzuſchauen, auf, verließ die Schenke, wandte ſich an die freudige Gruppe derjenigen, welche das Loos begünſtigt hatte, und fragte; „Wo iſt der unglückliche Conſcienee?“ „Er kommt hinter uns.“ „Auf dem Fußpfade oder auf der Straße?“ „Auf dem Fußpfade.“ „Gut, ich will ihn tröſten, wenn es möglich iſt.“ Und er ging nach dem Ende des Dorfes⸗